Sie sind auf Seite 1von 4

Rezension: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.1983, S.

L17

Nolte, Ernst: Marxismus und Industrielle Revolution

"Faß Karl Marx in der Entwicklung ■»-'seines Werkes aus vielen Quellen schöpfte, von der klassischen
Nationalökonomie des 18. Jahrhunderts über die Frühsozialisten bis zu den Chartisten des 19., und mit allen eine
bald polemische, bald übernehmende Auseinandersetzung führte, ist bekannt, und er selbst hat es nicht
verschwiegen. Seine Hauptwerke zeigen es schon im Titel: Die "Kritik der politischen Ökonomie" (1859),
gleichlautend auch der Untertitel der dreibändigen Hauptschrift ..Das Kapital", dann die "Theorien über den/
Mehrwert". Was aber wäre, wenn der Londoner Großprophet als gedankenstarker Entwerfer einer großen Synthese
zu erweisen wäre? Die Stiftung der stärksten säkularen Religion eine große Fleißarbeit, erwachsen aus den
Utitergangsgesängen des alten England von cottage und manor house und zugespitzt auf Vernichtungsträume und
mörderische letzte Gefechte? Das Ziel ein Endzustand jenseits der geschichtlichen Bewegung, die große
Bewegungsideologie letztlich nichts als eine diktatorische Stillstandsutopie?

In seiner großen Studie "Marxismus und Industrielle Revolution" behauptet Ernst Nolte nicht allein, daß Marx über
die näherstehenden seiner Vorgänger auffallend (Schweigsam gewesen sei. Er belegt auch die These, daß die
wesentlichen Begriffe, alle tragenden Gedanken des Marxismus vor Marx und Engels in England im Schwange
waren, in komplementärer Weise entwickelt und formuliert durch eine oder zwei Generationen von Frühsozialisten,
Nationalökonomen und Tory-Denkern. Besonders letzteren verdankte der Marxismus seine Grundemotionen. Sie
alle setzten sich mit dem Epochenereignis der industriellen Revolution auseinander - der Begriff war um 1840 fest
etabliert - und begriffen sic als historischen Bruch und revolutionären Neubeginn.

Marx und Engels blieb nicht weniger als die Synthese, aber auch nicht mehr. Nolte: "So waren die wichtigsten
Beobachtungen bereits angestellt, die grundlegenden Auslegungen und Theorien umrissen, die maßgebenden
Postulate vorgebracht und die bedeutendsten Vorhersagen getroffen, als Marx und Engels die Bühne betraten." Ihre
folgenreichste Leistung habe darin gelegen, daß sie die Causa causans der industriellen Revolution als
"Kapitalismus" interpretierten. Niemand hatte das vor ihnen getan.

Marx hat übrigens den Begriff gar nicht, Engels ihn nur spät und zögernd verwendet. In der Sache aber meinten sie,
wenn sie von "kapitalistischer Produktionsweise" sprachen, eben den "Kapitalismus" in jener denunziatoriischen,
kritischen, Sündenfall und Entfremdung implizierenden Begrifflichkeit, die er seitdem angenommen hat. Nolte
folgert: "Marx' Begriff des Kapitalismus' ist mithin nichts anderes als die Fixierung von Charakterzügen der
industriellen Revolution, die eine gewaltsame und vollständige Umwälzung des ganzen Systems als zwangsläufige
Konsequenz erwarten läßt. Insofern ist der Marxismus eine Spiegelung der industriellen Revolution oder, mit einem
anderen Wort, der frühindustriellen Verhältnisse. Aber er ist eine Spiegelung mit radikalkritischer Intention, und
daher erwächst aus dem Spiegelbild unmittelbar das Gegenbild."

Die Antwort war die Lehre von einer Revolution, die aus der zunehmend unerträglichen Gegenwart in eine radikal
andere Zukunft führen würde. In ihr sollte das Grundverhältnis fernster Vergangenheit sich wiederherstellen. Aber
war die englische Wirklichkeit der viktorianischen Epoche so miserabel« beschaffen, wie Marx und Engels sie im
Vergleich zur Vergangenheit darstellten? Steigender Lebensstandard der Massen, eine breite Mittelschicht,
wachsender Einfluß der Arbeiterbewegung auf die Politik, ein staatliches System sozialer Sicherung, all das
bereitete den Endzeitpropheten seit Mitte des 19. Jahrhunderts Schwierigkeiten.

So lagen Ansatz und Wirkung des Marxismus nicht darin, daß er der industriellen Revolution die Diagnose ihrer
wirklichen Gebrechen stellte, sondern daß er das Neue, die industrielle Revolution, aus weit größerem Abstand
interpretierte als irgendeine frühere Kritik, und daß er diesem Neuen deshalb so viel näher kam. Er war weniger eine
klinische Bestandsaufnahme der Industrialisierung und ihrer Folgen - wenn er sich auch im Zeitalter der
Wissenschaft wissenschaftlich geben mußte -, sondern eine sozialreligiöse Lehre vom Sündenfall und von der
möglichen und daher unbedingt zu erstrebenden Erlösung.

Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert war England durch Maschinenwebstühle und Dampfmaschinen, durch
Kanäle und Handelsmacht "Werkstatt der Welt" geworden. Hier vollzog sich zuerst jener Wandel, der alsbald - in
bewußter Analogie zur politischen Revolution des Ancien régime in Frankreich - als industrielle Revolution erfaßt
wurde. Auf diese Weise wurde England für ein Jahrhundert auch Gedankenwerkstatt der Welt. Wer vom Kontinent
nach England, blickte, öffnete ein Fenster in die Zukunft.

Marx und Engels waren diejenigen, die dies mit dem größten Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit taten. Für sie
wurde die englische Erfahrung in Krise und Kritik zum Schlüssel für alle Vergangenheit und alle Zukunft.
Historische Ironie, daß für die Insel damals der Weg des "improvement" zum Königsweg wurde, während Marx den
sozialen Jüngsten Tag herbeidachte und erstrebte und Jahr um Jahr, wie die Wirklichkeit Europas sich wandelte, in
den Szenarios der revolutionären End-Kämpfe Anpassungen vorzunehmen genötigt war.

Was Nolte vorlegt, ist beides: Analyse der industriellen Revolution und Untersuchung der Begriffe, in denen sie von
den Zeitgenossen begrüßt, kommentiert und verdammt wurde. So stehen im ersten Teil Angriff und Abwehr der
Industrialisierung im Mittelpunkt. Im zweiten Teil, nahezu symmetrisch aufgebaut, sind es die Entwicklung des
Marxschen Denkens und die Aneignung jener Probleme und Begriffe, Verfluchungen und Erlösungshoffnungen, die
die Industrialisierung hervorgerufen hatte. Die Nationalökonomen sahen großenteils in der Industrialisierung
Befreiung und Fortschritt, die Revolutionäre begriffen sie als Vernichtung altüberlieferter Lebensformen sowie der
"moral economy" (E. P. Thompson) Alt-Englands, und die Tories sahen in ihr eine Menschen und Landschaft
zerstörende Katastrophe des Lebens, wie es lange gewesen war und doch nicht mehr sein konnte.

Das Ziel Noltes ist nicht eine Gesamtgeschichte der Industrialisierung und der marxistischen Kritik seit ihren
Anfängen, sondern die Heraushebung des ideologischen Moments. Die detaillierte Erzählung wird daher mit einer
auf Begriffsbestimmung ausgerichteten Analyse verbunden. Nolte: "Die Grundannahme besteht darin, daß die
Deutungen der Welt und des Menschen, die als solche so alt sind wie die Menschheit selbst, mit der fundamentalen
Wandlung der Lebensverhältnisse durch die industrielle Revolution eine neue Qualität annahmen, indem die
Geschichte statt Gottes oder des Kosmos zum Mittelpunkt wurde. Von nun an konnten sie zu einem entscheidenden
Faktor von Bewegungen und Staaten werden, welche die vollständige Veränderung der Welt' und die eigene
Weltherrschaft' als Ziele proklamieren."

Das ist nicht antiquarische Historie, sondern Suche nach den Voraussetzungen und Bewegungselementen des
gegenwärtigen Weltzustands. Dazu die persönliche Standortbestimmung des Autors: "Ich teile die verbreitete
Auffassung, daß die westliche Gesellschaft, zumal in der Bundesrepublik Deutschland, zwar der Boden von
privatem, nicht aber von öffentlichem Glück sein kann. Aber ich schreibe der Gesellschaft des liberalen Systems,
die ohne ein beträchtliches Maß an freier Wirtschaft nicht existieren kann, sowohl einen ontologischen wie einen
ethischen Vorrang zu." Marktwirtschaft sei der Grund der Möglichkeit sowohl des "Kapitalismus" wie der
tiefgreifenden Änderungen, denen er unterzogen wurde, nicht zuletzt unter dem Einfluß von Ideologien, die ihm
feindlich waren. Die freiheitüiche Lebensform allein sei bisher auch der Boden freier Publizistik gewesen und
autonomer Wissenschaft

- so unvollkommen sie sich relativ zum Gardemaß der Idealität darstellen. Die Jünger der kritischen Theorie erinnert
Nolte an die Bedingungen, unter denen sie kritisch sind: "Wer über eine ,rationale Gesellschaft' nachdenkt, sollte
über seinen vielleicht verdienstvollen Konstruktionen nicht die reale Basis aus dem Auge verlieren, die gerade ihn
und seine Art des Denkens tragt."

Wenn Nolte nach dem Verhältnis von Marxismus und industrieller Revolution fragt, so geht es im Kern um das
Verhältnis von Marx und Engels zu ihren mittelbaren und vor allem unmittelbaren Vorgängern. Er nennt dies die
"ausgesparte Frage". Merkwürdigerweise nämlich gibt es eine Geschichte jener Spiegelungen, Zusammenfassungen
und Deutungen bislang nur skizzenhaft und in Ansätzen. Seit langem aber unterschätzt die vorherrschend
ehrerbietige geisteswissenschaftliche Interpretation die Schulden, die die Londoner Kirchenväter bei älteren
Autoren hatten, ob liberaler oder konservativer, romantischer oder frühsozialistischer Observanz.

Diese Schulden im einzelnen zu benennen und aufzuklären ist Noltes Ziel. Daß dabei die Kirchenväter auf
menschliches Maß zurückgeführt werden, nimmt Nolte in Kauf. Der Denkmalsturz ist gewollt. In der Historisierung
der Ideologie ist die Entmythologisierung der politischen .Heilslehre enthalten.

Die industrielle Revolution, die zur politischen Revolution geschärft werden sollte, war für das Denken zuerst von
Engels und dann von Marx "bewegende Mitte". Sie rangen mit dem Fundamentalgeschehen des Zeitalters, und der
Modus dieses Ringens ist bis heute für Marx und Engels weit besser dokumentiert als für die zumeist vergessenen
Vorgänger. Eben weil dem so ist, verdient Noltes Studie, die in eindrucksvoller Verdichtung die Schreckreaktion
des Zeitalters vor der Maschinenwelt nachzeichnet, über ihre enorme geistesgeschichtliche Tragweite hinaus
Aufmerksamkeit. Die Theorie, die säkulare Ersatzreligion wurde, erweist sich als synthetisches Produkt. Ihr
Fortschritts- und Menschheitspathos, sorgsam abgehört, verrät Nostalgie nach legendärer Vergangenheit und
Verlangen nach dem Ende der Geschichte in glücklicher Bewegungslosigkeit: die Wurzel des Übels ausgerottet, die
feindliche Klasse liquidiert, der Mensch wieder bei sich selbst.

Den Stand des Denkens über die industrielle Revolution, den Marx und Engels vorfanden, hat Nolte gebündelt nach
Beobachtungen, Auslegungen und Theorien, Postulaten und Vorhersagen. Die Beobachtungen betrafen das
unaufhaltsame Vordringen des Fabriksystems, die Verdrängung menschlicher Arbeit durch Maschinen, den
Untergang ganzer Produktionszweige, die dynamische Rolle des Kapitals, die bedrohende der Konkurrenz, die neue
Häßlichkeit des Landes, die Explosion der Menschenzahl, Überproduktion und Krisen, Frauen- und Kinderarbeit,
Massenarmut,, daneben steigenden Reallohn, mehr Gesundheit, längeres Leben, die Entstehung einer breiten
Mittelschicht. Marx und Engels folgten der Mehrzahl ihrer Vorgänger, indem sie die Industrialisierung nicht - heute
die vorherrschende Sichtweise der Wirtschaftsgeschichte - als Ausweg aus der Strukturkrise der alteuropäischen
Wirtschaftsformen und aus der Übervölkerung interpretierten, sondern als Zerstörung.

Die Theorien bezogen sich auf die "Herrschaft des Dampfes", die Vermehrung der Armen und die Verelendung der
Massen, auf Unternehmenskonzentration, Ausbeutung, "Fall der Profitrate" und unaufhebbare Stagnation, auf
Klassenkampf, Entfremdung, Glauben an den Fortschritt und Verfallensein an den Niedergang.

Die Postulate forderten Umkehr und Buße: Rückkehr aufs Land, Verbot des individuellen Reichtums,
Beschränkung der Leistung, Rückgabe des geraubten Mehrwerts und Wiedergewinnung des vollen Arbeitsertrags.
Sie verlangten die Herstellung einer Gesellschaft der Gleichen, rationale Umgestaltung der Welt, eine natürliche
Gesellschaft, Aufhebung der Arbeitsteilung, unzerteiltes Dasein in der Fülle, Einführung von Mindestlöhnen,
Verkürzung der Arbeitszeit, jedem nach seinem Bedarf und nicht nach seiner Leistung. In einem Wort: In den
Postulaten lebten das iustum pretium des Mittelalters und die statisch-ängstliche Ökonomie der Zünfte wieder auf.
Die grüne Utopie wurde vor der roten geboren.

Der Diagnose der Gegenwart entsprachen die Aussagen über die Zukunft: Untergang der Gesellschaft in Anarchie
und Zerstörung, zumindest dauernde Stagnation durch Fall der Profitrate ; aber auch Überwindung der Knappheit
durch Planung, die cine Kaste von mächtigen Herrschenden erforderte, oder durch cine weltweit brüderliche
Familiengesellschaft; Erlösung vom Sündenfall der Geschichte und von ihren Konflikten; Restitution des Menschen
und der Welt zu ihrer natürlichen, allein durch Habgier und Industrialisierung gestörten Vollkommenheit.

Es war nicht Zufall, daß die Sozialanalyse in die Spräche des Bußpredigers gewandet war und der Weg aus dem
Jammertal im großen Ton des Propheten , gewiesen wurde. Die Sozialreligionen, die um 1800 im Schwange waren,
verrieten stets ihre christlich-jüdischen Vorbilder und ihren mittelalterlichen Ursprung.

Historische Darstellung und vergleichende Analyse indes sind nicht alles. Der perspektivische Punkt, auf den Noltes
Darstellung zuläuft, liegt in der Feststellung, daß der Marxismus die Industrielle Revolution nicht nur als Prämisse
seiner selbst und damit einer staatenlosen Menschheitszukunft begriff. Er-enthielt auch die Andeutung, daß er selbst
Prämisse einer Industriellen Revolution diktatorischen Typs werden könne. Das war nicht Zufall und nicht
Abirrung. Im Leninismus wurden solche Andeutungen Wirklichkeit.

Der Ausrottungsfanatismus war ein Element der Religionskriege gewesen: der Feind mußte brennen. Die
europäische Aufklärung war in politischer Perspektive ein einziger Versuch, die Wiederkehr der Barbarei zu
verhindern. Mit dem Niedergang der alteuropäischen Ökonomie und dem Aufbruch der Industrialisierung aber
lebten alte Vernichtungsängste wieder auf, mit ihnen aber auch die Hoffnung, den Feind, den "mangeur des
hommes", die Reichen, die Maschinenherren und mit ihnen, die unheimliche Macht, das Kapital, auszurotten.
Fortschrittspathos und Angst vor dem Abgrund begannen ihre lange Ehe. Nolte findet in diesen Strömungen, deren
keine der Marxismus verschmähte, eine Vielzahl von Belegen künftiger Kämpfe und die latente Bereitschaft,
totzuschlagen und aufzuhängen, damit das Glück ein für allemal herrsche.

Was Marx und Engels, bald programmatisch, bald beiläufig, an Mord- und Brandreden von sich gaben, war
schwerlich nur metaphorisch zu verstehen. Hier übernahm der Marxismus bereits ein Erbe wüster Träume, das
einmal zur Wirklichkeit drängen mußte. Wenn es um die Wurzel des Übels ging - wer durfte da zimperlich sein?
Und zimperlich sind sie alle nicht gewesen, die zum Reich der Freiheit durch Gewalt kommen wollten.
Merkwürdige Blutflecken bleiben da auf der Theorie des Marxismus haften, JSTolte läßt kein Dementi gelten, keine
Theorie vom Unfall der Geschichte. Er nimmt die Macht- und Schreckensseite des Marxismus ernst und reißt damit
die Perspektive auf Greuel und Katastrophen des 20. Jahrhunderts auf.

Im Schlußkapitel - und der Leser sollte zweckmäßigerweise die Lektüre damit beginnen •- spricht Nolte von
der Transformation des Marxismus durch den Leninismus und die Wirkung auf die Gegenwart. Marx hatte beizeiten
vorhergesehen, das russische 1793 werde nicht lange auf sich warten lassen. Wenn es aber komme, so werde die
Schreckensherrschaft der halbasiatischen Leibeigenen ohne Vorbild in der Geschichte sein. Karl Kautsky hat dann,
als es soweit war, mit Entsetzen konstatiert, das Erschießen sei das A und O leninistischer RegierungsWeisheit. Die
planmäßige Vernichtung einer ganzen Gesellschaftsklasse wurde erstmals ins Werk gesetzt.
War es eine Verirrung, wenn die bolschewistische Partei zur "größten Kraft planmäßiger Vernichtung" in der
bisherigen Geschichte wurde?

Der Leninismus war ohne Zweifel eine Transformation des Marxismus, die einer Umkehrung gleichkam. Bakunin
hatte vorausgesagt, die Marxisten würden die Masse des Volkes in eine industrielle und eine agrarische Armee unter
dem Kommando von "Staatsingenieuren" verwandeln, die dann einen neuen, privilegierten,
wissenschaftlichpolitischen Stand bilden würden. Nolte: "So erfuhr der Marxismus im Leninismus seine
Verkehrung und wurde dadurch zugleich doch seiner Wahrheit nähergebracht." Damit gewannen Fortschritt und
Vernichtung, die sich in England und Westeuropa im Rahmen liberaler politischer Kulturen modifiziert hatten,
personale Gestalt. "Ein Konzept der Gegenvernichtung konnte auftauchen, das - keineswegs bloß reaktionär - den
Fortschritt selbst als seinen Feind sah, und zwar in biologistischer Umdeutung jenen Fortschritt, den auch Marx als
jüdisch' identifizieren wollte." Gemeint ist der "Radikalfaschismus" Hitlers und des Nationalsozialismus.

Noltes großes Thema sind Aufstieg und Scheitern der radikalen Ideologien, zuerst in "Der Faschismus in seiner
Epoche" (1963), dann in "Deutschland und der Kalte Krieg" (1974), und zuletzt, als Abschluß einer großen Trilogie,
in "Marxismus und Industrielle Revolution". Hier schließt sich für ihn der Kreis. Nicht zwingend war der Weg von
Marx zu Lenin, aber er war auch keine Verirrung. Nach Ernst Noltes großer Studie über den Marxismus ist es
schwieriger geworden, Marxist zu sein.

Dieses Buch nimmt den Leser gefangen. Souveräne Disposition des Stoffes, Schärfe des Denkens und Brillanz der
Diktion, vollendete Wechselbeziehung zwischen sozialgeschichtlichen und ideengeschichtlichen Methoden,
Vielschichtigkeit der Darstellung, eine durchdringende Analyse des Marxismus bezogen auf seine Vorgänger und
das Trauma der Industriellen Revolution: das alles steht Nolte in hohem Maße zu Gebot. Diese Entmythologisierung
des Marxismus ist eine historische Meisterleistung und sicherlich ein politisches Ereignis.

Ernst Nolte: "Marxismus und Industrielle Revolution". Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1983. 656 S., geb., 58,- DM.

Alle Rechte vorbehalten. © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main