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Inhalt

K APITEL EINS

Auf zu neuen Ufern

K APITEL ZWEI

Das ungezähmte
Chaos

K APITEL DREI

Die neuen Orte der


Herrschaft

K APITEL VIER

Die neuen
Machtstrukturen

K APITEL FÜNF

Die Herren des


Codes

K APITEL SECHS

Der Kampf der


Kultur
gegen das neue
System: Strukturen

K APITEL SIEBEN

Der Kampf der


Kultur
gegen das neue
System: Sprache

K APITEL ACHT
Der fernbediente
Mensch

353
K APITEL NEUN
Die
Sandburgen
der Zukunft

KAPITEL ZEHN
Cybertrends

A NMERKUNGEN
K APITEL EINS

Auf zu neuen Ufern


In jenem Reich erlangte die Kunst der Kartographie eine solche Vollkommenheit,
daß die Karte einer einzigen Provinz eine ganze Stadt einnahm und die Karte
eines Reichs eine ganze Provinz. Mit der Zeit befriedigten diese maßlosen
Karten nicht länger, und die Kollegs der Kartographen erstellten eine Karte des
Reichs, die die Größe des Reichs besaß und sich mit ihm in jedem Punkt
deckte. Die nachfolgenden Geschlechter, dem Studium der Kartographie minder
ergeben, hielten diese ausgedehnte Karte für unnütz und überließen sie, nicht
ohne Ruchlosigkeit, den Unbilden der Sonne und der Winter. In den Wüsten des
Westens überdauern zerstückelte Ruinen der Karte, behaust von Tieren und
Bettlern; im ganzen Lande gibt es keine andere Relique der geographischen
Disziplinen.
Suärez Miranda1

1629 platzte dem Puritaner (und selbsternannten Heiligen) John


Winthrop fast der weiße Rüschenkragen. Er war gleichermaßen
über die anhaltende Konjunkturschwäche Englands wie über die
hohen Steuern verärgert, die er seinem König zahlen sollte. Da er
ein Mann der Tat war, entschloß er sich, die Sache selbst in die
Hand zu nehmen. Er fand einen Käufer für seine ausgedehnten Län-
dereien in Suffolk, versammelte eine Schar Puritaner um sich, und
gemeinsam nahmen sie Kurs auf die neue Welt. Als sie sich der
verheißenen Küste näherten, kletterte Winthrop auf das Vordeck des
Schiffes Arabella und richtete eine eindringliche Predigt an die
Möchte-gern- Kolonialisten, die sich auf dem Deck versammelt
hatten. Er sagte ihnen, daß sie - die Puritaner - dazu auserkoren
seien, eine vorbildhafte Gemeinschaft zu gründen - eine >Stadt auf
dem Hügel< deren Leuchten auf der ganzen Welt zu sehen sein
würde. Mit erhobener Stimme mahnte

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er jeden, sein Schicksal anzunehmen. Sie alle müßten ihren
Glauben bewahren, hart arbeiten und ein Beispiel
christlicher Nächstenliebe geben. Dann würden sie unein-
geschränkt der reichen Gaben ihres Gottes teilhaftig werden.
Winthrop (1588-1649) machte seinen Weg und wurde der
erste Gouverneur der Massachusetts Bay Co- lony. Man
betrachtet ihn als den Begründer Neu Englands, der
Keimzelle der Vereinigten Staaten von Amerika.
Etwa ein Jahrhundert später, als die Nachkommen Win-
throps die von den Ureinwohnern »erworbenen« Gebiete im
amerikanischen Osten durchforscht hatten, unternahm
erneut ein Pioniertrupp einen Vorstoß in Richtung Westen,
der an der Küste Kaliforniens angelangte. Wieder annek-
tierten sie das Land der Indianer, das sie durchquerten,
bemächtigten sich der unverhofften Reichtümer des jung-
fräulichen Kontinents und dehnten die Grenzen ihrer
irdischen Herrschaft weiter aus. Diese letzte Phase der
Expansion, die erst vor hundert Jahren endete wurde von
den frischgebackenen Amerikanern in dem blinden Glauben
durchgeführt, sie würden ein Manifest Destiny erfüllen *

• Der Begriff Manifest Destiny(etwa »offensichtliche


Bestimmung«) wurde von John O'Sullivan geprägt, dem
Herausgeber des United States Magazine and De-
mographic Review (Juli - August 1845) Er schrieb, daß der
Widerstand gegen die Übernahme des Zwischen liegen die
Dinge mexikanischen Texas der »Erfüllung unseres von
Gottes Gnaden auferlegten Manifest Destiny, uns über den
Kontinent auszubreiten, damit sich Millionen unserer
Bürger, deren Zahl sich jedes Jahr vervielfältigt, frei
enfalten können«, in den Weg kam. Seitdem ist diese
Wendung ein Gemeinplatz geworden, zunächst zur
Beschreibung des amerikanischen Selbstverständnisses, von
Gott dazu auserwählt zu sein, eine vorbildhafte Gesellschaft
auf der Welt zu bilden; in neuerer Zelt wird sie von

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Firmenchefs dazu verwendet, ihre Geschäftsstrategien
darzustellen. Gerald Levin zum Beispiel, der Präsident des
amerikanischen Medienkonzerns Time Warner, bezeichnete
die Vorherrschaft im Multmedia-Geschäft als »unser
Manifest Destiny«. (Mark Landler: »Time Warner's techie at
the top« in: Business Week, 10. Mai 1993.)

Inwischen liegen die Dinge anders, Amerikan kann sich in keine


Richtung mehr ausdehnen. Der amerikanische Traum der ewigen
Expansion ist jedoch geblieben. Diesen Traum träumen mittlerweile
allerdings auch nicht-westliche Kulturen. Viele ehemals vom
Westen Kolonisierte schlagen jetzt ihre Kolonisatoren mit den
eigenen Waffen. Doch wo liegen die neuen Grenzen, wenn das
geographische Territorium weitgehend vergeben ist? Den führenden
Köpfen eines technologisch orientierten, weltweit verbreiteten
Volkes von Glücksrittern blieb nichts anderes übrig als ein neues
Territorium zu erfinden. Willkommen im Cyberspace, in den
unendlichen Weiten des vernetzten Westens.

Nehmen Sie Ihren Platz ein und lauschen Sie den elektronischen
Pionieren, die die Schiffsplanken erklommen haben und von
unserem glorreichen technischen Schicksal erzählen. Schauen Sie
zu, wie die verführerischen Bilder zukünftigen Reichtums und
wundersamster Erfindungen über die Fernsehschirme flackern.
Machen Sie die Bekanntschaft mit den ergrauten Vorreitern, die aus
diesen mythischen Grenzgebieten kommen und von bevorstehenden
Wundern erzählen: von intelligenten Gebäuden; ungeahnten
Dimensionen der virtuellen Realität; Kleidung mit integrierten
mikroelektronischem Schaltkreisen; von einer Welt, in der jeder
stolzer Besitzer einer Kamera sein wird, die in einen Knopf oder
Hut eingebaut und darauf programmiert ist, all unsere Worte und
Taten automatisch aufzuzeichnen. Ach was sag' ich, es wird sogar
Computer geben, die in die Sohlen unseres guten alten Schuhwerks
integriert sind!*

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(* Neil Gerschenfeld vom MIT verwendet Schuhe als Computer
und den menschlichen Körper als Netzwerk. Daten können auf
Computerchips in Ihrem Schuh gespeichert werden und über Ihre
Fingerspitzen durch den Körper wandern, der unter einer niedrigen
Spannung steht. Wenn Sie jemandem die Hand schütteln wäre das
so, als stellten Sie eine Verbindung per Modem her: Die Computer
in den Schuhen könnten Basisinformationen - die Fax-Nummern,
E-Mail-Adressen - miteinander austauschen. (Siehe hierzu James
Fallows: »Navigating the Galaxis« in: Atlantic, April 1996, S.
106.))

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Ohne Umschweife gesagt: Wir sind fasziniert von diesen
ausklügelten Spielzeugen für Erwachsene. Ich für meinen Teil fühle
mich auf jeden Fall auf besondere Weise mit meinem Apple
Macintosh verbunden und bin auch den Verführungen des Internet
erlegen. Es macht Spaß, seine nicht vernetzten Freunde ins Internet
einzuführen und sie mit der Maus in der Hand einfach
loszuschicken und dann einen Blick von ihren vor Vergnügen und
Begeisterung glänzenden Augen zu erhaschen. Das Netz ist aber
auch ein großartiges Rechercheinstrument. Gestern klingelte eine
Kollegin aus der schreibenden Zunft an meiner Tür. Sie war in
heller Aufregung, nachdem sie zwei besonders unproduktive
Stunden damit verbracht hatte, einen Bericht aufzutreiben, der in
der ansässigen Bibliothek nicht zu bekommen war. Verzweifelt
versuchte sie, diese Arbeit ausfindig zu machen, während ihr
Abgabetermin unerbittlich näher rückte. Wir loggten uns ins Netz
ein, warfen die Suchmaschine an und nach genau einer Minute
hatten wir unser Ziel im Web erreicht.

Alles eitel Sonnenschein also? Nahezu - aber nicht ganz. Die


Zauberwelt hat auch ihre Schattenseite. Die meisten haben
inzwischen ihre Erfahrungen mit jenem exquisiten Folterinstrument
gemacht, das automatische Telefonvermittlung heißt - man könnte
es auch automatischen Telefonterror nennen bei der elektronische
Antwortbeantworter unsere Zeit stehlen, um der Firma, die wir zu
erreichen versuchen, die Kosten für einen Telefonisten zu sparen.
Diese Dinger machen mich rasend. Es wird so getan, als hätte man
eine interaktive (und höchst kompliziert programmierte) »Wahl«,
während die Optionen in Wirklichkeit auf ein paar Kombinationen
von Tasten beschränkt sind und die Möglichkeit, mit einem echten
menschlichen Wesen zu sprechen - schon das wäre eine Erholung
mit jedem Tag abzunehmen scheint.

Ich glaube, daß die technischen Verbindungen schleichend


beginnen, jene fundamentalen ethischen Bande zu lockern, die

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notwendig sind, um Gemeinschaften, Wirtschafts- und ganze
politische Systeme zusammenzuhalten und zu stützen.

Erklärt sich daraus, daß in der allgemeinen Faszination an High-


Tech-Hexereien auch eine Strömung spürbar ist, in der
unmittelbares Unbehagen und Ambivalenz zum Ausdruck
kommen? Natürlich reicht diese Strömung viel tiefer als die
oberflächlichen Wogen, die einer langen Reise mit nicht absehbaren
Folgen immer vorangehen. Sie wird nicht nur von unbegründeten
Ängsten genährt. Die Menschen erfassen intuitiv, daß die wun-
dersamen elektronischen Gerätschaften, wie alle bisherigen
Erfindungen auch, nicht nur Gutes bringen, sondern auch ihren
Preis haben. Bereits heute wird sichtbar, daß digitale Instrumente in
einem synergetischen Austausch miteinander stehen, der in der
Geschichte der Maschinen einmalig ist: Da sie alle mit derselben
binären Sprache arbeiten, kann man mächtige, nicht vorhersehbare
Verbindungen zwischen ihnen herstellen. Tatsächlich werden die
elementaren Formen des täglichen Lebens zunehmend in einen
Rechenmodus »umkonfiguriert«, wie ich später zeigen werde. Noch
tun die John Winthrops unserer Tage - jene verschrumpeltem
Abtaster des digitalen Horizonts - so, als gäbe es nur wenige
wirklich bedeutende Geschäfte oder Absprachen. Während sie
unser Schiff auf Kurs halten, suchen sie wie besessen und mit
beunruhigender Ungeduld den Horizont ab. Da es hier um soziale
Veränderungen von einiger Tragweite geht, erschreckt das Fehlen
eines offenen Dialogs zwischen den Führungskräften der
Technologieunternehmen, jenen Hohepriestern, denen die binäre
Sprache verliehen worden ist, und der großen Gemeinde, die die
Auswirkungen von deren Arbeit zu spüren bekommt. Böse Ah-
nungen kommen unter Deck auf und Gerüchte kursieren: Hinweise
darauf, daß die digitalen John Winthrops ihre eigenen
Geschäftsinteressen mit der von ihnen verheißenen glanzvollen
Bestimmung der Gemeinschaft verwechseln. Schließlich sind sie
die unmittelbarsten und vermögendsten Nutznießer der

360
kybernetischen Wende.
Eines ist klar: Die digitale »Revolution« wird in erster Linie
durch das Bestreben angeheizt, neue kommerzielle Möglichkeiten
zu schaffen. Sie erfolgt zu einer Zeit, in der viele entwickelte
Weltmärkte »reif« geworden sind, was bedeutet, daß sie nicht mehr
so schnell wachsen wie ehedem und sich ihre Industrien neuen
Herausforderungen durch die aufstrebenden Wirtschaftssysteme
anderer Länder stellen müssen. Man erwartet von der Verkabelung
der Welt die Schaffung neuer geschäftlicher Bedingungen. Man
nimmt an, daß die Ausbreitung digitaler Systeme und die
Geschwindigkeit, mit der sie arbeiten, immer schneller ganze
Unternehmen umstrukturieren und sie dabei auch
»wettbewerbsfähiger« machen werden. Ein enormer
Konsolidierungsprozeß der Industrie würde in Gang gesetzt
werden, und zugleich würden sich die Grundvoraussetzungen, unter
denen die meisten Geschäfte vonstatten gehen, verändern.

Das außerordentliche Tempo läßt wenig Zeit, darüber


nachzudenken, wohin der eingeschlagene Weg führen wird.
Manche sagen voraus, daß dort, wo der Handel einst auf
wechselnden Atomen gründete - zum Beispiel bei Evian-Wasser,
Toyota-Autos oder Computerhardware -, er jetzt vollständig auf die
Übertragung von digitalen Bits ausgerichtet werden wird, wie
beispielsweise Fond- Transfers auf dem elektronischen Geldmarkt,
Werbeangebote und ein einheitliches computerunterstütztes De-
sign über Satelliten-Netze2. Die Digerati* allerdings räumen ein,
daß die Richtung, die dieser Wandel einschlagen wird, nicht
vorhersehbar ist.

Als Digerati werden all die Unter-


nehmer, Glücksritter und Erfinder
bezeichnet, deren Sphäre die
Weltd der Mikrochips, der
Datenauto- bahn und des digitalen
Austausches ist

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Unter Druck gesetzt geben sie auch zu, daß der Übergang an-
fangs nicht leicht sein wird und die Verteilung der Wohltaten
bestenfalls unausgewogen sein wird. Tatsächlich scheinen im Zuge
der technologischen Neugestaltung nur wenige neue Jobs zu
entstehen.
Die meisten Menschen, die in den entwickelten Ländern
leben, sind davon unmittelbar oder mittelbar betroffen.
Unser wirtschaftliches Leben befindet sich in einem
unabsehbaren Wandel. Manche müssen sich von einem
Monat zum anderen veränderten Bedingungen anpassen.
Ich kenne eine Gruppe sehr guter Photographin- nen, die
sich zu einem Verband zusammengeschlossen haben - so
wie einst die Großen der Branche die Mag- num-
Presseagentur in Paris gründeten. Trotz ihres vereinten
Talents scheint sich die Ökonomie ihrer Zunft gegen sie zu
entwickeln. Die gesamten Kosten für ihre Ausrüstung - die
neuen Kameras, die ISDN-Modems, die
Bearbeitungsmittel und der ganze Rest - steigen mit der
Digitalisierung der Photographie. Die Mitglieder des
Verbunds müssen ein höheres persönliches und finanzielles
Risiko eingehen - und ihr Einkommen sinkt dabei. Warum?
Das Verfahren zur Erstellung von Bildern für den
Nachrichtensektor ist mittlerweile fast nahtlos mit dem
heute vollständig digitalisierten Produktionsverfahren für
Zeitschriften und Zeitungen verbunden. Die Verleger
können die meisten der benötigten Bilder aus einem der
weltweiten Pools herunterladen, die wesentlich wirt-
schaftlicher sind, was die Tarife und das Angebot angeht.
Die Sache ist erheblich billiger, und es gibt weniger Aus-
schuß, aber auch weniger Aufträge für viele der kleineren
Mitspieler. Nur ein paar - spezialisierte Agenturen - werden
die kommende Rezession überleben.
Immer wieder wird zum Besten gegeben, daß dieser durch die

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Technik beschleunigte Prozeß der »Rationalisierung« und
»Restrukturierung« auf die veralteten Sektoren der Wirtschaft und
auf die ungelernten Arbeitskräfte beschränkt bleiben wird. Für diese
optimistische Annahme gibt es keine haltbaren Beweise. Ein
Facharbeiter der Rover-Werke, dem man einmal den Laufpaß gege-
ben hat, kann nicht erwarten, von Fujitsu oder IBM im High-Tech-
Sektor wiedereingestellt zu werden. In den Vereinigten Staaten,
Heimstatt der digitalen Elite, beschäftigen die »Zukunftsindustrien«
nicht mehr als 2 Prozent der arbeitenden Bevölkerung.

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Ein Software-Stratege meint, daß »in nicht allzu ferner Zukunft
die Gesetzesbücher computerisiert und die
Stimmerkennungssysteme in der Lage sein werden, die
Beweisführungen in einem Gerichtsverfahren zu katego- risieren
und anzugleichen und sie gegeneinander abzuwägen, indem sie
Grundsatzurteile zum Vergleich heranziehen«3. Überlegen Sie mal:
Wie unbeliebt Anwälte in manchen Bevölkerungsschichten auch
sein mögen, die meisten Bürger haben doch die Vorstellung, daß ein
Gericht sich aus einem menschlichen Richter und einer Jury von
ihresgleichen zusammensetzen sollte. Genauso gewinnen Fluggäste
ein Gefühl der Sicherheit aus der realen Anwesenheit eines
menschlichen Piloten am Steuerknüppel. Immer mehr
professionelle und hochspezialisierte »Funktionen« - ganze
Berufsstände, inklusive der Juristerei und die
Düsenflugzeugsteuerung - werden möglicherweise nichtsdestotrotz
als nächste der digitalen Axt zum Opfer fallen. Ihre Arbeit gehört zu
den »teuren« Arbeitsvorgängen, Institutionen und den
entsprechenden sozialen Einrichtungen, die sich entwickelt haben,
um den Bedürfnissen einer Geschäftswelt zu dienen, die in erster
Linie in der physikalischen Sphäre verankert ist. Die operative
Umgebung der Wirtschaft verlagert sich von dieser Sphäre in ein
sich ausbreitendes elektronisches Terrain, sie wird in einem höheren
Maß von »intelligenten« Maschinen gesteuert, so daß sich der
Arbeitsmarkt immer stärker polarisiert.
Die Märkte siedeln sich in den von Computern beherrschten
Zwischenräumen an; hier wird in einem so rasenden Tempo
gearbeitet, daß kurzfristigen Zielen Vorrang gegenüber
langfristigen gegeben wird. Die Zyklen sind so kurz, daß sich jeder
Geschäftsvorteil in eine gewinnträchtige Marktführung verwandeln
kann. Wenn diese entscheidenden Wettbewerbsvorteile den
Informationswerkzeugen zu verdanken sind, dann haben die Un-
ternehmensleitungen eine treuhänderische Verpflichtung gegenüber
ihren Aktionären, diese Hilfsmittel auch einzusetzen, egal welchen
ethischen oder sozialen Preis sie auch fordern mögen. Dieser

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wachsende Konkurrenzdruck erklärt, warum heutzutage so viele
Traditionen der Konsensbildung, die aus dem spätindustriellen
Zeitalter stammen, zerfallen. Das Schwedische Modell, das japa-
nische nenko (die lebenslange Bindung der Angestellten) und die
deutsche soziale Marktwirtschaft - alle auf Gegenseitigkeit
beruhenden Systeme, die von der wechselseitigen Abhängigkeit
von Arbeit und Kapital in stark exportorientierten Wirtschaften
ausgehen - kann man mittlerweile der Liste der vom Aussterben
bedrohten Arten hinzufügen.
Interessanterweise scheint die kalkulatorische Sprache, mit der
man heute »Effizienz« ausdrückt, eine ganze Menge mit dem
»Liberalismus« eines deregulierten freien Marktes zu tun zu haben.
Mit Bedacht schließen beide jede ernsthafte Auseinandersetzung
mit den wichtigen Langzeitkosten von der Tagesordnung aus, zu
denen die zunehmende ungleiche Verteilung von finanziellen Mit-
teln und Chancen und die sich daraus ergebenden sozialen und
wirtschaftlichen Unruhen gehören. Solche Kosten erscheinen
natürlich nie in den Bilanzen. Sie bleiben zu vernachlässigende
Faktoren in der öffentlichen Debatte der Digerati. Nur wer von
vornherein dazu neigt, über das nächste fiskalische Quartal
hinauszudenken, scheint sich hin und wieder zu fragen, wie man
den Müßiggang genießen kann, wenn man gar nicht genug zu tun
hat. Woher sollen die wachsende Klasse der digital Benachteiligten
und jene, die auf weniger einträgliche Arbeit angewiesen sind, die
Mittel nehmen, um die wundersamen Produkte und Leistungen
tatsächlich zu kaufen, die an jeder Ecke angeboten werden. Denn
Henry Ford war so intelligent, dafür zu sorgen, daß seine Angestell-
ten eines der Fordschen Autos kaufen konnten; aber nur eine kleine
Zahl der vernetzten Unternehmen - High- Tech- oder andere -
entwickeln eine ähnlich weitsichtige Perspektive. Für einen
mexikanischen Arbeiter, der Autos in der Ford-Fabrik in
Hermosillo für 100 Dollar pro Woche zusammenbaut, bleibt die
Überlegung, ein solches Auto zu kaufen, ein unerfüllbarer Traum.
Diesen Fragen werden wir in den kommenden Jahren nicht mehr
ausweichen können. Die sozialen und ökologischen Kosten, die nur
vorläufig von den Gewinn- und Verlustrechnungen der High-Tech-
Unternehmen abgezogen wurden, werden nicht einfach so
verschwinden. In Wirklichkeit werden sie zu einem ständig höher
werdenden Stapel unbezahlter Rechnungen anwachsen. Irgendwann
kommen sie dann wieder an die Oberfläche und schlagen sich auch
in den Gewinnrechnungen der vernetzten Welt nieder.
Unterdessen gärt es weiterhin im weltweiten Handel. Wie und
wann er sich wieder festigen wird, ist schwer zu sagen. Dennoch
scheint klar zu sein, daß große Teile der Weltbevölkerung entweder
für weniger Geld härter ar- beiten oder einfach andere
Bezugsquellen für eine nicht mehr an der Arbeit orientierte Identität
finden müssen. Der Cyberspace nimmt bei einem solchen neuen
Lebensentwurf einen zentralen Raum ein. Viele Menschen werden
ein ganz passables Einkommen erzielen können, indem sie im Netz
surfen und bei Cyberspace-Spekta- keln mitmischen. (Das wird in
Kapitel Acht ausgeführt.) Hollywood und Silicon Valley werden
bald mit Systemen aufwarten, deren Unterhaltungswert weit
verführerischer sein wird als die Konservenware des gegenwärtigen
Fernsehens. Dem Verbraucher werden Displays versprochen, mit
denen er in eine dreidimensionale virtuelle Welt abtauchen kann -
eine Art Personal Video- Walkmann. Es wird uns eine ganze Welt
individuell auf uns zugeschnittener Traumschlösser in Aussicht
gestellt, bei denen es, um Hunter S. Thompson zu paraphrasieren,
wirklich abgeht, wenn die Sache erst mal ins Rollen kommt. Die
digitale Unterhaltung entwickelt sich rasch zu dem am schnellsten
wachsenden und durchgeplante- sten kommerziellen Bereich des
amerikanischen Marktes. Wenn man das amerikanische Fachwissen
im Softwarebereich erschließt, heißt es, werden die Menschen in
naher Zukunft im virtuellen statt im physikalischen Raum
miteinander in sozialen wie ökonomischen Austausch treten
können. An elektronischen Kreuzungen und Treffpunkten werden
Gemeinschaften entstehen. Es wird eine neue sozioökonomische
Phase eintreten - so etwas wie eine Depression mit digitalem

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Einschlag.
Insofern wirft die technologisch bedingte Umgestaltung der
Weltwirtschaft in ihrer ganzen Tragweite nicht nur die Frage auf,
wie die meisten Menschen in Zukunft ihr Auskommen finden,
sondern auch die nach der individuellen und sozialen Identität und
der Zukunft der Demokratie selbst. Achtung also: Die Zukunft ist
da. Es ist höchste Zeit, uns in unser elektronisches Schicksal zu
fügen. Wer berufen wurde, kann dem nur in absoluter Gewißheit
und blindem Glauben folgen.

Es blinkt.
Bin das nur ich?
Das Ganze hat etwas von einem traurigen, alten Schauspiel:
Diese Sehnsucht, der Begrenztheit des eigenen Daseins zu
entkommen und in einem fernen Traumreich wieder aufzutauchen.
Natürlich wurde diesmal die ganze Produktion mit futuristischen
Kostümen und virtuellen Requisiten ausgestattet, und deshalb meint
man, daß auch das Drehbuch neu geschrieben worden ist. In
Wirklichkeit wurde daran aber nichts geändert. Im harten Licht der
Gegenwart hat das Szenario etwas Surreales, das den verbrauchten
Ethos einer überholten Phase in unserer kontinuierlichen
Entwicklung widerspiegelt.
Im antiken Griechenland stellte Sokrates die grundsätzliche
Frage, die auch heute noch jeder Auseinandersetzung mit Ethik
zugrundeliegt: Was ist das richtige Leben? Diese Frage muß gerade
zu einer Zeit gestellt werden, in der das bestehende Konzept der
ständigen Expansion - also das Streben nach »Reichtum« - sich als
unbrauchbar erwiesen hat: Es ist die vollkommene Antithese zu
dem eigentlich rationalen Weg in Richtung eines auch in der
Zukunft haltbaren »richtigen Lebens«. Nach Jahrhunderten des
Expansionismus, nachdem ganze Schätze von Wissen
verlorengegangen sind, die Vielfalt der Kulturen und Arten zerstört
worden ist und sich eine grundlegende geistige Leere breitgemacht
hat, stellt sich heraus, daß der Preis einer Politik des unbegrenzten
Wachstums wesentlich höher ist, als die Menschheit vielleicht zu
zahlen imstande ist. Wir stehen an einem Scheideweg, bei dem es
um die gesamte weitere Entwicklung geht, und müssen eine Wahl
zwischen unbequemen Möglichkeiten treffen, vor der viele Angst
haben oder der sie sich nicht stellen wollen. In dieser Zeit sollte das
globale Dorf alternative Vorstellungen entwickeln, die auf etwas
Achtbarerem und dem Bestehenden Verpflichteteren gründen als
dem Streben nach mehr. Statt dessen verlangt man von den
Menschen, die neue Technologie demselben nicht besser
gewordenem Ziel vorzuspannen: Die Schranken von Zeit und Raum
niederzureißen. Die Dige- rati versuchen, die unwilligen Massen
mit dem Versprechen einer neuen wolkenumhüllten »Stadt auf dem
Hügel« zu unterhalten, in der alle Konsumenten dem süßen Leben
frönen können, dem der nie zu befriedigende Wunsch zugrunde
liegt, etwas zu benutzen und zu verbrauchen.

Mein Unbehagen an der sogenannten digitalen »Revolution« rührt


zum Teil daher, daß sie zu einer Art Verdrängung ermuntert: eine
Geschichtsamnesie größten und gefährlichsten Ausmaßes. Ihre
leidenschaftlichen Verfechter ignorieren oder bestreiten die
Tatsache, daß veraltete Positionen - wie die Rechtfertigung eines
Expansionismus im Namen eines religiösen oder technischen Zieles
- direkt zu einigen der unbequemsten Entscheidungen und
Herausforderungen geführt haben, denen wir heute
gegenüberstehen. Die neue Welt der Bits scheint, wie schon so viele
Traumwelten, auf der Vermeidung einer notwendigen
Konfrontation mit Grenzen zu gründen, gerade mit der
beschränkten Belastbarkeit der begrenzten Erde. Genauso
beunruhigend finde ich eine kaum merkliche Färbung der Sprache
des binären Codes. Die öffentliche Debatte wird zunehmend von
den Grundwahrheiten des menschlichen Daseins bereinigt.
Gerechtigkeit, Liebe und Mitleid; Stolz in seinen vielen Formen;
Wahrheit, Gier, Leiden und Verzicht - die Digerati rollen mit den
Augen, wenn sie solche Worte hören. Gereizt erklären sie, daß - in

368
einer Zukunft des Cyberspace - gänzlich neue >Modalitäten<
herrschen werden. Hören wir doch mit diesen Häkeleien auf,
verdammt noch mal - uns reißt eine elektronische Flut mit sich!
Hier handelt es sich um ein großes technologisches Abenteuer, eine
evolutionäre Anstrengung. Nur diejenigen, die sich an Bord der
weitest vernetzten Arche befinden, können hoffen, sich zu
behaupten.

Anwender! Hock' Dich vor Deinen Bildschirm. Werde Zeuge einer


Vorschau auf die großen Ereignisse, die Deiner harren. Bill Gates,
der Gründer von Microsoft und Autor von Der Weg nach vorne4
wird in der Rolle eines strengen puritanischen Vaters erscheinen,
der die Erlösung qua Technik verspricht. Er ist insgeheim das Vor-
bild eines jeden Digerati und scheint ausschließlich von
technologischen >Erlösungsphantasien< besessen zu sein. Wann
immer er es für richtig hält, zieht er sein gerechtes Schwert, haut
Aufrührer und Konkurrenten nieder und schlägt sich wie ein
rachedurstiger Kreuzritter seinen Weg durch die leuchtenden
elektronischen Geschäftsgefilde. Seine Leistungen sprechen für
sich. Heute wird fast jedem, der sich an seinen Computer setzt, ein
Menü ä la Microsoft auf dem Bildschirm vorgesetzt; bald wird
alles, was wir uns einverleiben, aus derselben Software- Küche
stammen. In der Zwischenzeit erfüllt Nicholas Negroponte 5 seine
Pflichten, als wäre er Meßdiener in einer der Kirchen der Alten
Welt. Der Leiter von MITs berühmten Media Lab und Autor des
Buches Total digital tritt in effektvollem Gewand hinter dem Altar
hervor und schwenkt das Weihrauchfaß, aus dem digitale Visionen
hervorquellen - überwältigende Prototypen und »progressive«
Konzepte, die mit Bedacht so erstellt wurden, daß sie die
Vorstellungskraft anregen. Eine neue deregulierte Ordnung im
Verbund mit ihren ständig wachsenden kybernetischen Kräften soll
es, so unsere Kirchenväter, mit den Mächten der Dunkelheit
aufnehmen
können und uns in die sonnigen Sphären eines neuen Wohlstands
führen.
Damit es keine Mißverständnisse gibt - schon das, was hier
bislang in Szene gesetzt wurde, konnte einem den Atem rauben.
Allerdings verbirgt sich dahinter ein ganz anderes Schauspiel, wenn
man die rituellen Gesänge herausfiltert und sich weder von den
gleißenden Ornamenten noch den Weihrauchschwaden blenden
läßt. Es ist ein Drama, das auf dem ewigen Konflikt von
Kommunikation und Kontrolle beruht - dem metaphorischen
Kampf zwischen Wahrheit und Phantasie -, dem nie endenden
Wettlauf zwischen den Kräften des Fortbestands und denen des
Untergangs.

Machen Sie eine kleine Übung. Betrachten Sie das folgende Wort:
Kommunizieren: 1. sich verständigen, miteinander sprechen; 2.
Zusammenhängen, in Verbindung stehen.
Bei diesen beiden Definitionen des Begriffs - neben vielen
anderen - liegt der Akzent darauf, solche schwer faßbaren
allgemeinen Verbindlichkeiten zu fassen, die die einzelnen zu
einem Netz verbindet, das in seiner Vielfalt eine Bereicherung für
alle darstellt.
Und nun betrachten Sie dieses Wort:
Kybernetik: Forschungsrichtung, die vergleichende
Betrachtungen über Gesetzmäßigkeiten im Ablauf von
Steuerungs- u. Regelungsvorgängen in Technik, Biologie u.
Soziologie anstellt.
Wie Sie sehen, liegt hier der Akzent nicht auf der Vielfalt,
sondern auf universalen Systemen und ihren Kontrollinstrumenten.
Der Begriff der Kybernetik - von Norbert Wiener, später Professor
am MIT, in seinem gleichnamigen Buch

370
aus dem Jahr 1948 geprägt - leitet sich vom griechischen kybemetes
her, das Lotse oder Statthalter bedeutet. Dieses Wort wiederum
kommt von kybernan, steuern oder lotsen. Über die Meere des
Wandels wollen uns die Dige- rati lotsen. Sie werben für die
kybernetische Revolution mit dem Versprechen, daß sie zu mehr
Freiheit und Kommunikation führen wird, obwohl sie selbst auf
Kontrolle fixiert sind.
Ihre Darstellung eines globalen elektronischen Dorfes ist
entwaffnend - es sei eine beliebige Ansammlung dezentralisierter
Netzwerke, die alle über vereinheitlichte Protokolle, auch »offene
Systeme« genannt, verbunden und vollkommen immun gegen
autoritäre Eingriffe sind. Die Digerati beteuern, daß sich das daraus
entstehende Ganze zwangsläufig spontan ausbreiten, enorme Reich-
tümer hervorbringen und ein Füllhorn von Wohltaten über jeden
einzelnen von uns ausgießen wird. Um diese Behauptung zu
untermauern, erwähnen sie immer wieder einige der unverhofften
Geschenke, die uns bisher die Technik bescherte. So verweisen sie
zum Beispiel auf die Geschichte der Metallverarbeitung. Man hatte
eine ganze Garnitur von Fertigkeiten aufgeboten, um schärfere und
härtere Speerspitzen herzustellen, mit deren Hilfe die Krieger
siegreich aus einem Kampf hervorgehen sollten. Dabei entstanden
aber auch nicht vorhergesehene Nebenprodukte; so wurde die
Herstellung von schweren Töpfen und erlesenen Amuletten
möglich. Auch von der digitalen Entwicklung kann man sich
»Wohltaten zweiter Ordnung« erwarten. Zunächst wurden
gigantische Großrechenanlagen gebaut, um geheime militärische
Geheimcodes zu knacken und komplizierte Raketenflugbahnen zu
berechnen. Diese beeindruckenden Ungetümer voll verschlungener
Drähte und Vakuumröhren bereiteten dabei, ohne daß man dem
Einhalt gebieten konnte, leistungsstarken und kompakten Personal
Computern (PCs) den Weg. Jetzt sind wir von Massen
geheimnisvoller Geräte umgeben, die ganz gewöhnlichen
Menschen einen unvorhergesehenen und nicht kontrollierbaren
Austausch ermöglichen.

371
Ungebremster, unverhoffter Fortschritt lautet dieser Tage die
Parole.
Diese Einschätzung nicht zu teilen heißt, widerständig, vielleicht
eher macchiavellistisch zu denken. Demnach würde die bloße
Existenz einer gegebenen Technologie nicht automatisch
garantieren, daß sich der tatsächliche oder mögliche Nutzen und
Gewinn jemals einstellt. Denn sonst wären schon längst wie aus
dem Nichts elektronische Lehranstalten entstanden, in denen alle
Bürger, ungeachtet der Kosten, unterrichtet würden. Aber sie sind
es nicht. Warum? Die schwierige Entscheidung, welche
Anwendungen einer bestehenden Technologie Bestandteil des
täglichen Lebens werden, hängt gleichzeitig vom technisch
Machbaren und den harten Marktbedingungen ab. Die gesamte
Topographie der vernetzten Gesellschaft sollte deshalb nach einem
nüchternen, wenn nicht sogar vollständig berechenbaren Muster
ausgerichtet sein - ähnlich demjenigen, das die menschlichen Sied-
lungen und die Verhältnisse im politischen Kräftespiel auf dem
normalen geographischen Terrain festlegt. Die Architektur unserer
digitalen Städte, die Konstruktion unserer elektronischen Straßen
und Brücken, sogar die Interessen und die Sehnsüchte, die von
unseren Stammestrommeln widerhallen: all das wird durch ein
Zusammenspiel von Technologen und Geschäftsleuten, durch das
Verhältnis zwischen normalen Konsumenten und mächtigen Eliten
definiert werden. So wie Häfen entlang der Flüsse und an
geschützten Küstenabschnitten entstanden und Städte an
Wasserquellen, werden die Kreuzungspunkte des elektronischen
Handels eng mit den Ursprüngen digitalen Reichtums verbunden
sein.

372
Während jeder echten Revolution gibt es anfänglich eine
chaotische Phase, in der die bestehenden Abhängigkeiten sich
auflösen und nahezu alles, sei es noch so wundersam, möglich
wird. Das macht den Optimismus, was digitale Demokratie,
weltweite Aufklärung und einen Machtzuwachs des gewöhnlichen
Mannes und der gewöhnlichen Frau angeht, leichter
nachvollziehbar - eine ähnliche Stimmung herrschte zu Beginn der
französischen Revolution. Schlaue Theaterbesucher schließen nie
aus einem gelungenen ersten Akt, daß es auch so weitergeht. Im
Theater der menschlichen Wandlungen - besonders in Handel und
Politik - können plötzlich Entwicklungen umschlagen. Das
anfängliche Chaos weicht einer längeren und komplexeren Phase
der Auseinandersetzung und Konsolidierung, in der alte
Abhängigkeiten im neuen Gewand wieder auftauchen. Neue
politische Führungen treten an die Stelle der alten; neue
ökonomische Hierarchien und Eliten fassen Fuß.
Ihr Augenmerk richten die Digerati auf die sogenannte
»Datenautobahn«, die manchmal fälschlicherweise mit dem
Internet gleichgesetzt wird. Das Internet ist eine viel gepriesene,
räumlich dezentralisierte Ansammlung von Computern, die einen
riesigen Informationsspeicher bilden; sie sind jedem zugänglich,
der über die entsprechenden Mittel, Fertigkeiten und Werkzeuge
verfügt.6 Bislang scheint das Internet eine ausgesprochen
»entfesselnde« Wirkung auf den Informationsaustausch ausgeübt zu
haben. Bestimmte Nachrichten können sich schneller ausbreiten,
und das verlegerische Ausleseverfahren wird umgangen. Zum
Beispiel kann ein Buch über einen früheren französischen
Staatspräsidenten im Web zirkulieren, auch wenn es von höchster
Stelle in Paris verboten wurde. Nach einiger Zeit aber merken viele
Cybernauten, daß sie in der Flut unsortierter Daten ertrinken. Sie
fordern neue Verleger - neue Vermittler -, deren wesentliche Auf-
gäbe es ist wie die aller Verleger, die Spreu vom Weizen zu trennen.
Softwarewerkzeuge - sogenannte Suchmaschinen -, die diese
Aufgabe übernehmen sollen, kommen auf den Markt. Wie sie die
Daten dem Nutzer präsentieren, hängt fast vollständig davon ab,
welche Prioritäten schon bei ihrer Programmierung gesetzt werden.
(Um dieses Thema wird es vor allem in Kapitel Vier gehen.)
Bei der Revolution, die gerade im Gange ist, lautet die
entscheidende Frage nicht: Was können diese Maschinen?, sondern:
Wer wird die Entscheidungen treffen? Wer (oder was) wird die
zentrale Rolle des verantwortungsbewußten Vermittlers in den
digitalen Herrschaftsgebieten übernehmen? Wie durchschaubar
werden die Vermittlungsprinzipien sein? Wie (wenn überhaupt)
kann die Öffentlichkeit diese Vermittler zur Verantwortung ziehen?
Um solche Fragen geht es nicht allein beim Internet: die gesamte
Politik, die Geschäftswelt und die Gesellschaft werden gemäß
kybernetischer Richtlinien vernetzt und damit auch umgestaltet.
Während viele zwingende und widersprechende Überlegungen
über das, was da kommt, angestellt werden, besteht zumindest
allgemeiner Konsens über eine übergeordnete Vorstellung: daß die
vernetzte Welt buchstäblich von Silikon-Chips übersät sein wird.
Ein sich ausbreitendes Gitterwerk nimmt unter der Oberfläche der
blaugrünen Erdkugel bereits Form an. Dieses unsichtbare Substrat
mikroskopisch feiner Glasfasern und pulsierender Codes wird
unserem Alltag und unseren Träumen eine neue Gestalt geben. Wie
Bill Gates sagt, wird der wirtschaftliche Erfolg einer kybernetisch
vernetzten Gesellschaft die »Teilnahme aller« erfordern. In der Tat
ist die »Durchdringung der Gesellschaft Teil des Entwurfs«. 7
Die vernetzte Welt der Zukunft kann man sich als einen
gigantischen Fernseher vorstellen. Man hält eine komplizierte
Fernbedienung in der Hand, die eine schier endlose Zahl von
Wahlmöglichkeiten bietet. Intuitiv erkennen wir, daß der einzelne
»Nutzer« dadurch »Macht« in den ausgedehnten Domänen des
Netzwerks gewinnt. Man ist dann nicht mehr auf die Kost
angewiesen, die uns paternalistische Chefredakteure von
Fernsehsendern auftischen. Freie Programmwahl für freie Bürger.
Aber von den vielen Wahlmöglichkeiten, die man hat, wird die
entscheidende, nämlich auszuschalten, verweigert. Wichtiger ist
dabei noch, daß nach der Weltanschauung unserer vollvernetzten
Anführer die Individualität des einzelnen in kategorisierbaren
Daten erfaßt und verarbeitet werden kann: demnach wäre unser
ureigenstes Denken in der DNA enthalten, die uns »definiert«.
Fortan ist unser Inneres als komplexer Computerprozessor zu ver-
stehen - entweder ist man in das Netz des Lebens eingeloggt oder
man ist tot. Dasselbe gilt für die Wirtschaft. Haben wir uns erstmal
die digitale Weltanschauung angeeignet und jene neue elektronische
Geosphäre hochgeladen - indem wir eine ausreichende Menge an
PCs, Mobiltelefonen, elektronischen Gürteln und intelligentem
Schuhwerk erstehen - und die elektronischen Schaltkreise und
Codes unsere Umwelt vollständig durchdrungen, dann wird es nicht
mehr lange dauern, bis jeder Bedienungsfehler einem
ökonomischen Selbstmord gleichkommt.
Bislang gibt es nur ungenügende Beweise für die viel-
versprechende, oft und leichthin ausgesprochene Hoffnung, daß
sich diese digitale Landschaft von selbst demokratisch organisieren
wird. Unser begrifflicher Apparat muß auf den Umstand
ausgerichtet werden, daß die Prinzipien, nach denen die Welt
geordnet ist, immer weniger mit den bekannten sozialen Regularien
übereinstimmen. Sie werden unmerklich in die Nullen und Einsen
des binären Codes übertragen. Mit solchen Zeichenketten wird vom
Zebra bis zum Baum alles beschrieben. Sie werden die Formen und
Bedingungen diktieren, unter denen die Menschen in Austausch
miteinander treten, die Art und Weise, wie Unternehmen
interagieren, und die Schnittstellen von Mensch und Maschine sein.
Die Werte der Kybernetik - jenes überragenden Paradigmas der
Herrschaft mittels Information - werden entscheiden, welche
gesellschaftlichen Gruppen über die meiste Macht in den digitalen
Domänen verfügen. Sie werden das geltende Modell von Rechten
und Pflichten, von Werten und Normen definieren.
Nach langer, wechselvoller und oft blutiger Mensch-
heitsgeschichte lebt und gedeiht ein Bruchteil unserer Gattung unter
gewählten Regierungen. Das kann man durchaus als eine der
vielversprechendsten Errungenschaften der Menschheit bis zum
heutigen Tage verstehen: In einer funktionierenden Demokratie sind
Menschen ihrem Schicksal, Spielball ferner Mächte und verantwor-
tungsloser Eliten zu sein, entronnen. Natürlich könnte ein Zyniker
einwenden, daß diese Entwicklung nur mehr eine Sache der Zeit
war, nachdem die Gesellschaft erst einmal begonnen hatte, sich von
einer agraischen zu einer durch die Industrie stark gewordenen
Mittelklassegesellschaft zu entwickeln. Erst die Demokratie machte
es überhaupt möglich, eine einheitliche und mechanischere
Lebensweise zu schaffen. Aber die Durchsetzung demokratischer
Prinzipien erforderte vor allem auch Verzicht und Kampf - einen
Kampf, den bis zum heutigen Tage Millionen Menschen auf der
ganzen Welt führen. Außerdem übersteigt die Einrichtung eines
gerechteren Systems der politischen Kontrolle und des Ausgleichs

376
inzwischen den wirtschaftlichen Rahmen. An den wenigen Orten,
wo es sich fest verankert hat, führte es zu einer differenzierten
Verteilung des Reichtums, einem höheren Gesundheitsniveau und
größerer Allgemeinbildung,
relativer innerer Ruhe und einer reichen geistigen Kultur.
Inzwischen scheint für viele, die die Früchte dieses Lebens
genießen, die Demokratie ein gottgegebenes Recht zu sein. Wie
leicht wird vergessen, daß sie ein außergewöhnliches und
sorgsam zu behandelndes Privileg ist, und daß ihr Bestand
entscheidend von einem breiten gesellschaftlichen Konsens,
einem Klima gegenseitigen Vertrauens und einem
fundamentalen ökologischen Gleichgewicht abhängt.
Die Kontroll- und Ausgleichsmechanismen in einer -
repräsentativen Demokratie müssen dringend auf die
entstehenden kybernetischen Domänen erweitert und zu-
geschnitten werden. Heutzutage erweitert die digitale Technik
die Möglichkeiten für ihre talentiertesten und finanzstärksten
Anwender die eigenen Anliegen auf die ganze Gesellschaft
ausweiten zu können. Wie schon immer wird auch jetzt die
Verfügungsgewalt über deren Instrumente eine entscheidende
Rolle spielen, wie weit und wie wirksam der einzelne,
souveräne Nationen und mächtige kommerzielle Unternehmen
die eigenen Ziele verfolgen können. Wir müssen uns nur in
Erinnerung rufen, wie wenig Chancen ein mit Pfeil und Bogen
bewaffneter Indianer hatte, den goldsuchenden Cortes oder den
eindringenden Puritaner in seiner scheinheiligen weißen
Halskrause zurückzuschlagen. Die Eroberer setzten ihre
täuschende Agenda mit feuerspuckenden Kanonen, Musketen
und Donnerbüchsen durch.
Heute tut sich eine ähnliche Kluft auf. Es wird nie eine echte
digitale Revolution geben, solange nur ein kleiner Teil der
Menschheit Zugriff auf diese Technologie hat, während die
überwältigende Mehrheit deren Bedeutung überhaupt nicht
erkennt. Während der Rassenunruhen im Frühjahr 1992 in Los
Angeles verstörte es viele aufmerksame Beobachter, daß aus
einem großen HiFi-Ge- schäft zwar die Farbfernseher
abgeräumt, in dem angrenzenden Laden die schnittigen Apple-
Laptops aber unberührt geblieben waren. Trotz all des Geredes
über neue Grenzen, bleibt die Beteiligung an den Goldminen in
den Weiten des vernetzten Westens bislang auf ein paar wenige
beschränkt. Der größte Teil der Welt ist nach wie vor unvernetzt
und wird es in absehbarer Zeit auch bleiben. So berichtet die
Genfer International Telecommunications Union, daß nur ein
Fünftel der Weltbevölkerung Zugang zum Telefonnetz hat. Noch
größeres Ungleichgewicht herrscht zwischen dem einen Prozent
weltweit, das sich einer Verbindung zum Internet erfreut und
glücklich auf der elektronischen Straße dahinrast, und den
übrigen, denen die Mittel und die grundlegenden Kenntnisse
fehlen, um auch nur die Auffahrten finden zu können. Gemessen
daran, gewinnt man einen anderen, nüchterneren Eindruck von
der »Informationsrevolution«.
Es öffnet sich aber auch eine andere Kluft. Verlagert man die
Antriebskräfte unseres Wirtschaftslebens vollständig in eine
amorphe elektronische Matrix, wird sich zeigen, daß sie
unempfindlicher auf ethische Maßstäbe, soziale Verpflichtungen
und traditionellen Formen der Gesetzesanwendung reagieren, die
wir in der physikalischen Welt errichtet haben. Zumindest sagen
das die Di- gerati. Denn im gleichen Atemzug, wie sie über Demo-
kratie und Machtzuwachs sprechen, behaupten sie, daß die
menschliche Triebkraft, die diese Maschinen hervorgebracht hat,
nun den Maschinen untergeordnet und von ihnen abhängig sein
werden. Der Prozeß der durch die Technik vorangetriebenen
»Globalisierung«, mag er auch unbarmherzig sein, ist angeblich
nicht aufzuhalten und auch nicht mehr rückgängig zu machen.
Tatsächlich, so fahren sie fort, müssen aufgeklärte Futuristen eine
weitere Deregulierung begrüßen, um sich gegen Konkurrenten in
den ortlosen elektronischen Gebieten zu behaupten. Jeder Versuch,
die Extreme dieser Agenda abzuschwächen, zum Beispiel durch

378
höhere Steuern und öffentliche Ausgaben, kann nur in den
finanziellen Ruin führen.
Der unmittelbare Effekt ist ein immer größer werdendes
Ungleichgewicht in der Verteilung von Wohlstand und
Möglichkeiten und eine Fragmentierung der bürgerlichen
Gesellschaft. Das wird oft als eine Aufspaltung in einerseits nicht
vernetzte und relativ machtlose Gemeinschaften und andererseits
zunehmend mächtiger werdende Globalisten dargestellt. Aber diese
Erklärung ist zu kurz gedacht. Eine Spaltung besteht nicht nur zwi-
schen vernetzten und nicht vernetzten Gruppen, vielmehr mangelt
es selbst denen, die Modems und PCs besitzen, an der extremen
Mobilität und den entsprechenden Verbindungen, die der
sogenannten neuen »Überlagerungskultur« am meisten Macht
verleihen. Der größte Teil der Weltbevölkerung wird kollektiv
tribalisiert, und die kolonisierenden Eliten erheben Anspruch auf
sein Erbteil. Es sieht so aus, als würde er dasselbe Schicksal erlei-
den wie die Ureinwohner Amerikas zu John Winthrops Zeiten.
Die Geschichte dieses Ungleichgewichts wird immer wieder
erzählt, findet aber kein Gehör. Die weitreichenden ökonomischen,
sozialen und politischen Auswirkungen eines gestörten
Gleichgewichts, das von der Verflechtung von Technologie und
Deregulierung verursacht wird, finden zuwenig Beachtung - am
Ende könnten auch die Digerati mit ihren weitgesteckten Zielen
dadurch ausgebremst werden.
Haben die Indianer also irgendeinen Grund, darauf zu vertrauen,
daß die Puritaner aus dem Cyberspace eine Politik christlicher
Nächstenliebe betreiben werden? Keineswegs. Auch wenn oft
behauptet wird, daß das elektronische Netzwerk einen
»unaufhaltsamen Demokratisierungsschub« bewirkt hat, war der
bislang tiefgreifendste Effekt der, daß die Fremdlinge von vielen
traditionellen
Formen demokratischer Verantwortlichkeit befreit wurden. Diese
Begünstigten greifen nach einer Macht, die mit der vergleichbar ist,
die früher die Landaristokratie und die Industriebarone genossen,
genauso wie die Mietlinge, die schon immer bereit waren, gegen
Bezahlung beiden zu dienen. Die Bürger müssen die politische In-
itiative zurückgewinnen und die bröckelnden demokratischen
Institutionen wieder aufbauen, die einstmals eingerichtet wurden,
um Machtexzesse zu verhindern. Die Rechtsstaatlichkeit muß auch
auf dem Spielfeld von Silikon und Code anwendbar sein. Jedes
Versäumnis dieser Art wird schnell die Fundamente untergraben,
auf denen eine tragfähige und zivilisierte Gesellschaft ruht. Die
Datenautobahn entpuppt sich dann als Boulevard zerplatzter
Träume. Statt in einer schönen, neuen Welt zu landen, werden wir
uns in einer Gesellschaft wiederfinden, die zersplittert ist in
rivalisierende Lager und in der die unheilvolle Atmosphäre
gegenseitigen Unverständnisses, permanenten Verdachts und
schwelender Unruhe herrscht.

Es ist nett, aber naiv zu erwarten, daß der Mobilisierung von


Maschinen eine »Revolution« folgt; parallel dazu muß die ganze
Umgebung, in der ein solches System verankert ist, auf
Vordermann gebracht werden. Jeder Verantwortungsträger auf
dieser Welt muß sich die grundlegende ethische Frage stellen, die
Sokrates zu seiner Zeit aufwarf: Was macht das gute Leben in
unserer Zeit aus?
Technologen werden lernen müssen, sich dieser Frage gemeinsam
mit der Gesellschaft zu widmen. Wenn heute ein digitaler
Revolutionär die Planken erklettert, dann bedeutet er, daß die
wahren Herausforderungen rein technischer Art seien und nur
Experten an der Debatte teilnehmen können. Das größte Dilemma,
vor dem die Mensch- heit steht, ist natürlich anderer Natur. Die
entwickelte Welt versucht verzweifelt, ihren Lebensstandard
aufrechtzuerhalten, und die Entwicklungsländer wollen nichts so
sehr, als aufzuschließen - nur kann die Erde diese beiden Lasten
nicht auf einmal tragen. In einem globalen Dorf, das gleichzeitig
technisch besser verbunden, ökonomisch abhängiger und
ökologisch empfindlicher ist als jemals zuvor, muß man vor allem

380
eine Sprache finden, in der das gemeinsame Schicksal diskutiert
werden kann, muß man offen sein für neue Erwartungen und
Träume und eine allumfassende Perspektive auf den Fortschritt
entwickeln. Die gegenwärtige »Revolution«, die angeblich auf
Kommunikation aufbaut, wird erst dann stattfinden können, wenn
die wesentliche Unterscheidung zwischen dem Gehalt von
Kommunikation und dem wachsenden Aufkommen von
Nachrichten, die die Menschen austauschen, getroffen wird.
Ersteres ist schwer faßbar und verlangt Opfer, letzteres erfordert
nur die umfangreiche Installation von teuren neuen Maschinen.
Die Gefahr besteht, daß die notwendige Suche nach einer
ethischen Bindung in einem fraktalen Meer elektronischen
Gemurmels verlorengeht.

In einer komplexen vernetzten Welt trägt jedes Individuum und


jeder Knoten in der Medienmatrix die Verantwortung dafür, daß
diese »Revolution« tatsächlich zu einer wird. Die entstehenden
Medienimperien haben die besten Voraussetzungen, um zu einer
fundierteren und auch konstruktiveren Urteilsbildung beizutragen.
Sie gehören wie die Finanzmärkte zu den ersten, die moderne
Informations- und Netzwerkinstrumente eingesetzt haben, um zu
globaler Reichweite zu gelangen. Allerdings scheinen die munteren
Moguln, die auf ihren ozeantauglichen Jachten herumkreuzen und
in ihren Privatjets von einem Termin zum anderen fliegen,
glänzendere Projekte im Kopf zu haben. Ihre Imperien gründen auf
der Umleitung von Energien, die für das Überleben des Menschen
notwendig sind; sie verbreiten wirklichkeitsfremde Vorstellungen
von einem stetig steigenden Konsum in der Informationssphäre und
verleihen der öffentlichen Debatte einen falschen Ton. Der Einzelne
hat sich stillschweigend den Medienspektakeln ergeben, in der die
Kunst der Überzeugung und die Notwendigkeit, Vorschläge in
Hinblick auf das allgemeine Wohl zu rechtfertigen, dem Diktat der
Unterhaltung und dem Wunsch nach sofortiger Lustbefriedigung
den Platz geräumt haben.
Wird das Internet daran etwas ändern? Hier gibt es natürlich
Marktplätze, wo debattiert werden kann und soziale Kontakte
entstehen, und seine zerbrechliche Unabhängigkeit kann nur
begrüßt und um jeden Preis bewahrt werden. Trotz seiner vielen
Attraktionen ist das Netz noch eine Nebenvorstellung, optimistisch
zwar, aber auch ablenkend. Die Flut von Nachrichten, mit denen
sowohl das Netz als auch die Datenautobahn überzogen werden,
steht scheinbar in einem umgekehrten Verhältnis zu seiner
wirklichen Bedeutung in der gesamten Informationssphäre. Das
Internet ist ein kleiner Stern in den uns umgebenden Netzgalaxien.
Vielleicht gewinnt es ja noch an Größe und Bedeutung, aber das
Entstehen einer vernetzten Sozialsphäre kann nicht ohne Einschrän-
kung gutgeheißen werden, solange nicht deutlich wird, wie und von
wem diese Sphäre verwaltet und vermittelt wird. Werden
entsprechend informierte Bürger ihr gesetzmäßiges Recht geltend
machen?

382
Was viele Architekten des Informationszeitalters als eine neue
Welt beschreiben, voller »interaktiver« Netzwerke, bewegt sich
tatsächlich in verschiedene Richtungen und in verschiedenste
Bereiche des kommerziellen Einflusses. So gibt es ausgeklügelte
Einrichtungen mit vierundzwanzig Stunden »Infotainment« am Tag
- halb Faktenwissen, halb Werbung, bei der die Pharmaindustrie die
Kranken direkt und natürlich unvoreingenommen »informiert«.
Darüber hinaus vereinen sich genau zu dem Zeitpunkt, wenn das
Internet als ein Vehikel für den direkten Austausch unter den
Bürgern an Popularität gewinnt, die technologischen und
finanziellen Kräfte, um eine subtile Neukonfiguration in den schon
bekannten und weitverbreiteten Massenmedien-Modus vorzuneh-
men: also einen, der den starken Verkehr »stromabwärts« fördert -
das heißt den vom Medienanbieter zum Konsumenten aber nur
minimale Kapazitäten für den Verkehr »stromaufwärts« bietet zum
Beispiel vom Konsumenten zum Anbieter und von einer Person zur
nächsten. Dieser beunruhigende Umstand läßt es um so wichtiger
erscheinen, daß die Bürger die Wandelbarkeit der Netzsphäre
verstehen. So wie das Wasser, das wir trinken, die Luft, die wir
atmen, und die Natur, in der wir uns frei bewegen, können auch
Teile der Informationsgüter nur in Kategorien des öffentlichen
Wohls begriffen werden. Wenn die Welt als Information neu
definiert und über nationale Grenzen hinweg vernetzt wird, darf
man sie nicht privatisieren. Es ist an der Zeit, soviel Klugheit und
Voraussicht aufzubieten, einen Bereich dieses Territoriums zu
sichern und als ein öffentliches Gut zu betrachten und zu verwalten,
so wie die heutigen Großstädte und die Nationalparks. (Um diese
Frage geht es vor allem in Kapitel Sieben.)

Reisende, die sich zu großen und bedeutenden Unternehmungen


aufmachen, lernen, daß die größte Überwindung die der eigenen
Angst ist. Man muß dem leicht ausnutzbaren Impuls widerstehen,
einfach loszufahren oder stehenzubleiben und in ablehnendem
Schweigen zu verharren. Durch bewegungsloses Verharren wie

383
kopflosesVorpreschen können allzu leicht die ganzen Energien
verlorengehen, die die Welt dringend braucht, um die kommenden
Hürden nehmen zu können. Das Informationszeitalter stellt eine
große Herausforderung dar; sie liegt nicht darin, die
Steuerungsinstrumente weiter zu verfeinern, sondern darin, die
kreative Vielfalt zu erhalten und Werte, die mit
Einfühlungsvermögen und Einverständnis verknüpft sind, zu
bewahren. Die fragmentierte Sprache des binären Codes, die aus
einem unerbittlichen Stakkato von Nullen und Einsen besteht, ist zu
beschränkt, um jene nicht berechenbaren menschlichen und natürli-
chen Kräfte zu erfassen, die auch heute die Ereignisse entscheidend
vorantreiben. Im Prinzip können digitale Werkzeuge zu solchen
Zwecken verwendet werden. Aber zunächst ist es nötig, die
wesentliche Spannung anzuerkennen, die zwischen der
Konfiguration der elektronisch vermittelten virtuellen Realität und
unserer unmittelbaren materiellen und geistigen Welt herrscht.
Diese Spannung wird sich nur dann lösen, wenn man begreift, daß
in beiden gleichermaßen Pflichten und Verbindlichkeiten gelten.
Das neue Grenzland kann nicht vollkommen frei sein. Es muß eines
sein, in dem - um den amerikanischen Moralphilosophen Reinhold
Niebuhr zu variieren - ein Leben aus Cyber-Rechten und Cyber-
Verantwortlichkeiten besteht.*
Ebenso wichtig ist es, uns die
außergewöhnliche Fragilität *
seine genauen Worte, die er 1949
der in seinem Buch Faith History
elektronischen Schiffe, denen formulierte, lauten: »Leben hat
wir unser zukünftiges Leben keine Bedeutung, außer in
Begriffen der Verantwortlichkeit.«
an-
vertraut haben, bewußt zu ma-
chen. Wenn wir uns auf den langen Weg der Veränderung
machen, die alte Welt hinter uns lassen und in Richtung
der verheißenen Küsten eines digitalen Traums segeln,
die noch in weiter Ferne liegen, ist es ganz entscheidend,
sich daran zu erinnern, daß wir im Bann eines kleinen

384
Kreises von Spezialisten stehen, abhängig von mächtigen,
aber offensichtlich fehlbaren Computer-Algorithmen. Diese
mathematischen Modelle der Wirklichkeit werden in einer
Sprache formuliert, die die überwältigende Mehrheit der
Menschen nicht versteht. Die mathematische Darstellung
der Wirklichkeit kann jedenfalls bestimmte kommerzielle,
technische und politische Prioritäten verkörpern, und diese
Prioritäten müssen eindeutig erkennbar sein, wenn die
entsprechenden Werkzeuge so gebraucht werden sollen, daß
sie allen nutzen.
Modernste wissenschaftliche Forschungen über chao-
tische und komplexe Systeme behaupten, daß in einem
Zustand der Instabilität schon ein schwacher Schub ein
Unternehmen in eine völlig andere Richtung lenkt. *

(* »Eine einzelne Person oder eine kleine Gruppe von Personen, die zu
einem bestimmten Zeitpunkt Druck auf die richtige Stelle ausüben, können
eine tiefgreifende Wirkung auf den Ausgang einer bestimmten Situation
oder, wichtiger noch, auf die Entwicklung umfassender sozialer Verhältnisse
haben«, schreibt Adam Lucas in dem Journal Leonardo. »In deutlichem
Kontrast zu der traditionellen mechanistischen [Weltsicht] behaupten
sowohl Chaos- als auch Ungleichgewichtssystem-[Theo- retiker], daß die
Evolution aufgrund des wachsenden Chaos
und der Unordnung im Universum voranschreitet, nichtsdestotrotz [...]. Chaos oder
Unordnung sind verantwortlich dafür, daß spontan neue Ordnungen entstehen - das
bewahrheitet sich gerade in bezug auf die menschlichen Werte [...]. Aktuelle
gesellschaftliche Bewegungen und die Werte, die sie verkörpern, werden die
Geschwindigkeit des sozialen Wandels beschleunigen.« (Adam Lucas: »Art, science
and technology in ex- panded field« in: Leonardo, Bd. 26, Nr. 4, S. 342ff.)

385
Dieser Schub in Richtung eines * wirklichen evolutionären
Fortschritts kann nicht durch Tech-nologie allein erfolgen: hierzu
einer Anerkennung der geistigen Energien, die uns verbinden, und
der grundlegenden Werte, nach denen wir unser Le ben ordnen.
Diese Werte nehmen in unseren Beziehungen der natürlichen Sphäre und
in den schwer faßbaren und unbe schreiblichen Reichen von Herz und
Seele Form an. Wenn also
die Digerati berechtigterweise die Möglichkeit begrüßen, Tolstois
Krieg und Frieden vom Internet herunterzuladen, ist es doch
sinnvoll, das rechte Augenmaß zu bewahren. Als ich kürzlich auf
der Suche nach einem ganz anderen Gedanken durch die Seiten
eines alten Buches blätterte, bin ich auf die folgende Passage - Teil
eines Briefs, den Leo Tolstoi zu Beginn dieses Jahrhunderts an
seine Töchter richtete -, gestoßen:
Was ihr zum Darwinismus schreibt, zur Evolution und dem
Kampf ums [tägliche] Überleben, kann die Bedeutung eures
Lebens nicht erklären und wird euch keine Anleitung für euer
Handeln geben ... [man darf nicht vergessen, daß] ein Leben
ohne Erklärung seiner Bedeutung ... und die unfehlbare
Richtungsweisung, die aus dieser Erklärung stammt...
eigentlich eine mitleiderregende Existenz ist.8

Tolstoi war ein außerordentlich wißbegieriger Mann. Der


Darwinismus faszinierte ihn als wissenschaftliche Theorie, so wie
wir fasziniert sind von den Möglichkeiten unserer wunderbaren
neuen Geräte. Nur boten Neugier und Begeisterung noch nie eine
befriedigende Grundlage für die Handhabung menschlicher
Belange, und Tolstois Gedanken haben heute nichts von der
Gültigkeit verloren, die sie in seiner eigenen, unruhigen Zeit hatten.
Mit der kommenden Jahrtausendwende beginnt für die Menschheit
ein Zeitalter auseinanderfallender Identitäten, radikaler
ökonomischer Restrukturierungen und eines verwirrenden
postmodernen ethischen Relativismus. Und dennoch, so

386
widersprüchlich das scheinen mag, kann es sich darüber hinaus
auch als eine Zeit erweisen, die nichts lieber will als entschlossene
Wähler, unerschrockene Anführer und ein allen gemeinsames
Verantwortungsgefühl und Ziel, wenn sie sich aufmacht zur
stürmischen Überfahrt.

387
K APITEL ZWEI

Das ungezähmte Chaos


Man hat die Erde wie ein Haus verlassen und ausgeplündert. [...] Den Menschen
treibt die Sehnsucht nach dem Weltall [...], um der Erde zu entkommen.
Kasimir Malevich1

Wenn Sie die Nachrichten im Fernsehen einschalten, werden Sie mit


ziemlicher Sicherheit den Lärm eines fernen Bombeneinschlags
vernehmen. In verwackelten Bildern wird von Chaos, Aufruhr und
fliehenden Menschenmassen berichtet. Vor Ihren Augen taucht das
maskierte Gesicht eines paramilitärischen Kriegsherren auf. Plötzlich
erscheint das Bild einer in den Himmel gereckten Kalaschnikow. Ein
kurzes Knattern ist zu hören, dann die unheilvolle Stille zwischen
Mündungsfeuer und Einschlag und wieder das schreckliche Knattern.
Als ob sie auf dieses Signal gewartet hätte, stürmt die Menge einen
Platz. Ein Standbild fällt. Die Regierung ist gestürzt.
Angesichts dieser ständigen Konfrontation mit Gewalt und Chaos
überrascht es nicht, daß Videospiele so hoch im Kurs stehen.
Wenigstens in der Welt digitaler Phantasien können wir - die
Anwender - Kontrolle ausüben. Die Kämpfe dort folgen bestimmten
Regeln, deren geschickter Einsatz zum Sieg führt. In dem
Strategiespiel Civilization nimmt der Anwender beispielsweise die
Stellung des höchsten Herrschers ein und soll »ein Reich errichten,
das die Zeiten überdauert«. Da dies ein anspruchsvolleres Spiel für
Erwachsene ist, bleiben Tote und Verwundete unaufdringlich im
Hintergrund und erscheinen lediglich als statistische Daten auf dem
»City
Display«. In anderen digitalen Phantasiespielen, wie Mortal Kombat
von Segas, dürfen Kinder ihren Feinden den Kopf abschlagen und das
Herz aus dem Leib reißen.
Man kann sich in einer wachsenden Zahl adrenalingesättigter
alternativer Welten verlieren, deren »Spiele so realistisch sind, daß
man nicht weiß, wo das Wohnzimmer aufhört und die Software
beginnt«.2 Ob es um Wüstenkriege, die Suche nach dem heiligen Gral
oder die Simulation von Städten geht - Videospiele sind in jedem Fall

388
das große Geschäft und bringen höhere Umsätze als die Hollywood-
Filme.
Der kalifornische Künstler Matt Mullican greift in seinen Arbeiten
die simulierte Umgebung bewußt von ihrer schrecklichsten Seite auf.
City Project ist ein fünf Meter lange Computerausdruck einer
»virtuellen Großstadt«, die ausschließlich als Code auf einer
Videospeicherplatte existiert. Sie ist von steriler technischer
Perfektion, ein Ort, der von allen chaotischen und unberechenbaren
menschlichen Variablen bereinigt wurde. Klinkt man sich in das
Programm ein, kann man sich auf eine wilde Jagd durch verwinkelte
Bauten und verödete Straßenzüge mitnehmen lassen. Vor einem
erstrecken sich die elektronischen Gebäude, exakt skizzierte
Ausschnitte reiner Geometrie. Die Viertel sind in matten Grundfarben
angedeutet - rot, gelb, blau und grün - und zeichnen damit vielleicht
die verborgene Trennungslinien der Gesellschaft nach. Die
Wohnblocks sind streng rechtwinklig, eine ovale Arena bildet das
Zentrum. Prachtstraßen führen auf riesige leere Plätze, die von
Verwaltungsgebäuden in suprematistischer Strenge gesäumt werden.
Man stürzt an Häuserfronten vorbei, die von unleserlichen
Piktogrammen überzogen sind, den Bruchstücken eines
geheimnisvollen Codes. Plötzlich steht man vor einer massiven
weißen Mauer, aber es geht kein Tor zur äußeren Welt auf, die dunkel
und zwielichtig an den Rändern des Bildschirms erscheint *

* Andy Grove, Chef von Intel, erklärt, daß »Konsumenten durchaus die Wahl haben.
Sie können entweder den Fernseher einschalten oder sich an Ihrem Multimedia- PC
vergnügen.« (Louise Kehoe und Paul Taylor: »Battie for the eyeballs« in: Financial
Times, 23-24. November 1996.)

Mulligans Arbeit mag es an dem Draufgängertum eines Chopper War


oder Cyber-Strike fehlen lassen, Spielen, in denen man tötet oder
getötet wird« aber ein wesentliches Merkmal hat sie mit diesen
künstlichen Wirklichkeiten doch gemein. Sie sind in sich geschlossen
und kalkulierbar - hier ist die unaufhörliche Konfrontation mit dem
Chaos, sei es das menschliche, ökologische oder politische, für die
Dauer eines Spiels ausgesetzt.
Komplexe technologische Simulationen wie Matt Mullicans
City Project oder Videospiele prägen und beschränken unseren
Blick auf die Wirklichkeit. Man könnte meinen, daß diese
Werkzeuge uns und nicht wir sie hervorbringen, eine so
zentrale Rolle spielen sie im zeitgenössischen Leben. Ist
Technologie nicht einer der wichtigsten Katalysatoren jeden
evolutionären Fortschritts und Antwort auf jede moderne
Fürbitte? Vielleicht erinnern Sie sich an den Science-fiction-
Klassiker 2001: Odyssee im Weltraum. Hier wird diese
Ansicht äußerst treffend dargestellt. Wir befinden uns in
vorgeschichtlicher Zeit, als ein primitiver Stamm
halbverhungerter Menschenaffen von einer extraterrestrischen
Intelligenz mit den Waffen und technischen Fähigkeiten
vertraut gemacht wird, die sie benötigen, um Wild zu jagen
und Angreifer abzuwehren und in einer feindlichen und von
Dürre heimgesuchten Welt schließlich bestehen zu können.
Wenn man etwas nachdenkt, kommt man jedoch darauf, daß
unser Überleben auf ein wesentlich vielfältigeres und
komplizierteres Zusammenspiel menschlicher und
natürlicher Kräfte zurückzuführen ist. Selbstverständlich ist der
Mensch jener Homo faber, der wirkungsvolle Werkzeuge erfunden
hat. Gleichzeitig ist er aber ein ausgesprochen soziales Wesen und zu
gemeinsamen Entscheidungen und auch solchen Erkenntnissen fähig.
Unsere Ansichten geben den Gang unserer Erfahrung vor, im gleichen
Maße wie unser technischer Sachverstand, wenn nicht sogar mehr.
Darüber hinaus verfügen wir über das Vermögen Entwicklungen
vorauszusehen und können lang gehegte Vorstellungen vollkommen
neu formulieren. Der Mensch hat sich bewußt und auf Grundlage
seines Intellekts der Erde angepaßt, zwischen ihm und seiner
natürlichen Umgebung besteht ein Wechselspiel, das auch eine
besondere Verantwortung mit sich bringt. Wenn die Menschen ihren
Vorteil nicht nutzen und statt dessen in digitale Phantasiewelten
abtauchen, sobald sie Widerständen und unliebsamen Tatsachen ge-
genüberstehen, werden sie zugrunde gehen, seien ihre Maschinen
auch noch so gut.

390
Überleben und Voraussicht liegen nah beieinander. Um das zu
illustrieren, will ich ein alternatives Szenario zur Vorgeschichte aus
2001 entwerfen. Stellen Sie sich vor, Ihr Stamm ist auf der Jagd,
bewaffnet mit Keulen und Speeren. Auf Ihrer Wanderung sind Sie in
ein unbekanntes Gebiet der afrikanischen Steppe vorgedrungen.
Natürlich wissen Sie, daß auf einem fremden Terrain viele Gefahren
lauern, aber die Not zwingt Sie. Sie sind darauf konditioniert, nach
der größten Gefahr immer nur in Form eines ganz bestimmten Tieres
Ausschau zu halten - sagen wir, es ist
der wilde Büffel. In Ihrem Land sind
* Die Spannung zwischen einer
Löwen praktisch unbekannt. Während
bestehenden und einer neuen
Weltanschauung ist fester Bestand- Sie also weiter durch die Savanne
teil jeder Gesellschaft oder Wis- ziehen, nehmen lohfarbene,
senschaft: zwischen beiden wird löwenähnliche Umrisse im Schatten
niemals ein Gleichgewicht herr-
einer Gruppe von Bäumen Gestalt an.
schen. Thomas Kuhn vom MIT
stellt überzeugend dar, daß »Fort- Einige der Jäger halten an, um die
schritt«, im herkömmlichen Sinne Lage abzuschätzen. Bei den anderen
einer immer weiter voranschrei- ist der Hunger zu groß. Ihre bisherige
tenden Näherung an die Wahrheit,
Erfahrung, wenn auch in einer anderen
eine Illusion ist. Tatsächlich gehen
Wissenschaftler von einer Reihe Umgebung erworben, sagt Ihnen, daß
von »Paradigmen« aus, also einem solche Wesen eigentlich keine Gefahr
intellektuellen System, das, darstellen können. Die Gruppe
zumindest eine Zeitlang, Wirklich-
marschiert mit geschulterten Waffen
keit am besten zu erklären scheint.
Bis neue Erkenntnisse und Meß- direkt in die Fänge des lauernden
methoden eine andere Perspektive Rudels. Nur ein trauriger Haufen hat
nahelegten, war die Erde das Glück, sich mit dieser neuen und
augenscheinlich flach. Diese Welt- teuer erkauften Erkenntnis
sicht wurde so lange mit Rationa-
lisierungen und Widersprüchen
davonschleichen zu können.*
befrachtet, bis sie schließlich kopf- Viele Generationen später betritt die
lastig wurde und zusammenbrach. Gesellschaft wieder ein neues, diesmal
Wie Kuhn zur Verwirrung mancher virtuelles Terrain. Sie ist mit einer
Wissenschaftler darlegte, ist der
Fortschritt seinem Wesen nach
Ausrüstung bewaffnet, die sich auf
nichtrational. Informationen und den
entsprechenden Verfahrenstechniken
stützt. Der Zug wird von den Medien
mit viel Geschrei begleitet, Schlagworte wie »Digitale Revolution«,
»Informationsgesellschaft«, »Cybernetische Ökonomie« werden

391
skandiert. Diese wunderbaren Technologien bilden angeblich ein
Neuland, das es zu kolonisieren gilt. Hastig werden gigantische
Märkte eingerichtet. Die Sprache des Codes erfaßt die ganze Welt
und läßt sie in jene alternative elektrische Sphäre ab- driften, die
vage mit dem Begriff »Internet« bezeichnet wird. Plötzlich, so
verkündet eine Stimme, sind alle Grenzen aufgehoben: »Es ist an der
Zeit, der Zukunft endlich wieder mit Optimismus entgegenzusehen.«3

392
Wir befinden uns in den späten fünfziger Jahren und die Welt ist
mitten im Kalten Krieg. Eine Gruppe amerikanischer Technokraten,
die den eskalierenden Konflikt zwischen den Supermächten
beobachtet, kommt zu dem Schluß, daß kürzlich ausgearbeitete
Regeln der »Spieltheorie« mit den neuen Verfahren der
Computersimulation kombiniert werden und nutzbringend auf die
gegenwärtige geopolitische Situation übertragen werden können, die
gekennzeichnet ist von der gegenseitigen Bedrohung durch
Nuklearwaffen. Vielleicht ließen sich die Supermächte ja durch die
Androhung der gegenseitigen Vernichtung in einem prekären
Gleichgewicht halten. Diese Leute meinten damit aber auch, daß die
zunehmend polarisierte Welt nach wissenschaftlichen Prinzipien wie
ein berechenbares System gehandhabt werden könnte, unter der
Voraussetzung, daß die richtigen Informationen, passende
Algorithmen und entsprechend leistungsstarke Großrechner zur
Verfügung stünden. Man könnte dieses System planen - so wie Matt
Mullicans City Project - und man könnte damit spielen - wie mit
einem riesigen Videospiel. Sie sagen: »Aufgrund von Informationen
wissen wir, welche Vorgehensweise erforderlich ist, [...] und wenn die
Informationen quantifiziert und in den Symbolen der Arithmetik und
Logik ausgedrückt werden können, verfügen wir über die Mittel, um
jede gegebene und entsprechend beschreibbare Situation steuern zu
können.«4

393
Die RAND Corporation war der kalifornische Nexus für diese
Technokraten des Kalten Krieges - ein säkulares Kloster, in dem man
Strategien ausbrütete und ständig verbesserte, um sie dann der
Regierung zur Beschließung vorzulegen. In der damaligen
ungewissen Zeit boten solche Spezialisten absolute Gewißheiten.
Dies verschaffte ihnen im Auf und Ab politischer
Entscheidungsfindung einen Vorteil gegenüber den altmodischen
Generalisten, die sich ihrer Sache nicht immer so furchtbar sicher wa-
ren. Kein Wunder also, daß deren Macht und Einfluß schwand. Es
war nur eine Frage der Zeit, bis die RAND- Technokraten die
Führung der finanzstarken Ministerien wie das
Verteidigungsministerium in Washington übernehmen würden.
RAND selbst wurde zu einer quasioffiziellen Vertretung. Der
bekannte amerikanische Journalist Joseph Kraft schrieb damals, daß
»die zunehmende Verflechtung von Krieg und Technologie dieses
Land dazu zwingt, sich auf [solche] Institutionen zu verlassen.«5
Das Klima zu dieser Zeit wurde immer wirklichkeitsfremder. Sam
Cohen, der in der Entwicklung von Nuklearwaffen tätig war, arbeitete
mit vielen Größen von der RAND Corporation eng zusammen,
Männern wie John von Neumann, Albert Wohlstetter, Edward Teller
und Hermann Kahn. Cohen erinnert sich an von Neumann als
brillanten und charmanten Wissenschaftler, dessen schwacher Punkt
sein verhängnisvoller Machthunger war. Um sich von den Mühen
seiner Arbeit an der Spieltheorie zu entspannen, beschäftigte er sich
mit der Frage, wie man die Polarkappen durch nukleare Sprengungen
schmelzen kann, um dadurch eine globale Klimaerwärmung herbei-
zuführen. Ohne groß darüber nachzudenken, ging man davon aus, daß
dies dem Wohl der Menschheit diene. In den frühen sechziger Jahren
vervollkommnete Hermann Kahn dann die Methoden der
Systemanalyse. Er prophezeite, daß durch die Anwendung dieser
Methoden innerhalb von zwei Jahrzehnten auf der ganzen Erde ein
Lebensstandard herrschen würde, der »so hoch wie der in den
Vereinigten Staaten oder höher« sei.6 Es war eine seltsame Zeit, in der
blinder Optimismus mit tiefsitzenden Ängsten einherging. John J.
McCloy, der erste Hochkommissar in Deutschland nach dem Zweiten
Weltkrieg, erzählte später, daß viele bei RAND regelrecht trunken
waren vom »schweren Wein der militärischen Strategien,

394
Zerstörungssysteme und Machtpolitik«7. Der gleichfalls mit der Gabe
der späten Einsicht bedachte Cohen beschreibt diese Leute als eine
Gruppe, die zur rechten Zeit am rechten Fleck waren und die
Gelegenheit am Schopf packten, um ihren Weg an die Spitze zu
machen. In dieser Clique gaben die »Megalomanen« den Ton an,
Männer, deren Voraussagen oftmals wie »Science-fic- tion-
Szenarios« klangen »und wie das Produkt großer Einbildungskraft.
[...] Sie glaubten anfangs tatsächlich - später gaben sie es wohl nur
noch vor -, daß sie die Kontrolle über diesen Prozeß der
Neuerschaffung der Welt haben [...]. Alles klang so furchtbar
plausibel [...], so plausibel, daß es vollkommen unangreifbar war.« 8
Unter der Last unvorhergesehener und unberechenbarer Konflikte
fiel dieses kunstvolle Gerüst in sich zusammen. Die Kuba-Krise im
Jahr 1962 zeigte, daß die Entscheidungsträger unter hohem Druck
nicht wirklich rational handelten. Der Vietnamkrieg erschütterte die
Gewißheit, mit der die Systeme bislang betrachtet wurden. Der
Vietkong begegnete der geballten technischen US-Waffengewalt mit
einer vergleichsweise primitiven Ausrüstung, mit angespitzten
Bambus-Bajonetten und bloßer Willenskraft; zu guter Letzt und
gegen jede Wahrscheinlichkeit behielten sie die Oberhand. Als 1965
das gegenseitige Abschlachten eskalierte, wollte ein RAND-
Theoretiker von seinem Computer wissen: Wann wird Amerika den
Krieg gewinnen? Ohne zu zögern kam die Antwort der Maschine:
1964. Nach ihrer Berechnung war der Gegner schon besiegt.
Als die Teilung der Welt in Ost und West mit dem Fall der Berliner
Mauer und dem Auseinanderbrechen des Sowjetreichs ein Ende fand,
feierten dies die inzwischen gealterten Kalten Krieger als
vermeintlich eindeutigen Sieg der technologischen und
wirtschaftlichen Überlegenheit des Westens. Bis zu einem gewissen
Grad trifft das auch zu, aber selbst die erfahrensten Realpolitiker
wurden von dieser Entwicklung überrascht. Es wird immer deutlicher,
daß der Niedergang des Kommunismus nicht nur in Mängeln des
Systems begründet lag, sondern auch auf eine Legitimitätskrise
zurückzuführen ist, die durch den inneren moralischen Bankrott
hervorgerufen wurde. Vaclav Havel spricht von den »Werten und
Prinzipien, die der Kommunismus leugnete und in deren Namen wir
Widerstand leisteten und ihn schließlich zu Fall brachten.«9 Er
schreibt, daß der »Kommunismus nicht mit militärischer Gewalt,
sondern durch das Leben, den menschlichen Geist besiegt wurde -
durch den Widerstand des Seins und des Menschen gegen Ma-
nipulation. Er wurde durch eine Revolution der Farbe, der
Authentizität, der Geschichte in all ihrer Vielfalt und Individualität
gegen die Vereinnahmung in eine uniforme Ideologie besiegt.«10
Die politischen Entscheidungsträger hatten viele der kulturellen und
gesellschaftlichen Kräfte, die diese Weltereignisse hervorbrachten,
nie in ihre Gleichungen miteinbezogen. Dabei war die Welt dieser
Leute vorhersehbarer als die der meisten, weil sie in Satellitenstaaten
aufgeteilt war, die immer nur um eine von zwei führenden
ideologischen Sonnen kreisten. Nach dem Ende des Kalten Krieges
ist die Welt wesentlich chaotischer geworden. Die Fernsehnachrichten
werden beherrscht von den Meldungen über einen aufflammenden
religiösen Fundamentalismus, reaktionärer Politik, den Anstieg des
Bevölkerungswachstums und riesige destabilisierende
Migrationswellen. Als echte Globalisten legen wir heutzutage ein
Lippenbekenntnis zu Chaostheorie und Postmodernismus ab. Wir
machen uns die abstrakten numerischen Codes zu eigen und achten
ethische Werte gering, schließlich könnten dadurch unsere
Erfahrungen in einen Zusammenhang gebracht werden und unser
kultu- relies Leben als Ganzes erscheinen. Inmitten dieses Wirbels
von Veränderungen überdauert allerdings auch manches. Die
Technokraten des Kalten Kriegs verabschieden sich von der Bühne
und an ihre Stelle tritt eine neue Generation von Kriegern, die
wesentlich mehr Wert auf schicke Kleidung und ausgefallenere
Frisuren legt. Entsprechend wurde auch die Sprache dieser
Cyberkrieger modifiziert und modernisiert: Statt in den Begriffen ge-
nau kalkulierter und linearer Kontrolle zu sprechen - wie ihre von
Verlaufsdiagrammen besessenen Vorgänger bei RAND legen sie den
Akzent auf die Gestaltung und das Management komplexer und
veränderlicher Systeme." Unter diesen offensichtlichen
Veränderungen hat sich allerdings eine Überzeugung erhalten, die
sich kaum von der früheren unterscheidet und die lautet, daß die
wesentlichen menschlichen Probleme durch fortschrittliche
technische Mittel gelöst werden können. Mit Hilfe neuer Werkzeuge
können die demokratischen Industrienationen einer neuen,

396
universellen Bedrohung begegnen, die die ökologischen Grenzen
darstellen. Eilige Versuche, das »System Erde« zu verstehen und zu
verwalten, um so auch noch das letzte aus dem marginalen Wachstum
herauszuholen und den Bestand zu gewährleisten, solche Versuche
also fallen zeitlich mit unerklärlichen Fluten und Stürmen, dem
Schmelzen der Polarkappen und klimatischen Schwankungen
unbekannten Ausmaßes zusammen. Die neuen Technokraten, die sich
als die Vorhut eines revolutionären Wandels aufspielen, reagieren auf
diese Herausforderungen mit der Mobilisierung noch
leistungsfähigerer Werkzeuge. Ihrer Meinung nach bietet die Welt
noch immer neue Territorien, die die digitalen Meister unterwerfen
und in Besitz nehmen können.12
Kalifornien, 1995. Eine etwas ramponierte Gestalt platzt
geistesabwesend ins Zimmer; der Mann trägt Sneakers und ein
buntbedrucktes Blumenhemd. Er ist unrasiert. Seine Augenringe
rühren von zuwenig Schlaf und zuviel Bildschirmarbeit her. Wie
viele seiner Kollegen gibt sich Kevin Kelly betont ungezwungen -
einem »Statement qua Lebensstil«, in dem eine gewisse Verachtung
gegenüber dem makellosen Anzug-Image der alten RAND-Bruder-
schaft zum Ausdruck kommt. So wenig er sich auch einordnen läßt,
dieser Mann gehört zu einer Clique erstaunlich ähnlicher Leute. Der
redegewandte und belesene Intellektuelle Kelly gibt Wired heraus.
Dieses trendbestimmende Monatsmagazin hat durchaus
faszinierende, aber auch ärgerliche Seiten, in aller Bescheidenheit er-
klärt es sich zur »authentischen Stimme der digitalen Generation«.
Kelly ist Gründungsmitglied des kalifornischen Global Business
Network (GBN) und gehört daher zum innersten Kreis eines
mächtigen Brain Trust, der einige der größten multinationalen
Unternehmen, aber auch die amerikanische Regierung über den
Einfluß der Informationstechnologie und die strategischen Entwick-
lungen der Weltwirtschaft nach dem Kalten Krieg berät. * Wired malt
die Zukunft in schrillen, adrenalingesättigten Farben. Es behauptet,
daß »diese friedliche und unumgängliche Revolution kein
Problem, sondern eine Möglichkeit darstellt«. Die Zukunft wird laut
Wired ein freundliches Angesicht haben: "Arbeit ausserhalb der
Büros. Märkte ohne Herrn, Unterhaltung jenseits der Massenmedien,
eine staatsbürgerliche Gesinnung jenseits von Regierungen,
Gemeinschaften jenseits von Nachbarschaften, ein den ganzen
Planeten umfassendes Bewußtsein«.13 Auch Kelly ist davon
überzeugt, daß die Welt - »das System als Ganzes« - von Maschinen
neu geschaffen wird. Wie Kelly erklärt, gestalten wir »unsere
Technologie immer komplexer und lebensähnlicher. [...] Da sie uns
immer mehr Nutzen bringt, werden wir irgendwann, so glaube ich,
die von uns erschaffenen Dinge ansehen und sagen: das ist
wunderbar.«14

* zu den 55 grössten Kunden aus Politik und Wirtschaft gehören


der amerikanische Präsident, die Stabschefs des Pentagon, die Börse
in London und Mexiko, AT&T, die meisten der amerikanischen
Medienkonglomerate, zahlreiche Computerfirmen
und Werbeagenturen, verschiedene Erdölunternehmen, Nissan,
Volvo und das Verteidigungsministerium in Singapur. Diese
Informationen sind einem Artikel über GBN entnommen, den eines
der GBN-Mitglieder (John Gar- reau) verfaßt hat, und das im Auftrag
des Herausgebers von Wired, der selbst wiederum einer der [neuen]
»Ehemaligen« ist. (Vgl. Wired (US), November 1994, S. 99-106 und
153-158.)

Auch wenn Kelly angeblich Computer nicht mag - sie seien


lediglich »ziemlich praktische Werkzeuge« -, erliegt er doch der
Faszination, daß sie »Modellwelten, kleine Universen darstellen -
eine Möglichkeit, die Zivilisation neu zu erschaffen.«15 Er ist
überzeugt, daß die cybernetische Revolution »die vollkommene und
wahre Befreiung ist. Sie ist die positivste Kraft in der heutigen
Welt.«*

* K EVIN K ELLY ERLÄUTERT


NICHT NÄHER , WAS ODER WER
DA BEFREIT WIRD . V ER -
MUTLICH GEBEN DIE ZITIERTEN
Ä USSERUNGEN NICHT DIE
M EINUNG DER O RGANISATION
SELBST WIEDER . D AS B RIEFING
VON GBN BIETET SEINER K LI -
ENTEL SAUBER
AUSGEARBEITETE S ZENARIOS ,
AUS DENEN SICH UMSETZBARE
I NVESTMENTSTRATEGIEN
ABLEITEN LASSEN . (A US DEM
LCON -E ARTH -I N - TERVIEW ,
398 SIEHE A NMERKUNG 14.)
Befreiung vom Chaos? Widerhall der Genesis! Und das
Aufflackern eines Déjà vu?
Wie einst die Technokraten von RAND haben die Digerati Einfluß
auf den höchsten Machtebenen gewonnen. Den Mitgliedern jener
angeblichen Vorhut einer neuen globalen Kultur sind vor allem drei
Merkmale gemeinsam: sie sind zumeist männlich, mittleren Alters
und nordamerikanischer Herkunft. Allesamt sind sie technologische
Optimisten und sie meinen es zweifellos gut, aber sie haben auch ein
starkes und ureigenstes Interesse an der goldenen Zukunft, die sie
entwerfen. Ihre Vorstellungen sind typisch amerikanisch: puritani-
scher Perfektionismus, das Streben nach offenen Grenzen und der
implizite Glaube, daß die »unsichtbare Hand« des freien Marktes für
die Mehrheit der Menschen nur Gutes mit sich bringen kann.
Genauso glauben sie, daß man die alte Welt zugunsten der neuen
preisgeben muß. Und hier kommen die nationalistischen Vorrechte
des Manifest Destiny ins Spiel.*
* N ACH DER M AGNA C ARTA FOR THE K NOWLEDGE A GE (V ERSION 1.2)
IST DER »C YBERSPACE DAS HEUTIGE AMERIKANISCHE G RENZLAND «, DAS

SICH DER E RNEUERUNG DES »E RFINDUNGSGEISTES UND DER


E NTDECKUNGSLUST, DIE G ENERATIONEN VON P IONIEREN DAZU BRACHTE ,
DEN K ONTINENT URBAR ZU MACHEN « VERSCHRIEBEN HAT. D IE M AGNA

C ARTA WURDE UNTER DER S CHIRMHERRSCHAFT DER P ROGRESS &


F REEDOM F OUNDATION ENTWORFEN (PFF - » DER S CHAFFUNG EINER
POSITIVEN Z UKUNFTSVISION GEWIDMET , DIE AUF DEN HISTORISCHEN
P RINZIPIEN DER AMERIKANISCHEN I DEE GRÜNDET «), AN DEREN S PITZE
WIEDERUM N EWT G INGRICH , US-K ONGRESSMITGLIED UND S PRECHER
DES R EPRÄSENTANTENHAUSES , STEHT . S IE WURDE VON E STHER D YSON ,
G EORGE G ILDER , G EORGE K EYWORTH , A LVIN T OFFLER UND ANDEREN
UNTERZEICHNET UND A UGUST 1994 ALS C YBERDOKUMENT INS I NTERNET
GESTELLT . N EBEN DEM E INTRETEN FÜR EINE MASSIVE D EREGULIERUNG
DES S TAATES , UNTERSTÜTZT PFF AUCH P ROGRAMME WIE DAS ZUR
K OLONISIERUNG DES M ARS .

Die PFF wird von verschiedenen Institutionen finanziert,


dazu gehören AT&T, BellSouth, Cox Cable Communications,
Turner Broadcasting Corporation und Wired. Die Magna
Carta findet man auf dem World Wide Web des Internet unter
http://www.PFF.org, oder Sie fordern es per E-mail an:
PFF*@ aol.com.

Der Ungläubige mag hinter all dem die ständige Vermi-


schung von spiritueller Befreiung und materiellem Erfolg
entdecken, der Ziele einiger weniger und denen der großen

Masse. Aber diese amerikanischen Pioniere lenken ihre Planwagen


über die Ebenen, ohne nach rechts oder links zu blicken. Die Mission
ist vorherbestimmt, Versagen käme einer Sünde gleich, und selbst die
Wagenräder ächzen unter der Last dieses unerbittlichen Optimismus.*

400
* IN DIESEM O PTIMISMUS , DIESEM S TREBEN NACH EINEM UNERREICHBA -
REN A BSTRAKTUM NAMENS G LÜCK , ZEIGE SICH , SO DER FRANZÖSISCHE
S KEPTIKER J EAN B AUDRILLARD , DASS » DIE UNUNTERBROCHENE
P RODUKTION VON P OSITIVITÄT ERSCHRECKENDE F OLGEN GEZEITIGT
[ HAT ]. F ÜHRTE DIE N E - GATIVITÄT IN DIE K RISE UND K RITIK , SO DIE
ÜBERTRIEBENE P OSITIVITÄT IN DIE K ATASTROPHE , BEDINGT DURCH IHR
U NVERMÖGEN , K RISE UND K RITIK WOHLDOSIERT ZU VERABREICHEN .
J EDE S TRUKTUR , DIE IHRE NEGATIVEN E LEMENTE VERFOLGT , AUSSTÖSST
UND AUSTREIBT , BEGIBT SICH IN DIE G EFAHR EINER K ATASTROPHE
DURCH TOTALE U MKEHRUNG , WIE JEDER LEBENDE O RGANISMUS , DER
SEINE K EIMZELLEN , B AZILLEN , P ARASITEN UND BIOLOGISCHEN F EINDE
VERFOLGT UND ELIMINIERT , DIE G EFAHR DER M ETASTASE UND DES
K REBSES EINGEHT , D . H . DIE G EFAHR EINER SEINE EIGE -
»An der Schwelle zum 21. Jh verschlingenden Positivität ...« (Jean
Baudrillard: "das Theorem des Verfemten Teils "in:Transparenz des Bösen"
über extreme Phänomene. Berlin

An der Schwelle zum einundzwanzigsten Jahrhundert befinden wir uns


gegenüber unseren ausländischen Konkurrenten im Vorteil. Wir
nehmen die führende Position in der Computer- und
Kommunikationstechnologie ein [...]. Die Wissensrevolution ruft
dazu auf, den Traum der amerikanischen Idee zu erneuern und ihre
Versprechungen zu mehren.«16 In einer Gemeinschaft von Pionieren,
in der sich die evangelistische Inbrunst einer religiösen
Wiederkunftsfeier mit der ungestümen Begeisterung der Goldgräber
auf dem Weg in den Westen vermengt, bleibt wenig Raum für
Widerspruch. Welche Bilanz sollen wir also ziehen? »Entweder
gehören wir alle zu einer Mannschaft oder eben nicht.

Es sieht so aus, als ob wir uns schon mitten im Cyberspace


befänden. Daß die »Stadt auf dem Hügel« dem Wesen nach
harmonisch und hoffnungsvoll ist, versteht

sich dann von selbst, vorausgesetzt, dass wir das Programm aus
vollem Herzen begrüssen, seine weitere Entwicklung und seine
Grundsatzfrage behadeln und uns ohne Zagen der “Veränderung”
zuwenden. Jetzt und in absehbarer Zeit gilt, daß »alles zum besten
steht in dieser besten aller möglichen Welten«, wie Voltaires Dr. Pan-
gloss sagen würde.*
* Die Figur Dr. Pangloss aus Voltaires Roman Candide ist eine Persiflage auf Leibniz
- jenes Giganten des Rationalismus aus dem siebzehnten Jahrhundert, der den
binären Code erfand. (Vgl. Kapitel Sieben.)

Nur hat das alles irgendwie einen bekannten und beun-


ruhigenden Klang. Der verstorbene George W. Ball, kritischer
Anwalt, zynischer Staatsmann und begnadeter Diplomat, der
für sein kompromißloses Denken und seinen gesunden
Menschenverstand bekannt war, machte einmal die treffende
Bemerkung, daß »die Amerikaner eine Art Theologie daraus
gemacht haben, die Technik zur Lösung von [nicht
technischen] Problemen einzusetzen. Das ist wie eine
Ersatzreligion; wir denken, wir brauchen uns nur diesen
geheimnisvollen Kräften zuwenden [...], mit denen wir alles
im Griff haben [und die uns] davor bewahren, uns über
andere Dinge den Kopf zerbrechen zu müssen.« 19 Norbert
Wiener, der Vater der Kybernetik, bemerkte dazu bloß, daß
»Macht und das Streben nach Macht [...] unglücklicherweise
Realitäten [sind], die in vielen Gewändern erscheinen
können.«20

Spätherbst im Jahr 1990. Über der Rollbahn des Narita-


Flughafens bricht die Nacht ein. Ein Hubschrauber fliegt
direkt auf das pulsierende Herz von Tokio zu. Die Stadt
breitet sich als ein riesiges, glühendes Gitter aus, das an einen
überhitzten Mikroprozessor erinnert, durchzogen von
farbigen Arterien, durch die das digitale Blut strömt. Das ist
Chiba - 100 Mile City eine kleine Ewigkeit entfernt von Matt
Mullicans keimfreier Welt und der hoffnungsvollen Zukunft,
wie sie die Technokraten des Kalten Krieges entworfen
haben. * E IN WIMMELNDES C HAOS , DAS WEIT MEHR MIT
B LADERUNNER VON R IDLEY S COTT ODER DYSTOPISCHEN
C ARTOONS WIE A KIRA ODER L ONG TOMORROW VON M ÖBIUS ZU

402
TUN HAT *

*E INBLICKE IN DIE C YBERKULTUR :


EIN WIMMELNDES C HAOS , DAS WEIT C HIBA IST DAS
HERUNTERGEKOMMENE I NDUSTRIEVIERTEL DER ÜBERFÜLLTEN
JAPANISCHEN T ECHNO -M ETROPOLIS , DIE W ILLIAM G IBSON IN
N EUROMANCER BESCHREIBT - JENER R OMAN , AUS DEM DER B EGRIFF
»C YBERSPACE « STAMMT. D EN A USDRUCK »100 M ILE C ITY « HAT D EYAN
S IDJIC , K OLUMNIST BEIM G UARDIAN , IN SEINEM GLEICHNAMIGEN B UCH
GEPRÄGT, IN DEM ER DAS MILLENARISTISCHE K RÄFTEFELD DES
GEGENWÄRTIGEN H YPER - URBANEN S PRAWLS UNTERSUCHT. D ER F ILM
B LADE R UNNER , MIT H ARRISON F ORD IN DER H AUPTROLLE , IST R IDLEY
S COTTS FRAKTALE V ISION EINER M ENSCHHEIT, DIE IN EINER AUS DER
G EGENWART ABGELEITETEN NAHEN Z UKUNFT AMOKLAUFENDER T ECHNIK
NOCH BESTEHEN BLEIBT. A KIRA IST EINE ANDERTHALBSTÜNDIGE
A NIMATION ÜBER EIN DUNKLES G EHEIMNIS , DAS IN DEN T IEFEN EINES
FUTURISTISCHEN N EO -T OKIOS VERBORGEN LIEGT ; T HE L ONG T OMORROW
IST EIN C ARTOON , DER DIE S TADT ALS EINEN VON G EWALT
BEHERRSCHTEN R EGELKREIS , OHNE Z ENTRUM UND OHNE A USGANG , DAR -
STELLT.

Tokio platzt aus allen Nähten. Der Verkehr ist zum Erliegen ge-
kommen, überall sieht man Menschen mit Gasmasken. Und diese
Szenerie wird sich bald in Südostasien mit seinem ungebremsten,
explosionsartigen wirtschaftlichen Wachstum wiederholen. Noch
mehr Menschen, noch mehr Überfluß, noch mehr Autos. Das wird als
Zeichen des Erfolgs verstanden, nur bleibt dabei kaum Raum zum
Atmen, geschweige denn zum Bewegen.*
In sicherer Entfernung ist der Vorstandsvorsitzende einer der
führenden deutschen
Konzerne, Daimler-Benz nämlich,
* E INE KÜRZLICH ERSTELLTE
auf dem Weg zu der ersten einer
S TUDIE DER W ELTBANK WARNT
Reihe strategischer Ver- DAVOR , DASS SICH DIE Z AHL
handlungen mit seinem DER A UTOS IN A SIEN ALLE Pendant
bei Mitsubishi. Geplant ist SIEBEN J AHRE VERDOPPELT , die
DIE L UFTVERSCHMUTZUNG IN
gemeinsame Entwicklung und
DEN S TÄDTEN SCHON EINEN
Produktion von » KRITISCHEN W ERT « ERREICHT
Autoleitsystemen, die die HAT UND DASS SICH MITTLER -
chaotische Verkehrssitua- WEILE FÜNF VON SIEBEN DER tion in
WELTWEIT AM STÄRKSTEN
den Städten in ein steuer- bares
VERSCHMUTZTEN S TÄDTE IN
System umwandeln sollen. DIESER R EGION BEFINDEN . Die
zugrundeliegende Idee ist, (S IEHE HIERZU V ICTOR daß
jedes Auto mit einem M ALLET : »W ORLD B ANK elektro-
PRESSES A SIANS TO PROTECT
nischen »Befehlscenter« ausge-
ENVIRON - MENT « IN :
stattet wird, das die F INANCIAL T IMES , 6. D E -
Geschwindigkeit strikt ZEMBER 1993.) regelt
und den Fahrer über die am
wenigsten befahrenen Route leitet. Die Autos werden via Satelliten-
Fernmessung zentral überwacht. Ein vollständig integriertes
Verkehrsmanagement soll die Koordination des privaten und
öffentlichen Verkehrs übernehmen, um aus

404
dem überforderten Straßennetz das letzte Quentchen an
Kapazität herauszuholen. Bis dahin werden die im Stau
steckenden Fahrer aus einer Reihe von interaktiven Auto-
Unterhaltungsgeräten wählen können - zum Beispiel
Teleglücksspielen -, um dem Streß und der Langeweile des
Pendleralltags zu entkommen.*
N OCH VOR WENIGEN
J AHRZEHN TEN RIEF ALLEIN DER BLOSSE GEDANKE AN NAVIGATOREN
IN AUTOS DIE VER WEGENSTEN ASSOZIATIONEN HERVOR.
KINOBESUCHER WERDEN SICH DARAN ERINNERN, EIN SOLCHES GERÄT
ZUM ERSTEN MAL IN EINEM ASTON MARTIN GESEHEN ZU HABEN, DEN
JAMES BOND IN GOLDFINGER FUHR. AGENT 007, GESPIELT VON SEAN
CONNERY, VERFOLGT DARIN EINEN GENIALEN VERBRECHER, DER
EINEN VERRÜCKTEN, ABER EINTRÄGLICHEN PLAN ERSONNEN HAT, BEI
DEM ES UM DIE VERNICHTUNG EINES BETRÄCHTLICHEN TEILS DES
GOLDBARRENVORRATS DER WELT GEHT. WENN DER SCHNITTIGE
SPORTWAGEN BONDS ÜBER DIE SERPENTINEN IN DEN SCHWEIZER
ALPEN KURVT, HINTER SICH DIE HOCHAUFRAGENDEN GIPFEL,
EMPFINDET DAS PUBLIKUM DEN KITZEL DER UNTERSCHWELLIGEN
EROTIK. DIE MYTHENPRODUZENTEN HABEN GANZE ARBEIT
GELEISTET: BONDS HIGH-TECH-SPIELEREIEN BEINHALTEN DAS
VERSPRECHEN VON FREIHEIT DURCH TECHNISCHES KÖNNEN. HEUTE
DAGEGEN, DA UNS DIE AUTO-NAVIGATIONSTECHNOLOGIE INS HAUS
STEHT, HAT SIE GANZ ANDERE UND VIEL WENIGER GLAMOURÖSE ZÜGE
- LOHNABHÄNGIGE PENDLER WERDEN IN DIE FERNGESTEUERTEN
KOKONS DER PROGRAMMIERTEN EINSAMKEIT EINGESCHWEISST.
Wie oft werden die verheißungsvollen Worte »Information«
und »Revolution« mit einem dritten populären Begriff
verbunden: dem der »Globalisierung«. Alle drei bestärken den
Glauben, daß »wir in einer Welt leben, die
auf eine einzige, zunehmend freie >moderne< und umfassende [...]
Kultur und ein gutes und einheitliches politisches System
zusteuert.«21 In Wirklichkeit wird die vernetzte globale Wirtschaft,
in der das bequeme Leben und seine Institutionen, das auf einer
älteren, einst vom hochentwickelten Westen beherrschten Ordnung
gründet, von der Konkurrenz aus dem Osten unterminiert, in dem
neue Imperien im Entstehen begriffen sind. Um ihre Wachs-
tumsraten aufrechterhalten zu können, verzehren sich die alten
Mächte von innen heraus: ihre Eliten hecheln nach dem Einsatz im
neuen Spiel und überlassen dabei ihre weniger beweglichen
Landsleute ihrem Schicksal. Zur gleichen Zeit bringt der
expansionistische Drang den regionalen Handel zum Erliegen,
zerstört traditionelle Produktionsmethoden und soziale
Beziehungen und die damit verbundenen Lebensformen.

(* Mitte des Jahres 1995 kamen in Japan und Westeuropa


die erstem Systeme zum Verkehrsmanagement und
interaktiver Unterhaltung auf den Markt. Edzard Reuter,
Vorstandsvorsitzender von Daimler-Benz, hat sich zur
gleichen Zeit auf das Rentnerdasein auf seinem Landsitz
vorbereitet)

Viele Digerati haben nichts anderes im Kopf als das globale Dorf
und übersehen dabei, was um sie herum geschieht: das
Auseinanderfallen von Identitäten, das Scheitern von Erwartungen,
wachsende Ressentiments und zerbrochene Träume. Sie streuen die
Saat der globalen Monokultur in eine Erde, der der zum Wachstum
notwendige Nährstoff des gesellschaftlichen Konsens fehlt. Dieser
Konsens wird schwerlich zu erreichen sein, denn das, was sich
hinter der glitzernden Fassade verbirgt, ist keineswegs neu und
nicht besonders angenehm. Ver- meer, der auf der Höhe des
Zeitalters der Erkundungen im siebzehnten Jahrhundert das
Gemälde Der Astronom schuf, fing das gut ein. Er stellte einen
Forscher dar, der sich nach vorne beugt und von neuen Abenteuern
träumend die himmlischen Sphären mit seiner Hand abmißt. In
Raffaels Schule von Athen spielen die Illuminaten ge-
dankenverloren mit bunten Globen, als wären es ihre Spielzeuge.
Selbst heute kommt man in den Genuß soleher Bilder, wie des
weichgezeichneten Portraitphotos des Werbemagnaten Maurice
Saatchi, auf dem er wohlwollend einen teuer eingekleideten und
sehr besitzergreifenden Arm über eine Erdkugel legt, auf der die
Grenzen seines Weltreichs eingezeichnet sind. Diesen Bildern haftet
nichts Zufälliges an. Sie sind ganz bewußt so entworfen, daß sie
eine unterschwellige, aber trotzdem deutliche Botschaft vermitteln -
diese Männer sind Patrone mit einer den ganzen Globus
umspannenden Vision und Macht, sie haben die ganze Welt
befahren und vermessen, vor allem aber besitzen sie sie. So war es
schon immer.

Man ermuntert die Menschen dazu, sich in der weitgehend


immateriellen und berauschenden Umgebung des Internet zu
vergnügen - in der die Möglichkeit, E-mails zu verschicken und
Videospiele auf dem PC zu spielen, automatisch mit einer Welt
gleichgesetzt wird, die sanft umfangen wird von Glasfaserkabeln,
digitalen Satelli- tentelefonsystemen, interaktiver Unterhaltung und
was es sonst noch so gibt. Die im wesentlichen kommerziellen
Motive, die diesen entzweienden Wandlungsprozeß vorantreiben,
bleiben dabei im Hintergrund: auf sie wird lediglich in Artikeln
angespielt, die tief in den Wirtschaftsteilen der großen Zeitungen
vergraben sind, und ernsthafte Analysen sind auf Fachzeitschriften
und die nur von wenigen gelesenen Handelsblätter beschränkt.

407
* E INE A UFLISTUNG EINIGER
DER WICHTIGSTEN
M ITSPIELERFINDEN S IE IN T HE
T ELE G EOGRAPHYL OO. D AS
B UCH TEILT DIE I NDUSTRIE IN
»B IT-S CHIEBER « ( WIE DIE
B ETREIBER VON
T ELEFONNETZEN ), »B IT-
M ACHER « ( WIE F ILMSTUDIOS
UND S OFTWARE -H ÄUSER ) UND
»B IT-P ROZESSOREN « ( DIE
N ETZWERK -S OFTWARE UND DIE
H ARDWARE -I NFRASTRUKTUR
LIEFERN ) EIN .

Wer weiß schon von den Anstrengungen, die in Asien un-


ternommen werden, um die Entwicklung von Satelliten und deren
Transport in den Weltraum voranzutreiben und sich damit eine
Nische in den höheren Kommunikationsgefilden des Weltraums zu
erobern? Oder von den Bemühungen um ein mobiles
Welttelefonnetz, mit dem die Märkte »neuer« Wirtschaftszweige
»vernetzt« werden sollen? Diese Nachrichtenschnipsel, aus denen
die wahre Stoßrichtung der Strategien des »digitalen Zeitalters« zu
erfahren ist, sind wie die kodierten Scherben einer altertümlichen
Hieroglyphe. Sie müssen mühsam ausgegraben, neu
zusammengesetzt und schließlich übersetzt werden, bevor man sich
ein Bild des Ganzen machen kann. Zur Zeit wird ein Kampf der
Titanen um die Mittel zur Informationserzeugung und -Verteilung
im einundzwanzigsten Jahrhundert ausgefochten. Es geht um nichts
geringeres als die Kolonisierung riesiger Areale der vernetzten
Welt: Es geht um die Macht, die ein neues Zeitalter definieren
wird.*

Um ein deutlicheres Bild von diesem Markt zu gewinnen, werfen


wir einen Blick in die Vergangenheit und machen einen Abstecher
zu den verrottenden Überresten der herkömmlichen Industrie. Fällt
Ihnen an den Fabriken irgend etwas Besonderes auf? Etwas an der
Architektur? Die Büros der Geschäftsführung sind direkt mit den
alten Produktionshallen verbunden. Damals bestand eine un-
mittelbare Beziehung zwischen den Kommuikationsmit- teln und
den Produktionsmaschinen. Um sicherzustellen, daß der
Informationsfluß zwischen der Belegschaft und dem Management
wirklich funktioniert, gab es nur den direkten Weg: entweder ging
der Chef selbst runter in die Werkshalle, oder er schickte jemanden.
Wenn das auch die »schlechten alten Zeiten« gewesen sein mögen,
als die Arbeiter sich durch die Fabriktore schoben und Stechuhren
drücken mußten, während die Bosse durch das große Entrée zu
ihrer ersten Tasse Kaffee schlenderten, mußten alle, im Guten wie
im Bösen, miteinander auskommen. Als es Telefone um die
Jahrhundertwende herum möglich machten, daß Botschaften über
große Entfernungen übertragen wurden, war eine der nicht
vorhergesehenen Folgen, daß sich die Führungskräfte auf einmal in
die Wolkenkratzer der Großstädte verzogen. Noch wesentlicher
aber scheint, daß die Unternehmen im gleichen Maße expandierten
wie sich ihre Märkte zuerst auf regionale und schließlich nationale
Reichweite ausdehnten. Eine neue Welt war geboren.

Überlegen Sie mal, was das bedeutet: die Übertragung der


menschlichen Stimme. Was einst unmittelbar zwischen zwei
Menschen durch die Luft, die ihre Worte trug, hin und her ging,
hatte sich nun, mit dem Aufkommen einer neuen
Übertragungsform, in einen äußerst gewinnträchtigen Markt
verwandelt. 1912 war die Telefonindustrie der viertgrößte
Industriezweig in den USA geworden.*

Das war keine bloße Folge der technologischen Entwicklung;


vielmehr spiegelt sich darin die vielfältige Verflechtung
regulierender und kommerzieller Bedingungen. Mit der
Digitalisierung der Welt wird sich dieses explosive Wachstum eines
Industriezweigs - des Telefonmarkts - heute in einem viel größeren
Maßstab wiederholen. Jetzt ist es nicht mehr einfach nur die

409
Stimme. Wir betreten eine Welt, so heißt es oft, in der alles
Information ist: eine Welt, in der es möglich ist, praktisch alles, was
in Bits ausgedrückt wird, zu bewegen und zu verändern. Was auch
immer also im binären Code erfaßbar, konvertierbar und
manipulierbar ist, kann für einen neuen Markt von Interesse sein.

Riesige Imperien werden in der virtuellen Kommuni-


kationssphäre Form annehmen, die zwischen uns und die Natur
geschaltet ist.

* Z U DER TRANSFORMATIVEN
R OLLE DES T ELEFONS FÜR DIE
W IRTSCHAFT DES
BEGINNENDEN 20.
J AHRHUNDERTS SIEHE I THIEL
DE S OLA P OOLS FASZINIE -
RENDES B UCH F ORECASTING
THE T ELEPHONE (N ORWOOD ,
N.J.: A BLEX , 1983), S. 59-69.
W IE ERZEIGT , WAR DIE
E NTWICKLUNG DES T ELEFONS
UND SEIN STARKER E INFLUSS
AUF DIE G ESELLSCHAFT
ENTSCHEIDEND DURCH DIE E I -
GENDYNAMIK DER
UNENTWIRRBAREN
TECHNOLOGISCHEN UND
KOMMERZIELLEN I NTERESSEN
GEPRÄGT - MIT ANDEREN
W ORTEN , SIE WAR NICHT VOR -
HERBESTIMMT .
Sie bedingt schon jetzt nicht nur unsere Wahrnehmung der Welt,
sondern auch die Bahn, auf der wir uns bewegen. Ein praktisches
Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie sind Pilot eines modernen
Verkehrsflugzeugs. Ihr Cockpit ist ein hochkompliziertes Kabinett,
voller verwirrender Lichter und Bildschirme. Der Steuerknüppel
wurde durch einen elektronischen Joystick ersetzt, der genau so
funktioniert wie der von Videospielen. Auch das Geflecht aus
Zahnrädern, Kabeln und hydraulischen Flugzeugrudern, das einst
Ihr Cockpit direkt mit dem Triebwerk und den Tragflächen
verband, ist mittlerweile ausrangiert worden. Das betrifft eigentlich
jede direkte Verbindung mit dem Motor und den Luftströmungen.
Der Pilot ist also aus der »Rückkopplungsschleife« verdrängt
worden und tritt statt dessen mit Ziffern im Cyberspace in
Austausch. Seine Wahrnehmung des Flugs hängt davon ab, was der
Vermittler, in diesem Fall ein digitales Fernsteuerungssystem, auf
den Schirm bringt. Diese Systeme messen Koordinaten, simulieren
eine natürliche Rückkopplung und übermitteln die Instruktionen
des Piloten an das Flugzeug. Letztlich hängt die Sicherheit des
Flugzeugs davon ab, in welchem Maße die softwaregenerierte
virtuelle Welt mit der physikalischen Welt korrespondiert und auf
sie reagiert.

Diese Entwicklung ist auch auf den fraktalen Kriegsschauplätzen


der Gegenwart zu beobachten - sowohl im militärischen als auch
im wirtschaftlichen Bereich. Elektronische Stellvertreter haben die
Verteidigung des Landes übernommen.*

411
* D IE G ESCHICHTE DES
K RIEGES IST ÜBERHAUPT VON
DER WACHSENDEN D ISTANZ
ZWISCHEN DEN T EILNEHMERN
GEPRÄGT . Z URZ EIT DER G RIE -
CHEN UND R ÖMER WAR DER
K AMPF EINE BLUTIGE , M ANN -
GEGEN -M ANN -
A NGELEGENHEIT , IN DIE
JEDER , VOM NIEDRIGSTEN
S OLDATEN BIS ZUM HÖCHSTEN
O FFIZIER VERWICKELT WAR .
P FEILE , K ATAPULTE , G EWEHRE
UND R AKETEN VERGRÖSSERTEN
DIE E NTFERNUNG ZWISCHEN
DEN F EINDEN BIS ZU DEM
P UNKT , AN DEM WIR JETZT
ANGELANGT SIND - HEUTE WIRD
GEKÄMPFT , OHNE DASS MAN
DEN F EIND JE ZU G ESICHT
BEKOMMT .
* I M J ULI 1996 TEILTE D EPUTY US A TTORNEY G ENERAL J AMIE
G ORELICK EINEM U NTERAUSSCHUSS DES S ENATS MIT , DASS » EIN
ELEKTRONISCHES P EARL H ARBOR « EINE ECHTE G EFAHR FÜR DIE
V EREINIGTEN S TAATEN DARSTELLE . S IE BEMERKTE IN IHREM B ERICHT ,
DASS DIE I NFORMATIONSSTRUKTUR DER USA EINE HYBRIDE M ISCHUNG
AUS ÖFFENTLICHEN UND PRIVATEN N ETZEN SEI UND WARNTE DAVOR ,
DASS ELEKTRONISCHE A NGRIFFE » DIE B EREITSTELLUNG VON D IENSTEN
MINDESTENS SO WIRKUNGSVOLL WIE EINE GUT PLAZIERTE B OMBE
BEEINTRÄCHTIGEN ODER UNMÖGLICH MACHEN KÖNNEN «. B EI DIESER
A NHÖRUNG ERFUHREN DIE U NTERAUSSCHUSSMITGLIEDER AUCH , DASS
ES JÄHRLICH UNGEFÄHR 250 000 V ERSUCHE GIBT , IN DIE
C OMPUTERANLAGE DES V ERTEIDIGUNGSMINISTERIUMS EINZUDRINGEN ,
VON DENEN 65 P ROZENT ERFOLGREICH SIND . D IE B EAMTIN DER
C LINTON A DMINISTRATION WIRD VON DEN E DUPAGE -H ERAUSGEBERN
AM 21. J ULI 1996 IM I NTERNET AUF G RUNDLAGE DES BNA D AILY
R EPORT FOR E XECUTIVES VOM 17. J ULI 1996 ZITIERT . S IEHE HIERZU
DIE A RCHIVE DES E DU - PAGE : HTTP :// WWW . EDUCOM . EDU / .

Ein Sieg hängt entscheidend von der Kontrolle über den In-
formationsfluß ab.*

Das erklärt, warum die Alliierten im Golfkrieg 1991 zuallererst


versuchten, die irakische Kommunikationseinrichtungen außer
Kraft zu setzen: Ohne elektronische Augen und Ohren war der
Feind taktisch und strategisch blind. In der Zwischenzeit erfuhren
sowohl die unmittelbar am Geschehen beteiligten Alliierten wie
auch die Öffentlichkeit zu Hause die Wirklichkeit des Krieges aus
einem ungewöhnlichen Abstand: er wurde über Videokameras, die

413
sich in Raketenspitzen befanden, verfolgt. Die tatsächlichen
Vorgänge bei diesem Geschäft mit dem Tod wurden durch den
Gebrauch der seltsamsten Euphemismen in die Ferne gerückt und
keimfrei gemacht; man hatte sie ihres moralischen Gehalts entleer:
es hiess nicht Bombardierung sondern "servicing a target" (ein Ziel
bedienen) oder "visiting a site" (Besuch abstatten), das gesamte
Spektakel - als der "Showdown am Gold" verkündet - hatte
genausoviel mit Unterhaltung und Einschaltquoten zu tun, wie mit
der Verteidigung einer neuen Weltordnung (auch die Welt der
hochgeschlagenen Mantelkrägen und versteckten Mikros wurde
cybernetisch umgestaltet. Der Apparat, der einst der militärischen
Spionage diente, wurde nach dem Ende des Kalten Krieges mit
neuen Aufgaben betraut und soll nun die nationale Kon-
kurrenzfähigkeit sichern und verbessern. Geheimdienste wie die
National Security Agency, CIA und MI5 versorgen Journalisten und
politische Insider mit vielversprechenden Hinweisen auf die ge-
heimen Kämpfe, die von den »Tastatur-Jockeys« auf den viel be-
fahrenen elektronischen Nebenstraßen des Cyberspace täglich
ausgefochten werden. Für weitere Informationen und Verweise
siehe »Codes, Keys, aand Conflicts: Issues in US Crypto Policy.«
ACM Report (C OMMUNICATIONS OFTHE ACM), Juni 1994.

•V ON DEM AUF ÜBER 28 M ILLIARDEN D OLLAR GESCHÄTZTEN G EHEIM -


DIENSTBUDGET DER V EREINIGTEN S TAATEN WERDEN RUND 25
M ILLIARDEN FÜR DIE F INANZIERUNG VON S ATELLITEN - UND
ELEKTRONISCHER S PIONAGE VERWENDET . D IESE A KTIVITÄTEN
KOMMEN NUR SELTEN ANS T AGESLICHT - WIE A NFANG 1995, ALS
F RANKREICH EINE G RUPPE VON FÜNF CIA-A GENTEN AUS F RANKREICH
AUSWIES , DIE ANGEBLICH EIN S PIONAGEPROGRAMM IN DIE
FRANZÖSISCHE T ELEKOMMUNIKATIONS - UND E LEKTRONIKINDUSTRIE
EINGESCHLEUST HATTE . D IE US-R EGIERUNG HIELT DAGEGEN , DASS
FRANZÖSISCHE G EHEIMDIENSTE MEHR ALS SIEBZIG GROSSE US-F IRMEN
UND B ANKHÄUSER IM V ISIER HATTEN , UNTER ANDEREM B OEING , IBM,
T EXAS I NSTRUMENTS UND C ORNING G LASS . N ACH S CHÄTZUNG DER
CIA RICHTEN SICH 80 P ROZENT DER JAPANISCHEN S PIONAGEVERSUCHE
GEGEN WIRTSCHAFTLICHE Z IELE , VOR ALLEM IN DEN V EREINIGTEN
S TAATEN . E S SCHEINT , ALS WÄRE DER K ALTE K RIEG DURCH EINEN

414
TECHNOLOGISCHEN W ETTLAUF UND M ANTEL UND D EGEN DURCH DAS
C YBERDECK ERSETZT WORDEN . Ü BERWACHUNGSINSTRUMENTE WERDEN
ALLERDINGS NICHT MEHR NUR VON RIESIGEN U NTERNEHMEN ODER
R EGIERUNGEN EINGESETZT , SIE WERDEN ZUNEHMEND ZUM
G EBRAUCHSARTIKEL . I N DEN K ATALOGEN VON S PYCATCHER UND L OR -
RAINE E LECTRONICS FINDET MAN EINE ATEMBERAUBENDE A USWAHL
ELEKTRONISCHER E XOTIKA , DIE AUF DEM FREIEN M ARKT ZU HABEN
IST : VON EINER ZIEMLICH ABSURDEN »B UG «, DIE IN EINER
ELEKTRONISCHEN C OCKTAILOLIVE STECKT , IST , BIS ZU EINEM SCHON
BEDROHLICHEREN T RANSPORTER , DER MIT DEN MODERNSTEN
Ü BERWACHUNGSGERÄTEN GELIEFERT WIRD , FÜR G ELD ALLES ZU
HABEN . (S IEHE HIERZU M ICHAEL C ASSELL : »B UGS INFEST THE BO -
ARDROOM « IN : F INANCIAL T IMES , 16. J ANUAR 1993.)
•A UF DER U NTERNEHMENSSEITE KENNZEICHNEN RETINALE
A UGENSCANNER S TIMMERKENNUNGSSYSTEME , GENETISCHE T ESTS UND
ÄHNLICHE T ECHNOLOGIEN DIE IMMER WENIGER HANDZUHABENDEN UND
STÄNDIG V ERÄNDERUNGEN UNTERWORFENEN S ICHERHEITSASPEKTE . I N
DEN SIEBZIGER J AHREN WURDEN ZU DIESEM Z WECK IN ERSTER L INIE
NOCH M AUERN AUS Z IEGELN UND M ÖRTEL UM DIE GREIFBAREN
A NLAGEN UND G ERÄTSCHAFTEN DER I NDUSTRIEUNTERNEHMEN HERUM
ERRICHTET . H EUTE LIEGEN DIE WERTVOLLSTEN R ESSOURCEN EINES
U NTERNEHMENS IN MENSCHLICHER ODER DIGITALER F ORM VOR . S IE
VERBERGEN SICH IN P RODUKTPROTOTYPEN AUF DEM C OMPUTER , IM
B ESITZ VON BESTIMMTEN H ERSTELLUNGSVERFAHREN UND DEM
AKKUMULIERTEN W ISSEN DER A NGESTELLTEN . D IESE BIETEN DER
K ONKURRENZ KLARE Z IELE . S O MUSSTE KÜRZLICH B RITISH A IRWAYS
DEM K ONKURRENTEN V IRGIN EINEN A USGLEICH ZAHLEN , NACHDEM SIE
ZUGEGEBEN HATTE , DASS » KRIMINELLE « A NGESTELLTE SICH IN DIE
D ATENBANK VON V IRGIN EINGESCHLEUST HATTEN ,
UM I NFORMATIONEN ÜBER DEREN K UNDEN , K APAZITÄTSAUSLASTUNG
UND K ALKULATIONEN ZU BEKOMMEN .

I N C OUNT Z ERO , EINEMY T EIL DER BERÜHMTEN C YBERSPACE -


T RILOGIE VON WÜLIAM G IBSON AUS DEM JA HR 1986, WIRD VON EINEM
HOCHBEZAHLTEN F IRMENTECHNOKRATEN ERZÄHLT , DER GEZWUNGEN
IST , EINEN S ÖLDNER ANZUWERBEN , UM SEINEN W ECHSEL ZU EINER
ANDEREN F IRMA ZU BEWERKSTELLIGEN . D IESE I DEE IST NICHT SO
PHANTASTISCH , WIE ES SCHEINT . D IE M ANAGEMENT - UND H IGH - T ECH -
B ERATUNGSFIRMA A RTHUR D. L ITTLE GING 1994 IN DEN USA VOR
G ERICHT , UM EINE V ERFÜGUNG ZU ERWIRKEN , DIE ES DEM
K ONKURRENTEN EDS, IN B ESITZ VON G ENERAL M OTORS , WELTWEIT

415
VERBIETET , L ITTLE -A NGESTELLTE ABZUWERBEN . EDS HATTE ZUVOR
PRAKTISCH DIE GESAMTE M ANNSCHAFT AUS DEM L UFT - UND
R AUMFAHRTBEREICH DER B ERATUNGSFIRMA L ITTLES WEGGELOCKT ,
WAS MERKLICHE G ESCHÄFTSEINBUSSEN ZUR F OLGE HATTE . I MMER
MEHR F IRMEN LEGEN IHREN A NGESTELLTEN VERTRAGLICHE
R ESTRIKTIONEN AUF , DIE VERHINDERN SOLLEN , DASS DIESE BEIM
V ERLASSEN DER F IRMA »G ESCHÄFTSGEHEIMNISSE « MITNEHMEN UND
SIE EINEM K ONKURRENZUNTERNEHMEN ZUR V ERFÜGUNG STELLEN . D IE
A UTOHERSTEILER V OLKSWAGEN UND G ENERAL M OTORS WAREN LANGE
IN EINEN S TREIT WEGEN F IRMENSPIONAGE VERWICKELT , DER SEINE
K REISE BIS NACH B ONN UND W ASHINGTON ZOG . E R WURDE AUSGELÖST
DURCH DEN W ECHSEL DES EHEMALIGEN GM-D IREKTORS J OSÉ I GNACIO
L OPEZ ZU V OLKSWAGEN , BEI DEM ER EINEN GROSSEN T EIL SEINER
L EUTE MITNAHM . A NGEBLICH HATTEN SIE GEHEIME C OMPUTERDATEIEN
MIT DEN STRATEGISCHEN P LÄNEN VON G ENERAL M OTORS MITGEHEN
LASSEN .

Was für Telefone, Flugzeuge und das cybernetische


Kriegsmanagement gilt, gilt auch für die Wirtschaft. Die
cybernetischen Produktionsnetze sind zum Kennzeichen der
Weltwirtschaft schlechthin geworden.23 Prinzipiell führen sie zu
höherer Flexibilität und Effizienz und niedrigeren Kosten. Die
praktische Folge davon ist, daß die Arbeitskraft jetzt als ein »Input«
unter vielen verstanden wird, die die einzelnen Teile einer Reihe
verstreuter und oft unabhängiger Tochterunternehmen - auch als
Marktknoten beziehungsweise Knoten bezeichnet-bedienen.*

Angestellte und Arbeiter sind mit zwei ernstzunehmenden Kon-


kurrenten konfrontiert: Leute an anderen Orten und Systemen, die
dazu entworfen wurden, ihre Aufgaben zu übernehmen.+24

Die Technologie zerstört mehr Arbeitsplätze als sie schafft, und


nirgends wird das so deutlich wie bei jenem »Motor des zukünf-
tigen wirtschaftlichen Wachstums«: den aufstrebenden High- Tech-
Unternehmen."

416
Was folgt daraus? Die Einkommenskluft zwischen Reichen und
Armen wird größer, die Festanstellungen nehmen ab oder ver-
schwinden ganz, die Unsicher-
heit wächst. Kurz gesagt, man * »K NOTEN « MEINT EINEN
braucht heute weniger Leute P UNKT , UM DEN HERUM
denn je, um ein Produkt zu UNTERGEORDNETE T EILE
ORGANISIERT SIND . IM
entwickeln, herzustellen und zu CYBERNETISCHEN
verkaufen. Allein der Gedanke ZUSAMMENHANG WIRD DAMIT
an Vollzeitarbeit wird zu einem EINE B EDIENUNGSEINHEIT
BEZEICHNET , DIE MIT EINEM
»gesellschaftlichen Artefakt, C OMPUTER IN EINER S PHÄRE
das seine Zweckmäßigkeit VON VERNETZTEN M ASCHINEN
überlebt hat«25 VERBUNDEN IST . + D ER
»A UTOMAT [ IST ] DAS GENAUE
WIRTSCHAFTLICHE Ä QUIVALENT
DES S KLAVEN «, SCHREIBT
N ORBERT W IENER . »J EDE
A RBEIT , DIE SICH MIT
S KLAVENARBEIT MISST , MUSS
SICH AN DIE WIRT -
SCHAFTLICHEN B EDINGUNGEN
VON S KLAVENARBEIT
ANGLEICHEN .« (M ENSCH UND
M ENSCHMASCHINE , F RANKFURT
A .M. 1952, S. 172.)
"Z WISCHEN 1987 UND 1991
NAHM DIE
B ESCHÄFTIGUNGSZAHL IM IT-
S EKTOR IN DEN USA, DIE
INNERHALB DER OECD DEN
GRÖSSTEN A NTEIL DERARTIGER
A RBEITSPLÄTZE AUFWEIST , UM
18,9 P ROZENT AB . I M SELBEN
Z EIT RAUM NAHM SIE IN
D EUTSCHLAND UM 5,8
P ROZENT AB UND IN I TALIEN
UM 16,5 P ROZENT . I N DER
OECD INSGESAMT GING SIE
ZWISCHEN 1985 UND 1987 UM
8,3 P ROZENT ZURÜCK ,
ZWISCHEN 1987 UND 1991
STAGNIERTE SIE . (V IVIAN
B AYAR UND P IERRE M ON -
TAGNIER : »T HE I NFORMATION
T ECHNOLOGY I NDUSTRY « IN :
T HE OECD O BSERVER , N R .
198, F EBRUAR /M ÄRZ 1996,
417 S.39.)
Schon heute hat ein Drittel der arbeitenden Bevölkerung auf der
Welt, also ungefähr 820 Millionen Menschen, entweder keinen
Arbeitsplatz oder arbeitet länger für einen Lohn, der nicht einmal
die Kosten deckt.*

Gnadenlose Zyniker ziehen vielleicht den Schluß, falls es eine


cybernetische Renaissance gegeben hat, wird man sie am ehesten in
den geschmeidigen Euphemismen der Direktorenwelt finden, wo
die Angestellten einer Firma sich einer »Verlagerung« unterziehen
lassen müssen und sich als ein »Surplus an Forderungen«
wiederfinden und daher freundlicherweise das Angebot bekommen,
»sich an einem anderen Ort nach einer Funktion umzusehen«. Mit
anderen Worten: ihr »Beruf ist überflüssig geworden«; was
bedeutet, daß sie im Verlauf der »menschlichen Neukonstruktion«
»ausgesondert« werden. Daraus folgt natürlich, daß sie sich einer
»unfreiwilligen Kündigung« gegenübersehen. Im Begriffskatalog
der Unternehmen, die in Kategorien der »Rationalisierung« denken,
kommen Worte, die echte Verantwortlichkeit zum Ausdruck
bringen, nicht vor.

418
Statt an die Stelle der industriellen Großproduktion zu treten,
revolutioniert die cybernetische Wirtschaft deren Methoden, nimmt
weltweit eine Umverteilung der Arbeit vor und verschiebt vor allem
die Antriebskräfte in eine neue Informationssphäre. Während dieses
Prozesses erzeugt sie auch eine verhängnisvolle Kluft zwischen
Gewinnern und Verlierern und hinterläßt, laut

* D IES IST DER HÖCHSTE


S TAND SEIT DER D EPRESSION IN
DEN DREISSIGER J AHREN .
S IEHE HIERZU DEN JÄHRLICHEN
B ERICHT DER I NTERNATIONAL
L ABOR O RGANIZATION , G ENF .
E S BLEIBT ABZUWARTEN , OB
DIE I NFORMATIONSREVOLUTION
SO WIE DIE I NDUSTRIELLE
R EVOLUTION NACH EINER
SCHWIERIGEN P HASE DES
Ü BERGANGS NEUE A RTEN VON
A RBEITSPLÄTZEN SCHAFFT .
B ISHER SCHEINT ES SO , ALS
WÜRDEN HIER VIEL WENIGER
L EUTE GEBRAUCHT WERDEN . I N
A NBETRACHT DES U MFANGS
DER MOMENTANEN
U MWÄLZUNGEN STELLT SICH
DIE NOCH DRINGLICHERE
F RAGE , OB DIE
G ESELLSCHAFTEN MIT IHREN
DEMOKRATISCHEN
I NSTITUTIONEN DEN Ü BERGANG
UNBESCHADET ÜBERSTEHEN
WERDEN . UM DIESES P ROBLEM
WIRD ES SPÄTER NOCH GEHEN .

419
Ethan Kapstein, Leiter des Council on Foreign Relations in New
York, »Millionen unzufriedener Arbeiter. [...] Ungleichheit,
Arbeitslosigkeit und endemische Armut sind zu ihren ständigen
Begleitern geworden.«26

Eine Spaltung dieses Ausmaßes hat es noch nie gegeben, aber sie
ist auch nicht ganz ohne Parallelen in der Geschichte. Mit der
Telefontechnologie wurde eine Entwicklung beschleunigt, bei der
die alten ortsansässigen Unternehmen und landwirtschaftlichen
Familienbetriebe aufgelöst wurden und dafür ein Wirtschaftssystem
sich ausbreitender nationaler Konzerne entstand. Es dauerte eine
Weile, bis die sozialen Institutionen und das Empfinden der
Menschen dieser Entwicklung aufgeschlossen hatten. Die
Belegschaften waren aufgespalten worden und unfähig, sich sofort
zu organisieren und wirkungsvoll zu reagieren. Es dauerte bis in die
dreißiger Jahre, zum Höhepunkt der Depressionszeit, bis die
Arbeiterverbände in den USA das Recht erlangt hatten, mit ihren
Arbeitgebern auf gleicher Basis zu verhandeln. Diese gewalttätige
und unruhige Zeit mit hoher Arbeitslosigkeit und großer sozialer
Unsicherheit scheint heute bei vielen Menschen der entwickelten
Welt in Vergessenheit geraten zu sein. Nichtsdestotrotz war es eine
Zeit, die eine der größten Herausforderungen für die demokratische
Gesellschaft überhaupt darstellte. Politiker, die unter Franklin D.
Roosevelts den New Deal von 1932 bis 1936 miterlebten, erinnern
sich an das damalige Gefühl, vor der weitreichenden Entscheidung
gestanden zu haben, sich entweder mit den neuen Verhältnissen
anzufreunden oder den Vorsitz über den Kollaps der Gesellschaft zu
führen, entweder eine geordnete Revolution zu organisieren oder
Zeuge des Zusammenbruchs des ganzen Systems zu werden. In
Europa schwelte damals die Glut des Faschismus und Militarismus,
die schließlich den Zweiten Weltkrieg entflammte.

Ironischerweise kam es zu diesen ganzen Turbulenzen, weil die

420
Menschen den Wunsch hatten, an den neuen wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Verhältnissen des Systems teilzuhaben, und nicht
weil sie es aushebeln wollten. Diese Erfahrungen haben auch in
Hinblick auf den Weg der Entwicklungen, den wir heute
eingeschlagen haben, nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt. Die
soziale Stabilität und der gesellschaftliche Konsens waren die
Stützen, die die anfänglichen Erschütterungen der
Industrialisierung auffingen - nämlich das allgemeine Wahlrecht,
Gewerkschaften, Wohlfahrtseinrichtungen und so weiter -, und
diese Stützen bröckeln weg. Da das Internet den Weg zu einem
elektronisch vernetzten Weltmarkt frei macht und sich neue
Imperien bilden, die auf der Ausbeutung eines radikal erweiterten
Begriffs von Information gründen, werden die Bürger gezwungen
sein, schnell umzudenken und neue gesellschaftliche und politische
Maßnahmen zu entwerfen, um mit Exzessen, wie sie sich jetzt
schon zeigen, fertig zu werden. Sie werden die an Bedeutung
verlierenden Begriffe einer politischen »Linken« und »Rechten«
neu definieren müssen; sie werden schwierige Entscheidungen
zwischen »Offenheit« und »Protektionismus« treffen müssen; sie
werden Initiativen für eine ausgewogenere Kosten-/Nut-
zenverteilung innerhalb ihrer eigenen Grenzen ergreifen müssen.
Sie werden auch die Kosten für höhere soziale Ausgaben zu tragen
haben und die Notwendigkeit flexiblerer und effektiverer
regulatorischer Maßnahmen akzeptieren müssen. Zugegeben, das
ist eine lange Liste. Aber wenn diese Schritte nicht gemacht werden
und der Wandel in dem derzeitigen Tempo voranschreitet, besteht
die Gefahr, daß wir erleben werden, daß sich die Geschichte
wiederholt, nur dieses Mal in gewalttätigerer und destabilisierender
Form.

421
Aber genug von diesen alten Schreckgeschichten und zurück in die
schöne neue Welt der Videospiele und Computerbelustigungen. Ins
Reich der spitzenmäßigen Softwarepakete wie DivorceX - das
perfekte Werkzeug, wenn man Lieblingsurlaubsphotos hat, auf
denen ehemalige Ehemänner oder Ehefrauen zu sehen sein sollten,
die man lieber vergessen möchte. Kein Problem! Schmeiß die Kiste
an, schnipsel den Ex raus und kleb statt dessen die neue Flamme
rein. Und was ist das dann? Digital zusammengebastelte
Wirklichkeit. Wie angenehm, Realität und Virtualität miteinander
kombinieren zu können.

Natürlich war es Hollywood, das der Technik des »Morphens« im


Film den Weg bereitete. Clint Eastwood spielt in The Line of Fire
einen Geheimdienstagenten, der die Chance erhält, sein früheres
Versagen bei dem Attentat von Dallas wiedergutzumachen. In
einem packenden Rückblick sehen wir, wie er als Begleitschutz
neben der Limousine von JFK herläuft; diese Szene wird vor uns in
einer nahtlosen und höchst plausiblen Montage aus zeitlich
unzusammenhängendem Filmmaterial abgespult. Die Dinosaurier
aus Steven Spielbergs Jurassic Park wurden mit digitalen Mitteln
entworfen, animiert, bearbeitet und zusammengesetzt: das Ganze
ist eine hybride Mischung aus echtem Leben und perfekter Simula-
tion. Und der Rasenmähermann von Bratt Leonard aus dem Jahr
1992 erreicht die wolkenverhüllten Gipfel des Morphing-Nirwanas.
Streckenweise bewegt sich der Film in einem gänzlich virtuellen
Raum und führt die vollkommene sinnliche Erfahrung vor, in der es
nichts Materielles gibt.

Die von vielen Politikern und Fachleuten geförderte


cybernetische Zukunft ist eine ebenso irreführende Collage. Sie
enthält Versatzstücke der Wahrheit, die sorgsam aus ihrem
Zusammenhang gelöst wurden, um einen konsistenten, wenn auch
unwirklichen Traum zu erzeugen.

Während der kurzen und bemerkenswerten Geschichte des

422
cybernetischen »Paradigmas« wurden dessen Schattenseiten
entweder nicht wahrgenommen, mißverstanden oder schlicht
ignoriert. Ihr klugen Jäger der postmodernen Stämme, seid
vorsichtig! Selbst in den sonnendurchfluteten Savannen gibt es
tückische Schattenflecken. Wirf dein Modem an (wenn du eins
hast), klink dich ins Internet ein (wenn du es dir leisten kannst) und
lad' die Magna Carta for the Knowledge Age runter (vorausgesetzt
du gehörst zu dem einen Prozent der Weltbevölkerung, das weiß,
wie das geht). Auch wenn es in der Magna Carta hauptsächlich
darum geht, für eine Agenda der uneingeschränkten Deregulierung
der Kommunikationsindustrie einzutreten (die nebenbei als ihr
»Manifest De- stiny« bezeichnet wird), und all die als
patriarchalisch und »gesellschaftlich elitär« zu beschimpfen, die für
einen gemesseneren Gang plädieren, wird klar, daß dieses ominöse
Dokument in aller Bescheidenheit verkündet, daß das »zentrale
Ereignis des zwanzigsten Jahrhunderts der Sieg über die Materie
ist«. Tatsächlich »verliert Reichtum in Form von materiellen
Ressourcen an Bedeutung, [...] die wichtigste Ressource ist [...]
Wissen«.27 Einst wurden die einzelnen Epochen der
Menschheitsgeschichte von Bronze, Eisen und Öl beherrscht, heute
bewegen wir uns in Warp-Geschwindigkeit auf eine Zukunft zu, in
der die Fusion von Information und Hochtechnologie die »primäre
Ressource [sein wird], um wirtschaftlichen Wohlstand zu
erlangen«.28 Selbst die Europäer in Brüssel haben es geschafft, dazu
ein Konsenspapier zusammenzuschustern: »Die Entwicklung in
Richtung der Informationsgesellschaft [...] wird auf lange Sicht die
gleiche Bedeutung wie die erste Industrielle Revolution haben.«29

Diejenigen, die die Kosten dieses Übergangs zu tragen haben -


und das sind nicht nur einzelne Menschen oder Unternehmen im
Westen, sondern auch die nicht vernetzte Mehrheit der
Weltbevölkerung (von der wiederum 40 Prozent noch Ackerbau
betreiben) müssen zusätzlich sämtliche Folgen auf sich nehmen.
Ihnen wurde versichert, daß eine durch und durch vernetzte Welt
automatisch auch angenehmer und besser sei als die, in der sie eben
leben. Es ist, als bedeutete die bloße Existenz eines globalen Netzes
allerorten Aufklärung, gerechte Verteilung der Ressourcen und
allgemeinen »Machtzuwachs« für die vielen, verschiedenen
Gesellschaften auf der Welt. Die Menschheit wird auf
geheimnisvolle Weise, mit immer raffinierteren und intelligenteren
Methoden das »System Erde« verstehen und handhaben können,
indem sie die neuen Werkzeuge - Satelliten, Sensoren, Parallel-
rechner - nutzt. Die richtige Dosis »angemessener Technologie« zur
rechten Zeit am rechten Ort wird wie Dünger für das individuelle
Wachstum, die intellektuelle Entwicklung und den Fortschritt
humanitärer Ideale wirken.

Betrachtet man aber irgendeine einzelne Komponente dieser


sogenannten digitalen Ökonomie gezeichnet. Einen eindeutigen Be-
näher, dann verliert das Bild an weis für deren Existenz gibt es
Schärfe.

* Die groben Umrisse einer Informationswirtschaft hat Daniel


Bell in "Die nachindustrielle Gesellschaft" gezeichnet. Einen
eindeutigen Beweis für deren Existenz gibt es nicht, und er ist auch
schwer zu erbringen, weil eine zuverlässige Meßmethode fehlt.
Hierein paar willkürlich herausgesuchte Daten:

•Vor mehr als einem Jahrhundert, im Jahr 1870 wurden zwei


Drittel des Bruttoinlandsproduktes durch die Herstellung
materieller Güter erwirtschaftet, das übrige Drittel setzte sich aus
Dienstleistungen zusammen. 1990 hatte sich das Verhältnis
umgedreht. Die Informationstechnologie war bei dieser
Entwicklung nur einer unter vielen Faktoren, entscheidender war
vermutlich die Entwicklung von Kraftfahrzeugen und der damit
verbundenen Industrien.

•1994 stieg der Welthandel mit Waren um 9 Prozent, das ist die
höchste Wachstumsrate in einem Zeitraum von zwanzig Jahren. Ein

424
großer Teil dieses Wachstums ging nach Angaben der
Welthandelsorganisation auf Massengüter und
Kommunikationsgeräte zurück. Der Wertzuwachs grenz-
überschreitender Dienstleistungen verlangsamte sich dagegen in der
Zwischenzeit sowohl absolut als auch relativ. Es ist interessant, daß
in den acht- ziger Jahren von den weltweit größten
Volkswirtschaften, diejenigen die schlechtesten Handelsbilanzen
aufwiesen, die am abhängigsten von der Hochtechnologie waren
(die Vereinigten Staaten und Großbritannien). Am erfolgreichsten
waren diejenigen, die in allen Bereichen, von High- bis Low- Tech,
relativ stark sind (Japan, Italien und Deutschland). • Bis zur
Erfindung des Telefons wurde Kommunikation nicht als ein kom-
merzieller »Dienst« verstanden. Mit dem Erscheinen neuerer und
verwandter Systeme (wie Fernsehen, Telefax, Satelliten, Modems
und so weiter) und der fortschreitenden Miniaturisierung,
Leistungszunahme und Verbilli- gung von Mikroschaltkreisen
fielen allgemein die Kosten für die Verarbeitung und Verteilung von
Informationen. Das wiederum beförderte ein Wachstum, was die
Bereitstellung und Geschwindigkeit von Informationen angeht.
Wenn das die Informationsrevolution ist, dann wird ihr Ausgang
von der Kontrolle über die Versorgung der Handelswege ABHÄNGEN.
Der Kampf darum hat gerade begonnen.

•ABGESEHEN VON DEN HOHEN KOSTEN, DIE MIT DEM BESITZ UND DEM
BETRIEB VON COMPUTERNETZWERKEN VERBUNDEN SIND, GIBT ES EINEN
GRUNDLEGENDEN DISSENS DARÜBER, WORIN EIGENTLICH DIE
EIGENTUMSRECHTE AN INFORMATIONEN BESTEHEN - DIESE FRAGE IST
FÜR JEDE GESELLSCHAFT, DIE AUF INFORMATION BASIERT, VON
GRÖSSTER WICHTIGKEIT. »BESITZT« MAN SEINE TELEFONNUMMER?
UND WAS IST MIT DER ELEKTRONISCHEN AUFZEICHNUNG IHRES
KAUFVERHALTENS UND IHRER KRANKENGESCHICHTE? UND WER IST
FÜR DEN SCHUTZ IHRER RECHTE VERANTWORTLICH UND ERLÄSST
DIESBEZÜGLICH NEUE GESETZE? »INFORMATION«, SO HAT DER AUTOR
STEWART BRAND ERKLÄRT, »WILL FREI SEIN.«30

Der Computer erleichtert die Reproduktion und Verteilung


bestimmter Vorgänge in noch nie dagewesener Weise. Anne
Branscom, Juristin aus Harvard, meint, daß »die Leichtigkeit, mit
der elektronische Impulse manipuliert, modifiziert und gelöscht
werden können, dem bedächtigen Gesetzsystem feindlich ist, das in
der Ära greifbarer Gegenstände entstand«. Daten, die einst
geschützt wurden, eben weil sie in physikalischer Form vorlagen
oder schwer zu reproduzieren und/oder zu bewegen waren - oder
auch weil sie, wie die Stimme, nicht als »Daten« verstanden
wurden -, können

jetzt »in einer Weise bearbeitet werden, in einer inkommensurablen


Geschwindigkeit, die für das menschliche Auge nicht mehr
wahrnehmbar ist«31

Das neue System ist äußerst komplex. Aber das ist in erster Linie
darauf zurückzuführen, daß Hochgeschwin- digkeits-
Datenübertragungsgeräte einen potentiell grenzenlosen, globalen
Raum geschaffen haben, aber nicht einmal die elementarsten
Regeln zur Sicherung seiner Stabilität. Regulatorische Kräfte, die
dem entgegensteuern würden, sind noch immer national begrenzt.
So verschwinden zum Beispiel wertvolle Datenbänke über Kaufge-
wohnheiten, Krankengeschichten, Einkommen und die Lebensläufe
einzelner Menschen in einem vollständig unterregulierten
Datendschungel, so wie zur Umgehung von Steuern jahrelang
Vermögen in Briefkastenfirmen in der Schweiz, Liechtenstein und
auf den palmengesäumten Antillen flössen. Solche Vorgänge
werden durch die Technik zwar erleichtert, aber erst die
Verzögerung bei der Schaffung gesetzlicher Rahmenbedingungen
hat den Anreiz für dieses chaosfördernde Verhalten geschaffen. Das
heißt nun nicht, daß eine Regulierung nicht möglich wäre. Ist zum
Beispiel eine Information erst einmal in das Netz eingespeist, ist es

426
für Firmen mit der entsprechenden Ausstattung ein leichtes, deren
Bewegung zu steuern und den Wert ihres geistigen Besitzes im
Cyberspace zu schützen. So können sie beispielsweise ihre Kunden
elektronisch identifizieren und Daten »markieren«, um die
ordnungsgemäße Bezahlung sicherzustellen. Es fragt sich nur, ob
der normale Bürger in der Lage sein wird, eine ähnliche Kontrolle
auszuüben, und in wessen Interesse die Informationswelt verwaltet
wird.

Hier sind Wertsetzungen gefragt, die von dem manchen nicht


ganz ungelegenen Mythos beeinträchtigt werden, »das System«
gerate vollkommen »außer Kontrolle«. Um den Gang der
gegenwärtigen Ereignisse zu erklären, bedient sich die neue Elite
freizügig bei der Chaostheorie, die sich damit beschäftigt, wie aus
dem ständigen Wandel Systeme entstehen, zum Beispiel bei
Flüssigkeiten in einem turbulenten Zustand. Angeblich könne man
die immer komplexere Weltwirtschaft am ehesten mit einem
Ameisenhaufen oder einem Bienenstock vergleichen, als ein
»selbstregulierendes System« also. Wenn es Probleme gibt - und
die gibt es -, dann resultierten sie nicht aus einer ungerechten
Politik oder ungleichgewichtigen technologischen und
ökonomischen Entwicklungen, sondern aus dem fehlgeleiteten
Bemühen, sie mit einem Übermaß an »schwerfälligen Gesetzen« zu
lösen. Angesichts der »unaufhaltsamen technologischen Flut« sei
die einzig rationale Möglichkeit der staatlichen Regulierung die des
Laissez-faire.*
Einige Digerati behaupten tat-
sächlich, daß das repräsentative
Regierungssystem »das letzte
große Bollwerk der Bürokratie auf
dem ganzen Planeten«32 sei.+

* Allein diese Ansicht gibt jetzt schon den Gang der Ereignisse vor.
+
Adam Smith behauptet in seinem Klassiker Der Wohlstand der
Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen (1776),
daß die Märkte am besten durch die »unsichtbare Hand« der Kräfte des
freien Marktes reguliert werden. Diese Position wurde in unserem
Jahrhundert durch Friedrich von Hayek vertreten und ausgearbeitet, der
meinte, je komplexer eine Gesellschaft wird, desto weniger kann sie
zentral gesteuert werden. Diese Theorie bildet zusammen mit vielen der von
der Chaostheorie vorgebrachten Annahmen das im späten zwanzigsten
Jahrhundert vorherrschende, wirtschaftlich orthodoxe Denken - eines des
anarchischen Individualismus, der versucht die staatliche Infrastruktur zu
demontieren und deren regulierender »strenger Hand« zu entkommen. Wobei
die Gesellschaften natürlich seit jeher versuchen, das Chaos auf verschiedene
Weise zu begrenzen oder zu regulieren. So gibt es zum Beispiel eine breite
öffentliche Unterstützung für die zentralisierte Kontrolle über petrochemische
Anlagen, Atomkraftreaktoren und Marschflugkörper, um nur ein paar der
komplexerem Systeme zu nennen. Abgesehen davon tendieren Systemtheorien
dazu, jene irrationale und transzendente Gabe zu mißachten, die den Menschen
auszeichnet: die Fähigkeit, sich zusammenzutun und um eines höheren Ideals
willen Opfer zu bringen, wenn es die Umstände erfordern.

428
Da ist es doch viel nützlicher, die Menschheit als »eine
Ansammlung geistloser Automaten in der Art eines riesigen
Bienenstocks« zu verstehen.33 Einer der Gurus des digitalen
Zeitalters - Nicholas Negroponte vom Media Lab des MIT -
bewundert die hübschen V-förmigen Formationen des
Zugentenflugs. Das Fehlen einer Führung scheint ihm ein äußerst
sympathisches Merkmal zu sein. Wenn er das Vogelleben in der
freien Natur betrachtet, dann sieht er »eine hochsensible Sammlung
von Prozessoren, die individuell handeln und - ohne einen Leiter -
bestimmten einfachen Regeln der Harmonie folgen.«34

Wie dem auch sei, wenn sich die Weltwirtschaft noch mehr
Eigenschaften der Maschinen, die sie in Gang halten, aneignet, wird
sich die Kluft zwischen dem rechnerisch Machbaren und der dem
Menschen angemessenen und tragbaren Umsetzung vergrößern. Es
ist unwahrscheinlich, daß der Übergang zu einer virtuellen Wirt-
schaft - für die meisten Menschen auf der Welt - so sanft verlaufen
wird, wie die privilegierten technischen Protagonisten behaupten.
Selbst Adam Smith, der die industrielle Welt mit einer Maschine
verglich, räumte ein, daß Ventile notwendig sind, um den Druck zu
verringern und das Chaos zu begrenzen. Aber in der
kalkulatorischen Denkweise der cybernetischen Elite haben selbst
solch grundlegende Vorkehrungen wie die Notwendigkeit, ein
Gleichgewicht zwischen der cybernetischen Leistungsfähigkeit und
den Grenzen des Menschen zu finden, keinen Platz. Ihr Verstand
arbeitet wie ein Videospiel in einem geschlossenen Kreis. Ihr
Wertesystem dient ausschließlich egoistischen und quantitativen
Zielen und versucht durch Kontrolle, mit den unberechenbaren
menschlichen Energien fertigzuwerden. Die phantastischen
Szenarien des »vernetzten Wachstums« lassen eine dauerhafte so-
ziale, ökologische und politische Lebensfähigkeit außer acht, das
heißt inwieweit die hohen Kosten einer wettbewerbsfähigen
»Neuverkabelung« und der kontinuierlichen ökonomischen
Integration im Alltagsleben getragen werden können. Die

429
Menschheit steht mit diesem Übergang vor der vermutlich größten
Krise ihrer Geschichte. Wandel ist das untrüglichste Zeichen des
Lebens, aber wenn er bislang meist auf dem Boden beständiger Ver-
hältnisse stattfand, tendiert er heute eher zu einem radikalen Bruch
mit dem Bestehenden. Wenn zum Beispiel ein Sturm über die
Fischereibetriebe einer Küstenregion hinwegfegte, legten
Großvater, Vater und Sohn Hand an und reparierten die Boote und
flickten die Netze. Das Leben der Fischer ging weiter. Heutzutage
werden die Fanggründe von Fabrikschiffen leergefischt, die Fami-
lien sind in alle Winde zerstreut und die Gemeinschaften und
Gebräuche, die auf der ansässigen Wirtschaft gründen, sind am
Verschwinden. Bestehende Verhältnisse verändern sich von einem
Moment zum anderen. Der Handel wird von einer immer
leistungsfähigeren und schnelleren Technologie angetrieben. Mit
Lichtgeschwindigkeit werden Daten in alle Richtungen übermittelt.
Eine Firma kann sich Werkzeuge nutzbar machen, die der Er-
reichung des eigenen Zieles nach ständigem Wachstum dienen, aber
die Menschen werden in der Mehrzahl mit diesen Entwicklungen
nicht Schritt halten können.
Wenn die digitale Technologie die Umgebung des Menschen
schneller umgestaltet, als er mit seinen Sinnen zu erfassen vermag,
kann das zu einem gefährlichen Ungleichgewicht führen, zu einem
Riß in der Seele, in dem leicht auszubeutende Ängste aufsteigen, zu
dem Bedürfnis nach einfachen Gewißheiten und zu einer wachsen-
den politischen Unruhe.

Die Erschütterungen zweier Weltkriege waren nötig, um die


Brüche, die sich im Laufe der Industrialisierung auftaten, wieder zu
schließen. Was kam dann? Der Medienphilosoph Marshall
McLuhan war einer der ersten, der erkannte, wie stark die
elektronische Revolution in unsere kollektive Psyche eingreifen und
sie verändern würde. Er beschrieb das ausgehende zwanzigste
Jahrhundert als eine Zeit, in der viele Menschen entweder dazu ten-
dieren, sich an den Überbleibseln einer obsolet gewordenen

430
Identität festzuhalten, oder verzweifelt hinter Antworten herjagen,
die ihnen neue Glaubenslehren und Ideale versprechen. Er war
überzeugt, daß »die Agonie unseres Zeitalters die Wehenschmerzen
einer Wiedergeburt« sind.35 Aber je zersplitterter und wechselvoller
sich das Leben gestaltet, je verzweifelter die Menschen nach
Verankerungen suchen, desto unbeständiger wird die ganze
Situation. Erschütterungen menschlicher Überzeugungen lösen
allerorten Explosionen der Gewalt aus. In der islamischen Welt
auch im »Westen« gibt es Anzeichen für eine »begründete
Verweigerung gegenüber dem Materialismus und den Mangel an
klar definierten moralischen Prinzipien«36; bestehende Führungen
werden mit einem Mißtrauen betrachtet, das von deren moralischer
Zerrüttung herrührt. Angewidert wenden sich die entfremdeten
Bürger von der Politik ab; in ihrer Hoffnungslosigkeit werden die
Menschen zu Extremen getrieben; der Globus wird aufgespalten
durch reaktionäre Behauptungen »fundamentaler Wahrheiten«.
Kurz gesagt, das eigentliche Chaos ist menschlich, aber es wird
durch die technischen Mittel noch künstlich verstärkt.

Dem wird das Versprechen gegenübergestellt, über die digitale


Grenze entfliehen zu können, an einen Ort verlockender, aber
gefährlicher Amnesie.*

Die Anziehungskraft solcher Traumwelten mag im innersten


Kern des Unbewußten liegen. C.G. Jung hatte genau gewußt, daß die
verschiedenen Wege der psychischen Entwicklung entweder in den Tod
oder zur Wiedergeburt führen können. Für Jung hielten die Metaphern der
klassischen Antike eine Erklärung bereit. So verwies er auf eine Geschichte,
in der Theseus und Pirithouseinem Pfad in eine tiefe Schlucht
folgten, die zur Unterwelt führte; sie hofften dort, Persephone
finden und entführen zu können. Die Anstrengung hatte sie
erschöpft. Sie suchten einen bequemen Fels, auf dem sie sich
ausruhen wollten - für einen Moment wollten sie die Strapazen ver-
gessen und Atem schöpfen. Aber durch den Versuch die Mühen des

431
Übergangs hinauszuschieben, wenn auch nur für kurze Zeit,
gefährdet man die ganze Unternehmung. Als die beiden Reisenden
sich also wieder aufmachen wollten, merkten sie, daß sie sich auf
einmal in Stein verwandelt hatten. Die Botschaft ist klar: für den
Einzelnen oder für ganze Kulturen läuft der Vorgang der
Selbsttransformation ES darauf hinaus, sich mutig dem innersten
Kern unseres kulturellen Daseins zu stellen. Die cybernetische
Revolution zwingt die Menschen wohl zu einer ähnlichen
Konfrontation: der Entscheidung zwischen der Anpassung an die
irdischen Grenzen und einer flucht, die Vergessen bringt, aber das
Chaos nur vergrössern wird.

Die Menschen lockt es in das Wunderland phantastischer


Versprechungen wie zu den Zerstreuungen bei einem Videospiel
mit all seinen bunten Lichtern und seiner Magie; von den
dringlicheren und schwerwiegenderen Entscheidungen, die unser
Dasein betreffen, wird dabei abgelenkt. Der anglo-holländische
Autor Ian Bu- ruma bemerkte einmal, daß die »Phantasie die letzte
Zuflucht der Besitzlosen ist«37. Wenn das zutrifft, dann sind die
Videospielphantasien genau das, was die Welt vermeiden muß. Das
Wohl der Völker hängt nicht davon ab, ob eine kolonialistische
Perspektive einfach durch eine andere ersetzt wird. Die
Technokraten des Kalten Krieges haben der Cyberdeck-Elite den
Platz geräumt, und jetzt stellt sich die Frage, ob sich ein
grundlegendes globales Gleichgewicht zwischen den Imperativen
des Wettbewerbs und des Besitzes und den Prinzipien des Erhalts
und der Ausgewogenheit wiederherstellen läßt. Diese
Herausforderung kommt nirgendwo sonst so deutlich zum
Ausdruck wie auf den Schlachtfeldern der elektronischen
Unternehmen.

432
K APITEL DREI

Die neuen Orte der Herrschaft


M IR GEHT ES WIE L OUIS P ASTEUR , DER DEN Ä RZTEN SAGT , DASS IHR
GRÖSSTER F EIND VOLLKOMMEN UNSICHTBAR IST UND SIE IHN
ÜBERHAUPT NICHT ERKANNT HABEN . U NSERE ÜBLICHE A NTWORT , MIT
DER WIR ALLE M EDIEN ABTUN , NÄMLICH , DASS ES DARAUF ANKOMME ,
WIE WIR SIE VERWENDEN , IST DIE BEFANGENE H ALTUNG DES
TECHNISCHEN D UMMKOPFS . D ENN DER »I NHALT « EINES M EDIUMS IST
MIT DEM SAFTIGEN S TÜCK F LEISCH VERGLEICHBAR , DAS DER
E INBRECHER MIT SICH FÜHRT , UM DIE A UFMERKSAMKEIT DES
W ACHHUNDES ABZULENKEN .
Marshall McLuhan1

Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit dem Rad auf einer sonnigen
Landstraße, die sich zwischen den Städten mit ihren
Befestigungsanlagen auf den Hügeln Südfrankreichs
entlangwindet. Die Landschaft lenkt das Gespräch auf das
Mittelalter. Vor Ihrem geistigen Auge entsteht das Bild von
Unordnung und Zersplitterung. Sie sehen Schlösser vor sich, Sie
sehen Ritter um Landstraßen kämpfen und Leibeigene das Land
bestellen, das Sie durchqueren. Damals, fällt Ihnen ein, lebten die
meisten Menschen in Leibeigenschaft - sie standen im Dienste
eines Lehnsherren, der seinerseits dem König zur Treue verpflichtet
war. In diesem Zeitalter lag das Recht bei den Stärksten, Kirche
und Monarchie bildeten ein engmaschiges Machtgeflecht, in das
die Bevölkerung mit ihren Wünschen und Pflichten gefesselt und
das materielle und moralische Gefüge des Lebens festgelegt waren.

Jedes Zeitalter hat seinen eigenen Herrschaftsapparat -


traditionellerweise eine ungute Mischung aus jenen Leuten, die die
Verfügungsgewalt über die knappsten materiellen Güter haben und
die Mittel, damit zu handeln und sie zu schützen, sowie einer
priesterlichen Kaste, die im geistigen Leben den Ton angibt. Im

433
Mittelalter stützte sich jedes Herrschaftssystem auf den Besitz von
Land und die Vorstellung, daß der König und seine Lehnsherren
Herrscher von Gottes Gnaden seien - natürlich eine katholische
Erfindung. Auf einer Radtour über die Nebenstraßen Frankreichs
kann man noch heute die Überreste des Feudalismus ausmachen:
die Festungen und Klöster, der bunte Flickenteppich der Felder und
die Landstraßen, auf denen die Waren zu den Märkten gebracht
wurden. In der Zeit der Industrialisierung rückte an die Stelle des
Landadels eine neue Herrscherclique: die Unternehmer. Heute
bilden die Parlamente den Horizont der Macht, vor dem sich die
Silhouetten der Bürotürme abheben.

So sieht es zumindest aus. Doch der Welt steht ein au-


ßergewöhnliches technisches Abenteuer bevor, das selbst diese
vertrauten - und sichtbaren - Monumente der Macht verschlingen
und sie durch Strukturen in einem entmaterialisierten,
elektronischen Raum ersetzen wird. Der mit viel Aufhebens
begleitete Wechsel in den »Informationsmodus« des Lebens bringt
eine neue ökonomische Ordnung mit sich, die sich auf andere,
abstrakte Weise manifestiert - ganz abgesehen von deren eigenen
quasi-religiösen Glaubenssätzen. Martin Bangemann, Mitglied der
Europäischen Kommission, stellte zum Beispiel fest, daß »die
Informationsnutzung in den nächsten Jahrzehnten der
entscheidende Faktor im Wettbewerb sein wird« 2. Nur wenn man
sich im großen Maßstab in digitalen Netzwerken oder
»Datenautobahnen« engagiert, könne die ökonomische
Lebensfähigkeit im einundzwanzigsten Jahrhundert sichergestellt
werden. Von Europa über Asien bis Nord- und Südamerika wird der
Sinn eines solchen Engagements nicht mehr hinterfragt, man hat es
auf den Altar der »nationalen Sicherheit« gehoben. Laut Wired
bewirkt die digitale Revolution bereits »so grundlegende
Veränderungen, daß man sie vielleicht nur mit der Entdeckung des
Feuers vergleichen kann«3.
Wenn das zutrifft und für die Welt eine vollkommen neue Epoche
anbricht, dann stellt sich die Frage, welche Art von Hierarchien sie

434
mit sich bringt und welche Formen diese annehmen werden. Wie
wird das cyberne- tische Äquivalent der Schlösser und Klöster, der
Landstraßen und Rohrleitungen aussehen, die unser wirtschaft-
liches und politisches Leben prägen? Welche Kräfte - wenn
überhaupt - werden diese Landschaft beherrschen können? Was
wird das für die Bürger bedeuten?4

Wir befinden uns im Jahr 1983, und Sie verfolgen gebannt einen
Werbespot im Fernsehen. Eine junge Frau in einem weißen
Sportdreß stößt eine stählerne Tür zu einer vollgestopften
Montagehalle auf. Während sie den Gang hinunterjagt, schwingt sie
einen mächtigen Hammer. Mit unbewegter Miene bahnt sie sich
ihren Weg an den Wächtern vorbei durch die Menge der grauen,
hohläugigen Menschen hindurch. Wie hypnotisiert lauschen sie der
Botschaft des Big Brother, dessen jüngste Verlautbarungen auf
einem riesigen Fernsehschirm übertragen werden. Die junge Frau
läuft zu dem Bildschirm, holt weit aus und schleudert den Hammer
in das bebrillte Angesicht. Es zerbricht in tausend Scherben und mit
ihm sein ganzes Charisma. Die Menschen wachen aus ihrer Er-
starrung auf, und eine tiefe Stimme sagt: »Am 24. Januar bringt
Apple Computer den Macintosh auf den Markt. Dann wissen Sie,
warum 1984 nicht 1984 sein wird.«

Apples mittlerweile berühmter Werbespot illustriert die


unanfechtbare Behauptung der Vertreter der cyber- netischen
»Revolution«, daß digitale Technologie und Demokratie zwei
Seiten ein- und derselben Medaille seien. Auf die Frage: »Welchen
Einfluß hat diese Technologie auf die wirtschaftlichen und
politischen Macht-Verhältnisse?« wird man Ihnen antworten, daß
dies die »Bedenken eines Materialisten« seien Das Problem scheint
man irgendwie technisch beseitigen zu wollen. Hat nicht, so
räsonieren die B e fü r wo r t e r, der Personal Computer das
Großrechnermonopol von IHM und damit auch die Strukturen eines
Machtzentrums weggelegt? Nichts wird diese Entwicklung

435
aulhalten können. In einer digitalen Welt wird der Einzelne immer
mehr Macht haben. Das Kleine wird über das Große triumphieren.
Amen.

Diese cybernetischen Glaubenssätze zeichnet ein naives


Vertrauen in den Fortschritt durch Technik aus, das last anrühren
könnte, wenn es nicht so gefährlich wäre zunächst einmal spiegelt
sich darin die Überzeugung wieder daß man keine Lehren aus der
Geschichte ziehen kann Wenn schon einmal auf Geschichte
verwiesen wird, dann mit Sicherheit auf die Renaissance und die
Erfindung des Buchdrucks, mit der die Gewalt der römischen
Kirche über das geschriebene Wort gebrochen wurde. Natürlich fiel
die Renaissance auch mit dem Aufstieg der Medicis und anderer
Handelsgeschlechter zusammen, abei das bleibt unerwähnt. Als sich
der frühere Vorsitzende von Apple, John Sulley, vor einiger Zeit mit
einer Gruppe von Photographen traf, um die ethischen Probleme im
Zusammenhang mit digitalen Bildern zu diskutieren, lenkte er vom
eigentlichen Thema mit dem Hinweis ab, daß »vor Gutenbergs
Erfindung weniger als 10 Prozent der Menschen lesen konnten, und
die paar gehörten zum größten Teil der katholischen Kirche an.
Siebzig Jahre später konnten schon 80 Prozent der Bevölkerung Eu-
ropas lesen. Im zwanzigsten Jahrhundert haben wir erneut die
Möglichkeit, den Menschen eine Technik zugänglich zu machen,
die zuvor in den Händen weniger lag, so wie das Lesen vor der
Renaissance: Wir können aus den Maschinen zur Datenverarbeitung
ein kreatives

Werkzeug machen.«5 Jeder, der mit einem Computer ausgestattet


ist, scheint ein potentieller Unternehmer zu sein. Große Apparate
werden ihre Macht einbüßen, einzelne Menschen - wie die Gründer
von Apple und Microsoft - können die Welt durch einen guten
Einfall verändern. Zum Beweis werden neueste Erkenntnisse aus
der Chaostheorie herangezogen, zum Beispiel die, daß der
Flügelschlag eines Schmetterlings in Hongkong einen Orkan in Los
Angeles auslösen kann. Der Prozeß der Veränderungen hat bereits

436
eingesetzt und wird »nicht aufzuhalten« sein.

Peter Schwartz, ein cybernetischer Futurist, hatte den


Zusammenbruch der Sowjetunion vorausgesagt, als er in der
strategischen Planung des Erdölgiganten Shell arbeitete. Er war
dann als unabhängiger Unternehmer an der Spitze des Global
Business Network tätig und geht heute bei den Mächtigen aus
Politik und Wirtschaft ein und aus. Schwartz behauptet, daß man
»eindeutig einen Trend zu kleineren Organisationen feststellen
kann«. Die alten Strukturen der Unternehmensorganisationen
bekämen schon Risse, und darin zeige sich eine tiefgreifendere Ver-
änderung unseres Blicks auf die Wirklichkeit: Er ist nicht mehr
durch die Newtonsche Physik geprägt, sondern durch die
Kybernetik. Die gigantischen Konzerne, Symbole des zwanzigsten
Jahrhunderts, gehören der Vergangenheit an«, erklärt er. »Ihnen
liegt eine Logik zugrunde, die ihre Geltung verloren hat. Die alten
Spielregeln beruhten auf den Newtonschen Gesetzen - wie lange
braucht man, um von Punkt a zu Punkt b zu gelangen, wieviel Ener-
gie ist nötig, um soundso viele Tonnen von Punkt x nach Punkt y zu
befördern und so weiter. Die wirtschaftlichen Aktivitäten haben
heute eher einen Informationscharakter, und damit sind diese
Gesetze hinfällig geworden. In einer Welt, in der Raum und Zeit
nicht maßgebend sind, hat die Logik der Physik ihre Bedeutung
verloren.«

Und wie wirkt sich das auf die Macht aus?, könnte man
einwenden.
»Die Frage nach der Macht hat sich erledigt.«6

Vor kurzem verließ ich den Rotterdamer Hafen an Bord eines


Containerschiffs. Dieser respekteinflößende Koloß mit seinem hoch
aufragenden Rumpf und den voll- beladenen Decks, die ein
Ladevermögen von ungefähr 300 000 Tonnen haben, sah aus wie
eine riesige, schwimmende Geisterstadt. Ich finde, ein solches

437
Schiff ist ein hervorragendes Beispiel für die angewandte
Kybernetik und gleichzeitig ein Symbol für die beunruhigenden
Entwicklungen, die von der neuen High-Tech-Elite meistens außer
acht gelassen werden. Dieses hochmoderne Tankerschiff wird nach
einem genauen und im voraus festgelegten Plan von riesigen
Kränen automatisch be- und entladen. Es verläßt seinen Liegeplatz
mit unheimlicher Lautlosigkeit. Wenn das Schiff die offene See
erreicht, geht der Lotse von Bord. Die Decks liegen verlassen da.
Das aus den Deckfenstern fallende, grelle Licht verstärkt nur den
unangenehmen Eindruck der vollkommenen Leere. Als ich mit ein
paar einsamen Seeleuten auf der Brücke stehe, bemerke ich, daß es
auf diesem Schiff seltsamerweise kein Steuerrad und auch nichts
von der sonst üblichen Ausrüstung gibt. Die Mittagswache beugt
sich über leuchtende Computerkonsolen und gibt Befehle ein, die
durch ein labyrinthisches Netzwerk an automatische Servomotoren
übermittelt werden, um Ventile zu schließen, den Kurs um ein paar
Strich nach Backbord oder Steuerbord zu ändern oder die
Maschinen auf »volle Kraft voraus« zu stellen. Als ich meinen
Blick von den einlullenden, hypnotisierenden Lichtern auf den
Bildschirmen losreißen kann, bin ich regelrecht erschrocken, daß
wir uns auf hoher See befinden.

438
Wie dieses riesige, vollständig automatisierte und prak-tisch
menschenleere Schiff verfügt auch die cyberneti- sche Wirtschaft
über ein Produktivitätspotential, das jedem vergleichbaren uns
bekannten System überlegen ist. Aber wenn man Tatsachen und
Übertreibungen auseinanderdividiert, gibt es keinen Hinweis auf
eine gegenläufige Entwicklung zu den gigantischen Unternehmen,
wie Schwartz und seine Kollegen behaupten. Es stimmt, Größe ist
nicht mehr ausschlagebend für den Erfolg. Man kann mit Gewinn
Autos in kleinerer Stückzahl bauen; Sonderstahl kann ohne weiteres
in Kleinstwerken gegossen werden. Betrachtet man aber die
Automobilindustrie genauer, stellt man fest, daß selbst Firmen, die
für ihre limitierte, hochwertige Fertigung bekannt sind - wie BMW
oder Mercedes -, ihre Produktionsbasis erweitern. Dasselbe gilt für
Hersteller von Elektrogeräten, Kommunikationsmitteln,
Unterhaltungswaren, Arzneimitteln und so weiter: Die
Kostenspirale bei der Entwicklung neuer Produkte und ihrer
weltweiten Vermarktung schafft einen starken Anreiz, die Vorteile
der Massenproduktion zu nutzen. Das trifft besonders auf die
Herstellung von Computerchips zu. Seit den frühen siebziger Jahren
ist der Preis für ein MegaByte Speicherkapazität ins Bodenlose
gefallen: von 550000 Dollar auf derzeit etwa 38 Dollar. Die Kosten
für den Bau einer Fabrik, in der diese Chips gefertigt werden, sind
dagegen in die Höhe geschnellt: von weniger als 4 Millionen Dollar
auf heute über 1,2 Milliarden. Bei solchen Einsätzen können nur
noch die Größten mitspielen.7 Solche Verhältnisse herrschen überall
in der Industrie, gerade in der Informationsindustrie. Es besteht ein
Trend zur Digitalisierung der Märkte bei gleichzeitiger
M ACHTKONZENTRATION .*

(Die Zahl der Fusionen und Ubernahmen im Bereich der In-


formationstechnologie erreichten 1995 im weltweiten Handel eine
Rekordhöhe, als die Unternehmen sich vergrößerten und
technologisch aufrüsteten, um auf den globalen Märkten bestehen

439
zu können«, schreibt Alan Cane. (»IT Mergers reach record levels«
in: F INANCIAL T IMES , 1. Februar 1996 )

T HEORETISCH FÜHREN DIESE BEI DEN


E NTWICKLUNGEN ZUR H ERAUSBILDUNG VON U NTERNEHMEN , DIE
S ICH DEM HOHEN T EMPO DER V ERÄNDERUNGEN BESSER » ANPASSEN «
KÖNNEN . I N DER P RAXIS FORDERN G ESCHWINDIGKEIT UND
B EWEGLICHKEIT ALLERDINGS EINEN HOHEN P REIS : J E SCHNELLER UND
MANÖVRIERFÄHIGER EIN F LUGZEUG IST, DESTO INSTABILER IST ES AUCH
- WAS K AMPFFLUGZEUGPILOTEN ALS »MANAGED CRASH« BEZEICHNEN .

In Wahrheit ist das, was man so gerne als »Dezentralisierung«


fehldeutet, nichts anderes als die Zerlegung einer Firma in
funktionale Teile, die um eine Zentraleinheit herum angesiedelt
sind, vergleichbar dem Prozessor eines Rechners. Was wir zum
Beispiel heute als Fluggesellschaft bezeichnen, wird in Zukunft in
eine ganze Reihe von Einzelunternehmen zerfallen, von denen eines
die nötigen Flugzeuge least, ein weiteres die Verwaltung über-
nimmt, ein drittes für die Wartung zuständig ist, wieder ein anderes
die Ausbildung der Piloten und der Besatzung übernimmt und so
weiter. Jede dieser Einheiten hat ihren eigenen Finanzhaushalt und
kann nicht damit rechnen, daß einer der anderen Knoten ihr helfen
wird, wenn sie in Schwierigkeiten gerät. Im äußersten Fall besteht
immer noch die Möglichkeit, daß die Unternehmenszentrale Mittel
umleiten wird. Der Kern der Organisation kann über die
verschiedenen Quellen der Arbeit, Gelder und Kompo
nenten weltweit frei verfügen.*

* DIE FRAGE IST, WIE WEIT DIE


»GLOBALISIERUNG« TATSÄCHLICH
SCHON STATTGEFUNDEN HAT: ES SIEHT
SO AUS , ALS WÄRE SIE IN DER
I NDUSTRIE NOCH NICHT
BESONDERS WEIT VORAN -
GEKOMMEN UND IM
WESENTLICHEN
AUF DAS F INANZWESEN BESCHRÄNKT . E INE KÜRZLICH

440
VERÖFFENTLICHTE S TUDIE VERWEIST DARAUF , DASS UNGEFÄHR DREI
V IERTEL DER W ERTSCHÖPFUNG VON MULTINATIONALEN K ONZERNEN
AUF DEN HEIMISCHEN M ÄRKTEN ERWIRTSCHAFTET WERDEN . (V GL .
P AUL H IRST UND G RAHAME T HOMPSON : G LOBALIZATION IN Q UESTION .
L ONDON 1996.) S ELBST DIE GRÖSSTEN VERNETZTEN U NTERNEHMEN
SIND IN GROSSEM M ASSE ABHÄNGIG VON EINER ENGEN V ERBINDUNG ZU
DER JEWEILIGEN R EGIERUNG , VON EINEM STABILEN V ERHÄLTNIS
ZWISCHEN A RBEITGEBER UND A RBEITNEHMER UND VERLÄSSLICHEN
Z ULIEFERERN . W AHR AN DER G LOBALISIERUNGSTHESE IST , DASS DIE
G LOBALISIERUNG - LAUT W INIFRED R UIGROK UND R OB VAN T OLDER
(»T HE MYTH OF THE > GLOBAL < C ORPORATION « IN : T HE L OGIC OF
I NTERNATIONAL R ESTRUCTURING . L ONDON 1996, S. 152-168) - FÜR
GROSSE F IRMEN EINE T RUMPFKARTE DARSTELLT AM V ERHANDLUNGS -
TISCH MIT Z ULIEFERERN , G EWERKSCHAFTEN UND R EGIERUNGEN .
D URCH SIE KÖNNEN SICH P OLITIKER MIT DER B EGRÜNDUNG , DIE
» GLOBALE W ETTBEWERBSFÄHIGKEIT ZU SICHERN «, DER
V ERANTWORTUNG FÜR D EREGULIERUNGSMASSNAHMEN ENTZIEHEN . B E -
DENKT MAN , IN WELCHEM M ASSE DIE F INANZ - UND G ESCHÄFTSWELT
DIE G ROSSZÜGIGKEIT DES S TAATES UND DAMIT DIE DES
S TEUERZAHLERS AUSNUTZT , IST DAS DIE BLANKE I RONIE .
»M INDESTENS ZWANZIG U NTERNEHMEN AUS DER T OP -100- LISTE 1993 VON
FORTUNE WÄREN ALS
UNABHÄNGIGE UNTERNEHMEN PLEITE GEGANGEN , HÄTTEN NICHT
IHRE R EGIERUNGEN IN IRGENDEINER W EISE EINGEGRIFFEN .« (EBD., S.
217.)

SIE MÜSSEN EBENSO FLEXIBEL SEIN, wie die Daten schnell sind: Die LEBENSFÄHIGKEIT EINER CYBERNETISCH

VERNETZTEN ORGANISATION hängt von der effizienten Daten- Steuerung ab. Der Management-Guru Peter

Drucker meint, daß es bei den gegenwärtigen Firmenumstrukturierungen ausschließlich darum geht,

»den Warenfluß in einen Informationsfluß umzuleiten«.8 Ist eine Organisation ersteinmal um der

höheren Leistungsfähigkeit willen vernetzt und umgestaltet, wird sie immer weniger auf die menschliche

Arbeitskraft angewiesen sein. »Die Menschen werden zu der teuersten fakultativen Komponente im

Produktionsprozeß und die Technik zur billigsten«, behauptet Michael Dunkerley, Softwarespezialist und

Autor des Buches The Jobless Economy?. »Man wird den Menschen ersetzen, sobald es die Technologie

gibt, die [ihn ersetzen] kann.«9 Charles Handy, ebenfalls Management-Spezialist, meint, daß sich die

Spitzenmanager in den vernetzten Unternehmen zu Quasi-Partnern entwickeln. »Firmen werden zu guter

Letzt vielleicht zu einem Verbund von Projekt-Teams, die sich in der Art von Beraterfirmen oder

Werbeagenturen für bestimmte Aufgaben intellektuelles Kapital zunutze machen [...]. Die Leistungskraft

eines Unternehmens wird von der Projektleitung abhängen.« Handy sagt eine Art

441
Firmenföderalismus voraus, der »auf Gewaltenteilung und
auf Kompromiß- und Verhandlungsbereitschaft aufbaut«10.
Jenen, die das Ausleseverfahren überstehen, wird es
tatsächlich so vorkommen, als sei das Leben offener und
demokratischer geworden. Aber für das überflüssig
gewordene mittlere Management und die Überreste der alten
Arbeiterschaft, deren Verhandlungsposition stark
geschwächt wurde, sieht die Sache anders aus.

Im Zuge der Umstrukturierungsmaßnahmen, die man


überall in der Industrie vornimmt, werden die Zuständig-
keiten und Produktionsprozesse nach einem neuen - rech-
nerischen - Entwurf gestaltet. Aber es gibt wenig Anlaß zu
der Vermutung, daß die Machtbefugnisse auf den ge-
wöhnlichen Angestellten übertragen werden. Betrachten wir
zum Beispiel einmal die Schweizer Maschinenbaufirma
Asea Brown Boveri (ABB). Man hat sie in unzählige
Untereinheiten beziehungsweise Profit-Center unterteilt, die
Industrieroboter, Stromgeneratoren, Zugmotoren und viele
andere Wunder der modernen Elektronik herstellen. Die
Unternehmensgruppe verkauft jährlich Waren im Wert von
34 Milliarden Dollar und kann sich einer Belegschaft von
weltweit mehr als 210 000 Seelen rühmen. Bestimmte
Bereiche des betrieblichen Managements wurden weit nach
unten verlagert. Die Kommunikation unter Gleichrangigen
kann stattfinden, ohne erst sämtliche Hierarchieebenen
durchlaufen zu müssen. Dennoch leitet eine Gruppe von
Management-Koordinatoren das Unternehmen von der
Züricher Zentrale aus. Ähnlich den Offizieren auf einer
Kommandobrücke werten diese berühmt-be- rüchtigten
Leute die Daten der verschiedenen Subsysteme der Firma
aus und legen den Kurs des Schiffes unter dem Kommando
ihres schnauzbärtigen Vorsitzenden Percy Barnevik und «eines
schwedischen Ersten Offiziers, dem Präsidenten Göran
Lindahl, fest. (Solche Unternehmensmodelle haben

442
Ähnlichkeiten mti den Rollenspielen und Multi-User-Dungeons
MUDs) im Internet, in denen normalerweise »Zauberer« und »Göt-
TI N N EN, ÜBER K ONTROLLMACHT VERFÜGEN UND DEN

I NTERAKTIONSRADIUS DER S PIELER ABSTECKEN

DA GANZE E BENEN DES MITTLEREN M ANAGEMENTS ABGESCHAFFT


WURDEN ERINNERT DIE B EFE HLSSTRUKTUR NUN EHER AN EINE
P LATTFORM ALS AN EINE P YRAMIDE .

Aber auch wenn die Manager im operativen Geschäft mehr


Verantwortung und ein größeres Risiko tragen, ist es
schließlich doch der Führungstroß von ABB, der Re-
chenschaft gegenüber den Aktionären ablegt, so wie der
Kapitän eines Schiffes gegenüber dem Eigner
verantwortlich ist.*

Verantwortlichkeiten und Kompetenzen müssen auch weiterhin


eindeutig definiert werden, und zwar sowohl in gesetzlicher als

auch treuhänderischer Hinsicht, was bedeutet, daß die


wirkliche Macht immer noch bei einem kleinen inneren
Kreis liegt.

So gesehen weist ein cybernetisch vernetztes Unter-


nehmen ganz ähnliche Merkmale auf wie die Computer-
systeme, die es am Laufen halten. Der Material- und Wa-
renfluß kann sich, wie der von Daten, mit verblüffender
Geschwindigkeit ändern. Automatisierte »Hilfsprozes-
soren« führen eine Unzahl verschiedener Befehle aus. Sie
folgen Richtlinien - vergleichbar mit Softwareroutinen -,
die in den Chefetagen entworfen und von dort aus dirigiert
werden. Hier werden die Systemarchitektur, die
Verarbeitungsziele und der Datenfluß festgelegt. Um die
Funktionstüchtigkeit des Systems zu gewährleisten, ist es
natürlich erforderlich, daß man ohne zu zögern Ressourcen
von den »Knoten« - also den Tochtergesellschaften und

443
den Menschen - abzieht, die eine zu schwache Leistung
erbringen oder ganz ausfallen.11

Im Mittelalter war Macht mit der Kontrolle über das


Land verbunden, im Industriezeitalter war es die Herr-
schaft über Arbeit und Material. Heute dagegen, in einer
auf Information ausgerichteten Wirtschaft, liegt die Macht
bei denjenigen, die über mittelbare Fähigkeiten verfügen,
nämlich die Zugriffsmöglichkeit auf wichtige Daten haben
und deren Verwaltung nach Maßgabe der eigenen Ziele
gestalten. In der wachsenden Informationsmenge werden
die wirklich wichtigen Fakten Seltenheitswert haben.

*Robert Reich, Prof. in Harvard hat solche


Führungskräfte treffend als "Symbolanalytiker" und
"intellektuelle Söldner" bezeichnet.

Wie Steve Jobs, Mitbegründer von Apple, bemerkt, »ist


es eigentlich kaum möglich, die richtigen Informationen
zur rechten Zeit am rechten Ort zu bekommen.«12 Je
komplexer und geographisch weniger lokalisierbar eine
vernetzte Firma wird, desto größer ist der Einfluß derer, die
von der Managementebene aus noch den Überblick haben.
Außerdem sind diejenigen, die mitten im Datenfluß
stecken, unfähig, etwaige Strömungswechsel
vorauszusehen und entsprechend zu reagieren. Die
Information über Informationen wird lebenswichtig werden
- die Fähigkeit, über das Datenmeer zu blicken und den
Horizont im Auge behalten zu können. Cyrus Freid- heim,
Vizepräsident der internationalen Consulting-Firma Booz-
Allen & Hamilton, stellt fest: »Die wirkliche Ent-
scheidungsgewalt über die Verteilung der Ressourcen

444
bleibt immer bei der Zentrale, egal wie viele Entschei-
dungen man auch nach draußen abgegeben haben mag.«13

Ich muß gestehen, daß ich eine Leidenschaft für altmodische


Propellermaschinen habe. Mein besonderer Favorit ist die DC 3, ein
Flugzeug mit Charakter und einem wunderbar schlichten Design.
Es erhob sich 1930 erstmals in die Lüfte. Der sich langsam
mausernde Flugzeughersteller Douglas hatte von einer damals
ebenso jungen Fluglinie namens TWA den Traumauftrag erhalten,
eine vollkommen neue Maschine zu entwickeln. Das Ergebnis war
die DC 3. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie von den englischen
Fallschirmjägern auf den Namen Dakota getauft. Flugzeugliebhaber
wie auch lateinamerikanische Drogenbosse betreiben heute einen
regelrechten Kult um das elegante Flugzeug mit den
Zwillingsmotoren. Für mich verkörpert diese Maschine die ganze
Begeisterung für das Fliegen während seiner Pioniertage, und ich
mag den Anblick ihrer geschwungenen Linien, die Eleganz, die
Leichtigkeit und vernünftige Höhe wie Geschwindigkeit, mit der
sie durch die Lüfte gleitet und die sie in einem angenehmen
Kontrast zu den hochgerüsteten, dröhnenden Blechvögeln der
heutigen Zeit stehen läßt. Piloten schätzen ihrerseits die robuste
Konstruktion des Flugzeugs - fast viertausend werden heute noch
eingesetzt - und seine Beweglichkeit auf schwierigem Terrain, wo
holprige Landebahnen die Regel sind. Sie sagen, es ist ein
Flugzeug, das man auch unter ungünstigen Bedingungen ohne allen
High-Tech-Zauber halten kann.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Dakota mißt sich an anderen


Maßstäben: Mit ihrer damals ungewöhnlichen Form, der hohen
Fluggastkapazität und dem geringen Treibstoffverbrauch
revolutionierte sie den kommerziellen Flugverkehr. Heute ist es eine
Selbstverständlichkeit, auf dem Luftweg zu reisen, aber vor der DC
3 war es eine teure und gefährliche Angelegenheit. Die Passagiere
wurden zum Schutz gegen die Kälte in schwere Decken gehüllt, sie
mußten den Lärm in den Kabinen aushalten und sich mit all den

445
anderen Unzulänglichkeiten arrangieren. Die unerschrockenen
Reisenden wurden zusammen mit Frachtkisten in die Laderäume
gesteckt und waren für die Betreiber der Fluglinien nicht viel mehr
als eine abenteuerliche Nebeneinnahme. Den Löwenanteil ihrer
Einkünfte erzielten sie mit staatlich subventionierter Luftpost und
Frachtsendungen. Mit der DC 3 wurde der Passagierverkehr
plötzlich zum lohnenden Geschäft, aber mit ihr begann nicht nur die
kommerzielle Luftfahrt, sie ließ auch schon das Ende der großen
Überseelinien und der von ihr abhängigen Unternehmen erahnen.
Vollkommen unerwartet hatte also eine neue Technik den Markt
vom Meer in die Luft verlagert und eröffnete all jenen ein noch
unerforschtes Neuland, die über die entsprechenden Fähigkeiten
und Ausrüstungen verfügten.

Anders als die DC 3, die auf einen einzelnen Industriezweig


einen enormen Einfluß hatte, wird die cyberneti- sche Technologie
die gesamte Unternehmenslandschaft verändern. Wenn sich die
cybernetischen Hilfsmittel erst einmal in einen Betrieb
eingeschlichen haben, um irgendeine genau umrissene Aufgabe wie
die Buchführung oder Textverarbeitung zu automatisieren, streifen
sie ihre engen Fesseln bald ab, interagieren mit anderen Systemen,
schalteten sich mit anderen Maschinen zu einem Netz zusammen,
wandeln die bisherige Umgebung um und lassen schließlich etwas
völlig Neues entstehen. Jeder Betrieb benötigt natürlich immer
noch Arbeitskräfte, Rohstoffe und andere handfeste
Produktionsmittel - diese können letzten Endes sogar über Erfolg
oder Mißerfolg entscheiden. Aber wenn das Unternehmen auch
weiterhin dieselben Dinge produziert - wenn auch auf andere Weise
-, hängen Lebensfähigkeit und Wettbewerbsvorteil doch von der
Steuerung digitaler Daten ab. Das ist der Grund, warum die
Philosophen der Kybernetik - Visionäre wie Ithiel de Sola Pool -
behaupten, daß »Information alles ist«. Sie ähnelt einem
universalen und äußerst formbaren Klumpen Lehm: Nahezu jeder
»Input« kann durch ein Informationsäquivalent repräsentiert und als
ein binärer Strang von Nullen und Einsen ausgedrückt

446
werden.* Cybernetische Hilfsmittel können genausoleicht ein
Flugzeug wie ein Schiff steuern, sie können den Einfluss der
Luftströmung anzeigen oder die Temperatur im Innern eines
Dampfkessels; und sie können jeden automatisierten Mechanismus
in Gang setzen, sei es den von Landeklappen oder den von
Rauchkanälen.

** N ATÜRLICH HAT DIE DIGITALE R EPRÄSENTATION EINER S TIMME ,


EINES B ILDES , DER DNS-S EQUENZ UND ÄHNLICHES AN SICH KEINE
B EDEUTUNG , DIE BEKOMMT SIE ERST , WENN SIE IN eine entsprechende
Software verpackt ist, die als Medium oder Übertragungsmittel
dient und ihrerseits mit besonderen Eigenschaften ausgestattet ist.
Wie der Leser bald erfahren wird, besteht der wesentliche
Unterschied zwischen Datenverarbeitung und flatternden
Schmetterlingsflügeln darin, daß erstere keinen natürlichen
Beschränkungen unterliegt, sondern eher den Regeln, die ihrer
Kodierung durch den Programmierer zugrundeliegen. Die
Repräsentation der Wirklichkeit in Datenkategorien, die
Übersetzung der Natur ins Binäre allein um der Steuerbarkeit
willen, verstärkt auch die Tendenz, die Natur und all ihre Le-
bensformen als eine Art Rohma-terial zu betrachten, das man nach
Belieben formen und verändem kann anstatt sie als ein Erbe zu
begreifen, das mit Ehrerbietung und Umsicht zu behandeln.

Eine Druckerei kann vor der endgültigen Drucklegung eine


Reihe von Layouts ausprobieren und damit viel Zeit und
Material einsparen. Ein Autohersteiler kann von einem
Zulieferer zum anderen wechseln, wenn sich Preise und
Wechselkurse ändern. All die unzähligen komplizierten
Vorgänge also, die für den Betrieb eines Unternehmens
anabdingbar sind, lassen sich mit erstaunlicher Wirkung
rationalisieren.

447
»Es ist wie mit der DNA und der Gentechnologie«, be-
geistert sich ein Manager. »Ist ein Unternehmen erst einmal
vernetzt, kann einen nichts mehr davon abhalten, die
einzelnen Bestandteile vollkommen neu zu kombinieren.«
Das führt uns zu einem merkwürdigen
Widerspruch: In dem Maß, in dem die
funktionelle Umgebung des Geschäfts immer
stärker miniaturisiert, auf Mikrochips gepackt
und in undurchsichtigen Codes komprimiert
wird, nehmen Umfang und Auswirkungen der
Technik expo- nentiell zu, bis zu dem Punkt, an
dem sie, einst auf einzelne Bedarfsfälle
beschränkt, allgegenwärtig und allmächtig
werden. Hierin liegt der beunruhigendste
Aspekt dieser Entwicklung: Wenn Computer
immer stärker den Aufbau eines Unternehmens
durchdringen und sich von dort aus in der
gesamten Wirtschaft und Gesellschaft
ausbreiten, werden sie zum elektronischen
Nervensystem des modernen Lebens - einem
Nervensystem, das den Lebenssaft des binären
Codes braucht. Wenn Firmen nichts anderes
mehr sind als Computer, werden auch die
Volkswirtschaften von einem riesigen, globalen
Netzwerk aufgesogen. Aber welche Werte
werden diese schwer faßbaren neuen
Schaltkreise der Macht kennzeichnen?

Bei unserer Fahrradtour durch die Provence erreichten Miss B. und


ich an einem strahlenden Samstagmorgen eine kleine Stadt, in der
gerade Markttag war. An den Verkaufsständen wurden Blumen,
Obst und Gemüse, Wurst, Honig und Kräuter feilgeboten. Die

448
Landbevölkerung traf sich in den Cafés oder stand grüppchenweise
auf dem Platz zusammen. Niemand schien es eilig mit seinen
Geschäften zu haben. Aber vielleicht ging es auch gerade darum?
Man diskutierte und tauschte den neuesten Tratsch aus, sprach über
das Wetter und die Subventionen - hier ging es um Geschäfte in
einem viel weiteren, das ganze Leben umfassenden Sinne. Niemand
schien so recht auf den Punkt kommen zu wollen, die ganze Szene
machte einen unorganisierten und äußerst ineffizienten Eindruck.
Zugleich zeigte sie aber, daß es auch anders geht. Hier findet man,
was man sucht: Erholung vom ständigen Streß des Lebens in der
Stadt.
Als wir so über das Gesehene und Gehörte nachsannen - und
dabei die ganze Zeit die auffallende, archaische Gestalt eines
Mannes vor Augen hatten, der gerade sein Pferd am Dorfbrunnen
tränkte -, gerieten wir in ein Gespräch über den Zusammenhang
zwischen Land und Leben, durch den die menschlichen
Erfahrungen hauptsächlich geprägt werden. In diesem abgelegenen
Fleck- chen Frankreichs wenigstens folgt das Alltagsleben einem
Gang, der vor allem vom Wechsel der Jahreszeiten bestimmt wird.
Die Natur ist unberechenbar in diesem wechselhaften Klima, je
nach Laune bringt sie Leben oder Tod. Der Romancier John Berger,
der in einer ländlichen Gegend eines anderen Teils von Frankreich
lebt, spricht von der »Kultur des Überlebens«, in der man auf dem
Weg in eine ungewisse Zukunft immer wieder von neuem
Anstrengungen unternehmen muß, als ginge es darum, in ein
unüberschaubares Gespinst einen roten Faden zu bringen. Die
Natur ist ein strenger Lehrmeister: Alles, was man ihrem
unerbittlichen Lauf entgegensetzen kann, sind beständige harte
Arbeit und der Reichtum an Bedeutungen, die Bräuche und
Gewohnheiten vermitteln.14
Fast alle Menschen, die in Städten leben, sind mit dem Gepräge
der modernen Industriekultur vertraut, mit ihren weitgehend
festgelegten Zeitplänen und Warenstandards, die durch die
Massenproduktion entstanden sind. Unser Tagesablauf ist in genau

449
bemessene Segmente eingeteilt. Das Leben gründet auf der
Annahme beständiger wirtschaftlicher Expansion, und die
wiederum hängt mit dem unaufhörlichen individuellen Streben
nach materiellem Gewinn zusammen. Das alles hat sich natürlich
nicht von heute auf morgen ergeben, vielmehr sind wir in kleinen
Etappen dort angelangt, wo wir heute stehen. Für die meisten
Menschen bedeutet das, daß ihr Privatleben und das Geschäftsleben
nicht viel miteinander zu tun haben.
Als ich in Frankreich im Café saß, an einem Grand crème nippte
und über die unterschiedlichen Lebensformen nachdachte, kam mir
unweigerlich die Frage in den Sinn, wie es sich auf die
gegenwärtigen Lebensformen auswirken wird, wenn wir uns immer
schneller und unüberlegter auf eine Informationswirtschaft
zubewegen - und das in einem Zeitraum, der in Jahrzehnten und
nicht in Jahrhunderten gemessen wird. Richtet sich die entwickelte
Welt auf einen zunehmenden Informationsbedarf und einen
geringeren Verbrauch von Ressourcen ein, wird die Umwelt davon
nur profitieren können. Allerdings werden die cybernetischen
Systeme in erster Linie zur Rationalisierung industrieller
Herstellungsverfahren - abgesehen vom Unterhaltungssektor -
eingesetzt, um so noch mehr Waren zu produzieren. Das weltweite
Seehandelsvolumen kletterte zum Beispiel von 3,09 Milliarden
Tonnen im Jahr 1983 auf 4,47 Milliarden Tonnen im Jahr 1994, im
Bereich der Industriegüter war dabei das schnellste Wachstum zu
verzeichnen. Man erwartet, daß diese Zahl bis zum Ende des
Jahrzehnts auf nahezu 5 Milliarden Tonnen steigt.15
Einmal abgesehen von der Frage, ob dieser Konsumpfad wirklich
der beste Weg in die Zukunft ist - eine Frage, die jeder für sich
entscheiden muß -, ist zumindest abzusehen, daß sich die Art und
Weise, wie Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen, genauso
stark wandeln wird wie die zugrundeliegenden ökonomischen
Strukturen. Der Mechanismus des Fließbands - von dem amerikani-
schen Schuß Waffenproduzenten Eli Whitney entwickelt, in den
Schlachthäusern Chicagos verbessert und schließlich von dem

450
Autohersteller Henry Ford perfektioniert - hat der zeitgenössischen
Erfahrungswelt ihren Stempel aufgedrückt. Auf ähnliche Weise
werden die vernetzten Unternehmen und die Gesellschaft als
Ganzes durch die Werte der cybernetischen Medien geprägt
werden. Dazu zählen:

•Mobilität und Abstraktion,


•Beschleunigung,
•Polarisierung und Fragmentierung.
M OBILITÄT UND A BSTRAKTION

Ich will einen kleinen Exkurs machen und von dem italienischen
Essayisten und Verleger Roberto Calasso erzählen, der ein Kenner
wichtiger Erstausgaben ist. »Bestimmte Bücher auch nur um sich
zu haben, kann einem Menschen schon viel bedeuten«, behauptet er
und beschreibt »die Vertrautheit mit diesen Dingen, die man nicht
erlangt, wenn sie hinter Glas stehen [...]. Wenn sie Teil des Alltags
sind, wenn man sie in die Hand nimmt und sie aufschlägt und
zuklappt, begreift man etwas, noch bevor man sie gelesen hat.«16
Dabei geht es Calasso um das feine Band und die lebendige
Einheit von Text und Kontext, Inhalt und Umfeld, die im
cybernetischen Raum leicht zerstört wird. Man kann ein Buch
lesen, gleich in welchem Einband es steckt, und normalerweise
schenkt man Wein aus der Flasche und nicht aus dem Faß aus. Aber
egal wie weit sie reisen oder was man mit ihnen alles verbindet,
weder Buch noch Wein können von ihrem Ursprung gelöst werden.
Tolstois Krieg und Frieden kann man nicht »interaktiver« machen,
als es ist: Seinen Schluß zu ändern hieße, das ganze Werk zu
ändern. Guten Wein kann man überall genießen, und er wird auch
nicht weniger französisch, wenn ihn sogenannte Kommunisten
trinken, die die »Völkspaläste« in der verbotenen Stadt von Peking
besetzt halten.
Und jetzt stellen Sie sich digitalisierte Bücher vor. Selbst wenn
alle Daten fehlerlos übertragen werden, gehen dabei viele der

451
wesentlichen Merkmale des Originals verloren; - angefangen bei
den Flecken bis zu den Randbemerkungen, die eine regelrechte
Fundgrube an kon- textuellen Informationen für den Studierenden
darstellen. Die Hilfsmittel der Künstlichen Intelligenz können
Dateneingabefehler korrigieren - ob es »Tschaikowski« oder
»Tchaikovski« heißt, hängt von Ort und Zeit ab -, aber sie stiften
auch neue Verwirrung und schlagen zum Beispiel sämtliche
Madonna-Verweise den Stichworten »Maria, heilige Jungfrau,
Heilige« zu.17
Die Verbindung zwischen Inhalt und Kontext ist von besonderer
Bedeutung, was cybernetische Geschäftssysteme und deren
kulturelle Anfänge anbelangt. Der in einem Computer fließende
Bitstrom setzt sich aus indifferenten Nullen und Einsen zusammen.
Der ökonomische Austausch mit anderen, nahen oder fernen
Computern macht das Wesen dieser universellen Symbole aus.
Durch die Kodierung und die Übermittlung verfällt der Inhalt einer
Nachricht zu einer bloßen Hülle, er wird zu einem
zusammenhangslosen Abstraktum. Der Satz Ȇberlegen Sie, bevor
Sie zuschlagen« hat eine völlig andere Bedeutung, je nachdem, ob
er an einen Rohstoffhändler oder einen überführten
Schwerverbrecher gerichtet ist. Ein in der schwülen Hitze einer
Nacht in Rio an die Wand gekritzelter Graffiti kann Bedeutungen
unterschiedlichster Art in sich bergen, die verlorengehen, sobald
man sie nur als Daten auf einem Bildschirm betrachtet. Ähnlich
steht es mit dem Englischen und dem Amerikanischen, die
dieselben Worte verwenden, um verschiedene Sachverhalte
auszudrücken. Diese zentralen Unterschiede verlieren sich in der
ortlosen Welt der cybernetischen Unternehmen.

452
Gehen wir jetzt einmal von * H ANDELSDELEGATIONEN DER
den Abläufen in einem Un- V EREINIGTEN S TAATEN UND
ternehmen einer beliebigen DER E UROPÄISCHEN U NION
ÜBTEN WÄHREND IHRES
Branche aus, zum Beispiel B ESUCHES IN T OKIO IM J AHR
einem 1994 GROSSEN D RUCK AUF DIE
Nahrungsmitteleinzelhandel. In JAPANISCHE R EGIERUNG AUS ,
» DIE VIELEN B E -
Amerika gibt es ein ganz SCHRÄNKUNGEN IM B EREICH
besonderes System, nach dem P LANUNG UND V ERFAHREN
die Läden bestückt werden. Es AUFZUHEBEN , DIE DAS
W ACHSTUM VON S UPERMÄRK -
ist hochkompliziert und TEN BEHINDERN . D AS WÜRDE
korrespondiert zu 100 Prozent DEN R UIN FÜR 1,5 M ILLIONEN
mit dem »Supermarkt- KLEINE F AMILIENBETRIEBE
Lebensstil« des Amerikaners. BEDEUTEN , DIE DAS B ILD VON
J APANS H AUPTSTRASSEN DO -
Solange die Japaner ihre MINIEREN , GLEICHZEITIG ABER
Lebensmittel weiterhin unbeirrt AUCH HOHE P ROFITE FÜR DEN
in kleinen Läden kaufen, die AUFKOMMENDEN D ISCOUNT -
S EKTOR .« (W ILLIAM D AWKINS
von Familien betrieben werden, UND M LCHIYO N AKAMOTO :
wird das amerikanische »J APAN UNDER PRESSURE ON
Verteilungssystem dort niemals TWO FRONTS « IN : F INANCIAL
T IMES , 15. N OVEMBER 1994.)
Fuß fassen. Wenn man es
jedoch schafft, eine Wirtschaft so umzuformen, daß sich die
einzelnen Branchen nach allgemeingültigen Computerstandards
ausrichten, können auch die lokalen Bedingungen nach und nach
dem cybernetischen Muster angepaßt werden.* Wenn in Frankreich
das herkömmliche Einzelhandelssystem von den riesigen
Supermärkten auf der grünen Wiese verdrängt wird, die
»effizienter« und dadurch billiger als die alten Dorfläden sind, führt
das auch dazu, daß sich das gesellschaftliche Gefüge auflöst, in
dessen Zentrum der Marktplatz stand, den man nicht nur besucht,
um seine Einkäufe zu erledigen, sondern auch, um andere Leute zu
treffen, eine Runde Boule zu spielen, Kaffee zu trinken und dem
Treiben ringsum zuzuschauen."1" Solche Vergnügungen gelten als
»obsolet«, wie ein Manager von Nissan, der gerade dabei ist, den
Bau einer Auto- fabrik in Mexiko zu realisieren, hastig erklärt:

453
»Uns interessiert nicht, wie man hier in Mexiko die Dinge angeht.
Jeder, der hier arbeitet, muß in internationalen Maßstäben denken,
[...] sonst können wir nicht mithalten.«18

(*Ichhabe ganz bewußt den Begriff »effizient« gewählt. Was bedeutet er? An welchen

Koordinaten richtet er sich aus? Rechnerisch bemessene Effizienz reduziert natürlich die

unmittelbaren Kosten eines Unternehmens und beschleunigt kurzfristig das Wachstum;

langfristig kann sie aber höchst ineffiziente Konsequenzen für Gesellschaft und Umwelt

haben. Wenn man von einem binären Standpunkt ausgeht - und das heißt jenseits einer

allumfassenden Betrachtungsweise des Lebens -, muß jedes andere Vorgehen ineffizient

genannt werden, wie beispielsweise die Verständigung zwischen Einzelnen und zwischen

Kulturen, bei der immer Kompromisse eingegangen werden müssen. Nur von diesem

Standpunkt aus können Entscheidungen getroffen werden, die damit verbundene

Kompensationen und Kosten in ihrem ganzen Umfang unberücksichtigt lassen.)

Dieser In- und Export von Systemen zur Betriebsführung bei dem
die Wirkung auf die Umgebung, in der sie »installiert« werden,
keine Beachtung findet, wird sich noch beschleunigen, wenn
Firmen in riesige, von binären Universalien angetriebene
Datenverarbeitungsmaschinen umgewandelt werden. Sozusagen per
Voreinstellung entwickelt das vernetzte, transnationale
Unternehmen Imperative, die einen unvorstellbaren
Konformitätsgrad der Märkte voraussetzen: Im globalen
Supermarkt werden die Besonderheiten der Menschen einfach

454
zusammengefegt und auf den Abfallhaufen geworfen. Da ein
solches Unternehmen nicht quantifizierbare örtliche Gegebenheiten
ignoriert, verhält es sich wie ein entfernter Verehrer, der versucht,
eine Beziehung übers Telefon herzustellen: Gleich wie
»verbunden« er ist, die Fülle der sinnlichen Daten, die ein
wirkliches Zusammentreffen bietet, müssen auf diesem Weg
einfach verlorengehen. Am beunruhigendsten ist dabei, daß Firmen,
die sich ihren Weg durch das digitale Getümmel bahnen, nachdem
sie die Besonderheiten des Geschäfts in numerisch definierte
Abstraktionen übersetzt haben, allzuleicht den Unterschied
zwischen den binären Mustern und den Fakten des menschlichen
Lebens, die ihnen zugrundeliegen, aus den Augen verlieren. Aus
dieser Distanz heraus empfindet man auch keine Gewissensbisse,
wenn man gemäß solcher Abstraktionen handelt - wie beim
»Deaktivieren einer funktionalen Geschäftskomponente«, in der
zufällig 12 000 Leute beschäftigt sind. Auf diese Weise werden
menschliche Gemeinschaften ihrer Basis beraubt und in den Strudel
digitaler Unbeständigkeit gestürzt.
B ESCHLEUNIGUNG

Als ich mich vor einigen Jahren in einer kleinen Stadt in der
Nähe von Bologna aufhielt, nahm mich ein Testfahrer von
Lamborghini auf eine »kurze Spritztour« mit. Lamborghini
baut in Einzelanfertigung Rennwagen zu astronomischen
Preisen, wie den Countach, eine eckige Maschine mit zwölf
Zylindern und 455 PS und einem Profil, das eher wie ein
taktischer Kampfjet aussieht als wie ein Automobil. Als der
Fahrer die Gänge hochschaltete, gab die Maschine eine Art
aufgeregtes Winseln von sich, das mit der nervtötenden
Hartnäckigkeit eines kochenden Teekessels immer lauter
wurde. Mit 290 Sachen ging es um eine langgestreckte
Kurve. Meine Fingernägel tief in das weiche Leder des
Beifahrersitzes grabend, die Augen weit aufgerissen, völlig
verwirrt von den vorbeirasenden Landschaftsfetzen und mit

455
einem äußerst flauen Gefühl im Magen entschied ich, daß
das, was auch immer noch kommen mag, die ultimative
Geschwindigkeitserfahrung sein mußte.
Doch ich lag falsch.
Der Motor eines Autos kann mit niedriger Drehzahl im
höchsten Gang laufen. Der Computer arbeitet dagegen
exakt im Verhältnis eins zu eins - je schneller seine Uhr,
desto höher seine Geschwindigkeit. Innerhalb des letzten
Jahrzehnts verdoppelte sich jedes Jahr seine Verarbei-
tungsgeschwindigkeit, treu nach Moores Gesetz.*

(1964, sechs Jahre nach Erfindung des integrierten


Schaltkreises, stellte Gordon Moore fest, dass die Zahl der
Transistoren pro Chip sich jedes Jahr verdoppelten. Moore
hatte 1968 die Intel Corp. mitbegründet und ist inzwischen
Industrieexperte. Seine Vorhersage, daß dieses Tempo noch
bis in die nahe Zukunft anhalten würde, erwies sich als
richtig. Dieses folgenreiche Phänomen wurde unter dem
Namen Moores Gesetz bekannt.« (G. Dan Hutcheson und
Jerry D. Hutcheson: "Technology and economics in the
semiconductor industry" in Scientific American 1996)

Mit jedem Ticken der Uhr des Computers marschiert eine


riesige Armee aus B ITS UND B YTES EINEN S CHRITT
VORWÄRTS , IM T AKT VON 40 M ILLIARDEN
T ROMMELSCNLAGEN PRO S EKUNDE . S OLCHE
G RÖSSENORDNUNGEN ERSCHEINEN I HNEN VIELLEICHT
UNVORSTELL bar, aber bedenken Sie deren Wirkung: je
schneller die Maschine, desto schneller die mögliche Be-
triebsgeschwindigkeit des von ihr gesteuerten
Unternehmens. Produkte mit kürzerer Lebensdauer können
schneller und gezielter für bestimmte Märkte produziert
werden. Mit der Geschwindigkeit der neuesten
Entwicklungen in der Computertechnologie Schritt halten

456
zu wollen käme dem Versuch gleich, eine Rakete zu fangen:
Diese Maschinen sind schon veraltet, bevor sie die
Fabrikhallen verlassen haben. Man baut sie für ständig
wechselnde Spezifikationen - wobei wesentliche
Komponenten »just in time« aus der ganzen Welt geliefert
werden - und folgt damit einem Trend zur Massen-
Maßfertigung.

Die Zyklen im weltweiten Wettbewerb werden immer


kürzer, was bedeutet, daß man immer leistungsfähigere
Systeme ins Rennen schickt, um den Anschluß nicht zu
verpassen. Stellen Sie sich vor, Sie sind Anbieter von Te-
lefondiensten und Ihr Konkurrent senkt auf einmal die
Gebühren für Ferngespräche. Sie setzen die klügsten Köpfe
Ihrer Firma darauf an, eine neue Netzwerksoftware zu
schreiben. Mit etwas Glück werden Sie innerhalb von ein
paar Wochen den Kunden ein noch besseres Angebot
machen können - sagen wir, 20 Prozent Nachlaß auf die fünf
Telefonnummern, die sie am häufigsten anwählen. Aber
dann holt Ihr Konkurrent zum Gegenschlag aus und zaubert
ein noch beeindruckenderes Angebot aus dem Hut, und so
geht das hin und her. Leistung und Geschwindigkeit der
Verarbeitungssysteme, mit denen man jedes geschäftliche
Problem lösen kann, lassen die Zeitspannen des
Wettbewerbs Vorteils immer kürzer werden. *

457
Die Kosten für diese Beschleunigung bekommen die
Menschen am deutlichsten zu spüren. Ich lebe
gegenüber eines ziemlich großen Finanzkonzerns. Die
Angestellten, die am Ende des Tages aus den Türen
treten, tragen schwer an ihren Aktentaschen, in
denen sie sich Arbeit mit nach Hause nehmen. Sie
sehen so aus, als wären sie in einem Bottich mit
konzentriertem Bleichmittel eingeweicht worden. Wie
andere der blassen, energischen Manager, die im
operativen Geschäft arbeiten, sind sie jetzt »ermäch-
tigt«, Entscheidungen zu treffen, um die Leistungen
zu optimieren * Gerne wird auf diese komprimierten
Intervalle zwischen Erfolg und Scheitern als einer
Chance für Außenseiter und innovative Unternehmen
verwiesen. Beispiele dafür sind der bekannte Durch-
marsch von Apple, der auf den (kurzzeitigen) Sieg
über IBMs Großrechnermonopol folgte, der Triumph
von Wal-Mart über Sears, seinen Erzrivalen im
Einzelhandel, und natürlich Microsofts kometenhafter
Aufstieg zur Softwaregroßmacht. Aber diese Beispiele
sind nur typisch für die frühe Phase eines
industriellen »Paradigmenwechsels«. Während er sich

458
vollzieht, werden die schnellsten, beweglichsten und
finanziell stärksten Unternehmen an den anderen
vorbeiziehen (Siehe ausführlich Kapitel Vier.) und den
Firmengewinn zu steigern. Auf ähnliche Weise setzt
der Filialleiter meines Supermarktes inzwischen eine
Datenbank ein, mit deren Hilfe das Warenangebot in
den Regalen auf die minimalsten Verschiebungen der
Kundenwünsche abgestimmt wird. Aber all diese
Leute arbeiten schwerer, um ihre Stelle zu behalten.
Wenn sich alles nur an geschäftlichen Maßstäben
orientiert, scheint das Kriterium für Erfolg mit jedem
Wachstumsvorteil, der durch cybernetische Mittel
gewonnen wird, höher gesetzt zu werden. Wenn sich
also die Schwungräder immer schneller drehen,
wächst auch der Druck, neue Produkte zu entwickeln,
auf den Markt zu bringen und sich zur nächsten
verheißungsvollen Grenze aufzumachen. Die Opfer,
die dieser immer höher geschraubte
Leistungsanspruch kostet - zum Beispiel weniger Zeit
für Familie und Freunde, Medi- kamentenmißbrauch,
Gewaltverbrechen - werden eine neue Form des
Sklaventums hervorbringen. Während auf der
Habenseite der Firmen immer höhere Beträge ver-
bucht werden können, ist die Gesellschaft mit einem
gefährlich ansteigenden Maß an Streß und
Unsicherheit belastet.19 Wie lassen sich der Wunsch
nach Wachstum und höheren Zielen vereinbaren, wie
das Ziel eines sozialen und ökologischen
Gleichgewichts erreichen? Werden wir überhaupt
versuchen, darauf eine Antwort zu finden, wenn wir
so sehr davon beansprucht werden, die von den
neuen Maschinen immer kurzfristiger gesetzten

459
Vorgaben zu erfüllen?

P OLARE F RAGMENTIERUNG

Eine der bemerkenswertesten Entwicklungen in der modernen


Computerforschung besteht darin, daß man inzwischen dazu
übergeht, Softwareprogramme durch einen »biologischen«
Wettbewerb entstehen zu lassen, anstatt sie zu konstruieren. Schritt
für Schritt wird eine Programmzeile nach der anderen getestet: Die
stärksten überleben, und am Schluß werden die widerstandsfähig-
sten gewinnen. Dieses darwinistische Selektionsverfahren in der
Technologie trifft bei Industrieunternehmen auf große Zustimmung.
In der Pharmaindustrie wendet man es bereits bei der Entwicklung
neuer Medikamente an, indem man Zusammensetzung und
Produktion elektronisch simuliert. Woher die Wirkung eines auf
diese Weise entstandenen Produkts kommt, bleibt oft ein Ge-
heimnis, da der Herstellungsprozeß unglaublich kompliziert und
nicht kontrollierbar ist. Aber diese Frage berührt die
Pharmaproduzenten nicht weiter. Was zählt ist, daß das Zeug
funktioniert. Und es verkauft sich.
In seinem Buch Out ofControl beschreibt Kevin Kelly, der
Herausgeber von Wired, einige dieser Probleme.20 Er schreibt, daß
der Umstieg kommerzieller Unternehmen vom alten industriellen
Modell auf den neuen Computermodus, der sich auf abstrakte,
durch unzählige Schaltkreise und Knoten rauschende
Codesequenzen stützt, große, lebensähnliche Komplexe
hervorbringt, die man weder verstehen noch verwalten kann:

Wie steht es mit Ihrem Verstand? Vielleicht sagen Sie von sich:
»Ich« tue dies oder das. Aber in Ihrem Gehirn gibt es kein »Ich«. Es
ist in eine Menge einzelner, kleiner Verstandespartikel aufgeteilt,
von denen manche so dumm sind, daß sie nicht einmal denken. Ihre
Intelligenz verdankt sich allein der Gemeinschaft dieser kleinen
Verstandespartikel. So verhält es sich auch mit dem Netzwerk aus

460
den vielen Gehirnen und Computern, die wir auf der ganzen Welt
miteinander verbinden. Daraus entsteht ein Superhirn. Es wird
Gedanken produzieren, die kein Mensch mehr verstehen oder auch
nur wahrnehmen kann, und was es schafft, wird von niemandem
mehr gesteuert werden können.21
Solche Bekenntnisse von Hilflosigkeit können nicht überzeugen.
Diese chaotische Form der Veränderungen, diese moderne Version
von »teile und herrsche« ist zunächst einmal alles andere als
unvermeidlich. Vielmehr beruht sie auf einer Entscheidung: Sie ist
das Ergebnis eines bestimmten ökonomischen
Entwicklungsmusters, das von ständig steigenden Umsatz- und
Wachstumsraten abhängt. Damit das Geschäft so richtig ins Laufen
kommt, müssen kulturelle und geistige Hindernisse aus dem Weg
geräumt werden.
Doch ironischerweise widersetzen sich gerade die beiden Systeme
Gesellschaft und Umwelt am hartnäckigsten jeder Steuerung.
Dagegen unterliegt die Computersphäre, so komplex sie auch sein
mag, programmierbaren Abläufen. Nehmen wir an, einer der
großen Autohersteller will ein neues Modell auf den Markt bringen.
Mit seiner Entwicklung könnte man einen der unabhängigen
Vertragspartner mit Sitz in Turin beauftragen. Eine Firma in Seattle
erhält den Zuschlag zur Durchführung der Testreihe und
Simulation. Der Produktionsauftrag wird an einen von
verschiedenen miteinander konkurrierenden Fertigungsstätten
vergeben, abhängig von veränderlichen Faktoren wie
Währungsschwankungen und Lohnkosten. Viele Teile werden »just
in time« von einer Reihe untergeordneter Produzenten geliefert. Auf
jeden Fall wird die Realisierung des Modells geographisch weit-
räumig verteilt und sehr komplex sein. Die Kraft, die die
Produktion jedoch zusammenhält - die eigentliche Antriebskraft
also - kommt aus dem Netzwerk und den Softwareroutinen, die so
angelegt sind, daß sie derartige genau definierten Abläufe managen
können. Sollte dieses System ins Chaos führen, feuert man die
Geschäftsführung und/oder das Unternehmen geht unter. Aber das

461
passiert nicht, die vernetzten Industrien, wie Flugzeugbau,
Petrochemie, Einzelhandel und Computerindustrie, konsolidieren
sich und expandieren weiter.
Gleichzeitig werden die Organisationsstrukturen der Industrie
aufgebrochen und die Arbeitskräfte stärker polarisiert. Intel, der
führende Chiphersteller, prophezeit, daß die Vernetzung des
Handels zur Verdrängung der Zwischenhändler und Verteiler führen
wird, die heute den Vertrieb der Produkte auf den Märkten
organisieren und die Hersteller mit Informationen über Preise und
Nachfrage versorgen. Diese Funktion wird statt dessen von
leistungsfähiger Software übernommen werden. Die
Wirtschaftssysteme werden weiter wachsen und die Lei-
stungsfähigkeit gesteigert werden. Große Unternehmensverbände
werden an Macht gewinnen, und die Länder, in denen sie
angesiedelt sind, werden vermutlich weltweit »konkurrenzfähiger«
sein. Allerdings erfordert eine solche durch die
Unternehmensvernetzung ausgelöste Revolution die Aufhebung
wechselseitiger Verpflichtungen und die ungleiche Neuverteilung
von Risiken und Möglichkeiten innerhalb von Organisationen und
der Wirtschaft insgesamt. Diejenigen, die an der Spitze stehen,
beziehen ihre Macht aus der Zurückweisung von Verantwortung für
die weniger Glücklichen, die Abhängigen. Kurz gesagt: Wachstum
einerseits und Fragmentierung und Polarisierung andererseits gehen
Hand in Hand.

Wie David Korten schreibt, geht der Trend in Richtung


eines dualistischen Beschäftigungssystems. Die Ange-
stellten, die an den Schalthebeln sitzen, sind gut bezahlt,
genießen eine Reihe von Vergünstigungen und attraktive
Arbeitsbedingungen. Die Aufträge, die man entweder an
untergeordnete Einheiten innerhalb der Firma oder an
außenstehende, abhängige Zulieferer vergibt, werden von
einem schlecht bezahlten, oft nur befristet oder in Teilzeit
beschäftigten »Kontingent« an Arbeitskräften ausgeführt,
das wenige oder keine Vergünstigungen erhält und dem

462
gegenüber die Firma keine Verpflichtung eingeht.22
Die glücklichen Zeiten, in denen ein Teil der Menschheit
eine relativ gerechte Verteilung von Reichtum und Ent-
scheidungsmöglichkeiten genießen durfte, sind vorbei, jetzt
steht uns eine wechselhafte Zukunft ins Haus, die
tyrannische Herrschaft monotoner, quantitativ definierter
Systeme, die die qualitative, unsere Art bereichernde
Vielfalt hinwegfegen. Die Kluft zwischen den »Nullen«
und »Einsen«, den Gewinnern und Verlierern kann aller-
dings dazu führen, daß sich
die cybernetisch angetriebene Wirtschaft wie das Betriebssystem
eines Computers aufhängt oder abstuerzt.

(W OODY A LLEN SPIELT IN EINEM SEINER GROSSEN BITTERSÜSSEN


K LASSIKER EINEN EINGEFLEISCHTEN N EW Y ORKER , DER GESTEHT : I CH
BIN SICHER , DASS ES EIN JENSEITS GIBT , ABER WAS ICH EIGENTLICH
WISSEN WILL : W IE WEIT IST ES VOM Z ENTRUM ENTFERNT , UND BIS
WANN HAT ES GEÖFFNET ?« I N EINER VERNETZTEN W IRTSCHAFT I ST DAS
J ENSEITS DORT , WO DIE PC-U SER IHR D OMIZIL HABEN . G ELD ,
TALENTIERTE K OPFARBEITER UND FLEXIBLE »P RODUKTIONSKNOTEN «
VERFÜGEN IN EINER VERNETZTEN W IRTSCHAFT ÜBER MEHR
B EWEGUNGSSPIELRAUM DENN JE . E IN GROSSER T EIL DES MITTLEREN
M ANAGEMENTS IST VOM E RDBODEN VERSCHWUNDEN , SEINE A RBEIT
HABEN M ASCHINEN ÜBERNOMMEN . D ADURCH WURDE DIE T RENNUNG
ZWISCHEN DEN HÖHEREN E BENEN , DIE WENIGER DER G EMEINSCHAFT
ALS DER F IRMA GEGENÜBER LOYAL SIND , UND IHREN
ÜBERQUALIFIZIERTEN UND WENIG MOBILEN L ANDSLEUTEN
VERSCHÄRFT . S IE HABEN KAUM B ERÜHRUNGSPUNKTE : J EDER LEBT FÜR
SICH IN EINEM EIGENEN »J ENSEITS «. S O ERHÖHTE SICH ZWISCHEN
1975 UND 1995 DIE P RODUKTION DER BRITISCHEN W IRTSCHAFT UM 45
P ROZENT . A BER DIE Z AHL DER M ENSCHEN MIT EINEM FESTEN A R -
BEITSPLATZ STIEG NUR UM 2 P ROZENT . D IE MIT DEM
I NFORMATIONSNETZ VERBUNDENEN »L EISTUNGEN « HABEN DEMNACH
NICHT DIE ERREICHT , DENEN SIE EIGENTLICH NÜTZEN SOLLEN . E S

463
STIMMT , DASS ES DENEN RELATIV GUT GING , DIE EINE A RBEITSSTELLE
HATTEN . Z WISCHEN 1978 UND 1992 STIEGEN DIE G EHÄLTER VON
F ÜHRUNGSKRÄFTEN UM 50 P ROZENT , DIE L ÖHNE AUF DEN NIEDEREN
E BENEN BLIEBEN DAGEGEN GLEICH . M ITTLERWELLE SCHÄTZT MAN DIE
Z AHL DER A RMEN IN A MERIKA , DAS DIE WELTWEIT AM STÄRKSTEN
PROSPERIERENDE W IRTSCHAFT AUFZUWEISEN HAT , AUF MEHR ALS 60
M ILLIONEN . 26 M ILLIONEN DIESER M ENSCHEN - DIE H ÄLFTE DAVON
K INDER - IST AUF S UPPENKÜCHEN UND E RNÄHRUNGSPROGRAMME
ANGEWIESEN , UM ÜBERHAUPT ÜBERLEBEN ZU KÖNNEN . (V GL . P ETER
D AVIS : IF Y OU C AME T HIS W AY : J OURNEY THROUGH THE L IVES OFTHE
U NDERCLASS . C HICHESTER 1995.) »W ENN DER W OHLSTAND NICHT
GERECHTER VERTEILT WIRD «, WARNT P AMELA M EADOWS , L EITERIN
DES P OLICY S TUDIES I NSTITUTE , EINER ENGLISCHEN D ENKFABRIK ,
» KANN DAS SCHLIESSLICH DAZU FÜHREN , DASS WIR DIE K OSTEN DER
GESELLSCHAFTLICHEN V ERSCHIEBUNGEN MIT HÖHEREN
S OZIALABGABEN , EINEM A NSTIEG DER K RIMINALITÄTSRATE UND
ANDEREN GESELLSCHAFTLICHEN M ISSSTÄNDEN BEZAHLEN MÜSSEN .«
(»W HEN GROWTH FALLS THE UNEMPLOYED «, IN : F INANCIAL T IMES , 27.
F EBRUAR 1996.)

BISLANG FEHLT DAS NÖTIGE BEWUSSTSEIN DAFÜR, DASS KOSTEN


UND GEWINNE VON ALLEN GETEILT WERDEN MÜSSEN, DASS MIT ALL
DEN MÖGLICHKEITEN AUCH VERPFLICHTUNGEN GEGENÜBER DER
GEMEINSCHAFT VERBUNDEN SIND. NUR AUFGRUND SOLCHER
ENTSCHEIDENDER, WENN AUCH NICHT KALKULIERBARER WERTE -
DIE SICH NUR DURCH DIE MENSCHLICHE KOMMUNIKATION
VERMITTELN LASSEN - KANN DAS EVOLUTIONÄRE CHAOS IN
GESELLSCHAFTLICHE STABILITÄT ÜBERFÜHRT WERDEN.

DIE CYBERNETISCHE TECHNOLOGIE WIRD GROSSE ORGANISATIONEN


WAHRSCHEINLICH NICHT AUF DIE MÜLLHALDE DER GESCHICHTE
VERBANNEN, SIE WERDEN EINFACH WENIGER SICHTBAR SEIN UND IN
EINEM V ERBUND VON K NOTEN VERSCHWINDEN .
E BENSOWENIG KANN
MAN DAVON AUSGEHEN , DASS DER E INZELNE , DER INNERHALB EINER
SOLCHEN O RGANISATION ARBEITET , ÜBER SEINE A RBEITSBEDINGUNGEN

UND DAS EIGENE S CHICKSAL ENTSCHEIDEN KANN . I M G EGENTEIL :


W ÄHREND DIE ALTE G ARDE DURCH EINE G ENERATION JUNGER W ILDER
ERSETZT WIRD - DIE ZUFÄLLIG FORTSCHRITTLICHERE UND WIRKSAMERE

H ILFSMITTEL IN H ÄNDEN HALTEN -, HAT DER E INFLUSS DER MEISTEN


A RBEITNEHMER IN DEM M ASSE ABGENOMMEN , WIE IHRE T RETMÜHLE

464
DURCH TECHNISCHE M ITTEL EINEN »U PGRADE « ERFUHR , BZW . AUF
HÖHEREN T OUREN LÄUFT . D IE GEHEIMNISVOLLEN I NSTANZEN DER

CYBER - NETISCHEN T ECHNOLOGIE GESTALTEN DIE

M ACHTVERHÄLTNISSE UM , SIE LÖSEN SIE NICHT AUF . D IE G RUNDLAGE


VON W IRTSCHAFT , P OLITIK UND G ESELLSCHAFT , GEHT LANGSAM VON

DEN SICHTBAREN K OORDINATEN DER PHYSISCHEN W ELT , DIE AN


MENSCHLICHEN M ASSSTÄBEN AUSGERICHTET SIND , IN EINEM

ENTMATERIALISIERTEN , KALKULATORISCHEN R EICH AUF . D URCH DAS

MIKROSKOPISCH FEINE F LECHTWERK AUS S ILIKON WERDEN B AHNEN

FÜR DEN CYBERNETISCHEN H ANDEL GEZOGEN . D IE S CHALTKREISE UND


KOMPLIZIERTEN P ROGRAMMROUTINEN BILDEN DAS F UNDAMENT , AUF

DEM DIE S CHLÖSSER UND Z EUGHÄUSER DER G EGENWART ERRICHTET

WERDEN . D IE P RIESTER - UND DIE K RIEGERKLASSE VERSCHMELZEN ,

UND ES ENTSTEHT EINE NEUE E LITE .


Sie sind die Herren des Codes.

Kapitel vier

Die neuen Macht-


strukturen
D AS ALTE , SEIT JEHER DEN M ENSCHEN ANGEBORENE V ERLANGEN NACH
M ACHT WUCHS GLEICHZEITIG MIT DER G RÖSSE DES R EICHES UND KAM
[ DABEI ] ZUM D URCHBRUCH [...]
TACITUS , »H ISTORIEN « 1

Bis zu ihrer Umstrukturierung im Jahr 1995 galt American


Telephone & Telegraph (AT&T) als Musterbeispiel eines
Unternehmens. Die bekanntermaßen konservative und

465
traditionsbewußte Firma bemühte die antike Mythologie, um ein
Symbol zu finden, das dem eigenen Selbstverständnis zur Ehre
gereichen würde. Nach einigem Suchen einigte man sich auf
Merkur, den Götterboten und Gott der Kaufleute und Diebe. Heute
beherrscht eine turmhohe Statue dieses Gottes den Eingangsbereich
der Firmenzentrale, überzogen mit blankem, 23karätigem Gold.
Seine Augen sind gen Himmel gerichtet, in seiner ausgestreckten
Hand hält er ein Bündel mit Blitzen. Nur wirkt die goldene Gestalt
an diesem Ort, inmitten der grünen Hügellandschaft von Basking
Ridge irgendwie fehl am Platz.
Ich fuhr ins neblige New Jersey, um eine Reihe von Interviews zu
führen. Wenn man von diesem surrealen Goldklumpen absieht, hat
der ganze Gebäudekomplex der Firmenzentrale etwas Monastisches
und Geheimnisvolles. Hier und da blitzte gelber Backstein und ein
Terrakotta- Dachziegel zwischen den Bäumen hindurch. Als ich
sehr förmlich in das mit Teppichen ausgelegte Heiligtum des
Vorstands geführt wurde, hatte ich das trügerische, aber
anhaltende Gefühl, einen Ort der Meditation und Zuflucht
zu betreten, einen Tempel, in dem es um ästhetische oder
geistige Werte geht, und nicht das Nervenzentrum eines
riesigen Unternehmens, eines Goliath der Kommunikati-
onstechnik, dessen jährliche Einnahmen - wenn sie noch in
einer Konzernbilanz zusammengefaßt würden - die
gesamte Wirtschaftsleistung vieler souveräner Staaten
mit Leichtigkeit überträfen.(1978 war AT&T die erste Firma
überhaupt, deren Aktiva mehr als 100 Mia. Dollar betrugen. Sie
verbuchte 1995 zum Zeitpunkt ihrer Aufspaltung in 3
Betriebsgesellschaften einen Umsatz von 79.6 Mia. Dollar. Der
Gesamtumsatz seit 1984 beträgt nahezu 800 Mia. Dollar. Das
riesige Kapital an technischem Knowhow, das das Geschäft am
laufen hält, wurde nie zureichend quantifiziert)

466
Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts hatte das »Bell System«
die kleineren Konkurrenten auf dem Telefonmarkt entweder
aufgekauft oder verdrängt und seither seinen Platz unter den
Giganten des Industriezeitalters eingenommen, die auf
Standardisierung und Effizienz gründen, So wie das Model-T aus
den Automobilwerken von Henry Ford waren auch die Telefone
von AT&T in jeder gewünschten Farbe erhältlich - solange man
sich für Schwarz entschied. In geheimen Sitzungen wurden die
Standards ausgetüfelt. Das Netzwerk war das Allerheiligste und
AT&T die Mutterkirche in dem expandierenden Reich des
Fernsprechwesens. Wie jede Kirche beruhte sie auf einer Reihe von
Glaubenssätzen. Den wichtigsten hatte man in eine große
Bronzeplatte geprägt, die ursprünglich in den Boden der Zentrale in
Lower Manhattan eingelassen war. Diese überdimensionierte, von
unzähligen Schuhen blankgeschliffene Münze ist inzwischen nach
Basking Ridge gebracht worden. Die Worte auf der heute in jeder
Hinsicht zum Relikt gewordenen Platte lauten: »Eine Polltik, ein
System, ein universaler Dienst.«

(Dieser Spruch stammt von dem Firmenpatriarchen Theodore Vale,


Der Status des Unternehmens als eine öffentlich gelenkte private
Einrichtung, ein Franchise-Monopol, das ein umfassendes
Dienstleistungsprogramm zu bezahlbaren Preisen anbietent, wurde
vom amerik. Kongress 1921 mit dem Graham Willis Act bestätigt.

DAS KLINGT ZWEIFELLOS BEFREMDLICH IN EINER ZEIT, IN DER DER


INDIVIDUALISMUS SEINEN SIEGESZUG ANGETRETEN HAT UND DER
COMPUTER JEDERMANN ABSOLUT EINZIGARTIGE Erlebnisse verspricht.
Alles in Massen, das ist Orwellsche Ketzerei, althergebrachtes
Denken digitaler Zeiten. Aber halt - steckt in diesem verstaubten
Spruch nicht auch eine Verpflichtung zur öffentlichen Versorgung?
Das Telefonnetz ist nicht aus dem Nichts entstanden, weder durch
ein Wunder noch durch die eingesetzte Technologie. Es war das

467
Ergebnis eines blutigen Kampfes. Zuerst verleibte sich AT&T die
flügge gewordene Konkurrenz ein und wuchs zu beträchtlicher, fast
obszöner Größe heran. Die Firmenbosse wurden nach Washington
zitiert und an den Verhandlungstisch gezwungen: AT&T würde sein
Monopol behalten dürfen, aber es mußte sein Netzwerk der Allge-
meinheit zugänglich machen und allen Kunden unter den gleichen
Bedingungen seine Dienstleistungen anbieten - dem ständig
telefonierenden Geschäftsmann im umtriebigen New York genauso
wie der abgelegenen Ranch in Montana.

Ähnliche Richtlinien setzten sich in Europa und Asien


durch, wo sich die Telefongesellschaften in Staatsbesitz
befanden. Deshalb ist das heutige weltweite Telefonnetz
immer noch so mächtig - es ist der Zusammenschluß zum
größten und ausgefeiltesten Apparat, der je gebaut wurde.
Dieses Netz verkörpert das Prinzip der Verteilung von
Kosten und Nutzen auf alle. Wenn man heute zum Hörer
greift, kann man jederzeit jedermann anrufen, egal wo der
sich gerade - in der entwickelten Welt - befindet.
Unterdessen verfügen vier Fünftel der Menschen auf der
Erde nicht über die Mittel, sich einen Telefonapparat leisten
zu können, und noch viel weniger können sich mit einem 1
OOO-Dollar-PC in die Zukunft einkaufen«*

("während die Erste Welt mit hoher Geschwindigkeit auf das


Informationszeitalter zusteuert ... haben 4 der weltweit 5 Mia.
Menschen noch immer keinen Zugang zu einfachsten
Telekommunikationsmitteln." heisst es in einem Bericht der int.
Telecom. Union ITU, den McKinsey erstellt hat (zitiert nach
Frances Williams "Third World set to benefit from telecoms plan"
in Financial Times 3. Feb. 1995

»Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung«: Die achtzi


GER J AHRE HATTEN DER P OLITIK EIN NEUES
VERHEISSUNGSVOLLES M ANTRA BESCHERT . Z UNÄCHST WURDEN
DIE NATIONALEN B ESCHRÄNKUNGEN FÜR Finanzkräfte
aufgehoben; jetzt konnte man Billionen innerhalb von

468
Nanosekunden praktisch überall hin verschieben. Wie in einem
Zoo, in dem die Tiere freigelassen wurden, fraßen die Löwen
sofort die Lämmer. London, New York und Tokio hatten bald ihre
Position als die wichtigsten Finanzzentren der Welt ausgebaut und
das Geschäft der meisten kleinen und mittleren Rivalen
abgeschöpft. Die Kommunikationstechnologie spielte dabei eine
entscheidende Rolle. Eine große deutsche Bank behauptet, daß
»die Deregulierung des britischen Telekommunikationsmarktes
Mitte der achtziger Jahre dem Londoner Finanzzentrum einen
guten Vorsprung gegenüber Frankfurt verschaffte«.2 Gleichzeitig
verursachte die Globalisierung bestimmter industrieller Märkte
und die sich daraus ergebenden Rationalisierungen und Fusionen
zu einer Handvoll global players in den einzelnen Industrien
merklich höhere Telekommunikationskosten.
Die Industriegiganten spielten die nationale Karte aus
und behaupteten, das Ausleseverfahren nur überleben und
sich eine Eintrittskarte für den Weltmarkt sichern zu
können, wenn sie ein vollkommen neues Kommunikati-
onssystem bekämen. Und wie könnte man besser die Ko-
sten senken und gleichzeitig Innovationen fördern, als mit
der Umwandlung öffentlicher Versorgungsbetriebe in
private Unternehmen, die sich damit dem Wettbewerb

469
stellen müßten? Die Regierungen taten ihnen den Gefallen. 1984
wurde die British Telecom privatisiert und unmittelbar darauf das
alte Bell-System aufgelöst. Innerhalb von zehn Jahren hatte sich
dieses Rinnsal in einen Strom verwandelt: Praktisch jeder
öffentliche Telekommunikationsanbieter in Europa hatte nun den
Gang an die Börse vorbereitet. Das Ziel war, »Netzwerke, die für
die Bedürfnisse der Nationalstaaten des neunzehnten Jahrhunderts
entworfen worden waren«3, in kosmopolitische Wettbewerber
umzuwandeln, die nach globalen Maßstäben arbeiteten. Jedes
dieser frischgebackenen Konkurrenzunternehmen wurde auf den
Markt losgelassen, um dort nach Gewinnen zu jagen, und hat
seitdem umfangreiche Rabatte, maßgeschneiderte Dienstleistungen
und anspruchsvolle Datenverwaltung in seiner Angebotspalette, mit
der große multinationale Kunden geködert werden sollen. Eine
Folge davon ist, daß Unternehmen wie Unilever, der
niederländisch-britische Nahrungsund Reinigungsmittel-Gigant,
jetzt unter optimalen Bedingungen auf Einkaufstour gehen kann:
Alle ehemaligen Telekommunikationsmonopolisten stellen
»virtuelle Privatnetze« zur Verfügung, eine billige Möglichkeit,
ganze Organisationen über große Entfernungen hinweg zu
koordinieren.

470
Der Nutzen für die privaten Haushalte und kleinen Geschäfte ist
dagegen nicht ganz so eindeutig auszumachen. Da sie fest an einen
Ort gebunden sind, ist diese Kundschaft immer noch vom selben
Anbieter abhängig. So kontrolliert beispielsweise die British
Telecom ein Jahrzehnt nach der
Privatisierung und
Liberalisierung immer noch 85 * E IN B EISPIEL FÜR DIESE
Prozent des heimischen Marktes. NEUE U N -
Das Muster ist überall das TERNEHMENSGENERATION IST
gleiche: Der Zugang zum DIE MFS W ORLD C OM , DEREN
F USION IM A UGUST 1996
Kommunikationsnetz, der eher DURCH DEN A NFANG DESSELBEN
auf politischen Entscheidungen J AHRES VERABSCHIEDETEN
als auf irgendeiner T ELECOMMUNLCATIONS A CT
MÖGLICH WURDE . D IESE
»unaufhaltsamen technischen G RUPPE STELLT N ETZE BEREIT,
Flut« beruht, findet sowohl DIE UNGEFÄHR
national wie international auf FÜNFUNDVIERZIG
F INANZZENTREN AUF DER
verschiedenen Ebenen statt.* Das GANZEN W ELT MITEINANDER
langsame und nicht immer zu- VERBINDEN , UND WIRD BALD
verlässige öffentliche Internet EINEN WESENTLICHEN T EIL DES
existiert zum Beispiel parallel zu WELTWEITEN
F INANZTRANSFERS
vielen schnellen Firmennetzen, ÜBERNEHMEN . MFS
zu denen der Zugang beschränkt W ORLD C OM BEZEICHNET SICH
ist. Anstelle eines allgemeinen BEREITS JETZT ALS » DEN
ERSTEN V OLLANBIETER VON
Dienstes gibt es verschiedene G ESCHÄFTS -
Dienste zu unterschiedlichen DIENSTLEISTUNGEN «, DEREN
Preisen entsprechend der A USFÜHRUNG » VOM
U RSPRUNGSORT ZUM
Bedingungen des jeweiligen B ESTIMMUNGSORT «, UND ZWAR
Marktes."1" » INTERNATIONAL , AUS EINER
Es ist äußerst faszinierend, H AND « ERFOLGT. D IE
K ONTROLLE EINES N ETZES UND
wie Worte ihre Bedeutung im
DER K UNDEN IST DAHER -
Laufe der Zeit verändern UNTER DEM A SPEKT DES
können. Nehmen wir E RHALTS DER M ACHTPOSITION
beispielsweise den Begriff - SO WICHTIG WIE EH UND JE .
G EÄNDERT HABEN SICH
»Körperschaft«; er stammt von TATSÄCHLICH NUR DIE
V ERPFLICHTUNGEN GEGENÜBER
DER ÖFFENTLICHEN
V ERSORGUNG .

471
dem lateinischen corpus ab, also Körper, und corporare, was soviel
wie verkörpern heißt. Im Römischen Reich hatte er zuletzt eine fast
spirituelle Bedeutung und bezeichnete eine Gruppe von Menschen,
die dieselbe Überzeugung teilen. Ein Renaissance- Schriftsteller
schreibt von der »Körperschaft derer, die in das Buch des Lebens
eingeschrieben sind«. Heute bedeutet dieser Begriff etwas voll-
kommen anderes. Im englischen Sprachraum gebraucht man den
Ausdruck corporation vor allem, um damit ein Unternehmen zu
bezeichnen, das sich in Privatbesitz befindet und den Reichtum der
Eigentümer vermehren soll. »Was man eine Gemeinschaft von
Besitzern nennen sollte«, bemerkte Charles Dickens während einer
Reise in die Vereinigten Staaten, »nennen sie in Amerika eine Kör-
perschaft.«

+ Auf gesättigten oder langsam wachsenden


Märkten wird häufig der Versuch unternommen, noch
die letzten Einnahmen herauszuholen, indem man
teure Produkte aus einem segmentierten
Marktbereich anbietet. Neu hinzugekommene
Konkurrenten im modernen
Telekommunikationssektor versuchen dagegen,
Dienste zu geringeren Gebühren anzubieten. Sie
können sich an das bereits bestehende, von allen
errichtete Netzwerk anhängen, ohne daß sie sich an
den damit verbundenen Kosten beteiligen müßten.

Ein Wort kann seine Bedeutung durch solche linguisti-


schen Taschenspielertricks beinahe über Nacht ändern. Als
zum Beispiel die Börsenanalysten der Wall Street in den
frühen Neunzigern von der Kommunikationsindustrie
sprachen, meinten sie damit die Telefongesellschaften.
Fernsehsender, Zeitungen und Verlage bildeten einen

472
eigenen, lose verbundenen Bereich, der mit dem Etikett
»Medien« versehen wurde. Computer zählten zu einem
gesonderten, dritten Segment. Heute verursacht die
cybernetische Technologie mit erstaunlicher Geschwin-
digkeit eine Neuordnung: Sie bringt all diese Bereiche
zusammen und erhöht gleichzeitig den Status dieses neuen
Industriezweigs innerhalb der gesamten Wirtschaft.
Kommunikation wird nie mehr so sein wie früher.
Der technische Hintergrund dieser Entwicklung ist
ziemlich eindeutig. Ursprünglich war das Telefonnetz zur
Übertragung der Stimme entworfen worden, heute IST ES
DABEI , EIN H OCHGESCHWIN DIGKEITSCOMPUTER ZU
WERDEN .

(D ER E LEKTROMAGNETISMUS WIE IHN B ELL IM SPÄTEN 19. J H .


ENTWICKELT HATTE , ERMÖGLICHTE ES , S TIMMEN IN F ORM VON
W ELLEN ÜBER GROSSE D ISTANZEN ZU ÜBERMITTELN . N OCH I N DEN
ACHTZIGER J AHREN DES ZWANZIGSTEN J AHRHUNDERTS KREUZTEN BEI
EINEM T ELEFONGESPRÄCH ELEKTROMAGNETISCHE S IGNALE EINE
H IERARCHIE VON O RTS -, F ERN - UND D URCHGANGSPUNKTEN , ÖFFNETEN
UND SCHLOSSEN S CHALTER IN EINEM RIESIGEN G EFLECHT
MECHANISCHER I NSTRUMENTE . H EUTE SIND S IGNALAUSRÜSTUNG ,
Ü BERTRAGUNGSLEITUNGEN , T ERMINALS UND S OFTWARESTANDARDS , DIE
DAS GANZE STEUERN , DIGITALISIERT . G RÖSSERE D ATENMENGEN ( ALS
C OMPUTERCODE , NICHT ALS ANALOGE ELEKTRISCHE S IGNALE ) KÖNNEN
DURCH AUFNAHMEFÄHIGERE L EITUNGEN RFRÖMEN . A UCH DAS
SCHLICHTE ALTE T ELEFON MACHT EINE M ETAMORPHOSE DURCH , ES WIRD
EIN IMMER AUSGEKLÜGELTERES, MIKROCHIPGESTEUERTES »TER-MINAL-GERÄT«. DADURCH
VERÄNDERT SICH DIE KOSTENSTRUKTUR DES GESAMTEN GESCHÄFTSZWEIGEN )

D IESE E NTWICKLUNG HAT WEITREICHENDE K ONSEQUENZEN . I CH


SITZE IM B ÜRO EINES AMERIKANISCHEN P OLITIKERS , ÜBER ALL
STEHEN ELEKTRONISCHE G ERÄT - SCHAFTEN HERUM : EIN F AX , EIN
P IEPSER , T ELEFON , EIN L APTOP UND SCHLIESSLICH DER
DAS
ALLGEGENWÄRTIGE T ELESCREEN . »A LLES DIGITAL «, ERKLÄRT ER MIT
EINER AUSHOLENDEN G ESTE . »B ALD KANN MAN SICH AN EIN

473
K ABELNETZ ANSCHLIESSEN , EINE T ELEFONLEITUNG , EINE
S ATELLITENSCHÜSSEL - WAS IMMER MAN WILL . U ND MAN BEKOMMT
ALLES : T EXTE , B ILDER , F ILME UND SO WEITER . M AN KANN DIE
EINZELNEN T ECHNOLOGIEN NICHT VONEINANDER ABGRENZEN . W IR
HABEN ES NICHT MEHR NUR MIT T ELEFONNETZEN ZU TUN , HEUTE IST
ALLES AUF VERSCHIEDENSTE W EISE UNTEREINANDER VERNETZT .«

Wenn das so ist, frage ich ihn, was passiert dann mit all den
Telefongesellschaften, Softwarehäusern und Fern-
sehsendern?
»Nun«, sagt er, »die ziehen alle an einem Strang.«4

Im antiken Griechenland dachte der Philosoph Heraklit


über den sich ständig in Bewegung befindlichen Fluß des
Lebens nach: »Es ist unmöglich, zweimal in denselben
Fluß zu steigen.« Heute ist dieser Fluß wohl eher ein
reißender Strom. Die großen Kommunikationsunternehmen
verweisen darauf, daß sie wie alle anderen ins offene Meer
geschwemmt worden sind und sich ihre Organi-
sationsstrukturen und Unternehmensphilosophien aufgelöst
haben. Gänzlich neue Geschäftsbeziehungen und
Machtkonstellationen nehmen Gestalt an. Der Vorstands-
chef von AT&T, Bob Allen, zeichnet ein drastisches Bild.
Er spricht von einem »aufgewühlten Meer der Verände-
rungen« und den zukünftigen Kämpfen um »die Neuge-
staltung der Unternehmenslandschaft«5.

Es gibt tatsächlich viele Aufgaben zu bewältigen. Die


führenden Telekommunikationsgiganten genießen aller-
dings einen einzigartigen und sogar beneidenswerten
Vorteil (Die dominerenden Globalen Unternehmensblöcke,
gemessen am Aufkommen internationaler Anrufe, sind
AT&T, Unisource ein Zusammenschluss öff.
Telekomanbieter aus NL, SP,SE und CH. GlobalOne, eine
Verbindung zwischen Sprint, deutscher Telekom und
France Telecom und schliesslich British Telecom)

474
B IS VOR KURZEM WACHTEN SIE ÜBER EINE RIESIGE , VON DER
ÖFFENTLICHEN H AND GELENKTE M ASCHINE . I HR " GESÄTTIGT "
UND EIN WEITERES W ACHSTUM SOMIT EHER
UNWAHRSCHEINLICH . Z U B EGINN DES I NFORMATIONSZEITALTERS
HERRSCHEN SIE PLÖTZLICH ÜBER EINEN RIESIGEN C OMPUTER ,
DER G RENZEN ZU EINEM R EICH VOLLER NEUER
G ESCHÄFTSMÖGLICHKEITEN ÖFFNET . A U SSERDEM UND TROTZ
ALL DES G EREDES ÜBER KONKURRIERENDE N ETZE ,
D ATENAUTOBAHNEN UND I NTERNET VERFÜGEN SIE MIT DIESEM
JETZT COMPUTERISIERTEN N ETZ ÜBER DIE WEITAUS
WICHTIGSTEN Ü BERTRAGUNGSKANÄLE FÜR JEGLICHEN I NFORMA -
TIONSAUSTAUSCH , UND DAS WIRD AUCH NOCH VIELE J AHRE SO
BLEIBEN . ALSO: AN DIE VERHANDLUNGSTISCHE. MIT EINER
MISCHUNG AUS SICHERHEITSDENKEN UND ZIELSTREBIGKEIT GEHEN
DIE TELEKOMMUNIKATIONSGESELLSCHAFTEN MIT
COMPUTERUNTERNEHMEN, SOFTWAREGIGANTEN UND
MEDIENKONGLOMERATEN AUF DER GANZEN WELT NEUE
STRATEGISCHE BEZIEHUNGEN EIN.

»Die bislang bestehenden Grenzen zwischen den ver-


schiedenen Industriezweigen verwischen«, erklärt Pieter van
Hoogstraten, Planungsstratege bei Royal PTT Netherlands.
»Man kann beobachten, wie sich ganz neue Gruppen von
Firmen aus unterschiedlichen Industriezweigen
zusammenschließen und eine neue Art von Konzernen
schaffen, in denen die Kommunikationstechnologien eine
zentrale Rolle spielen.«6 Ungeachtet jenes »aufgewühlten
Meers der Veränderungen« sehen viele, unter anderem The
Economist, eine »Revolution in der Kom-
munikationstechnologie [voraus], die die Welt verän- dem
wird«7. Der Vorstandschef der British Telecom, Iain
Vallance, verkündet die Geburt einer neuen Industrie, die
auf der Spitze der »größten Wachstumskurve, die die Welt je
gesehen hat«, stehen wird.8

Auf den folgenden Seiten werden drei »Kommunikati-

475
onstechnologieumgebungen« dargestellt. Es geht darum zu
zeigen, wie die physikalischen Landschaften des Handels in
exklusive Herrschaftsbereiche unterteilt werden. Der Erfolg
in der cybernetischen Wirtschaft wird nicht vom starken
»Wettbewerb des freien Marktes« herrühren, sondern von
der Beherrschung einer Kommunikation, die Systeme und
Codes benutzt. Die wiederum hängt von der richtigen
Mischung dreier wesentlicher Komponenten ab:
Hardwarenetzen, Softwareumgebungen und Abnehmern. Es
werden neue wirtschaftliche Machtzentren entstehen, die
innerhalb eines vernetzten, nicht mehr nationalen Gebietes
arbeiten.

S YSTEMRIESEN

Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in der Lower West
Side von Manhattan, in den Schluchten der Lagerhäuser
nahe der Houston Street. Vor Ihnen, 570 Washington,
wächst eine schlichte graue Ziegelfassade aus dem Boden.
Hinter ihr verbarg sich einmal eine Verladestation samt
Fleischhandels-Großmarkt. Heute beheimatet dieses
festungsähnliche Gebäude das »Network Operations Cen-
ter« von Merrill Lynch, einem
DER MÄCHTIGSTEN G ÖTTER IM LUFTIGEN PANTHEON DER
F INANZWELT.*

M ERRILL L YNCH F INANZKONZERN MIT MEHR ALS 500 N IEDER -


IST EIN

LASSUNGEN IN ACHTUNDDREISSIG L ÄNDERN ; ER VERWALTETE 1994 EIN


K APITALVERMÖGEN VON INSGESAMT 568 M ILLIARDEN D OLLAR . S EINE
N ETTOEINKÜNFTE IM GLEICHEN J AHR BETRUGEN 9,6 M ILLIARDEN
D OLLAR .
Im Inneren wird man von dem gläsernen Auge der Über-
wachungskamera erfaßt und muß einen Spießrutenlauf an den

476
unauffälligen Sicherheitskontrollen vorbei hinter sich bringen, um
schließlich einen riesigen Lastenaufzug zu betreten, der einen drei
Stockwerke nach oben bringt. Dort wartet das Heiligtum. Es ist ein
riesiger Raum, Zentrum eines außergewöhnlichen, weltweit
operierenden Netzes, das mit einer Armee von Händlern das Geld
vieler tausend Investoren mit den Aktienmärkten zusammenbringt.
Obwohl Merrill Lynch wie andere multinationale Firmen mit
regionalen und überregionalen Telekommunikationsanbietern
günstige Gebühren für die anfallende Datenübertragung
ausgehandelt hat, verfügt es auch über ein eigenes System. Die
Datenverbindungen zur Außenwelt lassen strategische Allianzen
und taktische Imperative erkennen: Die Daten werden durch
spezielle Kanäle geschleust und durch ein ausgeklügeltes
Sicherheitssystem von »Gateways« und »Firewalls« geführt. In
seinem Innersten befindet sich eine unsichtbare elektronische
»Verarbeitungsumgebung«. Dieser softwaregenerierte Ar-
beitsbereich ist das Herzstück des Unternehmens und die schärfste
Waffe im Kampf mit seinen Konkurrenten auf der ganzen Welt.
Wenn diese Software die richtigen Bildschirme im richtigen
Augenblick mit zeitgebundenen Handelsinformationen bestückt,
wird die Firma ihre jetzt schon führende Position noch ausbauen
können: Tagtäglich lassen sich niedrige Käufe und hohe Verkäufe
tätigen und Geschäfte abschließen, bevor auf den Märkten
zugeschlagen werden kann.
Das Verfahren ist verblüffend. Großflächig reiht sich ein
Großrechner an den anderen, wie eine Aufstellung von Panzern.
Die Software dazu wurde von ehemaligen Pen- tagon-Mitarbeitern
unter Verwendung ihres Spezialwis- sens und modernster
Kriegssimulationsprogramme ge- schrieben. Kilometerlange
Elektro- und Glasfaserkabel laufen auf einer »Brücke«, also einem
Gerät zur Verbindung von Teilnetzen, zusammen, deren glühende
Lichter und ausgetüftelte elektronische Simulationsprogramme
Starship Enterprise als eine plumpe Fälschung erscheinen lassen.
Hier findet ein echter elektronischer Krieg statt.

477
Die in Halbkreisen aufgestellten Terminals schicken ihre
Operatoren auf cybernetischem Weg um die ganze Welt. Die
Bildschirme werden ununterbrochen überwacht. Auf dem
Bildschirm links ist eine komplizierte Graphik des gesamten
Handelsverkehrs der Welt zu sehen; auf dem Bildschirm rechts
startet der Operator gerade ein Echtzeit-Diagnoseprogramm auf
einer Schaltungsplatine, die in einem Arbeitsplatzrechner in Tokio
steckt. Die Finger der Technikerin fliegen über die Tastatur, um den
Verkehr wegen einer Überlastung umzuleiten. Ihre Befehle lösen
eine unbeschreibliche Menge elektronischer Signale aus, die
Milliarden von Dollar symbolisieren.
Für Merrill Lynch und die meisten großen multinationalen
Konzerne ist ein leistungsfähiges »Bitstream-Ma- nagement« zur
Voraussetzung für das geschäftliche Überleben und das weitere
Wachstum geworden. Die Kosten steigen jedoch für jede weitere
Komplexitätsebene deutlich: Man benötigt riesige Reserven an
Rechnerleistung und Bataillone von Spezialisten, die sich ihre
Spezialkenntnisse mit sechsstelligen Summen bezahlen lassen. Da
eine Komplexitätsstufe auf die nächste folgt und die Kosten immer
weiter steigen, wenden sich alle bis auf die ganz großen
Finanzjongleure hilfesuchend nach draußen und geben damit Teile
ihrer Souveränität im Informationsbereich preis.9 Zu guter Letzt
landen aber auch die Großen im Netz. Die alten Machtverhältnisse
haben sich aufgelöst, und aus den Fragmenten entstehen neue
Koalitionen. Die elektronisch vernetzte Wirtschaft beginnt, sich um
neue Vermittlungsknoten herum anzuordnen -Allianzen, denen es
um die synergetische Nutzung der verschiedenen Zentren
strategischen Fachwissens geht.
Es gab Zeiten in der Welt der Hochfinanz, in denen ein
Newcomer, der nicht auf Vergünstigungen, Beziehungen
und die allerneuesten Hilfsmittel zurückgreifen konnte,
dennoch die Kluft zu seinen mächtigeren Rivalen über-
brücken konnte, indem er Intelligenz und harte Arbeit in-
vestierte. Diese Zeiten sind vorbei. Selbst für ein Unter-

478
nehmen mittlerer Größe ist das Überleben schwierig ge-
worden. Wie der Informationschef von Merrill bekennt,
»sind die Tage der Senkrechtstarter vorbei. Es kostet zuviel,
ganz oben mitzumischen«. *

* INTERVIEW DES AUTORS MIT HOWARD SORGEN, DEM SENIOR-VIZEPRÄSIDEN- TEN


VON MERRILL LYNNCH, IM WORLD FINANCIAL CENTER, NEW YORK CITY, 29. JULI
1994. IN DEN VEREINIGTEN STAATEN INVESTIEREN DIE FINANZDIENSTLEISTUNGS-
UNTERNEHMEN JÄHRLICH 20 MILLIARDEN DOLLAR, UM IHRE TRADING ROOMS UND
INFORMATIONSDISTRIBUTION AUF DEN NEUESTEN S TAND ZU BRINGEN ; IN
G ROSSBRITANNIEN BETRÄGT DIESE S UMME ETWA 3,24 M ILLIARDEN
D OLLAR . D IE AM SCHNELLSTEN WACHSENDEN B EREICHE SIND E CHT-
ZEIT - DATENÜBERTRAGUNG UND R ISIKOMANAGEMENT -S YSTEME . Z U
DEN S PITZENANBIETERN ZÄHLEN R EUTERS , D OW J ONES T ELERATE ,
B LOOMBERG UND K NIGHT - R IDDER F INANCIAL . (V GL . A LAN C ANE :
»C OMPUTERS IN F INANCE S URVEY « IN : F INANCIAL T IMES , 15.
N OVEMBER 1994; P AUL T AYLOR : »D EALING ROOM TECHNO - LOGY AT
>£ 2 BILLION «< IN : F INANCIAL T IMES , 6. M ÄRZ 1994.)

»Handelsplätze«
Ich bin gerade erst in Singapur angekommen, wo
ich einen Auftrag zu erledigen habe. Nervös taste ich
nach meinen Presseausweisen, während ich zwischen
gepanzerten Polizeiautos in der tropischen Hitze auf
mein Taxi warte. In meiner Tasche liegt eine Ausgabe
der South China Morning Post, die ich auf dem Flug von
Hongkong hierher bekommen habe. Sie enthält einen
beunruhigenden Bericht. Die Regierung hat einen
neuen Angriff gegen die Presse gestartet und zwei
leitende Wirtschaftsexperten der Regierung in
Singapur und den Herausgeber der örtlichen Zeitung
verhaftet. Sie haben ein Gerichtsverfahren zu
erwarten, weil sie die Wachstumsrate der Wirtschaft
ihres Landes bekanntgegeben haben.

479
Mit einer scharfen Machete stutzt Singapur jede Form von
wildwüchsigem Widerstand zurecht, bis nichts mehr davon übrig
bleibt. Obwohl der paternalistische Staatsgründer und
selbsternannte »Premier« Lee Kuan Yew die Demokratie »ä la
Singapur« preist, sind überall die Folgen einer obsessiven Kontrolle
zu sehen.10 - »Singapur«, so steht auf einem T-Shirt, »ist ein
wirklich schöner Staat.« Man macht sich strafbar, wenn man auf die
Straße spuckt oder seinen Kaugummi fallen läßt. Den Nachrich-
tenorganen wurde ein Maulkorb verpaßt. Und doch beneidet
Südostasien diesen Inselstaat um seine wirtschaftlichen
Wachstumsraten. Aus welchen Gründen die Bekanntgabe des
Bruttosozialprodukts auch unerwünscht ist, es übertrifft auf jeden
Fall das des ehemaligen Kolonialherren Großbritannien. Der
Vergleich hat etwas Zynisches, ist aber durchaus signifikant, denn
er vermittelt einen Eindruck davon, was noch bevorsteht: Hier
haben wir die glückliche Koexistenz von cybernetischer Tech-
nologie und einer zentralisierten politischen Gewalt.
Gerade als ich in Singapur war, wurde eine neue Inno-
vationsinitiative gestartet, die
darauf abzielte, Singapur zum
»Informationszentrum« des * E IN ÄHNLICHES Z IEL
Ostens zu machen, ähnlich wie VERFOLGT M ALAYSIA , DAS FÜR
2 M ILLIARDEN D OLLAR EINEN
London, New York und Tokio »M ULTLMEDIA -
heute als die Zentren der Finanz- S UPERKORRIDOR « BAUT, IN DER
welt gelten.* TradeNet ist eine H OFFNUNG DAMIT DIE BESTEN
I NFOTECH -F IRMEN UND E X -
wichtige Waffe bei diesem Un- PERTEN ANZULOCKEN UND AUF
terfangen - eine weitere, Code- DIESE W EISE DEN S PRUNG IN
ge- EINE FÜHRENDE POSITION IM
MULTIMEDIASEKTOR ASIENS ZU
SCHAFFEN. MALAYSIA IST EIN
STEUERPARADIES, DAS EINE REIHE
FISKALISCHER VERGÜNSTIGUNGEN BIE-
TET, UM DIESEN TRAUM WIRKLICHKEIT
WERDEN ZU LASSEN.

480
stützte »Handelsumgebung«, die dazu
dient, Produzenten, Schiffsagenten, Spediteure und Auf-
sichtsbehörden zu einer großen »lebendigen Gemeinschaft« zu
verbinden. Nehmen wir an, Sie sind ein ortsansässiger
Mikrochiphersteller und wollen elektronische Bauteile exportieren:
Das System kann innerhalb von Minuten den nötigen Papierkram
erledigen, während Konkurrenten in weniger vernetzten Städten
Tage darauf warten müssen. Es ist mit einem der geschäftigsten
Häfen der Welt verbunden und ermöglicht es auf diese Weise
Schiffsspediteuren, ihre Fracht elektronisch zu lokalisieren und die
Kunden ständig über alle Veränderungen auf dem Laufenden zu
halten. Ankunft, Liegeplatz und Abfahrt eines Tankers werden
cyberne- tisch festgelegt. Inzwischen ist man eine strategische
Allianz mit Rotterdam eingegangen, dem wichtigsten
Umschlagplatz für Europa, um eine konkurrenzfähige Ost-West-
Achse zu bilden. Für den Benutzer beider Häfen bedeutet sie
zeitliche und finanzielle Einsparungen, womit man das Ziel erreicht
hätte, gegenüber Konkurrenten wie Hongkong und Antwerpen im
Vorteil zu sein. Wie der Präsident von TradeNet bemerkt, »geht es
in diesem Spiel darum, immer einen Schritt voraus zu sein [...].
Wenn man nicht [im Netz] drin ist, ist man aus dem Geschäft
draußen«1
Ein ernüchternder Gedanke. Als ich ihn mir in meinen eigenen
vier Wänden noch einmal durch den Kopf gehen lasse, fällt mein
Blick auf eine bunte Obstschale, die im warmen Schein der Sonne
schimmert - auch diese Früchte sind mit solchen Werkzeugen in
Berührung gekommen. Wachstum, Verkauf und der Transport zum
Markt unterliegen der Aufsicht eines weiteren Handelsnetzes.
Früher versammelten sich zum Beispiel die Blumenhändler - und
ganze Busladungen von Touristen - in riesigen Markthallen in der
Nähe von Amsterdams Flughafen Schiphol zu »echten« Auktionen,
inzwischen sind sie durch privat geführte Handelsplätze ersetzt
worden. Dasselbe gilt für den Wertpapierhandel. Alles nur noch
eine Frage von Logistik und Vertrieb. Der Trend geht immer mehr
dahin, daß die Märkte, auf denen sich tatsächlich noch Menschen
bewegen, durch einen virtuellen, privaten Handel ersetzt werden,
bei dem der Tausch außer für ein paar wenige, die vor einem
entsprechenden Bildschirm sitzen, nicht sichtbar wird.*

* W ENN SICH DIESE E NTWICKLUNG UNGEHINDERT FORTSETZT UND DIE


T RANSPARENZ WEITERHIN ABNIMMT , WERDEN DIE VIRTUELLEN
M ÄRKTE VIEL WENIGER UNTER DER »L AST « REGULIERENDER
B ESTIMMUNGEN ZU LEIDEN HABEN . E S IST SCHON JETZT NUR SCHWER
ZU ERKENNEN , WAS SICH WOHIN BEWEGT . A LS IN DEN ACHTZIGER
J AHREN AN DER L ONDONER B ÖRSE DAS ELEKTRONISCHE O NLINE -
H ANDELSSYSTEM SEINEN B ETRIEB AUFNAHM , WAR DAS P ARKETT
INNERHALB WENIGER W OCHEN VERWAIST . W ENN MAN HEUTE DEN S AAL
IRGENDEINER EUROPÄISCHEN B ÖRSE BESUCHT , KÖNNTE MAN MEINEN ,
SIE WÄRE GESCHLOSSEN : D ER H ANDEL WIRD MITTELS ANONYMER
C ODES GETÄTIGT . E NTSPRECHEND LAUFEN DIE B EZIEHUNGEN
ZWISCHEN U NTERNEHMEN ÜBER ELEKTRONISCHE S TRASSEN UND
»G ATEWAYS «.
A US EINER S TUDIE DER G ENFER I NTERNATIONAL
T ELECOMMUNICATIONS U NION ÜBER DEN WELTWEITEN D ATENVERKEHR
GEHT HERVOR , DASS DIE OFFIZIELLEN S TATISTIKEN KEINEN
A UFSCHLUSS DARÜBER ZULASSEN , WELCHE M ENGEN VERSCHLÜSSELTER
D ATEN ÜBER PRIVATE N ETZE TRANSPORTIERT WERDEN : »E S IST
SCHWER ZU SAGEN , WIE GROSS IHR A NTEIL AM WELTWEITEN
D ATENTRANSPORT IST .« A UF G RUNDLAGE DER WENIGEN AUS DEM
B ANKEN - UND T RANSPORTWESEN BEKANNTEN Z AHLEN KANN MAN DIE
VORSICHTIGE S CHÄTZUNG WAGEN , DASS DIESE F ORM DES PRIVATEN
D ATENVERKEHRS SICH IN WENIGER ALS EINEM J AHRZEHNT
VERDREIFACHT HAT . D AS S WIFT I NTERBANKENSY - STEM VERZEICHNET
EINEN A NSTIEG VON 157 M ILLIONEN N ACHRICHTEN IM J AHR 1985 AUF
457 M ILLIONEN IM J AHR 1993, UND DAS SITA F LUGVERKEHRS -
N ETZWERK , DAS 1988 SCHON 2350 M ILLIARDEN B ITS ÜBERMITTELT
HAT , ZÄHLTE 1992 6620 M ILLIARDEN B ITS . M ITTLERWEILE HAT
SWIFT EINE WACHSENDE Z AHL VON K ONKURRENTEN BEKOMMEN -
DAZU ZÄHLEN I BOS (I NTERBANK O N L INE S YSTEM ) UND I NTUIT -,
WOBEI DAS M USTER IN ALLEN H ANDELSBEREICHEN DASSELBE IST .
(D IRECTION OF T RAFFIC 1994. G ENF 1994.)

Die gesamte Geschäftswelt steht über Computer in direktem


elektronischen Austausch. So werden zum Beispiel in einem Kran-
kenhaus automatisch die Bestände an Bandagen, Verbandsmaterial

482
und Salben durch den Zulieferer von medizinischem Material
aufgestockt. Ein Fernsehhersteller in Kanton ist mit seinem
Subunternehmer in Bangkok vernetzt, eine Autofirma mit
Importeuren und Vertragshändlern. Der Chef des
Kabelfernsehunternehmens TCI, John Malone, spricht von
zukünftigen Firmen-»Okto- pussen, die zu guter Letzt alle in den
Taschen der anderen herumfingern werden«12. Die elektronischen
Verbindungen und nicht die vertrauten (und sichtbaren) wechselsei-
tigen Beteiligungen werden in Zukunft das Wesen der Beziehungen
der Firmen untereinander ausmachen.*

Bis dahin wird der Konsument in elektronischen »Einkaufszentren«


und anderen sorgfältig entworfenen
* D ESHALB SOLLTE FÜR DIESE »Umgebungen« gefangen sein. Die
V ERBINDUNGEN AUCH EINE weltweite Verflechtung von
P UBLIZITÄTSPFLICHT GELTEN , Unternehmen und Konsumenten wird in
SO WIE EINE F IRMA DAZU
VERPFLICHTET I ST,
Zukunft ebenfalls vor allem auf elektro-
MITZUTEILEN , WENN SIE AN nischem Wege bewerkstelligt werden.
EINER ANDEREN BETEILIGT IST. Firmen, die es versäumen, Verbindungen
F EHLT DIESE T RANSPARENZ ,
WIRD ES SEHR VIEL SCHWERER ,
zu diesen Netzen zu schaffen, werden im
ÜBER DIE A BHÄNGIGKEITEN einundzwanzigsten Jahrhundert kaum
DES M ARKTES ZU URTEILEN überleben und schon gar nicht wachsen
UND DIE E INHALTUNG DER
können. Wie der Generaldirektor von
K ARTELLBESTIMMUNGEN UND
EINEN GESUNDEN Lotus, John Landry, erklärt, liegt das
W ETTBEWERB ZU SICHERN . daran, daß »es bei einmal etablierten
Verbindungen [zwischen Zulieferern,
Produzenten und Kunden] verdammt
schwer sein wird, diese raus-, [...] und das eigene Unternehmen
wieder reinzukriegen«13.
»K ONSUMENTENGEMEINSCHAFTEN «

Bestimmte Abschnitte der kalifornischen Küste sind atem-


beraubend. Vor einem Jahrhundert waren diese Gestade im Westen
Amerikas das Ziel von Pionieren und Abenteurern: Hier lag die
letzte geographische Grenze des nordamerikanischen Kontinents.
Selbst heute vermitteln sie noch ein Gefühl der Befreiung von
physischen und kulturellen Beschränkungen, und man kann sich
eine neue Identität schaffen. Gibt es einen besseren Ausgangspunkt
für den Aufbruch zur elektronischen Grenze der Kybernetiker?
Eigentlich bin ich mit einem dieser Technikvisionäre um 15 Uhr
wegen eines Interviews verabredet. Die ganze Fahrt über bin ich
versucht, mich dem Anblick der Naturspektakel hinzugeben, aber
die Zeit drängt. Zu meinem größten Entsetzen verliert das Mietauto
plötzlich an Geschwindigkeit und bleibt stehen. Es ist jetzt Viertel
nach zwei. Als ich mein klimatisiertes Gefährt verlasse und die
einsame, von Gestrüpp gesäumte Asphaltstraße betrete, kommt mir
aus der Motorhaube eine Dampfwolke entgegen. Was tun? Nirgends
Anzeichen einer menschlichen Behausung, und das letzte Auto habe
ich vor zehn Minuten gesehen.
Wenn das zehn Jahre früher und nicht im heutigen vernetzten
Kalifornien passiert wäre, hätte die Antwort schlicht gelautet:
warten, hoffen und beten, und das Interview wäre mit Sicherheit ins
Wasser gefallen. Heute - Wunder über Wunder - greife ich einfach
zum Mobiltelefon. Diese handlichen Kommunikationsgeräte
werden angeschlossen, wenn man ein Auto mietet. Sie sind mit
einem roten Knopf ausgestattet, der einen, drückt man ihn in einer
Situation wie dieser, sofort mit dem AAA-Stra- ßendienst verbindet
und diesem gleichzeitig den eigenen Standort signalisiert. So ist es
möglich, daß ich dreißig
Minuten und eine holprige Schlepperfahrt später vor dem
Sicherheitsdienst der Firma stehe, ein bißchen zerzaust vielleicht,
aber bereit, mein Interview pünktlich zu beginnen.
Vielleicht sollten wir einen Augenblick bei diesem todschicken
kleinen roten Knopf verweilen und bei der Frage, wie er
funktioniert und welche Geschäftsinteressen dazu führten, daß er
auf den Markt kam. An diesem neuesten Spielzeug aus einer
beeindruckenden Reihe gibt es natürlich nichts herumzunörgeln. Es
hat mir kostbare Zeit gespart und mich davor bewahrt, auf einen
wichtigen Gedankenaustausch verzichten zu müssen. Nicht zu
vergessen: Da der rote Knopf in ein ganz normales Mobiltelefon
eingebaut ist, ist man nicht gezwungen, ihn zu benutzen - man kann
genausogut die Auskunft anrufen und sich die Nummer eines
anderen, weniger vernetzten Abschleppdienstes geben lassen.
Andererseits ist die Meldung über den roten Knopf netterweise
gebührenfrei. Der bloße Druck auf den Knopf löst einen fast
vollständig automatisierten Vorgang aus, und das bedeutet eine
Ersparnis an Zeit und Mühe, die man für produktivere Dinge
aufwenden kann. Und nicht zuletzt bürgt AAA mit seinem guten
Namen dafür.
Das Ganze endet dann damit, daß wieder einmal jemand seine
Brieftasche öffnet und einer neuen (Konsumenten-) Gemeinschaft
beitritt. Für die beteiligten Firmen - in diesem Fall die
Telefongesellschaft, die über das Netz und die für diesen Zweck
gebauten Mikrochips verfügt, und den Autovermieter, der die
Kundenstation, also den Anschluß, »liefert«, und den
Automobilclub mit seinem Netz von Service-Zentren - gewinnt
dieser kleine rote Knopf immer mehr an Attraktivität. Sie haben
eine eng definierte, aber lukrative »Umgebung« abgesteckt und
nutzen sie dazu, ihre führende Marktposition auszubauen.*

* DIE VORAUSSETZUNGEN FÜR DEN GESCHÄFTLICHEN ERFOLG IM CYBERNE- TISCHEN


KONTEXT SIND DER BESITZ EINES KOMMUNIKATIONSNETZES ODER DER BERECHTIGTE
Z UGANG ZU EINEM , DIE K ONTROLLE ÜBER EINE ANGEMESSENE Z AHL
VON K UNDEN - GENAUER GESAGT , EINE K OMBINATION AUS K UNDEN
UND DEREN »T ERMINALS « - UND SCHLIESSLICH DIE ENTSPRECHENDE
S OFTWARE , UM DIE V ERBINDUNG ZWISCHEN DEN L EUTEN UND DEN
U NTERNEHMENSGRUPPEN HERZUSTELLEN

In diesem roten Knopf kommt das grundlegende Prinzip


zum Ausdruck. Wenn man weiß, daß jeden Tag ein
Flugzeug von St. Maarten nach Tortola fliegt, dann kann
man ein ortsansässiges Reisebüro aufsuchen und einen
Flug buchen. Aber wenn man das zufällig nicht weiß
und/oder die Identifikationscodes der Fluggesellschaft
nicht so programmiert wurden, daß sie auf den
Reservierungsbildschirmen von Air France oder British
Airways erscheinen, wird das Flugzeug mehr oder weniger
leer bleiben. Nur wer in der Software ist, existiert. Ohne sie
läuft nichts, sie legt das Zusammenspiel zwischen den
Einzelpersonen, den Handelsumgebungen und den Groß-
unternehmen fest. »In einer zunehmend softwaregesteu-
erten Wirtschaft gewinnt das Design an Bedeutung«, meint
Derrick de Kerckhove, Leiter des McLuhan-Pro- gramms
an der University of Toronto. »Es wird praktisch zum
Inhalt des Produkts.«14 Daher ist es kein Wunder, daß
einem Software-Giganten wie Microsoft so viel Auf-
merksamkeit geschenkt wird.
Den meisten Lesern wird der Hintergrund von Microsofts
atemberaubendem Aufstieg im Softwaremarkt in etwa
bekannt sein: Innerhalb eines Jahres - von 1993 bis 1994 -
kletterte das Unternehmen vom siebenundzwanzigsten auf
den dreizehnten Platz der größten amerikanischen
Unternehmen.15 Es wurde von einem Mann gegründet, der
einst davon träumte, für jedes Auto, das über eine
bestimmte Straßenkreuzung in Seattle fuhr, 5 Cent zu
kassieren. Es ist schon etwas ganz anderes, das Haupt-
quartier von Microsoft in Redmond, Washington, zu be-
suchen, als in die geweihten Hallen des alten AT&T ein-

486
zutreten. Nirgends sind antike Statuen zu sehen, dafür aber hat man
den Eindruck aufgeregter Emsigkeit. Rund um die Uhr wird hier
gearbeitet, geschäftig fahren Aufzüge zu der chaotischen
Ansammlung von Büros, die an einen Campus erinnern und über
unterirdische Korridore miteinander verbunden sind. Die
explosionsartige Ausbreitung von Microsoft gründet auf seinem
weltweiten De-facto-Monopol für Betriebssysteme von Personal
Computern.(* Ein Betriebssystem ist die eigentliche Schnittstelle
zwischen dem Computer und seinem Nutzer: Es legt fest, wie man
mit der Maschine kommuniziert und was sie zu leisten vermag (und
was nicht). Seltsamerweise bleibt dessen Arbeitsweise für sehr viele
Menschen ein Rätsel, auch wenn sie in einer vom Computer
bestimmten Welt leben. Meine Eltern und überraschend viele
meiner Freunde gestehen verschämt, daß sie nur eine unklare
Vorstel-lung davon haben, was da vor sich geht, und sitzen doch
jeden Tag vor ihrem Computer. Das Betriebssystem ist
genaugenommen eine ganze Sammlung von Softwareprogrammen,
die das Innere des Rechners bzw. der Hardware steuern. Von diesem
System hängen alle höheren Programme - wie die zur
Textverarbeitung, Kommunikation oder Graphik - ab.
Betriebssystem und Anwenderprogramme werden meistens als ein
zusammengehörendes Set entworfen, das heißt, der reibungslose
Ablauf der Programme hängt von diesem speziellen Betriebssystem
ab.)

Als man die alte, zentralisierte Macht der Großrechner auf


unzählige verstreute PCs aufteilte, wurden Softwareprogramme
nötig, um all diese Einheiten zu betreiben - so wie heute Netzwerke
auf Software aufbauen, die die Gelenkteile für die Verbindungen
liefern und einen reibungslosen Betrieb aufrechterhalten. Microsofts
ureigenstes Markenprodukt unter den Betriebssystemen ist natürlich
MS-DOS und dessen Abkömmlinge wie Windows. Dabei hat sein

487
Erfolg wenig mit Qualität oder Preis zu tun - MS- DOS hatte nie
eine echte Konkurrenz. Es war einfach im ent- scheidenen Moment
verfügbar, 1980 nämlich, als IBM sich verzweifelt bemühte, mit
einiger Verspätung doch noch den PC- Feldzug zu starten. Das Ge-
schäft war eine Glanzleistung:
Bill Gates verkaufte IBM die Lizenz zur
Nutzung dieses Systems unter der
Bedingung, daß eine Kopie auf jedem von
IBM verkauften PC installiert wurde.* Der
Rest ist bekannt. Im wesentlichen ist der
PC seitdem nur noch eine bloße Hülle
beziehungsweise ein Behälter für die
Software, so wie
fast alle Zeitschriften mittlerweile nur noch Vehikel für einen
beliebig austauschbaren Reigen von Anzeigen geworden sind. Im
Windschatten des Marktpotentials, des Markennamens und
bestehenden Kundenstamms von IBM hat Microsoft seitdem alle
ernsthaften Konkurrenten hinter sich gelassen und ist mit Windows
zum Industriestandard geworden. (* Genaugenommen gehörte
Gates das System, das er verkaufte, zu diesem Zeitpunkt noch gar
nicht: Zurück von dem Treffen mit IBM erwarb er die Urform von
einem ahnungslosen Konkurrenten. Für Windows »lieh« sich
Microsoft die Idee einer Schnittstelle zum Anwender, die mit Icons
und Maus arbeitet, bei Apple aus, die diese mit dem Macintosh auf
den Markt gebracht hatte. Außer in der NT-Version sattelt Windows
auf MS-DOS auf, ohne das es nicht arbeiten könnte)
Wenn man heute an seinem PC
arbeiten oder Spiele spielen möchte,
beträgt die Wahrscheinlichkeit fünf zu
sechs, daß man es mit einem Anwen-
derprogramm von Microsoft zu tun hat,
das auf Windows
läuft, welches wiederum auf MS-DOS aufsitzt. Ist das nicht die
pyramidenförmige Hierarchie schlechthin und etwas, was die

488
Informationstechnologie angeblich zerstören sollte?
Letztlich hat Bill Gates, Präsident von Microsoft, die persönliche
Vormachtstellung über die neue cyberneti- sche Domäne erlangt.
Wie ein Lehnsherr, der die Furt an einem Fluß kontrolliert oder
einer der Eisenbahnbarone des neunzehnten Jahrhunderts, der über
die besten Eisenbahnverbindungen wacht, ist er inzwischen in der
Lage, den Verkehr ganz zu seinem eigenen Vorteil zu lenken. So
kann schon die Ankündigung eines noch gar nicht existierenden
Microsoft-Produktes verhindern, daß Konkurrenten denselben Weg
einschlagen. Irgendeine geheimnisvolle Form der Osmose führt
dazu, daß die Programmierer von Microsoft lange im voraus
technologische Veränderungen erahnen, so daß sie die nötigen
Anpassungen an ihren Programmen vornehmen und so die eigenen
Produkte mit optimaler Geschwindigkeit weiter arbeiten lassen
können. Konkurrenten dagegen werden in die Ine geführt oder im
Dunkeln gelassen. Und schließlich sind da noch diese seltsamen
Zufälle: Die Windows- Versionen begehrter Produkte stehen immer
früher als die Mac-Versionen in den Ladenregalen. Das dämpft
natürlich die Begeisterung für den bescheidenen, aber
liebenswerten Mac, dessen Betriebssystem die einzig ernsthafte
Konkurrenz für DOS auf dem Verbrauchermarkt darstellt.16
Microsoft hat sich einen riesigen, von den hauseigenen Produkten
abhängigen Kundenstamm aufgebaut: Fast jeder PC-Benutzer
arbeitet mit dem Microsoft-Code. In einem entscheidenden Punkt
ist die MS-Software mit der Hardware-Infrastruktur des
Telefonwesens vergleichbar beziehungsweise mit bestimmten
Waren wie Mobiltelefonen und Videorecordern: Je größer die Zahl
der Anwender ist, desto wertvoller wird sie. Microsoft nutzt zwar
seine Machtposition nicht aus, um den Preis der existierenden
Produkte zu erhöhen - das würde zu sehr nach Betrug am
Verbraucher aussehen -, aber dafür wird jede neue Version teurer als
die alte. PC-Hersteller zahlten 33 Dollar für das alte Windows 3.1,
für Windows 95 schon 43 Dollar. NT 4.0, die neueste Version, wird
ungefähr 65 Dollar kosten - also fast das Doppelte von Version 3.1.

489
Bedeutsamer ist allerdings die Macht, die Microsoft durch diesen
Kundenstamm am Verhandlungstisch hat, wenn es darum geht, mit
den Bossen der Medien und Telekommunikation neue Strategien zu
besprechen. Microsoft ist jetzt in der Position, seine »Nutzer« jenen
auszuliefern, die ihnen etwas verkaufen wollen.17 Im nächsten
Schritt sollen alle abhängigen Computer in einem Microsoft-Netz
verbunden werden: einem »Gateway« in den Cyberspace, den
Windows 95 und seine vielen Features bilden. Dann schreibt man
nicht nur seinen Brief mit MS-Word, sondern verschickt ihn auch
mit Microsoft, man verwaltet seine Finanzen mit Microsoft, wird
durch Microsoft mit den neuesten Nachrichten bedient und versorgt
sich in einem von Microsoft gesponsorten Einkaufszentrum im
Web.
So ist es jedenfalls geplant, allerdings entwickelt sich das
Geschäft so schnell, daß selbst Microsoft, ansonsten unfehlbar,
Rückschläge einstecken mußte und manchmal Überraschungen
erlebte. Nichtsdestotrotz, das Prinzip bleibt bestehen: Der Code hält
die Kundengemeinden zusammen und entscheidet über die
elektronischen Verbindungsstellen. Wie Gates bemerkt: »Diese
neue elektronische Welt der Datenautobahnen wird eine noch nie
dagewesene Menge von Transaktionen hervorbringen. Windows
soll sich im Zentrum befinden und all diese Transaktionen
bedienen.«18 Unnötig zu erwähnen, daß es dafür auch eine kleine
Weggebühr eintreiben wird. (* Nicht nur Microsoft verfolgt diese
Strategie. Der Computerhersteiler Compaq bietet eine Verbindung
für jedes Gerät an, in dem ein Chip steckt. »Wir verfügen über eine
Vorrichtung, die für 6 Cent pro Tag eine Verbindung zu einem Netz
herstellt. Compaq erhält einen Teil dieser 6 Cent«, sagt ein Direktor
des Unternehmens. (Zitiert in: Fortune, 1. April 1996.)

Was bedeutet das nun alles? Diese


Unternehmen sind vermutlich der Motor
für das Wachstum im elektronischen
Zeitalter. Ihre Herrschaft wird einen

490
wesentlich schnelleren Aufstieg und
Niedergang erleben als die der erdge-
bundenen Imperien des Industriezeitalters.
Es kann passieren, daß eine heute so
erfolgreiche Firma wie Microsoft
innerhalb von zwei oder drei Jahren durch
einen bis dato unbekannten
Programmierer von Web- Browsern
verdrängt wird. »Ein mächtiges Bündnis
aus Computer-, Telekommunikations- und
Softwarefirmen führt bereits Gespräche,
wie sie Teile des Leistungsumfangs der
PCs, die jetzt noch vom Nutzer
kontrolliert werden, auf eine neue
Kategorie von billigen »Internet-
Vorrichtungen« übertragen, die mit einem
Netz zentralisierter Server verbunden
sind. Zu diesen Firmen gehören Oracle,
Sun Microsystems, Netscape, IBM und
einige der führenden amerikanischen
Telekommunikationsunternehmen. Das ist
die Gründerzeit im Verkabelten Westen:
Auch er wird sich an die neuen Standards
eingewöhnen - und die neuen
Machtzentren, die mit diesen Codes
verbunden sind.
Aber wieviel Zeit verbringen wir eigentlich schon in dem einen
oder anderen Netzwerk? Wie oft gehen Sie in ein Reisebüro oder
plaudern mit dem Kassierer in einer Bank? Zeit ist Geld, und diese
zeitfressenden menschlichen Zusammenkünfte sind Privilegien, für
die wir einen hohen Preis entrichten müssen. Wir verbringen sehr
viel mehr Zeit damit, mit Software zu »interagieren«. Große
Bereiche des menschlichen Lebens verlagern sich aus dem
physikalischen in den virtuellen, digital vermittelten Raum. Das

491
bedeutet auch, daß die Informationsmenge rein quantitativ so stark
zunimmt, daß sie nicht mehr handhabbar ist, und die Daten wie
Unkraut wuchern. Diejenigen, die über die Mittel verfügen,
leistungsfähige elektronische Umgebungen einzurichten und zu
verwalten - die also das Informationsunterholz weghacken und
kontinuierliche Informationserträge liefern können - sind äußerst
gefragt und werden entsprechend entlohnt. Kurz gesagt, wer die
Verwaltung der Dialogstellen in Händen hält, verfügt gleichzeitig
über die meiste Macht in den cybernetischen Domänen.
Man braucht etwas Geduld, die Kräfte im Hintergrund zu
begreifen, weil das Ganze auf den ersten Blick sehr kompliziert
aussieht. Um das Verhältnis von Kodierung und Macht zu erklären,
werde ich Sie in den folgenden drei Abschnitten in die luftigen
Sphären der Wirtschaftsund Geldpolitik führen. Der Erfolg der
gemeinsamen Währung der Europäischen Union - des »Euro« -
hängt entscheidend von der Einrichtung des zentralisierten elek-
tronischen Zahlungssystems namens Target ab. Während die
europäischen Politiker an der Frage herumlaborieren, ob ihre
Länder an der Währungsunion teilnehmen sollen oder nicht, stellen
die Konditionen für einen Zugang zu Target eines der
Schlüsselprobleme dar - Fragen, die von im Code enthaltenen
technischen Vorgaben abhängig sind. Es ist die Softwarearchitektur,
die über das Verhältnis von Systemoffenheit und Exklusivität
entscheidet, und damit hinsichtlich des Wettbewerbs weitreichende
Folgen für das empfindliche Machtgleichgewicht in der
europäischen Finanzwelt hat.
Warum?
Target soll nicht nur ein Zahlungssystem sein, sondern auch als
Instrument der Geldpolitik dienen. Die neue Europäische
Zentralbank - die Zinssätze erhöht und senkt oder kleinere oder
größere Geldmengen in Umlauf bringt - will Target als Mittel zur
Sicherung einer starken und stabilen gemeinsamen Währung
einsetzen. Insofern könnten die Offiziellen eines monetaristisch
konservativen Landes wie Deutschland Vorbehalte gegen ein un-

492
beschränktes Zugangsrecht von Ländern haben, die sich gegen die
Währungsunion entscheiden und alle damit verbundenen
politischen Implikationen.
Wenn jedoch der Zahlungsverkehr hauptsächlich über Target
abgewickelt wird, dann haben Banken in Ländern, die nicht den
vollen Zugang zu diesem System haben, einen
Wettbewerbsnachteil. Dazu trägt ein weiterer, schwer
durchschaubarer technischer Sachverhalt bei, der mit den
Bewegungskräften der »Tages-Liquidität« zu tun hat - damit wird
der Geldfluß zwischen Banken an einem bestimmten Tag
bezeichnet. Target wird nach dem Prinzip der »Echtzeit-
Bruttozahlung« arbeiten, das bedeutet, daß Zahlungstransfers sofort
getätigt werden; heute werden die Schuldverschreibungen noch auf
einer Nettobasis am Ende des Tages beglichen. Was folgt daraus?
Banken können auf einem solchen Devisenmarkt mit einem
Tagesvolumen von 1,2 Milliarden Dollar in sehr kurzer Zeit große
und riskante gegenseitige Verpflichtungen aufbauen, wobei sie von
einem Augenblick zum nächsten von der Haben- auf die Sollseite
geraten können. Um sicherzustellen, daß die Banken diesen Ver-
pflichtungen überhaupt in »Echtzeit« nachkommen können und um
gleichzeitig die Integrität des Systems selbst zu gewährleisten, wird
es erforderlich sein, daß sie große Euro-Guthaben bei der
Zentralbank halten oder Überziehungskredite zeichnen können, so
daß sie die Möglichkeit haben, auf den schwankenden Bedarf zu
reagieren. Wenn sich also Länder nicht am Target-System der Wäh-
rungsunion beteiligen und ihre Zentralbanken nicht in der Lage
sind, in Euros gezeichnete Überziehungskredite auszugeben, dann
werden Banken solcher Länder wie der Schweiz oder
Großbritanniens gezwungen sein, ein größeres Barguthaben
bereitzuhalten. Das wiederum heißt, daß sie Kapitalerträge
verlieren, die sie verdienen könnten, würden sie ihr Geld arbeiten
lassen. Das Ergebnis? Sie werden gegenüber den Konkurrenten, die
innerhalb der neuen Marktordnung arbeiten, einen entscheidenden
Wettbewerbsnachteil erleiden.

493
Das ist natürlich ein sehr kompliziertes Beispiel dafür, welche
Rolle menschliche Zielvorgaben, die in die Software eines Systems
eingeschrieben sind, spielen, ein wettbewerbsfähiges Gleichgewicht
der Kräfte zu erhalten. Auch wenn die Politiker eine Einigung beim
Thema Euro erzielt haben, werden viele andere Entscheidungen
von gesellschaftlicher Tragweite in den Vorstandssit- zungen
privater Unternehmen getroffen und dann stillschweigend in Codes
übersetzt werden.

Solche Entscheidungen gewinnen an


Bedeutung, wenn »die Größe für den Erfolg
notwendig ist, aber allein nicht genügt«, wie
die Financial Times bemerkt. So war es »bis
heute eine der gewinnbringendsten
Fähigkeiten von [Rupert Murdoch,
Vorstandsvorsitzender der News Corporation],
jene Engpässe und Schlupflöcher in einem
Markt ausfindig zu machen, die alle Teilnehmer
passieren müssen - ein Torwächter muß da nur
noch die Hand aufhalten«19. Anfang 1996
zahlte beispielsweise ein aufstrebender
Aktienhandelsdienst namens E*Trade, dessen
Zielgruppe kleine Investoren sind, 15 000
Dollar für einen Link von der Web Site des Wall
Street Journal auf die eigene im Internet. Es zeigt
sich, daß selbst in den angeblich
demokratischen und »egalisierenden« Gefilden
des Internet, die Macht mindestens so groß ist
wie vorher, wenn man über die richtigen
Kontakte verfügt.20 Aber die Einlässe und
Übergänge sind digital, nicht materiell, und nur
schwer ausfindig zu machen, solange man

494
nicht weiß, wonach man sucht. Schon ein Wort
kann als Weiche dienen. Nehmen wir einmal
an, Sie machen Recherchen zu einem Thema
wie Golf, Telefon oder Architektur. Da es eine
unüberschaubare Menge verfügbarer Daten im
Web gibt, braucht man für eine effiziente
Suche irgendeine Art von Filter. Genau das
leistet eine »Suchmaschine« - sie filtert Daten
und verwaltet sie. Softwarehersteller können
diese Filter so entwerfen, daß Werbekunden
die Möglichkeit haben, ein einzelnes Keyword
zu sponsern. Die Software kann darauf
programmiert werden, auf bestimmte Weise zu
reagieren, wann immer dieses Wort auftaucht.
Der »Nutzer« läßt also das Programm laufen
und gibt das Wort »Golf« ein. Das
Suchergebnis wird dann mit einer Botschaft
des Sponsors versehen - in diesem Fall
»zufällig« ein Hersteller von Golfschlägern. In
ähnlicher Weise könnte ein
Kommunikationstechnologieunternehmen wie
AT&T oder Sprint die Kontrolle über das Wort
»Telefon« kaufen. Dann wird jede Suche nach
dem Wort »Telefon« eine Anzeige dieser Firma
zum Vorschein bringen. Eine solche Software
kann auch Suchergebnisse zeitigen, die die
Web-Sites der Werbekunden an bevorzugter
Stelle auf dem Bildschirm erscheinen lassen -
selbst wenn sie für die Belange des Nutzers
weniger wichtig sind als andere Sites, die nicht
gesponsert werden.

495
Die gesamte Landschaft eines vernetzten Unternehmens
unterliegt solchen Formen der Signalverwaltung, und genau das
führt zu neuen Machtverhältnissen. Stellen Sie sich vor, Sie leiten
ein Architektur- und Planungsbüro in Mailand. Bis vor wenigen
Jahren bestand Ihr »Netzwerk« aus einem flexiblen Geflecht
menschlicher beziehungsweise analoger Kontakte auf der ganzen
Welt, und Sie wickelten Ihre Geschäfte persönlich oder über das
Telefon ab. Sie diktierten Ihre Briefe Sekretärinnen, die sie auf
einer farbenfrohen Olivetti tippten und dann dem sogenannten
italienischen »Postdienst« anvertrauten. Die Entwürfe wurden auf
echten Zeichenbrettern gemacht, die Modelle aus Ton gefertigt, und
die Prototypen wurden, wenn nötig, manuell oder maschinell
bearbeitet. Sie standen in Verbindung mit einer ganzen Reihe von
Zulieferern - einzelnen Industriezweigen, unter denen noch
Konkurrenz herrschte und deren Anbieter bestrebt waren, Sie mit
Briefpapier, Schreibmaschinen, Zeichenbrettern und
Modelliermasse zu versorgen. Waren Sie mit dem einen
unzufrieden, konnten Sie einfach zu einem anderen wechseln.

Im großen und ganzen sind diese Strukturen heute von der


Technik verdrängt worden. Ihre Geschäftsvorgänge - einst
unabhängig und auf den analogen Raum zugeschnitten - haben sich
in integrierte Umgebungen verlagert, wo Hard- und Software Ihre
Beziehungen formen und bestimmen. Wettbewerber, die einen
schnellen Wechsel in die Informationssphäre vollziehen und sich
dort ihre Besitzstände sichern, werden ihren Schnitt machen. Dort
werden sich ihnen Möglichkeiten eröffnen, die sie nie zuvor hatten
und die zu all dem Gerede über »Demokratie und Machtzuwachs«
geführt haben. Ist die schlaue Architektin aus Mailand erst einmal
voll vernetzt, wird sie nicht nur ihre Entwürfe im Cyberspace
anfertigen, sondern gleichzeitig ihre Arbeit mit den Planern,
Vertragspartnern und Technikern koordinieren. Alle, die hier
miteinander verbunden sind, bilden dann eine neue virtuelle
Geschäftsgemeinschaft. Insofern verfügen die vernetzte Architektin
und ihre Partner nicht nur gegenüber den Schlafmützen, die

496
unverbesserlich mit Telefonen und Desktop-PCs arbeiten, über
mehr Macht: Wenn sie im Verbund stark genug sind, werden sie die
Herrschaft über eine wichtige (Informations-) Kreuzung als
Wettbewerbsinstrument einsetzen, mit dem die Konkurrenz in die
Schranken gewiesen oder vernichtet werden kann. Die Stärke und
Geschwindigkeit der Hilfsmittel allein wird sicherstellen, daß
dieser Vorteil, hat man ihn sich erst einmal verschafft, schnell zu
einem entscheidenden Vorsprung ausgebaut werden kann.

In dieser jüngsten Phase der »Revolution« werden sich die


Gefahren zeigen. Um die wirtschaftlichen Verhältnisse richtig
einschätzen zu können, wird es unabdingbar sein, das Ausmaß zu
begreifen, in dem die einzelnen Wettbewerber aus der Wirtschaft
miteinander in Verbindung treten können. Deshalb müssen die
Verflechtungen, die heute in fast jedem Handelsunternehmen
bestehen, transparenter gemacht werden. Abgesehen davon, daß sie
die raschere Abwicklung und die Rationalisierung von
Geschäftsvorgängen ermöglichen und neue Märkte und Wachstum
schaffen, werden sie auch denen Macht verleihen, die den Wechsel
ins Virtuelle vollziehen. In ihnen werden vielleicht unterschwellige
Tendenzen wirken, die sowohl den Spielraum unternehmerischer
Initiativen als auch den Wettbewerbsgeist beschränken. Letztlich
können sie die Partizipierenden in unflexible, ungerechte und
manchmal nicht einmal wahrgenommene geschäftliche
Abhängigkeiten bringen. Dreht sich der Handel erst einmal um
große, auf Kommunikation beruhende Zentren, könnte sich die
einst einheitliche Informationssphäre allzu leicht in neue private
Einflußsphären aufspalten. Die Handlungsfreiheit des einzelnen
Unternehmens innerhalb einer solchen Sphäre hängt weitgehend
davon ab, wie einflußreich es ist. Diejenigen, die den Größenvorteil
richtig nutzen können - wahrscheinlich viele der vernetzten
Konzerne, die schon jetzt mehr als ein Drittel des weltweiten
Bruttoinlandsproduktes kontrollieren - werden in den Genuß
fürstlicher Vergünstigungen kommen. Kleinere Firmen werden wie
Söldner eine gewisse Autonomie genießen, besonders im Vergleich

497
zu den nicht vernetzten Konkurrenten, jedoch in einem viel
geringeren Maß. Schließlich und endlich ist ein geschäftliches
Überleben im cybernetischen Konkurrenzkampf nur dann gesichert,
wenn Geschwindigkeit, Größe und Beweglichkeit in einer
optimalen Kombination vorliegen. (* Wahrscheinlich wird
deutlicher zwischen einer elektronischen »Großhandels«- und
»Einzelhandels«- Umgebung unterschieden werden. In einigen
Fällen wird die wirtschaftliche Logik eine gewisse Größe erfordern:
Microsoft Network und Netscape Communications bauen gerade
einen riesigen »Nutzer«-Stamm auf, den sie auf verschiedene Weise
an Dienstanbieter »verkaufen« können. In anderen Fällen liegt ein
starker Anreiz darin, den Seltenheitswert besonderer Informationen
zu bewahren und deshalb die Rückkopplungsschleife so eng wie
möglich zu halten. Eine Handvoll Investment-Banken und
spezialisierter InvestmentH ÄUSER WIRD DAHER IN DER L AGE SEIN ,
DAS ANALYTISCHE W ISSEN IHRER W IRTSCHAFTSFACHLEUTE UND
H ÄNDLER SOWIE EINE EINZIGARTIGE UND FAST UNBEZAHLBARE
K OMBINATION AUS S OFT - UND H ARDWARE EINZUSETZEN , UM DAMIT DIE
ENTSCHEIDENDEN F INANZDATEN AUS DEM Ä THER ZU SAMMELN , SIE IM

RICHTIGEN K ONTEXT ZU PLAZIEREN UND AUFGRUND DER DARAUS


GEZOGENEN S CHLUSSFOLGERUNGEN SCHNELLER ALS JEDER ANDERE

HANDELN ZU KÖNNEN . W EM ES AN DEN ENTSPRECHENDEN M ITTELN

FEHLT , UM EIN SOL - CHES W ETTBEWERBSINSTRUMENT UND TEURE

E XPERTEN EINZUSETZEN , WIRD BENACHTEILIGT SEIN UND WAHRSCHEIN -


LICH NOCH WEITER HINTER DIE M ARKTFÜHRERZURÜCKFALLEN . )

Das ist nicht wirklich neu, es hat sich


nur die Umgebung gewandelt. Immer
schon war der Verkehr Gegenstand
irgendeiner Art von Kontrolle. Dabei war
die zentrale Frage die nach den Re-
gulierungsmaßnahmen und der
Vermittlerrolle. Als ich Korrespondent in
Rom war, hatte ich einmal ein

498
bemerkenswertes Interview mit einem
Mann namens Guido Rey, in dem es
genau um dieses Problem ging. Dieser
redegewandte Staatsdiener war Chef des
italienischen Statistikamtes und verfaßte
1987 eine Studie, in der er versuchte, den
Anteil der Schattenwirtschaft am
italienischen Bruttoinlandsprodukt zu
veranschlagen. Nach den damals
veröffentlichten neuen Zahlen war die
italienische Wirtschaft wesentlich stärker,
als man bislang angenommen hatte.
Premier Bettino Craxi war natürlich hoch
erfreut. Craxi, ein Politiker vom Scheitel
Iiis zur Sohle - später ging er von Italien
aus ins Exil, um sich einem Verfahren
wegen Korruption in mehreren Fällen zu
entziehen - verstand diesen Bericht als
Beweis für seine glänzende Politik. Er
instruierte seine Freunde bei den Medien,
die Nachricht laut zu verkünden: Italien
hatte Großbritannien überrundet. »II
sorpasso!« jubelten die Überschriften.
Während dieses ganzen Aufruhrs empfing
mich Guido Rey gelassen in seinem
geräumigen holzvertäfelten Büro, das in
einiger Entfernung vom Regierungspalast
lag. Ihm war daran gelegen, die Sache
richtigzustellen. Nach seinem Dafürhalten
war das große Tamtam um das »sorpasso«
nur das erschreckende Zeichen, daß etwas
im System grundlegend schieflief.

»Wenn man im Mittelalter«, begann er, »den Po über-

499
queren wollte und sich kein eigenes Boot leisten konnte, mußte
man den Fährmann für eine Überfahrt bezahlen. War das Wetter
gut und gab es genügend Boote, war alles in Ordnung. Wenn das
Wetter schlecht war und nur wenige Fährleute warteten, wurden
die Mängel des Systems sichtbar. Die ärmsten Passagiere trugen
immer das größte Risiko. Es gab keine Sicherheits- oder
Dienstleistungsstandards. Jahrhunderte später haben wir es
schließlich geschafft, eine zentrale Regierung zu bilden. Die
brachte die Mittel für öffentliche Brücken auf. Ein echter Fort-
schritt, oder? Jeder konnte nun unter den gleichen Bedingungen
den Fluß überqueren. Wie mein >Sorpasso<-Be- richt aber zeigt,
hat man es zugelassen, daß die Brücken baufällig werden. Es
scheint, die finsteren Fährleute sind wieder unter uns. Alle sind
furchtbar aufgeregt. Aber sagen Sie selbst - ist das wirklich so ein
gutes Zeichen?«21

Rey hat ganz recht: Das mittelalterliche Leben wurde von


Feudalherren bestimmt, die nach Gutdünken über das zergliederte
Land herrschten. Die Verbündeten durften sichere Straßen und
Furten gegen ein geringes Ent- geld nutzen, die Feinde wurden
dezimiert, alle anderen mußten horrende Wegezölle zahlen. Erst
unter der demokratischen Herrschaft konnte man die
Industriebarone dazu verpflichten, sich staatlichen Vorschriften und
Normen anzupassen. Sie waren in der Hoffnung eingeführt worden,
nicht nur eine vielfältige und wettbewerbsfähige Wirtschaft
sicherzustellen, sondern auch eine gerechte Verteilung der
Möglichkeiten - so wie die amerikanische AT&T für ein
Telefonnetz zu sorgen hatte, das für jedermann unter den gleichen
Bedingungen zugänglich war. Heute wird die gesamte öffentliche
Informationssphäre in ein Territorium verwandelt, das zur
cyberneti- schen Kolonialisierung freigegeben ist. Wie der ame-
rikanische Kontinent wird die schöne neue elektronische
Welt unter den entstehenden Imperien der Unternehmen des
einundzwanzigsten Jahrhunderts aufgeteilt, wobei das Wohlergehen

500
der ansässigen Bevölkerung oder die unausweichlich auftretenden
Fragen nach Ethik und Gerechtigkeit nur ungenügend
berücksichtigt werden.

Jorge Luis Borges, der Magier des Geschichtenerzählens, war


fasziniert von der Wechselwirkung zwischen Erwartung und
Wirklichkeit, von der verblüffenden Art und Weise, wie das eigene
Bezugssystem die Herrschaft über die gelebte Erfahrung gewinnen
kann. Aus einem solchen Bewußtsein heraus hatte er eine
unmittelbare Abneigung gegenüber Spiegeln entwickelt.

Diese dämonischen Scheiben verdoppelten eine Welt, die sich für


ihn von vornherein im Taumel befand: In einer seiner scheinbar
einfachen Geschichten beschleicht eine Figur die erschreckende
Erkenntnis, daß sie, sollte sie sich je in einem Spiegel erblicken, mit
einer Wirklichkeil konfrontiert werden würde, die sich nicht nur
spiegell, sondern auch subtil verändert. Die Figur hatte Angst davor,
daß der Blick, den ihm sein Angesicht zeigen würde, von ihm
unabhängig sein könnte.

In der cybernetischen Welt wird die physikalische Umgebung


durch einen aus Informationen zusammengesetzten Spiegel ersetzt.
Bis zu welchem Grad er die na- liirliche Welt zeigt, hängt vor allem
von jenen ab, die ihn herstellen, aber auch von der Technologie, die
dahinter sleckt und oft gar nicht erkennbar ist. Wenn die Welt im
Spiegel vervielfältigt wird und all diese Kopien die natürliche
Wirklichkeit ersetzen und zu dem Terrain werden, auf dem eine
große Zahl von Menschen ihr ökonomisches und kulturelles Leben
zubringt, dann kann dieses Spiegelbild sich verselbständigen und
unerwartete und manchmal auch monströse Formen annehmen.22

In den physischen Räumen der Natur - in diesem


ehrfurchtgebietenden, chaotischen und unaufhörlichen Wechselspiel
zwischen dem Flattern eines Schmetterlings und weit entfernten
Orkanen - löst die Freisetzung von Energie unzählige und

501
unerklärliche Veränderungen aus. In der cybernetisch verdrahteten
Spiegelwelt eines Unternehmensnetzes kann es dagegen nie zu einer
solchen unendlichen Flexibilität kommen. Anders als die Sphäre des
Menschlichen und Natürlichen, die sich reproduzieren soll, sind
diese Systeme ihrem Wesen nach geschlossen, weil sie durch
künstliche und im voraus festgelegte Parameter definiert und
begrenzt werden. Die Freiheit des Handelns ist hier eine
programmierte Variable. Was man sehen und tun kann, die
Leichtigkeit, mit der man mit anderen in Verbindung treten kann -
all diese Faktoren sind nicht vom Willen des Einzelnen abhängig
und werden auch nicht durch das Zusammenspiel natürlicher Kräfte
geregelt, vielmehr werden sie durch eine Vorauswahl möglicher
Entscheidungen festgelegt.(* I ST ZUM B EISPIEL EINE BESTIMMTE
M ENGE VON W EB -S ITES NICHT MEHR MIT DEN ÄLTEREN W EB -
B ROWSERN KOMPATIBEL , ÜBER DIE DER Z UGANG ZUM N ETZ ERFOLGT ,
BESTEHT FÜR A NWENDER DER »A NREIZ «, ZU EINER NEUEREN
U MGEBUNG MIT MEHR F EATURES ÜBERZUGEHEN , DIE BESSER AN DIE
KOMMERZIELLEN B EDÜRFNISSE UND Z IELE DES W EBMASTERS
» ANGEPASST « I ST . ) Abgesehen davon ist das Menü natürlich von
Code- Cracks geschrieben worden, die nicht langfristig denken,
sondern sprunghaft wechselnde Ziele verfolgen.

Die meisten Leser werden grundsätzlich mit der Programmierung


eines Geräts vertraut sein, wenn auch nur von der Konsumenten-,
das heißt Anwenderseite aus. Ich denke da an das Einstellen eines
Videorecorders oder einer Kaffeemaschine, vielleicht haben Sie
sogar mal ein kleines Programm geschrieben, das auf dem PC
läuft. Die Herren des Codes denken da in größeren Kategorien - sie
haben ganze Firmen, virtuelle Umgebungen und umfassende
cybemetische Wirtschaftssysteme im Sinn. Sie planen,

502
diese Systeme zu neuen und integrierten Einflußsphären
zusammenzuschließen. Die einzige Beschränkung, der solche
Entwicklungen unterliegen, ist die Zielvorgabe der Herren des
Codes selbst. So wie in den frühen hektischen Tagen der
Industrialisierung der Eisenbahn-Trust, der Zucker-Trust und der
Öl-Trust entstanden, wird heute der Boden für eine Macht bereitet,
die auf dem neuen Kommunikationsmodus gründet.

Der Zugriff auf Kommunikation ist die Mindestvoraussetzung für


eine Partizipation an der Informationswirtschaft. Die Bedingungen
werden entscheiden, wie gerecht die Möglichkeiten verteilt sind.
Die Umgestaltung der Unternehmen entlang von cybernetischen
Richtlinien wirft in einer neuen Begrifflichkeit uralte Fragen wieder
auf. Wie werden wir die neuen Herrscher zur Rechenschaft ziehen
können? Kann das öffentliche Interesse geschützt werden, wenn
zwar eine Technologie den menschlichen Interaktionsraum
gestaltet, aber die öffentliche Informationssphäre selbst in
unzählige private Bereiche aufgesplittert ist? Schließlich noch eine
praktische Frage: Wenn der verschlüsselte Datenstrom zwischen
den privaten Netzwerken der größten Wettbewerber flutähnliche
Ausmaße annimmt, ist es dann den souveränen Regierungen
überhaupt noch möglich, die Einhaltung neuer Gesetze zu
überwachen?

Vor dem Aufkommen der cybernetischen Kommunikation war


das Geschäftsleben in das Gewebe der Gesellschaft eingeflochten
und sowohl den Vorgaben der Politik als auch der öffentlichen
Meinung unterworfen. Mittlerweile sieht es so aus, als ob es
weltweit dabei sei, beide zu transzendieren. Die cybernetischen
Herrscher bezweifeln den Wert politischer Interventionen und stel-
len manchmal sogar die »starke Regierung« als Wurzel allen Übels
dar. Sie behaupten, die beschleunigten Markt-

503
zyklen machten es unmöglich, daß sich jemand längere Zeit an
der Spitze hält, daß aber die Technologie ein Innovationspotential
schützt und als natürlicher Ausgleich wirkt. Es scheint, als seien sie
entschlossen, die »strenge Hand« des
Gesetzes abzuschütteln und sich der
offentliehen Verantwortung zu entziehen,
die für sie in der analogen Welt noch
bestand.*
* IN EINER VIELSCHICHTIGEN
DATENGESÄTTIGTEN In einer digitalen, nicht nationalen
W IRTSCHAFT WERDEN SICH DIE
Q UELLEN STRATEGISCH WICH -
Informationslandschaft »muß man wirklich
TIGER UND KNAPPER befürchten, daß es irgendwann nur noch ei-
I NFORMATIONEN IN I MMER nige wenige tonangebende Organisationen
WENIGER ZUGÄNGLICHEN
gibt, die in ihren Einflußsphären so mächtig
S CHLÜSSELBEREICHEN
BEFINDEN . V ERLEGER sind, daß sie einfach sagen können: >Das
BEZIEHUNGSWEISE »I NFORMA - sind die Regeln.<«23 Iain Vallance von der
TIONSVERWALTER « WERDEN British Telecom hat erklärt, daß die
DANN ÜBER ENTSPRECHEND
MEHR M ACHT VERFÜGEN . ZU »elektronischen Netzwerke so etwas wie
DEN KRITISCHEN UND UN - das Nervensystem der modernen
BEANTWORTETEN F RAGEN Gesellschaft sind«. Wichtiger aber noch sei,
GEHÖRT DIE , WIE MAN EINEN
GLEICHBERECHTIGTEN Z UGRIFF
daß sie in »beängstigend komplexer« Weise
AUF SOLCHE I NFORMATIONEN miteinander in Austausch treten können.
UND DEREN
Ü BERTRAGUNGSWEGE GA - »Was ist mit der politischen
RANTIEREN KANN , WENN DAS Regulierung?«, möchte man fragen.
EINST UNIVERSALE ,
ÖFFENTLICHE N ETZWERK IN
Ein seltsames Lächeln spielt um seine
EINE R EIHE ZWAR
UNTEREINANDER Lippen, als er antwortet: »Regulierung?
VERBUNDENER , ABER DENNOCH Das schafft vermutlich niemand mehr.«24
GETRENNTER PRIVATER N ETZE
ZERLEGT WIRD . M AN MUSS
AUCH FRAGEN , WIE MAN DIE
STARK WACHSENDE M ARKT -
MACHT DER NEUEN T EILHABER
MESSEN UND KONTROLLIEREN
UND Z USAM MENSCHLÜSSE
RICHTIG EINSCHÄTZEN KANN ,
DIE SICH NICHT MEHR LÄNGER
IN WECHSELSEITIGEN
K APITALBETEILIGUNGEN
WIDERSPIEGELN .
K APITEL FÜNF

Die Herren des Codes

... DIE G EWOHNHEIT [...], SICH ZUM GEGENSEITIGEN S CHUTZ ZU


VERSAMMELN , IST HEUTE NOCH IN S PANIEN VERBREITET, SIE
STAMMT AUS DER Z EIT DER P LÜNDERUNGEN DURCH
VAGABUNDIERENDE F REIBEUTER .
Washington Irving1

An einem außergewöhnlich schönen Herbsttag spaziere ich durch


London, jenem pulsierenden elektronischen Knoten im Netz einer
Welt monetären Zaubers. Als ich so auf die vergoldete Spitze eines
der Bürotürme blicke, muß ich auf einmal an Ägypten denken. Ich
erinnere mich, daß man irgendwann um 2600 vor Christus auch die
Spitze der mächtigen Cheops-Pyramide von Gizeh (sprichwörtlich)
vergoldet und ihre Oberfläche mit einer glattpolierten weißen
Kalksteinschicht umhüllt hat. Als Herodot die Pyramide, mehr als
zweitausend Jahre später im Jahr 440 vor Christus besuchte,
berichtete er, daß die Oberfläche noch immer so glatt sei, daß man
kaum feststellen könne, wo die Steine zusammengefügt worden
waren. Archäologen glauben, daß einst geheimnisvolle und
allmächtige Priester unter der spiegelglatten Oberfläche fremdartige
Rituale vollzogen haben.

Vielleicht unterscheiden sich die Pyramiden in dieser Hinsicht gar


nicht so sehr von unseren pharaonischen Säulen der Hochfinanz,
wenn diese auch nicht ganz so stabil sind. London, New York,
Frankfurt, Tokio: Sie alle gleichen sich. Wie die Pyramide von
Gizeh umgeben sich ihre Wolkenkratzer mit der Aura einer großen,
aber geheimnisvollen Aufgabe. Wenn man vom Bürgersteig aus an
ihnen hochblickt, sieht man eine glänzende Fläche aus
verspiegeltem Glas. Irgendwo da drinnen liegen die fensterlosen
Bunker, in denen sich Glasfaserkabel und Drähte wie Schlangen
winden. Händler geben seltsame Beschwörungsformeln in ihre
Computer ein, und auf wundersame Weise werden dadurch
geheimnisvolle elektronische Signale zu ihren zaubernden Kollegen
auf einem anderen Kontinent übertragen. Hier werden Vermögen
gemacht, ohne daß etwas produziert würde. Der Laie kann sich über
die seltsame Verbindung, die abstrakte Information und monetärer
Wert eingehen, nur wundern.

Die Wirtschaft hat sich in der Zeit nach dem Kalten Krieg zu
einer Art sublimierten Form des Krieges verwandelt. Die
Information selbst - zusammen mit den Hilfsmitteln, die sie
verarbeiten - ist zur wichtigsten Waffe in diesem Krieg geworden.
Hierin setzt sich dessen bisherige Geschichte ungebrochen fort, in
der der Abstand zwischen den Protagonisten und den Konse-
quenzen ihres Handelns bis heute ständig zunahm. Wenn ein Ritter
im Mittelalter mit seiner Streitaxt zuschlug, trug sein Gegner
unübersehbar eine klaffende Wunde davon. Nach und nach wurden
die Schwerter, Lanzen und Einzelkämpfer von Pfeilen, Gewehren,
Maschinenpistolen und Lenkraketen ersetzt bis heute, wo Kriege
aus einer sterilen, technischen Entfernung heraus geführt werden
können. Die Auswirkungen eines von elektronischen Stellvertretern
ausgefochtenen Kampfes bleiben jenen verborgen, die die Auslöser
betätigen. Vor kurzem mußten zwei britische Verkehrspolizisten
feststellen, daß sie Ziel dieser elektronischen Stellvertretermacht
geworden waren, als sie den Versuch unternahmen, Autofahrer in
ihre Radarfalle tappen zu lassen. Vollkommen unerwartet
registrierte das Radargerät ein Gefährt, das sich mit einer
offensichtlich unmöglich hohen Geschwindigkeit bewegte. Den
Bruchteil einer Sekunde später fing ihre digitale Anzeige an
durchzudrehen, und die Zahlen tanzten wie wild über den

506
Bildschirm, als ein Harrier- Kampfjet über ihre Köpfe
hinwegdonnerte. Die Polizisten riefen bei der Royal Air Force an,
um sich über den Schaden an ihrer Ausrüstung zu beschweren.
Einem Geschwaderführer rutschte bei diesem Gespräch die Bemer-
kung heraus, daß sie froh sein sollten, überhaupt noch am Leben zu
sein. Es scheint, als habe das Zielsuchgerät des Kampfjets aus
Versehen den »feindlichen« Radar der Polizisten erfaßt und sofort
zu einem Gegenschlag mit Luftraketen angesetzt. Zum Glück war
die Harrier an diesem Tag unbewaffnet.

Die digitale Ausrüstung hat es uns ermöglicht, wirtschaftliche wie


militärische Ziele in die Ferne zu rücken und sie zu Objekten zu
machen. Wenn man erst einmal die politische Starterlaubnis
bekommen hat, kann man aus seinem cybernetischen Cockpit
heraus finanzielle Ziele auf der ganzen Welt ins Visier nehmen.
Solche digitalen Systeme haben eine überraschend große Ähnlich-
keit mit denen eines Harrier-Düsenflugzeugs. Sie befinden sich in
den Zwischenräumen von Silikon und Code und wurden so
programmiert, daß sie abstrakten Zahlenbefehlen gehorchen.
Mittlerweile sind sie so schnell und effizient bei der Verfolgung
ihrer Ziele, daß kein einzelner Pilot noch fähig wäre, manuell
einzugreifen - das würde eine gründliche Überholung der
Konstruktion und Programmierung des Systems erfordern.
Unterdessen erscheinen die gewöhnlichen Sterblichen auf dem
Bildschirm als Anzahl von Impulsen, die automatisch als Freund
oder Feind identifiziert werden. Wenn die digitale Wirtschaft die
analogen Geschäftsnetze und deren Betreiber anpeilt, sind es die
ganz normalen Bürger, die weggepustet werden.

Der Normalsterbliche sieht sich heute, nach dem Ende des Kalten
Krieges, einer großen neuen Gefahr in Gestalt einer von wenigen
getragenen, unbeschränkten, deregu- lierten und mittels
Technologie aufrechterhaltenen Finanzordnung gegenüber. Sie
überspringt die wichtigen, lenkenden Netzwerke der lokalen
Verantwortlichkeit und unterminiert das Vertrauen, von der die
Lebensfähigkeit der Wirtschaft abhängt. Viele fragen sich, wie
diese Veränderung vonstatten ging. Ihre Ursprünge liegen in der
Umstrukturierung des Finanzsystems gegen Ende des Zweiten
Weltkriegs, als der US-Dollar endgültig das englische Pfund als
Welthandelswährung ablöste. Alle anderen Landeswährungen
hingen jetzt vom goldgestützten Dollar ab. Die Deckung des
Dollars durch ein wertbeständiges Gut schien die Wechselkurse
relativ stabil zu halten; sie spielten, wenn überhaupt, nur eine
untergeordnete Rolle in den langfristigen Investitionsplanungen der
Unternehmen. Die Kredite der Banken wurden von den
Unternehmen für die Errichtung von Produktionsanlagen, die
Schaffung von Arbeitsplätzen und für den Handel mit echten Waren
und Dienstleistungen verwendet. Die Geschäfts- und die Finanzwelt
waren eng miteinander verflochten und voneinander abhängig, und
der Regierung kam die Rolle des Schiedsrichters in diesem Spiel
zu.

In den siebziger Jahren wandelte sich das Bild. Amerika hatte sich
ein Problem geschaffen, als es zu viele Dollars in Umlauf brachte,
um die verstärkte Rüstungsproduktion während des Kalten Krieges,
den Vietnam- Krieg und überzogene geschäftliche Aktivitäten im
Ausland zu finanzieren. Plötzlich waren die Dollars, die auf den
Finanzmärkten flössen, nicht mehr durch Gold gedeckt. Außerdem
bestand die Gefahr, sich durch diese Politik auf einen Kurs zu
begeben, der sie wirtschaftlich schwächen würde. Im August 1971
hob der amerikanische Präsident Richard Nixon notgedrungen den
Goldstandard auf, warf das Bretton-Woods-Abkommen, das nach
dem Krieg getroffen worden war, über Bord und leitete eine äußerst
chaotische Phase ein, die ein Fachmann einmal ein »Nicht-System
flexibler Wechselkurse« nannte.2

Diese Entscheidung zusammen mit verschiedenen de-


regulierenden »Rundumschlägen« und einer sukzessiven
Lockerung der Devisenbestimmungen ein Jahrzehnt später machten
den Weg für die virtuelle Finanzwirtschaft frei. Als der Geldfluß

508
immer größer wurde - und von den üblichen
Regulierungsmaßnahmen nicht mehr erfaßt werden konnte -
entwickelten sich Bank- und Geschäftswesen zwangsläufig in
verschiedene Richtungen. Cybernetische Hochgeschwindigkeits-
Kommunikations- einrichtungen machten es möglich, immer
größere Summen digitalen »Geldes« in Sekundenschnelle hin und
her zu schieben. Der Markt war von Fonds überschwemmt.
Hochliquide Pensionsfonds wurden in sogenannten Pu-
blikumsfonds zusammengefaßt, in die kleine Investoren ihre
Ersparnisse in Erwartung schneller Renditen investierten.
Spekulationen trieben die Inflation voran. Elektronische
Vermögenswerte jagten einer nur begrenzten Zahl greifbarer
Kapitalanlagen aus der wirklichen Welt nach. Plötzlich konnte man
mehr Geld damit machen, Bits und Bytes herumzuschicken, als mit
der Produktion tatsächlicher Waren und der Schaffung von Arbeits-
plätzen. Das Vermögen der Geldgeber nahm nominell immer
stärker zu. Aber der Leistungsdruck auf die Unternehmen der
wirklichen Welt - die um Investitionen konkurrierten und
versuchten, mit diesen überhöhten Renditen Schritt zu halten -
zwangen sie zu immer schärferen Maßnahmen. Sie bauten
Arbeitsplätze ab, senkten die Gehälter und Sozialleistungen und
nutzten jede rechnerische Effizienz, um im Rennen zu bleiben.
Selbst dem modernsten Chef blieb kaum eine andere Möglichkeit:
Entweder man erreichte die Quote, oder man mußte sich in die
Schlange vor den Arbeitsämtern einreihen. Wie der frühere US-
Arbeitsminister Robert Reich bemerkt: »Mit dem gentlemanliken
Investitionssystem früherer Tage ist es für immer vorbei. Damals
konnten die Bosse der Unternehmen einen Ausgleich zwischen den
Interessen der Aktionäre und denen der Angestellten und der
Gesellschaft schaffen. Heute geraten die Chefs in Schwierigkeiten,
die ihre Angestellten und die Gesellschaft nicht im Stich lassen,
während alle anderen, die skrupelloser sind, riesige Prämien und
Aktienoptionen in die Tasche stecken.«3

Der eigentliche Preis für dieses ungezügelte, elektronisch


ausgelöste Wettrennen taucht nie in einer Gewinn- und
Verlustrechnung auf; er besteht im Auseinanderbrechen der engen
Beziehungen, die einst in der Finanzwelt Geltung hatten. In einer
kürzlich veröffentlichten Studie, die von der Londoner Börse in
Auftrag gegeben worden war, heißt es: »Wenn man bei einem
einzigen Abschluß ein Vermögen verdienen kann, wird man sich
nicht allzu viele Sorgen darüber machen, ob man dabei das ge-
genseitige Vertrauen aufs Spiel setzt.« (* Deregulierung und
Wettbewerb verringerten im traditionellen Bankengeschäft die
Gewinnspannen, während der digitalisierte weltweite
Finanzverkehr und das Wachstum der Märkte für Finanzderivate es
den Banken leichter machten, Gewinne aus dem Handelsgeschäft
zu ziehen, das bis dahin von den Effektenbanken beherrscht wurde.
Ein anerkannter Wirtschaftsjournalist stellt in einem Bericht über
London fest, daß es bisher kein anderer Handelsplatz, der nur mit
einem Bein in der heimischen Wirtschaft verankert war, geschafft
hat, so erfolgreich zu sein. Er fügt hinzu: »Das Wachstum des
Telekommunikationsbereichs hat keineswegs zu einer Ausbreitung
der Finanzdienstleistungen geführt, sondern scheint die
Zentralisation begünstigt zu haben, da von London aus jetzt nicht
nur der europäische Kontinent, sondern die ganze Welt bedient
werden kann.« (John Plender: »Still growlng after all these years«
in: Financial Times, 13. März 1995.)

Dabei geht es tatsächlich um beträchtliche Summen. Der Umsatz


auf den Währungsmärkten - Aktien, Obligationen und Derivate
nicht mitgerechnet - beläuft sich inzwischen auf unfaßbare 1,23
Milliarden Dollar pro Tag.4 Das übertrifft die gesamte
Jahresproduktion vieler Länder im Waren- und
Dienstleistungssektor. Da elektronische Zahlungsmittel bei immer
schnelleren Transaktionen von wachsender Komplexität und Ab-
straktion durch den Cyberspace zirkulieren, lösen sie sich letztlich
von wirtschaftlichen Aktivitäten. Sie folgen Impulsen, die sie selbst
aussenden. Die Finanzmärkte wurden zu Betätigungsfeldern, auf
denen fast nur noch spekulative Geschäfte stattfinden. Sie werden

510
weitgehend von Computern gesteuert, die darauf programmiert
sind, mit welchen Mitteln auch immer, bestimmte Renditen zu
erzielen, die in Prozent an der Risikosumme bemessen werden. Der
Berater und frühere Herausgeber des Harvard Business Review,
Joel Kurtzman, schreibt dazu: [...] Computerprogramme handeln
nicht mit Aktien, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne, da es
ihnen vollkommen egal ist, welche Firma die Aktien ausgibt. Und
sie handeln auch nicht wirklich mit Obligationen, da sich die
Programme nicht darum kümmern, ob sie Geld nach Washington,
London oder Paris verleihen. Sie betreiben keinen Währungshandel,
da die Währungen, die sie kaufen und verkaufen, einfach
Geldsummen sind, die umgesetzt werden, um eine bestimmte
Rendite zu erzielen. Ebensowenig tätigen sie Termingeschäfte, denn
auf den Terminmärkten läßt sich nur günstig einkaufen. Die Com-
puter führen ganz einfach Transaktionen durch. Sie bewegen
Spielmarken in der Megabyte Wirtschaft [...], sie handeln [...] mit
geisterhaften Vorstellungen, die Kaufkraft symbolisieren,
Vorstellungen, die Arbeit, Wissen und Reichtum so speichern wie
ein Computer Ziffern speichert [...], sie handeln mit mathematisch
präzisen Beschreibungen finanzieller Produkte [...], wobei jedes
gelegen kommt, wenn Umsatz, Preis, Währungsbestimmungen,
Ertrag und [Risiko] mit der Beschreibung des Computers
übereinstimmen. Den Computer kümmert es wenig, ob es sich um
Aktien von IBM, Disney oder MCI handelt. Den Computer
kümmert es auch nicht, ob die Firma Nuklearwaffen, Reaktoren
oder Medikamente herstellt und ob die Produktionsanlagen in North
Carolina oder Südafrika stehen.5

Unter dem Einfluß von Vernetzung und Deregulierung wurde eine


Wirtschaft, die auf der geduldigen Pflege ihrer Werte beruht,
abgelöst durch eine, in der sofortiges, in Zahlen meßbares
Wachstum alles bedeutet.

Dieses System unterliegt Schwankungen, ist unglaublich


profitabel - zumindest für seine Verwalter - und verantwortlich für
die Umverteilung des weltweiten Reichtums. Die Krise des
mexikanischen Peso war eines der bemerkenswertesten Beispiele
für die verantwortlichen disfunktionalen dynamischen Kräfte:

Jahrelang nahm Mexiko Kredite im Ausland auf [...], unter


anderem indem es risikoreiche und hochverzinsliche
Obligationen ins Ausland verkaufte, staatliche Firmen an
ausländische Privatanleger veräußerte und mit
Spekulationsverkäufen Geld aus dem Ausland anzog, das die
Aktienmärkte in den Himmel schießen ließ. Nur 10 Prozent der
ungefähr 70 Milliarden Dollar der ausländischen
Investmentfonds, die nach Mexiko flössen [...], wurden
tatsächlich für die Schaffung von Anlagevermögen verwendet,
durch die eine Vergrößerung der Produktionskapazität und da-
mit eine Rückzahlung möglich geworden wäre. [Eine Folge
davon] war, daß die Schuldendienstzahlungen höher waren als
die Exporteinnahmen. Mexikos »Wirtschaftswunder« stellte
sich als ein gigantisches »Ponzi-Spiel« heraus. (* C HARLES
P ONZI LEBTE IN DIESEM J AHRHUNDERT , ER WAR EIN S CHWINDLER
I TALO - AMERIKANISCHER H ERKUNFT , DER DIE ERSTEN I NVESTOREN
MIT DEM G ELD DER NÄCHSTEN I NVESTOREN BEZAHLTE , DIE
WIEDERUM HOFFTEN , DIESELBEN MÄRCHENHAFTEN E RTRÄGE ZU

ERHALTEN , (D AS OBIGE Z ITAT STAMMT VON D AVID K ORTEN : W HEN

C ORPORATIONS R ULE THE W ORLD . L ONDON 1995, K APITEL D REI ,


A NMERKUNG 22.)

Als die Bombe im Dezember 1994


schließlich platzte, konnte Mexiko stolz
auf vierundzwanzig Milliardäre blicken,
vorher waren es nur vierzehn. Die eu-
ropäischen und amerikanischen
Steuerzahler hatten mittlerweile einen 50-

512
Milliarden-Dollar-Plan finanziert, um
sicherzustellen, daß die Wall Street und die
Londoner Banken und Investmenthäuser
den Hauptteil des Geldes, den sie in dieses
Spekulationsgeschäft gesteckt hatten,
wieder zurückbekamen. Anfang 1996
wurde die Bürgschaft aufgestockt, um die
Zahlungsfähigkeit einer Zahl großer me-
xikanischer Unternehmen zu sichern.6 Auf
der anderen Seite der Bilanz standen etwa
4 Millionen Mexikaner bzw. 10 Prozent
der Bevölkerung, die dazu gezwungen
waren, Kurzzeit mit weniger als fünfzehn
Stunden die Woche zu arbeiten; weitere
800 000 verloren ihren Arbeitsplatz ganz.
Der endgültige Zusammenbruch erfolgte,
als die Zinssätze um das Vierfache
anstiegen - was den befürchteten Abzug
ausländischer Investitionen verhindern
sollte. Das führte dazu, daß ganz normale
Familien, die sich auch ihre Pfründe von
Mexikos Zukunft hatten sichern wollen, in
den finanziellen Ruin getrieben wurden.

Solche Geschehnisse kann man nicht einfach als Zufälle abtun: Sie
sind die Regel. In den Jahren, als die elektronischen
Finanzgeschäfte an Tempo zulegten - zwischen 1982 und 1993 -
wuchs das Vermögen der vierhundert reichsten Menschen Amerikas
laut Forbes um 92 Milliarden auf insgesamt 328 Milliarden Dollar
an. Zum Vergleich: Diese Summe ist höher als das
Bruttosozialprodukt des gesamten indischen Subkontinents mit
einer Milliarde Einwohnern. Im selben Zeitraum sank das durch-
schnittliche Einkommen der meisten US-Bürger sowohl relativ als
auch absolut gesehen merklich.*
* »Z WISCHEN 1973 UND 1993 FIEL DER REALE S TUNDENLOHN EINES
A MERIKANERS OHNE H IGH -S CHOOL - A BSCHLUSS VON 11,85 D OLLAR
AUF 8,64 D OLLAR . I N DEN FRÜHEN SIEBZIGER J AHREN VERDIENTEN
H AUSHALTE AUS DER E INKOMMENSGRUPPE DER OBEREN 5 P ROZENT
ZEHNMAL SOVIEL WIE DIE DER UNTEREN 5; HEUTE I ST ES FAST
FÜNFZEHNMAL SOVIEL .« (E THAN K APSTEIN : »W ORKERS AND THE
W ORLD E CONOMY « IN : F OREIGN A FFAIRS , B D . 75, N R . 3, M AI /J UNI
1996.)

+
S IEHE H UMAN D EVELOPMENT R EPORT (N EW Y ORK 1996). I N DEN
DEN
LETZTEN DREISSIG J AHREN FIEL DER A NTEIL DER ÄRMSTEN 20
P ROZENT DER W ELTBEVÖLKERUNG AM GLOBALEN E INKOMMEN VON 2,3
AUF 1,4 P ROZENT , WÄHREND DER A NTEIL DER REICHSTEN 20 P ROZENT
VON 70 AUF 85 P ROZENT ANSTIEG . D IESE K LUFT ZWISCHEN R EICH UND
A RM WIRD , WENN SIE BESTEHENBLEIBT , ZU NOCH » GIGANTISCHEREN
Ü BERSCHÜSSEN UND EINEM GROTESKEREN MENSCHLICHEN UND
WIRTSCHAFTLICHEN U NGLEICHGEWICHT « IN DER W ELT FÜHREN .

Auf der ganzen Welt verfügen 358 Männer und Frauen über ein
Vermögen von mehr als einer Milliarde Dollar. Zu-
sammengerechnet übertrifft ihr Reichtum das gesamte Jahres-
einkommen der halben Weltbevölkerung.+ In der Zwischenzeit
fließen die Bits und Bytes ungestört weiter und machen dabei
bestimmte Lebensformen - will man es in den Begriffen der Fi-
nanzwelt fassen - »unrentabel«, während sie die Effizienz der ver-
netzten Unternehmen steigern. John Perry Barlow, prominenter
Cyberspace-Libertär, der ein Dokument mit dem Titel »Unab-
hängigkeitserklärung des Cyberspace« verfaßt hat, meinte, daß alle
»die etwas machen, was man anfassen kann, und das gut machen,
entweder Asiaten oder Maschinen sein müssen«."

514
*»Mit seinem Halstuch, den Jeans, den Stiefeln und der wilden
Aura eines Abenteurers anstelle der glattgebügelten Spießigkeit eines
Angestellten verkörpert Barlow sowohl im wörtlichen wie im
philosophischen Sinne Individualismus. Mit seiner schillernden
Persönlichkeit ähnelt er keinem jener Leute, die man in den schicken
Büros und Vorstandsetagen der amerikanischen Geschäftswelt finden
könnte. Oder vielleicht doch?« fragt David Bottoms in »Cyber-
cowboy... or prophet?«. (I NDUSTRY W EEK , Bd. 244, Nr. 22, Juni 1995.)
Barlow beschreibt sich selbst als den einzigen republikanischen
Hippiemystiker Amerikas; er hat früher Texte für Grateful Dead ge-
schrieben, war Viehzüchter in den Hügeln von Wyoming und ist
Mitbegründer einer Lobby namens Electronic Frontier Foundation
(EFF). Zuletzt erschien er in der Gestalt eines Unternehmensberaters
- wie es sich für einen der wortgewandteren Cyberspace-Libertären
geziemt - und für das gemeine Volk in der eines Digital-Gurus.
Obiges Zitat stammt aus dem Barlow-Archiv (http:// www.eff.org.).
In seiner »Unabhängigkeitserklärung« beschreibt Barlow
Regierungen als »müde [...] Giganten aus Fleisch und Stahl« und
behauptet, sie hätten keine legitime Macht über das
Informationsreich. (John Perry Barlow: »Unabhängigkeitserklärung
des Cyberspace« in: telepolis. Die Zeitschrift der Netzkultur. Nr. 0,
Mannheim 1996, S. 85.)

Folglich ziehen wie im Handels- und im elektronischen Krieg jene


den Nutzen aus der elektronischen Finanzwelt, die die Herrschaft
über die Steuerungssysteme haben. Letztlich mobilisiert eine
Überlagerungskultur aus der Ferne die Hilfsmittel des globalen
Netzes, um den Reichtum aus den verschiedenen, im Netz
eingebundenen »Knoten« herauszuholen: Lokale Beziehungen und
Lebensformen werden der gleichförmigen Tyrannei der starren und
rein quantitativen Ansprüche aus diesem Niemandsland unterworfen.
(* Natürlich gibt es auch heute noch viele lokale Märkte mit

515
unabhängigen Tauschmitteln innerhalb größerer Strukturen; die
Schattenwirtschaft und der Drogenhandel sind gute Beispiele dafür)
Walter Wriston war einmal ein »Herr des Universums« und hielt
lange Jahre den Chefsessel von Citicorp besetzt. Er galt als einer der
»kämpferischsten Banker [...] und stürmischer Profitjäger«, der »die
Welt als sein Schlachtfeld begriff«. Wristons Achterbahnfahrt durch
die vernetzte Finanzwelt - die er einmal als »Versuch, mit einer Reihe
von Zufällen fertig zu werden«, beschrieb7 - bestärkte ihn in seiner
Überzeugung, daß »die Technologie anfängt, an der Politik vorbei zu
operieren, [und daß] unabhängig davon, was Politiker sagen oder tun,
die Bildschirme weiterhin leuchten, Händler handeln und
Devisenwerte festgelegt werden, und das eben nicht durch souveräne
Regierungen, sondern durch globale Plebiszite«8.

In Ermangelung von Kapital, hochentwickelten Instrumenten und


dem entsprechenden Fachwissen verlieren die normalen Bürger mit
ihren Anliegen an Bedeutung. Sie sind von jenem Kreis
ausgeschlossen, in dem die Entscheidungen getroffen werden. Die
reine Größe, Geschwindigkeit und Macht des Finanzmarktes - ein
»Plebiszit«, bei dem nur das Geld »wählen« darf - erfordern in einer
bürgerlichen Gesellschaft Entscheidungen, die an sich politischer
Natur sind. John Gilmore, ein Guru der Kybernetik, ist bekannt für
seinen Ausspruch, daß »das Internet Zensur als Fehler interpretiert
und [die Information] um ihn herumführt«9. Mittlerweile betrachtet
die vernetzte Finanzwelt jede staatliche Politik als eine Art von
Zensur. *

Das läßt sich weder vermeiden noch steuern, behauptet Wriston:

Auch wenn die Märkte heute nur noch ein Blinken auf dem
Bildschirm sind und keine geographischen
Orte mehr, versuchen die Regierungen noch
immer, den Teil des Marktes zu schützen
und zu lenken, der innerhalb ihres Zustän-
digkeitsbereichs liegt. Aber selbst das wird
zunehmend schwieriger, denn wenn eine
Regierung zu strenge regulierende
Maßnahmen ergreift, trocknet der

516
Marktknoten in diesem Land aus und wird
durch einen ersetzt, der in einem
freundlicheren Klima beheimatet ist [...]. In
einer Informationswirtschaft haben die
Steuereintreiber viel weniger Macht, denn
schließlich können die Pächter den Ort
einfach verlassen.10

* So folgt zum Beispiel die Logik der Europäischen


Währungsunion (EWU) nicht den
Wettbewerbsimperativen einer vernetzten
globalen Wirtschaft. Theoretisch wird sich
Europa mit der Einführung des Euro
endgültig von einer Ansammlung eng
assoziierter Staten in die stärkste
vereinheitlichte Wirtschaftsmacht der Welt
verwandeln, deren Geldpolitik durch eine
einzige Zentralbank mit Sitz in Frankfurt
koordiniert wird. Die Hoffnung geht dahin,
daß der Euro dem Dollar als internationale
Handelswährung ernsthaft Konkurrenz
macht. Die EWU-Agenda wurde der
Öffentlichkeit allerdings bislang nur
unzureichend erklärt. Sie erfordert die
Harmonisierung der national
unterschiedlichen Steuer- und Sozialpolitik,
die auf unterschiedlichen kulturellen und
historischen Bedingungen beruht, und wird
die Wähler in den einzelnen Ländern relativ
schnell und unmerklich ein erhebliches Maß
an Selbstbestimmung kosten. Die
Länderbehörden werden nicht durch
entsprechende rechenschaftspflichtige und
übernational repräsentative Einrichtungen
ersetzt, die eine ausgleichende
demokratische Kontrolle ausüben könnten.
In der jetzigen Planung, ist die EWU eine

517
Agenda, durch die sich die vereinte Macht
des Geldes der verschiedenen
Wählergruppen entziehen wird

Auch Alain Levy-Lang, Präsident der französischen Banque Paribas,


unterstreicht, daß der nichtregulierte »Weltkapitalmarkt zum
Steuerungsfaktor schlechthin für die nationale Wirtschaftspolitik«
wurde.11 Das Leben der Menschen und ihre Berufsaussichten, ihre
Hoffnungen für die Zukunft (und die ihrer Kinder) seien nun angeb-
lich vollkommen von den expandierenden elektronischen Märkten
abhängig.

Was kann man da tun? Peter Drucker, einer der großen Verfechter
der modernen Managementtheorie und Ikone für Industrielle auf der
ganzen Welt, betont, daß die unumgängliche Entscheidung bei der
gegenwärtigen Re- strukturierung heißt: töten oder getötet werden. 12
Dabei nehmen die Informationsinstrumente viel von dem mo-
ralischen Druck, da sie die menschlichen Opfer in ein Blinken auf
dem Bildschirm verwandeln. Die Protagonisten des Geschäfts
können von Sachzwängen sprechen und von ihren luftigen Kanzeln
herunter die Ethik des Wettbewerbs predigen, ohne sich die Finger
schmutzig zu machen. Sie sind die Propheten eines absoluten Prag-
matismus. In dem dicken Wälzer The Post-Capitalist Society, Bibel
für die Führungskraft des Informationszeitalters, schreibt Drucker:
»Gesellschaft, Gemeinschaft und Familie sind bewahrende
Institutionen. Sie versuchen, die Stabilität zu erhalten und
Veränderungen zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen. Aber
die Ordnung der postkapitalistischen Gesellschaft [...] wirkt
destabilisierend [...], ihre Funktion ist es, Wissen zu verwerten, [...]
sie muß so organisiert sein, daß sie ständige Veränderungen
aushält.«13

Insofern ist in einer vernetzten Wirtschaft das Leben nach


konservativen Maßstäben - zumindest in der eigentlichen Bedeutung
des Wortes - gleichbedeutend mit einem Leben in Sünde. Hannah
Arendt schreibt in ihrem berühmten Buch Vita activa: »Nicht das
Vernichten, sondern das Erhalten und Konservieren ruiniert die

518
moderne Wirtschaft, deren Umsatzprozesse durch das Vorhandensein
von Bestand jeglicher Art nur verlangsamt werden können, weil die
einzige ihr eigene Konstante in der ständigen
Geschwindigkeitszunahme des Produktionsprozesses liegt.«14

Selbst der Geschäftsvorstand, der schwer daran arbeitet, den


Firmenumsatz zu erhöhen und die Effizienz durch Rationalisierung
zu steigern, kann von einem Augenblick auf den anderen einen nicht
nachvollziehbaren Rückschlag erleiden, wenn sich die
Devisenmärkte in die falsche Richtung entwickeln oder wenn das
kurzfristige Wachstum, zu welchen langfristigen Kosten auch immer,
nicht ausreichend groß ist. Er fühlt sich gezwungen, individuelle
Werte und Zielvorstellungen beiseite zu lassen, um die unersättlichen
Forderungen des Marktes zu erfüllen. »Die Armen, die nur überleben
möchten und ihr Land höher schätzen als dessen Entwicklung und
jene >erbärmlich Undankbarem, denen Geld egal ist, stellen einen
Affront dar [...], Zeichen der Revolte des Landes gegen die hastigen
und ungeduldigen Landvermesser«, schreibt der Italiener Roberto
Calasso.15 Für diesen ungeduldigen Landvermesser, den Propheten
einer globalen Überlagerungskultur, der angeblich im Namen der
ganzen Gesellschaft handelt, liegt die Quelle von Reichtum in
sicherer Entfernung an einem abstrakten Ort. Nur die anderen - jene
»erbärmlich Undankbaren« - wissen wirklich, welche Umwälzungen
dieser unbeschränkte Transfer der Bits und Bytes mit sich bringen
kann.16

In einem ganz realen Sinn haben die Magier aus der elektronischen
Finanzwelt den Schlüssel zum Tempel der Gesellschaft an sich
gebracht und nehmen sich die Freiheit heraus, die Altäre all ihres
Schmucks zu berauben und die durch den Verkauf erzielten Erlöse
aufs eigene Konto zu überweisen. Ungerührt verlassen sie das ge-
plünderte Heiligtum und machen sich mit ihren Schätzen auf zu
neuen Zielen. (* Als der Quantum Fund von George Soras 1992 10
Milliarden Dollar gegen das Pfund innerhalb des europäischen
Wechselkurssystems setzte, hebelte er das ganze System aus und
machte dabei einen Gewinn von einer Milliarde Dollar. Die
Gesellschaft zahlt einen hohen Preis, egal, ob solchen Geschäften
Erfolg beschieden ist oder nicht. So kostete es zum Beispiel

519
beachtliche 145 Milliarden Dollar, von denen 120 Milliarden Dollar
vom amerikanischen Steuerzahler aufgebracht werden mußten, um
bei dem »Zwischenfall« der amerikanischen Spar-und Kreditbanken
die spekulativen Exzesse eines unterregulier-

ten »freien Marktes« abzufangen. Eine ähnliche Rettungsaktion war


Anfang 1996 in Japan erforderlich, wo es um 20 Milliarden Dollar
aus Steuereinnahmen ging. (Vgl. Gerard Baker: »Japan approves
more public funds for housing loan bailout« In: Financial Times, 29.
Januar 1995.) Zu oft schon wurden In unterregulierten »freien
Märkten« von einigen wenigen kurzfristige Gewinne zu Lasten der
Allgemeinheit eingestrichen.

) Wenn die Finanzmärkte in Tokio zum Erliegen kommen, verlagert


sich der Handel zunächst nach London und dann nach New York.
Spekula- I ionsgeschäfte - die oft nicht in den Bilanzen der Banken
auftauchen und/oder aus anderes Gründen undurchsichtig sind - und
die Umsatzprovisionen machen nun den Großteil des Gewinns auf
dem Finanzsektor aus.
Im Zeitalter digitaler Mobilität geht es
auch hier vor allem um Bewegung.

Ein einzigartiges Zusammenspiel


technologischer Neuerungen und politischer
Entscheidungen trug zum Entstehen der
nicht regulierten Märkte bei. Die
Begünstigten dieser Entwicklung vergessen
in ihrer Egozentrik ganz, daß es auf

520
eine Entscheidung des Präsidenten, den Goldstandard aufzugeben,
zurückzuführen ist, gefolgt von der schrittweisen Deregulierung auf
den führenden Finanzmärkten, die die Voraussetzungen schufen,
unter denen sie jetzt in das Spiel einsteigen können. Wenn Märkte
und Finanziers heute in einer fortschreitenden Verkettung eines
weltweiten Risikos miteinander verbunden sind, dann nur, weil sie
von den Politikern sanktioniert und von den Wählern bislang toleriert
wird. Was diese deregulierenden Geschenke angeht, leiden die
Finanzjongleure unter Amnesie, wie es scheint, und gebärden sich,
gelinde gesagt, recht überheblich. Als Bill Clinton 1994 vorschlug,
Termingeschäfte und den Optionshandel zu besteuern, in der
Hoffnung, dadurch die Marktschwankungen zu dämpfen, ließ Jack
Sandner von der Warenterminbörse in Chicago den Präsidenten in
einer öffentlichen Stellungnahme wissen, daß sich unter diesen
Umständen das Geschäft »innerhalb einer Nanosekunde« 17 nach
Übersee verlagern würde.* Der
Präsident der Vereinigten Staaten von
Amerika fing sich auch von einem
Angestellten der Warenbörse von
* U NTER DEN GEGENWÄRTIGEN Chicago eine Rüge ein - einem
B EDINGUNGEN KANN EINE
R EGIERUNG DIE Menschen namens Patrick Arbor -, der
F INANZMÄRKTE MITTELS sagte, daß allein die Andeutung der
S TEUER -, A USGABEN - UND Möglichkeit einer Verkehrssteuer eine
Z INSPOLITIK REGU LIEREN ,
MUSS ABER MIT EINER A BMAH -
»ernsthafte Gefährdung« des
NUNG RECHNEN , WENN SIE SICH »unsicheren globalen
ZU SEHR VON DEN R ICHTLINIEN Wettbewerbsvorteils« der Industrie
ENTFERNT , DIE IN DEN
V ORSTANDSETAGEN UND AN DEN
darstelle.18 Der Präsident gab nach und
K ONFERENZTISCHEN FESTGE - ließ den Plan fallen.
SETZT WERDEN .
Der mögliche Nutzen einer solchen
regulierenden Arbitrage - bei der die
Regierungen gegeneinander ausgespielt werden - ist kaum auf die
Finanzwirtschaft beschränkt. Durch eine Fragmentierung und
Beschleuni

521
gung des Finanzgeschäfts haben die Hilfsmittel der Infor-
mationsnetzwerke vermutlich einen, wie Levy-Lang von der Banque
Paribas sagt, »fundamentalen Widerspruch zwischen [...]
Arbeitsgesetzen, Umweltschutzstandards und Steuerstrukturen
einerseits und den Erfordernissen einer wettbewerbsfähigen Industrie
andererseits« geschaffen (* D IESE IMPLIZ IT UNGELÖSTE S PANNUNG ZW ISCHEN
DEN ABSTR AK TEN F ORDERUNGEN DES BEW EGLICHEN ELEK TRONISCHEN K APITAL S
AUF DER EINEN S EITE UND DEN GREIFBAR EN POLITISCHEN , SOZIAL EN UND ÖKONO -

MISCHEN Z IELSETZUNGEN AUF DER ANDEREN LIEGT VIELEN STR ITTIGEN T HEMEN
ZUGRUNDE , DIE G ANZ OBEN AUF DER POLITISCHEN TAGESORDNUNG STE HEN . D IESE
S PANNUNG WIRD OF T AL S EINZIG AR TIG UND UNLÖSB AR DARGE STELLT, AL S

VOLLENDETE TECHNISCHE TATSACHE . M AN KÄME DER S ACHE ALL ERDINGS NÄHER ,

WENN MAN SIE IN DEN GÜLTIG EN B EGRIFFEN VON E THIK , V ERAN TWOR TUNG UND

POLITISCHEN W ILLEN FORMULIERTE .

) In einer wirkungsvoll vernetzten Wirtschaft, die kein entsprechend


massives politisches Gegengewicht erfährt, werden Standards auf
Grundlage des kleinsten gemeinsamen Nenners festgelegt: Es geht
um einen kurzfristigen Nutzen zugunsten weniger Privilegierter und
die Verteilung der damit verbundenen Langzeitkosten auf die große
Menge.19

So beschloß zum Beispiel der Erdölgigant Royal Dutch Shell im


Januar 1995, Arbeitsverträge in Singapur abzuschließen und die
Personalvertretung auf die Isle of Man zu verlegen, um für die
britischen Seeleute keine Beiträge an die National Insurance zahlen
zu müssen. Dadurch sparte Shell 40 Prozent der früheren Lohnkosten
ein. Nach der Exxon- Valdez-Katastrophe im Jahr 1989, dem
Untergang der Braer vor der Küste der Shetland-Inseln 1993 und
einer Reihe anderer Umweltkatastrophen und verschiedener Verstöße
gegen Sicherheitsvorschriften schlugen die Vereinigten Staaten 1994
vor, die Haftpflichtbestimmungen für Öltanker zu verschärfen. In
diesem Zusammenhang wurde wieder Shell genannt, weil an einem
ihrer Tanker nach einer rauhen Atlantik-Überfahrt zehn Zentimeter
langen Risse im Deck entdeckt wurden - ein Vorkommnis, das ein
Sprecher des Unternehmens als »Kleinkram« herunterspielte.20 1993

522
gingen nicht weniger als 121 Schiffe auf See verloren, dabei kamen
592 Seeleute ums Leben - eine Steigerung von 35 Prozent gegenüber
dem Vorjahr. Trotz der Tatsache, daß weltweit jeder fünfte Tanker den
internationalen Standards nicht entspricht und ungefähr 70 Prozent
aller Tanker in Ländern registriert sind, die sehr laxe Vorschriften
haben, um so den Eignern Kosten zu ersparen, reagierten die Großen
der Branche auf den Vorschlag der Vereinigten Staaten abweisend.
Sie drohten, entweder ihre Schiffe unter einer anderen Flagge fahren
zu lassen - was Amerika Arbeitsplätze kosten und seine
Kontrollmöglichkeiten weiter untergraben würde - oder schlicht und
einfach die amerikanischen Gewässer zu meiden. Die Forderungen
nach Verschärfung der Sicherheitsbestimmungen wurden daraufhin
abgeschwächt, und es blieb ein ungleiches Flickwerk aus regionalen
Regelungen übrig, das genügend Schlupflöcher bietet, durch die die
Eigner weiterhin ihre Schiffe steuern können.21
Viele Regierungen verzichten gänzlich auf eine unabhängige
Sozial- und Wirtschaftspolitik im Tausch gegen die Aussicht auf eine
Reihe von Vorteilen einer vollständig vernetzten Welt des digitalen
Laissez-faire. Möglicherweise wird ein Nicht-Handeln jedoch
verhindern, daß sich diese Vorteile jemals einstellen - der Preis für ein
ungehemmtes Chaos wird für Mensch und Natur zu hoch sein.

Seit die lydischen Könige im siebten Jahrhundert vor Christus das


Münzgeld erfunden hatten und um 1700 das Papiergeld eingeführt
worden war, wuchs das Vermögen durch Handel und Investitionen.
Die Kontrolle über die Geldmenge hing von der Entdeckung neuer
Schätze in Minen ab, oder man prägte die vorhandenen Münzen neu,
die dadurch an unmittelbarem Wert verloren. Je weniger Wert eine
Münze hatte, desto stärker fiel ihre Kaufkraft. Dasselbe gilt für
staatlich gedecktes Papiergeld, das strikte wirtschaftliche Disziplin
und Regulierung erfordert: Fehlen diese, fällt der Wert. Im Extremfall
sind eine galoppierende Inflation und Depression die Folge. Heute
sind dabei ganz und gar abstrakte Kräfte mit ins Spiel gekommen, die
Reichtum schaffen oder zerstören. Sie nutzen die Macht, die ihnen
die Informationshilfsmittel verleihen, ohne ausreichend zu
berücksichtigen, welche Konsequenzen das für das wirkliche Leben
haben wird. Schon heute stehen jedem Dollar, der in der »echten«

523
Wirtschaft ausgegeben oder investiert wird, schätzungsweise 30 bis
50 Dollar gegenüber, die im monetären Cyberspace fließen.22

Bald werden die Konsumenten über eigene digitale Dollar


beziehungsweise e-cash verfügen. Das wird ermöglicht durch
umfassende Handelsallianzen, die um Wissenszentren in den
Bereichen Finanz, Kommunikation und Industrie herum entstehen.
Durch Konsortien gedecktes elektronisches Geld wird eher die Macht
von privaten als die von öffentlich regulierten Vermögensnetzen
deutlich vergrößern. (* D IESE ZENTRALE F RAGE WIRD IN K APITEL A CHT
AUSFÜHRLICHER BEHANDELT . D IE K ONSORTIEN BAUEN AUF DEN W IE -
DERERKENNUNGSEFFEKT IHRES M ARKEN - NAMENS , UM DIE STAATLICH
GARANTIERTE W ÄHRUNG MIT IHREM EIGENEN , PRIVAT AUSGEGEBENEN
ELEKTRONI schen Geld verdrängen zu können. Sie wollen sich
zunächst einen beträchtlichen Teil des Geschäfts sichern, bei dem
weniger als 10 Dollar den Besitzer wechseln - weltweit macht das
über 1,8 Billionen Dollar aus. Damit würde etwa die Hälfte des in
Umlauf befindlichen Geldes »privatisiert« werden. Wenn sich
anonyme elektronische Kapitaltransfers erst einmal durchgesetzt
haben, ist es gut möglich, daß es Immer mehr geben wird, die ihr
eigenes Geld drucken können. Wie T HE E CONOMIST ausgeführt hat,
wird »die Versuchung, vom vollständig gedeckten digitalen Geld zu
lassen, unwiderstehlich sein. Man kann davon ausgehen, daß die
Leute virtuellen Kredit haben wollen, und der muß seinen Preis
haben. [...] Private Aussteller, die einer entsprechenden Kontrolle un-
terliegen oder das volle Vertrauen des Marktes gewonnen haben,
werden vielleicht einen besseren >Namen< haben als so manche
Regierung.«23

Regierungen werden sich der Konkurrenz kommerziell


ausgegebenen Geldes ausgesetzt sehen. Eine steigende Geldmenge
wird »privatisiert« und der Einfluß der Wähler auf die eigene Sozial-
und Wirtschaftspolitik weiter ausgehöhlt werden. »Verschiedene
parallele - und konkurrierende - elektronische Wirtschaftssysteme«
werden die Zukunft bestimmen, meint Joel Kurtzman. 24 Jedes wird
seine eigenen Regeln aufstellen. Kürzlich spottete ein Fachmann, daß

524
wir dann mit »Gatesscheinen« statt mit Geldscheinen zahlen - in
Anspielung auf den Microsoft-Chef Bill Gates. Mike Nelson, der
Technologieberater von Präsident Clinton, warnt vor »der sehr rea-
listischen Aussicht auf eine private internationale Währung, [die] die
Einflußmöglichkeiten der Länder auf die Verwaltung der
Geldmengen und die eigene Wirtschaft beschneiden wird«25.

Die eigentliche Bedeutung des Geldes, das sowohl als Tauschmittel


dient, als auch dazu, Reserven anzulegen, wird von den
cybernetischen Technologien neu definiert. Ernie Brickell, Software-
Wunderkind von Bankers' Trust, sagt: »Wenn Zahlen Geld bedeuten,
wird eine Verdoppelung der Zahlen auch den Spaß verdoppeln.«26
Aber wenn sich das elektronische Geld in einer Weise durchsetzen
wird, daß die verbliebenen, momentan von den Nationalstaaten
unterhaltenen Aufsichtsbehörden umgangen werden, wächst in
Zukunft die Gefahr, daß das System zusammenbricht. Solche teuren
Debakel wie der Spar- und Darlehensskandal in Amerika 1980 oder
der Zusammenbruch der ehrwürdigen britischen Merchant Bank
Barings 1995 - beide das Resultat unterregulierter spekulativer
Exzesse im Geschäft mit Finanzderivaten - zeigen, daß die Kosten
kurzfristiger privater Spekulationen auf längere Sicht oft von der
Öffentlichkeit getragen werden müssen. (* E INE UNTERHALTSAME
D ARSTELLUNG DER E NTWICKLUNG DES G ELDES IM L AUF DER
G ESCHICHTE IST IM ZWEITEN K APITEL VON J. K. G ALBR AITHS K LASSIKER :

M ONEY : W HENCE IT C AME , W HERE IT W ENT (B OSTON 1975) ZU FINDEN .

Während die elektronischen Impulse sich in die Anonymität ihrer


hauchfeinen Netze zurückziehen, um ein immer schneller werdendes
inflationäres Rennen um den Erhalt ihres nominellen Wertes
austragen, bleiben eine Menge wichtiger technischer und ethischer
Fragen ungeklärt: Wer wird die Geldmenge eigentlich kontrollieren?
Wie werden soziale und kommerzielle Ziele miteinander in Einklang
gebracht werden? Auf welcher Grundlage wird man den Wert des
digitalen Geldes berechnen? Welche Instanz wird letzten Endes für
die Deckung im Falle der Zahlungsunfähigkeit verantwortlich sein?
Dann gibt es da noch solche unangenehmen, aber notwendigen Auf-

525
gaben wie die Überwachung der Geldwäsche und das Eintreiben von
Steuern. Welche Rolle fällt dem Bürger bei der Festlegung solcher
Ziele zu? The Economist schreibt, daß elektronische Zahlungsmittel
alte Fragen in bezug auf Geld neu stellen, und zwar »in einer reinen,
fast konzeptionellen Form: Elektronisches Geld verspricht keinen
eigentlichen Wert und trägt kaum ein Zeichen einer physischen
Existenz. Das Internet ist dabei, an die Grenze der Frage vorzustoßen,
was den Wert des Geldes ausmacht, den wir ihm zusprechen.«27

Das weltweite Finanzwesen wird heute gern als ein System


bezeichnet, das »sich nicht mehr steuern läßt«, als kämen in ihm
keine Entscheidungen individueller, kommerzieller und politischer
Natur zum Ausdruck. Die meisten Machthaber, wo auch immer sie
sich befinden, sehen sich gezwungen, ihre Strategien an den
Wechselläufen des Marktes auszurichten, dabei wird die
Entscheidungsfindung genauso von den Erwartungen des Handels be-
einflußt wie von den örtlichen Gegebenheiten oder grundsätzlichen
wirtschaftlichen Bedingungen. Das Ergebnis davon ist ein
Finanzsystem, das weder ethische

526
noch regulierende Grundfesten hat, die seine iihergrei fende
Stabilität sichern würden. Man halte das Bankge schäft
ursprünglich nur technologisch aufgerüstet, um die
Geldtransfers über große Entfernungen hinweg /,u
beschleunigen, und hat damit die Bedingungen liii ein
Finanzchaos geschaffen.

Nur selten werfen die Bewohner der entwickelten Well


einen Blick über den Tellerrand auf die Ruinen des ehe-
maligen Ostblocks, um zu sehen, was ihnen die eigene
Zukunft möglicherweise bringen wird. Die Führung der
Ukraine hat nach der Unabhängigkeitserklärung von
Moskau eine eigene Währung ausgegeben und sie Kar-
bovanenz genannt. Dieses Wort - eines der ältesten ihrer
Sprache für Geld - bezeichnete ursprünglich Perlen aus
wertvollen Metallen, die die Frauen als Halsschmuck
trugen. Da der neue Karbovanenz sich von jeder ihm zu-
grundeliegenden ökonomischen Realität gelöst hat, erfuhr
er eine rasche Abwertung, bis er praktisch wertlos war.
1994 sahen die Machthaber kaum eine andere Möglichkeit,
als die hübschen Bildchen wieder einzustampfen. Es ist
eine seltsame Laune der poetischen Gerechtigkeit, daß
diese Banknoten zu Toilettenpapier recycelt wurden, wofür
die Ukrainer wenigstens eine Verwendung hatten. Dieses
Trostes werden die zukünftigen Besitzer des cy-
bernetischen Dollars beraubt sein, wenn der gegenwärtige
Trend anhält.
Vielleicht erklärt sich daraus, warum Joel Kurtzman nur
widerwillig zugibt, daß in »einer riesigen, nicht regulierten
Megabyte-Wirtschaft ohne Mittelpunkt Deregulierung
genau das Gegenteil dessen ist, was gebraucht wird«28.

Manchmal wird der Druck der realen Welt zu groß, und es


ist schön, wenn man für einen kurzen Augenblick aus-

527
steigen kann. Warum machen wir nicht einen kurzen Trip
auf irgendeine Insel in der Karibik, vielleicht Curaçao auf
den Niederländischen Antillen. Auch wenn Sie's nicht
merken sollten, während Sie auf den staubigen Straßen an
Dutzenden gesichtsloser Büros vorbeifahren, in diesen
nicht gerade einnehmenden Holzhäusern finden die
wirklichen Geschäfte statt, die diese Insel am Laufen hal-
ten. Curaçao ist eines der Datenparadiese dieser Welt.

Wären Sie ein Cyber-Schnüffler, wüßten Sie bald warum.


Sehen Sie das Haus dort drüben? Klettern Sie einmal auf
den Balkon, der um den ersten Stock herumläuft. Wenn Sie
am Büro des Anwalts und der Steuerberatungskanzlei
vorbeischleichen, landen Sie vor einer dritten Tür, auf der
»Entropy Ltd.« steht. In der klimati-
sierten Stille im Inneren machen Sie
nicht mehr als ein halbes Dutzend
Computer aus, die Lichter der
* E IN WEITERES B EISPIEL : D IE
C AY - MANS SIND DREI Modems blinken. Ein leerer
TIEFGELEGENE I NSELN , DIE Schreibtisch, auf dem Kalender an
UNTER BRITISCHER V ERWAL - der Wand wurden seit Monaten
TUNG STEHEN UND UNGEFÄHR
keine Termine mehr eingetragen.
180 M EILEN NORDWESTLICH
VON J AMAICA LIEGEN . I HRE Dieses Geschäft läuft per
B EVÖLKERUNG UMFASST ZIRKA Fernbedienung. Sie können den
30 000 M ENSCHEN . D IE ZAHL braungebrannten, ständig
DER REGISTRIERTEN F IRMEN
AUF DIESER K OLONIE
lächelnden Besitzer genausogut in
ÜBERTRIFFT DIE DER E INWOH - Miami finden wie am anderen Ende
NER UM EINIGES , UND ES GIBT der Insel. Er ist ein weltgewandter
MASSENWEISE B ANKEN , DIE
E INLAGEN VERWALTEN VON
kolumbianischer Herr, der seine
1995 AUF INSGESAMT 460 Firma in Shanghai ins
M ILLIARDEN D OLLAR - FAST Handelsregister eintragen ließ und
AUSSCHLIESSLICH
jetzt wahrscheinlich gerade in
AUSLÄNDISCHE A NLAGEN , DIE
VON DEM STEUERFREUND - irgendeiner Bar an der Theke steht.
LICHEN K LIMA DIESER I NSELN Oder er schaukelt in einer
ANGEZOGEN WURDEN . (M ONEY
Hängematte unter Palmen am
L AUNDERING AND THE
I NTERNATIONAL F INANCIAL S Y -
STEM , IWF A RBEITSPAPIER ,
M AI 1996, ZITIERT NACH
528 S TEPHANIE F LANDERS :
»C LEANING UP THE GLOBAL
ECO - NOMY « IN : F INANCIAL
T IMES , 28. A UGUST 1996.)
Strand des besonders blauen Meeres und spielt mit Laptop
und Mobiltelefon herum. Manchmal rafft er sich auf, um
einer Videokonferenz beizuwohnen, sehr darauf bedacht,
daß die Computer einen künstlichen Hintergrund
»erzeugen«, der die Konferenzteilnehmer über seinen
tatsächlichen Aufenthaltsort im Dunkeln läßt. Sie werden
sich schwer tun zu beweisen, daß Entropy Ltd. ein
virtuelles Casino ist. Es gründet auf Impulsen von positiv
und negativ aufgeladener Energie, die durch die
Elektrosphäre schwirren und in die sich die global player
einklinken und ihr elektronisches Geld bei jeder »Drehung«
des virtuellen Glücksrads einsetzen. Die Gewinne werden
automatisch an Orte wie Anguilla und Liechtenstein
transferiert, an denen viele andere unversteuerte
»Treuhandkonten« existieren, auf denen der größte Teil des
weltweiten Vermögens auf die hohe Kante gelegt wird.*
Legionen von Geschäftsleuten werfen jeden Tag ihr
Modem an, um irgendeinen phantastischen Coup zu landen.
Hin und wieder springt da eine beachtliche Summe heraus,
auch wenn man nie so recht weiß, worauf man eigentlich
setzt. Keiner weiß, wo sich dieses Casino eigentlich
befindet; niemand weiß, ob an den Tischen ehrlich gespielt
oder manipuliert wird. Für die Finanzjongleure ist das
Casino nichts als eine »Schnittstelle« auf ihrem Bildschirm:
viele bunte Lichter und der Zauber von »The Desert Flower
Ga- ming Den«. Dieses Casino zahlt keine Steuern und
muß auf niemanden hören. Der passende Ort, sich einige
der beunruhigenden Unterschiede zwischen der Regulie-
rung des Handels im physikalischen und im virtuellen
Raum durch den Kopf gehen zu lassen: Er ist Meilen von
jenem windgepeitschten Kai an der Ostküste Englands
entfernt, auf dem sich in der wirklichen Welt an einem Tag
im März 1990 ein Haufen vom Regen durchnäßter Beamter
von der Zollbehörde versammelt hat, um bekanntzugeben,
daß ein beachtliches Schmuggelwarenlager entdeckt

529
worden war. Sie meinen vielleicht gefährliche Chemikalien
oder Drogen? Denken Sie noch einmal nach. Es handelt
sich um acht seltsame, auf der Innenseite geriffelte
Stahlrohre: der Lauf einer massiven »Superwaffe«, die für
ein geheimnisvolles irakisches Waffenprojekt mit dem
Codenamen Projekt Babylon bestimmt ist. Die Rohre sind
mit einem Etikett und der irreführenden Aufschrift »Waren:
Metallteile: Ölleitungen« versehen. Aber es ist
offensichtlich, daß sie einem finstereren Zweck dienen, als
Rohöl zu pumpen. Die Firma Sheffield Forgemasters hat
Jahre gewissenhaft und in aller Heimlichkeit mit Entwurf,
Planung und Produktion dieser irakischen
Langstrecken-»Superwaffe« zugebracht. Die
Koordinierung lag in den Händen des irakischen
Geheimdienstes unter der Leitung von Saddam Hussein.
Sie standen kurz davor, das Ganze in ein Gebiet zu bringen,
in dem es brodelte wie in einem Vulkan kurz vor dem
Ausbruch. Wäre es angekommen, hätte Saddam Hussein
den Abschuß nuklearer Sprengköpfe Richtung Israel und
anderer Staaten des mittleren Ostens veranlassen können.
Wahrscheinlich wird nie ganz geklärt werden, wie es dazu
kam, daß die Waffe entdeckt wurde. Die Geschichte ist
gehüllt in ein Gespinst aus Ausflüchten und Lügen. Es geht
um ein riesiges Waffenhandelsnetz, das mit dem offiziellen
Einverständnis der Geheimdienste in Washington, Bonn,
London, Paris und Rom operierte - um nur ein paar zu
nennen. Eine Zeitlang unterstützten westliche
Geheimdienste solche Verkäufe in der Hoffnung, dadurch
Saddam Hussein aus der Interessengemeinschaft mit der
früheren Sowjetunion loszueisen.

530
Glücklicherweise erreichte Saddam Husseins Superwaffe
nie ihren Bestimmungsort, aber die Geschichte bietet
überraschende Erkenntnisse über die wahre Natur der
digitalen Welt, auf die wir mit so hoher Geschwindigkeit
zurasen. Mit Hilfe des uns wohlbekannten Teufels legen
Frachtschiffe - beruhigend konkrete Erscheinungen -jeden
Tag irgendwo an. Die Container werden auf den Kais
entladen und mit den Ladelisten abgeglichen.
Gegebenenfalls wird die Ladung besteuert, oder man
beschlagnahmt sie. Aber in den kodierten Zwischenräumen
des Cyberspace liegt der Wert im äußerst beweglichen,
steuerlich oft nicht erfaßbaren und potentiell schwer
greifbaren binären Code verpackt. Dieser Code kann gegen
Steuern allergischem Vermögen entsprechen - auch wenn
man annimmt, daß dies zu großen Teilen in vorhandenen
Finanzparadiesen und auf Auslandskonten sicher
»untergebracht« ist - oder Informationen über
Privatpersonen, die in ausländischen Datenparadiesen
illegal gesammelt wurden - deren Zahl ist, wie schon
erwähnt, sprunghaft angestiegen.(* E IN B EISPIEL IST B LACK -
N ET , AUF DEM MAN ANONYM ALLE A RTEN VON
I NFORMATIONEN KAUFEN UND VERKAUFEN KANN . (V GL . DAZU
T IM M AY : »C RYPTO ANARCHY AND VIRTUAL COMMUNITIES «
IN : I NTERNET S ECURITY , A PRIL 1995, S. 4-12.)

) Der aus Holland stammende Chef des Europäischen


Währungsinstituts in Frankfurt, Wim Duisenberg, von dem
viele meinen, er sei der zukünftige Leiter der Europäischen
Zentralbank, vertritt die Auffassung, daß, wenn sich das
elektronische Geld durchsetzt, »man davon ausgehen
[muß], daß das ganze Finanzsystem an Transparenz
verliert«29.

531
Da sich die Definition von Information erweitert und
geschäftliche Aktivitäten sich im wesentlichen in einer
cybernetischen Umgebung abspielen, werden die gewählten
Machthaber feststellen, daß sich die Wirtschaft in einer
Weise entwickelt, die sich immer schwerer überwachen
läßt. »In der virtuellen Umgebung ist nicht immer alles
sichtbar«, bemerkt Dorothy Denning. Sie macht eine Pause,
damit man sich darüber klar werden kann, was das
bedeutet. Daten können verschlüsselt bzw. in einem
Geheimcode verfaßt werden, so daß es nicht nur unmöglich
ist, sie zu lesen, es läßt sich auch nicht herausfinden, von
wem oder woher sie stammen. Denning ist eine im In- und
Ausland anerkannte Kryptographieexpertin. Sie meint:
»Wenn Sie ein großes Unternehmen haben, werden Sie
höchstwahrscheinlich Verschlüsselungen verwenden, um
Konkurrenten den Zugang zu Ihren Geschäftsgeheimnissen
zu verwehren.« Diese wirksame Waffe läßt sich genausogut
gegen den Staat einsetzen. »Der breite Zugang zu
einbruchssicheren Verschlüsselungsverfahren im Verbund
mit den anonymen Diensten kann dazu führen, daß
praktisch jede [...] elektronische Transaktion außerhalb der
Reichweite staatlicher Regulierung oder Aufsicht
stattfindet. Die Konsequenzen für die öffentliche Sicherheit
und die gesellschaftliche und wirtschaftliche Stabilität
könnten verheerend sein.«30

Analysten schätzen, daß zur Jahrtausendwende Waren


und Dienstleistungen im Wert von etwa 600 Milliarden
Dollar über elektronische Netzwerke gehandelt werden.
Aber schon heute, stellte der Manager eines Londoner
Kommunikationstechnologieunternehmens fest, »geht
geistiger Besitz im Wert von vermutlich Hunderten von
Millionen Dollar über die Ländergrenzen [...], ohne daß
Zollgebühren oder Steuern gezahlt würden. Das findet nicht
nur im Internet statt, sondern in Tausenden privater oder

532
kommerzieller Netze auf der ganzen Welt. Der elek-
tronische Zollinspektor für elektronische Objekte, die mit
Lichtgeschwindigkeit über die unsichtbaren Daten-
autobahnen rauschen, wurde noch nicht erfunden.« 31 Mit
anderen Worten: Selbst wenn durch das System mehr
Reichtum erzeugt wird, befindet sich ein wachsender Teil
davon außerhalb der Reichweite regulierender Maßnahmen.
Nach Tim May - einem selbsternannten »Anarcho-Ka-
pitalisten«, der regelmäßig mit Denning im Internet oder in
Zeitschriften die Klingen kreuzt - ändert sich durch die
moderne Verschlüsselungstechnik »die herkömm- liehe
>Beziehungslandschaft< der Welt, indem sie Interaktionen
ohne staatliche Regulierung, Besteuerung oder
Einmischung von außen erlaubt.« Irgendwann, so May,
werden die Verschlüsselungswerkzeuge sowohl Geld wie
auch Einzelheiten über das Vermögen einzelner gegenüber
neugieriger Aufsichtsbehörden unzugänglich machen.
Dadurch werden schließlich die Möglichkeiten zur
Steuererhebung und damit der finanzielle Hand-
lungsspielraum des Staates stark beschnitten. May versteht
diesen unbegreiflich raschen Informationsfluß und die
Umgehung der staatlichen Gesetzgebung als eine legitime
Form der »regulierenden Arbitrage« und ist davon
überzeugt, daß das »den Einzelnen von [staatlichen]
Zwängen befreien wird«32. Wenn May recht hat, geht der
Trend in Richtung eines stufenweise unterteilten Systems
öffentlicher Verantwortung, in dem der Größte und
technisch am besten Ausgerüstete vergleichsweise den
geringsten Beitrag leisten muß. Das ist heute schon der
Fall. Regierungen stehen unter dem Zwang, großen Firmen
»steuerliche Anreize« zu bieten - zum Beispiel
beträchtliche Steuernachlässe damit diese in bestimmten
Gebieten Investitionen zur Schaffung von Arbeitsplätzen
tätigen. Die Unternehmen befinden sich aufgrund ihrer
größeren Mobilität in einer starken Position, sie können die

533
Angebote gegeneinander ausspielen, um so den günstigsten
Handel abzuschließen. Tatsächlich wurden 1993 zwei
Drittel aller wichtigen Investitionsentscheidungen aufgrund
von Steuererleichterungen und anderen Anreizen getroffen,
wie die Weltbank vor kurzem bekanntgab. Laut UN
»kommt den Regierungen ihr Wettbewerbsverhalten, was
die Schaffung solcher Anreize anbelangt, sehr teuer zu
stehen [...]. Die Investitionen können zu enttäuschenden
Ergebnissen führen. Das kann soweit gehen, daß selbst das
>siegreiche< Land unter dem Strich keinen Nutzen daraus
zieht.«33 Kurz gesagt, innerhalb der in der digitalen Welt zur
Zeit geplanten Systeme werden sich nur die schnellsten und
effizientesten »Knoten« durchsetzen, aber ihr Triumph wird
bestenfalls kurze Zeit währen.

An dem Gewebe der postmodernen Gesellschaft, das durch


die »Rekonfiguration« in ein cybernetisch gelenktes
Marktsystem geschwächt ist, zerren enorme Kräfte, die
bislang keine vernünftige Vorstellung von der zukünftigen
Entwicklung zulassen.34 Die Bürger sehen sich einer
radikalen Abwertung ihrer Träume und Hoffnungen
gegenüber. Es ist wohl kaum ein Zufall, daß die Welt an der
Schwelle zum einundzwanzigsten Jahrhundert von einer
extrem schnell wachsenden Zahl regionaler, ethnischer und
fundamentalistischer Konflikte erschüttert wird. Sie werden
von dem Wunsch der Menschen geschürt - wie irrational er
sich auch manchmal ausdrücken mag -, wieder über ein
vernünftigeres Maß an Selbstbestimmung zu verfügen. Das
gilt auch für Europa, wo mancherorts ein unwillkürliches
Mißtrauen gegenüber einer weiteren europäischen
Integration herrscht. In zahlreichen anderen Ländern - unter
anderem in Algerien, in der Türkei, der früheren
Sowjetunion, in China und selbst in den Vereinigten Staaten
- richtete sich der Zorn der Bürger gegen die Regierung,
obwohl bestimmte Politiker und eine unverantwortliche

534
Finanzelite die richtigen Adressaten wären.

Auch heute gilt: Nur ein ausreichendes Maß an gesundem


Menschenverstand und Bescheidenheit, nur ein
funktionierendes Netzwerk aus Verantwortlichkeit und
ethischem Verhalten können die Grundlage für jenes
Vertrauen bilden, von dem die langfristige gesellschaftliche
und wirtschaftliche Stabilität abhängt.35 Der Wirt-
schaftswissenschaftler Friedrich von Hayek beginnt sein
einflußreiches Buch Die verhängnisvolle Anmaßung mit
dem Zitat eines Kollegen: »Freiheit ist nicht, wie es der
Ursprung des Wortes vielleicht nahelegt, eine Befreiung
von allen Zwängen, sondern die wirksame Anwendung von
gerechtfertigtem Zwang auf die Mitglieder einer freien
Gesellschaft, seien es nun Staatsbürger oder Ver-
waltungsbeamte.«36 Der bekannte amerikanische Jurist
Oliver Wendell Holmes stellte fest, daß Steuern schmerz-
haft sein mögen, aber sie sind eben »der Preis, den wir für
eine zivilisierte Gesellschaft zahlen müssen« 37. Außerdem
erfordert der Wunsch nach einer besseren Welt, daß
innerhalb einer Gesellschaft die einzelnen Mitglieder die
Kosten teilen und kurzfristig auch niedrigere Gewinne
akzeptieren, um damit einen dauerhaften Wohlstand zu
erlangen, der allen in einem ausreichenden Maße zuteil
wird. Es ist zum Beispiel ganz einfach, sein Geld so
anzulegen, daß damit Unternehmen unterstützt werden, die
verantwortlich handeln. Kleingeschäfte und ethisch und
ökologisch vertretbare Investitionsstrategien sind die
richtigen Schritte in eine bessere Zukunft. Aber es gibt noch
andere. All diese Low-Tech-Mittel bedingen, daß die
Wohlhabenden - jene also, die tatsächlich über das
notwendige Kapital verfügen, um Investitionen zu tätigen -
als soziale Wesen einen Gemeinschaftssinn gegenüber ihren
weniger privilegierten Landsleuten entwickeln. Von den
Reicheren erfordert die Aufgabe, immer auf dem neuesten

535
Stand zu sein und die enge Beziehung zwischen
beispielsweise einem taktischen Aktienerwerb und seinen
Langzeitfolgen zu erkennen, in dieser komplexeren und
digital gelenkten Welt eine gewisse Anstrengung. Man muß
die Selbstdisziplin entwickeln, sich mit den daraus
resultierenden Erkenntnissen auseinanderzusetzen und
diesem Wissen entsprechend zu handeln. Wenn sich alle zu
dieser gegenseitigen Verantwortung bekennen, können sie
dazu beitragen, daß die Finanzwelt sich wieder in den
Lebenszusammenhang einbinden läßt.

536
So kann ein »unkontrollierbarer« Markt dazu gebracht
werden, einem wirklich produktiven Ziel nachzugehen, das
die einzige Berechtigung für sein Dasein ist.

Während sich langsam eine immer vernetztere Welt


durchsetzt, stehen die steigenden Kosten zum Erhalt der
bürgerlichen Gesellschaft den Discount-Grundsätzen eines
Anarcho-Individualismus entgegen. Deren wesentliches
Argument lautet, daß die Technologie und der libertäre
»freie Markt« als ein öffentliches Gut an sich verstanden
werden sollten. Die techno-libertäre Zukunft, wie sie die
Optimisten der digitalen Elite entwerfen, ist ein einziges
großes Versprechen, das mit keinerlei Verantwortung oder
Kosten verbunden ist. Die Botschaft lautet, daß man etwas
bekommt, ohne dafür zahlen zu müssen - solchen Ideen
sollten die Menschen eigentlich immer mißtrauisch
machen. Das Fehlen einer demokratischen Aufsicht führt
lediglich dazu, daß die Freiheit der Mächtigen wächst, mit
technischen Mitteln die Kosten ihres Lebensstils den
Schwachen aufzubürden. Ist das vertretbar? Wollen wir in
einer solchen Welt leben? Zukünftige Regierungen - denen
die Macht fehlt, um die weltweiten Bewegungen der
Tauschmittel und Vermögen mit Abgaben zu belegen und
zu regulieren - werden keine andere Wahl haben, als sich
den größeren Teil ihrer Einkünfte bei Quellen zu sichern,
die nicht abwandern können.

Wie Eli Noam von der Columbia University fragt: »Was


wollen Sie tun, wenn Lebensmittel mit hohen Steuern
belegt werden? Weniger essen? Oder Ihr Gemüse selbst
ziehen? Vielleicht. Aber eines ist sicher: Sie werden ganz
bestimmt nicht nach Tokio zum Mittagessen fliegen.«38
K APITEL SECHS

Der Kampf der Kultur gegen


das neue System: Strukturen

C YBERSPACE . U NWILLKÜRLICHE H ALLUZINATION , TAGTÄGLICH


ERLEBT VON M ILLIARDEN B ERECHTIGTEN IN ALLEN L ÄNDERN
[...] G RAFISCHE W IEDERGABE ABSTRAHIERTER D ATEN AUS DEN
B ANKEN SÄMTLICHER C OMPUTER IM MENSCHLICHEN S YSTEM .
U NVORSTELLBARE K OMPLEXITÄT. L ICHTZEILEN , IN DEN
N ICHT-R AUM DES MENSCHLICHEN V ERSTANDS GEPACKT, GRUP -
PIERTE D ATENPAKETE . W IE DIE FLIEHENDEN L ICHTER EINER
S TADT [...]
William
Gibson1

Bei Einbruch der Dunkelheit hat der Sturm eingesetzt und


treibt den Schnee durch den Spalt unter der schweren
Holztür hindurch. Es ist Januar, und ich bin tief in den
Tiroler Bergen den Widrigkeiten meiner ersten alpinen
Skitour ausgesetzt.

Auf einer solchen Tour gewinnt man ein Verhältnis zur


Höhe, das kaum mit einer normalen Skiabfahrt vergleichbar
ist. Zunächst einmal gibt es keinen Lift, der einen schnell
zum Gipfel bringt. Wenn man die hochgelegenen Pässe
erreichen will, muß man sich Felle unter die Skier spannen
und sich selbst den Weg nach oben suchen. Der Aufstieg ist
schwierig. Hat man jedoch erst einmal die obengelegenen
Schneefelder erreicht, verspürt man ein Hochgefühl, das
durch die Anstrengung noch verstärkt wird. Man befindet
sich plötzlich in einer anderen Welt, in der man sich
gleitend von einer Berghütte zur nächsten bewegt. Die
Plastikwelt der modernen, gewinnorientierten Urlaubsorte
hat man weit hinter sich gelassen: die überfüllten
Bustouren, die schicken Boutiquen, die Geräuschkulisse
aus hämmerndem Rap und dumpfem Discosound. Statt
dessen ist man umgeben von der majestätischen Stille der
Berge. Der Aufstieg wird begleitet von einer
undurchdringlichen, unwirklichen Stille, die nur von Zeit
zu Zeit von dem sanften Flügelschlag der Krähen
unterbrochen wird.

Den windigen Höhen ausgesetzt, gesichert durch ein


dünnes Seil, an dem man seinen Kameraden folgt, während
sich über den Köpfen die Sturmwolken zusammenziehen,
erklimmt man die weitgedehnten, glitzernden Hänge, setzt
vorsichtig einen Schritt vor den anderen und nähert sich so
einem noch verborgenen Ort unterhalb des nächsten
Gipfels. Dort verheißt eine verwitterte graue Steinhütte, die
sich nahe der Paßhöhe an einer windgeschützten Stelle des
Berghangs schmiegt, ein Willkommen, den Schutz und die
Wärme einer holzgetäfelten Stube. Wenn die Nacht
hereinbricht, versammeln sich die Gäste um einen Tisch
und teilen ihr Nachtmahl. Die Gesichter glühen im Licht
der Gaslampen, draußen heult der Wind.

Nachdem abgeräumt worden ist, holen drei der Kletterer


ihre Instrumente aus den kleinen zerbeulten Koffern und
fangen an, ein Lied zu spielen. Es ist eine alte Melodie aus
den Bergen und in den Tälern, die 3000 Meter tief unter
ihnen liegen, längst vergessen. Wenn man ein Gefühl dafür
hat, kann man in diesen Klängen die Umrisse der Berge -
im unmittelbaren wie im übertragenen kulturellen Sinne -
regelrecht hören. Die Melodie folgt dem Auf und Ab der
zerklüfteten Gipfel. Die Worte sind von derselben
Schroffheit, sie rufen Ehrfurcht hervor und ein Bewußtsein
für die eigene Sterblichkeit, das man bekommt, wenn man
nahe des Abgrunds lebt. Die Sänger bringen zum Ausdruck,
daß es in der eindrucksvollen Weite solcher gefährlicher
Regionen des Gleichgewichts und der Umsicht bedarf, um
voranzukommen.
Als das Lied zu Ende ist, lachen alle
und klopfen sich auf die Schulter. Eine
Flasche Bergwasser macht die Runde und
wird wieder verkorkt. Während der Wind
um das Dach pfeift, meine ich regelrecht
zu spüren, daß es ethische Werte gibt,
die nur in der Natur erkennbar werden:
eine umfassende Beziehung zwischen
Mensch und Erde, die tiefer reicht und
eine engere geistige Verbindung schafft
als ein schaler und entzweiender
Nationalismus jemals zulassen könnte.
Auf der ganzen Welt haben sich die Bergvölker in be-
sonderer Weise an die unwirtliche Landschaft angepaßt, in
der sie ihr Leben verbringen. Diese Anpassung kommt in
ihrer einzigartigen Sprache zum Ausdruck, die nicht nur aus
Worten besteht, sondern auch aus Gesten, Gebräuchen und
kompromißlosen Glaubenssätzen. Ein Bergbewohner aus
Süddeutschland benutzt die gleichen Worte wie ein
Schiffseigner von der Nordsee, ihre Bedeutung aber stellt
sich über den Kontext her. Eine Eskimofrau in der Eiswüste
Kanadas wird auf die Frage, wie wichtig Wasser für sie ist,
eine völlig andere Antwort geben als ein Händler in der
arabischen Sandwüste.

Flut hat für einen Bauern auf dem indischen Subkonti-


nent, der auf den segensreichen Monsun wartet, eine andere
Bedeutung als für den Holländer, dem an der Eindämmung
der Nordsee gelegen ist. Was heißt Freiheit? Das hängt
davon ab, ob man einen russischen Devisenhändler im
Seidenanzug fragt oder einen politischen Gefangenen in
Burma, dessen Hausarrest erst kürzlich aufgehoben wurde.
Und was ist ein angemessenes Tempo? Eine
Bankangestellte in der Karibik, die jahrein jahraus in der
unbarmherzigen tropischen Hitze lebt, glaubt vielleicht, daß
sie den schlechtgelaunten Touristen, der gerade aus dem
frostigen Stockholm für einen einwöchigen Urlaub
eingetroffen ist, freundlich bedient - auch wenn er da
anderer Meinung ist.

Die Schnittpunkte von Zeit und Raum, in denen Literatur,


Wirtschaft, politische Systeme und ganze Ideologien
entstehen, sind einzigartig und unwiederholbar. Wenn wir
jemanden als Japaner, Ägypter oder Miskitoindianer
bezeichnen, benutzen wir eine Art Kürzel für ein be-
stimmtes Denken, spezifische Verhaltensmuster und
Ansichten sowie für eindeutige Ziele, die darauf zurück-
zuführen sind, in welcher Weise diese Menschen die
Grenzen akzeptierten und die einzigartigen Möglichkeiten
genutzt haben, die ihnen ihr Umfeld vorgibt. Weil sie
sowohl miteinander als auch mit der Landschaft leben
mußten, haben sie einen besonderen ethischen Be-
zugsrahmen geschaffen. Sie haben gelernt, ihre Ansprüche
der Realität anzupassen, und erkannt, daß die Natur in all
ihrer Freigebigkeit letztlich niemanden duldet, der ihr auf
Dauer untreu ist. Seit jeher mußten alle Lebewesen ihre
kollektiven Vorstellungen von Wirklichkeit immer wieder
an den Erfordernissen und Gegebenheiten des
geographischen Raumes überprüfen.

Beim Besuch altsteinzeitlicher Höhlen in Frankreich


oder Spanien sieht man magische Zeichnungen an den
Wänden, die an eine oftmals vergessene Tatsache erinnern:
daß nämlich die Weltanschauung jeder Kultur und die
Überzeugung jedes einzelnen nichts als Nachbildungen
sind, lebendige Träume, die sich aus den vorhandenen
Stoffen speisen. Diese Höhlenzeichnungen lassen auch die
große Hochachtung und die Empfänglichkeit jener
urzeitlichen Träumer für die Erscheinungsformen des
wirklichen Lebens erkennen. Die Jäger bemühten sich, die
Gewohnheiten ihrer Beutetiere zu studieren und nur eine
begrenzte Anzahl zu erlegen, die jedes Jahr auf natürliche
Weise wieder ersetzt wurde. Sie waren in der Lage bei der
Jagd, die Umrisse der pirschenden Löwen im wogenden
gelben Steppengras auszumachen. Und sie lernten auch,
die Bewegungen von Wolken und Wind richtig zu deuten.
Um es in cybernetischen Begriffen auszudrücken: sie
verstärkten die wesentlichen Signale und filterten das
Hintergrundrauschen heraus.

Auch heute noch, nachdem sich die Menschheit be-


ständig weiterentwickelt und unsere Umgebung sich radikal
verändert hat, ist die Entscheidung, was als Signal
ausgewählt wird und was als Rauschen zu vernachlässigen
ist, so wichtig wie damals. Die verbliebenen Fähigkeiten
des ehemaligen Jägers - vor allem der Trieb zu sammeln
und Vorräte zu horten - sind kaum geeignet, um die
heutigen Herausforderungen durch zunehmende
Überbevölkerung, Rohstoffknappheit und Gärungen in der
Gesellschaft zu meistern. Während sich an den Grund-
voraussetzungen für unser Überleben nichts geändert hat,
ist die Notwendigkeit, eine dauerhaftere Ordnung zu
finden, von einem regional begrenzten zu einem weltweiten
Problem geworden. Der Materialismus als Grundparadigma
und die Grenzen der Belastbarkeit der Erde prallen
aufeinander. Während früher dem Wettkampf und dem
Überleben derselbe Trieb zugrunde lag, sind sie heute oft
unvereinbar: Das unaufhörliche Streben des einzelnen nach
unmittelbaren materiellen Vorteilen kann verheerende
Folgen für die Allgemeinheit nach sich ziehen. Der
Überfluß der Nachkriegszeit muß ein Ende haben. Ist der
hochentwickelte Westen bereit, seine hohen Ansprüche
grundlegend zu überdenken, wenn der Rest der Welt gerade
mühsam versucht, aufzuholen? Können die in Auflösung
begriffenen Gemeinschaften eine Sprache finden, die der
gemeinsamen Verantwortung für die Zukunft der Erde
Rechnung trägt? Von einer Generation zur nächsten gibt es
Tausende entscheidender Augenblicke, wichtige und
unwichtige. Die Menschen müssen ständig Entscheidungen
treffen. Ob bewußt oder unbewußt, geben sie damit
bestimmten Zielen auf Kosten anderer den Vorzug, und ihre
Entscheidungen sind subjektiv, verbindlich und oft
unausweichlich. Wie der spanische Philosoph Ortega y
Gasset richtig feststellte, »zeichnet sich jede Kultur durch
Wahl aus«.
Ohne sichtbar zu sein, liegen einzelne - heikle Ent-
scheidungen jedem vom Menschen geschaffenen Artefakt
zugrunde - seien es Lieder oder politische Systeme,
Konsumgüter oder Dienstleistungen. Stellen Sie sich nur
einmal ein Kuriositätenkabinett vor, in dem auf jedem
Regal nur ein einziges Exponat ausgestellt ist - eine
Handvoll Reis aus Japan, ein unbearbeiteter Stahlblock aus
Sheffield, ein Stück Butter aus der Bretagne, eine Flasche
Bier aus Bayern. Hinter der oberflächlichen Form jedes
dieser Stücke verbergen sich eine bestimmte Nutzung des
Bodens und seiner Rohstoffe, einzigartige kulinarische
Traditionen und ein besonderes Geflecht sozialer
Beziehungen. Der selbsternannte Autoexperte wird nach
einer Spritztour am Steuer eines englischen oder
italienischen Sportwagens aufgeregt nach Ihrem Arm
greifen und darauf beharren, daß dieses Auto ein gänzlich
anderes »Fahrgefühl« erzeuge als eines aus Korea oder
Japan. Jeder blutige Laie kann das unmißverständlich
Französische an einem klassischen Citroen bewundern -
eine Mischung aus Gediegenheit und Keßheit, die auf
einem undurchschaubaren System pneumatischer Pumpen
förmlich schwebt.

Nur ist die natürliche Umgebung inzwischen kaum mehr


Nährboden der Kultur und Maßstab ethischer Ansichten:
Statt dessen haben die Menschen mit der fortschreitenden
wirtschaftlichen und technischen Entwicklung voller
Überzeugung der Natur die eigenen
Entscheidungen und Zielsetzungen
aufgezwungen.

Die westliche Kultur hat sich in psychologischer


und geistiger Hinsicht von der Landschaft entfernt.
Heute wird die Natur entweder romantisch verklärt - als
Garten Eden - oder als Objekt betrachtet, als
unerschöpfliche Gewinnquelle.*
* F ÜR DIE MEISTENS TADTBEWOHNER IST DIE LÄUTERNDE
B ESCHÄFTIGUNG MIT DER N ATUR EINE A RT ROMANTISCHER T RAUM :
»M AN DENKT SICH DIE N ATUR ALS G ARTEN ODER ALS EINE VON EINEM
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SIND ERSCHRECKEND GLEICHGÜLTIG . D AS ERSTE WAS MAN IM L EBEN


BRAUCHT , IST EINE Z UFLUCHT . E INE Z UFLUCHT VOR DER N ATUR . D AS

ERSTE G EBET BITTET UM S CHUTZ . D AS ERSTE L EBENSZEICHEN IST

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EXISTIEREN . (J OHN B ERGER : »D ER WEISSE V OGEL « IN : D AS

S ICHTBARE UND DAS V ERBORGENE . M ÜNCHEN , W IEN 1990, S. 16 F .) I M


KRASSEN G EGENSATZ ZU DEN G ESELLSCHAFTEN A SIENS UND A MERIKAS

ENTWICKELTE SICH IN E UROPA EINE TECHNOLOGISCHE K ULTUR , DIE

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GRÜNDET , » DASS DER M ENSCH L EISTUNGEN VOLLBRINGEN UND


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KUNGSREISEN AUF .
(K IRKPATRICK S ALE : D AS
VERLORENE P ARADIES .
M ÜNCHEN 1991.)

Das Leben ist bereits vom Rhythmus der natürlichen Welt abge-
koppelt: Die Schreibtische, über die die Finanzgeschäfte der Welt
laufen, sind Tag und Nacht beleuchtet. Die früheren regionalen
Wirtschaftssysteme werden immer fester in dieses pulsierende,
weltumspannende Netz eingebunden. Das Rad des Fortschritts hebt
die regionale Abhängigkeit auf und entläßt uns in offene,
kosmopolitische Weiten. »Lebensstil«, einst durch die Landschaft
bedingt, ist zu einem Produkt geworden. Im Verlauf dieser
Entwicklung wurde die Bandbreite unserer Entschei-
dungsmöglichkeiten von Grund auf neu festgelegt. Unsere
professionellen Traumproduzenten haben eine Form der
Überzeugung perfektioniert, die man gemeinhin Werbung nennt
und mittlerweile auf internationalem Niveau betreibt. Wir leben in
einer Welt vorgefertigter Erwartungen - einer Welt, in der
Fernsehbilder in der Chefetage genauso flimmern wie im
Armenviertel und das

ganze globale Dorf in ihr flackerndes, vergängliches Licht tauchen.

Die unaufhörliche innere Migration, die unsichere Bewegung


durch eine sich ständig verändernde geistige Landschaft wird
zunehmend zur bedeutsamsten Erfahrung des Menschen, schreibt
Salman Rushdie. Identität ist nun eher ein persönliches Konstrukt
als etwas, das innerhalb eines relativ stabilen sozialen Raumes ge-
schaffen wird. Das gesamte Leben wird zu einer zusam-
mengestückelten Collage. Wir erleben »verschiedene Formen des

547
Daseins«. Die Menschen werden zu kulturellen Konsumenten, die
in der Lage sind, sich selbst unablässig von neuem zu definieren
und ihren physischen und psychischen Standpunkt zu wechseln,
indem sie aus dem wachsenden Angebot an verfügbaren
Möglichkeiten auswählen. Es ist auffällig, daß sich durch diese
Freiheit etwas aufzutun scheint, was Rushdie als »großes
gottähnliches Loch« bezeichnet, ein geistiges Vakuum, das mit der
Rückkehr in das soziale Chaos zusammenfällt, ein unbeständiger
Zustand, in dem die Wirklichkeit, »wie jedes andere Artefakt, gut
oder schlecht gemacht werden kann, und [...] zerstört werden
kann«2.

Marshall McLuhan, der Prophet der cybernetischen Gesellschaft,


hat lange und gründlich über die kulturellen Auswirkungen einer
auf das Sehen ausgerichteten und elektronisch vermittelten
Lebensweise nachgedacht. Er kam zu dem Schluß, daß das
wichtigste Ergebnis die Zusammenführung verschiedener Kulturen
und die Bildung eines einzigen Stammes wäre, dem die ganze
Menschheit angehört. Jahrzehnte später nimmt sein globales Dorf
eine gänzlich unerwartete Gestalt an; Ost und West, jene
Landschaften ererbter Identität werden von einflußreichen
homogenisierenden Strömungen erfaßt. Gerade die
Geschwindigkeit und Unsicherheit dieser Umwälzungen haben eine
rückwärts gewandte und die Menschen voneinander trennende
Suche nach unabänderlichen Gewißheiten und nicht
hinterfragbaren Wahrheiten ausgelöst. Der Klang der
Stammestrommel, von McLuhan eloquent gelobt, ist nichts als
eines der beunruhigendsten Echos unserer Tage. Nach Ansicht des
amerikanischen Historikers Samuel Huntington bewegen wir uns
auf ein Zeitalter zu, das dereinst als »Kampf der Zivilisationen«
bezeichnet werden wird, ein wirbelnder Strudel, in dem die
vermeintlich vereinigten Welten des Konfuzianismus und des Islam
auf die universelle »Ethik« des kapitalistischen freien Marktes und
das säkulare Glaubensbekenntnis des Konsumwachstums stoßen.3
Aber das Blatt hat sich unbemerkt gewendet. Vor fünfhundert
Jahren begaben sich die Europäer erstmals auf abenteuerliche
Eroberungsfahrten. Dahinter stand eine Weltanschauung, in der aus
»Wurzellosigkeit und Ruhelosigkeit der europäischen Gesellschaft
[...] Abenteuerlust und Neugier [entstanden], die wenig Raum für
Einschränkungen und Begrenzungen ließen, sei es im physischen
oder im intellektuellen [Bereich]«4. Mittlerweile ist die Erde bis in
den letzten Winkel erforscht. Viele der ehemaligen Kolonien
schlagen die Eindringlinge mit ihren eigenen Waffen. Erneut
wächst das Bewußtsein, daß bald neue Grenzen erreicht sein
werden. Mit Anbruch des »Informationszeitalters« bereiten sich
daher überwiegend männliche und aus dem Westen stammende
Technologen darauf vor, den bislang kühnsten Schritt zu tun. Sie
entwerfen eine alternative Welt, ein digital erzeugtes elektronisches
Neuland, auf das sie ihre grenzenlosen, unstillbaren Sehnsüchte
projizieren können. »Im Bewußtsein einer jeden Kultur existiert
eine Art geistiger Landkarte - so wie Shangrila wie Geschichten
oder Lieder eine kollektive Erinnerung oder ein Traum, das
Einverständnis über ein Reich, in dem mythische Gestalten,
Symbole, Regeln und Wahrheiten existieren«, stellt

Michael Benedikt fest, der sich auf die Topologie dieser neu
entstehenden Welt spezialisiert hat. Er ist von der Tatsache
fasziniert, »daß technisch weit entwickelte Kulturen - wie Japan,
Westeuropa und Nordamerika - im Begriff sind, jenen
altertümlichen Raum [...] auf einzigartige Weise sichtbar zu
machen«.5
Es mag uns ein Kampf der Zivilisationen bevorstehen, vielleicht
wird uns die Zukunft aber auch einen »Krieg der Welten« bringen,
der an unseren Grundfesten rüttelt: den Kampf zwischen wirklicher
und virtueller Realität.

Mit ihrem quietschenden Gestänge und den rußspeienden


Dampfkesseln hinterließen die ersten viktorianischen Personenzüge

549
sowohl in der Landschaft als auch auf den Reisenden einen
bleibenden Eindruck. Den kühnen und unerschrockenen
Passagieren, die sich mit ungewohnter Geschwindigkeit ihrem Ziel
näherten, wurde mit beunruhigenden perpektivischen
Verschiebungen aufgewartet. Vorbei war es mit der gediegenen
Fortbewegung in pferdegezogenen Kutschen, bei der die
Landschaft gleichmäßig vorüberzog. Für diejenigen, die auf den
Schienen dahinrasten und ihren Blick bald hierhin, bald dorthin
wendeten, schien zwischen einzelnen Abschnitten der Landschaft
überhaupt kein Zusammenhang zu bestehen, und so begannen die
Leute, im Geiste ihre Weltsicht aus dem Durcheinander der auf sie
eindringenden Bilder zusammenzusetzen. Die Vorstellung der
Bewegung durch den Raum löste sich in unzusammenhängende
Bruchstücke auf und dieses Wahrnehmungschaos hielt solange an,
bis die ungewohnten, raschen Veränderungen verinnerlicht und
verarbeitet werden konnten. Und als ob es damit noch nicht genug
wäre, veränderte sich auch das Verhältnis des Einzelnen zu seiner
Umgebung von Grund auf. Wenn man zu Fuß unterwegs war oder
einen Ausritt unternahm, entwickelte man ein Ge- spür für die
landschaftlichen Gegebenheiten, und sei es auch nur, daß man nach
Erreichen eines Hügelkamms das körperliche Bedürfnis verspürte,
eine Pause einzulegen und sich abzukühlen, bevor man den Weg
fortsetzte. Wenn man sich auf diese Weise durch das Land bewegte,
war man wahrhaftig mit ihm verbunden - man nahm die
Wildblumen wahr, die hinter dem Gasthof an der Landstraße
wuchsen.

Der Prozeß, der mit der Lokomotive begonnen hatte, mit dem
Telegraphen richtig in Schwung kam und in einem
schwindelerregenden Wirbel durch die Entwicklung von Autos,
Flugzeugen, Radio, Film und Fernsehen endete, brachte schließlich
uneingeschränkte Mobilität und neue Formen von »Verbundenheit«
mit sich. Er ermöglichte in einem nichtgekannten Ausmaß
persönliche und existentielle Freiheit und legte den Grundstein für
industrielle Wirtschaftszweige, die auf beschleunigten
Lebensabläufen und neuen Flugbahnen beruhten. Der Telegraph
machte die Informationsübermittlung von der langsamen
Fortbewegung von Mensch und Tier unabhängig. Informationen
schwirrten zunächst auf elektrischen Schwingen durch das Land,
um dann den Druckmaschinen übergeben zu werden. Die
unvorhergesehene Folge davon war, daß Nachrichten aus den
regionalen Zusammenhängen und Bedingungen gelöst wurden, die
ihre Bedeutung ausmachten. Verbindungen, die einst unmittelbar
bestanden hatten, wurden nun aus zweiter Hand über ein
elektrisches Vermittlungsnetz empfangen. Für die Geschäftswelt
war das eine großartige Neuheit. Nachdem Informationen erst
einmal auf elektrischem Wege übertragen werden konnten, war es
nur ein kleiner Schritt, bis solche Daten zur Handelsware wurden. 6
Kein Wunder, daß bald darauf die großen Zeitungsimperien
entstanden: Der lokale Klatsch wurde zum globalen Ereignis.

Eine der umwälzendsten Entwicklungen in den vergangenen


Jahrhunderten bestand genau in dieser Loslösung von regionalen
Zusammenhängen zugunsten einer beschleunigten Mobilität mit all
den Segnungen, die sie der Welt zuteil werden ließ. Man könnte
sogar in Begriffen eines Zeitalters der Mobilität denken: einer
Epoche der Geschichte also, in der eine relativ dauerhafte, gemein-
sam erfahrene und lebendige Gegenwart - wie die natürliche
Umgebung - gegen unbeständige, vereinzelte und schnell
veränderliche Komponenten ausgetauscht wurden, wie Autos und
virtuelle, durch Software erzeugte »Umgebungen«.

Wie dem auch sei, vor der industriellen Revolution war das
Leben der Menschen weitgehend von den Zufälligkeiten und
Modalitäten handfester Gegebenheiten abhängig. Ernten fielen
entweder üppig oder mager aus. Stürme und Revolutionen fegten
über die Erde hinweg. Unausweichlich teilte man im guten wie im
bösen die gleiche Wirklichkeit. Dies hatte wiederum Einfluß auf die
Rituale und Codes, nach denen die Menschen lebten. Die
Geschichte der Menschheit ist zum größten Teil durch diese

551
unmittelbare Beziehung zur Erde bestimmt worden - eine
Beziehung, die einer animistischen Sichtweise zugrunde liegt, nach
der jedes irdische Leben von einem geistigen Prinzip durchdrungen
ist und entsprechend respektiert werden sollte. Natürlich hat die
moderne Wissenschaft nur Verachtung für eine solche Einstellung
übrig, aber auf ihre Art war sie trotzdem schöpferisch. Wie? Sie
schuf eine tiefe ethische Verbindung zwischen den einzelnen
Menschen und dem Netzwerk des Lebens, dessen Teil sie waren.
Die Vorstellung, daß es möglich sein könnte, die Welt mittels reiner
Willenskraft zu lenken - oder tatsächlich zu beherrschen - wäre als
hinderlich und befremdlich zurückgewiesen worden. Jeder war für
seine Umwelt verantwortlich, sowohl für die natürliche als auch für
die soziale; sie mußte mit Weitblick kultiviert werden. Die reichen
Gaben des Lebens, die einem gelegentlich zuteil wurden, wurden
bescheiden und dankbar entgegengenommen, sie galten als Ge-
schenk, wie sehr man sich auch dafür angestrengt haben mochte,
und nicht nur als Belohnung für eine persönliche Leistung.

Wenn man in der westlichen Welt lebt, in einer Gemeinschaft, die


den Boden durch übermäßigen Anbau ausgelaugt hat, in der die
sozialen Normen entweder zu streng oder zu locker sind, in der
man mit unangenehmen sozialen Ereignissen oder unerwarteten
Entwicklungen rechnen muß, und wenn man noch dazu
ausreichend verkabelt ist, kann man sich heute eine neue
unberührte Landschaft einfach per Mausklick erschaffen. Die mo-
mentane Zerstörung, Aufspaltung und Ausdehnung des
Erfahrungsraumes und der individuellen Fluchtmöglichkeiten hat
ein nie dagewesenes Ausmaß erreicht. Die Eisenbahnnetze wurden
noch in geographischen Räumen errichtet, die Gleisstrecken
verbanden auf sinnvolle Weise die Städte mit den Küsten und
Industriegebieten. Passagiere und Frachtgüter wurden an
festgelegten Stellen innerhalb des Netzwerks aufgenommen und
ausgeladen. Für alle Reisenden galt der gleiche verbindliche
Fahrplan. Heute steht uns ein Vielfaches an Strecken zur Verfü-
gung. In einem alternativen - simulierten - Raum werden die Wege
aus der Natur heraus und durch den Bildschirm ins elektronische
Netz verlegt.

Die Topologie des Netzwerks ist weitaus unbeständiger und


zersplitterter als die der natürlichen Welt. Sie ist gekennzeichnet
durch eine Vielzahl verschiedener Zeitzonen, eine Fülle
zusammenhangloser, chaotischer Bilder und ein Universum
dezentralisierter und ständig sich verändernder elektronischer
»Knoten« und »Sites«. Menschen können mit geringen Kosten über
große Strek- ken hinweg »interagieren« und sich und ihre Anliegen
in weit entfernte Winkel übermitteln, die sie körperlich niemals
erreichen würden. Während es die mechanischen Erfindungen dem
Menschen erlaubten, seine eingeschränkte Macht zu vergrößern
und sich seine Ziele in Reichweite zu bringen, heben
Netzwerktechniken die menschlichen oder natürlichen Bezüge
vollständig auf und ersetzen sie durch raumungebundene
Abstraktionen. Ob die Sonne am Himmel steht oder nicht, ob man
in einer hinduistischen oder katholischen Kultur lebt, die
Weltwirtschaft läuft unermüdlich auf Hochtouren wie der
Computer, zu dem sie geworden ist, und sie berücksichtigt dabei
weder Zeit noch Raum - vorausgesetzt es gibt elektrischen Strom,
der sie in Gang hält.
Welche Auswirkungen wird dies auf das kulturelle Leben einer
Gesellschaft und ihren kollektiven Traum haben? Individuen
können nunmehr »Sites besuchen« und sich in Räume »einloggen«,
um irgendeinem Drang zu folgen, und sie sofort wieder verlassen,
wenn unangenehme Forderungen an sie gestellt werden. Indem
man einfach ein anderes Bild aufruft und sich weiterbewegt, wird
die Identität des einzelnen zu einer Ansammlung frei wählbarer
Variablen - auszuwählen aus einem Menü von Optionen -, zu einer
Anhäufung individueller Eigenschaften, die letztlich auf einem
ziellosen Verlangen gründen. Was den Cyberspace zu einer
einzigartigen Erscheinung macht ist die umfassende Freiheit, mit
der wir uns selbst in »frei gewählte« Umgebungen projizieren
können, wobei wir uns tatsächlich mit jedem Klick immer wieder

553
neu erschaffen. Wir machen uns immer weniger Gedanken über die
Erwartungen und die Verantwortung, die in einer festgefügten
Gemeinschaft herrschen: Unsere Möglichkeiten werden nur durch
die Anzahl von Knoten begrenzt, zwischen denen wir ohne weiteres
hin- und herwechseln können. Da sich diese Entwicklung ständig
weiter fortsetzt, wird es immer leichter, sich der lästigen, aber
notwendigen Anstrengung zu entziehen, Differenzen beizulegen
und Gegensätze in dem gemeinsam genutzten Raum zu
überbrücken, in dem unser Körper - wenn nicht unser Geist - sich
immer noch befindet. Zum ersten Mal in der Geschichte versucht
der Mensch, sich ungeachtet der Gesetzmäßigkeiten und Impulse
des physikalisch begrenzten Raumes weiterzuentwickeln. Während
dieses Prozesses werden sich vielleicht die Systeme, die einmal die
menschliche Kultur darstellten und die durch die irdischen
Gegebenheiten geformt und bestimmt wurden, auflösen und sich
dann um mächtige neue Zentren des digitalen Signalmanagements
gruppieren. Diese werden errichtet, um die vorrangigen Be-
dürfnisse und besonderen Wünsche zu befriedigen, die mit der
Reise durch die virtuelle Landschaft verbunden sind.

Während sich die Welt einem neuen Millenium nähert, laufen die
Vorgänge in einer eindeutig schnelleren, reizempfänglicheren und
turbulenteren Umgebung ab als jemals zuvor. Interessanterweise
entstand die elektronische Landschaft nach und nach, in
schleichenden Phasen, die einzeln kaum wahrnehmbar waren, aber
trotzdem jeweils die nächste vorantrieben. Durch die uneinge-
schränkten Möglichkeiten der bargeldlosen Zahlung wird
beispielsweise stillschweigend die Bildung von elektronischen
Sphären wirtschaftlicher Macht begünstigt und auf diese Weise
wiederum die Verantwortung privater Unternehmen gegenüber der
gewählten Regierung verringert (siehe hierzu Kapitel Acht). Ebenso
verstärken einfache Mobiltelefone die Fähigkeiten tragbarer PCs
und gestalten so die menschlichen Verhaltensmuster im Privat- und
Arbeitsleben um. Jede Führungskraft ist heute mehr und mehr in
das Netz eingebunden, egal, ob

er oder sie sich nun zu Hause entspannen will oder in Ge-


schäften unterwegs ist. Der Versuch, sich »auszuloggen«,
gefährdet die Anstellung und das wirtschaftliche Überleben.
Dieses geschlossene, aber hinsichtlich der beteiligten
Systeme zugleich fragmentierte Gefüge des cyber-
netischen Lebens nahm erst mit der vor kurzer Zeit
erfolgten Ausbreitung der entsprechenden Technologien
Gestalt an.

In den späten sechziger Jahren gab es nur ein einziges


Telefonkabel durch den Atlantischen Ozean. Unter gün-
stigen Bedingungen konnte es maximal 89 Gespräche in
einer bestimmten Zeitspanne übermitteln. Ein dreiminütiges
Telefongespräch kostete nach heutiger Rechnung 100
Dollar. Und wenn man mit jemandem auf der anderen Seite
des Pazifiks sprechen wollte, stand dafür nur eine
störanfällige Radiofrequenz zur Verfügung, die die
Stimmen durch die Troposphäre jagte. 7 Es ist daher kaum
verwunderlich, daß für die meisten Menschen ein
Ferngespräch so etwas wie eine weitabgelegene Insel im
Meer des Alltagslebens darstellte. Tatsächlich verbrachten
die meisten Menschen - abgesehen von einigen wenigen
Bankiers, erfolgreichen Geschäftsleuten und hohen
Politikern - ihr Leben in recht ruhigen Gewässern, ohne daß
sie sich jemals den Gestaden dessen näherten, was wir
heute als das Netz bezeichnen. Bereits seit mehreren
Jahrtausenden hatte die Menschheit Handel über alle
Grenzen hinweg betrieben. Und in vielerlei Hinsicht waren
Geschäfte vor zweihundert Jahren schon genauso »global«
wie heute.* Tatsächlich war statistisch gesehen der
Kapitalfiuß zwischen den Handelsna-tionen, im Verhältnis
zu ihrem Bruttoinlandsprodukt, im neunzehnten
Jahrhundert größer.

555
* (Der Gegenwärtige Prozess, der oft als die Globalisierung der
Großindustrie bezeichnet in Wirklichkeit die
wird, ist
Digitalisierung und elektronische Vernetzung dieses
Bereichs. Die Entstehung von Netzwerken fällt zusammen
mit der Tendenz zur Unternehmenskonzentration, wodurch
Reichweite und Leistungsfähigkeit der Wirtschaft
vergrößert werden sollen, und verstärkt diese noch.
Während es in den frühen acht-ZIGER J AHREN IN N AHEZU JEDEM
EN TW ICKELTEN L AND EIN PAAR R ADIOHERSTELL ER ,
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ABZUWARTEN , IN WELCHEM M ASS DIESER A NTEIL ZUNEHMEN

WIRD .)

Auch war der Verkehr über Grenzen hinweg einfacher. Was sich
wirklich geändert hat, ist der Kontext, in dem Geschäfte abge-
wickelt und gesteuert werden, da sie mittlerweile in einer digitalen
Landschaft stattfinden. Abgesehen davon haben sich die
Regulationsmechanismen verändert, und das Tempo hat stark
zugenommen. Bis in die fünfziger Jahre hinein mußte man eine
zeitraubende Schiffsreise auf sich nehmen, um den Atlantik zu
überqueren. Es gab keine Faxgeräte und keine Mobiltelefone, und
die Vorstellung von vernetzt arbeitenden Computern schien einen
Widerspruch in sich darzustellen.

Die drei dazwischenliegenden Jahrzehnte haben dieses Szenario


von Grund auf umgestaltet. Die Geschäftswelt hat mittlerweile ihr
Domizil im Netz bezogen, und eine ständig wachsende Anzahl von
Menschen lebt ein digital vermitteltes Leben. So fahren viele zum
Beispiel nicht mehr in die Arbeit, sondern die Arbeit kommt in
Form von Datenbits via Modem und Mobiltelefon zu ihnen.
Inzwischen hat sich das Überseekabel der sechziger Jahre zu einer
Hydra aus Hochleistungs-Glasfaserkabeln, Satelliten-Netzen und
Mikrowelleneinrichtungen ausgewachsen, die gleichzeitig mehr als
eine Million Gespräche und eine Flut von Bildern und Texten
übermitteln können. Alle diese Daten werden in Bits übertragen,
deren Menge allein jedes Vorstellungsvermögen übersteigt.
Praktisch jede Sehne, jeder Muskel und jedes Band des
elektrifizierten Körpers wird von diesen binären Impulsen
angetrieben. Wir schwimmen in einem Meer von Daten, das
unsichtbar unter der quirligen Oberfläche des postmodernen Lebens
liegt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine neue
»Weltkultur« hochgejubelt wird, die angeblich Form annimmt:
»Abgesehen von Unterschieden in der Hautfarbe, im Aussehen und
in der Sprache, könnten die einzelnen Kontinente genausogut
verschiedene Etagen in [...] einem unitarischen großstädtischen
Kaufhaus sein.«8 Verkabelt zu sein bedeutet, »befreit von Raum und
Zeit« zu sein. Wenn man den Bit- Gurus zuhört, entsteht die
Vorstellung einer Zukunft, die nichts Geringeres verspricht als
unablässige - und äußerst persönliche - außerkörperliche
Erfahrungen.

Allen, die sich dem Treiben noch entziehen können, muß das
Ganze wie eine riesige Party erscheinen, auf der es zu später
Stunde noch einmal so richtig abgeht. Einige versuchen eben noch

557
schnell, etwas von den übriggebliebenen Getränken zu ergattern.
Andere fragen sich trunken, ob sie, oder sonst jemand, noch
nüchtern genug sind, um den Weg nach Hause zu finden. Vielleicht
kann man die Erfindung des Cyberspace tatsächlich als die kollek-
tive, unterbewußte Reaktion auf die wachsende Erkenntnis der
physischen Grenzen verstehen - die Notwendigkeit, sich schließlich
doch den harten Fakten stellen zu müssen, die bestimmte
Entscheidungen und Verzicht erfordern. Insofern würde Cyberspace
den Wunsch widerspiegeln, eine Arena für karnevalsähnliche
Spektakel zu schaffen, in der solche Beschränkungen nicht gelten.
Es bedarf sicherlich eines starken Willens zum Zeitgeist, um eine
Million Sweatshirts mit dem Aufdruck »Es gibt keine Grenzen« zu
drucken, die dann von bierbäuchigen Bankleuten beim Joggen
getragen werden. In London schaltete ein Hersteller von Satelliten-
Telefonen eine erfolgreiche Zeitungsanzeige, die uns kundtat
»Vernetzt seid ihr frei!«

Es liegt natürlich eine feine Ironie darin, daß wir immer


abhängiger vom technischen Vermittlungsnetz werden, je mehr wir
uns »verkabeln« lassen. Trotz der ständigen Jubelrufe, daß
vernetzte virtuelle Welten »die geistige Landschaft unserer
elektronischen Kultur in einzigartiger Weise sichtbar machen
werden«9, ist eines der wesentlichsten Merkmale des Internet
gerade seine zunehmende Unsichtbarkeit. Der Cyberspace geht weit
über das gepriesene Internet und die neuen virtuellen Welten
hinaus. Er ist die gesamte, unser Leben durchdringende
Kommunikationssphäre. William Gibson beschrieb den Cyberspace
trefflich als »unwillkürliche Halluzination« 10. Natürlich ist weder an
der Hardware etwas Halluzinatorisches - all diese Glasfaserkabel,
Kupferleitungen und elektronischen Schaltkreise - noch daran, wie
der Cyberspace mittels eines elektrischen Codes erzeugt wird. Das
alles setzt sich zu einem wuchernden und allgegenwärtigen
Lebensraum zusammen, der fast greifbar scheint. Und genau das ist
die Informationssphäre der modernen Gesellschaft. Die Hochöfen
aus den technisch hochentwickelten Produktionsstudios,
Satellitenverbindungen, digitale Übertragungssysteme und die
Empfangsgeräte der globalen Medien bringen ihn zum Pulsieren.
Von den elektrifizierten Wänden des cybernetischen Kolosseums
hallt das ständige Infotainment-Rauschen wider - diese über allem
schwebende Präsenz ist so mächtig, daß sie konzentriertes Denken
fast unmöglich macht. Ein solches Spektakel, allerorten inszeniert
von den neuen Signalmanagern, ist weitaus verlockender als viele
der Verpflichtungen und Herausforderungen des terrestrischen
Lebens.

559
Heute unterscheiden wir in unserer Lebenserfahrung streng
zwischen unserem physischen Hier und Jetzt und dem »irgendwo
anders« im Leuchten des audiovisuellen Raums.* Insofern leben
wir bereits in einer virtuellen Welt. Das soziale, wirtschaftliche und
politische Leben breitet sich fast ausschließlich in diesem Raum
aus. Hier schließen sich beispielsweise große Unternehmen zu-
sammen, um in Koordination miteinander »Effizienz«, Flexibilität
und Kostendegression gewinnbringend in Einklang zu bringen. Hier
werden die Daten über Verbraucherwünsche, Produktionsabläufe,
Finanzen und alles übrige verwaltet. Hier werden unsere
Ersparnisse als nervöses Blinken »gelagert«; die großen Banken
und Investmentunternehmen verwenden sie, um Arbeit und Freizeit
von Grund auf neu zu gestalten. Falls eine Revolution im Gange ist,
dann besteht sie in den Versuchen, diese Netzwerke miteinander zu
verbinden, um einen uns umgebenden und einschließenden,
bewußtseinsbildenden sensorischen Raum zu schaffen.
Ironischerweise bedeutet diese Revolution auch die endgültige
Loslösung der Menschheit von der Erde. Es läßt sich zwar nicht
bestreiten, daß über die Hälfte der Erdbevölkerung noch Land-
wirtschaft mit traditionellen Mitteln betreibt - und auf der ganzen
Welt werden die Kinder noch von Frauen geboren - aber für die
meisten Menschen, die in den entwickelten Ländern leben, werden
die Gesetze und Bedingungen des Lebens nicht mehr von der Natur
bestimmt, sondern in der Matrix des Internet festgelegt.

(* E IN M ANAGER VON AT&T SCHREIBT: »D A WIR IMMER MEHR Z EIT


DAMIT VERBRINGEN , UNS MIT H ILFE GLOBALER N ETZWERKE [...] IN

EINER VIRTUELLEN K ULTUR AUFZUHALTEN , WERDEN DIE REGIONALEN

K ULTUREN [...] GESCHWÄCHT ODER ZERSTÖRT «, AUCH WEIL »R EICH -

I
»u
TUM UND M ACHT ANZIEHENDER SIND ALS S ELBSTACHTUNG UND
S ELBSTERFÜLLUNG .« S O WÄCHST EINE G ENERATION VON F ERNSEH -
UND V IDEOSPIELSÜCHTIGEN HERAN , DEREN A UFMERKSAMKEIT » ALLEM

ANDEREN , NUR NICHT ihrer unmittelbaren Umgebung gilt«. Die


Loslösung von der Natur ermöglicht es den Menschen, sich selbst
auf hyperrealem, bzw. virtuellem Weg neu zu erschaffen. (Frederick
S. Tipson: »Global communications and the sovereignty of states«
S. 1-14, unveröffentlichte Diskussionsvorlage von AT&T über die
»nichtstaatlichen Akteure« in der Weltpolitik vom April 1995. Das
Papier wurde an eine Gruppe Industrieller und hoher Politiker
verteilt, die in Washington, D.C. an einer Veranstaltung des
Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten teilnahmen.)

561
Es ist in der Tat sehr schwierig geworden, der cybernetischen
Umklammerung zu entkommen. Die Digitalisierung der natürlichen
Landschaft hat ihrer endgültigen Inbesitznahme den Weg bereitet:
Sie wird die Art und Weise, wie wir mit den Grundlagen unseres
natürlichen Erbes umgehen, radikal verändern. Wenn sich Reiche
zusammen mit ihren Kommunikationsnetzwerken ausbreiten - so
wie einst die Ausbreitung des Römischen Reiches entlang seines
Straßennetzes erfolgte - kann man behaupten, daß wir uns zum
Aufbruch in ein neues Zeitalter rüsten - ein Zeitalter, in dem die
Welt von den Imperien der Kommunikation beherrscht wird.

Anfang der neunziger Jahre wurde eine 26jährige Gua- yami-


Indianerin in ein Krankenhaus in Panama eingeliefert. Während
ihrer Behandlung wurde ihr Blut abgenommen. Auf unbekannten
Wegen landete diese Blutprobe bei einigen Gentechnikern. Nach
einiger Zeit erfuhr ihr Stamm zu seiner großen Verwunderung, daß
sein genetischer Fingerabdruck - der sich durch eine außergewöhn-
liche Resistenz gegen bestimmte Krankheiten auszeichnete und
deshalb möglicherweise von großem Wert für die pharmazeutische
Forschung - von den Vereinigten Staaten patentiert worden war. 11 In
einem ähnlichen Fall zahlte 1994 das Medizintechnikunternehmen
Smith- Kline Beecham 125 Millionen Dollar an HBS, eine kleine,
im Biotechnikbereich tätige Firma, um den alleinigen Zugriff auf
eine private Datenbank zu bekommen, die die DNS-Sequenzen
einer Auswahl an menschlichen

Genen enthielt; viele andere solcher DNS-Sequenzen, die derzeit


nicht von unmittelbarem Wert sind, werden täglich im Internet
angeboten.(* W ENN KEINE A USSCHLIESSLICHKEITSKLAUSEL GILT ,
GEHT MAN OFT DAZU ÜBER , L IZENZGEBÜHREN AUF SOLCHE D ATEN ZU
ERHEBEN . D AMIT FINDET EINE A RT WIRTSCHAFTLICHER Z ENSUR STATT ,
DA DER Z UGRIFF EINER ZAHLUNGSKRÄFTIGEN K LIENTEL VORBEHALTEN

BLEIBT .
) Unzählige Wissenschaftler, die für die großen Chemiekonzerne
arbeiten, beschäftigen sich mit der Herstellung neuer Arzneien und
der Synthese pflanzlicher Erbanlagen auf der Basis von Substanzen,
die sich in den dahinschwindenden natürlichen Ökosystemen
finden. Ist das Patent für solche Pflanzen oder Heilmittel erst ein-
mal erteilt, werden aus den Eingeborenenstämmen, die dieses
Naturprodukt mit traditionellen Methoden aus den regionalen
Regenwäldern gewinnen, plötzlich »Software-Piraten«. Sie werden
kriminalisiert, weil sie unwissentlich gegen »Eigentumsrechte«
verstoßen, die irgendein weitentferntes High-Tech-Unternehmen für
sich in Anspruch nimmt, ein Unternehmen, dessen Ziele sie weder
kennen noch begreifen.12

Im Rahmen des Humangenom-Projekts arbeiten Biologen auf der


ganzen Welt daran, die chemische Sequenz der 3 Milliarden
Basenpaare, aus denen der genetische Fingerabdruck des Menschen
besteht, zu entschlüsseln, und es kann kaum ein Zweifel daran
bestehen, daß dadurch grundlegend neue wissenschaftliche
Erkenntnisse gewonnen werden. Vielleicht wird man die
Entstehung schrecklicher Krankheiten wie Krebs, Fibrosarkomen
und Alzheimer erklären und schließlich Methoden zu ihrer Heilung
aufzeigen können. Aber die wesentlichen Entscheidungen, die die
Entschlüsselung des menschlichen Genoms mit sich bringen wird,
sind zutiefst ethischer Natur: Sie betreffen den Umgang mit Leben
und daher auch die Frage, wie der Mensch sich selbst und seine
natürliche Umgebung, von der er letztlich immer abhängig sein
wird, wahrnimmt. Verschiedene Probleme werden sich stellen: Wie
will man zwischen einer »normalen« und einer »abweichenden«
menschlichen Erbanlage unterscheiden? Was wird man als
»höherwertiges« und was als »minderwertiges« Leben betrachten?
Wie sollen wir außerdem mit solchen Informationen umgehen und
wer sollte die jeweiligen Entscheidungen treffen? Es gibt noch
weitere Fragen, beispielsweise, ob Patienten verpflichtet werden
können, bei einer bestimmten Veranlagung eine Behandlung
durchführen zu lassen, und ob Versicherungsgesellschaften eine

563
genetische Untersuchung verlangen und die Begleichung des
Schadens verweigern können, wenn sich dabei eine solche Veranla-
gung zeigt. Wie soll man die vertrauliche Behandlung dieser Daten
gewährleisten? Wenn man noch einen Schritt weitergeht und sich
überlegt, wie stark seit jeher der Trieb war, die Dominanz der
eigenen Art zu schützen, läßt sich bereits absehen, daß wir uns auf
die gentechnische Erschaffung einer »Herrenrasse« - und dement-
sprechend einer »genetischen Unterklasse« - zubewegen, wovor
Huxley bereits in Schöne Neue Welt gewarnt hat.* Und als ob es
damit nicht schon genug wäre, droht auch noch die beunruhigende
Möglichkeit, daß wir anfangen, uns selbst als cybernetische Wesen
zu betrachten, also als bloße Ansammlung interaktiver Gene, die
wie von den sozialen und natürlichen Bedingungen, unter denen wir
leben, losgelöste Systeme »funktionieren«.

(* U NTER DERÜ BERSCHRIFT »R ELIGIOUS


LEADERS OPPOSE PATENTING IIFE «
BERICHTETE DIE L OS A NGELES T IMES AM 18.

M AI 1995 ÜBER EINEN INTER -

KONFESSIONELLEN A UFRUF , IN DEM » DIE

R ELIGIONSFÜHRER FESTSTELLTEN , DASS DIE


F ORSCHUNG AN MENSCHLICHEN E MBRYONEN
NUN ERLAUBT IST UND DER NÄCHSTE

S CHRITT SEIN WIRD , DASS DIESE

E MBRYONEN VERÄNDERT WERDEN , UM


>D ESIGNERMENSCHEN < zu erschaffen.
Zunächst wird es heißen, daß es um die
Beseitigung schwerwiegender genetischer
Defekte ginge, die zu Krankheiten oder
Do hinderungen führen, nur können
dieselben Techniken auch dazu
verwendeil werden, dem menschlichen
Embryo körperliche und geistige Eigen
schatten zu verleihen, die man für
wünschenswert hält.«)

565
Die Öffnung der Grenzen in das Informationsneuland kann
dazu führen, daß der Wert des Erbes einer Kultur
perverserweise nur noch an seinem Marktwert gemessen
werden wird.

Laut einem kürzlich veröffentlichten Bericht der


UNESCO zum Genomprojekt »müssen sich in der
Forschung tätige Wissenschaftler, ganz gleich, welchen
theoretischen und wissenschaftlichen Nutzen eine [auf
Informationen basierende] Kategorisierung mit sich bringt,
eine ganzheitlichere Betrachtungsweise des Menschen zu
eigen machen, und zwar sowohl in bezug auf das
Individuum mit seiner ihm angeborenen Würde als auch auf
Gemeinschaften, die in einer bestimmten Umgebung und
Kultur leben«.(* S IEHE HIERZU DEN R EPORT OF S UBCOMMITTEE ON
B IOETHICS AND P O PULATION G ENETICS DER I NTERNATION ALEN
K OMMISSION FÜR B IOETHIK DER UNESCO, S CHLUSSBERICHT , 15.11.
1995: F ÜR VIEL E V OLKSSTÄMME LIEGT DIE W ÜRDE IHRER V ORFAHREN
» IN UN SEREM B LUT , IN UNSEREN H AAR EN , IN UNSEREM G EW EBE , IN

UNSEREN G ENEN «, MANCHE F ORSCHUNGSPROJEKTE WERDEN

DEMENTSPRECHEND VERSTANDEN ALS UNLIEBSAME

E INMISCHUNG IN » GEHEILIGTE B EREICHE , DIE UNSERE


S TAMMESGESCHICHTE , UNSER Ü BERLEBEN UND UNSERE
V ERPFLICHTUNG GEGENÜBER ZUKÜNFTIGEN G ENERATIONEN
BETREFFEN . [...] G ENE UND G ENOME SIND NICHT DAS

E IGENTUM DES EINZELNEN , SONDERN T EIL DES E RBES VON


F AMILIEN , G EMEINSCHAFTEN , S TÄMMEN UND GANZEN
V ÖLKERN .« D ER B ERICHT KANN IM I NTERNET ABGERUFEN
WERDEN UNTER http://www.biol.tsukuba.
AC . JP /~ MACER /PC. HTML .
/
/

Für viele Menschen mag das eine Selbstverständlichkeit


sein. Eine überwältigende Mehrheit teilt immer noch die
Anschauung der amerikanischen Indianer und anderer
Eingeborenenstämme, daß bestimmte sogenannte
Informationsträger kein Privatbesitz sein können, sondern
allen gehören. Als der Stamm der Guayami herausfand, daß
zwei Amerikaner ein Patent angemeldet hatten, mit dem sie
ihren AnSPRUCH AUF DIE »E RFINDUNG « DER G ENE DIESES
S TAMMES SICHERN

(* Siehe hierzu den Report ofSub-committee on Bioethics and Po-


pulationGenetics der InternationaLEN K OMMISSION FÜR B IOETHIK
DER UNESCO, S CHLUSSBERICHT , 15.11.1995): F ÜR VIELE
V OLKSSTÄMME LIEGT DIE W ÜRDE IHRER V ORFAHREN » IN
UNSEREM G EWEBE , IN UNSEREN G ENEN «, MANCHE
F ORSCHUNGSPROJEKTE WERDEN DEMENTSPRECHEND

VERSTANDEN ALS UNLIEBSAME E INMISCHUNG IN » GEHEILIGTE

B EREICHE , DIE UNSERE S TAMMESGESCHICHTE , UNSER


Ü BERLEBEN UND UNSERE V ERPFLICHTUNG GEGENÜBER
ZUKÜNFTIGEN G ENERATIONEN BETREFFEN . [...] G ENE UND

G ENOME SIND NICHT DAS E IGENTUM DES EINZELNEN , SONDERN


T EIL DES E RBES VON F AMILIEN , G EMEINSCHAFTEN , S TÄMMEN
UND GANZEN V ÖLKERN .« D ER B ERICHT KANN IM I NTERNET
ABGERUFEN WERDEN UNTER http://www.biol.tsukuba.
AC . JP /~ MACER /PC. HTML .

567
Um DAGEGEN SEINEN W IDERSPRUCH EINZULEGEN , REISTE DER
H ÄUPTLING NACH GENF . Er sagte: »Ich hätte nie gedacht, daß
Menschen Pflanzen und Tiere patentieren lassen würden. Das ist im
höchsten Maße unmoralisch und widerspricht dem Verhältnis der
Guayami zur Natur und unserem Platz darin. Menschliches
Material zu patentieren, [...] die menschliche DNA zu verwenden
und das, was aus ihr entsteht, zu patentieren, bedeutet einen Angriff
auf die Unverletzlichkeit des Lebens und unser tiefstes moralisches
Empfinden.«13 Der Patentantrag wurde zurückgezogen, nachdem
nicht nur die Vollversammlung der Guayami, sondern auch das
World Council of Indigenous People, die Rural Advancement
Foundation International und das Weltkirchenkonzil dagegen prote-
stiert hatten.

Der inzwischen verstorbene ehemalige amerikanische


Wirtschaftsminister, Ron Brown, dessen Abteilung in der Folgezeit
Patentanträge für die Zellkulturen eingeborener Stämme von den
Solomoninseln und aus Papua Neuguinea bearbeitete, sagte, daß
»nach unseren Gesetzen, und denen vieler anderer Länder,
Material, das aus menschlichen Zellen stammt, patentiert werden
kann, und keine Maßnahmen bezüglich einer Untersuchung des
Ursprungs solcher Zellen vorgesehen sind, die Gegenstand einer
Patentanmeldung sind«14. Leider ist es so, daß die Klassifizierung
der Welt in Daten potentiell alles neuen Formen der
Informationsverwaltung unterwirft. Das findet auf der ganzen Welt
statt und ist nicht nur auf Dorfbewohner in Indonesien oder
Amazonasindianer beschränkt. Das amerikanische Unternehmen
TRW, das zu einem mächtigen, mit der Entwicklung sa-
tellitengestützter Mobilfunk-Dienste befaßten Konsortium gehört,
ging kürzlich sogar so weit, ein Patent für Umlaufbahnen um die
Erde anzumelden.

Dieselben Fragen, die das Humangenom-Projekt aufwirft, gelten


auch für die Biotechnik. 1980 vergaben die Vereinigten Staaten das
Patent für eine Mikrobe, die Ol auflösen kann. Aber ist es ethisch
vertretbar, einem gewinnorientierten Unternehmen ein Patent auf
eine in der Natur vorkommende Pflanze zu erteilen, die Entzündun-
gen und Warzen heilen kann? Oder überhaupt auf irgendein
gentechnisch verändertes Element aus der Natur, das sich über
Jahrtausende hinweg in einer von allen geteilten Umgebung frei
entwickeln konnte? Während diese Rohstoffe bislang als
gemeinsames Erbe der Menschheit betrachtet wurden, entwickeln
wir nun eine neue Auffassung vom Wesen der Natur, die sich in
Kategorien aus der Informationssphäre bewegt. Und gleichzeitig
wird dieses neue Feld qua Gesetzeskraft zur rechtmäßigen
Ausbeutung freigegeben. (* L AUT ERWÄHNTEM B ERICHT DER
UNESCO HAT SICH E UROPA DIESEM T REND BISLANG WIDERSETZT . I M
E NTWURF DER »E UROPÄISCHEN K OMMISSION FÜR B IOETHIK , A RTIKEL
11, HEISST ES : >D ER MENSCHLICHE K ÖRPER UND SEINE T EILE SOLLEN
NICHT ZUR E RZIELUNG FINANZIELLER G EWINNE DIENEN .« P ARAGRAPH

90 BESAGT JEDOCH , DASS DIES NICHT FÜR ABGESTOSSENES G EWEBE


WIE H AARE ODER N ÄGEL GILT , » DEREN V ERKAUF KEINE V ERLETZUNG

DER M ENSCHENWÜRDE DARSTELLT «. D IESER Z USATZ IST INSOFERN

VON B EDEUTUNG , ALS DIE DNS AUS ABGESTOSSENEM G EWEBE

GEWONNEN WERDEN KANN .«

Die Argumente jener Pioniere, die sich


aufmachen, die Grenzgebiete der neuen
Märkte zu erobern - hauptsächlich
amerikanische Firmen aus der pharma-
zeutischen und biotechnischen Industrie
und ihre politischen Freunde, die 1980
zum ersten Mal ein Patent auf Leben

569
vergeben haben - lauten, daß der Pa-
tentschutz ein Anreiz für Investitionen in
die Forschung und Entwicklung ist. Diese
Behauptung läßt sich kaum beweisen.

Vielmehr wird versucht, mit solchen Patenten den freien


Informationsaustausch einzuschränken - so müssen sich
Wissenschaftler vertraglich zur Geheimhaltung verpflichten - und
den größten Nutzen aus solchen Forschungsprojekten ziehen nach
wie vor die mit den dicksten Geldbeuteln. Auch wenn sich das
frühere System, bei dem solche »Daten« Gemeinbesitz waren, über
lange Jahre bewährt hat, wird sich die derzeitige Entwicklung unge-
hindert fortsetzen können.

Dr. Jonas Edward Salk hat den Impfstoff gegen Polio entwickelt
und wurde zu Recht für seine Arbeit ausgezeichnet, durch die er die
Leiden der Menschheit linderte. Nach seinem Durchbruch wurde er
in einem Fernsehinterview gefragt, wem dieses neue Mittel denn
nun eigentlich gehören würde. Ohne zu zögern, antwortete Salk:
»Nun, den Menschen, würde ich sagen. Es gibt kein Patent. Oder
kann man vielleicht die Sonne patentieren?«15

Nach Meinung vieler Digerati läßt sich diese Frage heute


theoretisch - wenn auch nicht in der Praxis - mit einem
entschiedenen Ja beantworten. Andy Grove von Intel sagt: »Unsere
Industrie funktioniert nur dann, wenn eine große Anzahl von
Verbrauchern unsere Leistungen in Anspruch nimmt. [...] Wir
dürfen daher nicht schüchtern sein, wenn es darum geht, die Anzahl
der Verbraucher und der Anwendungsmöglichkeiten unserer Pro-
dukte zu vergrößern.«16 Wie Bill Gates eingesteht, hängt der
wirtschaftliche Erfolg einer cybernetischen Wirtschaftsordnung
entscheidend von der »vollständigen Einbindung« in eine
digitalisierte und komplett vernetzte Umgebung ab, deren
»Ausdehnung ein Teil des Plans ist« 17. Diejenigen, die sich
ausklinken, werden automatisch zu Randfiguren.
Vor vielen Jahren spielten Textilien eine wichtige Rolle bei den
Gebräuchen der seefahrenden Bevölkerung Lampungs auf Sumatra.
Zu den schönsten gehörten die sogenannten »ship cloths« -
prächtige handgefertigte Wandteppiche aus selbstgesponnener
Baumwolle in üppigem Rot, Goldgelb und Schwarz. Sie zeigten die
»Obere Welt«, die von Vögeln und Geistern bevölkert wurde; in der
Mitte trieb eine Art Arche auf dem Meer des Lebens, an deren Bord
sich Menschen und Tiere befanden; im unteren Teil waren die
Geschöpfe der Tiefe zu sehen. In diesen Bildern kam die
Vorstellung eines universellen Gleichklangs zum Ausdruck: ein
Gefühl für das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur und für
die Beständigkeit inmitten all der Veränderungen. Es waren
ausschließlich Frauen, die die Teppiche herstellten, und das in der
Art eines heiligen Rituals. Sie versammelten sich auf einer
Lichtung im Urwald, deren Boden mit Rattanmatten bedeckt war,
oder am palmenbewachsenen Meeresstrand und arbeiteten endlose
Wochen, bevor ein einziges Tuch fertiggestellt war. Diese Tücher
wurden von der sumatraischen Gesellschaft in hohen Ehren
gehalten, da sie das Auf und Ab ihres Lebens symbolisierten; sie
ließen ein ganzes Universum aus Ritualen, Gebräuchen und
traditionellen Überzeugungen entstehen, die die Lebensform auf der
Insel bestimmten. Bei Hochzeiten, Inthronisierungen oder während
der Riten bei Geburten oder Todesfällen wurden diese Wandtep-
piche ausgebreitet und aufgehängt und ließen so einen geweihten
Raum entstehen, in dem die heiligen Handlungen stattfinden
konnten.

Das erklärt, warum die ship cloths nicht als Ware gehandelt
wurden, obwohl Textilien ein wichtiges Tauschgut waren. Auf dem
Archipel, der an der Hauptschiffsroute zwischen Asien und den
anderen Teilen der Welt lag, hatten sich jahrhundertelang Reisende
aus China, Indien, Arabien, Europa und Afrika getroffen, um mit
Harzen, Gewürzen, seltenen Pigmenten, farbenprächtigen Federn
und Gold und Silber zu handeln. Der Dialog zwischen den Kulturen
war ein Teil des Lebens auf Sumatra. Die Sumatrer wußten, daß sie

571
einen muslimischen Tempel nur barfüßig betreten durften. Ihre
ausländischen Gästen unterhielten sie auf ihre eigene,
unvergleichliche Art. Dieser Dialog erforderte von allen Beteiligten
eine gewisse Opferbereitschaft und Anpassungsfähigkeit - bewährt
hat, wird sich die derzeitige Entwicklung ungehindert fortsetzen
können.

Dr. Jonas Edward Salk hat den Impfstoff gegen Polio entwickelt
und wurde zu Recht für seine Arbeit ausgezeichnet, durch die er die
Leiden der Menschheit linderte. Nach seinem Durchbruch wurde er
in einem Fernsehinterview gefragt, wem dieses neue Mittel denn
nun eigentlich gehören würde. Ohne zu zögern, antwortete Salk:
»Nun, den Menschen, würde ich sagen. Es gibt kein Patent. Oder
kann man vielleicht die Sonne patentieren?«15

Nach Meinung vieler Digerati läßt sich diese Frage heute


theoretisch - wenn auch nicht in der Praxis - mit einem
entschiedenen Ja beantworten. Andy Grove von Intel sagt: »Unsere
Industrie funktioniert nur dann, wenn eine große Anzahl von
Verbrauchern unsere Leistungen in Anspruch nimmt. [...] Wir
dürfen daher nicht schüchtern sein, wenn es darum geht, die Anzahl
der Verbraucher und der Anwendungsmöglichkeiten unserer Pro-
dukte zu vergrößern.«16 Wie Bill Gates eingesteht, hängt der
wirtschaftliche Erfolg einer cybernetischen Wirtschaftsordnung
entscheidend von der »vollständigen Einbindung« in eine
digitalisierte und komplett vernetzte Umgebung ab, deren
»Ausdehnung ein Teil des Plans ist« 17. Diejenigen, die sich
ausklinken, werden automatisch zu Randfiguren.

Vor vielen Jahren spielten Textilien eine wichtige Rolle bei den
Gebräuchen der seefahrenden Bevölkerung Lampungs auf Sumatra.
Zu den schönsten gehörten die sogenannten »ship cloths« -
prächtige handgefertigte Wandteppiche aus selbstgesponnener
Baumwolle in üppigem Rot, Goldgelb und Schwarz. Sie zeigten die
»Obere Welt«, die von Vögeln und Geistern bevölkert wurde; in der
Mitte trieb eine Art Arche auf dem Meer des Lebens, an deren Bord
sich Menschen und Tiere befanden; im unteren Teil waren die
Geschöpfe der Tiefe zu sehen. In diesen Bildern kam die
Vorstellung eines universellen Gleichklangs zum Ausdruck: ein
Gefühl für das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur und für
die Beständigkeit inmitten all der Veränderungen. Es waren
ausschließlich Frauen, die die Teppiche herstellten, und das in der
Art eines heiligen Rituals. Sie versammelten sich auf einer
Lichtung im Urwald, deren Boden mit Rattanmatten bedeckt war,
oder am palmenbewachsenen Meeresstrand und arbeiteten endlose
Wochen, bevor ein einziges Tuch fertiggestellt war. Diese Tücher
wurden von der sumatraischen Gesellschaft in hohen Ehren
gehalten, da sie das Auf und Ab ihres Lebens symbolisierten; sie
ließen ein ganzes Universum aus Ritualen, Gebräuchen und
traditionellen Überzeugungen entstehen, die die Lebensform auf der
Insel bestimmten. Bei Hochzeiten, Inthronisierungen oder während
der Riten bei Geburten oder Todesfällen wurden diese Wandtep-
piche ausgebreitet und aufgehängt und ließen so einen geweihten
Raum entstehen, in dem die heiligen Handlungen stattfinden
konnten.

Das erklärt, warum die ship cloths nicht als Ware gehandelt
wurden, obwohl Textilien ein wichtiges Tauschgut waren. Auf dem
Archipel, der an der Hauptschiffsroute zwischen Asien und den
anderen Teilen der Welt lag, hatten sich jahrhundertelang Reisende
aus China, Indien, Arabien, Europa und Afrika getroffen, um mit
Harzen, Gewürzen, seltenen Pigmenten, farbenprächtigen Federn
und Gold und Silber zu handeln. Der Dialog zwischen den Kulturen
war ein Teil des Lebens auf Sumatra. Die Sumatrer wußten, daß sie
einen muslimischen Tempel nur barfüßig betreten durften. Ihre
ausländischen Gästen unterhielten sie auf ihre eigene,
unvergleichliche Art. Dieser Dialog erforderte von allen Beteiligten
eine gewisse Opferbereitschaft und Anpassungsfähigkeit - man
mußte zuhören können -, war aber auch in geistiger und finanzieller
Hinsicht lohnend. Vielleicht war der Handel der goldene Faden im

573
reichen Gewebe des Lebens, aber er war nur einer von vielen.

Herkömmliche Theorien besagen, daß um so mehr Wohlstand in


einem Volk herrscht, je mehr es den internationalen Austausch
pflegt.18 Diese Erklärung ist allzu vereinfachend - wenn auch
immer noch verbreitet. Für Kulturen gilt dasselbe wie für einzelne
Menschen: Manche Erfahrungen können ohne den richtigen Kon-
text nicht verarbeitet werden. Anstatt daß man sich daran gewöhnen
kann, überwältigen sie einen. Die eigene Situation wird durch
äußere Ereignisse verändert, ohne daß man selbst einen neuen
Standpunkt inmitten all der Veränderungen einnehmen könnte. In
interkulturellen »Dialogen« hängt alles davon ab, in welchem
Rahmen der Austausch stattfindet. Die Bewohner von Sumatra, die
sich schnell den neuen Umständen anpassen konnten, zogen
tatsächlich Nutzen aus der Ankunft der Europäer- so wie manch
einer in der westlichen Welt durch »grenzenlosen Handel« reich
wird. Sie fanden ihren Platz in den neuen Eliten. Von der großen
Mehrheit in Lampung jedoch forderte die Begegnung mit dem
Westen einen hohen Preis, was sich darin zeigte, daß gegen Ende
des letzten Jahrhunderts plötzlich und unerklärlicherweise keine
ship cloths mehr gewebt wurden. Es war, als ob die Kultur der Insel
von einer Krankheit heimgesucht worden war, die in direktem
Zusammenhang mit der Unterwerfung unter die Kolonialherrschaft
stand.

Unterwerfung ist das Schlüsselwort - das Fehlen jedes wirklichen


Austauschs zwischen Sumatra und den neuen Herren aus dem
Westen. Das Ablegen der Schuhe im Tempel, das Weben von Tuch
und all die heiligen Rituale, die zwischen den einzelnen Stämmen
vermittelt hatten - alles wurde nun als zeitraubend und kurios abge-
lehnt. Die Europäer folgten Handelsgesetzen, die viel stärker dem
Diktat der Zeit unterlagen. Ihnen war vor allem daran gelegen, die
eigenen Botschaften unters Volk zu bringen, und weniger daran,
den Sumatrern zuzuhören. Die europäischen Herrscher
verwandelten die Insel in eine Handelszone, in der der Code des
sumatraischen Lebens keinen Platz mehr hatte. Die Verbindung zu
den Traumlandschaften wurde abgeschnitten.
Mit der brutalen Gewalt überlegener Waffen wurde die
Unterwerfung und Kolonialisierung der Bevölkerung Sumatras
betrieben und durch die Errichtung eines neuen Wertesystems, einer
geistigen Landschaft, unterstützt, in der die Bedeutung der ship
cloths zwangsläufig schwinden mußte. Es ergab einfach keinen
Sinn mehr, Monate damit zuzubringen, Tücher für zeremonielle
Zwecke zu weben: Das war reinster Luxus. Schließlich war jetzt
auch Zeit eine Handelsware, und jeder Inselbewohner, der
überleben wollte, mußte »produktive« Arbeit leisten. Weil die
traditionellen Herrschaftssysteme entweder von den Eroberern
einverleibt oder vernichtet wurden, konnte es dazu kommen, daß
die überlieferten Rituale an Bedeutung verloren oder ganz
aufgegeben wurden: Lebendige Zeremonien verkamen zu
inhaltsleeren Schauspielen, die zur Unterhaltung der neuen
Herrscher dargeboten wurden. Jene reiche Kultur, die einst so stark
war, daß sie sich dem Unbekannten stellen und an einem offenen
Austausch teilnehmen konnte, wurde durch die Neugestaltung ihrer
gewohnten Welt in die Knie gezwungen, rasch und unerwartet und
auf eine Weise, gegen die sie keinen Widerstand leisten konnte. 19
Aus dem großen Buch des Lebens wurde wieder ein Kapitel
lebendiger Vielfalt und überlieferter Weisheit gelöscht.

Im Lauf der Geschichte haben immer wieder technisch höher


entwickelte Mächte die Schwachen unterworfen und den eroberten
Völkern ihre Werte und Weltanschauungen aufgezwungen.
Imperien dehnen sich aus, indem sie bestehende Grenzen
revidieren, und seien es die Grenzen von Kultur und Natur. Als
Charles II. von England im siebzehnten Jahrhundert seine
amerikanischen Kolonien vermessen ließ, zeigten die fertigen
Karten Befestigungsanlagen, Pflanzungen und die Grenzen der
Kirchengemeinden, und nicht heilige Wasserstellen und die
Ansiedlungen der indianischen Eingeborenen. Die neuen

575
Landkarten bildeten die Ziele der Eroberer ab. Während die
Mehrzahl der amerikanischen Indianer gegenüber der Natur eine
demütige Haltung einnahm - die Natur war für sie etwas
Ehrfurchtgebietendes, das man achten und günstig stimmen mußte
und das zu »besitzen« sich kein Mensch jemals anmaßen konnte -
verfolgten die Neuankömmlinge aus Europa ganz andere Ziele,
nämlich Herrschaft, Ausbeutung und Macht. Sie kamen also an,
führten ihre Eroberungsfeldzüge und begannen dann damit, ihre
neu gewonnenen Gebiete zu vermessen, umzubenennen und in
Parzellen aufzuteilen, die als Privatbesitz verteilt wurden. Als
Begründung für ihr Handeln nannten sie den biblischen Auftrag,
heidnische Völker zu bekehren und sich die Erde Untertan zu
machen. Welches soziale und ökologische Chaos sie damit letztlich
anrichteten, ahnten sie nicht. Auf die gleiche Weise teilten die
Kolonialmächte Afrika im Hinblick auf die Verfügbarkeit von
Rohstoffen unter sich auf, ohne die achtsam festgelegten
Stammesgrenzen und das Verhalten der einheimischen Tiere bei der
Futtersuche zu respektieren. Auch hier nahmen sie rasch den
traditionellen sozialen Raum in Besitz, schufen eine neue
Kulturlandschaft und drängten den geteilten Völkern eine neue
Sprache auf - deren Betonungen und Auslassungen eindeutige
Werturteile darstellten - und neue Vorstellungen von Zugehörigkeit
und Loyalität. Natürlich
waren sie zur Wahrung der eigenen Interessen dazu gezwungen,
alle Lebensweisen auszulöschen, die diesen entgegenstanden, aber
sie rechtfertigten die Notwendigkeit dieser Maßnahmen
gewöhnlich mit einer höheren Bestimmung. ( * W ELTREICHE
KOMMEN UND GEHEN WIE DIE G EZEITEN . A RNOLD T OYNBEE I ST DER
A NSICHT , DASS NICHT N ATIONEN , SONDERN K ULTUREN DIE
G ESCHICHTE SCHREIBEN . I SLAM , C HRISTENTUM , B UDDHISMUS UND
K ONFUZIANISMUS HABEN DIE R EICHE ÜBERLEBT , I N DENEN SIE
ENTSTANDEN . N ATÜRLICH BESTEHEN DIESE R ELIGIONEN NICHT MEHR IN

IHREN REINEN , URSPRÜNGLICHEN F ORMEN , ABER JEDE GRÜNDET SICH


NACH WIE VOR AUF EINE EIGENE SPIRITUELLE B ASIS . D IE CYBERNETL -

SCHEN D OMÄNEN DES NEUEN »Ü BERBAUS «, DENEN DIESER ETHISCHE

Z USAMMENHALT FEHLT , HABEN MEHR VON EINEM Ü BERGANGSREICH AN


SICH ALS VON EINER WAHREN K ULTUR .

Kaum merklich wiederholen sich heute


diese Vorgänge. Ein System von Netzen
wurde wie eine der imperialistischen
Landkarten über unser Leben gelegt. Der
Binärcode wird als höchste Schiedsinstanz
für die Wirklichkeit gehandelt, als
Metasprache für alle anderen Sprachen,
genauso wie die Trägerschicht eines
Siliziumchips die Hauptroute ist, über die
alle Beschreibungen dieser Wirklichkeit
laufen. Bilder, Töne, olfaktorische und
tak- tile Stimulationen: Alle diese

Reize werden schon heute - oder in naher Zukunft - durch binäre


Maschinen übermittelt. Zu guter Letzt werden wir mit all unseren
Sinnen in die elektronische Welt eintauchen. Der Brennpunkt des
menschlichen Tuns - das einst vor einem freien gemeinsamen
Hintergrund stattfand - wurde bereits in hohem Maße in virtuelle

577
Gefilde verlagert: in Bereiche, die sich überwiegend im Besitz und
unter der Leitung von Privatunternehmen befinden. Vor unseren
Augen entsteht etwas, das ein Vorstandsmitglied von AT&T als
»globalen kulturellen Überbau« bezeichnet hat - eine privilegierte
und vernetzte Elite, die aus wohlhabenden Einzelpersonen, Wissen-
schaftlern, politischen Entscheidungsträgern, Führungskräften aus
der Wirtschaft und sogenannten »Symbolanalytikern« besteht,
denen die Werkzeuge und Werte einer vernetzten Welt am meisten
Macht verleihen. Diese »kosmopolitische, hauptsächlich
englischsprachige« Kultur wird »motiviert von dem Bedürfnis nach
Effizienz, Kalkulierbarkeit und Konformität«. (* F REDERICK S.
T IPSON ( SIEHE A NMERKUNG AUF S EITE 195} T IPSON SCHREIBT , DASS
DER M ACHTZUWACHS DIESES KULTURELLEN Ü BERBAUS » DADURCH

SEHR ERLEICHTERT WURDE , DASS ÄRMERE UND ABGESCHIEDENERE G E -


SELLSCHAFTEN DURCH DIE GRÖSSERE V ERBREITUNG DER

K OMMUNIKATIONSMEDIEN IMMER MEHR VON DEM W OHLSTAND UND


DEN L EISTUNGEN AUS DEN REICHEREN L ÄNDERN ERFAHREN HABEN «.

E R FÜGT HINZU , DASS DIE H OMOGENISIERUNG DER W IRT SCHAFT EINES


IHRER H AUPTMERKMALE IST :»[...] R EUTERS , D OW J ONES , T HE

E CONOMIST , DIE F INANCIAL T IMES , CNN, D ISNEY , M ICROSOFT UND S ONY


SIND DIE TYPISCHEN M ARKENZEICHEN « EINER KULTURELLEN E LITE ,

DIE MOTIVIERT IST DURCH DAS B EDÜRFNIS NACH E FFIZIENZ ,

K ALKULIERBARKEIT UND K ONFORMITÄT .« )

Sie folgt dem überkommenen Trieb, sich mittels Eroberung, nicht


durch die Kunst der Überzeugung auszudehnen. Man löst sich
verhängnisvollerweise von einem natürlichen Rhythmus, von der
Ordnung und den Beschränkungen des irdischen Lebens, und das
nur, weil diese Triebkraft für diejenigen von unmittelbarem Nutzen
ist, die zufällig die neuen Hilfsmittel kontrollieren. Indem sie
blindlings auf die cybernetische Traumlandschaft zueilen und
physische Grenzen leugnen, indem sie die unermeßlichen
Möglichkeiten außer acht lassen, die in den begrenzten
Schnittstellen von Zeit und Raum liegen können - und ganz im
Gegenteil vor allem danach streben, diese Grenzen zu überwinden

578
führen sie uns in ein wolkenverhangenes Babel zusam-
menhangloser Erfahrungen und in die dunklen Gefilde grenzenloser
Wünsche, die »nicht mehr mit der Landschaft der Tatsachen in
Einklang zu bringen sind«20-

Die verschlungenen Codes und cybernetischen Systeme lassen


nicht nur einen neuen sozialen Raum entstehen, sondern auch eine
neue Wahrnehmung. Deren Erfahrungen haben wenig Ähnlichkeit
mit denen unserer natürlichen Umwelt. Wie wir im nächsten
Kapitel sehen werden, besteht die folgenreichste Veränderung
durch die Informationstechnologie in der subtilen Neugestaltung
des sozialen Gefüges, in dem wir leben, der Art und Weise, wie
wir die Welt betrachten, und der Beschreibung dessen, was wir
sehen.

K APITEL SIEBEN

Der Kampf der Kultur gegen das


neue System: Sprache

W ERTE SIND DIE G RUNDLAGE DER I DENTITÄT EINES V OLKES - DES


G EFÜHLS DER B ESONDERHEIT ALS A NGEHÖRIGE DER MENSCHLICHEN
R ASSE . A LL DAS WIRD DURCH DIE S PRACHE VERMITTELT [...], DEM
KOLLEKTIVEN S PEICHER DER GESCHICHTLICHEN E RFAHRUNGEN EINES
V OLKES [...] S PRACHE VERMITTELT K ULTUR , UND K ULTUR VERMITTELT
[...] DAS GESAMTE W ERTESYSTEM , IN DEM WIR UNS UND UNSER
V ERHÄLTNIS ZUR W ELT WAHRNEHMEN .
Ngugi Wa Thiong'01

In den Schöpfungsmythos der australischen Abori- gines war

579
jedes Element ihres Landes eingebunden. Sie erzählten von
legendären totemistischen Wesen, die einst in der Traumzeit
über den Kontinent wanderten und singend alles benannten,
was ihre Wege kreuzte - Vögel, Tiere, Pflanzen, Felsen, Wasser-
löcher -, und so die Welt ins Dasein sangen. [...] niemand in
Australien [war] ohne Land, denn jeder erbte als seinen oder
ihren privaten Besitz ein Stück vom Lied des Ahnen und ein
Stück von dem Land, über das das Lied führte. Die Strophen
eines Menschen waren seine Besitzurkunde für sein
Territorium. Er konnte sie an andere ausleihen. Er konnte sich
seinerseits Strophen borgen. Nur verkaufen oder loswerden
konnte er sie nicht. [...] Verwandtschaftsbeziehungen [dehnen]
sich auf alle lebenden Menschen [aus], auf alle anderen
Lebewesen und auf die Flüsse, die Felsen und die Bäume.

Wenn die Ältesten beschlossen, daß es an der Zeit war, das Lied
von Anfang bis Ende zu wiederholen, folgte jeder
Stammesangehörige den Spuren seiner Vorfahren, besang seinen
Teil des Landes und trug so dazu bei, es lebendig zu erhalten.
Im weit entfernten Nordamerika begleiteten die Pu- eblo-Indianer
»Vater Sonne« auf seinem Weg durch das Firmament. Sie waren
davon überzeugt, daß die Erde in Dunkelheit versinken müßte,
wenn sie ihre Rituale vernachlässigen würden. Mit den Mythen und
den Sprachen, in denen sie erzählt wurden, gab jede Kultur ihre
ererbten Wertvorstellungen und Glaubenssysteme an die folgenden
weiter. Als im Zuge der Besiedlung durch die Weißen ein
Landstrich im Nordosten Australiens in Queensland umbenannt
wurde, hatte das weitreichende kulturelle Folgen.2

Das Universum der Aborigines wurde buchstäblich neu erschaffen.

Die Sprache ist ein ausgefeiltes Instrument, mit dem wir uns die
Wirklichkeit aneignen. Spricht man ein Wort oder einen Satz,
bringt man damit jedesmal eine ganz eigene Bedeutung oder

580
Betonung zum Ausdruck. Der sizi- lianische Autor Leonardo
Sciascia schrieb in Mystery of Majorana, daß »Namen mehr sind
als die Beschreibung von Dingen, sie sind das Ding selbst« 3. Der
Wissenschaftler Heinz Pageis betonte, wie wichtig es ist, daß wir
Sprache als Form der Wirklichkeit erkennen, nämlich als deren
Simulation - indem »wir einen Ersatz geschaffen haben, haben wir
nur einen weiteren Faden in das Gewebe unserer großen Illusion
eingewebt«4. Die sprachliche Illusion ist allerdings einzigartig. Sie
entwickelt sich über einen sehr langen Zeitraum hinweg und wird
von vielen vollkommen verschiedenen Personen benutzt, so daß in
ihr die von allen geteilten Werte einer Kultur enthalten sind. Im
allgemeinen betrifft das die beständigeren Werte. Wie bei einem
großen literarischen Werk, das in seinen Feinheiten von
verschiedenen Leuten auf viele verschiedene Arten interpretiert
werden kann, liegt ihre Stärke gerade darin, daß sie die Menschen
in all ihrer Vielfalt über die Zeiten hinweg mit ihrem Klang und
ihrer Metaphorik zusammenführt.

Das Gespür für diese Eigenheit der Sprache verlangt eine gewisse
Bescheidenheit bei der Suche nach der letztgültigen Wahrheit.
Heute ist Wissenschaftlern klar, daß die Begrifflichkeit einen
großen Einfluß auf ihre Forschungsergebnisse hat. Im Europa des
siebzehnten Jahrhunderts herrschte jedoch eine andere Geisteshal-
tung: ein Rationalismus, der sich seiner Überlegenheit so sicher
sein konnte wie der Geschwindigkeit, mit der sich

seine Schriften verbreiteten.(* A LS DAS

G ESCHICHTENERZÄHLEN DURCH DIE


V ERBREITUNG VON D RUCKERZEUGNISSEN
ZUM I NFORMATIONSAUSTAUSCH VERDRÄNGT

WURDE , HAT SICH , SO M ARSHALL

M C L UHAN , AUCH DIE WAHRNEHMUNG DES


M ENSCHEN GRUNDLEGEND IN R ICHTUNG
VISUELLER , FRAGMENTIERTER UND

VEREINZELTER P ERSPEKTIVEN VERSCHOBEN .

581
(V GL . D IE G UTENBERG -G ALAXIS : D AS E NDE
DES B UCHZEITALTERS . B ONN U . A . 1995.)

Dies war der Beginn der säkularen und pragmatisch geprägten Ära,
in der man bestrebt war, überlieferte Rituale und Glaubenssätze
aufzugeben und die Welt durch Vernunft zu beherrschen. Wie viele
Gleichgesinnte war der deutsche Philosoph und Mathematiker
Gottfried von Leibniz davon überzeugt, daß es letzten Endes
möglich sein würde, die Welt zu erkennen, daß der festgelegte
Mechanismus, nach dem sie funktioniert, universell ist und sich
alles in linearer, systematischer und objektiver Weise beschreiben
läßt. Er beschloß, das perfekte logische Medium zu entwerfen: ein
linguistisches Gefäß, das alles aufnehmen konnte, nur nicht die
Bedingtheiten der menschlichen Sprache.

Leibniz schuf jene elektrische Sprache, die wir heute als


Binärcode bezeichnen. In ihrer mathematischen Reinheit ist sie
äußerst schlicht, ja sogar elegant. Durch die verschiedenen
Kombinationen von Nullen und Einsen kann sie praktisch die
gesamte Schöpfung beschreiben, ordnen und berechnen. Wie
McLuhan schreibt, »sah Leibniz, dieser große mathematische Geist,
in der mystischen Eleganz des Binärsystems, das nur mit Nullen
und Einsen rechnet, das genaue Abbild der Schöpfung«5.

Laut eines Kommunikationsexperten, »erfordern cyber- netische


Theorien und die Computertechnologie exakte, aber unkomplizierte
Sprachen, um die Übersetzung in eindeutige, spezielle Symbole zu
ermöglichen, die gespeichert und für statistische Operationen
verwendet werden können. Die geschlossenen Systeme der
formalen Logik sind für diesen Zweck bestens geeignet.«6
Die wesentliche Bedeutung einer jeden Geschichte - oder jedes
linguistischen Systems - liegt natürlich in dem, was sie verschweigt
und was sie offenlegt. Jaron Lanier, Musiker und Vorkämpfer der
virtuellen Realität, meint, daß »Information gestohlene Erfahrung«

582
ist.7 Sie dient der Darstellung von »Objekten«, die aus ihrem ur-
sprünglichen Zusammenhang gelöst oder gestohlen wurden -
ähnlich der Edelsteine, die aus der Stirn des Buddha in einem
tibetanischen Tempelschrein herausgebrochen worden sind. Dabei
wird der binäre Code heute zur Metasprache der Menschheit, also
zu dem Zeichensystem, das die gesamte Wirklichkeit einschließt.
»Das kalte digitale Universum hat die Welt der Metaphern
verschlungen«, schreibt der französische Philosoph Jean Baudril-
lard.8 Allerdings ist es noch trügerischer als die meisten
gesprochenen menschlichen Sprachen und sein subjektiver
Charakter ist nur schwer zu erkennen. Obwohl es den Anschein von
Neutralität erweckt, beinhaltet das Zeichensystem eine ganze Reihe
von Wertungen. Worin bestehen diese Werte? Welchen Einfluß
werden sie auf die Form der elektronischen Landschaft haben, wie
werden sie auf ihre Inhalte einwirken und das geistige Terrain
umgestalten? Kann ein unsichtbarer und nicht gesprochener Code
die Gesellschaft tatsächlich umformen, ihr lebenswichtige Energien
entziehen?

Ich habe einen seltsamen Traum. Er ist von derselben surrealen


Klarheit wie ein Gemälde von Salvador Dali. In diesem Traum sehe
ich einen riesigen, leuchtenden Bildschirm, auf dem ein
aufgewühltes Meer zu erkennen ist. Aber im Traum kann ich durch
den Bildschirm hindurch bis in die Tiefen des Gerätes blicken, wo
ich auf eine Flut winziger Bits und Bytes stoße. Plötzlich begreife
ich, daß dies die binären Einheiten sind, die das projizierte Bild
erzeugen. Ich habe eine extrem gefilterte Wiedergabe mit dem
Realen, einem wirklichen Meer, verwechselt. Der Bildschirm - das
Interface - hat mich zum Narren gehalten. In zunehmendem Maße
bedienen sich Menschen einer unsichtbaren Sprache, um sich die
Wirklichkeit vorzustellen und zu beschreiben, und man vergißt
dabei allzuleicht, zwischen dem sinnlich wahrnehmbaren Ozean
und seiner verschlüsselten, vom Code hinter dem Bildschirm
erzeugten Darstellung zu unterscheiden.

583
Die menschliche Kultur - im Grunde genommen die ganze Natur
- ist viel komplexer als es irgendein Programm jemals sein kann.
Ein realer Ozean wird durch das Zusammenwirken mächtiger
Kräfte in Bewegung gehalten, dem Wechselspiel von Zufall,
Ursache und Wirkung. Genauso wird man innerhalb einer
umfassenden menschlichen Gemeinschaft unterschiedliche
gesellschaftliche Stimmungen finden, unsichtbare geistige
Strömungen und große Migrationsbewegungen. Sie haben bis zum
heutigen Tag unsere sozialen Erfahrungen am entscheidendsten
bestimmt und nicht nur Programme oder die öffentliche Politik.
Alles ist auf komplexe und geheimnisvolle Weise miteinander
verbunden. Nehmen wir zum Beispiel einen Delphin, der aus dem
Wasser der Sonne entgegenschnellt und in einer sprühenden Fon-
täne wieder eintaucht. Dieses winzige Ereignis hat einen
unmerklichen Einfluß auf den gesamten Ozean und ordnet dessen
Kräfte neu. Wenn man Deiche an einem Küstenabschnitt errichtet,
kann es gut sein, daß an einer anderen Stelle Überschwemmungen
auftreten. Genau das kennzeichnet die Schöpfung: Keines ihrer
einzelnen Teile kann vom Rest isoliert werden.(* T OLSTO I SCHREIB T :
»D ER UNUN TER BROCHENE F ORTG ANG EINER B EW EGUNG IST FÜR DEN

MENSCHLICHEN V ERSTAND UNFASSB AR . D IE G ESETZ E EINER B EW EGUNG ,


W ELCHER AR T DIESE AUCH SEIN MÖGE , WERDEN DEM M ENSCHEN NUR DANN

VERSTÄNDLICH , WENN ER W ILLKÜRLICH HER AUSG EGRIF FENE , EINZELNE P H ASEN


DIESER B EW EGUNG BETRACH TET . D OCH EBEN AUS DIESEM V ERFAHREN , AUS

DIESER W ILLKÜRLICHEN Z ERGLIEDERUNG EINER FORTD AUERNDEN B EW EGUNG IN

ABGERISSENE E INZELTEIL E EN TSPRINGEN DIE MEISTEN AL LER MENSCHLICHEN

I RRTÜMER .« (L EO T OLSTOI : K RIEG UND F RIEDEN . S TUTTG ART 1969, S.


1123.)

Moderne Wissenschaftler würden es


folgendermaßen ausdrük- ken: Das
Universum ist kontinuierlich, nicht
»granulär«; selbst innerhalb des kleinsten

584
Raumes gibt es noch unendlich viele
Möglichkeiten.

Die meisten großen Denksysteme teilen


die Ansicht, daß alles und jeder in ein
ethisches Netzwerk eingebunden ist. Ein
amerikanischer Indianerhäuptling sagte
Anfang dieses Jahrhunderts:

»Ein Mann, der vor seiner [Behausung] auf dem Boden sitzt und
über das Leben und den Sinn des Lebens nachdenkt, die
Verwandtschaft aller Geschöpfe als gegeben betrachtet und sich der
Einheit mit dem Universum der Dinge bewußt ist, [würde] in sich
das wahre Wesen der Zivilisation aufnehmen.«9 Heute ist es Vaclav
Havel, der nach dem Geheimnis fragt, wodurch »jede geistige Tat
ein integraler Bestandteil der Ordnung des Geistes ist, daß die
Ordnung des Geistes in ihr gegenwärtig ist wie im Strudel der
ganze Fluß gegenwärtig ist«10. Nach den Worten von Edward Said
hängt unser Überleben in der heutigen komplexen und
interdependenten Welt entscheidend von »den Verbindungen
zwischen den Dingen«11 ab. Was wirklich zählt, ist dabei die Qualität des Lebens, nicht nur die
Quantität der Codes, die jenen Verbindungen zugrunde liegen. Darin besteht der wirkliche Unterschied zwischen

Kommunikation und bloßem Nachrichtenaustausch.

Die virtuelle Repräsentation der Wirklichkeit gründet auf


einer vollkommen anderen Weltanschauung. Diese
Darstellung findet in einem begrenzten Raum statt und wird
dadurch bestimmt, daß die Vielfalt der gelebten Erfahrungen
auf eine klassifizierende und kontrollierbare Syntax reduziert
wird. Damit die simulierte Welt überhaupt funktionieren kann,
ist es notwendig, das natürliche Kontinuum zu unterbrechen,
es in binäre Einheiten zu übersetzen und erst dann wieder zu
einem berechenbaren Bild zusammenzufügen. Diese
Klassifizierung und Inbesitznahme gehört natürlich zu den
althergebrachten Methoden derer, die nach materiellen oder
politischen Vorteilen streben. Die Klangwellen eines Quintetts

585
von Mozart werden in profitable digitale Impulse zerlegt. Das
Humangenom-Projekt versucht, das verschlüsselte Muster
unserer DNS als Bauplan des menschlichen Lebens
verwertbar zu machen. Selbst Meer und Himmel können in
diesem Code repräsentiert und dargestellt werden. All diese
Bits schwirren hinter dem großen cybernetischen Bildschirm
herum. Ein Wissenschaftler, der sich zum Beispiel mit
Strömungsmechanik beschäftigt, kann seinen virtuellen
Pazifik nach Herzenslust manipulieren oder
»rekonfigurieren«. Er kann ihn verdoppeln oder auf die Hälfte
zusammenschrumpfen lassen. Er kann den Wasserstand
senken, ohne daß der Pazifik austrocknen würde. Schöpfung
kann man als Codecollage neu definieren, die man in einer
Weise manipulieren kann, die die Natur in ihrer ungeheuren
Komplexität niemals zulassen würde. Dabei will
ironischerweise jedes cybernetische Systems letztlich die
Natur nachahmen:

Sie soll so überzeugend und vollständig simuliert werden, daß sie den wirklichen Gegenstand formen, verändern oder
gar ersetzen kann. Binäre Symbole werden jetzt schon dafür eingesetzt, das Wesen des materiellen Lebens zu
verändern.

Allzuoft jedoch erfaßt das stumme Spiel der Zahlen, die in


den Befehlsfolgen und Schaltkreisen herumrasen, die Dinge
nur an ihrer objektiven Oberfläche und nur jene Elemente,
die von den elektronischen Systemen eindeutig interpretiert
werden können. Es erfaßt weder die schwer zu benennenden
Bedeutungen, die unseren Handlungen im Innersten
zugrunde liegen, noch läßt es solche ärgerlich ungenauen
Begriffe wie Verantwortlichkeit oder Machthunger zu. Es
bringt uns dazu, die Natur in Form von Signalen zu
objektivieren und den lebensstiftenden Geist zu
vernachlässigen, der als kaum wahrnehmbares Rauschen
alles durchzieht. Die binäre Sprache ist darauf ausgerichtet,
eine große Zahl der historischen, metaphorischen und

586
geistigen Zwischentöne zu unterdrücken und die Gültigkeit
von Werten in Frage zu stellen, auf die unser kollektives
Dasein gründen könnte. Ihre hintergründige Parteilichkeit
beeinflußt unser Sprechen und Denken. Sie versetzt uns in
eine unbelebte, unerforschte Wüste, an einen Ort falscher
Neutralität. Es ist ein Fluchtort, an dem wir der notwendigen
persönlichen Verantwortung gemeinsamer Entscheidungen,
die in einem festen Gefüge von Zeit und Raum zu treffen
sind, entgehen. Die Welt wird als System mathematischer
Gleichungen neu definiert, in welchem, wie Hannah Arendt
schreibt, »alle real gegebenen Verhältnisse in logische
Beziehungen zwischen Symbolen umgesetzt werden«. Diese
mathematisch vorausgeplante Welt bleibt allerdings nur ein
Traum: ein Ort, der »sich als Wirklichkeit bewährt, solange
der Traum währt«. Bemerkenswert an dieser Landschaft ist,
daß wir uns hier, in trügerischer Si cherheit, »in einer
>Welt< bewegen, die genau dem entspricht, was ein
weltloser Verstand in sich selbst vorfindet«12.(* E S IST
GENAU JENER VERÖDETE O RT , AN DEM DER D ICHTER T.S. E LIOT »G E-
STALT FORMLOS , S CHATTEN FARBLOS « ERBLICKTE , EIN O RT , AN DEM
DER M ENSCH NICHTS IST ALS »S TROH IM S CHÄDEL «. (V GL . »D IE

HOHLEN M ÄNNER « (1925) IN : T.S. E LIOT : W ERKE . G ESAMMELTE

G EDICHTE 1909-1962. F RANKFURT /M. 1988.)

Kommunikation, in ihrem weiteren Sinn, begreift das


Vorhandensein einer Einheit als die Möglichkeit, über

alle Verschiedenheit hinweg gemeinsame Überzeugungen und Ziele


zu finden und in einem Meer der Veränderungen Beständigkeit zu
schaffen. Das cyber- netische System bewirkt im Gegensatz dazu
die Festschreibung von Polaritäten, von Unbeständigkeit und
Differenz. Es beginnt damit, die Begriffe festzulegen, mit denen wir
uns selbst beschreiben, unsere Erwartungen aneinander zu

587
beeinflussen und schließlich den Kontext festzulegen, innerhalb
dessen wir gemäß unserer Überzeugungen handeln. Es funktioniert
auf mehreren linguistischen und syntaktischen Ebenen, von denen
einige ziemlich offensichtlich sind, andere dagegen kaum
entzifferbar und sehr kompliziert.

Als die Mehrheit der Bevölkerung noch in der Landwirtschaft


arbeitete, konnte man von einem gemeinsamen Interesse aller
sprechen, das darin bestand, »den steinigen Boden zu pflügen«.
Auch wenn der Vergleich an sich banal war, zeigt er doch, wie die
Menschen die Herausforderungen ihrer Zeit begriffen, in der die
Bestellung des Bodens und das Überleben ein und dasselbe waren.
Das Industriezeitalter brachte neue und mechanischere Analogien
mit sich: Wir arbeiteten nun in einem Stahlwerk und sollten auf
einmal »Bindeglieder« zwischen uns schaffen. Manche dieser
Analogien gelten bis heute. Aber in immer größerem Maße werden
unsere Sprache und unsere Ansichten durch das Paradigma des
cybernetischen Systems geprägt. Was die Politik angeht, die heute
als abstrakter Vorgang definiert wird, sind die Menschen nicht zur
aktiven Teilnahme aufgefordert, sondern dazu, ihren Input zu
leisten. Die Leute sprechen davon, daß sie in Verbindung stehen (so
wie digitale Maschinen), anstatt davon, in Beziehung zueinander zu
stehen (wie es bei empfindenden Wesen der Fall ist). Der
Computerfachmann betrachtet seine Kunden als Nutzer. Einige
dieser Nutzer, die an den endlosen Rekonfigura- tionen und
unablässigen Versuchen zur Optimierung nicht mehr interessiert
sind, haben ganz einfach mehr Ausfallzeiten als der Rest. Wieder
andere fragen sich, ob sie dem Online-Modus des Lebens
gewachsen sind bzw. dafür geschaffen worden sind. Die Kolumne
»Jargon Watch« in dem Magazin Wired hat ein erschreckendes
Urteil gefällt: Alle die so unklug sind, sich auszuklinken, zählen
automatisch zur Kategorie der PONA (das häßliche Akronym für
People o f N o Account - Leute ohne Zugriff, also ohne Bedeutung).
Fühlen Sie sich unwohl? Wired gewährt Ihrer »Wetware« eine kurze
»Biopause« in der »Fleischwelt« - als brächte das allein Erleichte-

588
rung in einer Welt, in der die Menschen sowohl Information als
auch Prozessor sind und in der alles um der »Effizienz« willen in
kleinste Einheiten zerlegt wird.

Diese verborgenen Werte dringen langsam in die öffentliche


Debatte vor. In einem Kommentar in der Financial Times machte
Michael Prowse kürzlich folgenden Vorschlag: Universitäten
sollten von nun an den gleichen Produktionsbedingungen
ausgerichtet werden, durch die die japanischen Fabriken
revolutioniert wurden. Er meint, daß gegen die neuen Formen des
»elektronischen Just- in-time-Unterrichts, der von
Wirtschaftsunternehmen direkt ins Wohnzimmer geliefert wird,
auch die renommiertesten Namen im Bereich der höheren Bildung
keine Chance haben werden«. Wir sollten einem solchen modularen
Ansatz aufgeschlossen gegenüberstehen. Schließlich »ist es einfach
wahr, daß [Universitäten] ein Produkt verkaufen, das absurd teuer
ist und den Anforderungen einer sich rasch verändernden
Wirtschaft denkbar schlecht entspricht«. Es wäre viel klüger, die
»kognitiven Fähigkeiten« der Studenten unter dem Aspekt
unternehmerischer Bedürfnisse deutlicher zu fördern.13

Prowse bewertet die Universitäten nach dem eng erfaßten Maßstab


des funktionalen und wirtschaftlichen Nutzens und läßt dabei den
Stellenwert, der ihr in einer pluralistischen Gesellschaft zukommt,
außer acht. Die wesentlichen Leistungskriterien, die er auf dieses
System, die Dozenten und Studenten anwendet, sind identisch mit
den Maßgaben, die für cybernetische Maschinen gelten, das heißt
niedrige Kosten, Geschwindigkeit und effiziente Erledigung der
anstehenden Arbeiten. Von einem Studenten wird die praktische
Kompetenz für eindeutig meßbare und vor allem ökonomisch
verwertbare Aufgaben verlangt. Wir legen mehr Wert auf eine Be-
stätigung dessen, was wir bereits kennen oder wollen - den Status
quo - als uns auf den Umgang mit dem Unbekannten einzulassen.
Wir legen größeren Wert auf die Anhäufung nützlicher Daten als
auf deren verantwortungsvolle und überlegte Anwendung. Das

589
Studium der Geisteswissenschaften bereichert unsere kollektive Er-
fahrung und trägt dazu bei, daß die Menschen einen Bezug
zwischen ihrem kulturellen Erbe und den Problemen der Gegenwart
herstellen können - aber genau das geht bei all der Spezialisierung
und Logik verloren. (* D IKTATORISCHE S YSTEME NEHMEN VON JEHER
DIEU NIVERSITÄTEN INS V ISIER - SEI ES DURCH UNMITTELBARE
POLLTISCHE U NTERDRÜCKUNG ODER AUF SUBTILERE W EISE ÜBER I HRE
F INANZIERUNG - AUS DEM EINFACHEN G RUND , DASS SIE V ERSTAND UND
KRITISCHE A nalyse am meisten fürchten müssen. Menschen, die

zum Erlernen praktischer Fertigkeiten gezwungen werden, sind


nicht notwendigerweise auch in der Lage, sich deren
welterreichende soziale Auswirkungen vorzustellen.

W ÄHREND SICH DER PRIVATISIERTE O NLINE -U NTERRICHT IN


ÜBERGEORDNETE A USBILDUNGSSYSTEME SPEZIALISIERTER
F ACHBEREICHE WIE M ASCHINENBAU UND ANGEWANDTE
W ISSENSCHAFTEN EINBINDEN LIESSE , IST ES DOCH ETWAS ANDERES ,
U NIVERSITÄTEN UND S CHULEN VOLLSTÄNDIG ZU PRIVATISIEREN , WIE ES
M ICHAEL P ROWSE VORSCHLÄGT . D ADURCH WÜRDEN DIE
VERSCHIEDENEN PRAKTISCHEN F ERTIGKELTEN AUS IHREM
GESELLSCHAFTLICHEN K ONTEXT HERAUSGELÖST WERDEN . D IE
G EISTESWISSENSCHAFTEN SIND FÜR EINE G ESELLSCHAFT VON
BESONDEREM W ERT , WEIL SIE UNS BEWUSST MACHEN , DASS WIR
ZWISCHEN DEM , WAS WIR TUN UND WARUM WIR ES TUN , UNTERSCHEIDEN
MÜSSEN . D IE U NIVERSITÄTEN VERANLASSEN UNS , AN DER ÖFFENTLI -
CHEN D EBATTE TEILZUNEHMEN , SIE ERMUTIGEN S TUDENTEN , ZWISCHEN
Q UALITÄT UND Q UANTITÄT ZU UNTERSCHEIDEN , ZWISCHEN DER
B EFRIEDIGUNG DER EIGENEN W ISSBEGIER UND DER V ERFOLGUNG
PERSÖNLICHER Z IELE UND DER N OTWENDIGKEIT , F RAGEN ZU STELLEN ,
DIE FÜR DIE GESAMTE M ENSCHHEIT VON B EDEUTUNG SIND . P ROWSE
BEZWEIFELT DIE »R ELEVANZ « DER I DEENLEHRE P IATONS FÜR
H ERAUSFORDERUNGEN WIE DIE V ERMARKTUNG VON M OBILTELEFONEN .
M OBILTELEFONEN WERDEN LETZTLICH DEN GLEICHEN W EG GEHEN WIE
D AMPFMASCHINEN , ABER DIE D ISKUSSION ÜBER »W IRKLICHKEIT « UND
»I LLUSION « WIRD ANDAUERN . A USSERDEM KANN DIE K ENNTNIS VON
P IATONS I DEENLEHRE , I NSBESONDERE SEINER A RGUMENTATION ZUR

590
R ECHTFERTIGUNG AUTORITÄRER H ERRSCHAFT , JEDEM S TUDENTEN ,
DER IRGENDWANN EINMAL SELBST EINE M ACHTPOSITION I N EINER
DEMOKRATISCHEN G ESELLSCHAFT EINNEHMEN WIRD , ALS W ARNUNG
DIENEN UND DAZU BEITRAGEN , DASS ER EIN G ESPÜR FÜR DIE DAMIT
VERBUNDENEN G EFAHREN UND DIE V ERANTWORTUNG ENTWICKELT .
W ENN EINE G ESELLSCHAFT VON G RUND AUF ERSCHÜTTERT UND IN
KLEINSTE E INHEITEN AUFGESPALTEN WIRD , IST ES TATSÄCHLICH
DOPPELT WICHTIG , DASS SIE DIE IHR W ESEN AUSMACHENDEN
G RUNDPRINZIPIEN IM A UGE BEHÄLT : N UR SO KANN SIE SIE NEU BE-
GREIFEN UND AUF DIE ANSTEHENDEN P ROBLEME ANWENDEN . I N DEN
OFT ALS » ELITÄR « BEZEICHNETEN KLASSISCHEN W ERKEN DER
L ITERATUR , POLITISCHEN P HILOSOPHIE UND DER K UNST WURDEN
IMMER SCHON GENAU DIE EWIG GÜLTIGEN F RAGEN GESTELLT , DIE UNS
HELFEN , UNSER M ENSCHSEIN NÄHER ZU BESTIMMEN . W ENN WIR DIESE
F RAGEN VERNACHLÄSSIGEN UND DEN A NSPRUCH AUFGEBEN , UNS NICHT
NUR ALS K ONSUMENTEN , SONDERN AUCH ALS B ÜRGER ZU BEWEISEN , IST
UNSERE G ESELLSCHAFT VERLOREN . H ÖHERE B ILDUNG WÜRDE NUR
MEHR DEM BLOSSEN Z WECK DIENEN , S TUDENTEN I N DEN C ODES UND
P RAKTIKEN VON Ü BERWINDUNG UND V EREINNAHMUNG ZU
UNTERWEISEN . ( ES HAT ZUGLEICH IRONISCHE UND PERVERSE ZÜGE,
DASS MAN DEN MENSCHEN IN EINER ZEIT, IN DER SIE SICH INMITTEN
DES MAHLSTROMS VON VERÄNDERUNGEN MEHR ODER WENI GER
EHRLICH DURCHS LEBEN SCHLAGEN SOLLEN, DIE BESTMÖGLICHE
AUSBILDUNG VERWEIGERN WILL, DIE SIE GENAU DARAUF
VORBEREITET. STATT DESSEN HÄNGEN WIR EINER VORSTELLUNG
VON »AUSBILDUNG« NACH, IN DER LERNEN AUS DEM GANZHEIT-)
LIEHEN GESELLSCHAFTLICHEN ZUSAMMENHANG, DER IHM SEINEN
SINN VERLEIHT, HERAUSGELÖST IST: EINE ART »TRAINING« ODER
UNTERWEISUNG, DURCH DIE UNSER DIALOG MIT DER KUL-
TURGESCHICHTE UNTERBROCHEN WURDE.

Im achtzehnten Jahrhundert provozierten solche kurzsichtigen


Überlegungen wie die von Prowse noch beißend satirische
Reaktionen. Jonathan Swift regte in einem zynischen Traktat mit
dem Titel A Modest Proposal an, die schreckliche Armut in Irland
einfach durch den Verkauf von Babys zu beheben. Von den 120 000
Kindern, die jährlich »produziert« würden, könnte man vier Fünftel
»höherstehenden Personen« zur Verwendung in der Küche
anbieten. Im Alter von einem Jahr, so schrieb er, wären sie ganz
köstlich, »egal ob gedünstet, gebraten, gebacken oder gekocht«.

591
Und dieser Plan brächte einige statistisch nachweisbare Vorteile,
nicht nur für die Volkswirtschaft, sondern zugleich auch für die
irischen Eltern und die englischen Konsumenten. Swift versicherte
seinen Lesern ernsthaft, daß er selbst »nicht das geringste
Interesse« an der ganzen Angelegenheit habe: Schließlich habe er
»keinen Penny« dabei zu gewinnen.

Die Bedrohung für die Universitäten ist allerdings äußerst real.


Sie geraten aus politischen Gründen unter Beschuß; gleichzeitig
bedrohen verknappte Finanzmittel und neue Technologien viele
ihrer traditionellen Funktionen. Die zunehmende Verbreitung von
Wissen, insbesondere in den wissenschaftlichen Bereichen, führt
dazu, daß sich die Gelehrten nun in spezialisierten elektronischen
Gemeinschaften zusammendrängen wie früher in ihren
interdisziplinären Elfenbeintürmen. Entsprechend schwierig ist es,
ihre Arbeit in eine ganzheitliche Weltsicht zu integrieren.
Inzwischen schnellen die Kosten für das Speichern von Daten in
physikalischer Form genauso in die Höhe, wie die Menge der
produzierten Daten, was bedeutet, daß eine einzelne Universität
oder Bibliothek unmöglich alle Bereiche vollständig abdecken
kann. Sie muß sich eine neue Funktion als Kanal, Schnittstelle oder
Filter für den digitalen Informationsaustausch schaffen. Eine der
ewig gültigen Fragen, die wie in vielen anderen gesellschaftlichen
Bereichen auch hier durch die digitalen Hilfsmittel aufgeworfen
wird, lautet, wem bzw. welcher Instanz man die Rolle des
Vermittlers anvertrauen kann, und welchen Werten man dabei
folgen sollte.

»In der Vergangenheit kamen die Leute zu den Informationen, die


in der Universität aufbewahrt wurden«, stellt der
Kommunikationsexperte Eli Noam fest. »In Zukunft werden die
Informationen zu den Leuten kommen, wo immer sie sich auch
aufhalten. Welche Rolle werden dann noch die Universitäten
spielen? Werden sie mehr sein als ein Sammelsurium
übriggebliebener Einrichtungen, wie das Wissenschaftslabor und

592
die Cafeteria? Wird die Elektronik die gleichen Auswirkungen auf
die Universitäten haben wie der Buchdruck auf die mittelalterliche
Kathedrale und ihrer zentralen Rolle im Informationsaustausch ein
Ende bereiten?«14

Die Antwort darauf ist eigentlich ganz einfach.

Das Wissen der Universitäten, wie das der Kirche, der Familie
und der Gemeinschaft, beruht im wesentlichen auf der
Verständigung über Bedeutungen in einem gesellschaftlichen
Kontext und nicht auf dem bloßen Austausch verwertbarer Signale.
»Bildung beruht auf Lehre [...], Rollenmodellen [...], Sozialisation
[...], Vorgängen also, [bei denen] räumliche Nähe eine große
Bedeutung hat. Die Stärke zukünftiger Universitäten liegt daher
weniger in der reinen Information als darin, daß sie wie eine
Gemeinschaft funktionieren [...].«
»Außerdem«, fügt Noam hinzu, »braucht die Gesellschaft wegen
der explosionsartigen Vermehrung von Wissen zuverlässige
Verwalter der Information und vertraut einen Teil dieser Aufgabe
lieber den Universitäten und den dort ansässigen Spezialisten als
Informationsnetzwerken an.«

Stellen Sie sich vor, Sie leben in der südafrikanischen oder


australischen Steppe oder irgendwo in den ausgedehnten
Wüstengebieten von Taklimakan Shamo. Die Nacht ist
hereingebrochen, und Sie stochern mit einem Holzscheit im Feuer
herum. Aus dem Augenwinkel heraus nehmen Sie plötzlich ein
Leuchten wahr. Sie drehen sich um und entdecken einen
Lichtpunkt, der hoch über Ihnen über den Himmel wandert. Auf
einmal empfinden Sie Ihre Bedeutungslosigkeit im Schauspiel des
Universums. Mehrere tausend Meilen entfernt von Ihnen herrscht
eine ganz andere Stimmung. Ein Team hochspezialisierter
Techniker beugt sich in einem hellerleuchteten Überwachungsraum
über mehrere Computerbildschirme. Sie sehen durch die Augen

593
eines Fernerkundungs-Satelliten auf die Erde hinunter, genau des
Satelliten, dessen Aufblitzen Sie aus dem Augenwinkel heraus
wahrgenommen haben. Auf den Bildschirmen wird eine Unmenge
geologischer Daten angezeigt. Die Tabellen sind in rosa, grüne und
rote Farben getaucht. Mit Hilfe ihrer Überwachungssysteme in der
Erdumlaufbahn bestimmen diese Techniker in der entwickelten
Welt die Dichte von Mineral vorkommen und die Höhe von
Grundwasserspiegeln und suchen nach neuen Quellen fossiler
Brennstoffe. Wenn der Abbau lohnt, werden die Besitzer dieser
Werkzeuge in Aktion treten und bei den nichtsahnenden
Landeigentümern mit riesigen Maschinen anrücken, um die Erde
umzugraben. Sie werden Straßen und Fernseher mitbringen. Noch
mehr Satelliten werden dann Bilder nach unten senden, die von
einer wundersamen neuen Art des Daseins künden. Das Leben auf
der Erde - bei den Empfängern, die von den Satelliten erfaßt
werden - gerät in den Fokus unsichtbarer, unerreichbarer Kräfte.

Ganze Informationsbereiche, von denen man üblicherweise


angenommen hat, daß sie aus dem System der Marktwirtschaft
herausfallen, werden nun in Beschlag genommen. Obwohl die
cybernetische Revolution angeblich auf der Beschleunigung der
Kommunikation beruht, geht es ihr in Wirklichkeit darum, die Welt
in den Begriffen der Informationsverarbeitung neu zu gestalten, die
Anzahl sinnvoll austauschbarer Nachrichten zu erhöhen und die
wirtschaftlichen Möglichkeiten zu nutzen, die mit der Verwaltung
des entstehenden Datenflußes verbunden sind. Übersetzt man
Musik und Video in Zahlen, kann man daraus gewinnbringende
Zusammenschnitte herstellen, die von den Leuten mit
entsprechenden Fähigkeiten und Mitteln unters Volk gebracht
werden können. Zahlen können Fabriken betreiben und über
nationale Grenzen hinweg vernetzen. Indem man die schwer in den
Griff zu bekommenden vielfältigen Erscheinungsformen des
Lebens in einem allgemeingültigen System zusammenfaßt, wird es
möglich, die reale gesellschaftliche und natürliche Landschaft zu
vergegenständlichen. Durch die Codierung löst man sie aus dem

594
Kontext, der ihr Sinn verleiht, und verwandelt sie so in eine zusätz-
liche Ware.

Weil unser Wahrnehmungsvermögen und unsere Gesetze mit


dieser Veränderung bislang nicht Schritt halten konnten, haben
viele Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft versucht, ihre
Bedeutung hinter nichtssagenden Euphemismen zu verbergen, die
dazu dienen, »das nicht zu Verteidigende zu verteidigen [...], Lügen
wie Wahrheit klingen und Mord ehrbar erscheinen zu lassen, und
dem Nichts einen Anstrich von Solidität zu verleihen«15. Denken
Sie zum Beispiel an die handelspolitische Sprache, die von den
sogenannten Urheber-Industrien, Werbung, elektronische
Unterhaltung und Computersoftware verwendet wird. Sie gehören
zu den am raschesten expandierenden und dynamischsten Zweigen
der Weltwirtschaft und werden fast vollständig von den USA
beherrscht. Diese Vorrangstellung wird auf dem audio-visuellen
Unterhaltungssektor besonders deutlich, der von Sprache und
Kultur stark beeinflußt wird. Die großen Traumfabriken, die sich an
der amerikanischen Westküste niedergelassen haben, sind in ihren
Expansionsbestrebungen hauptsächlich auf die außeramerika-
nischen Märkte ausgerichtet.16 * Amerikanische Nachrichtensen-
dungen, spezielle Fernsehprogramme und Videospiele verfügen
über einen ständig wachsenden Anteil an den Auslandseinnahmen
des Landes.+

Amerika hat praktisch auch das


Monopol auf Betriebssysteme für
PCs und kann sich einer der
größten Machtkonzentrationen auf
dem weltweiten Telekommunika-
tionsmarkt erfreuen.

* IN DEN USA BEHEIMATETE H ER -


STELLER KÖNNEN MIT DEM E XPORT
AUDIO - VISUELIER P RODUKTE

595
G EWINNE ERZIELEN , WEIL SICH DIE
P RODUKTIONSKOSTEN AUF DEM

SPRACHLICH EINHEITLICHEN

HEIMISCHEN M ARKT BEREITS


AMORTISIERT HABEN . F ILMEMACHER

IN ANDEREN T EILEN DER W ELT -


GEOGRAPHISCH , SPRACHLICH UND

KULTURELL ZERSPLITTERT - HABEN

DIESEN V ORTEIL NICHT.

+ L AUT A MERICAN M OTION P ICTURE I NDUSTRY A SSOCIATION SIND


DER
DIE AMERIKANISCHEN U RHEBER -I NDUSTRIEN - ZU DENEN W ERBUNG ,
F ILM , F ERNSEHPROGRAMME , M USIK , C OMPUTERSOFTWARE ,
T ONAUFZEICHNUNGEN , V IDEO UND B ÜCHER GEHÖREN - » EINER DER
GRÖSSTEN UND AM SCHNELLSTEN WACHSENDEN A KTIVPOSTEN DER AME -
RIKANISCHEN W IRTSCHAFT « UND TRAGEN MIT 238 M ILLIARDEN
D OLLAR ZUM B RUTTOINLANDSPRODUKT DER USA BEI . S IE » LEISTEN
EINEN GRÖSSEREN B EITRAG ZUR AMERIKANISCHEN W IRTSCHAFT ALS
IRGENDEIN ANDERER P RODUKTIONSBEREICH EINSCHLIESSLICH
F LUGZEUGBAU , M ETALLERZEUGUNG UND -V ERARBEITUNG ,
E LEKTRONIK , M ASCHINENBAU , N AHRUNGSMITTEL UND VERWANDTE
E RZEUGNISSE SOWIE DIE CHEMISCHE I NDUSTRIE «, WIE AUS EINEM VON
DER I NTERNATIONAL I NTELLECTUAL P ROPERTY A LLIANCE HERAUSGE -
GEBENEN B ERICHT MIT DEM T ITEL C OPYRIGHT I NDUSTRIES IN THE US
E CONOMY : 1977-1993 HERVORGEHT (S EITE LLL -IV). S IE NEHMEN EINE
»S CHLÜSSELSTELLUNG IN DER LANGFRISTIGEN W IRTSCHAFTSPLANUNG
DER V EREINIGTEN S TAATEN EIN «. L AUT LN - DUSTRIAL O UTLOOK 1994,
HERAUSGEGEBEN VOM AMERIKANISCHEN W IRTSCHAFTSMINISTERIUM ,
ERBRACHTEN DIE AMERIKANISCHEN A USFUHREN AUF DEM AUDIO - VISU -
ELLEN S EKTOR 1993 DIE AM SCHNELLSTEN STEIGENDEN
E XPORTEINNAHMEN HINTER DEM A UTOEXPORT . D IE SECHS GRÖSSTEN
F ILMSTUDIOS IN H OLLYWOOD - U NIVERSAL ,

596
D ISNEY , W ARNER , P ARAMOUNT , F OX UND
C OLUMBIA /T RISTAR - HALTEN ZUSAMMEN 94
P ROZENT DES W ELTMARKTES . I N DIESER
B RANCHE FINDET EINE RASCHE K ONSOLI-
DIERUNG STATT . T IME W ARNER UND F OX

(M URDOCH /N EWS C ORPORATION ) KÖNNEN


ZUSAMMEN DIE H ÄLFTE DER E INNAHMEN AN

DEN AMERIKANISCHEN K INOKASSEN FÜR SICH

VERBUCHEN . D IE AMERIKANISCHE

F ILMINDUSTRIE ERZIELT IM A USLAND


GENAUSO HOHE U MSÄTZE WIE IN DEN
V EREINIGTEN S TAATEN . D ER W ARBURG -
B ERICHT STELLT FEST , DASS » AUF LÄNGERE
S ICHT DIE STETIG WACHSENDE N ACHFRAGE
NACH AMERIKANISCHEN P RODUKTEN AUS
I NDIEN , I NDONESIEN , C HINA UND O STEUROPA
DAS W ACHSTUM [ DER I NDUSTRIE ] UN -
TERSTÜTZEN WIRD «. D IE E XPORTE DER

AMERIKANISCHEN C OPYRIGHT -I NDUSTRIE


BELIEFEN SICH IM J AHR 1993 AUF INSGESAMT
45,8 M RD . D OLLAR .

Es ist daher kaum verwunderlich, daß sich die Regierung in


Washington als eifrige Verfechterin der trügerischen und scheinbar
über jeden Zweifel erhabenen Doktrin des »freien
Informationsflusses« zeigt. Doch was ist der »freie
Informationsfluß«? In einer vernetzten Weltwirtschaft ist er
entscheidend mit dem »freien Fluß von Waren und
Dienstleistungen« verbunden, da Information mittlerweile selbst

597
zur unabhängigen Ware geworden ist. Aber alte Gewohnheiten sind
hartnäckig: Die Leute verwechseln im allgemeinen diesen freien
Informationsfluß mit Redefreiheit. Pluralistisch Gesinnte sind zu
recht der Ansicht, daß die Meinungsäußerung niemals irgendeiner
politischen Zensur unterliegen sollte. Das ist jedoch eine
gefährliche Fehlinterpretation des Wortes »Information« in seinem
neuen cybernetischen Kontext, in dem praktisch alles in binären
Kategorien wahrgenommen wird. Allein der Begriff des »freien
Informationsflusses« ist schon so weit gefaßt, daß er jegliche
Bedeutung verliert. Die vermehrt stattfindenden Kämpfe um den
»freien Fluß« sind in Wahrheit Kämpfe um den Besitz der Infor-
mation, Auseinandersetzungen über Datenkonfigurationen und
Konflikte über ihre angemessene Verwendung. Im Grunde
genommen drehen sie sich um die Frage, wer über den Inhalt
bestimmt und damit die Rolle des Vermittlers - oder
Signalverwalters - einnehmen wird.*

Was die Urheber-Industrie angeht, kommt in diesen Fragen weitaus


mehr zum Ausdruck als die bloßen Rangeleien um neue
kommerzielle Märkte. Sie lassen den raffinierten Versuch erkennen,
das geistige Universum der Welt neu zu definieren und dessen
Grundlagen wie Kunst, Geschichte, Geographie und Literatur zu
entwerten sowie die Sprache und die Werte eines cybernetischen
Kolonialsystems an deren Stelle zu setzen.+

Stewart Brand hat in The Media Lab festgestellt: Ein globales


Bewußtsein entspricht nicht jedermanns Vorstellung von einer guten
Sache. Abgesehen davon, daß die nationale Staatsgewalt durch den
Einsatz globaler Registrierkassen geschmälert wird, besteht auch
die Gefahr, daß durch globale Jukeboxen und globale
Filmprojektoren kulturelle Identitäten auf der ganzen Welt
geschwächt werden. Einmal abgesehen von den eigenen Vorgärten,
verteidigt eine Gemeinschaft nichts heftiger als ihr Selbstwertge^
fühl und ihre Vorstellung von angenehmem Verhalten. Doch
während allgemein bekannt ist, wie man seinen Lebensbereich mit

598
physischen Mitteln verteidigt, müssen die Mittel zum Widerstand

* Ein Mitglied einer branchenübergreifenden Arbeitsgruppe, die die


allgemeinen Standards für Amerikas »Datenautobahn« festlegt,
stellt dazu fest: »Wenn man für etwas kein Geld verlangen kann und
wenn kein Handel stattfindet, dann gibt es auch kein System.« (Aus
einem Gespräch des Autors mit John Garrett von der Corporation
for National Research Initiatives (CNRI), Reston, Virginia,
21.7.1994.)

* Jacques Delors, der damalige Präsident der Europäischen


Kommission, verlieh 1994 seiner Überzeugung Ausdruck, daß
Musik und Filme »nicht nur Handelswaren sind, [...] sie sind
Ausdruck der Identität eines jeden Volkes, ein Ausdrucksmittel ihrer
Sprache, ihrer Geschichte, ihres Erbes und ihres künstlerischen
Erfahrungsschatzes.« (James Pressley: »EU stirs up controversy
with paper on film industry« in: Wall Street Journal, 8. April 1994.)

gegen elektronische Kommunikation erst noch erfunden


werden. Der Schaden ist währenddessen bereits eingetreten und
die geschickten Tüftler arbeiten für die Eindringlinge.17

Diese Erkenntnis heizte die Diskussion an und brachte die


Verhandlungen zwischen der EU und den Vereinigten Staaten über
audio-visuelle Erzeugnisse im Winter 1993 zum Scheitern. Wim
Wenders erklärte: »Wir befinden uns im Krieg, und die mächtigsten
Waffen sind Bilder und Ton.«18 Der Franzose Bertrand Tavernier
ging noch weiter. Er sprach von einem kulturellen Genozid: Die
Amerikaner »behandeln uns genauso wie damals die Indianer«19,
sagte er. Viele unabhängige amerikanische Filmemacher würden
ihm zustimmen, bezweifelten allerdings, daß es sich dabei um ein
typisch amerikanisches Problem handelte. Ihrer Meinung nach liegt

599
das Problem in den Vorgaben, die für Filmproduktionen gelten, und
die in den Vereinigten Staaten beheimatete Studios zufällig am
besten, aber nicht als einzige, erfüllen können. Das Hauptinteresse
einer ausschließlich von den Gesetzen des Marktes bestimmten
Medienindustrie ist die Vermeidung unkalkulierbarer Risiken und
Verstimmungen mit den maßgeblichen Stellen. Es geht darum, die
Finanziers zufriedenzustellen, denen vor allem daran gelegen ist,
ihr Kapital so gewinnbringend wie möglich zu investieren.(*
S TUDIOS IN DEN V EREINIGTEN S TAATEN WERDEN OFTMALS MIT P RO -
DUKTIONEN BEAUFTRAGT , DIE IHNEN KAUM S PIELRAUM LASSEN :
STANDARDISIERTE P RODUKTIONEN , DENEN ES MEISTENS AN T IEFE ,
R EFLEXION UND E INSICHTEN MANGELT UND DIE STATTdessen einen
breiten, kommerziell abgesicherten und von Klischees durchsetzten
Ansatz zur Unterhaltung wählen. Produktionen, die man als leicht
zugänglich, episodenhaft, anspruchslos und ziemlich oberflächlich
bezeichnen kann. Läßt die Tatsache, daß sich in jüngster Zeit
Kultfilme und Indepen- dent-Produktionen wachsender Beliebtheit
erfreuen, darauf schließen, daß die Leute eine Alternative zu den
üblichen Klischees suchen?)

Der Schauspieler Gérard Depardieu bezeichnet diese


Traumfabriken, die von einer neuen, rein gewinnorientierten
»Überlagerungskultur« beherrscht werden, als »Kriegsmaschinen«,
als Staat innerhalb des Staates.20

Hollywood hat in der Tat mehr als zwei Drittel des französischen
Kinopublikums auf seine Seite gebracht und in Europa insgesamt
einen Marktanteil von 80 Prozent erreicht. Die amerikanische
Filmindustrie breitet sich nach den gleichen Mustern aus wie
Microsoft im Bereich der Computersoftware: Nachdem Microsoft
vier Fünftel jedes anvisierten Marktes erobert hat, zwingt es seine
Konkurrenten dazu, sich entweder seinem Troß anzuschließen oder
ein marginales Dasein im Umfeld eindeutig kreativerer, aber
weniger einflußreicher Unternehmen wie Apple zu fristen. Jacques
Toubon, der frühere französische Kultusminister, meint, jede Regie-

600
rung müsse dafür sorgen, daß ihren Bürgern ein reichhaltiges
Angebot an Filmen und Fernsehprogrammen zur Verfügung steht,
und nicht nur eine beschränkte Auswahl, der immer »das gleiche
Modell, die gleiche Geisteshaltung und die gleiche Ästhetik
zugrunde liegt«. Wenn keine vorbeugenden politischen Maßnahmen
ergriffen werden, besteht die Gefahr, daß die europäischen und
andere Staaten an den Rand gedrängt werden. Die
Entscheidungsträger sprechen dann Englisch, das gewöhnliche Volk
benutzt »die Sprache des Fernsehens - 400 beliebig schlampige
Worte« - und die geistige Elite und die Verwaltungsbeamten
verwenden eine Sprache, die noch entfernt der Muttersprache
ähnelt. »Das würde bedeuten, daß unsere Gesellschaft [...] sich
nicht nur in Einzelteile auflösen würde, sondern daß die einzelnen
Teile noch dazu unfähig wären, sich untereinander zu
verständigen.«21

In einem Gespräch mit Le Monde sagte Toubon: »Die


angelsächsischen Länder unternehmen beträchtliche
Anstrengungen, [...] um neue Sprachkolonien zu schaffen.«22 (* A UF
DER ANDEREN S EITE DES A TLANTIKS SPRECHEN VIELE D IGERATI VON
DER » UNAUFHALTSAMEN TECHNISCHEN F LUT «. W IE ES SCHEINT ,
WOLLEN SIE DAMIT ANDEUTEN , DASS ES FÜR EINEN PRAGMATISCH

DENKENDEN M ENSCHEN EIN UNSINNIGES U NTERFANGEN IST ,


W IDERSTAND ZU LEISTEN , WENN eine Entwicklung doch
unumgänglich ist. Die Frage nach der Verantwortung sollte
demnach gar nicht erst ins Spiel gebracht werden. Man muß sich
zwangsläufig fragen, ob nicht bisweilen In dieser Welt der
»Sachzwänge« vermeintlich zweckloser Widerstand der einzig
ethisch vertretbare Standpunkt ist. Der allmähliche Aufstieg der
Braunhemden mag vielleicht »unumgänglich« gewesen sein, wenn
man die historischen und sozialen Verhältnisse berücksichtigt, die
zu jener Zeit in Europa herrschten. Warum gehört unsere
Hochachtung aber dennoch denen, die den Mut hatten, sich dem
Widerstand anzuschließen? Ist das reine Gefühlsduselei? In den
Medien wird heute die berechtigte Auflehnung gegen ähnlich

601
schreckliche - technische - Tendenzen oft abgewertet. Diejenigen,
die für eine lebendige Kultur eintreten, werden kurzerhand als
»elitär« abgestempelt oder, schlimmer noch, als »Luddisten«. Dabei
sind wir in keiner Weise dazu gezwungen, Technik einzusetzen.
Daß heute viele dem eigenen Auto den Vorzug gegenüber den
öffentlichen Verkehrsmitteln geben, ist keineswegs eine natürliche
Folge der Erfindung des Verbrennungsmotors, sondern das
Ergebnis bestimmter wirtschaftlicher und politischer
Entscheidungen.)

So sehr die französische Eindämmungspolitik vielleicht auch von


einem finanziellen Interesse bestimmt sein mag, es stehen doch
auch tiefergreifende Überlegungen dahinter, die in den zahlreich
geführten Diskussionen niemals richtig zur Geltung kamen. Hier
ging es nicht nur um eine Auseinandersetzung zwischen rivali-
sierenden Sprachräumen und wirtschaftlichen Einflußbereichen,
sondern darum, wie eine lebendige Kultur erhalten werden kann,
wenn sie mit den Gesetzmäßigkeiten eines rein logischen Systems
konfrontiert wird. In den Vereinigten Staaten veröffentlichte Wired
unterdessen mit einem Artikel über die Filmdebatte in Frankreich
ein digital erstelltes Bild, auf dem der frühere französische Staats-
präsident Francois Mitterand mit einer lächerlichen Mickey-Maus-
Kappe auf dem kahlen Schädel zu sehen war.23 Diese unange-

brachte Spötterei sprach Bände über die Engstirnigkeit, mit der


viele Digerati die Problematik betrachten. Sie verschanzen sich
hinter einer Mauer aus Dummheit und Arroganz und behaupten mit
scheinheiliger Logik: »Filme sind eine Ware wie jede andere. Wie
Möbel. Oder Hamburger. Wir machen sie nur zufällig besonders
gut.«24 Die Handelsbeauftragte Carla Hill erklärte 1993, daß eine
vernünftige Arbeitsteilung in der vernetzten Weltwirtschaft
zwangsläufig dazu führt, daß sich Frankreich mit der Herstellung
von Käse beschäftigt und Hollywood mit der Verzauberung der
Menschen. Ein Witz vielleicht, aber nichtsdestotrotz ernstgemeint.
Der europäische Vorschlag, eine zeitweilige Quotierung für die

602
Einführung von Hollywood-Produktionen zu erlassen, bis sich die
europäischen Filmemacher neu organisiert hätten, wurde als
»undemokratisch« abgelehnt; Europa würde damit eine »von der
Regierung sanktionierte Zensur« ausüben. Jack Valenti, geschickter
Machtjongleur an der Spitze der American Motion Picture
Association, der manchmal als der »Consigliere von Hollywood«
bezeichnet wird, vergoß Krokodilstränen darüber, daß Europa
Zuschauer daran hindern wollte, »selbst darüber zu entscheiden,
was sie sehen wollen«. Er kam der Sache schon näher, als er darauf
hinwies, daß sich neue Technologien einschließlich direkter
Satellitenübertragung und Pay- TV, allen »restriktiven
Bestimmungen widersetzen werden. Beschränkungen [und] Pro-
tektionismus sind in einer Welt des kreativen Wettbewerbs und
größerer visueller Auswahl fehl am Platz.« 25 (* D IE AUDIO - VISUELLE
»A USWAHL « WIRD IN W AHRHEIT ALLERDINGS VON EINER IMMER
KLEINER WERDENDEN A NZAHL VON K OMMUNIKATIONSIMPERIEN
FESTGELEGT , WIE AUS DEM C OMMUNICATIONS I NDUSTRY R EPORT von

Veronis, Suhler & Associates hervorgeht, zitiert in Alice


Rawsthorn: »Search for a happy ending« in: F INANCIAL T IMES , 30.
Dezember 1995. Die »Besorgnis, daß es für spezialisierte Film- und
Musikproduzenten zunehmend schwieriger wird, ihre Produkte zu
verkaufen, wenn die Konkurrenz mit Kabelanbietern,
Fernsehsendern und Online-Diensten zusammenarbeitet, die sich
alle im Besitz derselben diversifizierten
Kommunikationsunternehmen befinden, trägt viel zur Bildung
solcher Gemeinschaftsunternehmen bei.« Sie befürchten außerdem
Schwierigkeiten, Mitarbeiter für sich zu gewinnen, die einerseits
einen bekannten und somit zugkräftigen Namen haben und
andererseits grundlegende Führungsfähigkeiten mitbringen.

Mickey Kantor, der damalige US-amerikanische Handelsminister,


fügte hinzu, er habe befürchtet, daß die europäischen Vorschläge

603
»die Einschränkung der Rechte des Verbrauchers, das zu sehen, was
er möchte, zur Regel gemacht hätten«26.*

Hier findet eine Verschiebung statt: Die Europäer, die eigentlich


das Recht haben sollten, nach ihren eigenen gesellschaftlichen
Vorstellungen zu handeln, werden auf geschickte Weise zu
Zuschauern und Verbrauchern gemacht, denen nichts so sehr am
Herzen liegt wie das Recht auf eine Masse billiger und aufregender
Produkte. Und nur Hollywood und seine selbstlosen politischen
Handlanger in Washington D.C. sind dazu bereit, das heftige
Verlangen der Welt nach Brot und nie endenden Spielen zu
befriedigen.+

* Wired wählte in seiner Berichterstattung über die


Auseinandersetzung zwischen den USA und Frankreich eine
subtilere Methode, als kulturelle Befürchtungen einfach mit
handelspolitischen Begründungen abzutun. Laut Wired ist das
Problem nicht bei den Amerikanern, sondern bei den Franzosen zu
suchen, Deren gesamtes, zentralisiertes politisches System erweise
sich als unbrauchbar, wenn es mit starken »dezentralisierenden«
technologischen Kräften und der Nachfrage eines globalen Marktes
konfrontiert würde. Die Besorgnis über kommerzielle Filme sei
deshalb nur ein verdecktes Symptom der tiefen Krise Frankreichs.
Es sei unerfreulich, aber wahr, schreibt Wired, daß »Molière [...]
nicht mehr so berühmt wie Shakespeare« ist. (Was natürlich
nahelegt, daß sich die Qualität von Literatur am besten nach ihrem
Popularitätsgrad beurteilen läßt. John Andrews, »Culture wars« in:
Wired (UK) 1.01, April 1995.)

+ Nachdem sie die Gefahr aus Europa beseitigt hatten, wandten

604
sich die Amerikaner 1996 mit vereinten Kräften gegen den
»kulturellen Protektionismus« Kanadas.

Ein Kommentator aus Paris, der an einer ähnlichen Debatte über


Euro-Disneyland beteiligt war, sprach für viele, als er sarkastisch
bemerkte: »Ich fand es ziemlich schwierig, die GATT-
Bestimmungen zu verstehen. Ich weiß nur, daß die bösen
Amerikaner nicht damit zufrieden sind, uns Disneyland aufs Auge
gedrückt zu haben, jetzt wollen sie unsere Zukunft auch noch einem
Mann anvertrauen, der Mickey heißt.«27

Es steht weit mehr auf dem Spiel als verwaschene Vorstellungen


von unbeschränkter Freiheit, größere Marktanteile oder auch nur
schnöder Mammon. Was beispielsweise die Nachrichtenmedien
anbelangt, so geht es um nichts geringeres als um die Erzeugung
unseres kollektiven Traums und darum, wer das tut. Man kann nicht
erwarten, daß Kunst, ebensowenig wie Kultur, gedeiht, wenn ihr
Wert ausschließlich nach kommerziellen Kriterien bemessen wird.
Nehmen wir die scheinbar müßige Auseinandersetzung über die
Zukunft der englischen BBC, die seit langem zu den bewährtesten
der sonst leider so abgewirtschafteten britischen Bildungsinstitu-
tionen zählt. Eine von der Sunday Times am 3. Dezember 1995
veröffentlichte Umfrage ergab, daß die BBC für eine der
wichtigsten »Bildungseinrichtungen« in England gehalten wird. Die
BBC verfolgt eindeutige gesellschaftliche Anliegen. Sie entstand
aus den Trümmern des Zweiten Weltkrieges, als die Bürger
stillschweigend eine Übereinkunft darüber trafen, gegen eine
geringe Gebühr eine qualitativ hochwertige und unabhängige
Programmgestaltung zu unterstützen, die nach streng kommerzi-
ellen Maßstäben unmöglich gewesen wäre. Es handelt sich um eine
Form der Programmgestaltung, die unermüdlich dazu beiträgt,
genauso unermüdliche autoritäre Bestrebungen unter Kontrolle zu
halten. Deshalb können die Briten auf einen Sender stolz sein, »der
alle anderen Sender auf der Welt, was Nachrichten und

605
Berichterstattungen angeht, um Längen schlägt«; ein Sender, der
die besten Werte der Gesellschaft verkörpert, die ihn ins Leben
gerufen hat.28
Die intellektuelle Integrität der BBC - ihre Unabhängigkeit von
politischen oder wirtschaftlichen Einflüssen - ist nach gängiger
Meinung einer ihrer wichtigsten strategischen Aktivposten. Die
BBC genießt weltweit hohes Ansehen, ein Guthaben, das in den
üblichen Bilanzen unsichtbar bleiben muß. Gleichzeitig widerspre-
chen ihre unerschrockenen Berichterstattungen und unverblümten
Nachrichtensendungen jedoch auch häufig einer bequemen Version
von Wirklichkeit, wie sie von vielen Mitgliedern der
wirtschaftlichen und politischen Führungseliten - sei es im In- oder
Ausland - verbreitet werden. Hartnäckig wird in Großbritannien
immer wieder der Ruf laut, daß die BBC entmachtet, wenn nicht
vollständig privatisiert werden sollte, wodurch Werbe- kunden und
die Geschäftswelt größeren Einfluß auf die Berichterstattung hätten.

Im Jahr 1994 vertrieb der Vorsitzende der News Corporation,


Rupert Murdoch, die BBC Nachrichten von ihrem Sendeplatz auf
dem Satellitensender, der Star TV in Asien ausstrahlt, und damit
von den rasch wachsenden Märkten des Fernen Ostens. Als Grund
gab er an, daß er von der greisen Führungsspitze in Peking unter
Druck gesetzt worden sei: Er wollte ihren empfindlichen autoritären
Ansprüchen Genüge tun und war zugleich ängstlich darauf bedacht,
sich den strategischen Zugriff auf den zukünftigen riesigen Markt
zu sichern, den die chinesischen Verbraucher darstellen. Seine
Rechtfertigung? Ausschließlich Geschäftsinteressen: »Um da
überhaupt reinzukommen und anerkannt zu werden, waren wir be-
reit, die BBC zu kappen.« Nur wenige Monate zuvor hatte derselbe
Rupert Murdoch vor einem ganz anderen Publikum in London eine
erfreuliche Rede gehalten, die so klang, als habe er Kreide
gefressen. Er sagte nämlich, daß hochentwickelte Technologien sich
»eindeutig als Bedrohung für totalitäre Regimes auf der ganzen
Welt erweisen werden«29.

606
Die Informationstechnologie wird leider oft dazu benutzt, eine
völlig andere Agenda zu entwerfen - eine Politik der Expansion.
Das Ausleseverfahren, das Mr. Murdochs News Corporation
vornimmt, ist ein unmißverständliches Zeichen für alle, die an
echten Pluralismus und einen ehrlichen Wettstreit der Ideen
glauben. Trotz all des Geredes darüber, daß »freier Austausch und
Demokratie untrennbar miteinander verbunden sind«, ist zu
erkennen, daß es gerade in einer digitalen Welt erschreckend
einfach ist, gleichzeitig zu prosperieren und zu unterdrücken. Eine
Umgebung, in der Informationen direkt und grenzüberschreitend
auf elektronischem Wege übermittelt werden, kann auch eine
starke, zentralisierte Nachrichtenkontrolle begünstigen.*

Nehmen wir einen anderen Fall.


Mitglieder des Europäischen
Parlaments versuchten, Art und
* E INES DER WICHTIGSTEN
Anzahl der Werbeblocks, die
GESELLSCHAFTLICHEN Z IELE IN während der Kindersendungen
EINEM Z EITALTER DES eingeblendet werden, generell zu
GRENZÜBERSCHREITENDEN beschränken. Die World Federation
I NFORMATIONSFLUSSES IST ES , DIE
of Advertisers wehrte sich heftig
ÖFFENTLICHEN R UND -
FUNKANSTALTEN DER EINZELNEN dagegen mit dem Argument, daß
L ÄNDER AUF EINE GESUNDE diese Werbung »die [Europäische]
WIRTSCHAFTLICHE B ASIS ZU Gemeinschaft in wirtschaftlicher
STELLEN ( ZUSAMMEN MIT S CHU -
Hinsicht belebt, Arbeitsplätze
LEN , B IBLIOTHEKEN UND
U NIVERSITÄTEN ) UND EINEN W EG schafft, dem Verbraucher eine grö
ZU FINDEN , PRIVATE D A-
TENBANKEN FÜR
A USBILDUNGSZWECKE ZUR
V ERFÜGUNG ZU STELLEN . E IN
» MARKTWIRTSCHAFTLICHER «
A NSATZ ZUR S ICHERUNG DES
ÖFFENTLICHEN W OHLS , DER OFT
VON DENJENIGEN ANGEFÜHRT
WIRD , DIE GEGEN EINE
TRAGFÄHIGE FI -
ÖFFENTLICH
NANZIERTEA LTERNATIVE ZU DEN
KOMMERZIELLEN M EDIEN SIND ,
WIRD NUR ZU EINER WEITEREN
K ONZENTRATION UND
K OMMERZIALISIERUNG AUF
K OSTEN DES GESAMTEN
607
S OZIALSYSTEMS FÜHREN .
ßere Auswahl bietet und zugleich auch wesentliche Mittel
[einbringt], um die traditionellen und neuen Medien zu
finanzieren«. Der Ministerrat in Brüssel brachte daraufhin die Pläne
des Parlaments zu Fall.30 Auch hier hat man sich eine scheinbar
neutrale und sachliche Sprache zu eigen gemacht, mit der sich die
moralischen Implikationen solcher Entscheidungen, die unter
Ausschluß der Öffentlichkeit getroffen werden, kaschieren lassen.
Die modernen Verfechter des »freien Informationsflusses« rufen
uns immer wieder den unsterblichen Milo Minderbender in
Erinnerung, jenen Schurken aus Joseph Hellers satirischem Roman
Catch 22. Wie Minderbender bringen auch sie zielsicher das
öffentliche Interesse und die wesentlich enger gesteckten Ziele ihrer
persönlichen Unternehmungen durcheinander. Und dann besitzen
sie die Frechheit zu behaupten, daß sie in selbstloser Weise
Organisationen leiten würden, an denen »jeder seinen Anteil hat«.

Die demokratischen Philosophen des siebzehnten und


achtzehnten Jahrhunderts - die ihre Schriften oft unter großen
persönlichen Risiken verfaßten - vertraten entschieden die
Meinung, daß die Staatsgewalt vom Volk ausgehen sollte. Ein
zentraler Grundsatz ihrer Vorstellung von demokratischer Ordnung
war, daß eine Regierung unter keinen Umständen die öffentliche
Meinung lenken dürfe, indem sie den freien Gedankenaustausch
unterbindet. Demokratische Denker des achtzehnten Jahrhunderts
wie Edmund Burke, David Hume und Thomas Jef- l'erson
begriffen, daß politische Freiheit entscheidend vom
Informationsgrad der Bürger abhängt - auch wenn zu jener Zeit nur
wohlhabende weiße Männer als Bürger galten - und daß dies am
ehesten durch eine freie Presse zu erreichen ist, die innerhalb der
bürgerlichen Gemeinschaft ihren Platz hat.*

608
* I N SEINER S CHRIFT O F THE F IRST P RINCIPLES OF G OVERNMENT , DIE
1758 VERÖFFENTLICHT WURDE , WUNDERTE SICH D AVID H UME ÜBER
DEN » BEDINGUNGSLOSEN G EHORSAM , MIT DEM DIE M ENSCHEN IHRE
EIGENEN G EFÜHLE UND L EIDENSCHAFTEN DENEN IHRER B EHERRSCHER
UNTERORDNEN . W ENN WIR EINMAL UNTERSUCHEN , AUF WELCHE
W EISE SICH DIESES W UNDER VOLLZIEHT , WERDEN WIR DARAUF
STOSSEN , DASS DIE R EGIERENDEN NICHTS HABEN ALS M EINUNGEN , UM
IHR V OLK ZU LENKEN , DA SICH DIE M ACHT IMMER AUF DER S EITE DER
R EGIERTEN BEFINDET . D ESHALB GRÜNDET SICH JEDE R EGIERUNG
AUSSCHLIESSLICH AUF M EINUNGEN , DIESE M AXIME GILT FÜR DIE
AUTORITÄRSTEN UND MILITARISTISCHEN R EGIERUNGEN GENAUSO WIE
FÜR DIE LIBERALSTEN UND VOLKSTÜMLICHSTEN .«

Jene Philosophen verfaßten ihre


Schriften jedoch zu einer völlig anderen Zeit, in der sie ihre Ideen
auf Flugblättern oder mündlich unters Volk brachten. Die
menschlichen Netzwerke waren viel organischer und orientierten
sich an anderen Maßstäben: Sie entstanden in Markthallen, auf
öffentlichen Plätzen und in den Gasthäusern. Aber wie sollen die
Menschen in der heutigen, gänzlich anders gearteten vernetzten
Welt das Gefühl für ein von der Vernunft geleitetes Eigeninteresse
entwickeln - in einer Welt des Profitdenkens, der vorgefertigten
Persönlichkeiten und mythischen Lifestyles; einer Welt, in der die
Verlockung, bestimmte Ideen und Waren zu konsumieren, so groß
ist, daß alle anderen Probleme im Vergleich dazu unwichtig
erscheinen? Weil wir in einer vernetzten Landschaft leben, haben
wir den Filter, durch den wir die meisten Ereignisse wahrnehmen,
diesem fragwürdigen System schon seit langem angepaßt. In den
Nachrichtenzentralen vieler Zeitungen haben beispielsweise die ge-
forderten Kenntnisse und Fähigkeiten mehr mit dem Verpacken und

609
dem Verkaufen von Informationen zu tun als damit, die
Authentizität der übermittelten Daten zu gewährleisten. Die
kommerziellen Nachrichtenmedien, die sich das Mäntelchen der
»Objektivität« umhängen und versessen darauf sind, sachliche
Widersprüche aufzuzeigen, versagen allzu oft vor der wichtigeren
Aufgabe, kritische Analysen durchzuführen und nach allgemein
gültigen Wahrheiten zu suchen. Sie haben die Anliefen

ihrer Werbekunden zu den ihren gemacht und behaupten, dem


öffentlichen Interesse zu dienen, indem sie eine Auswahl bieten,
während sie in Wirklichkeit nur ihre eigenen Interessen verfolgen.
Die beliebte Nachrichtenmoderatorin Margaret Carlson vom
amerikanischen Time-Ma- gazine, bemerkt dazu: »Je weniger du von
einer Sache verstehst, desto besser bist du dran.«31

In diesem Stadium unserer Entwicklung stellt nicht mehr die


Regierung die größte Bedrohung für den demokratischen
Pluralismus und den freien Gedankenaustausch dar. Die
entwickelte Welt wird statt dessen auf subtile Weise von
Meinungsumfragen, Medien-Tycoons und politischen Handlangern
drangsaliert. Die Informationssphäre, innerhalb derer das Internet
nach wie vor nur eine verhältnismäßig kleine (und immer
kommerzieller werdende) Galaxie darstellt, wurde von Wirtschafts-
imperien in Besitz genommen, deren Programme oft im krassen
Widerspruch zu den Interessen der Gesellschaft stehen. Zusätzlich
sehen sich die Bürger nun auch noch den Gefahren einer Technik
ausgesetzt, die es ermöglicht, gleichzeitig die Wege der
Nachrichten wie auch ihren Inhalt zu kontrollieren: also den
gesamten öffentlichen Informationsbereich zu beeinflussen.
Damals, als noch Flugblätter verteilt wurden, wäre das so gewesen,
als gehörten das Gasthaus, die öffentlichen Märkte und Plätze
plötzlich einer eigennützig handelnden gesellschaftlichen
Minderheit, die darüber hinaus die Druckpressen besäße und einen
Großteil der Schreiber für sich arbeiten ließe.
Die Medien der entwickelten Welt unterliegen tatsäch- lich in
weit größerem Maße einer wirtschaftlichen Selbstzensur als einer
politischen Zensur. Sehr viele - aber nicht alle - Nachrichtenmacher
haben ihren analytischen Anspruch verloren und bieten statt dessen
aufgebauschte und kommerzialisierte und/oder verzerrte Bilder
einer

Wirklichkeit, die ihren persönlichen Zwecken dienlich ist.32 Wie


Frank Rieh, Kolumnist bei der New York Times, schreibt:
Tückischerweise hat Fernsehjournalismus weniger mit Inhalten
als mit den Kräften des Marktes jener Kultur zu tun, in der er
zu Hause ist. [...] Für die Fernsehnachrichten und
fortwährenden Talkshows gelten dieselben Prinzipien wie für
die übrige Fernsehunterhaltung. Journalisten [...1 werden zu
Serienfiguren mit überzeichneten persönlichen Zügen, die
genauso unveränderlich sind wie die Zeichentrickgestalten in
Familie Feuerstein. Die »Plots« der Sendungen, die auf
Konfrontation und oberflächliche Meinungsmache setzen, sind
alle gleichermaßen stereotyp, ob sie O.J. Simpson oder Bosnien
zum Thema haben. Der Journalismus hat nicht nur seine
Schlagkraft, sondern jegliche Bedeutung verloren.

Es besteht die Gefahr, schreibt er, daß »die Öffentlichkeit, der die
Presse fremd geworden ist, auch den Bezug zu den Einrichtungen
und den Personen verliert, über die diese Journalisten berichten,
und sich wahrscheinlich ihre Informationen und Leitfiguren
außerhalb des Systems suchen wird. Den Medien ist [gegenwärtig]
nicht klar, welche Rolle sie bei der Erzeugung jenes Klimas der
Entfremdung und des Unmuts spielen, das unsere instabile
politische Kultur kennzeichnet.«33

Während der Blütezeit der Athenischen Demokratie mußte jeder


Redner, der vor der Versammlung sprechen wollte, einen
Lorbeerkranz tragen. Auf diese bescheidene Weise bekannte er sich

611
öffentlich zu der Ehre und der Verantwortung, die mit dem
Bürgerstatus verbunden waren. Man hört oft, daß neue
Netzwerktechnologien vielleicht dazu mobilisiert werden könnten,
ein derartiges biirgci Ii ches Bewußtsein wieder zum Leben zu
erwecken. Sie könnten dazu beitragen, daß »Räume« für öffentliche
Versammlungen, Beratungen und Debatten entstehen, in denen die
Bürger die Kunst der Überzeugung - die es erfordert, die eigenen
Ansichten im Hinblick auf das allgemeine Wohl zu rechtfertigen -
neu erlernen könnten. Aber solange das Internet im Verhältnis zum
gesamten Informationsraum nur einen winzigen Nebenschauplatz
darstellt, ist es wichtiger - so ironisch, widersprüchlich und wenig
fortschrittlich das auch scheinen mag - den öffentlichen Rundfunk
auf eine gesichertere finanzielle Basis zu stellen und ihm die
notwendige Unabhängigkeit zu verschaffen.

In Wahrheit verhält es sich nämlich so, daß »im Kampf zwischen


dem technisch Machbaren und dem wirtschaftlich Erstrebenswerten
die Wirtschaft immer den Sieg davonträgt«34. Das ist allerdings zu
sehr vereinfacht, weil das politische und soziale Klima ebenfalls
eine Rolle spielen. Das wirkungsvolle Zusammenspiel wirtschaftli-
cher Ziele und technischer Möglichkeiten macht aus der
Informationssphäre der modernen Gesellschaft einen populären
Schauplatz, auf dem farbenprächtige Spektakel und
sinnverwirrende Zerstreuung dargeboten werden; es schafft ein
räumlich unzusammenhängendes Reich, in dem selten Platz ist für
die Entwicklung eines bürgerlichen Selbstverständnisses. George F.
Kennan, der während des Kalten Krieges die Eindämmungspolitik
gegenüber der Sowjetunion propagierte, ist der Ansicht, daß
»unsere Regierung sich aus der öffentlichen Debatte weitgehend
zurückgezogen hat, und zwar sowohl im Bil- dungs- als auch im
Unterhaltungsbereich, und sie dem Gutdünken der Werbefachleute
überlassen hat, also Leuten, die ohne jede Verantwortung
gegenüber der Öffentlichkeit sind, weder in erzieherischer,
intellektueller, ästhetischer oder sonstiger Hinsicht«35.
Nach dem Ende des Kalten Krieges wird die behördliche Zensur
von der Zensur des Buchhalters und den »Kräften des freien
Marktes« abgelöst. Dieser Meinung war zumindest Krzysztof
Kieslowski, der kürzlich verstorbene, polnische Regisseur. Er
konnte für sich die Erfahrung in Anspruch nehmen, sowohl unter
autoritärer kommunistischer Herrschaft (während der die Menschen
verbotene Gedichte und Bücher auswendig lernten, um sie nicht in
Vergessenheit geraten zu lassen) als auch in der freien
Marktwirtschaft des Westens gearbeitet zu haben. Kieslowski
konnte sich gegenüber den Widrigkeiten beider Seiten durchsetzen,
insbesondere mit der Produktion seiner hervorragenden Filmtrilogie
Drei Farben. Und doch beschäftigte er sich bis zum Zeitpunkt
seines Todes im Jahr 1996 sehr ausführlich mit den Gefahren durch
die »sogenannte wirtschaftliche Freiheit«. Sie bedrohe die Existenz
unabhängiger Denker und begnadeter Künstler auf der ganzen Welt.
Sie entfalte sich mittels mächtiger Informationswerkzeuge und
könne daher allzu leicht eine Form der Marktdiktatur hervor-
bringen, unter der die freie Meinungsäußerung - und die Menschen
selbst - vernichtet würden.36

Der gesamte Welthandel wird immer mehr von einer falschen


»Freiheit« und den bereits genannten zerstörerischen
cybernetischen »Verbindungen« bestimmt. Das von allem
Menschlichen losgelöste und trügerisch neutrale Vokabular des
»freien Informationsflusses« bezieht sich auf die oberflächlichen
Inhalte des Geschäftslebens ohne Zusammenhang mit dem
menschlichen Leben. Es gestaltet die Welt in einer Weise um, die
sich verheerend auf die Lebendigkeit ihrer kulturellen Vielfalt
auswirkt.

Nehmen wir ein anderes Beispiel, das auf den ersten Blick in
keinem Zusammenhang damit steht, nämlich die erfolgreichen
Bestrebungen der amerikanischen Reis-

Produzenten, den japanischen Markt aufzubrechen. Während der

613
Auseinandersetzungen zwischen Tokio und Washington in den
frühen neunziger Jahren verloren sich die Handelsbevollmächtigten
der amerikanischen Regierung in gesetzlichen Haarspaltereien, bei
denen es um die Frage ging, für wie viele Säcke Reis die Japaner
eine Einfuhrgenehmigung erteilen müßten. Indem die Amerikaner
diesen Punkt in den Mittelpunkt der Diskussion stellten, blieb die
Frage der kulturellen Belange nebensächlich. Sie wußten natürlich,
daß der Reisanbau ein wesentlicher Bestandteil der japanischen
Tradition ist. Der Shintoismus und der Buddhismus gehen davon
aus, daß Nahrungsmittel eine Seele haben. Es ist ein alljährliches
Ritual, daß der japanische Kaiser eigenhändig die ersten Schößlinge
der neuen Ernte setzt und während der gesamten Reifezeit finden
aufwendige Gebets- und Dankeszeremonien statt. Der Reisanbau
steht in engem Zusammenhang mit Lebensweise und
Weltanschauung der Japaner und hat eine Bedeutung, die nicht
allein durch den Preis und die Erntemenge erfaßt werden kann.

Die Reisfelder waren traditionellerweise kaum größer als 80 Ar


und erforderten ständige Pflege und eine intensive Beziehung zum
Land. Für einen Inselstaat, dem es seit jeher an Rohstoffen mangelt,
war damit eine gewisse natürliche Unabhängigkeit gewährleistet,
die aber auch ihren Preis hatte. Die kleinen japanischen
Landwirtschaftsbetriebe sind ausgesprochen »ineffizient« im
Vergleich zu den amerikanischen, deren Felder im Schnitt die tau-
sendfache Größe haben. Da sie nicht den gleichen kurzfristigen
Größenvorteil nutzen können, produzieren die Japaner zu
entsprechend höheren Preisen. Im niedrigen Listenpreis des
importierten Reises sind natürlich die langfristigen Kosten, die mit
seiner Produktion verbunden sind, nicht enthalten - nämlich die
Abhängigkeit von industriell angebauten Monokulturen, die nicht
nur die

Vielfalt der Sorten mindern, sondern auch eine übermäßige


Zentralisierung begünstigen, die Widerstandsfähigkeit gegen
Krankheits- und Schädlingsbefall verringern und dazu zwingen,
sich auf den Einsatz hochentwickelter Chemikalien zu verlassen.
In den Mengenpreisen spiegelt sich besonders deutlich wider, wie
kurzsichtig hier gedacht wird. Wenn die Menschen diese Tatsache
irgendwann einmal in ihrem vollen Umfang begriffen haben, wird
es die japanischen Bauern aufgrund des Konkurrenzdrucks durch
die »Liberalisierung« leider längst nicht mehr geben. Der Markt für
einheimischen Reis wird geschwächt, die Felder werden
vernachlässigt und liegen brach, die mit dem Land verbundenen
Werte werden ihre Gültigkeit verlieren und das soziale Gefüge des
Dorfes wird sich auflösen. Die Möglichkeit für japanische
Verbraucher, billigeren Reis zu kaufen - eine leicht meß- und
berechenbare Größe - kann keinen Ausgleich dafür schaffen, daß
ein lebendiges kulturelles Erbe verloren geht, und damit ein weite-
res schwer zu charakterisierendes Gut, das nicht einfach unter die
Kategorien des Marktes subsumiert werden kann.

Entgegen der verbreiteten Meinung, die Informations-


»Revolution« verleihe dem einfachen Mann Macht, werden aus
einer globalisierten InformationsWirtschaft fast ausschließlich
diejenigen den größten Nutzen ziehen, die über ihre Mythen, ihre
Technologien und ihre »Inhalte« bestimmen. Den Signalmanagern
wird ein Freibrief ausgestellt, mit dem sie das Informationsneuland
auf eine zumindest nominell legale Weise ausbeuten können. Die
übliche Unterscheidung zwischen der Ersten und der Dritten Welt,
zwischen Norden und Süden ist nicht mehr rein geographischer Art.
Sie gilt in zunehmendem Maße auch für die Informationssphäre
und in gleicher Weise für reiche wie für arme Länder. Wer einen PC
besitzt kann kaum unter den gleichen Bedingungen gegen die be-
trächtlichen Ressourcen und die ungleich mächtigeren
Verarbeitungssysteme antreten, die von den vernetzten
cybernetischen Unternehmen aufgewandt werden. Der erweiterte
Zugriff auf Informationen und die Möglichkeit, sich weltweit über
das Internet zusammenzuschließen, sind natürlich auf ihre Art
nützlich. Die Spielregeln sind jedoch drastisch verschärft worden,

615
und man darf bezweifeln, ob sich das relative Gleichgewicht der
Macht wirklich verschoben hat. Es wird immer einen Markt geben,
der den Begüterten die entsprechenden Instrumente verschafft, um
den Ereignissen immer einen Schritt voraus zu sein, und sie deshalb
vielleicht auch lenken zu können. Information ist Geld, und die
wichtigsten Informationen werden noch begehrter und wertvoller in
einer informationsgesättigten Wirtschaft, in der die Reaktionszeit
eine wichtige Rolle im Konkurrenzkampf spielt.

In einem solchen Markt kann man nur dann bestehen, wenn die
grundlegenden Werte neu definiert werden und die unlösbare
Verbindung zwischen den verschiedenen Kulturen und zwischen
den Menschen und der Natur erfaßt wird. Eine echte
Kommunikationsrevolution verlangt von uns Achtung vor dem,
was der amerikanische Naturalist Barry Lopez als »ausgeglichenere
Beziehung zu all dem, was wir uns unterworfen haben«,
bezeichnet.37 Im Grunde genommen besteht sie darin, daß wir
bereit sind, die notwendigen Opfer auf uns zu nehmen, um eine tat-
sächliche Kommunikation herzustellen.

Allzuviele Krieger des Informationszeitalters argumentieren, daß


wir uns in einer komplexen Welt allenfalls über »objektive«
Tatsachen verständigen können. Damit zeigen sie, daß sie im
veralteten System eines ungebrochenen europäischen
Rationalismus des siebzehnten Jahrhunderts gefangen sind. Sie
mißachten die wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse der
Gegenwart ebenso wie jenen über Jahrhunderte hinweg
überlieferten Wissensschatz und nehmen statt dessen Zuflucht zu
einem falschen Universalismus, zum kleinsten gemeinsamen
Nenner, zu greifbaren Zahlen, die vermeintlich niemals lügen -
kurz gesagt, zu den Werten des binären Codes. Es ist auffällig, wie
häufig die Sprache unscheinbarer Ziffern mit den Imperativen des
großen Geldes übereinstimmt, wie oft dieselben Redewendungen
benutzt werden, wenn es um den »freien Informationsfluß« und um
ungebremste und unrechtmäßige Eroberung geht.
Die Nuancen des individuellen und des kulturellen Lebens
können jedoch nicht völlig außer acht gelassen werden. Eine
Zivilisation kann sich nicht allein auf eine zersplitterte
Gemeinschaft von Nutzern und Verbrauchern gründen. Je länger
menschliche Werte aus den Absichtserklärungen der
Informationsglobalisten ausgeklammert bleiben, um so größer
werden die Spannungen in der Welt, um so öfter werden
protektionistische Maßnahmen ergriffen werden und um so heftiger
und häufiger werden Fremdenhaß und Massenunruhen zum
Ausbruch kommen. Den cybernetischen Weltmärkten mangelt es in
jener Atmosphäre des gnadenlosen Konkurrenzkampfes auf den
Weltmärkten an der Voraussicht, dem gemeinsamen Willen und den
institutionellen Kapazitäten, um zu- kunftssichernd zu handeln. Es
geht ihnen wohl nur darum, ihren »Informations-Hoheitsbereich«
zu schützen und zu vergrößern. Sie gerieren sich so wie damals die
Nationalstaaten bei ihrem unwürdigen Gerangel um die Kontrolle
über die Ländereien und Ressourcen in den Kolonien. Wenn die
neuen Eliten nicht endlich gemeinsame längerfristige Interessen
entwickeln - zu deren Unterstützung es einer informierten
Wählerschaft, einem Mindestmaß an sozialem Zusammenhalt und
einer gleich- mäßigeren Verteilung der sozialen Lasten bedarf be-
steht die Gefahr, daß sie genau das System zerstören, von dem ihr
Wohlergehen abhängt.

Jede Kommunikation, sei es die zwischen einzelnen Personen,


Kulturen oder auch zwischen Menschheit und Erde, erfordert die
Bereitschaft, sich der Vielfalt anzupassen, statt sie zu vernichten,
sie erfordert die eigentlich selbstverständliche Rücksichtnahme auf
verschiedene Weltanschauungen und Lebensformen. Ein neues und
menschlicheres Vokabular ist nötig, das die Verantwortung und die
Pflichten, die mit Macht verbunden sind, berücksichtigt, und ein
völlig neuer Entwurf des »guten Lebens«, in dem die Natur nicht
nur als Ressourcenschatz, sondern auch als Quelle geistiger
Anregungen geachtet wird.

617
Die mythische Landschaft der cybernetischen Gesellschaft sieht
ganz anders aus als alle, die bislang am menschlichen Horizont
erschienen sind. Ihre Umrisse müssen nicht den festen Raum- und
Zeit-Koordinaten der natürlichen Welt entsprechen: Ihre Grenzen
werden von unseren Träumen gezogen. Wie es aussieht, werden die
Informationsnetzwerke allerdings nur dazu benutzt, um die Träume
einer privilegierten Minderheit wahr werden zu lassen. Sie werden
dazu benutzt, mächtige unabhängige Staaten zu errichten -
vernetzte Kommunikationszentren, die parallel zu den bestehenden
politischen Systemen und Regierungen existieren. Manchmal treten
diese unabhängigen Staaten in Konkurrenz zu den alten
Regierungen; meistens leben sie jedoch in friedlicher Koexistenz.
Aber in zunehmendem Maße finden sich nationale Regierungen -
diese manchmal etwas schwerfälligen Wesen, die sich innerhalb der
Grenzen eines geographisch definierten Gebietes bewegen und an
ihre Verfassungen gebunden sind - in den adrenalin-gesät- tigten
cybernetischen Machtgefilden in der Rolle des »veralteten
Dinosauriers« wieder. Wir müssen uns der beunruhigenden
Tatsache bewußt sein, daß die gepriesene »Befreiung« vom
geographischen Raum gerade die Institutionen in Gefahr bringt, auf
denen die repräsentative Demokratie beruht.

K APITEL ACHT

Der fernbediente Mensch

[...] FÜR ALLES MUSS MEHR BEZAHLT WERDEN UND DER T RAUM VOM
FREIEN UND SINNVOLLEN L EBEN IST NICHT MEHR NUR S ACHE DER
F LUCHT AUS DEMM UTTERSCHOSS , SONDERN S ACHE DER HARTEN UND
ALLTÄGLICHEN K ONFRONTATION MIT DEN DUNKLEN K RÄFTEN DER
N EUZEIT .
Vaclav Havel'1

Als junge südafrikanische Musiker in den frühen achtziger Jahren


die Revolution besangen, meinten sie damit die Befreiung von der
Apartheidsregierung. Diese baute wie besessen Gefängnisse statt
Schulen und Krankenhäuser, hetzte die Stämme gegeneinander auf
und unterschied säuberlich zwischen Indern, Farbigen und Weißen.
Die Musiker sangen mit der moralischen Kraft eines Volkes, das
von einer nicht rechtmäßigen Regierung unterdrückt wurde, und
brachten ihre Vorstellung von einem selbstbestimmten,
gemeinsamen Schicksal zum Ausdruck.

Die Kräfte, die in Südafrika während seines bemerkenswerten


politischen Reformkurses zu spüren waren, sind völlig verschieden
von denen, die heutzutage die cy- bernetische »Revolution«
vorantreiben. Die begeisterte Rede der Digerati von der Revolution
hat einen ganz anderen Klang. Sie glauben, daß die vollständige
elektronische Vernetzung das Gleichgewicht der politischen Kräfte
von Grund auf neu gestaltet. Die Welt ist so schnell und komplex
geworden, sagen sie, daß formale politische Interventionen immer
zu spät und meist wirkungslos sind. In einer komplett vernetzten
Welt liegt unser gemeinsames Schicksal am besten in der
unsichtbaren Hand des wirtschaftlichen Liberalismus. Auch der
freie Handel, der freie Informationsaustausch und die ungehinderte
technische Entwicklung sind demokratische und »libera-
lisierende« Kräfte. Außerdem muß ganz einfach jedes Land, das
ernsthaft darauf hofft, das einundzwanzigste Jahrhundert als
Wirtschaftsmacht zu erleben, seine ureigensten unternehmerischen
Energien freisetzen. Das ist die einzige Aufgabe, die die Politik
noch zu erfüllen hat.

Die Solisten in diesem nicht gerade vielstimmigen »re-

619
volutionären« Chor sind überwiegend weiß, männlich und
nordamerikanischer Herkunft. Dazu zählen Männer wie George
Gilder, ein Technologie-»Visionär«, der der ultra-libertären
Progress and Freedom Foundation von Newt Gingrich angehört,
Kevin Kelly, der die Fäden bei Wired zieht, und eine Unmenge von
Führungskräften aus der Geschäfts- und Finanzwelt des »New
Age«. Sie sind Kinder der Drogenkultur der sechziger Jahre, die
jetzt die politische und unternehmerische Mündigkeit erreicht
haben, und waren Zeugen der Ermordung von Präsident Kennedy
und Martin Luther King. Sie bekamen ebenfalls die fürchterliche
Eskalation des Vietnamkrieges unmittelbar zu spüren. Es ist daher
nicht verwunderlich, daß viele sehr zwiespältige Gefühle gegenüber
der Regierung in Washington hegen. Aber obwohl sie von dem
Wunsch getrieben wurden, einen ganz neuen Modus für das
amerikanische Leben zu finden, sind etliche inzwischen eher
materialistisch eingestellt. Ihr Nonkonformismus äußert sich heute
in der allgemeinen Überzeugung, daß in einer beschleunigten,
cybernetisch vernetzten Welt kein Platz mehr ist für eine
schwerfällige Politik, unflexible Justiz, langweilige Lehre und
vorsichtige Diplomatie. Die Ereignisse haben etwas von dem
grellen Durcheinander eines Videospiels an sich. Nur anpas-
sungsfähige digitale Straßenkämpfer sind so zäh und geschmeidig,
daß sie sich in diesem verwirrenden Konkurrenzkampf erfolgreich
schlagen können. Nur sie haben die unbeteiligte Stärke, die
Entscheidungskämpfe um kommerzielle Märkte zu führen, neue,
nie dagewesene Produkte zu entwerfen und so der Menschheit die -
wirtschaftliche - Erlösung durch die Technik zu bringen. Einige der
ungeduldigeren Anführer tun sich schwer damit, ihre Verachtung
für fast jede Form regulierender Maßnahmen zu verbergen. John
Malone, ein wohlhabender Kabel-TV-Magnat, hat nur Spott für die
gewählte Legislative übrig. »Ich würde mir eher den Fuß abhacken,
als nach Washington zu gehen«, poltert er bei einem Interview mit
Wired. »Ich habe keine Achtung vor Politikern, und ich kann das
auch nicht gut verbergen.«2
Es wäre schön, wenn die digitale Vernetzung eine grundlegende
Reform der Demokratie auslösen würde. Der Status quo und seine
Hüter können schließlich nicht länger eine prinzipielle
Rechtmäßigkeit für sich beanspruchen. Es wird immer deutlicher,
wie Gore Vidal schreibt, daß »das Fundament unserer baufälligen
Zivilisation, unser Gewicht nicht mehr viel länger tragen kann«3. In
allen Ländern der Erde gehören die Meldungen über finanzielle
Schiebereien und Betrügereien und das Feilschen von Unternehmen
um mehr Einfluß mittlerweile zum Alltag. Jean-Marie Guehenno,
Abgeordneter Frankreichs bei der Westeuropäischen Union, führt
das Ausmaß an Korruption und Amtsmißbrauch unter den
Politikern auf der ganzen Welt auf die Informationsrevolution, die
globale Vernetzung und die Inter- nationalisierung der Märkte
zurück, wobei dem nichts entgegengesetzt wird, um die neuen
Mächte zur Verantwortung ziehen zu können. Er warnt davor, daß
das »Ende der Demokratie« bevorsteht, wenn wir nicht in der Lage
sind, »wieder zu erkennen, daß einer menschlichen Gemeinschaft
nicht nur politische Ideen zugrunde liegen, sondern auch
philosophische und religiöse. Nachdem unsere bequemen,
geographischen Grenzen nicht mehr existieren, müssen wir erneut
herausfinden, worin die Bindung zwischen den Menschen besteht,
die eine Gemeinschaft bilden.«4

Selbst die sehr motivierten, jungen und alten Füh-


rungspersönlichkeiten verlieren angesichts des Riesenwirbels, der
das öffentliche Leben erfaßt hat, den Mut und ziehen sich zurück.
In den Machtzentralen tummeln sich zynische Ideologen und
gutgerüstete Lobbyisten. Sie sprechen nur im Flüsterton
miteinander und erweisen sich die eine oder andere Gefälligkeit. In
der Öffentlichkeit ergehen sie sich in feindseligen polemischen An-
griffen, die die Nachrichtenmaschinerie auf Kosten einer
vernünftigen Debatte am Laufen halten. Es sieht ganz so aus, als ob
die wirklichen Entscheidungen in Klausur, abgeschieden von der
Öffentlichkeit, gefällt werden. Wenn die Bürger doch nur ein neues
Drehbuch und neue Akteure verlangen würden. Statt dessen

621
wenden sie sich voller Verachtung von dem Theater ab. Das ändert
sich nur, wenn sie selbst direkt mit der Bürokratie zu tun haben -
was fast unweigerlich bei allen eine höllische Wut entfacht. Kein
Wunder, daß es mit der politischen Verantwortung nicht mehr weit
her ist. Es sieht so aus, als ob sich selbst der Entwurf für das
Gemeinschaftsunternehmen Gesellschaft in Luft aufgelöst hat.

Die große Ironie der digitalen »Revolution« besteht darin, daß sie
solche starken Empfindungen - wie das Gefühl der Entfremdung,
Zorn, der Wunsch nach politischer »Veränderung« - unmerklich für
sich einnimmt, und umleitet und so den Status quo noch festigt
anstatt ihn zu verändern. Eine neue Elite verficht ein System des
von der Technik bestimmten Laissez-faire, das »mehr Macht«
verspricht, während es in Wirklichkeit die Allgemeinheit immer
mehr ihrer Rechte beraubt. In den vorangehenden Kapiteln wurde
bereits ausgeführt, wie sich durch die cybernetische Vernetzung
zunächst der Kontext des wirtschaftlichen Handelns verschoben
hat. Das Hauptaugenmerk der Geschäftswelt gilt mittlerweile mehr
der Software-Topologie als der nationalen Geographie, und in
zunehmendem Maße hängt der Unterhalt des Menschen vom Netz,
nicht von der Natur, ab. Doch welche Auswirkungen wird eine
vernetzte digitale Wirtschaft haben, die sich immer mehr von den
»analogen« sozialen und politischen Einrichtungen des physikali-
schen Raumes löst?

Demokratie geht von der Annahme aus, daß die Menschen das
Recht haben, selbst über ihr Schicksal zu bestimmen. Deshalb
dürfen sie sich nicht nur als wirtschaftliche Wesen oder Verbraucher
betrachten. Sie müssen ein waches Gefühl für ihren Status als
Bürger besitzen und bereit sein, gegen jede Regierung, die bestrei-
tet, daß die Allgemeinheit Vorrang vor allem anderen hat,
Widerstand zu leisten oder sie abzuwählen. Wir haben jedoch
bereits gesehen, daß das Leben heute eher von der Kodierung,
Konfiguration und Arbeitsweise cyberneti- scher Systeme
beeinflußt wird als durch das traditionelle Instrument der Wahl. Die
digitalen »Revolutionäre« wollen, daß wir diese Entwicklung
positiv betrachten. Eine vernetzte Wirtschaft, die keinen unnötigen
Einschränkungen durch das öffentliche Recht unterliegt, ist nach
Meinung ihrer Befürworter die größte Garantie für das Gemein-
wohl.*

Der Herausgeber von Wired veröffentlichte vor kurzem einen 500


Seiten dicken Wälzer mit dem Titel Out of Control. Es ist
faszinierend, wie er versucht, dieser anti-regulatorischen Sichtweise
wissenschaftliche Glaubwürdigkeit zu verleihen. Kevin Kelly ist
der Ansicht, daß wir unser Leben nach dem Muster niederer In-
sekten gestalten sollten.

* E INE DER A BSURDITÄTEN DER


DIGITALEN »R EVOLUTION «
ZEIGT SICH DARIN , DASS IHRE
B EFÜRWORTER BEHARRLICH
DIE OFFENSICHTLICHE , WENN
AUCH PARADOXE T ATSACHE
IGNORIEREN , DASS M ÄRKTE
NUR DANN EFFIZIENT ARBEITEN
KÖNNEN , WENN SIE INNERHALB
EINES ÜBERGEORDNETEN
S YSTEMS , DAS I HNEN AUCH
GELEGENTLICH B ESCHRÄN -
KUNGEN AUFERLEGT ,
OPERIEREN .

623
Er schreibt, daß jedes komplexe System - sei es nun ein
Bienenstaat, ein Finanzmarkt oder auch die menschliche
Gemeinschaft, die gerade im cybernetisch bedingten Wandel
begriffen ist - getrost seinem »Gemeinschaftsgeist« überlassen
werden kann. In dem Kapitel »Die neun Gesetze Gottes« behauptet
er sogar, daß »in einem Bereich, in dem rasche, umfassende und
vielschichtige Veränderungen stattfinden, so oder so nur die große
Masse die Führung übernehmen«5 kann. Das ganze regulierende
System sollte abgeschafft werden. Zwei andere Digerati
prophezeien in Wired eine vom Markt bestimmte Zukunft
»ungehemmter, ungeordneter und zügelloser Anarchie«, in der die
Regierung »nicht nur weniger brauchbar, sondern weniger wichtig«
sein wird. *

Dieser radikale, vehement für eine Deregulierung eintretende


Flügel schlägt keineswegs eine bessere Verwaltung vor, keine
Neuverteilung der Regierungsverantwortung, die unserer
komplexen Welt besser gerecht wird, keine Neugestaltung
veralteter, repräsentativer Verfahren, um das Gleichgewicht der
Macht zugunsten der Bürger wiederherzustellen. Er will die
Regierung ein für allemal abschaffen.

* D IE BEIDEN LETZTEN Z ITATE SIND EINEM A RTIKEL VON D ON P EPPERS UND

M ARTH A R OGERS I N W IRED (UK), 1.01 VOM APRIL 1995 ENTNOMMEN .

W ELCHE I RONIE ! D IE D IGERATI VERBREITEN ANSICH TEN ,


UNTERNEHMERI SCHEN

DIE DIREKT DER MARXISTISCHEN P HILOSOPHIE ENTSPRUNGEN ZU SEIN


SCHEINEN . H IER WIRD DER S TAAT ALS NOTWENDIGES Ü BEL
BETRACHTET , DAS LETZTENDLICH ZERSTÖRT WERDEN WIRD . D IESE

Ü BERZEUGUNG STEHT IM W IDERSPRUCH ZU DEN DEMOKRATISCHEN


T RADITIONEN VON L OCKE , H OBBES , M ONTESQUIEU UND R OUSSEAU ,
DIE SICH VORRANGIG MIT DEN F RAGEN BEFASSTEN , WIE EIN S TAAT IM
H INBLICK AUF DASG EMEINWOHL GEFÜHRT WERDEN KANN . W ÄHREND

DESK ALTEN K RIEGES GAB ES ZWEI OFFIZIELL SANKTIONIERTE


A NSÄTZE , DIESES Z IEL ZU ERREICHEN . I M M ARXISMUS WAR ES DIE
R EVOLUTION , IM W ESTEN H OCHTECHNOLOGIE UND UNTERNEHMERI -
SCHES W ACHSTUM . H EUTE GLAUBEN WIR , R EVOLUTION WIE
UNTERNEHMERISCHES W ACHSTUM MIT TECHNISCHEN M ITTELN

ERREICHEN ZU KÖNNEN .

Um eine derartige Auffassung von der »Anarchie des freien


Marktes« zu vertreten, muß man entweder verlogen oder naiv sein.
Der Entwurf als solcher ist nicht nur eine verführerische Phantasie,
sondern auch ein Widerspruch in sich. Freie Märkte hat es nie
gegeben und wird es vermutlich auch niemals geben.*

Und zwar deswegen, weil jede Wirtschaft grundsätzlich nur in


einem Klima des Vertrauens gedeihen kann. Das wiederum
erfordert ein verständliches Gesetzeswerk, die Bereitschaft der
Bürger, zum Allgemeinwohl beizutragen, und die Mittel zur
Durchsetzung von Gesetzen und gesellschaftlichen Konventionen.
Das gilt besonders für das Internet, obwohl es bisweilen als der
treffendste Ausdruck »schöpferischer Anarchie« mißverstanden
wird.

* D IE P REISE FÜR ÖL UND DIE DAR AU S GEW ONNENEN E RZEUGNISSE - H AN -


DELSGÜ TER , DIE G RUNDLAGE DES MODERNEN L EBENS SIND UND VON DEN

GRÖSSTEN MULTIN ATION AL EN I NDUSTRIEN ERZEUGT WERDEN - SAGEN


ÜBERHAUPT NICHTS ÜBER DIE WAHREN K OSTEN AUS , SIE WERDEN
SOWOHL DURCH AKTIVEN E INGRIFF - ZUM B EISPIEL UNNÖTIGE
S TEUERANREIZE , DIE DEN H ERSTELLERN ZUGUTE KOMMEN - ALS AUCH
DURCH U NTERLASSUNG - WIE FEHLENDE V ERBRAUCHSSTEUERN IN
ANGEMESSENER H ÖHE - VON DEN R EGIERUNGEN KÜNSTLICH

625
GEDRÜCKT . D ARAN IST WIEDERUM DER POLITISCHE E INFLUSS DER

P ETRO - CHEMIE ERKENNBAR .A LTERNATIVE E NERGIEQUELLEN , DIE


BILLIGER SIND UND DIE U MWELT SCHONEN , WERDEN REGELMÄSSIG ALS
» UNÖKONOMISCH « ABGEWERTET , WÄHREND SIE IN W AHRHEIT
LEDIGLICH NICHT IN DER L AGE SIND , UNTER DIESEN B EDINGUNGEN ZU

KONKURRIEREN . J APAN UND DIE V EREINIGTEN S TAATEN VON A MERIKA ,


DIE ZUSAMMEN ZWEI D RITTEL DER WELTWEITEN P RODUKTION VON

C OMPUTER -C HIPS , DEM H ERZSTÜCK ALLER C OMPUTERERZEUGNISSE ,


KONTROLLIEREN , HABEN ÜBER DEN C HIPHANDEL ZWEI BILATERALE

A BKOMMEN GETROFFEN . D AS ERSTE WURDE 1986 UNTERZEICHNET UND


STÜTZTE DIE P REISE IN Z EITEN DER Ü BERPRODUKTION . D ER ZWEITE

V ERTRAG VERDOPPELTE DEN » ZULÄSSIGEN « M ARKTANTEIL DER


V EREINIGTEN S TAATEN IN J APAN AUF 20 P ROZENT . D IES SOLLTE IN
DER F OLGE LANGFRISTIGE G ESCHÄFTSBEZIEHUNGEN ZWISCHEN C HIP -
L IEFERANTEN AUS DEN USA UND JAPANISCHEN E LEKTRO -
NIKUNTERNEHMEN SICHERN . I M S OMMER 1996 WURDE EIN DRITTER
V ERTRAG GESCHLOSSEN . D ER G RUNDSATZ DES » GELENKTEN H ANDELS «
STÜTZT DIE W ELTMÄRKTE FÜR VIELE ANDERE WICHTIGE

H ANDELSGÜTER , EINSCHLIESSLICH A GRARPRODUKTE , T EXTILWAREN


UND K LEIDUNG , TROPISCHE P RODUKTE , L EDER UND S CHUHE UND
VIELES MEHR . A LLZU HÄUFIG WERDEN DIESE M ÄRKTE ZUGUNSTEN DER

R EICHEN UND AUF K OSTEN DER WENIGER B EGÜNSTIGTEN » GELENKT «.

Selbst Howard Rheingold, der viele der faszinierenden Neben-


erscheinungen des Internet in dem Buch Virtuelle Gemeinschaft
untersucht hat, beschreibt es als »anarchischen, andauernden, nicht
zensierbaren, eindeutig nichtkommerziellen, unaufhaltsamen
Dialog zwischen Millionen von Menschen in Dutzenden von
Ländern«6. Begeisterte Internet-Anhänger, zu denen auch ich
gehöre, weisen voller Hoffnung auf das große schöpferische
Potential des Netzes. Aber nichtkommerziell? Anarchisch? Das
wohl kaum. Die Einführung des Internet und seine bemerkenswerte
Rolle in den hochfliegenden Plänen zur weiteren wirtschaftlichen
Entwicklung wurde zunächst durch öffentliche Mittel ermöglicht.
Mittlerweile wird es von einer Gruppe von
Telekommunikationsunternehmen verwaltet. Der weitere Betrieb
des Internet hängt nicht nur von deren physikalischer Infrastruktur
ab, sondern auch von einer Reihe charakteristischer Software-
Protokolle.

Ohne diese Protokolle wäre kein freier Informationsaustausch


möglich. Was für das Internet gilt, trifft auch auf die Wirtschaft und
die Gesellschaft im Ganzen zu. Sie alle beruhen auf Regeln, einer
entsprechenden Infrastruktur, grundsätzlichem Vertrauen und
wirkungsvollen Mitteln zum Eingreifen, wenn das System versagt.
Das wird inmitten der allgemeinen digitalen Hysterie oftmals
vergessen. Das ganze Leben selbst baut auf Kartellen auf. Wenn sie
mit Überlegung entworfen und mit Sachverstand eingesetzt werden,
können sie das soziale und/oder wirtschaftliche Chaos unter
Kontrolle halten.

Der Begriff »Kartell« läßt das Bild eines rauchgeschwängerten


Hinterzimmers entstehen. Die Autoren David Burstein und David
Kline verwenden ihn, um die amerikanische Autoindustrie
vergangener Jahrzehnte zu beschreiben:

Die Kombination von Marktverflechtung, Freundschafts-


Geschäften mit abhängigen Zulieferern und
einer eiskalten Verdrängungspolitik gegen kleinere
Konkurrenten und alternative (Transport-)Technolo- gien,
machte es den Großen Drei - General Motors, Ford und
Chrysler - in stillschweigender Übereinkunft möglich, den
Markt für sich abzugrasen, als wäre er ihr privates Weideland.
»Was gut für General Motors gut ist, ist gut für das Land« war
zu dieser Zeit mehr als nur ein Werbespruch. Es war das
Grundprinzip eines vom Auto beherrschten Gesellschafts-
systems, dessen Auswirkungen in vielerlei Hinsicht gar nicht
gut für das Land waren.7

Ob es nun gut ist oder schlecht - ein Kartell ist einfach eine Reihe

627
von Entscheidungen, die auf eine soziale, wirtschaftliche oder
politische Umgebung angewandt werden. Es stellt in einzigartiger
Weise ein Gleichgewicht zwischen wirtschaftlichen Freiheiten und
Beschränkungen dar. Dieses Gleichgewicht wiederum zeigt die
Ziele derjenigen, die Nutzen aus ihm ziehen, unabhängig davon ob
aus öffentlichen oder privaten Gründen. Nehmen wir nur einmal die
gesetzlichen Bestimmungen im Ernährungsbereich, für die
Flugsicherheit im Passagierverkehr, bei den zulässigen
Emissionswerten von Kernkraftwerken und Autos oder die
Sicherheitsvorkehrungen bei Bluttransfusionsprodukten. Auch das
sind gewissermaßen Kartelle. Die Behörden haben einen »unfreien
Markt« geschaffen, damit die Bürger in öffentlichen Lokalen essen
können, sich in Krankenhäusern behandeln lassen und überall
hinreisen können, und das auf eine so problemlose Weise, wie sie
auf einem völlig unregulierten Markt niemals möglich wäre. Auch
Steuern und die Einkommensumverteilung dienen dazu, die
schlimmsten Auswüchse des Konkurrenzkampfes zu mildern. Diese
Maßnahmen haben einen kumulativen Effekt. Obwohl sie oft
einfach als gegeben betrachtet, als »ineffi-
zient« kritisiert und selten - wenn überhaupt jemals - adäquat
statistisch erfaßt werden, wirken sie dahingehend, daß jenes Klima
der Beständigkeit und des Vertrauens geschaffen wird, von dem
unser aller Wohlergehen abhängt.*

Das gleiche gilt für Computer-Software, die auch aus einer Reihe
von Ordnungsprinzipien besteht. Betriebssysteme wie Unix,
Windows oder das von Apple sind nichts anders als Mittel zur
Informationslenkung, mit denen sich bestimmte Ziele - seien sie
kommerzieller, sozialer oder politischer Art - erreichen lassen.
Anders als die Druckpressen, die ebenfalls dem Entwurf bestimmter
Träume und Ziele dienten, sind diese neuen Systeme unlösbar in das
Gewebe des Lebens eingeflochten und werden in einer voll
vernetzten Gesellschaft praktisch überall im Arbeitsleben und in der
Frei-zeit eingesetzt.

* D IESE B ESTÄNDIGKEIT IST DAS E RGEBNIS DER GESELLSCHAFTLICHEN

Ü BEREINKUNF T , EIN GEW ISSES M ASS AN W IRTSCH AFTLICHER F REIHEIT FÜR DEN

SOZIALEN F RIEDEN ZU OPFERN . W ÄH REND SICH IN HEU TIGER Z EIT DIE

G E SELLSCHAFT IMMER MEHR NACH SOZIOÖKONOMISCHEN V ORGABEN


AUFSPALTET , BEZEICHNEN DIE W OHLHABENDEREN SOLCHE
GESELLSCHAFTLICHEN K OSTEN GERN ALS » INEFFIZIENT UND STARR «.
V IELE EUROPÄISCHE W IRTSCHAFTSSYSTEME SIND ANGEBLICH
» ÜBERREGULIERT «. V ON DEN POLITISCHEN E NTSCHEIDUNGSTRÄGERN
WIRD VERLANGT , S TANDARDS AUFZUWEICHEN , SO DASS DIE HEIMISCHE

W IRTSCHAFT EINE BESSERE P OSITION AUF EINEM » GLOBALEN M ARKT «


HINNEHMEN KANN . D OCH VIELE DIESER REGULATORISCHEN

B ESCHRÄNKUNGEN TRUGEN DAZU BEI , IN E UROPA EIN RELATIVES


SOZIALES G LEICHGEWICHT ZU SCHAFFEN , UM DAS ES NOCH HEUTE VON

VIELEN L ÄNDERN IN A SIEN UND AUF DEM AMERIKANISCHEN K ONTINENT

BENEIDET WIRD . D IE SOZIALEN W OHLFAHRTSSYSTEME , DIE GERADE

ÜBERALL IN DER ENTWICKELTEN W ELT ABGEBAUT WERDEN , HABEN ES

VERHINDERT , DASS SICH DIE R EZESSIONEN DER SIEBZIGER UND


ACHTZIGER J AHRE D EPRESSION WIE IN DEN D REISSIGERN
ZU EINER

AUSWUCHSEN . E INE W IRTSCHAFT , DIE NACH LIBERTÄREREN

M ASSSTÄBEN FUNKTIONIERT , KANN DAS NIEMALS LEISTEN .


B EZEICHNENDERWEISE GIBT ES KEINEN B EWEIS DAFÜR , DASS HOHE
S OZIALAUSGABEN IN IRGENDEINER W EISE DAS WIRTSCHAFTLICHE
W ACHSTUM EINES L ANDES BEEINTRÄCHTIGTEN . W EIL SICH DIESER
M YTHOS ABER BEHARRLICH HÄLT , WERDEN IN DER F OLGE DIE
Ä RMSTEN - DIE DAZU NEIGEN , NICHT ZU WÄHLEN - IM V ERHÄLTNIS ZU
M ITTEL - UND O BERSCHICHT - DIE WÄHLEN - IMMER WEITER
BENACHTEILIGT . E S BLEIBT ABZUWARTEN , WIE LANGE EIN DERARTIG
ORGANISIERTER S TAAT NOCH FORTBESTEHEN KANN .

Wenn man die Polis inzwischen sinnvollerweise mit einem


cybernetischen System vergleichen kann, stellt sich erneut die
wichtige Frage, wer für die Kodierung und den Betrieb
verantwortlich ist. Welchen Regeln folgt dieses Spiel? Welche Ziele
verfolgt das System? Während die Erleuchteten der digitalen Welt
behaupten, daß sich komplexe Systeme am besten selbst regulieren,
verschweigen sie, daß in der Folge die Wirtschaft auch die eigenen
Regeln festlegen würde. So ließe sich sicherstellen, daß der
öffentliche »Input« beim Setzen von Standards an Bedeutung
verlieren würde und spezielle unternehmerische Ziele zu Lasten
aller verfolgt würden.
Es ist unvorstellbar, daß die wirtschaftlichen und politischen
Gegenleistungen eines solchen »anarchischen Marktes«
gleichmäßig und automatisch der Allgemeinheit zugute kämen. Für
Kenner der Reaganomics klingt das verdächtig nach der
Sickertheorie der achtziger Jahre, nur entstaubt, in Schrumpffolie
verschweißt und mit einem digitalen Gütesiegel versehen. Dahinter
verbirgt sich eine folgenschwere neue politische Übereinkunft,
durch die das Prinzip »one person - one vote« unter dem Diktat der
Technik durch das tyrannische »one dollar - ohne vote« ersetzt
werden soll. Wie David Marquand provozierend formuliert, muß
»entweder die Demokratie zugunsten des Marktes gebändigt
werden oder der Markt zugunsten der Demokratie. [...] Auf globaler

630
und auf nationaler Ebene werden wir uns früher oder später zwi-
schen dem freien Markt und einer freien Gesellschaft entscheiden
müssen.«8

Stellen Sie sich vor, Sie leben im Jahr 2006. Dann werden sie in
einer Welt leben, in der die virtuelle Realität allgegenwärtig und
alltäglich geworden ist. Will man den Digerati Glauben schenken,
werden Sie dann in einen »Datenanzug« schlüpfen und sich in eine
überzeugende dreidimensionale Umgebung versetzen können, in
der Sie arbeiten oder sich amüsieren. Dabei handelt es sich um
programmierte Welten, um illusionäre Landschaften und digitale
Städte. Humanoide Wesen werden die Straßen füllen -
Software-»Repräsentanten«, die wir echten Lebenden darauf
programmiert haben, jede gewünschte Positur, Bewegung und
Stimmung zu zeigen. Ob und wie die Menschen in diesem
vernetzten Raum interagieren wollen, wird sich aus den
Gepflogenheiten ergeben. Wenn sie die Straßen dieser digitalen
Stadt entlanggehen, erblicken Sie vielleicht eine futuristisch
anmutende Pyramide, die mit goldenen Codezeichen bedeckt ist,
ein hohes zylindrisches Gebäude in Lapislazuliblau und einen wei-
teren Wolkenkratzer in flammendem Rot mit bronzefar- benen
»Fenstern«.
So wie Firmen heutzutage Wolkenkratzer errichten, werden die
Machtzentralen des Informationszeitalters im einundzwanzigsten
Jahrhundert algorithmische Niederlassungen im Internet errichten.
Aber wir ahnen, daß sie eine ganz andere Rolle als die heutigen
Firmen spielen werden. Mit ziemlicher Sicherheit werden sie zwar
viele Eigenschaften der Unternehmen des ausgehenden zwanzigsten
Jahrhunderts zeigen, sich jedoch auch Machtbefugnisse angeeignet
haben, die jetzt noch bei der Regierung liegen, und auf diese Weise
demokratische Verfahren umgehen können, mit denen autokratische
Auswüchse in Grenzen gehalten werden sollen. Ist dies erst einmal
der Fall, können solche Unternehmen die Lebensformen und
Möglichkeiten großer vernetzter Bevölkerungsmassen in einem
Ausmaß und auf eine Weise beeinflussen, die niemals zuvor
denkbar gewesen wären. Sie werden im Besitz der knappsten
Informationsgüter sein und die elektronischen Wege kontrollieren,
auf denen sie übermittelt werden - eine unerreichbare Elite in fer-
nen Informationsschaltzentralen. Information wird die Wirklichkeit
der vernetzten Welt entwerfen und beeinflussen. Die größten dieser
elektronischen Domänen werden über eigene Sicherheitskräfte und
Rechtssysteme verfügen und sogar ihre eigenen Münzen prägen.
Das Bürgerrecht ist abgeschafft. Die Gemeinschaften leben in
einem geschichtslosen, körperlosen Raum. Entwurzelt, aufgespalten
und machtlos, werden sie sich mit der gleichen Geschwindigkeit
bilden und auflösen wie elektronische Verbindungen hergestellt und
wieder unterbrochen werden können. Die Techno-Futuristen der
Gegenwart prophezeien eine Welt der »Verbrauchergemeinschaf-
ten«, in der das Leben unserer Nachkommen auch darin bestehen
wird, sich in einer instabilen Welt der Codes zurechtfinden zu
müssen.

Wie konnte es soweit kommen? Spulen Sie die Zeit zurück ins Jahr
1990. Edzard Reuter, Chef des deutschen Technologiegiganten
Daimler Benz, fliegt in seinem Firmenjet nach Paris. Außer ihm
sind nur sein Privatsekretär, ein Mitarbeiter aus der PR-Abteilung
und ein Journalist aus London an Bord. Als das Flugzeug an Höhe
gewinnt, läßt die rötliche Herbstsonne ein seltsam grelles
Wolkengebilde im Westen aufleuchten. Reuter blickt einen kurzen
Augenblick irritiert auf und runzelt die Stirn. Er nippt an seinem
Tee. Dann lehnt er sich zurück in den schwarzen Ledersessel und
gibt dem Reporter zu erkennen, daß er bereit ist.

Das Band läuft.

Reuter hat gerade ein wichtiges Abkommen mit seinen Kollegen


bei Mitsubishi in Tokio getroffen. Nun, hoch über den Wolken,
erläutert er seine Vorstellung von der industriellen Zukunft. Die

632
größte und wichtigste Aufgabe sei die »Vernetzung und
Verflechtung der Interessen aller großen Unternehmen auf der
ganzen Welt, in die kein Politiker jemals eingreifen kann, ohne
seine Position zu gefährden«9. Kein Eingreifen? Der Journalist isl
beunni higt. Die Ziele des mittlerweile zurückgetretenen Reiiler
decken sich mit denen vieler anderer Führungskräfle aus der
Wirtschaft. Akio Morita, der Gründer von Sony, lor derte die
vollständige »Harmonisierung der internationalen Geschäftswelt
durch feststehende Regeln und Vorgehensweisen, die über nationale
Grenzen hinweg gelten«, eine Welt also, in der zwangsläufig
örtliche Bedingungen und politische Prozesse den Bedürfnissen
vernetz- ter globaler Unternehmen weichen würden. 10 Jenseits des
Atlantiks gebraucht der leitende Angestellte eines New Yorker
Telekommunikationsunternehmens praktisch die gleichen Worte,
als er lobend die Tatsache erwähnt, daß Nationalstaaten sich bereits
in »virtuelle Hummer« verwandelt haben. In seinen Augen »sind
die Schalen dieser souveränen Krustentiere [...] schon zu porös
geworden, um jemanden abhalten zu können, das Fleisch nach
seinem Geschmack zuzubereiten«.*

Ob in Europa, Asien oder Amerika - die Botschaft ist überall die


gleiche: Wenn man den vernetzten Unter-
nehmen zuviel Verantwortung aufbürdet,
würde das für den Wettbewerb wichtige
Wachstum behindert. Regierungen sollten
sich entweder kooperativ zeigen oder den
Weg freigeben. Im großen und ganzen
leisten die Regierungen bei diesem Spiel
keinen Widerstand."1"

* F REDERICK S. T IPSON : »G LOB AL COMMUNIC ATIONS AND THE SOVER EIGN TY

OF STATES «, S. 2. E S LIEG T SCHON EINE M ENGE


I RONIE DARIN , WIE VIELE » GLOB AL E « F IRMEN
NOCH IMMER DIE N ATION ALE F LAGGE HIS SEN , UM
IN DEN G ENUSS VON S TEUERN ACHLÄSSEN ,
K ONZESSIONEN UND S UBVENTIONEN DURCH IHRE

R EGIERUNGEN IM »H EIMATL AND « ZU KOM MEN .

+ D IE F ORSCHUNG ÜBER DIEA USWIRKUNGEN DER


ELEKTROMAGNETISCHEN M IKROWELLEN M OBILTELEFONEN AUF
VON
DAS MENSCHLICHE G EHIRN IST BEISPIELSWEISE IM V ERGLEICH ZUR
E XPANSION DES M ARKTES SELBST , DER JÄHRLICHE W ACHSTUMSRATEN
VON 50 P ROZENT AUFWEIST UND 1995 85 M ILLIONEN K UNDEN
VORWEISEN KONNTE , WEIT ABGEFALLEN . W IRTSCHAFT UND
G ESETZGEBER GEBEN WIDERWILLIG ZU , DASS WEI TERE
UNTERSUCHUNGEN NÖTIG SIND, UM ENDGÜLTIG ZU KLÄREN, OB
DERARTIGE TELEFONE GEHIRNTUMORE UND ANDERE KRANKHEITEN
VON ASTHMA BIS ZU CHRONISCHER ÜBELKEIT VERURSACHEN, ABER
BIS DAHIN SIND SIE KEINESWEGS BEREIT, SICH AUS DEM KAMPF UM
MARKTANTEILE ZURÜCKZUZIEHEN.

Die Eliten im öffentlichen wie privaten Bereich pflegen derzeit


einen entspannteren und freundschaftlicheren Umgang miteinander
als in den vergangenen Jahren: Geld zieht Macht nach sich. In einer
komplexeren Welt können politisch heikle Angelegenheiten nun
multilateralen Organisationen übertragen werden. Hier arbeiten
bequemerweise nichtgewählte Bürokraten, die genau wissen,
welche Vorteile zu erwarten sind, wenn sie spuren, und welche
Nachteile, wenn sie aus der Reihe tanzen. Mächtige Institutionen
wie der Internationale Währungsfonds, die Weltbank, die neu
gegründete Welthandelsorganisation WTO und der Europäische
Ministerrat gehen ihren täglichen Beschäftigungen hinter undurch-
dringlichen Mauern in klösterlicher Abgeschiedenheit nach.* Die
Verfahren sind »in höchstem Maße undemokratisch«, wie ein hoher
EU-Beamter einräumt." Wichtige Fragen, die die Gesundheit und
das Wohlergehen der Weltbevölkerung betreffen, werden in Klausur
von einer »Überlagerungskultur« entschieden, die in

634
verfassungsmäßiger Hinsicht keine Verantwortung gegenüber der
großen Wählerschaft trägt, der sie dienen soll.*

* Die WTO startete kürzlich eine »Öffentlichkeits«-Kampagne,


um unter Verschluß gehaltene Unterlagen »zugänglich« zu machen
-das heißt alle, außer Unterlagen, die in den äußerst wichtigen
»Appendizes« enthalten sind, zu denen zufälligerweise Agenden,
Arbeitspapiere, Entscheidungen und Vorschläge gehören. So stehen
den Bürgern wichtige Informationen über Entscheidungen, die alle
Bereiche des öffentlichen Lebens betreffen, nie rechtzeitig zur
Verfügung, um darauf reagieren zu können. Consumers
International, eine weltweite Vereinigung von mehr als zweihundert
Verbraucherorganisationen, hat davor gewarnt, daß »der Schleier
der Geheimhaltung, der die WTO umgibt, in der Öffentlichkeit
Angst vor supranationaler Herrschaft erzeugt und das internationale
Handelssystem in Verruf bringt. Es sieht so aus, als würden
Handelsvereinbarungen von einer Minderheit hinter verschlossenen
Türen diktiert werden«.

SO LÄSST SICH AUCH ERKLÄREN, WIE EINE ORGANISATION ZUR


KOORDINIERUNG DES WELTHANDELS - DIE WTO IN GENF -
GEGRÜNDET WERDEN KONNTE, OHNE DASS AUSGLEICHEND WIRKENDE
INSTITUTIONEN UND VERFAHREN EXISTIEREN, DIE DIE ÖKOLOGISCHEN
UND SOZIALEN BEDINGUNGEN FESTLEGEN, IN DEREN RAHMEN DIESER
HANDEL STATTFINDEN SOLLTE.
* A NBETRACHT DES JÜNGSTEN S KANDALS IN Z USAMMENHANG MIT
IN
DEM V ERKAUF VON BSE- VERSEUCH - TEM R INDFLEISCH IST ES
INTERESSANT ZU UNTERSUCHEN , UNTER WELCHEN U MSTÄNDEN DIE
C ODEX A LIMEN - TARIUS K OMMISSION ZU IHRER LETZTEN ,
NEUNZEHNTEN S ITZUNG ZUSAMMENTRAT , UM DIE
L EBENSMITTELBESTIMMUNGEN IM H INBLICK AUF DIE G LOBALISIERUNG
DER M ÄRKTE ZU ÜBERARBEITEN . D IE S ITZUNG WURDE BEHERRSCHT
VON DEN V ERTRETERN DER C HEMIE - UND DER N AHRUNGSMITTEL -
INDUSTRIE . I NSGESAMT NAHMEN ETWA 2500 P ERSONEN DARAN TEIL .
D AVON WAREN 660 V ERTRETER DER I NDUSTRIE , DIE GEKOMMEN
WAREN , UM DIE NATIONALEN D ELEGATIONEN ZU » UNTERSTÜTZEN «. E S
GAB 105 NATIONALE D ELEGATIONEN UND 140 MULTINATIONALE ,
EINSCHLIESSLICH DER N AHRUNGSMITTELKONZERNE N ESTLÉ ,
U NILEVER , C OCA -C OLA UND DAS P HILIP -M ORRIS -
T OCHTERUNTERNEHMEN K RAFT . N ESTLÉ , MIT M ILCHPULVER FÜR
S ÄUGLINGE ZU TRAURIGER B ERÜHMTHEIT GELANGT , SCHICKTE MEHR
D ELEGIERTE ALS DIE MEISTEN UNABHÄNGIGEN S TAATEN . B EI DER
S ITZUNG ÜBER Z USATZSTOFFE UND R ÜCKSTÄNDE WAREN MEHR ALS 40
P ROZENT DER T EILNEHMER V ERTRETER DER I NDUSTRIE . D IESEN
»R ATGEBERN « SASSEN 26 M ÄNNER UND F RAUEN GEGENÜBER , DIE DIE
IM ÖFFENTLICHEN I NTERESSE ARBEITENDEN N ICHT -R EGIERUNGS -
O RGANISATIONEN (NRO S ) VERTRATEN . I N DER S CHLUSSAKTE WURDE
FESTGELEGT , DASS KOSTSPIELIGE B ESTIMMUNGEN , ZUM B EISPIEL
HINSICHTLICH DER V ERWENDUNG VON W ACHSTUMSHORMONEN IN DER
T IERHALTUNG UND KARZINOGENER S TOFFE UND DER G RENZWERTE VON
R ADIOAKTIVITÄT IN L EBENSMITTELN » NACH NATIONALEM E RMESSEN «
GELOCKERT WERDEN KÖNNEN , UM DEM I NTERESSE DER BETROFFENEN
I NDUSTRIEN AN EINEM » FAIREN UND KONKURRENZFÄHIGEN
G ESCHÄFTSFELD « GERECHT ZU WERDEN . (D IE Z AHLEN WURDEN
C RACKING THE C ODEX , UK N ATIONAL F OOD A LLIANCE , 1994, UND
ANDEREN Q UELLEN ENTNOMMEN .)

A LS SICH DIE G7-S TAATEN IM F EBRUAR 1995 IN B RÜSSEL TRAFEN , UM


DEN B AU DER »D ATENAUTOBAHN « ZU DISKUTIEREN , » GING ES IN DER
GEHEIMEN A GENDA AUCH UM DAS T EMPO , MIT DEM DIE L ÄNDER [...]
IHRE T ELEKOMMUNIKATIONSSYSTEME ZU LIBERALISIEREN BEREIT
SIND «, SCHREIBTA LAN C ANE . (»F IRST STEPS TOWARDS A STRUCTURE
FOR GLOBAL COMMUNICATIONS « IN : F INANCIAL T IMES , 27. F EBRUAR
1995.) »H IER WURDEN ZUM ERSTEN M AL V ERTRETER AUS DER
I NDUSTRIE EINGELADEN , AN EINER G7-K ONFERENZ TEILZUNEHMEN .«

636
N ICHT -R EGIERUNGS -O RGANISATIONEN , VON DENEN EINIGE WENIGE IN
DER L AGE SIND , DEN A NLIEGEN DER A LLGEMEINHEIT WELTWEIT
G EHÖR ZU VERSCHAFFEN , KÖNNEN NUR EINEN MINIMALEN »I NPUT « IN
EINEM P ROZESS LEISTEN , DESSEN B EDEUTUNG DAS V ERSTÄNDNIS DER
MEISTEN M ENSCHEN ÜBERSTEIGT .

K LAGEN ÜBER DAS NACHLASSENDE UND

ZERSPLITTERTE ÖFFENTLICHE

V ERANTWORTUNGSBEWUSSTSEIN WURDEN
AUCH 1994 IN D EUTSCHLAND LAUT , ALS

AUFGEDECKT WURDE , DASS EINIGE


K RANKENHAUSPATIENTEN MIT H L V-
INFIZIERTEM B LUT UND M EDIKAMENTEN

BEHANDELT WORDEN WAREN , DIE VON EINER

IN FINANZIELLEN S CHWIERIGKEITEN
STECKENDEN Z ULIEFERFIRMA STAMMTEN .
D IESES UND VIELE ANDERE B EISPIELE
ZEIGEN , WIE ANFÄLLIG EIN ZU WENIG

REGULIERTER UND ZUNEHMEND VERNETZTER


M ARKT GEGENÜBER HEFTIGEN

E RSCHÜTTERUNGEN DES S YSTEMS IST UND


WIE LEICHT ER VON SCHWACHEN UND / ODER

SKRUPELLOSEN D RAHTZIEHERN FÜR IHRE

Z WECKE MISSBRAUCHT WERDEN KANN .

Was vor wenigen Jahrzehnten noch wie monströse Science-fic-


tion aussah, ist mittlerweile nur allzu real geworden. Die politische
Sphäre wird immer mehr zu einem Teil des elektronischen Raums
im Web, aber die Regeln dieser neuen Gesellschaft - demokratisch
oder nicht - müssen erst noch definiert werden.
John Garrett von der Corporation for National Research Initiatives
(CNRI), Washington D.C., ist Mitglied einer Arbeitsgruppe, an der
verschiedene Industriezweige beteiligt sind und die die allgemeinen
Standards für Amerikas »Datenautobahn« entwickelt. Er ist davon
überzeugt, daß die Entstehung von Unternehmensnetzwerken uns
einer Welt näherbringen wird, »in der es eine Menge dynamischer
Beziehungen geben wird - außerordentlich profitabel innerhalb
kürzester Zeit -, über alle Grenzen hinweg, über jede
Rechtsprechung hinweg, über alles hinweg«. Wenn man ihn nach
entsprechenden demokratischen Maßnahmen fragt, die für ein
regulierendes Gegengewicht sorgen, zuckt er mit den Schultern und
sagt: »Bestimmungen? Ich weiß nicht, wie die aussehen sollen. Wie
soll man ein Marktmonopol messen, wenn es nur dreißig Sekunden
dauert?«12 Cyrus Freid- heim von Booz-Allen & Hamilton ist da
anderer Meinung. Er glaubt, die regulierenden Kräfte werden sich
weiter in Richtung vernetzter Industrien verlagern. Es wird viele
kleine dynamische Firmen und unabhängige Geschäftsleute geben,
die ein Portfolio-Leben führen, aber in erster Linie wird die
Wirtschaft der Zukunft von einer neuen Unternehmensform
bestimmt werden, deren Macht auf Beziehungen und
Kommunikationstechnologien gründet und die er als »Trillion
Dollar Corporation« bezeichnet.

* V ISA I NTERNATIONAL /M ICROSOFT UND M ASTER C ARD


I NTERNATIONAL /N ETSCAPE HABEN SICH BEISPIELSWEISE ZUSAM -
MENGETAN , UM EIN NEUES S ICHERHEITSSYSTEM FÜR K REDITGESCHÄFTE

ÜBER DAS INTERNET ZU ENTWICKELN : »M IT


EINEM EINHEITLICHEN S TANDARD WERDEN UNNÖTIGE K OSTEN
VERMIEDEN UND DIE V ORAUSSETZUNGEN FÜR DIE A BWICKLUNG VON
G ESCHÄFTEN IM I NTERNET GESCHAFFEN .« (L OUISE K EHOE : »C REDIT
CARD GROUPS TO CO - OPERATE ON I NTERNET SECURITY « IN : F INANCIAL
T IMES , 2.2.1996.)

+
TATSÄCHLICH HABEN 1993 SECHS DER FÜHRENDEN
T ELEKOMMUNIKATIONSUNTERNEHMEN DER W ELT ERSTE S CHRITTE IN

638
R ICHTUNG EINES SOLCHEN S YSTEMS UNTERNOMMEN , ALS SIE MIT DER
E RRICHTUNG EINES WELTUMSPANNENDEN , UNTER WAS SER VERLEGTEN
GLASFASERKABEL-NETZWERKES BEGANNEN, DAS UNTER DER
BEZEICHNUNG »GLOBAL NETWORKING PROJECT« LIEF.

Obwohl die Produkte eines solchen Unternehmens gezielter


plaziert werden - und deshalb eine kürzere Lebensspanne auf dem
Markt haben, wie John Garrett meint - werden die
zugrundeliegenden Geschäftsbeziehungen in jeder Hinsicht
strategischere Formen annehmen. Anders als bei den traditionellen -
und sichtbaren - Geschäftsverbindungen, die auf wechselseitige
Beteiligung gründen, werden solche Firmen von ihren elektro-
nischen Verbindungen geformt und in Gang gehalten, was ihre
Aktivitäten schwerer durchschaubar macht. Um das zu
veranschaulichen, entwirft Freidheim das folgende, gar nicht mehr
so realitätsferne Szenario.

AT&T, Sony, Time Warner, Motorola, Nynex und KDD aus Japan
schließen sich zusammen, um ein neues interaktives
Kommunikations- und Unterhaltungsnetzwerk zu gründen.
Zunächst setzen sie ihren Einfluß ein, um alle Hindernisse von
seiten der Politik auf dem Weg zu einem gemeinsamen technischen
Standard zu beseitigen.* Dann investieren sie mehrere Milliarden in
die Entwicklung des Übertragungssystems.4'

Nach einer gewissen Zeit richten sie das Netzwerk ein und
nehmen es in Betrieb. Das versetzt sie in die Lage, Zusatzprodukte
und -leistungen anzubieten und die Gewinnspirale
hochzuschrauben, so daß sie weitere große Unternehmen für sich
gewinnen können. Was anfangs ganz unschuldig nach einem
Zusammenschluß zur Realisierung eines speziellen Projektes
aussah, wächst sich zu einem Bündnis ganz eigener Art aus. Die
Partner lernen, sich gegenseitig zu vertrauen, sie stellen
gemeinsame Interessen fest und entwickeln gemeinsame Ziele.
Über kurz oder lang arbeiten sie zusammen, als ob sie ein einziges,
zusammenhängendes Unternehmen wären: eine große Galaxie, die
sich um eine zentrale Sonne dreht. Das Unternehmen nimmt Züge
eines unabhängigen Staates an.*

Seine wirkliche Stärke kann wahrscheinlich nicht an den


wechselseitigen Beteiligungen gemessen werden. Sie bleibt
unsichtbar in den elektronischen Verbindungen und
Kommunikationswegen, mit denen die Produkte immer schneller
und gezielter in immer kürzerer Zeit auf den Markt gebracht
werden können. Nach Ansicht von Freidheim hat »ein
Unternehmen dieser Größe, das in größter Geschlossenheit vorgeht,
das Potential, auf seine Umgebung einzuwirken, statt auf sie
reagieren zu müssen, [...] es hätte die Mittel, Ziele zu verfolgen, die
kein Einzelunternehmen in Angriff nehmen könnte, es könnte
außerdem in gewissem Umfang Kartellbestim- mungen umgehen
[...].«13

* Zu den Machtbefugnissen, eines souveränen Staates gehören


die Verwaltung der Staatsfinanzen, die Aufrechterhaltung des
Rechtssystems mit Polizei und Strafverfolgungsbehörden, ein
Verwaltungsapparat, der politische Entscheidungen trifft und
Gesetze ausführt, sowie ein Militärapparat, der äußeren Gefahren
begegnet. Die multinationalen Unternehmen »dringen jedoch
bereits in Bereiche vor, die traditionellerweise den
Staatsregierungen unterstanden«, wie aus einem Bericht der
Vereinten Nationen hervorgeht (in: World Investment Report 1993:
Transnational Corporations and Integrated International Production,
New York: United Nations Publica-tions, 1993, zitiert bei Tony
Jackson: »Multinationals take lead as world economic force« in:
Financial Times, 21. Juli 1993). Diese Entwicklung wird sich mit
ziemlicher Sicherheit in vernetzten Bereichen noch verstärken.

640
Wenn Maßnahmen zur Gewährleistung einer demokratischen
Aufsicht fehlen, werden Unternehmen die Maßgaben für die
öffentliche Gesundheit, Umwelt und Sicherheit am Arbeitsplatz auf
den kleinsten gemeinsamen Nenner zurechtstutzen - und sich davor
drücken, ihre Steuern in vollem Umfang zu zahlen und Dossiers
über das Privatleben der Menschen anlegen, um kommerziellen
Nutzen daraus zu ziehen. In dieser Version der cybernetischen
Freiheit haben sich alle Geschäftsvorgänge von der
Legitimationsgrundlage der jeweiligen Gesellschaft gelöst, in der
sie sich vollziehen. Denn schließlich, so Business Week, »sind mo-
derne Multis keine sozialen Einrichtungen. Sie werden die
Regierungen gegeneinander ausspielen, Preise manipulieren, um
die Steuern zu senken, die öffentliche Meinung zu beeinflussen
versuchen, Arbeitsplätze ins Ausland verlagern oder Technologien
unter Verschluß halten, um sich Wettbewerbsvorteile zu
verschaffen.«14 The Economist stellt fest, daß »in der [...]
entideologi- sierten Politik des Postkommunismus die Lobbyisten
immer mächtiger werden, [...] und die Demokraten allen Grund zur
Besorgnis haben«15. Genau das beunruhigt jene, die in
längerfristigen Kategorien denken und sich - zumindest zur Zeit -
aus der laufenden Debatte ausgeschlossen sehen. Ein langgedienter
höherer Beamter aus der Clinton-Administration, der mittlerweile
so vorsichtig geworden ist, daß er nur unter der Zusicherung
strengster Vertraulichkeit über die entstehenden Informationsgi-
ganten sprechen will, drückt es so aus: »Sie teilen doch schon die
Märkte unter sich auf. Alles hängt einfach damit zusammen, daß
ihr Einfluß immer größer wird und ihre Leistungsfähigkeit wächst.
[...] Und wir hüpfen aufgeregt herum und rufen >Freier
Wettbewerb! Wir wollen gewinnend Und wissen Sie was? Wir
kriegen gar nicht mit, um was es da wirklich geht.«*

Die Sache ist die: So wie freie Währungen Gefahr laufen, durch
die Einführung der digitalen Zahlungsweise verdrängt zu werden,
werden die politischen Institutionen der Staaten allmählich beiseite
gedrängt von den freien Staaten oder den auf Information
aufgebauten Domänen, die nicht in ausreichendem Maß zur
Verantwortung gezogen werden können.

Halten Sie das John Perry Bar- low


entgegen und er wird ohne zu zögern
erwidern, daß es genau darum geht.
»Heutzutage«, sagt er, »dienen
zentralisierte Re-gierungen überhaupt
keinem vernünftigen Zweck mehr. Das
einzige, was sie wirklich können, ist im
Weg stehen.«

* G ESPRÄCH MIT EINEM FÜHRENDEN


B EAMTEN AUS DER C LINTON -A DMINI -
STRATION , W ASHINGTON D.C., 21. J ULI

1994. D ER B EAMTE WEIST AUF MEHRERE


S CHWACHSTELLEN DES M ODELLS EINER
VÖLLIG FREIEN VERNETZTEN W IRTSCHAFT
HIN . Z UM EINEN WERDEN DIE GROSSEN

I NFORMATIONSMÄCHTE IN EINER W ELT DES


L AISSEZ - FAIRE NICHT FREIWILLIG UNTER
GLEICHEN B EDINGUNGEN

D IESE WIEDERUM WERDEN SICH NICHT UNBEDINGT ODER OFT MIT


DENEN DER A LLGEMEINHEIT DECKEN . E IN GUTES B EISPIEL DAFÜR IST
DAS T ELEFONNETZWERK : D IE M ÖGLICHKEIT , JEDEN ANZURUFEN ,
GLEICHGÜLTIG , WELCHES N ETZ DAS G ESPRÄCH VERMITTELT , IST DAS
E RGEBNIS EINER VERBINDLICHEN A UFTEILUNG VON K OSTEN UND
N UTZEN . H EUTE ENTSTEHEN NEUE N ETZWERKE , IN DENEN DIE
B ESITZSTÄNDE DURCH DIE B ETRIEBSFORM FESTGELEGT SIND . D AS
R ESERVIERUNGSSYSTEM EINER F LUGGESELLSCHAFT KANN
BEISPIELSWEISE ALLE GEWÜNSCHTEN D ATEN ENTHALTEN . A BER I N -
FORMATIONEN ÜBER DIE F LÜGE , A UTOS UND H OTELS DES K ARTELLS X

642
SIND VIEL LEICHTER ZUGÄNGLICH ALS DIE D ATEN ÜBER DAS A NGEBOT
DES KONKURRIERENDEN K ARTELLS Z. D ER E INFLUSS WELTWEIT
VERNETZTER R ELATIONSHIP -U NTERNEHMEN AUF DEN M ARKT WIRD SO
STARK SEIN , DASS ER SICH GEGEN EINE LEBENDIGE UND
WETTBEWERBSFÄHIGE W IRTSCHAFT WENDEN KANN . D URCH DIE
K OSTENDEGRESSIONSVORTEILE GEWINNEN VERNETZTE U NTERNEHMEN
EINE V ERHANDLUNGSSTÄRKE , DIE DER KLEINERER I NFORMA -
TIONSANBIETER WEIT ÜBERLEGEN I ST , DIE NUR EINEN BEGRENZTEN
B LICK AUF DEN M ARKT HABEN . D RITTENS KANN DER M ARKT NICHT
DIE GRUNDLEGENDEN F RAGEN DER V ERTEILUNG , EINSCHLIESSLICH DER
S TEUERPOLITIK , LÖSEN . G ENAUSOWENIG KANN MAN DARAUF
VERTRAUEN , DASS ER DAS ÖFFENTLICHE W OHL IN B EREICHEN WIE DEM
U MWELTSCHUTZ GEWÄHRLEISTET . W ENN DIE M ECHANISMEN DES
M ARKTES IN ALL DIESEN B EREICHEN NUTZBRINGEND EINGESETZT
WERDEN SOLLEN , DANN FUNKTIONIERT DAS NUR , WENN EIN POLITISCHES
G EGENGEWICHT EXISTIERT .

Regierungen hätten keine rechtmäßige Macht über das Reich der


Information. Während sich die Welt immer mehr vernetzt,
entwickele sich der Cyberspace zu einem »eigenständigen
unabhängigen Wesen«. In einer Welt veralteter Ideen kann er neue
kreative Impulse geben. Das mag bis zu einem gewissen Punkt sehr
verführerisch klingen, solange man es allein auf das Internet
bezieht. Das Problem ist aber, daß es nicht für den gesamten
Informationsbereich gilt. Der Cyberspace ist kein einheitliches und
allgegenwärtiges Wesen, das um das Internet kreist. Er ist in viele
verschiedene Machtsphären aufgeteilt, von denen jede ihre eigenen
Ziele verfolgt. Manchmal werden diese Sphären zusammenarbeiten,
manchmal werden sie in Konkurrenz zueinander treten, aber sie
werden immer ihre ureigensten Belange schützen.16

Der kanadische Wissenschaftler Abbe Mowshowitz sieht Parallelen


zur Geschichte, wenn er die gegenwärtigen Entwicklungen
betrachtet - die angeblich absolut einzigartig sind. Während die
digitalen »Revolutionäre« eine völlig neue Epoche im Leben der
Menschen ankündigen, sieht Mowshowitz eher Parallelen zwischen
den neuen Informationszentralen und den feudalen
Herrschaftshäusern.*
* E INE W ELT , IN DER DIE V ERWALTUNG VON

G EFÄNGNISSEN , DIE E INTREIBUNG VON S TEUERN


UND DIE POLIZEILICHE G EWALT IN PRIVATER H AND
LIEGEN WERDEN . IN DEN V EREINIGTEN S TAATEN SIND

DIE K LASSENZIMMER BEREITS ZU

GEWINNVERSPRECHENDEN B ETÄTIGUNGSFELDERN
FÜR DIE W ERBUNG GEWORDEN ; AUF DER GANZEN

W ELT WERDEN S TIMMEN LAUT , DIE DIE


P RIVATISIERUNG ÖFFENTLICHER S CHULEN
FORDERN . M IT B EGINN DES J AHRES 1995

WAREN IN G ROSSBRITANNIEN MEHR L EUTE

BEI PRIVATEN S ICHERHEITSFIRMEN


BESCHÄFTIGT ALS BEI DER AUS
ÖFFENTLICHEN M ITTELN FINANZIERTEN

P OLIZEI . W EITE B EREICHE DES


ÖFFENTLICHEN A UFGABENBEREICHS ,
EINSCHLIESSLICH DER S TEUERN , WURDEN

MITTLERWEILE P RIVATUNTERNEHMEN WIE

DER AMERIKANISCHEN I NFORMATIONS -


M ANAGEMENTGRUPPE EDS ÜBERTRAGEN . I N
DEN V EREINIGTEN S TAATEN HAT MAN
BEREITS BESTIMMTE GERICHTLICHE

V ERFAHREN UND VIELE G EFÄNGNISSE


PRIVATISIERT - ZUFÄLLIGERWEISE PARALLEL
ZUM A UFSTIEG EINES ERFOLGREICHEN
NEUEN U NTERHALTUNGS - NETZWERKES , DEM

G ERICHTSSENDER C OURT TV.

Seiner Meinung nach erinnert der heute


allgemein zu beobachtende Niedergang

644
der Institutionen an die letzten Tage des
Römischen Reiches oder die Entstehung
des sogenannten finsteren Mittelalters. An
vorderster wirtschaftlicher Front werden
sich, so Mowshowitz, die aufkommenden
Relationship-Unternehmen wahr-
scheinlich zu den Lehensgütern eines
virtuellen Feudalismus entwickeln.

Die neue Ordnung wird zur Anhäufung von Reichtümern nicht


von den an das Land gebundenen Pächtern abhängig sein,
sondern von den Produktionseinheiten globaler Unternehmen,
die wie virtuelle Organisationen arbeiten. Die politischen
Machtbefugnisse werden de facto auf die virtuellen Lehens-
güter übertragen werden, weil es den Regierungen in ihrer
bisherigen Form an den finanziellen Mitteln mangeln wird, um
viele der gegenwärtigen Rechtsund Sozialeinrichtungen weiter
unterhalten zu können. Zweifellos werden die Regierungen
auch in diesem virtuellen Feudalsystem noch eine Rolle
spielen, da soziale Einrichtungen selten vollständig verschwin-
den, aber ihre Rolle wird geschwächt sein und sich
wahrscheinlich darauf beschränken, die regionale Infrastruktur
zu schützen.17

Der Schriftsteller Neal Stephenson begreift sich als Chronist des


mit der vernetzten Gesellschaft zur Jahrtausendwende entstehenden
Kräftefeldes und entwirft in einem angeblich »futuristischen« Werk
mit dem Titel Diamond Age ein ähnliches Bild. In diesem Buch
wird eine Welt der Fürsten des Kapitals und von einem »CEP-
Protokoll« gesteuerter ökonomischer Stadtstaaten beschrieben, das
nur geringfügig von den Freihandelsabkommen abweicht,

die die Weltwirtschaft unserer Tage bestimmen. 18 In einer solchen


vernetzten Welt sind Kreativität und kulturelle Ausdrucksformen
den Interessen der Fürsten der Information untergeordnet, deren
Macht als Signalmanager in den elektrischen Feldern noch verstärkt
wird. Nach den Worten der Unternehmensberaterin Esther Dyson,
einer der einflußreichsten unter den wenigen Frauen in der
Computerwelt, werden »in dieser neuen Ära Firmen und einzelne
Reiche Künstler und Entertainer fördern, so wie in der Renaissance
berühmte Mäzene wie die Medici Künstler gefördert haben. Das
Ziel der Werbeleute ist es, sicherzustellen [...], daß ihre
Werbebotschaften [...] nicht von der Umgebung zu unterscheiden
sind.« Letztendlich ist es ihre Absicht, »die Beziehung zu den
Kunden zu kontrollieren«19.

»Kontrolle« ist das Schlüsselwort. Wenn Menschen in Kirchen


und in öffentlichen Räumen zusammentreffen - in Räumen, in
denen Unterschiede unerheblich sind -, machen sie soziale
Erfahrungen, die Quelle innerer Stärke und moralische Grundlage
für einen wirkungsvollen politischen Widerstand sein können. Im
Internet können solche Erfahrungen immer mehr marginalisiert
werden. Einzelne Personen und ganze Kulturen können
systematisch isoliert und allmählich demontiert werden.

Marshall McLuhan sah diese Gefahr bereits 1969 in dem


mittlerweile berühmt gewordenen Playboy-Interview voraus. Er
warnte ausdrücklich davor, daß es in einer cyber- netisch vernetzten
Umgebung zum ersten Mal möglich wäre, die kollektive Wahrneh-
mung der Gesellschaft über die »vollkommene Erfahrung durch die
Medien« zu strukturieren.*

* M C L UHAN SPRACH DAVON , DASS

C OMPUTER DAZU VERWENDET WÜRDEN ,


» DAS E MPFINDUNGSVERMÖGEN GANZER

V ÖLKER DURCH EINE AUSGEKLÜGELTE


P ROGRAMMIERUNG ZU LEN -

646
KEN [...] UND FESTZULEGEN , WELCHE B OTSCHAFTEN EIN V OLK
HÖREN SOLLTE , UM DEN EIGENEN E RFORDERNISSEN GERECHT ZU
WERDEN .« ( P L AY B O Y , M ÄRZ 1969.)
Wenn wir einmal unsere Sinne und unser Nervensystem der
persönlichen Manipulation jener überlassen haben, die unsere
Augen und Ohren pachten und Zinsen daraus zu schlagen
versuchen, bleiben uns eigentlich keine Rechte mehr. Unsere
Augen, Ohren und Nerven an kommerzielle Interessen zu
verpachten, ist fast das gleiche, wie wenn man die menschliche
Sprache einem Privatunternehmen übergäbe oder die Erdatmo-
sphäre zum Monopol einer Gesellschaft machte.20

Die Absicht und die Methoden sind bekannt, neu sind nur die
Hilfsmittel. Wie der kenianische Künstler Ngugi wa Thiong'o in
seiner Studie über die Imperialherrschaft im achtzehnten
Jahrhundert schreibt, war »das wichtigste Herrschaftsgebiet das
geistige Universum der Ko- lonialisierten; die Kontrolle - durch
Kultur - darüber, wie die Menschen sich und ihr Verhältnis zur Welt
wahrgenommen haben. Wirtschaftliche und politische Kontrolle
sind niemals vollständig oder wirksam ohne die geistige
Kontrolle.« Er fügt hinzu: »Die Kontrolle über die Kultur eines
Volkes ist die Kontrolle über ihr Selbstverständnis im Verhältnis zu
anderen.«21

Esther Dyson entwirft eine Zukunft, die auf genau dieser


Anschauung gründet. Sie war eine der treibenden intellektuellen
Kräfte hinter der gefeierten Magna Carta for the Knowledge Age 22
und ist eine der wenigen Frauen, die sich ihrer Leistungen und
einwandfreier Beziehungen auf der höchsten Ebene der neuen
amorphen Elite rühmen können. Sie hat die bemerkenswerte Idee
entwik- kelt, daß sich das, was wir heutzutage als Netz bezeichnen,
bald in eine Reihe von »Verbrauchergemeinschaften« aufspalten
wird. Diese werden um Firmenkonsortien herum angeordnet sein,
zu denen Fluggesellschaften, Supermärkte, Telefonnetze und
private Dienstleistungsunternehmen gehören. Und weil jedes dieser
Zentren vermutlich eine eigene elektronische Chipwährung
herausgeben wird, entstehen allmählich völlig neue ökonomische

648
und politische Abhängigkeiten. Der Kunde wird bei jedem Einkauf
»Verbrauchergutschriften« erhalten. Das wird so etwas ähnliches
sein wie Vielflieger-Meilen, nur daß sie gegen ein weitaus höheres
Angebot an Waren und Dienstleistungen eingelöst werden können,
einschließlich der zum Überleben notwendigen.23 Kauft man also
eine bestimmte Ware oder Dienstleistung, weist man sich
gleichzeitig aus und wird für seine Treue belohnt. Der Kaufvorgang
wird auf diese Weise bestimmend für die Entwicklung einer
persönlichen Identität sein. So unvorstellbar es zur Zeit auch noch
erscheint, manche Leute werden ihren Lebensunterhalt durch die
Anhäufung solcher Guthaben bestreiten: Sie werden ihr
Einkommen allein aufgrund ihrer Identität und ihrer Teilnahme im
Netz erzielen. Wie Bill Gates von Microsoft bemerkte:

»[Der Information-Highway] wird in der Lage sein, die


Konsumenten sehr viel genauer anhand ihrer individuellen
Merkmale einzuteilen und jedem einzelnen einen Strom von
Werbematerial zuzuleiten. [...] So könnten einige der
Dollarmilliarden, die heute [...] jährlich für Medien- oder
Direktwerbung ausgegeben werden, an Konsumenten verteilt
werden, wenn diese sich bereit erklären, Anzeigen zu lesen oder
anzuschauen, die ihnen direkt als Nachrichten zugehen. [...] So
gäbe es eine Gruppe von Fünf-Pfennig-Nach- richten, eine von
Fünfzig-Pfennig-Nachrichten und so fort. Anzeigen, die mit
keinem Geldangebot verknüpft wären, könnten sofort
abgewiesen werden. [...] Doch wenn Ihnen jemand eine Zehn-
Mark-Nachricht schickte, wäre sie Ihnen wahrscheinlich schon
einen Blick wert.«24 (* I M H ERBST 1996 RICHTETE C YBER - G OLD , EINE IM
KALIFORNISCHEN B ERKELEY BEHEIMATETE F IRMA , HINTER DER R EGIS M C K ENNA
( EIN FÜHRENDER PR-S TRATEGE AUS S ILICON V ALLEY ) UND J AY C HIAT
(M ITGRÜNDER DER

Chiat/Day Werbeagentur) stehen, einen Dienst ein, der E-mail-

649
Nutzern die Möglichkeit bietet, sich gegen eine Vergütung von 50
Cent pro Nachricht zum Empfang von Werbe-E-mail bereit zu
erklären. Nutzer können auch ihre irdische Adresse für 8 Dollar an
Werbefirmen verkaufen. Die Bezahlung erfolgt in Form von
elektronischen Wertmarken, die gegen eine Vielzahl von Produkten
und Dienstleistungen eingelöst werden können.

Weil so viele Aspekte des täglichen Lebens der Verbraucher


durch das Netz vermittelt werden, so Bill Gates, wird eine Art
»reibungsloser Kapitalismus« entstehen. So werden »die Hersteller
[...] erkennen können, was die Käufer wünschen, und der Markt
wird potentiellen Verbrauchern die Möglichkeit geben, genau die
Waren, die sie haben wollen, preisgünstiger als bislang zu erstehen.
Adam Smith wäre begeistert.«25

Wird sich dieser Zukunftsentwurf als wirtschaftlich und praktisch


erweisen und damit die beträchtlichen strategischen Investionen
rechtfertigen?*

Eine Gesellschaft gründet sich auf die Teilung der Pflichten und
auf Kompromisse. Aber welchen Anreiz gibt es, in einer
digitalisierten sozialen Landschaft Zugeständnisse zu machen, in
der es Zwei-Wege-Bildschirme und 3D Video-Holographie gibt und
alle unsere Sinne mit Beschlag belegt werden - eine Landschaft, die
genauso- viele Erfahrungen und Möglichkeiten bietet, wie Leute an
das Netz angeschlossen sind? In diesen Reichen wird jeder Einzelne
von uns Publikum und Markt

* Mit Sicherheit werden die »Verbrauchergemeinschaften« ganz

650
anders aussehen als das, was wir heute unter einer lebendigen
Kultur verstehen. Sie werden sich eher durch ihr Kaufverhalten als
durch gemeinsame Neigungen und Glaubenssätze definieren.
Verbrauchergemeinschaften gründen auf der Übermittlung von
Botschaften. Bürgerliche Gemeinschaften aber müssen in der Lage
sein, wirklich zu kommunizieren, Kompromisse zu schließen und
kurzfristig Verzicht zugunsten eines höheren gemeinsamen Ideals
zu leisten. Sie sind abhängig von dem ganz besonderen, wenn auch
zerbrechlichen, demokratischen Instrumentarium, das in der
Verfassung festgelegt ist und gleichermaßen für alle gilt.
sein, wie Nicholas Negroponte vom MIT mit befremdlicher
Begeisterung feststellt.26 Unsere Zeitungen - und unsere Vorstellung
von Wirklichkeit - werden aus Einzelinformationen bestehen, die
sorgfältig nach unserem genau dokumentierten Geschmack
ausgewählt wurden.

Der Lebensraum eines Volkes wird neu konfiguriert als


Pandämonium elektronischer »Interaktionen«. Als Drein- gabe wird
darüber hinaus das Raum-Zeit-Gefüge aufgebrochen werden. Die
Menschen, die vor allem miteinander »sprechen« wollen, werden
für dieses Privileg zahlen müssen. Wirkliche Verbindungen werden
nichts mit Offenheit und/oder Überzeugungskraft zu tun haben,
sondern mit der Zahlungskraft.(* B ILL G ATES SAGT DAZU : »W ENN
JEMAND , DER AUF KEINER I HRER L ISTEN STEHT ,
S IE ERREICHEN
MÖCHTE , MUSS SEINE N ACHRICHT VON EINEM L ISTENMITGLIED
WEITERGELEITET WERDEN .« (B ILL G ATES , N ATHAN M YHRVOLD UND

P ETER R INEARSON : D ER W EG NACH VORN . H AMBURG 1995, S. 309.)

Eine Welt, in der es angeblich darum


geht, die Wünsche des Einzelnen zu
befriedigen, wird gleichzeitig eine Welt
sein, in der der Einzelne weitgehend von

651
den Signalmanagern des Infor-
mationsraumes mit Beschlag belegt und
kolonialisiert wurde. Die Menschen
werden - wie Jean Baudrillard einst sagte
- zu fraktalen Subjekten?1

Dahinter steht, wie es scheint, die Vorstellung, daß eine von


Grund auf marktorientierte Gesellschaft isolierter Verbraucher, von
denen jeder nach einer Maximierung des persönlichen Gewinns
innerhalb des Webs strebt, nicht nur eine leistungsfähige Wirtschaft
hervorbringen wird, sondern auch eine lebensfähige Kultur und
eine gesunde Umwelt. Es besteht keine Notwendigkeit, nach einem
Mittelweg zu suchen, der die kreativen Energien des Chaos mit den
konservierenden Bestimmungen eines aufgeklärten öffentlichen
Verwaltungsapparats in Einklang bringt. In Anbetracht der
gegenwärtigen Unzufriedenheit mit dem Status quo und der
gefährlichen Auswüchse einer korrupten und rückständigen
politischen Oberschicht, die scheinbar hilflos an der Schwelle zu
einem neuen Jahrtausend steht, kann es eigentlich nicht
überraschen, daß unterschwellig das Verlangen nach radikaler
Veränderung - und zwar nach irgendeiner Veränderung - besteht.
Gut möglich, daß uns zunächst einmal ein großes Durcheinander
bevorsteht. Es gibt keine Garantie dafür, daß die Demokratie unter
den Trümmern, die von den gewählten Regierungen übriggeblieben
sind, hervorgezogen und wiederbelebt werden kann.

Mittlerweile nimmt die »Massen-Maßfertigung« ihren Lauf, und


sie erfolgt vor allem unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten, die in
den öffentlichen Verlautbarungen über die Zukunft
gewohnheitsmäßig keine Beachtung finden. Die Digerati planen die
umfassende Koloniali- sierung, Privatisierung und
Kommerzialisierung des menschlichen Bewußtseins. Wie John
Mayo, der emeritierte Leiter der AT&T Bell Labs, meint, ist die
durch die Informationstechnologie bedingte sogenannte »Dezen-
tralisierung« eine große Marketingchance, zumindest für die, die sie

652
zu nutzen wissen. Er behauptet, daß sich »Technologie in
zunehmendem Maße der kleinsten denkbaren Kaufeinheit anpassen
kann, und das ist der einzelne Mensch, der einzelne Student, das
einzelne Mitglied der Gesellschaft.«28

Beachten Sie die Implikationen.

Klein. Einzeln. Kaufeinheit...

Viele Digerati wie John Barlow halten solche Überlegungen für


verfehlt und absurd. Er und andere bestehen hartnäckig darauf, daß
die Menschen das Netz konfigurieren werden. Haben sich
Erfahrungen erst einmal in persönliche Wünsche verwandelt,
werden die »Nutzer« wieder die »Ko-Autoren« des eigenen
Schicksals geworden sein - genauso wie die Aborigines in
Australien ihre

Lebenserfahrungen in der »Traumzeit« verarbeitet haben. Der


Resonanzboden für deren Identität war allerdings die kollektive
Erfahrung, sich in einem gemeinsamen geographischen Raum zu
bewegen. Dieser Raum stand nicht zur Disposition, und jeder
Einzelne trug unweigerlich die Verantwortung für ihn. Individuen
konnten sich schwerlich die Bedingungen aussuchen, die ihnen die
Natur auferlegte: Sie konnten nur hoffen, mit ihnen fertigzuwerden.
Es war dieser Umgang - die unablässige Kommunikation mit der
natürlichen Umgebung - der dazu beitrug, daß man
funktionierenden Beziehungen den Vorrang vor unzulänglichen
gab.

Die Nomaden in der digitalen Welt, deren Köpfe im übertragenen


wie im wörtlichen Sinn in der wundervollen Abgeschiedenheit von
Videohelmen stecken, werden sich auf gänzlich andere Weise
weiterentwickeln. Ihre Vorlieben, Abneigungen und
Zugehörigkeiten werden hauptsächlich bestimmt von den
selbstgewählten Interaktionen in einem endlos aufgesplitterten

653
elektronischen Raum.

Alle Hoffnungen auf eine elektronische »Republik werden null und


nichtig sein, wenn sich die Bürger des elektronischen Raumes nicht
stärker auf ihre Gemeinsamkeiten konzentrieren und die
Fragmentierung ihres Lebensraumes nicht überwinden können,
wenn es nicht möglich ist, Systeme demokratischer
Verantwortlichkeit zu errichten, die dem geselligen Durcheinander
in der vernetzten Welt ebenbürtig sind. Statt dessen kann es
passieren, daß sich die Bürger als Gefangene eines Panoptikums
wiederfinden, in dem die »Trennwände so hoch sind, daß die darin
Befindlichen sich nicht sehen können«. In diesem beispiellosen
ferngesteuerten Überwachungssystem werden nur die Aufseher des
Netzes göttergleich alles mit einem Blick erfassen können. (* D AS
Z ITAT STAMMT AUS DER A BHANDLUNG P ANOPTICON VON J EREMY
B ENTHAM , ZITIERT NACH M ICHEL F OUCAULT : Ü BERWACHEN UND
S TRAFEN . D IE G EBURT DES G EFÄNGNISSES .

654
F RANKFURT /M. 1976. »D IE M ENGE DER A NFRAGEN UND T RANSAKTIONEN , MIT

DENEN DAS S YSTEM ÜBERSCHWEMMT WÜRDE , ERFORDERTE EIN AUSGEDEHNTES

N ETZWERK AUS LOKALEN ODER REGIONALEN M EGAPROZESSOR -E INRICHTUNGEN , DIE

EIN GROSSES A NGEBOT AN G ERÄTEN UND D IENSTLEISTUNGEN ZUR K OMMUNIKATION ,


FÜR B ERECHNUNGEN UND V IDEOAUSSTRA HLUNGEN BEINHALTE N « (G OLDMAN S ACHS
I NVESTMENT R ESEARCH : C OMMUNICOPIA : A D IGITAL C OMMUNICATIONS
B OUNTY . J ULI 1992, S. 61). W ENN T EILE DER SENSORISCHEN S TIMULIERUNG VON

ZENTRALEN S ERVERN UND S OFTWARE -R OUTINEN GESTEUERT WERDEN , BEDEUTET

DAS EINEN ERHEBLICHEN M ACHT -Z UWACHS FÜR DIEJENIGEN , DIE AN DEN


S CHALTSTELLEN DES N ETZES DIE S IGNALE AUS DEM STARK ANGESTIE -
GENEN R AUSCHEN HERAUSFILTERN , KOORDINIEREN UND ABGLEICHEN .

D ER S ELTENHEITSWERT WICHTIGER I NFORMATIONEN STEIGT


PROPORTIONAL ZUR D ATENMENGE .

1776 wurde das mittlerweile zum Klassiker gewordene Werk Der


Wohlstand der Nationen von Adam Smith veröffentlicht. Smith
stellt dort fest, daß seit jeher bestehende und vermeintlich un-
veränderliche Gegebenheiten von der industriellen Revolution in
Frage gestellt werden, und er versucht, einen neuen konzeptionellen
Rahmen zu entwerfen, um die großen Veränderungen den
Menschen verständlich zu machen. Er verglich das Commonwealth
mit einer Industriemaschine. Bald begannen die Leute, in Begriffen
aus der Mechanik zu sprechen: Sie saßen an den Hebeln der Macht
und fühlten sich sehr oft nur als Zahnräder im Getriebe. Da die
Menschen aber keine rechte Vorstellung ihrer selbst in diesem
mechanischen Gefüge der frühen Industrialisierung hatten und sich
anfangs auch nicht entsprechend organisieren konnten, entwickelten
sie einen heftigen und instinktiven Widerstand. Wie Karl Polanyi
schrieb, war es »eine höchst komplizierte Angelegenheit, die
»einfache und natürliche Freiheit Adam Smiths und die Bedürfnisse
der menschlichen Gesellschaft miteinander in Einklang zu

655
bringen«. Dazu bedurfte es der »Umwandlung der menschlichen
und natürlichen Grundlagen der Gesellschaft in Waren. [...] die
daraus folgenden Verschiebungen [...] zerbrachen die Beziehungen
der Menschen und drohten, ihren natürli-

chen Lebensraum zu zerstören«29. Die Spannungen ließen


mit der Errichtung des sozialen Wohlfahrtstaates nach, der
die schlimmsten Auswüchse des Umwandlungsprozesses
milderte und tatsächlich so etwas wie eine moderne
Fassung der Wertesysteme darstellte, die von vielen
Kulturen in den vorhergehenden Jahrhunderten entwik- kelt
worden waren.

Mehr als zweihundert Jahre später, in einer Zeit übergroßer


Geschwindigkeit, Mobilität, Abstraktion und einer Wirtschaft, die
fast vollständig vernetzt ist, sieht sich die Gesellschaft einer
ähnlichen Umwälzung von Zielsetzungen und Institutionen
ausgeliefert. Anders als die Di- gerati, die das ganze Schauspiel
nach einem systemimmanenten »Zufallsparameter« ablaufen
lassen30 möchten, konnte Norbert Wiener, der Vater der Kybernetik,
zu Beginn des elektronischen Zeitalters voraussehend feststellen:
»Nein, die Zukunft enthält wenig Hoffnung für die, die erwarten,
daß unsere neuen mechanischen Sklaven uns eine Welt anbieten, in
der wir uns vom Denken ausruhen können. Sie mögen uns helfen,
aber auf Kosten höchster Anforderungen an unsere Aufrichtigkeit
und Intelligenz [Die Welt der Zukunft wird] keine bequeme
Hängematte [sein], in die wir uns legen können, um von unseren
Robotersklaven bedient zu werden.«31

In der Frühphase fast jeder großen Veränderung tritt oft der


gesunde Menschenverstand hinter einem utopischen Optimismus
zurück. Als das Telefon auf der Bildfläche erschien, behaupteten
seine Befürworter hartnäckig, daß es den Weltfrieden bringen, die
Einsamen erretten und die Aufklärung in allen Ländern der Welt
vorantreiben würde.32 Alexander Graham Bell, der das Telefon im
Jahr 1876 patentieren ließ, war überzeugt davon, daß man es
hauptsächlich dazu verwenden würde, klassische Konzerte und
Shakespeare-Dramen zu senden. Tatsächlich hat diese neue
Infrastruktur, die das Eisenbahn- und Telegraphensystem im
Kommunikationsbereich vervollständigte, mächtigen Imperien und
neuen Formen des ökonomischen, sozialen und politischen Lebens
den Weg bereitet, die wichtige Fragen über die Gleichheit in der
Gesellschaft aufwarfen. Damals wie heute erwiesen sich die Märkte
als unvollkommen und wettbewerbsfeindlich, so daß die gewählten
Volksvertreter eingreifen mußten.

Heute wird den Bürgern erzählt, daß eine weltweit vernetzte


Geschäftswelt die Regierung überflüssig machen wird. Genau das
Gegenteil ist der Fall. Trotz all des oberflächlichen Geredes über
Globalisierung erzielen genau jene Firmen, die derzeit auf den
Ausbau internationaler Beziehungen setzen, ungefähr drei Viertel
ihrer Gewinne auf heimatlichem Boden.33 Sie sind darüber hinaus
immer noch entscheidend auf gute Kontakte zur Regierung, auf ein
stabiles Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Verhältnis und verläßliche
Zulieferquellen angewiesen. Hinter dem Mythos der
Globalisierung verbirgt sich die einfache Tatsache, daß sie »großen
Firmen eine Trumpfkarte für Verhandlungen mit Lieferanten,
Gewerkschaften und Regierungen in die Hand gibt«34. Sie macht es
auch Politikern leichter, die Verantwortung für eine De-
regulierungspolitik von sich zu schieben, indem sie ihnen erlaubt,
von den abstrakten Zwängen des »globalen Wettbewerbs« zu
sprechen. Es liegt eine gewisse Ironie darin, daß »mindestens 20
Firmen der von Fortune im Jahr 1993 aufgelisteten Top 100 nicht
als unabhängige Unternehmen hätten überleben können, wenn sie
nicht von ihren Regierungen irgendwie unterstützt worden
wären«35.

Inmitten des größten Chaos' der technologischen Umwälzungen


stehen wir erneut vor bekannten Entscheidungen. »Freie« versus
»deregulierte« Märkte, Redefreiheit versus Pornographie und

657
Zensur des Internet, Versuche der Regierung, die Verbreitung
hochentwickelter Codierungsinstrumente einzuschränken - all
diesen Problemen liegen zentrale und ewig gültige Fragen
zugrunde: Haben Bürger das Recht, der absoluten Freiheit Grenzen
zu setzen, und wenn ja in welchen Fällen und zu welchem Zweck?
Wie sieht ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen völliger
Offenheit - zum Beispiel im Handel und in den kulturellen
Beziehungen - und notwendigen Beschränkungen aus? Wie lassen
sich Pluralismus und freier Gedankenaustausch am besten fördern?
Die Spannungsverhältnisse sind im Grunde genommen dieselben,
auch wenn sich der soziale Raum radikal verändert. Da die Märkte
in einen vereinheitlichten digitalen Raum abwandern und die auf
marmornen Säulen ruhende traditionelle Demokratie sich mit den
schnellebigen freien Staaten einer binären Welt konfrontiert sieht,
gehört es zu den vorrangigen Aufgaben, ein neues politisches Sy-
stem der gegenseitigen Kontrolle zu errichten, die vorhandenen
Möglichkeiten allen in gleichem Maße zugänglich zu machen und
sicherzustellen, daß diese Ziele in sozial verantwortlicherWeise
verfolgt werden.

Es gibt niemals optimale Lösungen, bloß weniger schlechte - und


darüber können legitimerweise nur die Bürger und deren
vertrauenswürdigen Repräsentanten entscheiden. Die von den
Digerati versprochene »Freiheit« führt zu radikalen
gesellschaftlichen Verschiebungen und politischer Tyrannei, zu
einem Leben im ungebändigten sozialen Chaos, das nach einem
berühmten Ausspruch von Thomas Hobbes nichts ist als
»scheußlich, brutal und kurz«. Eine solche Welt würde außerdem
immer ärmer an Kunst, Literatur und Kultur, sie würde sich, wie
Hobbes sagte, im »Kriegszustand« befinden.

Eine mögliche Methode, um das Interesse an der modernen


Demokratie wiederzubeleben - und den schädlichen Einfluß
selbstsüchtiger Geschäftsleute und Reicher einzuschränken - wäre
eine »Verpflichtung zum Bürgerdienst«. Demnach müßte jeder
Erwachsene zum Erhalt seiner bürgerlichen Rechte seinen
Fähigkeiten, Bildung und Kenntnissen gemäß einige Jahre für die
Gesellschaft arbeiten.

Es ist an der Zeit, daß die Händler des digitalen freien Marktes
selbst einmal eine Botschaft zur Kenntnis nehmen: Diejenigen, die
ihren Nutzen einem von allen geteilten Bereich ziehen wollen,
müssen auch die damit verbundene Verantwortung übernehmen. Die
Stabilität des Marktes, die öffentliche Ordnung, eine gebildete
Bürgerschaft und sogar die Zukunft der Gesellschaft hängen davon
ab, daß jeder Einzelne seinen angemessenen Teil dazu beiträgt.

K APITEL NEUN

Die Sandburgen der Zukunft

W ENN MAN EIN S PIEL NACH BESTIMMTEN R EGELN SPIELT UND DEN
S PIELAUTOMATEN SO INSTRUIERT , DASS ER DANACH TRACHTET ZU
GEWINNEN , SO WIRD MAN , WENN ÜBERHAUPT ETWAS , DEN S IEG
ERLANGEN [...] DIE M ASCHINE WIRD KEIN ANDERES Z IEL VERFOLGEN ,
ALS - DEN R EGELN ENTSPRECHEND - ZU SIEGEN [...] KOSTE ES WAS ES
WOLLE , SELBST WENN ES ZUR V ERNICHTUNG DER EIGENEN S EITE
FÜHRT , ES SEI DENN , DIE B EDINGUNG DES Ü BERLEBENS WÄRE
AUSDRÜCKLICH IN DER S IEGESDEFINITION ENTHALTEN , NACH DER DIE
M ASCHINE PROGRAMMIERT IST .
Norbert Wiener1

659
Als Louis Malle 1995 starb, gehörte er zu den angesehensten - und
unbequemsten - Persönlichkeiten der Filmbranche. Zu seinen
bekanntesten und widersprüchlichsten Werken zählte ein 1968
gedrehter Dokumentarfilm über Indien mit dem Titel Kalkutta. In
einer Szene werden die Bilder eines Zugunglücks auf dem Land
gezeigt. Man sieht zunächst die Nahaufnahme von etwas, das ein
Haufen anscheinend hoffnungslos verbogenen Eisens zu sein
scheint. Dann fährt die Kamera zurück, der Ausschnitt wird größer,
und wir erkennen, daß dieses wüste schwarze Durcheinander eine
entgleiste, aber unbeschädigte Dampflok ist. Schwerfällig liegt sie
umgestürzt neben den Gleisen. Es folgt ein Kameraschwenk auf
den Bahndamm. Zahllose Passagiere und Schaulustige aus dem
Dorf füllen die Leinwand. Ungläubig verfolgen wir, wie Tausende
von Händen die stählerne Maschine packen und gemeinsam zu
schieben beginnen. In mühseliger Anstrengung, Zentimeter für
Zentimeter, hebt die entschlossene Menge gemeinsam den Zug
buchstäblich auf das Gleis zurück, mit keinem anderen Hilfsmittel
als ihrer eigenen Muskelkraft und einfachen Holzstangen als Hebel.
Hier bietet sich ein bemerkenswertes Bild von Konzentration,
Lebens- und Willenskraft. Die Szene beschäftigt einen noch
tagelang. Wird sich der Zug der High-Tech- Gesellschaft genauso
wieder ins Gleis bringen lassen, wenn er jemals verunglückt?

Ende Januar 1990. Im Kontrollzentrum von AT&T in New Jersey


nippt ein Techniker an seinem Kaffee, als etwas am Rand seines
Bildschirms aufflackert. Da ist es wieder - ein seltsamer Schimmer
wie die leichte Blähung des Großsegels, bevor der Sturm losbricht.
Der Techniker wendet den Blick von seinem Bildschirm weg auf
das Kontrollgitter, eine Anordnung von mehreren hundert Com-
puterbildschirmen, die sich an der gegenüberliegenden Wand
befinden und sieht mit wachsendem Entsetzen, wie Nordamerika
flutartig von einer Welle roter Warnlichter überzogen wird.
Innerhalb weniger Sekunden bricht das gesamte
Fernvermittlungssystem von AT&T vollständig zusammen. Wenn
der größte Computer der Welt seinen Geist aufgibt, ist die
Wirtschaft der Vereinigten Staaten davon auch nicht weit entfernt.
Der Ausfall des Kommunikationsnetzes im Jahr 1990 dauerte neun
Stunden und hat bis heute unter den Computerexperten den Status
einer Legende. Sie wissen nur allzu gut, daß es wieder geschehen
kann - und geschehen wird. Die einzige Frage ist: in welchem
Ausmaß?* (* A M 7. A UGUST 1996 FIEL DAS C OM PUTERSYSTEM VON
A MERICA O NLINE FÜR 19 S TUNDEN AUS , 16 M ILLIONEN N UTZER
WAREN DAVON BETROFFEN . D ER Z USAMMENBRUCH WURDE DURCH EINE
NEUE S OFTWARE VERURSACHT , DIE WÄHREND EINES PLANMÄSSIGEN
W ARTUNGS -U P - DATES INSTALLIERT WORDEN WAR . »D AS BRINGT UNS
WIEDER INS B EWUSSTSEIN , DASS VIELE DIESER S YSTEME AN DER
G RENZE STEHEN «, SAGT R ICHARD Z WETCHKENBAUM VON DER
I NTERNATIONAL D ATA C ORP . W IE D AVID E INSTEIN IN EINEM A RTIKEL ,
DER AM DARAUFFOLGENDEN T AG IM S AN F RANCISCO C HRONICLE
ERSCHIEN , SCHRIEB , HATTEN SICH V ERTRETER VON AOL MIT DER
F EHLERUNANFÄLLIGKEIT IHRES S YSTEMS GEBRÜSTET . E INER VON
IHNEN HATTE GEGENÜBER DEM C HRONICLE SOGAR BEHAUPTET , DASS
DIE AOL- C OMPUTER GEGEN A USFÄLLE DIESER A RT » PRAKTISCH
IMMUN « SEIEN .
)
Da die Systeme immer komplexer werden, wird es auch
immer schwieriger, sie zu steuern. Solche Systeme sind
grundlegend verschieden von den beständigen natürlichen
und organischen »Systemen«, in denen kleine Verände-
rungen oder Fehler im allgemeinen eine örtlich begrenzte
Reaktion hervorrufen. Während der Bombenangriffe der
Alliierten auf Kugellagerfabriken im Zweiten Weltkrieg
beispielsweise konnten die Deutschen aufgrund eines
Überschusses an Fabriken und Nachschubmaterial viel
länger Widerstand leisten, als es die Stärke der Angriffe für
möglich halten ließ. Wenn Zahnräder und Hebel ausfielen,
machten sich die Mechaniker an die Arbeit und ersetzten,
wo es nötig war, einzelne Teile. Das Dritte Reich hatte
zumindest das mit seinen Feinden gemeinsam: Es verfügte
über eine analoge Wirtschaft, die flexibel auf die
empfangenen Schläge reagierte! In einer cybernetischen
Umgebung verhalten sich die Dinge ganz anders. Schon
eine kleine Abweichung in der binären Befehlskette kann
ein ganzes System zusammenbrechen lassen.* Der
Zusammenbruch von AT&T zum Beispiel wurde durch ei-
tlen Fehler in einem logischen Schaltkreis verursacht, der
sich von einem Knoten aus über das ganze riesige
Fernleitungsnetz von AT&T ausbreitete."1"

* A M 17. J ULI 1996 FORDERTE DIE R EGIERUNG C LINTON DIE


AMERIKANISCHE I NDUSTRIE AUF, EIN ENTSPRECHENDES G EGENSTÜCK
ZUM »M ANHATTAN -P ROJEKT « ZU ENTWERFEN - DAS WÄHREND DES
Z WEITEN W ELTKRIEGES DIE ERSTE ATOMBOMBE ENTWICKELT HATTE -,
UM EINEN S CHUTZ GEGEN A NGRIFFE AUF C OMPUTER - UND ANDERE
N ETZWERKE ZU INSTALLIEREN , DIE DIE L EBENSADERN DER MODERNEN
G ESELLSCHAFT SIND .

662
+
D ER C OMPUTER -R ISIKOEXPERTE P ETER G. N EUMANN SCHREIBT , DASS
» DER WELTWEITE A USFALL DURCH DEN D EFEKT EINES EINZIGEN
S CHALTERS PER Z UFALL BEWIRKT WURDE . E IN ABSICHTLICH
VERURSACHTER Z USAMMENBRUCH HÄTTE JEDOCH GENAU DIE GLEICHEN
F OLGEN [...] GEHABT UND ZEIGT DIE W ECHSELBEZIEHUNG ZWISCHEN
Z UVERLÄSSIGKEIT UND S ICHERHEIT .« (C OMPUTER -R ELATED R ISKS .
R EADING 1995, S. 127.) N EUMANN HAT EINEN VERDIENSTVOLLEN
B EITRAG ZUR D ISKUSSION ÜBER DIE A NFÄLLIGKEIT CYBERNETISCHER
S YSTEME GELEISTET . D ENJENIGEN , DIE SICH FÜR SOLCHE F RAGEN
NOCH WEITER INTERESSIEREN , SEI SEIN B UCH AUSDRÜCKLICH
EMPFOHLEN .
Die Ariane 5 war für 40 Milliarden französische Francs
entwickelt worden, um Europa die führende Position in der
Beförderung von Satelliten in die Erdumlaufbahn zu sichern. Beim
ersten Start im Juni 1996 kam sie erheblich vom Kurs ab und mußte
vierzig Sekunden nach dem Start vom Weltraumzentrum in Kourou,
Französisch- Guyana, zerstört werden. Laut Aussage der Untersu-
chungskommission wurde diese Störung durch das »völlige
Abreißen des Datenflusses über Lage und Kurs der Rakete
verursacht [...], die Folge von Spezifikationsund Designfehlern in
der Software des Trägheitsnaviga- tionssystems«. Die Kommission
verwies auf unzulängliche Tests und Simulationen der Software des
Navigationssystems und forderte eine kritische Neubewertung der
gesamten Software und der integrierten Systeme. Dadurch kam es
zu erheblichen Verzögerungen bei weiteren Starts, und es wurden
Zweifel an der europäischen Führung im Satellitengeschäft laut, das
jährlich 3 Milliarden Dollar verschlingt.

Solche komplexen Systeme sind nicht mehr länger nur in High-


Tech-Raumfahrtprogrammen und im Telefonnetz zu finden,
sondern überall und in allen möglichen Anwendungen.*

Darüber hinaus sind sie mit anderen


Systemen in großen, geographisch weit
auseinanderliegenden Netzen verbunden.
Die gesamte Weltwirtschaft wird in einem
großen elektronischen Gitter verdrahtet. In
der Folge vergrößern dieselben
Entwicklungen, die eine Beschleunigung
unserer Arbeit bewirken - und gleichzeitig
cybernetische Abläufe unmerklich immer
fester in das Gewebe des modernen
Lebens einflechten - Ausmaß und
Auswirkungen menschlicher und
systembedingter Fehler um ein Vielfaches.

664
* »W IR GLAUBEN , DASS MAN NUR IN SEHR

BESCHRÄNKTEM M ASS AUF DIE

Z UVERLÄSSIGKEIT VON S OFTWARE VER -


TRAUEN KANN «, SCHREIBEN ZWEI E XPERTEN .
»D IE SICHERSTE V ORGEHENSWEISE IST ES ,
EINE GEWISSE S KEPSIS ZU BEWAHREN .« (B EV
L ITTLEWOOD UND L ORENZO S TRIGINE :
»T HE RISKS OF S OFTWARE « IN : S CIENTIFIC
A MERICAN , N OVEMBER 1992.)

Und bedenken Sie: Auch wenn es in unsicheren Zeiten


verführerisch ist, für das eigentlich menschliche Versagen
Maschinen die Schuld zu geben - das sagt oft genausoviel über
unsere Angst vor dem Unbekannten aus wie über die
Unzulänglichkeiten der Hilfsmittel -, verhält es sich in Wahrheit so,
daß heutzutage jedes kleine, lokal begrenzte, nervöse Zucken sehr
schnell zu einem weltweiten heftigen Kopfschmerz werden kann.
Weil nicht einmal Softwareexperten die Zukunft vorhersagen
können, neigen sie dazu, das wahrscheinlichste Risiko in ihre
Planung einzubeziehen. Tokio zum Beispiel wurde unter
Berücksichtigung der ständigen Gefahr eines Erdbebens angelegt.
Alle Systeme wurden dementsprechend entworfen. In Kobe galt das
Augenmerk der Planer im Gegensatz dazu mehr den Schäden, die
durch Taifune drohen. Diese sind nichts Besonderes in einem Land,
dessen Küstenregionen den stürmischen Einflüssen des Pazifischen
Ozeans und der Chinesischen See ausgesetzt sind. Als im Jahr 1995
ein verheerendes Erdbeben Kobe erschütterte, gab es keine
Notstandspläne, um auf dieses unvorhergesehene Ereignis zu rea-
gieren: Man hatte angenommen, daß das Gebiet seismisch inaktiv
sei. Durch die ersten Erschütterungen wurden die
Glasfaserverbindungen unterbrochen, auf denen das Telefonsystem
beruhte, und ein großer Teil der Kommunikation in der Stadt zum

665
Erliegen gebracht. Straßen, Brücken, die Elektrizitätsversorgung
und der Verkehr brachen als nächstes zusammen. Die Nachbeben
waren an weit entfernten Orten auf der ganzen Welt zu spüren: bei
den Autoherstellern und Uhrmachern, denen wichtige Teile nicht
geliefert werden konnten. Ein ausgedehntes Netzwerk von
verknüpften »Knoten«, das auf einer rationalisierten
Produktionsweise und Just-in-time- Lieferung basierte, wurde
durch das Zusammenwirken eines unerwarteten Ereignisses,
menschlicher Fehler und mangelhafter Planung in Mitleidenschaft
gezogen.2 Aus ähnlichen Gründen fiel auch einer der weltweit
größten Zulieferer für hochwertige Epoxidharze aus, als im Juli
1993 eine Explosion das Ehime Werk von Sumitomo Chemical im
japanischen Nihama zerstörte. Diese Harze sind ein wesentlicher
Bestandteil bei der Herstellung von Halbleiter-Chips. Während der
fünf Monate, die der Wiederaufbau des Werkes dauerte, entbrannte
ein heftiger Konkurrenzkampf zwischen den Herstellern um die
Sicherung ihres Anteils an den um die Hälfte verminderten
Zulieferungen. Aus solchem Stoff werden Kriege gemacht.

Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Dies scheint in höherem Maß
für den Menschen als für unsere Maschinen zu gelten. Die
spektakuläre Geschichte technischer Innovationen verlief in der
Landwirtschaft, beim Bau, im Tagebau, in der Medizin, im Druck-
und Transportwesen und allen übrigen Bereichen in Entwicklungs-
sprüngen. Doch die Anwendung dieser Erfindungen erfolgte mit
mehr Bedacht. Man eignete sich ein System erst an, nachdem man
es über einen längeren Zeitraum hinweg erprobt hatte. Jeder
weitere Entwicklungsschritt baute auf dem vorhergehenden auf, so
daß die Struktur an sich den Strömungen der Zeit verhältnismäßig
gut standhalten konnte. Neue Bauweisen und Materialien wurden
zum Beispiel in langsamen Schritten über Jahrhunderte hinweg
verbessert. Die romanischen Rundbögen wichen den Spitzbögen
der Gotik und des Islam, Strebepfeiler und Mauerwerk machten der
Skelettbauweise und leichteren Baustrukturen Platz. Wann immer

666
man die Grenze des Machbaren weiter gesteckt hatte, stellte sich
dieselbe Frage: Wird es halten?

In der cybernetischen Architektur liegen die Dinge an- ders. Da


sich die Räder der Entwicklung immer schneller drehen, gibt es
eine gefährliche Tendenz, Systeme zu übernehmen, lange bevor
sich ihr Wert erwiesen hat. Ein nichterprobtes System folgt dem
nächsten. Das Risiko wird immer größer. Wir glauben, diesen
Risiken durch den verstärkten Einsatz von Computersimulationen
lind hochentwickelten Programmen aus dem Weg gehen zu
können. Im großen und ganzen funktioniert dieser Ansatz
erstaunlich gut - obwohl die Kosten für Fehlkalkulationen
beträchtlich steigen und alles von der Zuverlässigkeit des
Quellcodes abhängt. Einen Hinweis auf die Höhe dieser Kosten
lieferte im Oktober 1988 die Wall Street, als computerisierte
Handelsprogramme beinahe eine weltweite finanzielle
Kernschmelze auslösten. Man will uns glauben machen, daß so
etwas nie wieder passieren kann, weil irgendwer irgendwo noch
mehr Befehlsketten in die Programme einbaut. Aber es gibt keine
fehlerfreie Software. Ein ganz normales Datenbankprogramm, das
für ganz bestimmte Aufgaben entworfen wurde, enthält
heutzutage Millionen von Ziffern. Wenn man sie ausdrucken und
aneinandereihen würde, reichten sie locker über den ganzen
Ozean. Doch obwohl uns redundante Systeme und
»intelligentere« Software zur Verfügung stehen, muß nur eine
einzige Null oder Eins an der falschen Stelle stehen, und alles
bricht zusammen. Dasselbe gilt übrigens auch für Halbleiterchips.
Es gibt keinen perfekten Mikroprozessor, wie der Vorsitzende von
Intel, Andy Grove, 1994 anmerkte, als man einen Defekt an einer
frühen Version des konkurrenzlosen Pentium-Chips entdeckte.

Und doch bilden in heutiger Zeit diese Splitter aus veredeltem


Sand, durch die elektrische Impulse rasen, das Kernstück so
komplizierter Systeme wie Düsenflugzeuge, Autoelektronik,
hochentwickelte Waffen, medizinische Ausrüstung und vieles

667
andere. Dabei sind die Zuverlässigkeit solcher Systeme und unser
eigenes Überleben immer enger miteinander verknüpft.*
Vor vielen tausend Jahren, als »primitive« Gesellschaften
sich in den Tälern zwischen Euphrat und Tigris
ausbreiteten, verfügten sie, daß jeder Baumeister des
schweren Verbrechens angeklagt und zum Tode verurteilt
werden sollte, wenn eines seiner Gerüste zusammenbrach.
Als sich die Kulturen weiterentwickelten, verlangten die
Gesellschaften von ihren Architekten, Ärzten, Piloten und
Rechtsanwälten Nachweise für ihre berufliche
Qualifikation. Natürlich machen diese Fachleute immer
noch schwerwiegende Fehler, aber dieses
Nachweisverfahren verringert nicht nur die strukturellen
Risiken, es weist auch eindeutige Verantwortlichkeiten zu.
Die heutigen Baumeister digitaler Codes haben weitaus
mehr Einfluß als die Schriftgelehrten Babylons oder die
Priester im alten Ägypten. Dennoch unterliegen sie nicht
der gleichen Kritik und Reglementierung wie die anderen
Berufsstände. So sehr unser Leben auch von ihrem
Fachwissen abhängt, der Erfolg ihrer Hard- und Software
wird allein an der kommerziellen Stärke gemessen. Das
erklärt vielleicht auch, warum diejenigen, die ein
begründetes Interesse an der Mobilisierung komplexer cy-
bernetischer Technologien haben, beharrlich die
Anforderungen unterschätzen oder ignorieren, die für einen
sicheren Betrieb erfüllt werden müssen, und sich keine
Gedanken über die weitreichenderen gesellschaftlichen
Folgen machen.

* D IE P LANUNG KRITISCHER S YSTERHE ERFOLGT OFT IN H INBLICK AUF


KURZFRISTIG ERZIELBARE G EWINNE . D IE DIGITALE F LUGELEKTRONIK ,

l 668
DIE INZWISCHEN ROUTINEMÄSSIG I N P ASSAGIERFLUGZEUGEN
INSTALLIERT WIRD , WURDE NICHT DESHALB ENTWICKELT , WEIL SIE
B ETRIEBSVORTEILE BIETET , SONDERN WEIL SIE BILLIGER IST ALS DIE
ANALOGE F LUGZEUGELEKTRONIK UND EINE V ERRINGERUNG DES
G EWICHTS UND SOMIT E INSPARUNGEN BEI DEN T REIBSTOFFKOSTEN
BEDEUTET . H INZU KOMMT , DASS DIE BESTEN K ONSTRUKTEURE OFT
UNTER MASSIVEM Z EITDRUCK ARBEITEN : »W IR STANDEN UNTER EINEM
ENORMEM D RUCK , RECHTZEITIG ZU LIEFERN «, VERTRAUTE MIR EINER
AN . W ENN DIE P LANUNG VON GROSSEN T EAMS DURCHGEFÜHRT WIRD ,
IST ES EINFACH , DIE GENAUE Ü BERPRÜFUNG DEN K OLLEGEN ZU
ÜBERLASSEN . D IE ÜBLICHEN K OORDINATIONSPROBLEME WERDEN
DADURCH NOCH VERGRÖSSERT , DASS DIE EINZELNEN M ITGLIEDER DES
T EAMS MÖGLICHERWEISE EINANDER WIDERSPRECHENDE Z IELE
VERFOLGEN .

669
Peter G. Neumann, der für einen ganzheitlicheren tech-
nologischen Ansatz eintritt, schreibt:
In unserem Leben wie in unseren Computersystemen neigen
wir dazu, von der unbegründeten oder allzu einfachen Annahme
auszugehen, daß schon nichts Schlimmes passieren wird. Im
Leben verhindern solche Annahmen [...] daß man paranoid
wird. Bei Computersystemen wären jedoch oft mehr Bedenken
angebracht, insbesondere, wenn ein System kritischen
Anforderungen unter den verschiedensten Betriebsbedingungen
genügen muß [...]. [Und dennoch] nehmen wir die tatsächlichen
Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Entwicklung,
Verwaltung und Verwendung von Systemen in kritischen
Bereichen immer noch nicht richtig zur Kenntnis.

Neumann zeigt sich »optimistisch, daß wir Besseres in der


Entwicklung und Nutzung von Computersystemen, mit denen ein
geringeres Risiko verbunden ist, leisten können«, aber
»pessimistisch, inwieweit wir uns wirklich auf Computersysteme
und die Leute, die am Einsatz solcher Systeme beteiligt sind,
verlassen können«3.
Es ist wahr, daß wir zu viele wichtige Entscheidungen - über
unsere Gesundheit, unser Wohlergehen und auch die Zukunft
unserer Umwelt - Leuten und Vorgängen überlassen, die nach ganz
eigenen Gesetzen arbeiten. Wir begreifen immer noch nicht in
vollem Umfang, daß sich die Gesellschaft von einer kleinen Gruppe
von Spezialisten blenden läßt, deren einflußreichen, aber
nachweislich fehlbaren Computeralgorithmen spezielle
kommerzielle, technische und/oder politische Ziele zugründe

670
liegen, während unsere Abhängigkeit immer größer wird. In der
Folge nehmen auch die Unzulänglichkeiten immer mehr zu, ohne
daß wir über entsprechende Verfahren verfügen, um bestimmen zu
können, wer - oder vielmehr was - dafür verantwortlich ist.

Nachdem der Zweite Weltkrieg gewonnen worden war, folgte der


Begeisterung über den Sieg unter der wissenschaftlichen Elite bald
eine ernsthafte Debatte. Sie begann bereits, als die Erschütterungen
der Explosion der ersten Atombombe über Japan buchstäblich noch
zu spüren waren. Die Wissenschaftler des Manhattan-Projekts
hatten die Atombombe in Los Alamos unter der Leitung des
Physikers Robert Oppenheimer entwickelt. Nach Kriegsende hatten
sie endlich die Gelegenheit, die einseitige Sichtweise aufzugeben,
die ihnen geholfen hatte, ihr technisches Ziel zu erreichen, und statt
dessen darüber nachzudenken, welche weitreichende Bedeutung
diese schrecklichen, von ihnen freigesetzten Kräfte für die
Menschheit hatten. Vielen machte die beachtliche
Geschwindigkeit, mit der eine Theorie Wirklichkeit geworden war
- und die die Zukunft der gesamten Menschheit vernichten konnte -
große Sorgen. Am Abend des 2. November 1945 hielt
Oppenheimer vor seinen Kollegen in Los Alamos eine Rede über
die »tiefgründigen Fragen [...], die uns als Wissenschaftler
betreffen«. Er erinnerte daran, daß die Entwicklung der
Atombombe eine elementare Notwendigkeit gewesen war. Er ver-
suchte nicht, sie dadurch zu rechtfertigen, daß der Feind dasselbe
vorgehabt hatte, oder in Frage zu stellen, daß eine unabhängige
Wissenschaft die Nation stärkte und ihr eine bessere Position in der
Kriegsführung verschaffte - diese Argumente sind heute oft zu
hören. Die Bombe war, wie er sagte, entwickelt worden, weil die
grundsätzliche Bedeutung des Daseins - des Lebens selbst - von

den faschistischen Regimes bedroht worden war. Sie wurde gebaut,


um etwas zu verteidigen, »wofür es sich zu kämpfen und zu leben
lohnte«. Er fuhr fort:

671
»Atomwaffen stellen eine Gefahr für jeden dar, und in dieser
Hinsicht [...] sind sie unser aller Problem, so wie es das
gemeinsame Problem der Alliierten war, die Nazis zu
bekämpfen. Ich glaube, um mit ihnen umgehen zu können,
bedarf es eines kollektiven Verantwortungsbewußtseins. [...]
Wir sind nicht nur Wissenschaftler, wir sind auch Menschen
und dürfen nicht vergessen, daß wir von unseren Mitmenschen
abhängig sind. Ich meine damit nicht nur die materielle
Abhängigkeit, ohne die keine Wissenschaft möglich wäre und
ohne die wir nicht arbeiten könnten, ich meine auch unsere tiefe
moralische Verpflichtung, wonach der Wert der Wissenschaft in
der Welt des Menschen begründet sein muß.«4

Es ist interessant, daß der Kybernetiker Norbert Wiener eine


ähnliche Auffassung von seiner Arbeit in der neuen Welt der
Rechner und der künstlichen Intelligenz entwickelte. »Wenn wir
eine Maschine programmieren, um einen Krieg zu gewinnen«, sagte
er, »müssen wir gut nachdenken, was wir mit >gewinnen< meinen.
[...] die Werte des Gewinnens [müssen] die gleichen Werte sein, die
wir im Inneren für den Ausgang eines echten Krieges gemeint
haben.[...] Wenn wir nach dem Sieg fragen und nicht wissen, was
wir mit ihm meinen, werden wir das Gespenst finden, das an unsere
Tür klopft.«5

Prinzipiell ist es natürlich die vorrangige Aufgabe jedes


Wissenschaftlers, die Grenzen des menschlichen Wissens zu
erweitern, in der Praxis ist dieses Geschäft allerdings oft mit
schrecklichen Konsequenzen verbunden. Sowohl Wiener als auch
Oppenheimer waren der Überzeugung, daß die Anwendung von
technischem Wissen fest in ein soziales und ethisches Universum
eingebettet sein müsse: daß das Wissen über das Wie nur in
Verbindung mit dem Wissen über das Warum einen Sinn ergibt. (*
B EIDE ZAHLTEN EINEN HOHEN P REIS FÜR IHRE Ü BERZEUGUNG . W IENER
WURDE ALS EXZENTRISCHER - WENN AUCH UNBESTREITBAR BRILLANTER

672
- N ARR VERSPOTTET . O PPENHEIMER , DER 1949 IMMER NOCH
V ORSITZENDER DES B ERATUNGSAUSSCHUSSES DER A TOM -
ENERGIEKOMMISSION WAR , BRACHTE DIESE K OMMISSION DAZU , SICH

EINSTIMMIG GEGEN EIN P ROGRAMM ZUR E NTWICKLUNG DER


S UPERBOMBE AUSZUSPRECHEN UND FÜR EINE ÖFFENTLICHE D EBATTE
EINZUTRETEN . E R WURDE IN DER M C C ARTHY -Ä RA BEDROHT , MIT
S CHMÄHUNGEN ÜBERZOGEN UND SCHLIESSLICH WURDE IHM DIE
S ICHERHEITSGARANTIE VERWEIGERT .

Opportunistischere Kalte Krieger - Männer wie Edward Teller


von der RAND Corporation und John von Neumann gingen
berechnender vor: Sie predigten den Glauben an »die Wissenschaft
um der Wissenschaft willen«. Die reine Forschung sollte
entschlossen und ungehindert voranschreiten. In einer Zeit der
massivsten militärischen Aufrüstung, die die Menschheit jemals
erlebt hatte, machte von Neumann die leichtfertige Bemerkung:
»Wenn Sie fragen, warum bombardieren wir sie [die Sowjetunion]
nicht

morgen, so frage ich, warum nicht heute? Wenn Sie sagen, heute
um 5 Uhr, frage ich, warum nicht um eins?« 6 Auf die
weitverbreitete Sorge, daß der »Fortschritt« außer Kontrolle gerate,
entgegnete er, daß »es gerade die Technologie ist, die es uns
ermöglicht, mit diesen Problemen fertigzuwerden«7. Angesichts
der durch geopolitische Instabilitäten hervorgerufenen Krisen
drängten von Neumann und seinesgleichen auf die Beschleunigung
des Programms zur geheimen Erprobung und Entwicklung von
Thermonuklearwaffen in Verbindung mit fast pathologisch
anmutenden Computerentwürfen und Spieltheorien. Sie glaubten,
dadurch eine irgendwie vernünftigere und daher
vorherbestimmbarere - Welt schaffen zu können. Das Ergebnis war
die mittlerweile nur allzu bekannte Militärdoktrin der
»gegenseitigen Vernichtung«.

673
Als man ihn damit konfrontierte, daß Atomtests nicht nur
den Rüstungswettlauf beschleunigen, sondern auch das
Krebsrisiko der Zivilbevölkerung, die in der Nähe von
Testgebieten lebt, erhöhen würden, zuckte von Neumann
nur mit den Schultern und erwiderte, dies sei ein bedau-
erlicher, aber dennoch akzeptabler Preis für die Sicherung
der militärischen Führung.* In Gesprächen mit seinem
Freund, dem Physiker Richard Feynman, sagte er, daß »ein
Wissenschaftler nicht die Verantwortung für die ganze Welt
tragen muß [...], soziale Verantwortungslosigkeit kann eine
vernünftige Haltung sein«8.
Wie vertraut das heute klingt. Es
ist gerade so, als ob sich nach dem
Zweiten Weltkrieg die Waagschale
der Ethik mit einem häßlichen
Knall auf die Seite der
Maßlosigkeit gesenkt hätte und bis
heute da geblieben ist.+

* ES MUTET FAST IRONISCH AN , DASS VONN EUMANN SELBST 1957


INFOLGE EINET K NOCHENKREBSERKRANKUNG STARB , DIE VON SEINEN
HÄUFIGEN UND BEGEISTERTEN B ESUCHEN IN A TOMTESTGEBIETEN
HERRÜHRTE . U NAUSLÖSCHLICH HATTEN SICH IHM IN JUNGEN J AHREN
DIE S CHRECKEN DER F LUCHT VOR DEN N AZIS IM J AHR 1933
EINGEPRÄGT , UND SEIN L EBEN LANG BEGLEITETE IHN EINE
AUSGEPRÄGTE A NGST VOR U NSICHERHEIT UND T OD . A NGEBLICH
HALLTEN SEINE ANGSTER - FÜLLTEN S CHREIE I N DEN F LUREN DES
W ALTER R EED H OSPITALS WIDER , IN DEM ER DIE LETZTEN T AGE VOR
SEINEM T OD VERBRACHTE UND SETZTEN EINEN TRAURIGEN S CHLUSS -
AKKORD UNTER EIN L EBEN , DAS VON AUSSERGEWÖHNLICHEN
L EISTUNGEN GEKENNZEICHNET WAR . A DMIRAL L EWIS S TRAUSS
BEMERKTE ANLÄSSLICH EINES E SSENS ZU E HREN VON N EUMANNS , DASS
» ER BIS ZULETZT M ITGLIED DER [A TOMENERGIE -] K OMMISSION WAR
UND V ORSITZENDER EINES WICHTIGEN B ERATUNGSAUSSCHUSSES IM
V ERTEIDIGUNGSMINISTERIUM . A LS SEIN E NDE BEREITS NAHTE , FAND
UNTER DRAMATISCHEN U MSTÄNDEN EINE S ITZUNG IM W ALTER R EED
H OSPITAL STATT , ZU DER SICH DER V ERTEIDIGUNGSMINISTER UND SEIN
M ITARBEITERSTAB , DIE K OMMANDEURE DES H EERES , DER M ARINE UND

674
DER L UFTWAFFE SOWIE DIE MILITÄRISCHEN S TABSCHEFS UM SEINB ETT
HERUM VERSAMMELTEN UND AUFMERKSAM SEINEN LETZTEN W ORTEN
UND R ATSCHLÄGEN LAUSCHTEN .« (Z ITIERT BEI S TEVE J. H EIMS : J OHN
VON N EUMANN AND N ORBERT W IENER : F ROM M ATHEMATICS TO THE
T ECHNOLOGIES OF L IFE AND D EATH . C AMBRIDGE 1980, S. 371.)

+
N ACH B IOGRAPHIE VON S TEVE J. H EIMS GALT DER
DER
EXTRAVAGANTE VON N EUMANN ALS V ORBILD DER W ISSENSCHAFT, ALS
DER T ECHNOLOGE PAR EXCELLENCE .

675
S EINE P OSITION WIRFT JEDOCH » GRUNDSÄTZLICHE F RAGEN AUF , WAS
W ISSENSCHAFT , T ECHNOLOGIE UND UNSERE SICH STÄNDIG
FORTENTWICKELNDE , ABER GLEICHZEITIG VERFALLENDE K ULTUR
ANBELANGT . A UF EINER PSYCHOLOGISCHEN E BENE HATTE SICH [ VON
N EUMANN ] DEM UNGEHEMMTEN TECHNISCHEN F ORTSCHRITT
VERSCHRIEBEN , DER SO SCHNELL WIE MÖGLICH ERREICHT WERDEN
SOLLTE . D IESE H INGABE WAR VERBUNDEN [...] MIT EINER
UNGEBROCHEN OPTIMISTISCHEN H ALTUNG , SO ALS OB I NNOVATION UNS
DIE J UGEND ZURÜCKGEBEN UND DAS A LTER UND DEN T OD ERSPAREN
KÖNNTE , JENE ZYKLISCHEN , UNVERÄNDERLICHEN Z EITERSCHEINUNGEN .
A UF DIESE IRRATIONALE B ASIS GRÜNDET SICH SEINE SOPHISTISCHE
I NTERPRETATION VON V ERNUNFT . A UF SOZIOLOGISCHER E BENE SAH ER
SEINE V ERPFLICHTUNG DARIN , HOCHENTWICKELTE T ECHNOLOGIEN
JENER EINFLUSSREICHEN G RUPPE ZUR V ERFÜGUNG ZU STELLEN , DIE
ALS MILITÄRISCH - INDUSTRIELLER K OMPLEX BEZEICHNET WIRD , SO
DASS SICH DIE M ACHT , ÜBER DIE DIESE G RUPPE BEREITS VERFÜGTE ,
LETZTENDLICH NOCH WEITER VERGRÖSSERTE . D A ER VON KEINERLEI
ETHISCHEN Ü BERLEGUNGEN IN SEINEM S TREBEN NACH I NNOVATION
BEHINDERT WURDE [...], ENTSCHIED ER SICH DAFÜR , » KNALLHART < ZU
SEIN , WAS DIE N UTZUNG VON N UKLEARWAFFEN ANGING . I NDEM ER SICH
IN DEN D IENST DER BESTEHENDEN KONSERVATIVEN K RÄFTE STELLTE ,
TRUG ER DAZU BEI , VORHANDENE T ENDENZEN IN DER
R ÜSTUNGSPOLITIK WEITER VORANZUTREIBEN UND WURDE SOMIT
ZWANGSLÄUFIG ZUM S YMBOL DIESER E NTWICKLUNG .« (H EIMS : J OHN
VON N EUMANN AND N ORBERT W IENER , S. 368-69).

Berechtigter Zweifel wird als


»aufrührerische Reaktion« be-
zeichnet und diejenigen, die wei-
terhin Wieners Kurs verfolgen,
wirft man mit den religiösen Pei-
nigern aus den Tagen Galileis in
einen Topf: alles Gesandte der
Finsternis und des Aberglaubens.

676
Aber was ist das - die »reine Wissenschaft«?

Wo finden wir diese besessenen Idealisten, die lange und


schwer arbeiten, um die Wahrheit aufzuspüren? Wo sind
sie, die Wissenschaftler, die mit derselben Hingabe am
Werk sind wie Künstler und nicht an eine finanzielle
Belohnung denken? Die heiligen Haine der reinen Wis-
senschaft sind sehr selten. Wissenschaftliche und tech-
nologische Erfindungen werden heute zum größten Teil
von der Industrie finanziert und in Anspruch genommen.
Denker wie Euklid, Galilei, Newton und Einstein haben in
weitgehender Abgeschiedenheit gearbeitet, aber seit
Thomas Edison in seinem inzwischen berühmten For-
schungslabor in Menlo Park, New Jersey, das 1876 ein-
gerichtet wurde, das Erfinden selbst systematisiert hat,

sind Technologen dazu übergegangen, in großen Teams zu arbeiten.


Es handelt sich dabei meistens um Fachleute, die ein berechtigtes
finanzielles Interesse daran haben, die vorgebenen Ziele zu
erreichen; die von ihnen entwickelten cybernetischen Systeme sind
erstklassige Waffen in dem modernen Rüstungswettlauf um Geld
und Märkte. Wie der amerikanische Präsident Bill Clinton zu
Beginn seiner ersten Amtszeit sagte: »Die zivile Industrie, nicht die
militärische, ist heute die treibende Kraft hinter der
Hochtechnologie [...]. Nur wenn wir unsere zivile technologische
Basis stärken, können wir das Problem der nationalen Sicherheit
und gleichzeitig das der wirtschaftlichen Konkurrenzfähigkeit lösen
[...]. Eine Führungsstellung in der Entwicklung und Vermarktung
neuer Technologien ist von entscheidender Bedeutung, um die
Führung in der Industrie wiederzuerlangen, gutbezahlte
Arbeitsplätze zu schaffen und langfristig Wohlstand für uns alle zu
sichern.«9

Die historische Erfahrung, insbesondere die des Kalten Krieges,


legt nahe, daß es für die Technologen an der Zeit ist, in einen

677
sinnvolleren und verantwortlicheren Dialog mit der Gesellschaft zu
treten, die schließlich die Konsequenzen ihrer Arbeit zu tragen hat.
Norbert Wiener war der Überzeugung, daß »ein unabhängiger
Wissenschaftler, wenn er auch nur der geringsten Einschätzung als
Wissenschaftler würdig ist, eine Verpflichtung [fühlt], die völlig aus
ihm selbst kommt: eine Berufung, die die Möglichkeit höchster
Selbstaufopferung verlangt«.10 Nach anfänglichen großen Erfolgen
in der Berechnung der Flugbahn von Sprengkörpern und Projektilen
für die US- Armee, lehnte Wiener schließlich jede weitere Arbeit
für die Verteidigung ab, was ihn einen hohen persönlichen Preis
kostete. Diese Entscheidung leitete seine Karriere als Schriftsteller
ein, die ihm sein Auskommen sicherte.

Auch Joseph Rotblat, der im Oktober 1995 den Frie-


densnobelpreis erhielt, arbeitete in Los Alamos am Manhattan-
Projekt. Er trat 1944 zurück, als er vom Leiter des Projekts den
Hinweis erhielt, daß das oberste strategische Ziel insgeheim neu
festgelegt worden war: Die inzwischen noch schlagkräftigere
Bombe sollte zur Abschreckung gegen Rußland in der Zeit nach
dem Krieg eingesetzt werden. Rotblat wurde zum Mitbegründer der
Association of Atomic Scientists, unterzeichnete das berühmte
Manifest, das 1955 von Bertrand Russell mit Unterstützung von
Albert Einstein verfaßt worden war, und war einer der ersten
Wortführer im Komitee für nukleare Abrüstung. Er ist davon
überzeugt, daß Technologen besser als die meisten Menschen in der
Lage sind, die Richtung kommender Entwicklungen einzuschätzen
und dementsprechend verantwortlich zu handeln, auch wenn die
Konsequenzen einer neuen Erfindung letztlich nie genau absehbar
sind. Rotblat glaubt, daß »jeder die Verantwortung für sein Handeln
trägt. Wenn durch dieses Handeln die Gesellschaft ernsthaft in Ge-
fahr gebracht wird, wie kann man dann sagen: >Das geht mich
nichts an. Ich mache nur meine Arbeit.< Leider«, fügt er hinzu,
»nehmen die meisten immer noch diese Haltung ein [...].«"

In einer Welt, die vermeintlich auf einer der Kommunikation

678
dienenden Technologie aufbaut, ist die technische Frage des Wie
von der ethischen Frage nach dem Warum losgelöst. Worin liegt
unter diesen Bedingungen die menschliche Bedeutung einer
solchen Arbeit? Während wir eine Vielzahl austauschbarer und
offensichtlich fehlbarer Systeme übernehmen, die zunehmend
komplexer und leistungsfähiger sind, dürfen wir nicht aufhören uns
zu fragen, ob es überhaupt noch möglich ist, unter dieser neuen
Herrschaft verantwortliches Handeln zu gewährleisten.

Das cybernetische System wird oft als unsichtbares Meer von


Informationen beschrieben, in dessen Wellen sich angeblich - an
jeder beliebigen Stelle - die natürliche Welt widerspiegelt.
Tatsächlich gleicht es jedoch eher einer künstlichen Membran.
Cybernetische Systeme werden zwischen den einzelnen Menschen
errichtet und zwischen der gesamten Menschheit und ihrer
Wahrnehmung der natürlichen Welt. Die Durchlässigkeit dieser
künstlichen Membran - das heißt die Reaktionsfähigkeit des
Systems auf äußere beziehungsweise exogene Einflüsse - hängt
ganz davon ab, wie sie konstruiert ist. Eine cybernetisch vernetzte
Fluglinie ist ein gutes Beispiel dafür - ein Mikrokosmos, der die
Linien nachzeichnet, denen Wirtschaft und Staatswesen in ihrer
Gesamtheit folgen. In Düsenflugzeugen können heute digitale Flug-
leitsysteme jeden einzelnen Vorgang vom Start bis zur Landung
steuern. Der Pilot, der nur noch gebraucht wird, um die Knöpfe zu
»drücken«, die auf der Computerkonsole aufleuchten, bemerkt
mittlerweile von den Luftströmungen und Kräften, die das Flugzeug
halten, nichts mehr. Ein Systemspezialist erklärte:
Piloten bestimmen den Kurs eines konventionellen Flugzeugs
mit Hilfe eines »Steuerknüppels«. Dieser ist mit einer Reihe
von Rollen und Zügen verbunden, die zu hydraulischen
Actuatoren führen, die wiederum das Leitwerk steuern. Wenn
man »auf Automatik« fliegt, werden die Züge durch elektrische
Leitungen ersetzt, so läßt sich das Gewicht verringern, die
Hardware vereinfachen, die Verwendung neuer Schnittstellen
und sogar die Modifizierung wesentlicher

679
Flugüberwachungsbestimmungen ist möglich - alles durch den
Einsatz eines Computers, der die meisten Eingabebefehle
verarbeitet.12

Die Aufgabe des Piloten gleicht dann eher der eines In-
formationsverwalters. Flugdaten wie Geschwindigkeit und
Treibstoffmenge - die einst von einer Vielzahl von Anzeigen und
Meßgeräten abzulesen waren - werden nun als elektronische
»Seiten« oder Momentaufnahmen auf einem einzigen Bildschirm
angezeigt. Es ist schwieriger geworden, die zahlreichen
Veränderungen gleichzeitig zu überwachen, das heißt, die
verschiedenen Zeigerausschläge der Anzeiger im Auge zu behalten,
die Angaben mit den Umgebungsbedingungen zu vergleichen und
sie zu interpretieren. Dadurch, daß dem Piloten einzelne
digitalisierte Daten zur Verfügung gestellt werden, die alle vom
gleichen Computer via Bildschirm geliefert werden - er also das
Geschehen nur mehr aus zweiter Hand wahrnimmt wächst die
Abhängigkeit von der automatischen Überwachung und der
programmierten Auswertung. Untersuchungen haben ergeben, daß
in einer Notsituation die Piloten von konventionellen Flugzeugen
denen moderner Flugzeuge mit einem gleichwertigen
Anforderungsprofil einiges voraus haben, weil die älteren
Flugzeuge ein ständiges Feedback vom Piloten verlangen und so
unweigerlich seine Aufmerksamkeit erhöhen.13

In einer Zeit komplexer Abläufe und einer Überfülle an


Informationen, sei es in bezug auf Passagierflugzeuge oder auf die
menschliche Gesellschaft im ganzen, ist es von existentieller
Bedeutung, Zusammenhänge richtig zu erkennen und unmittelbar
darauf zu reagieren. Paradoxerweise nimmt jedoch die Fähigkeit,
Zusammenhänge zu begreifen und vorausschauend zu handeln, ra-
pide ab, während sich die Menschen immer mehr auf automatische
Systeme und die Spezialisten verlassen, die diese steuern. Das
Verlassen des »Regelkreises« fällt mit einer Entwicklung der

680
unkontrollierten Beschleunigung zusammen, die gerade in der
modernen Kriegsführung zum Ausdruck kommt. Wenn heutzutage
der Kommandeur eines Panzers durch seine VR-Brille schaut, hat
er keine Ahnung, ob das Zielobjekt auf seinem Bildschirm
simuliert oder real ist. Das verringert natürlich auch sein
persönliches Verantwortungsgefühl, wenn der rote Auslöseknopf
gedrückt wird. Wie wird sich das au I' längere Sicht auf unsere
Überlebensfähigkeit auswirken?

Vor langer Zeit entdeckten die Meister der Zen-Kalli- graphie,


daß es zwischen der Art, wie sie schreiben und der, wie man sich
durchs Leben bewegt, Parallelen gibt. Man taucht den Pinsel in die
Tinte, läßt ihn kurz in der Luft schweben und senkt ihn dann
unumkehrbar in einem fließenden Bogen auf ein Blatt Reispapier.
In den Zeichen, die daraus entstehen, kommt die Konvergenz
unwiederholbarer Energieströme zum Ausdruck. Im besten Fall
herrscht vollständige Harmonie zwischen Freiheit und Kontrolle.
Anders die digitalen Simulationen: Sie kappen die Verbindung zu
einer Verpflichtung, die aus unserem Handeln erwächst, und zu dem
Bewußtsein seiner Konsequenzen. Statt dessen sollen sie uns
glauben machen, daß sich alle Fehler wieder revidieren lassen. Wie
ein digitaler Künstler dem Autor gegenüber äußerte, »gibt es
eigentlich gar keine Fehler«. Die Mentalität des »zuerst schießen,
dann denken« gleicht eher einem Reflex als der Reflexion: Wie
Wiener sagte, »steht gerade die Operationsgeschwindigkeit der
modernen Digitalmaschinen unserer Fähigkeit im Wege, die
Anzeichen der Gefahr wahrzunehmen und zu durchdenken.« 14 Die
Waffen der Zukunft werden sogar noch komplexer und stärker
automatisiert sein als die heutigen. Ihrem Entwurf liegt die uralte
Annahme zugrunde, daß Geschwindigkeit, Stärke und
Beweglichkeit optimal aufeinander abgestimmt sein sollten, um den
Feind erfolgreich anzugreifen. Die Reaktionszeit sollte so kurz wie
möglich sein. Die Steuersequenzen von Computerchips - die in Mil-
lionstelsekunden gemessen werden - lassen bereits jetzt unser
neurologisches Vermögen, bewußt zu reagieren, weit hinter sich

681
zurück. Um überhaupt zu funktionieren, werden die modernen
Waffensysteme von programmierter Intelligenz und codierten
Routinen gesteuert. Diese Systeme vergrößern unsere Reichweite
und unsere Fähigkeit, Zerstörung anzurichten, entziehen sich
jedoch weitgehend unserer Kontrolle. Sie sind unsere Stellvertreter
und treffen Entscheidungen für uns, obwohl sie über keinen
bewußten Willen verfügen und für die Folgen nicht verantwortlich
sind. Außerdem sind die einzelnen Systeme - mit denen
mittlerweile nicht nur Kriege, sondern auch Geschäfte geführt
werden - mit anderen Systemen in weitverzweigten Netzwerken
verbunden. Das Ergebnis ist, daß sich die Verantwortung aus dem
analogen in den digitalen Raum verlagert. Sie wird aus der
menschlichen Matrix in ein verworrenes Netz verschoben, in dem
sie eine andere Bedeutung hat, falls sie nicht ganz und gar
abgeschafft wird.

Die amerikanischen Waffensysteme Aegis und Phalanx zum


Beispiel sind so programmiert, daß sie sich selbst schützen können.
Sie können herannahende Ziele erkennen und sie unter Beschuß
nehmen. Die Entscheidung über Leben und Tod wird aufgrund
automatischer »Urteile« getroffen. Die Instabilität moderner
Kampfflugzeuge, mit der ihre Manövrierfähigkeit erhöht wird, ist
mittlerweile so groß, daß sie ohne ihre Silikongehirne gar nicht
mehr fliegen können. Alles in allem werden Kämpfe irgendwann
einmal so aussehen wie »eine Partie Schach, die Hysteriker unter
Drogeneinfluß spielen«, wie es ein Systemplaner ausdrückte. Wenn
der Kampf erst einmal begonnen hat, wird er weitgehend ohne Mit-
wirkung des Menschen vonstatten gehen. Dem einzelnen
Befehlshaber bleibt während eines tatsächlichen Gefechts viel
weniger Spielraum für individuelle Manöver. Daher gibt es
bedauerlicherweise auch so viele Tote und

Verletzte durch Beschuß aus den eigenen Reihen. Man könnte auch
behaupten, daß solche Unglücksfälle strenggenommen nicht mehr
zufällig geschehen: Die Maschinen führen einfach nur ihre Befehle

682
aus.

Das menschliche Gehirn ist unfähig, in jenen Bruchteilen von


Sekunden zu reagieren, in denen computerisierte Systeme
entscheiden und handeln. Deshalb tut sich eine tiefe - und bisweilen
willkommene - Kluft zwischen unseren technischen Fähigkeiten
und den uns zur Verfügung stehenden Mitteln auf, um die
Verantwortung für die sich daraus ergebenden Ereignisse zu
gewährleisten. Befehlshaber, Geschäftsleute und Politiker, die mit
irgendeiner unangenehmen Folgeerscheinung konfrontiert werden,
können getrost eine abwehrende Geste machen und sagen: »Es ist
außer Kontrolle geraten.« Darin besteht die größte Ironie der
vermeintlichen digitalen »Revolution«: Indem sie die menschlichen
Fähigkeiten erweitert und verbessert, löst sie gleichzeitig die Netz-
werke der Entscheidungsfindung und gegenseitigen Verantwortung
auf und bewirkt, daß ein selbstmörderischer Status quo bestehen
bleibt. Um das ganze wieder unter Kontrolle zu bringen, müssen die
programmierten Ziele neu definiert werden.

Seltsamerweise existiert nach wie vor der Mythos, daß


Maschinen nur so gut oder schlecht sind wie ihre Benutzer. Der
Komponist Karlheinz Stockhausen hat jahrelang mit Synthesizern
gearbeitet und beschreibt sein »Instrument« als bloßes Werkzeug,
das »keinen eigenen Willen hat«15. Wie viele Künstler, Schriftsteller
und Gelehrte arbeitet Stockhausen jedoch in einer in sich ge-
schlossenen Sphäre und befindet sich außerhalb der riesigen,
verbundenen Systeme einer cybernetisch vernetzten Welt, die in
gefährlicher Weise für ein »zielbewußtes« Leben und tragische
Fehler verantwortlich sind. Die Menschheit hat den Zustand
erreicht, der von Norbert Wiener bereits vor drei Jahrzehnten
vorhergesagt wurde. Er warnte, daß »wir unsere Maschinen
möglicherweise nicht mehr beherrschen können aufgrund der
Langsamkeit der menschlichen Handlungen«. Dadurch entsteht die
Gefahr, daß »wir schon in die Mauer gekracht sind, wenn wir auf
die durch unsere Sinne vermittelten Informationen reagieren, und

683
den Wagen, den wir fahren, zum Halten bringen wollen«16.

Vergangene Kulturen schrieben ihr Wissen auf Tontafeln,


Papyrusrollen und Steinen nieder. Die wenigen Bruchstücke, die in
heutiger Zeit noch davon erhalten sind, bieten uns einen Einblick in
unsere historischen Ursprünge und befriedigen auch den Reiz, den
das Leben unserer Vorfahren auf uns ausübt. Es bedurfte einer ge-
nialen Leistung, um Handschriften von Qumran und die
Hieroglyphen der Pharaonenzeit in Ägypten zu entziffern, aber nur
das Vorhandensein von greifbaren Artefakten und Verweisen führte
schließlich zum Erfolg. Heute besteht die Gefahr, daß die Symbole,
die von unserer eigenen Zivilisation übrigbleiben, in ferner Zukunft
nichts als ein weißes Rauschen sein werden.

Gegen Ende dieses Jahrzehnts wird wahrscheinlich die


überwiegende Zahl der Informationen, die derzeit noch gedruckt
werden, nur noch in digitaler Form vorliegen. Glücklicherweise
werden Bibliotheken so in die Lage versetzt, die immensen Kosten,
die durch räumliche Lagerung entstehen, einzudämmen. Charles
Dollar, Direktor des Nationalarchivs in Washington D.C., ist
dennoch besorgt. Er weist darauf hin, daß Softwareprogramme, die
die Datenkomprimierung, die Erstellung von Querverweisen und
Hypertext-Anwendungen steuern, als proprietäre Software gelten.*
.... -

* A NMERKUNG ZU DEM B EGRIFF H YPERTEXT : W ENN S IE DAS W ORT


»F RANKREICH « LESEN , DENKEN SIE VIEL -LEICHT AUTOMATISCH AN
»P ARIS IM F RÜHLING « UND VOR I HREM GEISTIGEN A UGE WIRD EINE
R EIHE VON B ILDERN ENTSTEHEN , SO DASS S IE DEN VORLIEGENDEN
T EXT NICHT UNMITTELBAR WELTERLESEN . S IE HABEN EINEN
G EDANKENSPRUNG GEMACHT . S OLCHE ASSOZIATIVEN S PRÜNGE
KÖNNEN MIT H ILFE VON »L INKS « IN EINEN ELEKTRONISCHEN T EXT
EINGETRAGEN WERDEN . E IN P ROGRAMMIERER KANN ALSO DEM

684
B EGRIFF »F RANKREICH « EINE R EIHE VON L INKS ZUORDNEN , SO DASS
EINE GEWISSE A NZAHL VON VORGEGEBENEN A SSOZIATIONEN
AUFGELISTET WIRD , WENN MAN MIT DER M AUS DEN B EGRIFF
ANKLICKT . D ER U NTERSCHIED ZWISCHEN ANALOGEN UND DIGITALEN
L INKS IST IN DIESEM F ALL KLAR : D IE EINEN SIND SPONTAN UND
INDIVIDUELL , DIE ANDEREN ZEIGEN DEN AUFBAU DES S YSTEMS

Außerdem werden sie ständig weiterentwickelt und ausge- tauscht.


Das gilt auch für die Datenlesegeräte und Magnetspeicher, die
scheinbar schneller verrotten als Papier. Wir können daher nicht
sicher sein, so Dollars Schlußfolgerung, daß zukünftige
Generationen tatsächlich in der Lage sein werden, die
Aufzeichnungen und Erfahrungen, die heutzutage in Form von Bits
niedergelegt und gespeichert werden, wieder auszugraben und zu
verwerten.17 Zudem gibt es keine Möglichkeit, die Vollständigkeit
oder Authentizität digital aufgezeichneter Informationen
wissenschaftlich zu überprüfen, wenn die analogen Originale
fehlen.

Die Echtheit historischer Aufzeichnungen hängt in ent-


scheidender Weise von den Systemen ab, mit denen sie
codiert und übertragen werden. Der Computerhersteller
Apple hat sich eine wichtige Nische auf dem Bildungsmarkt
erobert, er ist begeistert von der Vorstellung, daß eines Tages
echte Klassenzimmer durch Software ersetzt werden, wenn
nur erst genügend Informationen in digitalisierter Form
vorliegen. Die Schüler können dann gehen, wohin auch
immer ihr Geist sie treibt - oder getrieben wird. John Sculley
hat einmal gesagt, daß die Digitalisierung »die Frage
aufwerfen wird, ob die institutionalisierte Ausbildung
innerhalb von Ziegelmauern stattfinden muß oder ob sie
überall erfolgen kann, wo sich der Lernende befindet« 18.
Eltern werden Gutscheine erhalten, um für ihre Kinder die
Bildungsdienstleistungen zu erwerben, die sie für notwendig
halten. Sie können nach den eigenen persönlichen und

685
ideologischen Vorlieben ausgesucht und zu Hause
konsumiert werden. Alan C. Kay von Apple geht davon aus,
daß bis zum Jahr 2000 »jeder einen eigenen leistungsfähigen
Computer haben wird, so wie heute einen Fernseher, und
daß diese mit Netzwerken verbunden sind, die die Welt noch
fester umspannen als heute«. Wenn sie richtig eingesetzt
werden, sagt er, können Lehrcomputer »gute Verstärker sein,
die das Wissen der Lernenden um einiges vergrößern«. Er
räumt jedoch ein, daß »vernetzte Computermedien am
Anfang Neugier durch Bequemlichkeit ersetzen und
Erklärungen und Aufmerksamkeit durch Quantität und
Geschwindigkeit«.I9*

Dieses Problem kehrt immer wieder: Man ist sich darin einig, daß
es am Anfang einige Probleme
geben wird - die von unseren
neuen Werkzeugen verursacht
werden -, aber zum Schluß wird
die Technik alles in Ordnung
bringen. Inzwischen werden * D IE VISUELLE
ältere Medien, die mehr Mit- U NMITTELBARKEIT DIGITALER
denken erfordern, an den Rand L EHRINSTRUMENTE WIRD
NATÜRLICH NUR EIN DÜRFTIGER
gedrängt, und es besteht die Ge- E RSATZ FÜR DIREKTE UND
fahr der radikalen Kommerzia- GREIFBARE E RFAHRUNGEN
lisierung des Klassenzimmers. SEIN . F ÜR DIEJENIGEN JEDOCH ,
Ähnlich können Phantasie, per- DIE VIELLEICHT NIEMALS IN
IHREM L EBEN DIE
sönliche Initiative und M ÖGLICHKEIT HABEN , DAS
Kreativität unterdrückt werden, O RIGINAL VON B OTICELLIS
verläßt man sich zu sehr auf die F RÜHLING ZU SEHEN , IST DER
Z UGRIFF AUF EINE V IDEO -S I -
digitalen Artefakte.
MULATION DES G EMÄLDES AUF
JEDEN FALL ETWAS G UTES ,
Die Digitalisierung unserer AUCH WENN DIESE
Archive und Bildungsein- N ACHBILDUNG DIE A URA DES
richtungen ist daher O RIGINALS NICHT ERFASSEN
symptomatisch für ein größeres KANN UND SELBST AN DIE
Q UALTÄT EINES
HERKÖMMLICHEN D RUCKES
NICHT HERANREICHT.

686
Problem: Wie suchen wir unsere Programmierer aus? Wie
gewährleisten wir die Echtheit der Informationen? Wie können wir
sicherstellen, daß wir auch die beabsichtigten Ziele verfolgen? Wie
können zum Beispiel die verbindlichen Werte einer Gesellschaft
erhalten bleiben, wenn die Bildung ganz im Ermessen des einzelnen
Verbrauchers liegt? Jacqueline Hess, Leiterin eines Projektes für
interaktive Medien der Library of Congress, stellte in diesem
Zusammenhang die wichtigste Frage, die da lautet: »Wer trifft die
Auswahl unter all diesen Informationen? Wo bleibt die
Gemeinschaft und wer sorgt dafür, daß den Kindern ein Gefühl für
die historischen Zusammenhänge vermittelt wird, wenn man ihnen
Mein Kampf von Adolf Hitler vorsetzt?«20 Genauer gesagt: Wie
können wir sicher sein, daß ein Hitler ordnungsgemäß gewählt
wurde und keine Schiebung stattgefunden hat - daß das also, was
uns vorgelegt wird, wirklich wahr ist?

Ein Bild drängt sich auf, ein vergilbter Ausschnitt aus


einer alten Zeitung. Man sieht zwei grauhaarige Männer
mit einer schweren Wahlurne, die zwischen ihnen hin- und
herschaukelt, einen verschneiten Hang hinuntersteigen.
Jeder von ihnen hat ein Gewehr geschultert. Sie kommen
aus einem abgelegenen Bergdorf in der Türkei, das
zwischen rivalisierenden pplitischen Clans gespalten ist.
Die Männer wurden ausgewählt, um die Stimmzettel des
Ortes ins Tal zu bringen: Sie sind die vertrauenswürdigen
Mittelsmänner des Ortes. Ihre Aufgabe ist es, persönlich
sicherzustellen, daß die Unterlagen unversehrt abgeliefert
werden - und zu bestätigen, daß die Wahlergebnisse
korrekt sind.

Kevin Kelly von Wired ist der Meinung, daß komplexe


cybernetische Maschinen solche Aufgaben automatisch
ausführen. Er äußert sich begeistert über den Vormarsch
automatischer Steuerungssysteme im Lauf der Geschichte.

687
Zuerst brachte der Mensch den Dampf und andere
Energieformen unter seine Kontrolle. Dann die Ausrü-
stung: Kleinere mechanische Vorrichtungen, die mit Com-
puterchips bestückt sind, können dieselben Arbeiten
verrichten wie viel größere »dumme« Maschinen - wie
wir. Und weiter:

Die dritte Phase der Kontroll-Revolution [...] betrifft die


Kontrolle der Informationen selbst. Die kilometerlangen
Schaltkreise und Informationsketten, die sich überall winden,
um Energie und Materie zu steuern, überfluten ganz nebenbei
unsere Umgebung mit Nachrichten, Bits und Bytes. Der Pegel
dieser ungehemmten Datenflut steht gefährlich hoch. Wir
erzeugen mehr Informationen, als wir steuern können. Zwar
verfügen wir über eine größere Menge an Informationen, ganz
wie es uns versprochen wurde, aber diese Informationen sind
im höchsten Maße nutzlos - wie Dampf, wenn er nicht in
bestimmte Bahnen gelenkt wird. [...] Gentechnologie (Informa-
tionen, mittels derer DNS-Informationen gesteuert werden) und
Einrichtungen für elektronische Bibliotheken (Informationen,
mit denen die Informationen aus Büchern verwaltet werden),
lassen bereits erkennen, wie Information gebändigt werden
kann. Die Auswirkungen dieser Informationsbeherrschung wer-
den zunächst in der Industrie und der Geschäftswelt zu spüren
sein, wie es auch bei der Beherrschung von Energie und
Material der Fall war, und dann auch auf persönliche Bereiche
übergreifen. [...] Der nächste große Technologiesprung wird
darin bestehen, daß man Maschinen so baut, daß sie sich
anpassen, selbst weiterentwickeln und ohne menschliche
Überwachung ausdehnen können.21

688
Soll sich die bürgerliche Gesellschaft also darauf vorbereiten,
solche programmierten Vermittler mit Anwendungen zu betrauen,
die entscheidend für das Funktionieren der Gesellschaft, die
Lebensfähigkeit der Wirtschaft und den Fortbestand der Demokratie
sind? Wollen wir zum Beispiel elektronische Wahllokale, die
Wahlergebnisse bekanntgeben, ohne daß die Möglichkeit einer
öffentlichen Überprüfung besteht? Selbstverständlich nicht. Oft,
wenn auch nicht immer so deutlich, zwingt uns die digitale
Technologie zu der Frage: Wen - oder was - wählen wir als
»vertrauenswürdigen Vermittler«? Wir nehmen heutzutage fast
automatisch an, daß uns diese Systeme im Grunde genommen
freundlich gesonnen sind und daß sie für uns arbeiten, wie es die
Werbung verspricht. Bill Gates von Microsoft beschwört eine regel-
rechte Utopie des allgegenwärtigen Computers:

Ihr Wallet-PC wird in der Lage sein, über alles, was Ihnen
zustößt, genaueste akustische, zeitliche und geographische
Aufzeichnungen zu machen und schließlich sogar
entsprechende Filmsequenzen zu speichern. Jedes Wort, das Sie
sagen, und jedes Wort, das man an Sie richtet, wird er
registrieren, dazu Körpertemperatur, Blutdruck, Luftdruck und
eine Vielzahl anderer Daten, die Sie und Ihre Umgebung
betreffen. Er wird alle Ihre Interaktionen auf der Datenautobahn
festhalten können - al}e Befehle, die Sie geben, die
Nachrichten, die Sie verschicken, und Ihre Telefonate, ob Sie
nun selbst anrufen oder angerufen werden. Auf diese Weise
können Sie einen Datenbestand zusammentragen, der das
perfekte Tagebuch [...] darstellt [,..].22

Bill Gates läßt in seinen Überlegungen allerdings eine wichtige


Frage außer acht. Was geschieht, wenn solche Systeme im
leistungsfähigen Wirtschaftsleben obligatorisch werden? Wollen
wir solche Tagebücher haben? Was ist mit dieser Nebensache, die
wir Privatsphäre nennen? Nach Bill Gates Meinung ist »[fast] jeder
[...] bereit, ein paar Einschränkungen zugunsten von größerer

689
Sicherheit in Kauf zu nehmen«23. Nun ja, er meint es
wahrscheinlich wirklich gut, aber der Teufel oder wer sonst steckt
wie immer im Detail. Das alles klingt verdächtig nach einem
Faustischen Pakt, in den die Menschen aus Angst vor
Unbeständigkeit und/oder zu schnellen Veränderungen einwilligen
und sich Systemen anvertrauen, die ihnen Seelenfrieden
versprechen und sie davon abhalten, den Ursachen ihrer
Befürchtungen auf den Grund zu gehen. Einen solchen Handel kann
man nur eingehen, wenn man unablässig auf der Hut ist, da er die
persönliche und moralische Unterwerfung unter eine technische
Autorität einschließt und allzu leicht dazu benutzt werden kann,
dem Autoritarismus Tür und Tor zu öffnen.

Fragen, die die Privatsphäre betreffen, sollten für die


Öffentlichkeit und ihre Vertreter höchste Dringlichkeit haben.
Möglicherweise wird in einer vollständig verdrahteten Welt, in der
wir ohne digitale Währung und ein ganzes Sortiment chipbestückter
Werkzeuge schwerlich bestehen können, jede unserer Handlungen
aufgezeichnet und verwertet. Wer oder was verhindert, daß die in
unsere Wände integrierten Flachbildschirme - auch »interaktives«
Fernsehen genannt - zu den Teleschirmen aus George Orwells 1984
werden, mit allen wirtschaftlichen - weniger politischen -
Konsequenzen? Ist eine Privatsphäre überhaupt noch möglich,
wenn überall, von unseren guten alten Tretern bis hin zu
Messingtürknöpfen, elektronische Teile eingebaut sind und wenn
Scharen von intelligenten Software-»Agenten« auf Geheiß von
Privatleuten oder Firmen das Netz durchstreifen können? Werden
Versicherungsunternehmen in den Befunden unserer ärztlichen
Tele-Konsultationen herumstöbern und unsere Policen kündigen,
wenn sich herausstellt, daß wir krank sind? Das sind keine
abstrakten Ängste - das ist die Realität.

Der verbreitete Web-Browser Netscape enthält auch ein


Programm, mit dem Firmen herausfinden können, wer ihre Kunden
sind und wie sie sich verhalten, wenn sie auf einer bestimmten

690
Website eingeloggt sind. Diese Informationen werden in Nuggets
erfaßt, den sogenannten »Magic Cookies«, die unsichtbar auf der
Festplatte des kundeneigenen Computers installiert sind. Sie können
nur von der betreffenden Firma vollständig gelesen werden. Das
bedenkliche Potential solcher Hilfsmittel läßt sich leicht mit den
undurchschaubaren technischen Begriffen verschleiern, mit denen
sie beschrieben werden. Im Fall von Netscape lautet die
Beschreibung der Cookies beispielsweise »Anwendungsprogramm
mit Server- Verbindung (wie CGI Scripts) zum Speichern und Wie-
derauffinden von Client-Informationen. Durch einen einfachen,
ständigen Status auf der Client-Seite können die Client/Server-
Anwendungen erheblich erweitert werden.«24 Alles klar?* (* »CGI«
IST DIE A BKÜRZUNG FÜR »C OMMON G ATEWAY I NTERFACE «, EINER
S CHNITTSTELLE ZWISCHEN ZWEI R ECHNERN , ÜBER DIE DER C LIENT SO
WIE EIN »N UTZER « MIT DEN W EB - S ERVERN KOMMUNIZIEREN KANN ,

DIE IM ALLGEMEINEN VON R EGIERUNGEN UND


W IRTSCHAFTSUNTERNEHMEN BETRIEBEN WERDEN . W ENN ES BEI -
SPIELSWEISE AUF DEM S ERVER EINER S OFTWAREFIRMA INSTALLIERT

IST , KANN EIN SOLCHES P ROGRAMM DIE K OMMUNIKATIONSABLÄUFE SO

STEUERN , DASS DER N UTZER DAVON ABGEHALTEN WIRD , EIN ÄLTERES


ODER WENIGER GEWINNBRINGENDES P RODUKT AUSZUPROBIEREN , UND

STATT DESSEN EIN NEUERES UND PROFITABLERES NIMMT .

)Nach einer Meldung von Information Week hat »Microsoft


inzwischen offiziell bestätigt, daß die Beta-Versionen von Windows
95 eine Routine namens Registration Wizard enthalten. Diese
überprüft jedes System in einem Netzwerk, über das Informationen
abgerufen werden, auf die verwendete Soft- und Hardware und
erstellt dann eine vollständige Auflistung der Produkte von
Microsoft und seiner Konkurrenten. Diese wird an Microsoft
übermittelt, wenn sich ein x Kunde für Network Services

(MNS) anmeldet, das dieses Jahr auf den Markt kommen soll.« 25
Ein Teilnehmer der Newsgroup comp.risk im Inlernet merkt dazu
an, daß man »sein gesamtes Directory überträgt«, wenn man die

691
kostenlose MSN-Demonstration nutzt. »Das heißt, Microsoft
verfügt über eine Liste aller Ihrer Directories - und möglicherweise
sogar aller Dateien - in Ihrem Computer.«26 Die Gefahren bleiben
die gleichen, auch wenn die technischen Einzelheiten variieren.27

Bill Gates meint dazu: »Wenn sich eines Tages erweisen sollte,
daß bei Pilotprojekten in bestimmten Kommunen allgegenwärtige
Kameras mit Verbindungen zur Datenautobahn die
Kriminalitätsrate deutlich verringern, würde wohl eine
leidenschaftliche Kontroverse über die I ;rage anheben, ob der
Überwachungsstaat mehr zu fürchten sei als das Verbrechen. [...]
Was uns heute wie der digitale Big Brother erscheint, könnte eines
Tages zur Norm werden, wenn wir uns ansonsten der Willkür von
Terroristen und Kriminellen ausliefern. Ich rede keinem der beiden
Standpunkte das Wort - die technische Entwicklung wird die
Gesellschaft in die Lage versetzen, eine politische Entscheidung zu
treffen.«28 Auch hier verläßt man sich also auf Maschinen als
Vermittlungsinstanzen, um Probleme zu lösen, die ihrem Wesen
nach zutiefst menschlich sind. Mark Weiser, der ehemalige Leiter
des Forschungszentrums von Xerox im kalifornischen Palo Alto,
war früher einer der eifrigsten Verfechter des umfassenden
Einsatzes von Computern. Heute ist er als freier Unternehmer tätig
und gesteht, daß ihn noch immer die Vorstellung beschäftigt, daß
»Hunderte von Computern in jedem Raum, von denen jeder
einzelne in ein Hochge- schwindigkeits-Netzwerk eingebunden ist
und die Anwesenden erfassen kann, über ein Potential verfügen, das
den uns bekannten Totalitarismus wie reine Anarchie erscheinen
läßt.«29

Licht fällt durch eine photographische Linse. Es trifft auf einen


beschichteten Film, ordnet die Teilchen neu und hinterläßt einen
Abdruck, den wir als Negativ bezeich nen. Gerade wegen dieser
physikalischen Eigenschaften galten Photos lange Zeit als
ausgesprochen glaubwürdig. »Sehen ist glauben« - wie man
gemeinhin annahm.

692
Selbstverständlich konnte man auch analoge Photogra
phien manipulieren. Erinnern wir uns an das Schicksal von
Leo Trotzki. Dieser in der Hierarchie der russischen
Revolution zweite Mann nach Lenin mußte 1929 nach
Mexiko ins Exil gehen. An einem strahlenden Morgen
einige Monate später schlug er die Prawda auf, die gerade
mit der Post aus Moskau gekommen war. Er stellle fest, daß
er in dem fortgesetzten Machtkampf innerhalb des
Politbüros noch weiter degradiert worden war und daß seine
führende Rolle, die er im Aufstand 1917 gespielt hatte, jetzt
als die eines »konterrevolutionären Verschwörers«
bezeichnet wurde. Der Text wurde durch ein
aufschlußreiches Photo ergänzt. Nachdem es die Spezia-
listen im Kreml ihrer Behandlung unterzogen hatten, sah
man dort, wo Trotzki einst an vorderster Stelle der Füh-
rungsriege gestanden hatte, jetzt nur noch eine leere Stelle.
Innerhalb kurzer Zeit gewann diese Fälschung die Be-
weiskraft eines echten historischen »Belegs«. Kurze Zeit
später wurde Trotzki ermordet.

Dieses retuschierte Photo war eine Stümperarbeit, die


Moskaus Handlanger mit Pinseln, Rasierklingen und
Kleber vollbracht hatten. An dem
Ergebnis mußte ganz einfach
etwas faul sein: Jeder konnte die
Fälschung erkennen.* Heute, da
Photos digital aufge-nommen und
bearbeitet werden können, hat sich
die Situation gewandelt.

* K EIN M ENSCH WIRD WOHI BEHAUPTEN WOLLEN , DASS P HOTOS NIE -


MALS NACHGESTELLT UND DANN ALS AUTHENTISCH AUSGEGEBEN

693
WURDEN : D ENKEN WIR AN DIE D ISKUSSION DARÜBER , OB R OBERT
C APAS P HOTO VON DER E RSCHIESSUNG EINES S OLDATEN IM
S PANISCHEN B ÜRGERKRIEG GESTELLT WAR . D IES I ST JEDOCH , GENAUSO
WIE DIE AUSGEFEILTEREN B EISPIELE VON R ETUSCHIERUNGEN Ä LA
K REML UND DIE KÜNSTLERISCHEN C OLLAGEN IN DER A RT VON M AN
R AY , EINE A USNAHME , DIE DIE R EGEL BESTÄTIGT . L ANGE Z EIT
GRÜNDETE SICH DIE A UTORITÄT VON P HOTOGRAPHIEN DARAUF , DASS
SIE WIRKLICHE E REIGNISSE ABLICHTETEN .

Mit Leichtigkeit können Photos oder Teile davon auf unendlich


viele Arten manipuliert werden, ohne daß es sich nachweisen ließe.
Das gleiche gilt für Videomaterial. In einem von Associated Press
veröffentlichten Artikel über das Product Placement in Filmen wird
ein Beispiel aus dem Actionthriller Demolition Man genannt. In der
nordamerikanischen Fassung des Films berichtet eine der
Filmfiguren einer anderen, daß die Fast- 1 ood-Kette Taco Bell eine
Reihe von Kleinkriegen und Kalastrophen bis ins einundzwanzigste
Jahrhundert, in dem die Handlung spielt, überstanden hat. In den im
Ausland gezeigten Fassungen spricht sie statt dessen von Pizza llnl.
Interessanterweise befinden sich beide Ketten im Besitz derselben
Gesellschaft, doch während es im Ausland nur eine Handvoll Taco-
Bell-Niederlassungen gibt, isl Pizza Hut mit 3300 Filialen in
Übersee vertreten. Laut AP wurden die Logos von Taco Bell von
Experten für Spe/.ialeffekte digital aus der amerikanischen Fassung
des Films entfernt und die Aufnahmen eines anderen Restaurants
und eine neu aufgenommene Fassung des Dialogs für den
internationalen Verleih reingeschnitten.30

In einer ähnlichen Grauzone zwischen Virtualität und Realität


wurde 1996 während der Olympischen Spiele in Atlanta ein neues
System zur Bearbeitung von live gesendeten Fernsehbildern
eingesetzt. Millionen von Zuschauern auf der ganze Welt sahen
dieselben Sportereignisse. Doch während die japanischen
Zuschauer direkt neben der Anzeigetafel das computergenerierte
Logo von »Matsushita« sahen, wurde den Amerikanern an der-
selben Stelle das Logo von »Microsoft« präsentiert. Die Sender

694
konnten ihre Werbeeinnahmen maximieren, indem sie die
Reklamewände im Hintergrund auf die Zuschauer zuschnitten.
Nicht alles, was die Zuschauer hier sahen, gab es tatsächlich.

695
Das Echte und das Virtuelle, das Physische und das
Metaphorische nahtlos ineinanderblenden zu können, beruht auf
Bearbeitungstechniken, die schon seil vielen Jahren von
Filmproduzenten und Werbefirmen verwendet werden. Dem
Publikum ist klar, daß Filme und Werbung bearbeitet werden, um
damit einen bestimmten Zweck zu erreichen. Von Fred Ritchin,
dem Leiter des Photoressorts bei der New York Times, stammt die
folgende Beschreibung einer ersten persönlichen Erfahrung mit
dem leistungsfähigen »Visionary«-Bildprozessor von Scitex, den er
und einige seiner Kollegen benutzten, um aus der Skyline von
Manhattan eine phantastische Col lage zu zaubern:

Wir fügten den Eiffelturm und die Pyramide von TransAmerica


aus San Francisco hinzu, die Spitze des Gebäudes von Citicorp
auf der rechten Seite drehten wir um, verschoben [...] das
Empire State Building ein paar Straßenblocks und vergrößerten
es. Diese Techniken sind erstaunlich [...], man hat den unmit-
telbaren Impuls, etwas größer oder kleiner zu machen oder rosa
anzumalen, weil es so leicht geht. Manche Leute haben das als
den Götter-Komplex bezeichnet. Man sieht sich selbst
Wolkenkratzer versetzen [...], man kann alles tun, was man will.
Genauso wie es eine Tendenz zur Bearbeitung von Texten gibt,
gibt es auch eine Tendenz, Bilder zu bearbeiten.31

Doch was geschieht, wenn die Informationsbearbeitung und diese


einflußreichen neuen Hilfsmittel miteinander kombiniert werden
und damit auf das öffentliche Leben Einfluß genommen wird?
Wenn ein Kandidat Tonaufzeichnungen und Videoclips seines
Gegners nimmt, sie aus dem ursprünglichen Zusammenhang reißt
und neu schneidet, um ihn damit zu denunzieren? Welche Regeln
sollen gelten, wenn nicht mehr klar erkennbar ist, daß Fakten und
Phantasien vermischt werden - so wie es bei Filmen der Fall ist, die
wir uns allein wegen ihrer Spe- zialeffekte ansehen -, sondern,

696
wenn diese Vermischung absichtlich verschleiert wird? Über
welche Mittel verfügen wir, um letztlich die Richtigkeit der
Simulationen, Interfaces und visuellen Medien zu garantieren, mit
denen wir immer häufiger zu tun haben und hinter denen sich
programmierte komplexe Zusammenhänge verbergen?
Nahrungsmittelhersteller müssen sich bereits an Bestimmungen
hinsichtlich einer wahrheitsgemäßen Werbung und der
Kennzeichnungspflicht für ihre Waren halten. Sollten sie nicht auch
verpflichtet werden, alle für verkaufsfördernde Werbeprogramme
verwendeten Bilder, die digital erstellt wurden, deutlich zu
kennzeichnen? Realität, in binäre Datenströme übersetzt, ist ein
veränderliches Kunststück. Macht, die nicht kontrolliert wird, ist
absolut.

Eine der Stärken der Photographie lag darin, daß sie, obwohl sie
nur eine einzige Perspektive wiedergab und mit einer Vielzahl zur
Verfügung stehender technischer Mittel hergestellt wurde, dennoch
authentische Ereignisse aufzeichnete. Damit war uns eine analoge
Technik gegeben, mit deren Hilfe die Schwachen von den Starken
Wiedergutmachung für die erlittenen Nachteile fordern konnten.
Mehr als ein Jahrhundert lang diente sie nicht nur als
wirkungsvolles Propagandawerkzeug, sondern auch als Zeugnis
brutaler Machtausübung und ihrer Auswirkungen. Die Schrecken
der Vernichtungslager der Nazis, das Massaker auf dem Tiananmen-
Platz in Peking, die brutale Vorgehensweise der Polizei im Fall
Rodney King in Los Angeles: Photos und Videos zeigten uns eine
Wirklichkeit, die bequeme und herrschende »Wahrheiten« in Frage
stellte. Diese Zeugnisfunktion - eine Tatsache oder ein realer
Bezugspunkt - wird allmählich abgeschafft. Wenn die Echtheit
eines Bildes nicht mehr überprüft werden kann, verliert es an
Autorität. Die freiwerdende Stelle wird von den Signalmanagern
besetzt werden, die die meiste Überzeugungskraft haben.
In einer kurzen historischen Phase überdachte jeder die eigene
Position, wenn er mit einem Bild konfrontiert wurde, das seine
Sicht von der Welt anzweifelte. Nach Meinung von Fred Ritchin

697
wird der »sogenannte Durchschnittsleser Bilder nun vielleicht nicht
länger in der gleichen Weise akzeptieren wie bisher« 32. Wenn ein
Bild mit der Vorstellung des Betrachters nicht übereinstimmt,
könnte er einfach sagen: »Nun ja, das Bild muß falsch sein, das
muß mit Computern manipuliert worden sein.« Vielleicht traut man
der Simulation, die man selbst ausgesucht hat und die nicht von
natürlichen Gegebenheiten beeinflußt wird. Da die
hochentwickelten Technologien der digitalen Bildbearbeitung
bereits in erschwinglichen, in Helme integrierten VR-Bildschirmen
- dem Video- Walkman - eingesetzt werden, stehen die mit Bildern
übersättigten Verbraucher der westlichen Welt bald einem
beispiellosen sensorischen Phänomen gegenüber. Auf der Suche
nach etwas, an das wir uns halten können, werden wir uns zwischen
gleichermaßen glaubwürdigen, aber sich gegenseitig
ausschließenden Versionen desselben »Ereignisses« entscheiden
müssen.

Seit Anbeginn der Geschichte bis ins heutige digitale Zeitalter hat
der Mensch Dinge erfunden und sie bearbeitet: Homo faber, der
Zauberer, der Hände und Geist benutzt. Mit der Zeit sind unsere
Werke immer komplizierter geworden. Sie sind in das Gewebe des
täglichen Lebens eingewoben, und wir bedienen uns ihrer ganz
selbstverständlich. Letztlich sind sie unsichtbar geworden. Alfred
North Whitehead schrieb in Introduction to Mathematics:
»Zivilisatorischer Fortschritt bedeutet die Erhöhung der Zahl
wichtiger Operationen, die wir, ohne darüber nachzudenken,
ausführen können.«33 Aber das Leben in einer Welt des Mangels
erfordert einen neuen Ansatz. Die Menschheit muß ein wacheres
Bewußtsein entwickeln und mehr Sorgfalt walten lassen als zuvor.
Doch immer mehr entziehen sich unsere Gerätschaften dem
unmittelbaren und mittelbaren Einfluß. Entweder sind sie nicht zu
durchschauen oder sie verändern sich ständig. Wenn eine digitale
Uhr, ein Elektrogerät, ein Teil unserer Stereoanlage oder ein
Computer den Geist aufgibt, ist es oft viel vernünftiger, ein neues

698
Gerät zu kaufen, als das alte reparieren zu lassen. Autos sind mit
elektronischen Steuerungssystemen überfrachtet, und die
Vorstellung, ein paar Werkzeuge hervorzuholen und die defekte
Bremse selbst zu richten, ist mittlerweile ein Hirngespinst.
Verabschieden Sie sich von Zen und der Kunst, ein Motorrad zu
warten, schließen Sie Freundschaft mit einem gut ausgebildeten
Techniker und überprüfen Sie Ihren digitalen Kontostand. Dann
sprechen Sie ein Gebet.

Wir verwenden unsere hochentwickelten Systeme mit einer


Vertrauensseligkeit, wie sie nur in einer modernen Kultur möglich
ist. Dieses grenzenlose Vertrauen wird nur dann erschüttert, wenn
ein Flugzeug abstürzt, die Börse zusammenbricht oder das Internet
ausfällt. Solche Ereignisse führen uns vor Augen, wie abhängig wir
von der Technik sind. Der Autor John Hockenberry beschäftigte
sich mit dieser Techniksucht gerade zu der Zeit, als Intel sein
Debakel mit den Pentium-Prozessoren erlebte: Die
unerschütterliche Gewißheit, die mich ohne jeden Zweifel glauben
ließ, daß die Lösungen für meine physikalischen Probleme richtig
sind, stammt noch aus der Zeit, als ich die Ergebnisse meines Ta-
schenrechners genau nachprüfen konnte, an ihre Stelle sind Zweifel
und ein Gefühl der Machtlosigkeit getreten. Die Fähigkeit, an eine
absolute Wahrheit zu glauben, ist ein kostbares Geschenk, das wir
erst jetzt, nachdem wir alles getan haben, um es zu verlieren, richtig
würdigen können. Wir starren auf unseren Laptop und wollen wie
Adam und Eva zurück ins Paradies, hoffend, daß wir da immer
noch mit Windows arbeiten können. Vielleicht liegt der Fehler ja
gar nicht beim Pentium-Chip.34

Tatsächlich ist der Fehler bei denjenigen zu suchen, die wie


Seeleute auf Fahrt gehen, ausgerüstet mit den neuesten
Navigationssystemen und computergenerierten Karten auf ihren
Bildschirmen - denen meistens wiederum Karten zugrundeliegen,
die im neunzehnten Jahrhundert von der britischen Admiralität und

699
amerikanischen Walfängern gezeichnet wurden - aber nicht daran
denken, für den Notfall Kompaß und Sextant mitzunehmen. Geräte
also, die weder mit störanfälligen Chips arbeiten, noch Batterien
benötigen, die irgendwann leer sind. Man kann es sich ganz leicht
bequem machen und darüber vergessen, daß die See in solch
heiklen Angelegenheiten unnachsichtig ist. Auf der Seeroute von
Europa zu den Westindischen Inseln und in die Neue Welt gibt es
tückische Felsenriffs. Bei der Überquerung des digitalen Ozeans auf
der Suche nach neuen Grenzen bringt man sich ernsthaft in Gefahr,
wenn man sich aus Kosten- und »Effizienz«-Gründen nicht um die
Backup-Systeme kümmert, auf die wir bei unseren
Unternehmungen angewiesen sind. Wenn wir keine unmittelbare
Beziehung zu unseren Hilfsmitteln haben und diese Systeme nicht
mehr begreifen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir an einem der
Riffs zerschellen.

1986 bereiste ich die norwegische Arktis auf der MS Polarys,


einem Küstenpostschiff, das kurz nach dem Zweiten Weltkrieg
gebaut wurde. Sie gehört zu einer Flotte von Dampfschiffen, die
entlang der rauhen, von Fjorden zerklüfteten Küste fahren - Teil der
Infrastruktur, die dazu beiträgt, das Gefühl für Gemeinschaft und
Zusammengehörigkeit in Norwegen zu bewahren. Vor den Bull-
augen boten die schneebedeckten Felsen und das Treibeis ein
großartiges Schauspiel. Die Kabinen und Aufenthaltsräume im
Inneren des Schiffes waren mit massiven Messingarmaturen
ausgestattet, deren Glanz jahrelanger sorgfältiger Pflege zu
verdanken war. Das Holz der Wandtäfelung strahlte eine nahezu
lebendige Wärme aus, die man nur durch ständiges Polieren mit
Bienenwachs erzeugen kann. Auf diesem alten Dampfer zu reisen
war so ähnlich, wie den Brief eines vertrauten alten Freundes in der
Hand zu halten. Man wurde erfaßt von einem Gefühl des Prana -
damit bezeichnet man in Indien den geheimnisvollen Odem, der das
Leben aller Dinge erfüllt.*

700
Dieser scheint in Gegenstän-
den, die von der Natur
unberührt sind, merkwürdig
schwach zu sein. Das Schiff,
* E IN ÄHNLICHER G EDANKE
das für ein langes Leben gebaut LAG DEN S CHRIFTEN VON
worden war und gut gepflegt W ILLIAM M ORRIS IN DER
wurde, hatte Prana. Es hatte A RTS - AND -C RAFT -B EWEGUNG
überhaupt nichts mit den ZUGRUNDE , DIE VOR EINEM
J AHRHUNDERT VERSUCHTE , DER
unzähligen Produkten zu tun, INDUSTRIELLEN M ASSEN -
die nicht zu reparieren sind, PRODUKTION EINE
und auch nichts mit den A LTERNATIVE ENTGE -
Überlegungen und Einfällen, GENZUSETZEN . H EUTE KOMMT
NUR NOCH EINE PRIVILEGIERTE
die so etwas ähnliches sind wie M INDERHEIT IN DEN G ENUSS
Styro- porverpackungen, die ECHTER HANDWERKLICHER
wir wegwerfen, sobald sie ihren A RBEIT .
Zweck erfüllt haben. Wenn die
Allianz von Wirtschaft und Technologie dazu führt, daß es billiger
ist, Gegenstände zu entsorgen, als sie instand zu setzen oder der
Verantwortung nachzukommen, die wir mit unseren Werken
übernommen haben - wenn es gerade die Konstruktion dieser
Werke verhindert, daß wir auf irgendeine sinnvolle Weise mit ihnen
umgehen - wird es unmöglich, die Dinge wieder in Ordnung zu
bringen, sollte der Zug der kybernetischen Gesellschaft entgleisen.

Wir können natürlich immer noch das Beste hoffen. Wer weiß,
vielleicht hat John Perry Barlow recht, wenn er sagt, daß grundlose
Hoffnung - genauso wie bedingungslose Liebe - das einzige ist, das
letztendlich zählt.35

701
K APITEL ZEHN

Cybertrends

K ÖNNTE DOCH NUR EIN W ERK MÖGLICH SEIN , DAS AUSSERHALB


UNSERES S ELBST KONZIPIERT WORDEN IST , EIN
W ERK , DAS UNS
ERLAUBEN WÜRDE , AUS DER BEGRENZTEN P ERSPEKTIVE EINES
INDIVIDUELLEN I CHS AUSZUTRETEN , NICHT NUR , UM IN ANDERE
ÄHNLICHE I CHS EINZUTRETEN , SONDERN UM SPRECHEN ZU LASSEN ,
WAS KEINE S PRACHE HAT [...]. W AR DIES NICHT DER E NDPUNKT [...]
DEN L UKREZ IM A UGE HATTE , ALS ER SICH GLEICHSETZTE MIT DER
ALLEN D INGEN GEMEINSAMEN N ATUR ?
Italo Calvino1

In Mario Vargas Llosas 1996 erschienenem Roman Tod in den


Anden wird eine renommierte Naturwissenschaftlerin von einer
Gruppe Terroristen, die unter dem Namen Leuchtender Pfad
bekannt ist, brutal ermordet. Die nicht mehr ganz junge Frau hatte
den Fehler begangen, weiterhin im Dschungel zu arbeiten, nachdem
die bürgerliche Ordnung zusammengebrochen und das Gebiet von
bewaffneten Guerillakämpfern besetzt worden war. Da sie ihr
ganzes Leben mit dem Studium und der Bewahrung der alten
peruanischen Kultur verbracht hatte, glaubte sie, daß ihr nichts
passieren könne. Als sie von den Revolutionären
gefangengenommen wird, beteuert sie, daß sie doch alle das gleiche
Ziel verfolgen. Das müßten sie doch wissen? »Unsere Aufgabe
besteht darin, die Umwelt zu schützen«, ruft sie aus, »[...] wir
arbeiten [...] für die Peruaner.«2 Die aufgebrachten Guerilleros sind
taub für dieses Argument. Naturwissenschaftlerin oder nicht, sie ist

702
die Verkörperung der kosmopolitischen, herrschenden Klasse. Mit
anderen Worten, sie wird nicht als Mensch betrachtet, sondern als
Symbol, wie eine binäre Null oder Eins. Mit der verdrehten Logik,
die in diesem Konflikt herrscht, wird die unschuldige, gebildete
Frau zum Tode verurteilt. Ein französisches Touristenpaar erleidet
dasselbe Schicksal.

In Extremsituationen haben die Menschen Schwierigkeiten,


vernünftig miteinander zu sprechen. Der Roman beschreibt die
Abkoppelung derer, die Nutznießer eines wissenschaftlichen
Rationalismus sind, von den Lebenskräften, die sie in seinem
Namen unterdrücken und stellt die Reaktion der unterdrückten
Völker dar. Cybernetische Mittel haben diese Beziehungslosigkeit
noch verstärkt. Kann es uns also überraschen, daß sich eine zum
Dialog unfähige Welt auf einem Weg befindet, der von Geschossen
und Gewehren gesäumt ist? Die letzte Erniedrigung besteht darin,
daß die Kolonialisierten die barbarische Sprache ihrer
Kolonialherren übernehmen. Dieses Phänomen ist nicht nur in
Südamerika und anderen »unterentwickelten« Teilen der Welt zu
beobachten: Es erschüttert auch die großen Ballungszentren der
westlichen Demokratien. So wie der wohlhabende Norden und der
verarmte Süden nebeneinander existieren, bestehen auch Regionen,
in denen eine bürgerliche Ordnung regiert, neben solchen, die von
entsetzlicher Gewalt beherrscht werden.3 Wie Italo Calvino einmal
feststellte: »Je mehr Licht und Wohlstand es in unseren Häusern
gibt, desto mehr Gespenster kriechen aus ihrem Mauerwerk; die
Träume von Fortschritt und Rationalität werden von Alpträumen
heimgesucht.«4 Der moderne amerikanische Philosoph und
Technologe Michael Heim ist davon überzeugt, daß »das
Barbarische tief aus dem Inneren wieder auftaucht, wenn die
Zivilisation eine bestimmte Dichte erreicht [...] Ein globales
internationales Dorf, das einem beschleunigten Wettbewerb
ausgesetzt ist und das sich von Informationen nährt, kann einen bei-
spiellosen Barbarismus hervorbringen.«5

703
Wir sollen akzeptieren, daß elektronische Netzwerke den
sogenannten »Fortschritt« vorantreiben. Es könnte jedoch genau
diese Art von Fortschritt sein - die Unfähigkeit, das Leben in seiner
ganzen Vielfalt zu erfassen - der für unsere gegenwärtigen
Schwierigkeiten verantwortlich ist. Bill Gates von Microsoft fühlt
sich zu einem gewissen Optimismus veranlaßt, was seine
technologischen Erzeugnisse angeht. Er behauptet: »Die
Datenautobahn erleichtert Nachrichtenübertragungen jeder Art.« 6
Doch warum sollte das so sein? Die technischen Möglichkeiten der
Datenübermittlung können die Kommunikation, die im
wesentlichen eine geistige Tätigkeit ist, nicht einfacher machen: Sie
vergrößern nur die Menge und die Geschwindigkeit der Daten, die
irgendwo unterwegs sind. Wenn die ganze Welt nur noch aus Daten
besteht, läßt sie sich auf digitalem Wege hin und her schieben. Wer
wird sie bewegen? Wer wird sie besitzen? Der seit jeher bestehende
Besitzwille läßt sich dank cybernetischer Techniken viel schneller,
über größere Entfernungen hinweg und erfolgreicher befriedigen
als jemals zuvor. Das Ergebnis ist eine neue Art ungezähmter,
amoklaufender »Vernunft«. So glaubt Bill Gates zum Beispiel:
Dank der neuen Technologie werden wir besser in der Lage
sein, unser Leben selbst zu gestalten; sie wird uns Erfahrungen
und Produkte liefern, die speziell auf unsere Interessen und
Bedürfnisse zugeschnitten sind. Den Mitgliedern der
Informationsgesellschaft werden sich ganz neue Wege zu
Produktivität, Lernen und Unterhaltung erschließen.
Wirtschaftliche Erfolge winken Staaten, die sich mutig und in
Abstimmung mit anderen Nationen für die neuen
Entwicklungen öffnen. So werden sich ganz neue Märkte und
eine Vielzahl bislang unbekannter Be-
schäftigungsmöglichkeiten entwickeln. 7

Gates und die Koautoren seines Buchs Der Weg nach vorn sind
sich selbstverständlich darüber im klaren, daß »die

704
Vorteile der Informationsgesellschaft nicht ohne Nachteile zu
haben« sind. Außerdem, so fügen sie mit bewundernswerter
Untertreibung hinzu, »sind Aspekte der Chancengleichheit zu
berücksichtigen«8. Trotzdem: »Zu den faszinierenden Aspekten der
Datenautobahn gehört, daß sich Gleichheit in der virtuellen Welt
leichter als in der realen herstellen läßt. Man würde erhebliche
Mittel benötigen, um die Schulbüchereien aller ärmeren Regionen
genausogut auszustatten wie etwa die Schulbibliotheken in Beverly
Hills. Doch sobald unsere Schulen online sind, stehen ihnen allen
die gleichen Informationen zur Verfügung [,..].«9 Im Endeffekt
»werden wir weltweit einen Anstieg des Wohlstands erleben, der
sich stabilisierend auswirken wird. [...] der Abstand zwischen den
armen und reichen Ländern wird sich verringern.« 10 Nicholas
Negroponte, der Zauberer alles Digitalen am MIT, prophezeit, daß
bereits Anfang des nächsten Jahrtausends, »unser rechter und linker
Manschettenknopf oder unsere Ohrringe auf dem Umweg über
erdnahe Satelliten miteinander kommunizieren und dabei mehr
Rechenpotential besitzen als unsere heutigen PCs«11. Es bedarf
kaum der Erwähnung, daß sich dann natürlich die ganze Welt mit
goldenen Ohrgehängen und Manschettenknöpfen schmücken wird;
diese wichtigen Accessoires beinhalten immerhin bedeutsame
Nachrichten, die sofort übermittelt werden müssen. In der digitalen
Welt, behauptet Negroponte, »wird der geographische Raum
unwichtig und Zeit wird eine andere Rolle spielen« 12. Es wäre
interessant, den höhnischen Kommentar von General Norman
Schwartzkopf zu hören. Schließlich werden hochentwickelte
Waffen so konstruiert, daß sie zu einem genau festgelegten
Zeitpunkt an einem exakt definierten Ort detonieren. Zeit und
Raum spielen eine entscheidende Rolle, wenn man Menschen- und
Materialmassen an den Golf zu befördern hat, wie es Schwartzkopf
1991

705
während des Krieges tat, damit die Vereinigten Staaten und
ihre Verbündeten die Republikanische Armee von Saddam
Hussein von den reichen Ölfeldern Kuwaits vertreiben
konnten. Der Golfkrieg eröffnet in vielerlei Hinsicht eine
etwas andere Perspektive als die, die uns von den Herren
Gates und Negroponte und ihresgleichen angeboten wird:
Reale Güter werden eher an Bedeutung gewinnen als
verlieren, so entscheidend die Rolle auch sein wird, die die
informationsverarbeitenden Technologien im kommenden
Jahrzehnt in der Wirtschaft spielen werden. Die Welt wird
jeden Tag zusätzlich 15 Millionen Barrel Öl aus dem
Mittleren Osten benötigen, um den Bedarf der in den
nächsten fünfzehn Jahren produzierten Automobile zu
decken.*

Außerdem ist zu erwarten, daß der Gesamtverbrauch an Roh-


stoffen proportional zum industriellen Wachstum der Entwick-
lungsländer ansteigen wird.13 Dadurch wird natürlich auch der
Anteil an Kohlendioxid in der Atmosphäre rapide zunehmen, der
zwischen 1959 (als man begann, systematisch zu messen) und 1994
um 14 Prozent zunahm.

Der Mensch verbraucht mehr als die Hälfte der Res-


sourcen, die zum Erhalt des Lebens auf unserem Planeten
erforderlich sind.14 Die lebenswichtige biologische Vielfalt
nimmt sowohl auf freier Wildbahn als auch bei den
domestizierten Arten ständig ab.+ W ELTWEIT WERDEN IN
JEDER S E kunde mehr als 4000 Quadratmeter Wald gefällt.

706
+
E TWA EIN D RITTEL DER 4500 DOMESTIZIERTEN T IERARTEN AUF DER
W ELT SIND DURCH DEN INTENSIVEN A NBAU VON M ONOKULTUREN » VOM
A USSTERBEN BEDROHT «, BERICHTET DIE O RGANISATION FÜR
E RNÄHRUNG , L ANDWIRTSCHAFT UND F ORSTWESEN DER UNO IN IHRER
W ORLD WATCH L IST FOR D OMESTIC A NIMAL D IVERSITY (R OM 1995).
W IE D AVID R ICHARDSON AUSFÜHRT, » WERDEN DIE MEISTEN K ÄLBER
AUF DER W ELT MÖGLICHERWEISE BALD NUR NOCH VON WENIGEN
D UTZEND B ULLEN ABSTAMMEN , WELL DIE Z ÜCHTER AUS EINEM IMMER
KLEINER WERDENDEN G ENPOOL AUSWÄHLEN .« (»U NNATURAL SEL -
ECTION « IN : F INANCIAL T IMES , 3. J ANUAR 1996.)

* L AUT DES VON DEROECD


VERÖFFENTLICHTEN W ORLD
E NERGY O UTLOOK - 1995
(P ARIS : I NTERNATIONAL
E NERGY A GENCY , 1995) IST ZU
ERWARTEN , DASS DER
WELTWEITE V ERBRAUCH VON
DERZEIT 68 M ILLIONEN
B ARREL Ö L PRO T AG BIS 2010
AUF ETWA 95 M ILLIONEN
B ARREL ANSTEIGEN WIRD . D IE -
SES Ö L KOMMT ZUM GRÖSSTEN
T EIL AUS DEM M ITTLEREN
O STEN .

707
Die Wüsten dehnen sich jährlich um 6 Millarden Hektar aus,
während der Regenwaldbestand jedes Jahr um 11 Milliarden
Hektar abnimmt.13 In allen wichtigen Anbaugebieten der
Welt führt die notwendige intensive Bewässerung zu einer
drastischen Senkung des Grundwasserspiegels. Überall auf
der Welt, auch im instabilen Mittleren Osten, schwelen
bereits Konflikte wegen der Wasserversorgung.

Wir haben allen Grund zur Besorgnis. Es ist dringend


notwendig, daß wir ein allumfassenderes Verhältnis zu
unserem Platz - und dem unserer Technologie - in der Natur,
von der wir abhängig sind, entwickeln. Paul Haw- ken,
Autor und Geschäftsmann aus Kalifornien, stellt dazu fest:

Wenn man einen Basketball nimmt und sich vorstellt, er


sei die Erde, und ihn mit einer dünnen Schicht Farbe
überzieht, dann ist sie, relativ gesehen, zehnmal dicker
als jene Schicht, die unser Überleben auf diesem
Planeten sichert [...]. Die Grenzen der Belastbarkeit sind
weltweit erreicht und nicht nur in den wenigen
Ausnahmefällen, die uns im Fernsehen präsentiert
werden. Diejenigen, die behaupten, daß wir aus unseren
Umweltproblemen herauswachsen müssen, übersehen
eine ernsthafte Schwierigkeit: Wenn die chinesische
Bevölkerung genauso leben würde wie die Bevölkerung
in Japan oder Frankreich oder in den Vereinigten
Staaten, würden die ökologischen Verwüstungen ein
ungeheures Ausmaß erreichen.*

(* Paul Hawken: Kollaps oderKreis-laufwirtschaft:


Wachstum nach dem Vorbild der Natur. Berlin 1996. Um
die von den Menschen auf der Erde verursachten
Schäden zu begrenzen, schlägt Hawken vor,
Produktionsmittel einzusetzen, die weniger Abfall
produzieren - gemäß dem Prinzip »Abfall ist gleich
Nahrung«, auf alternative Energien auszu weichen, die
Wasserstoff und die Sonne nutzen - wodurch viele neue
Arbeitsplätze entstehen würden - und »Systeme
einzuführen, die auf Verantwortung und Feedback
gründen und Maßnahmen zum Erhalt unterstützen, das
mag die Nutzung von Ressourcen betreffen, die
Erhebung einer Ökosteuer auf Chemikalien, die in der
Landwirtschaft eingesetzt werden oder die regionale
Produktion und Verteilung.« (Ebd., S. 209 f.))

709
Diese Umstände scheinen jedoch nur selten eine Rolle zu spielen,
wenn die Futuristen das Wort ergreifen und ihre Vorstellung von
einer neuen Welt präsentieren, jenen Ort, an dem keiner mehr an
Zeit und Raum gebunden ist. Worum es ihnen eigentlich geht, hat
nichts mit Metaphysik zu tun, sondern mit der Entwicklung neuer
Märkte und

neuer profitabler Produkte wie Navigationssysteme für Autos. Da


nun dieser neue Markt niemals entstehen wird, wenn die Leute
nicht weiterhin Auto fahren, muß jede ernstgemeinte Diskussion
darüber, ob es empfehlenswert ist, die Benutzung von Autos auch
weiterhin uneingeschränkt zuzulassen, sofort von der Tagesordnung
gestrichen werden.

Das Schreckensbild von den schwindenden Lebensenergien der


Erde ist ungefähr so willkommen wie ein Hiobsbote. Die
Meeresbiologen der Organisation für Ernährung, Landwirtschaft
und Forstwesen der UNO berichten, daß alle wichtigen Fischgründe
der Welt ihre Kapazitätsgrenzen erreicht oder bereits überschritten
haben. Die Nahrungsmittelproduktion hält mit dem Be-
völkerungswachstum nicht mehr Schritt. 1996 erreichten die
Getreidevorräte den niedrigsten Stand seit zwei Jahrzehnten, und
die dadurch bedingten Preissteigerungen hatten verheerende Folgen
für die Ärmsten dieser Welt.*
* 1995 STIEG DER P REIS FÜR DIE WICHTIGSTEN G ETREIDESORTEN -
W EIZEN , R EIS UND M AIS - UM 30 BIS 50 P ROZENT UND BELASTETE
DIE BEREITS JETZT KAUM NOCH BEZAHLBARE N AH -
RUNGSMITTELRECHNUNG DER E NTWICKLUNGSLÄNDER , IN DENEN
NAHEZU EINE M ILLIARDE M ENSCHEN AN CHRONISCHER U N -
TERERNÄHRUNG LEIDET, MIT WEITEREN 3 M ILLIARDEN D OLLAR .
(D EBORAH H ARGREAVES , »FAO WAMS OF CRISIS IN WORLD FOOD
SUPPLIES « IN : F INANCIAL T IMES , 2. F EBRUAR 1996.) I M GLEICHEN
Z EITRAUM STIEG DIE F LÜCHTLINGSZAHL WELTWEIT UM 88 P ROZENT
AUF 26 M ILLIONEN . S IEHE HIERZU L ESTER R. B ROWN , N LCHOLAS
L ENSSEN UND H AI K ANE , A USZUG AUS V ITAL S IGNS : 1 9 9 4 - 9 5 ,
B ERICHT DES W ORLDWATCH I NSTITUTE IN WASHINGTON D.C.,
WASHINGTON 1995. D IESER A USZUG TAUCHT ÜBRIGENS AUCH IM W EB
AUF UNTER HTTP :// WWW. WORLDWATCH . ORG / PUBS / VS / VS 95/ LNDEX .
HTML .

Wenn sich nicht verstärkt Familienplanung durchsetzt, wird


die Weltbevölkerung von derzeit 5,5 Milliarden innerhalb
einer Generation auf fast 9 Milliarden anwachsen, es sei
denn, eine große Epidemie oder eine Naturkatastrophe
riesigen Ausmaßes tritt ein. Lester R. Brown, der Leiter des
Worldwatch Institute in Washington D.C., genießt
allgemeines Ansehen für seine Bemühungen, die Tatsachen
in einer manchmal allzu pessimistischen Umweltdebatte
nicht aus den Augen zu verlieren. Seiner Einschätzung nach
wird das Problem der Sicherung der Nahrungsversorgung in
Kürze Fragen der militärischen Sicherheit verdrängen: »Das
schlechter werdende Verhältnis zwischen uns und unseren
natürlichen Lebenserhaltungssystemen und die
wirtschaftlichen Auswirkungen dieser veränderten
Beziehung werden in den kommenden Jahrzehnten zum
vorrangigen Problem der Regierungen werden.«16

Diese sehr realen und dringlichen Anliegen scheinen für


die digitalen Videospiel-Phantasten unserer Tage in

711
angenehm weiter Ferne zu liegen. Sie lassen sich nicht
davon beunruhigen, daß sich im Laufe des nächsten Jahr-
zehnts das Leben für einen großen Teil der Weltbevölkerung
radikal verändern wird, und zwar durch jene Mas-
senbewegung, die wir »Restrukturierung« nennen und die
Bauern aufgrund wirtschaftlicher Notwendigkeiten zwingt,
aus dem Hinterland in die Großstädte abzuwandern.
Furchtbare Spannungen und ein hohes Maß an kognitiver
Dissonanz werden die Folge sein, wenn ihr altes
Wertesystem schneller zusammenbricht als neue brauchbare
Werte entwickelt werden, die an dessen Stelle treten, und die
Bestätigung, die man durch körperliche Arbeit erfährt, nicht
durch ebenso nachhaltig wirkende Alternativen ersetzt wird.
Wer zufällig das Leben in einer entwickelten Demokratie
genießen kann, wird sich über diesen »Wendepunkt« in der
Geschichte freuen. Ob sie aber außerhalb unseres virtuellen
Kokons wirklich einen schöpferischen Übergang oder eine
produktive Spannung für die große Masse der
Weltbevölkerung bedeutet, bleibt fraglich. Was passiert,
wenn man versucht, ein Pentiumgestütztes
Anwenderprogramm auf einem System laufen zu lassen, das
auf den alten 8080-Chips von Intel basiert? Der Computer
wird einfach langsamer werden oder abstürzen, und die
Festplatte kann jederzeit ersetzt werden. Aber menschliche
»Systeme«, die schlichtweg nicht in der Lage sind, ein
Übermaß an widersprüchlichen Signalen zu verarbeiten,
könnten von schrecklichen Gewaltausbrüchen erschüttert
werden.*
Lautes Protestgeschrei ertönt vom rechten Bühnenrand. Also wirk-
lich - was für ein Malthusiani- scher Pessimismus! Die Informa-
tionsverarbeitungstechnologien werden uns ganz sicher noch
überraschen. Sie werden zu einem stärkeren Wachstum führen und
dieses schreckliche Schicksal von uns abwenden. Weder die Hilfs-
mittel noch das von ihnen erzeugte Wachstum berücksichtigen
jedoch die Unhaltbarkeit dieser ehrgeizigen Pläne und die immer
dringlicher werdenden Verteilungsprobleme. »Obwohl in der
materiellen Ausdehnung«, wie David Korten anmerkt, »immer
noch eine Patentlösung gesehen wird, um die Armut zu bezwingen,
die Bevölkerung zu stabilisieren, die Umwelt zu schützen und
sozialen Frieden zu schaffen«17, hat sie bis heute tatsächlich in
jedem Punkt versagt. Vielmehr »beschleunigt sie den
Zusammenbruch der regenerativen Kräfte des Ökosystems und des
sozialen Gefüges der menschlichen Gemeinschaft und verschärft
gleichzeitig den Konkurrenzkampf um die Ressourcen zwischen
Arm und Reich - ein Kampf, in dem die Armen unterliegen
müssen.«
18 *

* W ISSENSCHAFTLER VON O XFAM WARNEN , DASS


»V ERBRECHEN UND DER Z USAMMENBRUCH DER
G ESELLSCHAFT IN DER INDUSTRIELLEN W ELT NICHT
VOR DEN WOHLHABENDEN V ORORTEN DER
M ITTELKLASSE HALTMACHEN WERDEN EBENSO WIE DIE
DURCH K ONFLIKTE UND WELTWEITE A RMUT
FREIGESETZTEN K RÄFTE NICHT VOR NATIONALEN
G RENZEN HALTMACHEN WERDEN , SEIEN DIESE AUCH
NOCH SO GUT VERTEIDIGT .« (O XFAM P OVERTY R EPORT .
L ONDON 1995, ZITIERT BEI M ICHAEL H OLMAN :
»G LOBAL POVERTY THREAT TO STABILITY , WAMS
O XFAM « IN : F INANCIAL T IMES , 21. J UNI 1995.)

713
* T ROTZ EINER S TEIGERUNG DER WELTWEITEN
W IRTSCHAFTSPRODUKTION UM DAS F ÜNFFACHE , SCHREIBT K ORTEN ,
» HAT DIE Z AHL DER M ENSCHEN , DIE IN VÖLLIGER A RMUT LEBEN , MIT
DEM B EVÖLKERUNGSWACHSTUM S CHRITT GEHALTEN : B EIDE HABEN
SICH VERDOPPELT. D IE V ERTEILUNG DES E INKOMMENS ZWISCHEN DEN
REICHSTEN UND DEN ÄRMSTEN 20 P ROZENT HAT SICH IM V ERHÄLTNIS
ZWEI ZU EINS VERSCHOBEN . D ARÜBER HINAUS HABEN SICH FAST
ÜBERALL DIE A NZEICHEN FÜR DEN V ERFALL DER SOZIALEN G EFÜGE
UND DER U MWELT DRASTISCH VERMEHRT. D AS W IRTSCHAFTSWACHS -
TUM HAT DIESE P ROBLEME ZWAR NICHT UNBEDINGT GESCHAFFEN , ABER
SICHER AUCH NICHT GELÖST.« (D AVID K ORTEN : W HEN C ORPORATIONS
R ULE THE W ORLD . L ONDON 1995, S. 39.)

John Gray stimmt dem zu. Er ist ein anerkannter Politikwissen-


schaftler, der früher der New Right in Großbritannien angehörte,
sich mittlerweile jedoch von der traditionellen politischen
Aufspaltung in links und rechts abgewandt hat und sinnvollere und
im positiven Sinne konservative Ziele anstrebt. Er stellt fest, daß
»die Industrialisierung der Welt nach dem Modell der reichsten
Länder eine schädliche Phantasie ist [...] vielleicht das simpelste
Vorbild, das der leidenden Menschheit jemals angeboten wurde.
Der Mythos vom grenzenlosen Fortschritt gereicht dem Menschen
nicht zum Guten und sollte keinen Eingang in eine konservative
Philosophie finden [...].« Außerdem, fügt er hinzu, unterliegen
diejenigen, die auf die Verbindung von freien Märkten und
technischen Werkzeugen vertrauen, einem gefährlichen Irrtum:

Auch das technologische Wachstum hängt von menschlichen


Institutionen ab, die immer instabil und oft sehr schwach sind;
wenn diese Institutionen zusammenbrechen, wird es gestoppt
oder verzögert sich. Deshalb gibt es keine Garantie für ein
technologisches Wachstum, technische Lösungen für die
Probleme der Menschheit werden immer außerhalb unserer
Reichweite bleiben, selbst wenn man annimmt, daß es sie
gibt.19

Das gesteht sogar die Weltbank stillschweigend ein. Im World


Development Report von 1997 steht, daß »ein leistungsfähiger
Staat [...] nötig ist, um die institutionelle Infrastruktur für
florierende Märkte zu schaffen«, und daß »im einundzwanzigsten
Jahrhundert eine wichtige Rolle des Staates darin bestehen wird,
den Rahmen zu schaffen, in dem eine Lösung für die
problematische Wechselbeziehung zwischen marktorientiertem
Wachstum und den eskalierenden Umweltproblemen gefunden
werden kann«20.

Heutzutage ist es üblich, sich einem von Maschinen bestimmten


»Schicksal« zu ergeben. Wie Kevin Kelly behauptet, sind wir
bereits viel zu abhängig von den weitverzweigten elektronischen
Systemen geworden, um unser eigenes Schicksal noch lenken zu
können. Unsere Werke sind von nahezu biologischer Komplexität

715
und verfügen über einen eigenen »Willen«: Zwischen Mensch und
System besteht eine umfassende und unauflösbare Symbiose.
Außerdem seien die Maschinen gerade dabei, die Oberhand zu
gewinnen, und die einzig vernünftige Reaktion darauf bestehe
darin, die Systeme sich aus eigenem Antrieb entwickeln zu lassen.
Kelly zitiert den chinesischen Philosophen Lao-tse, der vor 2600
Jahren schrieb, daß »eine intelligente Herrschaft Einfluß ausübt,
ohne es erkennen zu lassen«21.
Kelly glaubt, daß: [...] in Zukunft ausgedehnte
Computernetzwerke die Menschen formen werden. Wir lassen
nicht nur einzelne Bücher hinter uns zurück [...], weltweite
Meinungsumfragen in Echtzeit 24 Stunden am Tag, sieben Tage
die Woche, allgegenwärtige Telefone, asynchrone E-mail, 500
Fernsehkanäle, Video auf Abruf: Das alles trägt seinen Teil
dazu bei, eine außergewöhnliche Netzkultur zu schaffen, ein
bemerkenswertes bienenstockartiges Gebilde. Die winzigen
Bienen in meinem Bienenstock sind sich ihrer Gemeinschaft
nicht wirklich bewußt. Ihr kollektives Bewußtsein muß per
definitionem ihr kleines Bienenbewußtsein transzendieren.
Wenn wir uns in ein bienenstockartiges Netzwerk einbinden,
wird es vieles geben, was wir ^ einfache Neuronen im Netz -
nicht erwarten, nicht verstehen, nicht steuern oder nicht einmal
wahrnehmen können.22

Der Wissenschaftler Marcus Viermenhouk ist da anderer Meinung.


»Bienen sind ziemlich dumme kleine Dinger«, sagt er lachend.
»Außerdem kann man mit einem wackelnden Hinterteil nur wenig
sagen.«23 Menschen können sich im Gegensatz dazu zivilisiert und
bewußt verhalten. Sie haben das Potential, intelligentere Ziele ins
Auge zu fassen. Ob sie dazu in einem Bienenstock mit virtueller
Zerstreuung rund um die Uhr die Geistesgegenwart haben werden,
bleibt abzuwarten. Bill Gates räumt ein, daß die neu entstehenden
Netzwerke mit ihren virtuellen Fluchtmöglichkeiten für einige
tatsächlich etwas zu viel Zerstreuung bieten werden. Aber keine
Angst: »Wenn Sie feststellen, daß Sie sich zu häufig und zu lange in
diese verlockenden Welten flüchten, und wenn Sie anfangen, sich
deshalb Sorgen zu machen, können Sie Ihre Befürchtungen
verringern, indem Sie dem System mitteilen: >Egal, was für ein
Paßwort ich dir nenne, das Spiel darf nicht länger als eine halbe
Stunde dauern !< Das wäre ein kleines Warnsignal, um Ihre
Beschäftigung mit Systemen einzuschränken, die eine zu große
Faszinationskraft entwickeln.« Aber Bill Gates gibt auch zu:
»Ehrlich gesagt, mache ich mir keine allzu großen Sorgen, die Welt
könnte ihre kostbare Zeit auf der Datenautobahn vertändeln.
Schlimmstenfalls wird es wie bei Videospielen oder Geldautomaten
sein [,..].«24

Man kann sich vorstellen, daß jemand wie Václav Havel dafür
nur ein gequältes Lächeln übrig hat. Er weiß alles über inszenierte
und echte Dramen. Havel, Dramatiker und Gründungsmitglied
sowie Sprecher der verbotenen Menschenrechtsorganisation Charta
77, leistete aktiven Widerstand gegen die Unterdrückung durch die
kommunistischen Machthaber in der ehemaligen Tsche-
choslowakei. Für sein Engagement bezahlte er in den siebziger und
achtziger Jahren mit fast zehn Jahren Gefängnis und Arbeitslager.
Diese Erfahrungen führten bei ihm zu der Überzeugung, daß eine
universelle Beziehung besteht zwischen dem, was er als Ordnung
des Lebens und Ordnung des Todes bezeichnet. 25 Seiner Ansicht
nach gehört unser besessener Glaube an die Technologie zu
letzterem. Für ihn hat es etwas erschreckend Pathologisches, wie
»wir nach neuen wissenschaftlichen Lösungen, neuen Ideologien,
neuen Herrschaftssystemen, neuen Institutionen und Instrumenten
suchen. Wir gehen mit den verhängnisvollen Folgen der
Technologie um, als ob es sich dabei um einen technischen Defekt
handeln würde, der allein durch Technologie zu beheben ist. Wir
suchen nach einem objektiven Ausweg aus der Krise des
Objektivismus. Dabei deutet alles darauf hin, daß dies nicht der
richtige Weg ist.«26 Für ihn ist ein solcher Weg eher in veränderten
Verhaltensweisen als in neuen Technologien zu suchen: Wir müssen

717
zu einer realistischen Einschätzung dessen gelangen, was unsere
Hilfsmittel wirklich leisten können.

Die »Objektivität«, auf die sich der Ruhm der binären Maschinen
gründet, ist nichts als philosophische Heuchelei. Die Unternehmen
der vernetzten Gesellschaft sind alles andere als neutral. Sie
entwerfen ein eindeutiges Wertesystem, das ethischen Relativismus
und die Parteinahme für eine rücksichtslose, expansionistische
Lebensweise verbindet. Diese machtvolle Koalition bringt uner-
trägliche Extreme hervor, denen wir Widerstand leisten sollten. Die
wahre Herausforderung besteht darin, eine alternative Vorstellung
von »Fortschritt« zu entwickeln, der auf einem sozial und
ökologisch vertretbaren Wachstum beruht. Wir müssen, wie Havel
es nennt, ein »postmodernes Gesicht«27 entwickeln.

Aber wie fangen wir damit an?


Zum einen könnten Politiker sich bemühen, nicht nur
»wissenschaftlichen Darstellungen und Analysen der Welt zu
trauen, sondern der Welt selbst. Sie sollten nicht allein
soziologischen Statistiken Glauben schenken, sondern auch
wirklichen Menschen. Sie sollten nicht nur einer objektiven
Interpretation der Wirklichkeit vertrauen, sondern auch sich selbst,
nicht nur einer übernommenen Ideologie, sondern auch eigenen
Überlegungen, nicht nur den Berichten, die sie jeden Morgen
bekommen, sondern auch dem eigenen Gefühl.« 28 An die Stelle von
Neutralität müssen Entscheidungsfähigkeit und Urteilsvermögen
treten.

Während der vergangenen hundert Jahre wurden die unablässigen


Expansionsbestrebungen der westlichen Kultur von dem Wunsch
beseelt, der Beschränkung durch natürliche Gegebenheiten zu
entkommen. Das Europa des fünfzehnten Jahrhunderts brachte
nicht nur Christopher Columbus hervor, sondern wurde auch von
Pest, Gewalt und Hungersnöten geplagt: Die bekannten Mine-
ralstoffvorkommen waren erschöpft und die einst grünen Wälder
größtenteils gerodet. Kirkpatrick Sale berichtet von den Männern
Columbus': »Jeder Mann an Bord kannte aber auch die
Geschichten, die von Seeleuten, Geographen und Reisenden seit
Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten erzählt wurden: von Orten
dort draußen am fernen Rand des Meeres, die phantastische Reich-
tümer bargen, von goldenen Städten, Zauberbrunnen und
faustgroßen Edelsteinen; und sie träumten davon, mit Reichtümern
[...] zurückzukehren, die einen Granden erblassen lassen würden.«29
Jahrhunderte später haben ähnliche Beweggründe die
amerikanischen Pioniere nach Westen getrieben. Als das Land
daraufhin an die Grenzen des von Rohstoffen abhängigen
wirtschaftlichen Wachstums stieß, baute es eine neue industrielle
Wirtschaft auf, die sich auf den Theorien Taylors gründete, auf der
Standardisierung, Zentralisierung und Rationalisierung aller
Produktionsabläufe. *(* D ER AMERIKANISCHE I NGENIEUR F REDERICK
W. T AYLOR (1856-1915) GILT ALS B EGRÜNDER DER WISSEN -
SCHAFTLICHEN M ANAGEMENTTHEORIE , SEINE I DEEN HATTEN

ENTSCHEIDENDEN E INFLUSS AUF DIE E NTWICKLUNG DER

M ASSENPRODUKTION . )

Seither haben uns die Kommunikationstechnologien nach und


nach zu größerer räumlicher und geistiger Mobilität verholfen, das
Rationalisierungspotential erhöht und die potentielle Reichweite
des Einzelnen wie die von Organisationen vergrößert. Ein
einigermaßen unabhängiger »Geistesarbeiter« kann sich mit seinem
Laptop an den Strand flüchten - allerdings bedeutet Telearbeit mei-
stens, daß man zu Hause arbeitet, um dem Arbeitgeber die
Ausgaben für einen Arbeitsplatz zu sparen. Im Prinzip kann man
Monate auf dem Land verbringen und mit seinen Kollegen per
Modem und PC in Kontakt bleiben. Diese kosmopolitische Freiheit,
die heute auf drastische Weise zunimmt, fordert jedoch auch einen
hohen Preis.

Als ich dieses Buch schrieb, mietete ich einen alten Bauernhof,

719
der hoch in den Bergen der Ardeche liegl, einer wenig entwickelten
Region in Südfrankreich. Ich wollte ein Gefühl für ein vollständig
vom Netz abhängiges Berufsleben bekommen. Die Umgebung war
großartig, soweit man blicken konnte, sah man Hügelketten und
endlose Weiten. Die Ardeche ist eine der letzten unberührten
Landschaften in Westeuropa, ein Gebiet, in dem mitten in der
Nacht Wildschweine an der Haustür scharren, tagsüber die Adler in
großer Höhe kreisen und Wildrudel geräuschlos vorbeiziehen.
Doch so wunderbar die Landschaft und die Menschen auch sind,
ich machte die merkwürdige und verstörende Erfahrung, gleichzei-
tig hier und im Netz zu leben. Ich kann mich an einen Nachmittag
erinnern, an dem ein Nachbar mit seiner Pfeife und seinem alten
Hund vorbeikam, argwöhnisch meinen Laptop und die zahlreichen
Kabel betrachtete, die wie eine Nabelschnur von der Terrasse ins
Haus führten, wortlos den Kopf schüttelte und weiterging. Ich er-
innere mich, daß sich meine Perspektive seltsam veränderte, wenn
ich vom Bildschirm aufblickte und in den Himmel schaute, so groß
war der Unterschied zwischen dem ausgedehnten geographischen
Raum und dem elektronischen Labyrinth, in dem ich in
Bibliotheken und Datenbanken herumstöberte, Unmengen von E-
mails austauschte und Entwürfe an weitentfernte geistige Reise-
gefährten schickte.

Plötzlich hatte ich ein sehr ambivalentes Gefühl zu dem Netz. Ich
spürte, daß sich der kulturelle Unterschied zwischen mir und den
Bauern und Schäfern noch vergrößert hatte, obwohl ich mitten
unter ihnen lebte. Ihr Leben wurde bestimmt von den Jahreszeiten,
von der Schafschur, gemeinsam genutzten Weideflächen, von
Melkzeiten und Schlachtungen. Mein Leben bestand darin, immer
wieder von neuem abstrakte Bits in einem nicht zu greifenden
Raum zu ordnen. Wenn ich am Ende des Tages den Laptop
ausschaltete und mich in die Weiten der Landschaft aufmachte, um
den Pfaden auf den Hügelkämmen zu folgen oder in einer
Wirtschaft haltzumachen und ein Glas Wein zu trinken, beunruhigte
mich dieses Gefühl des Losgelöstsein, das ich empfand - ein
Losgelöstsein, das ich während meiner letzten Reise durch das
ländliche Frankreich nicht empfunden hatte. Damals hatte ich das
Dorf als Ort erfahren, der von sozialer Beständigkeit und den
organischen Formen der verwitterten Steine und des Holzes geprägt
wurde; diesmal wurde ich zurückgeworfen in meine Online-Welt
der raschen Veränderungen und unzähliger Eingänge in einen ab-
strakten Raum, der verwinkelten Linien, die auf dem Bildschirm
Gestalt annahmen und wieder verschwanden. Zwischen meinem
Lebensrhythmus und dem der Menschen an diesem Ort schien
unabänderlich und beunruhigenderweise kein Zusammenhang zu
bestehen.

In der vernetzten Wirtschaft sind die Kategorien und


Bedingungen regionaler gesellschaftlicher Traditionen umgestürzt
worden. In dieser bescheidenen kleinen Stadt in der Ardeche haben
sich Lebensformen und demographische Daten stark verändert. Vor
zwei Jahrzehnten besuchten jeden Tag noch mehr als vierzig Kinder
aus der Umgebung die Schule auf dem nahegelegenen Paß. Heute
sind praktisch keine Kinder im Schulalter mehr zu sehen, und das
alte Schulhaus liegt verlassen und verwahrlost da. Eine ganze
Generation ist verschwunden. Sie sieht keine Zukunft in diesem
kargen Leben, keinen Nutzen in der Erzeugung landwirtschaftlicher
Güter oder der Schafhaltung. Die Menschen sind nach Lyon und in
weiter entfernte Städte abgewandert, um dort nach den schwer zu
definierenden Chancen und Lebensweisen zu suchen, mit denen sie
durch das Fernsehen Bekanntschaft gemacht haben. Als der strenge
Winter einsetzt und der zu Besuch weilende Autor seine Sachen
zusammenpackt, um wieder in seine städtische Behausung
zurückzukehren, versammeln sich die zurückbleibenden Dorf-
bewohner in der dürftigen Wärme, die das Heck eines mobilen
Verkaufsstandes ausstrahlt. Er ist gerade angekommen, um ihnen
Gemüse, Fleisch und Brot zu verkaufen, weil die kleinen Läden in
der Stadt schon vor langer Zeit die Rolläden herunterlassen mußten.
Hier verfügt man nicht über die Mittel, den Pfad in eine neue Welt
aufzurufen und anzuklicken. Diese Menschen haben ihr Leben lang

721
hier in winterlicher Kälte und hochsommerlicher Hitze gelebt und
gearbeitet. Gelegentlich haben sie einen gemeinsamen Sieg gefeiert
und mehr Widrigkeiten standgehalten, als ein Fremder jemals be-
greifen wird. Und sie haben eine Weisheit entwickelt, die aus einer
Welt stammt, mit deren Schwierigkeiten und Leiden man allenfalls
versuchen kann, zurechtkommen, wie mit der Umgebung selbst,
denen man aber niemals entfliehen kann.
Bin ich näher am Rhythmus und an der Quelle eines erfüllten
Lebens, wenn ich meinen Pfad durch die Welt aufrufe und anklicke,
Sites aufsuche, mir alles, was ich brauche, herunterladen und ins
nächste Menü wechseln kann? So abstrakt und »virtuell« das Leben
des Einzelnen auch sein mag, er kann doch nie seinem sterblichen
Körper entkommen, nicht der realen Gegenwart anderer Menschen
und auch nicht der grundlegenden Abhängigkeit von einer
endlichen Erde. Die Menschheit kann nun einmal nicht ihr
Bewußtsein und Dasein in das Netz laden oder sich von digitalen
Bits ernähren. Das hält uns jedoch keineswegs davon ab, Gott
spielen zu wollen, den alten cartesianischen Trick anzuwenden und
den Menschen aus Fleisch und Blut hinter uns zurückzulassen und
zu vergessen - in einem Raum, den die Dige- rati sinnigerweise als
»Fleischraum« bezeichnen wenn wir an Bord der vernetzten Arche
auf den glitzernden Wellen digitaler Träume schaukeln. Dieser
besondere Trick, den alle Eroberer anwenden, »hat unerfreuliche
Folgen für die Körper, deren Stimmen durch unseren Akt des
Vergessens zum Schweigen gebracht werden [...], auf deren Arbeit
sich der Akt des Vergessens [unserer Körper] gründet [,..]«30.

Man ist oft in Versuchung, die Vergangenheit mit Sentimentalität


zu betrachten. Es gab niemals einen »perfekten« Urzustand, und
ich für meinen Teil bin auch nicht an unveränderlichen kulturellen
Zuständen interessiert. Außerdem gewöhnt man sich auch daran,
was man alles mit einem Macintosh von Apple anstellen kann. Man
freut sich an dem wunderbaren Gefühl von Freiheit, das sich
einstellt, wenn man auf schnell wechselnde Situationen
entsprechend reagieren kann - kurzum: alles haben zu können. Wie
viele, die im Netz arbeiten, bin auch ich von manchen Aspekten
meines Online-Lebens begeistert; Sherry Turkle, Soziologe am
MIT, hat gesagt, daß wir hier »darin bestärkt [werden], uns als
Wesen zu betrachten, die fließend sind, dezentralisiert, vielfältig,
flexibel und immer in Entwicklung«31. Die entstehenden virtuellen
Gemeinschaften bieten Erfahrungen, die uns im »RL« - Netz-
Jargon für »richtiges Leben« - bereichern können. Für alle, die oft
erst spät in der Nacht aufhören zu arbeiten, wenn die Stadt schon
im tiefen Schlaf liegt, ist es überdies angenehm, soziale Räume zu
haben, in denen sie sich mit Freunden treffen und »interagieren«
können. Und erst die faszinierenden, rund um die Uhr
stattfindenden Maskenbälle, die sich MUDs - MultiUser-Dungeons
- nennen, und für die man sich eine ganz und gar fiktive Identität
zulegen kann? Wenn man Spiele wie Schach oder Go mag, gibt es
immer jemanden - oder etwas -, der bereit ist, mitzuspielen. Man
kann von irgendeinem tollen Film schwärmen, Motorradfahrerkol-
legen nach den besten Strecken für den Urlaub fragen oder Ideen
entwickeln, um politische Veränderungen zu bewirken. Die Zahl
der lebendigen elektronischen Subkulturen im Netz wächst ständig.
Man kann populäre Web-Sites wie die aufreizende alt.sex.binaries
aufrufen, die manchmal ganz nützliche gopher://marvel.loc.gov/II/
research/loc und die abgehobene cgvc2.html. Daß sie ohne
räumlichen und historischen Zusammenhang sind, zeigt sich schon
in ihren schrecklich gewundenen Namen.

Diese »Treffpunkte« haben gemeinsame Merkmale, die


einzigartig für das Netzwerk sind. Es ist noch zu früh, um ihren
Einfluß auf die Gesellschaft einschätzen zu können. Genauso wäre
es wenig realistisch, ein Aussage darüber zu treffen, welche
Instinkte in dieser rasant wachsenden Diaspora freigesetzt werden,
in der die gemeinsame kontinuierliche Wahrnehmung von Zeit und
Raum durch die unendlich vielfältigen Erscheinungsformen des
Web ersetzt wird. Wir können jedoch feststellen, daß ein derartiges
Wachstum ohne Beispiel ist. Die Hauptstraßen, Marktplätze und
Hochgebirgspässe der geographischen Welt, die an den Routen und
Kreuzungspunkten entstanden, an denen sich Menschen trafen,
brachten ihre eigenen einmaligen Bindungen und Codes hervor.
Werden sie vollständig den »Örtlichkeiten« des Netzes weichen, die
man »aufsucht«, um augenblicklich alle Wünsche zu befriedigen
und auf besondere Weise zu interagieren - Orte, an denen alles
Unangenehme per Knopfdruck aus dem Blickfeld entfernt werden
kann? Mit Sicherheit nicht, obwohl es so aussieht, als ob uns die
wunderbare Freiheit erhalten bleiben wird, uns unsere
Erfahrungswelt aus selbstgewählten Einzelteilen zu-
sammenzustellen, anstatt sie uns von den Werten einer dörflichen
Gemeinschaft oder einem unentrinnbaren physikalischen Raum
vorgeben zu lassen - zumindest solange, wie das Web selbst
aufrechterhalten bleibt.

Aber handelt es sich hierbei wirklich - wie das 800 Seiten dicke
Handbuch Internet Complete Reference bescheiden behauptet - »um
die weitaus großartigste und bedeutendste Leistung in der
Geschichte der Menschheit?«32 Von Robert Lucky, einem leitenden
Wissenschaftler der Bell Labs, stammt der Ausspruch, daß »es uns
um so besser geht, je vernetzter wir sind«. Er räumt allerdings auch
ein, daß »immer noch etwas für die Interaktion mit richtigen
Menschen spricht«33. Die bloße Einrichtung räumlicher
Verbindungen gewährleistet jedoch noch nicht, daß die Netzwerke
auch nutzbringend arbeiten. Die Wirklichkeit sieht vielleicht ganz
anders aus, nun da die organischen Strukturen der menschlichen
Kultur zu konsumorientierten Systemgruppen gestaltet werden, die
sich um Unternehmens-»Knoten« bilden, die menschlichen Kauf-,
Sozialisations- und Arbeitsgewohnheiten immer mehr von
elektronischen Konten und anderen digitalen Anreizen bestimmt
werden und die vernetzte Welt anfängt, die Möglichkeiten und das
Leben derer, die im physikalischen Raum überleben wollen, von
Grund auf umzukehren.

Es ist ausgesprochen paradox, daß diese elektronischen Brücken,


die geschaffen wurden, um geographische und zeitliche Räume
miteinander zu verbinden, unter Umständen auch eine
unüberwindliche Barriere zwischen denen errichten, die
miteinander kommunizieren wollen. Das Internet in seinem
derzeitigen frühen Entwicklungsstadium bewirkt wahrscheinlich
mehr Gutes als Schlechtes. Aber es ist auch nur ein kleiner Teil
eines ausgedehnten und einflußreichen Informationsraumes, dessen
ausufernde Topologie das Vertrauen zerstört, auf dem alle
Beziehungen, Familien und Gemeinschaften beruhen. Die Pflege
dauerhafter ethischer Verbindungen - seien sie nun online oder nicht
- ist die Voraussetzung für diesen Zusammenhalt.

Während ich auf meinem wunderbaren Hügel in Südfrankreich


sitze, kommt mir plötzlich der Gedanke, daß ich für meine
elektronische Mobilität mit einem Gefühl der Bindungslosigkeit
bezahle, des Losgelöstseins von den Räumen, durch die ich mich
bewege. Ich werde zu einem Teil einer abstrakten Welt, in der es
nur allzu einfach ist, auf das Blinken der Dinge zu reagieren, die ich
niemals spüren kann; eine Welt, in der ich mit meinen
Tastenanschlägen menschliche Beziehungen zerstören kann, die in
den Räumen der real existierenden Welt angesiedelt sind, zu weit
entfernt, um berührt oder wahrgenommen werden zu können, und
in der ich mich einem zersplitterten Netzwerk anschließe, in dem
das Verhältnis zwischen meinem Tun und dessen tatsächlichen Aus-
wirkungen so unbegreiflich eng ist, daß es fast unwirklich
erscheint. Der berühmte Ökologe Edward Goldsmith schreibt:
Ein Dorf oder eine kleine Stadt [muß] [...] so angelegt werden
[...], daß ein Gefühl der Vollständigkeit und Einheit entstehen
kann. Im Südwesten Frankreichs haben die beiden benachbarten
Städte Mar- mande und Villeneuve-sur-Lo [sie!] angeblich
einen ganz unterschiedlichen Einfluß auf ihre Bewohner.
Marmande erstreckt sich entlang einer Hauptstraße, Villeneuve,
eine ehemalige Festung, ist um einen Hauptplatz herum gebaut.
Diese Stadt ist für ihr lebendiges Gemeinschaftsleben bekannt
[...]. Der Hauptplatz ist dabei ein sehr wichtiges Kriterium, er
ist der Ort, an dem sich die Bürger treffen können, um ihren
Angelegenheiten nachzugehen. Die Griechen konnten sich
keine Stadt ohne Agora, ohne Versammlungsplatz, vorstellen.
Bezeichnenderweise bilden in den Industriestädten der
westlichen Welt, in denen die sozialen Belange gegenüber den
wirtschaftlichen in den Hintergrund treten, die Einkaufszentren
mit ihren vielgeschossigen Parkhäusern den Mittelpunkt.34
Vielleicht kann eines Tages ein audio-visuell aufgerüstetes Netz so
konfiguriert werden, daß es einen solchen idealen Gemeindeplatz
hervorbringt; bisher haben die für den Einsatz von Computern
notwendigen Erfordernisse die Zentren menschlicher
Zusammengehörigkeit direkt oder indirekt zerstört. Anstelle der
Stadtbewohner, die sich in der Haute Provence um einen
plätschernden Springbrunnen herum versammeln, suchen die
Konsumenten Hypermärkte auf, die ihrerseits wirkungsvoll in eine
Reihe von Netzwerkknoten eingebunden sind. Der Hypermarkt ist
ein Slot in einem mehrgeschossigen Parkhaus und wurde nur zum
Zweck des effizienten Nachrichtenaustausches entworfen. Während
die Gewinner im Vernetzungsspiel ihre bemerkenswerten
Fähigkeiten und Hilfsmittel einsetzen, um abstrakte digitale Bits
buchstäblich in Gold zu verwandeln, bleiben die Dorfplätze und das
dort angesiedelte Gemeinschaftsleben auf der Strecke.
Das »Vernetzungspotential« - der technische Aspekt des
Nachrichtenaustausches - kann niemals die Verbindung ersetzen, die
in dem lebendigen und dauerhaften Dialog zwischen den Menschen
und der sie umgebenden Landschaft besteht. Wenn wir zulassen,
daß die elektronischen Netzwerke zu den beherrschenden Kanälen
für menschliche Interaktionen werden, und wenn jene, die die
Kontrolle über ihre Architektur erlangen wollen, ihre enggesteckten
Ziele durchsetzen können, werden unsere ererbte Ordnung,
gewachsene Beziehungen und die allgemeine gesellschaftliche
Stabilität - die allesamt auf gemeinsamen, vereinenden Prinzipien
beruhen - zugunsten des rücksichtslosen Eigennutzes einer
distanzierten und verantwortungslosen Elite nach und nach zerstört.
Schon lösen sich unsere wirklichen Verbindungen auf, und wir
entfernen uns immer weiter von den sozialen Codes, die unserem
Leben Sinn verleihen, und treten immer seltener in einen direkten,
lebendigen Austausch mit unseren Mitmenschen und Freunden, je
mehr wir auf digitalem Wege interagieren. Wir verschließen den
Zugang zu unseren Seelen voreinander. Die Verantwortung nimmt
ab, je länger die Kommunikationsleitungen werden. Fest verankerte
Prinzipien werden über Bord geworfen, wenn räumliche
Entfernungen zunehmen. »Unsere Gemeinschaften werden immer
zerbrechlicher, angreifbarer und kurzlebiger, während die Zahl
unserer Verbindungen sich vervielfältigt.«35 Wir sind den elektrifi-
zierten Fluten eines zufälligen und immer belangloseren Rauschens
ausgesetzt.
Die Geschwindigkeit und das Ausmaß der Umwälzungen, die
durch die industrielle Revolution eingeleitet wurden und in vielen
Teilen der Welt heute noch nicht abgeschlossen sind, werden durch
elektronische Mittel beträchtlich gesteigert. Binäre Maschinen, die
abstrakte Ein- und Ausgaben verarbeiten, können die Zusammen-
hänge des menschlichen Lebens weitaus schneller verändern, als
die daraus entstehenden Widersprüche gelöst werden können. Der
größere unvernetzte Teil der Welt hat also allen Grund, der Ankunft
eines vernetzten Fremdlings mit Mißtrauen, wenn nicht Ablehnung,

728
zu begegnen. Wie die Naturwissenschaftlerin in dem Roman von
Mario Vargas Llosa könnte ein privilegiertes Mitglied der
vernetzten Welt mit Recht der Meinung sein, daß er oder sie und die
unvernetzte Mehrheit viel gemeinsam haben, daß unser aller Leben
- wie ehemals das Leben der Indianer - von einer nicht genau
auszumachenden Elite aus einem fernen Reich kolonialisiert wird.
Aber leider sind es oft die Unterschiede und nicht die Gemein-
samkeiten, die zählen. Einheimische Stämme wenden sich in einem
Kreislauf sinnloser Gewalt gegeneinander, während die
Wohlhabenden seelenruhig ihrer Wege gehen. Trotzdem kann man
heute noch in einem entlegenen Berggasthof auftauchen, und die
Dorfbewohner zeigen sich weder feindselig, noch lassen sie einen
per Doppelklick verschwinden. Meistens wird man verhalten will-
kommen geheißen. Die reale, körperliche Gegenwart anderer ist
schwer zu vermeiden: Sie fordert die Menschen dazu auf, Kontakt
aufzunehmen und sich mit ihren verfügbaren gestischen und
mimischen Ausdrucksformen auszutauschen und nach
Gemeinsamkeiten zu suchen. Doch wie lange wird das noch der
Fall sein? Wie kann der Wunsch nach einem realen Dialog in einer
Atmosphäre organisierter Gewalt und sanktionierter Aggression
noch aufrechterhalten werden? Hat das elektronische Zeitalter
überhaupt schon damit begonnen, nach dauerhaften ethischen
Werten zu suchen - nach einem Ethos, das dazu beitragen kann,
jene schmerzlichen Brüche unter den Menschen zu heilen, die die
digitale Revolution zuerst verursacht, um dann vorzugeben, sie mit
elektronischen Mitteln beheben zu können?

1950 veröffentlichte Thomas Kuhn seine mittlerweile berühmt


gewordene Abhandlung Die Struktur der wissenschaftlichen
Revolutionen. Er stellte darin die herkömmlichen Vorstellungen von
»Fortschritt« in Frage und behauptete, daß das wissenschaftliche
Establishment sich im wesentlichen nur eine Reihe von
Weltanschauungen zu eigen macht, die, für einen angemessenen
Zeitraum, die Wirklichkeit am besten zu erklären scheinen, statt be-
ständig den Gesetzen der Logik folgend nach der Wahrheit zu
suchen. Diese Weltanschauungen nannte er »Paradigmen«. Er
schrieb, daß sie mit der Zeit verhärten und starr werden. Im
Widerspruch dazu stehende Wahrnehmungen finden entweder keine
Beachtung oder sie werden solange zurechtgebogen, bis sie ins Bild
passen. Zu guter Letzt verstärken sich die Spannungen, bis sie die
Grundlagen des ganzen Gefüges von innen heraus zerstören - oder
seine Anhänger sterben einfach aus. Man kritisierte an Kuhns
Theorie, daß sie zu stark vereinfache, aber sie stellt eine nützliche
Methode zur Interpretation der Ereignisse dar. Darwin ging davon
aus, daß die Entwicklung der Arten auf allmählicher Anpassung und
dem Überleben der Stärksten einer Gattung beruht; dem werden
heute gegenteilige Belege für einen durch Zufall und
Naturkatastrophen bedingten Entwicklungsprozeß
entgegengehalten - ein Prozeß, der periodische Entwicklungsschübe
und Massenvernichtungen einschließt. Die physikalischen
Lehrsätze Newtons, die auf Atomen und der Bewegung von Energie
aufbauen, wurden genauso von dem kybernetischen Grundsatz
abgelöst, daß die Welt in Begriffen von Systemen und
Informationsaustausch verstanden werden kann.

Diese kybernetische Sichtweise hat die hermetischen


Gedankenbahnen der Wissenschaft weit hinter sich gelassen und ist
zum bestimmenden Paradigma der Gegenwart geworden. Zu ihren
Kennzeichen gehört eine Obsession für Fragen der Steuerung, der
Hang, die Wirklichkeit in »systembezogenen« und den Geist von
Natur und Mensch mißachtenden Begriffen zu interpretieren, die
fragmentarische - und fragmentierend wirkende - binäre Sprache
aus Einsen und Nullen und die beschleunigten Verarbeitungszyklen
chipgestützter Computer sowie die von ihnen in Gang gehaltenen
großen Wirtschaftssysteme. Die Technologien dieses Paradigmas
haben der gesamten menschlichen Landschaft ihr Gepräge aufge-
drückt. Wie Sherry Turkle anmerkt, »besteht unser Körper und
unser Geist aus Information«36.

730
Es ist gleichermaßen Faszinosum wie Ironie, daß diese angeblich
»revolutionäre« geistige Landschaft dazu dient, ein weitaus älteres
Paradigma zu vermitteln, das aggressive Expansion sowohl mit
Überleben als auch mit materiellem Wohlstand gleichsetzt. Obwohl
sich diese beiden Ziele mittlerweile völlig widersprechen, wird
unsere Zukunft immer noch aus dem glühenden Schmelztiegel
gegossen, in dem Wirtschaft und Technologie zusammentreffen,
also in jenen Vorstandszimmern und Ausschüssen, die entweder
überhaupt nicht mehr mit den elementaren Lebenskräften in
Berührung kommen oder weder über den Willen noch das
Urteilsvermögen verfügen, um vernünftig auf die Informationen
reagieren zu können, die sich schon in ihrem Besitz befinden. Die
verbesserten Hilfsmittel lassen einen Zukunftsentwurf zu, der
keineswegs verbessert wurde und ganz und gar nicht revolutionär
ist und den die Welt in kultureller und ökologischer Hinsicht nicht
mehr tragen kann. Wird dieses Paradigma durch eine evolutionäre
Katastrophe beseitigt werden oder einfach von selbst
verschwinden? Wird sich die Gesellschaft den ganz und gar nicht
neuen Entscheidungen stellen, die der jüngste technische
Entwicklungsschub erfordern wird und eine friedliche Revolution in
Gang setzen, oder wird sie erst einmal den Extremen zum Opfer
fallen?

Jeder Mensch hat die Last des eigenen Daseins zu tragen. Wir
bewegen uns durchs Leben, treffen Entscheidungen, die
charakteristisch für uns sind, und bemühen uns nach Kräften,
Mängel zu überbrücken. Bei allem, was wir leisten, bleiben wir
jedoch immer allein. Wenn wir überhaupt auf irgendeine Art
aneinander gebunden sind, dann nur durch die Sprache und die
Werte, die wir teilen. Die universelle Sprache und die Technologien
des Informationszeitalters machen es den Menschen möglich, sich
nicht nur in nationalen, sondern auch in globalen und virtuellen
Räumen zu bewegen, und es ist an der Zeit, daß wir uns fragen, ob
damit auch automatisch eine verbindliche Sprache und Werte

731
hervorgebracht werden. Ist es möglich, daß statt dessen nur ein
binäres Geplapper wechselseitig unverständlicher Sprachen erzeugt
wird? Wenn wir uns in sehr unterschiedlichen Lebens- und Be-
griffswelten bewegen - wenn beispielsweise die Kulturen des
Ostens denen des Westens begegnen, Reich auf Arm trifft, die
vereinzelten Gemeinschaften des Netzes mit denen
zusammentreffen, für die die natürlichen Zusammenhängen zählen
-, können wir nur unter der Bedingung in Kontakt treten, daß wir
einen ehrlich gemeinten Code benutzen. Ohne die alten spirituellen
Grundwahrheiten - »Liebe und Ehre und Mitleid und Stolz und
Barmherzigkeit und Verzicht«, wie William Faulkner einst schrieb -
ist die Menschheit wirklich und wahrhaftig zum Untergang
verurteilt.37

Vielleicht handelt Kommunikation im transzendenten Sinn von


nichts anderem als Liebe. Sie gründet auf das Teilen und die
gegenseitige Achtung. Sie verlangt, daß verschiedene
Daseinsformen und Anschauungen miteinander in Einklang
gebracht werden. Aber eine kybernetische Welt fraktaler
Bewegungen - die aus Quellcodes, Transmittern, Empfängern,
Bestimmungsorten, Feedback-Schleifen und vor allem aus
Information und Nachrichtenaustausch besteht; ein Reich, das von
zwei Ziffern zusammengehalten wird - muß zuerst die zutiefst
spirituellen Bezüge begreifen, die all ihren Handlungen zugrunde
liegen. (* D IESE E LEMENTE DER K OMMUNIKATION WURDEN VON
C LAUDE S HANNON UND W ARREN W EAVER IN DEN SPÄTEN VIERZIGER
J AHREN ZUM ERSTEN M AL GENANNT .

)*

Die Suche nach der menschlichen Verantwortung muß unabhängig


davon, ob sich die Landschaft verändert hat, weitergeführt werden.
Wir müssen erkennen, daß die Methoden unveranwortlicher Expan-

sion, die die regionalen, kulturellen und ökologischen Bedingungen


völlig unberücksichtigt läßt, veraltet und gefährlich sind. Der Kult

732
des ungebremsten Rationalismus ist zu einer zerstörerischen
Religion geworden. Der weltliche Individualismus, der im Europa
des fünfzehnten Jahrhunderts entstand, ist hinfällig geworden.
Deshalb ist unsere heutige Zeit so gefährlich. Der selbst-
mörderische Trieb zu einer endlosen Expansion gehört einer
vergangenen Zeit an, als es weniger Menschen gab und die Erde
scheinbar grenzenlos war. Ihm wird nun ein letztes Mal durch
technische und deregulierende Mittel freier Lauf gelassen.

Wer das Leben zu seinem persönlichen Nutzen in Besitz nehmen


und verwalten will, hat die Kräfte der Natur gegen sich. Das Leben
wird sich solchen arroganten Ansprüchen widersetzen. Die Frage ist
nur, wie dieser Widerstand aussehen und wie erfindungsreich er
letztlich sein wird. Die Menschheit muß erneut zu einem evolu-
tionären Sprung ansetzen: Wir müssen erkennen, daß unser
Überleben als Gattung und als zivilisierte Wesen davon abhängt, die
irdischen Grenzen anzuerkennen, in einen respektvollen Dialog
miteinander zu treten und eine maßvollere Haltung gegenüber dem
von uns allen bewohnten Planeten einzunehmen. Dies ist die größte
Herausforderung, die sich uns in den kommenden Jahrzehnten
stellen wird. Es ist an der Zeit, daß sich das Informationszeitalter
inmitten des hektischen und ungeduldigen Wandels eine Ruhepause
gönnt. Es ist an der Zeit, darüber nachzudenken, was Fortschritt -
und Kommunikation - wirklich bedeuten.

733
A NMERKUNGEN

Kapitel eins

•Jorge Borges und Adolfe Bioy Casares: »Naturalismus ä la mode«. In: Zwielicht
und Pomp. München 1994, S. 35 f.

•Nicholas Negroponte: Total Digital. Die Welt zwischen 0 und 1 oder


Die Zukunft der Kommunikation. München 1997.

The Jobless Eco-


•Autor und Softwareexperte Michael Dunkerley in:

nomy? Computer technology and


the World of Work. London 1996. Siehe auch Richard Donkins:

Mai 1996.
Financial Times,
»Paradise lost and the Protestant work ethic« in: 3.

• Der Weg nach vorn.


Bill Gates: Hamburg 1995.

•Siehe Fußnote 2.
•Siehe die Fußnoten auf den Seiten 256f.; weitere Informationen auf dem Internet.

•Interview mit Bill Gates in: De virtuele jungle, einer


Fernsehdokumentation, die von dem niederländischen Sender NOS am 19 Dezember 1995 ausgestrahlt
wurde.
•Zitiert nach Steven Jay Gould: Bully for Brontosaurus: Reflections
in Natural History. New York 1991, S. 327.

Kapitel zwei

•Aus einem Brief von Kasimir Malewitsch von 1920, zur Zeit seiner inzwischen berühmten
suprematlstischen Phase, In der er versuchte, ein »vollkommenes System der Weltbildung« darzustellen.

Kazimir Malevich
Zitiert nach Dmitri Sarabianov in:

1878-1935. Leningrad - Moskau, Amsterdam 1988/89, S. 70.

•Aus einer Werbung für das »3Do Experience«, einer Reihe von Videospieltiteln von Electronic Arts; sie

erschien in Wired, Dezember 1993.

•Louis Rosetto: »Why Wired?« in: Wired (UK), 1.01. April 1995.

734
•Aus einer RAND-Publikation, die von Adam Curtis in der BBC-Doku- mentation To the
Brink of Eternity am 31. Mai 1992 zitiert wurde.

• Harper's
Joseph Kraft: »RAND: Arsenal for ideas« in:

Magazine, Juli 1960.

• To the Brink of Eternity,


Zitiert bei Adam Curtis in:
siehe Fußnote 4.

• Business
Zitiert in: »Special report on planners for the Pentagon« in:

Week, 13. Juli 1963.

• To the Brink of
Sam Cohen zu der Zeit, als er ein Kalter Krieger war, in:

Eternity, siehe Fußnote 4.

• Foreign Affairs,
Vaclav Havel: »A call for sacrifice« in:
März/April 1994.
Band 73, Nr. 2,

• New York Times,


Vaclav Havel: »The end of the modern era« In:
1992; Exzerpt seiner Rede vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos am 4. Februar 1992.
1. März

• Inseln im Chaos. Die


Vgl. M. Mitchell Waldrop:

Erforschung komplexer Systeme.


Reinbek bei Hamburg 1993.

• Emerging Giants,
Vgl. Sushil Wadhwani und Mustaq Shah:

Globalization and Equities, dieser


Strategiebericht wurde von Goldamm Sachs am 19. Januar 1994 veröffentlicht. Vgl. auch den

World Investment Report 1993:


Transnational Corporations and
Integrated International
Production. New York 1993.

735
Wired
•Louis Rosetto: »Why Wired?« in: (UK), 1.01, April 1995.

Icon Earth,
•Aus einem Interview in
Dokumentation, ausgestrahlt am 20. März 1995.
einer von David Malone produzierten BBC-

New York Times


•Paul Keegan: »The digeratl!« in:

Magazine, 21. Mai 1995.

Magna Charta,
•Aus der siehe Anmerkung auf Seite 50f.

•Diese refrainartig vorgebrachte Behauptung wurde in diesem Fall auf dem Seminar »The potential downside
of the national information infrastructure« des Annenberg Washington Program gemacht, 4. Dezember
1994. Der Redner zog eine Parallele zwischen den amerikanischen »Datenautobahnen« und der
Aufrüstung im Kalten Krieg, die auf den Start der russischen Sputniks in den fünfziger Jahren folgte.
•Antrittsrede des amerikanischen Präsidenten Bill Clinton, Washington D.C., Januar 1992.
•To the Brink of Eternity, siehe Fußnote 4.

•Norbert Wiener:
S. 78.
Gott und Golem, Inc. DüsseldorfA/Vien 1965,

•Fred Halllday, zitiert bei Edward Mortimer in: »The unshakable grip of war in the South« in:

Financial Times, 5. September 1989.

•Robert Hughes: Nachrichten aus dem Jammertal. Wie sich die


Amerikaner in political correctness verstrickt haben. München
1994, S. 44.

•Frances Williams: »Global business a fact of life« In:


31. August 1994.
Financial Times,
Financial
•Andrew Bolger: »Strength ebbs away from fragmented workforce« in:

Times, 31. Januar 1995.

•William Bridges: »The end of the job« in: Fortune, 19. September 1994.

Foreign Af-
•Vgl. Ethan Kapsteil: »Workers and the world economy« in:

fairs, Bd. 75, Nr. 3, Mai/Juni 1996.

Magna Charta,
•Aus der vgl. die Anmerkungen auf den Selten 50f.

Perspectives on the
•Computer Systems Policy Project (CSPP):

736
Nationalinformation
Infrastructur. Washington D. C. 1993, S. Iff. Das CSPP Ist ein
Zusammenschluß aus Führungskräften von Unternehmen, die Informationsverarbeitungssysteme und
Software entwickeln, produzieren und vermarkten.
•Growth, Competitiveness, Employment: The Challenges and Ways
Forward into the 21st Century. (Bericht der Kommission der
Europäischen Gemeinschaft) Brüssel 1993, S. 166f.

•Stewart Brand: The Media Lab. New York 1988, S. 211.

•Für eine weitergehende Auseinandersetzung mit den vielen rechtlichen Fragen in bezug auf die

cybernetische Technologie siehe Anne Wells Branscom: Who Owns


Information? New York 1994.

Magna Charta,
•Aus der
dieses Konzept wird später ausführlich eingegangen.
siehe Anmerkungen auf den Seiten XXX Auf

•Siehe hierzu die ausführlichen Erläuterungen bei Kevin Kelly: Out of


Control.
Total Digital.
•Nicholas Negroponte: München 1997, S. 196.

Playboy.
•Marshall McLuhan: »The Playboy Inteiview« in: März 1969.

Finacial
•Edward Mortimer: »Trapped between despair and reform« in:

Times, 23. März 1995.

•Ian Buruma: Der Staub Gottes. Asiatische Nachforschungen. Frank-


furt/M. 1993, S. 130.

Kapitel drei

Die magischen Kanäle.


•Marshall McLuhan:

Understanding Media. Basel 1995, S. 37f. (Pasteur


entdeckte, daß Mikroorganismen Krankheiten verursachen.) [Übersetzung leicht modifiziert]
•Growth, Competitiveness, Employment: The Challenges and Ways
Forward into the 21st Century. Brüssel (Kommission der
Europäischen Gemeinschaft) 1993, S. 121.

737
•Louis Rosetto: »Why Wired?« in: Wired (UK) 1.01, April 1995.

•Einblicke in die enge Beziehung zwischen Kommunikationsmedien und Machtentfaltung gibt Harold Innis:

Empire and Communications.


1950.
Oxford

Ethics,
•Rede von John Sculley: »Computers, communications and content« in:

Copyright, and the Bottom Line.


Transkript eines Symposiums über digitale Technologie und professionelle Photographie am 9. August
1991 am Eastman Kodak Center for Creative Imaging. Camden 1992, S. 15.

•Interview mit Peter Schwartz in: De vlrtuele jungle,


mentation, die der niederländische Sender NOS am 19. Dezember 1995 ausstrahlte.
eine Fernsehdoku-

•G. Dan Hutcheson und Jerry D. Hutcheson: »Technology and economies in the semiconductor industry« In:

Scientific American, Januar 1996.

•T. George Harris: »The post capitalist executive: An interview with Peter F. Drucker« in:

Harvard Business Review, Mai-Juni 1993.

•Interview von Richard Donkins mit Michael Dunkerley: »Paradise lost and the Protestant work ethic« in:

Financial Times, 3. Mai 1993.

Financial Times,
•Charles Handy: »The intellectual organization« in:
23. Dezember 1993.
•Interview des Autors mit Hans Decker, ehemaliger Chef der nordamerikanischen Niederlassung von
Siemens heute an der Columbia Business School, New York City am 2. August 1994.
•Gary Wolf: »Steve Jobs: The next insanely great thing« in: Wired (US), 4.02, Februar 1996, S. 160.
•Cyrus Freidheim in einer Rede am Davos World Economic Forum, Dezember 1993.

Von ihrer Hände


•Vgl. John Berger, Einleitung zu:

Arbeit: eine Trilogie. München 1995.

Financial Times,
•Karen Fossli: »World seaborne trade at record« in:
2. Februar 1995.

The New Yorker,


•Andrea Lee: »Prince of books« in: 26. April 1993.

738
•Vgl. Nicholson Baker: »Discards« in: The New Yorker, 4. April 1994.

Financial
•Damian Fräser: »Mexico's open door lets in wind of change« in:

Times, 17. Juli 1994.

Financial Times,
•Tony Jackson: »Work harder, or not at all« in:
November 1994. Statistiken finden Sie bei Andrew Jack, Motoko Rieh und Emiko Terazono: »The longer
14.

Financial Times,
daily grind« in: 18. Januar 1995.

Out of Control.
•Kevin Kelly: Reading, Mass. 1994.

virtuele jungle.
•Interview mit Kevin Kelly in: De Weitere Informationen

Out of Control.,
finden Sie in dem Kapitel »Hive mind« in Kelly: a.a.O.

When Corporation Rule the


•Vgl. David Korten:

World. Financial
London 1995, S. 217 - ein Buch von dem die

Times behauptet, daß es, ungeachtet seines Titels, »ganz oben auf der Liste der zu lesenden
Bücher rangieren sollte, selbst für den beschäftigsten Unternehmenschef«. Der
Wirtschaftswissenschaftler Korten ist Absolvent von Stanford. Er arbeitete für verschiedene Hilfsprojekte
der Ford Foundation und leitet mittlerweile das People-Centered Development Forum in Washington D.C.

Kapitel vier

•Tacitus: Historien. Stuttgart 1995, S. 207.

•Zitiert nach Andrew Fisher: »Frankfurt urged to catch up with London telecoms« in:

Financial Times, 22. Februar 1996. In dem Bericht der


Landeszentralbank Hessen wird festgestellt, daß »Banken dazu tendieren, die Geschäfte, die einen
hohen Bedarf an Telekommunikationsleistungen haben, dort zu konzentrieren, wo man dafür die beste
Ausrüstung zur Verfügung stellt«.
•Henning Christophersen, EU-Kommissar für wirtschaftliche Angelegenheiten, zitiert nach Hugo Dixon:

»Super-Highways sana frontiers« in:


1994.
Financial Times, 21. Februar

•Interview des Autors mit Robert Pepper, Leiter des Office of Plans and Policy von der Federal
Communications Commission, Washington D.O., 6. Januar 1993.

•Martin Dickson: »AT&T plugs into an new market« in: Financial Times,

739
6. November 1992.
•Interview des Autors mit Dr. Piter van Hoogstraten, Strategiedirektor am Royal PTT Netherlands, 10. August
1994.

•»Make way for multimedia« in: The Economist, 16. Oktober 1993.

•Ebd.
•Interview des Autors mit William Wright, Europäischer Kommunkati- onsleiter, EDS, 14. September 1994.
An diesem Geschäft sind das Integrated Systems Solutions von IBM, EDS, Tochtergesellschaft von
General Motors, und Anderson Consulting beteiligt. »Firmen wie die unsere werden Teil des Gewebes
eines Unternehmens, [...] Eingeweihte ihrer Strategie und vor allem ein Teil des Managements«, sagt Mr.
Wright.

•Vgl. Fareed Zakaria: »Culture is destiny: A conversation with Lee Kuan Yew« in:

Foreign Affairs, Bd. 73, Nr. 2, März/April 1994.

Financial Times,
•Larry Donovan: »Wired for tarde in Singapore« in:
20. Juli 1993.

• Beyond
Zitiert bei Louise Kehoe in einem Video/Print-Briefing mit dem Titel:

2000. Business Intelligence


Report. London 1993.

• Beyond
Interview mit John Landry in seiner Eigenschaft als CEO, Lotus Corporation, in:

2000, a.a.O. innerhalb einer Serie, in der führende Industrieberater und Unternehmenschefs
die Entwicklungen diskutierten, die die weltweite Informationslandschaft formen.

• Financial times,
Hugh Aldersey-Wiliiams: »A better use of design« in:

•Februar 1994, und das Gespräch des Autors mit Dr. Kerckhove vom UNESCO Forum, Köln, 6. Oktober
1992.

•Auszug aus der FT 500, einer Liste der weltweit führenden Unternehmen, veröffentlicht in:

Financial Times, 20. Januar 1995.

•Vgl. Louise Kehoe: »Apple launches assault on Intel« in: Financial


Times, 14. März 1994, und Jim Carlton: »Microsoft software for new Apple line to be widely

available by October« in: Wall Street Journal, 2. August


•Vgl. Denise Caruso: »Microsoft morphs into a media company« in: Wired (US), 4.06, Juni 1996.

•Vgl. Brent Sohlender: »What Bill Gates really wants« in: Fortune, Januar

740
•Siehe hierzu auch den beeindruckenden Artikel »How architecture wins technology wars« von Charles

Morris und Carles Ferguson in: Harvard Business


Review, März/April 1993: »Die Firma wird sich im Wettbewerb durchsetzen, die es schafft,
einen großen, sich schnell bewegenden Markt nach den firmeneigenen Steuerungsmechanismen zu
strukturieren.«

19Aus dem Editorial »Rupert at 65« in:


1995.
Financial Times, 12. März

Financial
20Tim Jackson: »Brokers tremble as E'Trade takes off« in:

Times,
II.März 1996.
21Interview des Autors mit Guido Rey, Rom, 16. April 1987; vgl. David Brown: »Economist skeptical of

Italy's 'economic miracle«« in: International Herald


Tribune, 20. April 1987.

Der
22Vgl. hierzu das Kapitel »Die Ordnung des Simulakrum« in: Jean Baudrillard:

symbolische Tausch und der Tod.


München 1982.
23Vertrauliches Interview des Autors mit einem ehemaligen Vertreter der Clinton-Administration,
Washington D.C., 21. Juli 1994.
24Vgl. Fußnote 7.
Kapitel fünf

The Complete
1Washington Irving: »The Alhambra« (1832). In:

Works of Washington Irving,


Boston 1983, S. 4.
Band 14.

2So der frühere deutsche Kanzler Helmut Schmidt, zitiert bei Joel Kurtz- man: »Welcome, Mr. Matsushita,
to the New World«, eine Rede, die auf dem First Electronic Money Colloquium an der Columbia University
Business School, CITI Institute am 21. April 1995 gehalten wurde.

3Robert Reich: »A hand across the great divide« in: Financial


Times, 6. März 1996.

4George Graham: »Clearing bank plan to protect forex deals« in: Financial
Times, 11. März 1996; Philip Gawith: »Bankers clash over global clearing plan« in:

741
Financial Times, 27. März 1996; George Graham: »BIS outlines forex

Financial Times,
settlement risk strategy« in: 28. März 1996.

161.
The Death of Money.
5Joel Kurtzman: New York 1993, S.

6Leslie Crawford: »High on the danger list In Mexico: Ailing companies queue up for special governement

help to avoid bankruptcy« in: Financial Times, 14. Januar 1996.

7Vgl. Anthony Sampson: The Money Lenders: the People and


Politics of the World Banking Crisis. New York 1983, S. 101, 21.

8Walter Wriston.
New York 1992, S. 9.
The Twilight of Sovereignty.
9Gllmore ist einer der Gründer der Electronic Frontier Foundation (EFF). Das Zitat, schon Teil der Net-
Saga, erscheint in seiner Home Page, http://www.cygnus.com/—gnu/.

10Wriston: The Twilight Sovereignty,


(Hervorhebungen stammen von D.B,).
S. 80, 35

11Gespräch des Autors mit Alain Levy-Lang, Maastricht, 18. November 1994.

Juli/August 1993.
Wired
12Peter Schwartz, ein Gespräch mit Peter Drucker: »Post-capitalist« in: (US), 1.03.

Die postkapitalistische
13Peter Drucker:

Gesellschaft (Düsseldorf u.a. 1993); zitiert nach Schwarti In: »Post-capitallst«.

Vita activa oder Vom


14Hannah Arendt:

täglichen Leben. München 1997, S. 324.

The Ruin ofKasch.


15Roberto Calasso: Manchester 1994, S. 53.

Financial
16Manuela Saragosa: »Technologist v technocrat in Indonesia« in:

Times, 24. März 1995.

Financial
17Laurie Morse: »Traders condemn plan to tax futures« in:

Times, 2. Februar 1995.


18Ebd.
19Rede von Alain Levy-Lang am Global Panel in Maastricht, 18. November 1994.

20Charles Batchelor: »Tanker rules threaten oll shipments to US« in: Financial

742
Times, 1. November 1994.

21Das Thema der Sicherheit von Tankschiffen wurde akriblsch von Charles Batchelor In der

Financial Times dokumentiert. Vgl.: »Britain in


brief. One in five tankers fails safety code'«, 29. April 1993; »Us 'blacklist« worries world shipowners«, 27.
Juni 1994; »Tanker rules threaten oil shipments to US«, 1. November 1994; »Fears ease in tough new
tanker liability rules«, 6. Januar 1995; »Shell to move seamen's contracts to Singapore«, 18. Januar
1996; »Insurers protest at standard of ship crews«, 2. Juli 1996.

22Joel Kurtzman: The Death of Money, S. 40.


23Joel Kurtzman in; »Welcome, Mr. Matsushita, to the New World«.
24Gespräch des Autors mit Mike Nelson während des First Electronic Money Colloqium an der Columbia
University Business School, CITI Institute, 21. April 1995.

25»So much for the cashless society« in:


1994.
The Economist, 16. November

26Ernie Brickell, Rede auf dem First Electronic Money Colloqium an der Columbia University Business School,
CITI Institute, 21. April 1995.

1994.
The Economist,
27»So much for the cashless society« in: 16. November

28Kurtzman: The Death of Money,


mit Mr. Kurtzman, New York, 21. April 1995.
und Gespräch des Autors

29Interview des Autors mit Wim Duisenberg, Amsterdam, 9. Oktober 1996.


30Interview des Autors mit Dr. Denning, Washington D.C., 30. Juni 1995. Vgl. auch ihren Aufsatz »The future

of cryptography« in: Internet Security, Mai 1995.


31John Taylor, Chef der European Laboratories von Hewlett Packard in Großbritannien, zitiert bei Alan Cane

in: »Wanted: superhighway cops« in:


Dezember 1994.
Financial Times, 12.

Internet Secu-
32Tim May: »Crypto anarchy and virtual communities« in:

rity, April 1995.

World Investment
33Daten der Weltbank und Auszug des

Report 1993: Transnational


Corporations and Integrated
Production. New York 1993; zitiert In Tony Jackson: »Multinationals take lead as

Financial Times,
world economic force« in: 21. Juli 1993.

743
34Vgl. Paul Hawken:
New York 1993.
The Ecology of Commerce.
35Vgl. Francis Fukayama: Trust: The Social Virtues and the Creation
of Prosperity. London 1995.

Die verhängisvolle
36Friederich August von Hayek:

Anmaßung. Tübingen 1996.

37Kommentar von Holmes bei einer Entscheidung des US Supreme Court:

Compania de Tobacos v.
Collector, 275 US 197, 400 (1904).
38Interview des Autors mit Eli Noam, Columbia University Business School, New York City, 27. Juni 1996.
Kapitel sechs

Neuromancer.
1William Gibson: München 1987, S. 76.

Heimatländer der
2Salman Rushdie:

Phantasie. München 1992.

Foreign
3Samuel R Huntington: »The clash of civilizations?« in:

Affairs, Band 23, Nr. 3, Sommer 1993. Er schreibt: »Der Westen, der sich auf dem
Gipfel seiner Macht befindet, ist mit den nicht-westlichen Ländern konfrontiert, die den Wunsch, den
Willen und die Ressourcen haben, um die Welt auf eine nicht-westliche Art zu formen.«

4Kirkpatrick Sale:
München 1991, S. 111.
Das verlorene Paradies.
Cyberspace: First
5Michael Benedikt in seiner Einleitung zu

Steps. Cambridge, Mass. 1991, S. 3.

6Vgl. Neil Postman: Wir amüsieren uns zu


Tode. Frankfurt a. Main 1985.

Telegeography and the


7Vgl. Gregory Stapele:

Explosion of Place. Arbeitspapier 656 des Columbia Institute

744
for Tele-Information. New York 1993.

8Javed Jabbar: »The global city, not the global village« in:
23, Nr. 6, November/Dezember 1995, S. 45.
InterMedia. Band

9Benedikt: Cyberspace. First Steps. S. 3.

Neuromancer.
10William Gibson: S. 76.

Financial Times,
11Vgl. Clive Cookson: »The ultimate privatization« in:

Financial
9. Oktober 1994 und Frances Williams: »>Bio-piracy< under new fire« in:

Times, 30. November 1993.

Financial
12David Spark: »Genetic patenting opens up a moral minefield« in:

Times, Conserving
30. März 1995. Vgl. auch

Indigenous Knowledge. Diese Studie des


Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (New York 1994) kommt zu dem Schluß, daß »die
größten Firmen mit den besten Rechtsabteilungen am ehesten Zugriff auf vorhandenes geistiges
Eigentum haben.«

13Philip Bereano: »Patent pending: The race to own DNA« In:


20. und 27. August 1995.
Seattle Times,
14Ebd.

15Philip Bereano: »Body and soul: The price of biotech« und »Patent pending: The race to own DNA« in:

Seattle Times, 20. und 27. August 1995.

16Louise Kehoe und Paul Taylor: »Battie for the eyeballs« in: Financial
Times, 23.-24. November 1996.

17Interview mit Bill Gates in: De virtuele jungle.


von NOS, Niederlande, am 19. Dezember 1995.
Fernsehsendung

Foreign
18Vgl. Peter F. Drucker: »Trade lessons from the world economy« in:

Affairs. Band 73, Nr. 1, Januar/Februar 1994.


19Die Informationen über die Schiffstücher verdanke ich der Korrespondenz mit Robyn Maxwell, Kurator der
Abteilung für Asiatische Kunst der National Gallery of Australia. Vgl. hierzu auch Robyn Maxwell:

Cultures at Crossroads. New York 1993. Ders.:

745
Textiles of Southeast Asia:
Tradition, Trade and
Transformation. Melbourne 1990.

20Der Ausdruck wurde von dem irischen Dramatiker Brian Friel geprägt. Vgl. ders.:

Translations. London 1981, S. 43.

Kapitel sieben

1Ngugi wa Thiong'O: »Decolonizing the Mind: The Politics of Language in African Literature- in:

The Norton Reader: An


Anthology of Expository Prose.
York o.J., S. 779-80.
New

Traumpfade.
2Bruce Chatwin: München, Wien 1990, S. 9, 83f, 101 f.

The Moro Affair/The


3Leonardo Sciascia:

Mystery of Majorana.
Rabinovitch. Manchester 1987, S. 173.
Aus dem Italienischen von Sacha

The Dreams of Reason.


4Heinz Pageis:
S. 88.
New York 1989,

Simulations.
5Vgl. Jean Baudrillard:
1983, S. 103.
Übersetzt von Paul Foss u.a. New York

Encyclopaedia
6George Gordon, Eintrag unter »Communication« in:

Bri- tannica. 15. Ausgabe, S. 1006. Er fügt hinzu: »Prämissen und


Ergebnisse, die nach den Gesetzen der Logik aus den Syllogismen folgen, lassen sich leicht
wissenschaftlich überprüfen, sofern alle Beteiligten von denselben, für ein bestimmtes System geltenden
Prämissen ausgehen.«

Voyager.
7Vgl. Jaron Lanier: »Agents of Alienation« in:
http://www.voyagerco.com/consider/agents/jaron.html.
Internet e-zine

8Jean Baudrillard: Simulations. S. 152.

9Luther Standing Bear, Häuptling der Oglala Sioux (gestorben 1939). Zitiert in David Borenicht (Hg.):

746
Native American Wisdom. Philadelphia 1993, S.

Land of the
88. Siehe hierzu auch Luther Standing Bear:

Spotted Eagle. Stories of Lincoln 1978. Ders.:

the Sioux. Lincoln 1988.

Briefe an Olga.
10Vaclav Havel: Reinbek bei Hamburg 1984, S. 212.

Kultur und Imperialismus.


11Edward Said:
Frankfurt/M. 1994, S. 442.

Vita activa oder Vom


12Hannah Arendt:

täglichen Leben. München 1981, S. 361,363.

Financial Times,
13Michael Prowse: »Endangered species« in:
November 1995 (Hervorhebungen vom Autor).
20.

Science,
14Eli Noam: »Electronics and the dim future of the university« in:
13.Oktober 1995. Auszugsweise veröffentlicht in »Scholar sees traditional university disappearing with

Columbia University
digital speed« in:

Record, Band 21, Nr. 7, 20. Oktober 1995 und im Internet. Er fügt hinzu: »Um sich ihre
Glaubwürdigkeit zu bewahren, müssen die Universitäten auf der Hut vor schleichender
Kommerzialisierung und Zensur sein.« (Hervorhebungen vom Autor.)

The
15George Orwell: »Politics and the English language« in: M. H. Abrams (Hg.):

Norton Anthology of English


Literature. 5. Auflage, Band 2, New York 1986.

16Vgl. Fred Cate: »The First Amendment and the international »free flow« of information« in:

Virginia Journal of
Constitutional Law, Band 30, Nr. 2, Winter 1990.

The Media Lab.


17Stewart Brand: New York 1988, S. 242.

747
18David Gardner: »»Apocalypse soon« warning« in: Financial
Times,
14.Oktober 1993.

19David Buchan: »Lights, camera, reaction« in:


September 1993.
Financial Times, 18.

Wall
20James Pressley: »EU stirs up controversy with paper on film industry« in:

Street Journal, 8. April 1994.

21Edward Mortimer and David Buchan: »Jacques Toubon / Mind your language« in:

Financial Times, 29. November 1994.

22David Buchan: »France steps up battle with the English language« in: Financial
Times, 24. Februar 1994.

23John Andrews: »Culture wars«, Wired (UK), 1.01, April 1995.


24Interview des Autors mit dem Handelsbeauftragten Richard Seif vom 22. Juli 1994.

25»US audio-visual industry seeks to woo Europe« in: World Trade


News Digest, 20. September 1994.

26David Dodwell: »US opts to bide its time on audio-visual battle« in: Financial
Times, 15. Dezember 1993.

27Die Bemerkung stammt von Philippe Bouvard, Kolumne in


Dezember 1993.
France Soir, 10.

28Christopher Dunkley: »Year of the Brass Rat« in:


27. Dezember 1995.
Financial Times,
29Raymond Snoddy: »Murdoch cut BBC to please China« in: Financial
Times, 14. Juni 1994. Als die BBC zwei Jahre später über den Satelliten Panamsat 2 den
Sendebetrieb über dem asiatisch-pazifischen Raum wieder aufnahm, konnten die chinesischen
Zuschauer sie immer noch nicht empfangen, weil die notwendigen Empfangsgeräte in China nicht zu
bekommen sind.

748
30Emma Tucker: »Brussels TV proposals upset advertisers« in: Financial
Times, 10. Januar 1996.

New York Times,


31Frank Rieh: »The capital gang« in: 13. Januar 1996.

The
32Vgl. Jeffrey Abramson, F. Christopher Arterton und Gary Orren:

Electronic Commonwealth. New York 1988.

New York Times,


33Frank Rieh: »The capital gang« in: 13. Januar 1996.

Breaking the
Es handelt sich dabei um die Rezension des Buches

News: How the Media


Undermine American
Democracy von James Fallows (New York 1996), in dem der Autor eine
Stärkung der öffentlichen Medien fordert.

Financial Times,
34Editorial: »No revolution for software« in:
November 1995.
29.

35George F. Kennan: Around the Cragged Hill: A Personal and


Political Philosophy. New York 1993, S. 159.

36Paul Kerr: »A revolution that's turned full circle« in: Observer, 15. Mai 1994, Interview
mit Krzysztof Kieslowski. Als Kieslowski im März 1996 starb, nahm im Web so gut wie niemand Notiz
davon.

37Barry Lopez: »The passing wisdom of the birds« In: ders.: Crossing
Open Ground. New York 1988, S. 197.

Kapitel acht

Briefe an Olga.
1Václav Havel: Reinbek bei Hamburg 1984, S, 113.

Wired
2David Kline: »Infobahn warrior« in: (US), 2.07, July 1994.

United States:
3Gore VGldal: »Paul Bowles' stories« in:

Essays 1952- 1992. New York 1993, S. 434.

749
4Vgl. Jean-Marie Guéhenno: The End of the Nation
State. Minneapolis 1995, S. 139.

Out of Control.
5Kevin Kelly: Reading 1994, S. 469.

6Howard Rheingold: Virtuelle Gemeinschaft: soziale Beziehungen


im Zeitalter des Computers. Bonn u.a. 1994.

7Vgl. Daniel Burstein und David Kline: »Is government obsolete?« in: Wired
1996. Die Autoren begründen die Forderung nach politischen Maßnahmen zur Regulierung und
(US), 4.01, Januar

Stabilisierung mit wirtschaftlichen Argumenten. Sie gehen von der verständlichen, meiner Meinung nach
aber zu einseitigen Annahme aus, daß die »Wirtschaft [...] die treibende Kraft einer Gesellschaft ist«.

8David Marquand: »The great reckoning« in: Prospect, Juli 1966.


9Interview des Autors mit Edzard Reuter am 9. Oktober 1990 während eines Fluges von Stuttgart nach
Paris.

10Akio Morita: »Towards a new world economic order« in: Atlantic


Monthly, Juni 1993, S. 88.
11Gespräch mit einem EU-Beamten im August 1994.
12Gespräche des Autors mit John Garrett im CNRI, Reston, Virginia, am 21. Juli 1994 und am 5. Juli 1995.
13Interview mit Cyrus Freidheim, stellvertretender Vorsitzender von Boos- Allen & Hamilton, am 27. Juli
1994 und Äußerungen während des Weltwirtschaftsforums im Dezember 1993 in Davos.

14»Empires of the 21 st century« in: Business Week. 21. Februar 1994.

15»The future of democracy« in: The Economist. 17.-23. Juni 1995.


16Gespräch mit John Perry Barlow In Washington D.C., am 30. Juni 1995.
17A. Mowshowitz: »Virtual feudalism: A vision of political organization in the information age« in: P.H.A.

Frlssen u.a. (Hg.): Orwell of Athene. Amsterdam 1992, S. 294.

18Neal Stephenson: Diamond Age. München 1996.

Wired
19Ester Dyson: »Intellectual value« in: (US), 3.07, Juli 1995.
20Marshall McLuhan: Die magischen Kanäle. Understanding Media. Dresden, Basel 1995, S. 113.

21Ngugi wa Thiong'O: »Decolonizing the Mind: The Politics of Language in African Literature« in:

The Norton Reader: An


Anthology of Expository Prose.
York o.J., S. 781.
New

22Siehe Anmerkungen auf Seite 50f.

750
23Vgl. Scott McCartney: »Free airline >miles< become a potent tool for selling everything« in:

Wall Street Journal Europe, 17. April 1996.

Der Weg nach vorn.


24Bill Gates:
u. 255.
Hamburg 1995, S. 250, 254

25Ebd., S. 267.

26Vgl. das Kapitel »Das Postinformations-Zeitalter« in: Nicholas Negro- ponte: Total
Digital. München 1997.

The Ecstasy of
27Jean Baudrillard:

Communication.
York 1988, S. 40.
Übersetzt von Bernard und Caroline Schulze. New

28John Mayo anläßlich eines Kolloquiums des Institute of International Education zum 75. Jahrestag, das
am 27. Oktober 1994 in der New York Public Library stattfand.

29Karl Polanyi: The Great Transformation.


Boston 1971, S. 140,142.
30Ebd.

97.
Gott & Golem Inc.
31Norbert Wiener: Düsseldorf, Wien 1965, S.

August 1995.
Wallstreet Journal,
32Vgl. Daniel Pearl: »Future schlock« in: 7.

Globalization in
33Vgl. Paul Hirst und Graham Thompson:

Question. London 1996.

The Logic of
34Vgl. Winfried Ruigrok und Rob van Tolder:

International Restructuring.
Kapitel 7 und S. 179.
London 1996,

35Ebd., S. 217.

K APITEL NEUN

1Norbert Wiener: Gott & Golem Inc. Düsseldorf, Wien 1965, S. 86.
2Vgl. Continuity v. Disaster Recovery in the Changing World of Information Technology. Weißbuch der
Yankee Group, Boston, Yankee Watch, Band 4, Nr. 7, Juni 1994.

751
3Peter G. Neumann: Computer-Related Risks.
Reading 1995, S. 295, 297-298.
4Aus der Rede Robert Oppenheimers vor der Association of Los Alamos Scientists am 2. November 1946.

Robert
Zitiert nach Alice Kimball Smith und Charles Weiner (Hg.):

Oppenheimer: Letters &


Reflections. Cambridge 1980, S. 324.

Kybernetik.
5Norbert Wiener: Düsseldorf, Wien 1963, S. 213f.

6Zitiertnach Stanislaw Ulam: Adventures of a Mathematician. New


York 1976, S. 217, und Steve J. Heims: John von Neumann and
Norbert Wiener: From Mathematics to the Technologies of Life and
Death. Cambridge 1980, S. 247.

7John von Neumann: »Can we survive technology?« in: Fortune, Juni 1955.

8James Gleick: Genius. New York 1992, S. 182.

9Louise Kehoe: »Driving down a >superhighway<« in: Financial


Times, 19. November 1992.

Mensch und Maschine.


10Norbert Wiener:
Frankfurt/Main, Bonn 1964, S. 206.

Financial
11Christian Tyler: »A life spent worrying over the world's problems« in:

Times, 12. Januar 1996. Interview mit Joseph Rotblat.

Communications
12Vgl. Robert Dorsett: »Risks in aviation« in:

of the ACM.
Flugsimulator der Boeing 727 geschrieben.
Band 37, Nr. 1, Januar 1994. Dorsett hat das Programm für einen

13Ebd.

14Norbert Wiener: Kybernetik. Düsseldorf, Wien 1963.


15Gespräch mit Karlheinz Stockhausen anläßlich des Forums der UNESCO in Köln am 6. Oktober 1992.
16Zitiert bei Heims: John von Neumann and Norbert Wiener. S. 341.
17Gespräch des Autors mit Charles Dollar am 31. Dezember 1992.
18Rede von John Sculley anläßlich eines Symposiums über digitale Technologien und professionelle
Photographie am 9. August 1991 im Eastman Kodak Center for Creative Imaging. Zitiert nach

Ethics, Copyright, and the

752
Bottom Line. Camden 1992, S. 20.

19Alan C. Kay: »Computers, networks and education« in: Scientific Ame-


rican, September 1991.
20Interview mit Jacqueline Hess in Washington D.C., am 31. Dezember 1992.

21Kevin Kelly: Out of Control. Reading 1994, S. 125-127.

22Bill Gates: Der Weg nach vorn. Hamburg 1995, S. 384.


23Ebd., S. 388.
24Vgl. »http://www.netscape.com/newsref/std/cookie-spec.html« im Web.

25Vgl. Information Week. 22. Mal 1995, sowie Nachrichten in RISKS


17.13 und 17.14 (Mai 1995), 17.16 (Juni 1995), 17.21 (Juli 1995), 17.27 (August 1995) und 17.60 (Januar
1996).
26Nachricht in RISKS 17.21 unter der Überschrift »Warning on using Win95«.
27Der Verfasser eines Beitrags zur Edupage (31. Dezember 1995) berichtet, daß die Kolumnistin Gina Smith

in der Dezemberausgabe von PupularScience vorhersagt,


»Spitzelviren« würden sich ähnlich wie der Registration Wizard von Microsofts Windows 95 noch weiter
ausbreiten. Sie dienen dazu, Ihre Festplatte zu untersuchen. Smith schreibt: »Es ist bereits möglich,
solche Überprüfungen durchzuführen, ohne daß der Nutzer etwas davon merkt, es ist also keineswegs
eine Zukunftsvision, sich vorzustellen, daß dieselbe Technologie gegen ahnungslose Nutzer von Bulletin
Boards und dem Internet eingesetzt wird, meiner Meinung nach ist die Tendenz weg von Computerviren,
die von jugendlichen Hackern eingeschleust werden, hin zu >Spitzel- viren<, die gezielt nach
Informationen suchen, nicht nur wahrscheinlich, sondern unvermeidlich.«

Der Weg nach vorn.


28Gates: Hamburg 1995, S. 389.

Scientific Ame-
29Mark Weiser: »The computer for the 21st century« in:

rican, September 1991.


30Nachricht in RISKS 18.21 vom Juni 1996 unter der Überschrift »Digital unreality«.
31Rede von Fred Ritchin anläßlich eines Symposiums über digitale Technologien und professionelle
Photographie am 9. August 1991 im Eastman Kodak Center for Creative Imaging. Zitiert nach

Ethics, Copyright, and the


Bottom Line. Camden 1992, S. 31.
32Ebd.

Bartlett's
33A.N. Whitehead: »Introduction to Mathematics«. In:

Familiar Quotations. Boston 1980, S. 697.

New York
34John Hockenberry: »Pentium and our crisis of faith« in:

753
Times, 28. Dezember 1994.
35John Barlow: »Is there a cyberspace?« Im Internet unter: http:// www.eff.org/pub/Publications/John-Perry-
Barlow/HTML/utne-com- munity.html.

Kapitel zehn

Sechs Vorschläge für das


1Italo Calvino:

nächste Jahrtausend. München, Wien 1991, S. 143.

Tod in den Anden.


2Mario Vargas Llosa: Frankfurt/M. 1996, S. 143.

The Transformation of
3Vgl. Marin van Crefeld:

War. New York 1991.

Kybernetik und Gespenster.


4Italo Calvino:
München, Wien 1984, S. 20.

5Michael Heim: »The erotic ontology of cyberspace« in: Michael Benedikt (Hg.):

Cyberspace: First Steps. Cambridge 1991, S. 77.

Der Weg
6Bill Gates in Zusammenarbeit mit Nathan Myhrvold und Peter Rl- nearson:

nach vorn. Hamburg 1995, S. 391.


7Ebd., S. 360.
8Ebd., S. 362.
9Ebd., S. 372.
10Ebd., S. 377.

11Nicholas Negroponte im Vorwort zu Total Digital. München 1997, S. 13.


12Ebd.

13 Report by the President's Council


for Sustainable Development.
März 1996. Vgl. Daten des amerikanischen Innenministeriums, Abteilung Bergbau und Minerallen.
New York

The Sixth
14Vgl. Richard Leakey und Roger Lewin:

Extinction. London 1996. Die Verfasser kommen zu dem Schluß, daß die
Menschheit durch die Vernichtung der Artenvielfalt, die wichtig für den Erhalt aller Lebensformen ist, auch
ihre eigene Vernichtung herbeiführen wird.

754
15William Rees und Mathis Wackernagel: »Ecological footprints and appropriated carrying capacity:
Measuring the natural capital requirements of the human economy« in: A.-M. Jannson u.a. (Hg.):

investing in Natural Capital:


The Ecological Economics
Approach to Sustainability.