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Volker Ritters

Zum Ankh-Kreuz bei Dürer:


Neue methodische Werkzeuge durch die Verborgene Geometrie
erborgene
Was kann ich wissen?
Zur Methode
Der Aufsatz des Autors „Ankh = Tau
+ Sonnenscheibe. Aussagen zur alt-
ägyptischen Ur-Religion bei Jakob Cats
1657“ [SYNESIS Nr. 52] sollte provo-
zieren und hat es auch, wie im Artikel
von Angelika Müller „Die Symbolik des
Ankh“ [in dieser Ausgabe der SYNE-
SIS] nachzulesen ist. Das Ergebnis des
Autors hieß: „Und die herangezogene
Sonnenscheibe des Wieder-Vergöttlich-
ten und das überwundene Tau-Kreuz,
induktiv zusammen gesehen, bilden das
Ankh-Kreuz (das T mit dem Kreis
darüber), das ,Symbol des physischen
wie des göttlichen Lebens´ in diesem
,Kreislauf der Notwendigkeit´.“ Das
Ergebnis ist hier also als Bestandteil ei-
nes methodischen Verfahrens einer in-
duktiven Zusammenschau formuliert.
Das Ergebnis ist also hier kein Gegen-
stand allein, sondern es ist eine metho-
disch gewonnene Sicht. Damit wird der
Blick auf die Methode gelenkt und lässt
im Hintergrund die Frage erscheinen:
Was kann ich wissen?
Es ist wahr, dass diese Sicht ikono-
graphisch nicht belegbar ist, aber eben Abb. 1: „Gespräch zwischen Seele und Leichnam“ Radierung in: Cats „Alle de Wercken“ 1657.
methodisch durch die widerspruchs-
freie Wiederkehr der Deutung von Cats langem darum bemüht, neue Quellen, p. 518 f.) zum ersten Male seit 2000
(das Tau-Kreuz und die Sonnenscheibe die über Bedeutungen Auskunft geben Jahren von den östlichen Meistern
gehörten zusammen) und der Deutung können, zu erschließen: Das ist einmal der Weisheit, Morya und Kuthumi,
von Abhinyano (durch das Überwinden die Erforschung der Verborgenen Geo- bekannt gegeben: „Herodot infor-
des Kreuzes der Sexualität, des phalli- metrie in Werken alter Meister der Neu- miert uns (in seinen „Geschichten“),
schen Tau-Kreuzes, werde der Einzu- zeit, dann ist es das Aufstöbern alter Bil- daß jeder nachfolgende König eine
weihende ein ,Sohn Gottes und der Son- der (die im Kreislauf heutiger Veröffent- (Pyramide) errichtete, die als Denk-
ne´) wahrscheinlich geworden ist. Die- lichungen nicht mehr enthalten sind), mal seiner Regierung und als sein
ses induktive Vorgehen, evidente Einzel- und natürlich ist es die weitere Suche Grabmal dienen sollte. Aber Hero-
teile widerspruchsfrei wiederkehrend nach Literaturquellen. dot sagte nicht alles, obwohl er den
zu akkumulieren zu einer anwachsen- Um die wohl dringende Notwendig- wirklichen Zweck der Pyramide
den Wahrscheinlichkeit hin, schafft eine keit zu zeigen, die Palette der Quellen zu kannte, der ganz unterschiedlich
allmähliche Annäherung an die „Wahr- erweitern (hinsichtlich der menschli- von dem ist, den er ihr zuschreibt.
heit“. Die Methode der Induktion ist chen Sprachen, der transportierenden (Er war daran gehindert, die Wahr-
zwar nicht hundertprozentig sicher, ist Medien und der Entstehungs-Zeiten), heit) wegen seines religiösen Gewis-
aber dennoch unentbehrlich und gilt als sollen zwei Zitate folgen: sens (und Bedenkens preiszugeben,
eine wissenschaftliche Methode [Störig weil er den Sodalischen Eid gegeben
1. Rudolf Steiner sagt in dem Zusam- hatte), sonst hätte er hinzugefügt,
I, 182]. Unentbehrlich ist sie (im Be- menhang, dass von den Anhängern
reich der Deutungen), da eben alles, daß, äußerlich, (die Pyramide) das
der „Weisen Männer des Ostens“ [S. schöpferische Prinzip in der Natur
was vom Autor nicht im Entstehen einer 98] (Kains-Kinder, Freimaurer) das
Bedeutungsverleihung selbst miterlebt symbolisierte, aber auch die Prinzi-
„verlorene Wort“ (das wirkende pien der Geometrie, der Mathematik,
wurde, also aus zweiter Hand übernom- Wort Gottes) gesucht werde: „Nur
men wird, geprüft werden sollte, wobei Astrologie und Astronomie illustrier-
der kann es [Anm.: das verlorene te. Innerlich (jedoch) war (die Pyra-
die benutzten Autoren wahrscheinlich Wort] wissen, der bei der Schöpfung
selbst den gleichen Schwierigkeiten un- mide) ein majestätischer Tempel, in
[Anm.: als das Wort wirkte: Gott dessen dunklen Nischen (Kammern)
terliegen. Das einfache Zitieren von sprach und es ward] zugegen war.“
Texten behebt diese Schwierigkeit nicht, die Mysterien ausgeführt wurden,
verlagert die Probleme nur zurück.
[Steiner, S. 237 f] wobei die Wände (der Königs- und
2. Der wirkliche, aber esoterische Königinnenkammern) Zeugen der
Neue Quellen Zweck der Großen Pyramide wird in Einweihungsszenen von Mitgliedern
In dieser Lage hat der Autor sich seit H. P. Blavatskys „Isis, Unveiled“ (I, der Königlichen Familie (und der

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Zum Ankh-Kreuz bei Dürer
nomen annähern? Zunächst gibt es die
altägyptischen Darstellungen des Ankh-
Kreuzes in der bekannten Gestalt eines
Taukreuzes mit dem darüber befindli-
chen „Henkel“, der nach oben eher ei-
ner Kreisform gleicht und nach unten
eher spitz zuläuft. Da dieses Kreuz in
den altägyptischen Darstellungen an
diesem seinem oberen Teil angefasst
und getragen wird, so mag es als „Hen-
kel-Kreuz“ bezeichnet werden.
Wenn aber Darstellungen und Deu-
tungen nicht unbedingt die letzte Wahr-
heit (etwa eine höchste Ebene einer
Deutung) entsprechen müssen (siehe
die beiden Zitate), so kann nach weite-
ren Bezügen und Deutungen gesucht
werden: Abhinyano, der das ägyptische
Totenbuch nach dem indo-tibetischen
Schlüssel des esoterischen Mahajana-
Buddhismus interpretiert [S. 33, 70],
sagt, dass der Einzuweihende im Zu-
stand seines 5. Prinzips, des Buddhi-
Manas-Zustandes (des Kausalkörpers,
da er nach den Ursachen der Dinge,
nach dem Schöpfer, fragt) die Monade
(das 6. Prinzip Buddhi/ Christus-Be-
wusstsein und das 7. Prinzip Atma/ uni-
verseller Geist) zu sich heranziehe [S. 58,
244], um vollends den tierischen Aspekt
seiner Existenz, seine geistige Abhän-
gigkeit vom „Fleisch“ (das 4. Prinzip
Kama-Manas/ ichhaftes Denken zur
Befriedigung des Fleischlichen) zu
überwinden, und seine spirituell-göttli-
che Neugeburt zu erfahren [S. 161 ff].
Ein methodisches Konstrukt
Es erscheint vorstellbar (einleuch-
tend/ evident), dieses Heranziehen der
Sonne durch den künftigen „Sohn Got-
tes und der Sonne“ [Abhinyano, S. 64]
Abb. 2: „Die Kreuztragung“ aus der Großen Passion, Holzschnitt von Albrecht Dürer. derart darzustellen, dass in einer Hiero-
von den Einweihern vorbereiteten
Neophyten) waren. Der porphyrene
Sarkophag, den Prof. Piazzi Smyth,
Königlicher Astronom von Schott-
land, zu einer Kornkiste degradierte,
war das Taufbecken, aus dem der
Neophyte herausgehoben wurde,
nachdem er seine ,Wiedergeburt´ (als
ein Gott) erreicht hatte, wonach er zu
einem Adepten (Khepe-Ra, göttli-
cher Astronaut, Voll-Eingeweihter)
wurde.“ [Abhinyano, S. 245 f]
Wenn es also um Themen geht, die
nur noch aus der Überlieferung be-
trachtet werden können, entstehen Pro-
bleme hinsichtlich etwa der Angemes-
senheit der Deutung. Im Beispiel des
Ankh-Kreuzes war also niemand der
Heutigen dabei, als seine Bedeutung bei
seiner Herstellung (zur Zeit der weltum-
greifenden Ur-Religion [Abhinyano 13, 23,
31, 33, 70, 87, 203]) abgesprochen wurde,
bzw. entstand.
Wie kann man sich nun diesem Phä- Abb. 3: Ausschnitt: „Die Kreuztragung“ Holzschnitt von Albrecht Dürer.

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Zum Ankh-Kreuz bei Dürer
glyphe über dem phallischen Pfahl
(fleischliche Existenz) und dem darauf
befindlichen Querriegel (der Grenze
zwischen dem unteren Tiermenschen
und dem darüber nach oben anzuneh-
menden vergöttlichten Menschen ohne
tierische Anhaftungen) nach oben die
Sonne (die Monade) dargestellt wird,
wie sie herangezogen wird, die also
vom Heranziehen nach unten die spitze
Dehnung erhält.
Mit dem Heranziehen der Sonne
komme die „innere Geist-Sonne (Atma-
Buddhi, jedoch nur überstrahlend)“ zu
dem „neugeborenen Menschen“ [Abhi-
nyano, S. 62]. Abhinyano rät 1994:
„Der Leser möge über die Verbindung
der Sonne mit dem Kreuz seit der ältes-
ten Zeit ... nachdenken.“ [S. 62] Wie es
scheint, hat Jakob Cats um 1657 dieses
getan mit seiner Illustration einer him-
melfahrenden Seele (die spirituelle Er-
fahrungen gemacht hat, siehe das
Buch), die das überwundene Taukreuz
(Phallus und Querriegel mit Bändern) in
der rechten Hand hält und bereits die
Sonnenscheibe (der „inneren Geist-Son-
ne“) hinter ihrem Kopf trägt. [Abb. 1]
Angesichts der Probleme, bei der
Kreierung von Gestalt und Bedeutung
des Ankh-Kreuzes nicht dabei gewesen
zu sein und weiter noch angesichts
möglicher Fehlinformationen durch Ein-
geweihte (und in deren Folge natürlich
auch anderer, Nichteingeweihter), hat-
te der Autor sich also nach weiteren
Interpretations-Schlüsseln und nach
weiterem Bild-Material umgesehen und
Neues bei Abhinyano (seinen indo-tibe-
tischen Interpretations-Schlüssel) und
Cats (seine anti-kirchenchristliche, ur-
Abb. 4: Zeichnung nach: „Die Kreuztragung“ von Dürer, mit: Verborgene Geometrie: Gral und
christliche Darstellung) gefunden. Das Lichtschacht.
Ergebnis dieser Suche hieß dann: : Nach
Cats und Abhinyano ist der Gehalt des sehens des Forschers zum For- 3. „Dass Jacob Cats ... das T in der
Ankh-Kreuzes (des Symbols des physi- schungsergebnis dazu. Hand einer auffahrenden Lichtge-
schen wie des göttlichen Lebens [Abhi- stalt zeigt, wundert nicht; er gibt
nyano 52]) optimal in T-Form mit Kreis- Horizontabhängiges Reden damit christliches Gedankengut
Form darüber ausgedrückt. Es wurde Eben dieses horizontabhängige Re- wieder“. Tatsächlich wurde gesagt,
nicht gesagt: „Alle Ankh-Kreuze dieser den bestätigt auch A. Müller in ihren kri- dass Jakob Cats ur-christliches Ge-
Welt haben die Gestalt von T mit Kreis tisierenden Aussagen: dankengut der Ur-Religion (also
darüber.“ Auch wurde nicht gesagt: 1. „Die Deutung, Ankh sei ,Tau-Kreuz nicht-kirchenchristliches) wiedergä-
„Alle Ankh-Kreuze mit T und Henkel plus Sonennscheibe´ lässt sich iko- be: Es ist nicht kirchen-christlich, die
darüber sind falsch.“ Es wurde ein me- nographisch nicht belegen.“ Tat- fehlenden Nägel durch Stricke zu er-
thodisches Konstrukt vorgestellt. sächlich ist hier vom Autor keine setzen. Angesichts dieser Unter-
Methodisch bedeutsam ist hier also, bildgegenständliche Bestätigung ge- scheidung ist das Wort „christlich“
dass zu einem Ergebnis des Forschens sucht oder gegeben, wogegen er wohl eine horizontspezifische Zer-
(T mit Kreis) die Weise des Forschens, eine induktiv gefundene, gestaltge- streuungs-Aktion.
der Weg der Erkenntnisgewinnung, mit- 4. Dass „Abhinyano [ebd.] weit darü-
genannt wurde: Unter der Vorausset- wordene Bedeutung vorstellt. Dieses
Problem der Kritikerin war nicht das ber hinaus frei phantasiert.“ An die-
zung von Abhinyano und Cats entsteht ser Stelle reißt wohl der argumenta-
induktiv (hereinführend) zusammen des Autors, es zeigt nur ihre Sicht.
2. „Auch wird die Bedeutung des Tau tive Faden ab. Es erscheint nichts
gesehen dieses Ergebnis. Die Methode Greifbares am Horizont.
ist ein Aspekt des Ergebnisses. Damit ist selbst dabei nicht geklärt.“ Tatsäch-
das Ergebnis keine Aussage, die sagt lich wird es als Symbol des physi- Das Besondere an dem kritisierten
„Ein Gegenstand ist so“, sondern eine schen Lebens genannt (nach dem Aufsatz des Autors ist also, dass er zu-
auf Methoden bezogene Aussage: anscheinend als Spinner diffamierten nächst ohne Rücksicht auf das Gegen-
„Nach A und C ist die Bedeutung so Abhinyano, der wohl nicht recht ständliche (auf ikonographische Evi-
wiederkehrend wahrscheinlich“. Es ge- wahrgenommen wird, auch ein Ho- denz) nach den Bedeutungen fragt und
hört also die Ansicht, die Weise des Hin- rizont-Problem). dabei das Feld der Quellen auch auf so-

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Zum Ankh-Kreuz bei Dürer
pelschleife spirituelle Kraft aufnimmt. Die Botschaft des Bildes in der Tie-
Danach könnte der Beutel für die Auf- fenschicht der Verborgenen Geometrie,
nahme einer spirituellen Kraft stehen die durch die gewohnte literarische Deu-
und sagen, dass sein Besitzer spirituell tung (und durch die bislang versäumte
reich sei. Das wäre soweit unmittelbar geometrische Deutung) soweit verhin-
einleuchtend (evident). Durch eine wei- dert wurde, sagt nun evident und wahr-
tere Bestätigung (Wiederkehr ohne Wi- scheinlich (wiederkehrend, wider-
derspruch) würde es sogar wahr- spruchsfrei) aus, dass der Einzuwei-
scheinlich werden. hende die Monade (Atma und Buddhi
[Abb. 4] Nun liegt in der Verborge- [Abhinyano, S. 98]) zu sich heran zieht
Abb. 5: a) Der Gral mit Lichtschacht, b) das
Ankh-Zeichen, prozesshaft, c) das Ankh-Zei- nen Geometrie dieses Bildes tatsächlich (gegenständlich mit dem Strick, geome-
chen, resultativ. der Gral mit seinem Zentrum in der Mit- trisch zum Beutel) und so ein „Sohn
te der Y-Figur genau auf der Öffnung Gottes und der Sonne“ [Abhinyano, S. 64]
weit unbeachtete Bilder zu erweitern dieses „Geldbeutels“, der also andeutet, wird. Die Aussagen, a) gegenständli-
sucht und dann bei einer Wiederkehrt den Glanz der überstrahlenden Monade cher und b) geometrischer Art, werden
von Bedeutungen eine erste Wahr- aufzunehmen, der also sagt, dass der also übereinstimmend gemacht:
scheinlichkeit festhält, - auch wenn sie Knecht den „spirituellen Reichtum“ a) 1. Der Geldsack mit Doppelschleife
den bisherigen Rahmen sprengt. Im Sin- empfängt. - entspricht b) 1. dem Kubus mit
ne dieses Aufbrechens alter Gewohn- Ein dritter Hinweis bekräftigt dieses Doppelschwingungs-Figur.
heiten sprach der Autor vom „indukti- weiterhin (und stärkt die Wahrschein- a) 2. Das Heranziehen Christi durch das
ven zusammen sehen“ der Elemente zu lichkeit dieser Aussage): Der Knecht Seil in der Hand des Knechtes - ent-
einem neuen Gebilde. zieht ja mit dem Strick den Jesus Chris- spricht b) 2. dem Punkt St. (Stärke)
Und was bringt uns nun dieses neue tus, den Gottessohn (Buddhi) zu sich auf der Schulter des Einzuweihen-
Gebilde (die Figur aus Tau-Kreuz und heran. Die Verlängerung des Strickes den, der die Monade (Christusbe-
Kreis)? Ist es nur so eine Kunst-um- zielt so etwa auf die Mitte des Bandes in wusstsein und universaler Geist [s.
der-Kunst-willen-Angelegenheit ohne Achterform (wo entsprechend im Zen- Abhinyano, S. 313]) heranziehen
Folgen? Im Sinne einer neuen Vernet- trum des Kubus die Energieeinstrahlung möchte.
zung evidenter Elemente durch Wieder- erfolgt). Eben dieses Heranziehen macht a) 3. Die Renaissance-Gestalt des
kehr in verschiedenen Medien (Text, der Knecht geometrisch in der Auffang- Knechtes zeigt auf etwas Neues, Sin-
Bild, Verborgene Geometrie) soll fol- schale der Y-Figur mit der Schwin- guläres (auf das Individuum), - und
gend bei Dürer nachgeschaut werden. gungs-Figur. Und viertens passt das al- dem entspricht b) 3., dass die gleiche
Wäre die bedeutungsvolle Figur „Tau- les ebenso zu der Aussage der Verbor- Gotteskindschaft (P11A-P11B) alle
Kreuz und Kreis“ zu denken verboten genen Geometrie, dass der Knecht eben typisierenden Festlegungen
gewesen, da ja alle tatsächlichen Bilder der Einzuweihende ist, da er den Wert („Knecht“) überwindet (und das In-
dagegen sprächen, wäre natürlich alles der „Stärke“ (der Überwindung des dividuum frei setzt).
Folgende nie ans Licht gekommen. Körperlichen) auf seiner Schulter trägt
Aber die Methode der Induktion scheint (Punkt St.), dort, wo am Körper der Was kann ich wissen? Ergebnisse
Ergebnisse
bei der Suche nach Bedeutungen tat- Übergang zum Kopf (zum Bereich des Damit sind Ergebnisse zum Problem
sächlich „unverzichtbar“ zu sein, wie Geistes) hin markiert wird. Fünftens ist „Was kann ich wissen“ angesichts die-
gezeigt werden wird. dieser Knecht in dem ansonsten goti- ses Dürer-Bildes gefunden:
Dürers Kreuztragung schen Bild eine Renaissance-Figur, wo- 1. Es werden die verschiedenen Inter-
Die gesamte Verborgene Geometrie durch auch deren Sonderstellung und pretations-Horizonte angesichts ei-
dieser Kreuztragung wird nicht vorge- wohl das Neue angezeigt wird, dass mit nes Bildes deutlich: Literarisch (nach
stellt [s. Ritters: Raphael..., S. 242 ff], es der neuen Zeit der Renaissance eine „rei- der Bibel) und bildhaft gedeutet ist
werden nur die wichtigen Ergebnisse che Spiritualität“ kommen möge, ange- der „Knecht“ der Menschenquäler,
gezeigt. zeigt durch diese singuläre Figur, also und geometrisch (nach der Verborge-
[Abb. 2] In der „Kreuztragung“, im Individuum. nen Geometrie) gedeutet ist der
dem Holzschnitt aus der Großen Passi- Soweit fällt in der Verborgenen Ge- „Knecht“ das einzuweihende Gottes-
on Albrecht Dürers (um 1510), hängt ometrie die positive Stellung des Knech- kind. Schon danach ist es fragwür-
am Gürtel des Knechtes (der Jesus tes als eines erfolgreichen Einzuweihen- dig, wenn einer Bedeutung eine ein-
Christus am Strick voran zieht) ein den auf, der so ganz dem überkomme- deutige Bildgestalt zugeordnet wer-
Geldsack. nen literarischen Bildsinn des erbar- den solle
[Abb. 3] Nun wissen wir von Dürer, mungslosen Menschenquälers wider-
dass er auf einer Skizze zum Kupfer- spricht. Man sollte also traditionell mei- (Zu 1.: A. Müller fand, dass die vom
stich der „Melencolia I“ notiert hat nen, der Knecht stehe gegen Jesus Autor vorgestellte Bedeutungsfigur des
„pewtell - reichtum beteut“ (der Beutel Christus, tatsächlich aber müht er sich, Ankh-Zeichens nicht der tatsächlichen
bedeutet Reichtum) [Strauss III, S. 1442], diesen (mit dem Strick und geomet- Bildfigur des Ankh-Zeichens entsprä-
so dass dieser Beutel sicherlich ein risch im Gral) zu sich heran zu ziehen. che, und unterstellte damit, dass eine
Geldbeutel ist und sein Träger reich ist. Dieses bestätigend wird der Knecht direkte Entsprechung von Bedeutung
Dann sehen wir weiter, dass von die- sogar (sechstens) in der Verborgenen und Bildgestalt vorliegen müsse, was
sem Beutel die Schnüre, die ihn ver- Geometrie mit dem Gottessohn in der hier widerlegt ist).
schließen, in Gestalt einer Achterschlei- gleichen Gotteskindschaft auf eine Stu- 2. Die Bedeutung des Heranziehens des
fe herunterhängen. fe gestellt (durch den Punkt P11A im Christus (durch den Strick) und der
[Abb. 4] Die Achterschleife ist auch Nacken des Knechtes und mit dem Aufnahme des Herangezogenen (in
die „Doppelschwingungs-Figur“ im Punkt P11B im Nacken Jesu Christi: die dem Mittelpunkt der Achterschleife,
Kubus, der dadurch zum Gral wird, der Zahl 11 steht für den eingeborenen entsprechend in der Mitte des Gra-
durch die Energieeinstrahlung der Dop- Sohn, 1+1=11). les) bei Dürer macht die gleichlauten-

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Zum Ankh-Kreuz bei Dürer
den Aussagen Abhinyanos (vom He-
ranziehen und von dem energiegela-
denen Gral = solare Robe [s. Abhiny-
ano, S. 269, 292 ff] ) wahrscheinlich.
(Zu 2.: Hierdurch wird Abhinyano
also begründet nicht für ein Spinner ge-
halten, im Gegensatz zur grundlos vor-
getragenen Ansicht von A. Müller, er
würde frei phantasieren.)
3. Der dargestellte Jesus Christus ist
mit seinem Kopf in dem Kreis direkt
über dem Gral (Kubus mit Doppel-
schwingungs-Figur) abgebildet. Er
wird also nicht nur gegenständlich-
bildhaft mit dem Seil heran gezogen,
sondern auch geometrisch wird sein
Kreis, seine Sonnenscheibe, von
dem aufnehmenden Gral angezogen,
da seine Schwingungsfigur in den
Gral einschwingt. [Abb. 5, a] Der
anziehende Punkt ist im Sinne der
Aufnahme der Mittelpunkt des Gra-
les, jedoch hinsichtlich der Voraus-
setzungen (der Verursachung, der
Bedingung der Möglichkeit) ist es der
Punkt P12. Hier liegt der Wende-
punkt (ein Ort der Wandlung) zwi-
schen der „Achse der Arbeit und
Konstruktion“ (... P11-P12, das ist
die „Reise der 12 Stufen der Ent-
wicklung“) und der „Achse der Gna-
de und Intuition“ (P12-P12B ..., das
ist die einstrahlende Schwingungs-
Figur). Durch diese Voraussetzung
der Gnade kann erst das Überstrah-
len der Monade erfahren werden, so
dass hier (bei P12) geometrisch ein
Zielort für das genannte Heranziehen
angenommen wird [Abb. 5, b], was
in dieser prozesshaften Sicht das
Henkel-Kreuz kreiert, dagegen in ei-
ner resultativen Sicht (wenn das Zie- Abb. 6: Zeichnung nach: „Die Kreuztragung“ von Dürer, mit: Verborgene Geometrie: Ankh-
hen beendet ist) ein Ankh-Kreuz aus Zeichen.
Tau-Kreuz und Kreis [Abb. 5, c].
P12 berührt) auf, dass ihr Mittelpunkt der also in das untere Rund der Sonnen-
[Abb. 4] Dürer bestätigt diese An- auf dem Ohr Jesu Christi liegt, was des- scheibe hinein passt. Zum anderen be-
nahme durch den Winkel, mit dem das sen Bereitschaft, sich dem Gehörten zu rührt diese Sonnenscheibe fast die nach
Seil auf die „Achse der Gnade“ (P12- erschließen, bedeuten mag [s. Lurker, rechts oben weisende Lanze (wie eben-
P12B ...) trifft: Es sind 41 Grad, welche S. 146], er hat das Bitten des Einzuwei- so der Kreis in seiner ursprünglichen
Gradzahl ebenso von der von P12 zur henden erhört und ist ja nun bei ihm (bei Lage fast den nach rechts oben weisen-
Sonnenscheibe Jesu Christi verlaufen- P12, entsprechend über seiner Schul- den Strick berührt).
den Tangente eingenommen wird. Die- ter, St.). Und weiter fällt auf, dass nun Die Drehung vom 1. Ankh (mit
se Tangente läuft also parallel zum in der Sonnenscheibe bildhaft der gan- Christi Zuneigung) zum 2. Ankh hat 71
Strick und überträgt so (parallelver- ze Pferdekopf liegt, der hier gesenkt Grad, wofür auch 72 angenommen
schoben) dessen Bedeutung auf Son- dem Lunaren nahe stehen mag und so werden könnte (71 + ich = 72): Es ist
nenscheibe, Tangente und P12, näm- als Seelenführer angesehen werden die Zahl der Namen Gottes. Danach
lich: P12 zieht die Sonnenscheibe an, kann [Herder, S. 125], möglicherweise kann angenommen werden, dass der
eben zum Kreuzungspunkt des Tau- ein Hinweis auf die Rückkehr der Ich- Einzuweihende nicht nur Christus zu
kreuzes hin, der auf dem oberen Rand Seele in die All-Seele [s. Abhinyano, S. sich heran zieht, sondern nun auch
des Unterarmes liegt, der etwa bei 32, 45]. noch vom Licht Gottes überstrahlt wird.
Bosch als Verlängerung der Schulter [Abb. 6] Wenn das Ankh-Zeichen Er ist ein Aufgerichteter und Erhobener.
gesehen wird [Ritters: Vier Apostel ..., aus Tau-Kreuz und Kreis um seinen Damit sind die prozesshafte und die
S. 34], so dass [Abb. 6] über P12, sinn- tiefsten Punkt in eine aufrechte Lage resultative Ankh-Form in der Verborge-
gemäß über der Schulter (über Punkt gedreht wird (so dass die Mittelachse nen Geometrie bei Dürer in sinnvollen
St., im Bereich des Kopfes, Geistes) die über das Ohr des Einzuweihenden Bezügen zur Geometrie und zum Bild-
angezogene Monade, die Sonnenschei- läuft), so können wieder evidente Beo- geschehen zu finden.
be, nach geglücktem Heranziehen ihren bachtungen gemacht werden: Einmal (Zu 3.: Die von A. Müller angespro-
Platz findet. Auch fällt bei dieser Lage umfängt der Kreis ziemlich genau den chene einstimmige Literatur zu diesem
der Sonnenscheibe (wenn sie Punkt flammenzüngelnden Kragen-Besatz, Thema sagt anscheinend nichts zu den

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Zum Ankh-Kreuz bei Dürer
soeben vorgetragenen evidenten ver-
borgenen Fundstücken prozesshafter
und resultativer Ankh-Kreuze bei Dürer.
Jene einstimmige Literatur hat auch nur
eine Reichweite bis zum Nachweis an-
derer Sichten oder Fakten. Jedenfalls
wird mit dem Ankh-Zeichen bei Dürer
der Umkreis der Fundstücke und Fund-
orte erheblich erweitert.)
Selbstverständlich berührt die so-
eben vorgetragene Kritik am Methodi-
schen nichtAngelika Müllers verdienst-
volle detaillierte Darstellung der Bedeu-
tungen des Ankh-Zeichens in ihrer
Sicht.
Dieser Artikel möchte mit der Frage
„Was kann ich wissen?“ den Blick von
den kanonisierten „Aussage-Gegen-
ständen“ zu den unendlichen „Horizon-
ten der Aussagenden“ lenken und dabei
die Vielfalt der Quellen und Methoden
nicht von einer „Dominanz der Litera-
tur“ beengen oder gar verhindern las-
sen.
Und angesichts der Aussage Lurkers
„die ursprüngliche Bedeutung der Le-
bensschleife [Anm. des Ankh-Zeichens]
ist noch umstritten“ (!) [S. 124], er-
scheint es geradezu geboten, neue Wege
des Forschens zu gehen. Allerdings
muss hier gleich eine Einschränkung
gemacht werden: Die Verborgene Geo-
metrie ist einseitig (patriarchalisch aus-
gerichtet in Darstellung und Zielen [s.
Steiner, S. 223, 237]), und dennoch ist sie
existent und kann zunächst entschlüs-
selt werden, was auch immer hervor-
kommen mag. Schon im betrachteten
Dürer-Bild fällt auf, dass die „Achse der
Gnade und Intuition“ zwischen Geld-
beutel und P12 nach Lage und Größe
einem übermächtigen erigierten Glied
entspricht, womit die Bedeutung des
Samens als eines Feuers im okkulten
Sinn [Steiner 222] gemeint sein mag: Die-
ses Feuer berührt die überstrahlende
Monade (in P12) und wird so „umge- Abb. 7: Ausschnitt aus Abb. 6
formt“ [Abhinyano, S. 183] in die spiritu-
elle Kraft, die auf dieser Achse der Gna- Literatur Goldene Legende.“ Rudolf Steiner Verlag
Abhinyano: „Die Mysterieneinweihung der Dornach/ Schweiz 1982.
de und Intuition (P12-P12B ...) den Störig, Hans-Joachim: „Kleine Weltgeschichte
„Kainskindern und Feuersöhnen“ [Stei- ägyptischen Pyramiden.“ Werner Krist-
keitz Verlag, Heidelberg-Leimen 1994. der Philosophie“ Band 1 und 2. Fischer
ner, S. 137] zugute kommt: Sie streben an, Bücherei, Frankfurt am Main und Ham-
Herder: „Herder Lexikon Symbole.“ Verlag burg 1969.
selbst schöpferisch zu werden [Steiner, Herder Freiburg i.Br. 1978.
S. 222 f]. Durch eine zu erwartende Po- Strauss, Walter L.: „The Complete Drawings
Lurker, Manfred: „Lexikon der Götter und of Albrecht Dürer.“ Band 1 bis 6. Abaris
larisierung (Glied/männlich - Kreis/ Symbole der alten Ägypter.“ Scherz Verlag Books, New York 1974.
weiblich) mag die physisch-geistig um- Bern 1998.
gewandelte männliche Energie den As- Müller, Angelika: „Die Symbolik des Ankh.“ Bildnachweis
pekt des Weiblichen in sich aufnehmen. in: SYNESIS Nr. 53, Rüsselsheim 2002.
Abb. 1: Radierung in: Jakob Cats: „Alle de Wer-
Wir sehen, hier tut sich ein neuer Ho- Ritters, Volker: „Ankh = Taukreuz + Sonnen- cken“, Bd. II, Nr. 20, Amsterdam 1657, S.
rizont auf, der in der Sprache der Ver- scheibe. Aussagen zur altägyptischen Ur- 89. Repro © V. Ritters.
Religion bei Jakob Cats 1657.“ in: SYNE-
borgenen Geometrie existiert und hier SIS Nr. 52, Rüsselsheim 2002. Abb. 2, 3: „Die Kreuztragung“ Holzschnitt aus
zum Ankh-Zeichen, dem „Symbol des der Großen Passion von Albrecht Dürer. In:
Ritters, Volker: „ ´Die Vier Apostel´ in den bei- Scherer, Valentin: „Dürer.“ Deutsche Ver-
physischen wie des göttlichen Lebens“ den Darstellungen von Albrecht Dürer.“ lags-Anstalt Stuttgart und Leipzig 1904, S.
[Abhinyano, S. 104] in der Sicht und Ab- Kaufbeuren 2001. 249.
sicht des Benutzers Aussagen macht, so Ritters, Volker: „Raphael - Einweihungsbilder. Abb. 4, 6: Zeichnung nach: „Die Kreuztragung“
dass wir nicht nur dieses Ankh-Kreuz Templerische Aussagen der Verborgenen von Dürer. In: Scherer a.a.O., mit: Verborge-
weiter kennen lernen, sondern auch sei- Geometrie zu den altägyptischen Großen ne Geometrie. © V. Ritters.


Mysterien.“ Kaufbeuren 2002.
ne Benutzer, hier den Bauhütten-Bruder Steiner, Rudolf: „Die Tempellegende und die
Abb. 5: Zeichnung. © V. Ritters.
und Kains-Sohn Dürer.

EFODON-SYNESIS Nr. 5/2002 27