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Wir bedanken uns mit diesem Buch bei all jenen Menschen,

die uns in der schweren Zeit mit Rat und Tat und mit Spenden-
geldern beigestanden haben. Unser Dank gilt sowohl den
Schulkindern aus den Bündner Bergen Malans als auch der
mutigen Unterstützung der öffentlichen Pressemedien, wie
BLICK, DER SPIEGEL, stern, Ringier-Pressemedien, derin-
und ausländischen Tagespresse, dem Schweizer Fernsehen
DRS, dem Österreichischen Fernsehen, dem Deutschen Fern-
sehen ARD, ZDF sowie RTL und dem sternTV, Tele 24 usw.
Ganz besonderer Dank gebührt auch dem EDA (Eidgenössi-
sches Departement für Auswärtige Angelegenheiten), Minister
Walter Thrunherr, dem Schweizer Honorarkonsul Walter Wyss
von Colorado und dem österreichischen Botschafter und
Rechtsanwalt Arnold C. Wegher, Colorado, Rechtsanwalt
Vincent Todd, Colorado, Rechtsanwalt Steffan Ufer sowie
unseren Angehörigen in der Schweiz und in den USA.
Beverly und Andreas Wüthrich
Inhaltsverzeichnis
Seite
Dank 5
Prolog 9

1. Kapitel Der Überfall 17


2. Kapitel Rückblick in die Vergangenheit 49
3. Kapitel Die Flucht 59
4. Kapitel Unmut und Zorn aus Europa 83
5. Kapitel Die Anhörung 107
6. Kapitel Der große Betrug 149
7. Kapitel Das Vergleichsverfahren 183
8. Kapitel Endlich nach Hause 207
Epilog 215
Quellen 218

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Prolog

Dieser Bericht entspricht der Wahrheit, der ganzen und


unverfälschten Wahrheit. Ich habe sie niedergeschrie-
ben, weil von Anfang an eine bewußte Täuschung vor-
lag. Bis heute wollte mir niemand glauben, weil bedau-
erlicherweise die Medien meist kein Interesse an den
wahren Hintergründen hatten, sondern lediglich an
dem, was sich für ihre Leser, Fernsehzuschauer oder
Radiohörer als Schlagzeile oder Thema am quoten- und
auflagenstärksten vermarkten läßt: Sex und Krimina-
lität. Und mit dem Wissen, daß in der heutigen Zeit lei-
der oft nur dies allein bei der Bevölkerung Aufsehen er-
regt und glaubhaft erscheint, hat die Staatsanwaltschaft
in Colorado eine unglaubliche Verleumdungskampagne
in Gang gesetzt. Die Justiz in Golden Denver stand un-
ter großem Erfolgsdruck und war mit Blick auf die
Neuwahlen im Herbst auf ein solches Komplott ange-
wiesen. Dabei schreckte sie selbst nicht davor zurück,
als es um die Existenz einer jungen Familie, insbeson-
dere um die eines spätentwickelten Jungen im Alter von
zehn Jahren ging, die geopfert werden sollten. Die klei-
ne Halbschwester, die in die Rolle des angeblichen Se-
xualopfers gepreßt wurde, war gerade mal fünf Jahre
alt!
Mein Bericht ist gleichzeitig ein Beweis, wie die Me-
dien zum Segen und zum Fluch werden können. Zum
Segen, wenn es gilt, Unrecht aufzudecken (natürlich
nur, sofern man sich bemüht, die wahren Hintergründe

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zu erfahren). Zum Fluch, wenn falsche Informationen
verbreitet werden und so nicht nur die beiden Opfer, der
kleine Junge und seine noch jüngere Halbschwester,
sondern auch die Eltern zu Tätern abgestempelt wer-
den. Mit welchen Mitteln dabei gearbeitet wurde, wer-
de ich in diesem Buch erläutern.
Im US-Bundesstaat Colorado, genauer gesagt in Little-
ton im Bezirk Denver, der Hauptstadt von Colorado,
hatten die beiden siebzehn- und achtzehnjährigen Teen-
ager Dylan Klebold und Eric Harris am 20. April 1999
in der Colombine High School ein Blutbad angerichtet,
bei dem vierzehn Schüler und ein Lehrer im Kugelha-
gel ums Leben kamen. Die Jugendlichen hatten eigent-
lich die komplette Zerstörung der High School durch
Bomben vorbereitet; nur dank dem Umstand, daß die
selbstgebastelten Bomben nicht zündeten, wurde eine
noch größere Katastrophe verhindert.
Solche Vorstädte wie Littleton sollen angeblich eine
Zone der Geborgenheit sein: Dort sei alles beschützt
und unter Kontrolle, es gebe keine kriegsähnlichen Zu-
stände wie in mancher Großstadt, auch keinen Rassis-
mus. Aber das ist oftmals nur Fassade, das Blutbad in
Littleton brachte tiefe Abgründe von Haß und Grau-
samkeiten zutage. Fassungslos mußten die Einwohner
mit ansehen, wie ihre kleine heile Welt zerbrach. An
Brutalität kaum zu überbietende Einzelheiten des Mas-
sakers erschütterten die Menschen: Wie beispielsweise
Eric Harris, einer der Attentäter, lachend seine ihm ver-
haßte Lehrerin Cassie Bernall, eine Schwarze, in der
Bücherei aufstöbert, wo sie und seine Mitschülerinnen
und Mitschüler sich versteckt hatten; wie er ihr vor den

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Augen der Klasse den Lauf einer abgesägten Schrot-
flinte vors Gesicht hält und abdrückt; wie er dann
schreit: «Nigger! So sieht das Gehirn von einem Nigger
aus!»
Der Ruf nach mehr Härte, Sicherheit und Schutz be-
stimmte nach dem Blutbad von Littleton das öffentliche
und politische Leben, hektische Betriebsamkeit und die
Suche nach Schuldigen und Verantwortlichen setzte
ein. Es galt, die Öffentlichkeit zu beruhigen und zu do-
kumentieren, daß Recht und Ordnung herrschen.
Unser Wohnort, die kleine Vorstadt Evergreen in
Jefferson County, liegt nur zwanzig Meilen von Little-
ton entfernt; somit standen die dortigen Untersuchungs-
behörden unter Erfolgsdruck, verschärft noch durch die
bevorstehenden Wahlen. In den USA werden alle Rich-
ter, Staatsanwälte und selbst die Polizisten direkt vom
Volk gewählt. Die nächste Wahl fand im Spätherbst
1999 statt, und jeder wollte natürlich wiedergewählt
werden. Um sich hierfür die Wählermehrheit zu si-
chern, kam den Untersuchungsbehörden die abstruse
Geschichte der verwirrten angeblichen «Künstlerin»
Laura Mehmert gerade recht. Damit konnte man zumin-
dest etwas konstruieren, das helfen sollte, nochmals die
Wahlen zu gewinnen. Denn Laura Mehmert ist nicht ir-
gendwer: Sie war unsere Nachbarin, eine einsame, ver-
schrobene Frau mittleren Alters, die stets aus dem Fen-
ster schaut und alle Nachbarn ausspioniert. So scheute
sie sich beispielsweise nicht, mit ihrem Wagen ostenta-
tiv durch unser Grundstück zu fahren und zu überprü-
fen, mit welchen Personen wir Kontakt hielten oder ver-
kehrten.

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Als junge Familie mit vier zauberhaften Kindern, die
sie haßte, waren wir ihr ein Dorn im Auge. Hinzu kam,
daß ich aus Europa stamme; dort, so ihre Meinung, lie-
fe sowieso vieles falsch. Außer ihrem hörigen Mann,
der nichts anderes tun darf als alles bejahen, hatte sie
nur einen Hund. Diesen schlug sie verschiedentlich mit
dem Stock oder mit dem Besen, je nachdem, wie es ihr
gerade paßte und was sie in die Hände bekam.
Der Schock der Bürger von Colorado über das Massa-
ker von Littleton, dessen Tätermotive auch in Rassis-
mus und Hitler-Verehrung lagen, ließ Laura Mehmert
aufhorchen. Schon sah sie in uns Europäern die wahre
Gefahr und die Sünder, von denen ein solches Gemetzel
jederzeit wieder ausgehen könnte. Bereits vor Wochen
— unmittelbar nach dem Amoklauf der beiden Jugendli-
chen in Littleton - hatte sie die Sozialbehörde darauf
aufmerksam gemacht, daß die Kinder ihrer Nachbarn
ohne ständige Aufsicht in dem über dreitausend Qua-
dratmeter umfassenden Grundstück spielen. Dazu muß
man wissen, daß in Amerika Eltern von nicht ununter-
brochen beaufsichtigten Kindern - selbst wenn sich
diese im eigenen Garten aufhalten - zur Verantwortung
gezogen und wegen Vernachlässigung bestraft werden,
wohingegen es in Europa eine Selbstverständlichkeit
ist, den Kindern zu erlauben, auch alleine in ungefährli-
cher Umgebung zu spielen und sich selbst zu beschäfti-
gen. Da meine Frau für das Haus, den Einkauf, Haus-
halt und die Erziehung der Kinder während meiner
Abwesenheit alleine zuständig ist, kann sie sich nicht
ausschließlich um die Aufsicht der Kinder kümmern.
Es gibt Zeiten, da sind sie sich allein überlassen, spielen

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draußen und kommen meistens dann ins Haus, wenn sie
etwas wollen oder es ihnen zu langweilig wird. Die
Behörde bestrafte aufgrund der Klage von Laura Meh-
mert meine Frau mit einem Bußgeld von 78 Dollar und
vermerkte dies auch in den dortigen Akten.
Kurze Zeit darauf kam es dann zum Eklat: Laura
Mehmert konnte es nicht mit ansehen, wie ihr Mann mit
dem Hund spielte. Er warf dem Golden Retriever-
Mischling immer wieder einen Stock auf die Wiese, den
dieser freudig zurückbrachte. Als der Stock auf unser
Grundstück fiel, holte ihn sich unser Sohn Raoul und
warf ihn ebenfalls weit von sich. Offenbar gefiel dies
dem Hund und auch dem Mann der Nachbarin - nicht
aber ihr selbst. Sie rief ihren Mann nach einiger Zeit zu
sich und verschwand mit dem Hund im Haus. Später
war das Heulen und Wehklagen des Hundes zu hören,
die Strafe für sein fröhliches Spiel mit den Nachbars-
kindern.
Szenenwechsel: Die fünfjährige Sophia und Raoul
spielen weit hinten im Garten zwischen den niederen
Tannen und Büschen. Sophia merkt plötzlich, daß sie
dringend Wasser lassen muß, und da ihr der Weg bis ins
Haus zu weit ist, hilft Raoul ihr dabei. Er zieht Sophia
die Hose herunter und stellt sich hinter sie, damit er ihr
unter die Arme greifen kann, wenn sie in die Hocke
geht. Anschließend zieht Raoul seine Schwester hoch,
die sich wieder anzieht. Die beiden Kinder spielen dann
weiter zusammen im Garten. Raoul ist übrigens trotz
seiner zehn Jahre noch sehr kindlich, spielt am liebsten
stundenlang mit seinen Legosteinen oder Bauklötzen,

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verwechselt beim Anziehen meistens seine Socken mit
andersfarbigen und vergißt mit schöner Regelmäßigkeit
immer noch, den Reißverschluß der Hose zu schließen.
Laura Mehmert aber hatte angeblich trotz einer Sicht-
weite von mehr als fünfzig Metern, die auch noch von
Tannen und Büschen verdeckt war, alles genau verfolgt
und gesehen. Sie will auch mehr, viel mehr gesehen ha-
ben, als sich in der Tat zugetragen hatte. Wiederholt rief
sie bei der Sozialbehörde an, was sie machen solle, da
der Nachbarsjunge seine kleine Schwester im Garten
vergewaltigt habe! Ein schwerwiegender Vorwurf, den
auch eine Behörde - gerade in dem vom Littleton-Skan-
dal erschütterten Jefferson County - nicht auf sich beru-
hen lassen konnte. Die Sozialarbeiterin Rhonda Miklic
informierte den Staatsanwalt Noel Blum und dieser
wiederum die Jugendrichterin Marylin Lennard, die
den Eindruck hatte, hier sei dringender Handlungsbe-
darf.
Vor allem mit Blick auf die anstehenden Herbstwah-
len mußten der County und die Staatsanwaltschaft ein
Erfolgserlebnis vorweisen, um den potentiellen Wieder-
wählern klar zu machen, daß Gericht und Polizei alles
unter Kontrolle haben und ein Vorfall wie das Massaker
in Littleton sich nicht wiederholen könne. Dafür sollten
unser kleiner Raoul und seine ganze Familie über die
Klinge springen!
Es ist reiner Zynismus, wenn am Ende der Staatsan-
walt Sergej Thomas, dem dieser «Fall» vollkommen
aus dem Ruder gelaufen ist, verkündet, das - Zitat:

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«Monster» (!) Raoul benötige jetzt dringend eine se-
xualpsychologische Behandlung, andernfalls sei das
Unheil in der Familie vorprogrammiert; denn Raoul
werde seine kleine Schwester erneut sexuell belästigen.
Und wenn man anhand der Videoaufnahmen sieht, mit
welcher Wut er das den Vertretern der Medien als seine
Prophezeiung entgegenschleuderte, fragt man sich, ob
das Amt des Staatsanwaltes mit diesem Mann richtig
besetzt ist und was das alles mit Rechtsprechung oder
Gerechtigkeit zu tun hat.
Beverly und ich haben zusammen mit dem Men-
schenrechtler Ingo Schmidt einen Fonds für die von uns
neu gegründete Kinderschutzorganisation «Childrens
Protection Foundation <Papillon>» eingerichtet. Ein Teil
des Erlöses aus dem Verkauf dieses Buches fließt die-
sem Fonds zu. Wir verfolgen mit diesem Buch keine fi-
nanziellen Interessen, sondern möchten aufzeigen, was
sich hinter den Kulissen des ganzen Falls tatsächlich
abgespielt hat und unser Sohn bei seiner Odyssee durch
Gefängnis, Gerichtsverhandlungen und Pflegefamilien
alles erleiden mußte. Zudem möchten wir die Öffent-
lichkeit auf das Schicksal der vielen tausend Kinder in
den Gefängnissen von Amerika aufmerksam machen
und versuchen, diesen Kindern, deren Eltern meist mit-
tellos sind, eine Chance auf ein Leben in Freiheit zu er-
möglichen.

Sommer 2000
Andreas Wüthrich

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1. KAPITEL
Der Überfall

Montag, 30. August 1999


7.00 Uhr
Raoul, unser Sohn, ist bereits angezogen und hat seine
drei Schwestern geweckt. Jeder wartet, bis er an die
Reihe kommt, um ins Bad zu gehen. Die Kinder müs-
sen zur Schule. Meine Frau bringt Sophia, die zweit-
jüngste der Töchter, in die Denver International School,
eine Privatschule. Alle Kinder in Amerika sind bis zum
Nachmittag um 16.00 Uhr in der Schule. Dort werden
sie auch verpflegt.
Mein Büro liegt in der Stadt. Ich hatte vor einigen
Monaten ein Ingenieurbüro mit dem Schweizer-bünd-
nerischen Namen «Grischa-Engineering» eröffnet, aber
erst vor kurzem den ersten größeren Auftrag für ein
Datennetzwerk mit Verkabelung für eine existierende
Anlage erhalten. Als Elektroingenieur war Amerika für
mich Neuland, aber mein Onkel, der seit vielen Jahren
dort geschäftlich tätig war, hatte mir einige Tips gege-
ben. Für mich und meine Familie waren schwierige
Zeiten angebrochen, nachdem wir uns in den Staaten
niedergelassen hatten, um Arbeit und Aufträge zu erhal-
ten. Meine Frau ist Amerikanerin und Schweizerin. Sie
hat wie alle vier Kinder - Tatjanna, die älteste Tochter,
Raoul, Sabrina und Sophia - die amerikanisch-schwei-
zerische Doppel-Staatsbürgerschaft.

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Das kleine Städtchen Evergreen bei Denver liegt am
südlichen Ausläufer der Rocky Mountains, 2700 Meter
über dem Meer. Da ich aus den schweizerischen Btind-
ner Bergen stamme, ist die Höhe kein Problem für
mich, und auch meine ganze Familie, die mehrere Jahre
in der Nähe von Chur in der Schweiz verbracht hatte,
hat sich sehr gut in Colorado eingelebt. Wegen dem
Heimweh meiner Frau hatten wir seinerzeit den Ent-
schluß gefaßt, nach Amerika auszuwandern. Zuerst leb-
ten wir in Tucson, der Wüstenstadt in Arizona, die dor-
tige Hitze ertrug ich aber nicht. So machten wir uns auf
nach Colorado in die Berge, die wir bereits kannten. Im
Winter ist es hier nicht viel anders als bei uns in der
Schweiz. Was mich als Schweizer beeindruckte war die
unendliche Weite, die Größe dieses Landes Amerika.
Man nennt es ja auch «Das Land der unbegrenzten
Möglichkeiten». Unbegrenzt war ich als Schweizer be-
stimmt nicht: Wir hatten von klein auf gelernt, mit dem
auszukommen, was wir besaßen. Zwar schreckte uns
die Weite Amerikas, ich wollte aber hier etwas aufbau-
en, von dem ich glaubte, es als kleinen Beitrag in die
Gesellschaft einbringen zu können.
So erwarben wir außerhalb des hügeligen Evergreens
ein Grundstück von dreieinhalbtausend Quadratmetern
mit einem freistehenden Holzhaus, wie es hier im allge-
meinen gebaut wird. Fünf Zimmer, Küche und Bad -
alles in allem gefiel es uns sehr gut. Um das Haus stan-
den über fünfundzwanzig mächtige Föhren, die jedoch
viel größer und umfangreicher waren, als wir sie in den
Schweizer Bergen kennen. Des weiteren gab es noch
viele Büsche und Sträucher und vor einem Abhang zum
nächsten Nachbar sogar einen kleinen Mischwald mit

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Tannen und Laubbäumen. Der Vorbesitzer hatte dort ei-
nen Maschendraht- und einen Bretterzaun errichten las-
sen; wir rätselten, welchem Zweck dieser dienen sollte.
Das Haus steht an einem Hang und hat wie die mei-
sten Häuser auf dem Land keinen Keller, dafür aber
einen keilförmigen Hohlraum, der hinter dem Haus en-
det. Vorne und seitlich sind Bretterverschläge ange-
bracht, damit keine spielenden Kinder oder unliebsame
Tiere unter das Haus kriechen können, denn unter dem
Haus befinden sich die offenen Zuleitungen für bei-
spielsweise Abwasser, Strom und anderes.
An unser Grundstück grenzten fünf Nachbargrund-
stücke. Oberhalb unserer Quartierstraße wohnte ein äl-
teres pensioniertes Ehepaar, das aus Kalifornien
stammte. Mit einem anderen Nachbar hatten wir auch
Kontakt wegen des Gartens, wiederum ein anderer war
in der Gemeinde beim Elektrizitätswerk beschäftigt; er
hatte zwei Kinder, die älter als unsere waren. Westlich
von uns lebte Laura Mehmert mit ihrem Mann. Anfäng-
lich schien sie eine nette Frau zu sein; sie brachte uns
sogar hin und wieder Selbstgebackenes. Daß es ihr be-
reits damals schon lediglich ums Ausspionieren ging,
konnten wir nicht ahnen. Eine andere Nachbarin war
geschieden und hatte eine Tochter. Unsere beiden älte-
ren Kinder hatten weitere Freundschaften geknüpft, den
besten Kontakt hatten wir aber zu dortigen Europäern:
zum einen ein Deutscher und seine österreichische
Frau, die gegenüber wohnten, zum anderen eine Fami-
lie mit einen behinderten Jungen im Rollstuhl. Er war
zwar etwas älter als unser Sohn Raoul, sie wurden aber

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trotzdem gute Spielkameraden. Für diesen Jungen war
das eine willkommene Abwechslung, denn seine Be-
hinderung ließ in diesem einsamen Landstrich fast kei-
nen Kontakt mit anderen Kindern zu.

Montag, 30. August 1999


22.20 Uhr
Es ist etwa 22.20 Uhr, als zwei Polizeiautos vorfahren.
Kurz darauf läutet mein Handy, während ich auf dem
Weg vom Büro nach Hause bin.
«Darling», sagt meine Frau ziemlich nervös und auf-
geregt, «hier sind zwei Sheriff-Deputies. Sie wollen ir-
gend etwas, ich weiß nicht, was ich tun soll. Wann
kommst du nach Hause?»
Genauer gesagt waren es ein weiblicher Deputy und
ein Sheriff-Deputy.
«Haben sie nicht gesagt, was sie zu uns führt?»
«Eben nicht. Das macht mir Sorgen. Sie reden und re-
den, ich glaube, es geht um den Jungen.»
«Um Raoul? - Was wollen die denn von Raoul?»
«Wenn ich das wüßte! Sie drücken sich nicht klar
aus!»
«Nun beruhige dich, ich bin ja gleich zu Hause. Dann
möchte ich zuerst wissen, was das alles zu bedeuten
hat.»
Es ist nicht zu überhören, daß Beverly nervös und
verängstigt ist.

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«Es geht um Ihren Raoul», sagt die Deputy - ein rich-
tiges Mannweib, breitschultrig und mit groben Gliedern
- kaugummikauend zu meiner Frau.
«Um Raoul? - Was um Himmels willen soll er denn
angestellt haben?»
Die Deputy schaut sich um. Ihr Kollege senkt sein
Haupt, offensichtlich ist es ihm peinlich, darüber zu
sprechen.
«Wir müssen ihn mitnehmen. Wo ist er?»
«Er schläft natürlich. Sie wollen ihn doch jetzt nicht
wecken?»
«Es muß sein», erwidert kauend die Deputy.
«Dann warten Sie, bis mein Mann kommt. Er muß je-
den Moment hier sein.»
«So lange können wir nicht warten. Wo ist der Boy?»
«Oben im Schlafzimmer.»
«Dann gehen wir ihn holen», wendet sie sich ihrem
Kollegen zu.
Beverly zittert am ganzen Leib und ist den Tränen na-
he. «Hören Sie, Deputy, Sir, Sie haben doch einen Haft-
befehl oder sonst einen Wisch? Sonst geben wir Ihnen
den Jungen nicht heraus.»
«Tut mir leid, aber wir gehen nicht ohne den Boy»,
sagt die stramme Dame mit Nachdruck.
«Muß das denn jetzt sein? Können Sie nicht bis mor-
gen warten?»
«Es muß jetzt sein. Tut uns leid. Wir führen nur den
Befehl der Staatsanwaltschaft aus.»
Zwischenzeitlich sind die beiden Deputies in das
Zimmer von Raoul gegangen. Beverly läuft ihnen nach
und weckt halb schluchzend den Jungen. Ganz ver-
schlafen versteht er zuerst gar nicht, was vor sich geht.

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Sie redet beruhigend auf ihn ein, nimmt ihn in die Arme
und flüstert ihm leise ins Ohr: «Erschrecke jetzt nicht,
Darling, hinter mir sind zwei Polizisten. Du mußt auf-
stehen, sie wollen dich mitnehmen.»
Verwirrt schaut Raoul um sich. Als er endlich richtig
wach ist und merkt, daß etwas Ungeheuerliches mit ihm
geschehen soll, fängt er an zu weinen. Er hält sich an
der Decke fest und verkriecht sich in eine Ecke des
Bettes.
Aber die Deputy zerrt ihn hervor, legt ihm eine Woll-
decke um und führt ihn barfuß ins Wohnzimmer. Dort
legen sie ihm Hand- und Fußfesseln an; die Ketten sind
um den Bauch gesichert.
Gerade in diesem Moment komme ich nach Hause.
Zuerst traue ich meinen Augen nicht: Ein zehnjähriger
Junge in Hand- und Fußfesseln! Raoul weint fürchter-
lich. Völlig verstört und mit Tränen in den Augen
schaut er zu Beverly und dann zu mir, als ob ich durch
ein Machtwort imstande wäre, ihn von den Fesseln zu
befreien. Die Deputies stehen mit versteinerter Miene
da.
«Um was handelt es sich eigentlich?» frage ich ziem-
lich barsch und gerate angesichts dieser grauenhaften
Szene in Wut. «Was soll ein so kleiner Junge schon an-
gestellt haben, daß Sie ihn auf diese Weise fesseln! Und
warum kann das nicht bis morgen warten?»
«Es ist ein Befehl», erwidert die Deputy ungerührt.
«Sie können sich morgen bei der Staatsanwaltschaft
melden. Die werden Ihnen den Grund nennen.»

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«Aber lassen Sie den Jungen doch wenigstens heute
Nacht hier schlafen! Wir kommen dann morgen zu Ih-
nen.»
«Nichts ist», antwortet sie. «Wir gehen nicht ohne
den Boy aus dem Haus. Wir haben den strikten Befehl,
ihn mitzunehmen.»
Ich koche vor Zorn. «So, jetzt habe ich genug! Wo ist
überhaupt Ihr Arrest- oder Haftbefehl? Was für einen
Grund gibt es, daß Sie ein zehnjähriges Kind mitten in
der Nacht aus dem Bett holen?»
«Wir brauchen keinen Haftbefehl, wenn Gefahr in
Verzug ist», trumpft die Deputy auf. Auch sie gerät
langsam in Fahrt, ihr Busen hebt und senkt sich rhyth-
misch mit ihrem schnellen Atmen.
«Gefahr in Verzug?» wiederhole ich höhnisch. «Wol-
len Sie etwa sagen, daß der Kleine ein Mörder ist oder
sonst ein schwerwiegendes Verbrechen begangen hat,
das eine solche Handlung rechtfertigt?»
«Es liegt eine Strafanzeige vor. Eine schwerwiegende
Strafanzeige. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen», ent-
gegnet die Vollbusige und bahnt sich den Weg Richtung
Haustür.
Beverly weint. Verstört schluchzt sie in ihre kleinen
Hände, ich bleiches Gesicht wird noch fahler. Ich halte
sie fest, während Raoul, ebenfalls weinend und völlig
verstört, von den beiden Deputies aus dem Haus in ei-
nen der Wagen geführt wird. Der Sheriff-Deputy hat
Mitleid mit dem Kleinen und tröstet ihn mit liebevollen
Worten. Auch er ist wohl Familienvater und kann offen-
sichtlich nachvollziehen, wie es einem Kind und den
Eltern bei so etwas zumute sein muß.

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Kurz darauf fahren beide Autos weg. Tatjanna ist
wach geworden und fragt, was los sei. Ich kann nicht
antworten; Beverly hat ihr Gesicht an meine Schulter
gelehnt und weint unaufhörlich.
Tatjanna schaut besorgt drein. «Ich werde gleich mor-
gen früh der Sache nachgehen», versuche ich sie zu be-
ruhigen. «Im Moment können wir nichts tun. Ich bin
sicher, daß es sich um einen Irrtum handelt.»

Dienstag, 31. August 1999


8.00 Uhr
Es ist leider kein Irrtum. Unsere «liebe» Nachbarin
Laura Mehmert hat Anzeige bei der Staatsanwaltschaft
erstattet: Raoul soll seine Stiefschwester unsittlich
berührt und dann noch vergewaltigt haben. Von wem
diese Anklage kam, wußten wir damals aber noch nicht.
«Wie bitte? Ich höre wohl nicht recht! Soll das ein
Scherz sein?»
«Nein», antwortet Noel Blum, der Staatsanwalt. «Das
ist kein Scherz. Wir müssen einer solchen Anzeige auf
den Grund gehen. Zudem soll Ihre Frau ja bereits we-
gen Vernachlässigung ihrer Kinder angezeigt und mit
einem Bußgeld bestraft worden sein.»
«Was wird nun aus meinem Sohn?» frage ich.
«Stiefsohn», korrigiert Blum mit den fettigen, schüt-
teren Haaren. «Er bleibt hier. Bei uns besteht wenig-
stens nicht die Gefahr, daß er eine solche Tat wiederho-
len kann.»

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«Das glaube ich einfach nicht!» entgegne ich entrüs-
tet, und Beverly fügt hinzu: «So etwas kommt in mei-
nem Haus überhaupt nicht vor!»
«In Ihrem Haus nicht, aber in Ihrem Garten, hinter
den Büschen», kontert Blum.
«Welchen Beweis haben Sie dafür?» will ich wissen.
«Eindeutige und unumstößliche. Die Staatsanwalt-
schaft wird schon alles herausfinden.»
«Wollen Sie damit sagen, daß ein zehnjähriger Junge
nur wegen einer haltlosen Anschuldigung in ein Ge-
fängnis gesteckt wird? Und von wem kommt diese An-
schuldigung überhaupt?»
«Das steht zur Zeit nicht zur Debatte», lautet Blums
Antwort. «Ich kann Ihnen im Moment überhaupt nicht
helfen. Sie können ein Gesuch einreichen, damit Sie
Ihren Sohn besuchen dürfen. Außerdem empfehle ich
Ihnen dringend, einen Rechtsanwalt aufzusuchen. Soll-
ten Sie sich keinen leisten können, wird Ihr Stiefsohn
von einem Pflichtverteidiger vertreten.»

Dienstag, 31. August 1999


10.30 Uhr
Mein Kopf droht zu zerspringen, die ganze Nacht konn-
te ich nicht schlafen, und jetzt auch noch das! Ich muß
einen Ausweg finden - da kommt mir der Gedanke, die
Schweizer Botschaft anzurufen. Die zuständige
Schweizer Botschaft hat ihren Sitz in der mexikani-
schen Stadt Houston.

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Dienstag, 31. August 1999
11.15 Uhr
Der Botschaftsmitarbeiter Baumeier gab mir die Tele-
fonnummer von Walter Wyss, dem Schweizer Honorar-
konsul von Denver. Seine Frau nahm unseren Anruf
entgegen und fiel aus allen Wolken, als sie von unserem
Schicksalsschlag hörte. Zwar sei ihr Mann im Moment
nicht erreichbar, er werde sich dann aber sofort mit uns
in Verbindung setzen, versprach sie uns. Es lag auf der
Hand, daß uns die Botschaft einen Rechtsbeistand ver-
mitteln sollte, da wir keinerlei Erfahrung hatten, wer die
notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse für ein sol-
ches Verfahren besaß. Walter Wyss rief dann wirklich
kurz darauf zurück und empfahl uns den Rechtsanwalt
Arnold C. Wegher. Die Zeit drängte, da für 13.15 Uhr
Ortszeit die erste Gerichtsverhandlung anberaumt war.
Arnold C. Weyher ist neben seinem Beruf als Rechtsan-
walt auch Botschafter für Österreich in Denver. Er rea-
gierte sofort und schaffte es tatsächlich, rechtzeitig im
Gerichtssaal zu sein.
Staatsanwalt Mister Noel Blum als Ankläger wartet
bereits im Gerichtssaal, die Sozialarbeiterin Rhonda
Miklic und die Bezirksanwältin Nancy Hooper sind
ebenfalls anwesend. Den Vorsitz führt die ehrenwerte
Richterin Marylin Lennard. Alle fünf in der vergange-
nen Nacht Verhafteten werden in den Saal geführt und
im Schnellverfahren abgeurteilt. Ganz zum Schluß
kommt Raoul an die Reihe. Während andere Jugendli-
che, die beispielsweise gewaltsame Raubüberfälle mit
Waffen begangen haben, eine Kaution von 5.000 US-
Dollar hinterlegen müssen, wird die für Raoul auf

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25.000 US-Dollar festgesetzt; eine Summe, die sonst in
der Regel nur für erwachsene Straftätige, die Verbre-
chen mit Waffengewalt verübt haben, ausgesprochen
wird. Raoul ist nicht nur der kleinste, sondern auch der
jüngste Inhaftierte in Golden, Colorado.
Als wir den Kautionsbetrag zur kommenden Verhand-
lung aufgebracht hatten und die 25.000 US-Dollar hin-
terlegen wollten, wurde die Kaution sofort aufgehoben.
Raoul wurde mit der Begründung «Fluchtgefahr» nicht
aus der Haft entlassen. Die Staatsanwaltschaft hatte
nämlich überprüft, wie wir das Geld für die Kaution be-
schafften. Und als feststand, daß wir eine Hypothek auf
das Haus aufgenommen hatten, sah sie darin ihre These
von der Fluchtgefahr bestätigt; denn ohne das Haus war
ein Verschwinden aus den Staaten wesentlich einfacher
geworden - auch wenn eine solche Absicht überhaupt
nicht bestand. Ich fragte mich immer mehr, ob dies
wirklich das angebliche «Land der unbegrenzten Mög-
lichkeiten» oder nicht vielmehr das der eingeschränkten
Möglichkeiten sei. Nein, das hätte ich von diesem
Land, das sich weltweit rühmt, angeblich für «Freiheit
und Gerechtigkeit» einzustehen, nicht erwartet. Noch
ist die ganze Sache nicht ausgestanden; und sofern der
Leser dieses Buch bis zum Ende verfolgt, wird er erfah-
ren, was uns Amerika mit seiner vielgerühmten Freiheit
noch alles bescherte!
Denn neben der Kaution wandte man bei Raoul noch
den Safety-Plan (Sicherheitsplan) an. Wie dieser jedoch
aussehen sollte, das wußte nicht einmal das Gericht, ge-
schweige denn die Staatsanwaltschaft und noch weni-
ger das Sozialamt. Es war lediglich die Rede davon, daß

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unsere Töchter unter gar keinen Umständen mehr mit
Raoul zusammenkommen dürften. Ein Vorschlag von
mir war, die Mädchen zu ihrer Großmutter nach Hou-
ston zu bringen. Da dann die Kinder aber dem Zugriff
des Gerichts von Colorado entzogen wären, wurde er
abgelehnt.

Donnerstag, 2. September 1999


10.00 Uhr
Auch bei der zweiten Verhandlung weiß niemand, was
der Sicherheitsplan beinhalten soll.
«Euer Ehren», wendet sich der Verteidiger an die
Richterin Marylin Lennard, «wir würden es doch sehr
begrüßen, wenn die Verteidigung endlich Informatio-
nen bekäme, wie weit der Sicherheitsplan fertiggestellt
ist und was er beinhaltet. Mein Mandant leidet große
Not und möchte zu seiner Familie zurückkehren. Die
Kaution ist ebenfalls bereitgestellt, so daß wir in dem
Verfahren keinen Hindernisgrund erkennen können.»
Die Richterin blickt über ihre Brille hinweg zur
Staatsanwaltschaft und fragt: «Ist die Staatsanwalt-
schaft mit dem Sicherheitsplan soweit fertig?»
Der Bezirksstaatsanwalt Noel Blum steht auf, blickt
etwas überrascht und besorgt zugleich zwischen der
Richterin und der Verteidigung hin und her, flüstert et-
was zu der Sozialarbeiterin, richtet sich wieder auf und
erwidert: «Es gibt da einige Schwierigkeiten, Euer
Ehren.»
«Schwierigkeiten?» entgegnet die Richterin, «was für
Schwierigkeiten? Wo liegt das Problem?»

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«Entschuldigen Sie, Euer Ehren», nimmt Blum den
Faden wieder auf und beginnt zu schwitzen, «es gab
beim Sozialdienst einen Personalwechsel in Bezug auf
diesen Fall. Wir brauchen noch etwas Zeit, um alles zu
klären.»
«Euer Ehren», wirft die Verteidigung ein, «es ist völ-
lig unzumutbar, daß man ein zehnjähriges Kind in einer
Zelle einschließt. Und wie Sie sehen, Euer Ehren, wird
der Angeklagte immer noch in Hand- und Fußfesseln
vor Gericht geschleppt.»
«Das verlangt das Gesetz. In diesem Land werden ju-
gendliche und erwachsene Straftäter gleich behandelt»,
entgegnet Blum. Die Verhandlung ist zu Ende, Raoul
muß weiterhin im Gefängnis bleiben.
Wir dürfen unseren Sohn zweimal in der Woche im
Mount View-Gefängnis besuchen, müssen uns jedoch
zuvor anmelden. Die Besuche des Anwalts und des Ho-
norarkonsuls unterliegen keiner Beschränkung, auf die-
se Weise hat Raoul mehr Kontakt zur Außenwelt.
Die Zelle ist zwei Mal drei Meter groß, völlig kahl
und hat zwei hochgelegene Milchglasfenster. In der
Ecke steht ein Bett mit einer Wolldecke und einem
Kunststoffkissen. Es gibt kein Spielzeug, Raoul darf
weder Fotos, Bilder noch sonst irgend etwas Persönli-
ches an den Wänden aufhängen; er hat nur seine Farb-
stifte und Zeichenpapier, das ihm ausgehändigt wird.
In der Zelle gibt es weder einen Tisch oder Stuhl noch
eine Toilette. Wenn Raoul seine Notdurft verrichten
muß, hat er eine Klingel zu drücken, um dadurch den
Wärter zu holen. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie
genervt diese Wärter sein müssen, wenn sie ein Foot-

29
balispiel im Fernsehen anschauen wollen und an den
spannendsten Stellen Delinquenten läuten, die auf die
Toilette wollen!
Täglich gibt es einen Hofspaziergang. Die Gefängni-
sinsassen müssen grüne Häftlingskleidung tragen, ihre
Haare wurden kurzgeschnitten, die Arme müssen
während des Rundgangs hinter dem Rücken ver-
schränkt sein.
Gesprochen werden darf nicht, es gibt den täglichen
Drill in der Zeichensprache. Wenn jemand etwas sagen
will, hat er Mittel- und Zeigefinger auf Brusthöhe nach
vorn zu strecken, erst auf Befehl des Wärters darf er
sprechen. Die Worte haben kurz und laut zu sein - kei-
ne Nuschelei! Eine Hand hochzuhalten wie in der Schu-
le gilt als Bedrohung und wird mit langen und schweren
körperlichen Übungen bestraft. Irgend etwas ohne Be-
fehl zu tun oder aufzublicken, wenn der Wärter nicht ei-
ne Antwort verlangt, werden ebenso bestraft. Die Er-
laubnis zum Austreten wird mit einem Daumen nach
oben, im Winkel zur Brust gehalten, angezeigt. Nur wer
dazu entlassen wird und mitteilt, was er alles machen
muß, ob es eine große oder eine kleine Notdurft ist, hat
die Möglichkeit, ungestraft seine Bedürfnisse zu ver-
richten. Die Wärter sind weiß gekleidet, sie tragen
einen schwarzen Gurt, in dem eine Feuerwaffe steckt.
Zudem sind sie noch mit Pfefferspray und einem Elek-
troschock-Gerät ausgerüstet.
Raoul ist der Jüngste und der Kleinste. Im Aufent-
haltsraum, wo alle zur gleichen Zeit die Mahlzeiten
gemeinsam einnehmen, gibt es auch ein Fernsehgerät.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Raoul nur Kinderfilme

30
gesehen, die ich und meine Frau uns vorher angeschaut
hatten und bei denen wir sicher waren, daß dort keine
Gewaltszenen vorkommen. Hier im Jugendknast, wo
Elf- bis Siebzehnjährige eingesperrt sind, werden oft
die gewalttätigsten Actionfilme gezeigt. Kein Wunder,
daß in Amerika die Gewalt überhandnimmt!
Bereits am zweiten Tag wurde Raoul von einem der
größten und brutalsten Gefangenen so lange blutig ge-
schlagen, bis er nicht mehr aufstehen konnte und be-
wußtlos liegenblieb. Die Wachmannschaft, die oben in
der Galerie durch das Fenster das Geschehen beobach-
tete, unternahm nichts dagegen.
Auf meine Frage, wie so etwas passieren könne, er-
klärte man mir lapidar, daß dies der einzige Freiraum
sei, den die Gefangenen hätten, und irgendwie müßten
sie sich auch austoben. Zudem sei es Brauch, alle Jün-
geren und Schwächeren müßten da durch.
Raoul zeichnet in der Zelle und auch im Gericht. Of-
fenbar läßt ihn dies all seine Nöte und das Elend ver-
gessen. Einmal pro Woche darf er uns anrufen, wir ihn
ebenfalls wöchentlich nur einmal. Wenn er dann völlig
verzweifelt am Telefon weint, verbieten ihm das die
Wärter und drohen, er dürfe nicht mehr telefonieren,
falls er sich nicht zusammenreiße. Wir trösten ihn, so
gut es geht. Bei späteren Telefonaten, wenn seine Mut-
ter oder Großmutter ihrerseits in Tränen ausbrechen, ist
es dann Raoul, der sie tröstet und erklärt, es gehe ihm
soweit gut. Ich entdecke in diesem kleinen tapferen
Burschen immer mehr, was mich stolz und glücklich
macht und mir Hoffnung und Trost gibt, daß er sich
nicht unterkriegen läßt.

31
Einmal hatte Raoul kein Papier mehr für seine Zeich-
nungen und malte deshalb etwas auf den blanken Bo-
den. Zur Strafe mußte er ein gelbes T-Shirt anziehen,
ein äußeres Schandmal, das zeigen soll, daß er etwas
angeblich «sehr Verwerfliches» getan hat; als Folge
wird er von der ganzen Gruppe mit Verachtung gestraft.
Er muß separat in einer Ecke essen und als erster, ge-
trennt von allen anderen, im Kreis gehen. Aber Raoul
verstand überhaupt nicht, warum er im Gefängnis war
und worum es in diesen Verhandlungen eigentlich ging.
Meine Arbeit blieb liegen, ich mußte den Auftrag ei-
nem Kollegen übergeben, weil ich keine Chance sah,
meine Arbeit aufzunehmen, solange die Familie nicht
wieder glücklich zusammen und alles ins Lot gebracht
war. Meinen ganzen Einsatz und alle Kraft brauchte ich
für meine Familie und die Verfolgungsbehörde. Hätten
wir den Schweizer Honorarkonsul und Rechtsanwalt
Wegher nicht gehabt, es stünde nicht nur schlecht um
Raoul, sondern auch um unsere anderen Kinder, die
man uns ebenfalls wegnehmen wollte. Und um uns
selbst - denn auch wir sollten bei diesem Komplott ge-
opfert werden. Je mehr die Justiz mit ansehen mußte,
wie sich das Schweizer Konsulat in den Fall einschalte-
te, um so größer wurde ihre Angst, die Sache könnte ihr
aus den Händen gleiten.
Bislang hatte sie nämlich noch keinen einzigen
brauchbaren Beweis erhalten für einen sexuellen Über-
griff, wie sie ihn konstruieren wollte. Raoul interessier-
te sich überhaupt nicht für Sex und war auch von seiner
physischen Entwicklung her noch viel zu infantil.
Sheriff John P. Stone und die Sozialarbeiterin Rhonda
Miklic nehmen nun die fünfjährige Sophia ins Verhör.
Eine Videokamera zeichnet alles auf, was sie sagt. An
einem langen Tisch sitzen an einem Ende die Sozialar-
beiterin, am anderen Ende der Sheriff; Sophia muß in
der Mitte, direkt vor der Kamera Platz nehmen. Vor ihr
liegen zwei Puppen, eine davon ist ein Mädchen, die
andere ein Junge mit erigiertem Glied.
Der Sheriff fragt Sophia, was Raoul mit ihr gemacht
habe. Dabei weist er auf die männliche Puppe und hält
diese so, daß das Gesicht der Puppe auf der Höhe des
Beckens der Mädchenpuppe ist. «Hat er das gemacht?»
fragt er und drückt die männliche Puppe zwischen die
Beine der Mädchenpuppe.
Sophia ist verwirrt und weiß nicht, was damit gemeint
ist.
Der Sheriff bohrt weiter: «Hat er dich hier geküßt?
Hat er sonst etwas mit dir gemacht?»
«Ich weiß nicht», erwidert Sophia und rutscht unruhig
auf dem Stuhl hin und her.
«Wo hat er dich geküßt?» fragt die Sozialarbeiterin
energischer.
Da zeigt Sophia auf das Gesicht. Auf die Stirne, auf
die Augen, auf den Mund.
«So kommen wir nicht weiter», stellt der Sheriff fest,
nimmt die Puppen, plaziert die männliche hinter die
weibliche und ahmt die Bewegung des Sexualverkehrs
nach.
«Hat er das mit dir gemacht? Sag schon, wir sagen es
niemandem. Wir sind doch unter uns.»
Sophia ist es sichtlich unwohl zumute, sie gibt kleine
wimmernde Laute von sich.

33
«Ich weiß nicht, was das heißt und was das ist. Raoul
hat mir nichts gemacht. Ich weiß nicht.»
Sie blickt verstört mal nach dem Sheriff, mal in die
Richtung der Sozialarbeiterin und fragt dann: «Kann
ich jetzt nach Hause gehen? Ich habe in die Hosen
gepinkelt.»
Eine halbe Stunde lang dauerte diese Prozedur, die
nichts brachte.
Im Anschluß an dieses Verhör fand folgende Unter-
haltung statt:
«Ich glaube, ihr müßt einen anderen Weg einschla-
gen», beginnt der Sheriff. «Da ist überhaupt nichts pas-
siert. Das Mädchen weiß nicht einmal, von was die Re-
de ist. Wäre etwas mit ihr geschehen, würde sie anders
reagieren. Vielleicht sollte man mal die Eltern überprü-
fen, ob sich da irgend etwas ereignet hat, das Aufschluß
geben kann.»
«An was denken Sie?» fragt Rhonda Miklic.
«An eine Hausdurchsuchung nach Sex- und Brutalo-
filmen, eventuell an Waffen, Drogen oder was weiß ich.
Aber so kriegen wir die Wüthrichs nicht!»
«Eine schöne Blamage», wirft die Sozialarbeiterin
ein, «Ich werde es mit Nancy Hooper, der Bezirksan-
wältin, besprechen.»
«Hat sie jetzt den Fall übernommen?»
«Ja, wir brauchen Resultate. Die Zeit drängt, die näch-
ste Gerichtsverhandlung ist bereits kommende Woche.
Dann wird entschieden, unter welchen Bedingungen der
Junge auf freien Fuß gesetzt werden kann. Die Verteidi-
gung verlangt dann auf der Stelle den Sicherheitsplan.

34
Und ohne neue Indizien können wir den Jungen hier
nicht mehr festhalten.»
Sheriff Stone starrt zum Fenster hinaus. «Wenn sie
den Jungen entlassen, können wir nichts mehr tun. - Sie
wissen doch, die Wahlen!»
Die Sozialarbeiterin nickt sinnend und sagt nichts.
Sophia sprach drei Tage kein einziges Wort mehr, so
verstört war sie. Wir fragten uns, was die Staatsanwalt-
schaft diesem Kind angetan hat, daß es dermaßen ver-
unsichert und frustriert von ebendiesem Amt zurück-
kam, von dem man Hilfe und nicht zusätzlichen
Schaden hätte erwarten müssen. Heute noch, nach mehr
als einem Jahr, hat Sophia Mühe, darüber zu reden. Sie
brauchte psychologische Betreuung, ebenso wie Raoul.
Mit Bitterkeit erinnere ich mich an die zornerfüllten
Worte von Staatsanwalt Sergej Thomas zu den Presse-
vertretern, nachdem der Richter das Verfahren ohne
Gerichtsverhandlung einstellt hatte:
«Der Junge braucht jetzt in der Schweiz dringend
psychologische Hilfe, sonst wird er am Ende noch die-
ses Monster, für das wir ihn halten! Er ist eine lebende
Zeitbombe!»
Im nachhinein klingt das wie blanker Hohn, wenn
man bedenkt, was Raoul und seiner kleinen Halbschwe-
ster alles angetan wurde und warum diese Kinder später
psychologische Hilfe benötigten.
Nancy Hooper, die Bezirksanwältin, rief die Zeugin
Laura Mehmert an, sie solle möglichst gleich morgen
bei ihr im Büro in Jefferson County erscheinen. Bei die-
sem Gespräch wurde die Zeugin dann aufgefordert, ver-

35
mehrt ein Auge auf die Nachbarn Wüthrich zu werfen.
Vor allem bestand die Bezirksanwältin auf mehr De-
tails, an die Laura Mehmert sich erinnern sollte; mögli-
cherweise begann damit das ganze Unheil, worüber
aber lediglich Vermutungen anzustellen sind. Auf jeden
Fall gab Laura Mehmert ab da völlig andere, viel dra-
matischere Aussagen vor dem Richter und der Presse
von sich. Schließlich muß sie sich regelrecht in die
ganze Sache hineingesteigert haben, da sowohl die Be-
zirksanwältin als auch das Sozialamt ihr Standhaftig-
keit in Bezug auf ihre Aussagen attestierten. Diese
Glaubwürdigkeit der einzigen «Augenzeugin» brachte
ihre Phantasie in Schwung: Nun war sie wer, man
glaubte ihr! Sie wurde eine Stütze des Gerichts, von ihr
hing es ab, ob sie in der Öffentlichkeit als glaubwürdig
galt und der kleine Kerl hinter Gitter sollte oder nicht.
«Gott hat mich erhört!» betonte sie immer wieder ge-
genüber den Personen, die mit ihr in dieser Sache zu tun
hatten. Und bei den Gerichtsverhandlungen, wo sie als
Zeugin auftrat, war sie auf einmal schön frisiert, trug
ein schwarzes Kostüm mit Rollkragenpullover und eine
schwarze Macho-Brille wie die Sicherheitsbeamten
vom State Department. Sie rauschte, nein schwebte
trotz ihres beträchtlichen Umfangs über das Parkett vor
den Richter, wo sie feierlich die Hand zum Schwur er-
hob, «die Wahrheit und nur die ganze Wahrheit zu sa-
gen, so wahr mir Gott helfe». Denn sie habe alles gese-
hen - und sehr genau gesehen!
«Jetzt müßt ihr aufpassen», warnte uns Onkel Frank,
der selbst Strafverteidiger ist und den wir konsultierten.
«Was meinst du damit?»

36
«Ich würde vorschlagen, die anderen Kinder außer
Landes zu schaffen oder sie wenigstens so unterzubrin-
gen, daß die Bezirksanwaltschaft ihrer nicht habhaft
werden kann.»
«Ja, das denke ich auch. Können wir die Kinder in die
Schweiz schicken?» meinte ich zu Beverly.
«Meine Mutter hat diesen Vorschlag auch schon ge-
macht.»
Meine Eltern und Dianna Wood, Raouls Großmutter
von Beverlys Seite, sowie weitere Personen standen uns
bei. Sie konnten es nicht fassen, was unserem Raoul
vorgeworfen wurde und was mit dem Jungen geschah.
Alle empfahlen uns, die Kinder in die Schweiz zurück-
zuschicken, damit sie in Sicherheit seien; zudem sei die
Belastung für die Kinder zu groß. Beverly konnte sich
mit dem Gedanken noch nicht recht anfreunden, sie
wollte die Kinder um sich haben. Aber von Tag zu Tag
wurde die Situation chaotischer.

Freitag/Samstag, 3-/4. September


Einen Tag nach der zweiten Gerichtsverhandlung kam
abends das befreundete Schweizer Ehepaar Mark und
Sabine Allenspach aus Texas zu Besuch. Wir erzählten
ihnen die ganze Geschichte, und nach einer Gedanken-
pause schlug Sabine Mark vor, die Kinder für eine be-
stimmte Zeit zu sich zu nehmen, damit wir uns ganz auf
den Gerichtsfall und die Besuche bei Raoul konzentrie-
ren könnten. Beverly und ich waren damit sofort einver-
standen, weil wir befürchteten, daß uns die anderen
Kinder auch noch entzogen werden, wenn sie zeitweise

37
ohne ständige Aufsicht blieben. Raouls Verteidiger hat-
te uns bereits auf diese Sache angesprochen und darauf
hingewiesen, daß die Staatsanwaltschaft sicher alles
daransetzen würde, die Kinder aus unserem Umfeld zu
entfernen und in Pflegefamilien unterzubringen. Viele
Familien würden sich als Pflegefamilien zur Verfügung
stellen, da dies ein lukratives zusätzliches Einkommen
darstellt. Ob die Kinder dann allerdings die nötige Pfle-
ge erhalten und in guter Obhut seien, dafür gäbe es kei-
ne Garantie.
Auch wir waren gefährdet und mußten sicherheitshal-
ber vor einem Zugriff der Behörde untertauchen. Denn
etwas stimmte hier in diesem Colorado nicht, wenn
man auf derartige Weise versuchte, eine ganze Familie
zu zerstören.
Wir beschlossen, alles, was die Kinder brauchten, zu-
sammenzupacken, und fuhren anderntags mit zwei Wa-
gen nach Texas. Noch am Sonntag kehrten Beverly und
ich zurück, kamen völlig erschöpft wieder zu Hause an
und informierten Raouls Rechtsanwalt, die Botschaft
und den Honorarkonsul Walter Wyss.

Dienstag, 7. September
14.00 Uhr
In Golden, der kleinen Vorstadt von Colorado, findet
wieder eine - bereits die dritte - Gerichtsverhandlung
statt, an der auch der Bezirksanwalt Noel Blum teil-
nimmt. Außer ihm haben noch die Staatsanwälte Sergej
Thomas, ein Schwarzer, und Nancy Hooper Platz ge-
nommen. Die Richterin Marylin Lennard fragt den Be-

38
zirksanwalt, wie nun der Sicherheitsplan aussehe und
ob der Angeklagte jetzt gegen Kaution und mit dem Si-
cherheitsplan auf freien Fuß gesetzt werden könne.
«Euer Ehren, die Staatsanwaltschaft hat neue schwer-
wiegende Anschuldigungen gegen den Angeklagten er-
halten, so daß sie von einer Entlassung des Angeklagten
unter allen Umständen abraten muß.»
«Was sind das für Anschuldigungen?»
Der Verteidiger wirft ein: «Euer Ehren, die Verteidi-
gung hat bis heute keine neuen Erkenntnisse von der
Staatsanwaltschaft erhalten. Wir erheben Einspruch.»
«Warten wir doch einmal ab, was die Staatsanwalt-
schaft zu sagen hat», erwidert die Richterin und blickt
zum Bezirksanwalt hinüber.
«Was sind das für Anschuldigungen?»
Noel Blum räuspert sich und beginnt: «Die Staatsan-
waltschaft hat gesicherte Beweise für schweren Inzest,
von Blutschande. Da die Blutsverwandtschaft und der
Verwandtschaftsgrad nicht feststehen, müssen wir von
einem Inzest ausgehen. Das Opfer ist die Halbschwe-
ster des Angeklagten. Sollte er nun aus der Haft entlas-
sen werden, könnte es zu einer Wiederholungstat kom-
men. Davor muß die Staatsanwaltschaft warnen. Wir
wollen nur das Beste für den Angeklagten und genü-
genden Schutz für seine Geschwister.»
«Euer Ehren», wendet der Verteidiger ein, «das ist
doch alles völlig absurd und abstrus. Bis heute hat die
Staatsanwaltschaft keinen stichhaltigen Beweis er-
bracht, daß der Angeklagte die ihm zur Last gelegte Tat
überhaupt begangen hat. Wir müssen auf der Entlas-
sung des Angeklagten bestehen. Offensichtlich ist es
doch der Staatsanwaltschaft bis heute, nach nun fast

39
zwei Wochen, nicht gelungen, einen stichhaltigen
Grund für die Inhaftierung zu liefern.»
«Euer Ehren», legt sich Noel Blum ins Zeug, «sowohl
die Untersuchung der Sozialbehörde als auch die des
Sheriffs vom County haben ergeben, daß ein klarer Be-
weis für die sexuelle Belästigung existiert. Im weiteren
können wir uns nicht vorstellen, daß der Angeklagte
weiterhin mit seinen Geschwistern zusammen sein darf.
Eine Tatwiederholung wäre praktisch vorprogrammiert.
Im übrigen, Euer Ehren, werfen Sie einen Blick in diese
Dokumente, schauen Sie sich diese Familie an, dann
können Sie verstehen, warum die Staatsanwaltschaft
unter keinen Umständen dulden kann, daß eines dieser
Mädchen wieder mit dem Angeklagten zusammenkom-
men darf! Und vor allem dürfen diese Kinder auf gar
keinen Fall unseren Bundesstaat verlassen.»
Die Richterin sieht zur Verteidigung hinüber: «Was
meint die Verteidigung dazu?»
«Euer Ehren, mir scheint, die Staatsanwaltschaft
überschreitet hier bei weitem ihre Grenzen. Nicht nur,
daß sie den Jungen verurteilt haben will, möchte sie
jetzt sogar die ganze Familie auseinanderreißen und un-
ter Anklage stellen. Es kann doch nicht der Wille des
Gerichts sein, diesen kleinen Jungen in einer Umge-
bung zu belassen, wo sonst nur schwer straffällig ge-
wordene Jugendliche und Verbrecher untergebracht
sind. Wir haben bis heute lediglich die Aussage der
Zeugin Laura Mehmert vorliegen, die seit Monaten ge-
gen die Familie Wüthrich einen regelrechten Krieg
führt. So eine Zeugin kann einem hohen Gericht nicht
als glaubwürdig erscheinen.»

40
«Euer Ehren, die Zeugin Mehmert können wir jeder-
zeit vorladen, damit das Gericht ihre Glaubwürdigkeit
selbst prüfen kann», kontert der Staatsanwalt.
«Gut», erwidert Richterin Marylin Lennard, «das Ge-
richt setzt einen neuen Termin auf den 14. September
1999 um 13.15 Uhr fest. Die Staatsanwaltschaft hat
dafür zu sorgen, daß die Zeugin Laura Mehmert zu die-
sem Zeitpunkt hier erscheint. Ist das im Sinne der
Staatsanwaltschaft?»
Der Bezirksanwalt streckt den Kopf zu den Beisit-
zern, die zustimmend nicken. «Ja, Euer Ehren, wir sind
damit einverstanden.»
«Einwände, Herr Verteidiger?»
«Gegen den Termin nicht, Euer Ehren, nicht einver-
standen hingegen erklärt sich die Verteidigung mit dem
weiteren Verbleib des Angeklagten im Mount View-Ge-
fängnis.»
«Das wird dann auch zu diesem Zeitpunkt geklärt.
Möglicherweise wird man ihn in eine Pflegefamilie
oder in ein Heim einweisen, bis das Gericht über weite-
re Maßnahmen entschieden hat.»
Die Sozialarbeiterin räuspert sich vernehmlich, so
daß die Richterin sie fragt: «Will das Sozialamt etwas
dazu sagen?»
Rhonda Miklic erhebt sich und erklärt: «Ja, Euer Eh-
ren. Unsere Abteilung hat sich bereits überall umge-
schaut, um einen geeigneten Platz für den Jugendlichen
zu finden. Leider ist uns bis heute aus ganz Colorado
nichts angeboten worden, was die Auflagen der Staats-
anwaltschaft an uns erfüllt. Wir werden uns aber weiter-
hin darum bemühen.»

41
Die Richterin antwortet: «Lassen Sie das Gericht so-
fort wissen, wenn Sie eine Lösung gefunden haben. Die
Sitzung ist geschlossen.» Der Hammer fällt auf das
Richterpult.
Der Verteidiger murmelt etwas.
Die Richterin schaut zu ihm hinüber: «Ist noch etwas,
Herr Verteidiger?»
«Ja, Euer Ehren. Die Verteidigung will noch mittei-
len, daß die drei Mädchen der Wüthrichs bereits wieder
in die Schweiz zurückgekehrt sind.»
Die Nachricht schlägt im Gerichtssaal wie eine Bom-
be ein. Ungläubiges Staunen, für einen Moment ist es
totenstill, man hört nur ein wütendes Schnauben. Dann
springt die Richterin mit hochrotem Kopf auf und
schreit wutentbrannt: «Wenn das so ist, muß ich die
Kaution als verfallen erklären und den Angeklagten zu
seinem und dem Schutz der Bevölkerung in Haft belas-
sen !»
Auch die Staatsanwaltschaft hat sich zwischenzeitlich
wieder gefaßt, nachdem es ihr zunächst die Sprache
verschlagen hatte. «Das ist unverzeihlich», überschlägt
sich Noel Blums Stimme vor Entrüstung, während Ser-
gej Thomas ihm beipflichtet. «Dazu hätten Sie uns zu-
erst fragen müssen. Es kann nicht angehen, daß in ei-
nem laufenden Verfahren Personen, die auch als
wichtige Zeugen vor Gericht geladen werden könnten,
dem Umfeld der Justiz entzogen werden, ohne die
Staatsanwaltschaft darüber zu informieren.»
«Die Verteidigung möchte Euer Ehren und die Staats-
anwaltschaft ungern darüber belehren, daß die Anklage
nur gegen Raoul Wüthrich und nicht gegen ein anderes
Familienmitglied läuft. Die Verteidigung hat erst unmit-

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telbar vor der Gerichtsverhandlung von der Wegbrin-
gung der Kinder in die Schweiz erfahren.»
«Dann hätten Sie das Gericht früher darüber infor-
mieren müssen», kommentiert die Richterin, und die
Staatsanwälte nicken eifrig dazu.
Damit hatte sich der Verteidiger elegant aus der Affä-
re gezogen. Auch wenn sich die Kinder noch in Dallas
befanden, so waren sie in einem anderen Staat und so-
mit dem Zugriff der Justiz von Colorado entzogen.
Die offenkundige Empörung des Gerichts zu unserem
Schachzug freute uns irgendwie. Wir waren der Mei-
nung, dieser traurige Tag war dadurch mindestens teil-
weise gerettet, auch wenn wir die bittere Pille zu
schlucken hatten, daß Raoul ins Gefängnis zurück muß-
te. Aber das Gericht hätte ihn ohnehin unter keinen Um-
ständen wieder freigelassen. Schließlich hatten wir
nicht nur die Kaution von 25.000 Dollar bereitgestellt,
sondern auch eine ganze Reihe von Vorschlägen einge-
bracht, die eigentlich vom Gericht hätten akzeptiert
werden müssen, aber von der Staatsanwaltschaft und
der Richterin als ungenügend abgewiesen wurden.
Im übrigen fand die Staatsanwaltschaft ein früheres
Protokoll der Sozialarbeiterin Rhonda Miklic, wonach
Sophia bereits im Mai vernommen worden war. Auf der
Fahrt zum Sozialamt hatte es zuvor im Auto Reibereien
gegeben, weil Sophia nicht am Fensterplatz sitzen durf-
te. Raoul soll dabei seine kleinere Schwester wegge-
stoßen haben. Beverly hatte daraufhin der Sozial-
arbeiterin den Vorschlag gemacht, die Sitzung zu
verschieben, die Sozialarbeiterin lehnte dies jedoch ab.

43
So kam es zu jener unheilvollen Aussage, die Sophia
angeblich gemacht haben soll, als sie von der Sozialar-
beiterin befragt wurde, ob und wo Raoul sie geküßt hat.
Sophia soll überlegt und schnell «am ganzen Körper»
geantwortet haben. Eine solche Ausdrucksweise und
Wortwahl stammen wohl kaum von einen knapp fünf-
jährigen Mädchen! Des weiteren lagen noch drei Proto-
kolle vor: eines von den Sozialarbeitern Dan Jarbot und
Rhonda Miklic, datiert vom 17. Juni, die Aussagen von
Raoul zur Befragung vom 19. Juni durch Polizeiinspek-
tor Tom Acierno und das Telefonat vom 30. Juni mit
Laura Mehmert. Die Staatsanwaltschaft war der Mei-
nung, damit nun konkrete, aussagekräftige Beweise in
den Händen zu haben.
Beverly hatte beide Kinder einzeln befragt, was sich
im Garten zugetragen hat, und beide antworteten das
gleiche. Laut einem Protokoll, das die Staatsanwalt-
schaft dem Gericht vorlegte, soll Raoul angeblich sei-
ner kleinen Schwester gesagt haben, die Mutter dürfe
nichts davon erfahren, daß er sie an der Vagina geküßt
habe. Uber diesen Fachausdruck, dieses Vokabular soll
ein fünfjähriges Kind verfügen? Später meinte Sophia
zu ihrer Mutter, es tue ihr leid, der Sozialarbeiterin et-
was Unwahres erzählt zu haben, als diese sie fragte, ob
und wo sie von Raoul geküßt worden sei. Auf die Frage
der Mutter, was sie denn nun tatsächlich der Sozialar-
beiterin geantwortet habe, entgegnete Sophia: «Ich ha-
be gesagt überall.»
Raoul, der dem Gericht teils aufmerksam, dann wie-
der abwesend zuhört und gleichzeitig mit Farbstiften
Zeichnungen auf einen großen Bogen Papier malt, sieht

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bleich und verängstigt aus. Nur wenn sein Name fällt,
blickt er interessiert hoch und flüstert dann dem Vertei-
diger etwas ins Ohr, wie dies Kinder so tun. Ich sitze
mit meiner Frau neben Konsul Wyss. Die Sitzung dau-
ert knapp eine Stunde.
Wir sind alle geschockt, fassungslos. Mit dieser Hin-
haltetaktik treibt die Staatsanwaltschaft das Spielchen
weiter.

Donnerstag, 9. September 1999


7.30 Uhr
Es klingelt an der Haustüre, noch verschlafen mache
ich auf. Die Frau und der Mann davor weisen sich als
Staatsanwalt Mike Harris und eine Mitarbeiterin aus.
Sie werden umringt von mehr als einem halben Dut-
zend Polizisten. Ich spüre förmlich, wie mir das Blut
aus dem Gesicht weicht.
«Wir müssen das Haus und das ganze Grundstück
durchsuchen», erklärt mir Mike Harris den Grund für
das Aufgebot an Polizeiuniformen.
«Was hoffen Sie zu finden?» frage ich ihn.
«Das wird sich noch zeigen!» faucht er und dringt in
das Haus ein.
«Ist Ihre Frau auch hier?»
«Ja, sie ist noch im Bett. Ich werde sie gleich
wecken.»
«Nicht nötig», meldet seine Assistentin, «hier kommt
sie.»
Beverly steht in ihrem Nachthemd ebenso verwirrt da
wie ich.

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«Was ist denn jetzt schon wieder los?» will sie wis-
sen.
«Hausdurchsuchung, Madam», antwortet Harris und
geht an ihr vorbei.
«Man könnte meinen, wir wären Verbrecher, so wie
man uns behandelt.»
War es, daß sie die letzte Nacht so schlecht geschlafen
hatte oder einfach der Dauerstreß? Es erstaunte mich,
wie diese kleine Frau genau die richtigen Antworten zu
geben imstande war. Denn jetzt war sie wütend, wirk-
lich wütend.
Harris dreht sich wortlos um und gibt dem Einsatzlei-
ter der Polizei ein Zeichen: «Sie können anfangen.»
Die Polizisten dringen in alle Zimmer ein, durchsu-
chen Schubladen, Kästen und Kartons, jeden Winkel.
Harris erkundigt sich: «Gibt es noch andere Räume
außer denen im Haus?»
«Die Garage», gebe ich zurück, während ich meine
Kleider anziehe und er mich dabei beobachtet.
Er geht voraus, und da das Garagentor sich nur durch
einen elektrischen Impuls öffnen läßt, der jedoch im
Haus liegt, gehe ich um die Garage herum zum Hinter-
eingang. Plötzlich steht ein schwarzvermummter Mann
mit einer feuerbereiten Schußwaffe vor mir - ich er-
schrecke fast zu Tode.
«Keine Angst», meint der Staatsanwalt lapidar, «das
ist einer von uns.» Daraufhin kann ich beobachten, wie
eine ganze Schar solcher vermummter Polizisten stern-
förmig auf das Haus zukommen und hinter jedem
Busch und Baum stochern.
«Was soll das Ganze?» frage ich Harris.

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«Wir müssen das komplette Grundstück durchsu-
chen.»
«Was erhoffen Sie sich davon?»
Er bleibt die Antwort schuldig und sieht mich nur an.
Nachdem er in der Garage und auch noch im Dach-
stock nachgesehen und nichts Verdächtiges gefunden
hat, gehen wir wieder ins Haus zurück. Dort sind weite-
re Polizisten, die sogar unter das Haus kriechen und mit
Taschenlampen alles durchsuchen - ohne Erfolg. Im
Haus entdecken sie dann einen verschlossenen Schrank
im Flur.
«Milchen Sie den auf!» befiehlt einer der Polizisten.
«Hier sind nur einige Videokassetten und Compakt-
Disc drin.»
Der Staatsanwalt und seine Mitarbeiterin sehen sich
erwartungsvoll an, so als ob sie jetzt plötzlich etwas ge-
funden haben, was sie dringend suchten.
Aber in dem Schrank sind nur harmlose Videos, Kin-
derfilme und Actionfilme, die es in jedem Laden zu
kaufen gibt. Filme jedoch, zu denen die Kinder keinen
Zugang haben. Beverly und ich schauen uns vorher im-
mer alle Filme genau an, und auch fernsehen dürfen die
Kinder nur, wenn Beverly oder ich dabei sind. Sexfil-
me, wie die Staatsanwaltschaft gehofft hatte, gab es kei-
ne, und auch nichts anderes Verdächtiges. Später erfuh-
ren wir, daß unser Kindermädchen Betsy, die in unserer
Abwesenheit die Kinder beaufsichtigte, mit der Staats-
anwaltschaft Kontakt aufnahm und ihnen erklärte, daß
sie noch nie in einer Familie gewesen sei, wo derart
stark kontrolliert wurde, was die Kinder im Fernsehen
anschauen durften und was nicht. Aber die Staatsan-
waltschaft ignorierte einfach alle entlastenden Fakten.

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Nach rund drei Stunden verließen sie das Grundstück.
Ihre Autos hatten sie zu unserem großen Erstaunen
außerhalb unseres Grundstücks, hinter Bäumen gut ver-
steckt, geparkt. Jetzt fiel es mir wie Schuppen von den
Augen, und ich verstand die ganze Aktion. Wir hatten
nur noch den einen Gedanken: So schnell wie möglich
die Kinder in die Schweiz bringen - und vor allem kei-
ne Nacht mehr in diesem Haus schlafen! Wir packten
alles zusammen, was wir unterwegs brauchten, verstau-
ten es im Auto und fuhren weg.

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2. KAPITEL
Rückblick in die Vergangenheit

Unser Familienleben in den USA hatte sich nicht viel


anders gestaltet als in der Schweiz, wo ich aufgewach-
sen bin und meine Frau und unsere Kinder drei Jahre
lang im Kanton Graubünden lebten. Für Beverly war
die Schweiz etwas Neues. Sie brauchte einige Zeit zum
Eingewöhnen und bis sie sich dort wohlfühlte. Ein
Hauptgrund hierfür mag auch in der eher kühlen Reser-
viertheit, ja man möchte fast sagen berglerischen Ver-
schlossenheit des Bündners ganz allgemein liegen.
Meine Familie hingegen hatte alle Kinder und auch
meine Frau sehr lieb und gut aufgenommen. Wir wohn-
ten zuerst in Untervaz, einem kleinen Dorf vor Chur,
der Hauptstadt des Kantons Graubünden; hier lernte
Beverly auch, nach Schweizer Art zu kochen. Später
zogen wir in die Bündner Herrschaft, wo die wunderba-
ren Weine reifen und die Berge sich nicht mehr so
schroff über den Köpfen erheben, was besonders Bever-
ly in eine gewisse Angst und Unruhe versetzte. In Ma-
lans gingen die größeren Kinder zur Schule. Sie gewan-
nen viele Freunde, es war wirklich schön, dort zu leben.
Nach drei Jahren bekam Beverly wieder Heimweh,
außerdem war es mein Wunsch, etwas Eigenes auf die
Beine zu stellen, und ich glaubte immer noch dem Slo-
gan «Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkei-
ten». Also wandelten wir nach Amerika aus.
Im Sommer machten wir mit unseren Kindern viele
Wanderungen in die Rocky Mountains. Man konnte

49
auch Pilze suchen gehen, und die Kinder hatten ihre
helle Freude. Sie waren gut und fleißig in der Schule,
wir hatten in keinerlei Hinsicht Probleme. Einzige Sor-
ge war mein berufliches Fortkommen, aber auch hier
gab es Abhilfe. Die Bevölkerung dort ist sehr zugäng-
lich und offen, man freundet sich in diesem Land sehr
viel schneller an als in meiner Heimat, der Schweiz.
Wenn Freunde zu Besuch kamen, tischten wir anfangs
unsere Schweizer Küche auf; schnell stellte sich aber
heraus, daß diese nicht bei allen Gästen ankam.
Während man bei uns ein Raclette, bestehend aus fein-
stem Schweizer Schmelzkäse mit frischen jungen Kar-
toffeln, sehr schätzt, können die Amerikaner einem sol-
chen Essen nichts abgewinnen. Nach dem Motto: Was
der Bauer nicht kennt, ißt er nicht! Die Amis bevorzu-
gen eindeutig ein T-bone-Steak, einen Hamburger oder
sonst einen Fastfood-Fraß.
Ebensowenig kennt man in den Staaten das Abendes-
sen als solches, überhaupt ist eine gemeinsame Mahl-
zeit höchst unüblich. Nicht einmal das Frühstück wird
zusammen eingenommen; statt dessen macht sich jeder
selbst ein Rührei mit Toast, Kaffee oder Fruchtsaft, und
zum Mittagessen wird irgendein Lunch eingepackt.
Abends geht jeder wiederholt zum Kühlschrank, holt
sich dort heraus, was er will, Sandwich oder ein Bier,
ein gekochtes Ei oder was weiß ich was.
Unsere Familie hingegen sitzt seit eh und je zu jeder
Mahlzeit gemeinsam am Tisch. Seit Raoul mit einigen
Mormonen-Kameraden zusammen war, pflegt er nicht
nur abends, sondern auch bei Tisch ein Gebet zu spre-
chen. Er kennt sich in der Bibel bereits recht gut aus
und ist sehr wißbegierig, was das Leben von Jesus

50
Christus anbelangt. Eine Tatsache, die uns Eltern etwas
beschämt, weil er bereits weit mehr darüber zu wissen
scheint als wir. Und so ist auch Raouls Einstellung zum
Leben: Er liebt die Tiere, die Pflanzenwelt und er liebt
seine Geschwister. Er paßt auf sie auf, weil wir ihm klar
gemacht haben, daß er der Mann im Haus ist, wenn ich
nicht daheim bin. Er wußte dies anscheinend richtig zu
deuten, denn er benahm sich seiner Mutter gegenüber
nie wie ein kleiner Macho - die Mutter war für ihn im-
mer noch Sinnbild der Liebe und der Güte. Offensicht-
lich haben ihm dies auch die Mormonen nahegebracht.
Raoul liebt Raclette und Fondue ganz besonders.
Uberhaupt gefiel ihm alles, was wir in der Schweiz hat-
ten: Die Berge, das Land, die Tiere, die Menschen und
besonders seine Malanser Schulkameraden. Er ist ein
Junge, der zwar etwas verträumt, aber liebevoll und
hilfsbereit ist. Er spielt immer noch mit Lego-Baustei-
nen, Holzklötzen und Eisenbahnen, damit kann er sich
stundenlang beschäftigen.
Mit besonderem Genuß ißt er - wie übrigens die
ganze Familie - die typischen einfachen Schweizer Ge-
richte, wie Käsemakkaroni, Teigwaren mit gehacktem
Fleisch, Braten mit Kartoffelstock und Gemüse. All das
wurde auch in Amerika bei uns gegessen, Beverly ist ei-
ne ausgezeichnete Köchin, die sich immer viel Mühe
gibt.
Raoul ist ein echter Schweizer geworden. Seine Aus-
strahlung nimmt die Menschen für ihn ein, er ist ein
sonniger, lieber Junge. Daß er einen Vater gesucht und
in mir gefunden hat, beweist mir sein Bemühen, mich in
allem nachahmen zu wollen. Wir haben alle große Freu-
de an ihm, auch mit den Mädchen sind wir eng verbun-

51
den und lieben sie. Es gibt nichts, was wir uns gegen-
seitig nicht anvertrauen. Auch wenn es hin und wieder
zu kleineren Streitereien kommt: Ein Wort von mir
schlichtet sofort, und ich gebe nicht auf, ehe jedes Kind
dem andern seine Hand zur Versöhnung reicht. Auf die-
se Weise bewahren wir den Frieden in unserem Haus.
Am 7. Oktober 1968 in Chur geboren, wuchs ich in
Domat Ems auf. Zuerst wohnten wir in Bonaduz, dem
südlicheren Dorf von Domat Ems. In Domat Ems ging
ich auch zur Schule. Ich verbrachte eine glückliche
Kindheit, hatte gute Freunde und war von meinen
Eltern liebevoll umsorgt.
Mein Vater stammt aus dem Emmental im Kanton
Bern, geboren wurde er in Trueb. Nach Jahren zog er
dann nach Horgen am Zürichsee. Dort absolvierte er ei-
ne Berufsausbildung als Elektromonteur und bildete
sich dann weiter als Elektroingenieur. Als er in St. Gal-
len arbeitete, begegnete er meiner Mutter, die von Beruf
Sekretärin war. Kurze Zeit später heirateten sie und
ließen sich im Kanton Graubünden nieder.
Ich habe noch zwei Schwestern, die eine jünger als
ich, die andere älter. Ich bin der einzige Sohn der Fami-
lie Wüthrich.
Nach Beendigung der Schule erlernte ich wie mein
Vater den Beruf des Elektromonteurs und besuchte
zunächst das Technikum in Buchs, St. Gallen, anschlie-
ßend die Fachhochschule in Kalnach im Kanton Bern.
Bis 1992 arbeitete ich bei meinem Vater. Von 1995 bis
1997 studierte ich Elektrotechnik an der Kennedy We-
stern University in den USA.

52
1992 beschloß ich, die englische Sprache zu erlernen,
und verbrachte einen achtmonatigen Aufenthalt in den
Vereinigten Staaten. Ich entschied mich für Amerika
und nicht England (das ja näher lag), weil ich einen On-
kel in Kalifornien habe, der mich einige Male zu sich
einlud. Er wohnt in Plaserville zwischen Sacramento
und Lake Taho, und so bot es sich an, dort die englische
Sprache zu erlernen. Einige Monate lang wollte ich
durch die Staaten tingeln und dieses Land kennenler-
nen, von dem in Europa vor allem junge Menschen oft
so schwärmen. Ich bereiste Kalifornien, Colorado, Ne-
vada, Arizona und auch Texas.
Während meines Aufenthaltes in Denver, wo ich am
Arapahow Comunity College mein Sprachstudium
durchlief, lernte ich meine Frau kennen; sie war damals
ebenfalls Studentin.
Mein Onkel machte uns beide bekannt, da wir weit-
läufig miteinander verwandt sind. Zwar wußte ich, daß
ich eine Cousine habe, kannte sie aber bislang noch
nicht. Ebensowenig wußte ich etwas über ihre Vergan-
genheit, sie war verheiratet gewesen und zwischenzeit-
lich geschieden. Diese Frau war Beverly. Sie wußte
nicht einmal, daß sie einen Cousin hat, kannte mich bis
zu diesem Zeitpunkt nicht. In Denver trafen wir uns
zum ersten Mal, ich war damals vierundzwanzig Jahre
alt, sie ein Jahr jünger. Unser Kennenlernen fand unter
erschwerten Bedingungen statt, da ich der englischen
Sprache noch nicht mächtig war; die ersten «Unterhal-
tungen» bestanden mehr aus Gesten und Zeichenspra-
che.

53
Beverly studierte an der Denver University Psycholo-
gie und wollte von mir etwas über Europa erfahren. So
diskutierten wir stunden-, tage- und nächtelang, vor
allem auch über unsere Familie. Dadurch ergab es sich,
daß Beverly und ich uns immer näher kamen.
Beverly hatte damals bereits zwei Kinder, Tatjanna
und Raoul. Nach Beendigung des Studienganges faßte
ich den Entschluß, wieder in die Schweiz zurückzukeh-
ren, und wollte Beverly und die Kinder mitnehmen. Ein
für Beverly nicht ganz leichter Entschluß, da sie nicht
wußte, was sie in der Schweiz erwartete. Sie kannte die
Schweiz nur von Postkarten und aus Büchern.
In Malans fand ich ein frisch renoviertes Bauernhaus,
wo wir uns niederließen. Aber bereits nach drei Jahren
entschlossen wir uns, nach Amerika auszuwandern. Der
Hauptgrund war, daß Beverly Heimweh bekam. Unsere
Bergwelt im Kanton Graubünden mag ja recht schön
sein, für eine Amerikanerin, die an die unendliche Wei-
te gewöhnt ist, ist das etwas anderes. In den drei Jahren
in Malans, im südlichsten Teil der Bündner Herrschaft,
lernte meine Frau einigermaßen das Schweizerdeutsch,
auch wenn ihr dieses Wissen kaum von Vorteil war,
wenn sie mit Menschen außerhalb der Schweiz kom-
munizieren wollte. Aber sie gab sich Mühe und lernte
von meiner Schwester und meiner Mutter auch die
Schweizer Küche kennen, wovon sie noch heute profi-
tiert, denn sowohl unsere Kinder als auch ich lieben
diese Küche.
Was Beverly etwas Mühe bereitete, waren die An-
sprüche an eine Hausfrau in der Schweiz. Wenn in der
Schweiz Besuch erwartet wird, steht kein Geschirr her-

54
um; die Wohnung oder das Haus sind aufs peinlichste
geputzt, Staub ist gewischt und die Kinder haben saube-
re Kleidung zu tragen. Schmutzige Wäsche ist entweder
ordentlich verstaut oder bereits wieder frisch gewa-
schen und gebügelt in den Schränken untergebracht.
Wer all das nicht tut, wird in der Schweiz als unordent-
liche Person betrachtet - und nichts ist schlimmer für
eine Schweizer Hausfrau, als unordentlich zu sein! Die
Hausfrauen stehen in der Schweiz in höherem Ansehen
als in Amerika. Sie tragen die Verantwortung für den
kompletten Haushalt, die Erziehung der Kinder, Hilfe
bei den Hausaufgaben und müssen jederzeit die Über-
sicht behalten.
Beverly war natürlich vor allem bei der Hausaufga-
benbetreuung in der deutschsprachigen Welt völlig
überfordert. Das frustrierte sie, auch wenn die Kinder
ohne ihre Hilfe in der Schule gut zurechtkamen. Schwer
tat sich Beverly auch mit der Kühle der Menschen hier;
in Amerika geht man aufeinander zu, in der Schweiz
lebt man distanziert und ist nur dann bereit zu helfen,
wenn man sieht, daß ein Mensch in Not ist. Wir wurden
von der Dorfbevölkerung nur «die Amerikaner» ge-
nannt. Zwar gefiel auch Beverly die Bündner Herr-
schaft außerordentlich - nur die Menschen waren zu
verschlossen und unnahbar. Aber sie fühlte sich hier in
der Schweiz geborgen. Später, als wir wieder in Colora-
do waren, wiederholte Beverly oft, wie sehr sie die
Schweiz vermisse.
Wir wanderten stundenlang und oft Kilometer weit,
bis in den Heidihof, wo sich Raoul bei einem Unfall ei-
ne auf den ersten Blick schwere Verletzung zuzog. Er
rannte auf der Wiese herum, spielte unter den Bäumen

55
mit anderen Kindern Fangen und achtete nicht auf ei-
nen abgesägten Ast in Kopfhöhe. Raoul rannte direkt
hinein, die anderen Kinder kreischten und schrien um
Hilfe. Zunächst sah es auch recht schlimm aus, Raouls
Gesicht war blutüberströmt. Ich hob ihn hoch und trug
ihn in das anliegende Restaurant, legte ihn dort auf ei-
nen Tisch und wusch ihm mit einer Serviette das Ge-
sicht ab. Schon bald aber stellte sich heraus, daß es nur
eine Hautverletzung war, zu der sich allerdings eine or-
dentliche Beule gesellte. Meine sprichwörtliche Ruhe
in solchen Notfällen verdanke ich nicht zuletzt dem Mi-
litärdienst.
Für die Dorfbevölkerung war es etwas Ungewohntes,
Amerikaner in der Schule zu haben. Raoul und Tatjanna
lernten fließend die schweizerdeutsche Sprache, Raoul
im Kindergarten in Malans und Tatjanna in der Grund-
schule. Obwohl Beverly niemanden aus dem Dorf
kannte, fiel sie um so mehr durch ihre strohblonden
Haare auf. Auch alle unsere Kinder sind blond, was
etwas eigentümlich ist, da Beverlys erster Mann, ein
Doppelstaatsbürger, aus Mexiko stammte und dunkel-
haarig wie ich war.
Beverly und ich heirateten am 21. Januar 1995 in Ma-
lans. Sophia, die in Chur geboren ist, und Sabrina, die
in Tucson/Arizona zur Welt kam, vollendeten zusam-
men mit Tatjanna und Raoul unser vierblättriges
Glückskleeblatt.
Während unseres Aufenthaltes in der Schweiz wurde
ich von meinen Eltern unterstützt. Ich wollte mich aber
bewähren und selbstständig machen, und dafür schie-

56
nen sich mir in den USA aussichtsreichere Möglichkei-
ten zu bieten als hier die Schweiz. All diese Gründe be-
wogen uns dann dazu auszuwandern.
Beverly wurde 1969 in Kalifornien geboren. Ihre El-
tern ließen sich früh scheiden, Beverly und ihre Mutter
lebten teils in Los Angeles, teils in der Wüstenstadt
Tucson in Arizona. Meine Frau hat noch eine Schwester
und einen Bruder. Wenn Beverly von ihrer Heimat
spricht, dann meint sie Tucson, wo fünf Generationen
vor ihr lebten. Dort lernte Beverly auch ihren ersten
Mann kennen, von dem sie die zwei Kinder bekam.
Diese Kinder habe ich durch die Heirat mit Beverly an-
genommen. Und ich habe das noch keinen einzigen
Tag, keine einzige Stunde bereut. Es sind liebe und gut
erzogene Kinder. Der kleine Raoul ist natürlich unser
Prinz, und die Mädchen sind die Prinzessinnen.
Nach unserer Ankunft in Colorado suchten wir ein ge-
eignetes Haus und erfuhren, daß unser späteres Haus
gerade zu verkaufen sei. Den Grund für den Wegzug
der Familie kannten wir nicht - wir sollten es aber vier
Jahre später am eigenen Leib erfahren. Da wir zurück-
gezogen lebten und alle Kraft und Zeit für den Neuan-
fang in dieser Welt benötigten, merkten wir viel zu spät,
was für eine böse Nachbarin wir uns dort eingehandelt
hatten.

57
3. KAPITEL
Die Flucht

Von nun an schliefen wir keine Nacht mehr in unserem


Haus. Der Schock der Hausdurchsuchung saß tief, sehr
tief, und wir fühlten uns beobachtet und unsicher. Be-
verlys Mutter holte für uns allwöchentlich die Post ab
und sandte sie an unsere Adresse nach. Sie besuchte
auch Raoul im Gefängnis. Offensichtlich ging es ihm
nun von Tag zu Tag schlechter - den wahren Grund
hierfür sollte ich erst später erfahren. Jedenfalls war er
ängstlicher und verstörter geworden, zweifelsohne
machte ihm die Hackordnung im Gefängnis schwer zu
schaffen. Nacht für Nacht weinte er in sein Kissen hin-
ein, das war das einzige, was man ihm nicht verbieten
konnte. Denn bei Telefonaten oder Besuchen saß er mit
zusammengebissenen Lippen da und deutete stets auf
den Wärter, der sich in einer Ecke plaziert hatte und ihn
aufmerksam beobachtete. Wir munterten ihn auf, doch
zu erzählen, wie er so seinen Tag verbringe; aber mit ei-
nem Auge blickte er immer wachsam zu jenem Mann,
der ihn ganz offensichtlich das Fürchten lehrte. Dank
einem glücklichen Zufall wurde der Wärter hinausgeru-
fen, und nun begann Raoul zu erzählen, daß uns die
Haare zu Berge standen.
Nach jedem Besuch müsse er sich völlig nackt auszie-
hen, und die Wärter hätten den größten Spaß daran, al-
les an ihm zu untersuchen. Diese peinliche Tortur gehe
sogar so weit, daß es immer gleich mehrere dieser tu-
gendhaften Wächter seien, die mit Taschenlampen und

59
Handschuhen ihm in den After guckten und ihn befühl-
ten. Sie machten auch nicht Halt davor, ihn im vorderen
Bereich der Genitalien herumzuzupfen und zu drücken.
Am meisten abgestoßen fühlte er sich davon, wenn ihm
einer der Wärter gar mit dem Finger in den After fuhr.
Anscheinend machte es den Wärtern Spaß, das Wim-
mern des Jungen zu hören, jedenfalls rissen sie stets ih-
re Witze darüber.
Auch die größeren jugendlichen Delinquenten hätten
ihn gepufft, gestoßen, geprügelt, obszön angerempelt
und ihn immer wieder unsittlich vorne zwischen die
Beine gefaßt oder am Hintern festgehalten. Daß ein
kleiner Junge, der von Sex noch keine Ahnung hat, sich
in dieser Rolle außerordentlich bedrängt und beschämt
vorkommt, kann man wohl gut verstehen.
Raouls entsetzte Reaktion auf diese Vorkommnisse
war gleichzeitig ein Beweis dafür, daß er in keinster
Weise fähig war, irgendwelche Doktorspielchen oder
sogar Schlimmeres, wie ihm das Laura Mehmert und
die Staatsanwaltschaft vorwarfen, getan zu haben.
Die sexuellen An- und Ubergriffe überstiegen bei
weitem den «Spaß», dem sich laut Auskunft eines Wär-
ters jeder Neuankömmling in einer solchen Anstalt zu
unterziehen habe. Zumal das alles in feucht-fröhlicher
Offenheit vom Anstaltspersonal selbst betrieben und
unterstützt wird. Man kann sich lebhaft ausmalen, was
alles mit Jugendlichen in einem solchen Gefängnis ge-
schieht. Und voller Wut und Bitterkeit mußten wir uns
dann noch anhören, wie der Bezirksanwalt vor den
Schranken des Gerichts erklärte, er wolle «nur das
Beste für den Jugendlichen».

60
Wäre Raoul nicht freigesprochen worden, als was für
ein Mensch wäre er letztlich in diese Gesellschaft
zurückgekehrt? Und was wäre an ihm alles ver- und
zerbrochen worden?
Wir waren nicht nur entrüstet, sondern richtig ge-
schockt; Beverly weinte, und der tapfere kleine Kerl
preßte seine Lippen zusammen, weil in diesem Augen-
blick der Wärter wieder den Raum betrat.
Er verkündete, die Zeit sei abgelaufen. In der Tat, die
Zeit war nun tatsächlich abgelaufen! Wir setzten uns so-
fort mit dem Rechtsanwalt und mit dem Konsul in Ver-
bindung.
Jetzt war uns und auch dem Verteidiger klar, warum
Raoul solche Angst vor den Besuchen hatte. Nicht weil
er diese nicht liebte, sondern wegen der ekelerregenden
«Nachbehandlung». Hätten wir das aber an die große
Glocke gehängt, wäre unser Sohn noch mehr gefährdet
gewesen. Wir wollten deshalb versuchen, daß Raoul un-
ter allen Umständen sofort entweder in einer Pflegefa-
milie oder in einem Heim untergebracht wird. Das So-
zialamt hatte bereits Vorbereitungen für die Einweisung
in ein christlichen Heim getroffen. Rechtsanwalt Weg-
her war nach unserem Bericht über die Zustände im Ge-
fängnis nicht mehr dafür, Raoul in ein Heim zu bringen,
da auch dort wieder solche Gefahren seitens der Ju-
gendlichen oder der Aufseher lauern könnten. Aber ei-
nes stand fest: Es eilte.
Ich hatte Raoul mitgeteilt, daß ich am nächsten Tag in
die Schweiz fliegen würde. Er sollte darüber aber
strengstes Stillschweigen bewahren, damit die Behörde

61
keine Möglichkeit hätte einzugreifen Als ich das sagte,
konnte ich die Angst in seinen Augen sehen. «Von der
Schweiz aus kann ich viel mehr für deine Freilassung
unternehmen», versuchte ich ihm Mut zu machen. Auf
diese Zusicherung und den Trost der Mutter hin, daß sie
ja noch hierbleibe und mit der Großmutter zusammen
ihn weiterhin besuchen komme, erklärte er sich damit
einverstanden. Sein Hoffnungsschimmer, möglichst
bald aus diesem Gefängnis zu kommen, war wie ein
Hilfeschrei.
Unsere Familie hatte immer ein fröhliches und har-
monisches Leben geführt; mit einem Schlag war alles
vorbei, seit die Nachbarin Laura Mehmert uns beim
Sozialamt und dann auch bei der Staatsanwaltschaft
und vor Gericht verleumdete.
Durch unseren Rechtsanwalt erfuhren wir Details
über die Klageerhebung gegen Raoul. Das erste Mal
hatte Laura Mehmert im September 1998 anonym beim
Sozialamt angerufen. Die Nachbarin gab an, daß unsere
Kinder unbeaufsichtigt herumstreunten.
Einen Tag zuvor war Raoul mit seinen Geschwistern
zu ihr gegangen und hatte ihr Selbstgebackenes ge-
bracht. Sie nahm das Gebäck zwar entgegen, fragte
dann aber die Kinder, ob die Mutter denn nicht zu Hau-
se sei. Worauf diese antworteten, die Mutter sei im
Haus und koche. Das von den Kindern selbst Gebacke-
ne gab sie dem Hund, der sich sofort gierig darauf
stürzte; vermutlich hatte er schon lange nichts mehr zu
fressen bekommen.
Dieser Vorgang irritierte die Kinder, weil sie sich beim
Backen soviel Mühe gegeben hatten. Raoul meinte dann

62
zu Laura Mehmert, das Gebäck sei eigentlich für sie ge-
dacht gewesen und nicht für den Hund; die Mehmert
ging aber nicht darauf ein, sondern schloß die Tür. Es
sah so aus, als wollte sie die Kinder bewußt provozieren
und vor den Kopf stoßen - sie kontrollierte nämlich
durch den Spion an der Türe noch genau, was die Kin-
der nun unternahmen. Als sie sah, daß sie wieder zurück
zu ihrem Haus gingen, rief sie das Sozialamt an.
Am 25. Mai 1999, so stand es in den Akten der Staats-
anwaltschaft, geschah die Geschichte von Sophia und
Raoul beim Wasserlassen im unteren Teil des Gartens.
Laura Mehmert will dabei vom Fenster aus die beiden
Kinder beobachtet haben, wie sie, hinter Büschen und
Bäumen versteckt, beide gebückt dastanden.
Am 3. Juni 1999, war weiter vermerkt, berichtete die
neu eingesetzte Sozialarbeiterin Rhonda Miklic Sheriff
Al Nelson von dem anonymen Anruf, worauf die Wüth-
richs nach Aktenlage mit einer 78 Dollar-Buße bestraft
wurden, weil die Kinder unbeaufsichtigt gewesen wa-
ren. Dann habe Rhonda Miklic den neuen Eintrag der
Vorgängerin gelesen, die Anzeige von Laura Mehmert;
wie Raoul Wüthrich seiner Schwester im Garten die
Hosen heruntergezogen, sich hinter sie gestellt und sie
von hinten mißbraucht haben soll. Später will die Zeu-
gin festgestellt haben, daß Raoul noch den Reißver-
schluß seiner Hose offen gehabt habe.
Am 17. Juni 1999 befragten die Sozialarbeiter Dan
Jarbot und Rhonda Miklic die fünfjährige Stiefschwe-
ster. Sophia wird unter Druck gesetzt, bis sie die Fragen
- ohne zu wissen, was sie bedeuten - bejaht. Eine dieser
Fragen lautete, ob Raoul ihr die Vagina geküßt und mit
den Fingern berührt habe. Daß das Mädchen den medi-

63
zinischen Fachausdruck Vagina nicht kannte und mit
dem Wort Wange verwechselte, war den Sozialarbeitern
offenbar völlig gleichgültig. Sophia erzählte auf weitere
Befragung zu ihrer Familie unter anderem, ihr Vater ha-
be beim Campen einen Tiger erlegt.
Am 19. Juni 1999 verhörte Polizeiinspektor Tom
Acierno Raoul über den angeblichen Vorfall im Garten.
Unser Sohn gab zur Antwort, er habe aus Angst vor der
Nachbarin Mehmert zuerst ausgesagt, daß er Sophia
Steine aus der Unterhose genommen habe. Später
räumte er ein, Sophia nur beim Urinieren geholfen zu
haben. Bei dieser Aussage blieb er bis zum letzten Tag
des Gerichts.
Am 30. Juni 1999 telefonierte Inspektor Acierno mit
Laura Mehmert, die wiederum ihre Aussage bestätigte,
sie habe mit eigenen Augen gesehen, daß Raoul am 25.
Mai seiner kleinen Halbschwester die Hosen herunter-
gezogen und sie von hinten vergewaltigt habe.
Mit dieser Aktenlage ging der Sheriff schließlich zur
Staatsanwaltschaft. Zuerst verhandelte Noel Blum den
Fall mit der Bezirksanwältin Nancy Hooper. Nach
Rücksprache gab sie am 30. August 1999 Sheriff John P.
Stone den Befehl, Raoul Wüthrich sofort abzuholen
und ins Gefängnis zu stecken; ein Haftbefehl wurde
nicht ausgestellt. Entgegen den rechtlichen Gepflogen-
heiten wurden weder den Eltern noch dem Jungen ihre
Rechte vorgelesen, es erfolgte kein Hinweis darauf, daß
sie einen Anwalt hinzuziehen können. Das Ehepaar
wurde völlig überrumpelt, weil sie Ausländer waren.
Daß Raoul aber nach der Festnahme bis morgens um
vier Uhr von zwei Polizeibeamten ohne einen Beistand
stundenlang verhört wurde, kam erst viel später heraus.

64
Noch glücklich bei uns zu Hause in den
Tagen vor der Verhaftung

65
Raoul in all
seiner
Fröhlichkeit

Eine glückliche Großfamilie: Raoul mit seiner


Großmutter Dianna Wood und seiner Cousine

66
Erste Schatten am Tag danach

Raoul, die Hände in Handfesseln auf dem


Rücken, beim Rundgang im Gefängnis
Mount View
A Das Gerichtsgebäude in Denver (im Volksmund
auch «Tadsch Mahal» genannt)

V Das Mount View-Gefängnis, das die Justiz-


behörden ironisch mit «Schulheim»
betiteln.

68
Daß es sich um einen reinen «Knast» handelt
sieht man erst innen.
Die Zelle von Raoul: ein kleines Milchglasfenster,
ein Feldbett mit dünner Matratze, darunter ein
Kistchen mit einer Bibel, einem Kinderbuch, Mal-
stiften und einem Zeichenblock. Außer zwei Fotos
ist nichts Privates zugelassen.
Sheriff John P. Stone; er ließ Raoul durch die
Deputies verhaften.
Die internationalen Medien berichten täglich
über Raoul.

Die Medienvertreter dürfen für zwei Stunden


unter Aufsicht den «Knast» begutachten und
filmen, dürfen sich aber den Delinquenten
nicht nähern.
Arnold C. Wegher, Rechtsanwalt und österreichi-
scher Diplomat, vertritt die Rechte Raouls.
Der «schärfste» Staatsanwalt von Jefferson
County, Sergej Thomas

Die Staatsanwälte bei der Gerichtsverhandlung


in Corpore: (v. I. Noel Blum, Nancy Hooper,
Hall Sargent und Sergej Thomas)
Unser eigener Verteidiger Vincent Todd
A Der Schweizer Bundesrat Joseph Deiss mit
seinem Minister Walter Thurnherr. Beide sind
über das Vorgehen der US-Justiz empört.

V Beverly und ich in der Talkshow «sternTV» mit


Günter Jauch

76
Sie wollten den Jungen im Gefängnis noch unter dem
Schock der Festnahme zu einem Geständnis zwingen;
ein Geständnis über etwas, was er nicht nur nicht getan
hatte, sondern wovon er nicht einmal wußte, über was
die Polizisten redeten.
Nach ganzen zwei Stunden Schlaf, um sechs Uhr,
wurde Raoul im Gefängnis wieder geweckt, wo er sich
waschen mußte und die Morgenarbeit zu machen hatte,
für die er eingeteilt war.
Wir mußten nun untertauchen, weil wir nicht mehr si-
cher waren, ob nicht auch Haftbefehl gegen uns ergehen
könnte. Wir hatten hierzu Informationen von Personen
bekommen, die uns wohlgesonnen und über die Bot-
schaft informiert worden waren. Und schließlich wollte
die Staatsanwaltschaft die Kinder in fremder Obhut
wissen, was in den USA gang und gäbe ist. Das würde
auch das rüde Vorgehen der Justiz in der Öffentlichkeit
rechtfertigen. Jetzt brauchten sie nur noch Dutzende
von Verhaftungen und Verurteilungen, damit die gleiche
Justiz aufgrund dieser großartigen «Ergebnisse» nach
dem Schlamassel von Littleton im Herbst wiederge-
wählt würde. Wer letztlich auf der Strecke blieb, das
war für die Rechtschaffenen unwichtig; was zählte wa-
ren «Erfolge», selbst wenn diese getürkt waren.
Die letzten Tage lebten wir nur noch in Motels und
wechselten täglich Ort und Unterkunft. Sowohl dem
Botschafter als auch Raouls Verteidiger gaben wir die
neuen Anschriften bekannt und orientierten sie über je-
den Schritt, den wir unternahmen. Wir versuchten,
möglichst wenig mit dem Handy zu telefonieren, son-
dern riefen von überall dort aus an, wo wir eine öffent-

77
liehe Sprechstelle fanden, somit hatten wir Kontakt zu
den Personen, die uns nahe waren. Ich informierte
Rechtsanwalt Wegher, daß ich mit den Kindern in die
Schweiz fliegen würde und meine Frau noch einige Ta-
ge hierbleibe, weil sie Raoul nicht allein lassen wollte.

Samstag, 11. September 1999


9.00 Uhr
Ich hatte in Denver früh die Maschine nach Dallas be-
stiegen und vereinbart, zusammen mit den Kindern die
gleiche Fluglinie nach London zu nehmen, und zwar
von Dallas aus ohne Zwischenlandung. Es kostete mich
einiges mehr, als wenn ich einen regulären Flug zu ei-
nem späteren Zeitpunkt gebucht hätte. Aber ich hatte
große Angst, daß mich vielleicht die Behörden nicht
ausreisen lassen könnten, und wollte unbedingt in ei-
nem Flugzeug sitzen, das nach Europa flog und dessen
Oberhoheit nicht amerikanisch, sondern europäisch
war.
Meine Freunde in Dallas waren besorgt. Sie hatten
uns schon früher gebeten, die Kinder abzuholen, da sie
befürchteten, in dem ganzen Fall wegen Beihilfenschaft
auch verhaftet zu werden. Ein befreundeter Rechtsan-
walt hatte ihnen aber klargemacht, daß sie schlimm-
stenfalls in juristische Schwierigkeiten verwickelt wer-
den könnten.
Die Mädchen freuten sich riesig, als ich sie abholte.
Aber sie fragten nach der Mutter, und ich erklärte ihnen,

78
sie müsse noch für einige Tage in Denver bleiben, um
gewisse Angelegenheiten zu regeln.
Durch meine vorherige Benachrichtigung waren die
Koffer gepackt und die Kinder reisefertig. Wir wurden
von unseren Freunden zum Flughafen von Dallas ge-
fahren, wo wir die Maschine bestiegen. Ich schwitzte
vor Aufregung und Angst. Erst als die Maschine abhob
und über dem Atlantik war, wußte ich: Es ist vorbei.
Wenigstens für mich und die drei Kinder - überstanden
war alles andere noch nicht. Auch die Rückkehr von
Beverly nicht; ich hatte mir vorgenommen, Beverly zu
bitten, so rasch als möglich nachzukommen, schon we-
gen der Kinder. Was Raoul angeht, so war meine
Schwiegermutter Dianna Wood zuverlässig und für das
Gericht nicht von Interesse. Dann waren da zu meiner
Beruhigung noch Konsul Walter Wyss und Raouls
Rechtsanwalt Arnold C. Wegher. Sie würden in jedem
Fall dafür sorgen, daß der kleine große und tapfere
Mann nicht vergessen wird.
Ich sah in meinen Gedanken nochmals das bleiche
Gesicht von Raoul, wie er die Tränen beim Abschied
und der Umarmung unterdrückte; aber eine kullerte ihm
doch über die Wange. Das Essen sei spärlich, sie bekä-
men nie genug - auch das eine erzieherische Maßnah-
me in Amerika. Und die Großen würden einfach in den
Teller der Kleinen greifen und ihnen auch noch einen
Großteil wegessen. Und wehe, wenn jemand petzt! Ich
machte mir Sorgen um den Jungen. Wie lange würde er
es durchhalten?

79
Schnell hatte er die Träne auf der Wange wegge-
wischt, damit der Wärter sie nicht sieht. So groß ist die
Angst davor, erwischt zu werden.
Ich war so müde geworden, daß ich während des Flu-
ges mit den Gedanken an Raoul und die Vergangenheit
eingeschlafen war. Mindestens fünf bis sechs Stunden
mußte ich geschlafen haben, meine Beine waren steif
und gefühllos geworden, als mich eine sanfte Hand an
der Schulter berührte und ich mit sanften Worten gefragt
wurde, was ich zu essen wünschte. Zuerst wußte ich
wirklich nicht, wo ich war. Ich blickte mich um, sah ne-
ben mir die kleine Sabrina friedlich schlafen, auch die
beiden anderen Mädchen lagen im Tiefschlaf. Ich fragte
die Stewardeß, was es denn zu essen gebe, und sie zähl-
te irgend etwas von Huhn mit Salat und Kompott oder
ähnlichem auf. Jedenfalls verspürte ich plötzlich richti-
gen Hunger und aß mit großem Appetit alles auf, auch
wenn es kaum nach etwas schmeckte. Ich überlegte, ob
ich die Kinder jetzt aufwecken sollte oder warten, bis sie
selbst erwachen. Dann bat ich die Stewardeß, ob sie mit
dem Essen für die Kinder noch etwas warten könnte, da-
mit diese weiterschlafen und weniger dem Streß ausge-
setzt sind. Sie war sehr freundlich und versprach, alles
bereitzuhalten, bis die Kinder erwacht seien.
Ich nickte bald wieder ein, und als ich erwachte, wa-
ren wir bereits im Anflug auf Heathrow. Die Kinder
hatten gegessen und spielten Karten.
Es war frühmorgens, als wir in die British Airways
stiegen, um den Flug über den Kanal nach Zürich zu
unternehmen - das letzte Stück Weg nach Hause. Ich
wünschte, ich könnte die Jahre zurückdrehen, als wir

80
noch in Malans waren. Aber dieser Wunsch ließ sich
leider nicht verwirklichen.
Von London aus rief ich meine Eltern an und teilte ih-
nen mit, wann wir in Zürich-Kloten eintreffen würden.
Meine Schwester wartete bereits zusammen mit mei-
ner Mutter in Kloten. Wir fielen uns alle in die Arme.
Meiner Mutter brach in Tränen aus, als sie sehen mußte,
daß der kleine Raoul nicht mit dabei war. Die Kinder
waren müde, und es gab nur noch eines: ausschlafen!
Ich hatte noch schnell Beverly angerufen und sie gebe-
ten, so schnell wie möglich in den Staaten alles abzu-
wickeln. Wir brauchten nämlich dringend für uns als
Vertretung einen weiteren Rechtsanwalt, da Arnold C.
Wegher unseren Sohn vertrat und wir getrennt einen für
unsere Sache brauchten. Beverly war von dritter Seite
Vincent Todd, ein renommierter Rechtsanwalt und
Strafverteidiger, empfohlen worden. Im ersten Telefon-
gespräch war er sehr erstaunt gewesen, daß wir noch
keinen Rechtsvertreter hatten. Jedenfalls war ihm unse-
re Geschichte anderweitig zu Ohren gekommen, und
Beverly hatte mit ihm einen Termin für den kommen-
den Tag vereinbart. Vorher wollte sie noch unbedingt
Raoul im Gefängnis besuchen, wovon ich ihr aber ab-
riet; zumindest solange nicht, bis sie mit Rechtsanwalt
Todd gesprochen habe.

81
4. KAPITEL
Unmut und Zorn aus Europa
Zwei Tage später hatte ich in Bern beim EDA (Eid-
genössisches Departement für Auswärtige Angelegen-
heiten) eine Sitzung, in der alles haarklein durchgespro-
chen wurde, was bisher geschehen war. Natürlich
berichtete ich auch vom Verlauf der Gerichtsverhand-
lungen, worüber die Herren allerdings schon weitge-
hend durch den Honorarkonsul Walter Wyss und durch
die Botschaften in Houston und Washington informiert
waren.
Mein Ansprechpartner war Minister Walter Thurn-
herr, der direkt Unterstellte des Departements von Bun-
desrat Josef Deiss. Ich wußte nicht, wie aktiv die
Schweizer Botschaft bereits gewesen war; so hatte sie
sowohl bei der Schweizer Botschaft in Washington in-
terveniert, die wiederum beim Staate Departement vor-
stellig geworden war, als auch in Houston (zuständig
für den Staat Colorado), beim Gouvernement in Colo-
rado und bei der lokalen Behörde.
Das State Departement verwies den Botschafter auf
die staatlichen Gesetze von Colorado, und der Gouver-
neur Bill Owens, der als Hardliner gilt, kümmerte sich
wenig um Raouls Schicksal, da er den Fall Raoul Wiith-
rich als einen von vielen betrachtete. In Amerika sind
die Schwachen immer gehandicapt, dort werden Gelder
und Aufwendungen für Schulen und Soziales laufend
zusammengestrichen. Wer dabei auf der Strecke bleibt,
ist selber schuld. Aus den vor Jahren gemachten großen
Vorsätzen und Wahlversprechen der Clintons, ein so-

83
ziales Umfeld für die Armen und die minderbemittelte
Bevölkerung zu schaffen, wurde nichts. Hillary Clin-
ton, die sich speziell diesem traurigen amerikanischen
Problem der Not und des Unrechts, besonders bei Fami-
lien und Kindern, widmen wollte, versagte kläglich.
Der Kongreß und die Regierung in dem materialisti-
schen Land wollten keinen müden Cent für jene ausge-
ben, die es nicht aus eigener Kraft schaffen konnten.
In Bern zitierte der Vorsteher des EDA, Bundesrat Jo-
seph Deiss, den amerikanischen Botschafter ins Depar-
tement und setzte den Botschafter unter massiven
Druck. Aber alle schönen Worte und gutes Zureden hal-
fen nichts. Die Amerikaner waren der Meinung, dies sei
eine Sache der Justiz von Colorado, und niemand hätte
sich dort einzumischen, weder die Schweiz noch Wa-
shington. Alle diese Ämter und Amtsinhaber hatten kein
Verständnis für die Sorgen aus dem kleinen Land und
die Nöte unserer Familie. Die Justiz in Denver fühlte
sich natürlich in ihrem Handeln bestätigt und bestärkt;
Bern und die Verteidigung Raouls wie auch unsere Fa-
milie wurden in die Schranken gewiesen. Wir steckten
inmitten dieses Dilemmas und wußten uns nicht mehr
zu helfen.
Nachdem eine weitere Woche vergangen war und Be-
verly sich noch immer in Colorado befand, machte ich
mir um sie große Sorgen, zumal mir von höchster Stelle
bestätigt worden war, in welcher Gefahr meine Frau
nun schwebte. Sie hatte zwar inzwischen in Vincent
Todd einen fähigen und einflußreichen Strafverteidiger,
aber von Stunde zu Stunde wurde die Angelegenheit

84
prekärer. Nach einem Besuch bei Raoul im Gefängnis
entdeckte die Justiz, daß ich ebenfalls in die Schweiz
zurückgekehrt war, und ich bat Beverly, unverzüglich
die Zelte in Amerika abzubrechen und in die Schweiz
zu kommen. Sie hingegen wollte noch länger in Denver
bleiben, weil sie der Meinung war, durch Rechtsanwalt
Todd beschützt zu sein. So setzte ich mich direkt mit
Todd in Verbindung und berichtete ihm, was zwi-
schenzeitlich bereits alles vom Bundesrat in dieser Sa-
che - bislang ohne Erfolg - unternommen worden war.
Nachdem sich die Denver-Justiz in ihrer Haltung ge-
genüber Raoul bestärkt fühlte, war mit aller Wahr-
scheinlichkeit damit zu rechnen, daß zumindest ein Fa-
milienmitglied zur Rechenschaft gezogen und dem
Gericht überführt und verurteilt werden sollte. Ich bat
Todd, ebenfalls auf Beverly einzuwirken, damit sie kein
unnötiges Risiko eingehe. Das Raoul zur Last gelegte
angebliche «Verbrechen» war in Denver geschehen,
und so glaubte die Justiz, unverwundbar zu sein.
Schließlich konnten wir Beverly davon überzeugen,
Amerika zu verlassen, sie hatte ja noch die drei anderen
Kinder, für die sie die Verantwortung mit zu tragen hat-
te wie für Raoul. Neben den beiden Rechtsanwälten
Wegher und Todd waren da ja noch die Großtante Linda
Campos, die Grandmum Dianna Wood und der Schwei-
zer Honorarkonsul Walter Wyss, die Raoul besuchten.
In Amerika werden jährlich über zweieinhalb Millio-
nen Kinder inhaftiert, denen es nicht anders ergeht als
Raoul. Allerdings hat unser Sohn durch unser Land und
den öffentlichen Druck wenigstens einen Rechtsraum

85
erhalten, was man von vielen hunderttausend anderen
Jugendlichen nicht behaupten kann.
Im gleichen Gefängnis war beispielsweise auch ein
zwölfjähriger Junge, wie ich später aus der Zeitung
BLICK erfahren konnte; die Redaktion nannte ihn Tim.
Tim war mit einem Freund auf dem Weg nach Hause.
Auf der Straße spielten Kinder in einem Kreis. «Sie
lockten ein dreijähriges Mädchen und einen fünfjähri-
gen Buben zu sich», berichtete Tim. «Dann fragten sie
uns, ob wir den beiden beim Sex zusehen wollen. Wir
fanden das widerlich und liefen weg.»
Obwohl keinem der Kinder etwas geschehen war, hat-
te die Nachbarin sofort einen Schuldigen ausgemacht:
Tim. Sie bearbeitete die Mutter seines Freundes so lan-
ge, bis dieser gegen Tim aussagte: Er beschuldigte Tim,
die Kinder mit gezücktem Messer zum Sex gezwungen
zu haben. Im Mai 1998 geriet Tim in die Mühlen der Ju-
stiz vom Bundesstaat Colorado. Fast ein Jahr später, am
18. Februar 1999, kam die Polizei, verhaftete Tim und
brachte ihn in Handfesseln nach Mount View. 130 Tage
verbrachte Tim im Jugendgefängnis. Am schlimmsten
waren für ihn die Schläge seiner Mitinsassen, sein Ar-
me und seine Beine waren übersät mit blauen Flecken.
Tims Mutter vermochte ihre Wut kaum in Zaum zu hal-
ten.
Aus Geldmangel mußte sie mit einen Pflichtverteidi-
ger für ihren Sohn vorliebnehmen. Dieser Verteidiger
behauptete, Tim lüge, und wenn er die Tat nicht zugebe,
müsse er fünf Jahre im Gefängnis bleiben. Mit einem
Geständnis bekäme er nur zwei Jahre, und die in einer
Pflegefamilie. Da wurde es der Mutter Tims zu bunt, sie
feuerte den Pflichtverteidiger, borgte sich bei ihren

86
Eltern 20.000 Dollar und engagierte einen neuen An-
walt. Der holte Tim nach drei Tagen gegen eine Kaution
von 12.000 Dollar aus dem Gefängnis. Der Anwalt
meinte, er könne in einem Prozeß Tims Unschuld leicht
beweisen, verlangte dafür aber 150.000 Dollar.
Da Tims Mutter diese Riesensumme nicht aufbringen
konnte, mußte sie einem Vergleich zustimmen: Tim be-
kam vier Jahre auf Bewährung und wurde als Sexual-
straftäter registriert.
Als ich das gelesen hatte, drehte sich alles in meinem
Kopf; was mag nun mit Raoul geschehen? Inzwischen
waren bereits sechs Wochen seit der Inhaftierung des
Jungen vergangen. Beverly war endlich zu uns in die
Schweiz zurückgekehrt, worüber wir alle sehr erleich-
tert waren.
Am 10. Oktober 1999, einem Sonntag, rief mich die
Redaktion von BLICK abends an und informierte mich
darüber, daß sie am nächsten Tag einen Bericht über
Raoul bringen werde. Ich erschrak zutiefst, denn ich
kannte den Reporter Georges Wüthrich nicht, der zwar
den gleichen Familiennamen wie wir trägt, aber nicht
mit uns verwandt ist. Als erstes wollte ich wissen, was
ihm bekannt sei und wer seine Quellen seien. Ich staun-
te nicht schlecht, als sich herausstellte, daß der Reporter
bereits alle Informationen hatte: Er wußte nicht nur den
Namen unseres Jungen und sein Geburtsdatum, sondern
hatte auch Kenntnis über alles, was zwischenzeitlich in
Denver/Colorado und mit unserer Familie passiert war.
Georges Wüthrich kannte ebenso den Namen Laura
Mehmert und hatte Informationen zu den Anschuldi-
gungen, die Raoul vorgeworfen wurden. Ich war
sprachlos und sehr beunruhigt, weil ich nicht wußte,

87
welche Folgen eine solche Publikation für den Prozeß
unseres Sohnes in Amerika haben konnte. Zwar haben
wir auch mit dem Gedanken gespielt, wenn möglich mit
unserem Fall an die Öffentlichkeit zu gehen. Wegen den
falsch gemachten Angaben der Denver-Justiz befürch-
teten wir aber, daß unsere Familie dadurch ins Zwie-
licht geraten könnte. Als jetzt dieser BLICK-Reporter
am Telefon war, wußte ich nicht mehr ein noch aus. Ich
wollte ihn stoppen, zuerst genau wissen, was er alles
geschrieben habe. Er aber entgegnete nur, daß die Zei-
tung bereits im Druck sei. «Morgen werden Sie es er-
fahren.»
Als ich Beverly davon erzählte, bekam sie einen
Weinkrampf. Wir konnten die ganze Nacht nicht schla-
fen, und mit der ersten Post ging ich an den Kiosk und
kaufte mir die Zeitung. Schon der Titel «Schweizer Bub
(11) seit 6 Wochen in US-Gefängnis» verschlug mir fast
die Sprache. Unter dieser Überschrift stand zu lesen:
«Haben die Amerikaner allen gesunden Menschenver-
stand verloren? Ein elfjähriger Bub, Stiefsohn eines
Schweizer Auswanderers, sitzt seit sechs Wochen im
US-Staat Colorado im Gefängnis, weil er seinem fünf-
jährigen Schwesterchen im Garten beim Pipi machen
geholfen hat.» Der Text enthielt nichts uns Unbekann-
tes, auch keine neuen Informationen zu dem, was uns
beziehungsweise unserem kleinen Sohn vorgeworfen
wurde. Der Bericht war in teilweise recht vulgären
Worten abgefaßt.
Im Verlauf des Artikels kam auch das Außenministe-
rium in Bern zu Wort, ebenso Thomas Flüglister von
der Direktion Schweizer im Ausland im Departement
der EDA. Dem Bericht zufolge war Generalkonsul

88
Alphons Miiggler in Houston sofort nach Denver geeilt,
der Botschafter Alfred Defago in Washington interve-
nierte von Washington aus schriftlich beim Bill Owens,
dem Gouverneur von Colorado. Beverly und ich konn-
ten das alles nur schwer nachvollziehen, da diese Perso-
nen sich nie bei uns gemeldet hatten, um den Sachver-
halt aus unserer Sicht zu erfahren. Es kann natürlich
sein, daß diese ganzen Kontakte über den Honorarkon-
sul Walter Wyss liefen und die Kommunikation auf die-
se Weise zustande kam. Aber während der ganzen Mo-
nate des Geschehens hatten wir mit diesen beiden
Herren keinen Kontakt, sie haben nie ein Wort an uns
gerichtet. Vielleicht war es auch nur dem Einsatz der
Presse für uns zu verdanken, daß jetzt die honorigen
Namen auf den Tisch kamen?
Weiterhin war dem Bericht zu entnehmen, daß Raoul
ein schweizerisch-amerikanischer Doppelbürger sei
und die Justiz in Colorado den Schweizer Bub als rei-
nen US-Bürger behandele. Man wies auch darauf hin,
wie gering der Einfluß aus Kreisen der Diplomaten und
selbst von Bern aus sei. Des weiteren sei die Familie
Hals über Kopf in die Schweiz geflüchtet, da sie be-
fürchten mußte, daß man ihr alle Kinder wegnimmt.
Hier endete der Artikel aus dem BLICK.
Am gleichen Vormittag rief mich der Reporter erneut
an und teilte mir mit, daß ihre Telefonapparate heißlie-
fen, das Schweizer Volk sei über die amerikanische Vor-
gehensweise empört. Es gebe nun kein Zurück mehr, in
jeder Ausgabe würde der BLICK weitere Einzelheiten
über die US-Justiz bringen, und das so lange, bis der
Bub wieder in der Schweiz sei.

89
Der ganze Rummel bereitete uns große Sorgen, zumal
wir keine Auskunft erhielten, von welcher Seite die Re-
daktion dies alles in Erfahrung gebracht hatte. Meine
Eltern waren sehr beunruhigt, und auch meine Frau hat-
te keine Ahnung, ob das amerikanische Gericht in Jef-
ferson County sich jemals vom Ausland unter Druck
setzen lassen würde. Nein, was da jetzt von der Boule-
vard-Presse losgetreten wurde, machte uns allen Angst.
Am nächsten Tag war als Überschrift auf der Titelsei-
te zu lesen: «Andreas und Beverly: Gebt uns den Raoul
zurück!» - als ob dieser Aufschrei in Amerika gehört
würde! Der Artikel enthielt Details, die als Quelle nur
die amerikanische Staatsanwaltschaft zuließen. Hinzu
kamen weitere Informationen über die verschrobene
Nachbarin Laura Mehmert sowie über die Richterin, die
mitsamt der Staatsanwaltschaft den Vorwurf des «ge-
waltsamen Inzests» erhoben hatte. Das Ganze war mit
einem übergroßen Farbfoto von Raoul aus glückliche-
ren Tagen unterlegt.
Die Veröffentlichungen im BLICK hatten eine Lawi-
ne losgetreten, auf einmal rannten uns Reporter aus
ganz Europa mit Fotoausrüstung und Fernsehkameras
die Tür ein. Alle wollten wissen, was hinter diesem my-
steriösen Skandal stecke. Fragen über Fragen prasselten
auf uns herab, und um der amerikanischen Justiz nicht
noch zusätzlichen Zündstoff zu liefern, mußten wir für
die Beantwortung auch hier in der Schweiz einen ent-
sprechenden Rechtsbeistand suchen.
Die BLICK-Nummern landeten auch in Colorado und
sorgten für weiteren Aufruhr. Das örtliche Fernsehen
und NBC waren zur Stelle, die zuständigen Staatsan-
wälte mußten Rede und Antwort stehen.

90
Allein die Tatsache, daß ein kleiner Junge von zehn
Jahren mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und
ohne Haftbefehl oder dringende Notwendigkeit ab-
transportiert wurde, sorgte in bestimmten Kreisen für
Unruhe. Hinzu kamen die Einzelheiten der Verhaftung:
Wie in unglaublicher Wildwest-Manier Raoul in Hand-
und Fußfesseln gekettet wurde und barfuß, nur mit ei-
ner Wolldecke über das Pyjama geworfen, ins Gefäng-
nis mußte. Die europäischen Clubs machten sich bei
den Behörden stark.
Zu diesem Zeitpunkt tat die Staatsanwaltschaft immer
noch, als berühre sie dies alles nicht. Schließlich ging
sie zum Gegenangriff über und berichtete dem Ortsblatt
«The Denver Post», daß die Staatsanwaltschaft gesi-
cherte Beweise für die Klageerhebung hätte und viele
Zeugen dafür benennen könnte.
Die Bezahlung der weiteren Anwaltskosten bereitete
uns große Sorgen. Wir hatten alles verloren, was wir be-
sessen hatten, und mußten deshalb erneut unsere Eltern
um Geld bitten. Sie nahmen daraufhin einen Kredit auf,
um uns zu helfen.
In der neuesten Ausgabe des BLICK - wir mußten
nun jeden Tag darauf gefaßt sein, was für neue Schlag-
zeilen dieser BLICK uns vorsetzte - lautete die Über-
schrift «Unfaßbar». «Ich verstehe, daß dieser Fall für
die Schweizer Bevölkerung unfaßbar ist!» wurde Bun-
desrat Deiss zitiert, der zu jener Zeit in Pretoria auf
einer Südafrika-Reise weilte. Der Außenminister stehe
fieberhaft in ständigem Kontakt zur Zentrale von Bern,
um den inzwischen elfjährigen Buben aus dem Gefäng-
nis zu bekommen. Er arbeite intensiv daran, daß Raoul

91
so schnell wie möglich aus seiner schwierigen Situation
befreit werden könne, äußerte er sich in einem Inter-
view mit BLICK. Dann betonte der Außenminister et-
was dezidiert und diplomatisch, die Schweiz könne sich
zwar nicht in amerikanische Justizangelegenheiten ein-
mischen, der Knabe habe jedoch so eindeutige Schwei-
zer Beziehungen, daß er den vollen konsularischen
Schutz genieße. Die Leute in Bern, Washington und
Denver würden dem Fall die ganze Bedeutung beimes-
sen, die er verdiene. Der Honorarkonsul in Denver be-
suche Raoul regelmäßig im Gefängnis, der Botschafter
Alfred Defago in Washington setze alles daran, damit es
zu einer raschen Lösung komme. Defago sei allerdings
noch etwas vorsichtig mit öffentlichen Äußerungen, da
er nach wie vor keine Akteneinsicht habe. Immerhin
erklärte Defago klar und unmißverständlich, die Sache
sehe besorgniserregend aus, und er habe deshalb sehr
schnell und deutlich interveniert. Es müsse alles unter-
nommen werden, damit Raoul keinen bleibenden Scha-
den nehme.
Daß Raoul in Amerika kein Einzelfall ist, bewies sich
einige Tage später, als in Evergreen ein Erstklässer we-
gen eines Küßchens auf die Wange seiner Mitschülerin
vorgeladen wurde; dieser Kuß sei bereits sexuelle Belä-
stigung. Auch hier handelte es sich nach Angaben des
BLICK um eine schweizerisch-amerikanische Familie
namens Courtney-Widmer. Seit drei Jahren lebte die
mit einem Amerikaner verheiratete Schweizerin mit
dem siebenjährigen Kevin und der fünfjährigen Sarah
in einem gutsituierten Vorort von Denver.

92
Monika Courtney wurde in die Schule zitiert. Die
stellvertretende Direktorin machte ihr klar, durch den
Kuß habe Kevin das Mädchen sexuell belästigt. Da
nützte es auch nichts, wenn Monika Courtney ihr
erklären wollte, daß ein Kuß auf die Wange in der
europäischen Kultur ein völlig normaler Ausdruck von
Zuneigung zwischen zwei Kindern sei und nichts An-
stößiges. Gegen ihre Überzeugung mußte die Schwei-
zerin ihren Kindern klarmachen, daß man andere Kin-
der nicht küssen dürfe. Sie beklagte sich über das
kleinkarierte Denken vieler Amerikaner und fügte hin-
zu, man sei in Amerika richtiggehend ausgestellt. Wenn
ein Kind ständig quengele und deshalb gemaßregelt
werde, riskiere man, wegen Kindesmißhandlung ange-
zeigt zu werden.
Die etwa fünfzehn schweizerischen und österreichi-
schen Familien in der näheren Umgebung machten sich
Sorgen um den kleinen Raoul. Sie unternahmen alles
Menschenmögliche, um ihm zu helfen. Gleichzeitig
mußten sie auch sehr vorsichtig sein, denn sie hatten
Angst, daß ihnen auch so etwas passieren könnte, wenn
ein böser Nachbar es so will. Wie sagte doch schon Schil-
ler in Wilhelm Teil: «Es kann der Frömmste nicht im
Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.»
Monika Courtney-Widmer aus Evergreen schickte
uns folgende E-Mail:
Wir sind Freunde von Andreas und Beverly und woh-
nen in Evergreen, Colorado. Die Story von Raoul hat
uns Schweizer, die hier leben, alle zutiefst schockiert. Es
ist (...) unglaublich, was hier vorgefallen ist, und dies
wurde hier nie publiziert. Wir wußten bis vor zwei Ta-
gen nichts davon, daß Raoul im Gefängnis ist, und vor

93
allem, daß Andreas so überstützt abreiste. Die Metho-
den der Law Enforcement hier sind beängstigend, und
wir versuchen alle, dem Buben zu helfen. Wir werden
andere Nachbarn zusammenbringen und - falls es er-
laubt ist - bei der Polizei aussagen. Ebenfalls (werden)
wir den Lehrer kontaktieren. Wir verstehen nicht, daß
eine einzige Meinung einer verklemmten Person
genügt, um Andrea's Familie auseinanderzureißen. Wir
sind alle (...) wütend und besorgt und werden uns
bemühen, irgendwie zu helfen. Das System hier ist
krank. (...) die Kinder dürfen keine spontanen Gefühle
zeigen, sie werden von der Gesellschaft wie Roboter be-
handelt. Andreas, wir denken an Euch und versuchen
alles, was in unserer Macht steht, um Raoul zu helfen.
Monika Courtney-Widmer
Wie einseitig das Gericht über einen Fall entscheidet,
beweist, daß einerseits Raoul sich im Gefängnis sexuel-
le Belästigungen von Mitgefangenen oder Wärtern und
demütigende Behandlungen gefallen lassen mußte, an-
dererseits bereits der Kuß eines Kindes auf die Wange
einer Gleichaltrigen eine sexuelle Belästigung ist. Die-
ser zweierlei Maßstab stößt jedem gesunden Menschen-
verstand auf. In der Schweiz wäre ein solcher Vorgang
undenkbar, er ist für uns Europäer auch nur schwer
nachzuvollziehen.
Allan Guggenbühl, Psychotherapeut aus Zürich, stuft
das Verfahren gegen den elfjährigen Raoul als mittelal-
terliche Hexenjagd ein. Guggenbühl ist selbst Vater von
drei Kindern und kennt den kindlichen Drang, den Kör-
per und die erwachende Sexualität zu erforschen. Die
Reaktion der Behörde, so meint er, sei übertrieben, da

94
würde mehr zerstört als geholfen. Ein normales kind-
liches Fehlverhalten werde als schwerwiegendes Ver-
gehen eingestuft, das sei unprofessionell. Bei Unter-
scheidung zwischen angeblichem Fehlverhalten und
Vergehen könne er sich durchaus vorstellen, daß das
Experimentierbedürfnis des Jungen groß war. Sexuelle
Spielereien und Experimente setzen bereits im Kinder-
gartenalter ein und dauern bis zu Beginn der Pubertät;
dann kommen die Antworten auf die vorgeblichen Dok-
torspiele.
Tatsache ist aber, daß Raoul noch keinerlei Interesse
an Sex oder Experimenten in dieser Richtung hatte.
Sonst wäre er nach den Belästigungen im Gefängnis
und den Berührungen durch die Wärter auch nicht der-
maßen verstört gewesen. Er verstand das alles noch gar
nicht und wollte damit auch nichts zu tun haben. Diese
Masche wurde lediglich von der Denver-Justiz gigan-
tisch aufgebauscht, um im Herbst die Wahlen wiederzu-
gewinnen. Ihr war alles recht, um die Quoten der Ver-
haftungen und Verurteilungen in die Höhe zu treiben.
Diese Verhaftungswelle sollte sich bei den Bürgern als
Erfolg nach dem Anschlag in Littleton vom Februar
1999 manifestieren. Deshalb mußte auch Tim, der im
Mai 1998 angeblich zwei kleine Kinder mit Messerge-
walt zu Sex gezwungen haben soll, fast ein Jahr nach
der Anzeige noch herhalten - auch er wurde erst nach
dem Massaker von Littleton inhaftiert.
Die Notlage, in der unsere Familie steckte, bewog
dann BLICK, am 15. Oktober 1999 eine Petition zu lan-
cieren, die an die Botschaft der Vereinigten Staaten von
Amerika, den Botschafter Mr. Randolph Bell, Chargé

95
d'Affaires, Bern, gerichtet wurde. Innerhalb kürzester
Zeit wurde diese Petition von über dreißigtausend Bür-
gerinnen und Bürgern unterstützt, um der hochnäsigen
und menschenrechtsverletzenden Manie des größten
Staates der Welt kundzutun, daß die kleine Schweiz mit
deren Vorgehen an einem ihrer minderjährigen Bürger
nicht einverstanden war. Die Petition war mit der Über-
schrift betitelt: «Laßt Raoul frei! Genug ist genug!
Raoul Wüthrich muß aus seiner absurden Gefangen-
schaft in den USA freikommen.»
Pamela Rüssel, die Sprecherin der Staatsanwaltschaft,
erklärte in einem Interview mit der BLICK-Reporterin
Monica Fahmy, Raoul sei ja schließlich noch gar nicht
angeklagt. Sie denke aber, daß die Beweise für den In-
zest mit seiner Schwester erdrückend seien.
Beweise, die nach sieben Wochen Inhaftierung noch
nie erhärtet oder als stichhaltig vorgebracht wurden und
daher eindeutig zu dem üblen Komplott dieser krimi-
nellen und korrupten Behörde gehörten. Immer hieß es
von der Staatsanwaltschaft, sie hätte haufenweise Be-
weise. Aber diese wurden nie bei einer Gerichtssitzung
vorgebracht, nichts außer vagen Vermutungen.
Auf den Einwurf der Reporterin Monica Fahmy, ein
Elfjähriger denke doch noch nicht an Sex, entgegnete
Rüssel, daß ihre Erfahrungen etwas anderes zeigen.
Kinder seien neugierig, Mädchen wollten wissen, wie
Jungen unten aussehen, und umgekehrt.
Ob dies denn nicht eine Überreaktion der Justiz sei,
wollte die Reporterin wissen. Pamela Russeis Antwort
auf diese Frage lautete: «Nein, ich denke nicht, hier
geht es in Richtung Inzest.»

96
Die gleichen Diskriminierungen, Meinungskonstruk-
te und stereotypen Vokabeln tauchten immer wieder
auf.
Die Reporterin fragte weiter, ob die Staatsanwalt-
schaft auf der harten Linie bleibe. Die Pressesprecherin
antwortete: «Bei der Verhandlung am Dienstag werden
Beweise vorgelegt und Zeugen vorgeladen. Richterin
Marylin Lennard entscheidet dann, ob die Beweise
genügen. Wenn ja, wird ein Termin für die nächste Ver-
handlung angesetzt. Dort wird entschieden, ob auf
schuldig oder unschuldig plädiert wird. Falls es zum
Prozeß kommt, findet dieser frühestens Anfang 2000
statt.»
Auf die Frage, was inzwischen mit Raoul passiere,
gab Pamela Rüssel zur Antwort: «Seine Betreuer (So-
zialdienst) suchen einen Platz, wo sie ihn unterbringen
können. Bei seiner Familie ist es aber unmöglich wegen
der Fluchtgefahr. Die Abreise der Eltern war unklug.»
Unklug für wen? Für die Staatsanwaltschaft, damit sie
unserer nicht mehr habhaft werden konnte? Damit wir
uns von den USA aus nicht mehr wehren konnten? -
Nein, die Abreise aus Amerika war die einzig richtige
und mutige Entscheidung gewesen. Dort zu bleiben hät-
te den Kindern nicht geholfen, und - nicht auszudenken
- wären wir in Colorado geblieben, hätte die Justiz un-
sere Kinder in fremde Familien gesteckt und wir wären
mit aller Wahrscheinlichkeit für Jahre hinter Schloß und
Riegel gesperrt worden. Solche Fälle gibt es leider ge-
nug, wie die folgenden Beispiele zeigen werden. Im
Grunde reicht aber schon der Kommentar von der Sozi-
alarbeitern Pamela Rüssel auf die Frage der Reporterin,
ob die Eltern befürchten müßten, daß sie ebenfalls ver-

97
haftet werden oder daß man ihnen die Kinder weg-
nimmt: «Die betroffene Tochter sollte betreut werden.
Doch wir wollen die Familie nicht auf Dauer auseinan-
derreißen.» (Also war die Flucht die einzig richtige Ent-
scheidung!) Wenn man bedenkt, was Raoul im Mount
View-Gefängnis alles erdulden mußte, hört sich ihr
Nachsatz «Wir wollen helfen!» wie reiner Hohn an.
«Helfen? Mit Raoul in Einzelhaft? Das ist absurd!»
kontert die Reporterin.
Pamela Rüssel betont: «Mount View ist kein richtiges
Gefängnis. Raoul ist in einem Zimmer. Er geht zur
Schule, kann spielen. Es hat andere Kinder dort.»
Der Leser möge hierzu sein eigenes Urteil fällen!
Monica Fahmy erwidert sarkastisch: «Ein vergittertes
Zimmer und jugendliche Kriminelle als Spielkamera-
den (die alle fast doppelt so groß und zweimal so breit
sind wie Raoul!) Mit welcher Strafe muß Raoul rech-
nen?»
Antwort: «Falls er schuldig gesprochen wird, kann er
zwei Jahre in Verwahrung kommen. Er könnte aber
auch auf Bewährung freikommen - unter psychologi-
scher Betreuung.»
«Handfesseln für ein Kind - ist das die amerikanische
Art von psychologischer Betreuung?»
Antwort von Pamela Rüssel: «Hier werden alle in
Handfesseln verhaftet. Auch Kinder. So ist das Gesetz.»
In Amerika sind derzeit über 90.000 Kinder unter
achtzehn Jahren in Haft. Das amerikanische Jugend-
strafrecht verstößt gegen die Kinderschutz-Konvention
der UNO, die deshalb von den USA nicht unterzeichnet
wurde.

98
Eine Studie von amnesty international vom Novem-
ber 1998 listet haarsträubende Beispiele aus dem Bun-
desstaat Georgia auf:
Ein zwölfjähriger Schüler wurde festgenommen, weil
er jemanden am Telefon belästigt hatte - ein Jungen-
streich.
Ein vierzehnjähriges Mädchen kam in Haft, weil sie
ein Graffito an eine Mauer malte - eine Bagatelle.
Ein dreizehnjähriges Mädchen saß hinter Gittern,
weil es seiner Mutter 127 Dollar entwendet hatte - eine
Sache, die in der Familie zu erledigen wäre.
Amnesty international liegen zahlreiche Berichte
über Mißhandlungen an Kindern und Jugendlichen vor:
Von Faustschlägen bis zur Verwendung von chemischen
Sprays und Elektroschock-Waffen.
Unverständlich und skandalös ist die Unterbringung
von 2.000 Kindern in Erwachsenen-Strafanstalten - aus
Platzgründen!
In dieses Bild paßt, daß in den USA noch immer To-
desstrafen gegen Menschen ausgesprochen werden,
selbst gegen Elfjährige; die Hinrichtungen werden aber
bis zum Alter von siebzehn Jahren aufgeschoben. Im
Juni 1998 warteten siebzig Häftlinge dieser Kategorie
in den Todeszellen.
Die Reaktionen auf die von der Boulevardzeitung
BLICK lancierte Petition sind gewaltig. Politiker und
renommierte Persönlichkeiten nehmen Stellung zum
Fall Raoul. Adjektive, vom harmlosen «eigenartig» sich
steigernd bis zu «entsetzlich», «krank», «unbegreif-
lich», «unvorstellbar» und «absurd» sind zu hören. Na-
tionalrat Luzi Stamm ist sogar der Meinung, «daß nur

99
noch öffentlicher Druck auf diesen unhaltbaren Zustand
hilft». Briefe, Faxe, Internet-Mitteilungen und Kom-
mentare aus Kanada, Australien, den USA und eine
ganze Flut von Telefonanrufen bestürmen die Redak-
tion in Zürich. Im Ausland werden die Medien auf den
Fall aufmerksam. Deutsche TV-Magazine bringen pau-
senlos Berichte über die selbstgerechten US-Sitten-
wächter. In Österreich macht der Rundfunk die Aktion
von BLICK zum Thema, als Folge gehen nun auch aus
den Nachbarländern Unterschriften ein. In Frankreich
hat das TV5 den Fall in gleicher Weise aufgegriffen wie
in Italien der RAI UNO. Berichte mit Sonderkorrespon-
denten der deutschen Sender ARD, ZDF, SPIEGEL TV,
sternTV, RTL, PR07 erscheinen, alle größeren Medien
in Europa haben sich auf dieses Thema gestürzt.
Der Chef der Abteilung VI im Departement für Aus-
wärtige Angelegenheiten (EDA), Minister Walter
Thurnherr, muß sich beim Fall Raoul in Zaum halten,
um die diplomatischen Formen wahren zu können. Wal-
ter Wyss, Honorarkonsul in Denver, unternahm alles -
als Diplomat und als Mensch -, um Raoul freizubekom-
men. Mit seiner Frau Yvonne besuchte er den Jungen
regelmäßig im Mount View-Jugendgefängnis, das laut
der Sprecherin der Staatsanwaltschaft von Denver kein
Gefängnis sein soll. An Raouls Geburtstag, berichtet
der Konsul, durften sie dem Jungen nicht einmal etwas
mitbringen, keine Tafel Schokolade, kein Teddybär,
nichts. Nur aus dem Automaten im Gefängnis konnten
sie etwas Süßes ziehen. Dort kamen aber statt einem
Schokoriegel gleich drei heraus, worauf der Kleine sag-
te: «Gott weiß, daß ich heute Geburtstag habe.» Dann
lief er zu den Aufsehern hinüber, um ihnen vom Fehler

100
der Maschine zu berichten. «Da wußte ich, der Junge ist
anständig und ehrlich,» so der Diplomat. «Auf diplo-
matischem Weg tun Generalkonsul Alphons Müggler
und ich einiges. Meine Frau und ich fragten die Behör-
den, ob wir Raoul aufnehmen dürfen, bis der Gericht-
sentscheid fällt. Die Staatsanwaltschaft lehnte ab»,
schließt er betrübt. Ein Reporter wirft ein, die Staatsan-
waltschaft habe publik gemacht, daß Raoul sofort aus
dem Gefängnis heraus könne, sobald man einen ent-
sprechenden Pflegeplatz gefunden habe. Walter Wyss
korrigiert ihn: «Ihre Aussage ist falsch! Viele Schweizer
haben sich gemeldet, um Raoul aufzunehmen. Die
Staatsanwaltschaft läßt Raoul aber nicht einmal zu sei-
ner Großmutter. Wir können nur abwarten. Der Druck
der Öffentlichkeit tut gut, es ist aber auch Diplomatie
gefragt. Das oberste Ziel ist, Raoul freizukriegen. Im-
mer wieder fragt Raoul uns, was er denn Schlimmes ge-
tan habe. Warum er nicht nach Hause gehen könne zu
seinen Eltern und Geschwistern. Beim letzten Besuch
hat meine Frau Yvonne dem Knaben die Haare ge-
schnitten, darüber konnte er endlich wieder einmal la-
chen. Wir lachen viel, wenn wir mit ihm zusammen
sind. Aber wir reden nicht über seinen Fall, das ist Sa-
che seines Anwalts. Wir sind sehr gerührt von dem
Kleinen. Er zeigt, daß er trotz seiner eigenen überaus
schwierigen Lage in erster Linie an seine Eltern denkt.
Daß er das gemacht hat, was man ihm vorwirft, glauben
wir niemals. Raoul vermißt seine Mutter und die
Schweiz. Er erzählt viel davon, von Raclette. Kürzlich
fragte er meine Frau, ob sie ihn nicht mitnehmen könne
- am liebsten gleich in die Schweiz. Denn dort gebe es
keine so bösen Leute wie hier. Der Junge begreift nicht,

101
warum er nicht nach Hause kann. Er sagt immer, er ha-
be nichts getan.»
Schluchzend läßt Dianna Wood einen Brief ihres En-
kels Raoul auf den Tisch sinken. Der Elfjährige schrieb
in seinen dunkelsten Stunden tröstende Zeilen an seine
Mutter Beverly. Er weiß, daß seine Mutter nicht bei ihm
sein kann. Linda Campos, Raouls Großtante, hat keine
Zweifel: «Die Polizei würde sie auf der Stelle verhaften
und ihr auch noch die übrigen Kinder wegnehmen.»
Und auch Beverly ist sich der Lage bewußt: «Mir zer-
reißt es fast das Herz, aber ich darf jetzt auf keinen Fall
in die Staaten zurück. Das ist besser für meinen Sohn.»
Es klingt ungeheuerlich. Aber im Bundesstaat Colora-
do ist dies traurige Wirklichkeit. Offizielle Stellen
warnten Raouls Eltern, ja nicht nach Denver zurückzu-
kehren. «Die Staatsanwaltschaft dort leidet an sexueller
Paranoia», entrüsteten sich Rechtsgelehrte.
Raouls Großmutter und ihre Schwester, die Großtan-
te, dürfen Raoul nicht mehr besuchen. Das hat ihnen die
Richterin Marylin Lennard verboten. «Beim letzten
Mal gab Raoul mir diesen Brief mit einem Gebet für
seine Mutter mit», berichtet Dianna Wood. Darin
schreibt er:
Liebe Mutter, lieber Vater!
Ich vermisse euch wirklich, und eines Tages werden
wir wieder zusammen sein. (...) Bitte schreibt mir, wie
es euch geht, oder sagt mir, was ihr macht.
Ich möchte euch ein Gebet schreiben: Himmlischer
Vater, wir danken dir für diesen Tag und wir hoffen, daß
ich freikomme und mit meiner Mutter leben kann. Wir
hoffen, daß es meiner Mutter besser geht, damit sie wei-

102
lerfahren kann mit ihrem Leben. Sie muß wissen, daß
sie okay ist, auch wenn ich im Gefängnis bin. Wir ver-
missen einander. Aber sie soll wissen, daß wir in unse-
ren Herzen immer zusammen sein werden, sogar wenn
wir 9000 Meilen entfernt sind, werden wir immer zu-
sammen sein.
Raoul
Bei der Übergabe der vielen tausend Petitionen, die
BLICK zusammengetragen hat, erklärt der amerikani-
sche Spitzendiplomat in Bern, Randolph Bell, salbungs-
voll: «Es geht beim Fall Raoul nicht um Bestrafung,
sondern um eine optimale Betreuung des Knaben.» -
Damit rechtfertigt Bell das Vorgehen der US-Justiz.
«Mein State Departement ist zwar nicht zuständig für
den Staat Colorado, aber ich kann mir vorstellen, daß
Raoul bei einer Gastfamilie untergebracht werden
könnte. Auf der andern Seite können im Staat Colorado
Kinder ab zehn Jahren in Haft genommen werden.»
Unter dem Druck der Empörung in ganz Europa und
teils aus den USA hat sich die Justiz entschlossen, den
Medien für zwei Stunden einen Einblick in das Jugend-
gefängnis Mount View zu gewähren. Ziel der Aktion ist
natürlich, dem Medienpulk zu demonstrieren, daß
Raoul sich bloß in einer Schule befinde. Spätestens
beim Anblick seiner Zelle drängt sich aber nur noch ein
Wort auf: Knast!
Mit etwas gutem Willen, so berichtet die Reporterin
Monica Fahmy, könnte man das Mount View Youth Ser-
vice Center als großen Campus bezeichnen. Aber dann
stechen die vier Meter hohe Umzäunung und die Si-
cherheitskontrollen am Eingang ins Auge.

103
Den Jugendlichen stehen Arzte, Lehrer, ein Zahnarzt
und ein Psychiater zur Verfügung. Im Areal befinden
sich zur Zeit 75 Jugendliche, darunter zwanzig
Mädchen.
«In Colorado leben 470.000 Jugendliche», berichtet
Dwight Eisnach, Pressesprecher des «Departement of
Human Service», der die Medienvertreter durch Mount
View führt. «Jedes Jahr werden 70.000 verhaftet, 800
davon als Delinquenten verurteilt. Zur Zeit sind 1.800
Jugendliche unter staatlicher Aufsicht.» In Pflegefami-
lien - oder in staatlichen Anstalten wie Mount View.
Ein Campus, der mit etwas gutem Willen an ein Inter-
nat aus dem letzten Jahrhundert erinnert: Strenge Diszi-
plin ist oberstes Gebot. Von 8.00 bis 11.00 Uhr und von
12.45 bis 15.00 Uhr gehen die Jugendlichen in die
Schule. Mittags werden sie über den Hof in ihre Wohn-
blöcke oder in die Kantine geführt. Grün tragen diejeni-
gen, die auf ihren Urteilsspruch warten, einen weißen
Kragen die Verurteilten. Mit gesenkten Köpfen zieht ei-
ne Kolonne Jugendlicher vorbei, unter ihnen Raoul. Er
bemerkt die Journalisten, die sich außerhalb der Kanti-
ne aufhalten. Ein Blick zurück, ein scheues, ängstliches
Lächeln. Dann senkt er wieder den Kopf nach Vor-
schrift, läuft in seiner Kolonne weiter zu seinem Zellen-
block.
B 112 ist die Zelle von Raoul: knapp zwei Mal drei
Meter ist sie groß. Durch zwei vergitterte kleine Fen-
sterchen dringt etwas Tageslicht durch das Milchglas.
Grelles Neonlicht erlaubt dem Jungen, zu lesen oder zu
schreiben. In der Zelle ist ein Bett, es erinnert an Feld-
lazarett-Betten aus Filmen über den Zweiten Weltkrieg.

104
Ein dünnes Leintuch und eine kratzige Wolldecke run-
den das Bild ab.
Unter dem Bett ein Kistchen: Den Insassen werden
zwei Bücher und zwei Fotos in der Zelle erlaubt. Die
Wände sind kahl. Um 22 Uhr werden die Türen abge-
schlossen. Dann beginnt Raouls lange Nacht.
In Colorado lancieren auch die Amerikaner Petitionen
für die Freilassung Raouls. Sie wollen den zuständigen
Bezirksanwalt und den Gouverneur von Colorado mit
Zuschriften bombardieren, bis sie einlenken. Der So-
zialarbeiter Joe Ehman aus Denver ist Initiator dieser
Aktion, die im Internet begann. Ehman bestätigt, daß
«in Colorado die Kinder geradezu in Wildwest-Manier
angeklagt und bestraft werden. Der hiesigen Polizei und
Staatsanwaltschaft kommt es nur auf die Effizienz an,
wie viele Verurteilungen sie pro Jahr haben, nach die-
sem Gradmesser werden die Wahlen gewonnen. Je
mehr, desto besser! Wenn eine Familie plant, auszu-
wandern oder umzuziehen, dann am besten nicht nach
Colorado, wo die Gesetze völlig willkürlich gehand-
habt werden.» Auch von der Schweiz aus kann man via
Internet den Justizbeamten und dem Gouverneur die
Meinung sagen.
Der Aufschrei über das Verfahren Raoul ist so groß,
daß sich nun auch amnesty international in London für
Raoul einsetzt. Sie seien durch Berichte in den Zeitun-
gen und im Fernsehen auf den Fall aufmerksam gewor-
den, meinte Robert Freer, nun wollten sie sich besser
informieren. Dann würden sie dem Sheriff und dem
Gouverneur schreiben. Die Behörden in Amerika
berücksichtigten nicht, meinte Freer, daß es sich um ein

105
Kind handele. Das könne bei Minderjährigen bleibende
seelische Schäden verursachen.
Reportern des TV-Senders SAT.l erlaubten die Justiz-
behörden von Colorado, am Telefon mit Raoul zu spre-
chen. Mit brüchiger Stimme berichtet der Junge, wie es
zu den Vorwürfen gegen ihn kam.
Aber sein erster Gedanke gilt den Eltern in der
Schweiz. «Ich vermisse sie so sehr», erzählt er dem Re-
porter. «Sie können sich nicht vorstellen, wie sie mir
fehlen. Ich denke nur an sie die ganze Zeit.»
Raouls Großmutter Dianna Wood hörte das Gespräch
mit, konnte selbst aber nicht mit ihrem Enkel sprechen.
Sie war zu Tränen gerührt, als sie die Worte ihres scheu-
en Enkels vernahm.
Dann will der TV-Mann wissen, wie es zu den Vor-
würfen der Nachbarin kam. Raoul antwortet: «Wir
wollten in den Garten gehen, und Mama sagte, das sei
okay. Als wir rausgingen, mußte meine Schwester mal.
Ich half ihr, die Unterhose runterzuziehen, damit sie
nicht naß wird. Ich habe es gemacht, wie Dad es immer
tat. Dann habe ich geschaut, ob sie fertig ist.»
Raouls Stimme ist dünn, fast haucht er in den Hörer.
«Wenn ich freikomme, möchte ich in die Schweiz fah-
ren zu meinen Eltern», wispert er.
Und wie erlebte Raoul seine Verhaftung? «Sie weck-
ten mich mitten in der Nacht. Ich rief nach Mami. Aber
sie fuhren mich zum Gericht. Dort mußte ich Fragen
beantworten.»
Dann fordern die Gefängniswärter ihn auf, das Inter-
view abzubrechen. Raoul: «Sorry, sie wollen, daß ich
aufhöre zu sprechen.»

106
5. KAPITEL
Die Anhörung

Hundertschaften von Presseleuten strömen in das Hotel


Sternen in Domat Ems im Kanton Graubünden, wo wir
völlig erschöpft eine Pressekonferenz geben müssen.
Kameras, Kabel, Scheinwerfer: Es sieht aus wie in ei-
nem Hollywood-Studio. Der Grund für diese Presse-
konferenz ist die Entscheidung der Jugendrichterin in
Golden Denver im US-Bundesstaat Colorado.

Dienstag 19. Oktober 1999


13 Uhr
Der Gerichtssaal in Denver ist überfüllt. Kameras und
Mikrophone sind nicht erlaubt.
Der Schweizer Generalkonsul von Houston, Alphons
Müggler, und Manuel Sager, Jurist der Botschaft in
Washington, sitzen neben Raouls Großtante Linda
Campos. Noch ist sie ruhig und gefaßt; die beiden Bot-
schafter geben ihr Halt.
Es ist 13.00 Uhr. Auf der linken Seite hat die Verteidi-
gung Platz genommen: Raouls Rechtsanwalt Arnold C.
Wegher und seine Mitarbeiterin Darby Moses sowie
Vincent Todd, der Anwalt von uns Eltern.
Der Junge wird von zwei bewaffneten Sheriffs, die
ihn je an einem Arm festhalten, in den Gerichtssaal hin-
eingeführt. Seine Großmutter Dianna Wood ist nicht im

107
Saal; ihre Nerven haben versagt, tränenüberströmt hat
sie das Gerichtsgebäude verlassen.
Raoul lächelt seiner Großtante gequält zu. Aufgrund
der Medienpräsenz darf er Zivilkleider tragen, ein
weißes Hemd, Jeans und Lackschuhe. Erstmals wurde
auf die sonst obligatorischen Hand- und Fußfesseln ver-
zichtet - alles soll auf die internationale Presse einen
guten und seriösen Eindruck machen. Deshalb sind
auch die Ankläger in Anzügen erschienen, das neue
Outfit ist unübersehbar. Nancy Hooper hat ihre Haare,
die sonst den Eindruck erweckten, sie sei gerade einem
Heuhaufen entstiegen, zu einer Hochfrisur drapiert,
auch trägt sie heute Schmuck. Ihr schwarzes Kostüm er-
innert allerdings mehr an eine Beerdigung. Die Anklage
nimmt auf der rechten Seite Platz: Nancy Hooper und
Noel Blum, der Vertreter der Staatsanwaltschaft.
Um 13.30 Uhr betritt Richterin Marylin Lennard die
Bühne. Alle im Gerichtssaal erheben sich und nehmen
erst wieder Platz, nachdem sich die Richterin gesetzt
hat. Der Gerichtsdiener verkündet: «Der Fall Nummer
99JD1284 Raoul Emilio Wüthrich wegen sexueller
Belästigung und schwerem Inzest wird im Jefferson
County vor dem Gericht in Golden Denver verhandelt.»
Noch vor der Anhörung legt die Verteidigung eine
Eingabe vor. Die Anwältin Darby Moses durfte Raoul
am Wochenende vor dem Gerichtstermin nicht besu-
chen, was gegen das Gesetz verstößt. Die Richterin
wischt den Einwand beiseite und erklärt: «Ich wußte
nichts von einem Besuchsverbot.» Sofort widerspricht
sie sich aber selbst, indem sie beifügt: «Wer auf die Be-
suchsliste kommt, entscheidet allein die Richterin.»

108
A Bei einem der vielen Interviews vor der inter-
nationalen Presse

V Rechtsanwalt Vincent Todd, der uns immer


wieder Mut machte
Mike Mehmert, der Ehemann der Zeugin Laura
Mehmert
Joe Eh mann, Sozialarbeiter und Menschenrechtler
in den USA. Er haue bereits 10.000 Unterschriften
für die Freilassung von Raoul gesammelt.
Der harte Kern der Justiz: Gouverneur Bill Owens
von Colorado
Die BLICK-Reporterin Monica Fahmy (Mitte) mit
Tim und dessen Mutter. Tim war ebenfalls von
einer Nachbarin zu Unrecht beschuldigt worden,
er habe einen Jungen mit dem Messer zu Sex mit
einem kleinen Mädchen gezwungen.
'Unterschriften und Fotos ehemaliger Kinder-
gartenkameraden aus der Schweiz

V Unser Heber Freund und große Hilfe:


Honorarkonsul Walter Wyss in Denver
StaiieWj
Gemeinsam sehen wir uns die Nachrichten
über Raoul an: Beverly mit Sophia und
Tatjan na, ich mit unserer jüngsten Tochter
Sabrina. In der Mitte ist der Platz für Raoul
reserviert.

Raouls Rechtsanwalt Arnold C. Weg her bei


einer Pressekonferenz

115
Der wichtigste Mann im Fall Raoul: Richter James
D. Zimmerman, der den Prozeß aufgrund
schwerer Verfahrensfehler niederschlug und Raoul
freiließ.
Abend für Abend verfolgen wir im Fernsehen
die neuesten Entwicklungen im Fall unseres
Sohnes.

Wir werden von den Vertretern der Medien mit


Fragen bombardiert. Die von der Staatsanwalt-
schaft in Denver ausgestreute «Informationen»
erweisen sich als pure Verleumdung.
Raouls Großmutter Dianna Wood mit dem
Sozialarbeiter Joe Ehmann in unserer
Wohnung in Evergreen

Linda Campos, Raouls Großtante, mit ihrer


Schwester Dianna Wood (Raouls Großmutter)
und der BLICK-Redakteurin Monica Fahmy
Wieder eine Hoffnung zerstört! Das Gericht hat
erneut entschieden, Raoul nicht freizulassen.
A Die Sozialarbeiterin Brandy Harwood führt
unseren Sohn in den Gerichtssaal.
Raouls Anspannung ist nicht zu übersehen.

V Honoralkonsul Walter Wyss vor dem


Medienpulk
Die Anklage ruft nun die ersten Zeugen auf: Rhonda
Miklic und Dan Jarbot, die beiden Sozialarbeiter, die
gemeinsam Raouls Schwester Sophia befragt hatten.
«Das Mädchen sagte, Raoul habe sie an den Genita-
lien berührt und geküßt», geben sie zu Protokoll.
Der Verteidiger nimmt sie ins Kreuzverhör: «Hat Ih-
nen Sophia nicht auch erzählt, daß ihr Vater einen Tiger
erlegte, als sie campen waren?»
«Einspruch, Euer Ehren!» ruft die Anklage.
«Einspruch stattgegeben», erwidert die Richterin.
Als nächstes wird die Schlüsselfigur und Hauptzeugin
Laura Mehmert aufgerufen. Sie ist sich ihrer Wichtig-
keit bewußt und weiß, wie sie sich zu geben hat; daß sie
unerschütterlich sein muß in ihrem Glauben und alles
tun, um dem Gesetz Recht zu verschaffen. Wieder in
dunklem Kleid, schwebt die Matrone vor das Richter-
pult, nimmt Platz, rückt sich zurecht, um der Presse die
bestmögliche Position zu bieten.
Der Gerichtsdiener bringt die Bibel, auf die sie im ge-
heiligten Ernst so inbrünstig schwört, als stünde sie vor
dem göttlichen Richter: «Ich schwöre die Wahrheit zu
sagen, nichts als die Wahrheit, so wahr mir Gott helfe.»
Nancy Hooper geht zu ihr hin und fragt sie: «Miss
Mehmert, Sie waren an diesem Vormittag zu Hause, als
der Angeklagte etwas im Garten tat. Was genau haben
Sie gesehen? Erzählen Sie dem Gericht, was Sie beob-
achtet haben.»
Laura Mehmert rückt sich erneut zurecht, da ihre
Sitzlage aufgrund der körperlichen Fülle und ihrer kur-
zen Beine nicht angenehm war. Dann doziert sie im Ton
einer Lehrerin, die ihren jugendlichen Schülern einen
wichtigen Vortrag hält: «Ich sah, wie der Junge sein
Gesicht an Sophias Genitalien preßte.» Und mit thea-
tralischem Pathos fügt sie hinzu: «Von meinem Wohn-
zimmer aus konnte ich alles ganz genau sehen.»
Auch diese Zeugin wird von der Verteidigung ins
Kreuzverhör genommen: «Sie sagen, daß Sie alles ge-
nau gesehen haben? Aber das sind über fünfzig Meter
Distanz! Außerdem gibt es dort eine Menge Unterholz
mit Büschen und hohem Gras. Wie können Sie da be-
haupten, all das, was Sie in den Protokollen angegeben
haben, gesehen zu haben?»
«Ich habe es eben gesehen. Ich habe gesunde und
gute Augen», antwortet sie selbstsicher.
«Was genau haben Sie denn gesehen?»
«Ich sah, daß Raoul dem Mädchen die Hosen herun-
terzog, hinter sie gestanden ist und sie mißbraucht hat.
Danach ist er wieder vor sie hingestanden und hat sie an
der Vagina berührt und sie dort geküßt. Das habe ich ge-
sehen.»
«Kann es nicht sein, daß Sie das alles nur als Projekti-
on Ihrer eigenen Erlebnisse aus der Vergangenheit er-
lebt haben, weil Sie als Kind vergewaltigt worden
sind?»
«Das ist unerhört!» schreit die Zeugin.
Der Staatsanwalt wendet sich der Richterin zu: «Ein-
spruch, Euer Ehren! Der Verteidiger verletzt hier jede
Anstandsregel, und im übrigen hat dies nichts mit dem
Fall zu tun.»
«Stattgegeben. Ich muß die Verteidigung zur Ordnung
aufrufen! »
«Entschuldigen Sie, Euer Ehren», entgegnet der Ver-
teidiger. Die Zeugin ist ziemlich aufgebracht und hat
zum ersten Mal ihre zur Schau gestellte Selbstsicherheit

122
und Beherrschung verloren. Der Verteidiger hat näm-
lich etwas erwähnt, was bis heute vor der Öffentlichkeit
verborgen gehalten war.
Der Verteidiger fährt fort: «Kann es nicht sein, daß
Raoul seiner kleinen Schwester lediglich beim Wasser-
lösen geholfen hat?»
Die Zeugin, nun wieder sehr von sich überzeugt, er-
widert ohne jeglichen Selbstzweifel: «Ich kenne den
Unterschied zwischen jemandem, der dem anderen die
Hose runterzieht, Abstand nimmt und sagt <Okay So-
phia, mache deine Toiletle>, und jemandem, der die Ho-
se runterzieht, in die Knie geht und ein Kind zwischen
die Beine küßt. Ich kenne den Unterschied, wissen Sie,
ich bin alt genug, um zu sehen, wenn sich dann jemand
hinter sie stellt und weitermacht, sich gegen sie drückt.
Das war eine sexuelle Handlung.»
«Wie wollen Sie gesehen haben, daß das eine sexuel-
le Handlung war?» bohrt der Verteidiger weiter.
«Als der Junge von dem Mädchen abließ, hatte er
noch den Hosenstall offen. Das ist Beweis genug!»
«Könnten es nicht auch einfach nur Doktorspiele ge-
wesen sein?»
«Doktorspiele!» krächzt die Zeugin verächtlich, «ich
kenne den Unterschied zwischen Doktorspielen, Pipi-
machen und sexuellen Handlungen. Das war nichts von
beidem! Wenn etwas passiert und man hat Ihre Tochter
sexuell belästigt, würden Sie wollen, daß der Nachbar
sagt: <Oh, mein Gott, das und das ist passiert!>, oder
würden Sie wollen, daß ich die Klappe halte und damit
weiter zusehe, wenn so was nochmals vorkommt - und
schädige damit die Kinder fürs ganze Leben?»

123
Der Verteidiger erwidert: «Mit Lügen oder Falschaus-
sagen können Sie aber einem Menschen, besonders
wenn es sich noch um ein Kind handelt, noch mehr
schaden.»
Die Staatsanwaltschaft fährt dazwischen: «Einspruch,
Euer Ehren! Der Verteidiger diskriminiert die Zeugin.»
«Einspruch stattgegeben. Herr Verteidiger, ich möch-
te mich nicht immer wiederholen, halten Sie sich an die
Fakten!» antwortet die Richterin.
«Ich ziehe die Frage zurück und habe keine weiteren
Fragen an die Zeugin», beendet der Verteidiger die Zeu-
genbefragung.
Es war offensichtlich, daß Raoul überhaupt keine
Chance hatte. Daß der Junge mitten aus der Nacht aus
dem Bett gerissen und stundenlang verhört wurde, stör-
te die Richterin nicht. Ebensowenig, daß dabei Raouls
Rechte verletzt wurden, da ihm niemand über sein
Recht zu schweigen und sein Recht auf einen Beistand
belehrte. Er wurde ohne Haftbefehl festgenommen -
drei Monate nach der Anzeige!
«Ginge es nach dem Gesetz, wäre es Kidnapping», er-
klärt Vincent Todd, unser Verteidiger, vor den Vertretern
der Presse. «Seit dem Massaker in der Colombine
School in Littleton reagiert das Gericht in Jefferson
County hysterisch, wenn es um Jugendfälle geht»,
kommentiert kopfschüttelnd ein US-Kameramann.
Im Gerichtssaal halten Anklage und Verteidigung ihre
Plädoyers. Die Richterin fällt das Urteil: «Es gibt genü-
gend Beweise für eine Anklage!»

124
Die Sheriffs führen den bleichen Raoul aus dem Saal.
Am Schluß der Anhörung hatte der Junge die Hand ge-
hoben.
«Was wollte er sagen?» fragt ein Reporter.
«Raoul wollte sagen, daß er unschuldig ist», antwor-
tet der Verteidiger leise.
Die Richterin hatte das Handzeichen des Angeklagten
geflissentlich übersehen. So wenig Bedeutung maß
man den Rechten eines Kindes bei; das gleiche Gericht
aber nahm sich heraus, Anklage zu erheben und ein Ur-
teil zu fällen über einen Vorfall, bei dem nichts Unan-
ständiges und noch weniger Verwerfliches geschehen
war.
In den Bündner Bergen war es still, sehr still gewor-
den. Es war in der Schweiz bereits zwei Uhr morgens,
als bei uns das Telefon klingelte. Beverly wurde kreide-
bleich und schaute mich mit großen Augen an. Mit
einem Satz war ich am Apparat. «Es ist Wegher», infor-
miere ich sie und hörte gespannt auf die Worte vom an-
deren Ende der Leitung. Beverly kann über die Laut-
sprecheranlage alles mithören und sitzt wie versteinert
da.
Mit ruhiger Stimme berichtet uns der renommierte
Anwalt Arnold C. Wegher: «Raoul hat seine Sache sehr
gut gemacht. Der Junge macht laufend Notizen. Hin
und wieder hat er sich ein Glas Wasser eingeschenkt
und mich gefragt, ob ich auch etwas davon haben will.»
Ob Raoul aber überhaupt mitbekomme, was sich ab-
spiele, bezweifle er. Der Anwalt aus Denver wirkt kei-
neswegs entmutigt: «Wir haben gewisse Fortschritte ge-
macht.»

125
Die schlechten Nachrichten überbringt der Verteidi-
ger wie ein väterlicher Freund: «Todd und ich gaben ei-
ne Pressekonferenz.» Vincent Todd, der jüngere der
Verteidiger, achtete auf die Einhaltung unserer Rechte.
Leise Untertöne waren aus dem Gespräch heraus-
zuhören:
Raoul sei ohne Hand- und Fußfesseln in den Gerichts-
saal geführt worden, was nur der Presse und den Medi-
en zu verdanken sei. Sie berichteten nämlich haarklein
über die menschenunwürdigen Behandlungen, schlach-
teten sie aus und würden die Amerikaner damit interna-
tional an den Pranger stellen. Es war eine erste Auswir-
kung des großen Echos, das der Fall in Europa
ausgelöst hatte. Und dafür danken Beverly und ich be-
sonders der Redaktion des BLICK. Sie hatte mit einem
kleinen Schneeball von der Spitze der Bündner Berge
eine Lawine ausgelöst. Und wer weiß, vielleicht hat
Raoul durch seine liebenswerte, scheue Art so viele
Herzen erreicht, daß auch in dem ungeheuerlichen «Un-
rechtsstaat» Amerika dadurch menschlichere Züge in
Gefängnissen und bei der Justiz Einkehr halten. Dann
hätte dieser kleine Junge etwas erreicht, was auf der
ganzen Welt wohl einmalig ist. Denn diese Bilder, die
monatelang international über die Bildschirme flim-
merten und das grauenhafte Schicksal unseres Sohnes
dokumentierten, wird Amerika nie mehr loslassen. Und
ich hoffe sehr, daß auch dieses Buch eine entsprechende
Wirkung zeigt.
Ein anderer glücklicher Umstand war, daß sich Raoul
von nun an nicht mehr im Gefängnis Mount View auf-
halten mußte. Angeblich sollte nun eine christliche

126
Nacherziehung bei ihm vollzogen werden - dabei könn-
ten all diese Typen vom Jefferson County mehr von die-
sem tapferen, gottgläubigen Raoul lernen! Ein anderes
Kind wäre unter solchen Umständen wahrscheinlich
längst zerbrochen.
«Es beginnt der lange Marsch durch die Institutionen
der christlichen Nacherziehung», schrieb Monica
Fahmy im BLICK. Noch am gleichen Tag, nach der Ge-
richtsverhandlung, wird Raoul für drei Tage zu einer
Pflegefamilie gebracht. So eine Pflegefamilie ist in der
Regel eine fromme Familie, deren Scheinheiligkeit
vom Sozialamt vorher geprüft wurde. Gastfamilie und
Wohnort bleiben zum Schutz des Kindes generell ge-
heim. Ein paar Tage später sollte Raoul dann in das
Colorado Christian Home verlegt werden, ein Heim für
Schwererziehbare in einem Vorort von Denver. Erst
dann war dort ein Platz für ihn frei.

Montag, 8. November 1999


Am 8. November 1999 kommt es um 13 Uhr vor Rich-
ter James Zimmerman am Bezirksgericht von Jefferson
County zu einer sogenannten Sühneverhandlung. Wür-
de Raoul sich dabei schuldig bekennen, könnte der
Richter ihn in eine Therapie schicken, bei einer Pflege-
familie unterbringen oder erneut in ein Heim stecken.
Dies maximal für zwei Jahre. Zwei Jahre wofür? Was
würde in den zwei Jahren alles mit diesem jungen Men-
schen geschehen, wenn er bereits im Mount View mas-
siv von Seiten der größeren Gefangenen, vor allem aber
auch von den Wärtern belästigt und sexuell bedrängt

127
worden ist? Ist das nicht gerade der Teufelskreis in
Amerika, daß - ob schuldig oder unschuldig - ein jun-
ges menschliches Opfer frustrierten Menschen buch-
stäblich als lebendes Frischfleisch angeboten wird, an
dem man sich befriedigen kann? Und die perfide Justiz
dabei noch vorgibt, «nur das Beste für den Angeklag-
ten» tun zu wollen!
Die Verteidiger wollen aber einen Geschworenen-
Prozeß und einen völligen Freispruch für Raoul errei-
chen. Sollte sich Richter Zimmerman für einen solchen
Prozeß entscheiden, würde dieser frühestens Anfang
des Jahres 2000 stattfinden. Mit einer Serie von Einga-
ben versucht die Verteidigung, das Verfahren zu be-
schleunigen.
Infolge unserer prekären Finanzlage hatte BLICK ein
Spendenkonto eröffnet, da wir durch die Ausreise aus
den USA und die Geldmittel, die wir für die Flucht und
die Anwaltskosten leisten mußten, buchstäblich alles
verloren hatten. Die Solidarität für den Jungen und uns
riß nicht ab. Über 32.000 Unterschriften für die Petition
waren inzwischen eingereicht. Ich kann all den Men-
schen, aber auch dem BLICK und allen Medien, die für
uns und in erster Linie für Raoul kämpften, nur danken.
Diese tausende von Briefen, Telefonaten und Geschen-
ken, vor allem für unseren Sohn, haben uns tief bewegt.
Kleine und Große machten mit, waren gütig und hatten
das Herz am rechten Fleck.
Aber um Raoul freizubekommen, brauchte es Geld:
Geld, um die Anwälte zu bezahlen; Geld, damit wir
später möglicherweise zu unserem Sohn reisen konn-
ten, wenn dies noch möglich war. Und Geld, um Raoul

128
nach seiner Freilassung mit ärztlicher Unterstützung
über die psychischen Auswirkungen der Haft hinweg-
zuhelfen. Sowohl der BLICK als auch der Sonntags-
BLICK hatten beschlossen, einen Verein «Hilfe für
Raoul» zu gründen und ein Spendenkonto einzurichten.
Es durfte nicht sein, daß Raoul sein ganzes Leben lang
leiden mußte.
Auf einmal taten sich Türen auf. In der ganzen Welt,
nicht nur in Europa, sorgte der Fall Raoul für Schlag-
zeilen. Dutzende von Zeitungen und Fernsehstationen
berichteten über das Schicksal unseres Jungen.
So lautete die Schlagzeile der «Bild»-Zeitung,
Deutschland: «Mr. Clinton, was tut Ihr Land diesem
Kind an?»
Die «Neue Kronen-Zeitung», Österreich, druckte als
Headline: «Elfjähriger im Gefängnis. Weltprotest gegen
US-Justiz».
Der US-Femsehsender CNN wurde wie folgt zitiert:
«Wütende Schlagzeilen erscheinen in der Schweiz, und
die Zeitung BLICK fordert sofortige Freilassung des
Jungen.»
Als Titelstory des «Daily Telegraph», Großbritannien,
war zu lesen: «Aufruhr um einen Schweizer Jungen, der
in den USA wegen Inzest angeklagt ist.»
Die österreichische «Kurier»-Zeitung meldete:
«Raoul wird der Prozeß gemacht».

129
Das Magazin «DER SPIEGEL», Deutschland,
schrieb: «Drakonische Strafverfolgung: Wegen <schwe-
ren lnzests> sitzt ein Elfjähriger seit über sechs Wochen
in Colorado hinter Gittern.»
Die französische Tageszeitung «France Soir» betitelte
ihr Blatt wie folgt: «Mit 11 wegen Inzest angeklagt.
Sein Verbrechen? Er hat die Unterhose seiner kleinen
Schwester geküßt».
Die renommierte deutsche Zeitung «Die Welt» infor-
mierte ihre Leser: «US-Richterin läßt Prozeß gegen Elf-
jährigen zu».
Der englische «Mirror» verkündete lakonisch: «11-
jähriger Junge in Fußfesseln».
Die Schlagzeile der «Süddeutschen Zeitung» lautete:
«Ein elfjähriger Junge ist im US-Bundesstaat Colorado
des schweren Inzests angeklagt, und Amerikas Medien
finden, das sei kein Thema.»
Alleine schon diese kaltblütige Feststellung der Ame-
rikaner legt ihr ganzes geistiges Weltbild dar. Einerseits
sind sie angeblich fanatisch gläubig, dann wieder rassi-
stisch, und nicht zuletzt wird den jugendlichen von
klein auf beigebracht, wie kaltschnäuzig und auch un-
barmherzig sie gegenüber jedem Ausländer und
schließlich gegenüber jedem Schwächeren sein sollen.
Die so geimpften Jugendlichen werden später Politiker,
Kriminelle oder einfache Menschen, die der Nährboden
für Korruption sind. Wurde nicht schon so mancher Ma-

130
fia-Nachfolger Jurist und schließlich in hohe politische
Ämter gewählt? In Amerika ist alles möglich, wenn
man nur genug Geld hat. Auf welche Art und Weise das
Geld verdient wird, ist nebensächlich, solange man sich
nicht erwischen läßt. Und falls das doch einmal vor-
kommt, muß man nur über genügend Geld und Bezie-
hungen verfügen, um einen Freispruch zu erreichen.
Denn als Geschäftsmann ist man in «ehrenwerter Ge-
sellschaft».
Auffallend an all diesen Zeitungen und Magazinen
war die Tatsache, daß sie ausnahmslos die gleichen Lü-
gen wiederholten, die die Denver Staatsanwaltschaft
verbreitete. Damit hatte die Justiz die Presse vor ihren
Karren gespannt und bereits ein Ziel erreicht: Das un-
schuldige Kind war der Öffentlichkeit bereits als Täter
dargestellt worden. Keinem der Journalisten wäre es in
den Sinn gekommen, die Geschichte zu hinterfragen.
Zum einen konnte man sich wohl nicht vorstellen, daß
eine Staatsanwaltschaft gezielt Falschinformationen
veröffentlichte. Zum anderen ist es aber auch ein gene-
relles Problem; denn in der Gesellschaft ist mit dem
Herunterziehen einer Hose bereits schon der Verdacht
geweckt, etwas Unsauberes, etwas Unkorrektes, Be-
schämendes getan zu haben. Dabei tun wir dies doch
tagtäglich mehrmals! Gerade diese Selbstverständlich-
keit erschwerte es, Raoul zu rechtfertigen. Mit jeder
weiteren Erklärung machte man sich nur verdächtig,
doch etwas Unrechtes getan zu haben. Wie heißt es
doch so treffend: Auch wenn es sich nur um Gerüchte
handelt, bleibt doch immer etwas hängen!

131
Aber auch innerhalb Europas weisen die moralischen
Haltungen von Land zu Land große Unterschiede auf.
Was der eine für eine verwerfliche Sache hält, ist dem
anderen etwas Alltägliches, solange gewisse Grenzen
nicht überschritten werden oder es um ein Kind geht.
Aber sowohl in Europa als auch bei jenen Menschen
in Amerika, die Raoul beistehen wollten, war nach der
Anhörung der allgemeine Tenor, der Denver-Justiz gehe
es nur noch um eine Machtdemonstration.
Auf einmal mußten die Amtsinhaber in Colorado be-
fürchten, daß die Rechnung zum Wählerstimmenfang
nicht mehr aufgehen könnte - zu groß war die interna-
tionale Presseschelte nach Raouls willkürlicher Verhaf-
tung. Anstatt nach dem Massaker von Littleton wieder
Sicherheit und Ruhe einkehren zu lassen, zog die Insze-
nierung der Justiz erneut negative Schlagzeilen nach
sich. Die Bürger kamen nicht zur Ruhe, die allgemeine
Stimmung änderte sich, der Schuß drohte nach hinten
loszugehen.
Großmutter Diana Wood fuhr nach der Anhörung mit
ihrer Schwester Linda Campos nach Tucson/Arizona
zurück. Beide waren wie alle Sympathisanten von Raoul
empört über das Vorgehen der Staatsanwaltschaft.
Der Auslandsschweizer Ernst Eugster war einer von je-
nen, die vor dem Gerichtsgebäude (das von den Einhei-
mischen wegen seines Prunks nur das «Tadsch Mahal»
genannt wird) mit Plakaten für Raouls Freilassung de-
monstrierten: «Ich weiß nicht, ob der Junge etwas getan
hat. Aber wenigstens kam er aus dem Jugendgefängnis
heraus. Alles andere wird die Zukunft zeigen.»

132
Die Petition des Sozialarbeiters Joe Ehman lief auf
Hochtouren. Viele Amerikaner - man bedenke, daß al-
lein die Eltern von den 2,5 Millionen Jugendlichen, die
in den USA jährlich verhaftet werden, das gleiche Inter-
esse wie wir hatten - meldeten sich. Alle stellten sie die
gleiche Frage: «Was kann ich tun, um Raoul zu hel-
fen?» Ehman machte weiter, er wollte Raoul nicht im
Stich lassen. Er erklärte: «Das Kind gehört zu seinen
Eltern. Das dürfen wir nie vergessen!»
Aufmunternde Worte kamen auch von den ehemali-
gen Kindergarten-Kameraden aus Malans, diesen Kin-
dergarten hatte Raoul besucht, als er vor vier Jahren
noch in der Schweiz lebte. Schulklassen, Kinderparla-
ment, Politiker: Alle wollten dem Jungen helfen.
Hallo Raoul!, schrieb eine frühere Kameradin, die
mittlerweile die Primarschule besuchte: Ich finde es ei-
ne Gemeinheit, daß du nichts getan hast und trotzdem
ins Gefängnis mußt. Cornelia Kiienzi.
Diese netten Worte stehen in einem ellenlangen Brief,
den die fünfte Klasse aus Malans an Raoul schickte.
«Die Idee mit dem Brief kam uns ganz spontan», gab
Raouls frühere Spielgefährtin Stefanie Donatsch gerne
Auskunft.
Das Luzerner Kinderparlament wollte sich mit einem
Brief an Hillary Clinton ebenfalls für Raoul einsetzen.
Die First Lady hatte 1998 die einzigartige demokrati-
sche Institution besucht und sich davon hellauf begei-
stert gezeigt. Jetzt sollte sie beweisen, daß sie das von
ihr gelobte Parlament wirklich ernst nimmt.
Auch erwachsene Politiker sprangen für Raoul in die
Bresche. Das Berner Stadtparlament übergab dem US-

133
Botschafter eine Petition mit der Aufforderung, der
Knabe solle unverzüglich zu seinen Eltern zurückkeh-
ren dürfen.
Nun hatte die Staatsanwaltschaft in Denver genug von
den ständigen Attacken aus dem Schokolade- und Kä-
seland Schweiz sowie aus ganz Europa und holte zum
Gegenangriff aus. Sie lud den Redakteur Kieran
Nicholson von «The Denver Post» zum Stelldichein
und eröffnete ihm, es lägen hieb- und stichfeste Bewei-
se vor, wonach die Familie Wüthrich ein Sexgeschäft
betrieben hätte und es daher auch nicht ausgeschlossen
sei, daß der Angeklagte Raoul mit angesehen und mit-
bekommen habe, was ihm zur Last gelegt werde. Dieses
Beweismaterial beende alle Spekulationen, erhärte die
Klage der Staatsanwaltschaft gegenüber Raoul Wüth-
rich und werfe nicht zuletzt ein schiefes Licht auf seine
Eltern. Wären die Eltern jetzt in Colorado, so würden
sie auf der Stelle verhaftet werden, stellte die Staatsan-
waltschaft in dem Interview befriedigt fest.
Der Hintergrund zu dieser neuen ungeheuerlichen Lü-
ge war folgender: Wir hatten im Juni 1999 eine Firma
unter «Ultimate Fantasies Inc.», 2850 Pine, Evergreen,
Colorado, also an unserer Wohnadresse, eintragen las-
sen. Daß es zu jenem Zeitpunkt unter gleichem Namen
bereits eine Website von einem Unternehmen in Las Ve-
gas/Nevada gab, das Pornowebsites im Internet zur Ver-
fügung stellte, wußten wir nicht. Wir hatten diese Web-
site zur Kommunikation von Eltern aufbauen wollen,
die auf diese Weise ihre Probleme mit anderen Eltern
austauschen konnten. Daß möglicherweise im Rahmen
dieses Austausches auch das Zusammenleben von Er-

134
wachsenen und Jugendlichen oder Probleme mit puber-
tären Jugendlichen zur Sprache gekommen wären, wäre
nicht auszuschließen gewesen - schließlich hatte meine
Frau Psychologie studiert und wollte ihr Wissen nicht
brachliegen lassen. Zudem hätte uns diese Beratung
und Kommunikation mit den Interessenten, die von Be-
verly betreut worden wären, auch zusätzliche Einkünfte
verschafft. Diese Website existierte jedoch gar nicht;
das wußte die Staatsanwaltschaft ganz genau! Als
Rechtfertigung für ihr kriminelles Vorgehen war ihr je-
doch jede Lüge und Entstellung recht, und so verbreite-
te sie diese Pressemeldung.
Die Rufmordkampagne war perfekt inszeniert; Kritik
und Zweifel an unserer Glaubwürdigkeit kamen auf.
Die Veröffentlichung der Staatsanwaltschaft schlug so
große Wellen, daß die Bevölkerung Raouls und unsere
Unschuld plötzlich in Frage stellte. Die Menschen
standen unseren Dementis, die ich noch am gleichen
Tag mit meiner Frau zusammen NBC live im Fernsehen
gab und die von allen europäischen Medien wieder-
gegeben wurden, kritischer gegenüber. In zusätzlichen
Interviews im europäischen Raum erläuterten wir die
These unserer Website, die ja nie aktiviert worden war.
Für Beverly und mich war die Unterstellung schockie-
rend: Wir sollten Sexfilme produziert und sogar Kinder-
pornos angeboten haben! Zwar war uns klar, daß diese
Aktion der Staatsanwaltschaft von Denver nur deren
Hilflosigkeit dokumentierte, sicheres Belastungsmate-
rial vorzulegen; sie versuchte mit allen erdenklichen
Tricks, uns zu diskreditieren und ihr Lügengespinst um
uns glaubhafter zu machen. Denn wer würde noch je-
mandem Glauben schenken, von dem man weiß, daß er

135
Sex- und Pornofilme produziert und eine Website mit
pornographischem Inhalt anbietet? Das Wissen um den
Griff der Staatsanwaltschaft nach einem Rettungsanker
war aber nur ein schwacher Trost, denn nun hatte sie
fast wieder Oberhand gewonnen.
Auch der BLICK wollte und mußte über die neuen
Vorwürfe Kenntnis haben - vor allem, weil er sich für
unsere Familie und für Raoul stark machte und sogar
das Spendenkonto eingerichtet hatte, auf dem bereits
erhebliche Geldmittel eingegangen waren. In einem In-
terview war die Rede von einem «erotischen Angebot
im Internet». Man muß sich einmal bewußtmachen,
welchem Druck seitens der amerikanischen Behörden
wir seit Monaten ausgesetzt waren: Die Verhaftung un-
seres Sohnes, die unsinnigen Anschuldigungen durch
die Nachbarin und die Justiz, die Verhinderung der Frei-
lassung unseres Sohnes gegen Kaution, die Terrorisie-
rung mit Hausdurchsuchung und ähnlichem, die Flucht
und der Verlust des gesamten Hab und Guts! Da kön-
nen, bedingt durch völlige Erschöpfung, auch Irritatio-
nen entstehen, die mißverstanden werden und auch
mißverstanden worden sind. Niemand kann sich vor-
stellen, was wir in den letzten drei Monaten bereits alles
durchmachen mußten; wir hatten praktisch keine ruhige
Stunde mehr gehabt, waren in der Nacht bei jedem
Geräusch aufgeschreckt, weil wir von der Justiz gejagt
worden waren wie der Hase vom Jäger. Nach all dem
mit einer solchen Situation, mit so ungeheuerlichen
Vorwürfen aufs Neue konfrontiert zu werden, glich ei-
nem bösen Traum.
Beverly und ich hatten Verständnis dafür, daß auf-
grund der neuen Situation die Redaktion des BLICK

136
keine Auszahlungen an unsere Anwälte vornehmen
wollte. Was für BLICK allerdings nicht hieß, uns nun
völlig ins Leere laufen zu lassen. Schlußendlich hatte
sich ja alles, was die Justiz in Denver behauptet hatte,
als Lüge erwiesen. Aber wie schon erwähnt, leider
bleibt bei solchen Gerüchten immer etwas hängen, ist
der Ruf nie mehr so fleckenlos wie vorher. Manch ein
Fernsehzuschauer oder Zeitungsleser konnte nach die-
ser Meldung nicht so leicht wieder umgestimmt wer-
den, auch wenn die gezeigte Website von einem ande-
ren Unternehmen aus Las Vegas stammte und ganz
andere Besitzverhältnisse hatte als die unsrige - das ist
eben das Teuflische an Falschinformationen!
Auf der Pressekonferenz in Domat/Ems, wo Hundert-
schaften von Reportern, Kameraleuten und sonstigen
Medienvertretern anwesend waren, wurde ich mit teils
akribisch formulierten Fragen bestürmt. Beverly mußte
ich zu Hause lassen, sie sah bleich und verstört aus, war
völlig apathisch und hatte kaum noch Kraft, auf die un-
geheuerlichen Vorwürfe zu reagieren. Sie war mit den
Nerven völlig am Ende und mußte sich zusammen-
reißen, um nicht laut herauszuschreien.
Es paßte sehr gut ins Bild der Tageszeitung «The
Denver Post», wenn sie behauptete, ihre Informationen
von «einer mit der Untersuchung vertrauten Quelle» zu
haben. Warum konnte man nicht einfach zugeben, daß
es sich um die Justizbehörde selbst handelte, zumal die-
se Quelle als «anonym» bezeichnet wurde? Der Leser
möge selbst urteilen, was von anonymen Quellen zu
halten ist. Und war nicht die Hauptzeugin in diesem
ganzen Verfahren, Laura Mehmert, zunächst anonym?

137
Erst später fand die Polizei über ISDN die anonyme An-
ruferin heraus, nachdem von höchster Stelle Denvers
Justiz auf den entstandenen Imageschaden durch das
Massaker von Littleton aufmerksam gemacht worden
war. Nun sollte allem - damit meinte die Justiz auch die
kleinsten Bagatellen und jeden Hinweis, der juristisch
behandelt werden konnte jeder einzelnen Klage
nachgegangen werden, um die Bevölkerung glauben zu
machen, daß die Justiz alles im Griff habe.
Zu meinem großen Erstaunen übernahmen gerade die
öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, wie das ARD
oder auch das Schweizer Fernsehen SF DRS die von
der Justiz bewußt verbreiteten neuen Anschuldigungen,
ohne sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Ich
konnte nicht verstehen, daß diese Fernsehsender die
neuen Publikationen aus Denver als Fakten übernah-
men und uns bereits im Vorfeld verurteilten. Die Ent-
schuldigung, die falschen Nachrichten hätten schließ-
lich von einer amtlichen Untersuchungsbehörde
gestammt und seien deshalb als Tatsache verbreitet
worden, konnte ich nicht gelten lassen. Schließlich ist
es auch - oder gerade - Journalisten hinlänglich be-
kannt, daß Lügen, Erfindungen oder Halbwahrheiten an
der Tagesordnung sind, wenn eine Behörde oder sonst
jemand Untersuchungen in eine falsche Richtung len-
ken will. Gewisse Medien haben ihre Sorgfaltspflicht,
Meldungen vor Verbreitung auf ihren Wahrheitsgehalt
zu überprüfen, sträflich vernachlässigt, und ich hatte
große Lust, rechtlich gegen diese Sender vorzugehen,
die zusätzlich Rufmord an uns betrieben. Die uns oh-
nehin kaum verbliebene Kraft und Zeit flössen in
Raouls Freilassung und ließen leider keinen Spielraum

138
frei für irgendwelche Manifestationen. Der Schaden
durch die falschen Medienberichte, die uns plakativ als
Pornoproduzenten und -vertreiber hinstellten, war be-
reits angerichtet, und ich kann nur hoffen, daß nach Ver-
öffentlichung dieses Buches die enthaltenen Fakten
auch jene Menschen umstimmen können, die bis heute
noch immer etwas Unkorrektes oder Unsauberes hinter
dem Lügengespinst der US-Justiz vermuten.
Nicht erst seit Watergate ist bekannt, daß Amerika vor
keinen Mitteln zurückschreckt, um von ihm begangenes
Unrecht ins rechte Licht zu rücken und dabei Unschul-
dige zum Sündenbock stempelt. Man denke dabei nur
an Vietnam, an Kuba, Hiroshima, Nagasaki, Iran, Irak
und an andere unzählige Kriegsschauplätze. Amerika
gibt stets vor, für Recht und Frieden einzustehen. Es
gibt kein anderes Land, das mit der gleichen Arroganz
die Menschenrechte verletzt wie die USA. Hier werden
immer noch Hunderte von Menschen zum Tode verur-
teilt, in die Gaskammern oder auf den elektrischen
Stuhl geschickt oder mit der Todesspritze getötet. So-
lange dieses Land nur nach dem alttestamentarischen
Spruch «Auge um Auge, Zahn und Zahn» urteilt, wird
es nie vom Frieden begleitet sein. Sie werden ihre Kin-
der zu neuem unendlichen Haß, zu Lüge und Betrug
und schließlich zu Mördern heranziehen, auf die sie so-
gar noch stolz sind, und sie mit Ehren auszeichnen,
wenn sie bei einem Angriff auf ein anderes Land mög-
lichst viele Gegner getötet oder verkrüppelt haben.

139
Auf jeden Fall hat die Justiz in Colorado mit ihrem
perfiden Angriff auf uns Eltern erneut bewiesen, wie
man strategisch zuerst den Gegner verunglimpfen und
so unglaubwürdig machen muß, um zum eigenen Sieg
zu gelangen. Einer Untersuchungsbehörde in Europa
darf man mit gutem Gewissen mehr Glauben schenken
als dem Angeklagten; hier wird in aller Regel weniger
mit unsauberen Methoden oder Lügen gearbeitet, wenn
auch hin und wieder Rechtsbeugungen vorkommen.
Das gleiche von einer amerikanischen Behörde erwar-
ten zu dürfen, ist völlig utopisch, da dort noch immer
jeder als Kommunist oder Landesfeind hingestellt wird,
dessen Meinung nicht mit der vorgegebenen Linie übe-
reinstimmt. Wir Schweizer müßten dies eigentlich wis-
sen, wurden wir doch in den letzten Jahren von der
amerikanischen Regierung regelrecht zum Prügelkna-
ben gemacht, nur weil gewisse Kreise vermuteten, daß
Milliarden von Gold und Geld aus der Nazizeit in den
Schweizer Banktresoren versteckt seien. Haben wir
noch immer nicht gelernt, kritischer einem Land ge-
genüberzustehen, das in den letzten fünfzig bis sechzig
Jahren weltweit so viel Krieg und Unheil angezettelt
hat? Amerika ist längst nicht mehr der Musterknabe,
wie man früher so gerne angenommen hat; er hat seine
Unschuld längst verloren. In den USA dreht sich alles
um die Stärkeren, Reicheren und Mächtigeren. Nur die-
se haben eine Chance, im täglichen Leben zu bestehen;
alle anderen sind für sie Abschaum, Parasiten, die hin-
ter Schloß und Riegel gehören.
Der Denver-Justiz paßte es überhaupt nicht in ihr
Konzept, daß unsere Familie ihren Jungen so hart-

140
näckig verteidigte und ihnen die Hölle heiß machte. Sie
hatte nicht mit dem internationalen Druck gerechnet
und war höchst erstaunt, wie das kleine Käseland in Eu-
ropa eine Lawine losgetreten hatte, die das «große, rei-
che und freie Amerika» in die Enge trieb. Die Ammen-
märchen von unserer angeblichen erotischen Website
und sogar Sexvideos wurden schnell als Lügen enttarnt,
aber Vorwürfe dieser Art trafen Beverly besonders hart,
da sie als Kind mißbraucht worden war. Der Justiz ging
es darum, unsere Familie auf jede erdenkliche Art und
Weise in Mißkredit zu bringen, um ihr Vorgehen irgend-
wie vor der Welt zu rechtfertigen und das Gesicht zu
wahren. Der fiese Schachzug mit der Schmuddelge-
schichte brachte der US-Behörde in Denver jedoch kei-
nen Segen. Aber ich muß leider einräumen, daß die
ganzen Spekulationen kein günstiges Licht auf uns ge-
worfen hatten.
Wir danken deshalb ganz besonders der Redaktion
des BLICK, die den neuerlichen Anschuldigungen kei-
ne weitere Beachtung schenkte und ihr Ziel - Raouls
Freilassung und Unterstützung unserer Familie - nicht
aus den Augen verlor. Dieses Vertrauen in uns ist um so
höher anzurechnen, da eine Beurteilung von der
Schweiz aus und ohne Akteneinsicht oder Einblick in
das wahre Geschehen äußerst schwierig war.
Der Fernsehjournalist und USA-Kenner ersten Ran-
ges Erich Gysling schrieb im «SonntagsBLICK» unter
dem Titel «Bewunderte Macht, gefürchtete Ohnmacht»
einen vielbeachteten Artikel, den ich hier auszugsweise
wiedergeben möchte:

141
«Der Skandal um den elfjährigen Raoul ist mehr als
nur irritierend. Und dies, weil amerikanische Justiz-In-
stanzen jegliches Augenmaß für Verhältnismäßigkeit
vermissen lassen. Ein Bub, der mit seinem Schwester-
chen wahrscheinlich Doktorspiele getrieben haben soll
(auch er geht immer noch von der Klage der US-Justiz
in Denver aus, sie!), wird als Gemeinverbrecher abge-
führt, stundenlang ohne Rechtsvertretung und ohne
rechtliches Gehör, noch viel weniger mit Haftbefehl
eingesperrt, mit Gesetzesbrechern öffentlich vorgeführt
und soll wegen <schweren Inzests> vor die Gerichts-
schranken kommen. Eine Familie wird in eine Krise ge-
stürzt, ein Kind so verletzt, daß es fürs ganze Leben
psychisch lädiert sein kann. All das unter dem Deck-
mantel von Moral und Gerechtigkeit, all das in jenem
Land, dessen Präsident die Würde des Oval Office im
Lewinsky-Skandal zur Farce des <Oral-Office> degra-
diert hat. Allerdings: Das geschah auch in jenem Land,
das, neben China und dem Iran, weltweit die meisten
Todesurteile vollstreckt und das selbst geistig Unzu-
rechnungsfähige und Minderjährige auf den elektri-
schen Stuhl bringt oder auf die Giftspritzen-Bahre bin-
det, in Einzelfällen noch in die Gaskammer zum
Erstickungstod schicken läßt.
Die Justiz-Maschinerie der USA wirkt für Europa be-
fremdend. Merkwürdig ist das, weil wir Europäer die
Gewaltentrennung und somit auch die Unabhängigkeit
der Justiz der USA prinzipiell so sehr bewundern, daß
man hier, in der <alten Welt>, ein ähnliches Modell in
die Verfassungen aufgenommen hat. Theoretisch ist
Amerika das große Vorbild, aber die Praxis wider-

142
spricht dem auf krasse Weise. «Angeblich», so meint
Gysling, «fühlen sich Schweizer und Schweizerinnen
traditionell auf einer sehr eigenartige Weise mit Ameri-
ka verbunden. Nach Kenntnis dieses Buches dürfte sich
mit Sicherheit vieles ändern.»
Nach dem Zweiten Weltkrieg schwang sich Amerika
ideologisch gefärbt zum Höhepunkt des Kalten Krie-
ges. Dieses Amerika soll uns vor den Russen gerettet
haben, lautete landesweit die Überzeugung. Wer diese
These nicht teilte, wurde als Kommunist verdächtigt.
Dann aber erkaltete diese Verbindung zwischen der
Schweiz und den USA, nicht zuletzt wegen Vietnam.
Später verlangte Amerika von der Schweiz eine fle-
xiblere Haltung der Neutralität in Konfliktfällen. Bis
zum Ausbruch der Krise um die nachrichtenlosen Kon-
ten. Sie wurde oberflächlich belegt, irritierend für die
Schweiz blieb die Tatsache, daß in den USA Unmengen
von nachrichtenlosen Konten existieren und dies weder
bei den Behörden noch den Banken oder Versicherun-
gen so viele Schuldgefühle auslöst, daß sie sich zum
Handeln verpflichtet fühlten. Ähnlich war es bei der
Frage der Aufnahme von Flüchtlingen, sowohl während
des Zweiten Weltkriegs als auch bei späteren Konflik-
ten: die USA öffneten die Tore bestenfalls um einige
Zentimeter, die Schweiz öffnete unmeßbar viel weiter.
Dann kam es zu Streitereien zwischen den USA und
Europa, um Handelspräferenzen, um Bananenimport
und so weiter, wobei die Schweiz indirekt betroffen
war. Und jetzt der Fall dieses schweizerisch-amerikani-
schen Jungen.
Letzten Endes spielt bei allen Problemen zwischen
dem Kleinstaat Schweiz und den USA das Thema

143
Macht und Ohnmacht eine Rolle. Man identifiziere sich
jetzt hierzulande mit der Familie des Elfjährigen, der
von den US-Richtern unverhältnismäßig angepackt
wurde, im Sinne einer Ohnmachts-Gesellschaft. Die
Macht wird bewundert, solange sie andere trifft (Iraks
Saddam Hussein oder Milosevics' Serbien). Sie wird
gehaßt, sobald man ihr selbst direkt ausgesetzt ist.»
Ich stimme Erich Gysling zu, solange Amerika seine
Macht nicht bei den Schwachen ausnutzt. Denn in der
christlichen Welt hat der Schwächere noch immer einen
weit höheren Anspruch auf Nachsicht. Bewundern kann
man Amerika schon längst nicht mehr, es ist eine Groß-
macht, die sich durch Diktat wie ein Despot über ande-
re Länder und Völker hinwegsetzt und dann noch er-
wartet, bewundert zu werden.
Daß Willkür und Unsicherheit in den USA herrschen,
wissen Hunderte von Schweizerinnen und Schweizer
zu berichten. Oft sei die Bürokratie weit schlimmer als
in der Schweiz. Obwohl in Los Angeles das Wetter
meist schöner sei, so der Chefkoch Ueli Hügli, mache
einem die Behörde mehr zu schaffen.
«Die individuelle Freiheit wird heute als Gefährdung
des sozialen Gemeinwesens wahrgenommen. So wer-
den im Gegenzug die Geister der konservativen Wert-
vorstellungen wieder zum Leben erweckt», stellt der
Züricher Soziologe Merz-Benz fest. Dazu passe auch
die aktuelle Meldung über eine private Initiative im li-
beralen Kalifornien, die Drogenabhängigen 200 Dollar
bezahlt, wenn sie sich sterilisieren lassen. Die Schwei-
zer hielten lange Zeit am makellosen Bild des «großen
Bruders» Amerika fest. Nun hat das schöne Bild mehr
als nur ein paar kleinere Kratzer abbekommen.

144
Unter dem Titel «Konservativ, fortschrittlich, arro-
gant, einnehmend - die vielen Gesichter der USA irri-
tieren» erschien im SonntagsBLICK ein Bericht über
das «Land der begrenzten Möglichkeiten», der meine
Eindrücke und Erlebnisse während den Jahren in den
USA bestätigte.
Die Holocaust-Gelder-Affäre und der Clinton/Le-
winsky-Skandal erregten die Gemüter. Nun löste der
Fall Raoul hierzulande einen Sturm der Entrüstung aus.
Die amerikanischen Vorstellungen von Recht und Mo-
ral, Sexualität und Frömmigkeit, Gut und Böse bleiben
uns unverständlich.
Die Bündnerin Karin Senn war als Austauschschüle-
rin in einem kleinen Ort in Minnesota. Beim ersten
Cheerleader-Training wurde sie zurechtgewiesen, weil
sie in kurzen Hosen erschien. «Ich verstand die Welt
nicht mehr», erzählte sie, «gehört doch zur Uniform der
Cheerleaders generell dieses superkurze Röckchen!»
Aber nach Logik fragen die Amerikaner nicht. Peter-
Ulrich Merz-Benz bemerkt dazu: «In den USA herrscht
ein enormer Gegensatz zwischen Freiheit und einem
Verharren in konservativen Wertvorstellungen. Für Eu-
ropäer ist es schwer, einen Zusammenhang zu sehen.»
Der Glaube der Amerikaner an die Freiheit ist Teil ih-
res Selbstverständnisses und gründet in der Unabhän-
gigkeit von 1776. Das Persönlichkeitsrecht wurde be-
reits damals in den USA verankert, noch bevor es durch
die französische Revolution formuliert wurde. Die USA
waren der erste Staat mit einer republikanischen Verfas-
sung. Der US-Bürger lebt in dem Bewußtsein, sich

145
nichts von außen aufzwingen zu lassen und sich in völ-
liger Freiheit eigene Normen zu geben, selbst wenn die-
se sehr streng sind. Der Mythos der amerikanischen
Freiheit liegt aber auch in der traditionellen Vorstellung
vom freien, wirtschaftlich unabhängigen Farmer be-
gründet - dies sitzt tief in den Köpfen der Menschen.
Noch tiefer sitzt die Vorstellung vom auserwählten
Volk: Amerika verstand sich im frühen 17. Jahrhundert
als Gegenbild zu Europa. Die Anfänge der angelsächsi-
schen Besiedlung gingen davon aus, das neue Zion in
der Wildnis zu sein. Man wollte das geistig korrumpier-
te Europa mit seiner Königs-, Fürsten- und Vetternwirt-
schaft weit hinter sich lassen. Die USA verstanden sich
als Modell für eine wahrhaft christliche Gesellschaft,
die für sich in Anspruch nimmt zu wissen, was gut und
was schlecht ist. Aber der Weg zur Scheinheiligkeit und
Entartung ist kurz. Das zeigt sich auch im zum Teil per-
vertierten amerikanischen Rechtssystem, das wie in
dem Fall Raoul tiefe Eingriffe in die persönliche Sphä-
re erlaubt - und das nur aufgrund der seltsamen und
bizarren Anschuldigungen einer skurrilen Nachbarin.
Die Doppelmoral der Amerikaner läßt sich insbeson-
dere bei der Produktion von US-Endlosserien wie bei-
spielsweise «Beverly Hills» oder «Baywatch» und der-
gleichen ablesen. Hier dürfen die Frauen im Fernsehen
mehr als nur dürftig bekleidet ihre Reize zeigen, die
Kamera zielt ostentativ auf genau jene Körperteile, vor-
zugsweise, wenn Männerhände Sonnenöl auf die Frau-
enkörper reiben. Von keinem anderen Land werden der-
artige Filme öffentlich produziert, nur um die Werbung
anzukurbeln - außer in Hollywood. Neuerdings ziehen
allerdings auch die europäischen öffentlich-rechtlichen

146
und vor allem die Privatsender nach - unter der Absolu-
tion des Quotendrucks kann sich der Zuschauer bei
«Big Brother» ungehemmt dem puren Voyeurismus
hingeben. Man muß sich fragen, wieviel Toleranz dem
Zuschauer bezüglich Unsittlichem noch zugemutet
werden soll.
Für Reinhard Fatke, der an der Uni Zürich Sozial-
pädagogik lehrt und zwei Jahre in den USA lebte, ist
klar, daß die Amerikaner im Vergleich zu den Eu-
ropäern ein verklemmtes Verhältnis zur Sexualität ha-
ben. Schon im Sprachgebrauch zeigt sich das sehr deut-
lich. Da wird nicht von Toilette gesprochen, sondern
von restroom oder powderroom, in den sich die Damen
offiziell zurückziehen, um die Nase zu pudern. Die Fol-
gen sind erstaunlich: Die Unterdrückung von allem,
was auch nur im Entferntesten nach Sexualität klingt,
führt zu Überreaktionen. So hat kürzlich eine Service-
angestellte in New York einen Gast wegen sexueller
Belästigung angezeigt, weil er im Restaurant den
«Playboy» las. Gleichzeitig aber ist die Rate von Teena-
ger-Schwangerschaften in den USA außergewöhnlich
hoch.
Selbst wenn nicht alle Staaten der USA die Gesetze in
solch strenger und prüder Art auslegen, kann dies nicht
darüber hinwegtäuschen, daß in den Staaten die konser-
vativen Kräfte generell wieder aufleben. Sollte der neue
Präsident wieder Bush heißen, würde sich nicht nur die
Blutspur der Todesstrafen verschärfen, sondern auch
die unerträglichen Gesetze für Jugendliche beibehalten
werden - was das Verhältnis zwischen Amerika und
Europa erst recht verschlechtern würde.

147
6. KAPITEL
Der große Betrug

Freitag, 22. Oktober 1999


21.40 Uhr
Ende Oktober, nachdem Raoul bei einer Pflegefamilie
untergebracht worden war, durfte er endlich wieder mit
uns telefonieren. Die Genehmigung dazu war auf massi-
ven diplomatischen Druck aus der Schweiz zustandege-
kommen. Man hatte ihm erlaubt, von der Kanzlei seiner
Anwälte in Denver aus zu telefonieren. Selbst-
verständlich hatte man dem Jungen vorher eingeschärft,
weder Personen noch Ort seiner Pflegefamilie zu nen-
nen. Am 22. Oktober um 21.40 Uhr läutete seit Wochen
das Telefon wieder einmal, mit dem Raoul uns anrief.
Das Telefonat verlief wie folgt:
«Hallo Mami!»
Beverly schluchzt leise vor sich hin: «Darling, Raoul,
ich würde dich so gerne bei mir haben, sofort!»
«Oh, Mami, bitte weine nicht. Kannst du ein neues
Bild von dir senden?»
«Oh, ja!»
Der Junge: «Ich habe vorher Geschenke gekriegt. Ei-
nen Taschenrechner, einen Notizblock, einige Bücher.»
Raoul durfte im Gefängnis nichts besitzen, was per-
sönlichen Charakter hatte. Erst seit er in der Pflegefa-
milie untergebracht ist, kann er solche Dinge in be-

149
schränktem Umfang entgegennehmen. Er wirkt er-
staunlich gefaßt. Aus dem Raumtelefon ertönt ein fei-
nes Buben-Stimmchen. Kein einziges Mal weint Raoul,
auch nicht, als Sophia an den Apparat geht.
Sie sagt: «Hallo, Raoul, wie geht es dir? Ich bin in der
Schweiz. Ich vermisse dich.»
Raouls Antwort: «Ich vermisse dich auch.»
Nun werde ich ans Telefon gerufen. «Raoul?»
«Hallo Papi!»
«Wie geht es dir?» frage ich.
Er antwortet: «Ich bin okay.»
«Wir vermissen dich alle so sehr», spreche ich weiter.
Raoul fragt: «Habt ihr meinen Brief gekriegt?»
Meine Antwort: «Ja, er war wunderbar. Wir haben uns
sehr darüber gefreut. Wir bewahren ihn auf.»
Raoul erzählt, daß er jetzt bei einer Gastfamilie sei, in
einem antiken Haus bei einem netten Ehepaar, dessen
Kinder schon ausgeflogen sind. Am Montag komme er
dann ins Heim.
«Papi, ich vermisse dich.»
Ich erwidere: «Ich dich auch. Jetzt kommt jemand,
der auch noch mit dir sprechen möchte.»
Raoul: «Tatjanna?»
Die zwölfjährige Schwester übernimmt den Hörer.
Tatjanna: «Hallo, Raoul, weißt du, wann du zu uns
kommst?»
Er stockt und überlegt, was er jetzt sagen soll.
«Ich weiß nicht, vielleicht in ein oder zwei Monaten.»
Raoul muß das Telefonat beenden, aber wenigstens
konnten wir wieder mal seine Stimme hören.

150
Aus Deutschland kam ein Anruf des deutschen Star-
anwalts Steffen Ufer, der durch Fälle prominenter Per-
sonen bekannt ist. Vor laufender Kamera erklärte Ufer:
«Ich will mich für Raoul einsetzen. Der Fall Raoul hat
mich aufgewühlt als Vater, als Rechtsanwalt, als Eu-
ropäer, und ich fühle mich verpflichtet einzugreifen.
Raoul ist ein zehnjähriges Kind, das nach den Gesetzen
für Erwachsene behandelt wird, was völlig absurd ist.
Die Amerikaner ticken nicht richtig, sie haben eine ge-
störte Beziehung zur Sexualität und keinen Bezug zu
den Menschenrechten: Ich will verhindern, daß ein wei-
teres Kind zerstört wird. Der Aufschrei in der zivilisier-
ten Welt ist einhellig. Wir in Europa haben ein anderes
Rechtsverständnis, und die Amerikaner leben auf einem
anderen Planeten.»
Ufer möchte so schnell wie möglich mit mir nach
Amerika fliegen. Der Staranwalt will allerdings vorher
noch mit dem konsularischen Dienst der Schweiz ab-
klären, ob gegen mich etwas vorliegt. Er traut den Ame-
rikanern nicht und verlangt daher eine offizielle Bestäti-
gung von Denver.
Auf meine Frage, was er denn besser könne als die
amerikanischen Anwälte, antwortet Ufer: «Die ameri-
kanischen Anwälte haben sich daran gewöhnt, daß Kin-
der eingesperrt werden. Ich möchte dem Fall eine neue
Dynamik geben, indem ich den Staatsanwälten auf den
Kopf zusagen werde, wie krank es ist, so mit einem
Kind umzugehen. Ich glaube, daß ich damit erreichen
kann, daß Raoul nach den Verhandlungen am 8. No-
vember zu Ihnen zurückkehren darf.»

151
Ich frage ihn weiter, wer denn die neuerlichen Kosten
tragen soll? Der Rechtsanwalt erwidert: «Das ist für
mich eine Sache des Herzens, ich verlange kein Hono-
rar! Ich werde nur die Kosten des Flugs in Rechnung
stellen.»
Auch Therapeuten und der Deutsche Bundestag
machten sich für die Freilassung von Raoul stark.
Vor allem die Schweizer Therapeuten waren entsetzt
über die Art, wie die Justizbehörde in Jefferson County
Raoul behandelte. Ihr Hauptvorwurf war: Raouls Ver-
halten kann allenfalls als sexuelle Spielerei bezeichnet
werden - Inzest sei eine tendenziöse Fehlbezeichnung.
Die Gesellschaft der Schweizer Psychotherapeuten
für Kinder und Jugendliche schrieb einen offenen Brief
an die US-Botschaft in Bern. Darin stand: «Wir sind
überzeugt, daß auch die amerikanischen Fachkollegin-
nen und -kollegen ein solches Vorgehen und eine solche
Anklage zurückweisen würden.»
Die gleiche Reaktion gab es auch von den deutschen
Parlamentariern, sie wollten Raoul ebenfalls helfen.
Außenminister Fischer nahm im Bundesrat Stellung zu
dem unglücklichen Verfahren gegen den Schweizer
Jungen in den USA. Ralf Stockei (SPD), Vorsitzender
der Kinderkommission des Bundestages, erklärte: «Es
ist barbarisch, wie Amerika mit einem zehnjährigen
Kind umgeht. Dieses Land, das so stolz ist auf seine de-
mokratischen Traditionen und weltweit große An-
sprüche davon ableitet, verhält sich hier ausgesprochen

152
Für die Verteidigung Raouls heißt es jetzt «alles
oder nichts».
Nochmals vor den Schranken des Gerichts
(v.l.): Gerichtsdiener, Konsul Walter Wyss,
Arnold C. Wegher und Darby Moses

V Geschafft! Raouls Verteidiger Arnold C.


Wegher und seine Mitanwältin Darby Moses
sowie Vincent Todd freuen sich nach der
Urteilsverkündigung durch Richter James D.
Zimmerman.
Vor der letzten Entscheidung wird unser Sohn
nochmals dem Richter vorgeführt. Raouls verbisse-
nes Gesicht spricht Bände.
Der erste Anruf mit der guten Nachricht aus
Amerika: Raoul ist frei!

156
A Unsere ganze Familie ist überglücklich. In der
Schweiz kann sich Beverly selbst jetzt, mitten in
der Nacht% dem Ansturm der Glückwunsch-
anrufe kaum erwehren.

Raouls
Großmutter
Dianna Wood
strahlt vor
Freude.
A Ein Foto, das Raoul in der «Admirals Lounge»
auf dem Flughafen in Denver aufgenommen
hat.

V Raouls kleine Cousine, hinten Monica Fahmy,


vorne Dianna Wood und der BLICK-Fotograf
Dominik Baumann, fotografiert von Raoul.
A Unser Sohn und seine Großmutter Dianna
Wood beim ersten guten Essen im Flugzeug.

V Raoul hatte die gesamte Crew in Beschlag


genommen, und alle freuten sich über seine
Fröhlichkeit - so auch das Bordpersonal.
Ein Foto, das Raoul unmittelbar nach dem Abflug
in Denver aufgenommen hat. «Hierher werde ich
nie wieder zurückkehren I»
Ankunft in Zürich-Kloten, wo über hundert
Fotografen und Journalisten auf den Ehrengast
warteten.
Ein sichtlich gelöster und fröhlicher Raoul winkt
den Pressefotografen zu.
Rührende Augenblicke. Raoul hält seinen Vater
fest umklammert.
«Jetzt wirst du mich nie wieder alleine lassen,
Dad!»

164
gegenteilig gegenüber Kindern, was nicht akzeptiert
werden kann. Die Mitglieder aller fünf Parteifraktionen
haben beschlossen, einen Protestbrief an die USA zu
verfassen. Diesen Brief soll sowohl Präsident Clinton
als auch Bill Owens, der Gouverneur von Colorado,
erhalten.» In diesem Schreiben wurde nicht nur auf
die unmenschliche Behandlung des elfjährigen Raoul
Wüthrich eingegangen, sondern auch eine Vergiftung
des Klimas und eine mögliche sichtbare Abspaltung der
Europäer von den USA angedroht. Wenn ein Verbünde-
ter wie Amerika sich mit solchen Gesetzen an Kindern
vergreife, könnten nicht nur die wirtschaftlichen, son-
dern auch die völkerrechtlichen Grundfeste ins Wanken
geraten. Sollten die USA tatsächlich diesen Jungen für
etwas verurteilen, was ganz offensichtlich kaum stattge-
funden haben dürfte, würde das ganz Europa, vor allem
aber das Verhältnis der EU zu den USA in eine tiefe
Krise stürzen.
Auch der Schweizer Bundesrat trat nun hinter den
Kulissen massiver auf, und man drohte bereits mit di-
plomatischen Konsequenzen.
Der Schweizer Diplomat Alfred Defago war bereits
mehrfach im State Departement vorstellig geworden,
und nun wurde ein Ultimatum gestellt - welches blieb
allerdings ein Geheimnis zwischen Bern und Washing-
ton.
Auf jeden Fall läutete das Telefon im Oval Office,
und Bill Clinton hörte zu, was sein Stabschef zu sagen
hatte. Die Order lag nun auf seinem Tisch.
«Was sollen wir unternehmen, Herr Präsident?» fragt
der Stabschef.

165
Kurze Pause, ein Raunen, lautes Atmen, dann die Ant-
wort des Stabschefs: «Vielleicht sollten wir den Leuten
in Colorado mal auf die Finger klopfen?»
«Wie ernst ist die Sache tatsächlich?» will der Präsi-
dent wissen.
«Wenn Sie mich fragen, Herr Präsident: Die Sache
läuft aus dem Ruder. Die Richterin hätte den Fall längst
abgeben müssen. Wir stehen in absehbarer Zeit in diver-
sen schwierigen Abschlußverhandlungen mit unseren
Europa-Verbündeten, der deutschen Regierung und
Wirtschaft wegen der Zwangsarbeiter-Entschädigung.
Auch die Schweizer haben ihr Vorhaben mit der Solida-
ritätsstiftung noch nicht behandelt. Das Drama um den
Jungen könnte uns und unseren Freunden schaden.
Sollte es unter der Federführung Deutschlands zu
einem Appell der EU kommen, könnten die Verfahren
ins Stocken geraten. Auch die Außenministerien von
Frankreich, Italien, Österreich, das Europaparlament
und sogar der englische Premier haben sich dafür ein-
gesetzt, bei einem so jungen Kind nachsichtiger zu sein.
Sollten die bereits wochenlangen negativen Schlagzei-
len über den Fall weiter anhalten, könnte sich die Stim-
mung sehr wohl gegen unser Land richten.»
«Wie sehen die Aussichten von Colorado denn aus?»
erkundigt sich Bill Clinton und fährt fort: «Setzen Sie
sich mal mit Bill Owens in Verbindung. Ich will wissen,
wie weit er geht!»
«Das habe ich bereits gemacht, Herr Präsident. Der
bleibt stur, weil in den nächsten Monaten die lokalen
Neuwahlen sind. Er will so viele Verurteilte wie mög-
lich sehen, damit das Littleton-Desaster von der Bevöl-
kerung wieder einigermaßen vergessen wird.»

166
«Das glauben Sie ihm? - Ich meine, kann der Gou-
verneur wirklich ein solcher Idiot sein, daß er glaubt,
die Angehörigen der Opfer würden so was so schnell
vergessen?»
«Ich weiß nicht, Herr Präsident. Mir hat er nur gesagt,
daß ihn Washington weiß ich wo könne. Es gebe gar
nichts, bevor die Wahlen vorüber seien.»
«Nehmen Sie den Frechdachs an die Kandare! Vor al-
lem sorgen Sie dafür, daß es einen Richterwechsel gibt.
Diese Lennard hat durch ihre Engstirnigkeit ihr Pulver
verschossen. Würde sie jetzt dem nachgeben, was sie so
hartnäckig verteidigt hat, würde ihr das niemand abneh-
men. Ich kann jetzt absolut keinen Ärger aus dem Euro-
parat brauchen, es steht zuviel auf dem Spiel. Der Fall
muß sofort und unspektakulär gelöst werden. Wenn et-
was mit dem Jungen nicht stimmt, sollen die Schweizer
das Problem lösen.»
«Gut, Herr Präsident, ich kann mich einmal direkt an
die Staatsanwaltschaft wenden. Owens werde ich den
guten Rat geben, sich zu benehmen, wenn er von uns
weiterhin unterstützt werden will. Falls er sich weigert,
hat er von uns nichts mehr zu erwarten!»
«Tun Sie das, und halten Sie mich auf dem laufen-
den!»
Die Leitung knackt, der Präsident hat aufgelegt.
Hillary hatte das Gespräch über den Raumsprecher
mitgehört und sagte nun: «Du weißt von meinem Besuch
vor zwei Jahren in der Schweiz. Die Leute dort sind
nett, und ich war von dem Schweizer Kinderparlament
in Luzem sehr beeindruckt und hatte viel Freude dort.
Die Kinder haben mir übrigens einen Brief geschrieben.

167
Es geht ihnen um Raoul, sie wollen ihm helfen und ha-
ben mich gebeten, für ihn einzustehen. Stell dir vor, die
Schweizer haben bei uns eine Petition mit fast vierzig-
tausend Unterschriften eingereicht!»
«Davon habe ich gehört, Darling. Die sind immer
noch in Bern deponiert. Aber was sollen wir damit an-
fangen? Die Wände im Weißen Haus tapezieren?»
«Du bist zynisch!»
«Kein Wunder, bei diesem Ärger! Als ob wir nichts
Besseres zu tun hätten, als der Presse wegen eines Jun-
gen Rede und Antwort zu stehen. Die Schweizer Bot-
schafter in Amerika geben sich hier regelrecht die Tür-
klinke in die Hand, und in Colorado haben wir einen
sturen Esel sitzen, der nicht weiß, wann man einlenken
muß, bevor es zu einem Schaden für unser Land
kommt.»
«Was ärgert dich so an ihm? Nur weil er einer der
Erzkonservativen und ein Vertreter Mittelamerikas ist?
Oder weil er eine andere Moralvorstellung von Sex hat
als du?»
Bill Clinton sah die First Lady an. Der Seitenhieb hat-
te gesessen.
Hillary wollte bereits wieder in ihr Büro zurückge-
hen, als sie nochmals stehenblieb und den Faden wieder
aufnahm: «Es war wirklich ein Erlebnis, wie die klei-
nen acht- bis vierzehnjährigen Kinder in Luzern dort
schon das Zeug für ihre Zukunft lernen. So etwas soll-
ten wir hier auch einführen.»
«Darling, hier dürftest du mit deiner Idee auf Granit
beißen. So etwas mag ja recht und gut sein in einem so
kleinen Land, wie die Schweiz es ist. Aber du siehst ja,
daß es in den anderen europäischen Ländern eine sol-

168
che Institution auch nicht gibt. Ich halte das alles für
reinen Kinderkram. Kinder, die Politiker spielen wol-
len, da muß ich doch lachen! Was verstehen die schon
vom Leben und von Politik! Und ausgerechnet wir
Amerikaner sollen dies einführen? - Abgesehen davon
hättest du gar nicht mehr die Zeit dafür, meine Zeit ist ja
auch bald abgelaufen.»
Sie blickte etwas mißbilligend zu Bill und erwiderte:
«Du sagst es Bill, du sagst es!»
Clinton sah einen Moment zur First Lady auf, da er
den schneidenden Ton an ihr sehr wohl kannte. Einen
Augenblick hielt er kurz inne, so als ob er etwas sagen
wollte. Dann aber schüttelte er nur kurz den Kopf, weil
er wußte, daß er ihr sonst den ganzen Tag verdorben
hätte, und vertiefte sich wieder in die Akten, die vor
ihm lagen.
Der Zufall wollte es, daß zum gleichen Zeitpunkt Co-
lorado ein neuerliches Desaster vermelden mußte.
Marylin Lennard, die Richterin, hatte angeblich die
Protokollaufnahme der letzten Anhörung «verbockt» -
das Gerät sei nicht in Ordnung gewesen, und deshalb
hätte es mit der Aufzeichnung nicht geklappt. Als Folge
wurde eine Wiederholung der Anhörung angeordnet.
Das Fehlen dieses Protokolls stieß der Verteidigung
bitter auf. Die Anwälte waren bei der Anhörung selbst-
verständlich dabeigewesen und konnten sich gut vor-
stellen, weshalb sie nun wiederholt werden mußte. Es
hatte nämlich bezüglich der Aussagen der Zeugin Meh-
mert ein «Mißverständnis» gegeben, wie die Anklage es
nannte, und die Richterin hatte dem Einwand stattgege-
ben. Die Zeugin Mehmert soll sich im Verlauf dieser

169
Anhörung zunächst ganz anders geäußert haben. Nach
Rückfrage der Verteidigung war sie sich nicht mehr si-
cher gewesen, ob sie eine Frage des Verteidigers nicht
richtig verstanden oder aber etwas Falsches gesagt hat-
te. Auf jeden Fall wurde die Sitzung daraufhin unter-
brochen und die Zeugin Laura Mehmert ins Gerichts-
zimmer zitiert; die Staatsanwälte und die Verteidigung
waren ebenfalls anwesend. Laura Mehmert wurde vor-
gehalten, daß sie nicht die gleichen Aussagen gemacht
habe wie zuvor bei der Staatsanwaltschaft zu Protokoll
gegeben. Jetzt, vor den Schranken des Gerichts, be-
fürchtete sie, beim Jüngsten Gericht vielleicht bestraft
zu werden, wenn sie den Jungen belasten würde, wo er
doch beteuerte, nichts gemacht zu haben. Die Staatsan-
wälte drohten ihr damit, daß sie wegen Meineids vom
Gericht zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wer-
den könne, wenn sie jetzt eine andere Aussage mache.
Die Richterin ermahnte sie, dem Gericht Folge zu lei-
sten und alles wieder ins richtige Licht zu rücken.
Die Verteidigung war der Meinung gewesen, dieses
Gespräch müsse unbedingt in das Protokoll aufgenom-
men werden. Generell werden solche Protokolle nach
den Bandaufnahmen transkribiert und dann zu den Ge-
richtsakten gelegt, in die der Staatsanwalt und die Ver-
teidigung Einsicht haben. Das Gespräch zwischen der
Hauptzeugin Laura Mehmert, der Staatsanwaltschaft
und der Richterin hätte natürlich die Glaubwürdigkeit
der Kronzeugin untergraben und Raoul entlastet. An-
stelle des Protokolls kam am nächsten Tag aber die
Hiobsbotschaft, das Aufnahmegerät sei anscheinend
von der Richterin nicht korrekt gehandhabt worden,
und deshalb würden gar keine Aufzeichnungen für das

170
Protokoll existieren. Als Folge sollte die ganze An-
hörung wiederholt werden, diesmal allerdings ohne
Raoul.
Das i-Tüpfelchen bei der ganzen Aktion war die Tat-
sache, daß sogar die angeblich nichts enthaltenden Bän-
der vernichtet worden waren; wenn man eins und eins
zusammenzählt, kann man sich vorstellen, was der Hin-
tergrund dafür gewesen sein mag. Die Bänder hätte
man als Beweismaterial beschlagnahmen können - aber
leider, leider, sie waren ja entsorgt worden. Die Unbe-
gabtheit der Richterin, das Gerät zu bedienen, schien
um so unglaubwürdiger, als sie angeblich zu Hause
über genau das gleiche Gerät verfügte, um Musik auf-
zunehmen. Wie auch immer, der erneute Eklat war per-
fekt, und es gab ein einhellig negatives Echo in der
Weltpresse. Selbst die Bewohner von Golden Denver
schüttelten die Köpfe. So etwas sei noch nie vorgekom-
men, gestand der Sheriff einem Reporter, aber einmal
sei es eben immer das erste Mal. Wer sollte bei diesem
ganzen Fiasko noch den Überblick behalten?
Auf die verschwundenen Bänder angesprochen, er-
klärte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, man habe
diese vernichtet, damit ein solches Malheur nicht noch
einmal passiere. Die Wiederholung der Anhörung vom
19. Oktober wurde für den 4. November anberaumt, es
sollten jedoch nur die Anwälte anwesend sein, Raoul
brauche nicht zu erscheinen. Am Gerichtstermin 8. No-
vember hielt man aber trotzdem fest.
Zwischenzeitlich hatte Raoul noch einmal mit uns te-
lefonieren dürfen. Er wirkte dabei ziemlich niederge-
schlagen, da es einen unangenehmen Zwischenfall ge-

171
geben hatte. Raoul war mit seiner Pflegemutter ein-
kaufen gegangen. An einem Kiosk-Stand sah er eine
Zeitung mit seinem Konterfei auf der Titelseite, nahm
sie und ging damit zur Pflegemutter, die gerade mit
zwei Freundinnen in ein Gespräch verwickelt war.
«Schauen Sie, das bin ich! Man hat über mich geschrie-
ben!» meinte Raoul treuherzig zu ihr.
Die Frauen nahmen die «Denver Post» in die Hände,
auf deren Titelseite das Bild von Raoul abgedruckt war.
Unter dem Foto stand in großen Lettern zu lesen: «Elf-
jähriger Junge wegen Inzest angeklagt! Gerichtstermin
auf den 8. November festgelegt!» Die beiden Freundin-
nen starrten Raouls Pflegemutter bestürzt an, worauf
diese einen hochroten Kopf bekam und eiligst mit dem
Jungen an der Hand verschwand.
Dieser Ausrutscher von Raoul - man hatte ihm offen-
sichtlich nicht gesagt, daß er in der Öffentlichkeit keine
Bemerkung über seinen Fall machen durfte - hatte Fol-
gen für ihn. Das Ehepaar wollte ihn nicht mehr haben,
weil es der Meinung war, es sei durch Raouls Bloßstel-
lung ins Gerede gekommen. Normalerweise nehmen
begüterte Familien keine Pflegekinder auf, die meisten
Anfragen nach Pflegekindern erhalten die Sozialämter
von minderbemittelten Familien, die ihr monatliches
Einkommen etwas aufbessern wollen. Deshalb waren
die beiden Freundinnen der Pflegemutter auch so über-
rascht, daß dieses angeblich begüterte Ehepaar sich für
die Aufnahme von Pflegekindern hatte einschreiben
lassen. Und das für einen Jungen, der flächendeckend
in Colorado, der ganzen USA und sogar in Europa für
Schlagzeilen sorgte.

172
Da der Heimplatz mittlerweile bereits wieder ander-
weitig besetzt war, wurde Raoul zu einer neuen Pflege-
familie gebracht. Die Staatsanwaltschaft und das So-
zialamt gingen von einem kurzen Aufenthalt aus, weil
die Gerichtsverhandlung bereits am 8. November statt-
fand. Sollte der Richter Raoul für schuldig befinden
und sich für einen Geschworenenprozeß entscheiden,
müßte der Junge vorübergehend in ein Jugendgefäng-
nis. So brachte man ihn vorübergehend zu einem ande-
ren Ehepaar.
Beim nächsten Telefonat klang Raoul nicht mehr so
erfreut. Als Beverly ihn fragte, ob alles in Ordnung sei,
wich er aus; denn die Sozialarbeiterin saß neben ihm
und achtete strikt darauf, was er sagen durfte und was
nicht. Das verunsicherte den Jungen.
Vom Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft John Thirkell
war zu hören, daß es unserem Sohn gut gehe und er
an einem ordentlichen Platz untergebracht sei. Seine
Rechtsanwälte dürften ihn sehen, Raoul werde dafür je-
doch jeweils an einen neutralen Ort gebracht.
Wer aber konnte die Garantie dafür geben, daß es un-
serem Raoul tatsächlich gutging? Hunderte von Kin-
dern in den USA wurden und werden in Pflegefamilien
schlecht behandelt, zum Teil geschlagen und miß-
braucht - es kam auch schon mehrfach zu Todesfällen.
Zum Glück schien dies alles bei Raoul nicht der Fall zu
sein.
«Es geht ihm wunderbar», hieß es aus Weghers An-
waltskanzlei, wo Raoul soeben zu Besuch gewesen war.
Solche schöne Worte vermögen eine Mutter aber nicht
hinwegzutäuschen, wenn sie spürt, wie es ihrem Kind

173
wirklich geht. Auch die Geschwister von Raoul waren
bedrückt, ihnen fehlte ihr Brüderchen. Sie fühlten sich
mit ihm verbunden, auch wenn sie neuntausend Meilen
voneinander entfernt waren.
Raouls Großmutter Dianna Wood hatte an den Kon-
greß, die Senatoren und den amerikanischen Präsiden-
ten Bill Clinton geschrieben, aber keine Antwort erhal-
ten. War dies, weil der Präsident bereits intern dafür
gesorgt hatte, daß der Fall so rasch wie möglich ad acta
gelegt werden sollte, oder weil die Herren Abgeordne-
ten und der Kongreß sich für ein Einzelschicksal gar
nicht interessierten?
Dianna Wood hatte begonnen, unseren ganzen Haus-
rat mitsamt Möbeln und Kleidern in einen Container zu
packen, der in die Schweiz gebracht werden sollte. Un-
ser Haus in Evergreen am Pine Drive 28509 stand leer
und zum Verkauf.
Der österreichische Menschenrechtler Ingo Schmidt,
der sich wie viele andere für Raoul einsetzte, nahm in
Zürich von uns ein Paket entgegen. Es war bis obenhin
voll mit Geschenken und Briefen für Raoul, zusammen-
getragen von vielen kleinen und großen Freunden aus
der Schweiz. Aus der ganzen Schweiz und aus dem
Ausland trafen solche Briefe und Geschenke ein. Sie ta-
ten uns gut, und wir alle waren gerührt von der großen
Anteilnahme und den aufmunternden Worten. Natürlich
enthielt das Paket auch Süßigkeiten, Schokolade und
Biskuits.
Ingo Schmidt hatte für den Fall, daß Raoul bei der
nächsten Gerichtsverhandlung freigesprochen werden

174
.sollte, eine Vollmacht in der Tasche, die ihn ermächtig-
te, den Jungen gleich mit in die Schweiz zu nehmen.
Allerdings standen die Chancen für eine Freilassung
damals noch schlecht, sehr schlecht. Es war kaum anzu-
nehmen, daß die Richterin Marylin Lennard ihre Mei-
nung ändern könnte. Auch der bereits neu benannte
Richter James D. Zimmerman dürfte kaum mehr als
Bekanntes zutage befördern.

Donnerstag, 4. November 1999


13.00 Uhr
Am 4. November um 13.00 Uhr fand im Gerichtsgebäu-
de in Golden Denver die Wiederholung der Anhörung
vom 19. Oktober statt, wiederum unter dem Vorsitz von
Marylin Lennard.
Unter dem politischen Druck, auch aus dem Weißen
Haus, machte die Staatsanwaltschaft der Verteidigung
das Angebot, daß ihr Mandant möglicherweise sofort
auf freien Fuß gesetzt werde könnte, wenn er sich
schuldig bekennen würde. Zusätzliche Bedingungen
wären aber, daß Raoul sich einer sexualpsychologi-
schen Betreuung unterziehe und weitere Auflagen er-
fülle, die die Staatsanwaltschaft mit dem Sozialamt
noch zusammenstellen wolle. Diese Maßnahmen könn-
ten auch in der Schweiz durchgeführt werden. Der
Knackpunkt war also das geforderte Schuldbekenntnis.
Diese Meldung bestätigte Mark Suprenand, Direktor
des Jugendamtes von Jefferson County. Die Staatsan-
waltschaft machte Raouls Verteidigung konkret den
Vorschlag, der Angeklagte könnte eventuell entlassen

175
werden, sofern er sich auf den Stuhl neben den Richter
setzen und sich schuldig bekennen würde. Damit war
auch die Richterin einverstanden. Die Entscheidung lag
jedoch in erster Linie bei Raoul, einem Kind, das seit
Monaten von der Justiz terrorisiert worden war, und
nicht zuletzt bei uns Eltern.
Manuel Sager, Sprecher und Anwalt des Schweizer
Botschafters in Washington, bestätigte, daß solche Ver-
handlungen im Gange seien. Er erklärte: «Unter Um-
ständen finden Anklage und Verteidigung sehr schnell
eine gemeinsame Basis.»
Aber was wurde aus Raoul? Noch wirkte er zuver-
sichtlich, als er in Begleitung der Sozialarbeiterin zur
Wiederholung seiner Anhörung im Gerichtsgebäude
von Jefferson County erschien - denn mittlerweile hatte
die Richterin wieder eine Kehrtwendung gemacht und
verfügt, der Angeklagte müsse an der nochmaligen Ver-
handlung doch teilnehmen.
Raoul durfte unmittelbar vor der Verhandlung mit uns
vom Büro des Jugendsozialamtes aus telefonieren. Un-
ser Sohn hatte sich über die vielen Briefe und Geschen-
ke aus der Schweiz, die ihm der Menschenrechtler Ingo
Schmidt mitgebracht hatte, riesig gefreut. Er wollte
möglichst schnell die Schulklasse aus dem Tessin ken-
nenlernen, die ihm so lieb geschrieben hatte. Und natür-
lich die Freunde und Kameraden aus dem Kindergarten
wiedersehen.
Kurz vor dem Hearing tauchten plötzlich wieder wil-
de Gerüchte auf, daß Raoul früher in Zürich das Haus
der Eltern niedergebrannt hätte. Selbstverständlich han-
delte es sich wiederum um Lügen, die angeblich «un-

176
dichte Stellen» der Staatsanwaltschaft bewußt ausge-
streut hatten, um Raouls Ruf zu untergraben und ein
schwarzes Bild von ihm zu zeichnen. Alles war frei er-
funden, weder Raoul noch wir hatten jemals in Zürich
gewohnt, es hatte nie auch nur den kleinsten Vorfall im
Zusammenhang mit Feuer gegeben. Aber als Brandstif-
ter hätte er eben in Denver gut in das Schema eines Jun-
gen gepaßt, der seine kleine Schwester sexuell miß-
braucht hat. Es war ein krankes und teuflisches Spiel,
das von der Staatsanwaltschaft betrieben wurde, nur da-
mit sie ihr Gesicht wahren konnte und ein unschuldiges
Kind verurteilt werden sollte. Selbst wenn Raoul sich
wie gewünscht schuldig bekannt hätte und deshalb
eventuell nach dieser Verhandlung in die Schweiz hätte
zurückkehren dürfen, wäre er für sein ganzes Leben ge-
brandmarkt gewesen. Er hätte sich unsinnigen Therapi-
en unterziehen müssen, und sollte er später als Erwach-
sener nochmals nach Amerika zurückwollen, hätte in
seinen Akten der Vermerk «verurteilt» gestanden.
Raoul wäre erste Adresse gewesen, wenn sich zufälli-
gerweise im Umfeld seines Aufenthaltsortes irgendein
Sexualdelikt ereignet hätte; er wäre von der Polizei
belästigt, verhört und in ihre Ermittlungen miteinbezo-
gen worden - er wäre den Makel des verurteilten Se-
xualtäters nie mehr losgeworden!
Die Schweizer Justizministerin Ruth Metzler erklärte
auf Anfrage des BLICK: «Für mich ist nach wie vor un-
glaublich, was da passiert. Zuerst konnte ich einfach
nicht verstehen, daß ein Kind in diesem Alter so etwas
durchmachen muß. Obwohl sich die Lebensbedingun-
gen des Buben inzwischen verbessert haben, habe ich

177
das Gefühl, daß es nicht vorangeht. Ich habe mit mei-
nem Kollegen Joseph Deiss schon über Lösungsansätze
diskutiert, wie Raoul in die Schweiz überstellt werden
könnte. Wenn hier meine Dienste als Justizministerin
erforderlich wären, würde ich selbstverständlich helfen,
so gut ich kann. Und das mit hoher Priorität.»
Von unserer Seite kam ein solcher Deal, wie ihn die
Denver Staatsanwaltschaft vorgeschlagen hatte, über-
haupt nicht in Frage. Zudem stünde ja neben der Wahr-
heit und dem Recht, an dem die Staatsanwaltschaft
doch eigentlich am meisten interessiert sein müßte,
noch immer das Wörtchen «eventuell», was Raouls
Freilassung anbelangte. Der Staatsanwaltschaft fehlte
das Beweismaterial für ein rechtskräftiges Urteil, und
deshalb versuchte sie, den Fall auf diese Weise zurecht-
zubiegen. Es war ein kümmerlicher Vorstoß von ihnen,
uns Eltern und Raoul mürbe zu machen; die US-Justiz
war zu weit gegangen und konnte nicht mehr zurück,
ohne ihr Gesicht zu verlieren.
Ich telefonierte nochmals mit Vincent Todd, da ich
auch seine Meinung zu dem Vorschlag der Staatsan-
waltschaft hören wollte. Während unseres Gesprächs
fragten die Rechtsanwälte Wegher, Moses und Todd
den Kleinen, ob er sich auf einen solchen miesen Kuh-
handel einlassen wollte. Ob Raoul unschuldig war,
brauchte ich ihn nicht zu fragen, der Junge hat mich
noch nie angelogen. Es freute mich, als Raoul dann -
trotz all der Nachteile, die sich für ihn ergeben könnten
- erklärte, er sei unschuldig und wolle darum auch nicht
ins Gefängnis, weil es dort sehr viele böse Menschen
gebe.

178
Damit war die Sache klar, auch für seine Verteidi-
gung. Vincent Todd verkündete: «Bei der Anklageerhe-
bung werden wir auf unschuldig plädieren.» Falls die
Richterin Raoul für schuldig befinden sollte, was anzu-
nehmen war, müßte innerhalb von sechzig Tagen der
Prozeß vor einem Richter stattfinden. Sofern die Vertei-
digung ein Geschworenengericht verlangen würde,
könnte es mehrere Monate dauern, bis der Prozeß zu-
stande käme. So war die aktuelle Ausgangslage.
Unser Rechtsanwalt Todd meinte allerdings, daß es
nicht so weit kommen werde; denn Raouls Prozeß müß-
te spätestens am 7. November stattfinden, zu diesem
Zeitpunkt seien sechzig Tage nach Ablehnung der pro-
visorischen Freilassung gegen Kaution verstrichen.
Diese sechzig Tage seien der maximale Zeitraum, der
laut Gesetz in einem Jugendfall bis zum Prozeß ver-
streichen darf - andernfalls müsse die Anklage fallen-
gelassen werden. Laut Todds Worten bestünde eine
Chance, daß Raoul bereits nach der Vergleichs Verhand-
lung am 8. November freikommen könnte. Sollte das
Gericht die Klage gegen Raoul nicht abweisen, würden
die Anwälte beim Obergericht in Colorado eine Petition
einreichen, und dann wäre Raouls Freilassung nur noch
eine Frage der Zeit. Das Angebot der Anklage - Freiheit
gegen Geständnis - war für die Verteidigung kein The-
ma mehr.
Die völkerrechtliche Basis der Verhandlungen mit
den zuständigen Stellen in Colorado bildete das Haager
Minderjährigenschutz-Abkommen, das zwar von den
USA nicht unterzeichnet ist, aber trotzdem in der inter-
nationalen Praxis angewendet wird. Nicht nur das EDA

179
mit Joseph Deiss war in die Verhandlungen involviert,
sondern auch Ruth Metzler vom Justiz- und Polizeide-
partement; sie alle wollten Raoul so schnell wie mög-
lich in die Schweiz überstellen lassen.
Falls Raoul sich schuldig erklärt hätte, war vorgese-
hen gewesen, ihn der Bünder Vormundschaft zu über-
stellen, die sich nach schweizerischer Praxis des Jungen
angenommen hätten. Die Schweizer Behörde hätte in
diesem Fall den Amerikanern einen Maßnahmekatalog
einschließlich umfassender Therapiemöglichkeiten vor-
geschlagen. Eine weitere Variante wäre eine von der
Schweiz ausgehende außergerichtliche Einigung gewe-
sen. Sobald das Departement Metzler die Zuständigkeit
der Bündner Vormundschaftsbehörde offiziell beglau-
bigt hätte, wäre Raoul dann in die Schweiz überstellt
worden. Das klingt zwar einfach, der Vorgang wäre
aber recht kompliziert gewesen.
Ein großes Fragezeichen stand auch bei dem Punkt,
wieviel der kleine Raoul hätte «zugeben» müssen, um
die unter enormen Druck stehenden Justizbehörden so
zufriedenzustellen, daß sie ihr ganzes Vorgehen recht-
fertigen können. Die Colorado-Justiz mußte auch in ihr
Kalkül ziehen, daß Raouls Anwälte hohe Schadener-
satzklagen nachschieben könnten, da sich die Behörde
dermaßen in den Fall verrannt hatte. Möglicherweise
würden die Anwälte aber auch auf solche Schadener-
satzklagen verzichten, um Raoul nicht zusätzlichen Ge-
richtsverhandlungen und Strapazen auszusetzen.
Jedenfalls schienen sich die Fronten nun aufzuwei-
chen, nachdem die Denver-Justiz zunächst mit aller
Härte vorgegangen war - keine Intrige oder Lüge war
ausgelassen worden. So soll Raoul dem Therapeuten

180
angeblich gestanden haben, seine Schwester unzüchtig
berührt und Geschlechtsverkehr mit ihr gehabt zu ha-
ben. Die Ausdrücke und Worte, die der Staatsanwalt
Hai Sargent vor Gericht als angeblich Raoul seine wie-
derholte, möchte ich aus Anstand hier nicht wiederge-
ben; solche Worte kommen im Vokabular von Raoul
auch niemals vor! Die Befragung, bei der Raoul das al-
les angeblich gestanden haben soll, fand vor seiner Ver-
haftung statt. Von diesem Gespräch gab es jedoch keine
Aufzeichnung. Selbst wenn, wäre sie vor Gericht nicht
verwendbar gewesen, da der Sozialarbeiter bestritt, so
etwas jemals gesagt zu haben, und somit Aussage gegen
Aussage stand.
In dieselbe Kategorie von Lügen gehören Anschuldi-
gungen der Staatsanwaltschaft, Raoul habe im Monat
vor seiner Verhaftung vier (!) Brände gelegt, außerdem
wollen «Zeugen» gesehen haben, wie Raoul seinen Ge-
schwistern Pornovideos gezeigt haben soll. Solche Vi-
deos waren aber noch gar nie in unserem Haus. Beweis-
material für all diese Anschuldigungen konnte die
Staatsanwaltschaft natürlich nie vorlegen, da sie alle-
samt erfunden waren; ebenso wurden die angeblichen
«Zeugen» nie vor Gericht zitiert, sondern lösten sich
einfach in Luft auf. Das ganze Szenarium war dem
Reich der Phantasie entsprungen und nur dazu be-
stimmt, unsere Familie und Raoul zu belasten.

181
7. KAPITEL
Das Vergleichsverfahren

Montag, 8. November 1999


13.00 Uhr
Der Richter James D. Zimmerman entschied vor der
Anhörung, daß die Öffentlichkeit vollkommen ausge-
schlossen bleibt. Weder die Schweizer Botschafter noch
der Honorarkonsul Walter Wyss oder die Presse hatten
Zugang zum Gerichtssaal, obwohl derselbe Richter
noch am 20. Oktober in einer Gerichtsbefehl angeord-
net hatte: «Wegen der Ereignisse der vergangenen Wo-
chen befindet das Gericht, daß es angemessen ist, den
Medien und sonstigen Interessierten Einblick in die Ge-
richtsakten zu geben.»
Die Staatsanwaltschaft intervenierte jedoch daraufhin
bei Gouverneur Bill Owens, der kurzerhand diese An-
weisung widerrufen ließ. Er war ziemlich aufgebracht,
dieser Gouverneur, weil ihm das Weiße Haus klare Or-
der gegeben haben soll, dem Theater endlich ein Ende
zu setzen, andernfalls gebe es Mittel und Wege, dem
Staat Colorado einige Auflagen zu machen. Und einem
solchen Befehl vom Präsidenten war schwerlich etwas
entgegenzusetzen außer Unmut und viel Ärger. Mittler-
weile hatten sich bereits einige FBI-Agenten mit den
Akten Raouls befaßt. Sollte nämlich bei einer Untersu-
chung herauskommen, daß die verschwundenen Band-
aufzeichnungen nicht «zufällig» entsorgt worden wa-
ren, könnte das nicht nur der Denver-Justiz schaden,

183
sondern auch dem Gouverneur. Vielleicht, so ließen die
FBI-Agenten ganz deutlich durchblicken, würden noch
andere Fehler und Geheimnisse aufgedeckt, die bis heu-
te unter den Tisch gekehrt worden waren. Irgend je-
mand würde dann sicherlich reden, nur um seine Haut
zu retten.
Die Justiz wählte aus Protest zum jetzigen Zeitpunkt
dennoch die harte Gangart, die von der Staatsanwalt-
schaft eingeschlagen worden war. Der Richter hielt es
nicht einmal mehr für angemessen, dem Schweizer
Konsul einen Einblick in die Gerichtsakten zu ge-
währen. «Raoul ist in Amerika geboren, und Amerika
akzeptiert keine Doppelbürger. Deshalb gibt es auch
keinen Grund für den Schweizer Konsul, an diesem Fall
ein Interesse zu haben», entschied James D. Zimmer-
man.
Man fragte sich, woher dieser plötzliche Sinneswan-
del rührte und warum der Richter diesen Tenor an-
schlug. Der Richter gab dazu folgende Erklärung ab:
«Der Jugendliche steht im Rampenlicht, und diese Tat-
sache dient nicht Raouls Interessen. Zudem wird das
Kind von den Medien benutzt, um das Jugendrecht un-
seres Staates zu verdammen. Über Gegebenheiten aus
dem Gerichtssaal wird in unangemessener und unvoll-
ständiger Art berichtet.»
Ganz konkret wurde auch die Frage gestellt, ob nun
hinter verschlossener Türe um Raouls Freilassung ein
Geschäft ausgehandelt werden sollte. «Nein, der Rich-
ter will nur nicht, daß Zeugen zugegen sind, wenn wie-
der grobe Verfahrensfehler passieren», so Vincent
Todds Kommentar dazu.

184
Die Verteidigung unternahm alles, damit zumindest
Manuel Sager, der Sprecher der Schweizer Botschaft in
Washington, Honorarkonsul Walter Wyss und der Men-
schenrechtler Ingo Schmidt in den Gerichtssaal konn-
ten. Von Todd war zu hören, es gebe Hinweise, daß der
Richter mit seinem jetzigen Beschluß sogar gegen die
Verfassung der Vereinigten Staaten verstoße.
Der Richter hatte entschieden, daß eine neue An-
hörung erfolgen müsse, da Raoul sich im Gerichtssaal
klar und deutlich als nicht schuldig erklärt hatte. Die er-
neute Anhörung sollte zwei Tage später stattfinden.
Richter Zimmerman mußte nun prüfen, ob er den Fall
vor Gericht bringen sollte oder wegen gravierendem
Verfahrensfehler einstellen mußte, weil die Frist von
sechzig Tagen bereits überschritten war. Noch hatte die
neue Anhörung für Raoul nichts gebracht, sein Leiden
ging weiter, er durfte nicht zurück zu uns in die
Schweiz.
Als Raoul aus dem Gerichtssaal tritt, lächelt er - ein
gequältes Lächeln, das ich bisher nicht an ihm kannte
und das er hier bei den Verhandlungen gelernt haben
mußte. Weder die Vertreter der Anklage noch die Vertei-
diger geben einen Kommentar ab. Manuel Sager, Spre-
cher der Schweizer Botschaft, und Konsul Walter Wyss
halten sich ebenso bedeckt.
Dafür steht Pamela Rüssel als Sprecherin der Bezirks-
anwaltschaft den Journalisten Rede und Antwort. Sie
sagt, alle würden zusammenarbeiten, um nach einer Lö-
sung zu suchen. Eine Lösung für die Staatsanwaltschaft
oder eine für Raoul? Sicher nach keiner im besten Sin-

185
ne des Kindes, was sie selbstverständlich anders dar-
stellt.
Um 13.00 Uhr hat Richter James D. Zimmerman
Platz genommen. Neben ihm sitzt die Gerichtsschreibe-
rin, links hinten Raoul. Wie ein kleiner Gentleman sieht
er aus mit seinem weißen Hemd und den beigen Bund-
faltenhosen.
Als seine Anwältin Darby Moses unseren Sohn holt,
lächelt er ihr zu. Zusammen treten sie zu Arnold C.
Wegher. Raoul spielt mit einem Mikrophon, während
auf der linken Seite die Verteidigung Platz nimmt, die
rechte ist für die Anklage bestimmt.
Die Anklageerhebung beginnt um 13.20 Uhr, Manuel
Sager und Walter Wyss dürfen plötzlich doch in den
Gerichtssaal hinein. 13.45 Uhr: Die Anklageerhebung
ist vorüber. Arnold C. Wegher berichtet: «Raoul hat auf
nicht schuldig plädiert. Am Mittwoch um 13 Uhr findet
wieder ein Hearing statt.» Richter James D. Zimmer-
man will bei dieser erneuten Anhörung über die Einga-
be der Verteidigung entscheiden, laut der die Anklage
fallengelassen werden müßte, weil sechzig Tage verstri-
chen sind, seit Raouls Freilassung auf Kaution abge-
lehnt wurde. Innerhalb des Frist von sechzig Tagen hät-
te der Prozeß stattfinden müssen.
In unserem kleinen Dorf in der Schweiz wußten wir,
daß die Entscheidung in Denver noch verschiedene
Möglichkeiten und Hoffnungen offenließ. Vier bren-
nende Kerzen in unserer kleinen Wohnung, in der wir
Zuflucht gefunden haben, sollten Raoul Mut machen.

186
Es waren bange Momente, der eine kurze Erleichterung
folgte, als wir von Konsul Wyss erfuhren, daß der Rich-
ter die diplomatischen Vertreter der Schweiz doch noch
im Gericht zugelassen hatte. Dann aber die Hiobsbot-
schaft: Das Verfahren war nicht eingestellt worden, am
Mittwoch wird eine weitere Anhörung stattfinden, das
letzte Wort war noch nicht gesprochen worden.
Ich versuchte, diesem Tiefschlag das Positive abzuge-
winnen: Die Eingabe von Vincent Todd, das Verfahren
wegen der abgelaufenen Frist von sechzig Tagen einzu-
stellen, war noch nicht vom Tisch. Den ganzen Abend
haben Beverly und ich darüber diskutiert, ob es für
Raoul nicht besser wäre, ein Teilgeständnis abzulegen.
Aber ich habe ihn zur Ehrlichkeit erzogen; er hat nichts
getan, also durfte er auch jetzt nicht lügen, sonst wäre
der ganze Sinn des Glaubens an die Ehrlichkeit verlo-
ren. Wir hatten inzwischen lernen müssen, unsere Er-
wartungen nicht zu hoch zu schrauben, gerade weil so
viele Menschen mit uns hofften, bangten und glaubten.
Sollten wir sie jetzt alle wegen eines bedrückenden Mo-
ments verraten?
Um so besorgniserregender war ein Anruf von Anwalt
Wegher. Er teilte uns mit, daß es Raoul schlechtgehe
und er nicht wisse, wie lange das Kind noch durchhalte.
Das war höchst alarmierend. Wir, in über 9000 Meilen
Distanz, konnten uns in Sicherheit wiegen, aber wie
stand es um unseren Jungen? Der arme Kerl mußte
doch vollständig am Ende sein! Weghers Notruf war
ernst zu nehmen, der Anwalt machte sich große Sorgen.
Bis jetzt habe Raoul tapfer gekämpft, ließ er uns wis-
sen, nun aber verlasse ihn die Kraft. Seine Situation
verschärfe sich von Tag zu Tag: Keine Freunde, eine

187
Umgebung, die ihm nicht behage, die ständigen Ge-
richtstermine, Fragen über Fragen. Dies alles sei dem
kleinen Jungen nicht länger zuzumuten. Der besorgte
Anwalt verlangte eine rasche Lösung und setzte alle
ihm verfügbaren Hebel in Bewegung.
Wir hatten es geahnt, daß es früher oder später soweit
kommen mußte. Raoul wirkte schon beim letzten Tele-
fonat gehetzt und unglücklich, er bekam immer stärke-
res Heimweh. Diesen Eindruck hatte auch der Men-
schenrechtler Ingo Schmidt. Raoul durfte nicht mit
anderen Kindern Zusammensein. Bücher und Briefe
lenkten ihn zwar ab, ersetzten aber natürlich nicht den
Kontakt zu seiner Familie und anderen Kindern. Darü-
ber hinaus hatte er genug von den Leuten, die ihn im-
mer wieder in den Gerichtssaal holten. Wann war das
alles endlich vorbei?
Nach der letzten Gerichtsverhandlung wollte Raoul
einen Brief an uns schreiben. Über die Anrede und die
Worte: «Ich vermisse Euch und ich will...» war er nicht
hinausgekommen. Neben all den anderen Sorgen um
ihn machten wir uns auch Gedanken über seine Bil-
dung; wir wußten ja nicht, ob er zur Schule durfte oder
in der Pflegefamilie etwas Unterricht erhielt. Das waren
unglaubliche Zustände, wie im Mittelalter und nicht
wie in einem fortschrittlichen Amerika, das vorgibt, uns
Europäern und allen anderen Ländern der Welt Vorbild
sein zu wollen.
Sowohl in Amerika als auch Europa tauchte immer
wieder die Frage auf, warum wir nicht bei Raoul in
Denver seien. Der Leser, der mir in diesem Buch bis
hierher gefolgt ist, weiß bereits, daß unsere Familie in

188
Amerika buchstäblich in alle Winde zerstreut worden
wäre und wir als Eltern - ob schuldig oder nicht - fest-
genommen worden wären wegen angeblicher Vernach-
lässigung der Kinder. Verschiedene Pflegefamilien
wären das Los unserer Kinder geworden, und welches
Schicksal sie dort erwartet hätte, kann sich jeder selbst
ausmalen. Beverly und unsere Töchter wären als reine
Amerikaner und nicht als Doppel Staatsbürger behandelt
worden. Ich selbst hätte vermutlich auch mit einer Ge-
fängnisstrafe rechnen müssen. Welches Vergehen man
mir auch immer angelastet hätte, es wäre mir nicht an-
ders ergangen als dem kleinen Raoul. Für eine erneute
Einreise nach Amerika hätte ich Sophia als Kronzeugin
mitbringen müssen, bei Weigerung hätten Ausreisesper-
re oder Verhaftung gedroht. Sophia wäre wie Raoul in
eine Pflegefamilie gekommen. Bereits im Vorfeld der
Anhörung hatte Staatsanwalt Noel Blum klar und un-
mißverständlich geäußert, daß wir eine Familie seien,
der man keine Kinder anvertrauen könne und daß Raoul
ebenfalls nie mehr mit anderen Kindern spielen oder
zusammentreffen dürfe. So mußten wir Raoul zum
Schutz unserer anderen Kinder und für unsere eigene
Sicherheit alleine zurücklassen, selbst wenn uns das
Herz dabei brach. Unser einziger Trost war, daß der
Junge die Anwälte und Konsul Walter Wyss treffen
konnte, alles Menschen, die sich seiner hilfreich und
liebevoll annahmen. Wir Europäer können dieses Ame-
rika nicht verstehen, und nach unseren Erfahrungen
möchten wir jede Familie mit Kindern davor warnen,
jemals in dieses Land einzureisen.

189
Auch eine weitere, immer wieder gestellte Frage be-
antwortet sich von selbst, nämlich die, warum Presse-
vertreter oder eine neutrale Behörde, wie beispielsweise
die Schweizer Botschaft, nie Einsicht in Raouls Akten
nehmen durften - es hatte ganz einfach kein einziges
Beweismittel vorgelegen, das die Verhaftung und Ver-
schleppung des Jungen gerechtfertigt hätte!
Roger Schlawinsky, der Eigentümer von Radio- und
Tele24, hatte sich anläßlich einer seiner «Sonntalks»,
die er jeden Sonntag hält, enorm aufgebläht und verur-
teilt, wie man jetzt wegen der Geschichte von Raoul un-
gerechtfertigt über Amerika herziehe. Irgend etwas
müsse sicher an diesem Fall Raoul sein, sonst hätte die
US-Justiz sich für diese Angelegenheit wohl kaum so
ins Zeug gelegt. Daß Schlawinsky Amerika-Fan ist,
wußte ich zwar bereits, wie er nun aber alles, was unse-
rem Sohn dort widerfahren war, so verharmloste, gab
mir schwer zu denken. Ich hoffe für ihn, daß ihm und
seiner Familie nie etwas ähnliches widerfährt - so et-
was Schreckliches, wie wir monatelang durchmachen
mußten und teils noch immer durchmachen, wünsche
ich keinem Menschen auf dieser Welt!

Mittwoch, 10. November 1999


13.00 Uhr
Heute nun soll endlich eine Entscheidung vor Gericht
fallen! Ich bin optimistisch, auch wenn Beverly sich
nicht wieder falschen Hoffnungen hingeben will - zu
oft ist sie schon enttäuscht worden, zu viel ist in ihr zer-
brochen worden! Heute soll Raoul ein letztes Mal vor

190
dem Richter erscheinen, so hoffen wir und auch unsere
Verteidiger. Aus zuverlässiger Quelle haben wir kurz
vor der Verhandlung erfahren, daß sich das State Depar-
tement in Washington in den Fall eingeschaltet hat.
Ganz Europa blickt mit Spannung nach Colorado, nicht
zuletzt Dank der Berichterstattung im BLICK. Man
mag über die Qualität dieser größten Schweizer Zeitung
geteilter Meinung sein, aber das Blatt hat sich unbestrit-
ten in höchstem Maße für Raoul und unsere Familie
eingesetzt, allen voran mein Namensvetter Georges
Wüthrich und die Korrespondentin aus den USA, Mo-
nica Fahmy. Rückblickend kann ich dem BLICK nicht
einmal mehr böse sein, daß er dubiose Informationen
aus den USA mit in seine Berichterstattung aufgenom-
men hatte, die sich allesamt als heiße Luft entpuppten.
Journalisten sind nun mal so, sie müssen immer aktuell
und brandheiß berichten und können in der kurzen Zeit,
die ihnen zur Verfügung steht, nicht über alle erhaltenen
Informationen gründlich recherchieren und sie auf
ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Seinerzeit sind mir
diese falschen Berichte bitter aufgestoßen, da sie den
Ruf unserer Familie noch mehr schädigten; aber das
Gute, was die Berichte im BLICK bewirkt hatten, über-
wog diese «Ausrutscher» bei weitem!
Um 13.00 Uhr beginnt im Gerichtsgebäude im Jeffer-
son County, Division 4 die letzte Anhörung - vielleicht
die letzte Verhandlung überhaupt. Wieder sitzt Richter
James D. Zimmerman hinter dem Richterpult. Der Fall
Nummer 99JD1284 Raoul Emilio Wüthrich wird auf-
gerufen.

191
Seit Raouls Freilassung gegen Kaution abgelehnt
wurde, sind über sechzig Tage verstrichen, ohne daß
ihm der Prozeß gemacht wurde. Aus diesem Grund for-
dert die Verteidigung, die Anklage fallenzulassen. Die
Bezirksanwaltschaft sieht das anders: Für sie begann
die sechzig-Tage-Frist erst mit der Anklageerhebung,
also bei der Verhandlung vor zwei Tagen.
Sollte James D. Zimmerman im Sinne der Verteidi-
gung entscheiden, könnte Raoul noch heute packen und
in die Schweiz zurückfliegen. «Ich bete zu Gott, daß
das passiert», gibt Raouls Großmutter ihren Gefühlen
Ausdruck. «Es würde an ein Wunder grenzen, wenn die
Familie endlich wieder vereint wäre!»
Ob Wunder oder nicht: Amerika hat sich durch sein
Verhalten im Fall Raoul selbst großen Schaden zuge-
fügt, denn viele Millionen Menschen waren Zeuge der
skandalösen Behandlung eines Kindes und halten die-
ses Land bei weitem nicht mehr für das, was es so ger-
ne nach außen darstellen möchte. Amerika braucht nie
mehr einem Hussein oder China zurufen, welche Un-
menschlichkeit in deren Ländern herrsche. Es muß zu-
erst vor der eigenen Türe kehren und seine Gesetze und
seine Gesinnung ändern, bevor man es in Europa wie-
der ernst nehmen soll.
Richter Zimmerman kann die Eingabe der Verteidi-
gung aber auch ablehnen. Dann wird er heute den Ter-
min für den Prozeß festlegen. Allerdings müßte vorher
nochmals eine Anhörung stattfinden - unvorstellbar,
was man dem Kind damit antun würde! Bei diesem
Hearing kämen dann die groben Verfahrensfehler zur
Sprache, die allesamt auf das Konto der Richterin

192
Marylin Lennard gingen. Mittlerweile hat der Fall
Raoul auch in Amerika hohe Wellen geschlagen, meh-
rere Rechtsgelehrte, Kinderärzte und Psychologen ha-
ben sich in den Medien über die unglaubliche Vorge-
hensweise der Justiz von Colorado ausgelassen, was
seine Wirkung in der Öffentlichkeit nicht verfehlt hatte.
Das dürfte neben den politischen und diplomatischen
Vorstößen mit ein Grund gewesen sein für die Unter-
stützung des Präsidenten und des Weißen Hauses, wel-
che Mittel dabei auch immer angewendet wurden. Jetzt
schließt selbst die Staatsanwaltschaft nicht mehr völlig
aus, daß Raoul in die Schweiz zurückfliegen darf. Aber
nach allem, was bisher in Jefferson County geschah,
könnte Raouls Odyssee genausogut noch andauern.
In der Tageszeitung «Rocky Moutain News» war vor
kurzem der Kommentar zu lesen: «Selbst wenn Raoul
getan hat, was man ihm vorwirft - es gibt dennoch kei-
nen Grund, ihn wie Al Capone zu behandeln.»
Solche Töne waren neu. Bisher interessierte sich in
den US-Medien niemand sonderlich für das Schicksal
des jetzt Elfjährigen, das traurigerweise in den USA
kein Einzelschicksal ist. Jetzt wurden immer mehr
Stimmen laut, vor allem von Angehörigen und Eltern
betroffener Kinder. Sie wollen dem Spuk ein Ende be-
reiten, damit diese Rechte dann auch für jene Familien
und Kinder gelten, die keine Lobby wie das Kind aus
der Schweiz haben. Raoul konnte als einziger mit der
Rückendeckung einer internationalen Medienpräsenz,
von Diplomaten und einem ganzen Stab von Menschen-
rechtlern und Anwälten gegen diese Allmacht in Ameri-
ka aufwarten.

193
Uber den Fall Raoul wurde auch in der Tageszeitung
«The Denver Post» berichtet. «Wie der Fall gehandhabt
wird, ist zumindest fragwürdig», urteilten darin Kin-
derexperten und Soziologen. «Egal, ob der Junge ein
Problem hat oder nicht.»
Die öffentliche Meinung war umgeschlagen. Zuvor
hatte es gegen Raoul und uns Eltern eine regelrechte
Hexenjagd gegeben. Jetzt waren sich die Berichterstat-
ter alle zumindest in einem Punkt einig: So wie es die
Justiz im Jefferson County mit Raoul vormachte, be-
handelte man kein elfjähriges Kind!
Noch vor drei Wochen hatte uns die gleiche «The
Denver Post» vorgeworfen, wir hätten etwas mit Porno-
videos zu schaffen gehabt. Jetzt ließ die Zeitung Exper-
ten zu Wort kommen, die mit der Handhabung des Fal-
les alles andere als einverstanden waren: «Die
anhaltende Kritik im Ausland und zu Hause richtet ihr
Augemerk auf die Art, in der Jefferson County Kinder
bestraft. Seit 1997 kamen 292 Fälle von Kindern vor
Gericht, die angeblich anderen Kindern etwas angetan
haben sollen. Daß dieser County eingriff, ist in Ord-
nung. Die Frage ist bloß, wie vorgegangen wurde und
ob schließlich alle Verurteilungen richtig und gerecht-
fertigt waren.»
Radio- und Fernsehsender strahlten rund um die Uhr
Talkshows, Kommentare und News-Sendungen zum
Fall Raoul aus.
Verteidiger des Systems von Jefferson County argu-
mentierten, daß die Flucht von uns Eltern fragwürdig
sei. Aber sogar die schärfsten unter ihnen gaben zu, es
sei unverhältnismäßig, einen Jungen in Hand- und Fuß-
fesseln abzuführen.

194
13.00 Uhr: Es ist ein schöner sonniger Spätherbsttag,
als sich in Golden Denver Hundertschaften von Medi-
envertretern, Verfechter des Rechts und Freunde von
nah und fern vor dem Gerichtsgebäude versammeln.
Sie dürfen nicht in den Gerichtssaal hinein (und selbst
wenn, sie hätten darin gar keinen Platz gefunden!); die
Plädoyers finden unter Ausschluß der Öffentlichkeit
statt, lediglich der Botschafts Vertreter hat Zutritt.
Jefferson County, Gerichtsgebäude, Gerichtssaal 4E.
Die Vertreter der Anklage und der Verteidigung nehmen
ihre Plätze ein. Die Anklage hat ihren gesamten Stab
mitgebracht; es sind dies die Staatsanwälte Noel Blum,
Nancy Hooper, Hai Sargent und Sergej Thomas. Für die
Verteidigung sind neben Arnold C. Wegher die Anwäl-
tin Darby Moses und unser Rechtsvertreter Vincent
Todd anwesend. Auch der Schweizer Honorarkonsul
Walter Wyss darf hinein, dann schließen sich die Türen.
Für rund einhundert Reporter, Fotografen und TV-Leu-
te beginnt das Warten.
Es dauert länger als erwartet. Viel länger, als es Raouls
Großmutter Dianna Wood ertragen kann. Um 14.20 Uhr
meldet sie sich beim BLICK und fragt, ob die Entschei-
dung schon gefallen sei, sie halte es nicht mehr aus. Ein
kurzer Blick durch den Türspalt hat ihr genügt, der
Ankläger Sergej Thomas spricht noch. Er soll der
«schärfste Hund» der Staatsanwaltschaft sein, darüber
sind sich die Leute von der Presse einig.
Die Anhörung dauert ungewöhnlich lange. Eine Stun-
de war dafür angesetzt, inzwischen verhandeln Richter
James D. Zimmerman und die Vertreter der beiden Par-
teien schon fast zwei Stunden den Fall. Es kommt zu

195
einem regelrechten Wortkrieg, wie ihn die beiden
Rechtsanwälte Wegher und Todd noch nie vorher erlebt
haben. Die Schlacht geht um die Konsequenzen für die
Staatsanwaltschaft und nicht mehr um den Angeklag-
ten. Als der Richter sieht, was alles sich im Saal ab-
spielt, sträuben sich ihm langsam die Haare: Gut, daß er
die Presse nicht zugelassen hatte! Es wäre eines der im-
ponierendsten Gerichtsschauspiele geworden, und
Fernsehanstalten und Filmproduzenten hätten sich um
den Stoff gerissen, um letztlich der Denver-Justiz einen
Präzedenzfall in Gerichtskunde zu erteilen. Mit Sicher-
heit sehr zum Mißfallen der Staatsanwaltschaft und der
Richter von Colorado.
Um 14.45 Uhr kommt Konsul Walter Wyss aus dem
Saal, kurz darauf folgt ihm auch der Verteidiger Arnold
C. Wegher. Die Pressevertreter scharen sich sofort um
ihn, er aber winkt nur ab: «Es ist noch nichts entschie-
den, wir machen nur eine kleine Pause.»
Auch der Richter muß sich nach der zweistündigen
Redeschlacht zunächst einmal einen Drink genehmi-
gen. Er sitzt in seinem tiefen Sessel, den Kopf in beide
Hände gestützt, und überlegt, was er tun soll. Er hatte
Anweisungen bekommen, Anweisungen von ganz
oben, die streng geheim und der Staatsanwaltschaft und
der Verteidigung nicht bekannt sind. Die Order stammt
aus dem Weißen Haus. Immer wieder liest er das Pa-
pier, faltet es dann und steckt es wieder in seine Rockta-
sche. Ein kurzes Klopfen an der Tür, dann schaut der
Gerichtsdiener kurz herein. Der Richter blickt auf,
nickt, sagt «Ich komme» und steht auf.

196
Es ist bereits 16.00 Uhr, seit zweieinhalb Stunden
wird verhandelt, und noch immer ist keine Entschei-
dung gefallen. Die Staatsanwaltschaft will offensicht-
lich unter gar keinen Umständen nachgeben. James D.
Zimmerman ist bekannt, daß es dabei um die nächsten
Wahlen geht - jeder möchte seinen Job behalten. Aber
die ganze Angelegenheit ist völlig verfahren. Der Rich-
ter denkt nach, wägt ab; sollte er nicht mehr in das Amt
des Richters gewählt werden, würde er trotzdem in
Washington noch gut dastehen. Bläst er die ganze An-
gelegenheit ab, wie vom Präsidenten gewünscht, wären
aller Wahrscheinlichkeit nach die Bürger geneigt, ihn
wiederzuwählen. Der Stimmungsumschwung in der
Bevölkerung war unübersehbar, ein Reporter hatte erst
neulich im Fernsehen verlauten lassen, der Fall Raoul
Wüthrich sei nur die Spitze des Eisberges, und nun sei
einiges aufgedeckt worden.
Für Richter Zimmerman war der Fall Raoul konstru-
iert, aber das konnte und durfte er nicht zugeben. Es gab
seiner Ansicht nach nur einen Weg, den er einschlagen
konnte. Mit fester Stimme verkündet er: «Die Anklage
gegen Raoul Emilio Wüthrich wird aufgrund gravieren-
der Verfahrensfehler sofort eingestellt, da die Anklage-
frist von 60 Tagen verstrichen ist. Alle Anklagepunkte
werden abgewiesen.»
Es ist totenstill im Saal. Während die Verteidiger er-
freut und dezent lächelnd sich gegenseitig die Hände
drücken, blicken sich die Staatsanwälte entgeistert an.
Es scheint, als hätten sie die Worte des Richter gar nicht
richtig verstanden.

197
«Eingestellt, Euer Ehren?» ringt Staatsanwalt Sergej
Thomas sichtlich um Luft. «Nach all den Strapazen,
Bemühungen, Beleidigungen, die wir zu ertragen hatten
- eingestellt?»
«Eingestellt», wiederholt Zimmerman laut und deut-
lich.
«Eingestellt aber nicht wegen erwiesener Unschuld,
junger Mann», fügt er hinzu und deutet mit dem Ham-
mer auf den kleinen Raoul. «Ein Verfahrensfehler liegt
vor. Was das heißt, werden dir die Anwälte versuchen
zu erklären.» Der Hammer fällt auf das Richterpult.
«Die Sitzung ist geschlossen!»
Während die Staatsanwälte aufgeregt miteinander
diskutieren und wild herumgestikulieren, weiß unser
Sohn gar nicht, was die Worte des Richters für ihn be-
deuten.
«Jetzt kannst du nach Hause», sagt Rechtsanwalt
Wegher zu Raoul. Der Junge schaut sich um, ob die So-
zialarbeiterin ihn wieder mitnehmen will; diese aber
steht bei der Staatsanwaltschaft und scheint am Boden
zerstört zu sein.
«Jetzt darfst du mit mir kommen», freut sich Konsul
Wyss.
«Wirklich?» fragt Raoul ihn unsicher.
«Jetzt kannst du nach Hause in die Schweiz zu deinen
Eltern und deinen Geschwistern.»
«Juhuu», jubelt der Kleine da los und beginnt, wie ein
Wirbelwind im Gerichtssaal herumzutanzen, bis sein
Anwalt Arnold C. Wegher ihn am Arm festhält und er-
mahnt: «Raoul, du bist immer noch im Gerichtssaal.
Das gehört sich hier nicht.»

198
Aber der Junge ist kaum mehr zu bremsen. Immer
wieder fragt er, ob das jetzt wirklich alles vorbei sei und
er wieder nach Hause fliegen könne in die Schweiz.
«Ist das wirklich wahr?» muß sich Raoul immer wie-
der vergewissem.
«Es ist wahr», bestätigen die Anwälte und schmun-
zeln über die ausgelassene Fröhlichkeit des Jungen. So-
gar der Richter blinzelt ihm mit einem lachenden Auge
zu, während er aufsteht und im Richterzimmer ver-
schwindet.
Die Begeisterung war grenzenlos, der Jubel der Men-
schenmenge, die vor dem Gerichtsgebäude wartete,
steigerte sich immer mehr. Auch die Presseleute hatten
den Freudenausbruch von Raoul im Gerichtssaal gehört
und daraus geschlossen, daß es zu einer Lösung gekom-
men war, die weniger für die Staatsanwaltschaft, um so
mehr aber für das Kind von Vorteil war. Raoul tanzte
und sprang selbst noch auf dem Gerichtsvorplatz her-
um; vielen der dort Wartenden traten bei diesem Bild
vor Rührung die Tränen in die Augen.
Der Junge stieg in das bereitstehende Fahrzeug des
Konsuls ein, der ihn mit zu sich nach Hause nahm. Auf
die Frage eines Reportes, was er jetzt tun werde, mach-
te Raoul nur mit der Hand die Deutung des Fliegens.
Raoul hatte im Gerichtsgebäude stets Zeichnungen
gemacht. Sie enthielten vor allem Berge und Alpen mit
einem steilen Weg hinauf und eine Gondelbahn, dann
noch ein Haus im Tal. Diese Zeichnungen, so ein
Pädagoge, spiegelten seine inneren Stimmungen wider
und den Wunsch, wieder in jenem Haus mit seinen Ge-

199
schwistern und seinen Eltern zusammenzusein. Die
Berge deuteten in die Bündner Landschaft. Raouls Ge-
bete, die er jeden Tag und jeden Abend zum Himmel
richtete, hatten sich nun erfüllt.
Die Medien in der ganzen Welt und all die Menschen,
die Anteil genommen hatten am Schicksal dieses Kin-
des, sind erlöst. Ihre Begeisterung über den glücklichen
Ausgang der Verhandlung gilt auch den Menschen, die
für Raoul gekämpft hatten, und den Medien, die mit
großem Einfluß auf die ganze Welt das kranke System
der amerikanischen Rechtssprechung aufgedeckt hat-
ten. Sollte Raouls Leiden tatsächlich zu einer Wandlung
zum Besseren in jenen Staaten oder gar weltweit
führen, hätte seine Leidenszeit zumindest anderen Kin-
dern einen großen Dienst erwiesen. Bleibt zu hoffen,
daß die USA sich endlich entschließen, die UNO-Kin-
derschutzrechte zu ratifizieren.
In Churwalden, wo wir Eltern von Raoul mittlerweile
leben, brechen wir alle in Freudentränen aus, als die
Meldung über Raouls Freilassung über den Bildschirm
flimmert. Beverly ist nicht mehr zu halten: «Yeah, won-
derful, very, very wonderful. Ich bin so glücklich!»,
macht sich die Anspannung der vergangenen Monate
Luft. Die Telefonapparate läuten ununterbrochen, alle
wollen wissen, ob wir es schon gehört haben.
Wir können unser Glück noch gar nicht richtig fassen.
Aber Beverly hatte schon den ganzen Abend über ein
gutes Gefühl gehabt. Wir sind alle überglücklich. Raoul
ist frei. Endlich frei! Mit einem Schlag war alles zu En-
de, das Verfahren wegen Formfehlern bedingungslos

200
eingestellt. Das war die geheimnisvolle Order aus Was-
hington gewesen, um die internationalen Wogen gegen
die USA zu glätten.
In den Schweizer Bergen schneit es bereits. Wir sitzen
wie auf glühenden Kohlen, um die Details aus Denver
zu erfahren. «Raoul ist frei!» erreicht uns der erste
Freudenschrei aus Colorado; er kommt von Ingo
Schmidt, unmittelbar, nachdem der Richterspruch ge-
fallen war.
Um die frohe Botschaft zu feiern, entkorken wir sogar
eine Flasche Champagner. Sie war nicht einmal kalt ge-
stellt, weil wir über den Ausgang der Verhandlung kei-
neswegs sicher waren. Das EDA hatte uns wiederholt
darauf hingewiesen, nicht allzu große Hoffnungen auf
den Ausgang der Verhandlung zu setzen. Um so größer
waren jetzt die Überraschung und der Triumph.
Honorarkonsul Walter Wyss, der den kleinen Raoul in
all den Wochen wie ein lieber guter Großvater betreut
hatte, wird unseren Sohn in die Schweiz zurückbringen.
Bis zum Abflug wohnt Raoul bei ihm und seiner Frau.
Diese liebevollen Menschen haben als Überraschung
für Raoul ein Fondueessen vorbereitet - etwas, was
Raoul sich immer wieder gewünscht hatte.
Konsul Walter Wyss, ein bescheidener, gütiger Diplo-
mat und Mensch, freut sich über das Geschenk von
Raoul: das Bild, das der Junge während der Gerichts-
verhandlung gezeichnet hatte. «Das Bild wird bei uns
eingerahmt im Wohnzimmer hängen und meine Frau
und mich immer an den kleinen lieben Raoul erinnern»,
bedankt er sich bei unserem Sohn. Der Konsul hatte den
kleinen Blondschopf sehr liebgewonnen.

201
Meine Schwester Dorothee stürzt überglücklich zur
Tür herein. Die ganze Familie wird Raoul in Obhut
nehmen, jetzt ist endlich Schluß mit den obskuren Vor-
würfen. Es war für Raoul aber auch höchste Zeit, denn
länger hätte er die Strapazen nicht mehr ausgehalten,
das ist uns allen klar. Nicht nur den Rechtsanwälten und
Sozialmitarbeitern, sondern auch unseren Schweizer
Diplomaten in den USA. Die letztlich zum Erfolg
führende Eingabe der Verteidiger - Niederschlagung
wegen gravierender Formfehler - stammte von unserem
Rechtsanwall Vincent Todd, der damit einen Volltreffer
gelandet hatte. Aber über allem Glück über Raouls Frei-
lassung vergessen wir auch nicht die vielen tausend
anderen Kinder in den USA, die immer noch in den
Gefängnissen inhaftiert und teils zusammen mit erwach-
senen Straftätern untergebracht sind. Welche Dramen
sich dort teils abspielen, haben wir durch Raouls Erzäh-
lungen erfahren. Selten nur wagt es ein Jugendlicher,
darüber zu reden, aus Angst, erneut in die Mühlen der
Justiz zu geraten.
Der Bundesrat zeigte sich über das glückliche Ende
des Falls Raoul ebenfalls erfreut. Obwohl Deiss bereits
erwachsene Söhne hat, konnte er als Vater sehr gut mit-
fühlen, wie sehr die ganze Angelegenheit uns Eltern
belastet hatte. Der Magistrat behielt sich vor, die Art
und Weise der Medienberichterstattung über Raoul und
uns zu prüfen. Einerseits hatten die Medien, allen voran
der BLICK, mit ihrem unermüdlichen Einsatz die inter-
nationalen Medien überhaupt erst auf den Fall aufmerk-
sam gemacht. Fünf Wochen lang hatten die Mitarbeiter
der BLICK-Redaktion täglich über den Fall und seine

202
Hintergründe berichtet und ihn als Hauptthema in die
Schlagzeilen gebracht. Auf der anderen Seite waren
aber auch viele negative Berichte darunter, die sich im
nachhinein als Falschinformationen entpuppt hatten.
Raoul war ohne irgendwelche Auflagen freigelassen
worden, und somit waren alle vorsichtshalber von den
Behörden geplanten Fürsorgemaßnahmen überflüssig
geworden. Wir wollten innerhalb der Familie dafür sor-
gen, daß unser Sohn, der nach den elf Wochen Terror im
Gefängnis und all den Gerichtsverhandlungen unbe-
dingt therapeutische Hilfe benötigte, die richtige Be-
handlung erhielt.
Die Rechtsanwälte Arnold C. Wegher und seine Kol-
legin Darby Moses sowie unser Verteidiger Vincent
Todd waren natürlich hoch erfreut über den Ausgang
der Verhandlung. Sie sind der Meinung, daß am Ende
die Gerechtigkeit gesiegt hat. So sicher bin ich mir da
allerdings nicht, ich bin fest davon überzeugt, Raouls
Freilassung in erster Linie dem öffentlichen Druck und
den Medien zu verdanken.
Wer sich über das Urteil von Richter James D. Zim-
merman selbstverständlich überhaupt nicht freuen
konnte, waren die Staatsanwälte. Vor allem Staatsan-
walt Sergej Thomas konnte seinen Ärger darüber, daß
unser Sohn ohne Therapieauflage freigelassen wurde,
nicht verhehlen. Laut seinen Worten würde Raoul
früher oder später mit Sicherheit das Monster werden,
für das die Staatsanwaltschaft ihn jetzt schon hielt. Er
betonte nochmals, nur das Beste für den Jungen gewollt
zu haben. Keine Entschuldigung seitens der Staatsan-

203
waltschaft, keine Einsicht der eigenen Fehler, nur
Rechtfertigungen und Enttäuschung über das Urteil. Ich
hoffe, daß nach der nächsten Wahl Persönlichkeiten
diese Ämter bekleiden, die menschlicher und feinfühli-
ger mit den Jugendlichen umgehen und sich mehr auf
das besinnen, worum es einem Staatsanwalt eigentlich
gehen sollte: das Recht und die Wahrheit.
Und Laura Mehmert, die Hauptanklägerin? Sie ließ
sich nicht beirren und war enttäuscht vom Richter. «Der
Junge wird früher oder später wieder rückfällig wer-
den», prophezeite sie. «Aber das ist dann Sache der
Schweizer. Mir tun nur die kleinen Mädchen leid, die er
kaputtmachen wird.»
Ihr Mann war da etwas anderer Meinung. Selbstver-
ständlich sprach er das nicht vor ihr aus, da er genau
wußte, daß sonst der Haussegen wieder schiefhängen
und sie den ganzen Abend mit ihm streiten würde. «Der
Junge tut mir leid, was der alles durchmachen mußte!»
äußerte er sich und fuhr fort: «Ob das, was meine Frau
ausgesagt hat, auch stimmt, weiß ich nicht. Ich habe so
etwas nie beobachtet. Meine Frau hatte ihr tägliches
Blickfeld immer auf die Nachbarn gerichtet. Wer weiß,
was da alles geschehen sein kann oder auch nicht?» Er
ließ die Frage offen. Immerhin räumte er ein, daß seine
Frau anfänglich ganz andere Worte benutzt hatte, als sie
dann vor Gericht unter Eid aussagte. Diese Veränderung
habe erst stattgefunden, nachdem sie in das Gerichtsge-
bäude nach Denver zitiert worden war und man ihr dort
eingetrichtert hatte, wie wichtig ihre Aussagen seien
und daß sie damit der Gerechtigkeit und dem Recht des
Staates Colorado einen Dienst leiste. Man müsse eine

204
schändliche Verwahrlosung wie beispielsweise in Kali-
fornien, wo Sodom und Gomorrha herrschten, im Keim
ersticken, sei ihr von der Staatsanwaltschaft eingeflößt
worden. Ab diesem Zeitpunkt sei seine Frau wie ver-
wandelt gewesen und hätte Gott für die Eingabe und
Kraft ihrer Pflicht gedankt. Jeden Tag habe sie gebetet
und gebetet und sei nun am Boden zerstört, weil das
Böse doch Oberhand gewonnen hätte. So wurde Laura
Mehmert nicht nur zum potentiellen Spitzel für die
Staatsanwaltschaft, sondern auch noch zur Komplizin
degradiert.
Raoul hatte endlich ohne Aufsicht mit uns telefonie-
ren dürfen und schrie voller Freude in den Hörer, er sei
jetzt frei sei und werde nach Hause kommen. Seine
Stimme überschlug sich immer wieder vor Glück. Mein
Herz krampfte sich zusammen, als ich ihn so jubeln
hörte - es war lange her, daß ich meinen Sohn so ausge-
lassen erlebt hatte.
Im Fonds der BLICK-Redaktion waren zwischenzeit-
lich einhunderttausend Franken zusammengekommen,
und die fälligen Zahlungen für die Rechnung der An-
wälte wurden direkt von der Stiftung «Hilfe für Raoul»
von BLICK angewiesen. Beverly und ich hatten bereits
bei Einrichtung des Fonds beschlossen, kein Geld da-
von für uns anzunehmen; es war uns Lohn genug, daß
so viele Menschen aus dem In- und Ausland uns nicht
nur materiell, sondern vor allem auch moralisch beige-
standen hatten. Damit sich der Leser ein Bild verschaf-
fen kann, in welchen Dimensionen sich die Anwaltsko-
sten für die Freilassung Raouls bewegten, seien
folgende Zahlen genannt: Rechtsanwalt Wegher erhielt

205
für die Tätigkeit seiner Anwaltskanzlei 35.959 Dollar,
Vincent Todd die wesentlich bescheidenere Summe von
5.543 Dollar. Hinzu kommen noch Kosten für den Flug,
die wir aus eigener Kraft aufbringen möchten, auch
wenn unsere finanzielle Situation derzeit alles andere
als rosig ist. Wir mußten Kredite aufnehmen und hohe
Schulden machen, um die ersten Zahlungen an die An-
wälte vornehmen zu können. Der Verkauf des Hauses
hatte knapp die Bankkosten gedeckt, alle unsere Inve-
stitionen gingen verloren. Seit August hatte ich auch
nicht mehr meiner Arbeit nachgehen können und alle
Aufträge einem amerikanischen Kollegen überlassen
müssen.

206
8. KAPITEL
Endlich nach Hause

Samstag, 13. November 1999


Die Freude in allen Bevölkerungskreisen über die
Rückkehr des kleinen Raoul war grenzenlos. All diese
freundlichen Menschen und Gesichter, all die guten
Worte und das Lächeln von Raoul als Dank - das war
ein unvergeßliches Erlebnis. So wie der BLICK mit sei-
nem Redaktionsstab vor fünf Wochen den Anfang ge-
macht hatte, soll er nun am Ende zitiert werden. Die
Schlagzeile in der Ausgabe vom 12. November 1999
lautete: «BLICK sei Dank - Raoul ist endlich frei!»
Wir Schweizer kennen die Bedeutung des Wortes
«frei» seit siebenhundert Jahren, sie waren uns immer
als Wahrzeichen auf die Fahne geschrieben. Meine Fa-
milie und ich möchten allen Menschen danken, die uns
Kraft gegeben haben, den vielen tausend Menschen,
klein und groß, die Briefe, Geschenke und Spenden an
die Redaktion des BLICK geschickt haben. Sie haben
uns nicht nur materiell unterstützt, sondern eine große
menschliche Verbundenheit gezeigt.
Die Rückreise von Raoul wird morgen, am 13. No-
vember, stattfinden. Daß Walter Wyss, der Konsul aus
Denver, mit seiner Familie Raoul begleiten wird, freute
uns besonders, er war uns nicht nur Verbündeter gewe-
sen, sondern mehr noch ein Freund. Menschen seines
Formats dienen unserem Land im Ausland in herausra-

207
gender Weise - sie qualifizieren sich durch Güte, Ge-
rechtigkeit und mit ihrer Integrität.
Großmutter Dianna Wood mit ihrer Tochter Carrey,
die Korrespondentin des BLICK, Monica Fahmy, ihr
Kollege Fotograf Dominik Baumann, ebenfalls vom
BLICK, SAT. 1- und Tele24-Reporter kamen mit dem
gleichen Flugzeug wie Raoul in die Schweiz zurück.
Raoul freute sich diebisch, ins Flugzeug zu steigen und
die ganze Crew in Beschlag zu nehmen. Wie ein Wir-
belwind tauchte er mal hier, mal dort am Fenster auf.
Seine Fröhlichkeit entlockte allen Passagieren ein
Lächeln, und keiner der Anwesenden konnte sich vor-
stellen, daß man diesem Sonnenschein monatelang so
viel Leid zugefügt hatte. Ein amerikanischer Psycholo-
ge wertete Raouls Fröhlichkeit als «Hyperaktivität».
Aber welcher Junge ist nicht hin und wieder mal ausge-
lassen - muß man die Lebensfreude dann gleich als
«Störungen» oder «Überreaktionen» verurteilen und
ihn als hyperaktiv abstempeln? Raoul ist nicht hyperak-
tiv, selbst wenn sein fröhliches Temperament das hin
und wieder vermuten läßt. Er benötigt auch keine Medi-
kamente zum Ruhigstellen, wie sie ihm der Psychologe
in den USA verabreicht hatte. Wir haben nach Rück-
sprache mit unserem Hausarzt diese ganzen Medika-
mente abgesetzt.
Im Flugzeug befragt Monica Fahmy Raoul in einem
letzten Interview:
«Das liegt nun hinter dir. Am Mittwoch warst du das
letzte Mal in Jefferson County.»
«Ja, Arnold (Wegher), Darby (Moses) und Vincent
(Todd) vermisse ich ein bißchen. Sie waren immer sehr

208
nett zu mir. Und sie brachten mir Briefe und Geschenke
meiner Mami. Die anderen, die bcisen Jungs, die will
ich nie mehr sehen. Weißt du, ich bin so froh, daß ich
am Mittwoch zu Walter durfte. Bei meiner Pflege-
familie hat es ja Krach gegeben.»
«Das war die zweite Pflegefamilie. Was ist passiert?»
«Bei der ersten mußte ich gehen, weil ich Leuten sag-
te, daß ich der Junge aus den Zeitung bin. So hat es mir
Darby erklärt. Die zweite Familie war komisch. Sie
ließen mich am Tisch nicht so essen, wie es mir Vater
beigebracht hat. Ich mußte immer eine Hand unter dem
Tisch halten. Mein Dad hat mir aber beigebracht, daß
mit der rechten Hand gegessen wird und die linke ru-
hend neben dem Teller liegt, wenn sie nicht gebraucht
wird.»
«Es gab Krach wegen deinen Tischmanieren?»
«Ja, und wegen dem kleinen Hund. Ich wollte mit ihm
spielen. Aber die Frau meinte, das geht nicht. Da gab es
Krach, weil ich unbedingt den Grund wissen wollte.
Und es hat keine Kinder gehabt, mit denen ich spielen
konnte. Da wollte ich wenigstens mit dem Hund spielen.
Der hatte Freude. Zum Glück konnte ich immer wieder
Darby und Arnold sehen.»
«Arnold Wegher und Darby Moses haben viel für
dich getan.»
«Ja, sie waren toll. Im Gericht wußte ich immer, daß
sie mich beschützen und mir helfen wollen, wieder nach
Hause zu kommen.»
«Jetzt ist es soweit. Bist du aufgeregt?»
«Ja, ich bin mit Oma und Carrey zusammen. Und wir
fliegen alle zusammen in die Schweiz. Zu Mami und

209
Papi und meinen Schwestern. Weißt du was, ich mach
jetzt ein Foto von dir.»
«Die Kamera des Fotografen Dominik gefällt dir.
Willst du am Ende auch Fotograf werden?»
«Für heute schon, klar. Zuerst werde ich Dominiks
Assistent. Aber erst muß ich euren Chef fragen, wieviel
ich für die Bilder bekomme.»
«Also rufen wir ihn doch mal an.»
«Ja, wir machen einen Deal!»
«Und was machst du mit dem Geld?»
«Das werde ich spenden. Weißt du, es gibt viele Leute,
die es kalt haben oder hungrig sind. Da ist es doch
schön, nett mit denen zu sein. Also werde ich jetzt viele
Bilder machen.»
«Im Gerichtssaal hast du ja auch ein Foto gemacht.»
«Ja, das war lustig. Ich wollte mich selber fotografie-
ren und ein Bild zu Mami und Papi in die Schweiz
schicken. Sogar die Richter in mußte lachen.»
«Und was fotografierst du jetzt?»
«Sieh mal, da unten sind die Alpen. Dort ist die
Schweiz, mein neues Zuhause. Und da ist meine Mami.
Weißt du, ich habe sie extrem vermißt.»
Der Flug der American Airlines 500 von Denver über
Chicago nach Zürich dauerte zwölf Stunden. Es waren
73 Tage vergangen, bis Raoul wieder in die Arme unse-
rer Familie zurückkehren durfte.
In Zürich am Flughafen war man dem Ansturm der
weit über hundert Medienvertreter aus aller Welt nicht
gewachsen. Die Flughafenleitung wies sie an, sich um
12.00 Uhr in der Flughafenbar «Bye Bye» zu versam-
meln. Von dort sollte es in die Empfangshalle gehen, wo

210
eine kurze Pressekonferenz abgehalten werden sollte.
Als der Pressechef der Swissair und ein Botschaftsmit-
glied vom EDA die Menschenmassen sahen, zogen sie
mich beiseite und fragten, ob es wirklich vernünftig sei,
Raoul dieser «Meute» auszusetzen, die zwangsläufig
den Jungen mit Unmengen von Fragen bombardieren
und bedrängen würde. Das hatte ich nicht bedacht, und
so beschlossen wir, die Medienvertreter auf den Dach-
garten zu schicken, von wo aus sie die ankommenden
Passagiere auf dem Rollfeld fotografieren und filmen
konnten.
Die Maschine der Swissair mit Flugnummer 1226
über Chicago landet auf dem Flughafen Zürich-Kloten.
Das Szenario ist überwältigend, die Zuschauer rufen
und johlen, die Freude, die sich überall auf den Gesich-
tern zeigt, die Presseleute, die Kameras, die surrend
klicken und schnappen. Beverly, unsere Töchter und ich
werden mit einem kleinen Bus auf das Rollfeld gefah-
ren, wo wir den herausstürzenden Raoul und seine
Großmutter in die Arme schließen. Tränen fließen vor
Glück und Freude, zuerst bei Beverly, die auf die Knie
geht, um unseren Sohn zu herzen und zu umarmen.
Dann fällt er mir um den Hals, wobei auch ich die Freu-
dentränen nicht unterdrücken kann. Raoul drückt mich
fest und lacht und lacht. Er will mich nicht wieder los-
lassen. Es scheint, als ob er mir mit all seiner Kinder-
kraft mitteilen will: «Nie wieder dürft ihr mich alleine
lassen!» Nur langsam löst er seine Arme von meinem
Hals, um schließlich auch seine Geschwister, meine
Mutter und die Tanten zu begrüßen. Wir sind alle über-
glücklich, und der Junge strahlt über sein ganzes Kin-

211
dergesicht. Auf die Rufe der Fotografen hin winkt er
stoisch zur Terrasse hinauf, lächelt und wendet sich
dann wieder uns zu. Eine traurige Odyssee ging zum
Glück zu Ende - wir haben unseren kleinen Raoul wie-
der!
Herr Loosli, der Pressechef der Swissair, hatte im An-
schluß in einer der Empfangshallen eine Pressekonfe-
renz anberaumt. Meine Frau fuhr unterdessen mit Raoul
und unseren anderen Kindern und Angehörigen zu ei-
nem Bekannten, der in der Nähe von Kloten wohnt, da-
mit sie vor der Verfolgung der Medienvertreter ge-
schützt waren.
Als ich den Empfangsraum betrat, der einseitig ver-
schlossen war, schlug mir eine riesige Hitzewelle entge-
gen. Die Kameras, Scheinwerfer, die Fotografen und
Medienleute verbreiteten eine ungeheure Wärme im
Raum. Ich entschuldigte zunächst meine Frau und un-
seren Sohn, da die monatelangen Strapazen in den USA
mit all den Gerichtsverhandlungen und schließlich der
rund zwölfstündige Flug in die Schweiz für Raoul zu-
viel waren. Zudem wollten wir ihn vor Fragen schützen,
Fragen, mit denen weder wir noch der Psychologe
Raoul in nächster Zeit bedrängen wollten.
Der Pressechef verabschiedete sich nach der Presse-
konferenz bei mir mit den Worten, so ein Riesenaufge-
bot an Medienvertretern sei noch nie dagewesen - nicht
einmal, als die Königin von England und Prinz Charles
in Zürich ankamen! Nur der kleine Raoul, der über elf
Wochen die Welt in Atem gehalten hatte, brachte einen

212
solchen Aufmarsch zustande. Beverly und mir war klar,
daß der Junge nach dem ganzen Rummel um ihn erst
einmal absolute Ruhe benötigte, wir wollten alle end-
lich wieder unser normales Familienleben aufnehmen.
So fuhren wir noch am gleichen Abend nach Churwal-
den, wo schon ziemlich viel Schnee lag, was Raoul be-
sonders entzückte. Aber natürlich konnten es die Medi-
envertreter nicht lassen und stöberten uns dort auf.
Auch wenn sie Raoul nicht zu Gesicht bekamen, so
standen doch Behördenmitglieder, Lehrerinnen, Bürger
und Kinder den Reportern gerne Rede und Antwort auf
allerlei Fragen und Wünsche. Die Kinder waren stolz,
daß Raoul bald in ihre Klasse kam. Der Junge sollte so
rasch wie möglich wieder in das Schul- und Familienle-
ben integriert werden. Zwar hatte unser Sohn inzwi-
schen die deutsche Sprache fast verlernt, aber bei sei-
nem Eifer dürfte das auch bald überwunden sein.
Die BLICK-Redaktion, die den ganzen Stein ins Rol-
len gebracht hatte und der wir ewig dankbar sein wer-
den, hatte Verständnis für unseren Wunsch, daß vorerst
keine weiteren Berichte über Raoul mehr erscheinen
sollten. Es wäre nicht gut für ihn und die kleine Ge-
meinde, weiterhin im Rampenlicht der Medien zu ste-
hen. Anteilnahme ist etwas sehr Schönes und Gutes; sie
kann aber auch zur Last werden, wenn nämlich für alle
Beteiligten nach einem langen anstrengenden Kampf
Ruhe einkehren muß. Meinem Namensvetter Georges
Wüthrich, Redakteur des BLICK, habe ich es zu ver-
danken, daß er Wort hielt und seither keine neuen Be-
richte über Raoul mehr in der Zeitung erschienen sind -
dafür sei ihm besonders gedankt. Ich hoffe auch, dieses

213
Buch konnte mit jenen Schatten aufräumen, die durch
die perfiden Machenschaften der Staatsanwalt auf den
Ruf unserer Familie gefallen waren. Jeder, der uns und
den kleinen Raoul kennenlernt, wird feststellen, daß wir
eine ganz normale, jetzt wieder glücklich vereinte Fa-
milie sind.

214
Epilog

Raouls Zufriedenheit und seine positive Ausstrahlung


machen uns wieder Mut, auch wenn wir wissen, daß in
seinem Innern viel von seiner Jugend ausgelöscht wor-
den ist. Endlich haben wir unseren Sohn mit seinem
lustigen, fröhlichen Gesicht wieder um uns. Doch eines
hat sich an ihm verändert: Er ist nachdenklicher gewor-
den. Hin und wieder lacht Raoul so ausgelassen wie
früher; dann glänzen seine großen Augen, und um seine
Mundwinkel zuckt der Schalk. Der Junge ist aber auch
ernster geworden, es scheint mir, als ob seine Wahrneh-
mungen in einem ganz neuen Licht stehen. Selbst wenn
er nur ruhig dasitzt und keinen Laut von sich gibt, habe
ich den Eindruck, er weiß um die Zerbrechlichkeit jeder
Sicherheit, daß das Leben sich jede Minute ändern kann
und dann nichts mehr so ist, wie es früher einmal war.
Raoul hat bis heute noch nie ein Wort über die Lei-
denszeit im Gefängnis verloren. Wir haben ihn auch nie
darauf angesprochen. Wir warten. Vielleicht möchte er
eines Tages mit uns darüber reden. Auf jeden Fall haben
ihn die elf Wochen im Umgang mit der US-Justiz tief
geprägt. Sein Gefühlsleben bringt er mit Farbstiften auf
Zeichenpapier zum Ausdruck, er zeichnet und malt. Er
baut auch Holzklötze zu einem Turm oder zu Bergen
aufeinander, die dann wieder in sich zusammenfallen.
Der Psychologe läßt ihn gewähren, Raoul braucht viel
Zeit, um all das zu verarbeiten, was mit seinem jungen

215
Leben geschehen ist. Fast wäre er daran zerbrochen. Er
gibt sich stark, der kleine Kerl, und alle, die ihn kennen,
lieben ihn, weil er ein so gewinnendes Wesen hat. Raoul
hört gut zu, wenn man mit ihm spricht oder ihm etwas
erklärt; nur wenn scharfe Töne in seiner Umgebung fal-
len, schaut er weg. Es ist, als würde er wieder an die
Kommandos in Mount View erinnert, wo viele seiner
Kameraden noch immer inhaftiert sind; Kinder, die
nicht die gleiche Chance auf Freiheit hatten wie er. Un-
ser Sohn ist sich darüber bewußt, daß er Glück gehabt
hat; er ist aber auch fest davon überzeugt, daß eine viel
höhere Macht ihm beigestanden hat. Der Junge hatte
das Leid und die Tränen seiner Kameraden gesehen;
Tränen, die im Gefängnis verboten waren und deshalb
nur heimlich vergossen wurden. Härte und Disziplin
sind in diesen Stätten wichtiger als Nächstenliebe und
Güte. Hier in seiner Familie versuchen wir, ihm all das
nachzureichen, was er in der kurzen und doch sehr lan-
gen Zeit vermissen mußte.
Der Junge erzählte uns, daß er im Leben für all jene
kämpfen möchte, denen es nicht so gut geht. Hat ihn
diese kurze Zeit so geprägt, daß er zum Philanthrop ge-
worden ist? Die Zeit wird zeigen, was aus ihm werden
wird. Aber eines ist heute schon klar: Wir alle sind un-
endlich stolz auf ihn!
Kürzlich holte ich Raoul nach einem Termin beim
Psychiater ab, und wir fuhren gemeinsam nach Hause.
Während der Fahrt lachte er, sein Gesicht strahlte wie
früher, vor der schweren Zeit in Amerika. In solchen
Momenten habe ich den Eindruck, daß er vielleicht al-
les vergessen kann, was ihm angetan worden ist. Minu-

216
ten später versank er jedoch wieder in seine Gedanken
und saß still und abwesend da.
Beverly und ich haben zusammen mit dem Men-
schenrechtler Ingo Schmidt einen Fonds für die von uns
neu gegründete Kinderschutzorganisation «Childrens
Protection Foundation <Papillon>» eingerichtet, ein Teil
des Erlöses aus dem Verkauf dieses Buches fließt dem
Fonds zu. Wir wollen damit Kindern in Not helfen - so
wie es die Redaktion des BLICK für uns getan hat. Tau-
sende von Kindern sind noch in den Gefängnissen der
USA inhaftiert, und da ihre Familien meist mittellos
sind, haben sie keine Chance auf Anwälte und damit auf
Freiheit. Wir hoffen, mit diesem Buch eine öffentliche
Diskussion in Gang zu setzen, was die Rechtssprechung
für Kinder in den USA anbelangt. «Die Würde des
Menschen ist unantastbar», so ist es im Grundgesetz
verankert. Nach unseren Erlebnissen in den Staaten fra-
gen Beverly und ich uns oft, ob dort Kinder nach den
Buchstaben des Gesetzes denn keine Menschen sind
und deshalb jeglicher Willkür ausgesetzt sein dürfen.
Diese Kinder verfügen über keine Lobby, keine Macht
und kein Kapital - aber sie sind die Erwachsenen von
morgen, die zukünftige Gesellschaft!
Zum Glück habe ich dank meiner qualifizierten Aus-
bildung schon bald nach meiner Rückkehr in die
Schweiz einen guten Arbeitsplatz bekommen. Auf diese
Weise kann ich für meine Familie aufkommen.
Wir verdanken vielen Menschen und auch den Medi-
en das gute Ende in dem traurigen Kapitel Amerika. Für
uns steht fest, daß unsere Familie nie wieder in dieses
Land zurückkehren wird.

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Quellenverzeichnis

Printmedien

BLICK, SonntagsBLICK, Zürich; DER SPIEGEL, Hamburg;


stern, Hamburg; Neue Züricher Zeitung, Zürich; BILD-Zei-
tung, Hamburg; Neue Kronen Zeitung, Wien; Kurier, Wien;
Süddeutsche Zeitung, Stuttgart; DIE WELT, Hamburg; Tages-
Anzeiger, Zürich; The Daily Telegraph, London; The Mirror,
London; The Denver Post, Colorado/USA, Rocky Mountain
News, Colorado/USA; The Washington Post, Washing-
ton/USA; France Soir, Paris; Corriere della Sera, Rom.
Elektronische Medien, Fernsehen

SF DRS, Schweizer Fernsehen, Zürich; TELE 24, Zürich;


ARD und Zweites Deutsches Fernsehen, Köln und Mainz;
SPIEGEL FERNSEHEN, Hamburg; sternTV, Hamburg; RTL,
München; SAT.l, Köln; PRO 7, Köln; WDR, Stuttgart; TELE
5, Frankreich; RAI UNO, Rom; BBC, London; CNN, USA.
Radio

DRS Schweizer Radio, Zürich; Radio24, Zürich; Deutsche


Welle, Köln; WDR, Köln; Bayerischer Rundfunk, München;
Radio Österreich, Salzburg, Wien, Linz; BBC, London,
und viele weitere europäische und internationale Radio- und
Fernsehsender, die diese Meldungen übernommen haben.

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