Sie sind auf Seite 1von 48

Leben heißt handeln 2.95 € · ISSN 1437-7543 · Nr. 98/3.

2008

magazin

TROPENWALD
Schmierige Geschäfte
mit Palmöl

TATORTE
Protest vorm Schacht

ENERGIE
Abschalten statt
Atome spalten

Demos heute
inhalt

tatort-hintergrund

6 „Wir sind gekommen, um zu bleiben“:


Hüttendorf gegen Flughafenausbau

Seite 6
Foto: Harald Schröder

Seite 8

titel

Andere Länder, anderer Protest 8


Vom Elend der „Latschdemos“ 12

strömungen

Agro-Gentechnik unter Druck 16

Foto: NBA

Seite 18

tropenwald

18 Schmierige Geschäfte mit Palmöl


20 Regenwald aufs Brot
22 Brasilien: Zuckerrohr in den Tank
24 Kambodscha: Kampf ums Paradies
26 Malawi: Ausbeutung für Glimmstängel
28 Den Schutz der Wälder gerecht gestalten

Foto: Jan Becker

2 Nr. 98/3.08
inhalt

perspektiven

30 Cécile Lecomte:
Störfaktor Eichhörnchen

Seite 30
Foto: Sortir du Nucléaire

Foto: ROBIN WOOD/LEGE


tatorte Seite 33
Mobil ohne Auto 32
Lang lebe der Stuttgarter Kopfbahnhof! 33
Asse: Protest vorm Schacht 34
Keine Kohle für Klimakiller 35

internes
ROBIN WOOD-Treffpunkte 36

energie
Energie-Spartipps 37
Der Richtungskampf: Atomkraft - Klimaschutz 38
EIB: Schatztruhe der Atomindustrie 40

kleinholz
Seite 45
41 Free Your River

bücher
42 Holz
43 ABC der Alternativen
44 Damit sich was bewegt
44 Wir sind überall

merk-würdiges
45 „Strahlendes Klima“: Dokumentarfilm über Atomkraft

46 post

46 impressum

Nr. 98/3.08 3
editorial

Liebe Leserinnen und Leser!


Wann haben Sie das letzte Mal für mehr Umweltschutz Die FlößerInnen wollen auf ihrer Fahrt deutlich machen,
demonstriert? Oder sich bei einer kreativen Aktion für wie verlogen die Klima-PR der Energiekonzerne ist. Sie
wirksamen Klimaschutz eingesetzt? Im Titel dieser Aus- möchten dazu motivieren, sparsamer mit Energie umzu-
gabe erfahren Sie mehr vom Elend der „Latschdemos“ gehen und keinen Strom mehr von den Kohle- und
und wie Protestbewegungen mit spektakulären Akti- Atomkonzernen Vattenfall, RWE, E.on und EnBW zu
onen Stärke und Ausstrahlung gewinnen können. Und kaufen. Denn die vier Energie-Riesen setzen voll darauf,
wie viel AktivistInnen in Indien und Russland riskieren, den beschlossenen Atomausstieg zu kippen, die ältesten
um auf Umweltskandale aufmerksam zu machen. Schrottmeiler länger am Netz zu lassen und obendrein
noch mehr AKW in Deutschland zu bauen. Am 29.
„Leinen los!“ hieß es am 25. Juli für die Crew der August wird das Floß Hamburg erreichen. Interessierte
ROBINA WALD. Zwölf ROBIN WOOD-AktivistInnen können jederzeit im Internet unter www.flosstour.de
sind in Dresden zu einer ungewöhnlichen PR-Tour für einsehen, wo sich das Floß gerade befindet.
Energiesparen und Ökostrom aufgebrochen. Auf einem
großen Holzfloß sind die Aktiven fünf Wochen auf der Wenn Sie selbst gegen die unverantwortliche Atompoli-
Elbe unterwegs. Die Floßtour, die über Torgau, Barby, tik aktiv werden möchten: Unter dem Motto Atomkraft?
Magdeburg, Wittenberge, Dömitz und Lauenburg bis Nein Danke! Castor stopp - Gorleben vermASSEln! wird
nach Hamburg führt, steht unter dem Motto „Saubere am 8. November eine große bundesweite Demons-
Energie statt Kohle und Atom“. Die Menschen entlang tration im Wendland stattfinden. Dann nämlich sollen
der Strecke sind herzlich zu einem Besuch auf dem Floß wieder 11 Castorbehälter mit hochradioaktiven Kokillen
eingeladen. An Bord der ROBINA WALD haben die Floß- aus La Hague ins Zwischenlager Gorleben rollen.
fahrerInnen reichlich Informationen rund ums Thema
Energie, Umweltfilme und Aktionsideen. BesucherInnen In diesem Sinne: Wir sehen uns im Herbst in Gorle-
des Floßes können Solartechnik ausprobieren, erfahren, ben! Bis dahin mit sonnenfreundlichen Grüßen für die
wie sie ihrem Stromanbieter durch den Stromwechsel Schwedt/Berliner Redaktion Ihre
die Rote Karte zeigen und gemeinsam mit der Crew
das Flößerleben genießen. Auf dem Programm stehen
u.a. Rundfahrten, Floß-Kino unter freiem Himmel und
Mitmachangebote wie Schnupperklettern.

4 Nr. 98/3.08
tatorte

Kreative Aktionen sind das Marken-


zeichen von ROBIN WOOD: Zwölf Ak-
tivistInnen sind seit Ende Juli mit dem
ROBIN WOOD-Floß unter dem Slogan
„Aktiv gegen Dreckstrom aus Kohle
und Atom“ auf der Elbe unterwegs

Nr. 98/3.08 5
tatort-hintergrund

„Wir sind gekommen,


um zu bleiben“
Mit dem Kelsterbacher Stadtwald will die
Fraport AG 250 Hektar Mischwald noch in
diesem Jahr für den Bau einer vierten Lande-
D ie Fraport AG ist Eigentüme-
rin von 21 Quadratkilome-
tern Fläche. Am 28. Mai kündigt
hergeben. Während Bender den
Aktionären die Wachstumszahlen
des Flughafenkonzerns verkün-
bahn am Frankfurter Flughafen kahl schlagen Konzernchef Wilhelm Bender auf det, läuft über die Presseticker die
lassen. Laut Planfeststellungsbeschluss wird die der Hauptversammlung an, in den Nachricht, dass das Baugelände
Fraport AG ihre Kapazitäten in Frankfurt auf nächsten sieben Jahren sieben der Landebahn über Nacht besetzt
700.000 Flugbewegungen im Jahr steigern. Milliarden Euro in den Frankfur- wurde. Öko-NomadInnen, Feldbe-
Faktisch wäre bei der jetzigen Planung nahezu ter Flughafen zu investieren. Der freierInnen und andere Umwelt-
eine Verdopplung der Flugbewegungen auf Löwenanteil soll in den Bau eines schützerInnen sind in das begehrte
eine Millionen Maschinen im Jahr möglich. dritten Terminals und einer vierten Waldstück eingezogen. Sie instal-
Landebahn gesteckt werden. 400 lieren Hängematten, Feldbetten
Am Rhein-Main-Airport werden nach Unter- Hektar Wald soll die hessische und hölzerne Plattformen, richten
nehmensangaben jährlich 5,6 Millionen Kubik- Kleinstadt Kelsterbach dafür sich in den Kronen von Kiefern,
meter Kerosin in die Flugzeugtanks gepumpt. Eichen, Buchen und Kastanien
Bei der Verbrennung dieser Treibstoffmenge ein. Viele ROBIN WOODlerInnen
entstehen knapp 18 Millionen Tonnen Kohlen- kennen das Gelände von früheren
dioxid, außerdem Stickoxid, Wasserdampf, Klettertrainings.
Sulfat-Aerosole und Ruß. Dadurch wird das
Klima mit der mindestens dreifachen Wirkung Im besetzten Wald prallen Lebens-
als nur durch das Kohlendioxid belastet. Die welten aufeinander. „Dreckische
jährliche Klimalast durch Flüge ab Frankfurt, Füß“ stören die einen, Leberwurst
berechnet aus der dortigen Betankung, ent-
spricht also 53 Millionen Tonnen Kohlendioxid.

Allein die heute geplanten und weitgehend


genehmigten Ausbauten der drei größten
deutschen Flughäfen Frankfurt, München und
Berlin würden deren Kapazitäten von jetzt
einer auf zwei Millionen Flugbewegungen
jährlich verdoppeln. Die Klimaschutzziele der
Bundesregierung sind damit das Papier nicht
mehr wert, auf dem sie stehen.

6 Nr. 98/3.08
tatort-hintergrund

HüttendorfbewohnerInnen im Kelsterbacher Wald

in der veganen Waldküche stinkt den an- versammeln sich WaldbesetzerInnen.


deren. „Was denkt das Kalb darüber?“ „Eine Hütte würde die Wärme besser
fragt ein Zettel über der Essenskiste. halten“, sagt einer. Das Dorf entwickelt
Andere anders sein lassen kostet Nerven. sich weiter. Seit Mai ist es erheblich
Das ungleiche Bündnis von Waldbeset- gewachsen, Bauten aus Lehm und Fund-
zerInnen und AnwohnerInnen trägt mitt- holz stehen zwischen den Zelten. Laut
lerweile zwei Monate. Zahlreiche Klagen Planfeststellungsbeschluss darf Fraport
gegen den Kahlschlag von Gemeinden, am 1. September mit dem Kahlschlag
AnwohnerInnen, Unternehmen und dem beginnen. Die Leute im Kelsterbacher
Bund für Umwelt und Naturschutz sind Walddorf richten sich auf einen stür-
noch anhängig. „Der Widerstand ist mischen Herbst ein.
vielfältig“, sagt Andreas Kleinhans von
der ROBIN WOOD-Gruppe Rhein–Main. www.waldbesetzung.blogsport.de und
„Aber die Schnittmenge an Gemeinsam- www.robinwood.de
keiten bleibt trotzdem groß.“
Monika Lege ist Verkehrsreferentin
Es regnet in Strömen. Eine Plane schützt in der Pressestelle von ROBIN WOOD
die Dorfküche, unter einer zweiten verkehr@robinwood.de

Fotos: Harald Schröder

Nr. 98/3.08 7
titel

Andere Länder,
anderer Protest

Foto: argus/Fred Dott

8 Nr. 98/3.08
titel

In Deutschland haben Friedensbewegung und


breite Anti-Atom-Proteste unter anderem zur
Gründung der Grünen Partei geführt, die es
beim Marsch durch die Institutionen bis zur
(Ex-) Regierungspartei gebracht hat. Protestie-
rende in anderen Ländern wie zum Beispiel in
Indien und Russland müssen notgedrungen zu
anderen Mitteln greifen.

N ach den 80er Jahren sind große Protestbewegungen


in Deutschland selten geworden, abgesehen von den
Protesten gegen den Irakkrieg, der sich nicht gegen die ei-
gene Regierung richtete und den farbenfrohen G8-Protes-
ten durch mecklenburgische Rapsfelder im vergangenen
Jahr. Umweltbelange etwa werden vornehmlich durch
Nichtregierungsorganisationen vertreten, die oft hohe
Sachkenntnisse, aber nur sehr begrenzte Mobilisierungs-
fähigkeit haben. Der Protest ist institutionalisiert. Das mag
auch daran liegen, dass die Gesetzeslage Betroffenen in
vielen Fällen die Möglichkeit bietet, sich mit legalen Mitteln
zu wehren. Das ist bei weitem nicht überall so. Notgedrun-
gen greifen deshalb Betroffene wie auch Bewegungen
und Organisationen in anderen Ländern zu ganz anderen
Mitteln.

Indien: Alle Register gegen


die Fluten ziehen

Zum Beispiel in Indien, wo der massive Ausbau der Wasser-


kraft zu einer breiten Anti-Staudamm-Bewegung geführt
hat. Im Narmadatal etwa wehrt sich seit 30 Jahren die
‚Narmada Bachao Andolan’ (NBA), die ‚Rettet die Narmada
Bewegung’, gegen neue Staudämme, die kleine Subsis-
tenzbauern von ihrem fruchtbaren Boden in eine ungewisse
Zukunft vertreiben. Zwar haben in Indien die Menschen, die
ihr Land verlassen müssen, um etwa einem Staudamm zu
weichen, Anrecht auf Ersatzland. Dieses steht jedoch meist
nicht zur Verfügung und wenn Ausgleichsland angeboten
wird, hat es deutlich schlechtere Qualität, die nicht aus-
reicht, um die Familien zu ernähren. Deshalb besetzen die
Betroffenen Baustellen über mehrere Wochen, lassen sich
bei der Räumung verhaften und haben auch schon spontan
das Gefängnis besetzt, wenn sie freigelassen werden soll-
ten, ohne dass auf ihre Forderungen eingegangen wurde.

Und sie setzen immer wieder ihr Leben aufs Spiel. Sowohl
durch Hungerstreiks als auch durch Ausharren im Überflu-
tungsgebiet, wie das Beispiel Omkareshwar zeigt: Für den
Bau dieses 520 MW Wasserkraftwerkes an der Narmada er-
hielt die Firma Voith Siemens 2003 den Auftrag. Bereits im
November 2003 warnte die NBA, dass sowohl die indischen
Behörden als auch der Staudammbetreiber NHPC (Natio-
nal Hydro Power Corporation) nicht bereit seien, die rund
Große Proteste wie 2007 50.000 Menschen, die im Überflutungsgebiet des Dammes
gegen den G8-Gipfel in Hei- leben, umzusiedeln. Dies veranlasste potenzielle Finanzierer
ligendamm sind in Deutsch- wie Weltbank und Deutsche Bank, sich von dem Projekt
land selten geworden zurückzuziehen - Voith Siemens hielt jedoch daran fest. Im

Nr. 98/3.08 9
titel
Frühjahr 2007 wurde der Omkareshwar
Damm vollendet und laut Plan sollten im
April 2007 die Wehröffnungen geschlos-
sen und der Stausee gefüllt werden.

Ende März 2007 wandten sich jedoch


die betroffenen DorfbewohnerInnen
an das oberste Landesgericht Madhya
Pradeshs und erwirkten eine einstwei-
lige Verfügung gegen die Flutung des
Stausees. Denn entgegen dem Landesge-
setz hatte noch keine einzige Familie aus
dem Omkareshwar-Gebiet die zugesagte
Land-für-Land Entschädigung erhalten.
Das Landesgericht verbot bis auf weiteres
die Flutung und setzte im Juli einen Ter- Foto: Ecodefense
min für die Gerichtsverhandlung fest.
Russland: TeilnehmerInnen des Anti-Atomcamps besetzen den
In der Zwischenzeit bewirkte der Be-
Rohbau eines Verwaltungsgebäudes, um gegen Pläne für ein
treiber NHPC jedoch eine Aufhebung
Urananreicherungszentrum in Angarsk zu protestieren
der einstweiligen Verfügung durch den
indischen Supreme Court und erhielt
somit grünes Licht, um die erste Teil- begannen zwei Aktivisten der NBA einen jedoch weigerten sich BewohnerInnen
Flutung des Stausees vorzunehmen. Die unbefristeten Hungerstreik. des Dorfes Ganjari, ihr Dorf zu verlassen,
Entscheidung, ob der Stausee vollständig und eine Gruppe von Frauen stand neun
gefüllt werden darf, wurde jedoch vom Eher ertrinken wir... Tage lang in den ansteigenden Fluten,
Supreme Court an das Landesgericht um auf das Umsiedlungsfiasko aufmerk-
von Madhya Pradesh zurücküberwiesen. Mitte Juni wurden trotzdem die Wehr- sam zu machen. Um die Landesregie-
Daraufhin versammelten sich 12.000 öffnungen des Dammes geschlossen. rung zum Handeln zu zwingen, zogen
Menschen in der Provinzhauptstadt NHPC hatte angegeben, dass nur fünf 12.000 DemonstrantInnen und die
Khandwa, um bei den Behörden gegen angeblich bereits evakuierte Dörfer durch beiden Hungerstreikenden am 25. Juni
die Flutung zu protestieren. Anfang Juni die Teilflutung betroffen seien. Tatsächlich nach Bhopal. Chittaroopa Palit von der

Indien: Proteste und Sitzblockaden gegen den Omkareshwar Staudamm am Narmada Fluss 2007

Foto: NBA

10 Nr. 98/3.08
titel
NBA begründet ihre Aktion: „Weder die Landesregierung
noch NHPC halten sich an Gesetze. Die 50.000 Einwoh-
nerInnen der Region werden für den Profit von NHPC und
Voith Siemens einfach aus ihren Dörfern geflutet. Vorher
waren diese Menschen selbstständige Bauern, nun werden
sie dem Verhungern preisgegeben. Wir hoffen, dass das
Landesgericht NHPC zwingt, die Wehre wieder zu öffnen,
denn diese Überflutung ist illegal und unmenschlich.“ Die
Narmada Bachao Andolan ist mit ihrer Strategie, sowohl
traditionelle Widerstandsformen aus dem Unabhängigkeits-
kampf als auch rechtliche Schritte anzuwenden, eine der
bedeutendsten zivilgesellschaftlichen Protestbewegungen
des modernen Indiens.

Russland: atomfreie Republik Baikal

Immerhin hat Indien eine lange Tradition des Widerstan-


des und der Proteste. Russische UmweltschützerInnen,
oder AtomkraftgegnerInnen hingegen operieren in einem
Land, dessen demokratische Freiheiten überaus bescheiden
sind. Da wünschen sie sich manchmal wohl einen anderen
Staat und haben im Sommer 2007 gleich eine ganz neue
Republik ausgerufen: die atomfreie Republik Baikal (Baikal
Nuclear-Free Republic, BNFR). In der Nähe der sibirischen
Stadt Irkutsk besetzten TeilnehmerInnen eines Anti-Atom-
camps kurzfristig den Rohbau eines Verwaltungsgebäudes,
um sich gegen Pläne für ein internationales Urananreiche-
rungszentrum in Angarsk, nahe Irkutsk, zu wehren. Diese
hat Russland im Rahmen der Verhandlungen um das ira-
nische Nuklearprogramm auf den Tisch gebracht. Ebenfalls
ging es um radioaktive Abfälle, die in der Region wenig
gesichert gelagert werden. Das Gründungsmanifest der
Republik besagt: „Die atomfreie Republik Baikal schließt
Atomabfallimporte, den Bau von Atomkraftwerken und
Gewalt durch die Regierung aus. JedeR, der/die diesen Prin-
zipien zustimmt, kann BürgerIn der Republik werden, die
vorherige Staatsbürgerschaft spielt keine Rolle. Leider hat
BNFR gemeinsame Grenzen mit Russland, das radioaktiven
Abfall importiert. Als BürgerInnen der atomfreien Republik
Baikal erklären wir, dass diese Praxis dumm, gefährlich und
unverantwortlich ist.“ Die Republikgründung war übri-
gens klar von bekannten Vorbildern beeinflusst, denn das
Manifest geht weiter: „BNFR erklärt seine Solidarität mit
der freien Republik Wendland und wird in naher Zukunft
daran arbeiten, einen visumsfreien Austausch zwischen den
BürgerInnen beider Republiken zu ermöglichen, um die
Anstrengungen für eine atomfreie Welt zu koordinieren.“

Separatistische Bewegungen sieht jedoch Russland nicht


gerne: Nach nur dreieinhalb Stunden verhaftete die Polizei
alle BürgerInnen der neuen Republik und hielt sie 20 Stun-
den fest. BNFR-Offizielle erklärten jedoch, dass die Regie-
rung der Republik auch im Exil weiterarbeiten und weiter
die Gefahren der Atomkraft bekämpfen werde.

Regine Richtern ist Biologin und arbeitet für die Um-


welt- und Menschenrechtsorganisation
Foto: Greenpeace
urgewald in Berlin, regine@urgewald.de

Nr. 98/3.08 11
titel

Foto: argus/Fred Dott

Heute ist Aufmerksamkeit ein knappes Gut: Nur

Vom Elend
wenige PassantInnen bleiben stehen, um die
Botschaft einer Demo zu erfassen

der »Latschdemos«
Wer die Zeitung aufschlägt oder die Nachrichten verfolgt, wird mit Protesten aller
Art konfrontiert. Beschäftigte wehren sich gegen Massenentlassungen, Klinikärzte
verlangen höhere Gehälter, Nazis beschmieren jüdische Gedenkstätten, franzö-
sische Studenten gehen gegen eine Änderung des Arbeitsgesetzes auf die Barrika-
den, Arbeitslose wenden sich gegen Hartz IV, die Globalisierungsgegner begleiten
G8-Gipfel und WTO-Tagungen rund um den Globus . . .

A llein in Berlin registrieren die


Behörden jährlich weit über 2000
„Versammlungen und Aufzüge“,
setzen sich gegen Zumutungen zur
Wehr, versuchen, in ihren Augen unge-
rechtfertigte Belastungen und Nachteile
Fragt man die Protestierenden, so
geht es ihnen in erster Linie darum,
die Motive und Gründe ihres Handelns
von denen die meisten landläufig als abzuwenden oder auch Privilegien zu darzulegen, die Verantwortlichen und
Demonstrationen bezeichnet werden. verteidigen. Viele blicken über den Schuldigen zu benennen, schließlich
Offenkundig sind die Menschen nicht Tellerrand ihrer eigenen Lage hinaus, die Dinge zum Besseren zu wenden.
nur mit vielem in Gesellschaft und Poli- setzen sich für Benachteiligte ein, die Im Vordergrund steht das Warum und
tik unzufrieden, sondern sie sind auch keine oder nur eine schwache Stimme Wozu. Hier wird jedoch eine andere
bereit, ihre Unzufriedenheit kollektiv haben. Andere wollen nicht nur das Perspektive eingenommen. Im Mit-
und öffentlich auszudrücken. Ganz im Los bestimmter Gruppen verbessern, telpunkt stehen nicht einzelne und
Sinne des lateinischen Wortes protestari sondern gesellschaftliche Verhältnisse konkrete Inhalte des Protests, sondern
legen sie für ihre Haltung Zeugnis ab. grundlegend verändern, sei es in klei- das Wie, genauer: die instrumentellen,
nen, bedächtigen und am Ende doch funktionalen und interaktiven Aspekte
Fast immer geht es dabei um mehr als große Folgen zeitigenden Schritten, sei des Protests, vor allem (1) seine auf
die bloße Bekundung von Stimmungen es mit ungestümer und zorniger Geste, Aufmerksamkeit zielende Inszenierung,
und Meinungen. Die Protestierenden sei es mit kühl kalkulierter Gewalt. (2) seine auf Zustimmung und Empa-

12 Nr. 98/3.08
titel
thie gerichteten Techniken des Werbens Protestgruppen, sofern sie um öffent- noch die Art der Aktion gebunden ist,
und Überzeugens, schließlich (3) seine liche Aufmerksamkeit als Vorbedingung sondern einzelnen Gruppen und vor
Selbstbezüglichkeit als Vergewisserung ihrer weiteren gesellschaftlichen Wirk- allem Personen zukommt. Prominenz ist
kollektiver Identität und Stärke. samkeit ringen, wissen um die Schwie- ein Aufmerksamkeitskapital, das vorab
rigkeiten, Aufmerksamkeit zu erzielen. erworben und dann im Protest einge-
Diese soziologische Perspektive betont Bei manchen Gruppen führen vergeb- setzt werden kann. Wenn sich renom-
die triadische Natur von Protest, der liche Bemühungen, öffentliche Auf- mierte Organisationen, Nobelpreisträger,
neben seiner meist übersehenen Binnen- merksamkeit zu erringen, zu Resignation Filmstars und Popsänger an einem Pro-
funktion für die Demonstranten auch und Rückzug. Die übrigen suchen nach test beteiligen – so ist zumindest diesem
und vor allem als Zeugnis oder Botschaft Mitteln und Wegen, die Hürden der sie Akt der Beteiligung – wenngleich nicht
für externe Gruppen konzipiert wird. umgebenden Indifferenz zu überwinden. notwendig dem Protest als solchem, öf-
Dazu zählen zum einen diejenigen, an Dabei stehen ihnen im Grundsatz vier fentliche Aufmerksamkeit gewiss. Kleine
die sich der Protest als Einspruch und grundlegende Ressourcen zur Verfü- Demonstrationen von Tierschützern in
Widerspruch richtet, die als Verursacher, gung: Masse, Radikalität, Kreativität und Brüssel werden erst dann von den Me-
Verantwortliche, Schuldige oder Gegner Prominenz. dien registriert, wenn sich Brigitte Bardot
identifiziert werden. Dazu zählen zum beteiligt.
anderen die »Dritten« im Konflikt, also Masse dokumentiert, dass das Pro-
die (noch) Gleichgültigen oder Unent- testanliegen breiten Rückhalt genießt Diese vier Faktoren, die sich in Grenzen
schiedenen, die interessierten Beobach- und somit seine Legitimität zumindest auch miteinander verknüpfen lassen und
ter und Berichterstatter, die möglichen, prüfenswert erscheint. Jedenfalls können dann einen besonders hohen Nachrich-
aber noch nicht gewonnenen Bündnis- die Anliegen von Massen, zumal wenn tenwert aufweisen, bilden lediglich einen
partner, schließlich neutrale Vermittler, sie sich zu gemeinsamer Aktion zusam- Rahmen, innerhalb dessen spezifischere
Schlichter oder Schiedsrichter. menfinden, kaum auf Dauer ignoriert Techniken zur Erregung von Aufmerk-
werden, selbst wenn man die Massen für samkeit zur Anwendung kommen
Sichtbarkeit ignorant oder verführt halten mag. können. Ein Beispiel dafür ist die bloße
Andeutung von Protestakteuren, dass
In den heutigen modernen Gesell- Radikalität, die nur selten mit Massen- dieses Mal mit etwas Besonderem zu
schaften ist Aufmerksamkeit ein äußerst haftigkeit vereinbar ist, legt nahe, dass rechnen sei. Das kann, sofern es sich
knappes Gut. Dies ist besonders offen- die Protestierenden für ihr Handeln bereits um eine bekannte und als seriös
kundig für den massenmedialen Betrieb, starke Motive haben müssen, setzen sie geltende Gruppe handelt, die Neugier
der aus der schier unendlichen Fülle von sich doch dem Risiko der sozialen Isolie- der Medien anstacheln. Zuweilen genügt
Themen, Ereignissen und Meinungen die rung, der politischen Ächtung und der schon der Name des Protestakteurs, um
relativ kleine Menge des ihm berichtens- strafrechtlichen Verfolgung aus. Soweit das Interesse zu wecken. Ein Beispiel
wert Erscheinenden rigoros auswählt Radikalität auch mit der massiven Schä- dafür ist Greenpeace. Nachdem die
und dem Publikum anbietet. Aber auch digung von Sachen und/oder Personen Organisation eine öffentliche Reputation
in den nicht medial vermittelten Sphären verbunden ist, ist ihr – ebenso wie der für das garantierte Spektakel erworben
des Alltags ist Aufmerksamkeit knapp. Masse – öffentliche Aufmerksamkeit, hatte, genügte es für eine Weile, den
Nur weniges kann jeweils beim Essen in jedoch kaum Zustimmung sicher. Am Medienvertretern lediglich Zeit und Ort
der Familie oder beim Treffen im Ortsver- deutlichsten offenbart sich dies bei terro- des nächsten Coups mitzuteilen, um
ein besprochen werden. ristischen Akten. diese in Scharen anzulocken. Damit ist es
inzwischen vorbei.
Nur wenige Passanten nehmen den Kreativität ist eine Ressource, die ihre
ihnen entgegengestreckten Werbezettel Wirkung aus der Originalität der Aus- Eine weitere Technik der Aufmerk-
in die Hand. Und nur wenige halten sage, ihrem Neuigkeitswert oder ihrem samkeitserregung besteht darin, das
inne, um einen Zug von Demonstranten Verblüffungseffekt erzielt. Sie kann beim Gegenwartshandeln mit einer weithin
eingehend zu betrachten und alle ihrer Publikum Erstaunen oder, besonders im bekannten Heroik oder Tragik aus der
Botschaften zur Kenntnis zu nehmen. Falle subversiver Proteste, auch Irritation Vergangenheit zu verbinden. So knüpfen
Wer nicht schon qua Prominenz, Prestige und Nachdenklichkeit auslösen. Sie steht manche Protestgruppen an ein histo-
oder sonstiger herausragender Merk- selbst kleinen Gruppen offen, erfordert risches Datum an (den Geburtstag des
male einen Aufmerksamkeitsbonus hat, sie doch weder den hohen Aufwand der „Führers“, den Jahrestag der Ermordung
wird also in einen regelrechten Kampf Breitenmobilisierung, noch birgt sie die eines Demonstranten oder des „Aus-
um Sichtbarkeit eintreten und entspre- Risiken der Radikalität. Aber sie bringt bruchs“ einer Revolution), um damit
chende Techniken der Aufmerksamkeits- die Gewissheit ihres raschen Verschleißes das Interesse potentieller Teilnehmer wie
gewinnung entwickeln müssen. Dies löst mit sich. Kreativität verträgt sich nicht auch der Massenmedien zu erregen.
wiederum entsprechende Bemühungen mit Wiederholung.
der Konkurrenten aus, so dass sich das Bei einer dritten Technik der Aufmerk-
Spiel auf immer höherer Stufenleiter Prominenz schließlich ist eine vierte samkeitserzeugung wird ein externes
fortsetzt. Ressource, die weder an die Botschaft und ohnehin stark beachtetes Ereignis

Nr. 98/3.08 13
titel
als Rahmen oder Bühne für den Protest die stundenlang im Regen ausharren, Gegner zu haben. Somit ist Geschlos-
benutzt. So störten Feministinnen in den wochenlang einen Bauplatz besetzt senheit der Gruppe nicht nur ein Faktor
USA das Ritual der Schönheitswettbe- halten, einen kollektiven Hungerstreik in der strategischen Auseinandersetzung
werbe oder veranstalteten Globalisie- durchführen oder mit ihrer Selbsttö- mit Gegenkräften, sondern auch ein Bei-
rungskritiker „Gegengipfel“ anläßlich tung ein letztes und an Dramatik kaum trag zur inneren Stabilisierung und zur
großer Konferenzen des Internationalen zu überbietendes Zeichen setzen. Das Schaffung einer Gruppenatmosphäre,
Währungsfonds, der G8 und der WTO. Bild des buddhistischen Mönches Thich die Rückhalt und Sicherheit vermitteln
Quang Duc, der sich aus Protest gegen soll.
Ein viertes Muster der Aufmerksam- den Vietnamkrieg öffentlich verbrannt
keitserregung beruht auf der Erzeugung hat, wird immer wieder von den Medien Zum zweiten, und damit zusammen-
„starker“ Bilder des Protests. So werden gezeigt. Warum dagegen Hartmut hängend, muss die Einheit und der Sinn
etwa in einer viele Kilometer langen Gründler, ein Lehrer, der sich 1977 aus der Gruppe immer wieder durch Gesten
Menschenkette zwei Orte miteinander Protest gegen die Nutzung der Atomen- der Solidarität bekräftigt werden. Am
verknüpft, formen zahlreiche Menschen- ergie auf den Stufen einer Hamburger deutlichsten geschieht dies durch jene,
körper ein nur aus der Luft erkennbares Kirche auf gleiche Weise wie der Mönch die viel Zeit und Energie für die Belange
Peace-Zeichen, wird die Ungleichheit tötete, der Vergessenheit anheim gefal- der Gruppe opfern, die anderen, welche
des Kampfes durch die Konstellation len ist, wäre einer gesonderten Analyse weniger Zeit oder Geschick haben, be-
von David-gegen-Goliath symbolisiert, wert. stimmte Aufgaben abnehmen, dadurch
werden Untergangsszenarien durch aber auch in der informellen Hierarchie
Särge, Sensenmänner, auf fünf Minuten Selbstvergewisserung der Gruppe einen höheren Rang einneh-
vor zwölf stehende Uhren beschworen men. Es sind vor allem diese Mitglieder,
oder Autoritäten durch entstellende oder Proteste sind nicht nur Botschaften an die bei Protesten vorangehen, mehr
verfremdende Darstellungen ins Lächer- die Außenwelt, sondern auch nach Risiken als andere auf sich nehmen, sich
liche gezogen. innen, an die Protestteilnehmer adres- auch schützend vor andere Gruppenmit-
sierte Botschaften. Im Idealfall bekunden glieder stellen.
Eine letzte hier genannte Technik der Proteste interne Geschlossenheit, die
Aufmerksamkeitserregung besteht in Hingabe an die Gemeinschaft (und nicht Zum dritten muss sich die Gruppe auch
der ostentativ dargestellten Risiko- und nur die „Sache“), schließlich Stärke und als eine Einheit darstellen, von der Kraft
Opferbereitschaft der Protestierenden, Zuversicht. und Dynamik ausgeht und die damit
ihren Mitgliedern Energie und Zuver-
Nicht alle Protestierenden gehören einer sicht verleiht. Auf der Stelle zu treten
Gruppe an. Aber ohne organisierende bedeutet früher oder später den Zerfall
Kerne und Netzwerke sind größere und der Gruppe. All diese Anforderungen las-
länger anhaltende Proteste, geschweige sen sich am besten im Akt des Protestes
denn soziale Bewegungen, nicht mög- bekunden und bekräftigen. Damit ent-
lich. Eine Funktion der Gruppen und steht kollektive Identität, die von innen
Netzwerke besteht in organisatorischen wie von außen zugeschrieben wird und
und logistischen Leistungen: Ort und Zeit ein Gefühl der Zusammengehörigkeit
des Protests werden bekannt gemacht, erzeugt.
die Ordnungsbehörden verständigt, Geld
gesammelt, Plakate gedruckt, Trans- Gratwanderungen
parente gemalt, Lautsprecheranlagen
gemietet, Redner bestimmt, Absprachen Der Protest hat sich mittlerweile in
mit der Polizei getroffen. unseren Gesellschaften veralltäglicht. Die
prinzipiell verfügbaren Mittel und Wege,
Eine andere Sache ist es, die Gruppe als sich Aufmerksamkeit und Zustimmung
Gruppe am Leben zu erhalten, um auch zu verschaffen, sind bekannt. Das gilt für
in Zukunft weiterzuwirken. Das ist für die Protestgruppen wie für ihre Gegner,
Protestgruppen keineswegs selbstver- für die über Protest berichtenden Jour-
ständlich, haben sie doch kaum andere nalisten wie für einen Großteil des Publi-
Auszug aus Dieter Rucht Gratifikationen zu vergeben als Gemein- kums. In manchen Fällen ist das schlichte
„Vom Elend der Latsch- schaftserlebnisse, soziale Anerkennung „Weiter-so“ Teil der Botschaft. Ein Bei-
demos“ in: Und jetzt? durch Gleichgesinnte und die innere spiel dafür bieten die Demonstrationen
Protest und Propaganda Befriedigung, für eigene Überzeugungen am 1. Mai. Es geht darum zu zeigen,
Heinrich Geiselberger (Hrsg) mit Wort und Tat einzutreten. Ein dass man in einer Traditionslinie steht,
Suhrkamp Verlag, 2007 wichtiges Moment dabei ist die Über- auf die man stolz ist und deren Preisgabe
364 Seiten, 12,- Euro zeugung, eine gemeinsame Wertebasis einer Bankrotterklärung gleichkäme. In
ISBN: 978-3-518-12500-7 und Zielvorstellung, einen gemeinsamen der Mehrzahl der Fälle erfordern jedoch

14 Nr. 98/3.08
titel

Foto: argus/Schwarzbach

Wie können Protestbewegungen Aufmerk-


gelingende Proteste mehr als die Verlängerung einer Tradition. samkeit erregen? Zum Beispiel durch Masse,
Sie sind vielmehr Gratwanderungen, die schwerlich durch all- Kreativität und starke Bilder
gemeine Richtungsangaben und das Aufstellen von Warnschil-
dern zu bewältigen sind. Die Art solcher Gratwanderungen
kann gleichwohl in allgemeiner Weise umrissen werden: Gegenseite“) aufzuteilen, platte Schuldzuweisungen vorzuneh-
men, überzogene Katastrophenmeldungen auszugeben und
Zum ersten ist deutlich, dass in einer immer stärker medial ver- sich als heroische Retter zu stilisieren.
mittelten Welt der Protest seine Stärke und Ausstrahlung nicht
durch die bloße Fortsetzung bzw. Wiederholung eingespielter Zum dritten besteht bei Protestgruppen vielfach die Neigung
Formen gewinnen kann. Das Elend der „Latschdemos“, des sich als eine ständig aktive, vorwärtstreibende und Hoffnung
Dahintrottens für wechselnde politische Inhalte, hat sich all- weckende Kraft darzustellen, zumal sie eine Außenseiter-
mählich herumgesprochen. Wer es noch immer nicht glauben position einnehmen und gegen den Strom anzuschwimmen
will, betrachte aufmerksam das Verhalten der Umstehenden. haben. Jedoch verfügen sie nur über begrenzte Kapazitäten.
Aber auch andere und vermeintlich frechere Formen, man Mögliche Reaktionen sind dann die ruhelose, aber richtungs-
denke etwa an die trillerpfeifenden Gewerkschafter in ihren lose Hyperaktivität in einer Art Hamsterrad, der schnelle, jede
standardisierten Plastikwesten, nutzen sich in dem auf Neuig- Kontinuität zunichte machende Sprung auf das jeweils aktu-
keiten getrimmten Medienbetrieb schnell ab. Gefragt sind also ellste und attraktivste Protestthema, schließlich der individuelle
Innovationen und Provokationen. Auf der anderen Seite kann oder kollektive burn out mit dem wahrscheinlichen Ergebnis
sich auch die ständige Suche nach Innovationen verselbständi- eines vollständigen Rückzugs aus der Protestpolitik.
gen und zur krampfhaften Attitüde werden, um im Ringen um
öffentliche Aufmerksamkeit mithalten zu können. Am Ende Aus all dem folgt, dass sich Protestpolitik immer wieder neu
dominiert die Form über den Inhalt. ihrer Voraussetzungen, Inhalte und Formen vergewissern muss.
Dafür gibt es keine Rezepte.
Zum zweiten wäre auf die politische Sprache und das framing
zu achten. Auf der einen Seite brauchen Protestgruppen die Dieter Rucht ist Ko-Leiter der Forschungsgruppe „Zivil-
Vereinfachung und Zuspitzung, um Positionen zu markieren, gesellschaft, Citizenship und politische
Alternativen aufzuzeigen und ihre eigene Richtung zu be- Mobilisierung in Europa“ des Wissenschaftszentrums
zeichnen. Auf der anderen Seite laufen sie aber Gefahr, die Berlin für Sozialforschung (WZB)
Welt nach schlichten Mustern von gut („wir“) und böse („die Reichpietschufer 50, 10785 Berlin, rucht@wzb.eu

Nr. 98/3.08 15
strömungen

Agro-Gentechnik
unter Druck
Mitte der 90er Jahre hatten Feldbesetzungen das Thema Gentechnik in die Öffentlichkeit
gespült. Dann trat eine lange Pause ein bis zum April 2007. Die erste Neuauflage, eine in-
tensiv vorbereitete Besetzung des Genkartoffelfeldes bei Groß Lüsewitz, konnte die Polizei
gerade noch verhindern. Nicht jedoch, dass das knappe Scheitern Lust auf mehr machte.
Das Frühjahr 2008 brachte ein spektakuläres Comeback dieser kommunikativen Aktions-
form: Sieben Besetzungen fanden zwischen dem 30. März und dem 15. Juni statt. Hinzu
kamen Gegensaaten und Feldbefreiungen. Im sonst an direkten Aktionen eher armen
Deutschland wehte der Wind von Widerstand - Ende nicht absehbar!

30. März: Am Nachmittag rücken vier stehen. Polizei und Wachschutz haben sogar den sonst gegenüber direkten
Personen in den Wald am östlichen das Treiben nicht bemerkt. Erst als es Aktionen meist skeptischen Parteien,
Stadtrand Gießens ein. Getarnt als hell wird, rollen Streifenwagen heran. Umweltverbände und Kirchen stark
Forstarbeiter wählen sie vom Orkan Die ersten Zelte stehen, Transparente unterstützt. Das wirkte: Die Uni Gießen
„Emma“ umgewehte Bäume aus, verkünden die Gründe für die Aktion. gab auf. Die BesetzerInnen jubelten:
sägen sie auf die gewünschte 12 Nach vielen Jahren Pause ist wieder Hessen war gentechnikfrei – alle vier
Meter Länge und entasten sie. Als es ein Genfeld besetzt! Felder konnten im Frühjahr durch
dämmert, nähert sich ein Traktor. Auf Bürgerinitiativen und Feldbesetzungen
seinem Hänger: Ein 600 Kilogramm Sieben in einem Frühjahr verhindert werden.
schwerer Betonblock mit Erdanker,
Ketten, Seile und drei schwere Holzele- Vier Tage nach dem Start in Gießen Derweil versuchten weitere Aktivis-
mente, die als Straße für den eben- besetzten AktivistInnen ein Feld für tInnen die Besetzung eines BASF-
falls mitgeführten Hubwagen dienen Maissortenprüfungen in Oberboihin- Kartoffelfeldes bei Dambeck. Doch
werden. Drei Gestalten huschen am gen. Mit schnellem Erfolg: Schon eine leider wurde die Fläche verfehlt. Der
Zaun des Gen-Gerstenfeldes entlang, Woche später sagte die FH Nürtingen kompliziert geplante Turmaufbau auf
bücken sich hinter die Böschung und den Versuch ab und verkündete zwei Stockwerken gelang durch den
schneiden den Zaun auf. Mit Spaten ein fünfjähriges Moratorium. Dann nötigen Umzug nicht – die Polizei
graben sie die Böschung ab, so dass Northeim: Ökolandbau-StudentInnen räumte schnell und rüpelhaft. Genützt
eine senkrechte Kante entstehen. und UnterstützerInnen besetzten ein hat es jedoch wenig: Einige Wochen
Dann verschwinden sie. Rübenfeld der KWS Saat AG. später machte eine Gegensaat den
Versuch unbrauchbar.
Kurze Zeit später fährt der Traktor Die Gentechniklobby wurde nervös.
heran. Abladen. Dann greift der Front- Welt, FAZ und biosicherheit.de pro- Besetzen, befreien, Gegen-
lader den Betonblock und senkt ihn die klamierten das Ende der Forschungs- saaten!
Böschung hinab auf den Hubwagen, freiheit und des Gentechnikstandortes
der dort auf den dicken Bohlen steht, Deutschland. Das motivierte zu mehr: Feldbesetzungen sind eine schon früh
die ihn Stück für Stück zur Mitte des Während auch die Uni Gießen ihren im Jahr passende und sehr kommuni-
Feldes bringen sollen. Der erste Schritt Gerstenversuch wegen der Besetzung kative Form der direkten Aktion. Aber
ist geschafft. Weitere folgen: Die stoppte, entstanden neue Pläne: Zwei nicht die einzige. Schon vor der ersten
Stämme werden zum Feld gebracht, weitere Maisfelder in Forchheim und Besetzung hatten Gentechnikgegne-
zur Mitte gezogen, passgenau hinge- Groß Gerau wurden besetzt. Ersteres rInnen in Falkenberg ein Kartoffelfeld
legt und verknotet. Löcher entstehen wurde allerdings schnell polizeilich durch die Gegensaat anderer Kartof-
für Stämme und Erdanker. Dann geräumt – die Premiere für dieses feln unschädlich gemacht. In Gaters-
stehen alle 20 Personen auf dem Feld: Jahr. Ein Patzer der BesetzerInnen leben gelang dann die erste Feldbe-
Der Turm wird aufgerichtet – allein erleichterte den Uniformierten die freiung des Jahres: Das umstrittene
mit Menschenkraft. Alles ist viele Male Arbeit, denn der Turm konnte nicht Genweizenfeld wurde zu zwei Dritteln
geübt in den Wochen davor - und rechtzeitig erklettert werden. Anders umgehackt. Die AktivistInnen zeigten
klappt nun perfekt. Es ist noch immer in Groß Gerau: Die Besetzung wurde sich öffentlich und begründeten ihr
stockduster, als Turm und Betonblock von der örtlichen Bevölkerung und Handeln offensiv. Währenddessen

16 Nr. 98/3.08
verkehr

Foto: Jörg Bergstedt

Besetztes Feld in Groß Gerau: Schon nach drei Tagen sagte die Uni Gießen den Versuch ab

entwickelte sich aus einer Mahnwache wieder. Das jährliche Treffen vieler tInnen hoffen nun auf mehr. Genfelder
im Wendland eine kleine und dann FeldbefreierInnen zu einer gemeinsamen gibt es noch in vielen Bundesländern.
wachsende Feldbesetzung. Das Maisfeld Aktion überlistete die ständig höher
in Laase wurde zum Endpunkt der Beset- aufgerüstete Polizei, die BefreierInnen Mehr Informationen:
zungsserie – und zum Ort spektakulärer gelangten schon früh morgens am 29. www.gentech-weg.de.vu
Auseinandersetzungen und weiterer Juni über Umwege auf eines der ausge-
Aktionen. wählten Felder. Jörg Bergstedt, Reiskirchen-Saasen

Ein Räumungs- und zwei Aussaatver- Die Idee direkter Aktion zielt über das
AktivistInnen, die an den Feldbeset-
suche später einigten sich BesetzerInnen, jeweilige Feld hinaus. Debatten sollen
zungen und –befreiungen im Frühjahr
örtliche LandwirtInnen und der Gen- angezettelt, Kommunikation aufgebaut
2008 teilgenommen haben, bieten
tech-Anbauer auf ein Ende des mehr- und Wissen vermittelt werden. „Hunger
an, für einen Informationsabend oder
wöchigen Saatgutkrimis: Gentechnik- ist nicht die Folge von Nahrungsmittel-
Workshop zu euch zu kommen. Sie
kritische Bauern säten konventionellen knappheit, sondern dieser Mangel wird
werden eine CD mit Bildern und kurzen
Mais ein und gaben das Feld Mitte Juni künstlich erzeugt“, formulierte ein Feld-
Filmsequenzen von den sieben Beset-
dem Besitzer zurück. Das Widerstands- besetzer auf der Maikundgebung des
zungen und weiteren Aktionen zeigen.
frühjahr war zu Ende. DGB Groß Gerau. Patente auf Leben und
In rund einer Stunde lässt sich so der
die damit verbundene Kontrolle der Le-
Flair direkter Aktion auf den Äckern in
Viele angemeldete Felder blieben gen- bensmittelproduktion würde diese Lage
eure Stadt tragen. Danach ist Zeit für
technikfrei. Auf den anderen begann die verschlimmern: „Durch die künstliche
Diskussion – und je nach Interesse auch
Zeit der Feldbefreiungen. Die BASF verlor Verknappung sollen höhere Preise erzielt
weitergehender Informationsaustausch
ihre gut beschützten Kartoffelanlagen in werden. Konzerne gehen über Leichen,
über konkrete Handlungsmöglichkeiten
ihrem Agrarzentrum bei Ludwigshafen um Profite zu erzielen. Die Forscher sind
für 2009.
– Unbekannte hatten sich nachts in die dabei willige Helfer.“
Kontakt: Projektwerkstatt
Höhle des Löwen geschlichen und 4000
Tel.: 06401/90328-3, Fax –5
Genpflanzen herausgerissen. Auch die Die Aktionen des Frühjahrs 2008 waren
saasen@projektwerkstatt.de
große Gendreck-weg-Aktion gelang ein ungewöhnlicher Anfang - die Aktivis-

Nr. 98/3.08 17
tropenwald

Schmierige Geschäfte
mit Palmöl

18 Nr. 98/3.08
tropenwald
Hamburg: Am 29. April 2008 hin-
gen ROBIN WOOD-AktivistInnen
an einem Speicher der Palmöl-Raf-
finerie des Agrar-Konzerns Archer
Daniels Midland (ADM) im Ham-
burger Hafen und protestierten mit
einem 300 m² - Transparent gegen
die Zerstörung von Regenwäldern
für die Rohstoffversorgung Europas
mit Palmöl.

N och vor nicht all zu langer Zeit, war beim


Anflug auf den Flughafen Medan in
Sumatra, immergrüner, tausend Jahre alter
Regenwald zu sehen - so weit das Auge
reichte. Mittlerweile ist der Wald nicht mehr
da und das schachbrettartige Mosaik der
Ölpalmen-Plantagen prägt die Landschaft.
Vertrieben sind Menschen und Tiere, die den
Wald als Lebensgrundlage genutzt haben.
Kaum ein anderes Land hat seine Natur-
schätze in einem derart rasanten Tempo ge-
opfert wie Indonesien. Die letzten größeren
Tropenwaldflächen in Indonesien, die sich
zurzeit noch auf Kalimantan (Borneo) und
Westpapua befinden, geraten zunehmend
unter Druck. Auch sie sollen demnächst für
neue Monokulturen weichen.

Die schmierige Spur der Vernichtung führt


bis vor unsere Haustür. Die europäische
Lebensmittelindustrie ist Großkunde bei den
indonesischen Palmöl-Konzernen, zuneh-
mend wird das tropische Fett aber auch
in Blockheizkraftwerken für „Ökostrom“
verbrannt.

ROBIN WOOD ist den Profiteuren dieser


Entwicklung auf der Spur. Gemeinsam mit
indonesischen Partner-Organisationen wie
Walhi, Save our Borneo oder JASOIL wollen
wir diesen Wahnsinn stoppen. Branchengrö-
ßen wie ADM und Wilmar haben das jetzt zu
spüren bekommen, als ROBIN WOOD ihnen
aufs Dach gestiegen ist. Lesen Sie dazu auch
unter der Rubrik Tatorte auf Seite 35. Es wird
nicht der letzte ungebetene Besuch bei der
Palmölindustrie gewesen sein. ROBIN WOOD
wird seine Kampagne verstärkt vorantrei-
ben - in Solidarität mit den Menschen aus
Indonesien, Kolumbien und anderswo, die
den Preis für unseren Rohstoffhunger zahlen
müssen.

Peter Gerhardt ist ROBIN WOOD-


Tropenwaldreferent in Hamburg
Tel.: 040/38089218,
Foto: Jan Becker
tropenwald@robinwood.de

Nr. 98/3.08 19
tropenwald

Regenwald
aufs Brot Foto: Jens Wieting

Es ist schwer geworden verarbeitete Lebensmittel ohne Palmöl zu finden, auch in Bio-
Produkte taucht auf der Zutatenliste immer häufiger Palmöl auf. Olaf Bartels hat Frau
Manon Haccius von Alnatura gefragt, ob die VerbraucherInnen Bio-Produkte, die Palmöl
enthalten, noch mit gutem Gewissen kaufen können.

? In vielen Lebensmitteln ist Palmöl zu Komponenten, die in geringer Menge in ? Woher kommt das bei Alnatura verar-
finden. Warum ist Palmöl in der Le- Produkte kommen. beitete Palmfett?
bensmittelindustrie so weit verbreitet?
? Welche anderen Fette wurden früher ! Alnatura ist ein Handelsunternehmen.
! Palmöl ist bei normalen Temperaturen für Lebensmittel genutzt? Wir verarbeiten unsere Produkte nicht
geschmeidig. Das ist günstig für die selbst, sondern arbeiten mit Bio-Her-
Verarbeitung von Lebensmitteln. Es ! Das kann ich Ihnen nicht genau sagen. stellern zusammen, die die Rohwaren
ist nicht flüssig und nicht so hart wie Ich bin jetzt gut acht Jahre in diesem Be- einkaufen und uns die Rezepturen
Kokosfett, denn das ergibt ein nicht reich tätig und beschäftige mich mit der vorschlagen. Sie kennen sich am
so angenehmes Mundgefühl und stört Frage, was für Zutaten in Bio-Lebensmit- besten damit aus, was technisch und
den Geschmack. Deswegen ist Palmfett teln enthalten sind. In der Zeit hat sich geschmacklich geht. Unsere Hersteller
das verarbeitungsfreundlichere und beispielsweise die Palette der herzhaften wiederum kaufen bei Vorlieferanten,
geschmacklich angenehmere Fett. vegetarischen Brotaufstriche deutlich von denen wir wissen, dass sie entwe-
ausgeweitet. Verschiedene süße Aufstri- der durch Pro Rainforest zertifizert oder
? In welchen Produkten von Alnatura che gab es schon, aber das Sortiment an im RSPO (Round Table for Sustainable
ist Palmöl zu finden? Nussmus, Schokomus oder Mischungen Palmoil) Mitglied sind. Die meisten Palm-
ist gewachsen. Darin war schon immer öllieferanten gehören diesem runden
! In verschiedenen Produkten in unter- Palmfett enthalten. Butter wird nicht Tisch an. Wir fragen das in regelmäßigen
schiedlichen Anteilen. Wenn ich mich verwendet, weil sie leichter ranzig wird Abständen ab. Zwei oder drei nennen
auf die konzentriere, in denen etwas als Palmfett. Außerdem versuchen wir plausible Gründe, weshalb sie ihr Palmöl
mehr Palmöl enthalten ist, sind das die tierische Fette zu vermeiden, um Vegeta- aus anderen Quellen beziehen.
vegetarischen Brotaufstriche. riern eine größere Palette verschiedener
Produkte anbieten zu können. Für alle Zutaten, die Alnatura verwendet,
Auch süße Aufstriche, wie der Schoko- ist es Voraussetzung, dass sie ökologisch
Nuss-Aufstrich, enthalten Palmöl, ? Also ist es richtig, dass die Lebensmit- erzeugt sind. Ich kann Ihnen die Länder,
damit er eine schöne cremige Konsis- telindustrie nicht mehr ohne Palmfett aus denen das von unseren Herstellern
tenz erhält. Und in den Crunchies ist auskommt? verarbeitete Palmöl stammt, nicht im
Palmfett enthalten. Es wird zusätzlich einzelnen nennen. Die Händler sind nicht
zu Getreide und Zucker gebraucht, ! Ja, wenn ich die Vielfalt der Produkte verpflichtet, uns das offen zu legen. Es
damit man die Crunchies backen kann. im Bio-Lebensmittelbereich anschaue, muss aber immer Bio sein.
Ansonsten halten sie nicht zusammen. insbesondere die, die keine tierischen
Das wären die wichtigsten. Dann Komponenten enthalten. Dort ist Palm- ? Der Anbau vor allem von konventio-
gibt es noch Palmfett in würzenden fett ein wichtiger Bestandteil. nellem Palmöl führt zu katastrophalen

20 Nr. 98/3.08
tropenwald

Entwicklungen, wie Vertreibung und erbeten. Daraus habe ich entnommen,


Zerstörung des Regenwaldes in den dass sich die Lieferanten von Palmöl auf
Anbauregionen. Kann sich ein Käufer Regeln verständigt haben und darauf
von biologisch zertifiziertem Palmöl achten, dass sie eingehalten werden.
sicher sein, diese Entwicklung nicht zu
unterstützen? ? ROBIN WOOD recherchiert gerade zum
Thema und wird sich, so wie es zur Zeit
! Nach allem, was wir über die biolo- aussieht, bald sehr kritisch zum Runden
gische Palmölgewinnung wissen, ja. Wir Tisch für nachhaltiges Palmöl äußern. Für Manon Haccius von Alnatura
haben keine gegenteiligen Auskünfte ist Bio-Palmöl zur Zeit die beste
und wissen, dass unsere Hersteller an ! Kritik ist wichtig. Wenn die Kritikpunkte Alternative
dieser Stelle ganz engagiert und wach bekannt sind, können wir die richtigen
sind und ihre Vorlieferanten entspre- Fragen stellen. Daher interessiert mich Ihre verantwortlich. Sie sollten sich, so weit
chend verpflichten. Kritik sehr. Die Frage, die sich dann stellt, es möglich ist, Gedanken machen und
ist, was denn alternativ empfohlen wird? anspruchsvolle Standards umsetzen.
? Nach meinem Wissen garantiert die Wir wollen ja unsere Alnatura Produkte Das Unternehmen Alnatura hat seit
EG-Öko-Verordnung, für die das sechs- weiter anbieten können. 24 Jahren Standards und es kommen
eckige Biosiegel steht, nicht, dass für immer mehr Aspekte dazu. Produkte
Produkte, die mit diesem Siegel gekenn- ? Hat Alnatura Standards, die über die und Rezepturen werden immer umfas-
zeichnet sind, kein Regenwald gerodet EG-Öko-Kriterien hinausgehen? sender geprüft. Es ist ein kontinuierlicher
oder Menschen von ihrem Land vertrie- Verbesserungsprozess.
ben wurden. ! Ja, wir haben interne Richtlinien, die wir
bei der Produktentwicklung anwenden. ? Was können Sie VerbraucherInnen
! Das stimmt. Diese Verordnung regelt Ein Expertengremium, dem wir unsere raten, die kein Palmöl kaufen wollen, für
die Anbauweise. Da geht es darum, Produktprojekte und Rezepturen vorstel- das Regenwald vernichtet wurde?
welche Betriebsmittel, welches Saatgut, len, überprüft die Zutaten, Hilfsstoffe und
welcher Dünger und welcher Pflanzen- Verarbeitungsverfahren kritisch, und dann ! Nach meiner festen Überzeugung ist
schutz angewendet werden dürfen. Das sagen die Experten, ob das Produkt in ein Bioprodukt, das biologisch erzeugtes
wird durch unabhängige Sachverstän- Ordnung ist. Wenn dies nicht der Fall ist, und zertifiziertes Palmöl oder Palmfett
dige zertifiziert. Die Produktion muss dann gibt es das Produkt nicht. als Zutat enthält, die beste im Moment
nachhaltig sein. Dafür steht auch der verfügbare Alternative. Ich bin sehr
Round table for Sustainable Palmoil. ? Welche Verantwortung haben Le- daran interessiert, was Sie uns zusätzlich
bensmittelproduzenten bezüglich ihrer an Informationen zum Thema zukom-
? Aber es existiert derzeit noch kein vom Rohstoffe, die sie beziehen? men lassen können.
Round Table zertifiziertes Palmöl.
! Die Lebensmittelproduzenten sind nach Olaf Bartels hat ein Praktikum bei
! Wir haben von unseren Herstellern meiner Auffassung für die Qualität der ROBIN WOOD in Hamburg absolviert,
entsprechende Zertifikate und Berichte Produkte, die sie den Kunden anbieten, tropenwald@robinwood.de

Nr. 98/3.08 21
tropenwald

Zuckerrohr in den Tank


Der brasilianische Präsident Lula da Silva glaubt mit Agrotreibstoffen die wachsenden Energie-
probleme lösen zu können. Der Anbau von Zuckerrohr für „Bio“-Kraftstoffe helfe dem Klima, sei
nachhaltig und es stünden genügend Flächen zur Verfügung, so dass kein Regenwald für Plantagen
zerstört werden müsse. Die Ausweitung der Flächen wäre sogar in dem Maße möglich, dass auch für
den deutschen Markt genügend Agrarrohstoffe erwirtschaftet werden könnten.

V or diesem Hintergrund unterzeichneten Präsident Lula


und Bundeskanzlerin Merkel am 14. Mai in Brasilia ein
bilaterales Energieabkommen mit dem Schwerpunkt Agro-
nicht geben. Das haben andere Beispiele aus dem Holzbereich
bereits gezeigt. Auch ist es utopisch in Brasilien dafür sor-
gen zu wollen, dass im großflächigen Energiepflanzenanbau
kraftstoffe. Das Abkommen weist allerdings gravierende ökologische und soziale Standards eingehalten werden. In
Mängel auf: Die von Umweltminister Sigmar Gabriel und einem Land, in dem Korruption und Sklavenarbeit, besonders
Bundeskanzlerin Angela Merkel viel gepriesenen ökolo- im Zuckerrohranbau, an der Tagesordnung sind. Aufgrund der
gischen und sozialen Nachhaltigkeitskriterien sollen von vielen Bedenken gab es im Vorfeld des Energieabkommens
der EU-Kommission entwickelt und ein Zertifizierungsystem eine Protestflut von Nichtregierungsorganisationen aus Brasi-
entworfen werden. Dabei sind sich die Umweltverbände lien und Deutschland, an der sich auch ROBIN WOOD beteiligt
einig: Ein funktionierendes Zertifizierungssystem wird es hat. Nicht nur in Brasilien wird Agrosprit als Patentlösung
gehandelt, auch Gabriel und Merkel reden den Anbau von
Agrarkraftstoffen in Brasilien für den Import nach Deutschland
Bundeskanzlerin Merkel und Präsident Lula da Silva schön.
haben beschlossen, dass mehr brasilianisches Zu-
ckerrohr in deutschen Autotanks landen soll... Ein Blick hinter die Kulissen der Zuckerrohrindustrie zeigt je-
doch, dass die Realität anders aussieht. Derzeit wird in Brasilien
auf ca. sieben Millionen Hektar Zuckerrohr angebaut, etwa die
Hälfte davon wird für die Herstellung von Ethanol verwendet.
Der Import von Agrarprodukten zur Herstellung von Energie
und Kraftstoffen nach Deutschland stachelt die ohnehin ehr-
geizigen Pläne der brasilianischen Regierung weiter an. Insge-
samt sollen die Zuckerrohrplantagen in Brasilien auf bis zu 30
Millionen Hektar ausgeweitet werden. Für die Ausweitung der
Agrarflächen in Brasilien werden nicht nur die Umwelt sondern
auch die Menschen vor Ort bezahlen.

D ie Behauptung von Lula, der Anbau von Agroenergieplan-


tagen habe keinen Einfluss auf die nationale Nahrungsmit-
telproduktion, wird von Vertretern der Wirtschaftsseite gerne
übernommen. Jedoch sagen die Zahlen der Landesuniversität
in Sao Paulo etwas anderes: Die Anbauflächen von Grundnah-
rungsmitteln wie Reis, Bohnen, Maniok und Kartoffeln sind im
Zeitraum zwischen 2006 und 2007 um jeweils über 10 Prozent
zurückgegangen.

Die Energiepflanzen werden auf den fruchtbarsten Flächen in


pestizidintensiver Monokultur angebaut, während die Bohnen-
und Reisanbauflächen zwischen 1990 und 2006 landesweit
um 261.000 bzw. 340.000 Hektar verringert wurden – insbe-
sondere in den Gemeinden, die die größte Ausweitung der
Zuckerrohrflächen aufweisen. Brasilien ist eines der produk-
tivsten Länder der Welt. Trotzdem leiden 44 Millionen Men-
schen Hunger und sind von extremer Armut betroffen. Diese
Situation wird sich aufgrund des explodierenden Marktes für
Agrartreibstoffe immer weiter verschärfen.

Abgesehen von den Folgen des Anbaus von Monokulturen


Foto: pixelio/Frank Hüfner für die Biodiversität und die lokale Bevölkerung kann bei den

22 Nr. 98/3.08
tropenwald
vermeintlichen „Bio“-Kraftstoffen von Nahrungssicherheit der Bevölkerung und
CO2-Neutralität keine Rede sein. Durch Menschenrechte in Brasilien weniger

Foto: pixelio/Claudio Lione


Landnutzungsänderungen und Brandro- interessierte.
dungen werden bei der Herstellung von
Ethanol mehr Treibhausgase freigesetzt, Die Vorträge bewiesen einmal mehr,
als durch den Ersatz von herkömmlichen wie kurzsichtig der Blick aus der Wirt-
Kraftstoffen eingespart werden können. schaftsperspektive ist. Auch wenn die
Zuckerrohrplantagen nicht im Regen-
Der Anbau von Zuckerrohrplantagen wald, sondern auf früheren Weideflä-
bedeutet besonders in trockenen Re- chen angebaut werden, tragen sie doch
gionen einen massiven Eingriff in den indirekt zur Regenwaldvernichtung bei.
Wasserhaushalt. Zur Herstellung eines Denn die Bauern, die gewaltsam von
Liters Ethanol werden im Produktions- ihrem Land vertrieben wurden, ebenso
prozess rund 13 Liter Wasser verbraucht: wie die Viehzüchter, die ihr Weideland
im bewässerten Zuckerrohranbau steigt weggeben müssen, wandern in den
der Wasserverbrauch auf ca. 600 Liter. Regenwald hinein, um sich neues Land
Zusätzlich entstehen mit jedem Liter zu erschließen.
Ethanol 12 bis 13 Liter giftiges Abwasser.
Wirtschaftsvertreter sehen offensichtlich
Die Preise für „unproduktives“ Land nur den Profit. Denn sonst hätte Herr
steigen aufgrund der erhöhten Nach- Goncalves eine Antwort auf die Frage
frage nach Agrarrohstoffen an, wodurch gewusst, warum in Brasilien jedes Jahr
der Staat kaum noch den Landankauf etliche Menschen aufgrund von Land-
für Kleinbauern finanzieren kann. rechtskonflikten ermordet werden, wenn
... die gravierenden ökologischen
Darüber hinaus pachten Inhaber von es angeblich soviel frei verfügbare Fläche
und sozialen Folgen für die Men-
Zuckerfabriken gezielt Landflächen, um gibt. Der Indiandermissionsrat CIMI teilte
schen in Brasilien werden unter
sie der Umverteilung im Rahmen der mit, dass der Bundesstaat Mato Grosso
den Teppich gekehrt
Agrarreform zu entziehen. Dadurch wird do Sul die meisten Morde an Ureinwoh-
nicht nur eine Agrarreform verhindert, nerInnen zu verzeichnen hat. Im vergan-
sondern die Situation der kleinen Bauern genen Jahr wurden dort 53 Indigene er- von Nahrungsproduktion und Vieh-
und der Landlosen erheblich verschlech- mordet und gerade hier die Anbaufläche zucht in Wald- und Savannengebiete
tert. Die hohen und kontinuierlich für Zuckerrohr stark erweitert. Gewalt verursacht gewaltige klimaschädliche
weiter ansteigenden Weltagrarpreise und Vertreibung gehen mit der Konver- CO2-Emissionen. Das Forschungsinstitut
wirken sich nicht nur negativ auf die tierung von Weideland oder Savannen in Imazon gab aktuelle Entwaldungszahlen
Ernährungssicherheit der Menschen Agrarflächen einher. Aber es geht nicht für die Bundesstaaten Mato Grosso und
aus, sondern liefern zudem Anreize für nur um die Menschenrechte. Pará bekannt. So wurden allein von
Landnutzungsänderungen. Januar bis März 2008 trotz der Regenzeit

In Brasilien wird von der Regierung und


der Zuckerrohrindustrie nur allzu gerne
W enn Herr Goncalves oder die Zu-
ckerrohrindustrie von 100 Millio-
nen Hektar verfügbarer Fläche sprechen,
mindestens 21.400 Hektar Regenwald
zerstört, dreimal so viel wie im ersten
Quartal 2007. Doch bei der Diskussion
betont, dass 100 Millionen Hektar Land dann meinen sie auch wertvolle Öko- um Agrarenergien wird von Wirtschafts-
frei zur Verfügung stehen würden. Diese systeme wie den Cerrado, auf den die seite kein Wort darüber verloren.
könnten in industrielle Agrarflächen um- lokale Bevölkerung als Weideland oder
gewandelt werden, ohne dass dafür Re- zum Sammeln von Nahrung, Medizinal- Diese indirekten Folgen der Auswei-
genwald gerodet werden müsse. Daher pflanzen oder Brennholz angewiesen ist. tung von Agrarflächen, deren Produkte
sei es kein Problem, die Agrarproduktion Diese Savannenlandschaften befinden für den Import nach Europa bestimmt
für Kraftstoffe auszuweiten, betonte Luiz sich vor allem im zentralen Westen und sind, werden gerne unter den Teppich
Eduardo Goncalves, Botschaftssekretär Nordosten Brasiliens. Die bisher beste- gekehrt. Es bleibt nur zu hoffen, dass
und Leiter der Wirtschaftsabteilung henden Zuckerrohrplantagen haben Lula das Zeichen der Umweltministe-
der brasilianischen Botschaft, bei einer bereits zur Zerstörung dieser Ökosysteme rin Marina Silva, die kurz vor Merkels
Podiumsdiskussion zu dem Thema „Tank beigetragen. Und durch den steigenden Besuch zurückgetreten ist, zum Anlass
UND Teller“, die Mitte Juni von Berlinpo- landwirtschaftlichen Wert dieser Regi- nimmt, sich wieder für die Umwelt und
lis veranstaltet wurde. In der Diskussion onen nimmt auch hier die Gewalt zu. die lokale Bevölkerung einzusetzen.
ging es um neue Herausforderungen Innerhalb des letzten Jahres hat sich
für die globale Nahrungs- und Ener- die Zahl der Menschen, die gewaltsam
giesicherheit. Leider vertraten vier von vertrieben wurden, mehr als verdoppelt. Steph Grella ist in der ROBIN WOOD-
fünf der geladenen Gäste eindeutig die Die Ausweitung der Energiepflanzen- Tropenwaldgruppe akiv
Profitinteressen der EU, während sie die Monokulturen bzw. die Verdrängung treeactivist@gmx.de

Nr. 98/3.08 23
tropenwald

Kampf ums Paradies Fotos: Thomas Becker

Einen blutigen Kleinkrieg trugen mittellose Fischer bis vor kurzem in der kambodschanischen Bucht
von Kampong Som aus – ein Konflikt um Ressourcen und um den Zugang zum Meer. Durch die
Vermittlung von Nicht-Regierungsorganisationen haben einheimische Fischer und solche, die von
außerhalb kommen, ihren Konflikt vorerst beigelegt – doch noch immer herrscht Misstrauen.

Ü ber einen schmalen, klapprigen


Steg balanciert Fischer San Yaung
zu seinem Holzboot. Der junge Mann
milie mit exotischen Früchten. Und das
Meer bietet ihnen ein schier endloses
Reservoir an frischem Fisch, an Mu-
den verloren haben, weil Investoren ein
Interesse an einem Stück Land anmel-
deten – bis heute ein typischer Vorgang
hält einen Moment inne und schaut scheln und Krabben. Es wirkt bald so, in Kambodscha, einem Land, in dem
sich um: Vor ihm öffnet sich das Meer, als lebten San Yaung und die anderen Willkür, Korruption und Gewalt an der
hinter ihm, keine hundert Meter ent- Dorfbewohner im Paradies auf Erden. Tagesordnung sind.
fernt, duckt sich das Fischerdorf An Chi Ein Eldorado mitten im Nirgendwo.
Eut unter Kokosnuss- und Bananenpal- Die Konkurrenz um Ressourcen in der
men. In einer der schlichten Holzhütten Doch das Paradies weckt Begehrlich- Küstenregion verschärfte sich zu-
wohnt San Yaung mit seiner Ehefrau keiten und zieht immer wieder fremde sätzlich, als Menschen aus dem nahe
und den beiden Kindern. Das ewige Fischer an, die in den Gewässern vor gelegenen Mangrovendschungel in
Grün des Dschungels versorgt die Fa- der Küste fischen. Auch an diesem Tag. die Küstenregion zogen – aus der Not
Am gegenüberliegenden Steg machen heraus. Sie hatten bis dato von der
Jetzt herrscht wieder Frieden in Fischer von außerhalb ihre Boote fertig. Waldwirtschaft gelebt: von Früchten,
dem Fischerdorf An Chi Eut ... Argwöhnisch schaut San Yaung hin- Honig und Einnahmen aus dem Verkauf
über. „Sie kommen aus einem weiter von Tropenholz. Als die kambodscha-
entfernt liegenden Dorf – aus Stung nische Regierung 1999 jedoch die
Hav“, vermutet er. Abholzung untersagte, verloren die
Menschen einen wichtigen Teil ihres
Bis 2003 trugen die Fischer aus An Chi Einkommens. Aus Mangel an Alter-
Eut einen blutigen Kleinkrieg ge- nativen wandten sie sich der Fischerei
gen Eindringlinge aus. Immer mehr zu – sehr zum Ärger von traditionellen
Schiffskutter drangen damals mit ihren Fischern wie San Yaung. „Die Gewässer
Fangnetzen in die Bucht von Kampong vor unserer Küste waren nach kurzer
Som vor und überfischten die Gewäs- Zeit völlig überfischt, wir mussten in die
ser. Es kamen nicht nur Kutter aus den Mangroven ziehen, um dort Fisch und
Nachbardörfern, sondern auch aus der Shrimps zu fangen.“
Küstenregion um die nahe gelegene
Tourismus-Hochburg Sihanoukville. An Um den zunehmenden Fischfang zu
Bord der Kutter heuerten mittellose stoppen, wandten sich die rund 600
Menschen aus dem Landesinneren an: Bewohner aus An Chi Eut an die kom-
Vertriebene, die ihren Grund und Bo- munale Regierung in der nahe gele-

24 Nr. 98/3.08
tropenwald
genen Kleinstadt Sre Ambel. Vergeblich. benden Fischer in An Chi Eut fremd. Die
Polizei und Militär griffen nicht ein. Und meisten wussten lange gar nicht, dass
der Konflikt eskalierte: Beim Versuch, die es solche Schutzgebiete überhaupt gibt.
Fremdfischer von der Küste fernzuhal- Viele Einwohner aus An Chi Eut können
ten, starben um die Jahrtausendwende weder lesen noch schreiben und haben
mindestens 25 Menschen bei Kämpfen ihr Dorf nur selten verlassen.
in der Bucht von Kampong Som. Die
Folge eines Konflikts, in dem mittellose „Community protected area“ – dieser
Menschen untereinander einen blu- Titel schützt die Fischer aus An Chi Eut
tigen Kampf um Ressourcen austrugen. nunmehr seit fünf Jahren. Doch nur auf
Manche Fischer wagten sich damals dem Papier. Denn die Machthaber des
überhaupt nicht mehr in ihre Gewässer Distrikts scherten sich weiterhin nicht
vor. „Aus Angst kenterten Fischer aus darum, Vergehen gegen den offiziellen
unserem Dorf ihre eigenen Boote und Rechtsstatus zu ahnden. Die Bewohner
suchten darunter Schutz, sobald sich aus An Chi Eut schlossen sich deswegen
ihnen ein feindlicher Kutter näherte“, mit den umliegenden Fischerdörfern
erzählt San Yaung, der die blutigen zusammen. Sie richteten einen Patrouil-
Kämpfe von damals noch allzu gut in ledienst ein – und schufen damit ihren
Erinnerung hat. eigenen Schutzdienst. „Eindringlinge
wagen sich seitdem weitaus weniger

E s dauerte einige Jahre, bis sich die


Fischer organisiert und zu einem
friedlichen Umgang im Ressourcenstreit
in unsere Gefilde vor. Sie wissen, dass
wir mit Nachbardörfern kooperieren“,
sagt San Yaung, der heute Sprecher der
... und die Fischer kehren mit
vollen Netzen ins Dorf zurück

formiert hatten. Die Bewohner aus An Fischergemeinschaft in seinem Dorf ist.


Chi Eut richteten zunächst ein Schreiben „Der illegale Fischfang ist mittlerweile Dorf nieder. So ist klar: Die Bemühungen
an Premierminister Hun Sen und wiesen um 70 bis 80 Prozent gesunken.“ derjenigen, die Frieden unter den verfein-
auf ihre hoffnungslose Lage hin. Eine deten Fischers schaffen wollen, stehen auf
Antwort erhielten sie nie. Das verwun- Zudem haben die Dorfbewohner eine labilem Fundament.
dert kaum: Denn Hun Sen steht laut verbindliche Satzung aufgestellt: Konfis-
Transparency International an der Spitze zieren sie etwa das Boot eines illegalen Immerhin: Seit jenem Zwischenfall vor drei
einer der korruptesten Regierungen Fischers, erhält dieser es zurück, wenn Jahren hat sich die Lage stabilisiert. Keine
weltweit und schürt eher Konflikte als er einen festgesetzten Preis bezahlt. offenen Kämpfe, kein Blutbad mehr. Auch
sie zu entschärfen. Mehr Unterstützung „Wir könnten die Boote auch für einen am heutigen Tag kehren Fischer aus An
erhielten San Yaung und die Bewohner langen Zeitraum einkassieren, aber das Chi Eut mit vollen Netzen vom offenen
aus An Chi Eut von Nicht-Regierungs- würde Unmut nach sich ziehen und Meer zurück. Und auf dem Dorfplatz von
organisationen, die sich seit 2000 in zu Gewalt führen“, sagt San Yaung. An Chi Eut präsentieren gut gelaunte und
der Küstenregion engagieren. American In Zukunft werde die Patrouille illegale gut genährte Fischer später ihre Beute. Sie
Friends Service Committee (AFSC) und Fischkutter deswegen mit friedlichen lachen. Sie wollen fotografiert werden.
Khmer Ahimsa werden vom Deutschen Mitteln stoppen und sich an die Statuten Solch herzhaft lachende Gesichter sieht
Evangelischen Entwicklungsdienst unter- ihrer eigenen Satzung halten, versichert man selten in Kambodscha, dem Land
stützt und haben sich den Zielen einer Fischer Yaung. des Lächelns, das vielerorts sein Lächeln
aktiven Friedensarbeit verschrieben. verloren hat – auch wegen der unzähligen

Auf ihr Anraten hin nutzten die Bewoh-


ner aus An Chi Eut schließlich ein offizi-
M ittlerweile hat sich der Fischbe-
stand in der Bucht von Kampong
Som erholt. Krabben, Muscheln und
Konflikte um Ressourcen.

Wie die anderen Fischer im Dorf schaut


elles Rechtskonstrukt. Sie stellten einen leckere Katzenfische gibt zur Genüge. auch San Yaung zufrieden drein, als er
Antrag, in dem sie den Küstenstreifen Das allerdings macht die Küstenregion sein Boot am Steg anlegt. Er packt das
vor dem Fischerdorf als geschützte Zone erneut interessant für Fremdfischer – ein Fischernetz zusammen – und schaut noch
deklarierten, in der nur sie fischen dür- Teufelskreis, der im Februar 2005 dazu einmal argwöhnisch auf den benachbar-
fen. Das Ministerium für Landwirtschaft, führte, dass ein Konflikt mit Fischern ten Steg, als wolle er sagen: Die Zukunft
Wald und Fischerei in der kambod- aus dem nahe gelegenen Fischerdorf ist ungewiss und der letzte Kampf ums
schanischen Hauptstadt Phnom Penh Stung Hav eskalierte: Deren Schiffskutter Paradies noch nicht ausgetragen. Klar ist
erkannte den Küstenstreifen 2003 an. fischten mit nicht zugelassenen Netzen für den jungen Mann nur: „Ich bin Fischer,
Anspruch darauf hätten die Küstenbe- zum wiederholten Mal in den Gewässern das ist mein Leben.“
wohner schon viel früher gehabt. Doch vor An Chi Eut. Eine Patrouille konfis-
für ihr Recht einzustehen, es aktiv zu zierte die Kutter. In der folgenden Nacht Thomas Becker ist Journalist und
fordern und offiziell bestätigen zu lassen drangen Fischer aus Stung Hav ins Ge- lebt in Düsseldorf
– das war für den so abgeschieden le- meindehaus ein und brannten Häuser im thomas-becker@hotmail.com

Nr. 98/3.08 25
tropenwald

Ausbeutung für Glimmstängel


Die letzte Hand, die den Tabak einer Zigarette berührt hat, könnte die Hand eines Kindes oder
einer Frau aus Malawi gewesen sein. Raphael Sandramu, Gewerkschafter aus Malawi, berichtet,
dass es lebensgefährlich ist, sich für die Rechte der Arbeiter im Tabakanbau einzusetzen.

S ein Engagement gegen die Tabakbarone hätte Raphael


Sandramu beinahe mit dem Leben bezahlt. „Ja, das ist
sehr gefährlich. Schon zweimal wollte man mich töten“,
der Tabakindustrie Malawis. Die Organisation hat sich zum
Ziel gesetzt, für etwas mehr Gerechtigkeit in der Tabak-
produktion in dem ostafrikanischen Land zu sorgen. Das
sagt Raphael. Wir fahren im Zug von Hamburg nach ist schwer genug, denn die internationalen Tabakkonzerne
Bremen und die Norddeutsche Tiefebene rauscht mit 200 und die Grundbesitzer verdienen gut an der Ausbeutung
Stundenkilometern an uns vorbei. „Die Landbesitzer sehen ihrer Arbeitskräfte. Die Grundsteine dafür wurden in der
es nicht gerne, wenn ich als Gewerkschafter zu den Arbei- britischen Kolonialzeit gelegt. „Die Briten installierten ein
tern und landlosen Pächtern komme und diese über ihre Ausbeutungssystem in Malawi“, erklärt Raphael, „das in
Rechte aufkläre. Einmal wartete ein aufgebrachter Eigen- erster Linie dazu dienen sollte, den Export von Tabak nach
tümer mit einer Machete am Eingang seines Grundstücks Europa zu etablieren. Nach den Briten regierte Diktator
auf mich, ein anderes Mal wurde ich von drei Männern mit Banda das Land, mit dem die US-Tabakmultis glänzende
einem Messer verfolgt.“ Geschäfte machten.“ Tabak ist nach wie vor das wich-
tigste Exportgut Malawis, das seit dem wirtschaftlichen
Raphael Sandramu ist Generalsekretär der Tobacco Tenants Zusammenbruch Zimbabwes zum zweitgrößten Tabakpro-
and Allied Workers Union of Malawi (TOTAWUM). Das ist duzenten der Welt aufgestiegen ist.
die Gewerkschaft der landlosen Pächter und Arbeiter in
In der Regel heuert ein landloser Pächter für eine Saison
bei einem Grundbesitzer an. Dieser räumt der Familie
Wohnrecht ein und teilt ihnen ein kleines Stück Land für
den Tabakanbau zu. Pflanzen, Dünger und Lebensmittel
gibt es dann auf Kredit vom Landbesitzer und wenn die
Pächter ihre Tabakernte an Ende der Saison abgeliefert
haben, wird abgerechnet. „Dabei werden die Menschen
oft um ihren gerechten Anteil gebracht“, klagt Raphael,
„denn Kredite gibt es oft nur zu Wucherzinsen. Und da
die meisten Arbeiter und Pächter Analphabeten sind, exis-
tieren auch keine schriftlichen Verträge, was die Menschen
vollkommen der Willkür der Grundbesitzer ausliefert. Für
uns als Gewerkschaften ist es ohne schriftliche Dokumente
sehr schwer, den Landeigentümern Betrug nachzuweisen.
Nicht selten werden die entrechteten Pächterfamilien
nach der Ernte zum sofortigen Verlassen des Grundstücks
aufgefordert.“

Eine Familie kann pro Saison auf drei Hektar den Tabak
für 100.000 Packungen pflücken, von den Gewinnen der
Tabakindustrie können sie nur träumen. Oftmals reicht es
nicht mal fürs nackte Überleben, selbst wenn die Kin-
der nicht zur Schule gehen und sich bei der Tabakernte
kaputt schuften. Manche Grundbesitzer verbieten gar den
Schulbesuch der Kinder, um auch noch das Letzte aus den
Familien herauszupressen. „Wer das Land hat, hat die
Macht“, fasst Raphael zusammen.

Der Tabakanbau ist aber auch eine ökologische Katastro-


phe. Um den Tabak in den gewünschten Exportqualitäten

Schon fünfjährige Kinder müssen zur


Erntezeit gesundheitsschädigende
Foto: Marty Otanez, 2003 Arbeiten verrichten

26 Nr. 98/3.08
tropenwald

Die Tabakbauern werden oft um


ihren gerechten Anteil an der
Foto: Marty Otanez, 2003
Ernte gebracht

herzustellen, werden die letzten Wälder Mittlerweile muss dieses Holz Hunderte Petition unterstützen würden, die noch
Malawis dem Erdboden gleich gemacht. Kilometer weit heran geschafft werden. bis zum 1. September läuft.“
Um Tabakblätter für ein Kilogramm Die ökologischen Folgen des Raubaus
Tabak zu trocknen, werden mehr als sind überall sichtbar. „Erosion ist weit Online-Petition und viele Infos gegen die
100 Kilogramm Feuerholz benötigt. verbreitet“, berichtet Raphael, „und Ausbeutung der ArbeiterInnen in der
überall klagen die Menschen, dass die Tabakproduktion Malawis unter:
Bodenfeuchtigkeit zurückgegangen ist.“ www.unfairtabacco.org
Malawi ist eines der ärmsten Länder Website des amerikanischen Anthropolo-
der Welt. Von 1891-1964 war Malawi Und was soll jetzt geschehen? Wir sind gen Marty Otanez mit vielen Filmen und
britische Kolonie. Nach der Unabhän- in Hamburg angekommen. Heute Abend Hintergrundinfos:
gigkeit schlidderte das Land in eine ist Raphael Sandramu wieder Haupt- www.sidewalkradio.net
Diktatur. 1994 kam es zu ersten freien redner einer Veranstaltung. Das Publi-
Wahlen. Malawi exportiert neben Tabak kum wird mit Entsetzen zur Kenntnis Peter Gerhardt ist Tropenwaldrefe-
vor allem Tee und Zuckerrohr. In den nehmen, wo und vor allem unter welch rent bei ROBIN WOOD in Hamburg
Jahren 2001 und 2002 wurde das Land unmenschlichen Bedingungen der Tabak tropenwaldr@robinwood.de
von einer schrecklichen Hungersnot für Zigaretten eigentlich wächst. „Wir
heimgesucht, bei der Tausende Men- könnten eure Unterstützung bei einer
schen ums Leben kamen. Gesetzesinitiative gebrauchen. 1995
tauchte der erste Entwurf eines Gesetzes
zum Schutz der Pächter und Arbeiter
in der Tabakproduktion auf. Dann ist es
gleich wieder in der Schublade ver-
Foto: Kampagne Rauchzeichen

schwunden. Ein solches Gesetz wäre ein


echter Fortschritt“, sagt Raphael. „Es
wäre toll, wenn viele Menschen unsere

Raphael Sandramu in
Deutschland vor der
Firmenzentrale von
©: Wikipedia Philip Morris

Nr. 98/3.08 27
tropenwald

Den Schutz der Wälder


gerecht gestalten! Foto: Jens Wieting

Im Rahmen des Klimaschutzabkommens kommt der Waldschutz endlich voran. Doch falsch
eingeleitet, birgt dies enorme Risiken für den Klimaschutz, die biologische Vielfalt und vor
allem für die lokale Bevölkerung. So demonstrierten während der Klimakonferenz in Bali
zweitausend Menschen, um auf die Risiken aufmerksam zu machen. Gleichzeitig hoffen
Waldbesitzer und waldreiche Staaten auf hohe Gewinne für den Schutz des Waldes.

D ie Zerstörung der Wälder trägt mit ca. 20 Prozent


zu den weltweiten Treibhausgas-Emissionen bei.
Rodungen schreiten vor allen in den Entwicklungsländern
werden kann. Eine Alternative zu marktorientierten Me-
chanismen wäre der Aufbau eines neuen internationalen
Fonds zur Finanzierung von Waldschutzmaßnahmen.
rapide voran. Mit dem Wald werden unzählige Tier- und
Pflanzenarten vernichtet. Doch Wald ist nicht nur ein Risiken
Holzreservoir, eine Kohlenstoffsenke oder Ökosystem,
sondern auch Lebens- und Wirtschaftsraum für viele Werden nur vereinzelte Waldschutzgebiete finanziert,
Menschen in den Entwicklungsländern. Sie sammeln hier nationale Waldschutzprogramme aber nicht umgesetzt,
Früchte, Pilze oder Medizinalpflanzen. Bewaldung schützt besteht die Gefahr von Leck-Effekten (Leakage): Der
vor den Folgen extremer Wetterereignisse: sie nimmt Wald wird einfach in anderen benachbarten Regionen
den Stürmen die Kraft, sichert Berghänge bei extremen oder Nachbarländern abgeholzt. Dem Klima wäre nicht
Regenfällen. Ein vielfältiges Ökosystem kann sich besser geholfen. Aus diesen Gründen wurde auch der Wald-
an veränderte Umweltbedingungen anpassen - in Zeiten schutz unter dem CDM nicht erlaubt. Im Rahmen eines
des Klimawandels wird Wald damit wichtiger denn je. neuen Mechanismus ließen sich diese Risiken begrenzen,
wenn nicht einzelne Schutzgebiete honoriert, sondern
Wenn Wälder gerodet und in Viehweiden oder Plantagen nationale Veränderungen berechnet würden.
umgewandelt werden, leidet vor allem die lokal ansässige
Bevölkerung. In vielen Fällen verlieren sie ihre Heimat und Noch wird Wald im Rahmen des Klimaschutzabkommens
ihren Lebensunterhalt. Wehren sie sich mit friedlichen als eine zu 15 Prozent baumbestandene Fläche definiert,
Mitteln gegen die Zerstörung ihrer Umwelt, werden sie weil auch die Wälder des hohen Norden darunter gefasst
oft verfolgt, willkürlich verhaftet oder gar von Groß- werden sollen. Damit fallen Ölpalmplantagen, die den
grundbesitzern umgebracht. artenreichen tropischen Regenwald verdrängen, in die
gleiche Kategorie wie intakter Regenwald. Eine neue,
Internationaler Waldschutz nach Regionen differenzierte Definition ist vonnöten, die
verschiedene Standorte weltweit erfasst.
Trotz der großen Bedeutung der tropischen Wälder
für Klima, Mensch und die Vielfalt gibt es bisher kein Konfliktfall Schutzgebiet
wirksames internationales Abkommen zum Schutz
des Waldes. Derzeit liegen alle Hoffnungen auf einem Die Menschen, die in Bali demonstrierten, befürchten,
effektiven Waldschutz innerhalb der internationalen Kli- dass der Waldschutz innerhalb des Klimaschutzabkom-
maschutzpolitik. Bisher sind hier lediglich Aufforstungen mens nicht als Lebens- und Wirtschaftsraum für die
sowie Wiederaufforstungen innerhalb des CDM (Clean lokale Bevölkerung angesehen wird, sondern als reiner
Development Mechanism) vorgesehen. Dieser ermöglicht Kohlenstoffspeicher. Bisher wurden mit dem Schutz
es den Industrienationen ihre Klimaschutz-Verpflich- von Wäldern und Aufforstungen sehr schlechte Erfah-
tungen auch in Entwicklungs- und Schwellenländern zu rungen gemacht. Aus Schutzgebieten werden Menschen
erfüllen. verdrängt, oft entstehen gewalttätige Konflikte. Einige
CDM-Projekte gefährden die Lebensgrundlagen der lo-
Seit der Klimakonferenz 2005 diskuieren die Regierungen kalen Bevölkerung, obwohl sie eigentlich der nachhaltige
der Welt über den Schutz der Wälder. Im Verhandlungs- Entwicklung vor Ort dienen sollen.
fahrplan für die nächsten Jahre stellt die Vermeidung von
Entwaldung einen der großen Eckpfeiler dar. Derzeit wird Konfliktfall Schutzgebiet: Von einem besonders dras-
ausgelotet, ob der Waldschutz über einen Markt-Mecha- tischen Fall berichtet der MISEREOR-Partner BARCIC.
nismus wie z.B. dem globalen Emissionshandel, finanziert Der Nationalpark Modhupur Eco-Park Project im Netra-

28 Nr. 98/3.08
tropenwald

kona District Bangladesh wurde ohne Einbeziehung der ist regional sehr unterschiedlich. Armut und fehlender
Lokalbevölkerung ausgerufen. Ein Teil der ansässigen Zugang zu Land sowie gezielte Umsiedlung oder Ver-
Bevölkerung, vor allem aus dem Volk der Garo, wurden drängung durch Konzerne treiben die Menschen in die
vertrieben, ein anderer durfte weiterhin in dem ummau- Wälder und in neue Anbauzonen. Eine umweltgerechte
erten Park wohnen. Allerdings gingen nachts die Tore zu. Landnutzung ist ihnen so kaum möglich. Zudem fehlen
Bei Protesten 2004 gegen den Nationalpark wurden 25 diesen Menschen meist Landrechtstitel. Nur die geben
Personen verletzt, ein Mann getötet. Anreize zu langfristig umweltgerechter Landwirtschaft.

Konfliktfall CDM-Projekt: Rund um den Vulkan Mount Der britische Ökonom Sir Nicolas Stern, der einen der
Elgon im östlichen Uganda an der Grenze zu Kenia meist beachteten Berichte zum Klimaschutz für die
wurde ein Schutzgebiet errichtet. Über 10.000 Menschen britische Regierung verfasst hat, betont, dass Land-
wurden für dieses Projekt vertrieben. Sie hatten den Wald rechtsreformen und die Errichtung und Stärkung von
zur Jagd genutzt, weideten dort Vieh, sammelten Pilze, Landrechtstiteln für bewaldetes Land entscheidend für
Kräuter und Heilpflanzen - der Wald war Grundlage des dessen Schutz seien. Auch die Pflichten und Rechte von
ländlichen Überlebens. Immer wieder entbrennen hier Gemeinden und Konzessionären sowie deren effektive
gewalttätige Konflike. Rund um den Nationalpark wurde Umsetzung und Kontrolle nennt er als wirkungsvolle
ein Ring aus Eukalyptusplantagen errichtet, um den Wald Mittel zum Waldschutz.
vor „Eindringlingen“ zu schützen. Diese als CDM-Projekt
umgesetzte Plantage, befeuert die Konflikte vor Ort, Waldschutz unter dem Klimaschutzabkommen ist derzeit
obwohl CDM doch Nachhaltigkeit fördern soll. der einzig sichtbare Weg zu einer internationalen Ver-
einbarung. Eine falsch eingeleitete Politik birgt allerdings
Die internationale Gemeinschaft wird beim Schutz der enorme Risiken - für das Weltklima, die lokale Bevölke-
Wälder, wie beim CDM, auf Nachhaltigkeitskriterien rung und den Erhalt der biologischen Vielfalt.
setzen. Projekte müssten der sozialen und ökonomischen
Entwicklung des Landes dienen und keine negativen
Umweltauswirkungen mit sich bringen. Doch die Verhält-
nisse vor Ort können so nur bedingt verändert werden,
S tatt Menschen aus ihrer Heimat zu verdrängen, sollte
der Waldschutz den Menschen bessere Lebensbedin-
gungen und Rechte bringen und Entwicklungsländer da-
da Nachhaltigkeitsstandards nach dem Souveränitätsprin- bei unterstützen, ihren Wald für die kommenden Genera-
zip durch die nationalen Regierungen festgelegt werden. tionen zu bewahren. Langfristige Waldschutzpolitik sollte
In Ländern mit ungeklärten Landrechtsverhältnissen darauf zielen, dass keine Konzessionen zur Zerstörung
verhält sich die lokale Bevölkerung illegal, wenn sie sich wertvoller Waldgebiete mehr vergeben werden und das
gegen die Errichtung von Schutzgebieten zur Wehr Land denen zugesprochen wird, die Gewohnheitsrechte
setzt, und nicht diejenigen, die sie für Aufforstung oder haben. Diese Menschen müssen darin unterstützt wer-
Waldschutzmaßnahmen von ihrem angestammten Land den, ihr Land umweltgerecht und ertragsreich zu nutzen.
vertreiben. Dies würde auch verhindern, dass einfach an anderer
Stelle abgeholzt wird. Die lokale Bevölkerung muss Mit-
Gerechte Verteilung spracherechte erhalten und voll informiert sein. Allerdings
der Gewinne darf nicht vergessen werden, dass der große Druck auf
den Wald besonders dem Konsum der globalen Konsu-
Erhalten Landbesitzer und Konzerne mit der Lizenz menten geschuldet ist. Dazu gehört insbesondere unser
zum Abholzen Kompensationszahlungen, wenn sie ihre hohe Fleischkonsum, sowie in zunehmendem Maße der
Entwaldung einstellen, können weitere Gerechtigkeitslü- Anbau von „Bio“-Energie. Zudem forciert die Staatsver-
cken entstehen. So könnte eine Firma finanzielle Anreize schuldung vieler Entwicklungsländer eine nicht-nachhal-
erhalten, eine Kommunen, deren Bewohner keine Land- tige, exportorientierte Landwirtschaft, die zum Abholzen
rechte besitzen oder sowieso nachhaltige Waldnutzung der Wälder führt. In diesem Sinne sollte auch die Frage
betreiben, hingegen keine. nach Entschuldung neu gestellt werden.

Soll Entwaldung dauerhaft verringert werden, müssen


die Ursachen der Abholzung genau analysiert werden. In Anika Schroeder ist Referentin für Klimawandel und
Brasilien verdrängt der Ausbau von Infrastruktur und die Entwicklung von MISEREOR, www.misereror.de.
Rinderzucht den Wald. In Indonesien überwiegt hingegen Dr. Alexander Popp ist Mitarbeiter am Potsdam-Insti-
die Umwandlung von Wald in Plantagen für Papier sowie tut für Klimafolgenforschung (PIK) im Bereich „Ver-
der Anbau von Palmöl für Kosmetika, Nahrungsmittel änderung von Landnutzung“. Dr. Katrin Vohland
und Biokraftstoffe. Großkonzerne, Hand in Hand mit arbeitet ebenfalls am PIK im Bereich Klimawandel,
lokalen Entscheidungsträgern, profitieren jeweils vom Biodiversität und nachhaltige Entwicklung,
Raubbau. Die Rolle der Kleinbauern bei der Entwaldung www.pik-potsdam.de.

Nr. 98/3.08 29
Cécile Lecomte war franzö-
sische Meisterin im Sport-
klettern. Heute besetzt sie
Strommasten und steigt den
Foto: Sortir du Nucléaire Atomkonzernen aufs Dach

Störfaktor Eichhörnchen
„Sie schon wieder!“ seufzte ein Polizist, als er die Umweltak-
tivistin Cécile Lecomte, auch genannt „das Eichhörnchen“, bei
der Blockade des Urantransportes von Gronau nach Russland in
einer Seilkonstruktion über den Bahngleisen entdeckte. Céciles
Leidenschaft ist das Klettern und sie stellt ihr Können seit vielen
Jahren in den Dienst von sozialen und Umweltbewegungen.

„Ich setze Sachen nicht so ein, wie Ähnlich erging es Cécile mit ihrem BWL-
ich sie studiert habe,“ resümiert die Studium. Statt als diplomierte Betriebs-
26-jährige Französin, die seit 2005 in wirtin dazu beizutragen, das System rei-
Deutschlands Norden, in Lüneburg, bungslos am Laufen zu halten, entschied
lebt und arbeitet. Das Klettern zum sie sich dafür, Sand im Getriebe zu sein.
Beispiel: Ihre Mutter begeisterte die Das Studium förderte Céciles konsum-
Tochter so sehr für ihr Hobby Klettern, kritische Haltung. Worin liegt der Sinn,
dass Cécile es zur französischen Meis- dass die Wirtschaft ständig wächst, und
terin im Sportklettern brachte. Dass dieses Wachstum dann zwangsläufig
„das Eichhörnchen“ seine besonde- zum Krieg um Rohstoffe, zum Krieg um
ren Fähigkeiten heute dazu einsetzt, Ressourcen führt? Eine Alternative dazu
Bäume oder Strommasten zu besetzen, stellt das antikapitalistische Konzept der
Atomkonzernen aufs Dach zu steigen Décroissance (Schrumpfung) dar, mit
oder in Seilkonstruktionen gefährliche dem sie sich stattdessen beschäftigte.
Atomfracht stundenlang zu blockieren,
war ursprünglich nicht vorgesehen. Gleichzeitig wurde Cécile bewusst, wie
sehr Wirtschaft und Ökologie vernetzt
Das Eichhörnchen blockiert sind. 1999 engagierte sie sich daher in
den Urantransport von Gro- der ökolibertären Gruppe Chiche. Das
Foto: aaa-West nau nach Russland war der Einstieg zu vielfältigen Aktivi-

30 Nr. 98/3.08
perspektiven
täten in unterschiedlichen sozial und wird von Cécile in Kletterkursen in Frank- was man tut überzeugt ist? Weil Cécile

grüne berufe
ökologisch bewegten Gruppen. Cécile reich weitergegeben, um Erfahrungen zu ihre Aktionen richtig findet, zahlt sie
ist zur Zeit nicht nur bei ROBIN WOOD vermitteln und Multiplikatoren auszu- keine Strafen: „Ich nehme auch Erzwin-
aktiv, sondern unter anderem auch bilden, denn diese Aktionsform ist im gungshaft in Kauf. Ich bezahle nicht oder
bei Gendreck weg, Sortir du Nucléaire Nachbarland längst nicht so etabliert wie kreativ. Wenn viele Freunde je 2 Cent
(Netzwerk Atomausstieg), bei der LIgA, bei uns. überweisen, macht das eine Menge Pro-
einer Lüneburger Initiative gegen Atom- bleme.“ Aus einer Gerichtsverhandlung
anlagen und in weiteren informellen „Ich mag zivilen Ungehorsam, die stammt übrigens auch ihr Spitzname: Als
Gruppen, z.B. gegen Rechtsextremismus. direkten Aktionen. Bilder und Öffentlich- sie wegen einer Baumbesetzung vor dem
keit zu erzeugen ist sehr gut, aber der Richter stand, forderte ein Freund im Saal
Beruflich musste die Aktivistin wegen Störfaktor ist auch wichtig. Man muss per Transparent „Freiheit für das Eichhörn-
ihrer politischen Arbeit zurückstecken. Sand im Getriebe sein und den Verursa- chen!“
Im Schuljahr 2005/2006 unterrichtete chern Probleme bereiten“, meint Cécile.
sie in einer Lüneburger Waldorfschule „Aber der Mensch steht im Mittelpunkt, Eingeschüchtert ist Cécile Lecomte bisher
Französisch. Castorblockaden, Baumbe- die Aktionen müssen gewaltfrei sein.“ nicht. So können wir gespannt sein auf
setzungen und andere Aktionen fanden weitere luftige Aktionen des Eichhörn-
zwar nicht während der Arbeitszeit statt, Gerichtsverhandlungen nutzt die Akti- chens für eine gerechtere Welt.
riefen aber trotzdem den Unmut der vistin dazu, ihre Position noch einmal
Obrigkeit hervor. Eine – noch dazu relativ unmissverständlich klar zu machen, das Mehr erfahren über das Eichörnchen
neue – Lehrerin, über die häufiger in ist Teil ihres politischen Konzepts. Für kann man hier:
der Zeitung zu lesen ist, wegen der die RichterInnen ist das zu viel Systemkritik, www.bewegungsstiftung.de/lecomte.html
Polizei in der Schule nachfragt oder die Cécile gilt als uneinsichtig und unbe-
sogar „präventiv“ von Spezialeinheiten lehrbar. Aber wie kann man ‚Einsicht’ Sabine Genz lebt und arbeitet in
auf Schritt und Tritt begleitet wird, und ‚Reue’ zeigen, wenn man von dem, Berlin, genz@united-one.com
entsprach so gar nicht den Vorstellungen
der zuständigen Behörden.
Foto: O. Samain
Obwohl die Eltern der SchülerInnen
keine Probleme mit Céciles Engagement
hatten, legte ihr der Vorstand der Schule
nahe, entweder den Beruf aufzuge-
ben oder die Politik.„Ich habe mich für
Selbstbestimmung und Politik entschie-
den“, erklärt Cécile und setzte fortan
auch dieses Studium anders als geplant
ein. Als Dolmetscherin und Übersetzerin
für Initiativen und Bewegungen sowie
als Journalistin ist sie nun regelmäßig
im Einsatz, denn internationale Vernet-
zung liegt ihr am Herzen. „Die Probleme
machen keinen Halt an der Grenze.“ Sie
unterhält und koordiniert Kontakte nicht
nur zwischen Deutschland und Frank-
reich, sondern auch in andere Länder,
wie z.B. Russland.

Cécile Lecomte leidet an einer schmerz-


haften chronischen Krankheit, Polyarth-
ritis, und ist zu 30 Prozent schwerbehin-
dert. Inzwischen, so meint sie, kann sie
manchmal besser Klettern als Laufen.
Eine Therapie bremst die Versteifung der
Gelenke, so dass die Hoffnung besteht,
dass das Eichhörnchen noch viele Jahre
klettern kann. Die Begeisterung dafür

„Ich mag zivilen Ungehorsam


und direkte Aktionen“

Nr. 98/3.08 31
tatorte

Köln Foto: I. Kahl

Mobil ohne Auto


in Hamburg und Köln
Hamburg Foto: J. Mumme
15.06.08: Einmal im Jahr heißt es auch offiziell „Mobil ohne
Auto (MoA)“. Die dazugehörigen großen Fahrradsternfahr-
ten wurden in den 90er in Hamburg aufgegeben, da immer
weniger Menschen teilnahmen. Vor drei Jahren wurde die Zum ersten Mal organisierte dieses Jahr auch in Köln ein Ak-
Fahrradsternfahrt dann wieder ins Leben gerufen. Seit dem tionsbündnis aus ADFC, VCD, pro Bahn, ÖDP Köln/Bonn, den
radeln jährlich mehr als 10.000 Menschen in Hamburg mit und Kölner GRÜNEN, KVB und ROBIN WOOD unter dem Motto
demonstrieren damit eindrücklich ihr Engagement für eine an- „Autofrei-Spaß dabei“ eine Sternfahrt in die Innenstadt. Trotz
dere Mobilität. Buchstäblicher Höhepunkt war wieder die Fahrt sehr kurzer Vorlauf- und Werbephase nahmen über 300 Rad-
über die Köhlbrandbrücke, die den Rest des Jahres für Fahrrä- lerInnen teil, die von den fünf Startpunkten aus - mit verschie-
der gesperrt ist. In der Nähe des Dammtorbahnhofs trafen sich denfarbigen Luftballons gekennzeichnet - den Roncalliplatz am
die kilometerlangen Strahlen des Sterns zur Abschlusskundge- Dom erreichten. Bei wunderschönem Sommerwetter hatten
bung. Dort kritisierte ROBIN WOOD das Feigenblatt Agrosprit, die RadlerInnen großen Spaß daran, die Straßen ganz für sich
wie der angebliche „Biosprit“ eigentlich heißen müsste. zu haben.

Salz in der Suppe


Bremen,17.06.08: „Ick mog keen Salz“, verkündet die Krabbe
auf einem der Schilder. Auf einer Plane voller Salz winden sich
menschliche Fischskelette. ROBIN WOOD-AktivistInnen und
Unterstützer protestierten auf diese Weise in Bremen gegen die
hohe Salzeinleitung in die Flüsse Werra und Weser. Anlass war
die „Salzstaffel“, eine von Verbänden und Kommunen ins Leben
gerufene Schifffahrt gegen die Versalzung durch den Kasseler
Düngemittelhersteller K+S AG. Am 17. Juni kam die Salzstaffel
bei ihrer letzten Station in Bremen an, um dem Bremer Umweltse-
nator Loske (Grüne) symbolisch den „Stein des Anstoßes“, eine
Flasche Quellwasser, ein Salzfass und die Erklärung „Für eine
Bremen lebendige Werra, Fulda und Weser“ zu überreichen.

32 Nr. 98/3.08
tatorte

Foto: ROBIN WOOD/Lege Stuttgart, 13. Juni

12. Juli
Foto: Markus Karl
Lang lebe der
Stuttgarter Kopfbahnhof!
Stuttgart, 13.07.08: Der Hauptbahnhof feierte seinen 80. Geburts-
tag. Zur Feier des Tages seilten sich drei ROBIN WOOD-Aktivisten vom
Bahnhofsturm ab und spannten ein etwa 80 Quadratmeter großes
Transparent mit der Aufschrift „K21 statt S21“. Der Protest richtet sich
gegen das Bauvorhaben „Stuttgart 21“. Mit milliardenschweren Investi-
tionen soll ein neuer Hauptbahnhof entstehen, der leistungsschwächer,
unkomfortabler und nicht einmal behindertengerecht sein wird. Das
„Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21“ setzt sich für ein Alternativkon-
zept „Kopfbahnhof 21“ ein, bei dem der heutige Kopfbahnhof beste-
hen bleibt und durch Modernisierungen dem Zugverkehr der Zukunft
gerecht wird.
Vom 13.06. bis 15.06.08 hatten bereits 10 AktivistInnen mehrere
Bäume im Schlossgarten, dem benachbarten Stadtpark, besetzt. „Gebt
auf eure Bäume acht, sonst wird der Park platt gemacht – Stoppt Stutt-
gart 21“, war auf einem der Transparente zu lesen. Für das Bauvorha-
ben sollen über 250 Bäume im Stadtpark gefällt werden. Aufgrund der
Kessellage der Stadt haben die Bäume eine enorme Bedeutung für das
Stadtklima. Der Stadtmeteorologe Baumüller warnt bereits vor einer
Zunahme des Hitzestress für die Menschen in Stuttgart im Hochsommer.

Foto: S. Topp Planet Diversity


Bonn, 12.05.08: Auftaktveranstaltung des internationalen Kongresses,
der begleitend zur Vertragsstaatenkonferenz „Biologischen Vielfalt
und Biologischen Sicherheit“ stattfand, war eine Demo in der Rhein-
aue unter dem Motto „Planet Diversity - lokal, vielfältig, gentechnik-
frei“. ROBIN WOOD hatte sich für diesen Tag ein besonderes Mit-
bringsel überlegt - die AktivistInnen verteilten Saatgut-Tütchen mit der
Aufschrift: „Gentechnik ist völlig ungefährlich“. Wer dieses Tütchen
neugierig öffnete, bekam schon mal einen Vorgeschmack auf die
Mogelpackung gentechnisch veränderten Saatgutes, die uns die Agro-
industrie unterschieben möchte. In dem Tütchen befand sich lediglich
ein Zettel mit der Aufschrift „Alles nur leere Versprechungen“.

Nr. 98/3.08 33
tatorte

Fotos: ROBIN WOOD

Protest vorm Schacht endlager Asse, in dem rund 130.000 Fässer mit leicht- und mit-
telradioaktiv verseuchtem Müll liegen, ist es mit der Sicherheit
Wolfenbüttel, 24.6.08: Vor der Schachtanlage Asse 2 bei schon nach knapp 40 Jahren vorbei. In der Salzlauge, die auf
Wolfenbüttel protestierten AktivistInnen von ROBIN WOOD einer Sohle in der Nähe einer mit Atommüll gefüllten Kam-
gegen die dortige verantwortungslose Lagerung von Atom- mer aufgefangen wurde, haben sich Cäsium, Strontium und
müll. In dem weltweit ersten unterirdischen Atommülllager sogar das hochgefährliche Plutonium gelöst. Laut Bundesamt
droht eine Katastrophe. Das im Salzstock aufgefangene Wasser für Strahlenschutz könnte es bereits in 150 Jahren zu einer
ist schon jetzt weit über den erlaubten Grenzwerten radioak- radioaktiven Verstrahlung der oberirdischen Gewässer rund um
tiv verseucht. Der Betreiber der Asse, das Helmholtz Zentrum die Asse kommen, bei der die heute geltenden Strahlenschutz-
München (HZM), hatte für den Tag MedienvertreterInnen zur werte um das Vielfache überschritten würden.
Schachtanlage eingeladen, um sein Konzept zur Schließung
des Bergwerks zu präsentieren. Seitdem der Skandal um radioaktiv belastetes Wasser in der
Asse öffentlich bekannt wurde, ergehen sich das nieder-
Eine Million Jahre muss - nach Vorgaben der Internationalen sächsische Umweltministerium, das Landesbergbauamt in
Atomenergie-Organisation IAEO - der radioaktive Atommüll Clausthal-Zellerfeld und das Helmholtz Zentrum darin, sich
sicher gelagert werden. Doch in dem so genannten Versuchs- gegenseitig die Schuld in die Schuhe zu schieben. Ein parla-
mentarischer Untersuchungsausschuss des niedersächsischen
Landtages soll demnächst Licht in diesen Dschungel der Unver-
anwortlichkeiten bringen.

Das Helmholtz Zentrum aber arbeitet daran, für immer zu


vertuschen, was in der Asse gelaufen ist. Es will den Schacht
fluten und ihn bis 2017 endgültig schließen. Die ROBIN
WOOD-Aktivisten hielten dagegen und forderten, dass in der
Asse nur noch Tätigkeiten durchgeführt werden, die
der akuten Gefahrenabwehr dienen. Die Rückholung des ge-
samten Atommülls müsse jetzt vorbereitet werden. Es sei keine
Zeit mehr zu verlieren!

Dabei sollte die Asse ein Vorzeigeprojekt für den Umgang mit
Atommüll werden. Das Ergebnis ist eindeutig. Es gibt keine
sichere Endlagerung des Atommülls.

34 Nr. 98/3.08
tatorte

Keine Kohle für Klimakiller...


... lautete das Motto der Demo gegen den geplanten Ausbau
des Mannheimer Kohlekraftwerks, zu der am 24.05.08 die Ini-
tiative ikema - Klima und Energie Mannheim aufrief, in der sich
lokale Gruppen wie ROBIN WOOD-Rhein-Neckar engagieren.
Über 500 Menschen zeigten durch bunte Vielfalt, was sie vom
neuen Block 9, der eine Leistung von 900 Megawatt haben soll,
halten. Nicht nur die TeilnehmerInnen, auch die Redebeiträge
waren vielfältig: Lokale Initiativen wie ikema, metropolsolar
und der BUND sprachen, sowie ein Mannheimer Arzt von der
lokalen Ärzteinitiative gegen das Kohlekraftwerk.

Ziel der Demonstration war die Mannheimer BürgerInnen zu in-


formieren, was vor ihrer Haustür geplant ist. Nicht nur Unmen-
gen an CO2 würden in die Luft geblasen, auch giftige Stoffe
wie Quecksilber und Stick- und Schwefeloxide sollen durch
einen hohen Schornstein möglichst weit verbreitet werden. Die
Argumente auf der anderen Seite sind die üblichen: Der neue
Kraftwerksblock sei viel effizienter als die alten, die Alternativen
seien noch nicht so weit und es müssten Arbeitsplätze abge-
baut werden, wenn kein neuer Block käme.

Am 11.06.08 hatte der Mannheimer Oberbürgermeister zu


einer Bürgerversammlung eingeladen, die teilweise eher an eine
Betriebsversammlung erinnerte. Dennoch behaupteten sich die
KritikerInnen des Projektes sehr gut. Nachdem nun auch der
Gemeinderat für das Projekt stimmte, obwohl viele Fakten noch
gar nicht vorliegen, organisiert das stetig wachsende Bündnis
gegen den Bau des Kohlekraftwerks ein Bürgerbegehren.

Schmierige Geschäfte mit Palmöl


Brake,17.07.08: AktivistInnen von ROBIN
WOOD protestierten gegen den Ausbau der
Fettraffinerie des Wilmar-Konzerns im nie-
dersächsischen Brake an der Unterweser. Sie
kletterten auf ein Gebäude auf dem Werks-
gelände und entrollten dort ein Transparent
mit der Aufschrift: „Wenn Brake Palmöl
raffiniert, wird Regenwald zerstört“. ROBIN
WOOD fordert Wilmar auf, ab sofort auf
den Einsatz von Palmöl in seiner Raffinerie zu
verzichten, da für diesen Rohstoff die letzten
Wälder Südostasiens vernichtet werden.

Wilmar ist nach eigenen Angaben der


größte Palmölhändler der Welt und beliefert
zahlreiche bekannte Kunden in der Lebens-
mittelindustrie. Die Reaktion des Konzerns
ließ nicht lange auf sich warten. Wilmar hat
ROBIN WOOD zu Verhandlungen im Sep-
tember nach Rotterdam in die Europazent-
rale eingeladen. Über die Ergebnisse dieser
Gespräche werden wir im nächsten ROBIN
WOOD-Magazin berichten.

Nr. 98/3.08 35
internes
Hamburg-Lüneburg
jeden 2. und 4. Mittwoch,
Treffpunkte 18.30 Uhr in der Pressestelle,
Nernstweg 32, 22765 Hamburg-Altona
Hier erfahren Sie, wann und wo die Aktiven von ROBIN Kathrin Scherer: 04131/206160
WOOD sich treffen. Schauen Sie doch mal bei uns vorbei! hamburg@robinwood.de
lueneburg@robinwood.de
Bayreuth Bremen
Johannes Krug, 0921/5087165 Geschäftsstelle: 0421/598288 Kassel
bayreuth@robinwood.de Dienstag, 19 Uhr, (14-tägig, jeden 1. Donnerstag im Monat, 17 bis
gerade Wochen) 19 Uhr im Umwelthaus Kassel, Infos bei
Berlin bremen@robinwood.de Klaus Schotte: 0561/878384
Donnerstag, 20 Uhr (14-tägig) kassel@robinwood.de
im „Verwaltungsgebäude“ des RAW- Freiburg
Tempels, Revaler Str. 99, 10245 Berlin- Bei uns können sich alle Interessierten Köln
Friedrichshain aus Baden-Württemberg melden: c/o Montag, 20.30 Uhr
berlin@robinwood.de Erik Mohr: 0162/7162536 Alte Feuerwache, Melchiorstr. 3
freiburg@robinwood.de koeln@robinwood.de
Braunschweig
Donnerstag, 20 Uhr Greifswald Leipzig
Ort bitte erfragen bei Birger Buhl, Tel.: 03834/513138 Sebastian Vollnhals, c/o Infoladen Libelle,
Thomas Erbe: 0531/2505865 greifswald@robinwood.de Kolonnadenstr. 19, 04109 Leipzig
braunschweig@robinwood.de Tel.: 0341/2246650
leipzig@robinwood.de

Rhein-Main
Termine erfragen bei:
rhein-main@robinwood.de

Rhein-Neckar
jeden 2. und 4. Dienstag um 19 Uhr
im ASV, Beilstraße 12, Mannheim
Juliane Boß: 06221/589251
rhein-neckar@robinwood.de

München
jeden 2. und 4. Mittwoch, 20 Uhr
„Im Werkhaus“, Leonrodstr. 19
Tel.: 089/168117
muenchen@robinwood.de

Am 6. Juni 2008 sprach das Amtsge-


richt Berlin-Tiergarten eine ROBIN
WOOD-Aktivistin vom Vorwurf frei,
sie hätte eine nicht angemeldete
Protestveranstaltung gegen den
Energiekonzern Vattenfall geleitet.
Die Aktivistin war von der Polizei
willkürlich herausgegriffen und zur
Leiterin der Aktion erklärt worden.
In der Polizeiakte wird als angeb-
licher Beleg für die Versammlungs-
leitung u.a. aufgeführt, es handle
sich bei der Beschuldigten nicht um
eine Mitläuferin, sondern um eine
„engagierte Umweltschützerin“.

36 Nr. 98/3.08
energie

Spülmaschinen

Strom sparen für Fortgeschrittene


Nach einem guten Essen stapeln sich oft große Mengen > Achten Sie beim Kauf einer Spülmaschine auf den Energie-
Geschirr in der Küche und warten darauf gespült zu werden verbrauch und kaufen Sie nur Geräte der Klasse A.
– und gerade jetzt hat niemand dazu Lust. Da benutzt man > Spülen Sie das Geschirr nur, wenn die Maschine ganz gefüllt
gerne eine Geschirrspülmaschine. Der Abwasch wird einfach ist, denn halb gefüllte Maschinen verbrauchen genau so viel
hineingestapelt, der Rest geht automatisch. Aber wie sieht der Strom und Wasser wie volle.
Energieverbrauch aus? > Benutzen Sie Kurz- und Sparprogramme, wenn das Geschirr
nur wenig verschmutzt ist. Je kürzer das Programm läuft und je
Spülmaschinennutzer können mittlerweile ein gutes Gewissen niedriger die Waschtemperatur ist, desto sparsamer läuft Ihre
haben. Moderne Spülmaschinen gehen deutlich sparsamer mit Maschine.
Energie und Wasser um, als es bei einer Handwäsche möglich > Verzichten Sie auf Vorspülen von Hand und auch auf die Vor-
ist. Die Einsparungen liegen bei rund 40%. Ein paar Tipps spülprogramme Ihrer Maschine, so oft wie möglich.
helfen, diese Vorteile auch zu nutzen: > Die meiste Energie verbrauchen Spülmaschinen zum Erwär-
men des Spülwassers. Wenn Ihr Warmwasser nicht elektrisch
erwärmt wird und schnell aus dem
Wasserhahn kommt, ist es sinnvoll, die
Spülmaschine an die Warmwasserleitung
anzuschließen. Auf alle Fälle sollten Sie
dies tun, wenn Sie Ihr Warmwasser solar
erzeugen. Aber auch Öl und Gas sind
als Energiequellen für warmes Wasser
deutlich billiger als Strom.

Das größere Problem von Spülmaschi-


nen aber sind immer noch oft umwelt-
schädliche Spülmittel, die das Abwasser
belasten können. Erst unlängst wurden
in einem Test in der Schweiz Phosphate
in Geschirrspülmitteln gefunden, die
dort schon lange verboten sind. Wer
umweltfreundlich spülen will, sollte auf
Phosphate verzichten und das Spülmittel
nicht zu hoch dosieren.

Foto: Miele

Warmwasser-Boiler
Warmwasser-Boiler gehen ins Geld. Sie stellen die ungüns- Stellen Sie den Boiler ab, wenn sie in der nächsten Zeit kein
tigste Variante zur Warmwasserbereitung dar, weil sie im warmes Wasser brauchen. Es genügt, das Wasser z.B. kurz
Betrieb am teuersten und am wenigsten umweltfreundlich vor dem Duschen zu erwärmen und den Boiler nach dem
sind. Warmwasser-Boiler halten permanent eine bestimmte Duschen wieder auszuschalten. Falls Sie zu festen Zeiten
Menge Wasser auf eine vorgewählte Temperatur. Diese Duschen, kann Ihnen dabei eine Zeitschaltuhr gute Dienste
Wärme geht aber ständig aus dem Speicherbehälter verlo- leisten.
ren und muss über die Heizstäbe ersetzt werden. Gerade in
Mietwohnungen findet man häufig alte, schlecht isolierte Moderne Boiler sind wesentlich besser isoliert als ältere
Geräte vor. Hier kann man mit einigen einfachen Tricks Modelle und haben darum auch weniger Wärmeverluste.
versuchen, die Verluste zu minimieren. Wenn Sie mit Ihrem Vermieter über einen Austausch der
Geräte sprechen, sollten Sie aber besser vorschlagen, dass
Oft ist die Temperatur des Boilers viel zu hoch eingestellt. ein Durchlauferhitzer eingebaut wird, denn diese sind
Niedrigere Temperaturen führen zu geringeren Verlusten. deutlich sparsamer als Boiler. Und wenn Sie dann den
Stellen Sie darum die Wassertemperatur des Boilers so Durchlauferhitzer noch mit Gas anstatt mit Strom betreiben
niedrig wie möglich ein. Optimal wäre es z.B. wenn das können, haben Sie schon fast eine optimale Warmwasser-
Wasser warm genug ist, wenn Sie beim Duschen nur heiß versorgung.
aufdrehen. Sie brauchen dann auch nicht lange nach der
optimalen Mischtemperatur suchen und auch verbrühen Werner Brinker, Darmstadt
können Sie sich nicht mehr.

Nr. 98/3.08 37
energie

Atomkraft – Klimaschutz:
Der Richtungskampf
Der G 8–Gipfel in Tokio deklariert die Atomenergie zur Ökoenergie. Die Medien puschen
die angebliche Renaissance der Atomkraft. Das Thema ist heiß, in etwa so heiß, wie der
Atommüll der zwischen dem 7. und 9. November in den Castoren nach Gorleben transpor-
tiert werden soll. Es erhitzt die Gemüter.

K rebsfälle im Umkreis von Atomkraftwerken, radioaktive


Suppe im Endlager Asse II und einstürzende Salzstollen
im Endlager Morsleben, frei erfundene Rechenparameter
den prognostizierten Run. Lutz Mez, Geschäftsführer der
Berliner Forschungsstelle für Umweltpolitik, hat gerechnet:
Die sog. Lead-Time, also der Zeitraum von der Planung bis
und Sicherheitsmängel bei den Castorbehältern. Pleiten, zur kommerziellen Inbetriebnahme eines Atomkraftwerks,
Pech und Pannen in den AKWs Brunsbüttel und Krümmel dauert 17 Jahre. Würden jährlich 32 Atomkraftwerke
– an Blamagen und Negativschlagzeilen fehlte es der Atom- gebaut, wäre nach 17 Jahren das Uran verbraucht. Der
kraft noch nie. Trotz der schlechten Nachrichten wittert die Uranabbau würde sich zunehmend verteuern und die
Atomlobby Morgenluft. Steigende Energiepreise, vor allem komplizierte Gewinnung des Uran ließe die CO2 Belastung
die galoppierenden Öl- und Gaspreise und das mediale für den Abbau, die Transportwege, die Anreicherung und
Echo auf die Klimaveränderungen, sind in aller Munde. Die Brennelementfertigung hochschnellen. Schon heute ist eine
Atomkraftbefürworter spielen mal die eine, mal die andere Kilowattstunde Atomstrom mit südafrikanischem Uran mit
Karte: abschmelzende Polkappen, steigender Meeresspie- 126 Gramm CO2 belastet – ein modernes Gaskraftwerk mit
gel, steigende Benzinpreise, Klimaschützer, Kostendämpfer. Kraft-Wärme-Koppelung bringt es auf 150 Gramm CO2
Wenn an der Tanke heute 1,60 Euro für einen Liter Benzin pro Kilowattstunde. Stephan Kohler, Geschäftsführer der
abkassiert werden, dann liegt es am staatlich verordneten Deutschen Energieagentur, sagt deshalb bis zum Jahr 2030
Atomausstieg, oder? In dieser Legislaturperiode müssten einen weltweiten Rückgang der Stromproduktion durch
nämlich vier AKW´s vom Netz gehen: Biblis A und B, Neckar- Atomkraft von 16 auf 10 Prozent voraus.
westheim und Brunsbüttel. Vattenfall und Co. schielen dar-
auf, dass sie die gesetzlich verankerten Laufzeiten über die Die Debatte um das Atom wird äußerst aggressiv geführt
Bundestagswahl für ihre Pannen-AKW´s hinaus schieben, und äußerst einseitig. Das Profitinteresse wird notdürftig
um die Stilllegung zu blocken. verkleistert, das Atommülldesaster bleibt außen vor. Die
absaufende Atommülldeponie Asse II bei Wolfenbüttel
Der deutsche „Sonderweg“, der faule Atomkompromiss, blamiert die Protagonisten des Atom bis auf die Knochen.
die Laufzeiten so zu dehnen, dass die Profitinteressen der Jahrelang galt die „Asse“ als Prototyp für Gorleben, jetzt
Betreiber nicht tangiert werden, reicht heute der Industrie kämpfen AnwohnerInnen der havarierten Atommüllde-
nicht mehr. CDU/CSU und die FDP setzen deshalb auf die ponie dafür, den Strahlenmüll herauszuholen, bevor es
völlige Deregulierung, sprich unbegrenzte Laufzeiten. Welt- zu spät ist. Denn täglich fließen 12 Kubikmeter Wasser in
weit fühlen sie sich bestätigt durch die Pro-Atom-Haltung die Schachtanlage. Unkontrollierbar. Der Schacht droht
von Regierungschefs wie Berlusconi, Sarkozy oder ganz abzusaufen. Es gibt keine durchgehende Tonschicht im
aktuell, George W. Bush. Gefahr der Weiterverbreitung von Deckgebirge. Das gleiche Problem kann sich irgendwann
atomwaffenfähigem Material? Atomwaffensperrvertrag, in Gorleben auftun, denn auch dort hat der Salzstock Was-
das Beispiel Iran? Kein Thema. serkontakt. Die Asse wäre, sollte Gorleben nicht gekippt
werden, auch in diesem Punkt zweifelhafter „Prototyp“.
Noch sind es Absichtserklärungen, Verträge und Regie-
rungserklärungen. Die Renaissance der Atomkraft blieb bis- Das Wasser wird bisher aufgefangen und in den Gruben-
her ein Medienhype. Rund um den Globus gibt es derzeit sumpf der Asse abgepumpt. Doch nun flog auf, die Laugen
439 Atomkraftwerke. Übrigens sind das fünf weniger als sind kontaminiert. Die Gesellschaft für Strahlenforschung
2002! 34 Atommeiler, 15 davon in Asien, sind in Bau, aber (GSF) stapelte zwischen 1967 bis 1978 in den Stollen des
12 Kraftwerke sind schon seit 20 Jahren Dauerbaustelle stillgelegten Salzbergwerks nahe Wolfenbüttel 124.494
und werden von der Lobby mitgezählt… Von der anhal- schwachradioaktive Fässer und 1.293 mit mittelradioaktiven
tenden Debatte um den Klimaschutz hat sich die Atom- Abfällen. Ein Großteil der Fässer wurde einfach abgekippt
lobby sicher mehr Rückenwind versprochen. Die hohen und schon bei der Einlagerung beschädigt. Lauge sickert
und langen Baukosten - nicht die Risiken- stehen gegen seit 1988 in die Salzstöcke ein. Sollte die Schachtanlage

38 Nr. 98/3.08
energie

Vor den Fenstern der Jahrestagung Kerntech-


und damit die Atommüllfässer tatsächlich geflutet wer-
nik Ende Mai in Hamburg kommentierte ROBIN
den, verrosten sie in wenigen Jahrzehnten. Kontaminierte
WOOD die Pläne der Atomlobby die Laufzeiten
Salzlösungen würden ins Erdreich sickern. 1 Million Jahre
der AKW zu verlängern
Sicherheit wird suggeriert, wenn Atommüll in Salz, Ton,
Erzgestein verbuddelt wird. Nach nur 40 Jahren Betriebszeit dass es belastbare und überzeugende Lagerkonzepte gäbe.
steht die Asse vor dem GAU. In Gorleben werden die hochradioaktiven Abfälle in einer
Lagerhalle abgestellt. Das ist keine Lösung, das ist verant-
Überstürzt verfüllt und für den Weiterbetrieb geschlos- wortungslos.
sen wurde schon die DDR-Atommülldeponie Morsleben.
Angela Merkel, CDU-Umweltministerin in den 90er Jahren, Die Endlagerbaustelle in Gorleben ist noch verwaist, seit
befand: „Die Standsicherheit des Endlagers und betrof- Oktober 2000 greift das Moratorium. Doch statt offen
fenen Versturzkammern, aber auch der Hohlräume darüber einzugestehen, dass es massive Sicherheitsbedenken
und darunter, ist für die nächsten Jahrzehnte gegeben.“ auch hinsichtlich der Eignung des Salzstocks Gorleben als
Das war 1997, und am 6. April 1998 änderte die Ministerin Endlager gab – sonst wäre es nie zum Moratorium gekom-
das Atomgesetz und verlängerte die Betriebszeit mit einem men, geschah nichts, um eine vergleichende Endlagersuche
Federstrich nochmals um fünf Jahre bis zum 30. Juni 2005. auf den Weg zu bringen. Ende Oktober lädt nun Sigmar
In Morsleben krachte es 2001, doch auch dort lagern aus Gabriel in die Hauptstadt zu einem Endlagersymposium. Er
DDR-Zeiten 14.430 Kubikmeter Nuklearmüll, und nach der will neue Sicherheitskriterien für die Endlagerung präsentie-
Wende kamen noch einmal 22.320 Kubikmeter gesamt- ren. 2010 läuft das Moratorium aus, mangels Alternativen
deutscher Müll hinzu. wächst die Gefahr, dass Gorleben zu Asse II mutiert. Die
Gretchenfrage ist: Hält er an der Barriere Deckgebirge fest

Z iel der Gorleben-AktivistInnen ist, die Fäden dieser


zerfaserten Debatte um den Klimaschutz, die angebliche
Renaissance der Atomkraft bzw. die Laufzeitverlängerung
oder weicht er die Sicherheitsbestimmungen auf? Sigmar
Gabriel lockt die CDU-Ministerpräsidenten mit dem Ange-
bot, in Gorleben ein Versuchslabor einzurichten, um dann
der Reaktoren und das Atommülldilemma zu bündeln. auch andere Endlagerstätten auszugucken… Zwei Altlas-
Wenn 11 Castorbehälter aus der französischen Plutonium- ten, Asse II und Morsleben, gibt es in Deutschland schon.
fabrik Cap de la Hague nach einem Jahr Pause wieder nach Das reicht – Atomkraft, nein danke!
Gorleben rollen, dann verweist dieser – an und für sich
schon risikobehaftete – Transport auf andere Risiken: Ohne
Wiederaufbereitungsanlagen und deren massivem Ausbau Wolfgang Ehmke ist Vorstandsmitglied der BI Um-
ist eine Renaissance der Atomkraft nicht denkbar. Ebenso weltschutz Lüchow-Dannenberg e.V. Bitte vormerken:
wenig wie ohne Weiterverbreitungsgefahr (Proliferation) Bundesweite Demonstration gegen Atomkraft
und die militärische Nutzbarkeit. Atommüll fällt unter Rot- am 8. November in Gorleben. Aktuelle Informationen
Grün, Schwarz-Rot und weltweit unvermindert an, ohne unter: www.bi-luechow-dannenberg.de

Nr. 98/3.08 39
energie

EIB: Schatztruhe der Atomindustrie


Wer hat die Atomkraftwerke Biblis, Brunsbüttel, Gundremmingen, Mülheim-Kärlich, Neckar-
westheim und Philipsburg mitfinanziert? Die Europäische Investitionsbank. Wer hat 2007 einen
Kredit an den Uranbrennstoffhersteller Urenco gegeben? Die Europäische Investitionsbank. Wer
rechnet damit, für die Finanzierung des bulgarischen Atomkraftwerks Belene angefragt zu wer-
den? Die Europäische Investitionsbank. Wer kennt die Europäische Investitionsbank? Niemand.

D ie Bekanntheit der Europäischen


Investitionsbank verhält sich umge-
kehrt proportional zu ihrer wirtschaft-
Finanzierung von Autobahnprojekten
durch Naturschutzgebiete in den neuen
EU-Mitgliedsländern oder umstrittener
dem Sektor: in den 60er, 70er und 80er
Jahren hat sie massiv bei der Finanzie-
rung von AKW in Deutschland, Italien,
lichen Bedeutung, denn kaum jemand Großstaudämme weltweit. Zwar schreibt Belgien, Frankreich und Großbritannien
kennt die europäische Hausbank, ob- sich die Bank den Klimaschutz groß geholfen. Im Jahr 2008 rechnet die EIB
wohl sie jährlich Kredite über 45 bis 50 auf die Fahnen, gleichzeitig finanziert damit, dass aus Bulgarien Kredite für den
Mrd. Euro vergibt. Das ist etwa doppelt sie massiv den Ausbau des Flug- und Bau des AKW Belene beantragt werden.
so viel wie die Weltbank. Damit soll die Autoverkehrs. Innerhalb der EU muss Dieses AKW soll in einer Erdbebengegend
EIB die Ziele der EU durch langfristige sich die EIB an EU-Recht halten, bei ihren gebaut werden und wurde wegen öko-
Finanzierungen für solide Investitionen Finanzierungen außerhalb der EU jedoch logischen und wirtschaftlichen Bedenken
fördern. Zu den Prioritäten, die die EIB fehlen ihr verbindliche Umwelt- und immer wieder gestoppt.
selbst formuliert hat, gehören zum Bei- Sozialstandards. Das führt immer wieder
spiel die Förderung kleiner und mittlerer dazu, dass sie sich an kontroversen und Sollte die Atomindustrie mit Belene wie-
Unternehmen, ökologische Nachhaltig- problematischen Projekten beteiligt, der Zugang zur Schatztruhe EIB erhalten,
keit, der Ausbau der transeuropäischen wie der Tschad-Kamerun Ölpipeline, öffnet das gleich eine ganze Pandora-
Verkehrs- und Energienetze, wie auch dem Bujagali Staudamm in Uganda und büchse, wenn man bedenkt wie viel Geld
die Energieversorgung. Idealerweise soll Bergbauprojekten in der Demokratischen die EIB vergibt. Und viel Geld ist genau
die EIB ihre Mittel für solche Projekte Republik Kongo oder in Sambia. das, was die Betreiber von Atomkraft-
verwenden, die zwar finanziell und sozial werken für ihre Neubaupläne brauchen
tragfähig sind, aber aufgrund ihrer Ri- Seit einem Jahr diskutiert die Bank und so schwer finden: Die Finanzierung
siken für kommerzielle Kreditgeber nicht außerdem den Wiedereinstieg in die von Belene zum Beispiel ist bereits von
attraktiv sind. Finanzierung von Atomkraftwerken, ein 12 internationalen Banken abgelehnt
Bereich, aus dem sie sich etwa zwanzig worden. Die bulgarischen, französischen,
Tatsächlich stand und steht die EIB je- Jahre herausgehalten hat. In der Ver- finnischen, britischen und litauischen
doch immer wieder in der Kritik für ihre gangenheit war sie bereits sehr aktiv in Pläne für neue Atomkraftwerke sind nicht
zu realisieren ohne neue Subventionen
Baustelle des AKW Belene: und ohne neue Geldquellen.
Protestieren Sie gegen die Kreditpläne der EIB!
Ob Belene finanziert wird und die EIB da-
mit wieder in die Atomfinanzierung ein-
steigt, ist jedoch noch nicht entschieden.
In der EIB entscheiden die Anteilseigner
– die 27 Mitgliedsstaaten der Europä-
ischen Union sowie die Europäische Kom-
mission. Damit sitzen auch atomkritische
Länder wie Deutschland und Österreich
im Verwaltungsrat. Deshalb liegt diesem
Heft ein Flyer mit Postkarten bei: an den
deutschen Finanzminister, der für die
Bundesregierung im Verwaltungsrat sitzt
und an den Präsident der Europäischen
Investitionsbank. Wir bitten alle Lese-
rInnen die Postkarten abzuschicken, um
die EIB als Schatztruhe für die Atomindus-
trie verschlossen zu lassen.

Regine Richter arbeitet für urgewald


Foto: Jan Haverkamp/Greenpeace e.V. in Berlin, regine@urgewald.de

40 Nr. 98/3.08
Schüler der Bremer Wilhelm-Kai-

jugendseite
sen-Schule schaffen mehr Lebens-
raum für Wasserbewohner ...

mit Jugendlichen zu kooperieren. Eben


ein wahrhaft europäisches Projekt.
Und nahe an der Realität vieler Flüsse
in Europa, deren Wirklichkeit durch
grenzüberschreitende Einflussnahme der
Menschen in den jeweiligen Ländern der
EU geprägt ist. Viele Dokumente liegen
in deutscher Übersetzung vor, einige
sind nur englischsprachig, so dass eine
Klassenstufe mit guten Englischsprach-
kenntnissen sinnvoll ist.

Die SchülerInnen können auf der Inter-


netseite ein „book of the river“ anlegen,
also alle Ergebnisse ins Internet stellen,

Free Your River Formblätter für Untersuchungsprotokolle


herunterladen und vieles mehr. Eine
Sammlung guter Ideen kann abgerufen
werden, falls sich die Klasse überlegt, mit
Das Schul- und Internetprojekt „Free your River“ in fünf verschiedenen europäischen ihren gewonnenen Informationen und
Ländern veranlasst zu Phantasien mit wilden und rauschenden Flüssen. Ein schönes Wünschen für „ihren“ Fluss oder Graben
Bild, aber wie häufig im Leben: Wir müssen etwas kleiner anfangen. Genau das tat öffentlich zu werden und andere dafür
die Klasse 7c der Wilhelm-Kaisen-Schule in Bremen. Sie erkundete ganz verschiedene zu interessieren: „get active“ heißt der
Fluss- und Bachabschnitte in der Schulumgebung und lernte zu beurteilen, wie es Weg im Internet dorthin. Einen Wasser-
dem Gewässer gerade geht. Der Bewuchs am Ufer, die Tierbesiedlung und die che- generationen-Vertrag mit der Gemeinde
mischen Bestandteile spielten dabei eine wichtige Rolle. abzuschließen, ist eine Möglichkeit. Er
verpflichtet dazu, sorgfältig mit Trink-

E in Graben in der Nähe der Schule


war ganz offensichtlich in einem
desolaten Zustand: Wasser war kaum
ben zu retten zu viel für einen zweistün-
digen Kurs in der Woche. Dafür wurde
mit viel Engagement und Kraft ein be-
wasser oder dem Fluss umzugehen. Eine
andere Idee gibt Tipps für das Gelingen
eines Wasser-Straßentheaters.
zu sehen, eher eine dünne Wasser- nachbarter Stichgraben aufgeweitet, um
schicht über einer verrottenden dicken mehr Lebensraum und Aufzuchtmöglich- Mehr unter www. freeyourriver.net
Laubschicht, die alles Leben zu ersticken keiten für Wasserbewohner zu schaffen.
drohte. Leider war die Aufgabe den Gra- Ein brütendes Teichhuhn konnte die Annegret Reinecke ist Gewässer-
Fortschritte des Projektes kontinuierlich schutzreferentin in der Geschäftstelle
Schulen für „Free Your River“ beobachten. in Bremen, Tel.: 0421/5982894. Anna
Im Mai 2003 begann der WWF Öster- Bernardt hat Anfang Juli in der
reich nach Partnern für ein Projekt über Bei Regenwetter musste der Compu- Magazinredaktion in Schwedt ein
natürliche Flüsse und ihre Bedeutung zu terraum herhalten. Denn das Projekt Praktikum absolviert
suchen. Das erste Treffen mit den zu- „www. freeyourriver.net“ bietet ein
künftigen Partnern fand im September umfangreiches Internetportal. Hier kön- ... und müssen dabei sehr behut-
2003 in Innsbruck statt. Danach wurden nen sich Schüler- und LehrerInnen unter sam vorgehen, um das brütende
Vorschläge für das Projekt „Free Your anderem informieren, an welchen Schu- Teichhuhn nicht zu stören
River“ bei der Europäischen Union ein- len in Österreich, Deutschland, Belgien,
gereicht. Im November 2004 konnte das Slowenien und Italien ähnliche Projekt
Projekt mit einem Treffen in Innsbruck durchgeführt werden.
starten. Alle Projektpartner arbeiten seit
dem an einer gemeinsamen Website, Zum intensiveren interaktiven Arbeiten
auf der sie ihre Flussprojekte vorstellen. können die Schulen eine Zugangsberech-
Das Projekt ist für Schüler von 10 bis 12 tigung bekommen. So ist es möglich,
bzw. von 15 bis 17 Jahren vorgesehen eine Zusammenarbeit zwischen zwei
und möchte dazu anregen sich aktiv für oder mehreren Schulen per Internet zu
Flüsse einzusetzen. organisieren und länderübergreifend

Nr. 98/3.08 41
bücher

Von Amtsschweinen,
Riesenflößen und Rutschbahnen

S toffgeschichten heißt die Serie, in der der


oekom Verlag das Buch von Joachim Radkau
zum Naturstoff Holz herausgebraucht hat - und
ren aufgefordert wurde, damit für die Großver-
braucher kein Engpass entstand.

das ist in diesem Falle fast wörtlich zu nehmen. Gerade das Verdeutlichen dieser Zusammen-
Denn Radkau führt uns vor Augen, wie sehr hänge macht das Buch spannend. So erfährt
die Menschheitsgeschichte von der Nutzung die LeserIn beispielsweise, dass krumm gewach-
des Holzes geprägt ist und das tut er auf so sene Bäume so lange als Bauholz v.a. für Schiffe
anschauliche und leicht lesbare Weise, dass bevorzugt waren, wie die Biegetechnik noch
dieses Sachbuch durchaus zum Schmökern nicht erfunden war. Mit dem wirtschaftlichen
einlädt. Interessant ist das Buch auch deshalb, Wachstum und der allgemeinen Ökonomisie-
weil Holz als Vorläufer der fossilen Energieträ- rung zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde es
ger die Grundlage für die wirtschaftliche Pro- wichtig, den Holzvorrat der Wälder zu berech-
duktion war und viele Parallelen zur heutigen nen - krumme Bäume waren „der Horror der
Energiediskussion bereits in der Geschichte der Forstmathematiker“ - ein Grund, warum man
Holznutzung zu finden sind. nun gerade gewachsene Bäume haben wollte.

Der wesentliche Teil des Buches beschäftigt Radkau führt uns aber auch durch die Ge-
sich mit der Geschichte von Mensch und Holz schichte der Bau- und Sägetechnik und macht
im Mittelalter. Damals fand das wirtschaftliche die Schwierigkeiten und Gefahren des Holz-
Leben zum Großteil direkt im Wald statt, weil transportes deutlich. Auch den Blick auf aktu-
Holz für viele Zwecke genutzt wurde und der elle Diskussionen wie Waldsterben, nachhaltige
Transport schwierig und zeitraubend war. Im Waldnutzung und globaler Holzhandel vergisst
Joachim Radkau Wald wurden die Schweine gemästet, Viehfut- er nicht. Ein Glossar wäre allerdings hilfreich,
Holz – wie ein Naturstoff ter und Streu gesammelt, Brenn- und Bauholz v.a. weil Radkau nicht alle Begriffe gleich bei
Geschichte schreibt geschlagen, Eisen verhüttet, Salz hergestellt. der ersten Erwähnung erklärt.
Stoffgeschichten Band 3 Viele Gewerbe, die auf Brennholz für die Pro-
oekom Verlag duktion von Glas, Pottasche, Pech, Holzkohle Amtsschweine wurden die Schweine der Be-
2007 München angewiesen waren, siedelten in der Nähe des amten genannt. Auch ihnen stand der Wald zur
350 Seiten, 24,90 Euro Waldes. Und wo viele Nutzergruppen auftre- Fütterung zur Verfügung.
ISBN: 978-3-86581-049-6 ten, gibt es auch viele, zum Teil konkurrierende Riesenflöße: Holz wurde zu Flößen zusam-
Interessen. So ist es nicht verwunderlich, dass mengebunden und so auf Flüssen transportiert:
Annette Littmeier, Berlin schon damals mit den ersten Forstordnungen Die Flöße waren bis zu 400 Meter lang.
- die übrigens Teile der Bergordnungen waren Rutschbahnen: Für den Holztransport an Land
- die Bevölkerung zum Holz-, sprich Energiespa- wurden Rutschbahnen gebaut.

anzeige

42 Nr. 98/3.08
anzeige

Ästhetik des Widerstands


und ziviler Ungehorsam

W elche gesellschaftlichen Alternativen gibt es? Fängt man erst einmal an


gemeinsam darüber nachzudenken, fallen einem im Nu zahlreiche his-
torische und aktuelle Projekte, Bewegungen, Institutionen und Forderungen
ein. Die HerausgeberInnen von „ABC der Alternativen“ hatten schnell mehr
als 250 Begriffe gesammelt. So finden sich in dem Band vertraute Begriffe
wie Emanzipation, Globalisierungskritik, Mindestlöhne und soziale Bewe-
gungen, aber auch Begriffe wie Multitude, Neo-Desarrollismo und Wissens-
allmende, die vielen LeserInnen erst einmal unbekannt sein werden.

Schließlich veröffentlichten die HerausgeberInnen in dem Nachschlagewerk


126 Begriffe, die 133 AutorInnen kritischer linker und internationaler Poli-
tik und Bewegungen beisteuerten. Diese standen vor der Herausforderung
die komplexen Begriffe auf nur zwei Buchseiten abhandeln zu müssen. Die
LeserInnen, denen das zu wenig ist, finden unter jedem Beitrag Literatur-
hinweise zum Weiterlesen.

Die Herausgeber wollten im „ABC der Alternativen“ vor allem Begriffe auf-
nehmen, die alternative Weltsichten eröffnen und für emanzipatorisches
Denken und Handeln wichtig sind. Dafür wurden die AutorInnen gebeten
in ihren Beiträgen auch den historischen Zusammenhang zu analysieren
und wichtige gesellschaftliche Widersprüche, auf die die Begriffe hinwei-
sen, zu beleuchten. So sind konkrete Bewegungen wie Attac, Via Campe-
sina und z.B. Tauschringe aus dem ABC herausgefallen.

Der Band ist ein lexikalischer Fundus der alternativen Bewegungen. Den
LeserInnen werden sicher viele Begriffe einfallen, die fehlen, aber aus ihrer
Sicht auch wichtig wären. Im Vorwort machen die HerausgeberInnen gleich
klar, dass sie nicht den Anspruch erheben mit dem ABC erschöpfend zu
sein, sondern dass sie vielmehr zu Diskussionen über alternative Perspekti-
ven an Küchentischen und Kneipenrunden anregen möchten.

Das ABC der Alternativen ist in Kooperation mit dem Wissenschaftlichen


Beirat von Attac, der tageszeitung und der Rosa Luxemburg Stiftung ent-
standen.

Ulrich Brand, Bettina Lösch


und Stefan Thimmel
ABC der Alternativen
Von „Ästhetik des Wider-
stands“ bis „Ziviler Unge-
horsam“
VSA-Verlag, 2007
272 Seiten, 12,- Euro
ISBN: 978-3-89965-247-5

Christiane Weitzel, Schwedt

Nr. 98/3.08 43
bücher

Wie soziale Bewegungen


und Protest Gesellschaft verändern

S oziale Bewegungen sind zu einem festen Bestandteil der politischen


Kultur in Deutschland geworden. In Reportagen, Interviews und Analysen
wird am Beispiel einiger Organisationen – darunter Urgewald, FoeBud und
LobbyControl – und BewegungsarbeiterInnen beschrieben, „wie soziale Be-
wegungen arbeiten und wirken.“ So erläutert z.B. Dieter Rucht „soziale Be-
wegungen als demokratische Produktivkraft.“ StifterInnen geben Aufschluss
über ihre Motive, Proteste zu finanzieren. Eine Einführung in progressive
Philanthropie und eine Kurzvorstellung der Bewegungsstiftung runden den
Band ab.

Felix Kolb/Bewegungsstif-
tung (Hrsg.)
Damit sich was bewegt - Wie
soziale Bewegungen und
Protest Gesellschaft verän-
dern
VSA Verlag, 2007
128 Seiten, 9,80 Euro
ISBN: 978-3-89965-252-9

Die Sonne geht immer von unten auf

D er praktische Protest-Ratgeber „Wir sind überall“ ist ein


inspirierendes Handbuch des neuen weltweiten Protests,
der dezentral für Deglobalisierung, Pluralismus und direkte
bungslagern mit internationalen Telefonkarten einen Gefallen
tun kann. Jeder kann etwas tun, lautet die Botschaft. Dieses
Buch ist eine Protestchronik gegen die „neue Weltordnung“,
Demokratie eintritt. Subjektive Berichte, praktische Tipps und gegen die Marktglobalisierung. Seine bestechenden Argu-
zusammenführende Analysen machen dieses Buch zu einer mente sind Humor, Fantasie, Hartnäckigkeit und eine gute
alternativen Weltreise. AktivistInnen aus aller Welt berichten Portion Mut. „Notes from Nowhere“ ist ein Redaktionskollektiv
über die neue, kreative „Bewegung der Bewegungen“: Stra- aus englischsprachigen AktivistInnen und AutorInnen, Künstle-
ßenkarnevalisten aus England, G-8-Protestierer aus Seattle und rInnen, FotografInnen, Indymedia-MitarbeiterInnen, die schon
Genua, gegen genmanipuliertes Saatgut kämpfende Bauern viele Jahre in der Bewegung aktiv sind, viel umher reisen und
aus Indien, die „Wasserkrieger“ aus Bolivien, Landbesetzer aus ihre Ausgangsbasis in England haben.
Brasilien, afrikanische Sans-Papiers aus Frankreich, Gartengue-
rilleros aus New York ... Das Buch, das in Pflastersteinformat eine Fundgrube an
Aktionsideen bietet, hat nur den einen Schönheitsfehler, dass
Das Buch fordert zum Mitmachen auf, es erklärt zum Beispiel seine sehr kleine Schrift eher zum ausführlichen Nachschla-
wie man eine Straßenblockade organisiert, wie man sich bei gen als zum stundenlangen Schmöckern einlädt.
Verhaftungen verhält und dass man Menschen in Abschie-

Notes from Nowhere (Hrsg.)


Wir sind überall
weltweit. unwiderstehlich.
Antikapitalistisch
Aus dem Englischen über-
setzt von Sonja Hartwig
Edition Nautilus, 2007
544 Seiten, 19,90 Euro
ISBN: 978-3-89401-536-7

44 Nr. 98/3.08
merk-würdiges

Was passiert in Australien, damit bei uns das Licht angeht?

Jugendinitiative „Strahlendes Klima“


dreht Dokumentarfilm über Atomkraft
und Uranabbau

A m Anfang des Atomstroms steht nicht etwa die Steck-


dose oder das Atomkraftwerk, sondern Uran. Bevor wir
Atomstrom nutzen können, ist viel passiert. Ohne Uran kein
funktionierendes Atomkraftwerk und die Steckdose können
wir uns dann auch gleich schenken. Doch woher kommt Uran?

Unsere Jugendinitiative „Strahlendes Klima“ hat sich aufge-


macht, um Licht ins Dunkel zu bringen. Unser Film zeigt den
allerersten Schritt der Atomwirtschaft, nämlich den Uranab-
bau. Wir berichten über seine verheerenden Folgen und
dokumentieren, was hierzulande kaum jemand weiß, weil wir
davon nicht direkt betroffen sind. Dreharbeiten in der australischen Wüste, nahe
der Uranmine Olympic Dam ...
Seit mehr als einem Jahr arbeiten 15 Leute zwischen 20 und
30 Jahren an der Erstellung des Films. Er wird derzeit in un- FilmpatInnen gesucht!
serem Projektbüro in Berlin fertig geschnitten und ab Herbst
2008 von uns verbreitet werden. Da der Film ein nicht kommerzielles Projekt ist, sind wir auf
deine Hilfe angewiesen. Du kannst FilmpatIn werden und
Anfang dieses Jahres ist ein kleines Team nach Australien den Film in deiner Stadt öffentlich zeigen. Lokale Netzwerke,
geflogen, um dort die Auswirkungen des Uranabbaus zu Privatpersonen und Gruppierungen, das sind die Menschen
dokumentieren. Wir haben uns die vom Minengiganten BHP die FilmpatInnen werden können.
Billiton betriebene Uranmine „Olympic Dam“ angeschaut. In
wenigen Jahren soll sie die größte Uranmine der Welt sein. Also, melde dich bei uns, wenn du uns helfen willst, den
Das beliebte Reiseland Australien ist dicht gefolgt von Kanada Film zu verbreiten, egal ob im Kino oder bei dir zu Hause im
bereits heute einer der größten Exporteure der strahlenden Wohnzimmer.
Ressource, die unsere Atomkraftwerke am Laufen hält.

2007 exportierte der rote Kontinent 10.145 Tonnen Uran Anmeldung und Anregungen zum Film unter:
(U308), sogenanntes Yellow Cake. Abnehmerländer wa- getthefilm@nukingtheclimate.com
ren vor allem die USA, Korea, Japan und Staaten innerhalb
der Europäischen Union. Australische Wirtschaftsvertrete- Pirkko Bell, Berlin
rInnen sind stolz auf diese Exportzahlen. In ihren Augen
hilft australisches Uran der Welt beim Klimaschutz. Das Bild
vom sauberen Kernkraftwerk wird auch von der deutschen
Atomlobby gerne gezeichnet. Anders als im atomstrom-
freien Australien wissen wir hierzulande über die Risiken der
Atomkraft weitestgehend Bescheid. Viele von uns haben sich
arrangiert, mit dem Risiko Atomkraft direkt vor der Haustür
zu leben und hoffen, dass größere Unfälle ausbleiben.

Unsere Jugendinitiative „Strahlendes Klima“ hat den glo-


balen Produktionsweg von Atomstrom zurückverfolgt. Wie
funktioniert Uranabbau wirklich? Was sind die Folgen? Wer
ist verantwortlich? Wie kann ich mich selbst einmischen und
etwas verändern? Das gibt es ab Herbst diesen Jahres in
unserem Film zu sehen!

... und am Atomkraftwerk Tricastin, Frankreich

Nr. 98/3.08 45
post

Kompliment!
97/2.08, Computerschrott & Energie

Liebe Redaktion!

Das Layout hat sich ja seit einiger Zeit positiv verän-


dert, aber auch die Inhalte sind wirklich hochinter-
essant geworden. Ich lese gerade die Nr. 97/2.2008
und tue hiermit das, was ich schon seit einiger Zeit
tun wollte : Kompliment!
Machen Sie weiter so!
Ralf Bremermann

Unterschriften für den Regenwald


impressum
D ie SchülerInnen der Klasse 4 a der Grundschule „Am Pappelhain“ in
Potsdam haben am Wettbewerb „Tesalino und Tesalina im Regen-
wald“ teilgenommen und sich während des Projekts intensiv mit tro- Nummer 98/3.08
pischen Regenwäldern beschäftigt. Der Höhepunkt war die Gestaltung
des Klassenraumes als Regenwald. Die Schulleitung und alle anderen Magazin
Klassen wurden eingeladen, um die Schönheit und die Zerstörung der
Regenwälder zu erleben. Auf selbst gestalteten Plakaten wurde gezeigt, Zeitschrift für Umweltschutz und Ökologie
warum es wichtig ist, die Wälder zu schützen. Auf 15 Listen sammel- Erscheinungsweise vierteljährlich
ten die engagierten SchülerInnen von 186 Kindern und LehrerInnen
Unterschriften, die von der Naturschutzjugend Brandenburg und ROBIN Redaktion: Sabine Genz, Angelika Krumm, Annette
WOOD an den Papiergroßhändler Papier Union übergeben wurden, mit Littmeier, Christian Offer, Regine Richter,
der Forderung, kein Papier mehr aus Raubbau anzubieten. Dr. Christiane Weitzel (V.i.S.d.P.)
Verantwortlich für Layout, Satz, Fotos und Anzeigen
ist die Redaktion

anzeige Verlag: ROBIN WOOD-Magazin


Lindenallee 32, 16303 Schwedt
Postfach 10 04 03, 16294 Schwedt
Tel.: 03332/2520-10, Fax: -11
magazin@robinwood.de

Jahresabonnement: 12,- Euro inkl. Versand


zu beziehen über: ROBIN WOOD e.V.,
Geschäftsstelle, Postfach 10 21 22, 28021 Bremen,
Tel.: 0421/59828-8, Fax: -72
info@robinwood.de, www.robinwood.de
Der Bezug des ROBIN WOOD-Magazins ist
im Mitgliedsbeitrag enthalten

Gesamtherstellung: Druckhaus Bayreuth,


www.druckhaus-bayreuth.de
Rollenoffsetdruck, Auflage: 10.000
Das ROBIN WOOD-Magazin erscheint auf 100% Altpapier
augezeichnet mit dem Blauen Engel

Titelbild: Bilderberg/Tobias Gerber


Art Direction: www.tangram-design.de

Spendenkonto: ROBIN WOOD e.V., Postbank Hamburg,


BLZ: 20010020, Konto: 1573-208

46 Nr. 98/3.08
Gute Aktionen
brauchen neue Gesichter!

Neue Aktionen wie das „Pantomimen-Walk-


In“ im Hamburger Hauptbahnhof waren
nötig, um den Bahnraub an der Börse zu
verhindern. Neue Aktivistinnen und
Aktivisten, neue Ideen, neue Kräfte, neue
Erfahrungen und Erfahrungsschätze waren
nötig, um in Deutschland so viel Aufmerk-
samkeit und Bewusstsein für unsere
natürlichen Lebensgrundlagen zu erzeugen.

Unsere Erfolge sind das Ergebnis jahrelanger


Arbeit aller Beteiligten: der ehrenamtlichen
AktivistInnen, der hauptamtlichen Fachleute
und der Förderinnen und Förderer!

Was uns derzeit am meisten fehlt, um auch


in Zukunft so erfolgreich zu sein, sind neue
Förderinnen und Förderer.

Wir können noch mehr erreichen, wenn wir


mehr Unterstützung gewinnen.
Um dieses Ziel zu erreichen, brauchen wir
Ihre Spende für genau diesen Zweck.

Bitte nutzen Sie den Überweisungsträger in


diesem Magazin für dieses bedeutende Ziel.
Für noch mehr Kreativität und noch mehr
Erfolge!

Nr. 98/3.08 47
Gute Aktionen
für den Schutz unserer Umwelt
brauchen immer wieder

neue Gesichter!
Bitte blättern Sie um!

www.robinwood.de

Verwandte Interessen