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Reinhard Prahl

Kannten die Alten Ägypter


Sirius B?
Robert G. Temple veröffentlichte „Die astronomischen Überlieferungen
1976 sein Buch „Das Sirius-Rätsel“, der Dogon mussten unbedingt bei den As-
in dem er postulierte, dass Wesen aus tronomen Verblüffung hervorrufen; denn
dem Siriussystem vor vielen Jahrtausen- es erscheint unmöglich, die astronomischen
den auf die Erde gekommen seien und Kenntnisse der Dogon über den Stern
für den (angeblichen) zivilisatorischen Sirius mit ihren instrumentellen Möglich-
Aufschwung, den die Ägypter zwischen keiten, nämlich dem unbewaffneten Auge,
-4500 und -3500 vollzogen haben (sol- zu vereinbaren. Andererseits sind Temples
len), verantwortlich zeichneten. Folgerungen so unorthodox, dass das von
Temple berief sich auf das umstritte- ihm beigebrachte Material und die Art,
ne Wissen des Stammes der Dogon, die wie er damit umgeht, auf das peinlichste
heute in Mali leben. Die Dogon kennen geprüft werden müssen. Es ist wirklich auf-
nach den Untersuchungsergebnissen der fällig, wenn ein afrikanischer Stamm, der
französischen Anthropologen (1) Dr. für seine komplexe Kosmologie und seine
Marcel Griaule und Germaine Dieterlen einzigartigen religiösen Überlieferungen
einen für das menschliche Auge unsicht- berühmt ist, genauere Kenntnis von der
baren Begleiter des Sirius im Sternbild Existenz und der Natur von Sirius B.,
Canis Mayor. Hierbei handelt es sich um von den Galileischen Jupitermonden und
einen sogenannten Weißen Zwerg, einen vom Ringsystem des Saturns gehabt haben
kleinen Himmelskörper, der seine Heli- sollen.“ (3)
um- und Wasserstoffatome aufgebraucht Weitere Akademiker, die an ein tie-
hat und deshalb sehr dicht ist und wenig feres kosmoligisches Wissen der Dogon
Licht ausstrahlt. Die Dogon nennen glauben, finden sich in Giorgio Santilla-
diesen unsichtbaren Begleiter nach ihrem na und Hertha von Dechend, die 1969
kleinsten bekannten Getreidekorn „po das Werk „Hamlet´s Mill“ schrieben,
tolo“, Sirius heißt bei ihnen „Sigui“. Die dass 1993 als deutsche Übersetzung auf
Getreideart „po tolo“ wird lateinisch als dem Markt kam. Dieses für mich zur
Digitaria exilis klassifiziert, und so wird in Pflichtlektüre gehörende Buch sucht
der einschlägigen Literatur auch für Sirius nach Spuren von ungewöhnlich hohem
B das Wort Digitaria verwendet. astronomischen Wissen in den Mythen
Dieses Wissen hüten die Dogon der der Welt. Hier wird im Appendix 1 u. a.
gängigen Literatur zufolge seit vielen über Marcel Griaule von H. von Dechend
hunderten von Jahren. Während Digi- folgendes geschrieben:
taria in der Neuzeit erst 1862 von dem „Der bis heute einzige Meister der
Amerikaner Clarke entdeckt wurde, der Beobachtung dieser Art ist Marcel Griaule Abb. 1: Paradoxerweise gab es viele Formen des
Horus und die meisten Planeten wurden ebenfalls
sich die jahrzehntelangen Vorarbeiten gewesen (gest. 1956), aber er hinterließ als eine Form des Horus betrachtet. (Angela Prahl,
des Astronomen F. W. Bessel zunutze eine eindrucksvolle Schar von Schülern. Archiv Prahl)
machte. Sirius B konnte erstmalig 1970 Sie haben das Verständnis afrikanischer
vom Astronomen I. Lindenblad vom US Studien erneuert, indem sie aufzeigten, Tausend belaufen, sie haben ihre eigenen
Naval Observatory fotografiert werden. dass solche Systeme bei den Dogon, die astronomischen Systeme und kalendari-
In den Jahren seit Temples Buch ist Griaule im wahrsten Sinne des Wortes schen Messungen, Berechnungsmethoden
verstärkte Kritik an dem angeblichen ,entdeckte‘, noch am Leben sind.“ sowie ein umfassendes anatomisches und
Wissen der Dogon angebracht worden Demnach erkennen nicht nur San- physiologisches Wissen wie auch eine syste-
(2). So weit ich sehen kann, richtet sich tillana/Dechend und Frau Dieterlen matische Pharmakopöe.“ (Heil- und Zauber-
die Hauptargumentation gegen die ange- die Forschungsarbeit Griaules als völlig mittelsammlung, Anm. R.P.).
wandte Vorgehensweise bzw. Methodik korrekt an, auch eine ganze Reihe wei- Um diese nun doch kurze „Kritik an
des Forschers Griaule bei der Befragung terer Akademiker scheinen dies zu tun der Kritik“ abzuschließen, sei gesagt, dass
der einzelnen Mitglieder des Dogon- und darüber hinaus noch weitere Spuren wer glauben mag, die Dogon hätten ihr
Stammes. Es geht mir nicht darum, die ähnlicher Art entdeckt zu haben. Dies Wissen von Missionaren oder Griaule sei
Kritik zu kritisieren, möchte aber an- beweist ein Zitat Dieterlens, welches unkorrekt vorgegangen, oder wer sich
merken, dass etliche Gelehrte das rätsel- Dechend aus „Conservations with Ogo- darüber wundern möchte, warum andere
hafte Wissen der Dogon anzuerkennen tommeli“ entnahm: Anthropologen, die dreißig Jahre später
scheinen. So schreibt z.B. der Astronom „Die Afrikaner, mit denen wir in der die Dogon befragten, nicht ähnliche Er-
E. C. Krupp in seinem hervorragendem, Region des Oberen Niger zusammenge- gebnisse wie Griaule/Dieterlen erzielten,
absolut orthodox ausgerichtetem Buch arbeitet haben, verfügen über Zeichen- natürlich das Recht hat, dies zu tun. M.
„Astronomen, Priester, Pyramiden“: systeme, die sich in ihrer Anzahl auf über E. liegt es aber näher, Griaule zu glauben.
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Kannten die Alten Ägypter Sirius B?
aufgeschrieben wurden (11). Hinzu
kommt, dass sich die Pyramiden des
Alten Reichs (ca. -2700 bis -2200) alle in
der Gegend um Heliopolis bzw. Mem-
phis und Sakkara befinden, und in diesen
Grabmälern wurden die Pyramidentexte
seit der 5. Dynastie angebracht. Gizeh
z.B. liegt ganz in der Nähe von Heliopo-
lis. Die Reste dieser einst so großen und
mächtigen Stadt liegen heute in einem
Kairoer Vorort.
Der Ägyptologe Krauss übersetzte
die Anfang des 20. Jahrhunderts von
dem Ägyptologen Kurth Sethe übersetz-
ten „Pyramidentexte“ teilweise neu und
sammelte viele Aussagen seiner Kollegen
über die Identifizierung von im Osiris-
Mythos genannten Göttern und Ortsbe-
zeichnungen. Aber er übersetzte gewisse
Stellen in den heiligen Texten nicht nur,
er interpretierte sie auch neu. Er be-
diente sich aber auch der etwas jüngeren
sogenannten „Sargtexte“ (12) und kam
so zu seinen Neuinterpretationen.
In den Pyramidentexten gibt es viele
Aussagen, die den König (den „leben-
digen Horus“) dazu bewegen sollen,
in den Himmel zu Orion/Osiris oder
Isis/Sothis aufzusteigen. Es wird von ei-
nem Fährmann geredet, der den Pharao
Die Zeichnung des Sirius-Systems der Dogon weist in Wirklichkeit wesentlich mehr Planeten auf, als von über einen „gewundenen Kanal“ (13)
Temple dargestellt. Er verstümmelte die Abbildung absichtlich, damit sie in seine Theorie passte. (Pössel,
S.71) ins „Binsengefilde“ und „Opfergefilde“
bringen soll. Das „Binsengefilde“ ist ein
Allein schon die Beliebtheit, die er bei einzuarbeiten, soweit sie astronomische mythischer Ort, der zum Osiris-Mythos
den Dogon genoss, mag den Stammes- Konzepte zu verraten scheinen. gehört, den ich weiter unten in aller
mitgliedern genug Anlass geboten haben, Kurze Einleitung über die Kürze nacherzählen werde. Den „ge-
den französischen Forschern mehr zu astronomischen Aspekte in den wundene Kanal“ identifiziert Krauss im
verraten als anderen. Hinzu kommt, dass Pyramidentexten o.g. Buch anhand der Pyramidentexte
Griaule in G. Dieterlen auf seiner zweiten sowie astronomischer Tatsachen als
Die Ägypter setzten viele Götter
Expedition eine äußerst kompetente Zeu- Bahn der Ekliptik . So wird beispielswei-
ihrer Mythen mit Sternen und Planeten
gin hatte, die seine Forschungsergebnisse se in den Pyramidentexten gesagt, dass
gleich. Ortschaften, wie sie beispielswei-
noch Jahre später stets bestätigte. der „gewundene Kanal“ in ost-westli-
se im Osiris-Mythos erwähnt werden,
Leider jedoch ist in dem „Geplänkel“ cher Richtung verläuft, dass der Mond,
stellten sie sich im Himmel liegend vor.
um Wahrheit und Lüge eine Frage meist der traditionell als Thot angesehen wird,
Ich halte es daher für notwendig eine
untergegangen. Gibt es Indizien dafür, den Kanal von Süd nach Nord über-
kurze Einleitung über die wichtigsten
dass die Ägypter, die ja nach Temple die quert usw. Dies alles sind Eigenschaften,
Aspekte dieser altägyptischen Vorstel-
ursprünglichen Träger dieses Wissens die auf die Ekliptik zutreffen.
lungswelt zu geben.
gewesen sein sollen, tatsächlich etwas Die Pyramidentexte erzählen weiter
Ich verwende hier überwiegend die
von Sirius B/Digitaria wussten? Arbeit von Dr. Rolf Krauss, der am ägyp- davon, dass die Sonne entlang dieses
Gewiss haben sich schon einige Au- tischen Museum in Berlin beschäftigt ist Kanals fahre, was per definitionem auf
toren an einer Beweisführung versucht, (7). Krauss arbeitete sich in die Astro- die Ekliptik zutrifft, denn die Ekliptik
außer Temple selbst z.B. die Esoterikerin nomie ein und ließ sich eine drehbare ist die - von der Erde aus betrachtet
Murry Hope (4), Ulrich Schaper (5) oder Karte des Sternenhimmels der Gegend - scheinbare Bahn, die die Sonne in
neuerdings auf haarsträubende Weise Er- um Heliopolis um -2400 anfertigen. Um einem Jahr von Ost nach West rund
dogan Ercivan (6). Oft fällt hierbei leider -2400 sind die sogenannten „Pyramiden- um die Erde zurücklegt. Diese Bahn
auf, dass die betreffenden Autoren über texte“(10) wahrscheinlich aufgeschrieben verläuft für den Beobachter tatsächlich
die kosmologischen Aspekte der alten worden. Sie gehen aber in großen Teilen mehr oder weniger „S“-förmig, so dass
Ägypter und die ägyptologischen An- auf wesentlich ältere Texte zurück. Heli- der Ausdruck „gewundener“ sehr ein-
haltspunkte für astronomische Konzepte opolis ist die Stadt des Sonnengottes Re, leuchtend ist. Der „gewundene Kanal“
in altägyptischen religiösen Texten kaum und da sich zur genannten Zeit in dieser teilt den Himmel über Heliopolis in
eine Ahnung zu haben scheinen. Aus die- Stadt eine dort ansässige kosmologische einen nördlichen und einen südlichen
sem Grunde habe ich versucht, mich ein an der Sonne orientierte Religion zur Teil, die weiterhin noch in Ost- und
wenig in die ältesten ägyptischen Toten- Staatsreligion ausweitete, geht man da- Westteil untergliedert werden. Südlich
texte, die sogenannten „Pyramidentexte“ von aus, dass die Pyramidentexte dort der Ekliptik stellten sich die alten Ägyp-
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Kannten die Alten Ägypter Sirius B?

Der Sternenhimmel über Giza um 2400 v.Chr. am 14. Juli zeigt, dass Isis/Sirius, die ihren Sohn/Sirius B „versteckt“, vor Seth/Merkur ins „Binsengefilde flüchtet
(Rekonstruktion).

ter das „Binsengefilde“, nördlich das lang es ihr auch, dem Phallus des Osiris „Dieser Ansatz (Seth als Planet Mer-
„Opfergefilde“ (siehe auch Abb. 1) vor. den Samen zu entlocken, aus dem der kur, Anm. R.P.) entspricht der seit dem
Wie gesagt wurden zahlreiche Götter gemeinsame Sohn Horus entstand. Da- frühen NR bezeugten Identität von Seth
mit Sternen oder Planeten gleichgesetzt. nach wurde Osiris ins Jenseits berufen, und Merkur als Abend- bzw. Morgen-
Osiris ist z.B. Orion, Isis Sirius, Thot um von nun an über die Verstorbenen stern, wie auch der schon im N.R. bezeug-
war der Mondgott, Seth wurde in Mer- zu richten. Seth erfuhr nun aber vom ten Gleichsetzung der äußeren Planeten
kur erkannt. Kind des Götterpaares und versuchte (Mars, Jupiter und Saturn) mit Horus-
Diese Einleitung mag sehr knapp Isis mit dem jungen Horus aufzuspüren, formen.“ [S. 236]
erscheinen, aber um darzulegen, warum denn dieser hätte ihm nach ägyptischen Diese „Horusse“ konnten wahr-
ich der Ansicht bin, dass die Ägypter Recht als legitimer Erbe des Osiris einst scheinlich zustande kommen, weil es in
sein Königtum streitig machen können Ägypten eine ganze Reihe von Falken-
Sirius B kannten, kann diese Kurzform
(was im Mythos später auch geschieht, göttern gab, die meisten von ihnen ver-
der Erklärung hier genügen. Wichtig ist deshalb wird der Pharao als lebendiger
allein zu wissen, welcher Teil des Osiris- schmolzen irgendwann einfach mit Ho-
Horus, Sohn des Osiris bezeichnet). rus, so dass die Ägypter einfach mehrere
Mythos mit tatsächlichen Himmelsphä- Isis versteckte sich im Deltagebiet, Formen oder Aspekte daraus machten.
nomenen zu identifizieren ist. das in früher Zeit ein riesiges „Binsenge- Ein Aspekt ist beispielsweise der soge-
Der Osiris-Mythos filde“ war. Daher der Ausdruck. nannte „alte Horus“, „Horus, das Kind“,
Wichtige Teile dieses Mythos wurden „Horus, Pfeiler seiner Mutter“ und viele
Osiris wurde von seinem Bruder Seth von den Ägyptern,wie angedeutet, an
ermordet, damit dieser das Königtum mehr. Und obwohl es sich eigentlich im
den Nachthimmel projiziert und gingen Sinne des Mythos nur um einen Gott
Ägyptens in seine Gewalt bringen konn- auf diese Weise in die Pyramidentexte
te. Um ein Auffinden des Leichnams handelt, so waren die Priester wohl der
ein, denn der verstorbene König, der Ansicht, dass jeder dieser Aspekte auch
unmöglich zu machen, zerstückelte lebendige Horus auf Erden, sollte wie
Seth den Toten in 14 Teile und verstreu- auf die eine oder andere Art eine eigene
sein Vater Osiris das ewige Leben finden Gottheit war. So war es dann selbstver-
te diese über das ganze Land. Osiris´ und über die Toten richten.
Schwester-Gemahlin Isis aber suchte ständlich, dass jede dieser Horusformen
die Einzelteile und fügt sie anschlie- Mehrere Horusformen auch mit einem eigenen Planeten oder
ßend wieder zusammen. Nachdem sie Als ich oben über die mit Sternen Stern gleichzusetzen war. Und letztenen-
der nun ersten Mumie der ägyptischen und Planeten gleichgesetzten Götter des war ja auch der König ein lebender
Geschichte mit ihren Flügeln (sie hatte berichtete, ließ ich Horus aus. Parado- Horus auf Erden, also musste auch er
sich zuvor in eine Weihe verwandelt) xerweise gibt es nämlich mehrere Horus- nach seinem Tode natürlich zu einem
kurzfristig Leben eingehaucht hatte, ge- formen. Krauss schreibt hierzu: Stern werden.
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Kannten die Alten Ägypter Sirius B?
der Sirius tatsächlich als Mann darstellt
(17). Des weiteren wird in Versen der
Sargtexte (CT VI 319 c-d) von einem von
Sothis geborenen Sohn des Orion/Osiris
gesprochen. Als drittes Argument möchte
ich anfügen, dass die Möglichkeit besteht
(hier gehen die Ansichten der Ägyptolo-
gen allerdings auseinander), dass es sogar
mehrere Schreibungen für einen Gott
Horus-Sothis gibt.
Wenn aber Sirius nicht gleichzeitig
König und Isis sein kann, es aber einen
„Horus befindlich im Sirius“ gibt, der
ganz klar als andere Person definiert wird
und dem Sirius auch noch sehr nahe ist,
liegt es da nicht auf der Hand, in dieser
Horusform einen Stern in der Nähe des
Osiris als Orion und Isis als Sirius, gefolgt von den Horussen Jupiter, Mars und Saturn (Hope, S.103). Sirius zu sehen? Die unmittelbare Nähe
zum Sirius kann man aus den Tatsachen
Eine dieser Horusformen ist be- rus ist der Sohn von Isis/Sirius und da ableiten, dass es erstens die Bezeich-
sonders interessant, denn es gibt Py- Isis demnach gesellschaftlich über Horus nung „Horus befindlich im Sirius“ gibt,
ramidensprüche, die einen „Horus, steht, kann es logischerweise höchstens zweitens Horus der Sohn der Isis ist, die
befindlich im Sothis“ (14) erwähnen, umgekehrt sein, dass Isis das Sternbild ihren Sohn im Mythos immer in ihrer
namentlich Pyramidentext 632d: repräsentiert und Horus den Einzels- Nähe hat, um ihn vor Seth zu schützen.
a) „(als) zu dir kam deine Schwester tern. Es ist aber nunmal traditionell so, Wenn man nun den oben genannten
Isis, da hat sie gejubelt aus Liebe zu dir, dass Isis eben der Einzelstern Sirius ist. „Horus, befindlich im Sothis“ mit Sirius
b.) nachdem du sie auf deinen Phallus Dies sagen auch die Pyramidentexte an B gleichsetzt, fällt es sehr leicht, den Osi-
gesetzt hast c) kam heraus dein Same in vielen Stellen aus. Die eigentlich schlüs- ris-Mythos anhand von kosmologischen
sie, indem er scharf war in „Der Schar- sige Konsequenz, dass Horus als Stern Gegebenheiten nachzuerzählen, was im
fen“(15), d.) so ist Horus der „Scharfe“ (Isis ist ja auch ein Stern!) seiner Mutter folgenden geschehen soll.
(=spd) herausgekommen aus dir als Spdt sehr nahe sein muss, dass es sich mithin
(Horus, befindlich in/im Sirius).“ um zwei Einzelobjekte handeln muss, Eine kosmische „Nacherzählung“
Anthes übersetzte den Textteil 632d zieht er natürlich nicht in Betracht. des Osirismythos
m. E. besser: Denn der einzige Stern, der Isis/Sirius Wir befinden uns in folgender Si-
„Der spitze Horus, der aus dir gekom- so nah ist, ist eben nur Sirius B. tuation: Seth hatte Osiris ermordet, Isis
men ist in seinem Namen als Horus, der Ein anderer Spruch enthält übrigens hatte ihren Gatten zum Leben erweckt,
in der Sothis ist“. die Bezeichnung „Lebender, Sohn der Horus wurde gezeugt und geboren. Wir
Hier wird klar gesagt, dass Horus Sothis“ und bekräftigt mein Argument sehen auf Abb. 1, die den Himmel im
von Isis geboren worden ist und sich weiter. Man darf also tatsächlich ablei- Raum Heliopolis um -2400 darstellt, dass
noch bei ihr aufhält! ten, dass es einen „Horus“ in der Nähe sich der Sirius/Isis südlich der Ekliptik
Rolf Krauss weist auf S. 178 auf des Sirius gibt, der als „Sohn“ der Isis und dort im östlichen Teil des Himmels
einen weiteren Text aus dem Grab des bezeichnet wird. R. Anthes ging noch ei- befand. Man könnte also sagen, Isis ist
Chaemhet aus dem Neuen Reich hin, nen Schritt weiter, als er eine „wesenhafte mit ihrem Sohn Horus/Sirius B vor Seth/
den ich wie folgt übersetze: Gleichsetzung von Horus und Sothis als Merkur ins Binsengefilde geflüchtet.
„Diese Götter erscheinen im Himmel einer Einheit“ postulierte. Mit anderen Merkur kann als innerster Planet
entsprechend den Sternen, Chaemhet der Worten sah Anthes die Sache so, dass des Sonnensystems tatsächlich auch als
Gerechtfertigte erscheint als einzelner Sirius gleichzeitig einen männlichen Morgenstern beobachtet werden. Dies ist
Stern. Deine Geburt ist entsprechend Ori- und weiblichen Aspekt haben könnte. auch logisch, da natürlich auch Merkur
on und dem Horus, der in/im Sirius ist.“ Der tote Pharao könne also genauso im einen Frühaufgang hat, dessen Bewe-
Interessant ist der Kommentar zu Sirius verkörpert sein, wie die Isis. Das gungsbereich nahe dem seines Nachbarn
diesem Text, den der Ägyptologe an- kann aber nicht gut sein, denn in diver- Venus verläuft, der eigentlich von den
schließend gibt (16): sen Pyramiden- sowie Sargtexten ( hier Ägyptern als Morgenstern bezeichnet
„Nach diesem Text sollen Orion und z.B. CT V 469) heißt es ausdrücklich: wurde (siehe Abb. 2). Aus dem Sargtext
Spdt zusammen aufgehen, während von „Meine Mutter Sothis bereitet mir den CT 62 geht aber hervor, dass Seth als
Spdt-Sothis dabei außerhalb des Namens Weg...“ „Räuber am Tagesanfang“ gesehen wurde
spdt keine Rede ist. Da Orion ein Sternbild Es ist aber kaum möglich, dass sich (18). Dies bescheinigt uns, dass der Mer-
ist, könnte dies auch für Spdt gelten, was ein Stern selbst seinen Weg weist. Logi- kur als Morgenstern eine Rolle spielte.
die Übersetzung des fraglichen Ausdrucks scher ist, dass für die Ägypter der größere Da sich Merkur als Morgenstern bei
als ‚Horus (-Sternbild), in dem Sothis (- Stern dem kleineren den Weg weist, ihn seinem Aufgang auf der östlichen Seite
Einzelstern) ist‘ nach sich zieht.“ also in seiner Bahn hält. Andererseits des Himmels befindet, er folgt ja der
Man sieht also, dass auch Krauss ge- scheint es aber klar zu sein, dass es tat- aufgehenden Sonne nach, kommt er na-
nerell der Ansicht ist, dass sich „Horus, sächlich abgesehen von der weiblichen türlich auch an Orion und Sirius vorbei.
befindlich in/im Sirius“ und Isis/Sirius Siriusverkörperung (= Isis) auch einen Er verfolgt also aus mythologischer Sicht
sehr nahe sind. Seine Interpretation „männlichen Sirius“ gibt. Krauss weist heraus die Isis ins Binsengefilde, man
kann aber m.E. nicht passen, denn Ho- auf einen Architrav im Ramesseum hin, könnte auch sagen, er sucht sie dort.

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Kannten die Alten Ägypter Sirius B?
Isis hielt aber Horus verborgen. die Ägypter im Alten Reich den für das 13 Die ägyptolog. Transkription lautet: mr =
Dies ist eine gute Interpretation für die menschliche Auge unsichtbaren Sirius Kanal, See.
14 Die ägyptol. Transkription lautet: ?rw jmj
Tatsache, dass Sirius B von der Erde B kannten. Aber die Vereinbarkeit mit Spdt, wobei jmj
aus betrachtet unsichtbar ist. Es läge dem Osiris-Mythos, sowie die Existenz ein sogen. Nisbeadjektiv ist, das man etwa mit
m.E. nahe, dass die Ägypter diese für sie des angeführten Textmaterials sind. m. „befindlich in/im“ übersetzen kann.
15 An dieser Stelle liegt ein Wortspiel vor, denn
so ungewöhnliche Tatsache mythisch E. sehr gute Argumente dafür. Wenn ich das ägyptische Wort spdt oder spd bedeutet
ausdeuteten, wie es ebenso nahe liegt, aber mit meiner Annahme richtig liege, scharf und das Substantiv Spdt bezeichnet
dass eine so besondere Himmelserschei- so stellt sich die Frage, woher die Ägypter Sirius/Isis, man könnte sie also „die Scharfe“
nennen.
nung mit einer sehr wichtigen Gottheit um -2400 von einem Himmelskörper 16 Es soll aber angemerkt sein, dass Krauss die-
gleichgesetzt würde. gewusst haben können, der für sie un- sen Text ein wenig anders übersetzt: „Diese
sichtbar sein musste. Ebenfalls wäre für Götter aber erscheinen am Himmel gleich-
Schlussfolgerung zeitig mit den Sternen. Chaemhet erscheint
Es ist schon erstaunlich, wie viele die Temple-These ein weiteres Argument als „Einzelner Stern“. Deine Geburt ist ent-
ägyptologisch unzweifelhaft ermittelte gefunden, denn es erscheint keineswegs sprechend der des Orion zusammen mit ?rw
kosmologische Aspekte des Osiris-My- unwahrscheinlich, dass die Ägypter und jmj Spdt, im Gefolge des großen Gottes.“ Ich
die Dogon einst Kontakte zueinander denke allerdings, dass meine Übersetzung hier
thos sich auf den Himmel übertragen wörtlicher ist, denn das von Krauss einmal
lassen, wenn man akzeptiert, dass der pflegten. Hier braucht nur darauf hin- mit „gleichzeitig“, einmal mit „entsprechend“
„Horus, befindlich in Sothis“ der Sirius gewiesen zu werden, dass Mali nicht die übersetzt, ist im Originaltext ein- und dersel-
ursprüngliche Heimat der Dogon ist und be Begriff. Weiter ist es m.E. nicht zwingend,
B ist. Welcher andere, dem Sirius sehr den Begriff „Einzelner Stern“ als Eigenname
nahe Stern sollte gemeint sein, wenn ihr Ursprung im Dunkeln liegt. Eins ist anzusehen und der von Krauss mit „zusam-
nicht der Weiße Zwerg aus dem Siri- auf jeden Fall sicher: Von Missionaren men“ übersetzte Begriff bedeutet eigentlich
ussystem? Die von Anthes postulierte können die alten Ägypter das Wissen um „und“ oder auch „mit“.
17 Krauss S. 295/296
Gleichsetzung Horus = Sirius scheidet Sirius B sicher nicht erhalten haben. 18 Krauss, S. 287
jedenfalls aus und auch wenn Krauss Anmerkungen 19 Krauss, S. 22
versucht, einen Horus zu leugnen, der 20 Pyramidenspruch 802
1 Die Berufsbezeichungen für Griaule gehen
sich im Sirius befindet, so lässt sich die- von Völkerkundler über Ethnologe bis zu
ser Text doch nicht abstreiten. Es wurde Anthropologe, da hier die Unterschiede Literatur
nicht diskutiert werden sollen, folge ich hier Krauss, Rolf: Astronomische Konzepte und Jen-
hier eine Interpretation angeboten, die der Berufsbezeichnung des Astronomen E.C. seitsvorstellungen in den Pyramidentexten,
sich sinnvoll mit dem Osiris-Mythos Krupp, „Astronomen, Priester, Pyramiden“, (ÄA) Bd. 59, 1997, Wiesbaden
verbinden lässt, von dem so viel für das S. 262 ff. Kees, Herrmann: Totenglauben und Jenseitsvor-
2 siehe z.B. Markus Pössel „Phantastische Wis- stellungen der alten Ägypter, Leipzig 1926
seelische Wohl des verstorbenen Pharao ders.: Der Götterglaube im Alten Ägypten, 3.
senschaft“, S. 63 ff., oder Klaus Richter: „Das unveränd. Aufl., Berlin, 1977
abhing. Die astronomischen Aspekte Sirius-Rätsel“
wurden von Ägyptologen ermittelt. Es Antes, R.: Theologie des 3. Jahrtausends, Studia
3 siehe Krupp, S. 263 Aegyptiaca 9, 1983
ist augenscheinlich, dass kein Ägypto- 4 „Im Zeichen des Sirius“, 1996 ders.: Orion, Fuß und Zehe, in: Festschrift für
5 „Ezechiel-Raumschiff bei den Dogon?“, in: Siegfried Schott, Wiesbaden 1968
loge auf die Idee kommen wird, den „Fremde aus dem All“ Lauer, J. P.: Das Geheimnis der Pyramiden, Mün-
Ägyptern dass Wissen um Sirius B zu- 6 „Fälscher und Gelehrte“, S. 151 ff. chen - Berlin 1980
zuschreiben, doch andererseits mutet es 7 Verwendet habe ich hier von R. Anthes: „The- Barta, Wienfried: Untersuchungen zur Göttlich-
eigenartig an, wenn Krauss im Zusam- ologie des 3. Jahrtausends“ (Studia Aegypti- keit des regierenden Königs, München/Berlin
aca 9 , 1983), Rolf Krauss: „Astronomische 1975 (MÄS)
menhang mit der Reise der Sonne über Konzepte und Jenseitsvorstellungen in den Schott, Siegfried: Bemerkungen zum ägyptischen
den Tageshimmel schreibt: Pyramidentexten“ (Ägyptologische Abhand- Pyramidenkult, in Beiträge Bf Heft 5, Kairo
„Im Text (Pyramidentext 543 a - c und lungen Bd. 59, 1997), sowie Hermann Kees: 1950
„Totenglauben und Jenseitsvorstellungen Krupp, Edwin C.: Astronomen, Priester, Pyrami-
544 a - b, Anm. R.P.) könnte daran gedacht der alten Ägypter“ (Erstaufl. 1926). Alle drei den, München 1980
sein, dass ein solcher Stern den Re am Tag- Autoren sind bekannte Ägyptologen. Pössel, Markus: Phantastische Wissenschaft,
himmel begleitet und unter Umständen 10 die Pyramidentexte sind im Unterschied zum Hamburg 2000
Totenbuch nur dem Pharao vorbehalten. Sie Hannig, Rainer: Großes Handwörterbuch Ägyp-
unsichtbar ist.“ (19) (Hervorhebung von enthalten Aussagen darüber, wie die Seele tisch-Deutsch, Kulturgeschichte der Antiken
mir). des Verstorbenen in das himmlische Jenseits Welt Bd. 64, Mainz, 2. Aufl. 1997
Bezug genommen wird hier auf den gelangt, um seinen Platz als Osiris in der Son- Santillana, G. & von Dechend, H.: Die Mühle
nenbarke des Sonnengottes Re einzunehmen. des Hamlet, Wien/New York, 2. Aufl. 1993
in Klammern angegebenen Text, den von Däniken, Erich: Botschaften und Zeichen
Die Pyramidentexte sind die ältesten religiö-
Krauss wie folgt übersetzt: sen Texte, die uns aus Ägypten zur Verfügung aus dem Universum, München 1996
„Nachdem du (=Re) den gewundenen stehen, rund 1500 Jahre älter als das Toten- Schaper, Ulrich: Ezechiel-Raumschiff bei den
buch. Aus den genannten Gründen dürfen Dogon?, in: Fremde aus dem All, Hrg. Erich
Kanal durchfahren hast, da war es, dass von Däniken, München 1995
diese beiden Textgattungen nicht miteinander
sich NN (= der Pharao, Anm. R. P.) deinen in Verbindung gebracht werden, obwohl Hope, Murry: Im Zeichen des Sirius, München
Schwanz gepackt hat ...“. einige Passagen der Pyramidentexte in die 1999
Richter, Klaus: Das Sirius Rätsel, von: http//
Denn der König wird nach seinem Totenbuchtexte übergingen, wahrscheinlich www.alien.de/richter/sirius.htm
Tod selbst zu einem Stern: aber nicht mehr richtig verstanden wurden. Locher, Kurt: New arguments for the celestial
11 Darauf, dass die Pyramidentexte wesentlich location of the decanal belt and for the origins
„Befahre für dich den gewundenen älteres Textmaterial enthalten, weist schon H. of the S3h-hieroglyph, in: Sesto Congresso
Kanal im Norden der Nut, als Stern, der Kees a.a.O. „Totenglauben...“ hin. Internazionale di Egittologia, Atti Vol: II,
das Meer befährt, das unter dem Bauch 12 Der Name ist der Tatsache zuzuschreiben, S. 279 f.
dass sich diese Texte auf den Särgen der Ver-
der Nut (die Nut ist der personifizierte Himmel, storbenen befanden. Sie stammen aus der Abkürzungen
Anm. R. P.) ist ...“ (20) Zeit zwischen der sogen. 1. Zwischenzeit (ab ÄA Ägyptologische Abhandlungen
Hier wird der König klar als Stern ca. -2200 ) und waren vielleicht bis in die Bf Beiträge zur ägyptischen Bauforschung
identifiziert. Hyksoszeit, kurz vor dem Beginn des Neuen und Altertumskunde, Kairo
Reichs (ab -1550) in Gebrauch. Aus ihnen CT Sargtexte
Schlussbemerkung entwickelten sich neue königliche Totentexte, HWB Handwörterbuch von Rainer Hannig
z.B. das „Amduat“ oder das „Pfortenbuch“. MÄS Münchener Ägyptologische Studien
Es ist selbstverständlich, dass die oben Wenig später entstanden dann auch die Pyr. Pyramidentexte, Pyramidenspruch
angeführten Argumente keine letztendli- Totenbuchtexte, die im Großen und Ganzen
chen Beweise dafür bieten können, dass den Privatleuten vorbehalten waren. „
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