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Andrea D.

Bührmann
Uwe Fachinger
Eva M. Welskop-Deffaa Hrsg.

Hybride
Erwerbsformen
Digitalisierung, Diversität und
sozialpolitische Gestaltungsoptionen
Hybride Erwerbsformen
Andrea D. Bührmann · Uwe Fachinger
Eva M. Welskop-Deffaa
(Hrsg.)

Hybride Erwerbsformen
Digitalisierung, Diversität und
sozialpolitische Gestaltungsoptionen
Herausgeber
Andrea D. Bührmann Eva M. Welskop-Deffaa
Institut für Diversitätsforschung Deutscher Caritasverband e. V.
Universität Göttingen Freiburg im Breisgau, Deutschland
Göttingen, Deutschland

Uwe Fachinger
Institut für Gerontologie
Universität Vechta
Vechta, Deutschland

ISBN 978-3-658-18981-5 ISBN 978-3-658-18982-2  (eBook)


https://doi.org/10.1007/978-3-658-18982-2

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbiblio-


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Inhaltsverzeichnis

Einleitung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
Andrea D. Bührmann, Uwe Fachinger und
Eva M. Welskop-Deffaa

Teil I  Grundlegende Bedingungen hybrider Erwerbsformen


Erwerbshybridisierung – Verbreitung und
Entwicklung in Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
Rosemarie Kay, Stefan Schneck und Olga Suprinovič
Diskontinuität und Diversität beruflicher Selbstständigkeit . . . . . . . . . . . 51
Hans J. Pongratz und Andrea D. Bührmann
Erwerbshybridisierung: Sozialpolitische (Folge-) Probleme . . . . . . . . . . . 77
Uwe Fachinger
Erwerbsverläufe digitaler Nomaden. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
Eva M. Welskop-Deffaa
Interessenvertretung von (zeitweise) Selbstständigen
in der Medienbranche. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
Veronika Mirschel

Teil II  Branchenbilder


Pflegearbeit im Wandel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
Lena Schürmann und Claudia Gather

V
VI Inhaltsverzeichnis

Hoch qualifizierte Solo-Selbstständige in IT und Medizin. . . . . . . . . . . . . 189


Caroline Ruiner, Birgit Apitzsch und
Maximiliane Wilkesmann
Selbstständige Arbeit als Grenzgang. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
Alexandra Manske
Übergangsphänomen Crowdworking: Die Dinge,
die da kommen werden. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239
Ayad Al-Ani und Stefan Stumpp

Teil III  Gestaltungsansätze für die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik


Zugriff auf Arbeitskraft in der vernetzten Arbeitswelt. . . . . . . . . . . . . . . . 267
Andreas Bücker
Hybridisierung der Erwerbsformen – Arbeits- und
sozialrechtliche Antworten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293
Rainer Schlegel
Erwerbs- und Einkommenshybridisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307
Reinhold Thiede
Erwerbshybridisierung in Europa – sozialpolitische
Herausforderungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323
Karin Schulze Buschoff

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 345


Einleitung

Andrea D. Bührmann, Uwe Fachinger


und Eva M. Welskop-Deffaa

1 Zur Motivation

Arbeitsmärkte unterliegen einem beständigen Wandel. Arbeitsprozesse und


Arbeitsorganisation verändern sich in Folge technischer Innovationen, beeinflusst
durch gesetzliche Regelungen und getrieben durch Schwankungen von Angebot
und Nachfrage. Die global zu beobachtenden, insbesondere sich aber auf dem
deutschen und europäischen Arbeitsmarkt vollziehenden Veränderungen stehen
stark unter den Vorzeichen der Digitalisierung.1 Arbeit kann immer leichter von
Zeit und Raum ungebunden organisiert werden.

1Siehe beispielsweise Eurofound and the International Labour Office 2017; Manyika et al.

2017; Eichhorst und Lichter 2017, S. 185 ff.; Schmidt 2017; ifo Institut. Leibnitz Institut
für Wirtschaftsforschung an der Universität München e.V. 2016; ifo Institut. Leibnitz Ins-
titut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V. 2016; Cicmil et al. 2016;
Vilhelmson und Thulin 2016; Barnes et al. 2015; Reynolds 2015; sowie die flexibility@
work-Berichte: Goos et al. 2016; Randstad 2015; Renooy und Williams 2014; Berkhout
und van den Berg 2010, S. 95 ff.; Berkhout und van Leeuven 2004, S. 31 ff.

A. D. Bührmann (*) 
Universität Göttingen, Göttingen, Deutschland
E-Mail: andrea.buehrmann@uni-goettingen.de
U. Fachinger 
Universität Vechta, Vechta, Deutschland
E-Mail: uwe.fachinger@uni-vechta.de
E. M. Welskop-Deffaa 
Deutscher Caritasverband (DCV), Freiburg im Breisgau, Deutschland
E-Mail: eva.welskop-deffaa@caritas.de

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018 1


A. D. Bührmann et al. (Hrsg.), Hybride Erwerbsformen,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-18982-2_1
2 A. D. Bührmann et al.

Im Kontext dieser globalen Dynamiken bilden sich in Deutschland seit einiger


Zeit heterogene Erwerbsformen heraus. Sie sind vor allem auf die De-Regulie-
rung und die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte sowie den technischen Fortschritt
zurückzuführen.2 Crowdworking und Plattformökonomie führen dazu, dass sich
die Dichotomie von abhängiger und selbstständiger Erwerbstätigkeit endgültig
aufzulösen scheint. Wechsel zwischen den beiden Erwerbsformen und unter-
schiedliche Mischformen stellen überkommene – an der geübten Dichotomie
anknüpfende – arbeits- und sozialrechtliche Regelungen, Kategorien und Ent-
scheidungen infrage und bringen neue arbeitsmarkt-, sozial- und verteilungspoli-
tische Herausforderungen mit sich.3
Die detaillierte statistische Erfassung4 des Arbeitsmarktgeschehens im
Umbruch ist zu einer drängenden Aufgabe geworden. Situationsbeschreibungen
ergeben ohne belastbare Lebensverlaufsdaten kein aussagekräftiges Bild. Das gilt
bereits für die schlichte Bewertung der quantitativen Entwicklung der Selbststän-
digkeit. Der undifferenzierte auf Querschnittserhebungen beruhende Vergleich
führt zur Aussage, die Zahl der (Solo-) Selbstständigen habe in den letzten Jahren
nicht weiter zugenommen.5 Im Vergleich der Lebensverlaufsmuster verschiedener
Kohorten kann allerdings aufgezeigt werden, dass die Anzahl der Erwerbsperso-
nen, die im Lebenslauf Phasen abhängiger und Phasen selbstständiger Tätigkeit
kombiniert, in den letzten Jahrzehnten von Kohorte zu Kohorte zugenommen hat
(und potenziell weiter zunimmt).6
In verschiedenen Publikationen wird mit Verweis auf die Standarderhebungen
des Arbeitsmarktgeschehens von Arbeitsmarktexperten betont, dass das Normal-
arbeitsverhältnis „weiterhin die Regel“ sei.7 Wird unter normaler Beschäftigung

2Siehe beispielsweise Seifert 2012.


3Thiede 2010, S. 94 ff.; Keller und Seifert 2002, S. 103; Eichenhofer 2009, S. 5 ff. Dass es
sich hierbei um ein grundsätzliches und nicht ein nur in der deutschen Situation auftreten-
des Problem handelt, zeigen exemplarisch Freedland und Prassl 2017 für Großbritannien.
4Siehe zur Problematik der Erfassung geringfügiger Erwerbstätigkeit beispielsweise Arnold

et al. 2015, Fußnote 3, S. 17 f.


5So beispielsweise Brenke und Beznoska 2016.

6Siehe dazu in diesem Band Kay et al.

7So im Titel des Beitrags von Arnold et al. 2016.


Einleitung 3

allerdings eine Vollzeiterwerbstätigkeit verstanden, so ist, im Gegensatz dazu,


die absolute und auch die relative Anzahl derartiger Beschäftigungsverhältnisse
in Deutschland zurückgegangen.8 Unabhängig davon, ob und wie phasenweise
Selbstständigkeit in den Erwerbsverläufen zu einer „neuen hybriden Normalität“
wird, ist von einer sukzessiven Erosion der „normalen“ abhängigen Vollzeiter-
werbstätigkeit auszugehen,9 die einen Abschied von „traditionellen“ Lebensläu-
fen mit sich bringt.10
Die Flexibilisierung von Arbeit, die oftmals als unabdingbar dargestellt wird,11
geht mit einer Abnahme der Planbarkeit individueller Lebensentwürfe und einer
Zunahme der Unsicherheit in der Entscheidungsfindung12 sowie der Ungewissheit
der Konsequenzen individuellen Handelns einher. In einer breiten Diskussion über
die Prekarisierung abhängiger Erwerbsarbeit ist diese Entwicklung in den letzten
Jahren thematisiert worden. Dass und wie sich die Veränderung der abhängigen
Beschäftigung mit einer Veränderung der Selbstständigkeit verbindet, ist in die-
ser Diskussion allerdings weitgehend unbeachtet geblieben. Hybride Erwerbs-
verläufe, bei denen sich abhängige und selbstständige Tätigkeit im Lebensverlauf
abwechseln, standen nicht eigenständig im Fokus der Forschung.13 Diese Lücke
schließt dieser Band. Er konzentriert sich auf die Erwerbshybridisierung als
Spielart flexibler Erwerbstätigkeit.
Als Erwerbshybridisierung bezeichnen wir sowohl das Phänomen, dass
die individuelle Erwerbsbiografie verschiedene, aufeinander folgende Phasen
von abhängiger Erwerbstätigkeit und Selbstständigkeit aufweist (die „serielle
Erwerbshybridisierung“), als auch Mehrfachbeschäftigungen und Kombinatio-
nen abhängiger und selbstständiger Erwerbstätigkeit im selben Zeitraum („syn-
chrone Erwerbshybridisierung“). Beide Typen hybrider Erwerbsmuster haben

8Siehe Arnold et al. 2015, S. 13 f.; Hirschel und Krämer 2016; Höhn 2016. Die Auswer-

tungen von Arnold et al. 2015 beruhen auf dem sozio-ökonomischen Panel und sind daher
weniger verlässlich, als die Angaben auf Basis des Mikrozensus, der als Referenz für das
sozio-ökonomische Panel dient, oder die Angaben der Bundesagentur für Arbeit; siehe
auch Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2017, S. 74 ff.
9Vgl. Bührmann 2012.

10Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2017, S. 85 f.; vgl. auch schon früh Bührmann

2012.
11So z. B. in Randstad 2015, S. 170 ff.

12Hier ist u. a. das gestiegene Risiko einer Fehlentscheidung gemeint.

13Erstmals verwiesen auf die Eigenständigkeit dieser Veränderungsprozesse und die phä-

nomenale Besonderheit der Erwerbshybridisierung haben Bögenhold und Fachinger 2015.


4 A. D. Bührmann et al.

eines gemeinsam: Der Anteil des Einkommens aus selbstständiger und aus abhän-
giger Beschäftigung am Lebenserwerbseinkommen schwankt. Bei immer mehr
Menschen fließt das Gesamterwerbseinkommen im Lebenslauf aus abhängiger,
ebenso wie aus selbstständiger Arbeit. In einem Wohlfahrtsstaat, dessen soziale
Sicherungssysteme „normalerweise“ auf die abhängige Beschäftigung ausgerich-
tet sind, führt diese forcierte Vermischung zu strukturellem Anpassungsbedarf.
Wenn einer Rentnergeneration, die hundert Prozent ihres Lebenseinkommens
aus abhängiger Beschäftigung erzielte, eine Beschäftigtengeneration nachfolgt,
die nur noch sechzig Prozent ihres Erwerbseinkommens aus sozialversiche-
rungspflichtiger abhängiger Arbeit bezieht, ergeben sich Finanzierungsprobleme
für das System. Wenn bei in der gesetzlichen Rentenversicherung versicherten
Beschäftigten nur noch sechzig Prozent ihres Erwerbseinkommens als Bemes-
sungsgrundlage für die Rentenberechnung herangezogen wird, sind für viele pre-
käre Lebenslagen im Alter die Folge.
Nun ist die Aufeinanderfolge verschiedener Beschäftigungsverhältnissen, wie
beispielsweise abhängiger und selbstständiger Erwerbstätigkeit, prinzipiell kein
neuartiges Phänomen. In bestimmten Berufsgruppen war die Zweiphasigkeit des
Erwerbsverlaufs historisch sogar die Regel, wenn nämlich vor der Aufnahme
einer selbstständigen Erwerbstätigkeit eine abhängige Beschäftigung ausgeübt
werden musste. Als Beispiel kann hier auf die Karriere von Ärztinnen und Ärzten
oder selbstständigen Handwerkerinnen und Handwerkern verwiesen werden.14
So absolvieren Ärztinnen und Ärzte als abhängig Beschäftigte eine Facharztaus-
bildung, um dann anschließend als selbstständige Fachärztinnen und Ärzte tätig
zu sein; Handwerkerinnen und Handwerker in Meisterberufen müssen erst eine
gewisse Zeit als Gesellin bzw. Geselle gearbeitet haben, bevor eine Zulassung zur
Meisterprüfung erfolgen kann, um dann selbstständig einen Betrieb zu führen.
Eine hybride Erwerbstätigkeit ist somit nicht per se neu und auch nicht per se
problematisch.15
Die (digitalisierungsgetriebene) Verbreiterung der Erwerbshybridisierung über
den Kreis der „klassisch hybriden“ Berufe hinaus – verbunden mit der Fragmen-
tierung der hybriden Sequenzmuster in zeitlicher Perspektive –, fordert allerdings
neue Aufmerksamkeit und neue Antworten. Je nachdem, welche Zeiteinheit ver-
wendet wird, geraten unterschiedliche Hybridisierungsphänomene in den Blick.

14Vgl. Welskop-Deffaa 2017; Welskop-Deffaa 2016; andere Beispiele wären im Bereich

der Rechts- und Steuerberatung zu finden.


15So weisen Folta et al. 2010 darauf hin, dass die Parallelität in einer Phase des sukzessiven

Übergangs in eine selbstständige Erwerbstätigkeit auftreten kann; siehe auch Tornikoski


et al. 2015.
Einleitung 5

Verwendet man beispielsweise als Einheit ein Jahr, so kann in einem Jahr einer
zweimonatige abhängigen eine zehnmonatige selbstständige Erwerbstätigkeit
folgen, diese würden allerdings bei einer Jahresbetrachtung als synchron-hybrid
erscheinen. Würde man als Zeiteinheit einen Monat wählen, so würde die Aufein-
anderfolge deutlich werden (seriell-hybrid). Vergleichbares gilt auch für die Zeit-
einheit Woche, sofern die Tätigkeit in Tagen gemessen wird: Zwei Tage abhängig
und fünf Tage selbstständig erwerbstätig lässt sich auf Monats- bzw. Wochenbasis
nicht identifizieren.
Mittlerweile ist die Erwerbstätigkeit in bestimmten Bereichen zeitlich sehr
kleinteilig geworden, sodass selbst die tägliche Erfassung nicht mehr ausreicht,
um die einzelnen Tätigkeiten zu unterscheiden. So können an einem Tag ver-
schiedene Beschäftigungen vorliegen, beispielsweise sechs Stunden abhängige
Beschäftigung und zwei Stunden selbstständige Erwerbstätigkeit „auf eigene
Rechnung“. Eine Tagesbetrachtung, wie sie beispielsweise bei den Meldungen
zur Sozialversicherung erfolgt, kann dieses Phänomen nicht mehr erfassen – und
unterschätzt damit z. B. auch den arbeitsschutz- und arbeitszeitrechtlichen Hand-
lungsbedarf.
Es kann somit in Abhängigkeit von der gewählten Zeiteinheit zwischen
Erwerbsbiografien unterschieden werden, in denen Wechsel zwischen verschie-
denen Formen abhängiger und selbstständiger Beschäftigungen in zeitlicher Auf-
einanderfolge, d. h. seriell, aufgetreten sind, und Erwerbsbiografien, in denen
derartige Beschäftigungsformen in einer Zeiteinheit, d. h. „zeitgleich“ oder syn-
chron, erfolgten und sich – je nach gewählter zeitlicher Einteilung – die tägliche,
wöchentliche, monatliche oder auch jährliche Arbeitszeit additiv aus der Summe
der Arbeitszeiten einzelner, aufgrund der Zeiteinheit aber als parallel oder syn-
chron erscheinende Tätigkeiten ergibt.
Dabei können diese Tätigkeiten in Formen von Vollzeit- oder Teilzeit erbracht
und – gemäß der Terminologie des Statistischen Bundesamtes in den Mikro-
zensuserhebungen – als Haupt-, Neben- oder Zuerwerb ausgeübt werden. Des
Weiteren können multiple Phasen hybrider Erwerbstätigkeit auftreten, wenn
beispielsweise die Erwerbstätigkeit durch eine Phase der Nichterwerbstätigkeit
aufgrund von Arbeitslosigkeit,16 Pflege eines Angehörigen oder Phasen des Mut-
terschutzes und der Kindererziehung unterbrochen wird.

16Zu beachten ist hier, dass während einer Phase der Arbeitslosigkeit eine geringfü-
gige Beschäftigung ausgeübt werden kann, was im Prinzip auch als eine Form hybrider
Erwerbstätigkeit angesehen werden könnte; siehe § 138 Drittes Buch Sozialgesetzbuch
(SGB III).
6 A. D. Bührmann et al.

Der vorliegende Band nimmt hybride Erwerbsformen aus einer kritischen


Perspektive in den Blick. Den Autoren und Autorinnen ist bewusst, dass sich die
aktuellen Entwicklungen des Erwerbslebens einer Einordnung in die Dichotomie
von abhängiger und selbstständiger Beschäftigung zunehmend entziehen und sich
inzwischen ein großer Variantenreichtum ausgebildet hat: Neben und mit dem
mehrfachen Wechsel im Erwerbsverlauf sind auch prekäre oder „Scheinselbststän-
digkeiten“ entstanden, bei denen sich formale Selbstständigkeit mit großer wirt-
schaftlicher Abhängigkeit von Auftraggeberinnen und Auftraggebern verbindet.17
Diesen hybriden Erwerbsformen gegenüber stoßen sowohl die bisher verbrei-
teten wissenschaftlichen Kategorien als auch die (sozial-) politischen Gestal-
tungskonzepte an ihre Grenzen, da diese jeweils entweder auf Selbstständigkeit
und Unternehmertum oder auf Abhängigkeit und Angestellten- bzw. Arbeitersta-
tus ausgelegt sind. Weder die derzeit verfügbaren Instrumente zur Beschreibung
der Arbeitsmarktentwicklung, wie der Mikrozensus des Statistischen Bundes-
amtes18 oder die prozessproduzierten Statistiken der Bundesagentur für Arbeit,19
noch die gängigen Panelerhebungen – wie das sozio-ökonomische Panel – erfas-
sen die Komplexität hybrider Erwerbstätigkeit hinreichend. So konnte ein (wich-
tiger werdender) Aspekt dieses Phänomens – das Crowdworking – lediglich auf
Basis von speziell dafür durchgeführten Erhebungen behandelt werden.20
Bis heute ist die Frage des Erwerbsstatus – ob abhängig beschäftigt oder
selbstständig tätig – für zahlreiche rechtliche, aber auch sozial- und wirtschafts-
politische Ein- und Zuordnungen maßgeblich. Beispielsweise ist der Zugang zu
Absicherungsformen eines sozialen Risikos wie Arbeitslosigkeit, Krankheit, Pfle-
gebedürftigkeit oder „Langlebigkeit“, d. h. die materielle Absicherung im Alter,
oder teilweise auch die Höhe der zu zahlenden Beiträge – einkommensbezogen
oder einkommensunabhängig – über den Erwerbsstatus definiert. Die Einordnung
des Erwerbstatus bestimmt somit die Rechte und Pflichten einer Absicherung und
deren spezifische Ausgestaltung.21

17Siehe zur Thematik der Scheinselbstständigkeit, die insbesondere im Zusammenhang mit


Maßnahmen zur De-Regulierung des deutschen Arbeitsmarktes Ende der 1990er, Anfang
der 2000er Jahre intensiv diskutiert wurde, Dietrich 1996; Steinmeyer 1996; Reindl 2000;
Bieback 2001; Schulze Buschoff 2005; Mette 2015.
18Siehe z. B. Statistisches Bundesamt 2016.

19So beispielsweise die Stichproben der Integrierten Arbeitsmarktbiografien (SIAB), die für

den Beginn und das Ende von Episoden tagesgenaue Angaben enthalten; siehe beispiels-
weise Antoni et al. 2016 und Oberschachtsiek et al. 2009.
20Leimeister et al. 2016; Al-Ani und Stumpp 2015.

21Siehe hierzu u. a. Kreikebohm und Koch 2012.


Einleitung 7

2 Zu den Leitthemen

Ziel des Bandes ist es, ausgehend von den wissenschaftlichen Befunden und
(sozial-) politischen Herausforderungen, neue Möglichkeiten der analytischen
Beschreibung und der arbeits- sowie sozialrechtlichen und -politischen Gestal-
tung von hybriden Erwerbskonstellationen auszuloten. Dabei wird eine beste-
hende Forschungslücke explorativ gefüllt, wobei bewusst eine enge Verbindung
zwischen wissenschaftlichen, konzeptionell-theoretischen Ansätzen und sozialpo-
litischer Praxis eingegangen wird.
Die Beiträge zum Band tragen aus verschiedenen theoretischen Perspektiven,
unter Verwendung diverser Methoden und mit je unterschiedlichen thematischen
Schwerpunktsetzungen, zur Beantwortung der im Folgenden kurz charakterisier-
ten zentralen Leitthemen bzw. -fragen bei.
Neue Daten und Sekundäranalysen ermöglichen eine lebensverlaufsorientierte
Beschreibung des Status quo hybrider Erwerbsverläufe. Auf Basis empirischer
Befunde werden vertiefte Einblicke in die Veränderungsprozesse möglich –
sowohl im Hinblick auf die konkreten Ausprägungen hybrider Erwerbsformen als
auch in Bezug auf die Ähnlichkeit bzw. die Unterschiede in der Entwicklung in
verschiedenen Berufen und Branchen. Im Rahmen einer umfassenden Lageana-
lyse werden dabei auch die Veränderung in den letzten Jahren sowie der künftige
Wandel in den Blick genommen.22 Darauf aufbauend werden die Ursachen für
die Entwicklungen thematisiert. Dabei geht es um die Akteure, die maßgeblich zur
Entwicklung beigetragen haben, und deren Interessen, und um die Relevanz der
neuen technischen Möglichkeiten – insbesondere der Digitalisierung – in diesem
Prozess.
Auf Basis der Kenntnisse zum Status quo und zu den Ursachen werden die
Folgen der Entwicklungen für die Erwerbstätigen diskutiert. Dabei werden u. a.
zwei Treiberinnen hybrider Erwerbstätigkeit in den Blick genommen: einerseits
die individuelle Attraktivität der Möglichkeit erhöhter Flexibilität in der Arbeits-
gestaltung, andererseits die „on demand“-Nachfrage nach Arbeitskräften. Es wird
danach gefragt, welche sozialen Gruppen die Entwicklung forcieren und von der
Erwerbshybridisierung profitieren. Des Weiteren werden die Wirkungen der Hyb-
ridisierung auf unterschiedliche Erwerbsbiografien, auf die Erwerbsbeteiligung

22Schmähl 2009, S. 121.


8 A. D. Bührmann et al.

und auf Versicherungsverläufe thematisiert. Hieraus können Antworten auf die


Frage nach den Ressourcen, die die Betroffenen zur Bewältigung benötigten, und
welche Regulierungserfordernisse sich ergeben, abgeleitet werden, wobei insbe-
sondere die sozial- und verteilungspolitischen Herausforderungen fokussiert wer-
den.
Aus übergeordneter Sicht stellt sich die Frage, wie die Erwerbshybridisierung
prinzipiell in Wissenschaft und Politik problematisiert wird, welche Konzepte
dabei verwendet und als geeignet betrachtet werden. Von Interesse ist dabei u. a.,
welche gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen sich mit den Veränderungen
beschäftigen – ob beispielsweise die Gewerkschaften sich mit dieser Thematik
befassen, welche Bedeutung Gewerkschaften zukommt, welche Rolle sie selbst
einnehmen bzw. welche ihnen zugewiesen wird.

3 Zum Aufbau

Zur Umsetzung dieses Programms gliedert sich der Band in drei Teile.
Im ersten Teil werden die grundlegenden Bedingungen hybrider Erwerbs-
formen theoretisch analysiert und empirisch dargestellt. Rosemarie Kay, Stefan
Schneck und Olga Suprinovič stellen erstmalig für Deutschland auf der Basis
einer repräsentativen Erhebung die empirische Verbreitung hybrider Erwerbs-
tätigkeiten und deren quantitative Entwicklungen vor. Daran anschließend neh-
men Hans J. Pongratz und Andrea D. Bührmann programmatische Fragen mit
Blick auf unterschiedliche Typen hybrider Erwerbstätigkeit in den Blick. Die
Komplexität der Erwerbshybridisierung aus sozialpolitischer Perspektive zeigt
Uwe Fachinger in seinem Beitrag auf und weist auf die sich daraus potenzi-
ell ergebenden sozial- und verteilungspolitischen Probleme hin. Im Beitrag von
Eva M. Welskop-Deffaa wird ein Perspektivenwechsel vorgenommen – in ihrem
Beitrag werden die Entwicklungen hybrider Erwerbsverläufe wesentlich als Aus-
druck der Digitalisierung reflektiert und Schlussfolgerungen für eine „Sozialpoli-
tik 4.0“ skizziert. Schließlich berichtet Veronika Mirschel über die Entwicklung
der gewerkschaftlichen Interessenvertretung von Selbstständigen. Dieser Beitrag
macht deutlich, dass es sich bei dem Ringen um die soziale Absicherung neuer
hybrider Erwerbsformen nicht um ein theoretisches Phänomen, sondern um eine
sehr konkrete praktisch-politische Herausforderung handelt.
Im zweiten Teil werden exemplarisch Branchenbilder auf empirischer Grund-
lage vorgestellt und diskutiert. Es wird dabei auch veranschaulicht, wie sich
unter den aktuellen Erwerbsbedingungen und unter den Vorzeichen hybrider
Einleitung 9

Erwerbsverläufe selbstständige Arbeit verändert hat und welche (Regulierungs-)


Perspektiven sich daraus ergeben. Hierauf wird vertieft aus dem Blick verschie-
dener Branchen eingegangen:

• Die Situation abhängiger und selbstständiger Beschäftigung von Pflegekräften


wird von Lena Schürmann und Claudia Gather eingehend anhand von Fallbei-
spielen veranschaulicht.
• Welche Problembereiche bei hoch qualifizierten Erwerbstätigen vorliegen
können, zeigen Birgit Apitzsch, Caroline Ruiner und Maximiliane Wilkes-
mann für den Bereich der Informationstechnik und der Medizin auf.
• Alexandra Manske erörtert die Problematik hybrider Erwerbstätigkeit für Kul-
turberufe.
• Mit dem Phänomen des Crowdworking setzen sich Ayad Al-Ani und Stefan
Stumpp auseinander.

Schließlich werden im dritten Teil konkrete Gestaltungsansätze für die Arbeits-


markt- und Sozialpolitik diskutiert. Am Beginn erörtert Andreas Bücker die
rechtlichen Herausforderungen der Arbeit in von ihm sogenannten Netzwerkor-
ganisationen, d. h. in den betrieblich und außerbetrieblich verknüpften Bereichen
der Arbeitswelt 4.0. Rainer Schlegel gibt in seinem Beitrag erste arbeits- und
sozialrechtliche Antworten auf die mit der Hybridisierung der Erwerbsformen
sich ergebenden Herausforderungen – insbesondere in Bezug auf die Einbezie-
hung Selbstständiger in die Sozialversicherungspflicht. Der letztgenannte Aspekt
wird auch im Beitrag von Reinhold Thiede aufgegriffen. Er geht exemplarisch auf
die Probleme der Alterssicherung ein, die sich durch die beobachtbare Erwerbs-
und Einkommenshybridisierung ergeben. Reinhold Thiede richtet das Augenmerk
sowohl auf die individuellen Alterssicherungsrisiken der Menschen mit hybriden
Erwerbsverläufen als auch auf Struktureffekte, insbesondere bezüglich der Bei-
tragsbemessungsgrundlage. Um absehbaren Problemen der adäquaten Erfassung
von Einkommen, das über Internetplattformen erzielt wird, entgegen treten zu
können, müsse die Deutsche Rentenversicherung nicht nur gesetzlich, sondern
auch operativ entsprechend aufgestellt werden. Erwerbshybridisierung ist – nicht
zuletzt aufgrund der potenziell wachsenden Raum- und Zeitautonomie – kein
nationales Phänomen. Unterschiedliche good-practise-Beispiele sind daher im
Vergleich verschiedener nationaler Regelungsantworten zu finden. Dieser Aspekt
wird von Karin Schulze Buschoff bearbeitet, die der Erwerbshybridisierung und
den potenziellen Regelungsantworten aus europäischer Perspektive sowie länder-
vergleichend nachgeht.
10 A. D. Bührmann et al.

Danksagungen  Die Beiträge des Sammelbandes gehen auf eine Konferenz zurück, die
der Arbeitskreis „Arbeit der Selbstständigen“ der Sektion Arbeitssoziologie der Deutschen
Gesellschaft für Soziologie mit der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di (Ressort
Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik) im Dezember 2016 in Berlin veranstaltet hat. Wir danken
ver.di für die finanzielle Unterstützung, Hans J. Pongratz, Lena Schürmann und Eva M.
Welskop-Deffaa für die konzeptionelle Entwicklung und organisationale Umsetzung
des Workshops sowie selbstverständlich allen beteiligten Referentinnen, Referenten,
Kommentatorinnen, Kommentatoren sowie Diskutantinnen und Diskutanten dafür, dass sie
sich auf diese ambitionierte Unternehmung eingelassen haben. Wir danken zudem Nicole
Mousset, Fabian Müller sowie Marcel Scharpf für die Unterstützung bei der Erstellung
des druckfähigen Manuskripts. Der Lektorin Dr. Cori Antonia Mackrodt und dem Lektor
Daniel Hawig danken wir für ihre sehr hilfreiche Unterstützung und ihre Geduld.

Andrea Dorothea Bührmann


Uwe Fachinger
Eva Maria Welskop-Deffaa
Göttingen, Vechta, Berlin im Mai 2017

Literatur

Al-Ani, A., und Stumpp, S. (2015). Arbeiten in der Crowd. Generelle Entwicklungen und
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Antoni, M., Ganzer, A., und Seth, S. (2016). Stichprobe der Integrierten Arbeitsmarktbio-
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Arnold, M., Mattes, A., und Wagner, G. G. (2015). Zur anhaltend prägenden Rolle des Nor-
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Arnold, M., Mattes, A., und Wagner, G. G. (2016). Normale Arbeitsverhältnisse sind wei-
terhin die Regel. DIW Wochenbericht, 83(19), 419–427.
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Teil I
Grundlegende Bedingungen
hybrider Erwerbsformen
Erwerbshybridisierung – Verbreitung
und Entwicklung in Deutschland

Rosemarie Kay, Stefan Schneck und Olga Suprinovič

Zusammenfassung
Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Dies
drückt sich nicht nur in einer deutlichen Zunahme von Teilzeitarbeit, sondern
auch in einer deutlichen Zunahme der sogenannten Erwerbshybridisierung
aus. Unsere Analysen auf Basis des Nationalen Bildungspanels zeigen zwei-
erlei: Sowohl die hybride Selbstständigkeit – also die parallele Ausübung von
Selbstständigkeit und abhängiger Beschäftigung oder sonstigen, nicht primär
auf Erwerb ausgerichteten Tätigkeiten – als auch der mehrfache Wechsel zwi-
schen Selbstständigkeit und sonstigen Erwerbsformen haben in den letzten
Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen. Dies zeigt sich sowohl bei Frauen
als auch bei Männern. Derzeit geht schätzungsweise etwa die Hälfte aller Per-
sonen, die eine selbstständige Tätigkeit aufnehmen, noch einer weiteren Tätig-
keit nach, und mindestens jede fünfte startet zum zweiten oder dritten Mal in
die Selbstständigkeit.

Schlüsselwörter
Selbstständige · Hybride Selbstständigkeit · Erwerbsbiografie · Mehrfachselbst­
ständigkeit · Nationales Bildungspanel · NEPS · Sequenzmusteranalyse

R. Kay (*) · S. Schneck · O. Suprinovič 


Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn, Bonn, Deutschland
E-Mail: kay@ifm-bonn.org
S. Schneck
E-Mail: schneck@ifm-bonn.org
O. Suprinovič
E-Mail: suprinovic@ifm-bonn.org

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018 15


A. D. Bührmann et al. (Hrsg.), Hybride Erwerbsformen,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-18982-2_2
16 R. Kay et al.

Datennutzungshinweis:  Diese Arbeit nutzt Daten des Nationalen Bildungspa-


nels (NEPS): Startkohorte Erwachsene, doi:10.5157/NEPS:SC6:5.1.0. Die Daten
des NEPS wurden von 2008 bis 2013 als Teil des Rahmenprogramms zur Förde-
rung der empirischen Bildungsforschung erhoben, welches vom Bundesministe-
rium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziert wurde. Seit 2014 wird NEPS
vom Leibniz-Institut für Bildungsverläufe e. V. (LIfBi) an der Otto-Friedrich-­
Universität Bamberg in Kooperation mit einem deutschlandweiten Netzwerk wei-
tergeführt.

1 Einleitung

Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Das soge-
nannte Normalarbeitsverhältnis – unbefristete abhängige sozialversicherungs-
pflichtige Beschäftigung in Vollzeit – dominiert zwar weiter, ist aber seltener
geworden.1 Zugenommen haben im Gegenzug die Teilzeittätigkeit, insbeson-
dere aufseiten der Frauen, und Wechsel zwischen Phasen von Erwerbstätigkeit,
Arbeitslosigkeit, Bildung oder Hausarbeit.2 Zugenommen haben aber auch die
selbstständige Tätigkeit, die Wechsel zwischen abhängiger und selbstständiger
Tätigkeit3 und nicht zuletzt die parallele Ausübung von abhängiger Beschäftigung
und selbstständiger Tätigkeit sowie die selbstständige Teilzeittätigkeit im soge-
nannten Zuerwerb.4
Mehrfache Wechsel zwischen abhängiger und selbstständiger Tätigkeit gelten
als eine Form der sogenannten Erwerbshybridisierung. Eine andere Form sind
Mehrfachbeschäftigungen, darunter zeitgleiche Kombinationen von abhängi-
ger Beschäftigung und selbstständiger Tätigkeit.5 Wir betrachten im Folgenden
zunächst eine parallele Ausübung von selbstständiger Tätigkeit und abhängiger
Beschäftigung sowie von selbstständiger Tätigkeit und sonstigen Tätigkeiten
ohne klassischen Erwerbscharakter. Diese beiden Formen der Selbstständigkeit
bezeichnen wir als hybride Selbstständigkeit. Anschließend wenden wir uns den
mehrfachen Wechsel zwischen selbstständiger Tätigkeit und sonstigen Erwerbs-
formen zu. Mehrfach zwischen Selbstständigkeit und anderen Erwerbsformen

1Vgl. Arnold et al. 2016, S. 420 f. und S. 


425; Trischler 2014, S. 32 ff.; Schmidt 2012, S. 452 ff.
2Vgl. u. a. Trischler und Kistler 2010, S. 1.
3Vgl. Simonson et al. 2012, S. 8.

4Vgl. Institut für Mittelstandsforschung und Statistisches Bundesamt 2015, S. 109 und S. 35.

5Vgl. Bögenhold und Fachinger 2015, S. 208.


Erwerbshybridisierung – Verbreitung … 17

wechselnde Selbstständige gehören zur Gruppe der Mehrfachgründer, die auch


als Wiederholungs- oder serielle Gründer bezeichnet werden.6 Einen Panelda-
tensatz nutzend gehen wir im Folgenden den Fragen nach, wie stark die beiden
genannten Formen der Erwerbshybridisierung in Deutschland verbreitet sind, wie
sie sich im Zeitverlauf entwickelt haben und durch welche Merkmale die hybri-
den und die mehrfach Selbstständigen gekennzeichnet sind.

2 Datenbasis: das Nationale Bildungspanel (NEPS)

Um die aufgeworfenen Fragen beantworten zu können, sind Lebensverlaufsdaten –


die Phasen der Selbstständigkeit sichtbar machen – erforderlich. Solche Daten
stellen derzeit unseres Wissens nach nur das Sozio-ökonomische Panel (SOEP)
und die Erwachsenenbefragung des Nationalen Bildungspanels (National Edu-
cational Panel Study, NEPS) bereit.7 Allerdings weist das NEPS gegenüber dem
SOEP einige Vorteile auf. So erfasste das SOEP per Ende 2015 höchstens 30
Lebensjahre. Für darüber hinausgehende Zeiträume kann nicht zwischen selbst-
ständiger und abhängiger Beschäftigung unterschieden werden.8 Überdies stellt
das SOEP Informationen mit Bezug zu Selbstständigkeit nur auf Jahres- und nicht
wie das NEPS auf Monatsebene zur Verfügung, sodass mehrfache Änderungen
im Erwerbsstatus innerhalb eines Kalenderjahres nicht erfasst werden. Deswegen
wurde dem NEPS der Vorzug gegeben.
Bei der Erwachsenenstudie des NEPS handelt es sich um eine repräsenta-
tive Befragung der Geburtsjahrgänge 1944 bis 1986 in Deutschland.9 Das NEPS
folgt einem sogenannten Multi-Kohorten-Sequenz-Design und nimmt Personen

6Vgl. Kay et al. 2004, S. 35.


7Großzahlige, anonymisierte Biografiedaten stellt zudem die Deutsche Rentenversicherung
für die wissenschaftliche Forschung zur Verfügung. Zu erwähnen sind insbesondere die
Biografiedaten ausgewählter Sozialversicherungsträger in Deutschland (BASiD), in denen
die Daten der sogenannten Versicherungskontenstichprobe des Forschungsdatenzentrums
der Deutschen Rentenversicherung Bund (FDZ-RV) mit den Informationen aus den Inte-
grierten Erwerbsbiografien und des Betriebs-Historik-Panels der Bundesagentur für Arbeit
verknüpft werden. Die Daten des FDZ-RV eignen sich jedoch nur bedingt für die Analyse
der Selbstständigkeit, da die meisten selbstständigen Tätigkeiten keiner Rentenversiche-
rungspflicht unterliegen (vgl. z. B. Betzelt 2004, S. 25 ff.) und daher nicht in den Datensät-
zen des FDZ-RV erfasst sind.
8Vgl. Kay et al. 2014, S. 22.

9Zum Erhebungsdesign vgl. Aust et al. 2011, S. 11 ff., und Skopek 2012, S. 16 ff.
18 R. Kay et al.

auf unterschiedlichen Stufen des Bildungssystems in den Fokus.10 Die Erwach-


senenstudie hat zum Ziel, Bildungs- und Erwerbsverläufe sowie die Kompetenz-
entwicklung im Lebensverlauf von Erwachsenen abzubilden.11 Der im Folgenden
herangezogene Datensatz (Version 5.1.0) enthält Angaben zu insgesamt rund
17.000 Personen. In den Erstbefragungen in den Jahren 2007/2008 beziehungs-
weise 2009/2010 wurden retrospektiv Informationen zum bisherigen Lebenslauf
erhoben. Die so gewonnenen Biografien wurden durch jährliche Folgebefragun-
gen ergänzt, zuletzt im Jahr 2012/2013. Erfasst werden detaillierte Angaben zur
Bildungs-, Erwerbs- und Familiengeschichte – vom Schulbesuch bis zum aktuel-
len Rand. Die Angaben werden in Form von sogenannten Spelldaten auf monatli-
cher Basis erfasst, wobei der Startzeitpunkt und das Ende der jeweiligen Episode
bekannt sind.
Die NEPS-Daten wurden für den vorliegenden Beitrag speziell aufbereitet.
Den Ausgangpunkt bildet der sogenannte generierte Biografie-Datensatz, der
insgesamt neun Episodentypen12 enthält. Dieser Datensatz wurde um Angaben
zu Erwerbsepisoden (vor allem zur beruflichen Stellung), zu der Art der Lücken
im Erwerbsverlauf sowie zu zeitunveränderlichen Merkmalen der Befragten (wie
Geburtsdatum, Geschlecht) ergänzt. Die ursprünglichen neun Episodentypen
wurden in Anlehnung an die Vorgehensweise in Kay et al. zu sechs Episodenty-
pen (im Folgenden auch als Erwerbsstatus bezeichnet) zusammengefasst.13 Da
lediglich lückenlose Erwerbsbiografien in die Untersuchung einbezogen werden
sollten, wurden alle Fälle mit fehlenden Angaben zur beruflichen Stellung sowie
zum Start- beziehungsweise Endzeitpunkt von Episoden ausgeschlossen. Nicht
berücksichtigt wurden zudem einige wenige Fälle ohne Angaben zum Geburts-
monat oder -jahr sowie Fehlerfassungen. Diese Bereinigungen reduzierten das
Gesamtsample auf 16.599 Personen.
Es ist keine Seltenheit, dass sich eine Person zeitgleich in mehreren Erwerbs-
status befindet. Leider ist nicht ermittelbar, welcher Erwerbsstatus die Haupt-
tätigkeit beschreibt. Für einen Teil der nachfolgenden Analysen ist es jedoch
erforderlich, den jeweiligen Haupterwerbsstatus zu definieren. Diesen haben

10Vgl. Blossfeld et al. 2011, S. 21 f.


11Vgl. Informationsmaterial auf der NEPS-Website: https://www.neps-data.de/de-de/daten-
zentrum/datenunddokumentation/startkohorteerwachsene.aspx, Stand: 9. Mai 2016.
12Dies sind: Schule, Berufsvorbereitung, Berufsausbildung, Militärdienst, Erwerbstätigkeit,

Arbeitslosigkeit, Elternzeit, Lücke sowie sogenannte Dateneditionslücke. Letzteres sind


nicht weiter spezifizierte Lücken in der Biografie, die länger als zwei Monate andauerten;
vgl. Skopek 2012, S. 33.
13Kay et al. 2014, S. 59.
Erwerbshybridisierung – Verbreitung … 19

Tab. 1   Priorisierung der Erwerbsstatus. (Quelle: Suprinovič et al. 2016, S. 9)


Priorität Erwerbsstatus
1 Selbstständigkeit (einschl. freie Mitarbeit)
2 Abhängige Beschäftigung
3 Arbeitslosigkeit
4 Sonstiges (u. a. Militärdienst, freiwilliges soziales Jahr, Urlaub)
5 Elternzeit oder Haushalt
6 Ausbildung

wir deshalb anhand der in Tab. 1 wiedergegebenen Priorisierungsreihenfolge


bestimmt. Die Priorisierung bewirkt, dass in den Monaten, in denen eine Person
mehr als einen Erwerbsstatus aufweist, der Erwerbsstatus mit der jeweils höchs-
ten Priorität als Haupttätigkeit gekennzeichnet wird. Da Selbstständigkeit eine
besondere Rolle im vorliegenden Beitrag spielt, haben wir der Selbstständigkeit
die höchste Priorität zugewiesen. Das hat zur Folge, dass alle Phasen, in denen
einer selbstständigen Tätigkeit nachgegangen wird, als solche identifiziert werden.
Von den 16.599 im Sample enthaltenen Personen waren 4481 mindestens ein-
mal in ihrem Erwerbsleben selbstständig tätig.14 Dies entspricht einer Selbststän-
digenquote von 27,0 %.15

3 Parallele Ausübung von Selbstständigkeit und


abhängiger Beschäftigung beziehungsweise
sonstigen Tätigkeiten

Gemeinhin herrscht das Bild vor, dass Menschen entweder einer abhängigen
Beschäftigung oder einer selbstständigen Tätigkeit nachgehen. Dies ist aber
keineswegs immer der Fall. Vielmehr können beide Erwerbsformen auf Dauer

14Zu den Selbstständigen zählen wir auch die sogenannten freien Mitarbeiter.
15Dieser Wert übersteigt deutlich die beispielsweise jährlich auf Basis des Mikrozensus
ausgewiesene Selbstständigenquote; vgl. Institut für Mittelstandsforschung 2016. Dies hat
verschiedene Ursachen. Zum einen werden hier alle Formen der Selbstständigkeit, u. a.
auch die im Nebenerwerb, berücksichtigt. Zum anderen handelt es sich hier nicht um den
Erwerbsstatus einer Person in einem bestimmten Jahr. Vielmehr wird ein längerer Zeit-
raum, zum Teil ein ganzes Erwerbsleben betrachtet. Und schließlich liegen den vorliegen-
den Berechnungen, anders als beim Mikrozensus, ungewichtete Daten zu Grunde.
20 R. Kay et al.

nebeneinander ausgeübt werden. Oder aber die selbstständige Existenz wird


schrittweise während der abhängigen Beschäftigung aufgebaut, bis die abhängige
Beschäftigung aufgegeben wird.16 Umgekehrt kann im Zuge der Selbstständigkeit
eine abhängige Beschäftigung aufgenommen werden. Und schließlich kann die
selbstständige Tätigkeit auch neben anderen Erwerbsformen als der abhängigen
Beschäftigung wie zum Beispiel Ausbildung oder Elternzeit ausgeübt werden.17
Dies sind Tätigkeiten ohne klassischen Erwerbscharakter, bei denen die wirt-
schaftliche Existenz typischerweise nicht vollständig aus der Tätigkeit bestritten
werden kann.
Wir betrachten im Folgenden zunächst den Start der hybriden Selbstständig-
keit.18 Dabei unterscheiden wir zwei Konstellationen: Einsetzen der hybriden
Selbstständigkeit bei Aufnahme der selbstständigen Tätigkeit und Einsetzen der
hybriden Selbstständigkeit im Laufe der selbstständigen Tätigkeit (durch Auf-
nahme einer weiteren Tätigkeit). Anschließend richtet sich der Blick auf das Ende
und die Dauer der hybriden Selbstständigkeit.

3.1 Start der hybriden Selbstständigkeit mit Beginn


der Selbstständigkeit

Unsere Analysen zeigen, dass ein erheblicher Anteil der Selbstständigen zum
Zeitpunkt der Gründung noch anderen Tätigkeiten nachging (vgl. Tab. 2). Unter
den 15- bis 34-Jährigen der Geburtskohorten 1944 bis 1949 war es ein gutes Vier-
tel. Dieser Anteilswert ist kontinuierlich im Zeitverlauf angestiegen: Unter den
15- bis 34-Jährigen der Geburtskohorten 1970 bis 1979 ist bereits mehr als die
Hälfte den hybriden Selbstständigen zuzurechnen. Von dieser Kohortendynamik
zu unterscheiden ist die Lebenslaufdynamik der hybriden Selbstständigkeit. Im
Lebenslauf ist eine schwankende Neigung zu beobachten, eine hybride Selbst-
ständigkeit aufzunehmen: So übten beispielsweise 38,2 % der 15- bis 34-Jährigen

16Vgl. Folta et al. 2010, S. 255 f.


17Es dürfte sich typischerweise um eine selbstständige Teilzeittätigkeit mit Zuerwerbscha-
rakter handeln; zur Definition des Zuerwerbs im Mikrozensus vgl. Institut für Mittelstands-
forschung und Statistisches Bundesamt 2015, S. 1 f.
18Genau genommen betrachten wir hier die erstmalige Aufnahme einer Selbstständigkeit.

Da hybride Selbstständigkeit auch in der zweiten oder dritten Selbstständigkeit auftreten


kann, sind die ausgewiesenen Anteilswerte für die hybride Selbstständigkeit unterschätzt.
Tab. 2   Alleinige und hybride erste Selbstständigkeit nach Geburtskohorten und Lebenszeiträumen, Anteile in Prozent. (Quelle: NEPS,
Startkohorte Erwachsene [Version 5.1.0]; eigene Berechnungen)
1944–1949 1950–1959 1960–1969 1970–1979
Lebenszeitraum 15 bis 34 Jahre
Selbstständigkeit 74,0 61,8 52,4 45,2
Hybride Selbstständigkeit
Selbstständigkeit plus abhängige Beschäftigung 8,7 12,6 17,8 20,6
Selbstständigkeit plus andere Erwerbsformen 17,3 25,6 29,8 34,2
Anzahl Personen 185 579 945 562
Lebenszeitraum 15 bis 44 Jahre
Erwerbshybridisierung – Verbreitung …

Selbstständigkeit 76,3 64,9 52,6


Hybride Selbstständigkeit
Selbstständigkeit plus abhängige Beschäftigung 9,8 16,6 22,6
Selbstständigkeit plus andere Erwerbsformen 13,9 18,5 24,8
Anzahl Personen 295 907 1259
(Fortsetzung)
21
22

Tab. 2   (Fortsetzung)
1944–1949 1950–1959 1960–1969 1970–1979
Lebenszeitraum 15 bis 54 Jahre
Selbstständigkeit 75,8 65,1
Hybride Selbstständigkeit
Selbstständigkeit plus abhängige Beschäftigung 9,9 17,9
Selbstständigkeit plus andere Erwerbsformen 14,3 17,0
Anzahl Personen 376 899
© IfM Bonn
„Selbstständigkeit plus andere Erwerbsformen“: parallele Ausübung einer Selbstständigkeit und mindestens einer anderen Erwerbsform
(außer abhängiger Beschäftigung). Im Falle von mehreren sich überschneidenden Erwerbsformen werden hybride Selbstständige, die
zugleich einer abhängigen Beschäftigung nachgehen, dem Status „Selbstständigkeit plus abhängige Beschäftigung“ zugeordnet
R. Kay et al.
Erwerbshybridisierung – Verbreitung … 23

der Geburtskohorten 1950 bis 1959 eine hybride Selbstständigkeit aus. Unter den
15- bis 44-jährigen derselben Geburtskohorte sind es 35,1 % und unter den 15-
bis 54-jährigen 34,9 %.19
Die hybride Selbstständigkeit hat sowohl unter den weiblichen als auch den
männlichen Selbstständigen zugenommen.20 Abgesehen von der Geburtskohorte
1944 bis 1949 üben weibliche Selbstständige tendenziell häufiger parallel eine
weitere Erwerbsform aus als männliche Selbstständige.21
Nicht alle Selbstständigen, die zum Zeitpunkt der Aufnahme der Selbst-
ständigkeit noch einer anderen Tätigkeit nachgehen, sind parallel abhängig
beschäftigt (vgl. Tab. 2). Dies ist nur bei einem Drittel bis der Hälfte der hybri-
den Selbstständigen der Fall – je nach betrachtetem Lebenszeitraum. Die Übri-
gen befinden sich unter anderem noch in der Ausbildung oder erfüllen familiäre
Pflichten. Frauen übten etwas seltener als Männer eine abhängige Beschäftigung
neben der Selbstständigkeit aus und gingen stattdessen etwas häufiger einer sons-
tigen weiteren Tätigkeit nach.22
Wer sind nun diese hybriden Selbstständigen? Wodurch unterscheiden sie
sich von den übrigen Selbstständigen? Wie Tab. 3 zu entnehmen ist, sind hyb-
ride Selbstständige – wie nach den bisherigen Ergebnissen zu erwarten war – im
Durchschnitt geringfügig jünger als ausschließlich Selbstständige. Bei genauerem
Hinsehen zeigt sich aber, dass nur diejenigen hybriden Selbstständigen jünger
sind, die einer anderweitigen Tätigkeit nachgehen. Diejenigen, die parallel eine
abhängige Beschäftigung ausüben, sind im Durchschnitt 2,4 Jahre älter als die
ausschließlich Selbstständigen. Diese Altersunterschiede überraschen nicht, weil
Ausbildungs- und Familienphasen zumeist in jüngeren Lebensjahren auftreten.23

19Ergänzende Probit- und multinomiale Probitschätzungen zeigen allerdings eine negative


Korrelation zwischen Alter und der Aufnahme einer hybriden Selbstständigkeit. Zugleich
deuten sie darauf hin, dass sich hinter den ausgewiesenen Unterschieden zwischen den
Kohorten Perioden- und weniger Kohorteneffekte verbergen. Das heißt, es scheint weniger
darauf anzukommen, welcher Geburtskohorte jemand angehört, sondern eher darauf, wann
die hybride Selbstständigkeit aufgenommen wurde.
20Vgl. Suprinovič et al. 2016, S. 20.

21Vgl. Suprinovič et al. 2016, S. 19 f.

22Vgl. Suprinovič et al. 2016, S. 21. Weitergehende Analysen für 15- bis 44-jährige Selbst-

ständige zeigen, dass lediglich der im Hinblick auf die Kombination Selbstständigkeit und
sonstige weitere Erwerbsform aufscheinende Unterschied zwischen den Geschlechtern sta-
tistisch signifikant ist.
23Vgl. Suprinovič et al. 2016, S. 12.
24

Tab. 3   Soziodemografische Merkmale der Selbstständigen (15 bis 44 Jahre), Anteile in Prozent. (Quelle: NEPS, Startkohorte Erwach-
sene [Version 5.1.0]; eigene Berechnungen)
Nur selbststän- Selbstständig und Selbstständig und Insgesamt
dig abhängig beschäftigt anderweitig tätig
Alter zum Zeitpunkt der Gründung (in Jahren), Mittelwert 32,1 34,5 28,0 31,7
Geschlecht
Frau 42,1 42,8 50,4 44,0
Mann 57,9 57,2 49,6 56,0
Familienstand
Verheiratet, eingetragene Lebenspartnerschaft 54,9 61,7 39,4 52,9
Sonstige 45,1 38,3 60,6 47,1
Kind/er (bis zu 16 Jahre)
Ja 52,0 56,8 39,8 50,3
Nein 48,0 43,2 60,2 49,7
Migrationshintergrund
Nein 80,8 87,9 83,3 82,7
Ja 19,2 12,1 16,7 17,3
Nationalität
Deutsch 94,9 98,3 96,7 95,9
Nicht deutsch 5,1 1,7 3,3 4,1
Höchster Bildungsabschluss
Ohne Schulabschluss 0,3 0,2 0,0 0,2
R. Kay et al.

(Fortsetzung)
Tab. 3   (Fortsetzung)
Nur selbststän- Selbstständig und Selbstständig und Insgesamt
dig abhängig beschäftigt anderweitig tätig
Schulabschluss 9,8 7,6 32,1 13,9
Berufliche Ausbildung 60,1 57,3 43,8 56,3
Hochschulabschluss 19,1 23,6 18,9 19,9
Berufliche Ausbildung und Hochschulabschluss 10,7 11,3 5,1 9,7
Anzahl Personen 1476 463 522 2461
© IfM Bonn
Erwerbshybridisierung – Verbreitung …
25
26 R. Kay et al.

Unter den hybriden Selbstständigen sind Frauen etwas häufiger vertreten als unter
den ausschließlich Selbstständigen.24 Aber auch hier zeigt sich, dass Frauen vor
allem unter denjenigen hybriden Selbstständigen überdurchschnittlich häufig zu
finden sind, die neben der Selbstständigkeit eine anderweitige Tätigkeit – neben
der Ausbildung zumeist wohl Haushalt und Kindererziehung – ausüben.
Ausschließlich Selbstständige sind geringfügig häufiger verheiratet oder in
einer eingetragenen Lebenspartnerschaft und haben etwas häufiger Kinder als
hybride Selbstständige. Erhebliche Unterschiede bestehen jedoch wiederum zwi-
schen den beiden Typen an hybriden Selbstständigen. Aufgrund des geringeren
Alters und der oftmals noch nicht abgeschlossenen Berufsausbildung sind die
hybriden Selbstständigen, die parallel einer anderweitigen Tätigkeit nachgehen,
weitaus häufiger noch nicht in die Familiengründung eingetreten als die hybriden
Selbstständigen, die parallel abhängig beschäftigt sind.
Hybride Selbstständige haben seltener als ausschließlich Selbstständige einen
Migrationshintergrund. Dies gilt vor allem für die hybriden Selbstständigen, die
parallel abhängig beschäftigt sind. Ein ähnliches Bild zeigt sich im Hinblick auf
die Nationalität der Selbstständigen.25
Auch im Hinblick auf den höchsten Bildungsabschluss sind teils erhebliche
Unterschiede zwischen den betrachteten Selbstständigengruppen festzustellen.
Das höchste Bildungsniveau weisen die hybriden Selbstständigen auf, die paral-
lel abhängig beschäftigt sind, gefolgt von den ausschließlich Selbstständigen und
den hybriden Selbstständigen, die eine anderweitige Tätigkeit ausüben. Letzte-
res ist dadurch zu erklären, dass sich diese Personen häufig noch in der Ausbil-
dung, sei es eine berufliche oder eine Hochschulausbildung, befinden. Dass die
hybriden Selbstständigen, die parallel abhängig beschäftigt sind, deutlich höher

24Dies zeigt sich auch auf Basis der Gewerbeanzeigenstatistik, des KfW-Gründungsmoni-
tors und des Mikrozensus; vgl. Institut für Mittelstandsökonomie und Professur für Unter-
nehmensführung 2013, S. 43, S. 49 und S. 54.
25Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wären ausländische Selbstständige und Selbst-

ständige mit Migrationshintergrund im NEPS unterrepräsentiert. So hatten 2014 10,3 %


der Selbstständigen gemäß Mikrozensus eine andere als die deutsche Staatsangehörigkeit.
Allerdings ist zu bedenken, dass einerseits im NEPS ein sehr langer Zeitraum abgedeckt
ist, in dem der Schritt in die Selbstständigkeit vollzogen worden ist, und andererseits der
Ausländeranteil an den Selbstständigen im Zeitablauf gestiegen ist. 1992 lag er beispiels-
weise bei 6,3 %; vgl. Institut für Mittelstandsforschung und Statistisches Bundesamt 2015,
S. 95 f., eigene Berechnungen.
Erwerbshybridisierung – Verbreitung … 27

gebildet sind, dürfte einerseits an ihrem im Durchschnitt höheren Lebensalter


zum Zeitpunkt der Gründung und der damit einhergehenden Möglichkeit, höhere
Bildungsabschlüsse erworben zu haben, liegen. Andererseits könnten höhere Bil-
dungsabschlüsse bessere Gelegenheiten bieten, neben der abhängigen Beschäf-
tigung auch selbstständig tätig zu sein. So hat bereits Brenke auf Basis des
Mikrozensus gezeigt, dass Akademiker – Juristen, Ärzte, Hochschullehrer und
andere Wissenschaftler – ebenso wie Techniker und Ingenieure in ihrer Nebener-
werbstätigkeit besonders häufig selbstständig tätig sind.26
Dies spiegelt sich auch in den Branchen wider, in denen sich hybride Selbst-
ständige besonders häufig selbstständig machen (vgl. Abb. 1). Generell zeigt sich,
dass hybride Selbstständigkeit stärker noch als ausschließliche Selbstständigkeit
im Dienstleistungsbereich stattfindet.27 83,9 % der zusätzlich abhängig beschäf-
tigten und 85,4 % der zusätzlich anderweitig tätigen Selbstständigen sind im
Vergleich zu 72,1 % der ausschließlich Selbstständigen im Dienstleistungssektor
tätig. Besonders häufig ist die hybride Selbstständigkeit in den Bereichen Erzie-
hung und Unterricht, Erbringung von freiberuflichen, wissenschaftlichen und
technischen Dienstleistungen und Gesundheits- und Sozialwesen anzutreffen. In
diesen drei Wirtschaftszweigen ist mehr als ein Drittel der hybriden Selbststän-
digen tätig. Und hier sind die hybriden Selbstständigen zugleich auch überreprä-
sentiert, wie auch in den Bereichen Öffentliche Verwaltung, Verteidigung und
Sozialversicherung, Kunst, Unterhaltung und Erholung sowie Erbringung von
sonstigen Dienstleistungen. Unterrepräsentiert sind sie hingegen im Verarbeiten-
den Gewerbe, im Baugewerbe und im Handel.
Angesichts eines tendenziell geringeren Ressourcenbedarfs (Kapital, Perso-
nal)28 oder tendenziell geringerer rechtlicher Markteintrittsbarrieren verwundert
es nicht, dass hybride Selbstständige stark im Dienstleistungsbereich vertre-
ten sind. Zugleich ist hier das finanzielle Risiko geringer als im Produzierenden
Gewerbe und ein kurzfristiger Ausstieg zumeist möglich.

26Brenke 2009, S. 606.


27Dies bestätigen auch Analysen auf Basis der Gewerbeanzeigenstatistik, des KfW-Grün-
dungsmonitors und des Mikrozensus; vgl. Institut für Mittelstandsökonomie und Professur
für Unternehmensführung 2013, S. 43, S. 49 und S. 54.
28Vgl. z. B. Metzger 2016, S. 14 und S. 16.
28 R. Kay et al.

4,0
Land- und Forstwirtschaft, Fischerei 6,2
5,8
Bergbau und Gewinnung 0,2
0,0
von Steinen und Erden 0,0
6,0
Verarbeitendes Gewerbe 6,2
11,6
0,0
Energieversorgung 0,0
0,2
Wasserversorgung, Abwasser-/ 0,0
0,2
Abfallentsorgung usw. 0,1
4,4
Baugewerbe 3,5
10,2
Handel; Instandhaltung/ 7,2
9,7
Reperatur von Kraftfahrzeugen 15,1
3,4
Verkehr und Lagerei 2,5
2,7
4,8
Gastgewerbe 4,5
5,1
8,8
Information und Kommunikation 4,0
5,5
Erbringung von Finanz-/ 4,0
3,7
Versicherungsdienstleistungen 5,5
0,6
Grundstücks- und Wohnungswesen 1,5
0,7
Freiberufl., wissenschaftl. 11,2
9,9
und techn. Dienstleistungen 9,0
8,2
Sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen 8,2
7,6
Öffentliche Verwaltung, 3,0
4,0
Verteidigung; Sozialversicherung 1,8
15,2
Erziehung und Unterricht 14,9
5,0
8,8
Gesundheits- und Sozialwesen 11,1
8,5
4,8
Kunst, Unterhaltung und Erholung 5,0
2,7
4,6
Erbringung von sonstigen Dienstleistungen 4,5
2,4
0,6
Private Haushalte mit Hauspersonal 0,7
0,5
Exterritoriale Organisationen 0,2
0,0
und Körperschaften 0,1

Selbstständig und anderweitig beschäftigt Selbstständig und abhängig beschäftigt Nur selbstständig
© IfM Bonn 16 1504 039

Abb. 1   Selbstständige (15 bis 44 Jahre) nach Branchen. (Quelle: NEPS, Startkohorte
Erwachsene [Version 5.1.0]; eigene Berechnungen)
Erwerbshybridisierung – Verbreitung … 29

3.2 Start der hybriden Selbstständigkeit im Laufe der


Selbstständigkeit

Richtete sich der Blick bisher auf hybride Selbstständige, die zu Beginn der
Selbstständigkeit parallel eine weitere Tätigkeit ausübten, betrachten wir im Fol-
genden hybride Selbstständigkeiten, die erst im Laufe einer zunächst ausschließ-
lichen Selbstständigkeit entstanden sind. Knapp jeder fünfte Selbstständige, der
zunächst ausschließlich selbstständig war, nimmt im Laufe der Selbstständigkeit
parallel eine weitere Tätigkeit auf – seltener eine abhängige Beschäftigung als
eine der anderen Erwerbsformen. Wie ein Vergleich der Geburtskohorten in den
jeweiligen Lebenszeiträumen zeigt, nimmt auch dieses Phänomen im Zeitablauf
zu (vgl. Tab. 4).

3.3 Ende der hybriden Selbstständigkeit

Die hybride Selbstständigkeit ist nicht für alle eine dauerhafte Angelegenheit.
Etwa die Hälfte der hybriden Selbstständigen, die zunächst parallel noch eine
abhängige Beschäftigung ausübten, hat an dieser hybriden Selbstständigkeit
dauerhaft festgehalten (vgl. Tab. 5).29 Die übrigen Selbstständigen, die parallel
abhängig beschäftigt waren, haben zumeist eine der beiden Tätigkeiten aufgege-
ben. Das heißt, sie haben entweder ausschließlich die Selbstständigkeit oder aus-
schließlich die abhängige Beschäftigung fortgeführt. Und schließlich: Rund ein
Zehntel der hybriden Selbstständigen hat zwar die abhängige Beschäftigung auf-
gegeben, dafür aber eine der anderen Erwerbsformen parallel zur Selbstständigen
Tätigkeit aufgenommen.30

29Die folgenden Angaben beziehen sich ausschließlich auf die hybriden Selbstständigen,
die von Anfang an parallel zur Selbstständigkeit einer weiteren Tätigkeit nachgegangen
sind (siehe Abschn. 3.1). Dauerhaft meint hier, so lange wir die Selbstständigkeit beob-
achten können. Es ist also durchaus möglich, dass die abhängige Beschäftigung zu einem
späteren Zeitpunkt noch aufgegeben wird. Der ausgewiesene Anteilswert dürfte demnach
überschätzt sein.
30Vgl. Suprinovič et al. 2016, S. 21.
30

Tab. 4   Wechsel aus der ersten ausschließlichen Selbstständigkeit in andere Erwerbsformen nach Geburtskohorten und Lebenszeiträu-
men, Anteile in Prozent. (Quelle: NEPS, Startkohorte Erwachsene [Version 5.1.0]; Suprinovič et al. 2016, S. 25; eigene Berechnungen)
1944–1949 1950–1959 1960–1969 1970–1979
Lebenszeitraum 15 bis 34 Jahre
Wechsel in:
Selbstständigkeit plus abhängige Beschäftigung 2,9 3,4 3,0 5,9
Selbstständigkeit plus andere Erwerbsformen 9,5 12,8 16,4 23,2
Sonstiges 26,4 27,1 36,2 45,3
Kein Wechsel 61,3 56,7 44,4 25,6
Anzahl Personen 137 358 495 254
Lebenszeitraum 15 bis 44 Jahre
Wechsel in:
Selbstständigkeit plus abhängige Beschäftigung 2,7 2,5 5,9
Selbstständigkeit plus andere Erwerbsformen 9,8 13,6 17,5
Sonstiges 32,9 38,6 38,8
Kein Wechsel 54,7 45,2 37,8
Anzahl Personen 225 589 662
(Fortsetzung)
R. Kay et al.
Tab. 4   (Fortsetzung)

1944–1949 1950–1959 1960–1969 1970–1979


Lebenszeitraum 15 bis 54 Jahre
Wechsel in:
Selbstständigkeit plus abhängige Beschäftigung 2,5 3,8
Selbstständigkeit plus andere Erwerbsformen 10,2 14,9
Sonstiges 41,0 46,4
Kein Wechsel 46,3 35,0
Anzahl Personen 285 585
© IfM Bonn
Erwerbshybridisierung – Verbreitung …

„Selbstständigkeit plus andere Erwerbsformen“: siehe Anmerkung Tab. 1


31
32

Tab. 5   Wechsel aus der ersten hybriden Selbstständigkeit mit abhängiger Beschäftigung in andere Erwerbsformen nach Geburtskohor-
ten und Lebenszeiträumen, Anteile in Prozent. (Quelle: NEPS, Startkohorte Erwachsene [Version 5.1.0]; Suprinovič et al. 2016, S. 22;
eigene Berechnungen)
1944–1949 1950–1959 1960–1969 1970–1979
Lebenszeitraum 15 bis 34 Jahre
Wechsel in:
Selbstständigkeit 31,3a 17,8 12,5 9,5
Selbstständigkeit plus andere Erwerbsformen 12,5a 11,0 18,5 10,3
Abhängige Beschäftigung 0,0a 20,5 20,2 28,4
Rest 0,0a 4,1 1,8 0,0
Kein Wechsel 56,3a 46,6 47,0 51,7
Anzahl Personen 16 73 168 116
Lebenszeitraum 15 bis 44 Jahre
Wechsel in:
Selbstständigkeit 24,1a 17,3 12,3
Selbstständigkeit plus andere Erwerbsformen 6,9a 10,0 13,0
Abhängige Beschäftigung 3,4a 26,0 30,6
Rest 3,4a 3,3 1,5
Kein Wechsel 62,1a 43,3 42,6
Anzahl Personen 29 150 284
R. Kay et al.
Tab. 5   (Fortsetzung)
1944–1949 1950–1959 1960–1969 1970–1979
Lebenszeitraum 15 bis 54 Jahre
Wechsel in:
Selbstständigkeit 29,7 14,3
Selbstständigkeit plus andere Erwerbsformen 13,5 11,8
Abhängige Beschäftigung 5,4 26,1
Rest 2,7 3,1
Kein Wechsel 48,6 44,7
Anzahl Personen 37 161
Erwerbshybridisierung – Verbreitung …

© IfM Bonn
aGeringe Fallzahl beziehungsweise weniger als dreißig Beobachtungen

„Selbstständigkeit plus andere Erwerbsformen“: siehe Anmerkung Tab. 1


33
34 R. Kay et al.

Im Hinblick darauf, ob diese Form der hybriden Selbstständigkeit aufrechter-


halten wird oder nicht, sind im Zeitverlauf keine eindeutigen Trends erkennbar.
Das heißt also, der Anteil der in dieser Form der hybriden Selbstständigkeit ver-
bleibenden ist über die Jahre hinweg etwa konstant geblieben. Diejenigen aber,
die diese Form der hybriden Selbstständigkeit beenden, wechseln zunehmend in
die abhängige Beschäftigung.31
Die zweite Form der hybriden Selbstständigkeit – Selbstständigkeit plus
anderweitige Tätigkeit als abhängige Beschäftigung – wird weitaus seltener als
die erste Form dauerhaft aufrechterhalten (vgl. Tab. 6). Je nach Geburtskohorte
und betrachtetem Lebenszeitraum halten zwischen 5 und 19 % dieser hybriden
Selbstständigen an dieser Form der hybriden Selbstständigkeit dauerhaft – also
so lange, wie wir sie beobachten – fest. Diese zweite Form der hybriden Selbst-
ständigkeit führt im Gegenzug häufiger in die ausschließliche Selbstständigkeit.
Diese zweite Form der hybriden Gründung kann deswegen eher als die erste als
„Sprungbrett“ in die ausschließliche Selbstständigkeit verstanden werden. Diese
Funktion scheint diese Form der hybriden Selbstständigkeit im Zeitablauf aber
auch zunehmend weniger auszuüben, wie eine Betrachtung nach Geburtskohorten
und Lebenszeiträumen zeigt (vgl. Tab. 6).
Nach Geschlecht differenzierende Analysen zeigen, dass Frauen häufiger als
Männer ihre Selbstständigkeit bis zur Vollendung des 45. Lebensjahrs aufgeben.
Dies gilt für die ausschließlich Selbstständigen (62,2 vs. 52,7 %) sowie die hyb-
riden Selbstständigen, die parallel eine abhängige Beschäftigung ausüben (62,1
vs. 51,3 %). Bei den hybriden Selbstständigen, die parallel einer anderweitigen
Tätigkeit nachgehen, ist es umgekehrt (91,3 vs. 95,8 %).32

3.4 Dauer der hybriden Selbstständigkeit

Abschließend gehen wir der Frage nach, wie lange die hybride Selbstständigkeit
andauert. Diese Frage kann nur für diejenigen Selbstständigen beantwortet wer-
den, die ihre Selbstständigkeit bereits wieder beendet haben.33 Wie aus Abb. 2
hervorgeht, beenden hybride Selbstständige die selbstständige Tätigkeit schnel-

31Vgl.Suprinovič et al. 2016, S. 21.


32Vgl.Suprinovič et al. 2016, S. 24.
33Dass Selbstständigkeiten, die am Ende des 45. Lebensjahrs noch bestehen, nicht in die

Betrachtung eingehen, führt zu einer deutlichen Unterschätzung der Selbstständigkeitsdau-


ern. Würden diese berücksichtigt, dauerte die durchschnittliche Selbstständigkeit von Män-
nern mindestens 9,4 Jahre und die von Frauen mindestens 7,5 Jahre.
Tab. 6   Wechsel aus der ersten hybriden Selbstständigkeit mit anderer Erwerbsform als abhängige Beschäftigung in andere Erwerbs-
formen nach Geburtskohorten und Lebenszeiträumen, Anteil in Prozent. (Quelle: NEPS, Startkohorte Erwachsene [Version 5.1.0];
Suprinovič et al. 2016, S. 24; eigene Berechnungen)
1944–1949 1950–1959 1960–1969 1970–1979
Lebenszeitraum 15 bis 34 Jahre
Wechsel in:
Selbstständigkeit 56,3 40,5 41,1 35,9
Selbstständigkeit plus abhängige Beschäftigung 6,3 10,8 14,2 16,1
Abhängige Beschäftigung 3,1 9,5 7,4 9,4
Rest 15,6 27,0 29,4 30,2
Erwerbshybridisierung – Verbreitung …

Kein Wechsel 18,8 12,2 7,8 8,3


Anzahl Personen 32 148 282 192
Lebenszeitraum 15 bis 44 Jahre
Wechsel in:
Selbstständigkeit 63,4 42,3 45,0
Selbstständigkeit plus abhängige Beschäftigung 7,3 11,3 15,3
Abhängige Beschäftigung 4,9 10,7 7,0
Rest 14,6 27,3 27,5
Kein Wechsel 9,8 8,3 5,1
Anzahl Personen 41 168 313
35
36

Tab. 6   (Fortsetzung)
1944–1949 1950–1959 1960–1969 1970–1979
Lebenszeitraum 15 bis 54 Jahre
Wechsel in:
Selbstständigkeit 57,4 44,4
Selbstständigkeit plus abhängige Beschäftigung 5,6 11,8
Abhängige Beschäftigung 3,7 9,8
Rest 20,4 24,1
Kein Wechsel 13,0 9,8
Anzahl Personen 54 153
© IfM Bonn
„Selbstständigkeit plus andere Erwerbsformen“: siehe Anmerkung Tab. 1
R. Kay et al.
Erwerbshybridisierung – Verbreitung … 37

Kerndichte

Dauer in Jahren

Nur selbstständig Selbstständig und Selbstständig und


abhängig beschäftigt anderweitig tätig

Kerndichtefunktion = Epanechnikov; Bandbreite = 2.0 © IfM Bonn 16 1504 041

Abb. 2   Verteilung (Kerndichteschätzung) der Dauer der bereits beendeten ersten Selbst-
ständigkeit, Selbstständige im Alter von 15 bis 44 Jahre. (Quelle: NEPS, Startkohorte
Erwachsene [Version 5.1.0]; eigene Berechnungen)

ler als ausschließlich Selbstständige. Im Durchschnitt verbleiben ausschließlich


Selbstständige 3,7 Jahre, Selbstständige, die parallel einer abhängigen Beschäf-
tigung nachgehen, 3,0 Jahre und Selbstständige, die parallel eine anderweitige
Tätigkeit ausüben, 2,2 Jahre in der Selbstständigkeit. Die Hälfte der ausschließ-
lich Selbstständigen hat die Selbstständigkeit innerhalb von 2,3 Jahren beendet.
Bei den Selbstständigen mit gleichzeitiger abhängiger Beschäftigung liegt dieser
Medianwert bei 1,8 Jahren und bei Selbstständigen mit gleichzeitiger anderwei-
tiger Tätigkeit bei 1,3 Jahren. Statistisch signifikante Unterschiede zwischen den
Geschlechtern bestehen in dieser Hinsicht nicht.
Hat sich die Dauer der hybriden Selbstständigkeit im Zeitverlauf verändert? Eine
Kohortenbetrachtung gibt auf diese Frage keine eindeutige Antwort (vgl. Abb. 3).
Zwar verblieben hybride Selbstständige der Geburtskohorte 1944–1949 im Durch-
schnitt etwas länger in der Selbstständigkeit als hybride Selbstständige der jünge-
ren Geburtskohorten. Zwischen den beiden jüngeren Geburtskohorten bestehen
aber kaum Unterschiede. Das heißt, es scheint keinen Trend hin zu einer stetigen
­Verkürzung der Selbstständigkeitsdauer hybrider Selbstständiger zu geben – unab-
hängig davon, ob sie parallel eine abhängige Beschäftigung oder eine anderweitige
Tätigkeit ausüben.
38 R. Kay et al.

Selbstständig und abhängig beschäftigt


Kerndichte

Geburtskohorten
1944–1949
Dauer in Jahren
1950–1959

Selbstständig und anderweitig tätig 1960–1969


Kerndichte

Dauer in Jahren
Kerndichtefunktion = Epanechnikov; Bandbreite = 2.0 © IfM Bonn 16 1504 042

Abb. 3   Verteilung (Kerndichteschätzung) der Dauer der bereits beendeten ersten Selbst-
ständigkeit von hybriden Selbstständigen nach Geburtskohorten, Selbstständige im Alter
von 15 bis 44 Jahre. (Quelle: NEPS, Startkohorte Erwachsene [Version 5.1.0]; eigene
Berechnungen)

4 Mehrfache Wechsel zwischen Selbstständigkeit


und anderen Erwerbsformen

4.1 Einbettung der Selbstständigkeit in den


Erwerbsverlauf

Erwerbsverläufe von Selbstständigen gestalten sich häufig sehr wechselhaft. Richtet


sich der Blick zunächst auf die Phase bis zur ersten Selbstständigkeit (vgl. Abb. 4),
dann zeigt sich, dass nicht wenige Selbstständige zwischen dem 15. und dem 44.
Lebensjahr mehr als zehn und in Einzelfällen mehr als 15 verschiedene Erwerbszu-
stände einschließlich der ersten Selbstständigkeit durchlaufen haben. Im Durchschnitt
sind es 5,8 Erwerbszustände bei männlichen und 6,2 bei weiblichen Selbstständigen.
Diese Durchschnittswerte haben im Zeitablauf leicht zugenommen.34

34Vgl. Suprinovič et al. 2016, S. 26.


Erwerbshybridisierung – Verbreitung … 39

Männer Frauen
0 1944–1949 0 1944–1949

50

50
100

150
100
200
0 5 10 15 20 25 0 5 10 15 20 25

1950–1959 1950–1959
0 0

100
100
200
200
300

400 300

500 400
0 5 10 15 20 25 0 5 10 15 20 25

1960–1969 1960–1969
0 0

200
200
400
400
600

800 600
0 5 10 15 20 25 0 5 10 15 20 25

Selbstständigkeit Abh. Beschäftigung Arbeitslosigkeit

Sonstiges (einschl. Militär) Elternzeit o. Haushalt Ausbildung


© IfM Bonn 16 1504 037
Erwerbsverläufe: Reihenfolge der durchlaufenen Erwerbszustände (Sequenzmuster nach dem same-order-
Verfahren).

Abb. 4   Erwerbsverläufe bis zur ersten Selbstständigkeit nach Geburtskohorten, Lebens-


zeitraum 15 bis 44 Jahre.35 (Quelle: NEPS, Startkohorte Erwachsene [Version 5.1.0];
Suprinovič et al. 2016, S. 27)

35Um die Komplexität von Erwerbsverläufen zu reduzieren, wird die Dauer der einzelnen
Erwerbszustände nicht berücksichtigt, sondern nur deren Reihenfolge. Das sogenannte
same-order-Verfahren ermöglicht eine weitere Komplexitätsreduktion, indem lediglich die
40 R. Kay et al.

Im Anschluss an die erste Selbstständigkeit kehrt für einen größeren Teil


der vormals Selbstständigen eine gewisse Kontinuität ein. Dies gilt vor allem
für diejenigen, die in eine abhängige Beschäftigung wechseln (vgl. Abb. 5).
Wurde in einen anderen Erwerbsstatus als die abhängige Beschäftigung
gewechselt, treten hingegen nicht selten komplexe Erwerbsverläufe mit im
Extremfall bis zu 17 Erwerbsepisoden auf. Die durchschnittliche Anzahl der
durchlaufenen Erwerbsepisoden nach der ersten Selbstständigkeit hat im Zeit-
ablauf zugenommen36 und der Anteil stetiger Erwerbsverläufe abgenommen
(vgl. Abb. 5).

4.2 Verbreitung und Charakteristika von mehrfach


Selbstständigen

An die erste Selbstständigkeit schließt sich für 14,7 % der Personen noch min-
destens eine weitere Selbstständigkeit vor Vollendung des 45. Lebensjahrs an
(vgl. Tab. 6).37 Würde eine längere Lebensspanne betrachtet, läge der ­Anteilswert
­deutlich höher. Suprinovič et al. ermitteln für alle im NEPS erfassten Selbst-
ständigen einen Anteilswert von 20,8 %.38 Aber auch dieser Wert muss noch als
unterschätzt angesehen werden.39
Die Mehrzahl der Mehrfachselbstständigen im Alter von 15 bis 44 Jahre war
bisher zwei Mal selbstständig (76,6 %). 17,3 % wechselten drei Mal, 5,5 % vier

Reihenfolge unterschiedlicher Erwerbszustände berücksichtigt wird. Folgen mehrere Epi-


soden desselben Erwerbszustands aufeinander, wird dies als ein einziger Erwerbszustand
erfasst; vgl. Brzinsky-Fay et al. 2006, S. 438 ff.
36Vgl. Suprinovič et al. 2016, S. 39.

37Hier werden nur diejenigen erneuten Wechsel in die Selbstständigkeit berücksichtigt, bei

denen mindestens ein Monat zwischen dem Ende der einen und dem Beginn der anderen
Selbstständigkeit liegt.
38Suprinovič et al. 2016, S. 15.

39Kay et al. 2004, S. 74, haben ermittelt, dass zwischen 22 % und dreißig Prozent der

Gründer in Deutschland zuvor bereits einmal selbstständig waren. In anderen Ländern liegt
dieser Anteilswert noch höher; vgl. Schulten 2010, S. 29.
Erwerbshybridisierung – Verbreitung … 41

Männer Frauen
1944–1949 1944–1949
0 0

50

50
100
66,1 %
150 56,3 %
100
200
0 5 10 15 20 0 5 10 15 20
1950–1959 1950–1959
0 0

100
100
200
200
300
55,9 % 300
400 42,9 %

500 400
0 5 10 15 20 0 5 10 15 20

1960–1969 1960–1969
0 0

200
200
400
54,0 % 400
600 42,4 %

800 600
0 5 10 15 20 0 5 10 15 20

Selbstständigkeit Abh. Beschäftigung Arbeitslosigkeit


Sonstiges (einschl. Militär) Elternzeit o. Haushalt Ausbildung
© IfM Bonn 16 1504 036
Erwerbsverläufe: Reihenfolge der durchlaufenen Erwerbszustände (Sequenzmuster nach dem same-order-
Verfahren).

Abb. 5   Erwerbsverläufe ab der ersten Selbstständigkeit nach Geburtskohorten, Lebens-


zeitraum 15 bis 44 Jahre. (Quelle: NEPS, Startkohorte Erwachsene [Version 5.1.0];
Suprinovič et al. 2016, S. 37)
42 R. Kay et al.

Mal und häufiger in die Selbstständigkeit. Im Durchschnitt weisen die Mehrfach-


selbstständigen 2,3 Selbstständigkeitsepisoden auf.40
Das Phänomen des mehrfachen Wechsels in die Selbstständigkeit hat im Zeit-
verlauf zugenommen (vgl. Tab. 7). Waren lediglich 5,1 % der Selbstständigen
der Geburtskohorte 1944 bis 1949 bis zur Vollendung des 45. Lebensjahrs mehr
als einmal selbstständig, waren es in der Geburtskohorte 1960 bis 1969 bereits
18,3 %. Die für die Geburtskohorte 1970 bis 1979 vorliegenden Daten deuten
darauf hin, dass die mehrfachen Wechsel in die Selbstständigkeit in der jüngeren
Vergangenheit noch weiter zugenommen haben. Die beschriebenen Entwicklun-
gen zeigen sich sowohl bei Frauen als auch bei Männern, wobei mehrfache Wech-
sel bei Frauen noch stärker zugenommen haben als bei Männern.41
Um das Phänomen der mehrfachen Wechsel in die Selbstständigkeit besser zu
verstehen, analysieren wir im Folgenden die soziodemografischen Merkmale der
einmalig und der mehrfach Selbstständigen (vgl. Tab. 7). Ein besonderes Augen-
merk liegt dabei auf Veränderungen, die sich bei den mehrfach Selbstständigen
zwischen der ersten und der zweiten Selbstständigkeit ergeben haben.
Mehrfach Selbstständige sind zum Zeitpunkt der ersten Gründung mit durch-
schnittlich 26,4 Jahren deutlich jünger als (bisher) einmalig Selbstständige
(32,6 Jahre) (vgl. Tab. 8). Beim Eintritt in die zweite Selbstständigkeit sind sie im
Durchschnitt 34,8 Jahre alt. Wiederholungsgründer sind also älter als bisher ein-
malige Gründer. Letzteres deckt sich mit vorliegenden Befunden.42 Neu, wenn-
gleich naheliegend, ist, dass Mehrfachgründer bei der ersten Gründung erheblich
jünger sind als Einmalgründer. Dies verschafft ihnen mehr Lebenszeit, in der sie
den Schritt in die Selbstständigkeit wiederholen können.

40Zu etwas anderen Ergebnissen gelangten Kay et al. 2004, S. 59, auf Basis des Sozio-öko-
nomischen Panels: Mehr als die Hälfte der Mehrfachgründer hat zwei Mal gegründet, ein
gutes Fünftel drei Mal und ein weiteres gutes Fünftel vier Mal und häufiger. Die Abwei-
chungen resultieren u. a. daraus, dass im vorliegenden Beitrag anders als in Kay et al. 2004
das Erwerbsleben der Selbstständigen lediglich bis zur Vollendung des 45. Lebensjahrs
berücksichtigt wird. Es ist zu erwarten, dass ein Teil der jemals Selbstständigen in den ver-
bleibenden mehr als zwanzig Jahren nochmals den Schritt in die Selbstständigkeit tun wird.
41Vgl. Suprinovič et al. 2016, S. 16.
42Vgl. z. B. Kay und Kranzusch 2010, S. 250.
Erwerbshybridisierung – Verbreitung … 43

Tab. 7   Anteil der mehrfach Selbstständigen an allen Selbstständigen nach Geburtskohor-


ten und Lebenszeiträumen, in Prozent. (Quelle: NEPS, Startkohorte Erwachsene [Version
5.1.0]; eigene Berechnungen)
1944–1949 1950–1959 1960–1969 1970–1979 Insgesamt
Lebenszeitraum 15 bis 34 Jahre
Anteil 3,8 10,8 12,9 19,0 13,2
Anzahl Personen 185 579 945 562 2271
Lebenszeitraum 15 bis 44 Jahre
Anteil 5,1 12,9 18,3 14,7
Anzahl Personen 295 907 1259 2461
Lebenszeitraum 15 bis 54 Jahre
Anteil 10,7 16,8 15,0
Anzahl Personen 376 899 1275
© IfM Bonn

Frauen sind häufiger unter den mehrfach als den einmalig Selbstständigen
vertreten (vgl. Tab. 8). Dies steht im Gegensatz zu vorliegenden Befunden, nach
denen Frauen stärker unter den Erst- als den Wiederholungsgründern vertreten
sind.43 Personen mit Migrationshintergrund und ausländischer Staatsangehörig-
keit sind ebenfalls häufiger unter den mehrfach als den einmalig Selbstständigen
zu finden.
Aufgrund des geringeren Alters sind mehrfach Selbstständige zu Beginn der
ersten Selbstständigkeit erheblich seltener als einmalig Selbstständige verheiratet
oder in eingetragener Lebenspartnerschaft (vgl. Tab. 8). Zugleich haben sie deut-
lich seltener Kinder. Zu Beginn der zweiten Selbstständigkeit unterscheiden sich
die Familienverhältnisse der mehrfach Selbstständigen weitaus weniger von jenen
der einmalig Selbstständigen. Allerdings sind sie weiterhin seltener verheiratet
oder in eingetragener Lebenspartnerschaft.
Das geringere Lebensalter ist auch ursächlich dafür, dass die mehrfach Selbst-
ständigen zu Beginn der ersten Selbstständigkeit ein geringeres Bildungsniveau
aufweisen als die einmalig Selbstständigen (vgl. Tab. 8). Zu Beginn der zwei-
ten Selbstständigkeit übersteigt das Bildungsniveau der mehrfach Selbststän-
digen jedoch das der einmalig Selbstständigen. Ein nicht unerheblicher Teil der

43Vgl. Kay und Kranzusch 2010, S. 250.


44

Tab. 8   Soziodemografische Merkmale der einmalig und mehrfach Selbstständigen (15 bis 44 Jahre), in Prozent. (Quelle: NEPS, Start-
kohorte Erwachsene [Version 5.1.0]; eigene Berechnungen)
Einmalig Mehrfach Selbstständige Insgesamt
Selbstständige Erste Selbststän- Zweite Selbststän- (erste Selbststän-
digkeit digkeit digkeit
Alter zum Zeitpunkt der Gründung (in Jahren) 32,6 26,4 34,8 31,7
Geschlecht
Frau 43,3 48,1 44,0
Mann 56,7 51,9 56,0
Familienstand
Verheiratet, eingetragene Lebenspartnerschaft 57,4 26,3 50,0 52,9
Sonstige 42,6 73,7 50,0 47,1
Kind/er (bis zu 16 Jahre)
Ja 53,7 30,9 54,1 50,3
Nein 46,3 69,1 45,9 49,7
Migrationshintergrund
Ja 16,7 20,7 17,3
Nein 83,3 79,3 82,7
Nationalität
Deutsch 96,1 95,0 95,9
Nicht deutsch 3,9 5,0 4,1
(Fortsetzung)
R. Kay et al.
Tab. 8   (Fortsetzung)
Einmalig Mehrfach Selbstständige Insgesamt
Höchster Bildungsabschluss
Ohne Schulabschluss 0,2 0,0 0,0 0,2
Schulabschluss 11,5 28,5 15,6 13,9
Berufliche Ausbildung 58,3 43,6 42,6 56,3
Hochschulabschluss 20,0 19,6 28,7 19,9
Berufliche Ausbildung und Hochschulabschluss 9,9 8,3 13,1 9,7
Anzahl Personen 2099 362 2461
© IfM Bonn
Erwerbshybridisierung – Verbreitung …
45
46 R. Kay et al.

­ ehrfach Selbstständigen hat demnach zwischen Beginn der ersten und der zwei-
m
ten Selbstständigkeit seine berufliche oder Hochschulausbildung beendet. Dies
legt die Vermutung nahe, dass die erste Selbstständigkeit nicht selten hybrid ist.
Weiterführende Analysen bestätigen dies. 11,6 % der mehrfach Selbstständigen
gingen parallel zu ihrer ersten Selbstständigkeit einer abhängigen Beschäftigung
und 35,4 % einer anderweitigen Tätigkeit nach.
Unterschiede zwischen mehrfach und einmalig Selbstständigen zeigen sich
schließlich auch im Hinblick auf die Branche, in der die jeweils erste Selbststän-
digkeit angesiedelt ist. So sind 81,7 % der mehrfach Selbstständigen im Dienst-
leistungssektor tätig und damit häufiger als einmalig Selbstständige (76,0 %).
Besonders häufig sind die mehrfach Selbstständigen im Handel, im Bereich
Erziehung und Unterricht sowie Information und Kommunikation anzutreffen. In
diesen drei Wirtschaftszweigen ist ein Drittel der hybriden Selbstständigen tätig.
Überrepräsentiert sind mehrfach Selbstständige in den Bereichen Information
und Kommunikation, Erziehung und Unterricht, im Gastgewerbe und im Bereich
Kunst, Unterhaltung und Erholung vertreten (vgl. Abb. 6). Deutlich unterreprä-
sentiert sind sie im Gesundheits- und Sozialwesen sowie in der Land- und Forst-
wirtschaft.

5 Resümee

Mit dem vorliegenden Beitrag haben wir ein paar Schlaglichter auf die Verbrei-
tung verschiedener Formen der Erwerbshybridisierung geworfen und zugleich
Entwicklungstendenzen aufgezeigt. Als empirische Basis diente das Nationale
Bildungspanel (NEPS).
Hybride Selbstständigkeit hat in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zuge-
nommen. Da wir Kohorten über die Zeit hinweg betrachtet haben, können wir
nicht genau bestimmen, wie hoch der Anteil der hybriden Selbstständigen an allen
Selbstständigen am aktuellen Rand ist. Ausgehend von den Entwicklungstrends
und den Ergebnissen für die jüngsten Kohorten schätzen wir, dass derzeit etwa
50 % der Selbstständigen bei der Aufnahme der Selbstständigkeit (zunächst) noch
einer weiteren Tätigkeit nachgehen, sei es eine abhängige Beschäftigung, eine
Ausbildung oder eine familien- beziehungsweise haushaltsbezogene Tätigkeit.
Zur Ausweitung der hybriden Selbstständigkeit im Zeitverlauf haben verschie-
dene Faktoren beigetragen, zwischen denen jedoch Wechselwirkungen bestehen.
Zu nennen sind unter anderem die, in den 1950er Jahren einsetzende, Bildungs-
expansion, die zunehmende Erwerbsbeteiligung von (verheirateten) Frauen und
die Tertiarisierung. Die Bildungsexpansion hat unseres Erachtens zwei Effekte:
Erwerbshybridisierung – Verbreitung … 47

3,2
Land- und Forstwirtschaft, Fischerei
5,9
Bergbau und Gewinnung 0,0
von Steinen und Erden 0,1
8,7
Verarbeitendes Gewerbe
9,6
0,0
Energieversorgung
0,2
Wasserversorgung, Abwasser-/ 0,3
Abfallentsorgung usw. 0,1
6,1
Baugewerbe
8,1
Handel; Instandhaltung/ 12,7
Reperatur von Kraftfahrzeugen 12,4
3,8
Verkehr und Lagerei
2,6
6,6
Gastgewerbe
4,6
9,8
Information und Kommunikation
5,3
Erbringung von Finanz-/ 4,6
Versicherungsdienstleistungen 4,9
0,3
Grundstücks- und Wohnungswesen
0,9
Freiberufl., wissenschaftl. 9,0
und techn. Dienstleistungen 9,8
7,2
Sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen
8,0
Öffentliche Verwaltung, 3,8
Verteidigung; Sozialversicherung 2,2
11,0
Erziehung und Unterricht
8,5
4,6
Gesundheits- und Sozialwesen
9,8
5,2
Kunst, Unterhaltung und Erholung
3,2
3,2
Erbringung von sonstigen Dienstleistungen
3,2
0,0
Private Haushalte mit Hauspersonal
0,7
Exterritoriale Organisationen 0,0
und Körperschaften 0,2

Mehrfachselbstständig Einmalig selbstständig

Abb. 6   Branche, in der die erste Selbstständigkeit angesiedelt ist, nach Selbstständigen-
typ. (Quelle: NEPS, Startkohorte Erwachsene [Version 5.1.0]; eigene Berechnungen)
48 R. Kay et al.

Sie hat erstens sowohl zu einer Ausweitung der Ausbildungszeiten als auch zu
einer Erhöhung der Anzahl der Personen in Ausbildung geführt. Beides erhöht
ceteris paribus die Anzahl der Menschen, die neben der Ausbildung selbstständig
sein können. Zweitens hat sie das Bildungsniveau angehoben, was die Möglich-
keiten verbessert hat, parallel zur abhängigen Beschäftigung selbstständig tätig
zu sein (siehe Abschn. 3.1). Die zunehmende Erwerbsbeteiligung von Frauen
hat zunächst einmal den Frauenanteil an den Selbstständigen steigen lassen. Der
Anstieg der Frauenerwerbsbeteiligung geht dabei vornehmlich auf verheiratete
Frauen mit Kindern zurück. Diese arbeiten häufig in Teilzeit, um parallel noch
familiäre Pflichten erfüllen zu können. Wegen einer teils höheren Flexibilität han-
delt es sich bei dieser Teilzeittätigkeit häufig um eine selbstständige Tätigkeit.44
Auf diese Weise hat die hybride Selbstständigkeit parallel zu Kindererziehung
und Haushalt zugenommen. Die Tertiarisierung schließlich hat die geschäftlichen
Opportunitäten für hybride Selbstständigkeit vergrößert. So zeigen unsere Ergeb-
nisse, dass hybride Selbstständigkeit weit überwiegend im Dienstleistungssektor
anzutreffen ist.
Auch die zweite Form der Erwerbshybridisierung, der mehrfache Wech-
sel zwischen abhängiger Beschäftigung oder einer anderweitigen Tätigkeit und
selbstständiger Tätigkeit hat im Zeitverlauf kontinuierlich zugenommen. Mehr
als ein Fünftel der im NEPS erfassten Selbstständigen war mindestens zwei Mal
selbstständig. Was die Ausweitung der mehrfachen Selbstständigkeit getrie-
ben hat, ist nicht ganz so vordergründig wie bei der hybriden Selbstständig-
keit. Zunächst einmal ist dieser Anstieg jedoch vor dem Hintergrund zu sehen,
dass Erwerbsverläufe (von jemals Selbstständigen) insgesamt wechselhafter
geworden sind. Hierzu haben die bereits oben genannten Faktoren beigetragen,
aber auch die, vor allem in den 1990er und 2000er Jahren deutlich gestiegene,
Arbeitslosigkeit.
Sowohl im Hinblick auf die hybride als auch die mehrfache Selbstständigkeit
deuten alle Zeichen darauf hin, dass sich die aufgezeigten Entwicklungstrends
noch weiter fortsetzen werden. In welchem Tempo, hängt davon ab, wie sich die
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen entwickeln werden.

44Vgl. z. B. Kay et al. 2014, S. 56.


Erwerbshybridisierung – Verbreitung … 49

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Diskontinuität und Diversität
beruflicher Selbstständigkeit

Hans J. Pongratz und Andrea D. Bührmann

Zusammenfassung
Neben der vielfach dokumentierten Diversität selbstständigen Erwerbs
sind die seltener erforschten typischen Diskontinuitäten in Forschung und
Politik systematischer zu berücksichtigen, insbesondere im Hinblick auf
die Solo-Selbstständigen. Auch wenn Diskontinuitäten vorwiegend durch
Marktdynamiken verursacht sind, lassen sie sich nicht ausschließlich als
betriebswirtschaftliche Herausforderung betrachten. Aus einer erwerbssoziolo-
gischen Perspektive wird deshalb die Erweiterung des Analyserahmens auf die
Ökonomie des privaten Haushalts und auf mit den Lebensphasen variierende
soziale Einflüsse vorgeschlagen. Die institutionellen Regelungen einzelner
Berufsfelder schaffen dafür (z. B. mit Kontrollen des Berufszugangs und der
Absicherung sozialer Risiken) unterschiedliche Voraussetzungen. Erwerbshy-
bridisierung, als die parallele oder wechselnde Betätigung in selbstständigen

Für eine Fülle von überaus hilfreichen Kommentaren zu ersten Textfassungen geht unser
herzlicher Dank an Uwe Fachinger und Eva Welskop-Deffaa, sowie an Claudia Gather,
Lena Schürmann und die an der Diskussion beteiligten Mitglieder des Arbeitskreises „Die
Arbeit der Selbstständigen“.

H. J. Pongratz (*) 
Ludwig-Maximilians-Universität München, München, Deutschland
E-Mail: Hans.Pongratz@soziologie.uni-muenchen.de
A. D. Bührmann 
Universität Göttingen, Göttingen, Deutschland
E-Mail: andrea.buehrmann@uni-goettingen.de

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018 51


A. D. Bührmann et al. (Hrsg.), Hybride Erwerbsformen,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-18982-2_3
52 H J. Pongratz und A. D. Bührmann

und abhängigen Erwerbsformen, lässt sich vor diesem Hintergrund als Strate-
gie zur Herstellung von Kontinuität der Erwerbslage verstehen. Solche Bewäl-
tigungspraxen diskontinuierlichen Erwerbs liefern wichtige Bezugspunkte für
die künftige Gestaltung der Erwerbsbedingungen in beruflicher Selbstständig-
keit.

Schlüsselwörter
Berufliche Selbstständigkeit · Diversität · Diskontinuität · Erwerbshybridisierung ·
Bewältigungspraxen · Institutionelle Kontexte · Unternehmerischer Erwerb

1 Diskontinuitäten abhängigen und


selbstständigen Erwerbs

Diskontinuitäten der Erwerbsarbeit werden vor allem im Hinblick auf atypi-


sche Formen der abhängigen Beschäftigung breit diskutiert: Denn Teilzeitarbeit,
geringfügige Beschäftigung, Befristungen oder Leiharbeit bieten in der Regel
keine ausreichende und dauerhafte Sicherung des Erwerbs.1 Ihre Zunahme in den
letzten Jahrzehnten wird als Erosion des sogenannten Normalarbeitsverhältnisses
interpretiert, das in den westlichen Industriegesellschaften in der zweiten Hälfte
des 20. Jahrhunderts zum normativen Standard des Erwerbslebens geworden ist:
der unbefristeten Vollzeitbeschäftigung mit Integration in den Betrieb und in die
sozialen Sicherungssysteme. Über diskontinuierliche Beschäftigung versuchen
die Betriebe (private Unternehmen, in vielen Fällen aber auch die Arbeitgeber der
öffentlichen Dienste), die Flexibilität des Personaleinsatzes zu steigern und Kos-
ten zu sparen. Für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bedeutet sie zumeist ein-
geschränkte und unsichere Erwerbsperspektiven mit Risiken der Prekarisierung
der eigenen Erwerbslage. In diesen Analysen wird zunehmend auch die Gruppe
der Solo-Selbstständigen (Selbstständige ohne eigene Beschäftigte) aufgrund der
Ähnlichkeiten von prekärer Erwerbslage und sozialen Risiken berücksichtigt.2
Diskontinuitäten im Erwerbsverlauf treten nicht nur beim Wechsel von
Beschäftigungsverhältnissen auf, auch Selbstständigkeit ist von Schwankungen
geprägt. Diskontinuitäten des selbstständigen Erwerbs sind allerdings weniger
eindeutig zu bestimmen, da Schwankungen für unternehmerisches Handeln per

1Keller und Seifert 2013; Apitzsch 2015.


2Manske und Scheffelmeier 2015; Bührmann und Pongratz 2010.
Diskontinuität und Diversität beruflicher Selbstständigkeit 53

se in der Unbeständigkeit der Märkte begründet liegen, auf denen Selbstständige


ihre Produkte und Dienstleistungen anbieten.3 Wechselnde Auftragsverhältnisse
und Konkurrenzkonstellationen, auf die sie mit eigenen Angebotsstrategien z. B.
hinsichtlich Leistungsspektrum, Preis oder Qualität reagieren können, gehören
für sie zum geschäftlichen Alltag. Wer Diskontinuitäten des Erwerbs auf Dyna-
miken der Märkte zurückführen will, wird deshalb unweigerlich mit der Vielfalt
von Marktakteuren, Tauschbeziehungen und institutionellen Regelungen kon-
frontiert.4 Ein zentrales Differenzierungsmerkmal bildet dabei die Betriebsgröße:
Große Unternehmungen haben aufgrund ihrer Ressourcenausstattung mit Finanz-
mitteln und Personal vielfältige Möglichkeiten, sich auf Marktbewegungen ein-
zustellen, ihre Wirkungen aufzufangen oder sie gar selbst zu beeinflussen – und
so auch für ihre Beschäftigten Normalarbeitsverhältnisse zu schaffen. Dagegen
bekommen Solo-Selbstständige veränderte Auftragslagen unmittelbar im persön-
lichen Aufwand und im wirtschaftlichen Ertrag zu spüren.5 Sie mögen sich an
Marktschwankungen gewöhnen, doch bleiben diese in ihrer Entwicklungstendenz
schwer kalkulierbar und erinnern immer wieder an die grundlegenden Erwerbsri-
siken, an die Vermarktungsrisiken der eigenen Arbeitskraft.
Die Arbeitssituation großer Teile der Erwerbsbevölkerung zu Beginn des
21. Jahrhunderts ist somit weder in gesellschaftlichen Leitvorstellungen der Nor-
malbeschäftigung noch des Normalunternehmertums angemessen repräsentiert.
Die Abweichungen vom sogenannten Normaltypus lassen sich an Diskontinui-
täten im Erwerbsverlauf festmachen und diese tragen wiederum zur steigenden
Diversität der Erwerbsverhältnisse bei. Keller und Seifert bilanzieren für atypi-
sche Beschäftigung (ohne Solo-Selbstständige) einen Anstieg zwischen 1991
und 2010 von ca. zwanzig auf knapp 38 % aller Beschäftigungsverhältnisse, also
eine Verdoppelung innerhalb von zwanzig Jahren.6 Im selben Zeitraum hat die
Zahl der Solo-Selbstständigen um ca. 75 % zugenommen bei weitgehender Sta-
bilität der Selbstständigen mit Beschäftigten.7 Beide Entwicklungen belegen die
Pluralisierung und Differenzierung der Erwerbsverhältnisse. Diskontinuität des
Erwerbs, verstanden als zeitlich beschränkte und unregelmäßige Erwerbstätigkeit
im Lebensverlauf, ist eine wesentliche Analysedimension des Erwerbserfolgs und
auf abhängige und selbstständige Erwerbstätigkeit gleichermaßen anwendbar.

3Pongratz und Simon 2010.


4Vgl. Gather et al. 2014b.
5Vgl. dazu Bührmann 2012.

6Keller und Seifert 2013, S. 37 f.

7Brenke und Beznoska 2016, S. 18.


54 H J. Pongratz und A. D. Bührmann

Die nachfolgenden Überlegungen sind von der Ausgangsannahme gelei-


tet, dass die in diesem Band als Erwerbshybridisierung gefassten Phänomene –
Annäherungen, Kombinationen und Wechsel von abhängiger und selbstständiger
Erwerbstätigkeit – auf Diskontinuitäten innerhalb beider Erwerbsformen zurück-
zuführen sind.8 Erwerbshybridisierung lässt sich nicht als einheitliche oder ein-
dimensionale Entwicklung verstehen, sondern nur als komplexes, vielschichtiges
und variantenreiches Geschehen.9 Wir gehen davon aus, dass sich derartige Dis-
kontinuitäten in den letzten Jahren erheblich verstärkt und die Erwerbsvielfalt
zugenommen hat – jedenfalls in Deutschland.10 Unsere Argumentation konzen-
triert sich im Folgenden auf die exemplarische Bestimmung typischer Diskonti-
nuitätserscheinungen beruflicher Selbstständigkeit und ihre diversifizierenden
Auswirkungen. Wir fokussieren die Solo-Selbstständigkeit, weil sie ein besonders
hohes Potenzial zur Kombination mit abhängiger Beschäftigung bietet und damit
als eine Triebfeder der Erwerbshybridisierung gelten kann.
Wir behandeln Diversität und Diskontinuität zunächst als getrennte Analyse-
dimensionen: Unseren Ausgangspunkt bildet die empirische Beobachtung einer
zunehmenden Diversifizierung der beruflichen Selbstständigkeit, welche die
hegemoniale Positionierung eines „Normalunternehmertums“ im öffentlichen
Diskurs infrage stellt (Abschn. 2). Die Diskontinuitäten selbstständigen Erwerbs
führen wir nicht nur auf die Marktbedingungen, sondern auch auf die Einbettung
des Erwerbsverhaltens in die Kontexte des privaten Haushalts und lebensphasen-
spezifischer Konstellationen zurück (Abschn. 3). Mit dem anschließenden Blick
auf die institutionellen Kontexte beruflicher Selbstständigkeit verbinden wir die
Analyseperspektiven von Diversität und Diskontinuität und erörtern ihre Wech-
selwirkungen (Abschn. 4). Damit steht schließlich die Frage im Raum, wie sozi-
ale Institutionen beschaffen sein müssen, um Problemlagen diskontinuierlichen
Erwerbs in der Vielfalt ihrer abhängigen und selbstständigen Ausformungen
sowie in ihrer Kombination im Falle von Erwerbshybridisierung gesellschaftlich
bearbeitbar zu machen (Abschn. 5). In deren Gestaltung, so unser Fazit, sind übli-
che und oftmals bewährte Praxen der Selbstständigen im Erfolg versprechenden
Umgang mit Erwerbsdiskontinuitäten zu berücksichtigen.

8Siehe Bögenhold und Fachinger 2016; Bögenhold und Klinglmair 2016; Folta et al. 2010;
und die Einleitung zu diesem Band.
9Vgl. Manske 2016.

10Siehe Kay et al. in diesem Band.


Diskontinuität und Diversität beruflicher Selbstständigkeit 55

2 Der Ausgangspunkt: Abschied vom


„Normalunternehmer“ durch Diversifizierung

Aktuelle Befunde zeigen, dass auch das sogenannte Normalunternehmertum spä-


testens seit den 1980er Jahren – also etwas später als das schon erwähnte Nor-
malarbeitsverhältnis – zu erodieren scheint.11 Dies betrifft insbesondere drei
Bestimmungsmomente des Normalunternehmertums: Nämlich die Person der
Unternehmerin bzw. des Unternehmers, die Formen und die Intensität des unter-
nehmerischen Arbeitens sowie die Folgen für die Lebensführung und -lage unter-
nehmerischer Personen. Die ersten beiden Momente unternehmerischer Diversität
sind mittlerweile gut belegt und werden in der Forschung schon breit diskutiert.
Erstens zeigt sich immer deutlicher, dass nicht mehr hauptsächlich berufser-
fahrene, erwerbstätige Männer ohne Migrationshintergrund ein Unternehmen
gründen. Zwar orientiert sich in Deutschland noch immer das unternehmerische
Leitbild am männlichen Normalunternehmertum, aber im Zuge der Wirtschafts-
krise schien sich der gender gap in Bezug auf die Gründung, Weiterführung oder
Übernahme von Unternehmen zu verringern. Zwar bestehen weiterhin Differen-
zen des TAE („total early-stage entrepreneurial activities“) zwischen Gründerin-
nen und Gründern, doch im internationalen Vergleich haben deutsche Männer
einen schlechteren Rangplatz als die Frauen.12 2014 sind immerhin 38 % der
Solo-Selbstständigen Frauen, während ihr Anteil bei den Selbstständigen mit
Beschäftigten nur 25 % beträgt.13 Es gründen immer mehr Menschen mit Mig-
rationshintergrund in Deutschland ein Unternehmen. Mit zehn Prozent ist der
Anteil der Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft im Jahre 2014 unter den
Selbstständigen etwas höher als unter den abhängig Beschäftigten (neun Prozent).
Während allerdings nur 55 % der deutschen Selbstständigen ohne Beschäftigte
sind, sind dies bei den Ausländerinnen und Ausländern 63 %.14 Zudem ist bemer-
kenswert, dass sich der Anteil der Ausländerinnen, die sich selbstständig gemacht
haben, seit 1985 in Deutschland mehr als verdoppelt hat und mittlerweile fast
genauso hoch ist wie unter deutschen Frauen.15

11Bührmann 2012; Bührmann 2007; Leicht und Philipp 1999.


12Sternberg et al. 2015, S. 12.
13Brenke und Beznoska 2016, S. 20.

14Brenke und Beznoska 2016, S. 22.

15Zu den Unterschieden bei hybriden Gründungen zwischen Personen mit und ohne Migra-

tionshintergrund siehe Kay et al. in diesem Band.


56 H J. Pongratz und A. D. Bührmann

Zweitens erfolgten zunehmend mehr Gründungen nicht in Vollzeit, sondern


im Neben- oder Teilzeiterwerb:16 Die Zahl der Gründungen im Nebenerwerb
liegt laut KfW-Gründungsmonitor in den vergangenen 15 Jahren kontinuierlich
über jener der Vollzeitgründungen; im Jahr 2015 ist sie etwa um zwei Drittel
höher.17 Dabei schaffen immer weniger Selbstständige neben ihren eigenen wei-
tere Arbeitsplätze, ohne dass sie deshalb als Scheinselbstständige zu betrachten
sind.18 Der prozentuale Anteil der Solo-Selbstständigen, bei denen die unterneh-
merische Aufgabe und die Arbeitsausführung zusammenfallen, ist in den 1990er
Jahren stetig gestiegen und hat seit 2003 den der Selbstständigen mit Beschäf-
tigten deutlich überschritten.19 Die Wachstumsphase ab 2003 lässt sich vor allem
auf den mit den sogenannten „Hartz-Gesetzen“ eingeführten Existenzgründungs-
zuschuss (Ich-AG) zurückführen, der 2006 durch den Gründungszuschuss ersetzt
wurde, für den ein kleinerer Kreis von Personen anspruchsberechtigt ist. Danach
stieg die Zahl der Solo-Selbstständigen bei einer verbesserten Arbeitsmarktlage
und nach Einschränkungen der Gründungsförderung durch die Arbeitsagenturen
nur noch leicht und ging seit 2012 eher zurück.
Anders als diese beiden Bestimmungsmomente unternehmerischer Diversi-
tät sind die Lebensführungen und -lagen der Selbstständigen bisher noch kaum
systematisch vergleichend erforscht. Und erst langsam wird deutlich, wie viele
Unternehmerinnen und Unternehmer zwar im Prinzip erfolgreich, aber zuneh-
mend prekär wirtschaften und um das wirtschaftliche Überleben kämpfen.20
Diese prekären Selbstständigen steigen gerade nicht entweder in gesicherte Ver-
hältnisse auf oder müssen ihr Unternehmen aufgeben. Vielmehr verbleiben sie
in einem „heiklen Schwebezustand“ zwischen ausreichendem Einkommen und
Armut.
Das Normalunternehmertum dominiert also nur noch den hegemonialen Dis-
kurs, aber nicht mehr das empirisch-praktische Gründungsgeschehen. Zudem
zeigen einige Studien, dass unter den etablierten Selbstständigen eine starke Ein-
kommensspreizung und damit auch ausgeprägte soziale Ungleichheitsverhältnisse
zu beobachten sind.21 Indes sind nicht alle Unternehmerinnen und Unternehmer
gleichermaßen von Prekaritätsrisiken betroffen: Bögenhold und Leicht haben

16Vgl. Dangel-Vornbäumen 2010.


17Metzger 2016a, S. 1.
18Siehe Bögenhold und Fachinger 2010.

19Brenke und Beznoska 2016, S. 18.

20Vgl. Bührmann und Pongratz 2010.

21Vgl. Bögenhold und Fachinger 2010; Gather et al. 2010; Merz 2006.
Diskontinuität und Diversität beruflicher Selbstständigkeit 57

schon früh darauf hingewiesen, dass klassische Professionen, wie etwa Ärztin-
nen und Ärzte, Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, aber auch Apothekerin-
nen und Apotheker aufgrund ihrer berufsständischen Strategien privilegierte
Einkommensansprüche durchsetzen konnten, während andere Berufsgruppen,
die in Folge der Ausweitung des Dienstleistungssektors – wie z. B. Dozentinnen
und Dozenten oder Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker – vermehrt auftauchen,
dies für sich (noch?) nicht bewerkstelligen konnten.22 So erfordern zwar Berufe
wie Übersetzerinnen und Übersetzer oder Journalistinnen und Journalisten in
der Regel eine akademische Ausbildung, aber dies hat nicht notwendigerweise
zur Folge, dass sie auch regelmäßig ein Einkommen erzielen, das mit dem ihrer
angestellten Berufskolleginnen und -kollegen vergleichbar ist. Besonders hoch ist
das Prekaritätsrisiko unter weiblichen Solo-Selbstständigen: Gather et al. haben
auf Grundlage einer Sekundäranalyse der Berliner Einkommensstatistik von
2005 gezeigt, dass rund zwei Drittel aller Unternehmerinnen in Berlin ein Ein-
kommen von monatlich unter 1250 EUR brutto bezogen.23 Für ganz Deutschland
ermittelten sie, dass 40 % der Unternehmerinnen über ein Bruttoeinkommen von
monatlich unter 1278 EUR verfügen und so kaum von ihrem Einkommen leben,
geschweige denn andere davon (mit)ernähren können.24
Die skizzierten Befunde verdeutlichen: Einige Selbstständige haben zwar ein
sehr hohes Einkommen, jedoch leben nicht wenige an oder unterhalb der Armuts-
grenze und viele befinden sich in einer Zone der Prekarität – und entsprechen so
ganz und gar nicht dem hegemonialen Bild des Normalunternehmertums. Dass
viele Selbstständige ebenso wie abhängig Beschäftigte aber nicht nur objektiv mit
einem niedrigen Einkommen, sondern auch subjektiv mit Sinnverlusten, Aner-
kennungsdefiziten und Planungsunsicherheiten – mit einer subjektiv „gefühlten
Prekarisierung“ – zu kämpfen haben, dies illustrieren die Ergebnisse einer Pilot-
studie mit leitfadengestützten Interviews, die unterschiedliche Typen unterneh-
merischer Prekarität identifizieren.25 Ein erster Typus, der als „erlebte Prekarität“
bezeichnet wird, zeichnet sich dadurch aus, dass er sich in einer sozialstruktu-
rell objektiv als heikel beobachtbaren Lage befindet und dies auch subjektiv so
erlebt. Der Typus „empfundene Prekarität“ dagegen sieht sich subjektiv in einer
prekären Lage, obwohl das Einkommen auf längere Sicht nicht unter den gesell-
schaftlichen Standard zu sinken droht. Der Typus „gelebte Prekarität“ wiederum

22Bögenhold und Leicht 2000.


23Gather et al. 2010.
24Gather et al. 2010, S. 105.

25Bührmann 2012.
58 H J. Pongratz und A. D. Bührmann

empfindet die eigene Lage subjektiv nicht als prekär, während sie von außen
betrachtet im Vergleich mit anderen Gruppen so einzuordnen wäre.
Mit Blick auf die hier diskutierten Befunde zur objektiven Prekarität und sub-
jektiv gefühlten Prekarisierung unternehmerischen Arbeitens kann ein Unterneh-
mertum als prekär gelten, wenn sich die unternehmerisch Tätigen faktisch an der
Armutsgrenze befinden und/oder sich subjektiv in einer als heikel empfundenen
sozialen Lebenslage befinden und ihre Lebensführung entsprechend ausrichten
(müssen). Das gilt, wenn das Einkommens-, Schutz- und Inklusionsniveau auf
längere Sicht unter den gesellschaftlichen Standard zu sinken droht bzw. sinkt
und/oder die unternehmerisch Tätigen darauf hoffen müssen, unternehmerisch
erfolgreich zu sein, und doch permanent befürchten, (noch weiter) sozial abzu-
steigen. Prekäres Unternehmertum wird dabei also – wie auch in den arbeits-
soziologischen Studien über abhängig Erwerbstätige – sowohl mit Blick auf
objektive Erwerbsstrukturen und Marktbedingungen als auch auf subjektive Ori-
entierungen bzw. Handlungsstrategien bestimmt.26

3 Diskontinuitäten selbstständigen Erwerbs:


Strategien und Ressourcen ihrer Bewältigung

Diskontinuitäten unternehmerischen Handelns werden bisher vor allem mit Fra-


gen des Scheiterns von Gründungen und der Entwicklung der Insolvenzen ver-
bunden. Wer mit seinem Angebot nicht auf ausreichend Nachfrage stößt oder
keine erwerbssichernden Erträge daraus bezieht, kann die Selbstständigkeit nicht
auf Dauer als primäre Erwerbsform aufrechterhalten. Sofern sie im Nebenerwerb
weitergeführt wird, müssen ergänzende Einnahmen aus anderen Quellen zur Ver-
fügung stehen. Empirische Studien belegen regelmäßig, dass ein erheblicher Teil
der neugegründeten Unternehmen nach wenigen Jahren nicht mehr existiert: In
einem regionalen Sample gewerblicher Unternehmen haben beispielsweise nur
zwei Drittel die ersten fünf Jahre „überlebt“, wobei die Gefahr der Betriebs-
auflösung sechs bis 18 Monate nach der Gründung am höchsten war;27 Solo-
Selbstständige beenden ihr Engagement deutlich häufiger als Selbstständige mit
Beschäftigten und wechseln öfter (zurück) in ein Anstellungsverhältnis.28

26Vgl.Wirth und Müllenmeister-Faust 2009; Fachinger et al. 2004.


27Brüderlet al. 2009, S. 95.
28Brenke und Beznoska 2016, S. 49.
Diskontinuität und Diversität beruflicher Selbstständigkeit 59

Doch auch jenseits der Gefährdung ihrer betrieblichen Existenz sind Selbst-
ständige im unternehmerischen Alltag immer wieder mit der Diskontinuität
markttypischer Schwankungen konfrontiert: Selbst wer über einen längeren Zeit-
raum im Durchschnitt ausreichende Erträge erzielt, muss in der Lage sein, vor-
übergehende Auftragseinbrüche zu verkraften und finanziell zu überbrücken,
mit denen auf Märkten z. B. aufgrund der Einflüsse von Innovationen, Verände-
rung von Regulierungen oder Wirtschaftskonjunkturen generell zu rechnen ist.
Für Solo-Selbständige sind oft schon Verschiebungen oder kurzfristige Absagen
wichtiger Aufträge kaum zu kompensieren. Allerdings sind solche alltäglichen
Diskontinuitäten nur schwer als abgrenzbarer Sachverhalt zu bestimmen. Je nach
Branche äußern sich Marktbewegungen in unterschiedlicher Form, etwa aufgrund
der Kurzfristigkeit der Nachfrage z. B. nach Konsumgütern oder der Größenord-
nung von Einzelaufträgen z. B. bei Großprojekten. Zudem kann nicht nur ein
Mangel, sondern auch ein Übermaß an Nachfrage zum Problem werden, etwa
wenn der Verlust von Kundinnen und Kunden droht, weil Aufträge aus Kapazi-
tätsgründen nicht angenommen werden können.
Prinzipiell stellt die Bewältigung unregelmäßiger Auftragseingänge eine der
zentralen unternehmerischen Aufgaben dar und die Betriebswirtschaftslehre leitet
dazu an, unter diesen Bedingungen einen kontinuierlichen Betrieb zu gewährleis-
ten – und gegebenenfalls existenzsichernde Wachstums- oder Reduzierungsstrate-
gien zu entwickeln. Allerdings bleibt der unternehmerische Handlungsspielraum
beschränkt: Kann die Qualität und Funktionalität des eigenen Leistungsange-
bots noch selbst bestimmt werden, so ist es schon wesentlich schwieriger, auf
das Nachfrageverhalten z. B. über Marketingmaßnahmen einzuwirken, und die
Strategien der Konkurrenz entziehen sich weitgehend der Einflussnahme. Hinzu
kommen generelle Veränderungen der sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen,
etwa im Zuge des technologischen Wandels, der gesamtwirtschaftlichen Dynamik
oder der politischen Steuerung, welche für die Marktdynamik und die Ertragslage
bedeutsam werden können.29 Zwar sind prinzipiell alle wirtschaftlichen Akteure
diesen Einflüssen ausgesetzt, aber während abhängig Beschäftigte ihre Auswir-
kungen nur vermittelt und abgefedert durch betriebliche Strategien etwa des Per-
sonalmanagements zu spüren bekommen, sind ihnen Selbstständige unmittelbar
ausgesetzt mit direkten Konsequenzen für ihre Erwerbssituation. Sie müssen
beständig Strategien entwickeln und Ressourcen mobilisieren, um Diskontinuitä-
ten der Ertragslage zu begrenzen oder zu kompensieren.
Aus einer erwerbssoziologischen Perspektive ist neben dem rein betriebs-
wirtschaftlichen Instrumentarium zur Bewältigung von Marktschwankungen die

29Zu den Kontexten des Gründens siehe Welter 2011.


60 H J. Pongratz und A. D. Bührmann

gesamte Ausstattung mit ökonomischen, sozialen und kulturellen Ressourcen zu


berücksichtigen, in welche die selbstständige Erwerbstätigkeit eingebettet ist.
Damit erweitert sich der Analyserahmen auf jene haushaltsbedingten und häufig
nach den Lebensphasen variierenden Einflüsse auf die Kontinuität selbstständigen
Erwerbs, die in den letzten Jahren in der Forschung verstärkt Beachtung gefunden
haben.30 Sowohl die Ökonomie des privaten Haushalts als auch die lebensphasen-
spezifische Einordnung von Selbstständigkeit tragen wesentlich zum Verständnis
des wirtschaftlichen Erfolgs selbstständigen Erwerbs bei.31
Der private Haushalt als Flexibilitätspuffer für die Diskontinuität der Markt-
dynamik ist aus klassischen Strategien „kleiner Gewerbetreibender“ schon lange
bekannt, vor allem im Hinblick auf die Einbeziehung von Familienmitgliedern
als Arbeitskraft-Reserve (oder in ähnlicher Funktion: Verwandten und Bekann-
ten). Die Berufskategorie der „mithelfenden Familienangehörigen“ spielt zwar
in der deutschen Sozialstatistik kaum mehr eine Rolle – aber vor allem weil die
Form der unbezahlten Mitarbeit nur mehr selten als eigenständiger Erwerbssta-
tus in Anspruch genommen wird und nicht weil das Phänomen verschwunden
wäre. Haushaltsmitglieder können regulär oder geringfügig beschäftigt werden
oder unentgeltlich neben eigener Aus- und Weiterbildung oder anderweitigen
Tätigkeiten mitarbeiten. Entscheidungen für die eine oder andere Erwerbsform
hängen oft mit der Parallelität und Perspektivität der diversen Interessenlagen
im Haushalt zusammen: Erwerb ist immer in Verbindung zu sehen mit Aufgaben
in Haushalt und Familie, Interessen an Freizeit und Bildung, Alternativen von
Beschäftigung oder Ehrenamt. Weitere Ressourcen des privaten Haushalts sind
als Flexibilitätspotenziale noch kaum systematisch ausgelotet, etwa die Nutzung
privater „Produktions“-Mittel32 oder die familiale Arbeitsteilung von Sorgearbeit
und Hausarbeit.33 Vielfach stellt die Finanzierung oft schon aus Fragen der Haf-
tung eine Familienangelegenheit dar:34 Aus der Gründungsforschung ist bekannt,
dass Kleingründungen häufig und oft bevorzugt durch Privatkredite aus dem
Familien- und Bekanntenkreis finanziert werden, anstatt von Banken.35

30Bögenhold und Fachinger 2016; Gather et al. 2014b; Pongratz und Simon 2010.
31Siehe zu weiblichen Selbstständigen Gather et al. 2010 und zu Solo-Selbstständigen
Bögenhold und Fachinger 2010.
32PKW, Wohnraum als Büro oder Werkstatt, IT-Ausstattung etc.; vgl. Metzger 2016a, S. 7.

33Vgl. Frommert und Loose 2009.

34Gather et al. 2014a.

35Metzger 2016b, S. 17.


Diskontinuität und Diversität beruflicher Selbstständigkeit 61

Die für eine Gründung nötigen Investitionen an Kapital und Arbeit entfalten
eigenständige Bindungswirkungen und erfordern entsprechende Durchhaltestrate-
gien. Schon die Vorbereitung erstreckt sich oft über viele Monate einer Vorgrün-
dungsphase, in der reichlich Zeit und Energie aufgebracht werden muss für die
Entwicklung von Geschäftsidee und Leistungsangebot, die Analyse der Marktsi-
tuation, die Erstellung eines Businessplans etc. Mit der Gründung fließen in der
Regel keineswegs sofort ausreichend Einnahmen, sondern diese können erst nach
und nach generiert werden auf der Basis von Akquisitions- und Marketingmaß-
nahmen, weiterer Produktentwicklungen und kontinuierlicher Netzwerkpflege.
Zeitliche und finanzielle Vorleistungen erfordern einen längeren erfolgreichen
Geschäftsbetrieb, damit sie sich amortisieren; Gründende sind deshalb in der
Regel auf längere „Durststrecken“ eingestellt und müssen anhand des Verlaufs
der Geschäftszahlen beurteilen, wie aussichtsreich sich die Unternehmung entwi-
ckelt.
Nach erfolgreicher Etablierung wurde traditionell der Aufbau von Vermögen
angestrebt, das z. B. durch Verzinsung oder Vermietung kontinuierliche Erträge
abwerfen, in Krisenzeiten als Reserve in Selbstständigen-Haushalten zur Ver-
fügung stehen und Ertragsschwankungen und Einnahmeausfälle kompensieren
sollte. Diese Sicherungsstrategie setzt allerdings vorausgegangene Einkommens-
überschüsse voraus, die von großen Teilen der Selbstständigen nicht erwirtschaf-
tet werden können.36 Für eine Kompensation kommen deshalb heute vor allem
ergänzende Einkommen anderer Haushaltsmitglieder in Betracht, weshalb das
Phänomen der Erwerbshybridisierung auch auf der Ebene des Haushalts zu unter-
suchen ist. In dieser Perspektive ist die Kontinuität von prekärer selbstständiger
Erwerbstätigkeit eine Frage der Haushaltsökonomie, nämlich von kompensatori-
schem Einkommen auf der einen und von Strategien der Bedürfnissteuerung und
Ausgabenkontrolle auf der anderen Seite.37 In diese Betrachtung sind sämtliche
Einnahmequellen im Haushalt einzubeziehen, also auch staatliche Transferleis-
tungen38 und Einkünfte aus Kapital- und Immobilienbesitz. Zugleich erscheint
damit die Erwerbsstabilität abhängig von der Erwerbsfähigkeit und Erwerbsbe-
reitschaft aller Haushaltsmitglieder – weshalb in der Folge private Entscheidun-
gen des Zusammenlebens zu Faktoren der Kontinuität selbstständigen Erwerbs
werden können.

36Fachinger 2002.
37Vgl. Piorkowsky 1997; von Schweitzer 1991.
38Alle Arten von Renten ebenso wie Kindergeld, Arbeitslosengeld etc.
62 H J. Pongratz und A. D. Bührmann

Ähnliche Herausforderungen stellen sich im Hinblick auf das in Geschäfts-


beziehungen investierte soziale Kapital – hier insbesondere bei länger bestehen-
dem Geschäftsbetrieb. Die oft über viele Jahre aufgebauten Beziehungen zur
Kundschaft, aber auch Kooperationen mit Zulieferern und Netzwerken inner-
halb der Branche müssten bei einer Beendigung der Selbstständigkeit wieder
aufgegeben werden. Neben der Einbuße an Ressourcen droht ein persönlicher
Gesichtsverlust oder eine Beschädigung des sozialen Prestiges. Denn immer-
hin gilt eine Gründung in weiten Teilen der Gesellschaft als ungewöhnlicher
und mutiger Schritt, während gleichzeitig für die Möglichkeit des Scheiterns
zumindest im Kontext deutscher Gründungskultur oft wenig Verständnis aufge-
bracht wird.39 Ein maßgeblicher sozialer Faktor für Selbstständige mit Mitarbei-
terinnen und Mitarbeitern ist schließlich die Verantwortung für die Belegschaft:
Denn die Dauerhaftigkeit der Unternehmung sichert auch deren Erwerbsexis-
tenz; die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst können wiederum in schwieri-
gen Geschäftslagen eigenständige Initiativen entwickeln und so zur Bewältigung
unternehmerischer Krisen beitragen.
Lebensphasenspezifische Bewältigungsstrategien von Diskontinuitäten sind
insbesondere bei Solo-Selbstständigen im Zusammenhang zu sehen mit der Alter-
native der abhängigen Beschäftigung, schon weil diese die häufigste Exit-Option
aus der Solo-Selbstständigkeit40 und in vielen Fällen auch aus der Selbststän-
digkeit mit Beschäftigten darstellt:41 Mündet eine selbstständige Tätigkeit nicht
in den Ruhestand, so folgt auf sie meistens ein Anstellungsverhältnis.42 Viele
Gründungen werden aus der „Not“ einer fehlenden Beschäftigung unternom-
men43 und mit der Gelegenheit zu adäquater Anstellung wieder aufgegeben; mit
der positiven Entwicklung des Arbeitsmarktes ist in Deutschland deshalb aktuell
ein Rückgang der Gründerquote zu beobachten.44 Auftragsschwankungen zeiti-
gen meist zwiespältige Optionen: Bei guter Auftragslage wird die Zeit knapp für
anderweitige Betätigungen, bei Umsatzrückgängen verringert sich hingegen der
finanzielle Spielraum (z. B. für Weiterbildung oder Auftragsakquise). Qualitative

39Vgl.auch Kay und Kranzusch 2010.


40Brenke und Beznoska 2016, S. 50.
41Brenke und Beznoska 2016, S. 49.

42Suprinovič et al. 2016, S. 37.

43Metzger 2016a.

44Metzger 2016a, S. 1.


Diskontinuität und Diversität beruflicher Selbstständigkeit 63

Studien zu Lebensverläufen und Erwerbsstrategien von Solo-Selbstständigen45


zeigen eindrücklich die biografische Einbettung von wirtschaftlichen Entschei-
dungen und deren Abwägung mit lebensweltlichen Aufgaben und Interessen. In
späteren Lebensphasen steht auch die Frage der Gestaltung des Übergangs in den
Ruhestand im Raum – mit vielfältigen Optionen der Verknüpfung verschiedener
Tätigkeitsstränge. Typische Konstellationen sind zum einen die altersbedingte all-
mähliche Reduzierung einer „auslaufenden Selbstständigkeit“ und zum anderen
der Start einer selbstständigen Tätigkeit als Gestaltungsoption für den Übergang
aus dem Erwerbsleben in den Ruhestand.
Für ältere Selbstständige wird aufgrund der vorherrschenden betrieblichen
Rekrutierungsstrategien eine abhängige Beschäftigung als alternative Option
zunehmend unrealistisch. Selbstständige sind unter diesen Umständen in spä-
ten Erwerbsphasen offenbar dazu bereit, ein niedriges Einkommen dauerhaft zu
akzeptieren und eventuell mit staatlichen Transferleistungen zu kombinieren –
teilweise deutlich über das Normalter für den Renteneintritt hinaus und nicht
zuletzt häufig, um eine niedrige Rentenhöhe zu kompensieren. Analog dazu kann
der selbstständige Erwerb eine Übergangslösung für ältere Erwerbslose dar-
stellen, worauf die beachtliche Zahl von Gründenden im Alter zwischen 55 und
64 Jahren hindeutet.46 Neben der Chance auf eigenes Einkommen verspricht die
Selbstständigkeit für diese Erwerbsgruppe insbesondere Motivationsgewinne und
Statusvorteile. Wenn die Ertragsaussichten begrenzt sind, kann der Aufgabenin-
halt wieder in den Vordergrund treten mit unternehmerischen Wunschprojekten,
die auf die eigenen Interessen und Fähigkeiten zugeschnitten sind.47 Zugleich
sichert die Entscheidung zu gewerblicher Selbstständigkeit bzw. freiberufli-
cher Tätigkeit den Status als Erwerbstätige oder Erwerbstätiger im Kontrast zu
Arbeitslosigkeit oder Ruhestand, der sich mit Arbeitsmitteln (Büro, Werkstatt
etc.) und Aktivitäten (Termine, Werbung etc.) symbolisch untermauern lässt.
Derartige haushaltsbezogene Ressourcen und lebensphasenspezifische Strate-
gien tragen wesentlich zur Erklärung des Umstandes bei, dass trotz der Unwäg-
barkeiten und Wagnisse einer selbstständigen Existenzgründung die Gesamtdauer
von Erwerbsepisoden der Selbstständigkeit in Deutschland im Durchschnitt etwa

45Zum Beispiel Abbenhardt 2017; Hanemann 2016; Schürmann 2014; Egbringhoff 2007;
Manske 2007.
46Mit neun Prozent aller Gründungen; Metzger 2016b, S. 5.

47Insofern als die prekäre Erwerbsarbeit mit Sinn aufgeladen wird, ließe sich hier auch von

einer Subjektivierung der Arbeit sprechen.


64 H J. Pongratz und A. D. Bührmann

zehn Jahre beträgt (bei durchschnittlich 1,3 Erwerbsepisoden der Selbstständig-


keit).48 Von den Solo-Selbstständigen das Jahres 2009 blieben fünf Jahre später
immer noch gut die Hälfte (52,3 %) Alleinunternehmerinnen oder -unternehmer
und weitere 10,2 % hatten nunmehr selbst Angestellte – die übrigen wechsel-
ten vorwiegend in abhängige Beschäftigung (18,7 %) oder in den Ruhestand
(11,0 %).49 Wie bei der Bewältigung von Diskontinuitäten der Erwerbsverhält-
nisse betriebswirtschaftliche Maßnahmen und haushaltsökonomische Strate-
gien zusammenwirken, wäre durch empirische Forschung genauer zu ermitteln.
Zusätzlich in Betracht zu ziehen sind des Weiteren die institutionellen Rahmen-
bedingungen, die für wichtige Bereiche selbstständigen Erwerbs in Deutschland
geschaffen worden sind, um Marktrisiken zu reduzieren und zur Sicherung des
betrieblichen Fortbestands beizutragen.

4 Institutionelle Kontexte als mögliche


Kontinuitätsbedingungen selbstständigen
Erwerbs

Im Hinblick auf den Zusammenhang von Diskontinuität und Diversität sind ins-
titutionelle Regelungsweisen selbstständigen Erwerbs insbesondere deshalb rele-
vant, weil sie für die einbezogenen Gruppen zwar das Ausmaß an Diskontinuität
reduzieren, aber mit ihrer Vielfalt gleichzeitig zur Diversifizierung der beruflichen
Selbstständigkeit insgesamt beitragen. In den unterschiedlichen Formen der ins-
titutionellen Regulierung spiegelt sich die Heterogenität beruflicher Selbststän-
digkeit in besonders ausgeprägter Weise wieder – mit direkten Folgen für die
mögliche Prekarität des Erwerbs. Denn derartige institutionelle Arrangements
sind in der Regel auf einzelne Berufsfelder bezogen und gehen auf Strategien
der Interessenvertretung und der Selbstorganisation der Berufsgruppen zurück.
Während sie für diese Gruppen zur Stabilisierung der Erwerbslage beitragen
und so als eine Kontinuitätsbedingung fungieren können, tritt die Diskrepanz zu
Erwerbsfeldern ohne derartige institutionelle Regelungen umso deutlicher hervor.
Traditionell haben in Deutschland vor allem das Handwerk und die Freien
Berufe erwerbsrelevante Strukturen geschaffen, die kontinuitätssichernd und pre-
karitätsvermeidend wirken. Der deutlichste Ausdruck dafür ist das Kammerwesen

48Suprinovič et al. 2016, S. 16.


49Brenke und Beznoska 2016, S. 50.
Diskontinuität und Diversität beruflicher Selbstständigkeit 65

mit seiner Pflichtmitgliedschaft gewerblicher und landwirtschaftlicher Betriebe


sowie von Angehörigen der Freien Berufe.50 Die deutschen Kammern sind Kör-
perschaften des öffentlichen Rechts, vertreten also nicht nur die Anliegen ihrer
Mitglieder, sondern nehmen auch Aufgaben im öffentlichen Interesse wahr, wie
z. B. die Sicherung von Ausbildungsinhalten oder der Leistungsqualität. Eine
wesentliche Differenzierungslinie verläuft deshalb zwischen den „verkammer-
ten“ Feldern selbstständigen Erwerbs und den kammerfreien Marktsegmenten.
Ähnliche Interessen können zwar auch von anderen beruflichen Verbänden, die es
in großer Zahl gibt, wahrgenommen werden, doch sind sie ohne Pflichtmitglied-
schaft und öffentlichen Auftrag wesentlich schwieriger durchzusetzen.
Stabilität und Kontinuität beruflicher Selbstständigkeit können insbesondere
durch folgende Maßnahmen von Kammern und Verbänden nachhaltig gefördert
werden:

• Aus- und Weiterbildung, z. B. Regelungen zu Ausbildungsqualität und Bil-


dungszertifikaten, Betrieb von Bildungseinrichtungen, Förderung des Bil-
dungszugangs
• Zugangsbeschränkungen zum Berufsfeld, z. B. durch Qualifikationsvorausset-
zungen (Meisterbrief) oder Quotierungen (Ärztezulassung)
• Qualitätsprüfungen und -zertifizierungen, Marktbeobachtung und -kontrolle
• Vernetzung der Selbstständigen zum Erfahrungsaustausch, zum Aufbau von
Kooperationsbeziehungen oder zur wirtschaftspolitischen Koordinierung
• Erhöhung der Transparenz der Marktbedingungen durch Informationen zur
Leistungsqualität, zu Preisen und Vergütungen bis hin zu Honorarordnungen
• Einrichtungen und Maßnahmen zur sozialen Sicherung, z. B. durch Versor-
gungswerke der Kammern analog zur sozialen Sicherung abhängiger Beschäf-
tigung.

Die Selbstständigen in Deutschland sind in ganz unterschiedlichen Graden in


solche institutionellen Regelungen eingebunden – und auch als Pflichtmitglie-
der profitieren sie oft nicht im selben Maße von ihnen. So sind insbesondere die
Handwerkskammern und die Industrie- und Handelskammern stark auf die Inte-
ressen der Mitglieder in ihrer Arbeitgeberfunktion ausgerichtet und unterstützen
damit wesentlich das mittelständische Unternehmertum und weniger die Kleinst-
unternehmen und Solo-Selbstständigen.

50Handwerkskammer, Industrie- und Handelskammer, Landwirtschaftskammer, Ärztekam-


mer etc.
66 H J. Pongratz und A. D. Bührmann

Auf welche Weise derartige institutionelle Rahmungen unternehmerischer


Selbstständigkeit zu einem Faktor der Diversität selbstständigen Erwerbs wer-
den, lässt sich anhand der Regelungen zur Altersvorsorge exemplarisch demons-
trieren.51 Ob, in welcher Form und mit welcher Beitragshöhe eine obligatorische
Altersabsicherung besteht, ist von Beruf zu Beruf unterschiedlich:

• Mit der Kammermitgliedschaft ist in vielen Fällen eine Pflichtversicherung


zur Altersvorsorge verbunden: entweder im Rahmen der gesetzlichen Ren-
tenversicherung z. B. mit der Handwerkerversicherung oder durch berufs-
ständische Versorgungswerke für die Freien Berufe. Im Handwerk wird der
Beitragsbemessung beispielsweise das Durchschnittseinkommen aller Ver-
sicherten zugrunde gelegt, wobei bei Nachweis niedrigerer Einnahmen eine
Absenkung beantragt werden kann.
• Für die Landwirtschaft besteht die Pflichtmitgliedschaft in der Landwirtschaft-
lichen Alterskasse – allerdings mit einem Einheitsbeitrag, der nur eine Grund-
versorgung gewährleistet, weil von zusätzlichen Einnahmen aus dem mit der
Hofübergabe geregelten sogenannten „Altenteil“ ausgegangen wird.
• Mit der Künstlersozialversicherung wurde für künstlerisch und publizistisch
tätige Selbstständige (in der Regel als Solo-Selbstständige) eine Pflichtversi-
cherung eingeführt, die neben Beiträgen zu dreißig Prozent von den Verwer-
tern künstlerischer und publizistischer Werke und zu zwanzig Prozent über
einen Bundeszuschuss finanziert wird.
• Daneben besteht für eine Reihe von Berufsgruppen, z. B. Lehrkräfte, Erziehe-
rinnen und Erzieher oder Pflegekräfte, auch bei Selbstständigkeit eine Versi-
cherungspflicht in der gesetzlichen Rentenversicherung. Allerdings entziehen
sie sich teilweise dieser Verpflichtung entweder aus Unkenntnis oder aufgrund
von Schwierigkeiten, den Regelbeitrag52 aufzubringen.
• Alle anderen Selbstständigen bleiben auf die freiwillige Versicherung in der
Gesetzlichen Rentenversicherung oder eine anderweitige private Altersvor-
sorge verwiesen.

51Vgl.Fachinger und Frankus 2011, S. 18 ff.; Frommert und Loose 2009; Wirth und Mül-
lenmeister-Faust 2009; Fachinger et al. 2004.
52Analog zur Summe von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteil bei abhängiger Beschäfti-

gung.
Diskontinuität und Diversität beruflicher Selbstständigkeit 67

Ungleichheiten zwischen Selbstständigen sowie im Vergleich zu abhängig


Beschäftigten resultieren zum einen aus der absoluten oder relativen Höhe der
Beiträge und zum anderen aus der Problematik, diese über den Preis für die eige-
nen Leistungen zu refinanzieren. Verschiedene Einkommenshöhen als Berech-
nungsgrundlage führen dazu, dass im Alter sehr unterschiedliche Rentenbezüge
zu erwarten sind, die auch bei langjähriger Mitgliedschaft häufig nicht zur Exis-
tenzsicherung ausreichen;53 gerade die Marktschwankungen erschweren es
indes in vielen Fällen, kontinuierlich höhere Beitragszahlungen aufzubringen. In
Berufsfeldern mit obligatorischer Versicherung sind die Beiträge wesentlich ein-
facher bei der Preisbildung zu berücksichtigen, weil sie von allen Selbstständigen
in ähnlicher Weise zu leisten sind. Bei freiwilliger Versicherung erscheint die Bei-
tragshöhe dagegen als flexibler Kostenfaktor im Konkurrenzverhältnis zu anderen
Selbstständigen. Innerhalb der Marktsegmente, in denen sie wirksam sind, mögen
solche institutionellen Regelungen also die Ungleichheit abmildern, zwischen den
Berufen tragen sie eher zur Disparität der Soziallagen bei. Und es sind überwie-
gend Solo-Selbstständige, die davon am wenigsten profitieren oder ganz ausge-
schlossen bleiben.
Ein institutioneller Kontext anderer Art liegt in der Organisationsstruktur
der Unternehmung begründet und hängt – mehr oder weniger direkt – mit der
Unternehmensgröße zusammen: Wer ein Unternehmen mit vielen Beschäftigten
gründet, geht zwar ein beträchtliches unternehmerisches Wagnis ein, bleibt aber
durch den Aufbau organisatorischer Strukturen gleichzeitig gegen Diskontinui-
täten anders geschützt, als das für Solo-Selbstständige und Kleinstbetriebe gilt.
Das ökonomische Risiko liegt primär in der Finanzierung der Investitionen für
die Arbeitsplätze – Räumlichkeiten, Arbeits- und Kommunikationsmittel etc. –
begründet sowie in den kontinuierlich laufenden Ausgaben für Personal. Demge-
genüber stehen aber Stabilitätsgewinne, die mit der Organisationsfähigkeit und
der Ressourcenausstattung des Betriebs zusammenhängen: Große Belegschaf-
ten können ein großes Spektrum unterschiedlicher Aufträge bewältigen, und mit
steigendem relativem Umsatz im Marktsegment wächst auch der Einfluss dar-
auf – insbesondere im regionalen Umfeld. Beschäftigtenvielfalt und wirtschaft-
licher Ertrag erweitern die Optionen zur Investition in Innovationen – und tragen
so zur Anpassung an Marktentwicklungen bei. Das alles gilt nicht automatisch,
sondern hängt von unternehmerischen Entscheidungen und funktionierenden

53Siehe Fachinger sowie Schlegel in diesem Band.


68 H J. Pongratz und A. D. Bührmann

Prozessen ab. Doch auch diesbezüglich können mittelständische Unternehmen in


Krisenzeiten auf die Interessen der Beschäftigten am Erhalt des eigenen Arbeits-
platzes – und somit oft auf deren tatkräftige Unterstützung – vertrauen, während
Solo-Selbstständige auf sich allein gestellt bleiben. Schließlich gibt es sogar
politische Maßnahmen zur Krisensicherung, z. B. Kurzarbeitergeld, die den grö-
ßeren Unternehmen weit eher zugutekommen, weil sie zum Schutz der abhängig
Beschäftigten auf Arbeitsplatzsicherung oder aber wie im Fall der sogenannten
Bankenrettung zur Absicherung des Finanzmarktes ausgelegt sind.
Die institutionellen Kontexte im Bereich abhängiger und selbstständiger
Erwerbstätigkeit können also unterschiedliche Wirkungen entfalten: Während sie
für abhängig Beschäftigte zur Angleichung der Erwerbsbedingungen und durch-
gängig zur Kontinuitätssicherung beitragen, fallen ihre Auswirkungen im Feld
beruflicher Selbstständigkeit äußerst unterschiedlich aus. Die Unternehmens-
form und institutionelle Regulierungen schützen einzelne Gruppen von Selbst-
ständigen in beträchtlichem Umfang vor den Folgen von Marktschwankungen,
während insbesondere viele Solo-Selbstständige den Wechselfällen der Märkte
ohne derartigen „Beistand“ ausgesetzt sind. Ein charakteristisches Risiko liegt
etwa für Selbstständige mit wenigen Auftraggeberinnen und Auftraggebern in der
Zahlungsfähigkeit ihrer Kundschaft: Ein kontinuierlicher Geschäftsbetrieb setzt
Pünktlichkeit und Verlässlichkeit der Zahlungseingänge voraus.
Solo-Selbstständige mit niedrigem Einkommen sind folglich von multiplen
Diskontinuitäten und damit oftmals von Prekarisierungsrisiken betroffen: wenig
finanzielle Reserven, geringer personeller Handlungsspielraum und unzureichen-
der institutioneller Schutz. Ein plakatives Beispiel dafür sind die Folgen von
Krankheit: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erhalten Lohnfortzahlungen,
Selbstständige mit Belegschaft können auf deren unverminderten Einsatz hoffen,
Solo-Selbstständige müssen auf Aufträge und Einnahmen verzichten und ver-
lieren eventuell Kundinnen sowie Kunden – oder sie arbeiten krank weiter und
setzen so ihre Gesundheit aufs Spiel. Mit Solo-Selbstständigkeit ist eine cha-
rakteristische Soziallage entstanden, für die weder die Sicherungsstrategien der
abhängigen Beschäftigung noch des mittelständischen Unternehmertums bisher
ausreichende Kontinuitätsgewähr bieten. Diese Erwerbsform wirft die Frage auf,
welche Art von institutioneller Regelung – unabhängig von beruflicher Zugehö-
rigkeit – die Marktabhängigkeit reduzieren und zur Stabilisierung der sozio-öko-
nomischen Lage beitragen kann.
Diskontinuität und Diversität beruflicher Selbstständigkeit 69

5 Erwerbshybridisierung als Strategie zur


Herstellung von Kontinuität

Wir haben hier die These vertreten, dass neben der vielfach dokumentierten
Diversität selbstständigen Erwerbs auch die seltener erforschten typischen Dis-
kontinuitäten systematisch in der Forschung zu beruflicher Selbstständigkeit zu
berücksichtigen sind. Auch wenn sich die durch Marktschwankungen verursach-
ten Diskontinuitäten meist nur schwer eindeutig bestimmen lassen, sind solche
typischen Handlungskonstellationen insbesondere für Solo-Selbstständige vor
allem in Zusammenhang zu bringen mit Planungen im privaten Haushalt, lebens-
phasenspezifischen Einflüssen und Alternativen abhängiger Beschäftigung. Weil
mit gesteigerter Diskontinuität in vielen Fällen auch eine erhöhte Prekarität des
selbstständigen Erwerbs einhergeht, haben wir anschließend den Blick auf die
institutionellen Regelungen gerichtet, mit denen in vielen Berufsfeldern Risiken
unternehmerischen Erwerbs zu begrenzen versucht werden. Diese institutionel-
len Kontexte werden indes selbst wiederum zu einer wesentlichen Quelle von
Diversität: Indem sie Diskontinuitäten nur in Teilbereichen beruflicher Selbststän-
digkeit reduzieren, erhöhen sie die Heterogenität der unternehmerischen Erwerbs-
formen.
Die bestehenden institutionellen Sicherungsstrukturen tragen zwar zur Kon-
tinuität von abhängiger oder selbstständiger Erwerbstätigkeit bei, beziehen aber
wachsende Gruppen von Selbstständigen, wie Frauen oder Migrantinnen und
Migranten, nicht mehr in vollem Umfang mit ein. So weisen einige der durch das
Wirken von Kammern und Verbänden am besten gesicherten Felder des selbst-
ständigen Erwerbs, wie das Handwerk und einige verkammerte Freie Berufe,54
besonders hohe Anteile an Männern auf – mit Ausländern vorwiegend in Rand-
segmenten z. B. des Bauhandwerks. Die Institutionen zur Regulierung abhängiger
wie selbstständiger Erwerbstätigkeit werden den zunehmenden Herausforderun-
gen von Diskontinuität und Diversität des Erwerbs nur teilweise gerecht.55 In
dieser Situation stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von erwerbsbezogenen
Strategien von Personen und Haushalten einerseits und institutionellen Rege-
lungen zur Sicherung von Erwerbschancen andererseits. Das Phänomen der
Erwerbshybridisierung ist diesbezüglich besonders relevant, weil es die Felder
abhängigen und selbstständigen Erwerbs übergreift.

54Anwältinnen und Anwälte, Architektinnen und Architekten etc.


55Schulze Buschoff 2014; Schulze Buschoff 2010; Betzelt und Fachinger 2004.
70 H J. Pongratz und A. D. Bührmann

Erwerbshybridisierung ist selbst als eine Strategie zur Sicherung der Erwerbs-
lage und zur Herstellung von Kontinuität zu verstehen. Die Gründe zur Kombina-
tion von abhängiger und selbstständiger Tätigkeit parallel oder in enger zeitlicher
Abfolge mögen vielfältig sein und inhaltliche Motive, z. B. abwechslungsreiche
Aufgaben, ebenso umfassen wie instrumentelle Anlässe, z. B. Schließen von Ein-
kommenslücken. In jedem Fall ist Erwerbshybridisierung Ausdruck einer Stra-
tegie der Diversifizierung des Erwerbsportfolios der Personen im Haushalt, weil
Bedürfnisse nicht durch eine einzige dauerhafte – abhängige oder selbstständige –
Erwerbsform gedeckt werden können. Mit der zunehmenden Prekarisierung in
beiden Bereichen – durch atypische Beschäftigungsformen bzw. Solo-Selbststän-
digkeit – erfolgt sie in vielen Fällen als Reaktion auf die unzureichende materielle
Versorgung und soziale Sicherung durch die einzelne Erwerbsform. Auch wenn
dazu weitere und auf das Phänomen fokussierte Forschung nötig ist, lassen sich
grundsätzliche Überlegungen dazu anstellen, auf welche Weise Erwerbshybridi-
sierung zur Reduzierung von Diskontinuität beitragen kann.
Bei paralleler Ausübung von abhängiger und selbstständiger Erwerbstätigkeit
stellt zunächst die Summe der Einnahmen eine zentrale strategische Größe dar
und die Mehrgleisigkeit bietet zusätzlichen Risikoschutz bei Reduzierung oder
Wegfall einer der Erwerbsformen. Dabei kann das Anstellungsverhältnis als kon-
stantere Planungsgröße, z. B. für die Einkommenshöhe, gelten, während mit der
höheren Flexibilität der Selbstständigkeit eine stärkere Diskontinuierung einher-
geht. Ihre Kombination kann schon deshalb sinnvoll sein, weil die Anstellung die
Integration in die sozialen Sicherungssysteme gewährleistet, während die Selbst-
ständigkeit mehr Unabhängigkeit in der Arbeit in Aussicht stellt. Bei häufigeren
Wechseln zwischen abhängigem und selbstständigem Erwerb dürfte eher die situ-
ative Chancenoptimierung bzw. Problemminimierung im Vordergrund stehen –
im Hinblick auf die jeweils günstigste Konstellation von inhaltlichen Interessen,
Verdienstmöglichkeiten und beruflichen Perspektiven (besonders ausgeprägt z. B.
bei Schauspielerinnen und Schauspielern).
Zusätzlich bietet die Strategie der Erwerbshybridisierung Gelegenheiten zur
Verbesserung der Ressourcenausstattung mit sozialem und kulturellem Kapi-
tal. Sofern sich soziale Kontakte aus dem einen Bereich für den anderen gezielt
nutzen lassen, wächst über die Vielfalt der Tätigkeiten das soziale Netzwerk
insgesamt. In ähnlicher Weise erweitern die Kompetenzen und Erfahrungen,
die in jedem Erwerbsfeld gewonnen werden, das Spektrum an Kenntnissen und
Fähigkeiten und lassen sich wechselseitig einsetzen. So kann die Kombination
verschiedener Erwerbstätigkeiten gezielt der Weiterentwicklung des Leistungs-
portfolios dienen. Zugleich droht aber eine Kumulation von Belastungen, wenn
Diskontinuität und Diversität beruflicher Selbstständigkeit 71

sich die geistige oder körperliche Verausgabung in einem Erwerbsfeld negativ auf
die Leistungsfähigkeit in einem anderen Feld auswirkt.
Inwieweit durch solche Strategien die Diskontinuität des Erwerbs mittel-
und langfristig reduziert werden kann, bleibt eine offene (und empirisch zu klä-
rende) Frage. Denn auch die damit verbundenen Probleme sind offenkundig:
Der Wechsel ebenso wie die Gleichzeitigkeit von abhängiger und selbstständiger
Erwerbstätigkeit können mit erheblichem Aufwand und zusätzlichen Koordi-
nierungsschwierigkeiten verbunden sein. Es entsteht die Gefahr, dass keine der
beiden Erwerbsformen konsequent verfolgt werden kann und damit die Chancen
schwinden, eine davon kontinuierlich auszuüben. Erwerbshybridisierung könnte
insofern sogar zur Stabilisierung von Prekaritätslagen beitragen, als sie die öko-
nomische Lage kurzfristig erträglicher gestaltet und damit das subjektive Unsi-
cherheitsempfinden reduziert. Der hohe Aufwand und der (vorübergehende)
Erfolg einer hybriden Erwerbskonstellation können zum gefühlten Eindruck von
Stabilität führen, auch wenn diese nach objektiven Kriterien weiterhin als prekär
zu bewerten wäre (vgl. Abschn. 2). Zumindest könnte ein Gewöhnungseffekt ein-
treten, welcher eine ungewöhnliche Konstellation zunehmend als normal erschei-
nen lässt, obwohl ihre Tragfähigkeit beständig ungewiss bleibt und immer wieder
von neuem hergestellt werden muss.
Strategien der Erwerbshybridisierung sind deshalb als Bewältigungsversuche
von Problemen der Diskontinuität des Erwerbs zu verstehen, die weiterhin erheb-
liches Potenzial an Ungewissheit in sich bergen. Die Frage der institutionellen
Sicherung stellt sich folglich mit unverminderter Dringlichkeit. Denn wer in par-
alleler oder wechselnder Ausübung beide Erwerbsformen zu verbinden versucht,
droht vollends in die Lücken und Schwachstellen innerhalb und zwischen den
Segmenten zu geraten. Allerdings unterstreichen Hybridisierungsstrategien die
Vielfalt und den Variantenreichtum der Umgangsweisen der Erwerbstätigen mit
den Herausforderungen der Diskontinuität. Ihre in der Alltagspraxis realisierten
Arrangements mit den Wechselfällen des Erwerbs stellen eine wichtige Diversi-
tätsdimension dar. Mit der Einordnung der Solo-Selbstständigkeit in die Kontexte
von Haushalt und Lebensverlauf hatten wir ergänzend zu reinen Geschäftsstrate-
gien auf haushaltsbezogene und lebensphasenspezifische Gestaltungsmöglichkei-
ten hingewiesen (ähnlich bei Kleinstbetrieben). Erwerbshybridisierung stellt eine
zusätzliche Option dar, sich selbst über (wenn man so will) private Institutiona-
lisierungspraxen zu helfen und Zugangschancen zu abhängigem wie selbststän-
digem Erwerb ebenso zu nutzen wie soziale Netzwerke und die Ressourcen im
privaten Haushalt.
72 H J. Pongratz und A. D. Bührmann

Für das gesellschaftliche System der Erwerbsinstitutionen lassen sich daraus


zwei allgemeine Schlussfolgerungen ableiten. Erstens können die Strategien von
Selbstständigen zur Bewältigung von Diskontinuitäten im unternehmerischen
Alltag keineswegs als Alternative zu institutionellen Regelungen, sondern nur
als Bezugspunkt für deren konkrete Ausgestaltung betrachtet werden. Die insti-
tutionelle Sicherung von abhängigem wie selbstständigem Erwerb im deutschen
Sozialstaatsmodell nimmt wenig Bezug auf derartige Bewältigungspraxen – und
ist weitgehend unabhängig von Haushaltskonstellationen und biografischen
Lebenslagen angelegt. Diese Konstruktion sorgt für hohe Sicherheit und individu-
elle Ungebundenheit für die in vollem Umfang einbezogenen Personen, sie führt
aber auch zu erheblichen Diskrepanzen gegenüber all jenen, die an dieser Art der
Erwerbssicherung nicht oder nur eingeschränkt teilhaben. Für diese Gruppen –
große Teile der Solo-Selbstständigen etwa – stellt sich die Frage nach institutio-
nellem Schutz, der an in der Praxis bewährte Bewältigungsmuster und an hybride
Konstellationen anknüpft und ihnen einen stabilisierenden Rahmen gibt.
Zweitens werfen Entwicklungen der Erwerbshybridisierung die Frage nach
einer Systematik der sozialen Sicherung von Erwerbsarbeit auf, die nicht nur für
verschiedene Erwerbsformen zuverlässig funktioniert, sondern auch auf mög-
liche Verbindungen zwischen ihnen abgestimmt ist. Hinderlich diesbezüglich
ist vor allem die strikt duale Konstruktion von abhängiger Beschäftigung und
beruflicher Selbstständigkeit im deutschen Institutionensystem, welche die bei-
den Erwerbsformen bislang prinzipiell unterschiedlichen institutionellen Feldern
zuordnet. Die Herausforderung liegt in einer institutionellen Unterstützung von
Bewältigungspraxen diskontinuierlichen Erwerbs, welche die Risiken von Hand-
lungsoptionen im Kontext von Haushaltsbezug und biografischer Entwicklung
systematisch reduziert, ohne das Gestaltungsspektrum auf die normativen Leit-
vorstellungen der Normalitätstypen von Arbeitnehmer- oder Unternehmertum zu
beschränken. Die Aufgabe liegt im Entwurf einer institutionellen Gestaltungs-
perspektive von Erwerbstätigkeit, welche die Gesamtheit der Erwerbsformen
umfasst, auf ihre jeweiligen Besonderheiten abgestimmt ist und zugleich die
Möglichkeit ihrer synchronen oder diachronen Kombination unterstützt. Diskon-
tinuitäten der Erwerbsverhältnisse und Diversität der Erwerbsformen stellen nicht
per se Problemlagen dar, aber sie bringen unter den gegenwärtigen Bedingungen
Risiken und Ungleichheiten mit sich, die sich bei einzelnen Erwerbsgruppen bün-
deln und systematische Erweiterungen der institutionellen Regulierung erfordern.
Diskontinuität und Diversität beruflicher Selbstständigkeit 73

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Erwerbshybridisierung: Sozialpolitische
(Folge-) Probleme

Uwe Fachinger

Zusammenfassung
Erwerbshybridisierung als die Ausprägung von Erwerbstätigkeitsformen, die
zeitlich parallel ausgeübt werden, bedingt potenziell für jede Erwerbstätigkeit
das Problem der Absicherung sozialer Risiken. Dies erweist sich insbesondere
dann als problematisch, wenn keine oder nicht für alle Formen der Erwerbs-
tätigkeit eine Risikoabsicherung vorhanden ist. Ein Lösungsweg wäre die
Einführung einer Versicherungspflicht für jede Erwerbstätigkeit und bei mone-
tären Sozialtransfers die Kumulation der Ansprüche, wobei vom Prinzip her
eine einkommensabhängige Beitragszahlung aufgrund der unterschiedlichen
Einkunftsquellen und der daraus sich ergebenden Sparbereitschaft und Sparfä-
higkeit nahe liegt.

Für hilfreiche Kommentare danke ich Andrea D. Bührmann und Eva Welskop-Deffaa
sowie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Workshops „Vervielfältigung
der Erwerbsverläufe – Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik unter Vorzeichen der
Erwerbshybridisierung“ des Arbeitskreises „Die Arbeit der Selbstständigen“.

U. Fachinger (*) 
Universität Vechta, Vechta, Deutschland
E-Mail: uwe.fachinger@uni-vechta.de

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018 77


A. D. Bührmann et al. (Hrsg.), Hybride Erwerbsformen,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-18982-2_4
78 U. Fachinger

Schlüsselwörter
Erwerbshybridisierung · Soziale Risiken · Absicherung · Soziale Sicherung ·
Altersvorsorge · Gesetzliche Rentenversicherung · GRV · Sparfähigkeit ·
Sparbereitschaft

1 Einleitung

Die Veränderungen der Erwerbstätigkeitsformen, insbesondere die Zunahme


hybrider Formen zeitlich aufeinander folgender bzw. gleichzeitig auftretender
Beschäftigungsverhältnisse,1 bringen vielfältige Probleme der sozialen Siche-
rung mit sich. Im Folgenden sollen die Fragen vertieft untersucht werden, die
sich durch jene Entwicklungen der Erwerbshybridisierung ergeben, bei denen
verschiedene Beschäftigungen zeitlich parallel ausgeübt werden. Diese Form
wird im Folgenden als synchrone Erwerbshybridisierung bezeichnet.2 Eine stark
vereinfachte Kategorisierung ist in der Abb. 1 angegeben. Dabei wurde von
einer ersten Erwerbstätigkeit (Haupterwerbstätigkeit) ausgegangen, die prinzipi-
ell in Vollzeit oder Teilzeit ausgeübt werden kann. Die zweite und jede weitere
Erwerbstätigkeit kann daher nur in Teilzeit erfolgen. Jede dieser Erwerbstätig-
keitsformen kann wiederum in einer abhängigen Beschäftigung oder als selbst-
ständige Erwerbstätigkeit ausgeübt werden, sodass insgesamt acht Ausprägungen
vorliegen.3
Aber auch die Erwerbstätigkeit in einer der acht Kategorien kann sehr stark
divergieren. So kann es sich beispielsweise bei der ersten Haupterwerbstätigkeit
um eine abhängige Vollzeitbeschäftigung in der Kernbelegschaft eines Großun-
ternehmens mit relativ hohem Einkommen und einer zusätzlichen betrieblichen
sozialen Absicherung handeln oder um eine Tätigkeit mit relativ geringem Ein-
kommen, zu der zusätzlich eine weitere Erwerbstätigkeit in selbstständiger oder
abhängiger Beschäftigung ausgeübt wird. Vor diesem Hintergrund ergibt sich die
Fragestellung nach der Identifikation sozialpolitischer Folgen aufgrund der diffe-
renzierten Ausgestaltung der Erwerbshybridisierung.

1Im Folgenden werden die Begriffe Beschäftigung und Erwerbstätigkeit synonym verwendet.
2Siehe den Beitrag von Kay et al. in diesem Band.
3Im Vergleich zum Beitrag von Kay et al. in diesem Band wird davon abgesehen, dass die

zweite Tätigkeit auch sonstige Tätigkeiten ohne klassischen Erwerbscharakter umfassen


könnte.
Erwerbshybridisierung: Sozialpolitische (Folge-) Probleme 79

Erste Erwerbstätigkeit (Haupterwerbststätigkeit)


Vollzeit Teilzeit
Abhängig Selbstständig Abhängig Selbstständig

Weitere Abhängig I II III IV


Erwerbstätig- Selb-
keit (Teilzeit) V VI VII VIII
stständig

Abb. 1   Ausprägungen der synchronen Erwerbshybridisierung. (Quelle: Eigene Darstellung)

Grundsätzlich ist die Gleichzeitigkeit von abhängiger und selbstständiger


Beschäftigung oder die Parallelität von selbstständigen Beschäftigungsformen mit
ihren Folgen auf die Absicherung sozialer Risiken bislang wenig untersucht wor-
den.4 Es ist aber davon auszugehen, dass die Erwerbshybridisierung den gesam-
ten Bereich der Sozial- und Verteilungspolitik umfasst, Auswirkungen auf das
soziale Sicherungssystem hat und sozialpolitische (Folge-) Probleme aufwirft,
die die Mikro-, Meso- und Makroebene betreffen.5 Damit ist für eine Analyse der
Effekte prinzipiell eine ganzheitliche, bereichsübergreifende Sichtweise erfor-
derlich.6 Ohne diese könnten die sich aus der Interdependenz der sozialen Siche-
rungssysteme – insbesondere deren finanziellen Verflechtungen – ergebenden
Effekte nicht berücksichtigt werden.7 Bisher sind diese multiplen Wirkungszu-
sammenhänge allerdings nur selten Gegenstand der sozial- und verteilungspoliti-
schen Forschung gewesen.8

4So wird dieser Aspekt der Gleichzeitigkeit beispielsweise in den Analysen zur sogenann-
ten Arbeit 4.0 nicht beachtet; Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2017; Bundes-
ministerium für Arbeit und Soziales 2016a; Bundesministerium für Arbeit und Soziales
2016b; Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2016c oder auch in Walter et al. 2013;
siehe zum quantitativen Ausmaß den Beitrag von Kay et al. in diesem Band und zu den
sich daraus potenziell ergebenden sozialpolitischen Problemlagen u. a. die Beiträge in
Schmähl und Rische 1999.
5Manyika et al. 2016, S. 94 f.; Rinne und Zimmermann 2016, S. 9; Staab und Nachtwey

2016, S. 25; Fachinger 2007c.


6Siehe hierzu Fachinger et al. 2002; Bofinger 2002; Schmähl 1980.

7Siehe Forschungsnetzwerk Alterssicherung und Verband Deutscher Rentenversicherungs-

träger 2005; Henke und Schmähl 2001; Fachinger et al. 2010.


8Ausnahmen bilden u. a. Fachinger et al. 2010; Forschungsnetzwerk Alterssicherung und

Verband Deutscher Rentenversicherungsträger 2005; Henke und Schmähl 2001; Gawel


1995; Jacobs 1995.
80 U. Fachinger

Eine derartig umfassende Analyse der Auswirkungen auf das soziale Siche-
rungssystem ist im vorliegenden Zusammenhang nicht intendiert. Die folgenden
Ausführungen konzentrieren sich vielmehr auf die Mikroebene, wobei der Fokus
auf die Haushalte bzw. Individuen gerichtet ist. So sind mit den strukturellen
Veränderungen zahlreiche distributive Wirkungen auf deren materielle Situation
verbunden, mangelt es den neuen Erwerbsformen u. a. vielfach an Elementen der
Absicherung gegen die finanziellen Folgen des Eintritts sozialer Risiken.9 Die-
ser letztgenannte Aspekt steht im Vordergrund der folgenden Ausführungen. Dazu
wird zunächst der Problemhintergrund im Hinblick auf die materielle Absiche-
rung sozialer Risiken kurz dargestellt und darauf aufbauend auf konkrete Pro-
blemlagen hybrider Erwerbstätigkeit unter dem Aspekt der Sparfähigkeit und
Sparbereitschaft eingegangen. Im Anschluss daran werden die sich daraus erge-
benden Herausforderungen behandelt, wobei der Schwerpunkt auf der Altersvor-
sorge liegt.

2 Problemhintergrund

Vorsorge bedeutet prinzipiell die materielle Absicherung zur Bewältigung eines


Einkommensausfalls und/oder von zusätzlichen finanziellen Belastungen, die
im Zusammenhang mit dem Eintritt eines allgemeine Lebensrisikos bzw. eines
sozialen Risikos stehen. Dabei werden unter sozialen Risiken gesellschaftlich als
wichtig erachtete Tatbestände verstanden, die für die Lebenslage von Individuen,
privaten Haushalten bzw. Familien von Bedeutung sind und zu politischen Maß-
nahmen Anlass geben.10 Was als soziales Risiko betrachtet wird, ist allerdings in
Zeit und Raum sehr unterschiedlich.11 Zur Zeit gelten in Deutschland die folgen-
den Tatbestände als allgemeine Lebens- oder soziale Risiken, die für den Großteil
der Erwerbstätigen in Form einer Sozialversicherung u. a. zur Vermeidung negati-
ver externer Effekte abgesichert sind:12

9Siehe z. B. Wingerter 2012; Hinrichs 2008.


10Schmähl 2012, S. 164; so auch Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2014, S. 3,
wonach unter sozialen Risiken allgemeine Lebenstatbestände oder auch soziale Tatbestände
verstanden werden, „(…) deren Eintritt oder Vorhandensein die Anspruchsberechtigung auf
Sozialleistungen auslöst. (…)“.
11So wurde erst ab 1995 eine Pflegebedürftigkeit als soziales Risiko betrachtet.

12Siehe z. B. Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2015, S. 32.


Erwerbshybridisierung: Sozialpolitische (Folge-) Probleme 81

• Krankheit,
• Invalidität (Erwerbsunfähigkeit),
• Pflegebedürftigkeit,13
• das biometrische Risiko der Langlebigkeit (Alterssicherung),
• Verwitwung/Verwaisung (Hinterbliebenenabsicherung),
• Mutterschaft,
• Arbeitslosigkeit bei abhängiger Beschäftigung.

Neben diesen im Sozialversicherungssystem abgesicherten Risiken bestehen bei


selbstständiger Erwerbstätigkeit – in Analogie zum Risiko der Arbeitslosigkeit
bei abhängig Beschäftigten – die Risiken14

• Auftragslosigkeit,
• Zahlungsausfall,
• Insolvenz.

Der Eintritt eines der gelisteten Risiken führt potenziell zu einer Erwerbsunter-
brechung, zu Einkommensverlusten sowie in Fällen wie Krankheit zu zusätzli-
cher finanzieller Belastung.
Es ist allerdings einschränkend darauf zu verweisen, dass nicht alle aufgeführ-
ten Risiken bei Erwerbstätigen im Rahmen sozialer Sicherungssysteme abgesichert
bzw. auf Versicherungsmärkten versicherbar sind.15 Hierzu zählt beispielsweise
die Insolvenz bei selbstständig Erwerbstätigen. Des Weiteren ist die Absiche-
rung eines sozialen Risikos in bestimmten Fällen nicht möglich. So existiert bei
bestimmten Risiken, wie Mutterschaft16 oder Auftragslosigkeit, gegebenenfalls
kein Versicherungsmarkt. Ferner findet auf Versicherungsmärkten eine Risikose-
lektion statt. Dies bedeutet zum einen die Zahlung risiko-orientierter B­ eiträge17

13Das Risiko der Pflegebedürftigkeit wird im Sozialbudget den sozialen Tatbeständen


Krankheit und Erwerbsunfähigkeit zugeordnet; Bundesministerium für Arbeit und Sozia-
les 2015, S. 21. Die Tatbestände Ehegatten, Wohnen und Allgemeine Lebenshilfen werden
nicht aufgeführt, da diese den Förder- und Fürsorgesystemen und nicht den Sozialversiche-
rungssystemen zugerechnet werden.
14Siehe hierzu den Beitrag von Pongratz und Bührmann in diesem Band.

15Nguyen und Romeike 2013.

16Siehe Fachinger 2016c mit weiteren Verweisen.

17In der Versicherungswirtschaft werden diese in der Regel als Prämien bezeichnet.
82 U. Fachinger

Soziale Absicherung

Vorhanden Nicht vorhanden

Erste
I II
Erwerbstätigkeit

Weitere
III IV
Erwerbstätigkeit

Abgeleitete
V VI
Ansprüche

Abb. 2   Fallkonstellationen. (Quelle: Eigene Darstellung)

und zum anderen den teilweisen oder vollständigen Ausschluss aufgrund eines
erhöhten potenziellen Risikos.18
Betrachtet man die soziale Absicherung von Personen mit einer hybriden
Erwerbstätigkeit, so kann prinzipiell zwischen sechs, sich nicht ausschließen-
den Fällen unterschieden werden. Die Absicherung kann – freiwillig oder ver-
pflichtend – im Rahmen der ersten Erwerbstätigkeit (Quadrant I in Abb. 2) und/
oder einer weiteren Erwerbstätigkeit (Quadrant III in Abb. 2) erfolgen.19 Ist eine
Absicherung im Rahmen der ersten Erwerbstätigkeit nicht vorhanden (Quadrant
II in Abb. 2), so kann diese prinzipiell in Folge einer weiteren Erwerbstätigkeit
vorliegen (Quadrant III in Abb. 2). Es besteht allerdings auch die Möglichkeit,
trotz einer Vollzeit- und Teilzeittätigkeit, über keine Absicherung eines sozialen
Risikos zu verfügen (Quadrant II und IV in Abb. 2). Zu beachten ist ferner, dass
die Möglichkeit der abgeleiteten Absicherung besteht, z. B. im Rahmen einer
beitragsfreien Familienmitversicherung in der GKV und GPV (Quadrant V in
Abb. 2).
Aus den je spezifischen Fallkonstellationen in Abb. 2 lassen sich potenziell
problematische Fälle ableiten. Als kritisch dürfte es in jedem Fall einzuschätzen
sein, wenn über die erste (Haupt-) Erwerbstätigkeit keine soziale Absicherung

18Zur Absicherung des Krankheitsrisikos siehe beispielsweise Nguyen und Romeike 2013,
S. 256.
19Als Beispiel kann auf die Landwirte mit ihrer Versicherungspflicht in der landwirtschaft-

lichen Alterssicherung parallel zu einer Absicherung in der GRV oder der Beamtenversor-
gung verwiesen werden.
Erwerbshybridisierung: Sozialpolitische (Folge-) Probleme 83

erfolgt (II). In diesem Fall bestünde die Möglichkeit einer Absicherung über die
weitere Erwerbstätigkeit (III) und/oder das Vorhandensein abgeleiteter Ansprüche
(V). In diesen Fällen wäre allerdings zwischen einkommensbezogenen Leistun-
gen (monetären Transfers) und Sachleistungen (Realtransfers) zu differenzieren.
Während bei Realtransfers die Höhe der Beitragszahlung unerheblich ist, gilt dies
für monetäre Transfers nicht. So ist für eine Absicherung des Krankheits- oder
Pflegerisikos die Höhe der Beitragszahlung oder die des für die Beitragsbemes-
sung herangezogenen Einkommens für die Höhe der Sachleistungen nicht von
Bedeutung. Relevant wird dies aber beispielsweise bei Krankengeld, Arbeitslo-
sengeld oder Geldleistungen der Alterssicherung.
In Abhängigkeit vom abzusichernden Risiko kann beispielsweise eine
Konstellation, in der die soziale Absicherung über die erste Erwerbstätigkeit
erfolgt – falls diese in Vollzeit ausgeübt wird – im allgemeinen als unproblema-
tisch betrachtet werden (I).20 Vergleichbares dürfte auch für die Situation einer
Absicherung in der ersten und der weiteren Erwerbstätigkeit gelten (I und III).
Weniger eindeutig dürfte die Situation aber beispielsweise bei einer hinzu verdie-
nenden Partnerin zu beurteilen sein, die neben einer potenziellen Absicherung im
Rahmen einer Teilzeittätigkeit (I) gegebenenfalls über abgeleitete Ansprüche über
ihren Partner verfügt (V).
Zusätzlich ist die zeitliche Dimension zu berücksichtigen.21 Die in der Abb. 2
angegebenen Fallkonstellationen beschreiben die Situation zu einem Zeitpunkt.
Für Personen in einer hybriden Erwerbstätigkeit kann sich der Status der sozialen
Absicherung im Zeitablauf ändern, so wenn von einer abhängigen in eine selbst-
ständige Erwerbstätigkeit gewechselt wird.22 Die Veränderungen des Erwerbs-
status kann zu einem Verlust oder zu einer Einschränkung der Absicherung eines
sozialen Risikos führen. Auch ist die Berücksichtigung der zeitlichen Dimension

20Es ist allerdings einschränkend zu bedenken, dass zunehmend eine Vollzeitbeschäftigung


zur Armutsvermeidung nicht mehr ausreicht. Dieses Phänomen wird in der Literatur auch
als „working poor“ bezeichnet; Giesselmann 2015; Halleröd et al. 2015; Pradella 2015;
Hanzl-Weiss et al. 2010; Nollmann 2009; Andreß und Lohmann 2008.
21Diese lebenslaufbezogene Betrachtung wird häufig vernachlässigt. Jüngstes Beispiel sind

die Ausführungen zur Solo-Selbstständigkeit im Grünbuch Arbeiten 4.0; Bundesminins-


terium für Arbeit und Soziales 2016c sowie Bundesmininsterium für Arbeit und Soziales
2016a. Siehe zur lebenslauf- bzw. längsschnittbezogenen Betrachtung Bundesministerium
für Arbeit und Soziales 2017, S. 167; Brenke und Beznoska 2016; Naegele et al. 2013;
Clemens 2010; Franke 2010; Naegele 2010; Schmähl 2010; Schmid 2010; Schmid 2008;
Fachinger 2007b; Fachinger 2007c; Fachinger 2007a; Helberger 1983.
22Siehe hierzu ausführlich den Beitrag von Kay et al. in diesem Band.
84 U. Fachinger

bezüglich des Leistungsanspruchs relevant, da in bestimmten Systemen eine Min-


destversicherungszeit erforderlich ist, um Leistungen zu erhalten.23
Ferner ergibt sich das Problem einer mangelnden Flexibilität. So kann eine
parallele Erwerbstätigkeit auch zu einer parallelen Absicherung führen. Sofern
hier eine Möglichkeit der Anpassung besteht, wäre dies nicht problematisch.
Wäre jedoch eine Anpassung nicht möglich, so kann das Ergebnis eine doppelte
Absicherung mit einer entsprechend hohen finanziellen Belastung sein. Betrachtet
man die Absicherung des Lebenshaltungsniveaus bezüglich des Langlebigkeits-
risikos, so läge im Falle des Übergangs als selbstständig Erwerbstätiger in eine
sozialversicherungspflichtige abhängige Beschäftigung als erste Erwerbstätigkeit
zusätzlich zur privaten Vorsorge – die im Rahmen der selbstständigen Erwerbs-
tätigkeit erfolgte – eine Pflichtabsicherung in der GRV vor. Dies kann mit einer
Beitragszahlung zur privaten Altersvorsorge und zur GRV verbunden sein, sofern
eine Anpassung der privaten Altersvorsorge nicht möglich ist.24
Des Weiteren ist der Umfang des Versicherungsschutzes zu beachten. So wird in
der GRV nicht nur das Risiko der Langlebigkeit abgesichert, sondern u. a. auch das
Risiko der Invalidität und es erfolgt eine Hinterbliebenenabsicherung.25 Beim Wech-
sel des Erwerbsstatus kann sich somit auch der Umfang des Versicherungsschutzes,
d. h. die abgedeckten sozialen Risiken, ändern. So müssten bei einer ausschließlich
privatwirtschaftlichen Absicherung die in der GRV abgesicherten Risiken einzeln
versichert werden, was die Kosten eines mit der GRV vergleichbaren Versicherungs-
schutzes deutlich erhöht.26 Zu beachten ist dabei auch, dass eine Absicherung des

23In der GRV muß beispielsweise eine sogenannte Wartezeit erfüllt sein, um einen
Anspruch auf eine spezifische Altersrente zu haben; §§ 50 ff. Sechstes Buch Sozialgesetz-
buch (SGB VI).
24Dies wäre beispielsweise dann der Fall, wenn die sogenannte Prämienhöhe nicht ange-

paßt oder die Prämienzahlung nicht ausgesetzt werden könnte, wie dies beispielsweise im
Falle des Erwerbs von selbstgenutztem Wohneigentum der Fall wäre; Deutscher Bundestag
2008. Dabei wäre allerdings zu fragen, ob der Erwerb von Wohneigentum als Absicherung
des Langlebigkeitsrisikos betrachtet werden kann.
25Siehe ausführlich hierzu Künzler 2012.

26Auch dieser Sachverhalt wird in der Literatur, die die Förderung der privaten und betrieb-

lichen Altersvorsorge und eine Reduzierung des Leistungsniveaus der GRV propagiert, nicht
weiter zur Kenntnis genommen. Von vielen Protagonisten wird in der Diskussion über die
gesetzliche Rentenversicherung lediglich Bezug auf die privatwirtschaftlich organisierten
Formen der Absicherung des biometrischen Risikos der Langlebigkeit genommen. Ein Ergeb-
nis dieser Sichtweise ist die steuerliche Förderung der betrieblichen und privaten Alters-
sicherung, die lediglich als Ausgleich der Leistungsreduzierung der GRV in Bezug auf die
individuellen Altersrenten vorgesehen ist und das Risiko der Invalidität nicht berücksichtigt.
Erwerbshybridisierung: Sozialpolitische (Folge-) Probleme 85

Erwerbsminderungsrisikos für bestimmte Berufsgruppen nicht möglich ist.27 Dieser


Sachverhalt wird in der politischen und wissenschaftlichen Diskussion in der Regel
nicht beachtet, dürfte aber insbesondere für selbstständig Erwerbstätige bei der Ent-
scheidung der Form einer Risikovorsorge von Relevanz sein.
Die aufgeführten Beispiele verdeutlichen, dass prinzipiell für jedes soziale
Risiko die Fallkonstellationen aus Abb. 2 im einzeln geprüft werden müssten,
um die sich je ergebende spezifische Situation der Absicherung zu erfassen. Zur
Ausgestaltung einer adäquaten Absicherung eines sozialen Risikos ist daher für
Personen mit hybriden Erwerbsformen die Konstruktion eines Systems mit sei-
nen Teilelementen und deren Abstimmung aufeinander, die in ihrem komplexen
Zusammenwirken das Sicherungsziel – sei es die Armutsvermeidung, sei es die
Absicherung eines Lebenshaltungsniveaus – erreichen sollen, zu berücksichtigen.
Darüber hinaus sind nicht nur die Interdependenzen der Systeme von Regel-
und ergänzender Absicherung beispielsweise in der Absicherung des Langle-
bigkeitsrisikos, sondern auch die Verbindung zwischen den einzelnen Risiken
zu beachten, d. h. eine potenzielle Risikokumulation. So kann der Eintritt einer
Krankheit oder eines Unfalls bei selbstständiger Erwerbstätigkeit zu einer Redu-
zierung von Aufträgen führen.
Ein weiterer Aspekt, der zu berücksichtigen ist, sind die sich ändernden Rah-
menbedingungen im Zeitablauf. Erwerbstätige treffen ihre Entscheidung unter
Berücksichtigung der institutionellen Regelungen zu einem Zeitpunkt. Dies ist
insofern problematisch, als dass im Nachhinein eine Anpassung an sich ändernde
Bedingungen teilweise gar nicht oder nur schwer möglich und dann in der Regel
mit erhöhten Kosten verbunden ist. Ein drastisches Beispiel dafür, dass sich die
Bedingungen für die Absicherung im Zeitablauf ändern, ist der Paradigmenwech-
sel in der Alterssicherung in Deutschland.28
Dementsprechend wurde die Frage, ob hybrid Erwerbstätige höheren sozialen
Risiken ausgesetzt sind und wie diese abgesichert werden könnten, thematisiert.29
So bedingen niedrigere monatliche Einkommen bei einkommensabhängigen
Transferleistungen geringere Ansprüche – insbesondere bei der Rente und beim
Arbeitslosengeld I sowie beim Krankengeld. Des Weiteren können soziale Risi-
ken potenziell z. T. aufgrund fehlender oder geringerer Integration in die sozialen

27Siehe zu Risikoausschlüssen beispielweise Neuhaus und Voit 2014, S. 626 ff., sowie all-
gemein Büchner 2015.
28Fachinger et al. 2015a; Fachinger et al. 2015b; Fachinger und Künemund 2014; Schmähl

2011.
29Keller und Seifert 2011, S. 31; Wingerter 2012, S. 208; Hinrichs 2008.
86 U. Fachinger

Sicherungssysteme sowie geringerer Stabilität der Beschäftigung nicht adäquat


abgesichert werden. Ferner ist zu bedenken, dass Personen in hybriden Beschäf-
tigungen teilweise keinen oder einen geringeren Anspruch auf Leistungen der
betrieblichen Alterssicherung oder Gesundheitsförderung haben könnten.

3 Sparfähigkeit und Sparbereitschaft

Unabhängig von der spezifischen Struktur eines sozialen Sicherungssystems ist


grundsätzlich ein Sparen erforderlich, sofern eine Absicherung gegenüber einem
Einkommensausfall oder einer (zusätzlichen) finanziellen Belastung durch das
Auftreten eines sozialen Risikos erfolgen soll.30 Es besteht hierbei kein Unter-
schied zwischen den Finanzierungsverfahren, sei es ein Umlageverfahren wie in
der GRV oder ein kapitalfundiertes Verfahren wie in einer privaten Renten- oder
Krankenversicherung, die Finanzierung erfolgt grundsätzlich durch Konsumver-
zicht. Sofern Erwerbstätige wählen können, ob sie ein soziales Risiko absichern
wollen und in welchem Umfang, wird diese Entscheidung von der Sparbereit-
schaft und der Sparfähigkeit determiniert.31
Es stellt sich die Frage, ob die Sparfähigkeit in ausreichendem Maße vorhan-
den ist, da diese selbst bei einer ausgeprägten Spar- bzw. Vorsorgebereitschaft die
notwendige Bedingung für eine Vorsorge darstellt. Dabei ist nicht nur die Höhe
der Belastung in einer Periode relevant, sondern auch die Stetigkeit in der Mittel-
aufbringung insbesondere bei nicht einkommensbezogenen Zahlungen wie z. B.
Prämien bei einer privaten Kranken- oder Pflegeabsicherung. Zur Beantwortung
der Frage ist zudem die Konzeption der Finanzierung der je spezifischen Systeme
zu berücksichtigen.32 So kann durch die konkrete Ausgestaltung die Sparfähig-
keit beeinflusst und gegebenenfalls sogar gefördert werden. Im Folgenden sei dies
anhand einiger weniger Beispiele verdeutlicht.
Ein zentraler Aspekt ist die Festlegung des Einkommens, dass der Beitragsbe-
messung zugrunde gelegt wird.33 Je umfassender der Einkommensbegriff gewählt

30Dies gilt auch für steuerfinanzierte Systeme, da in diesen ceteris paribus ein höherer Steu-
ersatz erforderlich wäre.
31Frankus und Fachinger 2012; Fachinger und Frankus 2017. Es werden hier nicht die

umfassenderen Begriffe Vorsorgefähigkeit und Vorsorgebereitschaft verwendet, da im Fol-


genden nur die finanzielle Vorsorge, d. h. Sparen, Gegenstand der Erörterung ist.
32Siehe hierzu ausführlicher Schmähl 2012, S. 176 ff.

33Arnold et al. 2012; Fachinger und Frankus 2011, S. 29 ff.


Erwerbshybridisierung: Sozialpolitische (Folge-) Probleme 87

wird, desto stärker werden ceteris paribus die privaten Haushalte belastet. Als
Beispiel kann hier die unterschiedliche Bemessungsgrundlage für Beitragszahlun-
gen an die gesetzlichen Krankenkassen dienen. Während bei pflichtversicherten
Rentenempfängerinnen und -empfängern als Bemessungsgrundlage der Zahlbe-
trag der Rente sowie das Arbeitseinkommen gilt,34 umfassen für die freiwillig
versicherten Rentnerinnen und Rentner die beitragspflichtigen Einnahmen die
Renten, Arbeitseinkommen sowie Einkünfte aus Vermietung, Verpachtung oder
Kapitalvermögen.35
Zu bedenken sind des Weiteren Einkommensgrenzen: eine Mindestpflicht-
versicherungsgrenze sowie eine Beitragsbemessungsgrenze. Bei der Mindest-
pflichtversicherungsgrenze handelt es sich um die Einkommenshöhe, bei deren
überschreiten eine Versicherungspflicht in einem Sozialversicherungssystem
vorliegt.36 So ist bei Einkommen unterhalb einer derartigen Mindestgrenze zwar
ein Sparen prinzipiell möglich, aber keine (Pflicht-) Absicherung in einem Sys-
tem. Nach oben wird gegebenenfalls die Höhe der Beitragszahlung durch die
Beitragsbemessungsgrenze eingeschränkt. Diese begrenzt bei einkommensab-
hängigen Leistungen sozialer Sicherungsinstitutionen zudem die maximale Höhe
der Leistung. Als Beispiel sei auf die Alterssicherung durch die GRV verwiesen.
Sofern das Einkommen die Beitragsbemessungsgrenze übersteigt, wäre zur Ein-
kommenssicherung bzw. als Einkommensersatz eine zusätzliche Absicherung in
betrieblicher und/oder privater Form für den die Grenze übersteigenden Betrag
erforderlich.37 Andererseits bedingt eine Beitragsbemessungsgrenze eine relative
Reduzierung der Belastung, wenn das Einkommen diese Grenze überschreitet.
Ferner wird die Sparfähigkeit durch die Ausgestaltung des Tarifs beeinflusst.
Grundsätzlich ist hier zwischen einkommensbezogenen38 und einkommensunab-
hängigen Beiträgen zu unterscheiden. So sind die Beiträge insbesondere außer-
halb der staatlichen Absicherungsinstitutionen in der Regel risikobezogen.39

34§ 237 Fünftes Buch Sozialgesetzbuch (SGB V).


35§ 238a SGB V; zu den unterschiedlichen Bemessungsgrundlagen von in der GRV versi-
cherungspflichtigen selbstständig Erwerbstätigen siehe Fachinger und Frankus 2011, S. 20.
36Zur Zeit beispielsweise 450 EUR pro Monat, siehe Bundesregierung 2016b.

37Dies galt in der BRD schon immer und nicht erst durch den Paradigmenwechsel in der

GRV.
38Manchmal auch als einkommensgerecht bezeichnet.

39Dies gilt vor allem für jegliche Form der Absicherung eines Risikos bei einer privaten

Versicherung.
88 U. Fachinger

Während die Sparfähigkeit bei einkommensbezogenen Beiträgen explizit berück-


sichtigt wird, determiniert bei risikoorientierten Beiträgen das individuelle Risiko
für den Eintritt des Versicherungsfalles bei Versicherungsabschluss die Höhe
der Beiträge. Für dasselbe Risikopotenzial ist der Absolutbetrag der zu zahlen-
den Beiträge gleich hoch – die relative Belastung ist demgegenüber aber umso
höher, je niedriger das Einkommen ist, m. a. W. die relative Belastung nimmt mit
sinkendem Einkommen überproportional stark zu, wie dies exemplarisch in der
Abb. 3 dargestellt ist. So kann durch eine einkommensbezogene Finanzierung
die durch eine Festbetragsregelung verursachte überproportional hohe Belastung
geringer Einkommen vermieden, die Sparfähigkeit gefördert und damit die Spar-
bereitschaft positiv beeinflusst werden.
Zur Ausgestaltung des Tarifs gehört zudem eine entsprechende Methode der
Anpassung, d. h. das Vorgehen zur Veränderung der relativen bzw. der absoluten
Belastung über die Zeit, um die Veränderung von Rahmendbedingungen, wie der
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, der erwerbsstrukturellen Veränderung oder

160

140

120 Regelbeitrag 678,60 Euro pro Monat

100
Belastung in %

80 Beitrag bei monatlichen Mindesteinnahmen 348,08 Euro pro Monat

60
Mindestbeitrag 232,05 Euro pro Monat
40
allgemeiner Beitragssatz (14,6 Prozent)
20

0
0 1,000 2,000 3,000 4,000 5,000 6,000 7,000 8,000 9,000 10,000
Monatseinkommen in Euro

Abb. 3   Relative Belastung bei Zahlung des Mindestbeitrages und des Regelbeitrages zur
gesetzlichen Krankenversicherung; Stand 2017. (Eigene Darstellung auf Basis von Bundes-
regierung 2016b)
Erwerbshybridisierung: Sozialpolitische (Folge-) Probleme 89

10.0

8.0

6.0
Veränderung in %

4.0

2.0

0.0

-2.0

-4.0
Jahr

Beitragssteigerung PKV Beitragssteigerung GKV Beitragssteigerung GKV Regelbeitrag

Abb. 4   Änderung der Beiträge zur Krankenversicherung in Prozent. (Eigene Darstellung


auf Basis von Bundesregierung 2012, S. 2, für 2000 bis 2010, sowie ab 2011 Assekurata
Raiting Agentur 2016, S. 8, Deutsche Rentenversicherung Bund 2016c, S. 262)

dem soziodemografischen Wandel, berücksichtigen zu können.40 Demzufolge


unterliegt der Beitragssatz zur sozialen Sicherung im Zeitablauf Schwankungen.
Dasselbe gilt für die Absolutbeträge der Prämien bei Formen der betrieblichen
bzw. privaten Absicherung. Insbesondere bei letzteren hat es in der Vergangenheit
teilweise deutliche Steigerungen gegeben, wie in Abb. 4 für den Zeitraum 2000
bis 2010 exemplarisch für die Krankenversicherung dargestellt ist.41 Derartige
Belastungsänderungen können von der versicherten Person nicht antizipiert wer-
den und beeinflussen unmittelbar die Sparfähigkeit. So ist eine durchschnittliche

40Auch wenn insbesondere von (finanz-) politischer Seite her der Beitragssatzstabilität die
höchste Priorität beigemessen wird, lassen sich Veränderungen selbst bei einer einnahme-
norientierten Ausgabenpolitik grundsätzlich nicht vermeiden. So kann durch eine positive
Entwicklung der beitragspflichtigen Lohnsumme eine Reduzierung oder aufgrund des
erwerbstrukturellen und sozio-demografischen Wandels auch eine Erhöhung des Beitrags-
satzes erforderlich sein; siehe beispielsweise § 158 SGB VI.
41Siehe hierzu auch Nguyen und Romeike 2013, S. 258 f.
90 U. Fachinger

Beitragserhöhung um 7,27 % im Jahr 2010 nur schwerlich durch eine entspre-


chende Einkommenssteigerung zu kompensieren, zumal die Erhöhung sich auf
die Pauschalbeträge bezieht und die tatsächliche Belastungsänderung aus indivi-
dueller Sicht nicht wiedergibt. Wie oben schon dargestellt, führt dies bei niedri-
gen Einkommen zu einer überproportional hohen Belastung.
Die Höhe des Beitrags beeinflusst aber nicht nur die Sparfähigkeit, sondern
auch die Sparbereitschaft. So wird beispielsweise unterstellt, dass in der GRV ein
Beitragssatz von über 22 % von den Versicherten nicht akzeptiert würde und daher
als Obergrenze für das Jahr 2030 im Sechsten Buch Sozialgesetzbuch (SGB VI)
festgelegt ist.42 Allerdings gibt es keine objektiven Kriterien für die Akzeptanz
einer Beitragsbelastung. Einige Hinweise können aber gegeben werden: Im Rah-
men der Einführung der Angestelltenversicherung im Jahre 1911 wurden beispiels-
weise Beiträge in Höhe von etwa zwanzig Prozent der Gehälter, die ein Ruhegeld
in Höhe der Beamtenpension gesichert hätten, als zu viel angesehen.43 Stattdessen
wurden geringere Leistungen festgelegt und ein Beitragssatz von etwa acht Pro-
zent der Gehälter erhoben. Derzeit liegt der Beitragssatz in der allgemeinen Ren-
tenversicherung bei 18,7 % und in der Knappschaftlichen Rentenversicherung bei
24,8 %.44 Damit liegt der Beitragssatz zur Knappschaftlichen Rentenversicherung
4,8 Prozentpunkte über dem im Jahr 1911 als unzumutbar erachteten Wert und um
2,8 Prozentpunkte über dem angestrebten Wert für das Jahr 2030.
Des Weiteren kann die Sparbereitschaft durch die unterschiedlichen Kombina-
tionen der Erwerbstätigkeit (siehe Abb. 2) von den jeweils spezifischen sozial- und
arbeitsrechtlichen Regelungen beeinflusst werden. So mag für einen selbstständig
Erwerbstätigen eine zweite Erwerbstätigkeit in einem sozialversicherungspflichti-
gen Beschäftigungsverhältnis oder – umgekehrt – für eine Person, die eine sozi-
alversicherungspflichtige Teilzeiterwerbstätigkeit als Haupterwerb ausübt, eine
zweite selbstständige Erwerbstätigkeit zur Absicherung eines sozialen Risikos von
Interesse sein. In beiden Fällen würde die Beitragszahlung das soziale Sicherungs-
system aufgrund der Teilzeittätigkeit geringer sein, als bei einer Vollzeiterwerbstä-
tigkeit. In den Sozialversicherungssystemen mit überwiegend Realtransfers – wie
der gesetzlichen Krankenversicherung oder auch der Pflegeversicherung – würden
dabei keine Leistungseinbußen erfolgen und daher die Risiken adäquat abgesichert

42§ 154 Abs.3 Nr. 1 SGB VI.


43Meyer 1930, S. 65.
44Deutsche Rentenversicherung Bund 2016b, S. 15.
Erwerbshybridisierung: Sozialpolitische (Folge-) Probleme 91

sein. Da mit einer zusätzlichen Beitragszahlung kein Erwerb zusätzlicher Leistun-


gen einher geht, ist aus individueller Sicht im Falle einer vollständigen Absiche-
rung des sozialen Risikos bei einer Teilzeittätigkeit eine Absicherung im Rahmen
der zweiten Erwerbstätigkeit ökonomisch nicht sinnvoll.
Bei Sicherungssystemen mit überwiegend monetären Transfers würden sich
zwar die einkommensbezogenen Leistungen ceteris paribus verringern, allerdings
hätte die Person mehr Wahlmöglichkeiten für die Absicherung beispielsweise des
Langlebigkeitsrisikos. So könnte diese durch Beiträge an die gesetzliche Renten-
versicherung, aber auch durch alternative Alterssicherungsformen der privaten
Vorsorge erfolgen. Bei einer derartigen Konstellation hängt die Sparbereitschaft
u. a. von den ökonomischen Kenntnissen der Person ab.45

4 Herausforderungen

Welche Aspekte bei der Identifizierung von sozialpolitischen (Folge-) Problemen


bei den unterschiedlichen Ausprägungen hybrider Erwerbsformen zu beachten
sind, ist schematisch in der Abb. 5 dargestellt. Die Herausforderungen ergeben
sich dabei vor dem Hintergrund der mit der Absicherung eines sozialen Risikos
verbundenen Ziele, und können auf der Basis einer Status quo Analyse in einem
Soll-Ist-Vergleich, der sowohl die bisherige als auch die zukünftige Entwicklung
umfassen sollte, identifiziert werden. Sollten Abweichungen festgestellt werden,
die zu Handlungen Anlass geben, so wären entsprechende Maßnahmen unter
Berücksichtigung der Ziele abzuleiten. Welche Faktoren dabei zu beachten sind,
ergibt sich prinzipiell aus der Status quo Analyse, die auch eine Erklärung für den
jeweiligen Zustand liefert und die wesentlichen Determinanten, deren Einfluss-
richtung und Zusammenwirken identifiziert.
Bezogen auf die selbstständig Erwerbstätigen wurde besonders intensiv die
Einkommenssituation und teilweise in Verbindung damit die Absicherung des
Risikos der Langlebigkeit diskutiert.46 Da es sich bei diesem Risiko zudem um
das aus individueller und gesamtwirtschaftlicher Sicht quantitativ bedeutsamste

45Diese wird in der anglo-amerikanischen Literatur als financial literacy bezeichnet; Bon-
gini et al. 2015; Lusardi und Mitchell 2011; Badunenko et al. 2009; Organisation for Eco-
nomic Co-operation and Development (OECD) 2005.
46Um nur einige zu nennen: Fachinger und Frankus 2017; Brenke und Beznoska 2016;

Schulze Buschoff 2016, S. 4 f.; Fachinger und Frankus 2015; Fachinger 2014; Ziegelmeyer
2013; Betzelt und Fachinger 2004a; Betzelt und Fachinger 2004b; Betzelt 2002; Fachinger
2002; Fachinger und Oelschläger 2000.
92 U. Fachinger

Ziele
z. B. Steigerung des gesamtgesellschaftlichen Nutzens,
Lebensstandardsicherung, Gewährleistung einer nachhaltigen
gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung,

Status quo Maßnahmen


z. B. Anzahl an Versicherten, z. B. Versicherungspflicht,
Entwicklung der Nachfrage, einkommensbezogene Beiträge,
Rentenniveau, Sparfähigkeit und - steuerliche Förderung
bereitschaft

Abb. 5   Dimensionen der Sozial- und Verteilungspolitikanalyse in Anlehnung an Schmähl


(2009, S. 121 f.)

System der materiellen Vorsorge handelt,47 fokussieren die folgenden Ausführun-


gen auf Aspekte der Altersvorsorge. Dabei wird von dem allgemein anerkannten
sozial- und verteilungspolitischen Ziel ausgegangen, den Menschen „(…) im Alter
einen angemessenen Lebensstandard zu sichern (…).“,48 das als „adequate pen-
sions“ auch auf internationaler Ebene – so von der EU-Kommission – als eigent-
licher Zweck („basic purpose“) von Alterssicherungssystemen angesehen wird.49
Betrachtet man ein Altersvorsorgesystem umfassend als ein System, das allen
Erwerbstätigen eine entsprechende Absicherung des biometrischen Risikos der
Langlebigkeit ermöglichen soll – unabhängig vom Beschäftigungsstatus –, dann
müsste es die Ausgestaltung des Systems auch bei hybriden Erwerbsformen
ermöglichen, das soziale Risiko adäquat abzusichern, d. h. einen Ersatz des durch
die altersbedingte Aufgabe der Erwerbstätigkeit entfallenden Einkommens in
Analogie zur Lohnersatzfunktion der Rente aus der GRV oder der Beamtenver-
sorgung zu gewährleisten.50

47So entfallen etwa dreißig Prozent der Ausgaben des sozialen Sicherungssystems auf die
gesetzliche Rentenversicherung; siehe Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2015, S. 10.
48Bundesregierung 2001, S. 1.

49European Commission 2012, S. 4.

50Siehe hierzu ebenfalls Thiede in diesem Band.


Erwerbshybridisierung: Sozialpolitische (Folge-) Probleme 93

Es gilt somit zu ergründen, inwieweit das Ziel der materiellen Absicherung


eines angemessenen Lebensstandards im Alter bei hybrid Erwerbstätigen gefähr-
det ist und welche Konsequenzen sich durch eine hybride Erwerbstätigkeit für die
soziale Absicherung im Alter ergeben.51
Betrachtet man die Fallkonstellationen in Abb. 1 in Kombination mit Abb. 2,
so ist die Absicherung eines angemessenen Lebensstandards im Sinne eines Ein-
kommensersatzes bei einer hybriden Erwerbstätigkeit, in der sich die Einkünfte
aus mehreren Beschäftigungsverhältnissen zusammensetzen, insbesondere dann
als potenziell problematisch anzusehen, wenn es sich bei den Erwerbsformen
nicht ausschließlich um Beschäftigungsverhältnisse handelt, die der Beitrags-
pflicht in der GRV oder einem anderen Pflichtversicherungssystem unterliegen.
Sofern alle Beschäftigungen zu einer Versicherungspflicht in der GRV führen,
kumulieren die Anwartschaften an die GRV und bedingen in ihrer Gesamtheit
einen Ersatz der Einkünfte aus Erwerbstätigkeit in der Nacherwerbsphase.
Bei den Fallkonstellation I, III sowie gegebenenfalls V aus Abb. 2 wird die
materielle Situation in der Nacherwerbsphase durch die Höhe der abgesicherten
Einkünfte in der GRV determiniert. Hier ergibt sich nicht das Problem des grund-
sätzlichen Versicherungsschutzes, sondern das Problem dessen Umfangs. Nied-
rige Gesamteinkommen im Verhältnis zum Durchschnittseinkommen52 führen zu
niedrigen Ansprüchen und damit auch zu niedrigen Renten im Alter, da sich –
stark vereinfacht ausgedrückt – die Höhe einer Altersrente aus der Multiplikation
der Entgeltpunktsumme mit dem aktuellen Rentenwert errechnet (§ 64 SGB VI).
Somit ist hier die Gefahr der Altersarmut gegeben.53
Zur Beurteilung des Leistungsniveaus der GRV können die folgenden Abbil-
dungen dienen. Die erste gibt die Höhe der Altersrente in Abhängigkeit von der
Anzahl an Versicherungsjahren und des über den Gesamtzeitraum im Durch-
schnitt erreichten Entgeltpunktes an. Die zweite weist auf die Bedingungen hin,
die erfüllt sein müssen, um eine Rente vor Steuern in Höhe von vierzig Prozent
des Nettoeinkommens bei gegebenem Sicherungsniveau vor Steuern zu erreichen.
Die Abb. 6 verdeutlicht, dass sich die Anzahl an Entgeltpunkten aus einer
Kombination der Versicherungsjahre und dem pro Jahr durchschnittlich erreichten
Entgeltpunkt ergibt. Vierzig Entgeltpunkte können somit aus einer vierzigjährigen

51Hierauf gehen auch Schlegel und Thiede in ihren Beiträgen in diesem Band näher ein.
52Das Verhältnis von individuell erreichten Einkommen eines Jahres zum Durchschnittsein-
kommen desselben Jahres wird als Entgeltpunkt bezeichnet (§ 63 Abs. 2 SGB VI).
53Siehe zur Gefahr der Altersarmut auch Schlegel sowie Thiede in diesem Band.
94 U. Fachinger

55 45 Entgeltpunkte 40 Entgeltpunkte
(1.370,25 €) (1.218,00 €)
50 = Eckrente

45

40
Anzahl an Jahren

35 Entgeltpunkte
(1.065,75 €)
35

30

25

20 30 Entgeltpunkte

15
2.0 1.9 1.8 1.7 1.6 1.5 1.4 1.3 1.2 1.1 1.0 0.9 0.8 0.7 0.6 0.5
Durchschnittlicher Entgeltpunkt pro Jahr

Abb. 6   Absicherungsniveaus der gesetzlichen Rentenversicherung, Aktueller Rentenwert


2017 = 30,45 €. (Eigene Darstellung)

Tätigkeit mit durchschnittlich einem Entgeltpunkt pro Jahr oder aus einer zwan-
zigjährigen Tätigkeit mit im Durchschnitt zwei Entgeltpunkten je Jahr resultie-
ren. Bedenkt man nun, dass sich ein Entgeltpunkt in Höhe von Eins ergibt, wenn
das sozialversicherungspflichtige Einkommen der Person im jeweiligen Jahr mit
dem Durchschnittsverdienst aller Erwerbstätigen desselben Jahres übereinstimmt,
dann wird die Problematik deutlich, die durch ein über einen längeren Zeitraum
erzieltes niedriges Einkommen entsteht.
Dies weist auf die grundsätzliche Problematik einer geringen Sparfähigkeit
hin. So können ab einem gewissen beitragspflichtigen Einkommen selbst bei lan-
ger Versicherungszeit keine über dem Niveau der Grundsicherung im Alter und
bei Erwerbsminderung liegenden Renten erreicht werden. Unterstellt, dass das
Niveau der Grundsicherung inklusive Wohngeld vierzig Prozent des durchschnitt-
lichen Nettoarbeitsentgelts entspricht,54 so können die Wertekombinationen, die

54Das monatliche Durchschnittsentgelt betrug 2015 netto vor Steuern 2.442,42 EUR, sodass

sich ein Betrag von 976,97 EUR ergibt; Deutsche Rentenversicherung Bund 2016b, S. 27.
Erwerbshybridisierung: Sozialpolitische (Folge-) Probleme 95

60
55,8
55
bei Bezug von 75 Prozent des Durchschnittsentgelts

50 52,2

45
Versicherungsjahre

41,9 bei Bezug des


40 Durchschnittsentgelt
39,1
35
Sicherungsniveau
vor Steuern 2030
30 (§ 154 Abs. 3 Nr. 2 SGB VI)
Sicherungsniveau vor Steuern 2020
(§ 154 Abs. 3 Nr. 2 SGB VI)
25
40 42 44 46 48 50 52 54 56 58 60 62 64 66 68 70
Eckrentenniveau in Prozent des durchschnittlichen Nettoarbeitsentgelts

Abb. 7   Erforderliche Versicherungsjahre für eine GRV-Rente auf Grundsicherungsniveau


(GRV-Rente in Höhe von vierzig Prozent des durchschnittlichen Nettoarbeitsentgelts)

mindestens erreicht werden müssen, um eine GRV-Rente auf diesem Niveau zu


erhalten, der Abb. 7 entnommen werden.
Abb. 7 zeigt, dass ceteris paribus 41,9 Versicherungsjahre bei Bezug des
Durchschnittsentgelts erforderlich sind, um bei einem Sicherungsniveau vor Steu-
ern in Höhe von 43 % eine Rente in Höhe von vierzig Prozent des Durchschnitts-
verdienstes im Jahre 2030 zu erhalten. Werden durchschnittlich nur 75 % des
Durchschnittentgelts über die Erwerbsphase erreicht, wären 55,8 Versicherungs-
jahre notwendig. Bei geringen beitragspflichtigen Durchschnittseinkommen bei-
spielsweise aufgrund einer versicherungspflichtigen Teilzeittätigkeit besteht daher
die Gefahr, dass die während der Erwerbstätigkeit erworbenen Anwartschaften an
die GRV zu Altersrenten führen, die deutlich unter dem Grundsicherungsniveau
liegen. Insbesondere für den Fall, dass die erste Erwerbstätigkeit nicht in Vollzeit
in einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung ausgeübt wird, führt die
alleinige Absicherung in der GRV zwar zu einem Ersatz des beitragspflichtigen
Einkommens, aber in der Regel nicht zu einem angemessenen Lebensstandard in
der Nacherwerbsphase.
96 U. Fachinger

Für die zusätzlichen Einkommen aus der hybriden Erwerbstätigkeit – und für
die meisten Einkünfte aus selbstständiger Tätigkeit55 – ist daher prinzipiell eben-
falls eine Absicherung notwendig. Hier hat die erwerbstätige Person die freie
Entscheidung: So besteht – neben der Entscheidung, auf eine Absicherung des
Risikos zu verzichten – grundsätzlich die Möglichkeit einer freiwilligen (Weiter-)
Versicherung in der GRV, aber auch eine Absicherung des biometrischen Risikos
der Langlebigkeit auf privaten Märkten. Zu bedenken ist herbei, dass diese beiden
Sicherungsformen grundsätzlich zwei unterschiedlichen Logiken folgen, sowohl
die Finanzierungs-, als auch die Leistungsseite betreffend.
Hinsichtlich der Beitragszahlung ist zu beachten, dass es sich bei der Finan-
zierung einer privaten Absicherung grundsätzlich um einkommensunabhängige
Beiträge (Pauschalbeträge) handelt. Dies bedeutet, dass die relative Belastung der
Einkommen regressiv ist und umso höher ausfällt, je niedriger das Einkommen
ist.56 Ferner ist zu bedenken, dass niedrige Zahlungen zu niedrigen Ansprüchen
führen, deren realen Wert man bei privaten Absicherungsformen vor Inanspruch-
nahme zudem nicht kennt.57
Bei niedrigen Einkommen ergibt sich aber nicht nur bei Festbeträgen, sondern
auch bei einem einkommensbezogenen Beitrag die Problematik der starken abso-
luten Belastung. So führt der Beitragssatz von 18,7 % bei einem Einkommen von
1200,00 EUR, dass der Beitragsbemessung zugrunde gelegt wird, zu einem Net-
toeinkommen von 975,60 EUR. Berücksichtigt man noch die weiteren Abgaben,
die zu zahlen sind, wie Beiträge zur Absicherung des Krankheits- und Pflegebe-
dürftigkeitsrisikos, so besteht die Gefahr der Sozialhilfebedürftigkeit.
Die hier geschilderte Problematik führt zu Überlegungen, die Beitragsbelas-
tung prinzipiell zu reduzieren. Sofern es sich um eine selbstständige Erwerbs-
tätigkeit handelt, wird u. a. gefordert, dass die Beitragsbelastung zum hälftigen
Beitragssatz – in Analogie zu den abhängig Beschäftigten, den Künstlern und
Publizisten sowie den Hausgewerbetreibenden – erfolgen soll. Dabei bleibt aller-
dings offen, durch wen die andere Hälfte der Beiträge zu zahlen wäre. Es wird
eine Auftraggeberabgabe – analog zur Künstlersozialabgabe der Verwerter in der
Künstlersozialkasse – oder aber eine Finanzierung aus Steuermitteln diskutiert.58

55Bundesregierung 2016a.
56In Abb. 3 ist die beispielhaft für die Beitragszahlung zur GKV dargestellt.
57So wird in den Verträgen der nominale Wert ausgewiesen; zur grundsätzlichen Problema-

tik siehe beispielsweise Fachinger et al. 2015a.


58Schulze Buschoff 2016, S. 4 f.; Rische 2008, S. 8; Betzelt 2004, S. 65 ff.; Fachinger und

Frankus 2004, S. 37 ff.; siehe auch Schlegel in diesem Band.


Erwerbshybridisierung: Sozialpolitische (Folge-) Probleme 97

Eine dritte Möglichkeit wäre ein reduzierter Beitragssatz in Anlehnung an die


Gleitzonenregelung für abhängig Erwerbstätige mit einem Einkommen zwischen
450,01 EUR und 800,00 EUR. Des Weiteren könnte auch der Mindestbeitrag in
Höhe von 84,15 EUR pro Monat (Stand April 2017)59 gesenkt werden und somit
die überproportional hohe Belastung geringer Einkommen bzw. Bemessungs-
grundlagen vermieden werden.
Ein weiterer Aspekt, der die Relevanz der zeitlichen Dimension verdeutlicht,
ist der Wechsel zwischen den Erwerbsformen, beispielsweise zwischen einer
abhängigen, sozialversicherungspflichtigen und einer selbstständigen, nicht ver-
sicherungspflichtigen Tätigkeit. Scheiden Personen aus der GRV aus, so erwerben
sie keine weiteren individuellen Rentenansprüche an das System60 – aber auch
die Absicherung gegenüber den materiellen Folgen einer Erwerbsminderung oder
die Leistungen für eine Rehabilitation können sie nach einer Übergangsfrist nicht
mehr beanspruchen.
Hierdurch entstehen Sicherungslücken, die möglicherweise durch eine pri-
vate Absicherung nicht geschlossen werden können. Die Gründe hierfür sind die
Kriterien, die bei Abschluss eines Vertrages bzw. zur Prämienberechnung heran-
gezogen werden. So werden bei der privaten Altersvorsorge durch eine Lebens-
versicherung die individuellen gesundheitlichen Risikofaktoren berücksichtigt.
In Abhängigkeit von der gesundheitlichen Konstitution kann der Versicherer vom
potenziellen Kunden entweder eine höhere Prämie verlangen oder eine Versi-
cherung ablehnen. Ferner steigt mit zunehmendem Alter die Höhe der Beitrags-
zahlungen zu Vertragsbeginn aufgrund der kürzeren Vertragslaufzeit und der
Alterskorrelation des Risikos, d. h. je älter die Personen sind, umso höher sind die
jeweilig zu zahlenden Prämien.
Zusätzlich ist zu beachten, dass bei einem niedrigen Absicherungsniveau bzw.
einem geringen Leistungs-Gegenleistungsverhältnis die Abgabenwiderstände sehr
stark sein können, daher die Sparbereitschaft gering ist und eine Absicherung
bewusst vermieden wird. Verstärkt wird dieses Verhalten noch durch die Diskus-
sionen über die soziale Absicherung und den notwendigen Umbau des Sozial-
staats in Richtung auf ein Grundsystem mit bedürftigkeitsgeprüften Leistungen.61

59Deutsche Rentenversicherung Bund 2016b, S. 12.


60Soweit die Personen die Mindestanforderungen für den Erhalt einer Altersrente erfüllen,
ruhen die Ansprüche bis zur Erreichung der Regelaltersgrenze.
61Siehe z. B. Ginn et al. 2009.
98 U. Fachinger

Und selbst wenn eine allgemeine Versicherungspflicht in der GRV eingeführt


wird, ist daraus nicht zu folgern, dass alle hybrid Erwerbstätigen eine Absiche-
rung haben. Versicherungspflicht bedeutet nicht gleichzeitig, dass die Personen
auch dieser Pflicht nachkommen. Vielmehr ist die Erfassung relevant – und dies
bildet insbesondere bei selbstständig Erwerbstätigen ein prinzipielles Problem.
Bei den abhängig Beschäftigten ist im Prinzip durch die Meldung des Arbeit-
gebers sowie das Lohnabzugsverfahren eine Erfassung und Beitragszahlung
gewährleistet,62 und bei bestimmten Gruppen der Selbstständigen über die zur
Ausübung des Berufes erforderliche Zwangsmitgliedschaft in der jeweiligen
Standesorganisation, wie den Kammern der berufsständischen Versorgung oder
dem Eintrag in die Handwerksrolle.
Es ergibt sich somit nicht nur die Problematik, dass Personen von den Maß-
nahmen bzw. gesetzlichen Regelungen nicht erfasst werden, sondern explizit
auch die Schwierigkeit, dass Personen trotz einer Versicherungs- bzw. Vorsorge-
pflicht dieser nicht nachkommen. So haben die Sozialrechtsänderungen in Bezug
auf die Scheinselbstständigkeit deutlich gemacht, dass eine gesetzliche Versiche-
rungspflicht allein nicht ausreicht, um Erwerbstätige zu erfassen.63 Zahlreiche
Selbstständige, die nach § 2 SGB VI in der GRV sozialversicherungspflichtig
sind, waren in der Vergangenheit ihrer Versicherungspflicht nicht nachgekom-
men – selbiges gilt auch für Teilgruppen der in der Künstlersozialversicherung

62Dennoch zeigen Kontrollen durch die Sozialversicherungsinstitutionen auch hier immer


wieder Verstöße auf; siehe z. B. Deutsche Rentenversicherung Bund 2016a, S. 56, oder
Deutsche Rentenversicherung Bund 2015, S. 54.
63Siehe hierzu ausführlich Fachinger und Frankus 2004. Eine Möglichkeit, die Proble-

matik der faktischen Erfassung zu lösen, bietet die Pflichtmitgliedschaft in einer Organi-
sation, die die Ausübung der selbstständigen Erwerbstätigkeit erst ermöglicht und an die
die Sozialversicherungspflicht geknüpft ist. Dies gilt in Deutschland beispielsweise für
Mitglieder der Freien Berufe sowie für Handwerker, die in der Handwerksrolle eingetra-
gen sein müssen. In Österreich ist diese Gruppe im § 2 Bundesgesetz über die Kammern
der gewerblichen Wirtschaft (Wirtschaftskammergesetz – WKG) erheblich weiter gefaßt:
„(…) alle physischen und juristischen Personen sowie sonstige Rechtsträger, die Unter-
nehmungen des Gewerbes, des Handwerks, der Industrie, des Bergbaues, des Handels, des
Geld-, Kredit- und Versicherungswesens, des Verkehrs, des Nachrichtenverkehrs, des Rund-
funks, des Tourismus und der Freizeitwirtschaft sowie sonstiger Dienstleistungen rechtmä-
ßig selbstständig betreiben oder zu betreiben berechtigt sind. (…)“. Hier knüpft dann die
Sozialversicherungspflicht nach § 2 Bundesgesetz über die Sozialversicherung der in der
gewerblichen Wirtschaft selbstständig Erwerbstätigen (Gewerbliches Sozialversicherungs-
gesetz – GSVG) an.
Erwerbshybridisierung: Sozialpolitische (Folge-) Probleme 99

v­ ersicherungspflichtigen Künstler und Publizisten, trotz der vorteilhaften Bedin-


gungen der ­Risikoabsicherung.64
Abschließend bleibt festzuhalten, dass eine besondere Herausforderung hybri-
der Erwerbstätigkeit in der Gewährleistung bzw. dem Ermöglichen der Absiche-
rung des biometrischen Risikos der Langlebigkeit liegt. Zwar ist derzeit unklar,
ob und in welchem Umfang hybrid Erwerbstätige dieses Risiko absichern, es lie-
gen aber Indizien vor, dass viele Erwerbstätige keine oder eine zu geringe Absi-
cherung haben.65 Somit besteht die Herausforderung in der Konzeption einer
adäquaten Form der Altersvorsorge.
Diese Problematik ist auch im Bereich der Sozial- und Verteilungspolitik mitt-
lerweile erkannt worden. Hatte sich die Kommission für die Nachhaltigkeit der
Finanzierung der Sozialen Sicherungssysteme noch gegen eine allgemeine Versi-
cherungspflicht zur Absicherung des Risikos der Langlebigkeit ausgesprochen –
wie auch der Sachverständigenrat –,66 so hat sich dies mittlerweile geändert. Im
Prinzip wird inzwischen eine Versicherungspflicht in der GRV mit der Möglich-
keit der Befreiung als eine Lösung des Problems angesehen.67

5 Abschließende Bemerkungen

Hybride Erwerbstätigkeit per se stellt sich als Konglomerat unterschiedlicher


Beschäftigungsformen dar, das – je nach Konstellation – mit der Schwierigkeit der
Absicherung sozialer Risiken einhergehen kann und oft geht. Zur Identifizierung
derartig potenziell problematischer Fallkonstellationen bietet sich die Einteilung
nach dem Versicherungsstatus je Beschäftigungsverhältnis an, d. h. eine Diffe-
renzierung zwischen einer Versicherungspflicht, einer freiwilligen Vorsorge, einer
abgeleiteten Absicherung und einer Nichtabsicherung. Dabei ist zwischen Sys-
temen mit Sachleistungen und denen mit monetären Transfers zu differenzieren,
da bei Realtransfers die Höhe der Einzahlung zum Erwerb von Anwartschaften

64Siehe hierzu ausführlich Fachinger 2016a.


65So insbesondere diejenigen, die eine selbstständige Erwerbstätige als erste oder ein-
zige Erwerbsform ausüben; Fachinger 2016a, siehe auch Fachinger und Frankus 2017,
­Fachinger 2016b.
66Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung 2006,

S. 268 f.; Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung 2003; Sachverständi-


genrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung 2001, S. 160 f.
67Walter et al. 2013, S. 102; Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) 2016.
100 U. Fachinger

unerheblich ist. Sozialpolitische (Folge-) Probleme ergeben sich daher zum einen
bei einer Gemengelage von Beschäftigungsverhältnissen, die in ihrer Gesamtheit
grundsätzlich nicht zu einer Versicherungspflicht führen. Zum anderen bedingt
eine lediglich anteilige Absicherung über die Beschäftigungsverhältnisse im Falle
von monetären Transfers in der Anspruchsphase keinen vollständigen Einkom-
mensersatz und somit keine Absicherung der Gesamteinkünfte. Damit kann ein
angemessener Lebensstandard bei Eintritt eines sozialen Risikos, wie Arbeitslosig-
keit oder in der Nacherwerbsphase, nicht aufrechterhalten werden.
Zur Entwicklung von Konzepten zur Bewältigung derartiger Probleme sind
auf Mikroebene insbesondere die Sparfähigkeit und die Sparbereitschaft der hyb-
rid Erwerbstätigen zu beachten. Zwar ist derzeit die Sparfähigkeit von Haushalten
hybrid Erwerbstätiger nicht bekannt, sofern Einkommen nicht der Versicherungs-
pflicht unterliegen, führen insbesondere einkommensunabhängige Beiträge zu
einer überproportional hohen Belastung bei geringen Einkünften und reduzieren
daher ceteris paribus die Sparbereitschaft. Welche spezifischen Konsequenzen
sich aus diesem Sachverhalt für die Ableitung von Maßnahmen zur Absicherung
gegen den Eintritt sozialer Risiken ergeben, unterscheidet sich zwischen den Risi-
ken und wäre je spezifischem sozialen Risiko auszuarbeiten.
Intensiver wurde diese Problematik in Bezug auf die finanzielle Absicherung
des Risikos der Langlebigkeit erörtert. Die Überlegungen deuten darauf hin, dass
prinzipiell eine Versicherungspflicht in der GRV geeignet wäre, die sich aus der
Erwerbshybridisierung ergebenden Probleme der materiellen Altersvorsorge zu
bewältigen.

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Erwerbsverläufe digitaler Nomaden
Hybridisierung der Beschäftigungsmuster in der
digitalen Transformation

Eva M. Welskop-Deffaa

Zusammenfassung
Zahlreiche Hinweise sprechen dafür, dass die Digitalisierung die Hybridi-
sierung der Erwerbsverläufe beschleunigt: In vielfältigen Mustern werden
Einkommen aus abhängiger und Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit
kombiniert und gemeinsam das Lebenserwerbseinkommen der Beschäftigten
bilden. Das soziale Sicherungssystem muss an diese neuen Normalbiografien
angepasst werden. Für die Nomaden der digitalen Ökonomie ist die Unsi-
cherheit über die Zukunft groß. Vertrauen schaffende Regeln zu setzen und
schrittweise anzupassen, gehört daher unabweisbar zu den sozialpolitischen
Herausforderungen für Politik und Tarifpartner. Bestehende Systeme müssen
vor Denunziation geschützt und für die Gestaltung des Übergangs genutzt
werden.

Schlüsselwörter
Erwerbshybridisierung · Erwerbsverläufe · Digitalisierung · Soziale Innovationen ·
Gesetzliche Rentenversicherung · Versichertenkreis · Lebenslaufpolitik

E. M. Welskop-Deffaa (*) 
Deutscher Caritasverband (DCV), Freiburg im Breisgau, Deutschland
E-Mail: eva.welskop-deffaa@caritas.de

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018 107


A. D. Bührmann et al. (Hrsg.), Hybride Erwerbsformen,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-18982-2_5
108 E. M. Welskop-Deffaa

1 Hybride Erwerbsverläufe

Arbeit „auf eigene Rechnung“ außerhalb des traditionellen Arbeitgeber-Arbeit-


nehmer-Arrangements nimmt in den entwickelten Nationalökonomien zu;1 selbst-
ständige und abhängige Erwerbstätigkeit wird in Deutschland immer häufiger
von Beschäftigten auch dauerhaft parallel ausgeübt;2 der mehrfache Wechsel
zwischen Selbstständigkeit und Anstellung im Erwerbsverlauf wird zu einer Nor-
malität;3 und es wird immer schwieriger, zwischen dem Arbeitsangebot (Solo-)
Selbstständiger in Werk- und Dienstverträgen einerseits und klassischer abhän-
giger Beschäftigung andererseits eine klare Grenze zu ziehen.4 Vielfältige „new
forms of employment“ haben quer durch Europa die traditionelle Eins-zu-Eins-
Beziehung zwischen Arbeitgeberinnen sowie Arbeitgebern und Arbeitnehmerin-
nen bzw. Arbeitnehmern in den letzten Jahren verändert.5
Rechtfertigen diese Veränderungen die gemeinsame Charakterisierung der
Entwicklung mit einem eigenen Begriff – Erwerbshybridisierung?6 Stehen die
unter dem Begriff Erwerbshybridisierung zusammengefassten Entwicklun-
gen paradigmatisch für etwas Neues? Ist es zutreffend, die Hybridisierung des
Erwerbslebens als unmittelbare Folge der digitalen Transformation7 oder gar als
Wesenskern der digitalen Ökonomie anzusehen, jener „Arbeitswelt 4.0“,8 in der
Produktionsmittel und Produktionsweise, Geschäftsmodelle und Erwerbsformen
entscheidend durch die Digitalisierung verändert werden?9 Und wenn ja, was
verbindet die neuen hybriden Erwerbsverläufe? Gibt es einen deutschen Weg
der nachholenden Entwicklung bei der Digitalisierung, bei der die ­rechtzeitige

1International Labour Office (ILO) 2015, S. 13.


2Suprinovič et al. 2016, S. 21, und Kay et al. in diesem Band.
3Suprinovič et al. 2016, S. 16, und Kay et al. in diesem Band.
4ver.di – Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft 2016.

5Eurofound 2015, S. 1.

6Bögenhold und Fachinger 2015, S. 208.

7Cole 2015, S. 178.

8Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2017; Welskop-Deffaa 2017b.

9Ganz und Bienzeisler 2010, S. 9; Scheer 2016, S. 277.


Erwerbsverläufe digitaler Nomaden 109

s­ozialpolitische Absicherung hybrider Erwerbsmuster sich als Vorteil der


„Zuspätkommenden“ erweisen kann?10
Wie immer in Phasen des Umbruchs ist es schwierig zu entscheiden, was
wirklich neu ist und prägend bleiben wird, was als Kontinuität unter neuen (tech-
nischen) Umständen und was als Paradigmenwechsel einzuordnen ist. Daher
kann auch heute – wenn man so will: am späten Vormittag der digitalen Revo-
lution – nicht abschließend beurteilt werden, ob die Erwerbshybridisierung tat-
sächlich weiter in raschem Tempo voranschreiten und sich als Profilstruktur der
digitalen Transformation durchsetzen wird oder nicht. Vieles aber spricht dafür,
wie im Folgenden darzustellen sein wird. Unbestreitbar ist es von herausragen-
der Bedeutung, die hier als hybride Erwerbsmuster skizzierten Veränderungen der
Arbeitswelt in der Informationsgesellschaft weiter gründlich zu beobachten und
seismografische Energie auf die Interpretation der Veränderungen zu verwenden.
Nur so können rechtzeitig die ordnungspolitischen Entscheidungen und Rahmen-
setzungen vorbereitet und die Umweltvoraussetzungen geschaffen werden, die
den „digitalen Nomaden“ des 21. Jahrhunderts die notwendige Orientierung und
Existenzsicherheit im Erwerbsleben gewähren.
Dieser Beitrag will den neuen Entwicklungen in historischer Perspektive nach-
spüren und dabei einige Diskussionen zusammen führen, die in der Vergangenheit
auf getrennten „Kontinenten“ stattfanden – die Diskussion um die Vervielfältigung
und Veränderung der Selbstständigkeit,11 die Diskussion um den Abschied vom
Normalarbeitsverhältnis12 und die Diskussion um die Erfordernisse und Effekte

10Die aufgeworfenen Fragen können in diesem Beitrag nur ansatzweise beantwortet wer-

den. Es wäre in jedem Fall spannend, die Dynamiken und Kombinationen aus selbst-
ständiger und unselbstständiger Arbeit im Gefolge der Digitalisierung noch gründlicher
ländervergleichend zu untersuchen. Einige Hinweise gibt der Beitrag von Schulze Buschoff
in diesem Band; vgl. auch Conen et al. 2016. Andere Aspekte macht Eurofound sichtbar:
„ICT-based mobile work“ hat eine unterschiedliche Verbreitung in Europa – in Finnland,
Frankreich, Ungarn und Slowenien betrifft die Entwicklung vor allem abhängig Beschäf-
tigte, in Belgien, Zypern, Dänemark, Litauen, Portugal, Spanien und Schweden vor allem
Selbstständige und in Deutschland, ebenso wie den Niederlanden, Lettland, Griechenland
und Norwegen, sind Selbstständige und abhängig Beschäftigte gleicherweise erfasst; Euro-
found 2015, S. 73.
Die Sorge, dass Deutschland den Startschuss der Digitalisierung verschlafen habe, wird
breit beklagt (vgl. statt vieler Cole 2015, S. 25) – schon bei der ersten Industriellen Revo-
lution gab es eine nachhinkende deutsche Entwicklung, wobei sich „(…) vom Ende des
19. Jahrhunderts her gesehen (…) das „Zuspätkommen“ Deutschlands als ein wirklicher
Vorteil für seine spätere Entwicklung (…)“ erwies; Borchardt 1972, S. 29.
11Suprinovič et al. 2016; Bührmann 2015.

12Waltermann 2010; Mückenberger 1985.


110 E. M. Welskop-Deffaa

der digitalen Transformation.13 Es wird deutlich, dass die konstatierte Hybridisie-


rung anders wahrgenommen wird, je nachdem ob man von der Seite des klassi-
schen Beschäftigungsverhältnisses oder aus der Perspektive des Entrepreneurs auf
die Entwicklungen schaut und dass ihre Dynamik – last but not least – mit zwei
anderen Auffälligkeiten zusammenfällt – mit der Volatilität und der Entbetriebli-
chung der Arbeit. Erst diese Zusammenschau ermöglicht eine belastbare Einschät-
zung, wie die Entwicklungen zusammenhängen, sich gegenseitig verstärken und
in ihrem Zusammenspiel den politischen Handlungsbedarf beschreiben.

2 Der digitale Nomade oder: Die vierte industrielle


Revolution

Für die Erwerbs- und Lebensweise in der digitalen Ökonomie hat sich der Begriff
des „digitalen Nomaden“ früh eingebürgert. Wie ihre Vorfahren in der Wüste
sind digitale Nomaden nicht durch das definiert, was sie mit sich führen, sondern
durch das, was sie hinter sich lassen – wissend, dass die Umgebung es zur Verfü-
gung stellen wird:

(…) Thus, Bedouins do not carry their own water, because they know where the
oases are. Modern nomads carry almost no paper because they access their docu-
ments on their laptop computers, mobile phones or online (…).14

Permanente Bewegung im world wide web, stete „Konnektivität“, erschließt den


Beschäftigten in der digitalen Arbeitswelt die Zugänge zu Arbeit, Information
und Einkommen – sie ist das Äquivalent zur Erschließung der Lebensgrundlagen
durch permanente (zyklische) Mobilität, die als Kennzeichen der nomadischen
Lebensweise anzusehen ist.15 Es sind also die mobilen Hochleistungscompu-
ter und eine konvergente Gigabit-Infrastruktur mit hohen Datenraten und gerin-
ger Latenz (Zeit für die Datenübertragung), die Menschen im world wide web
zu digitalen Nomaden machen – sie ermöglichen ihnen, stets und überall den

13Schröder 2016.
14The Economist 2008.
15Leder 2002, S. 11.
Erwerbsverläufe digitaler Nomaden 111

Zugang zu ihren Geschäfts- und Lebenspartnerinnen und Lebenspartnern und


zum Datenpool, dem Lebenselexier des 21. Jahrhunderts.16
Die Digitalisierung wird mit Smartphones und Plattformen die Arbeit verän-
dern – und hat dies schon getan. Wie alle technikgetriebenen Revolutionen vollzieht
sich der (im Nachhinein) als Revolution beschriebene Wandel im seinem Verlauf
oft schleichend, ungleichzeitig, mit Rückschlägen. Und die sozialen Innovationen,
die ihn begleiten, die seine Entfaltung erst ermöglichen oder die durch ihn angesto-
ßen werden, gehören zum Erscheinungsbild disruptiver Veränderungen unabweis-
bar dazu. Ohne soziale Innovation kein wirtschaftlicher Fortschritt. Das gilt für die
Umbrüche, die wir zurzeit erleben, ebenso wie für die Industrielle Revolution und
ihren vom technischen Fortschritt getriebenen Verlauf im 18. und 19. Jahrhundert:

Dabei umfasst der technische Fortschritt in diesem Wortverständnis nicht nur die
Verbesserung der Produktionsverfahren… sondern auch alle Arten von bewußten
und unbewußten organisatorischen Neuerungen sowie geänderten Verhaltensweisen,
die der günstigeren Kombination der Produktionsverfahren und ihrer verbesserten
Ausnutzung dienten (…).17

Genau dieselbe Verbindung von technischen, sozialen und organisatorischen Ver-


änderungen erleben wir gerade im Zuge der „vierten industriellen Revolution“.18
Das i-Phone, das zu einer Art „Fernbedienung für das digitale Leben“ geworden
ist,19 wirkt als Innovationstreiber, indem es für neue Geschäftsmodelle und neue
Erwerbsmuster genutzt wird – die Innovationskraft der Erfinderinnen und Erfin-
der und die Innovationsfreude der Anwenderinnen und Anwender gehen Hand in
Hand.

(…) Techniken allein erzeugen noch keinen Nutzen. (…) Die Vielzahl ihrer Treiber
und ihre Unterschiedlichkeit zeigen die revolutionäre Kraft der Digitalisierung (…).20

16Czernomoriez et al. 2016, S. 10. Interessanterweise wird seit einiger Zeit auch die „Inter-

aktion mit Sesshaften“ als wesentlicher Bestandteil des Nomadismus verstanden (Leder
2002, S. 12) – ein ermutigender Hinweis darauf, dass es sich lohnen kann, den Blick vom
digitalen Nomaden auf die vielfältigen hybriden Erwerbsformen in der digitalen Ökonomie
zu lenken.
17Borchardt 1972, S. 67.

18Hirsch-Kreinsen 2014, S. 3.

19Cole 2015, S. 21.

20Scheer 2016, S. 277; ähnlich Händeler 2015, S. 30.


112 E. M. Welskop-Deffaa

Die vom Bundeswirtschaftsministerium veröffentlichte Liste einflussreicher


technologischer Entwicklungen – immer leistungsfähigere hochminiaturisierte
Computer-Hardware, Sensor-Netzwerke, intelligente Service-Roboter, 3-D-Druck
(additive Fertigung), 3-D-Visualisierung, Big-Data-Analytik und Cloud-basierte
Dienste – beschreibt nur einige Neuerungen der letzten Jahre, die in ihrer Ver-
knüpfung „(…) eine Fülle an Ausgangspunkten für die Schaffung neuer,
zukunftsweisender Geschäftsmodelle (…)“ ermöglichen und Arbeitsprozesse in
allen Branchen ebenso wie die Erwerbsmuster einer stetig größer werdenden Zahl
von Beschäftigten verändern.21
Konnte man vor sieben oder acht Jahren noch davon ausgehen, dass Unter-
nehmen – trotz der damals schon bestehenden Möglichkeit, Arbeitsaufträge im
Netz in kleine Werkstücke aufzuteilen und über Plattformen auszuschreiben22 –
im Kerngeschäft auf die Beschäftigung von Leistungsträgern in festen Anstel-
lungsverträgen nicht verzichten würden, um innovativ und konkurrenzfähig zu
bleiben,23 hat sich das Bild inzwischen deutlich gewandelt: Mehr als ein Drittel
der Unternehmen geht davon aus, dass sie in Zukunft wesentlich auf externe Spe-
zialistinnen und Spezialisten zugreifen und von ihnen profitieren werden, um das
Innovationstempo zu erhöhen.24 Aber auch diese Zahl könnte sich bald als defen-
sive Unterschätzung der tatsächlichen Dynamiken erweisen – Tim Cole etwa hält
es für ein besonderes Innovationshemmnis in Deutschland, dass die von der Bit-
kom abgefragten Erwartungen der Unternehmen zur Veränderung der Erwerbsfor-
men so vorsichtig ausfallen:

(…) Flexible Beschäftigungsverhältnisse sind für die meisten deutschen Unterneh-


men (…) kein Thema. Nur 31 Prozent glauben, dass der Anteil freier Mitarbeiter in
Zukunft wachsen wird (…).25

(…) 75 Prozent der Firmen in Deutschland verlangen (…) von ihren Mitarbeitern
immer noch Präsenz am Arbeitsplatz. (…) 73 Prozent sind überzeugt, dass der klassi-
sche Ganztagsarbeitsplatz auch in Zukunft das Modell der Wahl bleiben wird (…). 26

– diese Zahlen, so Coles sarkastischer Kommentar, sprächen „Bände über die


digitale Geistesreife vieler deutscher Arbeitgeber“.

21Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) 2016, S. 4.


22Welskop-Deffaa 2016a; Baumgärtel 2014.
23Waltermann 2010.

24Kempf 2015, S. 7 f.

25Cole 2015, S. 180.

26Cole 2015, S. 180.


Erwerbsverläufe digitaler Nomaden 113

Tatsächlich vollzieht sich der Wandel schneller als die von Cole kritisier-
ten Unternehmer 2015 erwarteten. Eine aktuelle Befragung der Universität
Hertfordshire ergab, dass im letzten Jahr in Deutschland schon fast ein Vier-
tel (22 %) der erwachsenen Bevölkerung als Crowdworker und Freelancer über
Plattformen Arbeitsaufträge gesucht hat.27 Damit unterscheidet sich Deutsch-
land nicht wesentlich von den anderen untersuchten Ländern (Großbritannien,
Schweden, Holland, Österreich). Auffällig ist allerdings, dass in Deutschland
(und Österreich) der Anteil der Befragten besonders hoch ist, der angibt, der via
Crowd erwirtschaftete Teil des Einkommens mache weniger als die Hälfte ihres
Erwerbseinkommens aus. Im Verhältnis zu Schweden, aber auch zu Holland und
England, entsteht ein klar unterschiedenes Bild: 55 (bzw. 59) % der Crowdworker
verdienen in Deutschland und Österreich mehr als die Hälfte ihres Einkommens
aus anderen Einkommensquellen als aus der Freelancer-Arbeit via Crowd, in UK
und Schweden sagen das nur 42 bzw. 48 %.
Anstatt aus der alten Arbeitswelt des stationären (abhängigen) Normalarbeits-
verhältnisses in die neue Welt des nomadischen (selbstständigen) Crowdworking
zu wechseln, werden – so legen Huws’ Daten nahe – beide Erwerbsformen kom-
biniert. Dabei hat die Arbeit in der Cloud anfangs nicht selten etwas Spieleri-
sches, Experimentelles an sich, eine existenzsichernde Funktion wird ihr häufig
nicht zugewiesen.28
Es scheint, als würden mit den neuen hybrid-kombinierbaren Arbeits- und
Organisationsformen Erwartungen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern
und Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern (vorläufig) gleichermaßen gut erfüllt –
die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber suchen motivierte und innovative, verläss-
liche und flexibel einsetzbare Arbeitskräfte. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeit-
nehmer suchen Beschäftigungsverhältnisse, die ihnen Gestaltungsmöglichkeiten
und das Gefühl von Selbstwirksamkeit vermitteln und die sich mit persönlichen
Bedürfnissen im Lebenslauf selbstbestimmt vereinbaren lassen.29 Die Bereit-
schaft, zu diesem Zweck (zeit- und teilweise) aus der abhängigen in die selbst-
ständige Beschäftigung zu wechseln, wächst – offenbar nicht zuletzt, da die
klassischen Unterschiede zwischen den Selbstständigen, die sich Arbeitsmittel
und Arbeitsplatz selbst herrichten müssen und den abhängig Beschäftigten, für

27Huws und Joyce 2016c, S. 1.


28Al-Ani und Stumpp 2015, S. 21; vgl. auch den Beitrag der Autoren in diesem Band.
29Kocher et al. 2013.
114 E. M. Welskop-Deffaa

die diese Infrastruktur vom Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber geschaffen wird, in


Zeiten von „BYOD“ (Bring your own device)30 und Home office-Pflichttagen31 in
vielen Fällen ohnehin längst nur noch wenig spürbar sind.
Annäherung zwischen selbstständiger und abhängiger Beschäftigung wird
auch durch neue Führungskonzepte, Formen der Selbstorganisation bei dezentra-
ler Steuerung im Betrieb befördert – sie lösen alte Vorstellungen vom Normalar-
beitsverhältnis mit Weisungs- und Präsenzkultur von innen her auf.32
Gleichzeitig werden im Wettbewerb der digitalen Ökonomie hybride Pendel-
Erwerbsverläufe – zwischen Gründung und Festanstellung – von innovativen
Unternehmen durch Rückkehroptionen befördert, die das Risiko der Gründung
abfedern: Bosch z. B. hat vor wenigen Jahren einen Start-up-Inkubator gegrün-
det, der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dabei unterstützt sich selbstständig zu
machen. „(…) Der angehende Jungunternehmer bekommt fachmännische Hilfe
bei der Unternehmensgründung und eine Kapitalspritze (…)“.33 Ihm wird außer-
dem eine Mentorin oder ein Mentor zur Seite gestellt. Bosch bekommt im Gegen-
zug Anteile, behält langfristig die Möglichkeit, die Innovation des Start-ups zu
nutzen und verbindet dies mit der Option, die jungen Unternehmen später ein-
mal zu übernehmen und die Gründerinnen und Gründer als Mitarbeiterinnen bzw.
Mitarbeiter in den Mutterbetrieb zurückkehren zu lassen.34
Es ist müßig zu fragen, was zuerst da war – der Wunsch der Generation Y
selbstbestimmter zu arbeiten oder die technische Möglichkeit, Arbeit via Smart-
phone und Tablet ferngesteuert zu organisieren. Tatsächlich wächst die Zahl
derer, die den Karriereweg vom Auszubildenden zum Vorgesetzten im gleichen
Betrieb in einer Gesellschaft des langen (Erwerbs-)Lebens eher erdrückend fin-
den und die alternative Modelle der Erwerbsbiografie wählen – vom Leben als
Freiberufler über serielle Festanstellung („Job Hopping“) bis zu verschiedenen
unterschiedlich kombinierten Teilzeitmodellen.

(…) Unter dem Druck des Digitalen gibt der Konsens zwischen Arbeitgeber und
Arbeitnehmer langsam nach: Statt wie früher mit einer lebenslangen Arbeitsplatzga-
rantie Menschen physisch und mental an die Firma zu binden, muss sich der Arbeit-
geber der Zukunft heftig anstrengen, um Mitarbeiter wenigstens eine Zeitlang bei
sich zu halten. Die vertikale Loyalität zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer (…)

30Cole 2015, S. 188.


31Cole 2015, S. 178.
32Vgl. Bücker und Schlegel in diesem Band.

33Cole 2015, S. 195.

34Cole 2015, S. 195.


Erwerbsverläufe digitaler Nomaden 115

ist ersetzt worden von dem, was Thomas Vollmoeller „horizontale Loyalität“ nennt,
also das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Arbeitnehmern, die sich (…) zu
Netzwerken zusammengeschlossen haben (…).35

Die neue Selbstorganisation kennt beides – die autonome Selbstorganisation in


einem Netzwerk, in dem Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber noch als arbeitsvertrag-
licher Fokus fungieren,36 oder die Selbstorganisation in neuen Kooperationsformen
Selbstständiger.37 Die Grenzen sind schwimmend. Entscheidende Bewertungspara-
meter der Jobalternativen sind dabei offenbar immer öfter Freiheit und Selbstbe-
stimmung; deren „in Nachvollziehbarkeit und Transparenz“ bestehender Preis38 ist
von angestellten Beschäftigten ebenso wie von Selbstständigen zu zahlen.
Die Frage, ob die skizzierten Entwicklungen gesellschaftspolitisch und ökono-
misch positiv oder negativ bewertet werden, ist an dieser Stelle nicht zu entschei-
den. Festzuhalten ist die Tatsache, dass ganz offensichtlich von der technischen
Revolutionierung der Datenverarbeitung push- und pull-Faktoren ausgehen, die
im Zusammenspiel mit anderen Faktoren (Wertewandel, Fachkräftemangel etc.)
eine Dynamik entfalten, die mindestens mittelfristig in Bezug auf die Organisa-
tion der Erwerbsarbeit drei Effekte auslöst, die sich gegenseitig verstärken:

1. Indem es leicht wird, die Arbeitskraft über online-Börsen für kleine, ebenso
wie größere Aufträge anzubieten und nachzufragen, entstehen neue Formen
der Selbstständigkeit (Crowdworker, Freelancer).
2. Es wird attraktiv, Selbstständigkeiten dieser Art mit einer Festanstellung zu
kombinieren – sei es phasenweise (vgl. das Beispiel Bosch) oder parallel zum
(Teilzeit-) Job. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gewinnen so höhere
Autonomie in Bezug auf ihre Arbeitszeiten, und Arbeitgeberinnen und Arbeit-
geber können über das „Hauptarbeitsverhältnis“ der hybriden Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter auf Innovations- und Kreativitätspools zugreifen, die ihnen
ohne eine solche Kombi-Lösung verschlossen blieben.
3. Die Grenzen zwischen abhängiger und selbstständiger Tätigkeit werden – ins-
besondere wenn man versucht, sie mit den tradierten Kriterien wie der Wei-
sungsabhängigkeit zu bestimmen – unschärfer.39

35Cole 2015, S. 172.


36Im Bereich der Pflege wird dies gerade viel diskutiert: Greuter 2016; Hofstetter 2016,
S. 311 ff.; Lüthi 2015; Nandram 2015, S. 22 ff.
37Eurofound 2015, S. 118.

38Cole 2015, S. 17.

39Bücker 2015, S. 222.


116 E. M. Welskop-Deffaa

Die Digitalisierung erlaubt es Unternehmen, das Verhältnis von Innen und Außen
in ein permanentes Wechselspiel zu bringen und damit die Grenze zwischen
Unternehmen und Umwelt selbst zum Gegenstand ihrer Strategie zu machen. Es
wird nicht zuletzt auch der „arbeitende Kunde“ als „Prosument“40 in das kom-
plexe Wertschöpfungsnetzwerk einbezogen, das für vielfältigste Akteure und
neuartigste Formen der Kooperation offen ist.41 Diese Entwicklung erreicht
Unternehmen und Branchen mit unterschiedlicher Dynamik – Produktion und
Dienstleistung werden zu hybrider Wertschöpfung verbunden.42

3 Zur Geschichte von Pendel-Erwerbsverläufen


zwischen selbstständiger und abhängiger
Beschäftigung

Historisch ist es keine Neuheit, dass sich (sektoral) abhängige und selbstständige
Arbeit verschieben.43 1850 war die Masse der Unselbstständigen

(…) in der Landwirtschaft tätig. Dort betrug in der Mitte des Jahrhunderts der Anteil
der Selbständigen an den gezählten Erwerbstätigen nur 26 Prozent, gegenüber 41
Prozent im Bergbau und produzierenden Gewerbe und 70 Prozent im Handel (…).44

40Boes spricht vom arbeitenden Kunden; der Begriff des Prosumenten ist viel älter. Alvin
Toffler hat ihn – wie bei Cole nachzulesen – schon 1980 in seinem Buch „Die dritte Welle“
eingeführt und bezeichnet damit Personen, die gleichzeitig Konsumenten und Produzen-
ten sind; Cole 2015, S. 56. Das meint nicht nur die online-Bestellung des Adressaufklebers
für das Päckchen mit anschließendem Ausdruck am eigenen Drucker. Es geht auch um die
Personalisierung von Gütern, für die der Prosument Informationen über seine Erwartun-
gen preisgibt, die dann zur Grundlage des eigentlichen Gutes werden. Schließlich gibt es
eine Korrelation zwischen Aktivitäten zur Arbeitskraftvermarktung auf Plattformen und zur
Vermarktung von eigenen Gütern via Ebay oder Airbnb; vgl. zu letzterem die Studien von
Huws und Joyce: Huws und Joyce 2016a; Huws und Joyce 2016b; Huws und Joyce 2016c;
Huws und Joyce 2016d; Huws und Joyce 2016e.
41Boes et al. 2015, S. 82 f.

42Ganz und Bienzeisler verweisen auf eine Beobachtung aus ihrer empirischen Forschung:

„(…) Bei Unternehmensbefragungen stellen wir in der Regel die Frage, ob sich die Unter-
nehmen dem Produktions- oder dem Dienstleistungssektor zurechnen. In jüngster Zeit
konnten wir beobachten, dass immer mehr Unternehmen Schwierigkeiten haben, diese
Frage zu beantworten und beide Kästchen oder keines von beiden ankreuzten. (…)“; Ganz
und Bienzeisler 2010, S. 7.
43Schmidt 2014.

44Borchardt 1972, S. 59.


Erwerbsverläufe digitaler Nomaden 117

Diese Zahlen passen wenig zu der Erfahrungswelt des 20. Jahrhunderts, als im


Handel und produzierenden Gewerbe die große Zahl der abhängig Beschäftigten
Anstellung fand, während in der Landwirtschaft in Westdeutschland der selbst-
ständige Landwirt mit seinem Maschinenpark45 und seiner Familie den Hof
alleine (nicht selten im Nebenerwerb) bewirtschaftete.
Historisch ist es auch keine Neuheit, dass Menschen in ihrem Erwerbsverlauf
abhängige und selbstständige Tätigkeit kombinieren. Im Handwerk mit Meister-
pflicht, aber auch in vielen „freien“ Berufen, war der Wechsel zwischen abhän-
giger und selbstständiger Arbeit im 20. Jahrhundert so etwas wie „historische
Normalität“: Lehrling und Geselle sind im Handwerksbetrieb abhängig beschäf-
tigt, bevor sie sich nach der Meisterprüfung mit einem eigenen Betrieb selbststän-
dig machen (können). Lehr- und Gesellenjahre in abhängiger Beschäftigung sind
in den klassischen Handwerksberufen die förmliche Voraussetzung einer Selbst-
ständigkeit,46 zugleich ist die Perspektive auf die eigene Selbstständigkeit in den
ersten Berufsjahren des abhängig beschäftigten Handwerkers bereits angelegt.
Junge Bäckerinnen und Bäcker oder Schreinerinnen und Schreiner können sich
zwar auch vorstellen, ein Leben lang als Gesellinnen und Gesellen oder ange-
stellte Meisterinnen und Meister im Ausbildungsbetrieb beschäftigt zu sein, die
Option, nach Jahren der Erfahrungssammlung und Kapitalersparnis mit eigenem
Betrieb „eigener Herr“ zu werden, ist aber von Anfang an Teil ihrer „hybriden
professionellen Identität“ – einer hybriden Normalität, die die Rentenversiche-
rung seit den 1950er Jahren wahrgenommen und berücksichtigt hat.47
Auch einige akademische Berufe, in denen sich die Erstausbildung nicht im
Rahmen eines betrieblichen Beschäftigungsverhältnisses vollzieht, kennen hyb-
ride Erwerbsverläufe als Normalität – vor allem für Ärztinnen und Ärzte gilt,
dass sie sich mit eigener Praxis erst selbstständig machen können, wenn sie zuvor
einige Jahre in abhängiger Beschäftigung (im Krankenhaus) tätig waren und ihre
Facharztausbildung abgeschlossen haben. Die Rückkehr aus der Selbstständigkeit

45Welskop-Deffaa 2016b, S. 72.


46Die duale Ausbildung, die als deutsches Erfolgsmodell ein Nebeneinander von Arbeit
(Training on the Job) und schulischer Ausbildung während der Lehre vorsieht, wird inte-
ressanterweise von IT-Autoren als eine Art Vorstufe zu der aus ihrer Sicht wünschenswer-
ten „Hybrid-Ausbildung“ angesehen, die sich dadurch auszeichnen soll, dass die praktische
Betriebsausbildung in diesem Fall einen deutlichen Schwerpunkt auf digitale Technologien
und vernetzte Systeme legt; Cole 2015, S. 160.
47Vgl. zur Geschichte der Handwerkerversicherung Welskop-Deffaa 2017b und Hermann

1990, S. 108.
118 E. M. Welskop-Deffaa

in die abhängige Beschäftigung stand und steht ihnen jederzeit offen. Auch die
jungen Assessorinnen und Assessoren, die sich nach einigen Jahren abhängiger
Beschäftigung in einer Kanzlei als Anwältin bzw. Anwalt selbstständig machten,
konnten problemlos in das Justiziariat eines Unternehmens wechseln und dort in
der Folge wieder abhängig beschäftigt arbeiten.48
Die Zahlen des Instituts für Mittelstandsforschung zeigen auf, dass in den
letzten Jahren der Wechsel zwischen abhängiger und selbstständiger Tätigkeit
über den skizzierten Kreis der historischen Pendler-„role-models“ hinaus, nor-
maler und häufiger geworden ist.49 Es gibt ein breites Spektrum von (Dienstleis-
tungs-) Berufen, in denen es einer komplexen betrieblichen Struktur und eines
hohen Investitionsvolumens zum Start in die Selbstständigkeit nicht (mehr)
bedarf. Mit den Kommunikations- und Mobilitätsmöglichkeiten des 21. Jahr-
hunderts sind die Leistungserbringung in der Solo-Selbstständigkeit und in
abhängiger Beschäftigung zu echten funktionalen Alternativen bzw. Äquivalen-
ten geworden – sowohl aus der Perspektive der Kunden als auch aus der Pers-
pektive der Leistungserbringer. Mit der Erfindung der „Ich-AG“50 im Zuge der
Agenda-Politik wurden sie zu funktionalen Äquivalenten auch aus der Perspek-
tive des Sozialstaats, der allerdings vorläufig nur ungenügend darauf achtete,
wie die sozialen Sicherungsmechanismen für die „klassischen hybriden“ Berufe
aussahen. Man hätte davon lernen können. Anders als in den Branchen, in denen
selbstständiges Unternehmertum oder abhängige Beschäftigung eine frühe Wei-
chenstellungen im Lebenslauf bedeuten, sieht die erfolgreiche soziale Sicherung
für hybride Erwerbsverläufe typischerweise so aus, dass die Erwerbspersonen in
diesen Bereichen über den ganzen (!) Lebenslauf in dasselbe (!) Regelsicherungs-
system51 einzahlen, aus dem sie am Ende dann auch Leistungen erhalten – ganz
unabhängig davon, ob selbstständige oder abhängige Beschäftigung im Lebens-
lauf dominier(t)en. 52

48Die Debatte der letzten Jahre um die Syndikus-Anwälte kreiste genau um diese Frage,
vgl. die Begründung des Gesetzentwurfs aus der laufenden Legislaturperiode, Fraktionen
der CDU/CSU und SPD 2015, S. 13 ff.
49Suprinovič et al. 2016.

50Es handelt sich um die mit dem Existenzgründungszuschuss geförderte Aufnahme einer

selbstständigen Erwerbstätigkeit; Artikel 1 Nr. 5 des Zweiten Gesetzes für moderne Dienst-
leistungen am Arbeitsmarkt.
51Gesetzliche Rentenversicherung oder Versorgungswerk der Freien Berufe.

52Welskop-Deffaa 2017a; Welskop-Deffaa 2017b; Welskop-Deffaa 2016a, S. 309; vgl.

Auch Thiede in diesem Band.


Erwerbsverläufe digitaler Nomaden 119

4 Hybride Erwerbsverläufe – die Perspektive macht


den Unterschied

Aus der Perspektive der Unternehmerinnen und Unternehmer und der Unter-
nehmensforschung war und ist der Referenzpunkt hybrider Erwerbsverläufe bis-
lang mehr oder weniger selbstverständlich der selbstständige Unternehmer, der
mit seiner Selbstständigkeit seine Existenz und die seiner Familie sichern kann.
Nebenerwerbsgründungen und Selbstständigkeit im Zuerwerb galten eher als die
hinkenden Varianten – auf dem Weg zu einer Selbstständigkeit im Haupterwerb.
Es interessierte wesentlich der Weg in die erfolgreiche Haupterwerbs-Selbststän-
digkeit, die mit dem Bild des risikofreudigen „Unternehmers“ verbunden ist.53
Aus der Perspektive der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, insbesondere
auch der Gewerkschaften, stellt sich der Blick auf die hybriden Erwerbsverläufe
ganz anders dar: Zahlreiche Formen der (neuen) Selbstständigkeit werden als
Zwangs- oder Scheinselbstständigkeit wahrgenommen, die sich durch das Her-
ausverlagern ehemals abhängiger Beschäftigung in prekäre Werk- und Dienstver-
träge ergibt.54 Die für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber und Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmer beim Outsourcing gesparten Sozialversicherungsbeiträge und
die von beiden erhoffte zusätzliche „Flexibilität“ machen, so die kritische Wahr-
nehmung der Gewerkschaften, den Schritt aus der abhängigen in die selbststän-
dige Tätigkeit zwar für die einzelnen womöglich zu einer attraktiven Option, für
die Beschäftigungssituation insgesamt ist die sich verbreitende Einsprengselung
von (prekärer) Selbstständigkeit in die Erwerbsverläufe allerdings als gefährlicher
Teil einer Politik der Entsicherung, des Abschieds vom Normalarbeitsverhältnis
zu bekämpfen. Hybridisierung ist unter diesem Blickwinkel Prekarisierung.55
Beide Blickwinkel – der bisher dominierende der Unternehmensforschung und
der bisher dominierende der gewerkschaftlichen Beschäftigungsbeobachtung –
sind sich einig in der Bewertung der Mischformen als „Übergangsformen“, als
unterlegenen Abweichungen von der Norm – für die einen stellt die Nebener-
werbsgründung den noch unvollkommenen Schritt in die „richtige Selbstständig-
keit“ dar, für die anderen ist die „Werkvertragisierung“ Teil der abzuwehrenden
Abkehr vom Normalarbeitsverhältnis. Beide Blicke sind geprägt vom Wunsch,

53Suprinovič
und Norkina 2015.
54Dietrich
und Patzina 2017; Scheffelmeier 2016.
55Welskop-Deffaa 2016a, S. 307; Brettschneider und Klammer 2016, S. 199.
120 E. M. Welskop-Deffaa

die Welten (wieder) fein säuberlich auseinander halten zu können – den Kontinent
der „Selbstständigen“ hier und den Kontinent der „Arbeitnehmer“ dort.
Vieles spricht dafür, dass beide Ansätze nicht ausreichen werden, um die
neue Dynamik der Hybridisierung richtig zu erfassen. Der Freelancer im Neben-
erwerb ist – darauf deuten z. B. die Befragungen des Alexander von Humboldt
Instituts für Internet und Gesellschaft hin –,56 nicht mehr ein „Selbstständiger im
Werden“, sondern für ihn kann durchaus die selbstständige Tätigkeit neben der
abhängigen Beschäftigung dauerhaft alles mögliche sein und bleiben: Dauer-
hobby, Ideenbörse, Start-up-Reihung etc.
Wenn junge Menschen sich von ihren Jobs – wie viele Studien belegen –
heute mehr Entscheidungsspielräume erwarten, wenn Vertrauensarbeitszeit,
Home-Office und Steuern über Ziele im abhängigen Beschäftigungsverhältnis
die klassischen Charakteristika abhängiger Arbeit verschwimmen lassen, wenn
sich die Antworten auf die Frage, welche Einkommensbestandteile aus abhängi-
ger Beschäftigung und welche aus selbstständiger Tätigkeit kommen, im Berufs-
lebensverlauf immer weniger vorhersehen lassen, wird es nötig, das Bild vom
mischungsfreien „Normalerwerbsverlauf“ generell infrage zu stellen. Insbeson-
dere das soziale Sicherungskonzept ist auszurichten auf die neue Normalität der
Hybridität.57
Aber auch die Formulierung von Musterarbeitsverträgen und von Tarifvertrags-
inhalten muss an der selbstverständlichen Erwartbarkeit hybrider Beschäftigung
Maß nehmen. Wenn es für viele Beschäftigte normal wird, Teile ihrer Arbeitszeit
neben einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis in Selbstständigkeit zu inves-
tieren, stellt sich beispielsweise die Frage, wer für die Einhaltung der Gesamtar-
beitszeitbelastung verantwortlich ist. Der Arbeitszeitreport 201658 fördert Daten
zutage, die die Brisanz dieser Frage veranschaulichen: Für die Zahl der Beschäf-
tigten, die mehreren Erwerbstätigkeiten parallel nachgehen (Mehrfachbeschäf-
tigung), ist zwischen 2011 und 2014 ein Anstieg um 13 % (auf zwei Millionen
Personen) zu verzeichnen.59 Weiterhin zeigt sich, dass Mehrfachbeschäftigte mit
14 % doppelt so häufig wie Einfachbeschäftigte (sieben Prozent) in ihrer Haupt-
tätigkeit einer selbstständigen Tätigkeit nachgehen. Die von der Bundesanstalt für

56Al-Aniund Stumpp 2015.


57Siehehierzu exemplarisch für die Alterssicherung Thiede in diesem Band.
58Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 2016.

59Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 2016, S. 104.


Erwerbsverläufe digitaler Nomaden 121

Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zitierten Zahlen des Statistischen Bun-


desamtes belegen darüber hinaus, dass dreißig Prozent der Mehrfachbeschäftigten
eine abhängige Haupttätigkeit mit einer selbstständigen Nebentätigkeit verbin-
den.60 Es zeigt sich, dass Mehrfachbeschäftigte in ihrer Haupttätigkeit häufiger in
Teilzeit arbeiten61 und dann zur Gesamtarbeitszeitbelastung befragt Mehrfachbe-
schäftigte deutlich häufiger von überlangen Arbeitszeiten berichten als Einfachbe-
schäftigte (43 % im Vergleich zu zwanzig Prozent).62
In einer Arbeitswelt hybrider Erwerbsmuster ist außerdem zu klären, wer defi-
niert, welche Arbeitsprodukte als Ergebnis des abhängigen und welche als Teil
des selbstständigen Jobs anzusehen sind und wie die Spielregeln des Ausgleichs
zwischen beiden Anforderungswelten aussehen. Da reichen die überkommenen
Formulierungen zur Anzeigepflicht von Nebenbeschäftigungen unter Umständen
nicht mehr aus. Tarifvertragsparteien sind neu gefordert, die dazu allerdings von
den von ihnen vertretenen Arbeit- und Auftragnehmerinnen und -nehmern besser
als bisher wissen müssten, was sich neben dem kodifizierten Normalarbeitsver-
hältnis und in seinem Umfeld tatsächlich abspielt. Handwerksmeister und Hand-
werksmeisterinnen wussten und wissen von ihren Gesellinnen und Gesellen in
der Regel, was sie auf eigene Rechnung am Wochenende oder in den Abendstun-
den für „ihre“ Kundinnen und Kunden erledigen. Nicht selten können die Gesel-
linnen und Gesellen dazu auf das Werkzeug und die Arbeitsmittel der Meisterin
und des Meisters im Einvernehmen durchaus zurückgreifen. Für die im größeren
Stil sich entwickelnde Erwerbshybridisierung 4.0 wird man sich auf die indivi-
duelle Lösungssuche aber nicht verlassen können, sondern tarifvertragliche und
gesetzliche Rahmungen finden müssen.

5 Erwerbshybridisierung und Volatilität

Die volle Veränderungsdynamik der Arbeitswelt 4.0 lässt sich vermutlich erst
erfassen, wenn die Tatsache der Hybridisierung und die Volatilität der Arbeits-
märkte und Erwerbsverläufe gemeinsam gesehen werden.63 Erwerbstätige wer-
den immer kurzfristiger auf Veränderungen reagieren müssen, Einkommen im

60Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 2016, S. 119.


61Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 2016, S. 120.
62Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 2016, S. 121.

63Bundesagentur für Arbeit 2013, S. 11.


122 E. M. Welskop-Deffaa

Lebensverlauf folgen nicht länger dem Senioritätsprinzip, Wechsel zwischen


Branchen und Berufen wird zumindest für einen größer werdenden Teil der „digi-
talen Nomaden“ Erwartung und Anspruch zugleich.
Die Bedeutung des Einkommens, das mit abhängiger Beschäftigung erzielt
wird, kann im Lebensverlauf deutlich schwanken – Phasen hoher Einkom-
men in der abhängigen Beschäftigung können mit Phasen niedriger Lohnein-
kommen abwechseln, wobei Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit in den
Phasen reduzierter Lohneinkommen einen Teil des Einkommensausfalls kom-
pensieren können.64 Gibt es zwischen abhängiger und selbstständiger Tätigkeit in
der Welt hybrider Erwerbsverläufe eine stabile kompensatorische Beziehung, ist
nicht mehr automatisch prekär, was gemessen an den Mustern des 20. Jahrhun-
derts prekär zu sein scheint: Wer es in der Hand hat, eine Teilzeitbeschäftigung
im Betrieb verlässlich mit gut gesicherter Auftragsbearbeitung als Freelancer zu
verknüpfen, wer beides – Lohneinkommen und Unternehmerlohn – (auch) als
Belohnung für Arbeit ansieht, die Spaß macht, der oder diejenige erwartet von
ihrer Teilzeitbeschäftigung anderes als diejenigen, die neben der Teilzeitbeschäf-
tigung keine weiteren Einkommensmöglichkeiten haben oder die Zweittätigkeit
erzwungen aufnehmen müssen, um den Lebensunterhalt zu sichern.65

6 Entbetrieblichung als Charakteristikum der


Erwerbshybridisierung

Dass sich abhängige und selbstständige Arbeit angleichen und neue hybride
Erwerbsformen und -verläufe entstehen, zeigt sich unverkennbar auch in der Ent-
betrieblichung der abhängigen Arbeit; ja, Entbetrieblichung kann als wichtiges
Teilcharakteristikum der hybriden Arbeitswelt 4.0 angesehen werden.
Wichtige politische Herausforderungen – z. B. in Bezug auf Gestaltung und
Durchsetzung von Arbeitsschutzrechten – hängen wesentlich mit dieser Entbe-
trieblichung zusammen, ganz unabhängig davon, ob das zugrunde liegende Ver-
tragsverhältnis ein Lohnarbeits- oder ein Werkvertragsverhältnis ist.
„Der Aufstieg des Computers“ so schreibt Lothar Schröder in seinem Buch „Die
digitale Treppe“ sehr anschaulich, bewirkte „räumliche Entgrenzungen“ und brach
einer forcierten „Entbetrieblichung“ von Erwerbstätigkeit Bahn. Die Telearbeit der
frühen Jahre, die meist nur die häusliche Verdopplung des Firmenarbeitsplatzes zu

64Söhn und Mika 2017.


65Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 2016, S. 122.
Erwerbsverläufe digitaler Nomaden 123

Hause und den händischen Hin- und Hertransport der Arbeitsinhalte auf Diskette
meinte, hatte hier allenfalls einen leichten Vorgeschmack auf das geboten, was nun
mit dem Siegeszug des Internets passierte.

(…) Das zeitliche und räumliche Gefüge von Arbeit veränderte sich zusehends,
Arbeit wurde zunehmend auch außerhalb von Fabriken und Büros verrichtet –
und sie wird wohl kaum mehr dahin zurückkehren. In vielen Bereichen kann jetzt
überall und zu jeder Zeit gearbeitet werden. In klassischen Produktionsstätten ist
die betriebliche Anbindung von Menschen zwar teilweise noch unabdingbar, aber
Dienstleistungs- und Wissensarbeit machen sie vielfach entbehrlich.
Qua Digitalisierung beweglich gewordenes Arbeiten eröffnet für viele Erwerbs-
tätige unter bestimmten Bedingungen neue Gestaltungsmöglichkeiten, wie sie in der
industriell geprägten Arbeitswelt faktisch nicht vorhanden waren. Diese beziehen sich
auf den Ort, an dem gearbeitet wird, ebenso wie auf die entsprechenden Zeiten (…).66

Bereits die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Deutschlands Weg


in die Informationsgesellschaft“ hatte Ende der 1990er Jahre die mit der Entbe-
trieblichung verbundenen Veränderungen als Herausforderung benannt:

(…) Setzt sich dieser Trend fort, dann wird der Betrieb als klassisches Gravitati-
onszentrum der Arbeitswelt erheblich an Bedeutung und prägender Kraft einbüßen.
Wenn sich betriebliche Kooperations- und Kommunikationsprozesse zunehmend
auf Datennetze verlagern, technisch vermittelt und zu Teilen asynchron stattfin-
den, dann droht mit einer solchen tendenziellen „Auflösung des Betriebs“ auch
die traditionelle Plattform für arbeitsrechtliche Regulierung, soziale Erfahrung,
Konfliktaustragung und -moderation in der Arbeitswelt zu schwinden. Der Trend
zur Dekonzentration von Arbeit beeinträchtigt damit die Wirksamkeit derjenigen
arbeitsrechtlichen Schutz- und Gestaltungsmechanismen – z. B. der betrieblichen
Mitbestimmung – die sich am Begriff und an der sozialen Realität des Betriebes
festmachen (…).67

Betriebliche Beheimatung fehlt dem digitalen Nomaden in der Arbeitswelt


zukünftig also vermutlich unabhängig davon, ob der abhängig beschäftigt oder
selbstständig tätig ist. Da die sozialpolitischen Spielregeln der Industriegesell-
schaft des 20. Jahrhunderts am abhängigen Beschäftigungsverhältnis einerseits,
am Betrieb andererseits anknüpfen, stellt es die Neu-Erfindung einer sozialen
Ordnung vor die entscheidende Herausforderung, dass und wenn mit der Digi-
talisierung beides sich verflüchtigt und neue hybride Erwerbsverläufe sich im

66Schröder 2016, S. 70.


67Deutscher Bundestag 1998, S. 55.
124 E. M. Welskop-Deffaa

­ üstenweiten Nimmerland vollziehen. Allein mit seinem Smartphone, das tat-


w
sächlich zum Kamel des digitalen Nomaden wird (zum „Ein-und-Alles“, zum
Reservoir seines Datenschatzes, zum mobilen Begleiter, zum Transportvehikel
in der vernetzten Arbeitswelt …) ist die Erwerbsperson des 21. Jahrhunderts auf
neue Formen solidarischer Unterstützung und gesetzlicher Rahmung angewiesen.

7 Schlaglichter auf den gesellschaftlichen,


sozialpolitischen, arbeitsrechtlichen und
gewerkschaftlichen Handlungsbedarf

Die hier vorgelegte Skizze der hybriden Arbeitswelt des digitalen Nomaden hat
den aus der Erwerbshybridisierung und ihren Begleiterscheinungen resultieren-
den Handlungsbedarf für Tarifparteien und Sozialpolitik bereits anklingen lassen.
Ganz entscheidend wird es sein, das Netz sozialer Sicherheit, das in den
Industriestaaten im 20. Jahrhundert geknüpft wurde, für das 21. Jahrhundert
neu zu justieren. Dazu ist es vordringlich, die Fokussierung der Sozialversiche-
rung auf das abhängige Beschäftigungsverhältnis zu überwinden68 – die Exklu-
sion der Selbstständigen in beitragsbasierten Sozialversicherungssystemen ist
nicht allein ein deutsches Problem.69 Die im Sozialversicherungsrecht bereits
ungezählten Ausnahmen,70 die die Orientierung am abhängigen Beschäftigungs-
verhältnis durchbrechen,71 müssen durchgängig überwunden werden: In kluger
pfadabhängiger Orientierung72 an den erprobten Vorbildern der Einbeziehung
Selbstständiger73 kann und muss das gewachsene Durcheinander zu einer gene-
rellen Einbeziehung der Einkommen aus selbstständiger und abhängiger Tätigkeit
in die Sozialversicherungspflicht zusammen geführt werden.
Aber auch beim Arbeitsschutz (einschließlich des Mutterschutzes)74 bedarf
es dringend neuer Ansätze. Es darf für die Verteilung der Verantwortung zwi-
schen Auftraggeberin und Auftraggeber/Arbeitgeberin und Arbeitgeber auf der

68Siehe hierzu ausführlicher Schlegel und Thiede in diesem Band.


69International Labour Office (ILO) 2015, S. 73.
70Welskop-Deffaa 2016a, S. 308.

71Zum Beispiel für Handwerker, Landwirte, Seeschiffer, Beschäftigte in der Weiterbildung.

72Münkler 2016, S. 847.

73Welskop-Deffaa 2017a; Welskop-Deffaa 2017b.

74Die Reform des Mutterschutzes, die im Frühjahr 2017 auf den Weg gebracht wurde, geht

hier nur einen ersten Teilschritt in Richtung arbeitnehmerähnlicher Personen.


Erwerbsverläufe digitaler Nomaden 125

einen Seite und Beschäftigter/Arbeitnehmerin und Arbeitnehmer auf der anderen


Seite keinen Unterschied machen, ob beispielsweise die Arbeit als Podologin auf
einer Station eines Altenheims als abhängig Beschäftigte oder als Selbstständige
erbracht wird. Die Information über die latente Infektionsgefahr muss der (poten-
ziell) schwangeren Auftragnehmerin vom Auftraggeber vor Antritt der Arbeit
zur Verfügung gestellt werden, genauso wie diese Information eine abhängig
Beschäftigte im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung erreicht und so verhindert,
dass eine Frau in (den frühen Phasen) der Schwangerschaft sich und ihr Kind
einem Gesundheitsrisiko am Arbeitsplatz aussetzt. Was für die Arbeit der Podolo-
gin gilt, gilt erst recht für die digitale Nomadin und ihr Smartphone. Die Grenzen
des aktuellen Arbeitsschutz- und Arbeitszeitrechts, auch der jetzigen Arbeitsstät-
ten- und Bildschirmverordnung müssen neu vermessen werden, denn sie sind
Grenzen der Arbeitswelt 3.0.75
Die Hoffnungen der Freelancer in IT- und Kreativberufen, die in hybriden
Erwerbsverläufen unterwegs sind, in die Fähigkeit von Gewerkschaften, bei der
Neugrenzziehung nützlich zu sein, und ihre Erwartungen in die Gestaltungsmacht
von Gewerkschaften ganz allgemein sind vorläufig eher gering.76 Es steht also
ein beiderseitiger Lernprozess an, der dies ändert. Er sollte sich rasch vollziehen,
denn die sozialen Leitplanken für die hybriden Erwerbsverläufe werden sich nicht
von heute auf morgen gestalten lassen. Es braucht die Durchsetzungserfahrung
der Gewerkschaften, die Solidarität der digitalen Nomaden und das Wissen der
Beschäftigten um ihre Erwerbswirklichkeit und ihre Erwerbsvorstellungen glei-
chermaßen, um zu befriedigenden neuen Regelungen zu kommen, die die heimat-
losen Beschäftigten in der digitalen Arbeitswelt nicht schutzlos lassen.
Hybride Erwerbsverläufe, die zwischen abhängiger und selbstständiger Arbeit
oszillieren, müssen durch ein neues Arbeits- und Sozialrecht abgesichert werden –
das ist die drängendste Aufgabe einer „sozialen Lebenslaufpolitik 4.0“.77 Die Ein-
beziehung aller Einkommen – aus selbstständiger und abhängiger Beschäftigung –
in die Rentenversicherungspflicht ist hier ein erster und wichtiger Schritt.78

75Schröder 2016, S. 73; Welskop-Deffaa 2015; siehe hierzu auch Bücker in diesem Band.
76Al-Ani und Stumpp 2015, S. 26.
77Zur sozialen Lebenslaufpolitik vgl. Bundesministerium für Familie 2011; Naegele 2010.

78Siehe hierzu ausführlicher Thiede in diesem Band.


126 E. M. Welskop-Deffaa

Weitere Schritte werden folgen, je besser die Dynamiken der Erwerbshybridi-


sierung und die Erwerbs- und Lebensweise der digitalen Nomaden verstanden wer-
den. Die Unsicherheit über die Zukunft, die Sandra Calcins für die Nomaden im
Sudan brillant beschrieben hat, existiert – in weniger lebensbedrohlicher Form –
auch für die Nomaden der digitalen Ökonomie. Vertrauen schaffende Regeln müs-
sen daher gesetzt und schrittweise angepasst werden; bestehende Normen müssen
vor Denunziation geschützt und für die Gestaltung des Übergangs genutzt werden.

(…) People lack a complete conception of the end until they have a complete grasp
of the course of action that will take them there (…) Uncertainty is a part of the
human condition and experience and also opens a space of hope, a space to renegot-
iate social inequalities. With uncertainty something new can arise (…).79

Wer Sozialpolitik zur Flankierung hybrider Erwerbsverläufe in der digitalen


Transformation in dieser Weise versteht, der wird dazu beitragen, dass das Hyb-
ridwesen, das mit der Digitalisierung entsteht, nicht mehr und nichts anderes ist
als ein erfolgreicher Wanderer zwischen abhängiger und selbstständiger Arbeit.80

Literatur
Al-Ani, A., und Stumpp, S. (2015). Motivationen und Durchsetzung von Interessen auf
kommerziellen Plattformen. Ergebnisse einer Umfrage unter Kreativ- und IT-Crowd-
workern. HIIG Discussion Paper Series 2015–05. Berlin: Alexander von Humboldt Ins-
titut für Internet und Gesellschaft.
Baumgärtel, T. (2014). Teile und verdiene. ZEIT Online. http://www.zeit.de/2014/27/sha-
ring-eco nomy-tauschen/komplettansicht. Zugegriffen: 6. Juni 2017.
Boes, A., Kämpf, T., Langes, B., und Lühr, T. (2015). Landnahme im Informationsraum.
Neukonstituierung gesellschaftlicher Arbeit in der „digitalen Gesellschaft“. WSI Mittei-
lungen, 68(2), 77–85.
Bögenhold, D., und Fachinger, U. (2015). Editorial. Sozialer Fortschritt, 64(9/10), 207–209.
Borchardt, K. (1972). Die Industrielle Revolution in Deutschland. München: Piper.
Brettschneider, A., und Klammer, U. (2016). Lebenswege in die Altersarmut. Biografische
Analysen und sozialpolitische Perspektiven. Berlin: Duncker & Humblot.
Bücker, A. (2015). Arbeit in der vernetzten Arbeitswelt – Herausforderungen und For-
schungsperspektiven für das Arbeitsrecht. Sozialer Fortschritt, 64(9–10), 220–227.

79Calcins 2016, S. 5 und S. 242.


80Zu den mit der Digitalisierung verbundenen Ängsten vgl. Schröder 2016, S. 9: Gefähr-
liche Mensch-Maschine-Hybride erscheinen nicht nur Science-Fiction-Autoren als perma-
nente Bedrohung für das Überleben der Spezies Mensch.
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Interessenvertretung von (zeitweise)
Selbstständigen in der Medienbranche

Veronika Mirschel

Zusammenfassung
Die Medienbranche ist seit jeher Vorreiterin in Sachen Flexibilisierung und
damit auch wechselnder, hybrider Erwerbsformen. Seit Gründung der Bun-
desrepublik haben Gewerkschaften Erfahrungen mit der Interessenvertretung
von (zeitweise) Selbstständigen gesammelt. Dabei waren sie konfrontiert mit
Arbeitsformen, die dem Ideal der Selbstverwirklichung durch freiberufliches
Schaffen entsprachen – aber auch mit der anderen Seite der Medaille: der
Entbetrieblichung und der damit oftmals einhergehenden Ausbeutung formal
Selbstständiger in miserabler ökonomischer und sozialer Abhängigkeit von
Auftraggebern und Auftraggeberinnen. Die Vereinte Dienstleistungsgewerk-
schaft ver.di und ihre Vorgängerorganisationen, speziell die Industriegewerk-
schaft Medien, haben sich dieser Herausforderung gestellt und frühzeitig
Ideen entwickelt, neue Formen der Kollektivierung – auch für die soziale
Absicherung Selbstständiger – zu entwickeln. Eine Reflexion der in der Medi-
enbranche gesammelten Erfahrungen mit verschiedenen Formen hybrider
Erwerbsverläufe – noch bevor erkennbar wurde, wie sehr die Hybridisierung
der Erwerbsbiografien zum Charakteristikum vieler Dienstleistungsbranchen
würde – kann als good-practise-Beispiel gewerkschaftlicher Interessenvertre-
tung die Weiterentwicklung kollektiver Interessenvertretung in der Arbeitswelt
4.0 inspirieren.

V. Mirschel (*) 
ver.di, Berlin, Deutschland
E-Mail: Veronika.Mirschel@verdi.de

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018 131


A. D. Bührmann et al. (Hrsg.), Hybride Erwerbsformen,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-18982-2_6
132 V. Mirschel

Schlüsselwörter
Soziale Sicherung Selbstständiger · Tarife Selbstständiger · Gewerkschaft · 
Beratung Selbstständiger · Künstlersozialkasse

1 Zur Einführung

Gewerkschaften – die vertreten doch nur Festangestellte!? Die Erfahrung, dass


sich selbstständig Erwerbstätige ohne Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in ein-
zelnen Gewerkschaften organisieren können, stößt immer wieder auf Erstaunen.
Auch das Wissen darüber, dass Gewerkschaften über Jahrzehnte hinweg einen
passablen Instrumentenkoffer zur Interessenvertretung dieser Mitgliedergruppe
zusammengestellt haben, ist nicht weit verbreitet.
Dieser Beitrag soll – ohne wissenschaftlichen Anspruch – einen Einblick in
die praktischen Erfahrungen der Gewerkschaftsarbeit von und mit Selbstständi-
gen geben. Chronologisch aufgebaut, beschreibt er am Beispiel der Medien- und
Kulturbranche den Weg von ersten zarten Annäherungen zwischen der westdeut-
schen, von Facharbeitern geprägten Industriegewerkschaft Medien und den frei-
beruflichen Kultur- und Medienschaffenden bis zur heute selbstverständlichen
(Selbst-) Organisation von Selbstständigen der verschiedensten Branchen in der
Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft.
Auf diesem Weg – das zeigt dieser Beitrag in historischer Abfolge auf –
haben Selbstständige gemeinsam mit ihrer Gewerkschaft Tarifverträge für
Selbstständige ausgehandelt, für eine bessere soziale Absicherung im gesetzli-
chen Solidarsystem und um Statusfragen gestritten. In der Gewerkschaft haben
sich Selbstständige Gehör und tragfähige Vertretungsstrukturen verschafft. Mit
dem Aufbau eines in dieser Form einzigartigen Beratungsnetzwerks hat sich
die Gewerkschaft den Anspruch gesetzt, nicht nur Einzelne „fit für den Markt“
zu machen, sondern Marktbedingungen insgesamt zu verbessern. Aktive Einmi-
schung ins politische Geschehen wird exemplarisch an der Auseinandersetzung
um ein Gesetz zur Reregulierung des freiberuflichen Medien- und Kulturmarktes
dargestellt.
Der Blick auf über sechzig Jahre Geschichte von Selbstständigen und ihrer
kollektiven Interessenvertretung zeigt auf: ob zeitweilig selbstständig, ob neben-
oder hauptberuflich – wenn Selbstständige ihre Interessen bündeln, können sie
Durchsetzungsstärke erreichen.
Interessenvertretung von (zeitweise) Selbstständigen … 133

2 Die Anfänge: Von Freiberuflern und


Facharbeitern

1949 gründen sich in Westdeutschland zwei Journalistenorganisationen: Im


Deutschen Journalistenverband (DJV) steht die berufsständische Interessenver-
tretung im Vordergrund. Die gewerkschaftlich orientierten Journalisten und Jour-
nalistinnen organisieren sich als „Berufsgruppe der Journalisten im DGB“. Sie
schließen sich 1951 als „Fachgruppe Journalisten“ (ab 1960 „Deutsche Journalis-
ten-Union“, dju) der 1948 gegründeten Industriegewerkschaft Druck und Papier
(IG Druck und Papier) an, in der – laut Satzung § 5 – bis zum Jahr 1970 nur

(…) alle in Betrieben des Wirtschaftszweigs Druck und Papier beschäftigten Lohn-
und Gehaltsempfänger (…)1

Mitglieder werden können. Nach dem Beitritt des „Verbandes deutscher Schrift-
steller“, VS, 1974 zur IG Druck und Papier wird in deren Satzung der berufli-
che Geltungsbereich beibehalten, jedoch der Verweis auf den Status abhängiger
Beschäftigung entfernt. Organisiert werden nun

(…) alle in den Wirtschaftszweigen Druck und Papier Beschäftigten, hauptberuflich


publizistisch Tätige, haupt- oder nebenberuflich tätige Autoren (…).2

Ebenfalls unter dem Dach des DGB bildet sich bereits 1950 die Gruppe Funk in
der Gewerkschaft Kunst im DGB, 1952 die Rundfunkunion als Vertretung der im
Rundfunk Beschäftigten. Diese räumt 1960 den freien Mitarbeitern und Mitarbei-
terinnen auf ihrem 4. Delegiertentag das Recht auf volle Mitgliedschaft ein. 1968
fusioniert sie mit der „Deutschen Union der Filmschaffenden“ (DUF) zur „Rund-
funk-Fernseh-Film-Union“ (RFFU).
Die Mitgliedschaft dieser Kultur- und Medienverbände im DGB, die auch
freiberuflich Tätige organisieren, macht das Thema Selbstständigkeit/Freibe-
ruflichkeit in der Gewerkschaftsbewegung zum Thema. So formuliert etwa die
Gewerkschaft Kunst in einem Beitrag zu einem kulturpolitischen Programm der
DGB-Gewerkschaften 1977:

1Industriegewerkschaft Druck und Papier 1957, S. 9.


2Industriegewerkschaft Druck und Papier 1975, S. 5.
134 V. Mirschel

(…) Die Vielfalt der Programmgestaltung (…) verlangt die Beschäftigung auch
nicht angestellter Mitarbeiter. Sie sind in alle Mitbestimmungs- und Mitwirkungsre-
gelungen einzubeziehen. Ihre wirtschaftliche und soziale Sicherung ist durch Tarif-
verträge zu gewährleisten (…).3

Tatsächlich sind die schriftlichen Aussagen zur Notwendigkeit einer Vertretung


von Freiberuflern und Freiberuflerinnen mit Aktivitäten hinterlegt: In den einzel-
nen Organisationen bzw. ihren Untergliederungen findet Freien- bzw. Selbststän-
digenarbeit statt – ein zum Teil zäher Prozess bei der übermächtigen Ausrichtung
der Gewerkschaften am „Normalarbeitsverhältnis“.

3 Kollektivvertretung – Tarifverträge für „Freie“

Schon früh drängen Gewerkschafter – wie der Schriftsteller Heinrich Böll 1969
im Rahmen der Gründung des Verbandes deutscher Schriftsteller mit seiner Rede
vom „Ende der Bescheidenheit“4 – auf die Schaffung eines aus dem Normalar-
beitsverhältnis abgeleiteten neuen Instruments: die Option, Kollektivvereinbarun-
gen für „arbeitnehmerähnliche Personen“ abschließen zu können. Der damalige
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, Walter Arendt, erläutert dies in der
ersten Lesung eines Gesetzes zur Änderung des Heimarbeitsgesetzes und anderer
arbeitsrechtlicher Vorschriften am 20. September 1973:

(…) Konkret (…) sind dies vor allem die freien Mitarbeiter bei Rundfunk- und
Fernsehanstalten, die freien Journalisten bei Tageszeitungen und Zeitschriften,
Schriftsteller und Künstler. Die Bezeichnung ‚freier Mitarbeiter‘ stellt sich dabei
leider allzuoft als eine positiv klingende Umschreibung dafür heraus, daß diese
Personen wirtschaftlich von ihren Auftraggebern absolut abhängig sind, ein not-
wendiger sozialer Schutz aber weitgehend fehlt. Durch die vorgesehene Ä ­ nderung
des Tarifvertragsgesetzes soll die Möglichkeit eröffnet werden, daß auch für diese
Personen künftig Tarifverträge abgeschlossen werden können. Damit soll es auch
den arbeitnehmerähnlichen Personen offenstehen, ihre Arbeitsbedingungen wie
Entgelt, Urlaub, Kündigungsschutz usw. durch kollektive Vereinbarungen festzu­
legen und abzusichern. (…) Die Öffnung der Tarifautonomie für die arbeitnehmer-
ähnlichen Personen schafft die Voraussetzungen für den Abschluß entsprechender

3Gewerkschaft Kunst 1977, S. 6.


4„(…) Ich schlage vor, dass wir die Bescheidenheit und den Idealismus einmal für eine
Weile an unsere Sozialpartner delegieren: an Verleger, Chefredakteure und Intendanten
(…)“; Böll 1985, S. 54.
Interessenvertretung von (zeitweise) Selbstständigen … 135

Tarifverträge. Ob und in welchem Umfang von dieser Möglichkeit Gebrauch


gemacht wird, liegt in der Hand dieser Personen selbst, der Gewerkschaften, in
denen sie sich organisieren, und der Verbände ihrer Auftraggeber (…).5

Zum 1. November 1974 wird das Tarifvertragsgesetz (TVG) um § 12a TVG


erweitert, der den Abschluss von Tarifverträgen für wirtschaftlich abhängige
und sozial schutzbedürftige, sogenannte arbeitnehmerähnliche Personen ermög-
licht – ein Novum, das die kartellrechtlichen Einschränkungen aushebelt, durch
die schon in den fünfziger Jahren ein Vertrag über Mindesthonorare für Freie als
„rechtswidrige Kartellabsprache“ kassiert worden war. Eine Sonderrolle nehmen
im neuen Gesetz die Medien- und Kulturschaffenden ein: Während allgemein die
wirtschaftliche Abhängigkeit und soziale Schutzbedürftigkeit bei einem hälfti-
gen Einkommen von einem einzigen Auftraggeber angenommen wird, liegt diese
Grenze im Medien- und Kulturbereich bei einem Drittel. „(…) In diesem Gesetz
(…)“, so begründet es der SPD-Bundestagsabgeordnete, Schriftsetzer und Redak-
teur Egon Lutz in der zweiten und dritten Lesung, „(…) wird eine zusätzliche
Garantie für die geistige Freiheit geleistet (…)“.6
Von einer Rundfunk-„Arbeitsgruppe der freien Mitarbeiter“, die aus RFFU,
VS, dju, DJV, Bühnengenossenschaft und der Vereinigung der Musikarbeiter
besteht, werden auf der ARD-Konferenz Gespräche über angestrebte Musterver-
träge geführt. Ab 1976 werden Tarifverträge in zahlreichen öffentlich-rechtlichen
Sendeanstalten durchgesetzt – nicht zuletzt durch den Druck auf die Anstalten
durch eine wahre Festanstellungsklagewelle der RFFU. Der damalige Intendant
des größten bundesdeutschen Senders Westdeutscher Rundfunk, Friedrich Wil-
helm von Sell:

(…) Darüber hinaus sind wir bereits 1974 mit den Gewerkschaften in Verhandlun-
gen eingetreten, als die Welle – nicht bevor die Welle – in bedrohlicher Dimension
auf uns zurollte. (…) Wir haben auf Seiten der Anstalten natürlich erkannt, dass
wir in der Art und Weise der Beschäftigung freier Mitarbeiter uns auch seit Anfang
der siebziger Jahre in einer Trendwende befanden. Die finanziellen Mittel wurden
knapper, und die bis dahin durch die Vielfalt der Beschäftigungsmöglichkeiten prak-
tisch gesicherten ständigen freien Mitarbeiter empfanden subjektiv, sicher nicht zu
Unrecht, ein höheres Risiko bis dato. Und dieser Situation glaubten wir Rechnung
tragen zu sollen durch den Abschluss der Tarifverträge (…).7

5Deutscher Bundestag 1973, S. 2864.


6Deutscher Bundestag 1974, S. 7208.
7Evanglischer Pressedienst 1982.
136 V. Mirschel

Bereits 1976 werden ein Rahmentarifvertrag, ein Tarifvertrag über die Gewäh-
rung einer Sondervergütung sowie ein Tarifvertrag über die Gewährung von
Sozialleistungen für die ständigen freien Mitarbeiter des Hessischen ­Rundfunks,
jeweils ein Rahmentarifvertrag für die arbeitnehmerähnlichen Personen des
Bayerischen Rundfunks und des Westdeutschen Rundfunks sowie ein Tarifver­
trag beim Sender Freies Berlin abgeschlossen. Jeweils variierend enthalten sie
Regelungen etwa zu Rahmenbestimmungen bezüglich der wirtschaftlichen
Abhängigkeit und sozialen Schutzbedürftigkeit, Bestandsschutz, Sozialversiche-
rungsleistungen, Mitgliedschaft bei der Pensionskasse der Rundfunkanstalten und
dem Versorgungswerk der Presse oder auch Urlaub. Alle anderen öffentlich-recht-
lichen Rundfunkanstalten stehen mit den Gewerkschaften in Verhandlung.
Sehr viel stockender gestaltet sich die Umsetzung für die freien Mitarbeiter
und Mitarbeiterinnen an Tageszeitungen. Laut eines Berichts der Bundesregie-
rung über Erfahrungen bei der Anwendung des § 12a TVG vom 4. Juli 1977:

(…) finden seit mehr als zwei Jahren schwierige Verhandlungen statt, die nach einer
einjährigen Unterbrechung im Frühjahr 1977 wieder aufgenommen wurden. Greif-
bare Ergebnisse liegen bisher nicht vor. Die Gewerkschaften streben tarifliche Ver-
einbarungen über Honorarsätze, urheberrechtliche Fragen, Urlaubsregelungen sowie
über eine Honorarfortzahlung im Krankheitsfall an (…).8

Für die damals rund 1000 Arbeitnehmerähnlichen im Zeitschriftenbereich, in


dem es 1977 auch noch keinen Tarifvertrag für die angestellten Redakteure und
Redakteurinnen gibt, werden weder zu diesem Zeitpunkt noch später Verhandlun-
gen geführt.
Im Juni 1981 wird schließlich ein – gegenüber den Rundfunkanstalten sehr
viel unkomfortablerer – Tarifvertrag für Freie an Tageszeitungen (ausgenommen
Hessen) abgeschlossen, der seitdem jeweils im Rahmen der Tarifrunden für die
angestellten Redakteurinnen und Redakteure mit verhandelt wird und bis heute
weder in Hessen noch in den Neuen Bundesländern gilt.

8Bundesregierung 1977, S. 6.


Interessenvertretung von (zeitweise) Selbstständigen … 137

4 Soziale Sicherung – das Sondersystem


Künstlersozialversicherung

Als treibende Kraft in einer entscheidenden sozialpolitischen Frage für Selbststän-


dige agiert innerhalb der Gewerkschaftsbewegung wiederum prägend der Verband
deutscher Schriftsteller (VS) in der IG Druck und Papier. In den siebziger Jah-
ren nimmt er einen Jahre dauernden Kampf für die bessere soziale Absicherung
der – so hatte es ein „Bericht der Bundesregierung über die wirtschaftliche und
soziale Lage der künstlerischen Berufe (Künstlerbericht)“ vom 13. Januar 1975
deutlich gezeigt – altersarmen freischaffenden Künstlerinnen und Künstler sowie
Publizistinnen und Publizisten auf.9 Beharrlich und gegen alle Widerstände der
Medien- und Kulturwirtschaft erreicht der VS – unterstützt von der Gesamtorga-
nisation – unter Federführung seines Mitglieds und SPD-Bundestagsabgeordneten
Dieter Lattmann die Einrichtung der Künstlersozialkasse (KSK) durch ein Künst-
lersozialversicherungsgesetz (KSVG).10 Sie ermöglicht selbstständigen Künstlern
und Künstlerinnen und Publizisten und Publizistinnen als Pflichtversicherung ab
einem (heutigen) Jahreseinkommen oberhalb 3900 EUR sozialen Schutz in der
gesetzlichen Renten- sowie einer Kranken- und Pflegeversicherung. Wie Arbeit-
nehmer und Arbeitnehmerinnen zahlen sie die eine Hälfte der Versicherungs-
beiträge; die andere Beitragshälfte zahlt die KSK. Die hierfür erforderlichen
Mittel werden aus einem Zuschuss des Bundes sowie einer Abgabe jener Unter-
nehmen finanziert, die künstlerische und publizistische Leistungen verwerten
(Künstlersozialabgabe).
Das Projekt KSVG tritt 1983 in seiner dritten Entwurfsfassung vom 27. Juli
1981 in Kraft – und schafft soziale Absicherung für Zeiten selbstständiger Tätig-
keit in Erwerbslebensläufen von Kultur- und Medienschaffenden, die als Pioniere
hybrider Erwerbsverläufe anzusehen sind. Was für die Altenpflege und andere
soziale Berufe im Grunde erst im 21. Jahrhundert zur neuen Normalität werden
wird – der Wechsel zwischen abhängiger und selbstständiger Tätigkeit11 – ist
für die Versicherten der KSK bereits in den siebziger und achtziger Jahren weit
verbreitet. Indem mit der KSK der Wechsel des Erwerbsstatus keinen Einbruch
in der sozialen Absicherung mehr mit sich brachte, war im Kampf gegen Alters-
armut in diesen Berufen ein erheblicher Etappensieg erzielt. Die Dynamik der

9Bundesregierung 1975.
10Deutscher Bundestag 1981.
11Vgl. Kay et al. in diesem Band.
138 V. Mirschel

Erwerbshybridisierung schlägt sich auch in den KSK-Versichertenzahlen nieder:


Rechnet man 1980 mit maximal 40.000 über die KSK Versicherten, so nimmt
die Entwicklung rasch einen anderen Lauf: Ein Jahr nach ihrem Start sind bereits
12.000 Medien- und Kulturschaffende darüber versichert – 2016 liegt die Versi-
chertenzahl bei knapp 185.000.12

5 Selbstständig – Scheinselbstständig

Einen direkten Zusammenhang zwischen der Existenz der Künstlersozialkasse


und der Flucht einiger Verlage aus der sozialpolitischen Verantwortung gegen-
über ihren fest eingebundenen „freien“ Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, kon-
statiert die „Tageszeitung“ im Juli 2015. Zum Thema sogenannter Pauschalisten
und Scheinselbstständiger in Verlagshäusern schreibt sie unter der Zwischenüber-
schrift „Die KSK muss es richten“:

(…) Angesichts der Krise auf dem Anzeigenmarkt und sinkender Auflagen scheint
das für viele Häuser ein lohnendes Modell zu sein. In einer Branche aber, die per
Definition dafür zuständig ist, Missstände in anderen Unternehmen aufzudecken
und die jeden Scoop in anderen Bereichen genüsslich feiert, stellt sich die Frage,
warum diese Praxis bis dato kaum diskutiert wurde.
Das System funktioniert, weil die Künstlersozialkasse (KSK) einspringt. Sie
übernimmt für freischaffende Künstler und Publizisten den Arbeitgeberanteil der
Sozialversicherungsbeiträge. Für die Betroffenen selbst besteht also zunächst kein
finanzieller Nachteil. Das ist einer der Gründe, warum sich kaum jemand öffentlich
beklagt. Die Krux aber ist: Die KSK wird zwar zum Teil über pauschale Abgaben
von den Verlagen finanziert, aber auch zu 20 Prozent aus Bundesmitteln. Im Jahr
2015 werden das laut KSK-Prognose 186,89 Millionen Euro sein. Wenn man so
will, holen sich die Verlage mithilfe dieses Tricks staatliche Subventionen ab, die
ihnen so nicht zustehen (…).13

Tatsächlich beschäftigt das Thema Scheinselbstständigkeit in der Medienbranche die


Gewerkschaft nicht erst in diesem Jahrtausend. Bereits mit dem von der rot-grünen
Koalition zum 1. Januar 1999 vorgelegten „Gesetz zu Korrekturen in der Sozialver-
sicherung und zur Sicherung der Arbeitnehmerrechte“, mit dem sie die Scheinselbst-
ständigkeit im Sozialversicherungsrecht – per Beweislastumkehr – regeln will, wird

12Künstlersozialkasse 2017.
13Fromm et al. 2015.
Interessenvertretung von (zeitweise) Selbstständigen … 139

die IG Medien, zu der sich zwischenzeitlich einige Kunstgewerkschaften und die IG


Druck und Papier zusammengeschlossen haben, aktiv: Insbesondere Pauschalisten
und Pauschlistinnen, also formal selbstständige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen,
die dennoch ein festes Monatshonorar erhalten und nicht selten vergleichbar den
Angestellten als Allein-Redakteure und -Redakteurinnen die Lokalseiten (auch gro-
ßer) Zeitungshäuser betreuen sowie Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Lokal-
funkhäusern – sind Ziel einer Kampagne: Klärt Eure Arbeitssituation!
Die unscharfe Vermischung von selbstständiger und abhängiger Beschäf­
tigung soll und kann in diesem Fall noch einmal zugunsten der Klarstellung
aufgelöst werden, dass viele „Selbstständige“ im Medienbereich nur scheinbar
Selbstständige sind. Tatsächlich gelingt es in einem kurzen Zeitraum zu erwir-
ken, dass Arbeitgeber bzw. Arbeitgeberinnen zu ihrer Verantwortung stehen und
zahlreiche nur vermeintlich Selbstständige in die Festanstellung übernehmen. Es
gibt aber auch die Alternative, dass letztere ihre Arbeitsweise derart umgestal-
ten, dass die Art der Arbeit tatsächlich zu dem von ihnen selbst gewählten Sta-
tus der Selbstständigkeit passt. Ende 1999 wird das Gesetz, das Kriterien für eine
Scheinselbstständigkeit definiert hatte, aufgrund des heftigen Widerstandes der
Arbeitgeberlobby durch ein „Gesetz zur Förderung der Selbständigkeit“ ersetzt.
Bis zur Gesetzesnovelle des Sozialgesetzbuches in 2003 wird durch dieses Gesetz
die verpflichtende Einbeziehung in die Sozialversicherung für jene Selbstständi-
gen neu geregelt, deren Selbstständigkeit sozialversicherungsrechtlich als Schein-
selbstständigkeit eingestuft wird. Scheinselbstständigkeit wird nach § 7 Abs. 4
Viertes Buch Sozialgesetzbuch (SGB IV) vermutet, wenn mindestens drei der fol-
genden fünf Kriterien erfüllt sind:

1. im Wesentlichen und auf Dauer – rund fünf Sechstel des Umsatzes – wird für
einen Auftraggeber bzw. Auftraggeberin gehandelt,
2. der Selbstständige beschäftigt keine sozialversicherungspflichtigen Mitarbeiter
und Mitarbeiterinnen,
3. der Auftraggeber bzw. die Auftraggeberin lässt entsprechende Tätigkeiten
regelmäßig durch seine bzw. ihre nicht selbstständigen Arbeitnehmer und
Arbeitnehmerinnen verrichten,
4. der oder die Selbstständige lässt keine unternehmertypischen Merkmale erken-
nen,
5. die Tätigkeit entspricht ihrem äußeren Erscheinungsbild nach der Tätigkeit,
die vorher für denselben Auftraggeber bzw. dieselbe Auftraggeberin in einem
Beschäftigungsverhältnis ausgeübt wurde.
140 V. Mirschel

Mit der Hartz-Gesetzgebung wird 2003 dieser Kriterienkatalog als Rechtsrah-


men zurückgefahren. Personen, die Gründerzuschuss nach dem damaligen § 421
Abs. 1 Drittes Buch Sozialgesetzbuch (SGB III) beantragen, werden für die
Dauer ihrer Förderung widerlegbar als Selbstständige beurteilt. Der Kampf um
die Sozialversicherungsfreiheit „selbstständiger Arbeit“ erfährt durch die fak-
tische Hybridisierung der Erwerbsverläufe wiederholt neue Nahrung; je nach
(ideologischem) Standort in Bezug auf diese Gretchenfrage wird die Beschrei-
bung der Wirklichkeit selbstständiger Arbeit heroisiert oder dämonisiert. Eine
Wahrnehmung der tatsächlichen Hybridisierungstendenzen fällt fast allen Prota-
gonisten und Protagonistinnen der Debatten schwer.

6 Recht haben – Rechte durchsetzen

6.1 Das Entstehen einer innergewerkschaftlichen


Selbstständigen-Vertretung

Mitte bis Ende der achtziger Jahre entstehen unter den Journalisten und Journa-
listinnen in der IG Druck und Papier vielfältige Aktivitäten der und für die in der
Branche „Freie“ genannten Selbstständigen. Während in den von freiberuflich
Tätigen geprägten gewerkschaftlichen Kulturfachgruppen bereits eine rege ehren-
amtliche Arbeit verankert ist, findet in der Deutschen Journalistenunion (dju)
1984 erstmalig ein mehrtägiges Seminar für Freie statt. Ein Jahr später erscheint
als Vorläufer des Buchs „Ratgeber Freie“ eine 16-seitige „Orientierungshilfe für
freie Journalisten“ als Beilage der IG-Druck-und-Papier-Zeitschrift für Journa-
listen „die feder“ – verbunden mit einer Umfrage über die Situation der Freien.
1986 werden zum Freien-Seminar ausschließlich Freie eingeladen, die sich in
Journalistenbüros zusammengetan haben, da sie als die aktivsten und erfahrensten
gelten. Mit ihnen soll die Freien-Arbeit der dju aufgebaut werden. 1988 erscheint
die zweite Auflage der Ratgeber-Broschüre, ebenfalls als Beilage zur „feder“ und
zusätzlich als Beihefter der Zeitung „HFF“ für die Rundfunk-, Fernseh-, Film-
Union – wieder verbunden mit einer Umfrage zur Lage und Berufssituation der
freiberuflichen Mitglieder. Spätere Umfragen beschränken sich dann weitgehend
auf Honorarfragen. Ebenfalls 1988 streiken die freien Mitarbeiter und Mitarbei-
terinnen an hessischen Tageszeitungen für den Abschluss des Tarifvertrages für
Arbeitnehmerähnliche an Tageszeitungen auch in diesem Bundesland – letztlich
bis zum heutigen Tage erfolglos. Im selben Jahr beschäftigt sich der jährliche dju-
Journalistentag mit dem Thema „Freie“ und auch auf der dju-Bundeskonferenz
sind sie – 17 der 54 Delegierten sind Freiberufler bzw. Freiberuflerinnen – ein
Interessenvertretung von (zeitweise) Selbstständigen … 141

Schwerpunktthema.14 Problematisiert wird auch die innerhalb der Gewerkschaft


herrschende Benachteiligung von Freien bei der ehrenamtlichen Arbeit. So ver-
langt die Konferenz unter anderem, Freien ihren Verdienstausfall für Gremienar-
beit genauso wie den Festangestellten in voller Höhe zu ersetzen.
1989 schließen sich die verschiedenen Medien- und Kulturgewerkschaften
unter dem Dach des DGB zur „Industriegewerkschaft Medien, Druck und Papier,
Publizistik und Kunst“ (IG Medien) zusammen. Kurz darauf, im Oktober 1990
fusionieren auch die IG Druck und Papier sowie die Gewerkschaft Kunst im
FDGB der DDR mit der IG Medien. In ihrem bereits 1986 beschlossenen Grün-
dungspapier der IG Medien heißt es unter der Überschrift „Ziele – Wofür wir
kämpfen“ unter anderem:

(…) Die Freiheit der Kunst, der Presse und des Rundfunks kann nicht durch die ver-
fassungsrechtliche Verankerung allein gewährleistet werden. Sie setzt wirtschaftli-
che und soziale Sicherheit sowie den arbeitsrechtlichen Schutz derer voraus, die in
künstlerischen Berufen und für die Medien arbeiten (…).15

Als eine ihrer Schwerpunktaufgaben nennt sie:

(…) In den Bereichen, in denen die Beschäftigung von Journalisten und Künstlern
als freie Mitarbeiter auch in Zukunft sinnvoll ist, muss durch tarifvertraglichen,
arbeitsrechtlichen und sozialen Schutz sichergestellt werden, daß sie am allgemei-
nen sozialen Fortschritt teilnehmen (…).16

Konkreter:

(…) Die IG MEDIEN fordert die tarifvertragliche Festlegung von Mindesthonora-


ren für freie Autoren, Künstler, Filmschaffende und Journalisten. Sie müssen ein
Einkommen gewährleisten, das unter Berücksichtigung der zusätzlichen Belastun-
gen der freien Mitarbeiter dem Einkommen vergleichbarer Arbeitnehmer entspricht
(…).17

Welche Rolle die Selbstständigen (laut Satzung: „arbeitnehmerähnliche Perso-


nen, Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen, freie Mitarbeiter und ­Mitarbeiterinnen

14Buchholz1988, S. 33 ff.
15Gesamtvorstand der IG Medien 1989, S. 3.
16Gesamtvorstand der IG Medien 1989, S. 12.

17Gesamtvorstand der IG Medien 1989, S. 14.


142 V. Mirschel

sowie andere Personen in freien Berufen, freiberuflich Tätige“)18 in der IG


Medien tatsächlich spielen und in den nächsten Jahren spielen werden, wird auch
an der Rangfolge ihrer Nennung deutlich: Unter den insgesamt 21 in der Satzung
genannten „Grundsätzen und Zielen“ landet – weit abgeschlagen auch hinter
anderen Personengruppen – auf Platz 20: „Vertretung der spezifischen Interessen
der freien Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen und der freiberuflich Tätigen.“19
Für die gemeinsame Interessenvertretung der in berufsbezogenen Fachgrup-
pen20 angesiedelten Freien wird auf Bundesebene in der Gewerkschaft eine „Bun-
deskommission Freie“ (BKF) eingerichtet. Anders als die Jugend, die Frauen, die
Seniorinnen und Senioren sowie die Erwerbslosen erhalten sie nicht den Status
einer Personengruppe, die in Wahlen und bei der Ressourcenverteilung besonders
zu berücksichtigen ist und sind damit vorerst auch nicht berechtigt, einen Vertre-
ter bzw. eine Vertreterin in die höchsten Gremien, den Hauptvorstand oder den
Gewerkschaftsrat, zu entsenden.
Die Freienarbeit entwickelt sich neben der BKF vor allem auch in den Fach-
gruppen und dezentral in den Landesbezirken und den (Groß-) Städten, in denen
starke Potenziale – etwa an Verlagsstandorten oder in Sendeanstalten – vertre-
ten sind. Zum Teil entsteht gegen die gewerkschaftliche Interessenvertretung der
„Freien“ Widerstand, mindestens aber massive Vorbehalte gegenüber einer nicht
abhängigen, „unternehmerischen“ Erwerbsarbeit vonseiten der zahlenmäßig weit
stärker vertretenen Facharbeiter innerhalb der IG Medien und ihrer Gremien.
Nichtsdestotrotz entstehen beispielsweise innerhalb der Fachgruppe Rund-
funk- Fernseh- Filmunion (RFFU) im Rahmen der dort vorherrschenden (an den
jeweiligen öffentlich-rechtlichen Sender angebundenen Senderverbandsstruk-
turen) eigene Freiensprecherräte, die eine Vernetzung der freien Mitarbeiter und
Mitarbeiterinnen vorantreiben. In RFFU und dju werden Freie in die Tarif- und
Verhandlungskommissionen einbezogen. Es dauert allerdings noch Jahre, bis das
in den gewerkschaftlichen Forderungspaketen immer wieder geforderte Junk-
tim gemeinsamer Tarifabschlüsse für Festangestellte und Arbeitnehmerähnliche
umgesetzt wird. Hilfreich waren gemeinsame Erfahrungen im Arbeitskampf:
Bereits seit 1990 – dem ersten bundesweiten Streik der Tageszeitungsjournalisten

18IndustriegewerkschaftMedien – Druck und Papier 1989.


19IndustriegewerkschaftMedien – Druck und Papier 1989, S. 11.
20Die IG Medien besteht aus neun Fachgruppen: Druckindustrie und Zeitungsverlage,

Papier- und Kunststoffverarbeitung, Rundfunk/Film/AVMedien (RFFU), Journalismus


(dju/SWJV), Literatur/Verband deutscher Schriftsteller (VS), Bildende Kunst (BGBK),
Darstellende Kunst (IAL/Theater), Musik (DMV/GDMK), Verlage und Agenturen.
Interessenvertretung von (zeitweise) Selbstständigen … 143

in der Geschichte der Bundesrepublik überhaupt – beteiligen sich Freie an Streik-


maßnahmen. Die dabei aufgeworfenen Fragen, ob sie sich beteiligen dürfen und
dafür auch die Streikunterstützung der Gewerkschaft erhalten, werden schließlich
positiv entschieden.21
Kurz darauf, im Jahr 1992, übernehmen erstmals Freiberufliche in der dju,
einer Bundesfachgruppe, die bislang stark von Festangestellten geprägt ist, Vor-
standsposten. Die dju wählt einen „SprecherInnenrat“, der aus zwei Freien und
einem Festangestellten besteht – und entsendet eine selbstständige Journalistin in
den Hauptvorstand der IG Medien.
Der Umfang und die Ausgestaltung der Freienarbeit in den Landesbezirken
und Bezirken sind vom persönlichen Einsatz der jeweiligen haupt- und ehren-
amtlichen Funktionäre und Funktionärinnen sowie von den durch die Mitglieder
an diese herangetragenen Forderungen abhängig. So entsteht etwa in Nordrhein-
Westfalen ein – stark an die Themen beim Westdeutschen Rundfunk angelehntes
und an dessen Arbeitnehmerähnliche ausgerichtetes – regelmäßiges Informati-
onsblatt namens „Freibrief“. In Bayern geht die Informationsinitiative stärker
von Freien aus dem Printbereich aus. Sie entwickeln den „Medienkiebitz“, ein
regelmäßiges Informationsblatt der Münchner IG Medien, das u. a. Informatio-
nen über die Situation in den regionalen Verlagen und über selbstständige Journa-
listen und Journalistinnen in München und deren Situation berichtet. Zusätzlich
entsteht das bayerische „Freienexemplar“ nach dem Vorbild des „Freibriefes“. Es
ist ein vierteljährlich erscheinendes, an die Mitglieder per Post geschicktes Infor-
mationsblatt für die Freien aller IG-Medien-Fachgruppen. Als zentrales Ange-
bot für freiberuflich Tätige entsteht Mitte der 1990er Jahre eine Anlaufstelle in
München. Dort erfahren Mitglieder im Rahmen eines persönlichen Gesprächs
konkrete Hilfe bei beruflichen Schwierigkeiten oder können generelle berufliche
Fragen stellen. Das Novum an der Servicestelle: Die Freien werden nicht von
hauptamtlichen Gewerkschaftsfunktionären bzw. -funktionärinnen beraten, deren
gewerkschaftliche Erfahrungen sich oft nicht konkret auf „atypische“ Verhält-
nisse erstrecken. Daher beraten ehrenamtliche selbst als Freiberufler tätige aktive
Mitglieder ihre Kollegen und Kolleginnen, und die IG Medien zahlt ihnen dafür
Honorar. Neben anderen Aktivitäten wie berufs- und gesellschaftspolitischen
Veranstaltungen führt dieses Serviceangebot zu einem erheblichen Mitgliederzu-
wachs bei Freiberuflern und Freiberuflerinnen.

21Rehberg und Stöger 2004.


144 V. Mirschel

Mitte der 1990er Jahre wirkt sich der Konjunktureinbruch auch mit Folgen
wie verstärktem Outsourcing nicht zuletzt auf das Selbstbewusstsein der erstmals
mit Arbeitgeber-Gegenforderungen konfrontierten Facharbeiter und Facharbeite-
rinnen aus. Gleichzeitig ist die Zahl der selbstständig Tätigen in der IG Medien,
ihr Engagement und ihr Einfluss unübersehbar geworden; eine Diskussion über
eine gezieltere Integration und hauptamtliche Betreuung kommt auf. Im Dezem-
ber 1997 wird im Hauptvorstand der IG Medien erstmals die Stelle einer poli-
tischen Sekretärin geschaffen, die (ausschließlich) für Freie zuständig ist, die
Freien – namentlich die BKF – erhalten offiziell einen Sitz im Gewerkschafts-
rat.22

6.2 Beratung – mediafon entsteht

Die an verschiedenen Orten und in verschiedenen Berufen gesammelte Erfah-


rung in der gewerkschaftlichen Interessenvertretung der freiberuflich Tätigen
führt in dieser Zeit zu der Idee, eine spezielle Beratung von Selbstständigen für
Selbstständige zu etablieren: Das Projekt mediafon entsteht. Es soll neue,
dezen­trale Formen gewerkschaftlicher Arbeit ermöglichen und Einfluss auf die
Ausgestaltung der Arbeits- und Lebensbedingungen sogenannter Solo-Selbststän-
diger stärken – und diese als IG-Medien-Mitglieder gewinnen. Denn nicht zuletzt
findet die „Ausweitung der Arbeitsmöglichkeiten im tertiären Sektor insbeson-
dere im Medien- und Multimediabereich statt.“23 Die Gewerkschaften müssen,
so die Erkenntnis der IG Medien, ihre (Organisations-) Politik dem Wandel der
Arbeitswelt anpassen, wenn sie ihre Gestaltungskraft bei der Aushandlung der
Arbeitsbedingungen in ihren Branchen nicht langfristig verlieren wollen. Wo in
einer Branche Beschäftigung faktisch gleichermaßen in abhängiger und selbst-
ständiger Tätigkeit entsteht, kann die Durchsetzung von Beschäftigteninteressen
nur gelingen, wenn gleichermaßen selbstständige wie abhängig beschäftigte Kol-
legen und Kolleginnen organisiert werden. Hybride Beschäftigung fordert neue
gewerkschaftliche Organisationsentscheidungen. Um auch die Selbstständigen

22Das höchste Gremium zwischen den Gewerkschaftstagen ist der Gewerkschaftsrat, der
aus den Mitgliedern des Hauptvorstandes, den Landesbezirksvorsitzenden und weiteren
Mitgliedern aus den Landesbezirken, den Fach- und Personengruppen gebildet ist. Der
Gewerkschaftsrat besteht aus sechzig Mitgliedern.
23Industriegewerkschaft Medien – Druck und Papier 1999.
Interessenvertretung von (zeitweise) Selbstständigen … 145

zu erreichen, braucht es entsprechende neue Interessenvertretungsstrukturen und


neue Formen gewerkschaftlicher Arbeit.

(…) Bei Arbeitsformen, die hoch individualisiert sind, spielt der Austausch von
berufsspezifischen Informationen eine überragende Rolle im Berufsalltag. Anders
als ‚klassische’ Arbeitnehmerinnen und -nehmer sind sie dabei auf außerbetriebliche
Informationsmöglichkeiten und Netzwerke angewiesen (…).24

Kern des entsprechend einer Forschungsförderung des Wissenschaftsministeri-


ums designten Projekts mediafon,25 das im Jahr 2000 an den Start geht: Selbst-
ständige beraten Selbstständige. Zitat aus der ersten Kurzvorstellung:

(…) Den Boom der Medienbranche durch kompetente Beratung von freelancern
begleiten. – Dieses Ziel setzt das Projekt „mediafon“ seit Ende 2000 um. Von Mon-
tag bis Freitag erhalten hier zwischen 10 und 19 Uhr Selbstständige der Medien-
und Kulturbranche kostenlos den Rat von Expertinnen und Experten. (…) Mit dieser
Initiative schließt eine Gewerkschaft, die IG Medien, die Lücke in der flächende-
ckenden Beratung jener, die in der Arbeitswelt der Zukunft eine entscheidende
Rolle spielen werden: Selbstständige, kleine Start-Ups und andere sogenannte Mik-
rounternehmen. Dass sie sich dabei auf Medienschaffende wie Journalisten, Gra-
fikerinnen, Mediendesigner oder Übersetzerinnen konzentriert, kommt nicht von
ungefähr: In diesen Branchen vertritt die kleinste der zukünftigen ver.di-Gewerk-
schaften bereits rund 22.000 freiberufliche Mitglieder und verfügt daher über eine
hohe Kompetenz – eine Kompetenz, die mit finanzieller Unterstützung des Bun-
desministeriums für Bildung und Forschung im Rahmen von dessen Mikrounter-
nehmen-Initiative auch Nicht-Mitgliedern zugänglich gemacht wird. Wir haben mit
mediafon einen Weg erschlossen, das im ganzen Bundesgebiet verstreute hohe Fach-
wissen einer Medien-Organisation über eine einzige Telefonnummer zugänglich zu
machen. Der Callcenter-Service für „Mikrounternehmen der Medienbranche“ berät
zu allen Berufs- und Branchenfragen und dabei insbesondere zur Existenzgründung,
sozialen Sicherung, Vertragsgestaltung, Urheber- und Steuerrecht, Arbeitsformen,
Gesundheitsschutz oder auch zur Nutzung von Kommunikations- und Informa-
tionstechniken. Häufig gestellte Fragen beantworten die Beraterinnen und Berater
von mediafon im Callcenter sofort. Komplexere Fragen werden an Expertinnen und
Experten weitervermittelt. Das Besondere an diesem Beratungsteam: Die Fachleute
sind seit vielen Jahren selbstständig in ihrem Berufsfeld tätig. Sie beraten praxisnah
und verfügen über ein breites Erfahrungswissen (…).

24Industriegewerkschaft Medien – Druck und Papier 1999.


25Insbesondere auf Betreiben eines Aktiven der gewerkschaftlichen Selbstständigenarbeit
beteiligte sich die IG Medien mit erheblichen Eigenmitteln an der „Förderlinie Mikrounter-
nehmen“ des Ministeriums für Bildung und Forschung.
146 V. Mirschel

Die letzten Jahre der IG Medien-Selbstständigenarbeit, die von der ver.di fortge-
führt wird, beurteilt das das mediafon-Projekt wissenschaftlich begleitende IMU-
Institut so:

(…) Die Veränderungen der gewerkschaftlichen Politik von und mit Selbstständigen
in den letzten Jahren der IG Medien, waren nicht das Ergebnis von harten politi-
schen Auseinandersetzungen in den gewerkschaftlichen Gremien oder auf Kongres-
sen. Die ‚Beschlusslage‘ hatte die Frage der Selbstständigkeit und ihrer Vertretung
durch und in der IG Medien längst geklärt. Die Veränderungen gingen vielmehr
leise und vor allem durch das Setzen von Fakten vor sich, indem einige engagierte
ehrenamtliche Gewerkschaftsmitglieder Ideen entwickelten und diese auch umsetz-
ten, ohne deren Umsetzung in langwierigen organisationsinternen Diskussionen zur
Disposition zu stellen. Dies zeigt am besten das Beispiel mediafon selbst (…).26

6.3 Urheberrecht – ein Thema, das die IG-Medien-


Freien eint

Zum Jahrtausendwechsel spitzt sich ein Thema politisch zu, das die Freien aller
Fachgruppen in der IG Medien betrifft – und vereint: die Auseinandersetzung um
ein besseres Urhebervertragsrecht und damit um eine angemessene Vergütung. Die
IG Medien macht damit vor, dass die erfolgreiche Vertretung der Interessen Selbst-
ständiger nicht allein über das Arbeitsrecht gelingen kann – gewerkschaftliche
Aufmerksamkeit für Einkommenschancen in hybriden Erwerbsbiografien braucht
einen breiteren Zugang. Seit Jahren ist inzwischen das Urheberrecht – im Spezi-
ellen das sogenannte Künstlergemeinschaftsrecht27 – eine der stärksten gemein-
samen Interessen der in der BKF vertretenen Fachgruppen und ihrer Freien. Das
Urheberrecht avanciert zu einem Thema der Gesamtorganisation IG Medien. Eine
Kernfrage in der Auseinandersetzung um die anstehende Reform des Urheber-
vertragsrechts ist die Erkenntnis der Politik, dass der Medien- und Kulturbereich
derartig dereguliert ist, dass entgegen aller kartellrechtlichen Beschränkungen
eine kollektive Verhandlungsmacht für angemessene Mindesthonorare notwendig

26Rehberg und Stöger 2004, S. 84.


27Grundgedanke eines Künstlergemeinschaftsrechts ist es, nach Ablauf der Schutzfrist
(siebzig Jahre nach dem Tod des Urhebers) eine Vergütungspflicht auch für die Nutzung
gemeinfreier Werke vorzusehen. Die Vergütung soll den heute tätigen Kreativen zugute-
kommen. Nach geltendem Recht werden Werke nach Ablauf der Schutzfrist gemeinfrei und
können dann unentgeltlich von jedermann genutzt werden.
Interessenvertretung von (zeitweise) Selbstständigen … 147

sei – möglicherweise befördert durch den seit 25 Jahren erstmals wieder erstell-
ten „Bericht der Bundesregierung über die soziale Lage der Künstlerinnen und
Künstler in Deutschland“ aus dem Jahr 2000. In den folgenden Jahren kommt es
zu einer Reihe von Veröffentlichungen, Expertisen etwa zur sozialen Situation der
Freien, einer Kampagne unter dem Schlagwort „Kreativität ist was wert“, die auch
von den Bundesvorsitzenden der IG Medien, Detlef Hensche, und später von der
Gewerkschaft ver.di und deren Vorsitzendem Frank Bsirske, mit getragen wird.
2002 tritt das – gegenüber den ursprünglichen Forderungen von IG Medien
bzw. dann ver.di – deutlich schwächere Urhebervertragsrecht in Kraft, genauer,
das „Gesetz zur Stärkung der vertraglichen Stellung der Urheber und ausüben-
den Künstler“. Erstmals werden darin ein Anspruch der Urheber und ausübenden
Künstler und Künstlerinnen auf angemessene Vergütung und das Instrument der
gemeinsamen Vergütungsregeln (über tarifliche Regelungen hinaus) gesetzlich
verankert. Es dauert allerdings Jahre, bis endlich 2010 die ersten Vergütungsre-
geln – für den Bereich der Tageszeitungen – ausgehandelt sind. Die Weigerung
fast aller Verlage, sich anschließend an das Ausgehandelte zu halten, erfordert
wiederum individuelle Courage und – mit Unterstützung des gewerkschaftlichen
Rechtsschutzes – Klagebereitschaft der einzelnen freien Mitarbeiter und Mitar-
beiterinnen. Ihr Risiko: Wer klagt, riskiert nicht weiter beauftragt zu werden. Die
Gewerkschaft fordert deswegen eine weitere Reform des Urhebervertragsrechts
und darin zum Schutz der Mitglieder die Möglichkeit des Verbandsklagerechts,
das sie bereits erfolgreich bei Klagen gegen die Allgemeinen Geschäftsbedingun-
gen verschiedener – auch sehr namhafter – Verlage einsetzt.

7 Übergang zu ver.di

Im März 2001 wird die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di gegründet. In


den Zusammenschluss von vier DGB-Gewerkschaften und der Deutschen Ange-
stelltengewerkschaft (DAG) mit insgesamt knapp drei Millionen Mitgliedern
bringt die IG Medien als kleinste Gewerkschaft 178.714 Mitglieder ein – darun-
ter rund 23.000 Freiberufler und Freiberuflerinnen. Sie ist bis dahin die einzige
Gewerkschaft, die laut Satzung Freie und Selbstständige organisierte.
ver.di entscheidet sich, die Organisation und Vertretung Selbstständiger in
ihrem weit größeren Organisationsbereich fortzusetzen. Frank Bsirske, Vorsitzen-
der der ver.di, in seiner Rede auf dem Gründungskongress im März 2001:
148 V. Mirschel

(…) Das ist zwingend notwendig, denn die Organisationsbereiche, aus denen wir
unsere traditionelle Stärke schöpfen, werden abnehmen – zum Teil jedenfalls –,
während jene, in denen wir noch schwach sind, wachsen werden (…).28

(…) Wir müssen in die neuen Beschäftigungsformen hinein. ver.di muss die
Gewerkschaft der geringfügig und der befristet Beschäftigten sein, der Leiharbeiter
und der Telearbeiterinnen. ver.di muss die Gewerkschaft der Arbeitslosen sein – und
auch die Gewerkschaft der Selbstständigen (Beifall).
Das irritiert auf den ersten Blick. Aber wie groß unsere Chancen dort sind, hat
eindrucksvoll die IG Medien gezeigt. Die kümmert sich im Kunst- und Medienbe-
reich nicht nur um die, die man heute „Scheinselbstständige“ nennt, sondern gezielt
auch um die erfolgreichen Selbstständigen.
Sie hat zum Beispiel einen Beratungsservice aufgebaut, da können freie Journa-
listen oder Web-Designer anrufen, wenn sie Fragen zur Steuer oder Probleme mit
Verträgen haben. Da sitzen zwei Dutzend erfahrene Praktikerinnen und Praktiker,
die in allen Fragen – übrigens kostenlos – helfen.
Das ist ein Service, Kolleginnen und Kollegen, wie ihn keine Berufsorganisation
und kein Arbeitgeberverband bieten, mit dem Erfolg, dass die IG Medien, also ver.
di, heute 22 000 Selbstständige als Mitglieder hat und zumindest für Journalistinnen
und Journalisten, Schriftsteller und Schriftstellerinnen sowie Übersetzerinnen und
Übersetzer die anerkannt führende Berufsorganisation ist. Ich finde, das ist Klasse!
(Starker Beifall)
Warum sollte das nicht auch für selbstständige Programmierer und Grafikerinnen
gehen, für Dolmetscher und Hebammen? Wir haben in unserem Organisationsbe-
reich freie Versicherungsvertreter und Schreibbüros, Binnenschiffer, selbstständige
Lkw-Fahrer und Kuriere. Wir haben freie Musiklehrerinnen, Steuerberater und Mei-
nungsforscherinnen und noch jede Menge mehr.
Sie alle könnten zu ver.di gehören. Ich möchte, dass wir deren Berufsorganisa-
tion werden – jedenfalls so lange, wie sie nicht selber Arbeitgeber sind (…).
Mein Vorschlag heißt: ver.di kümmert sich in den Organisationsbereich um alle,
die von ihrer eigenen Hände Arbeit leben und von dem, was sie mit ihrem Kopf
bewegen (…).29

Bsirske lässt in seiner programmatischen Rede erkennen, dass mindestens ihm


bewusst ist, wie sehr das Thema „Selbständigkeit“ für ver.di als Vereinte Dienst-
leistungsgewerkschaft im Kern herausfordernd sein wird: Die Hybridisierung der
Erwerbsarbeit ist ein typisches Phänomen der Dienstleistungsbranchen,30 sie ist
ein wichtiges Charakteristikum der Dienstleistungsgesellschaft, auf die ver.di als
Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft die organisatorische Antwort geben will.

28ver.di– Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft 2001, S. 4.


29ver.di– Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft 2001, S. 8 f.
30Vgl. Kay et al. in diesem Band.
Interessenvertretung von (zeitweise) Selbstständigen … 149

ver.di richtet konsequenterweise als einzige DGB-Gewerkschaft ein eigen-


ständiges „Referat Freie und Selbststständige“ ein, das die Interessen der „Freien
Mitarbeiter/innen“, sonstigen nicht betriebsgebundenen Mitglieder und Frei-
schaffenden ebenso vertritt wie eine „Bundeskommission freier Mitarbeiter, nicht
betriebsgebundener Mitglieder und Freischaffender“.31 Dieses Gremium bil-
det die vielfältige regionale und berufliche Struktur der Organisation ab: In die
Bundeskommission Selbstständige (BKS) – wie sie sich inzwischen nennt, weil
innerhalb der ver.di alle Selbstständigen, nicht nur „Freiberufler“ der Medien-
und Kulturbranche, angesprochen sind – sollen Vertreter und Vertreterinnen aus
den Fachbereichen32 und den Landesbezirken die Selbstständigenpolitik diskutie-
ren.33 Neben diesen eigenen Strukturen haben Vertretungen der Selbstständigen
auch Sitz und Stimme in den Gremien der Gesamtorganisation.34
Als entscheidender zusätzlicher Arm der Selbstständigenarbeit wird neben der
politischen Vertretung auch die Beratung durch mediafon fortgeführt – mit der
Vorgabe, das Angebot auf Berufsgruppen jenseits der Medien und Kultur auszu-
dehnen. Nach Abschluss der öffentlichen Förderung am 31. Januar 2005 gründet
ver.di die Beratung als hundertprozentige Tochter-GmbH und stattet sie laufend
mit den (erheblichen) benötigten Mitteln für das Beratungsteam und die Publika-
tionen aus.
Die Kommunikation und Zusammenarbeit des Referats Selbstständige und der
mediafon Selbstständigenberatung GmbH ist eng. Tauchen spezielle ­Probleme

31ver.di – Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft 2013, S. 40.


32ver.di gliedert sich in 13 Fachbereiche (FB): FB Finanzdienstleistungen, FB Ver- und
Entsorgung, FB Gesundheit, soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen, FB Sozialversiche-
rung, FB Bildung, Wissenschaft und Forschung, FB Bund und Länder, FB Gemeinden,
FB Medien, Kunst und Kultur, Druck und Papier, industrielle Dienste und Produktion, FB
Telekommunikation, Informationstechnologie, Datenverarbeitung, FB Postdienste, Spediti-
onen und Logistik, FB Verkehr, FB Handel, FB Besondere Dienstleistungen; ver.di – Ver-
einte Dienstleistungsgewerkschaft 2015, S. 16.
33Tatsächlich nimmt der Fachbereich Medien, Kunst und Kultur, Druck und Papier, indus-

trielle Dienste und Produktion, kurz: Fachbereich Medien, die dominante Stellung ein, da
die übrigen Fachbereiche nur langsam die Selbstständigenarbeit entdecken.
34In den Bezirks- und Landesbezirksvorständen der ver.di erhalten die Selbstständigen,

ebenso wie andere Gruppen, die sogenannte Querschnittsaufgaben bearbeiten, jeweils eine
Stimme – auf Bezirksebene als „Kann“-Regelung, im Landesbezirk als „Soll“- und auf
Bundesebene als „Muss“-Bestimmung.
150 V. Mirschel

häufig in der Beratung auf, wird das an das Referat rückgekoppelt und dort ent-
schieden, ob politisches Handeln notwendig wird. Beispielsweise zeigt die
Beratung frühzeitig, dass am häufigsten Fragen zur sozialen Sicherung gestellt
werden. Als Konsequenz lässt mediafon 2004 einen „Konzeptvorschlag zur sozi-
alen Alterssicherung Selbständiger“35 erarbeiten, und stellt ihn gemeinsam mit
dem Referat in einer öffentlichkeitswirksamen Veranstaltung mit Vertretern und
Vertreterinnen aus Sozialversicherungen, Politik und Medien vor. In der Folge-
zeit dient dieser Konzeptvorschlag dem Referat wie anderen Bereichen der ver.
di – etwa Sozialpolitik und Sozialrecht – bei der politischen Lobbyarbeit für die
inzwischen 31.000 organisierten Selbstständigen als Blaupause. Und er wird Teil
eines ver.di-Antrages an den DGB-Bundeskongress im Mai 2006, in dem sich
die Dachorganisation erstmalig programmatisch zur Zuständigkeit in Fragen der
Vertretung auch freiwillig Selbstständiger bekennt. Unter der Überschrift „Schutz
und Rechte der Solo-Selbstständigen stärken“ heißt es:36

(…) Der Anteil der Selbstständigen, die allein vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben
und oftmals von ihren Auftraggebern ebenso abhängig sind wie angestellt Erwerbs-
tätige von ihren Arbeitgebern, wächst stetig.
Der DGB erkennt die Leistung der selbstständigen Kolleginnen und Kollegen an,
die mit zum Teil hohem persönlichen Risiko arbeiten müssen oder wollen. Viele der –
oft überdurchschnittlich hoch qualifizierten – Selbstständigen möchten aus eigener
Überzeugung ein selbstbestimmteren Lebens- und Arbeitskonzept verwirklichen,
andere sind zur Selbstständigkeit durch Outsourcing gezwungen, mit denen sich
Arbeitgeber ihrer Schutzpflicht entziehen. Viele liefern spezialisierte Dienstleistun-
gen oder Werke, die nur hin und wieder benötigt werden und für die sinnvollerweise
keine Arbeitsplätze geschaffen werden (können). Andere wurden aus der Festanstel-
lung gedrängt und haben diese Erwerbsform als für sie einzig mögliche Alternative
auf dem Arbeitsmarkt gewählt.
Der DGB und seine Einzelgewerkschaften setzen sich dafür ein,
• dass für Arbeit – gleich, ob sie von abhängig oder selbstständig Erwerbstätigen
geleistet wird – angemessenes Entgelt gezahlt wird.
• dass für alle Formen der Erwerbstätigkeit eine einheitliche, ununterbrochene und
bezahlbare Versicherungsbiografie sichergestellt wird, die für (zeitweise) selbst-
ständig Tätige soziale Härten ausschließt. Dabei muss ein adäquater Ersatz für
die bei Selbstständigen nicht fällig werdenden Arbeitgeberbeiträge geschaffen
werden. Diese werden anteilig finanziert durch eine Abgabe, die bei dem Auf-
traggeber erhoben wird. Hierdurch werden auch Wettbewerbsverzerrungen zu
sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung gemindert.

35Betzelt 2004.
36ver.di – Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft 2006.
Interessenvertretung von (zeitweise) Selbstständigen … 151

• dass wirksame Instrumente zur Prüfung und Abschaffung scheinselbstständiger


Arbeitsverhältnisse eingesetzt werden.
• dass die Gewerkschaften Gesetzgebungsvorhaben – etwa Änderungen im Sozial-
gesetzbuch – auch auf ihre speziellen Auswirkungen auf Solo-Selbstständige hin
prüfen und begleiten.
• dass auf die Belange der Solo-Selbstständigen zugeschnittene, öffentlich geför-
derte Angebote zur Information und Beratung im Gesundheitsschutz bereitge-
stellt werden.
• dass – äquivalent zur betrieblichen Weiterbildung – auch für Solo-Selbstständige
bezahlbare Weiterbildungsmaßnahmen von Auftraggebern und ihren Verbänden
(mit-)finanziert werden.

Solidarität unter Solo-Selbstständigen zu ermöglichen, ist in der gegenwärtigen


gesellschaftlichen Situation eine originäre gewerkschaftliche Aufgabe (…).

8 Fazit und Ausblick

Gewerkschaftlich organisierte Selbstständige sind inzwischen fester Bestandteil


in den sozialen Dialogen sowohl der Sozialparteien als auch im Blick der Poli-
tik – insbesondere was die Fragen der sozialen Sicherung und der Vergütung
angeht. Die Arbeit der ver.di und ihrer Vorläuferorganisationen mit den und für
die Selbstständigen – und damit als ihre größte europäische Organisation – hat
Ausstrahlung in die eigene Gewerkschaft hinein, aber offenbar auch auf andere
Gewerkschaften, sowohl national als auch international. Immerhin kann sie auf
gut ein halbes Jahrhundert Organisation von Selbstständigen zurückblicken.
Diese Erfahrung systematisch bekannt zu machen, wird für die Zukunft der
gewerkschaftlichen Interessenvertretung umso wichtiger, je schneller die Hybri-
disierung der Erwerbsarbeit voranschreitet und je mehr Kollegen und Kolleginnen
in ihrer Erwerbsbiografie Phasen selbstständiger und Phasen abhängiger Arbeit
kombinieren. Die Beheimatung in „ihrer Gewerkschaft“ muss unabhängig von
diesen Statuswechseln gelingen.

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tungsgewerkschaft zuletzt geändert durch den 4. Ordentlichen ver.di-Bundeskongress
vom 20. bis. 26. September 2015 in Leipzig. Berlin: ver.di – Vereinte Dienstleistungs-
gewerkschaft.
Teil II
Branchenbilder
Pflegearbeit im Wandel
Zur Diversität von (selbstständigen)
Erwerbsformen in der Pflege

Lena Schürmann und Claudia Gather

Zusammenfassung
Der Beitrag untersucht den Wandel der Erwerbstätigkeit in der Pflege, einem
frauendominierten Berufsfeld. Die Pflegebranche zeichnet sich seit der Ein-
führung der Pflegeversicherung durch Vermarktlichung, Kostendruck und hohe
Arbeitsbelastung aus. Zugleich handelt es sich um einen Mangelberuf mit
einer ungedeckten Nachfrage nach Arbeitskräften. Vor dem Hintergrund einer
starken Zunahme hybrider Erwerbsformen, wie der Teilzeitselbstständigkeit,
geht der Beitrag den Motiven von Pflegekräften für den Schritt in die Selbst-
ständigkeit nach. Basierend auf qualitativen Interviews mit Selbstständigen
im Pflegeberuf wird gezeigt, dass der Eintritt in den selbstständigen Erwerb
angesichts von hohen Belastungen sowie einer niedrigen sozialen Wertschät-
zung und Vergütung eine Strategie des Berufsverbleibs darstellt. Die mit der
selbstständigen Erwerbsform verbundenen Risiken werden von den Solo- bzw.
Kleinselbstständigen dabei jedoch tendenziell unterschätzt.

Schlüsselwörter
Selbstständigkeit in der Pflegebranche · Vermarktlichung des Gesundheitswesens · 
Weibliche Erwerbsverläufe · Prekäre Selbstständigkeit · Erwerbshybridisierung · 
Wandel von Erwerbsarbeit

L. Schürmann (*) · C. Gather 
Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, Berlin, Deutschland
E-Mail: Lena.Schuermann@hwr-berlin.de
C. Gather
E-Mail: gather@hwr-berlin.de

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018 157


A. D. Bührmann et al. (Hrsg.), Hybride Erwerbsformen,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-18982-2_7
158 L. Schürmann und C. Gather

1 Einleitung

Den Gegenstand dieses Textes bildet die Frage, inwieweit sich für die Pflegear-
beit Tendenzen der Erwerbshybridisierung feststellen lassen. In den Pflegeberu-
fen haben sich unter dem Eindruck der Vermarktlichung des Gesundheitswesens
vielfältige Veränderungen ergeben. Pflegerisches Handeln findet zunehmend im
Rahmen von marktförmig organisierten Vertragsbeziehungen statt. Stationäre
Einrichtungen wie Krankenhäuser und Altenheime und auch die ambulanten
Dienste sind zu großen Teilen als private Rechtsform organisiert und sind dar-
auf angelegt, ihrem Versorgungsauftrag ökonomisch rentabel nachzukommen.
Die neu eingeführten Kostenbemessungs- und Abrechnungssysteme haben grund-
legende Aspekte des beruflichen Handelns von Pflegekräften verändert, Formen
der industriellen Arbeitsorganisation und der zeitökonomischen Rationalisierung
(„Minutenpflege“) haben Einzug in den pflegerischen Arbeitsalltag erhalten.
Pflegearbeit wird meist aus der Perspektive abhängiger Beschäftigung unter-
sucht und beschrieben.1 Der vorliegende Beitrag befasst sich dagegen mit dem
Wandel der Erwerbstätigkeit in der Pflege aus einer eher ungewohnten Perspek-
tive, indem er den selbstständigen Erwerb innerhalb dieser Branche in den Mit-
telpunkt stellt. Damit wird zugleich ein Forschungsdesiderat besetzt: Es ist wenig
darüber bekannt, was Erwerbstätige im Mangelberuf Pflege zum Eintritt in den
selbstständigen Erwerb motiviert und unter welchen Bedingungen sie dort –
­zeitweise oder auch im Nebenerwerb – als Selbstständige tätig sind. Der Beitrag
vertieft die Erkenntnisse der Studien von Kay et al. in diesem Band, die gezeigt
haben, dass das Gesundheits- und Sozialwesen der einzige Sektor ist, in dem hyb-
ride Selbstständigkeit die absolut dominante Form der selbstständiger Erwerbstä-
tigkeit ist. Wie und warum zeigen sich in dieser Branche, die weit weg von Arbeit
4.0 scheint, hybride Erwerbsverläufe?
Um diesen Fragen nachzugehen, werden wir uns auf qualitative Interviews
mit Selbstständigen in der Pflege stützen, die wir im Rahmen einer Studie zur
Selbstständigkeit von Frauen geführt haben.2 Die im Folgenden präsentierten
Interviewauszüge verdeutlichen, dass der Eintritt in die Selbstständigkeit von
einem Teil der Befragten durch das Ziel des langfristigen Berufsverbleibs moti-
viert ist: Abhängig erwerbstätige Pflegekräfte erleben die Beschäftigung in der

1U. a.Theobald et al. 2013; Slotala 2011; Kumbruck et al. 2010.


2Gather et al. 2014; Gather und Schürmann 2013. Im Rahmen des BMBF Projekts „Der
Erfolg selbständiger Frauen“, durchgeführt an der HWR Berlin von 2012–2014, wurden
sechzig Interviews mit selbstständigen Männern und Frauen in den drei Branchen Pflege,
unternehmensnahe Dienstleistungen sowie in der MINT-Branche erhoben und ausgewertet.
Pflegearbeit im Wandel 159

Pflege a­ ufgrund der veränderten Arbeitsbedingungen als nicht länger erträglich.


Der Schritt in die Selbstständigkeit ist teilweise durch die Hoffnung motiviert,
die Beschäftigungsbedingungen – Arbeitsbedingungen, Einkommen, Arbeitszeit,
Wertschätzung – zu verbessern oder auch durch das Ziel, die eigenen berufsethi-
schen Ansprüche an eine gute Pflege umzusetzen. Gleichfalls zeichnet sich ab,
dass die sozialen Risiken der Selbstständigkeit tendenziell unterschätzt wer-
den. Die selbstständige Erwerbstätigkeit im Mangelberuf Pflege erscheint den
Beteiligten nahezu frei von Risiken zu sein, da hier, im Unterschied zu anderen
Erwerbsfeldern, die ebenfalls durch eine wachsenden Bedeutung der (Solo-)
Selbstständigkeit gekennzeichnet sind,3 die Möglichkeit einer Rückkehr in die
Festanstellung jederzeit besteht und als Option beim Schritt in die Selbstständig-
keit bereits mitgedacht wird. Der hohen Nachfrage nach Pflegekräften steht kein
ausreichendes Angebot gegenüber.4
Tatsächlich sind die Risiken hybrider Erwerbsverläufe unterschiedlich: Für
diejenigen selbstständig Erwerbstätigen in den Heil- und Pflegeberufen, die
überwiegend auf ärztliche Anordnung handeln besteht eine Versicherungspflicht
in der gesetzlichen Rentenversicherung;5 die selbstständigen Altenpflegerinnen
und Altenpfleger sind hiervon jedoch ausgenommen. Gleichzeitig ist die Entloh-
nung in der ambulanten Altenpflege besonders niedrig. Die Notwendigkeit, das
Phänomen der Erwerbshybridisierung branchenspezifisch zu untersuchen und zu
diskutieren, erweist sich nicht zuletzt mit Blick auf die Besonderheiten des Pfle-
gearbeitsmarktes als dringlich.
Der Text ist folgendermaßen aufgebaut: Der erste Abschnitt beschreibt zent-
rale Elemente der eingangs skizzierten Wandlungsprozesse im Gesundheitssys-
tem, als dessen Teil die Pflege zu betrachten ist. Im zweiten Abschnitt wird kurz
das diesem Text zugrunde liegende Verständnis der Erwerbshybridisierung erläu-
tert. Im dritten Abschnitt wird ein Überblick über die Erwerbsmuster, die in der
Pflege anzutreffen sind, gegeben. Abschnitt vier macht nachvollziehbar, aufgrund
welcher Motivlagen Angehörige des Pflegeberufs den Schritt in die Selbstständig-
keit gehen. Dabei wird deutlich, dass es bei deren individueller Risikokalkulation
zu einer systematischen Unterschätzung von Risiken kommt. Abschließend wird
die Erwerbshybridisierung in der Pflegebranche diskutiert und es werden For-
schungsperspektiven zur Untersuchung der Erwerbshybridisierung skizziert.

3IT,Kreativwirtschaft etc.
4Bundesagentur für Arbeit 2016b, S. 6.
5Krankenpflege, Kinderkrankenpflege, Logopäden, Ergotherapeuten und Physiotherapeuten.
160 L. Schürmann und C. Gather

2 Ökonomisierung des Gesundheitswesens

Das Gesundheitswesen unterlag in den letzten zwanzig Jahren umfassenden


Veränderungen. Die Einführung marktbezogener Steuerungsinstrumente hat zu
grundlegenden Umstrukturierungen in den verschiedenen Einrichtungen geführt
und das berufliche Handeln der hier Tätigen verändert. Zu nennen sind hier bei-
spielsweise das seit 2003 zur Anwendung kommende Abrechnungssystem nach
diagnosebezogenen Fallgruppen (Diagnoses Related Groups, DRG), infolgedes-
sen Krankenhäuser ihre Leistungen mit den Krankenkassen nicht mehr nach der
Liegedauer eines Patienten abrechnen, sondern nach diagnosebezogenen Fallpau-
schalen. Dies führte zu einer Verkürzung der Belegungszeiten, zu einem Arbeits-
platzabbau im pflegerischen Bereich der Krankenhäuser6 sowie zu steigenden
Belastungen der Pflegekräfte.7 Für den hier ebenfalls interessierenden Bereich
der ambulanten Versorgung mit Kranken- und Altenpflegeleistungen von zentraler
Bedeutung war die Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 1995, die mit einer
Öffnung des Marktes der ambulanten Pflege einherging. Neben der Schaffung
eines sozialpolitisch regulierten Pflegemarktes, innerhalb dessen Pflege als stan-
dardisierte, an vertraglichen Vereinbarungen orientierte Dienstleistung erbracht
wird, kam es zu einem Anstieg der unternehmerischen Akteure, die Pflegeleistun-
gen anbieten. Der wachsenden Zahl privatwirtschaftlich betriebener Pflegedienste
steht ein kontinuierlicher Rückgang der von freigemeinnützigen Trägern betriebe-
nen Pflegediensten gegenüber.8
Insgesamt deutet eine Reihe von Studien darauf hin, dass sich in beiden Berei-
chen – der stationären wie auch der ambulanten Versorgung – unter dem Druck
der Ökonomisierung des Gesundheitswesens die Arbeitsbedingungen von Pflege-
kräften verschlechtert haben. Der gesamte Pflegebereich unterliegt einem starken
Kostendruck, der durch die politische Strategie der Kostendeckelung im Gesund-
heitssektor hervorgerufen wird.9 Der DGB-Index Gute Arbeit 201210 bietet deut-
liche Hinweise auf eine bevorstehende Krise in der Pflegearbeit. Einerseits zeigt
er eine anhaltend hohe Identifikation der Pflegekräfte mit der Tätigkeit: 92 % der
Pflegekräfte identifizieren sich stark mit ihrer Arbeit, 95 % sind davon überzeugt,

6Simon 2015, S. 8, 13 f.


7Becker 2014, S. 12 ff.
8Statistisches Bundesamt 2015, S. 12 ff.

9Vgl. Senghaas-Knobloch 2010; Theobald 2010; Rumpf 2007; Geller und Gabriel 2004.

10Sonderauswertung für die Pflegebranche ver.di – Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft 2013.


Pflegearbeit im Wandel 161

dass sie mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten,11
zum anderen wird deutlich, dass die mit der Erwerbstätigkeit einhergehenden
Belastungen von den Betroffenen als nicht länger zumutbar erlebt werden. So
liegt der Indexwert, mit dem die Beschäftigten ihre Arbeitsbedingungen beurtei-
len, hart an der Grenze zur schlechten Arbeit.12
Neben Arbeitshetze und Leistungsverdichtung sind die Arbeitsbedingungen in
der Pflege durch nur geringe Möglichkeiten gekennzeichnet, auf das Arbeitspen-
sum und die Arbeitsmenge Einfluss nehmen zu können. Zwar bestehen Hand-
lungsspielräume hinsichtlich Arbeitsplanung und Einteilung, diese erstrecken sich
jedoch nicht auf das zu leistende Arbeitspensum. Mit der Folge, dass Arbeitshetze
und Arbeitsüberlastung für viele Beschäftigte der Regelfall sind.13 Bei hohen kör-
perlichen Belastungen sehen sich Pflegekräften zugleich auch mit anspruchsvollen
kommunikativen Aufgaben konfrontiert, wie Streit oder Konflikte mit Patienten.
Im Arbeitsalltag müssen durch das Pflegepersonal oft widersprüchliche Anforde-
rungen bewältigt werden, was ebenfalls als belastende Bedingung empfunden wird
(49 %). Ein Drittel der Befragten berichtet zudem von einem Mangel an Wert-
schätzung ihrer Arbeitsleistung durch Vorgesetzte.14 Auf der anderen Seite wird
vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung ein wachsender Pflegebe-
darf sowie ein Fachkräftemangel in der (Alten-)Pflege prognostiziert.15 Wie haben
sich unter diesen Eindrücken die hier anzutreffenden Erwerbsformen entwickelt?

3 Zum Begriff der Erwerbshybridisierung

Mit dem Begriff der Erwerbshybridisierung16 bezeichnen Dieter Bögenhold und


Uwe Fachinger einen komplexen Veränderungsprozess innerhalb des Erwerbssys-
tems, der konstituiert ist durch die Auflösung jener starren Muster und Formen,
die in der Regulierung der Erwerbsarbeit zum Tragen kommen.17 Der Begriff der

11ver.di – Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft 2013.


12ver.di – Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft 2013, S. 4 f.
13ver.di – Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft 2013, S. 10.

14ver.di – Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft 2013, S. 11.

15Bundesagentur für Arbeit 2016a, S. 14.

16Der Begriff greift den in den Cultural und Postcolonial Studies geläufige Begriff des

Hybriden auf, der die Vorstellung einer einheitlichen, reinen Kultur kritisiert.
17Bögenhold und Fachinger 2015.
162 L. Schürmann und C. Gather

Erwerbshybridisierung richtet sich dabei auf den Erwerbstatus, den eine Erwerb-
sperson inne hat. Bezeichnet wird das Vorliegen eines uneindeutigen Status, der
auf eine Kombination unterschiedlicher Arbeitsformen zurückgeht, wie z. B.
Teilzeitbeschäftigung, die durch Teilzeitselbstständigkeit ergänzt wird, Mehr-
fachbeschäftigung oder eine Erwerbstätigkeit, bei der die erzielten Einkünfte so
gering ausfallen, dass die Erwerbstätigen zur Sicherung des Lebensunterhalts
auf weitere Einkommensquellen angewiesen sind, wie beispielsweise staatliche
Transfers oder informelle Erwerbstätigkeit. Daneben erfasst der Begriff auch
Erwerbsverläufe, die sich durch Statuswechsel und Diskontinuitäten auszeichnen
und in denen sich Phasen der Erwerbslosigkeit, des abhängigen und des selbst-
ständigen Erwerbs abwechseln oder überlagern. Über die Beschreibung dieser
nicht eindeutig bestimmbaren Formen entstandardisierter Erwerbsarbeit weist der
Begriff der Erwerbshybridisierung indirekt auf die Effekte der Normierung von
Erwerbstätigkeit durch Arbeitsrecht und die Systeme der sozialen Sicherung hin:
Gegenüber jener als Normalarbeit institutionell eingehegten Vollzeiterwerbstätig-
keit, die als abhängige Beschäftigung mit einem auskömmlichen Ernährerinnen-
bzw. Ernährerlohn organisiert ist, zeichnen sich andere Formen des Erwerbs als
eher prekär und uneindeutig aus und werden ihrerseits nur unzureichend von den
Sicherungssystemen erfasst.
Zur weiteren Bestimmung des in diesem Sammelband diskutierten Prozesses
der Erwerbshybridisierung soll hier kurz daran erinnert werden, dass Beschäfti-
gungsmuster, die von der Norm der kontinuierlichen Vollzeiterwerbstätigkeit mit
existenzsicherndem Einkommen abweichen, früher bereits mit anderem Fokus
problematisiert wurden, und zwar zunächst als Phänomen der Frauenarbeit und
später dann unter den Schlagworten der Flexibilisierung und Prekarisierung als
Prozesse der Deregulierung und Entsicherung von Arbeit, von denen in zuneh-
menden Maße auch Männer betroffen sind.18 In der Debatte um weibliche
Erwerbstätigkeit wurden verschiedene Muster der Unterschreitung von Beschäf-
tigungsstandards versammelt: Teilzeiterwerbstätigkeit sowie familienbezogene
Erwerbsunterbrechungen – die dominanten Muster weiblicher Erwerbsteilhabe –,
Erwerbstätigkeiten in sogenannten „Sackgassenberufen“, in denen trotz Berufs-
ausbildung keine Berufsaufstiege möglich sind und die sich beschäftigtenseitig
durch besonders kurze Verweildauern auszeichnen.19 Ebenso als Abweichung

18U. a. Aulenbacher 2009.


19Krüger 1995.
Pflegearbeit im Wandel 163

von Normalarbeit diskutiert wurden Erwerbsarbeiten zu niedrigen Löhnen, die


keine eigenständige Existenzsicherung ermöglichen und auf die Ergänzung
durch ein weiteres Erwerbseinkommen angewiesen sind. Neben der Ausbeutung
der weiblichen Arbeitsleistung und den geschlechtsbezogenen Bewertungs- und
Entlohnungsstrukturen von Arbeit stand in der Diskussion über Frauenarbeit ins-
besondere die deutsche Sozialpolitik im Zentrum der Kritik, und zwar aufgrund
ihrer Tendenz, geschlechtsspezifische und wechselseitig aufeinander bezogene
Muster der Erwerbsbeteiligung implizit und normativ vorauszusetzen und damit
den hybriden Charakter von Frauenarbeit, der auf der Kombination von Erwerbs-
mit Familienarbeit beruht oder zumindest auf dessen Antizipation, bzw. auf Dis-
kontinuitäten des Erwerbs, institutionell zu verfestigen. Die Institutionen des
Sozialstaats

(…) produzieren nicht nur die Sozialstruktur eines männlichen und weibli-
chen Lebenslaufs, sondern sie konstruieren sie als einen relationalen, indem sie
Geschlecht als Masterstatus mit privat vermittelter Geschlechterbeziehung für jedes
Geschlecht voraussetzen und hierüber das je andere Geschlecht in die eigenen Orga-
nisationsprinzipien inkorporieren (…).20

In der Annahme, die Familien würden einen stabilen und langfristig bestehenden
Rahmen abgeben für einen finanziellen Ausgleich zwischen den Ehepartnern,
wurde die einseitige Kumulation von Risiken in den weiblichen Lebensläufen
hingenommen. Während die männlichen Lebensläufe zumeist „marktvermittelt
und familiengetragen“ sind, stellt sich für Frauen die Partizipation am Arbeits-
markt widersprüchlich zu ihrer Rolle in der Familie dar. Der doppelte Status als
Mutter und Arbeitnehmerin und die damit konkurrierenden Ansprüche lassen sich
weder temporal noch normativ zu einem stabilen und konsistenten weiblichen
Lebensentwurf zusammensetzen.21 Zur Ermöglichung einer gleichberechtigten
Erwerbsteilhabe wurde demgegenüber gefordert, die spezifischen im weiblichen
Lebenslauf aufgrund der Zuständigkeit für Sorgearbeit auftretenden Risiken
gesondert abzusichern oder Frauen von der Sorgearbeit zu entlasten, sei es über
das Bereitstellen und den Ausbau institutioneller Angebote oder Anreize für eine
stärkere Beteiligung von Vätern an Sorgearbeiten.22 Vor dem Hintergrund des sich
seit den 1990er Jahren abzeichnenden Wandels des Erwerbssystems und einer

20Krüger 1995, S. 204.


21Krüger 1995.
22Vgl. Klammer und Motz 2011, S. 56 ff.
164 L. Schürmann und C. Gather

sozialpolitischen Orientierung auf das dual earner model23 haben derartige Mus-
ter geschlechtsspezifischer Erwerbsbeteiligung an normativer Eindeutigkeit und
empirischer Verbreitung eingebüßt. Die steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen
trifft im Kontext flexibler Arbeitsmärkte und einer gewachsenen Bedeutung pre-
kärer Beschäftigung zusammen mit einer schleichenden Infragestellung des
männlichen Familienernährers.24 Sicherte die kontinuierliche Erwerbsintegration
des Ehemannes den Unterhalt und den sozialen Status der Familie, wobei die von
Krüger beschriebene Anpassungsleistung der weiblichen Biografie die notwen-
dige Voraussetzung zur Realisierung dieses Musters bildete, werden infolge der
zunehmenden Fragmentierung auch der männlichen Erwerbsbiografie im Kontext
von Prozessen der Erwerbshybridisierung derartige vormalige Gewissheiten über
die Wechselbeziehungen zwischen Haushalt und Erwerb fragwürdig.25
Daher erscheint es uns sinnvoll zu sein, für die weitere Diskussion über das
Phänomen der Erwerbshybridisierung an die wissenschaftlichen Erträge der
Frauen- und Geschlechterforschung anzuknüpfen, auch wenn im engen Sinne
Erwerbshybridisierung das Neben- und Miteinander von abhängiger und selbst-
ständiger Erwerbsarbeit und nicht das Neben- und Miteinander von Erwerbs- und
Familienarbeit meint Die Ergebnisse der Geschlechterforschung zeigen erstens
die Verflochtenheit von Erwerbsentscheidungen mit institutionellen, berufsstruk-
turellen und familiären26 Bedingungen auf und schaffen zweitens ein Verständ-
nis dafür, dass selbst unter den Bedingungen erhöhter Arbeitsmarktflexibilität
die hier infrage stehenden Wechsel im Erwerbsstatus nicht lediglich strukturel-
len Wandelungsprozessen folgen, sondern sich immer auch unter der Beteiligung
der Erwerbspersonen vollziehen und durch diese mitgestaltet werden. Ohne eine
Betrachtung der Perspektive der Beteiligten läuft die Untersuchung von Prozes-
sen der Erwerbshybridisierung unserer Einschätzung nach Gefahr, diesen Prozess
und das ihn rahmendende komplexe Zusammenspiel zwischen Wohlfahrtsstruk-
tur, Haushalts- und Erwerbssituation nicht angemessen zu erfassen.

23Lewis 2004, S. 69 ff.


24Vgl. u. a. Lengersdorf und Meuser 2010, S. 90 ff.
25So wächst beispielsweise der Anteil der Haushalte, in denen Frauen als Familienernäh-

rerinnen fungieren, ohne dass dies zwangsläufig mit einer Veränderung der häuslichen
Arbeitsteilung einhergeht; Koppetsch und Speck 2015, Klenner et al. 2012. Zudem ist von
einer Pluralisierung der Familien- und Lebensformen auszugehen, also von einem Wandel
der Haushaltsstruktur, die Haushaltsformen jenseits der heterosexuellen Kleinfamilie
­einschließt.
26Im Sinne eines erweiterten Familienbegriffs; vgl. Weston 1997.
Pflegearbeit im Wandel 165

4 Erwerbsmuster in der Pflege: Teilzeitarbeit,


Leiharbeit, Berufsbindung und-verbleib

Um zu überblicken, welche quantitative Bedeutung jenem engeren Prozess der


Erwerbshybridisierung in einem Arbeitsfeld zukommt, in dem Frauenarbeit vor-
herrscht, werden nun die in der Pflege bestehenden Erwerbsformen kurz skizziert.
Betrachtet werden dabei die Teilzeitarbeit, die Leiharbeit sowie die Berufsbin-
dung und der Berufsverbleib in der Pflege, um schließlich den Akzent auf die
Selbstständigkeit zu setzen.
Pflegearbeit als Sammelbegriff fasst unterschiedliche Berufstätigkeiten
zusammen. Neben der Krankenpflege sind insbesondere die Altenpflege und die
Kinderkrankenpflege zu nennen, die jeweils über eigene Ausbildungsgänge her-
vorgebracht werden. In der statistischen Zuordnung werden die Kranken- und
Kinderkrankenpflege in der Berufsgruppe der Gesundheits- und Krankenpfle-
gerinnen und -pfleger zusammengefasst.27 Dieser Berufsklasse ließen sich im
Jahr 2014 820.000 Erwerbstätige zuordnen, gemessen in Vollzeitäquivalente
592.000.28 Gemeinsam mit den 543.000 Erwerbstätigen in der Altenpflege
(397.000 Vollzeitäquivalente) kann der Bestand der pflegerisch Erwerbstätigen
auf ca. 1, 4 Mio. Personen beziffert werden (989.000 Vollzeitäquivalente).29 Die-
ser Zahlenwert schließt neben examiniertem Fachpersonal auch die in der direk-
ten pflegerischen Versorgung tätigen Helferinnen und Helfer ein. In der Pflege
besteht ein Frauenanteil von 85 %.
Gestützt auf die Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit zeigen
Bogai et al., dass der Arbeitsumfang der Pflegekräfte nach Beruf und Qualifika-
tionsniveau differiert. Bei den sozialversicherungspflichtig beschäftigten Fach-
kräften in der Krankenpflege liegt ein Teilzeitanteil in Höhe von 49,1 % vor.
Dieser beträgt bei den sozialversicherungspflichtig beschäftigten Fachkräften
in der Altenpflege 53,0 %. Unter den Helferinnen und Helfer in der Kranken-
pflege ist die sozialversicherungspflichtige Teilzeit deutlich erhöht, hier beträgt
sie 61,2 %. Den höchsten Teilzeitwert erzielen die Helferinnen und Helfer in der
Altenpflege mit 70,7 %.30

27Bundesagentur für Arbeit 2011, S. 1220 ff.


28Statistisches Bundesamt 2016, S. 10.
29Die Abweichung zwischen der Anzahl der Erwerbspersonen und den Vollzeitäquivalen-

ten resultiert aus der hohen Bedeutung von Teilzeitarbeit und geringfügiger Beschäftigung
in diesem Beruf. Die Gesundheitsberichterstattung des Bundes nimmt keine Erhebung der
Wochenarbeitszeiten vor, weswegen keine Angaben über das Verhältnis von sozialversiche-
rungspflichtiger Teilzeit und geringfügiger Beschäftigung getroffen werden können.
30Bogai et al. 2015, S. 8.
166 L. Schürmann und C. Gather

Angaben über den wöchentlichen Arbeitsumfang der Teilzeitbeschäftigten in


den Pflegeberufen lassen sich Bogai et al. zufolge mithilfe des Mikrozensus tref-
fen. Je nach Beruf arbeiten die Teilzeitkräfte in Westdeutschland zwischen 20,2
und 22,8 h, in Ostdeutschland zwischen 23,0 und 27,5 h. Die längsten Arbeitszei-
ten weisen die Fachkräfte in Ostdeutschland mit 27,5 auf, die kürzesten Arbeits-
zeiten die Helferinnen und Helfer in Westdeutschland mit 20,2 Wochenstunden.31
Die standardisierte Befragung erfasst auch die Gründe für die Teilzeiterwerbs-
tätigkeit. Die Auswertung zeigt, dass neben der persönlichen oder familiären
Situation der unfreiwilligen Teilzeit ein hohes Gewicht zukommt. So geben ins-
besondere die befragen Pflegekräfte in Ostdeutschland an, dass eine Vollzeittätig-
keit nicht zu finden sei. Der Mangel an Vollzeitstellen stellt sich den Befunden
zufolge weniger als Problem der examinierten Krankenpflegerinnen und Kran-
kenpfleger dar (22 %) als vielmehr ein Problem in der Altenpflege (46 %) und
unter den Helferinnen und Helfer (41 und 55 %). Für die Befragten in West-
deutschland stellt sich die Problematik der unfreiwilligen Teilzeitarbeit nicht mit
derselben Dringlichkeit. Lediglich zwölf Prozent der Helferinnen und Helfer in
der Krankenpflege nennen diesen Grund, gegenüber von nur vier Prozent der exa-
minierten Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger.32
Eine weitere Form der atypischen Beschäftigung, die in der Pflege anzutref-
fen ist, bildet die Leiharbeit. Diese steht in einem engen Zusammenhang mit
dem Personalabbau in Krankenhäusern und stationären Einrichtungen.33 Im
Bereich des Pflegepersonals wird seitens der Krankenhäuser vermehrt auf externe
Arbeitskräfte zurückgegriffen. Die Leiharbeit im Krankenhaus und in stationären
Einrichtungen fungiert hier, anders als in der Automobilindustrie, weniger als Ins-
trument zur Flexibilisierung des Personals als vielmehr als ein Mittel „(…) zur
Aufrechterhaltung der Versorgung bei zu geringerer Personalausstattung (…)“.34
Für das Jahr 2009 wird von ca. 19.000 Leiharbeitskräften im Pflegebereich ausge-
gangen.35 Die aktuellen Zahlen zur Leiharbeit, die die Bundesagentur für Arbeit
im Rahmen der Arbeitsmarktberichterstattung zur Verfügung stellt, geben für die
Gesundheits- und Krankenpflege inkl. Rettungsdienste und Geburtshilfe 15.596
Leiharbeitnehmerinnen und Leiharbeitnehmer in 2015 und weitere 11.310 in der

31Bogai et al. 2015, S. 9.


32Bogai et al. 2015, S. 10.
33Simon 2015.

34Bräutigam et al. 2010a, S. 3, ausführlich Bräutigam et al. 2010b.

35Bräutigam et al. 2010a.


Pflegearbeit im Wandel 167

Altenpflege an.36 Dies zeigt, dass die Leiharbeit in der Pflege der Tendenz nach
zugenommen hat. Insgesamt sind 18 % der weiblichen Leiharbeiterinnen in den
Gesundheits- und Pflegeberufen tätig.37
Als ein weiteres Merkmal hybrider Erwerbsverläufe wird deren Diskontinu-
ität diskutiert, siehe den Beitrag von Pongratz und Bührmann in diesem Band.
Auch die Berufsverläufe von Pflegekräften sind zu großen Teilen von Diskonti-
nuität gekennzeichnet. Pflegeberufe werden den Sackgassenberufen zugerechnet,
da sie von den Ausgebildeten im individuellen Erwerbsverlauf weniger dauerhaft
ausgeübt werden als andere Berufe.38 Pflegeberufe kennzeichnet neben hohen
psychischen Belastungen durch Heben und Lagern und psychisch belastende
Arbeitsbedingungen eine den Belastungen nicht gerecht werdende Entlohnung
sowie geringe Aufstiegsmöglichkeiten.39 Eine international angelegte Vergleichs-
studie zum nurses early exit (NEXT) kommt zu dem Ergebnis, dass ein hoher
Anteil der Pflegekräfte in Deutschland intensiv, täglich bis mehrmals monatlich,
über einen Berufsausstieg nachdenkt.40 Zur Unzufriedenheit und dem Wunsch,
den Beruf zu wechseln, tragen neben den bereits genannten Belastungen Schwie-
rigkeiten bei der Vereinbarkeit Familie und Beruf (aufgrund der Schichtarbeit)
sowie fehlende berufliche Entwicklungsperspektiven bei.41 Über den Berufs-
ausstieg ist bekannt, dass er innerhalb der ersten fünf Jahre nach dem Ausbil-
dungsabschluss am wahrscheinlichsten ist. Dieser frühe Austritt hängt, v­ ermittelt
über das Lebensalter der Beschäftigten, mit der Familienplanung zusammen.42
Dagegen stehen die Befunde der BiBB/BAUA Erwerbstätigenbefragung, wel-
che frühere Befunde von Born43 bestätigen und zeigen, dass Frauen in der
­Gesundheits- und Krankenpflege längere berufliche Verweildauern aufweisen als
weibliche Erwerbstätige in anderen Frauenberufen.44
Auch Bogai und Wiethölter bestätigen anhand einer Analyse von individuellen
Beschäftigungsverläufen einer Ausbildungskohorte, dass die Berufsangehörigen
der Krankenpflege eine höhere Berufstreue aufwiesen als die Berufsangehörigen

36Bundesagentur für Arbeit 2016a, Tab. 1.2.2.


37Bundesagentur für Arbeit 2016b, S. 12.
38Behrens et al. 2008; Hasselhorn et al. 2005.
39Bogai und Wiethölter 2015.

40Hasselhorn et al. 2005, S. 11 ff.

41Hasselhorn et al. 2005, S. 15.

42Bogai und Wiethölter 2015, S. 62.


43Born 2001.
44Hall 2012.
168 L. Schürmann und C. Gather

in Büroberufen, aber auch als Altenpflegerinnen und -pfleger und die Kranken-
pflegehelferinnen und -helfer.45
Becker 2016 geht der Frage des Berufsverbleibs von Pflegekräften aus einer
stärker arbeitspolitisch orientierten Perspektive nach und interpretiert den Austritt
aus dem Pflegeberuf als eine Exit-Strategie im Sinne eines stummen Protestes,
der sich aus der Unzufriedenheit mit den Beschäftigungsbedingungen speist. In
einer früheren Untersuchung konnte Becker zeigen, dass die Unzufriedenheit der
Pflegekräfte aus einer Spannung zwischen berufsethischen Vorstellungen und
neuen restriktiveren Arbeitsbedingungen resultiert, die Folge einer Neuausrich-
tung des Gesundheitswesens an marktzentrierten Steuerungsinstrumenten ist.46
Obwohl sich Pflegekräfte durch eine hohe Verbundenheit mit ihrer Profession
auszeichnen und eine hohe Leistungsbereitschaft aufweisen, die eng mit berufs-
ethischen Ansprüchen an die eigene Arbeit verknüpft sind, zeichnet sich ab, dass
die Loyalität gegenüber der Organisation infolge dortiger Umstrukturierungen
sinkt. Die Loyalität gegenüber den Patientinnen und Patienten ist jedoch unver-
ändert hoch.47 Der Arbeitgeberwechsel im selben Beruf stellt Becker zufolge eine
Präventionsstrategie dar.

(…) Das konsequente Festhalten an den eigenen Prinzipien guter Pflege trotz res-
triktiver werdenden Rahmenbedingungen lässt sich als Präventionsstrategie inter-
pretieren. Damit kann Symptomen wie Abgestumpftheit und Zynismus gegenüber
Patientinnen und Patien begegnet werden, die vielfach aus einer dauernden Unzu-
friedenheit resultieren (…).48

Anknüpfend an diese Überlegungen soll im Weiteren geprüft werden, ob nicht


auch die Aufnahme einer (hybriden) Selbstständigkeit eine Strategie zur Bewäl-
tigung belastender Arbeitsbedingung und zur Verwirklichung von Berufstreue
darstellen kann. Im Folgenden wird deswegen auf die verschiedenen Muster des
selbstständigen Erwerbs in der Pflege eingegangen.

45Bogaiund Wiethölter 2015, S. 64.


46Becker 2014.
47Becker 2016, S. 159.

48Becker 2016, S. 156.


Pflegearbeit im Wandel 169

5 Selbstständigkeit in der Pflege

Selbstständigkeit in der Pflege tritt in unterschiedlichen Formen auf. Neben der


freiberuflichen Kranken- oder Altenpflege im stationären Bereich, also Formen
von Solo-Selbstständigkeit, die auf Werksvertrags- oder Honorarbasis ausgeübt
werden, gibt es Selbstständigkeit in der ambulanten Pflege als Unternehmung auf
einem durch die Sozialgesetzgebung (preis-)regulierten Markt. Wir möchten uns
hier mit beiden Formen befassen. Die Solo-Selbstständigkeit in der häuslichen
Pflege und Betreuung, die keiner derartigen durch die Sozialgesetzgebung gestal-
teten Preisregulierung unterliegt, sondern zu den auf dem „Weltmarkt Privathaus-
halt“ verhandelten Bedingungen erbracht wird,49 wird hier nicht behandelt.

5.1 Krankenpflege auf Honorarbasis – Riskante


Selbstständigkeit oder widerspenstige
Praxis im Umgang mit den Marktlogiken im
Gesundheitswesen?

Vor dem Hintergrund des massiven Personalabbaus in Krankenhäusern und


stationären Einrichtungen bei einer gleichzeitig hohen Nachfrage nach Pfle-
gekräften zeichnet sich das vermehrte Auftauchen einer bislang in der Pflege
untypischen Beschäftigungsform ab, die selbstständig tätigen Honorarkräfte.
Dieser Erwerbstypus wurde vorrangig in qualitativen Studien beschrieben und
umfasst sowohl haupt- als auch nebenberuflich selbstständige Pflegekräfte. Letz-
tere üben diese Form der Teilzeitselbstständigkeit zusätzlich zu ihrer abhängigen
Beschäftigung in der Pflege aus.50
Eine Untersuchung des DIW zu Solo-Selbstständigen in Deutschland gibt
anhand einer Auswertung des Mikrozensus einen kontinuierlichen Zuwachs der
Solo-Selbstständigen in den pflegerischen Berufen nach KldB 199251 von 2005
bis 2012 an.52 Danach gab es in den pflegerischen Berufen im Jahr 2005 25.400

49Gather et al. 2002.


50Becker 2016; Gather und Schürmann 2013.
51Die Abgrenzung der pflegerischen und sozialen Berufe ist in der KldB 1992 nicht ganz

plausibel. So werden Altenpflegerinnen und Altenpfleger zu den sozialen Berufen gezählt,


die pflegerischen Berufe umfassen andererseits auch Diätassistentinnen und -assistenten;
Sprechstundenhilfen, medizinisch-technische und pharmazeutisch-technische Assistenzbe-
rufe; vgl. Statistisches Bundesamt 2001.
52Brenke und Beznoska 2016.
170 L. Schürmann und C. Gather

Solo-Selbstständige. Ihre Anzahl ist in 2009 auf 45.800 und in 2012 auf 49.900
angestiegen.53 Derselben Datenquelle zufolge stellten die Solo-Selbstständigen in
den pflegerischen Berufen den Hauptteil der Selbstständigen. Ihr Anteil betrug in
2005 85 % aller Selbstständigen, in 2009 91 % aller Selbstständigen und in 2012
89 % aller Selbstständigen in den pflegerischen Berufen. Auffällig ist, dass die-
ses Erwerbmuster sich nahezu hälftig im Teilzeitbereich abspielt: Der Anteil der
Teilzeitbeschäftigten unter den Solo-Selbstständigen in den pflegerischen Berufen
beträgt demzufolge zwischen 44 (in 2005) und 46 (in 2012) Prozent.54 Inwieweit
es sich hierbei um teilzeit-selbstständige Frauen handelt, die dieser Tätigkeit im
Rahmen einer Vereinbarkeitsstrategie nachgehen oder ob hier eine Teilzeit­
selbstständigkeit vorliegt, die in Kombination zur abhängigen Beschäftigung
angelegt ist und wie viele Wochenstunden die derartige Selbstständigkeit umfasst,
kann anhand der vorliegende Studie leider nicht entschieden werden, weitere For-
schungs wäre hierzu nötig. Ebenso wenig kann ausgeschlossen werden, dass hier
(solo-)selbstständige Pflegekräfte, die häusliche Pflege und Betreuung auf privat
verhandelter Basis anbieten, erfasst werden. Auch über den Umfang derartiger
Pflegeverhältnisse kann hier keine Aussage getroffen werden.
Bei der Selbstständigkeit in den pflegerischen Berufen handelt es sich um ein
hoch dynamisches Phänomen, wie der hohe Anteil der jährlichen Neuzugänge
zum Bestand an allen Solo-Selbstständigen55 verdeutlicht: In 2005 betrug er
36 % und nahm seitdem leicht ab, auf 35 % in 2009 und auf 29 % in 2012.56 Um
abschätzen zu können, wodurch diese hohe Eintrittsdynamik in die Selbstständig-
keit in den pflegerischen Berufen motiviert sein könnte, möchten wir unser quali-
tatives Datenmaterial einbeziehen.
In unserer Untersuchung57 trafen wir auf solo-selbstständige Krankenpflege-
rinnen und Krankenpfleger, die ihre Arbeitskraft in zeitlich begrenzten Umfang

53Brenke und Beznoska 2016, S. 27.


54Brenke und Beznoska 2016, S. 33.
55Der Mikrozensus weist diejenigen als Gründerinnen und Gründer aus, die sich innerhalb

der letzten zwölf Monate vor der Erhebung selbstständig gemacht haben. Der Umfang der
Arbeitszeit basiert auf Selbsteinschätzungen; vgl. Hansch 2006, S. 497 f.
56Brenke und Beznoska 2016, S. 28.

57Gather und Schürmann 2013.


Pflegearbeit im Wandel 171

direkt an Krankenhäuser veräußern. Werk- oder Honorarverträge regeln den zeit-


lichen Umfang des Einsatzes, die fachliche Leistung und die Vergütung. Teilweise
werden diese Aufträge durch Agenturen gestiftet, teilweise werden die Einsatz-
bedingungen direkt zwischen Honorarkraft und Krankenhaus bzw. Reha-Einrich-
tung ausgehandelt.
Beispielhaft wollen wir anhand von Interviewauszügen den Motiven für den
Wechsel in die Selbstständigkeit im Pflegeberuf nachgehen. Beginnen wir bei
Herrn M.58 Herr M. ist ausgebildeter Krankenpfleger. Sein Berufsverlauf ist durch
Berufswechsel und kurze Phasen der Erwerbslosigkeit geprägt, die in einem
Zusammenhang mit seiner ostdeutschen Herkunft stehen. Nach einer Berufsaus-
bildung als Koch und mehrjähriger Erwerbstätigkeit in diesem Beruf absolviert
er eine Ausbildung als Krankenpfleger. Vor dem Eintritt in die Selbstständigkeit
arbeitete er in verschiedenen Kliniken, vorrangig im Bereich der Gerontologie,
als abhängig Beschäftigter. Seine Ehefrau ist ebenfalls als Krankenpflegerin auf
Honorarbasis tätig. Das Ehepaar hat drei kleine Kinder. Für den Eintritt in die
Selbstständigkeit scheinen vier Motive relevant:

• ein gegenüber dem abhängigen Erwerb höheres Maß an Selbstbestimmung,


• eine höhere Anerkennung für die erbrachte Arbeitsleistung durch eine erhöhte
Sichtbarkeit als externe Kraft auf Station,
• eine Verbesserung des Einkommens sowie
• eine höhere Zeitsouveränität und damit eine bessere Vereinbarkeit von Familie
und Beruf.

Herr M. begründet seinen Eintritt in die Selbstständigkeit mit einem Zugewinn


an Handlungsfreiheit. Er schildert, dass seinem Eintritt in die Selbstständigkeit
Probleme am vorherigen Arbeitsplatz und Konflikte mit der Pflegedienstleitung
vorangingen. Die solo-selbstständige Erwerbstätigkeit ermöglicht ihm dagegen
eine Distanz zu der Einrichtung, in der er tätig ist. An seinen Einsatzorten muss er
weniger Verpflichtungen und Loyalitäten gegenüber Unternehmenskulturen und

58Diese Darstellung ist eine leicht bearbeitete Fassung der bereits veröffentlichten Version
in Gather und Schürmann 2013.
172 L. Schürmann und C. Gather

kollegialen Beziehungen aufbringen oder sich langfristig mit schlechten Arbeits-


bedingungen auseinandersetzen. Im Interview wird die neue Freiheit, wechselnde
Kolleginnen und Kollegen zu haben, geschildert, ebenso wie die Wertschätzung,
die er dadurch erlebt, dass er von Vorgesetzten und auch Ärzten gebeten wird, das
Vertragsverhältnis zu verlängern.

(…) Und da hat eine Ärztin gesagt: Ach Vorname, bleib doch, du bist doch toll und
so. Ist natürlich Motivation pur. Ist Wahnsinn (räuspert) (…).59

Die Interviewstelle bringt Anerkennungserfahrungen zum Ausdruck, die für ihn


mit der Solo-Selbstständigkeit verbunden sind. Herr M. fühlt sich als ganze Per-
son bestätigt. Anstatt, wie in der abhängigen Beschäftigung zu erfahren,

(…) diese Riesenverantwortung in diesem Beruf [zu haben]. Und wird teilweise so
schlecht behandelt von den Chefs (…)60

erfährt er sich in seinem neuen Arbeitsarrangement als eine begehrte Arbeitskraft.


Durch die Selbstständigkeit wird die Alltäglichkeit des Arbeitens durchbrochen,
aufgrund der zeitlichen Begrenztheit des Arbeitseinsatzes entsteht eine besondere
Sichtbarkeit, die die Zuweisung von Wertschätzung durch Kolleginnen und Kolle-
gen und Vorgesetzte begünstigt.
Das Einkommen in der Selbstständigkeit schildert er als eine deutliche Ver-
besserung gegenüber dem Einkommen in der abhängigen Beschäftigung. Zurzeit
betrage das Haushaltseinkommen 5000 EUR brutto im Monat. 1500 EUR davon
sind Elterngeld, das die Ehefrau bezieht, ansonsten gehen davon ca. 1500 EUR
für eine private Krankenversicherung ab sowie 220 EUR für die Rente. Damit
ist er einer der wenigen, die als Solo-Selbstständige für das Alter vorsorgen.61
Berücksichtigt man jedoch die anfallenden Steuer- und Sozialabgaben sowie ver-
dienstlose Ausfallzeiten, dürften die vermeintlichen Mehreinnahmen sehr stark
zusammenschrumpfen. Auch der Rentenbeitrag scheint gegenüber dem Ziel einer
umfänglichen Altersvorsorge zu knapp bemessen zu sein.
Die Selbstständigkeit von Herrn und Frau M. ist im Zusammenhang mit der
familiären Situation der beiden zu betrachten. Gemeinsam hat das Paar drei

59Herr M., Z. 972–973.


60Herr M., Z. 966.
61Siehe z. B. Fachinger 2014.
Pflegearbeit im Wandel 173

­ inder, mit dem jüngsten befindet sich Frau M. noch in der Elternzeit. Im Inter-
K
view beschreibt Herr M. die Selbstständigkeit als eine Strategie, die Anforde-
rungen der Erwerbsarbeit besser mit den Anforderungen der Kinderbetreuung
zu koordinieren. Diese Einschätzung, in der Selbstständigkeit über eine größere
Zeitsouveränität zu verfügen, überrascht zunächst, denn Herr M. arbeitet (ebenso
wie seine Ehefrau) in Kliniken anderer Bundesländer. Die Einsätze umfassen
eine Dauer von zwei bis drei Wochen, sie sind also mit räumlicher Mobilität ver-
knüpft. Erst vor dem Hintergrund der häuslichen Arbeitsteilung lässt sich diese
Praxis und ihre Deutung durch Herrn M. verstehen: Das Ehepaar M. hat ein
arbeitsteiliges Arrangement entworfen, in welchem sich beide Partner mit Kin-
derbetreuung und Erwerbsarbeit abwechseln. Ein Partner ist außer Haus erwerbs-
tätig und dann auch räumlich von der Familie für eine bestimmte Zeit getrennt.
Währenddessen ist der oder die andere ausschließlich mit der Familienarbeit
betraut. Es handelt sich um eine modernisierte und höchst flexible Form des Ein-
Ernährermodells mit einer flexiblen Besetzung durch beide Ehepartner. Da beide
Ehepartner im selben Beruf tätig sind, fungieren sie untereinander als Flexibili-
tätsreserve. Hierdurch können sie Arbeitsausfälle, beispielsweise aufgrund von
Krankheit, ausgleichen. Obwohl beide Ehepartner dieses Lebensmodell als Ver-
besserung erfahren, wird deutlich, dass mit dieser Form der Selbstständigkeit ins-
gesamt ein kurzfristiger Zeitbezug verbunden ist. Die Vertragsverhältnisse sind
stets befristet, es gilt, im vier bis acht-Wochenrhythmus das Verhältnis von Leben
und Arbeiten zu planen und flexibel auszurichten. Eine längerfristige Lebenspla-
nung ist hier kaum möglich. Es werden auch keine langfristigen Risiken, die mit
dieser instabilen Beschäftigungsform verbunden sind, wahrgenommen.
Ein weiterer selbstständig tätiger Krankenpfleger, Herr S., arbeitet nach wie-
derholten und mehrjährigen Ein- und Austritten aus dem Pflegeberuf zunächst
ausschließlich als Honorarkraft in der Pflege. Er lässt sich halbtags im Kranken-
haus fest anstellen, „zur sozialen Absicherung“ und damit er Rentenansprüche
erwirbt, wie er sagt. Mit seiner Halbtagsstelle verdient er 11.500 EUR brutto im
Jahr. Im Unterschied zum Ehepaar M. ist Herr S. an seinen Wohnort gebunden, da
er ebenfalls Familie hat. Anders als beim Ehepaar M. ist die Selbstständigkeit bei
ihm weniger als Mittel zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf ange-
legt, sondern zielt vorrangig auf die Einkommenssicherung ab. Herr S. berichtet,
dass er als freiberufliche Honorarkraft von den Kliniken tageweise gebucht wird.
Dies führt in Verbindung mit seiner Teilzeitbeschäftigung im Krankenhaus gele-
gentlich zu überlangen Arbeitszeiten. Diese Belastungen nimmt er zugunsten des
Einkommens jedoch bereitwillig in Kauf. Er arbeitet, nach eigenen Angaben, als
174 L. Schürmann und C. Gather

Honorarkraft nicht für unter dreißig Euro pro Stunde, sein freiberufliches Ein-
kommen gibt er mit 30.000 EUR brutto im Jahr an. Neben dem Einkommen sind
es auch bei ihm die Anerkennungserfahrungen, die für ihn die Vorteile als Freibe-
rufler darstellen:

(…) Die Leute freuen sich, dass da jemand ist, der ihnen sozusagen hilft. Und ich
weiß, das ist eine begrenzte Zeit, und danach gehe ich wieder nach Hause (…).62

Die selbstständigen, auf Honorarbasis tätigen Krankenpfleger verbinden in ihrer


Selbstständigkeit die Erfordernisse der Einkommenssicherung mit dem Wunsch
nach einer höheren Autonomie und schaffen sich über die Freiberuflichkeit neue
Anerkennungskontexte. Der Schritt in die Selbstständigkeit folgt einerseits den
Zwängen und Gelegenheiten, die durch die Umstrukturierung in Kliniken und
Einrichtungen der Altenpflege hervorgebracht werden. Er wird aber andererseits
aktiv ausgestaltet und als Verbesserung der Lebens- und Arbeitssituation erfahren.
Auch Becker beschreibt eine ähnlich hybride Form der Erwerbstätigkeit in der
Pflege: Die Tätigkeit als selbstständige Honorarkraft in Kombination mit einer
abhängigen Beschäftigung (teilweise im selben Krankenhaus). Dieses Erwerbs-
modell hat sie vorrangig bei jungen Pflegerinnen und Pfleger im mittleren Alter
(25 bis 35 Jahre) angetroffen. Mit der Selbstständigkeit erzielt diese Gruppe der
eigenen Einschätzung nach eine bessere materielle Vergütung sowie eine höhere
Autonomie über ihre Arbeitszeit.63 Becker interpretiert die Selbstständigkeit als
eine widerspenstige Praxis: Aus Unzufriedenheit über die schlechten Arbeitsbe-
dingungen kommt es zur Aneignung einer Marktlogik durch die Betroffen. Die
selbstständigen Pflegekräfte

(…) bieten ihre Arbeitskraft aufgrund ihrer Unzufriedenheit auf einem eigens
geschaffenen Markt genau in jener Nische zur Miete an, in der sie ohnehin ein-
gesetzt worden wären, mit genau dem Unterschied, dass aufgrund der günstigen
Marktkonstellation die Entlohnungsbedingungen deutlich besser sind (…).64

62HerrS., Z. 545–548.
63Becker 2016, S. 155.
64Becker 2016, S. 158.
Pflegearbeit im Wandel 175

5.2 Selbstständigkeit als Unternehmung: ambulante


Pflegedienste zwischen Fürsorge und Markt65

Eine deutlich andere Form der Selbstständigkeit in der Pflege stellt die Gründung
und Leitung eines ambulanten Pflegedienstes dar. Der Pflegestatistik zufolge gab
es im Jahr 2015 ca. 13.300 zugelassene ambulante Pflegedienste in Deutschland,
die insgesamt 692.000 pflegebedürftige Personen betreuen.66 Die privaten ambu-
lanten Pflegedienste decken mittlerweile einen großen Anteil an der ambulanten
pflegerischen Versorgung ab: Mittlerweile werden 51 % der ambulant versorgten
Pflegebedürftigen von den insgesamt 8670 privaten ambulanten Pflegediensten
versorgt.67 Die folgende Abbildung gibt Auskunft über die quantitative Entwick-
lung der ambulanten Dienste zwischen 1999 und 2015, differenziert nach Trä-
gerart (Abb. 1).
Deutlich wird, dass sich zwei ineinander verzahnte Entwicklungen im Bereich
der ambulanten Pflegedienste abzeichnen: Einerseits steigt die Zahl der privaten
Dienste kontinuierlich an, zum anderen geht die Anzahl der durch freigemeinnüt-
zige Träger betriebene Dienste kontinuierlich zurück. Seit 1999 hat der Markt-
anteil der Privaten um 15 Prozentpunkte zugenommen, während der Anteil der
Freigemeinnützigen entsprechend sank.68 Bei der Interpretation der abgebildeten
Daten ist es wichtig zu wissen, dass es bereits vor der Einführung der Pflegever-
sicherung private ambulante Dienste gegeben hat. Faßmann schätzt deren Anzahl
für das Jahr 1995 auf ca. 1000.69 Einer Untersuchung von TNS Infratest im
Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums zufolge, die sich im Wesentlichen
auf die Pflegedatenbank PAULA des Dachverbandes der Betriebskrankenkas-
sen (BKK) stützt und somit ausschließlich Betriebe mit einem Versorgungsver-
trag umfasst, wurde fast die Hälfte der Dienste in privater Trägerschaft seit 1998
gegründet.70

65Dieser Abschnitt wurde in einer bearbeiteten Fassung bereits veröffentlich in Schürmann


2016.
66Statistisches Bundesamt 2003, S. 10.

67Statistisches Bundesamt 2017b, S. 5.

68Statistisches Bundesamt 2017b, S. 5.

69Faßmann 1996, S. 310.

70Schmidt und Schneekloth 2011, S. 72.


176 L. Schürmann und C. Gather

10,000

9,000

8,000

7,000

6,000
Anzahl

5,000

4,000

3,000

2,000

1,000

0
1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 2015
Jahr

private Dienste freigemeinnützige Dienste

Abb. 1   Entwicklung der ambulanten Pflegedienste. (Quelle: Statistisches Bundesamt 2017,


S. 12, 2015, S. 12, 2013, S. 12, 2012, S. 11, 2008, S. 15, 2007, S. 14, 2005, S. 11, 2003,
S. 11, 2001, S. 9)

Ohne eine Betrachtung der Betriebsgrößen würde jedoch ein verzerrter Ein-
druck von der Ausbreitung der privaten Anbieter entstehen: Private Pflegedienste
sind gemessen an der von ihnen betreuten Personenzahl kleiner als die Sozial-
stationen freigemeinnütziger Träger. Sie versorgen im Durchschnitt vierzig Pfle-
gebedürftige, wohingegen die Dienste freigemeinnütziger Träger durchschnittlich
74 Personen versorgen.71 Bei einer durchschnittlichen Betriebsgröße ambulanter
Dienste von 14 Mitarbeitern (gemessen in Vollzeitstellen) zeigt sich hinsichtlich
der Trägerschaft folgender Größeneffekt: Die überwiegende Mehrheit der Pflege-
dienste mit unter zehn Beschäftigten befindet sich in privater Hand, wohingegen
die Dienste freigemeinnütziger Träger zu zwei Drittel mehr als zehn Beschäftigte
umfassen.72 Die besondere Bedeutung der kleinbetrieblichen Strukturen für die

71Statistisches Bundesamt 2017, S. 12.


72Schmidt und Schneekloth 2011, S. 74.
Pflegearbeit im Wandel 177

privaten ambulanten Dienste lassen sich anhand der folgenden Zahlen weiter
verdeutlichen: Knapp drei Viertel der Dienste mit einem bis vier Beschäftigten
befinden sich in privater Trägerschaft. Auch bei den Diensten mit fünf bis neun
Beschäftigten gilt dies für zwei Drittel aller Dienste. Werden ausschließlich
die privaten Dienste betrachtet, so tritt das Merkmal der kleinen Betriebsgröße
ebenfalls deutlich hervor: 54 % der privaten ambulanten Pflegedienste beschäfti-
gen nur bis zu zehn Vollzeitstellen.73 Gleichwohl gibt es auch unter den privaten
ambulanten Diensten beschäftigungsstarke Unternehmen, diese sind jedoch deut-
lich seltener als die größeren Sozialstationen freigemeinnütziger Träger.
Zur Betrachtung der Motive für die Aufnahme einer Selbstständigkeit in der
ambulanten Pflege wie auch der Bedingungen der Selbstständigkeit wollen wir,
exemplarisch für die Gruppe der Inhaberinnen und Inhaber kleiner Pflegedienste,
Frau A. vorstellen. Frau A. ist 49 Jahre alt und Mutter von drei Kindern, wobei
das jüngste zum Gründungszeitpunkt bereits 15 Jahre alt ist. Frau A. lebt in
Scheidung. Mit ihrem derzeitigen Partner führt sie keinen gemeinsamen Haus-
halt. Frau A. hat 17 Jahre als Krankenschwester auf Station gearbeitet, überwie-
gend in Teilzeit, viel davon im Schichtdienst. Wie es in der Pflege nicht unüblich
ist, hat auch sie ihre Erwerbstätigkeit mehrfach unterbrochen. Zwischenzeitlich
verfolgte sie den Plan, aus dem Pflegeberuf auszusteigen und absolvierte eine
Ausbildung als Bürokauffrau. Doch auch diese Erwerbstätigkeit war nicht von
Dauer und Frau A. kehrte wieder in die Pflege zurück und qualifizierte sich zur
Pflegedienstleitung. Vor Eintritt in die Selbstständigkeit war sie in einem grö-
ßeren Pflegedienst tätig. Wie auch bei anderen Fällen unseres Samples, die wir
dieser Gruppe zurechnen, erfolgte die Entscheidung zur Eröffnung eines eigenen
Pflegedienstes aufgrund von Unzufriedenheit über die Beschäftigungssituation.
Gemeinsam mit einer Kollegin gründet sie einen ambulanten Pflegedienst, der
vorrangig Pflegeleistungen nach Elftem Buch Sozialgesetzbuch (SGB XI), d. h.
Grundpflege und hauswirtschaftliche Versorgung, sowie Wundversorgung und
Medikamentengaben vornimmt.

(…) Und wir waren beide von der Pflege da überhaupt nicht so begeistert, dass
wir Anfang 2009 gesagt haben: So, jetzt reicht’s, wir machen das jetzt besser, wir
machen unseren eigenen Pflegedienst auf (…).74

73Schmidt und Schneekloth 2011, S. 74.


74Frau A., Z. 23–25.
178 L. Schürmann und C. Gather

Die fachlichen Voraussetzungen zur Gründung eines ambulanten Pflegediens-


tes erfüllten die beiden gelernten Krankenschwestern mit einer Ausbildung zur
Pflegedienstleistung (PDL Schein) mühelos. Frau A. geht es mit dem Eintritt in
die Selbstständigkeit um die Rückeroberung von beruflichen Handlungsspielräu-
men: In der abhängigen Beschäftigung war sie einem hohen Zeitdruck ausgesetzt.
Dieser hinderte sie ihren Schilderungen zufolge daran, ihre beruflichen Ansprü-
che, die sich auf die Gestaltung der Pflege richten, zu realisieren. Die Selbststän-
digkeit bietet Frau A. ein höheres Maß an Kontrolle über ihre Erwerbstätigkeit.
Als Inhaberin eines Pflegedienstes kann sie über den Stil der Pflege entscheiden,
anstatt lediglich ein vorbestimmtes Handlungsmuster auszufüllen. Es ist ihr mög-
lich, sich wieder mit ihrer Erwerbstätigkeit zu identifizieren.

(…) und uns war jetzt ganz doll wichtig, dass wir die Leute und sich auch Zeit für
die Patienten nehmen. Dass das alles ein bisschen familiär ist, dass die Leute sich
wohl fühlen. Und nicht, dass da morgens jemand am Bett steht, Mund auf, Tabletten
rein und auf Wiedersehen. Also das ist uns ganz, ganz wichtig. Und das ist uns auch
sehr gut gelungen bis jetzt. Ja. (…).75

Während sie mit ihrem Pflegedienst, in dem neben ihrer Geschäftspartnerin noch
eine weitere Vollzeitkraft und drei Teilzeitkräfte arbeiten, die Arbeit nach ihren
Vorstellungen gestalten kann („Zeit nehmen“, „dass das familiär ist“), beklagt sie
auf der anderen Seite die gestiegene Verantwortung und die Auflösung bewährter
Grenzen zwischen Arbeit und Leben als Kehrseite der neu gewonnenen Kontrolle.

(…) Man macht sich mehr einen Kopf über alles, ist ja klar. Es ist ja die Existenz,
die dran hängt. Früher bin ich nach Hause gegangen, dann war Feierabend und dann
war Schluss. Und jetzt überlegt man noch, na ja, so und so, wie machst du das jetzt?
Also man ist mit dem Kopf (…) nicht jetzt körperlich mehr, sondern mit dem Kopf
ist man halt mehr dabei (…).76

Obwohl sie bereits seit einigen Jahren selbständig ist, fungieren die an den Ange-
stelltenstatus geknüpften Ansprüche („Feierabend“) nach wie vor als Bewertungs-
maßstab für ihre gegenwärtige Lebens- und Arbeitssituation. Im Interview beklagt
sie sich über ausbleibenden Urlaub und berichtet von schwankenden Einkünf-
ten und von Monaten ohne jegliche Einkünfte. Angesichts der ­wirtschaftlichen

75Frau A., Z. 312–318.


76Frau A., Z. 284–288.
Pflegearbeit im Wandel 179

­ nsicherheit, in der sich Frau A. seit Eintritt in die Selbstständigkeit befindet,


U
stellt die Perspektive des Wiedereintritts in den abhängigen Erwerb eine wichtige
Sicherheitskonstruktion dar, die es ihr ermöglicht, die Selbstständigkeit überhaupt
aufrechtzuerhalten:

(…) Ab und zu denke ich, wenn hier wirklich alles schief läuft, schmeiße ich am
besten alles hin (…), ich werde angestellt und dann mache ich meine Arbeit und
habe dann Feierabend (…).77

Die hier betrachte Form der Selbstständigkeit im Mangelberuf geht mit einer hyb-
riden Erwerbsperspektive einher. Die Interviewpartnerin stellt die Geschäftsauf-
gabe als eine mögliche Handlungsoption dar, als einen legitimen und vor allem
verfügbaren Weg, sollte sich der Geschäftsbetrieb nicht stabilisieren. Stärker als
die (Selbst-)Bindung an das unternehmerische Projekt ist hier die (Selbst-)Bin-
dung an den Pflegeberuf.
Ganz ähnlich wie dieser Fall verhält es sich bei einer weiteren Teamgründung
zweier Krankenschwestern. Auch hier werden die Arbeitsbedingungen in der
abhängigen Beschäftigung für nicht mehr erträglich gehalten:

(…) Weil das musste alles immer schneller, die Leute mussten schneller arbeiten,
mit wenig Zeit, wenig Gehalt, und mit wenig Fürsorge, mit wenig Empathie (…).78

Im Zentrum dieser Unternehmung steht ebenfalls der Anspruch der Inhaberin-


nen, das, was sie unter guter Pflege verstehen, umzusetzen,79 auch, weil sie selber
hauptsächlich am Krankenbett arbeiten. Die Inhaberinnen arbeiten jeden Tag und
am Wochenende, um ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu entlasten. Ange-
sichts der langen Arbeitszeiten, die weit über vierzig Stunden pro Woche reichen,
erscheint das Einkommen von 1400 EUR netto pro Monat sehr bescheiden.
Zu sehen ist, dass es sich bei Frau A. und anderen Inhaberinnen und Inhabern
eher kleinerer Pflegedienste um Berufsangehörige handelt, die sich aus pflegerisch-
ethischen Motiven heraus selbstständig machen. Der Pflegemarkt erscheint dieser
Gruppe wegen dessen hohen Maß an Regulierung80 als ein sicheres ­Betätigungsfeld,

77Frau A.,Z. 329–331.


78Team, Z. 73–76.
79Team, Z. 89–91.

80Vgl. Schürmann 2016, S. 82.


180 L. Schürmann und C. Gather

das kaum Risiken birgt. Erst ausbleibender unternehmerischer Erfolg und geringe
Einkünfte stoßen diese Akteurinnen auf die Erfordernisse kaufmännischer Planung,
um angesichts der engen Kostenstrukturen in der Pflege überhaupt unternehmerisch
handlungsfähig zu bleiben. Die Größenverhältnisse bei den ambulanten Diensten
weisen jedoch darauf hin, dass auch hier eine stabile Ertragslage und unternehmeri-
sches Wachstum möglich ist und der selbstständige Erwerb in der Pflege heterogen
strukturiert ist. In unserer qualitativen Untersuchung wurden auch andere, stärker
am wirtschaftlichen Erfolg orientierte Unternehmungen aufgefunden, ebenso wie
Betriebsgründungen, die in einem geringeren Ausmaß von pflegeethischen Ansprü-
chen geleitet sind als vielmehr auf Erwerbsintegration und -teilhabe der Gründungs-
personen abzielen.81

6 Pflegearbeit im Umbruch: Ein vorläufiges Fazit

Die Pflegearbeit befindet sich gegenwärtig in einer Umbruchsituation. Neben


tief greifenden Veränderungen im Gesundheitswesen (Stichwort Ökonomisie-
rung), die auch im Arbeitsalltag der Pflegekräfte Spuren hinterlassen, herrscht
eine hohe Nachfrage nach Pflegekräften. Der vorliegende Beitrag ist der Frage
nachgegangen, inwieweit sich im Mangelberuf Pflege Anzeichen für Prozesse
der Erwerbshybridisierung finden lassen. Welche Rolle spielen Statuswech-
sel und eher untypische Erwerbsoptionen wie die Selbstständigkeit und paral-
lele Erwerbstätigkeiten (Mehrfachbeschäftigung) in diesem frauendominierten
Beschäftigungssegment, dessen ausbleibende soziale Wertschätzung sich in einer
anhaltend geringen Entlohnung ausdrückt? Um den Begriff der Erwerbshybridi-
sierung zu schärfen, wurde auf die Forschungsdebatte um Frauenerwerbsarbeit
Bezug genommen, denn diese hat Formen atypischer Arbeit und unterbroche-
ner Erwerbsverläufe als geschlechtsspezifisches Muster der Erwerbsbeteiligung
schon lange im Blick. Durch diese Perspektive lassen sich die in den Pflegebe-
rufen anzutreffenden Abweichungen von Normalarbeit wie der hohe Umfang
der Teilzeitbeschäftigung und die Wechsel aus dem Beruf auf die „doppelte
Vergesellschaftung“82 der (weiblichen) Belegschaft (als Angestellte und Mutter)
zurückführen. Derartige, in weiblichen Lebenszusammenhängen zu leistenden

81Vgl. Schürmann 2014; Gather und Schürmann 2013.


82Becker-Schmidt 2003.
Pflegearbeit im Wandel 181

Verknüpfungsleistungen von Erwerbs- und Familienarbeit folgen institutionell


gesetzten Normen und einer geschlechtsbezogen ungleichen Ausstattung von
Arbeitsplätzen mit Verdienst-, Verbleibs- und Aufstiegschancen.
Die Frage nach dem Berufsverbleib von Pflegekräften bildet in den berufs-
soziologischen und pflegewissenschaftlichen Diskursen ein fest verankertes
Forschungsfeld, für die hier geführte Debatte um den Prozess der Erwerbshyb-
ridisierung kommt Fragen der Diskontinuität ebenfalls eine zentrale Bedeutung
zu, jedoch mit einer etwas anderen Gewichtung.83 Der in diesem Textbeitrag
gesetzte Fokus auf die unterschiedlichen Formen der Selbstständigkeit in der
Pflegebranche fügt der Debatte um Statuswechsel und entstandardisierte Muster
des Erwerbs eine neue Wendung hinzu. Er zeigt auf, dass auch in diesem frau-
endominierten Beschäftigungssegment hybride Erwerbsformen wie die Teilzeit­
selbstständigkeit zunehmen. Diese Entwicklung kann als ein Indiz dafür gewertet
werden, dass jene als Erwerbshybridisierung beschriebenen Prozesse quer zur
geschlechtsspezifischen Arbeitsmarktsegregation verlaufen und nicht an den
Pforten weiblicher Arbeitsmärkte halt machen. Zweitens bedeutet diese Entwick-
lung, dass die Tendenz der Fragmentierung von Erwerbsverläufen und Arbeits-
formen auch sogenannte Mangelberufe erfasst und sich gerade dadurch von
einer reinen Anpassungsleistung, die Erwerbstätige angesichts mangelnder
Erwerbsalternativen vollziehen, unterscheidet. Ansprüche an die Selbstgestaltung
von Erwerbsbiografien werden auch von Beschäftigtengruppen erhoben, deren
Erwerbsperspektiven stark durch organisationale Laufbahnen geformt sind und
eben innerhalb dieser an ihre Grenzen geraten.
Wie die Interviewauszüge verdeutlichen, stellt gerade der Berufsverbleib ein
wichtiges Motiv für den Schritt in die Selbstständigkeit dar. Neben dem Wunsch
nach einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist es insbesondere
die Unzufriedenheit über die Beschäftigungsbedingungen (Einkommen, Aner-
kennung, Zeitsouveränität) bei einer anhaltend hohen Verbundenheit mit dem
Beruf, der zentrale Bedeutung für die Aufnahme einer selbstständigen Erwerbs-
tätigkeit in der Pflege zukommt. Es liegt ein starker (und politisch induzierter)
Kostendruck auf dem Bereich, der den Pflegenden nur geringe Spielräume im
Arbeitsprozess zugesteht, während gleichzeitig die Arbeitsbelastungen der Pfle-
gekräfte im Zuge des Personalabbaus kontinuierlich angestiegen sind. Wie
der DGB Index gute Arbeit aufzeigt, besteht in der Pflege eine Gleichzeitigkeit
von erstens einer hohen Identifikation mit der Pflegearbeit und zweitens einem

83Vgl. den Beitrag von Pongratz und Bührmann in diesem Band.


182 L. Schürmann und C. Gather

hohen Maß an Unzufriedenheit mit den Beschäftigungsbedingungen.84 Dass die


Pflegekräfte den Weg in die Selbstständigkeit einschlagen, lässt sich insofern
als eine Strategie zur Aufrechterhaltung ihrer Berufstätigkeit in der Pflege ver-
stehen. Die derart untypische und eigensinnige Gestaltung der Erwerbsbiografie
hat hier zum Ziel, Berufstreue und berufliche Ziele zu verwirklichen. Oder wie
es Becker für die solo-selbstständigen Pflegekräfte im Nebenerwerb vorschlägt,
sie kann als Beitrag zur Prävention und zum langfristigen Erhalt der Beschäfti-
gungsfähigkeit interpretiert werden.85 Unterschiede zeigen sich dabei zwischen
den solo-selbstständigen Pflegekräften, die als Vermarkterinnen und Vermarkter
ihrer eigenen Arbeitskraft auftreten und diese im Rahmen von eher kurzfristigen
Werk- oder Honorarvertragsbeziehungen an Kliniken oder stationären Einrichtun-
gen veräußern und den Inhaberinnen und Inhabern ambulanter Dienste. Erstere
reagieren mit ihrem Leistungsangebot auf die dünne Personaldecke in stationä-
ren Einrichtungen und verbinden mit ihrer Solo-Selbstständigkeit, teilweise als
Teilzeitselbstständigkeit in Kombination mit einer abhängigen Beschäftigung,
kurzfristige individuelle Vorteile, wie Autonomie- und Einkommenszuwächse. Da
eine Rückkehr in die Festanstellung im Mangelberuf Pflege prinzipiell möglich
ist, sind die Risiken der Selbstständigkeit für diese Gruppe deutlich begrenzter als
in Berufsfeldern, in denen der Mangel an Arbeitsplätzen strukturell ursächlich für
den Eintritt in die Selbstständigkeit ist. Auf der anderen Seite des hier untersuch-
ten Spektrums der Selbstständigkeit in der Pflege stehen jene Inhaberinnen und
Inhaber privater ambulanter Dienste, die auf einem hochregulierten Wohlfahrts-
markt Pflege als Dienstleistung im Wettbewerb anbieten. Auch bei dieser Gruppe
trafen wir auf eine hybride Erwerbsperspektive: bereits beim Eintritt in den frei-
beruflichen Erwerb wird die Rückkehr in die Festanstellung von den Beteiligten
als Option mitbedacht. Diese Orientierung wurde als Ausdruck einer stärkeren
Bindung an den Beruf als an das unternehmerische Projekt interpretiert und kann
als ein Beleg dafür gelten, dass es im Zuge der Vermarktlichung sozialer Dienst-
leistungen zu einer Diversifizierung des Normalunternehmers kommt.86 Bei nur
begrenzten unternehmerischen Freiheiten hinsichtlich des Preises und der arbeits-
organisatorischen Gestaltung ihres Leistungsangebotes stehen die Pflege-Unter-
nehmerinnen und Unternehmer einem Kostenträger (Pflegekassen) gegenüber,

84ver.di– Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft 2013, S. 4 ff.


85Becker 2016.
86Vgl. Bührmann 2015.
Pflegearbeit im Wandel 183

der eine Senkung bzw. Deckelung der Ausgaben für Pflege vorgibt und befugt
ist, die Vergütung einzelner Leistungspositionen zu verweigern.87 Dies verstärkt
die Unsicherheit in einem Dienstleistungsbereich, der sich durch ohnehin zeitlich
begrenzte Klientenbeziehungen (Heimsog, Mortalität) auszeichnet, und erhöht
damit wiederum den Druck zu marktadäquaten Verhalten, mit voraussichtlich
eher sinkender Pflegequalität.
Während in der Diskussion zur Bekämpfung des Fachkräftemangels in der
Pflege Vorschläge wie eine Reform der Berufsausbildung, die Gestaltung von
Fachlaufbahnen88 oder die Einführung von Pflegekammern auf Länderebenen
debattiert werden, zeigt sich eine diskursive Leerstelle in Bezug auf diejenigen
Fragen, die an dem Erwerbsstatus der Selbstständigkeit ansetzen. Zwar gibt es
eine Rentenversicherungspflicht für diejenigen Selbstständigen in den Pflegebe-
rufen, die auf ärztliche Weisung handeln. Altenpflegekräfte sowie die Betreiber
ambulanter Pflegedienste und stationärer Einrichtungen der Altenpflege sind hier-
von jedoch ausgenommen. Für diese Ausnahme gibt es bestenfalls historische
Begründungen. Wie die Studie über die Inhaberinnen und Inhaber ambulanter
Dienste deutlich gemacht hat, kommt es auch hier zu einer systematischen Unter-
schätzung der Risiken, die mit dem selbstständigen Erwerb verbunden sind. Bei
den von uns Befragten fallen die in der Selbstständigkeit erzielten Einkommen
nicht derart umfänglich aus, als dass diese ein nachhaltiges privates Vorsorge-
verhalten ermöglichen würden. Auch über ein Versorgungswerk für selbststän-
dig erwerbstätige Pflegekräfte wurde bislang wenig nachgedacht. Dieses könnte
Bemühungen um die Professionalisierung der Pflege begleiten und die Selbstver-
waltung dieser Berufsgruppe stärken.
Für die in diesem Sammelband angestoßene Debatte über den Prozess der
Erwerbshybridisierung erwies sich die Hinwendung zu einem Erwerbsbereich,
der weit weg von Arbeit 4.0 liegen zu scheint, als fruchtbar. Pflegearbeit, gleich-
wohl öffentlich organisiert und im Beruf der Krankenschwester oder der Alten-
pflegerin standardisiert, unterliegt weiterhin einer sozialen Zuschreibung als
private Aufgabe. Der durch die Frauen- und Geschlechterforschung gesetzte
Bezugsrahmen des historischen Moments der Trennung von öffentlicher und
privater Sphäre als konstitutives Merkmal des Geschlechterverhältnisses in der
Moderne ist insofern nicht nur für eine weitergehende Beschäftigung mit dem

87Vgl. Isfort et al. 2016.


88Vgl. Frerichs 2016, S. 62 ff.
184 L. Schürmann und C. Gather

Wandel der Pflegearbeit von Interesse, ihm kommt eine wichtige Bedeutung auch
für die Diskussion um den Prozess der Erwerbshybridisierung zu. Denn diese
Perspektive begründet eine Linie der Kritik an einer isolierten Betrachtungsweise
von Erwerbssubjekten, die zunehmend auch Einzug in Debatten um Entrepre-
neurship erhält.89 So entfaltet die Frage nach der Einbettung der unternehmeri-
schen Akteure in den Haushalt nicht nur bei Belangen der Existenzgründung
Relevanz,90 auch jene Fragen nach der sozialen Absicherung der (weiblichen wie
männlichen) Selbstständigen können ohne eine Bezugnahme auf die Haushalts-
situation nicht hinreichend geklärt werden.91 Erwerbsentscheidungen stellen sich
aus dieser Perspektive als Ergebnis komplexer Dynamiken dar, in denen insti-
tutionelle und berufsstrukturelle Gelegenheiten und Zwänge ineinandergreifen
mit individuellen Motivations- und Statuslagen sowie deren haushaltsbezogener
Rahmung. Wie argumentiert wurde, erfordern gerade die komplexen Verände-
rungsdynamiken in den Bereichen von Arbeit und Geschlechterverhältnis, die bis-
herige, die Forschungslandschaft dominierende Verengung auf entweder Fragen
des Haushalts oder des Erwerbs aufzugeben und diesen Erosionsprozess in seiner
Komplexität und anhand der Wechselwirkungen zwischen diesen beiden Sphären
zu untersuchen.

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89Gather et al. 2016.


90Motive, Entscheidungsfindung, Ausstattung der Unternehmung, Zugang zu materiellen
und personellen Ressourcen; vgl. Alsos et al. 2013, S. 7 ff.
91Vgl. den Beitrag von Fachinger in diesem Band.
Pflegearbeit im Wandel 185

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Hoch qualifizierte Solo-Selbstständige
in IT und Medizin

Caroline Ruiner, Birgit Apitzsch und Maximiliane Wilkesmann

Zusammenfassung
In den letzten zwei Jahrzehnten lässt sich auf dem Arbeitsmarkt ein steigen-
der Anteil Solo-Selbstständiger beobachten. Insbesondere unter hoch qualifi-
zierten Arbeitskräften entwickelte sich diese Erwerbsform dynamisch, auch in
Kombination mit anderen Erwerbstätigkeiten, und wird so zu einem Treiber
der Erwerbshybridisierung. Hoch qualifizierte Solo-Selbstständige sind aller-
dings nur lückenhaft sozial-, arbeits- und mitbestimmungsrechtlich integriert.
In diesem Beitrag analysieren wir Regulierungsbedarfe aus der Perspektive
hoch qualifizierter Solo-Selbstständiger vor dem Hintergrund der Erwerbshyb-
ridisierung in Bezug auf die Integration in Sozialversicherung und Interessen-
vertretung. Die empirische Basis des Beitrags bilden zwei qualitative Studien
mit Solo-Selbstständigen sowie mit Vertreterinnen und Vertretern traditionel-
ler (Gewerkschaften und Berufsverbände) und neuer Intermediäre (Agenturen
und Genossenschaften) in den IT-Dienstleistungen und in der Medizin. Die
Analyse der Interviews zeigt, dass sich die hoch qualifizierten Solo-Selbst-
ständigen in IT und Medizin hinsichtlich der Vergütung und ihrer (fachlichen)

C. Ruiner (*) 
Ruhr-Universität Bochum, Bochum, Deutschland
E-Mail: caroline.ruiner@rub.de
B. Apitzsch 
Soziologisches Forschungsinstitut (SOFI) Göttingen, Göttingen, Deutschland
E-Mail: birgit.apitzsch@sofi.uni-goettingen.de
M. Wilkesmann 
Technische Universität Dortmund, Dortmund, Deutschland
E-Mail: maximiliane.wilkesmann@tu-dortmund.de

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018 189


A. D. Bührmann et al. (Hrsg.), Hybride Erwerbsformen,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-18982-2_8
190 C. Ruiner et al.

Autonomie gegenüber dem Status der abhängigen Beschäftigung im Vorteil


sehen. Aus den komplexen Aushandlungen von Verträgen und aus der aktu-
ell intensivierten Diskussion um Scheinselbstständigkeit erwächst jedoch ein
großer Bedarf an Unterstützung und Beratung, der im Wesentlichen von neuen
intermediären Akteuren adressiert wird.

Schlüsselwörter
Agenturen · Arbeitsbedingungen · Berufsverbände · Erwerbshybridisierung · 
Genossenschaften · Gewerkschaften · Hoch qualifiziert · Interessenvertretung · 
Scheinselbstständigkeit · Solo-Selbstständigkeit

1 Einleitung

In diesem Beitrag werden die erwerbsbiografischen Erfahrungen, die Arbeitsbe-


dingungen und Strategien der Interessenvertretung von hoch qualifizierten Solo-
Selbstständigen1 in den Bereichen IT und Medizin vorgestellt und hinsichtlich
der sich daraus ergebenden (Regulierungs-)Perspektiven diskutiert. Interessant
ist diese Form der Erwerbstätigkeit vor allem deshalb, weil sie sich dynamisch
entwickelt, aber nur lückenhaft sozial-, arbeits- und mitbestimmungsrechtlich
integriert ist.2 Gleichzeitig gelten gerade hoch qualifizierte Solo-Selbstständige
als Gruppe, die über vielfältige Ressourcen verfügt, um mit den Unsicherhei-
ten und Anforderungen umzugehen, die mit dieser Erwerbsform verbunden
sind,3 und die ihre Arbeitsbedingungen bevorzugt individuell aushandelt.4 Aller-
dings ist es so, dass Solo-Selbstständige nicht zwingend ausschließlich und für
ihre gesamte Erwerbsbiografie selbstständig sind, vielmehr lassen sich Formen
der Erwerbshybridisierung beobachten. Gewerkschaften, Berufsverbände und
andere intermediäre Akteure adressieren inzwischen zunehmend die Gruppe
der Solo-Selbstständigen und stellen damit die Diagnose des ausschließlich

1Unter hoch qualifiziert verstehen wir, dass die Personen über einen Hochschulabschluss
verfügen. Die Solo-Selbstständigkeit ist definiert als Selbstständigkeit ohne Angestellte; sie
werden auch als Alleinselbstständige, Ein-Personen-Unternehmer, Freelancer oder Inde-
pendent Contractor bzw. Independent Professional bezeichnet.
2Schulze Buschoff et al. 2017; Apitzsch et al. 2015; Schulze Buschoff 2004; Schulze

Buschoff 2014.
3Dietrich und Patzina 2017.

4Schmierl 2006; Töpsch et al. 2001.


Hoch qualifizierte Solo-Selbstständige in IT und Medizin 191

i­ndividualisierten Interessenhandelns infrage.5 Vor dem Hintergrund der skizzier-


ten Veränderungen, wie auch der aktuellen Diskussionen um die sozialrechtliche
Stellung von Solo-Selbstständigen steht die Beantwortung folgender Forschungs-
frage im Mittelpunkt dieses Beitrags:
Welche Regulierungsbedarfe ergeben sich ausgehend von einer Erwerbshybri-
disierung in Bezug auf die Integration in Sozialversicherung und Interessenvertre-
tung aus der Perspektive von hoch qualifizierten Solo-Selbstständigen?
Diese Frage beantworten wir auf Grundlage von zwei qualitativ-empirischen
Untersuchungen mit Solo-Selbstständigen sowie Vertreterinnen und Vertretern
traditioneller (Gewerkschaften und Berufsverbände) und neuer Intermediäre6
(Agenturen und Genossenschaften), die Aufschluss über die erwerbsbiografischen
Hintergründe, die Formen der Erwerbshybridisierung, die Arbeitsbedingungen
und die Erwartungen der Solo-Selbstständigen an Regulierung und Interessenver-
tretung geben.
Zunächst werden wir einführend aktuelle Zahlen zur Verbreitung hoch qualifi-
zierter Solo-Selbstständiger in Deutschland präsentieren, um anschließend einen
Branchenvergleich zwischen IT und Medizin hinsichtlich der erwerbsbiografi-
schen Hintergründe, Arbeitsbedingungen und Erwartungen an sowie Angebote
der Interessenvertretung vorzunehmen. Wir schließen mit weiterführenden Über-
legungen im Hinblick auf Regulierungsperspektiven und die Frage der Erwerbs-
hybridisierung in den betrachteten Bereichen.

2 Hoch qualifizierte Solo-Selbstständige in der


IT-Branche und in der Medizin

Laut EUROSTAT-Daten waren im Jahr 2014 2,3 Mio. Personen als Solo-­


Selbstständige tätig. Dies entspricht einem Anteil von 5,4 % der Erwerbstätigen
in Deutschland. Schaut man sich die Verteilung der Qualifikationsniveaus von
Solo-Selbstständigen laut ISCED-Levels in Deutschland an, so sieht man in erster
Linie ein heterogenes Bild (siehe Abb. 1),7 jedoch auch, dass sich der Großteil
der Solo-Selbstständigen aus Personen mit mittleren und höheren Bildungsab­
schlüssen speist.

5Apitzschet al. 2016; Gottschall und Kroos 2007; Pernicka et al. 2007.


6Apitzschet al. 2016.
7Bögenhold und Fachinger 2012.
192 C. Ruiner et al.

14.000.000

1.149.100
12.000.000

10.000.000 1.024.900
840.500
861.300
8.000.000
Anzahl

6.000.000

4.000.000
177.900
2.000.000
151.600

0
2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015
Jahr

ISCED Level 0-2 ISCED Level 3-4 ISCED Level 5-8

ISCED Levels: Gruppe 1 (0 = Vorschulische Erziehung, 1 = Grundbildung, 2 = Unter- und Mittelstufe),


Gruppe 2 (3 = Oberstufe, 4 = Postsekundäre Bildung), Gruppe 3 (5= Berufsspezifische tertiäre Bildung,
6 = Bachelor, 7 = Master, 8 = Promotion).

Abb. 1   Bildungsniveaus Solo-Selbstständiger in Deutschland. (Quelle: Eigene Berech-


nungen auf Basis von EUROSTAT 2016)

Hoch qualifizierte Solo-Selbstständige sind insbesondere in wissensbasierten


Beschäftigungsfeldern zu finden und dort mit ihrer Expertise gefragt.8 Als solo-
selbstständige Expertinnen und Experten sind sie nicht nur in Randbereichen von
Unternehmen tätig, sondern auch im organisationalen Kern, in dem sie mit für
das Unternehmen erfolgskritischen, zuweilen sensiblen Aufgaben betraut sind.9
Es weist einiges darauf hin, dass die Art der organisationalen Einbindung Einfluss
auf die (Möglichkeiten der) Erwerbshybridisierung hat, ebenso wie auf die mit
ihr verbundenen Erfahrungen und Erwartungen an die Regulierung und Interes-
senvertretung. Vor diesem Hintergrund sind die IT-Branche und die Medizin zur
Untersuchung der hoch qualifizierten Solo-Selbstständigen besonders interessante
Kontexte. In beiden Bereichen werden zunehmend Solo-Selbstständige eingebun-
den, um quantitative Personalengpässe oder auch das Fehlen von Spezialqualifi-
kationen zu überbrücken. In beiden Fällen differieren die Arbeitsbedingungen der

8Nordenflycht 2010; Nesheim et al. 2007; Ekstedt 2002.


9Wilkesmann et al. 2016; Apitzsch et al. 2015, Kap. 5; Ruiner et al. 2013; Tünte et al.
2011; Bidwell und Briscoe 2009; Connelly und Gallagher 2004; Kunda et al. 2002.
Hoch qualifizierte Solo-Selbstständige in IT und Medizin 193

Arbeitskräftegruppen nach Beschäftigungsstatus: In der Regel ist die Vergütung


der hoch qualifizierten Solo-Selbstständigen höher als die der hoch qualifizierten
abhängig Beschäftigten und Vergleichsprozesse mit dysfunktionalen Folgen für
das Arbeitshandeln können daraus resultieren.10 Inzwischen erscheint die Solo-
Selbstständigkeit im IT-Bereich als ein etabliertes Beschäftigungsmodell und als
vergleichsweise stabiler Erwerbsstatus unter den Erwerbstätigen,11 während das
Aufkommen der Honorarärztinnen und -ärzte mit der Ermöglichung durch das
Vertragsarztrechtsänderungsgesetz seit 2007 vergleichsweise neu und volatiler
ist.12 Bei Honorarärztinnen und -ärzten handelt es sich in der Regel um Fachärz-
tinnen und -ärzte, die ohne vertragsärztliche Zulassung oder eigene Praxis gegen
ein vereinbartes Honorar in der stationären oder ambulanten Versorgung zeitlich
begrenzt tätig sind oder um Fachärztinnen und -ärzte, die neben ihrer hauptbe-
ruflichen Tätigkeit im Krankenhaus oder in der Niederlassung zusätzlich tätig
­werden.13
In beiden Branchen – IT und Medizin – entwickelt sich die Solo-Selbststän-
digkeit unter den Hochqualifizierten dynamisch. Die Zahl der IT-Freelancer
stieg von 27.128 im Jahr 1996 auf etwa 72.000 im Jahr 2014 stark an.14 Auch
die Gesamtzahl der Ärztinnen und Ärzte steigt insgesamt (2009: 429.926; 2014:
481.174), jedoch variiert die Entscheidung sich selbstständig zu machen: Wäh-
rend im niedergelassenen Bereich die Anzahl der Ärztinnen und Ärzte von
125.264 im Jahr 2009 auf 121.641 im Jahr 2014 gesunken ist,15 ist die Anzahl
von Honorarärztinnen und -ärzten im gleichen Zeitraum von 1879 auf 3052
gestiegen.16 Dabei ist das potenzielle Risiko einer Selbstständigkeit, dass Auf-
träge ausbleiben, in den ausgewählten Bereichen minimiert, da sowohl im Fall
von hoch qualifizierten Solo-Selbstständigen in der IT-Branche als auch in der
Medizin davon ausgegangen werden kann, dass die Nachfrage das Arbeitskräfte-
angebot übersteigt.17 Insofern weisen beide Bereiche für die Solo-­Selbstständigen

10Ruiner et al. 2016, 2017; Apitzsch et al. 2016.


11Süß et al. 2013; ähnlich Al-Ani und Stumpp 2015.
12Keller und Wilkesmann 2014; Schäfer 2011.

13Keller und Wilkesmann 2014; Schäfer 2011; Teske et al. 2010.

14Bundesagentur für Arbeit 2016.

15Bundesärztekammer 2010, 2015.

16Statistisches Bundesamt 2010, 2015.

17Brenke 2010.
194 C. Ruiner et al.

vergleichsweise gute Arbeitsmarktbedingungen auf. In der Folge zeichnen sich


sowohl die Erwerbsbiografien der IT-Freelancer als auch die der Honorarärz-
tinnen und -ärzte durch eine hohe Kontinuität der Beschäftigung im Sinne der
Employment Stability18 und daher kaum Zeiten der Erwerbslosigkeit aus.19
Für die Beantwortung der zugrunde liegenden Fragestellung dieses Beitrags,
welche Regulierungsbedarfe sich in Bezug auf die Integration von hoch qualifi-
zierten Solo-Selbstständigen in Sozialversicherung und Interessenvertretung erge-
ben, legen wir den Fokus auf die Unterschiede hinsichtlich der Aufgaben, der Art
der Einbindung in Organisationen und der damit verbundenen Möglichkeiten der
Erwerbshybridisierung. Vergleichbar sind die Aufgaben von abhängig Beschäf-
tigten und Solo-Selbstständigen in der Medizin, da beispielsweise temporär
eingesetzte selbstständige Ärztinnen und Ärzte eher das Tagesgeschäft bzw. Dau-
eraufgaben abdecken (auch wenn sie z. T. hoch spezialisiert sind). Für Honorar-
ärztinnen und -ärzte ergibt sich daraus die Möglichkeit, eine solo-selbstständige
Tätigkeit unter Beibehaltung einer Festanstellung mit reduzierten Arbeitsstunden
aufzunehmen. Andere und länger etablierte Kombinationen von verschiedenen
Tätigkeiten sind bei Belegärztinnen oder Belegärzten bekannt, die zusätzlich zur
Tätigkeit als niedergelassene Ärztin oder als niedergelassener Arzt stundenweise
in Krankenhäusern arbeiten.20 Hoch qualifizierte IT-Freelancer hingegen sind in
der Regel entweder solo-selbstständig oder angestellt, da aufgrund der zeitlich
intensiven Arbeit in Projekten eine Kombination verschiedener Tätigkeiten eher
schwer möglich ist. Zudem sind im Gegensatz zur Medizin im IT-Bereich häufig
unterschiedliche Aufgaben von Solo-Selbstständigen und abhängig Beschäftig-
ten zu beobachten, da IT-Freelancer eher projektbezogen und damit intensiv, aber
zeitlich begrenzt in Unternehmen eingebunden werden. Im Verlauf der Erwerbs-
biografie ist in beiden Fällen aufgrund der vergleichsweise guten Arbeitsmarkt-
position und der hohen Nachfrage nach hoch qualifizierten Expertinnen und
Experten eine ausgeprägte Erwerbshybridisierung wahrscheinlich. Tab. 1 fasst
die skizzierten Gemeinsamkeiten und Unterschiede der hoch qualifizierten Solo-
Selbstständigen in den beiden hier untersuchten Branchen noch einmal zusam-
men.

18Kellerund Seifert 2011.


19Wilkesmann et al. 2016.
20Wilkesmann 2016.
Hoch qualifizierte Solo-Selbstständige in IT und Medizin 195

Tab. 1  Gemeinsamkeiten und Unterschiede hochqualifizierter Solo-Selbstständiger in


Medizin und IT. (Quelle: Eigenen Darstellung)
Honorarärztinnen und -ärzte IT-Freelancerinnen und -Freelancer
Gemeinsamkeiten – Zunehmender Einsatz hochqualifizierter Solo-Selbständiger
– Tätigkeit im organisationalen Kern / sensible, (erfolgs-)kritische
Aufgaben
– Zusammenarbeit mit abhängig Beschäftigten
– Fachkräfte-/Fachärztemangel führt zu hoher Beschäftigungskontinuität
– Höhere Vergütung im Vergleich zu abhängig Beschäftigten
Unterschiede – Akademische Qualifikation – In der Regel akademische
obligatorisch und Professions­ Qualifikation
zugehörigkeit – Einsatz primär aufgrund Bedarf
– Einsatz primär zur Überbrü- an Spezialqualifikation
ckung von Personalengpässen – In der Regel unterscheiden
– In der Regel vergleichbare sich Tätigkeiten von abhängig
Tätigkeiten von abhängig Beschäftigten und Solo-Selbst-
Beschäftigten und Solo- ständigen
Selbstständigen – In der Regel Projektarbeit
– In der Regel Tagesgeschäft – Zeitgleiche Kombination selb-
– Zeitgleiche Kombination selb- ständiger Arbeit und abhängige
ständiger Arbeit und abhängiger Beschäftigung eher schwer
Beschäftigung möglich möglich

Den Auftragsbeziehungen zwischen hoch qualifizierten Solo-Selbstständigen


und ihren Auftraggebern unterliegt entweder ein Werkvertrag21 oder ein Dienst-
vertrag22. Im Falle eines Werkvertrages ist ein bestimmtes Arbeitsergebnis bzw.
Werk bis zu einem bestimmten Zeitpunkt für eine festgesetzte Vergütung herzu-
stellen. Hierbei ist der Auftragnehmer haftbar bei Nichterfüllung des Vertrages
und das Arbeitswerk ist vom Auftraggeber abzunehmen. Im Falle eines Dienst-
vertrages verpflichten sich Solo-Selbstständige für bestimmte Dienste, für die
sie vom Auftraggeber eine festgelegte Vergütung erhalten. Im Gegensatz zum
Werkvertrag sind Solo-Selbstständige mit Dienstverträgen zur Leistung, aber
nicht zum Erfolg verpflichtet. Honorarärztinnen und -ärzte schließen in der Regel

21Nach §§ 631 ff. BGB.


22§§ 611 ff. BGB.
196 C. Ruiner et al.

Dienstverträge mit den Auftraggebern ab.23 Bei IT-Freelancern können es durch-


aus Werkverträge sein, die sie mit ihren Auftraggebern vereinbaren.
Da sowohl solo-selbstständige IT-Expertinnen und -experten als auch die
Honorarärztinnen und -ärzte häufig im Kerngeschäft von Unternehmen eingesetzt
werden, soll noch über das Weisungsrecht diskutiert werden.24 Im Falle eines
Dienstvertrages würden die Solo-Selbstständigen theoretisch dem Weisungs-
recht von Unternehmen unterliegen. Im besonderen Fall der ärztlichen Tätigkeit
gilt jedoch: „Der ärztliche Beruf ist seiner Natur nach ein freier Beruf“.25 Um
die arbeits- und berufsrechtlichen Spezifika miteinander zu vereinbaren, ist es in
diesem Fall so, dass dem Krankenhausträger grundsätzlich ein allgemeines Wei-
sungsrecht zugesprochen wird, d. h. dass er Inhalt, Durchführung, Zeit, Dauer
und Ort der Tätigkeit bestimmen kann. Fachliche Vorgesetzte wie z. B. Chefärz-
tinnen und Chefärzte können bestimmte Tätigkeiten und Aufgaben ihren nach-
geordneten Ärztinnen und Ärzten zur selbstständigen Erledigung verbindlich
übertragen, solange die in der Bundesärzteordnung hinterlegte Freiheit ärztlichen
Handelns und die selbstständige ärztliche Verantwortung jeder Ärztin und jedes
Arztes gewahrt bleibt.
In Systeme der sozialen Sicherung sind Solo-Selbstständige nur lückenhaft
eingebunden.26 Doch aufgrund der derzeit privilegierten Arbeitsmarktposition der
hoch qualifizierten Solo-Selbstständigen in den beiden betrachteten Bereichen
kann von vergleichsweise geringen Prekaritätsrisiken ausgegangen werden.27
So wird in Bezug auf Honorarärztinnen und -ärzte treffend von „untypisch aty-
pisch Beschäftigten“28 gesprochen; die Situation von Personen im Bereich IT-
Dienstleistungen/Webdesign wird z. T. als „Prekarisierung auf hohem Niveau“29
beschrieben. In Bezug auf die Einbindung in Systeme der Interessenvertretung
und die Aushandlung von Arbeitsbedingungen lassen sich gerade bei den hoch
qualifizierten Solo-Selbstständigen jedoch zum Teil neue Bedarfe und neue Ange-
bote von Intermediären beobachten, die im Folgenden anhand der empirischen
Erkenntnisse zweier Forschungsprojekte veranschaulicht werden.

23Ruiner und Wilkesmann 2016, S. 106.


24Wilkesmann et al. 2016; Apitzsch et al. 2015; Ruiner et al. 2013.
25§ 1 Abs. 2 Bundesärzteordnung.

26Schulze Buschoff et al. 2017; Apitzsch et al. 2015; Schulze Buschoff 2014; Schlegel

sowie Fachinger in diesem Band.


27Vgl. Apitzsch et al. 2015, Kap. 5.

28Keller und Wilkesmann 2014.

29Manske 2007, S. 142.


Hoch qualifizierte Solo-Selbstständige in IT und Medizin 197

3 Empirische Basis und methodisches Vorgehen

Die erwerbsbiografischen Hintergründe, Arbeitsbedingungen und Strategien der


Interessenvertretung hoch qualifizierter Solo-Selbstständiger in IT und Medizin
haben wir im Kontext des Projektes „Kollektive Individualisierung – individu-
elle Kollektivierung? Zur Aushandlung von Arbeitsbedingungen im Bereich der
hoch qualifizierten Solo-Selbständigen“30 analysiert. Zur Untersuchung der Rolle
intermediärer Akteure in den Aushandlungen der Arbeitsbedingungen von Solo-
Selbstständigen wurden im Jahr 2015 Solo-Selbstständige sowie Vertreterinnen
und Vertreter von Gewerkschaften, Berufsverbänden und Agenturen in den Bran-
chen Filmwirtschaft, IT-Dienstleistungen und Medizin interviewt. Im Folgenden
werden wir uns auf die beiden Bereiche IT-Dienstleistungen und Medizin begren-
zen. Insgesamt wurden je drei Honorarärztinnen und -ärzte sowie IT-Freelancer
befragt, zusätzlich wurden acht Vertreterinnen und Vertreter traditioneller inter-
mediärer Akteure wie Gewerkschaften und Berufsverbände sowie sieben Vertrete-
rinnen und Vertreter neuer Intermediäre wie Agenturen und Genossenschaften in
der IT-Branche und Medizin interviewt.
Ergänzend greifen wir auf Erkenntnisse des Forschungsprojektes „Anreiz-
systeme im Gesundheitswesen – Mechanismen kollektiver Selbstschädigung“31
zurück. In diesem Rahmen wurden im Jahr 2014 insgesamt 13 Honorarärztinnen
und -ärzte, fünf abhängig beschäftigte Ärztinnen und Ärzte, sechs Arbeitgeber-
vertreterinnen und -vertreter, d. h. Chefärztinnen und -ärzte und Mitglieder der
Krankenhaus(geschäfts)leitung, sowie Vertreterinnen und Vertreter von (Vermitt-
lungs-) Agenturen befragt.32 Ziel der Untersuchung war, mit Blick auf die Gruppe
der Honorarärztinnen und -ärzte, die Auswirkungen der Ökonomisierung im
Gesundheitswesen zu untersuchen. Auch diese Daten erlauben Einblicke in die
Beweggründe für den Wechsel in die Selbstständigkeit, in die Arbeitsbedingun-
gen und Erwartungen an die Interessenvertretung sowie mögliche Regulierungs-
bedarfe.

30Laufzeit 2015 bis 2017, gefördert von Mercator Research Center Ruhr (MERCUR).
31Laufzeit 2013 bis 2015, gefördert von der Global Young Faculty der Stiftung Mercator.
32Ruiner et al. 2016.
198 C. Ruiner et al.

Die Auswahl der befragten Solo-Selbstständigen folgte dem theoretischen


Sampling33 anhand folgender Kriterien:

• Erstens sollten die Interviewpartnerinnen und -partner über einen Hochschul-


abschluss verfügen, um gezielt hoch qualifizierte Personen anzusprechen.
• Zweitens sollten die Befragten zum Zeitpunkt des Interviews ausschließ-
lich solo-selbstständig sein, sodass Personen mit einem diachron hybriden
Erwerbsverlauf in den Fokus rückten.
• Drittens sollten die Personen zum Zeitpunkt des Interviews mindestens drei
Jahre solo-selbstständig gewesen sein, um Berufsanfängerinnen und -anfänger
auszuschließen.

In beiden Projekten wurden problemzentrierte Interviews eingesetzt,34 die mit


Erlaubnis der Befragten digital aufgezeichnet wurden. Die Interviewleitfäden
adressierten u. a. die Erwerbsbiografie, die Tätigkeit als Solo-Selbstständige bzw.
Intermediäre, Aushandlungsprozesse hinsichtlich der Arbeitsbedingungen sowie
die Zusammenarbeit von Solo-Selbstständigen mit abhängig Beschäftigten in
Unternehmen. Alle Interviews wurden im Nachgang vollständig transkribiert und
anonymisiert. Die Auswertung der Interviews erfolgte mittels qualitativer Inhalts-
analyse.35 Die Codesysteme wurde auf Basis einer sowohl deduktiven Kategori-
enanwendung als auch induktiven Kategorienentwicklung in individuellen und
kollektiven Auswertungsphasen erarbeitet sowie in regelmäßigen Teambesprechun-
gen zur konsensuellen Validierung diskutiert.36

4 Arbeitsbedingungen hoch qualifizierter Solo-


Selbstständiger in IT und Medizin

Im Folgenden werden die Arbeitsbedingungen hoch qualifizierter Solo-Selbst-


ständiger in IT und Medizin vorgestellt. Zunächst wird die Solo-Selbstständigkeit
in die Erwerbsbiografie eingebettet und es werden Gründe für die Aufnahme der
Solo-Selbstständigkeit aufgezeigt. Danach gehen wir auf den Alltag hoch quali-
fizierter Solo-Selbstständiger ein und diskutieren schließlich die Rolle von Inter-
mediären in diesem Kontext.

33Eisenhardt1989.
34Witzel 2000.
35Mayring 2010.

36Bortz und Döring 2013.


Hoch qualifizierte Solo-Selbstständige in IT und Medizin 199

4.1 Die Erwerbsbiografien und die Arbeitssituation


hoch qualifizierter Solo-Selbstständiger

Die Analyse der Interviews zeigt, dass die Solo-Selbstständigkeit unter Hoch-
qualifizierten aufgenommen wird, wenn schon ein gewisses Maß an beruflicher
Erfahrung besteht.37 Bei unseren Befragten geht dieser Erwerbsform daher eine
Zeit der Festanstellung(en) in Unternehmen voraus, in der die Expertise aufge-
baut wird,38 die dann vermarktet werden kann.
Als Gründe für die Aufnahme der Solo-Selbstständigkeit werden meist
genannt, dass im Unternehmen starre hierarchische Strukturen vorherrschen
und die Autonomie eingeschränkt ist. Bei Honorarärztinnen und -ärzten wer-
den zusätzlich defizitäre krankenhausinterne Arbeitsbedingungen wie eine hohe
(unvergütete) Arbeitsbe- bzw. -überlastung zum Anlass für die Selbstständigkeit
genommen.39 Im Falle der IT-Freelancer überwiegen die sogenannten Pull-Fak-
toren, was an der beobachteten vergleichsweise guten Marktsituation liegen kann.
Hierzu zählen z. B. das Streben nach Autonomie und der Wunsch nach Freiheit
sowie die Erwartungen als Solo-Selbstständige mehr Geld zu verdienen, bessere
Arbeitsbedingungen zu haben und die Erwerbstätigkeit besser mit familialen Ver-
pflichtungen vereinbaren zu können.40 Ähnliche Motivlagen werden auch in der
Forschung im Bereich Gründung bzw. Entrepreneurship identifiziert.41
Unabhängig davon, ob vergleichbare Tätigkeiten übernommen werden oder
nicht: Die Situation hoch qualifizierter Solo-Selbstständiger unterscheidet sich
von der der abhängig Beschäftigten in vielfacher Hinsicht. Die befragten Solo-
Selbstständigen berichten davon, dass sie mit der Aufnahme dieser Erwerbsform
eine höhere Vergütung erzielen können. So geben die Interviewten an, dass sich
die Brutto-Stundenlöhne hoch qualifizierter IT-Freelancer je nach Expertise und
Einsatzgebiet durchaus auf 160 EUR pro Stunde belaufen können. Honorarärz-
tinnen und -ärzte geben an, im Rahmen ihres Einsatzes für reguläre Dienste im
Krankenhaus 80 EUR bis 120 EUR pro Stunde zu erzielen. Allerdings müssen

37Brenke 2011.
38Im Falle der Honorarärztinnen und -ärzte ist dies die Facharztqualifikation.
39Vgl. Wilkesmann et al. 2015, 2016; Teske 2014, S. 76.

40Schulze Buschoff et al. 2017; Brenke 2011, 2013.

41Dawson und Henley 2012; Amit und Muller 1995.


200 C. Ruiner et al.

sich die Solo-Selbstständigen in der Regel eigenverantwortlich und privat bzw.


freiwillig gesetzlich gegen Risiken wie Erwerbslosigkeit sowie für Krankheit und
Alter absichern.42
Neben der höheren Vergütung nehmen die befragten hoch qualifizierten Solo-
Selbstständigen in IT und Medizin eine höhere zeitliche, räumliche und inhalt-
liche Flexibilität wahr. Sie geben an, ihre Einsätze und Dienste zeitlich frei
einteilen und attraktive Projekte bzw. Auftraggeber aussuchen zu können. Bei
den befragten Honorarärztinnen und -ärzten reichen die Einsätze von einzelnen
Schichten über Wochen hinweg; auch kontinuierliche Auftragsbeziehungen lassen
sich beobachten. Im Falle der interviewten IT-Freelancer reichen die Einsätze von
Monaten über Jahre hinweg, die sie für einen Auftraggeber (projektweise) tätig
sind. Insbesondere für diese Gruppe spielt der Track Record erfolgreich durchge-
führter Projekte und Einsätze hinsichtlich der Stabilität dieser Erwerbsform eine
große Rolle. Auch die Möglichkeit überregional Erfahrungen zu sammeln sowie
vielseitig und in unterschiedlichen Bereichen tätig zu sein, wird von den befrag-
ten Solo-Selbstständigen als Vorteil erachtet.
Darüber hinaus nehmen hoch qualifizierte Solo-Selbstständige eine höhere
Autonomie im Organisationskontext wahr. Insbesondere die befragten Honorar-
ärztinnen und -ärzte formulieren, dass sie nunmehr im Gegensatz zu ihrer vor-
herigen Tätigkeit als abhängig Beschäftigte im Krankenhausalltag Chefärztinnen
und -ärzten auf Augenhöhe begegnen können. Dies führen sie darauf zurück, dass
sie formal nicht in fest gefügten Krankenhausstrukturen integriert sind.43 Dar-
über hinaus geben sie an, ihre Tätigkeit an fachlichen Kriterien bzw. am Ethos
ihrer Profession ungeachtet ökonomischer Anforderungen oder Anweisungen
durch Vorgesetzte ausrichten zu können. Daraus lässt sich schließen, dass die
befragten Honorarärztinnen und -ärzte sowie die IT-Freelancer eine ausgeprägte
Eigenverantwortlichkeit bei ihren Tätigkeiten sehen und einen hohen Anspruch
hinsichtlich ihrer Arbeitsergebnisse haben. Dazu gehört in der Perspektive der
Interviewten auch, dass sie fachlich immer auf dem neuesten Stand sein müssen,
um auf dem Markt gefragt zu sein. Dies deckt sich mit den Erkenntnissen zur

42Schulze Buschoff et al. 2017; Schulze Buschoff 2014.


43Vgl. zur Situation und Perspektive abhängig beschäftigter Ärztinnen und Ärzte Ruiner
et al. 2017 sowie Wilkesmann et al. 2016.
Hoch qualifizierte Solo-Selbstständige in IT und Medizin 201

Employability von Freelancern.44 Neben der fachlichen Qualifikation betonen


die interviewten Solo-Selbstständigen die Notwendigkeit des unternehmerischen
Denkens und der eigenen Vermarktung. Im Fall der interviewten IT-Freelancer
spiegelt sich dies auch in expliziten Angeboten wie bspw. Projektmanagement
wider. Beide Gruppen hoch qualifizierter Solo-Selbstständiger hielten soziale
und überfachliche Fähigkeiten sowie Kenntnisse in der Selbstvermarktung, Buch-
haltung und (Kosten-)Kalkulation für zentral. Außerdem wird eine hohe Anpas-
sungsfähigkeit als erforderlich erachtet, um sich schnell und immer wieder neu
auf wechselnde Organisations(um)welten und Teamkontexte einstellen zu kön-
nen. Eine wichtige Rolle für die Sicherung der Employability spielt für die Inter-
viewten neben den oben genannten Kompetenzen die passgenaue Vermittlung des
Zugangs zu Aufträgen sowie der Aushandlung von Arbeitsbedingungen. In die-
sem Zusammenhang erlangen intermediäre Akteure an Bedeutung, die im nach-
folgenden Abschnitt ausführlicher diskutiert wird.
Perspektivisch streben die befragten Solo-Selbstständigen an, diesen Erwerbs-
status zu behalten und können es sich wenig vorstellen, sich wieder von einem
Unternehmen anstellen zu lassen. Hierfür sehen sie auch gute Chancen, da nicht
erwartet werden kann, dass sich der konstatierte Fachkräfte- bzw. Fachärzteman-
gel in absehbarer Zeit legt. Als großes Risiko wird jedoch die Diskussion um die
Scheinselbstständigkeit erachtet. Sowohl die hoch qualifizierten IT-Freelancer als
auch die Honorarärztinnen und -ärzte sind mit dieser Debatte konfrontiert, zumal
ihnen von ihren Auftraggebern gespiegelt wird, dass sie befürchten, Sozialbei-
träge für diese Erwerbsgruppe nachzahlen zu müssen, und die Auftragslage in
Folge der Verunsicherung rückläufig ist. Als Ursache für diese Entwicklung wird
vor allem die fehlende Legaldefinition der Scheinselbstständigkeit angeführt.45
Die rechtliche Unsicherheit wurde nicht nur in den geführten Interviews the-
matisiert, sondern auch die rückläufige Entwicklung (hoch-)qualifizierter Solo-
Selbstständiger (siehe Abb. 1) lässt sich möglicherweise darauf zurückführen.
So befand sich die Anzahl der hoch qualifizierten Solo-Selbstständigen (ISCED
Level 5–8) in Deutschland laut Labour Force Survey im Jahr 2012 mit 985.000

44Becker 2013; Süß und Becker 2013.


45Thüsing 2011.
202 C. Ruiner et al.

Personen auf einem Höchststand und sank bis zum Jahr 2015 auf 861.300 Per-
sonen.46 Parallel dazu zeigt eine Sonderauswertung der Deutschen Rentenversi-
cherung, dass sich die Anzahl der Feststellungsentscheidungen abgeschlossener
Statusfeststellungsverfahren erhöht hat,47 obwohl sich nur die Prüfpflicht und
nicht die Gesetzeslage verändert hat. Als Konsequenz werden (neue) Intermediäre
für die hoch qualifizierten Solo-Selbstständigen in IT und Medizin relevant.

4.2 Die Rolle von Intermediären in der Aushandlung


von Arbeitsbedingungen hoch qualifizierter Solo-
Selbstständiger

Hinsichtlich der Arbeitsbedingungen hoch qualifizierter Solo-Selbstständiger,


wie z. B. Vergütung, Arbeitsinhalte, Einsatz- und Arbeitszeiten sowie Arbeitsorte
wird davon ausgegangen, dass diese vorrangig individuell ausgehandelt werden.48
Allerdings zeigt sich, dass Intermediäre – und zwar sowohl in Form klassischer
Mitgliedsorganisationen (Branchengewerkschaften, Berufsverbände) als auch in
Form von Vermittlungsagenturen und Genossenschaften – in den Arbeitsbezie-
hungen hoch qualifizierter Solo-Selbstständiger in IT und Medizin durchaus eine
Rolle spielen.49 Überraschend ist die Bedeutung berufsständischer Interessenver-
tretungsformen für die Gruppe der Solo-Selbstständigen in beiden Bereichen trotz
der unterschiedlichen Professionalisierungsgrade. So existiert bereits eine stärker
berufsständische Interessenvertretung in professionalisierten Berufsfeldern (bei-
spielsweise der Marburger Bund und spezialisierte Berufsverbände in der Medi-
zin). Allerdings sind Berufs- und Fachverbände nicht nur für die Ärztinnen und
Ärzte als Angehörige einer etablierten Profession relevant, sondern auch für die
IT-Freelancer. Gleichwohl zeigen sich hier, wie später ausführlicher erläutert
wird, deutliche Ausdifferenzierungen nach Erwerbsstatus.

46Eurostat 2016.
47Tatsächliche Statusfeststellungen nach § 7a Absatz 1 Satz 1 Viertes Buch Sozialgesetz-
buch (SGB IV): 16.666 Verfahren im Jahr 2007, 20.584 Verfahren im Jahr 2014; tatsächli-
che Statusfeststellungen nach § 7a Absatz 1 Satz 2 SGB IV: 7.702 Verfahren im Jahr 2007,
46.768 Verfahren im Jahr 2014; Bundesregierung 2015, S. 14.
48Schmierl 2006; Töpsch et al. 2001.

49Dazu ausführlich Apitzsch et al. 2016.


Hoch qualifizierte Solo-Selbstständige in IT und Medizin 203

Die relevanten Intermediäre adressieren jeweils in unterschiedlicher Art und


Weise die aus Sicht der befragten Solo-Selbstständigen zentralen Probleme und
Beratungsbedarfe hinsichtlich der Marktorientierung (v. a. zu Honorarhöhen),
Sozialversicherung, Vertragsgestaltung und Vermittlung passgenauer Auftragsan-
gebote. Die Frage, welche Honorare in welchem fachlichen Bereich, bei welcher
Qualifikation oder in welcher Region – die Liste der relevanten Kontextfaktoren
ließe sich weiter fortsetzen – gefordert werden können, kann sich für den Zugang
zu Aufträgen als zentral erweisen. Zu niedrige Honorarforderungen können den
eigenen Marktwert wie lokale Standards gefährden. Zu hohe Honorarforderungen
wiederum können den Zugang zu Aufträgen behindern. Daher gehen die befrag-
ten Solo-Selbstständigen mit Blick auf zukünftige Auftragsvergaben in den Aus-
handlungen auch Kompromisse ein.
Sozial- und arbeitsrechtliche Fragen gewinnen vor dem Hintergrund der oben
skizzierten zunehmenden Problematisierung der Scheinselbstständigkeit, aber
auch vor dem Hintergrund nur begrenzt kalkulierbarer zukünftiger Einkommens-
entwicklungen an Bedeutung.50 Die Vertragsgestaltung – insbesondere hinsicht-
lich Verantwortung/Zuständigkeiten, Autonomie, Zeitrahmen oder Intensität der
Arbeitseinsätze – sowie die fachlich passgenaue Vermittlung sind zentral für die
befragten hoch qualifizierten Solo-Selbstständigen. Bemerkenswert sind in die-
sem Zusammenhang zum einen vielfältige neue Angebote, mit denen (Multi-)
Branchengewerkschaften wie ver.di und IG Metall auf Solo-Selbstständige als
einer traditionell weniger im Fokus stehenden Erwerbsgruppe zugehen.51 Diese
Angebote beziehen sich in den von uns untersuchten Branchen insbesondere auf
sozialrechtliche Fragen und auf die Marktorientierung. Dabei unterhalten die
genannten Gewerkschaften spezielle Angebote für Solo-Selbstständige, die darauf
zielen, durch die Förderung von persönlichem Austausch Transparenz über die
Höhe von Vergütungen zu schaffen.
Hindernisse für diesen Austausch liegen u. a. in der Konkurrenz der Solo-
Selbstständigen untereinander. Daher wird seitens der Gewerkschaften in indivi-
duellen Beratungen darüber informiert, welche Ausgaben, z. B. für die allgemeine
Lebenshaltung und Sozialversicherung, bei den Honorarforderungen zu berück-
sichtigen sind. Beratungen über realistische Honorare, Sozialversicherungs- und

50Vgl.u. a. die Beiträge von Bücker, Fachinger, Schlegel und Thiede in diesem Band.
51Vgl.Haake 2016; IG Metall 2015; IG Metall Vorstand 2015, S. 11; Gottschall und Kroos
2007; Pernicka et al. 2007 sowie Mirschel in diesem Band.
204 C. Ruiner et al.

Vertragsgestaltungsfragen bieten auch neue erwerbsstatusspezifische Berufs-


verbände für Solo-Selbstständige an, die über berufsgruppenspezifische Markt-
kenntnis verfügen.52 IT-Freelancer und Honorarärztinnen und -ärzte werden somit
interessanterweise weniger von den etablierten Berufsverbänden als von neuen,
berufsspezifischen Verbänden für solo-selbstständige Berufsangehörige vertreten
und beraten, was zum Teil politische Konflikte zwischen abhängig Beschäftigten
und Selbstständigen widerspiegelt und zum Teil fehlende Expertise und Befugnis
seitens der etablierten Berufsverbände und -gewerkschaften hinsichtlich der spe-
zifischen (insbesondere rechtlichen) Beratungsbedarfe der Solo-Selbstständigen
impliziert.53 In der Medizin gibt der entsprechende Berufsverband Richtlinien für
Stundensätze heraus, an denen sich die Mitglieder orientieren können. Berufs-
verbände bieten insofern ein Forum für Marktorientierung, fachlichen Austausch
sowie Rechtsberatung hinsichtlich des Beschäftigungsstatus, d. h. insbesondere
zu Fragen der Sozialversicherung.
Darüber hinaus sind neue intermediäre Akteure in den Aushandlungsprozes-
sen der Arbeitsbedingungen für die hoch qualifizierten Solo-Selbstständigen in
IT-Dienstleistungen und Medizin zentral. Besonders wichtig sind hier (z. T. spe-
zialisierte) Agenturen, die in der Erfahrung der Interviewten die Zugangswege
zu Aufträgen (beispielsweise im Vergleich zu den früher bedeutenderen sozialen
Beziehungen) zunehmend dominieren. Kritisch ist in dieser Hinsicht die Pass-
genauigkeit von Qualifikationsbedarf und -angebot, die für die interviewten Solo-
Selbstständigen bei großen Vermittlern zum Teil nicht immer gewährleistet ist,
sodass sie im Kontakt mit potenziellen Kunden diese selbst überprüfen oder sich
nach Möglichkeit durch spezialisiertere Agenturen vermitteln lassen. Neben der
Vermittlung von Aufträgen zwischen Solo-Selbstständigen und Auftraggebern
als ihrem eigentlichen Kerngeschäft bieten Agenturen auch Beratungen hinsicht-
lich der Ausgestaltung der Aufträge an oder sie verhandeln direkt selbst. Dabei
werden Agenturen zum Teil als unflexibel in Bezug auf Honorarvorgaben erlebt.
Für Honorarärztinnen und -ärzte gibt es weitgehend einheitliche Stundensätze,
die jedoch hinsichtlich der vorhandenen Zusatzqualifikationen und der Anforde-
rungsprofile seitens der Auftraggeber variieren, d. h. je nachdem, ob es sich um
die Abdeckung einer spezialisierten Zusatzqualifikation (z. B. Säuglingsnarkose)
oder um klassische Einsatzgebiete (z. B. Bereitschaftsdienste) handelt, können
unterschiedliche Vergütungshöhen verlangt werden. Bei IT-Freelancern basiert

52Apitzsch et al. 2016.


53Apitzsch et al. 2016.
Hoch qualifizierte Solo-Selbstständige in IT und Medizin 205

der Stundensatz ebenfalls auf ihrer Expertise.54 In dieser Hinsicht sind Angebote
aus den digitalen Verteilern und Internetplattformen der Agenturen für die inter-
viewten Solo-Selbstständigen ein wichtiges „Marktbarometer“, das die Transpa-
renz über übliche Honorare erhöht.
Die aus Sicht der befragten Solo-Selbstständigen oft fehlende Kenntnis der
Vermittlungsgebühren sowie die nicht immer zuverlässige Passgenauigkeit sind
Ausgangspunkt von neuen Formen der Selbstorganisation, die sich als Hybrid
zwischen Mitgliedsorganisation und Labour Market Intermediary bezeichnen
lässt:55 Solo-Selbstständige in IT und Medizin gründen Genossenschaften, die
ähnliche Funktionen wie Agenturen übernehmen, indem sie Aufträge vermitteln
und Verträge aushandeln, aber auch zu Fragen des Sozialversicherungsstatus
oder zu Haftungsfragen beraten. Im Vergleich zu Agenturen basieren sie jedoch
auf demokratischen Organisationsprinzipien, die den Mitgliedern Mitsprache
an der Gestaltung von Rahmenverträgen und Provisionshöhen ermöglicht und
ein hohes Maß an Transparenz bietet. Auch reklamieren diese Genossenschaf-
ten gegenüber Agenturen eine höhere Vermittlungsqualität für sich, da mit ihnen
Fachkolleginnen und -kollegen in die Vermittlung involviert sind und sie für Solo-
Selbstständige die Auftragsdaten und für Auftraggeber die Kernkompetenzen der
Solo-Selbstständigen transparent machen.

5 Diskussion der (Regulierungs-)Perspektiven und


Ausblick

In der Betrachtung der Aushandlung von Arbeitsbedingungen hoch qualifizierter


Solo-Selbstständiger in IT und Medizin zeigt sich, dass diese nicht nur individu-
ell erfolgt, sondern durch kollektive bzw. intermediäre Akteure wie Gewerkschaf-
ten und Berufsverbände, aber auch Agenturen und Genossenschaften unterstützt
werden. Hinweise auf Regulierungsperspektiven können daran ansetzen. Ins-
besondere werden bei den Intermediären Beratungsleistungen nachgefragt, die
von Honorarkalkulationen über Beratungen zum Sozialversicherungsrecht sowie
zur Vertragsgestaltung reichen. An dieser Stelle haben sich berufsspezifische
Verbände für die Erwerbsgruppe der Solo-Selbstständigen etabliert. Diese nach
Erwerbsstatus getrennte Interessenvertretung kann für hybride Erwerbsmodelle
eine Vertretungslücke oder aber zumindest eine fragmentierte Interessenvertre-
tung implizieren. Darüber hinaus sind für hoch qualifizierte Solo-Selbstständige

54Apitzsch et al. 2016.


55Apitzsch et al. 2016.
206 C. Ruiner et al.

in den IT-Dienstleistungen und der Medizin Agenturen sowie Genossenschaften


relevant, die zwischen Angebot und Nachfrage vermitteln und die Rahmenbedin-
gungen der Arbeit festlegen.
Im Ergebnis tragen die unterschiedlichen intermediären Akteure einerseits zu
einer Ausdifferenzierung der Arbeitsbedingungen bei, indem sie individualisierte
Aushandlungen übernehmen; andererseits setzen sie Standards und vereinheitli-
chen Arbeitsbedingungen. Darüber hinaus unterstützt die Beratung zu angemes-
senen Honorarhöhen und zur Vertragsgestaltung, die von Berufsverbänden und
von (Multi-)Branchengewerkschaften angeboten wird, die direkten individuellen
Aushandlungen zwischen Solo-Selbstständigen und ihren Auftraggebern in den
IT-Dienstleistungen und der Medizin. Dabei wird der Austausch der Solo-Selbst-
ständigen untereinander gefördert und es werden Musterverträge bereitgestellt.
Die Nutzung der verschiedenen Angebote von Intermediären lassen sich auch
vor dem Hintergrund der spezifischen Marktlagen und -risiken von hochqualifi-
zieren Solo-Selbstständigen verstehen. Neben der prominenten Rolle von sozi-
alrechtlicher und Vertragsberatung zeigt sich, dass in den Aushandlungen und in
den Zugangswegen zu Aufträgen zukünftige Beschäftigungschancen, aber auch
Interessen an adäquaten Arbeitsbedingungen zur Wahrung fach-/professionsspezi-
fischer Standards eine zentrale Rolle spielen, die oft bereits für den Schritt in die
Selbstständigkeit handlungsleitend sind.
Mit Blick auf die Arbeitsbedingungen bleibt bislang z. B. die Arbeitszeit von
Solo-Selbstständigen unreguliert. Da sie nicht über einen Arbeitsvertrag an ihre
Arbeitgeber gebunden sind, gilt für sie das Arbeitszeitgesetz nicht und es wird
in der Folge auch nicht kontrolliert, ob z. B. hinterlegte Pausenzeiten eingehal-
ten werden.56 Dies liegt vielmehr in der Verantwortung der Solo-Selbstständigen
selbst und es ist hinsichtlich der Qualität der Dienstleistungen wie auch hin-
sichtlich des Arbeits- und Gesundheitsschutzes darauf zu vertrauen, dass Ruhe-
zeiten eingehalten werden. Dieses Problem wird besonders virulent bei hybrider
Selbstständigkeit, bei der sich die Arbeitszeit der solo-selbstständigen Tätigkeit
zur Arbeitszeit als abhängig Beschäftigter addiert. Auch die Abgaben an Sozi-
alversicherungen wie insbesondere die Rentenversicherung sind für die meisten
Solo-Selbstständige nicht obligatorisch.57 Eine Ausweitung der sozialen Siche-
rungssysteme auf die Gruppe der Solo-Selbstständigen würde von den Befragten
begrüßt bzw. die Errichtung einer eigenen Institution bzw. eines Versorgungswer-
kes jenseits von Selbstständigen in Kunst und Publizistik befürwortet werden.

56Vgl. Bücker in diesem Band.


57Vgl. Welskop-Deffaa 2016 und Fachinger sowie Schlegel in diesem Band.
Hoch qualifizierte Solo-Selbstständige in IT und Medizin 207

Hinsichtlich der (Regulierungs-)Perspektiven zu diskutieren wäre schließlich


die Debatte zur Scheinselbstständigkeit, die im Kontext der Solo-Selbststän-
digkeit eine große Rolle spielt.58 Im Kern geschützt werden sollen Solo-Selbst-
ständige, die als Werkvertragsnehmerinnen bzw. -nehmer zu schlechteren
Konditionen, d. h. prekäre(re)n Arbeitsbedingungen, Arbeiten für Auftragneh-
mer übernehmen und dabei die abhängig Beschäftigten preismäßig unterbieten.
Im Falle der in diesem Beitrag betrachteten hoch qualifizierten Solo-Selbststän-
digen in IT und Medizin ist es jedoch so, dass sie über (in deren Perspektive)
bessere Arbeitsbedingungen als vergleichbare abhängig Beschäftigte verfügen
und mehr als ihre angestellten Kolleginnen und Kollegen verdienen. So nehmen
sich die Befragten in der aktuellen Debatte als „Kollateralziel“ wahr und beob-
achten reale wirtschaftliche Konsequenzen wie einen Rückgang der Auftragslage
angesichts der Verunsicherung von Auftraggebern, die es zunehmend vermeiden,
Solo-Selbstständige zu engagieren und eher auf Agenturen zur Vermittlung von
Expertinnen und Experten zurückgreifen. Die Position von Agenturen am Markt
wird damit gestärkt und sie richten ihr Geschäftsmodell darauf aus, die Exper-
tinnen und Experten entweder als Solo-Selbstständige zu vermitteln und einen
vertraglichen Rahmen zu schaffen, der die Frage nach der Scheinselbstständigkeit
entschärft oder die hoch qualifizierten Personen selbst anzustellen und als Zeitar-
beitskräfte zu vermitteln.
Aus Perspektive der hoch qualifizierten Solo-Selbstständigen selbst wäre es
auch eine Option, sich (wieder) in Unternehmen direkt anstellen zu lassen. Aller-
dings würde dies eher als Rückschritt wahrgenommen, weil die Situationen im
ehemaligen Angestelltenverhältnis häufig der Grund für den Wechsel in die
Solo-Selbstständigkeit waren und sie die Arbeitsbedingungen ihrer selbststän-
digen Arbeit (Autonomie, Selbstorganisation etc.) sehr schätzen. So wählen die
hoch qualifizierten Solo-Selbstständigen ihren Erwerbsstatus in der Regel nicht
aufgrund mangelnder Alternativen. Hypothetisch ist die Aufgabe der Selbststän-
digkeit und des Re-Entry nach dem Exit noch etwas realistischer für Honorarärz-
tinnen und -ärzte, die angesichts der derzeitigen Lage im Gesundheitswesen und
des Unterangebots an Arbeitskräften schnell eine adäquate Festanstellung finden
könnten.59 In der Medizin ist auch die Kombination der Solo-Selbstständigkeit

58Mayer und Paasch 1990.


59Die Niederlassung und somit selbstständig zu arbeiten, ist seit 1999 mit der Einführung
der Zulassungsbeschränkung von überversorgten Gebieten und der damit einhergehenden
Zustimmungspflicht des Zulassungsausschuss der jeweils zuständigen Kassenärztlichen
Vereinigung für die Ärztinnen und Ärzte keine wirkliche Alternative – es sei denn, sie
beschränken sich auf reine privatärztliche Tätigkeiten.
208 C. Ruiner et al.

mit einer angestellten Teilzeittätigkeit in einem Krankenhaus, d. h. ein zeitglei-


ches Nebeneinander abhängiger und selbstständiger Erwerbsarbeit, durchaus
möglich. Im Vergleich dazu sind hoch qualifizierte Expertinnen und Experten in
der IT-Branche zwar ebenfalls stark nachgefragt, jedoch ist die Nachfrage nach
Spezialqualifikationen eher an bestimmte Projekte gebunden und entsprechend
schwankend. Der stabile Erwerbsstatus der hoch qualifizierten Solo-Selbstständi-
gen in der Medizin und im IT-Bereich wird folglich durch äußere Faktoren dyna-
misiert und (mehrfache) Wechsel zwischen abhängiger und selbstständiger Arbeit
forciert. Es kann schließlich für hoch qualifizierte Solo-Selbstständige in beiden
Bereichen angenommen werden, dass sie keinen Ausschluss aus dem Erwerbsle-
ben zu befürchten haben – vielmehr werden die Erwerbshybridisierung und ihre
verschiedenen Ausprägungen zunehmend relevant.

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Selbstständige Arbeit als Grenzgang
Erwerbshybridisierungen im Kulturbereich

Alexandra Manske

Zusammenfassung
Der Artikel beleuchtet das Thema Erwerbshybridisierung am Beispiel des
Kulturbereiches. Dort zeichnet sich ab, dass Erwerbsverläufe zunehmend
mehrgleisig sind und eine steigende Anzahl an Erwerbstätigen zu Grenzgän-
gern und Grenzgängerinnen werden, die die Grenzen der unterschiedlichen
Erwerbsformen ausloten. Die These ist, dass Grenzgänger und Grenzgän-
gerinnen die Erwerbsform Selbstständigkeit flexibel nutzen, um Berufs- und
Lebenskonzepte mit Arbeitsmarktrealitäten zu synchronisieren. Eine pra-
xisnahe Betrachtung von Arbeitsverhältnissen sollte sich dem Phänomen der
Erwerbshybridisierung zuwenden, da Grenzgänge zwischen Erwerbsformen,
zwischen Arbeitsverhältnissen sowie zwischen Erwerbsfeldern als eine Ver-
schränkung der Flexibilisierung von Arbeit mit individuellen Erwerbsstrate-
gien zu verstehen sind. Es wird untersucht, in welchen Formen Grenzgänge im
Kulturbereich auftreten und zwischen drei Dimensionen unterschieden.

1. Die erste Dimension bezieht sich auf Grenzgänge zwischen Erwerbsfeldern.


2. Die zweite Dimension bezieht sich auf das Pendeln zwischen selbstständi-
ger und abhängiger Arbeit.
3. Die dritte Dimension ist ein berufsethisch motivierter Grenzgang, der als
Standbein-Spielbein-Strategie ausgeführt wird.

A. Manske (*) 
Universität Hamburg, Hamburg, Deutschland

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018 213


A. D. Bührmann et al. (Hrsg.), Hybride Erwerbsformen,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-18982-2_9
214 A. Manske

Exemplarisch werden diese Phänomene am Beispiel qualitativer Daten disku-


tiert, die aus einer soziologischen Feldstudie der Designbranche stammen.

Schlüsselwörter
Kulturarbeitsmarkt · Selbstständige Arbeit · Erwerbshybridisierung · Positionie-
rungsstrategien · Ökonomie der Not versus Ökonomie der Selbstverwirklichung

1 Einleitung

Die aktuelle Forschung zum Thema (Solo-) Selbstständige weist zu Recht auf
deren soziale Heterogenität hin.1 Der überwiegende Teil der (Solo-) Selbststän-
digen arbeitet nicht mehr in den klassischen Feldern beruflicher Selbstständigkeit
wie Handwerk, Handel oder Landwirtschaft, sondern ist im weiten Feld der sozi-
alen Dienstleistungs- und Kulturberufe tätig, also sowohl in klassischen Kunstdis-
ziplinen,2 wie auch in wissensintensiven, öffentlichen sowie privatwirtschaftlich
organisierten Dienstleistungsbereichen der Kultur- und Medienwirtschaft und
des Journalismus.3 Will man eine strukturelle Gemeinsamkeit zwischen dieser
äußerst diversen sozialen Gruppe ausmachen, dann findet sie sich in der Denkfi-
gur der Grenzgänger und Grenzgängerinnen des Arbeitsmarktes.4 Diese agieren
auf Basis eines instabilen Erwerbsstatus’, der Statuswechsel zwischen verschie-
denen Arbeits- und Beschäftigungsformen impliziert, sodass sich verschiedene
Erwerbskonstellationen und Arbeitsformen zu einer hybriden Erwerbsbiografie
zusammen fügen. Die soziale Lage dieser Erwerbstätigengruppe ist mindestens
in zweierlei Hinsicht unsicher. Zum einen, weil sie sich z. T. in einem sozialpoli-
tischen Schwebezustand mit eingeschränkten sozialen Teilhaberechten befinden,5
zum anderen sind sie Grenzgängerinnen und Grenzgänger zwischen Erwerbsfor-
men, die zwischen selbstständiger und abhängiger Arbeit pendeln.6

1Bögenhold und Fachinger 2015; Gather et al. 2014.


2Haak 2008; siehe auch den Beitrag von Kay et al. in diesem Band.
3Manske und Scheffelmeier 2014; Bögenhold und Fachinger 2010.

4Fachinger 2014.

5Grimm et al. 2013.

6Fachinger 2014, S. 122 ff.


Selbstständige Arbeit als Grenzgang 215

Erwerbshybridisierung ist ein bislang wissenschaftlich kaum bearbeitetes


Thema.7 Zumeist wird dieses Phänomen im Zusammenhang von mehrgleisigen
Erwerbs- und Berufskarrieren, als ein Aspekt des Strukturwandels zur Dienst-
leistungsgesellschaft,8 zunehmender (Solo-) Selbstständigkeit9 und schließlich
auch als Kennzeichen der Arbeitswelt 4.0 umschrieben.10 Für das Problem einer
Vervielfältigung von Erwerbsverläufen und der Erwerbshybridisierung sind die
Kultur- und Kreativberufe ein interessantes Untersuchungsfeld. In diesem Beitrag
werden aber keine Erwerbsverläufe im methodischen Längsschnitt betrachtet.11
Im Folgenden stellt sich vielmehr die Frage, in welchen empirischen Formen
Erwerbshybridisierung auftritt und nach welchen Dimensionen sich dieses Phä-
nomen differenzieren lässt, um eine praxisnahe Analyse von selbstständiger
Arbeit im Kulturbereich vornehmen zu können. Exemplarisch herangezogen wird
zu diesem Zweck die Designbranche. Damit wird eine Berufsgruppe in den Blick
genommen, die in der Vergangenheit mit am stärksten sowohl zum Erwerbstäti-
genzuwachs in den Kultur- und Kreativberufen als auch zum Strukturwandel
von selbstständiger Arbeit beigetragen hat;12 und zwar sowohl zur steigenden
Quote selbstständiger Arbeit als auch zu ihrem generischen Wandel, nämlich zur
Zunahme von allein arbeitenden Selbstständigen.13 In der Designbranche liegt der
Selbstständigenanteil stellenweise bei bis zu siebzig Prozent.14 Allerdings deu-
ten verschiedene Untersuchungen darauf hin, dass die empirischen Verhältnisse
deutlich heterogener sind und selbstständige Arbeit vielmehr auch Grenzgänge
zwischen verschiedenen Arbeits- und Beschäftigungsformen umfasst. Zudem gibt
es Anzeichen, dass sich im gesamten Kulturbereich – wenngleich nicht nur dort,
sondern auch in klassischen Professionen wie etwa im Berufsfeld Psychologie
oder Medizin15 – hybride Arbeitsverhältnisse entwickelt haben.

7Bögenhold und Fachinger 2015.


8Häußermann und Siebel 1995.
9Dietrich 1998.

10Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2017.

11Siehe Böhnke et al. 2015.

12Schulz 2016; Mai und Marder-Puch 2013, S. 490.

13Dallinger et al. 2016, S. 133. Von den 35,9 Mio. Kernerwerbstätigen waren im Jahr 2014

3,7 Mio. selbstständig, davon knapp 1,7 Mio. als Arbeitgeber-Selbstständige und 2,0 Mio.


als sogenannte Solo-Selbstständige. So sind inzwischen 5,7 Prozent der Kernerwerbstäti-
gen in Deutschland solo-selbstständig.
14Söndermann 2012.

15Hoff et al. 2007.


216 A. Manske

So konstatiert Betzelt mehrgleisige Erwerbskarrieren für den Journalismus


und die Designberufe.16 Keuchel diagnostiziert auf Basis des „Report Darstel-
lende Künste“, dass die Individuen durch die Flexibilisierung von Arbeit im
Kulturbereich quasi strukturell gezwungen werden, selbstständige und abhän-
gige Arbeitsverhältnisse miteinander zu kombinieren.17 Die damit einhergehende
Verunsicherung von Lebenslagen signalisiere eine Ökonomie der Not18 aus der
heraus die Erwerbstätigen alle Beschäftigungsmöglichkeiten annehmen würden.19
Egbringhoff sowie Grimm et al. zeigen weitergehend, dass eine Ökonomie der
Not oft in eine „Selbstständigkeit auf Zeit“20 mündet, um etwa eine drohende
Arbeitslosigkeit oder generell soziale Exklusion abzuwenden.
Ebenso sprechen unsere Befunde dafür, dass Grenzgänge im Kern eine Unsi-
cherheitsbewältigungsstrategie sind, die immer dann als kraftraubende Zerreiß-
probe erlebt wird, wenn die wirtschaftliche Lage anhaltend prekär bleibt. Es
drängt sich daher die Annahme auf, dass Grenzgänge nicht per se individuell
erwünscht sind, sondern wesentlich durch materiell prekäre Soziallagen entste-
hen.21 Zum anderen zeigen die Daten aber auch, dass dabei nicht nur Fragen der
sozialen Absicherung eine Rolle spielen, sondern dass es darüber hinaus immer
auch um die Idee einer berufsethisch zufriedenstellenden Lebensführung geht.
Anzunehmen ist deshalb weiter, dass die Erwerbsform Selbstständigkeit von
den Erwerbstätigen flexibel genutzt wird, um Berufs- und Lebenskonzepte mit
Arbeitsmarktrealitäten zu synchronisieren. Die These lautet nun, dass selbststän-
dige Arbeit oftmals keine abgegrenzte und über die Zeit stabile Erwerbsform ist,
sondern dass sich in den Kulturberufen Grenzgänge zwischen Erwerbsformen,
Arbeitsverhältnissen sowie zwischen Erwerbsfeldern entwickeln, in denen sich
auf Akteursebene eine Ökonomie der Not in spezifischer Weise mit einer Ökono-
mie der Selbstverwirklichung verkoppelt.22
Der Artikel ist wie folgt gegliedert: Nach einer knappen Begriffsklärung von
Kulturberufen werden drei Dimensionen von Erwerbshybridisierung eingeführt
und erläutert. Danach werden Grenzgänge und ihre Dimensionen anhand von kur-
zen Fallbeispielen aus der Designbranche empirisch illustriert. Der letzte Abschnitt
fasst die Ausführungen zusammen und wirft weitere Diskussionsfragen auf.

16Betzelt2006.
17Keuchel 2009.
18Bögenhold und Staber 1990.

19Keuchel 2009, S. 29.

20Grimm et al. 2013; Egbringhoff 2007, S. 345.

21Vgl. Bögenhold und Fachinger 2012, S. 8 f.

22Vgl. Bögenhold und Staber 1990; Bögenhold 1985.


Selbstständige Arbeit als Grenzgang 217

2 Drei Dimensionen von Erwerbshybridisierung im


Kulturbereich

Die Kulturberufe sind weder mit den Erwerbstätigen im Kultursektor noch mit
dem (politischen) Konzept der Kultur- und Kreativwirtschaft identisch. Vielmehr
kann die Erwerbstätigkeit im Kultur- und Kreativbereich anhand von zwei Kon-
zepten gemessen werden.23 Nach dem Konzept der Kulturberufe werden alle in
einem Kulturberuf tätigen Personen in die Analysen einbezogen, dagegen im
Konzept der Kulturbeschäftigung nach Wirtschaftszweigen alle Beschäftigten
einer Branche unabhängig von deren ausgeübten Beruf betrachtet.24 Nicht die
Differenz der Berufsgruppen ist dabei der wesentliche Unterschied zwischen
den beiden Systematiken, sondern die Konzeption nach Berufsgruppen ver-
sus Wirtschaftszweigen.25 Obwohl die zwei verschiedenen Betrachtungsweisen
aus Sicht der Wirtschaftsstatistik lediglich unterschiedliche Dimensionen wirt-
schaftlicher Aktivitäten erfassen, zum einen die Arbeitsnachfrageseite in Form
von Wirtschaftszweigen/Branchen und zum anderen die Arbeitsangebotsseite in
Form von Berufsgruppen, ist zu konstatieren, dass etwa die Berichte des Bundes-
ministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi)26 eher mit dem Konzept der
Wirtschaftszweige operieren und vornehmlich nach Produktivitätskennziffern
fragen, während Berichterstattungen mit einem eher soziologischen Fokus, wie
etwa der Enquete-Bericht „Kultur in Deutschland“27 oder Schulz28 nahelegen, der
Definition nach Berufsgruppen zu folgen.29 Kulturberufe werden darin nach der

23Liersch und Asef 2015.


24Liersch und Asef 2015, S. 9.
25In Bezug auf die Tätigkeitsbereiche gibt es lediglich zwei Differenzen zwischen den bei-

den Konzepten. Im Konzept nach Teilmärkten und Wirtschaftszweigen des Bundesminis-


teriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) wird Architektur aufgeführt (Bertschek et al.
2016, S. 2 f.), während die Klassifikation nach Berufsgruppen des Statistischen Bundesam-
tes nicht Architektur insgesamt, sondern lediglich Innenarchitektur als Kulturberuf klassi-
fiziert. Zudem zählen Software/Games nicht als Kulturberuf. Darüber hinaus verteilen sich
die vom BMWi als zwölf kultur- und kreativwirtschaftliche Wirtschaftszweige klassifizier-
ten Branchen auf die Kulturberufe nach Liersch und Asef 2015.
26Zum Beispiel Bertschek et al. 2016.

27Deutscher Bundestag 2007.

28Schulz 2016.

29Liersch und Asef 2015, S. 10.


218 A. Manske

­ lassifikation der Berufe 2010 definiert und in 22 Berufsfelder aufgeteilt.30 Dem-


K
nach arbeiteten im Jahr 2013 rund 1,3 Mio. Menschen in den Kulturberufen – das
sind 3,1 % aller Erwerbstätigen in Deutschland.31 Zudem weisen diese Berufsfel-
der mit etwa vierzig Prozent den höchsten Anteil an Solo-Selbstständigen auf.32
In Bezug auf die soziale Lage sowie im Hinblick auf eine potenzielle Ökono-
mie der Not als Motiv für erwerbshybride Grenzgänge lohnt sich ein Blick auf
die Einkommensverhältnisse. So haben Untersuchungen zu Einkommensverhält-
nissen in den Kulturberufen in der Vergangenheit zwei Tendenzen aufgezeigt:
Zum einen liegen die erzielten Durchschnittseinkommen weit unter dem, was
andere Erwerbstätige mit vergleichbarem Bildungsniveau erzielen.33 Zum ande-
ren unterliegen die Einkommenshöhen großen Schwankungen und einer starken
sozialen Polarisierung; von weit überdurchschnittlichen bis zu Einkommen an
der Armutsschwelle.34 Insgesamt aber sind die erzielten Einkommen sowohl auf
Ebene der individuellen Bruttoerwerbseinkommen als auch auf Ebene der Haus-
haltsnettoeinkommen niedriger als im Durchschnitt.35 Dies gilt insbesondere für
die wachsende Anzahl von freiberuflich Erwerbstätigen.36
Betzelt beschreibt in ihrer wissenssoziologischen Analyse über Alleindienst-
leister und Alleindienstleisterinnen in den Kulturberufen, dass einige mehrgleisig
arbeiten und dies bisweilen.

(…) parallel über mehrere Jahre hinweg freiberuflich und zugleich angestellt mit
jeweils unterschiedlichen Tätigkeitsschwerpunkten, die sich über die Jahre auch ver-
schieben können. (…).37

Grenzgänge zwischen unterschiedlichen Erwerbsformen treten demnach im Jour-


nalismus wie in überwiegend privatwirtschaftlich organisierten Kreativarbeits-
märkten, aber auch in den klassischen Kunstdisziplinen, etwa im Bereich der
Darstellenden Künste, auf.38 Keuchel bündelt diese Entwicklungstendenz wie

30Paulus und Matthes 2013.


31Schulz 2016, S. 52; Söndermann 2014.
32Schulz 2016, S. 54.

33Schulz et al. 2013.

34Söndermann 2012; Haak 2005.

35Schulz et al. 2013, S. 222, auf der Basis von Auswertungen des sozio-ökonomischen Panels.

36Bögenhold und Fachinger 2012, S. 11, unter Verwendung des Mikrozensus.


37Betzelt2006, S. 58.
38Siehe den Beitrag von Kay et al. in diesem Band sowie Bögenhold und Fachinger 2012

oder Krause 2010.


Selbstständige Arbeit als Grenzgang 219

folgt. Heute existiert „(…) eine dritte Gruppe, die sowohl freiberuflich als auch
über Zeitverträge (…) abhängig beschäftigt ist (…)“,39 und sich insofern „zwi-
schen den Welten“40 bewegt.
Doch wie sich dieses mehrgleisige Arbeiten „zwischen den Welten“ analytisch
genauer fassen lässt, um den Zusammenhang von Flexibilisierung von Arbeit und
individuellen Bewältigungsstrategien methodisch differenziert zu beleuchten,
ist bislang noch eine offene Forschungsfrage. Die folgenden Ausführungen zie-
len deshalb darauf ab, im Sinne einer tentativen Annäherung eine empirieorien-
tierte und differenzierte Betrachtungsweise von Erwerbshybridisierung nach drei
Dimensionen vorzuschlagen.

2.1 Dimension 1: Grenzgänge zwischen Erwerbsfeldern

Die erste Dimension von Erwerbshybridisierung bezieht sich auf Grenzgänge


zwischen Erwerbsfeldern. Wie Ebert et al. analysiert haben, ist die Entstehung
von Grenzgängen eine Begleiterscheinung der zunehmenden Verflechtung von
öffentlich geförderten und privatwirtschaftlich regulierten Erwerbsfeldern im
Kulturbereich.41 „Grenzgang“ hat zunächst eine wirtschaftssektorelle Konnota-
tion und heißt, dass die individuellen Erwerbsstrategien sowohl auf den privat-
wirtschaftlichen wie auch auf den öffentlichen und nicht-kommerziellen Bereich
der Kulturproduktion gerichtet sind. Angesichts einer zunehmenden Kommodifi-
zierung von künstlerisch-kreativer Arbeit und der Ausdehnung von Projektarbeit
lassen sich Entgrenzungen und Überschneidungen von künstlerisch-kreativer
Arbeit beobachten.42 Wer z. B. als Kameramann, -frau, freier Redakteur oder
freie Redakteurin für den öffentlichen Rundfunk arbeitet, hat oftmals eben-
falls freiberufliche Aufträge aus dem Privatfunk und überbrückt dadurch die im
öffentlich finanzierten Kulturarbeitsmarkt entstehenden Einkommenslücken. Zu
berücksichtigen sind bei der Erstellung eines Fernseh- bzw. Rundfunkbeitrags
etwa auch die bisweilen unterschiedlichen Zielgruppen von öffentlich finanzier-
tem Medienbereich und Privatfunk. Lektoren und Lektorinnen sowie Übersetzer

39Keuchel 2009, S. 1.


40Keuchel 2009, S. 2.
41Ebert et al. 2012.

42Vgl. Reckwitz 2012, S. 133 ff.; Manske und Schnell 2010.


220 A. Manske

und Übersetzerinnen wiederum verfolgen oft parallel verschiedene Tätigkeits-


schwerpunkte wie z. B. neben dem Kernberuf auch Redigieren und Schreiben.
Eingebettet ist dies entweder in zeitgleiche oder sequenzielle Muster von zuerst
abhängiger und dann freiberuflicher Arbeit.43 Dabei ist es erforderlich, sich auf
die unterschiedlichen Arbeits- und Beschäftigungslogiken der jeweiligen Teil-
märkte, z. B. im Hinblick auf Vertrags- und Bezahlungsmodalitäten oder auf
unterschiedliche Bedingungen der Leistungserbringung einzustellen.
Insgesamt lassen sich mit dieser auf Strukturbedingungen des Arbeitsmarktes
Kultur fokussierten Dimension Grenzgänge zwischen unterschiedlichen Erwerbs-
feldern des Kulturbereichs und deren unterschiedliche Marktbedingungen wie
etwa öffentliche oder privatwirtschaftliche Marktform in den Blick nehmen.

2.2 Dimension 2: Grenzgänge zwischen Erwerbsformen

Diese Dimension fokussiert auf Grenzgänge zwischen Erwerbsformen. Im


Zusammenhang mit Grenzgängen zwischen unterschiedlich organisierten Märk-
ten des Kulturbereichs und angesichts deren Strukturdynamiken kristallisieren
sich im Kontext einer Zunahme von befristeten und projektbestimmten Arbeits-
verhältnissen, etwa bei den Darstellenden Künsten, Erwerbsformen heraus, die
sich durch einen dynamischen Statuswechsel zwischen abhängiger und selbst-
ständiger Arbeit auszeichnen.44 So haben etwa Schauspieler und Schauspie-
lerinnen ihren Beruf in Deutschland traditionell in abhängiger Beschäftigung
ausgeübt.45 Doch insbesondere seit der Privatisierung des öffentlichen Rund-
funks46 und den Rentabilitätsanforderungen an den öffentlichen geförderten
Theaterbetrieb ist auch in diesem Feld ein steigender Anteil von freiberuflichen
Erwerbsformen sowie von projektbezogenen Arbeitsverhältnissen – und somit
eine steigende Marktabhängigkeit von Darstellenden Künstlern und Künstlerin-
nen – zu verzeichnen.47 Wer z. B. als zeitlich befristete Kostümausstatter und
Kostümausstatterin am Theater tätig und damit auf Projektbasis oder mit einem
temporären Arbeitsvertrag beschäftigt ist, ist dies häufig an öffentlichen und
freien Theatern gleichzeitig und arbeitet unter Umständen zudem auf eigene

43Betzelt2006, S. 59.
44Das zeigen unsere eigenen wie auch die Befunde von Keuchel 2009.
45Haak 2005.

46Vgl. Marrs 2007; Schnell 2007.

47Haak 2005, S. 6 f.


Selbstständige Arbeit als Grenzgang 221

Rechnung, d. h. selbstständig beispielsweise als Modedesigner und Modedesi-


gnerin. Besonders betroffen ist die steigende Anzahl jener mit schwankendem
Erwerbsstatus, die zwar überwiegend selbstständig, aber je nach Auftragslage
abhängig beschäftigt arbeiten oder auf mehrere Einkommensquellen angewiesen
sind – im Feld des Journalismus beispielsweise betrifft das mindestens 17 % der
Selbstständigen.48 Auf der arbeitsorganisatorischen Ebene ist das mit einer Kom-
bination aus unterschiedlichen arbeitsorganisatorischen Versatzstücken und einer
sequenziellen oder zeitgleichen Mischung von verschiedenen Erwerbsformen ver-
bunden.49 Auch in sozialpolitischer Hinsicht tragen solche Grenzgänge zu einer
potenziellen, erwerbsbiografischen Drift bei. Denn ein zentrales Aufnahmekri-
terium der eigens für freiberufliche (selbstständige) Künstler und Künstlerinnen
und Publizist und Publizistinnen im Jahr 1981 installierten Künstlersozialkasse
(KSK) ist eine dauerhaft selbstständige Erwerbsform. Dagegen sind wechselnde
Erwerbsformen in diesem sozialversicherungsrechtlichen Zweig nicht vorgese-
hen. Dies hat unter Umständen zur Folge, dass die Einzelnen von der KSK nicht
als selbstständig anerkannt werden, was im Zweifel sogar zu einem Ausschluss
von dieser berufsspezifischen sozialen Absicherungsinstanz führen kann.50
Insgesamt verweist die zweite Dimension von Erwerbshybridisierung auf
einen Erwerbsstatus, der situativ und nachfragebedingt zwischen selbstständiger
und abhängiger Erwerbstätigkeit schwankt. Mit dieser Dimension lassen sich
daher arbeitsorganisatorische Spezifika sowie auch sozialrechtliche Folgen von
Grenzgängen zwischen den jeweiligen Erwerbsformen in den Blick nehmen.51

2.3 Dimension 3: Berufsethisch motivierte Grenzgänge

Die dritte Dimension von Erwerbshybridisierung ist in einem starken Zusam-


menhang mit einem ausgeprägten Berufsethos zu sehen, also mit einer inneren
Verstrickung der ausgeübten Berufstätigkeit, die man mit Weber als „inneres

48Bögenhold und Fachinger 2012, S. 11 f.


49Vgl. Eichmann und Schiffbänker 2008, S. 9.
50Manske 2013.

51Nach Euteneuer lässt sich zwischen „Freelancern“ und „Selbstständigen“ dergestalt unter-

scheiden, dass Freelancer auf der Basis stabiler Beziehungen zu einem oder wenigen Arbeit-
gebern versuchen, ein passables Einkommen zu erzielen und daher überwiegend betriebsnah
arbeiten. Selbstständige dagegen suchen sich „(…) berufliche Autonomiespielräume zur
›freien‹ Berufsausübung zu erarbeiten. (…)“; Euteneuer 2011, S. 126.
222 A. Manske

Lebensschicksal“ und insofern als handlungsleitende Orientierung der Lebens-


führung bezeichnen kann. Weitgehend unstrittig ist, dass viele Kulturschaf-
fende eine solo-selbstständige/freiberufliche Existenz präferieren. Vorliegende
Untersuchungen von etwa Betzelt 2006 oder Manske 2007 zeigen zudem, dass
in künstlerisch-kreativen Erwerbsfeldern eine Ökonomie der Selbstverwirkli-
chung vorzuherrschen scheint.52 Hauptantrieb sei die Verwirklichung einer künst-
lerischen Idee, „(…) die nur in wirtschaftlicher Unabhängigkeit (…)“ realisiert
werden kann, wie Dangel-Vornbäumen für die vier klassischen Kunstdisziplinen
feststellt,53 aber auch Eichmann für kommerziell getriebene Kulturbranchen wie
z. B. die Designbranche zeigt.54
Bei der Standbein-Spielbein-Strategie ist zwischen milieunahen Tätigkeiten
und reinen „Brotjobs“ zu unterscheiden. Um ersteres handelt es sich, wenn etwa
ein von uns befragter Schauspieler nebenbei privaten Schauspielunterricht gibt
oder als Coach für Sprechtraining auftritt. Um letzteres, wenn zur Sicherung des
Einkommens beispielsweise im Callcenter oder im Wachgewerbe gejobbt wird.
Zwar bessern auch solche Arbeiten das Einkommen auf, sind aber berufsfern,
verhindern eine individuelle Weiterqualifizierung in dem eigentlichen Arbeits-
feld und tragen somit zu einer schleichenden Dequalifizierung bei, die nur durch
entsprechende Mehrarbeit, einen höheren Zeitaufwand etc. abgefangen werden
kann. Um diesen berufsethisch motivierten Grenzgang zu realisieren, werden
vielseitige Kompromisse eingegangen, um sowohl ein Absinken des Lebensstan-
dards zu vermeiden als auch den eingeschlagenen Berufsweg weiter verfolgen zu
können. Berufsethos und Leitmotiv eines inneren Lebensschicksals verschränken
sich somit zu einer dritten Dimension von Erwerbshybridisierung, der Standbein-
Spielbein-Strategie, die als berufsethisch motivierter Grenzgang bezeichnet wird.
Insgesamt erlaubt die berufsethische Dimension Rückschlüsse auf den Berufs-
ethos und berufsethische Kompromisse, die unter flexiblen und unsicheren
Erwerbsbedingungen eingegangen werden.

52Vgl.Bögenhold 1985.
53Dangel-Vornbäumen 2010, S. 157.
54Eichmann 2008, S. 72.
Selbstständige Arbeit als Grenzgang 223

3 Grenzgänge in der Designbranche

Bislang wurde deutlich, dass die Erwerbsform solo-selbstständig in der Erwerbs-


wirklichkeit der Kulturberufe keinen stabilen, sondern bisweilen einen dyna-
mischen Status signalisiert. Er wurde anhand von drei Dimensionen der
Erwerbshybridisierung skizziert: Grenzgänge zwischen Erwerbsfeldern mit unter-
schiedlichen Marktlogiken, Grenzgänge zwischen verschiedenen Erwerbsformen
sowie berufsethische Grenzgänge, die sich in einer künstlertypischen Standbein-
Spielbein-Strategie manifestieren. Nachfolgend werden diese drei Dimensionen
anhand von eigenen Forschungsbefunden aus der Designbranche vertiefend dar-
gestellt.55

3.1 Eine qualitative Studie über künstlerisch-kreative


Arbeit im gesellschaftlichen Wandel

3.1.1 Forschungsdesign und Methoden der


Datengenerierung und -analyse
Die präsentierten empirischen Befunde beruhen auf einer qualitativen soziologi-
schen Feldanalyse der Designbranche in methodologischer Anlehnung an Bour-
dieu.56 Sie sind Bestandteil einer Studie über künstlerisch-kreative Arbeit im
gesellschaftlichen Wandel, die die Autorin im Rahmen verschiedener Projekt-
kontexte, gefördert von BMBF und HBS, im Zeitraum 2007 bis 2014 durchge-
führt hat.57 In der Tradition des Weber’schen Ungleichheitsparadigmas stehend,58
wurden die Struktur- und Praxisbedingungen von künstlerisch-kreativer Arbeit
aus einer milieusoziologischen Perspektive mittlerer Reichweite in Anlehnung an
Vester et al. 2001 untersucht.
Da die Designbranche kein einheitliches Feld ist, war eine methodische Diffe-
renzierung erforderlich, die das Untersuchungsfeld genauer zu bestimmen hilft.
Als exemplarischer Untersuchungsbereich lag der Fokus auf zwei Subfeldern der
Designbranche: Kommunikationsdesign und Modedesign.

55Manske et al. 2016.


56Bourdieu 2001; Bourdieu 1997.
57Manske et al. 2016.

58Kreckel 1992, S. 52 ff.; Weber 1972, S. 177 ff. sowie S. 531 ff.


224 A. Manske

Kommunikationsdesign ist im Kern ein Residuum der Werbebranche, mitt-


lerweile aber als ein eigenständiges Berufsfeld zu betrachten.59 Es handelt sich
um Tätigkeiten, die unter Anwendung von künstlerischen und technischen Mit-
teln Inhalte verschiedenster Art visuell gestalten, etwa die grafische Gestaltung –
auch Corporate Design genannt – eines Unternehmens. Die Arbeitsprodukte mün-
den sowohl in materielle als auch in immaterielle Produkte und zeichnen sich
durch ihre technische Reproduzierbarkeit aus, sodass ihnen nicht die eigentüm-
liche Aura eines künstlerisch einmaligen Kunstwerks zukommt.60 Auch aufgrund
von häufig arbeitsteilig organisierten und routinisierten Produktionsabläufen hat
dieser Kulturberuf nur bedingt Parallelen mit künstlerischer Arbeit im ursprüngli-
chen Sinne.61 Er stellt vielmehr eine zunehmend immaterielle Wissensarbeit zwi-
schen Technik – Kunst – Wirtschaft dar.62
Modearbeit ist dagegen vergleichsweise künstlerisch und handwerklich
geprägt. Es handelt sich dabei um Arbeitsprozesse, die sich stofflich materialisie-
ren und daher ausschließlich in eine materiale Wertschöpfungskette eingebunden
sind. Genealogisch (und auch in der statistischen Berichterstattung) ist sie den tra-
ditionellen Künsten deshalb näher als Kommunikationsdesign, vor allem wenn es
sich nicht um Modeprodukte „von der Stange“, sondern um in geringer Stückzahl
produzierte Kleidung handelt. Modearbeit siedelt insofern auf einer Schnittfläche
von Handwerk – Kunst – Wirtschaft.63 Dies gilt insbesondere für den Beginn der
modespezifischen Wertschöpfungskette, der hier betrachtet wird: das Modedesign.
Modedesign wird im Folgenden als Arbeitstätigkeit verstanden, die sowohl den
Entwurf als auch die Herstellung von Bekleidung und Modeaccessoires beinhal-
tet. Sie bezeichnet ein handwerklich oder maschinell gefertigtes Kleidungsstück,
also Schuhe oder Accessoires wie bspw. Gürtel, Taschen und Handschuhe – und
unterscheidet sich insofern von der industriellen Fertigung von Bekleidung.
Es kamen verschiedene methodische Verfahren zum Einsatz: Interviews
mit Akteur und Akteurinnen, Gespräche mit Experten und Expertinnen, Doku-
mentenanalysen, teilnehmende Feldbeobachtungen sowie eine Intensivfallstu-
die zur Sozialordnung in einer Designagentur.64 Es wurden 55 Interviews und

59Krämer 2014; Koppetsch 2006.


60Benjamin 1936.
61Müller-Jentsch 2012.

62Vgl. Negri und Hardt 1997, S. 14 f.

63Liersch und Asef 2015; Reckwitz 2012; Söndermann 2012.

64Manske und Brunsen 2017.


Selbstständige Arbeit als Grenzgang 225

„­authentische Gespräche“65 mit Beschäftigten aus Kultur- und Kreativberufen,


vornehmlich mit solo-selbstständigen (Mode- und Kommunikations-) Designern
und Designerinnen erhoben sowie 16 systematische Gespräche mit Experten und
Expertinnen z. B. aus Berufsverbänden geführt.
Die Auswertungsstrategie der erhobenen Interviews folgt im Kern den Grund-
lagen der Grounded Theory,66 um subjektive Sinnstrukturen freizulegen, der
dokumentarischen Methode,67 um handlungsleitende Orientierungen zu identi-
fizieren sowie in Anlehnung an Bourdieu,68 um die Widersprüche der erzählten,
sozialen Praxis methodisch kontrolliert verstehend nachvollziehen zu können.
Bei der methodischen Auswertung der Daten wurde analog der methodologischen
Leitlinien der Grounded Theory im Sinne maximaler und minimaler Kontras-
tierung der Weg von der Einzelfalldarstellung zum Fallvergleich gewählt.69 Der
„Grenznutzen“ der Grounded Theory liegt für das hier verfolgte Untersuchungs-
anliegen allerdings darin, dass sich damit individuelle Positionierungsstrategien
nur eingeschränkt analysieren lassen. Es bedurfte deshalb eines methodologi-
schen Zugangs, der die Wechselwirkung von Feldentwicklung und Akteursstra-
tegien einholen sowie beide Elemente jeweils für sich betrachten können musste.
Um die Fälle weitergehend analytisch aufzuschließen, wurden sie mit meta-theo-
retischen Kategorien70 bearbeitet, deren unterschiedliche Dimensionen in einem
ersten Schritt um die Kategorien Umwelt-/Feldbezug und Arbeitsethos kreisten.
Zugespitzt wurden die methodischen Leitfragen schließlich auf folgende drei:

• Auf welche berufsethischen Prinzipien berufen sich die Befragten?


• Welche Spielräume gewähren die Arbeits- und Produktionsbedingungen, um
individuelle, berufliche Interessen und Ideen im Feld zu realisieren und auf
welche Konflikte und Widerstände stoßen sie?
• In welche Arbeits- und Lebensarrangements sind die Positionierungsstrategien
eingebettet?

65Przyborski und Wohlrab-Sahr 2010, S. 143.


66Strauss und Corbin 1996.
67Bohnsack 2010.

68Bourdieu 2005.

69Strauss 1998.

70Przyborski und Wohlrab-Sahr 2010, S. 338. Meta-theoretische Kategorien stellen eine

Abstrahierung vom einzelnen Fall sowie eine Grundlage für ihre idealtypische Zuspitzung
im Fallvergleich dar.
226 A. Manske

3.1.2 Allgemeine Informationen zur Designbranche


Die Designbranche ist eines der stärksten Beschäftigungsfelder innerhalb der
Kulturberufe. Sie besteht aus den Feldern Industriedesign, Produkt-/Mode- und
Grafikdesign sowie Kommunikationsdesign. Die Anzahl ihrer Erwerbstätigen
lag laut Monitoring-Bericht zu den wirtschaftlichen Eckdaten der Kultur- und
Kreativwirtschaft im Jahr 2014 bundesweit bei 137.959 Erwerbstätigen,71 davon
81.617 abhängig Beschäftigte. Zudem waren in 2014 bundesweit 65.392 Desig-
ner und Designerinnen (auch) auf Basis eines Mini-Jobs beschäftigt.72 Seit 2009
sind die Erwerbstätigenzahlen um gut 12.500 Erwerbstätige angewachsen.73
Eine Sonderauswertung des Mikrozensus weist deutlich höhere Zahlen aus.
Sie ergibt, dass der Beruf Technische Mediengestaltung (was der Tätigkeit Kom-
munikationsdesign entspricht) im Jahr 2013 196.000 Erwerbstätige und Kunst-
handwerk/Bildende Kunst (worunter Modedesign subsumiert wird) 55.000
Erwerbstätige aufweist.74 Wenngleich die Angaben schwanken, wird übereinstim-
mend ein großes Wachstum der Erwerbstätigenzahlen konstatiert. Auswertungen
zur Entwicklung der Versichertenzahl in der Künstlersozialkasse (KSK) zeigen
beispielsweise, dass sich die Anzahl von in der KSK selbstständig versicherten
Designer und Designerinnen seit Mitte der 1990er Jahre mindestens verdrei-
facht hat.75 Im Jahr 2006 galten 99 % der Unternehmen in der Designbranche als
Kleinstunternehmen, agieren also als Freiberufler und Freiberuflerinnen oder als
kleinteilig organisierte Agenturen.76 Extrem kleinteilige Organisationsformen von
betrieblicher Arbeit bei einem hohen Anteil von freiberuflichen Erwerbsformen
sind daher ein zentrales Merkmal dieses Berufsfeldes.
Im Hinblick auf Berufsverläufe ist ein oftmals fließender Übergang zwischen
FH-Studium und Berufseinstieg bezeichnend. Denn viele Designer und Designe-
rinnen sind aufgrund der studienkonstituierenden Praxisorientierung von Fach-
hochschulen bereits während ihrer Ausbildung für eine oder mehrere Agenturen
tätig. Der Übergang zwischen Ausbildung und Berufseinstieg ist daher häufig ein
fließender Prozess, sodass der Berufsweg oftmals zunächst in einen angestellten
oder fest-freien Status in einer Agentur führt. Mit zunehmender Berufspraxis

71Bertschek et al. 2016, S. 138.


72Bertschek et al. 2016, S. 139.
73Bertschek et al. 2016, S. 145.

74Bertschek et al. 2016, S. 17.

75Schulz 2016, S. 169.

76Söndermann et al. 2009, S. 28 und S. 100 ff.


Selbstständige Arbeit als Grenzgang 227

wählen viele Designer und Designerinnen dann einen freiberuflichen Status aus
Motiven, die nach unseren Befunden im Kern auf den Wunsch nach wirtschaftli-
cher und/oder kultureller oder gar aus subjektiver Sicht künstlerischer Selbstbe-
stimmung zurückzuführen sind.77
Zugespitzte Verhältnisse der sozioökonomischen Lage existieren in der
Designbranche vor allem im Hinblick auf die erzielten Einkommen aus selbst-
ständiger Arbeit. Laut der Erhebung von Berufsverbänden verfügen 75 % aller
abhängig Beschäftigten über ein monatliches Bruttoeinkommen von bis zu
3000 EUR.78 Bei den Selbstständigen liegen demgegenüber 14 % in der untersten
Einkommensklasse. Deren Brutto-Einnahmen, d. h. die Summe aller gestellten
Rechnungen, liegt bei unter 20.000 EUR pro Jahr – und die Nettoverfügbarkeit
entsprechend darunter. Empirisch begründet kann zudem angenommen werden,
dass bis zu einem Drittel aller Selbstständigen der Designbranche nicht von ihrem
beruflichen Einkommen leben können und insofern auf weitere Einkommensquel-
len angewiesen sind.79

3.2 Praktische Ausprägungen von


Erwerbshybridisierung

Die oben eingeführten Dimensionen von Erwerbshybridisierung fungieren im


Folgenden als heuristisches Analyseraster, dem in der sozialen Praxis bisweilen
tatsächlich nahezu idealtypische Realtypen, häufig aber Mischformen von Grenz-
gängen gegenüber stehen.
Im ersten Fallbeispiel verdichten sich die erste und zweite Dimension von
Erwerbshybridisierung. Denn diese Absolventin einer Fachoberschule für Gestal-
tung designt und fertigt vor allem für Stammkunden aus dem Bereich der Dar-
stellenden Künste Kostüme. Zusätzlich produziert sie eigene Mode-Kreationen,
die sie als Einzelstücke oder Kleinserien auf speziellen Design-Märkten und
Wochenmärkten verkauft. Orientiert an einem Berufsethos der freien Künstlerin
pendelt die Befragte somit zwischen unterschiedlichen Marktformen wie z. B.
Wochenmärkten und dem freien Markt der Darstellenden Künste, was bisweilen

77Vgl.Schaffrina 2014, S. 8.


78Berufsverband der Deutschen Kommunikationsdesigner (BDG) 2012, S. 54 f.; siehe auch
Berufsverband der Deutschen Kommunikationsdesigner (BDG) 2014, S. 70 ff.
79House of Research 2015, S. 16; House of Research 2011, S. 9.
228 A. Manske

auch mit einer Reisetätigkeit verbunden ist, wenn die Stücke auf Tournee gehen.
Sie muss daher eine hohe zeitliche Flexibilität, räumliche Mobilität und Anpas-
sungsbereitschaft zwischen einzelnen Feldern und deren Logiken, Pflichten und
Anforderungen an den Tag legen. Sie selbst beschreibt sich vor diesem Hinter-
grund als „Kleiderkünstlerin“. Als drittes und vorwiegend wirtschaftliches Stand-
bein dienen ihr Kreativ-Kurse in Jugendzentren und Bildungseinrichtungen, die
sie ebenfalls auf freiberuflicher Basis ausführt. Letztgenannte Arbeit ließe sich
am ehesten als „Brotjob“ beschreiben. Doch auch als ungelernte Jugendarbeiterin
versucht sie ihrem Subjektideal der Künstlerin treu zu bleiben. Wenngleich ihr
Selbstbild, so ließe sich schlussfolgernd zuspitzen, dem einer „Kleiderkünstlerin“
entspricht und damit in den zwei zuerst genannten Tätigkeitsbereichen zentral
verankert ist, ist es objektiv nicht ohne weiteres möglich, die Erwerbsarbeit die-
ser Frau eindeutig und ausschließlich in einem Feld zu verorten. Vielmehr pendelt
sie zwischen verschiedenen Feldern und arbeitet sowohl auf zeitlich befristeter
Projektbasis in der freien Theaterszene, als selbstständige Modedesignerin sowie
zuletzt auch im Jugendfreizeitbereich.
Im zweiten Fallbeispiel werden verschiedene freiberufliche Tätigkeiten von
selbstständiger Arbeit miteinander kombiniert. Hier verschränken sich die zweite
und dritte der drei skizzierten Dimensionen von Erwerbshybridisierung in Form
von Pendelbewegungen zwischen unterschiedlichen künstlerisch-kreativen Fel-
dern. Als Kommunikationsdesignerin mit einem Studienabschluss im Fach Gra-
fikdesign versucht sich diese Befragte seit den frühen 2000er Jahren einerseits
im Feld der Bildenden Kunst als Kuratorin, indem sie in ihrer Bürogemeinschaft
in unregelmäßigen Abständen Kunstausstellungen organisiert. Im Haupterwerb
arbeitet sie als Kommunikationsdesignerin, war zwischenzeitlich (2005 bis 2006)
in einer Werbeagentur abhängig beschäftigt und verschiedentlich auf sozial-
staatliche Transferleistungen angewiesen,80 bevor sie eine von der Arbeitsagen-
tur finanzierte Existenzgründungshilfe erhalten hat und nun wieder selbstständig
arbeitet. Zudem erwirtschaftet sie einen Nebenverdienst, indem sie den eigentlich
für Kunstausstellungen vorgesehenen Projektraum ihrer Bürogemeinschaft als
Arbeitsraum an andere Freiberufler und Freiberuflerinnen vermietet und auf diese
Weise eine Art temporären Coworking Space organisiert.81 Im Hinblick auf ihre

80So Leistungen gemäß Zweitem Buch Sozialgesetzbuch – Grundsicherung für Arbeitsu-


chende (SGB II).
81Siehe zum Thema Crowdworking den Beitrag von Al-Ani und Stumpp in diesem Band.
Selbstständige Arbeit als Grenzgang 229

ethische Berufsauffassung ist es so, dass es ihr ein größeres Anliegen ist Unikate
mit künstlerischem Wert zu produzieren, als durch technisches und kundenori-
entiertes Know-how zu überzeugen. Darüber hinaus manifestiert sich in diesem
Fallbeispiel eine für die Designbranche typische diskontinuierliche und mehr-
gleisige Erwerbskarriere, in der abhängige und selbstständige Arbeit synchron
kombiniert werden, um schließlich im sogenannten Haupterwerb selbstständig zu
sein. Praktisch spiegeln diese Grenzgänge eine bedingte Anpassung an marktver-
mittelte Anforderungen wider, in der ökonomische Kompromisse zugunsten eines
Berufsethos in einer spezifischen Erwerbsform gemacht werden. Die Strategie
lässt sich so auf den Punkt bringen, dass die Befragte sich in einem felderüber-
brückenden Grenzgang versucht, der beiden von ihr „beackerten“ Felder gerecht
wird. In dieser Position fühlt sie sich allerdings unwohl, zumal ihr die Anerken-
nung als professionelle Designerin fehlt, die sie ihrer Ansicht nach verdient.

3.3 Einordnung der Ergebnisse

Inwieweit diese Fallbeispiele relativ typische Werdegänge und Erwerbskarrieren


im Kulturbereich darstellen, ist sicherlich zurückhaltend zu beurteilen. Anhand
unserer qualitativen Befunde sowie beruhend auf der Einschätzung von Berufs-
fachverbänden ist gleichwohl davon auszugehen, dass etwa zwanzig bis dreißig
Prozent aller Erwerbstätigen in künstlerisch-kreativen Erwerbsfeldern Grenz-
gänge der einen oder anderen Art vollzieht.82 Besonders davon betroffen ist die
steigende Anzahl jener mit labilem Erwerbsstatus, die zwar überwiegend selbst-
ständig, aber je nach Auftragslage abhängig beschäftigt arbeiten oder auf mehrere
Einkommensquellen angewiesen sind. Einhergehend mit einer unberechenbaren
und oftmals auch prekären sozioökonomischen Lage pendeln die Befragten zwi-
schen verschiedenen künstlerisch-kreativen Erwerbsfeldern und sind sporadisch
auf die sogenannte Grundsicherung für Arbeitsuchende angewiesen.83 Last but
not least sprechen die Befunde dafür, dass sich in den konstatierten Grenzgän-
gen eine Ökonomie der Not auf spezifische Weise mit einer Ökonomie der Selbst-
verwirklichung verkoppelt. Denn die Befunde deuten auch darauf hin, dass die
Impulse für Grenzgänge nicht nur einer materiellen Not entspringen, sondern
gleichsam ideell bedingt sind und durch einen stark ausgeprägten Berufsethos im
oben genannten Sinne motiviert sind.

82Ebert et al. 2012; Keuchel 2009.


83SGB II.
230 A. Manske

Die betrachteten Grenzgänge sind daher nicht mit einer wahllosen, erwerbs-
wirtschaftlichen Gelegenheitsorientierung zu verwechseln, in der jeder Job ange-
nommen wird. Vielmehr scheinen sie dem Bemühen geschuldet zu sein, sich
grundsätzlich im Feld der Wahl zu halten. Die konstatierten Grenzgänge sind
demzufolge als ein Kompromiss zwischen Not versus Selbstverwirklichung und
insofern als ein individueller Weg zu betrachten, sich situativ an Arbeitsmarkter-
fordernisse anzupassen und auf diese Weise nach einem fragilen Gleichgewicht
zwischen materieller Not und individuellem Berufsethos zu suchen.

4 Selbstständige Arbeit als Grenzgang – Fazit

Ziel des Beitrags war die eingangs konstatierten mehrgleisigen Erwerbskarri-


eren analytisch genauer auszuloten und im Sinne einer tentativen Annäherung
als einen mehrdimensionalen Prozess von Erwerbshybridisierung zu fassen, in
dem sich die Flexibilisierung von Arbeit in bislang wenig beachteter Weise mit
individuellen Erwerbsstrategien verschränkt. Argumentiert wurde, dass die Fle-
xibilisierung von selbstständiger Arbeit eine neue Form von Grenzgängertum
des Arbeitsmarktes hervorbringt, die die beruflichen Positionierungsprozesse
in den Kulturberufen als ein unstetes Pendeln und als eine neue Form der dau-
erhaften und flexiblen Positionssuche erscheinen lassen. Vor dem Hintergrund
unserer empirischen Ergebnisse wurde vorgeschlagen, den Begriff der Erwerbs-
hybridisierung nach drei Dimensionen zu differenzieren, um damit eine praxis-
nahe Suchheuristik für den Zusammenhang von Flexibilisierung von Arbeit und
der Vervielfältigung von Erwerbsverläufen zu schaffen.
Zum ersten wird Erwerbshybridisierung nach unterschiedlichen Erwerbsfel-
dern, deren Marktformen und -bedingungen differenziert. Die daran gekoppelten
Grenzgänge richten sich auf den privatwirtschaftlichen sowie den öffentlichen
und nicht-kommerziellen Bereich der Kulturproduktion. Mithilfe dieser auf Struk-
turbedingungen des Arbeitsmarktes Kultur fokussierten Dimension lassen sich
folglich Grenzgänge zwischen unterschiedlichen Marktbedingungen in den Blick
nehmen, die sich im Kontext einer zunehmenden Kommodifizierung von künst-
lerisch-kreativer Arbeit und der Ausdehnung von Projektarbeit entwickelt haben.
Sie stellen eine Begleiterscheinung der zunehmenden Verflechtung von öffentlich
geförderten und privatwirtschaftlich regulierten Erwerbsfeldern im Kulturbereich
dar. Zu unterscheiden ist somit zwischen den verschiedenen Organisationsweisen
von Erwerbsfeldern, was für die Erwerbstätigen mit unterschiedlichen fachlichen
Anforderungen verknüpft sein kann, aber vor allem ihre Selbstmanagement-
fähigkeiten im Sinne einer genauen Marktbeobachtung, N ­ etzwerkverhalten in
Selbstständige Arbeit als Grenzgang 231

u­ nterschiedlichen sozialen Bezügen herausfordert und insofern auch Kompeten-


zen einer unternehmerischen Selbst-Rationalisierung erfordert.84
Eine zweite Dimension differenziert nach Erwerbsformen im engeren Sinne.
Sie verweist auf einen Erwerbsstatus, der situativ und nachfragebedingt zwischen
selbstständiger und abhängiger Erwerbstätigkeit schwankt. Praktisch heißt dies
für die Erwerbstätigen, dass sie die Form ihrer Berufstätigkeit aus unterschied-
lichen arbeitsorganisatorischen Versatzstücken und einer sequenziellen oder
zeitgleichen Mischung von verschiedenen Erwerbsformen kombinieren müssen.
Damit verbunden ist auch ein sozialpolitisches Risiko, weil die berufsgruppen-
spezifische Absicherung für Kulturschaffende, die Künstlersozialkasse, einen
durchgängig selbstständigen Erwerbsstatus als Aufnahmekriterium hat. Aus der
Perspektive dieser Dimension lassen sich insofern neben arbeitsorganisatorischen
und institutionellen Spezifika auch sozialrechtliche Folgen von Grenzgängen
untersuchen.
Eine dritte Dimension von Erwerbshybridisierung nimmt berufsethisch moti-
vierte Grenzgänge in den Blick: die künstlertypische Standbein-Spielbein-Stra-
tegie. Diese Kombination von berufsfachlicher und berufsfremder Arbeit wird
oftmals im Sinne einer Querfinanzierung der eigentlichen Berufstätigkeit durch
sogenannte „Brotjobs“ praktiziert. Dabei wechseln sich Perioden der Beschäfti-
gung, der Arbeitslosigkeit mit und ohne Sozialleistungsanspruch mit Phasen ab,
in denen die Betroffenen neue Projekte konzipieren, nach Finanzierungsmöglich-
keiten für ihre Projekte suchen und mehrere Beschäftigungen innerhalb sowie
außerhalb des Kultursektors ausüben. Dass sich Grenzgänge in den unterschied-
lichen Kulturberufen und insofern sowohl im öffentlich geförderten Kulturbereich
als auch in privatwirtschaftlich organisierten sonstigen Kulturberufen auffinden
lassen, scheint somit eine zeithistorisch spezifische Variante der künstlertypischen
Standbein-Spielbein-Strategie zu sein,85 die sich nicht nur in den klassischen
Kunstdisziplinen, sondern in vielen der 22 Berufsfelder der Kulturberufe zeigt.86
So manifestiert sich in dieser Entwicklung eine Heterogenisierung von
Arbeits- und Beschäftigungsverhältnissen, die nicht hinreichend als (in sich
geschlossene) solo-selbstständige Erwerbsform charakterisiert ist. Vielmehr wird
damit eine neue historische Stufe der sozialen, räumlichen, zeitlichen, aber auch

84Vgl. Bröckling 2007; Voß und Pongratz 1998.


85Ruppert 1998, S. 189.
86Vgl. Betzelt 2006.
232 A. Manske

inhaltlichen Flexibilisierung von Arbeit greifbar,87 die innerhalb kurzer Zeit Sta-
tuswechsel zwischen verschiedenen Arbeits- und Beschäftigungsformen impli-
ziert und insofern in mehrgleisige Erwerbskarrieren eingebettet sind.
Insgesamt zeichnen sich Berufskarrieren ab, die von einer konjunktur-, bran-
chen- und lebensabhängigen Dynamik, kurz von einer Beruflichkeit geprägt sind,
die im hohen Maße durch Kontingenz gezeichnet ist – und die sich nicht zuletzt
in fantasievollen, beruflichen Eigenbezeichnungen eines Individualberufs nieder-
schlägt.88 Damit wurde gewissermaßen eine dritte Gruppe von Erwerbstätigen in
Kulturberufen in den Blick genommen, die sich dauerhaft weder in die eine oder
andere Form einfügt, sondern sich als dauermobile Arbeitskraft präsentiert und
sich permanent auf neue und wechselnde Erwerbs- und Sozialbezüge einstellen
muss.89 Im Ergebnis zeigen sich diskontinuierlich episodische sowie synchron
kombinierte Arbeits- und Beschäftigungsverhältnisse, die sich in den skizzierten
Grenzgängen manifestieren. Statistisch valide Aussagen hierzu lassen sich aller-
dings nur schwer treffen. Denn um valide messen zu können, inwieweit hybride
Formen von selbstständiger Arbeit den Erwerbsverlauf dauerhaft diskontinuier-
lich prägen, sind Längsschnittuntersuchungen notwendig, die mit den vorliegen-
den Datensätzen nur bedingt geleistet werden können.90
Zu unterscheiden sind die hier erläuterten Grenzgänge schließlich von anderen
Formen der Erwerbshybridisierung, die sich in nur bedingt vergleichbaren ökono-
mischen, kulturellen und institutionellen Kontexten abspielen. Zu nennen wären
zum einen etwa sogenannte Mehrfachbeschäftigungsverhältnisse, die auf der zeit-
gleichen Kombination verschiedener abhängiger sozialversicherungspflichtiger
Tätigkeiten beruhen.91 Zum anderen sind Grenzgänge in den Kulturberufen nicht
ohne weiteres identisch mit der Situation von Beschäftigten im Niedriglohnbe-
reich, die auf Basis von Minijobs, befristeten (auch selbstständigen) Tätigkeiten
und Leiharbeitsverhältnissen keine dauerhafte und insofern statussichere Position
auf dem Arbeitsmarkt erreichen.92 Während diese letztgenannten Karrieren „(…)

87Kratzer 2013, S. 187.


88Vgl. Voß 2001.
89Vgl. Sennett und Bischoff 2005, S. 9.

90Fachinger 2014, S. 131; siehe hierzu auch den Beitrag von Kay et al. in diesem Band.

91Hoier et al. 2016, S. 6.

92Grimm et al. 2013, S. 265.


Selbstständige Arbeit als Grenzgang 233

zwischen Zugang und Ausschluss vom Erwerbsleben (…)“ schwanken93 und im


Kern ein Resultat veränderter arbeitsmarktrechtlicher Regularien sind,94 reflek-
tieren die hier betrachteten Grenzgänge im Kulturbereich eher den prozessualen,
marktgetriebenen Strukturwandel von Arbeit, der offenbar in den Kulturberufen
eine neue Erwerbsgruppe hervorgebracht hat, die nicht zwischen Zugang und
Ausschluss vom Erwerbsleben schwankt, sondern deren strukturelle Grenzen ver-
schiebt.

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Übergangsphänomen Crowdworking:
Die Dinge, die da kommen werden

Ayad Al-Ani und Stefan Stumpp

You’ve basically got the breakdown of nation states into


global economies simultaneous with the atomization of
individuals or their balkanization into disconnected sub-
groups, because digital technology conflates space while
decentralizing communication and attention. The result is
a clear playing field for a mutating corporate oligarchy,
which is what we have. I mean, people think it’s really
liberating because the old industrial ruling class has been
liquefied and it’s possible for young players to amass
extraordinary instant dynasties. But it’s savage and inhu-
man. Maybe the wired elite think that’s hip. But then don’t
go around crying about crime in the streets or pretending
to be concerned with ethics
Lebkowsky 1996.

Zusammenfassung
Crowdworking und Crowdworkingplattformen sind zentrale Phänomene des
Übergangs von der traditionellen arbeitsteiligen Hierarchie zur netzwerkarti-
gen Plattformorganisation. In dieser Transition entstehen hybride Erwerbsbio-
grafien, da Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, die oftmals noch reguläre
Anstellungen aufweisen, beginnen, Fähigkeiten und Credentials auf Plattfor-
men zu generieren und es entstehen hybride Organisationsformen, N ­ etarchien,

A. Al-Ani (*) · S. Stumpp 
Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG), Berlin, Deutschland
E-Mail: ayad.al-ani@hiig.de
S. Stumpp
E-Mail: stefan.stumpp@hiig.de

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018 239


A. D. Bührmann et al. (Hrsg.), Hybride Erwerbsformen,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-18982-2_10
240 A. Al-Ani und S. Stumpp

welche aus traditionellen Strukturen bestehen, aber auch schon kleinere oder
größere Elemente aufweisen können, die Produkte und Dienstleistungen über
Plattformen entwickeln und vertreiben. Crowdworking ermöglicht derart
sowohl der Unternehmung als auch den Arbeitnehmern und Arbeitnehmerin-
nen, die neue Funktionsweise der Plattformökonomie zu erlernen und –
oft experimentell – auszugestalten. Gleichzeitig determiniert diese Rolle
als Crowdworker aber auch den Zielzustand im digitalen Kapitalismus. Es
erscheint bemerkenswert, dass die bisherigen Mechanismen der Solidarität
durchbrochen werden. Gewerkschaften werden sich deshalb ebenfalls rekon-
stituieren müssen, um einen Interessensausgleich in der Digitalen Wirtschaft
zu erreichen.

Schlüsselwörter
Plattformen · Crowdsourcing · Crowdwork · Roboterfabriken · Netarchien

1 Einführung, Zielsetzung und


Betrachtungsweisen: Wohin führt die digitale
Arbeit?

Crowdworking und Crowdworkingplattformen sind bereits Gegenstand eines


erstaunlichen und viel beachteten Diskurses. Studien und kritische Medienbe-
richterstattung reihen sich in immer kürzeren Abständen aneinander und verlei-
hen diesem neuartigen Arbeits- und Geschäftsmodell einen Stellenwert, der weit
über seine aktuelle ökonomische Rolle hinauszugehen scheint.1
Die Entwicklungslinien entstehen zum Teil durch die bewusste neue Struktu-
rierung der Arbeit im Netz, zum anderen Teil sind sie aber auch „Nebeneffekte“,
die zwar noch vage, durchaus aber schon im Ansatz beobachtbar und vielleicht
weitaus dramatischer sind, als die unmittelbare Neufassung von Arbeit und Pro-
duktionsmitteln.2 Diese allein mag zwar schon bemerkenswert sein. Beachtet man
allerdings, dass das Geschäftsmodell der meisten Crowdworkingplattformen tri-
vial ist und vor allem auf Outsourcing-Kostenvorteilen, einem Surplus an Intelli-
genz, der Innovationsmüdigkeit der traditionellen Unternehmung und günstigem

1Füreine Zusammenfassung der aktuellen Studien zu diesem Thema vgl. Hügel 2016, S. 27 ff.
2Zu einer umfassenderen Betrachtung der Crowd, etwa „als Problem der Moderne“; vgl.
Dickel und Thiem 2016, S. 330 ff.
Übergangsphänomen Crowdworking: Die Dinge… 241

Kapital beruht, so liegt die Vermutung nahe, dass diese Modelle nur Zwischen-
stufen in einer evolvierenden Plattformökonomie sind bzw. sie der traditionellen
Wirtschaft bei der digitalen Transformation nützlich sind.3
In dieser Transformation nimmt Crowdworking eine zentrale Rolle für Unter-
nehmen aber auch Beschäftigte ein: Unternehmen nutzen Crowdworking, um an
dringend benötigte Innovationen heranzukommen aber auch, um ihre Organisa-
tion durch diese Erfahrungen in Richtung netzwerkartiger Organisationstypen zu
erweitern, die sowohl effizient als auch innovativ sein sollen. Die so entstehen-
den hybriden „Netarchien“ sollen die Vorteile der traditionellen Hierarchie aber
auch flacher kooperativer Arbeitsverhältnisse widerspiegeln, wie sie die Crowd
präferiert.4 Gleichzeitig nutzen Beschäftigte der Hierarchie die Arbeit auf Crowd-
workingplattformen, um Kenntnisse und Fertigkeiten zu erlangen bzw. Talente
auszuüben, die sie in der Hierarchie nicht generieren bzw. umsetzen können,
obwohl sie erkennbar notwendig sind, um in der nahenden digitalen Ökonomie
erfolgreich zu sein. Der für diesen Band so zentrale Begriff der Erwerbshybridi-
sierung erlangt in diesem Kontext also eine zusätzliche Bedeutung. Neue Orga-
nisationsverhältnisse und damit verknüpfte Lernerfahrungen für Unternehmen
und Beschäftigte, die oftmals parallel zur existierenden Arbeitswelt, und durchaus
wechselseitig verbunden, eingeübt werden, führen in einem Übergang so zu hyb-
riden Arbeits- und Organisationserscheinungen.5
Crowdworking bezeichnet das Verrichten von Arbeitsaufträgen, die von
Unternehmen ausgelagert, über Internetplattformen an Internetnutzer und
Internetnutzerinnen (die Crowd) ausgeschrieben werden und in Arbeits- oder
Kreativprozesse münden, die in der Regel außerhalb klassischer Beschäftigungs-
verhältnisse erbracht werden.6 Das Spektrum dieser Arbeitsprozesse reicht von
einfachen Tätigkeiten wie das Sortieren von Bildern, dem Erstellen von Wer-
bekampagnen, bis zum Transportieren von Menschen mit dem eigenen PKW,
dem Entwickeln von Software und der Erstellung ärztlicher Gutachten. Diese
Betrachtung inkludiert ebenfalls eine Entwicklung, in der derartige Plattformen
zu Konkurrenten von Unternehmen werden und so zu neuen, intensiveren Wettbe-
werbssituationen führen. In diesem Beitrag soll das Thema Crowdarbeit vor allem

3Srnicek 2017, S. 1061 f.


4Al-Ani 2017c, S. 133 ff.
5In diesem Kontext ist die Beobachtungen von Fichtner 2008, S. XVIII, instruktiv, dass

„(…) die Informationsgesellschaft keine Lernkultur (…) hat, sondern eine Lernkultur ist.
(…)“ (Hervorhebung im Original).
6Vgl. Al-Ani und Stumpp 2016, S. 23 ff.
242 A. Al-Ani und S. Stumpp

mithilfe aktueller Forschungsergebnisse einer im Jahr 2016 bei zwei deutschen


Plattformen durchgeführten Umfrage und Analyse ausgebreitet werden, um Ent-
wicklungstendenzen auch jenseits der offenkundigen Prekariatsdiskussion aufzu-
zeigen.7
Ein Widerspruch vorweg: Trotz scheinbar zunehmender Bedeutung der
Arbeitskraft der Crowd ist es bisher in Deutschland und anderswo noch eine –
wenn auch beachtenswerte und wachsende – Minderheit von Unternehmen, die
Crowdarbeit tatsächlich zielgerichtet in ihre eigene Wertschöpfung integriert.8
Dies geschieht dann vor allem in weniger „sensiblen“ Bereichen der Unterneh-
mung, wie Marketing, Kundenservice oder Marktforschung, und überraschender-
weise weniger im medial „gehypten“ Bereich der Innovation.9 Jedoch ist bereits
jetzt erkennbar, dass diese neue Arbeitsform aus Sicht der Unternehmen an
Bedeutung gewinnen wird.10 Die Faszination von Crowdworking hat – wie ange-
deutet – dann vor allem auch damit zu tun, dass sich hier verschiedene ökono-
mische und politische Entwicklungen manifestieren, die den Blick auf ganz neue
Strukturen knapp hinter dem Horizont erlauben und den beteiligten Akteuren die
Notwendigkeit erkennbar machen, sich bereits jetzt hierzu zu positionieren und
wohl auch zu verändern. Der Begriff „Horizont“ ist bewusst gewählt und soll die
erkennbaren und eher steuerbaren Ereignisse der Zukunft andeuten, die hier the-
matisiert werden. Er ist nicht mit dem Event Horizon gleich zu setzen, der den

7Der Untersuchung liegt ein Mehrmethodendesign zugrunde, welches sich aus einer Exper-

tenbefragung in Form eines Workshops, einer quantitativen Online-Befragung von 165


Crowdworkern auf zwei verschiedenen Plattformen, eine anonymisierte Effizienzplattform
für Software-Testing und die Ideenplattform jovoto, und einem Ideenwettbewerb auf jovoto
zusammensetzt; Al-Ani und Stumpp 2016.
8Selbst in der IT-Wirtschaft scheint Crowdworking in Deutschland noch ein Minderheiten-

programm zu sein; Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) 2015, S. 3 ff.


Und auch in den USA, wo das Jobwachstum seit 2005 fast ausschließlich durch außeror-
dentliche („alternative“) Beschäftigungsverhältnisse charakterisiert sein dürfte, ist der
Prozentsatz an Crowdworker eher gering: „(…) the percentage of workers engaged in alter-
native work arrangements – defined as contemporary help agency workers, on-call workers,
contract company workers, and independent contractors or freelancers – rose from 10.1
percent in February 2005 to 15.8 in late 2015. (…) We further find that about 0.5 percent of
workers indicate that they are working through an online intermediary (…) Thus, the online
gig workforce is relatively small compared to other forms of alternative work arrangements
(…)”; Katz und Krueger 2016, S. 2 f.
9Vgl. Al-Ani et al. 2014, S. 16.

10Vgl. Al-Ani et al. 2014, S. 19; Al-Ani 2014, S. 8.


Übergangsphänomen Crowdworking: Die Dinge… 243

Punkt bezeichnet, an dem künstliche Intelligenzen den Menschen überholen und


in eine „fremdartige“ und „unverständliche“ Zukunft führen werden.11
Die interessierenden Entwicklungen beziehen sich zunächst auf eine völlig
neue Art zu motivieren und zu führen. Gerade die krisenhafte Unternehmung aber
auch die überforderte Verwaltung machen sich die innovativen Managementprin-
zipien der Plattformen zunutze, die zwar so gar nicht zu arbeitsteiligen Hierar-
chien passen, aber nützlich sind, weil diese traditionellen Organisationen wohl
ihren Peak überschritten haben und sich Arbeit abseits der bisherigen Linien wei-
terentwickeln muss.12
Weiterhin agieren Crowdworkingplattformen als Prototypen für jene Unter-
nehmen, die die Arbeitskraft der Crowd früher oder später durch Computer und
Roboter ersetzen wollen und vielleicht sogar völlig automatisierte Unternehmens-
formen anstreben. Die kostengünstige, flexible und innovative Crowd fungiert in
der Zwischenzeit als ein praktikables, aber zeitlich limitiertes, datengenerierendes
Robotersurrogat für diese Automatisierungsformen und die Möglichkeit, diesen
Trend zu beeinflussen, erscheint sehr limitiert. Maßnahmen, die die Arbeit verteu-
ern, werden die Automatisierung eher beschleunigen.
Crowdworking führt auch zu neuem Lernverhalten und zwar in einer doppel-
ten Weise: Einerseits in dem Sinne, dass die Crowdworker neue Lernpfade abseits
der traditionellen Institutionen benötigen. Andererseits schaffen Crowdworking-
plattformen auch neue Möglichkeiten, Lernerfahrungen zu generieren.
Letztlich macht die Art und Weise, wie Crowdworking generiert und organi-
siert wird, auf neue bzw. andere gesellschaftliche Organisationsprinzipien und
Solidarisierungsmechanismen aufmerksam: Weniger diktierte Solidarität, die dis-
ziplinarisch wirkt, sondern eine, die eher von unten nach oben durch Inklusion
herbeigeführt werden muss. Crowdworking als Phänomen des Übergangs beein-
flusst durch sein Wesen also auch die Art und Weise, wie der Übergang vor sich
geht und auch, wie das ökonomische und politische Ergebnis aussehen kann!
Der gewählte Beobachtungswinkel soll diese Entwicklungen auch aus dem
Standpunkt der betroffenen Crowdworker beleuchten und mögliche Einwirkungs-
punkte freilegen, die diesen und den involvierten Institutionen zur Verfügung stehen.
Des Weiteren ist anzumerken, dass die hier getroffenen Aussagen vor allem für die
entwickelten Volkswirtschaften relevant sind. Man muss davon ausgehen, dass die
Konsequenzen der Arbeitsdigitalisierung für die sogenannten Entwicklungsländer

11Sirius und Cornell 2015, S. 2015.


12Vgl. Al-Ani 2017c, S. 293 ff.
244 A. Al-Ani und S. Stumpp

anders aussehen, auch wenn man bislang oft nur feststellen kann, dass Analysen und
Szenarien für die Effekte jenseits der entwickelten Industrieländer noch in den Kin-
derschuhen stecken.13

2 Plattformen: Auf dem Weg zum Digitalen


Kapitalismus

Am Anfang stand die Tat. Angestellte Softwareprogrammierer und -programmie-


rerinnen organsierten sich in den 1990er Jahren zunächst in ihrer Freizeit abseits
der traditionellen Institutionen, um weitgehend selbstgesteuert und unbezahlt Pro-
jekte durchzuführen, die ihnen wichtig waren und deren Ergebnisse unentgeltlich
weitergegeben wurden (Commons/Allmende).14 Ergebnisse dieser Peer-to-Peer-
Production (P2P) schlugen sich in Projekten wie Wikipedia oder Linux nieder.15
Diese Neuorganisation war möglich, weil soziale Medien zur Verfügung standen,
die eine Verbindung zwischen „freien Produzenten und Produzentinnen“ abseits
der traditionellen Institutionen erlaubten (De-Institutionalisierung), aber auch,
weil die Informationsökonomie die „Tragödie der Allmende“, also die Wertver-
schlechterung durch übermäßige Nutzung, mit einer anderen Logik durchbrechen
konnte: Je öfter die Produkte (Code, Wissensinhalte) genutzt und angereichert
wurden, desto wertvoller wurden sie.16 Diese neuen Modelle konnten entste-
hen, weil die Hierarchie immer nur einen begrenzten Ausschnitt der Fähigkei-
ten, Ideen und Motivationen ihrer Mitglieder nutzen kann.17 Diese mussten sich

13Vgl. hierzu etwa Al-Ani 2017b.


14Benkler 2006, S. 133 ff.
15Die Dramatik dieser Entwicklung kann kaum unterschätzt werden und der Durchbruch

zu neuen Organisationsformen konnte wohl nur hier passieren: „(…) Es handelt sich hier
um einen Bruch, der den Kapitalismus an der Basis untergräbt. Der Kampf zwischen der
‚Software als Eigentum‘ und der ‚freien Software‘ (…) war der Anstoß für den zentralen
Konflikt der Epoche. Dieser greift um sich und mündet in den Kampf gegen die Vermark-
tung der Primärreichtümer – des Bodens, des Saatguts, des Genoms, der Kulturgüter, des
Wissens und der Kompetenzen (…)“; Gorz 2011, S. 27.
16Vgl. Gorz 2011, S. 11 ff.; Hess und Ostrom 2007, S. 8 ff.; Benkler 2006, S. 249 f.

17Organisationen wollen keinesfalls kannibalistisch den „ganzen Menschen“ (Totalinklu-

sion), aber sie bekommen einerseits mehr und anderes als sie wollen (z. B. dysfunktionale
Gefühle, Beziehungen, Stress, Sabotage) und andererseits zu wenig (an Einsatz, Leistung,
Qualität); Neuberger 1997, S. 500.
Übergangsphänomen Crowdworking: Die Dinge… 245

dann auch – quasi auf der Flucht oder Suche nach Verwirklichung – außerhalb
der Unternehmung konstituieren, um umfassend produktiv zu werden.18 Die viel
zitierte Adaptierungsfähigkeit des Kapitalismus zeigt sich nun in einer erstaun-
lichen Rückholaktion. Der zunächst außerhalb organisierte „Kognitive Über-
schuss“19 wird re-integriert und wieder an die Wertschöpfung der Unternehmung
bzw. Verwaltung angekoppelt.20 Beide Organisationsformen passen sich im Zeit-
verlauf einander an: Aus der „Sharing Economy“ wird die monetarisierte „Rental
Economy“.21 Aus der traditionellen Unternehmung graduell oder sogar stürmisch
eine hybride Netarchie und die Verwaltung wird in eine Plattform transformiert,
die die Bürger als Produzenten öffentlicher Leistungen inkorporiert und nutzt
(„Government as a platform“).22 Der Endpunkt dieser Transformation wird wohl
ein Organisationskonzept sein, in dem die Unternehmung mehr oder weniger
vollständig zu einer Plattform mutiert ist, wie dies unter Konzepten des „Indus-
trial Internet of Things“ oder der „Industrie 4.0“ angestrebt wird: Die eigentliche
Produktion ist weitgehend automatisiert und die Komponenten und Maschinen
bzw. ihre informationstechnischen Abbilder kommunizieren über das Netz mitei-
nander, ohne hierzu menschliche Anweisungen zu benötigen.23
Die Anbindung der Crowd über eigene oder externe Plattformen durch Unter-
nehmen und die entstandenen Unternehmensmodelle stellen eine völlig neue
Arbeitsorganisation dar, die gleichermaßen auf Effizienz (Exploit) und Innovation
(Explore) zielt.24 Die Erscheinungsformen der Plattformen spiegeln die unter-
schiedliche Generierung von Effizienz- und Innovationsvorteilen wider:25

18Zur Problematik der Subjektivierung verstanden als „(…) Erfüllung von Ansprüchen und
als Zumutung, als Autonomie und Zwang (…)“ in traditionellen Organisationen vgl. Mol-
daschl 2010, S. 282. Zur Motivation von Arbeitnehmern in der digitalen Ökonomie siehe
Wobbe et al. 2016, S. 117.
19Vgl. Shirky 2010.

20Al-Ani 2016a, S. 22 f.

21Zu diesem Übergang von P2P-Plattformprinzipien zu kommerziellen Unternehmen und

den damit verbundenen Änderungen ihrer Prinzipien (Kommerzialisierung der Arbeitser-


gebnisse, Steuerung der Arbeitseinsätze, …) vgl. Al-Ani und Stumpp 2015, S. 21 ff.
22Zu den neuen Organisationsmodellen siehe Al-Ani 2017c, S. 110 f.; Bauwens et al. 2012;

Rifkin 2011. Zum Thema „Government as a Platform“ vgl. Al-Ani 2016c.


23Zu den Plattformtypen, die hier entstehen (z. B. Industrial Platforms [Siemens, GM],

Advertising Platforms [Google], Cloud Platforms [Amazon Data Centers] und Lean Platt-
forms [Uber]) vgl. etwa Srnicek 2017, Pos. 536 ff.
24Vgl. Al-Ani und Stumpp 2016, S. 2.

25Vgl. Al-Ani und Stumpp 2016, S. 3 f.


246 A. Al-Ani und S. Stumpp

• Effizienzplattformen: Diese Plattformen werden von Unternehmen genutzt, um


kleinteilige Arbeitspakete an die Crowd auszulagern (Outsourcing), wodurch
Effizienzvorteile generiert werden sollen. Hierbei handelt es sich sowohl um
kognitiv wenig anspruchsvolle Aufgaben wie das Sortieren von Bildern oder
das Recherchieren von E-Mail-Adressen, sogenannte „Klickarbeit“, als auch
um Aufträge mit höherem Anspruchsniveau wie das Verfassen von Produktbe-
schreibungen oder Übersetzen von Texten. Prominente Beispiele für Effizienz-
plattformen sind Amazon Mechanical Turk, Applause und Clickworker. Bezahlt
wird auf diesen Plattformen nach Erledigung von definierten Arbeitspaketen –
es entsteht oftmals ein Segment kleinteiliger Werkvertragsbeziehungen.
• Innovations- und Problemlösungsplattformen: Diese vergeben zu lösende
Problemstellungen oder Zielsetzungen quasi als Wettbewerbe und (nur) die
„Gewinner“ werden mit einer Prämie entlohnt. Hierunter fallen wissenschaft-
liche Problemlösungs-Plattformen, wie Innocentive, Kreativplattformen wie
jovoto und Softwareentwicklungsplattformen wie TopCoder. Bei diesen Platt-
formen steht weniger der Effizienz-, als vielmehr der Innovationsgedanke im
Vordergrund, da hier weniger die Arbeitskraft, sondern primär das Wissen, die
Ideen und die Kreativität der Wettbewerbsteilnehmer in die Unternehmens-
wertschöpfung integriert werden. In dieser Kategorie befinden sich ebenfalls
viele der ursprünglichen P2P-Plattformen aus der Open Source Bewegung.
Diese blieben pro forma in ihrer ursprünglichen Struktur und ihre Kommerzia-
lisierung erfolgt über subtile Mechanismen.26
• Vermittlungsplattformen: Bei dieser Art von Plattformen handelt es sich nur
bedingt um Crowdworkingplattformen, da hier weniger die Arbeitsergeb-
nisse als vielmehr die zu vermittelnden Ressourcen im Vordergrund stehen.
Von Crowdarbeit kann hier nur bedingt gesprochen werden, da in der Regel
„Freelancer“-Vertragsverhältnisse begründet werden. Bekannte Vertreter von
Vermittlungsplattformen sind etwa twago und Upwork. Eine Sonderform der
Vermittlungsplattformen sind jene, die Leistungen der Crowdworker bündeln,
vermarkten und direkt an Endnutzer und nicht an andere Unternehmen ver-
mitteln, wie etwa Uber (Fahrdienstleistungen) und Airbnb (Unterkünfte). Hier
entstehen keine Freelancer-Vertragsverhältnisse zwischen Crowd und Platt-
form, sondern die Crowdworker werden zu Mikrounternehmer für Dritte, der
von Plattformen und deren Algorithmen gesteuert wird.

26So entsandte IBM bezahlte Programmierer und Programmiererinnen in Open Source-Pro-


jekte, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass hier Produkte im Sinne von IBM Kun-
den entwickelt werden; Bauwens et al. 2012.
Übergangsphänomen Crowdworking: Die Dinge… 247

Es bleibt noch anzumerken, dass die Kooptation bzw. Kooperation zwischen


Unternehmen und Crowd von ersterem zumeist nicht frei gewählt, sondern einer
Krise der Unternehmung geschuldet ist, welches zuletzt zu wenig innovativ war,
mit steigenden Kosten und schrumpfenden Profiten zu kämpfen hatte.27 Es zeigt
sich auch, dass diese Plattformen nicht nur Kooperations- bzw. Sourcingpart-
nerinnen und -partner, sondern auch direkte Konkurrenten sein können (Uber,
Airbnb, …). So ist es wohl notgedrungen besser, „mitzuspielen“ und den poten-
ziellen Mitbewerber zum Bestandteil der eigenen Wertschöpfung zu machen. Die
Erweiterung der Innovationsfähigkeiten und der Produktionskapazitäten durch
die Adaption der Crowd-Prinzipien und die sich ändernden Rahmenbedingungen
erzwingen jedoch auch für die Rollen und Aufgaben der eigenen Mitarbeiter und
Mitarbeiterinnen und des Managements einen Wandel.28
Aus Steuerungssicht ist die Plattform gegenüber dem „Command and
Control“-Ansatz der Hierarchie, aber auch gegenüber der Teamarbeit im Vorteil:
Hier steuert und motiviert sich das Individuum weitgehend selbst (Self-Identifi-
cation, Self-Regulation) bzw. werden in der Rental Economy zusätzliche Steue-
rungen auf Crowdworkingplattformen oft von nicht einsehbaren Algorithmen
übernommen, die einen Konflikt zwischen Selbst- und Fremdsteuerung zu ver-
meiden trachten.29 Diese Art der Steuerungen versucht transaktionskostenmini-
mierend das Individuum in der „bittersüßen“ Erkenntnis zu belassen, dass seine
Arbeit weitgehend selbstgesteuert erstellt wurde, obschon im Hintergrund fremde
Interessen und Verwertungslogiken entscheidend wirksam sind.30 Da aber die
Motivationen der Crowdworker noch nicht schwerpunktmäßig auf dem Gelder-
werb liegen, müssen diese Widersprüche (noch) nicht zutage treten.31 Selbst und
gerade das wissende, aber ohnmächtige oder verdrängende Individuum kann sich
in der Illusion wähnen, selbst gesteuert zu agieren, da die Manipulationstechniken
subtil agieren, die Originalbilder der freien, selbst organisierten Produzenten oft

27Wallerstein 2013, S. 24.


28Al-Ani 2014.
29Die Innovationen von P2P-Plattformen sind umso höher zu bewerten, wenn man bedenkt,

dass die bisherigen Führungsansätze zumeist aus dem Militärbereich kamen und daher
ein ganz bestimmtes Verständnis von Management hatten; Noble 1985, S. 333. Selbst ver-
meintlich moderne Ansätze, wie die Verwendung von Teams und Kleingruppen, hatten
ihren Ursprung in der Kriegsführung; Buck 1985, S. 226 f.
30Vgl. etwa die Kommentare der am Crowdstorm zum Thema Crowdworking Beteiligten

auf der Innovationsplattform jovoto, Jovoto 2017.


31Vgl. Al-Ani und Stumpp 2016, S. 7.
248 A. Al-Ani und S. Stumpp

aufrecht erhalten werden und die Machtasymmetrien auf Plattformen derart ver-
drängt werden können (Over-Trust).32

3 Crowdworking als Nukleus digitaler autonomer


Organisationsmodelle

Zielsetzung der Automatisierung der Unternehmung ist die Reduktion mensch-


licher Arbeitskraft bzw. deren Substitution durch Maschinen und Künstliche
Intelligenz. Die Herausnahme des Individuums bzw. seiner Arbeitskraft aus dem
Produktionsprozess war stets ein Ziel der Automatisierung, auch wenn sich Stra-
tegien hierzu unterscheiden mögen.33 Crowdworkingplattformen eignen sich nun
aus mehrerlei Gründen für die Erprobung und den Aufbau dieser neuen „men-
schenleeren“ Unternehmung: Nicht nur gehören diesen Plattformen oftmals keine
Assets (Autos, Wohnungen, Computer etc. gehören meist den Crowdworkern),
die heute tätigen Crowdworker werden auch bereits vielfach durch Algorithmen
gesteuert, die etwa festlegen, wie Arbeit zugeteilt, priorisiert und verwertet wird.
Diese Entitäten können deshalb durchaus als ein Vorbote des von Hans Moravec
skizzierten Roboterkapitalismus gelten.34 In dessen Szenario werden Roboterfab-
riken weitgehend von künstlichen Intelligenzen gesteuert, von „Robobossen“, die
keine Profite für sich beanspruchen und auch deshalb ihren menschlichen Gegen-
über überlegen sind.35 Derartige Organisationsformen entstehen bereits, etwa als
weitgehend durchautomatisierte und entmenschlichte sogenannte „Lights-Out
Factories“ oder auch als gänzlich von Algorithmen gesteuerte „Decentralized
Autonomous Organisations“ (DAOs).36

32Das Individuum befindet sich also in einer gefühlten Situation, wie sie in der Matrix-
Filmreihe beschrieben wird; Al-Ani 2016b, S. 4; Sirius und Cornell 2015, 188 ff. Ein zen-
traler Dialog zwischen einem Überwachungsprogramm und einem Überläufer, der wieder
in die Scheinwelt der Matrix zurück möchte, beschreibt diese Situation: „(…) You know, I
know this steak doesn't exist. I know that when I put it in my mouth, the Matrix is telling
my brain that it is juicy and delicious. After nine years, you know what I realize? (…) Igno-
rance is bliss. (…)”; IMDb 2017.
33Zu dieser Diskussion vgl. Al-Ani 2017a, S. 570; Markoff 2015, S. 95 ff.; Schoeffel und

Mitchell 2002, S. 249; Noble 1995.


34Vgl. Moravec 1999, S. 133 ff.

35Groll 2016, S. 10 f.

36Markoff 2015, S. 55 ff.


Übergangsphänomen Crowdworking: Die Dinge… 249

Generell scheint die Zerlegung bzw. Standardisierung von komplexen Tätig-


keiten und ihre Verlagerung auf Crowdworkingplattformen eine Vorstufe zur
Automatisierung zu sein.37 Die Maschine bzw. Künstliche Intelligenz muss in
einem ersten Schritt also gar nicht mehr den Menschen nachahmen, sondern kann
die standardisierte menschliche Arbeitsleistung verarbeiten, über Plattformen
aggregieren, mit Algorithmen steuern und Big Data anreichern und ist so auch
gegenüber komplexen Jobprofilen konkurrenzfähig (Ärzten, Anwälten …).38
Diese Entwicklung wird natürlich weiter gehen. Das Beispiel von Uber, ebenso
wie von anderen Mobilitätsplattformen, zeigt, wie derartige Organisationen in
einer Zwischenphase Crowdworker als Surrogat für noch nicht ausgereifte Robo-
ter bzw. selbststeuernde Systeme und vor allem zum Generieren von Daten für
das Anlernen von Maschinen verwenden.39 Die Ziele von Mobilitätsplattformen
gehen in die Richtung, menschliche Leistung früher oder später durch selbststeu-
ernde Systeme zu ersetzen. Die Erfahrungen und Daten, die in dieser Übergangs-
phase gesammelt werden – im Machine Learning lernt die Maschine ja zunächst
vom Menschen – sind nützlich, um die notwendigen Algorithmen und Systeme
zu entwickeln und zu perfektionieren.40 Andere Bereiche, wie etwa das Invest-
mentbanking, zeigen bereits, wie vollständig automatisierte Finanzmanagement-
systeme aufgebaut werden (Etherum), in denen Crowdworker als „Investoren und
Investorinnen“ agieren, aber über keine grundsätzliche Steuerungsmöglichkeiten
der Algorithmusverfassung mehr verfügen, die die Investments plant, errechnet
und zuteilt, genauso wenig, wie die Uber-Fahrer und Fahrerinnen heute ihre Kun-
den und Kundinnen auswählen und den Preis bestimmen können.41

37„(…) We believe these are but a few early indicators of a fundamental shift in professio-
nal service. Within professional organizations (firms, schools, hospitals), we are seeing a
move away from tailored, unique solutions for each client or patient towards the standardi-
zation of service. Increasingly, doctors are using checklists, lawyers rely on precedents, and
consultants work with methodologies. (…) More fundamentally, once professional know-
ledge and expertise is systematized, it will then be made available online, often as a charge-
able service, sometimes at no cost, and occasionally but increasingly on a commons basis,
in the spirit of the open source movement. There are already many examples of online pro-
fessional service. (…)”; Susskind und Susskind 2016.
38Susskind und Susskind 2016.

39Gerade Vermittlungsplattformen müssen zudem schnell versuchen, ihr auf Outsourcing-

kostenvorteilen beruhendes Geschäftsmodell hinter sich zu lassen und in Richtung des


Angebots von eigenen Dienstleistungen und Produkten zu gehen, welches profitabler und
gegenüber der Konkurrenz abschottbarer ist; Srnicek 2017, Pos. 1584.
40Vgl. Lee 2016; Levandowski und Kalanick 2016.
41Siegele 2016.
250 A. Al-Ani und S. Stumpp

Ohne Angabe

Angestellt

Keine bezahlte Tätigkeit


(Student, Rentner, etc.)

Selbständig/Freiberufler

0 20 40 60 80 100
Anzahl in Prozent
Kreativ-Crowd IT-Crowd

Abb. 1   Beschäftigungsstatus der Crowdworker (Angaben in Prozent, N = 165). (Quelle:


Al-Ani und Stumpp 2016, S. 6, eigene Übersetzung)

Aus dieser Position des „endlichen Arbeiters“ ergeben sich einige Implikatio-
nen für die politischen und gewerkschaftlichen Gestaltungsstrategien. Zum einen
wird jede Verbesserung der Arbeitssituation der Crowdworker die Automatisie-
rung beschleunigen, weil Maschineneinsatz dadurch rentabler wird. Zum anderen
kann und muss die verbleibende Zeit genutzt werden, um eigene, arbeitnehmer-
freundliche Algorithmen und Angebote aufzubauen42 oder zumindest eine Re-
Qualifikation oder Re-Orientierung der Arbeitenden zu forcieren.43

4 Crowdworking als Lernprozess

Die digitale Ökonomie, so die vorherrschende Meinung, bedingt eine massive


Re-Qualifikation der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Allerdings scheinen die
traditionellen Bildungsangebote auf diesen Bedarf noch wenig Rücksicht zu
nehmen. In dieser widersprüchlichen Situation erscheint die Möglichkeit, auf

42Zum Beispiel für kooperative Taxiunternehmen Harris 2015.


43Zu den Möglichkeiten der Requalifikation in der digitalen Ökonomie siehe Al-Ani 2017a.
Übergangsphänomen Crowdworking: Die Dinge… 251

­ rowdworkingplattformen zu lernen, als ein zentraler Baustein von Lernpfaden,


C
die das Individuum in der Digitalen Ökonomie selbstständig zu designen und
managen hat.44
Die Ergebnisse unserer Umfrage in Deutschland verdeutlichen, dass wohl die
wenigsten Crowdworker ihre Tätigkeiten auf Plattformen als Haupterwerbsquelle
betrachten (Abb. 1).
Es handelt sich in den meisten Fällen um einen Zuverdienst von Studierenden,
Angestellten, Selbstständigen oder Freiberuflern. Die Kombination von Crowd-
working und Haupterwerb konstituiert hybride Erwerbspassagen, bei denen für
die Zweiterwerbsarbeit in der Crowd andere Motivationsfaktoren im Vordergrund
stehen (Abb. 2). Neben dem Zuverdienst und dem offensichtlichen Spaß bei der
Arbeit – ein in einer vermeintlich hierarchiefreien Struktur zentrales Element und
Überbleibsel der P2P-Tradition – steht bei den Motiven der Crowdworker der
Erwerb von Fähigkeiten an vorderer Stelle. Crowdworker erlangen bei ihrer Arbeit
auf Plattformen Möglichkeiten, neue Technologien, Kollaborationspartner und
Rollen (Mini-Entrepreneur) kennen zu lernen, sowie Credentials zu generieren,
die in der arbeitsteiligen Hierarchie für sie so nicht erzielbar wären, dort aber sehr
wohl kapitalisiert werden können.45 Die hybride Doppelbeschäftigung in abhän-
giger und (unterbezahlter) Crowdtätigkeit erweist sich bei näherem Hinsehen also
z. T. als persönliche Investition in Erfahrungssammlung in der Crowd, die sich per-
spektivisch im abhängigen Hauptbeschäftigungsverhältnis rentieren soll.
Es scheint sich abzuzeichnen, dass das Lernen auf Crowdworkingplattformen
zum Bestandteil eines individuellen Lernpfades wird – neben der traditionellen
Ausbildung, Lernen in Communitys und Nutzung von digitalen Lerninhalten.46
Aus der Perspektive der Unternehmen trägt diese Entwicklung der Tatsache
Rechnung, dass sie für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in erratischen Zei-
ten des Hyperwettbewerbs keine festgelegten Bildungswege mehr vorzeichnen
können und darauf angewiesen sind, dass Skills flexibel – nicht auf Vorrat son-
dern selbst gesteuert, „on demand“ – herausgebildet werden können. Aus der
Perspektive des Beschäftigten wird die Arbeit auf Plattformen mit der Notwen-
digkeit einhergehen, immer wieder neu – abseits der traditionellen Pfade – zu
l­ernen. Crowdworking generiert so betrachtet Lernmöglichkeiten, die traditionelle

44Dass das traditionelle Bildungsangebot für die Praxis eher nur begrenzt tauglich scheint,
ist schon länger klar: „(…) the skills of the cutting-edge high-tech industries such as com-
puters, are generally learned on the job or through personal experience rather than in the
formal bureaucratic setting of schooling. (…)”; Collins 2002, S. 26.
45Vgl. Al-Ani und Stumpp 2016, S. 7 f.

46Al-Ani 2016e, S. 247 ff.


252 A. Al-Ani und S. Stumpp

IT-Plattform

Anerkennung

Reputation

Unternehmerisches Denken

Neue Fähigkeiten

Soziale Beziehungen

Spaß

Zuverdienst

Lebensunterhalt

0 20 40 60 80 100
Anzahl in Prozent

Stimme voll und ganz zu Stimme teilweise zu

Kreativ-Plattform

Anerkennung

Reputation

Unternehmerisches Denken

Neue Fähigkeiten

Soziale Beziehungen

Spaß

Zuverdienst

Lebensunterhalt

0 20 40 60 80 100
Anzahl in Prozent

Stimme voll und ganz zu Stimme teilweise zu

Abb. 2   Motivationen und Beweggründe von Crowdworkern (in Prozent): Die Skalierung
der Antwortmöglichkeiten reicht von „Trifft voll und ganz zu“ bis „Trifft gar nicht zu“ (1
bis 4). Die Abbildung visualisiert die kumulierten Antworten „Trifft voll und ganz zu“ und
„Trifft eher zu“. (Quelle: Al-Ani und Stumpp 2016, S. 7, eigene Übersetzung)
Übergangsphänomen Crowdworking: Die Dinge… 253

Bildungsinstitutionen und -angebote nicht erbringen und dies noch dazu in wert-
schöpfenden (entlohnten) Prozessen.
Auf der anderen Seite generiert Crowdworking gleichzeitig die Nachfrage
nach derartigen „trainings in the crowd“, da die Biografie der hybriden Erwerbs-
tätigen der Zukunft permanente Lernfähigkeit (learnership) voraussetzt.47 Hier
wird dann auch ein völlig neues Lernverhalten begründet (Peer learning, DIY-
learning, Edupunks etc.). Es bilden sich erste Institutionen heraus, die Angebote
für diese Nachfrage generieren (Gates Stiftung, edx) und auch hier werden wieder
klassische Elemente der traditionellen Plattformökonomie als Bestandteile des
Lernangebots verwendet (z. B. Peer Grading, selbst gesteuerte Lernstrecken, kos-
tenlose Inhalte, Peer learning etc.).48 Es ist zudem beobachtbar, dass Unterneh-
men versuchen, Lernkapazitäten kommerziell für diese Zielgruppe aufzubauen,
da traditionelle Universitäten die notwendigen Veränderungen oft nicht oder zu
langsam nachvollziehen können (Amazon Nanozertifikate, Kooperation von Star-
bucks und Google mit Plattformen für digitales Lernen etc.).49
Crowdworking und Arbeit auf Plattformen schaffen einerseits neue Möglich-
keiten zu lernen und bedingen andererseits neue Lernpfade. So betrachtet könnte
man meinen, dass diese Bewegung auch zur Anpassung der Lerninstitutionen
an neue hybride Erwerbsverläufe oder sogar zu einer Öffnung für neue Formen
lebenslangen Lernens führen könnte. Dieser wichtige Schritt ist allerdings bis-
lang ausgeblieben. Die empirischen Ergebnisse unserer Studie liefern eine erste
Evidenz: Crowdworking als Projekt der Mittelschicht, die über klassische Bil-
dungsabschlüsse verfügt, scheint ein noch zu schwaches Signal an die Transfor-
mationsbereitschaft der Bildungsindustrie zu senden.50 Offensichtlich müssen
größere Verwerfungen eintreten – wie etwa die steigende Zahl von Flüchtlingen,
die in den europäischen Arbeitsmarkt integriert werden müssen – damit neue
Wege gefunden werden.51

47Deiser 2016, S. 264 f.


48Piech et al. 2013. Für die erste Peer-Learning-Universität vgl. Peer 2 Peer University
(P2PU) 2017.
49Für das Beispiel Amazon als Bildungsanbieter siehe Team (2016) und für eine Zusam-

menfassung derartiger Kooperationen vgl. Al-Ani 2016e.


50Nicht so in den USA. Die dort stattfindende „Edupunk“-Debatte hatte wohl auch mit

den zunehmenden Problemen der Mittelschicht zu tun, Universitätsbildung zu finanzieren;


Kamenetz 2010.
51Siehe hierzu die Diskussion über die Öffnung der traditionellen Bildungsinstitutionen für

unterprivilegierte Zielgruppen in Deutschland und Frankreich; Al-Ani 2016d, S. 94.


254 A. Al-Ani und S. Stumpp

5 Crowdworking als neues Gesellschaftsmodell:


Das Ende der Solidarität, wie wir sie kennen

Crowdworking ist jenseits seiner potenziellen ökonomischen Bedeutung eine


Blaupause für eine neue Art, wie soziale Beziehungen und Solidaritätsmechanis-
men funktionieren können. Vor der Verbreitung der Sozialen Medien ging man
davon aus, dass solidarischer Aufbau von (Gegen-)Macht vor allem durch große
und umfassende Organisationen möglich sei. Solidarität in diesem einheitlichen
Konzept verlangt eine gewisse Aufgabe des „Ich“ in den Reihen der Aktivisten.52
Crowdworking und die Beziehungen zwischen Crowdworkern – so wie sie in den
ursprünglichen P2P-Plattformen entstanden und auch noch in die kommerziali-
sierten Plattformen hineinreichen – funktionieren gänzlich anders: Hier werden
Beziehungen selbst gesteuert über ähnliche Leidenschaften und Interessen bot-
tom-up zusammengesetzt, manchmal auch jenseits traditioneller Institutionen.
Gerade diese De-Institutionalisierung setzt die traditionelle politische Organisa-
tion (Gewerkschaft, Partei) zunächst einer gewissen Zäsur aus, weil diese prin-
zipiell konkurrenziert wird. Damit verliert letztendlich auch die traditionelle
Gesellschaft an Kohäsion, weil die von diesen Institutionen verordnete Solidarität
immer weniger funktioniert.53
Crowdworking und Crowdworkingplattformen verlangen eine Solidarität, die
vor allem durch die Fähigkeit zur Inklusion neuer Mitglieder ihre Kraft entfal-
tet. Und diese Inklusion scheint zu funktionieren, wenn gewisse Grundregeln der
Kooperation (Selbstorganisation, Gleichheit der Mitglieder, Verständnis über eine
gemeinsame Arbeit, Fähigkeit zur Zusammenarbeit etc.) berücksichtigt werden.
Wir erkennen deshalb bei vielen Plattformen ausgeklügelte Mechanismen und
Algorithmen, die verhindern sollen, dass Crowdworker ihre Mitproduzenten domi-
nieren, ihnen schaden oder gar den Eintritt zu diesen Plattformen verstellen.54 Auf
diesen Plattformen scheinen sich also in gewisser Art Robert Owens genossen-
schaftliche Rochdale-Prinzipien55 widerzuspiegeln. Die Politik der Inklusion ver-
langt Konsensus (anstatt Überstimmung), Koalitionsbildung und Integrationen in
einem politisch neutralen Umfeld als Basis für eine Solidarität, die sich von unten
nach oben entwickelt. Gerader letzter Punkt – die Neutralität – wurde bereits von

52Sennett 2015, S. 61 ff.


53Habermas 2011, S. 161.
54Jemielniak 2014, Pos. 513 ff.

55Vgl. Fairbairn 1994.


Übergangsphänomen Crowdworking: Die Dinge… 255

Marx bei seiner Analyse der Genossenschaftsbewegung massiv kritisiert.56 Und


hier scheint tatsächlich auch ein Schwachpunkt vieler bisheriger Selbstorganisa-
tionsüberüberlegungen der Crowdworker zu liegen. Glaubten Hardt/Negri noch
daran, dass sich die neue Gesellschaft als Multitude selbst und quasi natürlich
organisieren könnte,57 so kritisierte Mouffe diesen „Mechanismus“ bereits als eine
apolitische Sichtweise und forderte die Generierung von kontroversen politischen
Standpunkten.58 Und die Microsoft-Forscherin Crawford konnte aufzeigen, wie
diese von Mouffe kritisierte „politische Leere“ genutzt wird: meist kommerzielle
Algorithmen werden die Individuen zu Communitys zuteilen, ohne dass diese wis-
sen müssen, wie dies geschieht (Calculated Publics).59
Die skizzierte Situation wird die bestehenden Parteien und Gewerkschaften
durchaus herausfordern – weit über die Frage nach Organisation und Sozialver-
sicherungspflicht hybrider Selbstständiger hinaus. Wie sollte man auf diese Selb-
storganisation von Crowdworkern oder anderer Interessierten reagieren? Kann
man diese integrieren oder ihr vielleicht sogar einen (politischen, ideologischen)
Rahmen geben?60 Die Beantwortung dieser Fragen ist auch deshalb so zentral,
weil das selbstbewusste auf Selbstverwirklichung ausgerichtete, aber oft auf sich
selbst reduzierte „bloße“ Individuum immer mehr an politischer Macht gegen-
über den Plattformeigentümern und -eigentümerinnen und ihren Kapitalgebern
und -geberinnen zu verlieren scheint. Dabei lässt die Neuartigkeit des Crowdwor-
kingkonzeptes vermuten, dass die Anforderungen der Crowdworker an die Fair-
ness der Plattformen (bzw. ihre Suche nach und ihre Beteiligung am Aufbau von
Alternativen) in den nächsten Jahren zunehmen. Auch die Fähigkeit der Crowd,
Asymmetrien zu analysieren und Gegenstrategien zu entwickeln, wird stärker
werden.61 Der Aufbau von Gegenmacht ist komplex und es zeigt sich bereits,

56Marx und Engels 1973, S. 33.


57Hardt und Negri 2005, S. 340.
58Mouffe 2009, S. 50.

59Crawford 2016, S. 1.

60So ist etwa die Öffnung der Hierarchie politischer Organisationen durchaus problema-

tisch; Anger 2015; Friedrichsen 2015, S. 21. Ein Erfolgsbeispiel scheint allerdings die
Kooperation zwischen selbstorganisierten Uber-Fahrern und der Transportgewerkschaft in
den USA zu sein; Al-Ani und Stumpp 2015.
61So zeigte sich auch bei der Amazon Turk-Plattform Widerstandspotenzial gerade bei

erfahrenen Crowdworkern; Bucher et al. 2015, S. 21 f.


256 A. Al-Ani und S. Stumpp

Keine

Gewerkschaften sollten
bei Konflikten schlichten

Gewerkschaften sollten
Crowdworker beraten

Gewerkschaften sollten
CS-Plattformen zertifizieren

Gewerkschaften sollten
CS-Plattformen bewerten

Gewerkschaften sollten
als neutrale Stelle fungieren
Gewerkschaften sollten
die Selbstorganisation
der Crowdworker unterstützen
Gewerkschaften sollten eigene
Crowdworker-Communitites aufbauen

0 20 40 60 80 100

IT-Crowd Kreativ-Crowd

Abb. 3   Erwartungshaltung an Gewerkschaften bei der Gestaltung von Crowdarbeit


(Anzahl Nennungen von 165 Befragten. Mehrfachangaben möglich). (Quelle: Al-Ani und
Stumpp 2016, S. 11, eigene Übersetzung)

dass die Organisation von Mitstreitern und Mitstreiterinnen in politischen Kon-


fliktsituationen mühseliger und schwieriger ist als zu Produktionszwecken62 und
die politisch oft noch nicht versierten Crowdworker auch ihre Organisationsfä-
higkeit tendenziell überschätzen.63

62Hier zeigt sich, dass es bei komplexen und kontroversen Themen schnell zu einem
Overload kommt und die Organisationsfähigkeit der Plattformteilnehmer und Plattform-
teilnehmerinnen überfordert werden kann. Instruktiv sind hier die ersten Erfahrungen der
Selbstorganisation von Crowdworkern als Gegenmacht zu kommerziellen Plattformen;
Salehi et al. 2015, S. 2.
63Hoock 2016.
Übergangsphänomen Crowdworking: Die Dinge… 257

So ist es auch nicht verwunderlich, dass die von uns als Pioniere hybrider
Arbeitswelten näher betrachteten Crowdworker der Unterstützung durch Gewerk-
schaften bisher eher zurückhaltend gegenüber stehen und diese für sich (noch?)
nicht als Instrument der Organisation von Gegenmacht sehen (Abb. 3).
In dieser Situation, die gekennzeichnet ist, von einer heterogenen Arbeit-
nehmergruppe und von traditionellen politischen Organisationen, die mit dieser
Heterogenität wenig anfangen können, entstehen gemäß der Logik der digita-
len Ökonomie und Politik folgende Hebel zu einer Vertretung der Interessen der
Crowdworker, welche hier als Vorhut der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen
in der Plattformökonomie betrachtet werden kann:

• To resist is to create: Alternative und arbeitnehmerfreundliche Organisati-


onsformen (z. B. Genossenschaften) setzen sich nicht durch, weil diese auf
dem Kapitalmarkt kein Funding bekommen. Uber und Airbnb wären ja auch
als Genossenschaften möglich gewesen!64 Hier könnten auch arbeitnehme-
raffine Organisation einschreiten, um Algorithmen zu bauen, zu verteilen,
­Ökosysteme von gleich gesinnten Unternehmen/Start-ups zu unterstützen, die
einen Gegenentwurf im Sinne arbeitnehmerfreundlicher Plattformen entwi-
ckeln;65

64„(…) In principle, it would be the perfect model for a worker coop: a piece of software
owned by drivers around the world that helped them do their work better with the costs
and surplus or profits shared. In reality, it required the high-risk VC (Venture Capital) envi-
ronment to finance and build such an innovative and disruptive piece of software. Public
agencies, NGOs, social enterprises and coops do not have a strong track record building
innovative technology. Even the great and successful collaboratively made pieces of tech-
nology – from within the open source community – are regularly criticised for not having a
great user interface. Open source exceptions to this, such as Wordpress, are run as private,
profit-making companies. (…)”; Wistreich 2015.
65Beispielhaft ist der „Crowdsourcing Code of Conduct“, ein Leitfaden für eine gewinn-

bringende und faire Zusammenarbeit zwischen Plattformen und Crowdworkern, der u. a.
von Plattformen wie Testbirds, Clickworker und Crowdguru erstellt wurde; vgl. Testbirds
2017.
258 A. Al-Ani und S. Stumpp

• „Populistische” Organisationsformen: Crowdworker beginnen sich oftmals schon


selbst zu organisieren (Freelancer Associations, Crowdworker Unions etc.) und
erste Auseinandersetzungen mit Plattformeigentümern und -eigentümerinnen zu
forcieren.66 Traditionelle politische Organisationen könnten nun versuchen, diese
Selbstorganisationen nicht zu substituieren oder zu konkurrenzieren, sondern zu
aggregieren und ihnen einen Rahmen zu geben. In diesem Sinne würden dann
wohl „populistische“ Bewegungen im Sinne Laclaus entstehen, die diese hete-
rogene Belegschaft als eine „nominale Einheit“ versucht zu vereinen und auf ein
politisches Ziel einschwört.67

6 Fazit: Hybridisierung in der Ausbaustufe. Die


Automobilindustrie als Plattform

Ein hybrides Modell ist gekennzeichnet durch zwei unterschiedliche Zustände,


die bedient werden müssen. In unserem Fall sind dies traditionelle Strukturen und
neuartige Crowdworkingplattformen, in den verschiedenen Ausprägungen bzw.
andere „neuartige“ Arbeitsstrukturen (Start-ups etc.), welche aufeinandertreffen.
Die bisherigen Ausführungen sollen zeigen, dass die Erwerbshybridisierung ein
komplexer Prozess ist, der zunächst mit einer Flucht aus der Hierarchie begann
und nun wieder in Arbeitsmodellen mündet, die re-monetarisiert und ökonomi-
siert werden und damit auch zur Transformation der traditionellen Arbeitsweisen
führt. Crowdworking als etwas abzutun, das weniger „Wert“ ist als die traditio-
nelle Arbeit, nur weil diese Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen andere, ungewöhn-
liche Motivationen haben (Spaß, Lernen, soziale Beziehungen), würde diesem
komplexen und oft anders beschrifteten zentralen Prozess der kapitalistischen
Entwicklung nicht gerecht werden. Schlimmer noch: Es würde bedeuten, den
Protagonisten und Protagonistinnen dieser Entwicklung den Rücken zuzukehren

66Vgl. Al-Ani und Stumpp 2015, S. 12 ff.


67Dies bedingt eine eigene politische Strategie (Srnicek und Williams 2016, S. 159 f.), etwa
das Einschwören auf einen politischen Gegner (1 percent, Troika): „(…) In naming an
enemy, it becomes possible for a wide range of people to see their interests and demands
expressed by a movement (…)“. Die Annahme einer Auseinandersetzung in Vertretung für
den Rest der Gesellschaft (Occupy und Ungleichheit): „(…) a particular group which comes
to speak universally for society. (…)“. Ein einheitliches Narrativ trotz heterogener Interes-
sen: „(…) Articulating a populism in such a way that a variety of struggles for social justices
and human emancipation could see their interest being expressed in the movement. (…)“.
Übergangsphänomen Crowdworking: Die Dinge… 259

und sie den Strategien traditioneller Playern zu überlassen. Diese Komplexität


der Transformation lässt sich zusammenfassend an der Automobilindustrie ver-
anschaulichen, ohne dass das Ende dieser Veränderungen heute schon völlig klar
sein kann.
So spricht einiges dafür, dass Automobilhersteller und -herstellerinnen zu
Mobilitätsplattformen mutieren.68 Diese Plattformen erbringen Mobilität als
Dienstleistung („wir befördern dich von A nach B“) und tun dies, indem sie wie
bisher Autos verkaufen, aber auch bestehende Transportleistungen anbieten oder
ihre eigenen Kunden zu Transportdienstleistern transformieren. Da nur große
Plattformen überleben werden, die ein möglichst umfassendes Kundenprogramm
haben, werden auch hier die Crowdworker oder zumindest Plattformlogiken ihr
Betätigungsfeld erlangen, da die Fähigkeiten und Kapazitäten der bisherigen
Organisation zunächst noch auf die Produktion von Autos ausgerichtet sind und
so dringend neue Fähigkeiten kooptiert werden müssen.
Crowdworker werden also als Mikrounternehmer und Mikrounternehmerin-
nen Fahrten in ihrem Wagen anbieten,69 werden Software programmieren (oder
hacken),70 werden sich am Design von Mobilitätslösungen71 beteiligen und auch
Algorithmen für „Machine Learning“ entwickeln,72 um hier einige Tätigkeitsfel-
der zu nennen. Der Mensch in der Rolle als Crowdworker zeigt sich hier in seiner
ganzen transformativen Fähigkeit und Stärke. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterin-
nen können auch zu internen Crowdworkern (Konzern-Crowd) mutieren, die als
Lehrer und Coach über öffentliche oder firmeneigene Plattformen ihren Kollegen
und Kolleginnen bei der Re-Qualifikation helfen werden (Abb. 4). Anders können
die massiven Veränderungen in der Aufgabenstruktur ja kaum umgesetzt werden.
Crowdworking unterstützt die Transformation der traditionellen Organisation,
die in weiterer Folge in vielen Bereichen von Robotern und lernenden Maschinen
übernommen wird. Sie ist Ausdruck und Vorbote hybrider Erwerbs- und Lernge-
schichten. Der Mensch als Lehrer oder Lehrerin der Maschinen, der Sinn in den

68Menzel 2016.
69Dörner 2016.
70Greenberg 2016.

71Zu Open Manufacturing siehe Al-Ani 2017a, S. 567 f.

72Metz 2016.
260 A. Al-Ani und S. Stumpp

Arbeitsform Technologie Skillerhöhung / -transfer

Routine • Automatisierung • Wissen spezifisch, schnell und


• Robots selbstgesteuert aufbauen statt formeller
• CPS Ausbildung: Konzern-Crowd, Konzern-
• IoT Degrees, Konzern-Lernplattform, ...
• Internal • Vorhandenes Wissen adaptieren: Training on
Automation the Job, Konzern-Mentorenprogramm, Crash
• Blockchain Course ...
• ... • Ungenutztes Wissen abrufen.
Fähigkeitsdemonstration statt formelle Job-
Eingangsvoraussetzungen: Konzern-Fab Lab,
Open Source-Plattformen, Adaption
Karrierepfade ...
• Mobilisierung von Wissen in der
Organisation: Microventures, persönliche
Plattformen (Slack, Evernote ... )
• Wissen von außerhalb mobilisieren und als
Lernquelle nutzen: Konzern-Crowdstorm,
Konzern-SW-Entwicklungsplattform,
Talentpool

• KI
• Machine Learning
Analyse • Assistenzsysteme
• ...
Motivation erhöhen: Learnership

• Robo-Boss • Aufbau von eigenen Konzern-Lern-Com-


• Singularität munities für spezifische Themenkreise (Data-
• ... Science, Machine Learning, VR, Al)
• Lernpfade flexibilisieren, digitalisieren und
Kreativität öffnen (Learning-Neu)
• Aufbau einer Mentorenprogramms
• Konzern-Crowdstorms: Ausschreibung von
Konzepten, Ideen, Erfindungen

Abb. 4   Neue mögliche Lernformen bei einem Automobilhersteller. (Quelle: Eigene Dar-
stellung)

Datenwust bringt und Abläufe dem Roboter und seinen Kollegen und Kolleginnen
beibringt, wird dann auch in der nächsten Zeit nicht obsolet, sondern eher wich-
tiger.73 Und damit kann wieder Zeit und Stabilität geschaffen werden, die für die
nächste Phase der Automatisierung hinter dem „Event Horizon“ notwendig ist.

73Instruktivist das Beispiel von Toyota, bei dem Facharbeiter in die Maschinenabläufe re-
integriert werden mussten, damit die Roboter vom Menschen die richtigen Abläufe „erler-
nen“; Trudell et al. 2014.
Übergangsphänomen Crowdworking: Die Dinge… 261

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Teil III
Gestaltungsansätze für die
Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik
Zugriff auf Arbeitskraft in der
vernetzten Arbeitswelt
Stand und Perspektiven eines abgestuften
arbeitsrechtlichen Schutzes für Arbeitskräfte
im Grenzbereich zwischen abhängiger und
selbstständiger Tätigkeit

Andreas Bücker

Zusammenfassung
Der Beitrag untersucht aus arbeitsrechtlicher Perspektive den Zugriff auf
Arbeitskraft im Zwischenbereich zwischen abhängiger und selbstständiger
Tätigkeit. Es wird analysiert, ob und wie das Arbeitsrecht diesen Zwischen-
bereich regelt. Konkret geht es um hybride Erwerbsformen, worunter hier
Fälle gefasst werden, in denen Arbeitskräfte zeitlich gestaffelt, abwechselnd
abhängige Arbeit als Arbeitnehmerin bzw. Arbeitnehmer und selbststän-
dige Tätigkeit als Solo-Selbstständige verrichten, sowie Konstellationen, in
denen zeitlich parallel selbstständige und abhängige Arbeit ausgeübt wird,
und schließlich das Phänomen, dass die Tätigkeiten von Arbeitnehmerin-
nen bzw. Arbeitnehmern und Solo-Selbstständigen sich angleichen. Es wird
die These entwickelt, dass das arbeitsrechtliche System derzeit nur unzurei-
chend auf hybride Erwerbsverläufe und Erwerbsformen eingestellt ist, und
das für arbeitnehmerähnliche Personen geltende abgestufte Arbeitsrecht einer
systematischen Fortentwicklung bedarf. Defizite des derzeitigen abgestuften
Arbeitsrechts werden herausgearbeitet und Vorschläge für dessen Fortentwick-
lung präsentiert.

A. Bücker (*) 
Hochschule Wismar, Wismar, Deutschland
E-Mail: andreas.buecker@hs-wismar.de

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018 267


A. D. Bührmann et al. (Hrsg.), Hybride Erwerbsformen,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-18982-2_11
268 A. Bücker

Schlüsselwörter
Hybride Erwerbsformen · Arbeitnehmerähnliche Personen · Vernetzte Arbeits-
welt · Abgestuftes Arbeitsrecht · Ergänzendes arbeitsrechtliches Leitbild · Solo-
Selbstständige

1 Einleitung und rechtssoziologischer Hintergrund

Der vorliegende Beitrag analysiert, ob und wie das Arbeitsrecht auf eine Verän-
derung der Erwerbsverläufe eingestellt ist, zu deren Hintergrund zählt, dass der
Zusammenhang von Arbeit und Organisation sich in der jüngeren Vergangen-
heit stark verändert hat. Lange Zeit war das hierarchisch strukturierte und büro-
kratisch organisierte Unternehmen der Rahmen, in dem Arbeit als zweiseitiges
Arbeitsverhältnis zwischen einem Arbeitgeber und dessen Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmern organisiert wurde. Globale Vernetzung und moderne Infor-
mationstechnologien führen heute zunehmend dazu, dass Unternehmen – ohne
ein Arbeitsverhältnis zu begründen – auf Arbeitskraft jenseits der eigenen Unter-
nehmensgrenzen zugreifen. Arbeit ist häufiger in Netzwerkstrukturen mit mehr-
seitigen rechtlichen oder faktischen Beziehungen eingebettet. Im Kontext dieser
Entwicklung ist eine Hybridisierung der Erwerbsverläufe dergestalt zu beob-
achten, dass abhängige und selbstständige Arbeit sich vielfach angleichen, dass
Arbeitskräfte im Laufe der Zeit mehrfach zwischen abhängiger und selbstständi-
ger Arbeit wechseln und teilweise auch zeitlich parallel abhängig und selbststän-
dig tätig sind. Für die betroffenen Arbeitskräfte hat dies zur Folge, dass sie mal
als Arbeitnehmerinnen bzw. Arbeitnehmer arbeiten und damit arbeitsrechtlichen
Schutz genießen, dass sie mal aber auch als Selbstständige tätig sind und deswe-
gen keinen arbeitsrechtlichen Schutz genießen. Für Arbeitgeber ergeben sich aus
der Entwicklung strategische Optionen, arbeitsrechtlicher Regulierung auszuwei-
chen.
Dieser Beitrag entwickelt die These, dass das arbeitsrechtliche System der-
zeit nur unzureichend auf hybride Erwerbsverläufe und auf Erwerbsformen, die
im Zwischenbereich von abhängiger und selbstständiger Tätigkeit liegen, einge-
stellt ist. Diese These bezieht sich sowohl darauf, wie derzeit der Anwendungs-
bereich des Arbeitsrechts durch die einschlägigen Begrifflichkeiten definiert
wird, als auch auf die inhaltliche Ausgestaltung des arbeitsrechtlichen Schutzes,
den Arbeitskräfte im Zwischenbereich zwischen abhängiger und selbstständi-
ger Tätigkeit erfahren. In konkreter, praktischer Hinsicht bedeutet dies, dass in
dem Grenzbereich zwischen abhängiger und selbstständiger Arbeit derzeit nicht
Zugriff auf Arbeitskraft in der vernetzten Arbeitswelt 269

alle Arbeitskräfte, die arbeitsrechtlichen Schutzes bedürfen, mit hinreichen-


der Verlässlichkeit ausreichenden Schutz erfahren. Dies gilt z. B. für Fragen
der Entgeltgestaltung ebenso wie für die kollektive Wahrnehmung von Rechten
und Interessen, also z. B. die Interessenvertretung durch gewählte und rechtlich
geschützte Vertreter, sowie für traditionelle Themen wie den Arbeitsschutz.
Im Folgenden wird zunächst analysiert, ob und in welcher Form das Arbeitsrecht
den Grenzbereich zwischen abhängiger und selbstständiger Arbeit erfasst und dabei
die hier besonders interessierende Hybridisierung der Erwerbsverläufe systematisch
berücksichtigt. Sodann wird die grundsätzliche Frage diskutiert, ob das Arbeitsrecht
konsequent an dem Leitbild des Normalarbeitsverhältnisses festhalten und den unter-
schiedlichen Formen der Vervielfältigung entschlossen entgegentreten sollte, oder
ob in Ergänzung zum Normalarbeitsverhältnis für einen Zwischenbereich zwischen
abhängiger und selbstständiger Arbeit ein abgestufter arbeitsrechtlicher Schutz, der
sich an einem neu zu entwickelnden Leitbild orientiert, weiter entwickelt werden
sollte. Schließlich wird ein Vorschlag zur Fortentwicklung des arbeitsrechtlichen
Schutzes für den Zwischenbereich zwischen selbstständiger und abhängiger Arbeit
entwickelt. Dieser Vorschlag betrifft zum einen die begriffliche Abgrenzung zwi-
schen den unterschiedlichen Niveaus eines abgestuften arbeitsrechtlichen Schutzes
und zum anderen dessen inhaltliche Ausgestaltung.

2 Grenzbereich zwischen abhängiger und


selbstständiger Tätigkeit: Erwerbshybridisierung
arbeitsrechtlich bislang unzureichend erfasst

Das derzeitige deutsche Arbeitsrecht ist geprägt durch das Leitbild des Norma-
larbeitsverhältnisses. Darunter wird ein unbefristetes und sozialversicherungs-
pflichtiges Arbeitsverhältnis verstanden, das durch feste Arbeitszeiten auf der
Grundlage von Vollarbeitszeit oder einer über zwanzig Stunden hinausgehenden
Arbeitszeit gekennzeichnet ist, und der Arbeitseinsatz – in Abgrenzung zur Leih-
arbeit – beim Arbeitgeber erfolgt.1 Das Leitbild des Normalarbeitsverhältnisses
ist kein Rechtsbegriff, aber in Rechtsprechung und Rechtsanwendung als Bezugs-
punkt für die Auslegung des Arbeitsrechts etabliert.2 Konzeptionell orientiert sich
das Normalarbeitsverhältnis an traditionellen Organisationsstrukturen: Dies sind

1Waltermann 2017, S. 22; Statistisches Bundesamt 2014, S. 352; Mückenberger 1985, S.

415 ff.
2Vgl. Bundesarbeitsgericht (BAG), 05.12.2012 – 7 AZR 98/11, Neue Zeitschrift für

Arbeitsrecht (NZA) 2013, 515–522.


270 A. Bücker

insbesondere die bipolare Struktur des Arbeitsverhältnisses zwischen Arbeitgeber


und Arbeitnehmerinnen bzw. Arbeitnehmern sowie die persönliche Abhängigkeit
im Sinne der Weisungsgebundenheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
gegenüber dem Arbeitgeber.3 In der Vergangenheit hat das Normalarbeitsverhält-
nis indes zugunsten sogenannter atypischer Beschäftigungsformen an Bedeutung
verloren. Als solche sind insbesondere Teilzeitarbeit, befristete Arbeitsverhält-
nisse sowie Leiharbeit in den Vordergrund getreten. In der rechtswissenschaft-
lichen und rechtspolitischen Diskussion hat vor allem die Ertragsschwäche der
atypischen Beschäftigungsformen verstärkte Aufmerksamkeit gefunden und Dis-
kussionen im Hinblick auf Existenzsicherung und Altersvorsorge ausgelöst.4 Aber
auch die Diskontinuität von Erwerbsbiografien und die damit verbundenen Unsi-
cherheiten für die Berufs- und Lebensplanung werden diskutiert.5
In diesem Beitrag wird der Fokus auf eine Entwicklung gerichtet, die ebenfalls
jenseits des traditionellen Normalarbeitsverhältnisses liegt: die Erwerbshybridi-
sierung. Es wird untersucht, ob und wie die arbeitsrechtliche Regulierung einen
Grenzbereich zwischen abhängiger und selbstständiger Erwerbstätigkeit erfasst,
der durch hybride Erwerbsformen gekennzeichnet ist. Konkret sind damit drei
typische Fallgestaltungen gemeint:

• Das Phänomen, dass Arbeitskräfte nicht kontinuierlich Vollzeit in einem Nor-


malarbeitsverhältnis beschäftigt sind, sondern zeitlich gestaffelt, abwechselnd
abhängige Arbeit als Arbeitnehmerin bzw. Arbeitnehmer und selbstständige
Tätigkeit als Solo-Selbstständige verrichten.
• Die Konstellation, dass Arbeitskräfte zeitlich parallel selbstständige und
abhängige Arbeit ausüben,
• und schließlich der Fall, dass die Tätigkeiten von Arbeitnehmerinnen sowie
Arbeitnehmern und Solo-Selbstständigen sich inhaltlich angleichen.

2.1 Hybride Erwerbsformen werden nicht systematisch


erfasst

Die derzeitigen arbeitsrechtlichen Begriffe und Strukturen erfassen hybride


Erwerbsformen nicht systematisch. Systemprägend ist vielmehr die strikte Unter-
scheidung zwischen Arbeitnehmerinnen bzw. Arbeitnehmern und Selbstständigen.

3Bücker 2016a, S. 216.


4Waltermann 2017, S. 21 ff.
5Kocher 2010, S. 841 ff.
Zugriff auf Arbeitskraft in der vernetzten Arbeitswelt 271

Der Begriff des Arbeitnehmers hat zentrale Funktion für die Anwendbarkeit des
Arbeitsrechts, da es grundsätzlich nur zur Anwendung kommt, wenn die Vor-
aussetzungen des Arbeitnehmerbegriffs vorliegen. Nach der Rechtsprechung des
Bundesarbeitsgerichts (BAG) ist Arbeitnehmer bzw. Arbeitnehmerin, wer auf-
grund eines privatrechtlichen Vertrages im Dienste eines anderen zur Leistung
weisungsgebundener, fremdbestimmter Arbeit in persönlicher Abhängigkeit ver-
pflichtet ist. Persönlich abhängig ist, wer nicht im Wesentlichen frei seine Tätig-
keit gestalten und seine Arbeitszeit bestimmen kann. Das Weisungsrecht des
Arbeitgebers kann Inhalt, Durchführung, Zeit, Dauer und Ort der Tätigkeit betref-
fen.6 Dieser durch die Rechtsprechung etablierte Begriff ist ab dem 1. April 2017
gesetzlich in § 611a Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) normiert.7 Liegen diese
Voraussetzungen nicht vor, gilt die Arbeitskraft als selbstständig mit der Folge,
dass das Arbeitsrecht keine Anwendung findet. Eine Arbeitskraft kann nach die-
ser Begriffsbildung daher vormittags Arbeitnehmer und nachmittags – im Rah-
men einer anderen Tätigkeit – selbstständig sein. Die Parallelität der Tätigkeiten
ist für die Einstufung als Arbeitnehmer nicht relevant. Gleiches gilt für die nicht
parallele, sondern abwechselnde, zeitlich aufeinander folgende selbstständige und
abhängige Arbeit. Ähneln sich selbstständige und abhängige Arbeit, so wird –
trotz Schwierigkeiten und Ungenauigkeiten der Abgrenzung – eine Zuordnung zu
der einen oder anderen Kategorie vorgenommen.
Ein Zwischenbereich zwischen abhängiger und selbstständiger Tätigkeit
wird lediglich durch den Begriff der arbeitnehmerähnlichen Person erfasst.
Die Begriffsmerkmale der arbeitnehmerähnlichen Person sind aber nicht kon-
zeptionell auf die typischen Merkmale hybrider Erwerbsform ausgerichtet.
Arbeitnehmerähnliche Personen sind Selbstständige, für die ein abgestufter
arbeitsrechtlicher Schutz dadurch zur Anwendung kommt, dass einzelne arbeits-
rechtliche Gesetze arbeitnehmerähnliche Personen in ihren Anwendungsbereich
einbeziehen.8 Eine gesetzliche Definition des Begriffs der arbeitnehmerähnlichen
Person trifft § 12a Tarifvertragsgesetz (TVG), die aber nach der Rechtsprechung
des BAG keine allgemeine für alle Gesetze geltende Definition darstellt.9 Allge-
mein konkretisiert das BAG den Begriff der arbeitnehmerähnlichen Person wie
folgt:

6BAG, 17.04.2013 – 10 AZR 272/12, BAGE 145, 26 ff., Rn. 15.


7Gesetz zur Änderung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes und anderer Gesetze vom 21.
Februar 2017 (BGBl. Teil I Nr. 8, S. 258 ff.); Richardi 2017, S. 36ff.
8So z. B. § 2 S. 2 Bundesurlaubsgesetz (BUrlG).

9Willemsen und Müntefering 2008, S. 193 ff.; BAG, 17.01.2006 – 9 AZR 61/05, EzA § 2

BUrlG Nr. 6.
272 A. Bücker

(…) Arbeitnehmerähnliche Personen sind Selbstständige. An die Stelle der das


Arbeitsverhältnis prägenden persönlichen Abhängigkeit tritt die wirtschaftliche
Abhängigkeit. (…) Wirtschaftliche Abhängigkeit ist regelmäßig gegeben, wenn der
Betroffene auf die Verwertung seiner Arbeitskraft und die Einkünfte aus der Dienst-
leistung zur Sicherung seiner Existenzgrundlage angewiesen ist (…). Insbesondere
bei der Tätigkeit für nur einen Auftraggeber kann das der Fall sein. Vorausgesetzt
wird weiter eine gewisse Dauerbeziehung (…). Der Beschäftigte muss außerdem
seiner gesamten sozialen Stellung nach einem Arbeitnehmer vergleichbar schutzbe-
dürftig sein. (…)10

Dieser allgemeine Begriff der arbeitnehmerähnlichen Person erfasst – ebenso wie


der Arbeitnehmerbegriff – nicht in systematischer Weise die typischen Merkmale
hybrider Erwerbsformen. Die parallele Ausübung von selbstständiger und abhän-
giger Erwerbstätigkeit wird durch die Begriffsmerkmale ebenso wenig erwähnt,
wie der mehrfache Wechsel zwischen Selbstständigkeit und Anstellung. Auch
eine Angleichung der tatsächlichen Arbeit von Solo-Selbstständigen und abhän-
gig Beschäftigten berücksichtigt der Begriff der arbeitnehmerähnlichen Per-
son nicht. Denn der Begriff bezieht sich nicht auf die Ähnlichkeit, sondern die
grundsätzliche Unterschiedlichkeit der selbstständigen bzw. abhängigen Arbeit:
Der persönlichen Abhängigkeit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer (im
Hinblick auf deren Weisungsgebundenheit) wird die persönliche Freiheit (bzgl.
der Weisungsgebundenheit) und die wirtschaftliche Abhängigkeit (im Hinblick
auf die Existenzsicherung) der arbeitnehmerähnlichen Person gegenüber gestellt.
Lediglich durch das Merkmal der vergleichbaren Schutzbedürftigkeit, die anhand
der sozialen Stellung bestimmt wird, entspricht der Begriff der arbeitnehmer-
ähnlichen Person rechtspolitischen Erfordernissen in Bezug auf eine typische
Erscheinungsform hybrider Tätigkeit, der Angleichung abhängiger und selbst-
ständiger Arbeit.
Praktisch bedeutet dies, dass für jede Tätigkeit einer Arbeitskraft separat
geprüft wird, ob das Arbeitsrecht zur Anwendung kommt oder nicht. Liegen die
Voraussetzungen des Arbeitnehmerbegriffs nicht vor, so kommt grundsätzlich
nicht das Arbeitsrecht, sondern das allgemeine Zivil- und Wirtschaftsrecht zur
Anwendung. Einen Zwischenbereich mit einem abgestuften arbeitsrechtlichen
Schutz erkennt das Arbeitsrecht nur für arbeitnehmerähnliche Personen an. Die
Begriffsmerkmale der arbeitnehmerähnlichen Personen korrespondieren aber
nicht mit den typischen Merkmalen hybrider Erwerbsformen. Dies hat zur Folge,
dass selbstständige Arbeitskräfte zwar in Einzelfällen dann in den Genuss eines
abgestuften arbeitsrechtlichen Schutzes gelangen, wenn sie die begrifflichen

10BAG, 17.01.2006 – 9 AZR 61/05, EzA § 2 BUrlG Nr. 6, Rn. 14.


Zugriff auf Arbeitskraft in der vernetzten Arbeitswelt 273

Voraussetzungen der arbeitnehmerähnlichen Person erfüllen. Hybride Erwerbs-


formen werden aber nicht aufgrund ihrer typischen Merkmale als arbeitnehmer-
ähnlich eingestuft.

2.2 Abgestufter arbeitsrechtlicher Schutz ohne


inhaltlich kohärentes System

Inhaltlich bestehen hinsichtlich des möglichen rechtlichen Schutzes drei unter-


schiedliche Stufen: Die erste Stufe bilden die für alle selbstständigen Arbeits-
kräfte geltenden Regelungen des allgemeinen Zivil- und Wirtschaftsrechts.
Als zweite Stufe folgt der abgestufte arbeitsrechtliche Schutz für arbeitneh-
merähnliche Personen. Und schließlich beinhaltet die dritte Stufe den umfas-
senden arbeitsrechtlichen Schutz für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.11
Nachfolgend wird näher analysiert, welchen arbeitsrechtlichen Schutz diejenigen
Selbstständigen erfahren, die als arbeitnehmerähnliche Personen in einem Zwi-
schenbereich zwischen abhängiger Arbeit und persönlicher sowie wirtschaftlicher
Unabhängigkeit verortet werden.

2.2.1 Historisch bedingte Struktur


Der abgestufte arbeitsrechtliche Schutz ist historisch gewachsen. Ein syste-
matisches Konzept ist kaum erkennbar. Bereits 1869 wurden erste Regelun-
gen zugunsten von Heimarbeitern getroffen. Später folgten z. B. im Jahr 1953
Regelungen zugunsten von Einfirmenvertretern im Handelsgesetzbuch und im
Jahr 1974 eine Änderung des Tarifvertragsgesetzes, die vor allem freie Mit-
arbeiter der Rundfunk- und Fernsehanstalten vor Augen hatte.12 In jüngerer
Vergangenheit wurden durch das Arbeitsschutzgesetz, das Allgemeine Gleich-
behandlungsgesetz sowie das Pflegezeitgesetz und das Familienpflegezeitgesetz
weitere Regelungen zugunsten arbeitnehmerähnlicher Personen getroffen. Aktu-
ell hat der Deutsche Juristentag empfohlen, zukünftig für selbstständige Crowd-
worker einen gesetzlichen Mindestschutz hinsichtlich Entgelt, Arbeitserholung,
Arbeitsschutz sowie Vertragsbeendigung einzuführen.13
Inhaltlich ist der historisch gewachsene Bestand der heute für arbeitnehmer-
ähnliche Personen geltenden Regelungen nicht systematisch auf hybride Erwerbs-
formen ausgerichtet, wie die nachfolgende Analyse von Regelungen bezüglich

11Buchner 1998, S. 1144 ff.; Hromadka 1997, S. 576.


12Hromadka 2007, S. 840.
13Deutscher Juristentag 2016, S. 11.
274 A. Bücker

Anbahnung, Inhalt, Störungen und Beendigung von Vertragsverhältnissen arbeit-


nehmerähnlicher Personen sowie der kollektivrechtlichen Regelungen beispiel-
haft zeigt.

2.2.2 Schutz vor Diskriminierung bei der Anbahnung


Im Rahmen der Anbahnung eines Vertragsverhältnisses gewähren §§ 1, 7 Allge-
meines Gleichbehandlungsgesetz (AGG) Schutz vor

(…) Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Her-
kunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des
Alters oder der sexuellen Identität (…)

Nach § 6 Abs. 1 Nr. 3 AGG ist das Gesetz auf Personen, die wegen ihrer wirt-
schaftlichen Unselbstständigkeit als arbeitnehmerähnliche Personen anzusehen
sind, anzuwenden. Die in Heimarbeit Beschäftigten und ihnen Gleichgestellte
gelten ebenfalls als arbeitnehmerähnliche Personen. Im Rahmen der Vertragsan-
bahnung wird somit arbeitnehmerähnlichen Personen ein Schutz gegen Benach-
teiligungen aus den in § 1 AGG genannten Gründen gewährt, der dem Schutz von
Arbeitnehmerinnen bzw. Arbeitnehmern entspricht.

2.2.3 Schutz bzgl. Inhalt und Durchführung


Die Regelungen des AGG gelten nicht nur für die Anbahnung, sondern auch für
Inhalt und Durchführung des Vertragsverhältnisses einschließlich Entgelt und
Entlassungsbedingungen. Da das AGG Schutz nur vor Diskriminierungen aus den
in § 1 AGG genannten Gründen (ethnischer Herkunft, Religion, Geschlecht etc.)
gewährt, bietet es keinen allgemeinen Schutz arbeitnehmerähnlicher Personen vor
einer im Vergleich zu Arbeitnehmerinnen bzw. Arbeitnehmern benachteiligen-
den Behandlung. Das Mindestlohngesetz gilt für Arbeitnehmerinnen und Arbeit-
nehmer, nicht aber für arbeitnehmerähnliche Personen.14 Hinsichtlich Inhalt und
Durchführung des Vertragsverhältnisses normieren indes § 92a Handelsgesetz-
buch (HGB) für Handelsvertreter und §§ 17 ff. Heimarbeitsgesetz (HAG) für in
Heimarbeit Beschäftigten jeweils die Möglichkeit, spezifische Mindestarbeits-
bedingungen festzulegen. Für Handelsvertreter kann das Bundesministerium der
Justiz und für Verbraucherschutz im Einvernehmen mit dem Bundesministerium
für Wirtschaft und Energie nach Anhörung von Verbänden der Handelsvertreter
und der Unternehmerinnen und Unternehmer eine untere Grenze der vertrag-
lichen Leistungen des Unternehmers festsetzen. Für in H­ eimarbeit Beschäftigte

14§ 1 Abs. 1 Mindestlohngesetz (MiLoG).


Zugriff auf Arbeitskraft in der vernetzten Arbeitswelt 275

treffen die §§ 17 ff. HAG detaillierte Regelungen, um diese durch Tarifverträge


oder verbindliche Festsetzungen seitens des Heimarbeitsausschusses vor unzu-
länglichen Entgelten zu schützen. Hinsichtlich der Gewährleistung von Min-
destarbeitsbedingungen bestehen somit Regelungen, die sich – wie oben bereits
dargestellt – historisch erklären. Dass Mindestarbeitsbedingungen nur für in
Heimarbeit Beschäftigte und selbstständige Handelsvertreter, nicht aber für die
vorliegend interessierenden Fallgruppen der hybrid Beschäftigten bestehen,
erscheint überprüfungsbedürftig. Wenn der Deutsche Juristentag heute Mindestar-
beitsbedingungen für Crowdworker empfiehlt, sollte dies zum Anlass genommen
werden, das Thema der Mindestarbeitsbedingungen für die Gruppe der arbeitneh-
merähnlichen Personen allgemein zu betrachten und neu zu regeln.
Hinsichtlich Inhalt und Durchführung der Arbeit trifft des Weiteren das
Arbeitsschutzgesetz Regelungen, die auch zugunsten arbeitnehmerähnlicher Per-
sonen bestehen. Als solche gelten Personen im Sinne des § 5 Abs. 1 Arbeitsge-
richtsgesetz (ArbGG). In Heimarbeit Beschäftigte und die ihnen Gleichgestellten
sind ausgenommen. Begründet wurde die Ausnahme der in Heimarbeit Beschäf-
tigten im Gesetzgebungsverfahren damit, dass im Heimarbeitsgesetz spezielle
Regelungen zur Gewährleistung von Sicherheit und Gesundheit getroffen wer-
den.15 Gestützt auf § 18 Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) hat der Gesetzgeber
auch Rechtsverordnungen mit dem Ziel erlassen, die aus dem Arbeitsschutzge-
setz folgenden Pflichten zu konkretisieren. Beispiele sind die Verordnung zur
arbeitsmedizinischen Vorsorge, die arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen
und die individuelle arbeitsmedizinische Betreuung regelt, sowie die Arbeitsstät-
tenverordnung, die Arbeitsumgebungsbedingungen wie Temperaturen, Belüf-
tung, Beleuchtung, Lärm etc. und deren Gestaltung regelt. Weitere Beispiele sind
Betriebssicherheits-, Baustellen-, Lastenhandhabungs-, Biostoff-, Lärm- und
Vibrations-Arbeitsschutzverordnungen, die alle jeweils für arbeitnehmerähnliche
Personen gelten. Das Arbeitszeitgesetz, das die höchstzulässige tägliche Arbeits-
zeit, Ruhepausen und die Gestaltung der Nachtarbeit regelt, gilt hingegen nicht
für arbeitnehmerähnliche Personen. Nach § 2 Abs. 1 S. 1 2. Hs. Arbeitszeitgesetz
(ArbZG) sind Arbeitszeiten bei mehreren Arbeitgebern zusammenzurechnen. Dies
gilt aber nicht für solche Arbeitszeiten, die Arbeitskräfte als Selbstständige oder
arbeitnehmerähnliche Personen erbringen, da das Arbeitszeitgesetz nur auf Arbei-
ter und Angestellte sowie die zu ihrer Berufsbildung Beschäftigten, nicht aber auf
arbeitnehmerähnliche Personen anzuwenden ist.16 Arbeitszeitliche Obergrenzen

15Schulze-Doll 2014, S. 3 und S. 13.


16§ 2 Abs. 2 ArbZG.
276 A. Bücker

können lediglich für in Heimarbeit beschäftigte Frauen – nicht für alle arbeit-
nehmerähnlichen Frauen – nach dem Mutterschutzgesetz festgesetzt werden.
Arbeitszeitliche Obergrenzen bestehen zudem gemäß §§ 1 Abs. 1 Nr. 4, S. 8 ff.
Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG) auch für Jugendliche in einem der Berufs-
ausbildung ähnlichen Ausbildungsverhältnis.17
Festzuhalten ist, dass hinsichtlich Inhalt und Durchführung von Verträgen mit
arbeitnehmerähnlichen Personen durchaus Regelungen in relevantem Umfang
existieren. Allerdings führen die Zersplitterung und mangelnde Systematik der
Regelungen dazu, dass hybriden Erwerbsformen nur unzureichend Rechnung
getragen wird. Zunächst überzeugt nicht, dass Heimarbeiter aus dem Anwen-
dungsbereich des Arbeitsschutzgesetzes und der darauf gestützten Rechtsverord-
nungen mit der Folge ausgenommen sind, dass Heimarbeiter – im Gegensatz zu
anderen arbeitnehmerähnlichen Personen – z. B. keinen Anspruch auf arbeits-
medizinische Vorsorge nach der Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge
(ArbmedVV) haben. Fraglich und überprüfungsbedürftig erweist sich insbeson-
dere die arbeitszeitrechtliche Regulierung: Im Hinblick auf den Gesundheits-
schutz überzeugt es nicht, dass das Arbeitszeitgesetz nur die im Rahmen eines
Arbeitsverhältnisses erbrachten Arbeitszeiten, nicht aber die parallel zum Arbeits-
verhältnis in selbstständiger Tätigkeit erbrachten Arbeitszeiten erfasst. Die Nicht-
anwendung des Arbeitszeitgesetzes überzeugt auch nicht für eine zweite typische
Fallgestaltung hybrider Erwerbsformen, die Angleichung von abhängiger und
selbstständiger Tätigkeit. Wenn in einem Unternehmen oder einer Netzwerkor-
ganisation die Tätigkeiten von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern und Solo-
Selbstständigen sich inhaltlich angleichen, liegt es nahe, das Arbeitszeitgesetz auf
beide Gruppen anzuwenden.

2.2.4 Regelungen zu Leistungsstörungen, Fehlzeiten und


Urlaub
Nachfolgend geht es um die Risikoverteilung bezüglich möglicher Störungen
des Vertragsverhältnisses und die Verteilung von Kosten bzw. Risiken. Kommt
es im Vertragsverhältnis arbeitnehmerähnlicher Personen, die nicht auf werkver-
traglicher, sondern auf dienstvertraglicher Basis arbeiten, zu Leistungsstörungen,
so greifen zugunsten der arbeitnehmerähnlichen Personen die Regelungen des
§ 615 BGB bezüglich Annahmeverzug des Dienstberechtigten und des § 616 BGB
bezüglich Entgeltfortzahlung im Falle einer kurzfristigen Arbeitsverhinderung

17Siehe zum Arbeitszeitrecht unter Bedingungen der Erwerbshybridisierung auch Welskop-


Deffaa in diesem Band.
Zugriff auf Arbeitskraft in der vernetzten Arbeitswelt 277

des Dienstverpflichteten. Verstößt der Dienstberechtigte gegen Schutz- und Für-


sorgepflichten, so können Schadensersatzansprüche nach § 618 Abs. 3 BGB ent-
stehen.
Nach §§ 2, 12 BUrlG haben arbeitnehmerähnliche Personen und Heimarbeiter
Anspruch auf den Mindesturlaub. Anspruch auf Bildungsurlaub haben arbeitneh-
merähnliche Personen in einzelnen Bundesländern.18 Zugunsten arbeitnehmer-
ähnlicher Personen und in Heimarbeit Beschäftigter gelten darüber hinaus das
Pflegezeit-19 und das Familienpflegezeitgesetz20.
Das Entgeltfortzahlungsgesetz kommt hingegen nur für in Heimarbeit
Beschäftigte,21 nicht aber für arbeitnehmerähnliche Personen22 zur Anwendung.
Sonderregelungen zur Haftung von Arbeitskräften für den aus einer vertraglichen
Pflichtverletzung entstehenden Schaden werden in § 619a BGB zugunsten von
Arbeitnehmern getroffen. Ob die Grundsätze der beschränkten Arbeitnehmerhaf-
tung auch zugunsten arbeitnehmerähnlicher Personen gelten, wird in Rechtspre-
chung und Literatur bislang nicht einheitlich beurteilt.23
Hinsichtlich der Risikoverteilung und der Verteilung sozialer Lasten ergibt
sich somit ein sehr differenziertes Bild. Hinsichtlich der Leistungsstörungen
wird nach dem Vertragstyp (Dienstvertrag oder Werkvertrag), nicht aber nach der
Schutzbedürftigkeit differenziert. Hinsichtlich Mindesturlaub, Pflege- und Fami-
lienpflegezeit greifen die gesetzlichen Regelungen unabhängig vom Vertragstyp
zugunsten von Heimarbeitern und arbeitnehmerähnlicher Personen. Dahingegen
gewährt das Entgeltfortzahlungsgesetz nur den Heimarbeitern, nicht aber arbeit-
nehmerähnlichen Personen Anspruch auf Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall.
Eine klare systematische Konzeption ist diesen Regelungen nicht ohne Weiteres
zu entnehmen. Es ist auch nicht ersichtlich, dass den typischen Fallgestaltungen
hybrider Erwerbsformen Rechnung getragen wird: Wenn zum Beispiel parallel
zu einem Arbeitsverhältnis eine arbeitnehmerähnliche Tätigkeit ausgeübt wird,
so erscheint es naheliegend, dass im Falle einer Erkrankung eine Angewiesenheit
der Arbeitskraft auf Entgeltfortzahlung nicht nur bzgl. des Arbeitsverhältnisses
besteht.

18Siehe dazu § 1 BiUrlG Berlin; § 2 Niedersächisches BildUG; § 1 BFG Rheinland-Pfalz;


§ 2 AWBG NRW; § 22 Saarländisches WGB; § 5 WBG SH, § BildUG Bremen; § 2 Thürin-
gisches BfreistG.
19§ 7 Abs. 1 Nr. 1 PflegeZG.

20§ 2 Abs. 3 FPfZG.

21§ 10 EFZG.

22§ 1 Abs. 2 EFZG.

23Waltermann 2005, S. 101.


278 A. Bücker

2.2.5 Konfliktregelung und Bestandsschutz


Für arbeitnehmerähnliche Personen bestehen keine gesetzlichen Regelungen, die
den Bestand bzw. die Fortführung der Vertragsbeziehung ähnlich schützen wie
das Kündigungsschutzgesetz, das nur für Arbeitnehmerinnen bzw. Arbeitneh-
mer gilt. Nach §§ 2 Nr. 2, 6, 7 AGG sind Benachteiligungen arbeitnehmerähnli-
cher Personen in Bezug auf Entlassungsbedingungen verboten. Diese Regelung
gewährt aber keinen allgemeinen Schutz gegen Benachteiligungen, sondern ist
hinsichtlich des Anwendungsbereichs auf Benachteiligungen aus den in § 1 AGG
genannten Gründen beschränkt.
Die schwache Ausgestaltung des Bestandsschutzes hat zentrale Bedeutung
für die Ausübung der zuvor dargestellten Rechte. Im Arbeitsrecht werden die
Regelungen zum Kündigungs- und Bestandsschutz als das „Nervenzentrum des
Arbeitsvertragsrechts“ bezeichnet.24 Die Praxis zeigt, dass Arbeitskräfte Rechte
effektiv nur in dem Umfang geltend machen können, in dem der Bestand des
Vertragsverhältnisses geschützt ist. Ohne einen solchen Schutz kann der Arbeit-
geber einem Konflikt durch Beendigung des Vertrages leicht ausweichen. Im
Arbeitsrecht trägt u.a. § 612a BGB diesem Aspekt dadurch Rechnung, dass der
Arbeitgeber einen Arbeitnehmer nicht benachteiligen darf, weil der Arbeitnehmer
in zulässiger Weise seine Rechte ausübt. Dadurch wird die Willensfreiheit der
Arbeitnehmerin bzw. des Arbeitnehmers hinsichtlich der Entscheidung geschützt,
ob sie bzw. er seine Rechte in Anspruch nimmt oder nicht.25
Im Arbeitsrecht wird seit langem intensiv u. a. darüber diskutiert, ob das
Kündigungsrecht den Bestand des Arbeitsverhältnisses schützen oder lediglich
willkürliche Beendigungen des Vertragsverhältnisses verhindern soll.26 Vor-
liegend kann und soll nicht eine umfassende Debatte über Bestandsschutz für
arbeitnehmerähnliche Vertragsverhältnisse angestoßen werden. Vielmehr soll
das Augenmerk darauf gerichtet werden, dass das Recht der arbeitnehmerähnli-
chen Personen den selbstständigen Arbeitskräften durchaus über das allgemeine
Zivilrecht hinausgehenden arbeitsrechtlichen Schutz gewährt, die Willensfreiheit
arbeitnehmerähnlicher Personen in ihrer Entscheidung, diese Rechte wahrzuneh-
men, bislang aber nicht in einer § 612a BGB vergleichbaren Form geschützt wird.

24Preis 2012, S. 720.


25Preis 2017; § 612a BGB, Rn. 1; BAG, 02.09.2011 – 7 AZR 150/10, NZA 2012, 317–322.
26Preis 2017.
Zugriff auf Arbeitskraft in der vernetzten Arbeitswelt 279

2.2.6 Kollektivrechtlicher Schutz
Nach § 12a TVG gelten die Regelungen des Tarifvertragsgesetzes entsprechend
für arbeitnehmerähnliche Personen, sodass Tarifverträge auch zugunsten arbeit-
nehmerähnlicher Personen abgeschlossen werden können.27 Die Regelung korre-
spondiert mit § 17 Abs. 1 HAG, wonach Gewerkschaften auch zugunsten von in
Heimarbeit Beschäftigten Tarifverträge schließen können.
Durch § 12a TVG hat der Gesetzgeber die grundrechtlich gewährleistete Tarif-
autonomie für arbeitnehmerähnliche Personen näher ausgestaltet. Das BAG hat
hierzu im Jahr 2005 erkannt:

(…) Die Tarifautonomie ist als Teil der Koalitionsfreiheit durch Art. 9 Abs. 3 GG
geschützt (BVerfG, 3.4.201, BVerfGE 103, 293). Die Koalitionsfreiheit und damit
auch die Tarifautonomie ist aufgrund dieses Grundrechts „für jedermann und alle
Berufe gewährleistet“. Sie gilt also schon aufgrund Verfassungsrechts auch für
arbeitnehmerähnliche Personen und wird nicht erst durch § 12a TVG auf diese Per-
sonen erstreckt. Lediglich die Ausgestaltung des Verhältnisses der Tarifvertragspar-
teien zueinander bedarf der gesetzlichen Regelung. (…)28

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat in einer Entscheidung vom 4. Dezem-


ber 2014, die niederländisches Recht betraf, den Gewerkschaften indes die
Befugnis abgesprochen, Tarifverträge für selbstständig Erwerbstätige zu schlie-
ßen.29 Der Entscheidung lag ein Sachverhalt zugrunde, in dem der nieder-
ländische Gewerkschaftsbund „FNV Kunsten Informatie en Media“ und die
niederländische Gewerkschaft „Nederlandse toonkunstenaarsbond“ mit der
Arbeitgeberseite einen Tarifvertrag geschlossen hatten, der Mindesttarife nicht
nur für in einem Arbeitsverhältnis beschäftigte Aushilfsmusiker, sondern auch für
selbstständige Aushilfsmusiker festlegte.
Der EuGH entschied, dass diese tarifvertragliche Regelung nicht das Ergeb-
nis von Kollektivverhandlungen zwischen Sozialpartnern sei. Denn eine
Organisation, die Verhandlungen für ihr angehörende selbstständige Dienstleis-
tungserbringer führe, sei nicht Gewerkschaft, sondern in Wirklichkeit eine Unter-
nehmervereinigung. Der von einer solchen Vereinigung geschlossene Tarifvertrag
unterfalle deswegen dem Anwendungsbereich des Art. 101 Abs. 1 Vertrag über
die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV), der kartellrechtliche Verein-
barungen verbiete, sofern die Leistungserbringer nicht Scheinselbstständige seien.

27Zumhistorischen Hintergrund siehe Franzen 2017; § 12a TVG, Rn. 3.


28BAG,15.02.2005 – 9 AZR 51/04; BAGE 113, 343–360, Rn. 57.
29EuGH, 04.12.2014 – C-413/13, NZA 2015, 55–57.
280 A. Bücker

Die Entscheidung des EuGHs ist mit Blick auf einen abgestuften arbeitsrecht-
lichen Schutz für hybride Erwerbsformen rechtspolitisch misslich und rechtlich
missglückt. Denn sie beschränkt den Schutz auf Scheinselbstständige (die bei
richtiger Betrachtung eben Arbeitnehmerinnen bzw. Arbeitnehmer sind) und ver-
kennt, dass auch zwischen Unternehmen und arbeitnehmerähnlichen Personen
häufig die Voraussetzungen funktionierender Privatautonomie fehlen. Das Bun-
desverfassungsgericht (BVerfG) hat mehrfach entschieden, dass Privatautonomie
dann der staatlichen Ausgestaltung bedarf, wenn deren Voraussetzungen nicht
gegeben sind. Hierzu hat das BVerfG näher ausgeführt:

(…) Hat einer der Vertragsteile ein so starkes Übergewicht, dass er vertragliche
Regelungen faktisch einseitig setzen kann, bewirkt dies für den anderen Vertragsteil
Fremdbestimmung. Wo es an einem annähernden Kräftegleichgewicht der Beteilig-
ten fehlt, ist mit den Mitteln des Vertragsrechts allein kein sachgerechter Ausgleich
der Interessen zu gewährleisten. Wenn bei einer solchen Sachlage über grundrecht-
lich verbürgte Positionen verfügt wird, müssen staatliche Regelungen ausgleichend
eingreifen, um den Grundrechtsschutz zu sichern (…). Gesetzliche Vorschriften, die
sozialem und wirtschaftlichem Ungleichgewicht entgegenwirken, verwirklichen hier
die objektive Grundentscheidung des Grundrechtsabschnitts und damit zugleich das
grundgesetzliche Sozialstaatsprinzip (Art. 20 Abs. 1, Art. 28 Abs. 1 GG). (…)30

Im Falle einer gestörten Vertragsparität kommt der Tarifautonomie besondere


Bedeutung zu, denn strukturell unterlegene Arbeitskräfte können durch den
Zusammenschluss und kollektives Handeln das Kräfteungleichgewicht ausglei-
chen und damit die Voraussetzungen für funktionierende Privatautonomie herstel-
len.31 Rechtspolitisch ist zu kritisieren, dass die Entscheidung des EuGHs diese
Dimension nicht berücksichtigt und sich nicht damit auseinandersetzt, ob Aus-
hilfsmusiker im Konkreten und arbeitnehmerähnliche Personen im Allgemeinen
im Verhältnis zu ihren Auftraggebern eine soziale und faktische Verhandlungs-
macht haben, die die Voraussetzungen einer funktionsfähigen Privatautonomie
erfüllen und somit gerechte Aushandlungsergebnisse erwarten lassen. Rechtlich
ist zu beanstanden, dass die Begründung der EuGH-Entscheidung sich nicht
damit auseinandersetzt, ob und inwieweit Tarifautonomie über den Kreis der
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hinaus – auch für selbstständige Arbeits-
kräfte – grundrechtlich nach europäischem Recht geschützt ist. Auf deutsche
Tarifverträge wird die Entscheidung des EuGHs aufgrund der oben dargestellten

30BVerfG, 07.02.1990 – 1 BvR 26/84; BVerfGE 81, 242–263, Rn. 47.


31Vgl.BVerfG, 26.06.1991 – 1 BvR 779/85; BVerfGE 84, 212–232; Linsenmaier 2017, Art
9 GG, Rn. 56; kritisch zur kollektiv ausgeübten Privatautonomie Waltermann 2014, S. 88.
Zugriff auf Arbeitskraft in der vernetzten Arbeitswelt 281

Rechtsprechung zu Art. 9 Abs. 3 Grundgesetz (GG), die die Tarifautonomie auch


für Selbstständige anerkennt, nicht ohne Weiteres übertragbar sein.32
Neben dem Tarifrecht kommt dem Betriebsverfassungsrecht im Hinblick auf
die kollektive Interessenvertretung besondere Bedeutung zu. Nach § 5 Abs. 1
S. 2 Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) gelten in Heimarbeit Beschäftigte als
Arbeitnehmer im Sinne des BetrVG mit der Folge, dass ihre Interessen durch den
Betriebsrat vertreten werden können. Arbeitnehmerähnliche Person sind hingegen
keine Arbeitnehmer im Sinne des Betriebsverfassungsgesetzes und können daher
auch nicht durch den Betriebsrat vertreten werden. Die unterschiedliche recht-
liche Einstufung von in Heimarbeit Beschäftigten und arbeitnehmerähnlichen
Person erscheint im Hinblick auf einen abgestuften arbeitsrechtlichen Schutz für
hybride Erwerbsformen mehr historisch und weniger sachlich begründet. Die
arbeitsrechtliche Abteilung des Deutschen Juristentags hat im Jahr 2016 mit gro-
ßer Mehrheit empfohlen, arbeitnehmerähnliche Personen zukünftig in das Recht
der Betriebsverfassung einzubeziehen.33

2.2.7 Zusammenfassende kritische Würdigung


Die an einzelnen Beispielen vollzogene Untersuchung des Rechts der arbeitneh-
merähnlichen Personen zeigt, dass der abgestufte arbeitsrechtliche Schutz durch-
aus einen relevanten Bestand arbeitsrechtlicher Vorschriften umfasst. Es zeigt
sich des Weiteren, dass es sich um einen historisch gewachsenen Bestand recht-
licher Vorschriften handelt, der nur geringe systematische Kohärenz aufweist.
Das Recht der arbeitnehmerähnlichen Personen präsentiert sich systematisch
zersplittert und unübersichtlich. Dies beeinträchtigt zum einen die Wahrnehmung
und Durchsetzung der rechtlichen Gewährleistungen in der Praxis und zum ande-
ren die wissenschaftliche Diskussion und die Vermittlung an den akademischen
Nachwuchs.
Die inhaltliche Zersplitterung führt auch zu inhaltlichen Wertungswider-
sprüchen. So bestehen zum Beispiel Regelungen zur Gewährleistung von Min-
destarbeitsbedingungen für in Heimarbeit Beschäftigte und selbstständige
Handelsvertreter. Für arbeitnehmerähnliche Person, die nicht zu den zuvor
genannten Gruppen zählen, bestehen keine gesetzlichen Mindestarbeitsbedingun-
gen, wie sie zum Beispiel durch das Mindestlohngesetz für Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmer geregelt sind. Wenn der Deutsche Juristentag heute Mindestar-
beitsbedingungen für Crowdworker empfiehlt, sollte dies zum Anlass genommen

32Zur Diskussion vgl. Heuschmid/Hlava 2015; Eufinger 2015; Goldmann 2015; Steinle/
Haußmann 2015; Rieble 2016.
33Deutscher Juristentag 2016, S. 11.
282 A. Bücker

werden, allgemein das Thema der Mindestarbeitsbedingungen für arbeitnehmer-


ähnliche Personen neu zu regeln.
Grundlegende Bedeutung kommt der Durchsetzung der rechtlichen Gewähr-
leistungen zu. Arbeitnehmerähnliche Personen müssen derzeit damit rechnen,
dass ihre Vertragspartner der Geltendmachung von Rechten und der Austragung
von Konflikten durch die Beendigung der Vertragsbeziehung ausweichen. Für die
individuelle Geltendmachung und Durchsetzung von Rechten ist es daher wesent-
lich, dass die Willensfreiheit arbeitnehmerähnlicher Personen hinsichtlich der
Entscheidung, ob sie Rechte wahrnehmen, zumindest durch eine inhaltlich dem
§ 612a BGB entsprechende Regelung geschützt wird.
Die kollektive Interessenwahrnehmung wird zum einen durch die restrik-
tive Rechtsprechung des EuGH eingeschränkt, die zu Unrecht die Vertretung
von Selbstständigen durch Gewerkschaften infrage stellt. Zum anderen ist die
betriebsverfassungsrechtliche Differenzierung zwischen in Heimarbeit Beschäf-
tigten und arbeitnehmerähnlichen Personen schwer nachvollziehbar und sollte
zukünftig zugunsten einer Einbeziehung aller arbeitnehmerähnlichen Personen in
die Betriebsverfassung aufgegeben werden.

3 Entwicklungen jenseits des


Normalarbeitsverhältnisses arbeitsrechtlich
gestalten

Hybride Erwerbsverläufe entsprechen nicht dem Normalarbeitsverhältnis als Leitbild


des Arbeitsrechts,34 denn Arbeit findet in einem Zwischenbereich zwischen abhän-
giger und selbstständiger Tätigkeit statt. Da selbstständige Arbeitskräfte in hyb-
riden Erwerbsformen – wenn überhaupt – nur einen abgestuften arbeitsrechtlichen
Schutz erfahren, der umfänglich nicht dem Schutz eines Normalarbeitsverhältnisses
entspricht, stellt sich die Frage, ob das Arbeitsrecht konsequent an dem Leitbild des
Normalarbeitsverhältnisses festhalten und einer Hybridisierung von Erwerbsverläu-
fen im Interesse eines besseren arbeitsrechtlichen Schutzes konsequent entgegen-
treten sollte. Alternativ ist denkbar, dass Leitbild des Normalarbeitsverhältnisses
aufzugeben oder ergänzend zum Leitbild des Normalarbeitsverhältnisses ein Leitbild
zu entwickeln, an dem sich die arbeitsrechtliche Regulierung für den Zwischenbe-
reich zwischen selbstständiger und abhängiger Arbeit orientieren könnte.35

34Zum Leitbild siehe Waltermann 2017, S. 22; Statistisches Bundesamt 2014, S. 352; BAG,
05.12.2012 – 7 AZR 698/11 NZA 2013, 515 ff., Rn.34.
35Zur allgemeinen rechtspolitischen Diskussion: Bundesministerium für Arbeit und Soziales

2017, S. 92; Waltermann 2017, S. 21 ff.; Henssler 2014, S. 95 ff.; Wißmann 2014, S. 91 ff.
Zugriff auf Arbeitskraft in der vernetzten Arbeitswelt 283

Ein konsequentes Festhalten am Leitbild des Normalarbeitsverhältnisses mit


dem Ziel, hybride Erwerbsformen zu vermeiden oder zurückzudrängen, erscheint
indes nicht realistisch. Denn die Zunahme hybrider Erwerbsformen ist eingebet-
tet in grundlegende soziale, wirtschaftliche und organisatorische Veränderungen.
Hierzu zählt z. B., dass Unternehmen immer häufiger auf Arbeitskraft jenseits
der eigenen Unternehmensgrenzen zugreifen. Hintergrund hierfür sind die auf
moderne Informations- und Kommunikationstechnologien gestützte, betriebs-
und unternehmensübergreifende Integration sowie Vernetzung von Geschäfts-
und Produktionsprozessen.36 Diese Entwicklungen werden nicht ohne Weiteres
durch Recht umgelenkt werden können.
Zudem kann Unternehmen nicht vorbehaltlos mit rechtlichen Mitteln vorge-
geben werden, dass sie Arbeitsverträge schließen, da die Entscheidung darüber,
ob der unternehmerische Bedarf an Arbeitskraft durch eigene Arbeitnehmerin-
nen und Arbeitnehmer, durch die Vergabe von Aufträgen an Dritte oder mögli-
cherweise gar nicht gedeckt werden soll, eine freie, von der Privatautonomie
geschützte Entscheidung ist. Mögliche rechtliche Maßnahmen zur Eindämmung
hybrider Erwerbsformen bedürfen daher stets sorgfältiger Abwägung mit konkur-
rierenden Grund- und Freiheitsrechten der Unternehmen.37
Für eine Fortentwicklung eines abgestuften Arbeitsrechts jenseits des Norma-
larbeitsverhältnisses spricht, dass für alle Erwerbstätigen staatliche Schutzpflich-
ten bestehen, die in den Grundrechten und dem Sozialstaatsprinzip wurzeln. Das
Bundesverfassungsgericht hat z. B. Schutzpflichten zur Wahrung der Vertragsfrei-
heit für den Fall anerkannt, dass aufgrund eines fehlenden Kräftegleichgewichts
und einer daraus folgenden Störung der Vertragsparität die Fremdbestimmung der
schwächeren durch die stärkere Vertragspartei droht.38 Ebenso folgen staatliche
Pflichten zum Schutz des Lebens und der Gesundheit aus dem durch Art. 2 Abs.
2 S. 1 GG gewährten Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, die ihren
praktischen Ausdruck in den Vorschriften des Arbeits- und Gesundheitsschutz-
rechts gefunden haben.39

36Bücker 2016a, S. 187 ff.; Helfen 2014, S. 171 ff.; Wirth 2010; Welskop-Deffaa in diesem
Band.
37Bücker 2016a, S. 217.

38BVerfG, 07.12.1990 – 1 BvR 26/84; BVerfGE 81, 242–263, Rn. 46; BVerfG, 27.01.1998 –

1 BvL 15/87; BVerfGE 97, 169–186 Rn. 28; Bücker 2016a, 215 ff.; Di Fabio 2016, S. 107
ff.; Dieterich 1995, S. 129 ff.
39BVerfG, 28.01.1992 – 1 BvR 1025/82; BVerfGE 85, 191–214, Rn. 69; Bücker 2016a, S.

215; Di Fabio 2016, S. 86.


284 A. Bücker

Diese Schutzpflichten bestehen nicht nur zugunsten abhängig beschäftigter


Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, sondern auch zugunsten von arbeitneh-
merähnlichen Personen und auch solchen Selbstständigen, die nicht arbeitneh-
merähnlich sind.40 Die Schutzpflichten greifen immer dann, wenn in privaten
Rechtsverhältnissen Grundrechte einzelner Vertragsparteien betroffen sind und
aufgrund eines Kräfteungleichgewichts kein sachgerechter Ausgleich der Inter-
essen bzw. kein hinreichender Schutz einer grundrechtlich geschützten Position,
wie der Gesundheit oder der Handlungsfreiheit, zu erwarten ist. In dem vorlie-
gend untersuchten Bereich des abgestuften Arbeitsrechts für arbeitnehmerähn-
liche Personen ist der Gesetzgeber – wie die bestehenden Regelungen belegen
– selbst immer wieder davon ausgegangen, dass das Vertragsrecht allein keine
sachgerechten Ergebnisse gewährleistet und deswegen gesetzliche Schutzregelun-
gen erforderlich sind. Zu den staatlichen Pflichten, die dem Gesetzgeber obliegen,
gehört auch, die gesetzlichen Regelungen zum Schutze der jeweiligen Grund-
rechte auf eine sorgfältige Tatsachenermittlung zu stützen.41 Wie die vorausge-
gangene Analyse gezeigt hat, liegen wesentliche Hinweise dafür vor, dass die
Regelungen des abgestuften Arbeitsrechts nicht mehr vollständig mit den aktuel-
len wirtschaftlichen und sozialen Tatsachen übereinstimmen, sodass ein Fortent-
wicklungs- und Anpassungsbedarf besteht.
Dass es Fortentwicklungsbedarf jenseits des Normalarbeitsverhältnisses gibt,
ist kein Grund, das Normalarbeitsverhältnisses als Leitbild aufzugeben.42 Ange-
sichts der skizzierten wirtschaftlichen und organisatorischen Veränderungen der
Arbeitswelt, des damit einhergehenden arbeitsrechtlichen Schutzbedarfs und der
staatlichen Schutzpflichten empfiehlt es sich aber, ergänzend zum Leitbild des
Normalarbeitsverhältnisses auch ein Leitbild für die jenseits des Normalarbeits-
verhältnisses liegenden Entwicklungen – wie die hier diskutierte Entstehung hyb-
rider Erwerbsformen – zu postulieren, das ich an anderer Stelle bereits entwickelt
habe.43 Ein solches Leitbild sollte berücksichtigen, dass der Zusammenhang von
Arbeit und Organisation sich ändert: Wertschöpfungsprozesse, die bislang inner-
halb einer einzelnen Unternehmensorganisation integriert und Arbeitnehmerinnen
bzw. Arbeitnehmern des Unternehmens übertragen waren, werden zunehmend
unternehmensübergreifend in Netzwerken reorganisiert, und die Steuerung der

40SieheBücker 2016a, S. 217; Bücker 2016b, S. 49.


41BVerfG, Nichtannahmebeschluss vom 04.05.2011 – 1 BvR 1502/08, juris, Rn. 38.
42Zur Diskussion über das Normalarbeitsverhältnis Waltermann 2017, 21 ff., mit weiteren

Nachweisen.
43Bücker 2015, S. 220 ff.
Zugriff auf Arbeitskraft in der vernetzten Arbeitswelt 285

Geschäfts- und Produktionsprozesse mittels neuer Technologien und Instrumente


reicht typischerweise über die Unternehmensgrenzen hinaus.44
Für den Anwendungsbereich des abgestuften Arbeitsrechts folgt daraus, dass
ein ergänzendes Leitbild solche Arbeitskräfte einbeziehen sollte, die nicht auf-
grund der persönlichen Abhängigkeit im Sinne einer hierarchischen Steuerung
bezüglich Inhalt, Ort etc. Arbeitnehmerinnen bzw. Arbeitnehmer des Unterneh-
mens sind, die aber in eine Netzwerkorganisation mit organisationsübergreifen-
den Geschäfts- und Produktionsprozessen eingebunden sind.45 Im Hinblick auf
die typischen Fallgestaltungen hybrider Erwerbsformen46 bedeutet ein solches
Leitbild, dass insbesondere Solo-Selbstständige, deren Tätigkeit der von Arbeit-
nehmerinnen und Arbeitnehmern ähnelt, in den Genuss eines abgestuften Arbeits-
rechts kommen sollten, wenn sie in eine Netzwerkstruktur eingebunden sind.
Entsprechendes gilt, wenn einer abhängigen Tätigkeit in einem Arbeitsverhältnis
eine selbstständige Arbeit vorausgeht oder nachfolgt, und die abhängige sowie
die selbstständige Arbeit in dieselben organisatorischen Zusammenhänge einge-
bettet sind. Fehlt im Falle einer zeitlichen Aufeinanderfolge von abhängiger und
selbstständiger Tätigkeit indes eine Einbindung in eine Netzwerkorganisation,
so begründet die vorausgegangene abhängige Tätigkeit nicht die Anwendbarkeit
eines abgestuften arbeitsrechtlichen Schutzes. Wenn z. B. ein Ingenieur zunächst
als Angestellter und anschließend als Selbstständiger für dasselbe Unternehmen
unter Einbindung in dessen Netzwerkstrukturen arbeitet, so wird dieser Fall von
dem Leitbild erfasst. Anders ist es, wenn sich an das Arbeitsverhältnis des Inge-
nieurs eine selbstständige Tätigkeit für mehrere Kunden ohne Einbindung in
eine Netzwerkstruktur anschließt. Ebenso dürfte die Tatsache, dass eine hybride
Erwerbstätigkeit erfolgt und neben der selbstständigen Tätigkeit auch eine abhän-
gige Arbeit ausgeübt wird, nicht ohne Weiteres ausreichen, um die selbstständige
Tätigkeit einem abgestuften arbeitsrechtlichen Schutz zu unterstellen.
Hinsichtlich Inhalt und Umfang sollte das abgestufte Arbeitsrecht eine größere
Flexibilität als das Normalarbeitsverhältnis aufweisen. Der Gesetzgeber sollte
Inhalt und Umfang des Schutzes, ausgehend von den oben skizzierten Schutz-
pflichten, orientiert an typischen Sachverhaltskonstellationen bestimmen.47

44Bücker 2016a, S. 192 ff.; Bücker 2015, S. 220 ff.; Helfen 2014, S. 171 ff.
45Bücker 2015; Kohte 2009, S. 35.
46Siehe hierzu Kay et al. sowie Fachinger in diesem Band.

47Bücker 2016a, S. 217.


286 A. Bücker

4 Vorschläge zur Fortentwicklung des abgestuften


Arbeitsrechts

4.1 Begriff der arbeitnehmerähnlichen Personen


anpassen

Die Untersuchung hat gezeigt, dass die typischen Konstellationen selbstständi-


ger hybrider Erwerbsformen nicht regelmäßig, sondern nur in einzelnen Fällen
in den Genuss des abgestuften arbeitsrechtlichen Schutzes kommen. Grund ist,
dass der derzeitige Begriff der arbeitnehmerähnlichen Person, der Vorausset-
zung für die Anwendbarkeit des abgestuften arbeitsrechtlichen Schutzes ist, u. a.
auf die wirtschaftliche Abhängigkeit der arbeitnehmerähnlichen Person abstellt.
Wirtschaftliche Abhängigkeit soll nach der Rechtsprechung des BAG regelmä-
ßig gegeben sein, wenn der Betroffene auf die Verwertung seiner Arbeitskraft
und die Einkünfte aus der Dienstleistung zur Sicherung seiner Existenzgrundlage
angewiesen ist, was insbesondere bei der Tätigkeit für nur einen Auftraggeber
angenommen wird. Bei einer Tätigkeit für mehrere Auftraggeber liegen die Vor-
aussetzungen der arbeitnehmerähnlichen Person dagegen in der Regel nicht vor.
Dieser Auslegung des Merkmals der wirtschaftlichen Abhängigkeit ist entgegen
zu halten, dass Störungen der Vertragsparität und daraus folgende Schutzpflichten
des Gesetzgebers nicht nur dann bestehen, wenn die selbstständige Arbeitskraft
vorrangig für einen Auftraggeber arbeitet. Dass eine auf die Existenzsicherung
abstellende Auslegung zu kurz greift, zeigt sich am Beispiel des Arbeitsschutz-
gesetzes: Denn es wäre mit der Zielstellung des Arbeitsschutzgesetzes nicht ver-
einbar, Sicherheit und Gesundheitsschutz auf die selbstständigen Arbeitskräfte
zu beschränken, die vorrangig für einen Auftraggeber arbeiten.48 Erforderlich
und angemessen ist vielmehr, alle Arbeitskräfte einzubeziehen, die aufgrund der
gestörten Vertragsparität nicht die Möglichkeit haben, auf die Geschäfts- und
Produktionsprozesse, in die sie eingebunden sind, selber wesentlich gestalten-
den Einfluss zu nehmen und damit eigenverantwortlich Leben und Gesundheit zu
schützen.49
Der Begriff der arbeitnehmerähnlichen Person ist zudem im derzeitigen Recht
systematisch schwach entwickelt, da er zum einen gesetzlich nicht einheitlich
definiert wird50 und zum anderen der Begriff des in Heimarbeit Beschäftigten,
der in vielen Gesetzen den Arbeitnehmern und arbeitnehmerähnlichen Personen

48Soauch Welskop-Deffaa in diesem Band.


49Schulze-Doll2014, § 2 ArbSchG, Rn. 19.; Kohte 2009, § 292, Rn. 7.
50Willemsen und Müntefering 2008, S. 193 ff., Hromadka 2007, S. 840.
Zugriff auf Arbeitskraft in der vernetzten Arbeitswelt 287

gleichgestellt wird,51 anders als der Begriff der arbeitnehmerähnlichen Personen


wirtschaftliche Abhängigkeit begrifflich nicht voraussetzt.52 Im Interesse einer
besseren Abstimmung zwischen dem Recht der Arbeitnehmerinnen bzw. Arbeit-
nehmer und dem der arbeitnehmerähnlichen Personen wird hier deswegen vor-
geschlagen, den Begriff der arbeitnehmerähnlichen Person neu zu justieren und
dabei auch von der Realität hybrider Erwerbsformen und -verläufe auszugehen.
Das Merkmal der wirtschaftlichen Abhängigkeit ist durchaus richtig gewählt,
aber zu eng gefasst: Denn der Grund des abgestuften arbeitsrechtlichen Schut-
zes ist die gestörte Vertragsparität zwischen der arbeitnehmerähnlichen Person
und deren Auftraggeber. Das Ziel des abgestuften Arbeitsschutzes muss es sein,
die aus den Grundrechten folgenden Schutzpflichten dort zu verwirklichen, wo
allein aufgrund des Vertragsrechts kein ausreichender Schutz der grundrechtlich
geschützten Güter zu erwarten ist.53 Die Auslegung des Begriffs der wirtschaft-
lichen Abhängigkeit sollte deswegen im Lichte der staatlichen Schutzpflichten
erfolgen und immer dann, wenn die Vertragsparität gestört ist, den abgestuften
arbeitsrechtlichen Schutz zur Anwendung bringen. Dies wird regelmäßig der Fall
sein, wenn eine arbeitnehmerähnliche Person auf die Einkünfte aus der Dienst-
leistung zur Sicherung ihrer Existenzgrundlage angewiesen und vorwiegend nur
für einen Auftraggeber tätig ist. Dies wird typischerweise aber auch dann der Fall
sein, wenn die arbeitnehmerähnliche Person in eine Netzwerkorganisation der-
gestalt eingebunden ist, dass sie auf die Gestaltung der organisatorischen Rah-
menbedingungen, insbesondere auf die Geschäftsprozesse, keinen wesentlichen
Einfluss nehmen kann. Wenn der arbeitnehmerähnlichen Person kein oder kaum
Spielraum für die Gestaltung von Geschäftsprozessen eingeräumt wird, so ist
dies ein wesentliches Indiz dafür, dass sie wirtschaftlich abhängig ist, nicht auf
Augenhöhe mit dem Vertragspartner verhandeln kann und daher des abgestuften
arbeitsrechtlichen Schutzes bedarf.54
Der oben dargestellte, von der Rechtsprechung entwickelte Begriff der arbeit-
nehmerähnlichen Person bleibt damit hinsichtlich der einzelnen Merkmale unver-
ändert. Lediglich das Merkmal der wirtschaftlichen Abhängigkeit wird anders
definiert. Eine entsprechende Veränderung des Begriffs könnte daher ohne gesetz-
liche Änderung allein durch die Rechtsprechung der Arbeitsgerichte vollzogen

51BAG, 14.06.2016 – 9 AZR 305/15, NZA 2016, 1453–1458, Rn. 40; Röller 2016, Rn. 7 und

27.
52BAG, 27.09.1974 – 1 ABR 90/73, AP BetrVG 1972 § 6 Nr. 1.

53Zur entsprechenden Funktion des Arbeitsrechts siehe Dieterich 1995, S. 134.

54Bücker 2015; Kohte 2009, S. 34 ff.


288 A. Bücker

werden. Zu begrüßen wäre aber, dass der Gesetzgeber – im Interesse einer höhe-
ren Kohärenz des Rechts der arbeitnehmerähnlichen Personen (respektive hybrid
Beschäftigten) – eine entsprechende Anpassung vorgibt.

4.2 Inhaltliche Gestaltung modernisieren

Auch die inhaltliche Ausgestaltung des abgestuften Arbeitsrechts bedarf einer


Modernisierung. Rechtlicher Maßstab für die notwendigen inhaltlichen Anpas-
sungen sind auch insoweit die aus den Grundrechten folgenden Schutzpflichten
des Staates. Die nachfolgenden Vorschläge orientieren sich an den Ergebnissen
der oben vorgenommenen, beispielhaften Untersuchung des derzeitigen Rechts
der arbeitnehmerähnlichen Personen. Sie zeigen Entwicklungsbedarf in wichtigen
Bereichen des abgestuften Arbeitsrechts auf, haben aber nicht den Anspruch einer
umfassenden und abschließenden Betrachtung.
Es hat sich gezeigt, dass für den Grenzbereich zwischen abhängiger und
selbstständiger Tätigkeit ein relevanter Bestand arbeitsrechtlicher Vorschriften
existiert, dessen Wahrnehmung und Durchsetzung durch die Zersplitterung und
Unübersichtlichkeit der Regulierung beeinträchtigt wird. Deswegen wird hier
vorgeschlagen, die Sichtbarkeit und Transparenz der Vorschriften durch eine sys-
tematische und kohärente gesetzliche Neuregelung zu verbessern.
Die historische Bedingtheit und inhaltliche Zersplitterung des derzeitigen
abgestuften Arbeitsrechts hat zudem Wertungswidersprüche zur Folge: Beispiele
sind die Differenzierung zwischen Heimarbeitern und arbeitnehmerähnlichen
Person im Entgeltfortzahlungs- und Arbeitsschutzrecht oder die Beschränkung
der Normierung von Mindestarbeitsbedingungen auf Heimarbeiter und selbst-
ständige Handelsvertreter, während andere Gruppen mit hybriden Erwerbs-
verläufen und prekären Beschäftigungs- oder Einkommensbedingungen nicht
berücksichtigt werden.55 Es wird deswegen vorgeschlagen, durch eine entspre-
chende gesetzliche Regelung zukünftig Mindestarbeitsbedingungen für alle
arbeitnehmerähnlichen Personen zu normieren. Anstoß hierzu geben aktuell die
Beschlüsse der arbeitsrechtlichen Abteilung des 72. Deutschen Juristentages aus
dem Jahr 2016, die Mindestarbeitsbedingungen für Crowdworker empfehlen.
Eine Beschränkung nur auf diese Gruppe wäre indes nicht sinnvoll.
Geltendmachung und Durchsetzung der bestehenden rechtlichen Gewährleis-
tungen sind nur zu erwarten, wenn Auftraggeber von arbeitnehmerähnlichen Per-
sonen nicht der Geltendmachung von Rechten und der Austragung von Konflikten

55Weitere Beispiele siehe 2.2.3.


Zugriff auf Arbeitskraft in der vernetzten Arbeitswelt 289

durch die Beendigung der Vertragsbeziehung ausweichen können. Deswegen


sollte der Gesetzgeber zumindest eine gesetzliche Regelung nach dem Vorbild des
§ 612a BGB einführen, die es dem Auftraggeber verbietet, eine arbeitnehmerähn-
liche Person wegen der zulässigen Ausübung von Rechten zu benachteiligen.
Im Hinblick auf eine funktionsfähige Interessenvertretung und Konfliktrege-
lung kommt dem kollektiven Arbeitsrecht maßgebliche Bedeutung zu. Derzeit
sind zwar die in Heimarbeit Beschäftigten,56 nicht aber alle arbeitnehmerähnli-
chen Personen in die Betriebsverfassung einbezogen. Angesichts dieser wenig
nachvollziehbaren Differenzierung und mit Blick auf die für arbeitnehmerähn-
liche Vertragsverhältnisse typischen Störung der Vertragsparität wird hier vor-
geschlagen, alle arbeitnehmerähnlichen Personen in die Betriebsverfassung
einzubeziehen, um so die kollektive Interessenvertretung im Grenzbereich zwi-
schen selbstständiger und abhängiger Tätigkeit zu stärken. In tarifrechtlicher
Hinsicht bedarf die misslungene Entscheidung des EuGH in der Rechtssache
C-413/13 („FNV Kunsten Informatie en Media“), die für die Niederlande das
Recht zugunsten selbstständiger arbeitnehmerähnlicher Personen Tarifverträge
zu schließen, einschränkt, einer Korrektur. Ein geeignetes rechtliches Instrument
für die erforderliche Korrektur ist ein Protokoll zur Ergänzung der EU-Verträge.57
Ein solches Protokoll sollte den rechtlichen Status der Koalitionsfreiheit im Ver-
hältnis zu den Grundfreiheiten und den wettbewerbsrechtlichen Vorschriften der
EU-Verträge stärken.

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56§ 5 Abs. 1 Satz 2 BetrVG.


57Dazu Bücker 2013, S. 4 ff.
290 A. Bücker

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Hybridisierung der Erwerbsformen –
Arbeits- und sozialrechtliche Antworten

Rainer Schlegel

Zusammenfassung
Der Wandel der Arbeitswelt, neue Informations- und Kommunikationstechni-
ken, die Möglichkeit örtlich und zeitlich flexibel zu arbeiten, der Strukturwandel
hin zur Dienstleistungsgesellschaft und neue Arbeitsformen (Projektarbeit etc.)
bringen nicht nur neue Belastungen für die Erwerbstätigen mit sich. Der Wandel
der Arbeitswelt löst auch vielfach klare Bilder und Vorstellung davon auf, was
wir herkömmlich unter Arbeitern, Angestellten – oder weiter gefasst – abhängig
Beschäftigten verstehen. Erwerbsverläufe enthalten Phasen abhängiger und Pha-
sen sonstiger Erwerbstätigkeit im Wechsel. Die Hybridisierung der Erwerbsarbeit
schreitet voran. Herkömmliche Abgrenzungskriterien wie das Weisungsrecht nach
Art, Zeit und Ort der Tätigkeit oder die Eingliederung in den Betrieb scheinen
nicht mehr zu passen und können die wünschenswerte Vorhersehbarkeit und damit
Rechtssicherheit für die Vertragspartner in zahlreichen Bereichen nicht mehr hin-
reichend gewährleisten. Herausgefordert sind sowohl die Rechtsprechung, die klä-
ren muss, ob die herkömmlichen Instrumente ausreichen oder zu schärfen bzw.
weiterzuentwickeln sind. Der Gesetzgeber steht vor der Frage: Wen soll das Sozi-
alrecht, insbesondere die Sozialversicherung schützen, ist es nicht an der Zeit, den
Schritt hin zu einer Erwerbstätigenversicherung zu gehen und die Bedingungen
hierfür zu schaffen, insbesondere die heiklen Finanzierungsfragen zu klären?

R. Schlegel (*) 
Bundessozialgericht Kassel, Kassel, Deutschland
E-Mail: praesident@bsg.bund.de

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018 293


A. D. Bührmann et al. (Hrsg.), Hybride Erwerbsformen,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-18982-2_12
294 R. Schlegel

Schlüsselwörter
Hybride Erwerbsformen · Erwerbstätigenversicherung · Sozialversicherungs-
pflicht Selbstständiger · Finanzierung

1 Ausgangspunkt

1.1 Dogmatischer Dualismus der deutschen


Arbeitswelt

Das deutsche Sozialrecht geht von einem strengen Dualismus abhängige Beschäf-
tigung – selbstständige Erwerbstätigkeit aus. Eine dritte Kategorie, vergleichbar
den „arbeitnehmerähnlichen Personen“ im Arbeitsrecht, gibt es im Sozialrecht
nicht. Wer arbeitet, ist entweder dem Recht der abhängig Beschäftigten oder dem-
jenigen der „Selbstständigen“ unterstellt.
Wer gegen Arbeitsentgelt abhängig beschäftigt ist, unterliegt in allen Zweigen
der Sozialversicherung der Versicherungs- und Beitragspflicht, sofern das Gesetz
nicht ausnahmsweise eine Befreiung von der Versicherungspflicht zulässt oder
Versicherungsfreiheit anordnet. Das Arbeitsentgelt unterliegt bis zur jeweiligen
Beitragsbemessungsgrenze1 der Beitragspflicht.2 Dabei zahlt der Arbeitgeber
bzw. -geberin, je nach Sozialversicherungszweig, einen bestimmten Prozentsatz

1Ab 1. Januar 2017: Gesetzliche Renten- und Arbeitslosenversicherung 6350 EUR pro
Monat und gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung 4350 EUR/Monat, Bundesregie-
rung 2016b.
2Ab 1. Januar 2017 beträgt der Beitragssatz für die allgemeine Rentenversicherung 18,7 %

und für die Arbeitslosenversicherung 3,0 % sowie 14,6 % bzw. 2,55 % für die gesetzliche
Kranken- bzw. Pflegeversicherung; Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duis-
burg-Essen 2017.
Hybridisierung der Erwerbsformen – Arbeits … 295

der Beitragsbemessungsgrundlage.3 D. h. es gilt der Grundsatz der partizipativen


Finanzierung der Sozialversicherung von abhängig Beschäftigten.4
Demgegenüber sind Selbstständige – von Ausnahmen in der gesetzlichen
Kranken- und Pflegeversicherung (GKV und GPV) sowie von verschiedenen
Sondertatbeständigen vor allem in der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV)
abgesehen5 – nicht kraft Gesetzes in die Sozialversicherung einbezogen.6 Unter-
liegen Selbstständige der Versicherungspflicht, haben sie die Beiträge für den Ver-
sicherungsschutz in der Regel in voller Höhe selbst zu zahlen.7
Nach derzeit geltendem Recht muss ein Arbeitnehmer bzw. eine Arbeitneh-
merin rund dreißig Entgeltpunkte8 nachweisen, um eine Nettorente9 in Höhe
des durchschnittlichen Bruttobedarfs der Grundsicherung im Alter (außerhalb
von Einrichtungen ab der Regelaltersgrenze) zu erreichen.10 D. h. es müssen ca.
dreißig Jahre lang Beiträge aus einem Durchschnittsverdienst11 gezahlt werden.

3Beispielsweise 7,3 % in der GKV, wobei die Arbeitgeber an den Zahlungen des Zusatz-
beitrags nicht beteiligt sind, 1,275 % für die gesetzliche Pflegeversicherung – in Sachsen
zahlen die Arbeitgeber 0,775 %, zudem sind die Arbeitgeber grundsätzlich nicht an dem
Zuschlag für Kinderlose beteiligt –, in der allgemeinen Rentenversicherung 9,35 % sowie
15,45 % für die in der knappschaftlichen Rentenversicherung Abgesicherten; Institut Arbeit
und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen 2017. Eine Sonderregelung betrifft die
Einkommen zwischen 450,01 und 850,00 EUR pro Monat, die sogenannte Gleitzone; § 20
Absatz 2 SGB IV. Zu beachten ist ferner, dass vom Arbeitgeber die Insolvenzumlage in
Höhe von 0,09 % vollständig gezahlt wird; Bundesrat 2016a; Bundesrat 2016b. Demge-
genüber werden die Arbeitgeberaufwendungen zu den Umlagen U1 und U2 durch die GKV
erstattet; Deutscher Bundestag 2005.
4Gemäß Statistisches Bundesamt 2015, S. 15, beliefen sich die Sozialbeiträge der Arbeitge-

ber im Jahr 2012 auf 22,47 %, die tatsächlichen Sozialbeiträge der Arbeitgeber auf 16,04 %
und die gesetzlichen Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung auf 13,15 %.
5Sondertatbestände gemäß § 2 Satz 1 Nr. 1 bis 8 SGB VI.

6Besonderheit § 2 Satz 1 Nr. 9 SGB VI.

7Fachinger und Frankus 2011, S. 20.

8§ 66 SGB VI; siehe zur Rentenberechnung allgemein Michaelis 2012.

9Rentenzahlbetrag: Rentenhöhe inklusive Auffüllbetrag, nach Abzug des KVdR/PVdR-Bei-

trags vor Steuer; § 154 Abs. 3 Nr. 2 SGB VI.


10Empfängerinnen und Empfänger insgesamt, durchschnittliche Bedarfe im Dezember

2016: Bruttobedarf 804 EUR pro Monat; Statistisches Bundesamt 2016.


112017: 37.103 EUR jährlich, monatlich ca. 3091,92 EUR; Bundesregierung 2016b, S. 3.
296 R. Schlegel

3.091,92 EUR entsprechen bei einer monatlichen Arbeitszeit von 160 h einem
Stundenlohn von rund 19,32 EUR. Das macht klar, dass man beispielsweise nach
einem Erwerbsleben, in dem man Erwerbseinkommen stets auf dem Niveau des
Mindestlohns erhalten hat, niemals eine auskömmliche Altersrente aus der GRV
erhalten kann.
Wird bei einer Wochenarbeitszeit von 38,5 h ein Mindestlohn in Höhe von
8,50 EUR 35 Jahre lang gezahlt, resultiert hieraus eine Bruttorente von etwas
mehr als 450 EUR.12 Wird hingegen der Mindestlohn 45 Jahre lang gezahlt,
beträgt die Bruttorente ca. 580 EUR. Bei einer Wochenarbeitszeit von 37,7 h
beläuft sich die Bruttorente auf ca. 442 EUR nach 35 Jahren Mindestlohn und auf
ca. 568 EUR nach 45 Jahren.
Bei einer Wochenarbeitszeit von 38,5 h müsste ein Arbeitnehmer bzw. eine
Arbeitnehmerin mit Mindestlohn etwas mehr als 63 Jahre arbeiten, um eine
monatliche Altersrente in Höhe von 804 EUR13 zu erreichen. Bei einer Wochen-
arbeitszeit von 37,7 h wären ca. 58 Jahre mit Mindestlohn erforderlich, um eine
Altersrente in Höhe von 721 EUR pro Monat14 (sächliches Existenzminimum) zu
erzielen.
Wechseln im Lebenslauf Zeiten abhängiger (versicherungspflichtiger) und
Zeiten sonstiger (nicht versicherungspflichtiger) Erwerbsarbeit, so entstehen bei
geltendem Sozialversicherungsrecht daraus Lücken in der Versicherungsbiografie.
Derartige Lücken, d. h. Zeiten, in denen keine Beiträge gezahlt werden, erhöhen
die Gefahr, im Alter keine existenzsichernde Rente aus der GRV zu beziehen.

1.2 Verfassungsrecht

Die Anordnung von Versicherungs- und Beitragspflicht ist ein Grundrechtsein-


griff im Sinne von Art. 2 Abs. 1 GG. Seine Rechtfertigung findet dieser Grund-
rechtseingriff in einem doppelten Schutzzweck der Sozialversicherung:

12Dem Wert liegt folgende Rechnung zugrunde: 38,5 h/Woche = 154 h/Monat; 154 h/
Monat ∙ 8,50 EUR/h = 1309 EUR Monatsverdienst; 1309 EUR/3091,92 EUR Durch-
schnittsverdienst = 0,42 Entgeltpunkte; die Entgeltpunktsumme in Höhe von 14,82 ergibt
sich aus 0,42 ∙ 35 Jahre; 14,82 Entgeltpunktsumme ∙ 30,45 EUR (aktueller Rentenwert ab
Juli 2016) entspricht einer monatlichen Bruttorente in Höhe von 451,20 EUR.
13Durchschnittlicher Bruttobedarf der Grundsicherung im Alter – außerhalb von Einrich-

tungen ab der Regelaltersgrenze, Dezember 2016; Statistisches Bundesamt 2016.


14Bundesregierung 2016a, S. 8; für Alleinstehende 8652 EUR dividiert durch 12.
Hybridisierung der Erwerbsformen – Arbeits … 297

1. Individualschutz (Schutz des bzw. der einzelnen Beschäftigten vor den soge-
nannten „Wechselfällen des Lebens“, indem für Alter, Krankheit, Arbeitslosig-
keit, Invalidität und Pflegebedürftigkeit vorgesorgt wird) und
2. Schutz der Allgemeinheit vor mangelnder Eigenvorsorge des Einzelnen.

Beschäftigte sind durch die Anordnung der Versicherungspflicht gehalten, eine an


sich selbstverständliche Vorsorge für Zeiten zu schaffen, in denen das Erwerbs-
einkommen ausfällt, weil die Arbeitskraft aufgrund bestimmter Tatbestände nicht
mehr verwertet werden kann (Individualschutz). Dies gilt nicht nur für die GRV,
in der für Alter- und geminderte Erwerbsfähigkeit Vorsorge zu treffen ist,15 son-
dern auch für die Arbeitslosenversicherung. Diese trifft in erster Linie Vorsorge
für den Fall, dass das Erwerbseinkommen wegen Arbeitslosigkeit entfällt. Weil
die Versicherungspflicht an eine Beschäftigung gegen Arbeitsentgelt anknüpft und
die Höhe der Beiträge vom Arbeitsentgelt abhängt, ist die bzw. der Einzelne auch
in der Lage, den Versicherungsschutz zu finanzieren. Die beschäftigte Person
erwirbt durch ihre Versicherung Rechte gegen die Versichertengemeinschaft und
kann damit den Unterhaltsbedarf bei Ausfall der Einnahmen aus Erwerbstätigkeit
jedenfalls teilweise decken. Gleichzeitig schützt sich die Allgemeinheit durch die
Anordnung des Versicherungszwanges davor, dass die bzw. der Einzelne Sozial-
hilfe in Anspruch nehmen muss, was bei mangelnder Eigenvorsorge zu befürch-
ten wäre.16
Darauf, ob die bzw. der Einzelne aufgrund der sonstigen Einkommens- und
Vermögensverhältnisse individuell schutzbedürftig ist, kommt es bei den gene-
ralisierenden und typisierenden Regelungen der Sozialversicherung nicht an.17
Gleiches gilt für eine wirtschaftliche Abhängigkeit der Person, die für einen ande-
ren Arbeit leistet.18

15Vgl.BVerfGE 29, 221 = SozR Nr. 7 zu Art 2 GG.


16Schutz der Allgemeinheit vor mangelnder Eigenvorsorge des Einzelnen, BSG 10.08.2000 –
B 12 KR 21/98 R, SozR 3-2400 §7 Nr. 15 mit weiteren Nachweisen; zum Funktionswandel
der Sozialversicherung vgl. auch Schlegel 2000, S. 427 f., mit weiteren Nachweisen; ableh-
nend Hase 2000, S. 61 f.
17BSG 12.10.2000 – B 12 RA 2/99 R, SozR 3-2600 §2 Nr. 5 S 32 mit weiteren Nachwei-

sen; BSG 15.07.2009 – B 12 KR 14/08 R, Rdnr. 19 zur Versicherungspflicht der zu ihrer


Berufsausbildung Beschäftigten.
18BSG 21.01.2001 – B 12 KR 17/00 R, USK 2001, 25: Rechtsanwalt; BSG 24.10.1978 –

12 RK 58/76, SozR 2200 §1227 Nr. 19 S 41.


298 R. Schlegel

Der Eingriff ist – jedenfalls bei abhängig Beschäftigten – verhältnismäßig,


weil die Beiträge bezahlbar sind: Der Beitrag ist abhängig vom Arbeitsentgelt,
zudem beteiligt sich die Arbeitgeberin bzw. der Arbeitgeber.
Bei Selbstständigen ist – sofern sie ausnahmsweise in die Versicherung ein-
bezogen sind – die Bemessungsgrundlage der allein von ihnen zu tragenden
Beiträge in der Regel das nach steuerrechtlichen Grundsätzen ermittelte Arbeits-
einkommen,19 jedoch sind sowohl in der Kranken- wie auch in der Rentenversi-
cherung Mindestbeiträge zu zahlen.
Die alleinigen finanziellen Belastungen der Selbstständigen dürfte der wesent-
liche Grund sein, weshalb sich viele Selbstständige gegen eine Einbeziehung in
die Sozialversicherung sträuben. Nicht weil sie deren Sinnhaftigkeit nicht ein-
sehen würden, sondern weil in vielen Fällen die Erträge aus der selbstständigen
Tätigkeit so gering sind, dass der bzw. dem „kleinen Selbstständigen“ nach Zah-
lung der Beiträge nicht mehr viel „zum Leben“ bleibt.20

1.3 Abgrenzung

Praktisch jede Tätigkeit kann sowohl in Form abhängiger Beschäftigung als auch
selbstständiger Tätigkeit oder aufgrund sonstiger Rechtsgrundlagen verrich-
tet werden. Arbeitsleistung in Form abhängiger Beschäftigung aufgrund eines
Arbeitsvertrages ist rechtlich von der Arbeitsleistung aufgrund sonstiger Rechts-
grundlagen zu unterscheiden. Die Praxis spricht insoweit regelmäßig von einer
Abgrenzung zwischen abhängiger Beschäftigung und selbstständiger Tätigkeit.
Dies greift jedoch zu kurz. Präziser ist es, die Arbeitsleistung aufgrund abhängi-
ger Beschäftigung von der Arbeitsleistung aufgrund anderer Rechtsgrundlagen als
derjenigen eines Arbeitsvertrages abzugrenzen. In Betracht kommen z. B.

• Arbeitsleistungen aufgrund eines selbstständigen Dienst-, Werk- oder Dienst-


besorgungsvertrages oder eines ähnlichen Vertrages; dies betrifft u. a. die
Abgrenzungsfragen bei freien Mitarbeiterinnen oder -arbeitern und bei Subun-
ternehmerinnen bzw. -unternehmern,
• Arbeitsleistungen, die Ausfluss einer gesellschaftsrechtlichen oder mitglied-
schaftsrechtlichen Stellung sind, z. B. eines Vereinsvorstands, des Vorstands
oder der Geschäftsführung einer Kapitalgesellschaft. Hierzu gehören u. a. die

19Vgl. § 15 SGB IV.


20Brenke und Beznoska 2016 sowie Fachinger in diesem Band.
Hybridisierung der Erwerbsformen – Arbeits … 299

zahlreichen Fälle, in denen es um den Status einer GmbH-Geschäftsführerin


oder eines GmbH-Geschäftsführers geht, die oder der zugleich Gesellschafte-
rin bzw. Gesellschafter der GmbH ist. Ebenso gehört hierher mit Arbeit ver-
bundenes ehrenamtliches Engagement.
• Arbeitsleistungen, die ihren Grund in familiären Bindungen21 oder einer Mit-
gliedschaft in einem Verein haben.

Beschäftigung ist die nicht selbstständige Arbeit, insbesondere in einem Arbeits-


verhältnis.22 Anhaltspunkte für eine Beschäftigung sind eine Tätigkeit nach Wei-
sung und die Eingliederung in die Arbeitsorganisation der Weisungsgeberin bzw.
des Weisungsgebers.23
Zur Konkretisierung greift die Rechtsprechung auf zahlreiche Indizien und
Fallgruppen zurück, die für oder gegen abhängige Beschäftigung sprechen. Das
Bundesverfassungsgericht (BVerfG) akzeptiert dies, weist allerdings darauf
hin, dass der Typus abhängiger Beschäftigung ständiger Konkretisierung und
Beschreibung anhand in Rechtsprechung und Literatur entwickelten typusbilden-
den Kriterien bedarf.
Zur Konkretisierung des „Begriffs“ der abhängigen Beschäftigungen hat das
Bundessozialgericht (BSG) im Laufe der Zeit zahlreiche Indizien genannt, die für
oder gegen abhängige Beschäftigung sprechen. Es hat Fallgruppen gebildet und
den Begriff durch zahlreiche, immer wieder in Nuancen variierte Formulierungen
näher zu erläutern versucht. In seinem Urteil vom 4. Juli 1988 etwa wurde ausge-
führt:24 Eine abhängige Beschäftigung setzt voraus,

(…) dass der Arbeitnehmer vom Arbeitgeber persönlich abhängig ist. Bei einer
Beschäftigung in einem fremden Betrieb ist dies der Fall, wenn der Beschäftigte in
den Betrieb eingegliedert ist und dabei einem Zeit, Dauer, Ort und Art der Ausfüh-
rung umfassenden Weisungsrecht des Arbeitgebers unterliegt. Diese Weisungsge-
bundenheit kann – vornehmlich bei Diensten höherer Art – eingeschränkt und zur
funktionsgerecht dienenden Teilhabe am Arbeitsprozess verfeinert sein. Demgegen-
über ist eine selbständige Tätigkeit vornehmlich durch das eigene Unternehmerri-
siko, das Vorhandensein einer eigenen Betriebsstätte, die Verfügungsmöglichkeit
über die eigene Arbeitskraft und die im Wesentlichen frei gestaltete Tätigkeit und
Arbeitszeit gekennzeichnet. Ob jemand abhängig beschäftigt oder selbständig tätig

21Stichwort: Ehegattenarbeitsverhältnis, Mithilfe von Kindern im elterlichen Betrieb.


22§ 7 Abs. 1 Satz 1 SGB IV.
23§ 7 Abs. 1 Satz 2 SGB IV.

24B 12 KR 5/97, SozR 3-2400 § 7 Nr. 13.


300 R. Schlegel

ist, hängt davon ab, welche Merkmale überwiegen. Maßgebend ist stets das Gesamt-
bild der Arbeitsleistung. Weichen die Vereinbarungen von den tatsächlichen Verhält-
nissen ab, geben diese den Ausschlag. (…)25

Diese oder ähnliche Formulierungen finden sich fast in jedem Urteil, bei dem es
um die genannten Abgrenzungsfragen geht. Der Sache nach bildet das BSG damit
zur Konkretisierung des Tatbestandsmerkmals „abhängige Beschäftigung“ selbst
generell abstrakte Obersätze. Dieses Verfahren wiederholt das BSG auf verschie-
denen Stufen und für verschiedene Fallgruppen, indem es seine eigenen Ober-
sätze26 für besondere Situationen weiter konkretisiert und variiert27.
Die Konkretisierung unbestimmter Rechtsbegriffe ist durch den Auftrag der
Bundesgerichte zur Wahrung der Einheitlichkeit der Rechtsprechung gedeckt.28
Das aus Art. 20 Abs. 3 GG folgende Bestimmtheitsgebot zwingt den Gesetzge-
ber nicht, einen Tatbestand mit genau erfassbaren Merkmalen zu umschreiben.
Gesetzliche Vorschriften brauchen nur so bestimmt zu sein, wie dies nach der
Eigenart der zu regelnden Sachverhalte mit Rücksicht auf den Normzweck mög-
lich ist. Es genügt, dass die Betroffenen die Rechtslage erkennen und ihr Verhal-
ten danach einrichten können. Will der Gesetzgeber eine typische Erscheinung
des sozialen Lebens zum Gegenstand rechtlicher Regelungen machen, ist er nicht
gezwungen, sie im Gesetzestext mit Tatbestandsmerkmalen exakt zu definieren.
Es genügt vielmehr, wenn er sie mit einem unbestimmten Rechtsbegriff kenn-
zeichnet. Die Konkretisierung und Anwendung unbestimmter Rechtsbegriffe ist
Aufgabe der Verwaltungsbehörden und der Fachgerichte.29
Nichts anderes kann für die rechtssatzähnliche Konkretisierung des Typus der
abhängigen Beschäftigung bzw. des Arbeitnehmerbegriffs gelten. In einem Kam-
merbeschluss aus dem Jahr 1995 hat das BVerfG darauf hingewiesen, dass die
Regelungstechnik des § 7 SGB IV nicht gegen das Bestimmtheitsgebot (Rechts-
staatsprinzip) verstößt. Das BVerfG hat dabei auch ausdrücklich anerkannt, dass

25Ähnlich BSG 30.04.2013 – B 12 KR 19/11 R, SozR 4-2400 § 7 Nr. 21 Rz. 13 zum Fami-

lienbetrieb.
26Zum Beispiel: „Abhängige Beschäftigung ist die Eingliederung in einen fremden

Betrieb.“
27Zum Beispiel: „Bei Diensten höher Art setzt die Eingliederung in einen fremden Betrieb

lediglich die funktionsgerecht dienende Teilhabe am Arbeitsprozess voraus.“


28Vgl. Art. 95 GG.

29Vgl. BVerfG 17.11.1992 – 1 BvL 8/87, BVerfGE 87, 234 = SozR 3-4100 § 137 Nr. 3 zur

„nichtehelichen Lebensgemeinschaft“, mit weiteren Nachweisen.


Hybridisierung der Erwerbsformen – Arbeits … 301

der Typus ständiger Konkretisierung und Beschreibung anhand der in Rechtspre-


chung und Literatur entwickelten typusbildenden Kriterien bedarf.30
Auch bei der rechtssatzähnlichen Konkretisierung eines Typus durch die
Gerichte muss allerdings gewährleistet sein, dass die Betroffenen die Rechtslage
erkennen und ihr Verhalten danach einrichten können. Dies ist immer weniger
der Fall, weil die althergebrachten typusbildenden Kriterien in einer sich rasant
wandelnden Arbeitswelt bei immer größer werdenden Gruppen von Erwerbstä-
tigen zu Ergebnissen führen, die nicht mehr als angemessen angesehen werden.
Die Rechtsprechung kann mit der Veränderung der Arbeitswelt kaum noch Schritt
halten bzw. hat es bislang unterlassen, neue Kriterien zu entwickeln.
Die Frage ist, passt der hergebrachte Typus noch in die heutige Arbeitswelt
oder entfernen sich immer mehr Erwerbstätigengruppen zunehmend vom klassi-
schen Bild, das dem Typus zugrunde liegt?
Dem Gebot der Rechtsklarheit und Rechtssicherheit könnte möglicherweise
durch eine klare Fallgruppenbildung Rechnung getragen werden. Und Obersätze
dürfen nicht wahllos variiert und ohne erkennbaren Grund stets neu formuliert
werden. Die Frage ist, ob hinreichend genau abgrenzbare Fallgruppen identifiziert
werden können.
Gelingt dies nicht, könnte der Gesetzgeber das Problem der Versicherungs-
pflicht durch eine alle Erwerbstätigen einbeziehende Regelung lösen. Das fakti-
sche Problem der tatsächlichen Finanzierbarkeit ist damit aber nicht gelöst.

2 Thesen

1. Alle Erwerbstätigen, nicht nur abhängig Beschäftigte, sondern auch selbststän-


dig Tätige, sollten kraft Gesetzes Vorsorge für ihr Alter treffen müssen

Vor allem der zweite Schutzzweck der Sozialversicherung – Schutz der All-
gemeinheit vor mangelnder Eigenvorsorge – verlangt eine Einbeziehung weit
größerer Erwerbstätigengruppen in den Kreis der Vorsorgeverpflichteten, als
dies heute der Fall ist. Die Annahme des Gesetzgebers im ausgehenden 19. und
auch noch im 20. Jahrhundert, dass wer selbstständig sei, dem „Kapital“ ange-
höre und unzweifelhaft in der Lage sei, selbst ausreichende Vorsorge zu tref-
fen oder so reich sei, dass sie oder er das nicht nötig habe, trifft heute auf viele

30Vgl.BVerfG, Kammerbeschluss 20.05.1996 – 1 BvR 21/96, SozR 3-2400 § 7 Nr. 11;
Schlegel 1996, Rdnr.  4 ff., zu diesen Kriterien im Einzelnen unter IV; gegen das BVerfG
dagegen Papier und Moeller 1996.
302 R. Schlegel

Gruppen von Selbstständigen nicht mehr zu. Bereits zu Bismarcks Zeiten wurden
bestimmte einzelne selbstständig Tätige, die als zu den Arbeitnehmerinnen bzw.
Arbeitnehmern vergleichbar schutzbedürftig angesehen wurden, in die Renten-
versicherungspflicht einbezogen (z. B. Hauslehrerinnen und -lehrer oder Hausge-
werbetreibende).31 Der Kreis solcher „kleinen Selbstständigen“ ist heute um ein
vielfaches größer und steigt angesichts neuer Arbeitsformen (via Digitalisierung)
stetig an.
Weiter kommt hinzu, dass Grenzen und Übergänge zwischen abhängiger
Beschäftigung und selbstständiger Tätigkeit nicht mehr trennscharf gezogen wer-
den können und es zunehmend an hinreichender Rechtssicherheit bzw. Vorherseh-
barkeit der Zuordnung fehlt.
Ein dritter wesentlicher Punkt: hybride Erwerbsformen, der Wechse