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Wechselbalg »Psychologie«

Vom Spagat einer Wissenschaft


zwischen instrumenteller und kritischer Vernunft

Ulrich Kobbé

Zusammenfassung

Der Essay versucht, ausgehend von konkreten Erfahrungen und Beispielen unterschied-
liche Facetten der beruflichen und persönlichen Identität als Psychologe, des Selbstver-
ständnisses ‚des‘ Psychologen und der Missverständnisse seiner Wissenschaft aufzu-
zeigen1. Ausgehend von klinisch-psychologischen Problem- und Arbeitsfeldern werden
unterschiedliche Facetten und Implikationen theoretischer und angewandter Psycholo-
gie aufzuzeigen und einzelnen Problemstellungen grundsätzlicher Art nachzugehen ge-
sucht. Thematisiert werden Praxisaspekte der Integration und Differenzierung von Psy-
chologie und Psychotherapie sowie Psychoanalyse, der Interaktion von Psychologen
und Ärzten, des Zusammenhangs von Psychologie und Philosophie. Dabei bedingt und
fordert die Verschränkung von Praxis und Theorie gleichzeitige Untersuchungen bzw.
Skizzen von Fragen der Erkenntnistheorie, der Geisteswissenschaften, der Ethik und
der politischen Psychologie.

Damit entsteht ein Patchwork von Themen, von Befragungen der eigenen Profession
und Professionalität. Dieser diskursive Ansatz dient daher u. U. weniger der Beantwor-
tung, eher der Generierung von Fragen an das Selbst- und Fremdbild von ‚Psychologie'
und ‚Psychologen‘. Im Sinne der Herstellung bzw. Reaktualisierung von intrinsischer In-
terferenz2, auch einer Provokation zu weiterer Auseinandersetzung, werden neben dem
Stilmittel der Selbstthematisierung vereinzelt Zitate von Wittgenstein eingesetzt, denn:
»Der Mensch denkt, fürchtet sich, etc. etc.«: das könnte man etwa Einem antwor-
ten, der gefragt hat, welche Kapitel ein Buch über Psychologie enthalten soll (Witt-
genstein 1948, 223, Ziff. 19).

Zwischen Utopie und Sinnverlust

Das Selbst- und Fremdbild ‚der‘ Psychologie und PsychologInnen schlechthin lässt sich
in Umfragen und empirischen Untersuchungen, in deren statistischer Aufbereitung und
Interpretation hinsichtlich der diesbezüglichen sozialen Repräsentationen beschreiben;
gerade bezüglich des Verhältnisses von Selbstverständnis und Fremdwahrnehmung,
von Anspruch und Wirklichkeit, lassen sich differenzierte Untersuchungen vornehmen.
Und zugleich muss jede Psychologie - wenn sie sich denn als konkrete Psychologie
versteht - das Individuum zum Ausgangs- oder Bezugspunkt machen. Denn wenn die
konkreten Individuen „nicht nur als Marionetten in den gesellschaftlichen Strukturen zap-
peln, ist auch von Bedeutung, wie sie die Ereignisse erfahren, deren Verlauf sie zwar
nicht kontrollieren, aber doch bewirken“ (Füchtner 1978, 19). Diese Vorstellung einer am
1
Trotz dieser Verkürzung sind immer a) Diplom-Psychologen und b) zugleich Diplom-Psychologinnen gemeint.
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Dabei geht es einerseits um die Thematisierung der Widersprüchlichkeiten der Realität, andererseits um die interferentielle Aufbre-
chung konventioneller Wahrnehmungs-, Beurteilungs- und Denkmuster. Insofern wird Interferenz eine erkenntnisvermittelnde - und
damit ethische - Funktion zugeschrieben und versucht, Widersprüche (der Realität, der Wissenschaften, der Subjekte usw.) nicht i.
S. harmonisch-stabilisierender Synthese aufzulösen, sondern i.S. sich gegenseitig beeinflussender Antagonismen virulent zu halten.
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konkreten Subjekt orientierten Selbst(auf)klärung beinhaltet, sich im Sinne der Forde-


rung Kants unserer selbst verschuldeten Unmündigkeit zu stellen: Anders ausgedrückt,
ist die Frage zu stellen und zu beantworten, wer wir in diesem Moment der Geschichte
sind; und dies, indem wir uns auch konkret machen.

Damit wird dieser Aufsatz um den subjektiven Pol einer - z. T. retrospektiven - Sicht auf
Psychologie oszillieren und den Verfasser als ‚ich‘ sagende Person einführen. Selbst-
thematisierungen jedoch sind in der wissenschaftlichen Literatur nicht nur unüblich, son-
dern gelten geradezu als anstößig. Doch wenn die Erörterung charakteristischer psy-
chologischer Erfahrungsbereiche, wenn die Darstellung einiger Selbst- und Fremdattri-
buierungen mehr sein soll als eine Aneinanderreihung abstrakt-generalisierter Aspekte,
muss ein selbstreflexiver Bezug zu einem konkreten Selbst und seiner Subjektivität her-
gestellt werden. Insofern gebietet die Aufgabenstellung den Versuch einer Selbstthema-
tisierung, zumal wir dies im Rahmen angewandter Psychologie, z.B. psychologischer
Beratung oder Behandlung, unseren Klienten oder Patienten wie selbstverständlich ab-
verlangen (Hahn 1987). Unweigerlich ist dies damit auch der Versuch einer Selbstbeur-
teilung und führt der Ansatz zu Vor-Urteilen des Lesers über den Verfasser:
Die Psychologie des Urteils. Denn auch das Urteil hat seine Psychologie.
Es ist wichtig, dass man sich denken kann, dass jedes Urteil mit dem Worte »Ich«
beginnt. »Ich urteile, dass ...«
So ist jedes Urteil eines über den Urteilenden? Insofern nicht, als ich nicht will,
dass die Hauptkonsequenzen über mich gezogen werden, sondern über den Ge-
genstand des Urteils. Sage ich »Es regnet«, so will ich im allgemeinen nicht, dass
man antworte: »Also so scheint es dir«. »Wir reden vom Wetter«, könnte ich sa-
gen, »nicht von mir« (Wittgenstein 1946/47, 745, Ziff. 750).

In der Selbstthematisierung wird die Anonymität erzeugenden Objektivität aufgegeben.


Es erfolgt die Abkehr von der Suggestion eines rein wissenschaftlichen Textes ohne
konkretes Subjekt des Verfassers. Dieser Ansatz macht erforderlich, einen Teil des Dis-
kurses „‚im Schutz‘ der Gänsefüßchen“, also potentiell defensiv zu führen (Authier 1983,
64). Denn die Verwendung von Anführungszeichen erlaubt, einen „Rand des eigenen
Diskurses“ zu etablieren und eine „diskursive Zone“ des sprachlichen Kompromisses
und der Spannung zu schaffen. Sie ermöglicht, in der von ihren Rändern weitgehend
bedeckten Rede das Risiko einzugehen, sich der eigenen Wörter zu enteignen. Denn
über das als Abwehr eines herrschenden Diskurses eingesetzte Zitieren wird zu diesen
Wörtern verbal auf Distanz gegangen und damit zugleich die Möglichkeit einer komple-
mentären Rede garantiert (Authier 1983, 68-70).

Psychologie

Das Bild des Psychologen - und ‚der‘ Psychologie schlechthin - als Untersuchungsge-
genstand sowie seine Einbettung in einen interdisziplinären und sozialpolitischen Rah-
men gestatten - so die Eingangsthese - keine ausschließlich psychologische Theorie-
konstruktion: „Ich würde gerne sagen: Die Psychologie hat es mit bestimmten Aspekten
des menschlichen Lebens zu tun. Oder auch: mit gewissen Erscheinungen - aber die
Wörter »denken«, »fürchten«, etc. etc. bezeichnen nicht diese Erscheinungen“ (Witt-
genstein 1948, 226, Ziff. 35).
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Darüber hinaus wäre - so die zweite These - das Herauspräparieren einzelner psycho-
logischer, interpretationsfreier Fakten ein dem Gegenstand nicht angemessenes Vorge-
hen. Es würde dem konkreten Bezugssystem des Psychologen im Verhältnis zu sich
wie zum Sozialen nicht gerecht. Als Essay, der auf die Untersuchung subjektiver berufli-
cher Erfahrungsaspekte und wissenschaftsimmanenter Prozesse hinorientiert ist, müs-
sen nicht nur die als naturwissenschaftlich begründet begriffenen - ungeschichtlichen -
psychologischen Kategorien benannt und verwendet werden: Vielmehr sind auch geis-
tes- und. geschichtswissenschaftlich orientierte psychologische Theorien und Ergebnis-
se zu berücksichtigen. Denn immerhin sind
 sowohl die ordnungs-, sozial- und gesundheitspolitisch determinierten Dispositive so-
zialer Kontrolle, in die klinische u. a. praktisch tätige Psychologen eingebunden sind,
 als auch die Beurteilungs- und Entscheidungsmaßstäbe der einzelnen Personen
in übergeordnete gesellschaftliche Strukturen eingebettet. Entsprechend sind sie nur im
Rahmen historisch-struktureller Regelsysteme verstehbar bzw. interpretationsfähig
(Hübner 1992).

Dies erfordert ‚eigentlich‘ die methodische Trennung von Untersuchungsgegenständen,


die einerseits sozialen und andererseits psychischen Strukturen angehören: „Um die ei-
gene Kultur, in die ich als Forscher verstrickt bin, zu verstehen, ist eine weitgehende
Distanzierung notwendig" (Kreuzer-Hanstein 1992, 59). Denn:
Introspektion kann nie zu einer Definition führen. Sie kann nur zu einer psychologi-
schen Aussage über den führen, der introspiziert. Sagt z. B. Einer: »Ich glaube
beim Hören eines Wortes, das ich verstehe, immer etwas zu fühlen, was ich nicht
fühle, wenn ich das Wort nicht verstehe« - so ist das eine Aussage über seine be-
sondern Erlebnisse. Ein Anderer erlebt vielleicht etwas ganz anderes; und wenn
Beide das Wort »verstehen« richtig gebrauchen, so liegt in dem Gebrauch das
Wesen des Verstehens, und nicht in dem, was sie über ihre Erfahrungen sagen
können (Wittgenstein 1946/47, 208, Ziff. 212).

Hingegen impliziert der gewählte reflexiv-narrative Ansatz Formen begrenzten Spekulie-


rens. Formen also, die gerade das Gegenteil der von Devereux (1973) beschriebenen
Abwehrformen des Forschers gegen Unbekannt-Fremdes erfordern. Eine solche Kon-
zeption thematisiert die „insgesamt vernachlässigte Frage des ‚dispositiven' Rahmens
unseres wissenschaftlichen Arbeitens" (Quensel 1990, 251). Immerhin wird diese wis-
senschaftliche Konvention
 von Foucault hinsichtlich seiner Machtkonventionen problematisiert,
 als eine jeder Gesellschaft eigene Ordnung oder allgemeine Politik der Wahrheit de-
nunziert.
Insofern gibt diese Kritik auch einen zwangsläufig konflikthaft-gebrochenen Theorie-
Praxis-Bezug der Psychologie an. Immerhin skizziert Foucault (1968, 112), erst durch
die Schaffung psychiatrischer Anstalten, „dieser Welt der strafenden Moral, ist der
Wahnsinn etwas geworden, das wesentlich die menschliche Seele, ihr Schuldgefühl und
ihre Freiheit, betrifft; er ist jetzt in den Bereich der Innerlichkeit verlegt, und dadurch wird
der Wahnsinn zum erstenmal in der abendländischen Welt nach Status, Struktur und
Bedeutung psychologisch“.
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Hier hat Psychologie ihren Ursprung in einem Projekt der aufklärerischen Vernunft. In
einem Fortschrittsprojekt, das zwar Vernunftkritik betreibt, jedoch als Psychologie
zugleich vergisst, „dass die »objektive« oder »positive« oder »wissenschaftliche« Psy-
chologie ihren Ursprung und ihren Grund in einer pathologischen Erfahrung gefunden
hat“. Oder „anders gewendet: der Mensch ist eine psychologisierbare Gattung erst ge-
worden, seit sein Verhältnis zum Wahnsinn eine Psychologie ermöglicht hat, d.h. seit
sein Verhältnis zum Wahnsinn äußerlich durch Ausschluss und Bestrafung und innerlich
durch Einordnung in die Moral und durch Schuld definiert ist“ (Foucault 1968, 113). So
besteht der Auftrag von Psychologie innerhalb der psychiatrischen Institution in einer
„Grenzsicherung" (Dörner) zwischen ungefährlichen Vernünftigen und gefährlichen Ver-
nünftigen, d.h. der Garantierung des ungestörten öffentlichen Diskurses. „Damit diese
Aufgabe ordnungsgemäß erfüllt wird, wurde es einmal als nützlich angesehen, Psychia-
ter und Psychotherapeuten von der philosophischen Reflexion abzukoppeln, damit sie
sich im positivistischen Glauben an ihre Wissenschaft nicht stören lassen" (Dörner 1988,
451). Gerade dies aber mache die Wiedereinführung auch philosophischen Reflektie-
rens in die Psychologie (und Psychiatrie) erforderlich, um ihre Praxis - ihr Denken und
Handeln - „gegen seine eigene Gefährlichkeit zu schützen" (Dörner 1988, 451-452).

Hinsichtlich der Frage Kants nach uns in diesem Moment der Geschichte, mit der er uns
auch unsere selbstverschuldeten Unmündigkeit vorhält, fordert Foucault (1984) generell
- und konkret uns - auf, nicht nur zu entdecken, sondern zugleich zu verweigern, was wir
sind ... Denn das Projekt der Aufklärung, das die Vermenschlichung jedes Menschen
zum Ziel hatte, scheint zu einem Gutteil selbst das Problem geworden zu sein, das es
zu lösen beabsichtigte: Wenn Kant versprach, die von der kritischen Vernunft eröffnete
Lücke mit Hilfe der instrumentellen Vernunft zu schließen, so ist dies mehr als gelungen
und zugleich dennoch Fiktion, ja, geradezu Wissenschaftsfiktion = ‚science fiction‘. Ge-
rade im gesellschaftspolitischen Bereich des kongenialen Zusammenspiels wissen-
schaftlicher, administrativer und therapeutischer Diskurse hat sich der instrumentelle
Charakter der Vernunft in einer Weise verselbständigt, dass er - im gesellschaftlichen
Alltag wie in den Wissenschaften - Aspekte des Irrationalen, Affektiven, Imaginären oder
Unbewussten in einer Weise denunziert und ausschließt, dass dieses Verdrängte in den
sozialen Repräsentationen unweigerlich wiederkehrt.

Psychologie und Psychotherapie

Die Frage nach dem Selbstverständnis und Selbstbild von klinisch-therapeutisch tätigen
Psychologen führt unweigerlich zur Frage nach dem Verhältnis von Psychologie und
Psychotherapie. Denn allzu leicht wird das eigene Berufsbild, wird die konkrete klinische
und therapeutische Praxis von theoretischen Modellen und be-handlungsbezogenen
Standards der jeweiligen Therapie‚schule‘ usurpiert. Bereits als das BDP-Zertifikat ‚Kli-
nischer Psychologe‘ durch den Berufsverband vor Jahren in ‚Klinischer Psychologe /
Psychotherapeut‘ erweitert wurde, macht der dem ‚Bastardfaden‘ der Heraldik gleichen-
de Schrägstrich unfreiwillig deutlich, dass diese Mischidentität ein Bastard3 ist, sprich,
eine Spaltung innerhalb der neuen Verbindung angibt. Entsprechend bekam die BDP-
Sektion ‚Klinische Psychologie‘ Konkurrenz durch den ‚Verband Psychologischer Psy-
chotherapeutInnen‘, kam es zu Doppelmitgliedschaften wie zu Übertritten, jedoch weder

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d.h. quasi nichtlegitimer Herkunft
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zu einer hinreichenden Klärung der jeweiligen Schnittmenge von Sach- und Fachfragen
wie Interessen noch zur Herausbildung jeweils charakteristischer Profile. Diese Und/Oder-
Identität wird nunmehr durch die seit dem 01.01.99 mögliche und geforderte Approbati-
on neu definiert, wenngleich nicht ‚gelöst‘. Denn ‚Psycho~‘ ist nun ggf. per Gesetz und
Urkunde beides: Diplom-Psychologe und Psychotherapeut.

Zum Verhältnis von Psychologie und Psychotherapie formulierte Baumann (1996) jüngst
u. a. folgende Thesen:
 „Psychologiedefinition impliziert Psychologie. Die wissenschaftliche Psychotherapie
ist eng mit der Wissenschaft Psychologie verzahnt, da Psychotherapie mit psycholo-
gischen Mitteln arbeitet; dies sind Methoden, die im Erleben und Verhalten ihren An-
satzpunkt haben.“
 „Psychologie als besonders wichtige Determinante der Psychotherapie. Die Psycho-
logie als Wissenschaft erbringt maßgebend und umfassend wissenschaftliche Beiträ-
ge zur Psychotherapie, die als Methode im Erleben und Verhalten ansetzt: Sie ist da-
her in ihrer Bedeutung für die Psychotherapie nicht gleichrangig zu anderen Fächern
(u.a. Medizin, Pädagogik, Philosophie, Soziologie, Theologie) zu sehen.“
 „Fundierung der allgemeinen Psychotherapie durch die Psychologie. Die Psychologie
mit der Breite an Erkenntnissen gewährleistet eine allgemeine Psychotherapie und
vermindert das Risiko des Schulendenkens.“
 „Psychotherapie als Spezialfall klinisch-psychologischer Intervention. Psychotherapie
stellt einen Spezialfall klinisch-psychologischer Intervention dar und ist daher mit der
Psychologie verknüpft.“
 „Psychologie als Voraussetzung für Psychotherapie. Psychotherapeuten/innen benö-
tigen ein breites Psychologiewissen auf universitärem Niveau, wie es im Psycholo-
giestudium der Hochschulen angeboten wird. Andere Berufsgruppen müssen daher
eine vergleichbare Psychologiekompetenz erwerben.“
 „Beseelte, humane Psychotherapie und Wissenschaft. Psychotherapie ohne wissen-
schaftliche Fundierung ist eine inhumane Psychotherapie, eine Psychotherapie ohne
Seele. Humane Psychotherapie, Psychotherapie mit Seele setzt eine wissenschaftli-
che Fundierung, insbesondere mittels der Psychologie, voraus.“

Andererseits reduziert diese Verschränkung von Psychologie und Psychotherapie - die-


se vermeintliche Alternative der Identität als Diplom-Psychologe und Psychotherapeut -
die klinisch-psychologische Tätigkeit in unzulässiger Weise, beinhaltet psychologische
Beratung und psychologische Behandlung doch mehr als ausschließlich Psychothera-
pie. Gerade hier entsteht mit der Fixierung auf die Approbation eine Verengung der
(Selbst-)Wahrnehmung wie der Theoriebildung.

Psychologie und Psychoanalyse

Speziell die Auseinandersetzung mit eigener psychoanalytischer Orientierung und Aus-


bildung thematisiert Fragen nach der Stellung der Psychologie hinsichtlich eines Sys-
tems von psychodynamischen Metatheorien, deren wissenschaftliche Begründung in
vielen Fällen mehr den Geisteswissenschaften denn den - überschätzten - Naturwissen-
schaften zuzurechnen sein dürfte. Immerhin formulierte Freud, die Psychoanalyse sei
„ein Stück Psychologie, nicht medizinische Psychologie im alten Sinne oder Psychologie
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der krankhaften Vorgänge, sondern Psychologie schlichtweg, gewiss nicht das Ganze
der Psychologie, sondern ihr Unterbau, vielleicht überhaupt ihr Fundament“ (Freud
1955b, 289). Selbst wenn man dieser Maßgabe als Anmaßung nicht folgt, ist die quasi
parallel zur Psychoanalyse entstandene Psychologie von dieser beeinflusst und umge-
kehrt. Psychologische wie psychoanalytische Modellvorstellungen und Begriffe haben
derart Eingang in heutiges Denken, in Erklärungsmuster und in Alltagssprache gefun-
den, dass - zumindest partiell - von einem dialektischen Verhältnis beider Psychologien
gesprochen werden muss. Bemerkenswert ist immerhin die von Rapaport (1973) ange-
gebene Struktur psychoanalytischer Theorie mit empirischen, Gestalt-, organismischen,
genetischen, dynamischen, ökonomischen, strukturellen, adaptiven, psychosozialen und
empirischen Gesichtspunkten, die sich mit folgenden Kernsätzen skizzieren lassen:
 Das Objekt der Psychoanalyse ist Verhalten.
 Jedes Verhalten ist integral und unteilbar. Die zu seiner Erklärung dienenden Begriffe
beziehen sich auf seine verschiedenen Komponenten und nicht auf verschiedene
Verhaltensweisen.
 Kein Verhalten steht isoliert. Alles Verhalten ist das der integralen und unteilbaren
Gesamtpersönlichkeit.
 Alles Verhalten ist Teil einer genetischen Reihe. Durch seine Vorläufer ist es Teil zeit-
licher Aufeinanderfolgen, die die gegenwärtige Form der Persönlichkeit hervorge-
bracht haben.
 Die entscheidenden Determinanten des Verhaltens sind unbewusst.
 Alles Verhalten ist letzten Endes triebbestimmt, doch die „letztliche Triebbestimmt-
heit“ des Verhaltens wird begrenzt durch die anderen Verhaltensdeterminanten.
 Alles Verhalten führt seelische Energie ab und wird durch seelische Energie reguliert.
 Alles Verhalten hat strukturelle Determinanten.
 Alles Verhalten wird durch Realität bestimmt.
 Gesellschaft ist notwendige Matrix der Entwicklung allen Verhaltens.

Dass die gegenseitige Beeinflussung von Psychologie und Psychoanalyse bereits früh
zu entsprechenden gegenseitigen Abgrenzungen wie Vereinnahmungen führte, wird an
folgender Formulierung Bühlers deutlich:
Was die Psychoanalyse angeht, so bin ich der Meinung, dass gewisse Tren-
nungsmauern zwischen ihr und der übrigen Psychologie fallen müssen (Bühler
1927, IX).
Hiernach wäre Psychoanalyse nicht Unterbau oder Fundament, sondern eben auch -
nur - eine Psychologie innerhalb des gesamten Feldes. „Ich möchte von einem Stamm-
baum der psychologischen Begriffe reden“ (Wittgenstein 1946/47, 138, Ziff. 722). In der
Tat bezeichnet denn auch Lacan (1936) Psychoanalyse als den Freudschen Weg einer
Psychologie, die er der anderen Auffassungen und Methoden damaliger Psychologie
gegenüberstellt, um dann 28 Jahre später zu behaupten, die Psychologie sei „das Vehi-
kel von Idealen: Die Psyche steht dabei nur Pate, wenn es darum geht, sie in den Rang
einer akademischen Wissenschaft zu erheben“ (Lacan 1964, 210). Denn Psychologie
unterwerfe sich den Gesetzen des Marktes, gebe „sich und mit ihr Freud“ in einer Weise
einem Interesse preis, dass „eine Psychoanalyse, die in den Schoß der «allgemeinen
Psychologie» zurückkehrt, [...] jener Mentalität Vorschub [leistet], die man gerade hier,
und nicht in der Ferne untergegangener Kolonien, mit Recht als primitiv bezeichnen
kann“ (Lacan 1964, 211). Jenseits dieser fraglos unzutreffenden - und insofern Psycho-
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logie diffamierenden - Verallgemeinerung thematisiert Lacan zwei wesentlich Aspekte


von Psychologiekritik und -selbstverständnis, die im Folgenden aufgegriffen werden sol-
len.

Psychologie und Philosophie

Das eigene Studium in den Jahren 1972 bis 1977 wurde von einer manifest angloameri-
kanisch orientierten Psychologie geprägt, deren Wissenschaftsverständnis empirisch
und statistisch, naturwissenschaftlich und verhaltensorientiert war.
Die Verwirrung in der Psychologie ist nicht damit zu erklären, dass sie eine »junge
Wissenschaft« ist. Ihr Zustand ist mit dem einer Physik, z. B., in ihrer Frühzeit gar-
nicht zu vergleichen. Eher mit dem gewisser Zweige der Mathematik. (Mengenleh-
re.) Es besteht da nämlich einerseits eine gewisse experimentelle Methode, ander-
seits Begriffsverwirrung, so wie in manchen Teilen der Mathematik Begriffsverwir-
rung und Beweismethoden. Während man aber in der Mathematik ziemlich sicher
sein kann, dass ein Beweis von Wichtigkeit sein wird, auch wenn er noch nicht
recht verstanden ist, ist man in der Psychologie der Fruchtbarkeit der Experimente
durchaus nicht sicher. Vielmehr besteht in ihr Problematisches, und Experimente,
die man für die Methode der Lösung der Probleme ansieht, auch wenn sie an dem,
was uns beunruhigt, ganz vorbeigehen (Wittgenstein 1946/47, 186, Ziff. 1039).

Da dies zwar konsequent, aber damals eher implizit i. S. eines „hidden Curriculums“ ver-
treten wurde, war diese Einseitigkeit wenig spürbar. Erst als in der eigenen Diplomarbeit
auf phänomenologische Wahrnehmungs- und Bewusstseinstheorien der zwanziger und
dreißiger Jahre Bezug genommen wurde und die Arbeit vom damaligen Vertreter der
Professoren mit der ebenso lapidaren wie eindeutigen Begründung „Phänomenologie ist
keine Wissenschaft“ abgelehnt zu werden drohte, wurde diese einseitige Konstituierung
akademisch-wissenschaftlicher Psychologie transparent und ausgesprochen direkt er-
fahrbar. Um so mehr ist dem früh(er)en Credo Bühlers (1927, IX), „dass wir im Rahmen
des Ganzen die sogenannte geisteswissenschaftliche Psychologie nicht entbehren kön-
nen", zuzustimmen.

Inhaltlich und konkret bedeutet dies jedoch keineswegs eine Ablehnung empirischer Un-
tersuchungs- oder statistischer Forschungsmethoden, sondern weist die Kritik lediglich
darauf hin, dass zu der Anwendung dieser mathematischen Methoden eine hinreichen-
de Theoriebildung gehört, dass Statistik kein Selbstzweck sein darf und es auch erlaubt
sein muss, statistische Berechnungen zur Generierung von Hypothesen - und nicht nur
zu deren Verifizierung rspkt. Falsifizierung - anzuwenden.

Wenn Bühler vor 72 Jahren für eine Pluralität der Wissenschaft Psychologie plädiert, so
ist dies nicht nur i.S. einer Integration auseinanderdriftender Richtungen einer damals
noch jungen Wissenschaft indiziert: In seiner Arbeit über „die Notwendigkeit eines (er-
klärenden) »doppelten« Diskurses“ zeigte Devereux (1972, 19) überzeugend, dass die
gegenseitige Beziehung gegenseitiger Irreduzibilität und Komplementarität auch zwi-
schen verschiedenen psychologischen Diskursformen besteht, indem „jede zu weit ge-
triebene experimentelle Untersuchung [das] zerstört, was es zu bestimmen sucht“.
Quensel (1989, 397-398) zeigt zudem detailliert das auch bei der „Integration von Mikro-,
Meso- und Makroprozessen" wohl unvermeidbare Dilemma der interdisziplinären For-
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schungsstrategien auf: Das höchst ambivalente Verhältnis der Theorien wie der Theore-
tiker zur Praxis als Stigmatisierungs-, Ausgrenzungs-, Sanktions- wie Hilfepraxis, „die
man auf der einen Seite dezidiert von sich weist, um ihr auf der anderen Seite um so
unvermittelter zu verfallen", ist auch interdisziplinär nur unzureichend zu lösen. Diese
Skepsis wird vom Verfasser geteilt. Insofern bedarf es nicht einer gegenseitigen Aus-
schließung, sondern eines Differenz ebenso angebenden wie garantierenden Wider-
streits (Lyotard 1989). Dies, indem die unterschiedlichen Regelsystemen angehörenden
inkommensurablen Diskurse nicht gegeneinander ausgespielt, sondern i. S. gegenseiti-
ger Anerkennung und Ergänzung als gleichberechtigte, doppelte Diskurse geführt wer-
den.

Einseitigkeit und Ausgrenzung

Der Satz »Die Vorstellung ist dem Willen unterworfen« ist kein Satz der Psycholo-
gie (Wittgenstein 1948, 238, Ziff. 107).

Nicht nur, dass dieser Skandal einer verengten Wissenschaftsauffassung der - universi-
tären - Psychologie fortbesteht und an den Universitäten auch aktuell innerhalb „bornier-
te[r] universitäre[r] Fachgrenzen“ fortgesetzt wird (Vinnai 1993, 9), auch die zur damali-
gen Zeit häufig eingeführte Einseitigkeit klinisch-psychologischer Ausbildung trägt zur
Konfrontation therapeutischer ‚Schulen‘, zur Auf- und -Abwertung des jeweils anderen
psychologischen Psychotherapeuten bei.

Anders ausgedrückt: In den Jahren 1972-1975 bestand an der Universität Tübingen für
Psychologiestudenten die Möglichkeit, im Fachbereich Psychologie Grundausbildungen
in Gesprächspsychotherapie und Verhaltenstherapie und Einführungsseminare in Psy-
chodramatherapie zu machen sowie außerhalb des Fachbereichs am Lehrstuhl für Psy-
choanalyse an Vorlesungen teilzunehmen. Diese Theorie- und Methodenpluralität wurde
dann allerdings durch den neuen Lehrstuhlinhaber für Klinische Psychologie, Nils Bir-
baumer, radikal reduziert und im wesentlichen auf psychophysiologische Ergebnisse
und Methoden der Verhaltensmodifikation konzentriert. Doch:
Das Denken in den Begriffen physiologischer Vorgänge ist für die Klarstellung der
begrifflichen Probleme in der Psychologie höchst gefährlich. Das Denken in psy-
chologischen Hypothesen spiegelt uns manchmal falsche Schwierigkeiten,
manchmal falsche Lösungen vor. Die beste Kur dagegen ist der Gedanke, dass ich
garnicht weiss, ob die Menschen, die ich kenne, wirklich ein Nervensystem haben
(Wittgenstein 1946/47, 192, Ziff. 1063).

Hätte dieser Einschnitt derzeit nicht stattgefunden und wäre Verhaltenstherapie (zum
damaligen Zeitpunkt noch vor der sog. kognitiven Wende) in ihrer Entwicklung weiter,
weniger schematisch und deterministisch, mithin generell attraktiver gewesen, hätte die
eigene berufliche Entwicklung als klinisch und psychotherapeutisch tätiger Psychologe
eine zwar wohl nicht prinzipiell andere Richtung, so doch u.U. einen anderen Verlauf
genommen. Retrospektiv ist allerdings auch zu vermerken, dass Psychologie zum da-
maligen Zeitpunkt als anwendungsorientierte, (psycho-)therapeutische Wissenschaft er-
heblichen Legitimationszwängen unterworfen war und der ‚radikale‘ Entwurf Birbaumers
in diesen Kontext als strategisch sinnvolle, von den Betroffenen ob ihrer Unvermitteltheit
jedoch mitnichten akzeptierte Profilierung verstanden werden kann, bei der im Kontext
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psychophysiologischer Paradigmen eine - imitative - Nähe zu den Naturwissenschaften,


insb. zur Physiologie und zur Medizin, herzustellen gesucht wurde und wird.

Trotz tiefenpsychologischer Aus- und psychoanalytischer Theoriebildung bleibt das An-


liegen, andere Modellvorstellungen und Therapieformen als gleichberechtigte verschie-
dene Zugänge zum Menschen zu betrachten, sprich, weder in Konkurrenz noch in Ne-
gation zu geraten. Dies erweist sich jedoch in der konkreten Praxis als ausgesprochen
schwierig. Nicht nur, dass mit der Approbation durch die Bezirksbehörde und durch die
Kassenärztliche Vereinigung die einseitige Festlegung auf eine Therapierichtung erfolgt,
auch die institutionellen Praxis macht diese Zuschreibungen:
 So wurde der von mir 3 Jahre lang geleitete Behandlungsbereich aufgrund der dorti-
gen Verwendung psychoanalytisch-tiefenpsychologischer Modelle zur Genese
schwerer Persönlichkeitsstörungen von dritter Seite dezidiert als ‚psychoanalytisch‘
apostrophiert, obwohl dort sowohl verhaltenstherapeutisch als auch tiefenpsycholo-
gisch-psychoanalytisch ausgebildete PsychologInnen arbeiteten. Gerade in der ge-
genseitigen Ergänzung schien die Chance der gemeinsamen psychotherapeutischen
Arbeit mit schwer und schwerst persönlichkeitsgestörten Rechtsbrechern zu liegen,
d.h. im Perspektivenwechsel der ‚Schulen‘, in Akzeptanz, Respekt und Wertschät-
zung anstelle von Rivalität oder Spaltung.
 In anderem Kontext wird diese eindimensionale Zuschreibung durch die Erwartung
ebenso einseitiger Festlegung komplettiert. So besteht gelegentlich für Ausbildungs-
und Supervisionsaufgaben das fast entgegengesetzte Problem, erforderliches Wis-
sen und persönliche Kompetenz durch - fast ideologisch anmutende - Identifikation
mit ausschließlich einer speziellen Theorie und Behandlungspraxis unter Beweis stel-
len zu sollen, was nicht nur die komplementäre Verwendung verschiedener Erklä-
rungsmodelle be- oder verhindert, sondern zugleich auch meine psychologische Iden-
tität negiert.

Erkenntnisleitendes Interesse und Psychologie

Phänomene des Sehens, - das ist, was der Psychologe beobachtet (Wittgenstein
1948, 243, Ziff. 133).

Das andere von Lacan zur Sprache gebrachte Thema ist das des erkenntnisleitenden
Interesses, das innerhalb der Psychologie z.T. nur bedingt reflektiert wird. In seiner
klassischen Arbeit zu dieser Frage formuliert Habermas (1973, 262), Psychoanalyse sei
für ihn „das einzige greifbare Beispiel einer methodisch Selbstreflexion in Anspruch
nehmenden Wissenschaft“, da sie ihre in der Praxis unterstellten Geltungsansprüche zu
prüfen und ihr erkenntnisleitendes Interesse anzugeben suche. Sie enthalte den zu for-
dernden „latenten Handlungsbezug des theoretischen Wissens“, indem sich auf empi-
risch-analytisches Wissen stützende Kausalerklärungen in praktisch verwertbares Wis-
sen und sich auf hermeneutisches Wissen stützende narrative Erklärungen in prakti-
sches Wissen umzusetzen sei bzw. versucht werde. Dennoch ist ebenfalls gegen die
Psychoanalyse als einer „emanzipatorischem Erkenntnisinteresse“ (Habermas 1973,
244) verpflichteter Erkenntnis- und Metatheorie einzuwenden, dass auch sie trotz ihrer
expliziten therapeutischen Programmatik und ihres entwicklungsbezogenen therapeuti-
schen Fixpunktes (Wittling 1980, 22-23) nicht anzugeben vermag, wie die kritische Prü-
fung eigener Apriori der Erfahrung und insbesondere der Argumentation durchzuführen
Kobbé (1999): Wechselbalg »Psychologie« - 10 / 22-

sei (Habermas 1973, 390-392). Immerhin könnte nur durch die Herausarbeitung und
Angabe der ‚Dollpunkte‘ eine Infragestellung „der erst (praxisunmittelbar) zu erfahren-
den Nötigung der Destruktion (auch eigener) ‚Pseudoaprioris‘“ vorwegnehmend antizi-
piert werden. Denn erst dieser Ansatz wäre in der Lage, „die Perspektive einer - in der
emanzipatorischen Pädagogik nicht eben seltenen - Instrumentalisierung des Praktikers
für erkenntnisleitende Interessen“ zu verbauen (Niemeyer 1987, 210).

Metatheorie und Praxis der Psychologie

Insofern ist nicht nur das Amalgam von Psychologie und Psychoanalyse schwerlich auf-
zulösen, sondern sind angesichts der latenten Verführung durch kritisch-emanzipato-
rische Metatheorien mit Anwendungsanspruch Bescheidenheit und Vorsicht angeraten.
Und selbst dies schützt nicht vor der Verführung durch die eigenen Ideale, die das Mit-
machen eines Versuches - einer Versuchung - durch das Modell institutioneller Psycho-
therapie innerhalb des therapeutischen Maßregelvollzuges beinhaltete. Zu diesem
ebenso utopisch-idealistischen wie konsequent psychotherapeutischen und zugleich
kooperativ4 verfassten Entwurf eines Behandlungsansatzes, der auf Überlegungen der
Milieutherapie Bettelheims5 und den Grundsätzen institutioneller Psychotherapie6 fußte,
schrieb ich selbst, dass dieser „Versuch der einer psychoanalytischen Theorie der Be-
handlung“ im freiheitsentziehenden Maßregelvollzug in Verbindung mit den o. g. Prinzi-
pien „aufgrund der Klarheit und Stringenz der Konzeption sowie der dem Autor erfolg-
versprechenden tiefenpsychologisch ausgerichteten Therapie und Reflektion des eige-
nen Handelns besticht“ (Kobbé 1985, 280). Die naive Wortwahl des Verbums ‚besticht‘
macht retrospektiv deutlich, wie sehr ebenso anspruchsvolle wie idealistische Absichts-
erklärungen zur ‚Bestechung‘ geeignet sind. In der Tat war das Behandlungskonzept
nicht nur nicht in der Lage, eine dauerhaft humanistisch-therapeutische Praxis zu garan-
tieren, sondern drohte es gerade durch seine „Stringenz“ zu einer Totalisierung der The-
rapieeinrichtung zu geraten: Ähnlich beschrieb Fabricius (1990, 338) für ein ähnlich
aufwendiges Projekt der rehabilitativen Behandlung von Straftätern7, hier wandele sich
„Psychoanalyse als ein im Kern selbstreflexives, auf Mündigkeit zielendes Verfahren im
Zuge ihrer Institutionalisierung“ dermaßen, dass sie statt Selbstfindung und Autonomie
vielmehr „Hierarchie und zunehmende Entmündigung nach unten“ produziere.

Diskursanalysen

Die Widersprüche lassen sich am ehesten durch eine diskursanalytisch formalisierte Be-
trachtung der ebenso konvergierenden wie divergierenden Disziplinen der Medizin und
der - analytischen - Psychotherapie (Schorsch 1992) verstehen. Hier lassen sich die von
Lacan (1969/70) herausgearbeiteten Diskursmatheme für die Unterscheidung von Dis-
kursen des Sozialen nutzen.

 Der Begriff des medizinischen Diskurses ist in dieser vereinheitlichenden Bezeich-


nung unpräzise, da er sowohl dem Herren- oder Meisterdiskurs («discours du maître»)8

4
kooperativ i.S. einer weitgehend nicht-hierarchischen Institution
5
vgl. Kobbé 1989
6
Hofmann 1983; Hofman & Ledoux 1982
7
(Cornel 1987; Reinke 1987; Toussaint 1982; 1984)
8
Lacan bezieht sich hier auf das dialektische Paradigma von Herr und Knecht bei Hegel (1807, 145-159) und Kojève (1973)
Kobbé (1999): Wechselbalg »Psychologie« - 11 / 22-

wie dem Wissenschaftsdiskurs («discours de la science») angehört. Verwischt wird die-


se Zugehörigkeit zu zwei unterschiedlichen Diskursen durch die scheinbare Einheit der
klinisch-medizinischen Disziplin. Wesentlich erscheint, dass Medizin als angewandte
Wissenschaft normative Funktion hat, indem sie durch die Diagnose von Krankheit oder
Störung (versus Gesundheit) die Norm(ativität) des allgemeinen Falles nicht verlässt
(Widmer 1983, 196). Hiermit ist der medizinische Diskurs als strategischer und als
Machtdiskurs charakterisierbar.

 Der analytische psychotherapeutische Diskurs hingegen wird Lacan zufolge zumin-


dest potentiell zum quasi ‚ohn-mächtigen', reflexiv-kommunikativen Diskurs, d. h. zur
Umkehrung des Machtdiskurses idealisiert. Dies, weil
o er durch die Beachtung der Subjektivität nicht der Objektivität verpflichtet und somit
nicht in allen Teilen wissenschaftlich sein kann,
o ihm das Objekt ‚fehlt‘,
o normative Begriffe und Dichotomien wie ‚normal‘ - anormal‘ und ‚gesund - krank'
keine (Handlungs-)Relevanz haben bzw. in Frage gestellt werden.

 Dass diese Zuschreibung der real vorfindbaren Situation nicht (mehr) entspricht, ist
unterschiedlichen Faktoren zuzuschreiben, so u. a. der Reduzieren von Psychoanalyse
auf ein Behandlungsverfahren, ihrer Einbindung in das Leistungssystem des Gesund-
heitswesens usw. Diese Problematik ereilt aber auch alle anderen psychologischen
Wissenschaften, wenn sie im Kontext psychologischer Beratung, Behandlung und/oder
Psychotherapie zur angewandten Wissenschaft werden. Insofern ist einschränkend
festzustellen, dass psychotherapeutische Diskurse zwangsläufig mehr oder weniger teil-
weise dem medizinischen Diskurs nahe stehen bzw. mit ihm identisch sind, insbesonde-
re dann, wenn sie in psychischen Symptomen ein Objekt haben, der Normalität ver-
pflichtet sind und das Subjekt gerade diesbezüglich primär unter dem Gesichtspunkt
seiner Veränderbarkeit betrachten, folglich als normativ-strategische Machtdiskurse fun-
gieren.

Dies mag Puristen als Problem erscheinen, reflektiert jedoch lediglich die alltägliche Si-
tuation von psychologischer Behandlung und Psychotherapie, die mitnichten an neuroti-
schen Mittelschichtpatienten vom YAVIS-Typ orientiert ist, sondern insbesondere Men-
schen aus sehr einfachen Verhältnissen sowie aus sozial randständigem Milieu errei-
chen und sie dort ‚abholen‘ muss. Wenn darüber hinaus aktuell für Straffällige mit dem
stigmatisierenden Etikett ‚Sexualstraftäter‘ oder ‚Kinderschänder‘ eine Pflicht zur Be-
handlung eingeführt wird, betont dies den funktional-nachsozialisierenden Aspekt psy-
chologischer Behandlung im Strafvollzug und macht dies andererseits darauf aufmerk-
sam, dass es sich um ein Klientel handelt, dass von sich aus sonst nie in Behandlung
gekommen wäre. Anders formuliert, beinhalten hier ‚Sicherung‘ und ‚Behandlung‘ kei-
neswegs sich ausschließende Prinzipien, sondern stellt vielmehr der weiteres - delin-
quentes - Agieren verhindernde Freiheitsentzug die Voraussetzung für erste Schritte ei-
ner therapeutischen Beziehung dar. Um so mehr stellt sich die Frage einer Handlungs-
und Behandlungsethik im Kontext sozialtechnologischer Institutionen.
Kobbé (1999): Wechselbalg »Psychologie« - 12 / 22-

Zur Praxis der institutionalisierten Psycholog(i)en

Diese Nähe von Psychologie und Psychotherapie zu den auf Veränderung des Gegen-
über, auf ‚Intervention‘ hin angelegten Techniken der Behandlung stellt gleichzeitig die
Frage nach der Abgrenzung von klinischen Psychologen und Ärzten. Zweifelsohne gibt
es ein historisches Machtverhältnis zwischen beiden Disziplinen, das auf dem Gebiet
der Psychotherapie durch Psychotherapeutengesetz und Approbation zumindest an-
satzweise reduziert wurde. Dennoch beinhaltet die konkrete Praxis ererbte Kränkungs-
potentiale, mit denen jede konkrete Psychologe umzugehen lernen muss.

 Da ist die Frage der Selbständigkeit einer Profession im Zusammenspiel unterschied-


licher Berufe mit parallel bestehenden hierarchischen Kompetenzen: Einen ersten Ein-
druck erhielt ich als Psychologiepraktikant in einer neurologischen Universitätsklinik. Auf
dem internen Überweisungsschein zur psychologischen Diagnostik stand unter ‚Indikati-
on / Fragestellung‘ lapidar vermerkt: HAWIE - d2 - FPI. Meine schriftliche Randnotiz ‚In-
dikation? Fragestellung?‘ zu diesem wenig nachvollziehbaren Arbeitsauftrag wurde von
der praxisanleitenden Diplom-Psychologin unkommentiert an den Oberarzt der Klinik zu-
rückgereicht, was dort ob der Insubordination empörte Reaktionen und inquisitorische
Nachfragen zur Folge hatte. Nur mühsam war die hierarchisch verfasste Ärzteschaft be-
reit und in der Lage, sich mit dem Anspruch und der Selbstdefinition des psychologi-
schen Diagnostikers auseinanderzusetzen, dass die Fragestellung das eine, die Aus-
wahl der diagnostischen Instrumente das andere sei.

Wie ersichtlich, konvergieren hier berufsständisches und hierarchisches Selbstver-


ständnis in schwer auflösbarer Weise. Doch nicht nur dies: Wer verfügt denn angesichts
allgemeiner Zugänglichkeit von Testverfahren, ihrer scheinbar problemlosen Handha-
bung und interpretativen Praktikabilität über die Kompetenz ihrer Anwendung? Nach
meiner Überzeugung gehört zur fachgerechten Anwendung und insb. Interpretation die-
ser Verfahren die ausschließliche Auswertung testpsychologischer Verfahren durch Dip-
lom-Psychologen, da hierfür Kenntnisse der Methodenlehre, Testtheorie und Statistik
unumgänglich sind. Machen wir uns deutlich, dass analoge Verfahren wie EKG oder
EEG - obwohl technisch durchaus von anderen Berufsgruppen durchführbar - begrün-
det ausschließlich durch Ärzte ausgewertet werden, da neuroanatomische und neuro-
physiologische rspkt. internistische Kenntnisse usw. zur fachgerechten Beurteilung un-
abdingbar sind.

 Hie Abgrenzung, hie Integration: Speziell im klinischen Kontext psychiatrischer Institu-


tionen wurden Psychologen in den siebziger und achtziger Jahren zu gleichberechtigten
Partnern von Assistenz- und Fachärzten. Die eigenen - sicher nicht repräsentativen, je-
doch daher umso eindrucksvolleren - Erfahrungen in einem sozialpsychiatrisch umzu-
gestaltenden Großkrankenhaus machten deutlich, dass partnerschaftliches, komple-
mentäres Miteinander-Arbeiten verschiedener Berufsgruppen (Ärzte, Psychologen, So-
zialarbeiter, Krankenpfleger, Beschäftigungstherapeuten u.a.) nicht nur möglich, son-
dern auch praktikabel und für Patienten, Mitarbeiter und die Institution förderlich sind.
Gerade vor dem Hintergrund dieser positiven Erfahrung erschien das zuvor skizzierte
Projekt institutioneller Psychotherapie aussichtsreich und realisierbar.
Kobbé (1999): Wechselbalg »Psychologie« - 13 / 22-

 Doch beinhaltet das Verhältnis von Psychiatern und Psychologen auch eine - zumeist
unausgesprochene - Konkurrenz: Waren Psychologen in den siebziger und achtziger
Jahren innerhalb der psychiatrischen Krankenhäuser willkommene Lückenbüßer, so ris-
kiert sich dieses Verhältnis bei zunehmender Professionalisierung umzukehren. Wenn
also Psychologen nicht mehr Ersatz von Ärzten sind, sondern mitunter mit deren Coa-
ching oder Supervision beauftragt werden, stülpt dies herkömmliche Selbstverständnis-
se um. Dies ist erst recht der Fall, wenn - wie in der oben benannten bereichsleitenden
Funktion - ein Psychologe zum Stuntman des Psychiaters wird, indem er dessen krisen-
geschüttelten Klinikbereich leitend übernimmt, allerdings kommissarisch, wohlgemerkt.
Als ‚Troubleshooter‘ einerseits willkommen und im konkreten Fall gesucht, zieht diese
exponierte Stellung andererseits unterschiedliche Anfeindungen auf sich. Während die
psychologischen Kollegen bislang klagten, keiner der unsrigen habe die Chance zum
hierarchischen Aufstieg, führte dieser mitunter bei einzelnen auch zu Reaktionen miss-
trauischer, neidvoller, allgemeiner Distanzierung. Im alltäglichen Kontakt drückt sich das
dann in Äußerungen wie „Dass Sie sich das zutrauen ...“ aus. Könnte es also sein, dass
zum Psychologenselbstbild in der Psychiatrie unweigerlich das beklagte Selbstver-
ständnis des karrierebehinderten, aufrechten ‚Losers‘ gehört, der sozusagen aufrecht
und sthenisch, aber in einer Pattsituation, ärztlicher Bevormundung trotzt?

 Die psychiatrischen Kollegen werden ihre Ambivalenz gegenüber gut ausgebildeten,


professionellen, u. U. zudem berufserfahreneren Psychologen zunächst nicht offen zei-
gen, jedoch auf den Moment warten, in dem diese generelle Kränkung beantwortet wer-
den kann. Beispielhaft bietet sich die Verschiebung des Konflikts auf einer prinzipielle
Kooperationsebene an, indem das Prinzip gemeinsamer Behandlungsplanung und -
umsetzung inklusive gegenseitiger Konsultation und Information von behandelndem
Psychiater und psychologischem Psychotherapeut einseitig aufgekündigt wird: Unabge-
sprochen - und für den psychotherapeutisch behandelnden Psychologen ebenso über-
raschend wie frustrierend - erhält ‚sein‘ Patient plötzlich eine Medikation, und der ver-
ordnende Psychiater beharrt auf medizinischer Behandlungskompetenz und -
autonomie. Jenseits anderer Aspekte dieser Dynamik werden hier exemplarische
Machtmechanismen i. S. einer ‚Politik mit Patienten‘ agiert, wird diese Spaltung nicht als
bearbeitungsbedürftige Spaltung und Effekt der Dynamik der Patienten verstanden,
sondern wird mit ihrer Hilfe eine aggressive Restauration einzuleiten gesucht, die von
Psychologen nicht ‚gewonnen‘ werden kann.

 Dabei ist aktuell in der Psychiatrie ein rückwärts gewandter Trend zur biologischen
Psychiatrie, zur einseitigen Akzentuierung neuroanatomischer, -physiologischer o.a.
Dispositionen erkennbar, der sich bereits in den Diagnosen einer "antisozialen" oder
"dissozialen" Persönlichkeitsstörung des ICD bzw. DSM ankündigt. Handelt es sich ei-
nerseits keineswegs um klinische Diagnosen einer psychischen Störung, sondern um
eine Art sozialer Diagnosestellung im klinischen Gewand, so führt diese diagnostische
Etikettierung ein a-dynamisches, überwunden geglaubtes Psychopathiekonzept wieder
ein, dessen negativistische Behandlungsprognose den geborenen Verbrecher Lombro-
sos in medikalisierter oder psychologisierter Gestalt wiederauferstehen lässt, dessen
Tod Psychiatrie zuvor als Wissenschaft der Moderne proklamierte (Strasser 1984, 82).
Erkenntnistheoretisch lässt sich anhand der Arbeiten von Canguilhem (1977) über das
Normale und das Pathologische aufzeigen, dass und in welcher Weise es sich einer-
seits um klinische Diagnosebegriffe handelt, die eine "Pathologie" oder "Krankheit" be-
Kobbé (1999): Wechselbalg »Psychologie« - 14 / 22-

zeichnen, und sich diese grundlegend von den sich auf das auf eine soziale Norm be-
zogene "Anormale" der Sozio- und Psychopathiekonzepte unterscheiden. Denn immer-
hin eröffnet diese Diagnostik eine realitätsgestaltende Wirkung, deren "moralische Wer-
tungen auf einem entsprechenden sozialen Hintergrund diagnoseträchtig sind: Die Ho-
mosexualität hat die Bühne der psychischen Störungen mit dem Erscheinen von DSM-III
verlassen; die antisoziale Persönlichkeit hat sie betreten. Ihre Umschreibung ist voller
sozialer Ressentiments, die jener des klassischen »Psychopathen« in vieler Hinsicht
recht nahekommen" (Finzen 1998, 76).

Was das kongeniale Zusammenspiel von biologischer und klassifizierender Psychiatrie


erzwingt, ist eine Stellungnahme der Psychologie: Wurde über das zwar psychiatriepoli-
tisch korrekte, jedoch letztlich in keiner Weise aussagekräftige Attribut „bio-psycho-
sozialer“ Bedingtheit der Störung ein Konsens als Brückenschlag, eine kompromisshafte
Synthese versucht, bedarf es nunmehr einer Positionierung spezifisch klinisch-
psychologischer Forschungsergebnisse und entwicklungspsychologisch-psychodynami-
scher Theoriebildung, sprich einer Antithese. Gerade hierin liegt ggf. die Chance, sich
durch fundiert-profiliertere Wortmeldungen von Psychologen aus dem u. U. auch fort-
schritts- und erkenntnishinderlichen Konsens der Psycho-Wissenschaften zu emanzipie-
ren und die besondere Kompetenz von Psychologie als eigenständig-gleichberechtigter
Wissenschaft wahrzunehmen. Dies erfordert allerdings eine Reflektion der eigenen pro-
fessionellen Identität, eine (Rück-)Besinnung der Psychotherapeuten auf ihre psycholo-
gischen Wurzeln. Dies stellt im übrigen auch die Frage danach, welchen Stellenwert
man „biologischer Psychologie“ als psychophysiologischem Zweig des Fachgebietes
zuerkennt, sprich, ob es gelingt, diesen - zweifelsohne auch relevanten, aber in seiner
Ausformulierung oft reduktionistischen - Ansatz zu einem integrativen Fach der weitaus
umfassenderen Psychologie zu machen. Denn: „Die physiologische Betrachtung verwirrt
nur. Weil sie von dem logischen, begrifflichen Problem ablenkt“ (Wittgenstein 1946/47,
186, Ziff. 1038).

Doch cave! Dies bedeutet m. E., in der Abgrenzung von biologistischen Konzepten des
psychotherapiepessimistischen ‚Retro‘ keineswegs methodenpuristische, einseitig-psy-
chologistische Konzepte zu verfolgen, sondern vielmehr eine Entwicklung einzuleiten,
die „die methodologische Vielfalt, deren unsere Fachgebiete fähig sind, ausschöpfen
wird. Ideologisch bedingter Verzicht bedeutet stets Standardverlust“ (Mundt 1997, 29).
Wenngleich in etwas anderem Kontext macht Hoff (1998, 24) auf die Gefahr des Um-
schlagens von Professionalisierung aufmerksam und plädiert er für eine neue Professi-
onalisierung mit (Meta-)Ebenen der Reflexivität und Kommunikation: „Verwissenschaftli-
chung würde dann auch den stärkeren Einbezug sozialwissenschaftlicher Traditionen
sowie Vergleich, Austausch und Vermittlung angesichts einer Pluralität wissenschaftli-
cher Orientierung bedeuten.“ Für den konkreten Psychologen selbst erfordert dies, psy-
chologische Identität durch permanenten Diskurs aktiv selbst zu gestalten, transparent
zu machen und seine psychologische Tätigkeit darüber hinaus unter systemischen As-
pekten zu klären:
Bewusste Imagebildung setzt Identität voraus; Identität bedarf der Klarheit zu be-
rufsethischen und fachlichen Minimalforderungen, bedarf der Kenntnis der Rah-
menbedingungen und Erwartungen der beschäftigenden Institution (Storath & Dillig
1998, 251).
Kobbé (1999): Wechselbalg »Psychologie« - 15 / 22-

 Zu dieser Identität als Psychologe gehört u.a. auch eine differentialdiagnostische Tä-
tigkeit, sei es durch Beobachtung und Beschreibung von Verhalten, Erhebung eines
psychischen / psychopathologischen Befundes, einer ausführlichen Anamnese und/oder
durch testpsychologische Untersuchungen.
So handelt die Psychologie (etwa) vom Benehmen, nicht von den See-
lenzustände des Menschen? Wer einen psychologischen Versuch
macht - was wird der berichten? - Was das Subjekt sagt, was es tut,
was ihm in der Vergangenheit geschehen ist und wie es darauf reagiert
hat. - Und nicht: was das Subjekt denkt, was es sieht, fühlt, glaubt, emp-
findet? (Wittgenstein 1946/47, 284, Ziff. 287).

Gerade diese letzte diagnostische Untersuchungsebene ist bei einer relativ großen Zahl
von Kollegen verpönt, da sie eine missbräuchlich-entwertende Reduzierung auf die
Funktion des ‚Testknechts‘ fürchten. Dies ist zwar historisch und machtdiskursiv in ge-
wisser Weise berechtigt, verweist bereits die negative Selbstattribution als ‚Testknecht‘
auf ein Herr-Knecht-Verhältnis9 von Arzt und Psychologe, doch verkennt die einseitige
Befürchtung den dialektischen Charakter der Herr-Knecht-Wippe und verhindert die vor-
auseilende Ablehnung jede professionelle und selbstbewusste Wahrnehmung dieser
zweifelsohne spezifisch psychologischen Tätigkeit.

 Eine andere Facette der Funktionen von Psychologen in psychiatrischen Institutionen


betrifft ihren Status: Insbesondere in den siebziger und achtziger Jahren waren Psycho-
logen als Ärzteersatz willkommen und nahmen sie häufig die Funktion von Stationslei-
tungen ein. Selbstkritisch bleibt nachzufragen, was denn Psychologen speziell für eine
solche Aufgabe qualifiziert, und bei genauer Betrachtung muss man feststellen, dass
das Studium der Psychologie als solches derartige Qualifikationen nicht vermittelt. Viel-
mehr waren Psychologen nicht nur hinsichtlich der damals fehlenden, zu einer Arbeit ind
der ‚Anstalt‘ nicht bereiten Ärzte ein Ersatz, sondern auch Kompensation in Bezug auf
unzureichend ausgebildete, auf den geordneten Ablauf von - z. T. sinnentleerten - Stati-
onsroutinen fixierten Krankenpflegern und -schwestern. Die Schaffung von Sozialpsy-
chiatrischen Zusatzausbildungen der DGSP und von Weiterbildungsstätten für Fach-
krankenpflege in der Psychiatrie trug Anfang der achtziger Jahre zu einer definitiven
Qualifizierung und Professionalisierung psychiatrischer Krankenpflege bei; dies mit dem
Ergebnis der - für langjährig diesen Status gewohnte Psychologen kränkenden - Über-
nahme der Stations- oder Wohngruppenleitung durch fortgebildete Mitarbeiter des Pfle-
gedienstes. Auch dies war und ist einer der Gründe für eine - u. U. auch defensive - Fi-
xierung von Psychologen auf die Domäne Psychotherapie mit dem Resultat partieller
Negierung der Vielfalt und des Profils psychologischer Kompetenzen und Funktionen.

Ethik des Be-Handelns: eine Psychologie?

Hieraus ergibt sich zwangsläufig parallel die Auseinandersetzung mit Fragen und Anfor-
derungen einer psychologischen Handlungs- und psychotherapeutischen Behandlungs-
ethik, weisen doch Sternberger, Storz und Süskind (1957, 88) in ihrem ‚Wörterbuch des
Unmenschen‘ darauf hin, dass „schon das Verbum »Behandeln« [...] eine Affinität ent-
weder zu schlechten, harten, gemeinen Subjekten oder aber zu schadhaften, ihrer le-

9
vgl. Fn 8
Kobbé (1999): Wechselbalg »Psychologie« - 16 / 22-

bensvollen Selbständigkeit schon beraubten Objekten der Behandlung" beinhaltet, „zu


Verhältnissen der Unterdrückung oder zu Verhältnissen der hilflosen Krankheit, in jedem
Fall oder in irgendeinem Sinne zu Verhältnissen der Unterdrückung oder Abhängigkeit".
Weiter heißt es:
Wer immer jemanden handelt oder behandelt, tut es nach Willkür und Laune, aus
einer Position der Herrschaft über den anderen, und zumeist im üblen Sinn [...]
Behandlung von Menschen ist eben nicht weit von Misshandlung entfernt (Stern-
berger et al. 1957, 89).

Gewissermaßen in Parallele zur Anmerkung Adornos, dass es kein wahres Leben im


falschen gibt, fragt Foucault in seinem Projekt der Ethik nach den Vorstellungen und
Maßgaben vom richtigen und vom falschen Leben. Insofern bleibt zu prüfen, inwieweit
psychotherapeutische Parteinahme und sozialpolitische Verantwortungsübernahme für
das gesellschaftlich dezentrierte Subjekt im konkreten Fall das undialektisch erstarrte
Entweder-Oder, dieses Verhaken von Subjekt- und Objekt-Positionen verhindern kann.
Basis hierfür ist, sich im o. g. Sinn als Subjekt zu ‚konstituieren‘, den Gegenüber glei-
chermaßen als Subjekt anzuerkennen und zu rezentrieren, sprich: sprachlich, kulturell,
individuell zu kontextualisieren, denn „man kann eine Person nicht aus ihrem sozialen
Kontext reißen und sie weiterhin als Person ansehen oder als Person behandeln. Wenn
man aber aufhört, den Anderen als Person zu behandeln, dann hört man selber auf,
Person zu sein" (Laing 1969, 96). Hierfür bedarf es einer eigenen, selbstbewusst-
bescheidenen Position(ierung) und einer praktisch-selbstkritischen Ethik. Diese sollte
dazu dienen, „sich von sich selber loszumachen", das heißt, das eigene Denken zu mo-
difizieren, sich ständig instandzusetzen, sprich in den Stand zu versetzen, auch unter
dem Druck des Realen ethisch zu handeln, mithin sich - und den Patienten - anders zu
beherrschen als mit „veralteten Schlagwörtern und den kaum erneuerten Techniken der
anderen" (Foucault 1984a, 29).

Das bedeutet, nicht aus Approbation oder ähnlich attestierter therapeutischer Kunstfer-
tigkeit erlangen Psychologen die Befugnis der Behandlung von Menschen: Da sich, „wer
Menschen behandeln will, [...] selber über den Menschen setzt“, ist ihm - um „Gemein-
schaftsfähigkeit“ zu erlangen - als ‚un-bedingte’ Ethik auferlegt, sich der „Norm der Nor-
men“ zu unterwerfen (Ricoeur 1998), die uns Therapeuten anhält, jedem kranken, ge-
störten, leidenden Individuum adäquate Behandlung und Fürsorge zu garantieren, um
sich, nur diesen fachlichen Standards verpflichtet, allen ausgrenzenden, erzieherischen
oder ‚Behandlungserfolg‘ erzwingenden Absichten, d.h. sozialen Normierungen oder ak-
tuellen Ideologien, weitmöglichst zu entziehen. Und dennoch merkt Foucault (1968, 114)
an, Psychologie sei „nur eine dünne Haut über der ethischen Welt, in der der moderne
Mensch seine Wahrheit sucht - und verliert“. Einer Philosophie der Aufklärung entsprun-
gen, ist diese Konzeption zweifelsohne ‚elitär‘: „Ich möchte, dass es eine Erarbeitung
seiner selber durch sich selber sei, eine beflissene Umformung, eine langsame und
langwierige Modifikation durch beständige Sorge um die Wahrheit" (Foucault 1984a,
26)10.

10
Wie problematisch und schwer zu realisieren - zugleich aber auch psychiatriebezogen - diese Denkfigur und Haltung ist, wird an-
hand eines Bildes in der von Matti verfassten Biographie über Foucault ersichtlich: Es zeigt "das verhinderte ethische Subjekt, einen
knapp unter seiner Anstaltsjacke hervorglupschenden Psychiatrisierten" (Gröll 1991, 132).
Kobbé (1999): Wechselbalg »Psychologie« - 17 / 22-

Psychologische Praxis als Selbstkritik

Wie ersichtlich, tragen die repressive Struktur und „zynisch" reglementierende Praxis
der Institutionen dazu bei, die therapeutischen Ideale zu destruieren (Sloterdijk 1983,
212) und sind gerade angesichts des Involviertseins von Psychologen in Mechanismen
und Institutionen staatlicher Macht Bescheidenheit und Selbstkritik vonnöten. Sich die-
sem Konfliktfeld dennoch zu stellen, politisiert unausweichlich jede psychologische, jede
psychotherapeutische - und speziell jede forensisch-psychotherapeutische - Berufsaus-
übung. Sie fordert zur Klärung eigener wie fremder Positionen, ggf. zur Neuformulierung
eigenen Selbstverständnisses heraus 11. Denn immerhin gibt jedes infrage stellende En-
gagement das „thematische Bewusstsein" (Berger 1980, 163-179) des sich so zwar im-
plizit und doch zwangsläufig exponierenden Erkenntnisinteresses an12.
Wir fragen uns: »Was interessiert uns an den psychologischen Äußerungen des
Menschen?« - Sieh’s nicht als so selbstverständlich an, dass uns diese Wortreak-
tionen interessieren (Wittgenstein 1946/47, 28, Ziff. 102).

Psychotherapie findet schließlich nicht im wertfreien oder a-politischen Raum jenseits


gesellschaftlicher Anforderungen, des Zwangs zu gesellschaftlichem Konformismus
usw. statt: Die Auseinandersetzung mit der inneren Realität des Patienten und die Ant-
wort aus der inneren Realität des Therapeuten werden nur im Spannungsverhältnis zur
äußeren Realität konkret. Da wir die Patienten wie auch uns Behandler nicht unabhän-
gig von der Realität verstehen können, in der wir leben, muss der Psychologe das sozia-
le Umfeld anders erfassen und reflektieren können als sein Patient.

Dies impliziert, dass psychologische Psychotherapie - und erst recht forensisch-psycho-


logische Psychotherapie - derart in dieser gesellschaftlichen Realität begründet ist, dass
sie sich mit deren Grenzsetzungen auseinandersetzen muss:
Macht- und Produktionsverhältnisse mit allen von ihnen abgeleiteten Institutionen,
Regel- und Wertsystemen bedürfen einer Entschließung und Enthüllung - ver-
gleichbar der Arbeit, welche die Psychoanalyse ehedem mit der psychischen In-
stanz ‚Unbewusst' geleistet hat (Parin 1975, 41).
Gefordert ist offensichtlich, eine ethische Haltung einzunehmen, in der sich der Psycho-
loge - in seiner exklusiven Funktion des ‚Intellektuellen' - als kritisch-analysierendes,
mithin auch moralisches Subjekt zu verwirklichen hat, indem er seiner Verantwortung
„zu widerstehen und Zeugnis abzulegen" nachkommt und in dieser Beziehung zum an-
dersartigen Anderen eine ethische Beziehung lebt (Lyotard 1984, 67). Damit ist die the-
oretische Analyse selbst eine Praxis, die gesellschaftliche und intrapsychische Verhält-
nisse bzw. Prozesse dialektisch zueinander in Beziehung zu setzen sucht. Denn nicht
nur eine solche Untersuchung, sondern bereits auch „jede einfühlende und sorgfältige"
Psychotherapie muss - so Parin (1975, 44) - versuchen, „die unbewusst verlaufenden
adaptiven und kognitiven Funktionen des Ich zu gesellschaftlichen Vorgängen in Bezie-
hung zu setzen", was aber nur so weit gelingen kann, wie der klinische Psychologe /
Psychotherapeut selbst diese Prozesse kennt und durchschaut.

11
vgl. Kobbé (1999)
12
Dahrendorf (1974, 79-80); Lyotard (1984, 41)
Kobbé (1999): Wechselbalg »Psychologie« - 18 / 22-

Anders ausgedrückt, ist diese Analyse und Beschreibung aktueller Systemdynamik we-
sentlich, um dem gesellschaftlich dezentrierten Therapeuten wie dem sozial ausge-
grenzten Patienten einen „Wandel vom dekontextualisierten zum kontextualisierten Ich"
in einer Weise zu ermöglichen, dass er wieder „in das historische soziale, kulturelle und
sprachliche Beziehungsgeflecht" reintegriert wird (Hellerich & White 1992, 10). Folglich
erweisen sich Identifikation und Distanzierung als komplementäre Charakteristika des
analytischen Engagements zwischen Ideologiekritik und kritischer Selbsthinterfragung
und bleibt nachzufragen, in wie weit angewandte Klinische Psychologie und Psychothe-
rapie nicht immer auch - feldabhängig mehr oder weniger - Sozialpsychologie und Politi-
sche Psychologie sind bzw. sein müss(t)en. So formuliert denn auch Vinnai (1993, 9),
seine Arbeit verknüpfe „psychologische Einsichten mit philosophischen, soziologischen
und historischen Befunden“, um „Problembewusstsein zu provozieren und neue Inter-
pretationshinweise aufzuzeigen“.

Psychologie - Psychotherapie - Sozialtechnologie

Wenn sich der Psychologe demzufolge als geschichtliches Subjekt begreift, bedarf auch
Psychologie als Wissenschaft, als Theorie-, Untersuchungs-, Erklärungs-, Verstehens-
und (Be-)Handlungsrahmen, einer historischen Einordnung: Wenn Entstehung und
Etablierung der Wissenschaft Psychologie als Projekt der Moderne im Sinne einer Phi-
losophie der Aufklärung begriffen werden können, so ging mit der Moderne eine Auflö-
sung überlieferter Weltbilder und Problemlösungen einher. Diese Überzeugungen und
Denkmodelle können nunmehr als Erkenntnis- und als Vernunftfragen, als Gerechtig-
keits- und als Geschmacksfragen behandelt werden und zur Ausdifferenzierung unter-
schiedlicher kultureller, vorwissenschaftlicher und wissenschaftlicher Handlungssysteme
führen. Diese werden in Form wissenschaftlicher, moral- und rechtstheoretischer Dis-
kurse als Angelegenheit von Fachleuten institutionalisiert. Hierbei haben sich die institu-
tionalisierte Wissenschaft und die in Rechtssystemen abgespaltene moralisch-prakti-
sche Erörterung soweit von der Lebenspraxis entfernt, dass das Programm der Aufklä-
rung in das der eigenen Aufhebung umschlagen kann.

So stellt sich für Psychologie und Psychotherapie - speziell im Handlungssystem ‚Maß-


regelvollzug' - die Frage nach den Kriterien und der Art des Fortschritts innerhalb einer
verdinglichten Alltagspraxis, die auf ein zwangloses Zusammenspiel des Kognitiven und
des Moralisch-Praktischen angelegt ist. Die Probleme der Moderne, die ihr innewoh-
nenden Dialektik der Aufklärung, lassen sich im Paradigma negativer Dialektik als offe-
ner Diskurs begreifen, der den dichotomen Gegensatz des Nichtidentischen zum identi-
fizierenden Denken voraussetzt und als Diskurs der Macht thematisiert wird. In diesen
Diskursen der Macht verschränken sich, so Brunkhorst (1990, 176), „instrumentelle Ver-
nunft oder identifizierendes Denken mit bürokratischer Herrschaft und ökonomischer
Ausbeutung (Adorno, Horkheimer), verfilzt sich das verselbständigte technische, strate-
gische und manipulative Potential der Wissenschaften mit «komplexen Machtbeziehun-
gen» (Foucault)". Auf dieser Grundlage lässt sich die ideengeschichtliche Entwicklung,
Konvergenz und Diversifizierung eines medizinisch-juristisch-psychologisch-politisch
vernetzten Sozialen beschreiben, hinsichtlich der potentiell disziplinierenden Strategien
angewandter Psychologie und institutionalisierter Psychotherapie verdeutlichen und für
die Analyse der therapeutischen Praxis skizzieren.
Kobbé (1999): Wechselbalg »Psychologie« - 19 / 22-

Bezüglich des Apriori, Psychologie sei ein Projekt der Moderne, geht es also um eine
Anwendung psychologischer Wissenschaft, deren Denken im Dienst undogmatischer,
kritischer Vernunft steht. Diese selbstreflexive Anwendung macht die Bewältigung real
existierender Problemsituationen und gestellter Aufgaben zunächst nicht unbedingt ein-
facher. Sie macht sie dafür aber in der Wahrnehmung direkter und indirekter Resultate
psychologischer Vernunft bzw. der Erzeugung iatrogener Artefakte konkret und erst so
verantwortbar. Ziel wäre demzufolge der interessierte Gebrauch der Vernunft als „An-
schauung und Emanzipation, Einsicht und Befreiung“ aus wissenschaftlichen Dogmen
und politischen Zwängen (Habermas 1973, 256). Dies im Bewusstsein, dass angewand-
te Psychologie und praktizierte Psychotherapie häufig genug den Paradigmen instru-
menteller Vernunft unterliegen und sich i. S. einer - ihr inhärenten - negativen Dialektik
‚umstülpen‘. Just hierdurch verwirklicht sich angewandte Psychologie u. U. als eindi-
mensional-sozialtechnologische Methode bzw. lässt sie sich durch andere Wissenschaf-
ten in diesem Sinne ge- und missbrauchen. Gerade unter diesen Gesichtspunkten ist
aus der Makroperspektive wissenschaftstheoretischer Reflektion die Problematik psy-
chologischer Intervention zu untersuchen und darzulegen. Andererseits aber ist dem
Psychologen gleichzeitig eine Bereitschaft zu - nur individuell verantwortbarem - psy-
chologischem Handeln abzuverlangen, um in der Praxis dennoch handlungsfähig zu
bleiben. Dies bedeutet konkret bspw.,
dass in der forensisch-psychologischen Praxis einerseits die Unmöglichkeit wissen-
schaftlich abgesicherter, replizierbarer, (absolut) sicherer und zeitüberdauernder
Prognosen der Gefährlichkeit, des Behandlungserfolgs usw. zu formulieren ist (Kob-
bé 1998),
dass wir uns andererseits aber dennoch mit allem Vorbehalt der Anstrengung unter-
ziehen müssen, mit dem Risiko der falsch-positiven wie falsch-negativen „overpredic-
tion“ Prognosen zu stellen (Kobbé 1996) und darüber hinaus die vorhandenen Prog-
nosekriterien und -inventare zu verbessern.

Psychotherapie als Kunst und Flickwerk

Gibt es psychologische Konglomerate; und ist das Erwarten eines? Vielleicht das
Harren, aber nicht das Erwarten (Wittgenstein 1948, 252, Ziff 173).

Folgt man einerseits den zuvor zitierten Angaben Foucaults zur Entstehung der Psycho-
logie und berücksichtigt man andererseits die sozialen Dimensionen psychischer Phä-
nomene, so bezieht sich angewandte Psychologie fast immer nur auf die ‚Oberfläche‘
des Verhaltens und macht sich jeder therapeutisch arbeitende Psychologe immer nur an
den Symptomen zu schaffen: Selbst für die Psychoanalyse formuliert Caruso (1972,
142), diese sei „die Kunst, langsam und nur nach Maß der Möglichkeit das zerrissene
Gewebe der individuell gelebten Geschichte zu flicken. Sie ist eine mühsame Praxis mit
einem alltäglichen konkreten Menschen, der spektakuläre Erfolge in der Regel versagt
bleiben Und so hebt sich das Hoffnungslose in der Psychoanalyse wieder auf; sie ist
nämlich desillusionierende Skepsis, aber gleichzeitig auch eine hartnäckige, fast unsin-
nige Hoffnung darauf, dass der Mensch sich dazu aufrufe, mehr Mensch zu werden“.

Hieraus also wäre eine Ethik zu entwickeln, denn jeder einzelne, konkrete und somit ty-
pische Diskurs ist im Begehren, im Wissen einschließlich Nichtwissen, in den Macht-
Ohnmacht-Qualitäten des Eingreifens immer auf einen anderen bezogen. Aus der sub-
Kobbé (1999): Wechselbalg »Psychologie« - 20 / 22-

jektiven Realität des Psychotherapeuten in der phantasmatischen Beziehung zum Pati-


enten - seiner Besorgnis um den konkreten Patienten und Sorge für ihn - wäre für eine
ethische Haltung der Sorge abzuleiten und zu klären, ob und unter welchen Vorausset-
zungen ein therapeutisches Handeln aus Sorge um den anderen auch eine „Ethik des
Eingreifens" impliziert (Kobbé 1998). Denn es gibt die Notwendigkeit einer ethischen
Haltung, Verletzungen des phantasmatischen Raums des anderen so weit wie möglich
zu vermeiden, sein Anderssein so weit wie möglich zu respektieren. Anders formuliert,
verlangt dies nach einer Verantwortungsethik psychologischer Wissenschaft, dem politi-
schen Handlungsdruck und sozialtechnologischen Effizienzerwartungen ein Tabu ent-
gegenzustellen, um den psychotherapeutischen Raum als solchen zu definieren, zu ga-
rantieren und die Freiheit, ohne Diffamierung anders bleiben zu können, zu schützen.

Abgefordert wird den psychologischen Therapeuten somit ein inneres Gleichgewicht,


das die Gegenübertragungsaffekte einschließlich der - uneingestandenen - Angst vor
der der therapeutischen Ohnmacht ertragen und dabei hilft, „bei einem Menschen aus-
zuharren, auch wenn man weiß, dass man ihm nicht helfen kann - und zwar ohne in das
Gefühl des Scheiterns oder Gescheitertseins zu fallen" (Laing (1975, 52). Denn erst in
der Selbstkonfrontation, im Eingeständnis der eigenen Schwäche ist es möglich, Ohn-
macht zu ertragen und aktiv mit ihr umzugehen. Oder anders formuliert: „Vorlieb neh-
men ist auch eine Denkbewegung, die man lernen kann“ (Wittgenstein 1946/47, 26, Ziff.
95). Diese Haltung impliziert die Aufgabe psychotherapeutischer Größen- und All-
machtsphantasien, aber eben auch den Abschied von therapeutischen Ohnmachts- und
Insuffizienzgefühlen: Sie erkennt die eigene Verstrickung des Behandlers an. Sie ver-
sucht, eine Metaposition zu gewinnen, die dem sich distanzierenden Therapeuten ein
Oszillieren der Wahrnehmung zwischen gegensätzlichen Kontexten, Verhaltensmaxi-
men, auch Identifikationsbereitschaften ermöglicht. Damit aber wäre eine Haltung ge-
wonnen, in der die ‚Therapieunfähigkeit‘ weder dem Patienten noch dem Behandler
schuldhaft attribuiert werden muss und der Mangel im positiven Sinne begriffen werden
kann. Dies legt die Erwartung nahe, in der Arbeit mit diesen widersprüchlichen Patienten
deren und die eigene Ambivalenz quasi ‚ohn-mächtig‘13 auszuhalten, ihre scheinbar sta-
tischen Dynamik mitzumachen und den Zwiespalt ohne Polarisierung, ohne Entwertung,
ohne einseitiges Machtbedürfnis zu bewältigen.

Psychologie als Politik

Entsprechend deutlich müssen psychologische Psychotherapeuten um ihrer selbst und


um der Patienten willen Grenzen aufzeigen, ggf. auch offensiv vertreten und sich so ihr
unabhängiges Denken bewahren, ein nicht-interessiertes Engagement verwirklichen, ei-
ne dezentrierte Position einnehmen. Wie anders sollten denn sonst psychotherapeuti-
sche Prinzipien zu garantieren sein? Die psychotherapeutische Haltung erwiese sich
dann als spezifische Art und Weise, auf die aus den Konflikten unvereinbarer Gegen-
sätze resultierenden Ansprüche oder Begehrlichkeiten zu antworten. „Es gibt", schreibt
Wulff (1987, 210), „nur den einen Weg, aus diesen zerstörerischen Widersprüchlichkei-
ten herauszukommen", nämlich „einer Wirklichkeit ins Auge zu sehen, die durch Vielfalt

13
Dies meint Lacan mit der Zuschreibung, psychoanalytisches Arbeiten könne sich als potentielle Umkehrung des Macht-Diskurses
verwirklichen.
Kobbé (1999): Wechselbalg »Psychologie« - 21 / 22-

(eine verwirrende Vielfalt vielleicht) und nicht nur durch gegenseitig sich polarisierende
und zuspitzende begriffliche Gegensatzpaare gekennzeichnet ist".

Eine solche abgrenzende Haltung des Psychotherapeuten ist insb. in Institutionen ( z.B.
der allgemeinen oder forensischen Psychiatrie) immer auch ‚politisch‘, indem es
zwangsläufig generell darum geht, soziale Imperative, gesundheitspolitische Positionen
und fachliche Forderungen einer fortwährenden Prüfung zu unterziehen. Insofern tau-
gen Psychologie und Psychotherapie - wie an anderer Stelle bereits dargelegt (Kobbé
1995) weder als adäquate gesellschaftstherapeutische Interventionsstrategien im politi-
schen Kontext noch legitimiert die Verfügung über sie diesen Anspruch. Als Psychologe
den politischen Wissenschaftsdiskurs in Theorie, Analyse und/oder Praxis zu führen,
 setzt dementsprechend eine Be(tr)achtung der irrationalen Positionierung von Ver-
nunft als instrumenteller innerhalb der sozialen, ökonomischen oder politischen Ord-
nung voraus,
 geht also als Kritik von einer aufklärerischen Position i.S. Kants aus, „in welcher sich
das Subjekt das Recht herausnimmt, die Wahrheit auf ihre Machteffekte hin zu befra-
gen und die Macht auf ihre Wahrheitsdiskurse hin" (Foucault 1978, 15),
 wirkt in dieser widerständigen Analyse- und Betrachtungsweise der Systeme eher
problemgenerierend denn problemlösend,
 verlangt eine differenzierte Kenntnis der historischen, imaginären und symbolischen
Aspekte vermeintlich rein ökonomisch-funktionalistisch determinierter gesellschaftli-
cher Institutionen,
 eröffnet bei Einbeziehung psychoanalytischer Modelle Forschungsansätze im sozial-
politischen Raum,
 versucht, Lebenspraxen als individual-historisch und gesellschaftlich-historisch de-
terminierte politische Prozesse zu verstehen und das phantasmatische Feld politi-
scher wie historischer Realität auf diese Phantasmen hin zu untersuchen,
 bedarf eines ebenso desillusionierten wie verantwortungsbewuáten Widerstreits in-
nerhalb heterogener Wissenschaftsdiskurse,
 übernimmt den ‚Traum' vom „Intellektuellen als dem Zerstörer der Evidenzen und
Universalien, der in den Trägheitsmomenten und Zwängen der Gegenwart die
Schwachstellen, Öffnungen und Kraftlinien kenntlich macht" (Foucault 1977, 198) und
 kann daher - analog Schneiders Ausführung zur Psychoanalyse (1988, 70) - „wohl
nichts anderes heißen, als sich allen gestellten Konsenszumutungen gegenüber ab-
stinent, also kritisch zu verhalten".

Schlusspunkt

Zutreffend thematisieren Storath und Dillig (1998, 251) den Psychologen als „Hofnarr“
mit der Fragestellung, ob denn nun das System den Psychologen und/oder der Psycho-
loge das System narrt: „Eine Bedrohung des Psychologen als »Hofnarr« mit systemer-
haltenden Strategien kann dann leerlaufen, wenn transparent wird, dass sich das Sys-
tem mit eigenen Waffen schlägt, dass bei parasitärer Nutzung niemandem langfristig
gedient ist.“ Dies muss Psychologen - im Gegensatz zur Psychiatern - als Störer institu-
tioneller Routinen erscheinen lassen und fordert ihnen therapeutische Standhaftigkeit .-
einen ‚aufrechten Gang‘ - und Widerständigkeit gegen die Leere und „spektakelhaft
nachahmende Negativität" des Politischen (Lyotard) ab, und beinhaltet zugleich, ggf.
Kobbé (1999): Wechselbalg »Psychologie« - 22 / 22-

persönliche Unsicherheit wie soziale Distanz zu ertragen. Als zoon politicon habe der In-
tellektuelle - und hat damit auch der konkrete Psychologe - die ihm von der Gesellschaft
gewährten Privilegien, „um sie ständig neu zu riskieren“ (Gottschalch 1984, 84). Dieses
Selbstverständnis markiert in gewisser Weise einen Übergang von Psychologie und
Psychotherapie zu Politik und Ethik, indem die Aufgabe des Psychologen als Wissen-
schaftler wie als Psychotherapeut nicht darin bestehen kann, anderen zu sagen, was sie
zu tun haben, sprich ihre Ansichten zu modellieren, sondern - so Foucault (1984a, 27-
28) - „durch die Analysen, die er in seinen Bereichen anstellt, die Evidenzen und die
Postulate wieder zu befragen, die Gewohnheiten des Handelns und des Denkens aufzu-
rütteln, die eingebürgerten Selbstverständlichkeiten zu sprengen, die Regeln und die In-
stitutionen neu zu vermessen und von dieser Reproblematisierung aus (in der er sein
spezifisches Intellektuellenhandwerk ausübt) an der Bildung eines politischen Willens
teilzunehmen (in welcher er seine Staatsbürgerrolle zu spielen hat)." Diese äußerst am-
bivalente Situation „kostet Anstrengung genug, und wir müssen sie ohne die Gewissheit
des Gelingens auf uns nehmen". Daher müsse man sich - so abschließend Gottschalch
(1984, 95) - die Maxime der Stoiker zu eigen zu machen: «ne spe mec metu» - keine
Hoffnung, keine Furcht ...

Dr. phil. Ulrich Kobbé


Diplom-Psychologe, Psychotherapeut

Am Brüningsberg 10, 59556 Lippstadt


ulrich.kobbe@iwifo-institut.de