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Zum heutigen "Europa-Gespräch":

"Dadurch, daß der Mensch seine Blicke liebevoll hinwendet auf die äußere Natur und Offenba-
rung als Offenbarung hinnimmt, nicht mit dem (bloß schattenhaften) Denken an sie herangeht,
muß eben in dem Denken für die frühere himmlische Realität wiederum eine irdische Realität
gefunden werden." An diesen in einem denkwürdigen Gespräch zwischen einem jüngeren und
einem älteren Dominikaner formulierten Rat knüpft auch Rudolf Steiner am 1. Juli 1924 an!

Denn "darinnen, in diesem Zwiegespräch, liegt eigentlich alles, was in bezug auf die europäische
Zivilisation heute noch gelten kann. Nach jener Zwischenzeit mit der Verdunkelung der Lebendig-
keit im Denken, die nun (einmal) da war, muß eben wiederum das Erringen des lebendigen Den-
kens eintreten! Sonst wird die Menschheit schwach bleiben und die eigene Realität über die Rea-
lität des Denkens verlieren." Und eben diese Gefahr, die eigene Realität über die des Denkens zu
verlieren, demonstriert Rudolf Steiner an Descartes und seinem Satz: Cogito ergo sum - Ich denke,
also bin ich. "Meine lieben Freunde, das galt unzähligen scharfsinnigen Denkern als eine Wahrheit:
Ich denke, also bin ich. Die Folge davon ist, vom Morgen bis zum Abend: ich denke, also bin ich. Ich
schlafe ein: ich denke nicht, also bin ich nicht. Ich wache wieder auf: ich denke, also bin ich. Ich
schlafe ein, also, da ich nicht denke, bin ich nicht. - Und die notwendige Konsequenz ist: man
schläft nicht nur ein, man hört auf zu sein, wenn man einschläft! Es gibt keinen weniger geeigne-
ten Beweis für das Dasein des Geistes des Menschen als den Satz: Ich denke, also bin ich. Dennoch
fing dieser Satz an, im Zeitalter der Bewußtseinsentwickelung als der maßgebende Satz zu gelten."

Und weiter sagt er: "Man ist heute genötigt, wenn man auf solche Dinge aufmerksam macht, den
Anschein eines Sakrilegs auf sich zu nehmen. Daher ist es schon notwendig, daß seit dem Eintreten
unseres Weihnachtsimpulses in der anthroposophischen Bewegung rückhaltlos gesprochen werde
in Form des lebendigen Denkens." So, indem wir uns den Rat jenes älteren Dominikaners zu Her-
zen nehmen und den eigenen Blick liebevoll dem zuwenden, was denn nun in Wirklichkeit die Tat-
sache, dass wir Denkende sind, besagt. Nicht bezeugt er bereits eine Existenz des Menschengeis-
tes. Aber er bezeugt, dass der Mensch, während er die Natur beobachtet, vorstellend tätig ist. Und
weiter, dass durchaus zwischen den in seinem Bewusstsein auftauchenden Vorstellungen und dem,
was er sinnlich beobachtet, immer mehr ein Zusammenhang auffallen könnte:

"Mit welchem Rechte erklärt ihr die Welt für fertig, ohne das Denken?" so Rudolf Steiner schon in
seiner <Philosophie der Freiheit>. "Bringt nicht mit der gleichen Notwendigkeit die Welt das Den-
ken im Kopfe des Menschen hervor, wie die Blüte an der Pflanze? Pflanzet ein Samenkorn in den
Boden. Es treibt Wurzel und Stengel. Es entfaltet sich zu Blättern und Blüten. Stellet die Pflanze
euch selbst gegenüber. Sie verbindet sich in eurer Seele mit einem bestimmten Begriffe. Warum
gehört dieser Begriff weniger zur ganzen Pflanze als Blatt und Blüte? Ihr saget: die Blätter und Blü-
ten sind ohne ein wahrnehmendes Subjekt da; der Begriff erscheint erst, wenn sich der Mensch
der Pflanze gegenüberstellt. Ganz wohl. Aber auch Blüten und Blätter entstehen an der Pflanze nur,
wenn Erde da ist, in die der Keim gelegt werden kann, wenn Licht und Luft da sind, in denen sich
Blätter und Blüten entfalten können. Gerade so entsteht der Begriff der Pflanze, wenn ein denken-
des Bewußtsein an die Pflanze herantritt." (In Kapitel V "Das Erkennen der Welt")

Werden wir nicht gerade durch eine solche Liebe zur Welt, von der jener Dominikaner sprach, zu
wahrhaft Erkennenden? "Es stammen die Sinnesdinge aus der Geisteswelt, sie sind nur eine ande-
re F o r m der Geistwesenheiten; und wenn sich der Mensch Gedanken über die Dinge macht, so
ist sein Inneres nur von der sinnlichen Form ab- und zu den geistigen Urbildern dieser Dinge hinge-
richtet." So Rudolf Steiner auch in dem neulich zitierten Satz aus seiner <Theosophie> Und wie
erleben wir jetzt jenen die Bedeutung der Wärme bezeugenden Satz: Ein "Ein Ding durch Gedan-
ken verstehen ist Vorgang, der verglichen werden kann mit dem, durch welchen ein fester Körper
zuerst im Feuer flüssig gemacht wird, damit ihn der Chemiker dann in seiner flüssigen Form unter-
suchen kann."? Ruft er uns zu einer neuen Alchemie auf?
So fragt Sie: Christof Lindenau (am 3. Mai 2018)