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Unser 100.

KOMPAKT KOMPAKT

KATZEN
Unsere wilden Begleiter
Domestikation
Die Herkunft der Hauskatze

Wohlbefinden
Wie schnurren Katzen?

Drehimpuls
Landung auf allen vieren

ISTOCK / SEREGRAFF
EDITORIAL IMPRESSUM
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landet und wie Katzen die Welt sehen, sind nur einige
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INHALT
16 CHINESISCHE HAUSKATZEN
SEITE EVOLUTION
Wurden Katzen doppelt domestiziert?
04 Die wahre Herkunft der Hauskatze
18 GESCHICHTE
Wie Katzen die Welt eroberten
(und ein paar Wikingerschiffe)
21 INVASIVE ARTEN
Wer brachte die Katzen nach Australien?
35 SCHLICHTING!
Schlabbern mit Stil
39 SINNE
Katzen schmecken anders
44 LAUTÄUSSERUNGEN
ISTOCK / ADVENTUREPICTURE

Was bettelnde Katzen


unwiderstehlich macht
46 VERHALTEN
SEITE KOGNITION NACHGEFRAGT SEITE Sind Katzen mit rotem Fell
23 Wie Katzen uns und Wie schnurren Katzen? 41
besonders aggressiv?
die Welt sehen
48 FELININ
Wie Katzen ihre Beute manipulieren
59 GERÄUSCHBEDINGTE ANFÄLLE
F OTOLIA / KICHIGIN19

Wenn die Katze umfällt


61 DREHIMPULS

NATURSCHUTZ SEITE
Die wendige Katze
Schaden Katzen 50
unserer Vogelwelt?
ISTOCK / VASSILIY VISHNEVSKIY
FOTOLIA / MURIKA

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FOTOLIA / DORAZETT
EVOLUTION

Die wahre Herkunft


der Hauskatze
von Carlos A. Driscoll, Juliet Clutton-Brock,
Andrew C. Kitchener und Stephen J. O′Brien
Die ersten Katzen schlossen sich von sich aus den
Menschen an – jedoch nicht erst im alten Ägypten.
Die Geschichte ihrer ­Domestikation erklärt ihr unab-
hängiges Wesen.

4
M
al anschmiegsam, mal Hauskatzenvarianten allein von der so ge-
unnahbar, bald fried- nannten Wildkatze, der Art Felis silvestris, AUF EINEN BLICK
lich oder giftig, oft lie- abstammen, vermuteten Experten zwar
benswert oder ungezo- schon lange, konnten es aber nicht gut
Evolution der
gen zum Verzweifeln: ­belegen. Und eindeutig festzumachen, wel- Hauskatzen
Trotz ihres eigenwilligen, sprunghaften We- cher der Wildkatzenpopulationen (Unter-
1 V
 erglichen mit anderen domestizierten
sens ist die Katze das beliebteste Haustier. arten) die Hauskatze entstammte, erlaub-
Tieren sind Hauskatzen für den Men-
Allein in Deutschland gibt es über acht Mil- ten die früher verfügbaren Analysemetho- schen nicht von großem Nutzen. Wie
lionen Hauskatzen – mit stark steigender den schon gar nicht. Einige Forscher entstand die Beziehung?
Tendenz. In fast jedem sechsten Haushalt glaubten, Katzen seien an mehreren Orten
hier zu Lande lebt ein Stubentiger, in Nord- unabhängig voneinander domestiziert 2 B
 is vor einigen Jahren hielten Forscher
amerika angeblich sogar in jedem dritten. worden. Denn die weite Verbreitung der das alte Ägypten für die Ursprungsregi-
Die Zahl der Katzen in Menschenobhut Wildkatze in der Alten Welt machte die prä- on von Hauskatzen. Sie sollten dort vor
rund 3600 Jahren domestiziert worden
dürfte weltweit 600 Millionen übersteigen. zise Zuordnung nicht einfacher. Ihr Le-
sein.
Allerdings war die Herkunft der Haus- bensraum reicht von Schottland bis Südaf-
katze lange ungewiss. Noch weniger ein- rika, von Spanien bis in die Mongolei. Die 3 D
 och die Anfänge reichen viel weiter
sichtig erschien der Sinn dieser Domesti- einzelnen Wildkatzenunterarten lassen zurück. Nach neueren genetischen und
kation. Andere Haustiere liefern dem Men- sich nur schwer auseinanderhalten, die Po- archäologischen Erkenntnissen setzte die
schen Fleisch, Milch, Wolle oder Arbeits- pulationsgrenzen sind unscharf. Tiere ver- Haustierwerdung von Katzen wohl schon
vor etwa 10 000 Jahren ein – im Nahen
kraft. Aber welchen echten Nutzen haben schiedener Populationen kreuzen sich
Osten im Gebiet des Fruchtbaren Halb-
Katzen? Bis vor wenigen Jahren hieß es, die überdies bereitwillig. Auch ist manche ver-
monds, als dort die Landwirtschaft auf-
alten Ägypter hätten vor rund 3600 Jahren wilderte Hauskatze mit der typischen strei- kam.
damit angefangen, sie als Haustiere zu hal- fig gemusterten grauen Fellzeichnung
ten. Genetische Analysen sowie neue ar- leicht mit einer Wildkatze zu verwechseln. 4 W
 ahrscheinlich haben sich Katzen von
chäologische Befunde offenbaren inzwi- Zudem paaren sich Haus- und Wildkatzen allein bei den Menschen eingerichtet.
schen aber einen völlig anderen Hergang – recht problemlos. Deren Siedlungen mit Vorratsspeichern
und Abfallhalden boten ihnen Nahrung in
und auch einen anderen Ursprung. Um Klarheit in diese Fragen zu bringen,
Form von Mäusen und Essensresten.
In der Vergangenheit erschwerten meh- begann einer von uns (Driscoll) vor über 15
rere Umstände die Aufklärung. Dass alle Jahren mit genetischen Vergleichen. Von

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fast 1000 Tieren aus aller Welt sammelte er
DNA-Proben: darunter auch von Haus- und FALBKATZE
Wildkatzen im südlichen Afrika, in Aser- (Felis silvestris lybica)
baidschan, Kasachstan, der Mongolei und
im Nahen Osten. Driscoll hoffte, dass sich
die einzelnen Wildkatzenpopulationen zu-
mindest genetisch unterscheiden würden.
Denn normalerweise bleiben die Tiere ei-
nem Territorium lebenslang treu. Das soll-
te, so vermutete er, im Verlauf der Zeit orts-
stabile, von Gebiet zu Gebiet aber verschie-
dene genetische Muster ergeben haben.
Zumindest ist Ähnliches für andere Kat-
zenarten nachgewiesen. Eine spannende

FOTOLIA / AUSSIEANOUK
Frage wäre dann, ob die Hauskatzen gene-
tisch einer dieser Wildkatzengruppen stär-
ker gleichen als den Populationen anderer
Gebiete. Wäre das der Fall, so wüssten wir,
wo die Domestikation der Katze ihren An-
fang genommen hatte. ganellen mit eigener DNA, die nur die Mut- chen Erbsequenzen. Im letzten Schritt
Die Ergebnisse dieser Studien haben ter weitergibt. Als Mikrosatelliten werden prüften sie, inwieweit die Angehörigen
Driscoll und ein anderer von uns (O’Brien) kurze, repetitive DNA-Sequenzen der Chro- derselben Gruppe in einer bestimmten Re-
zusammen mit Kollegen im Jahr 2007 ver- mosomen im Zellkern bezeichnet. Von je- gion lebten.
öffentlicht. Zum einen hatten wir Sequen- der Katze wurde also anhand ihrer geneti- Die Wildkatzen (Felis silvestris) sortier-
zen der Mitochondrien-DNA verglichen, schen Signatur per Computeranalyse die ten sich dabei in fünf genetische Cluster –
zum anderen so genannte Mikrosatelliten. Abstammung ermittelt. Genauer gesagt praktisch also Abstammungslinien. Diese
Beides wird bei Säugetierarten gern heran- bestimmten die Forscher die Ähnlichkeit passten gut zu den bekannten fünf Unter-
gezogen, um genetische Untergruppen zu zu sämtlichen anderen Individuen und ge- arten und auch zu deren Verbreitungsge-
erkennen. Die Mitochondrien sind Zellor- wannen so Gruppen aus Tieren mit ähnli- bieten: in Europa Felis silvestris silvestris, in

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China F. s. bieti, in Zentralasien F. s. ornata, schluss konnten archäologische Befunde gen beerdigt wurden, verweist zumindest
im südlichen Afrika F. s. cafra – sowie im liefern. auf eine recht enge Beziehung zu den klei-
Nahen und Mittleren Osten F. s. lybica. Die nen Räubern. Und der Nahe Osten als Ort
Hauskatzen aber, rein- wie gemischtrassi- Gemeinsam begraben – Mensch und Katze der Domestikation passt zu unseren geneti-
ge, fanden sich allesamt im selben Cluster Speziell eine Entdeckung auf Zypern warf schen Befunden. Der mutmaßliche Zeit-
zusammen mit der Falbkatze F. s. lybica – die alten Vorstellungen über den Haufen. raum – vor fast 10 000 Jahren – lässt somit
egal, aus welchem Land sie stammten, ob Im Jahr 2004 gaben Jean-Denis Vigne und annehmen, dass Katzen schon Menschen-
aus Großbritannien, Nordamerika oder seine Kollegen vom Muséum national anschluss fanden, als im Nahen Osten Land-
­Japan. Bei genauerem Hinsehen waren die d’Histoire naturelle in Paris den Fund ei- wirtschaft und Sesshaftigkeit gerade aufka-
Hauskatzen in den verglichenen geneti- nes Grabs bekannt, wo vor 9500 Jahren men. Schauplatz wäre dann der so genann-
schen Sequenzen praktisch nicht von Wild- eine junge Katze mitbestattet worden war. te Fruchtbare Halbmond gewesen.
katzen aus abgelegenen Wüsten in Israel, Eine Person unbekannten Geschlechts war Vor diesem Hintergrund stellt sich die
den Vereinigten Arabischen Emiraten oder damals in einem flachen Grab mit allen Frage neu, wieso Mensch und Katze über-
Saudi-Arabien zu unterscheiden. Demnach möglichen Beigaben beerdigt worden: mit haupt in ein engeres Verhältnis zueinander
entstanden die Hauskatzen offenbar in ei- Steinwerkzeugen, einem Brocken Eisenerz, traten. Denn dafür scheinen Katzen nicht
nem einzigen Gebiet, und das lag nicht in einer Hand voll Meeresmuscheln. Die gerade prädestiniert. Die wilden Stamm-
Ägypten, sondern im Nahen Osten. Überraschung: 40 Zentimeter weiter er- eltern der meisten Haustiere bildeten Her-
Wann aber wurden Katzen domesti- hielt eine acht Monate alte Katze ihr eige- den oder Rudel mit klaren Rangverhältnis-
ziert? Viele Abstammungsereignisse las- nes kleines Grab. Ihr Körper war genauso sen. Wohl eher unabsichtlich nahm bei der
sen sich auch zeitlich mit genetischen nach Westen ausgerichtet wie der des Men- Domestikation dann der Mensch die Alpha-
­Vergleichen abschätzen. Dazu verwerten schen. Dieser Fund gilt jetzt als ältester position ein. Dadurch konnte er ganze Tier-
Forscher gern unschädliche Zufallsmutati- Hinweis darauf, dass man sich schon da- gruppen beherrschen. Außerdem war für
onen, die sich in DNA-Sequenzen mit einer mals Katzen hielt. diese Arten ein enges Zusammenleben mit
relativ konstanten Rate anhäufen. Leider Auf den meisten Mittelmeerinseln leb- anderen Individuen nichts Besonderes. Bei
aber tickt die so genannte molekulare Uhr ten ursprünglich keine Wildkatzen. Nach genügend Futter und Schutz vermochten
für unsere Fragestellung etwas zu langsam. Zypern müssen Menschen darum Katzen sie sich relativ leicht an das Leben in Gefan-
Für die hier vermutlich relevante Zeitspan- im Boot mitgenommen haben, wahrschein- genschaft anzupassen.
ne, die letzten 10 000 Jahre, eignet sich die lich von der nahen Levante her. Dass die Die verschiedenen Katzenarten – auch
Methode darum weniger. Besseren Auf- Tiere auch noch zusammen mit Angehöri- die Wildkatze – sind dagegen im Allgemei-

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Die Vorfahren
DNA von fast 1000 Wild- und Hauskatzen lieferte die Verwandtschaftsbeziehungen der fünf Unterarten von Felis silvestris, der Wildkatze.
Die Erbsequenzen ergaben fünf unterscheidbare Cluster, die sich mit den einzelnen Verbreitungsgebieten decken. Alle Hauskatzen, auch aus­
gefallene Rassen, stammen demnach von der Falbkatze ab. Weitere Vergleiche offenbarten sogar den genaueren Ursprung: den Nahen Osten.
JEN CHRISTIANSEN; DT. BEARBEITUNG: SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT

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nen Einzelgänger. Sie pflegen allein zu ten Knochen des Nagers in Palästina bei den
­jagen und ihr Gebiet heftig gegen Ge-
schlechtsgenossen zu verteidigen. Die ein-
ersten Getreidespeichern, die Menschen
vor ungefähr 10 000 Jahren für Wildkörner
Rettung für
zige Ausnahme davon bilden Löwen, die in anlegten. In der freien Natur konnte sich die schottische
Rudeln leben. Hinzu kommt das stark be-
schränkte Nahrungsspektrum: Die meis-
Mus musculus dort schwer gegen andere
Mäusearten behaupten. Doch wo Menschen
Wildkatze
ten Haustierarten kommen ganz gut mit wohnten und sich Vorräte hielten, gediehen Die nördlichste Restpopulation der Europäi-
allem möglichen pflanzlichen Futter zu- diese Nager prächtig. schen Wildkatze ist stark bedroht. Schät-
recht, das auch fast immer verfügbar ist. Fast mit Sicherheit zogen jene Mäuse zungsweise nur noch 400 reinrassige Tiere
leben heute, denn durch verwilderte Haus-
Katzen hingegen benötigen unbedingt Katzen an. Allerdings dürften Letztere die
katzen treten oft Bastarde auf. Äußerlich
Fleisch oder Beutetiere. Andere Nahrung Abfallhaufen vor den Siedlungen ebenso sind die Mischlinge, und vielfach selbst
können sie schlecht verdauen. Süße Koh- verlockend gefunden haben. Wenn sie sich Hauskatzen, oft schwer von echten Wildkat-
lenhydrate wie Zucker schmecken sie nicht geschickt anstellten, entdeckten sie dort zu zen unterscheidbar. Jetzt entdeckten die
einmal. Und ihre Brauchbarkeit für den jeder Jahreszeit Fressbares. Beide Nahrungs- Autoren bei der schottischen Wildkatze eine
Menschen? Mit dem Gehorsam ist es zu- quellen können Katzen dazu gebracht ha- besondere genetische Signatur. Das erleich-
mindest nicht weit her. Andere Haustiere ben, sich an den Menschen anzupassen. An- tert es, ihren Schutz durchzusetzen.
haben die Menschen sich für bestimmte ders gesagt waren solche Individuen evolu-
Zwecke herangezogen. Katzen schlossen tionär im Vorteil, die in Menschennähe zu
sich uns wahrscheinlich aus eigenen Stü- leben vermochten, wo sie Zugang zu Essens-
cken an, weil sie selbst davon profitierten. resten und Mäusen erlangten.
Die frühen Ansiedlungen vor 9000 bis Überall in den Siedlungen im Fruchtba-
10 000 Jahren, am Beginn der Jungstein- ren Halbmond vermehrten sich im Lauf
zeit, boten Tieren eine ganz neuartige Um- der Zeit solche Wildkatzen, die menschli-
welt, sofern sie anpassungsfähig und neu- che Nähe einigermaßen ertrugen. Zwar
gierig waren – oder Schutz suchend und mag damit eine Selektion auf größere
hungrig. Zu denen, welche solche Voraus- Zahmheit einhergegangen sein. Allerdings
setzungen erfüllten, gehörte die Hausmaus, mussten die Katzen sich auch weiterhin
Mus musculus. Ursprünglich stammt die gegen Artgenossen behaupten. Allzu um-
Art wohl aus Indien. Archäologen entdeck- gänglich durften sie nicht sein. Jene halb FOTOLIA / DAVEMHUNTPHOTO

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domestizierten Katzen schlugen sich mit
Sicherheit meist selbst durch. Sie blieben
perfekte Jäger und Futterbeschaffer. Auch
die meisten heutigen Hauskatzen lieben
ihre Freiheit. Viele können leicht auch al-
lein überleben. Unzählige verwilderte Kat-
zen beweisen das.
Man darf vermuten, dass Menschen die
kleinen Räuber duldeten, weil sie wenig
Schaden anrichteten. Vielleicht behielt
man sie sogar ganz gern in der Nähe, wenn
man bemerkte, dass sie Mäuse und Schlan-
gen erbeuteten. Doch auch sonst könnten
Katzen auf die Menschen anziehend ge-
wirkt, ja sogar Betreuungsinstinkte ge-
weckt haben. Nach Ansicht mancher Fach-
leute entsprechen schon Wildkatzen in
manchen Zügen dem »Kindchenschema« –
mit ihren großen Augen, dem stupsnasi-
gen Gesicht und der hohen, runden Stirn.
Wer weiß – manches niedliche junge Kätz-

SAVANNAH-KATZE
Durch Kreuzung von Hauskatzen mit Servals
entstand die Rasse der Savannah-Katzen.
Die Mode, mit anderen Arten Bastarde zu
erzeugen, könnte diesem Haustier neue
Pforten öffnen. MIT FRDL. GEN. VON KATHRIN STUCKI, A1 SAVANNAHS

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chen mag deshalb ins Haus genommen, dort, wo die ersten menschlichen Siedlun- 40 Jahre für eine Domestikation
versorgt und gezähmt worden sein. gen aufkamen. Das verschaffte ihr offen- Niemand weiß, wie lange es dauerte, bis aus
Wieso aber wurde die lybische Falbkatze bar den entscheidenden Vorsprung. Denn der nahöstlichen Falbkatze ein verschmus-
als einzige der Unterarten domestiziert? als sich die Landwirtschaft in andere Regio- ter Hausgenosse wurde. Bei gezielter Zucht
Einzelbeobachtungen lassen vermuten, nen ausbreitete, kamen die zahmen Kat- kann der Domestikationsprozess recht
dass die Europäische Wildkatze und die zen einfach mit. Sie besetzten quasi an je- schnell vonstattengehen. Russische Forscher
chinesische Graukatze (Gobikatze) Men- dem neuen Ort die spezielle Nische in benötigten bei einem Experiment mit Sil-
schen gegenüber weniger tolerant sind. menschlicher Nähe, schnitten somit den berfüchsen, das 1959 begann, nur vier Jahr-
Doch die Unterarten im südlichen Afrika heimischen Wildkatzen den Zugang von zehnte strenger Selektion, um aus wilden,
und in Zentralasien werden leichter zu- vornherein ab. Sonst wären später viel- scheuen Tieren zutrauliche, umgängliche
traulich. Unter passenden Bedingungen leicht auch in afrikanischen oder anderen Füchse zu machen. So strikt gingen die neo-
hätten sie vermutlich zum Haustier wer- asiatischen Gegenden domestizierte Kat- lithischen Bauern sicher nicht vor, selbst
den können. Aber nur die Falbkatze lebte zen entstanden. wenn sie Einfluss hätten nehmen mögen. Die
Katzen liefen vermutlich frei umher, wähl-
ten ihre Paarungspartner selbst und trafen
Katzen an wohl auch manchmal wilde Artgenossen.
Dadurch mag der Domestikationsprozess ein
der Spitze paar Jahrtausende gebraucht haben. Etwas
Über 8 Millionen Katzen leben in 8,2 Millionen mehr dazu erzählen archäologische Funde.
deutschen Haushalten, in den letzten Der nächstjüngere Hinweis nach dem Kat-
Jahren mit stark steigender Tendenz: zengrab von Zypern ist ein Katzenbacken-
2006 waren es 7,8 Millionen, 2008 zahn, der an einer rund 9000 Jahre alten
schon 8,2. Hunde nahmen in der Stätte in Israel auftauchte und von einer en-
gleichen Zeit von 5,3 auf 5,5 Millio- geren Beziehung zu Menschen zeugt. Auch
nen zu. 5,5 Millionen
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT

bei 4000 Jahre alten Hinterlassenschaften in


Pakistan fand sich solch ein Zahn.
Die frühesten Zeugnisse für tatsächlich
erfolgte Domestikation sind viel jünger.
Aus Palästina stammt die knapp 3700 Jah-

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Reise in die weite Welt

JEN CHRISTIANSEN; DT. BEARBEITUNG: SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


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re alte Elfenbeinfigur einer Katze. Es sieht Haustieren zählt. Die Wertschätzung von Jahrhundert erweisen ihre frühe Ausbrei-
so aus, als wäre den Menschen im Frucht- Katzen gewann damals ganz neue Aus- tung nach Norden. Auch in Kunst und Lite-
baren Halbmond der Anblick von Katzen maße. Vor rund 2900 Jahren wurde die Kat- ratur erschienen Katzen zunehmend. Inte-
in ihrem Wohnumfeld vertraut gewesen, zengöttin Bastet als offizielle Gottheit ver- ressanterweise schafften sie es auf die Bri-
schon bevor die Tiere in Ägypten erschie- ehrt. Katzen waren heilig, sie wurden geop- tischen Inseln wohl vor den Römern.
nen. So verwunderlich wäre das nicht, denn fert, mumifiziert und zahlreich in Bubastis, Den fernen Osten erreichten Hauskat-
abgesehen vom Esel erhielt das Niltal all der heiligen Stadt dieser Göttin, bestattet. zen vermutlich bald nach der Zeitenwende
seine domestizierten Tiere und Pflanzen Die massenhaften Mumien lassen ahnen, von Mittelmeerregionen her über etablier-
aus dem Fruchtbaren Halbmond. Doch erst dass die Ägypter nicht nur auf frei herum- te Handelsrouten. Nach China gelangten
Darstellungen aus der ägyptischen Blüte- streunende Katzen zugriffen, sondern die sie über Mesopotamien, Indien besiedel-
zeit, die mit dem »Neuen Reich« vor fast Tiere erstmals in der Geschichte absicht- ten sie auf dem Land- und Seeweg. Im fer-
3600 Jahren einsetzte, zeigen untrüglich lich hielten und vermehrten. nen Asien passierte etwas Interessantes:
wirklich domestizierte Katzen. Auf den Ab- Katzen auszuführen war im Ägypten je- Dort lebten keine Wildformen ihrer Art,
bildungen hocken die Tiere unter Stühlen. ner Jahrhunderte strengstens verboten. mit denen sie sich hätten mischen können.
Manche tragen ein Halsband oder sind an- Trotzdem gelangten sie schon vor 2500 Auch wiesen sie oft nur geringe Individu-
gebunden. Viele fressen aus Schüsseln oder Jahren nach Griechenland. In späterer Zeit enzahlen auf. So traten in manchen klei-
verzehren Speisereste. So häufig, wie man nahmen Getreideschiffe, die von Alexand- nen, isolierten Gruppen bald besondere
damals Katzen malte, dürften sie reguläre ria aus das Römische Reich versorgten, sie Fellfarben und dergleichen auf, und Mu-
Haushaltsmitglieder gewesen sein. offenbar als Ratten- und Mäusefänger mit tanten setzten sich durch.
Vor allem auf Grund jener Darstellun- an Bord. Das war für die kleinen Räuber si- So entstanden die thailändische grau-
gen hatten frühere Forscher die Katzendo- cherlich die Gelegenheit, in vielen Hafen- blaue Korat-Katze oder Si-Sawat, die siame-
mestikation ins Nilgebiet gelegt. Die ältes- städten Populationen zu gründen und von sische oder Siamkatze, die Birmakatze und
ten ägyptischen Darstellungen von Wild- dorther auch das Binnenland zu erobern. andere Rassen. Thailändische buddhisti-
katzen sind aber 5000 bis 6000 Jahre Als die Römer vor 2000 Jahren ihr Reich sche Mönche haben sie im »Tamara Maew«,
jünger als das erwähnte 9500 Jahre alte gewaltig ausdehnten, waren wiederum wohl um 1350, in Versen verewigt. Dass die-
Katzengrab auf Zypern. Immerhin dürften Katzen mit von der Partie. So wurden sie se Linien recht alt sind, erwiesen kürzlich
wir es zu einem großen Teil dem alten bald in ganz Europa heimisch. Ausgrabun- auch DNA-Rassenvergleiche, die Marilyn
Ägypten verdanken, wenn die Katze heute gen bei Tofting (nahe Tönning) auf Eider- Menotti-Raymond vom amerikanischen
zu den beliebtesten, weltweit verbreiteten stedt in Schleswig-Holstein vom 4. bis 10. National Cancer Institute in Bethesda (Ma-

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ryland) und Leslie Lyons von der Universi-
ty of California in Davis durchführten.
»Aber auch die Katze hält sich an ihren Teil des Handels. Sie tötet Mäuse, und sie ist
Demnach entwickeln sich europäische und nett zu Babys, solange sie nicht zu fest am Schwanz gezogen wird. Aber danach und
östliche Hauskatzen seit über 700 Jahren zwischendurch und wenn der Mond aufsteigt und der Abend kommt, ist sie die Katze,
getrennt. die für sich bleibt, und ein Ort ist für sie so gut wie der andere. Dann geht sie hinaus in
Über die Anfänge in Amerika wissen wir die weiten wilden Wälder, hinauf auf die belaubten oder blattlosen Bäume oder auf die
nichts Genaues. Christoph Kolumbus und dreckigen dunklen Dächer, wedelt wild mit dem Schwanz und wandert weiter auf ihre
andere Seefahrer hatten bei ihren frühen wilde Weise.«
Atlantiküberquerungen seit 1492 auf jeden
Aus: »Die Katze, die für sich blieb«. Von Rudyard Kipling in: »Geschichten für den allerliebs-
Fall Katzen auf dem Schiff. Zur nordameri- ten Liebling« (»Just So Stories«)
kanischen Ostküste sollen im frühen 17. Jahr-
hundert die ersten englischen Siedler, die
Gründer von Jamestown und die Pilgervä-
ter, Katzen mitgebracht haben. Die sollten
Schädlinge bekämpfen und Glück bringen.
Noch unklarer ist die erste Besiedlung
Australiens. Nach Ansicht der Forscher
könnten die ersten Katzen dort im 17. Jahr-
hundert von europäischen Seefahrern ein-
geschleppt worden sein. Unsere Gruppe an
den National Institutes of Health geht die-
ser Frage mit DNA-Studien nach.

Ursprünge der modernen Katzenzucht


Die gezielte Züchtung von Katzenrassen
setzte erst spät ein. Sollte der Mensch schon
ISTOCK / KIMEVERUSS

bei den alten Rassen des fernen Ostens ein-


gegriffen haben, dann wohl eher marginal.
Die alten Ägypter hatten die Tiere zwar in

NB
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Mengen gezüchtet, scheinen jedoch noch Abgesehen davon unterscheiden sich hauptsächlich die kürzeren Beine, das klei-
nicht selektiv auf unterschiedliches Ausse- die Rassen genetisch auffallend wenig. Die nere Gehirn und der schon von Charles
hen Einfluss genommen zu haben. Sie stell- Abweichungen sind nicht größer als etwa Darwin erwähnte längere Darm, der sich
ten Wild- wie Hauskatzen mit der gleichen beim Menschen die zwischen benachbar- zum Fressen von Küchenabfällen entwi-
streifig-fleckigen Fellzeichnung dar. Ver- ten Populationen, sagen wir zwischen Fran- ckelt haben mag.
mutlich waren damals noch keine Varian- zosen und Italienern. Katzen sind längst Für die Hauskatze ist die Evolution
ten aufgetreten. Die meisten der heutigen nicht so verschieden wie Hunde, weder in längst nicht beendet. Mit künstlicher Be-
Rassen entstanden nach Meinung von Ex- der Größe – man denke nur an Dänische fruchtung, auch im Reagenzglas, betreten
perten im 19. Jahrhundert in Großbritanni- Doggen und Chihuahuas – noch in der Ge- Katzenzüchter heute sogar neues Terrain:
en. Demnach begründete der englische stalt oder im Wesen. Hunde züchtet der Sie kreuzen fremde Katzenarten ein und
Künstler, namhafte Tierzeichner und Buch- Mensch seit der Vorzeit für verschiedene erzeugen so völlig neue, exotische Rassen,
illustrator Harrison Weir (1824–1906) die spezielle Arbeitszwecke: etwa als Wach-, etwa mit Bengalkatzen (Leopardkatzen),
moderne Katzenzucht. Er organisierte auch Jagd- oder Schäferhund. Katzen erlebten Karakals oder Servals. Das könnte den Weg
1871 in London die erste Rasseausstellung. nie einen so strengen Selektionsdruck. Sie zu einem nie da gewesenen Haustier eb-
(Den ersten Preis trug eine Angora- oder mussten nur Menschen einigermaßen er- nen, das gleich eine ganze Reihe von Arten
Perserkatze davon – obwohl eine Siamkat- tragen und durften dafür die Mäuse im in sich trägt. 
ze erhebliches Aufsehen erregte.) Wohnumfeld in Schach halten.
Zuchtkatzenverbände unterscheiden Sind unsere Hauskatzen überhaupt (Spektrum der Wissenschaft, 4/2010)
heute an die 60 Rassen. Für die Farbunter- richtig domestiziert? An sich schon – aber
schiede, die Haarlänge und -textur sowie vielleicht nur gerade eben so. Sie dulden Clutton-Brock, J.: A Natural History of Domesticated Mam-
Schattierungen und Fellschimmer sorgen Menschen, ein wichtiges Kriterium. Trotz- mals. Cambridge University Press, Natural History Museum,
nur rund ein Dutzend Gene. Die Abessi- dem benehmen sich die meisten von ih- 2. Auflage 1999.
nierkatze »Cinnamon«, Vertreterin einer nen eher wie Wildlinge: Sie können ihr Fut- Driscoll, C. A. et al.: The Near Eastern Origin of Cat
der ältesten Katzenrassen, lieferte das Erb- ter allein finden, ebenso Geschlechtspart- ­Domestication. In: Science 317, S. 519–523, 27. Juli 2007.
gut für die erste Sequenzierung eines Kat- ner. Andere Haustiere, Hunde etwa, sehen Kitchener, A.: The Natural History of the Wild Cats. Cornell
zengenoms, die 2007 gelang. Dank dessen oft ganz anders aus als ihre wilden Ahnen. University Press, Comstock Publishing Associates, 1997.
finden Forscher nun rasch die Mutationen Dagegen ähnelt das Gros der Hauskatzen Menotti-Raymond, M. et al.: Patterns of Molecular Genetic
für die einzelnen, teils ausgefallenen Fell- körperlich noch einer Wildkatze. Morpho- Variation among Cat Breeds.
farben, Zeichnungen und Haarstrukturen. logische Unterschiede gibt es dennoch, so In: Genomics 91(1), S. 1–11, 2008.

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ISTOCK / BEACHBASSMAN
CHINESISCHE HAUSKATZEN

Wurden Katzen
doppelt domestiziert?
von Miriam Plappert

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Hatten die alten Chinesen andere Hauskatzen als wir heute?
Offenbar. Vor rund 5000 Jahren stammten domestizierte
Katzen in China wohl von der asiatischen Bengalkatze ab.

H
eute sind alle unsere Stu- tersuchten in ihrer Studie dabei die rund ren, schließen die Forscher aus diversen In-
bentiger weltweit Nach- 5300 Jahre alten Knochen von halbwegs dizien. So waren alle untersuchten Unter-
kommen der Wildkatze domestizierten Katzen, die vor geraumer kiefer vergleichsweise klein, was ein
(Felis silvestris), davon ge- Zeit in China nahe dem modernen Dorf Zeichen für eine Anpassung an den Men-
hen Wissenschaftler seit Quanhucun entdeckt worden waren. Zu- schen sein könne, meinen die Forscher. Au-
geraumer Zeit aus. Das gilt aber offenbar sätzlich arbeitete das Forscherteam mit ßerdem seien die Zähne eines der entdeck-
nicht für domestizierte Katzen, die vor Skeletten aus zwei weiteren chinesischen ten Tiere flächenhaft abgenutzt gewesen,
rund 5000 Jahren in China lebten. Wie For- Dörfern und verglich die Unterkieferkno- was darauf hinweise, dass Menschen es ge-
scher zeigen konnten, stammten diese von chen mit jenen der Bengalkatze, verschie- füttert hatten. Die Tatsache, dass ein ande-
der in Süd- und Ostasien verbreiteten dener Wildkatzenunterarten und heutiger res Tier vollständig beerdigt gefunden wor-
­Bengalkatze (Prionailurus bengalensis) ab. Hauskatzen. Das Ergebnis war eindeutig: den war, spreche ebenfalls für eine engere
Hauskatzen wurden also höchstwahr- Alle untersuchten Kiefer ließen sich der Beziehung zum Menschen.
scheinlich zweimal unabhängig voneinan- Bengalkatze zuordnen. Die Forscher hatten Nicht verwechseln sollte man die asiati-
der an den Menschen gewöhnt: zum einen dabei ein geometrisches Morphometrie- sche Bengalkatze übrigens mit der gleich-
im Nahen Osten und ein zweites Mal in verfahren benutzt, das die Form der Kno- namigen Hauskatzenrasse. Diese gibt es
China. Allerdings scheint letztere Annähe- chen computergesteuert anhand diverser erst seit etwa 50 Jahren: Sie entstand aus
rung von Tier und Mensch nur von be- Messpunkte erfasst. einer Kreuzung der wilden Bengalkatze
grenzter Dauer gewesen zu sein, da alle Die damals lebenden Katzen sind also mit gewöhnlichen Hauskatzen. 
heute in Ostasien lebenden Hauskatzen, nicht, wie zunächst vermutet, aus dem Na-
wie andernorts auch, auf die Wildkatze zu- hen Osten nach China gebracht worden, (Spektrum.de, 29. Januar 2016)
rückgehen. sondern waren Abkommen der asiatischen
Die Forscher um Jean-Denis Vigne von Bengalkatze. Dass diese frühen Hauskat-
der Université Paris-Sorbonne in Paris un- zen wenigstens teilweise domestiziert wa-

17
GESCHICHTE

Wie Katzen die Welt eroberten


(und ein paar Wikingerschiffe) von Ewen Callaway

ISTOCK / SYLPHE_7
18
Exklusive Übersetzung aus

T
ausende Jahre, bevor lustige Institut Jacques Monod in Paris. Sie präsen- chondriale DNA der Überreste von gleich
Katzenvideos das Internet tierte die Untersuchung gemeinsam mit 209 Katzen, die Experten in mehr als 30
überschwemmten, strichen ihren Kollegen Claudio Ottoni und Thierry Ausgrabungsstätten in Europa, dem ­Nahen
die Samtpfoten durch das alte Grange auf dem siebten internationalen Osten und Afrika frei legten. Die Proben
Eurasien und Afrika – im Symposium für biomolekulare Archäolo- datieren von der Mittelsteinzeit – der Zeit
Schlepptau von Farmern, Seefahrern und gie in Oxford. unmittelbar vor dem Beginn der Landwirt-
sogar von Wikingern. Das zeigt nun die ers- In einer 9500 Jahre alten menschlichen schaft, als die Menschen noch als Jäger und
te umfassende Analyse historischer und Grabstätte auf Zypern entdeckten Forscher Sammler lebten – bis hinein ins 18.   Jahr-
prähistorischer Katzen-DNA. Für die Stu- auch die Überreste einer Katze. Das weist hundert. Die Katzenpopulationen schei-
die, die Forscher am 15. September 2016 auf darauf hin, dass die Verbindung zwischen nen in zwei Wellen gewachsen zu sein, ent-
einer Konferenz vorstellten, sequenzierten Mensch und Katze mindestens seit dem deckten die Autoren. Wildkatzen aus dem
sie das Erbgut von mehr als 200 Katzen, die Beginn der Landwirtschaft besteht, die im Nahen Osten mit einer speziellen mito-
vor 15 000 Jahren bis hinein ins 18. Jahr- Fruchtbaren Halbmond vor rund 12 000 chondrialen Abstammungslinie breiteten
hundert in verschiedenen Ländern auf der Jahren ihren Anfang nahm. Die alten Ägyp- sich mit den frühen bäuerlichen Gemein-
Welt gelebt hatten. ter könnten wilde Katzen vor etwa 6000 schaften bis in den östlichen Mittelmeer-
Wissenschaftler wissen bislang recht Jahren gezähmt haben; unter den späteren raum aus. Geigl vermutet, dass die Getrei-
wenig über die Domestizierung der Katze Dynastien wurden Katzen millionenfach devorräte der ersten Farmer Nagetiere an-
und streiten noch darüber, ob die Hauskat- mumifiziert. Eine der wenigen Studien lockten – und diese wiederum Wildkatzen.
ze (Felis silvestris catus) wirklich ein domes- über historische und prähistorische Kat- Nachdem die Menschen begriffen, welchen
tiziertes Tier ist – ob sie sich hinsichtlich zen-DNA beschäftigt sich mit mitochond- Vorteil die Gesellschaft der Samtpfoten ha-
des Verhaltens und der Anatomie also deut- rialer DNA (die im Gegensatz zur Kern-DNA ben kann, begannen sie möglicherweise
lich von ihren wilden Verwandten unter- nur mütterlicherseits vererbt wird) von damit, die Tiere zu zähmen.
scheidet. »Wir kennen die Geschichte der drei mumifizierten ägyptischen Katzen.
historischen und prähistorischen Katzen Geigls Team hat auf solchen Erkenntnis- Samtpfoten an Bord
nicht, wissen nichts über ihre Herkunft sen aufgebaut, den Ansatz aber auf einen Tausende Jahre später eroberten Katzen,
oder wie sie sich ausgebreitet haben«, sagt deutlich größeren Maßstab ausgedehnt. die von Vorfahren aus Ägypten abstamm-
Eva-Maria Geigl, Evolutionsgenetikerin am Die Wissenschaftler analysierten mito- ten, schließlich rasch Eurasien und Afrika.

19
Mitochondriale DNA-Merkmale, die bei Geigls Team analysierte auch Kern-DNA-
ägyptischen Katzenmumien zwischen 400 Sequenzen, die Katzen mit Tabbymuster
v. und 400 n. Chr. verbreitet waren, traten ihr geflecktes Fell verleihen. Die Mutation,
zur gleichen Zeit auch bei Katzen in Bulga- die dafür verantwortlich ist, tauchte nicht
rien, der Türkei und Subsahara-Afrika auf. vor dem Mittelalter auf, entdeckten die

E. MICHAEL SMITH (CHIEFIO) / CAT MUMMY AT ROSECRUCIAN EGYPTIAN MUSEUM, SAN JOSE, CALIFORNIA / PUBLIC DOMAIN
Seefahrer hielten vermutlich Katzen, um Forscher. Geigl hofft, dass sie künftig noch
Nagetiere in Schach zu halten, sagt Geigl. mehr Kern-DNA von historischen und prä-
Ihr Team fand Katzenüberreste mit dieser historischen Katzen sequenzieren kann.
Abstammungslinie ebenfalls in Wikinger- Die Geldmittel für moderne Katzengeno-
stätten im Norden Deutschlands, die auf mik seien allerdings knapp. Das sei einer
eine Zeit zwischen dem 8. und 11. Jahrhun- der Gründe dafür, dass sie der Hundefor-
dert n. Chr. datiert werden können. schung noch weit hinterherhinke. Zum
»Die Studie enthält so viele spannende Vergleich: Auf derselben Konferenz ver-
Beobachtungen«, sagt Pontus Skoglund, kündete ein Team, das sich mit der Domes-
Populationsgenetiker an der Harvard Me- tikation von Hunden befasst, es bereite
dical School in Boston, Massachusetts. »Ich sich nun darauf vor, die Kern-DNA von
wusste nicht einmal, dass es überhaupt Wi- mehr als 1000 verstorbenen Hunden und
kingerkatzen gab.« Er ist außerdem beein- Wölfen zu untersuchen. Der scherzhaften
druckt davon, dass Geigls Team wirkliche Anmerkung, dass Hunde unter Forschern
Bevölkerungsverschiebungen anhand von schlicht populärer zu sein scheinen als Kat-
mitochondrialer DNA ausmachen konnte, zen, widerspricht Geigl allerdings: »Wir
die nur eine einzige mütterliche Ahnenli- können das auch schaffen. Wir brauchen
nie nachzeichnet. Dennoch denkt Skog- nur das Geld dazu.« 
lund, dass vor allem DNA aus dem Zellkern
GEFÄHRTEN BIS IN DEN TOD die noch bleibenden Fragen zum Thema Dieser Artikel ist im Original unter dem Titel »How cats
Menschen und Katzen leben vermutlich schon Katzendomestikation und -ausbreitung conquered the world (and a few Viking ships)« bei »Nature«
seit Jahrtausenden zusammen. Darauf deuten klären könnte – etwa hinsichtlich ihrer Ver- erschienen.
Katzenmumien wie diese aus dem Rosecrucian wandtschaft mit Wildkatzen, mit denen sie
Egyptian Museum in San Jose, Kalifornien, hin. sich nach wie vor kreuzen. (Spektrum.de, 23. September 2016)

20
INVASIVE ARTEN

Wer brachte die Katzen


nach Australien? von Daniel Lingenhöhl

ISTOCK / JOHNCARNEMOLLA
21
Gelangten die Vierbeiner mit den Europäern nach Australien –
oder mit asiatischen Fischern? Die DNA enthüllt die Zuwanderungs­
geschichte der Hauskatzen.

R
und 30 Millionen verwilder- zurückrechnen, wann die Tiere ungefähr Forscher hatten zuvor vermutet, dass Kat-
ter Hauskatzen soll es in Aus- nach Australien kamen – und feststellen, zen bereits Mitte des 17. Jahrhunderts mit
tralien geben, die mit ihrem woher sie überhaupt stammten. asiatischen Seegurkenfischern in Australi-
Jagdeifer auf einheimische Ihre Studie bestätigt eine Theorie, nach en aufgetaucht sein könnten.
Säugetier-, Vogel- und Reptili- der europäische Siedler die Katzen im »Der Zeitpunkt der Einschleppung hilft,
enarten für Ökologen einen ziemlichen 18. Jahrhundert eingeführt haben: Wahr- die Auswirkung einer invasiven Art auf die
Albtraum darstellen. Doch wer brachte die scheinlich sollten die kleinen Raubtiere Na- heimische Fauna zu verstehen. Wir können
Tiere überhaupt auf den fünften Konti- getiere an Bord der Kolonialistenschiffe nun gezielt die Aussterbeereignisse ur-
nent? Sicher ist, dass Katzen ein relativer und in der neuen Heimat dezimieren. Vor sprünglicher Tierarten in Australien mit
Neuankömmling in Australien sind, denn allem deren Nachfahren breiteten sich dann dem Auftreten der eingeführten Katzen in
im Gegensatz zur Hundeart der Dingos, die über das gesamte Land aus, und viele besie- Verbindung setzen«, so fasst Koch zusam-
vor mindestens 3500 Jahren den Sprung delte Inseln wie Tasmanien. Auf dem Fest- men. Verwilderte Hauskatzen gelten neben
von Asien auf den Südkontinent schafften, land erfährt die verwilderte Katzenpopula- Füchsen als die problematischsten invasiven
besiedeln Katzen die Region erst seit weni- tion zudem beständig eine genetische Auf- Spezies in der Region. Sie werden für das Aus-
gen Jahrhunderten. Wie lange genau, ana- frischung durch Hauskatzen, weshalb sich sterben von mindestens 27 Beuteltierarten
lysierten Katrin Koch vom Senckenberg in diesen Linien viele Belege für eingekreuz- verantwortlich gemacht; weitere 100 sind
Biodiversität und Klima Forschungszent- te asiatische Tiere finden. Dagegen sind die vor allem deswegen im Bestand bedroht. Zu-
rum Frankfurt anhand der mitochondria- Populationen auf kleineren Inseln noch re- dem scheitern viele Auswilderungsprogram-
len DNA und anderer genetischer Marker, lativ ursprünglich. Sie gelten als Überbleib- me am Vorhandensein beider Raubtiere. Die
die sie von 266 Katzen aus verschiedenen sel der historischen Genotypen. Manche Regierung gibt daher jedes Jahr mehrere
australischen Festland- und Inselregionen der Festlandkatzen tragen dagegen auch hundert Millionen australischer Dollar aus,
gewonnen hatten. Verglichen mit Katzen- Erbgut von asiatischen Katzen in sich, die um die Katzen zu bekämpfen. 
erbgut europäischer und asiatischer Ver- erst später nach Süden gelangt sind; diese
treter konnten sie über Genveränderungen Linien dominieren jedoch nicht – manche (Spektrum.de, 7. Dezember 2015)

22
HAUSTIERE

Wie Katzen uns


und die Welt sehen
von Felicity Muth

ISTOCK / SEREGRAFF
23
Katzen sind die beliebtesten Haustiere. Und sie sind zu erstaunlichen
geistigen Leistungen fähig: 9 Fakten zur Kognition der Vierbeiner.

W
enig überraschend set- chen, zu sehen und ihre Schnurrhaare zur Die Objektpermanenz der Vierbeiner
zen Wissenschaftler Reizerkennung einzusetzen. Die olfaktori- Unter Objektpermanenz versteht man die
bei Verhaltensexperi- sche Wahrnehmung (das Riechvermögen) Fähigkeit, sich ein Objekt zu »merken«,
menten lieber und ist vor allem für Katzenbabys wichtig, denn auch wenn sich dieses aus dem Blickfeld
häufiger Hunde als sie beeinflusst maßgeblich die Beziehung bewegt. Mit anderen Worten: zu wissen,
Katzen ein; ganze Forschergruppen und zur Mutter. Auf akustische Reize reagieren dass das Verschwinden einer Sache nicht
Fachtagungen beschäftigen sich mit dem junge Katzen dagegen erst im Alter von 11 bedeutet, dass diese für immer weg ist.
Thema »Hundekognition«, was dazu ge- bis 16 Tagen, visuelle Reize werden sogar Rollt beispielsweise ein Ball unter ein Sofa,
führt hat, dass wir unsere vierbeinigen erst nach 16 bis 21 Tagen wahrgenommen. so wissen wir, dass dieser noch da ist, auch
Freunde immer besser verstehen. Katzen Geruchssignale spielen auch im weite- wenn wir ihn nicht mehr sehen können.
sind dagegen von Natur aus weniger ko- ren Leben von Katzen eine wichtige Rolle; Beim Menschen entwickelt sich diese Fä-
operativ, verhalten sich in sozialen Situati- erwachsene Tiere setzen Duftmarken, um higkeit recht früh; Kleinkinder unter zwei
onen nervöser und eignen sich deshalb ihr Revier zu markieren, und können die Jahren sind bereits in der Lage, Dinge im
schlechter für experimentelle Untersu- Territorien anderer Individuen über die Gedächtnis zu behalten. Jeder, der schon
chungen. Kristyn Shreve und Monique Nase erkennen. Wie auch bei Hunden lie- einmal eine Spielzeugmaus unter einem
Udell trugen das bislang gesammelte fert der Duft ihrer Artgenossen den Katzen Möbelstück verschwinden ließ und dabei
Wissen über das Denken unserer (manch- soziale Informationen. Trotz der Bedeu- von einer Katze beobachtet wurde, die der
mal auch recht abweisenden) Begleiter zu- tung von Gerüchen für Katzen konzent- Maus hinterherstarrte, würde richtigerwei-
sammen. riert sich bei diesen Tieren der weitaus se vermuten, dass auch Katzen Objektper-
größte Teil der Verhaltensexperimente manenz entwickelt haben.
Die Sinneswahrnehmung der Katzen dennoch schwerpunktmäßig auf das Seh- In einem Experiment zeigte beispiels-
Einer der am besten untersuchten Berei- vermögen. Unser derzeitiges Wissen, wie weise ein Versuchsleiter einer Katze ein
che der Katzenkognition ist ihre Wahrneh- Katzen die Welt über ihre Nase wahrneh- Futterversteck, woraufhin das Tier tatsäch-
mung, also ihre Fähigkeit zu hören, zu rie- men, ist also ziemlich begrenzt. lich kurze Zeit später dort nach Nahrung

24
suchte. Zudem können sich Katzen an-
scheinend nicht nur ein Objekt merken,
das aus ihrer Sichtweite verschwindet. Sie
schlussfolgern auch, wohin es gelangt sein
muss – selbst wenn sie nicht direkt sehen,
wie jemand das Objekt bewegt. Um dies im
Versuch zu überprüfen, wird einer Katze
ein Behälter mit Futter gezeigt, den der Ver-
suchsleiter dann hinter einem Sichtschutz
verschwinden lässt. Das Futter wird heim-
lich entfernt, und die Katze bekommt den
leeren Behälter zu sehen. Sollte das Tier
jetzt schlussfolgern, dass das Futter hinter
dem Sichtschutz versteckt ist, müsste es
die Nahrung an jener Stelle suchen. Bei die-
sem so genannten »invisible displacement
test« schneiden Katzen vielleicht nicht
ganz so gut ab wie Hunde, es ist bislang je-
doch schwer zu sagen, ob das Ergebnis tat-
sächlich die Fähigkeiten der Tiere wider-
spiegelt oder vielleicht nur dem experi-
mentellen Design geschuldet ist.

SCHLECHT GELAUNTE KATZE


Werden Katzen sehr früh auf Menschen ge-
ISTOCK / KOLDUNOVA

prägt, können sie sehr anhänglich werden –


sonst sind sie von uns vielleicht eher mal ge-
nervt.

25
KATZE MIT SPIELZEUGMAUS
Die Objektpermanenz von Katzen ist weniger
gut als die von Hunden – doch wenn Forscher

ISTOCK / ROSSELLA CERISOLA


ihre Spielzeugmaus verstecken, haben sie
eine gewisse Ahnung, wo sie suchen müssen.

26
Physikalische Kausalität erkennen doch ebenso eher auf den Versuchsaufbau hälter blickten als zu einem stummen.
Kognitionsforscher gehen häufig der Frage zurückzuführen sein und weniger auf die Doch auch widersprüchlichen Vorgängen
nach, ob Tiere »physikalische Gesetzmä- begrenzten Fähigkeiten der Katzen. Oder schenkten sie mehr Aufmerksamkeit als
ßigkeiten« verstehen: ob ein Tier begreift, aber es liegt ganz einfach daran, dass Kat- solchen mit erwartbarem Ergebnis – ganz
wie die Objekte in seiner Umgebung mitei- zen nun mal gern an Schnüren ziehen – ob so, als würden sie ahnen, dass da etwas faul
nander in Verbindung stehen. Vögel wer- daran Futter hängt oder nicht. ist.
den beispielsweise in Versuchsanordnun- An anderer Stelle haben Katzen aller-
gen getestet, in denen sie Futter erreichen dings belegt, dass sie durchaus zu physika- Unterscheidung von Mengen
müssen, das am Ende von senkrecht herab- lischen Schlussfolgerungen in der Lage Auf diesem Gebiet gibt es nur wenige For-
hängenden Schnüren befestigt ist. Dabei sind: Sie reagieren verdutzt, wenn physika- schungsaktivitäten, allerdings können Kat-
sollte der Vogel genau verstehen, auf wel- lische Regeln scheinbar nicht eingehalten zen lernen, zwischen zwei und drei Punk-
che Art und Weise er die Schnur unter Zu- werden. Sie beobachteten in einem Ver- ten zu unterscheiden. Das heißt, sie sind in
hilfenahme seines Schnabels und seiner such, wie ein Behälter zunächst geschüttelt der Lage, kleine Größenunterschiede zu er-
Füße nach oben ziehen muss, um an die und anschließend auf den Kopf gedreht kennen.
Belohnung zu gelangen. Derartige Unter- wurde. Manche Durchläufe verliefen nach
suchungen wurden mit Katzen bisher lei- einem wenig überraschenden Schema: Die Soziales Bewusstsein
der kaum durchgeführt; allerdings gibt es Katzen hörten zunächst ein ratterndes Ge- Während die Hauskatze von vielen Men-
eine Studie, in der die Tiere ihre Fähigkei- räusch beim Schütteln des Behälters und schen als Einzelgänger angesehen wird, su-
ten in einem solchen Experiment unter Be- konnten anschließend mitansehen, wie chen sich frei laufende Hauskatzen an-
weis stellen konnten. Bei dieser Versuchs- ein Objekt herausrollte, wenn dieser um- scheinend ganz gezielt bestimmte Indivi-
anordnung war ein Teil der Schnüre »sinn- gedreht wurde. Andere Durchgänge schie- duen, mit denen sie sich auf ihren
voll« am Futter befestigt, andere verliefen nen dagegen den Regeln der Physik zu wi- Streifzügen herumtreiben. Während eini-
jedoch horizontal oder über Kreuz in einer dersprechen: Die Tiere hörten etwa ein Ge- ge dieser Interaktionen aggressiver Natur
(zumindest für uns) ungeeigneten Weise, räusch beim Schütteln des Bechers, aber es sind, geschehen andere aus reiner Neugier
um die Nahrung durch Ziehen erreichen fiel nichts heraus. Oder sie hörten nichts, oder sogar, um Kontakt aufzunehmen. Kat-
zu können. Die Katzen schienen bei diesem und trotzdem kam am Ende ein Objekt zen haben ebenfalls unterschiedliche Be-
Experiment nicht zu verstehen, was eigent- zum Vorschein. Die Auswertung der Video- ziehungen zu verschiedenen Personen. Üb-
lich vor sich ging, denn sie zogen wahllos aufnahmen zeigte, dass die Katzen grund- licherweise lernen die Tiere während der
an sämtlichen Schnüren. Dies könnte je- sätzlich länger zu einem rappelnden Be- ersten zwei bis sieben Wochen ihres Lebens

27
KATZE SPIELT MIT SCHNUR
Ziehen sie einfach nur gern an Schnüren?
Oder reicht die Physikwahrnehmung der Kat-
ze nicht so weit, dass sie erkennt, an welchen
Schnüren sie für ihre Belohnung ziehen
muss? Das ist noch nicht endgültig geklärt.

ISTOCK / AZALIYA
28
HABEN KATZEN EIN GESPÜR FÜR ZAHLEN?
Auch das wurde noch nicht ausreichend
getestet. Aber erste Ergebnisse weisen da-
rauf hin, dass sie zumindest in kleinerem
Umfang Mengen erkennen können.

ISTOCK / REP0RTER
29
soziales Verhalten – sowohl im Umgang KATZE VOR GEFÜLLTEM FUTTERNAPF
mit anderen Katzen als auch mit Men- Wenn es ums Fressen geht, können Katzen
schen. Allgemein gilt, dass Katzen, die in besonders aufdringlich schnurren.
dieser entscheidenden Phase mehr Kon-
takt zu Menschen hatten, sich diesen ge-
genüber auch für den Rest ihres Lebens zu-
traulicher verhalten.

Empfänglichkeit für menschliche Signale


Katzen wurden als Haustiere gezüchtet
und leben schon seit langer Zeit in Gesell-
schaft des Menschen – man würde also er-
warten, dass sie menschliche Signale in ge-
wissem Ausmaß deuten können. Jeder Kat-
zenbesitzer weiß allerdings, dass die Tiere
nicht immer ganz so reaktionsfreudig sind,
wie wir uns vielleicht wünschen.
Wir Menschen versuchen häufig mit
Tieren in unserer Umgebung zu interagie-
ren, indem wir auf Dinge zeigen. Da es sich
hierbei um ein typisch menschliches Kom-
munikationswerkzeug handelt, macht die-
ses Verhalten eher unsere eigenen Grenzen
als die unserer tierischen Freunde deut-
lich. Eine Studie von Ádám Miklósi und
Mitarbeitern aus dem Jahr 2005 ergab den-
ISTOCK / SDOMINICK

noch, dass Katzen tatsächlich menschli-


chen Gesten folgen können, um Nahrung
zu finden. Die Forscher untersuchten eben-

30
KATZE SITZT VOR DEM COMPUTER
Katzen lassen sich in Verhaltenstests nicht
so leicht untersuchen wie Hunde. Mit be-

ISTOCK / MACIEJ LASKA


stimmten Aufgaben kann man ihre Aufmerk-
samkeit aber fesseln.

NB
31
falls, ob Katzen generell bei Menschen Hil- her, anscheinend um ihre eigene Reaktion sächlich an Bewegungen der Ohren oder
fe suchten, wenn sie eine Aufgabe nicht er- auszuloten. Die Tiere sprachen ebenfalls des Kopfes sichtbar und weniger daran,
ledigen konnten. Dies taten die Tiere je- auf die Gefühlsreaktion ihrer Besitzer an: dass sich das Tier – wie etwa ein Hund – in
doch nicht. Sahen diese verängstigt aus, bewegten sich die Richtung der Stimme bewegte.
In einer weiteren Arbeit gingen Wissen- die Katzen eher vom Ventilator weg und in-
schaftler der Frage nach, ob sich Katzen in teragierten mit den Menschen. Dieses Er- Kommunikation per Miau
Situationen, die sie als unsicher empfin- gebnis ist schwierig zu interpretieren; nach Junge Katzen besitzen etwa neun unter-
den, an den Menschen wenden. Dieses so Ansicht der Autoren suchten die Katzen schiedliche Arten der Lautäußerung, er-
genannte »soziale Referenzieren« ist ein möglicherweise bei ihren Besitzern nach wachsene Tiere dagegen ungefähr 16. Inte-
Verhalten, das sowohl Kinder als auch Er- Geborgenheit. Die Ergebnisse weiterer Stu- ressanterweise unterscheiden sich auch
wachsene zeigen. So kann zum Beispiel ein dien zeigen gleichermaßen, dass Katzen Hauskatzen und wild lebende Katzen in ih-
Clown zunächst Furcht erregend wirken, auf menschliche Gefühlslagen reagieren: rer Vokalisation. Das deutet darauf hin,
doch wenn alle anderen Spaß haben, ler- Sie suchen seltener die Nähe von Men- dass die Beziehung zum Menschen einen
nen wir schnell, dass wir in dieser Situation schen, die sich traurig fühlen, und gehen Einfluss auf die »Katzensprache« hat. Einer
keine Angst haben müssen (wobei es na- eher auf jene zu, die sich in extrovertierter der vielleicht bekanntesten Töne von Kat-
türlich immer Ausnahmen gibt). Um das oder aufgeregter Stimmung befinden. Wa- zen ist das Schnurren. Die Tiere schnurren
Phänomen bei Katzen zu überprüfen, kon- rum dies so ist, bleibt allerdings unklar. allerdings nicht nur, wenn sie von Men-
frontierte man sie mit einem Ventilator, an schen gestreichelt werden, sondern auch
dem Luftschlangen befestigt waren und Erkennen menschlicher Stimmen im Umgang mit Artgenossen und Jungtie-
der potenziell bedrohlich auf die Tiere Im Jahr 2013 demonstrierten die Wissen- ren. Darüber hinaus verändern Katzen ihr
wirkte. Eine Katze wurde zusammen mit schaftler Atsuko Saito und Kazutaka Shino- Schnurren, um der Lautäußerung eine an-
ihrem Besitzer in einen Raum gebracht, zuka, dass Katzen die Stimme ihres Halters dere Bedeutung zu geben. Fordern sie zum
der Ventilator wurde eingeschaltet, und erkennen können. Um dies nachzuweisen, Beispiel von ihrem Besitzer Futter, wird das
der Katzenhalter sollte entweder neutral, spielten die Forscher Katzen Tonaufnah- Schnurren dringender und unangeneh-
verängstigt oder zufrieden/entspannt re- men vor, auf denen die Tiere von ihrem Be- mer; dabei betten die Tiere für gewöhnlich
agieren. sitzer oder anderen Menschen beim Na- auch ein hohes Miauen in das tiefe Schnur-
Die meisten Katzen (rund 80 Prozent), men gerufen wurden. Die Katzen reagier- ren ein. Ob allerdings diese Art der Forde-
so fanden die Forscher heraus, schauten ten am stärksten, wenn ihr Halter nach rung nach Fressen spezifisch für die Bezie-
zwischen Ventilator und Mensch hin und ihnen rief; die Reaktion wurde dabei haupt- hung zwischen Katze und Mensch ist oder

32
MANN KUSCHELT MIT KATZE
Tatsächlich scheinen Katzen eine stärkere
Bindung an ihren Halter als an fremde
Personen zu haben. Vielleicht ist das
einigen Menschen ein kleiner Trost.
ISTOCK / 1001SLIDE

33
auch in anderem Zusammenhang einge-
setzt wird, ist zurzeit noch nicht bekannt.
ihren Halter besitzen, die stärker ist als an
fremde Personen – dies mag einigen viel-
KOMPAKT
leicht ein kleiner Trost sein.
Bindung an den Besitzer Katzen erleben anscheinend auch Tren-
2007 führten Claudia Edwards und Mitar- nungsangst; auch das weist auf eine Ver-
beiter den so genannten »Ainsworth Stran- bundenheit zu ihren Besitzern hin. Werden
ge Situation Test« durch, um zu überprü- sie von ihren menschlichen Bezugsperso-
fen, ob Katzen enger an ihren Besitzer ge- nen getrennt, zeigen die Tiere häufiger
bunden sind als an einen beliebigen Stressverhalten, wie etwa Urin- und Kotab-
anderen Menschen. Bei diesem Test wurde satz an unpassenden Stellen, übermäßige
die Katze in einen Raum gebracht und Lautäußerung, Zerstörungsdrang sowie
musste dort entweder allein, zusammen übertriebene Fellpflege.
mit ihrem Besitzer oder mit einer fremden Während die bestehenden Untersu-

BIENEN,
Person bleiben. Die Forscher stellten fest, chungen zur Kognition bei Katzen dazu
dass die Tiere länger Körperkontakt mit ih- beigesteuert haben, zumindest einige Fä-
rem Halter suchten als mit der fremden higkeiten unserer schwer zu durchschau-

HUMMELN,
Person. Außerdem liefen sie ausschließlich enden Hausgenossen ans Licht zu bringen,
hinter ihrem Besitzer her und spielten nur ist ein Großteil des Verhaltens von Katzen
mit diesem. In Anwesenheit ihres Besitzers immer noch wenig untersucht, und es gibt

WESPEN
zeigten sich die Katzen im Allgemeinen er- viele Aspekte, die wir nicht verstehen. Eine
kundungs- und bewegungsfreudiger. Wa- umfassendere Kenntnis des Katzenverhal-
ren die Tiere allein oder in Gegenwart der tens und wie wir es beeinflussen, wird zu
fremden Person, verhielten sie sich wach- einem besseren Miteinander von Mensch Aerodynamik | Wie Hummeln fliegen
samer und saßen längere Zeit in der Nähe und Katze und einem gesteigerten Wohler- Ökologie | Das bedrohte Summen
der Tür. Die meisten Lautäußerungen ga- gehen dieser Tiere führen. Und hoffentlich Sozialverhalten | Gesichtskontrolle im Wespennest
ben die Katzen von sich, wenn sie sich al- trägt es auch dazu bei, die Zahl der Katzen
lein im Raum befanden. Es scheint also, zu verringern, die in Tierheimen landen
FÜ R N U R
dass Katzen tatsächlich eine Bindung an oder eingeschläfert werden. 
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 SCHLICHTING!

Schlabbern mit Stil


von H. Joachim Schlichting
Ihre Anatomie hindert Katzen und Hunde daran, Flüssigkeiten
einfach einzusaugen. Den Durst können die Tiere nur dank
einiger Tricks stillen.

ISTOCK / ORANIT6666
35
W
er trinkt, tut das ein- und Mund luftdicht verschließen. Dann
fach und fragt nicht, lassen sie darin einen Unterdruck entste-
wie der Vorgang ei- hen und saugen das Wasser einfach ein. Die
gentlich vonstatten- Backen von Katzen und Hunden sind je-
geht. Doch die Beob- doch nur unvollständig ausgebildet, ihnen
achtung unserer Mitgeschöpfe bringt eine wird daher die Zunge zum entscheidenden
erstaunliche Vielfalt zu Tage. »Das Pferd Hilfsmittel. Wer die Tiere beobachtet, könn-
»Es muß in der Physik
saugt, wenn es trinkt, der Ochse schlurft, te den Eindruck gewinnen, dass sie diese
der Hund leckt und der Vogel schöpft und beim Trinken ein wenig nach Art einer fast alles neu untersucht
gießt ein ... Der Mensch kann es nach allen Schöpfkelle formen. Mit einer solchen Ver-
werden, selbst die
Arten. Er saugt an der Mutter-Brust schon mutung hatten sich auch die meisten For-
und beständig wenn er ordentlich stark scher lange Zeit zufriedengegeben. bekanntesten Dinge, weil
trinkt, den Tee schlurft er mit erweiterter Dann aber kam Roman Stocker vom man gerade da am
Brust ein, und wenn er aus einer Bouteille Massachusetts Institute of Technology
mit einem engen Hals trinkt, so gießt er«, (MIT) in Cambridge, USA, zu der Ansicht, wenigsten etwas Neues
beobachtete bereits der erste deutsche Ex- dass das nicht die volle Wahrheit sein kann. oder Unrichtiges vermutet«
perimentalphysiker Georg Christoph Lich- Seine Katze ging nämlich stets ruhig und
tenberg. Damit umriss er ein Untersu- anmutig zu Werke – kaum vorstellbar, dass [Georg Christoph Lichtenberg]
chungsprogramm, das Wissenschaftler zungenverrenkendes Schlabbern dabei die
noch heute beschäftigt. Hauptrolle spielte. Stocker und Kollegen
Für landlebende Wirbeltiere stellt das machten sich also daran, das Geheimnis zu
Trinken physikalisch eine Herausforde- lüften. Ihre Aufnahmen mit High-Speed-
rung dar. Sie finden frisches Wasser in Tei- Kameras zeigen, dass die Katze mit der
chen, Pfützen oder – im Fall von Haustie- nach unten abgeknickten Zungenspitze
ren – in Schalen vor und müssen es dann die Wasseroberfläche kurz berührt, sie je-
gegen die Schwerkraft aufwärtsbewegen. doch nicht durchstößt. An der hydrophilen
Schweinen, Schafen, Pferden (und Men- Zungenoberfläche haftet das Wasser gut
schen) macht es die Natur recht leicht, und wird angehoben, sobald die Zunge wie-
denn dank ihrer Backen können sie Maul der nach oben schnellt.

36
Nun kommt zusätzlich die Schwerkraft SCHLABBERNDE KATZE
ins Spiel: Sie beschleunigt das Wasser nach
unten und zieht es damit in die Länge. Kurz
bevor die Flüssigkeitssäule reißen kann
und der Großteil des Wassers wieder zu-
rückfällt, schließt die Katze das Maul und
beißt den oberen Teil der Säule einfach ab.
Die Rückseite der eingezogenen Zungen-
spitze kommt nun auf dem Gaumen zu lie-
gen und schließt das Wasser zwischen des-
sen Querleisten ein. Von hier aus gelangt es
schließlich in den Magen.

Mechanisches Katzenmodell
Eine weitere Vermutung widerlegten die
Aufnahmen ebenfalls. Dieser zufolge spie-
len auch die haarähnlichen rauen Struktu-
ren auf der Zunge eine Rolle beim Flüssig-
keitstransport. Doch tatsächlich benutzen
die Tiere nur die Zungenspitze – und die ist
völlig glatt.
Die MIT-Forscher konstruierten sogar
ein mechanisches Modell. Dabei wird eine
runde Glasscheibe computergesteuert auf
einer Flüssigkeitsoberfläche aufgesetzt
und wieder angehoben. Glas, das sich leicht
von Wasser benetzen lässt, reproduziert
die Adhäsionswirkung der nassen Zunge

ISTOCK / PUTTPAII
recht gut. Indem die Forscher die Kräfte ab-

37
schätzten, die bei diesem künstlichen Trin- Dann aber machten sie einen Fehler. In Bemerkenswerterweise war es in beiden
ken auftraten, gewannen sie schließlich ein ihrer Publikation unterstellten sie dem Fällen wohl erst die persönliche Beziehung
Bild von der Dynamik des Vorgangs. Dem- Hund ohne genauere Prüfung, dass er an- zu bestimmten Tieren, welche die Arbeiten
nach dominieren die Trägheit, mit der die ders als eine Katze seine Zunge eben doch überhaupt motivierte. Und mehr noch:
beschleunigte Flüssigkeit ihren Weg nach zur Schöpfkelle verformt, deren Inhalt er Beim zweiten Team stand das wissen-
oben fortsetzen »möchte«, und die Schwer- irgendwie ins Maul schlabbert. Doch war- schaftliche Anliegen womöglich sogar im
kraft, die dieser Aufwärtsbewegung entge- um sollten Hund und Katze, deren Mund- Hintergrund. Es ging ihm anscheinend we-
genwirkt. Oberflächenspannung und Vis- bereiche einander sehr ähnlich sind, auf niger darum, die ohnehin kaum haltbare
kosität der Flüssigkeit spielen dagegen nur unterschiedliche Weise trinken? Eine Reak- Behauptung einer vermeintlichen Sonder-
eine untergeordnete Rolle. tion ließ denn auch nicht lange auf sich stellung der Katze zu widerlegen, als zu ver-
Da am Ende stets die Schwerkraft siegt warten. Der Hundebesitzer Alfred Cromp- hindern, dass der Hund zumindest impli-
und zum Abreißen der Flüssigkeitssäule ton – Professor an der Harvard University, zit als weniger kultiviert dargestellt wird
führt, muss die Katze ihr Maul zu einem die in unmittelbarer Nachbarschaft des als die Katze. 
geeigneten Zeitpunkt schließen. Sie tut das MIT gelegen ist, hatte nach der Lektüre das
just in dem Moment, in dem die Flüssig- Gefühl, für die Hunde einstehen und eine (Spektrum der Wissenschaft, 10/2013)
keitsaufnahme maximal wird. Dazu muss Gegendarstellung verfassen zu müssen:
sie die gegenläufigen Wirkungen von Träg- »We felt we should stand up for the dogs Crompton, A. W., Musinsky, C.: How Dogs lap: Ingestion and
heit und Schwere genau abschätzen. and write this paper.« Intraoral Transport in Canis familiaris. In: Biology Letters
Schleckt die Katze zu schnell, so reißt die Gemeinsam mit Kollegen machte er 23, S. 882-884, 2011
Flüssigkeitssäule ab, bevor sie die maxima- sich an eine eigene Untersuchung. Und tat- Reis, P. M. et al.: How Cats Lap: Water Uptake by Felis Ca-
le Höhe erreicht, und schleckt sie zu lang- sächlich: Der einzige Unterschied zwischen tus. In: Science 330, S. 1231-1234, 2010
sam, schließt sie das Maul zu spät, weshalb dem Trinken von Hund und Katze liegt
ihr auch dann ein Teil der Flüssigkeit ent- wohl darin, dass die angewinkelte Zungen-
geht. Großkatzen schlecken übrigens lang- spitze des Hundes die Flüssigkeitsoberflä-
samer. Denn die optimale Frequenz hängt che nicht nur berührt, sondern meist
eng mit dem Körpergewicht zusammen, durchdringt. Allerdings: Quasi als Neben-
wie die Wissenschaftler anhand zahlrei- effekt füllt sich dabei auch eine Zungen-
cher Aufnahmen von Mitgliedern der Feli- «Kelle« und führt zu der für das Hundet-
dae nachweisen. rinken so typischen Schweinerei.

38
SINNE

Katzen schmecken anders


von Daniela Zeibig
Hauskatzen nehmen ein anderes ­Geschmacksrepertoire
an Bitterstoffen wahr als der Mensch.
ISTOCK / GLOBALP

39
K
atzen sind dafür bekannt, zeptor beispielsweise nicht auf den künst-
wählerische Esser zu sein. lichen Süßstoff Saccharin an, der beim Von wegen Naschkatzen:
Um der Antwort auf die Menschen einen leicht bitteren Nachge-
Frage, warum die Samtpfo- schmack hinterlässt.
ten oftmals recht unvor- Die Erkenntnisse deuten darauf hin,
hersehbare Ernährungsvorlieben entwi- dass Katzen offenbar ein geringeres, in je-
ckeln, ein Stück näherzukommen, haben dem Fall aber ein anderes Repertoire an

ISTOCK / NATALIYA_DV
sich Wissenschaftler gemeinsam mit Mit- Bitterstoffen wahrnehmen, so die Wissen-
arbeitern eines Futtermittelherstellers die schaftler. Blockieren lassen sich die Ge-
Geschmacksrezeptoren der Tiere im Labor schmacksrezeptoren aber mit den gleichen Im Gegensatz zu uns Menschen und manch
genauer angesehen. Dabei entdeckten sie: Methoden wie beim Menschen – etwa mit anderen Säugetieren können Katzen Süße
Vor allem bitteren Geschmack nehmen dem Wirkstoff Probenecid. Auch das erga- nicht wahrnehmen – ihnen fehlt genetisch
der Rezeptor für diese Geschmacksrichtung.
Katzen offenbar anders wahr als andere ben die Versuche der Forscher. Bisher hat-
Dieser wenige Jahre alte Befund bestätigte
Säugetiere. ten Wissenschaftler den Geschmackssinn endgültig eine Beobachtung aus den 1970er
Die Forscher konzentrierten sich bei ih- von Katzen in Bezug auf die Wahrnehmung Jahren. Damals hatten Verhaltensforscher
rer Untersuchung auf die beiden Rezepto- von bitteren Substanzen kaum untersucht. bemerkt, dass es für Katzen im Gegensatz
ren TAS2R38 und TAS2R43 und verglichen   etwa zu Hunden keinen Unterschied macht,
ihre Reaktionen auf bittere Geschmacks- ob sie gesüßte Sahne oder normale Milch
konsumierten, denn sie zeigten keine Vorlie-
stoffe mit denen der menschlichen Rezep- (Spektrum.de, 3. Juni 2015)
be. Damit widerlegten die Biologen endgültig
torvarianten. Es zeigte sich, dass im Gegen-
die Vermutung, alle Säugetiere hätten auch
satz zum Menschen die Katzen-Rezeptor- einen Sinn für Süßes. 2012 zeigte sich dann
variante von TAS2R38 deutlich schwächer zudem, dass auch noch weiteren Arten wie
auf den hochgiftigen Bitterstoff Phe- Hyänen, Robben oder Otternn die entspre-
nylthiocarbamid (PTC) reagiert, der bei- chenden Sensoren fehlen. Im Lauf der Evoluti-
spielsweise in Rattengiften zum Einsatz on ging dieser Sinn also mehrfach verloren,
was jedoch kein Wunder ist: All diese Tiere
kommt. Manche andere Bitterstoffe lösten
ernähren sich ausschließlich von Fleisch oder
an dem Rezeptor gar keinen Effekt aus. Fisch – Süßes hingegen verschmähen zumin-
Auch TAS2R43 zeigte sich in der Katzenva- dest wild lebende Katzen völlig.
riante weniger sensitiv. So sprach der Re-

40
NACHGEFRAGT

Wie schnurren Katzen?


von Jan Osterkamp
Eine schnurrende Katze ist eine glückliche ­Katze,
meint man. Das stimmt aber nicht ganz: Tatsäch-
lich ist Schnurren eines der nur zum Teil geklärten
Rätsel der Wissenschaft.

ISTOCK / SEREGRAFF
41
S
tubenkater tun es, Wüstenluchs fell und Kehlkopf eingespannt wird. Jahr- gen Input von neuronalen Impulsen, die
und Luchs, auch Ozelots genau- zehnte der Katzenschnurrforschung schei- mit einer Art semiautonomem Freilauf-
so wie der mittelgroße Serval terten allerdings beim Versuch, genau zu Neurooszillator generiert werden.
und die mehr als mittelgroßen erklären, weshalb daraus das typische an- Sie versetzen dabei mit Hilfe ihrer Mus-
Pumas und Geparden: schnur- dauernd sonore Surren resultiert. Die bis keln die Stimmlippen in ihrem Kehlkopf in
ren. Nur warum – und wie genau? Tatsäch- heute gängigsten Hypothesen besagen, eine rhythmische Schwingung: Dadurch
lich streiten Katzenforscher bis heute, was dass passend rhythmische, von Resonanz- öffnet und schließt sich die Stimmritze
es mit dem Schnurren wirklich auf sich hat. räumen verstärkte Schwingungen des zwischen den beiden Lippen, die Vibration
Im Prinzip ist alles klar, allerlei Details blei- »echten Stimmbänderpaars« die Ursache hören wir als Schnurren. Der neuronale
ben aber umstritten. sind. Alternativ vermutete man, es sei auf Taktgeber muss dabei von höheren Zent-
Jeder Katzenfreund kennt natürlich das ähnliche Weise die »falsche«, für Katzen ren des Katzenhirns nur ein- und ausge-
wohlige Wohlfühlschnurren seines satten charakteristische »Vorhoffalte« beteiligt. schaltet werden, um seine Arbeit zu begin-
und gestreichelten Lieblings. Den Auf- Dann hieß es von verschiedenen Seiten nen und einzustellen, woraufhin Katzen
merksamen ist aber auch nicht entgangen, aber auch mal, das Zungenbein, der Blut- den Ton dann mühelos über Sekunden bis
dass Kater und Co auch in ganz anderen Si- fluss in der Lunge oder die Hauptschlag- zu mehrere Minuten lang halten. Exakte
tuationen schnurren: wenn sie Hunger ha- ader würden eine Rolle dabei spielen, die Messungen belegen übrigens kurze kna-
ben, verletzt sind, erschrocken oder all das normalen Katzentöne zum Schnurren zu ckende Umschaltphasen zwischen den
auf einmal. Offenbar erfüllt das Schnurren modulieren. Aus- und Einatmenphasen des Zyklus. Bei
also mehrere Aufgaben gleichzeitig, und Im Augenblick favorisieren die meisten Hauskatzen sind sie allerdings kürzer als
das unabhängig vom Wohlgefühl von Tier Schnurrexperten eine Theorie, bei der die 50 Millisekunden, sie entgehen daher auch
und Halter. Kehlkopfanatomie und regelmäßige Ner- gespitzten Ohren streichelnder Tierfreun-
venimpulse eine Rolle spielen. Demnach den.
Allerlei Neuro-Anatomisches tönen tatsächlich die über den Kehlkopf Man erkennt: Schnurren ist eine recht
Aber kurz weg vom »Warum«: Auch »wie« gespannten Stimmbänder, dies aber so- komplizierte Angelegenheit, und bevor die
die Katze schnurrt, war lange nicht wirk- wohl beim Aus- als auch beim Einatmen Katze es kann, muss sich das neuromusku-
lich klar. Fest stand irgendwann, dass der im Luftstrom – übrigens eine nur bei den läre System erst einspielen. Junge Kätzchen
Schnurrakt aus einer subtilen Umleitung kleineren Katzen vorkommende Selten- müssen daher auch erst einmal einige Le-
des Atemluftstroms resultiert, für die ir- heit tierischer Tonproduktion. Die sonore benstage lang üben, bevor sie klingen wie
gendwie die Anatomie zwischen Zwerch- Regelmäßigkeit resultiert aus dem ständi- die Großen. Dann werden die unter neuro-

42
naler Kontrolle von den Stimmbändern bei Schmerzen. Die neueste Theorie der Fe- dass bestimmte Formen des Ganzkörpervi-
produzierten, vom Kehlkopfresonanzkör- lidae-Forscher spekuliert deshalb in eine brationstrainings zumindest bei älteren
per modulierten Schwingungen zum or- völlig andere Richtung: Vermutet wird, Menschen die Knochen stärken und ihren
dentlichen Schnurren – wobei »ordent- dass das Schnurren einen verblüffenden Abbau verlangsamen dürften. Auffällig:
lich« hier eine typische Frequenz von 16 Selbstheilungsmechanismus der Knochen Die eingesetzten Vibrationen oberhalb von
bis 28 Hertz meint. Der genaue Wert vari- in Gang setzt. Denn im Prinzip, so die Idee, 12 Hertz liegen im Bereich der Katzen-
iert von Art zu Art (Hauskatzen takten ist Schnurren wie Sport: Es produziert an- schnurrfrequenz.
meist um die 26 Hertz), nicht aber mit der dauernde mechanische Reize im Skelett, Am Ende dürfte das Schnurren aber
Größe eines Tieres. woraufhin die Knochen ihren Stoffwechsel eben nicht nur einem einzigen Zweck die-
­ankurbeln, neue Knochenbildungszellen nen, sind die meisten Katzenexperten si-
Was bringt es – und was kostet es? entstehen und das Gewebe vermehrt um- cher: Vielleicht stärkt es Muskeln und Kno-
Schnurren ist anatomisch aufwändig, muss modelliert und repariert wird. Über lange chen, wahrscheinlich aber erfüllt es auch
erst gelernt werden und verlangt dem Tier Strecken des Tages aktiv umherlaufende Kommunikationszwecke: Kleine Kätzchen-
somit etwas ab – im Gegenzug sollte es der Tiere – etwa Hunde – machen dies quasi säuglinge geben damit der Mutter ein
Katze also auch irgendwie nützlich sein. nebenbei; Katzen aber sind eher klassische Okaysignal – und die Eltern dem Nach-
Vielleicht beruhigt und belohnt sich eine Lauerjäger und Kurzstreckensprinter, die wuchs ein Zeichen, dass keine Gefahr droht.
Katze per Schnurren autosuggestiv? Im- lange Zeit des Tages liegen und lauern. In Überhaupt scheinen Katzen nur in einer
merhin beobachten Katzenpsychologen eben solchen Perioden werden – von Kat- aggressiven Grundstimmung gar nicht zu
einen beruhigenden Einfluss auf Katzen- zen, nicht aber Hunden – die Knochen da- schnurren – also immer dann, wenn sie we-
halter wie Pelzknäuel, was schließlich zum her schnurrend in Dauervibration versetzt der zufrieden sind noch eingeschüchtert
offensichtlich beiderseits erwünschten und trainiert. und auch nicht besänftigend wirken möch-
Bonding zwischen Tier und einer hilfrei- Eine ähnliche Idee steckt hinter dem ten. Vorstellbar ist dabei, dass das einst für
chen, zum freiwilligen Streichelsklaven ­Vibrationstraining für Sportler oder Senio- biomechanische Reparaturzwecke erfun-
und Dosenöffner mutierten Bezugsperso- ren, das verschiedentlich in unterschiedli- dene Vibrato sich im Lauf der Evolution
nen führt. chen Varianten zur Stärkung von Muskeln, zum sozialen Signal verwandelt hat. 
Gegen solche sozialkommunikativen Knochen und Gewebe angeraten wurde –
Erklärungsansätze spricht allerdings, dass wobei die Effekte allerdings wissenschaft-
selbst einsame Katzen schnurren – und das lich umstritten sind. Immerhin ermittelte
auch in Situationen der Bedrohung oder eine zusammenfassende Metaanalyse, (Spektrum.de, 15. Juni 2015)

43
LAUTÄUSSERUNGEN

Was bettelnde
Katzen
unwiderstehlich
macht
von Jan Dönges

FOTOLIA / EKATERINA KOLOMEETS


44
W KOMPAKT
ollen Katzen ihr Herr- Mehrheit ihrer 50 zweibeinigen Versuchs-
chen oder Frauchen teilnehmer den Laut als besonders unan-
zum Futtermachen genehm, aber auch besonders eindringlich
animieren, nutzen beschrieb. Selbst Menschen ohne Katzen-
sie offenbar geschickt erfahrung konnten auf Audioaufnahmen FÜR NUR
€ 4,99
eine universelle Säugetiersprache: In ih- zufriedenes und auf Wirkung getrimmtes
rem fordernden Schnurren verstecken sie Schnurren auseinanderhalten, fanden die
ein bettelndes Miauen, das in der Tonhöhe Wissenschaftler heraus. Allerdings hatte
dem Schreien eines Babys entspricht. Das leichte Vorteile, wer schon länger mit einer
mache es dem Besitzer ungleich schwerer, Katze das Haus teilte.
den hungrigen Hausgenossen zu ignorie- Möglicherweise stamme die Miau/
ren, schreiben Forscher um Karen McComb Schnurr-Kombination aus der Säuglingszeit
vom Centre for Mammal Vocal Communi- der Katze, vermuten McComb und Kollegen,
cation der University of Sussex in Brigh- da sich die Tiere vor allem in diesem Lebens-
ton. Sie haben die perfide Strategie experi- abschnitt sozial verhalten. Als Hauskatzen
mentell untersucht. würden sie für ihre Kommunikation mit
Der subtile Trick bestehe darin, ein an- Herrchen oder Frauchen tendenziell auf das
genehmes, auf Zufriedenheit deutendes Repertoire aus diesen Zeiten zurückgreifen.
Geräusch wie das Schnurren mit dem Hilfe Anschließende Verfeinerung ist jedoch nicht
suchenden Schrei zu kombinieren, fasst ausgeschlossen: Merkt die Katze, dass sie
McComb zusammen. »Ein forderndes
Schnurren ist wahrscheinlich akzeptabler
mit dem versteckten Miau erfolgreich ist,
lernt sie den nervtötenden Schrei auf die TARNEN UND
für den Menschen als offenes Miauen, was
letztendlich nur dazu führt, dass die Katze
aus dem Schlafzimmer fliegt«, sagt die For-
Spitze zu treiben, vermuten die Wissen-
schaftler. Bleibt er dagegen unbeachtet, ver-
lege sich die Katze auf ihr Standard-Miau.
TÄUSCHEN
scherin. Ein besonders hoher Frequenzan-
Wie Tiere und
teil von im Schnitt 380 Hertz erwies sich (Spektrum.de, 13. Juli 2009) Pflanzen tricksen
als kennzeichnend für das fordernde McComb, K. et al.: The cry embedded within the purr. In:
Schnurren. Er sorgte auch dafür, dass die Current Biology 19(13), S. R507-R508, 2009. HIER DOWNLOADEN
VERHALTEN

Sind Katzen mit


rotem Fell beson-
ders aggressiv?
von Jan Dönges

Verrät schon die Fellfarbe, ob eine


Katze sich eher wie ein Stubentiger
oder eine Samtpfote verhält?
Ja, sagen Tierärzte nach einer
Umfrage unter 1000 Haltern.

ISTOCK / JOELCLEMENTS
46
O KOMPAKT
b man sich eher eine rot zenhalter sagen. Gleiches gelte für schwarz-

JULIAN FINN / MUSEUM VICTORIA / THREADFIN DRAGONFISH, ECHIOSTOMA BARBATUM LOWE 1843 (HTTP://WWW.FISHESOFAUSTRALIA.NET.AU/HOME/SPECIES/1780) / CC BY 3.0 ( HTTP://CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY/3.0/LEGALCODE )
getigerte, bunt gemusterte weiße und grau-weiße weibliche Katzen.
oder vielleicht auch raben- Bei Katern hingegen fanden die Wissen-
schwarze Katze anschafft, schaftler keinen solchen Zusammenhang. FÜR NUR
ist zumeist eine Frage der Wie es zu der Verknüpfung von Fell und € 4,99
persönlichen Vorlieben von Herrchen und Verhalten – die freilich nur bei der Betrach-
Frauchen – oder vielfach ganz einfach dem tung einer größeren Anzahl von Katzen ei-
Zufall überlassen. Dabei scheint die Frage, nigermaßen eindeutig zu Tage tritt –
welches Fell der künftige Hausgenosse spa- kommt, wissen die Wissenschaftler nicht
zieren führt, nicht ganz unerheblich zu zu sagen. Möglicherweise handle es sich
sein. Das zumindest geht aus einer Umfra- um einen unbemerkten Nebeneffekt der
ge hervor, die US-amerikanische Tierärzte Züchtung, Katzen haben sich in geneti-
unter 1274 Katzenbesitzern vorgenommen scher Hinsicht noch viel von ihrem wilden
haben. Erbe bewahrt. Und auch bei anderen Haus-
Das Team um Elizabeth Stelow von der tieren zeigte sich bereits ein Zusammen-
University of California in Davis befragte hang zwischen Verhalten und Fellfarbe. So
Katzenhalter nach Geschlecht und Ausse- entwickelten viele Tierarten im Lauf der
hen ihres Tiers und erbat zugleich Anga- Zähmung schwarz-weiße Flecken. Forscher
ben über dessen Verhalten in diversen All- vermuten, dass dahinter ein lange überse-

DIE TIEFSEE
tagssituationen – etwa zu Hause oder beim hener Effekt während der Embryonalent-
Tierarzt. wicklung steckt. 
Die Auswertung offenbarte dann einen
Zusammenhang mit den Fellfarben: Insbe- (Spektrum.de, 29. Oktober 2015) Mare incognitum unseres Planeten
sondere Kätzinnen mit roter Färbung und
diversen Musterungen (Schildpatt, Torbie, Mittelozeanische Rücken | Feuer unter dem Wasser
Tabby) fallen laut den Autoren durch »ago- Marinezensus | Ungeheure Vielfalt
nistisches Verhalten gegenüber anderen Bildergalerie | Bizarre Kreaturen
Katzen und/oder Menschen« auf – »lie-
benswerte Eigensinnigkeit«, würden Kat-
HIER DOWNLOADEN
Wie Katzen
FELININ

ihre Beute manipulieren


von Daniel Lingenhöhl
Das Katz-und-Maus-Spiel herrscht, seit die Hauskatze
um die Beine der Menschen streicht. Um sich die Beute
zu sichern, setzen die Katzen auch auf Duftstoffe.

ISTOCK / BLOODUA
48
K
atzen sind meisterhafte mals damit zu tun haben, wie ein Experi- doch stärker auszahlt, als die Katzen zu
Mäusefänger – das weiß der ment zeigte. Wachsen die Jungmäuse in ei- meiden.
Mensch, seit uns Felis silvest- ner Umgebung auf, in der es immer wieder Bekannt ist zudem bereits, dass der Er-
ris catus begleitet. Doch die nach Katzenurin riecht, weil ein Tier in der reger der Toxoplasmosen, Toxoplasma
Tiere verlassen sich bei ih- Umgebung lebt, so prägt sich das in ihrem gondii, das Mausverhalten manipuliert:
rem Jagderfolg nicht nur auf ihr körperli- Hirn ein: Ihr Geruchszentrum bildet mehr Der Einzeller kann sich nur im Katzendarm
ches Geschick. Offensichtlich manipulie- dafür empfängliche Neurone aus; sie re- gut vermehren – um dorthin zu gelangen,
ren Katzen ihre potenzielle Beute schon agieren also empfindlicher darauf und beeinflusst er geschickt das Furchtverhal-
früh mit einem besonderen Duftstoff im nehmen den Stoff schon in geringeren ten von Mäusen: Er schaltet im Nagerhirn
Urin, so Vera Voznessenskaya vom AN-Se- Konzentrationen wahr. Gleichzeitig schüt- die Angst vor dem Fressfeind aus. 
vertov-Institut für Ökologie und Evolution tet ihr Körper dann mehr Stresshormone
in Moskau und ihre Kollegen in einem Vor- aus – und dennoch verhalten sich diese (Spektrum.de, 6. Juli 2015)
trag während der Jahrestagung der Society Mäuse furchtloser: Sie zeigen weniger Ang-
for Experimental Biology in Prag: Mit ih- streaktionen und fliehen später als Nager,
rem Harn setzen die Katzen das so genann- die erst in höherem Alter mit Felinin in Be-
te Felinin frei, das von den Nagetieren rührung kamen.
wahrgenommen wird und in ihrem Körper »Das Hirn arbeitet stärker, aber die Tie-
verschiedene Reaktionen bewirkt. Eine frü- re verhalten sich dennoch weniger aufge-
here Studie konnte bereits zeigen, dass die- regt«, fasst die Biologin zusammen, die
se Aminosäurenverbindung zumindest im mit ihren Kollegen unter anderem ein
Laborversuch bei schwangeren Mäusen Monat alte Mäuse auf das Felinin konditi-
eine Abstoßungsreaktion auslöst. Prinzipi- oniert hatte. Das hat aber nicht nur für
ell sorgt das Felinin dafür, dass die Mäuse die Katzen Vorteile, die damit leichter an
Stresshormone ausschütten – doch welche Beute kommen. Auch für die Mäuse ist es
Folgen das hat, hänge allerdings vom Alter sinnvoll, sich anzupassen. In der Nähe der
ab, in dem die Nager erstmals damit in Menschen drohen schließlich nicht nur
Kontakt geraten sind, so Voznessenskaya. ihre größten Fressfeinde, sondern auch
Denn junge Mäuse reagieren darauf lukrative Nahrungsquellen – deren Nut-
ganz anders als ältere Artgenossen, die erst- zung sich evolutionär gesehen langfristig

49
ISTOCK / SILVIAJANSEN
NATURSCHUTZ

Schaden Katzen
unserer Vogelwelt?
von Daniel Lingenhöhl

50
Der Tod kommt schleichend: Auf leisen Pfoten pirscht sich der Feind an und überrascht
sein Opfer, das gerade nach Futter sucht, sein Gefieder trocknet oder seine Jungen
­füttert. Katzen sind geschickte und effektive Raubtiere, die selbst nach 4000 Jahren der
Domestikation nichts verlernt haben, was auch ihre wilden Vorfahren auszeichnet. Doch
gefährden sie damit Arten? Und lassen sich die Verluste eindämmen?

K
atzen und Vögel: Das Thema den. Für den Wiener Verhaltensbiologen durchgeführt und deren Ergebnis dann auf
ist hochemotional und lässt und Direktor der Konrad-Lorenz-For- das gesamte Land extrapoliert. Doch sind
auf beiden Seiten die Gemü- schungsstelle Kurt Kotrschal, der auch zu die Ergebnisse aus Vororten wirklich reprä-
ter hochwallen, wie eine Stu- Katze-Mensch-Beziehungen gearbeitet hat, sentativ, und bedrohen Katzen die Vogel-
die andeutete, laut der viele ist klar: »Das Problem ist nicht gerade klein, bestände auf kontinentaler Ebene?«
Katzenbesitzer den Jagdtrieb ihrer Tiere wahrscheinlich werden heute viel mehr
zwar wahrnehmen, aber die auftretenden europäische Singvögel durch Freigänger Können jagende Katzen
Schäden entweder ignorieren oder als irre- und Streunerkatzen erledigt als durch den- Tierarten bedrohen?
levant einschätzen – woraufhin eine Flut mediterranen Vogelfang. Und es wundert Diese Frage lässt sich mit einem eindeuti-
von Leserkommentaren die Redaktion er- mich nicht, dass so viele Katzenhalter das gen Ja beantworten – wenn man Inselöko-
reichte. Vogelfreunde missbilligen den Jagen ignorieren – wird doch auf Katzen systeme betrachtet, in denen Katzen (und
Jagdtrieb der Katzen und sähen sie am liebs- vor allem Freiheit und ein wenig Anarchie die meisten anderen Säugetiere) nie vorka-
ten ins Haus verbannt – zumindest wäh- projiziert.« Dagegen warnt der Katzenfor- men. Die dort lebenden Arten haben des-
rend der Brutzeit. Katzenfreunde hingegen scher Dennis C. Turner vom Institut für an- halb in ihrer Evolution kein entsprechen-
sehen durch diese Forderung die Freiheit gewandte Ethologie und Tierpsychologie des Fluchtverhalten entwickelt und treffen
ihrer Tiere eingeengt und fürchten schwere in Horgen in der Schweiz vor Fehlinterpre- unvorbereitet auf effektive Jäger. Katzen
Verhaltensstörungen bei Ex-Freigängern. tationen von Studien, die über die Beu- gelten darum als die alleinige oder haupt-
Auch innerhalb der Wissenschaftsge- testrecken der Katzen gemacht wurden: sächliche Ursache für das Aussterben von
meinschaft und unter Naturschutzorgani- »Wir wissen eigentlich noch viel zu wenig. mindestens 33 Vogelarten seit 1600 – allein
sationen ist kein einheitliches Bild vorhan- Die meisten Studien wurden nur sehr lokal acht davon in Neuseeland. So hat wohl

51
Tibbles, die Katze eines Leuchtturmwär-
ters, zumindest die letzten überlebenden
Exemplare des Stephen-Island-Schlüpfers
erlegt und ihrem Besitzer vor die Füße ge-
legt. Der kleine, zaunkönigartige Vogel von
der neuseeländischen Insel Stephen wurde
berühmt, als wohl einzige Art, deren »Ent-
decker« – die Katze – sie auch sogleich end-
gültig ausrottete: Heute existieren nur
mehr 15 Exemplare in den Sammlungen
von Museen.
Auch der Verlust der Socorro-Taube in
freier Wildbahn geht hauptsächlich auf
verwilderte Hauskatzen zurück. Auf Mari-
on Island im subantarktischen Indischen
Ozean fraßen die Jäger jährlich mehr als
450 000 Seevögel, bevor Ökologen sie dort
wieder vollkommen auslöschen konnten.
Und auf der britischen Hochseeinsel As-
cension im Atlantik reduzierten einge-
schleppte Katzen die Brutkolonien der
Rußseeschwalben von einst mehr als einer

KATZE BLICKT NACH DRAUSSEN


So sähen Vogelfreunde Katzen am liebsten –
ISTOCK / GRAEFEN durch ein Fenster von der Vogelfuttersäule
getrennt. Doch kann man Freigängerkatzen
einfach ins Haus verbannen?

52
Million Paare auf nur noch 150 000 Mitte kleinere Beuteltierarten überleben, weil Beobachtung von Vögeln genutzt werden,
der 1990er Jahre. Diese Liste ließe sich noch die Katzen hier von kräftigen Beutegrei- ermittelten sie, wie viele Hausbesitzer Kat-
lange fortsetzen und durch gleichfalls aus- fern in Schach gehalten werden. zen ihr Eigen nannten. Einen Teil davon ba-
gerottete Reptilien und Säugetiere ergän- ten sie zu berichten, ob ihr Haustier tote
zen: Katzen gelten daher neben Ratten, Wie sieht es auf anderen Vögel mit nach Hause brachte und welcher
Mäusen und Kaninchen als die schädlichs- Kontinenten aus? Art diese angehörten. Allein auf diesen drei
ten Säugetiere, die auf Inseln eingeschleppt Selbst wenn dies der besonderen Situation Transekten, die zusammen rund 120 Kilo-
wurden – sie von dort wieder zu entfernen, eng begrenzter Lebensräume auf kleinen meter lang waren, erbeutete der 800 bis
gehört zu den Prioritäten des internationa- Inseln oder dem Sonderfall Australien ge- 3100 Tiere umfassende Katzenbestand bis
len Naturschutzes. schuldet ist, ihre Spuren hinterlassen zu 47 000 Vögel aus 23 Arten – darunter
Ähnlich problematisch sind Katzen in Hauskatzen auch auf größeren Landmas- mit dem Rubinkehlkolibri und dem Rot-
Australien, wo sie seit ihrer Ankunft auf sen. In den Vereinigten Staaten schätzen kehl-Hüttensänger zwei in den USA be-
dem fünften Kontinent am Aussterben von Ornithologen die Zahl der getöteten Vögel, drohte Arten. Im Minimum schlugen die
28 Säugetierarten ganz oder teilweise be- die den mindestens 77 Millionen Hauskat- Katzen mindestens einen Vogel pro Tag
teiligt waren. Neben Füchsen gelten sie als zen des Landes zum Opfer fallen, auf jähr- und Kilometer der Untersuchungslinie,
die größte einzelne Bedrohung für die hei- lich mehrere hundert Millionen Exempla- was die Autoren der Studie allerdings als
mische Fauna – noch vor Lebensraumzer- re – nicht berücksichtigt sind darin aller- absolut konservative Schätzung einstufen.
störung oder einem veränderten Feuerre- dings die Jagdstrecken von verwilderten Die große Spannbreite beruht auf der Er-
gime. Wie schnell die Katzen kleinere Beu- Hauskatzen, deren Bestand nochmals 80 hebungsmethode. Nicht jeder angeschrie-
teltiere dezimieren können, zeigte unter bis 100 Millionen Individuen umfassen bene Anwohner antwortete. Deshalb muss-
anderem ein Experiment, bei dem die Tie- könnte. Neue Analysen kommen daher auf ten die Forscher den Gesamtbestand schät-
re in eingezäunten Ökosystemen auf die eine Gesamtzahl von 3,7 Milliarden Vögeln zen. Die niedrigere Zahl geht davon aus,
Jagd gehen durften oder ausgeschlossen pro Jahr. dass in den restlichen Haushalten 50 Pro-
blieben. Innerhalb weniger Monate hatten Etwas genauer in Augenschein genom- zent weniger Katzen lebten als bei den Teil-
die Beutegreifer dann die vorhandenen men hat die Jagdstrecken unter anderem nehmern der Studie. Umgekehrt nahm
Langhaarratten ausgerottet, während die- eine Studie von Biologen um Christopher Lepczyks Team an, dass bei ihrer Maximal-
se in den katzenfreien Arealen gut überleb- Lepczyk von der Michigan State University zahl in diesen Haushalten 50 Prozent mehr
ten. Nur wo Dingos oder auf Tasmanien in East Lansing: Entlang dreier Routen, die Katzen existierten. In Europa wiederum
auch Beutelteufel vorkommen, können jährlich wissenschaftlich zur Zählung und haben sich vor allem die Briten mit der Fra-

53
ge beschäftigt – teilen sie sich doch ihre In- Wie groß ist die Gefahr tatsächlich? und ein Fünftel aller Kükenverluste verur-
sel mit rund neun Millionen Katzen (in Doch wie gefährlich ist der Jagdinstinkt für sachten, überlebte während der dreijähri-
Deutschland leben etwa acht Millionen den Bestand einzelner Vogelarten tatsäch- gen Untersuchung mehr Nachwuchs, als er-
Katzen), die damit die wichtigsten Beute- lich? Nicht besonders, meinte beispielswei- wachsene Hausrotschwänze und ihre Jun-
greifer des Königreichs darstellen. Die Zahl se der Münchner Zoologe Josef Reichholf gen starben: »Der Bestand wuchs trotz der
der Haus- und verwilderten Katzen über- von der Zoologischen Staatssammlung in Bejagung – und bildete eine Quelle für an-
trifft jene von Wieseln und Hermelinen ge- einem Kommentar aus dem Jahr 1987 im dere Populationen oder Regionen«, konsta-
schätzt um das 20-Fache, und die von Füch- »Journal of Ornithology«: »Es fehlt jeder tieren die beiden Forscher.
sen um das 38-Fache. Einen kleinen Teil da- Hinweis auf eine Beeinflussung der Vogel- Und schließlich geben die britische Roy-
von beobachtete das Team um Michael bestände, ganz zu schweigen von einem al Society for the Protection of Birds RSPB,
Woods von der Mammal Society in London Nachweis, dass eine Beeinflussung vor- der deutsche NABU und der bayerische
über das ganze Land verteilt im Frühling liegt«, meinte Reichholf damals mit Blick Landesbund für Vogelschutz (LBV) Entwar-
und Sommer des Jahres 1997. Während die- auf einige wenige Studien, die in Deutsch- nung: Katzen erbeuteten vor allem kranke,
ser Zeit brachten diese knapp 1000 Katzen, land in den 1970er und 1980er Jahren schwache und junge Vögel und würden
die zu 618 Haushalten gehörten, ihren Be- durchgeführt worden waren. Sie alle er- den Beständen folglich nicht schaden – im
sitzern mehr als 14 300 Beutestücke mit brachten nur marginale Zahlen an erbeu- Gegenteil beeinflussten sie diese unter
nach Hause: kleine Säuger wie Mäuse und teten Vögeln, die zumeist häufigen Arten Umständen sogar noch positiv, da sie eine
Spitzmäuse, Vögel, Amphibien, Reptilien entstammten. Zudem haben sich die Vögel natürliche Auslese bewirkten, so der Tenor
und auch ein paar Insekten. Ein knappes Europas mit mittelgroßen Raubtieren wie der drei Verbände. Eine Ansicht, welche die
Viertel davon entfiel auf 44 Vogelarten – der Wildkatze entwickelt, so dass sie diese Wissenschaftler um Philip Baker von der
vor allem Meisen, Haussperlinge, Amseln als Gefahr kennen. University of Bristol zumindest auf den
und Stare, aber auch einige Tauben, Enten, Beruhigend klingt auch eine Studie der ersten Blick bestätigen: »Über die Artgren-
Spechte und Rallen. Hochgerechnet auf beiden Schweizer Ornithologen Martin zen hinweg waren die Katzenopfer in
das gesamte Land finden damit jedes Jahr Weggler und Barbara Leu von der Universi- schlechterem körperlichem Zustand als
rund 100 Millionen Tiere ihr Ende in den tät Zürich, die sich des Hausrotschwanzes die Vögel, die durch Vogelschlag an Fens-
Fängen der Katzen, davon 27 Millionen Vö- in Alpendörfern mit hoher Hauskatzen- tern starben. Dementsprechend bedeuten
gel – neuere Zahlen kalkulieren sogar 275 dichte annahmen. Obwohl die Katzen die erbeuteten Tiere keinen zusätzlichen
Millionen Opfer, wovon 55 Millionen Vögel mehrfach Alttiere erbeuteten, nachweislich Verlust für den Bestand, sondern die nor-
sein sollen. mindestens ein Drittel aller Eier zerstörten male Ausfallrate«, so die Forscher. Hätten

54
also die Katzen die Vögel nicht geschlagen, einzelnen Stichproben mit Vorsicht be- Zuwanderung aus benachbarten, weniger
wären sie wohl verhungert, an Krankheiten trachtet. Eine Studie im Dorf Felmersham stark ausgebeuteten Gebieten bewahren
gestorben oder an andere Fressfeinde ge- etwa ermittelte, dass Katzen während des konnte. Victoria Sims von der University of
gangen. Untersuchungszeitraums jedem dritten Sheffield und ihre Kollegen schließlich ent-
Viele Gartenvögel, die auf das Konto Haussperling den Tod brachten: Sie waren deckten einen Zusammenhang zwischen
umherstreifender Katzen gehen, nähmen damit die wichtigste Einzelursache. In der der Katzendichte einer Region und der Ar-
zudem im Bestand zu, so Verteidiger der Stadt Bristol erbeuteten die jeweils 230 Kat- tenvielfalt der Vögel: Letztere war niedri-
Katzen: etwa Meisen oder Amseln. Auch zen pro Quadratkilometer Studienfläche ger, je mehr Katzen die Gegend unsicher
das ein Argument, welches die Hauskatzen insgesamt 45 Prozent aller Sperlinge, Er- machten – eine negative Beziehung, die ge-
entlastet. Hier lohnt jedoch ein Blick ins wachsene und Jungvögel – beim Rotkehl- rade bei besonders beliebten Beutetieren
Detail. Denn ganz so eindeutig ist der nega- chen und der Heckenbraunelle waren es ausgeprägt war.
tive Einfluss von Katzen nicht immer von 46 Prozent. Zahlen, die den Autoren der
der Hand zu weisen. Sie töten ebenso über- Studie um Philip Baker von der University Natürliches Gleichgewicht?
durchschnittlich oft Haussperlinge, Stare, of Bristol durchaus Sorge bereiten: »Diese Diese Frage lässt sich eindeutig verneinen:
Heckenbraunellen und Singdrosseln, die Verluste sind alles andere als zu vernach- Zwar folgt die Katze ihren natürlichen Ins-
sich in Großbritannien (wo wiederum die lässigen – zumal Gärten angesichts ausge- tinkten, dennoch treffen zwei ungleiche
meisten Studien dazu angefertigt wurden), räumter Kulturlandschaften als Vogel- Gegner aufeinander: Hauskatzen werden
aber auch in Deutschland teilweise stark lebensraum immer wichtiger werden. Es normalerweise gefüttert und medizinisch
auf dem absteigenden Ast befinden. So ist durchaus möglich, dass die Jagd durch versorgt. Sie müssen sich also selten den
nahm die Zahl der Haussperlinge zwischen Katzen zumindest lokal die Populationen Härten der freien Natur stellen, in der sie
1974 und 1999 um mehr als die Hälfte ab, der drei Arten so weit senkt, dass sie nur selbst durch größere Beutegreifer oder
Singdrosseln um mehr als 60 Prozent und durch Zuwanderung von außerhalb auf- Nahrungsmangel reguliert werden. Dies ist
Stare sogar um zwei Drittel. rechterhalten werden können.« beispielsweise in Teilen der USA der Fall,
Vieles davon ist sicherlich der Intensi- In einer schleswig-holsteinischen He- wo sie in manchen Vorstädten beliebte
vierung der Landwirtschaft geschuldet ckenlandschaft beobachtete Bodo Grajetz- Nahrung von Kojoten sind. Doch die Regel
oder dem Mangel an geeigneten Brutplät- ki, dass Füchse, aber auch Katzen jede Sai- ist diese Kontrolle durch größere Beute-
zen. Völlig ohne Einfluss sind jagende Kat- son vier von fünf Nestlingen des Rotkehl- greifer nicht. Deshalb müssen die Katzen
zen angesichts mancher Beutestrecken je- chens raubten. Diese Rate war so hoch, dass auch kein Revier strikt abgrenzen und kön-
doch auch nicht – selbst wenn man diese der Singvogel seinen Bestand nur durch nen daher in unnatürlich hohen Dichten

55
vorkommen: Victoria Sims gibt beispiels- ten beeinflussen zumindest an diesen Ört- Tierfreunden über den Sommer hinweg
weise Werte zwischen 132 bis 1520 Katzen lichkeiten die Arten negativ. gefüttert, doch ist dies nicht die Regel. Sie
pro Quadratkilometer in Großbritannien Dabei treffen die Jäger auf Ziele, die dem müssen sich in den meisten Fällen selbst
an. Eine einheimische Wildkatze benötigt natürlichen Wettbewerb ausgesetzt sind: Nahrung suchen, was besonders am frü-
dagegen ein mindestens 50 Hektar großes Zwar werden auch sie von wohlmeinenden hen Morgen heikel ist: Dann sind die Fett-
Territorium zum Überleben – die Zahl der
Hauskatzen liegt also mindestens um das
60-Fache höher.
Sogar das Verhalten der Hauskatzen
habe sich entsprechend geändert, so Den-
nis C. Turner: »Hauskatzen leben heute
größtenteils sozial und tolerieren einan-
der, deshalb erreichen sie eine vielfach hö-
here Dichte, als Wildkatzen es könnten.« In
manchen Regionen kommen auf jede Kat-
ze im Mittel sogar nur etwas mehr als ein
erwachsener und knapp drei Jungvögel der
acht wichtigsten Jagdopfer wie Blaumeise,
Haussperling, Amsel, Rotkehlchen oder
Singdrossel. Selbst geringe Jagderfolgsquo-

KATZE MIT TOTEM KÄNGURU


QUEENSLAND PARKS AND WILDLIFE SERVICE

Kleinere Kängurus wie dieses Kurnagelkängu-


ru, das von einer verwilderten Katze geschla-
gen wurde, sind vor den eingeschleppten
Räubern nicht sicher. Manche Arten überleb-
ten daher nur auf Inseln, die noch nicht von
den Eindringlingen kolonisiert wurden.

56
reserven am niedrigsten, und der Vogel was beispielsweise die American Bird Con- zer immer zum Wohl ihrer Tiere handeln,
muss sie auffüllen. Während dieser Phase servation propagiert: Ein Tiger, der tatsäch- wenn sie ihre Katzen frei laufen lassen,
ist er am anfälligsten gegenüber Fressfein- lich in der Stube bleibt, kann auch nicht in aber die Tiere kompensieren dann Pflege-
den, da die Aufmerksamkeit vornehmlich Nachbars Garten den Spatz erlegen. mängel besser.« Vor allem dürfe eines nicht
dem Fressen gilt. Und noch ein zweiter As- Dagegen wehren sich jedoch viele Hal- passieren: »Man kann nicht über Nacht
pekt ist zu beachten: Um agil für die Flucht ter und Tierschützer, die darin eine Quäle- einfach ein Freigangverbot für Katzen er-
zu bleiben, verringern gerade jene Vögel rei sehen, die das Haustier in seinem na- lassen, wie dies manche Kommunen in den
ihr Körperfett am stärksten, die am gesün- türlichen Verhalten behindert – anderer- USA machen. Das führt zu Widerstand und
desten sind und besseren Zugang zu Fut- seits fragt keiner, ob es auch dem Nachbarn Verhaltensstörungen bei den Katzen. In
terquellen haben. Sie müssen weniger stark recht ist, wenn die Katze auf seinem Grund- vielen europäischen Ländern wäre dies aus
für schlechtere Zeiten vorsorgen. Bringt stück streunt. »Dass heute bei uns Freigän- tierschutzrechtlichen Gründen nicht er-
eine Katze derartige schlanke Beute mit gerkatzen toleriert werden, frei laufende laubt«, so Turner.
nach Hause, spricht das also nicht immer Hunde ohne Menschenbegleitung aber Als Mittelweg plädieren daher manche
unbedingt für die These der natürlichen nicht, hat nicht nur rationale Gründe«, Forscher dafür, die Katzen mit einem Glöck-
Auslese schwacher Tiere. Dann handelt es meint der Biologe Kurt Kotrschal. Doch chen zu versehen, das potenzielle Beute
sich vielmehr um eine zusätzliche Belas- ganz so einfach könne man seine Katze tat- akustisch warnt: »Ein Glöckchen um den
tung. sächlich nicht nach einem Leben als Frei- Hals kann die Opferzahl um die Hälfte re-
gänger ins Haus oder die Wohnung beor- duzieren«, bestätigt Graeme Ruxton von der
Können Katzenhalter und dern, so Turner: »Ich bin kein Gegner der University of Glasgow. Tiere, die damit aus-
Vogelfreunde vorbeugen? Stubenhaltung, aber das darf nicht über gestattet waren, brachten während des Un-
Gerade weil noch nicht völlig geklärt ist, ob Nacht passieren – wir sehen dann immer tersuchungszeitraums durchschnittlich nur
und welche Rolle Hauskatzen am Nieder- Verhaltensprobleme bei Ex-Freilaufkatzen. noch alle zwei Wochen eine tote Maus oder
gang mancher Gartenvögel spielen, ent- Die Stubenhaltung ist keine Tierquälerei, einen toten Vogel nach Hause, während dies
zünden sich zwischen Vogel- und Katzen- wenn die Katze von klein auf im Haus ge- ohne Alarmgeber jede Woche stattfand.
liebhabern immer wieder heiße Diskussio- halten wurde – und vor allem wenn das Auch die Studie von Michael Woods und Co,
nen. Mit einigen einfachen Mitteln ließe Haus oder die Wohnung absolut katzenge- die den Effekt von Glöckchen nur als Neben-
sich dabei schon einiges an Sprengstoff recht eingerichtet ist. Daran scheitern vie- sache beobachtete, weist darauf hin, dass
entschärfen. Die simpelste Lösung wäre le, weil sie nicht wissen, was Katzen brau- das Bimmeln zumindest Säugetiere erfolg-
natürlich, die Katzen im Haus zu behalten, chen. Ich will damit nicht sagen, dass Besit- reich auf nahende Jäger aufmerksam macht

57
und ihre Todesrate senkt. Für Verhaltensfor- promisse eingehen. Das Glöckchen zeigt aus dem Hinterhalt von einer sich anschlei-
scher sind die Glöckchen zudem völlig un- dem Nichtkatzenhalter, dass dieser Kat- chenden Katze erlegt werden. Drahtgürtel
problematisch, sofern sie an dehnbaren zenhalter das Problem erkennt und wahr- um den Baumstamm verhindern, dass die
Halsbändern angebracht sind, damit sich nimmt.« Räuber zu den Nistkästen klettern können,
die Katzen keinen Schaden zufügen können. Umgekehrt können Gartenbesitzer auch und Futterstellen sollten zudem immer auf
»Es stört die Tiere nicht, sie gewöhnen sich aktiv ihren Grund vogelsicherer gestalten, rutschigen Ständern errichtet werden. Mehr
daran«, weiß Turner. ohne dafür auf das Wohlwollen der Katzen- Tipps und Tricks geben beispielsweise die
Bestätigt werden die bisherigen Studien freunde angewiesen zu sein: Im Handel er- Internetseiten vom LBV.
zudem durch eine umfangreichere Unter- hält man mittlerweile Ultraschallgeräte, Eines ist für den Katzenexperten Turner
suchung von Andy Evans vom RSPB und die für Katzen unangenehme Geräusche jedoch prinzipiell unabdingbar, um die Na-
seinen Kollegen, die sogar die Wirkung abgeben, für den Menschen aber nur in un- tur und die Nerven von Nichtkatzenhal-
zweier akustischer Lautgeber getestet ha- mittelbarer Nähe leise wahrnehmbar sind. tern zu schonen: Der beständige Nach-
ben: Glöckchen und elektronische Piepser. Ihren Effekt hat Andy Evans‘ Team eben- schub unkontrolliert gezeugter Hauskat-
Ersteres reduzierte den Jagderfolg auf Säu- falls in Augenschein genommen und ih- zen müsse gestoppt werden. »Ich bin
getiere um 34 sowie jenen auf Vögel um 41 ren – zumindest zeitweiligen – Erfolg be- absolut für eine Kastrationspflicht für alle
Prozent – und das Hightech-Band sogar stätigt: Derart bestückte Gärten suchten Katzen, die Auslauf haben – und zwar bei-
um 38 beziehungsweise 51 Prozent. Geräte Katzen um ein Drittel seltener auf, und die- der Geschlechter. Das ist kein Problem! Wir
wie CatAlertTM geben dazu alle sieben Se- jenigen, die sich trotzdem dorthin wagten, werden dennoch immer genügend Katzen
kunden einen hörbaren Ton von sich, der verkürzten ihre Besuchsdauer um knapp haben. Zudem müssen alle Katzen einen
dem Alarmruf von Vögeln möglich gut ent- 40 Prozent. Chip mit der Halterkennung bekommen.
spricht. Verhaltensänderungen der Katze Einfache wie wirksame biologische Ge- Das erlaubt nicht nur, wiedergefundene
oder offensichtliches Unwohlsein des Tiers genmittel gibt es ebenfalls: Stachelige Pflan- Katzen zum Besitzer zu bringen, sondern
beobachteten die Forscher dabei nicht. Sie zen bieten Vögeln eine sichere Heimstatt erleichtert auch die Nachverfolgung, wenn
verweisen allerdings darauf, dass die Hals- und Zuflucht, die Katzen meiden – etwa jemand Katzen bewusst aussetzt. Das muss
bänder zum Schutz der Katze mit leicht Wildrosen, Weißdorn, Stechginster oder kommen.« 
und schnell zu öffnenden Verschlüssen -palme. Futterhäuschen sollten zudem nahe,
ausgestattet sein sollten. Für Dennis C. Tur- aber nicht zu nahe an Büschen und Bäumen
ner ist das Glöckchen zudem mehr als ein stehen, damit sich die Vögel bei Gefahr dort-
Signal: »Katzenfreunde müssen auch Kom- hin flüchten können, ohne dass sie zuvor (Spektrum.de, 24. Juli 2015)

58
GERÄUSCHBEDINGTE ANFÄLLE

Wenn die Katze umfällt


von Jan Dönges
Manche Katzen leiden unter einem seltsamen Syndrom:
Bestimmte Alltagsgeräusche lösen bei ihnen Anfälle aus –
manchmal genügt schon das Klirren mit dem Löffel
in der Tasse.

FOTOLIA / AZALIYA (ELYA VATEL)


59
K
rümmt sich Ihre Katze auf Dass es sich um ein offenbar gar nicht entsteht, und 79 auf das Schlagen eines
dem Boden, sobald Sie ein so seltenes Phänomen handelt, bemerkten Metalllöffels an einem Keramikfressnapf.
Stück Folie knüllen? Zeigt sie die Veterinäre erst, als Mitarbeiter des Tier- Des Weiteren: Zerknüllen von Papier und
unwillkürliche Muskelzu- schutzvereins »International Cat Care« die Plastikfolie (71), Tastaturgeräusch und
ckungen, wenn Turnschuh- Anfragen ratloser Katzenbesitzer weiterge- Mausklicks (61), Münz- oder Schlüsselge-
sohlen auf dem Boden quietschen? Dann reicht hatten. Das Team trat an die Presse, klingel (59), Einschlagen eines Nagels (38)
dürfte Ihr Vierbeiner vermutlich an einer woraufhin Berichte über das »Tom-und- und Zungenschnalzen (24). Darüber hin-
Krankheit leiden, die selbst in Fachkreisen Jerry-Syndrom« 2013 die Runde machten. aus gab es seltener genannte Auslöser, wie
bislang kaum bekannt war: an den »feli- So entstand genügend Aufmerksamkeit etwa Turnschuhquietschen oder das schar-
nen, durch Geräusche ausgelösten Reflex- für eine weltweite Umfrage. »Wir waren fe Klicken eines Gasherdanzünders.
anfällen«, nach ihrer englischen Bezeich- überwältigt von den Rückmeldungen«, Solche Geräusche würden für den Men-
nung abgekürzt FARS. sagt Erstautor Lowrie. Es hätten sich hun- schen völlig harmlos klingen, schreiben
Ein Team von Tierärzten hat sie jetzt derte Katzenbesitzer gemeldet. Lowrie und Kollegen. Auf Katzen, deren Ge-
erstmals offiziell beschrieben. Demnach hör bis in den Ultraschallbereich reicht,
reagieren die betroffenen Katzen auf ganz Diese schrillen Geräusche könnten sie jedoch viel lauter und unange-
bestimmte, meist schrille Geräusche mit lösten Anfälle aus nehmer wirken.
epilepsieähnlichen Anfällen unterschied- 96 Fragebögen samt tiermedizinischer Da- In ihrer kommenden Studie wollen die
lichen Schweregrads – manche Tiere er- ten haben die Forscher jetzt ausgewertet. Mediziner näher auf mögliche Behandlun-
leiden Muskelzuckungen, andere so ge- Unter FARS leiden Rasse- und auch Misch- gen von FARS eingehen. Offenbar gibt es
nannte Absencen und wiederum andere lingskatzen gleichermaßen, aber beson- bereits Erfahrungen mit einem Medika-
große, generalisierte Anfälle mit minu- ders häufig betroffen scheinen Birma-Kat- ment, das die Anfälle zuverlässig unterbin-
tenlangen Krämpfen, Bewusstlosigkeit zen zu sein, die ein Drittel der Fälle aus- den kann: Den Wirkstoff Levetiracetam,
und Zuckungen. machten. der auch bei Menschen gegen epileptische
Das betrifft wohl vor allem ältere Kat- Über die Ursachen der Krankheit sei Anfälle eingesetzt wird, preisen betroffene
zen: FARS treten im Schnitt im Alter von 15 noch nichts Näheres bekannt, aber typi- Katzenbesitzer als »Wundermittel«. 
Jahren erstmals auf, ergaben die Nachfor- sche Auslöser der Anfälle lassen sich be-
schungen der Gruppe um Mark Lowrie reits dingfest machen: 82 der untersuch-
vom privaten Tierarztzentrum »Davies Ve- ten Katzen reagierten auf das Geräusch,
terinary Specialists«. das beim Zusammenknüllen von Alufolie (Spektrum.de, 27. April 2015)

60
Die wendige Katze
DREHIMPULS

von Wolfgang Bürger

FOTOLIA / FANTOM_RD
61
Sie fällt immer auf die Füße – auch wenn sie wenig Zeit hat, die richtige
Haltung einzunehmen. Wie bringt sie dieses Kunststück fertig?

H
ält man eine Katze an al- erkennen lassen. Nach Berichten von Bio- drehen, dass sie gleichzeitig einen anderen
len vier Beinen hoch und logen ist nicht nur Katzen, sondern auch Teil im entgegengesetzten Sinne bewege,
entlässt sie mit dem Rü- Hasen, Hunden, Kaninchen und Affen der so dass die zugehörigen Drehimpulse sich
cken voran, dreht sie sich Instinkt angeboren, sich beim Fallen auf gegenseitig aufhöben. Der Gesamtdrehim-
in weniger als einer hal- die Füße zu drehen. Ich habe es nicht nach- puls bleibt ja erhalten, und wenn er an-
ben Sekunde halb um die eigene Achse und geprüft und möchte die Leser nicht zu vor- fangs gleich null war, kann keiner aus dem
federt den Aufprall auf den Boden mit lan- eiligen Experimenten verleiten. Nichts entstehen. Um also bei der Landung
gen Beinen ab. Man glaubt zu sehen, dass Seit Generationen haben Menschen den die Vorder- und die Hinterbeine gleichzei-
sich ihr Körper im ersten Augenblick des Katzen bei ihrem Manöver zugeschaut, tig auf den Boden zu bringen, könne sie al-
Falles noch nicht und nach der 180-Grad- aber erst im Jahre 1894 wurde es ein »wis- lenfalls ihren Körper um eine ganze Win-
Drehung bis zum Aufsetzen auf den festen senschaftliches Problem«. Die Pariser Aka- dung verschrauben – was erfahrungsge-
Grund nicht mehr dreht. demie der Wissenschaften rief öffentlich mäß nicht der Fall ist.
Die Katze muss schnell sein, denn nach auf, »eine physikalische Erklärung zu ge- Aber die Abstoß-Hypothese wurde
einer halben Sekunde beträgt die Ge- ben, wie es eine Katze fertig bringe, beim durch sorgfältige Versuche, bei denen man
schwindigkeit ihres Schwerpunkts schon Fallen aus größerer Höhe stets mit den Fü- die Beine der Katze vor dem Fall einzeln an
18 Kilometer pro Stunde. Während die Fall- ßen voran auf den Boden zu kommen«. Die Schnüren aufhängte, widerlegt. Es lässt
geschwindigkeit »nur« proportional zur Vertreter der Mechanik in der Akademie sich schnell abschätzen, dass auch aus dem
Zeit wächst, nimmt die Bewegungsenergie waren der Ansicht, die Drehung lasse sich Austausch von Drehimpuls mit der Umge-
der Katze und damit ihr Risiko, sich bei ei- nur damit erklären, dass die Katze sich im bungsluft nicht genug zu gewinnen ist:
ner unglücklichen Landung auf dem Bo- Augenblick des Loslassens von den Hän- Selbst wenn die Katze mit allen ihren Glie-
den zu verletzen, viel schneller zu. den abstoße und dabei Drehimpuls in der dern heftig durch die Luft rudert, können
Was in dieser kurzen Zeit abläuft, zieht einen oder anderen Richtung gewinne. aerodynamische Auftriebs- und Wider-
so schnell am Auge vorüber, dass sich beim Denn während des Falles selbst könne die standskräfte der Drehung nicht den nöti-
bloßen Zuschauen nicht alle Einzelheiten Katze einen Teil ihres Körpers nur dadurch gen Schwung geben.

62
Bis heute hält sich hartnäckig das Vorur- hen, indem sie Teile ihres Körpers gegen- te sich die hintere Hälfte zwangsläufig ent-
teil, die Katze treibe die Drehung um ihre sinnig bewegen. Marey, ein Pionier der Ki- gegengesetzt, aber im umgekehrten Ver-
Längsachse an, indem sie mit dem Schwanz nematografie in der Biologie, hatte um hältnis der Trägheitsmomente langsamer.
kräftig entgegenrudere. Von vornherein ab- 1890 eine Kamera erfunden, die sechzig Im zweiten Takt stellte die Katze die Vor-
wegig ist es nicht; Katzen benutzen zu Aus- Bilder in der Sekunde aufnehmen konnte, derbeine quer und streckte die Hinterbei-
gleichsbewegungen auch ihren Schwanz. und sie schon erfolgreich auf den Vogel- ne lang, damit sich der hintere Teil um den
Aber in diesem Fall müsste selbst ein stattli- flug angewendet. Wenn er die Bildfolge mit größeren Winkel drehte. Im Endergebnis
cher Schwanz schnell wie ein Propeller ro- einem »Zootrop« sechsfach verlangsamt hatten sich beide Hälften im gleichen Sinn
tieren. Experimente mit schwanzlosen Kat- »in Zeitlupe« vorführte, wurde sie vom um etwa den gleichen Differenzwinkel ge-
zen zeigen, dass sie sich fast ebenso elegant Auge eben noch als stetiger Ablauf oder dreht.
drehen können wie geschwänzte. »Film« wahrgenommen. Die Aktion der Akademie machte das
Wären alle physikalischen Fragen beant- Die Vorführung des Films löste in der Katzenproblem so populär, dass es alsbald
wortet, blieben noch die physiologischen Akademie einen Sturm aus. Einige der an- in der Lehrbuch-Literatur erschien und die
Fragen nach dem Antrieb und der Steue- wesenden Physiker zweifelten an, was sie Physiker anregte, über momentenfreie Dre-
rung der Bewegung. Biologen ließen Katzen sahen, weil es grundsätzlich unmöglich sei, hungen von Mensch und Tier im Raum
mit verbundenen Augen oder in dunkle dass ein fallender Körper von sich aus in nachzudenken. Seit mehreren Jahrzehnten
Räume fallen, deren Höhe die Tiere nicht Drehung kommen könne. ist das Thema durch aktuelle Anwendun-
vorhersehen konnten. Gleichwohl gelang es Marey entnahm den Bildern, dass seine gen im Sport (Turmspringen), in der Zirkus-
gesunden Katzen immer, die Füße auf den Katze sich in zwei Takten drehte. Im ersten akrobatik (Schleuderbrett, Trapez) und in
Boden zu bekommen. Sie verloren diese Fä- Takt stellte sie ihre Hinterbeine quer zur der Weltraumfahrt wieder populär gewor-
higkeit erst, wenn ihnen beidseitig die La- Körperachse (wodurch sie für die axiale den.
byrinthe des Innenohrs mit den Gleichge- Drehung das Trägheitsmoment der hinte- Katzen beherrschen noch andere Tricks,
wichtsorganen operativ entfernt wurden. ren Körperhälfte vergrößerte), während sie auf die Füße zu kommen. In einer Fotose-
Noch im gleichen Jahr, 1894, legte gleichzeitig die Vorderbeine möglichst rie des Magazins »Life«, die T. R. Kane & M.
Etienne Jules Marey der Akademie der Wis- nahe zur Achse zog (und das axiale Träg- P. Scher 1969 ihrer Analyse zu Grunde leg-
senschaften in Paris zwei Bildfolgen einer heitsmoment der vorderen Körperhälfte ten, war am Versuchstier während des
fallenden Katze aus verschiedenen Pers- so klein wie möglich machte). Wenn die ­Falles keine Verwindung des Körpers zu er-
pektiven vor. Sie geben eine raum-zeitliche Katze nun ihre vordere Hälfte so weit wie kennen; dafür winkelte die Katze ihr
Vorstellung davon, wie Katzen sich umdre- möglich in die eine Richtung drehte, dreh- ­Rückgrat in der Hüfte ab. In ihrem mathe-

63
KOMPAKT
matischen Modell beschrieben die Auto- Moment, in dem sie ihre Rotoren in Gang
ren daraufhin die Katze durch zwei sich setzt, und endet ebenso plötzlich, sobald
mit gleicher Winkelgeschwindigkeit dre- sie die Rotoren wieder stoppt.
hende Rotoren, deren Drehachsen einen Mit Sicherheit verfügen echte Katzen
Winkel einschließen. Wäre das Rückgrat ge- über ein größeres Repertoire von Metho-
rade, die Achsen also in einer Linie, könnte den, sich momentenfrei zu drehen, da sie
die Katze auf diese Weise ohne ein äußeres außer Teilen ihres Rumpfes den Kopf, vier
Drehmoment in der Tat nicht in Drehung Beine und den Schwanz weitgehend unab-
kommen. hängig voneinander bewegen können.
Man stelle sich den anderen Extremfall Gern wüsste man außerdem, wie die Katze
vor: Die Katze könnte ihren Körper wie ein die Drehung steuert und durch Kontrakti-
Taschenmesser zusammenklappen. Sie on ihrer Muskeln antreibt, aber das ist kein
klappt sich dann zu Beginn des Falles Problem der Physik. 
Bauchseite an Bauchseite zusammen, ro-
tiert ihre beiden Hälften gegeneinander (Spektrum der Wissenschaft, 6/2001)
um eine halbe Drehung, bis sie Rücken an T. R. Kane und M. P. Scher: A Dynamical Explanation of the

INVASIVE
Rücken liegen, klappt sich auf und hat die Falling Cat Phenomenon. In: International Journal of Solids
Füße zuunterst. Wenn die beiden Körper- Structures, Bd. 5, S. 663 (1969).
hälften auch noch gleiche Trägheitsmo-
mente haben, heben sich ihre Drehimpul-
D. A. McDonald: How does a falling cat turn over? In: The
Saint Bartholomew’s Hospital Journal, Bd. 56, S. 254 (1955). ARTEN
se genau auf.
Der Normalfall liegt zwischen den bei-
Gefahr für die
den Extremen, so dass die Drehimpulse biologische Vielfalt
sich nicht ganz ausgleichen. Zur Kompen- Kommentar | Falsch verstandener Tierschutz
sation des restlichen Drehimpulses ent- Australien | Wo Fuchs und Katz wüten
steht dann eine Gegendrehung des Katzen-
Neuseeland | Die Freiheit beginnt hinter dem Zaun
körpers, die der Präzession eines Kreisels
ähnelt. Falls die Katze drehungsfrei losge- FÜ R N U R
lassen wird, beginnt ihre Drehung in dem € 4, 99
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DIE WOCHE
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