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200 3.

Erfahrungsberichte

Informatik-Know-how für die Flüchtlingshilfe


Als 2015 das Flüchtlingsthema aufkam, war ich eine der Ersten, die Akzente in der
digitalen Flüchtlingshilfe setzte. Auslöser dafür war eine Gruppe junger Männer mit
Fluchthintergrund, die vor mir bei der Post Probleme mit der Datenkarte fürs Han-
dy hatte. Ich habe die Idee, etwas zu tun, erst zwei Wochen ruhen lassen, dann aber
über das Wochenende eine Online-Plattform zur Vernetzung von Einheimischen und
Menschen mit Migrationshintergrund programmiert. Geholfen hat mir dabei mein
Know-how, das ich im Zuge meines Bachelor-Studiums in Informatikmanagement an
Daniela Wolf (Bakk.,
der Technischen Universität Wien und meines Master-Studiums in Informatikdidak-
M. Sc., M. A., M. A.)
tik an der Universität Wien erworben habe.
Wissenschaftliche
Mitarbeiterin im
Aber ganz von vorne: Eigentlich wollte ich nicht Informatik studieren, weil ich in der
Master-Studiengang
Schule sehr schlechte Erfahrungen mit Informatiklehrern gemacht hatte. Doch bei
Wirtschaftsinformatik
meinem Maturaprojekt, dessen Ziel es war, eine Website für ein Unternehmen zu
Ferdinand programmieren, entdeckte ich meine Leidenschaft für informationstechnologische
Porsche FernFH Studienfächer. Schließlich habe ich mich für ein Studium in Informatikmanagement
entschieden, weil das die meisten Freiheiten bot. Einerseits musste ich nebenher ar-
beiten, weil keine Unterstützung durch meine Eltern möglich war, andererseits konn-
te ich neben den technischen Fächern auch Kurse in Psychologie, Philosophie, Sozio-
logie und Pädagogik wählen. Ich habe mich vor allem mit dem Lehren und Lernen in
der Informatik und dem E-Learning beschäftigt und alles gelesen, was es dazu gab.
Vorbereitet war ich trotzdem nicht auf das, was kommen sollte:

Informatik mit Empathie


Schon der Einstieg ins Studium gestaltete sich für mich holpriger als für manche mei-
ner Kollegen. Von meiner Familie durfte ich nur wenig Unterstützung erwarten. Wie
ich an meinen Studienabschluss kommen sollte, das musste ich schon selbst orga-
nisieren. Zu Beginn stellte sich mir vor allem die Frage der Finanzierung. Viele mei-
ner Freunde und Studienkollegen bekamen reichlich Unterstützung von ihren Eltern.
Geld wäre nie ein Punkt gewesen, an dem ihr Studienvorhaben hätte scheitern kön-
nen. Für mich war das eine große Sorge. Die staatliche Förderung – wie die Studien-
beihilfe – erleichterte die Situation ungemein. Nichtsdestominder reichte auch dieses
Geld oft hinten und vorne nicht aus, und so war ich gezwungen, neben dem Studium
zu arbeiten. Das Informatikmanagement-Studium hat das möglich gemacht.

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen


Ich entschied mich gleich zu Beginn des Studiums dafür, die schwierigsten Fächer zu
belegen. Dazu gehörten Programmieren und Mathematik. Auch wenn für ein Studi-
um der Informatik keine Vorkenntnisse vorausgesetzt werden, haben mir die Prüfun-
gen zu schaffen gemacht, ebenso wie die Tatsache, dass ich keine Ahnung vom wis-
senschaftlichen Arbeiten hatte. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich den ersten
Kurs dazu an der TU besucht habe: Der Professor hat mich danach gefragt, ob ich mir
sicher sei, das Studium zu schaffen. Insgeheim hat er mich dazu aufgefordert, es lieber
bleiben zu lassen.

Wo andere Probleme sehen, suchen Informatiker nach Lösungen


In der Informatik muss man ein hohes Maß an Selbstmotivation haben und sich ste-
tig weiterentwickeln. Ich liebe es, wenn jemand behauptet: „Das geht nicht.“ Dann
beweise ich ihm das Gegenteil. Wo andere Probleme sehen, suchen wir Informatiker
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nach Lösungen. Kontinuierliches Lernen und Weiterbilden gehört zu unserem Alltag.


Dass zu meinem Alltag nun die Wissenschaft mit dem Ziel eines Doktorats gehört, war
sowohl für den Professor als auch für mich damals nicht denkbar – aber es ist noch
kein Meister vom Himmel gefallen.

Informatik, was ist das?


Ebenso schwierig fand ich es, jemandem nahezubringen, was ich als Informatikma-
nagerin und -didaktikerin eigentlich den ganzen Tag mache. Dieses Unverständnis
macht mir manchmal noch heute zu schaffen. Wenn ich zum Beispiel meinen Freun-
den davon erzählt habe, was ich gerade im Studium mache, fielen die Reaktionen ver-
halten aus. Dann wurde schnell das Thema gewechselt. Sie konnten sich unter dem
Studium nur wenig vorstellen.

Im Laufe des Studiums habe ich dann viel an Projekten gearbeitet


Die Schwerpunkte meines Studiums lagen im Bereich der Fachdidaktik für Informatik,
dem E-Learning, dem Projekt- und Wissensmanagement sowie der Informationsvi-
sualisierung, der Wirtschaft und den Neuen Medien. Insbesondere in den Vorlesun-
gen und Übungen wurde großer Wert auf die Bearbeitung von praxisnahen Projek-
ten gelegt, welche in meinem Fall häufig auf den Digitalbereich ausgerichtet waren.
Beispielweise habe ich im Rahmen meiner Master-Arbeit an der Universität Wien ein
E-Learning-Modul zur Steigerung des IT-Sicherheitsbewusstseins im Internet entwi-
ckelt, welches in Kooperation mit der Wirtschaft entstand.

Neben universitären Projekten habe ich auch an zahlreichen Projekten in Unterneh-


men mitgearbeitet, beispielweise bei der Umsetzung von E-Learning-Modulen. Zu-
dem war ich als Tutorin tätig. Das bedeutet, andere Studenten in bestimmten Fächern
zu unterstützen und in die Rolle der Lehrenden zu schlüpfen. Gerade durch diese Rol-
le habe ich gelernt, wie wichtig das „Learning through teaching“ für den Studien­erfolg
ist. Schließlich ist es heutzutage eine der gefragtesten Fähigkeiten, Jugendlichen und
jungen Erwachsenen, im Speziellen auch Frauen, die Informatik schmackhaft zu ma-
chen. Ich bin dankbar, diese Fähigkeit innerhalb meines Informatikstudiums erwor-
ben zu haben, denn es sollte nicht „nur“ bei der Flüchtlingsinitiative 2015 bleiben. Ge-
meinsam mit zwei Gründern habe ich 2016 eine Programmierschule für Geflüchtete
gegründet. Dort lernen Flüchtlinge gratis das Coden und werden so für gute Jobs in
ihrem neuen Lebensumfeld fit gemacht.

Ein Informatikstudium ist weit entfernt von Klischees


Alle Menschen sollten neugierig bleiben. Die Informatik setzt das voraus. Sie ist leb-
hafter, vielfältiger und aufregender als je zuvor und betrifft inzwischen nahezu alle
Lebensbereiche. Blicke ich heute zurück, so war das Studium für mich auch deshalb
ideal, weil ich es mir selbst einteilen und nebenbei arbeiten konnte. Ich konnte mich
in vielerlei Hinsicht entfalten, mich ausprobieren und meinen eigenen Weg planen.
Das wurde mir vor allem durch die Verleihung des „Forbes 30 under 30“-Titels in die-
sem Jahr noch einmal besonders deutlich, zu dem unsere Programmierschule für Ge-
flüchtete geführt hat. Mit einem Informatikstudium kann man vieles erreichen, eben
auch die Welt zu einem besseren Ort machen.