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CHT PERFEKTION

n : L _:i
im Gespräch mit Doris K[einau-Metzter
Fotos: Wotfqanq Schmidt

Musik, diese Sprache ohne Worte, bewegt uns auf ganz eigene ii.. .. :.).. ... t.t. I Liebe Patricia Kopatchinskaja,
Weise. Auch wenn die Palette dessen, was anspricht, unter- vor lhnen gibt es viele CD-Aufnahmen. Ihre CD la&e
schiedlich ist und von Ktassik bis Rockmusik reicht, kennt fast
'7?ro hat mich besonders fasziniert. mit dieser so unter'-

jeder die Faszination von Musik und es zieht viete Menschen schiedlichen Musik aus 1000Jahren, die doch so aktuell
wirkt. Dazu gibt es ein BüchJein urit persönlichen Texten
zu Live-Auftritten. Die aus Moldawien stammende Geigerin
Patricia Kopatchinskaja setzt mit ihrem Spiel. auf der Bühne
und Bildern - eine ungewöhnliche Gabe fiir die Zu-
hörer.Was ist für Sie der Unterschied zwischen Live-
ungewöl'rntiche Akzente: Für sie ist Musik etwas Lebendiges,
Auftritten und der Arbeit an einer CD?
das sie durch ihre Violine im Konzert immer wieder zu neuem Patricia Kopatchinskaja I 7üAe fü,0 isc etwas ganz Beson
Leben erweckt - einem Leben, «von dem man nicht weiß, deres, denn sie enstand mit Freunden, und meineTochter
was im nä.hsten Augenbtick passiert, wenn es Kreativität und war dabei. Der Untenchied zwischen live und CD ist
Flexibitität ermöglicht». Auch ktassische Musik ist für Patricia immens, es sind zwei verschiedene Dinge:\Vährend man
ti' Kopatchinskaja nicht ein Monument, das immer gleich zu im Konze-t rbsolut ar.rf den Morneni angewlesen jit.
spielt man im Studio eine schwierige Stelle zehn- oder
spieten ist, denn «durch die Erwartung der Perfektion schaffen
zwanzrgnral und .chneidet .ie so zusammen. wie man
wir eine toie Welt>). Entsprechend umfasst das Repertoire
sich dx ganze Stück derzeit vontellt. Es konxnt aber vor,
der engaqierten, temperamentvolLen Künstterin verschiedene
das ich mir einigeJahre später das Stück andeß vol'stelle
musikalische Stitrichtungen und ist eines nicht: etitäre Kunst und meine eigene Musik nicht n-rehr anhören mag ...
für wenige, sondern gelebte Leidenschaft, die vieie begeistert. Die CD Aufnahme, die die Musik immer vefigbar
o bf"
I
e

rnachr, hat
im Gegensatz zum Konzert also ihren preis
Jie Musik steht Gsr, wirkt perfekt.Die Zuhörcr
in einem
Lile-Konzert können nicht dieselbe perfektion
in
cirlenl Konzcr.t erwaten,jederAugenblick
ist einmalig.
HIcr lann dl Muvkrr ,chöpferrsch scr,t, \Dorran und
l,"rrn irrrprcvi.ieren.Wrnn ,o ein {ulilirr
Kreau,,.irlr rnd
Flexibilität ermöpdicht, weiß man nichr,
was tn nächsten
Augenblick passiert. Und wenn Sie Leben
auf der
Bülrne haben rvollen, dann nüssen
Sie auch Fehler er-
laubc'n. Ich fnde Fehler schön,
weil sie persödich sind:
Der eine hat einenAkzent oder stottert,
der andere hiokt.
der Drrrr. i.r chaori..lr. dcrVi(rte ... I ).r: q(lrörr
zu Lrn\,
ist Täil des Charakreristischen.

I Wie edeben Sie Ihre Bühnenauftritte?


PK Manchrt ral r\t e> ni( hr so .tlgcnrhl). wir
nlrn nreint,
vor' 2000 Menschen zu stehen, auch
wenn es dazuse_
höl.t. L)as Lampenfieber hörr nie ganz
auf, ab., kirn
zu einerr akzeptierten Begleiter \verden, ",
rnit dem n_ran
&€_..

) lebt. Zu dem Sich-selbst-Äkzeptierer ge- nicht die Möglichkeit, sich vomAugenblick I Auch um zur- Ruhe zü kolnrrer, url
hört fur rnich auch, dankbar zu sein für das, inspirieren zu lassen. Sicher ist es ein Risiko, uns zu konzentrielen. bfauchen rvir immer
\l,as ist, stirtt vor allem meine Macken zu man macht sich auch verietzlich. Fehler kön rvieder Übung.Trotzdenr ist nran dutr-h Ge-
binjetzt so - Lrnd mache etw:ls
suchen. Ich nen auftreten.Aber so kann auch etw Fan d:rnken in einem Konzert lnanchnlal ab-
darausl Um meine Angst vor Fehlern auf tastisches passieren, envas, das in Gedächtnis, gelcnkt ... Welche BedeLrtung hrben die
der Bühne zu bervältigen, hat lnir sehr ge- tief in der Seele bleibt filMusiker- und Zu- Zuhörer fur Sie?

holfen, mir selbst zuzugestehen, dass ich hörer. Das Stück bespielt einen dann letzdich PK Uns Musikern ist oä nicht bewusst, dass

xuch mxncirrai schr,vach und nicht per€kt .<lb.t. r. r.t einc brondrrr Brziehun-: zui die Zuhörer vielleichr nach einem anstren-
bin. lch muss mich deshalb nicht mehr vor schen dem Stück, denr Interpreten und den genden Arbeitstag ins Konzert komneD. lch
Versagen fiirchten. Dann kann eine Art Zuhörern. Und ja, ein lnstrunrcnt zu Iernen finde es wichtig, so zu spielen, dass rnan die
heiliser Moment entstehen, wo ich aufgebe, ist Arbeit und hat nie ein Ende, str-lndeniänll Zuhörer immer rvieder ein bisschen kitzelt
mich behaupten zu rlüssen - man tut dlnn übe ich, und zrvar jeden Tag. Elst dur:r:h das wie Kinder. die ja auch nicht lange zuhören
einfach Dinge, kann sie, rveii sie da sind und Ljbel k"lo i.h rn,rrer uiedrr iibcr nr.rncn können und die man aufinerkslm [lacht.
fici liegen. eigenen Schatten springen und dem Stück rvenn bald ctwas Besondercs passiet. Es ist
alles geben. Und erst durch das Üben, das auch ein bisschen wie Pinpong, nan u,irft
I Dazu gehört aber auch eine beson- \Viederholen, sind wir wirklich fihiE, das sich die Ilälle gcgcnseitig zu: lch spüre sehr
dere Fähigkeit, ein Können? Musikwerk zu gestrlten, kre:rtiv zu sein und stark. wie die Menschen inr Publikutl
PK Manche Musiker studielen so lange ein uns zu ennvickeln. Man muss dm Mechani relgieren.'Wenn sic r'r,irklich zuhörcn, sich
Stück ein, dass sie fast wie ein Monument auf sche so lange üben, bis es rvie autornatisch ist, üffn.n fiil dr., rv.,. korr'r,rr, drlr r.r d.r. crre
der Bühne stehen und es todsicher beherr- damit man dann wirklich uMusikmachen» ganz tol1e lJnterstützung. lch schaue die
schen, aber in dieser Art von Spiel gibt es kann. Leute licht an, aber ich spüre sie, sehc
- r:s p rä ch ay'?-ny t: ,'.:-"';

riell:ichr enr R:rJ ein Lächein, ein ofenes . ,.i l Sie stammen aus Moldawien.Was be
1:r:erel: i:: :raern Gesicht. - lJndjeder hört deutet Ihnen das?
,rj<:r. Es har l'enig mit Ratio zu tun, eher PK i Es ist meine Hein1at, mein ljrsprung.
:.i. F:::uiron urnd ror allem mit Inruirion.
'ind wir
AJ' ich dreizehn Jahre alt war. ge
\\ :
\leitschen lersuchen oft, die Musik zu 0üchrer. Alle Kinder lrrnen schneli die ncuc
r::.:ehen. -\ber §as gibt es da eigendich zu Sprache und sind neugierig auf das Neue.
',..!.hen: \rtürlich gibt es Strukturen, man Aber es blieb etwas Bitteres zurück. einVer-
-c:::: :ller :n.ilr'sieren, bewerten.Trctzdem ist lust.In Moldawien waren wir eng verbunden
:- --.:r ::,r.h nicht die eioe Musik. die mich mit meinen Großeltern und Verwandten.
::.i:- - die Musik enrsceht im Endeft-ekt {rrfgmnd der drnraligen policischen Siruation
: ::.- üöptin. in der Seele der Menschen, konnte ich noch nicht einmal zu ihrer Be-
'., .:-: \\rr uns aufdas «Dazwischen, einlassen. erdigung fahren, keinen einzigen Toten aus
1,1-:rik hat so viel Raun-r. Wir müsserr uns meiner Familie konnte ich begleiren. Sie
l rrtlluen und e§ zulassen, uns öfilen. schwanken jetzt in meiner Erinnerung
zwischen Himmel und Erde, wie auf dem
I Manche oft gehörten Stücke aus der Gen.rälde von Chagall, und fliegen alie um
k1:rssischen Musik rvecken aber auch feste n-reine Geige herum .. .

Enlartungen, t ie es klingen soll. Ich bin Botschafterin yor, Tertes des


PK Aber klassische Musik ist kein Dogn.ra Honmes Schweiz fur Moldawien. Moldawien
und nicht entas Entaütes - Gustav Mahler ist das ärmste Land in Europa, es herrscht
h.ri ersag:-Wir n)iisen drs Feuer weirerge dort eine unglaubliche Verwahrlosung. Viele
ben. nicht dieAschel» Leider ist die klassische Kinder wachsen elternlos auf, allein oder
\1usik ein Ort von Konserwafiven ger,vorden, bei dubiosen Personen, denn die Eltern sind
ur dem man sich sicher fütrlt, dass es so ist und im Ausland, um etwas Geld zu verdienen.
bleibr wie früher. Durch die Elwatung der Tenes tles Honmes rntentützt in Molda$.ien
I']ertikrion schaffen wir eine tote Welt. Das mehrere Prqekte, die versuchen, das Schick-
::rtspricht nicht dem Leben, dem Geist der sal dieser Kinder zu verbessern, durch Aus-
\1Lrsik, auch nicht den Komponisten - als bildung von Menschen vor Ort (Lehrern,
i::rhoven seine Sinfonien auflühlte, gab es Psychologen) in Kinderschutzfragen und
S<.rndale. BloßeVerehrung ist Erstarrung und regelmäßige plaktische Unterstützung der
§ ird :ruch gerne benutzt, um mehr CDs zu Kind<r ,zunr l3ei.piel ein \4inageq.en. eine
lcrkaufen.Doch es gibt keine absolute Rich Berreuung am N:chmrctagT. B<r einern
rigkeit oder Schönheit; es geht immer um den Besuch dort hatte ich auch meine Geige
C,ci:t des Sttickes, den ich für mich neu ent- dabei und habe in einem Hoffir ein kleines
rchlüsselrr nruss. Ein Stück, auch eine klassi- Mädchen und die Nachbarn gespielt, alle
!.he Komposition, ist fir mich rvie ein Kind, waren barfuß.* Das waren die besten Zuhörer
dls man loslassen muss dann geht es durch meines Lebens, sie waren so dankbar ...
.lieWe'[ will eine Seele, die neugierig istl
r-rnd ln einem Frauenhaus {iir misshandelte Frauen
Ich liebe auch die Herausforderung konnte ich plözlich Bach spielen, obwohJ ich
J-. l.Jcu.n Mu,rk. Da, Schöne bei zeirge. es son't nichr kam. ueil ich dachre.lrczr i'r
nössischer Klassik oder beim fazz ist, dass die es richrig. Solche Erlebnisse hatte ich mit
\lrr.rkur rrrrrgrcrrg,ind und rnrprovr.ieren meiner Geige in Moldawien. r
u:r.l nicht diese starke Angsr vor Feblern
h.,hen *
A ch Pdttuia Kopdtchinsl<aja titt nekt baft{J auf.

Konzerttermine und mehr von Pairicia Kopatchinskaja finden Sie unter: www.patriciakopatchinskaja.conr
nrormat onen zur MoLdawienhitfe von «Terres des Hommes» erhEtien Sie unrer: www.idh.ch