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faz.net

Opfer von Vergewaltigung als „Erlebende“


bezeichnen

Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH


7-8 Minuten

Mit Blick auf Vergewaltigungen von Opfern zu sprechen sei verkehrt. Und auch im Bezug auf den
Holocaust, so wird in Klammern nahegelegt, solle man den Begriff besser nicht verwenden. Die
angemessene, weil wertneutrale Bezeichnung für Menschen, denen insbesondere sexuelle Gewalt
widerfahren sei, laute „Erlebende“. So müsse es auch im Duden stehen. Eine Vergewaltigung ein
Erlebnis? Es ist schon atemberaubend, was die „Missy“-Autorin und Kulturwissenschaftlerin
Mithu Sanyal mit der Studentin Marie Albrecht in einem gemeinsamen Text in der „taz“
propagiert. Und es wird atemberaubender mit jedem weiteren Argumentationsschritt dieses
Artikels, der geradewegs in den Abgrund führt – und damit beispielhaft für die Irrläufe eines
reaktionären, vor allem im Internet heimischen Feminismus steht, der sich mit viel Hashtag-
und Sprachvorschriftsgetöse als vermeintliche Speerspitze im Kampf um Gleichstellung aller
Gender und Identitäten, Ethnien und Klassen geriert, tatsächlich aber Opferverachtung betreibt.

Wie perfekt das gelingt, wenn man den Begriff des Opfers liquidiert, führt der „taz“-Artikel vor.
Die Bezeichnung Opfer werte, ähnlich wie „Geschädigte*r“ und „Betroffene*r“, Menschen als
„wehrlos, passiv und ausgeliefert“ ab, ist dort zu lesen. Das müsse aber nicht so gewesen sein.
Wenn jemand erzähle, er habe einen Autounfall gehabt, blicke man danach nicht anders auf
diese Person. „Genau das passiert aber, wenn man ,Autounfall‘ durch ,Vergewaltigung‘ ersetzt.“
Man möchte fragen: Welches Opfer eines Sexualverbrechens oder einer anderen Gewalttat
„erlebt“ sich wohl als wehrhaft, aktiv und selbstbestimmt? Ist ein Autounfall nicht etwas
grundlegend von einer Vergewaltigung Verschiedenes?

Das feine Sprachgespür der Opferbeschimpfer

Doch weiter im Text: Weil im Christentum das Opferlamm für Reinheit und Unschuld stehe,
„schien es eine gute Idee, das Konzept auf sexualisierte Gewalt (oder den Holocaust) zu
übertragen, um die Opfer von der Schuld an den an ihnen begangenen Verbrechen
freizusprechen“. Nun wäre wohl, wenn man schon in Form eines Sprachseminars über Gewalt
nachdenken will, geboten, die Nuancen der Begrifflichkeit ins Kalkül zu ziehen, die sich in „ein
Opfer bringen“, „sich selbst opfern“ und „zum Opfer werden“ auffächern. Stattdessen attestieren
die Autorinnen Jugendlichen, die andere als „du Opfer“ beschimpfen, feines Sprachgespür. (Dass
selbst ein als Schimpfwort verwendeter Begriff zurückerobert werden kann als

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Selbstbezeichnung, wie es „schwul“ zeigt, bleibt außen vor.) Das fragwürdige Argument der
religiös abgeleiteten Entschuldung aber (von welcher Schuld eigentlich?) legt den Grundstein für
den noch fragwürdigeren Schlusspunkt des Textes: Sich selbst Opfer zu nennen, habe zwar jeder
das Recht, aber der Begriff „Erlebende“ sei von Dritten vorzuziehen. Er treffe „keine Aussagen
über Motivationen oder Rollenverteilungen“.

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Richtig, und genau das desavouiert den Vorschlag. Wo es keine Opfer mehr gibt, gibt es auch
keine Täter mehr. Wo erlebt wird, wird nichts mehr erlitten. Vermeintlich den „Opferdiskurs“
aufbrechen wollte Mithu Sanyal schon 2016 mit ihrem Buch „Vergewaltigung“, in dem sie sich
unter anderem mit der Silvesternacht 2015 in Köln befasste und forderte, man müsse weg davon,
immer von Männern als Tätern und Frauen als Opfern zu sprechen. Allein: Die überwältigende
Anzahl der Vergewaltigungsopfer ist weiblich (und auch die Opfer der Übergriffe von Köln waren
Frauen).

Die Gewalttat verschwindet sprachlich

Dass die nun empfohlene Abschaffung des Opferbegriffs niemanden davon befreit, Opfer
geworden zu sein, sondern im Gegenteil von deren Leiden nichts wissen will, haben viele
erkannt, die sich nun in den sozialen Netzwerken empören. Auf der Website der feministischen
Bloggerinnen „Die Störenfriedas“ protestieren Opfer von Sexualverbrechen in einem offenen
Brief gegen den Artikel. Zu den Erstunterzeichnerinnen gehören leitende Mitglieder der
Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes, von Femen und von Initiativen wie
#ichhabenichtangezeigt.

„Sexuelle Gewalt ist kein Erlebnis“, heißt es da. Sie „in ein „Erlebnis umzudeuten, ähnlich einem
Konzertbesuch oder einem Urlaub“ negiere, dass Opfer es sich eben nicht aussuchen könnten, ob
sie Opfer würden, und lasse die Gewalttat mitsamt dem Täter sprachlich verschwinden: „Sexuelle
Gewalt ist ein Verbrechen.“ Dass man dies den vermeintlichen Expertinnen ins Gedächtnis rufen
muss, sagt alles.

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