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Bertolt Brecht

jesammelte Werke 20
ichriften zur Politik
ind Gesellschaft

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Bertolt Brecht Gesammelte Werke in 20 Bänden
Bertolt Brecht
Gesammelte Werke

Band 20

Suhrkamp Verlag
Herausgegeben vom Suhrkamp Verlag
in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann

Gesammelte Werke © Copyright Suhrkamp Verlag,


Frankfurt am Main 1967.
51. bis 75. Tausend: 1968. Alle Rechte vorbehalten.
Schriften zur Politik und Gesellschaft:
© Copyright Stefan S. Brecht 1967.
Schriften zur Politik und
Gesellschaft

Aus Notizbüchern 1919-1926


Notizen über die Zeit 1925-1932
Marxistische Studien 1926-1939
Notizen zur Philosophie 1929-1941
Aufsätze über den Faschismus 1933-1939
Notizen über die Zeit 1939-1947
Vorschläge für den Frieden 1948-1956
Anhang: Mies und Meck

Register zu den > Schriften <


Redaktion: Werner Hecht

Seit langem schon denke ich, daß ich nicht recht imstande bin, mich unter
den Menschen und Dingen zurechtzufinden, und daß ich doch dazu besser
imstande sein könnte. Diese beiden Gedanken zusammen haben mich zu
vielen Nachforschungen und Versuchen gebracht, zu denen mich einer
allein bestimmt nicht veranlaßt hätte; denn wenn ich zum Beispiel nur
gedacht hätte, ein Leben wie das meine sei nicht zu meistern, so wäre eine
Religion oder eine der mannigfachen skeptischen Haltungen der Philo-
sophen ausreichend gewesen, mich zu beruhigen. Hätte ich nur gedacht,
ich müßte meine Aussichten verbessern, so würde ich mich mit dem Erwerb
einiger schlauer Handgriffe begnügt haben und wäre in jene so häufige
Betriebsamkeit verfallen, die aus allem das Beste herausholt und damit
im Grunde alles sein läßt, indem sie sich eben an sein Bestes hält. So aber
hielt ich meine zwei Gedanken immer beisammen und wurde so weder die
Unruhe los noch die Vorsicht: Ich wollte alles so betrachten, daß ich mich
zurechtfände, weder länger noch kürzer; ich wollte mich nicht zu lange
beim Unvermeidlichen aufhalten, noch zu früh etwas für unvermeidlich
erklären.
Aus Notizbüchern
1919 bis 1926
1919

Monarchie
In jener Steinzeit handelte es sich darum, einem Menschen zu
dienen. Man kann das nicht verwechseln mit jener Übergangs-
epoche, wo eine Kommission an der Spitze des Staates es dem
Bürger leichter machte, sich frei zu fühlen. Der Mann der
Monarchie fühlte sich nicht weniger frei. Die Gesichtspunkte
der Eiszeit ermangelten nicht einer gewissen Größe. Der
Mensch wurde nicht so sehr nach seiner Leistung eingeschätzt
als vielmehr dem Vertrauen nach, das auf ihn (in ihm) gehäuft
lag. Das ist kein unfreier Standpunkt. Das Gefühl der Frei-
heit wird gemeinhin weniger geschätzt als das der Sicherheit
und der Übereinstimmung. Das Lebensgefühl jener Menschen
äußerte sich in dem Wissen um die organische Mitgliedschaft in
einem Gesamtkörper, der in seinem Haupt, gut oder schlecht,
frei war.

Der Tod
[In der] Dämmerung seiner Stube saß er, ein giftiger Kloß, und
dachte nach über die absolute Scheußlichkeit aller Dinge und
über einige Zusammenhänge, die man nicht geschenkt bekam.
Der Tod war der Abgrund, den man nicht ausloten konnte.
Aber wie konnte man es unternehmen, sich damit zu befassen,
wenn das Leben noch in keiner Form bewältigt war?! Es schien
ihm: er habe noch nicht gelebt. Da es nun aber nötig war, das
Denken von jeder Ausschweifung ins Zukünftige abzuhalten,
da die Möglichkeit einer Besserung nicht mehr hinter den Din-
gen stand, wie sollte es möglich sein, sie in ihrer wahren Art zu
begreifen? Das hieß mit geschlossenen Augen sein Todesurteil
4 Zur Politik und Gesellsdiaft
unterschreiben! Und da es also nicht möglich sein konnte,
die Wahrheit zu packen (da sie wohl nicht zu ertragen war),
mußte man sich zu überzeugen versuchen, daß dies auch nicht
nötig war. Dann blieb einem immer noch die Möglichkeit,
während man versuchte, sich einen Begriff vom Leben, wie es
sein sollte, nach seinem eigenen Leben, wie es war, zu bilden,
langsam zu vergessen, daß das Wesentliche dabei im dunkeln
blieb, und man erlebte vielleicht die kleine Erleichterung einer
von der Vernunft sanft geduldeten Klarheit, die weder in ihrer
Helligkeit noch in ihrer Herkunft besonders befriedigend war,
die zu lieben aber nicht allzuschwer werden konnte, wenn
immer man nur recht überzeugt war, daß es außer ihr nichts
gab...
Jene, die in die Begriffe verliebt sind oder der Eitelkeit der
Worte wie Liebhaber knechtisch ergeben, erleben durch die Er-
kenntnis ihres unheilbaren Zustandes noch einen kleinen
Triumph: Sie klammern sich blind an die Planken des Schiff s-
leibs, der sie mit hinab in den Strudel reißt. Mongol gehört
nicht zu ihnen. Jedoch erlebte er nach kurzem Schweißverlust,
daß die menschliche Natur die Wahrheit verschleiert, damit
der Geist nicht vor dem Körper sterbe.

Gott
Als er um sich sah nach einer Planke, die ihn nicht oben [...],
sondern er wollte nur etwas haben, das er mit hinabneh-
men konnte, verfiel er auf die Ideen, die sich mit Gott
beschäftigten. Gott, das war das hohe C der Romantik. Der
Abendhimmel über dem Schlachtfeld, die Gemeinsamkeit der
Leichen, ferne Militärmärsche, der Alkohol der Geschichte, das
war die Romantik der Schlachtfelder, die Zuflucht der Ster-
benden und der Mörder. Der Mann, der am Krebs verendete,
suchte mit allen Mitteln die Poesie dieses peinlichen Gescheh-
nisses auf die Zunge zu kriegen, er malte sich Bilder vom Leid
Aus Notizbüchern 5
der Erde, die ihn ausspie, vom Schmerz der Hinterbleibenden
oder der grandiosen und ihn ergreifenden Ironie ihrer Gleich-
gültigkeit, und vom Dunkel, das ihn aufnahm. Er hüllte sich
ein in Mitleid und Bewunderung und täuschte sich. Alle Men-
schen, in jeder Lage, unter allen Himmeln und mit allen Phi-
losophien, bemühten sich zäh und dringend, sich selbst zu täu-
schen. Je nach ihrer Intelligenz waren ihre Versuche geschick-
ter oder täppischer, etlichen gelang es bei sich selbst nicht, aber
bei andern, etlichen ging es umgekehrt. Immer aber schienen
die Triebe zu schwach, um ohne Heiligung zu triumphieren.
Als die wimmelnde Masse der Wesen auf dem fliegenden Stern
sich kennengelernt und ihre unbegreifliche Verlassenheit emp-
funden hatte, hatte sie schwitzend Gott erfunden, den nie-
mand sah, also daß keiner sagen konnte, es gäbe ihn nicht, er
habe ihn nicht gesehen.

Über den Gewohnheitspatriotismus


Nachdem ich dich vor dem Gewohnheitssaufen, dem Ge-
wohnheitsphilosophieren, dem Gewohnheitsverliebtsein ge-
warnt habe, warne ich dich jetzt vor der Gewohnheitsliebe
zum Vaterland. Ich habe dir gesagt, daß nicht das das Schlimm-
ste für den Gewohnheitssäufer ist, daß er das Gehen verlernt
oder das Geschäftemachen oder das Gutsein, sondern das: daß
er das Saufen verlernt. So verliert der Mann, der stündlich
bereit ist, sein Leben für sein Vaterland hinzugeben, allmäh-
lich die Liebe zu seinem Vaterland ebenso, wie ein Mann, der
immer Holz hackt, die Liebe zum Holzhacken mit der Ge-
wohnheit, Holz zu hacken, vertauscht, was etwas vollkommen
anderes, wenn auch ganz Nützliches ist. Der Gewohnheits-
patriot aber hat am Schluß nur mehr zu einem Liebe, nämlich
zu einem Helden, und das ist er selber. Das sind aber noch
die Besten, denn die meisten reden ja nur immer. Redner und
Helden, das sind ganz nützliche Leute, aber sie haben nicht
6 Zur Politik und Gesellschaft
das mindeste miteinander zu tun. Für gewöhnlich aber ist der
Leute Liebe zum Vaterland nur ihre Liebe zum Geschwätz. Es
ist angenehm, von der Untadelhafligkeit, ja Verdienstlichkeit
seiner Gesinnung zu schwärmen. Und es ist fast ebenso an-
genehm und leicht, über die Gesinnung anderer zu schimpfen.
Aber, mein Lieber, es ist nicht verdienstlich und keineswegs
untadelhaft. Schimpfen, das ist die Gewohnheit der Enttäusch-
ten und die Rache der Lakaien. Wir sind jetzt wieder bei den
Quellen des Unheils angelangt: den Lakaien, Lehrern und
so weiter. Die Gewohnheitspatrioten haben einen ständigen
Ausdruck, der heißt: unser Volk. Damit stellen sie sich schon
im Wort abseits und lassen das Volk, ihr Volk, vorüber-
defilieren. Es ist ihr Volk, sie sind die Besitzer. Sie wissen, wie
es ist, sie wissen, was ihm gut ist. Sie sind bereit, ihm einiges
zu opfern, sie verlangen etwas von ihm. Wenn sie mit ihrem
Volk gerade zufrieden sind, dann stellen sie sich dazu und
sagen: wir. Das sind sie und ihr Volk. Und nun, in dieser
Stimmung, fühlen sie, daß sie viele sind, ungeheuer viele,
eine ganze Herde, und weil sie glauben, daß Einigkeit stark
mache (was noch ihr entschuldbarster Irrtum ist!), dann füh-
len sie ausgerechnet jetzt sich als Herren. Da siehst du es:
Herrscher und Lakaien, das ist die gleiche Menschensorte.
Wenn man ihn am Arsch leckt, dann ist es ein Herr, und wenn
man ihm ins Gesicht spuckt, dann ist es ein Lakai. Immer aber
ist es ein Lehrer. Der Lehrer, das ist der Mensch, der allein
von seinem Geschwätz lebt. Der Lehrer, das ist der Hemm-
schuh des Fortschritts, der Hort der Zurückgebliebenen, die
Stütze des Alters bei einem Volk wie bei einer Idee, die
Zwingburg des Alten, von dem er sagt, es sei das »mühsam
Erworbene«. Der Lehrer, das ist der, der sich anmaßt, etwas
zu wissen, weil es ihm Spaß macht, etwas besser zu wissen,
der belehrt, also unbelehrbar ist, der nichts liebt, wie es ist,
sondern meint, er könnte alles besser machen. Die Schlange
im Paradies, das war die erste Lehrerin; sie wollte den Men-
schen »lehren«, was gut ist. Zu den Lehrern gehören die
Aus Notizbüdiern 7

Revolutionäre, das heißt: die kleinen Revolutionäre, die-


jenigen, die den Kaiser abschaffen und den Kommunismus
einführen, und Konservativen, die sie bekämpfen, das sind
auch Lehrer. Rechts und links auf den Barrikaden stehen
Lehrer. Aber ich sage dir, der Mensch, der prinzipiell eine
Verbeugung macht, und der Mensch, der prinzipiell keine
macht, das sind Brüder, sie gehören zur gleichen armseligen
Sorte. Dieser Sorte hat der Lehrer einen Ehrennamen ver-
liehen, nämlich: Charakter. Aber der freie Mensch hat kein
Prinzip in solchen gleichgültigen Dingen. Der absolute Pazi-
fist und der absolute Militarist, das sind die gleichen Narren.
1920

Patriotismus
Nur in den Staaten, wo die Untertanen solche Schweine sind,
daß sie ansonsten in die Hosen pissen, ist es wirklich nötig, die
Pissoire zu Tempeln einzuweihen.

Sich mit dem Staat abfinden, ist so notwendig als: sich mit
dem Scheißen abfinden. Aber den Staat lieben ist nicht so
notwendig.

Aufruf zum Streik


An euch: die Zwanzigjährigen in einem Volk, das untergeht!
Dieses Volk auszurotten, war alles wert. Übrigbleiben von die-
ser Zeit wird in der Geschichte die Klage um die Opfer, deren
es bedurfte, daß dieses Volk vom Erdboden verschwände!
Jedem Volk verleiht die Romantik seines Untergangs den
Schein einer ideellen Größe, das Schicksal eines Hiob erhebt
den Verkommensten zu einer Erscheinung, die den Aufwand,
der nötig war, ihn zu demütigen, einigermaßen lohnen mußte.
Unser Untergang aber entlarvt die Romantik! Es ist eine Tat-
sache, daß die Behörden darüber wachten, daß kein Toter
dieses Volkes ein besseres Hemd mit in die Erde nähme als ein
papiernes. Welch eine Ehrung für die Toten läge darin, wenn
dieser Brauch der Ehrerbietung vor der lebendigen Idee, für
die jene starben, verstummte, statt der Ehrerbietung vor den
kostbaren Hemden, die sie nicht wert waren.
Als die Leute, die aus Gewohnheit die Peitsche in Händen
hielten, umgefallen waren, vollgefressen und ausgehurt, die
nicht herrschen durften trotz ihrer Dummheit, die noch größer
Aus Notizbüdiern 9

war als ihre Gemeinheit, sondern wegen dieser, als sie umge-
fallen waren, aus Faulheit nicht zuletzt, da begann die irrsin-
nige Jagd der Beherrschten nach - der Peitsche. Die Zwanzig-
jährigen schlössen sich an.
Die Zwanzigjährigen hatten die Gesichter derer gesehen, die
oben gestanden waren: schweißige, verkommene, aufgedun-
sene. Nun liefen sie mit, jene zu zertreten, und sahen nicht die
Gesichter hinter ihnen und neben ihnen. Die Zwanzigjährigen
können für eine Idee nichts tun als für sie sterben.
Gewiß, es gibt Völker, die keine Achtung hatten vor den Ideen
und sie verkommen ließen in der Gosse. Gewiß, es gibt Völ-
ker, die Achtung hatten vor den Ideen und sie in einen Tempel
sperrten und sie anbeteten (sie durften nur nicht heraus).
Aber dieses Volk, von dem ich rede aus Gnade, legte sich zu
den Ideen ins Bett, schändete sie und zeugte ihnen Bälge. Geht
weg von mir, hört nur nicht zu, sonst speie ich euch ins Ge-
sicht, ich kann nichts dagegen tun.
Die Besten aber, sich bleich abwendend von dem Gesicht die-
ses untergehenden Volkes, werden gut tun, sich nicht besprit-
zen zu lassen von dem Erbrochenen des Sterbenden und dem
Kot, den er noch läßt. Habt ihr nicht Ekel im Hals wie einen
Kloß beim Anblick dieses Volkes, das sich, ein Verein verrückt
gewordener Schieber, auf ein Karussell geworfen hat, um vor-
wärtszukommen; so sucht das Karussell abzudrosseln, um jene
zu »retten«!

[Keine Hilfe]
Ich habe immer, wenn ich Leute sah, die vor Schmerz oder
Kummer die Hände rangen oder Anklagen ausstießen, ge-
dacht, daß diese den Ernst ihrer Situation gar nicht in seiner
ganzen Tiefe erfaßten. Denn sie vergaßen vollständig, daß
nichts half, es war ihnen noch nicht klar, daß sie von Gott
nicht nur verlassen oder gekränkt waren, sondern daß es
io Zur Politik und Gesellschaft
überhaupt keinen Gott gab und daß ein Mann, der, allein auf
einer Insel, Aufruhr macht, wahnsinnig sein muß.

[Der freie Wille]


Der freie Wille - das ist eine kapitalistische Erfindung.

Wenn ein Individuum so weit ist, daß es nur dadurch gerettet


werden kann, daß ein anderes sich ändert, dann soll es kaputt-
gehen.

[Notizen ohne Titel]


Wie mich dieses Deutschland langweilt! Es ist ein gutes mitt-
leres Land, schön darin die blassen Farben und die Flächen,
aber welche Einwohner! Ein verkommener Bauernstand, des-
sen Roheit aber keine fabelhaften Unwesen gebiert, sondern
eine stille Vertierung, ein verfetteter Mittelstand und eine
matte Intellektuelle! Bleibt: Amerika!
18. Juni

Ich glaube nicht, daß ich jemals eine so ausgewachsene Philoso-


phie haben kann wie Goethe oder Hebbel, die die Gedächtnisse
von TrambahnschafTnern gehabt haben müssen, was ihre Ideen
betrifft. Ich vergesse meine Anschauungen immer wieder, kann
mich nicht entschließen, sie auswendig zu lernen. Auch Städte,
Abenteuer, Gesichter versinken in den Falten meines Gehirns
schneller, als Gras lebt. Was werde ich tun, wenn ich alt sein
werde, wie kümmerlich werde ich dahinleben mit meiner dezi-
mierten Vergangenheit und zusammen mit meinen ramponier-
ten Ideen, die nichts mehr sein werden als arrogante Krüppel!
24. August
Aus Notizbüchern 11

In Deutschland hat nicht etwa der Krieg, sondern der ungün-


stige Ausgang des Krieges einigen Leuten gezeigt, was von den
Pflichten gegen den Staat zu halten sei. Sie verlangen jetzt
mehr als vorhin für den Staat. Dabei ertragen die Menschen
doch keine Herrschaft schwerer als die des Verstandes. Sie sind
bereit, für schwindelhafte Phrasen großen Klangs alles zu
opfern, sie sterben wonnevoll in Schweineverschlägen, wenn
sie nur in großer Oper »mitwirken« dürfen. Aber für ver-
nünftige Zwecke will niemand sterben, und auch das Fechten
dafür wird durch die Möglichkeit des Todes verhindert, denn
das Vernünftigste dünkt ihnen: zu leben, und man kann für
»nichts« sterben, nicht aber für etwas; denn es wäre nichts,
wenn man gestorben ist, und man käme um die große Wol-
lust des Verzichts. In Triumphzeiten des Rationalismus schäm-
ten sich die Nationen nicht, ihren Mitgliedern das Leben abzu-
verlangen.
29. August

[...] Aber die Kirche ist ein Zirkus für die Masse, mit Pla-
katen außen, auf denen Dinge sind, die es innen nicht gibt.
(Wie auf den Jahrmärkten: außen »Die Enthauptung Louis
Capets« — innen zwei Jongleure und eine Pferdeschinderei.)
Das Plakat heißt: Der Hungerkünstler oder das königliche
Skelett, oder: Jedermann wird selig für elf Groschen, oder: Da
ich jetzt nicht komme, muß ich nachher kommen und so weiter
und so weiter. Sie haben nichts als ein Buch überliefert, das
haben sie verkritzelt und Kochrezepte und Medizinen über
die Weisheit geschmiert. So stark war die Idee, daß sie auch
nicht gleich kaputtging, als sie organisiert wurde, sondern
langsam hinsiechte. Es mußte etwas sein, das alle hören konn-
ten, auch die Tauben, auch die weit weg, die auf den schlech-
ten Plätzen, auch die, die man anbinden mußte, daß sie nicht
fortliefen... Das für die paar Fischer, das verging mit dem fau-
len Galiläer, der Gelegenheitsreden hielt unter Feigenbäumen,
12 Zur Politik und Gesellsdiaft
wenn er ein stilles Wasser sah und an sie und die Fische dachte.
Das war eine Hand voll Datteln für die Zunge, kaum für den
Hals, und da waren tausend Mägen. Der Galiläer hatte kein
Dach über dem Kopf gehabt, sie bauten Häuser für seine
Gläubigen, während sie, in der Hand die Kelle, immerfort
predigten, daß die Leute sich nicht verliefen. Der Galiläer war
für sich gestorben, sie riefen ihn wieder ins Leben zurück,
brauchten ihn, zitierten ihn nicht bloß, schickten ihn wieder
in den Tod, immer wieder, stellten ihn bereit im Tabernakel,
pfiffen ihm, wenn jemand da war, für den er sterben sollte,
und ließen ihn für Totschläger und Widerwillige sterben, in
ununterbrochenen Cinemas. Es war eine »heilige Handlung«,
besser eine heilige Feilschung. Der Galiläer war hochmütig
gewesen, ziellos, er hatte den Statthalter ewig verdammen
lassen, ohne ihn aufzuklären, er starb mitten in Mißverständ-
nissen, zwischen Schachern, die mit ihm ins Paradies kamen,
er sagte nicht, was Wahrheit sei, er schätzte die Dinge nicht ein,
unterschätzte sie nicht, sie waren da, also gut, er küßte den
Judas, weil er handelte, wie er war, und so liebte er ihn. Der
Katholizismus ist ein Ausbeutersystem, ein amerikanisches
Unternehmen, mit Gleichheit für alle, mit Stufenleitern, mit
Lohntarifen. Das Positive und der Verantwortungssinn daran
werfen einen Stier um. Die Entdeckung des Kopernikus, die
den Menschen dem Vieh näher bringt, indem sie ihn von den
Gestirnen entfernt, die dem Menschen befiehlt, mit seinem
Globus die Sonne zu umkreisen und die ihn aus dem Mittel-
punkt in die Statisterie schmeißt, war zunächst niedergeknallt,
dann für richtig und völlig unwichtig erklärt. »Das sind un-
geheure Dinge, geschaffen, daß ihr Gott bewundert, aber ihr
könnt ohne sie leben. Die Heilspunkte sind andere: sie zu ent-
decken, brauchen wir keine Wissenschaft.« Das ist eine Frech-
heit, der es an Erfolg nicht fehlen kann. Und in dieser Kirche
sind unabsehbare Wände leergelassen, mit Absicht, für die
Phantasten, in den Speichern hat alles Platz, alle Ideen sind in
den Dogmen unterzubringen. 7000 Gesichte gibt die Pflanze
Aus Notizbüchern 13

ab. Die Bänke sind bequem. Der Kot wird als Dünger verwer-
tet. Das Vieh gedeiht. Gott ist sichtlich über dem Unterneh-
men. Der arme Mensch stirbt täglich ungezählte Male für die
Mitglieder. Die Versicherung läuft bis zum Tod. Sie wird den
Überlebenden ausbezahlt. Es ist eine Lust zu sterben.
31. August

[...] Haufen von Bildern machen die Dinge schicksalhaft


und verschleiert, schnell Hinunterquirlendes wird wieder zu
Muskelgefühlen. Viele Dinge sind erstarrt, die Haut hat sich
ihnen verdickt, sie haben Schilde vor, das sind die Wörter. Da
sind Haufen toter Häuser, einmal Steinhaufen mit Löchern,
in denen abends Lichter angezündet werden und in denen
Fleischpakete herumwandeln, unter Dächern gegen den Regen
des Himmels und die Verlorenheit des grauenhaften Sternen-
himmels, gesichert gegen dies alles und den Wind, und nachts
liegen die Pakete erstarrt unter Tüchern und Kissen, mit offe-
nem Mund, Luft aus- und einpumpend, die Augenlöcher zu.
Dies alles ist totgeschlagen durch das Wort »Häuser«, das uns
im Gehirn sitzt und uns sichert gegen den Ansturm des Dinges.
Wir haben von den Dingen nichts als Zeitungsberichte in uns.
Wir sehen die Geschehnisse mit den Augen von Reportern,
die nur bemerken, was interessieren könnte, was verstanden
wird. [...] Das Schlimmste, wenn die Dinge sich verkrusten
in Wörtern, hart werden, weh tun beim Schmeißen, tot herum-
liegen. Sie müssen aufgestachelt werden, enthäutet, bös ge-
macht, man muß sie füttern und herauslocken unter der Schale,
ihnen pfeifen, sie streicheln und schlagen, im Taschentuch
herumtragen, abrichten. Man hat seine eigene Wäsche, man
wäscht sie mitunter. Man hat nicht seine eigenen Wörter, und
man wäscht sie nie. Im Anfang war nicht das Wort. Das Wort
ist am Ende. Es ist die Leiche des Dinges. Was ist der Mensch
für ein merkwürdiges Geschöpf! Wie er Dinge in seinen Leib
tut, in Regen und Wind herumtrabt, aus Menschen junge
14 Zur Politik und Gesellschaft

kleine Menschlein macht, indem er mit ihnen verklebt und


sie mit Flüssigkeit anfüllt, unter Wonneächzen! Lieber Gott,
laß den Blick durch die Kruste gehen, sie durchschneiden!
6. September

Im Rheinland saugen die Neger den Boden aus. Sie schwän-


gern die Frauen in Kompanie, gehen straflos aus, lachen über
alle Proteste der Bevölkerung. Die Haltung der Bevölkerung
ist in Deutschland vorbildlich: Es gibt keine Meldung von
Mord und Totschlag. Diese Leute, denen die Frauen kaputtge-
macht werden, sind von Lynchjustiz himmelweit entfernt. Sie
knirschen mit den Zähnen, aber dazu gehen sie auf den Ab-
tritt, daß es niemand hört. Sie nageln die Neger nicht an die
Türen, sie sägen die Neger nicht entzwei, sie ballen die Fäuste
im Sack und onanieren nebenbei. Sie beweisen, daß ihnen
recht geschieht. Sie sind die Überreste des großen Krieges,
der Abschaum der Bevölkerung, die niedergehauenen Mäuler,
das entmenschte Massenvieh, deutsche Bürger von 1920.
25. September

Immerfort beschäftigt mich die geringe Macht, die der Mensch


über den Menschen hat. Es gibt keine Sprache, die jeder ver-
steht. Es gibt kein Geschoß, das ins Ziel trifft. Die Beeinflus-
sung geht anders herum: sie vergewaltigt. (Hypnose.) Dieser
Gedanke belagert mich seit vielen Monaten. Er darf nicht her-
einkommen, denn ich kann nicht ausziehen.
2j. September
Etwa 1926

[Mein Appetit ist zu schwach]


Ich sitze nicht bequem auf meinem Hintern: er ist zu mager.
Das schlimmste ist: Ich verachte die Unglücklichen zu stark.
Ich mißtraue den Mißtrauischen, habe etwas gegen die, denen
es nicht gelingt, zu schlafen. . . .
Mein Appetit ist zu schwach - ich bin gleich satt!! Die Wollust
wäre das einzige, aber die Pausen sind so lang, die sie braucht!
Wenn man den Extrakt ausschlürfen könnte und alles ver-
kürzen! Ein Jahr vögeln oder ein Jahr denken! Aber vielleicht
ist es ein Konstitutionsfehler, aus dem Denken eine Wollust zu
machen; es ist vielleicht zu etwas anderm bestimmt! Für einen
starken Gedanken würde ich jedes Weib opfern, beinahe jedes
Weib. Es gibt viel weniger Gedanken als Weiber. Politik ist auch
nur gut, wenn genug Gedanken vorhanden sind (wie schlimm
sind auch hier die Pausen!), der Triumph über die Menschheit.
Das Richtige tun zu dürfen, unnachsichtig, mit Härte!
Als ich nach einer in jeder Hinsicht betrübenden Woche mei-
nem ältesten Freunde sagte, ich sei niedergedrückt, lachte er
und sagte überlegen: »Das bist du nicht oft!« »Nein«, sagte
ich. Aber ich weiß, daß die Eroberer von Weltreichen geneigt
sind, beim Verlust einer Pfeife Selbstmord zu begehen. So
wenig hält sie.

[Alles Unglück der Welt]


Alles Unglück in der Welt kommt von der Feigheit. Die
Menschheit hat oft geglaubt, daß es vom Selbstbewußtsein und
vom Mut einziger Männer komme, aber das Gegenteil ist der
Fall. Die Menschen im allgemeinen halten zuwenig von sich,
16 Zur Politik und Gesellschaft
als daß sie glaubten, sie könnten noch für andere sorgen. Das
Übel der großen Männer (denn sie sind ein Übel) besteht dar-
in, daß es zu wenige gibt. Es müßte eine Masse davon geben,
sagen wir: ein Proletariat. Es gilt als Verpflichtung eines Men-
schen, andern Menschen zu helfen, aber es ist eher ein Vor-
recht, und viel zu viele Leute verzichten darauf.

Die Ansichten trügen


Soweit der Bolschewismus eine Ansichtssache ist, geht er mich
wenig an. Die Ansichten links und die rechts können durchaus
falsch sein. Die Ansichten der Bourgeoisie zum Beispiel erge-
ben keinerlei Schlüsse auf die Bourgeoisie selber. Ein großer
Teil der Bourgeoisie hält zum Beispiel bloßen Gelderwerb für
schmutzig, aber er tut nichts sonst. Tatsächlich sind ihre Hand-
lungen viel vernünftiger als ihre Ansichten. Deshalb zeigen sie
auch einen wahrhaft imposanten Zynismus, wenn sie die ihre
Handlungen rechtfertigenden Ansichten einfach von ihren
Zeitungen anfertigen lassen.

Über den Sozialismus


Es ist eine sichtbare Angelegenheit, daß die kapitalistische
Klasse in Europa verbraucht ist, sie gibt nichts mehr her, vor
allem keine Begierden mehr. Die Menge links ist gut, solang
sie kämpft; dann, wenn sie gesiegt hat, muß sie ersetzt werden.
Ein ärgerlicher Anblick schon die Eisenbahnen etwa, die nie-
mand gehören, mit denen nicht gearbeitet wird, die nicht dazu
dienen, Männer berühmt oder tot zu machen, die einfach aus
dem Spiel herausgezogen sind, nützliche zivilisatorische Hilfs-
mittel, nicht mehr Zwecke! Es kommt nur darauf an, ob man
das Glück in so kleine Stücke zerschneiden will. Man sollte
es nicht. Und es läßt sich auch nicht. Es würde verschwinden
Aus Notizbüchern 17

wie Schnee, wenn man ihn anlangt. Laßt euch nichts einreden:
100 000 Mark sind viel, aber 5 mal 20 000, das ist nicht viel.
Sollen sie in ihren frischgestrichenen Einheitshütten hocken
zwischen Grammophonen und Hackfleischbüchsen und neben
fix gekauften Weibern und vor Einheitspfeifen? Es ist kein
Glück, denn es fehlt die Chance und das Risiko. Chance und
Risiko, das größte und sittlichste, was es gibt. Was ist Zufrie-
denheit? Kein Grund zum Klagen, das ist ein Grund zuwe-
nig, nichts sonst! Und das Leben ohne Härte, das ist dummes
Zeug! Güte und Großmut und Kühnheit, das ist nichts ohne
die Sicherheit, daß das Selbstverständliche Roheit, Dummheit
und Appetitlosigkeit ist! Es ist reine Unwissenheit, wenn alle,
die von dieser verbrauchten Bourgeoisie angewidert sind, die
ja selber nichts als eine solche sozialisierte, das heißt versicher-
te Claque ist, ohne Appetit, Chance und Risiko, nicht sehen,
wo die wahrhaften Feinde dieser Bourgeoisie (und jener So-
zialdemokratie) stehen.
Notizen über die Zeit
1925 bis 1932
[Vergänglichkeit]
Nach Genuß von etwas schwarzem Kaffee erscheinen auch die
Eisenzementbauten in besserem Licht. Ich habe mit Erschrek-
ken gesehen (auf einem Reklameprospekt einer amerikani-
schen Baufirma), daß diese Wolkenkratzer auch in dem Erd-
beben von San Francisco stehenblieben. Aber im Grund halte
ich sie doch nach einigem Nachdenken für vergänglicher als
etwa Bauernhütten. Die standen tausend Jahre lang, denn sie
waren auswechselbar, verbrauchten sich rasch und wuchsen
also wieder auf ohne Aufhebens. Es ist gut, daß mir dieser
Gedanke zu Hilfe kam, denn ich betrachte diese langen und
ruhmvollen Häuser mit großem Vergnügen.
Ich glaube: Die Oberfläche hat eine große Zukunft.
In den kultivierten Ländern gibt es keine Moden. Es ist eine
Ehre, den Vorbildern zu gleichen. Ich freue mich, daß in den
Varietes die Tanzmädchen immer mehr gleichförmig aufge-
macht werden. Es ist angenehm, daß es viele sind und daß
man sie auswechseln kann.
Ich habe kein Bedürfnis danach, daß ein Gedanke von mir
bleibt, ich möchte aber, daß alles aufgegessen wird, umgesetzt,
aufgebraucht.

Ich habe das Gefühl, ich dürfe nichts sagen, sonst verfiele ich
einem Strafgericht. Es sei nicht erwünscht, von mir etwas ge-
sagt zu hören. Die Gefährlichkeit jeglicher Äußerung von mei-
ner Seite war mir außerordentlich klar. Wenn ich aber nach-
dachte, was ich nun zu sagen hätte und was man von mir um
keinen Preis zu hören wünschte, so konnte ich (so eigentümlich
dies vielleicht klingen mag) nichts finden.
Es leuchtet wohl ein, daß so etwas sehr beunruhigen muß. Ich
22 Zur Politik und Gesellschaft
habe jedesmal nachgeprüft, ob ein momentaner Fehler meiner
Konstitution vorlag, wenn ich plötzlich mit meinen Mitmen-
schen nicht zufrieden war. Einige Male war dies nicht der
Fall, meines Wissens. Aber auch in diesen Augenblicken hatte
ich nichts gegen die Menschen vorzubringen, vielleicht deswe-
gen, weil mir eher der ganze Typus verfehlt schien. Ich glaube,
der Mensch ist eine Rasse, die im Schöpfungsplan nicht vorge-
sehen war, welche Tatsache im Laufe ihrer nur wenigen Jahr-
tausende dauernden Lebenszeit nur von wenige Exemplaren
erkannt wurde, die übrigens selber noch nicht die Stufe der
Ichthyosaurier erreicht haben können. Ich möchte damit, wie
man sich wohl denken kann, keinem Menschen persönlich zu
nahe treten.
Ich würde zu keiner anderen Gruppe weniger gern gehören als
zu der der Unzufriedenen.

Beziehungen der Menschen untereinander


Die meisten Beziehungen leiden darunter und gehen oftmals
dadurch in die Brüche, daß der zwischen den betreffenden
Menschen bestehende Vertrag nicht eingehalten wird. Sobald
zwei Menschen zueinander in Beziehung treten, tritt auch, in
den allermeisten Fällen stillschweigend, ihr Vertrag in Kraft.
Dieser Vertrag regelt die Form der Beziehung. Er kann nur aus
zwei Punkten bestehen, aber er ist trotzdem ein Vertrag, und
jeder der Kontrahenten muß zumindest diesen Minimal-
vertrag einhalten, sofern er sich nicht der Gefahr aussetzen
will, daß die andere Seite, Anstoß daran nehmend, ihren
Vertrag und damit die sich darauf gründende Beziehung auf-
hebt. Was zuerst da ist, ist immer die Beziehung, der Vertrag
setzt dann ein, wenn zumindest eine Seite erkannt hat,
welchen Wert die andere Seite für ihn hat. Die menschlichen
Verträge leiden meistens unter dem Nachteil, daß es wohl
zwei Ausfertigungen von einem Vertrag gibt, aber die beiden
Notizen über die Zeit 23

Ausfertigungen voneinander abweichen. So hat zum Beispiel


A in seiner Vertragsurkunde in bezug auf B stehen, er ver-
lange, daß B, mit dem er jede Woche einmal zum Pokerspielen
zusammenkommt, ein erstklassiger Pokerspieler ist, daß er
sich ferner als Gast erstklassig aufzuführen habe und die all-
gemeinen Höflichkeitsregeln befolge. B, dessen Interesse an
A über das als einem bloßen Pokerspieler hinausgeht, glaubt
in seinen Vertrag aufnehmen zu können, daß er zu gewissen
Einmischungen in A's Familienangelegenheiten berechtigt ist
und zu gewissen Dienstleistungen geschäftlicher Art. Dieses
Abweichen der Vertragsausfertigung könnte eines Abends zu
unliebsamen Folgen führen, die besonders für die Seite un-
liebsam sein würde, die das größte Interesse an der Aufrecht-
erhaltung der Beziehung mit der anderen Seite hätte. Das
könnte in diesem Fall ruhig A sein. Mit jedem Menschen muß
man einen besonderen Vertrag machen. Dabei sind natürlich
Sonderverträge für bestimmte Zeiten oder Angelegenheiten
möglich, auch eine Erweiterung der Vertragspunkte oder eine
Vertiefung ist durchaus angängig. Besonders schwierig ist der
Vertrag zwischen einem Mann und einer Frau. Eine Frau,
die klug ist, versucht nie, den Minimalvertrag zu verletzen,
aber sie kann versuchen, ihn zu erweitern. Ein Sondervertrag
ist meistens wertvoller als ein Generalvertrag. Bei Mann und
Frau ist es meistens so, daß der Mann kraft seines Vertrages
ungeheuer viel verlangen kann und die Frau ungeheuer viel
zugeben muß. Es ist wichtig, daß die Frau sobald wie möglich
untersucht oder es instinktiv herausfühlt, welches die Punkte
des gegnerischen Vertrages sind, ob sie berechtigt sind, ob an-
greifbar, ob zu beseitigen, oder ob sie sie als unabänderlich
hinzunehmen hat. Manches muß die Frau als unabänder-
lich hinnehmen. Die meisten Männer, die von ihrer Frau
größte Pünktlichkeit und unbedingte Verläßlichkeit verlangen,
sind ausgemacht unpünktlich und unzuverlässig, was tägliche
Dinge angeht, im Grund kann man sich aber auf sie ver-
lassen. Ein Vertrag darf auch nicht starr sein, sondern muß sich
24 Zur Politik und Gesellsdiaft

wie Gummi ziehen lassen, aber er muß immer den Minimal-


vertrag deutlich erkennen lassen. Lange Dauer macht einen
Vertrag elastischer. Man darf einen Vertrag aber nicht über-
spannen und nicht unterspannen. Das Überspannen geschieht
in verschiedener Form von beiden Seiten, bei Mann und Frau
muß die Frau meistens draufzahlen. Das Unterspannen rich-
tet sich vor allem gegen die Frau und äußert sich meistens in
Gleichgültigkeit oder unzureichender Beschäftigung. Zum Ein-
halten von Verträgen gehört Takt.
September 192$

[Keine Monumente mehr]


Die bürgerliche Klasse bringt keine Monumente mehr hervor
- als Klasse. Ihre Arbeiten zeigen nicht mehr das Gesicht ihrer
Klasse. Wurde man in 1000 Jahren die Fordschen Fabriken
ausgraben, so würden die Leute nicht leicht feststellen können,
ob sie vor oder nach der Weltrevolution so gebaut wurden.
(Schlüsse: Man muß es für unmöglich halten, daß in solchen
Bauten ein kapitalistisches System noch möglich war, da es ja
für sie nicht geeignet war. Daß es aber heute noch möglich ist,
obwohl es nicht mehr geeignet ist, das beweist, daß auf evo-
lutionärem Weg nichts geschehen wird, als was schon geschehen
ist, und daß diese herrschende Klasse mit Gewalt entfernt
werden muß.)

Alle Typen, die ich schaffe, sind Kollektive. Nicht umsonst


halte ich es instinktiv für nötig, alle ihre Situationen histo-
risch aufzufassen. Selbst über Geschehnisse meiner Zeit setze
ich Jahreszahlen. Ich fixiere also die Zeit, in der dieser Typ auf-
tritt. Ich gebe also diese Situationen preis, soweit sie nicht durch
ihn geschaffen werden. Ich halte für historisch, was er sagt.

Etwa 1926
Notizen über die Zeit 25

Nachdruck verboten!
In jener Zeit war ich Soldatenrat in einem Augsburger La-
zarett, und zwar wurde ich das nur auf dringendes Zureden
einiger Freunde, die behaupteten, ein Interesse daran zu
haben. (Wie sich dann herausstellte, konnte ich jedoch den
Staat nicht so verändern, wie es für sie gut gewesen wäre.)
Wir alle litten unter einem Mangel an politischen Überzeu-
gungen und ich speziell noch dazu an meinem alten Mangel
an Begeisterungsfähigkeit. Ich bekam einen Haufen Arbeit
aufgehalst. Der Plan der Obersten Heeresleitung, mich ins
Feld zu bringen, war ja schon ein halbes Jahr vorher ge-
scheitert. Ich hatte es, durch Glück begünstigt, verstanden,
meine militärische Ausbildung zu verhindern, nach einem
halben Jahr beherrschte ich noch nicht einmal das Grüßen und
war selbst für die damals schon gelockerten militärischen Ver-
hältnisse zu schlapp. Ich verfügte dann aber sehr bald über mei-
ne Entlassung. Kurz: ich unterschied mich kaum von der über-
wältigenden Mehrheit der übrigen Soldaten, die selbstverständ-
lich von dem Krieg genug hatten, aber nicht imstande waren,
politisch zu denken. Ich denke also nicht besonders gern daran.
9. November 1928

[Über Militarismus]
Von allen Militaristen sind diejenigen die gefährlichsten, die
den Militarismus mildern wollen. Mich erschreckte nicht die
Haltung der Extremen, die die allgemeine Dienstpflicht ver-
längern und den Drill verschärfen wollten. Aber als ich hörte,
daß es Leute gab, die für ein Volksheer eintraten, eine Diszi-
plin mit Berücksichtigung der Menschenwürde forderten und
den Offizieren nahelegten, sich die Elemente der Bildung an-
zueignen, als ich das hörte, erschrak ich. Denn nun übersah
ich eine endlose Kette von Kriegen, die unsere Kindeskinder
i6 Zur Politik und Gesellschaft
töten, roh machen, niederhalten würden vermittels eines ver-
besserten Militarismus, und den widerlichsten Typ des Sol-
daten: den, der aus Berechnung tötet, aus Pflichtgefühl, auf
Grund zwingender Argumente.

Die Krise des Sportes


Einen Mann, der in der Welt herumgekommen ist, habe ich
kürzlich sagen hören, die Deutschen zeichneten sich (unter
anderen) dadurch vor allen Völkern aus, daß sie zu jeder
Tages- und Nachtzeit essen und zu jeder Tages- und Nachtzeit
lieben können. Wenn dies zutrifft (und ich hoffe, daß es zu-
trifft), dann würde uns Sport sicher ganz gut tun: Es wäre
dann nur allzu klar, daß für uns etwas geschehen muß.
Nun besteht bei den meisten unserer Erziehungsbeamten
zweifellos eine natürliche Abneigung gegen Leibesübungen
(es hat keinen Sinn, daß diese Leiber geübt werden). Wird
diese Abneigung, die besonders von einer Seite ausgeht, die
für unsere Jugend die Erlernung der griechischen Sprache
empfiehlt, die Entwicklung des Sportes aufhalten?
Ich glaube es nicht.
Das deutsche Bürgertum, das mit den Resten feudaler Kasten
1918 so rasch und verhältnismäßig gründlich aufräumte, das
eine unpraktische und teure Offiziers- und Diplomatenkaste
ohne mehr Sentimentalität als der Anstand verlangte, zum
alten Eisen warf, wird die Winke seiner geliebten Wissen-
schaftler in bezug auf eine Stabilisierung der Hygiene kaum
in den Wind schlagen. Was sollten dicke Bäuche für einen Nut-
zen haben? Hygiene ist vorteilhafter als Medizin. Turnlehrer
sind rentabler als Ärzte. Was ist besser: Sich die Fußnägel
schneiden oder sich immer nur größere Stiefel anschaffen?
Wenn der Sport nur laut und lang genug Hygiene brüllt, wird
er schon gesellschaftsfähig werden. Die Frage ist nur, ob ihm
das gut tun wird.
Notizen über die Zeit 27

Eine Propagandaschrift für die, sagen wir, gesellschaftliche An-


erkennung des Sportes könnte sehr reichhaltig sein. Man
könnte eine Menge verlockender Argumente dafür anführen,
daß der Sport in den Schulen gelehrt, von der Akademie
kontrolliert, und von der Nation zum Kulturgut erhoben
werden müsse. Soll man es?
Man müßte zumindest zuerst einige sehr peinliche Eindrücke
verwinden, die man in letzter Zeit empfangen hat.
Die Fotos eines ältlichen deutschen Dramatikers als Dis-
kuswerfer haben wohl alle mit banger Sorge, nicht für die
Zukunft dieses Mannes, für die gesorgt ist, erfüllt, sondern für
den Sport.
Andererseits waren die zynischen Fotos einer in der Lebewelt
gelesenen Monatsschrift, die einen Querschnitt durch das
europäische Kulturleben liefert, wohl geeignet, unser Ärger-
nis zu erregen: Neben James Joyce prangte Herr Diener. Ist
es bösartig anzunehmen, daß diese Zeitschrift damit eher Herrn
Diener als Herrn Joyce nützen wollte? Ich weiß nicht, ob es
Herrn Joyce genützt hat. Aber kann es Herrn Diener
nützen?
Ich habe schon, gelesen, daß man Leibesübungen für Knaben
vorschlug, damit sie besser Griechisch lernen konnten. Nach
Leibesübungen hätten sie einen klaren Kopf. In diesen kla-
ren Kopf könnte man dann Griechisch hineintun. Ist das
verlockend?
Man kann viele Leute hereinbekommen, wenn man ihnen
sagt, daß Sport gesund sei. Aber soll man es ihnen sagen?
Wenn sie Sport genau so weit treiben, als er gesund ist, ist es
dann Sport, was sie treiben? Der große Sport fängt da an, wo
er längst aufgehört hat, gesund zu sein.
Das Scheußlichste, was man sich ausdenken kann, als Äqui-
valent. Diese Leute argumentieren so: Heute braucht man
seinen Kopf mehr als im Jahre 1880. Also muß man Sport
treiben, damit es sich ausgleicht. Ganz abgesehen davon, daß
man mir erst beweisen müßte, wobei heute mehr Kopf
28 Zur Politik und Gesellschaft
gebraucht worden ist als 1880 - wieso sollte dann der Zu-
stand, daß die Leute heute mit ihren Angelegenheiten weniger
leicht fertig werden als 1880, zu der Annahme berechtigen,
sie könnten körperlich leistungsfähiger sein?
Ich weiß sehr gut, warum die Damen der Gesellschaft heute
Sport treiben: weil ihre Männer in ihrem erotischen Interesse
nachgelassen haben. Ohne diesen Damen besonders wohl zu
wollen - je mehr sie Sport treiben, desto mehr werden diese
Herren nachlassen.
Ich bin nicht sicher, ob es uns gut tut, aber Herrn Otto Wolf
wird es schon gut tun, wenn er ab und zu ein paar Kniebeugen
macht, aber leise Kniebeugen werden den Sport nicht weiter-
bringen.
Kurz: ich bin gegen alle Bemühungen, den Sport zu einem
Kulturgut zu machen, schon darum, weil ich weiß, was diese
Gesellschaft mit Kulturgütern alles treibt, und der Sport dazu
wirklich zu schade ist. Ich bin für den Sport, weil und solange
er riskant (ungesund), unkultiviert (also nicht gesellschafts-
fähig) und Selbstzweck ist.
1928

Die Todfeinde des Sportes


Der Sport hat hauptsächlich zwei Feinde, die ihm wirklich ge-
fährlich werden können. Erstens sind da die Leute, die aus
ihm mit aller Gewalt eine hygienische Bewegung machen wol-
len. Diese Sorte von Leuten arbeitet mit Vorliebe unter der
Devise, Sport sei gesund, und versucht damit, in den Schulen
und auch durch populäre Literatur das, was an wirklichem
Sportgeist in den jüngeren Leuten steckt, für alle Zeiten zu
ruinieren. Selbstverständlich ist Sport, nämlich wirklicher
passionierter Sport, riskanter Sport, nicht gesund. Da, wo
er wirklich etwas mit Kampf, Rekord und Risiko zu tun hat,
bedarf er sogar außerordentlicher Anstrengungen des ihn
Notizen über die Zeit 29

Ausübenden, seine Gesundheit einigermaßen auf der Höhe zu


halten. Ich glaube nicht, daß Lindbergh sein Leben durch sei-
nen Ozeanflug um zehn Jahre verlängert hat. Boxen zu dem
Zweck, den Stuhlgang zu heben, ist kein Sport. Der Zweck
des Sportes ist natürlich nicht körperliche Ertüchtigung,
sondern der Zweck körperlicher Ertüchtigung kann Sport
sein.
Der zweite Hauptgegner des Sportes ist der wissenschaftliche
Fimmel. Hierher gehören leider meistens mit besonderer Un-
terstützung der Presse die krampfhaften Bemühungen einiger
»Kenner«, aus dem Sport eine Art »Kunst« zu machen.
Diesen Kennern wächst jetzt schon wieder auf der bloßen
Hand eine ganze Nomenklatur von Fachausdrücken, und die
Tendenz geht immer mehr aus Part pour Part. Im Boxsport
äußert sich diese sportsfeindliche Tendenz in der Propagierung
des Punktverfahrens. Je weiter sich der Boxsport vom K. o.
entfernt, desto weniger hat er mit wirklichem Sport zu tun.
Ein Boxer, der seinen Gegner nicht niederschlagen kann, hat
ihn natürlich nicht besiegt. Sehen Sie sich zwei Männer an
einer Straßenecke oder in einem Lokal einen Kampf liefern.
Wie stellen Sie sich hierbei einen Punktsieg vor? Die Haupt-
Todfeinde des natürlichen naiven und volkstümlichen Box-
sportes sind jene Gelehrten, die an den Seilen sitzen und in
ihre Hüte hinein Punkte sammeln.
Sie verstehen mich: Je »vernünftiger«, »feiner« und »gesell-
schaftsfähiger« der Sport wird, und er hat heute eine starke
Tendenz dazu, desto schlechter wird er.

Sport und geistiges Schaffen

[Antwort auf eine Rundfrage]


Ich muß zugeben, daß ich die These, Körperkultur sei die
Voraussetzung geistigen Schaffens, nicht für sehr glücklich
30 Zur Politik und Gesellsdiaft

halte. Es gibt wirklich, allen Turnlehrern zum Trotz, eine be-


achtliche Anzahl von Geistesprodukten, die von kränklichen
oder zumindest körperlich stark verwahrlosten Leuten her-
vorgebracht wurden, von betrüblich anzusehenden mensch-
lichen Wracks, die gerade aus dem Kampf mit einem wider-
strebenden Körper einen ganzen Haufen Gesundheit in Form
von Musik, Philosophie oder Literatur gewonnen haben. Frei-
lich wäre der größte Teil der kulturellen Produktion der letz-
ten Jahrzehnte durch einfaches Turnen und zweckmäßige Be-
wegung im Freien mit großer Leichtigkeit zu verhindern ge-
wesen, zugegeben. Ich halte sehr viel von Sport, aber wenn
ein Mann, lediglich um seiner zumeist durch geistige Faulheit
untergrabenen Gesundheit auf die Beine zu helfen, »Sport«
treibt, so hat dies ebensowenig mit eigentlichem Sport zu tun,
als es mit Kunst zu tun hat, wenn ein junger Mensch, um mit
einem Privatschmerz fertig zu werden, ein Gedicht über treu-
lose Mädchen verfaßt. Einige Leute, die vermutlich der
Seifenindustrie nicht ganz fernstehen, haben versichert, daß
der Zivilisationsstand eines Volkes an seinem Seifenverbrauch
kontrolliert werden könnte. Demgegenüber setze ich vollstes
Vertrauen in Männer wie Michelangelo, daß sie auch durch
einen völlig unmäßigen Gebrauch von Seife nicht hätten gehin-
dert werden können, die Zivilisation zu bedrohen. Ich kann
Ihnen eine kleine private Erfahrung mitteilen. Vor einiger
Zeit habe ich mir einen Punchingball gekauft, hauptsächlich
weil er, über einer nervenzerrüttenden Whiskyflasche hän-
gend, sehr hübsch aussieht und meinen Besuchern Gelegenheit
gibt, meine Neigung zu exotischen Dingen zu bekritteln, und
weil er sie zugleich hindert, mit mir über meine Stücke zu
sprechen. Ich habe nun gemerkt, daß ich immer, wenn ich
(nach meiner Ansicht) gut gearbeitet habe (übrigens auch
nach Lektüre von Kritiken), diesem Punchingball einige launige
Stöße versetze, während ich in Zeiten der Faulheit und des
körperlichen Verfalls gar nicht daran denke, mich durch an-
ständiges Training zu bessern. Sport aus Hygiene ist etwas
Notizen über die Zeit 3l
Abscheuliches. Ich weiß, daß der Dichter Hannes Küpper,
dessen Arbeiten wirklich so anständig sind, daß sie niemand
druckt, Rennfahrer ist und daß George Grosz, gegen den ja
auch keine Klagen vorliegen, boxt, aber sie tun dies, wie ich
genau weiß, weil es ihnen Spaß macht, und sie würden es auch
tun, wenn es sie körperlich ruinieren würde. (Etwas an-
deres ist es natürlich mit ungeistigen Arbeitern, wie etwa
Schauspielern, die körperliches Training nötig haben, da
ihre falsche Auffassung vom Theaterspielen sie zu unge-
heuren Kraftleistungen zwingt.) Ich selber hoffe meinen
körperlichen Verfall auf mindestens noch 60 Jahre auszu-
dehnen.

Für einen deutschen Ozeanflug


Die Organe der Öffentlichkeit haben im allgemeinen eine Nei-
gung, sich bei ihren Angriffen auf Personen, die die Öffent-
lichkeit getäuscht oder enttäuscht haben, mit einer Kritik ihrer
Ehrlichkeit zu begnügen. Wer die deutsche Justiz angreift, gibt
sich allzuschnell damit zufrieden, sie als ehrlos und unanstän-
dig darzustellen. Sie als einfach dumm und unfähig, ihre an-
genommenermaßen anrüchigen Ziele zu erreichen, darzustel-
len, gilt als weniger wirksam. Dieser Gesichtspunkt erweist
sich zweifellos fruchtbar einer Gesellschaft gegenüber, die dar-
auf angewiesen ist, mehr den Schein ihrer Ehrlichkeit, als den
ihrer Klugheit zu wahren. Angesichts des Fiaskos des deut-
schen Ozeanfluges besteht daher die Gefahr, daß nicht ge-
nügend Gewicht auf die öffentliche Verurteilung der zutage
getretenen Feigheit einiger Flieger gelegt werden wird. Dieser
Verzicht darauf, von Leuten, die auf einem bestimmten Gebiet
die Nation repräsentieren, Mut zu verlangen, wäre im Inter-
esse der öffentlichen Sittlichkeit sehr bedauerlich. Ich muß,
da ich wie gesagt fürchte, daß dies nirgends genügend hervor-
gehoben werden wird, besonders betonen, daß ich zumindest
32 Zur Politik und Gesellschaft

die zwei Flieger, die ohne Motordefekt umgekehrt sind,


für ängstliche Leute halte.
Aber ich glaube nicht, daß wir die Versuche, den Ozean zu
überqueren, aufstecken sollen. Ich glaube nämlich einfach
nicht, daß man nicht auch ohne Mut über das große Wasser
kommen kann. Ich glaube, wir Deutschen werden so lange zum
Flug ansetzen und wieder umkehren, als Mut nötig wäre,
aber wir sind außerordentlich dazu befähigt, dafür zu sorgen,
daß man ohne Mut hinüberkommen kann. Viele Leute halten
unsere Verkehrsflugzeuge für die sichersten Europas. Erst jetzt
ist es aufgeklärt, warum sie es sind: weil ihre Piloten ängstlich
sind.
Es steht uns natürlich nicht an, anscheinend wirklich mutige
Leute wie Nungesser und Coli zu verhöhnen. Dennoch ist es
Wahnsinn, auf das Meer hinauszufliegen, wenn man draußen
untergeht. Es ist keineswegs wahnsinnig, hinauszufliegen und
umzukehren.

Bin ich eifersüchtig?

[Antwort auf eine Rundfrage]


Man braucht nur die Zeitungen zu lesen: Von Moabit bis Dah-
lem, durch Villen und Mietskasernen tobt zu allen Tages- und
Nachtzeiten ein unaufhörlicher Kampf alter und junger Män-
ner, die mit Messern in den Händen das Besitzrecht an ihren
Weibern verteidigen. Wer sind diese Leute? Man sieht sie:
plötzlich auf Turschwellen stehend, mit geschwollenen Hälsen,
aus ihnen tritt das Urtier, und das Urtier brüllt: »Du betrittst
diese Schwelle nicht mehr.« Und während man sich dunkel
daran erinnert, eben diese unvergeßlichen Stimmen schon wo-
anders gehört zu haben, irgendwo an Biertischen mit dem
Ton heiterer Ruhe: »Und wenn ich schon nicht mehr arbeiten
kann, dann habe ich doch meine Pension«, ahnt man plötz-
Notizen über die Zeit 33

lieh erschüttert, wer sie also sind: Spießer. Spießer sind heute
die letzten Träger dieser einst tragischen Leidenschaft. Der ver-
lockende Gedanke an Pensionsberechtigung ist es, der ihnen
das Messer in die Hand drückt. Der Sitz der Eifersucht ist näm-
lich jener Körperteil, mit dem man auf etwas sitzt. Damit
will ich übrigens nicht gesagt haben, daß ich selber nicht gern
sitze - denn wie könnte jemand behaupten, daß nichts Spie-
ßiges in ihm wäre!
Dezember 1928

Sexualität des dritten Jahrzehnts


Die Sexualität spielt keine besondere Rolle, das heißt, selbst
in den zahlreichen Katastrophen, die sie den Spalten der Zei-
tungen liefert, ist nichts Besonderes, mit dem viel Aufhebens
oder Rühmens zu machen wäre; es scheint, die Bedürfnisse,
die der Sexus stellt, können leicht befriedigt werden: sie sind
nicht sehr groß. Andere Zeiten zeigen darin eine Unersättlich-
keit, die ihre Phantasie ungeheuer fruchtbar machte. Das
waren die großen Zeiten des Sexus, sie können jeden Tag wie-
der anbrechen. Der Schreiber erkennt solche Flauten des Mark-
tes an etwas für ihn Unerträglichem: sein Wortmaterial. Die
Instinkte eines Wortes sind die der Begierde, die es bezeichnet.
Heute hat die Affinität der sexuellen Wörter, das heißt ihre
Hinneigung zu anderen, fast gänzlich aufgehört. Es bilden sich
keine Assoziationen mehr.

Von der Liebe


Einigen gegenüber, die entweder der strengen Ehe oder aber
der durch nichts gehemmten Sexualität zuviel Bedeutung bei-
maßen, fanden andere, politische Leute, die Losung für rich-
tiger, Liebe sei zu genießen wie ein Glas Wasser, also beiläufig,
34 Zur Politik und Gesellschaft

einem raschen Durste rasch folgend, ohne besondere Aus-


wahl, so, wie man unter dem Wasser nicht besonders auswählt.
Nach diesen war der Wunsch, zu lieben, ein Trieb wie der zu
essen oder zu schlafen, mitunter angenehm, manchmal lästig,
auf keinen Fall eine besondere, tiefere Aufmerksamkeit be-
anspruchende Sache, und Lenin widersprach ihnen. Lenin
fand nicht, daß Liebe solch ein Ding wäre, und hielt es nicht
für nützlich, in solchem Ton von ihr zu sprechen. Ohne Ge-
naueres über sie zu sagen oder auch nur länger bei ihr als
Gesprächsgegenstand zu verweilen, verwarf er doch schnell
und heftig das Wort vom Glas Wasser.
Aus der Liebe wird oft so viel Wesens gemacht, daß vernünftige
Leute ungeduldig werden können. Sie wird aus dem gewöhn-
lichen Leben ganz herausgenommen, für sich allein gestellt,
als stehe sie über oder doch wenigstens außer dem Leben und
müsse ganz für sich betrachtet werden.

Sylvester 1928
Es gibt einen Grund, warum man Berlin anderen Städten
vorziehen kann: weil es sich ständig verändert. Was heute
schlecht ist, kann morgen gebessert werden. Meine Freunde
und ich wünschen dieser großen und lebendigen Stadt, daß
ihre Intelligenz, ihre Tapferkeit und ihr schlechtes Gedächtnis,
also ihre revolutionärsten Eigenschaften, gesund bleiben. Mei-
nen Freunden wünsche ich natürlich alles, was sie meiner An-
sicht nach brauchen.

[Über die Herrenmode]


Wenn wir an einem Herrenmodengeschäft vorbeigehen, so
sehen die im Schaufenster hängenden Kleidungsstücke für
gewöhnlich so schlecht aus, daß man sofort weiß: Dabei hat
Notizen über die Zeit 35
die Ästhetik ihre Hand im Spiele gehabt, das haben ästhetisch
geschulte Leute entworfen, hier sollte hauptsächlich etwas Ge-
schmackvolles gemacht werden. Dabei haben diese Kleidungs-
stücke hier, im Schaufenster, noch ihre beste Zeit. Sie sind
hauptsächlich für das Schaufenster angefertigt und zeigen
ihren wahren, niederträchtigen Charakter erst, wenn sie
gekauft sind und getragen werden. Dann zeigt es sich schreck-
lich rasch, daß sie für die rauhe Wirklichkeit nicht gemacht
sind. Der Stoff ist schlecht, das heißt, er ist wenig haltbar
und verändert sein Aussehen sehr rasch. Der alte Anzug ist
der Bruder des neuen, und er sorgt für seinen Bruder.
Es rentiert sich für die Kleiderfabrikanten, daß sie nicht Ana-
tomie lernen, infolgedessen brauchen sie nichts zu wissen da-
von, daß der Mensch manchmal sein Knie biegt, infolgedessen
muß die Hose nicht darauf eingestellt werden und infolge-
dessen schafft jede einigermaßen lebenserfahrene Hose sobald
als möglich, sozusagen aus sich heraus, eine Art Oberknie.
Die Herrenkleidung zerfällt in einzelne Teile, und diese
Trennung in Teile erfolgt nach Gesichtspunkten, die, etwa
auf ein Auto angewendet, verlangen würden, daß der vor-
dere Teil von der einen Firma und der hintere von einer an-
deren angefertigt werde. Von außen betrachtet ist solch ein
Anzug, wenigstens im Schaufenster, eine Art Gesamtkunst-
werk, aber von innen betrachtet sind es lauter Attrappen, zu-
sammengestückeltes, uneinheitliches Zeug. Jedes einzelne
Stück oder besser Stückchen dieses mosaikartigen Gebildes ist
nur für die äußere Wirkung berechnet, fällt nur eine einzige
von den zahlreichen übereinandergelagerten Hülsen weg, so
ist bereits die zweite Schicht mit ihren Hosenträgern und Sok-
kenhaltern nicht einmal mehr hübsch, geschweige denn prak-
tisch. Das Hemd hat einen abnehmbaren Kragen, den der
Franzose gleich von vornherein schlicht und ehrlich »falscher
Kragen« nennt, und zwischen dem Hemd und dem Kragen
entstehen, da die Kragenweite selten mit der Hemdhalsweite
übereinstimmt, schmerzhafte Quetschungen. Wendet man mir
36 Zur Politik und Gesellschaft

ein, das Hemd mit angenähtem Kragen sei zu teuer, so kann


ich nur sagen: da muß es billiger werden. Die Autos sind
ja auch zu teuer und müssen auch billiger werden.
Die einzig mögliche Form für Schuhe habe ich an einer ame-
rikanischen Marke gesehen. Sie hieß »Vera« und war wirk-
lich die wahre. Sie war nach innen gekrümmt und der Vor-
teil dieser Schuhe bestand darin, daß man darin gehen konnte
(und nicht nur sitzen). Diese Marke ist hier heute nicht mehr
auftreibbar. Die herrschende Anschauung verlangt anschei-
nend, daß Füße nach außen zu krümmen sind. Einen ähn-
lichen Nachteil bietet mein lederner Schlips: Er rutscht nicht.
Er ist auch leicht zu schlingen und hat nichts wirklich Indi-
viduelles. Die Persönlichkeit drückt sich in ihm nicht deutlich
genug aus. (Ich meine natürlich die Persönlichkeit des Schnei-
ders.)
Kurz: ich sehe sogar in der Herrenmodenfrage trübe in die
Zukunft. Was immer wir vorschlagen und wie verbissen wir
immer darum kämpfen, an unserem Grabe werden sie trau-
rig, aber doch wieder in Gehröcken stehen.
März

Über die Größe


Als ich sah, wie dick die amerikanischen Schneider Schulter
und Brust wattierten, begrüßte ich darin ein ähnliches Prinzip,
wie es die Maler der italienischen Renaissance durchführten.
Das Auftauchen jener Jazzbands, in denen lauter Ingenieure
Musik machten, die vor allem der Heiterkeit und dem Gefal-
len an mathematischen Formen dienten, ergriff mich aus glei-
chem Grund. Viele Eindrücke befestigten in mir die Überzeu-
gung, daß die Empfindungen der Menschen in unserer Zeit
ebenso wie in den besten vergangenen groß genug seien, um
mit trockener Sachlichkeit dargestellt werden zu können. Die
Tugenden beginnen die erschreckende Harmlosigkeit des vori-
Notizen über die Zeit 37

gen Jahrhunderts zu verlieren, und die Untaten gewinnen an


Einfluß und Spielraum. Die Menschen in ihren besten Typen
werden fähiger, Verantwortung zu tragen, freier von ihrem
Milieu, genug übersichtlich organisiert, um für Leidenschaften
in Form zu sein. Die großen Städte gewinnen den Wert der
Landschaft.

[Rauschgift]
Das gegen ihn gespritzte Gift verwandelt der Kapitalismus
sogleich und laufend in Rauschgift und genießt dieses.

[Freiheit von Krieg und Militärdienst]


Das einzige, was mich niederdrücken kann bei meiner Arbeit,
ist der mitunter auftauchende Gedanke, unsere Zeit könnte
nicht eine der großartigsten aller Zeiten sein. Natürlich wäre
es für mich nicht niederdrückend, wenn es eine der schlech-
testen wäre. Nur der Kleinmut, irgend etwas Mittelmäßiges
stecke dahinter, nimmt mir jede Lust an der Arbeit. Deshalb
empört mich auch die deutsche Geschichte, die in den Schulen
gelehrt wird, so sehr. Des Krieges 1870 schäme ich mich, wie
ich mich einer Schulnote über gutes Betragen schämen würde.
Die Befreiungskriege machen mir Übel. Unter diesen entmu-
tigenden Erinnerungen ist die an die Erkämpfung des Versail-
ler Vertrags, durch den wir die halbe Welt zwangen, jedem
Deutschen unter großen Geldopfern, an denen wir uns doch
nur in geringem Maß beteiligen, seine Freiheit von Krieg und
Militärdienst zu garantieren, eine der lichtvollsten.
38 Zur Politik und Gesellschaft

[Nationale Schundliteratur]
Ich gestehe, daß ich es für einen wunden Punkt meiner Exi-
stenz halte, daß zum Beispiel die deutsche Geschichte so
schlecht geordnet ist. Es ist keine Entwicklung drinnen, und
sie ist auch nicht hineingebracht worden. Wären die Eisen-
bahnen etwa in beständigen Kämpfen mit den Cheruskern
erbaut worden oder könnte man den Siebenjährigen Krieg
nicht als Bürgerkrieg, sondern als Anzeichen größerer Schie-
bungen darstellen, so müßte es doch möglich sein, die Be-
freiungskriege, in denen von Deutschen nur Kleber und Ney
hervortraten, einfach zu streichen. Ebenso ist es bei gutem
Willen erreichbar, den Krieg 1870 totzuschweigen. Man kann
dafür Luther unterstreichen und im Notfall auf eine so inter-
nationale europäische Erscheinung wie Karl den Großen zu-
rückgreifen, wenn es Schwierigkeiten machen sollte, Bismarck
aus den Lesebüchern unserer Jugend zu entfernen. Was ich
meine, ist lediglich, daß es uns an nationalem Willen fehlt.
Das für den Augenblick dringendste ist es aber, die national
gefärbten Ansichtskarten einzustampfen. Es ist möglich, daß
andere Leute die rosa Farbe für anziehender halten als ich,
aber ich bezweifle, daß sie bei irgend jemandem eine heroische
Stimmung hervorrufen kann. Solange ich den Rhein als Him-
beersauce empfinde und seine Weinberge etwa mit dem poeti-
schen Schwung einer Weinhandlung angepriesen werden, ziehe
ich mich von diesem Strome zurück. Man muß bei einer zeit-
gemäßen Propagandatätigkeit der Tatsache, daß die Donau
zum Beispiel, behielte sie die Bedeutung bei, die sie in Passau
erreicht hat, und würde nicht ergiebiger in Bukarest, nicht
verwendbar wäre für Propaganda. Ich sage, man muß dieser
harten Tatsache ins Auge blicken können. Keine Schundlitera-
tur ist so ekelerregend als die nationale.
Notizen über die Zeit 39

[Das unzufriedenste Volk]


Wir Deutschen haben eine sehr gute Anlage zur Unzufrie-
denheit. Wenn man es mir freistellte, für das Volk, dem ich
angehöre, unter mehreren Kennzeichen die mir am ehrendsten
erscheinende auszuwählen, so würde ich bestimmen, man
möchte uns das unzufriedenste Volk nennen. Man lasse sich
durch eine gewisse politische Trägheit, die uns anhaftet, nicht
täuschen. Jedermann wird zugeben, welch unentbehrliche Re-
sultate wir zum Beispiel in der Wissenschaft erzielt haben, in-
dem wir, immerfort mißtrauisch gegen das eben Erreichte, im-
merfort bereit, es bedingungslos aufzugeben, ohne damit Zeit
zu verschwenden, davon praktisch irgend etwas zu verwerten,
uns an das Ungelöste hielten. Und, gleichsam in der Furcht,
wir könnten doch noch unser Wissen um die Realität bis an
eine allzu große Übersichtlichkeit heranbringen, pflegten wir
von Anfang an mit besonderem Eifer die Metaphysik. So war
uns die Möglichkeit zur Unzufriedenheit bis über unsern Be-
stand hinaus sichergestellt.
Es ist leicht festzustellen: Unser Ideal ist das Unerreichbare;
und während wir bemüht sind, uns in der Bahn des Erreich-
baren fortzubringen, würden wir unzufriedener sein, als wir
schon sind, wenn diese Bahn je enden könnte.
Unsere gewöhnlichste Art zu denken ist: zu revoltieren. Un-
sere besten Leistungen sind Fragmente. Den Grad der uns
möglichen Vervollkommnung haben wir erreicht, bevor wir
fertig geworden sind.

Eigentum
Nach Aufhebung aller Gesetze, die etwa den Diebstahl mit
Strafen belegen, würde eine bestimmte Gruppe von Menschen
dennoch fortfahren (oder beginnen?), das Eigentum als Tabu
zu behandeln, und diese Gruppe würde anfangen (oder
4o Zur Politik und Gesellschaft

fortfahren), die herrschende zu sein. Es ist aber nicht nur nö-


tig, jenes Vorurteil zu vernichten, das einen Mann von Appetit
erhält, sich nur auf eine ganz bestimmte, begrenzte Anzahl
von Wegen in den Besitz des nachbarlichen Eigentums zu set-
zen: Der Besitz muß überhaupt aufgehoben werden. Und
das, wenn sonst nichts dafür spräche, einzig und allein schon
deshalb, weil es von einem bestimmten Zeitpunkt an nicht
mehr möglich war, über diese obenerwähnten »Wege« eine
Übereinkunft zwischen den Leuten mit Appetit herzustellen.
Diebstahl ist Unrecht? Gut. Aber nicht aller Diebstahl ist
Unrecht? Gut. Aber wir wissen nicht, welcher Diebstahl un-
recht ist? Schlecht.

Über die Justizskandale


Die Bourgeoisie ist mit ihrer Justiz unzufrieden. Der kleine
Teil, der sie schützt, besteht aus denjenigen, die dieser Justiz
nur vorwerfen, daß sie nicht zwei Drittel des Volkes in die
Zudithäuser wirft. In den Zeiten, wo die Revolution vor der
Tür steht, werden die Justizskandale häufiger, weil die Ge-
richte, um ihre wankende Autorität zu festigen, ihre Unge-
rechtigkeiten übertreiben. Das Volk aber verträgt nur einen
Teil von Ungerechtigkeit. Die Sorge der Bourgeoisie ist es, die
groben Ungerechtigkeiten zu beseitigen, um diejenige stän-
dige jahrhundertealte und daher gewohnte Ungerechtigkeit zu
erhalten. Der Richter wurde für unabsetzbar erklärt, weil
man befürchtete, die Regierung oder das Volk könnte ihn ab-
setzen wollen, wenn er gerecht wäre. Warum sollen 50 Leute
besser über die Gerechtigkeit wachen können als 50 Millio-
nen? Es ist ein guter Grundsatz, die Richter nicht in die Poli-
tik hineinziehen zu wollen. Man erreicht dies dadurch, daß
man die Verbrechen, die mit Politik zu tun haben, von den
übrigen abtrennt. Von politischen Vorurteilen befangen kann
nur ein Richter sein, der unabsetzbar ist. Denn ein absetzbarer
Notizen über die Zeit 41

muß sich an die reine Justiz halten, wenn er nicht riskieren


will, durch die beständige Unbeständigkeit der Politik zu fal-
len. Ist die Regierung das Vollzugsorgan der Öffentlichkeit
und setzt sie einen Richter ab, weil er gerecht gerichtet hat,
so ist dies eine öffentliche Angelegenheit, und kann dies nach-
geprüft werden, dann würde die Gerechtigkeit etwas sein, von
dem man öffentlich sprechen muß, und sie kann nur gewinnen
dadurch. Verstößt der Richter gegen die Grundsätze der Ju-
stiz, so muß er doch abgesetzt werden können. Tut er es nicht,
sondern kann er sich auf die Justiz stützen, indem er unge-
recht richtet, so muß die Justiz geändert werden, und dies ist
das nötigste. Die Justizskandale sind in revolutionärem Sinne
gleichgültig und sogar schädlich, wenn sie den Blick von dem
einzigen ungeheuren und gewohnten Skandal ablenken, der
heute Justiz ist. Denn es ist ein ungeheuerlicher Irrtum, zu
glauben, die heutige Justiz sei eine gesunde Sache, ein wert-
voller Organismus, der nur einige vorübergehende Krankhei-
ten habe, die man heilen müsse, um diesen kostbaren Organis-
mus zu erhalten. Diese Krankheiten sind die Krankheiten
eines zum Tode verurteilten Verbrechers, und sie heilen heißt
ihn vom verdienten Tode erretten.

Es gibt unendlich mehr Richter in Deutschland, die Unrecht


tun, indem sie die Gesetze ausführen als solche, die Unrecht
tun, indem sie sie verletzen.

Die Tugend der Gerechtigkeit


Es gibt Staaten, in denen die Gerechtigkeit zu sehr gerühmt
wird. In solchen Staaten ist es, wie man vermuten darf, be-
sonders schwer, Gerechtigkeit zu üben. Viele Menschen schei-
den dafür aus, weil sie entweder zu arm und zu benachteiligt
sind, um gerecht sein zu können oder um unter Gerechtigkeit
etwas anderes zu verstehen als Hilfe für sie selber. Jene
42 Zur Politik und Gesellsdiaft

Gerechtigkeit, die für einen selber gefordert wird, gilt aber


wenig. Diese Unterdrückten werden selten als Freunde der Ge-
rechtigkeit gerühmt; es fehlt ihnen die Selbstlosigkeit. Die
aber haben sie nicht, weil sie eben selber darben und unter-
drückt sind. Die Gerechtigkeit der andern wiederum erweckt
das Mißtrauen, sie seien eben bloß für den Augenblick gesät-
tigt, sorgten also jetzt für ihre nächsten Wochen oder Jahre.
Andere fürchten für die Zustände, die ihnen ständige Sätti-
gung verbürgen, die Empörung der ungerecht Behandelten.
Wieder andere treten für das Recht derjenigen ein, die sie sel-
ber auszubeuten wünschen.
In Ländern, die gut verwaltet sind, braucht es keine besondere
Gerechtigkeit. Dem Gerechten fehlt dort die Ungerechtigkeit,
wie dem Klagenden der Schmerz. In solchen Ländern versteht
man dann unter Gerechtigkeit etwas Erfinderisches, ein frucht-
bares Vorgehen, das die Interessen verschiedener gleichrichtet.

[Über den §218]

[Äußerung zu einer Rundfrage]


So wie der Staat es in seiner Justiz macht - er bestraft den
Mord, sichert sich aber das Monopol darauf -, so macht er
es eben überhaupt: Er verbietet uns, unsere Nachkommen
am Leben zu verhindern — er wünscht dies selber zu tun. Er
behält sich vor, selber abzutreiben, und zwar erwachsene, ar-
beitsfähige Menschen.
März 1930

Zum zehnjährigen Bestehen der A-I-Z


Die ungeheuere Entwicklung der Bildreportage ist für die
Wahrheit über die Zustände, die auf der Welt herrschen,
Notizen über die Zeit 43

kaum ein Gewinn gewesen: Die Photographie ist in den Hän-


den der Bourgeoisie zu einer furchtbaren Waffe gegen die
Wahrheit geworden. Das riesige Bildmaterial, das tagtäglich
von den Druckerpressen ausgespien wird und das doch den
Charakter der Wahrheit zu haben scheint, dient in Wirklich-
keit nur der Verdunkelung der Tatbestände. Der Photogra-
phenapparat kann ebenso lügen wie die Schreibmaschine. Die
Aufgabe der A-I-2, hier der Wahrheit zu dienen und die
wirklichen Tatbestände wiederherzustellen, ist von unüber-
sehbarer Wichtigkeit und wird von ihr, wie mir scheint, glän-
zend gelöst.
1931

[Zur Rußlandhetze des Deutschlandsenders]


Man muß zumindest verlangen, daß die Möglichkeit gegeben
wird, auf diese subjektiv hetzerischen Reden gegen die
Sowjetunion von derselben Stelle aus zu antworten*. Die
Methode der unwidersprochenen Vorträge ist ein Mißbrauch
des Rundfunks, der nur durch Zulassung von Diskussionen
der Vertreter verschiedener Richtungen verhindert werden
kann.
j . September 1931

[Die Ideologie untergehender Klassen]


Eine solche sich absperrende Klasse verliert, immerfort be-
strebt, ihren Umfang klein zu halten und ihren Einfluß zu
vergrößern, am Ende jedes Maß. Gezwungen, Sätze wie
»Wir Deutschen hassen das französische Wesen« oder »Wir
Deutschen halten den Besitz heilig« zu formulieren, da sie
weder den Vorteil, deutsch zu sein, noch den, die einzigen
Deutschen zu sein, aufgeben können, büßen sie rasch alles
44 Zur Politik und Gesellschaft

Augenmaß ein, da sie Gewinn daraus ziehen, Bestehendes zu


leugnen. Sie glauben immer noch, ihre Taten nach ihren
Grundsätzen zu richten, wenn sie schon längst ihre Grund-
sätze nach ihren Gepflogenheiten richten und ihre Ideologie
sogar nur noch eine Verteidigung ihrer Taten darstellt. Der
Anblick der Ideologien untergehender Klassen ist jammervoll.
Unschuld findet sich nur bei den Eroberern, die Verteidiger
sind wissend. Ein ganzer übelriechender Haufen von Litera-
tur besorgt unter dem Vorgeben, die Politik der Kunst fern-
zuhalten, lediglich noch die dunklen Geschäfte einer Politik,
die sich nur mehr halten kann, indem sie eben die Politik
(anderer) fernhält.

[Die deutsche Politik]


Die deutsche Politik wird nicht der Welt verheimlicht — son-
dern Deutschland.
Weswegen?
Weil Deutschland in Klassen gespalten ist und keine Einheit
mehr bildet. Sie ist nicht zu bilden durch So-Tun.
Einer riesigen Mehrheit aller Deutschen muß die deutsche
Politik verheimlicht werden: Sie wären aus Überzeugung und
nacktem Interesse Verräter.
Marxistische Studien
1926 bis 1939
Der Lernende ist wichtiger als die Lehre.

Als ich schon jahrelang ein namhafter Schriftsteller war, wußte ich noch
nichts von Politik und hatte ich noch kein Buch und keinen Aufsatz von
Marx oder über Marx zu Gesicht bekommen. Ich hatte schon vier Dramen
und eine Oper geschrieben, die an vielen Theatern aufgeführt wurden, ich
hatte Literaturpreise erhalten, und bei Rundfragen nach der Meinung fort-
schrittlicher Geister könnte man häufig auch meine Meinung lesen. Aber ich
verstand noch nicht das Abc der Politik und hatte von der Regelung
öffentlicher Angelegenheiten in meinem Lande nicht mehr Ahnung als
irgendein kleiner Bauer auf einem Einödshof. [...] 1918 war ich Soldaten-
rat und in der USPD gewesen. Aber dann, in die Literatur eintretend, kam
ich über eine ziemlich nihilistische Kritik der bürgerlichen Gesellschaft
nicht hinaus. Nicht einmal die großen Filme Eisensteins, die eine unge-
heuere Wirkung ausübten, und die ersten theatralischen Veranstaltungen
Piscators, die ich nicht weniger bewunderte, veranlaßten mich zum Stu-
dium des Marxismus. Vielleicht lag das an meiner naturwissenschaftlichen
Vorbildung (ich hatte mehrere Jahre Medizin studiert), die mich gegen eine
Beeinflussung von der emotionellen Seite sehr stark immunisierte. Dann
half mir eine Art Betriebsunfall weiter. Für ein bestimmtes Theaterstück
brauchte ich als Hintergrund die Weizenbörse Chicagos. Ich dachte, durch
einige Umfragen bei Spezialisten und Praktikern mir rasch die nötigen
Kenntnisse verschaffen zu können. Die Sache kam anders. Niemand, weder
einige bekannte Wirtschaftsschriftsteller noch Geschäftsleute - einem Mak-
ler, der an der Chicagoer Börse sein Leben lang gearbeitet hatte, reiste ich
von Berlin bis nach Wien nach -, niemand konnte mir die Vorgänge an der
Weizenbörse hinreichend erklären. Ich gewann den Eindruck, daß diese
Vorgänge schlechthin unerklärlich, das heißt von der Vernunft nicht erfaß-
bar, und das heißt wieder einfach unvernünftig waren. Die Art, wie das
Getreide der Welt verteilt wurde, war schlechthin unbegreiflich. Von je-
dem Standpunkt aus außer demjenigen einer Handvoll Spekulanten war
dieser Getreidemarkt ein einziger Sumpf. Das geplante Drama wurde nicht
geschrieben, statt dessen begann ich Marx zu lesen, und da, jetzt erst, las
ich Marx. Jetzt erst wurden meine eigenen zerstreuten praktischen Erfah-
rungen und Eindrücke richtig lebendig.
Studium des Marxismus

[Musterung der Motive junger Intellektueller]


Die Idealisten finden oft, dem Materialismus fehle, damit sie
ihn gutheißen könnten, nur etwas - Idealistisches! Zum Bei-
spiel das Religiöse. Dabei kann ihm höchstens etwas Materia-
listisches fehlen, und das ist ja auch der Fall. In jeder Debatte,
gegen einen Iheisten wird man einen schweren Stand haben,
da der Atheismus zunächst nur ein Fehlen an Theismus ist,
als das Fehlen eines Fehlers. Nun kann man sich von Ma-
terialisten, die eigentlich verkrachte Idealisten sind, nicht viel
erwarten. Die Fehler des Materialismus, materialistische Feh-
ler, kündigen sich durch Furchtgefühle an. Ein Beispiel: Die
Mechanik hat den Idealismus geschädigt. (Amerika ist ein
idealistisch tendiertes Land, das sich schwer gegen den an-
stürmenden Materialismus hält.) Trotzdem gibt es nicht we-
nige Materialisten, und vor allem viele Revolutionäre, die
gegen Mechanik sind. Warum?
Die Musterung der Motive, die einen jungen Intellektuellen
zum Revolutionär machen könnten, ist eine äußerst pessi-
mistisch stimmende Tätigkeit. Der Anblick der heute Dreißig-
jährigen, die vor 10 Jahren Hoffnungen erweckten, ist wahr-
haft entmutigend. Sie waren aufgefordert worden, gerecht zu
sein, den Geknechteten Freiheit zu verschaffen. Sie wußten
nicht, was sie dagegen haben sollten, und sie sahen sich schon
von den Parias dankbar umjubelt oder, was noch anziehender
war, von der Bourgeois in die Kerker geworfen. Aber das
Proletariat bekrittelte ihre Zeichnungen, und die Bourgeoisie
kaufte sie. Da sie über den Marxismus der Gracchen nie
hinausgelangt waren, endete jetzt mit Katzenjammer, was
mit Gefühlen begonnen hatte. Eine allgemeingehaltene Miß-
billigung einiger menschlichen Eigenschaften macht keinen
48 Zur Politik und Gesellschaft

Revolutionär aus. Dazu kam, daß der Marxismus sich ge-


zwungen sah, die Motive zu revidieren, die er diesen sym-
pathischen Leutchen zur Verfügung gestellt hatte. Er war ge-
zwungen, das Entgegenkommen einzukalkulieren, das er dem
Kapitalismus abgepreßt hatte. Die Revolution mußte denk-
bar bleiben, auch wo der Kapitalismus das Los der Arbeiter
freiwillig oder unfreiwillig verbesserte und sogar da, wo
ganze Haufen von Ungerechtigkeit nötig waren, um ihm den
Prozeß machen zu können. Freiheit, Gerechtigkeit und so
weiter wurden schwer handhabbare Begriffe, die lange Kom-
mentare erforderten, sehr schwer lesbare Kommentare, die
keine Freude bereiteten. Jene paar Intellektuellen aber, die in
die Partei selbst hineingekommen waren, verrichteten dort
eine Arbeit, die man nur unter Abenteuern oder unter stän-
diger Verfolgung großer und im Zustand der Produk-
tion befindlicher Gesichtspunkte verrichten kann, ohne seine
Schwungkraft und revolutionäre Phantasie zu verlieren.
Schon nach wenigen Jahren war der Anblick dieser Kategorie
(der Parteiarbeiter) der oben geschilderten Kategorie (der
Idealisten) ein völlig ausreichender Grund zur Entschuldi-
gung ihrer eigenen Tatenlosigkeit.
Es ist unmöglich, an unsere jungen Leute mit den rampo-
nierten Bourgeoisidealen von 1789 heranzukommen. Es ist
sehr schwierig, sie auf aktive Politik zu verweisen, und doch
ist gerade dies nötig. Es hat keinen Sinn, sie auf die Bürger
loszulassen. Läßt man sie auf die Arbeiter los, so leiden nicht
die Arbeiter darunter, sondern sie selber. Aber man muß sie
politisieren in ihrer eigenen Sphäre, jeden Nerv an ihnen,
jeden Gehirnstrang.

Man darf nie vergessen, daß der Hauptvorwurf aller kon-


servativer Elemente gegen den Sozialismus, er stelle eine
Fortführung (und also wenn man will: eine Steigerung) des
Kapitalismus dar, eine einfache Wahrheit ist, die noch nicht
alle Sozialisten begriffen haben.
Marxistisdie Studien 49

Rein psychologisch genommen: Nur der Konservative kann


glauben, die Abtötung etwa der Organisationswut und öf-
fentlichen Besitzgier der großen Amerikaner des 19. Jahr-
hunderts könnte die früheren idyllischen Zustände wieder-
herstellen. Der Revolutionär erwartet sich alles von der
kollektiven Steigerung dieser im Grund revolutionären Lei-
denschaften. Die Vorstellung einer idyllischen Staatsform, in
der die Sorge um das Materielle (das sie hassen) dem einzelnen
und der Masse abgenommen wäre, ist eine rein bürgerliche
Vorstellung. Der Revolutionär haßt das Materielle nicht. Die
Revolution soll im Gegenteil jene Sorge zur Sorge aller
machen. Der Kommunismus erstrebt weniger eine Teilung
der freien Zeit als eine solche der Arbeit! Heute haben die
wenigsten eine Ahnung davon, welch eine ungeheure Steige-
rung der Lust an öffentlichen Geschäften bei der Masse zu
erfolgen hat, damit sie fähig werde, den Staat zu überneh-
men. Arbeit zur Beseitigung der Arbeit ist eine ganz jämmer-
liche Pensionistenidee! In Wirklichkeit müssen nur alle
Leute instand gesetzt werden, es sich leisten zu können, um
der Arbeit willen zu arbeiten!

Für den Intellektuellen schwer zu begreifen ist die gegen-


wärtige Leitung der Partei, eine geistig ziemlich niedrige, aber
kräftige und schlaue Kleinbürokratie, die keine sehr großen
Gesichtspunkte hat, aber die Massen gut zusammenhält. Alle
Klagen über ihr bescheidenes geistiges Niveau sind einfach
unvernünftig angesichts der nicht eben leichten Aufgabe dieser
Leute, eine auf Millionenstärke angeschwollene Partei in der
Opposition zu halten - eine Aufgabe, die sie sehr achtens-
wert lösen. Diese Bürokratie mag nicht fähig sein, eine Re-
volution zu führen, aber der Stoß, der sie im Falle einer
Revolution hinwegfegen wird (sie wird ohne falsche Senti-
mentalität erledigt werden), wird nicht von einer Seite aus
geführt werden, der ihre geistige und sittliche Mittelmäßig-
keit auf die Nerven geht. Diese Bürokratie wird an den
5<D Zur Politik und Gesellschaft

Folgen krepieren, die ihre materielle Position bei ihr haben


wird. Mit andern Worten: Sie wird am Tage der Revolution
andere (materielle) Interessen haben als das Proletariat.
Lehre daraus: Sie kann nur an den Punkten bekämpft wer-
den, wo sich die Differenzen ihrer Interessen mit denen der
Arbeiter deutlich auswirken. (Schimpfende Intellektuelle wür-
den sie aber gerade an dem Punkt angreifen, wo sich ihre In-
teressen - oder ihre Interesselosigkeit - mit denen des Prole-
tariats decken!)

[Weltbildhauer]

Der Idealismus ist doch von uns nur deshalb zu bekämpfen,


weil er der Umgestaltung der menschlichen Verhältnisse, die
unerträglich geworden sind, im Wege steht. Täte er es nicht, so
wäre alles, was gegen ihn gesagt werden könnte, ein Gewäsch.

Es gibt einige, die unter dem Verdacht stehen, daß sie die
Revolution nur machen wollen, um den dialektischen Ma-
terialismus durchzusetzen.

3
Du sollst dir kein Bild von der Welt machen des Bildes willen.

Daß diese Weltbildhauer sich auf das Proletariat berufen,


das ist nur Service (Kundendienst).
Marxistische Studien 51

[Schwierige Lage der deutschen Intellektuellen]


Die deutschen Intellektuellen sind in einer schwierigen Lage.
Obwohl der Krieg (nicht gerade durch ihre Schuld) zu einem
Mißerfolg wurde, sind sie den Angriffen von Leuten preis-
gegeben, die ihre Kraft in den Dienst eines aussichtslosen
Unternehmens gestellt haben. Man darf nicht vergessen, daß,
diesen Krieg verloren zu haben, keineswegs bedeutet, keine
Geschäfte gemacht zu haben. Gerade im Kriege kam der Wa-
rencharakter des Intellekts unvorteilhaft zur Geltung. Die
Haltung der deutschen Intellektuellen im Krieg bewies ande-
rerseits, daß die Intellektuellen, wenn ihr Gefühl an einer Sache
beteiligt ist, ihre eigenen »Ideen«, aber auch die anderer, zum
Beispiel toter Intellektueller oder, wo es besondere Mühe
kostet, mit einem bescheidenen Preisaufschlag, »in den Dienst
der Sache stellen können«. Sie führten den Nachweis, daß
Ideen keineswegs überflüssig sind, wenn es nicht möglich ist,
nach ihnen zu handeln, sondern daß Ideen sehr nützlich sind,
wenn sie das Handeln begründen können. Auch dadurch ent-
steht nämlich Einklang. Und gerade dies ist der Einklang, der
sich bezahlt macht.
Der eben erwähnte Befähigungsnachweis der Intellektuel-
len, sich im Klassenkampf nützlich zu machen (denn sie
machten sich natürlich, ob ihr Intellekt dazu ausreichte,
dies zu wissen oder nicht, nur dadurch im nationalen
Kampf, in dem sie sonst nicht brauchbar waren, nützlich,
daß sie sich im Klassenkampf auszeichneten), kann vom Pro-
letariat durchaus ernsthaft betrachtet werden. Es ist zu einer
Auswertung der Intellektuellen nicht nötig, dieselben Indi-
viduen zu engagieren, die bereits für den Krieg produziert
haben, obwohl auch dies möglich wäre, wenn man nur »ihr
Gefühl an der Sache beteiligt« (um Gefühle zu haben, sind
sie zu allem imstande - Gefühl genügt als Bezahlung). Die
Intellektuellen können einfach als eine einzige in ihrer Zu-
sammensetzung stabile Gruppe genommen werden, die auf
52 Zur Politik und Gesellsdiaft

Grund materialistischer Bedingungen konstituiert, durchaus


berechenbar reagiert. Das Proletariat kann also andere In-
tellektuelle benützen, sie werden zu den gleichen Bedingun-
gen arbeiten und die gleiche Wirkung erzielen.
Die Funktion, die sie zu erfüllen hätten (man kann sie hier
rein aus ihrem Verhalten während des Krieges bestimmen),
darf aber nicht verwechselt werden mit einer Funktion, die
das Proletariat, wie die Geschichte zeigt, schon Intellektuellen
zuerteilt hat, einer eminent wichtigen und ganz unentbehr-
lichen Funktion: der der Führung. (Die Wichtigkeit dieser
Funktion ergibt sich schon aus der Tatsache, daß es in den
historischen Fällen zumindest sehr schwierig ist, zu entschei-
den, ob diese Individuen wie Marx, Lenin und so weiter
vom Proletariat eine Funktion zugewiesen erhalten haben
oder ihrerseits dem Proletariat eine Funktion zuwiesen. Die
Luxemburg hat Lenin etwa eine Reihe von Äußerungen und,
was mehr ins Gewicht fällt, von Handlungen angekreidet,
die zu beweisen scheinen, daß Lenin, dessen Brauchbarkeit
für das Proletariat nicht angezweifelt werden kann, zu der
letzteren Ansicht neigte.) Das Proletariat beweist starken
Kampfinstinkt, indem es die Intellektuellen mit einer Reihe
historischer Brauchbarkeiten im Auge, mit äußerstem Miß-
trauen behandelt. Die Intellektuellen, welche gehorchen, in-
dem sie ihr Denken aufgeben, und welche der herrschenden
Klasse nicht fehlen, fehlen in einem anderen Sinne auch dem
Proletariat nicht: dem Proletariat die Intellektuellen, welche
denken.
Das berechtigte Mißtrauen des Proletariats bringt die In-
tellektuellen in ihre schwierige Lage. Sie unternehmen häufig
den Versuch, sich dem Proletariat zu verschmelzen, und ge-
rade dies beweist nicht, daß es verschiedene Intellektuelle
gibt, zweierlei Intellektuelle, solche, die proletarisch, und
solche, die bourgeois sind, sondern daß es nur eine Sorte von
ihnen gibt, denn haben sie früher nicht immer versucht, sich
der herrschenden Klasse zu verschmelzen? War dies nicht der
Marxistische Studien 53

Grund, warum der Intellekt seinen Warencharakter an-


nahm?
Wollen die Intellektuellen sich am Klassenkampf beteiligen,
so ist es nötig, daß sie ihre soziologische Konstitution als eine
einheitliche und durch materielle Bedingungen bestimmte in-
tellektuell erfassen. Ihre häufig zutage getretene Ansicht, es
sei nötig, im Proletariat unterzutauchen, ist konterrevolutio-
när. Nur Evolutionäre glauben an eine Umwälzung der ge-
sellschaftlichen Ordnung durch »Mittun«. Jene Intellektuel-
len, welche mittun, zum Beispiel, weil sie es für ungeheuerlich
halten, nicht mitzutun, spielen die Rolle des Stimmviehs in
parlamentarischen Demokratien, also eine evolutionäre Rolle.
Die wirklichen Revolutionen werden nicht (wie in der bour-
geoisen Geschichtsschreibung) durch Gefühle, sondern durch
Interessen erzeugt.
Das Interesse des Proletariats am Klassenkampf ist klar und
eindeutig, das Interesse von Intellektuellen, das ja historisch
feststeht, ist schwerer zu erklären. Die einzige Erklärung ist,
daß die Intellektuellen nur durch die Revolution sich eine
Entfaltung ihrer (intellektuellen) Tätigkeit erhoffen können.
Ihre Rolle in der Revolution ist dadurch bestimmt: Es ist eine
intellektuelle Rolle.
Der revolutionäre Intellekt unterscheidet sich vom reaktio-
nären Intellekt dadurch, daß er ein dynamischer, politisch
gesprochen, ein liquidierender Intellekt ist.
In einer nicht revolutionären Situation tritt er als Radika-
lismus auf. Jeder Partei gegenüber, auch einer radikalen,
wirkt er, wenigstens solang es ihm nicht gelingt, eine eigene
Partei zu gründen, oder solang er gezwungen ist, seine Partei
zu liquidieren, anarchistisch. [...]
Fragmentarisch
54 Zur Politik und Gesellschaft

Wozu braucht das Proletariat die Intellektuellen?

1. Um die bürgerlidie Ideologie zu durchlödiern.


Durch die Säure der materialistischen Geschichtsauffassung
werden die nackten Interessen der Bourgeoisie reingewaschen.
Die »ideellen« Mitläufer werden lahmgelegt. Der Klassen-
kampf wird verschärft.

2. Zum Studium der Kräfte, die »die Welt bewegen«.


Hauptsächlich in den nichtrevolutionären Situationen kann
eine revolutionäre Intelligenz die Revolution in Permanenz
halten.

3. Um die reine Theorie weiterzuentwickeln.


Durch die Notmaßnahmen, zu denen ihre Isolierung die rus-
sische Partei zwingt, könnte sich eine Theorie bilden, die ein
natürlicher Überbau ihrer ökonomischen Basis wurde. Die
Basis ist aber krankhaft.

Freiheit der Kunst


Jene Freiheit kann ihr nicht gegeben werden, die sie sich nicht
nimmt

Nichts aber ist schlimmer als die geheime Sklaverei. Denn ist
die Sklaverei eine öffentliche, ist ein Zustand als Sklaverei
erkannt, so gibt es wenigstens als einen denkbaren noch einen
anderen Zustand, nämlich den der Freiheit. Wird aber tat-
sächliche Sklaverei von allen als Freiheit angesprochen, dann
ist Freiheit nicht mehr denkbar: Nicht nur ist Sklaverei ein
natürlicher, sondern auch Freiheit ein unnatürlicher Zustand
Marxistisdie Studien 55

geworden. Alle Fortschritte der Menschheit beruhten darauf,


daß Sklaverei als solche entdeckt und so beseitigt wurde —
seien es Abhängigkeiten von der Natur oder solche von
Menschen.
Nichts ist verderblicher als die Haltung jener Leute, die, ge-
wisse Zustände, die zwar schon herrschend sind, deren Cha-
rakter aber noch nicht durchschaut ist, ohne weiteres sanktio-
nieren, sozusagen trotz allem im vornhinein, und jene als
naiv verlachen, die die Herrschenden beim Wort nehmen, um
ihre Taten als nicht zu ihren Worten passend aufzudecken, so
den Charakter der Zustände entlarvend.
Die bürgerlichen Republiken garantieren Gedankenfreiheit,
die »Wissenden« verlachen jeden, der diese Lüge glaubt oder
zu glauben vorgibt, indem er diese Gedankenfreiheit in An-
spruch nimmt, anstatt daß sie jene verachten, die diese Lüge
nicht bekämpfen - also sich selber. Aber sie verachten ja sich
selber!
Sie sagen: Wie kann man es von »diesem« Staat verlangen,
daß er freie Gedanken duldet? Müßten sie doch dann »die-
sen« Staat nicht dulden! Aber so dulden sie »diese« Gedanken
nicht!

[Verantwortlichkeit ökonomischer Zustände]


Viele von uns wehren sich gegen Beschreibungen der Welt, in
denen für alle Vorgänge auf dem Gebiet der Kultur ökonomi-
sche Zustände verantwortlich gemacht werden.
»Das ist zu einfach — einfach im gesellschaftlichen Sinn. Das
ist zu grob, nicht fein genug — fein im gesellschaftlichen Sinn.«
Die Physiker aber, welchen wir alle doch sehr verpflichtet
sind, die wir das elektrische Licht einschalten, wenn wir un-
sere Gedanken zu Papier bringen wollen, werden sich nicht
gegen eine Überlegung folgender Art sträuben. Wir machen
eine versuchsweise Annahme, unterstellen, ohne nach Beweisen
$6 Zur Politik und Gesellschaft

zu suchen, vielleicht mit stärksten Zweifeln, eine be-


stimmte Behauptung als wahr und untersuchen dann, ob in
diesem Falle, unter dieser vorläufigen, unbewiesenen, vielleicht
unrichtigen Voraussetzung, die wir einfach gemacht haben, ge-
wisse nicht bezweifelbare, uns allen bekannte Erscheinungen
verständlich würden. Wäre das der Fall, so müßte unsere ur-
sprüngliche Annahme natürlich noch lange nicht zutreffen, es
wäre erst noch nachzuprüfen, ob nur bei dieser Voraussetzung
die uns bekannten Erscheinungen gerade so und nicht anders
verlaufen müßten. Immerhin hätten wir auch schon vor letz-
terer Nachprüfung der ersten Annahme einiges Vertrauen ver-
schafft. Unsere Annahme soll sein:
»Beschreibung der Besitzverhältnisse. Aufrechterhaltung nur
bei Gewaltanwendung möglich. Undenkbarkeit für die Ent-
wicklung einer Kultur. Unter so tödlichen Gesetzen.«
Wäre zum Beispiel der Schriftsteller dann frei? Wenn nicht,
könnte er einfach, sichtbar, geknechtet werden? Wenn nicht,
wie würde er kontrolliert?
Fragmentarisch

Ober Freiheit
Die meisten Kopfarbeiter (Intellektuellen), welche für die Re-
volution sind, erwarten sich von ihr hauptsächlich die Frei-
heit. Von den Auswirkungen des kapitalistischen Systems
empfinden sie die große Unfreiheit am drückendsten. Sie kön-
nen am schnellsten gewonnen werden, wenn man ihnen zeigt,
daß die herrschenden politischen Verhältnisse furchtbare
Schranken für die freie Entfaltung der Wissenschaften bedeu-
ten, für alle menschliche Forschung und nützliche Praxis.
Viele Kopfarbeiter verstehen nun, daß eine Revolution, welche
sogleich ein Höchstmaß an persönlicher politischer Freiheit
herstellen würde, nur ein ganz kurzer Rausch wäre. Sie haben
ein eindrucksvolles Beispiel vor Augen. Die deutsche Revolu-
Marxistische Studien $7

tion von 1918 hat einige Freiheiten hergestellt. Da aber die


alte Wirtschaftsform, der Privatbesitz an Produktionsmitteln,
beibehalten wurde, konnten die Freiheiten auf keinem Gebiet
aufrechterhalten werden, ja, die Entwicklung der Dinge führte
zu einer größeren Unfreiheit auf allen Gebieten, als je zuvor
erlebt wurde. Denn die politische und jede andere Freiheit
hängt ab von der Ökonomie.

Über die Freiheit

Der Wunsch nach Freiheit ist die Folge von Unterdrückung.


Die Freiheit ist die Folge der Befreiung. Das erscheint ein Spiel
mit Wortern. Aber viele haben für die Befreiung nichts ge-
leistet, weil sie die Freiheit vor oder zugleich mit der Befreiung
haben wollten.

Die Unterdrückung ist meist etwas Besonderes, da sie eine Tä-


tigkeit ist und somit beschränkt; der Wunsch nach Freiheit da-
gegen ist etwas Allgemeineres - so, daß es oft schwierig ist,
gerade die Bedrückung ausfindig zu machen, die den eben allge-
meinen Wunsch nach Freiheit erzeugt, nämlich die eben beson-
dere Bedrückung, durch deren Beseitigung der allgemeine
Wunsch nach Freiheit verschwindet und eine besondere Freiheit
eintritt.

Das Beispiel hierfür ist: Ein zu enger Schuh erzeugt oft eine
Stimmung ziemlich unbegrenzter Gereiztheit. Kann sich der
Gereizte des Schuhes nicht entledigen, dann ist er oft bereit,
58 Zur Politik und Gesellschaft

gegen allerlei Zustände oder Menschen zu kämpfen, die ihn


ebenfalls (außer seinem Schuh) noch bedrücken. An seinem
Kampf teilzunehmen ist aber gefährlich; denn wenn er sich
seines Schuhes entledigt, bevor er sich in die weiteren Kämpfe
genug verwickelt hat, wird man nur zu oft allein weiterkämp-
fen müssen.

Entsteht der allgemeine Wunsch nach Freiheit durch wirtschaft-


liche Bedrückung (Fall des wirklichen Wunsches in unserer
Zeit), dann muß man wissen, daß nur durch wirtschaftliche Be-
freiung die Freiheit eintritt, aber der Wunsch geht nach vielen
Dingen, und manches davon ist der wirtschaftlichen Befreiung
nicht günstig.

[Reiner Geist?]
Jahre hindurch eine schlechte Politik sehend, eine Politik im
Interesse der Schlechtigkeit, erklären sie nunmehr Politik für
schlecht, jede Politik, auch eine im Interesse der Güte. Das ist,
als ob sie, eine schlechte Operation sehend, jedes Operieren
für schlecht erklärten.

Aber der reine Geist? Vertreten sie nicht den reinen Geist?
Nun, welchen reinen Geist meinen sie? Es trat viel Geist auf
in der Geschichte, er nannte sich immer rein, er trat ohne
Hände auf, nur mit Augen, so sah man nicht blutbefleckte
Hände.
Die in unserer Epoche den reinen Geist vertreten, meinen den
Geist des revolutionären Bürgertums vergangener Jahrhun-
derte. Damals vertrat das Bürgertum tatsächlich eine kurze
Zeit lang alle Unterdrückten und kämpfte tatsächlich für den
»Fortschritt«. Es forderte Freiheit für die Industrie und den
Marxistische Studien 59

Handel gegen alle feudalen Behinderungen, Gleichheit aller,


die «ine Ware verkaufen wollten, Brüderlichkeit selbst mit dem
Proletariat, das diese Industrie und diese Handelsgleichheit
brauchte wie sie. Die Parolen sind noch nicht außer Kurs. Zu-
sammengefaßt in nationalen Verbänden treten die bürgerli-
chen Herrschaftsbereiche gegeneinander auf und verlangen
Freiheit ihres Handels und ihrer Ausdehnung, Gleichheit aller
konkurrierenden Mächte auf den kolonialen Märkten, Brü-
derlichkeit einmal mit ihren eigenen Proletariaten gegen
die andern Nationen, zum andern mit den bürgerlichen Re-
gierungen gegen die Proletariate. Dieser Geist ist nicht
mehr sehr rein. Der Appell ist nicht mehr allgemein. Das
Proletariat ist nicht mehr interessiert an den Zielen, die
Ziele haben nicht mehr das Interesse des Proletariates im
Auge.

Perversionen (Verkehrtheiten) bei fixiertem K


Viele, die bei ihrer eigenen Tätigkeit nicht zögerten, aller-
hand hindernden Aberglauben wie manche störende Gewohn-
heit zu überrennen, zögern doch, der Menschheit solches Vor-
gehen zuzutrauen oder zuzumuten, und wenden sich gegen die
Möglichkeit des Fortschritts und finden es nötig, die Aussich-
ten der Vernunft gering anzusetzen. Sie sagen: Als die Men-
schen in der Stunde eine Geschwindigkeit von 30 Kilometern
erreichten, wurden sie von grenzenlosem Optimismus erfüllt.
Von diesem Optimismus war nur jener Teil berechtigt, der an-
nahm, man werde einmal 300 Kilometer Geschwindigkeit er-
reichen, und das war ein sehr kleiner Teil. Leute, die so spre-
chen, werden zornig, wenn man sie Enttäuschte nennt, denn
sie wollen nicht zugeben, daß sie törichte Erwartungen gehegt
haben; aber sie erwarten sich nichts mehr von einer weite-
ren Zunahme der Geschwindigkeit und nichts mehr von der
Auswirkung der bisher erreichten. Würde man ihnen sagen:
60 Zur Politik und Gesellschaft

Früher hattet ihr unrecht, jetzt habt ihr recht, wären sie doch
unzufrieden, es freut sie nicht, da recht zu haben. In Wirklich-
keit fühlen sie, daß sie früher und heute unrecht hatten. Es
ist falsch, sich von der Geschwindigkeit alles zu erwarten, und
es ist unrecht, sie aufzugeben, wenn sie, nur technisch, nicht
aber faktisch erreicht ist.

[Notizen über] Individuum und Masse


Unser Massebegriff ist vom Individuum her gefaßt. Die
Masse ist so ein Kompositum; ihre Teilbarkeit ist kein Haupt-
merkmal mehr, sie wird aus einem Dividuum mehr und mehr
selber ein Individuum. Zum Begriff »einzelner« kommt man
von dieser Masse her nicht durch Teilung, sondern durch Ein-
teilung. Und am einzelnen ist gerade seine Teilbarkeit zu be-
tonen (als Zugehörigkeit zu mehreren Kollektiven).
Was sollte über das Individuum auszusagen sein, solang wir
vom Individuum aus das Massenhafte suchen. Wir werden
einmal vom Massenhaften das Individuum suchen und somit
aufbauen.

Das Bürgertum hat keine Vorstellung von der Masse. Es teilt


immer nur Masse und Individuum, aber selbst dem Indivi-
duum gegenüber ist die Masse wieder sehr teilbar: Sie ent-
hält wieder Individuen, welche für das einzelne Individuum,
von dem wir ausgingen, unterscheidbar wichtig sind. Also
steht das Individuum nicht nur der Masse, sondern Gruppen
innerhalb der Masse gegenüber. Es spricht zu Gruppen, und
diese Gruppen erst sprechen zur Masse. Wer dies weiß, weiß
die Voraussetzung zu jeder Art von Organisation. Er be-
greift den kollektiven Apparat, der keine Demokratie ist. Der
Kollektivist setzt nicht seinen Gruppenapparat gegen die
Masse, sondern in die Masse hinein. Die Menschen wirken
aufeinander. Die Masse besteht nur aus Agenten. Der Kol-
Marxistische Studien &1

lektivist sieht die Menschheit als einen Apparat, der erst teil-
weise organisiert ist.

Zur Überwindung von Schwierigkeiten bilden sich in der Na-


tur Kollektive (Schwalben beim Nachdemsüdenfliegen, Wölfe
bei Hungerzügen und so weiter), negiert: Der Mensch ist
nicht vorstellbar ohne menschliche Gesellschaft. (Das Denken
des Individuums, das Denken findet anatomisch im Indivi-
duum statt, ist ohne die Sprache unmöglich, diese aber entsteht
in der Gesellschaft.)
Ein Kollektiv ist nur lebensfähig von dem Moment an und so
lang, als es auf die Einzelleben der in ihm zusammengeschlos-
senen Individuen nicht ankommt.

In den wachsenden Kollektiven erfolgt die Zertrümmerung


der Person.
Die Mutmaßungen der alten Philosophen von der Gespalten-
heit des Menschen realisieren sich: In Form einer ungeheuren
Krankheit spiegelt sich Denken und Sein in der Person.
Sie fällt in Teile, sie verliert ihren Atem. Sie geht über in ande-
res, sie ist namenlos, sie hat kein Antlitz mehr, sie flieht aus
ihrer Ausdehnung in ihre kleinste Größe - aus ihrer Entbehr-
lichkeit in das Nichts —; aber in ihrer kleinsten Größe erkennt
sie tief atmend übergegangen ihre neue und eigentliche Unent-
behrlichkeit im Ganzen.

Die kollektive Ehre: Aus dem Klassenbewußtsein. Das »Ge-


sichtverlieren« der Chinesen geht bis zum Selbstmord. (Wenn
niemand Dritter anwesend ist, erträgt der Kuli die Beschimp-
fung.) Das ist ein Selbstschutz des Kollektivs gegen das Über-
handnehmen von Persönlichkeiten auf Grund von Bedrük-
kung. Die Hausangestellten stehlen nach Maß des Einkom-
mens ihres Dienstherrn und sind dafür auf genaue Informa-
tion in Betreff desselben aus.
6z Zur Politik und Gesellschaft

Wodurch wird die »Eigenheit« des einzelnen garantiert?


Durch seine Zugehörigkeit zu mehr als einem Kollektiv.

Das Individuum erscheint uns immer mehr als ein wider-


spruchsvoller Komplex in stetiger Entwicklung, ähnlich einer
Masse. Es mag nach außen hin als Einheit auftreten und ist
darum doch eine mehr oder minder kampfdurchtobte Viel-
heit, in der die verschiedensten Tendenzen die Oberhand ge-
winnen, so daß die jeweilige Handlung nur das Kompromiß
darstellt.
Die Kausalität. Im Vergleich zu größeren Einheiten wie Klas-
sen, wo wir schon eher, wenn wir uns vor Verallgemeinerun-
gen hüten, Voraussagen machen können, sollten uns die Indi-
viduen nicht dazu verführen, eine andere Kausalität als die
von den Physikern die statistische genannte zu erwarten. Das
Mißverhältnis zwischen der Quantität der Einflüsse und
der Kleinheit des ihnen sich anpassenden Menschen, die sich
in der Unbestimmtheit und Geringfügigkeit der Folgen sei-
ner Handlungen kundgibt, ist zu groß. Es ist nur gut, hier
dem zu erwartenden Verhalten eine gewisse Unsicherheit zu
verleihen, das heißt das typische Verhalten jeweils mit einem
Fragezeichen zu versehen, wenigstens in der Rückhand noch
ein anderes mögliches Verhalten zu halten. Erst gut eingefügt
in großer und in starker Bewegung befindliche Bewegungen ge-
winnt das Individuum einige Sicherheit und ist kalkulierbar.
Die Marxisten tragen dem Rechnung, wenn sie auch das
»große« Individuum erst für verstehbar erklären, wenn es
mit großen Bewegungen großer Klassen verknüpft werden
kann, und sie verfahren auch dann noch am glücklichsten,
wenn sie ihm nicht völlig ausdeterminierte Eigenbewegungen
zuerkennen, einen gewissen Spielraum. Der »Durchschnitt«
ist eine wirklich nur gedachte Linie, und daher ist kein einzi-
ger Mensch in Wirklichkeit ein Durchschnittsmensch. Die völ-
lige Totheit der Type, ihre Billigkeit, Falschheit, Unlebendig-
keit ist notorisch.
Marxistisdie Studien 63

Es ist bei uns ausschlaggebend, welcher Schicht wir angehören,


und wir gehören einer übergehenden, den allgemeinen
Schwankungen sehr ausgesetzten Schicht an. Daher mag es
kommen, daß wir den Übergang zu gesellschaftlichen Ord-
nungen, die von großen Gebilden kollektiver Art beherrscht
werden, in besonders tiefer Weise empfinden.

[Betrachtung großer Ingenien]


Die Betrachtung großer bürgerlicher Ingenien bereitet be-
trächtliche Schwierigkeiten in einer Zeit, wo es darauf an-
kommt, die Entbehrlichkeit des Bürgertums schlechthin darzu-
tun und zugunsten der großen Ingenien dieser Klasse um so
weniger eine Ausnahme zu machen, als das Bürgertum ge-
rade die Ingenien als Vorwand und Beweis seiner Existenz-
berechtigung und der Nützlichkeit des von ihm geführten ge-
sellschaftlichen Systems benutzt.

Die Bekämpfung der negativen Seiten weit wirkender Inge-


nien ist durchaus nötig in Zeiten, wo sie eben noch wirken,
das Aufhören der Kämpfe leitet die Überwindung der Gei-
ster ein, und das Vergessen der Vorzüge beendet alles. Gerade
die »Ungerechtigkeit« gegenüber den unbestreitbaren, aber
nicht mehr verfochterien Vorzügen der großen Geister ist die
äußere Form ihrer Überwindung: die lebendigen Interessen
werden von ihnen nicht mehr geschädigt und nicht mehr be-
dient.

Die großen Ingenien tauchen in den jeweils führenden Klas-


sen auf und sind entweder am Zustandekommen der Füh-
rung oder der Entreißung beteiligt. Anders gesehen: Als groß
werden die Individuen bezeichnet, welche ihrer Klasse oder
der sie ablösenden zum Sieg verhelfen.
64 Zur Politik und Gesellsdiaft

Vor allem ist eine gewisse Erforschung des »Wesens« zu unter-


lassen oder zu bekämpfen, die im Grund nur die Unerforsch-
lichkeit des betreffenden Wesens und damit aller Wesen dartun
will.

Jene These, daß das Genie sich durchringe und dadurch sein
Genie beweise, daß es sich durchringe, gibt nur dem Wunsche
Ausdruck, nichts für das Genie zu tun. Das heißt, die Kon-
kurrenz der Individuen zum Zwecke der Auslese zu veran-
stalten, ohne ihnen den gleichen Start zu garantieren, also das
Examen über das Lehren [zu] stellen, was etwa den Berufseig-
nungsprüfungen der kapitalistischen , Gesellschaft entspricht,
die im Grund nur Prüfungen dieses Gesellschaftssystems sind,
und zwar solche, die es nicht besteht.

[Typus des intellektuellen Revolutionärs]


Es gibt einen Typus des intellektuellen Revolutionärs, der den
proletarischen Revolutionären verdächtig ist: Das ist jener
Typus, der sich von der Revolution eine durchgreifende Bes-
serung erwartet. Keineswegs unter einem unerträglichen
Druck stehend, sondern gleichsam frei entscheidend und das
Bessere wählend, entscheidet er sich für Revolution.

Über die beste Art, die Menschen


von ihren Klassenvorurteilen zu befreien
Wenn wir Vorurteile bekämpfen, müssen wir im Aug behal-
ten, daß sie kaum jemals einzeln auftreten. Sie hängen im-
mer mit andern zusammen, darunter solchen, die unter Um-
ständen zäher und für ihre Inhaber lebenswichtiger sind
als die gerade von uns bekämpften. Wir merken oft, daß unser
Mann ein Vorurteil nicht aufgibt, obwohl er unsern Argumen-
Marxistische Studien 65

ten keine Argumente mehr entgegenhalten kann, nicht ein-


mal das (für gewöhnlich äußerst ungern benutzte): er brauche
die betreffende Ansicht, um so existieren zu können, wie er
existiert. Gehen ihm die Argumente aus, so nimmt er an, sie
fehlten nur ihm selber, nicht aber, sie fehlten überhaupt. Von
der Erkenntnis aber, er sei ein schlechter Argumentator, bis
zu der Verachtung des Argumentierens ist der Schritt klein.
Wenn er meint, er brauche dies oder das, um existieren zu kön-
nen, meint er: um so existieren zu können, wie er existiert,
eine andere Art kann er sich natürlich nicht vorstellen. Wenn
wir mit ihm sprechen, müssen wir das immer im Aug behalten,
daß wir außer der Art, wie er existiert* noch eine andere Art
zu existieren für ihn bereithalten, sonst muß er befürchten,
uns läge mehr an unseren Argumenten als an seiner Existenz.

Über meinen Lehrer


Mein Lehrer ist ein enttäuschter Mann. Die Dinge, an denen
er Anteil nahm, sind nicht so gegangen, wie er es sich vor-
gestellt hatte. Jetzt beschuldigt er nicht seine Vorstellungen,
sondern die Dinge, die anders gegangen sind. Allerdings ist
er sehr mißtrauisch geworden. Mit scharfem Auge sieht er
überall die Keime zukünftiger enttäuschender Entwicklun-
gen.
Er glaubt fest an das Neue. So liebt er die Jugend, die für
mich nur unfertig ist. Aber er sieht sie noch voll Möglich-
keiten. So glaubt er auch an das Proletariat. Manchmal scheint
es mir, daß er sich verpflichtet fühlte, mehr zu tun, wenn er
weniger daran glaubte.
Mein Lehrer dient der Sache der Freiheit. Er hat sich selber
ziemlich frei gemacht von allerlei unangenehmen Aufgaben.
Manchmal scheint es mir daher, daß er, bestünde er weniger
auf seiner eigenen Freiheit, mehr für die Sache der Freiheit
tun könnte.
66 Zur Politik und Gesellschaft

Seine Hilfe bei meinen Arbeiten ist unschätzbar. Er entdeckt


alle Schwächen. Und er macht sogleich Vorschläge. Er weiß
viel. Ihm zuzuhören ist schwierig. Seine Sätze sind sehr lang.
So bringt er mir Geduld bei.
Er hat viele Pläne, die er selten ausführt. Ein heftiger Wunsch,
Vollkommenes zu geben, hält ihn vom Geben meist ab.
Er liebt es nicht, mitzuteilen, wie er auf seine oft überra-
schenden Schlüsse kommt. Es mag sein, daß er es selbst nicht
weiß, es kann aber auch sein, daß er damit dem alteinge-
wurzelten Laster aller Lehrer huldigt, sich selber unentbehr-
lich zu machen.
Er ist sehr für den Kampf, aber er selber kämpft eigentlich
nicht. Er sagt, es sei nicht die Zeit dazu. Er ist für die Revo-
lution, aber er selber entwickelt eigentlich mehr das, was ent-
steht.
Er kommt schwer zu Entschlüssen in Dingen seiner persön-
lichen Existenz. Stets behält er sich die größtmögliche Frei-
heit vor. Wenn etwas dadurch verlorengeht, selbst Wichti-
ges, ist er nicht traurig.
Ich glaube, er ist furchtlos. Was er aber fürchtet, ist das Ver-
wickeltwerden in Bewegungen, die auf Schwierigkeiten sto-
ßen. Er hält ein wenig zu viel auf seine Integrität, glaube
ich.
Auch beim Proletariat wäre er wohl nur ein Gast. Man weiß
nicht, wann er abreist. Seine Koffer stehen immer gepackt.
Mein Lehrer ist sehr ungeduldig. Er will alles oder nichts. Oft
denke ich: Auf diese Forderung antwortet die Welt gerne
mit: nichts.

[Über den Staat]


Ich will zum Beispiel leben mit wenig Politik. Das heißt, ich
will kein politisches Subjekt sein. Aber das soll nicht heißen,
daß ich ein Objekt von viel Politik sein will. Da also die Wahl
Marxistisdie Studien 67

nur lautet: Objekt von Politik zu sein oder Subjekt, nicht


aber: kein Objekt, kein Subjekt oder Objekt und Subjekt, muß
ich wohl Politik machen, und die Menge davon bestimme ich
auch nicht selber. Es ist bei dieser Sachlage wohl möglich, daß
ich mein ganzes Leben zubringen muß in politischer Betätigung
und es sogar dabei verliere.

Warum soll ich einen Staat wollen? Damit Ordnung herrscht?


Aber wir haben den Staat und haben die Unordnung. Und ich
will keinen Staat und keine Unordnung. Ich will keine Vor-
schriften und keine Rangstufen. Das ist alles selber Unordnung,
Folge und Ursache von Unordnung.
In dem Land, das unser Denken beschäftigt, wie kein anderes,
haben die Besitzlosen die Macht ergriffen. Sie haben im Laufe
von zwei Jahrzehnten auf vielen Gebieten Ordnung geschaffen.
Aber es gibt dort einen Staat, Vorschriften und Rangstufen,
Folge und Ursache von Unordnung, selber Unordnung.

Was immer noch die Ursachen des Staates sein mögen; eine
Ursache des Staates ist auch der Staat selber.
Das Haus ist gebaut, aber die Bauleute wollten nicht weggehen.
Bevor das Haus gebaut ist, können wir nicht einziehen, aber
wenn es gebaut ist, sitzen die Bauleute darinnen, und wir kön-
nen nicht einziehen. Ist es so mit dem Staat? Der Staat soll
gemacht werden, mit viel Sorge und Mühe, damit das Land und
die Fabriken an alle kommen. Dann soll er verschwinden. Und
dann verschwindet er nicht. Und da er nicht verschwindet,
kommen das Land und die Fabriken nicht an alle. Ist es so?
Könnte das drohen?
Selbst wenn es drohte, könnte es sein, daß ohne Staat das Land
und die Fabriken nicht an alle kämen.
Wenn dies aber wäre, müßten wir die Gefahr auf uns nehmen.
68 Zur Politik und Gesellschaft

Brechtisierung
Lenin gibt Anleitung in der Bekämpfung des Redens von der
Notwendigkeit.

Wenn einer anfangt von der Notwendigkeit zu reden und daß


Anfang und Grenze des menschlichen Handelns durch unüber-
windliche geschichtliche Tendenzen festgelegt sei, widersprich
ihm, denn er steht auf dem Boden der Tatsachen, er ist ein
Lobredner des Bestehenden, weil er seine Notwendigkeit mit
Gründen beweist. Alles ist notwendig gekommen, wie es ge-
kommen ist. Weil dieses so und das andere so, ja da ist nun
einmal alles so. Er ist ein Apologet.

Du mußt aber genau auseinanderlegen, was gegeben ist, ge-


nau feststellen, welche gesellschaftlich-ökonomische Forma-
tion zugrunde liegt und welche Gegensätze in ihr erzeugt wer-
den. Enthülle die Klassengegensätze, damit bestimmst du dei-
nen Standpunkt, und bekämpfe den Standpunkt des Apolo-
geten.
Sprich von jener Klasse, die die gegebene Wirtschaftsordnung
leitet und daß sie dabei diese und jene Formen des Widerstan-
des der anderen Klassen hervorruft. Begnüge dich nie mit der
Rede von der Notwendigkeit, sondern stelle klar, welche
Klasse gerade diese Notwendigkeit festlegt. So bist du dem
Apologeten überlegen, denn du beschreibst die gegebene Art
von Notwendigkeit gründlicher und vollständiger. Nicht zu-
frieden mit dem Feststellen der Tatsachen — zeigst du ihren
Inhalt und zeigst, daß sie jede andere Möglichkeit eines Aus-
weges ausschließen als die Aktion der unterdrückten Klasse
selbst. Mit einem Wort: Tritt bei jeder Bewertung eines Ereig-
nisses direkt und offen auf den Standpunkt deiner Klasse, er-
greife in jeder Sache Partei.
Marxistische Studien 69

Objektivismus und Materialismus bei Lenin

Wende dich gegen solche Betrachtungsweisen wie den Objekti-


vismus, der Sätze setzt, die durch jedes Handeln rektifiziert
werden. Objektivistische Sätze machen für das Handeln kei-
nen Unterschied aus, scheinen zunächst als nur wertlos, sind
aber sogar schädlich, weil dadurch ganz bestimmte notwen-
dige Handlungen verhindert werden, so wie ganz bestimmte
notwendige Unterschiede unterdrückt werden.

Bekämpfe Sätze, welche durch bestimmtes Handeln rektifi-


ziert werden, wie den Satz »Große Männer machen die Ge-
schichte«, nicht als Objektivist, das heißt indem du Sätze
setzt, die durch kein bestimmtes Handeln rektifiziert wer-
den können, wie den Satz »Es gibt unüberwindliche gesell-
schaftliche] Tendenzen und so weiter«!

Wenn du die Notwendigkeit einer Reihe von Tatsachen fest-


stellst, so vergiß nicht, daß du selbst auch eine dieser Tat-
sachen bist, und bestimme die Notwendigkeit möglichst ge-
nau, sie braucht nämlich, um eine Notwendigkeit zu sein,
ganz bestimmtes Handeln.
70 Zur Politik und Gesellschaft

Welche Sätze der Dialektik praktiziert Lenin bei der


Kritik des Objektivismus-Subjektivismus?

Der Kampf gegen die große Ausbeutung durch Führerperso-


nen ist nicht möglich ohne die Verwandlung ihres Verhältnis-
ses zwischen Führer (oder Führergruppe) und Geführten aus
einem einheitlich gerichteten, und zwar außerzieligen in ein
zwieträchtiges, innerzieliges. Die Bewegung der Menschheit
als eines Ganzen nach außen, in der und gegen die Außenwelt
findet statt in der Form innerer Kämpfe. Ihre inneren
Kämpfe (der Gruppen und Individuen) finden statt in der
Form (und sind abhängig) von einer äußeren außerzieligen
Gesamtbewegung.
(Es kommt daher bei solchen Kämpfen der Gruppen darauf
an, welche Gruppe die Gesamtbewegung befördern oder sich
ihrer bedienen kann.) (Ebenso kommt es bei der außerzieligen
Bewegung darauf an, in welcher Weise die Gesamtbewegung
sich der kämpfenden Gruppen bedienen oder einzelne von
ihnen fördern kann.)

2 Satz von der Identität der Gegensätze (Korscb i bis 2)


Wenn du von einem Prozeß sprichst, so nimm von vornherein
an, daß du als ein handelnder Behandelter sprichst. Sprich im
Hinblick auf das Handeln! Du bist immer Partei: Organisiere
sprechend die Partei, zu der du gehörst! Wenn du davon
sprichst, was einen Prozeß determiniert, so vergiß nicht dich
selbst als einen der determinierenden Faktoren!
Marxistische Studien

Ableitung der drei Sätze in Korschs


»Why I am a Marxist« aus der Dialektik

Vordersatz: Forderung nach einem historisdien Ausweis des


Marxisten und Marxismus. Der spezifisdie Marxismus.
Entwicklungsgesetze des Denkens (Verallgemeinerns, Idealisie-
rens).
Hindrängen des Gedankens, der Aussage vom Klassengebun-
denen zum Allgemeinen, von der Erfahrung zur Doktrin,
vom zeitlich Bestimmten zum die Zeit Bestimmenden.

Der kritische Marxismus.


Drängen auf die Krise hin, Herauswicklung der Widersprüche,
die Kunst des praktischen Negierens, also einer Kritik, die,
der Entwicklungsgesetze eingedenk, im Hinblick auf eine be-
stimmte mögliche Lösung kritisiert.

Der Stellung beziehende, parteiische Marxismus.


Das Proletariat als A und O.

[Marx an die Proletarier]


Marx spricht die Arbeiter mit einem neuen Namen an: als
Proletarier (nicht als Proletariat).
Er fordert die Proletarier auf, in die Geschichte einzugrei-
fen.
Er sagt den Proletariern, daß sie in die Geschichte eingreifen
können.
ji Zur Politik und Gesellschaft

Marx entdeckt in der Geschichte eine Folge von Veränderun-


gen in der materiellen Produktion.
Marx belehrt die Proletarier, daß sie die materielle Produk-
tion verändern können.
Marx zeigt den Proletariern ihre Feinde, die die Änderung
der gegenwärtigen materiellen Produktion verhindern.
Er nennt den Feind der Proletarier beim Namen: Kapita-
listen,

[Bekämpfung des Reformismus]


Zur Bekämpfung des Reformismus in den Reihen der Arbei-
ter brauchte man eine quantitative Analyse der klassenmäßi-
gen Zusammensetzung der Volksmassen in Deutschland. Es
würde sich dann ergeben, daß die Arbeiterklasse Bündnisse
braucht, um die Mehrheit zu gewinnen. Diese Bündnisse
würde sie aber niemals zustande bringen, da nur eine voll-
ständige Arbeiterpolitik, das heißt der Sozialismus, Lösungen
böte. Je mehr aber diese vollsozialistische Tendenz sichtbar
würde, desto weniger würde sie die Bündnisse bekommen, je
nötiger diese Tendenz erschiene (und erschien), desto mehr
drängte sie die Kleinbürger- (Bauern-) schichten in Bündnisse
mit der herrschenden Klasse.

[Beurteilung von Sittenschilderern]


Sehr oft begegnen den Sittenschilderern solche, die ihnen, wenn
die Sitten schlecht sind, Schlechtigkeit vorwerfen. Die die Zer-
setzung schildern, werden als Zersetzer behandelt. Als ob es
besser für die Menschheit wäre, wenn Dunkel gebreitet wird
um das, was das Licht scheut! Wirklich, den Schilderern wird
zuviel zugetraut. Die Zersetzung der Sitten nämlich besorgen
weit stärkere Mächte. Die Kälte der »freien« Natur, fühlbar
Marxistische Studien 73

gemacht durch die Kälte der Menschen gegen die Menschen, die
unverschuldete Armut, durch unbesiegliche Ausbeutung nur zu
oft in ein Laster verwandelt, der Hunger, vor dem das Eigen-
tum sich nur durch Gewalt zu schützen vermag: das sind die
großen Zersetzer. Aber die Schilderer schildern die schlechten
Sitten mit verdächtiger Freude?! Die menschliche Natur erliegt
(und sei es menschlichen Zumutungen!), und diese melden es
fast triumphierend! Auch hier ein Irrtum! Wenn sie triumphie-
ren, so triumphieren sie meist nur über die Unwissenheit, das
Sichnichtswissenmachen oder die direkte Lüge. Denn die Schul-
digen, die sie nennen, soweit das Gesetz es zuläßt, wünschen
das moralische Elend, das sie durch das physische erzeugen,
nicht beleuchtet. Und gegenüber einem Elend, das ein solches
Maß erreicht hat wie das unsrige, erscheinen schon die Sich-
nichts wissenmachen den als Schuldige, ja sogar die Unwissen-
den! Das ist selten eine geheime Freude am Schmutz, was man
an den Schilderern schlechter Sitten bemerkt, viel häufiger eine
geheime Freude am Triumph eigener Unbestechlichkeit oder
naive Freude über das Gelingen des nicht immer leichten Nach-
weises.

[Grund für Verworfenheit]


Auf die Frage nun, welches denn der Grund für diese Verwor-
fenheit sei, die er so groß und umfassend überall vorgefunden
und beschrieben hat, kann für alle, welche nicht an eine Ver-
kommenheit ohne Ursache glauben wollen, der Marxismus
die Antwort erteilen.
Indem er einerseits die Menschen gegen übertriebene Forde-
rungen in Schutz nimmt, indem er das Versagen der Abhän-
gigen aus ihrer Abhängigkeit allein erklärt und sie so der An-
fechtung entbindet, in Ketten sich frei zu benehmen, mutet er
ihnen doch zugleich die große und unbeliebte Anstrengung zu,
diese Abhängigkeit der einen von den andern endgültig
74 Zur Politik und Gesellschaft

aufzuheben und Verhältnisse zu schaffen, die jede Form der


Unterdrückung, Verwertung, Verschlechterung der Menschen
durch die Menschen überflüssig machen. Freilich, damit sie
überflüssig gemacht werden können, müssen sie als notwendig
vorgestellt werden können. Dies ermöglicht der Marxismus
mit der Einführung der Organisation der Arbeit, also der
Art, wie die Menschen ihre Existenz sichern und verbessern,
in die geschichtliche Betrachtung. Gewisse Formen der Unter-
drückung und so weiter sind dann die Formen, an die diese
Organisation notwendig geknüpft ist. Im Laufe der Entwick-
lung werden andere Formen möglich und sichtbar, welche die
Unterdrückung und so weiter nicht mehr benötigen.

[Marx-Beschreibungen]
Man sollte sich endlich frei machen von dem unserer Zeit nicht
liegenden Ton der Marx-Beschreibungen, die eigentümlich
hartnäckig in dem Stil gehalten sind, der das zweite Drittel
des 19. Jahrhunderts kennzeichnet. Um sich dieses Stiles zu
bedienen: Zum Teufel mit diesen prächtigen Kerlen, wacke-
ren Kumpanen, echten Kämpfernaturen! Genug von der Lö-
wenbrust oder Löwenmähne Marxens, des verteufelten Moh-
ren! Lauter Freiligrath! Das sieht schon bei Delacroix etwas
besser aus. Aber Frankreich kolonisierte ja wenigstens tatsäch-
lich, während Deutschland wieder nur »im Geiste« partizi-
pierte. Zeigte man sich hier nach Kräften aufsässig, indem man
gegen die fischigen, wohltemperierten, abgemessenen tatsäch-
lichen Machthaber sich kraftgenialisch gebärdete, so nahm man
doch auch wieder genußvoll teil an dem Gefühl des Auf-
schwungs des Bürgertums, das sein Schäfchen ins Trockene ge-
bracht hatte und sein Pfund wuchern ließ. Die Biographen
stellen Marx am liebsten eine Miniaturbarrikade als Schreib-
tisch in seine Bücherstube, wofern nicht als Nippes auf sei-
nen Schreibtisch. Und aus diesem Schreibtisch könnte man um-
Marxistische Studien 75

gekehrt viel leichter eine Barrikade bauen! Dabei hat Marx


auf den besseren Daguerrebildern ein ganz angenehmes Aus-
sehen, nichts daran von einem Preisringer und Maulhelden.
Gelassenheit und Einfachheit sind in seiner Haltung ausge-
prägt. Die Kleinbürger möchten ihm gern ein Schurzfell um-
schnallen (wie sie es ja auch mit Bismarck machen, den sie
am liebsten als Schmied sich vorstellen), aber er hat eher das
Aussehen eines Ingenieurs und Erfinders, und niemand denkt
bei seinem Anblick an eine Werkstätte, jedermann an Büro,
Bibliothek und Konferenzzimmer. Die Farbigkeit der litho-
graphischen Drucke steht dem bürgerlichen Maschinenzeitalter
zwar zur Verfügung, aber nicht zu Gesicht. Der Marx der
üblichen Abbildungen könnte ein Buch - er hat bei Gott de-
ren genug konsumiert - nicht anders als mit ausgestreckten
Händen vor sich halten und hätte dann noch Mühe, über seine
Löwenbrust weg zu lesen. An das Rauchen einer Zigarre —
und auch davon hat er genügend konsumiert — ist bei diesem
Gipsguß nicht zu denken: Man stecke nur einer solchen [Büste]
eine Importe ins Gesicht, eine wahre Tempelschändung! Marx
führte ein durchaus großbürgerliches Leben: er wurde oft ge-
nug dafür getadelt. Seine Finanzbeschaffungsoperationen
stehen an Energie denen eines der kleinen, immerfort banke-
rotten Fürstentümer kaum nach. Sie haben weder etwas Dä-
monisches, noch etwas Spießiges. Er war weder appetitlos,
noch unersättlich. Man verschone uns endlich mit diesem Po-
panz eines Jupiter tonans!
j6 Zur Politik und Gesellschaft

Thesen zur Theorie des Überbaus


(Zweck: Die revolutionäre Bedeutung der Überbauarbeit)

Kultur, also Überbau, ist nicht als Ding, Besitz, Resultat einer
Entwicklung, in geistigen Luxus umgesetzte Rente, sondern als
selbst entwickelnder Faktor (eventuell aber nicht nur renten-
erzeugend) und vor allem als Prozeß anzusehen.

Ausdruck des kulturellen Bedürfnisses der Massen sind die Sit-


ten und Gebräuche, welche sich unter dem Druck der Ökonomie
und der Politik immerfort entwickeln und in unserer Zeit bei
klassenbewußtem Proletariat revolutionäre Funktion bekom-
men.

Unter den antagonistischen Faktoren, die im Schöße einer be-


stimmten Gesellschaft entstehen und zu ihrer Revolutionierung
führen, spielt als eine der Produktivkräfte die Technik eine
entscheidende Rolle. Zu dieser Technik muß gerechnet werden
auch die Denktechnik, welche sich nicht ohne weiteres auf je-
nes Gebiet beschränken läßt, auf dem sie zuerst entsteht. Das
dialektische Denken, das auf dem Gebiet der Ökonomie in Er-
scheinung trat und seine Existenz der Existenz des Proletariats
verdankt, greift mehr und mehr auf andere Gebiete über, bleibt
aber eine proletarische Denkweise.
Marxistische Studien 77

Im Zeitalter des Imperialismus ist keine Kultur mehr wesent-


lich national bestimmt. Sogar die bürgerliche Kultur ist we-
sentlich international - um wieviel mehr erst die proletarische!
Die kulturellen Einrichtungen des ersten proletarischen Staates
sind nicht durch dessen politische Grenzen begrenzt und wir-
ken, vom Proletariat bürgerlicher Staaten übernommen, revo-
lutionierend, gerade weil sie in ihrer Auswirkung und Entwick-
lung gewaltsam gehemmt werden. Es sind keineswegs Einrich-
tungen einer klassenlosen Gesellschaft, sondern im Gegenteil:
Es sind klassenkämpferische Maßnahmen des Proletariats.

5
Die Art, auf die Überbau entsteht, ist: Antizipation.

Was vernünftig ist, das wird wirklich, und was wirklich wird,
das ist vernünftig.

Die Dialektisierung aller Kategorien des Denkens ist unver-


meidlich, und von jedem Gebiet aus, das dialektisiert ist,
kommt man, wenn nur die politische Komponente gezogen
wird, zur Revolution.

8
Aufgabe der Dialektiker ist es, die verschiedenen Denkgebiete
zu dialektisieren und die politische Komponente zu ziehen.
78 Zur Politik und Gesellschaft

Was für die klassenlose Gesellschaft »vorgesehen« (in doppel-


tem Wortsinn!) wird, ist wirklich und gehört zum Überbau
dieser klassenlosen Gesellschaft, wenn es für ihre Entstehung
und Befestigung notwendig ist. Die klassenlose Gesellschaft
müssen die Menschen selber machen - vorläufig ist sie selber
eine Antizipation.

10

Überbau entsteht im Moment, wo er am nötigsten ist: dann,


wenn die materiellen Verhältnisse ihn nötig machen, damit sie
sich verändern (springen!) können. Im Moment der Revolution
erlebt er seine qualitative Veränderung. Die Menschheit nimmt
sich nichts vor, was sie nicht verwirklichen kann - sie muß sich
aber alles vornehmen!

Pädagogik
In allen bisherigen staatlichen Formen (sie sind auf Klassen-
unterschieden aufgebaut) erzeugte der Unterbau den ideolo-
gischen Überbau, die Kultur. Von dieser waren die weitaus
wichtigsten praktischen Ergebnisse zweifellos die Sitten und
Gebräuche selber. Daß diese auf den Unterbau wiederum ein-
wirkten, wurde von den Dialektikern immer betont. Im
neuen klassenlosen Staat (der kein Staat mehr ist) ist zum
erstenmal die Möglichkeit gegeben, diesen funktionellen Zu-
sammenhang bewußt zu bestimmen, die Beziehungen werden
direkt, Überbau und Unterbau bilden eine Einheit. Der Un-
terbau schafft Gebräuche, welche direkt wieder auf den Un-
terbau einzuwirken bestimmt sind, und zwar in Hinblick auf
Oberbau, oder die Oberbau-Dinge werden.
Marxistische Studien 79

[Aus:] Ist der Kommunismus exklusiv?


Viele, beinahe alle bürgerlichen Beurteiler der »Mutter« sag-
ten uns so, diese Aufführung sei eine Sache der Kommuni-
sten allein. Von solch einer Sache sprachen sie wie etwa von
einer Sache der Kaninchenzüchter oder Schachspieler, die also
recht wenige Menschen angeht und vor allem nicht beurteilt
werden kann von Leuten, die von Kaninchen oder Schach-
spielen nichts verstehen. Aber wenn schon nicht die ganze
Welt den Kommunismus für ihre Sache hält, so ist doch die
Sache des Kommunismus die ganze Welt. Der Kommunismus
ist keine Spielart unter Spielarten. Radikal auf die Ab-
schaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln ausge-
hend, steht er allen Richtungen, die sich durch was immer
unterscheiden, aber in der Beibehaltung des Privateigentums
einig sind, als einer einzigen Richtung gegenüber. Er erhebt
den Anspruch, die direkte und einzige Fortführung der gro-
ßen abendländischen Philosophie zu sein, als solche Fortfüh-
rung eine radikale Umfunktionierung dieser Philosophie, wie
er die einzige praktische Fortführung der abendländischen
(kapitalistischen) Entwicklung und als solche zugleich die ra-
dikale Umfunktionierung der entwickelten Wirtschaft ist.
Wir können und müssen darauf hinweisen, daß unsere Aus-
sagen keine beschränkt subjektiven, sondern objektive und
allgemeinverbindliche sind. Wir sprechen nicht für uns als
ein kleiner Teil, sondern für die gesamte Menschheit als der
Teil, der die Interessen der gesamten Menschheit (nicht eines
Teiles) vertritt. Niemand hat das Recht, daraus, daß wir
kämpfen, den Schluß zu ziehen, wir seien nicht objektiv. Wer
immer heute, um einen scheinbar objektiven Eindruck her-
vorzurufen, einen Eindruck, als kämpfte er nicht, hervorruft,
der wird bei genauerer Betrachtung auf einem hoffnungslos
subjektiven, die Interessen eines winzigen Teiles der Menschheit
vertretenden Standpunkt ertappt werden können. Er wird,
objektiv betrachtet, die Interessen der gesamten Menschheit
So Zur Politik und Gesellsdiaft

durch sein Eintreten für die Beibehaltung der kapitali-


stischen Besitz- und Produktionsverhältnisse verraten. Der
scheinbar objektive »linke« bürgerliche Skeptiker erkennt
nicht oder will nicht erkennen lassen, daß er in diesem großen
Kampfe mitkämpft, indem er die permanente, aber durch den
Usus langer Zeit dem Bewußtsein entrückte Ausübung der
Gewalt durch eine kleine Schicht nicht Kampf nennt. Es ist
notwendig, dieser besitzenden Schicht, einer entarteten,
schmutzigen, objektiv und subjektiv unmenschlichen Clique,
sämtliche »Güter idealer Art« aus den Händen zu schlagen,
gleichgültig, was eine ausgebeutete, am Produzieren gehin-
derte, sich gegen das Verkommen wehrende Menschheit mit
diesen Gütern weiterhin anzufangen wünscht. Zuerst muß
unter allen Umständen diese Schicht jeden Anspruchs auf
menschliches Ansehen verlustig gesprochen werden. ^Was im-
mer weiterhin »Freiheit«, »Gerechtigkeit«, »Menschlichkeit«,
»Bildung«, »Produktivität«, »Kühnheit«, »Zuverlässigkeit«
bedeuten sollen - bevor diese Begriffe nicht von allem gerei-
nigt sind, was ihnen von ihrem Funktionieren in der bürger-
lichen Gesellschaft anhaftet, werden sie nicht mehr gebraucht
werden dürfen. Unsere Gegner sind die Gegner der Mensch-
heit. Sie haben nicht »recht« von ihrem Standpunkt aus: das
Unrecht besteht in ihrem Standpunkt. Sie müssen vielleicht
so sein, wie sie sind, aber sie müssen nicht sein. Es ist ver-
ständlich, daß sie sich verteidigen, aber sie verteidigen den
Raub und die Vorrechte, und verstehen darf hier nicht ver-
zeihen heißen. Der dem Menschen ein Wolf ist, ist kein
Mensch, sondern ein Wolf. »Güte« bedeutet heute, wo die
nackte Notwehr riesiger Massen zum Endkampf um die Kom-
mandohöhe wird, die Vernichtung derer, die Güte unmöglich
machen.
1932
Marxistische Studien 81

[Untersdiied]
Nur wer sich vor Augen hält, daß ein Unterschied besteht
zwischen diesen beiden Sätzen, kann den zweiten, richtigen,
vollkommen verstehen.
Eines ist der Satz: Der Kommunismus ist das Ziel oder soll
das Ziel sein aller Menschen und ein anderes der Satz: Die
Sache des Proletariats, eben der Kommunismus, sei die am
allgemeinsten menschliche, breiteste und tiefste.

[Im Auftrag der Vernunft]


An einem grauen Morgen stehen in überfüllten Kammern
grauer Mietskasernen Leute auf, nehmen einen Topf mit
Farbe und gehen in kleinen Trupps auf die leeren Groß-
stadtstraßen. Sie stellen einen der ihren als Wache an die
Ecke und fangen an, eine Mauer mit großen ungelenken
Buchstaben zu bedecken. Sie verhalten sich vorsichtig, denn
sie sind in Feindesland; werden sie entdeckt, dann fällt man
über sie her und schlägt sie schnell tot - wenn sie Glück haben.
Warum schreiben sie? Werden sie nicht abgefaßt, dann stehen
einige Stunden lang auf der Mauer drei Buchstaben: KPD.
Was erwarten sie sich davon?
Wird der Leser lachen, wenn er liest, daß diese Leute das im
Auftrag der Vernunft tun, für die Sache der ganzen Mensch-
heit?

An wen wenden wir uns? An die Ohnmächtigen. Wen rufen


wir um Hilfe an? Die Hilflosen.
Proletariat und Ausbeutung

[Erschwernisse der Auseinandersetzung]


Wir Marxisten befinden uns bei unsern Kontroversen in einer
sdiwierigen Lage, da die Einwände, die wir den Behauptungen
unserer mäditigen Gegner entgegenstellen müssen, aus dem
gegnerisdien Wort- und Begriffsmaterial zu formulieren sind.
Das erschwert sogar unsere eigenen Auseinandersetzungen;
denn obwohl wir dabei über ein eigenes, ziemlidi präzises Be-
griffsmaterial verfügen, müssen wir dodi immer wieder mit
Begriffen oder Gegenüberstellungen arbeiten, die der von uns
bekämpften Ideologie entnommen sind. Wir tun es dann sozu-
sagen auf eigene Gefahr, aber der Leser, der sidi hineinbegibt,
kommt mitunter darin um.
Fragmentarisch

[Über den Anbruch gesegneter Jahrhunderte]


Müßte nicht die Menschheit angesichts all dieser Maschinen
und technischen Künste, welche ihr gestatten, sich leicht zu er-
nähren, den Eindruck haben, sich am Morgen eines langen rei-
chen Tages zu befinden, die rosige Morgenröte und den frischen
Wind verspüren, die den Anbruch gesegneter Jahrhunderte
anzeigen? Warum ist es ringsherum so grau, und warum geht
erst jener unheimliche Dämmerungswind, bei dessen Aufkom-
men, wie es heißt, die Sterbenden sterben?
Verfault eine herrschende Klasse, dann wird der Fäulnisgeruch
beherrschend.
Marxistische Studien 83

[Sklaverei]
Zukünftigen Geschlechtern muß die tödliche Abhängigkeit rie-
siger Menschenmassen von einigen Leuten, welche die Werk-
zeuge aller in Form gewaltiger Fabriken in ihren Händen hal-
ten, nicht weniger befremdlich erscheinen als uns die Sklaverei.
Sie werden nicht ohne Mühe ausfindig zu machen suchen, wie
dieser für beinahe alle doch so furchtbare Zustand so lang auf-
rechterhalten werden konnte.

[Die Zähne des Kapitalismus]


Der Kapitalismus fletscht keine anderen Zähne, als die ihm
eben gewachsen sind.
Es ist ganz richtig, daß die Demokratien einen milderen Ka-
pitalismus haben als die Autokratien. Das beweist nur, daß
die Entwicklung der kapitalistischen Staaten ungleichmäßig ist.

[Schlechte Ordnung]
Was bedeutet es, sich darüber zu beschweren, daß Leute sich
in Städten unserer Art schlecht benehmen?
Wenn in einem Lande die Vorteile, die man aus der Gemeinheit,
den Lastern der Unwissenheit und dem asozialen Verhalten
ziehen kann, bei weitem die Vorteile überwiegen, die man aus
einem andern besseren Verhalten haben könnte, dann ist das
Land schlecht geordnet.
Wenn in einem Lande die Kaufleute den Hunger schaffen, um
ihn zu erpressen, die Beamten die Verfassung mißachten, die
Richter Unrecht tun, indem sie die Gesetze ausführen, die Zei-
tungsschreiber um Zeilenhonorare Existenzen vernichten, die
Politiker ihre Wähler verraten, die Ingenieure ihre Erfindun-
gen gegen Entlohnung verschweigen, die Ärzte den Kranken
84 Zur Politik und Gesellschaft

statt der vorhandenen guten schlechte Medikamente verschrei-


ben, die Menschen einander den Arbeitsplatz, selbst wenn er
seinen Mann nicht nährt, abjagen, dann liegt es nahe, von der
Habsucht der Kaufleute, dem Hang zu Willkür bei den Be-
amten, dem zur Grausamkeit bei den Richtern, der Verant-
wortungslosigkeit der Zeitungsschreiber, der Doppelzüngigkeit
der Politiker, der Charakterlosigkeit der Ingenieure und Ärzte
und dem Mangel an Nächstenliebe bei allen Menschen zu spre-
chen. Alle diese Mängel mögen vorhanden, die Verurteilung
derselben berechtigt, ja notwendig sein, und dennoch kann es
schlimme Folgen haben, wenn man, ausschließlich davon re-
dend, ein Bild entwirft, wonach furchtbare und unheilbare Lei-
denschaften der Menschen die elenden Zustände eines Landes
verschulden.

[Erziehung guter Lebensbedingungen]


Wenn wir erkannt haben, welche ungeheure Rolle die Lebens-
bedingungen der Menschen für ihre Kultur spielen, werden wir
unsere Erziehung zunächst auf solche Eigenschaften richten,
welche gute Lebensbedingungen schaffen, das heißt Zustände
beseitigen, in denen schon das nackteste, primitivste Leben nur
durch unaufhörlichen, unbedenklichen Kampf gefristet werden
kann.

Was erzieht? Es erzieht der Hunger und die Art, wie er gestillt
werden kann. Es erzieht die Kälte und die Art, wie ein Obdach
oder die Kleidung errungen werden können. Es erzieht die Art,
wie die Menschen einander begegnen, wie einander zu begegnen
sie durch ihre Nöte gezwungen werden.
Es erziehen die schönen Künste nur, wenn sie nicht den Lebens-
kampf schwächen.
Marxistische Studien 85

Lange sah man ihn noch rudern. Bis zum Fall


Bemühte er sich, das Ufer zu gewinnen/Aber der Fall
Riß ihn doch hinab. Das Gefürchtete
Trat ein. Seinen Feind
Tötete er nicht, er blieb nicht am Leben. Aber
Seinem Mitkämpfer hinterließ er
Den Feind geschwächt.

So erzieht der Mangel an Brot in der Hütte zum Stehlen oder


die Bibel zum Hungern. Der eine Kartoffel haben muß, der
bückt sich, weil der Boden das erheischt oder der Herr. Solcher-
art ist die Erziehung zum Bücken. In den schlecht geleiteten
Ländern zeigen die Tugenden das Elend an. Wo man einen die
Gefahr verachten sieht, da ist vielleicht die Maschine ohne
Schutzgitter.

[Über die Ausbeutung]


"Wie soll in einem Zustand, wo der einzelne niemals restlos in
die Verwertung eingeht, wo also der eine vom andern jeweils
nur den Arm oder das Ohr braucht und brauchen kann, ver-
mieden werden können, daß lauter Krüppel herumlaufen, eben
Armlose, Ohrlose oder solche mit drei Armen und fünf
Ohren? Denn wo der Zustand der Ausbeutung herrscht, wer-
den auch die Ausbeuter ausgebeutet; dies ist nämlich dann die
einzig mögliche Form des Verkehrs zwischen den Menschen.
Wo der Zustand der Ausbeutung herrscht, wird die Liebe die
Form der Ausbeutung annehmen, ebenso aber auch der Haß,
und sowohl die Lehre als auch die Entgegennahme der Lehre
werden das Siegel der Ausbeutung auf der Stirn tragen. Ist der
Zustand unerträglich geworden, so geht, der ihm ausgesetzt
ist, unter, oder der Zustand wird beendet. Ist der Zustand für
den einzelnen unerträglich geworden, so geht er unter, oder
die Massen ändern den Zustand.
86 Zur Politik und Gesellschaft

[Pflicht und Verrat]


Was sind das für Leute und was für Ständen gehören sie an, von
denen man günstigsten Falles sagt: Er ist zwar ein Richter, aber
gerecht; er ist zwar ein Arzt, aber er versucht zu heilen; er ist
zwar ein Baumeister, aber er baut bewohnbare Wohnungen.

Die Organisation, welche die Sachen verbindet, trennt die


Menschen. Von allen Beziehungen, die sie haben zueinander,
bleiben die wenigsten übrig, die »sachlichen«. Die Verantwor-
tung, statt viele Träger zu bekommen, hat keinen mehr. An
vielen verschiedenen Punkten einer Sache dienend, scheinen alle
ganz verschiedene Interessen zu haben. Wenn sie sich bemühen,
zueinander zu passen, glauben sie ihre Pflicht zu tun; aber der
Architekt sagt: Wenn der Bauherr mir kein Geld bewilligt,
kann ich keine bewohnbaren Wohnungen bauen, und der Arzt
antwortet: Wenn die Wohnungen nicht bewohnbar sind, kann
ich die Menschen nicht gesund kriegen. Indem sie also ihre
Pflicht tun und zueinander passen, verrät jeder sich selbst und
verraten alle das Ganze.

Wenn man den einzelnen Richter freispricht, weil das »ganze


System«, nicht er, schuld sei, handelt man unverantwortlich.
Denn wenn er schon, dem System folgend und nicht seinem
Herzen, unrecht spricht, was tut er gegen das System?

[Für die Unterdrückten]


Genossen, bevor wir Sozialisten waren, waren wir Unglück-
liche. Bevor wir die Wahrheit des Marxismus gekannt haben,
haben wir die Wahrheit des Hungers gekannt. Aus dieser
Zeit des reinen und hoffnungslosen Elends haben wir uns
ein Gefühl für alle Elenden und Hoffnungslosen erhalten, und
die Unterdrückten aller Art sind die einzigen Nichtsoziali-
Marxistisdie Studien 87

sten, die wir achten. Genossen, unsere Freunde, die Neger,


sind keine Sozialisten, aber es sind Unglückliche. Wir haben
ein Gefühl für sie, und wir wünschen ihnen, daß sie wie wir,
nachdem sie unglücklich waren, Sozialisten werden mögen.

[Nutzen der Wahrheit]


In einer Zeit, wo das Kapital in seinem Verzweiflungskampf
alle seine Riesenmittel aufbietet, um jede ihm nützliche Vor-
stellung zur Wahrheit zu stempeln, ist Wahrheit in solchem
Maße eine Ware geworden, ein so fragwürdiges verzwicktes
Ding, abhängig von Käufer und Verkäufer, wiederum von
vielerlei Abhängigen, daß die Frage, was ist wahr, ohne die
Frage, wem nützt diese Wahrheit, nicht mehr zu lösen ist.
Wahrheit ist völlig ein funktionierendes Ding geworden, etwas,
was nicht ist (vor allem nicht ohne Menschen), sondern ge-
schaffen werden muß in jedem Fall, wohl ein Produktionsmit-
tel, aber ein produziertes!
Was sollen wir angesichts seines ungeheuren Nutzens für die
bestehende Unordnung halten vom metaphysischen Stand-
punkt, den Engels so beschreibt: (N. 2 . 8/357.)

Jener Zusammenhang der Krisen ist herzustellen, und wenn


uns nichts anderes zwänge, die metaphysische Betrachtungs-
weise aufzugeben, so wäre es völlig begründet durch die Not-
wendigkeit, zu der Erfassung dieser tieferen unheilbaren Ge-
samtkrise zu kommen. Allerdings erfordert diese Krise eine
Tätigkeit, sie ist eine Tätigkeit.

Geleitet von dem Verdacht, unsere Vorstellungen seien in die-


ser Warenwelt selbst längst zu Waren geworden (sie konnten
keine Güter bleiben), wollen wir nunmehr diese Vorstellungen
untersuchen, und zwar gerade auf diesen Warencharakter hin.
Schon fast zu lang haben wir, sprechend von solchen Dingen
gg Zur Politik und Gesellschaft

wie neues Lebensgefühl, Nachkriegsauffassung, Weltbild einer


neuen Generation, beinah alles Neuere als Voraussetzung ge-
lassen und so benutzt. Es wird Zeit nunmehr, diese Voraus-
setzungen zu konstituieren. Es sollen also ohne Rücksicht auf
Leser oder Schreiber, welche nur durch Interessantes inter-
essiert werden können, einzig bauend auf die nackte Notwen-
digkeit, Methoden der Vorstellungskritik angewendet und neue
Vorstellungen aufgebaut werden, welche sich durch ihre Nütz-
lichkeit legitimieren (Waffen brauchen nicht reizvoll zu sein
für den, der Waffen benötigt), und der Nutzen soll bemessen
werden an der unsere gesellschaftliche Welt umändernden
Kraft.

Das Proletariat ist nicht in einer


weißen Weste geboren
Was diese Kultur betrifft, so sind das befleckte Reste, bei den
großen Ausverkäufen, die ja den Bankerotten nicht nur nach-
folgen, sondern auch vorausgehen, liegengeblieben. Die Kultur
befindet sich in schauderbarem Zustand, und wenn man an-
nehmen wollte, sie sei vergewaltigt worden, so hat sie solchem
Akt jedenfalls kräftig Unterschub geleistet. Solcherart ist es
tatsächlich schwer, sie aus den Gänsefüßchen herauszubekom-
men. Aber sie wird von unseren Feinden angegriffen. Ist das
ein Grund für uns, sie zu verteidigen? Wir verteidigen nicht
alles, was unsere Feinde angreifen. Selbst der Faschismus macht
Versuche, gewisse aufgelaufene Schwierigkeiten allgemeiner
Art über den Haufen zu werfen und unhaltbar gewordene
Zustände zu liquidieren (in Deutschland die Politik der Kirche,
einige monarchische, partikularistische Strömungen, den Ver-
sailler Vertrag mit seinen Schulden und seinem Verbot des
Volksheeres und so weiter). Wie ist es mit der Kultur?
Wir wissen, vielleicht nicht genau genug und vielleicht nicht
leidenschaftlich genug, auch nicht im vollen Umfang, daß die
Marxistische Studien 89

bürgerliche Kultur auf dem Eigentum beruht, das heute als


Eigentum von Produktionsmitteln herrscht. Andererseits wis-
sen wir, daß diese Kultur heute in einigen Ländern abgebaut
wird, weil sie nicht mehr hergibt, was von ihr verlangt wird:
nämlich den Schutz des Eigentums. Die Kultur ist also etwas
ziemlich Widerspruchsvolles, wenn sie doch in einen solchen
Konflikt mit den Eigentumsverhältnissen geraten kann, die zu
schützen sie einstmals aufgebaut wurde. Denn sie bleibt nicht
etwa nur zurück, kommt nicht nur nicht mehr recht mit, wird
nicht nur preisgegeben, sondern aktiv und mit viel Tamtam
bekämpft. Man darf eben nicht vergessen, daß sie zugleich mit
der Verklärung des Eigentums seinerzeit auch einige Mitarbeit
an der Entwicklung der Produktivkräfte übernahm. Nunmehr
wird sie, in eine böse Sackgasse geraten, Farbe bekennen müs-
sen. Von ihr wird geopfert werden müssen, was den Produk-
tivkräften entgegensteht. Einiges wird da der Faschismus, sogar
er, opfern, und niemand wird wieder aufbauen, was da fällt.
Aber das an ihr, was immer noch an der Entwicklung der Pro-
duktivkräfte mitbeteiligt ist, wird verteidigt werden müssen,
und zwar gerade von uns und wohl bald nur mehr von uns.

Die Kultur spiegelt natürlich den Konflikt wieder, in den die


Produktivkräfte zu der Produktionsweise geraten sind; sie ist
selbst keineswegs ganz und gar reaktionär, einfaches Rudiment,
störende Fessel. Sie hat das Eigentum zu schützen, aber schützt
sie es? Schützt sie es ganz und gar, tut sie nichts anderes? Auch
die Produktionsverhältnisse hatten die Produktion zu organi-
sieren, wie ist es heute mit dieser Beziehung? Es kann kein
Zweifel sein, daß heute nicht wenige Kulturträger immer en-
ger sich an das Proletariat anschließen, die gewaltigste aller
Produktivkräfte. Die kulturelle Betätigung des Proletariats,
sein Lernen, sein geistiges Produzieren, findet nicht außerhalb
oder neben, also streng geschieden von der bürgerlichen statt.
Hier gibt es gemeinsame Elemente. Ebenso wie wir darauf
90 Zur Politik und Gesellsdhaft

bestehen müssen, daß bestimmte Gepflogenheiten, die Ele-


mente der Kultur waren, ihre Rolle ausgespielt haben und
nun Elemente der Unkultur geworden sind, gibt es andere
Elemente, die weiterbestehen, die in Bedrängnis geraten sind
und von uns verteidigt werden müssen. Die Basis unserer
Einstellung zur Kultur ist der Enteignungsprozeß, der im Ma-
teriellen vor sich geht. Die Übernahme durch uns hat den
Charakter einer entscheidenden Veränderung. Nicht nur der
Besitzer ändert sich hier, auch das Besitztum. Und das ist ein
verwickelter Prozeß. Was von der Kultur also verteidigen wir?
Die Antwort muß heißen: Jene Elemente, welche die Eigen-
tumsverhältnisse beseitigen müssen, um bestehenzubleiben.

Man könnte hier, um sich zu verständigen, eine Stelle bei


Proudhon, die von Lenin übernommen wurde, variieren.
Wenn die Bourgeoisie nicht mehr fähig ist, die Kultur zu orga-
nisieren, wie sie nicht mehr fähig ist, die Produktion zu orga-
nisieren;
wenn die alten Beschwörungen niemand mehr hört, weil jeder-
mann durch die Schreckensrufe der Vergewaltigten und Hun-
gernden taub geworden ist;
wenn Friedensliebe Schwäche bedeutet, Güte Selbstaufopfe-
rung;
wenn die Arbeiter, die ungeheure Mehrzahl der Bevölkerung,
die Wahrheit nicht mehr sagen dürfen und die Unwahrheit
hören müssen;
wenn die Nation ein Gegenstand der Verachtung, der Dienst
für sie ein Verbrechen geworden ist;
wenn die Erzieher die Handlanger der Totengräber sind, die
Erziehung nur Abgerichtete oder Hingerichtete hinterläßt;
wenn öffentliche Dienste nur durch Erpressung erreicht wer-
den können und die Erpressung an der körperlichen Schwä-
chung der Erpreßten scheitert;
wenn dieBelehrungnur mehr den Belehrenden nützt, denBelehr-
ten schadet, wenn sie dann nicht einmal dem ersteren mehr nützt;
Marxistische Studien 91

wenn die Musik dem Massenmord aufspielt, der Roman ihn


verherrlicht, die Philosophie ihn begründet;
wenn die Korruption nicht mehr geheimzuhalten ist, ihre Ab-
stellung keine Linderung des Elends mehr bedeutet;
wenn der Unterschied zwischen den Zuchthäusern und den
Wohnhäusern für die Arbeiter so gering geworden ist, daß
man in den [ersteren], um noch damit schrecken zu können,
die Folterung einführen muß;
wenn die Tugenden dazu herhalten sollen, die Verbrechen der
Oberen zu begleichen;
wenn das Volksvermögen der Vernichtung des Volkes durch
den Krieg dienstbar gemacht wird;
wenn der Krieg die letzte Ausflucht der Wirtschaft geworden
ist und nicht mehr gewonnen werden kann. [.. .]

Kurz: wenn die Kultur, ganz und gar zusammenbrechend, über


und über befleckt ist, fast schon ein System von Flecken, eine
wahre Sammelstelle von Unrat;
wenn die Ideologen zu verkommen sind, die Eigentumsver-
hältnisse anzugreifen, aber auch zu verkommen, sie zu vertei-
digen, so daß sie von den durch die willig, aber schlecht be-
dienten Herren weggejagt werden;
wenn die Wörter und Begriffe mit der Sache, dem Tun und den
Verhältnissen, die sie bezeichnen, überhaupt kaum noch zu-
sammenhängen, so daß man diese letzteren ändern kann, ohne
die ersteren ändern zu müssen, oder die Wörter ändern kann
und Sache, Tun und Verhältnisse im alten Stand belassen wer-
den;
wenn der nicht zum Toten Bereite keine Hoffnung mehr haben
darf, mit dem Leben davonzukommen;
wenn die geistige Tätigkeit so eingeschränkt wird, daß der Pro-
zeß der Ausbeutung selbst darunter leidet;
wenn den Charakteren nicht mehr die Zeit zugestanden wer-
den kann, die sie zum einfachen Umfallen brauchen;
92 Zur Politik und Gesellsdiaft

wenn der Verrat nichts mehr hilft, die Gemeinheit nichts mehr
einbringt, die Dummheit niemanden mehr empfiehlt;
wenn selbst der unersättliche Blutdurst der Pfaffen nicht mehr
ausreicht und sie weggejagt werden müssen;
wenn nichts mehr zu entlarven ist, weil die Unterdrückung
ohne die Larve der Demokratie, der Krieg ohne die der Frie-
densliebe, die Ausbeutung ohne die der freiwilligen Zustim-
mung der Ausgebeuteten einherschreitet;
wenn die blutigste Zensur jedes Gedanken herrscht, aber über-
flüssig ist, denn es werden keine Gedanken mehr gedacht;

so kann die Kultur vom Proletariat in demselben Zustand


übernommen werden wie die Produktion: in zerstörtem Zu-
stand. Denn auch die Produktion bekommt es nur, wenn sie
entwertet ist, durch Krieg oder Krise heruntergewirtschaftet,
und das Proletariat selber muß sich an dieser Zerstörung be-
teiligen.

Niemand kann doch erwarten, daß es sich bei diesem Erben


um ein friedliches fleißiges Hereinschaffen herrenlos im Regen
stehengelassener Güter handeln könnte.

Nichts ist frecher als die schlaue Trennung der Begriffe Kul-
tur und Zivilisation, mit der schon die Halbwüchsigen in den
Volksschulen bekannt gemacht werden. Da soll das eine das
Lebensnotwendige, mit Administration Zusammenhängende,
Komfort, Tempo, Verkehr, Hygiene Regelnde, eigentlich recht
Seichte sein; das andere hingegen etwas langsamer Wachsen-
des, mehr Organisches, schwer Beibringbares, Wertvolles,
Überflüssiges. Gerade der letztere Begriff zeigt besonders deut-
lich, daß hier ein und dasselbe gemeint ist — aber für zweierlei
Klassen, also etwas ganz unbeschreiblich Verschiedenes. Und
für die eine dieser Klassen ist der Überfluß überflüssig, das ist
klar. Während gewisse Rassen und gewisse Klassen zivilisiert
werden können, was mit einigen Kanonen und Kapitalien ganz
Marxistisdie Studien 93

leicht geht, hört man nichts davon, daß man sie auch kultivie-
ren könnte — was die betreffenden mehr oder weniger farbigen
Rassen betrifft, haben sie eigentlich Kultur, wenn die Kanonen
angerollt werden. Nur die Zivilisation ist nicht vollständig ge-
nug. Mit den gewissen Klassen ist es anders: Die Kanonen
werden meist angerollt, weil sie die Kultur bedrohen.

[Einfluß der Gegenrevolution]

Der Einfluß der Gegenrevolution auf die revolutionären


Ideen darf nicht unterschätzt werden. Kein Materialist würde
erwarten, daß die politischen, ökonomischen und sozialen
Positionen des Proletariats so brutal umgeworfen werden
könnten, wie es durch den Faschismus geschah, und die Ideen
der Proletarier oder die Ideen, die durch seine Existenz aus-
gelöst werden, völlig unversehrt bleiben könnten. Wohl kein
besserer Revolutionär wurde durch das Auftreten des Faschis-
mus von seiner Sache abgebracht, aber auch keiner wird seine
Anschauungen ungeprüft gelassen haben. Am ehesten un-
berührt mögen die gewesen sein, die sich als Baumeister des
Kommunismus betrachteten, diesen als die unvermeidliche
»nächste« gesellschaftliche Formation erwarteten und das Pro-
letariat als die Leute ansahen, die ihn zu »verwirklichen«
hatten. Sie sahen den Faschismus an, und siehe, er war noch
nicht die nächste Formation: Sie mußte also noch kommen.
Aus dem Propheten für morgen wurden sie einfach die von
übermorgen. Diejenigen aber, die den Kommunismus ledig-
lich als Lösung ganz bestimmter, benennbarer Schwierigkeiten
vorschlugen, ihn gleichzeitig natürlich auch als Ausnutzung
geschaffener ebenso bestimmter und behennbarer Möglichkeiten
herbeizuführen gedachten, mußten sich die Frage vorlegen, ob
sie nicht doch gewisse andere Auswege übersehen, andere
94 Zur Politik und Gesellschaft
Möglichkeiten außer acht gelassen hatten. Vielleicht hatten sie
sich überhaupt getäuscht in der Frage, welches die die Völker
im Grund bewegenden Kräfte sind?

Unter dem Eindruck des Zusammenbruchs des 2. Kaiserreichs


stehend, findet Sorel die »Sozialistische Geschichte der fran-
zösischen Revolution« von Jean Jaures »gespenstig«. Die Re-
volution hatte sich damit für ihn überlebt. Alle ihre Begriffe
schmeckten schal, abgestanden, antiquiert. Institutionen wie
das allgemeine Wahlrecht sahen nunmehr reichlich altmodisch
aus. Wir müssen heute Hitler keineswegs als den Vollstrecker
der sozialdemokratischen Ideale des ausgehenden 19. und be-
ginnenden 20. Jahrhunderts auffassen, um ebenfalls gewisse
Bestandteile unseres Wortschatzes von gestern erstaunlich alt-
väterlich zu finden.

[Zweierlei Versprechungen]
Der Arbeiter im Kapitalismus hat völlig recht, wenn er seinen
Wochenlohn zählt und auf die Versprechungen pfeift, die ihm
für die Zukunft gemacht werden. Er weiß, daß er am Ende der
Woche alles bekommen hat, was er bekommen wird aus der
Produktion, die er vollbracht hat. Außer seinen Lohn am
Ende der Woche hat er nichts zu erwarten; was er produziert
hat, geht ihn nichts an. Im Kapitalismus so zu denken ist für
den Arbeiter überhaupt der Beginn seines vernünftigen Den-
kens. (Es macht ihn sogar zum Atheisten, dies und nichts
anderes: Auch in der Religion sieht er vernünftigerweise nichts
anderes als Versprechungen, die nicht gehalten werden dürften.)
Er denkt nicht so, wenn er den Sozialismus aufbaut, und es
ist nunmehr seine Vernunft, die ihn nicht so denken läßt. Er
weiß, daß er nunmehr am Ende der Woche nicht alles erhält,
Marxistische Studien 95

was er aus der Produktion erhalten wird. Der Satz, daß man
nur hat, was man hat, ist ungemein wissenswert für den Ar-
beiter im Kapitalismus, der Anfang und die Quintessenz des
Materialismus. Aber der Kapitalist, als der Leiter der Pro-
duktion und ebenfalls Materialist, weiß, daß seine Fabrik,
die er hat, unter Umständen, zum Beispiel, wenn die Polizei
schlappmacht, nichts mehr ist, was er hat, daß sie schon im
Streik ein Haufen rostenden Eisens ist; er weiß, daß das,
was er hat, solang er etwas hat, die Arbeitskraft der Arbeiter
ist. Im Sozialismus ist der Arbeiter der Leiter der Produk-
tion und, was immer wieder gesagt werden muß, einer völlig
anderen Produktion, das heißt nicht nur einer Produktion mit
anderer Leitung. Lauten die Versprechungen der Faschisten ähn-
lich wie das, was sich der kommunistische Arbeiter verspricht,
so kommt das, es ist wahrhaft komisch, daß dies gesagt wer-
den muß, daher, daß es Versprechen gibt, die gehalten, und
Versprechen, die nicht gehalten werden.
Über revolutionären Kampf

[Aus einem] Traktat über die Mängel unserer Sprache


im Kampf gegen den Faschismus
Im Gegensatz zu vielen meiner heutigen Kampfgenossen bin
idi sozusagen auf kaltem Wege zu meiner marxistischen Ein-
stellung gekommen. Wahrscheinlich hängt das damit zusam-
men, daß ich ursprünglidi Naturwissensdiaften studiert habe.
Argumente wirkten auf midi begeisternder als Appelle an mein
Gefühlsleben, und Experimente besdiwingten midi mehr als
Erlebnisse. Dem Elend gegenüber reagierte ich als normaler
Mensch mit Mitleid, aber wenn man mir sagte: Große Massen
von Menschen hungern, dann fragte ich mich immerhin: Ist das
nicht unvermeidlich? Über unvermeidliche Übel zu jammern,
schien mir nicht vernünftig. Bei dieser Einstellung war es klar,
daß ich aufatmete, als mir Argumente dafür beigebracht wur-
den, daß dieses Hungern großer Menschenmassen vermeidlich
ist, und als ich von Versuchen praktischer Art erfuhr, durch be-
stimmte Änderungen in der Art und Weise, wie die Menschheit
das zum Leben Nötige beschafft, den Hunger aus der Welt zu
schaffen, ich meine das große russische Beispiel. Ich begriff
gern, daß es etwas Hinderliches, Unpraktisches in der Lebens-
weise der Völker gäbe, etwas Vermeidliches. Gut, dachte ich (ich
fasse viele Gedanken plump zusammen), dann kann ich dem
Mitleid mein Herz öffnen. Sie verstehen, ich verlangte nach
einer Art Rückversicherung, um Mitleid zu bestätigen, ich
fürchtete vielleicht, daß Mitleid ohne Aussicht einen Menschen
ohne Sinn zerstören könnte.
Fragmentarisch
Marxistische Studien 97

In den Zeiten der Schwäche


In den Zeiten der Schwädie fehlt es oft nicht an riditigen
Leitsätzen, sondern an einem einzigen. Von der Lehre paßt
ein Satz zum andern, aber welcher paßt zum Augenblick?
Es ist alles da, aber alles ist zuviel. Es fehlt nicht an Vor-
schlägen, aber es werden zuviele befolgt. Es fehlt nicht an
Wahrnehmungen, aber sie werden rasch vergessen. In den
Zeiten der Schwäche ist man engagiert, und man engagiert
sich nicht.

In den Zeiten der Schwäche ist vieles wahr, aber es ist gleich
wahr; ist viel nötig und kann weniges geschehen; der Aus-
geschaltete ist in Ruhe versetzt und hat keine Ruhe.

Fragen nach einer Niederlage

Wieso ist es eine Niederlage? Welche Hilfsmittel, Stellungen


und so weiter wurden verloren? Bestehen innerhalb des Pro-
letariats noch Illusionen? Ist die Niedergeschlagenheit zu
groß? Zu unbestimmt? Bestehen diesbezüglich Unterschiede
zwischen Partei und Proletariat? Innerhalb der Partei? Sind
Irrtümer zutage getreten? Können sie liquidiert werden,
stimmungsgemäß und technisch? Bietet die Niederlagesitua-
tion Ausnutzbares im Sinne der Stärkung der Partei? Gibt
es Kräfte Verschiebungen in der Partei? Wären solche wün-
schenswert?

Ist die politische Schwäche des Proletariats durch die Krise


verschuldet? Wird die Krise andauern? Wenn ja, kann es hier
98 Zur Politik und Gesellschaft
einen Umschlag geben? Hat im Fall eines Krieges das Prole-
tariat die Hand an der Gurgel der Produktion? Ist das Pro-
letariat allein imstande, unter bestimmten Umständen eine
Revolution zu machen? Wenn ja, wie kann es solche Um-
stände herbeiführen (helfen)? Genügt es, wenn die kleinbür-
gerlichen und bäuerlichen Klassen enttäuscht sind?

3
Wann werden diese Schichten enttäuscht sein? Was will der
Bauer? Unter welchen Umständen kann er es erhalten? Unter
welchen Umständen sieht er ein, daß er es nicht erhalten
kann? (So, daß er keine Revolution macht, weil die auch
nichts ändern würde - seiner Meinung nach.)

Kann das Proletariat die Landfrage lösen? In der russischen


Form oder in einer andern? Als diktierende Partei?

5
Welche sozialistischen Maßnahmen kann der Faschismus
durchführen?

Wie lange und wodurch kann er einen Krieg vermeiden? Kann


er in einem Krieg siegen?

[Die Partei]
Lenin hatte den Wunsch, daß es für die Revolution nur die
Partei gebe. Für alle Menschen, die die Revolution wollten,
Marxistisdie Studien 99

sollte nur sie in Betracht kommen. Alle Mißstände sollten


nur von ihr aus betrachtet werden. Alle Schritte zu ihrer
Beseitigung sollte nur sie ergreifen. Da muß die Partei aber
auch alles enthalten können, was Mißstände feststellt und zu
ihrer Beseitigung revolutionäre Schritte ergreift!

[Die praktischere Form]


Die modernere (praktischere) Form setzt sich durch unter
mehreren Formen gegen mehrere aufeinanderfolgende Geg-
ner. Nichts spricht so sehr für die Gewalt revolutionärer Art
der französischen Revolution als die Tatsache, daß ihre
Verräter ihr die Geschäfte besorgten. Nichts so sehr für die
Gründlichkeit ihres Erfolgs als der Umstand, daß sie Staats-
formen so unwichtig gemacht hatte, so zum bloßen Mittel,
daß ein Imperium ihre Ideen durchsetzen mußte und konnte.

Über die Beziehung


der internationalen Arbeiterparteien zur KPdSU
Der KPdSU wird von den verschiedenen Oppositionen der
Vorwurf eines nationalistischen Sozialismus gemacht. Es wird
der Verdacht geäußert, die KPdSU könnte die Interessen nicht-
russischer Parteien ihren eigenen aufopfern. Der sozialistische
Charakter der Sowjetunion wird bestritten: sie trete als na-
tionaler Verband auf, habe Staatscharakter, und ein Staat
handle eben als Staat. Eine solche Haltung der Sowjetunion
gegenüber scheint ganz besonders international. In Wirk-
lichkeit ist es eine Haltung, die den Internationalismus ledig-
lich als sittliches Postulat auffaßt, als eine Idee, die nur durch
das Proletariat verwirklicht werden kann und von ihm, da sie
erhaben oder sonstwas ist, verwirklicht werden muß. Die
Leute, welche diese Haltung einnehmen, haben bisher keinerlei
ioo Zur Politik und Gesellsdiaft

Beweis dafür erbracht, daß sie eine internationalistische


Politik der Proletariate zu praktizieren bereit sind. Sie ver-
stehen darunter anscheinend nur eine gegenseitige Sympathie
und Neigung, ihre Interessengegensätze, falls solche auf-
tauchen könnten, irgendwie schiedsgerichtlich auszugleichen.
Sie denken nicht daran, den Zeitpunkt für gegeben zu halten,
wo die Proletariate der verschiedenen Länder in Wirklichkeit
eine gemeinsame Politik machen können. Indem sie der So-
wjetunion vorwerfen, diese gemeinsame Politik zu verfolgen,
das heißt die proletarischen Interessen aller Länder als gemein-
same zu betrachten und zu verfolgen, indem sie der KPdSU
einen Strick daraus drehen, daß sie ihre eigenen Angelegen-
heiten als die aller anderen Proletariate betrachtet und be-
trachtet wissen möchte, geben sie selber eine internationale
proletarische Politik preis. Jedem Kommunisten, dem es mit
dem Internationalismus ernst ist, weil er die ökonomische und
politische Notwendigkeit einer solchen gemeinsamen Politik
für den Sozialismus und Kommunismus begreift, muß es ein-
leuchten, daß heute jede Arbeiterpartei außerhalb der Sowjet-
union ihre Politik der Politik der KPdSU einordnen und in
der Mehrzahl der möglichen Fälle unterordnen muß. Die So-
wjetunion würde heute, auch wenn sie sich weigerte, als
Nation aufzutreten, lauter Nationen gegenüber dennoch als
Nation dastehen. Sie kann auch nicht anders als als Staat
handeln. Aber Staat ist nicht Staat. Bauern sind auch nicht
Bauern, das heißt als solche Interessengegner der Arbeiter. Sie
können, wie das Beispiel zeigt, auch selber Arbeiter werden.
Die völlige Liquidierung des Staates kommt nur, wenn die
Ökonomie sie fordert. Der proletarische Staat kann aber ein-
zelne staatliche Züge liquidieren, wenn seine Ökonomie es
fordert.
Marxistische Studien 101

[Notiz] Über den Versuch


demokratischer Institutionen in der UdSSR
Für den Krieg ist die Einführung demokratischer Institu-
tionen notwendig. Sie wurde durdi die Stalinsche Partei ver-
sucht. Der Versuch hat noch keine Erprobung erfahren. Im
Krieg braucht man eine widerspruchsvolle Einheit von Demo-
kratie und Diktatur; man braucht durchaus beides. Hat man
die Demokratie, so muß man diktatorische Institutionen schaf-
fen, hat man Diktatur, braucht man demokratische. Man
braucht eine Stärkung der führenden Klasse durch einen Burg-
frieden mit den Geführten.

Über die Diktaturen einzelner Menschen


Der eingreifend Denkende hält wirtschaftliche Zustände von
Ländern noch für verbesserungsbedürftig, wenn noch Dikta-
turen von Klassen oder gar von einzelnen Menschen vorhan-
den sind.
Wie soll zum Beispiel die fortgeschrittenste Staatsform der
Welt, die des ersten großen Arbeiterstaates fertig sein, wenn
seine Wirtschaftsform noch so sehr verbesserungsbedürftig
ist?

Die Abschaffung der Klassen bedarf eines gewaltsamen An-


stoßes, aber sie ist eine große, langwierige und verwickelte Ar-
beit. An einem bestimmten Tage wird sie beschlossen, aber in
Jahren oder Jahrzehnten wird sie durchgeführt. Mit dem Be-
schluß der Entfernung sind die Klassen noch nicht entfernt,
so wie die Klassen nicht verschwinden, noch ihr Kampf auf-
hört, wenn es verboten wird, davon zu reden.
Diktaturen sind Werkzeuge der Unterdrückung. Zu jeder
Unterdrückung sind diese Werkzeuge nötig. Sind die Kämpfe
der unterdrückenden Klasse mit den unterdrückten Klassen
102 Zur Politik und Gesellschaft
sehr schwer, dann führen sie meist sogar zu der Diktatur ein-
zelner Personen innerhalb der unterdrückenden Klasse. Dies
kommt daher, daß die unterdrückende Klasse starke Diszi-
plin benötigt und den eigenen verschiedenartigen Interessen
nicht angesichts eines starken Feindes mächtigen Ausdruck
verleihen darf.

Das Leben unter den Diktaturen gleicht sich, so verschieden


auch die Zwecke und Arbeiten der Diktaturen sein mögen.
Niemand kann für die Verewigung eines solchen Lebens sein.
Aber niemand wird einem solchen Leben entgehen, der nicht
seine Anstrengungen gegen jene Zustände richtet, welche die
Unterdrückung verewigen. Es müssen jene Diktaturen unter-
stützt und ertragen werden, welche gegen diese Zustände der
ökonomischen Art vorgehen. Das sind nämlich Diktaturen,
welche ihre eigene Wurzel ausreißen.

Als das erste Drittel des 20. Jahrhunderts verstrichen war,


erblickte man auf der ganzen Erde nur noch große Diktaturen
einzelner Klassen oder sogar einzelner Menschen. Der einzelne
galt so entweder ungeheuerlich zuviel oder ungeheuerlich zu-
wenig. Über ganze Erdteile hinweg wurden Völker von ande-
ren Völkern unterdrückt, und sowohl bei den unterdrückten als
auch bei den unterdrückenden Völkern unterdrückten wieder
einzelne Klassen die andern. Die Wirtschafts- wie die Regie-
rungssysteme waren sehr verschieden, aber bei allen herrschte
Unterdrückung, und bei verschiedenen Völkern, wo ganz
verschiedene Klassen herrschten, hatten doch einzelne Men-
schen den Großteil der Macht in ihren Händen. Es gab
mehrere Staaten, deren Regierungssysteme eine Beteiligung
mehrerer oder aller Klassen an der Macht vorsahen, aber die
Art und Weise der Produktion war dort vollkommen im Inter-
esse bestimmter Klassen festgelegt, und nur darauf kommt es
an, denn nur im Hinblick darauf, auf die Produktion, können
Klassen sinngemäß unterschieden werden.
Marxistische Studien 103

So schien es für den einzelnen Menschen sehr schwierig, eine


Auswahl zu treffen, da er ja nur Diktaturen sah, wenn er
Diktaturen verabscheute.

Ohne die Unterdrückung jener Bauernmassen, welche den


Aufbau einer mächtigen Industrie in Rußland nicht unter-
stützen wollen, kann nicht ein Zustand eintreten, das heißt ge-
schaffen werden, in dem Diktaturen überflüssig sind. Den
Bauernmassen kann nur durch eine mächtige Industrie gehol-
fen werden. Sie müssen die Landwirtschaft selbst in eine In-
dustrie umwälzen. Das ist eine gewalttätige Sache.

Man kann nicht sagen: In dem Arbeiterstaat Rußland herrscht


die Freiheit. Aber man kann sagen: Dort herrscht die
Befreiung. [...]

Für die Bolschewiken entscheidet über Ablehnung oder For-


cierung der Diktatur (in der einzigen bisher aufgetretenen
Form, nämlich derjenigen, die in einem einzigen Mann gip-
felt) nur die Erwägung, ob eine solche die Produktivkräfte
hemmt oder entfaltet. Ob die Distribution bei einer Diktatur
zunächst größere oder kleinere Teile des Volkes befriedigt,
wird nicht gefragt, wenn sie nur nicht die Entfaltung der
Produktivkräfte entscheidend hemmt. Auch ob das Gefühl der
persönlichen Freiheit im großem (oder überhaupt) gesteigert
wird, soll nicht über Beibehaltung oder Abschaffung der Dik-
tatur entscheiden. Die Befreiung ist eine Befreiung der Pro-
duktivkräfte, alle persönliche Freiheit wird davon abhängig
gemacht. Sorge um persönliche Freiheit braucht man nicht zu
haben: Die Hoffnung bestand von allem Anfang an darin,
daß sie erlangt werden könnte durch die Befreiung der Pro-
duktivkräfte: anders konnte sie nicht, so mußte sie entstehen.
Auch die Produktion hat ja als Zweck natürlich die Distribu-
tion. An der Distribution kann dann die Entfaltung der Pro-
duktivkräfte gemessen werden.
104 Zur Politik und Gesellsdiaft

Ob die Diktatur des Proletariats, ohne die eine Befreiung der


Produktivkräfte nicht erfolgen kann, die (uns bekannte) Form
annimmt, in der sie in der Diktatur eines einzigen Mannes
gipfelt, hängt davon ab, ob in dem Land, in dem die Revo-
lution stattfindet, eine solche Form für die Entfaltung der
Produktivkräfte nötig ist oder nicht. Möglicherweise hängt es
auch davon ab, in wie vielen Ländern die Revolution glückt.
Der pure Wunsch nach persönlicher Freiheit entscheidet nicht
darüber.

[Über die Freiheit in der Sowjetunion]


Der Kampf gegen die Sowjetunion wird von vielen Intel-
lektuellen unter der Parole Für die Freiheit! geführt. Man
weist anklagend auf eine große Unfreiheit hin, in der sowohl
der einzelne Mensch als auch die Masse der Arbeiter und
Bauern in der Union leben sollen. Die Knechtung geht an-
geblich von einer Anzahl mächtiger und gewalttätiger Leute
aus, an deren Spitze ein einziger Mensch steht, Josef Stalin.
Die Parole wird ausgegeben und die Schilderung wird ent-
worfen nicht nur von Faschisten, bürgerlichen Demokraten
und Sozialdemokraten, sondern auch von marxistischen Theo-
retikern, welche in ehrlichem Kampf gegen Faschisten, bürger-
liche Demokraten und Sozialdemokraten stehen. Diese Theo-
retiker drücken zugleich die Gefühle und Meinungen vieler
Intellektueller aus. Sie würden bestreiten, daß sie einen Kampf
gegen die Sowjetunion führen, wenn ihre Gegner, die Fa-
schisten, bürgerlichen Demokraten und Sozialdemokraten, sie
als Bundesgenossen bezeichneten, sie würden sagen, sie seien
nur gegen den »Zustand, in dem sich die Sowjetunion gegen-
wärtig befindet«, gegen eine Anzahl mächtiger und gewalt-
tätiger Leute dort, gegen einen einzelnen Menschen, Josef
Stalin. Aber wenn die Sowjetunion in einen Krieg verwickelt
würde, kämen sie mit dieser ihrer Unterscheidung in große
Marxistisdie Studien 105

Schwierigkeiten, denn sie könnten die Sowjetunion nur be-


dingt verteidigen, nur, wenn sie sich von Stalin trennte, und
einen Sieg der Sowjetunion könnten sie nicht gutheißen, wenn
das ein Sieg unter Stalin, also, ihrer Meinung nach, ein Sieg
Stalins wäre. Und sie können nicht bestreiten, daß schon die
Kriegsvorbereitung gegen die Sowjetunion durch ihre Argu-
mente »nur gegen Stalin« erleichtert wird.
Der Hauptgrund, warum ihre Argumente die Vorbereitung
des Krieges gegen die Sowjetunion erleichtern, besteht darin,
daß die Gegner der Sowjetunion auf Grund ihrer Argumente
sagen: Das, was ihr wollt, ihr Sozialisten, ist in Rußland ge-
macht worden. Ihr schriet nach Freiheit. Ihr gabt an, was
getan werden müßte, damit es Freiheit gebe. Nun, es wurde
gemacht, und jetzt sagt ihr selber: Da ist keine Freiheit. Da,
wo gemacht wurde, was ihr vorschlagt, ist keine Freiheit.
Ihr habt die ganze Ökonomie umgestürzt, ihr habt alle Be-
sitzverhältnisse geändert. Ihr habt immer gepredigt, Freiheit
gebe es nur, wenn die Ökonomie umgestürzt, der Privat-
besitz abgeschafft würde, und jetzt geschah das, und da ist
keine Freiheit.
Die Antistalinisten antworten, wenn das gesagt wird, nicht
direkt, sondern sie wenden sich wutentbrannt gegen die
»Stalinisten« (denn für sie sind alle, die heute für die So-
wjetunion sind, Stalinisten, das heißt von Josef Stalin be-
zahlte oder unterdrückte Leute) und sagen: »Da habt ihrs.«

Fragmentarisch

Die ungleichen Einkommen

Gide sah große Einkommensunterschiede, es gab keine Gleich-


heit der Einkommen. Er kam in der Epoche des Aufbaus, wo
106 Zur Politik und Gesellsdiaft

der Satz gilt: »Jeder nach seiner Fähigkeit, jedem nach seiner
Leistung.« Die Leistung wird gemessen an dem Wert, der für
den Aufbau der Produktion herauskommt. Die Bolschewiki
halten diesen Satz für einen vorübergehend zu praktizieren-
den. Sie rechnen mit einer Epoche, wo der Satz: »Jeder nach
seiner Fähigkeit, jedem nach seinem Bedürfnis« gelten soll.
Sie sehen die Praktizierung des ersten Satzes für notwendig
an zu der Schaffung eines Zustandes, der die Praktizierung
des zweiten ermöglicht und notwendig macht. Der Schlüssel-
punkt für das Verständnis des Prozesses, der den ersten Satz in
den zweiten verwandeln soll, bildet die Art der Produktion,
die hier aufgebaut wird. Würde es sich um eine solche Produk-
tion handeln, wie wir sie im Kapitalismus kennen, also eine
anarchische, eingeschränkte, in gewisser Hinsicht statisch ge-
haltene Produktion, dann bestünde wenig Aussicht dafür, daß
auf die jetzige Epoche eine so von ihr verschiedene folgt, wie
sie sein muß, damit der zweite, vom ersten so verschiedene Satz
in ihr praktiziert werden kann und muß. Wir wären auf die
Versprechungen der herrschenden Klasse angewiesen. Ver-
sprechungen zukünftiger gesetzlicher Bestimmungen, aber die
Produktion, die unter Praktizierung des ersten Satzes, der
große Ungleichheiten der Einkommen beinhaltet, aufgebaut
wird, ist keine kapitalistische Produktion, keine anarchische,
eingeschränkte, statisch gehaltene Produktion. Sie ist eine
sozialistische Produktion der größtmöglichen Menge, es gibt
keine Beschränkung, gegeben durch den Profit. Eine unüber-
sehbare Reihe von Mißverständnissen ergab sich seit wenigstens
einem Jahrhundert aus der Unfähigkeit vieler Menschen, den
Kommunismus als eine vor allem die Produktion betreffende
Lehre zu verstehen. Ausgehend von dem so weithin sichtbaren
Faktum der Fehlerhaftigkeit und Ungerechtigkeit des bürger-
lichen Systems der Konsumtion haben immer wieder gutwil-
lige und sympathische Leute im Kommunismus hauptsächlich
ein neues System der Verteilung der Güter gesehen und be-
grüßt. Sie haben die Produktion, ihre ungeheuerliche Fehler-
Marxistische Studien 107

haftigkeit und Ungerechtigkeit kaum ernsthaft studiert. Der


große Satz der kommunistischen Klassiker, der den Produk-
tivkräften die entscheidende revolutionierende Rolle gegen-
über der kapitalistischen Produktionsweise zuschreibt, ist
wenig verstanden worden. So wenig, daß das ständig sich
wiederholende Scheitern der sogenannten reformistischen Be-
wegungen, die nur auf die Konsumtion und nicht auf die Pro-
duktion Einfluß nahmen, die Produktionsverhältnisse im ein-
zelnen reformieren wollten, ohne die Produktivkräfte zum
Durchbruch zu bringen, dem Kommunismus selber in die
Schuhe geschoben werden konnte! Wie immer man zu der Er-
scheinung der Einkommensunterschiede im heutigen Rußland
stehen mag, niemand wird sie für eine wünschbare dauernde
Einrichtung halten, man hat sie zu beurteilen als etwas, was
zum Aufbau der Produktion sozialistischer Art nötig ist. Und
man [hat] davon Kenntnis zu nehmen, ob diese Art der
Produktion die These, daß diese Unterschiede verschwinden
werden, erlaubt oder nicht. Die Revolutionen sind nicht nur
juristische Akte; es kann nicht von einem zum anderen Tage
dekretiert werden, daß nunmehr Sozialismus zu herrschen
habe. Der Aufbau des Sozialismus ist der Aufbau einer so-
zialistischen Produktion mit allen juristischen Maßnahmen
wechselnder Art, die dazu nötig sind, mit einer ganzen Reihe
einander abwechselnder Stadien von Besitzverhältnissen,
welche diese Produktion, in ihrer Entwicklung, schafft.

Nach dem Schema F hätte nach der Revolution so etwas wie


eine Proletarisierung der technischen und anderen Intelligenz
eintreter müssen. Die beim Einsetzen der Revolution besser
konsumierenden Schichten hätten im Konsum nunmehr stark
heruntergesetzt und erst dann mit allen andern arbeitenden
Schichten zusammen gradweise zu reichlicherem Konsum wie-
der zugelassen werden dürfen. Nun, das Schema F hat nicht
108 Zur Politik und Gesellschaft

funktioniert. Innerhalb der Intelligenz hat es zwar große


Verschiebungen gegeben, die Einkommen betreffend. Ärzte
waren bis vor kurzem, Lehrer sind, wie ich höre, noch jetzt
verhältnismäßig schlecht bezahlt (wenngleich besser als unge-
lernte Arbeiter); aber die Techniker haben den vorrevolutio-
nären Standard mindestens gehalten, oft überschritten. Aller-
dings mag ein Umstand hervorgehoben werden: Die In-
anspruchnahme derer, die viel verdienen, ist enorm, ver-
glichen mit anderen Ländern. Sie arbeiten fast immer an meh-
reren Stellen, und ihre Einkommen sind so zusammengesetzt.
Im ganzen scheint es, daß der Lebensstandard, unter dem blei-
bend der Betreffende seine Arbeit nicht mehr vollwertig ver-
richten kann, keineswegs eine mechanische Größe, für alle
gleich, ist. Wir halten uns im Augenblick nicht in moralischen
Kategorien auf: Der Anspruch auf einen hohen Lebensstan-
dard kann dem Ingenieur nicht zugebilligt, dem Arbeiter aber
angewiesen werden; nur ist es, in der Sphäre der Produktion,
so, daß zur Erhöhung des letzteren die Produktion gesteigert
werden muß, was durch die Reduzierung des ersteren aber unter
Umständen vereitelt werden könnte. Die Steigerung der Pro-
duktion ist selber nichts Mechanisches, einfach Mengenmäßi-
ges; sie bedeutet eine völlige Umartung der Produktion, bei
der die Stellungsunterschiede im Produktionsprozeß, etwa die
der Stellung des Arbeiters und der des Ingenieurs, zunehmend
aufgehoben werden. Für die Arbeiter ergibt sich dann die
gleiche Notwendigkeit eines hohen Lebensstandardes wie für
den Ingenieur, und zwar von der Produktion her.

Die Umwandlung der alten Welt in die neue erfolgt nicht


außerhalb der Welt, wie das einige der Kritiker erwarten. Die
technischen Kenntnisse, die das Proletariat zu seiner giganti-
schen Aufgabe benötigt, laufen nicht körperlos, sondern sozu-
sagen in Form von Technikern herum. Man kann ihnen nicht
IO
Marxistisdie Studien 9

einfach in Form einer Expropriation ihr Wissen und ihre


Künste abnehmen, sondern man setzt sich in den Besitz dieses
Wissens und dieser Künste, indem man diese Menschen be-
schäftigt. Ihre Kenntnisse und ihre Künste mögen lange Zeit
Mittel für sie gewesen sein, sich allerhand Vorteile in Form
eines hohen Lebensstandards zu verschaffen, sie werden solche
Mittel eine noch ein wenig längere Zeit bleiben können, wenn
es sich herausstellt, daß der hohe Lebensstandard seinerzeit
nunmehr die Kenntnisse und Künste verschafft. Was wir Profit
nennen, ist etwas ganz anderes als nur Mittel zu einem hohen
Lebensstandard für einzelne Leute; aber der Kapitalismus hat
nicht nur Profite erzeugt, sondern auch die moderne Produk-
tion. Die sozialistische Revolution hebt den Profit auf zugun-
sten der Produktion; sie kann nur gesteigert werden durch
Aufhebung des Profits, es wäre ganz sinnlos, die Produktion zu
gefährden oder zu ruinieren durch eine mechanische Reduk-
tion des Lebensstandards solcher Kräfte, die für den Aufbau
und Umbau der Produktion nötig sind. Um zu Gide zurück-
zukehren. Es würde von uns als ganz außergewöhnlich ver-
dienstlich gepriesen werden, wenn Gide oder seinesgleichen
dem Arbeiter im Kapitalismus klarmachen würde, daß er
allen Versprechungen der herrschenden Klassen und ihrer
Handlanger entgegen seinen Wochenlohn betrachten müsse.
Es gibt keinen ernsteren und aufrichtigeren Rat. Weder der
bürgerliche Pazifismus noch die bürgerlichen Religionen, so-
weit sie noch moralische Ambitionen haben, können dem Ar-
beiter etwas besseres raten. Und es gibt keine schlechteren
Apologeten des sozialistischen Aufbaus als diejenigen, die in
der Sowjetunion den Arbeiter solche Dinge wie »das beseeli-
gende Bewußtsein, sich einer großen Sache zu widmen,« ge-
winnen und seinen vielen Entbehrungen und Anstrengungen
keinen irdischeren Lohn winken lassen. Gide wittert die
Schwäche solcher Apologeten, hält sie jedoch nicht für schlechte
Apologeten, sondern für Apologeten einer schlechten Sache.
Und anstatt seinen Rat, den Wochenlohn zu betrachten, dem
i io Zur Politik und Gesellschaft
Arbeiter des Kapitalismus zu erteilen, erteilt er ihn dem Ar-
beiter der Sowjetunion. Worin liegt das Lächerliche dieses Vor-
gehens?

In diesen Sätzen ist von Freiheit die Rede. Freiheit ist allem
Anschein nach etwas sehr Allgemeines, Einfaches. Was es ist,
weiß doch wohl jedermann, der Sohn, dem der Vater das Stu-
dium vorschreibt, die Frau, die der Vater verheiratet und der
Ehemann gefangen hält, der Arbeiter, dem der Polizist die
Flugblätter aus der Hand reißt, der Schriftsteller, dem der
Redakteur den Artikel verstümmelt. Etwas so Einfaches wie
die Freiheit zu sehen, kam der alte Mann in das Land der
Sowjets, aus einem Land, wo soviel Unfreiheit herrschte. Was
er sah und hörte, erfüllte ihn mit Erstaunen und nicht mit
freudigem.
Er hörte, daß man in diesem Land, dem Land der Freiheit,
über Freiheit sonderbare Anschauungen hatte. Die Freiheit
galt hier keineswegs als etwas so ewig gleich zu Definie-
rendes, Allgemeines und Einfaches. In einer gewissen Weise,
hörte er, sei er selber eigentlich aus einem Land der Freiheit
gekommen. Man schlug ihm die kommunistischen Klassiker
auf, die großen Verdammer der Unterdrückung, und zeigte
ihm, daß sie zum Beispiel den Arbeiter in den kapitali-
stischen Ländern als im Zustand der Freiheit befindlich be-
zeichneten. Allerdings waren sie, wie immer, ziemlich genau
in ihren Ausführungen und sagten sogleich, was für eine Frei-
heit sie da meinten: die Freiheit von Produktionsmitteln.
Und das war keineswegs ironisch gemeint. So wenig ironisch,
daß sie zum Beispiel den Arbeitern abrieten, eigene Häuschen
zu erwerben, wo dies möglich schien, um nur ja diese Freiheit
zu bewahren. Nun, das waren eigentümliche Anschauungen.
Der berühmte Reisende war nicht gesonnen, zuzugeben, daß
er nicht wüßte, was Freiheitsdrang ist, jener universelle, ewige,
Marxistisdie Studien m

unverkennbare Drang, der doch gerade dadurch das Interesse


großer Reisender verdiente, weil er so universell und ewig
ist. [. . .]
Ende 1936, fragmentarisch

[Über die Moskauer Prozesse]

Dies ist meine Meinung, die Prozesse betreffend. Ich teile sie,
in meinem isolierten Svendborg sitzend, nur Ihnen mit und
wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir mitteilen, ob eine Argu-
mentation dieser Art Ihnen nach Lage der Dinge politisch
richtig erscheint oder nicht.

Was die Prozesse betrifft, so wäre es ganz und gar unrichtig,


bei ihrer Besprechung eine Haltung gegen die sie veranstaltende
Regierung der Union einzunehmen, schon da diese ganz
automatisch in kürzester Zeit sich in eine Haltung gegen das
heute vom Weltfaschismus mit Krieg bedrohte russische Prole-
tariat und seinen im Aufbau begriffenen Sozialismus verwan-
deln müßte. Die Prozesse haben auch nach der Meinung er-
bitterter Gegner der Sowjetunion und ihrer Regierung mit aller
Deutlichkeit das Bestehen aktiver Verschwörungen gegen das
Regime erwiesen und daß diese Verschwörernester sowohl Sa-
botageaktionen im Innern als auch gewisse Verhandlungen mit
faschistischen Diplomaten über die Einstellung ihrer Regie-
rungen bei einem eventuellen Regimewechsel in der Union
durchgeführt haben. Ihre Politik beruhte auf Defaitismus und
hatte die Herbeiführung von Defaitismus zum Ziel. Zweifel
an der Möglichkeit eines Aufbaus des Sozialismus in einem
Lande, Überzeugtheit von der Dauer des Faschismus in andern
Ländern, die Theorie von der Unmöglichkeit, die unentwickel-
ten Randgebiete unter Überspringung des Kapitalismus wirt-
schaftlich zu entwickeln, werden von allen Angeklagten, soweit
sie politisch argumentieren, zugegeben. Die psychologische
112 Zur Politik und Gesellschaft

Seite der Prozesse ist inzwischen immer mehr eine politische


Angelegenheit geworden. Die sympathisierenden Intellektuel-
len erschrecken ehrlich über die Geständnisse. Sie halten es
für unmöglich, daß die als große Revolutionäre bekannten
Angeklagten sich zu solchen Delikten wie Wirtschaftssabo-
tage, Spionage (und dazu bezahlter!) und Morden (und dazu
an Gorki!) bekennen würden ohne irgendwelchen unhumanen
»Druck« von Seiten der Untersuchungsbehörden; insbesondere,
da diese fast ganz unbekannt sind, was ihre eigene revolu-
tionäre Vergangenheit betrifft. Für das Vorliegen eines solchen
Drucks gibt es an sich sowenig Beweise wie dagegen. Für ihn
macht man geltend, daß die Geständnisse weit über ver-
nünftigerweise denkbare Vergehen hinausgehen und eine Reue
voraussetzen, die wieder eine absolute Einsicht in die eigene
falsche Konzeption voraussetzt: Es fragt sich also zunächst, ob
eine politische Konzeption denkbar ist, die die zugestandenen
Handlungen der Angeklagten motivieren könnte. Eine solche
Konzeption ist denkbar. Die unerläßliche Grundannahme
einer solchen Konzeption wäre: eine unüberbrückbare Kluft
zwischen dem Regime und den Massen, und diese Kluft müßte,
um eine Politik wie die der Angeklagten zu motivieren, nicht
nur als Kluft zwischen einem hohen Funktionärkörper und
den Massen der Arbeiter und Bauern, sondern als Kluft zwi-
schen der Kommunistischen Partei im ganzen und diesen Mas-
sen angesehen werden (denn der Apparat allein wird kaum den
Verlust jedes Krieges herbeiführen können). Ein solches Phä-
nomen könnte wiederum nur auf dem Zutagetreten unver-
einbarer Interessengegensätze zwischen Arbeiter- und Bauern-
schaft beruhend gedacht werden. Man müßte eine völlige
Unmöglichkeit für die Beherrschung der Produktion durch die
Arbeiterschaft annehmen, damit dann auch eine Unmöglichkeit
für die Beherrschung der Armee durch die Arbeiterschaft.
Nähme man diese Unmöglichkeit an, könnte man zu einer
Politik der Sabotage versucht sein: um die im Gange befind-
lichen Experimente vor einer totalen Schwächung des Prole-
Marxistisdie Studien 113

tariats als utopisch zu enthüllen. Außenpolitisch müßte man


sich auf Zugeständnisse gefaßt machen von der Art, wie sie
in den Prozessen besprochen werden. Das Ganze ist eine
Konzeption, die jedem Sozialdemokraten zuzutrauen wäre.
So denkbar also eine solche Konzeption ist, so denkbar ist
es, daß sie als falsch eingesehen werden kann. Dies besonders,
da sich das soziale Leben auf Grund der stürmisch fortschrei-
tenden Produktionsausweitung sehr rasch verändert. Die für
Revolutionäre so belastende Zusammenarbeit mit kapitalisti-
schen Generalstäben könnte auch »bloß« eine solche mit Ein-
zelpersonen sein, die von diesen ausländischen Stellen bezahlt
sind. Das macht im Endeffekt keinen Unterschied, weder für
die Anklage, noch für die Angeklagten. Sie sehen sich eben
umringt von jedem Gesindel, das an solchen defaitistischen
Konzeptionen Interesse hat. Einzugehen auf die Frage, ob sich
die Sowjetunion in ihrer jetzigen Lage imstande sieht, bei der
Aufdeckung und Diffamierung lebensgefährlicher Verschwö-
rungen mit konterrevolutionärer Tendenz den Forderungen des
bürgerlichen Humanismus nachzukommen, ist da ganz müßig.
Lenin selbst hat im Verlauf der großen Revolution, als er
den Terror verlangte, immer wieder gegen die rein forma-
listische Forderung, nach einem, dem tatsächlichen gesellschaft-
lichen Zustand nicht entsprechenden, in factum konterrevolu-
tionären Humanismus schärf stens protestiert. Damit wird nicht
der physischen Folterung das Wort geredet, eine solche kann
unmöglich angenommen werden und braucht auch nicht an-
genommen zu werden.

Die Leute reagieren so: Wenn ich höre, daß der Papst ver-
haftet wurde wegen Diebstahls einer Wurst und Albert
Einstein wegen Ermordung seiner Schwiegermutter und Erfin-
dung der Relativitätstheorie, dann erwarte ich, daß die bei-
den Herren das leugnen. Gestehen sie diese Vergehen, dann
nehme ich an, sie wurden gefoltert. Ich meine keineswegs,
ii4 ^ u r Poetik und Gesellschaft

daß die Anklage so oder ähnlich ist wie meine Karikatur,


aber für hier wirkt sie so. Was wir zu tun haben, ist: sie be-
greiflich zu machen. Wenn die in den Prozessen angeklagten
Politiker zu gemeinen Verbrechern herabgesunken sind, so muß
für Westeuropa diese Karriere als eine politische erklärt
werden; das heißt diese Politik als zu gemeinen Verbrechen
führend. Hinter den Taten der Angeklagten muß eine für sie
denkbare politische Konzeption sichtbar gemacht werden, die
sie in den Sumpf gemeiner Verbrechen führte. Solch eine Kon-
zeption ist natürlich leicht schilderbar. Sie ist durch und durch
defaitistisch, es ist, bildlich gesprochen, Selbstmord aus Furcht
vor dem Tod. Aber es ist einleuchtend, wie sie in den Köpfen
dieser Leute entstanden sein mag. Die ungeheuren natürlichen
Schwierigkeiten des Aufbaus der sozialistischen Wirtschaft bei
rapider und immenser Verschlechterung der Lage des Prole-
tariats in einigen großen europäischen Staaten lösten Panik
aus. Die politische Konzeption dieser Panik geht auf politi-
sche Haltungen zurück, die wir in der Geschichte der Bolsche-
wiki vorfinden. Ich meine Lenins Haltung in der Frage
Brest-Litowsk und in der Frage Neue ökonomische Politik.
Selbstverständlich sind diese Haltungen, so berechtigt 1918
beziehungsweise 1922, heute ganz und gar anachronistisch,
konterrevolutionär, verbrecherisch. Es besteht für sie weder
Notwendigkeit noch Möglichkeit. Schon in den paar Jahren,
die seit dem Entstehen dieser Konzeption vergangen sind, hat
sich das Anachronistische der Konzeption selbst für ihre
Konzipienten herausgestellt. Sie können selber ihre Meinun-
gen nicht mehr aufrechterhalten, empfinden sie als verbre-
cherische Schwäche, unverzeihlichen Verrat. Die falsche poli-
tische Konzeption hat sie tief in die Isolation und tief in das
gemeine Verbrechen geführt. Alles Geschmeiß des In- und Aus-
landes, alles Parasitentum, Berufsverbrechertum, Spitzeltum
hat sich bei ihnen eingenistet: Mit all diesem Gesindel hatten
sie die gleichen Ziele. Ich bin überzeugt, daß dies die Wahr-
heit ist, und ich bin überzeugt, daß diese Wahrheit durchaus
Marxistisdie Studien 115

wahrscheinlich klingen muß, auch in Westeuropa, vor feind-


lichen Lesern. Der Aasgeier ist kein Pazifist. Der Aufkäufer
bankerotter Geschäfte ist für den Bankerott. Der Politiker,
dem nur die Niederlage zur Macht verhilft, ist für die Nieder-
lage. Der der »Retter« sein will, führt eine Lage herbei, in der
er retten kann, also eine schlimme Lage.
Demgegenüber ist folgende Darstellung unwahrscheinlich:
daß sich, schon während der Revolution, vom Kapitalismus
bezahlte Agenten in die Regierung der Sowjets eingeschlichen
haben mit dem Vorsatz, in Rußland den Kapitalismus mit
allen Mitteln wieder einzuführen. Diese Darstellung klingt
unwahrscheinlich, weil sie das Moment der Entwicklung außer
acht läßt, mechanisch, undialektisch, starr ist. [...]

Die Prozesse sind ein Akt der Kriegsvorbereitung. Die Aus-


rottung der Oppositionen beweist nicht, daß die Partei zum
Kapitalismus zurückkehren will, wie bürgerliche Blätter (li-
beralistischer Prägung, »Times«, »Basler Nationalzeitung«,
»Manchester Guardian«, wahrscheinlich auch »Temps«) an-
nehmen, sondern daß jeder Rückzug, ja jede Schwankung,
Atempause, taktische Umbiegung schon unmöglich gewor-
den sind. Die Oppositionen aber hängen in der Luft, ihre
Vorschläge müssen alle konterrevolutionär, defaitistisch sein,
Sumpfperspektive, obgleich die ungeheure Anspannung na-
türlich die inneren Schwierigkeiten vermehrt. Trotzki sah
zunächst den Zusammenbruch des Arbeiterstaats in einem
Krieg als Gefahr, aber dann wurde er immer mehr die Vor-
aussetzung des praktischen Handelns für ihn. Wenn der
Krieg kommt, wird der »überstürzte« Aufbau zusammen-
krachen, der Apparat sich von den Massen isolieren, nach
außen wird man die Ukraine, Ostsibirien und so weiter ab-
treten müssen, im Innern Konzessionen machen, zu kapita-
listischen Formen zurückkehren, die Kulaken stärken oder
stärker werden lassen müssen; aber all das ist zugleich die
116 Zur Politik und Gesellschaft

Voraussetzung des neuen Handelns, der Rückkehr Trotzkis.


Die aufgeflogenen antistalinschen Zentren haben nicht die mo-
ralische Kraft, an das Proletariat zu appellieren, weniger weil
diese Leute Memmen sind, sondern weil sie wirklich keine
organisatorische Basis in den Massen haben, nichts anbieten
können, für die Produktivkräfte des Landes keine Aufgaben
haben. Sie gestehen. Es ist ihnen ebenso zuzutrauen, daß sie
zuviel als zuwenig gestehen. Unter Umständen sind sie
Werkzeuge, welche nur die Hand wechselten. Eine Betrach-
tung, die auf der einen Seite nur einen mechanischen »dia-
bolisch geschickten« Apparat, auf der andern heroische Per-
sönlichkeiten aus der Revolutionsepoche sehen, stempelt die
Geständnisse dann zu psychologischen Rätseln.

Voraussetzungen für die erfolgreiche Führung


einer auf soziale Umgestaltung gerichteten Bewegung

Aufgabe und Bekämpfung des Führergedankens innerhalb


der Partei.

Aufgabe der scharfen Trennung zwischen Zentralismus und


Einzelinitiative und der Betonung des ersteren.

Aufgabe der typischen Form des Arbeiterprotektionismus,


der sich gegen Kleinbürger und Bauern, also die proletari-
sierten Schichten wendet. Das Arbeiterproletariat muß den
Kampf für diese Schichten führen, nicht gegen oder ohne
Marxistische Studien 117

Hervorkehrung der ethischen Seite der Bewegung. Verwen-


dung bürgerlicher Ethik und Aufbau proletarischer.

Aufgabe alles unehrlichen Behandeins (taktischen Tauschens,


Neutralisierens und so weiter) der verbündeten Schichten,
dagegen Aufspürung und Verteidigung ihrer wirklichen In-
teressen.

Liquidierung allen Wortglaubens, aller Scholastik, aller Ge-


heimlehren, Pfiffigkeiten, Eingebildetheiten, aller mit der tat-
sächlichen Lage nicht in Übereinstimmung befindlicher Hoch-
näsigkeiten, Aufgabe allen Verlangens nach »Glauben« und
Übergehen zum Beweisen.

7
Aufbau einer großzügigen Propaganda der technischen und
ethischen Überlegenheit des Sozialismus für den Großteil
der Menschheit. Aufgabe des Herrschaftsanspruches des In-
dustrieproletariats und Angebot seines Vorkämpfertums. Die
Diktatur des Proletariats als die einfachste, unbestechlichste,
kürzeste, wirksamste und also praktischste Form des sozialen
Umbaus.
118 Zur Politik und Gesellschaft

Über ein Modell R als auslösendes Moment


der proletarischen Diktatur

Ablehnung aller mensdiewistisdien »Demokratie« auf Grund-


lage einer der Produktion entfernten staatlichen Einstellung.

Ablehnung aller bolschewistisdien »Disziplin« auf Grund


einer Einstellung, wonach ein staatliches Element (Staats-
ersatz) Maßnahmen trifft, zu produzieren.

3
Nichteinnehmen einer beratenden, onkelhaften, nach dem
kindlichen Willen lauschenden Haltung eines »Sprachrohrs«.
Sie verurteilt zur Untätigkeit, bloßen Selbstverständigung,
nimmt allen Analysen den organisierenden Charakter, min-
destens solange die revolutionäre Situation nicht »eintritt«,
hilft nicht, sie herbeizuführen (Verbreiten von Erkenntnissen
ist schwächer als Aufrichten von Kampfgruppen).

Schaffung von festgeschmiedeten Gruppen mit der Fähigkeit,


organisierend zu wirken (des Potenzierens), die innerhalb der
zu bildenden räteähnlichen Körperschaften Linien vertreten
können, damit die politischen Funktionen erfüllt werden
können. Das ständige Zurückgreifen auf die produzierenden
Massen, ihre ständige Mobilisierung erheischt eine zentrali-
sierte Propaganda (Aufklärung).
Marxistisdie Studien 119

Gewisse von Parteien geübte Praktiken (soweit sie in Wi-


derspruch stehen zu dem zentristisch apparativ parteimäßi-
gen, produktions- und massenfernen, aber die Ursache ihres
Erfolgs beim Proletariat oder für es ausmachen) müssen über-
nommen werden (nicht als »parteihaft« abgelehnt werden).

Betonung der räteähnlichen Körperschaften als Zweck, des


Parteimäßigen (R) als Mittel schon bei der und für die Orga-
nisation, ohne Starrheit.

[Masse und Revolution]


Die Beschreiber revolutionärer Vorgänge lassen oft jene inne-
ren Widerstände verschwinden, die sich in den Massen gegen
die Revolution halten oder neu erheben. Zeigend, wie das
große allgemeine Interesse eine Bevölkerung mehr und mehr
ergreift, indem die Masse sich ihres eigenen Interesses als
Masse mehr und mehr bewußt wird, vernachlässigen die Be-
schreiber die echten kleineren Interessengegensätze, die immer
noch lebendig sind oder neu zum Leben kommen. Die Ver-
nunft wird an die Spitze des revolutionären Zuges gesetzt,
gleichsam als Lokomotive, und so ist es schwierig, dem Wider-
stand Realität zu verleihen (das »Unvernünftige« ist unwirk-
lich). Aber jedermann, der eine revolutionäre Erhebung stu-
diert hat, weiß, welche inneren Schwierigkeiten eine Masse
hat, sich zu erheben. Der Mensch wirft sich in das Neue nur
im Notfall. Der majestätische Satz »Das Proletariat hat nichts
zu verlieren als seine Ketten« hat seine Gültigkeit in der hi-
storischen Sphäre und eben für die ganze Klasse, aber die
innere Geschichte einer Revolution besteht gerade darin, daß
120 Zur Politik und Gesellschaft
das Proletariat, das heißt die Proleten, sich dazu finden, als
Klasse zu handeln. In diesem Prozeß haben sie eine Menge
aufzugeben und viel zu riskieren. Beinahe als das wenigste
wird dabei merkwürdigerweise das Leben selber angesehen.
Es wird häufig leichter riskiert als etwa eine ärmliche Woh-
nung. Wenn die herrschende Klasse ihren Griff verliert, fallen
die Beherrschten zunächst meist zusammen. Die Institutionen
schwanken und zerfallen schon, und die Unterdrückten ma-
chen noch lange keine Anstalten, die Führung zu übernehmen.
Gegen sie steht ihre Religion, ihre Lebenskunst, die sie müh-
sam gelernt haben, viel davon vom Feind, einiges davon im
Kampf mit dem Feind, eine komplexe Ausstattung von Ge-
wohnheiten und Maximen. Deshalb muß der Umsturz selber
etwas Geschäftsmäßiges bekommen, ein organisiertes Unter-
nehmen, in dem sie Züge ihres Alltags wiedererkennen kön-
nen, kurz, vernünftig, um die Massen einzubeziehen.

[Doppelakt der Befreiung]


Das Proletariat kann den Staatsapparat nicht in die Hand
nehmen, ohne die Produktion in seiner Weise in die Hand zu
nehmen; dieser kann ohne jene und jene ohne diesen nicht um-
gebaut werden. Es ist ein Doppelakt der Befreiung. Ist dieser
Akt eingeleitet, seine Einleitung ist die Revolution, dann ha-
ben wir eine veränderte Produktionsweise und einen verän-
derten Staatsapparat, aber eben noch Produktion und Staat.
Es ist zunächst (und für lange Zeit) nicht Freiheit schlechthin
entstanden, sondern eine bestimmte Freiheit, nämlich eine
Freiheit, zu produzieren. Der Staat dient nunmehr der Pro-
duktion. Er funktioniert gut, sofern er die Produktion ermög-
licht, und er ist nötig, solang sie ihn braucht. Man kann seine
wirklichen Fehler ganz gut feststellen, da man seine Funktion
kennt. Es sind nicht einfach diejenigen seiner Eigenarten, wel-
che uns an einem Staat an und für sich nicht gefallen.
Marxistisdie Studien 121

[Über die Beamten]


Es ist nicht Sache der Beamten, die asozialen Regungen zu
unterdrücken (wenn es nicht ihre eigenen sind). Das ist nie-
mals Sache eines einzelnen, sondern immer der größeren Ein-
heit. Deshalb müssen die Beamten die unterdrückende Tätig-
keit ablehnen.
Es ist Sache der Beamten, das Beamtentum abzubauen. Der
beste Satz des besten Beamten lautet: Ich bin überflüssig ge-
worden. Deshalb ist es Sache der Beamten, überall, wo eine
Masse vor Aufgaben steht, in ihr Beamten zu erzeugen, welche
die Aufgaben zu bewältigen helfen, aber am Ende von der be-
wältigten Aufgabe selber bewältigt werden können.
Das schlechteste Organ des Beamten ist sein Gedächtnis.
Es ist ein Lehrstück für Beamte nötig, in dem sie die Diszi-
plinlosigkeit des »Publikums« unterstützen, Akten verbren-
nen und die Wahrheit anhören müssen.

Die Rechte der Gewerkschaftsmitglieder


Wenn ein Mitglied verhaftet wird, braucht er so lange nicht
mitzugehen, bis ein andres Mitglied seiner Gewerkschaft, das
er nennt, zur Stelle ist und mit ihm geht.
Ein Ankläger, der fünf Fälle gegen die Gewerkschaften ver-
loren hat, muß seinen Posten abgeben; ein Verteidiger, der
fünf Fälle gegen den Staat gewonnen hat, kann einen Posten
im Staatsapparat als Ankläger verlangen.
12 2 Zur Politik und Gesellschaft

[Auffassungen über Tatbestände]

Man soll lediglich feststellen, welche Tatbestandsauffassungen


bei dem (national oder international) klassenkämpferischen
Proletariat entstehen und ihm nützlich sind, die Tatbestände
für seinen Kampf zu verwerten. Diese Tatbestandsauf fassun-
gen soll man in Zusammenhang bringen, so daß ein axioma-
tisches Feld entsteht.

Dazu ist es'dienlich, Aussagen nur in einem Umfang zu ma-


chen, der für den Kampf notwendig ist.

[Lösung von der Basis aus]


Der Kampf verlangt, daß wir Leute aus dem proletarischen
Arbeiten in den Betrieben herausziehen und aus ihnen Poli-
tiker machen, Spezialisten für den Kampf. Werden wir sie wie-
der hineinbringen? Das kann nicht das Problem sein (denn wir
werden sie nicht wieder hineinbringen). Sie werden nicht mehr
Arbeiter werden. Aber vielleicht werden die Leute in den Fa-
briken Politiker werden? Und das Herausgehen wird nicht
mehr nötig sein nach dem Kampf? Das wäre eher eine Lö-
sung. Heraußen und herinnen war gleich in einer bestimmten
Zeit. Es muß wieder gleich werden. Aber wir müssen auch
nicht tun, als ob nicht eine Phase aufträte, wo ein Gegensatz
besteht, fühlbar wird, schmerzhaft. In dieser Phase treten die
Herausgegangenen den Drinnengebliebenen gegenüber, sogar
Kampf wird da möglich. Die Lösung muß von der Basis her-
kommen. Es muß sich etwas geändert haben. In die Entwick-
lung dieses Verhältnisses muß neue Materie eingemündet sein,
Marxistisdie Studien 123

damit die nächste Phase erreicht werden kann. Die Regierung


hört auf, wenn keiner regiert, das ist ein schlechter Satz. Die
Regierung hört auf, wenn alle regieren, das ist ein besserer
Satz. Es muß nichts mehr zum Regieren dasein. [...]
Fragmentarisch
Notizen zur Philosophie
1929 bis 1941
Wenn ich bedenke wie wenig ich weiß,
dann erschrecke ich.
Über Philosophie

Kurzer Umriß einer Philosophie


Die Philosophie lehrt richtiges Verhalten. Zu diesem Zweck
beschreibt sie erstens menschliches Verhalten und zweitens
kritisiert sie es. Um es zu beschreiben (zu erkennen und kennt-
lich zu machen), ist ebenfalls eine bestimmte Haltung nötig,
die gelernt werden muß. Diese Haltung wird gezeigt in der
Lehre vom interessierten Widerspruch. Dieselbe behandelt die
Probleme der alten Erkenntnistheorie.
Fragmentarisch

Über die Philosophie


Der Begriff der Philosophie hat zu allen Zeiten und bei allen
Völkern eine praktische Seite gehabt. Außer bestimmten Theo-
rien oder auf solche gerichtete Denktätigkeiten wurden immer
auch bestimmte Handlungsweisen und Verhaltungsarten (in
Form von Gesten oder »Antworten«) philosophische genannt.
Auch wurden bestimmte Menschen Philosophen genannt, die
sich keineswegs mit der Erzeugung von »Philosophien« be-
faßten, sondern eben nur durch ihr Verhalten diesen »Ehren-
titel« erwarben. Im Volk selber bezogen die »wirklichen«
Philosophen ihre Ehrung eher als umgekehrt von den Philo-
sophen der zweiten Gattung; also der »angewandten Philo-
sophie«.
12 8 Zur Politik und Gesellschaft

Über das heutige Philosophieren


Man kann es den Philosophen vorwerfen, daß sie zuwenig sa-
gen, wie man die Welt behandeln muß. Viele sagen schon, daß
sie ganz und gar nutzlos sind. Diesem strengen Urteil fügen
einige den Satz hinzu, nutzlos sei schädlich. Wenn man nun das
Philosophieren unserer Philosophen verteidigen will, dann muß
man sie in Schutz nehmen nicht nur gegen die Forderungen
ihrer Gegner, sondern auch gegen die Anerbieten, die sie selber
machen. Wenn sie nämlich wie gewöhnlich ihre Denkmöglich-
keiten durchprobieren, tun sie so, als sagten sie nicht über ihre
Sätze, Schließmöglichkeiten, Konstruktionsformen aus, son-
dern über die Welt oder den Menschen schlechthin. So wichtig
das zweite wäre, das sie nicht tun, so ist doch auch das erste,
das sie tun, nicht unnütz. Es ist eine erlaubte Tätigkeit, mit
dem Denken gewisse Proben anzustellen, die den Materialpro-
ben in der Technik gleichen, wo man Stahl zerreißt, um seine
äußerste Festigkeitsgrenze zu erforschen.
Diese Art des Philosophierens setzt Arbeitsteilung voraus. In-
sofern ist es zeitgemäß. Aber die Philosophen sollten nicht
glauben, daß ihnen diese Arbeitsteilung, die sie zu Spezialisten
macht, besondere Freiheit gewährt. Sie müssen sich zwar auf
diese Weise nicht allzusehr um die Tätigkeit anderer Arbeits-
felder kümmern, aber gerade dadurch befinden sie sich in einer
um so größeren, weil unkontrollierten Abhängigkeit von
ihnen.

[Mißtrauen gegen die Ungersche Philosophie]


Hierbei ist einer bestimmten Richtung der modernen Philo-
sophie, der Ungerschen, ein gewisses natürliches Mißtrauen
nicht zu versagen. Dem Marxismus gegenüber nimmt sie eine
zweideutige Haltung ein. Sie versucht, ihm ihre Lehren als
Konsequenzen einzureden, die er selber nicht zieht. Diese
Notizen zur Philosophie 129

Konsequenzen zieht sie aber auf rein geistigem Gebiete, sie


überspringt und ist in der Wirkung absolut gegenrevolutio-
när. Im übrigen ist sie rein ästhetisch eingestellt, versucht
aber natürlich, die Ästhetik möglichst auszuweiten. Ihre Hal-
tung der Kunst gegenüber ist typisch für die unserer In-
tellektuellen und daher nicht uninteressant: Sie steht völlig
unter dem Eindruck jener Theorien, die den Bankerott der
Kunst für gekommen halten und die auch auf die Marxisten
einen so großen Einfluß ausüben. Und sie versteht unter
Kunst anscheinend so ziemlich dieselbe Richtung der Kunst,
die sie dann sinnlos verallgemeinert. Dabei ist klar, daß kein
Mensch an dem Ruin der Kunst zweifeln kann, [dem] das,
was gegenwärtig als Kunst fungiert, wirklich Kunst ist. Es
ist aber interessant zu beobachten, daß gerade die Leute, die
das Schöpferische so lächerlich überschätzen (nicht zuletzt,
weil sie an einem waschechten preußischen Leistungskomplex
kranken), das Schöpferische vom Schöpferischen nie ausein-
anderkennen (ähnlich wie die Antisemiten immerfort reine
Arier für Semiten halten). Das was diese Leute für Kunst
halten und deren ihnen typisch erscheinenden Verlauf sie so
interessiert betrachten, ist nichts als der (übrigens tatsächlich
herrschende) entartete Teil der Kunst, der rein romantisch
eingestellt ist. Das ist die Kunst, die auf Mitleid und Sehn-
süchten aufgebaut ist. Diese Sehnsüchte sind allerdings der
praktisch ganz wirkungslose Rest von Gewissenspein, den
gewisse saturierte oder sonst impotente Kleinrentner sich
sorgsam wahren. Wie lächerlich ist es aber nun, den inneren
Zweck dieser »Sehnsüchte«, die da umständliche Mythen
bilden und so weiter, und der einzig darin besteht, sich um
einfache, plumpe und so wenig geistige Maßnahmen herum-
zudrücken, so vollständig zu verkennen, daß man sie für
schöpferisch hält und vorschlägt, endlich mit ihnen ernst zu ma-
chen, sie nicht mehr länger nur zur Produktion von Kunst-
werken zu verwenden, sondern sie »in die Tat umzusetzen«.
Dies ist einer jener komischen Vorschläge, die auf die
130 Zur Politik und Gesellsdiaft

Bezeichnung »revolutionär« übrigens durchaus Anspruch ma-


chen, am besten aber durch den einfachen Hinweis auf ihre
Harmlosigkeit gerichtet werden. Vom Standpunkt der Kunst
aus: Was können diese Leute anderes tun, als in Verlegenheit ge-
raten, wenn man ihnen sagt, daß in dem heute wirklich leben-
digen Teil der Kunst diese Sehnsüchte überhaupt nicht vor-
handen sind? Mit dem Begriff »schöpferisch« muß man ganz
besonders vorsichtig umgehen. Die Tätigkeit der großen
Kunst ist eine reproduzierende, so wie der Zeugungsakt ein
reproduzierender ist und nicht beweist, daß etwas fehlt, son-
dern daß etwas vorhanden ist. Beweist das Vorhandensein der
Kunst nicht, daß etwas Unzulängliches im Bewußtsein der
Menschheit ist, das durch die Phantasie irgendwie zulänglich
gemacht werden könnte, sondern wenn Unzulänglichkeit
überhaupt dabei eine Rolle spielt, so ist sie schon das völlige
Chaos, nicht ein Rest, der noch fehlt. Schöpferisch ist es schon,
das wirkliche Chaos zu reproduzieren, aber die Tendenz des
Kunstmachens ist es nicht, die dadurch gewonnenen Elemente
neu nach einem neuen Bild vom Ganzen zu formen, sondern
sie lediglich wieder in der alten Weise zusammenzufügen. Da-
durch kommt der Künstler und durch ihn der zum Künstler
gemachte Zuschauer in den Besitz des Schöpfungsvergnügens,
also ist die Kunst nicht der immer aufs neue unternommene
Versuch, ein dem Menschen innewohnendes, von der Wirklich-
keit nicht erreichtes Endbild in der Phantasie zu erreichen
(ein Vorgang, der dann nach Unger lediglich so zu korrigieren
wäre, daß die Worte »in der Phantasie« wegorganisiert wer-
den, damit das Dritte Reich, um das es sich ja wieder einmal
handelt, zustande kommt), sondern die immer aufs neue
notwendige Einsichtnahme in den Schöpfungsprozeß. Die
Auffassung der Ungerianer von der Kunst unterscheidet sich
von einer richtigen Auffassung ebenso, wie sich ihre Haltung
von einer wirklich philosophischen unterscheidet. Die wirk-
lichen Philosophen sind aus dem Stadium des Etwas-errei-
chen-Wollens herausgekommen, wenn sie begannen. Ihre Ta-
Notizen zur Philosophie 131

tigkeit beweist nicht das Vorhandensein eines Unerreich-


baren.
Etwa 1928

Totalität
Die Metaphysiker versuchen, und der Versuch beweist sie als
Metaphysiker, zur Totalität zu kommen, und sie tun so, als
gälte es, dieselbe lediglich nachzuweisen, so, als sei sie im
Grund vorhanden, müsse also nur aufgezeigt werden. Sie tun
so, das heißt, sie verstellen sich, denn wenn ihre Versuche miß-
glücken, also stets, zeigt es sich, daß sie ein Puzzlespiel gespielt
haben, bei dem sie gegen alle Spielregeln die Steine nicht nur
zusammensetzten, sondern auch heimlich bemalten.
Tatsächlich kann man sich eine Totalität nur bauen, machen,
zusammenstellen, und man sollte das in aller Offenheit tun,
aber nach einem Plan und zu einem bestimmten Zweck.
Jedermann weiß, daß zum Beispiel ein Haufen gewisser re-
volutionärer Verhaltungsweisen, also etwa Sinn für Gerech-
tigkeit, freiheitliche Bestrebungen, Gewalttätigkeit, List, ge-
wisse Kenntnisse und so weiter, keineswegs alle zusammen
und immerfort angewendet werden dürfen, wenn man eine
Revolution gewinnen will. Alle diese Verhaltungsarten und
noch ganz unbekannte dazu, müssen sich nach ganz bestimm-
tem Plan in die gemeinsame Aufgabe teilen, also planmäßig
auftreten und abtreten und im Augenblick ihrer Verwendung
noch dazu ohne jede Spur von Selbsterhaltungstrieb handeln.
Die Revolution ist ihr Bezugssystem, nur in Hinblick auf sie
treten sie auf oder ab. Die Revolution ist auf sie angewiesen,
aber sie nützen ihr nur, wenn sie nicht sich selbst durchsetzen
wollen, ohne Zugeständnis aneinander und so weiter.
132 Zur Politik und Gesellsdiaft

Zu Descartes »Betrachtungen«
Herauszufinden wäre, was ihm diese eine so unglückliche und
qualvolle Überlegung nützt oder zu nützen scheint. Denn zu-
nächst scheint es doch ganz und gar gleichgültig, was für uns
wahr und falsch ist, und auch ganz und gar unergründbar -
solange es eben nur um ein Erkennen und nicht um Handeln
geht, also um ein Erkennen, das jedenfalls vom Handeln ge-
trennt ist. Denn das ist ein doch ganz unnatürliches, das heißt
für gewöhnlich nicht vorkommendes Unterfangen, dessen
Nützlichkeit (oder Ziel) also durchaus genannt werden muß.
Wie kann dieser Untersucher erwarten, er könne über etwas,
was ihm nicht unmittelbar nötig zu wissen ist, etwas erfahren!
Das heißt, wenn er nicht handeln muß! Er erkennt das Papier,
vor dem er sitzt (und billigt ihm eine gewisse größere Sicher-
heit zu als vielem andern), denn er will schreiben. Schreibend
gewinnt er an Sicherheit in bezug auf das Papier. Auch das
Schreiben selber hat verhältnismäßig wenig Zweifelhaftes: Er
sehe hin und er wird sehen: er hat geschrieben. Aber über das
Wesen des Papiers ohne Manipulationen [.. .]* etwas zu
erfahren, wird sehr schwierig sein. Es ist durch Manipulatio-
nen entstanden, für Manipulationen da und hat drin seine
ganze mögliche Sicherheit. Es wäre unvernünftig, zu bezwei-
feln, daß man auf Schreibpapier schreiben kann. Auf den
ersten Blick erscheint es dagegen beinahe vernünftig, etwa
daran zu zweifeln, ob ein Quadrat unbedingt vier Seiten ha-
ben muß. Aber einmal haben wir (es gibt also auch uns) etwas
mit vier Seiten Quadrat genannt. Wir vergaßen die Zwecke
schneller als diese Bezeichnung, sowohl auch deshalb, weil sie
bald mehreren Zwecken genügte. Freilich kann ich bezweifeln,
ob ein Baum, den ich sehe, da ist. Wäre er nicht da, würde mir
aber vielleicht wenigstens der Sauerstoff fehlen, den er ausat-
met. Und wieviel, was ich nicht kenne, ist nötig, für vorhan-

1 [Nicht lesbare Handschrift.]


Notizen zur Philosophie 133

den zu halten, um für glaubhaft zu halten, der Baum, den ich


sehe, sei nicht da, und wieviel von allem müßte ich von dem
vergessen, was mir bekannt ist - von der Praxis her! Dennoch,
noch einmal: Die Fähigkeit, das Vorhandene zu bezweifeln,
steht selber über Vernunft oder Unvernunft und kann zwei-
fellos nutzbringend angewendet werden.
Etwa 1932

[Aus:] Darstellung des Kapitalismus als


einer Existenzform, die zuviel Denken und
zu viele Tugenden nötig macht
Als ich dieser Tage bei der Lektüre des Descartes diesen erör-
tern sah, daß er an allem, was er einst für wahr hielt, zwei-
feln könne, und ihm nun folgte, bis er als einziges Unbezwei-
felbares fand, er sei, da er doch denke, lehnte ich mich zurück
und dachte nach darüber, was er da gemacht hatte, und ich
nahm seinen Satz, eigentlich sein ganzes Tun, ausgedrückt auch
in seiner Haltung beim Schreiben, möglichst allgemein, und
ohne mich allzusehr in ihn selber hineinzuversetzen. Sondern
ich nahm ihn, meiner Gewohnheit nach, als einen Mann ganz
bestimmter Herkunft, bestimmten Standes, bürgerlichen Stan-
des, zu einer bestimmten Zeit, der Zeit des Heraufkommens
dieses Standes in Europa. Wenn ich ihn, so betrachtet, zweifeln
sah an allem, dann besonders an seiner Existenz, und ihn dann
in seinem maßlosen Zweifel einhalten sah vor der Tatsache
seines Denkens, beruhigt darüber, daß ihm nicht nötig war,
an allem zu zweifeln, aber auch darüber beruhigt, daß es ihm
möglich war, an so vielem zu zweifeln, kam mir der Gedanke,
daß dieser Mensch, plump genommen, eben in einer Zeit lebte,
wo er vielleicht auf keine andere Art, als durch Denken exi-
stieren konnte, aber durch Denken doch eben existieren konnte,
und ich dachte sofort: Das war eine andere Zeit als die
meine.
134 Zur Politik und Gesellschaft

Damit sprang ich natürlich ganz aus dem Denken des Descar-
tes, und was ich dachte, hat nur wenig mehr von seinem Den-
ken; es steht sozusagen quer zu seinem Denken. Das sage ich,
damit man nicht meint, ich wolle etwas darüber aussagen, was
er eigentlich gesagt habe, worauf man aber bisher nicht ge-
kommen sei. Ich springe aber mit ihm nur um, wie einer, der,
wenn er liest, [Galilei] habe in der Kirche, das Schwanken
eines Leuchters betrachtend, das Pendelgesetz entdeckt, an-
fängt zu fragen: Warum ging er in die Kirche, oder: Warum
sah er dort nach den Leuchtern?
So fragte ich mich bei der Lektüre der Grundlagen der Philo-
sophie jetzt: ob auch ich Lust und Möglichkeit hätte, an allem
zu zweifeln, was ich für wahr halte, und, wenn ja, meine Exi-
stenz in Zweifel stellte und dann annähme als unzweifelhaft,
diese sei gesichert, wenn ich und da ich doch denke, und zwar
das alles prüfen und entscheiden würde in ganz allgemeinem,
aber meinem Sinne.
Ich sagte sogleich, es habe sich mir vor allem andern aufge-
drängt, daß meine Zeit eine ganz und gar andere als die seine
sein müsse. Aber das andere war doch kein völlig anderes; es
war nur anders, wie der Morgen und der Abend ein und des-
selben Tages anders sind. Stand jener am Anfang, so stand ich
am Ende einer Zeit. Und da es eine Zeit war, Frühe und Abend
eines einzigen Tages, fühlte ich mich wohl auch aufgelegt zu
ähnlichen Fragen. Und da der Morgen und der Abend eines
einzigen Tages so sehr anders sind, fühlte ich, daß auch die Ant-
wort auf die Fragen anders ausfallen müßte.
So konnte auch ich zweifeln an meiner Existenz, und auch ich
konnte mir eine Sicherung derselben nur erhoffen durch ein
Denken, und es machte zunächst nichts aus, daß ich unter Exi-
stenz etwas ganz Profanes verstand, nämlich das, was der ge-
wöhnliche Mann eben Existenz nennt, nämlich, daß er eine
Arbeitsstelle hat, die ihn nährt, kurz, daß er leben kann. Und
auch ich konnte nicht gut zweifeln, daß ich diese Existenz
einzig und allein durch Denken, wenn auch im weitesten
Notizen zur Philosophie 135

Sinne, sichern kann. Ich sage Denken im weitesten Sinne,


aber da verstehe ich unter Denken nicht jene Tätigkeit, die
alle andere Tätigkeit ausschließt, das, was von den Philoso-
phen gemeinhin reines Denken genannt wird.
Ohne ein solches Denken glaube also auch ich nicht existieren
zu können, aber kann ich es nur mit diesem Denken in der so
sehr anders gewordenen Zeit? Das war es, was mich beschäf-
tigte. Ich fand gleich ohne weiteres — und ich bemühe mich
zunächst gar nicht, sehr feine Unterscheidungen zu machen —,
daß ich, um zu existieren, noch mehr als nur Gedanken ha-
ben muß, nämlich auch ziemlich viele Tugenden und beson-
dere Fähigkeiten, und zwar von all dem mehr, als Descartes
brauchte. Genauer ausgedrückt: Ich fand, daß allerlei Um-
stände zu meiner Zeit es möglich machen müßten, mit weni-
ger von all dem doch sehr Anstrengenden auszukommen, als
zu seiner Zeit nötig gewesen wäre, und ich brauchte nicht we-
niger, sondern mehr!
Das beunruhigte mich, und ich beschloß, darüber nachzu-
denken.

Scheint es mir so in besonderem Maße nötig, zu denken, so


kann ich mir doch nicht verhehlen, daß seit der Zeit, wo das
abendländische Denken seinen beglaubigten Anfang nahm,
viele Veränderungen stattgefunden haben, welche das Denken
des einzelnen sehr erschweren. Als Descartes seine Prinzipien
schrieb, verfehlte er überdies nicht, einleitend zu bemerken,
daß er ein reifes Alter abgewartet habe und über ein Vermö-
gen verfüge, so daß sein Geist von allen Sorgen frei sei. Auch
erwähnt er seine wissenschaftliche Schulung und setzt diese so
hoch an, daß er betont, sein Verstand sei im übrigen in keiner
Beziehung vollkommener als der eines Durchschnittsmenschen.
Mir fehlt die Reife des Alters, die Sorglosigkeit, die ein Ver-
mögen verschafft, und die strenge Schulung, und doch muß
ich versuchen, zu einem Denken zu kommen, das besser ist
136 Zur Politik und Gesellschaft

als mein bisheriges. Alles, selbst meine Lebensdauer, meine


materielle Existenz und meine Möglichkeit, mich zu schulen,
hängt davon ab. Während dieser Descartes und manch einer
seiner Art und seiner Zeit ihre Angelegenheiten geordnet sa-
hen, als sie zu denken begannen, beginne ich damit oder nehme
mir vor, damit zu beginnen, zu einer Zeit, wo sie ganz und
gar ungeordnet sind und: um sie zu ordnen. Das bestimmt na-
türlich auch die andere Richtung meiner Bemühungen, sie ge-
hen nicht nach dem, was übrigbleibt, wenn das Leben einge-
richtet ist, sondern befassen sich mit dieser Einrichtung des
Lebens selber. Wie man hoffentlich sieht, nenne ich Descartes
hier nicht, um meine eigene Bemühung, indem ich sie mit der
seinigen vergleiche, bedeutender zu machen. Ich nenne ihn
nur, weil dieser große Geist in besonderer und bekannter
Weise eine Art des Denkens eingeleitet hat, die mir versagt ist,
und auch, weil er den Gestus des Von-neuem-Anfangens so
berühmt gemacht hat. Und auch ich muß von neuem anfan-
gen, wenngleich nicht unbelehrt. Es scheint mir eben, daß
meine Lage der seinigen gleicht, vor allem in ihrer Schwierig-
keit; im übrigen hoffe ich sehr, daß zu ihrer Meisterung we-
niger Geist genügen möge, als er ihm zur Verfügung stand.
Dabei ist mir nicht mit weniger Erfolg geholfen als ihm,
sondern nur mit mehr, denn nicht nur mein Denken
muß verändert werden, sondern eine ganze Welt, mit
andern Worten: eine ganze Welt und nicht nur mein Bild
davon. Um so schlimmer also für mich, aber ich habe keine
Wahl.

[Über den Erkennungsvorgang]


Beim Erkennungsvorgang hat der Intellekt außer dem Or-
ganisieren des Erfahrenen oder der (erst zu tätigenden) Er-
fahrung noch die Funktion des Auffälligmachens der Vor-
gänge, einer Konfrontierung derselben mit einer gedachten
Notizen zur Philosophie 137

Negation. Das Es-ist-so wird staunend aufgenommen als ein


Es-ist-also-nicht-anders.
Man bekommt also fast immer nur vergleidisweise Wahrheiten.

Audi der Satz »Cogito ergo sum« hat eine ungleidie (und ver-
gleidisweise) Wahrheit. Es müssen noch viele Sätze dazukom-
men, um ihn zu stützen. Das Sein wie das Denken ist etwas
Vergleidisweises und Ungleidies (Steigerbares). Der Satz ist
auch nur als Grundstein eines ganzen Gebäudes gedacht. Er
ist nicht durch sich selber richtig.
Was meint er? Will er sagen: Man muß an allem zweifeln, so-
lang man keinen Beweis hat. Man muß mit der Bezweiflung
der eigenen Person (als des noch Sichersten) beginnen. Man
darf sie nur glauben, weil man sie beweisen kann. Ihr Beweis
ist: sie denkt. Will er das sagen? Da es viel Seiendes gibt, das
(zumindest vergleichsweise) nicht denkt, könnte dieses Seiende
sein Sein niemals nachweisen. Der Satz heißt also: Ich bin
bewiesen durch das Ich; wenn ich auch nicht denken könnte,
wäre ich vielleicht auch, könnte es mir aber nicht nachweisen.
Das Nachweisen und das Den-Nachweis-Aufnehmen ist ein
Denken. Ist also der Selbstnachweis der Person gelungen? Es
ist nur Denken als eine Art des Seins behauptet; es gibt aber
noch mehr Arten des Seins.

Der Zweifel müßte unbedingt an alle Dinge zusammen ge-


setzt werden, denn da alle Dinge miteinander zusammenhän-
gen, kann ich einzelne ja gar nicht abgrenzen, und im Grund
zweifle ich ja auch nicht an den Dingen, sondern nur an mei-
nen Sinnen, die sie mir vermitteln, und zwar vielleicht un-
genau oder falsch. Aber in Wirklichkeit tue ich gerade das, was
ich nicht tun kann: Ich zweifle an dem einen Ding mehr als
dem andern, oder: Ich weiß von dem einen Ding mehr als von
dem andern, und noch etwas: Ich weiß von ein und demselben
Ding verschieden viel; ich kann nämlich mehr und mehr da-
von erfahren. Und dieses Mehr-als und dieses Mehr-und-
13 8 Zur Politik und Gesellschaft

mehr sind sehr wichtige Operationen oder Kategorien.1 Wir


stimmen also im Grund überein mit Descartes, wenn er zwei-
felt, das Ding erkennen zu können, nämlich das substanti-
vische starre, sich nicht ändernde Ding. Nur nehmen wir nicht
an, daß dies an der Art des menschlichen Geistes liegt, son-
dern meinen, daß es dieses Ding gar nicht gibt, wie es Kant
zum Beispiel haben will, um es zu erkennen oder nicht zu er-
kennen.

Über »Das Ding an sich«

Die Frage nach dem Ding an sich wird gestellt in einer Zeit,
wo auf Grund der ökonomisch-gesellschaftlichen Entwicklung
die Verwertung aller Dinge in Angriff genommen wird. Die
Frage aber zielte nicht nur ab auf die Auffindung neuer
Brauchbarkeiten an den Dingen, sondern bezeichnete auch den
Widerspruch zu einer Betrachtung der Dinge nur nach Ver-
wertbarkeit hin: Die Dinge sind nicht nur für uns, sondern
auch für sich. Allerdings sind sie auch in diesem absoluten Zu-
stand noch verwertbar . . .

Man darf nicht vergessen, daß das Besitzgefühl eine unge-


heure Rolle zu spielen begann. Der feudale Besitz war eine
Folge der Macht. Jetzt wurde die Macht eine Folge des Be-
sitzes. Sogar Wissen war Macht, weil es Besitz war oder wer-
den konnte. Der diesen Satz aufstellte, Bacon, definierte aus-
drücklich das Wissen als »zu verwerten wissen«. Die Menschen

i Die Operation mit diesen Begriffen ermöglicht die Auflösung der Kant-
sdien Zweifel und die Fruktifizierung der Descartesschen.
Notizen zur Philosophie 139

nahmen sich nicht mehr nur von den Dingen, was sie brauch-
ten, sondern, ein Ding besitzend, suchten sie neue Brauchbar-
keiten an ihm ausfindig zu machen. Es war jetzt auch zu
verwerten, was andere brauchten. Das Ding wurde ungeheuer
gedrängt, möglichst viel herzugeben.

Das Ding als Ware wiederum wurde ungewohnt undurchsich-


tig, um so mehr, als auch der Mensch selber als Arbeitskraft
Ware wurde, so daß der Substantive Charakter des Dinges zu
schwinden begann. Es entstanden dem Betrachtenden Dinge,
welche eigentlich Verhältnisse waren, und Beziehungen zwi-
schen Menschen oder Dingen nahmen Dingcharakter an. Heute
kann überhaupt kein Ding mehr genannt werden von der Art,
wie Kant es behandelte: Anderes als das Kantsche Ding ist
unkennbar.

Die Dinge sind für sich nicht erkennbar, weil sie für sich auch
nicht existieren können.

5
Der Baum erkennt den Menschen mindestens so weit, als er
die Kohlensäure erkennt.

Zur Erkenntnis des Baums gehört für den Menschen die Be-
nutzung des Sauerstoffs. Der Begriff des Erkennens muß also
weiter gefaßt werden.
14° Zur Politik und Gesellschaft

Erkenntnistheorie muß vor allem Sprachkritik sein.

Das Leben selber ist ein Erkennensprozeß. Ich erkenne einen


Baum, indem ich selber lebe.

Kants unerkennbares Ding an sich


Der Unterschied, der bei Kant zwischen erkennbar und un-
erkennbar gemacht wird, sollte von uns zum hauptsächlichen
Objekt unserer Kritik gemacht werden. Nicht umsonst setzt
unsere Kritik immer dort ein, wo das Ding an sich die wahr-
nehmbaren Erscheinungen verursacht. Sollten wir nicht ein-
fach sagen, daß wir nichts erkennen können, was wir nicht
verändern können, noch das, was uns nicht verändert? Dann
ergeben sich an einem Ding tatsächlich immer Punkte, welche
wir nicht erkennen können (da wir sie nicht verändern kön-
nen oder müssen), es entsteht also auch ein Ding an sich, das
nicht (da nicht ganz) erkennbar ist, aber dieses Ding an sich
ist unverwertbar uninteressant, wirkt auf den Wahrnehmen-
den tatsächlich gar nicht ein und wird im Gegenteil (wenn
auch niemals ganz, also eigentlich wahrnehmbar, aber doch)
sogar wahrnehmbar, wo es nicht wahrnehmbar war, also er-
kennbarer, indem eben seine wahrnehmbaren, da veränderli-
chen Punkte das Ding (an sich) ihrerseits verändern können.

Über die Beurteilung der Philosophie


Zweierlei muß man sich bei der Beurteilung der vorhandenen
Philosophie gesagt sein lassen. Erstens muß man die Philoso-
Notizen zur Philosophie 141

phie eines bestimmten Philosophen der Frage unterwerfen,


welche Vorschläge bezüglich der Art, dies oder das aufzufassen,
sie enthält, also, wie er wünscht, daß dies oder das vorgestellt
werde. Dann wird man leicht auf den Zweck seiner Vorschläge
kommen, den historischen subjektiven und den objektiven, wel-
chen die Historie dadurch erfüllte, und vom Zweck aus wird
man aus seinen eigenen Interessen heraus seine Philosophie bes-
ser verstehen und sich aus ihr sogar einzelnes herauslesen kön-
nen, was den eigenen Zwecken dienen kann. Das letztere wird
man nicht so barbarisch finden, wenn man erwägt, daß die
Welt gemeinhin so eklektisch verfährt und daß es doch falsch
ist, eine Philosophie etwa hauptsächlich als Ausdruck eines be-
stimmten Kopfes zu nehmen, als eine Spielart des Geistes
schlechthin. Dabei mag für jene kulinarischen Gemüter etwas
herausschauen, die ihren eigenen Kopf als einen menschlichen
für bedeutender halten, wenn sie sehen oder zu sehen meinen,
daß ein menschlicher Kopf bedeutend sein kann. Für diese sind
die Philosophen wie Flieger, die in immer die gleiche Luft auf-
steigen und dort [um] des Sportes willen Rekorde aufstellen,
welche nichts anderes bezielen als eine Befriedigung der mensch-
lichen Eitelkeit. Die Philosophen sind auch nicht wie mit Was-
ser gefüllte Eimer, die immer den gleichen Mond spiegeln,
und zwar so klar, wie sie als Wasser eben klar sind. Aus einem
Vergleich des Gespiegelten und des Spiegels kann man weder
die Welt noch den Kopf erkennen, und zwar hauptsächlich,
weil die Kopfe gewisser Zwecke wegen die Welt, die ja immer
verschieden ist, noch dazu in ihrer Darstellung, veränderten.
Und eben dieser verschiedenen Zwecke wegen kann man auch
aus der Reihenfolge der Philosophien nicht allzuviel heraus-
lesen. Dennoch kommen wir hier auf das zweite, was gesagt
werden muß. Wenn die Philosophen Vorschläge machten, die
Welt so oder so vorzustellen, so darf man nicht glauben, sie
entwarfen diese Vorschläge ganz unabhängig von den schon
vor ihnen gemachten Vorschlägen.
142 Zur Politik und Gesellschaft

Über das Idealisieren als Operation


Did Arbeitsweise der Philosophen kann man besser, als wenn
man sie ihre Systeme bauen sieht, beobachten, wenn man sie
die Systeme anderer Philosophen kritisieren sieht. Denn bei
ihrem eigenen Werk sieht man meist allzu gespannt auf das Sy-
stem selber, also den Bau.1 Das in Aussicht gestellte Ganze,
das man so früh wie möglich zu ahnen sucht, gibt jedem Satz
einen Vorschuß, anders gesagt: Der Leser eilt, die Sätze anzu-
erkennen, um sie dem Ganzen zuliebe zu verlassen, er baut mit.
Noch auf der vorletzten Seite hält er alle Sätze für reine Defi-
nitionen, die man zunächst einmal fressen muß, um das so un-
endlich wichtige »Ganze« zu begreifen. Anders, das heißt, in-
dem sie ihre Kraft zu suggerieren anders verwenden, gehen die
Philosophen vor, wenn sie Philosophen entlarven wollen. Dann
nämlich beschreiben sie dieselben als ziemlich skrupellose und
voreilige Konstrukteure, nicht als Finder, sondern als Erfinder,
und ein appetitmachender Slang von Werkzeug, terminus tech-
nicus, technischen Griffen macht sich breit: Man sieht Hand-
werker an der Arbeit. So beschreibt Hegel den Kant und
Schopenhauer den Hegel rein als einen sich Verhaltenden, Ope-
rierenden, Machenden. Und indem sich die Erkenntnisse des
Kritisierten in Vorschläge, sich zu verhalten, verwandeln,
in Anweisungen, der Wirklichkeit gegenüber schlau zu sein,
werden auch die Zwecke des Verhaltens deutlich, und man
kann genau wie der Kritisierende herausfinden, ob der Zweck
des Kritisierten einem paßt. So werden die Interessen deutlich
und mit den Interessen die Philosophien.

i Der Philosoph scheint zu verfahren wie gewisse Zeichner, die eine Fläche
schraffieren, so daß die unsichtbare, aber vorher »darunter« angebrachte
Zeichnung heraustritt, ganz von selber sozusagen. Man sieht niemand die
»eigentlichen« Striche machen, so wie der Philosoph könnten auch wir das
Schraffieren besorgen, und wir könnten oben oder unten oder in der Mitte
damit beginnen, da ja das »Ganze« schon da ist, und überall, wo man
schraffiert, heraustreten muß.
Notizen zur Philosophie 143

Über den Idealismus


Russell nennt als Hauptcharakteristikum der klassischen Phi-
losophie mit Recht den Glauben, daß die Wirklichkeit gänz-
lich verschieden sei von dem, was sie der unmittelbaren Beob-
achtung gegenüber zu sein scheine.
Dieser Glaube war als Haltung der Beobachtung gegenüber
sehr erfolgreich, denn sie verbesserte die Beobachtung. Der
Wirklichkeit gegenüber aber sehr verhängnisvoll, denn sie
brachte die so verbesserte Beobachtung um alle Hoffnung. An-
statt daß man zur Grundlage unserer Kenntnis von der Wirk-
lichkeit das unmittelbar Beobachtbare wählte, durch Kritik
die Beobachtung verbesserte und mit Behauptungen über die
möglichen Erfolge von verbesserten Beobachtungen etwas ab-
wartete, bis sie verbessert und gemacht waren, also anstatt daß
man die Kritik der Beobachtung nicht ohne weiteres zu einer
Kritik der Beobachtungsmöglichkeit erweiterte, baute man,
außerstande zu warten (man war es nicht, weil man individua-
listisch vorgehen mußte), eine andere originale neue »eigent-
liche Wirklichkeit« auf, die die Fähigkeit haben sollte, über-
haupt keiner Kritik zugänglich zu sein, und von der man im
Grund gar keine andere Eigenschaft erwartete. Da es sich nur
darum handelte, unwiderlegt zu bleiben (Unwiderlegbares zu
formulieren), kam man mit reiner Logik aus, einem bestimm-
ten Wortmaterial, einem Haufen operativer Gesten. Da man
nach diesen Logikern durch keine Beobachtung zu wirklicher
Erkenntnis kam, brauchte man keine Erkenntnis durch eine Be-
obachtung zu stützen. Die »uneigentliche Wirklichkeit«, das,
was jeder sah, zum Beispiel der Philosoph selber, war nur ein
Schein, eine Unvollkommenheit, Vergröberung oder Verzer-
rung des Eigentlichen. Wenn man heute über den Wert verschie-
dener idealistischer Konstruktionen urteilen will, so sollte man
eine Unterscheidung treffen zwischen der jeweiligen Konstruk-
tion und dem Konstruieren und sich lediglich mit dem letzteren
befassen. Das Idealisieren hat ganz bestimmte gesellschaftliche
144 Zur Politik und Gesellsdiaft

Funktionen, darunter sehr wertvolle. Es findet außerdem be-


ständig statt und ist kein Gegenstand einer Morallehre. Es ist
eine mentale Operation, ein bestimmtes intelligibles Verhal-
ten, das in bestimmten Situationen erfolgreich sein kann, aber
auch stattfindet, wo dies nicht der Fall ist.

[Notizen]
Im Gegensatz zum Idealismus muß einem der Materialismus
immer sagen, was bei ihm herauskommt, den Idealismus da-
gegen muß man fragen, woraus er herauskam.

Leben heißt für den Menschen: die Prozesse organisieren, de-


nen er unterworfen ist.

Über Vorstellungskritik
Die Kant-Goethesche Ästhetik postuliert, daß die genießende
Person von ihren Interessen gelöst sei. Durch ihre Interessen
nämlich ist die Person zu eindeutig (zu fest) bestimmt, um alle
Haltungen einzunehmen, die sie (ohne durch Interessen be-
stimmt zu sein) einnehmen könnte. Denn an sich ist dem Men-
schen nichts Menschliches fremd. Die Kunst gestattet ihm, sich
allgemein menschlich zu geben, was er sonst nicht kann. Sie
gestattet also eigentlich, auf (seinen) Interessen zu verharren,
welche nicht allgemein menschlich sind, nämlich »im Leben«.
Die Welt des Künstlers enthält also im Grund alles, was zu
einer Welt nötig ist. Sie kann als Ganzes genossen werden,
und zwar - nach Aufgabe der individuellen Interessen - ohne
Gefahr. Der Genießer kann durch Einfühlung (Mimesis) zu
nichtinteressebedingtem Verhalten kommen. Jedenfalls wird
ihm dies zugesagt.
Darin liegt eine grobe Tauschung.
Notizen zur Philosophie 145

Um selber erkennen zu können (zum Beispiel gewisse Vorgänge


und Haltungen) vor allem, muß der Künstler selber Interessen
haben, und zwar ganz bestimmte, jedenfalls andern Interessen
entgegengesetzte, und um seine Schilderung zu einer Erkennt-
nis zu machen, muß der Genießer ebenfalls Interessen haben,
ebenso bestimmte. Diese Interessen, die nötig sind, um zu er-
kennen, geben aber den Vorgängen ihre bestimmte Deutung
und schließen viele Haltungen aus. Der Genießer genießt zwar
in der Kunst etwa den Brand eines ihm nicht gehörenden
Hauses einschließlich der Empfindungen, die er als Besitzer
hätte, aber die Haltung des Besitzens ist eine seinen Interessen
dienende. Die Interessen tauchen also im Kunstgenuß wieder
auf und machen ihn überhaupt erst möglich. Darin liegt die
grobe Tauschung.
Über Dialektik

Betreffend: Eine Organisation der Dialektiker

Die Verbreitung wirklidier Dialektik kann nidit auf eine


bloße Vermehrung des Wissens hinauslaufen, wobei es gleich-
gültig wäre, wessen Wissen vermehrt würde. Das Wissen der
aufsteigenden Klasse ist unmittelbar eingreifend, eben dialek-
tisdi und anders gar nidit existierbar. Der Ansporn für die
Intellektuellen bestünde gerade darin, daß sie hier unmittel-
bar verwertbares Wissen, das heißt eingreifendes Wissen, aus-
bilden können und dadurdi selber im Klassenkampf verwert-
bar werden, aber audi der große Kampf der proletarisdien
Klasse so für sie die Verwertung ihres Wissens und so ihrer
selbst wird.

Die Anwendung wirklidier Dialektik wird in dieser unserer


Gesellsdiaftsordnung sofort und unmittelbar zu direkt revo-
lutionären Aktionen und Organisationen führen müssen, wo-
bei die (bürgerlidie) gesellsdiaftlidie Tätigkeit als Ausgangs-
punkt für Organisationen und Aktionen dient. Zum Beispiel
wird eine dialektische Biologie eine ganze Anzahl von Medi-
zinern in direkte Kämpfe mit der - Polizei verwickeln. Eben-
so steht es mit der Technik und so weiter. Die Revolutionie-
rung braucht auch nicht nur etwa von dem Idealismus der
reinen Forscher erwartet zu werden (obwohl die »Bloß-
legung der Wurzeln« einer Tätigkeit, also der Antagonis-
men, ihrer scheinbar ins Unendliche gerichteten Aufgabe, ohne
die sie nicht ausgeübt werden kann, und ihrer tatsächlichen
Begrenzung durch die profitable Verwertung auch schon um-
Notizen zur Philosophie 147

wälzend wirken kann), auch die materielle Auswirkung der Pro-


duktion der Kopfarbeiter wird doch zunehmend abgewürgt!

Das Erfassen der ganzen intellektuellen Schichten ist weder


möglich noch notwendig. Notwendig ist ihre Sprengung.
Etwa

Ziele der Gesellschaft der Dialektiker

Konstruktion von Ansichten, die ein Verhalten ergeben oder


aus einem solchen kommen

und zusammenpassen. Ein solches axiomatisches Feld kann


nur das revolutionäre Proletariat konstruieren.

Die bürgerliche Klasse erhält widerspruchsvolles Feld. Sie be-


nötigt allenthalben Ansichten (Verhaltungsarten), die nur zur
Stützung anderer, schon aufgegebener Verhaltungsarten nötig
sind. (Idealismus und Physik, ersterer in einem soziologischen,
letztere in einem ökonomischen Feld nötig.)

Verzicht auf Beweis außerhalb des Feldes. Nichtmerkung des


»Un wider leglichen«.
148 Zur Politik und Gesellschaft

Was greift wo ein? Auflösung der Kategorien. Die Zertrüm-


merung des »beschränkten Zusammenhangs«. Wohin führt
dies und das?

6
Kausalität zum Beispiel nur, wo sie herstellbar anzuerkennen.

7
Verhalten als Logik. Geschäftsordnung als Ordnung.

Bereitstellung der Zitate. Lehre des Zitierens. Lehre der ein-


greifenden Definition. Die Interessenangleichung.

9
Das methodische Denken von mehr als einem.

Operieren mit widerspruchsvollen Fakten und Sätzen. (Der


Widerspruch soll nicht entfernt, wohl aber synthetischen hö-
heren Begriffen untergeordnet werden. Aufsuchen solcher Be-
griffe.)
Etwa19J1
Notizen zur Philosophie 149

Grundlinie für eine Gesellschaft für Dialektik

Die Gesellschaft beschäftigt sich mit materialistischer Dialek-


tik, betont dies aber nicht öffentlich, um ihren Mitgliedern
keine Schwierigkeiten zu bereiten.

Die Gesellschaft organisiert ein bestimmtes eingreifendes Den-


ken auf allen wissenschaftlichen, politischen und künstlerischen
Gebieten.

Sie organisiert eine Lehre vom Verhalten des Menschen auf


Grund der Erkenntnisse der Dialektik, die das Verhalten der
Dinge und Menschen beschreibt. Sie erzieht Dialektiker.

4
Sie erzieht diese Dialektiker zu Organisatoren von Dialekti-
kern. Jedes ihrer Mitglieder beginnt seine Lerntätigkeit zu-
gleich mit einer Lehrtätigkeit; es organisiert sofort.

5
Die Arbeiten in den einzelnen Fachgebieten werden in Zusam-
menarbeit mit den auf anderen Fachgebieten tätigen Mitglie-
dern ausgeführt.

Die Facharbeiten beschäftigen sich vorzüglich mit der Entwick-


lung ihrer Wissenschaft, sie arbeiten an der Grenze derselben,
150 Zur Politik und Gesellschaft

einerseits den andern Wissenschaftsfächern, andrerseits den


Schwierigkeiten bei der realen fortschreitenden Entwicklung
alter Wissenschaften gleichermaßen hemmenden ökonomisch-
politischen Zuständen gegenüber.

Die Dialektiker bringen Ordnung, das heißt Übereinstimmung


in alle Meinungen, die das Verhalten der Menschen bestim-
men, indem sie untersuchen, wieweit sie die Entwicklung
ermöglichen oder hindern.

Die proletarische Dialektik


Da das Proletariat von der Bourgeoisie produziert wird, in
ihrem Schöße heranwächst, in einem ständigen Interessen-
konflikt, der aber zeitweise von Konflikten der beiden Klas-
sen mit anderen Klassen überschattet und zurückgedrängt
wird, hängt auch die Lebensauffassung der proletarischen
Klasse ab von der sie produzierenden Klasse. Die Bourgeoisie
produziert als ihre größte philosophische Leistung eine Dia-
lektik. Diese ist eine Betrachtungsweise, welche in einheit-
lich auftretenden Formationen wachsende Gegensätze auf-
spürt, eine auf Veränderungen, Umwälzungen, Entwicklung
das Interesse lenkende Betrachtungsweise. Diese Dialektik,
diese Revolutionsphilosophie erfährt ihren großartigsten
Ausbau (durch Hegel) in einer Zeit, wo die Bourgeoisie eine
Revolution mehr oder weniger hinter sich hat und bereits mit
der Schlichtung der Interessengegensätze beschäftigt ist, dem
Abstoppen der Entwicklung, während sie noch immer gezwun-
gen ist, ihre Revolution zu vervollständigen. Der Ausbau der
Dialektik durch Hegel erfolgt im Hinblick auf das anwach-
sende Proletariat, unter dem Zwang für die Bourgeoisie, mehr
und mehr Proletariat zu produzieren und mehr und mehr
Notizen zur Philosophie 151

seine drohende Emanzipation zu verhindern. Das Proletariat


übernimmt als Revolutionsphilosophie zunächst die bürger-
liche. Es übernimmt sie in einem erstaunlichen Schöpfungsakt.
Diese Übernahme ist eine Expropriierung, diese Verwendung
ist eine Zerschmetterung. So wie die Bourgeoisie alles tut, die
Revolution gegen den Feudalismus für sich allein auszubeu-
ten, so setzt sie auch eine Dialektik in die Welt, die alle Spuren
gewalttätiger Verkümmerung aufweist. Die Dunkelheit der
Hegeischen Sprache ist die Dunkelheit einer Geheimsprache.
Die Welt ist ins Rutschen, die Menschheit ins Schieben gekom-
men. Hegels Bild trägt dem Rechnung. Aber das eben ange-
langte Bürgertum, die Klasse, die, um ihre Revolution zu ma-
chen, eine andere Klasse, das Proletariat, benötigte und die,
um ihre Herrschaft auszubauen, mehr und mehr diese andere
Klasse verstärken muß, das Bürgertum ist ein schlechter, ein
gehemmter Referent der Dialektik. Der bessere Referent,
durch seine Lage, ist das Proletariat. Das Bürgertum, die Ge-
schichte betrachtend, schreibt eine Geschichte von Wandlun-
gen. Aber dieser Schreiber ist nicht in der Lage, die Prinzi-
pien, die er in der Vergangenheit feststellte, in der Gegenwart
oder gar für die Zukunft für wirksam zu erklären. Es hat eine
Geschichte gegeben, es gibt jetzt keine mehr. Nun, ein anderer
Schreiber schreibt weiter. Die proletarische Dialektik.
Fragmentarisch

Dialektik
Es ist psychologisch erklärlich, daß die Sozialisten erlebnis-
mäßig einen sehr schneidigen Fortschrittsbegriff haben. Der
Fortschritt besteht im Sozialismus, und ohne Fortschritt ist
Sozialismus nicht möglich. Dieser Begriff »Fortschritt« hat
große Annehmlichkeiten politischer Art, aber für den Begriff
»Dialektik« hat er nachteilige Folgen gehabt. Dialektik ist,
unter dem Gesichtswinkel des Fortschritts gesehen, etwas, was
152 Zur Politik und Gesellsdiaft

die Natur hat (immer gehabt hat), eine Eigenschaft, die aber
erst Hegel und Marx entdeckt haben. Vor dieser Entdeckung
war die Welt nicht erklärlich, wo etwas von ihr doch erklärt
wurde, war man eben, ohne es zu wissen und ohne es sich zu
merken, auf ihre Dialektik gestoßen. In den Köpfen der Dia-
lektiker nämlich spiegelt sich nur dieses Ding Dialektik, das die
Eigenschaft der Natur ist, wider. So in Kenntnis gesetzt von
den Eigentümlichkeiten irdischer Erscheinungen, sind die Dia-
lektiker, in gewaltigem Vorsprung zu andern Menschen, im-
stand, ihre Vorkehrungen zu treffen. Die Anhänger dieser ein-
fachen, aber begeisternden Auffassung verfallen, wenn man
sie auf die Ähnlichkeit ihrer Auffassung mit der einiger Hand-
leser, sie könnten die in der Handfläche gelesenen bevorste-
henden Ereignisse jetzt nach ihrer Feststellung natürlich
vereiteln, hinweist, in mürrisches und übelnehmerisches Gemur-
mel. In Wirklichkeit ist die Dialektik eine Denkmethode oder
vielmehr eine zusammenhängende Folge intelligibler Metho-
den, welche es gestattet, gewisse starre Vorstellungen aufzulö-
sen und gegen herrschende Ideologien die Praxis geltend zu
machen. Man mag mit gewissem Erfolg in Form gewagter
Deduktionen das Verhalten der Natur als dialektisch bewei-
sen können, aber viel leichter ist es, auf die schon erreichten
handgreiflichen und unentbehrlichen Erfolge dialektischen
Verhaltens, das heißt der Anwendung dialektischer Methoden
in bezug auf gesellschaftliche Zustände und Vorkommnisse,
also die Natur der Gesellschaft, und zwar unserer Gesellschaft,
hinzuweisen. Ich kann mir denken, daß eins gleich eins ist,
und ich kann mir denken, daß eins nicht gleich eins ist. Ge-
nügt nicht, zu sagen, daß das letztere zu denken günstiger ist,
nämlich, wenn ich in bestimmter Weise handeln muß?
Notizen zur Philosophie 153

Dialektische Kritik
Sollen nun an der Hand ihrer Resultate Anschauungen kri-
tisch untersucht (in die Krise gebracht) werden statt der Re-
sultate dieser Anschauungen, so müssen auch diese wieder nicht
auf eine Art gesichtet werden, als wolle man sie sich unter
Umständen einverleiben. Diese Art der Betrachtung aber ist
sehr schwer zu vermeiden, denn der ganzen Struktur der Ge-
sellschaft nach, in der wir leben, sind wir sehr auf die Einver-
leibung von Dingen angewiesen und damit auf Methoden,
welche alle Dinge eben in Einverleibbare verwandeln. Diese
unsere Art bekommt den Dingen schlecht. Die Anschauungen,
getrennt von den Menschen, die sie haben, und damit von den
Standpunkten, die diese Menschen einnehmen, haben keinerlei
Kraft mehr, und hauptsächlich weil unsere Anschauungen so
von bestimmten Menschen auf bestimmten Standpunkten
weggenommen sind, beeinflussen sie unsere Haltung so we-
nig. Wir stellen sie nur aus. Es ist also falsch, an Anschauun-
gen heranzugehen von der Seite her, wo sie übernehmbar
(oder ablehnbar) im obigen Sinne sind. Betrachten wir also
die Haltung von Menschen an der Hand ihrer Anschauun-
gen und vergegenwärtigen wir uns, daß diese Haltung mit je-
nen Anschauungen nur bedingt übereinstimmt, das heißt, daß
der Grad, nach dem die Handlungen der Menschen durch ihre
Anschauungen verpflichtet sind, erst untersucht werden muß.
Denn letzten Endes müssen wir darauf hinauskommen, her-
auszubringen, wie die Menschen handeln werden, wenn es gilt,
die Welt zu verändern. Dazu müssen wir sie jeweils in Grup-
pen teilen und die Einteilung so vornehmen, daß Interessen
sichtbar werden, die genügend stark und einflußreich sind,
um sich bemerkbar, also sichtbar zu machen.
154 Zur Politik und Gesellschaft

Was ist schön?


Schön ist es, wenn man die Schwierigkeiten löst.
Schön ist also ein Tun. Wenn wir sagen wollen, warum eine
Musik schön ist, dann müssen wir fragen, welch ein Tun hier
schön ist. Wir sprechen also dann vom Musizieren. Schönes
Musizieren ist ein Musizieren, in dem Schwierigkeiten gelöst
werden. Die Musik, welche auf diese Weise entsteht, ist unter
Umständen noch längere Zeit schön, weil immer wieder die
Empfindungen auftreten, welche die Lösung der Schwierig-
keiten bewirkt haben.

Solch ein Schönheitsbegriff ist vergänglich und hat Grade. Es


gibt Schwierigkeiten tiefer und weniger tiefer Art, lang und
kurz dauernde, Schwierigkeiten großer und kleiner oder wich-
tiger und unwichtiger Gruppen. Sie zu lösen, ist ganz verschie-
den schön und nicht ewig schön.

[Notizen über Dialektik]


Immer verrät, wer vom Wesen spricht, ob er nun froh spricht
oder anscheinend verzweifelt, den Wunsch, es möchte dies We-
sen immer so bleiben, und klagt er auch noch so: Er gibt zu
erkennen, er jedenfalls weiß kein Mittel, zu ändern, was da
eben Wesen ist!

Man kann sagen, daß die ersteBahn von Eri bis [Piermont] von
Verbrechern gebaut wurde. Dennoch kam sie zustande und
lohnte sich nicht nur für die Verbrecher. Sie war ein sehr wich-
tiges Werk, und sie zu bauen war also nicht nur ein Verbre-
chen. Aber was soll man von einer Gesellschaft sagen, in der
^ die wichtigen Werke nur durch Verbrechen zustande kommen?
Denn so ist es: Das Land hatte von der Bahn Nutzen, aber
der Anstand hatte Schaden.
Notizen zur Philosophie 155

Ist die Privatinitiative gut oder ist sie schlecht? Die großen
industriellen Werke wurden durch Leute mit Privatinitiative
aufgebaut. Sie war also gut. Als die großen Werke standen,
war sie unnütz geworden, und die Kollektivinitiative konnte
sie abschaffen. Die Arbeiter hatten sie immer schlecht genannt.
So war es: Je mehr ihr Gutes (in den Werken) hervortrat, desto
mehr trat auch ihr Schlechtes hervor. Das Gute bezeichnete
das Schlechte als schlecht.

Zustände und Dinge, welche durch Denken nicht zu verän-


dern sind (nicht von uns abhängen), können nicht gedacht
werden. (Es entstehen Anomalien, Schädigungen des Denk-
apparates, Asozialitäten.)

Es soll nicht bestritten werden, daß Bürger sich wie Adlige


benehmen können zu einer Zeit, wo sich Adelige schon nicht
mehr wie Adelige benehmen oder wie Bauern, die sich niemals
so benähmen wie Bauern, wenn sie nicht Felder bearbeiteten.
Der bürgerliche Mensch löst den Adeligen, der proletarische
den bürgerlichen nicht nur ab, sondern er enthält ihn auch.

Es gibt mindestens zwei verschiedene Arten, den Menschen


in seiner Stellung als Ursache und Wirkung zu sehen. Ich
kann, wenn ich von der Handlung eines Staatsanwaltes höre,
hauptsächlich an einen ziemlich abstrakten, mit allen mög-
lichen Gefühlen willkürlich belegbaren »Menschen« denken,
der ungefähr so reagiert haben wird, wie ich in dieser Situ-
ation reagiert haben würde. Die Staatsanwaltschaft rechne ich
dabei zur Situation, ich räume ihr ebenso Einfluß auf meine
Handlungsweise ein wie den andern die Situation eben be-
stimmenden Faktoren.

Auch die Todesfurcht, die Nährmutter der Religionen, muß


als Folge bestimmter gesellschaftlicher Zustände behandelt
werden.
i $6 Zur Politik und Gesellschaft
Tragen Sie Herrn Walkers Leiche ins andere Zimmer! Also
Herr Walker besitzt eine Leiche?
Mir wird das Leben entrissen. Bin ich denn noch da, wenn
es weg ist?

Zu untersuchen ist jeweilig: Welche Behauptungen (Vorstel-


lungen, welches geistige Vorgehen) benötigt man, um (als Mit-
glied welcher Klasse?) zu handeln?
Auch ist nach der Metaphysik zu fahnden, und zwar bei jeder
Aussage. In der gegebenen zum Beispiel steckt sie im Begriff
»Notwendigkeit«. Die »Notwendigkeit« des gegebenen ge-
schichtlichen Prozesses ist eine Vorstellung, die von der Mut-
maßung lebt, für jedes geschichtliche Ereignis müsse es zu-
reichende Gründe geben, damit es zustande kommt. In Wirk-
lichkeit gab es aber widersprechende Tendenzen, die streitbar
entschieden wurden, das ist viel weniger. Außerdem liegt der
besagten Vorstellung die unausgesprochene Überzeugung zu-
grunde, daß es nach Aufzählung aller Möglichkeiten, Motive,
Dispositionen, Inklinationen und so weiter noch eine Notwen-
digkeit für sich gäbe, eine geheime Gewalt, die sich nicht voll-
ständig in den besagten beobachteten und beobachtbaren Vor-
gängen und Beziehungen ausdrückt. Zunächst entstehen, wenn
große Menschengruppen, ob nun Einzelgesichter darunter
sichtbar sind oder Kollektive, ihre Interessen gegen- und mit-
einander ausfechten, bestimmte beobachtbare Resultate in
Form von Rechtsausübungen, gesellschaftlichen Bräuchen jeder
Art, für die verschiedenen Entscheidungen sind natürlich (je-
denfalls theoretisch) zureichende Gründe zu entdecken; aber
darüber hinaus wird dann häufig, alten metaphysischen Nei-
gungen entsprechend, noch eine »Notwendigkeit« entdeckt
oder vermutet, eine geheime Leitung: Es ist die »höhere Ge-
walt« der Religionen.
Prozesse kommen in Wirklichkeit überhaupt nicht zu Ab-
schlüssen. Es ist die Beobachtung, die Abschlüsse benötigt und
legt. Im großen werden natürlich Entscheidungen getroffen
N o t i z e n zur Philosophie 157

(und angetroffen), gewisse Bildungen ändern oder verlieren


gar ihre Funktionen, ruckweise zerfallen Qualitäten, ändert
sich das Gesamtbild.
Suche die Situationen auf, in welchen die gegebenen Sätze auf-
tauchen könnten. Von welcher Seite könnten sie auftauchen
und zu welchem Zweck gesagt werden?
Anwendung der Dialektik zur Zerstörung von Ideologien.
Axiomstafeln: Wozu es führt, was dahinter steckt?
Das asoziale Verhalten.

In den Geschichtsbüchern und Theaterstücken werden für die


Handlungen der Personen meistens zu wenige Motive genannt.
Es wird der Anschein erweckt, die Tat sei aus einem einzigen
Motiv getan worden. Das ist eine unglückliche Darstellung,
denn wenn man auch gewisse Taten nach der Kenntnis ihres
Hauptmotivs »verstehen« kann, so kann man so doch ähn-
liche Taten nicht verhindern oder hervorrufen. Um in irgend-
einer oberflächlichen Weise ein bestimmtes Motiv an eine be-
stimmte Tat zu knüpfen, genügt es, ein Motiv zu nennen, aber
um einen Menschen oder eine Gruppe von Menschen an einer
Tat zu hindern oder um bei ihm oder ihr eine Tat hervorzu-
rufen, muß man nicht nur das'Hauptmotiv, das den Ausschlag
gibt, sondern das ganze Bündel von Motiven ausfindig
machen, das für gewöhnlich eine Tat erst ermöglicht. Denn in
jedem Motivbündel sind Widersprüche gebunden, und sie ver-
stärkend oder sie beilegend, kann man die Täter beeinflussen.
Über eingreifendes Denken

Wer braucht eine Weltanschauung?


Es heißt Denken defaitistisch auffassen, wenn man ihm jeden
tieferen Einfluß nimmt. Um ihm den Einfluß zu gewähren —
vom Denken zu verlangen, daß es Einfluß ausübt: bedeutet
einen Anspruch an das Denken stellen —, muß man natürlich
verzichten auf eine Vorstellung, die einen Leonardo, dem die
Arme fehlen, dennoch malen läßt. Die Vorstellung, daß den
geknebelt in einem Erdloch bei dem Gewürm Angeschmiedeten
nichts hindern könne, wenigstens zu denken, was ihm beliebe,
mag jene trösten, die im Angeschmiedetsein ein unveränder-
liches Schicksal sehen, in Wirklichkeit denkt der von der Wirt-
schaft Geknebelte aber nur dann frei, wenn er sich in Gedan-
kenbefreit, und zwar von der Wirtschaft. Und dies kann er nur,
wenn sein Denken die Wirtschaft verändert, also die Wirtschaft
von sich abhängig macht, also von der Wirtschaft abhängt.

Erkannt zu haben, daß das Denken was nützen müsse, ist die
erste Stufe der Erkenntnis.
Die Mehrheit derer, die diese Stufe erreicht haben, gibt ange-
sichts der Unmöglichkeit, eingreifend zu denken, das Denken
(das nur spielerische Denken) auf.

Eingreifendes Denken ist nicht nur in Wirtschaft eingreifendes


Denken, sondern vor allem in Hinblick auf Wirtschaft im Den-
ken eingreifendes Denken.

Kant ermöglichte es der bürgerlichen Wissenschaft, materiali-


stisch zu arbeiten (was die bürgerliche Gesellschaft brauchte),
indem er ihr gestattete, davon und von den Resultaten ihrer
Notizen zur Philosophie 159

Arbeiten unabhängig eine Weltanschauung zu behalten (was


die Gesellschaft ebensosehr brauchte), aber im großen und
ganzen war damit doch nur dem Materialismus Tür und Tor
geöffnet, denn diese selbe Trennung des Wissens vom Glauben
trennte auch die Wissenschaften voneinander, da sie ja ihr Ge-
meinsames nicht mehr zusammenlegen durften. Hätten sich die
Naturforscher nach getaner Arbeit in die Abteilung nebenan
für Soziologie begeben, statt gemeinsam mit den Soziologen
in die Kirche, dann hätten sie die bürgerliche Weltanschauung
auch theoretisch vernichtet. So taten sie es praktisch.

Die bürgerlich bestimmte Menschheit muß, um sich als Mensch-


heit zu halten, das Bürgerliche aufgeben.

Vielfach verbreitet ist die Anschauung, das Bürgertum habe


die Kraft verloren, sich eine wirkliche Weltanschauung zu bil-
den, dies sei für das Bürgertum sehr schlecht, es sei daher emsig
und verzweifelt damit beschäftigt, zu einer neuen Totalität zu
gelangen. Tatsächlich zeigt die bürgerliche Wissenschaft Ten-
denzen dahin. Überall wird von den großen Zeiten gespro-
chen, die bevorstehen, wenn endlich die Physiologie und die
Chemie oder die . . . und die . . . zusammenwachsen würden.
Tatsächlich sind diese Tendenzen daran, die bürgerliche Wissen-
schaft zu ruinieren. Es sind Tendenzen, die von außerhalb der
bedrohten Klassenlage des Bürgertums kommen. Von ganz
bestimmter Seite werden solche unerfüllbare Forderungen an
die Wissenschaft gestellt.

Weltanschauungen sind Arbeitshypothesen. Das Proletariat


mag also, ohne besonderen Schaden zu nehmen, eine solche
kreieren und benutzen, seine Arbeit ist wichtig. Diese Weltan-
schauung mögen auch jene bürgerlichen Intellektuellen benut-
zen, die Arbeitshypothesen ähnlicher Art benötigen, aber
schon bei diesen wird dies sehr gefährlich sein.
160 Zur Politik und Gesellsdiaft

Nicht nur eine mit Bestimmtheit zu erwartende romantische


Welle (Voltaire spricht mit Recht von einer unversöhnlichen
Feindschaft zwischen Vernunft und Romantik) könnte uns
zwingen, unsere Arbeiten in einer Form abzuliefern, die der
klassischen entspricht, auch die Notwendigkeit in einer feind-
lichen Umgebung, formale Qualität als Kampfmittel einzu-
setzen (wobei zu untersuchen wäre, auf welchen Gebieten
Qualität im Kampf mit den feindlichen Interessen noch als
Qualität in Erscheinung treten kann). Dabei wäre individuel-
ler Realismus übrigens kaum nötig, da ja die Verdunklungs-
absicht der bürgerlichen Ideologen mehr auf die Prozesse zwi-
schen den Menschen gerichtet ist. Verschleiert werden sollen
die Beziehungen zwischen den Menschen, und zwar jene Be-
ziehungen, die mit der sozialen Existenz etwas zu tun haben.
Und verschleiert soll werden, in welch riesigem Maße diese
Verhältnisse an der Struktur der Person beteiligt sind. Nötig
ist also ein Realismus der menschlichen Funktionen.

Klassik ist keineswegs, wie sich dies für den nachherigen Be-
trachter darstellt, eine besonders hohe Stufe der Vervoll-
kommnung innerhalb einer eigengesetzlichen Kunstgattung
oder der lediglich reflektierte Ausdruck einer in sich geschlos-
senen, eben »klassischen Epoche«, also ein Resultat, sondern
etwas viel Absichtsvolleres (wenn auch nicht unbedingt be-
wußt Gemachtes), und zwar gingen die Absichten auf gesell-
schaftliche Zustände. Der Versuch, bestimmte Vorschläge ethi-
scher und ästhetischer Art dauerhaft zu gestalten und ihnen
etwas Endgültiges, Abschließendes zu verleihen, also klassisch
zu arbeiten, ist der Versuch einer Klasse, sich Dauer und ihren
Vorschlägen den Anschein von Endgültigkeit zu geben.

Daß sich der Mensch unter verschiedenen Bedingungen (klas-


senmäßig) anders verhält, das setzt, um geglaubt zu werden,
den Glauben voraus, er verhalte sich unter Gleichen gleich.
Notizen zur Philosophie 161

Täte er dies nicht, so wäre es doch wohl zu erzielen. Kann man


sich jeweils ein anderes Verhalten von ihm denken (man muß
es; gerade in dem dadurch in der Masse erzeugten ewig leben-
digen Widerspruch liegt die Entwicklungsmöglichkeit der
Masse), dann genügt die Wahrscheinlichkeitsrechnung, wo ehe-
dem die Kausalität erstrebt wurde. Man kann von der Masse
aus die Wahrscheinlichkeit nämlich nahezu unbegrenzt ver-
stärken.

Wodurch (durch welche ökonomisch-gesellschaftliche Notwen-


digkeiten) immer die Trennung der Wissenschaften bewirkt
wurde - sie ist eine Kreation des Kapitalismus - , sie kann aus-
gewertet werden. — Ob sie eine Maßnahme des aufbauenden
oder des abwärtsgehenden Kapitalismus ist - für uns ist sie
positiv. Sie wird helfen, den Kapitalismus unter den Boden
zu zwingen und den Sozialismus aufzubauen. Nur die Tren-
nung hat es den Einzelwissenschaften ermöglicht, materia-
listisch zu arbeiten und also wirklich verwertbare Methoden zu
entwickeln. Sie wird in ihrer bürgerlichen mechanischen Form
nicht beibehalten werden, aber wenn die Wissenschaften sich
gegenseitig durchdrungen haben werden, wird es nicht zu dem
Zweck geschehen sein, den die Liebhaber einer Weltanschauung
dieser Durchdringung setzen (so wie auch dieser Zweck nicht
jene Durchdringung erreicht haben wird): Es wird nicht die
große Schau sein, die Heideggersche Zusammenschau im In-
dividuum.

Wenn die Größe h für unsern Seinsentwurf nichts mehr her-


gibt (sie mag teilweise durch ihn, das heißt bei seiner Kor-
rektur durch empirisch wahrgenommene Realität errechnet
worden sein), so beweist das nicht nur die Notwendigkeit, un-
sern Seinsentwurf zu korrigieren, bis die Größe h wieder hin-
einpaßt, sondern es ist bereits so, daß die Größe h (welche
nur ein Verhalten gibt und anonym zu bleiben wünscht)
16z TsUT Politik und Gesellsdiaft

jeden Seinsentwurf gleicher Funktion unmöglich und unnötig


machen wird. Was immer sich in dem Engelsschen Satz »Das
Leben ist die Daseinsweise des Eiweißes« sich schon geändert
hat oder sich noch ändern wird, die ihm zugrunde liegende
Betrachtungsweise kann unter Menschen beibehalten werden,
welche auf Grund einer von der unsern allerdings sehr ver-
schiedenen Gesellschaftsordnung imstande sein werden, durch
ihr Verhalten genügend Aufschluß über sich zu geben und zu
erhalten.

Man hat den Wissenschaftlern ihre Resultate abgenommen.


Man muß dazu übergehen, ihr Verhalten zu beurteilen. Die
Resultate der Naturwissenschaften gingen in die Technik ein,
diese war industriell bestimmt. Ein ganz bestimmter Aus-
tauschprozeß spielte sich ein, wobei die Wissenschaft ganz be-
stimmte Funktionen übernahm. Ihr Ausgreifen ist nicht zu
übersehen, ist aber endlich. So laut das Geschrei heute gewor-
den ist, die Wissenschaft nähere sich der Ablieferung einer To-
talität - das Geschrei kann nicht aus der Wissenschaft selber
sich erhoben haben, etwa angesichts zunehmender Klärung.
Der Schrei nach der Totalität ist eine Bestellung. Sie wird ge-
braucht.

[Über die Funktion des Denkens]


Diese eigentliche Philosophie zu pflegen, kam niemandem in
den Sinn, weil ihre Pflege ganz unmöglich erschien unter den
bestehenden Umständen. Es schien dies wie ein Unternehmen,
zu dem im Augenblick alle Voraussetzungen fehlten. Jeder-
mann schien irgend etwas abzuwarten, ohne daß jede Anstren-
gung vergebens bleiben müßte. In der Tat, was sollte man von
einem Verstand an Aufklärung der wahrhaftigen menschlichen
Verhältnisse erwarten, der nur darin geschult war, solche Ver-
Notizen zur Philosophie 163

hältnisse zu verschleiern, und zwar seit Jahrhunderten, und


noch dazu imstande sein mußte, etwas zu verschleiern, was er
nicht einmal zu diesem Zwecke selber kennen mußte! Denn dies
war die Funktion, die der Verstand im praktischen Leben hatte,
damit ernährte der Kopf seinen Magen. Oder wie sollte man
sich einrichten in eine Welt, die in keiner Weise fertig war, sich
abfinden mit Änderbarem? Sicher war es weise, den nicht ab-
wendbaren Schlag in einer bestimmten Haltung zu empfangen,
aber den abwendbaren? Sowohl zum Erkennen der Verhält-
nisse wie zu ihrer Änderung schien die Philosophie ungeeignet,
ohne daß sie etwa deshalb aufgehört hätte, zu existieren. Daß
es sie unter solchen Umständen immer noch gab, war beinahe
der schlimmste Beweis gegen sie. Man konnte verhältnismäßig
leicht die Unabhängigkeit des Denkens von der Art und Weise,
wie die Menschen ihre Existenz mit und gegeneinander sicher-
ten, behaupten, solange diese Art und Weise einigermaßen
stabil waren, das heißt sich nicht zu ändern schienen, etwas von
Schicksal an sich hatten. Aber jetzt änderten sie sich mit jedem
Jahr und mit jeder Stunde, und wo früher eine Aussage ge-
nügt hatte, war jetzt eine Prophezeiung nötig, so wie in der
Inflation Geschäfte durchaus das vermutliche Sinken des Geld-
wertes bis zum Tage der Realisierung einkalkulieren mußten!
Und die Prophezeiungen wurden durch die Realitäten jeweils
so grausam kritisiert! Man konnte auch sich allerhand darauf
zugute tun, daß das Denken von der Wirtschaft unabhängig
sein sollte, aber was war daran günstig, daß die Wirtschaft un-
abhängig vom Denken war? Die Wirtschaft nämlich war nicht
nur von einem bestimmten Denken, eben dem philosophischen,
unabhängig, also ein absolutes, ein Ding an sich, sondern von
jedem Denken. Dies, daß die Wirtschaft selbst vom Denken der
Wirtschaftsführer, das keiner staatlichen gewalttätigen Be-
schränkung unterlag, unabhängig sein sollte, war selber un-
denkbar, hauptsächlich, weil diese wenigen doch Profite mach-
ten. Man wußte wenig über die Umstände und Mächte, die das
eigene Schicksal bestimmten, aber man sah allenthalben Leute
164 Zur Politik und Gesellschaft

Drähte ziehen. Sollte man annehmen, daß diese keine Ahnung


hatten? Sie hatten keine, und dies war es, woraus sie ihre Pro-
fite zogen. Nur von der Unwissenheit des andern konnte der
eine profitieren, dies lag im System. Auch für die Führer war
ein Erfassen des Ganzen weder möglich noch nötig, wohl aber
ein Verschleiern der Teile. Meinungsverschiedenheiten gab es
nur auf Grund von Interessenverschiedenheiten, und es galt
nicht, Argumente zu finden, sondern Drohungen. Schließlich
galt alles Denken nur mehr als Ausdruck der denkenden Per-
sonen, unverbindlich für alle andern, wenn es nicht das Ausfin-
digmachen von Gewaltmethoden war. Natürlich sprach es sich
bald herum, daß nur mehr in Interessen gedacht wurde, aber
auch in dieser Form stimmte der Satz nicht. Denn große Schich-
ten der Völker vermochten auch beim besten Willen [nicht] in
ihren Interessen zu denken, dies doch nicht, da sie schlechter
dachten als andere und in für das Denken schlechterer Lage.
Diese Schichten waren im Rückstand, und dieser Rückstand
wurde natürlich ausgebeutet, um so mehr, als es ja eigentlich
keinen Fortschritt, sondern nur einen Vorsprung zum Ausbeu-
ten gab. Im Grunde waren es unter solchen Umständen noch
die Klügeren dieser Schichten, die das Denken überhaupt für
überflüssig erklärten (es führte bei ihnen wirklich zu nichts!).
Da der wirtschaftliche Prozeß gleichzeitig eine sogenannte Ra-
tionalisierung brachte, eine Durchvernünftigung, die diesen
Schichten schwere Opfer auferlegte, da sie vermittels der Ver-
nunft aus dem Produktionsprozeß ausgeschaltet werden sollten,
waren sie nun vollends gegen die Ratio und für das Irrationale.

Über die Technik des Denkens


Für diese Ungeschulten, zwecklos Denkenden heißt es, die gro-
ßen gedanklichen Systeme der Plato und Kant verdächtigen,
wenn man ihre Abhängigkeit von wirtschaftlichen behauptet.
Abgesehen davon, daß hier das »Wirtschaftliche« mit jener
Notizen zur Philosophie 165

Verachtung belegt wird, die es in unserer Zeit allerdings ver-


dient-in dieser Verachtung verrät sich ganz unbewußt die tief e,
vom Denken nicht berührte Unzufriedenheit mit dem durch
Denken nicht veränderbaren Wirtschaftlichen -, warum sieht
man nicht, daß die Abhängigkeit vom Wirtschaftlichen, die wir
behaupten, keineswegs imstand ist, jene gedanklichen Systeme,
deren Größe wir nicht leugnen, zu verhindern? Wir gehen wei-
ter: Die wirtschaftlichen Abhängigkeiten haben, wenn sie diese
Gedanken nicht hervorgebracht haben, sie doch sicher groß ge-
macht, nämlich eingreifend. In was eingreifend? In Wirtschaft-
liches. Warum nicht ihre Größe beweisen aus dem Grad ihres
Eingreifens?

[Richtiges Denken]
Wenngleich das Denken auf vielen Gebieten große Ergebnisse
gezeitigt hat und immerfort zeitigt, wenngleich unsere Be-
rechnungen uns den Magen füllen, die Kälte abhalten, die
Nächte erhellen, uns von einem Ort zum andern mit großer
Schnelligkeit bringen und so weiter, so ist doch unser Handeln
in wichtigsten und gefährlichsten Angelegenheiten weniger
von Berechnungen als von ziemlich trüben, ungenauen, ja
widerspruchsvollen Beweggründen geleitet. Es ist uns nicht
schwer, wenn wir gehandelt haben, triftige Beweggründe in be-
liebiger Menge zu nennen, aber vorher, wenn wir uns zum
Handeln anschicken, haben wir keineswegs diese schöne Über-
sicht. In den meisten Fällen berechnen wir nicht, sondern raten.

Es wird mir nicht einfallen, zu behaupten, der Mensch sei dazu


da, zu denken. Natürlich soll das Denken einfach seine Exi-
stenz ermöglichen. Ich kann mir Zustände menschlichen Zusam-
menlebens vorstellen, wo nicht allzu gewaltige Denkakte nötig
sind, damit der Mensch sein Leben fristen kann. Es spricht ent-
schieden sehr gegen unsere Zustände, daß kaum die gewaltigsten
166 Zur Politik und Gesellsdiaft
denkerischen Leistungen die überwiegende Mehrzahl der
Menschen vor dem Elend bewahren können. Wie viele Zufälle
waren nötig, damit selbst ein so praktischer und entschlossener
Mensch wie Lenin halbwegs ein Alter erreichte, das ihm ge-
stattete, etwas für die Menschheit zu tun. Und er starb sehr
früh. Wieviel List brauchte er, um an einen Teil jener Bücher
heranzukommen, in denen die Menschheit einige ihrer Erfah-
rungen aufgespeichert hatte, ich meine zum Beispiel den Platz
im britischen Museum. Er war schlecht genährt, und auch diese
Nahrung war nur schwer aufzutreiben. Welche Mühe hatte er,
an jene Leute heranzukommen, die er unterstützen wollte und
deren Unterstützung er benötigte! Man verjagte ihn und legte
zwischen ihn und sie viele Länder, halb Europa.

Er dachte in andern Köpfen, und auch in seinem Kopf dachten


andere. Das ist das richtige Denken.

Das Denken als ein Verhalten


[Notizen]

Kritik des Denkens durch den Faschismus. Das fortgeschrit-


tene Denken ist liberalistisch-materialistisch. Das folgenlose
Denken (bloß anschauender Naturalismus, Phänomenologie,
bloße Technik und so weiter), das nicht imstande ist, positiv
die ungeheuren und wachsenden Widersprüche zu lösen, sie
aber schamlos widerspiegelt. Schätzung und Förderung des
industriellen Fortschritts, aber Unfähigkeit, ihn entscheidend zu
fruktifizieren. Die Vernunft im Dienste der Rationalisierung,
die im Dienste des Profits steht. Betonung der Demokratie,
aber Unfähigkeit und Fehlen jedes Willens, ihr die ökonomi-
sche Basis zu verleihen. Pazifismus, aber unfähiger und fehlen-
der Wille. Siehe vorigen Satz! Kurz, das betreffende liberalisti-
Notizen zur Philosophie 167

sehe Denken ist an seine Klassengrenzen gestoßen, ohne daraus


die Konsequenzen zu ziehen. Völlige Entwertung dieses Den-
kens durch den Faschismus.

Das Denken wird vom Faschismus als ein Verhalten behandelt.


Als solches ist es (neu!) eine juristische, eventuell kriminelle
Handlung und wird mit entsprechenden Maßnahmen beant-
wortet. Darin ist nichts Tadelnswertes. Bisher üblich: das Ge-
dachte mit Gedachtem zu vergleichen, dahinter verschwindet
der Denker. Die Nuance wird preiswert. Das Denken zielt auf
»Wahrheiten«, die immer gelten, gesagt zu jedem Zeitpunkt,
auf jedem Feld die gleiche Wirkung haben. Die Wahrheit hat
also weder Zeit noch Ort.

Der dreifache Zweck des Denkens als eines Verhaltens:


1) Das auf den Aufbau der (eigenen) Person gerichtete
Denken (Bildungsdenken).
2) Das technische Denken (Berufsdenken, wissenschaftliches
Denken.
3) Das politische Denken.
Der Bankerott dieser drei Verhalten im Hochkapitalismus:
Die Person kann nicht mehr aufgebaut werden. Das technische
Denken führt den Denker aus der Gemeinschaft der Menschen
heraus, macht ihn zu ihrem objektiven Feind, isoliert ihn (als
Spezialisten, der nur den Arbeitsteil bewältigen darf), so daß
er mit Leichtigkeit zu mißbrauchen oder zu überwältigen ist.
Das politische Denken bleibt, da ihm kein Einfluß auf die Ge-
schehnisse eingeräumt ist, infantil und abstrakt. Vor allem
zeigt sich der Zusammenhang zwischen 1), 2) und 3) entschei-
dend gestört. (Baconscher Mensch: als Charakter, als Berufs-
mensch, als Untertan.)
168 Zur Politik und Gesellschaft

Das Denken als gesellschaftliches Verhalten. Aussichtsreich nur,


wenn es um sich selbst und das Verhalten der Umwelt Bescheid
weiß. Aussichtsreich nur, wenn es imstand ist, die Umwelt zu
beeinflussen.

5
Die Gesetze vom Verhalten der sozialen Elemente eine Dialek-
tik.
Die Lehre von den Klassen.
Die Lehre von der menschlichen Entwicklung als einer Ent-
wicklung der Produktionsweise.
Die Lehre vom wissenschaftlichen Sozialismus.

Das eingreifende Denken. Praktikable Definitionen: solche De-


finitionen, die die Handhabung des definierten Feldes gestatten.
Unter den determinierenden Faktoren tritt immer das Verhal-
ten des Definierenden auf.

Notwendigkeit einer Kritik des Faschismus als eines Komple-


xes von Verhaltungsweisen durch das eingreifende Denken.
Kritik auch der Vorstellungen, wo sie eingreifende Verhaltungs-
weisen darstellen.

Über das Anfertigen von Bildnissen


Der Mensch macht sich von den Dingen, mit denen er in
Berührung kommt und auskommen muß, Bilder, kleine Mo-
Notizen zur Philosophie 169

delle, die ihm verraten, wie sie funktionieren. Solche Bild-


nisse macht er sich auch von Menschen: Aus ihrem Verhalten
in gewissen Situationen, das er beobachtet hat, schließt er
auf bestimmtes Verhalten in anderen, zukünftigen Situa-
tionen. Der Wunsch, dieses Verhalten vorausbestimmen zu
können, bestimmt ihn gerade zu dem Entwerfen solcher
Bildnisse. Den fertigen Bildnissen gehören also auch solche
Verhaltensarten des Mitmenschen an, die nur vorgestellte,
erschlossene (nicht beobachtete), vermutliche Verhaltensarten
sind. Dies führt oft zu falschen Bildern und auf Grund dieser
falschen Bilder zu falschem eigenen Verhalten, um so mehr,
als sich alles nicht ganz bewußt abspielt. Es entstehen Illu-
sionen, die Mitmenschen enttäuschen, ihre Bildnisse werden
undeutlich; zusammen mit den nur vorgestellten Verhal-
tensarten werden auch die wirklich wahrgenommenen
undeutlich und unglaubhaft; ihre Behandlung wird unverhält-
nismäßig schwierig. Ist es also falsch, aus den wahrgenom-
menen Verhaltungsarten auf vermutliche zu schließen? Kommt
nur alles darauf an, richtiges Schließen zu lernen? Es kommt
viel darauf an, richtiges Schließen zu lernen, aber dies ge-
nügt nicht. Es genügt nicht, weil die Menschen nicht ebenso
fertig sind wie die Bildnisse, die man von ihnen macht und
die man also auch besser nie ganz fertigmachen sollte.
Außerdem muß man aber auch sorgen, daß die Bildnisse
nicht nur den Mitmenschen, sondern auch die Mitmenschen
den Bildnissen gleichen. Nicht nur das Bildnis eines Men-
schen muß geändert werden, wenn der Mensch sich ändert,
sondern auch der Mensch kann geändert werden, wenn man
ihm ein gutes Bildnis vorhält. Wenn man den Menschen liebt,
kann man aus seinen beobachteten Verhaltensarten und der
Kenntnis seiner Lage solche Verhaltensarten für ihn ableiten,
die für ihn gut sind. Man kann dies ebenso wie er selber.
Aus den vermutlichen Verhaltensarten werden so wünschbare.
Zu der Lage, die sein Verhalten bestimmt, zählt sich plötzlich
der Beobachter selber. Der Beobachter muß also dem
170 Zur Politik und Gesellschaft

Beobachteten ein gutes Bildnis schenken, das er von ihm ge-


macht hat. Er kann Verhaltensarten einfügen, die der andere
selber gar nicht fände, diese zugeschobenen Verhaltensarten
bleiben aber keine Illusionen des Beobachters; sie werden zu
Wirklichkeiten: Das Bildnis ist produktiv geworden, es kann
den Abgebildeten verändern, es enthält (ausführbare) Vor-
schläge. Solch ein Bildnis machen heißt lieben.

[Beschreibung des Denkens]

Beschreiben des Denkens, wie es als soziales Verhalten vor-


kommt. Den Zweck, den es für den Denkenden und für den,
für den gedacht wird, erfüllt. Das reflektorische Denken.

Die Selbstverwertung. Das Denken zum Zweck des sich Unter-


scheidens: Konkurrenzdenken.

3
Das Sich-Ausdrücken.

Die Weltanschauung. Der einzelne und die Welt. Er kann höch-


stens sich selber ändern.

Das eingreifende Denken. Die Dialektik als jene Einteilung,


Anordnung, Betrachtungsweise der Welt, die durch Aufzei-
Notizen zur Philosophie 171

gung ihrer umwälzenden Widersprüche das Eingreifen ermög-


licht.

Die Hemmungen der Kopfarbeiter: Sie bejahen den Kapitalis-


mus noch nicht. Er ist ihr Schicksal, sie sind ein Objekt. Sie
sind Ware, wollen es nicht sein, begnügen sich aber mit der Illu-
sion, es nicht zu sein. Der Kommunismus als Widerspruch im
kapitalistischen Feld.

[Unsicherheit des Denkens]


Ist so schon das Unterhaltsdenken schwierig genug, da es all-
zuviel Anlässe dafür gibt, und das allgemeine Denken fast
unmöglich, weil es zuwenig Anlässe findet, so hat man es noch
dazu mit einem ständigen Widerspruch dieser Denkoperatio-
nen untereinander zu tun. Manches, was ich tun kann, mein
Brot zu erwerben, ist geeignet, mich zu verderben. Da tötet
der Hunger, und das Essen tötet auch. Ständig teile ich so das
Los jener Arbeitermassen, die, dem Hungertod zu entgehen,
die Kanonen herstellen, die sie dem Schlachtentod unter-
werfen.

Ist mein Denken so unsicher, vage und unvollständig, so ist


es auch meine Existenz. Es stellt sich heraus, daß dieses »Ich-
bin« nichts besonders Gleichbleibendes ist, das nur ein ande-
res kennt, nämlich das »Ich-bin-nicht«, sondern eine unauf-
hörliche Aufeinanderfolge von Mehroderwenigersein. Die so
gewöhnliche Tatsache des schlechten Lehens kommt in die Ge-
dankenführung hinein.
172 Zur Politik und Gesellschaft

[Über das Erkennen der Dinge]

Man kann also die Dinge nur deswegen erkennen, daß sie sich,
und nur dort, wo sie sidi verändern. Alles Seiende kommt
zum Bewußtsein, indem es sich dagegen wehrt, nicht zu sein,
ein Bestreben, das es in sich wahrnimmt und das zugleich das
Bestreben ist, andere Verbindungen einzugehen.

Man kann die Dinge erkennen, indem man sie ändert.


Fragmentarisch

Die Lehre von den eingreifenden Sätzen


(praktikablen Definitionen)
Jene Methode der Beschreibung, welche die menschlichen Ver-
hältnisse als erst gewordene und eben vergehende beschreibt,
ist in den Händen jener, die, wenigstens wenn sie beschreiben,
anschauend verbleiben wollen und den Anschein erwecken
möchten, sie betrieben keinerlei Zwecke und vollführten kei-
nerlei Auftrag, eine oft sehr schädliche. Der Satz, daß die
Dinge werden und vergehen, kann durch Beispiele belegt wer-
den und kann eingreifend sein, wenn man ihn so stellt und
formt, daß er eben eingreift. Gibt man aber den werdenden
und vergehenden Dingen allzuviel Raum und Gewicht, ge-
winnen sie rasch und unvermittelt große Selbständigkeit und
den Anschein großer Unbeeinflußbarkeit, etwa als seien sie
nicht aufzuhalten in ihrem Werden und Vergehen. In Wirk-
lichkeit werden sie aber durch uns und vergehen auch durch
uns oder solche wie wir oder andere, und der Satz, daß ein
Notizen zur Philosophie 173

Ding vergeht oder wird, greift ein nur, wenn er bestritten


wird. Jene vorzügliche Methode ist also jeweilig nur anzu-
wenden im Hinblick auf eine Tätigkeit, und zwar eine ganz
bestimmte.

[Über eingreifende Sätze]

Die auftretenden oder zu konstruierenden (zusammenfassen-


den) Sätze müssen da gefaßt werden, wo sie als ein Verhalten
wirken, also nicht nur einseitig als Spiegelungen, Ausdrücke,
Reflexe.

Die Sätze müssen aus den Köpfen auf die Tafeln.

Auf den Tafeln müssen sie ergänzt werden durch andere Sätze,
die sie benötigen, mit denen vereint sie auftreten. Es müssen
die Tangenten zu politischen Sätzen gezogen werden. Dies
nennt man »das B zum A suchen«. Aufzusuchen sind also die
Strukturen von Satzkonglomeraten, Ganzheiten. Dies nennt
man »das Konstruieren eines axiomatischen Feldes«.

4
Zu lernen ist: Wann greift ein Satz ein?
174 Zur Politik und Gesellschaft

Darstellung von Sätzen in einer neuen Enzyklopädie


1. Wem nützt der Satz?
2. Wem zu nützen gibt er vor?
3. Zu was fordert er auf?
4. Welche Praxis entspricht ihm?
5. Was für Sätze hat er zur Folge? Was für Sätze stützen ihn?
6. In welcher Lage wird er gesprochen? Von wem?

Was meint der Satz »Das wirtschaftliche Denken ist


der Tod jedes völkischen Idealismus« ?

Man muß sich klarmachen, daß das Wort »Idealismus« hier


nichts zu tun hat mit der großen und alten Lehre, welche die
Abhängigkeit aller realen Dinge von ewigen geistigen Geset-
zen zeigt und auch nichts mit jenem Verhalten, das durch eine
Änderung von Bewußtseinsinhalten eine solche des realen
Seins anstrebt, sondern daß das Wort »Idealismus« hier in
seinem vulgären, hauptsächlich von Kleinbürgern gebrauchten
Sinn verstanden 'werden muß. Es bedeutet also Wille und
Fähigkeit, gewisse materielle Interessen andern, meist als
geistig bezeichneten, jedenfalls »höheren« unterzuordnen. Ein
Idealist ist, so verstanden, ein Mensch, der etwa als Volks-
führer einer »Idee« wegen Verfolgungen auf sich nimmt,
oder wenigstens sein Gehalt verteilt, ein Erfinder, der, ohne
Rücksicht auf sein körperliches Wohlergehen, etwas erfindet,
ein Diener oder Vasall, der, unbekümmert um Entlohnung,
aus »Treue« seinem Herrn dient, ein Fabrikant, der sich dem
Vaterland zuliebe ruiniert, ein Großgrundbesitzer, der, ohne
Pacht zu nehmen, arme Bauern auf seinem Boden ansiedelt,
ein General, der, ohne daß das Reglement es vorschreibt, in
die vorderste Linie eilt, ein Kaufmann, der dafür sorgt, daß
Notizen zur Philosophie 175

seine Kunden Geld auf die Sparkasse tragen können und der
dafür im Bewußtsein, seine Pflicht getan zu haben, gefaßt und
heiter den Gerichtsvollzieher erwartet und so weiter. Kurz:
»Idealismus« meint hier Opferwille.

Hieße der Satz Das wirtschaftliche Denken ist der Tod jedes
Idealismus, so wäre er natürlich sinnlos, denn er wäre dann
nur eine primitive Auslegung oder Umschreibung des Wortes
»Idealismus« selbst. Er könnte dann nur bedeuten: »Idealis-
mus ist, wenn man nicht materiell denkt«, also: »Wenn man
materiell denkt, ist man kein Idealist.« Das Wort »völkisch«
gibt dem Satz seinen Sinn. Er meint: Durch ein hauptsächlich
auf Materielles gerichtetes Verhalten wird jener Idealismus
(Opfersinn) vernichtet, der auf die Erhaltung des Völkischen
ausgeht.

[Nicht eingreifendes Denken]


Eine große Menge von Kopfarbeitern hat durchaus das Ge-
fühl, daß die Welt (ihre Welt) von Unstimmigkeiten befallen
ist, aber sie verhalten sich nicht dementsprechend. Wenn man
jene ausscheidet, die sich einfach geistig eine Welt konstruie-
ren, welche an sich unstimmig ist (gerade durch ihre Unstim-
migkeit existiert), hat man es mit Menschen zu tun, die, der
Unstimmigkeit mehr oder weniger bewußt, sich dennoch so
verhalten, als wäre die Welt stimmig. In das Denken solcher
Menschen greift also die Welt nur mangelhaft ein; es kann nicht
überraschen, wenn ihr Denken dann nicht in die Welt eingreift.
Dies bedeutet aber, daß sie dem Denken dann überhaupt kein
Eingreifen zumuten: So entsteht der »reine Geist«, der für sich
existiert, mehr oder weniger behindert durch die »äußeren«
Umstände. Die durch das Stück »Die Mutter« angeregten
176 Zur Politik und Gesellsdiaft

Auseinandersetzungen mit einer Arbeiterin gehören für die-


se Leute nidit zu den geistigen. Sie sdiicken die Politiker.
So wie sie selber nidit mit der Praxis, haben jene nidits mit
Geist zu tun. Was braudit der Kopf zu wissen, was die Hand
tut, die ihm die Taschen füllt! Diese Leute sind gegen die
Politik. Das bedeutet praktisch, daß sie für die Politik sind,
die mit ihnen gemadit wird. Ihr Verhalten, selbst in ihrem Be-
ruf, ist ein durchaus politisches. Außerhalb der Politik seinen
Wohnsitz aufschlagen ist nicht dasselbe, wie außerhalb der
Politik angesiedelt werden; und außer der Politik stehen, ist
nicht über der Politik stehen.

Vermeidung des allzu rein argumentierenden Denkens


Bei den Betrachtungen, welche die Traktabilität eines Gegen-
standes bezwecken, ist es von Übel, sich durch die Suche nach
Argumenten für bestimmte Meinungen selber zu verwirren.
Man sollte sich nämlich immer des natürlichen Vorgangs be-
wußt bleiben, der mit einem selber vorgegangen ist, während
man nachdachte. Wie man einen Gedanken fortschreitend mit
anderen, schon aus der Vergleichung mit ihrer Bewährung in
der Wirklichkeit festgehaltenen Gedanken verglich, ihn da-
nach verwerfend, oder ihm zuliebe einige andere umstürzend
oder sie wenigstens zu denen stellend, die noch oder wieder
ungewiß geworden sind, das sollte man, während es geschieht,
memorieren, wodurch man die ganze Lebendigkeit des geisti-
gen Arbeitens in das Endresultat hineinbekommt und dem
schließlichen Gedanken sein Prozeß und seine Geschichte er-
halten bleibt und anhaftet, sowie eine ganze weitere lebendige
und jederzeit veränderliche Umgebung anderer Gedanken,
Wahrnehmungen, Erfahrungen, welche hier als Argumente
dienen können, aber doch selber gleichzeitig ihrerseits auf die
Hauptbehauptung angewiesen erscheinen. Um das zu können,
also um das reine Argumentieren zu vermeiden, muß man
Notizen zur Philosophie 177

stets im Gedächtnis behalten, daß man denkend immerzu im


Kampfe befindlich ist oder zu sein glaubt, denn man wohnt
in der Gesellschaft und Abhängigkeit anderer Wahrnehmer und
Ratgeber.

Der Nachteil der Streitigkeiten


Die Notwendigkeit für eine neue Behauptung, eine alte zu
verdrängen, gefährdet die neue Behauptung beinahe so sehr
wie die alte. Waffen mögen in der Hand guter Leute gute Ar-
gumente sein. Aber Argumente, die in der Form von Waffen
gebraucht und erstmalig gezeigt werden, sind dann oft für
den eigentlichen Gebrauch recht verbeult und verdorben. In
ihren Dullen sind die Köpfe der erschlagenen Gegner abge-
bildet. Ihre Farbe ist die allgemeine vertrockneten Blutes. Um
die alten zu widerlegen, überanstrengen sich die neuen. Die
Widerlegungen sind oft nicht aus den neuen und bestimmten
Dingen oder Verhältnissen abgezogenen Systemen genommen,
sondern einfach die unbewiesenen Gegenteile der alten Teile.
Daher haben es Behauptungen gut, für die die neuen Dinge
und die neuen sich ankündigenden Verhältnisse selber kämp-
fen. Sie kämpfen mit Gewalt und siegen sozusagen für alle
Fälle einmal. Dann ziehen in die Wohnungen, woraus die
Feinde vertrieben, geflohen sind, die neuen Behauptungen ein,
beinahe ohne die Gegner gesehen zu haben, und am besten
wohnen sie nebenan.
Freilich ist Denken ein Kampf mit Gedanken.

Die neuen Behauptungen müssen die alten enthalten, ohne


Bezug auf die alten sind sie nicht der Erfahrung einverleib-
bar.
178 Zur Politik und Gesellschaft

[Durchbrechung von Prinzipien]


Bei der Anwendung von Prinzipien sollte man sich vor Durch-
brechungen nicht scheuen. Man muß sich immer ins Gedächt-
nis rufen, daß man bei der Errichtung derselben zwar hin-
reichend viel Gründe besaß, aber daß dies doch nur hieß, daß
die Gründe die Gegengründe überwogen. Durch Durchbre-
chungen läßt man diese zur Geltung kommen.
Aufsätze über den Faschismus
1933 bis 1939
Wenn ich bedenke, wozu mich das begeisterte Mitgehen geführt hat und
was mir das oftmalige Prüfen genützt hat, so rate ich zum zweiten. Hätte
ich mich der ersten Haltung überlassen, dann lebte ich noch in meinem
Vaterland, da ich aber die zweite Haltung nicht eingenommen hätte,
wäre ich kein ehrlicher Mensch mehr.

Diejenigen unserer Freunde, welche über die Grausamkeiten des Faschis-


mus ebenso entsetzt sind wie wir, aber die Eigentumsverhältnisse auf-
rechterhalten wollen oder gegen ihre Aufrechterhaltung sich gleichgültig
verhalten, können den Kampf gegen die so sehr überhandnehmende Bar-
barei nicht kräftig und nicht lang genug führen, weil sie nicht die gesell-
schaftlichen Zustände angeben und herbeiführen helfen können, in denen
die Barbarei überflüssig wäre. Jene aber, welche auf der Suche nach der
Wurzel der Übel auf die Eigentumsverhältnisse gestoßen sind, sind tiefer
und tiefer gestiegen, durch ein Inferno von tiefer und tiefer liegenden
Greueln, bis sie dort angelangt sind, wo ein kleiner Teil der Menschheit
seine gnadenlose Herrschaft verankert hat. Er hat sie verankert in jenem
Eigentum des einzelnen, das zur Ausbeutung des Mitmenschen dient und
das mit Klauen und Zähnen verteidigt wird, unter Preisgabe einer Kul-
tur, welche sich zu seiner Verteidigung nicht mehr hergibt oder zu ihr
nicht mehr geeignet ist, unter Preisgabe aller Gesetze menschlichen Zu-
sammenlebens überhaupt, um welche die Menschheit so lang und mutig
verzweifelt gekämpft hat.
[Die Weimarer Republik]
Die Weimarer Republik ging zugrunde an dem Widerspruch
zwischen dem Aufbau einer großen, rationalisierten Industrie,
welche unter den die Welt beherrschenden Bedingungen des Ka-
pitalismus nur durch kriegerische Veranstaltungen ausgenutzt
und am Leben gehalten werden konnte, und dem Abbau der
Kriegsmittel. Sie rüstete den Krieg, indem sie die Industrie
aufbaute. Die Friedenspolitik, erzwungen durch den militäri-
schen Sieg der andern kapitalistischen Staaten, war genau be-
trachtet nur keine Politik.

Unübersehbarkeit geschichtlicher Ereignisse


Der Anstreicher kam zur Macht nicht nur durch einen Staats-
streich, sondern auch auf gesetzmäßige Weise. Seine Partei
war plötzlich die größte aller Parteien, so daß ihm die Bil-
dung der Regierung nach dem Gesetz zustand. Im Volk
herrschte die größte Verwirrung. Viele stimmten für den Be-
kämpfer der Demokratie, weil sie Demokraten waren. Dann
gab es die vielen Unzufriedenen, die mit bestimmten Parteien
unzufrieden waren, nämlich den vorhandenen, und auf die
Partei des Anstreichers blickten als auf eine, die noch nicht
regiert, also noch nicht versagt hatte. Die Kälber, unzufrieden
mit ihren Scherern und Futtermeistern und Hütern, entschie-
den, nun einmal den Metzger ausprobieren zu wollen.
18 2 Zur Politik und Gesellschaft

Unpolitische Briefe
Nach mancherlei Enttäuschungen, die ihnen innere und äu-
ßere Feinde bereitet hatten, entschlossen sich die Kleinbür-
ger meiner Heimat, die sehr zahlreiche Kaste der Klein-
gewerbetreibenden, Schullehrer, Ladenbesitzer, Subaltern-
offiziere, Anstreicher, Studenten und so weiter, nunmehr
große Taten zu verrichten. Einige ihrer Leute hatten ihnen
klargemacht, daß ihre elende Lage - sie waren alle mehr oder
weniger bankrott - von einer allzu materialistischen Ein-
stellung dem Leben gegenüber herrühre, und so hofften sie
jetzt durch einen kräftigen Idealismus, das heißt durch unbe-
grenzten Opfersinn, eine menschenwürdigere Existenz auf-
bauen zu können. Sie zweifelten nicht, daß dabei für den ein-
zelnen manches abfallen würde. Sie erkannten, daß sie ohne
Führung nur eine Herde von Schafen waren. »Wenn man uns
nicht tüchtig schurigelt, anbrüllt und in die Fresse haut, blei-
ben wir elende Jammerlappen«, sagten sie, »so können wir
uns unmöglich weiter herumlaufen lassen.« Ein Führer fand
sich glücklicherweise, und die Macht wurde ihm übergeben.
Aller Erwartung richtete sich auf das, was er nun mit ihnen
zu tun gedächte. Der Führer hatte sein Programm zunächst
nur andeutungsweise erwähnt, teils deshalb, weil es ihm sonst
von Unwürdigen gestohlen hätte werden können, teils aus
anderen Gründen. Seine Anhänger hatten ihn danach nicht
gefragt, einerseits, weil dies dem Führergedanken gescha-
det hätte, andererseits, weil sie sich sagten: »Was nützt das
schönste Programm, wenn man nicht die Macht hat, es durch-
zuführen!« Sobald der Führer die Macht hatte, gab er sein
Programm bekannt: Es stellte sich als ein sehr festliches Pro-
gramm heraus. Es bestand zu einem großen, sehr großen Teil
aus Festlichkeiten und Feiern, aber auch aus anderen Veran-
staltungen, vornehmlich zweierlei Art: Vor allem sollte die
Einigkeit des Volkes hergestellt werden. Diese Einigkeit hatte
einige Jahrzehnte oder genauer einige Jahrhunderte lang zu
Aufsätze über den Faschismus 183

wünschen übriggelassen, da es nicht allen Teilen des Volkes


gleich gut ging: Einige verdienten viel, einige wenig und die
übrigen fast gar nichts. Anders ausgedrückt: Einige verdien-
ten zuviel, einige wenig und die übrigen fast gar nichts. Dar-
über war es zur Uneinigkeit gekommen. Das sollte nun
aufhören. Es sollte, dem großen Gedanken des Führers zu-
folge, nun darüber nicht mehr zur Uneinigkeit kommen. Der
andere, sachliche Teil des Programms des Führers bestand
darin, daß einige Sümpfe ausgetrocknet werden sollten. (Da
es unglücklicherweise im Lande keine Sümpfe gab, sollten sie,
damit diese Kulturtat größten Formates vor sich gehen
konnte, hergestellt werden.) Außerdem sollten, um den Fi-
nanzen aufzuhelfen, die Häuser repariert werden. Der Füh-
rer war ursprünglich Anstreicher gewesen, so daß ihm dieser
Gedanke gleichsam von selber zuflog; jeder Anstreicher weiß,
daß nichts so viel Geld bringt wie Häuserreparaturen. Die
Durchführung dieses gigantischen Programms in seinen drei
Teilen erforderte selbstverständlich die ungeheuerlichsten An-
strengungen des gesamten Volkes und jenen eingangs erwähn-
ten Idealismus. Ohne einen solchen Idealismus können Pro-
gramme solcher Art nicht durchgeführt werden.
Diese Entwicklung der Dinge, die von einigen kleinen Zwi-
schenfällen begleitet war, machte meinen Aufenthalt im
Lande problematisch. Von Natur unfähig, mich großen und
mitreißenden Gefühlen vertrauensvoll hinzugeben und einer
energischen Führung nicht gewachsen, fühlte ich mich recht
überflüssig, und vorsichtige Umfragen in meiner näheren
Umgebung sowie einige Besuche machten mich darauf auf-
merksam, daß, wie dies mitunter im Leben der Volker ge-
schieht, nun wirklich eine große Zeit angebrochen war, wo
Leute meines Schlages nur das große Bild störten. Man ver-
sprach mir zwar, mich vor der Wut des Volkes in einem der
eigens dazu errichteten Lager zu schützen und mich sogar
im völkischen Sinne zu erziehen, aber ich fühlte doch,
daß aus solchen Angeboten keine wahre Liebe zu mir und
184 Zur Politik und Gesellschaft

meinesgleichen sprach. Da ich außerdem meine Studien über


menschliche Fortschritte und Gesittung fortzusetzen wünschte,
verließ ich das Land und begab mich auf Reisen.
Auf dieser Reise kam ich zuerst nach Wien. Wie jeder Zei-
tungsleser weiß, ist diese Stadt um einige Kaffeehäuser
herum gebaut, in denen die Bevölkerung beisammensitzt und
Zeitungen liest. In diesen Kaffeehäusern hört man über das
Besuchen von Kaffeehäusern übrigens sehr verschiedene An-
sichten. Viele der dort Sitzenden halten Leute, die dort sitzen,
für nutzlose Tagediebe, andere wieder erzählen spöttisch die
Anekdote, in der einige Wiener Kaffeehausgäste (kürzer:
Wiener) in einer politischen Debatte höhnisch ausrufen: »Wer
soll denn, bitteschön, diese russische Revolution, von der hier
immerzu geredet wird, machen? Etwa der Herr Trotzki aus
dem Kaffee Stefanie?« - Da ich mich für Ansichten sehr in-
teressiere - haben mich doch Ansichten aus meiner Heimat ent-
fernt —, waren diese Kaffeehäuser für mich nicht ohne Inter-
esse, sie sind Fundgruben von Ansichten aller Art. Zu meinem
Erstaunen bemerkte ich, daß es im Leben dieser Leute wenig
oder nichts gab, über das sie nicht Ansichten hatten. Die mei-
sten machten nicht den Eindruck, als ob sie viel taten, aber
es schien sicher, daß sie, was sie taten, hauptsächlich taten, um
Ansichten darüber zu sammeln. So wie manche essen, nur
um zu arbeiten, aßen diese anscheinend nur, um darüber An-
sichten zu gewinnen, und zu dem gleichen Zweck liebten sie
auch oder trieben Geschäfte oder beschäftigten sich mit Poli-
tik. Die Ansichten gewannen sie, um sie gegenseitig auszu-
tauschen.
Darin glichen sie am meisten den Briefmarkensammlern.
So wie diese Briefmarken, sammelten sie Ansichten, stell-
ten sie zu Kollektionen zusammen und hüteten sie wie Schätze.
Es spielte dabei keine besondere Rolle, ob diese Ansichten
noch irgendwo ihre ursprünglichen Funktionen erfüllten,
selbst kleine Schadhaftigkeiten minderten nicht allzusehr ihren
Wert, dagegen spielte es eine gewisse Rolle, daß sie nicht in
Aufsätze über den Faschismus 185

allzu vielen Exemplaren vorhanden waren. So wie es (höchst


wertvolle) Briefmarken gibt, die von Ländern herrühren und
nur dort verwertbar waren, die es gar nicht mehr gibt, so gab
es hier Ansichten zu erwerben, die anderswo als hier nicht
mehr verwertbar waren und denen keinerlei Realität mehr
entsprach. Man konnte nicht mehr sagen, wer sie herausge-
geben hatte und zu welchem Zweck dies geschehen war. Ja,
gewisse Editionen, die nur wenige Tage im Kurs waren, ihre
Existenz besonderen Gelegenheiten (wie Festlichkeiten und so
weiter) oder selbst Irrtümern der Ämter verdankten, stan-
den besonders hoch im Kurs: Gegen sie konnte man eine
ganze Menge gewöhnlicher ordentlicher Ansichten im Tausch
bekommen. Das Tauschen und Vergleichen der Ansichten ging
nicht etwa ruhig vor sich. Die Sammler waren sehr hitzig
und bekämpften sich außerordentlich heftig, nicht immer mit
fairen Mitteln. Diese Leute zu verstehen, war nicht ganz ein-
fach, wie man sieht; denn sie sammelten ihre Ansichten nach
Gesichtspunkten, die man unmöglich voraussehen konnte.
Warum der gerade die und jener gerade diese andere Ansicht
hatte, das war aus den Gesichtern oder Berufen oder dem Al-
ter nicht zu erklären. Eine Reihe fein säuberlich nebeneinan-
der geklebter schwarze Marken einer südamerikanischen Re-
publik paßt zu einem gutgekleideten Graukopf im Grund
ebensogut wie irgendeine andere Reihe. Und warum be-
schimpften sie sich so heißblütig wegen des Besitzes bestimm-
ter Ansichten, die sie doch bis aufs äußerste verteidigten,
wenn sie selber sie besaßen und wenn sie sich schon so haßten,
warum mieden sie einander da nicht? Viele Rätsel auf einmal!
Zur Zeit sprach alles von den Vorgängen in meiner Heimat.
Die Judenverfolgungen und Bücherverbrennungen erregten
Entsetzen. Die Ansichten stimmten darin überein, daß ein neues
Zeitalter der Barbarei heraufziehe. Die Greuel waren die Folgen
eines kriegerischen und abscheulichen Geistes, der auf geheimnis-
volle Art die Oberhand gewonnen hatte. Es war eine Natur-
katastrophe, einem Erdbeben zu vergleichen. Etwa neunzehn
18 6 Zur Politik und Gesellschaft

Jahre vorher war Ähnliches geschehen, ebenfalls eine Naturka-


tastrophe; die ganze Welt, wenigstens soweit sie zivilisiert war,
hatte vier Jahre lang, nicht ohne Erfolg, versucht, sich gegen-
seitig abzuschlachten, auch damals einem barbarischen, dunk-
len Triebe folgend. Heute wie damals war die Stimme der
Vernunft, der Besonnenheit und der Menschlichkeit plötzlich
überbrüllt und zum Schweigen gebracht worden durch eine
schreckliche und tierische Stimme, die der Barbarei. In einem
Teil der Menschheit, vielleicht dem jüngeren oder dem unge-
bildeteren, schien ein ganz besonderer kriegerischer Geist zu
schlummern, der, wenn immer er erwachte, sogleich den Erd-
teil in ein Schlachthaus verwandelte. Allerdings gab es auch
Schuldige. Gewisse viel vermögende Leute und Parteien hat-
ten nicht genug getan, diesen Geist zu bannen und einen edle-
ren an der Macht zu halten. Ihre Schwäche und Korrumpiert-
heit wurde allgemein erkannt und beklagt. Wenn man aber
auch die Folgen der Revolution der Kleinbürger so in der
schwärzesten Farbe ausmalte und ihnen eine lange Herrschaft
voll von Greueln prophezeite, war man doch allgemein der
Überzeugung, daß auch jetzt wieder, wie schon während des
großen Krieges vor 19 Jahren, einzelne Stimmen der Vernunft
in einigen Kaffeehäusern weiter ertönen würden, die sanften
und erhabenen, die unbestechlichen Stimmen der Menschlich-
keit. Diese Stimmen, hieß es, seien niemals und durch keine
Gewalt der Erde völlig zum Schweigen zu bringen. Einige
Besitzer solcher Stimmen hatten sie schon jetzt vorsorglich ins
Ausland gebracht, damit sie weiterhin ertönen könnten. Auch
ich wurde von einigen erkannt und meiner Abreise wegen be-
glückwünscht. Wenn man dieses Bild der Meinungen, das ich
hier zu entwerfen suchte, betrachtet, könnte es sein, daß man
mein obiges Urteil über den Charakter der Ansichten in die-
sen Häusern nicht ganz mehr billigt. Man könnte versucht
sein, ihnen mehr Gewicht beizulegen, als ich es tue, und diese
Sammler dieser Ansichten gegen mich in Schutz nehmen wol-
len. Es ist hier noch nicht der Ort, mich dazu zu äußern.
Aufsätze über den Fasdiismus 187

Ich möchte jedoch nicht, daß man aus meiner, vielleicht un-
glücklichen Schilderung bei mir auf eine Verachtung dieser Leute
schließt. Ich weiß sehr gut, daß ihre Untätigkeit nicht viel ge-
gen sie beweist, und mehr kann man ihnen, wie ich glaube,
nicht vorwerfen. Die Gesellschaft, in der sie leben, macht ihnen
eine wesentlich nützlichere Betätigung unmöglich. Sollen sie
als Richter über arme Teufel zu Gericht sitzen, die aus Hunger
einen Laib Brot stehlen oder als Ärzte Rezepte aufschreiben,
die wirkungslos (wenn auch billig) sind, oder als Architekten
Häuser bauen, in denen irgendeine menschliche Hyäne in 16
Zimmern haust, oder solche, in denen, zu zwölf! in einer
Küche, jene hocken, die ihr das bezahlen? Manche derer, die
hier sitzen und Ansichten sammeln, mögen wohl jene Gebre-
chen haben, die zur Bekleidung öffentlicher Ämter nötig sind,
und bereit sein, die Geschäfte zu vollführen, die verlangt wer-
den, Unwichtiges mag sie daran hindern, aber andere hier sind
bessere Leute trotz allem, und auch die Erwähnten wurden
wenigstens durch ein gütiges Geschick davor behütet, wirklich
Schandtaten zu begehen. Was ich an ihrem Denken aussetzte,
war, kurz gesagt, seine Aussichtslosigkeit. Die Bilder, die diese
guten Leute von der Wirklichkeit entwarfen, mochten unge-
fälscht sein, aber sie halfen nicht weiter. Man konnte das Auf-
treten der neuen Herren barbarisch nennen, und was sie dazu
veranlaßte: einen dunklen Trieb, aber was war durch solche
Erklärungen gewonnen? Solche Erklärungen genügten viel-
leicht dazu, gewisse melancholische Gefühle zu erregen, aber
kaum dazu, die erklärten Zustände beherrschen zu lehren.
Denke man von mir, wie man wolle, ich vermißte mehr und
mehr bei diesem Denken der Vertriebenen und Bedrohten eine
einschneidende Überlegenheit über jenes der Vertreiber und
Bedroher. Gut, das eine war die rohe Stimme der Barbarei,
sie war roh und dumm, das andere war die Stimme der Kul-
tur, sie war wohltönend, aber auch dumm. Die einen hatten
viele Waffen und benutzten sie, die andern hatten nur den Ver-
stand als Waffe und benutzten ihn nicht. Ich fuhr nieder-
18 8 Zur Politik und Gesellschaft

gedrückter weg aus dem Land der Kultur, als ich dort ange-
kommen war - aus dem Land der Barbarei.

[Faschismus und Kapitalismus]


Die Geschäfte des Kapitalismus sind nun in verschiedenen
Ländern (ihre Zahl wächst) ohne Roheit nicht mehr zu ma-
chen. Manche glauben noch, es ginge doch; aber ein Blick in
ihre Kontobücher wird sie früher oder später vom Gegenteil
überzeugen. Das ist nur eine Zeitfrage.

Es kann in einem Aufruf gegen den Faschismus keine Auf-


richtigkeit liegen, wenn die gesellschaftlichen Zustände, die ihn
mit Naturnotwendigkeit erzeugen, in ihm nicht angetastet
werden. Wer den Privatbesitz an Produktionsmitteln nicht
preisgeben will, der wird den Faschismus nicht loswerden,
sondern ihn brauchen.

Ich weiß natürlich, daß solche Worter wie Privatbesitz an Pro-


duktionsmitteln unschöne, wenig romantische, gar nicht poe-
tische Worter sind. Aber niemand von uns denkt daran, diese
Wörter ihrer Schönheit wegen zu verwenden. Sie sind nur nö-
tig. Das heißt: das zu sagen, was sie sagen, ist nötig. Und vor
die Wahl gestellt, so unschöne und trockene und doktrinäre
Worter zu gebrauchen und von so niedrigen Dingen, wie dem
Erwerb des Unterhalts und der Möglichkeit, sich satt zu essen,
zu reden oder den Faschismus siegen zu lassen, sollte man sich
für sie entscheiden.

Aber um in seinen Entscheidungskampf mit seinem Proleta-


riat einzutreten, muß der Kapitalismus sich aller, auch der
letzten Hemmungen entledigen und alle seine eigenen Begriffe,
wie Freiheit, Gerechtigkeit, Persönlichkeit, selbst Konkurrenz,
einen nach dem andern über Bord werfen. So tritt eine einst-
Aufsätze über den Faschismus 189

mals große und revolutionäre Ideologie in der niedrigsten


Form gemeinen Schwindels, frechster Bestechlichkeit, brutal-
ster Feigheit, eben in faschistischer Form, zu ihrem Endkampf
an, und der Bürger verläßt den Kampfplatz nicht, be-
vor er seine allerdreckigste Erscheinungsform angenommen
hat.

Warum ist es erschreckend, daß es dem geistigen Arbeiter erst


gesagt werden muß, daß das Verbot von 14 kommunistischen
Zeitungen ihn zu einem Wutschrei veranlassen müßte? Es ist
erschreckend, weil es hier, wo die Stätte der Wahrheit und der
Entwicklung geschlossen wurde, niemals gesehen worden war,
und daß, als die Wahrheit verboten wurde, nichts verboten
wurde, was er je gesagt hätte oder je sagen würde. Ihn be-
trifft das Verbot der Wahrheit nicht. Er hat nichts mit Wahr-
heit zu tun. Er schreibt, was keinen Wert hat, also wird es
nicht verboten, was er schreibt. Was soll der geistige Arbeiter
tun? Die Polizei verbietet die Wahrheit, und die Zeitungen
bezahlen die Lüge!

[Über Wahrheit]

1 Es gibt eine Wahrheit


Das heißt: Es gibt nur eine Wahrheit, nicht zwei oder ebenso
viele, als es Interessentengruppen gibt.

2 Diese Wahrheit ist nicht nur eine moralische Kategorie


Das heißt: Es ist nicht nur eine Frage der Gesinnung (Unbe-
stechlichkeit, Wahrheitsliebe, Gerechtigkeit und so weiter), son-
dern auch eine des Könnens. Sie muß produziert werden. Es
gibt also Produktionsweisen der Wahrheit.
190 Zur Politik und Gesellschaft

3 Das Sagen (und Finden) der Wahrheit muß einen Zweck


haben

Die Wahrheit ist die Spiegelung der treibenden Kräfte der


Wirklichkeit in den Köpfen. Das Auftauchen der Frage nach
Wahrheit muß als Beweis dafür betrachtet werden, daß durch
reale Umstände (Veränderungen in der Realität) ein Handeln
nötig geworden ist. In bezug auf dieses notwendig gewordene
Handeln muß die Frage gestellt werden. Alle diejenigen Um-
stände, welche die Frage hervorgebracht haben, müssen Gegen-
stand der Antwort sein und bleiben.

4 Der Grund des Nachdenkens und der Aussage muß in der


Aussage und dem Nachdenken eine Erledigung finden

Wenn zum Beispiel die Frage der Freiheit auftaucht, so muß


festgestellt werden, welche Bedrückung den Wunsch nach Frei-
heit erzeugt hat, denn durch eine solche Feststellung wird die
betreffende Art der Freiheit, die nötig geworden ist, bestimmt.
Eben jene Umstände, welche die Frage (oder den Wunsch) nach
Freiheit hervorgebracht haben, müssen dazu benutzt werden,
die Lage zu ändern, also die Freiheit zu schaffen.

5 Eine Aussage oder Darstellung ist dann eine Wahrheit, wenn


sie eine Voraussage gestattet

Bei dieser Voraussage muß aber der Aussagende als Handeln-


der auftreten. Er muß auftreten als einer, der für das Zustande-
kommen des Vorausgesagten nötig ist.
Aufsätze über den Faschismus 191

Über die Wiederherstellung der Wahrheit


In Zeiten, wo die Tauschung gefordert und die Irrtümer ge-
fördert werden, bemüht sich der Denkende, alles, was er liest
und hört, richtigzustellen. Was er liest und hört, spricht er
leise mit, und im Sprechen stellt er es richtig. Von Satz zu
Satz ersetzt er die unwahren Aussagen durch wahre. Dies
übt er so lange, bis er nicht mehr anders lesen und hören
kann.
Der Denkende geht von Satz zu Satz, so daß er langsam, aber
vollständig das Gehörte und Gelesene in seiner zusammen-
hängenden Form berichtigt. Auf diese Weise vergißt er nichts.
Gleichzeitig aber setzt er riditige Sätze gegen unrichtige, ohne
sich um den Zusammenhang zu kümmern. Er zerstört so den
Zusammenhang der unrichtigen Sätze, wissend, daß der Zu-
sammenhang Sätzen oft einen Anschein von Richtigkeit ver-
leiht, welcher Anschein davon kommt, daß man im Zusam-
menhang, aufbauend auf einem unrichtigen Satz, mehrere
richtige Folgerungen ziehen kann. Das Folgern ist dann richtig,
aber die Sätze sind nicht richtig.
Der Denkende handelt so nicht nur, um festzustellen, daß
getäuscht und geirrt wird. Er wünscht die Art der Täuschung
und des Irrens zu gewinnen. Wenn er liest: »Ein starkes
Volk wird weniger leicht angegriffen als ein schwaches«, dann
braucht er das nicht zu berichtigen, wenn er hinzusetzt »aber
es greift leichter an«. Wenn er hört, daß Kriege nötig sind,
dann setzt er hinzu, unter welchen Umständen sie nötig sind,
auch: für wen.
192 Zur Politik und Gesellsdiaft

General Göring über die Überwindung des Kommunismus


in Deutschland (zitiert aus der »Basler Nationalzeitung« vom
12. Dezember 1934)

Wörtliche Wiedergabe der Wiederherstellung der Wahr-


Rede heit
Gerade an der Darstellung der Gerade an der Art, wie die
Abwehr und der Überwin- Abwehr und die Überwin-
dung der kommunistischen dung der Gefahr, daß unter
Gefahr wird man die Metho- der Herrschaft des arbeiten-
den des Nationalsozialismus, den Teils der Bevölkerung die
die dem Kommunismus in je- Ausnutzung des Eigentums
der Hinsicht entgegengesetzt zum Zwecke der Ausbeutung
sind, klar erkennen. abgeschafft werden könnte,
öffentlich hingestellt wird,
wird man die Methoden des
Nationalsozialismus, die, da
sie lügnerisch sind, denen des
Kommunismus völlig entge-
gengesetzt sind, klar erken-
nen können.
Die deutsche Regierung muß Die deutsche Regierung muß
sich vorbehalten, in völliger sich vorbehalten, in völliger
Freiheit Freiheit von den moralischen
Forderungen anderer kapita-
listischer Staaten oder auch
kapitalistischer Gruppen im
Inland
die Mittel anzuwenden, die die Mittel anzuwenden, die
sie für richtig hält, sie für richtig hält, nämlich
Mittel wie die Inbrandset-
zung des Reichstagsgebäudes
Aufsätze über den Faschismus 193

zum Zwecke der Beschuldi-


gung der Kommunisten,
und sie kann dabei auf frem- und sie kann dabei auf fremde
de Ratschläge keine Rücksicht Ratschläge keine Rücksicht
nehmen. nehmen.
Ich lehne es ab, mich nochmals Ich lehne es ab, mich nochmals
mit den Beschuldigungen, die mit den Anschuldigungen, die
gegen die Regierung und mich gegen die Regierung und ge-
persönlich im Zusammenhang gen mich persönlich in Zusam-
mit dem Reichstagsbrand aus- menhang mit dem Reichstags-
gesprochen wurden, zu befas- brand ausgesprochen worden
sen, sind, zu befassen,
zumal das Reichsgericht zumal das Reichsgericht, dem
inzwischen die Behandlung
solcher Prozesse entzogen
worden ist.
die Vorgänge um den Reichs- die Vorgänge um den Reichs-
tagsbrand tagsbrand herum
mit peinlicher Genauigkeit ge- mit Pein geprüft
prüft
und seine Entscheidung ge- und seine Entscheidung dahin
fällt hat. gefällt hat, daß die von mir an-
geschuldigten Kommunisten
den Reichstag nicht angezün-
det haben und daß es den Be-
weis, daß wir selber dies getan
haben, nicht erbringen konnte.
Ich kennzeichne das angeb- Ich kennzeichne das in seiner
liche Testament Echtheit beglaubigte Testa-
ment
des ehemaligen Gruppenfüh- des ehemaligen Gruppenfüh-
rers Ernst rers Ernst, den ich habe er-
schießen lassen,
als eine plumpe Fälschung. als eine plumpe Fälschung und
handle damit in völliger Frei-
194 Zur Politik und Gesellschaft

heit von allen moralischen For-


derungen, alle Mittel anwen-
dend, die zur Überwindung
des Kommunismus nötig sind.
Wir waren fest entschlossen, Wir waren fest entschlossen,
nach der Ergreifung der Macht nach der Ergreifung der Macht
im Interesse der Besitzenden
den Kommunismus so zu tref- den Kommunismus so zu tref-
fen, daß er sich von diesem fen, daß er sich von diesem
Schlag in Deutschland nie Schlag in Deutschland nie
mehr erholen sollte. Dazu wieder erholen sollte. Dazu
brauchten wir keinen Reichs- brauchten wir einen Reichs-
tagsbrand. tagsbrand.
Zur Durchführung unserer Zur Durchführung unserer
Maßnahmen Maßnahmen gegen die Hun-
gernden
brauchten wir das Instrument brauchten wir das Instrument
einer durch und durch zu- einer durch und durch zuver-
verlässigen und im höchsten lässigen und im höchsten
Maße schlagkräftigen Polizei. Maße zum Schlagen bereiten
Polizei.
Dieses Instrument habe ich Dieses Instrument habe ich
geschaffen durch die Reorga- geschaffen durch die Reorga-
nisation der Landespolizei nisierung der Landespolizei
und die Bildung der Gestapo. und die Bildung der Gestapo
mit Hilfe der Behauptung,
die Kommunisten und Sozial-
demokraten bereiteten einen
Aufruhr vor.
Kommentar
Indem der General Göring, wie schon im Leipziger Prozeß
einmal, wieder im Zusammenhang mit dem Reichstagsbrand
die Notwendigkeit anführt, die Polizei durch eine sensatio-
nelle Aufgabe zu aktivieren, gibt er seine Brandstiftung offen
zu. Er scheint also Feinde in der Regierung zu haben.
Aufsätze über den Faschismus 195

Weihnachtsbotschaft des Stellvertreters des Führers (Hess) im


Jahre 1934
(zitiert aus der »Basler Nationalzeitung« vom 26. Dezember
1934)
Wörtliche Wiedergabe der Wiederherstellung der Wahr-
Rede heit
Mit berechtigtem Stolz Mit Stolz
auf den Opfermut auf die Gesinnung derjenigen
Besitzenden, die etwas von
dem opferten, was ihnen von
Besitzlosen geopfert worden
war,
und die Hilfsbereitschaft der und auf ihre Bereitschaft, vor
deutschen Volksgenossen denen als Helfende zu er-
scheinen, die von ihnen im
Elend gehalten werden,
könnte man heute sagen: könnte man heute sagen:
Zu dieser Weihnacht und in Zu dieser Weihnacht und in
diesem Winter diesem Winter
läßt Deutschland keines sei- lassen Deutschlands Besitzen-
ner Kinder hungern, de keinen Besitzlosen vollends
ganz verhungern.
dieselben Kinder, So handeln Deutschlands Be-
sitzende an denselben Men-
schen,
die noch vor drei Jahren die noch vor zwei Jahren
durch ihre Not
in Hetzdemonstrationen ge- zu Demonstrationen gezwun-
preßt wurden gen wurden
gegen Volk, gegen jenen Teil der Bevölke-
rung, der den anderen Teil
ausbeutet,
196 Zur Politik und Gesellsdiaft

Nation, das Gerede, Menschen täten


gut daran, etwas zu verteidi-
gen, was ihnen nicht gehört,
und Glaube und die Religion, welche die
Verwendung von Eigentum
zum Zwecke der Ausbeutung
heiligspricht
für ein bolschewistisches für eine bolschewistische Ge-
Chaos. sellschaftsordnung, in der die
Ausbeutung des Menschen
durch den Menschen unmög-
lich ist.
Sie nehmen heute dankbar ihr Sie nehmen heute dankbar ihr
Weihnachtsgeschenk Weihnachtsgeschenk, ohne das
sie verhungern würden,
aus der Hand derjenigen, die aus der Hand derjenigen, die
ihnen einst als Feinde gezeigt ihnen einst als Feinde gezeigt
wurden. wurden, da sie Feinde sind.
In Wirklichkeit opferten al-
lerdings hauptsächlich arme
Hunderttausende, ja Millio- Leute. Hunderttausende, ja
nen deutscher Arbeiter und Millionen deutscher Arbeiter
Arbeiterinnen, und Arbeiterinnen,
die früher ihre schwer erwor- die früher ihre schwer erwor-
benen Groschen für die Idee benen Groschen für die Idee
einer internationalen Klas- einer sich auf alle Länder der
sengemeinschaft hingaben, Welt erstreckenden Gemein-
schaft aller Menschen ohne
Vermögens- und Standesun-
terschiede hingaben,
opfern diese heute opfern diese heute, ohne daß
sie sie leichter erwürben,
für einen tatfrohen, immer für einen Zustand, in dem es
hilfsbereiten Sozialismus, ewig solche in großen Massen
geben soll, die der Hilfe be-
Aufsätze über den Faschismus 197

dürfen und für die nur schwer


erwerbbare kleine Geldstücke
von Ausgebeuteten abfallen,
der eine Nation umschließt. der nur die Bevölkerung eines
einzigen Landes umschließt,
das aber alle anderen Länder
bedroht.
Ich weiß, daß Ihr Deutschen Ich weiß, daß Ihr Deutschen,
draußen und drinnen soweit ihr draußen und drin-
nen etwas besitzt,
am Weihnachtsabend keine am Weihnachtsabend keine
politische Ansprache von mir Ansprache darüber erwartet,
erwartet, ja daß Ihr sie gar wie wir Euren Besitz schützen
nicht wollt, wollen, ja daß Ihr sie gar nicht
wollt.
und mir ist viel zu weihnacht- Und ich habe viel zu gut ge-
lich zumute, als daß ich mich gessen, als daß ich mich heute
heute mit Tagespolitik und mit Tagespolitik und dem
Statistik befassen möchte. Fälschen von Statistiken be-
fassen möchte.
Ich weiß aber auch, daß gera- Ich weiß aber auch, daß ge-
de dem Auslandsdeutschen rade dem, der sein Besitztum
im Ausland hat,
keine schönere Weihnachts- keine schönere Weihnachts-
freude bereitet werden kann, freude bereitet werden kann,
als daß ihm zu Bewußtsein als daß ihm zu Bewußtsein
kommt: Er braucht sich seiner kommt: Er braucht sich seiner
deutschen Heimat nicht mehr deutschen Heimat nicht mehr
zu schämen, ja, er kann stolz zu schämen, ja, er kann stolz
auf sie sein. auf sie sein.
Und wenn Fremde als Gäste Und wenn fremde Ausbeu-
nach Deutschland kommen, ter nach Deutschland kom-
men,
so sind sie voller Bewunde- so sind sie voller Bewunde-
rung für das, was in so kurzer rung für das, was in so kurzer
198 Zur Politik und Gesellsdiaft
Zeitspanne hier geschaffen Zeitspanne hier geschaffen
wurde, wurde,
nicht nur in der innerlichen nicht nur in der innerlichen
und äußerlichen Wandlung und äußerlichen Verelendung
der Deutschen, der Deutschen,
sondern auch bereits an greif- sondern auch bereits an greif-
baren und sichtbaren Werken, baren und aus dem Handels-
teil der Zeitungen ersichtli-
chen Dividenden,
die erstanden sind aus der zu- die erstanden sind aus der zu-
sammengefaßten sammengestohlenen
und neu organisierten Arbeits- und ihrer Organisationen be-
kraft raubten Arbeitskraft
des Volkes. des größten Teils der Bevöl-
kerung.

Kommentar
Wenn man die Rede und die Wiederherstellung der Wahr-
heit, von links nach rechts lesend, überflogen hat, vergegen-
wärtige man sich, daß es für den Nationalsozialisten galt, das
Winterhilfswerk zu loben, und zwar angesichts der riesigen
Schwierigkeiten, die auf der rechten Seite (in der Wieder-
herstellung) ihren Ausdruck finden. Nunmehr kann man, von
der rechten Seite zur linken Seite hinüberlesend, studieren,
wie der Mensch sich seiner Aufgabe entledigte. Dann sieht
man, was für eine Art Mensch es ist, welcher Klasse er ange-
hört, welche Aufgabe sie zu lösen übernommen hat und wie
sie sie löst.

1934
Aufsätze über den Fasdiismus 199

Über die Frage, ob es Hitler ehrlich meint

Die Frage, ob Hitler ehrlich ist, wird häufig gestellt, und


viele tun so, als hinge von ihrer Beantwortung viel ab.
Man kann natürlich ebenso fragen, ob ein Negermedizin-
mann, der verkündet, daß erst wieder Regen kommen wird,
wenn ein bestimmter Mann aufgefressen ist, es ehrlich meint.
Im allgemeinen wird man nur dann dazu neigen, den Medi-
zinmann für unehrlich zu halten, wenn er mit dem Mann,
den zu essen er empfiehlt, nichts persönlich zu tun hat, also
weder verwandt noch verschwägert, noch geschäftlich liiert,
noch sonst irgendwie verfeindet ist. Der betreffende Mann
selber wird ihn aber auch dann nicht für ehrlich halten, und
auch, wenn er ihn doch für ehrlich halten wird, so wird er
doch gefressen werden, und zwar ohne daß dadurch ein
Regen kommt.
Es ist ganz allgemein geglaubt, daß man, wenn jemand hohe
Ziele anstrebt, ein Auge zudrücken muß. Er kann jederzeit
sagen: Um euch zehntausend zu retten, habe ich im Moment
10 Leute nötig, die ich töten muß. Natürlich muß das Ziel
wirklich hoch sein. Das höchste Ziel, das jemand angeben
kann, wenn er jemand töten muß, ist die Rettung des Vater-
landes. Ein niedriges Ziel, eigentlich das niedrigste, ist: Geld.
Nun gibt es aber in dieser beklagenswert ungenauen Welt
eigenartige Kombinationen. Der Bankier Morgan zum Bei-
spiel rettete das Vaterland (und verdiente 200 Millionen Dol-
lar); Henry Ford rettete das Vaterland nicht (und verdiente
ebenfalls 200 Millionen Dollar). Als Morgan einige hundert-
tausend Menschenleben opferte und das Vaterland rettete,
kam etwas dabei heraus: 200 Millionen Dollar. Als er diese
200 Millionen Dollar verdient hatte, war das Vaterland geret-
tet. Ford hingegen verdiente sein Geld, ohne daß das Va-
terland von ihm gerettet wurde, da ja Morgan es rettete, als
200 Zur Politik und Gesellsdiaft
der sein Geld verdiente. Andererseits benötigte Ford dafür,
daß er das Vaterland nicht rettete, auch keine ioo ooo
Menschenleben, um sein Geld zu verdienen. Morgan konnte
es ohne die Menschenverluste nicht schaffen, sein Geld zu
verdienen und das Vaterland zu retten. Ford dürfte uns nicht
kommen und i oo ooo Menschen umbringen wollen, um sein
Geld zu verdienen, da das Vaterland in seinem Falle nicht ge-
rettet wäre, wenn die iooooo umgebracht wären. Ford
würde es, falls er von uns die iooooo Menschen verlangen
würde, um sein Geld zu verdienen, nach unserer Ansicht im
Gegensatz zu Morgan nicht ehrlich meinen.

Man darf dem Gegner niemals etwas zugeben, was er nicht


verdient, etwa deswegen, weil man als großzügig gelten will,
um zu zeigen, daß man ihn auch auf seinem eigenen Feld
schlagen kann, auf höherer Ebene. Man muß bei der Wahrheit
bleiben, auch wenn sie unwahrscheinlich ist. Und man darf
nicht eine Unwahrheit als Wahrheit unterstellen, weil man ihre
Brandmarkung im Augenblick gar nicht braucht, um den Geg-
ner zu besiegen. Wenn ich anfange: Hitler mag subjektiv ehr-
lich sein, so bleibt doch ..., dann habe ich nur »zugegeben, daß
sogar ich Hitler die Ehrlichkeit nicht abzustreiten wage, ich,
der Gegner«. Gewiß, Hitler könnte ehrlich sein und es gut mei-
nen und doch objektiv Deutschlands schlimmster Feind sein.
Aber er ist nicht ehrlich.

Als Hitler gegen Frankreich eine militärische Besatzung ins


Rheinland vorschob, hielt er eine große Rede, in der er schluch-
zend ausrief, er habe kein Rittergut und kein Bankkonto. Die-
ser Satz hinterließ allgemein einen tiefen Eindruck.
Ringsum sah man, wie Hitlers Gefolgschaft sich bedenkenlos
Aufsätze über den Fasdiismus 201

die Taschen füllte, wie ein Statthalter dem andern in Anbe-


tracht seiner Verdienste ein Rittergut schenkte und so weiter,
und der Führer selber ging also leer aus? Durch seine Herr-
schaft war eine Schicht von Räubern ans Ruder gekommen und
jedem die Möglichkeit, sich zu bereichern, gegeben worden, und
er selber ergriff sie nicht? Angesichts solcher sittlicher Größe
wurde manchem das Auge naß.
General Göring, der doch im Rang unter dem Führer stand,
besaß mehrere Rittergüter und veranstaltete Bankette wie
Nebukadnezar, und seinen Führer ließ er obdachlos und ohne
Abendessen durch das nächtliche Berlin lungern, Gott weiß, ob
ihn ein Asyl für Obdachlose aufnehmen würde, wenn er sagte,
ich bin der Führer? Er könnte natürlich, wenn es zum Schlimm-
sten käme, immer noch seine SA rufen . . .
Der Führer eines großen Reiches sollte ohne Zweifel ein, wenn
auch bescheidenes, Einkommen haben. Es ist möglich, daß Herr
Hitler nicht allzuviel leistet, aber was macht das für einen
Eindruck, wenn der Reichspräsident, der zugleich noch auf das
Gehalt eines Ministerpräsidenten verzichtet, jeden Portier um
den Nickel für die Elektrische anschnorren muß, wie das in
Berlin geschieht.
Viele nun meinen, wie ich höre, daß Herr Hitler zwar Ein-
nahmen habe und ganz hübsche, es aber nicht wisse. Nach die-
sen meint er nur, er habe kein Bankkonto. Ist dies möglich?
Ich denke, es ist möglich. Es ist sogar wahrscheinlich. Man
braucht sich nur die Frage vorzulegen: Wie soll es der Führer
denn erfahren haben, daß er ein Bankkonto besitzt? In der
Nacht schläft er in der Wilhelmstraße oder in seinem hübschen
Landhaus in Berchtesgaden oder liegt dort schlaflos und denkt
nach, wie er Deutschland aus dem Krieg hält: da kann man
ihm doch nicht mit der Nachricht kommen, daß er ein Bank-
konto hat. In der Frühe frühstückt er, und während dieser
Stunde kann man ihn auch nicht stören, denn er muß sich stär-
ken, sonst sind wir alle verloren. Dann kommen die Regie-
rungsgeschäfte: Der Führer besichtigt zum Beispiel eines seiner
202 Zur Politik und Gesellschaft
großen Bauwerke. Bekanntlich wünscht er sich von Herzen
einige große Stadien, wo er zu den Deutschen darüber reden
kann, was er ihnen noch alles schenken wird. Wenn er so in
Pläne und Studien versunken ist, kann man ihn natürlich auch
nicht herausreißen, nur um ihm zu sagen, daß das Geld für seine
Lieblingsbauten da ist. Und so geht es den ganzen Nachmittag
und Abend fort, wo er beim Propagandaminister ist und die-
ser ihm erzählt, was er alles für Deutschland tut und was er
sagen muß öffentlich, kurz, ein wenig Propaganda macht . . .
Auf diese Weise erfährt es der Führer eben nie, daß für ihn
gesorgt ist, und wenn er gerade eine so wichtige Rede vorbe-
reitet wie die letzte, von der wir reden, kann man es ihm auch
nicht mitten hinein zurufen. Und wie soll man auch wissen,
daß er davon reden wird? Niemand, nicht einmal der Führer
weiß, was er redet.
Gleichwohl ließ mich die Aussage des Führers, daß er kein
Bankkonto hat, nicht schlafen. Auch seine schlaflosen Nächte,
von denen er spricht, verstand ich jetzt besser. Denn es ist tat-
sächlich ein großer Leichtsinn, so viel Geld daheim, im Strumpf,
aufzuheben. Es ist das eine Gewohnheit vieler Kleinbürger,
aber es ist keine vernünftige Gewohnheit. Allerdings, das Miß-
trauen gegen die Banken kommt ja auch im nationalsozialisti-
schen Programm zum Ausdruck . . .
Es müssen übrigens eine ganze Menge Strümpfe sein. Die Ein-
nahmen des Führers sind nicht mehr so schäbig wie zu der Zeit,
wo er noch Reichswehrspitzel in München war, ein erbärmlich
bezahlter Posten (erbärmlich bezahlt, besonders wenn man be-
denkt, daß es doch ein harter Beruf ist, da der Spitzel sich das
Vertrauen der Leute erwerben und sie dann verraten muß).
Schon wenn man die neue Verfügung betrachtet, nach der je-
dem heiratenden Paar von der Gemeinde ein Exemplar von
»Mein Kampf« überreicht werden muß, beginnt man zu ahnen,
was alles im Sparstrumpf des Führers stecken muß. Jedes Jahr
heiraten etwa 700000 Paare in Deutschland. Weniger als 50
Pfennig wird man dem Führer vom Exemplar nicht anbieten
Aufsätze über den Fasdiismus 203

dürfen. Allein diese Rechnung zeigt, daß sein Kampf ein sieg-
reicher war.
Sollte der Führer wirklich kein Bankkonto besitzen, nicht ein-
mal ohne es zu wissen, und sein Geld zu Hause aufbewahren —
er hat nämlich tatsächlich ein Zuhause, so überraschend das
ist, ein Palais in Berlin und einen Landsitz in Bayern —, so wäre
das eine große Unvorsichtigkeit von ihm, denn es könnten trotz
seiner Gestapo eines Tages allerhand Leute zu ihm kommen
und nach seinen Sparstrümpfen suchen, und von was wird er
dann leben? Denn seinen Posten kann er auch nicht immer be-
halten in diesen unruhigen Zeiten.

[Über Ehrlichkeit]
Es hat wenig Sinn, über die Ehrlichkeit (das »Fairplay«) an sich
zu sprechen, ohne ihre Rolle in der Gesellschaft zu untersuchen,
ihre rasch wechselnde Rolle. H. G. Wells spricht von der Ehr-
lichkeit, die die Rothschilds in die moderne Finanzwirtschaft
eingeführt haben. Sie hielten sich an ihre Verpflichtungen und
unterschlugen sowenig wie möglich. Was wichtiger ist: Sie
zwangen sogar die Regierungen zur Ehrlichkeit. Wells sagt
durchaus richtig, daß diese Bankiers dadurch der Weltwirtschaft
einen bedeutenden Dienst erwiesen haben. Leider schimmert
durch diese Feststellung die gefährliche Ansicht durch, Ehrlich-
keit mache sich bezahlt, könne dadurch als Prinzip erreicht
werden und bleibe dann womöglich auch noch in der Welt, wenn
Ehrlichbleiben ein Draufzahlen verlangt. Man darf doch nicht
einfach bei der Betrachtung und Einschätzung der Ehrlichkeit
unterschlagen, von welcher Art sie ist. Die Ehrlichkeit der
Rothschilds bestand, was Wells weiß, etwa darin, daß der Land-
graf von Hessen Menschenhandel trieb und der alte Rothschild
dieses Geschäft »sauber« abwickelte, das heißt dafür sorgte, daß
die Betrüger wenigstens sich selber nicht gegenseitig im kleinen
auch noch betrogen. Der Menschenhandel scheint auf dem
204 Zur Politik und Gesellsdiaft

Punkt gewesen zu sein, wo er durch Unehrlichkeit und Kor-


ruption der beim Handel Beteiligten seinen Sinn zu verlieren
drohte. Von dieser Funktion der Ehrlichkeit, den Menschen-
handel zu retten, kann man die Ehrlichkeit selber nicht gut
abstrahieren: Es ist keine Ehrlichkeit schlechthin. Es geht nicht
aus dem Kommerz etwa eine Portion Ehrlichkeit in den Be-
sitz der Gemeinwesen über und vermehrt dort die Kulturgüter.
Es ist eher umgekehrt: Das, was man so im kleinen, sozusagen
im häuslichen täglichen Leben, unter Ehrlichkeit verstand, be-
kommt einen Stich, einen kleinen Anflug von dem großen (und
rentablen) Begriff der neuen Kunst der Ehrlichkeit, die unter
den Großen neuerdings in Schwung sein soll. Leute bedienen
sich der Ehrlichkeit, ohne daß man sie deswegen gerade mit
dem Ausdruck »ehrliche Leute« am treffendsten kennzeichnen
würde. Dann besagt der Begriff allmählich überhaupt nichts
Genaues mehr. Die Ehrlichkeit ist eine Methode wie andere
Methoden, jedem Gauner vertraut und auch dem Ehrenmann
gestattet. Die großen Kulturstaaten tun sich nicht wenig dar-
auf zugute, daß ihre Verwaltungen »sauber« sind. Die Frage,
was da verwaltet wird, spielt keine Rolle mehr, es könnte auch
Diebesgut sein. Was wir meinen, ist: Von dem kleinbürgerlich
treuherzigen Begriff »ehrlich«, dem als »Bestes« ein Moment
des Opfers, des nicht selten schmerzlichen Verzichts auf uner-
laubte Vorteile, anhaftet, bleibt so gut wie nichts übrig.
Aus der Praktik der Kulturstaaten verschwinden mitunter
wieder die ehrlichen oder sauberen Methoden, wenn sie sich
nicht mehr rentieren für die maßgebenden Schichten, und die
neuen Methoden, die an ihrer statt eingeführt werden, haben
nicht weniger anständige und biedere Namen.
Vor einiger Zeit sprach jedermann von der korrupten Verwal-
tung der Stadt Chicago, und auch Tamany Hall stand nicht
in bestem Ruf. Aber diese Verwaltungen arbeiteten in großen
und zivilisierten Städten mit riesigem Erfolg, und die weithin
berühmten Errungenschaften wurden vielleicht gerade durch die
gewisse Großzügigkeit und Unbedenklichkeit der Verwaltung
Aufsätze über den Fasdiismus 205

erreicht, zumindest trotz derselben. Die weit richtigere Präge


ist: wem die Errungenschaften zu gut und wem sie zu schlecht
kamen, und diese Frage betrifft alle Errungenschaften der Zi-
vilisation, ob sie von ehrlichen oder korrupten Verwaltungen
erzielt oder begleitet sind.

[Argument gegen Hitler]


Im Sommer 1933 sprach ich mit einigen Bekannten über Hit-
ler. Dieser hatte Zehntausende von deutschen Arbeitern in die
Gefängnisse und Konzentrationslager geworfen oder ermor-
den lassen und uns alle vertrieben, so daß das Gespräch in Paris
stattfand. Jemand erzählte, daß er den Anstreicher früher in
München oftmals in einem Lokal getroffen hatte und daß der
Anstreicher sich für eine Mark ins Gesicht spucken ließ. Der
dies erzählte, fügte hinzu, daß er diese wahre Geschichte nie-
mals in einem größeren Kreise als dem unsern erzählen würde,
denn, meinte er, das sei kein Argument gegen einen solchen
Mann.
Da sagte einer meiner Freunde, der ein Kommunist war: »Ge-
gen einen solchen Mann ist auch das ein Argument. Gegen einen
solchen Mann ist für mich alles ein Argument.«
Das war auch meine Meinung.

Aus: Der Reichstagsbrand oder


Hitler »rettet Europa«
Alles das sollte nun in einem »Prozeß in vollster Öffentlich-
keit« gerechtfertigt werden. Die Schuld der so blutig Verfolg-
ten sollte vor mehr als 80 Pressevertretern des Auslandes,
»zahlreichen Rechtsgelehrten aus dem Ausland«, »endlich
Vertretern der ausländischen Gesandtschaften« erhärtet, die
Maßnahmen, der ganze Staatsstreich der blutigen Verfolger
206 Zur Politik und Gesellschaft

sollten als den Staat rettende Aktionen legaler Art gerichts-


notorisch werden. Wenn man bedachte, daß die Frucht der
Brandstiftung und der Beschuldigung schon längst in der Hand
der Regierung war, konnte man zweifeln, ob die Eröffnung des
Prozesses noch politisch klug war. Alle Anzeichen weisen darauf
hin, daß die Brandstiftung und die Beschuldigung keineswegs
ein Faktum und der Staatsstreich ein anderes Faktum, etwa ein
darauf folgendes, sondern daß die Brandstiftung und Beschul-
digung selbst der geplante erste Akt des Staatsstreiches war.
Durch eine Reihe von Umständen machten die nachfolgenden
Akte diesen ersten Akt nicht vergessen. Das Ausland, durch
die politische Emigration mit Material versorgt, bekundete
nach wie vor großes, ja steigendes Interesse. Auch in Deutsch-
land waren große Gruppen, die die Aufrechterhaltung des
»Rechtsstaates« oder wenigstens eine juristische Geste verlang-
ten, nicht ganz gleichzuschalten. Trotzdem wäre der Prozeß,
solange er als unangenehme Pflicht erschien, kaum »groß auf-
gezogen« worden. Aber er wurde bald zu etwas anderem.
Mehr und mehr schien er der Regierung geeignet, einen neuen
gewaltigen Nutzen, nunmehr außenpolitischer Art, zu brin-
gen. Die Kuh war gemolken worden, nun sollte sie geschlach-
tet werden. Er sollte die Parole »Hitler rettet Europa« in
Schwung bringen. [...]
Fragmentarisch
Aufsätze über den Fasdiismus 207

[Entwurf für ein Braunbuch]

VORWORT

I. Teil: Der Reichstagsbrand oder Hitler »rettet« Europa

WIE DIE HITLERREGIERUNG DIE LAGE IN DEUTSCHLAND IM


FEBRUAR UND MÄRZ 1 9 3 3 DER WELT DARSTELLT.

Es sprechen:
der Zeuge Göring;
der Zeuge Goebbels;
der Reichskanzler Hitler;
die nationalsozialistische Parteipresse;
der Amtliche Preußische Pressedienst;
der Untersuchungsrichter beim Reichsgericht, Vogt;

DEM KOMMUNISMUS SOLL DER PROZESS GEMACHT WERDEN.

II. Teil: Zwei Voruntersuchungen


Die Weltmeinung. (Die Frage: Wem nützt es?)
Herr Vogt baut seine Anklage auf.
Braunbuch I (Ein Buch, das Geschichte macht. — Die Weltpresse
nimmt die Darstellung des Braunbuchs auf.)
Die Ankläger werden zu Angeklagten.
Die Londoner Voruntersuchung.

DIE ANKLAGESCHRIFT DES OBERREICHSANWALTS - EIN DOLCH-


STOSS GEGEN DIE GÖRING-KOMMUNIQUES.

Widersprüche und Zusammenbruch der amtlichen Verlautba-


rungen.
208 Zur Politik und Gesellschaft

III. Teil: Zwei Prozesse

DAS WELTGESCHICHTLICHE DUELL ZWEIER GERICHTSHÖFE!


LEIPZIG GEGEN LONDON.

Der Londoner Gegenprozeß bringt das Urteil.


Leipzig.
Die Strategie der Anklageschrift ist die Strategie des Prozes-
ses.

Die Chancen des Justizmordversuches:


Das Werkzeug van der Lubbe.
Die Bulgaren. (Das Komplott muß international sein!)
Unmöglichkeit einer wirklichen Verteidigung.
Das Gericht.
Die Zeugen: Polizeizeugen / Beamtete Zeugen / Sachverstän-
dige / Provokateure / Kriminelle Zeugen / Konzentrationsla-
gerzeugen / Zeugen in Lebensgefahr / Tatverdächtige als Zeu-
gen / Entlastungszeugen, die nicht kommen können.

Chancen der Wahrheit, an das Licht zu kommen:


Die Angeklagten, an der Spitze Dimitroff.
Der Fall van der Lubbe (Unmöglichkeit der Alleintäterschaft:
164 Teilhandlungen in Minuten / Die Haltung des Angeklag-
ten: ein medizinisches Problem / Versagen des Werkzeuges:
Teilgeständnisse).
Die ausländische Verteidigung - der Londoner Gerichtshof.
Die Widersprüche der Leipziger Zeugen.
Die Londoner Zeugen.

DER KÄMPF UM EIN BUCH (Braunbuch I)


Aufsätze über den Fasdiismus 209

IV. Teil: Der Vernichtungskampf gegen die deutsche Arbeiter-


bewegung soll moralisch-politisch begründet werden

Politischer Teil des Prozesses.


Denkschrift des Reichsgerichts über Hochverrat der KPD.
Fälschungen im Buch »Bewaffneter Aufstand«.
Die wirkliche Lage im Februar/März 1933;
(Und so weiter, Kapitel noch nicht überblickbar).

V. Teil: Zwei Urteile

VI. Teil: Nachwort

Die Horst-Wessel-Legende
Am 11. April 193$ wurden die Kommunisten Sally Epstein
und Hans Ziegler wegen angeblicher Beteiligung an der Er-
mordung des Horst Wessel in Berlin-Plötzensee hingerich-
tet.

Sie tragen ein Kreuz voran


Auf blutroten Flaggen
Das hat für den armen Mann
Einen großen Haken

Bei der Suche nach einem Helden, der wirklich paßt, so daß
man, an ihn denkend, sogleich an die Bewegung, und an die
Bewegung denkend, sogleich an ihn denken mußte, entschied
sich die nationalsozialistische Bewegung, sicher nach langem
Schwanken, für einen Zuhälter.
Es ist natürlich nicht so, daß man fragte: Wo ist ein Zuhälter?
Man fragte: Wo ist Sex-Appeal, Redegewandtheit, Mangel an
Kenntnissen, Brutalität? Darauf meldete sich der Zuhälter.
Daß der Besitzer so verwendbarer Eigenschaften Zuhälter war,
210 Zur Politik und Gesellsdiaft

madite ihn sogar fast unverwendbar. Der Beruf des Zuhälters


ist kein schöner Beruf. In den untersten Tiefen der großen
Städte, da wo die Menschen den Hunden die Knochen weg-
schnappen, auf jenen Märkten, wo Liebesakte gegen eine heiße
Wurst eingetauscht werden, ist er der Unternehmer. Er läßt
jene für sich arbeiten, die auf keine andere Weise, als indem sie
sich verkaufen, ihr Leben machen können, und er preßt Profit
für sich heraus bei dieser Arbeit. Natürlich ist er ein sehr klei-
ner Unternehmer, beileibe kein Krupp.
Es war für Joseph Goebbels also nicht tragbar, daß sein Held,
oder das, was sein Held werden sollte, der Lehmkloß, dem er
seinen Geist einatmen wollte, ein Zuhälter gewesen war, das
heißt, daß er selber seine Tugenden auch schon entdeckt hatte,
Sex-Appeal, Redegewandtheit, Mangel an Kenntnissen und
Brutalität, und beschlossen hatte, Zuhälter zu werden. Die
Große Frankfurter Straße wußte und jedermann konnte es
von ihr erfahren, daß Wessel, der Student der Rechte, mit
der Erna Jännicke in der Großen Frankfurter Straße 18
wohnte und was es bei ihr kostete.
Warum also hatte Wessel in der Großen Frankfurter Straße ge-
wohnt? Es war Joseph Goebbels klar, daß sein Held, oder das,
was sein Held werden sollte, nicht aus dem gleichen Grund
dort gewohnt haben konnte wie irgendein anderer. Ein Wes-
sel mußte dafür höchst idealistische, erschütternde, helden-
hafte Gründe haben. Ohne diese Gründe gefunden zu haben,
konnte man nicht daran denken, an die Heiligsprechung zu
gehen.
Zur Herstellung einer endgültigen Lebensbeschreibung des jun-
gen Helden suchte Joseph Goebbels einen Fachmann und
wandte sich an einen erfolgreichen Pornögraphen. Dieser Ex-
perte, ein Herr namens Hanns Heinz Ewers, hatte unter an-
derm ein Buch geschrieben, in dem ein Leichnam ausgegraben
und vergewaltigt wurde. Er schien hervorragend geeignet, die
Lebensgeschichte des toten Wessel zu schreiben. Es gab nicht
zwei Leute mit soviel Phantasie in Deutschland.
Aufsätze über den Fasdiismus 211

Der Pornographist und der Propagandadoktor, der Fachmann


für Entschleierung und der Fachmann für Verschleierung, setz-
ten sich zusammen und einigten sich über die idealistischen, er-
schütternden und heldenhaften Gründe, die den Studenten der
Rechte veranlaßt haben konnten, in die Große Frankfurter
Straße zu der Prostituierten zu ziehen.
Sie fanden heraus, er habe das billige Zimmer in der verrufe-
nen Gegend genommen, weil er dem Volk nahe sein wollte,
nicht weil es billig war. Das Volk nämlich wohnte in dieser
Gegend, weil es kein Geld hatte, in feinen Wohnungen zu woh-
nen, also aus einem sehr niedrigen Grund, und darum war sie
auch verrufen. Aber der Nationalsozialist suchte das Volk auf,
damit wenigstens etwas Glanz in die Gegend kam, und er nahm
es auf sich, dort zu wohnen, obwohl es dort unbequem sein
soll. Nur die Kommunisten sprengten dann aus, er habe einfach
kein Geld gehabt, und schändeten so sein Andenken. Nein, er
war nicht einer der Ihrigen gewesen, kein Prolet, sondern ein
Student. Wer hat je gehört, daß Studenten in billigen Zimmern
wohnen, weil sie kein Geld haben wie die Proleten? Sie wohnen
dort, weil sie das Volk lieben. Sie wollen ihr Leben teilen, wenn
auch nicht ihr Geld - wie die Zimmervermieterin uns sagt
(Wessel hat selten die Miete bezahlt). Dieser Student wollte das
Volk zu sich emporziehen, allerdings nicht in bessere Wohnun-
gen. Die Kommunisten sagten allerdings, es sei denkbar, daß
die Leute von der Großen Frankfurter Straße lieber zu den
Nationalsozialisten ins Hotel Kaiserhof zögen, als daß sie die
Nationalsozialisten zu sich ziehen sehen.
Aber die Legendenschreiber des Dritten Reiches erzählen es
sehr erschütternd, wie der »Student« in die Elendsquartiere
der Mulackstraße hinunterging, ein anderer Trommler. Auch
das Deutschland der Prostituierten mußte zum Erwachen ge-
bracht werden. Es hatte zu erwachen aus dem Bei-Schlaf, der
ihm (gegen Barzahlung) zugefügt wurde. Die Sturmabcei-
lungen des Dritten Reiches würden der Erna Jännicke die
hohen Ideale des Nationalsozialismus beibringen: ehrliche
212 Zur Politik und Gesellsdiaft

Arbeit1, Volksverbundenheit, Kampf gegen Versailles und so


weiter.
Man sieht, in der Horst-Wessel-Legende steckt schon bis hier-
her ein schönes Stück Propagandaarbeit. Dem Ehrgeiz des Mi-
nisters und des Pornographen konnte es nicht genügen, einige
Handlungen ihres Helden als weniger vorteilhaft mit Schwei-
gen zu übergehen. Sie fühlten sich stark genug, gerade diese
Handlungen als besonders heldenhaft darzustellen. Das kann
einem Künstler seines Faches leicht passieren. Sein Held hatte
zu irgendeiner Zeit seines Lebens silberne Löffel gestohlen.
Statt nun zu beweisen, daß er trotzdem ein Held war, sagt der
Propagandist strahlend: Er war deshalb ein Held. Der
Student studierte nicht: nun, er hatte Größeres vor. Er lebte
mit einer Prostituierten: nun, er tat es Deutschland zuliebe.
Wenn es für Deutschland wäre, ließe er sich auch von einer
Prostituierten aushalten. Daraus folgt, daß er, wenn er sich
aushalten ließ, es Deutschland zuliebe getan haben muß.
Die Arbeit war freilich noch nicht getan. Die Legende hatte
noch keinen Schluß. Es war einigermaßen unklar gemacht, war-
um der junge Nationalsozialist in der Großen Frankfurter
Straße gelebt hatte. Es blieb noch das Problem zu lösen, war-
um er gestorben war.
Er war den Berufstod gestorben. Der Zuhälter war von einem
andern Zuhälter angeschossen worden.
Eine wünschenswerte Lesart vom Heldentod des jungen Ge-

i Die Arbeit der Jännicke war unehrlich. Nicht die das Stück Brot hat-
ten und es ihr hinhielten gegen einen Beischlaf waren unehrlich, sondern
sie war es, die das Stück Brot nicht hatte und es nahm. Nicht, die die Lust
kauften und verspürten, waren unzüchtig, sondern sie war es, die die Lust
verkaufte und nicht verspürte. Handelte es sich nicht um leichte Mädchen?
Ihr Leichtsinn bestand darin, daß sie nicht, wie andere Mädchen ihrer
Klasse, an Tuberkulose in den Kellerwohnungen sterben wollten - son-
dern an Syphilis in der Charite*. Sie wollten sich nicht an Fabriktoren
anstellen, wo schon so viele anstanden, sondern es war soviel angenehmer,
die Liebesfledderer über sich zu haben, an denen übrigens ebenfalls Man-
gel war.
Aufsätze über den Faschismus 213

nius war nicht so leicht zu fabrizieren, es ging nicht auf ein-


mal. Fleiß war nötig und Genauigkeit. Vor allem mußte man
sich, was die Schuldigen betrifft, entscheiden. Der Zuhälter,
der den Schuß abgegeben hatte, kam natürlich nicht in Be-
tracht. Unter Zuhältern gab es immer die schmutzigsten Strei-
tigkeiten. Man mußte unbedingt Kommunisten haben. Aber
da war ein Hindernis. Als der Anfang der Legende schon
gedichtet war - das war nämlich ein Fortsetzungsroman - ,
gab es ein Gerichtsurteil in der Sache, das die Kommunisten, die
man dem Gericht genannt hatte, freisprach. General Göring
hatte den Augiasstall in Preußen noch nicht eingemistet, und
die Polizei, der man die Gerichte ruhig zurechnen kann, bewies
jeden Tag ihre Schwäche. Erst als diese Schwäche vermittels
der zündenden Argumente des Generals beseitigt war, konnte
sich der Propagandaminister einen falschen Bart kleben, eine
echte Robe anziehen und als Richter zwei Kommunisten we-
gen politischem Mord an dem Studenten der Rechte zum Tode
verurteilen.
Erst jetzt hatte man die ganze Legende unter Dach. Man hatte
den Anfang, und man hatte den Schluß. Horst Wessel, wie er
gelebt (idealistisch, erschütternd, heldenhaft) und wie er geendet
hatte (idealistisch, erschütternd, heldenhaft). Es war wirklich
gute Propaganda.1
1 Ultra posse nemo tenetur. Natürlidi zeigt die Legende als Ganzes,
verglidien mit anderen Legenden, das furditbare Stigma der Zeit.
Die beiden größten nationalen Erhebungen, die Deutschlands neuere Ge-
schichte kennt, die von 1813 und die von 1933, brachten zwei legendäre
Heldenjünglinge hervor, die sidi in vielem glidien. Beide, Theodor Kör-
ner und Horst Wessel, waren Studenten, beide bürgerlicher Abkunft,
beide Muster männlidier Sdiönheit. Sie diditeten beide politische Lieder,
weldie literarisdi sdiwadi, politisdi aber von starker Wirkung waren;
sie kämpften beide, und sie fielen beide im Kampf. Ein Unterschied zwi-
schen ihnen bestand allerdings darin, daß der erste gegen Franzosen, der
zweite gegen Deutsche kämpfte. Jedodi glidien sie sidi wieder darin, daß
Körner für eine rüdeständige Nation gegen eine fortschrittliche und Wes-
sel für eine reaktionäre Klasse gegen eine revolutionäre kämpfte.
Zwischen dem Auftreten der beiden Heldenjünglinge liegt eine Zwischen-
214 Zur Politik und Gesellsdiaft

Aus einer Reihe dunkler Punkte war eine Reihe ebenso vieler
heller Punkte geworden. Das eben ist Propaganda.
Es ist nicht kommunistische Propaganda, es hat nichts zu tun
mit dieser niedrigen, an der Erde klebenden, materialistischen
Propaganda der Kommune, die eine so selbstlose Handlungs-
weise wie die des Wessel überhaupt nicht versteht, wie sie auch
lieber Butter fürs Volk verlangt als Kanonen auf den leeren
Magen.
Aber diese Kommunisten waren es ja auch gewesen, die den
jungen Helden ermordeten. Sie taten das, weil sie ihn fürch-
teten. Schon die Zimmerwirtin fürchtete ihn, weil er immer mit
dem Revolver herumfuchtelte, wenn sie die Miete verlangte.
Aber die Kommunisten fürchteten ihn noch viel mehr, weil
er immer mehr Bewohnern der Großen Frankfurter Straße die
Augen öffnete. Immer mehr Prostituierte erkannten klar, daß
auch für sie Kanonen wichtiger seien als Butter, und sogar
richtige Arbeiter erkannten, daß es besser sei, die Franzosen zu
besiegen als, wie sie bisher geglaubt hatten, die Fabrikanten.
Die Kommunisten leugneten zwar, daß er aus politischen
Gründen ermordet worden sei, sie sagten: er sei von einem an-

zeit von 120 Jahren, und unter jenen, deren Leben schwerer geworden
ist, befinden sich die bürgerlichen Propagandisten. Man macht sich kaum
eine richtige Vorstellung davon, wieviel schwieriger es heute ist, einen
halbwegs gängigen Heldentypus auf die Beine zu stellen, als es im Jahre
1813 war. Nicht als ob die Ansprüche des kleinbürgerlichen Publikums,
für das die Propaganda gemacht wird, größer geworden wären: Dieses
Publikum zeichnet sich nach wie vor durch Anspruchslosigkeit aus. Aber
die anzupreisende Ware hat so bedenklich in der Qualität nachgelassen.
Der Tod des jungen Mannes machte den Legendenschreibern besonders
viel Mühe. Alles war eben viel schwerer, als es vor 120 Jahren gewesen
war. Körner war in der Schlacht gefallen, das war einfach und verwend-
bar. Aber Wessel fiel in einer Privataffäre. Auch Körners Tod wäre eine
harte Nuß für die Legendenschreiber gewesen, wenn er zum Beispiel im
Duell mit einem andern Offizier gefallen wäre, sagen wir, weil er dem
eine Frau weggenommen hatte.
Sie hätten eine ganze Schlacht zwischen Deutschen und Franzosen aus
dem Ärmel schütteln müssen.
Aufsätze über den Fasdiismus 215

deren Zuhälter ermordet worden, weil er ihm die Erna Jän-


nicke abspenstig gemacht hatte. Aber die Kommunisten leug-
nen ja alles, sogar daß der Führer kein Geld und keine Villa
besitzt. Die Kommunisten sind Leute, die überhaupt keinen
Glauben haben und denen man immer Beweise liefern muß.
Aber feine Leute, anständige Leute müssen einander nicht im-
mer Beweise bringen, daß sie anständig sind: sie glauben sich
das einfach.
Da die Kommunisten also niedrige und ungläubige Leute sind,
im Grunde Verbrecher, was auch schon daraus hervorgeht, daß
die höchsten Richter sie zum Tod und zu langen Gefängnisstra-
fen verurteilen, ist es besser, auf sie nicht zu hören und einfach
zu glauben, daß der Wessel kein Zuhälter war.
Aber was war er dann? Was war er, wenn er wirklich nur, um
das Volk für den Nationalsozialismus zu werben, in die Große
Frankfurter Straße zog? Wenn er nicht als mittelloser Student
kam, sondern als Nationalsozialist?
Dann war er ein Zuhälter.
Es gibt nämlich mehrere Sorten von Zuhältern. Es gibt den
gewöhnlichen Zuhälter, der Prostituierte für sich Geld ver-
dienen läßt, und es gibt den politischen Zuhälter.
So wie der gewöhnliche Zuhälter sich zwischen die arbeitenden
Prostituierten und ihre Mieter einschaltet, den Geschäftsakt
überwacht und Ordnung in das Geschäft bringt, schaltet sich der
politische Zuhälter zwischen die Arbeiter und ihre Käufer ein,
überwacht den Verkaufsakt der Ware Arbeitskraft und bringt
Ordnung in das Geschäft.
Tatsächlich gibt es kaum eine bessere Schule für den National-
sozialismus als das Zuhältertum. Er ist politisches Zuhälter-
tum. Er lebt davon, daß er der ausbeutenden Klasse die auszu-
beutende zutreibt. Der Vereinigung von Kapital und Arbeit,
jener schrecklichen Vergewaltigung, verleiht er die Legalität
und, totaler Staat, sorgt er dafür, daß die Legalität eben nichts
enthält, was nicht dieser Vergewaltigung dient. Ausnutzend
den nackten Hunger der besitzlosen Klasse und ausnutzend die
2i6 Zur Politik und Gesellsdiaft

Gier der besitzenden Klasse nach Profit, erhebt sich der


große Parasit anscheinend über beide Klassen, allerdings
dabei ganz und gar dem Geschäft der besitzenden Klasse
dienend.
Wie der gewöhnliche Zuhälter die Prostituierte »schützt«, so
»schützt« der politische das Proletariat, und wie jener die Pro-
stituierte nicht vor der Prostitution, sondern nur vor der Ver-
letzung der Spielregeln, gegen Übergriffe innerhalb der er-
laubten Griffe »schützt«, so »schützt« er das Proletariat nicht
vor der Ausbeutung, sondern nur vor deren Übergriffen. Der
gewöhnliche Zuhälter lehnt, falls in Reichweite, unter Um-
ständen gewisse Zumutungen des Freiers beim Geschlechtsakt,
die über das Übliche, Gottgewollte hinausgehen, ab. Er ver-
langt den normalen Geschlechtsverkehr. Auch die Prostituierte
soll als Mensch behandelt werden. Sie kann verlangen, daß
man ihrer Ehre — auch sie hat eine - nicht zu nahe tritt. Der
Nationalsozialist ist sehr gegen eigene Aufgänge für Dienst-
boten. Sie sollen die Markttaschen den Aufgang für Herr-
schaften hinaufschleppen dürfen.
Der gewöhnliche Zuhälter verlangt vom Freier, was sich ma-
chen läßt, eine gewisse Sauberkeit beim Verkehr, und weist
nach, daß diese nur im Eigeninteresse des Freiers liegt. Er ga-
rantiert dem Freier eine gewisse Hygiene der Prostituierten.
Jedoch tritt er ihm gegenüber mitunter sehr streng auf und
imponiert damit seiner Klientin sehr. Er verbirgt es dann dem
Freier nicht, daß er den intimen Verkehr gegen Barzahlung
für sittlich sehr bedenklich hält. Ja, er inszeniert sogar, zum
Entsetzen des Freiers, äußerst unliebsame Szenen in Hotel-
zimmern, wo er plötzlich als legitimer Ehemann der Prosti-
tuierten auftritt und seine Empörung über das unzüchtige Ver-
hältnis oft solche Formen annimmt, daß sie nur durch frei-
willige Spendung größerer Summen beschwichtigt werden
kann.
Unter allen Umständen verlangt er die volle Auszahlung des
vereinbarten Preises; allerdings zieht er dann von den Ein-
Aufsätze über den Fasdiismus 217

nahmen seiner Klientin allerhand ab, ebenfalls oft in Form


freiwilliger Spenden. Er gibt zu erkennen, daß er auch
die kleinste Spende gern nimmt, wenn sie aus freudigem Her-
zen gegeben wird, auch wenn nicht. Jeden Auflehnungsver-
such unterdrückt er brutal, aber er ist bereit, mit seiner Klien-
tin ein Liebesverhältnis einzugehen und ihr so Kraft durch
Freude zu verschaffen, nämlich Kraft für ihre anderweitige
Liebestätigkeit. Trägt die Prostituierte ein neues Kleid, so hat
sie überall zu sagen, ihr Zuhälter habe es ihr geschenkt, ob-
wohl es natürlich von ihrem Geld gekauft ist.
Er erzieht sie zur striktesten Sparsamkeit und tritt vor ihr
auf als sparsamer, ordentlicher Hausvater, der Tag und Nacht
für sie sorgt. Oft ist die Rede vom Sparkassenbuch, das er für
sie angelegt hat, und wenn er auch keine Ziffern nennt (das
kleinste Zeichen von Mißtrauen macht ihn tieftraurig und
führt zu Prügeleien), so soll sie doch wissen, daß da etwas ist,
wenn die Zeit der Not kommt. Meckert sie, dann spricht er
von Jüngeren zu ihr. Er ist sehr für die Jugend, mit der ar-
beitet es sich besser. Für die Sicherheit, die er ihr gewährt,
verlangt er allerdings einige Opfer von ihr. Er lehrt sie, das
Materielle gering zu schätzen. Was ist Butter aufs Brot gegen
einen Blick von ihm? Er kümmert sich um sie, sie merkt es
daran, daß er sie prügelt. Er überhäuft sie nicht nur mit Prü-
gel, sondern auch mit Schmeicheleien. Sie ist die beste aller
Prostituierten, keine andere gleicht ihr. Und er ist es, der sie zu
Reichtum führen wird. Übrigens ist er selber ohne Eigennutz,
er versichert ihr gern, er habe weder ein Rittergut noch ein
Bankkonto.
Allerdings legt er großen Wert auf seine Kleidung, er wählt
sorgfältig die Stiefel und die Krawatten aus und berücksich-
tigt die kleinsten Details. Er ist überhaupt eine Künstlernatur.
Stundenlang erzählt er, wie das Häuschen aussehen wird, das
er ihr, sind die Zeiten erst besser geworden, bauen wird. Re-
den ist seine Hauptleidenschaft. Wenn die Prostituierte, von
ihrer Arbeit erschöpft, mit dem Schlaf kämpft, zählt er ihr,
218 Zur Politik und Gesellschaft
ohne müde zu werden, ihre Fehler vor und berichtet ihr, was
alles er für sie getan hat.
Sein Haupt verdienst um sie ist die Arbeitsbeschaffung. Ohne
ihn läge sie allein in ihrem Bett.
In diesem Zusammenhang war es, daß er sie gelehrt hat, eine
gewisse Gehässigkeit gegen den Freier zu unterdrücken, die
sich angesichts des geringen Lohns und der Qual beim Bei-
schlaf leicht einstellt. Er wird nicht müde, ihr zu beweisen,
daß ein schlechtes Verhältnis zwischen Prostituierter und
Freier sich für die erstere sehr schlecht auswirkt. Während der
Vereinigung — im Betrieb, wie er sich manchmal zynisch aus-
drückt — muß sie sich vertrauensvoll der Führung des Freiers
überlassen. Sie muß freudige Gefolgschaft leisten.
Sie muß, so lehrt er, dem Kunden zeigen, daß sie den Bei-
schlaf um des Beischlafs willen und nicht um des Lohnes wil-
len leistet. Sie muß vor allem auch die Anstrengungen des
Freiers anerkennen.
Denn was will sie anfangen, wenn der Freier auf den Bei-
schlaf endgültig verzichten würde? Das wäre einfach das Ende
der Prostitution! Das hat sie natürlich nicht bedacht! Wer,
wenn nicht sie, wäre zur Würdigung der Privatinitiative be-
rufen?
Aber, ob sie solche Argumente einsieht oder nicht, mit eiser-
nem Zwang hält er sie in ihrem Gewerbe fest. Jeden Versuch,
von der Prostitution loszukommen und einer Lage zu ent-
rinnen, die sie zwingt, ihre Liebe zu verkaufen, vereitelt er
erbarmungslos. Denn, wo bliebe da er?
Das ist der Zuhälter, und jedermann kann mit Leichtigkeit
alle diese Züge im Verhalten des Nationalsozialismus entdek-
ken, des politischen Zuhälters, der das Proletariat als Prosti-
tuierte des Kapitals behandelt.
Und jedermann wird einsehen, daß es zwar nicht müßig, aber
doch verhältnismäßig unwichtig ist, zu untersuchen, ob der
Wessel ein gewöhnlicher Zuhälter war, denn ganz bestimmt
war er ein politischer Zuhälter, und das ist weit schlimmer.
Aufsätze über den Faschismus 219

»Rettete« er die Erna Jännicke oder »rettete« er Deutsch-


land? Lebte er auf Kosten der Jännicke oder auf Kosten
Deutschlands? Wen von beiden schickte er auf den Strich?
Die Nationalsozialisten haben mit dem Wessel einen sicheren
Griff gemacht. In ihm hat das regierende Triumvirat aus
einem verbummelten Studenten, einem entlassenen Offizier
und einem Reichswehrspitzel das Symbol ihrer Bewegung ge-
funden, den jungen Helden, von dem man sagen kann: an
ihn denkend, denkt man sogleich an die Bewegung, und an
die Bewegung denkend, denkt man sogleich an ihn.
1935

Rede über die Frage, warum so große Teile


des deutschen Volkes Hitlers Politik unterstützen
Intelligente Ausländer sagen oft: Es ist undenkbar, daß so
große Teile des deutschen Volkes Hitlers Politik unterstützen
würden, wenn für sie nicht doch etwas Vernünftiges in ihr wäre.
Ganz offenkundig sagen diese Leute das nur, weil sie eine
hohe Meinung von der Vernunft des deutschen Volkes haben,
denn sie selber finden diese Politik keineswegs vernünftig.
Die Frage, was an Vernünftigem in der Politik Hitlers steckt,
kann beantwortet werden, wenn man eine Trennung voll-
zieht zwischen dem Akt der Einsicht in eine unhaltbare Lage,
die dringender Maßnahmen bedarf, und dem Akt der Findung
solcher Maßnahmen, und wenn man beide Akte als Beweise
von Vernunft betrachtet. Diese Trennung kann vollzogen wer-
den und wird häufig vollzogen. Sie ist an sich nichts Sophi-
stisches. Es gibt wissenschaftliche Arbeiten von hohem Wert, in
denen Einsichten in bestimmte Materien geöffnet werden,
ohne daß Maßnahmen, diese Materie betreffend, oder sogar
indem falsche Maßnahmen vorgeschlagen werden. Die Medi-
zin kennt beispielsweise nicht wenige Arbeiten, deren Wert
in der Beschreibung bestimmter Krankheiten liegt, die so
220 Zur Politik und Gesellsdiaft

richtig ist, wie die vorgeschlagenen Heilmethoden falsch sind.


Es kann als ein Akt der Intelligenz betrachtet werden, wenn je-
mand überhaupt ein echtes Problem aufstellt und seine Lö-
sung fordert; es ist ihm Intelligenz zuzubilligen, auch wenn
seine eigene Lösung unintelligent sein mag.
Der Nationalsozialismus hat auf den beiden Gebieten, die
dieses Wort bezeichnet, zweifellos in Deutschland echte Pro-
bleme mit größer Kraft behandelt. Die deutsche Industrie,
vor dem Krieg der ganzen wirtschaftlichen Struktur dieses
Landes nach auf imperialistische Vorstöße angewiesen, wurde,
nachdem der Krieg verloren war, mit Hilfe des Auslandes so
hemmungslos weiter ausgebaut, daß ihr Drang nach einer im-
perialistischen Politik nur noch verstärkt wurde. Der un-
glückliche Vertrag von Versailles beseitigte die deutsche Ar-
mee, aber indem er die deutsche Industrie bestehen ließ, ja
indem dieselbe durch mancherlei andere Verträge anscheinend
profitabler Natur noch gestärkt wurde, blieb die Notwendig-
keit einer Armee bestehen, ja wurde noch verstärkt. Es ist
offenkundig, daß Deutschland heute mit seinen Gewaltakten
den Frieden Europas bedroht, aber es ist ebenso offenkundig,
daß nicht nur der reißende Strom, sondern auch das Strom-
bett, das ihn einzwängt, Gewalt ausübt.
Immerhin steckt genug an Logik in jenen Ausführungen, die
Hitler der nationalen Notlage Deutschlands widmet, mögen
diese Ausführungen auch von grammatikalischen und ande-
ren Fehlern wimmeln und mögen seine Maßnahmen auch
noch so verhängnisvoll sein; genug an Logik, daß man be-
greifen kann, wieso seine Politik in diesem Punkt große Teile
des deutschen Volkes zu interessieren vermochte.
Der Versuch, Logisches, das heißt einigermaßen Überzeugen-
des, echten Bedürfnissen Deutschlands Entsprechendes in Hit-
lers Politik aufzuspüren, wird kühner, wenn man sich seinen
sozialen Anschauungen zuwendet. Spätestens drei Jahre nach
seiner Machtübernahme wurde es für die meisten deutlich,
daß die Arbeitsbeschaffung eine Kriegsmaßnahme war; die
Aufsätze über den Faschismus 221

zahlreichen Versuche von Wirtschaftsplanung dienten offen der


Kriegsvorbereitung. Man hat die Nachteile, die Hitler aus
dieser Erkenntnis erwachsen konnten, vielfach überschätzt.
Freilich sahen jetzt viele, daß durch eine Arbeitsbeschaffung
solcher Art die Fütterung von Menschen unheimlich in die
Fütterung von Kanonen umschlagen mußte. Dennoch erhielt
die ganze soziale Problemstellung von hier aus etwas Logi-
sches; der Grundfehler aller Maßnahmen, die da zur Abstel-
lung echter Notlagen angewendet wurden, verbarg sie noch
tiefer. Die Behandlung der sozialen Probleme wurde gerecht-
fertigt durch die Notwendigkeit des Krieges, und so wurde
die große Wahrheit noch unsichtbarer, nämlich die, daß die
Kriege nur notwendig sind, wenn nicht Maßnahmen sozia-
ler Art angewendet werden. Und wenn man jenen großen
Teilen des deutschen Volkes, die den Nationalsozialismus
freudig oder wenigstens duldend aufnahmen, zubilligen kann,
daß sie irgend etwas Logisches, Vernünftiges in ihm entdeck-
ten, so muß hier die Kritik einsetzen.
Nur bei einer bestimmten sozialen Struktur einer Nation ist
der Krieg notwendig. Das russische Beispiel beweist, daß der
Besitz und Ausbau einer großen Industrie keineswegs Kriege
mit anderen Nationen zur notwendigen Folge haben muß.
Nur wenn die Interessen bestimmter besitzender Schichten vor
die Interessen der überwiegenden Mehrheit des Volkes gestellt
werden sollen, ist eine imperialistische Kriegspolitik nötig. An
der deutschen Arbeitsbeschaffung haben die Geschäftsleute
nachweisbar mehr verdient als die Arbeiter. Der Krieg ist
selber ein Geschäft, auch derjenige, der verloren wird.
Heute gibt die außerordentliche Quantität der Unternehmun-
gen dem Nationalsozialismus einen Anschein von Logik, den
man ernst betrachten muß. Außerordentlich viel Vernunft
steckt da, einfach weil sie unter Gewaltanwendung hineinge-
steckt wird, in diesen Planungen und Organisationen von Rie-
senmaßstab. Der Außenstehende verfällt diesem Anschein we-
niger leicht, aber auch er hat, wie viele Beispiele ausländischer
222 Zur Politik und Gesellsdiaft

Beobachter zeigen, es nicht immer leicht, den Irrsinn und das


im Endeffekt zutiefst Unzweckmäßige aller dieser Maßnah-
men voll zu erkennen. Und dieses Phänomen kommt daher,
weil hier Probleme so ungeheuerlich falsch angefaßt werden,
welche echte Probleme sind, logisches Denken herausfordern
und gelöst werden müssen, wenn nicht der ganze Kontinent
in Elend und Barbarei verfallen soll.

[Der wunderbare Bazillus]


In solchen Zeiten sind die meisten Menschen in der glückli-
chen Lage, die allerabsurdesten Behauptungen ohne jede Be-
schwerde zu schlucken. Die schlichten Worte eines Bankiers,
der als Mann aus dem Volke auftritt und sein Scherflein auf
dem Altar der Nation darbietet, rühren sie zu Tränen, die
sehr den Tränen gleichen, die sie einst, nämlich gestern, über
die Hypothekenzinsen vergossen haben. Der General, den sie
gestern einen Schlächter nannten, nennen sie heute, einigen
wenigen Hinweisen in ihrer Zeitung Gehör schenkend, einen
»alten Soldaten« im gleichen Ton, in dem sie einst von einem
Bettler sprachen, der an der Straßenecke im Winterwind eine
Drehorgel bediente. Mit frenetischem Jubel überschütten sie
einen Feldwebel, der ganz allein 30 Feinde umzingelt haben
will, und gerührt machen sie einander darauf aufmerksam, daß
solch eine Tat ohne eine beispiellose Vaterlandsliebe unmög-
lich wäre. Der wunderbare Bazillus verwandelt sie von Grund
auf. Sie sind ganz und gar verjüngt und spüren in sich die
geistigen Kräfte von Fünfjährigen.
Welch ein entsetzliches Los, an dieser Verjüngung nicht teil-
haben zu können! Da geht man unter ihnen, die Augen glanz-
los, die Glieder ohne Schwung. Mit Fingern wird auf einen
gedeutet: Schaut, der kann, so alt er ist, nicht ausrechnen, daß
zwei mal zwei gleich fünf ist! Schaut ihn euch genau an,
merkt ihn euch, so sieht einer aus, der vom Teufel der Ver-
Aufsätze über den Faschismus 223

nunft besessen ist! Dieser Teufel redet ihm Tag und Nacht die
allerselbstverständlichsten Dinge ein, und er glaubt sie! Viel-
leicht könnte das, wenn man allen Hochmut zusammennähme,
zur Not ertragen werden, aber schlimmer ist es, beschuldigt
zu werden, nicht mit dem Volk fühlen zu können, kein Ge-
meinschaftsgefühl aufzubringen.
Es gibt ja auch immer einige, die tiefer sehen, und die stellen
für gewöhnlich recht schnell die Diagnose: Er muß von ir-
gendwoher bezahlt sein. Wie könnte er sonst, allen Beweisen
der Regierung entgegen, immer noch behaupten, daß zwei mal
zwei gleich vier ist? Ein ausgemachter Judas!

Der Faschismus und die Jugend


Es heißt, daß die deutsche Jugend nahezu vollständig für Hit-
ler gewonnen sei. Man sagt allgemein, die Katholiken kämpf-
ten ohne Aussicht gegen den Einfluß Hitlers auf ihre Kinder
und Zöglinge; selbst die Arbeiter könnten ihre Kinder nicht
mehr von diesen neuen Idealen fernhalten.
Wenn dies richtig ist, und alles spricht dafür, daß es richtig
ist, so muß man fragen: Welche Aussicht haben die Gegner
Hitlers noch? Ist die Jugend eines Landes nicht seine Zukunft?
Wird, wie Hitler, auf diese Jugend blickend, sagt, nicht in
10, 20 Jahren die gesamte Bevölkerung Deutschlands aus
Nationalsozialisten bestehen, vorausgesetzt, der National-
sozialismus hält sich so lange? Braucht er sich nur diese 10,
20 Jahre zu halten, um sich für eine unübersehbare Zeit zu
halten?
Jene, die sich das Dasein der Menschen von ihrem Bewußt-
sein gelenkt vorstellen und den Ideen eine entscheidende Vor-
macht über das soziale Milieu einräumen, sind wohl gezwun-
gen, diese Frage zu bejahen. Das Bewußtsein der deutschen
Jugend wird vom nationalsozialistischen Staat mit allen Mit-
teln planmäßig gestaltet, niemand kann ihn darin hindern.
224 Zur Politik und Gesellschaft
Die Geschichte, wie er sie lehrt, bekräftigt seine Dogmen, so-
gar die Natur, wie er sie beschreibt, bestätigt seine Ideen. Kör-
perliche Exerzitien vervollständigen diese Erziehung.
Es scheint mir, daß man nur, indem man diese idealistische
Auffassung preisgibt, zu anderen Voraussagen gelangen
kann.
Die Materialisten, nach deren Auffassung das Bewußtsein der
Menschen von ihrem gesellschaftlichen Sein abhängt, haben die
Möglichkeit, ohne große Mühe den Fehler in Hitlers Rech-
nung zu entdecken. Er tritt zutage schon, wenn die Frage be-
antwortet wird: Warum geriet die Jugend unter Hitlers Ein-
fluß? Die Antwort auf diese Frage lautet: Die Jugend gerät
unter Hitlers Einfluß, weil sie die Jugend ist, und in diesem
Satz ist »die Jugend« eine soziale Kategorie. Das soziale Sein
der Menschen wird bestimmt durch ihre Stellung in der Pro-
duktion. Die Stellung der Jugend in der Produktion ist es,
was sie dem Einfluß Hitlers aussetzt.
Es ist von großer, aber nicht ausschlaggebender Bedeutung,
was man zu den jungen Leuten sagt. Von ausschlaggebender
Bedeutung ist, wo sie sich befinden, gesellschaftlich gesehen,
wenn man zu ihnen spricht. Getrennt von der Produktion, be-
freit davon, sich ihren Unterhalt zu verdienen, sind sie einer
Propaganda ausgesetzt, die nur innerhalb der Sphäre der ge-
sellschaftlichen Produktion ihre Wirkung verlieren kann. Die
nationalsozialistischen Ideen stoßen nicht unmittelbar auf
entgegengesetzte Interessen bei der Jugend. Könnte der na-
tionalsozialistische Staat die Jugend in dieser Sphäre halten,
in dieser Entfernung von der Sphäre der Produktion, dann
hätte er tatsächlich alle Aussicht, das Ohr dieser Menschen zu
behalten. So, wie es ist, kann er aber nur hoffen, das aus-
schließliche Recht der öffentlichen Rede zu behalten, mit Ge-
walt wie gegenüber den nicht Jugendlichen.
Der Nationalsozialismus hat die Möglichkeit, die Jugend zu
beeinflussen, solange sie jung ist. Indem sie älter wird, tritt
sie in die Sphäre der Produktion, sammelt sich in den Fabri-
Aufsätze über den Fasdiismus 225

ken und Kontoren und nimmt aktiv teil an dem gigantischen


Anschauungsunterricht und Praktikum des gesellschaftlichen
Lebens der Nation, einem Anschauungsunterricht und Prakti-
kum, die den nationalsozialistischen Ideen kräftige Gegen-
ideen erzeugen.
Etwas paradox könnte man sagen, daß es die größte Chance
des Nationalsozialismus wäre, wenn er überhaupt nur mit der
Jugend zu tun hätte, wenn es Erwachsene überhaupt nicht gäbe,
das heißt, wenn es eben keine Produktion, keinen Kampf um
den Erwerb in der kapitalistischen Form gäbe. Könnte er nur
seine Zwangskollektive bilden und die gesamte Bevölkerung
davon abhalten, in jene anderen Kollektive wie die Fabrik-
belegschaften, die Angestelltenmassen und so weiter einzutre-
ten, in die sie durch den Existenzkampf getrieben werden,
dann wäre das ganze Volk der Erwachsenen ihm so ausge-
liefert wie jetzt nur die Jugend.
Die Lehre, daß es keine Klassen gibt, läßt sich natürlich der
Jugend leichter erzählen als den Erwachsenen, welche die
Klassen bilden durch die Art, in der sie an der Produktion
beteiligt sind.

[Zweck des Studiums]


Wenn der Zweck des Studiums die Teilnahme an der Beute
der herrschenden Schichten ist, wird dieses Ziel auch unter
Preisgabe des Studiums zumindest außerhalb alles Wissen-
schaftlichen angestrebt werden.
Jener Teil der deutschen Studentenschaft, der nationalsozia-
listische Politik macht, nimmt, indem er an dem Erfolg die-
ser Politik teilnimmt, auch teil an der Folge dieses Erfol-
ges, nämlich der endgültigen Versklavung der Wissenschaft. Er
betrieb ein Brotstudium und machte eine Brotpolitik. Diese
Brotpolitik machte er gegen die Brotpolitik großer arbeiten-
der Menschenmassen, und auch sein Brotstudium wird er
226 Zur Politik und Gesellschaft
zunehmend gegen diese Menschenmassen machen oder verwer-
ten müssen.
Ich sage nichts gegen realistische Motive beim Studieren. Ich
sage erst recht nichts gegen realistische Motive beim Politi-
sieren. Das Studium soll Brot verschaffen. Aber dank unseres
Produktionssystems gibt es Arten, sich Brot zu verschaffen
durch Wegschaffung des Brotes anderer. Gibt es eine Art, Ver-
dienste für sich selbst zu erzielen, welche keine Verdienste um
andere sind.
Der alte Menenius Agrippa hat in seinem Gleichnis vom Bauch
und dem Kopf mehrere grobe, von uns durch die Jahrtau-
sende aufgehobene Denkfehler begründet. Er machte dem
Bauch klar, daß er den Kopf benötige. Der Bauch, sagte er li-
stig, brauche es, daß der Kopf für ihn arbeite. Das ist schon
richtig, aber die Anklage des Bauches in dem Moment, wo
die Rede gehalten wurde, in diesem, höchst revolutionären
Moment, bestand ja gerade darin, daß der Kopf nicht für
den Bauch arbeite, das sollte eben erzwungen werden. Der
Kopf sollte nicht, wie der Agrippa einschmuggelte, abtreten,
sondern zur Arbeit antreten! Es war die gewöhnliche üble
gerissene Demagogie des Kopfes, die da angewandt wurde,
und die es so gefährlich für den Rumpf macht, in prekären
Situationen lange Reden anzuhören, mit Ohren, welche am
Kopf sitzen! Selbstverständlich ist der Mensch eher als ein
denkender Rumpf als ein durch allerhand Gliedmaßen und
dienende Organe funktionierender Kopf zu definieren.
Der Nationalsozialismus, jene Perversion des Sozialismus,
jene schamlose Verwertung des Evangeliums der Ausgebeute-
ten für die Ausbeuter, die man nur deshalb nicht für eine be-
wußte Perversion halten kann, weil diese Leute im allgemei-
nen so wenig Bewußtsein zeigen wie die niedersten Tierarten,
dieser National-Sozialismus pervertiert auch die obige Tat-
sache vom Primat des arbeitenden Volkes zu einer frechen
Scheinwahrheit.
Der Student, der teilnimmt an der riesenhaften geschichtli-
Aufsätze über den Faschismus 227

chen Bestialität gegen die Arbeiterschaft, welche nicht nur ver-


hindert werden soll, ein neues, besseres, zeitgemäßeres, prak-
tischeres Wirtschaftssystem, eben das sozialistische, anstelle
des alten korrupten, mißbräuchlichen, einseitigen, kapitalisti-
schen zu setzen, sondern auch gezwungen werden soll, die
Schulden dieses verrotteten Regimes der herrschenden Klasse
zu bezahlen, jeder solche Student, jede solche Gefühlsbestie
erreicht durch seinen Kampf für die herrschende Klasse, zu
der er eben, indem er für sie arbeitet, niemals gehören wird,
nur, daß er zu der Berufsschicht, oder wie es jetzt heißt,
zu dem Stand der Intellektbestien gezählt werden wird, die,
wie es heißt, gezähmt werden sollen. Wozu sollen sie gezähmt
werden? Zu Ziehhunden und Bluthunden.

[Die Dauer des Regimes]


Einer ihrer Führer schätzte die Dauer des Regimes auf zehn-
tausend Jahre. Ein zweiter berechnete sie auf dreißigtausend
Jahre - auf längere Zeit wollte auch er sich nicht festlegen.
Das ist verständlich, denn wer weiß überhaupt, ob der Pla-
net länger von Menschen bewohnt sein wird. Es ist schon
zweifelhaft, ob er es jetzt noch ist. Voraussagen über diese
Zeit hinaus wären unsicher. Die Zeit ist schließlich auch lang
genug; nicht für die deutschen Nationalsozialisten, aber für
die andern Leute. Übrigens ist auch die verschiedene Bemes-
sung der vermutlichen Dauer des Regimes verständlich, da ge-
wisse beunruhigende Faktoren, wie etwa die faktisch elende
Lage von neun Zehntel der Bevölkerung sowie eine gewisse
außenpolitische Isolierung Deutschlands es etwas fraglich ma-
chen, ob das Regime den nächsten Winter überdauert.
228 Zur Politik und Gesellschaft

[Menschlichkeit gegen Barbarei?]


Was für einen Sinn hatte es, mit Entsetzen oder Verständnis auf
die Barbarei, welche von der Barbarei kommt, zu stieren? In
einer Nacht, wo zuviel Kaffee getrunken worden war, umring-
ten mich drei blasse Menschen, ein fetter und zwei magere, und
beschworen mich mit flehenden Gesten, die ich durch den Zi-
garettenrauch undeutlich sah, Humanist zu bleiben und die
Kultur zu retten. »Seien Sie ein Mensch«, bat mich der Fette,
»seien Sie menschlich! Verachten Sie diese Barbaren, verab-
scheuen Sie die Gewalt in jeder Gestalt! Wir müssen die Kul-
tur retten!« Ich versprach es ihnen, ich hätte alles versprochen,
da ich sehr müde und nicht wenig verlegen war.

[Gespräche über faschistische Greuel]


Einmal saß ich in einem Eck an einem der Marmortischchen,
und ein langer haariger Mensch sprach zu mir von der Bar-
barei, die von der Barbarei kam und Deutschland über-
schwemmte, als ein etwa fünf jähriges Kind mit einem Greisen-
gesicht uns Zündhölzer zum Verkauf anbot. Was das Kind
sagte, konnte ich nicht verstehen, da es tschechisch sprach, aber
die Spuren des Hungers und der Roheit an ihm bedurften kei-
ner Übersetzung. Mein Gesprächspartner war allzusehr vertieft
in sein Thema, die Bücherverbrennung durch die deutschen Bar-
baren, um zu begreifen, daß das Kind verzweifelt bemüht war,
ihm Zündhölzer zu verkaufen - zweifellos nicht zu dem
Zweck, damit Bücher anzuzünden. Ich konnte mir gut vorstel-
len, wie ein kultivierter Fremder durch die Straßen des nörd-
lichen Berlins ging us?.d einem kultivierten Einheimischen gegen-
über seinen Abscheu ausdrückte, daß die Faschisten die Leute
zwängen, in solchen Häusern zu vegetieren. Ich hörte im Geist
den Einheimischen verlegen murmeln, daß es alte Häuser seien,
und hörte beide weiterreden über die faschistischen Greuel.
Aufsätze über den Faschismus 229

Man muß das Unrecht auch


mit schwachen Mitteln bekämpfen
In dem Jahre nadi dem Krieg dachte ich mit vielen anderen,
daß solche Einrichtungen wie die Liga für Menschenrechte kei-
nen Wert hätten. Ich ging nicht so weit wie einige, die diese Ge-
sellschaft beschuldigten, sie sei geradezu schädlich, da sie Illu-
sionen erwecke, es könne auf die Weise, wie sie vorging, dem
ungeheuren unnötigen Elend wirklich gesteuert werden, das
von dem falschen Aufbau der Produktion herrührt und also
nur durch die vollständigste Änderung dieses Auf baus der Pro-
duktion zum Verschwinden zu bringen ist. Ich wollte nicht so
weit gehen, aber auch ich versprach mir nichts von diesem Pa-
zifismus, der, ohne Aussicht zu haben, an den Ursachen etwas
ändern zu können, die Kriege, welche doch nur Folgeerschei-
nungen sind, geradezu, ohne Umweg und mit den schwächsten
Mitteln, zum Beispiel mit der Kriegsdienstverweigerung ein-
zelner Menschen, zu bekämpfen unternahm. Als sich dann
Deutschland faschisierte, sahen wir die großen und kleinen
Unternehmungen zur Bekämpfung des Unrechts in den Kampf
gehen. Ich ging nicht so weit wie viele, die bei den großen, auf
die völlige Umänderung des gesellschaftlichen Aufbaus gerich-
teten Unternehmungen einen völligen Zusammenbruch für
lange beobachten wollten, aber auch ich sah die zähe und wich-
tige kleine Arbeit jener oft geringschätzig betrachteten Unter-
nehmungen, wie der Liga für Menschenrechte, welche viele
Menschen tatsächlich retteten, das Unrecht ständig und uner-
müdlich mit ihrer schwachen Stimme bloßstellten und viele
wieder in den Kampf zurückschickten. Wir sahen also, daß das
Unrecht nicht nur in der endgültigsten, seine Ursachen mit ein-
beziehenden Weise, sondern auch in der allgemeinsten Weise,
das heißt mit allen Mitteln, das heißt auch den schwächsten,
bekämpft werden muß. Schlimmer als die Illusion, ohne die
Entfernung der Ursachen des unnötigen Elends, könnten seine
Folgen entfernt werden, ist nämlich die Illusion, diese
230 Zur Politik und Gesellsdiaft

Ursachen könnten bekämpft werden ohne die Folgen und ge-


trennt von ihnen und unter Verzicht auf die schwächsten und
allerschwächsten Mittel. Ich habe viele beobachtet, die durch
ihre Kenntnis der schlimmen Ursachen geradezu verhindert
wurden, die schlimmen Folgen zu bekämpfen.

Über den Satz »Gemeinnutz geht vor Eigennutz«


Viele halten den Satz Gemeinnutz geht vor Eigennutz, den die
Nationalsozialisten auf ihre Fahne geschrieben haben, für
einen sozialistischen Satz. Sie sind nicht ganz sicher, ob die
Winterhilfe etwas ganz Sozialistisches ist, ob der Finanzmini-
ster ein echter Sozialist ist, ob man überhaupt den Sozialismus
nur mit der Sammelbüchse verwirklichen kann; in all dem
sind sie nicht ganz sicher, aber den Satz, daß der Gemeinnutz
vor dem Eigennutz gehen soll, halten sie doch für einen sozia-
listischen Satz.
Sagt dieser Satz nicht, daß die Allgemeinheit wichtiger ist als
der einzelne? Und ist die Allgemeinheit nicht das Volk, also
die nichts haben, und sind nicht, die etwas haben, nur ein-
zelne? Da also der Satz deutlich gegen die gerichtet ist, die
etwas haben, und für die, die nichts haben, so muß er doch ein
sozialistischer Satz sein. Denn der Sozialismus ist für die vie-
len Armen und gegen die wenigen Reichen, ist es nicht so?
Unsere Meinung ist, daß es kein sozialistischer Satz ist. Wie
das? Was haben wir denn jetzt wieder gegen diesen Satz? Wir
sind doch zu unzufriedene Leute. Sicher paßt es uns nicht, daß
Hitler diesen schönen Satz hat, und da wollen wir ihn schnell
schlechtmachen.
Es ist ein so dicker, runder, gutmütiger Satz. Er sitzt so sicher
da und lächelt so freundlich und ist so offenkundig für die
kleinen Leute. Er winkt strahlend den Schlechtgekleideten,
Schlechtgenährten, Schlechtausgeruhten zu, und mitunter steht
er auf und ist ganz zornig bei all seiner Gutmütigkeit und
Aufsätze über den Faschismus 231

schwillt ganz rot an vor Ärger und schüttelt beide Fäustchen


gegen die reichen Leute und nimmt kein Blatt vor den Mund
und sagt ihnen seine Meinung, und daß seine Geduld jetzt
bald erschöpft ist, und daß sie schon wieder gegen ihn versün-
digt haben und ihren Eigennutz vor den Allgemeinnutz ge-
stellt haben, und daß sie nicht glauben sollen, er werde je ab-
danken, denn das habe er nicht vor, jetzt nicht und für die
nächsten 30 000 Jahre auch nicht. Und das ist ziemlich lang.
Er ist ein ungemein schlauer Satz unter den Sätzen. Es ist nicht
leicht mit ihm Kirschen essen, und er ist keineswegs auf den
Mund gefallen. Er weiß genau, daß er sehr populär ist und
überall seine Verteidiger sitzen hat, bis in die höchsten Ämter,
ein richtiger Bonze von einem Satz!
Aber er ist kein Sozialist.

Der Satz Gemeinnutz geht vor Eigennutz soll jetzt auf die
großen Geldscheine gekommen sein. Es ist das ein Gerücht un-
ter dem Volk. Natürlich weiß niemand darüber etwas Sicheres.
Niemand hat je einen großen Geldschein zu Gesicht bekommen,
so ist vielleicht das Ganze nur eine Volkssage. Wenn es aller-
dings wahr wäre, wäre es eine große Ehrung für diesen Satz.
Es ist einer der populärsten Sätze der Nationalsozialisten, eine
wahre Ohrenweide. Viele halten ihn sogar für einen wirklich
sozialistischen Satz.

In einem sozialistischen Gemeinwesen besteht kein Gegensatz


zwischen dem Nutzen des einzelnen und dem Nutzen der All-
gemeinheit. Es ist keine grundsätzliche Verschiedenheit der
Interessen vorhanden. Es gibt keine Gruppen, die sich mit
dem Messer bekämpfen, weil eine Gruppe nur gut leben kann,
wenn die andere Gruppe schlecht lebt. Im sozialistischen Ge-
meinwesen werden nicht Autostraßen gebaut von der Allge-
meinheit, auf denen nur einzelne fahren können, so daß die
teuren Autostraßen fertig werden, aber die billigen Autos
werden nicht fertig. Und es fährt auch nicht eines Tages die
232 Zur Politik und Gesellschaft

Allgemeinheit doch auf diesen Autostraßen, nämlich in Tanks,


damit einzelne ihre Kriegsprofite machen können. Im soziali-
stischen Gemeinwesen nützt der einzelne durch seine Arbeit
sich selber und zugleich der Allgemeinheit, er nützt ihr gerade
dadurch, daß er sich selber nützt. Weil das Gemeinwesen so
eingerichtet ist, daß jeder, der sich selber nützt, auch der All-
gemeinheit nützt, und die Allgemeinheit sich nützt, wenn sie
dem einzelnen nützt, ist es eben ein sozialistisches Gemeinwe-
sen. Im sozialistischen Gemeinwesen ist der Satz Gemeinnutz
geht vor Eigennutz also überflüssig und arbeitslos und ein an-
derer Satz gilt, nämlich der Satz Eigennutz ist Gemeinnutz.
Denn der populäre, gutmütige, pfiffige Satz Gemeinnutz geht
vor Eigennutz ist ein Betrüger. Er schreit immerfort, er sei voll
der edelsten Absichten, er schlafe keine Nacht; weil er sich
solche Sorgen um die Allgemeinheit mache, er werde nur nicht
genügend geschätzt, nicht allgemein genug geschätzt, man
müsse ihn nur endlich einführen, nämlich in die gute Gesell-
schaft, dann werde alles noch gut werden. Es ist richtig, in der
guten Gesellschaft, bei den feinen Leuten ist er nicht einge-
führt, man nimmt ihn dort nicht für voll, er spielt keine Rolle,
selbst die Bonzen der Partei wollen mit ihm nichts zu tun ha-
ben. Aber selbst wenn er eingeführt würde, wäre damit nichts
geholfen.
Immer noch würden dann die vielen Millionen einzelnen sich
zuschanden plagen müssen, bis sie am Ende in die Tanks und
Schützengräben gepackt werden. Man würde ihnen sagen,
30 000 Jahre lang womöglich, dies sei nützlich für die All-
gemeinheit, ohne daß sie je erführen, wer diese ist, diese mysti-
sche Allgemeinheit. Jeder wüßte, wenn er seine Lohntüte ansähe,
daß er sich nicht genützt hat durch die ganze lange Arbeitswoche,
und die Familie, die den kurzen Brief von der Obrigkeit be-
käme, in dem steht, daß ihr Vater oder Sohn gefallen sei,
wüßte, daß er sich und ihr nicht genützt hat, aber immer noch
wäre das Gerede, der Allgemeinheit sei genützt worden.
Wirklich, wer ist diese Allgemeinheit, der da von den einzel-
Aufsätze über den Faschismus 233

nen genützt werden soll, deren Gemeinnutz da vor dem


Eigennutz gehen soll? Ist es vielleicht nur der Haufen Leute,
der diesen Satz Gemeinnutz geht vor Eigennutz verbreitet
und von den 60 Milliarden Volkseinkommen im Jahr 20 Mil-
liarden verschlingt, die Nationalsozialistische Partei?

[Der achte Esser]


Der Anstreicher Hitler predigte den Arbeitern, welche doch
in Wahrheit die ganze Nation bekleideten, ohne selber bekleidet
zu sein, nährten, ohne selber genährt zu sein, unterbrachten,
ohne selber untergebracht zu sein, sie könnten nicht einen wirk-
lichen Staat erlangen, wenn sie nicht opferwillig wären und
hartnäckig fortführen, an Essen, Kleider und Wohnen zu den-
ken. Den Hungernden und den Satten warf er vor, daß sie
zuviel ans Essen dächten. Sein Minister Frick beschuldigte die
Armen, sie erzeugten zuwenig Kinder, nur [...] des sozialen
Aufstiegs wegen. Den Frauen der Arbeiter befahl er, anstatt
in die Fabriken zu gehen, um für ihre Kinder Brot zu ver-
dienen, zu Hause zu bleiben, damit ihre Kinder Mütter hätten.
Diese Weiber glaubten wohl in ihrer Niedrigkeit, sie seien ihren
Kindern weniger wert als Brot...
Viele vertraten den Standpunkt, der geistige Hunger beginne
erst im körperlich gesättigten. Nur für den, der es noch nicht
habe, spiele das Essen eine Rolle. Diese vergessen, woher der
es hat, der es hat. Er hat es nämlich von jenem, der es nicht hat,
und der hat es nicht, noch nicht. Immer wieder trifft man auf
die Auffassung von den sieben Tellern und acht Essern (von
denen die letzten die Hunde fressen), und die Wahrheit ist es
doch, daß der achte der Koch ist! Freilich, er könnte wohl es-
sen ohne sie, aber nicht sie ohne ihn! Was für ein geistiger Hun-
ger ist das, der beginnt, wenn der Mann körperlich gesättigt
ist? Er wird der Güte gleichen, mit der der Mann beginnt,
wenn er den andern erschlagen hat!
234 Zur Politik und Gesellschaft

Briefe um Deutschland
Auf das Frühjahr der Feste folgte ein Sommer der Feste, und
als beim Herannahen des Herbstes immer noch nichts am elen-
den Zustand des Landes sich gebessert hatte, beschloß man, den
Triumph des Regimes in einem alle bisherigen Feste in Schat-
ten stellenden Fest, einem gewaltigen Parteitag, zu feiern. Da
genügend Feuerwerk vorhanden war, fehlte nichts zu einer
solchen Veranstaltung.
Die Veranstaltung fand im Beisein von etwa . . . Menschen
statt und bestand aus einem heitern und einem ernsten Teil.
Um sofort auf das Feuerwerk zu kommen: Die tiefe Liebe des
Kleinbürgertums zu pyrotechnischen Veranstaltungen wird von
vielen nicht genug ernst genommen. Diese künstlichen Feuer-
gebilde mit ihren übernatürlichen Farben, ihrem mächtigen und
doch harmlosen Geprassel und ihrer kindlichen Symbolik schei-
nen ihnen keine soliden Leistungen einer Regierung zu sein. Sie
weisen darauf hin, daß die Phantome schnell vergehen, keinen
Nutzen haben und das Publikum von ernsten, das heißt sor-
genvollen Betrachtungen materieller Art ablenken. Solche Be-
denken hört man leider besonders häufig von Schriftstellern
und Künstlern, deren sonstige Auffassung von Kunst diesen
Bedenken eigentlich widerspricht: Sie halten es sonst für ba-
nausenhaft, von Kunstwerken Nutzen zu verlangen, und nen-
nen es das eigentliche Verdienst der Kunst, die Menschen zu
Höherem abzulenken. Nur auf das Moment der Vergänglich-
keit verzichten sie; sie wollen unvergängliches Feuerwerk.
Sie vergessen auch, daß auch durch solche Feuerwerke Geld
unter die Leute kommt, nämlich das Geld der Leute. Diese
ökonomische Überlegung der Nazis, in vielen Zeitungen zu
lesen, entspricht einem Stand der ökonomischen Kenntnisse, in
den sich unsere Künstler und Schriftsteller mit den Nazis tei-
len.
Einen (kleinen) Teil des Geldes, das für dieses Feuerwerk ver-
wandt wurde, steuerten überdies gerade unsere Liberalen bei,
Aufsätze über den Fasdiismus 235

indem sie ihre Vermögen für die Beschlagnahmung durch die


Nazis bereitstellten, hauptsächlich deswegen, weil sie beim Stu-
dium der Reden des Führers seinerzeit festgestellt hatten, daß
diese von logischen Schnitzern wimmelten und auch sprachlich
nicht auf der Höhe standen: Sie hielten es für ausgeschlossen,
daß ein solcher Mensch jemals die Intelligenz aufbringen
könnte, ihre Vermögen zu beschlagnahmen. Ein furchtbarer
Irrtum! Ich fand immerhin einige, die zugaben, daß wenigstens
dies ein Irrtum ihrerseits gewesen sei.
Wir verlassen damit das Phänomen Feuerwerk, obwohl es tief
in das Wesen dieser neuen Art von Demokratie führt, die man
eine Pyrokratie nennen könnte, wenn man an den berühmten
Reichstagsbrand denkt, und wenden uns der Rede des Führers
auf dem Parteitag zu.
Das Thema dieser Rede war die Kultur.
Dies ist natürlich kein Zufall, es war bestimmt nicht etwa zu
vermeiden und entsprach wieder einer alten Tradition.
Es ist durchaus üblich und keineswegs von den Nazis einge-
führt, daß man, wenn man sonst nichts zu sagen hat, von Kul-
tur redet. Kultur, wenigstens das, was uns unter diesem Titel
vorgestellt wird, ist etwas, was ein Volk auch dann noch sein
eigen nennt, wenn es sonst nichts mehr besitzt. Kultur ist das
einzige, was es noch gibt, wenn der Hunger über die Hälfte
eines Volkes zum Siechtum verurteilt und die Ausbeutung ins
Ungeheuerliche gestiegen ist. Auch ziehen Völker selten in aus-
sichtslose und unendliche Kriege aus anderen Gründen, als um
diese Kultur zu verteidigen.

Plattform für die linken Intellektuellen

Alle Bemühungen um die Kultur, seien sie literarischer oder


anderer Art, bewußt oder unbewußt zivilisatorisch, haben zur
Voraussetzung ihrer Wirksamkeit, daß sie alle betreffen, das
236 Zur Politik und Gesellsdiaft

heißt alle Menschen, die in dem Bezirk ihrer Wirksamkeit da


sind, also Einfluß ausüben.

Einen der Gründe für die erschreckende Folgenlosigkeit unserer


kulturellen Bemühungen erblicken wir darin, daß wir uns ge-
meinhin mit unseren Arbeiten, die für »alle« bestimmt waren,
zum Wohle »aller« dienen sollten, allzu unbestimmt wiederum
an alle wandten. Die Entwicklung in Deutschland lehrt uns,
daß keineswegs alle für alle sind und daß nur eine ganz be-
stimmte, sich eben dadurch von allen andern Schichten unter-
scheidende Schicht von Menschen bereit ist, die Interessen aller
zu vertreten. Es ist dies die Schicht, die bei Strafe des Unter-
gangs, oder besser weil sie durch die Gesellschaftsordnung dazu
verurteilt ist, ständig unterzugehen, weil eben ihr Untergang
den Wohlstand der andern erzeugt, die Interessen aller vertre-
ten muß. Auch diese Schicht muß aber, um dies zu können,
erst organisiert und dazu instand gesetzt werden. Es ist die
Schicht des Proletariats.

Einer solchen Auswahl der Schicht, die für die Interessen aller
mobilisiert werden kann, könnte widersprochen werden, da sie
nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten erfolgt. Man könnte die
Auswahl nach andern Gesichtspunkten vornehmen wollen, so,
daß diese Kampfgruppe sich aus allen sozialen Schichten re-
krutierte. Vorgeschlagen wurde zum Beispiel das Unterschei-
dungsmerkmal barbarisch und human. Wir lehnen dieses Un-
terscheidungsmerkmal ab, weil es keine organisierende Kraft
hat. Wir ziehen vor, anzunehmen, daß sowohl das Barbarische
als auch das Humane etwas von Menschen Erzeugbares, Orga-
nisierbares ist. Wäre dies nicht der Fall, dann könnte ja nur
die Ausrottung (körperliche Vernichtung) ganzer Volksteile die
Aufsätze über den Faschismus 237

Barbarei aufheben - und es ist klar, daß nur die Aufhebung


der Barbarei die Humanität ermöglicht: Das Ideal einer in-
mitten von Barbarei bestehenbleibenden Insel von Humanität
ist unendlich gefährlich. Jedermann konnte immerfort, aber
neuerdings besonders deutlich, erkennen^ daß das Barbarische
keineswegs solche Inseln duldet und sehr wohl die Macht hat,
sie zu vernichten. Die Auswahl der Schicht, welcher die Rettung
der gesamten Zivilisation allein anvertraut werden kann, muß
nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten erfolgen, weil nur einer
solcherart konstituierten Schicht von Menschen die Kraft inne-
wohnt und die organisatorische Form gegeben werden kann,
die nötig ist, Zustände zu schaffen, an denen alle ein Interesse
haben, welche also die Grundlage für eine wirkliche Kultur
abgeben können.

Auch der Nationalsozialismus ist ein Versuch, eine Universali-


tät herzustellen. Er versucht, alle zusammenzufassen, und zwar
auf der Basis und in der Form der Nation. Wir sind nicht da-
für, in ihm schlechthin ein metaphysisches Phänomen zu sehen,
sein Auftreten als eine Naturkatastrophe zu betrachten, mit
der Ängstlichkeit und Ehrerbietung, die man Vulkanausbrüchen
zollt, Vorgängen, die man nicht beeinflussen kann. Und die
ihrerseits kein Ziel haben. So viel daran elementar sein mag:
Um handeln zu können, und wir müssen handeln, ist es nötig,
diese Erscheinung als ein Unternehmen von Menschen zu be-
trachten, und dies ist leichter, wenn man die gesellschaftlichen
Kriterien beizieht. Dies tuend, sehen wir eine kleinbürgerliche
Schicht, welche die Macht im Staate an sich gerissen hat und
gewaltsam eine Einigung aller in der Form einer Nation an-
strebt. Eine geeinte Nation scheint ihr bei der jetzigen histo-
rischen Struktur der Weltwirtschaft imstande zu sein, die
Interessen der unter ihrer Flagge zusammengefaßten Men-
schengruppe vertreten zu können, vorausgesetzt, daß sie im-
238 Zur Politik und Gesellschaft

stände ist, sie kriegerisch zu vertreten. Die Wahrnehmung, daß


es möglich ist, durch Gewalt andere Menschen und Menschen-
gruppen zu enteignen, auszubeuten, niederzukonkurrieren und
so weiter, ist aus dem privaten Wahrnehmungskreis des kleinen
und großen Bürgertums gewonnen. Gerade auf einem solchen
Verhalten beruht ja unsere Wirtschaft.

Der nationalsozialistische Versuch der Einigung schließt in


sich die Vernichtung, Ausschaltung oder Unterwerfung jener
Menschengruppen, welche die nationale Geschlossenheit beein-
trächtigen, der Juden und der Arbeiter. Ein nationalsoziali-
stisches Deutschland ist effektiv stärker als ein Deutschland,
das keine Kriege führen zu müssen glaubt, aber an einer Wirt-
schafts- und Gesellschaftsform festhält, die Kriege erzeugt. Es
ist auch nach innen stärker und konsequenter als ein Deutsch-
land, das an der kapitalistischen Wirtschaftsform festhält, aber
aus politischen Gründen seine Arbeiterschaft protektioniert,
wofür die Ökonomie nicht eingerichtet ist. Vom Standpunkt
der bestehenden (kapitalistischen) Gesellschaftsordnung aus, ist
der nationalsozialistische Staat stärker als der liberalistische,
und es macht dabei nichts aus, ob die Besitzer der Produk-
tionsmittel und des Bodens auf direktem Wege, also politisch
oder indirekt, ohne sichtbare politische Macht, ja sogar poli-
tisch vergewaltigt, ihre ökonomische Macht wie eine Natur-
gewalt wirken lassend, regieren.

Ob man annimmt, daß der Kapitalismus seine ökonomische


Macht durch Hinzuziehung des mobilisierten Mittelstandes
halten will, oder ob man annimmt, daß sich im Nationalsozia-
lismus der Mittelstand als Staat auf kapitalistischer Basis eta-
bliert, also sich eine Schicht sozusagen zwischen die ökonomisch
Aufsätze über den Fasdiismus 239

einander bekämpfenden Klassen geschoben hat, etwa auf Grund


der Unlösbarkeit der Bauernfrage innerhalb dieses Systems
(beide Annahmen widersprechen einander nicht) - bekämpft
werden kann der Nationalsozialismus nur durch die Bekämp-
fung des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Bundesgenosse im
Kampf gegen den Nationalsozialismus kann nur die Arbeiter-
klasse sein. Den Faschismus bekämpfen und den Kapitalismus
beibehalten wollen ist unmöglich: Es hieße, den Kapitalismus
auf eine wegen ihrer Unhaltbarkeit schon aufgegebene schwä-
chere Position zurückrufen. Nicht in seiner ängstlichen, den
»Erpressungen« seines Proletariats nachgiebigen liberalisti-
schen, sondern nur mehr in seiner allernacktesten und brutal-
sten staatlichen Form kann der Kapitalismus versuchen, sich
gegen seine nunmehr stabilisierte Krise zu halten. In kürzester
Zeit wird das gesamte Bürgertum eingesehen haben, daß der
Faschismus die beste kapitalistische Staatsform dieser Epoche
ist, wie der Liberalismus die beste der nunmehr vergangenen
war. Den Faschismus kann nur bekämpfen, wer das Privat-
eigentum an Produktionsmitteln und was immer dazugehört
aufgibt und wer also zusammen mit jener Klasse kämpfen
will, die das Privateigentum am heftigsten bekämpft.

7
Mit vollem Recht bezeichnet Hitler als den Feind des national-
sozialistischen Versuchs der Einigung den Marxismus, jenen an-
deren tiefergreifenden Versuch einer Einigung aller. Aber
selbstverständlich ist nicht diese Lehre der Grund der Uneinig-
keit, sondern die Ursache dieser Lehre: ein ökonomisch-politi-
sches System, das den Mangel der vielen zum Vorteil der we-
nigen macht; denn der Kapitalismus hält sich nicht etwa trotz
des Mangels der vielen, sondern durch diesen Mangel; er würde
durch eine allgemeine Wohlfahrt nicht etwa verbessert, son-
dern vernichtet.
240 Zur Politik und Gesellschaft

Der gefährlichste, der einzige wirkliche Feind des Faschismus


ist, wie der Faschismus selber weiß, der Kommunismus. Es
ist nicht richtig, abzuschätzen, ob der Kommunismus nun wirk-
lich stark genug ist: es gilt, ihn zu stärken. Nach dem Faschis-
mus, auch darin hat der Nationalsozialismus recht, kann nur
der Kommunismus kommen, nichts anderes. Die Kultur wird
gefallen sein oder mit ihm stehen.

Die Kommunisten und die deutschen Religionskämpfe


Unter uns Kommunisten bestand anfangs keine Einigkeit in
der Frage, wie wir uns zu der Verfolgung der Christen durch
das Naziregime stellen sollten. Praktisch bestand wenig
Schwierigkeit. Die Unsrigen würden jedem öffnen, der, ver-
folgt von den Nazis, an ihre Tür klopfte^und wer immer gegen
die Nazis redete, würde die Unsrigen zu Zuhörern haben.
Aber theoretisch meinten manche, die Zerstörung des Chri-
stentums sei eine fortschrittliche Seite des Faschismus, und
man könne sie den Nazis ruhig überlassen.
Diese Theorie widersprach den praktischen Notwendigkeiten
des Kampfes, der sich in größtem Ausmaße abspielte, denn es
gibt Millionen christlicher Werktätiger, und sie war völlig
irrig. Erstens hatte der Nationalsozialismus keine Aussicht,
das Christentum zu zerstören, da er seine gesellschaftliche
Grundlage bestehen lassen mußte. Zweitens argumentierten
unsere radikalen Neutralitätstheoretiker, als ob es sich bei
den Angriffen der Nazis um Angriffe gegen die Religion und
nicht um Angriffe gegen die christliche Religion handelte.
Der Unterschied ist beträchtlich und entscheidend.
Im Dritten Reich spielt sich nämlich nicht ein Kampf gegen die
Religion ab, sondern ein Kampf zweier Religionen. Das Neu-
heidentum ist kein Atheismus, sondern ebenso wie das Althei-
Aufsätze über den Faschismus 241

dentum eine Religion. Und zwar ist das Neuheidentum gegen


das Christentum genommen eine rückständige Religion. Der
Nationalsozialismus bekämpft das Christentum und ersetzt
das Christentum durch sein Neuheidentum, gerade weil er
eine Religion braucht, die seine rückständigen Ziele besser
fördert. Er braucht eine kriegerische Religion, eine Religion der
heldischen Aufopferung des einzelnen, eine rein deutsche, das
heißt gegen andere Völker gerichtete Religion. Wenn wir die
christliche Religion als Opium bekämpft haben, weil wir sag-
ten, sie lulle den Unterdrückten in Passivität, so müssen wir
diese neue Religion noch stärker bekämpfen, da sie ein Rausch-
mittelausschank viel größeren Umfangs ist, ein staatlicher
Zwangsausschank, der die Passivität der Unterdrückten ihrer
Unterdrückung gegenüber verstärkt und sie darüber hinaus
auch noch zu blinden Werkzeugen für die Ausdehnung der
Unterdrückung auf andere Völker macht, höchst aktiven
Werkzeugen.
Das Christentum selber aber wird heute in einen sehr frucht-
baren Kampf mit seinen eigenen heidnischen Residuen ver-
wickelt und ist gezwungen, seine blinde Unterwürfigkeit unter
den Staat zu revidieren, die es immerfort zu der Einsegnung
der Kriege und der bedingungslosen Verteidigung überholter
Besitzformen geführt hat.
In den deutschen Religionskämpfen müssen wir Kommunisten
an der Seite der fortschrittlicheren Religion kämpfen, genauso
wie wir in dem neuen Weltkrieg, in dem wir gegenwärtig
stehen, an der Seite der Demokratien, der fortschrittlicheren
Staatswesen, stehen müssen. Das eine liquidiert und unter-
bricht nicht unsern Kampf um eine materialistische Weltan-
schauung, und das andere liquidiert und unterbricht nicht
unsern Kampf um eine sozialistische Gesellschaftsordnung.
242 Zur Politik und Gesellschaft

[Preisgabe der bürgerlichen Kultur]

Nach Angabe der linken Emigration bedroht der Faschismus


die bürgerliche Welt. In Wirklichkeit versucht er, sie zu retten
(versucht sie, sich in ihn hinein zu retten).

Nach Angabe der Linken läßt sich die bürgerliche Welt ohne
Faschismus und also ohne Aufgabe der bürgerlichen Kultur,
etwa durch Reformen, konservieren. In Wirklichkeit ist die
bürgerliche Welt nur unter Aufgabe der bürgerlichen Kultur
zu retten.

Dieser Wirklichkeit trug die Linke, ohne sich Rechenschaft da-


von zu geben, bereits durch ein Verhalten Rechnung, welches
Teile der bürgerlichen Kultur zur Rettung der bürgerlichen
Welt Stück für Stück preisgab.

[Kulturelle Forderungen]
Die Ideologen des linken Bürgertums sind desinteressiert an
der Nennung der Bedingungen, unter denen allein sich ihre
kulturellen Forderungen realisieren lassen, weil das Namhaft-
machen dieser realen Bedingungen jene Forderungen als faschi-
stische enthüllen würde.
Aufsätze über den Faschismus 243

Aus den englischen Briefen


Jene Leute, welche die Barbarei beklagen, an der teilzunehmen
ihnen nicht erlaubt ist. Tatsächlich ist es eine schreiende Un-
gerechtigkeit, daß einige einzig wegen der Form ihrer Nase
nicht das Recht haben sollen, sich an der Ausbeutung ihrer Mit-
menschen zu beteiligen, zu einer Zeit, wo sie so unerhört in
Schwung gebracht ist. Sollen sie etwa auch vom Kriegsgeschäft
ausgeschlossen werden, weil ihre Haare schwarz sind? Was sind
das für Gründe, aus denen ihnen verwehrt wird, sich von der
Arbeit fremder Hände zu nähren. Nur mehr Deutsche sollen
sich aus Deutschen einen guten Tag machen dürfen?

Mit einiger Verwunderung las ich die letzte Rede Herrn Bald-
wins. Seiner Majestät Premierminister hatte die schwächliche
Politik in der abessinischen und deutschen Frage zu verteidi-
gen. Er beklagte es, daß man von Herrn Mussolini kein Ent-
gegenkommen erwarten könne, wenn man nicht bereit sei, Ge-
walt anzuwenden. In der salbungsvollen Rede schwang ein
nicht zu überhörender Unterton von »Was habe ich immer
gesagt« mit, den ich mir nicht erklären konnte, bis ich erfuhr,
daß Herr Baldwin Stahlfabrikant ist. Am Schluß seiner Rede
sagte er, der Horizont sei düster, er sehe aber nun einige Licht-
blicke . . .

Die Stellung des Engländers der Mittelklassen zu Hitler ist


sehr eigenartig. Im allgemeinen verteidigt man ihn. Einige sei-
ner Unternehmungen, und zwar hauptsächlich die mehr priva-
ten Charakters, werden laut mißbilligt. Daß er seinen Freund
Röhm erschießen ließ, wird ihm verübelt, wenn man auch sagt,
die Tatsache, daß er ihn erschießen ließ, beweise schließlich, daß
es eben kein Freund gewesen sei (da man Freunde nicht er-
schießen läßt). Schlimmer ist, daß er dabei war. Es ist, vom
gesellschaftlichen Standpunkt aus, unmöglich, daß ein Staats-
oberhaupt mit der Pistole in der Hand vor sieben Uhr früh
244 Zur Politik und Gesellschaft

in die Wohnung eines alten Freundes eindringt, und das noch,


wenn dort gerade eine Orgie gefeiert wird. Was Herr Hitler
sich, nach der Aussage Herrn Goebbels', in der Wohnung Röhms
ansehen mußte, ist, dem hiesigen Empfinden nach, nicht so
schlimm, als die Tatsache, daß Herr Hitler es sich ansah. Da-
durch hat er sich in einen Skandal verwickelt. Der Engländer
liebt es nicht, wenn zuviel über das Privatleben seiner Mini-
ster in der Zeitung steht. Er ist selber in Colleges erzogen und
weiß, daß man auch da nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit
eindringen kann, wenn man keinen Skandal will... Anderer-
seits ist es der Engländer gewohnt, es mit wilden Völkerschaften
zu tun zu haben. Er ist oft genug gezwungen, einem Häuptling
einen vorteilhaften Vertrag zu erpressen, der vielleicht eben sei-
nen Onkel aufgefressen hat. Es ist klar, daß man einem solchen
Mann nicht die Hand schütteln würde, wenn man von ihm
keine finanziellen Vorteile zu erwarten hätte. In solchen Be-
trachtungen steckt viel Vernunft; jedenfalls ersieht man daraus,
was man hierzulande unter Vernunft versteht. Trotzdem, es
bleibt dabei, an Herrn Hitler ist so manches auszusetzen. Es
besteht der Verdacht, daß er kein Gentleman ist. Andererseits
weiß man, daß ein Gentleman sich in anständiger Gesellschaft
nicht lang halten kann. Kann er sich doch halten, ist er eben
ein Gentleman. Und Herr Hitler hält sich schon ziemlich lang.
Wenn man also von Herrn Hitler mit dem Mittelklassenmann
spricht, bekommt man recht bald zu hören: Ja, jetzt haben
wir also von dem gesprochen, was uns an ihm nicht gefällt;
jetzt wollen wir einmal von dem sprechen, was uns an ihm ge-
fällt. Gut, Herr Miller hat seine erste Frau vergiftet, aber nun
wollen wir von etwas anderem sprechen, nämlich davon, daß
er bereit ist, meine älteste Tochter zu ehelichen.
Am meisten gefällt den Engländern an Herrn Hitler, daß
die Franzosen ..., daß ihnen die Franzosen nicht gefallen.
Etwa 1936
Aufsätze über den Fasdiismus 245

Traum des Herrn Chamberlain:


Der Elefant als Elfenbeinhändler
Für die Engländer der herrschenden Klassen ist das deutsche
Problem unbedingt verwirrend. Ein paar unangenehme Er-
scheinungen stellen sich ihnen verknüpft mit sehr gewohnten
Erscheinungen angenehmer Art dar. Es ist ein Kapitalis-
mus mit Auswüchsen. Sie sind überzeugt, daß dieser Kapi-
talismus ohne seine Auswüchse ganz gut vegetieren könnte
und überlegen sich, wie sie ihm diese Auswüchse abhandeln
könnten.
So ist für sie die Judenverfolgung besonders deswegen so är-
gerlich, weil sie eine ganz »überflüssige« Ausschreitung scheint.
Es rangiert für sie so etwas unter den Äußerlichkeiten, den
nicht zur Sache gehörenden Dingen. Man muß keineswegs an-
nehmen, daß die Chamberlains in solchen Dingen wie den
Pogromen tatsächlich echte Ausbrüche der elementaren Bestia-
lität des Faschismus sehen, die man dem eigenen Volk ver-
heimlichen muß, damit man sich mit der Bestie an den Ver-
handlungstisch setzen kann, der immer ein Eßtisch ist. Sie ha-
ben den Eindruck, daß Pogrome für den Kapitalismus nicht
lebensnotwendig sind, also unterbleiben können.
Sie haben nichts begriffen von der Methode, des Faschismus,
den Klassenkampf in Rassenkämpfe zu verwandeln. Sie sel-
ber brauchen ihre eigenen Klassenkämpfe noch nicht zu ver-
wandeln. Sie können noch Parlamente haben, da sie noch die
Mehrheit in den Parlamenten haben.

[Entwurf für eine] Rede an die


deutschen Arbeiter, Bauern und Intellektuellen
Mit lautem Entsetzen liest in diesen Wochen die zivilisierte
Welt die Tagebücher, die man bei abgefangenen faschistischen
Fliegern in Spanien gefunden hat. Sie sind in deutscher
246 Zur Politik und Gesellsdiaft

Sprache geschrieben, von Deutschen; wiederum sprechen


ganze Kontinente das Wort »Deutschland« mit der Furcht
und dem Abscheu aus, mit der man das Wort »Mörder« aus-
spricht.
Nicht bloße Gefühle sind es, die uns veranlassen, dem An-
bruch eines neuen Morgens für die gequälten Völker entgegen-
zusehen, sondern wissenschaftliche Erwägungen; die große
Lehre des Marxismus erfüllt uns mit Hoffnung.
Ein Volk, berühmt durch seine Philosophie wie durch seine
Technik, das begabteste in der Musik, das führende in der
neuen Ökonomie, mit der zweitgrößten Industrie der Welt
und der durch Jahrzehnte größten Arbeiterbewegung der
Welt, wird durch eine Handvoll gekaufter Abenteurer von
zweifelhafter Bildung und unzweifelhafter Skrupellosigkeit
[regiert.]
Heute noch, obgleich vorsätzlich abgeschnitten vom Welthan-
del, führt es mehr Rohstoffe ein als jemals vorher.
Man sagt euch, daß die Völker der Sowjetunion, die den So-
zialismus aufbauen, hungern, das ist ebenso wahr, als was man
uns sagt, nämlich daß es euch, unter der Herrschaft des Kapi-
talismus, gut geht.
Aber der Krieg ist nicht nur ein Verbrechen, sondern eine
Dummheit. Er wird begonnen werden mit Brotkarten.

Furcht und Elend des Dritten Reiches


Wir können nicht bezweifeln, daß der Anblick Deutschlands,
unserer Heimat, in diesen Jahren der Welt schrecklich gewor-
den ist; soweit die Welt bürgerlich ist, der bürgerlichen Welt.
Selbst unter den Freunden des Dritten Reiches dürfte es kaum
einen geben, der niemals über dieses Deutschland erschrocken
ist.
Von ihm sprechend, verwandeln sich die Menschen in Rätsel-
rater.
Aufsätze über den Faschismus 247

Eine beliebte Lösung des Rätsels, die wir zu verschiedenen Zei-


ten, in verschiedenen Sprachen, auch in unserer eigenen, ge-
lesen haben, heißt so: In diesem Land mitten in Europa, einer
alten Pflanzstätte der Kultur, ist fast über Nacht die Barbarei
ausgebrochen, ein entsetzlicher, ursachloser, plötzlicher Anfall
von Raserei. Die guten Mächte sind besiegt worden, und die
bösen sind zur Herrschaft gekommen.
Das ist eine Lösung des Rätsels, nach der die Barbarei von der
Barbarei kommt. Das Treiben kommt von den Trieben. Die
Triebe kommen nirgendsher, sondern sind da. Das Dritte
Reich ist nach dieser Lösung ein Naturereignis, einem Vulkan-
ausbruch vergleichbar, der blühende Gefilde verwüstet.
Der mächtigste englische Staatsmann hat von einer Überwer-
tung des Staates bei den Deutschen gesprochen. Der Staat ist
ihm, natürlich, etwas Natürliches; überwertet aber wird er
etwas Unnatürliches. Man erinnert sich an Schillers Verse:
»Wohltätig ist des Feuers Macht, wenn sie der Mensch be-
schirmt, bewacht« und ihre warnende Fortsetzung.
Nach dieser Lösung kommt ein bestimmter unnatürlicher
Staat von der Uberwertung des Staates. Die Frage, woher
diese kommt, bleibt offen.
Es gibt realistischere Lösungen, zum Beispiel die: Deutsch-
land ist ein großer Staat mit einer mächtigen Industrie. Er
muß zusehen, daß sie Märkte und Rohstofflager hat. Im
Kampf um diese Märkte und Rohstofflager ist er vor 20 Jah-
ren besiegt worden. Die Sieger haben den Staat als Staat
lahmgelegt, aber die Industrie durch riesige Anleihen noch
vergrößern helfen. Sie ist mit den alten Märkten und Roh-
stofflagern nicht ausgekommen, man hat ihr davon noch eini-
ges weggenommen. Kein Wunder, daß sie jetzt ihren Staat
wieder in Gang gesetzt hat. Er wird den gescheiterten Ver-
such erneuern.
Die Leute, die so sprechen, haben wenigstens eine Erklärung
für die »Überwertung« des Staates bei den Deutschen, jedoch
stehen auch sie der Barbarei in Deutschland ohne Erklärung
248 Zur Politik und Gesellschaft

gegenüber, es sei denn, sie erklärten sie ebenfalls als eine Bar-
barei, die von der Barbarei kommt. Dieser Staat mag nach
ihnen ein gewöhnlicher Staat sein, der in eine Ausnahmelage
gekommen ist und Ausnahmemittel benötigt, aber die Art
dieser Mittel müssen sie doch erschrecken.
Die Ausnahmemittel haben nämlich deutlich etwas von Aus-
wüchsen an sich. Sie werden nicht restlos durch die Ausnahme-
lage erklärt.
So ist diesen Leuten etwa die Judenverfolgung gerade deswe-
gen so ärgerlich, weil sie eine »überflüssige« Ausschreitung
scheint. Sie ist ihnen etwas Äußerliches, nicht zur Sache Ge-
hörendes. Sie haben den Eindruck, daß Pogrome für die
Eroberung von Märkten und RohstofFlagern nicht nötig sind,
also unterbleiben können.
Sie erklären sich die Barbarei in Deutschland nicht als die
Folge von Klassenkämpfen; so begreifen sie nicht die Parole
des Faschismus, daß die Klassenkämpfe in Rassenkämpfe
verwandelt werden müssen. Sie selber brauchen ihre eigenen
Klassenkämpfe noch nicht in Rassenkämpfe zu verwandeln.
Sie können noch Parlamente haben, da sie die Mehrheit in den
Parlamenten haben.
Aber die bürgerliche Welt hat ein tiefes Grauen davor, zuzu-
sehen, zu welchen Ausnahmemitteln ein Staat greift, um Aus-
nahmelagen zu beherrschen; gibt es doch kaum Regeln, die
nicht einmal Ausnahmen waren. Kann es wirklich sein, daß
die Kultur zum Ballast werden könnte, den man über Bord
werfen muß, um diesen Ballon zum Steigen zu bringen?
Der mächtige englische Staatsmann, der die Überwertung des
Staates bei den Deutschen beklagte, verlieh dem Grauen Aus-
druck, als er von Zuständen sprach, in denen zu leben sich
nicht mehr lohnen würde. Ahnt er, daß auch in »natürli-
chen« Staaten Menschen leben, für die das Leben sich nicht
lohnt?
Deutschland, unsere Heimat, hat sich in ein Volk von 2 Mil-
lionen Spitzeln und 80 Millionen Bespitzelten verwandelt.
Aufsätze über den Faschismus 249

Sein Leben besteht in dem Prozeß, der ihm gemacht wird. Es


besteht nur aus Schuldigen.
Was der Vater dem Sohn sagt, sagt er, um nicht verhaftet zu
werden. Der Priester blättert seine Bibel durch, Sätze zu fin-
den, die er aussprechen kann, ohne verhaftet zu werden. Der
Lehrer sucht für irgendeine Maßnahme Karls des Großen
einen Beweggrund, den er lehren kann, ohne daß man ihn ver-
haftet. Den Totenschein unterzeichnend, wählt der Arzt die
Todesursache, die nicht zu seiner Verhaftung führt. Der Dich-
ter zerbricht sich den Kopf nach einem Reim, für den man
ihn nicht verhaften kann. Und um der Verhaftung zu entge-
hen, beschließt der Bauer, seine Sau nicht zu füttern.
Wie man sieht, sind die Ausnahmemittel erstaunlich, die der
Staat ergreifen muß.
Die bürgerliche Welt bemüht sich verzweifelt, nachzuweisen,
daß er sich irrt, daß er sie nicht ergreifen muß. Daß etwas
Gewalt vielleicht nötig ist (der Ausnahmelage wegen), aber
nicht so viel Gewalt, nur soundso viel Gewalt. Daß mäßige
Züchtigungen genügen. Daß gelegentliche Bespitzelung aus-
reicht. Daß kriegerische Vorbereitungen in vernünftigen Gren-
zen besser sind.
Und die bürgerliche Welt ahnt dumpf, daß sie sich irrt.
Die Frage, wieviel Zwang in Deutschland nötig ist, wird vom
Bürgertum vieler Nationen gestellt, auch von dem der Deut-
schen.
Für das deutsche Großbürgertum stand es so: Es sollte das
große Besitztum aufrechterhalten werden, und die Vereinba-
rung war: mit allen Mitteln. Der Staat wurde groß ausgebaut.
Er findet jetzt, heißt es, hier und da Unverständnis beim
Großbürgertum, Knauserei mit Mitteln. Plötzlich sollen es
wieder nicht alle Mittel sein, sondern nur einige. Ein Murren
wird laut.
Ab und zu fällt ein Kopf, und ab und zu wird ein Murren
laut. »Das bedeutet Unzufriedenheit«, sagen die Geflohenen.
Bedeutet es Unzufriedenheit? Muß der 27jährigen Mutter und
2 jo Zur Politik und Gesellschaft

Studentin der Kopf aus dem gleichen Grund abgehauen wer-


den, aus dem die Denkschrift der rheinischen Industriellen zer-
rissen werden muß? Wenn's wirklich Unzufriedenheit ist, sagt
mir: wieviel?
Hat das Regime abgewirtschaftet, vertritt es »nur noch sich
selbst«?
Der Ausdruck »Es herrscht Unzufriedenheit« ist kein glück-
licher. Die Unzufriedenheit herrscht doch eben nicht. Das Re-
gime ist ein Fremdkörper? Aber das Messer in der Faust des
Banditen ist auch ein Fremdkörper. Die Industriellen müssen
schon niedergehalten werden? Auf was? Auf die Arbeiter?
Die Unfreiheit lastet schon auf allen? So wollen alle die Frei-
heit aller?
Das Regime zwingt die Arbeiter, sich ausbeuten zu lassen, und
nimmt ihnen deshalb ihre Gewerkschaften, Parteien, Zeitungen
weg. Das Regime zwingt die Arbeitgeber, die Arbeiter auszu-
beuten, befiehlt bestimmte Formen der Ausbeutung, bringt Plan
in die Ausbeutung und setzt den Arbeitgebern den General auf
die Nase, also »allenthalben« das Gefühl von Unfreiheit.
Die Stärke des Regimes, heißt es, beruht darin, daß kein Geg-
ner sichtbar wird. Das kann nicht stimmen für die Arbeiter:
ab und zu fällt ein Kopf. Es kann stimmen für das Bürger-
tum: obwohl ab und zu ein Murren laut wird. Was da murrt,
ist kein Gegner.
Dann ist da freilich noch die riesige Mittelklasse, die Masse
der kleinbürgerlichen und bäuerlichen Existenzen. Sie sind so
aufgeteilt, daß immer von zehn Menschen zwei die restlichen
acht niederhalten. Für sie verschiebt sich die große Frage, wie
viele Mittel kulturzerstörender Art zur Aufrechterhaltung des
großen Besitzes dem Regime bewilligt werden sollen, in die
Frage: Hängt der kleine Besitz vom großen ab? Gewisse
Schichten bekommen Ausschüttungen von der Ausbeute oder
hoffen auf solche. Die andern haben den Unterschied zwi-
schen dem Besitz von Produktionsmitteln und ihrem Besitz
nicht begriffen. Übrigens werden sie nicht gefragt.
Aufsätze über den Faschismus 251

Jedes Sichanklammern an kulturelle Vorstellungen führt zur


Verhaftung. In dem großen Krieg, dem größten und radikal-
sten Mittel, das zur Aufrechterhaltung des Großbesitzes wird
bald bewilligt werden müssen, wird das Sichanklammern am
Leben (ebenfalls einem Kulturwert) mit dem Tode bestraft
werden. Diese Furcht beginnt alle andere Furcht zu über-
schatten.
Das Regime und die Mittelschichten stehen einander gegen-
über, in einem wilden Handel begriffen. Das Regime schwenkt
die Liste der Annehmlichkeiten, die die Aufrechterhaltung
des Besitzes kosten wird. Die Mittelschichten feilschen. »Gut,
fort mit Goethe! Aber können wir nicht die Religion behal-
ten?« — »Nein.« — »Ein wenig Meinungsfreiheit kann wohl
nicht schaden?« - »Doch.« - »Aber unsere Kinder, könnten
wir nicht d i e . . . ? « - »Wo denkt ihr hin?« - »Unser nacktes Le-
ben?« — »Muß eingesetzt werden.«
Der Gedanke, daß die Barbarei von der Barbarei kommt, löst
das schreckliche Rätsel Deutschland nicht. Das Maß der Ge-
walttaten läßt einen Schluß zu auf das Maß der Auflehnung.
Insofern sind die Gewalttaten nicht von selbstherrlichen
Trieben, sondern von Berechnungen verursacht und haben bei
aller Dumpfheit, Widersprüchlichkeit, Verfehltheit ein ratio-
nelles Moment in sich. Aber wie die Bedrückung von verschie-
dener Art ist, so auch die Auflehnung. Jene Schichten des Vol-
kes, die erschrocken die Frage auf werfen: Wie viele kultur-
zerstörenden Mittel sind wirklich nötig, um den Großbesitz
an Kapital, Boden, Maschinerie aufrechtzuerhalten, bekom-
men vom Regime vielleicht eben doch eine wahre Antwort,
wenn es brüllt: Genau so viele, wie wir anwenden! Sollte es
nötig sein, daß auch diese Schichten erst in jenen Zustand der
äußersten Vertierung getrieben werden müssen, gegen den sich
nach dem Wort der sozialistischen Klassiker das Proletariat in
seinem Kampf um die Menschenwürde wehrt? Wird erst das
Elend die Furcht besiegen?
2 5 2 Zur Politik und Gesellschaft

Rede über die Widerstandskraft der Vernunft


Angesichts der überaus strengen Maßnahmen, die in den fa-
schistischen Staaten gegenwärtig gegen die Vernunft ergriffen
werden, dieser ebenso methodischen wie gewalttätigen Maß-
nahmen, ist es erlaubt, zu fragen, ob die menschliche Ver-
nunft diesem gewaltigen Ansturm überhaupt wird widerste-
hen können. Mit so allgemein gehaltenen optimistischen Be-
teuerungen wie »Am Ende siegt immer die Vernunft« oder
»Der Geist entfaltet sich nie freier, als wenn ihm Gewalt ange-
tan wird« ist hier natürlich nichts getan. Solche Versicherungen
sind selber wenig vernünftig.
Tatsächlich kann das menschliche Denkvermögen in erstaun-
licher Weise beschädigt werden. Dies gilt für die Vernunft der
einzelnen wie der ganzen Klassen und Völker. Die Geschichte
des menschlichen Denkvermögens weist große Perioden teil-
weiser oder völliger Unfruchtbarkeit, Beispiele erschreckender
Rückbildungen und Verkümmerungen auf. Der Stumpfsinn
kann, mit geeigneten Mitteln, in großem Umfang organisiert
werden. Der Mensch vermag unter Umständen ebensogut zu
lernen, daß zwei mal zwei fünf, als daß es vier ist. Der eng-
lische Philosoph Hobbes sagt schon im XVII. Jahrhundert:
»Wenn der Satz, daß die Winkel eines Dreiecks zusammen
gleich zwei rechten sind, den Interessen der Geschäftsleute wi-
dersprechen würde, so würden die Geschäftsleute sofort alle
Lehrbücher der Geometrie verbrennen lassen.«
Man muß annehmen, daß die einzelnen Völker niemals mehr
an Vernunft produzieren, als sie brauchen können (würde ein-
mal mehr produziert, so würde sie nicht aufgenommen), dage-
gen häufig weniger. Wenn wir also nicht einen ganz bestimm-
ten Gebrauch für die Vernunft angeben können, eine ganz be-
stimmte momentane Notwendigkeit für die Aufrechterhal-
tung der bestehenden Zustände, so können wir nicht behaup-
ten, daß die Vernunft durch die Zeiten der gegenwärtigen
schweren Verfolgung durchkommen wird.
Aufsätze über den Fasdiismus 253

Wenn ich hier sage, daß die Vernunft für die Auf rechterhaltung
der bestehenden Zustände nötig sein muß, damit man ihr
einige Chancen geben kann, so ist das wohlüberlegt. Ich sage
aus guten Gründen nicht, sie müsse nötig sein für die Umge-
staltung der bestehenden Zustände. Nur deshalb, weil Ver-
nunft nötig ist, die bestehenden sehr schlechten Zustände zu
bessern, darf man meiner Meinung nach nämlich nicht darauf
hoffen, es werde Vernunft aufgebracht werden. Schlechte Zu-
stände können unglaublich lang dauern. Man kann eher sa-
gen: Je schlechter die Zustände, desto weniger gibt es Ver-
nunft, als: Je schlechter die Zustände, desto mehr Vernunft
wird produziert.
Jedoch glaube ich, wie gesagt, daß so viel Vernunft produziert
wird, als zur Aufrechterhaltung der bestehenden Zustände
nötig ist. Es ist also die Frage, wieviel Vernunft das ist. Denn,
noch einmal, wenn wir fragen, wieviel Vernunft produziert
werden wird in nächster Zeit, so müssen wir fragen, wieviel
davon wird nötig sein, die bestehenden Zustände aufrechtzu-
erhalten.
Es ist kaum eine Frage, daß die Zustände in den faschistischen
Ländern sehr schlecht sind. Der Lebensstandard sinkt in ihnen,
und sie brauchen samt und sonders Kriege, um sich zu halten.
Man darf aber nicht annehmen, daß zur Aufrechterhaltung so
schlechter Zustände besonders wenig Vernunft nötig ist. Die
Vernunft, die hier angewendet werden muß, die ständig produ-
ziert'werden muß und die nicht lange abgedrosselt werden
kann, ist nicht gering, wenn sie auch von besonderer Beschaf-
fenheit ist.
Man kann es so ausdrücken: Sie muß verkrüppelt sein. Es muß
eine regulierbare, jeweils mehr oder weniger mechanisch ver-
größer- oder verkleinerbare Vernunft sein. Sie muß weit und
schnell laufen können, aber zurückpfeifbar sein. Sie muß im-
stande sein, sich selber zurückzupfeifen, gegen sich selber
einzuschreiten, sich selber zu destruieren.
Untersuchen wir die Art der Vernunft, die hier benötigt wird.
254 Zur Politik und Gesellschaft

Der Physiker muß imstande sein, für den Krieg optische Ap-
parate zu konstruieren, die eine sehr weite Sicht gewähren,
zugleich muß er imstande sein, Vorgänge für ihn gefährlich-
ster Art in seiner nächsten Nähe, sagen wir an seiner Univer-
sität, nicht zu sehen. Er hat Schutzvorrichtungen zu konstru-
ieren gegen die Angriffe fremder Nationen, aber er darf nicht
darüber nachdenken, was zu machen ist gegen die Angriffe auf
ihn von Seiten der eigenen Behörden. Der Arzt in seiner Kli-
nik sucht ein Mittel gegen den Krebs, der seinen Patienten
bedroht; aber er darf nicht das Mittel suchen gegen das Gelb-
kreuzgas und die Fliegerbomben, die ihn selbst in seiner Kli-
nik bedrohen. Denn das einzige Mittel gegen die Vergasung
wäre ein Mittel gegen den Krieg. Die Kopfarbeiter müssen
ihre logischen Fähigkeiten ständig ausbilden, um ihre Einzel-
gebiete bearbeiten zu können, aber sie müssen fähig sein, diese
logischen Fähigkeiten nicht an Hauptgebiete heranzubringen.
Sie haben zu sorgen, daß der Krieg schrecklich wird, aber die
Entscheidung Krieg oder Frieden haben sie Leuten von of-
fensichtlich geringer Intelligenz zu überlassen. Auf diesen
Hauptgebieten sehen sie Methoden und Theorien am Werk,
die, angewendet auf ihre Wissensgebiete wie die Physik oder
die Medizin, mittelalterlich wären.
Die Quantität der Vernunft, welche die herrschenden Schichten
benötigen, um die laufenden Geschäfte zu führen, hängt nicht
von ihrem freien Beschluß ab; in einem modernen Staats-
wesen ist sie beträchtlich, und sie wird beträchtlicher, wenn
diese Geschäfte mit anderen Mitteln fortgeführt werden müs-
sen, nämlich im Krieg. Der moderne Krieg verschlingt enorm
viel Vernunft.
Die Einführung der modernen Volksschule erfolgte nicht, weil
die damals herrschenden Schichten aus idealen Beweggrün-
den der Vernunft einen Dienst erweisen wollten, sondern weil
die Intelligenz der breitesten Bevölkerungsschichten gehoben
werden mußte, damit die moderne Industrie bedient werden
konnte. Würde man die Intelligenz der Werktätigen jetzt allzu-
Aufsätze über den Faschismus 255

sehr herabschrauben, dann könnte die Industrie nicht aufrecht-


erhalten werden. Man kann sie also, so wünschbar es den herr-
schenden Schichten aus gewissen Gründen scheinen mag, nicht
erheblich herabschrauben. Mit Analphabeten kann man kei-
nen Krieg führen.
Hängt so die Quantität der benötigten Vernunft nicht von
dem Beschluß der herrschenden Schichten ab, so ist diese er-
forderte und dadurch immerhin garantierte Quantität Ver-
nunft auch nicht ohne weiteres in der Qualität herzustellen, die
den herrschenden Schichten angenehm wäre.
Schon die gewaltige Ausbreitung der Vernunft durch die Ein-
führung der Volksschulen hat außer der Hebung der Industrie
auch zu einer außerordentlichen Hebung der Ansprüche brei-
tester Volksmassen in jeder Hinsicht geführt; deren Herr-
schaftsanspruch ist dadurch fest untermauert worden. Man
kann hier einen Lehrsatz aufstellen: Die herrschenden Schich-
ten brauchen zum Zweck der Unterdrückung und Ausbeu-
tung der breiten Massen so große Quanten von Vernunft in
so hoher Qualität bei diesen Massen, daß Unterdrückung und
Ausbeutung dadurch bedroht sind. Durch kühle Überlegungen
dieser Art kann man zu dem Schluß kommen, daß die At-
tacken auf die Vernunft, welche von den faschistischen Regie-
rungen geritten werden, sich noch einmal als Donquichotte-
rien erweisen werden. Sie sind gezwungen, große Quantitä-
ten Vernunft bestehen zu lassen, ja selber auszubilden. Sie mö-
gen die Vernunft beschimpfen, wie sie wollen. Sie mögen sie
als eine Krankheit darstellen, sie mögen den Intellekt als be-
stialisch denunzieren, selbst für diese Reden benötigen sie
Radioapparate, welche nur der Vernunft ihre Entstehung ver-
danken. Sie benötigen zur Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft
ebensoviel Vernunft bei den Massen, als zur Beseitigung dieser
Herrschaft nötig ist.
November 1937
256 Zur Politik und Gesellsdiaft

Ist das Ideal der Freiheit veraltet?


In Deutschland hat der Begriff der Freiheit immer eine große
Rolle gespielt - ebenso wie die Tatsache der Unterdrückung.
(Ausführung, Engels.)
Die Revolution des Geistes fehlte nicht, sie war tief, umfas-
send und in gewisser Hinsicht permanent. Die Geschichte der
deutschen Philosophie beschreibt eine einzige, riesige, jahr-
hundertlange katalaunische Schlacht: die Geister der Getöte-
ten, Niedergetrampelten, Verkrüppelten, Erstickten kämpf-
ten in den Lüften weiter: In dieser Schlacht siegten sie, in den
Lüften erkämpften sie ihre Freiheit, eine luftige und windige
Freiheit. Sie lernten und lehrten einander, wie man in Ketten
frei sein kann, ein gewaltiges Kunststück! (Mycroft Holmes,
der Bruder Sherloks.)
Ein Blick auf die deutsche Geschichte rechtfertigt jede Skep-
sis, die jemand empfinden kann, wenn er hört, daß die Deut-
schen jetzt die Freiheit wollen.
Die Mittelschichten, Handwerker, kleinen Geschäftsleute,
Angestellten, Beamten, Kleinbauern, überhaupt Bauern müs-
sen zunächst den Sinn der bedrückenden Maßnahmen begrei-
fen. Das ist für sie sehr schwierig. Es ist für sie leichter, den
unmittelbaren Unsinn zu begreifen (»Dies oder das ist doch
nicht nötig, es müßte doch auch ohne das gehen, das müßte
doch nicht sein«). Sie sehen anscheinend völlig selbständige
Horden, die alles tyrannisieren, die der Staat sind, die Quelle
allen Übels, die Willkür selber. Die Anführer der Horden re-
den nur von sich, ihren Ideen, ihrem Willen, ihren Leistun-
gen. Die höchsten Generäle, Staatsmänner, Geistlichen, ja so-
gar die Wirtschaftsführer werden tyrannisiert, kontrolliert, ab-
geschossen, abgesetzt.
Ich möchte ein Bild benutzen. Einige Leute haben eine Kut-
sche in ein Auto umgebaut. Sie haben jedoch die Gäule noch
nicht verabschiedet, sondern benützen sie weiter als Vorspann.
Zu Beginn haben sie den Motor angeworfen, aber da fuhr
Aufsätze über den Fasdiismus 257

die neue Kutsche den Pferden in den Hintern, so stellte man


ihn wieder ab. Die neue Kutsche ist aber viel schwerer ge-
worden durch den Motor. Sie bleibt prompt im Sumpf stek-
ken. Was jetzt tun? Was man tut, ist: Man peitscht auf die
Pferde ein. Einigen Leuten gefällt das nicht. Aber der Kut-
scher sagt: Ich peitsche nicht nur, ich halte auch einen Heu-
büschel vor. Aber ich muß beides tun, sonst bleiben wir im
Sumpf. Kurz: alles, was geschieht, um die Kutsche mit den
Gäulen vorn aus dem Sumpf zu bringen, ist keinesfalls un-
nötig oder sinnlos, oder zu hart oder zu zeitraubend, oder zu
barbarisch - solange nicht dier Motor angeworfen und das
Pferdegespann entfernt wird.
Der deutsche Bauer arbeitet sich in den deutschen Boden. Ein
Mitarbeiter des »Staatsamtes des Reichsbauernführers«, ein
Dr. Foag, schreibt im 6. Jahr der faschistischen Herrschaft:
»Die Bilanz der deutschen Landwirtschaft schließt alljährlich
mit einem Fehlbetrag von mehreren Milliarden Reichsmark
ab. Eine Folge dieser Ertragslage ist, daß viele Bauern und
Landwirte ihren Schuldverpflichtungen nur unter harten Op-
fern und ein Teil von ihnen überhaupt nicht mehr nachkom-
men kann.«
Das Bankkapital verlangt, daß der Erbhof, der bisher vor der
Zwangsexekution geschützt war (durch ein Gesetz, das die jün-
geren Söhne als Proletarier in die Städte trieb), doch wieder
versteigert werden darf — in einigen besonders krassen Fäl-
len!
Wir haben eine typische faschistische Lösung eines echten Pro-
blems vor uns. Ihr Formalismus ist augenscheinlich. Dem
Bankkapital ist ein gebieterisches Halt! zugerufen worden.
Der Staat griff zugunsten des Bauern ein. Alle übrigen Pro-
zesse gingen allerdings weiter. Genau wie in anderen kapita-
listischen Ländern hat sich die berüchtigte Schere weiter ge-
öffnet. Der Bauer muß mehr zahlen für das, was er kauft, als
er für das bekommt, was er verkauft. Und so sind die Erb-
höfe jetzt verschuldeter denn je, mehr in der Hand des
2 5 8 Zur Politik und Gesellschaft

Bankkapitals (das von den Juden gesäubert ist) denn je, und es
ist eine reine Frage der Zeit, wenn die Hand wieder freigege-
ben werden muß — zum endgültigen Zugriff. Und es ist eben
keine Frage des »Willens des Führers«.
Kein Zweifel, der Bauer fühlt sich bedrückt und will die Frei-
heit. Was will er aber damit?
Wohlverstanden, hier ist vom Erbhofbauern die Rede, nicht
vom kleinen Bauern, nicht vom Landarbeiter. Er ist noch
nicht vom Hof gejagt, er kann noch »unter harten Opfern«
seinen Schuldverpflichtungen nachkommen (wo er es nicht
kann, erliegt er noch härteren Bedingungen, v/eil er keinen
Kredit mehr bekommen kann), aber im großen »Aufbau-
werk des Vier-Jahresplans« ist er schon der Untüchtige, der,
wie ein großer Teil der Handwerker, »technisch oder wirt-
schaftlich den Anforderungen einer selbständigen Betriebsfüh-
rung nicht gewachsen« ist. Diese Handwerker fallen der »Aus-
kämmung« zum Opfer und sinken in das Fabrikproletariat
ab. Die Hand, die sie hielt, ist dem endgültigen Zugriff schon
freigegeben worden.
Vor i oo Jahren hat Engels vorausgesagt, was das Kleinbürger-
tum von einer Revolution erhofft. Zum Beispiel: »Beseitigung
des Drucks des großen Kapitals auf das kleine durch öffent-
liche Kreditinstitute und Gesetze gegen den Wucher, wodurch
es ihnen und den Bauern möglich wird, Vorschüsse vom Staat
statt von den Kapitalisten zu günstigen Bedingungen zu er-
halten.« In dieser Richtung ist viel geschehen, aber jetzt muß
in Deutschland für private Kredite io bis 12 Prozent bezahlt
werden, das Vielfache von den westeuropäischen Ländern.
Der Staat »unterstützt« also, er flickt und arbeitet unratio-
nell. Wie lange, wie gesagt, eine Frage der Zeit.
Etwa 1939
Aufsätze über den Faschismus 259

Warum droht die Abwanderung kleinbürgerlicher


und sogar proletarischer Schichten zum Faschismus?
Weil der herannahende Weltkrieg die nationale Frage auf wirft,
die Frage der Verteidigung der Nation gegen drohende Eingriffe
militärisdier und wirtsdiaftlidier Art. Weil die Sozialdemokra-
tie die Nation preisgibt (um die Gesdiäfte zu retten, während
man weiß, daß mit der Nation auch die Geschäfte preisge-
geben sind), sie predigt Neutralität im Krieg und vergißt, daß
man stark sein muß, um Neutralität zu erzwingen, nicht
schwach. Sie macht das Land nicht stark genug, um sich Neu-
tralität zu erzwingen (durch starke Bündnisse, Stählung des
Abwehrwillens, Schaffung selbständiger Märkte und so wei-
ter). Gewisse Teile der Bevölkerung fordern also Unterwer-
fung unter die benachbarte starke Nation, die Konsequenz
der sozialdemokratischen Politik, das heißt, sie wandern zum
Faschismus ab.
Weil die Sozialdemokratie keine Konzeption von der Zukunft
t hat. Weder außen- noch innenpolitisch. Sie kann die skandi-
navische Idee nicht mit sozialem Inhalt füllen, den Sozialis-
mus nicht auf die breite Basis ganz Skandinaviens stellen. In-
nenpolitisch siehe ihre Haltung zum Beispiel zur Frage der
Oberfüllung des Medizinerberufs! Als ob es zu viele Ärzte
gäbe! Als ob es genug Ärzte gäbe! Wohin, glaubt man, wer-
den die jungen Leute, denen man die Berufe sperrt, abwan-
dern?
Weil die Sozialdemokratie die sozialistischen Ideale nicht pro-
pagiert und das sozialistische Programm nicht durchführt. Es
genügt nicht, für die Mittelschichten und das Proletariat ver-
mittels Politik Vorteile herauszuschinden, wenn man nicht die
ganze Produktion umstellt. Der Sozialismus ist keine Frage der
Verteilung, sondern der Produktion von Gütern. Die Produk-
tion muß vergrößert werden, geplant werden, von der Mehr-
wert- und Profitherausquetschung befreit werden. Gegen die
faschistischen Ideale kämen auf nur die sozialistischen Ideale,
z6o Zur Politik und Gesellschaft
und zwar die echten. Man siegt nicht, indem man seine Vor-
züge versteckt. Die proletarischen und Mittelschichten würden
die sozialistischen Ideale nicht fürchten, wenn sie ihnen erklärt
würden, sie haben nichts davon zu fürchten, im Gegenteil.
Weil die Sozialdemokratie immerfort von den Kommunisten
abrückt, wenn sie die sozialistischen Ideale propagieren, sie
als utopisch und für die Arbeiter- und Mittelschichten gefähr-
lich denunziert, weil sie also selber Furcht vor Kommunismus
und damit auch vor Sozialismus erzeugt!
Weil das Eigentum (in der bisherigen, individuellen Form)
vom Faschismus besser geschützt wird als von der Sozial-
demokratie; denn die Sozialisten können das Eigentum nur
in der sozialistischen Form schützen — und vermehren.
Um den Faschismus zu bekämpfen, muß man nicht den Kom-
munismus bekämpfen, sondern eigene Kampfformationen
schaffen, die den faschistischen Kampfformationen gewach-
sen und überlegen sind. Man muß die eigenen sozialistischen
Ideale propagieren, ihre Nützlichkeit und Überlegenheit und
Fortschrittlichkeit propagieren und durch Taten beweisen.
Man muß außen- und innenpolitisch ein großes Programm ha-
ben, das eine Zukunftsaussicht eröffnet (skandinavische Ver-
einigung und sozialistische Wirtschaft). Man muß Bündnisse
außen- und innenpolitisch schließen, das heißt Schweden, Nor-
wegen und Dänemark vereinigen und zugleich Arbeiterschaft,
Bauernschaft, Intelligenz und Kleinhandel (zum Beispiel zei-
gen, daß die Preise der landwirtschaftlichen Produkte nur stei-
gen können, wenn die Löhne der Arbeiter steigen und so
weiter).

[Notizen]
Sollen sie unter eine neue Diktatur kommen? Ist für sie eine
neue Unfreiheit vorgesehen?
Sie sollen unter keine neue Diktatur kommen, es ist für sie
Aufsätze über den Fasdiismus 261

keine neue Unfreiheit vorgesehen, sagen die Vertreter der Ar-


beiterklasse. Aber sie können ihre Freiheit nicht durch einen
bloßen Gesetzerlaß zudiktiert bekommen. Sie haben sie zu er-
werben. Sie werden genau so weit frei sein, genau so weit dik-
tieren können, als sie die Bedingungen für die allgemeine Frei-
heit herstellen helfen. Die Freiheit ist eine Produktion und
eine Sache der Produktion. Die Menschen müssen die Pro-
duktion befreien, ihre Fesseln abstreifen, dann sind sie frei.
Nur bei einer Produktion aller Menschen für alle Menschen
sind alle Menschen frei. Der Bauer kann nicht mehr die Frei-
heit erlangen, welche eine Unfreiheit der Arbeiter bedeuten
würde, der Angestellte nicht mehr die gehobene Existenz be-
kommen, die die gedrückte der Arbeiter bedeuten würde. Und
das ganze deutsche Volk kann nicht mehr, nie mehr die Frei-
heit bekommen, welche eine Freiheit zur Unterdrückung an-
derer Völker bedeuten würde.

Die bedrückenden Maßnahmen sind also nicht einfach Unsinn;


innerhalb des kapitalistischen Systems sind sie kein Unsinn.
Unsinnig ist das kapitalistische System. Das Willkürliche der
Maßnahmen wird ganz und gar unwillkürlich in einem Wirt-
schafts- und Gesellschaftssystem, das ein System der Willkür
ist, systematische Willkür.

Es wäre von den Sozialisten völlig verkehrt, wenn sie glaub-


ten, ihr Licht unter den Scheffel stellen zu müssen, etwa, weil
es blenden könnte. Es mag blenden, da es Nacht ist. Was sie zu
zeigen haben, ist der Ausweg. Der zeigt, wie die Situation zu
beherrschen ist, ist der herrschsüchtig? Wenn ja, möge er doch
herrschsüchtig sein!

Die Arbeiterklasse ist die Klasse, die nicht nur einen Plan hat,
der für eine Klasse (die Arbeiter) gut ist oder nur für ein
Volk (das deutsche). Es ist falsch, zu sagen, daß das faschisti-
sche Deutschland keinen Krieg benötigt, so richtig es ist, daß
262 Zur Politik und Gesellsdiaft

Deutschland (vom Kapitalismus befreit) keinen Krieg benö-


tigte. Das kapitalistische System benötigt Kriege. Es ist ein
internationales System der Wirtschaft, in dem zuweilen einige
Staaten keinen Krieg und andere einen Krieg benötigen. Ge-
nau, wie die herrschenden Klassen innerhalb der Völker einen
permanenten Krieg gegen die nicht herrschenden Klassen füh-
ren müssen, um sich an der Herrschaft zu erhalten. Hitlers
außenpolitischer Friede ist ein Friede für den Fall, daß die
Forderungen erfüllt werden. So steht es mit seinem Klassen-
frieden. Er hat einen äußeren und einen inneren Kriegsschau-
platz, und der Friede ist der Gewaltfriede, der durch Zerbre-
chung des Widerstands geschaffen werden soll.

Nicht das Proletariat proletarisiert den Bauern, Handwerker,


Angestellten, Intellektuellen, kleinen Geschäftsmann oder will
ihn proletarisieren, sondern der Kapitalismus proletarisiert
ihn, muß ihn proletarisieren.

Interview
Nein, ich bin kein Jude. Von den Schriftstellern, deren Bü-
cher nicht mehr verkauft werden sollen, sind nur etwa... Ju-
den. Die Liste der Verbotenen ist einfach die Liste der deut-
schen Literatur. Es fehlen vielleicht einige Schriftsteller, aber
die meisten sind da. Als Grund für das Verbot wurde ange-
geben, diese Schriftsteller verträten einen undeutschen Geist?
Die deutsche Literatur vertritt also einen undeutschen Geist.
Ist das gemeint?
Hitler tut alles, seine Bewegung als eine wirkliche Volksbe-
wegung hinzustellen. Sie ist es aber nur in einem ganz bestimm-
ten Sinn. Sie ist ebenso eine Volksbewegung wie eine Gläu-
bigerversammlung eine Volksversammlung genannt werden
kann, wenn sie nur groß genug ist. - Und tatsächlich gibt es
jetzt eine riesige Menge Menschen in Deutschland, die über-
Aufsätze über den Fasdiismus 263

zeugt sind oder überzeugt wurden, daß der Staat ihnen etwas
schulde.
Der Entschluß, hinfort »deutsch zu sein«, gliche einem Ent-
schluß, hinfort »blauäugig« zu sein, wenn nicht mehr dahin-
ter steckte oder weniger, wie man es nimmt. Da nämlich, wel-
che Schichten immer jetzt in Deutschland etwas Besonderes
für sich erwarten, sie dies nur von andern Schichten, die eben-
falls deutsch sind, erwarten können, ist der plötzliche Ent-
schluß, deutsch zu sein, ein Entschluß, deutscher zu sein, das
heißt deutscher als andere Deutsche.
Jene Schichten nun, die, wie man gefunden hat, weniger
deutsch sind als die eben deutscheren, sind merkwürdiger-
weise gerade die Schichten, denen man, wie man glaubt, noch
etwas wegnehmen kann, die Arbeiter. Sie sind zwar auch
deutsch, wissen es aber noch nicht, da »deutsch sein« bei ihnen
»opferbereit sein« hieße. Und in diesem Sinne »deutsch« sein,
das müßten sie wirklich, wenn die Träume der andern Schich-
ten in Erfüllung gehen sollen.
Ein Beispiel: Selbst wenn man, im Interesse der Siedler, den
Großgrundbesitz aufzuteilen versuchen sollte, so muß ja ir-
gendwer die Aufmachung der vielen kleinen Wirtschaften be-
zahlen, und zwar zuerst das dazu nötige Grundkapital für die
Höfe, die Geräte, den Unterhalt der Siedelnden und selbst-
verständlich auch den Boden selber, für den die Junker ja
wohl entschädigt werden dürften. Zumindest muß dann, in der
Form erhöhter Lebensmittelpreise, das, was die kleinen Wirt-
schaften herstellen können werden, bezahlt werden, denn sol-
che kleinen Wirtschaften können schon jetzt nicht leben und
nicht sterben, und es gibt davon eher zuviel als zuwenig. Wer
aber muß das zahlen? Wenn man den Arbeitern jetzt Schmei-
cheleien sagt, während man ihnen zu gleicher Zeit ihre Ver-
tretungen und ihre Machtmittel wegnimmt, so sind das eigen-
tümliche Schmeicheleien: Es ist, als wenn man Kühe lobt, weil
sie so viel Milch und Kälber, weil sie so gutes Fleisch lie-
fern.
264 Zur Politik und Gesellschaft

Es wird also bald eine »dritte Phase der Revolution« geben,


nachdem die erste darin bestand, daß man (unter vorläufiger
Belassung der Rechte) der Arbeiterschaft die Rechtsmittel weg-
nahm, und die zweite darin, daß man durch Entfernung der
Parteireste die Mittelschichten schlagfähiger gestaltete. Die
»dritte Phase« wird die große Wendung gegen die Arbeiterschaft
bringen: Es wird zu einer gründlichen Exploitierung dieser
Schicht geschritten werden. Dies wird aber kein Fortschritt
sein. Die fortschrittlichsten Intellektuellen auf allen Gebieten
der Wissenschaft, der Technik, der Politik und der Kunst wis-
sen das, wenn auch vielleicht noch nicht klar genug. Die natio-
nalsozialistische Bewegung wird vom Kleinbürgertum geführt,
einer Schicht, die ökonomisch und ideologisch vollständig un-
selbständig und nicht imstande ist, die großen Aufgaben dieses
Jahrhunderts der Technik im fortschrittlichen Sinne zu lösen.
Die fortschrittlichen Intellektuellen wissen, daß die wirklichen
Lösungen für die ungeheuren und noch wachsenden Schwierig-
keiten bei der Arbeiterschaft liegen, die allein Lösungen an-
strebt und verwirklichen kann, die einerseits nicht durch Un-
terdrückung und Ausnutzung anderer Volksschichten zustande
kommen und andrerseits auch nicht durch Kriege nach außen.
Diese wirklichen Lösungen sind durchaus friedlicher Art, sie
gehen von der Produktion selber aus, sind produktiv.
Überall da nun, wo die Kopfarbeiter wirklich produktiv sind,
sind ihre Interessen mit denen der Arbeiter verbunden. Jedes
fortschrittliche Werk jedes Schriftstellers und jedes Wissenschaft-
lers bringt diese tiefe Verbundenheit mit der Arbeiterschaft
zum Ausdruck, hat die Befreiung und die bestimmende Rolle
der Arbeiterschaft zur Voraussetzung, und deshalb ist jedes
Werk dieser Art, einfach weil es produktiv ist, dem jetzigen
Regime verdächtig, gleichgültig, ob sein Urheber persönlich
»für die Arbeiter« ist oder nicht. Daher der zunächst schwer
verständliche Generalangriff auf alles, was qualitativ irgend
höher steht! Dieses Regime ist im tiefsten Grunde antiproduk-
tiv! Es kennt und verlangt Arbeit im Sinne von Sichmühen,
Aufsätze über den Faschismus 265

Sichaufopfern und so weiter, aber nicht im Sinne von wirkli-


chem Produzieren.
Wie ich die Zukunft sehe? Die Zukunft Deutschlands ist nicht
die Zukunft Hitlers. Hitler ist nicht Deutschland. Hitler wird
mit seinem Versuch keinen Erfolg haben. Er wird mit dem rie-
sigen Elend in Deutschland nicht fertig werden, da er nicht an
seine wirklichen Ursachen herangeht.
Notizen über die Zeit
1939 bis 1947
[Nicht Deutschlands Interessen]
Kein deutscher Wissenschaftler, kein deutscher Künstler, kein
deutscher Politiker, gleichgültig, was für politische und öko-
nomische Konzeptionen ihm vorschweben mögen, wofern er
nur dem unmittelbaren Zugriff der Gestapo entzogen ist, hält
heute Deutschland für von irgendeiner Macht bedroht oder
für berechtigt, der Tschechoslowakei ihre innere oder äußere
Politik zu diktieren. Niemand glaubt Herrn Hitler, daß er
lediglich die deutschsprechenden Menschen der Tschechoslo-
wakei »befreien« will, was sie der Gestapo ausliefern hieße;
jedermann weiß, daß er die Tschechoslowakei als Ganzes zer-
trümmern, gleichschalten, besetzen will, um sich damit ein
Sprungbrett nach Osten zu schaffen, eine Ausfallspforte für
reine Raubkriege.
Als das Regime des dritten Napoleon, das Beispiel eines ver-
lumpten, gewalttätigen und korrupten Regimes, im Jahre
1870 seinen Krieg vom Zaun brach, erklärten die Generäle des
Regimes, sie seien »gerüstet bis zum letzten Knopf«, und eine
»Volksabstimmung« ergab noch im Frühjahr eine fast hun-
dertprozentige Mehrheit für das Regime. Ein paar Monate
nach Kriegsausbruch saß dieser Herr als Gefangener in
Deutschland. Weder seine Generäle noch seine Soldaten, we-
der seine Beamten noch seine Steuerzahler erkundigten sich
nach seinem Befinden. Er hatte einen Blitzkrieg geführt.
Die deutschen Arbeiterparteien sind sich aber über die auf
jeden Fall furchtbaren Folgen eines Krieges so sehr bewußt,
daß sie, obgleich jene Schichten des deutschen Volkes vertre-
tend, die am schwersten unter dem Hitlerregime leiden, doch
keinen Augenblick daran denken, einen solchen Krieg, der
den sicheren Sturz dieses verbrecherischen Regimes bedeuten
270 Zur Politik und Gesellschaft

würde, herbeizuwünschen: Der Preis einer Befreiung dieser


Art wäre zu groß.
Niemand soll sich andrerseits über die kriegerischen Absich-
ten des Hitlerregimes einer lauschung hingeben, etwa dem
Glauben, Deutschland habe in einem solchen Krieg gegen die
ganze Welt zu wenig Chancen, als daß Herr Hitler ihn vom
Zaune brechen würde. Deutschlands einprozentige Chance ist
Hitlers hundertprozentige Chance! Seine Interessen sind
nicht, waren nicht und werden nicht Deutschlands Interessen
sein!

Über die Frage des Krieges


Viele sagten auch, daß der Arbeiter keinen Krieg braucht. Das
sagten sie ganz allgemein, an jedem Ort und zu jeder Zeit. Sie
bezweifelten nicht, daß die Grundbesitzer oder die Fabrikan-
ten oder die Bankiers mitunter einen Krieg brauchten; aber
sie wußten, daß der Arbeiter ihn niemals braucht. Kriege sind
Greuel, und die Arbeiter wollen nichts von ihnen wissen: Sie
wollen keine Greuel.
Als die Herrschaft der Kleinbürger einsetzte, die nicht gleich
und überall als die der Grundbesitzer und Fabrikanten zu er-
kennen war, fingen plötzlich auch viele Arbeiter an zu glau-
ben, daß ganze Völker Kriege brauchen oder sich ihnen wenig-
stens nicht entziehen können und daß der Arbeiter zu seinem
Volk gehört, ob er will oder nicht, und daß er also auch Kriege
brauchen kann oder sich ihnen wenigstens nicht entziehen
kann.
Viele Arbeiter ließen sich mit einemmal davon überzeugen,
daß die Erfüllung ihrer Arbeiterforderungen in gewisser
Weise von der Möglichkeit abhing, daß das Volk, dem sie
angehörten, einen Krieg führen konnte oder wenigstens sich
ihm nicht entziehen mußte. Diese Arbeiter wollten nicht den
Krieg, aber sie waren bereit, ihn in Kauf zu nehmen, wenn
Notizen über die Zeit 271

anders ihre so nötigen Forderungen nicht erfüllt werden konn-


ten. Glaubten diese Arbeiter etwas Falsches?
In einer gewissen Hinsicht glaubten sie nichts Falsches. Völ-
ker, die innerlich so aufgebaut sind wie die unsern, nämlich
kapitalistisch, brauchen tatsächlich Kriege, um existieren zu
können.

[Beunruhigung vieler Kopfarbeiter]


In den Jahrzehnten nach dem großen Krieg wurden viele
Kopfarbeiter von Unruhe ergriffen. Die Schrecken des Krie-
ges, welcher selbst den Siegern keine Vorteile, ja nicht einmal
Erleichterungen gebracht hatte, machte sie nachdenklich; die
zunehmenden Leiden großer Teile der Bevölkerung fanden
neuerdings bei ihnen mehr Gehör, um so leichter, als aus den
Wirren des Krieges ein Arbeiterstaat emporgetaucht war, des-
sen Versuche einer ganz neuen Regelung aller menschlichen
Verhältnisse allgemein berühmt wurden. Die Tage des Kapi-
talismus schienen vielen gezählt, auch vielen Kapitalisten.
Manche trösteten sich oder andere mit der Meinung, es handle
sich um einen vorübergehenden Zustand, verursacht eben
durch den unglückseligen Krieg; sie vergaßen dabei oder
wollten vergessen machen, daß dieser Zustand dadurch, daß er
den Krieg zur Ursache hatte, noch nicht vorübergehend war,
da ja auch der Krieg als abnorme, dem System nicht eigent-
lich organisch zugeordnete Erscheinung, einen endgültigen
Zustand hätte schaffen können. Aber vor allem blieb die
Frage nach der Ursache des Krieges selber dabei ungelöst. Die-
se beunruhigten Kopfarbeiter fühlten sich durch Umwälzungen
bedroht, äußere, von ihnen unabhängige Katastrophen, die
sie weder herbeiführten noch hindern konnten, aber noch nicht
von dem regelmäßigen, normalen Lauf der Dinge. Der Krieg
schien ihnen vermeidlich (sie suchten Schuldige), und war er
vermeidlich, so brauchten die Folgen nicht einzutreten.
272 Zur Politik und Gesellschaft

[Über die realen Gründe der Kriege]


Einstein nimmt einen dunklen Trieb der Mensdiheit an, ab
und zu in scheußlidien Ausschreitungen, Kriege genannt, ihre
ganze Zivilisation zu vergessen und ihre mit solcher Mühe
hergestellte Gemeinschaft zu besudeln. Dieser Trieb wird nach
ihm entfesselt durch verhältnismäßig wenig bedrucktes Papier
und wildes Reden. Reale Gründe braucht er zum Losbrechen
nicht. Da ein reales, nüchternes, diskutierbares Interesse am
Krieg für gewöhnlich nicht sichtbar ist — wie könnte ein Volk
des Gedankens verdächtigt werden, es verbessere seine mate-
rielle Lage im Krieg? -, muß der Kriegsgrund ganz im Dun-
klen, Triebhaften, Uninteressierten gesucht werden.
Was verdeckt Einstein die Einsicht in die realen Gründe der
Kriege, die in materiellen Interessen liegen? Die Antwort lau-
tet: der Klassenkampf, den er nicht wahrnimmt. Was er an
Uninteressiertheit der Masse eines Volkes am Kriege wahr-
nimmt, das ist das wirkliche Desinteressement der unterdrück-
ten Klassen am Kriege. Dieses wirkliche reale Desinteresse-
ment der überwiegenden Mehrheit eines kriegführenden
Volkes an diesem Kriege verleitet Einstein zu der verzweifelten
Vermutung, es gebe dunkle, scheußliche Triebe, die zum Los-
brechen keiner diskutierbaren Gründe bedürfen. In Wirklich-
keit bestimmt aber eben nicht die überwiegende Mehrheit die
Geschicke einer Nation im Kapitalismus; ihre Interessen bil-
den nicht die Gründe für die großen Aktionen: Diese Massen
sind gezwungen, grundlos, »interesselos« zu handeln. Sie sind
gewaltmäßig sowie ideologisch in der Hand der führenden
Schicht, die sie durch die Gewalt der Organisation sowie durch
bedrucktes Papier und wildes Reden dazu zwingt, so zu han-
deln, als hätte sie, die unterdrückte Mehrheit, ein reales Inter-
esse am Krieg. Die Bereitschaft zu blutiger Initiative ist nicht
dasselbe wie Mordlust; Mordlust ist nur deren Entartungs-
form. Es sind also wirkliche Interessen da, aber nur einer ver-
hältnismäßig kleinen Schicht, die ein Handeln der ganzen Na-
Notizen über die Zeit *73

tion erzwingt, das diesen Interessen dient. Der Kampf der


Klassen, Folge der Nichtübereinstimmung der materiellen In-
teressen der verschiedenen Klassen, verdeckt den wahren, im-
mer höchst realen, materiellen Kriegsgrund (der einer der
herrschenden Schicht ist); andrerseits liefert er ihn sogar. Für
die unterdrückte Klasse bietet der Krieg, solange sie sich ihrer
Peinigerin nicht entledigen kann, die einzige Aussicht, ihr Los
zu verbessern - manchmal sogar die Aussicht, sich ihrer Pei-
nigerin selber zu entledigen. Sie hofft (und bedrucktes Papier
und wildes Reden ermutigt sie zu solchen Hoffnungen, und
Intellektuelle werden daran interessiert - materiell und
ideell - , Papier zu bedrucken und wild zu reden), doch im gro-
ßen und ganzen teilnehmen zu können am eventuellen Raub,
wenn auch als der selbstverständlich betrogene Partner. Vor
allem aber fühlt sie jene reale, die Kriege verursachende öko-
nomische Bedrückung durch konkurrierende andere Staaten
schmerzhafter und unmittelbarer als selbst die führende
Schicht. Ein großer Teil der Bedrückung ist ihr immer als Be-
drückung durch das Ausland einzureden. Ihre Bereitschaft,
zum äußersten zu gehen, ist durch ihre grauenvolle Lage zu
erklären. Ihre Lage ist immer unhaltbar. Sie muß jedes Mittel
versuchen, darf keine noch so große Ausgabe scheuen. Die un-
aufhörlichen räuberischen Angriffe der herrschenden Klasse
auf die beherrschte erzeugen in dieser einen gewissen, den
diesen ständigen Krieg nicht mehr bemerkenden, Intellektuel-
len auffallenden Nihilismus.

[Tapferkeit und Entsagung]


Die einzigen Geschöpfe, welche keinen Opfersinn kennen und
deren Geduld der Staat niemals auf die Probe setzt, sind
Tanks, Sturzkampfbomber und Motoren aller Art. Sie sind
durchaus unwillig, Hunger oder Durst zu ertragen. Keinerlei
Propaganda kann sie dazu bewegen, zu arbeiten, ohne gespeist
274 Zur Politik und Gesellschaft

zu werden, keine SA und keine SS konnte bisher ihren Streik


brechen. Denn sie streiken sofort, wenn das Futter ausbleibt.
Immerfort müssen sie geschmiert werden, das ganze Volk
muß sich Extraentbehrungen auferlegen, damit es ihnen nie-
mals an etwas gebricht. Sie haben keine Gewerkschaften, die
man verbieten könnte, keine Parteien, die versagen könnten,
keine Nerven, die man quälen könnte. Werden sie vernachläs-
sigt, dann zeigen sie zwar keine Empörung, aber auch kein
Verständnis, sondern einfach Rost. Diesen Geschöpfen fällt es
in diesem Lande am leichtesten, ihre Würde zu bewahren.

Einige Beobachter sagten voraus, dieses Volk werde in einem


Kriege es an der nötigen Tapferkeit fehlen lassen, hier werde die
allgemeine Unzufriedenheit mit dem Regime, seiner Korrupt-
heit, Aufgeblasenheit und Grausamkeit zum Ausdruck
kommen. Als es zum Krieg kam, erfüllten sich die Voraus-
sagen nicht. Das Regime hatte es vorgezogen, kein Risiko zu
laufen.
Es überwies die eigentliche Kriegführung an die Maschinerie.
Keinerlei Anspruch an Tapferkeit wurde gestellt. Die Soldaten
wurden auf Motore gesetzt, und die Motore gegen den Feind
losgelassen, und dies in so rasender Fahrt, daß keiner gewagt
hätte, abzuspringen. Andere stopfte man in Transportplane
und setzte sie mitten in feindlichen Kolonnen ab, wo sie sich
verzweifelt wehren mußten, um ihr nacktes Leben zu retten.
Nicht wenige schmiß man sogar als lebendige Bomben aus
den Planen, weit hinter den feindlichen Linien, ein ganzes
Heer wurde im Inneren von Lastschiffen versteckt und an ent-
fernte Küsten gefahren, wo sie ausgeladen und den Angriffen
der — freilich überrumpelten — Bewohner ausgesetzt wurden.
Der ganze Kontinent erbleichte, wenn er die Berichte von der
Unerschrockenheit dieser Soldaten hörte. Wenige dachten dar-
an, daß jede Möglichkeit fehlte, festzustellen, ob sie nicht
sehr erschrocken waren.
In der Tat wurde Tapferkeit in meiner Heimat nicht benötigt.
Notizen über die Zeit 275

Das Regime fürchtete die Tapferkeit.


Was das Regime benötigte, war Entsagung.

Kein Führer kann sie mit dem Versprechen einer paradiesischen


Zukunft zum Weiterkämpfen bewegen. Ungehört von ihnen
verhallt der Schrei, das Land sei verloren ohne ihr Durchhalten.
Was könnte es helfen, sie an ihre ruhmvolle Vergangenheit zu
erinnern? Sie haben keinen Glauben an den Führer und keine
Furcht vor seiner Polizei.

[Volksgemeinschaft]
Über die Greuel wissen sie wenig, was sie davon erfahren,
wird ihnen als unvermeidbar dargestellt; gelegentliche Härte,
die man zu zeigen hat, wird als ein notwendiges Aufopfern
zarterer Regungen betrachtet: Der Bluthund hat die schlech-
teste aller Pflichten auferlegt bekommen. Im übrigen geht alles
zu schnell. Eben waren es noch die Hochburgen für den neuen
Rasseadel, und schon sind es Vergasungsläger. Die Auswahl
der Besten wird zur Auswahl der Bestien. Und dann haben
die Sieger aus den französischen Schlachten schon um warme
Unterhosen für den russischen Winter zu betteln, und es geht
ein Gerücht, daß es dort noch Gefährlicheres gäbe als den
Schnee. In diesen Breitegraden scheint die Volksgemeinschaft,
diese strahlende Idee, verwirklicht. Es wird ernst mit dem
Satz »Der Stärkere siegt.«

Eine Bef ürchtung


Durch Zufall geriet ich neulich an das Buch eines französischen
Wissenschaftlers, in dem dieser den Nachweis führt, daß Mas-
senpsychosen einen mikrobenartigen Erreger haben: sie sind
eine ansteckende Krankheit.
276 Zur Politik und Gesellsdiaft
Ich kann nicht beurteilen, ob die Beweisführung dieses Man-
nes lückenlos ist, aber die Möglichkeit, daß er recht haben
könnte, verfolgte mich tagelang. Ohne mich rühmen zu wol-
len, ich überblickte vom ersten Moment an, wie schrecklich
das wäre. Und vom ersten Moment an erregte mein besonde-
res Entsetzen der Gedanke, ich könnte beim Auftreten einer
solchen Epidemie von diesem Erreger - nicht befallen
werden.
Das wäre durchaus möglich, wir kennen meines Wissens keine
einzige ansteckende Krankheit, die alle Menschen befällt.
Nicht einmal die Pest verschont keinen.
Gewisse Ansichten nun, Erinnerungen, lassen mich befürchten,
daß ich unter Umständen immun sein könnte. Schon im
Weltkrieg, umgeben von Besessenen, nicht älter als 16 Jahre,
vermochte ich nicht, an der allgemeinen Begeisterung teilzuneh-
men. Dabei war mein Ideal auf Grund meiner Erziehung der
erste Napoleon; seine und des zweiten Friedrich Schlachten
und Feldzüge hatte ich durch Jahre studiert, und zwar mit
Entzücken. Es fehlte mir weder an Phantasie - etwas mehr
als die eines Durchschnittsmenschen muß man mir doch zubil-
ligen —, noch war ich besonders friedliebend. Und doch blieb
ich so kalt gegen diese stürmischen Wogen! Ich muß immun
sein. Das ist aber entsetzlich.
Angenommen, es käme wieder eine der großen Massenpsy-
chosen herauf, die aus der Geschichte bekannt sind, zum Bei-
spiel so etwas wie eine Hexenverfolgung. Ich könnte natürlich
die Menschen nicht hindern, völlig unschuldige Individuen zu
foltern und zu verbrennen, aber im Gegensatz zu allen andern,
die tief überzeugt von der Notwendigkeit dieser Handlungen
leuchtenden Auges den Autodafes beiwohnten, stände ich
ohne Begeisterung, womöglich von Ekel erfaßt, in der rasen-
den Menge. Schon die Antike rechnete es zu den Hauptvor-
teilen des Glücklichen, daß er von Mitleid nicht erfaßt werden
kann. Wie soll da aber ich, immun gegen die sonst allgemeine
Raserei, mich von einem verzehrenden Mitgefühl frei halten
Notizen über die Zeit *77

können? Keiner könnte das; völlig nüchtern, imstande also,


zu sehen, was er tut, könnte keiner an solchen Untaten teil-
nehmen.
Wie aber, wenn ich nicht teilnähme? Ganz abgesehen von der
verächtlichen Kälte meiner nächsten Verwandten, die mich doch
anstarren würden wie einen, der nie richtig lustig werden
kann, die sich meiner schämten, weil ich nicht so viel Religion
im Leibe habe, daß auch ich ein Holzscheit zu der Verbren-
nung herbeischleppe - wie, wenn ich, von allem Instinkt ver-
lassen, nur auf meinen Verstand angewiesen, mich der Polizei
verriete? Als einen Andersgläubigen, der also nur ein Un-
gläubiger sein kann? Als einen Kritikaster und Staatsfeind?
Die Psychose könnte auch eine sein von der Art jener plötz-
lich ausbrechenden Messiasbegrüßungen. Da durchschritte dann
das Idol die Massen, die sich jubelnd vor ihm beugten, und
wieder stände ich, der Immune, unberührt in dem Trubel, un-
fähig, die göttlichen Züge zu erkennen, womöglich sie mit
denen eines Spießers verwechselnd! Ich hörte nicht die
berauschende Stimme, sondern, ich Unglücklicher, den Inhalt
der Rede! Und doch müßte auch ich natürlich meine Reverenz
erwiesen, nur sehenden Auges, also mich viel tiefer als andere
erniedrigend. Natürlich könnte ich versuchen, zu fliehen, wenn
ich hörte, daß ein großer Mann aufgetaucht sei. Aber auch dabei
kann ich ja nicht auf jene Begeisterung rechnen, die manche
erfaßt, wenn sie für die Gerechtigkeit oder ihrer Menschen-
würde wegen Ungelegenheiten auf sich nehmen; auch dazu
ist die Mikrobe nötig, die bei mir, wie ich befürchte, nun ein-
mal nichts ausrichten kann. Ich würde also nur die Unbe-
quemlichkeiten der unsteten Reiserei spüren.
Merkwürdigerweise sind die Psychosen, in denen die Massen
einzelnen zu schaden bereit sind, nicht viel häufiger als die, in
denen sie sich selber schaden, ohne mit der Wimper zu zucken.
Ich denke an Eroberungskriege.
Meine Abgeneigtheit würde mich natürlich nicht davor be-
wahren, mitmarschieren zu müssen. Aber, anders als alle
278 Zur Politik und GesellsdiaR

andern, sähe ich in dem Mann, auf den ich mit dem Messer auf
dem Gewehr zulaufe, leider keinen Feind, sondern einen armen
Teufel. Ich würde nicht imstande sein, zu glauben, er habe vor,
mir irgendwelche Erzgruben oder Kohlenbergwerke zu rau-
ben, schon weil ich selber keine besitze.
Die Gasmaske aufstülpend, würde ich, verlassen von allem
wohltätigen Patriotismus, vielleicht an die Ramschware den-
ken, die man mir schon im Frieden oft aufgehängt hat. Ich
würde an der Selbstlosigkeit derer zweifeln, die an all den
Kriegsgeräten verdienen und an dem Verantwortungsgefühl
der Staatsmänner und Generale, nur weil sie selber, dazu be-
nötigt, Schlächtereien zu organisieren, nicht die Zeit und die
Muße finden, sich daran persönlich zu beteiligen . . .
Mit welchem Neid würde ich auf alle sehen, die, in Stachel-
drahtverhauen hängend, unter der Einwirkung der Mikrobe
fest glauben, dies sei notwendig und unvermeidbar!
Das waren die Befürchtungen, die mich bei der Lektüre des
französischen Buches befielen.

Det finska undret


Var och en, som med det nödvändiga talamodet fÖrdjupar sig i vissa
amerikanska tidningar, mäste medge, att det för närvarande i det
fjärran Finland pagar ett av de märkvärdigaste och underbaraste krig,
som nägonsin förekommit. I detta krig synes en jättearme pä främ-
mande territorium förtvivlat värja sig mot att bli omringad av en oan-
senlig arme*, den finska. I ett land, fruktansvärt genom sin temperatur,
sina befästningar, sina träsk och sin civilisation irrar ryska divisioner om-
kring, förbannande den dag de föddes. De ser endast snabbt bortglidande
skuggor av skidlöpare, men nödgas dock varje afton — medan hären
reser sig pi deras huvuden och fryser till ispiggar - konstatera, att dessa
skidlöpare berövat dem allt deras krigsmaterial, deras tanks, kanoner
och fältkök. Deras bombplan är icke i stand att anställa skador av
nägon som helst betydelse, da" de endast träffar civilpersoner med sina
bomber. Mot deras tanks - de, som ännu är kvar - hoppar stavhoppare,
champions frln ett halvt dussin olympiader, och skjuter ned besättnin-
Notizen über die Zeit 279

garna med sina rcvolvrar. Tidningarna berättar, att Finland utför


hjältedäd, som endast förekommit i de gamla historieböckerna och det
finns redaktioner, som avtrycker hjältedäden ur historieböckerna och
tillskriver dem finnarna, djupt övertygade om, att vad som förekommer
i historieböckerna, även miste förekomma i Finland.
De ryska förlusterna är, enligt noggranna beräkningar, utförda i Stock-
holm, enorma och sannolikt ännu större, under det att finnarnas förluster
är ytterst obetydliga. Ja, det har förekommit fältslag, i vilka icke en
enda ryss undkommit, medan de finska regementena däremot, när de
ätervände, utökats med ätskilliga bataljoner.
En av orsakerna till detta krigs underbara förlopp är, att finnarna stär
under befäl av en fältmarskalk, som lärt sig krigets hantverk i sitt
eget land, dar han för flera är sedan grundligt besegrade ett av jordens
tappraste folk, sitt eget.
Härtill kommer en annan orsak till finnarnas framgäng: deras över-
tygelse att kämpa för civilisationen. De vet, att civilisationens mest
ryktbara förkämpar — ätminstone i andanom — kämpar med i deras led:
Mussolini, Franco och till och med päven. Till deras sorg fattas i denna
illustra samling herr Adolf Hitler, men det är endast därför att han mäste
ställa sig väl med ryssarna för att kunna försvara civilisationen mot
polackerna. Framförallt är det emellertid mänga i England och Frank-
rike, som inte kan tänka sig ett luxuöst liv utan civilisation och som där-
för uppmuntrar finnarna med komplimanger och löften.
Utom sympati erhaller finnarna penninghjälp. Enbart i Sverige har
nägra storindustriella sänt närmare hundra miljoner, som de har civili-
sationen att tacka för. De arbetslösa i nämnda land har icke kunnat
sända nägot, därför att de icke har nägot, att tacka civilisationen för.
Huvudorsaken till finnarnas framgangar är emellertid den ryska
armens misslyckanda. Intet ord är för stärkt för krigskorrespondenterna,
när det gäller att beskriva dess vanmakt. Den ryska armen är fram-
förallt däligt utrustad. Soldaterna har icke ens skor. De lindar skurtra-
sor om de nakna fötterna. Till och med skurtrasorna är av sämsta kva-
lite och skulle med förakt kastas bort av en husmor i Stockholm eller
New York.
Ryssarna tycks ha en del maskingevär, ty av vissa rapporter framgär,
att de mejar ned kvinnor och barn med maskingevär. De har ocksä
tanks. Det kan man se av andra rapporter, i vilka det omnämnes, att
tanksens dörrar plomberats, sä att besättningarna inte kan fly. Att fly
är nämligen deras hetaste önskan. Ryssarna flyr ständigt, enskilt eller i
divisioner, och helst i fullständig oordning. De flyr inte alltid tillbaka
utan ocksä framät, sannolikt därför att deras kartor är sä däliga. Sä har
det hänt, att en division vid Salla slogs pä flykten av finnarna och flera
2 8o Zur Politik und Gesellschaft

dagar efterat künde man i tidningarna läsa, att man pa nytt miste sla den
pa flykten vid Markajärvi, som ligger mycket längre in i Finland.
Om finnarna har ryssarna de märkvärdigaste förestallningar. De tror
exempelvis, att de torterar och skjuter sina fangar. Detta kommer sig
antagligen därav, att de inte begriper, att fältmarskalken i dag be-
handlar sina ryska fängar mera humant an han pa sin tid behandlade
sina finska fangar. Om ryssarna märker, att de inte skall skjutas utan
endast fotograferas, sa tar de med synbar lättnad emot den cigarret
fotografen bjuder dem och uttalar en önskan, att även deras anhöriga
kunnat fa vara med och ha det bra, röka cigaretter och bli fotograferade.
Det enda ryssarna i stora kvantiteter medför fran sitt hemland är
smuts. Det rapporteras, att finnarna ofta tror, att de ryska soldaterna
har svarta handskar pa sig. Det är emellertid endast smuts. Som bekant
var ocksa avsikten med den tredje femärsplanen endast att framställa
smuts, men naturligtvis misslyckades den som allt i socialismens land
misslyckas. I dag är den ryske arbetarens daglön sa lag, att han endast
kan skaffa sig smuts i otillräckliga mängder.
Den ryske Soldaten är totalt obildad. Han vet inte ens, att det finns
en Gud, som skapade världen pa sex dagar. Om man fragar honom
efter bekanta antifascister, kan han inte ens nämna mr. Chamberlain.
Om det paradisiska tillstandet i Amerika, England och Frankrike har
han aldrig hört nagot. Han har ytterst märkvärdiga förestallningar
om civilisationen.
Naturligtvis vet inte heller den rode Soldaten, varför han kämpar. Han
lever i den föreställningen, att de finska godsägarna och kapitalisterna
har nagot emot socialismen och att de - därest ögonblicket varit gynn-
samt - gärna skulle utlämnat sitt land som uppmarschomrade för främ-
mande makter. Han vet inte ens, att fältmarskalken är demokrat. Han
har, kort sagt, inte en aning om politik. Han stär med uppspärrad mun,
när krigskorrespondenterna förklarar allting för honom.
Därtill kommer, att den ryske Soldaten är i dalig fysisk kondition. I
Sovjetunionen finns det inga privatföretagare som i Finland och andra
länder och därför kan det heller inte dar finnas nagot välständ. Objektiva
iakttagare slar fast, att ryssarna försvagas av varaktiga nervsammanbrott
och förkylningar. Detta är en följd av bolsjevikernas skräckherravälde.
Ryssarna är fullständigt förslavade. Med höjda revolvrar tvingar kommis-
sarierna dem att ideligen sjunga Internationalen. Ett sadant tillstand vore
naturligtvis otänkbart i Finland. Dar är det nämligen helt enkelt förbjudet
att sjunga Internationalen. Finland är ett demokratiskt land.
Det antas allmänt, att bristen pa demokrati är huvudorsaken till den
ryska armens sammanbrott. Den är viktigare an allt annat. Utrustnin-
gen lär nämligen delvis vara förträfflig. Ryssarna vet bara inte, vad
Notizen über die Zeit 2 81

de ska göra med den. När de är goda soldater - sägs det pä summa hall
- är utrustningen eländig. Sa fattas det alltid nagot. Visserligen gör
ryssarna framstötar pa nagra punkter. Men dar star det bättre trupper.
Sannolikt kommer de fran provinser, dar det finns mera demokrati.
Pa det heia taget är den ryska arme*n - om man far tro krigskorresponden-
terna pa civilisationens sida - säkerligen beundransvärd. Ständigt forin-
tade av finnarna, ständigt inför det slutliga sammanbrottet, barfota,
uthungrade, sumtsiga, utan sympatier i de civiliserade länderna och utan
befälhavare som fältmarskalken, tränger dessa trupper vidare framat, sä
att ingen segerrapport fran finnarna anländer utan en bifogad bön till
grannar och vänner, att de skyndsamt skall sända hjälp.
1940

[Komplizierte Lage]
In Gesprächen mit Tschechen, die zur tschechischen Exils-
regierung gehören, wurde mir bewußt, wie kompliziert
unsere Lage ist. In dem ganzen Fragenkomplex (Bekämpfung
des Vansittartismus, Bekämpfung des sozialdemokratischen
Chauvinismus, Gebietsabtretungen, Wiedergutmachung, Ab-
urteilung der Nazis und so weiter) müssen wir absolut reali-
stisch sein, was nicht opportunistisch sein bedeutet. Als er-
klärte Hitlergegner können wir die Verantwortung für die
Hitlerpolitik ohne weiteres ablehnen, schwerer schon die
Verantwortung für die Machtergreifung Hitlers (wenngleich
hier die Position einiger von uns besser ist als die der Sozial-
demokraten, die übrigens auch mit Goebbels sich in die Ver-
dienste um die antirussische Propaganda zu teilen haben);
aber in dem Augenblick, wo wir für Deutschland schlechthin
reden, können wir das nicht mehr, "welche Sicherheiten zum
Beispiel können wir im Augenblick anbieten für einen Nicht-
wieder-Aufbau der imperialistischen deutschen Kriegsmaschi-
nerie nach einer Hitlerniederlage? Woher wissen wir, daß wir
keinerlei Hilfe in Deutschland von außen brauchen werden,
um mit den besiegten Nazis wirklich fertig zu werden? Die
Frage Ostpreußen stellt sich anders, wenn die dortigen Jun-
282 Zur Politik und Gesellschaft

kerpositionen von ausländischen Imperialisten für die Junker


gerettet werden, als wenn das nicht geschieht - und die Herren
Seeger und Stampfer haben bewiesen, was die Junker von
ihnen zu fürchten haben.

Bericht über die Stellung der Deutschen im Exil


Die Deutschen im Exil sind wohl einstimmig in diesem Krieg
für die Niederlage Deutschlands. Sie bedauern jeden Sieg der
deutschen Waffen, sie begrüßen jeden Fehlschlag. Sie wissen,
daß jeder Fehlschlag Tausenden deutscher Soldaten das Leben
kostet, aber auch jeder Sieg kostet tausend deutschen Soldaten
das Leben. Die unvermeidliche Endniederlage Hitlerdeutsch-
lands wird unser Land in unausdenkbarem Elend sehen. Ein
Sieg würde die ganze bewohnte Welt in solchem Elend sehen,
Deutschland natürlich eingeschlossen. Dieses System blutiger
Unterdrückung, hemmungsloser Profitiererei, völliger Unfrei-
heit würde wie eine einzige ungeheure Dreckwelle alles ver-
schlingen, was von den Völkern in Hunderten von Jahren mit
solchen Opfern errungen wurde. Die endgültige Niederlage
Deutschlands hingegen wird nicht nur die andern Völker von
der ständigen Bedrohung befreien, sondern auch das deutsche
Volk. Bevor Hitler und seine Hintermänner in Armee, Diplo-
matie und Finanz die Tschechoslowakei, die skandinavischen
Länder, Holland, Belgien, Frankreich, den Balkan und Weiß-
rußland unterworfen haben, haben sie das deutsche Volk unter-
worfen. Es war ihr erster Besiegter. Wenn sie die ganze Welt
unterwerfen würden, würden sie immer noch das deutsche
Volk unter ihrem blutigen Stiefel halten. So schwach unsere,
der Flüchtlinge, Stimme in dem Schlachtenlärm sein mag, der
immer mehr Kontinente erfüllt, sie ist doch nicht ganz un-
hörbar, nichts als dieser schwache Laut ist übriggeblieben von
der mächtigen Stimme unseres großen und einstmals geachteten
Volkes. Wir hoffen, wir sagen, was das deutsche Volk selber sa-
Notizen über die Zeit 283

gen würde, könnte es reden. Wir sagen, daß Hitler und seine
Hintermänner nicht Deutschland sind, was immer sie behaup-
ten mögen. Daß sie Deutschland sind, das ist die erste ihrer
unverschämten Lügen. In Wahrheit haben sie die Deutschen
unterworfen, wie sie die Tschechen oder die Franzosen unter-
worfen haben. Sie haben das deutsche Volk unterworfen mit
Polizeigewalt und Propaganda, wie sie die fremden Volker
mit Militärgewalt und falschen Versprechungen unterworfen
haben. Sie haben Franzosen und Engländer und Tschechen
eingefangen mit Propaganda, wie sie Deutsche eingefangen
haben. Diese Eingefangenen werden aufwachen. Sie werden
aufwachen oder untergehen. Sie werden überzeugt werden
können oder beseitigt werden müssen. An dem endgültigen
Sieg über Hitler und seine Hintermänner in Militär, Di-
plomatie und Finanz wird das deutsche Volk einen gewaltigen
Anteil haben.
Wir sind keine Defaitisten. Wir sind bereit zu kämpfen, für
ein großes freies deutsches Volk, Herr im eigenen Hause und
Freund aller andern Volker.
Etwa 1943

The Other Germany

In the days when the great powers were not yet fighting Hitler and not
a few voices from abroad - some not silent even today - gave him
encouragement, the world well knew that he was being fought from
within and his enemies were called: the other Germany. Refugees, many
of them known throughout the world, and foreign correspondents on
furlough, reported that this other Germany really existed. At no time
were even half the votes cast for the Hitler regime and the existence of
the most frightful Instruments of oppression and the most frightful police
force which the world has ever known, proved that the opponents of
the regime were not inactive. Hitler ravaged his own country before he
ravaged other countries; and the plight of Poland, Greece, or Norway is
scarcely worse than that of Germany. He made prisoners of war in his
284 Zur Politik und Gesellschaft

own country; he kept whole armies in concentration camps. In 1939


these armies numbered 200 000 - more Germans than the Russians took
at Stalingrad. These 200 000 do not comprise the whole of the other
Germany. They are only one detachment of its forces.
The other Germany could not stop Hitler, and in the present war which
has brought the great powers into conflict with him, the other Germany
has almost been forgotten. Many doubted if it really existed or at least
denied that it had any significance. One factor was that the fighting
democracies had to combat illusions about the striking-power of Hitler's
armies. And there were powerful groups that regarded the other Germany
with mistrust; they feared it was socialist. But there was also a suspicion
that confused the friends of the other Germany, even some who themsel-
ves belonged to the other Germany.
The terrible question was: had the war put an end to the civil.war which
smouldered in Germany all through the first six years of Nazi rule? It
is well known, after all, that wars engender fierce nationalism and bind
the peoples more securely to their rulers.
The exile's trade is: hoping. It affords no gilt-edged securities. Some fore-
cast that the Nazi regime would not be able to abolish unemployment;
and when it was abolished, they forecast that it would go bankrupt.
Some placed their hopes upon the Reichswehr, on the pride of caste of
the Prussian Junkers, who would not want to go to war under the
leadership of a corporal; or upon the Rhineland industrialists who in
general must have feared a war. Even when war broke out, some said:
»the regime can keep the war going while it remains a Blitzkrieg fought
by boys of twenty and a mechanized army of experts: but no longer.
The workers remain in the factories and at least thirty SS divisions are
needed to guard them.« The conquest of Poland and Norway, even the
subjection of France seemed to be handled by this army of experts. But
then came the Russian campaign, and with it an almost universal fear.
Especially those who hated the Soviet Union were afraid. For this was
no war of experts. The whole people would be drawn in. The higher age-
groups »who still recalled with a shudder the First World War«, hundreds
of thousands of workers who regarded Russia as their fatherland were
drafted. The workers, precisely that part of the people which the regime
itself had always called its most unshakable enemy, entered the war
precisely at the moment when it involved the country which they had
viewed with Special sympathy.
Even those who had hoped most invincibly were silenced. Did no other
Germany exist?
A man sticks to his trade, and the exile's trade is: hoping. Very soon there-
fore all sorts of explanations were available, all more or less technical.
Notizen über die Zeit 285

The Hitler regime, it was said, had had to keep two countries in the dark
about the invasion to the very last minute, the Russians and the Germans.
That proves, does it not, that the regime was embarrassed by the whole
afTair? Investigations of Nazi labor policy during their five years of pre-
paration for war were a more serious matter. Already in the last year of
the Weimar Republic the Situation of the working class was catastrophic.
Rationalisation of industry had created unemployment; the world crisis,
which Struck Germany with particular force, turned unemployment into
a national catastrophe. Competition among the workers themselves be-
came a very war. The German working class was already divided into
parties; the parties were now divided against themselves. This legacy
was taken over by the great and, as many think, legitimate heir of the
Weimar Republic: the Third Reich. Unemployment was done away with
in short order. Indeed the speed and scope of the abolition were so ex-
traordinary that it seemed like a revolution. The factories had been ta-
ken over by force. The Fourth Estate stormed the Bastille . . . only to
remain there in captivity. At the same time the political organisations
of the working class were dissolved and decimated by the police. In this
manner this class was transformed into an amorphous mob without will
or political awareness. From now on the State did not have to deal with
organisations, only with individuals. Napoleon had maintained that one
need only be stronger at a given point at a given time; Hitler put this
strategy to brilliant use. His policies need no longer be approved by these
»private persons«. But that is not all. Peaceful industry, which produces
commodities, does not require that the workers take pleasure in their
work; modern mechanised war, which is simply the industry of destruc-
tion, does not require that the workers take pleasure in war. Destruction
is the commodity they deal in. Such is the technical-economic side of a
social System which degrades the common man to the Status of a tool
politically as well as economically.
Such explanations are more illuminating than those of philosophers of
history who in foolish and demagogical resortment cry that the German
people are by nature bellicose, that their desire to conquer is only equal-
led by their willingness to obey - and so forth. But these explanations
are not the whole truth. They show how the working classes came to be
slavishly dependent upon the ruling classes; they do not show how the
workers have come to be dependent on the success of their rulers in
war. (Emil) Ludwig and Vansittart complain that the German people
at least put up with Hitler's war. The truth is that they had to put up
with the war because they put up with a System that demands — among
other things-wars.
To complain that the German people allows its government to wage a
286 Zur Politik und Gesellschaft

frightful war of aggression is actually to complain that the German peop-


le does not make a social revolution. In whose interest is the war being
fought? Precisely in the interest of those who can only be removed from
their high positions by a social revolution on a gigantic scale. The inter-
ests of the industrialists and the Junkers may sometimes diverge, but both
need war. They may quarrel about the conduct of the war; but they are
alike sure that it should be conducted. Important English Journals have
described how the Junkers in the Ministry of War whip up competition
between the trusts and how effectualy the trusts fight to get influence on
the conduct of the war. No group that owns anything is against the war.
If the war becomes hopeless the trusts may try to get rid of the Hitler
gang or even of the generals for the sake of peace; but they will only
make peace in Order to make war later with all possible strength and
as soon as possible. The important thing for them is naturally to keep
what they own, namely, economic power, without which they could
never hope to regain the political power which they need to make war.
French ministers have described, and General de Gaulle has confirmed
their descriptions, how the French industrialists were so afraid of their
own people that they could not prostrate themselves before their German
conquerors quickly enough. They thought the German bayonets necessary
to the preservation of their property. One day the German industrialists
will try to find bayonets (and any bayonets will do) in the hope that their
loss of political power will only be temporary if their economic power
can be salvaged. Is that clear?
But how is it with the rest of the German people, the ninety-nine per cent?
Is the war in their interest too? Do they need war? Wellmeaning people
are too hasty by half when they confidently answer: No. A comforting
reply, but not a true one. The truth is that the war is in their interest so
long as they cannot or will not shake off the System under which they
live. When Hitler came to power, seven million families, that is more
than a third of the population, faced starvation. The System could find
no work for them, could not even keep them on relief.When work was
found for them it was only in industrial preparations for war. Meanwhile
the so-called middleclass was ruined and driven into the munitions' facto-
ries. Hundreds of thousands of shops and Workshops were closed and
closed for good: the cash-registers were melted down. The farmers also
were ruined; they are now mere tenants acting under Orders. They can
cultivate their land only with the cheapest slave-labor, the labor of priso-
ners of war. Even the smallest factories are ruined for good and their
owners have to look for administrative Jobs which they can only find if
the State is victorious and has occupied territories to dispose of. So they
all have a stake in the war. All. Is that clear?
Notizen über die Zeit 287

Somewhere there must be a terrible miscalculation, that is clear too, and


will be clearer still as the war gets worse and worse. In the bombed cities
men croudi in the cellars of burning houses shaken by animal fear and
begin to learn. Presumably the retreating armies in the south and in the
east are also beginning to learn. Where is the miscalculation? Somewhere
near Smolensk a Silesian soldier points his gun at a Russian tank which
will crush him if it is not stopped. There is hardly time to realize that
what he is pointing his gun at is unemployment. And if he does realise,
how little has been gained! An engineer is bent over an improvement in
the construction of fast fighter-planes. He hardly has time to consider
what he is going to do in a poverty-stricken Germany that has lost the war.
But surely something in the back of his mind is, however mysteriously,
stirred; perhaps he half - suspects there must be a miscalculation some-
where. Hamburg is burning and a crowd of people is trying to get out of
the town; an SS man beats them back home. His parents owned a furniture
störe in Breslau. It is closed down now. What if the war is lost? What if it
is won? He continues to club the crowd. There are many parents in it.
Only the individual can think. Only the group can go to war. It is easier
for the individual to follow the group than to think for himself. Every
individual in a crowd would perhaps do one thing, but the crowd does
another thing. The Russians and the Americans are further away than
the Sergeant; the RAF is further away than the police. And the war is a
fact, whereas thinking is weak and unpractical, a dreamy aifair. War
demands everything but it provides everything too. It provides food,
shelter, work. One can do nothing that is not for the war; to do some-
thing good means »good for the war«. In war all vices and weaknesses
are released. But the war also brings out all the virtues: diligence, in-
ventiveness, perseverence, bravery, comradeship and even kindness. And
yet there is an enormous miscalculation somewhere.
Where?
When the fate of so much and so many is involved, it is hard to think
that only the leaders are responsible for the war. It is easier to assume
that the leaders are only responsible for the war's being lost. Now it is
very unlikely that the Nazi regime, vicious as it is, would go to war for
fun. It has not done so. As far as war and peace are concerned, the
regime probably had no choice. Whoever rulers are, they rule not only
over bodies but also over minds; they command not only deeds but
thoughts. The regime had to choose war because the whole people needed
war; but the people needed war only under this regime and therejore
have to look for another way of life. This is a colossal conclusion. And
even when the hand on the reins becomes uncertain, the road to this con-
clusion is a long one. For it is the road to social revolution.
288 Zur Politik und Gesellschaft

History shows that peoples do not lightly undertake radical changes in


the economic System. The people are not gamblers. They do not speculate.
They hate and fear the disorder which accompanies social change. Only
when the Order under which they have lived turns to an indubitable and
intolerable disorder do the people dare, and even then nervously, un-
certainly, again and again shrinking back in terror, to change the Situa-
tion. A world which expects the German people to revolt and turn itself
into a peaceful nation is expecting much. It is expecting of the German
people courage, determination, and new sacrifice. If our other Germany
is to win, it will have to have learned its lesson.
Ending in defeat, the last war freed the German people of their political
fetters for a time. In the years after the war the whole people were acti-
vely trying to create a government for the people and by the people.
Gigantic labor parties and small bourgeois parties, partly under Catholic
influence, condemned war and all policies that lead to war. It seemed
that war would be discredited for generations. The arts, music, painting,
literature, and theatre flourished.
It did not last long. The people had neglected to occupy the key-positions
in the national economy. Those who had been used to giving the Orders
offered their Services as specialists of Order and their Services were accep-
ted. The boasted order which they kept was the order of attacking bat-
talions; the much talked of chaos which they avoided was the occupation
by the people of the key-positions in the economy. And after a year or two
in which their economic positions had not been even challenged, they took
back the political positions, and the preparation of the next war began.
Will all this happen again?
In order to answer this question in the negative one must be able to interpret
favorably the very fact which at first seems to make nonsense of the query,
namely, the much-reported »unshakable morale of Hitler Germany.«
The fact that there has been no quick reaction to the privations and de-
feats of Nazi Germany is admittedly irritating. One must, however, be
able to see that precisely this delay indicates how deep and broad the
reaction will be. This time the imperialists have no parliaments to turn
to when they want someone to end their war for them. Today there are
no dynasties which can be sacrificed as scapegoats without in the least
endangering the structure of the State. On the other hand if the masses
try to fight their way out of the war they will have to confront
hundreds of thousands of Hitlerites who can only be defeated in a
tremendous civil war, a civil war which must be conducted with the
improvised Commandos of a populär government. The people must rise
against their torturers — the torturers of the whole world — and defeat
them.
Notizen über die Zeit 289

One thing is certain. If the German people cannot throw off their rulers,
if on the contrary these rulers manage to play a »Frederickian Varia-
tion,« that is, manage to keep the war going until disagreement among
the allies presents an opportunity for a negotiated peace; or, alternati-
vely, if the rulers of Germany are beaten militarily but left in power
economically, a pacification of Europe is unthinkable. In the latter case
military occupation by the allies would certainly not help. It is hard
enough to control India in these days by violent colonization; it would
be quite impossible to control Central Europe. Should the allies take up
arms not only against the harrassed regime but also against the whole
people, they would need immense forces; the Nazis needed more than
half a million SS men, the largest police force in history, and a fanatical
block-warden in every block in every town; they also had to hold out
a hope of a successful war of conquest without which both the police and
the population would starve. The foreign soldier with a gun in one hand
and a bottle of milk in the other would only be regarded as a friend
worthy of the great democracies that sent him if the milk were for the
people and the gun for use against the regime.
The idea of forcibly educating a whole people is absurd. What the Ger-
man people have not learned when this war is over from bloody
defeats, bombings, impoverishment, and from the bestialities of its leaders
inside and outside Germany, it will never learn from history books.
Peoples can only educate themselves; and they will establish populär
government not when they grasp it with their minds but when they
grasp it with their hands.

1943

[Notizen] über eine Magna Charta der


unterdrückten Völker
Da es eine Magna Charta der großen Nationen gibt, weldie
den Eroberernationen den Kampf angesagt haben, sollte es
auch eine Magna Charta der unterdrückten Nationen selber
geben. Enthält die bestehende Charta, was mit ihnen geplant
ist, sollte die zu entwerfende enthalten, was sie selber planen.
Ohne eine solche zweite Charta würde die erste so aufgefaßt
werden können, als sollten die unterdrückten Völker, anstatt
290 Zur Politik und Gesellschaft

wie bisher Tribute bezahlen zu müssen als Sklaven, nunmehr


lediglich Geschenke empfangen als Bettler.
Die Völker Europas zu erziehen zu liberalen Ideen, ohne ihre
eigentlichen Lebensbedingungen zu ändern, welche liberale
Ideen unmöglich machen, ist dasselbe wie Lungenkranke er-
ziehen zum Nichthusten, wenn man ihnen ihre Tbc läßt.
Kein Zweifel, daß das Nazisystem eine unbeschreibliche Ge-
meinheit zeigt* aber es ist doch nicht Gemeinheit, welche die
großen, ständigen Kriege hervorbringt. Nicht nur ist das deut-
sche Volk in seiner Gesamtheit nicht gemein oder kriegerisch;
nicht einmal die Klassen, welche das deutsche Volk beherr-
schen, und die kriegerisch sind, sind dies aus Gemeinheit.

Die Industrie und der Großgrundbesitz mit seinem Beamten-


und Militäradel benötigen den Krieg bei Strafe des Unter-
gangs. Der Großgrundbesitz hatte in Deutschland einen Ge-
treidepreis aufrechtzuerhalten, der dreimal so hoch war als der
auf dem Weltmarkt, und doch war der Großgrundbesitz ständig
am Verkrachen. Die Industrie konnte die ungeheure Arbeits-
losenarmee nur bewältigen, indem sie Gebrauchsgüter herge-
stellt hätte, aber dafür fehlte ihr der Markt. Sie ergriff die
einzige andere Alternative und stellte Destruktionsmittel her,
Flugzeuge, Tanks, Kanonen. Die Nazis rekrutierten ihre Stoß-
trupps und ihre Partei aus den Arbeitslosen der Städte und den
Söhnen der verschuldeten Bauern des Landes. Der Terror war
und ist ungeheuer, aber er ist eben so ungeheuer, als er sein
muß, damit diese Klassen Krieg führen können. Soviel oder
ungefähr soviel Terror ist nötig, die Völker im Krieg zu halten,
das deutsche Volk wie die andern Völker, welche die Nazis be-
herrschen. Spricht man von »unnötigem« Terror, so sind es
die Bestialitäten jener Schichten oder Individuen, welche man
eben doch auch zu diesem Zwecke benötigt, dem Zwecke der
Kriegführung.
Aber nicht nur der Terror hält das deutsche Volk im Krieg.
Und dieser Fakt beschäftigt viele Köpfe.
Notizen über die Zeit 291

Verhalten der Physiker


Man macht viel her von dem kühnen Denken der Physiker.
Es heißt, sie hätten die ältesten Denkgewohnheiten aufgege-
ben. Seien nur halbwegs genügend Gründe vorhanden, so zö-
gerten sie nicht, die Söhne für ihre eigenen Eltern zu erklä-
ren oder andere, nicht weniger erstaunliche und kühne Dinge.
Es wird versichert, sie täten dies übrigens nicht aus Übermut
oder weil ihnen die alten Behauptungen nachgerade zu lang-
weilig geworden wären, denn ihre Wissenschaft ist eine der al-
lerältesten. Ihre Berechnungen sollen sie zum Verlassen so
alter Gemeinplätze gezwungen haben. Ich gestehe, dies kommt
mir nicht so überraschend wie ihnen selber. Ich überdenke,
wie viele ganz und gar gesicherte Meinungen und Ideale die
Bourgeois schon aufgegeben haben und auch nicht aus Über-
mut, sondern nur, von Berechnungen gezwungen. Zahlen
sprechen eben eine gewichtige Sprache. Selbstverständlich bin
ich weit davon entfernt, die Resultate der Berechnungen zu be-
zweifeln, ihren fortschrittlichen Charakter zu leugnen; das
gestatte ich mir nicht einmal mit solchen Resultaten von Be-
rechnungen, welche man die Zerrüttung der bürgerlichen Fa-
milie oder die Unsicherheit des Besitzes oder die Zerstörung
der bürgerlichen Persönlichkeit nennt. Das sind alles Fort-
schritte, wie immer sie erzielt wurden und zu welchem Zweck
immer. Was mich lachen macht, ist die Art, wie diese Leute
ihre Resultate verallgemeinern oder — wie sie sie nicht verall-
gemeinern. Es ist lustig, zu sehen, wie sie einerseits die Phi-
losophen auffordern, Konsequenzen daraus zu ziehen, daß bei
ihnen, in der Atomphysik, die Kausalität aussetzt, und wie sie
andrerseits versichern, so was komme eben nur bei ihnen, nur
in der Atomphysik vor und gelte keineswegs für das Ab-
braten von Rumpsteaks von Seiten normaler Kleinbürger.
292. Zur Politik und Gesellschaft

[Der Reichstagsbrandprozeß]
Vor nunmehr 10 Jahren lenkte das Naziregime durdi einen
unvorsichtigen Prozeß das Auge der Welt auf das erste der von
ihm unterworfenen Volker, das deutsche Volk.
Das neue Naziregime, eines der viehischsten, das die Ge-
schichte kennt, hatte von Anfang an begeisterte Freunde in
Ländern, benachbart Deutschland oder sogar weit entfernt ge-
legen, über Ozeanen, und diese Freunde und Bewunderer hat-
ten schon angefangen, zu verkünden, daß dieses Regime vom
ganzen deutschen Volk geliebt und enthusiastisch unterstützt
werde.
Da passierte dieser denkwürdige Prozeß, der sogenannte
Reichstagsbrandprozeß.
Unter den Bajonetten und Stahlruten der Nazis, vor den
gekauften oder eingeschüchterten höchsten Richtern der ge-
stürzten Republik, mit halbtot geprügelten Zeugen, enthüllte
sich plötzlich zum Entsetzen der Welt das wahre Bild: Ein gro-
ßes und zivilisiertes Volk war unter Ausnützung demokrati-
scher Freiheiten von bewaffneten Banden, gedungen von intri-
gierenden Industrialisten und Militärs, aller seiner Freiheiten
beraubt und zu Boden geschlagen worden. Die Angeklagten
des Prozesses verwandelten sich in Ankläger, und der große
Kämpfer Dimitroff wurde zum Sprecher des deutschen Vol-
kes, das seiner Sprache beraubt worden war.
Heute steht dieses Regime, nachdem es Elend über Deutsch-
land und die halbe "Welt gebracht hat, vor seinem Sturz. Um
ihre eigene Freiheit zu verteidigen, ist die zivilisierte Welt ge-
zwungen, die Hitlerbanden zu besiegen und das deutsche Volk
zu befreien. Wieder erheben sich nun aber die Stimmen von
Leuten, die daran interessiert sind, daß das Hitlerregime und
Deutschland völlig gleichgesetzt werden.
Diese Leute lieben es nicht, von einem möglichen Unterschied
zwischen Volkern und ihren Regierungen zu hören. Der Ge-
danke, dem deutschen Volk zu helfen, sich seiner Bedrücker
Notizen über die Zeit 293

zu entledigen, scheint jenen nicht glücklich, die es nicht gern


hören, daß von der Befreiung von Völkern geredet wird.
Laßt aber uns davon reden.
Laßt uns der Welt laut sagen, daß in diesem Deutschland in
keinem Augenblick der Kampf des Volkes gegen sein Regime
aufgehört hat. Wir wissen, daß das Naziregime gezwungen
war, mehr als zwei Millionen Männer und Frauen in Konzen-
trationslager und Zuchthäuser zu werfen, weil sie gegen das
Regime kämpften. Über 200000 Menschen, also eine ganze
Armee, hielt Hitler zu Beginn seines Krieges in seinen Lagern
gefangen. Diese 200 000 Deutschen waren seine ersten
Kriegsgefangenen. Und heute noch zwingen ihn seine Feinde
in Deutschland, mehr als 30 mechanisierte Divisionen von Eli-
tetruppen, die SS, aus dem Krieg zu halten zu Polizeidiensten
gegen das deutsche Volk.
Jeder Mensch, der sehen will, kann sehen, daß die deutschen
Hitlergegner, besonders die deutschen Arbeiter, natürliche
Verbündete der alliierten Völker im Kampf gegen Hitler und
seine Auftraggeber sind.
Ich schlage vor, daß diese Versammlung in Erinnerung des
Reichstagsbrandprozesses den Kämpfern gegen das Hitler-
regime in Deutschland ihren freundschaftlichen Gruß sendet, sie
auffordert, ihren Kampf fortzusetzen und zu verstärken und
ihnen versichert, daß die Armeen der Vereinigten Staaten und
ihrer Verbündeten auf dem Weg sind, ihnen bei ihrem hero-
ischen Kampf um die Befreiung Deutschlands zu helfen.

Briefe an einen erwachsenen Amerikaner

1 [Wo ich wohne]


Wenn ich sage, wo ich wohne, sage ich immer: in Santa Monica,
was stimmt. Aber jeder wiederholt: So, in Hollywood! Es
294 Zur Politik und Gesellschaft

sind tatsächlich verschiedene Städte, fünf Meilen entfernt


voneinander, jedoch in irgendeiner Weise gehören wir zu
Hollywood. So beeile ich mich zu sagen: Wir haben den Ort
nicht gewählt, das Schiff von Wladiwostok setzte uns hier an
Land, wir hatten kein Geld, hier waren einige andere Flücht-
linge, da blieben wir. Wir haben allerdings ein Haus hier, aber
nur weil die Abzahlungssummen billiger sind, als Miete wo-
anders wäre. Das Haus hat nämlich nur einundeinhalb Bade-
räume, und es ist viereckig, ein fünfzig Jahre altes Ranchhaus,
aufgestockt. Ringsum die Villen sind im mexikanischen oder
englischen Stil gebaut oder haben Türmchen und Kurven, die
man nie gesehen hat. Unser Haus hat sieben Räume, darunter
zwei große, es ist nicht übel, und der Garten ist sogar lieblich,
ziemlich alt, mit Feigenbäumen, Zitronen, Orangen, Apriko-
sen, Pfefferbäumen und Gras, es gibt sogar Winkel zwischen
Holzhütten, das sieht lange bewohnt aus.
Die Welt hungert und liegt in Trümmern; wie kann man sich
beklagen, daß man hier sitzt? Ich sah keine Möglichkeit, bis
mir der Gedanke kam, daß diese hübschen Villen hier aus dem
gleichen Stoff gebaut sind wie die Ruinen drüben; als hätte
ein und derselbe böse Wind, der die Gebäude drüben zusam-
menriß, allerhand Staub und Schmutz hier zu Villen zusam-
mengewirbelt. Denn es ist eine Tatsache: Wir leben in einer
würdelosen Stadt.
Es ist schwer zu beschreiben, ich habe oft angesetzt und es wie-
der aufgegeben. Natürlich muß es von den Menschen kom-
men.
Um mit den Nachbarn zu beginnen, kleinen Leuten. Sie sind
freundlich und schnüffeln nicht. Sie sehen eine Frau das Haus
und den Garten in Ordnung halten, einen Mann an der
Schreibmaschine; so sagen sie der Polizei, die sich nach uns
erkundigt, wir seien »hard working people«, man solle uns in
Ruhe lassen. Sie bekommen Feigen von unserm Garten, brin-
gen Kuchen. Und sie haben nicht das verkniffene neurotische
Wesen der deutschen Kleinbürger, noch die Unterwürfigkeit
Notizen über die Zeit 295

und Überheblichkeit. Sie bewegen sich freier, mit mehr Anmut,


und keifen nicht. Freilich ist etwas Leeres und Bedeutungsloses
an ihnen wie an den Charakteren oberflächlicher und gefälliger
Romanschreiber. In den Schulen wird nicht nur benotet, wie
fleißig und belesen und intelligent ein Kind ist, sondern auch,
wie populär es ist. Dagegen ist schwer etwas zu sagen: Viel-
leicht habe ich nur etwas dagegen, weil ich selber nicht populär
war, noch sein wollte. Wenn die Kinder lernen sollen, sich der
Gesellschaft anzupassen, kommt es ja auch darauf an: welcher
Gesellschaft. Die Zeitungen sind andrerseits voll von gewalt-
tätigen Auseinandersetzungen in den unteren Schichten: Män-
ner schießen ihre untreuen Frauen ab, Halbwüchsige axen be-
trunkene Väter, die die Mütter prügeln, und so weiter. Das ist
anders als in den besseren Kreisen, wo derlei seelische Kon-
flikte sich zu finanziellen Konflikten verschärfen und es um
Alimente geht. Jedoch handelt es sich oben wie unten um Pro-
bleme, die sozusagen Gleichungen mit nur einer Unbekann-
ten darstellen; der siebenzeilige Zeitungsreport scheint schon
erschöpfend. Die Häuser um unseres herum haben nahezu alle,
seit wir hier wohnen, die Besitzer mehrmals gewechselt. Die
Leute wechseln unaufhörlich und anscheinend ohne viel nach-
zudenken ihre Arbeitsstellen und sogar ihre Berufe, und so
ziehen sie in leichter erreichbare Bezirke oder Städte; einige
ziehen, und das mehrmals, über den ganzen Kontinent. So
lernen sie ihre Behausungen kaum kennen, haben weder Va-
terhaus noch Heimat. Keine Freundschaften wachsen und
keine Feindschaften. Was die Meinungen angeht, herrschen die
Ideen der Herrschenden nahezu unumschränkt. Nichtüberein-
zustimmen wird gemeinhin als bloßes Nichtkennen des allge-
mein Gebilligten angesehen, als ein gefährliches Unvermögen,
sich anzupassen. Die Anpassung ist ein eigenes Lehrfach; der
Intelligentere bringt es darin weiter, der Widerstrebende ist
ein Problem der Ärzte und Psychologen. Um den »Job« zu
halten — er ist immer unsicher, es gibt keine »Lebensstellun-
gen« mit Rechten und Pensionen, auch nicht in den Ämtern
296 Zur Politik und Gesellschaft

der Regierung - , muß man, jenseits der Qualifikation - auf die


kommt es nicht so sehr an, alles ist eingerichtet für Auswech-
selbarkeit, also für das Minimum - , ein »regulär guy« sein,
das heißt normal. Das läßt wenig Möglichkeiten für Eigenart.
»Die unbegrenzten Möglichkeiten« beginnen wie eine Legende
zu klingen, aber »die unvermeidlichen Krisen«, das klingt
wie ein wissenschaftlicher Satz. Und die Krisen berauben die
Bevölkerung um alles. Bankkonto, Haus, Eisschrank und Auto
muß in Essen umgesetzt werden, die Studien der Kinder wer-
den abgebrochen, die Ehen geschieden. Außer den großen all-
gemeinen Krisen drohen die kleinen persönlichen. Die Krank-
heit eines einzigen Mitglieds kann die Familie aller ihrer
Ersparnisse berauben und der meisten ihrer Zukunftspläne.
Unter diesen Umständen haben die nie verschütteten, kaum je
ventilierten, stinkenden Vorurteile breiter Schichten gegen die
Neger, die Juden und die Mexikaner eine finstere Bedeutung.
Der Einfluß der schlecht unterrichteten Bevölkerung — Zeitun-
gen und das Radio sind in der Hand einiger weniger Millio-
näre - auf die Geschichte des Landes ist schwach. Die politi-
schen Maschinen beherrschen die Wahlen, und sie sind kontrol-
liert von den großen investierten Interessen. Die Korruption
ist riesig. Zeitungen mit Dutzenden von Millionen Lesern
deuten an, daß der höchste Beamte der Nation von einer
Gangstergruppe »gemacht« worden sei. Viele haben das Ge-
fühl, daß die Demokratie von einer Art ist, daß sie von einer
Stunde auf die andere verschwinden kann. Wenige wagen, sich
ein Bild zu machen davon, was die ungeheure Brutalität, die
der ökonomische Kampf auf diesem Kontinent entwickelt hat,
dann aus ihm machen würde.
Die große Unsicherheit und Abhängigkeit pervertiert die In-
tellektuellen und macht sie oberflächlich, ängstlich und zy-
nisch. Dabei gehört es sozusagen zu ihrem Anstellungsvertrag,
daß sie locker (easy going), zuversichtlich (cheerful), und zu-
verlässig (mentually balanced) erscheinen, was sie mit Pfei-
fenrauchen, Hände-in-die-Hosentaschen-Stecken und so wei-
Notizen über die Zeit 297

ter bewerkstelligen. In der alten Welt gibt es immer noch die


große Fiktion für die Intellektuellen, daß sie arbeiten für mehr
als Entlohnung. Die Beamten halten die Ordnung aufrecht,
die Ärzte heilen, die Lehrer verbreiten Wissen, die Künstler
erfreuen, die Techniker produzieren; sie werden »natürlich«
entlohnt, aber das ist nur, weil sie leben müssen. Ihre Arbeit
hat eine Wichtigkeit darüber hinaus. Riesige staatliche Insti-
tutionen geben sich zumindest den Anschein, unter keiner Kon-
trolle als der allgemeinen zu stehen: die Universitäten, Schulen,
Kliniken, Administrationen. Hier aber sind die Universitäten
offen kontrolliert von Geldleuten, auch die halbstaatlichen; die
Kliniken ebenfalls, und die Beamten der Administration be-
kommen Wochenschecks und sind abhängig von den politischen
Maschinen. So ist die Jugend eine Generation von jungen
Göttern, die sich, über Nacht, verwandeln in Sklaven. Frauen
des Mittelstands über dreißig, ohne Bankkonto, sind failures.
Dieses Wort »failure« ist beinahe unübersetzbar in eine
Kultursprache. Es bedeutet: Erfolgloser, und es kann der
Vater sein oder die Mutter oder der Lehrer oder der Nach-
bar oder ich. Der Zustand der »failures« ist ebenfalls kaum
übersetzbar. Das Wort dafür heißt »frustration«, und es
bedeutet: Vereiteltheit, Enttäuschung, Durchkreuztheit, Ge-
schlagenheit. Diese Altjungfernschaft gibt es in beiden
Geschlechtern, und sie ist sozial, mit klinischen Merk-
malen.
Kein Wunder, daß etwas Unedles, Infames, Würdeloses allem
Verkehr von Mensch zu Mensch anhaftet und von da überge-
gangen ist auf alle Gegenstände, Wohnungen, Werkzeuge, ja
auf die Landschaft selber. Ein Mann, in der Frühe im Garten
einen Band Lukrez lesend, wäre ein abgeschmackter Anblick,
eine Frau, ihr Kind nährend, etwas Fades. Die Wohntürme
von Manhattan in der Dämmerung sind atemberaubend, aber
sie können keine Brust schwellen. Die Schlachthöfe in Chicago,
die Elektrizitätswerke in den Kanyons, die ölfelder Kali-
forniens, alle haben dieses Zurückgehaltene, Frustrierte, alle
298 Zur Politik und Gesellschaft

wirken wie failures. Überall ist dieser Geruch der hoffnungs-


losen Roheit, der Gewalt ohne Befriedigung. In fünf Jahren
sah ich einmal etwas Kunstähnliches: Entlang an der Küste von
Santa Monica, vor den tausend Badenden, schwebte an dün-
nen Drahtseilen drachenhafl, gezogen von einem Motorboot,
ein dünnes, köstliches Gebilde in zarten Farben, die Reklame-
zeichnung einer Hautölfirma.

2 [Die amerikanische Umgangssprache]


Ich will heute beginnen, einiges über meine Studien in ameri-
kanischer Umgangssprache zu Papier zu bringen, da das Wet-
ter ununterbrochen heiter ist, so daß ein Blick aus dem Fenster
genügt, einen in unübersehbare Zustände tiefer Niedergeschla-
genheit zu stürzen.
Ich muß gleich sagen: Ich habe nicht die geringste Hoffnung,
die amerikanische Umgangssprache je zu erlernen. Es fehlt mir
gewiß nicht die Neigung und schon gar nicht der äußere An-
trieb. Es ist etwas anderes, das mir fehlt. Ich versuche schon
seit einiger Zeit, mich in der Landessprache auszudrücken. Da-
bei habe ich festgestellt, daß ich bei Diskussionen nicht das sage,
was ich sagen will, sondern das, was ich sagen kann. Und das
sind, wie man sich denken kann, sehr verschiedene Dinge. Man
könnte vermuten, dieser verwirrende Zustand sei ein vorüber-
gehender, etwas mehr Studium könne Erleichterung scharfen.
Das ist leider nicht zu erhoffen.
Mir mangeln nicht die Worte allein, noch die Kenntnis des
Satzbaus allein. Mir fehlt vielmehr ein ganz bestimmter Habi-
tus, den zu erlernen ich einfach keine Möglichkeit sehe. Mit
einigem Fleiß könnte ich vielleicht im Laufe der Zeit den Ge-
danken, daß mir auf gewissen amerikanischen Bildern der Him-
mel und die Bäume wie geschminkte vorkommen, wie auf die
Produktion von möglichst viel sex appeal bedachte Wesen, in
amerikanischen Sätzen ausdrücken. Aber die Haltung, in der
ich so etwas sagen müßte, um nicht schon durch eben die Hai-
Notizen über die Zeit 299

tung Anstoß zu erregen, werde ich niemals lernen. Ich müßte


lernen, ein »nice fellow« zu werden.

Angetrieben von meinen Freunden, wahrscheinlich zum Ent-


zücken meiner Feinde, wenn ich solche hätte, setze ich meine
Sprachstudien fort und versuche, die Bedeutung des Wortes »to
seil« (verkaufen) zu verstehen. "Wenn in einer Drogerie ein
Mädchen jemandem ein belegtes Butterbrot verkauft, stellt sich
das Wort gehorsam ein. (Man ißt hier hauptsächlich in Apo-
theken, wo man auch gleich die Vitamine in Pillenform ver-
kauft bekommen kann, die dem Essen fehlen, sowie einige La-
xative, die einem beim Verdauen helfen.) Jedoch verkauft man
hier jemandem auch eine Ansicht über Surrealismus, das heißt,
das Wort »verkaufen« bedeutet da, die Ansicht jemandem auf-
zureden. Es bedeutet eigentlich nur, in jemandem ein unwider-
stehliches Bedürfnis nach etwas zu erzeugen, was man gerade
wegzugeben hat. So könnte ein Mann gewisse Vorkommnisse
seines Ehelebens in der Form beschreiben, daß er sagt: Ich habe
meiner Frau am Samstag einen Koitus verkauft, das heißt, ich
habe sie dazu gebracht, dies und das als Koitus abzunehmen,
danach ein Bedürfnis zu empfinden und so weiter. So sagt man
auch, der Präsident habe die Aufgabe, dem Volk den Krieg zu
verkaufen. Er hat es davon zu überzeugen, daß Krieg für es
gut ist, ein Bedürfnis.
Wie man hört, hat er damit Schwierigkeiten. Nicht, weil das
Land, ohne Schaden zu nehmen, aus dem Krieg bleiben könnte.
Das kann es so wenig, wie eine alte große Petroleumgesellschaft
es sich leisten kann [...]

Die Studien in amerikanischer Umgangssprache machen mir


Vergnügen. Dasselbe gilt von den Studien in chinesischen Sit-
ten, die ich gleichzeitig begonnen habe. Die chinesischen Sitten
studiere ich nicht bei den Chinesen selber, von denen es hier
wie in New York genügend Exemplare gäbe, sondern aus
einem kleinen Buch, von dem ich natürlich nicht weiß, ob es
3 oo Zur Politik und Gesellschaft

sehr verläßlich ist. Für meine mehr oder weniger frivolen


Zwecke genügt es mir ebenso, daß es ein solches Buch gibt, als
daß es solche Sitten gibt. Im Grunde suche ich ja nur irgendein
Thema harmloser Art, das mir Gelegenheit gibt, Stellung zu
nehmen. [ ]

3 Zwei Wissenschaften
Das nationale Ideal, die große Planlosigkeit, welche erzeugt
wird durch die mannigfachen und heftigen Pläne vieler ein-
zelner, die einander im Dunkeln lassen, wirft die Bevölkerung
in eine beispiellose Unsicherheit. Zwei Fakultäten, die Astro-
logie und die Psychoanalyse, nehmen sich der Nation da an.
Beide operieren, da es hier verlangt wird, auf wissenschaft-
licher Grundlage, die erstere übrigens mehr, die letztere we-
niger. Die Preise in der Astrologie sind abgestuft, es gibt teure
und billige Ratschläge, die ersteren von den Wohlhabenden, die
letzteren von den Ärmlichen gesucht. Kleinere Millionäre, heißt
es, tun keinen Schritt ohne astrologische Belehrung, größere
bewegen nicht einmal einen Finger oder runzeln ohne Zurät
die Stirn. Ich höre aus guter Quelle, daß die Gestirne für
ärmere Leute ungünstiger stehen; jedoch erfahren sie es nicht
immer, da die Armenastrologen schlechter sind. Die Astro-
logie ist die einzige Wissenschaft, die auch auf dem Gebiet der
Politik Voraussagen macht. Josef Stalin hat, wenn er nur auf
seine Nieren aufpaßt, ein vorteilhaftes Jahr vor sich, auch
Roosevelt hätte ein solches vorteilhaftes Jahr vor sich, wenn
er nicht gestorben wäre. Mitunter tauschen Leute die Führung
durch den Astrologen mit der Führung des Psychoanalytikers,
oder umgekehrt; es ist jedoch selten, daß ein und derselbe
Patient beide Erwerbszweige patronisiert. Es ist dies nicht
nur der Kosten wegen, es ist auch, weil man nicht gut zwei
Führern folgen kann. Beide sind recht absolutistisch und legen
ihren Gefolgschaften Aufgaben auf, die sie voll ausfüllen. Es
gibt da keinen Achtstundentag. Um zu den Psychoanalytikern
Notizen über die Zeit 301

zu kommen: Sie haben mehr sex appeal als die Astrologen.


Damit ist natürlich nicht gemeint, daß sie ihren Klientinnen
und Klienten physisch zur Verfügung stehen; das Verhältnis zu
ihnen ist wie das zu hübschen Eunuchen ein geistiges. Was
sie zu verkaufen haben, ist Verständnis. Man vergleicht sie
gewöhnlich mit den Beichtigern der Kirche, ich glaube aber,
daß das Vergnügen, sexuelle Regungen zur Sprache zu bringen,
im Beichtstuhl tiefer ist als auf dem Sofa des Analytikers,
da sich da größere Gegensätze berühren. Freilich verschafft
die Psychoanalyse ein anderes Vergnügen, nämlich das, mög-
lichst viel Geld für die eigene Person auszugeben. Die Psycho-
analytiker sehen bekanntlich eine starke Heilkraft im Zahlen
— der Patient nimmt sie ernst, weil er zahlt; sehr ernst, weil
er sehr viel zahlt. Zum Beispiel finden die höchstbezahlten
Sklaven der Nation, die Film-Schreiber, Produzenten, Schau-
spieler, in der Psychoanalyse etwas, was sie ernst nehmen
können; sie sollen, ob man es glaubt oder nicht, wenn sie von
der Arbeit zu ihren Schwimmbassins heimkehren, ein Gefühl
der Leere empfinden. Wenn oberflächliche Naturen, wie zum
Beispiel der Verfasser, über die Psychoanalyse lachen (das heißt
über ihre Kunden), so wissen sie nur nicht, wie es mit ihnen
selber steht. In einer Gesellschaft wurde der Verfasser höhnisch
gefragt, warum er, seiner Meinung nach, das Bedürfnis emp-
finde, eine hochgeschlossene Jacke zu tragen (und, wenn ir-
gend zulässig, keine Krawatte); nach Ansicht der Gesellschaft
war er mehr als reif für die Psychoanalyse. Eine Trumpfkarte
der Psychoanalytiker ist, daß die ärmere Bevölkerung eben-
falls eine riesige Anzahl von Neurotikern aufweist. Aller-
dings verschwinden die Neurosen, höre ich, wenn der Patient
eine Anstellung bekommt: Der Psychoanalytiker wird ar-
beitslos, wenn der Patient Arbeit bekommt. Für den Armen
ist das ein fast unlösbares Problem. Wenn er nicht verdient,
braucht er Psychoanalyse, kann sie aber nicht erschwingen.
Wenn er verdient und sie erschwingen kann, braucht er sie
nicht mehr. Eine Art Lösung wäre es, wenn er, solange er
302 Zur Politik und Gesellschaft

Arbeit hat, in eine Kasse einzahlte, aus der er, wenn er arbeits-
los wird, eine Behandlung finanziert bekäme. Und daß er
immer einmal wieder arbeitslos werden wird, kann ihm jeder
Astrologe bestätigen, es steht in seinen Sternen.

Etwa 1946

An den Allied Control Council Berlin


Das Internationale Militärtribunal in Nürnberg hat sich für
unzuständig erklärt, Verbrechen abzuurteilen, die in Hitler-
deutschland vor Kriegsausbruch begangen wurden. Es ist zu
befürchten, daß breite Schichten den Freispruch der Ange-
klagten Schacht, Papen und Fritzsche als eine Amnestierung
dieser Verbrechen auslegen werden. Wir schlagen daher vor,
daß sofort ein zentrales deutsches Gericht zur Aburteilung
und Ächtung aller jener Verbrechen geschaffen wird, für die
sich das Internationale Militärtribunal in Nürnberg für un-
zuständig erklärt hat.
Oktober 1946

[Potsdamer Beschlüsse]
Die Potsdamer Beschlüsse scheinen mir eine absolut mögliche
Basis für Deutschland zu bauen. (Einheit des Reichs, Abseh-
barkeit der Okkupationsdauer, Niederwerfung der ökono-
mischen Kommandohöhen der Industriellen, Schaffung de-
mokratischer Institutionen von unten auf. Und ich glaube
nicht, daß es dazu kommen wird, die Berliner Metallarbeiter
zu Schafshirten zu machen.)
Notizen über die Zeit 3°3

Anrede an den Kongreß für


unamerikanische Betätigungen
Idi bin geboren in Augsburg (Deutsdiland), als Sohn eines
Fabrikdirektors, und studierte Naturwissenschaften und Phi-
losophie an den Universitäten von München und Berlin.
Zwanzigjährig, als Sanitätssoldat im ersten Weltkrieg, sdirieb
idi eine Ballade, die das Hitlerregime fünfzehn Jahre später
als Grund meiner Ausbürgerung angab. Das Gedidit bekriegte
den Krieg und jene, die ihn zu verlängern wünsditen.
Idi wurde Stückeschreiber. Deutsdiland schien eine Zeitlang
auf dem Weg zur Demokratie. Es gab Freiheit der Rede und
des künstlerisdien Ausdrucks.
In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre jedodi gewannen
die alten reaktionären militaristisdien Kräfte wieder Boden.
Idi war damals auf der Höhe meiner Laufbahn als Stücke-
sdireiber, mein Stück »Die Dreigroschenoper« wurde über ganz
Europa hin aufgeführt. Aber in Deutschland wurden schon
Stimmen gehört, welche die Freiheit des künstlerischen Aus-
drucks und der Rede beseitigt haben wollten. Humanistische,
sozialistische, selbst christliche Ideen wurden »undeutsch« ge-
nannt, welches Wort ich ohne die wölfische Intonation Hitlers
kaum noch denken kann. Zur gleichen Zeit wurden die kultu-
rellen und politischen Institutionen des Volks wütend ange-
griffen.
Die Weimarer Republik hatte, bei all ihren Schwächen, einen
kräftigen Wahlspruch, anerkannt von den besten Schriftstellern
und Künstlern aller Art: Die Kunst dem Volke. Die deutschen
Arbeiter, deren Interesse für Kunst und Literatur in der Tat
groß war, bildeten einen besonders wichtigen Teil des allge-
meinen Publikums, der Leser und der Theaterbesucher. Ihre
Leiden in einer katastrophalen wirtschaftlichen Krise, die ihren
kulturellen Standard mehr und mehr bedrohte, und die wach-
sende Macht des alten militaristischen feudalen, imperialisti-
schen Abhubs alarmierten uns. Ich begann Gedichte, Lieder und
304 Zur Politik und Gesellschaft

Stücke zu schreiben, welche wiedergaben, was das Volk fühlte,


und seine Feinde angriffen, die nun offen unter dem Haken-
kreuz Adolf Hitlers marschierten.l
Die Verfolgungen auf dem Gebiet der Kultur nahmen grad-
weise zu. Bekannte Maler, Verleger und Zeitschriftenherausge-
ber wurden gerichtlich verfolgt. An den Universitäten wurden
politische Hexen Verfolgungen inszeniert, gegen Filme wie »Im
Westen nichts Neues« Kesseltreiben veranstaltet. Dies waren
natürlich nur Vorbereitungen zu drastischeren Maßnahmen.
Als Hitler die Macht ergriff, verbot man Malern das Malen,
Schriftstellern das Schreiben, und die Nazipartei riß die Ver-
lage und Filmstudios an sich. Aber selbst diese Anschläge auf
das kulturelle Leben des deutschen Volkes waren nur ein Be-
ginn. Sie wurden ersonnen und ausgeführt als geistige Vorbe-
reitung des totalen Kriegs, welcher der totale Feind der Kultur
ist. Der folgende Krieg machte mit all dem ein Ende. Das
deutsche Volk lebt jetzt ohne ein Dach über dem Kopf, ohne
zureichende Nahrung, ohne Seife, ohne die baren Grundlagen
der Kultur.
Zu Beginn waren nur sehr wenige Leute imstande, die Verbin-
dung zwischen den reaktionären Einschränkungen auf dem kul-
turellen Gebiet und dem endgültigen Anschlag auf das phy-
sische Leben des Volkes selbst zu sehen. Die Anstrengungen der
demokratischen, antimilitaristischen Kräfte erwiesen sich als
viel zu schwach.
Ich mußte Deutschland im Februar 1933, am Tag nach dem
Reichstagsbrand, verlassen. Ein Exodus von Schriftstellern und
Künstlern begann, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte.
Ich ließ mich in Dänemark nieder und widmete von nun an
meine gesamte literarische Arbeit dem Kampf gegen Nazis-
mus, Stücke und Gedichte schreibend.
Einige Gedichte wurden in das Dritte Reich eingeschmuggelt,

1 Übersetzungen solcher Dichtungen lagen dem Ausschuß als Belastungs-


material gegen B. vor.
Notizen über die Zeit 305

und die dänischen Nazis, unterstützt von Hitlers Gesandtschaft,


begannen bald, meine Deportation zu verlangen. Die dänische
Regierung lehnte dies ab. Aber im Jahre 1939, als der Krieg
bevorzustehen schien, zog ich mit meiner Familie nach Schwe-
den. Ich konnte nur ein Jahr lang bleiben. Hitler fiel in Däne-
mark und Norwegen ein.
Wir setzten unsere Flucht nach Norden fort und gelangten nach
Finnland. Hitlers Truppen folgten. Finnland war schon voll
von Nazidivisionen, als wir 1941 nach Amerika ausreisten.
Wir durchquerten die UdSSR im Sibirischen Express, der deut-
sche, österreichische, tschechische Flüchtlinge trug. Zehn Tage,
nachdem wir Wladiwostok auf einem schwedischen Schiff ver-
lassen hatten, fiel Hitler in der UdSSR ein. Das Schiff lud
Kopra in Manila. Einige Monate danach fielen Hitlers Ver-
bündete in dieser Insel ein.
Ich vermute, daß einige meiner Stücke und Gedichte, geschrie-
ben in der Periode des Kampfs gegen Hitler, den Ausschuß des
Kongresses veranlaßt haben, mich hierher zu zitieren.
Meine Betätigungen, selbst die gegen Hitler, waren immer rein
literarische, und sie waren von niemandem abhängig. Als Gast
der Vereinigten Staaten betätigte ich mich in keiner Weise, die-
ses Land betreffend, auch nicht literarisch. Nebenbei erwähnt,
bin ich kein Filmschreiber. Ich bin mir keines Einflusses be-
wußt, den ich auf die Filmindustrie ausgeübt haben könnte,
weder eines politischen noch eines künstlerischen.
Jedoch fühle ich mich, berufen vor den Kongreßausschuß
gegen unamerikanische Betätigungen zum erstenmal ver-
sucht, ein paar Worte über amerikanische Angelegenheiten zu
äußern. Zurückschauend auf meine Erfahrungen als Stücke-
schreiber und Dichter in dem Europa der beiden letzten
Jahrzehnte, möchte ich sagen, daß das große amerikanische
Volk viel verlieren und viel riskieren würde, wenn es irgend
jemandem erlaubte, den freien Wettbewerb der Ideen auf
kulturellem Gebiet einzuschränken oder gegen die Kunst ein-
zuschreiten, die frei sein muß, um Kunst zu sein.
306 Zur Politik und Gesellschaft

Wir verbringen unser Leben in einer gefährlichen Welt. Der


Stand unserer Zivilisation ist ein solcher, daß die Menschheit
schon alle Mittel besäße, überaus reich zu sein, aber in der
Gänze noch immer mit Armut geschlagen ist. Große Kriege
sind erlitten worden, größere stehen, wie wir hören, bevor.
Einer von ihnen mag sehr wohl die Menschheit in ihrer Gänze
verschlingen. Wir mögen das letzte Geschlecht der Spezies
Mensch auf dieser Erde sein. Die Ideen darüber, wie man die
neuen Produktionsmöglichkeiten benutzen könnte, sind nicht
sehr entwickelt worden seit den Tagen, als das Pferd tun
mußte, was der Mensch nicht konnte. Denken Sie nicht, daß
in so mißlicher Lage jede neue Idee sorgfältig und frei un-
tersucht werden sollte? Die Kunst kann solche Ideen klarer
und sogar edler machen.
Vorschläge für den Frieden
1948 bis 1956
Ich war erfreut, schon einen Tag nach meiner Rückkehr in Berlin, der
Stadt, von der einer der furchtbarsten Kriege ausgegangen ist, einer
Kundgebung der Intellektuellen für den Frieden beiwohnen zu können.
Der Anblick der ungeheuerlichen Verwüstungen erfüllt mich nur mit
einem Wunsch: auf meine Weise dazu beizutragen, daß die Welt endlich
Frieden bekommt. Sie wird unbewohnbar ohne Frieden.
25. Oktober 1948
Gespräche mit jungen Intellektuellen
Da er selbst nicht mehr jung ist, würde ich ihn einen Jugend-
schriftsteller nennen, aber vielleicht sollte man ihn überhaupt
nicht einen Schriftsteller nennen, sondern sagen: Er wurde
beim Schreiben gesehen. Das würde ihn wohl auch freuen,
oder sollen wir sagen: amüsieren? Diese Herrn, die aus dem
Sattel steigen oder dem Sitz, den es für sie in den Tanks gibt,
lassen sich ja in ihren Musestunden nicht ungern beim Rosen-
schneiden, Bienenzuchten oder Memoirenschreiben überraschen.

Wunderbar, daß er jetzt über Steine und Käfer schreibt? Ja,


das muß er gedacht haben. Das ziemt den Offizieren in den
langen Wartepausen zwischen den Kriegen, während die un-
fähigen Regierungen die Nation um die Früchte der mili-
tärischen Niederlagen bringen.

Die Steine, die immer noch nicht reden, und die Käfer, die
immer noch auf den Leim kriechen.

Die Pose der Akribie, der kühlen Beobachtung, der Geduld


mit dem Kleinsten. Pseudowissenschaftliche Haltung. Wissen-
schaftliche Beschreibung als Stilleben. Bei einem modernen
Mord ist das Messer sterilisiert, der Operateur arbeitet mit
dem Gazekorb vor der Fresse. Letzte Errungenschaften der
Unheilkunst.

Der Pour-le-merite-Orden. Die 17 Wunden, die sich wieder


öffnen, wenn die Schreibfeder sie berührt, wollte sagen: die
Lanzette. Kein cauliflower-Ohr.
31 o Zur Politik und Gesellschaft

Nein, ich verstehe euch jungen Leute nicht, mit mir könnt
ihr ruhig reden.

Nein, ich kann euch keine Hoffnung machen. Wenn ich


könnte — warum sollte ich? Die Frage ist, ob man euch ohne
Befürchtungen betrachten kann.

Es ist, als sähet ihr euch um nach einem, der euch wieder ge-
brauchen könnte. Ihr wünscht, er möge euch diesmal nicht
mißbrauchen? Aber warum wünscht ihr, es möge euch einer
gebrauchen?

Für ein großes Ziel? Aber ihr wißt keines? Schön, die eins
wissen, werden euch gebrauchen. Vielleicht ist es tatsächlich
besser, wie ihr nun eben gestimmt seid, w^nn ihr nichts gegen
Diktatur habt, sondern euch damit zufriedengebt, nach
einem großen Ziel zu fragen. Nur ist auch das nicht etwa
leicht. Wirklich, ihr seid gefährliche Brüder.

Ein angeblich junger Mann in einer Zeitschrift, die nicht »Dio-


nysos« heißen sollte, beklagt sich: »Er zerschlug die Illusio-
nen ..., und wir spüren heute nur Frost herüberströmen. Die
Distanz kühlt. Sie hindert am Mitfühlen, am Verstehen...«
Eine frostige Begegnung.

Ich fühle mich versucht zu sagen: Selbst ich möchte euch nicht
den Gefühlen aussetzen, die kämen, wenn ihr verstündet.

Aber gibt es denn nicht irgendeinen Halt für uns? Nein.

Aber es geht gut aus? Nein.

Nein, ich bin kein Nihilist, danke. Aber wo das Nichts ist,
ist nichts.
Vorschläge für den Frieden 311

Muß man nicht Angst haben? Gewiß. Vor euch.

Nichts als Beschimpfungen, das ist mehr als nichts.

Sollen wir uns befehlen lassen, wie wir schreiben, malen und
musizieren sollen? — Was würdet ihr dafür geben, wenn ich
es euch sagte?

Von dem Anblick der Ruinenstädte erwarte ich keinen


übermäßigen Schock. Von dem Anblick der Ruinenmenschen
habe ich ihn schon bekommen.

Die Häuser haben anscheinend für mich etwas von den


Schneckenhäusern. Man denkt nicht getrennt an sie, als an
Unterkünfte für beliebige Schnecken. Es handelt sich mir nicht
um Städte, die keine Menschen mehr beherbergen können,
sondern um Menschen ohne Städte. Die 15 Jahre des Exils
über verspürte ich keinerlei Bedauern, nicht mehr in meiner
Heimatstadt oder in Berlin sein zu können. Orte von Kind-
heitserinnerungen, Höfe, in denen die Knaben Hütten aus
Laub bauten, die Zementschrägung an einem Flußwehr, gut
für Sonnenbäder, in den Händen der Nazis waren aus ihnen
für mich Lokalitäten geworden, die man in Zeitungen schmie-
rig abgebildet sieht, weil dort Verbrechen begangen wurden.
Dazu kommt, daß in meiner Vorstellung diese Städte immer
das Mal der Zerstörbarkeit auf der Stirn getragen hatten, als
hätte man geplant, auf dem freilich etwas kostspieligen Um-
weg über die Zerbombung eigens aufgestellter Städte zu den
riesigen Schutthaufen zu kommen, die einem vorschwebten.
Ich sehe große Städte, die heute noch stehen, mit demselben
Kainsmal behaftet.

Einverstanden, diese Lyrizismen sind von zweifelhaftem Ge-


schmack. Die Meinung ist einfach die: Diese Städte, zumin-
dest in ihren modernen Teilen, waren aufgebaut worden zu
312 Zur Politik und Gesellschaft

spekulativen Zwecken oder damit in ihnen irgendwelche Pro-


fite verzehrt werden konnten; so waren sie kriegerische
Unternehmungen, die sich jederzeit ausdehnen konnten. Sie
waren gebaut, in der einen Hand das Schwert, in der andern
die Kelle, und es waren nicht die Hände der Besitzer. Leider
kann ich kein Wort finden, das ein Gegenteil von Einsturz
bedeutete, das heißt ein Zustandekommen auf gewaltsame Art.

Wenn ich übrigens von mir spreche, so geschieht es nicht aus


dem Wunsch, euch meine besondere Eigenart aufzudrängen
oder meine Gedanken oder Eindrücke oder Impulse zu den
euren zu machen. Ich gebe mich sozusagen einfach dazu her,
damit ihr, eine bestimmte Person vor euch sehend, einen lan-
desflüchtigen* Stückeschreiber, ausrechnen könnt, wo ihr
steht.

Ich halte nichts von Mitleid, das sich nur in Hilfsbereitschaft


und nicht auch in Zorn verwandelt.

Ich kenne die Ziffern der im Dritten Reich ermordeten Wi-


derstandskämpfer. Sie sind riesig. Da sind mehr Leute ge-
fallen als in Frankreich und Norwegen; da haben mehr Leute
gekämpft als in den englischen und amerikanischen Heeren.
Ich nenne die Ziffern, wo ich nur kann. Aber ich weiß auch,
daß die überlebenden Kämpfer heute nicht wagen, von ihren
Taten zu sprechen, aus Besorgnis, jetzt für Vaterlandsverräter
erklärt zu werden. Davon zu reden, schäme ich mich, ich
weiß nicht, warum.

Ein Land, das die Vaterlandsverräter belohnt, weil sie seine


Schändlichkeiten bekämpften, möchte man vielleicht zum
Vaterland haben.

Ich denke, ich könnte darüber reden: Ich habe das alles nit
miterlebt.
Vorschläge für den Frieden 313

»Es ist bestimmt die größte Niederlage, die je ein Volk erlitten
hat, das tiefste Elend, das bitterste Leiden.« Und die schimpf-
lichste Eitelkeit.

Reden wir eine Zeitlang nicht mehr vom Volk. Reden wir
von der Bevölkerung.

Wer hat sofort wieder Handel getrieben, kaum heraus aus


den Konzentrationslagern? Wer hat den schwarzen Markt
organisiert? Schön, ein Vorschlag zur Güte: Ihr unterdrückt
eure Bourgeois, und ich sage nichts, wenn ihr auch die jüdi-
schen Bourgeois unterdrückt.

Die Vorgänge in Auschwitz, im Warschauer Getto, in Buchen-


wald vertrügen zweifellos keine Beschreibung in literarischer
Form. Die Literatur war nicht vorbereitet auf und hat keine
Mittel entwickelt für solche Vorgänge.

»Die Motive, welche die Millionen einzelnen in den Nazi-


heeren hielten, können doch nicht nur Gewinnsucht oder
Furcht gewesen sein. Es muß idealistische Motive gegeben
haben.« Ich stimme zu, man muß Ideale düster betrachten.

Angesichts der Gefahr, daß es unter euch einen geben könnte,


der doch verstünde und den ich verfehlte, wenn ich zu feind-
lich bliebe. Ohne auf die Ideale des Bürgertums zurückzugrei-
fen, hätten die Nazis ihre ungeheuren Zerstörungen nie
durchführen können. Der Krieg mußte zu den denkbaren, ja
natürlichen Weisen gerechnet werden können, in denen Kon-
flikte ausgetragen werden; die blinde Pflichterfüllung der
Untertanen mußte schon gebilligt sein, und so weiter und so
weiter. Ersetzen Sie in dem Satz des Kaisers Wilhelm: »Ich
kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche« das
Wort »kenne« mit »dulde«, und in dem Satz Bismarcks: »Wir
Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt« das
314 Zur Politik und Gesellsdiaft

Wort »Gott« mit »Hitler« — und das Epigonentum der Nazis


wird offenbar. Etwas umwälzend Neues haben sie nicht ge-
bracht; die riesige Bestialität und die riesige Borniertheit
kannte ich noch, als sie klein waren - beim Bürgertum.

Von Goebbels1 Behauptungen ist keine absurder als die, daß


sie eine Revolution gemacht haben. Was sie gemacht haben,
war eine Konterrevolution. Und die war so bestialisch, wie
die Konterrevolutionen gemeinhin sind. Das Bürgertum
rächte sich für die Demütigungen von 1918. Es engagierte die
Rächer und stattete sie mit den finanziellen und legalen Mit-
teln aus, bevor der große Aderlaß erfolgte, durch den das
Proletariat vieler seiner Köpfe und aller seiner Organisatio-
nen beraubt wurde. Der Aderlaß war so gründlich, daß es
nach dem zweiten und noch bei weitem verbrecherischeren
Krieg zu solchen Demütigungen nicht mehr kam. Den letzten
und entscheidenden Streich ermöglichte die Verzögerung der
zweiten Front.

Das Bürgertum, nicht nur das deutsche, spricht jetzt von die-
sen Sondermaßnahmen als von Exzessen der Nazis. Ein fre-
cher Undank! Wachstum hingestellt als Auswuchs! Man be-
stellte ein Filet, und der Unmensch von Metzger ermordete
ein Kalb!

Als ob die Konzentrationslager nicht nötig gewesen wären,


wenn man einen solchen Krieg brauchte! Mit freundlichem
Zuspruch konnte man doch diese Arbeitervertreter und Ar-
beiter nicht in einen solchen Krieg locken! Aus purem Sadis-
mus entzog man doch nicht alle diese SS-Formationen, diese
hochgezüchteten Meisterschläger dem Kriegsdienst!

Aber der 14. Juli! Der geplante Streik der Generale als Er-
satz des Generalstreiks. Die einzige Möglichkeit, den Krieg
mit einiger Aussicht auf Erfolg fortzuführen, indem man die
Vorsdiläge für den Frieden 315

Allianz der Feinde sprengte und sich dem einen Feind gegen
den andern anbot. Die Wiederholung des Nazistreichs zu
Beginn des Krieges. Ein Plagiat!

Aha, jetzt kommt mein wahres Gesicht zum Vorschein.

Die Kirche scheint sich nicht auf einen Tod in Schönheit vor-
zubereiten, eher auf einen Tod in Wohlstand. Ein hoher gei-
stiger Würdenträger - welch ein Wort! - deutete neulich an,
es bestünden finstere Pläne, Leute wie ihn ebenso ans Kreuz
zu schlagen wie jenen Jesus von Nazareth. Freilich hätte er
noch am Kreuz eine Brieftasche in der Hand.

Wollt ihr wirklich behaupten, daß es mehr Leute gibt, die ihr
Geld erarbeitet als ererbt haben? Oder daß es für die Söhne
der Mittellosen nicht schwieriger ist, verkaufbare Bildung
einzukaufen?

Die päpstliche Schatulle, höre ich, hat geholfen, den Schläch-


ter Franco zu finanzieren. Vielleicht wahr, aber wie platt!
Vielleicht platt, aber wie, wenn wahr?

Die Religion gibt einen Halt. Aber das Pferd ist nicht gut zu
sprechen auf den Halt, den der Sattel dem Reiter gibt.

Das Beispiel hinkt, wie ich fühle. Es sind nicht die Reiter, die
gemeinhin religiös sind, sondern die Pferde.

Richtig, bei uns bekämpft man den Jazz. Und das Kokain.

An den Kongreß für kulturelle Freiheit


Sie sind zusammengekommen, um über die Zukunft der Frei-
heit zu beraten, der kulturellen, wie ich höre, und der politischen
316 Zur Politik und Gesellschaft

und ökonomischen, wie ich hoffe. Eine solche Beratung,


ja eine unablässige Folge solcher Beratungen ist durchaus nö-
tig, denn in vielen Ländern, den meisten, lebt der Großteil
der Bevölkerung, der arbeitende, noch in absoluter, wenn
auch verdeckter Knechtschaft und hat nicht die Freiheit, etwas
zur Änderung und Besserung des Lebens in ökonomischer
Hinsicht zu unternehmen. Es wird Ihre Aufgabe sein, darüber
zu beraten. Die Freiheit, sein Leben zu verbessern - das Wort
»Leben« im einfachsten Sinn verstanden —, ist die elementar-
ste aller Freiheiten des Menschen. Von ihr hängt die Entwick-
lung der Kultur ab, und es hat keinen Sinn, über Freiheit und
Kultur zu sprechen, wenn nicht diese Freiheit, das Leben zu
verbessern, besprochen wird. Die erste Bedingung eines bes-
seren Lebens ist dann der Friede, die Sicherheit des Friedens.
Lassen Sie uns doch alle gesellschaftlichen Systeme, an die wir
denken mögen, zu allererst daraufhin untersuchen, ob sie
ohne Krieg auskommen. Lassen Sie uns zu allererst um die
Freiheit kämpfen, Frieden verlangen zu dürfen. Sage keiner:
Erst müssen wir darüber sprechen, was für ein Friede es sein soll.
Sage jeder: Erst soll es Friede sein. Dulden wir da keine Aus-
flucht, scheuen wir da nicht den Vorwurf, primitiv zu sein!
Seien wir einfach für den Frieden! Diffamieren wir alle Regie-
rungen, die den Krieg nicht diffamieren! Erlauben wir nicht, daß
über die Zukunft der Kultur die Atombombe entscheidet!
Man hat gesagt, die Freiheit entsteht dadurch, daß man sie
sich nimmt. Nehmen wir uns also zu allererst die Freiheit,
für den Frieden zu arbeiten!

[Zur Volksbefragung gegen die Remilitarisierung]


Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik fragt
euch, ob ihr Krieg wollt, Berliner. Muß euch wirklich irgend-
wer sagen, was ihr antworten sollt. Blickt um euch!
Mai 19s1
Vorschläge für den Frieden 3J7

[Zwei Gesellschaftsordnungen]
Wenn sich durch besondere Umstände in einem Teil eines Lan-
des eine neue Gesellschaftsordnung bildet, während der andere
in der alten verharrt, muß eine scharfe Feindschaft dieser bei-
den Teile des Landes erwartet werden. Beide werden sich be-
droht fühlen, und sie werden einander barbarisch nennen.
Im Osten Deutschlands hat sich nach einem schrecklichen Krieg
ein Arbeiter - und - Bauernstaat gebildet, der Politik und
Wirtschaft nach völlig neuen Grundsätzen behandelt. Eigen-
tums- und Produktionsverhältnisse sind gründlich geändert
worden und die öffentlichen Geschäfte sowie die Meinungs-
bildung der Bevölkerung folgen bisher unerhörten Methoden.
Wie man weiß, hat das Unerhörte keinen guten Klang, was
noch nie gehört wurde, gilt als ungehörig. So bedürfen die
neuen Grundsätze und Methoden der Erläuterung, während
die alten für »selbstverständlich« gehalten werden.
Der Westen Deutschlands ist unter der Herrschaft der großen
bürgerlichen Eigentümer und damit der bürgerlichen Ideen ge-
blieben. Es gibt Arbeitsgeber und Arbeitsnehmer, und die
einen können völlig frei Arbeit geben oder nicht geben, die
andern Arbeit nehmen oder nicht nehmen. Allerdings verhun-
gern die Arbeitsgeber nicht, wenn sie Arbeit nicht geben, wäh-
rend die Arbeitsnehmer verhungern, wenn sie nicht Arbeit
nehmen.

[Das Bild Deutschlands nach allgemeinen Wahlen]

[Antwort auf eine Anfrage]


Sie fragen mich, wie ein Deutschland aussehen würde, das
aus allgemeinen Wahlen hervorginge. Es ist Ihre Befürchtung,
daß nichts die Bereitschaft zu den so nötigen Verhandlungen
so schwächt, wie das allgemeine Unvermögen, sich ein
318 Zur Politik und Gesellschaft

Deutschland vorzustellen, das weder ganz kapitalistisch noch


ganz sozialistisch wäre, daß heißt ein Deutschland, das weder
ganz nach dem Willen des einen Teils von Deutschen, noch
ganz nach dem Willen das andern Teils gestaltet wäre. Nun,
ich will Ihnen aufschreiben, was für ein Bild ich mir mache.
Ich nehme an, daß Wahlen in beiden Teilen Deutschlands
Mehrheiten für den Teil ergäben, wo sie stattfinden. Viel-
leicht erstaunt Sie das. Nach allem, was Sie - in Westberlin -
gehört und gelesen haben, würde die Bevölkerung der DDR
stürmisch die Gelegenheit direkter und geheimer Wahlen dazu
benützen, das »Joch der Sklaverei« abzuschütteln und zu
jener Gesellschaftsform zurückzukehren, die in der Bundesre-
publik herrscht. Ich halte das für einen großen Irrtum. Ich höre
viele Leute hier schimpfen. Die Versorgung hat sich sehr ge-
bessert, ist aber noch bei weitem nicht gut genug. Viele ken-
nen sich in dem neuen Gang der Dinge nicht aus und sehen
sich so außerstande, das, was sie für falsch halten, das, wor-
unter sie leiden, beseitigen zu helfen, indem sie aktiv und
kritisch an dem Aufbau der neuen Gesellschaft teilnehmen.
Die Schwierigkeiten sind also groß, und mit dem Enthusias-
mus der einen mischt sich das Geschimpfe der andern. Aber
ich glaube, im Ernstfall der Wahlen würden ganz bestimmte
Fakten entscheiden.
Die Bauern — und nicht nur die Neusiedler — würden die
Junker, deren Felder sie nun bestellen, nicht zurückwählen.
Sie würden in überwältigender Mehrheit nicht wollen, daß
die große praktische Hilfe der neuen Maschinenausleihstatio-
nen aufhört. Und sie sind inzwischen aufgeklärt worden über
die kriegerische Rolle, die das Junkertum zum Verderben
Deutschlands gespielt hat. Sie ziehen die Kulturhäuser vor,
in die man die Schlösser verwandelt hat.
Die Arbeiter, am Anfang zum Teil noch erschreckt über das
neue Arbeitstempo, das zu einer entscheidenden Steigerung
der Produktion nötig ist, haben einzusehen gelernt, daß diese
Produktion ihnen allen zugute kommt, und der Wettbewerb
Vorsdiläge für den Frieden 319

der Ideen und Kräfte ist [in] vollem und zunehmendem


Schwung. Der Einfluß der Arbeiterschaft auf die gesamte Ge-
staltung des öffentlichen Lebens ist groß, und die Arbeiter ler-
nen immer besser, ihn zu nutzen.
Viele sehen in den neuen Stadtvierteln wie der Stalinallee mit
ihren Wohnpalästen voll Platz und Licht die ersten Beispiele
dafür, wie die Zukunft gedacht ist. Die neuen Städte, die um
neue Industrien aufwachsen, sind von Anfang an für die
Bedürfnisse der Arbeiter geplant.
Auch die Intellektuellen, Wissenschaftler, Techniker, Organi-
satoren jeder Art, Beamten stehen heute anders zu der neuen
Gesellschaftsform als vor Jahren. Sie haben Geschmack gewon-
nen an der Überwindung der Schwierigkeiten, die sich in
einem sich stürmisch entwickelnden Gemeinwesen täglich und
stündlich ergeben. Die humanen Tendenzen auf allen Gebie-
ten beeindrucken sie natürlich, und sie erkennen die tiefe
Friedlichkeit dieser Arbeits- und Lebensweise.
Und dann die Jugend. Meinen Sie, daß die Söhne und Toch-
ter der Arbeiter und Bauern, die jetzt unsere Universitäten
besuchen, meinen Sie, daß ihre Eltern die alten Zustände
zurückwünschen könnten? Und die studierenden Kinder der
Intellektuellen wissen sehr wohl, wie schwer es unter [einem]
andern Gesellschaftssystem ist, Arbeit zu finden. Und allen
Schichten der Bevölkerung wird es klarer und klarer, daß die
DDR in der alles entscheidenden Frage Krieg oder Frieden
für den Frieden ist.
Es gibt in der DDR nicht wenige Leute, die gerade der Frage
Friede oder Krieg wegen glauben, daß auch die Bevölkerung
Westdeutschlands, heute vor die Wahlen gestellt, viele der Er-
rungenschaften und sozialen Neuerungen der DDR gutheißen
könnte. Sie erinnern daran, daß 19 . . die Länder . . . große
Mehrheiten für die Sozialisierung der Industrie aufwiesen.
Aber ich glaube doch, daß die Denk- und Lebensweise, die
eben herrscht, den Ausschlag geben würde und die Wahlen
Mehrheiten für den Teil ergäben, wo sie stattfinden.
320 Zur Politik und Gesellschaft

Karte der Rechte


Jeder Verurteilte hat das Recht, nach der Verurteilung seinen
Fall weiter zu bearbeiten. Allein oder mit Hilfe von Beratern
darf er Fehler des Gerichts, sowohl solche, die dem Gericht
anhafteten, oder solche, die es machte, und Fehler, die er selbst
bei seiner Verteidigung machte, einer gerichtlichen Revisions-
stelle und seiner Gewerkschaft mitteilen. Auch darf er beheb-
bare Fehler im Aufbau der Gesellschaft, die Vergehen wie das
seine hervorbringen oder begünstigen, nennen und Vorschläge
zu ihrer Abstellung machen.
An jeder Anklage sind zwei Institutionen des Staats beteiligt.
Die Gerichtsbehörde klagt an, die Gewerkschaft verteidigt. Die
Gerichtsbehörde vertritt die Rechte der Allgemeinheit, die
Gewerkschaft die Rechte des einzelnen. Die Gewerkschaft ver-
tritt das Interesse der Allgemeinheit an der Arbeitskraft des
einzelnen, die Gerichtsbehörde an der Zusammenarbeit aller.
Die Gerichtsbehörde spricht das Urteil, die Gewerkschaft hat
das Recht, an eine Kontrollbehörde zu appellieren, welche ihre
Entscheidung öffentlich begründen muß. Diese Begründungen
von Urteilen sind rechtschaffend und können nur von der
Kontrollbehörde selber umgestoßen werden.

Inschriften für das Hochhaus an der Weberwiese


[Entwürfe]
Friede in unserem Lande!
Friede in unserer Stadt!
Daß sie den gut behause
Der sie gebauet hat!
Dieses Haus wurde errichtet zum Behagen der Bewohner
und Wohlgefallen der Passanten. Mit ihm begann der Neu-
aufbau der deutschen Hauptstadt.
Vorsdiläge für den Frieden 321

Dieses Haus wurde ohne Rücksicht auf Gewinn, zum Be-


hagen der Bewohner und Wohlgefallen der Passanten errich-
tet. Mit ihm begann der Neuaufbau der deutschen Haupt-
stadt.

Als wir aber dann beschlossen


Endlich unsrer eignen Kraft zu traun
Und ein schönres Leben aufzubaun
Haben Kampf und Müh uns nicht verdrossen.

Dieses Haus soll sich für niemanden lohnen als für seine Be-
wohner. Zu ihrem Behagen und zum Wohlgefallen der Pas-
santen wurde es errichtet. Mit ihm begann der Neuaufbau
der deutschen Hauptstadt.

Dieses Haus wurde ohne Rücksicht auf die Rentabilität (Ge-


danken an Gewinn) zum Behagen der Bewohner und Wohl-
gefallen der Passanten errichtet. Mit ihm begann der Neu-
aufbau der deutschen Hauptstadt.

Dieses Haus wurde zum Behagen der Bewohner und Wohl-


gefallen der Passanten errichtet. Mit ihm begann der Neu-
aufbau der deutschen Hauptstadt.

Vorschlag an den Parteitag der SED


Die SED nimmt sich vor, fünf Betriebe zu Schwerpunkten der
Propaganda zu erklären und in diesen Betrieben eine Kam-
pagne über Monate durchzuführen:
1. In der jetzigen Periode müßten die Künste ihre Arbeit in
den Betrieben verstärken.
2. Sie allein können es nicht schaffen, aber in Verbindung mit
einer politischen Aktion (also sekundär eingesetzt).
3. Praktischer Vorschlag: Die fünf Betriebe müßten zu Beginn
3« Zur Politik und Gesellschaft

eine verstärkte politische und kulturpolitische Betreuung be-


kommen, denen sich die künstlerische anschließt.
4. Kunst und Politik müßten getrennt marschieren, aber ein-
ander folgen. So müßte der Rede eines Staatsmannes eine
künstlerische Veranstaltung folgen.
5. Vorschläge: Theateraufführungen im Berliner Ensemble,
der Komischen Oper, den Kulturhäusern der Betriebe.
6. Außer dem normalen Spielplan müßten spezielle Pro-
gramme zusammengestellt werden zur Aufführung in den
Betrieben (Carrar, Rezitationen, Lieder etc.)
7. Mitarbeiter:
(Henselmann, Felsenstein)
8. Weitere praktische Vorschläge: Beteiligung guter Journali-
sten an der Werkzeitung (Hernstadt), Sprechstunden für
Werksbibliothek, Medizinische Vorträge (Prof. Schröder,
Leipzig), Führung durch Stalinallee (Henselmann).
Neu an diesem Vorschlag: Die Verstärkung der bisherigen Ar-
beit, verbunden mit politischen Programmen, neue Pro-
gramme, Konzentration auf Schwerpunkte.
Brecht. Eisler.
/ / . Juni

Zum Völkerkongreß für den Frieden

Wien 1952
Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist er-
staunlich kurz. Ihre Vorstellungsgabe für kommende Leiden
ist fast noch geringer. Die Beschreibungen, die der New Yor-
ker von den Greueln der Atombombe erhielt, schreckten ihn
anscheinend nur wenig. Der Hamburger ist noch umringt von
Ruinen, und doch zögert er, die Hand gegen einen neuen
Krieg zu erheben. Die weltweiten Schrecken der vierziger
Vorschläge für den Frieden 323

Jahre scheinen vergessen. Der Regen von gestern macht uns


nicht naß, sagen viele.
Diese Abgestumpftheit ist es, die wir zu bekämpfen haben,
ihr äußerster Grad ist der Tod. Allzu viele kommen uns
schon heute vor wie Tote, wie Leute, die schon hinter sich
haben, was sie vor sich haben, so wenig tun sie dagegen.
Und doch wird nichts mich davon überzeugen, daß es aus-
sichtslos ist, der Vernunft gegen ihre Feinde beizustehen. Laßt
uns das tausendmal "Gesagte immer wieder sagen, damit es
nicht einmal zu wenig gesagt wurde! Laß uns die Warnungen
erneuern, und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund
sind! Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die
vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden
kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öf-
fentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden.
Dezember 1952

[Wirkung der Doppelniederlage]


Die nahezu beispiellose Doppelniederlage, die das deutsche
Volk erlitten hat, wirkt sich immer weiter aus. Zuerst ver-
nichtend geschlagen von Hitler, dann, zusammen mit Hitler,
von den Alliierten, findet es sich nun im Abgrund der Er-
schöpfung zusammen mit seinen Unterdrückern, die nur das
eigene Volk besiegen konnten. Wenn die Betäubung weicht,
sieht man allenthalben das Pack wieder auf die Plattformen
kriechen, hinken und humpeln. Sie müssen sich lossagen,
koste es, was es wolle, es wird schon nicht so viel kosten, die
Welt kostet es schon nicht mehr. Sie sind nicht schuld, ihnen
schuldet man. Sie haben mit den Ruinen nur insofern etwas
zu tun, als sie die Besitzer sind. Hitler war ein ganz schlech-
ter Mann, ein Versager. Bei was? Sie bringen es in der Tat
mitunter fertig, daß einem der Abhub unter der Reichskanz-
lei für Sekunden leid tut. Man hat ihm die Pistole gereicht,
324 Zur Politik und Gesellschaft

aber er hätte sie nicht abdrücken sollen, nur damit erpressen.


Gut, abdrücken, ein wenig Krieg, einen kleinen, aber keinen
totalen. Wenn einen totalen, dann einen siegreichen, . . . wenn
einen Krieg, den man nicht gewinnen konnte, dann ei-
nen, den man verlor, ohne daß man die Kriegsgewinne
verlor...

Die Kapitalisten wollen keinen Krieg


Sie müssen ihn wollen.
Die deutschen Kapitalisten haben zwei Möglichkeiten in
einem Krieg.
1. Sie verraten Deutschland und liefern es an die USA aus.
(Petain.)
2. Sie betrügen die USA und setzen sich an die Spitze.

Die fünf Hauptlügen


Die Kapitalisten reden vom Frieden, um den Krieg führen
zu können.
Die Kapitalisten wünschen den Frieden aus Egoismus, da er
ihnen nützt. Ihre Wirtschaft ist unkriegerisch. Ist es nicht gut,
eine Wirtschaft zu haben, die unkriegerisch ist? Wem gefallen
Gedichte, wer profitiert von der Wahrheit, wem nützt Friede?
Die Kapitalisten wünschen nur zum Teil den Krieg, aber
alle die kriegerische Wirtschaft, und sie wollen Krieg führen
gegen die unkriegerische Wirtschaft.
Aber herrscht nicht besonders erbitterter Krieg gerade in der
Wirtschaft der DDR? Und Polens und Chinas? Ja, gegen die
Reste der kriegerischen Wirtschaft in der DDR, Polen, China.
— Werden die Kapitalisten nicht auch äußere Kriege gegen
die kriegerische Wirtschaft führen? Nein. Die Aufgaben der
Bürgerkriege können nicht von den Nationen erfüllt wer-
Vorschläge für den Frieden 325

den. - Aber die Kapitalisten sind für Bürgerkriege? Ja. Sie


machen Kriege überflüssig.
Fragmentarisch

Der Krieg
Wenige wollen ihn, viele doch fürchten ihn, aber sie alle kom-
men hinein.

[Zum Tod Stalins]


Den Unterdrückten von fünf Erdteilen, denen, die sich schon
befreit haben, und allen, die für den Weltfrieden kämpfen,
muß der Herzschlag gestockt haben, als sie hörten, Stalin ist
tot. Er war die Verkörperung ihrer Hoffnung. Aber die gei-
stigen und materiellen Warfen, die er herstellte, sind da, und
da ist die Lehre, neue herzustellen.
April 19s3

[Über die Kritik an Stalin]

Der Ausbruch aus der Barbarei des Kapitalismus kann selber


noch barbarische Züge aufweisen. Die erste Zeit der barbari-
schen Herrschaft mag dadurch unmenschliche Züge aufweisen,
daß das Proletariat, wie Marx es beschreibt, durch die Bour-
geoisie in der Entmenschtheit gehalten wird. Die Revolution
entfesselt wunderbare Tugenden und anachronistische Laster
zugleich. Die Befreiung von den Lastern braucht mehr Zeit
als die Revolution. Sie wird schon beim zweitenmal (in China)
etwas leichter sein und auch in weniger rückständigen
326 Zur Politik und Gesellschaft

Ländern, wo die ursprüngliche Akkumulation von Kapital


bereits fortgeschrittener ist.

Eine der schlimmen Folgen des Stalinismus ist die Verküm-


merung der Dialektik. Ohne Kenntnis der Dialektik sind
solche Übergänge wie die von Stalin als Motor zu Stalin als
Bremse nicht verstehbar. Auch nicht die Negierung der Par-
tei durch den Apparat. Auch nicht die Verwandlung von
Meinungskämpfen in Machtkämpfe. Noch das Mittel der
Idealisierung und Legendisierung einer führenden Person
zur Gewinnung der großen rückständigen Massen in
eine Ursache der Distanzierung und Lahmlegung dieser
Massen.

Die geschichtliche Würdigung Stalins bedarf der Arbeit der


Geschichtsschreiber. Die Liquidierung des Stalinismus kann
nur durch eine gigantische Mobilisierung der Weisheit der
Massen durch die Partei gelingen. Sie liegt auf der geraden
Linie zum Kommunismus.

Die Anbetung Stalins (schmerzlich) übergehen in einen Ver-


zicht auf das Beten.

[Zum 17. Juni 1953]


Die Demonstrationen des 17. Juni zeigten die Unzufrieden-
heit eines beträchtlichen Teils der Berliner Arbeiterschaft mit
einer Reihe verfehlter wirtschaftlicher Maßnahmen.
Vorschläge für den Frieden 327
Organisierte faschistische Elemente versuchten, diese Unzu-
friedenheit für ihre blutigen Zwecke zu mißbrauchen.
Mehrere Stunden lang stand Berlin am Rande eines dritten
Weltkrieges.
Nur dem schnellen und sicheren Eingreifen sowjetischer Trup-
pen ist es zu verdanken, daß diese Versuche vereitelt wurden.
Es war offensichtlich, daß das Eingreifen der sowjetischen
Truppen sich keineswegs gegen die Demonstrationen der Ar-
beiter richtete. Er richtete sich ganz augenscheinlich ausschließ-
lich gegen die Versuche, einen neuen Weltbrand zu ent-
fachen.
Es liegt jetzt an jedem einzelnen, der Regierung beim Aus-
merzen der Fehler zu helfen, welche die Unzufriedenheit her-
vorgerufen haben und unsere unzweifelhaft großen sozialen
Errungenschaften gefährden.

Ich habe am Morgen des 17. Juni, als es klar wurde, daß die
Demonstrationen der Arbeiter zu kriegerischen Zwecken
mißbraucht wurden, meine Verbundenheit mit der Soziali-
stischen Einheitspartei Deutschlands ausgedrückt. Ich hoffe
jetzt, daß die Provokateure isoliert und ihre Verbindungsnetze
zerstört werden, die Arbeiter aber, die in berechtigter Unzu-
friedenheit demonstriert haben, nicht mit den Provokateuren
auf eine Stufe gestellt werden, damit nicht die so nötige
große Aussprache über die allseitig gemachten Fehler von vorn-
herein gestört wird.

Vor dem 17. Juni und in den Volksdemokratien nach dem XX.
Parteitag erlebten wir Unzufriedenheit bei vielen Arbeitern
und zugleich hauptsächlich bei den Künstlern. Diese Stim-
mungen kamen aus einer und derselben Quelle. Die Arbeiter
drängte man, die Produktion zu steigern, die Künstler, dies
schmackhaft zu machen. Man gewährte den Künstlern einen
hohen Lebensstandard und versprach ihn den Arbeitern. Die
Produktion der Künstler wie die der Arbeiter hatte den
328 Zur Politik und Gesellschaft

Charakter eines Mittels zum Zweck und wurde in sich selbst


nicht als erfreulich oder frei angesehen. Vom Standpunkt des
Sozialismus aus müssen wir, meiner Meinung nach, diese Auf-
teilung, Mittel und Zweck, Produzieren und Lebensstandard,
aufheben. Wir müssen das Produzieren zum eigentlichen Le-
bensinhalt machen und es so gestalten, es mit so viel Freiheit
und Freiheiten ausstatten, daß es an sich verlockend ist.

Freie Wahlen
Es ist der älteste Trick der Bourgeoisie, den Wähler frei seine
Unfreiheit wählen zu lassen, indem man ihm das Wissen um
seine Lage vorenthält.
Das, was jemand braucht, um seinen Weg wählen zu können,
ist Wissen. Was kommt dabei heraus, wenn man einen Mann,
der weder Notenlesen noch Klavierspielen lernen durfte, vor
ein Klavier stellt und ihm die freie Wahl über die Tasten
läßt?
22. Februar 1954

Einige Freiheiten hätte ich heute freilich nicht, wenn es mich


nach ihnen verlangte. Ich kann zum Beispiel nicht in der Art
wählen, wie es »in zivilisierten Ländern üblich ist«. Gerne
würde ich sagen, warum es mich nicht danach verlangt.
Die Art der Wahlen, wie wir sie in Deutschland hatten,
kann nicht ganz gut gewesen sein. Zweimal während meines
Lebens wählten die Deutschen in jener zivilisierten Weise, von
der die Rede ist, den Krieg. Zweimal bestätigten sie durch
»freie Wahlen« Regierungen, die verbrecherische Kriege an-
zettelten und sie außerdem noch verloren. Von eigentlicher
Freiheit konnte wohl nicht gesprochen werden: Sie besaßen
nicht die Möglichkeiten, nach Einsicht in die Notwendigkeiten
zu handeln.
Vorsdiläge für den Frieden 329

Gelegentlich habe ich auch einige jener Freiheiten genossen,


welche die bürgerliche Gesellschaft in der Hoffnung gewährt,
daß sie nicht sehr stören. Es war mir etwa zu sagen erlaubt, daß
der Krieg zur Lebensweise der kapitalistischen Länder gehört
und mitunter ihre Sterbensweise wird. Wie man weiß, habe
ich dadurch Kriege nicht aufgehalten.
Die bürgerliche Gesellschaft hat viele Möglichkeiten, feindliche
Urteile unschädlich zu machen. Sie erschwert zunächst solche
Urteile, indem sie den Überblick über die Tatsachen verwehrt
und verbaut. Ihre Ideologen bringen schon dadurch alles
durcheinander, daß ihre Tätigkeit — der »Ordnung« wegen, der
»Wissenschaftlichkeit« wegen - auf ziemlich kleine Bezirke be-
schränkt bleibt. Die Physiker wissen nichts über Ökonomie,
außer daß einmal Mittel zufließen, einmal Mittel sich ver-
krümeln. Die Ökonomen sind schlecht beschlagen in der Ge-
schichte und gar nicht in der Logik. Die Schriftsteller
werden angehalten, in ihr eigenes Innere zu blicken und
»Wissenskram« zu meiden. Und was für riesige Frisierläden
für Tatsachen! Aus ihnen kommen die Krüppel heraus,
Prothesen schwingend wie Schmuckstücke; Gesichtslose mit
goldenen Locken; halb Verfaulte mit dem Duft von Vergiß-
meinnicht besprengt. Natürlich gibt es auch Apotheken mit
geistigen Medikamenten. Darunter werden sogar Gifte ver-
kauft, natürlich auf Rezepte. Sie sind in kleinen Dosen oft
anregend. Ich meine hier nicht die Gifte, die opium- und mor-
phiumgleich der Einlullung dienen und in großer Fülle und
Verschiedenheit verabreicht werden, besonders durch die
Künste. Ich meine etwa Darstellungen, die für den Kapitalis-
mus ungünstig sind.

Die Volkskammer
Vielleicht machen wir zuwenig aus unserer Volkskammer. Sie
arbeitet, wie ich höre, in ihren Ausschüssen, aber das geht
33° Zur Politik und Gesellschaft

»hinter verschlossenen Türen« vor sich, und die Bevölkerung


erfährt wenig davon. Wir könnten aber die Volkskammer als
ein großes Kontaktinstrument von Regierung zu Bevölkerung
und von Bevölkerung zu Regierung einrichten, als ein großes
Sprech- und Horchinstrument. Die Berichte der Zeitungen
über die öffentlichen Angelegenheiten stoßen immer noch auf
schwaches Interesse, teils weil sie ungeschickt geschrieben sind,
teils weil sie auf die wirklichen Fragen der Bevölkerung
nur selten eingehen und Gegenstimmen allzu deutlich nur
»abfertigen«. Der Rundfunk ist trotz einiger Bemühungen
nach wie vor tot. Die Abgeordneten der Volkskammer wür-
den, wenn sie in großangelegten Versammlungen echten Kon-
takt mit der Bevölkerung suchten, auf Grund von Frage
und Antwort vielleicht die uns so sehr fehlende Initiative der
lebendigen Teile der Bevölkerung in den öffentlichen Ange-
legenheiten wecken können. Natürlich müßten auch sie nicht
nur reden, sondern auch fragen. An sie sollten die tausend
großen und kleinen Beschwerden gerichtet werden, damit wir
sie in Vorschläge verändern können. Die Leute müßten ihren
Abgeordneten Briefe schreiben können, auch anonyme, und
die Abgeordneten müßten die Briefe beantworten, in Ver-
sammlungen, in Volkskammersitzungen, in Briefen. Der Re-
gierung würde dies einen kostbaren Überblick über die Stim-
mung, die Sorgen, die Ideen der Bevölkerung geben und der
Bevölkerung ein Organ.
Juli 1954

[Vorschläge für Losungen zur Volkskammerwahl]


Die Kunst braucht den Frieden
Wählt die Vorkämpfer des Friedens!

Für die Vergesellschaftung der Betriebe!


Für die Übergabe des Landes an die Bauern!
Vorschläge für den Frieden 3 3I

Für die Ausbildung der Arbeiter- und Bauernkinder!


Für die Planung!

Gegen die Kriegstreiber in der Bundesrepublik!


Gegen die Wiederkehr der Nazis in der Bundesrepublik!
Oktober 1954

Gedächtnisstätte Buchenwald
Gegenüber dem einstigen Konzentrationslager Buchenwald,
auf dem Abhang Weimar zu, soll ein Denkmal, zusammen
mit einer würdigen Gedächtnisstätte gebaut werden. Eine
steinerne Gruppe überlebensgroßer Figuren auf einem ein-
fachen Sockel überblicken ein Amphitheater in edlen Linien.
Es sind die Standbilder befreiter Häftlinge, alle nach Süd-
westen blickend. Auf dem Sockel steht: Hier fing die Freiheit
an, wann wird frei sein jedermann?
In dem Amphitheater ihnen zu Füßen sollen alljährlich zum
Gedächtnis der Häftlinge Festspiele in ihrem Sinn veranstaltet
werden. Gedacht ist an große Appelle an ganz Deutschland,
übertragen durch den Rundfunk, in denen alle Deutschen
aufgerufen werden, für den Frieden und den sozialen Fort-
schritt zu kämpfen. Diese Appelle bestehen aus chorischen
und Einzelgesängen, Verlesungen und politischen Reden. Ein
Beispiel dafür ist das Werk »Appell« von Dessau und Skupin.

Philosophen und Bevölkerung über Vergnügungen


Es gibt bei uns sehr wenig Philosophen, die sich für Vergnü-
gungen aussprechen. In der Tat werden die Philosophen, welche
die Vergnügungen unterbinden oder zumindest einschränken
wollen, höher gepriesen, ernster genommen. Ihre Vorschriften
werden desto mehr geachtet, je weniger sie beachtet werden.
3 32 Zur Politik und Gesellschaft

Der besitzende Teil der Bevölkerung verurteilte die Vergnü-


gungssucht der Besitzlosen aus begreiflichen Gründen, der
besitzlose Teil die der Besitzenden ebenfalls aus begreiflichen
Gründen. So kamen die Vergnügungen, wo immer von Moral
gesprochen wurde, in schlechten Ruf.

Der Satz: Das Ziel eines Menschen ist, sich zu vergnügen ist
deshalb schlecht, weil es dem guten Satz: Das Ziel der Mensch-
heit ist, sich zu vergnügen ins Gesicht schlägt.

[Widerspruchsvoller Prozeß]
Der Prozeß des Lernens bei uns ist ein allseitiger, verwickel-
ter, widerspruchsvoller Prozeß. Wir können häufig nicht mit
dem Elementarsten beginnen, wenn wir auch nicht versäumen
dürfen, es jeweils nachzuholen. Außerordentlich fortgeschrit-
tene Ideen, welche uns ermöglichen, verwickelte gesellschaft-
liche Umwälzungen zu dirigieren, treffen wir oft in ganz pri-
mitiver Form an. Wir müssen alle alles gleichzeitig lernen, das
Schwierige und das Leichte, das Alte, das Neue. Die Bücher
sind unvollständig, oft irreführend, und wir können ihrer doch
nicht entraten. Die Weisheit des Volks muß in allem das letzte
Wort sprechen und doch ist sie vermengt mit Aberglaube.
Irgendwo müssen wir anfangen, nirgends dürfen wir auf-
hören.

[Neue Schulen]
Ein chinesischer Philosoph hat gesagt: Wenn man wissen will,
was der Frühling ist, muß man an den Winter denken. Er
meinte: Sich erinnernd an die dunklen, leeren Äste im Winter,
sieht man den blühenden Apfelbaum mit noch mehr Freude.
So geht es mir, wenn ich eine der guten neuen Schulen sehe,
Vorsdiläge für den Frieden 333

eine der guten, denn es sind noch lange nicht alle gut. Aber
die guten unserer neuen Schulen sind so viel besser als die
besten alten zu meiner Zeit.
Als ich in eurem Alter war und in die Schule ging, waren
die Lehrer unsere Feinde.

Schule der Ästhetik


Um den Geschmack der Kinder auszubilden, muß man sie in
eine besondere Schule bringen, wo sie machen können, was
man für die Chemie in den Laboratorien macht. Sie müssen
Möbel zur Verfügung haben, mit denen sie Zimmer einrich-
ten, Kleider, die sie anziehen können und so weiter. Und es
muß gute und schlechte Möbel geben und Kleider verschie-
dener Güte. Sie müssen Baukästen bekommen mit Bauteilen
verschiedener Epochen, die sie aussuchen können. Aus kleinen
Modellen sollen sie Gärten planen, aus künstlichen Blumen
Sträuße binden lernen. Für den Musikunterricht brauchen sie
Tonbänder, auf denen Musikwerke zerlegt aufgenommen sind
und so weiter. Sie sollen Photographieren lernen und dabei
Komponieren lernen. Drehen und Bemalen einfacher Tontöpfe.
Setzkästen zum Komponieren von Buchseiten. Mappen mit
kitschigen Bildern. Lesen von Gedichten, dann Abhören der
Rezitation durch gute und schlechte Rezitatoren, auf Platten.
Mappen mit edlen Gebrauchsgegenständen, Eßbestecken,
Spielkarten.

reform der rechtschreibung


ich bin gegen eine reform der rechtschreibung von solchem
ausmass dass alle die bücher, die auf die alte weise gedrukkt
sind, schwer lesbar werden, die grossen buchstaben sollte man
aber nur für namen und für die fürwörter in der anrede
334 Zur Politik und Gesellsdiaft
verwenden, (auch für den satzanfang nicht; da genügt der
punkt und ein abstand.) die ausspräche sollte in der recht-
schreibung berücksichtigt werden, ich würde schreiben: er
sang so dass man ihn hören konnte, sodass man wusste, in wel-
cher Stimmung er war. liebe darf man nicht Übe schreiben und
toll nicht toi. fisik scheint mir in Ordnung, wase nicht, wer
ins teater geht sollte einen zilinder aufsezzen können, aber
mystik sollte er nicht vorgesezzt bekommen, lieber farsen.
razion liest sich für mich nicht übel, aber razio geht nicht
und nazion ist undenkbar, da habe ich einen schokk bekom-
men, lassen wir also lieber auch die rationen.

[Verdienste der Bourgeoisie]


Die sozialistischen Klassiker sind dagegen, daß es herrschende
Klassen gebe; sie sind deshalb dagegen, weil es ihnen heute
nicht mehr nötig erscheint. Das heißt, sie sind nicht dagegen,
daß es sie gegeben hat. Sie zählen selber sorgfältig die Ver-
dienste solcher herrschender Klassen um die Gesellschaft auf.
Das »Kommunistische Manifest« enthält ein Hoheslied auf
die revolutionären Verdienste der Bourgeoisie.

[Dialektische Betrachtungen]
Der Satz: Ein Bauer ist ein Bauer muß zugegeben werden und
muß geleugnet werden.
Der Bauer ist ein Bauer, wenn man an einen Städter denkt.
Wenn man nicht an einen Städter denkt und ihn von diesem
unterscheiden will, wird der Satz gefährlich. Es war Lenin
möglich, eine sehr erfolgreiche Politik ins Werk zu setzen,
indem er, Marx folgend, den armen Bauern vom Mittelbauern
und diesen vom Großbauern unterschied und die Gegensätze
zwischen ihnen allen manipulierte. Bei zunehmender Indu-
Vorschläge für den Frieden 335

strialisierung verliert sich der Bauer im Gärtner, im Arbeiter,


im Techniker.
Alles will bleiben, was es ist, und will nicht bleiben, was es
ist.

Die sozialistische Planung negiert zunächst (in den ersten


Stadien, in der Zeit der heftigsten Kämpfe) die anarchistische
Warenproduktion. Dieser zu erkämpfende Zustand wird dann
negiert werden müssen durch eine Produktionsweise, welche
zugunsten der Produktion Gegensätze aufweist, die die Pla-
nung dialektisch machen.
Wir werden dialektische Institutionen bauen, die veränderlich
sind und unversöhnliche Gegensätze aufweisen.

[Musikalität des Denkens]


Nach der Lektüre eines neuen physikalischen Aufsatzes von
Niels Bohr rief Einstein: »Das ist höchste Musikalität auf dem
Gebiet des Denkens!« - Ebensogut hätte man von dem Auf-
satz wohl sagen können: Ein Aufstand, schön geplant und
mächtig durchgeführt!

Der unkosmopolitische Kosmopolitismus


Viele unserer Intellektuellen sind verwirrt durch die Ankla-
gen der Russen gegen den Kosmopolitismus. Warum sind die
Russen gegen das berühmte Ideal der Spinoza, Goethe, Whit-
man, Puschkin, welches darin besteht, daß die Menschen
über die ganze Erde hin sich als Menschen schlechthin behan-
deln sollten? Die Russen haben etwas dagegen, daß dieses
Ideal mißbraucht wird. Erinnern wir uns doch! Warum waren
wir vor einundeinhalb Jahrzehnten plötzlich gegen die Eini-
gung der deutschen Arbeiter, als Hitler sie in seiner Arbeits-
336 Zur Politik und Gesellsdiaft

front zusammenfaßte? Gegen die Einigung Europas, als Hit-


ler seine neue Ordnung verkündigte? Wir waren dagegen,
daß das Ideal der Einigung mißbraucht wurde. Hitler einigte
die Arbeiter und die Wirtschaften des Kontinents, wie der
Fischer im Netz die Fische einigt. Der Kosmopolitismus, die
Politik der Einigung aller Menschen der Erde, ist ein Ideal
der bürgerlichen Ideologen, und die proletarischen Denker,
die Sozialisten, haben es nicht verworfen, sondern sie haben
gezeigt, wie er verwirklicht werden kann. Die bürgerlichen
Ideologen wußten nicht, was nötig ist, das Ideal zu verwirk-
lichen, nämlich den Sozialismus. Bei einer bürgerlichen, näm-
lich kapitalistischen Wirtschaft, können die Menschen sich nicht
über die ganze Erde hin schlechthin als Menschen behandeln.
Denn diese Produktionsweise beruht auf der und zielt ab
auf die Ausbeutung des Menschen durch die Menschen. Im
Maul des Kapitalismus wird das schöne Ideal wie so manches
andere Ideal zu einer idealen Gelegenheit, mehr Menschen
als bisher auszubeuten, womöglich alle Menschen über die
ganze Erde hin.

Es ist natürlich nicht so, daß die amerikanischen Kapitalisten


das Ideal des Kosmopolitismus verkünden. Als der frühere
Vizepräsident Roosevelts, Henry Wallace, ein Liberaler, sein
Buch »Eine Welt - oder keine Welt« veröffentlichte, in dem
er vorschlug, die politische Demokratie in eine wirtschaftliche
Demokratie zu verwandeln, wurde er mit Hohn und Spott
überschüttet. Man nannte seine Ideen »globallony«, und das
Wort war zusammengesetzt aus »global« (den ganzen Globus
betreffend) und »ballony« (Unsinn).
Fragmentarisch
Vorschläge für den Frieden 337

[Widerspruch im Proletariat]
Im Proletariat bildet sich mit der Zeit ein immer stärker
werdender Widerspruch heraus. Ein Teil der Arbeiter, in ge-
wissen Ländern ein sehr großer Teil, sogar die Mehrheit, hält
fest an der bestehenden »Ordnung« und findet sich ab mit
der Ausbeutung, zumindest solang der Lebensstandard halb-
wegs erträglich oder verbesserbar erscheint. Ein Umsturz ist
mit großen Mühen, Gefahren, Änderungen aller Gewohnhei-
ten und so weiter verknüpft. Vor allem müssen sich die Arbei-
ter, die ihn anstreben, in kriegerische Handlungen gegen die
Bourgeoisie einlassen und sich unter eine strikte strenge Dis-
ziplin stellen, um den sehr harten Kampf führen zu können.
So unfrei sie im Kapitalismus sind, schrecken sie doch vor
dieser Disziplin zurück und empfinden die Unterordnung
unter eiserne Planung, unter Kommandos, ohne welche ein
Kampf um die Freiheit keine Aussicht bietet, als eine Unfrei-
heit, die ihnen schlimmer vorkommt, da sie neu und unge-
wohnt ist. Deshalb unterstützen sie die Bourgeoisie, ihre
Ausbeuterin, in deren Kampf gegen den andern Teil der Ar-
beiterschaft und geraten in Kampf mit diesem.
Dieser Widerspruch im Proletariat entwickelt sich in jedem
Land natürlich anders. In gewissen Ländern ist der Teil des
Proletariats, der mit der Bourgeoisie geht - wenn auch in
Kämpfen mit der Bourgeoisie - , größer als in anderen. Zum
Beispiel da, wo sich große Produktivkräfte ungehindert ent-
wickeln können wie in den USA, da hier die Bourgeoisie in
ihren Konkurrenzkämpfen den Lebensstandard der Massen
eine Zeitlang immerzu erhöhen muß. Oder in Ländern, die
wie England oder andere Kolonialländer ihre Arbeiterschaft
dazu brauchen, die Kolonien auszubeuten.
3 3 8 Zur Politik und Gesellschaft

[Notizen über Amerika]


Zwei Menschen wurden fälschlich beschuldigt und zum Tod
verurteilt. Die "Welt protestierte, aber sie wurden hingerichtet.
Ist die Sache damit behoben? Nein.
Dasselbe Amerika ist jetzt damit beschäftigt, ein westdeutsches
Söldnerheer aufzurichten. Aber vor 20 Jahren erhob sich, von
der Großindustrie finanziert und vom Junkertum in Bürokra-
tie und Heer bedient, ein ganz und gar unmenschliches Re-
gime, das die halbe Welt mit Krieg überzog und sechs Millio-
nen Juden methodisch ausrottete. Haben die Völker das ver-
gessen? Nein.
Einundeinhalbhundert Millionen fleißiger, wacher, in vielen
Gewerben und Praktiken geschulter Menschen sehen sich un-
ter einem Regime, das ihre Intelligenz mißachtet und ihre
Gerechtigkeitsliebe verlacht. Angesichts offenen Unrechts wis-
sen sie nicht. An der Verschwörung des Regimes nehmen alle
großen Zeitungen des Landes teil, die Rundfunknetzwerke,
der Film, der Sehfunk. Die 150 Millionen erfahren so kaum,
was einem der ihren passiert. Erführen sie es, könnten sie zu-
nächst wenig machen. [. ..]

[. ..] Die Gewissensbisse der Atomphysiker sind als Moralia


besonders komisch; diese Spezies sieht durch die Reglementie-
rung, gegen die die heilige Inquisition harmlos war, weniger
ihre Jobs als ihre Arbeit selbst bedroht. Da geht der Uranium-
vorhang nieder über der gesamten Wissenschaft. Zugleich
werden sie fernerhin weder Briefe schreiben, noch Reisen ma-
chen dürfen. Will in Zukunft ein Gelehrter den andern in
Lebensbedingungen bringen, die bisher nur Gefängnisinsassen
kannten, braucht er ihm nur eine atomphysikalische Entdek-
kung nachzusagen. Demgegenüber ist die Möglichkeit, daß
unser Planet morgen in die Luft gehen kann, nur publizistisch
interessanter für die Herren. Kurzum, es ist nicht die beste
Zeit für Hoffnungen. [. . .]
Vorschläge für den Frieden 339

Ein Vorschlag anläßlich der außerordentlichen


Tagung des Weltfriedensrates in Berlin 1954
Die großen Revolutionen in Rußland und China und, im Ge-
folge davon, die Emanzipation der Kolonialvölker auf der
ganzen Welt haben ein wirtschaftliches und politisches System
in Gefahr gebracht, von dem viele glaubten, es werde für im-
mer herrschen können.
Von den aufgeklärten Völkern zur Rede gestellt, daß dieses
System die Welt nicht bewohnbar machen konnte, greift es nun
zu Waffen, die sie sehr wohl ganz und gar für immer unbe-
wohnbar machen können.
Es gibt eine große und größer werdende Friedensbewegung
in der Welt, deren Ausdruck Sie sind. Aber das Entsetzliche
ist, daß ein Krieg schon nicht mehr nötig ist, die Welt zu ver-
nichten: Durch die Entwicklung der Atomphysik genügen die
Kriegsvorbereitungen dazu.
Auf japanische und amerikanische Städte gehen seit Wochen
radioaktive Regen nieder. Mit Furcht betrachtet die Bevölke-
rung Japans die Fischdampfer, die immer ihre Hauptnahrung
gebracht haben. Denn das Meer und die Luft, jahrtausende-
lang ohne Besitzer, haben nun Herren gefunden, die sich das
Recht über sie anmaßen, nämlich das Recht, sie zu verseuchen.
Die Gesundheit des Menschengeschlechts ist bedroht auf Jahr-
hunderte hinaus.
Aber die Angestellten dieser Experimentatoren in Presse und
Radio verheimlichen alles und machen zu Kleinigkeiten, was
sie nicht verheimlichen können.
Dagegen gibt es nur eines: Die Millionen in allen fünf Erd-
teilen müssen von der ungeheuren Gefahr verständigt werden.
Wie das anfangen? Wie die pure Unwissenheit bekämpfen,
wie die durch die Greuel zweier Weltkriege abgestumpfte Phan-
tasie wieder beleben? Es ist meine Meinung, daß das Wissen,
das allein in dieser späten Stunde eine Bewegung entfalten
kann, so umfassend, daß die Anschläge der Meuchelmörder
340 Zur Politik und Gesellschaft
vereitelt werden können, von den Millionen der Betroffenen
selber verbreitet werden sollte. Es muß zu großen Geldsamm-
lungen aufgerufen werden, die dazu dienen sollen, Flugblät-
ter, Broschüren und Bücher herzustellen, in denen unsere
Wissenschaftler in einfachster Sprache, vielleicht unterstützt
von uns Schriftstellern, die Wahrheit über die Gefahr der Ex-
perimente mit Atomwaffen für die ganze Erde sagen. Die
Mütter müssen Geld geben und sammeln, kleinweise, in Pfen-
nigen, damit örtlich und im Großen das Wissen verbreitet
wird, das ihre Kinder retten soll. Die Nachbarn müssen die
Nachbarn anreden. Lehrend würden sie am besten lernen. Sich
und die ihren verteidigend, würden sie alle zur Verteidigung
aufrufen.
Lassen Sie uns gegen die unkonventionellen Waffen, wie die
amerikanische Regierung ihre Atombomben nennt, zu unkon-
ventionellen Mitteln der Verbreitung des Wissens greifen!
28. Mai 1934

[Entwurf eines Aufrufs an die Jugend]


Gefahr bedroht unser Leben und unsere Zukunft. In West-
deutschland ersteht der deutsche Militarismus wieder, der
schon zweimal in weniger als 50 Jahren Verwüstung und Tod
in unsere Länder getragen hat.
Jene Kreise, die Hitler bewaffneten, und die Generale, die
seine Kriegspläne in die Tat umsetzten, haben wieder die
Macht ergriffen. Sie haben die Unterstützung der amerikani-
schen Rüstungsmillionäre. Die Aufstellung der sogenannten
Europaarmee durch die Bonner und Pariser Verträge ist nur
dazu bestimmt, die Wiederbewaffnung Westdeutschlands zu
verschleiern.
Diese Wiederbewaffnung beschwört die ernste Gefahr eines
Konfliktes zwischen den Völkern ganz Europas herauf, und
dies im Zeitalter der Atomwaffen!
Vorschläge für den Frieden 341

Schon bedeutet diese Kriegsvorbereitung für viele unter uns


niedrige Löhne, Arbeitslosigkeit und die Unmöglichkeit, einen
Beruf zu erlernen.
Sie bedeutet die Aussicht auf erneute Verschickung zur
Zwangsarbeit.
Die Jugendlichen, die unter dem deutschen Militarismus gelit-
ten haben, sowohl in den Deutschland benachbarten Ländern
als auch in Deutschland selbst, wollen keinen neuen Krieg. Sie
wollen in Frieden und Freundschaft miteinander leben und die
Unabhängigkeit eines jeden Volkes achten.
Wir können die friedliche Lösung des deutschen Problems
durchsetzen, wenn wir die Stimme der jungen Generation mit
größerem Nachdruck allen zu Gehör bringen, um den Bonner
und Pariser Verträgen entgegenzutreten. Es darf bei uns keine
Rolle spielen, was unsere Auffassung in anderen Fragen sein
möge.
Jugendliche Deutschlands, Frankreichs, Englands, Italiens, Bel-
giens, Hollands, Luxemburgs, Dänemarks, Österreichs, der
Tschechoslowakei und Polens, versammelt Euch und handelt
in Einheit. Vermittelt einander die Erfahrungen Eurer Kämp-
fe ! Handelt gemeinsam! *
Entsendet die Vertreter der Jugend Eurer Länder vom 2. bis
4. April 1954 nach Berlin, damit sie dort gemeinsam bespre-
chen, wie wir für uns alle den Frieden erhalten!

Erklärungen [zu den Pariser Abmachungen]


Wir wollen nicht die Pariser Abmachungen. Wir wollen keine
»Vereinigung« Deutschlands durch Krieg, und wir wollen kein
Deutschland, das in einem Kriegslager steht. Wir wollen ein
friedliches Deutschland.

Wir erkennen die Pariser Abmachungen, die von der Ade-


nauer-Regierung für ganz Deutschland geplant sind, nicht an.
342 Zur Politik und Gesellschaft
Wir wollen kein Deutschland, das in einem Kriegslager steht,
denn ein dritter Krieg würde Deutschland unbewohnbar
machen.
Dezember 1954

[Warnung vor Kriegen]


Heute vor 10 Jahren wurde Dresden, eine der schönsten
Städte Deutschlands, in wenigen Stunden durch Fliegerbom-
ben so zerbrochen und verkrüppelt, daß die Verwüstungen
heute noch sichtbar sind. (Die Spuren sind schrecklich, aber
erschrecken sie jedermann?) Am zehnten Jahrestag dieser
Greuel legen wir hier in Dresden ein Dokument vor, das vor
Kriegen warnen soll, schrecklicheren noch als die vergangenen,
Kriegen, die nicht mehr mit einfachen oder wie die Amerika-
ner sagen, konventionellen Bomben geführt werden würden.
Es ist folgende Erklärung:
»Wir erkennen die Pariser Abmachungen, die von der Ade-
nauer-Regierung für ganz Deutschland geplant sind, nicht an.
Wir wollen kein Deutschland, das in einem Kriegslager steht,
denn ein dritter Krieg würde Deutschland unbewohnbar ma-
chen.«
Ich übergebe die Unterschriften dem deutschen Friedensrat
mit der Bitte, sie auf dem nächsten Weltfriedenskongreß in
Helsinki dem Weltfriedensrat zu übergeben. Wir haben die
feste Zuversicht, daß auch Wasserstoffbomben den Traum der
Menschen von einem glücklichen Leben nicht vernichten kön-
nen. Noch können sie die großen neuen Ideen vernichten, die
ein solches glückliches Leben der Völker ermöglichen.
13. Februar 1955
Vorsdiläge für den Frieden 343

[Mahnung]
Bedenkt, was es bedeuten würde, wenn jetzt, wo es Wasser-
stoffbomben, möglicherweise sogar Kobaltbomben gibt, ein
Krieg ausbräche. Sei es durch Deutschland oder wegen Deutsch-
land!
Auch mit Kobaltbomben kann man Ideen nicht ausrotten,
aber Deutschland kann man so treffen, daß es für lange Zeit
unbewohnbar wird.

[Antwort auf eine Umfrage nach


dem besten Buch 1954]
Die Lektüre, die im vergangenen Jahr den stärksten Eindruck
auf mich gemacht hat, ist Mao Tse-tungs Schrift Ȇber den
Widerspruch«.
Februar 19s 5

Rede anläßlich der Verleihung des Lenin-Preises »Für


Frieden und Verständigung zwischen den Völkern«
Es ist eine der erstaunlichen Gepflogenheiten der Sowjetunion,
dieses höchst erstaunlichen Staates, alljährlich einige Leute mit
einem Preis für Bemühungen um den Weltfrieden auszuzeich-
nen. Ein solcher Preis scheint mir der höchste und meist erstre-
benswerte von allen Preisen, die heute verliehen werden kön-
nen. Was immer man ihnen einreden will, die Völker wissen:
Der Friede ist das A und O aller menschenfreundlichen
Tätigkeiten, aller Produktion, aller Künste, einschließlich der
Kunst zu leben.
Ich war 19 Jahre alt, als ich von Ihrer großen Revolution
hörte, 20, als ich den Widerschein des großen Feuers in meiner
Heimat erblickte. Ich war Sanitätssoldat in einem Augsburger
344 Zur Politik und Gesellsdiaft

Lazarett. Die Kasernen und sogar die Lazarette leerten sich,


die alte Stadt füllte sich plötzlich mit neuen Menschen, in
großen Zügen aus den Vorstädten kommend, von einer Le-
bendigkeit, welche die Straßen der Reichen, der Ämter und
Kaufleute nicht kannten. Einige Tage lang sprachen Arbeiter-
frauen in den schnell improvisierten Räten und wuschen jun-
gen Arbeitern in Soldatenkitteln die Köpfe, und die Fabriken
hörten die Befehle der Arbeiter.
Einige Tage, aber was für Tage! Überall Kämpfer, aber zugleich
friedliche Leute, aufbauende Leute!
Die Kämpfe führten, wie Sie wissen, nicht zum Sieg, und Sie
wissen, warum. In den folgenden Jahren der Weimarer Repu-
blik waren es die Schriften der Klassiker des Sozialismus, die
durch den großen Oktober neu belebt worden waren, und die
Berichte von Ihrem kühnen Aufbau einer neuen Gesellschaft,
die mich diesen Idealen verpflichteten und mit Wissen
versahen.
Die wichtigste der Lehren bestand darin, daß eine Zukunft
für die Menschheit nur »von unten her«, vom Standpunkt
der Unterdrückten und Ausgebeuteten aus, sichtbar wurde.
Nur mit ihnen kämpfend, kämpft man für die Menschheit.
Ein riesiger Krieg hatte stattgefunden, ein riesigerer wurde
vorbereitet. Von hier aus, von unten aus, waren die versteckten
Ursachen dieser Kriege zu erkennen; diese Klasse hatte sie zu
bezahlen, die verlorenen und die siegreichen. Hier, in der
Tiefe, hatte auch der Friede einen kriegerischen Aspekt.
Zuinnerst der Sphäre der Produktion und allüber die Sphäre
der Produktion herrschte die Gewalt, sei es die offene des
Flusses, der die Dämme zerreißt, oder die geheime der
Dämme, die den Fluß niederhalten. Es handelte sich nicht nur
darum, ob Kanonen hergestellt wurden oder Pflüge - in den
Kriegen um den Brotpreis sind die Pflüge die Kanonen. In
den immerwährenden unerbittlichen Kämpfen der Klassen um
die Produktionsmittel sind die Zeiten verhältnismäßigen Frie-
dens nur die Zeiten der Erschöpfung. Nicht so ist es, daß
Vorsdiläge für den Frieden 345

ein zerstörerisches kriegerisches Element immer wieder die


friedliche Produktion unterbricht, sondern die Produktion
selbst gründet sich auf das zerstörerische kriegerische Prinzip.
Das ganze Leben kämpfen die Menschen im Kapitalismus um
ihre Existenz - gegeneinander. Die Eltern kämpfen um die
Kinder, die Kinder um das Erbe, der kleine Händler kämpft
um seinen Laden mit dem anderen kleinen Händler, und
alle kämpfen sie mit dem großen Händler. Der Bauer kämpft
mit dem Städter, die Schüler kämpfen mit dem Lehrer, das
Volk kämpft mit den Behörden, die Fabriken kämpfen mit
den Banken, die Konzerne kämpfen mit den Konzernen. Wie
sollten da am Ende nicht die Volker mit den Völkern
kämpfen!
Die Völker, die sich eine sozialistische Wirtschaft erkämpft
haben, haben eine wunderbare Position bezogen, was den Frie-
den betrifft. Die Impulse der Menschen werden friedlich. Der
Kampf aller gegen alle verwandelt sich in den Kampf aller
für alle. Wer der Gesellschaft nützt, nützt sich selbst. Wer sich
selbst nützt, nützt der Gesellschaft. Gut haben es die Nütz-
lichen, nicht mehr die Schädlichen. Der Fortschritt hört auf,
ein Vorsprung zu sein, und die Erkenntnisse werden nieman-
dem mehr verheimlicht, sondern allen zugänglich gemacht. Die
neuen Erfindungen können mit Freude und Hoffnung emp-
fangen werden, anstatt mit Entsetzen und Furcht.
Ich selbst habe zwei Weltkriege erlebt. Jetzt, an der Schwelle
des Alters, weiß ich, daß von neuem ein ungeheurer Krieg
vorbereitet wird. Aber ein Viertel der Welt ist jetzt befriedet.
Und in anderen Teilen befinden sich die sozialistischen Ideen
im Vormarsch.
Der Friedenswunsch der einfachen Menschen allüberall ist
tief. In den intellektuellen Berufen kämpfen viele, auch in
kapitalistischen Staaten, mit verschiedenen Graden des Wis-
sens für den Frieden. Aber es sind die Arbeiter und Bauern in
ihren eigenen Staaten und in den Staaten des Kapitalismus,
auf denen unsere beste Hoffnung für Frieden beruht.
34^ Zur Politik und Gesellschaft
Es lebe der Friede! Es lebe Ihr großer Staat des Friedens,
Staat der Arbeiter und Bauern!
Mai 19 f $

[Unterstützung der Regierung]


Bei ihrer ungeheuren Aufgabe, nach einem der entsetzlichsten
Kriege der Weltgeschichte die Flecken der Zivilisation aus-
zutilgen und die Grundlage jeder Kultur, nämlich eine fried-
liche Produktion zu errichten, erhält die Regierung der DDR
mehr und mehr Unterstützung von Seiten der breiten werk-
tätigen Massen.

[Verteidigerin der deutschen Kultur]


Mehr und mehr wird die Deutsche Demokratische Republik die
Verteidigerin der deutschen Kultur, der alten und der neuen.
Die Unterstützung der Sowjetunion spielt da eine mächtige
Rolle.
2;. August 19ff

[Wilhelm Pieck zum Geburtstag]


Wenn Wilhelm Pieck nicht Präsident des fortgeschrittensten
Teiles Deutschlands wäre, müßte er es sogleich werden.
j . Januar 1956

[An den Weltfriedensrat]


Durch Krankheit verhindert, an Ihren Beratungen teilzuneh-
men, möchte ich Ihnen schriftlich einen Vorschlag unterbreiten.
Vorschläge für den Frieden 347
Die materielle und geistige Aufrüstung zu einem dritten
Weltkrieg bedroht Wissenschaft und Künste mit Entwürdigung
und Vergewaltigung.
Ich schlage vor, unmittelbar mit den Vorarbeiten zur Errich-
tung einer Internationalen Akademie der Wissenschaften und
Künste zu beginnen, deren Mitglieder in gegenseitiger Kor-
respondenz feststellen, was in den verschiedenen Ländern ge-
tan werden muß, damit der Frieden der Welt erkämpft wer-
den kann. Es ist nötig, daß Wissenschaftler wie Künstler sich
untereinander verständigen, damit sie der Menschheit jene
Impulse und Kenntnisse geben können, ohne die sie echte Fort-
schritte nicht machen kann.
Ich wünsche Ihnen Glück zu Ihrer Arbeit für den Frieden,
von der so viel abhängt.

[Nicht ohne Deutschland]


Es ist wirklich schwer zu sehen, wie die Sowjetunion mit
dem Westen über die beiden Deutschland einig werden könnte.
Ohne Braut gibt's keine Heirat, sagt ein alter Bauernspruch.

[Für Verhandlungen]
Es ist verbrecherische Torheit, wenn Deutschlands Nachbarn
den einen Teil Deutschlands gegen den andern aufrüsten, an-
statt ihn zu dem andern an den Verhandlungstisch zu bringen.
Diejenigen Deutschen, die nicht zu verhandeln brauchen, wer-
den schießen. Und am Himmel Europas wird dann der Große
Pilz erscheinen.
348 Zur Politik und Gesellschaft

Eine Einigung
Die friedliche Einigung Europas kann nur darin bestehen,
daß die Staaten Europas sich darüber einigen, ihre verschie-
denen wirtschaftlichen Systeme nebeneinander bestehenzulas-
sen. Im Augenblick gibt es für den Frieden Europas keine
größere Gefahr als die Wiederbewaffnung Westdeutschlands,
das ohne Zweifel diese Waffen früher oder später zu einer
Auseinandersetzung mit dem östlichen Teil Deutschlands ein-
setzen würde.

[Kollektive Arbeitsweise]
In der Phase, wo die Politik aus einer »Kunst« eine Wis-
senschaft wird, kann und muß sie zur kollektiven Arbeits-
weise übergehen.

Offener Brief an den Deutschen Bundestag Bonn


Gestatten Sie mir, als einem Schriftsteller, zu der Furcht ein-
flößenden Frage einer Wiedereinführung der Wehrpflicht
Stellung zu nehmen.
Als ich ein junger Mensch war, gab es in Deutschland eine
Wehrpflicht, und ein Krieg wurde begonnen, der verloren-
ging. Die Wehrpflicht wurde abgeschafft, aber als Mann er-
lebte ich, wie sie wieder eingeführt wurde, und ein zweiter
Krieg wurde begonnen, größer als der erste. Deutschland ver-
lor ihn wieder und gründlicher, und die Wehrpflicht wurde
wieder abgeschafft. Diejenigen, die sie eingeführt hatten, wur-
den von einem Weltgerichtshof gehängt, soweit man ihrer hab-
haft werden konnte. Jetzt, an der Schwelle des Alters, höre ich,
daß die Wehrpflicht zum dritten Mal eingeführt werden soll.
Gegen wen ist der dritte Krieg geplant? Gegen Franzosen?
Vorsdiläge für den Frieden 349

Gegen Polen? Gegen Engländer? Gegen Russen? Oder gegen


Deutsche? Wir leben im Atomzeitalter, und 12 Divisionen
können einen Krieg nicht gewinnen — wohl aber beginnen.
Und wie sollten es bei allgemeiner Wehrpflicht 12 Divisionen
bleiben? Wollt Ihr wirklich den ersten Schritt tun, den ersten
Schritt in den Krieg? Den letzten Schritt, den in das Nichts,
werden wir dann alle tun. Und wir wissen doch alle, daß es
friedliche Möglichkeiten der Wiedervereinigung gibt, freilich
nur friedliche. Uns trennt ein Graben, soll er befestigt wer-
den? Krieg hat uns getrennt, nicht Krieg kann uns wieder
vereinigen.
Keines unserer Parlamente, wie immer gewählt, hat von der
Bevölkerung Auftrag oder Erlaubnis, eine allgemeine Wehr-
pflicht einzuführen.
Da ich gegen den Krieg bin, bin ich gegen die Einführung der
Wehrpflicht in beiden Teilen Deutschlands, und da es eine
Frage auf Leben und Tod sein mag, schlage ich eine Volks-
befragung darüber in beiden Teilen Deutschlands vor.
4. Juli 1956

[Perspektive für Deutschland]


Wenn Deutschland einmal vereint sein wird — jeder weiß,
das wird kommen, niemand weiß, wann - wird es nicht
sein durch Krieg.
Anhang:
Mies und Meck
[Das Bankkonto des Führers]
Harn Se jehört, det der Führer ausjerufen hat, det er keen
Rittergut und keen Bankkonto nich besitzt? Kolossalen Ein-
druck hat det jemacht! Wo alle andern . . . Also den Jöring
ham se doch sofort een Rittergut jeschenkt, weil se doch den
Hindenburg eens konzediert ham, und da konnten se doch...
Und Jöbbels hat ja die Pfaueninsel. Mir jefällt ja die Schorf-
heide besser, nach die Illustrierte zu schließen... Frick hat
een Palais in Dahlem. Und die Lustjacht von Jöring solin
se ja überstrichen ham, det se nich so nach feinet Holz aus-
sieht. Jetzt soll se janz schlicht wirken... Aber der Führer,
wie jesagt, der jinge ja danach leer aus. Der is obdachlos...
Find ick nich richtig. Beherrscht een jrosset Reich, da muß er
doch ooch entsprechend verjütet werden... Jut, een kleenet
Inkomm! Aber doch een Inkomm...! Ick wees ja nich, wat
der Mann leistet. Aber wenn er ooch bloß seine jroßen Reden
hält, und da muß der Mann sich doch druff vorbereiten, det
nimmt der ernst, Sie! Ham Se den schluchzen jehört an die
Höhepunkte? Wat macht denn det für'n Eindruck, wenn der
Mann jeden Portier um een Jroschen für die Elektrische an-
schnorrn muß, bloß wejen een fälschet Ehrjefühl, und will
nischt bezahlt nehm . . . ! Ick sage ja, da kann ick bloß wün-
schen, det er sich da täuscht, wenn er jloobt, er hat keen Bank-
konto nich. Det ist leicht möglich, det er det einfach nich
weeß . . . Wie soll er denn det erf ahm, det er doch een Inkomm
hat, und een janz hübschet! Nachts schläft er in die Willem-
straße oder in sein hübschet Landhaus in Berchtesjaden oder
liegt dort schlaflos und denkt nach, wie er Deutschland aus'm
Krieg raushält und die Kolonien kriegt und die Tschechoslo-
wakei; da könn se ihn doch nich mit die Nachricht komm,
354 Zur Politik und Gesellsdiaft

det er een Bankkonto hat! In die Frühe frühstückt er schon


um neune, und während det Frühstück kann man ihn ooch
nidi störn, denn er muß sich stärken, sonst sind wir alle ver-
lorn . . . Denn wenn schon der Führer nich, und hat nischt im
Magen, wie'n janz jewöhnlicher Durchschnittsmensch, bei die
Staatsjeschäfte!... Ja, und denn, wie jesagt, bejinnen die Re-
jierungsakte. Der Führer besichtigt zum Beispiel eens von
seine jroße Bauwerke, wo noch in Jahrhunderte... Er soll
sich ja jetzt een janz jroßet Stadium wünschen, als Herzens-
wunsch, wo er zu die Deutschen drüber reden kann, wat er
noch allet vorhat. Det is nämlich pyramidal... Schacht soll
schon janz injeschrumpelt sin, wie er det nu wieder rausdivi-
diert . . . Und die Löhne könn se nich kürzen, weil die sind
schon... Und für Jold jibts keen Ersatzstoff. Det darf sich
nich ufflösen in Rejen . . . "wenn er so in Pläne und Studien ver-
sunken is, könn se ihn nich rausreißen aus die Versunkenheit,
bloß damit se'n sagen könn, det det Jeld da is. Und so jeht
det den janzen Nachmittag fort, und uff die Weise erfährt er't
ehm nie, det für ihn jesorgt is. Und wenn er jrade eene so
wichtije Rede vorbereitet wie die, wo er't ausjesprochen hat,
det er keen Bankkonto nich besitzt, könn se't ihn ooch nich
mittendrin zurufen, det er sich da irrt... Und wie solin se't
ooch vorher wissen, det er jrade davon reden wird. Keener,
nich mal der Führer weeß, wat er redet... Die Klara, wat
meine Schwester is, sieht det ja anders. Wie die det jehört hat,
det er keen Bankkonto nich hat, sagt se jleich: Det is aber'n
jroßer Leichtsinn, soville Jeld zuhaus in Strumpf uffheben!
Da versteh ick erst, det der Mann keene Nacht nich mehr
ordentlich schläft, wie se doch sagen. Det Mißtrauen jejen die
Banken, det ham viele kleene Leute! Unvernünftig is det! In
die Projrammpunkte, die wo ja noch erfüllt werden solin, is
er ja ooch jejen die Banken injestellt. Det müssen übrijens,
wenn Klara, und wenn det die Lösung sin sollte, ne janze
Masse Strümpfe sin. Die Einnahmen, die der Führer ham
muß, könn unmöglich noch so schäbig sin wie zu die Zeit, wo
Mies und Meck 355

er noch Reichswehrspitzel in München war. Det wird ja er-


bärmlich bezahlt, und dabei is et een harter Beruf, wo se sich
erst det Vertraun bei die Leute erwerben müssen, und denn
heest det, se denunziern. Jeder kann det überhaupt nich.
Und dennoch, nich mal anständig bezahlt... Natürlich, det
Militär konnte damals noch nich so aus'n Vollen. Det hat er
aber abjeschafft... Nee, der Mann muß sich janz jut stehn!
Wenn Se die Verfüjung betrachten, det die Jemeinde jedet hei-
ratende Paar een Exemplar von »Mein Kampf« überreichen
muß, könn Se ausrechnen, wat in den Sparstrumpf stecken
muß! Det sind 700000 Heiraten jedet Jahr in Deutschland,
ha'ck jelesen jestern, und det wird immer besser, Jöring
mußte ooch . . . Wenjer als fuffzig Fennje wer'n se den Führer
vont Exemplar nich anbieten dürfen. Da kann man schon sa-
gen, det sein Kampf een siegreicher war! Und von »Völ-
kischen« hat er ooch Aktien . . . Da wär't schon besser, wenn
er, und er deponiert det irjendwo in een ruhijet Land, et muß
ja nich jerade bei sein Freund Mussolini sin, wo't ooch schon
int Jebalke knistert. Ick sage: Vorsicht hat nie jeschadet. Da
könnten doch, Jestapo hin und Jestapo her, an een schön Tag
allerlei Leute komm und nach seine Sparstrümpfe suchen, und
von wat will er denn leben? Denn sein Posten kann er ooch
nich immer behalten in diese unruhije Zeiten!

[Die neuen Ideen]


Alle die neuen Ideen, wat der Führer da also uffn letzten Par-
teitag, ham Se det verstanden? Ick meine, der Mann is ja ko-
lossal voraus, son Satz, wissen Se, fünfmal durchlesen, und
denn sind Se immer noch nich, weil der Mann seine Zeit ehm
voraus i s t . . . Da müssen Se valleicht bis zu den ollen Buddha
zurückjreifn, wat Perspektiven anlangt, det is ja welthisto-
risch, wat der alles in een Satz sagt, zum Beispiel über Archi-
tektur, det müssen Se studiern, müssen Se, da könn Se nich
3 5 6 Zur Politik und Gesellschaft

jleich urteilen! Da kann allerhand drinstecken, und Se sagen


einfach: Quatsch! weil Se ne Durchnittsseele sind, und nur
uff Ihr eijnet Wohlerjehn... Wat jloom Se, wat der Mann
durchmacht mit alle die Kleenmütigkeit und Unverständnis,
der schläft ja keene Nacht mehr; ham Se jehört, er kieckt sich
een Film nachn andern an, die olle Meiern is ooch schlaflos,
aber bei die kommts von de Verdauung, det soll schon seit 40
Jahre so jehn, er is ehm Idealist, und een Idealisten könn Se
nischt übelnehm.

Sehn Se, een Idealist, det isn Mensch, der sich um nischt küm-
mert, schnurz is ihm det Materielle, wenn bloß seine Ideen . . .
Der Klara ihr Mann . . . also von lauterstem Wasser . . . wissen
Se, der erfindet! Dabei is er ja Tapzierer, aber ick sag immer:
Klara, du kannstet ihm nich übelnehm, der Mann hat Ideen,
wat soller schon machen. Ick sag, natürlich kostet det, eenmal
is et een Zahnrad, denn is et ne Battrie, wat weeß ick, jeden-
falls, wenn sie'n Hut braucht, is nischt da. Die Batterie kann
se sich uffsetzen, aber zu seine Ideen paßt der Hut nich, machen
Se een perpetum mobile ausn Hut . . . Der Mann is wie'n
Kind, die jutmütigste Seele von de Welt, der würde seine Kin-
derchen schlachten wejen seine Ideen, und allens für die
Menschheit. Wat heest da: Ihre Erfindung jeht nich. Et kann
nich allns jehn, wat erfunden wird, den Führer seine Ideen
jehn vielleicht ooch nich, und der Mann is doch, da könn Se
nu sagen wat Se wolln, wenn det keene Karriere nich is,
da sagen se zu Albert, wat Klaras Mann is, wissen Se, der Er-
finder, is schon allet erfunden! 1880! Woher soll ern det wis-
sen. Jebildet is er nich, sehr ruhijer stiller Mensch, ehm Idea-
list, wat wolln Se den übelnehm?
Mies und Medc 357

Der Spitzel
Mitn Kind müssen Se sich heute ooch in acht nehm. Det wird
ja heute jradeso von Seiten des Staates erfaßt wie der Abfall.
Wat Se da sehn, wenn Se ihr Kind ansehn, sagen wir, an de
Familjentafel, det is ja keen Kind nich! Det is Hitlerjugend!
Als solche is et Amtsperson. Der Bengel vertritt int Haus
jradezu Hitlern selber. Wenn Se den den Asch versohlen, so
is et, wie wenn Se den Führer selber . . . Se kenn nich, Se
müssen zu ihm uffschaun, in Respekt und Dankbarkeit, det
er'n Auge zudrückt, wenn Se ma, und meckern. Er hat'n
dienstlichen Uff trag, det müssen Se nie aust Ooje verliern, det
er uffpaßt, ob Se meckern. Und da könn Se nich einfach von
Spitzel reden! Der Führer selber hat anjefangen als, wie er
so kleen anjefangen hat. Det wissen Se nich? In München.
"Wenn Se, und det Kind merkt det, denn sind Se een Reaktjo-
när. Wat wolln Se machen, wenn der Ihn boykottiert? Er jibt
Ihn kaltblütig sozusagen een Ehrndolchstoß von hinten. Det is
übrijens Lästerung. Wat denn Lästerung! Hab ick janz anders
jemeint! Wenn Sie det falsch verstehn, is det böser Wille, und
ick pack ma aus, wat Sie so allns . . . Ja, die junge Jeneratjon,
det is een janz neuer Menschenschlag, wat uns da sozusagen
ausn Schoß seiner Mutter entjejentritt. Det is herrschende Ras-
se! Klara ihrer hat ihn jlatt verboten, det se sonnabends zu-
sammen sind, weil er da immer een hinter die Binde. Det jibt
keen Vollarier, hat er jesagt, und strikt verboten! Und die
Meiern von Kolonjalladen darf nich mehr in de Beichte, ihr
Junge sagt ihr int Jesicht: Der Kaplan is ma verdächtig! Det
sind Sexualvabrecher. Int Schlesische soll een Vater verhungert
sin, weil een Junge uff HJ-Fahrt mußte und hat verJessen,
ihm zu sagen, det er die Hände von de Hosennaht nehm kann.
Det is een Jreuelmärchen, 4 Jahre Jefängnis!
35 8 Zur Politik und Gesellsdiaft

Über Treue
Treue is doch det Mark der Ehre! Det sagte schon der olle
Hindenburg, und der mußte det doch wissen! Denn wen war
der nich allet treu! Den Kaiser Willem und de Republik und
denn den Führer ooch noch. Deshalb hieß er ooch der Jetreue
Eckard des deutschen Volkes. Wir warn ihm ooch treu, nach-
dem er den Weltkrieg verlorn hat, ham wa ihn zum Präsiden-
ten jewählt. Treue is ehm eine Eijenschaft, die sich um den
matrejellen Vorteil nich kümmert. Der Führer is ooch! Der
wird wild, wenn se ihn die Treue brechen. Weil det is un-
deutsch, und da is er kitzlig! Den Röhm hat er det nie ver-
ziehn, Seite an Seite ham se jestanden, so ville Jahre, uff du
sind se jewesen, und denn heest et: een Revolver uffn Früh-
stücksteller, weil ihn der Mann die Treue jebrochen hat. Und
wat der Hermann Jöring is, der is treu bis übern Tod hinaus.
Det is een Charakterzug von ihn, da kann er ja nischt ma-
chen! Seine verstorbene Frau hat er een Jedächtnistempel
hinjestellt, ne halbe Milljon soll det . . . und det war billig,
denn vor den ham se bange, vor den eisernen Hermann! Da
schreim se Rechnungen mitn kleenet »r«. Eisern is der. Drum
hat ihn der Führer ooch die janze deutsche Wirtschaft anver-
traut, det sind Summen! Zu treuen Händen. Bein andern müß-
ten se da lange nachprüfen mit weesjott wat fürn Beamten-
apparat. Ham Se jehört, det neue Luftfahrtministerium?
Zweetausend Beamte ham da Platz, die verjehm Uffträje, det
is ne Verantwortung, die der Mann trägt, und da brauchen se
nich jeden Pfennig nachkontrolliern oder jede Milljon, die
neue Umrüstung soll ja schon 20 Milljarden verschlungen
haben, weil der . . . treu wie Jold is er.
Mies und Meck 359

[Die Besetzung Österreichs]


Also, wat sagen Se zu Österreich? Rin mit die junge Wehr-
macht und den Frieden herjestellt, wat? Friede, herstellt euch!
200 000 Mann! Aber det scheenste is, daß et keene militäri-
sche Besetzung jewesen is, sondern wa sind nur zu Hilfe je-
rufen worden von unsere Brieda, weil se ham Wahlen aus-
schreibn wolln. Jetzt wähln de Brieder uns, wettn? Und wie
se uns empfangn ham, freudeschlotternd solln se dajestan-
den ham, die Freude is ihnen nur so in de Knochen jefahrn,
wie unsre Wehrmacht ieber de Grenze jeströmt is. Blumen ham
se ihr zujeworfn, vahungert wie se jewesen sind nach den
Judenregime. Der Goldschatz kommt ja jetzt ooch zu uns,
det is Anschluß, und Erz solln se ham, und een Jubel soll es
jewesen sin, wie se uns Blumen zujeschmissen ham, und nu
sind wa Großdeutschland, nich mehr nur Deutschland, und
der Führer is'n Großführer, und wat bisher yn Vadiena war, is
nu een - Jroßvadiena jibts nich mehr, wat schaun Se denn so
mißtrauisch wien KdF-Urlauber uffn Teller?

[Die Aufrüstung]
Ham Se jehört; wir sind fertig! - Sagen Se det nich so laut!
- Warum soll ick det nich laut sagen, det wir fertig in Deutsch-
land sind, total fertig. Mit die Aufrüstung. Det hat een schön
Batzen jekostet. Milljarden. Und nu sind wir fertig. Total.
Wo wir jetzt hinschlagen, da wächst keen Gras mehr. Nich, daß
wir hinschlagen, wo keen Gras mehr wächst, is Österreich etwa
keen schönes Land nich, was wir . . . haben? Redn Se mir nich
von Jewalt. - Wenn Se so kräftig uff die Brust sind, det keener
wagt und beleidigt Se, denn könn Se wieder janz freundlich
sin. Und denn sind Se sojar beliebt, sind Se jradezu. — Ick kann
Se sagen, wo zum Beispiel Willem, der Dreher aus de Panko-
wer Allee, mitwar, wenn die mal, der mit die zwee Fäuste wie
360 Zur Politik und Gesellsdiaft

Dampfhämmer, da jabs nie een Skandal nich. Alle Gläser


konnten Se da zusammenschlagen, wenn Se den mithatten, und
da war immer noch paradiesischer Frieden, "weil er so stark
war. Wenn se den nich hinter Schloß und Riejel jesetzt hätten,
hätt er Karrjere jemacht. Aber det jing natürlich nich uff die
Dauer. Een Skandal war det.
— Da könn Se, mit een freundlichet Lächeln, jehn Se in Zijarrn-
laden und nehm sich ,wat Se so brauchen könn, meinen Se, da
fragt eener nach de Bezahlung, wenn Se stark uff die Brust
sind? Und det is die Berechnung von Führer. - Een schönen
Tag sagt er janz jemütlich: Und nu langt mir mal die Ukraine
rieber, und wenn ihr nich friedlich seid und macht Menkenke,
denn roochts. - Und denn roochts ooch wirklich! Und wenn't
wieder vier Jahre dauert und wir Jras fressen müssen. Wat
solln wa schon machen, wenn se nich friedlich jesonn sind?

[Der Pakt]
Haben Se jeheert die Fiehrerrede und daß wa nich valorn
sind? Noch is Polen nich verlorn, wies im Lied heißt. Wir ham
uns die Russen jesichert. Das is een Schachzug is das. Der Rib-
bendropp, soll der Führer jeäußert haben, is noch größer wie
Bismarck, als Staatsmann betrachtet. Der Junge is im Wein-
handel jroß jewordn und hat janz neue Methoden in de Diplo-
matie injeführt, neues Blut in alte Schläuche sozusagen, sowat
Wendiges, Jewandtes, wissen Se, Nee, nich Windiges! Wen-
diges. Die Sache mit eenen Zweifrontenkrieg soll auf Spitz
und Knopf jestanden sein, weil ursprünglich war et jeplant,
daß Polen ohne Krieg uns zufallen sollte, friedlich. Und det
war jejangen, wenn nich de Polen Krieg jemacht hättn, weil
de Engländer se ufjehetzt ham, aber wat tut Ribbendropp?
Setzt sich in den Zug und fährt nach Moskau, hier bin ick.
Und jetzt ham wa Stalin un die Bolschewiken, und solang
sind wa nich verlorn, und selbst wenn Mussolini nich zieht,
Mies und Medt 361

faula Kunde, immer gesacht, Emilie ooch, das muß ick zujebn.
Mussolini, hat se jesagt, trau ick nich, der is keen echta Freund,
das sind von dem nur Schachzüje, hat se recht jehabt. Un wat
kann er schon liefern. Eisen hat er nich, Benzin hat er nich, aber
die Russen ham. Noch un noch, kollossal, was die ham, wenn
erst mal deutscha Fleiß un Inscheniöre an Ural herumfunken
mit die richtige Initiative und ihnen die Eisenbahnen ausbaun,
daß sie liefern könn, Eisenbahn müssen se ham, wem wa ihn
baun, der Todt macht das, und dann ham se die Eisenbahn,
und dann liefern se ooch, da sichert uns der Freundschafts-
vertrag, da birgt Stalin persönlich dem Führer, se ham andre
Ideen, aber warum nich, das sin kluge Köpfe sind das, wie se
gleich in Polen einmarschiert sind un im Baltikum, wie? Und
so ham wa jetzt und sin und mit die Russen und auch ohne
Mussolini, und so könn wa uns vertrauensvoll jejen Westen
wenden, in Rücken jestützt auf die Russen, wo nur aufn Mo-
ment warten, bis sie einjreifen, wie? Soll zuerst ne Menge
Opposition jehabt ham, der Ribbentropp, in Industriekrei-
sen un so, wo sagten, man kann die Russen doch nich traun,
aber er hat jetraut, warum, ne andre Wahl ham wa überhaupt
nich jehabt, lauta Feinde ringsum, weil wa verhaßt sin wegen
Versai. Der Führer hats jesacht, der Russenpakt, das is über-
haupt nich die Folje der deutschen Politik, sondern der Va-
nunft, janz vaschiedene Dinge, fein ausjedrickt, ick sa ooch, die
Vanunft sacht uns, wa müssen uns auf die Russen stützen un
nich auf Mussolini, wo nich zieht, wenn nichts für ihn heraus-
schaut, Freundschaft kennt der nich, nur Politik, und da sin
ihm die Russen über, un wa brauchen das Benzin und Getreide
und sie hams. Ham Se das Bild jesehn in der Illustrierten?
Scheintn janz umgänglicher Mann, der Stalin, nich? Janz ein-
nehmndes Lächeln, wie? Un so könn wa den Krieg jejen Eng-
land bejinn, den se uns uff jezwungen ham, un wenn det Je-
ringste passiert, greift er ein, det sa ick Ihnen.
Anmerkungen

Die Schülerarbeiten, die Brecht für das Schuljournal »Die Ernte«


geschrieben hat, wurden nicht aufgenommen. Der Vollständigkeit
wegen soll — wie auch in der Abteilung »Zur Literatur und Kunst« —
ein Text des sechzehnjährigen Schülers, den er im »Erzähler«, der
literarischen Beilage der »Augsburger Neuesten Nachrichten« ver-
öffentlichte, an dieser Stelle wiedergegeben werden:

Notizen über unsere Zeit


Jetzt in diesen Tagen liegen aller Augen auf unserm Kaiser. Man
sieht beinahe staunend, welche geistige Macht dieser Mann darstellt.
Jeder weiß, daß er den Krieg nicht gewollt hat. Er hat dagegen
gekämpft, gerungen mit all seinem Einfluß, fünfundzwanzig Jahre
lang. Oft hat man ihn dafür verspottet, verlacht.' — Jetzt plötzlich
sind sich über seine Größe alle eins. Auch die Sozialdemokraten
haben ihm Treue geschworen. Jedermann weiß, daß dieser Krieg
unumgänglich ist. Aber während alle, das ganze Volk, jubelt, wenn
auch unter Tränen, ist der Kaiser seltsam ernst und zurückhaltend.
Da ist in seinen Reden kein Wort der Oberhebung, des übertriebenen
Selbstvertrauens. Im Gegenteil sieht alle Welt, wie tiefernst er ist
inmitten der jubelnden Menge. Und es ist ein Trost für die Menge,
daß sie einen Mann als Führer weiß, der mit solch schwerem Pflicht-
bewußtsein zu Werke geht. —
Dieser Krieg ist unumgänglich. Wenn man von dieser Voraussetzung
ausgeht — und nach dem Verhalten Rußlands, dessen Schmach das
Weißbuch klar und deutlich darlegt, kann man das —, darf man auch
sagen, daß der Krieg gerade jetzt kommen durfte. Nie war Deutsch-
land auf jedem Gebiet — finanziell, politisch (innen wie außen),
wirtschaftlich besser imstande, Krieg zu führen. Treu steht das ganze
Volk zusammen. Jede Parteibildung ist verschwunden. Unter den
Gegnern ist Uneinigkeit, Ungerüstetheit vorhanden. Wir sind ge-
rüstet, moralisch gerüstet. Der feste deutsche Charakter, an dem die
deutschen Dichter und Denker seit zwei Jahrhunderten schafften,
bewährt sich nun. Ruhig und gefaßt, in eherner Disziplin, aber doch
flammend vor Begeisterung, weniger siegjubelnd als mit zusam-
2 * Anmerkungen

mengebissenen Zähnen sind unsere Männer in den Kampf ge-


zogen. —
Und die andern, die zurückbleiben, sie werden zeigen, daß sie ihrer
Brüder und Söhne würdig sind. Die Frauen werden das Wort vom
schwächeren Geschlecht Lügen strafen, die Jugend den Verdacht, der
auf der »modernen Jugend« liegt, zurückweisen. Wir alle, alle Deut-
schen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt.
iy. August 1914

Aus Notizbüchern
S. 3 Aus Notizbüchern. Die hier gesammelten Texte sind den
frühen Notizbüchern aus den Jahren 1919 bis 1926 entnommen. Fast
alle Texte wurden von Handschriften transkribiert. Einige Beiträge
aus späteren Notizbüchern sind innerhalb der folgenden drei Kapitel
untergebracht.

Notizen über die Zeit 1925-1932


S. 24 Keine Monumente mehr. Wahrscheinlich Entwurf zu der
späteren »Vorrede zu >Mann ist Mann<«, siehe »Schriften zum Thea-
ter«, S. 9J6 ff. Vergleiche dazu auch das Interview »Was arbeiten
Sie?«, in »Schriften zum Theater«, siebenbändige Ausgabe, Band 2,
S. 267 ff.
S. 25 Nachdruck verboten! Der Text wurde zusammen mit an-
deren Stellungnahmen zum 10. Jahrestag der Weimarer Republik
am 9. November 1929 im »Filmkurier«, Berlin, veröffentlicht. Wei-
tere Beiträge schrieben u. a. Arthur Holitscher, Leopold Jeßner,
Wilhelm Dieterle, Margarete Kupfer.
S. 26 Die Krise des Sportes. Dieser Aufsatz erschien in dem Buch
»Der Sport am Scheideweg«, das Willy Meisel 1928 herausgab. -
Der Beitrag »Die Todfeinde des Sportes« (S. 28) ist wahrscheinlich
als Version des vorausgegangenen Textes anzusehen. Da er einige
andere Gedanken ausführt, wurde er aufgenommen. »Sport und
geistiges Schaffen« (S. 29) ist einer handschriftlichen Notiz auf dem
Typoskript zufolge die Antwort auf eine Rundfrage. Bis zum Re-
daktionsschluß dieses Bandes konnte noch nicht ermittelt werden,
ob die Antwort abgedruckt worden ist. — Zu diesem Komplex ver-
Anmerkungen 3 *

gleiche das Fragment »Der Lebenslauf des Boxers Samson-Körner«


(1926/27), in »Prosa«, sowie den Aufsatz »Mehr guten Sport« (1926)
in »Schriften zum Theater«, S. 81.
S. 31 Für einen deutschen Ozeanflug. Bei ihrem Versuch, den
Ozean zu überqueren, kamen 1927 die französischen Flieger Nun-
gesser und Coli ums Leben. Im gleichen Jahr gelang Charles Lind-
bergh zum erstenmal ein Nonstopflug von New York nach Paris.
Brecht schrieb darüber das Radiolehrstück »Der Ozeanflug«
(ursprünglich »Flug der Lindberghs«; später wurde wegen der
faschistischen Aktivität Lindberghs von Brecht der Titel und die
Bezeichnung der Hauptrolle geändert).
S. 32 Bin ich eifersüchtig? Unter dem Titel »Was halten Sie von
der Eifersucht?« veranstaltete das Magazin »Uhu« eine Rundfrage,
deren Ergebnis im Dezemberheft 1928 veröffentlicht wurde. Brechts
Beitrag erschien unter der Überschrift »Bert Brechts Meinung über
Eifersucht«. Der Abdruck in dieser Ausgabe folgt dem Original-
typoskript, das sich nicht nur in der Überschrift, sondern auch in
einigen Auszeichnungsdetails von dem offenbar ungenauen Druck
unterscheidet. An der Rundfrage beteiligten sich außerdem Colette,
Hedwig Courths-Mahler, Havelock Ellis, Kaplan Fahsel, Prof. Dr.
Lutz Heck, Dr. Magnus Hirschfeld, Victor Margueritte, Asta Niel-
sen, George Bernard Shaw.
S. 33 Sexualität des dritten Jahrzehnts und Von der Liebe.
Beide Texte sind wahrscheinlich am Anfang des Exils geschrieben.
Sie werden wegen ihrer Thematik unter die »Notizen über die Zeit«
eingeordnet.
S. 34 Über die Herrenmode. Nach einer handschriftlichen Notiz
auf dem Typoskript war dieser Text für eine Münchener Illustrierte
geschrieben. Bis zum Redaktionsschluß konnte noch nicht ermittelt
werden, ob der Text gedruckt vorliegt.
S. 42 Über den § 218. Der Text wurde im Programmheft der Pis-
catorbühne zu »§ 218« von Paul Crede* zusammen mit anderen
Stellungnahmen abgedruckt. Unter dem Titel »Weg damit!« äußer-
ten sich zum § 218 außer Brecht: Rudolf G.-Binding, Albert Ein-
stein, Prof. Dr. Dürssen und Dr. Dernburg.
S. 42 Zum zehnjährigen Bestehen der A-I-2. Die »Arbeiter-
Illustrierte-Zeitung aller Länder« wurde 1921 unter dem Titel
»Sowjetrußland im Bild« vom »Auslandskomitee zur Organisation
4 * Anmerkungen

der Arbeiterhilfe für die Hungernden in Rußland« gegründet und


von Willi Münzenberg geleitet. Seit 1924 erschien die Zeitung als
A-I-Z. Von 1928 ab zeichnete Hermann Leupold als Herausgeber
der illustrierten Wochenschrift. Brecht hatte zahlreiche literarische
Arbeiten der Illustrierten zur Verfügung gestellt. Sein Beitrag er-
schien in der Jubiläumsausgabe zum zehnjährigen Bestehen der Illu-
strierten neben Glückwünschen von Frank Arnau, Henri Barbusse,
Johannes R. Becher, Benjamin Bedneyj, Adolf Behne, Hermann
Duncker, Hanns Eisler, Fedor Gladkow, Michael Gold, Alfons
Goldschmidt u. a.
S. 43 Zur Rußlandhetze des Deutschlandsenders. Die »Rote Fahne«
wandte sich Anfang September an bekannte Schriftsteller und bat
sie, sich zur Rußlandhetze des Deutschlandsenders zu äußern. Ein
Teilergebnis der telefonischen Rundfrage wurde am 3. 9. 1931 in
der zweiten Beilage der »Roten Fahne« veröffentlicht. Es heißt in
dieser Ausgabe unter anderem: »Der erste Anruf galt dem Drama-
tiker Bert Brecht, der schon vom künstlerisch-formalen Standpunkt
dem Rundfunk ein gewisses Interesse entgegenbringt. >Hören Sie
die Vorträge der Deutschen Welle, Herr Brecht?< - >Die Deutsche
Welle ist mir als so langweilig bekannt, daß ich mich nicht dafür
interessieren - >Was halten Sie von den Rußland-Vorträgen der
Deutschen Welle?< « Hierauf folgt Brechts Antwort, die auf Seite 43
abgedruckt ist. Außer Brecht antworteten Alfred Wolfenstein, Alfred
Döblin, Alfred Kerr und Ludwig Renn. Aus einer redaktionellen
Notiz geht hervor, daß weitere Antworten in der Zeitschrift »Ar-
beitersender« wiedergegeben werden sollen.

Marxistische Studien
S. 46 Als ich schon jahrelang ein namhafter Schriftsteller war . . .
Der Text ist einem Manuskript entnommen, das Brecht vermutlich
als Vorrede für eine Rezitation einiger seiner Gedichte in der Emi-
gration geschrieben hat.
5. 47 Studium des Marxismus. Nach den Tagebuchnotizen von
Elisabeth Hauptmann besorgte sich Brecht für das Studium des Ma-
terials zum Stück »Joe Fleischhacker« im Juli 1926 ökonomische
Schriften. Im Oktober 1926 beschaffte er sich Arbeiten über den
Sozialismus und den Marxismus. In einem Brief schrieb Brecht: »Ich
Anmerkungen 5 *

stehe acht Schuh tief im >Kapital<. Ich muß das jetzt genau wis-
sen .. .« Siehe dazu auch die Notiz »Als ich >Das Kapital< von Marx
las .. .« ,die unter der Überschrift »Der einzige Zuschauer für meine
Stücke«in den »Schriften zum Theater«, S. 129, abgedruckt ist.
5. 60 Notizen über Individuum und Masse. Die teilweise hand-
schriftlichen, teilweise maschinengeschriebenen Notizen sind verschie-
denen Mappen entnommen und vom Herausgeber in dieser Reihen-
folge zusammengestellt. Der Titel »Individuum und Masse«steht
bei Brecht über dem ersten Text.
S. 6$ Über meinen Lehrer. Brecht diskutierte während seiner mar-
xistischen Studien mit Philosophen, Ökonomen und Soziologen. So
wurde besonders sein Schriftwechsel mit Fritz Sternberg bekannt
(s. Brechts Brief »Sollten wir nicht die Ästhetik liquidieren?« in
»Schriften zum Theater«, S. 126 ff. Brecht besuchte die Marxistische
Arbeiterschule (MASCH) in Neukölln und beriet sich häufig mit
den Dozenten. Durch den Besuch der Schule kam es zu einer Ver-
bindung mit dem Philosophen Karl Korsch, dem der vorliegende
Aufsatz gewidmet ist. Korsch (1886—1961) wurde 1919 Professor
an der Universität Jena. Als Mitglied der USP, später der KPD war
er eine Zeitlang Mitglied des Thüringischen Landtages und Justiz-
minister der sozialdemokratisch-kommunistischen Koalitionsregie-
rung in Weimar und bis 1928 Mitglied des Reichstags. Brecht be-
suchte Vorträge, die Korsch (seit 1924) in Berlin hielt. Korsch schrieb
verschiedene Bücher über Fragen des Marxismus. Er wurde 1926 aus
der KPD ausgeschlossen.
S. 68 Brechtisierung. Dieser Text ist ein Versuch Brechts, Leninsche
Gedanken in seinen Worten darzulegen. Brecht wurde dazu wahr-
scheinlich durch ein ähnliches Experiment Karl Korschs angeregt, in
dem er Überlegungen von Marx und Lenin in der Form von Sorel
niederschrieb (»Thesen über aktivistischen Materialismus«, »Klassen-
charakter und Parteilichkeit der Wissenschaft« 1932/33); Korsch be-
zeichnete sein Vorgehen als »Sorelisierung«.
S. 7/ Ableitung der drei Sätze in Korschs »Why I am a Marxist«.
Karl Korsch war 1933 nach Dänemark emigriert und traf, insbeson-
dere nach seinem Londoner Aufenthalt, in den Jahren 1935 und
1936 oft mit Brecht zusammen. Der Aufsatz »Why I am a Marxist«,
1934 geschrieben, erschien 1935 in »Modern Monthly«, IX, 2. Eine
deutsche Übersetzung des (gekürzten) Aufsatzes ist in der Zeitschrift
6 * Anmerkungen

»Alternative«, Berlin, 8. Jg., Heft 41 (dem Korsch-Sonderheft),


April 1956, enthalten.
S. J4 Marx-Beschreibungen. Während seines dänischen Aufenthalts
schrieb Karl Korsch das erste Kapitel eines Buches über Karl Marx.
Wahrscheinlich wollte Brecht mit seinen Bemerkungen über konven-
tionelle Marx-Beschreibungen Impulse für eine sachliche Darstellung
geben.
S. 79 Aus: Ist der Kommunismus exklusiv? Dieser Text stammt
aus den »Anmerkungen zur >Mutter<« und wurde an dieser Stelle
eingefügt, weil er als ein Resümee der frühen marxistischen Studien
angesehen werden muß. Siehe dazu weitere Texte in den »Anmer-
kungen zur >Mutter<«, »Schriften zum Theater«, S. 1063 ff.
S. 101 Notiz über den Versuch demokratischer Institutionen in der
UdSSR. Brecht besuchte mehrfach die Sowjetunion. Die in Moskau
verlegte »Deutsche Zentral-Zeitung« hatte über Brechts Aufenthalt
im April und Mai 1935 mehrfach, insbesondere über verschiedene
literarische Lesungen, berichtet. In ihrer Ausgabe vom 23. Mai 1935
wurden unter der Überschrift »Die Wirklichkeit übertrifft alles«
einige Eindrücke Brechts abgedruckt, die er einem Mitarbeiter der
Zeitung knapp vor seiner Abreise mitteilte:
»Selbst in den wenigen Wochen, die ich in Moskau war, hat sich das
Gesicht der Stadt deutlich verändert. Aber man sieht nicht nur diese
Änderungen, den steten Aufschwung. Man sieht auch die große
historische Grundänderung gegenüber der alten Welt. Es gibt Ver-
änderungen, die betreffen Tage, Jahre. Hier betreffen die Verän-
derungen Jahrhunderte, Jahrtausende. Ich kann mir vorstellen, daß
es dabei große Schwierigkeiten gegeben hat, die den Ruhm noch
vermehren.
Noch ehe ich in die Sowjetunion kam, hatte ich schon viel von die-
sem Aufstieg erfahren. Die Wirklichkeit aber hat alles übertroffen,
was darüber gesagt und gedichtet wird. Die Stimme der Tatsachen
spricht viel lauter als all das, was uns die Stimmen über die Tat-
sachen berichten.
Das Sowjetleben zeigt das Resultat, das Ungeheure der ständigen
Massenleistungen. Ich sah am 1. Mai den Triumph über die Schwie-
rigkeiten, die die Umgestaltung einer neuen Welt bringt. Den
Triumph, daß man jene Schwierigkeiten hier nicht kennt, unter denen
die ganze übrige Welt leidet und die sie nicht überwinden kann.
Anmerkungen 7 *

Besonders fiel mir auf, wie stark das Wort die Massen ergriffen hat,
wie es durch Losungen, Zitate, Bücher, Zeitungen, Versammlungen
in ihr Bewußtsein gedrungen ist. Ich möchte es die Literarisierung
der Massen nennen. Es sind aber keineswegs nur Worte, denn ihnen
folgt ständig die Erkenntnis, die Tat.
Die Sowjetunion ist ein wunderbares Land für Lyriker. Die histo-
risch berichtende Lyrik tritt noch zuwenig in den Vordergrund. In
jeder Metrostation sollte in Stein gemeißelt ein literarischer Bericht
über die Geschichte des Baues und über seine Helden zu lesen sein.
Die Eindrücke, die ich gewonnen habe, werde ich, wie in dem von
der DZZ veröffentlichten Metrogedicht, noch in einer Reihe von
Gedichten wiedergeben und Euch senden. Überdies arbeite ich an
einer Komödie, in der ich darstelle, wie die bürgerlichen Ideologen
auf ihrem Markt der Ansichten die jeweils von der Bourgeoisie ge-
wünschte Ideologie verkaufen. Hanns Eisler schreibt die Musik
dazu. Dieses Thema werde ich auch in einem satirischen Roman be-
handeln.«
S. 104 Über die Freiheit in der Sowjetunion. Vergleiche dazu die
Beiträge »Über die Unfreiheit der Schriftsteller in der Sowjetunion«
und »Meinungsfreiheit« in »Schriften zur Literatur und Kunst«,
S. 438 ff.
S. 10$ Die ungleichen Einkommen. Die Ausführungen Brechts wur-
den durch Andre Gides Buch »Retour de PU.R.S.S.« angeregt, das
1936 im Verlag Gallimard, Paris, und in deutscher Übersetzung
(von Ferdinand Hardekopf) unter dem Titel »Zurück aus Sowjet-
Rußland« im Jean-Christophe-Verlag, Zürich, erschienen war. Eine
direkte Auseinandersetzung mit Gides Buch ist unter dem Titel
»Kraft und Schwäche der Utopie« in den »Schriften zur Literatur
und Kunst«, S. 434 ff., enthalten. In den hier abgedruckten Texten
untersucht Brecht Probleme, für die Gides Meinungen lediglich den
Anlaß gaben. Die einzelnen Abschnitte sind vom Herausgeber zu-
sammengestellt.
S. in Über die Moskauer Prozesse. Brechts Versuche einer mög-
lichen Argumentation entstanden während der Moskauer Prozesse
1936—1937. Sie sind sowohl zu verstehen als Selbstverständigung wie
auch als Polemik gegen die sozialdemokratischen Intellektuellen in
Skandinavien. Die Texte wurden vom Herausgeber in dieser Ab-
folge zusammengestellt. Der als Vorspann gedruckte Text ist einem
8 * Anmerkungen

Anschreiben entnommen, das wahrscheinlich für Walter Benjamin


bestimmt war.
S. 121 Die Rechte der Gewerkschaftsmitglieder. Vergleiche zu die-
sen ersten Skizzen für einen neuen Rechtsstatus der Gewerkschaft
auch die später entstandenen Texte für eine »Karte der Rechte«,
siehe S. 320.

Notizen zur Philosophie


S. 128 Mißtrauen gegen die Ungersche Philosophie. Brechts Bemer-
kungen beziehen sich wahrscheinlich auf die Ansichten des Philo-
sophen Erich Unger, der u. a. Arbeiten über »Politik und Meta-
physik« (1921) und »Gegen Dichtung, Eine Begründung des Kon-
struktionsprinzips in der Erkenntnis« (1525) veröffentlicht hatte.
S. 132 Zu Descartes »Betrachtungen«. Rene Descartes »Betrachtun-
gen über die Grundlagen der Philosophie« kamen 1926 (mit einem
Vorwort von Ludwig Fischer) im Verlag von Philipp Reclam jun.,
Leipzig, heraus. Brecht bezieht seine Notizen insbesondere auf S. 30
dieser Ausgabe.
S. 133 Aus: Darstellung des Kapitalismus . . . Der Titel gehört zum
ersten Text. Der zweite Beitrag wurde vom Herausgeber dazuge-
stellt.
S. 146 Über Dialektik. Brechts erste Notizen über eine Gesellschaft
der Dialektiker stammen wahrscheinlich aus dem Jahre 1929. Auch
später machte Brecht Vorschläge für die Bildung von Gruppen
Gleichgesinnter, wie beispielsweise einer Diderot-Gesellschaft; siehe
»Schriften zum Theater«, S. 305 ff.
S. 150 Die proletarische Dialektik. Der Text wurde zuerst in der
Zeitschrift »Alternative«, Berlin, Heft 4*, April 1965, S. 93, ver-
öffentlicht, allerdings in einer Version, die handschriftliche Korrek-
turen Korschs berücksichtigt. Der Schlußsatz ist demnach von Korsch
folgendermaßen ergänzt beziehungsweise verändert: »Die kapitali-
stische Dialektik wird materialistisch umgewandelt und durch Tat
verwirklicht.« Der hier abgedruckte Text geht auf Brechts Typo-
skript zurück.
S. 154 Notizen über Dialektik. Unter dieser Überschrift wurden
verschiedene Texte Brechts vom Herausgeber zusammengestellt.
S. IJ8 Über eingreifendes Denken. Bereits für das Heft 8 der Ver-
suchet das für 1933 geplant war, dann aber nicht mehr gedruckt
Anmerkungen 9 *

werden konnte, hatte Brecht einen Beitrag Ȇber das Denken als
ein Verhalten« angekündigt.
S. 1)8 Wer braucht eine Weltanschauung? Brechts verstreute Noti-
zen zu diesem Thema wurden vom Herausgeber in dieser Reihen-
folge zusammengestellt.
S. 178 Durchbrechung von Prinzipien. Vergleiche dazu den Text
»Sommerurlaub in Buckow«, in »Gedichte«.

Aufsätze über den Faschismus


S. 180 Diejenigen unserer Freunde . . . Der Text ist der »Rede auf
dem I. Internationalen Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der
Kultur« entnommen, siehe »Schriften zur Literatur und Kunst«,
S. 241.
5. 182 Unpolitische Briefe. Diese Briefe sind als erster Teil einer
größer geplanten Arbeit anzusehen, die den Titel »Die Reise um
Deutschland« erhalten sollte. Darin waren folgende Teile vorge-
sehen: »1. Wien oder das folgenlose Denken, 2. Berlin oder das
Vertrauen auf den Geist, 3. Sirius oder Rede an die Emigranten,
4. Thur0 oder das Rassenproblem, 5. Paris oder das Rassenproblem,
6. Rede des Führers: Kultur und Eigentum, 7. Die Logistik, 8.
Moskau oder das eingreifende Denken.« .
5. 189 Über die Wahrheit. Vergleiche dazu auch »Fünf Schwierig-
keiten beim Schreiben der Wahrheit«, siehe »Schriften zur Literatur
und Kunst«, S. 222 ff.
S. 199 Über die Frage, ob es Hitler ehrlich meint. Vergleiche dazu
die Gesprächsfassung »Das Bankkonto des Führers« im Komplex
»Mies und Meck«, S. 353 ff.
S. 2Oß Aus: Der Reichstagsbrand oder Hitler »rettet Europa« und
Entwurf für ein Braunbuch (S. 20j). Am 27. Februar 1933 hatten
die führenden Nazis das Reichstagsgebäude durch SA-Leute anzün-
den lassen und damit einen äußeren Vorwand zur Verhängung des
Ausnahmezustandes (Notverordnung vom 28. 2. 1933) sowie zur
Annahme eines Ermächtigungsgesetzes (am 24. 3. 1933) geschaffen.
Tausende von Antifaschisten wurden verhaftet. Der Reichstags-
brandprozeß, der vom 21. 9. bis 23. 12. 1933 im Leipziger Reichs-
gericht stattfand, sollte den faschistischen Terror gegen die KPD,
die SPD und andere antifaschistischen Parteien rechtfertigen. In dem
Prozeß wurde der bulgarische Kommunist Giorgi Dimitroff vom
io * Anmerkungen

Angeklagten zum Ankläger und entlarvte die Hintergründe des


Reichstagsbrandes. Brecht arbeitete den Entwurf eines zweiten
Braunbuches über den Leipziger Prozeß und den Londoner Gegen-
prozeß aus und redigierte die Texte. Vergleiche dazu auch sein Ge-
dicht »Adresse an den Genossen Dimitroff, als er in Leipzig vor
dem faschistischen Gerichtshof kämpfte«, in: »Gedichte«, Lieder
Gedichte Chöre.
S. 209 Die Horst-Wessel-Legende. Brechts Aufsatz richtete sich ge-
gen die faschistische Kanonisierung Wessels durch den Literaten
Hanns Heinz Ewers, dessen Buch »Horst Wessel, Ein deutsches
Schicksal« (Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Ber-
lin, 1. Auflage 1932) von den Nazis in Massenauflagen vertrieben
wurde. (Das Buch wurde später von dem Regisseur Franz Wenzler
verfilmt.) — Brechts Aufsatz liegt in zahlreichen Textvarianten vor.
Der hier wiedergegebene Text folgt Brechts letzter Fassung. Ein
in der »Neuen Deutschen Literatur«, Berlin 1957, Heft 5, abge-
druckter Text des Aufsatzes ist aus mehreren Varianten zusam-
mengesetzt und existiert in einer solchen Form nicht im Nachlaß
Brechts.
S. 223 Der Faschismus und die Jugend. Vergleiche dazu »Die Ju-
gend und das Dritte Reich«, in: »Gedichte«, Svendborger Gedichte.
S. 22-/ Die Dauer des Regimes. Vergleiche dazu »Dauer des Dritten
Reiches«, in: »Gedichte«, Svendborger Gedichte.
S. 228 Menschlichkeit gegen Barbarei und Gespräche über faschisti-
sche Greuel. Vergleiche dazu Brechts Reden auf den Internationalen
Schriftstellerkongressen 1935 und 1937, siehe »Schriften zur Litera-
tur und Kunst«, S. 241 ff. und S. 247 ff.
S. 246 Furcht und Elend des Dritten Reiches. Der Aufsatz wurde
zuerst 1963 in den »Schriften zum Theater«, Band 4, unter dem
Titel »Wird erst das Elend die Furcht besiegen?« veröffentlicht.
Brechts Originalüberschrift lautet »Furcht und Elend des Dritten
Reiches«. Vergleiche dazu die Szenenfolge mit dem gleichen Titel
in: »Stücke«.
S. 252 Rede über die Widerstandskraft der Vernunft. Der Aufsatz
wurde zuerst in »Sinn und Form«, Berlin 1962, Heft 5/6 veröffent-
licht. Einer handschriftlichen Notiz zufolge ist der Aufsatz im
November 1937 entstanden.
S. 256 Ist das Ideal der Freiheit veraltet? Über den Formalismus
Anmerkungen n *

des Faschismus vergleiche die Texte Ȇber den formalistischen


Charakter der Realismustheorie« und »Bemerkung zum Formalis-
mus« (insbesondere Abschnitt 4), in den »Schriften zur Literatur
und Kunst«, S. 298 ff. und S. 318 f.
S. 262 Interview: Das Interview wurde von Brecht aufgeschrieben
und mehrfach korrigiert. Da entsprechende Unterlagen bisher nicht
aufgefunden wurden, ist es unsicher, ob dem Interview bestimmte
Fragen eines anderen zugrunde lagen oder ob Brecht diese Form
von sich aus gewählt hat.

Notizen über die Zeit 1939—1947


S. 272 Über die realen Gründe der Kriege. Dieser Text ist von
Brecht mit »Einstein — Freud« überschrieben und bezieht sich auf
einen Briefwechsel von Einstein und Freud, der unter dem Titel
»Warum Krieg?« 1933 in Paris erschienen war.
S. 2jB Det finska undret. Nach Angaben von Gustav Johansson hat
ihm Brecht diesen satirischen Aufsatz im Winter 1940 diktiert.
Johansson übersetzte den Text und schrieb ihn in Schwedisch nieder.
Eine deutsche Fassung existiert nicht. Der Aufsatz »Das finnische
Wunder« erschien zuerst (wahrscheinlich im Februar) 1940 in der
Zeitschrift »Ungdomens röst«, gezeichnet mit dem Pseudonym
Sherwood Paw. Aus Gründen der Tarnung wurde ein Nachdruck
aus einer fingierten Zeitschrift »Shrewd Man's Review« unterstellt.
Einen Nachdruck des Aufsatzes, nunmehr mit dem Verfasser-
namen Brechts, veröffentlichte die Zeitung »Ny Dag«, Stockholm,
am 5. Januar 1957. Gustav Johansson schildert in einer Anmerkung
die Umstände, unter denen der Artikel entstanden ist. Darin heißt
es u. a.: »Einmal im Leben habe ich für einige Stunden Brecht als
Sekretär gedient. [. . .] Er wollte eine Satire über den finnischen
Winterkrieg schreiben, konnte dies aber damals nicht unter seinem
eigenen Namen tun, denn er wurde in Schweden sehr genau beob-
achtet. Am Ende dieser Anmerkungen schreibt Johansson: »Kein
Mensch, außer Helene Weigel und mir, kann die Echtheit des Auf-
satzes bezeugen, aber jeder, der seinen besonderen Stil und seine
Ansichten kennt, wird zugeben, daß Bert Brecht der Verfasser war.«
- Im folgenden wird eine Rohübersetzung des Aufsatzes aus dem
Schwedischen wiedergegeben:
12 * Anmerkungen

Das finnische Wunder


Jeder, der sich mit der notwendigen Geduld in gewisse amerika-
nische Zeitungen vertieft, muß zugeben, daß gegenwärtig im fernen
Finnland einer der merkwürdigsten und wunderbarsten Kriege
stattfindet, die es je gegeben hat. In diesem Krieg scheint eine
Riesenarmee sich auf fremdem Territorium verzweifelt dagegen zu
wehren, von einer unbedeutenden Armee, der finnischen, umzingelt
zu werden. In einem Land, furchtbar durch seine Temperatur, seine
Befestigungen, seine Wälder und seine Zivilisation irren russische
Divisionen umher, den Tag verfluchend, an dem sie geboren wur-
den. Sie sehen nur die schnell fortgleitenden Schatten von Skiläufern,
werden jedoch jeden Abend — während sich die Haare auf den
Köpfen sträuben und zu Eisspitzen gefrieren — genötigt, festzu-
stellen, daß diese Skiläufer sie ihres gesamten Kriegsmaterials
beraubt haben, ihrer Tanks, Kanonen und Feldküchen. Ihre Bomber
sind nicht fähig, Schaden von irgendwelcher Bedeutung anzurichten,
da sie nur Zivilpersonen mit ihren Bomben treffen. Auf ihre Tanks,
die ihnen noch geblieben sind, springen Stabhochspringer, Champions
eines halben Dutzends von Olympiaden, und sie schießen die Be-
satzungen mit ihren Revolvern nieder. Die Zeitungen berichten,
daß Finnland Heldentaten vollbringe, wie sie sonst nur in den
alten Geschichtsbüchern vorkommen, und es gibt Redaktionen, die
Heldentaten aus den Geschichtsbüchern abdrucken und sie den
Finnen zuschreiben, zutiefst davon überzeugt, daß was in den
Geschichtsbüchern vorkommt, auch in Finnland vorkommen muß.
Die russischen Verluste sind, nach genauen Berechnungen, ausgeführt
in Stockholm, enorm und vermutlich noch größer, indessen die
Verluste der Finnen äußerst unbedeutend sind. Ja, es hat Feld-
schlachten gegeben, aus denen nicht ein einziger Russe lebend entkam,
während dagegen diefinnischenRegimenter, wenn sie zurückkehrten,
um verschiedene Bataillone vermehrt waren.
Eine der Ursachen für den wunderbaren Verlauf des Krieges ist die,
daß die Finnen unter dem Befehl eines Feldmarschalls stehen, der
das Kriegshandwerk im eigenen Lande erlernte, wo er vor mehreren
Jahren eines der tapfersten Völker dieser Erde gründlich besiegt
hatte, sein eigenes.
Dazu kommt eine andere Ursache für die Erfolge der Finnen: ihre
Anmerkungen 13 *

Überzeugung, für die Zivilisation zu kämpfen. Sie wissen, daß die


berühmtesten Vorkämpfer der Zivilisation — zumindest im Geiste —
in ihren Reihen mitkämpfen: Mussolini, Franco und sogar der
Papst. Zu ihrer Trauer fehlt in dieser illustren Gesellschaft Herr
Adolf Hitler, aber das nur deshalb, weil sich dieser mit den Russen
gut stehen mußte, um die Zivilisation gegen die Polen verteidigen zu
können. Vor allem aber gibt es viele in England und Frankreich,
die sich ein luxuriöses Leben ohne Zivilisation nicht vorstellen
können und die deshalb die Finnen mit Komplimenten und Ver-
sprechungen ermuntern.
Außer Sympathie erhalten die Finnen Geldhilfe. Allein in Schweden
haben einige Großindustrielle fast hundert Millionen abgesandt,
für die sie der Zivilisation zu Dank verpflichtet sind. Die Arbeits-
losen dieses Landes konnten nichts schicken, weil sie nichts haben,
wofür sie der Zivilisation zu danken hätten.
Die Hauptursache für die Erfolge der Finnen ist jedoch das Kriegs-
pech der russischen Armee. Die Kriegskorrespondenten scheuen
keine Worte, wenn sie deren Ohnmacht zu beschreiben haben. Die
russische Armee ist vor allem schlecht ausgerüstet. Die Soldaten
haben nicht einmal Schuhe. Sie wickeln sich Scheuerlappen um die
nackten Füße. Sogar die Scheuerlappen sind von der schlechtesten
Qualität und würden von einer Hausfrau in Stockholm oder New
York mit Verachtung weggeworfen werden.
Die Russen scheinen allerdings einige Maschinengewehre zu haben,
denn aus gewissen Berichten geht hervor, daß sie Frauen und Kinder
mit Maschinengewehren niedermähen. Sie haben auch Tanks. Das
kann man anderen Berichten entnehmen, in denen erwähnt wird,
daß die Türen der Tanks plombiert werden, so daß die Besatzungen
nicht fliehen können.
Zu fliehen ist nämlich deren sehnlichster Wunsch. Die Russen fliehen
ständig, einzeln oder in Divisionen und am liebsten in vollständiger
Unordnung. Sie fliehen nicht immer rückwärts, sondern auch vor-
wärts, wahrscheinlich deshalb, weil ihre Karten so schlecht sind. So
ist es geschehen, daß eine Division bei Salla von den Finnen in die
Flucht geschlagen wurde, und mehrere Tage danach konnte man in
der Zeitung lesen, daß man sie aufs neue in die Flucht schlagen
mußte, bei Märkajärvi, das viel weiter innerhalb Finnlands liegt.
Über die Finnen haben die Russen die merkwürdigsten Vorstellun-
14 * Anmerkungen

gen. Sie glauben zum Beispiel, daß sie ihre Gefangenen foltern und
erschießen. Das kommt wahrscheinlich daher, weil sie nicht be-
greifen, daß der Feldmarschall heute seine russischen Gefangenen
humaner behandelt als seinerzeit seine finnischen Gefangenen. Wenn
die Russen merken, daß sie nicht erschossen, sondern nur photo-
graphiert werden sollen, so nehmen sie die Zigarette, die ihnen der
Photograph anbietet, mit sichtlicher Erleichterung an und äußern
den Wunsch, daß auch ihre Angehörigen dabeisein und es so gut
haben, Zigaretten rauchen und photographiert werden könnten.
Das einzige, was die Russen in großen Mengen aus ihrem Heimat-
land mit sich führen, ist Schmutz. Es wird berichtet, die Finnen
glaubten oft, die russischen Soldaten hätten schwarze Handschuhe
an. Dabei handelt es sich jedoch nur um Schmutz. Wie bekannt, war
mit dem dritten Fünfjahrplan auch nur beabsichtigt, Schmutz herzu-
stellen, was natürlich mißlang, wie alles im Land des Sozialismus
mißlingt. Heutigentags ist der Tagelohn eines russischen Arbeiters
so niedrig, daß er sich nur Schmutz in unzureichenden Mengen
leisten kann.
Der russische Soldat ist total ungebildet. Er weiß noch nicht einmal,
daß es einen Gott gibt, der die Welt in sechs Tagen erschuf. Wenn
man ihn nach bekannten Antifaschisten fragt, kann er nicht einmal
Mr. Chamberlain nennen. Von dem paradiesischen Zustand in
Amerika, England und Frankreich hat er niemals etwas gehört. Er
hat äußerst merkwürdige Vorstellungen von der Zivilisation.
Natürlich weiß der rote Soldat auch nicht, wofür er kämpft. Er
lebt in der Vorstellung, die finnischen Gutsbesitzer und Kapita-
listen hätten etwas gegen den Sozialismus, und daß sie — wenn der
Augenblick günstig gewesen wäre — ihr Land gerne fremden Mächten
als Aufmarschgebiet ausgeliefert hätten. Er weiß nicht einmal, daß
der Feldmarschall Demokrat ist. Er hat, kurz gesagt, keine Ahnung
von Politik. Er steht mit aufgerissenem Mund da, wenn ihm die
Kriegskorrespondenten alles erklären.
Dazu kommt, daß der russische Soldat in schlechter physischer Ver-
fassung ist. In der Sowjetunion gibt es keine Privatunternehmer wie
in Finnland und in anderen Ländern, und deshalb kann es dort
auch gar keinen Wohlstand geben. Objektive Beobachter stellen
fest, daß die Russen durch dauernde Nervenzusammenbrüche und
Erkältungen geschwächt werden. Das ist eine Folge der bolsche-
Anmerkungen I J *

wistischen Schreckensherrschaft. Die Russen sind völlig versklavt.


Mit erhobenem Revolver werden sie von den Kommissaren ge-
zwungen, unaufhörlich die »Internationale« zu singen. Ein solcher
Zustand wäre natürlich in Finnland undenkbar. Dort ist es nämlich
ganz einfach verboten, die »Internationale« zu singen. Finnland
ist ein demokratisches Land.
Es wird allgemein angenommen, daß das Fehlen der Demokratie
die Hauptursache für den Zusammenbruch der russischen Armee
ist. Diese ist wichtiger als alles andere. Die Ausrüstung soll nämlich
teilweise ausgezeichnet sein. Die Russen wissen nur nichtj was sie
damit machen sollen. Wenn sie aber gute Soldaten sind - dies wird
im gleichen Zusammenhang von ihnen gesagt -, ist die Ausrüstung
miserabel. So fehlt stets etwas. Gewiß machen die Russen an einigen
Stellen Vorstöße. Aber dort stehen auch bessere Truppen. Wahr-
scheinlich kommen sie aus Gebieten, in denen es mehr Demokratie
gibt.
Im ganzen gesehen ist die russische Armee - wenn man den Kriegs-
korrespondenten, die auf der Seite der Zivilisation stehen, glauben
darf - wahrhaft bewundernswert. Ständig von den Finnen ver-
nichtet, ständig vor dem endgültigen Zusammenbruch, barfuß, aus-
gehungert, schmutzig, ohne Sympathie in den zivilisierten Ländern
und ohne Befehlshaber wie den Feldmarschall, dringen diese Trup-
pen weiter vorwärts, so daß keine Siegesmeldung der Finnen
ankommt, ohne eine beigefügte Bitte an Nachbarn und Freunde,
sie mögen schleunigst Hilfe schicken.
1940

S: 283 The other Germany. Dieser Aufsatz wurde in englischer


Sprache zum erstenmal in der Zeitschrift »Progressive Labor«, New
York, vol. 5, Nr. 3, March - April 1966, veröffentlicht. Eric Bentley
schreibt in einer Vorbemerkung, Brecht habe ihm das deutsche
Manuskript des Aufsatzes 1943/44 mit der Bitte gegeben, es zu
übersetzen und womöglich in einer Zeitschrift unterzubringen. Bent-
ley übersetzte den Text, fand aber niemanden, der ihn veröffent-
lichen wollte. Nach seinen Angaben soll das Manuskript Brecht
zurückgegeben worden sein. Im Nachlaß wurde es allerdings bisher
noch nicht gefunden. Aus diesem Grunde folgt hier eine Rohüber-
setzung der englischen Fassung von Rolf Dornbacher:
16 * Anmerkungen

Das andere Deutschland


In den Tagen, da Hitler durch die Großmächte noch nicht bekämpft
wurde und nicht wenige Stimmen aus dem Ausland — von denen
einige auch heute noch nicht verstummt sind — ihn ermutigten, wußte
die Welt sehr genau, daß er von innen bekämpft wurde, und seine
Feinde nannte man: das andere Deutschland. Flüchtlinge, von denen
viele in der ganzen Welt bekannt waren, und ausländische Bericht-
erstatter auf Urlaub berichteten, daß dieses andere Deutschland
wirklich existierte. Zu keiner Zeit stimmte auch nur die Hälfte der
Wähler für das Hitlerregime, und das Vorhandensein der furcht-
barsten Instrumente der Unterdrückung und der furchtbarsten
Polizeimacht, die die Welt je gesehen hatte, bewies, daß die Gegner
des Regimes nicht untätig waren. Hitler verwüstete sein eigenes
Land, bevor er andere Länder verwüstete; und der Zustand Polens,
Griechenlands oder Norwegens ist kaum elender als der Deutsch-
lands. Er machte im eigenen Land Kriegsgefangene; er hielt ganze
Armeen in Konzentrationslagern. Im Jahr 1939 zählten diese
Armeen 200 000 — mehr Deutsche, als die Russen bei Stalingrad ge-
fangennahmen. Diese 200 000 stellen nicht die Gesamtheit des ande-
ren Deutschland dar. Sie sind nur ein Teil seiner Kräfte.
Das andere Deutschland konnte Hitler nicht aufhalten, und in dem
gegenwärtigen Krieg, der die Großmächte in Konflikt mit ihm
gebracht hat, hat man das andere Deutschland fast vergessen. Viele
zweifelten, ob es wirklich existierte oder sie bestritten zumindest,
daß es überhaupt eine Bedeutung habe. Ein Grund dafür war, daß
die kriegführenden Demokratien gegen die Illusionen über die
Schlagkraft der Hitler-Armeen ankämpfen mußten. Und es gab
mächtige Gruppen, die das andere Deutschland mit Mißtrauen
betrachteten: sie fürchteten, es sei sozialistisch. Doch da war auch ein
Verdacht, der die Freunde des anderen Deutschland beunruhigte,
sogar einige, die selbst zum anderen Deutschland gehörten.
Die schreckliche Frage lautete: Hatte der Krieg den Bürgerkrieg,
der in den ersten sechs Jahren der Naziherrschaft in Deutschland
fortschwelte, ein Ende bereitet? Es ist schließlich wohlbekannt, daß
Kriege grimmigen Nationalismus erzeugen und das Volk fester an
die Herrschenden binden.
Das Geschäft des Flüchtlings ist: hoffen. Es bietet keine erstklassigen
Anmerkungen 17 *

Sicherheiten. Einige sagten voraus, das Naziregime werde nicht


fähig ein, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen; und als sie beseitigt
war, sagten sie voraus, er werde bankrott gehen. Einige setzten
ihre Hoffnung auf die Reichswehr, auf den Klassenstolz der preußi-
schen Junker, die es ablehnen würden, unter der Führung eines
Gefreiten in den Krieg zu ziehen; oder auf die Industriellen des
Rheinlandes, die im allgemeinen den Krieg gefürchtet haben müs-
sen. Sogar als der Krieg ausbrach, sagten einige: »Das Regime kann
den Krieg fortsetzen, solange er ein Blitzkrieg bleibt, geführt von
zwanzigjährigen Jungen und einer mechanisierten Armee von Fach-
leuten, aber nicht länger. Die Arbeiter bleiben in den Fabriken und
man benötigt mindestens dreißig SS-Divisionen, um sie zu be-
wachen.« Die Eroberung Polens und Norwegens, sogar die Unter-
werfung Frankreichs schien von dieser Armee von Fachleuten
durchgeführt worden zu sein. Doch dann kam der russische Feld-
zug, und mit ihm eine Furcht, die beinahe jeden erfaßte. Besonders
jene, die die Sowjetunion haßten, hatten Angst. Denn das war kein
Krieg von Fachleuten. Das ganze Volk würde in ihn verwickelt
werden. Die höheren Altersgruppen» »die sich mit Schaudern an
den ersten Weltkrieg noch erinnerten«, Hunderttausende von
Arbeitern, die Rußland als ihr Vaterland ansahen, wurden einbe-
rufen. Die Arbeiter, der Teil des Volkes, den das Regime selbst
immer seinen unerschütterlichsten Feind genannt hatte, traten in
genau dem Augenblick in den Krieg ein» als er jenes Land erfaßte,
das sie mit besonderer Sympathie betrachtet hatten. Sogar jene, die
am unerschütterlichsten gehofft hatten, verstummten. Gab es kein
anderes Deutschland?
Ein Mann bleibt bei seinem Geschäft, und das Geschäft des Flücht-
lings ist: hoffen. Sehr bald wurden deshalb alle möglichen Erklä-
rungen angeboten, alle mehr oder weniger formaler Art. Das
Hitlerregime, so wurde gesagt, mußte bis zur letzten Minute zwei
Völker über die Invasion im Ungewissen halten, die Russen und die
Deutschen. Das beweist doch wohl, daß die ganze Angelegenheit
dem Regime peinlich war? Untersuchungen über die Arbeitspolitik
der Nazis während ihrer fünfjährigen Kriegsvorbereitungen waren
eine ernstere Sache. Schon im letzten Jahr der Weimarer Republik
war die Lage der Arbeiterklasse katastrophal. Die Rationalisierung
der Industrie hatte Arbeitslosigkeit hervorgerufen; die Weltwirt-
18 * Anmerkungen

schaftskrise, die Deutschland mit besonderer Gewalt traf, verwan-


delte die Arbeitslosigkeit in eine nationale Katastrophe. Der
Konkurrenzkampf unter den Arbeitern wurde zu einem richtigen
Krieg. Die deutsche Arbeiterklasse war bereits uneinig; nun kehrte
sich ihre Uneinigkeit gegen sie selbst. Diese Hinterlassenschaft wurde
jetzt von dem großen und, wie viele meinen, legitimen Erben der
Weimarer Republik übernommen: dem Dritten Reich. Die Arbeits-
losigkeit wurde im Handumdrehen beseitigt. Tatsächlich erfolgte
die Beseitigung so außerordentlich schnell und umfassend, daß sie
wie eine Revolution erschien. Die Fabriken waren mit Gewalt
genommen worden. Der vierte Stand stürmte die Bastille . . ., nur
um dort in Gefangenschaft zu bleiben. Zur selben Zeit wurden die
Organisationen der Arbeiterklasse aufgelöst und durch die Polizei
dezimiert. So wurde diese Klasse in einen gestaltlosen Mob ohne
Willen und ohne politisches Bewußtsein verwandelt. Von nun an
hatte der Staat nichts mehr mit Organisationen, sondern nur noch
mit Einzelnen zu tun. Napoleon hatte behauptet, man brauche nur
an einem bestimmten Punkt und zu einer bestimmten Zeit stärker
zu sein; Hitler hat diese Strategie glänzend in die Tat umgesetzt.
Seine Maßnahmen brauchen nicht mehr durch diese »Privatper-
sonen« gebilligt zu werden. Aber das ist nicht alles. Eine friedliche
Industrie, die Waren produziert, verlangt nicht, daß die Arbeiter
an ihrer Arbeit Freude haben; der moderne mechanisierte Krieg, der
nichts anderes ist als eine Industrie der Vernichtung, verlangt nicht,
daß die Arbeiter Freude am Krieg haben. Die Ware, mit der sie
handeln, ist Vernichtung. Das ist die technisch-ökonomische Seite
eines Gesellschaftssystems, das den einfachen Mann sowohl politisch
als auch ökonomisch zu einem Werkzeug erniedrigt.
Solche Erklärungen sind aufschlußreicher als die der Geschichts-
philosophen, die töricht und demagogisch jammern, das deutsche
Volk sei kriegslüstern von Natur aus, seiner Eroberungssucht käme
nur seine Bereitschaft zum Gehorsam gleich, und so weiter. Doch
diese Erklärungen stellen nicht die ganze Wahrheit dar. Sie zeigen,
wie die arbeitenden Klassen in sklavische Abhängigkeit von den
herrschenden Klassen gerieten; sie zeigen nicht, wie die Arbeiter von
den Erfolgen der Herrschenden im Krieg abhängig geworden sind.
(Emil) Ludwig und Vansittart beklagen, daß das deutsche Volk
Hitlers Krieg zumindest duldete. Die Wahrheit ist, daß es den
Anmerkungen 19 *

Krieg dulden mußte, weil es ein System duldete, das — neben ande-
ren Dingen — Kriege braucht.
Wenn man beklagt, das deutsche Volk lasse zu, daß seine Regierung
einen schrecklichen Angriffskrieg führt, dann beklagt man in Wahr-
heit, daß das deutsche Volk keine gesellschaftliche Revolution durch-
führt. Für wessen Interessen wird der Krieg geführt? Eben für die
Interessen jener, die nur durch eine gesellschaftliche Revolution
gigantischen Ausmaßes aus ihren hohen Stellungen entfernt werden
können. Die Interessen der Industriellen und der Junker mögen
manchmal voneinander abweichen, beide aber brauchen den Krieg.
Sie mögen über die Kriegsführung streiten; aber sie sind gleicher-
weise überzeugt, daß er geführt werden soll. Bedeutende englische
Zeitschriften haben beschrieben, wie die Junker im Kriegsmi-
nisterium die Konkurrenz zwischen den Trusts anheizen und wie
wirkungsvoll die Trusts darum kämpfen, Einfluß auf die Kriegs-
führung zu gewinnen. Keine Gruppe, die irgend etwas besitzt, ist
gegen den Krieg. Wenn der Krieg aussichtslos wird, dann werden
die Trusts vielleicht versuchen, die Hitlerbande oder sogar die
Generäle um des Friedens willen loszuwerden; aber sie werden nur
Frieden schließen, um später wieder Krieg mit allen möglichen zu
führen. Für sie ist es natürlich wichtig, das zu behalten, was sie
besitzen; wirtschaftliche Macht nämlich, ohne die sie niemals hoffen
können, die politische Macht wiederzuerlangen, die sie brauchen,
um Krieg zu führen. Französische Minister haben beschrieben — und
General de Gaulle hat ihre Beschreibung bestätigt —, daß die
französischen Industriellen vor ihrem eigenen Volk solche Angst
hatten, daß sie sich vor ihren deutschen Unterdrückern gar nicht
schnell genug in den Staub werfen konnten. Sie glaubten, die
deutschen Bajonette seien notwendig zur Erhaltung ihres Besitzes.
Eines Tages werden die deutschen Industriellen versuchen, Bajonette
zu finden (gleichgültig woher) in der Hoffnung, der Verlust ihrer
politischen Macht werde nur vorübergehend sein, wenn ihre wirt-
schaftliche Macht gerettet werden kann. Ist das klar?
Aber wie steht es mit dem Rest des deutschen Volkes, den neun-
undneunzig Prozent? Liegt der Krieg auch in ihrem Interesse?
Brauchen sie Krieg? Wohlmeinende Leute sind allzu voreilig, wenn
sie zuversichtlich antworten: Nein. Eine tröstliche Antwort, aber
keine richtige. Die Wahrheit ist, daß der Krieg in ihrem Interesse
20 * Anmerkungen

liegt, solange sie nicht das System, unter dem sie leben, abschütteln
können oder wollen. Als Hitler an die Macht kam, standen sieben
Millionen Familien, das ist ein Drittel der Bevölkerung, vor dem
Hungertod. Das System konnte keine Arbeit für sie finden, es
konnte ihnen nicht einmal hinreichende Wohlfahrtsunterstützung
gewähren. Als dann Arbeit für sie gefunden wurde, bestand sie
nur in industriellen Kriegsvorbereitungen. Inzwischen war der
sogenannte Mittelstand ruiniert und in die Munitionsfabriken
getrieben worden. Hunderttausende von Geschäften und Werk-
stätten wurden geschlossen, und zwar für immer: Man schmolz
die Registrierkassen ein. Auch die Bauern wurden ruiniert, sie sind
jetzt reine Pächter, die auf Befehl handeln. Sie können ihr Land
nur noch durch billigste Sklavenarbeit bestellen, durch die Arbeit
von Kriegsgefangenen. Sogar die kleinsten Fabriken sind für
immer ruiniert und ihre Besitzer müssen Anstellungen in der Ver-
waltung suchen, die sie aber nur finden können, wenn der Staat
gesiegt und Gebiete erobert hat, über die er verfügen kann. So
haben sie alle ein Interesse am Krieg.
Alle. Ist das klar?
Irgendwo muß ein schrecklicher Rechenfehler liegen, auch das ist
klar, und es wird um so klarer werden, je schlimmer der Krieg wird.
In den bombardierten Städten hocken Menschen in den Kellern
brennender Häuser, geschüttelt von tierischer Angst, und beginnen
zu lernen. Vermutlich beginnen die im Süden und Osten zurück-
weichenden Armeen ebenfalls zu lernen. Wo liegt der Rechenfehler?
Irgendwo in der Nähe von Smolensk richtet ein sdilesischer Soldat
sein Gewehr auf einen russischen Panzer, der ihn zermalmt, wenn
er nicht angehalten wird. Es bleibt kaum Zeit um zu erkennen, daß
das, worauf er sein Gewehr richtet, die Arbeitslosigkeit ist. Und
wenn er es erkennt, wie wenig ist damit gewonnen! Ein Ingenieur
bemüht sich um eine Verbesserung in der Konstruktion schneller
Jagdflugzeuge. Er hat kaum Zeit zu überlegen, was er in einem
verarmten Deutschland, das den Krieg verloren hat, anfangen wird.
Aber bestimmt ist tief in seinem Innern, wenn auch noch so uner-
klärlich, etwas in Bewegung geraten; vielleicht ahnt er, daß irgend-
wo ein Rechenfehler stecken muß. Hamburg brennt, und eine
Menschenmenge versucht, aus der Stadt herauszukommen; ein SS-
Mann schlägt sie nach Hause zurück. Seine Eltern besaßen ein
Anmerkungen 21 *

Möbelgeschäft in Breslau. Jetzt ist es geschlossen worden. Was ist,


wenn der Krieg verloren wird? Er fährt fort, die Menge zu prügeln.
Viele Eltern sind darunter.
Nur der einzelne kann denken. Nur die Gruppe kann Krieg führen.
Für das Individuum ist es leichter, der Gruppe zu folgen, als selbst
zu denken. Jedes Individuum in einer Menge würde vermutlich
etwas tun, aber die Menge tut etwas anderes. Die Russen und die
Amerikaner sind weiter entfernt als der Unteroffizier, die RAF ist
weiter entfernt als die Polizei. Und der Krieg ist eine Tatsache,
während das Denken schwach und praktisch ist, eine Träumerei.
Der Krieg fordert alles, aber er liefert auch alles. Er liefert Nah-
rung, Wohnung, Arbeit. Man kann nichts tun, was nicht dem Krieg
diente; etwas Gutes tun bedeutet »gut für den Krieg«. Im Krieg
werden alle Laster und Schwächen freigesetzt. Doch der Krieg
bringt auch alle Tugenden zum Vorschein: Fleiß, Erfindungsgabe,
Ausdauer, Tapferkeit, Kameradschaft und sogar Güte. Und doch
steckt irgendwo ein enormer Rechenfehler.
Wo?
Wenn das Geschick von so vielem und so vielen betroffen ist, dann
fällt es schwer zu glauben, nur die Führenden seien für den Krieg
verantwortlich. Es fällt leichter anzunehmen, daß die Führenden
nur für den verlorenen Krieg verantwortlich sind. Nun ist es un-
wahrscheinlich, daß das Naziregime, so verbrecherisch es auch ist,
Krieg zum Spaß führen würde. Das hat es nicht getan. Was Krieg
und Frieden betrifft, so hatte das Regime wahrscheinlich keine
andere Wahl. Wer auch immer die Herrschenden sind, sie herrschen
nicht nur über den Körper, sondern auch über den Geist; sie
schreiben nicht nur das Handeln, sondern auch das Denken vor. Das
Regime mußte den Krieg wählen, weil das ganze Volk den Krieg
brauchte; doch das Volk brauchte den Krieg nur unter diesem
Regime und muß deshalb eine andere Lebensform suchen. Das ist
eine ungeheuerliche Folgerung. Und selbst, wenn die Hand am
Zügel unsicher wird, ist der Weg zu dieser Folgerung weit. Denn
es ist der Weg zur gesellschaftlichen Revolution.
Die Geschichte zeigt, daß Völker nicht leichtfertig radikale Ände-
rungen des ökonomischen Systems vornehmen. Die Völker sind
keine Spieler. Sie spekulieren nicht. Sie hassen und fürchten die
Unordnung, die mit gesellschaftlicher Veränderung einhergeht. Nur
22 * Anmerkungen

wenn die Ordnung, unter der sie bisher lebten, sich in unbezweifel-
bare und unerträgliche Unordnung verwandelt, wagt das Volk —
und auch dann nur furchtsam, unsicher, immer wieder aus Angst
zurückschreckend —, die Situation zu ändern. Eine Welt, die vom
deutschen Volk erwartet, es werde revoltieren und sich in eine
friedliche Nation verwandeln, erwartet viel. Sie erwartet vom
deutschen Volk Mut, Entschlossenheit und neue Opfer. Wenn unser
anderes Deutschland siegen soll, dann muß es seine Lektion gelernt
haben.
Der letzte Krieg hatte, in der Niederlage endend, das deutsche
Volk für einige Zeit von seinen politischen Fesseln befreit. In den
Jahren nach dem Krieg bemühte sich das ganze Volk, eine Regierung
für das Volk und durch das Volk zu schaffen. Riesige Arbeiter-
parteien und kleine bürgerliche Parteien, zum Teil unter katho-
lischem Einfluß, verdammten den Krieg und jede Politik, die zum
Krieg führt. Es schien, als ob der Krieg für Generationen in Verruf
gebracht worden wäre. Die Künste, Musik, Malerei, Literatur und
Theater blühten auf.
Das dauerte nicht lange. Das Volk hatte versäumt, die Schlüssel-
positionen in der Volkswirtschaft zu besetzen. Jene, die es gewohnt
waren, Befehle zu erteilen, boten ihre Dienste als Spezialisten der
Ordnung an, und ihre Dienste wurden angenommen. Die viel-
gepriesene Ordnung, die sie bewahrten, war die Ordnung von an-
greifenden Bataillonen; das vielzitierte Chaos, das sie verhinderten,
war die Besetzung der Schlüsselstellungen in der Wirtschaft durch
das Volk. Und nach einem oder zwei Jahren, in denen ihre wirt-
schaftlichen Stellungen nicht einmal angezweifelt worden waren,
übernahmen sie wieder die politischen Stellungen, und die Vor-
bereitung des nächsten Krieges begann.
Wird all das noch einmal geschehen?
Um diese Fragen zu verneinen, muß man eben jene Tatsache günstig
interpretieren können, die zunächst die Fragestellung unsinnig
erscheinen läßt, nämlich die vielzitierte »unerschütterliche Moral
Hitlerdeutschlands«.
Die Tatsache, daß auf die Entbehrungen und Niederlagen Nazi-
deutschlands keine rasche Reaktion erfolgte, ist zugegebenermaßen
störend. Man muß jedoch fähig sein zu erkennen, daß gerade diese
Verzögerung anzeigt, wie tief und umfassend die Reaktion sein
Anmerkungen 23 *

wird. Dieses Mal haben die Imperialisten keine Parlamente, an die


sie sich wenden können, wenn sie möchten, daß jemand den Krieg
für sie beendet. Heute gibt es keine Dynastien, die als Sündenbock
geopfert werden können, ohne die Struktur des Staates im min-
desten zu gefährden. Wenn auf der anderen Seite die Massen ver-
suchen, sich einen Ausweg aus dem Krieg zu erkämpfen, dann
müssen sie gegen Hunderttausende von Hitleranhängern antreten,
die nur in einem ungeheuren Bürgerkrieg besiegt werden können,
einem Bürgerkrieg, der mit den improvisierten Truppen einer Volks-
regierung geführt werden müßte. Das Volk müßte aufstehen gegen
seine Unterdrücker — die Unterdrücker der ganzen Welt — und sie
besiegen.
Eines ist sicher. Wenn das deutsche Volk seine Beherrscher nicht
abschütteln kann, wenn es diesen Beherrschern im Gegenteil gelingt,
eine »friderizianische Variation« zu spielen, das heißt, wenn es
ihnen gelingt, den Krieg fortzusetzen, bis Uneinigkeit unter den
Alliierten die Gelegenheit für einen Verhandlungsfrieden bietet;
oder wenn andererseits die Beherrscher Deutschlands militärisch
besiegt werden, wirtschaftlich aber an der Macht bleiben, dann ist
eine Befriedung Europas undenkbar. Im letzten Fall würde eine
militärische Besetzung durch die Alliierten bestimmt nicht helfen.
Es ist schwer genug, heutzutage Indien durch gewaltsame Koloni-
sierung unter Kontrolle zu halten; es wäre ganz unmöglich, Mittel-
europa zu beherrschen. Sollten die Alliierten die Waffen nicht nur
gegen das erschöpfte Regime, sondern auch gegen das Volk wenden,
dann würden sie ungeheure Kräfte benötigen; die Nazis brauchten
mehr als eine halbe Million SS-Männer, die größte Polizeimacht
der Geschichte, und einen Blockwart für jeden Block in jeder Stadt;
sie mußten auch die Hoffnung auf einen Erfolg des Eroberungs-
krieges aufrechterhalten, ohne die sowohl die Polizei als auch die
Bevölkerung verhungern würde. Der fremde Soldat mit einem Ge-
wehr in der einen Hand und einer Flasche Milch in der anderen
würde nur dann als ein Freund angesehen, würdig der großen
Demokratien, die ihn geschickt haben, wenn die Milch für das
Volk und das Gewehr für das Regime bestimmt wäre. Der Gedanke,
ein ganzes Volk mit Gewalt zu erziehen, ist absurd. Was das
deutsche Volk aus blutigen Niederlagen, Bombardements, Ver-
armung und aus den Bestialitäten seiner Führer innerhalb und
24 * Anmerkungen

außerhalb Deutschlands nicht gelernt hat, wenn dieser Krieg vor-


über ist, das wird es auch nicht aus Geschichtsbüchern lernen.
Völker können sich nur selbst erziehen; und sie werden eine Herr-
schaft des Volkes nicht errichten, wenn ihre Hirne, sondern nur,
wenn ihre Hände sie ergreifen.
*943

S. 291 Verhalten der Physiker. Der Text wurde zuerst in dem Band
»Materialien zu Brechts >Leben. des Galilei<«, edition suhrkamp,
1963, veröffentlicht. Vergleiche dazu auch die »Anmerkungen >Leben
des Galilei<«, in den »Schriften zum Theater«, S. 1101 ff.
S. 292 Der Reichstagsbrandprozeß. Vergleiche dazu die Texte auf
den Seiten 205 ff. - Brecht arbeitete im amerikanischen Exil in
verschiedenen antifaschistischen Gruppierungen. Nach vorliegenden
Sitzungsprotokollen nahm er an vielen Zusammenkünften des
»Council for a Democratic Germany« teil, der sich in New York
unter dem Vorsitz des Theologieprofessors Paul Tillich gebildet
hatte. In dem ersten Bulletin des Councils sind als Mitglieder
außer Brecht u. a. genannt: Friedrich Baerwald, Felix Boenheim,
Hermann Budzislawski, Paul Hagen, Hans J. Hirschfeld, Julius E.
Lips, Maximilian Scheer, Albert H. Schreiner, Walther Victor, Jakob
Walcher. In einem »Statement«, das Paul Tillich in der gleichen
Ausgabe des Bulletins veröffentlichte, wird über die Mitglieder
des »Council for a Democratic Germany« u. a. gesagt: »All mem-
bers of the Council for a Democratic Germany are refugees from
Hitler Germany. Some of them have become American Citizens,
some are in the process of becoming, some are not, as they are
looking forward to a return to a liberated Germany. They all fought
against Nazism and its militaristic, feudal, monopolistic and intel-
lectual supporters long before the democratic nations even realized
the danger they meant for all humanity. They are shocked more
than anybody of non-German descent could be, by the horrible
manifestation of everything that is evil in man in the atrocities
comitted by Germans all over Europe. They understand that the
increase of these atrocities and the introduction of new inhuman
methods of warfare in the last, desperate phase of Nazi resistance
must tremendously increase the bitterness against the German
people and the will to use the most extreme measures to prevent
Anmerkungen 25 *

the repetition of such events.« — In Brechts Nachlaß befinden sich


mehrere Entwürfe von Erklärungen des Councils, in die Brecht
handschriftliche Korrekturen eingetragen hat. Vergleiche in diesem
Zusammenhang auch seinen Brief an Thomas Mann in »Schriften
zur Literatur und Kunst«, S. 478 ff.
S. 293 Briefe an einen erwachsenen Amerikaner. Die Texte wur-
den vom Herausgeber in dieser Reihenfolge zusammengestellt.
S. 303 Anrede an den Kongreß für unamerikanische Betätigung. Im
Oktober 1947 veranstaltete der »Kongreßausschuß zur Unter-
suchung unamerikanischer Betätigung« eine Hexenjagd gegen
Schriftsteller, Filmregisseure und Schauspieler, um ausfindig zu
machen, wodurch eine »kommunistische Infiltration« der amerika-
nischen Filmindustrie zustande gekommen sei. Brecht hatte zeit-
weilig für amerikanische Filmfirmen gearbeitet und war bereits in
dieser Funktion von der Bundesgeheimpolizei beobachtet worden.
Am 30. Oktober 1947 mußte er sich, unmittelbar vor seiner Rück-
reise nach Europa, vor dem Kongreßausschuß in Old House Office
Building in Washington zum Verhör stellen. Die Leitung des Hear-
ings lag in den Händen von Robert E. Stripling. Ein stenographi-
scher Bericht wurde in den »Hearings Regarding. The Communist
Infiltration of the Motion Picture Industry«, Washington 1947,
491-504, abgedruckt. Eine Schallplatte der Vernehmung erschien
1963 bei Folkways Records (Bertolt Brecht Before The Comitee on
Un-American Activities. An historic encomiter: presented by Eric
Bentley, Folkways Records FD 5531), im dazugehörigen Textheft
sind das Hearing sowie Bentleys Kommentare abgedruckt. Eine
deutsche Übersetzung des Verhörs ist im Nachrichtenbrief Nr. 10
des Arbeitskreises Bertolt Brecht, Düsseldorf, im Juni 1963 ver-
öffentlicht. - Brecht hatte für das Verhör die hier wiedergegebene
Erklärung vorbereitet. Stripling gab ihm aber keine Gelegenheit,
die Erklärung zu verlesen. - Vergleiche dazu auch Brechts Text
»Wir Neunzehn«, in den »Schriften zur Literatur und Kunst«,
S. 490 ff.

Vorschläge für den Frieden


S. 307 Vorschläge für den Frieden. Brecht bemühte sich nicht nur mit
künstlerischen Mitteln um eine Festigung des Friedens. Er arbeitete
i6 * Anmerkungen

in verschiedenen kulturpolitischen und politischen Gremien an


maßgeblicher Stelle mit: Im Juni 1954 wurde Brecht Vizepräsident
der Deutschen Akademie der Künste, der er seit ihrer Neugründung
1950 angehörte. Die 5. Generalversammlung des PEN-Zentrums
Ost und West wählte ihn im Mai 1953 zu ihrem Präsidenten. Im
Januar 1954 berief ihn das Ministerium für Kultur der DDR in
seinen künstlerischen Beirat. Außerdem war Brecht Mitglied des
Weltfriedensrates und des Friedensrates der DDR.
S. 309 Gespräche mit jungen Intellektuellen. Die von Brecht (auf
S. 310) erwähnte Zeitschrift »Dionysos« erschien 1947 bis 1948 in
Berlin und veröffentlichte Beiträge über Bühne, Film und Musik.
S. 316 Zur Volksbefragung gegen die Remilitarisierung. Am 9. Mai
1951 beschloß die Volkskammer der DDR eine Erklärung zur
Durchführung der Volksbefragung (am 5. und 6. Juni). Die Frage
lautete: »Sind Sie gegen die Remilitarisierung Deutschlands und
für einen Friedensvertag mit Deutschland im Jahre 1951?«
S. 320 Inschriften für das Hochhaus an der Weberwiese. Der Bau
das Hochhauses an der Weberwiese (nach den Entwürfen von Prof.
Robert Henselmann) leitete den großangelegten Wiederaufbau
der Frankfurter Allee und des Berliner Stadtzentrums ein. Brecht
schrieb mehrere Entwürfe für eine Inschrift auf. Davon wurde der
erste Entwurf, der dem Gedicht »Friedenslied« entnommen war, im
Hochhaus an der Weberwiese angebracht. Der vierte Entwurf steht
jetzt an einem anderen Hochhaus, dem »Haus Berlin« am Straus-
berger Platz. Beide Strophen befinden sich auch in den »Gedich-
ten«, sollten hier aber mit den anderen Entwürfen, die Brechts
Bemühungen um richtige Formen zeigen, im Zusammenhang zur
Kenntnis gegeben werden.
S. 321 Vorschlag an die Parteikonferenz der SED. Die 2. Partei-
konferenz der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands fand vom
9.-12. Juli 1952 statt.
S. 322 Zum Völkerkongreß für den Frieden. Der Völkerkongreß
für den Frieden tagte vom 12.—20. Dezember 1952 in Wien. Die
Kongreßteilnehmer, darunter eine gesamtdeutsche Delegation, be-
rieten u. a. Möglichkeiten einer friedlichen Lösung der deutschen
Frage. Brechts Adresse wurde von Helene Weigel verlesen. Der
Text war am 29. 11. 1952 im »Neuen Deutschland« veröffentlicht
worden.
Anmerkungen 27 *

S. 325 Zum Tod Stalins. Die Zeitschrift »Sinn und Form« veröf-
fentlichte in Heft 2, 1953, zahlreiche Beiträge von Mitgliedern der
Deutschen Akademie der Künste zum Tod Stalins, darunter auch
die Stellungnahme Brechts.
S. 325 Über die Kritik an Stalin. Auf dem XX. Parteitag der
KPdSU im Februar 1956 wurde die Arbeit Stalins scharf kritisiert.
Der Parteitag beauftragte das Zentralkomitee, Maßnahmen zur
Überwindung des Personenkults zu ergreifen. — Brecht schrieb den
Text im Sommer 1956.
S. 326 Zum IJ. Juni 1953. Brecht kam, als er von Unruhen hörte,
am Vorabend des 17. Juni aus Buckow nach Berlin und rief seine
Mitarbeiter zusammen, um mit ihnen gemeinsam auf verschiedene
Weise den Kampf gegen die Provokateure zu unterstützen. Von den
Briefen, die Brecht am 17. Juni an verschiedene Persönlichkeiten
des politischen Lebens schrieb, wurde einer, der an den Ersten
Sekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Walter
Ulbricht, am 21. Juni auszugsweise im »Neuen Deutschland« ver-
öffentlicht. - Von den Beiträgen, die vom Herausgeber in dieser
Reihenfolge angeordnet wurden, ist der Text »Ich habe am Mor-
gen des 17. Juni . . .« am 23. Juni 1953 ^m »Neuen Deutschland«
veröffentlicht worden.
S. 329 Die Volkskammer. Auf dem Typoskript ist ein Zeitungsaus-
schnitt aus dem Rundfunkprogramm des 23. Juli 1954 aufgeklebt
mit einer handschriftlichen Notiz Brechts: »Dieses Programm ist
typisch!« Die Programme des Deutschlandsenders und des 1. Pro-
gramms von Radio Berlin sahen durchweg unverbindliche Sendun-
gen mit Titeln vor wie »Klingende Kurzweil«, »Frohe Menschen -
frohes Land«, »Rhythmus und Schwung bringen gute Laune«, »Be-
schwingt und heiter geht es weiter«, »Musik erfreut des Men-
schen Herz«. Brecht hatte sich schon Ende der zwanziger Jahre dar-
um bemüht, den Rundfunk zu einem nützlichen Kommunika-
tionsapparat zu machen. Siehe dazu die Beiträge des Kapitels
»Radiotheorie« in den »Schriften zur Literatur und Kunst«,
S. 117 ff.
S. 331 Gedächtnisstätte Buchenwald. Zum Gedenken der antifaschi-
stischen Kämpfer, die von den Nazis in Konzentrationslagern ein-
gekerkert oder umgebracht wurden, ist inzwischen auf dem Gelände
des ehemaligen KZ Buchenwald bei Weimar am 14. 9. 1958 die von
28 * Anmerkungen

Brecht und anderen angeregte Mahn- und Gedenkstätte eingeweiht


worden. Die Gruppenplastik schuf Prof. Fritz Cremer.
5. 333 reform der rechtschreibung. In den Jahren 1954 bis 1956
wurde zahlreiche Diskussionen um eine Reform der Rechtschrei-
bung geführt. Brecht erhielt von Prof. Dr. Wolfgang Steinitz des-
sen in der »Wochenpost«, Berlin, Nr. 2, 1955, veröffentlichten
Beitrag, »geht es um di übe? Gedanken zu einer Reform der
deutschen Rechtschreibung«.
5. 338 Notizen über Amerika. Beide Texte sind Arbeiten Brechts
entnommen, deren Anfänge und Anschlüsse vermutlich verloren-
gegangen sind. Sie wurden in dieser Form vom Herausgeber zu-
sammengestellt. Brecht hatte in Telegrammen Albert Einstein,
Ernest Hemingway und Arthur Miller aufgefordert, etwas zur
Rettung der Rosenbergs zu untersuchen. Das Telegramm an Einstein
lautete: »Könnten Sie und andere Wissenschaftler noch etwas tun
für Ethel und Julius Rosenberg? Habe Akte gelesen. Sie sind un-
schuldig.« Der Text war am 7. Januar 1953 im »Neuen Deutsch-
land« veröffentlicht worden.
S. 339 Ein Vorschlag anläßlich der außerordentlichen Tagung des
Weltfriedensrates in Berlin 1954. Vom 24.-28. Mai 1954 tagte der
Weltfriedensrat in Berlin. Persönlichkeiten aus mehr als 60 Län-
dern der Erde berieten Maßnahmen für die Sicherheit der Natio-
nen und forderten ein Abkommen der Großmächte über das Atom-
waffenverbot.
S. 341 Erklärungen zu den Pariser Abmachungen. A m 15. und
16. 12. 1954 fand im Bonner Bundestag die erste Lesung der Rati-
fizierungsgesetze zu den Pariser Verträgen statt. Brecht hatte die
erste der hier abgedruckten Erklärungen zusammen mit dem Präsi-
denten des Deutschen Friedensrates, Prof. Dr. Dr. Walter Friedrich,
unterzeichnet und mit der Aufforderung publiziert, durch Unter-
schrift sich der Erklärung anzuschließen. In einem Schreiben des
Friedensrates heißt es: »Fünfzig namhafte Wissenschaftler und
Künstler schlössen sich ihr sofort an. Die Veröffentlichung durch die
Presse fand starke Beachtung in den Kreisen der Intelligenz. Un-
terschriften liefen aus allen Teilen der Deutschen Demokratischen
Republik ein. — Es gab Einzelunterschriften und gemeinsame Zu-
stimmungserklärungen der verschiedensten Art. Viele schnitten den
Wortlaut aus der Zeitung aus, klebten ihn auf ein Blatt Papier und
Anmerkungen 29 *

setzten ihre Unterschriften darunter. Andere schrieben die Erklä-


rung mit der Hand oder mit der Maschine ab und sammelten Un-
terschriften von Berufskollegen und Bekannten. Studenten gingen
in wissenschaftliche Laboratorien und Hörsäle, Schauspieler sammel-
ten Unterschriften in ihren Theatern. Mitglieder der Dresdner
Philharmonie wandten sich in einem Rundschreiben an alle Or-
chestermusiker der Deutschen Demokratischen Republik und for-
derten sie auf, die Erklärung zu unterschreiben. Tausende solcher
Unterschriften liefen im Sekretariat der Deutschen Akademie der
Künste ein. - Ortsgruppen des Kulturbundes, der Künstlerver-
bände, lokale und Betriebsfriedensräte unterstützten die Aktion,
indem sie in ihrem Bereich die Unterschriften einsammelten und sie
der Akademie übersandten. Aus diesen Kreisen kamen ständig neue
Anregungen. So warnten Mitglieder von Friedensräten vor der
Entfesselung eines Atomkriegs. Die Lehrer und Erzieher in der
Gewerkschaft >Unterricht und Erziehung< erklärten, daß sie nicht
zulassen werden, daß die deutsche Jugend Opfer eines dritten
Weltkrieges wird; sie fordern die Absetzung der Debatte über die
Pariser Kriegsverträge und Verhandlungen für die kollektive
Sicherheit der Völker Europas und die friedliche Wiedervereini-
gung unseres Vaterlandes. Bis zum 8. Februar 1955 liefen 176203
Unterschriften ein.« Brecht übergab die Unterschriften am 13. Fe-
bruar 1955 dem Deutschen Friedensrat zur Weiterleitung an den
Weltfriedensrat. Die Rede Brechts ist hier unter dem Titel »War-
nung vor Kriegen« (S. 342) abgedruckt.
S. 343 Antwort auf eine Umfrage nach dem besten Buch des Jahres
1954. Brechts Anwort wurde mit zahlreichen weiteren Stellung-
nahmen anderer Schriftsteller in der Monatsschrift »Neue Deutsche
Literatur«, Heft 2, 1955, veröffentlicht.
S. 343 Rede anläßlich der Verleihung des Lenin-Preises »Für Frie-
den und Verständigung zwischen den Völkern«. Brecht wurde am
21. Dezember 1954 mit dem Lenin-Friedenspreis ausgezeichnet. Zur
Preisverleihung reiste er im Mai 1955 nach Moskau. Die Rede
wurde bei der Entgegennahme des Preises im Kreml am 25. Mai
1955 gehalten. Ein Entwurf der Rede war unter dem Titel »Der
Friede ist das A und O« in »Sinn und Form«, Heft 3, 1955, ver-
öffentlicht worden. Die endgültige Fassung der Rede erschien in
»Neues Deutschland«, am 28. Mai 1955. Für einige Fassungen ver-
30 * Anmerkungen

wendete Brecht Texte aus seinem Vorwort zu Teo Ottos Exils-


Werk »Nie wieder«, das unter dem Titel »Salut, Teo Otto!« in den
»Schriften zur Literatur und Kunst«, S. 486 ff., abgedruckt ist.
S. 346 Wilhelm Pieck zum Geburtstag. Zum 80. Geburtstag von
Wilhelm Pieck am 3. Januar 1956 brachte der Auf bau-Verlag
einen Almanach »Wilhelm Pieck, Schriftsteller und Künstler zu
seinem 80. Geburtstag« heraus, in dem der Beitrag Brechts zum
erstenmal veröffentlicht wurde.
S. 348 Offener Brief an den Deutschen Bundestag Bonn. Am 7. Juli
1956 verabschiedete der Bundestag das Wehrpflichtgesetz, nach
dem die allgemeine Wehrpflicht in Westdeutschland eingeführt
wurde.

Anhang: Mies und Meck


S. 351 Mies und Meck. Brecht schrieb einige seiner Prosatexte über
den Faschismus (wie z. B. Ȇber die Frage, ob es Hitler ehrlich
meint«, S. 199 ff.) nochmals in Gesprächsform für den Rundfunk
auf. Die Texte liegen in ersten Entwürfen, teilweise mit zahl-
reichen handschriftlichen Eintragungen vor; sie sind wahrscheinlich
nicht gesendet worden. Die von Brecht sehr unterschiedlich ge-
handhabte Schreibung des Berliner Dialekts wurde vom Heraus-
geber nach einem einheitlichen Prinzip korrigiert. — Als Anregung
für die Gesprächspartner diente Brecht vermutlich die Fotomon-
tage John Heartfields »Meck und Mies im Dritten Reich«, die am
5. Juli 1934 in der A-I-Z, Prag, veröffentlicht worden war. Die
Montage zeigt einen Pinguin, der das »Meckernburger Tageblatt«
unter seinem Flügel hält und sich mit einem zweiten Pinguin
unterhält, der ein Leser des »Miesmacher Anzeigers« ist. Beide
stehen auf einer Eisscholle, die die Form des damaligen Deutsch-
land hat. > Unter der Fotomontage steht ein gereimtes Gespräch
der beiden über unerfreuliche Zustände im Hitlerdeutschland. -
Vergleiche dazu auch die »Flüchtlingsgespräche« sowie einzelne
Szenen aus »Furcht und Elend des Dritten Reiches«. W. H.
Register »Schriften zum Theater«
Brecht-Titel-Register

Stücke
Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui 1176—1180
Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny 348,441,472,474,476—477,
478,495, 1004—1016
Die Ausnahme und die Regel 1034
Baal 51, 62, 64, 6% 133, 140, 163, 218-219, 452, 472, 947-948,
954-956
Das Badener Lehrstück vom Einverständnis 239, 482, 1024, 1027—
1028, 1034
David 51
Im Dickicht der Städte 62, 6yy 69, 75, 160, 197, 209, 940, 948—950,
969-972
Die Dreigroschenoper 184, 276, 288, 293, 348, 352, 441, 472, 473 bis
474, 889,989-1003, 1144
Der Flug der Lindberghs s. Der Ozeanflug
Furcht und Elend des Dritten Reiches 314—315, 348, 602—603, 1099
Die Gesichte der Simone Machard 1180—1185
Die Gewehre der Frau Carrar 314, 316, 348, 370, 414—417, 608 bis
609, 736, 890—891, 916, 1100—1102, 1215—1216
Der gute Mensch von Sezuan 1157—1161
Hannibal 110
Die heilige Johanna der Schlachthöfe 238, 314, 354,1017—1021,1146
Herr Puntila und sein Knecht Matti 756,758,863, 1162—1175
Die Horatier und die Kuriatier 1024, 1034, 1097—1098
Der Jasager und Der Neinsager 239, 482, 1034
Der kaukasische Kreidekreis 635, 693, 697, 889—890, 905, 928,
1197—1210
Leben des Galilei 683—684, 690—692, 697, 698, 753, 903, 1103—1133
Leben Eduards des Zweiten von England 69, 110, 181, 195, 348,
352,472,599,940,951
Mann ist Mann 57, 64—67, 69^ 144—145, 150, 155, 238, 348, 352,
365, 449, 472, 475, 495, 611, 951, 973-988
Die Maßnahme 236, 239, 348, 482, 1029—1035
32 * Register »Schriften zum Theater«

Die Mutter 235, 239, 355, 361, 441, 472, 478—480, 607—608, 736,
744, 764—768, 904, 918, 1036—1081, 1215—1216
Mutter Courage und ihre Kinder 606, 636, 711, 712—716, 718, 735,
754» 769> 7gi> 854, 856, 863, 895-896, 904, 917, 918, 926,
1134—1150
Der Ozeanflug 239
Die Rundköpfe und die Spitzköpfe 238, .314—315, 348, 440, 445,
472, 480, 1082—1096
Schweyk im Zweiten Weltkrieg 1186—1196
Trommeln in der Nacht 69, 146, 155, 319, 348, 472, 940, 945 bis
947> 957-S>68
Die Verurteilung des Lukullus 1151—1156
Der Weizen 225

Bearbeitungen
Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk (von Jaroslav Hasek)
237, 290, 348, 354, 440, 441, 594, 598, 621, 895
Die Antigone des Sophokles 1211—1220
Biberpelz und Roter Hahn (von Gerhard Hauptmann) 758, 1269
bis 1274
Coriolan (von William Shakespeare) 1252—1254
Don Juan (von Moliere) 1257—1262
Der Hofmeister (von Jacob Michael Reinhold Lenz) 758, 760, 769,
933,1221-1251
Pauken und Trompeten (von George Farquhar) 1263—1264
Der Prozeß der Jeanne d'Arc zu Rouen 1431 (von Anna Seghers)
727, 851—852,1255—1256
Register »Schriften zum Theater« 33:

Namen- und Titelregister

Abell, Kjeld 288, 1162 Böcklin, Arnold 1006


Aicher, Rudolf 5, 10, 12, 19, 20, 22, Bohr, Nils 295—296, 1106
26—27, 29, 38 Borchardt, Hermann 1019
Aicher-Simonson, Annie 12, 29—30 BorufF, John 1052
Aischylos 172, 334, 1219 Brahm, Otto 285, 288, 358
Andreasen, Dagmar, 1100—1102, Breitensträter, Hans 162
1215—1216 Breughel, Pieter 1123, 1206
Antoine, Andre 285, 358 Bronnen, Arnolt 93—94
Anzengruber, Ludwig 775 Ostpolzug 133, 150, 155, 197,
v. Appen, Karl 783, 786, (821—822), 218
823 Vatermord 84, 155
Aristophanes 1081, 1164 Bruckner, Ferdinand
Aristoteles 252, 263, 475, 664, 667, Die Verbrecher 184
889, 1142, 1217 Brüning, Heinrich 1177
Poetik 240—242, 298, 507, 651 Büchner, Georg 599
Arndt, Ernst Moritz 893, 912 Dantons Tod 286, 693, 939
Äsop 1119 Leonce und Lena 939
Auden, Wystan Hugh 288, 1162, Woyzeck 95, 599, 694, 933, 939,
1163 1081, 1259, 1280
Aufricht, Ernst Josef 348 Burbage, Richard 735
Burkhard, Heinrich 1029—1030
Bach, Johann Sebastian 828, 1233 Burri, Emil 93—95, 1019
Bacon, Francis 252, 515, 589, 921, Amerikanische Jugend 133
999, 1112-1113 Das mangelhafte Mahl 95
Balzac, Honore de 328 Busch, Ernst 303, 600, 764—768, 886,
Barbusse, Henri 66 1030
Basil, Friedrich 561 Byron, George
Bassermann, Albert 1117 Manfred 263
Beaumarchais, Pierre-Augustin
Caron de Carow, Erich 1278
Figaros Hochzeit 703 Cäsar, Julius 324
Becher, Johannes R. 911 Cervantes Saavedra, Miguel de 334,
Der große Plan 1059 1081
Winterschlacht 891—895, 901, 910 Don Quichote 1250
bis 917, 1289—1295 Cezanne, Paul 364
van Beethoven, Ludwig Chaplin, Charles 60—61, j6, 238,
Fidelio 1013 987, 1204
Benjamin, Walter 1109 Alkohol und Liebe 60—61
Berlau, Ruth 712, 783, 802, (813 bis Cicero, Marcus Tullius 899—900
814), (819), 823, 1215, 1222 Clavius, Christopher 1111
Bernhardt, Sarah 187 Chochran, Charles Blake 262
Besson, Benno 816, 1222, 1259—1261 Craig, Gordon 286
v. Bismarck, Otto 486, 788 Crede", Paul
Blitzstein, Marc 1162 $ 218 248-249, 545, 596
34 * Register »Schriften zum Theater«

Crommelynck, Fernand Erpenbeck, Fritz 710, 729


Maskenschnitzer n—12, 28 Fadejew, Alexander
Czernin, Ottokar Graf 209 Die junge Garde 810
Farquhar, George
Danegger, Mathilde (853) The Recruiting Officer s. Brecht,
Dante Alighieri 334, 1081, 1241, Bearbeitungen, Pauken undTrom*
1245 peten
Darwin, Charles 353 Felsenstein, Walter 770
Delacroix, Eugene 243 Feuchtwanger, Lion 364—365, 951
Demosthenes 45 Fiegler, Horst Günter 820
Dessau, Paul 1135—1136 Fleisser, Marieluise
Die Verurteilung des Lukullus Ingolstädter Dramen 150, 163,
1151—1156 348
Dickens, Charles 328 Ford, Henry 152, 172, 356
Diderot, Denis 252, 292, 529 Forster, Rudolf 77
Diderot-Gesellschaft 305—309 Frankl 16
Diebold, Bernhard 135 Franz von Assisi 203
Dieterle, William Freud, Sigmund 1016
Syncopation 490 Freytag, Gustav 88—89
DimitrofT, Georgi 1179—1180 Frisch, Max 1237
Disney, Walt 1122
Döblin, Alfred 118, 220, 263 Gable, Clark 274
Dostojewski, Fjodor 151 Gabor, Andor 1059
van Draaz, Erika n , 12, 20, 25, 28 Galilei, Galileo 589, 662, 681-682,
Dreiser, Theodore 696
Eine amerikanische Tragödie 629 Garrick, David 1117
Ton in des Töpfers Hand 184 Gassendi, Petrus 1258
Dschingis-Chan 1178 Gaugier, Hans 1249—1250
Dürrenmatt, Friedrich 929 Gauguin, Paul 534
Düse, Eleonora 187 Gay, John
The Beggar's Opera 989—990, 991,
Eberle, Vera Maria 11, 18, 20, 22, 995
38 s. auch Brecht, Die Dreigroschen-
Edison, Thomas Alva 458 oper
Eduard VII. 636 Geffers, Friedrich 9, 10, 17—18, 19,
Einstein, Albert 296, 662, 815 20, 22, 38
Eisenstein, Sergej Gehlen, Walther 12, 18, 28
Panzerkreuzer Potemkin 642 George, Heinrich 229—234
Eisler, Hanns 236, 472, 479—480, Gert, Valeska jy
482, 492, 496, 598, 600, 697, 771, Geschonneck, Erwin (784—785),
916, 1029—1030, 1050, 1292 (805), 806, 853, 854, 1274
Johann Faustus 1179 Gide, Andre
Engel, Erich 75, 133, 134, 181, 276, Bathseba 35
719-720 Giehse, Therese 754, 1265—1268,
Engels, Friedrich 610, 650, 794 bis 1269, 1270—1274
795, 835, 925 Gillmann, Harry 838
Anti-Dühring 206 Gish, Lilian 187
Register »Schriften zum Theater« 35;

Gluck, Christoph Willibald Hartl, Kurt 5, 11, 21, 22, 25, 26, 30
Orpheus und Eurydike 1151 Hase, Annemarie 1173
Gnass, Friedrich 780, 800, 807, 838 Hasek, Jaroslaw
Goering, Reinhard 34 Die Abenteuer des braven Solda-
Goethe, Johann Wolf gang 178 bis ten Scbwejk
179, 182, 250, 268, 334, 465, 684, s. Brecht, Bearbeitungen
729, 905, 939, 1213, 1260 Hasenclever, Walter 45
Der Bürger general 939 Ein besserer Herr 145
Egmont 365, 485, 809, 855—858, Ehen werden im Himmel ge-
1081 schlossen 150 / Der Sohn 44
Faust 14, 51, 70, 106, 107, 182 bis Hauff, Wilhelm
183, 263, 274, 286, 332-333, 635, Die Bettlerin vom Pont des Arts 6
693-694, 704-706, 717, 740, 741 Hauptmann, Elisabeth
bis 742, 764, 781, 905—906, 924, Happy End 1019
933, 939, 1081, 1151 Hauptmann, Gerhart 46, 94, 151,
Urfaust 1275—1286 183,288,358, 515,937
Götz von Berlichingen 729, 741, Der Biberpelz 635, 712
933, 1081, 1144, 1145 Biberpelz und Roter Hahn s.
Iphigenie 729, 939 Brecht, Bearbeitungen
Torquato Tasso 19—20, 21, 32 Einsame Menschen 936
Gogol, Nicolai 1081 Fuhrmann Henschel 146, 149
Der Revisor 1250 Hanneles Himmelfahrt 485
Goll, Ivan 35 Michael Kramer 80
Gorelik, Mordecai 441, 467—471, Rose Bernd 18—19, 23"~24> 32>
1037-1093 173-174, 905-906
Gorki, Maxim 288, 718, 936, 937, Die Weber 173, 201—202, 332,
1052, 1071, 1080 576, 677, 711, 780, 936
Die Mutter s. Brecht, Die Mutter Häusler, Carl 12—14, I9"~2O> 2 3
Wassa Schelesnowa 936, 1265 bis Hay, Julius
1268 Haben 325—326
Gortschakow, Nicolai 769, 846 Hayneccius, Martinus
Gottsched, Johann Christoph 899 Meister Pfriem oder Kühnheit
bis 900 zahlt sich aus 1287—1288
Gozzi, Carlo 1219 Heartfield, John 445, 698
Granach, Alexander 59, 1030 Hebbel, Friedrich 46, 49—50, 118,
el Greco 55, 256 197
Green, Millicent 1052 Her ödes und Mariamne 104, 106
Grieg, Nordahl 288 Judith 37—38
Groß 16 Maria Magdalene 14, 905—906
Grosz, George 237, 291, 440, 441, Nibelungen-Trilogie 70
598, 944, 960-962 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich
Grünewald, Matthias 367 277, 298, 906
Heinrich VIII. 534
Halbe, Max 323 Henry, Helen 1052
Halse 1114 Heydrich, Reinhard 1233
Händel, Georg Friedrich 990 Hindemith, Paul 239, 477, 482,
Hardt, Ernst (146) 496, 1027, 1029—1030, 1177
Register »Schriften zum Theater«

v. Hindenburg, Paul 562, 880 153-154, 155-156, 288


Hirschfeld, Georg 323 Gas 8—9, 44, 58
Hitler, Adolf 465—466, 560—568, Der gerettete Alkibiades 44, 155
576, 594, 602, 608, 883, 894, 915, Hölle, Weg, Erde 35
917, 926, 944, 951, 1085, 1103, Kolportage 154
1114, 1115, 1116, 1176—1177, Von Morgens bis Mitternacht 57
1186—1196, 1290—1292 bis 58, 152
Hofer, Johanna 949 Kaiser, Wolf 782
Hoffmann, Kurt 18, 19, 20, 21, 22, Kalidasa 172
25, 27, 28, 38 Kant, Immanuel 252, 277
v. Hofmannsthal, Hugo Karl I. 901
Jedermann 26—27, 32> 2 ^6 Karlstadt, Lisl 599
Hogarth, William 1163 Keitel, Wilhelm 1177
Hokusai, Katsutschika 1122 Kerr, Alfred 51, (142), 215
Holbein, Hans 534—535 Kesten, Hermann 1064
Homer 334, 564—565, 1068 Kilger, Heinrich 1137
Odyssee 481 King 108—109
Homolka, Oskar 77, 235, 303, 600 Kipling, Rudyard
Horaz 899—900 Gunga Din 430—431
Hubalek, Claus 783 Ost und West 243
Hugo, Victor 362—363 Klabund
Hurwicz, Angelika 781, (801—803), Der Kreidekreis 236
820, (852—853), 1139—1142 Klein 166
Kleinoschegg, Willi 781, 803, 811
Ibsen, Henrik 150, 151, 186, 197, bis 812
274, 288, 331, 358, 515, 936, 937, v. Kleist, Heinrich
1164 Familie Schroffenstein 936
Gespenster 4—6, 143, 677 Prinz Friedrich von Homburg
Hedda Gabler 391 893
Nora 332, 521 Robert Guiskard 939, 1280
Infeld, Leopold 815 Der zerbrochene Krug 777
Isherwood, Christopher William Klopstock, Friedrich Gottlieb 1224,
Bradshaw 1163 1241, 1245
Ivens, Joris 492 Knutzon, Per 440, 1082
Kortner, Fritz 949
Jensen, Johannes Vilhelm KYenek, Ernst
Das Rad 949 Jonny spielt auf 1013
Jessner, Leopold 107, 286, 949 Kulisiewicz, Tadeusz 1197
Jhering, Herbert (147—153), (176 Küpper, Hannes 159—161
bis 184) Kusche, Lothar 1179—1180
Reinhardt, Jeßner, Piscator oder Kutscher, Arthur 4
Klassikertod? 176—184 Kyd, Thomas 588
Jouvet, Louis 262
Joyce, James Lagerkvist, Pär 288
Ulysses 364 Lampel, Peter Martin
Revolte im Erziehungshaus 152
Kaiser, Georg 43—45, 151—152, bis 153, 184—185
Register »Schriften zum Theater« 37 :

Lania, Leo 610, 650, 765, 794~79S> 835, 925


Konjunktur 472 Das Kapital 129, 466
Langhoff, Wolf gang 855-858 Maß, W.
Laughton, Charles 683—684, 1106, Die Schwestern Gerard (nach
1117—1126, 1129 Deux Orphelines von d'Ennery
Legal, Ernst 77 und Cormon) 769
Lenin, Wladimir 161, 276, 278, 484, Matkowsky, Adalbert 735
644, 707, 718, 794—795, 967, 97s, Maugham, Somerset 326—331
1033, 1095, 1129 Regen 108
Lenya, Lotte 235, 600 Maurer, Friedrich 1237
Lenz, Jacob Michael Reinhold Mayer, L. B. 470
Der Hofmeister s. Brecht, Bear- Mehring, Walter
beitungen Der Kaufmann von Berlin 157,
Leonardo da Vinci 70, 1121 472
Lernet-Holenia, Alexander Mei lan-fang 427, 623—624, 626
Jonny spielt auf 1013 Meisel, Edmund 472
Lessing, Gotthold Ephraim 292 Merz, Hermann 5, 8, 9, 10, 12, 15,
Emilia Galotti 939 19
Nathan der Weise 523 Meyer-Förster, Wilhelm
Lingen, Theo 600 Alt-Heidelberg 20—21, 30, 87
Livius, Titus 874, 875, 881 Meyerhold, Wsewolod 204, 286,
Lloyd George, David 109 303, 385-386
Lo Ding, Tschang Fan und Tschu Michelangelo, Buonarroti 789
Dschin-nan Moholy-Nagy, Ladislaus 445
Hirse für die Achte 896—899 Moissi, Alexander 10
Lorre, Peter 235, 276, 303, 600, Moliere, Jean Baptiste Poquelin
982—987 172, 822,1119
Low, David 1163 Don Juan s. Brecht, Bearbeitun-
LudendorfT, Erich 1177 gen
Ludwig XIV. 665 Der Geizige 343, 834, 887
Ludwig, Emil 210—211 George Dandin 1259
Lully, Jean-Baptiste 1258 Tartuffe 1250
Lutz, Regine 782, 811, 1173 Mommsen, Theodor 364—365
Monk, Egon 1221, 1278
Mac Arthur, Douglas 1151 Mozart, Wolf gang Amadeus 1235
Macaulay, Thomas 1113 Don Giovanni 274, 486
Mackensen n 13—n 14 Die Hochzeit des Figaro 1013
Maeterlinck, Maurice 366 Die Zauberflöte 1013
Die Blinden 34 Müllereisert, Otto 69
Mältzer 1113—1114 Mussolini, Benito 562
Mao Tse-tung 896 Müthel, Lothar 77
Über den Widerspruch 703, 883
Marlowe, Christopher 585, 1260 Napoleon I. Bonaparte 281, 324,
König Eduard II. 69, 181, 195 419, 519, 621, 1178
s. auch Brecht, Leben Eduards II. Napoleon III. 788
von England Neft, Heinrich 103
Marx, Karl 243, 276, 277, 317, 325, Neher, Carola 235, 276, 303, 600
38 * Register »Schriften zum Theater«

Neher, Caspar 219, 238, 304, 441, Polgar, Alfred 1008


472, 495, 600, 632—635, 698, 714, Polus 899—900
940, 1000, 1012, 1036—1037,1091, Prandau, Irene 19, 27
1092, 1122, 1211—1220, 1221 bis
1222 Racine, Jean-Baptiste 634, 666
Nestriepke, Siegfried 103 Phädra 1117
Newton, Isaac 541, 728 Ranft, Hans Heinrich 29
Nietzsche, Friedrich 270—271 Rapaport 350, 384—385, 505
Nurmi, Paavo 751 Reichardt, Max 28—29
Reicher 16
Oberländer, Hans 37 Reinhardt, Max 10, 34, 51, 108, 286
O'Casey, Sean 937 Rembrandt 286, 828, 949
Ochlopkow, Nicolai 286, 304, 439 Reumert, Poaul 350
Olivier, Laurence 1259—1260 Rilla, Paul 903
O'Neill, Eugene Gladstone 288 Rimbaud, Jean-Arthur 969
The Emperor Jones 476 Bateau ivre 243
Oppenheimer, Robert 662, 1108 Ein Sommer in der Hölle 949
Ornitz, S. 630 Rockefeller, John Davison 172
Orterer 16 Röhm, Ernst 1180
Ostrowski, Alexander 1081 Rosen, Max 29
Ein heißes Herz 850 Rösner, Willi 19, 21, 25, 38
Die Ziehtochter oder Wohltaten Rubiner, Ludwig
tun weh 888 Die Gewaltlosen 34
Otto, Hans 229—233 Rückert, Friedrich 829, 831
Otto, Teo 1136—1137 Ruederer, Joseph 775
Rülicke, Käthe 783, (796—797), 806,
Palitzsch, Peter 783, (788-794), (825-826), (869-887), (889), (901
(797-799), 806, 807, (808), (815), bis 919)
(829-835), (836-839), (861), (862
bis 864), (864-866), (869-888), Sacchetto, Rita 27
(889), 891, (901—918) Sachs, Hans 1281
Palm, Kurt 768—770, 823, 1138 Saitenburg 166
Pawlow, Iwan 528 Schall, Ekkehard 891-895
Pechel, Rudolf 1178 Schäfer, Philippine 5, 18—19, 21, 38
Peters, Paul 1042 Scheicher, Raimund 928
Pfanzelt, George 69 Scherer, Wilhelm 183
Pieck, Wilhelm 1152 Schiller, Friedrich 20, 118, 178—180,
Picasso, Pablo 710 252, 268, 270-271, 684, 747, 779,
Piscator, Erwin 103, 112, 133—135, 902, 939, 1213
135—137, 138, 139, 180, 181, 184 Demetrius 939
bis 185, 235, 237, 262, 276, 286, Don Carlos 9—11, 14, 32, 52,
289—293, 303, 308, 316, 348, 440, 1117
472, 594-597, 598, 605, 621, 629, Die Jungfrau von Orleans 485
940, 1095 Kabale und Liebe 17—18, 32,741,
Piaton 45 908, 1145
Plinius, Gajus Secundus d. Ä. 930 Maria Stuart 14, 73—74, 178, 354,
Plutarch 874, 875, 881, 882, 884 790
Register »Schriften zum Theater« 39 *

Die Räuber 21—23, 27—28, 30, 33, 683, 698, 715, 906, 924, 1119
69, 112, 178, 605, 908, 933, 936, Die lustigen Weiber von Windsor
939» 948 1127
Wallenstein 21, 26, 106, 109, 332, Macbeth 109, 115—119, 130, 149,
333, S3I-53*, 677, 741-742,809, 332-333, 39i, 444, 586, 587, 588,
908, 939 590, 632-633
Wilhelm Teil 182, 741, 939 Maß für Maß 1091
Schmidtbonn, Wilhelm Othello 146, 149, 575, 587, 623,
Der Graf von Gleichen 7—8 677, 711, 847-848, 899, 918, 949,
Schönherr, Karl 1145
Kindertragödie 38 Richard III. 109, i n , 121, 149,
Schünemann, Georg 1029—1030 189, 194, 332-333, 334-335, 575,
Schwaen, Georg 1287 586, 587, 590, 693, 764, 801,
Seghers, Anna 1125
Der Prozeß der Jeanne d: Are zu Romeo und Julia 317, 333, 391,
Rouen 1431 590, 1095
s. Brecht, Bearbeitungen Ein Sommernachtstraum 268, 587
Seneca 585 Der Sturm 764, 1119
Shakespeare, William 76, 80, 113, Timon von Athen 575
114, 119—120, 121, 127, 131, 147, Troilus und Cressida 63 5
148—149, 162, 174, 179, 250, 252, Shaw, George Bernard 96—101, 288,
256, 287, 310, 327, 332-336, 365> 3i7, 937
585-594, 634, 666, 667, 677, 717, Pygmalion 24—26, 32
747, 757, 779, 821, 847, 908, 924, Sinclair, Upton
939» 95 1 , 1068, 1081, 1119, 1120, Der Sumpf 9—11
1123, 1206, 1221, 1240, 1253, Sokrates 954
1259—1260, 1279 Sophokles 666
Antonius und Kleopatra 49, 77, Antigone 521 s. auch Brecht, Be-
149, 333-334, 575, 587 arbeitungen
Coriolan 120, 133, 134, 149, 181, Elektra 899
809, 869—888 ödipus 146, 184—186, 190—191,
s. auch Brecht, Bearbeitungen 236, 298, 476, 677, 712
Hamlet 51, 121, 274, 287, 333, Sorel 1117
334» 335, 409, 5O5, 521, 575, 587, Stanislawski, Konstantin 285—286,
588, 589, 590, 635, 695-696, 741, 288, 303, 350, 380—388, 392, 489,
753, 893, 9ii, 1117, ii45 505, 515—517, 518, 522—523,
Heinrich IV. 928 553, 623, 625, 728, 737, 769,
Heinrich V. 1259—1260 841—866, 887
Julius Cäsar 149, 181, 256, 287, Steckel, Leonhard 1174
354, 575, 582 Steinrück, Albert 742
Der Kaufmann von Venedig 77, Sternberg, Fritz 126—129, (147 bis
585, 834,1167 153), 181
König Johann 1145 Sternheim, Carl 45
König Lear 147, 149, 299—302, Stetten, Georg 28
315, 332, 333, 343, 354, 3^3, 391, Stoff, Magdalena 5
Strauß, Richard 1153
418, 422, 445, 522, 575, 581, 583, Elektra 1013
$87, 588, 591, 614, 615—616, 623,
4O * Register »Schriften zum Theater«

Strawinsky, Igor 291, 477 Voltaire 252, 334


Stresemann, Gustav 1177 Candide 1250
Strindberg, August 4, 274, 288, 366,
5*5, 937 Wachtangow, Jewgeni 204, 262,
Fräulein Julie 256 286, 303, 304, 385—386, 860
Rausch 29—30, 37 Wagner, Carola 17
Totentanz 30 Wagner, Richard 486, 1013
Ein Traumspiel 485 Die Meistersinger von Nürnberg
Strittmatter, Erwin 486
Katzgraben 717, 773—840, 824,941 Lohengrin 56
Ochsenkutscher 77$ v. Wangenheim, Gustav 1162
Sudermann, Hermann 94, 156, 186 Wäscher, Aribert 77
Die Raschhoffs 156 Wedekind, Frank 3—4, 599
Suhrkamp, Peter 1004—1016 Erdgeist 37
Sulla 326—327 Herakles 4
Swift, Jonathan 990 Der Marquis von Keith 3
Sygne, John Millington Weichert, Hans (142—146)
Riders to the Sea 890 Weigel, Helene 77, 190—191, 235,
276, 303, 3i6, 354» 37°, 414-416,
Terofal 16 600—601, 606, 607—610, 715, 718,
Thoma, Ludwig 775 736, 754, 808-809, 827, 853,
Toller, Ernst (854), 861, 862, 890-891, 895 bis
Hoppla, wir leben 472 896, 916, 918, 1030, 1038—1042,
Die Wandlung 34 1100—1102, 1147—1148, 1216,
Tolstoi, Alexej und 1219
Dimitri Schtschegolew Weill, Kurt 239, 472, 473—474, 476,
Rasputin 1095 482, 495—496, 600, 1012
Tolstoi, Leo 4, 288, 300, 515, 937 Wekwerth, Manfred (787), (846 bis
Die Kreutzersonate 1245 847), (869-887), (889), 897-898,
Toporkow, W. 857 (899—900), (901—917)
Trautner, Eduard Welles, Orson 494
Haft 34 Whitman, Walt 1119
Tretjakow, Sergej Wiemann, Mathias 77
Brülle, China! 204—205 Wilhelm II. 45, 209, 291
Trendelenburg 286 Winds, Erich-Alexander (712—717)
Tschechow, Anton 288, 937 Wischnewski, Wsewolod
Tschiang Kai-schek 883, 898 Die erste Reiterarmee 903
Wohlwill, Emil i m
Urban VIII. i m Wolf, Friedrich (1142—1146)
Cyankali 780
Valentin, Karl 39, 204, 599, 714 Tai Yang erwacht 596, 698
Vallentin, Maxim 235
Verdi, Giuseppe Ziegler, Adolf 17
Aida 56 Zola, Emile 151
La Traviata 544 Zuckmayer, Carl
Verlaine, Paul 954, 969 Der fröhliche Weinberg 145
Viertel, Berthold 1265, 1269—1270
Register »Schriften zur Literatur und Kunst«
Brecht-Titel-Register

Stücke
Das Badener Lehrstück vom Einverständnis 131, 148
Die Dreigroschenoper 79, 100, 139—209 (Dreigroschenprozeß), 330
Furcht und Elend des Dritten Reiches 299
Die Gewehre der Frau Carrar 252
Im Dickicht der Städte 396
Der Flug der Lindberghs s. Der Ozeanflug
Der Jasager und Der Neinsager 148
Der kaukasische Kreidekreis 506
Leben Eduards des Zweiten von England 78, 396—397
Mann ist Mann 107—108, 499
Die Maßnahme 148
Die Mutter 514
Der Ozeanflug 124—127, 131
Die Tage der Commune 498
Turandot oder Der Kongreß der Weißwäscher 463

Filme
Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt? 210—216

Prosa
Der Dreigroschenprozeß 139—209, 210
Die Geschäfte des Herrn Julius Cäsar 299—301
Geschichten vom Herrn Keuner 148—149
42 * Register »Schriften zur Literatur und Kunst«

Namen- und Titelregister

Aisdiylos 522 Breughel, d. Ä., Pieter 268, 279 bis


Ammer, K. L. 79—80, 100, 145 283, 300
Anadker, Heinridi 498 Bronnen, Arnolt 122
Andersen, Henry Jul 333 Brügel, Fritz
Appollonius 265 Flüsterlied 389—391
Aristophanes 296 Brüning, Heinrich 213
Lysistrata 463 Büchner, Georg 364
Die Wolken 458 Budzislawski, Hermann 501
Aristoteles 200 Bürger, Gottfried August 507
Arnim, Ludwig Adiim von Busch, Ernst 422, 500
Des Knaben Wunderhorn 508 Butler, Samuel
Astaire, Fred 402 Jenseits der Berge 65, 66—72
Der Weg allen Fleisches 72,-7$
Bacon, Francis 201, 355, 368, 378
Baläzs, Bela 185 Cäsar, Julius 370, 410
Balzac, Honore de 294, 296, 305, De bello Gallico 357
307, 308-309, 311-312, 313, 316 Cervantes, Saavedra Miguel de
bis 317, 321, 325, 327, 348-349, Don Quichote 348, 371, 460
359—362, 379, 416 Cezanne, Paul 265
Das Chagrinleder 294 Chagall, Marc 292
Vater Goriot 294, 309, 316 Chamisso, Adelbert von 508
Barlach, Ernst 511—516 Chaplin, Charles 172, 415
Baudelaire, Charles 408—410 Citylights 170
Baudisch, Paul 25 Goldrausch 138—139, 464
Beaumarchais, Pierre-Augustin Ca- Chesterton, Gilbert Keith 458
ron de 362—363 Churchill, Sir Winston 525
Figaros Hochzeit 363 Claudius, Matthias 507
Becher, Johannes R. 493, 497—498, Clausewitz, Karl von 486
506, 509—510 Cooper, James Fenimore 317
Levisite 50 Courbet, Gustave 522
Neue Volkslieder 506 Courths-Mahler, Hedwig 35
Verbrüderung 439
Benjamin, Walter 409 Dante, Alighieri
Benn, Gottfried 62, 432—433 Göttliche Komödie 447, 459
Bezruc Petr 447 Darwin, Charles 26, 236
Bismarck, Otto von 291, 498 Daudet, Alphonse
Björnson, Björnstjerne 41 Die wunderbaren Abenteuer des
Blanqui, Louis-Auguste 409 Tartarin von Tarascon 461
Borg, Arne Descartes, Rene 370
Wie ich um die Erde schwamm 52 Dickens, Charles 348, 361—362
Bosch, Hieronymus 77 Bleak House 362, 462
Braun, Alfred 122 Diebold, Bernhard 63—65, 164
Brentano, Clemens Döblin, Alfred 63—65, 75, 122—123,
Des Knaben Wunderhorn 508 181, 297, 361, 452
Register »Schriften zur Literatur und Kunst« 43 ;

Die drei Sprünge des Wang-Lun Gay, John


10, 64 Die Bettleroper 362
Wadzeks Kampf mit der Dampf- George, Stefan 55, 57—58, 60—61
turbine 10 Gerhardt, Paul 505
Dos Passos, John Rodengo 309, Gerok, Karl 55
317, 361, 416, 452 Gide, Andre 297, 310, 311, 434 bis
Dostojewski, Fjodor 438
Die Brüder Karamasow 174, 175 Die Verliese des Vatikans 459
bis 176, 368 Gilbeaux, Henri
Doyle, Sir Artur Conan Wladimir Iljitsch Lenin 51
458 Goebbels, Joseph 249, 254, 514, 515
Dudow, Slatan Th. 142, 210—212, Goering, Reinhard 305
213, 214—215 Goethe, Johann Wolfgang 76, 79,
Dreiser, Theodore 353, 3^5, 425, 429, 4^5, 4^7» 503»
Der Titan 66 507
Dürer, Albrecht 521 Achilleis 507
Faust 462, 508, 534, 537
Edschmid, Kasimir 4, 8, 449 Götz von Berlichingen 101
Eisenstein, Sergej Hermann und Dorothea 507
Panzerkreuzer Potemkin 170 Iphigenie 385—386, 507
Eisler, Hanns 210, 214—215, 328, Reineke Fuchs 507
334-338, 500, 509-510 Torquato Tasso 420—421
Johann Faustus 533—537 Gogh, Vincent van 13, 521—522
Elvestad, Sven 29 Gogol, Nicolai
Engels, Friedrich 291, 295, 308, Der Revisor 461
522 Göring, Hermann 471
Gorki, Maxim 422—443
Fadejew, Alexander 444 Die Mutter 423, 442—443, 512
Feuchtwanger, Lion 244, 429—430, Goya, Francisco Jose de 521
488—489 Grimmeishausen, Hans Jakob Chri-
Fischer, Ernst 536 stoffel 348, 503
Dr. Fischer 145 Simplizius Simplizissimus 367,
Flaubert, Gustave 532 464
Lehrjahre des Gefühls 294 Grosz, George 293, 336
Fontane, Theodor 508 Grotewohl, Otto 495
Ford, Henry 316
France, Anatole 411 Hamsun, Knut 4, 448
Die Insel der Pinguine 372 Harlan, Veit
Frankfurter, R. 146, 148, 154, 156, Jud Süß 499
168, 179 Harris, Frank
Freeman, Richard Austin 452 Mein Leben 48—49
Freiligrath, Ferdinand 507 HaSek, Jaroslav 349, 447
Freud, Sigmund 303 Die Abenteuer des braven Sol-
Frueauf, Rueland 77—78 daten Schwejk 293, 304, 308,
370-71,460, 550
Galilei, Galileo 487 Hauptmann, Gerhart 181, 364—366
Garcia Lorca, Federico 506 Der Biberpelz 364
44 * Register »Schriften zur Literatur und Kunst«

Florian Geyer 256, 366 Kerner, Justinus 55


Fuhrmann Henschel 101, 113, 330 Kerr, Alfred 27, 44, 78—79, 99 bis
Rose Bernd 257 102, 164
Die Weber 364-366 Kipling, Rudyard 4, 14, 74, 79
Heartfield, John 336 Kleist, Heinrich von
Hebbel, Friedrieb 6—7, 37, 39, 200, Michael Kohlhaas 364, 459
508 Der zerbrochene Krug 462, 508
Her ödes und Mariamne 106 Klopstock, Friedrich Gottlieb 508
Hegel, Georg Wilhelm Friedridi Knebel, Karl Ludwig von 506
236—237, 295, 334, 475 Kollwitz, Käthe 513
Heine, Heinridi 465, 503, 508 Kolumbus, Christoph 495, 460
Heller, Adolf 29 Konfutse 75—76, 231, 424
Hemingway, Ernest 361 Körner, Theodor 498—499
Herder, Johann Gottfried Kraus, Karl 15, 46—47, 149, 418,
Stimmen der Völker in Liedern 430-432, 472
508 Küpper, Hannes
Hesse, Hermann He! He! The Iron Man! 56
Klingsors letzter Sommer 8 Kürschner, Joseph
Peter Camenzind 8 Kürschners Deutscher Literatur-
Hiller, Kurt 4 kalender 3 5
Hindemith, Paul 219—221
Hindenburg, Paul von 29, 514 Lagerlöf, Selma
Hitler, Adolf 219, 254—256, 293, Jerusalem 28
339» 393, 47O, 475-477» 478-479» Lania, Leo 142, 144, 197
485 Lenin, Wladimir 232, 237, 261, 272,
Mein Kampf 220 291-292, 354, 372, 423, 441, 522
Hölderlin, Friedrich 508 Lenz, Jacob Michael Reinhold 362
Höllering, Georg 210—212 bis 364, 465
Homer 338, 504 Der Hofmeister 363, 462
Odyssee 459 Lernet-Holenia, Alexander 89
Hugo, Victor 470 Lessing, Gotthold Ephraim 63, 105,
Huxley, Aldous Leonard 438—439 429
LeVy-Brühl, Lucien 355
Ibsen, Henrik 39, 335 Liepmann, Heinz, 239—240
Li T'ai-po 219, 424
Jensen, Fritz 424 Ludendorff, Erich 422
Jessner, Leopold 104—105 Ludwig, Emil 65
Jhering, Herbert 164, 171 Lukacs, Georg 296—298, 311, 317,
Volksbühnenverrat 66 320, 326, 334, 337-338, 339,
Joyce, James 297, 361, 452 416
Ulysses 65, 293, 303, 461 Lukrez 233, 399, 506
Luther, Martin 398, 503
Kafka, Franz 50, 61, 361, 447
Kaiser, Georg 305 Maillol, Aristide 520
Kaspar 210—212 Majakowski, Wladimir 334, 379
Kastner, Bruno 168 Mann, Klaus 40—42
Keller, Gottfried 54 Mann, Heinrich 181, 480—481
Register »Schriften zur Literatur und Kunst« 45 ;

Im Schlaraffenland 472 Ottwald, Ernst 210—212


Der Kopf 28
Mut 466—477 Pabst, Georg Wilhelm 198
Der Untertan 470, 472—473 Picasso, Pablo 521—522
Zwischen den Rassen 472 Piscator, Erwin 328, 336
Mann, Thomas 23—24, 38—39, 40 Platen, August Graf von 508
bis 42, 43, 49, 64, 80, 169, 206, Plato 355
478—480, 480—481 Po Chü-i 219, 424—425
Buddenbrooks 28, 293 Poe, Edgar Allan 458
Joseph und seine Brüder 293, 459 Pottier, Eugene
Der Zauberberg 23—24, 28—29, Internationale 394
37-38
Mao Tse-tung 425 Rhode 452
Marees, Hans von 13 Rilke, Rainer Maria 55, 57—58, 60,
Marc, Franz 269—270, 292, 293 3i9
Mark Twain 27 Rilla, Paul 549
Marlowe, Christopher Rimbaud, Jean-Arthur 25, 45—46,
König Eduard 11 396 7% 396
Marx, Karl 174, 237, 291, 294, 308, Rodenberg, Hans 498
319, 334, 409, 470, 522, 549 Rodin, Auguste 9, 514
Das Kapital 353 Rosenberg, Alfred 515
Mendelsohn, Erich Rothe, Hans 396
Amerika 51 Rousseau, Jean-Jacques
Meyer, Conrad Ferdinand 508 Emile 360
Meyer-Förster, Wilhelm Rubens, Peter Paul 13
Alt-Heidelberg 174 Rühle, Otto
Michaelis, Karin 477—478 Marx, Leben und Werk 65
Michelangelo Buonarroti 273
More, Thomas Sacco, Nicola 53
Utopia 232 Sayers, Dorothy Leigh 452
Müller, Vinzenz 499 Schacht, Hjalmar 254
Münzer, Thomas 535 Scharfenberg 210—212
Mussolini, Benito 470 Scheer, Maximilian 501
Myers, G. Schiller, Friedrich 106, 165, 353,
Geschichte der großen amerika- 364-365, 398-399, 4^5, S07
nischen Vermögen 52 Don Carlos 507
Die Räuber 364
Napoleon I. Bonaparte 30, 98, 312 Wallenstein 64, 535
Napoleon III. 409—410, 470 Wilhelm Teil 3 5
Neher, Caspar 13, 142 Schlegel, August Wilhelm 396
Nexö, Martin Andersen Scholochow, Michail
Die Kindheit 418—420 Der stille Don 443
Schönberg, Arnold 337
Orff, Carl Seume, Johann Gottfried 508
Antigone 489—490 Shakespeare, William 13, 63, 79,
Otto, Teo 101, 104, 105—106, 132, 396, 524,
Nie wieder! 486—488 534
46 * Register »Schriften zur Literatur und Kunst«

Hamlet 170 Tolstoi, Leo 41, 296, 303, 305, 307,


Coriolan 233 308, 309, 313, 321, 325, 327, 348
Julius Cäsar 233 Auferstehung 309—310
König Lear 370 Krieg und Frieden 415
Macbeth 170 Tretjakow, Sergej 311
Othello 99, 170, 536 Tschuang-tsi 462
Romeo und Julia 170 Tucholsky, Kurt 304
Shaw, George Bernard 15, 26—27, Tu Fu 219, 424
67, 73» 335 Turgenjew, Iwan
Shelley, Percy Busshe Tagebuch eines Jägers 368
Maskenzug der Anarchie 340—349
Simmel, Georg 163 Uhland, Ludwig 508
Simonow, Konstantin 506
Sinclair, Upton 27, 99, 316 Vanzetti, Bartolomeo 53
Sir Galahad (eigtl. Berta Eckstein- Vayda, I. 142, 185
Diener) Vergil Maro, Publius
Die Kegelschnitte Gottes 28 Äneis 309
Sophokles Georgica 506—507
Antigone 309 Verlaine, Paul 79
Ödipus 532, 535, 536 Villon, Francois 79—80, 100, 145
Spielhagen, Friedridi 38, 41, 49 Voltaire 306, 349, 429
Stalin, Josef 308, 379, 435 Candide 460
Steinbeck, John Die Jungfrau von Orleans z$z,
Von Mäusen und Menschen 448 462
Stendhal, Frederic de 30, 361 Voß, Johann Heinrich 506
Sternheim, Carl 305
Stevenson, Robert Louis 24—26 Wagner, Richard 530
Der Junker von Ballantrae 25—26 Die Meistersinger von Nürnberg
Suhrkamp, Peter 124—127 129
Swift, Jonathan 296, 306, 348, 429, Waley, Arthur 424
462 Wallace, Edgar 34—35
Gullivers Reisen yz, 235 Wassermann, Jacob
Synge, John Millington 10 Der Fall Maurizius 6$
Wedekind, Frank 50
Taine, Hippolyte 294, 311 Frühlings Erwachen 364
Tennyson, Alfred Lord Weigel, Helene 514
Enoch Arden 413 Weigert 194, 197
Thälmann, Ernst 400 Weill, Kurt 141, 152, 194
Thesing, Marguerite und Curt 24 Wells, Herbert George 440—441
Thiers, Adolphe 498 Die Welt des William Clissold 65
Thomas, R. S. Wendt, Ernst 501
Dunkle Schiffe 66 Werfel, Franz 34, 55, 57—58
Tieck, Dorothea 396 Weyrauch, Wolfgang 496—500
Tillich, Paul 479 Wiegler, Paul
Tizian 13 Figuren 8
Toller, Ernst 305 Wilhelm II. 524
Die Wandlung 293 Wu-an 424
Register »Sdiriften zur Literatur und Kunst« 47 *

Zamcke 499 164, 461


Zola., Emile Zweig, Arnold
Nana 309 Der Streit um den Sergeanten
Zudtmayer, Carl Grischa 52—53
Der Hauptmann von Köpenick Erziehung vor Verdun 494
Register »Schriften zur Politik und Gesellschaft«
Brecht-Titel-Register

Stücke
Die Dreigroschenoper 303
Joe Fleischhacker 46
Die Mutter 79, 175
Register »Schriften zur Politik und Gesellschaft« 49 :

Namen- und Titelregister

Adenauer, Konrad 341 Hebbel, Friedrich 10


Hegel, Georg Wilhelm Friedrich
Bacon, Francis 138 142, 150—151, 152
Earl Balduin of Bewdley, Stanley Heidegger, Martin 161
243 Henselmann, Hermann 322
Bismarck, Otto von 38, 75, 313, 360 Herrnstadt, Rudolf 322
Bohr, Nils 335 Heß, Rudolf 195-198
Hindenburg, Paul von 353, 358
Chamberlain, Arthur Neville 245, Hitler, Adolf 94, 181, 182—183,
280 199—203, 205—207, 219—222,
Coli, Fran$ois 32 223-224, 230, 233, 235, 239,
243—244, 258, 262, 265, 269 bis
Delacroix, Eugene 74 270, 279, 281, 282—283, 283 bis
Descartes, Rene 132—138 288, 292-293, 303-305, 314» 323
Dessau, Paul 331 bis 324, 335-336, 340, 353-361
Diener, Franz 27 Mein Kampf ZQI, 355
DimitrofF, Georgi 208, 292 Hobbes, Thomas 252
Doyle, Sir Artur Conan 256
Jännicke, Erna 211—212, 215, 219
Einstein, Albert 113, 272, 335 Jaures, Jean
Eisenstein, Sergej 46 Sozialistische Geschichte der
Eisler, Hanns 321—322 französischen Revolution 94
Engels, Friedrich 162, 256, 258, 334 Joyce, James 27
Epstein, Sally 209
Ewers, Hanns Heinz 210 Kant, Immanuel 138—140, 142,
144, 164
Felsenstein, Walter 322 Karll. 38
Foag, A. 257 Kleber, Jean Baptiste 38
Ford, Henry 24, 199—200 Körner, Theodor 213—214
Franco, Francisco 279, 315 Korsch, Karl 65—66, 70, 71
Freiligrath, Ferdinand 74 Küpper, Hannes 31
Frick, Wilhelm 233, 353
Lenin, Wladimir 34, 52, 68, 69—70,
Galilei, Galileo 134 98-99, 114, 166, 334
Gaulle, Charles de 286 Ludwig, Emil 285
Gide, Andre 105, 109—111 Lukrez 297
Goebbels, Joseph 202, 207, 210 bis Luther, Martin 38
211, 244, 281, 314, 353 Luxemburg, Rosa 52
Goethe, Johann Wolfgang 10, 144,
251, 335 Mao Tse-tung 343
Göring, Hermann 192—194, 201, Marx, Karl 46, 52, 71—72, 74—75,
207, 213, 353, 355, 358 152, 325, 334
Gorki, Maxim 112 Michelangelo, Buonarroti 30
Grosz, George 31 Morgan, John Pierpont 199—200
5O * Register »Schriften zur Politik und Gesellschaft«

Mussolini, Benito 243, 279, 355, Schröder, Robert 322


360—361 Seeger 282
Shakespeare
Napoleon I. Bonaparte 285 Coriolan 226
Napoleon III. 269 Skupin, Vera 331
Ney, Michel 38 Sorel, Cecile 94
Nungesser, Charles 32 Spinoza, Benedikt 335
Stalin, Josef 101, 104—105, 300,
Petain, Henri-Philippe 325 325—326, 360—361
Pieck, Wilhelm 346 Stampfer 282
Piscator, Erwin 46
Plato 164 Todt, Fritz 361
Puschkin, Alexander 335 Trotzki, Lew 115, 184

Remarque, Erich Maria Unger, Erich 128—131


Im Westen nichts Neues 304 van der Lubbe, Marinus 208
Ribbentrop, Joachim von 360—361 Vansittart, Robert Gilbert 285
Röhm, Ernst 244, 358 Voltaire 160
Roosevelt, Franklin Delano 300,
336 Wallace, Henry 336
Rosenberg, Ethel und Julius 338 Wells, Herbert George 203
Rothschilds 203 Wessel, Horst 209—219
Russell, Bertrand Earl of 143 Whitman, Walt 335
Wilhelm II. 313, 358
Schacht, Hjalmar 354 Wolf, Otto 28
Schiller, Friedrich 247
Schopenhauer, Arthur 142 Ziegler, Hans 209
Zur Ausgabe der »Schriften«

Die theoretischen Schriften Bertolt Brechts sind bisher, nach Sachge-


bieten geordnet, in Reihen herausgegeben worden. Die Aufgliede-
rung selbst so großer Komplexe wie Theater, Kunst und Politik
bereitete nicht selten Schwierigkeiten, da bei Brecht alle Texte im
Grunde untrennbar zusammengehören. Wie sollte man Brechts Aus-
einandersetzungen über den Realismus verstehen, ohne etwa seine
Bemühungen um ein realistisches Theater zu kennen, wie seine An-
sichten über eingreifendes Denken ohne die praktischen Versuche
zur Aktivierung des Publikums im Theater, wie die politischen
Meinungen und Haltungen ohne ihre vielfältige Verwertung in der
Kunsttheorie! Wie könnte man überhaupt die theoretischen Schrif-
ten losgelöst von den literarischen Arbeiten begreifen! Die Theorie,
die Brecht entwickelt hat, ist in allen Phasen die Theorie einer
Praxis, die direkt aus ihr entnommen wurde und sich wiederum auf
sie auswirkte. Eine isolierte Betrachtung der Schriften birgt den
Keim zu Mißverständnissen in sich.
Die »Gesammelten Werke« legen die Schriften im Verein mit den
literarischen Arbeiten vor. Die Ausgabe betont die Zusammenge-
hörigkeit der theoretischen Arbeiten, indem sie alle unter den ein-
heitlichen Titel »Schriften« stellt. Die Sachkomplexe erscheinen nun-
mehr als drei Abteilungen der »Schriften«.

Zur Aufteilung der Texte:


Die Ausgabe entstand nach einer Durchsicht aller Sammelmappen
des Brecht-Nachlasses, die theoretische Schriften enthalten. Bei der
Aufnahme ließ sich der Herausgeber von der Absicht leiten, in einer
ersten großen Ausgabe möglichst viele Texte bekanntzumachen.
Leser und Zuschauer, Theaterleute und Schriftsteller, nicht zuletzt
Wissenschaftler sollten möglichst viel Material zur Verfügung ha-
ben, um Brechts Ansichten und Haltungen kennenzulernen. Ohne
Zweifel hätte Brecht als Herausgeber bei der Überprüfung seiner
Aufsätze für eine Publikation sehr strenge Maßstäbe angelegt. Eine
postume Ausgabe der Schriften mußte möglichst komplett sein. Sie
hatte die Entwicklung der Theorien zu berücksichtigen und die
5 2 * Zur Ausgabe der Schriften

Texte so auszuwählen, daß der Leser die Veränderungen verfolgen


konnte. So gewannen auch Texte Bedeutung, die Brecht nicht für
eine Publikation durchgesehen hatte, die also eigentlich »unfertig«
waren. Ja sogar Textvarianten mußten aufgenommen werden, wenn
sie Gedanken enthielten, die später nicht mehr auftauchten. Eine
gleich wichtige Rolle kam den Notizen und Fragmenten zu, sofern
sie Hinweise auf Brechts Haltungen und Meinungen gaben.
Die »Gesammelten Werke« enthalten gegenüber den ersten Aus-
gaben der Schriften korrigierte und ergänzte Texte. Die außer-
ordentlich zahlreichen Manuskriptblätter im Brecht-Archiv liegen
in der »Ordnung« vor, in der sie sich zufällig beim Aufbau des
Archivs befanden. Das Material wurde zunächst durch Photoko-
pieren aller Blätter gesichert und für die Arbeit zur Verfügung ge-
stellt. Da Zusammengehöriges häufig erst aufgefunden werden
mußte, förderten neue Nachforschungen und Überprüfungen mit-
unter neues Material zutage, das vorher unbekannt war. Eine »end-
gültige«, mit allen Details, Vorstufen, Varianten und Entwürfen
versehene Ausgabe wird erst nach der Fertigstellung und Auswer-
tung des »Findbuches« möglich sein, an dem im Brecht-Archiv seit
Jahren gearbeitet wird.
Die Abteilung ZUM THEATER enthält Texte über Praxis und Theorie
des Theaters. Die Fülle des vorhandenen Materials machte eine
angemessene Auswahl notwendig. Nicht aufgenommen wurden
Bruchstücke, Skizzen, lose Blätter mit noch nicht aufgefundenen An-
schlüssen, Beiträge über Probleme, die Brecht später in einer gülti-
geren Form behandelt hat. Als Grundlage dieser Abteilung diente
die frühere siebenbändige Ausgabe der »Schriften zum Theater«. Die
hier vorgelegte Sammlung ist um mehrere Texte ergänzt worden.
Die Gedichte sowie die »Übungsstücke für Schauspieler« aus dem
»Messingkauf« sind in andere Bände dieser Ausgabe vorgerückt.
Außerdem fanden die Kapitel »Über Film« und »Über Kritik«
sowie einzelne Texte anderer Kapitel einen besseren Platz in der
Abteilung »Zur Literatur und Kunst«. Die im früheren Band 2 der
»Schriften zum Theater« angehängten Protokolle von Gesprächen
sind als nichtauthentische Texte aus der Ausgabe weggeblieben. Von
den Modellbüchern »Leben des Galilei«, »Die Antigone des Sopho-
kles« sowie »Mutter Courage und ihre Kinder« wurden lediglich
die Vorbemerkungen abgedruckt. Zwar geben gerade die Modell-
Zur Ausgabe der Schriften 5 3 *

bücher anschauliches Material zur praktischen Theaterarbeit Brechts,


aber die Texte bedürfen der Anschauung und sollten am besten zu-
sammen mit den jeweiligen Photomappen, die den Modellbüchern
beiliegen, studiert werden. Von den »Katzgraben«-Notaten sind nur
solche Arbeiten ausgewählt, die nicht so sehr auf Stückdetails be-
zogen, sondern verallgemeinernde Erkenntnisse und Äußerungen
mitteilen.
Die Abteilung ZUR LITERATUR UND KUNST enthält Texte, die litera-
rische, kunstästhetische und kulturpolitische Themen behandeln.
Um sie gegen die Abteilung »Zur Politik und Gesellschaft« abzu-
grenzen, wurde die folgende Festlegung getroffen: Grundsätzlich
sind alle politischen Texte, die an Künstler gerichtet sind oder von
Künstlern handeln, in die Abteilung »Zur Literatur und Kunst«
aufgenommen worden. Für diese Entscheidung war die Tatsache be-
stimmend, daß Brecht mit einer Diskussion des politischen Stand-
orts auch Impulse für eine Überprüfung und Veränderung der
künstlerischen Arbeit gab. Die Texte entsprechen denen der drei-
bändigen Ausgabe der »Schriften zur Literatur und Kunst«. Aus
dem Komplex der Theaterschriften sind die Kapitel »Über Kritik«
und »Über Film« aufgenommen. Innerhalb des letzten Kapitels
fand der »Dreigroschenprozeß« seinen richtigen Platz.
Die Texte der Abteilung ZUR POLITIK UND GESELLSCHAFT werden in
dieser Ausgabe zum erstenmal veröffentlicht. Außer den politischen
Beiträgen und Notizen sind Arbeiten über Philosophie und allge-
meine gesellschaftliche Probleme zusammengestellt. Da für diesen
Komplex im Gegensatz zu den anderen verhältnismäßig wenig
Texte vorliegen, kam hier auch kleineren handschriftlichen Notizen
eine Bedeutung zu, die für die Aufnahme bestimmend war. Briefe
wurden, soweit Brecht sie nicht selbst veröffentlicht hat, nicht auf-
genommen. Aufrufe, Resolutionen, Erklärungen und ähnliche Texte
sind nur dann übernommen, wenn sie nachweislich von Brecht ver-
faßt wurden. Die zahlreichen Erklärungen, die Brecht lediglich redi-
giert oder mit anderen unterzeichnet hat, blieben unberücksichtigt.

Zur Zusammenstellung:
Leider konnte ein großer Teil der Schriften nicht exakt datiert wer-
den. Aus diesem Grunde war eine konsequent chronologische An-
54 * Zur Ausgabe der Schriften

Ordnung der Texte, wie sie der Herausgeber bevorzugt hätte, nicht
möglich. Aber auch eine Zusammenstellung nach Sachkomplexen
bot wenig Vorteile: Die einzelnen Gebiete konnten nicht eindeutig
voneinander abgegrenzt werden; außerdem verwischt eine solche
Gliederung die Entwicklung Brechts, die Bezogenheit der Arbeiten
auf bestimmte historische Ereignisse und Zusammenhänge. Auf je-
den Fall sollte die Chronologie für die großen Zeiträume gesichert
bleiben; »Einschnitte« mußten dort entstehen, wo sie sich aus dem
vorliegenden Material »ergaben«. Im großen waren drei Perioden
zu unterscheiden: die zwanziger Jahre bis 1933, das Exil und die
letzten Jahre in Berlin unter veränderten gesellschaftlichen Bedin-
gungen. Innerhalb dieser Perioden gab es Texte verschiedener the-
matischer Gebiete, aber nicht für jedes Gebiet lagen ausreichend
Texte vor, die eine gleichgeordnete Unterteilung gestatteten. Eine
Kapiteleinteilung wurde nur vorgenommen, wo sie von den vor-
liegenden Texten her möglich war. Die Aufgliederung nach The-
menkomplexen innerhalb gewiesser Zeiträume schien eine für diese
Ausgabe geeignete Form zu sein.
Dabei ergaben sich in den einzelnen Abteilungen unterschiedliche
Probleme. Über Fragen des Theaters hat sich Brecht in außerordent-
lich vielen Arbeiten geäußert. So konnten hier in den meisten Fäl-
len in sich abgeschlossene Kapitel zusammengestellt werden. Ver-
gleichsweise waren die Texte über Literatur und Kunst sowie über
Politik und Gesellschaft weniger zahlreich. Das Auffinden von
Kapiteln für diese Abteilungen war deshalb schwieriger. So wurden
nun solche Themenkomplexe zum Kapitel, die innerhalb bestimmter
Zeiträume dominierten. Über bildende Kunst schrieb Brecht bei-
spielsweise die meisten Arbeiten in den ersten Jahren des Exils.
Diese Arbeiten wurden zum Kapitel »Bemerkungen zur bildenden
Kunst 1935—1939« zusammengefaßt. Damit wird gekennzeichnet,
daß in diesem Kapitel keine Texte über bildende Kunst zu finden
sind, die vorher oder danach geschrieben wurden. Diese Lösung hat
den Vorzug, daß die wenigen anderen Beiträge zur bildenden
Kunst neben den Arbeiten stehen, die gleichzeitig entstanden sind.
Dadurch können Rückschlüsse auf die in dieser Zeit geführten Dis-
kussionen angeregt werden, die weit über die Problematik der bil-
denden Kunst hinausgehen. So gehören etwa die Anfang der fünf-
ziger Jahre geschriebenen Texte über bildende Kunst direkt zur da-
Zur Ausgabe der Schriften 5 5 *

maligen Formalismusdiskussion und wären außerhalb dieses Zu-


sammenhangs kaum verständlich. — In der Abteilung »Zur Politik
und Gesellschaft« mußten zwei Kapitel sehr allgemein als »Notizen
zur Zeit« benannt werden, da für die sehr unterschiedliche Thematik
der Texte kein einheitlicher Titel gefunden werden konnte.
Innerhalb der Kapitel wurden Texte mit feststehender Datierung
in der Regel chronologisch angeordnet. Bei vielen Texten ergab
eine Erforschung der Anlässe Hinweise auf die wahrscheinliche Ent-
stehungszeit. Konnten solche Fakten nicht festgestellt werden, so
war die Kontrolle der Originale (Art des Papiers, der Schreibma-
schinentype, Charakter der Handschrift usw.) ausschlaggebend für
die Fixierung der Entstehungsperiode. Bei undatierten Beiträgen
konnte die genaue Entstehungszeit nicht festgestellt werden. Wenn
solche Texte zwischen datierten Beiträgen stehen, lagen zwar An-
haltspunkte für diese Anordnung vor, aber es besteht keine Gewiß-
heit für eine Datierung. Bei Texten für Zeitungen und Zeitschrif-
ten wurde das Datum des Erscheinens angegeben. Die gültige Da-
tierung von Texten mit unbekannter Entstehungszeit bleibt der
weiteren Forschung vorbehalten. Lagen innerhalb eines Kapitels
Texte von heterogener Thematik vor, wurden die Beiträge über
ähnliche Sachgebiete nochmals in kleineren Gruppen zusammenge-
faßt.
Die Texte der Abteilung »Zum Theater« wurden für die »Gesam-
melten Werke« (im Gegensatz zur siebenbändigen Ausgabe) in eini-
gen wesentlichen Teilen nach ihrer Chronologie neu geordnet. So
sind insbesondere die Kapitel Ȇber den Untergang des alten The-
aters« und »Der Weg zum zeitgenössischen Theater« anders aufge-
teilt. Alle Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen bilden jetzt
ein großes Kapitel und sind nach den Stücken aufgegliedert. Die
Anordnung der Stücke richtet sich nach der Reihenfolge in den
»Stücke«-Bänden dieser Ausgabe. Nach den Bearbeitungen Brechts
folgen Brechts Anmerkungen zu Aufführungen von Stücken frem-
der Autoren am Berliner Ensemble. Innerhalb der Anmerkungen
zu einem Stück ist in Analogie zu den Kapiteln die chronologische
Anordnung angewandt worden.
Der Herausgeber ist sich darüber im klaren, daß beim gegenwärti-
gen Stand der Brecht-Forschung diese Ausgabe, was das Prinzip
der Anordnung und Wiedergabe von Varianten und Entwürfen
5 6 * Zur Ausgabe der Schriften

betrifft, nicht allen philologischen Ansprüchen gerecht werden kann.


Dazu muß noch viel Detailforschung geleistet werden. Aber gerade
für diese Arbeiten soll die Ausgabe das Material liefern.

Zu den Texten:
Im Falle mehrerer vorhandener Textfassungen wurde jeweils die
letzte benutzt; wenn Brecht später größere Passagen eines Textes
gestrichen hat, wird darauf in der jeweiligen Anmerkung verwiesen.
Die von Brecht nicht zum Druck vorbereiteten und durchgesehenen
Texte enthielten teilweise Schreibfehler, die sinnentsprechend korri-
giert wurden. Alle vom Herausgeber hinzugefügten Wörter sind in
eckige Klammern gesetzt, alle Streichungen von offensichtlich nicht
zugehörigen Wörtern oder nicht zu Ende geführten Sätzen wurden
mit drei Punkten in eckigen Klammern gekennzeichnet. Gleichfalls
stammen Überschriften in eckigen Klammern vom Herausgeber. Am
Ende jedes Bandes finden sich detaillierte Angaben über erforschte
nachweisbare Anlässe der Entstehung der Texte. Die Anmerkungen
zu den »Schriften zum Theater« konnten wesentlich erweitert und
ergänzt werden.

Xu den Registern:
Für die Ausgabe wurden Brecht-Titel-Register sowie Namen- und
Titel-Register hergestellt. Die Brecht-Titel-Register enthalten die
im Textteil der »Schriften« vorkommenden Verweise auf Arbeiten
Brechts in alphabetischer Reihenfolge. In den Namen- und Titel-
Register sind die von Brecht erwähnten Personen und deren Werke
zusammengestellt. Die Werke wurden in alphabetischer Reihenfolge
der Titel unter den Namen der Verfasser angeordnet.
Zur Ausgabe der Schriften 57 *

Bei den Arbeiten an dieser Ausgabe der theoretischen Schriften


Brechts erhielt ich vielfache Hilfe von Mitarbeitern Brechts und
von Wissenschaftlern, denen an dieser Stelle gedankt werden soll.
Besonders wertvoll war der Rat von Joachim Tenschert. Wichtige
Hinweise gaben Käthe Rülicke-Weiler und Manfred Wekwerth.
Bei der Transkribierung der Handschriften half Herta Ramthun.
Bei allen Arbeiten jedoch ließ ich mich von der Arbeitshaltung und
Methode Elisabeth Hauptmanns leiten, die mit den Editionen der
Stücke und Gedichte Brechts für mich ein Vorbild geschaffen hat.
Werner Hecht
Nachtrag
Nach Abschluß der redaktionellen Arbeiten für diesen Band wurde
folgendes ermittelt:
Im Jahre 1928 richtete der Eigenbrödler Verlag Berlin-Zürich eine
Umfrage an deutsche Künstler, Wissenschaftler und Intellektuelle
über die Zukunft Deutschlands. Brecht schickte eine Antwort, die
im gleichen Jahr in dem Sammelband des Verlages »Deutschlands
Köpfe über Deutschlands Zukunft« veröffentlicht wurde. Der Text
Brechts lautet:
»Deutschland braucht für seine Zukunft nichts anderes als andere
Länder: die möglichst geschickte Anwendung marxistischer Gesichts-
punkte auf Gesellschaft und Wirtschaft. Dann hätte es natürlich
ebenso wie andere Länder die Chance, aus seinem kulturellen
Sumpf herauszukommen. Bertolt Brecht.«

S. 346 An den Weltfriedensrat. Der unter diesem Titel veröffent-


lichte Text liegt im Nachlaß ohne Angabe des Adressaten vor.
Ursprünglich war angenommen worden, daß der Text an eine
Tagung des Weltfriedensrates gerichtet ist. Es kann jetzt als sicher
gelten, daß dieser Beitrag an den Kongreß des PEN-Clubs gerichtet
wurde, der Mitte Juli 1956 stattfand.
Inhaltsübersicht der Bände i bis 20

Stücke 1
Baal
Trommeln in der Nadit
Im Dickicht der Städte
Leben Eduards des Zweiten
Mann ist Mann

Stücke 2
Die Dreigroschenoper
Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny
Der Ozeanflug
Das Badener Lehrstück vom Einverständnis
Der Jasager/Der Neinsager
Die Maßnahme
Die heilige Johanna der Schlachthöfe
Die Ausnahme und die Regel
Die Mutter

3
Stücke 3
Die Rundköpfe und die Spitzköpfe
Die Horatier und die Kuriatier
Furcht und Elend des Dritten Reiches
Die Gewehre der Frau Carrar
Leben des Galilei
60 * Inhaltsübersidit

4
Stücke 4
Mutter Courage und ihre Kinder
Das Verhör des Lukullus
Der gute Mensch von Sezuan
Herr Puntila und sein Knecht Matti
Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui

5
Stücke f
Die Gesichte der Simone Machard
Schweyk im Zweiten Weltkrieg
Der kaukasische Kreidekreis
Die Tage der Commune
Turandot oder Der Kongreß der Weißwäscher

6
Stücke 6
Bearbeitungen
Antigone
Der Hofmeister
Coriolan
Der Prozeß der Jeanne d'Arc zu Rouen
Don Juan
Pauken und Trompeten

7
Stücke 7
Einakter 1919
Die Kleinbürgerhochzeit
Der Bettler oder Der tote Hund
Inhaltsübersicht 61 *

Er treibt einen Teufel aus


Lux in Tenebris
Der Fischzug
Einakter 1939
Dansen
Was kostet das Eisen
Die sieben Todsünden der Kleinbürger (Ballett)
Fragmente
Hannibal
Gösta Berling
Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer
Der Brotladen
Aus Nichts wird Nichts
Das wirkliche Leben des Jakob Geherda
Leben des Konfutse
Salzburger Totentanz
Übungsstücke für Schauspieler
Die Bibel (Drama in einem Akt von Bertold Eugen)

8
Gedichte 1
Gedichte 1913-1926
Bertolt Brechts Hauspostille
Gedichte 1926-193 3

Gedichte 2
Lieder, Gedichte, Chöre
Gedichte 193 3-193 8
Svendborger Gedichte
Gedichte 193 8-1941
6z * Inhaltsübersicht

10

Gedichte j
Gedichte 1941-1947
Gedichte 1947-19 5 6
Anhang: Die Kriegsfibel
Übersetzungen, Bearbeitungen, Nachdichtungen

11

Prosa 1
Gesammelte Geschichten
Bargan läßt es sein
Der Tod des Cesare Malatesta
Brief über eine Dogge
Der Kinnhaken
Der Lebenslauf des Boxers Samson-Körner
Müllers natürliche Haltung
Die Bestie
Safety first
Der Arbeitsplatz oder Im Schweiße deines Angesichts sollst
du kein Brot essen
Der Soldat von La Ciotat
Gaumer und Irk
Die Geschichte des Giacomo Ui
Das Experiment
Der Mantel des Ketzers
Der verwundete Sokrates
Die Trophäen des Lukullus
Die unwürdige Greisin
Der Augsburger Kreidekreis
Cäsar und sein Legionär
Die zwei Söhne
u.a.
Inhaltsübersidit 63 *

12

Prosa 2
Geschichten vom Herrn Keuner
Me-ti / Buch der Wendungen
Lai-tu-Geschichten
Der Tuiroman

13
Prosa 3
Dreigroschenroman

Prosa 4
Die Geschäfte des Herrn Julius Cäsar
Flüchtlingsgespräche

15
Schriften zum Theater 1
Augsburger Theaterkritiken 1918—1922
Aus Notizbüchern 1920-1926
Über den Untergang des alten Theaters 1924-1928
Der Weg zum zeitgenössischen Theater 1927-1931
Über eine nichtaristotelische Dramatik 1933—1941
Neue Technik der Schauspielkunst 1935—1941
Über den Beruf des Schauspielers 1935—1941
Über Bühnenbau und Musik des epischen Theaters 193 5-1942

16
Schriften zum Theater 2
Der Messingkauf 1937—1951
64 * Inhaltsübersicht

Kleines Organon für das Theater 1948


Neue Technik der Schauspielkunst 1949—195 5
»Katzgraben«-Notate 1953
Stanislawski-Studien 1951-1954
Die Dialektik auf dem Theater 1951-1956

17
Schriflen zum Theater 3
Anmerkungen zu Stücken und Aufführungen 1918—1956

18
Schriflen zur Literatur und Kunst 1
Aus Notizbüchern 1920-1929
Über alte und neue Kunst
Über Kritik 1924—1931
Radiotheorie 1927—1932
Über Film 1922—1933
Kunst und Politik 1933-1938
Bemerkungen zur Bildenden Kunst 1935—1939

19
Schriften zur Literatur und Kunst 2
Über den Realismus 1937-1941
Anmerkungen zur literarischen Arbeit 1935-1941
Aufsätze zur Literatur 1934—1946
Die Künste in der Umwälzung 1948—1956

20

Schriften zur Politik und Gesellschaft


Aus Notizbüchern 1919—1926
Inhaltsübersicht 65

Notizen über die Zeit 1925—1932


Marxistische Studien 1926-1939
Notizen zur Philosophie 1929—1941
Aufsätze über den Faschismus 1933—1939
Notizen über die Zeit 1939-1947
Vorschläge für den Frieden 1948-1956
Anhang: Mies und Meck
Inhalt

Seit langem schon . . .

Aus Notizbüchern 1919—1926


1919
Monarchie 3
Der Tod 3
Gott 4
Über den Gewohnheitspatriotismus 5

1920
Patriotismus 8
Aufruf zum Streik 8
Keine Hilfe 9
Der freie Wille 10
Notizen ohne Titel 10

Etwa 1926
Mein Appetit ist zu schwach 15
Alles Unglück der Welt 15
Die Ansichten trügen 16
Über den Sozialismus 16

Notizen über die Zeit 1925—1932


Vergänglichkeit 21
Beziehungen der Menschen untereinander
Keine Monumente mehr 24
Nachdruck verboten! 2 5
Über Militarismus 25
Die Krise des Sportes 26
68 * Inhalt

Die Todfeinde des Sportes 28


Sport und geistiges Schaffen 29
Für einen deutschen Ozeanflug 31
Bin ich eifersüchtig? 32
Sexualität des dritten Jahrzehnts 33
Von der Liebe 3 3
Sylvester 1928 34
Über die Herrenmode 34
Über die Größe 36
Rauschgift 37
Freiheit von Krieg und Militärdienst 37
Nationale Schundliteratur 3 8
Das unzufriedenste Volk 39
Eigentum 39
Über die Justizskandale 40
Die Tugend der Gerechtigkeit 41
Über den § 218 42
Zum zehnjährigen Bestehen der A-I-Z 42
Zur Rußlandhetze des Deutschlandsenders 43
Die Ideologie untergehender Klassen 43
Die deutsche Politik 44

Marxistische Studien 1926—1939

Der Lernende . . . 46

Als ich schon jahrelang . . . 46

Studium des Marxismus


Musterung der Motive junger Intellektueller 47
Weltbildhauer 50
Schwierige Lage der deutschen Intellektuellen 51
Wozu braucht das Proletariat die Intellektuellen? 54
Freiheit der Kunst 54
Verantwortlichkeit ökonomischer Zustände 5 5
Inhalt 69 '

Über Freiheit 5 6
Über die Freiheit 5 7
Reiner Geist? 58
Perversionen (Verkehrtheiten) bei fixiertem K 5 9
Notizen über Individuum und Masse 60
Betrachtungen großer Ingenien 63
Typus des intellektuellen Revolutionärs 64
Über die beste Art, die Menschen von ihren
Klassenvorurteilen zu befreien 64
Über meinen Lehrer 65
Über den Staat 66
Brechtisierung 68
Objektivismus und Materialismus bei Lenin 69
Welche Sätze der Dialektik praktiziert Lenin bei der
Kritik des Objektivismus-Subjektivismus? 70
Ableitung der drei Sätze in Korschs »Why I am a
Marxist« aus der Dialektik 71
Marx an die Proletarier 71
Bekämpfung des Reformismus 72
Beurteilung von Sittenschilderern yz
Grund für Verworfenheit 73
Marx-Beschreibungen 74
Thesen zur Theorie des Überbaus j6
Pädagogik 78
Aus: Ist der Kommunismus exklusiv? jy
Unterschied 81
Im Auftrag der Vernunft 81

P r o l e t a r i a t und Ausbeutung
Erschwernisse der Auseinandersetzung 82
Über den Anbruch gesegneter Jahrhunderte 82
Sklaverei 83
Die Zähne des Kapitalismus 83
Schlechte Ordnung 8 3
70 * Inhalt

Erziehung guter Lebensbedingungen 84


Über die Ausbeutung 8 5
Pflicht und Verrat 86
Für die Unterdrückten 86
Nutzen der Wahrheit 87
Das Proletariat ist nicht in einer weißen Weste geboren 88
Einfluß der Gegenrevolution 93
Zweierlei Versprechungen 94

Über r e v o l u t i o n ä r e n Kampf
Aus einem Traktat über die Mängel unserer Sprache im
Kampf gegen den Faschismus 96
In den Zeiten der Schwäche 97
Fragen nach einer Niederlage 97
Die Partei 98
Die praktischere Form 99
Über die Beziehung der internationalen
Arbeiterparteien zur KPdSU 99
Notiz über den Versuch demokratischer Institutionen
in der UdSSR 101
Über die Diktaturen einzelner Menschen 1 o 1
Über die Freiheit in der Sowjetunion 104
Die ungleichen Einkommen 105
Über die Moskauer Prozesse 111
Voraussetzungen für die erfolgreiche Führung einer auf
soziale Umgestaltung gerichteten Bewegung 116
Über ein Modell R als auslösendes Moment der
proletarischen Diktatur 118
Masse und Revolution 119
Doppelakt der Befreiung 120
Über die Beamten 121
Die Rechte der Gewerkschaftsmitglieder 121
Auffassungen über Tatbestände 122
Lösung von der Basis aus 122
Inhalt 71

Notizen zur Philosophie 1929—1941


Wenn ich bedenke . . . 126
Über Philosophie
Kurzer Umriß einer Philosophie 127
Über die Philosophie 127
Über das heutige Philosophieren 128
Mißtrauen gegen die Ungersche Philosophie 128
Totalität 131
Zu Descartes »Betrachtungen« 132
Aus: Darstellung des Kapitalismus als einer Existenzform,
die zuviel Denken und zu viele Tugenden nötig macht 133
Über den Erkennungsvorgang 136
Über »Das Di