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Das Recht

ein Mensch zu sein

Leseproben aus aller Welt


zum Thema Freiheit und Menschenrechte

Idee, Konzept und Auswahl


von
Jeanne Hersch

Helbing & Lichtenhahn


CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek
Das Recht ein Mensch zu sein: Leseproben aus aller Welt
zum Thema Freiheit und Menschenrechte;
Textsammlung / Auswahl von Jeanne Hersch. -
Basel: Helbing und Lichtenhain^ 1990
Einheitssacht.: Le droit d'être un homme <dt.>
ISBN 3-7190-1132-1
NE: Hersch, Jeanne [Hrsg.]; EST

„Das Werk einschliesslich aller seiner Teile ist urheberrechtlich ge-


schützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.
Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikrover-
filmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen
Systemen. "

Originaltitel: Le droit d'être un homme


© 1968 by UNESCO
© der Übersetzung und deutschen Bearbeitung 1990 by
Helbing & Lichtenhahn Verlag AG, Basel
ISBN 3-7190-1132-1
Bestellnummer: 21 01132
Herstellung: F. X. Stückle, D-7637 Ettenheim
Jeder Despot kann seine Sklaven zwingen,
Hymnen der Freiheit zu singen

MARIANO MORENO, 8. DEZEMBER 1810


Vorwort

Zum 20. Geburtstag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wollte


die Generalkonferenz der Vereinigten Nationen für Erziehung, Wissenschaft
und Kultur (UNESCO) ein Zeichen setzen. Sie wünschte 1 ', dass eine Auswahl
von Texten herausgegeben werde, die den verschiedensten Kulturen und Zeit-
altern entspringen, und die gerade durch die Mannigfaltigkeit ihrer Ursprünge
die ausgeprägte Übereinstimmung ihrer Bedeutung zeige, und auch, wie durch
Zeit und Raum die Forderung nach dem R E C H T , die Bestätigung D E S RECHTES,
EIN M E N S C H ZU SEIN, bestehe.
Das vorliegende Werk versucht, diesem Wunsch zu entsprechen.
Um die nötigen Unterlagen für die UNESCO zusammenzubringen, hat sich
das Sekretariat an die nationalen Kommissionen jedes Mitglied-Staates, an die
nichtstaatlichen internationalen Organisationen, die regelmässig an Arbeiten
der UNESCO teilnehmen, sowie an eine gewisse Anzahl Spezialisten und an
viele befreundete, freiwillige Mitarbeiter gewandt.
Ihnen allen sei an dieser Stelle herzlich gedankt, denn der Erfolg war gross-
artig, erstaunlich in Qualität und Quantität der Texte, in der Vielfalt der Pro-
bleme und Ideen, die darin geäussert wurden, und in der Art des Ausdrucks.
Die Texte waren packend und ergreifend, weil sie eine unglaubliche Ähnlich-
keit aufwiesen, die selbst in den ausgeprägtesten Gegensätzen an Überein-
stimmung grenzte. Ja, es war Verwandtschaft, Brüderlichkeit gar, was diese
Sammlung in zweifachem Sinne zutage brachte, einerseits von Menschen un-
serer Zeit, die pflichtbewusst bis weit hinunter nach geschichtlichen Sprach-
resten von Urbevölkerungen suchten, andererseits von Menschen aller Zeiten,
die auf der Suche nach menschlichen Lebensregeln waren.
Vor uns entfaltete sich wie von alleine der breite Fächer von Themen, die
den Anstoss zur alles umfassenden Erklärung gaben, und es war, als ob zu je-
dem dieser Themen alles, was bislang eines Weges gesammelt worden war, der
bis zu den entferntesten Horizonten der Welt und des Gedächtnisses reichte,
uns wie eine Opfergabe dargebracht worden wäre, sorgfältig aufbewahrt in den
Schleiern von Worten aus vergangenen Zeiten und weit entfernten Orten. Dar-
in bleiben jene Gedanken und Taten, die Fragen und Antworten, Sehnsüchte
und Beweise, Verkündungen und Wunscherfüllungen, dunkel oder licht, ent-
halten, durch die sich der Mensch seiner selbst bewusst wurde.
Ob so ausserordentlich bedeutsamen Zeugnissen war das Beste, was die,
welchen die Aufgabe der Zusammenstellung oblag, tun konnten, möglichst

1) Resolution 14 C / 3 . I i , b (iii)

7
Vorwort

wenig einzugreifen oder zu deuten. Ich bin ihnen für ihre Einsicht dankbar,
dass es vor allem darum ging, die Unmittelbarkeit einer Botschaft zu bewah-
ren, den Leser ohne Vermittler an das Ursprüngliche herankommen zu lassen.
Natürlich musste eine Auswahl getroffen werden. Beim Auswählen war
man darauf bedacht, keines der wichtigsten Themen auszulassen, und die
grosse Vielfalt der Einsendungen, notfalls bloss zusammengefasst, wiederzu-
geben.
Es galt auch, die Texte in einer gewissen Anordnung aufzustellen. Man be-
mühte sich dabei aber um eine, die nicht den Anspruch darauf erhebt, klar und
anschaulich zu sein, sondern eine, die sich darauf beschränkt, das, was über-
einstimmt, den entsprechenden Orten und Zeiten zuzuordnen, oder die auffäl-
ligsten Gegensätze zu unterstreichen.
Gewiss, in der Textesammlung bleibt ein beträchtlicher Teil einfach Zufall.
Das ist den Umständen zuzuschreiben, unter welchen die Unterlagen erhalten
worden sind. Oft wollte es der Zufall, dass von einer Kultur eine reich bestück-
te Sendung eintraf, während von einer andern bedenklich grosse Lücken ein-
fach nicht zu füllen waren.
Es ist jedoch zu hoffen, dass die grosse Anzahl zusammengetragener Texte
und die Vielzahl der Kanäle, über welche sie an das Sekretariat gelangten,
erlaubt haben, dieses gewisse quantitative Ungleichgewicht in recht hohem
Masse wieder zu beheben. Es wäre falsch, darin irgendwelche Voreingenom-
menheit sehen zu wollen.
So wurde dieses Buch geplant und gemacht. Auch wenn es die Frucht einer
Zusammenarbeit ist, an der eine Vielzahl von Mitarbeitern, sowohl ausserhalb
wie innerhalb des Sekretariates, beteiligt war, so verdanken wir sein Entste-
hen in erster Linie Jeanne Hersch, Direktorin der Philosophischen Abteilung.
Das Werk war ihre Idee und ihr Konzept, und sie wurde nicht müde, dieses
Unternehmen mit ihrer sowohl fordernden wie aufmunternden Zuversicht in
Gang zu halten. Ich möchte ihr an dieser Stelle ganz herzlich dafür danken.

Soll ich jetzt versuchen zu erklären, was dieses Buch ist, so wie ein Professor
den Sinn eines Kurses in der ersten Vorlesung erklärt? Auch wenn ich das
könnte, so passte es meines Erachtens nicht. Umgekehrt kann ich aber auf das
aufmerksam machen, was das Buch nicht ist, und das bringt uns sicher weiter.
Es ist vor allem kein wissenschaftliches Werk. Die spärlichen Randbemer-
kungen und historischen Hinweise zeigen das zur Genüge. Natürlich haben
wir versucht, eine möglichst grosse Gewähr für die erwähnten Texte zu erhal-
ten. Aber wir konnten sie nicht einer strengen Prüfung unterziehen noch die
Übersetzungen auf Hieb- und Stichfestigkeit prüfen, ganz einfach darum, weil
die Quellen und Ursprungssprachen zu mannigfaltig waren. Ungenauigkeiten
sind also möglich. Doch sagen wir ehrlich: Bei allem Zwischenmenschlichen,
überall und jederzeit, werden gewisse Dinge zwangsläufig nur ungenau ver-
standen, und diese Ungenauigkeit lässt unsere Gedanken leicht ins Emotiona-
le abgleiten. Aber nicht nur Tatmenschen geben sich im Bestreben nach
schnellem Erfolg damit zufrieden, auch Denker nehmen sie hin, denn sie er-
kennen darin eine Vorbedingung geistigen Lebens in der Geschichte.
Dieses Buch ist auch kein moralisches Lehrbuch und noch viel weniger eine
Auflistung von Tugendpreisen. Wenn gewisse Länder besser und reichlicher

8
Vorwort

vertreten sind als andere, so beweist das noch lange nicht, dass bei ihnen die
Menschenrechte besser eingehalten werden. Es ist vielleicht einfach darauf
zurückzuführen, dass diese mehr Anlass haben oder gewohnt sind, mit stren-
ger Selbstkritik ihre eigene Vergangenheit offenzulegen, oder weil sich das
eine eher als das andere mit dem zufrieden gibt, was es heute ist, oder schliess-
lich ganz einfach darum, weil zufällige Umstände gerade jetzt die Selbstdar-
stellung eines Staates auf internationaler Ebene begünstigt oder hindert. Es
gibt im Leben der Völker genau wie im Leben von Einzelpersonen Bewusst-
seinsschwankungen, die nicht unbedingt dem tiefen Wesen einer Person ent-
sprechen.
Schliesslich enthält dieses Buch auch keine Doktrin und gibt noch viel we-
niger geschichtliche Tatsachen wieder. Die Menschheit zeigt sich vor allem
von der Seite ihrer Ideale, wie sie reiner nicht ausgedrückt werden können,
nicht aber, wie sie wirklich ist, noch ihre Lage und ihr Verhalten.
Zweifellos wurde der Klage, der Entrüstung, der Bitterkeit und der Empö-
rung ihren Platz eingeräumt, die ebenso wie ihre klaren und zu Siegesjubel An-
lass gebenden Ansprüche eine nicht unterdrückbare Forderung nach Würde
und Gerechtigkeit zeigen.
Aber damit lässt sich die Odyssee des menschlichen Gewissens noch nicht
befriedigend in Worte kleiden. Stöhnen und Schreie, die man aus diesen Sei-
ten spürt, kommen nie von den allerelendesten Opfern. Diese sind im Laufe
aller Zeiten stumm gewesen. Da, wo die Rechte gänzlich mit Füssen getreten
worden sind, herrschen Schweigen und Ruhe, die in der Geschichte keine
Spuren hinterlassen, denn die Geschichte nimmt nur Notiz von Worten und
Taten derer, die fähig sind, und sei es nur in kleinstem Masse, sich ihres
eigenen Lebens zu bemächtigen, oder wenigstens den Versuch dazu zu
wagen. Es gab - und gibt noch immer - unzählige Männer, Frauen und
Kinder, die man durch Elend, Schrecken und Lüge ihre angeborene Würde
vergessen lassen konnte, oder die die Mühe nicht mehr auf sich nehmen
mochten, andere zur Anerkennung dieser Würde zu bringen. Sie sind es, die
schweigen. Opfer, die sich beklagen und hören lassen, haben bereits ein bes-
seres Los.
Wir müssen also den Leser darauf vorbereiten, dass er sich auf der Rückseite
des Lichtes, in das er treten wird, dieses Mass an Finsternis vorstellen muss.
Es ist der Schatten, den die Weltgeschichte mitträgt, und den kein Licht-
schimmer erhellt. Dies ist die Bürde, die der Fortschritt mit sich schleppt.
Keine Bewegung hebt sie auf. Es ist das Gewicht der Verbrechen, denen wir
unsere Privilegien zu verdanken haben, und die keine Freigebigkeit entschul-
digen kann, es sei denn unsere Unschuld. Objektiv gesehen sind wir als Nutz-
niesser eben Mittäter.
Verhältnismässig objektiv über den Begriff der allumfassenden Menschen-
rechte nachdenken zu können, ist das wichtigste dieser Privilegien.
Dieses Buch eignet sich nicht dazu, in einem Zug von Anfang bis Ende gele-
sen zu werden. Seine Zusammenstellung erlaubt auch kein systematisches
Studium. Der Leser kann es je nach Laune irgendwo aufschlagen, über einige
Zeilen oder Seiten nachdenken, und es wieder schliessen. Ihm wird hoffent-
lich der Geschmack nach Süss-Bitterem, nach Zärtlichem und Entsetzenerre-
gendem, nach Begeisterndem und Gemeinem, den er wahrgenommen hat, im

9
Vorwort

Gedächtnis bleiben als ein in seiner Bedeutung äusserst wichtiger Teil der
Menschheitsgeschichte.
Er wird anfänglich vielleicht den Eindruck haben, dass an den vielen Orten
und in den Jahrhunderten und Jahrtausenden schon alles gesagt und erlebt
worden sei. Aber nach einiger Überlegung wird er bestimmt herausfinden,
dass alles von neuem gemacht und von neuem erfunden werden muss. So
gross die darauf verwandten Mühen und erreichten Fortschritte, so heldenhaft
die unzähligen Opfer auch sind, der Preis für den freien Menschen ist vom
Menschen noch nicht bezahlt, noch nicht einmal richtig eingeschätzt worden.
Diese uralte Aufgabe bleibt bestehen. Eben jetzt...

Eben jetzt warten Millionen von Menschen, Unseresgleichen, bedrückt und


empört, auf uns - auf dich und auf mich.

Paris, im April 1968 René Maheu


Generaldirektor der UNESCO

10
Für ihre grosszügige Hilfe und Unterstützung zum Gelingen dieser Publika-
tion möchten wir den nachstehend aufgeführten Personen unseren herzlich-
sten Dank aussprechen: Frau Y. Schwyter-Schmid, Frau H. Schwab, Herrn
und Frau W. und E. Widmer, Herrn und Frau W. und A. Kinzelbach, Herrn und
Frau A. und E. Leuenberger, Herrn und Frau H. und T. Bachmann, Herrn und
Frau R. und F. Froelicher, Frau E. Tschopp, Herrn Chr. Langemann, Prof. J. P.
Locher, Herrn Chr. Zürcher, Herrn R. Hermann, Prof. H. Gassmann, Prof.
E. Klopfenstein, Frau R. Widmer, Frau I. Leisi und Herrn R. Buchmann.
Dank gebührt: Rotary Club Aarau, speziell Rot. H. Rüegger, R. Barth,
W. Meyer, H. und U. Steinegger, W. Kinzelbach, M. Grassi, H. Roth und
W. Kaufmann. Frau D. Leutwyler, Pro Helvetia, Migrosgenossenschaftsbund,
Schweizerischer Bankverein und Klubschulen Migros AG/SO Universite de
Genève: Faculté des Lettres.

Als Initiant der Herausgabe möchte ich ganz besonders den Verlegerinnen
Herrn H. C. Sauerländer und Frau J. Hochreutener meine intensive Anerken-
nung aussprechen. Schliesslich gehört der die Hauptarbeit leistenden,
fachkundigen Lektorin Frau S. Niederer mein ganz spezieller, aufrichtiger
Dank.
Walter Widmer, Rotary Club Aarau

Ii
Inhaltsverzeichnis

Vorwort 7
Inhaltsverzeichnis 13
Verzeichnis der Abbildungen 15
DER MENSCH 19
Die anderen 21
Solidarität 29
Wert allen Lebens. Respekt und Schutz der Menschen 41
Die Frau und das Kind 54
Das Selbst: das verantwortliche Individuum, die unreduzierbare Person 68
DIE MACHT 87
Quellen der Macht: Auftrag oder Gewalt 89
Tugenden oder Pflichten des Herrschers 92
Der Herrscher, seine Vermittler und das Recht auf Gerechtigkeit 106

G R E N Z E N DER M A C H T 113
Gegen die Willkür des Prinzen oder des Staates 115
Das Gesetz über oder unter der Macht 122
Bedingte Unterwerfung, unantastbares Gewissen 126
Rechtmässige Auflehnung, Pflicht zum Aufstand 135
FREIHEIT DES BÜRGERS 147
Persönliche Freiheit 149
Das Lob des Volkes 154
Bürgerliche Freiheit, Republik, Demokratie 159
Besondere Rechte 178
Gerechtigkeit, Unparteilichkeit 182
Demokratie, Prinzipien und Institutionen 203

W A H R H E I T U N D FREIHEIT 223
Gedanken und Ausdruck: das Recht zu denken, zu tadeln, zu verweigern,
zu zweifeln,- das Recht zu sprechen, zu schreiben, zu publizieren,
zu erschaffen 225
Die Duldsamkeit und der Glaube 251

13
Inhaltsverzeichnis

SOZIALE R E C H T E 277
Soziale Gleichheit 279
Besitz 292
Arbeit 301
Soziale Gerechtigkeit 313
Missbräuche, Ungleichheiten, Ausnutzung 328
Die Opfer, ihre Klagen 347
Streik, Programme, Sozialgesetze 366

D I E KONKRETE FREIHEIT 377


Gleichheit und Gerechtigkeit 379
Politische Rechte und wirtschaftliche Bedingungen 385

B I L D U N G , WISSENSCHAFT U N D K U L T U R 395
Wissen und Kultur 397
Ausbildung für alle; der Meister 402
Das Wissen und die Nahrung; das Wissen und die Medizin;
Freude, Poesie, Freiheit 416
KNECHTSCHAFT UND GEWALTTÄTIGKEIT 429
Die Versklavung ist gegen die menschliche Natur 431
Versklavung und Ausbeutung; Herr und Sklave 436
Unterdrückung und Befreiung; Unterwerfung und Revolte 462
D A S R E C H T GEGEN DIE G E W A L T 465
Das Recht wider die Gewalt und die Willkür 467
Verrat, Verleumdung, Gefängnis, Folter, Todesstrafe,
Gewalttätigkeit, Rache 473
Gegen den Krieg; das Recht bis in den Krieg 487
NATIONALE IDENTITÄT UND UNABHÄNGIGKEIT 497
Gleichheit zwischen den Nationen und den Völkern,
Recht auf Existenz eines jeden 499
Bedrohte oder zerstörte Bräuche: Recht der Sprache,
Versklavung der Besiegten, legitime Verteidigung 505
Schiedsspruch und Völkerrecht 516
ALLGEMEINHEIT 523
Der Mensch, gleicher Ursprung und gleiche Beschaffenheit 525
Brüderlichkeit 538
QUELLEN UND ZIELE 551
Das moralisch Absolute, das natürliche Recht 553
Zuflucht zu Gott, zur Natur 559
Gerechtigkeit in der Vergangenheit: das goldene Zeitalter 564
Die versprochene Gerechtigkeit: in einer andern Welt,
in einem andern Leben 571
Die Gerechtigkeit in dieser Welt 576
BIBLIOGRAPHIE 585

14
Verzeichnis der Abbildungen

Opfer für gutes Gedeihen und lange Lebensdauer 43


Altes Ägypten, Neues Reich. (Photo Thcodoridcs.)

Fetisch 63
Ashanti-Kultur. Museum für Ethnographie, Genf. (N. Bouvier.)

Baum der Freiheit 145


Kassel, Deutschland 1793. (Archiv des Verlages Robert Laffont, Paris.)

Asta un abuelo (Bis zum Grossvater) 157


„Caprichos" von Goya, Radierung, Spanien 1803. (Giraudon.)

Plakat, démolisseur de la Bastille 162


Frankreich 1789. Bibliothèque nationale, Paris. (Ségalat.)

La prise de la Bastille 163


Frankreich 1789. Bibliothèque nationale, Paris. (N. Bouvier.)

Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten


von Amerika, Entwurf von Jefferson, 1776 nach 198
Manuskript, Library of Congress, Washington.
(Archiv des Verlages Robert Laffont, Paris.)

Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vor 199


Frankreich 1789. Bibliothèque nationale, Paris. (N. Bouvier.)

Hand mit Pinsel nach 232


Japan. (Photo N. Bouvier.)

Kohlegewinnung vor 233


China 18. Jh. Bibliothèque nationale, Paris. (N. Bouvier.)

Ambulante Buchhandlung vor 233


China 18. Jh. Bibliothèque nationale, Paris. (N. Bouvier.)

Schwert und Wappen ohnmächtig angesichts des Todes


(Der Ahnenstolze) 287
Chodowiecki, Deutschland 18. Jh. Bibliothèque nationale, Paris.
(N. Bouvier.)

Inschrift auf einem Grenzstein 301


Altes Ägypten, 5. Dynastie, 3. Jt. v. Chr. Museum von Kairo. (Photo Theodorides.)

15
Verzeichnis der Abbildungen

Kinder bei der Arbeit im Laufgraben einer Kohlenmine 308


Grossbritannien, ca. 1860. Bibliothek von Genf. (N. Bouvier.)

Siesta 312
ex „Hortus sanitas" von J. de Cuba. Koloriertes Holz, Strassburg 1515.
Bibliothek von Genf. (N. Bouvier.)

Reichtumsmaske 321
Bronze, Kamerun. Museum für Ethnographie, Genf. (N. Bouvier.)

Ort der Abdeckerei nach 332


Paris 1826. Sammlung Raymond, Lausanne.

Sklaven, beim Waschen von Freigold aus Sand im


kolonisierten Afrika nach 332
1820. Bibliothèque nationale, Paris. (Ségalat.)

Hin und zurück vor 333


Lithographie von Catlin, Vereinigte Staaten von Amerika ca. 1830.
Bibliothèque nationale, Paris. (N. Bouvier.)

Der beschämte Arme vor 333


Aquarell, Venedig, Ende 16. fh. Bibliothèque nationale, Paris. (N. Bouvier.)

Abstieg in den Schacht des Bergwerks 345


Grossbritannien, ca. 1860. Bibliothek von Genf. (N. Bouvier.)

Schutz nach 364


Bronze aus Dahomey. Museum für Ethnographie, Genf. (N. Bouvier.)

Gnade nach 364


Kaiser Djahangir. Mongolische Miniatur, 17. Jh.
Bibliothèque nationale, Paris. (N. Bouvier.)

Arche Noah vor 365


Maurische Miniatur, Turin 9. Jh. (Photo A. Held.)

Entwurf für eine Maschine, die das gleichzeitige Lesen


verschiedener Bücher ermöglichen soll 406
Stich, Italien, Ende 17. Jh. Bibliothèque du Conservatoire national des arts et métiers, Paris.
(N. Bouvier.)

Moses erhält die Gebotstafeln 409


Inkunabel, Deutschland, Ende 15. Jh. Bibliothek von Genf. (N. Bouvier.)

Anatomielektion 418
Stich aus „Physica sacra" von Schcutzer, 1714.
Bibliothèque nationale, Paris. (N. Bouvier.)

Singstunde für die Vögel 421


Schwedisches Holz, Ende 15. Jh. Bibliothèque nationale, Paris.
(N. Bouvier.)

Abschaffung des Sklavenhandels nach 432


Stich, Grossbritannien, A n f a n g ^ . Jh. (Giraudon, Paris.)

16
Verzeichnis der Abbildungen

Gleichheit der Rassen in Madagaskar vor 433


Frankreich, Endel/. Jh. Bibliothèque nationale, Paris. (N. Bouvier.)

Platzverwendung auf einem Sklavenschiff 449


Stich eines Pamphlets, Frankreich 1822. Bibliothèque nationale, Paris.
(Ségalat.)

Der Tod des Papstes 465


Gebrannter Ton, Schweiz 18. Jh. Sammlung Ernst, Genf. (N. Bouvier.)

Der Pharao und seine Häftlinge 466


Altes Ägypten. (Photo H. Sticrlin.J

Kerker 482
Russischer Stich, Ende 18. Jh. Bibliothèque nationale, Paris. (Ségalat.)

Schwur von 1291 519


Holzschnitt aus den „Chroniken" von J. Stumpfen, Zürich 1548.
Bibliothek von Genf. (N. Bouvier.)

Die barmherzige Jungfrau, die die Menschheit


vor dem Zorn Gottes beschützt 527
Zeichnung, Deutschland 15. Jh.
Bibliothèque des arts décoratifs, Paris. (N. Bouvier.)

Kommunikation durch die Brieftauben in Syrien 558


Holzschnitt aus „Die Reisen des Jean de Mandeville", Deutschland 15. Jh.
Bibliothèque nationale, Paris. (N. Bouvier.)

17
Der Mensch
Die anderen

Dainos sind D E R WOLF (litauische Daina)


litauische Volks-
lieder, die seit
vorchristlicher Zeit Und der Wolf, und der Wolf,
mündlich von Der im Walde daheim.
Generation zu
Generation weiter-
Er verlässt alle Bäum',
gegeben wurden Und er kommt auf die Wies'.
Er zerfleischet das Lamm
Und das Füllen so jung.
Muss so sein halt, der Wolf.

Und der Fuchs, und der Fuchs


Schleichet leis' durch den Wald
Und verlässt alle Bäum',
Und er geht in den Hof,
Und er packt und er frisst
Eine Gans und ein Huhn.
Muss so sein halt, der Fuchs.

Und der Hund, und der Hund


Überwachet das Haus,
Und er bellt und er beisst
In die Ferse den Dieb,
Erschreckt alte Leut
Und erschreckt Vagabund.
Muss so sein halt, der Hund.

Und der Floh, und der Floh


Mit dem Schleckmäulchen so,
Und er saugt in der Früh
Frisches Blut von der Magd,
Und er weckt sie im Hof,
Weil er will, dass sie melkt.
Muss so sein halt, der Floh.

Und die Bien', und die Bien'


Ist im Walde daheim,
Und sie summt auf der Heid',
Und sie sticht in die Hand
Und in Ohr und auf Wang',
Gibt auch Honig, die Bien'.
Muss so sein halt, die Bien'.

Und der Mensch, oh der Mensch,


Schau die Bien', schau ihr zu,
Oh, der Mensch sticht wie sie,
Sticht ins Herz, tief ins Herz,

21
Der Mensch

Doch schau zu, Menschenkind,


Gib auch Süsse dem Bruder.
Muss so sein doch, der Mensch! i

Verhaltensiegel Dschung Gung fragte nach (dem Wesen) der Sittlichkeit.


Der Meister sprach: „Trittst du zur Tür hinaus, so sei wie
beim Empfang eines geehrten Gastes. Gebrauchst du das
Volk, so sei wie beim Darbringen eines grossen Opfers. Was
du selbst nicht wünschest, das tue nicht den Menschen an.
So wird es in dem Land keinen Groll (gegen dich) geben, so
wird es im Hause keinen Groll (gegen dich) geben."
Konfuzius Dschung Gung sprach: „Obwohl meine Kraft nur
551 • 479 V .
Chr.
schwach ist, will ich mich doch bemühen, nach diesem
China
Gespräche Wort zu handeln." 2

Du sollst dich nicht rächen und nichts nachtragen den Kin-


Hebräische Bibel dern deines Volkes, sondern deinen Nächsten lieben, wie
Lcviticus 19,18 dich selbst. Ich bin der Ewige. 3

Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht.
Talmud
Sabbat II, V, Das ist die ganze Tora und alles andere ist nur die Erläute-
Fol 31a rung. 4

Wenn du Lese hältst in deinem Weinberge, sollst du nicht


nachher Beeren klauben; dem Fremdling, der Waise und
der Witwe soll es gehören.
Hcbräische Bibel
Deuteronomium Und bedenke, dass du ein Knecht gewesen im Lande
24, 21 - 22 Mizrajim; darum gebiete ich dir diese Sache zu tun. $

Hebräische Bibel Freue dich nicht über den Fall deines Feindes, und dein
Sprüche 24 Herz sei nicht fröhlich, wenn er taumelt. 6

Biiidei Die Griechen stellen sich den Menschen in einem Schema


Gott gegenübergestellt vor; den Sterblichen und den Un-
sterblichen. Pollux und Castor sind Zwillingsbrüder, der
eine, Pollux, aus dem Göttlichen geboren, der andere,
Castor, aus dem Sterblichen. Als der sterbliche Bruder in
einem Kampf verletzt wurde, verlangte der unsterbliche
Bruder, das Schicksal mit ihm zu teilen.
Strophe:
Schnell eilt nun zurück zum armgewaltigen Bruder der

22
Die anderen

Tyndaride. Noch nicht entseelt, aber schon röchelnd im


Todesschauder fand er ihn. Heisse Thränen vergiessend
ruft er mit Seufzen laut zum Himmel empor: Ist, o Vater
Kronion, ist keine Erlösung von diesem lammer! Auch mir,
o Herrscher, sende mit ihm den Tod. Es entfleucht die Ehre
und hohe Achtung dem Manne mit den scheidenden Freun-
den. Wenige der Sterblichen nur sind in der Trübsal treu.
Gegenstrophe:
(...) mit uns zu theilen des Lebens Mühen. Er sprach's, da
nahte sich Zeus ihm, und sprach also: „Du bist mein Sohn,-
aber den Gefallenen erzeugte nachher deiner Mutter Ge-
mahl, sie mit sterblichen Samen befruchtend." „Doch
wohlan, ich verstatte dir die Wahl eines Looses von zwei-
en: willst du fliehen den Tod und das verhasste Alter und
stets den Olympos bewohnen mit Athenain und dem
schwarzbespeereten Ares";
Epodös:
(...) so ist dir gewährt solches Theil. Aber strebest (ringest,
kämpfest) „du für deinen Bruder, entschlossen iegliches
Geschick zu theilen mit ihm, so magst du die Hälfte der
Zeit in den Tiefen der Erde athmen, und die Hälfte in des
Pindar Himmels goldnen Pallästen." So sprach Zeus, und Poly-
5 2 1 - 4 4 1 v. Chr. deukes Seele gab dem Zweifel nicht Raum. Da löste Zeus
Griechenland
10. Nemeischer die Todesfessel dem Aug' und der Stimme des erzumgürte-
Siegesgesang ten Helden. 7

Hadith
[Worte des Keiner von euch ist gläubig, solange er nicht das für seinen
Propheten) Bruder wählt, was er für sich selber wählen würde. 8

Einem Muselman ist es verboten, sein Blut zu vergiessen,


wenn es nicht zur Verteidigung der Gerechtigkeit ge-
Malik Ibn Anas
Rechtsberater schieht, und das Blut anderer zu vergiessen, wenn es nicht
8. Jh. Syrien um der Gerechtigkeit willen geschieht. 9

Und was ist euch, dass ihr nicht kämpfet in Allahs Weg
Koran und für die schwachen unter den Männern und die Frauen
An-Nissa' 75 und Kinder. 10

Dass niemand unter euch aus Nachahmungstrieb sage:


„Wenn man um mich herum Gutes tut, werde ich Gutes
tun, und wenn man um mich herum Böses tut, werde ich
Böses tun." Im Gegenteil, nehmt es auf euch, Gutes zu
Hadith
(Worte des tun, so wie man es um euch herum tut, und nicht am Bö-
Propheten) sen teilzuhaben, das ihr um Euch herum geschehen seht. 11

23
Der Mensch

Wenn ihr seht, dass ich auf dem rechten Weg bin, helft mir.
Wenn ihr seht, dass ich einen falschen Weg eingeschlagen
habe, stellt mich auf den rechten. Wer von euch stark ist, ist
schwach in meinen Augen bis zur Probe der Gerechtigkeit,
Kalif Abu Bakr
Al-Saddik und wer schwach ist von euch, ist stark in meinen Augen,
7. Jh. bis ihm Gerechtigkeit zuteil geworden ist. 12

Liebe zu Gott Wer da sagt, er sei im Licht, und hasst seinen Bruder, der ist
und dem noch in der Finsternis. Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im
Nächsten Licht, und ist kein Ärgernis bei ihm. Wer aber seinen Bruder
hasst, der ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis
und weiss nicht, wo er hin geht; denn die Finsternis hat sei-
ne Augen verblendet. So jemand spricht: „Ich liebe Gott",
und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen
Neues Testament Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den
Johannes
1 . Brief, 2 , 9 - 1 1
er nicht sieht? Und dies Gebot haben wir von ihm, dass wer
4,20-21 Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe. 13

Rechte und Die wahre Quelle der Rechte ist die Pflicht. Wenn wir alle
Pflichten unsere Pflichten erfüllen, wird die Achtung vor unseren
Rechten leichter zu erhalten sein. Wenn wir unsere Pflich-
ten vernachlässigen und unsere Rechte verlangen, werden
Mahatma Gandhi sie uns entschwinden wie Irrlichter. }e mehr wir sie verfol-
1869-1948 gen, desto weiter entfernen sie sich von uns. 14

Der Unglück- Lach nicht über einen Blinden, necke nie einen Zwerg,
liche ist dein schade nicht einem Lahmen.
Nächster
Amenope Der Fremde hat auch Recht auf das Öl in deinem Krug.
Altes Ägypten
ca. 1 3 0 0 - n o o Gott wünscht, dass du die Armen achtest, vielmehr als
v. Chr. dass du gemeinsame Sache machst mit den Grossen. 15

Das moralisch Auch wenn sie den Nektar der Devata in den Händen hal-
Absolute ten, behalten sie ihn nicht, so vorzüglich er auch sei, um
ihn allein zu trinken (sondern teilen ihn mit den andern).
Sie kennen den Hass nicht. Sie vollbringen ohne Zögern
(und ohne Angst) die grossen Aufgaben, die andere aus
Angst nicht bewältigen. Geht es darum, das Gute zu tun,
sind sie bereit, ihr Leben einzusetzen. Geht es darum, das
Böse zu tun, wird nichts auf der Welt sie dazu bewegen
Purananooru können. Sie sind nie überdrüssig. So lange es Menschen
Sangan Epoche dieser Art gibt, die nicht um egoistischer Ziele willen
ca. 2. Jh. v. Chr. -
2. Jh. n. Chr. kämpfen, sondern für das Wohl der andern, wird auch die
Tamil Welt selber weiterbestehen. 16

24
Die anderen

Ewige O Herr der Salzebenen, wo das weite Meer saphirblau ist,


Verbundenheit wo die pollenreiche Königskerze Stacheln hat so spitz wie
Kurunthokai die Zähne eines Eichhörnchens, sogar wenn wir unser Leben
Sangam Epoche
2. Jh. v. Chr. - verlassen, um in einem neuen Dasein zu erwachen, müsst
2. Jh. n. Chr. ihr mein Gemahl sein und ich eure zärtliche Gemahlin. 17
Tamil

Gegen die Mach dir keine Feinde! Das ist immer das Beste, denn man
Feindschaft kann einen Feind nicht mit Feindschaft zum Schweigen
bringen. Wenn du die Feindschaft in deinem Herzen hegst
und nährst, so wirst du unmöglich so achtsam sein kön-
nen, dass du niemals entsprechend redest oder handelst.
Und wenn du den Feind bekämpfen und zerstören willst,
Mahäbhärata wirst du Töten und Blutvergiessen in Kauf nehmen müs-
Telugu-
Überlieferung
sen. Wie man's nimmt, oh Krischna, Feindschaft lässt dich
Mauritius das Gefühl für Gut und Böse verlieren. 18

Heldentaten O Herr Srinivasa! Gibt es heute für die Mächtigen dieser


Welt andere Heldentaten zu verwirklichen als die folgen-
den: teilhaben am Schicksal der Unglücklichen und es ver-
bessern, den Gestürzten aufrichten; die Armen aufsuchen,
um sie zu schützen, oder sich verpflichten, den Notleiden-
den zu helfen; einen um Asyl Bittenden aufnehmen oder
Peda Tiroumalayya einen Waisen aufziehen; jemanden aus den Klauen des To-
16. Jh. des befreien oder einen, den die Krankheit ans Bett fesselt,
Necti Seesa
Satakamou Telugu- pflegen - wirklich, welche Taten könnten nobler sein als
Überlieferung diese, o Herr Venkatesa! 19

Wer ein Herz Ein Mann mit weissem Bart, und er weiss nicht, wie die
gebrochen hat Dinge stehen! Wenn er ein Herz gebrochen hat, dann nützt
ihm alles noch so verbissene Unternehmen von Wallfahr-
ten (zum heiligen Mekka) nichts.
Das Herz des Menschen ist Gottes Thron. Gott hat sei-
nen Blick stets auf die Herzen gerichtet. Wer ein Herz ge-
brochen hat, wird das Glück weder in dieser noch in der an-
dern Welt kennen.
Yunus Emre Was du für dich denkst, das denke auch für die andern.
Volksdichter
13. Jh. Der tiefere Sinn der vier Evangelien, so einer darin ist, lässt
Türkei sich auf diesen einfachen Nenner bringen. 20

Sonne oder Stein Hört, oh Kameraden, die Liebe, das ist wie eine Sonne. Das
Herz, das nicht einen Teil davon hat, ist wie ein Stein.
Was kann auf einem steinernen Herzen gedeihen? Wer
eines hat, der hat Gift auf der Zunge. Auch wenn er süsse
Worte auszusprechen versucht, sie werden tönen wie das
Tosen einer Schlacht.

25
Der Mensch

Ein Feuer erwärmt die Herzen voll Liebe, und sie werden
Yunus Emrc weich wie Wachs. Die Herzen aus Stein hingegen gleichen
Volksdichter
13. Jh.
einem harten Winter: Sie sind erbarmungslos und finster.
Türkei 21

Nur der Körper, den die Liebe belebt, hat eine Seele: Wem
die Liebe fehlt, ist nur ein mit Fleisch überzogenes Skelett.

Wenn du dich selber liebst, begehe keine, auch noch so


kleine Sünde.
Wollt ihr die strafen, die (euch) Böses getan haben, so be-
schämt sie, indem ihr gut zu ihnen seid, und vergesst am
Schluss alles, das Gute wie das Böse.
Die grösste aller je beschriebenen Tugenden besteht dar-
in, seine Nahrung mit andern zu teilen und jede Art von
Leben zu bewahren.
Nicht töten ist das vollkommen Gute; nicht lügen folgt
Tirukural gleich darauf.
i.Jh.
Mauritius Sei bescheiden im Wohlstand und würdig im Unglück.
Tamil 22

Undankbarkeit Sogar für die Bösen, die die Euter der Kühe abschnitten, für
ist schlimmer die, welche Kinder im Schoss ihrer mit Kostbarkeiten ge-
als Gewalt schmückten Mütter töteten, und für die, welche gegen ihre
Eltern Verbrechen begingen, gibt es eine Hoffnung auf
Heil. Aber selbst wenn die Welt von Grund auf erschüttert
würde, gäbe es kein Heil für die Undankbaren, die verges-
Purananooru sen, was man ihnen Gutes getan hat. So steht es geschrie-
2. Jh. v. Chr. -
2. Jh. n. Chr. ben in den Sästra, oh Gemahl der schönen, mit Juwelen
Tamil geschmückten Königin. 23

Nur
Upanishad diejenigen, die zu Opfern bereit sind, kennen die Freu-
Indicn de. Du sollst nicht begehren. 24

Gegenseitigkeit Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem
Mahäbhärata XII andern zu. Frage dich immer, was dem andern unange-
2. Jh. v. Chr. -
2. Jh. n. Chr. nehm sein könnte.
Sanskrit

26
Die anderen

Der Gast Wen du aufnimmst, der sei für dich ein Gott. 26
Taitiriya-
Upanishad I
7 . - 8 . Jh. v. Chr.
Sanskrit

Die Der besten (Menschen) Reichtum trägt Früchte beim Lin-


Unglücklichen dern der Schmerzen von Unglücklichen. 27
Kälidäsa
Maghadüta 53
4. Jh.
Sanskrit

Ist das Männlichkeit, im guten Sinne des Wortes, wenn


einer dem Leidenden nicht beisteht? Wozu ist Reichtum
gut, wenn er nicht den Armen dient? Kann eine Tätigkeit,
Subhäsita-
Ratnabhändägära die nicht dem Wohle anderer dient, als sinnvoll betrachtet
Sanskrit werden? 28

Ich wünsche nicht, dass der Herr mir diesen erhabenen Zu-
stand zuteil werden lässt, der durch die acht übernatürli-
chen Fähigkeiten ausgezeichnet ist, noch dass er mich von
Bhägavata- den Wiedergeburten erlöst. Ich wohne im Herzen aller
Puräna, IX
9. - 1 0 . Jh. Menschen und nehme ihre Not auf mich, damit sie vom
Sanskrit Leiden befreit werden. 29

Selbst- Derjenige, der sich zugleich in allen Wesen erkennt und


beherrschung alle Wesen in sich selber sieht, und der sich so selbst
Manusmriti, XII
2. Jh. v. Chr. -
opfert, erreicht die Selbstbeherrschung. 30
1. Jh. n. Chr.
Sanskrit

Inschrift auf dem Grab des Darius (521-486 v. Chr.) in


Naqsh -i-R u s tem:

Gross ist der Gott Ahura-Mazdä, der dieses wunderbare


Werk, das wir sehen, geschaffen hat, der das Glück für die
Menschen schuf, der den König Darius mit Weisheit und
Tatkraft begabte.
Der König Darius sagt: „Durch die Gnade des Ahura-
Mazdä bin ich so geschaffen, dass ich Freund des Guten bin
und nicht des Bösen. Ich will nicht, dass der Starke dem
Schwachen schadet, noch der Schwache dem Starken.
Ich verlange, was recht ist. Ich bin nicht Freund dessen,
der in der Lüge lebt. Ich bin nicht jähzornig. Was in mir
Zorn aufsteigen lässt, meistere ich mit der Kraft meines
Denkens. Ich beherrsche mich voll und ganz.
Wer mitarbeitet, wird nach dem Nutzen seines Beitrages
belohnt. Wer schlecht handelt, den strafe ich entsprechend
dem Schaden, den er angerichtet hat. Ich will nicht, dass

27
Der Mensch

der Mensch Böses tue. Wenn er es tut, will ich nicht, dass
er ungestraft bleibt.
Was ein Mensch gegen einen andern aussagt, überzeugt
mich nur, wenn er sich dabei ordentlich an die guten
Regeln hält.
Was ein Mensch (für mich) im Rahmen seines Mögli-
chen tut oder ausführt, stellt mich zufrieden und erfüllt
Persicn mich mit grosser Freude. Ich fühle mich beschenkt." 31

Der Mensch Niemand sollte sich einem Sünder gegenüber als Feind auf-
trotz des spielen oder ihm Schlechtes wünschen; man muss mit den
Fehlers Sündern barmherzig sein und denken: „Es ist wirklich em-
Denkart
9. Jh. pörend zu sehen, wie Ahreman jemanden derart betrügen
Persien und irreführen kann." 32

Demut Wer auf die Begierde verzichtet, legt seine Waffen nieder
und enthält sich des Krieges. Wer seine Waffen niederlegt
und sich des Krieges enthält, erreicht die Demut. Ein de-
Denkart
9. Jh. mütiger Mensch beschäftigt sich kaum mit seinem eigenen
Persien Wohlergehen, umso mehr aber mit dem der andern. 33

Achtung Nach dem Übertritt Polens zum Christentum im Jahre 966


blieb das Latein während mehrerer Jahrhunderte die einzi-
ge geschriebene Sprache. Der älteste polnische Text ist ein
im lateinischen Inventar des Klosters von Henryköv, in
Silesien, eingefügter Satz, der den Namen eines Dorfes er-
klären sollte). Ein Bauer, der sah, wie seine Frau eine Müh-
le antrieb, sagte zu ihr: Day at/ ia pobrusa/ a ti pociway,
was bedeutet:
Inventar
13. Jh. Gib mir deinen Platz, ich werde mahlen; du, ruhe dich aus.
Polen 34

Gleichheits- Eine natürliche Neigung gleicher Art hat die Menschen


beziehung dazu geführt zu verstehen, dass es ihre Pflicht ist, die an-
dern nicht weniger zu lieben als sich selbst. Die Gleichheit
der Dinge ist nur sichtbar, wenn alle mit der gleichen Elle
messen: wenn ich wünsche, von allen so gut behandelt zu
werden, wie jeder Mensch es im Geheimen für sich selber
wünscht, wie könnte ich erwarten, diesen Wunsch auch
nur teilweise erfüllt zu sehen, wenn ich mich nicht selber
bemühe, das gleiche Verlangen, das die andern ja auch ha-
ben, da wir einer einzigen und gleichen Natur angehören,
zu befriedigen. Jede Behandlung, die diesem Verlangen zu-
wider läuft, muss für sie ebenso unangenehm sein wie für
mich selbst, wenn ich also Böses tue, muss ich erwarten,
leiden zu müssen, denn es gibt keinen Grund dafür, dass
die andern mir mehr Liebe entgegenbringen, als ich ihnen
gegenüber zeige, folglich zwingt mein Verlangen, von mei-

28
Solidarität

nen Artgleichen so gut wie möglich geliebt zu werden, mir


die natürliche Pflicht auf, ihnen ohne Vorbehalt die gleichc
Richard Hooker
(genannt „der
Liebe entgegenzubringen,- kein Mensch ist so unwissend,
weise Hooker") dass er die verschiedenen Gesetze und Regeln nicht kennen
England würde, welche die natürliche Vernunft für unsere Lebens-
Die Gesetze der
kirchlichen Politik
führung verlangt, nämlich dieses wechselseitige Nehmen
1594 und Geben. 35

Bedürfnis nach Als jung zog ich aus ganz allein;


dem Nächsten Zu verwegen, verlor ich den Weg.
Mit dem Freund, den ich fand, war ich reich,
Kann uns wohl, ach, bei Menschen nur sein.
Zum Spass, auf dem Feld draussen weit,
Zog ich lachend die Vogelscheuch' an.
Die Morsche glich fast einem Graf.
Was ist schon ein Mensch ohne Kleid?
Im finsteren Tal stirbt die Tann'.
Für nichts ist ihr Holz und die Rind'.
Wie die Tann' ist der Mensch, der nicht liebt;
So dahin lebt er kümmerlich dann.
Durch Zunder brennt Zunder allein,
Und Feu'r wird durch Feu'r nur gebor'n.
Isländisches Gedieht
Stanzen des Odin Dem Mensch wird beim Reden nur warm.
ca. 8 0 0 - 1 1 0 0 So red, willst du einsam nicht sein. 36

Solidarität

Kein Mensch ist eine Insel, ganz nur sich selbst gehörig; je-
der Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Gan-
zen. Wenn ein Erdklumpen von der See weggewaschen
wird, so wird Europa ebenso etwas weniger, als wäre es ein
ganzes Vorgebirge, ebenso, als wäre es ein Landgut eines
deiner Freunde oder dein eigenes: der Tod jedes Menschen
vermindert mich, weil ich mit der Menschheit verflochten
John Donne
England bin. Deshalb sende niemals Boten aus, um zu erfahren, für
1624 wen die Glocke läutet - sie läutet für dich. 37

Würde der Es erschien mir immer sehr geheimnisvoll, dass ein


Nächsten Mensch sich geehrt fühlen kann durch die Demütigung sei-
Mahatma Gandhi ner Mitmenschen. 38
1869-1948

Furchtlose Die Gewaltlosigkeit wirkt auf die geheimnisvollste Art. Es


Demut kommt oft vor, dass die Handlungen eines Menschen, die

29
Der Mensch

unter dem Blickwinkel der Gewaltlosigkeit geplant wur-


den, jeglicher Analyse trotzen. Es kommt auch oft vor, dass
seine Handlungen den Schein der Gewaltsamkeit tragen,
obwohl dieser Mensch völlig gewaltlos ist im wahrsten
Sinne des Wortes, wie man es nachträglich erkennen kann.
(...) Ich kann meinen Gedankengang nicht weiter verfol-
gen. Die Sprache bleibt nur ein schwaches Mittel für den
vollen Ausdruck des Gedankens. Für mich ist die Gewalt-
losigkeit nicht nur ein einfaches philosophisches Prinzip.
Es ist die Regel und der Atem selbst meines Lebens (...) Ich
weiss, dass ich oft irre, manchmal sogar wissentlich, öfters
aber unwissentlich. Es ist nicht eine Sache der Intelligenz,
sondern des Herzens. Um auf dem guten Pfad geführt zu
werden, muss man stets Gott dienen, in höchster Demut,
in der Verleugnung seiner selbst, indem man stets bereit
ist, sich zu opfern. Die Ausübung der Gewaltlosigkeit ver-
langt eine unendliche Unerschrockenheit und einen
Mahatma Gandhi
unendlichen Mut. Meine Misserfolge sind mir schmerzlich
1869-1948 bewusst. 39

Vortrag über die


umfassende
Liebe

Der Weise, dessen Sache es ist, das Rcich gut zu regieren,


muss wissen, woher die Verwirrung im Reiche stammt,
erst dann kann er sie beseitigen. Wenn er ihren Ursprung
nicht kennt, so vermag er nichts dagegen zu tun. Es ist ge-
rade so, wie wenn ein Arzt die Krankheit eines Patienten
bekämpfen soll. Zunächst muss er wissen, woher die
Krankheit kommt, dann kann er Mittel dagegen ergreifen.
Kennt er die Krankheitsursache nicht, so kann er sie auch
nicht bekämpfen. Warum sollte es bei der Beseitigung von
Wirren und Unruhen anders sein?

Deshalb muss der Weise, dem die Leitung des Reiches


obliegt, sich über den Ursprung der Wirren klar werden,

30
Solidarität

und wenn er ihm nachforscht, wird er finden, dass sie im


Mangel gegenseitiger Liebe ihren Grund haben. Wenn Un-
tertanen und Kinder keine kindliche Verehrung für ihren
Fürsten oder Vater haben, so spricht man von Entartung.
Der Sohn liebt nur sich, aber nicht seinen Vater, deshalb
schädigt er seinen Vater und nützt sich selbst. Der jüngere
Bruder liebt nur sich, aber nicht seinen älteren Bruder, des-
halb benachteiligt er diesen und ist nur auf den eigenen
Vorteil bedacht. Der Untertan liebt nur sich selbst und hat
keine Liebe für seinen Fürsten, deshalb schädigt er seinen
Fürsten, während er auf seinen eigenen Nutzen bedacht ist.
Das nennt man Entartung. Wenn selbst ein Vater keine gü-
tige Gesinnung für seinen Sohn, ein älterer Bruder für den
jüngeren und der Fürst für seine Untertanen hegt, so gilt
das ebenfalls im Reiche als eine besondere Entartung. Der
Vater liebt nur sich und nicht seinen Sohn, daher benach-
teiligt er den Sohn und nützt nur sich selbst. Der ältere
Bruder empfindet nur für sich selbst Liebe, nicht für den
jüngeren Bruder; diesem fügt er Übles zu, während er für
seinen eigenen Vorteil arbeitet. Der Fürst liebt nur sich
und hat kein Herz für seine Untertanen, deshalb schadet er
ihnen und hat stets nur den eigenen Nutzen im Auge.
Woher kommt das? Alles aus dem Mangel an gegenseitiger
Liebe.
Selbst Diebe und Räuber im Reiche handeln in ähnlicher
Weise. Die Diebe lieben nur ihr eigenes Heim, aber nicht
das der andern, deshalb bestehlen sie dieses, um ihrem
eigenen Heim zu nützen. Die Räuber lieben nur ihre eigene
Person und nicht ihre Mitmenschen, darum vergewaltigen
sie diese, um sich selbst Vorteil zu verschaffen. Woher
kommt das? Alles vom Fehlen der gegenseitigen Liebe. -
Wenn die hohen Beamten gegenseitig Verderben über ihre
Familien bringen und die Feudalfürsten einander in ihren
Staaten bekämpfen, so ist es ebenso. Die hohen Beamten
lieben alle nur ihre eigenen Häuser und nicht die fremden,
deshalb zerrütten sie diese, um ihrem eigenen Hause zu
nützen. Die Fürsten lieben alle nur ihre eigenen Reiche
und sind gleichgültig gegen die andern, scheuen sich daher
auch nicht, sie anzugreifen, wenn es ihrem eigenen Lande
Vorteil bringt. Alle Fälle von Zerrüttung im Reiche sind
hierin enthalten. Forschen wir nach den Ursachen, so ist es
immer der Mangel gegenseitiger Liebe.
Wenn man nun alle Bewohner des Reichs veranlassen
könnte, sich zur gegenseitigen Liebe zusammenzutun und
andere ebenso zu lieben wie sich selbst, würden sie dann
wohl noch unkindlichen Sinn zeigen? Würde es dann noch
unfreundliche Personen geben? Wenn man seinen Sohn,
jüngeren Bruder oder seine Untertanen wie sich selbst be-

3i
Der Mensch

trachtet, würde man dann noch unfreundlich gegen sie


sein? Es würde keine Lieblosigkeiten und Unfreundlichkei-
ten mehr geben.
Würden noch Diebe und Räuber existieren? Wenn man
das Haus anderer wie sein eigenes ansieht, wer würde es da
noch bestehlen? Und wenn man fremde Persönlichkeiten
seinem eigenen Ich gleichstellt, wer würde da noch Ge-
walttätigkeit verüben? Also würden Diebe und Räuber ver-
schwinden.
Würden noch hohe Beamte gegenseitig ihre Familien zu
verderben suchen, und Feudalfürsten die Staaten ihrer Ri-
valen angreifen? Wenn man andere Familien mit seiner
eigenen auf gleiche Stufe stellt, wer würde sie zerrütten
wollen, und wenn man die Staaten anderer ebenso ansieht
wie seinen eigenen, wie würde man sie angreifen? Folglich
würde es keine Beamten geben, welche ihre Familien ge-
genseitig zu Grunde richteten, oder Fürsten, die sich mit
ihren Reichen befehdeten.
Wenn im Reiche sich alle gegenseitig liebten, die Staaten
sich nicht untereinander bekriegten, die Familien nicht
einander zerrütteten, wenn es keine Diebe und Räuber
gäbe, Fürsten und Untertanen, Väter und Söhne, Liebe und
Zuneigung zueinander zeigten, so würde das Reich in wohl
geordnetem Zustand sein. Warum sollte daher der Weise,
dessen Angelegenheit die Verwaltung des Reiches ist, nicht
den Hass verhindern und zur Liebe aufmuntern, denn
wenn alle im Reiche durch Liebe verbunden sind, herrscht
Ordnung, wenn sie sich hassen, Verwirrung? Dies ist es,
Mo-tzü weshalb der Meister Mé-tse gesagt hat: „Man kann nicht
5. Jh. v. Chr.
China umhin, zur Nächstenliebe zu ermahnen." 40

Ideal dei Sie begannen zu lehren,


aztekischen Wie sie leben sollten,
Erziehung Die andern achten,
Sich hingeben
An das, was gut und recht ist;
Wie sie das Böse meiden sollten,
Aztckische
Überlieferung Die Ungerechtigkeit und ihre Macht fliehen,
Mexiko, 15. Jh. Die Verdorbenheit und die Begierde meiden. 41

Ohne mensch- Wenn man ohne menschliches Prinzip lebt, ist man nur
liches Prinzip noch Unrat und Asche. 42
Nahuatl-
Überlieferung
Mexiko

Opfer Kaab ibn Mama war ein Iyadite. Man erzählt, dass er in
einem heissen Sommermonat (in die Wüste) mit einer Ka-
rawane auszog, in welcher sich ein Mann, der Namir ibn

32
Solidarität

Qasit, aufhielt. Sie verirrten sich;und sie mussten das Was-


ser, über das sie verfügten, rationieren. Man warf einen
Stein in die Schale, und goss Wasser hinein, bis es den
Stein zudeckte. Diesen Stein nannt man die maqla, und je-
der trank so die gleiche Menge Wasser. Sie setzten sich, um
zu trinken. Als die Schale in der Runde bei Kaab ankam,
sah dieser, dass Namirite gierig nach ihr schaute,- er über-
liess ihm darauf seinen Teil Wasser und sagte zu dem, der
eingoss: „Gib deinem Bruder Namirite zu trinken". Dieser
trank also den Wasseranteil des Kaab. Am folgenden Tag,
beim nächsten Halt, teilten sie den Rest Wasser ein. Und
auch dieses Mal warf Namirite den gleichen Blick auf die
Schale wie am Tag zuvor, und Kaab wiederholte die gleiche
Geste. Als die Truppe sich wieder aufmachte, sagten sie:
„Kaab, vorwärts!", aber ihm fehlte die Kraft aufzustehen.
Da das Wasser nicht mehr sehr weit war, sagte man zu
ihm: „Kaab, geh auf die Wassersuche, dies ist eine Aufgabe,
Maidani,
Beginn des die du gewöhnlich übernimmst"; aber ihm fehlte die Kraft
12. Jh. zu antworten. Als sie jegliche Hoffnung für ihn aufgaben,
Persien deckten sie ihn mit einem Kleid zu, um die wilden Tiere
Madjima'
al-Amthal von ihm abzuhalten, und sie Hessen ihn da, wo er starb. 43

Die unbedingten Es gibt drei Dinge, für die Gott niemandem Erbarmen ge-
Pflichten währt, wenn er sie nicht einhält: Ehrfurcht vor seinen
Eltern, seien sie gut oder böse,- sein Wort halten gegenüber
guten wie bösen Menschen,- das anvertraute Pfand dem gu-
ten wie dem bösen Menschen zurückgeben. Wer an Gott
und an das Jüngste Gericht glaubt, soll seinem Nachbarn
Hadith
(Worte des Gutes tun, seinen Gast ehren, Gutes sagen und dankbar
Propheten) sein. 44

Giossmütigkeit Hätim Ibn-Abdallah, aus dem Stamm der Tayy, war ein
in dei Not grosszügiger und tapferer, stets sieghafter Mann. Wenn er
kämpfte, verliess er den Kampf als Sieger, wenn er eine
Beute gewann, überliess er sie den andern, wenn man
etwas von ihm erbat, gab er es,- wenn er mit dem Bogen
schoss, traf er, wenn er mit andern um die Wette lief, kam
er als erster an, wenn er einen gefangen nahm, liess er ihn
wieder los,- wenn er reich war, gab er sein ganzes Vermögen
für die andern aus. Man erzählt, dass er während des heili-
gen Monats auszog, um etwas zu suchen, dessen er bedurf-
te, und als er im Land der Banu Anaza war, schrie ihm
einer jener Gefangenen zu: „Oh Abu Saffana (das heisst:
Vatei der Saffana, Saffana war der Name von Hätims Töch-
terchen), die Fesseln und die Läuse fressen mich auf!" -
„Du hast Pech", antwortete Hätim, „ich bin nicht bei den
Meinen, und ich habe nichts auf mir. Du hast mich in Ver-
legenheit gebracht, indem du mich anflehtest, und doch

33
Der Mensch

kann man dich nicht hier lassen." Dann verhandelte er mit


den Anaza über sein Lösegeld, und er kaufte ihn von ihnen
zurück, liess ihn gleich frei und blieb selber an seiner Stelle
angekettet, bis man mit dem Lösegeld kam, das er jenen
auszahlte, die ihn gefangen hielten.
Seine Frau Mäwiya erzählt, dass ein Mangeljahr ihren
Stamm getroffen hatte, und ihnen jegliches Vieh abhanden
gekommen war. „Wir verbrachten", sagte sie „eine Nacht
entsetzlichsten Hungers. Da nahm Hätim unsern Sohn
Adi, und ich nahm unsere Tochter Saffana, und wir be-
mühten uns, sie so lange zu unterhalten, bis sie einschlie-
fen. Dann begann er mit mir zu sprechen, um mich zu zer-
streuen und auch mich zum Schlafen zu bringen. Als ich
seine Anstrengungen sah, hatte ich Erbarmen mit ihm, und
ich hörte auf zu sprechen, damit er glaubte, ich schlumme-
re und dann selber einschlafe. ,Schläfst du?' fragte er mich
mehrmals. Ich antwortete nicht, und er schwieg. Als er
hinter das Zelt blickte, sah er jemanden kommen. Er hob
den Kopf. Es war eine Frau, die zu ihm sagte: ,Oh Abu Saf-
fana, ich komme zu dir im Namen einiger hungernder Kin-
der.' - ,Bring mir deine Kinder', antwortete er, ,und im
Namen Gottes werde ich ihren Hunger stillen.' Dann", er-
zählt seine Frau, „erhob ich mich eilig und fragte ihn:
,Womit, Hätim? Ach, deine hungernden Kinder sind nur
vor lauter Erzählen eingeschlafen!' Er ging zu seinem
Pferd, erwürgte es, dann zündete er ein Feuer an, gab der
Frau ein Messer und sagte: ,Brate dieses Fleisch, iss davon
und gib deinen Kindern zu essen.' Dann, zu mir gewandt:
,Wecke deine Kinder!' Ich weckte sie, aber er fügte bei: ,Bei
Gott, es wäre eine Schande, wenn ihr essen würdet, wäh-
rend die übrigen Angehörigen der Sippe, die auch Hunger
leiden, nichts haben.' Er ging dann von Zelt zu Zelt und
rief: ,Geht zum Feuer!' Alle versammelten sich und assen.
Maidani Er selber warf sein Kleid über sich und setzte sich abseits,
Beginn des 12. Jh. und nach kurzer Zeit blieb nicht das kleinste Stücklein des
Madjma' al-Amthal
Persien
Pferdes auf dem Boden zurück." 45

Russisches Auch wenn es dein Leben kostet, rette deinen Kameraden.


Sprichwort 46

EIN DUMMKOPF
Pagnka verdingte sich als Hirte bei den Tataren der Steppe.
Er führte ihre Pferdeherden auf die Weiden.
So irrte er während Jahren herum, irgendwo jenseits von
Penza, am Rande der Wüste Rynn-Peski, wo als reicher
Herr Khan-Djangar regierte. Wenn er nach Soura kam, um
seine Pferde zu verkaufen, war dieser Khan-Djangar ganz
bescheiden, bei sich zu Hause jedoch in den Steppen,

34
Solidarität

machte er durchaus, was er wollte: die einen spannte er auf


die Folter, die andern belohnte er nach seiner Phantasie.
In diesem wilden, von allen Verkehrszentren entfernten
Land, war es unmöglich, seine Handlungen zu kontrollie-
ren. Khan-Djangar hatte aber Feinde; einer davon, ein ge-
wisser Khabibula, fiel ständig über seine Herden her und
stahl ihm seine schönsten Pferde. Khan-Djangars Leute
konnten ihn nicht gefangennehmen. Eines Tages jedoch
wurde unter den Tataren eine grosse Schlacht ausgetragen;
Khabibula wurde verletzt und gefangengenommen. Khan-
Djangar musste aber nach Penza gehen und hatte keine
Zeit, Khabibula zu richten und ihn zu einer schrecklichen
Strafe zu verurteilen, die ein Exempel für die andern Pfer-
deschelme statuieren sollte.
Er hatte es eilig, um auf den Markt von Penza zu kommen
und er fürchtete, sich mit Khabibula in einer Gegend sehen
zu lassen, wo die russische Regierung sich in seine Angele-
genheiten gemischt hätte. Khan-Djangar beschloss daher,
den verletzten und gefesselten Khabibula bei einer spärli-
chen Quelle unter Pagnkas Obhut zu lassen. Er gab ihm
Mehl, einen Schlauch und sagte in einem strengen Ton:
„Hüte diesen Mann wie deine Seele! Hast du verstanden?"
Pagnka antwortete:
„Das ist nicht schwer. Ich verstehe, und ich werde genau
ausführen, wie du mir gesagt hast."
Khan-Djangar und sein Gefolge machten sich im Galopp
davon. Daraufhin sagt Pagnka zu Khabibula:
„Nun siehst du, wohin dich deine Schelmereien geführt
haben! Du bist stark und mutig, aber du hast deine Kraft
dazu gebraucht, um Böses zu tun und nicht Gutes. Du tä-
test gut, dich zu bessern."
Und Khabibula antwortete ihm:
„Ich habe mich bis jetzt nicht gebessert, heute ist es zu
spät, ich habe keine Zeit."
„Keine Zeit? Weshalb? Das wichtigste ist, sich aufrichtig
ändern zu wollen, der Rest wird von selbst kommen. (...)
Du hast eine Seele in dir wie alle Menschen; gib das Böse
auf, und darauf wird Gott dir helfen, das Gute zu tun, und
dann wird alles zum besten bestellt sein."
Khabibula hörte ihm zu und seufzte:
„Nein", sagte er, „jetzt ist nicht der Augenblick daran zu
denken."
„Warum ist es nicht der Augenblick?"
„Weil ich angekettet bin, und weil ich den Tod erwarte."
„Und ich werde dich ziehen lassen."
Khabibula glaubte seinen Ohren nicht, aber Pagnka lä-
chelte ihm freundlich zu und sagte:
„Ich spasse nicht, ich sage dir die Wahrheit. Khan-Djan-

35
Der Mensch

gar.hat mir empfohlen, dich ,wie meine Seele' zu hüten,


nun, weisst du, wie man seine Seele hütet? Man muss
nicht Mitleid mit ihr haben, mein Bruder! Sie muss leiden
für die andern. Das ist eben, was ich anstrebe, denn ich er-
trage nicht, dass man die andern stört. Ich werde dir deine
Ketten abnehmen und dich auf das Pferd setzen. Geh weg,
rette dich, wohin du willst; aber wenn du wieder anfängst,
Böses zu tun, wirst du nicht mich, sondern Gott belügen."
Als er so gesprochen hatte, brach er Khabibulas Ketten
entzwei, setzte ihn in den Sattel und sagte zu ihm:
„Ziehe in Frieden, wohin du willst."
Er selber blieb, um auf Khan-Djangar zu warten. Er war-
tete lange. Als der andere mit seinen Tataren zurückkam,
war die Quelle trocken und der Schlauch fast leer.
Khan-Djangar schaute nach rechts und nach links und
fragte Pagnka:
„Wo ist denn Khabibula?"
Pagnka antwortet:
„Ich habe ihn freigelassen."
„Wie das? Was erzählst du mir?"
„Ich sage dir, dass ich nach deinem Befehl und nach mei-
nem Willen gehandelt habe. Du hast mir befohlen, ihn zu
hüten wie meine Seele, nun, ich liebe meine Seele so sehr,
dass ich will, dass sie für die andern leidet (...) Du hattest
vor, Khabibula in seiner Qual umkommen zu lassen, aber
ich ertrage nicht, dass man die andern quält (...) So nimm
denn mich und quäle mich an seiner Statt, auf dass meine
Seele glücklich sei und frei von jeglicher Angst, denn ich
fürchte dich nicht, dich nicht und niemanden."
Khan-Djangar riss die Augen auf, kratzte sich am Kopf
und sagte zu denen, die ihn umgaben:
„Kommt alle näher und ich werde euch sagen, was ich
denke."
Die Tataren umringten Khan-Djangar, und er sagte zu
ihnen mit leiser Stimme:
„Ich glaube, dass man Pagnka nicht sterben lassen kann,
denn mir scheint, dass ein Engel in ihm wohnt."
„Ja", antworteten ganz leise die Tataren, „wir können
ihm nichts Böses antun: Seit langem ist er mit uns, aber
wir haben ihn nicht begriffen, und jetzt ist es in einem
Nicolaj Leskow
1831-1895
Augenblick klar in uns geworden. Wahrscheinlich ist er ein
Russland Gerechter." 47

D E R A U S S Ä T Z I G E UND DIE GEIZIGE F R A U


Eines Tages trat der Aussätzige mit seinen Hunden aus
dem Wald; er kam von der Jagd. Die Hitze quälte ihn. Er
sagte zu sich: „Ich werde zu den Erdnüsschenfeldern kom-
men, wo die Frauen arbeiten,- wenn sie mir keine Erdnüss-

36
Solidarität

chen geben wollen, werde ich sie wenigstens um Wasser


bitten können, dieses werden sie mir geben."
Er verliess also den Waldrand und erreichte das erste
Feld; er bat eine Frau: „Frau, gib mir Wasser, dass ich mei-
nen Durst stille!"
Die Frau antwortete: „He! (...) Du, ein Aussätziger (...)
ich sollte dir mein Wasser geben? Nein, nein, nein! (...)
Wasser, ich habe keins. Was! Ich dir Wasser geben! Was!
Du würdest aus meiner Kürbisflasche trinken! Du kannst
aus deinen Händen trinken!"
„Gibst du mir kein Wasser, gutes Mütterchen, fuhr der
andere weiter, danngiesse mir doch ein wenig in ein Blatt."
Die Frau blieb unbarmherzig. „Ich habe kein Wasser, das
ich dir geben könnte."
Eine andere Frau arbeitete am andern Ende des Feldes,
als sie dies hörte, rief sie den Aussätzigen zu sich und
sprach zu ihm: „Komm, trink aus meiner Kürbisflasche."
Aber er antwortete: „Nein, das will ich nicht, giess mir
Wasser in meine hohle Hand, ich werde es so trinken." Die
Frau drängte: „Trink aus meiner Kürbisflasche, guter
Mann." Als er getrunken hatte, fügte sie hinzu: „Deine
Hunde haben Durst, gib ihnen auch zu trinken!"
Als der Mann seinen Durst gestillt hatte, seufzte er: „Es
ist genug, Frau, ich danke dir", und er klatschte in die Hän-
de, um sich zu verabschieden. Sie gab ihm noch Wasser
und einen Korb Erdnüsschen. Nun holte der Mann ein
Stück Wildbret hervor und übergab es ihr.
Aber als sie das Wildbret nahm, wurde sie von Schrecken
gepackt. Der Aussätzige sprach: „Fürchte nichts, Frau, geh
und iss dieses Fleisch im Dorf; der Aussatz kann dich nicht
anstecken (...) Von der Frau aber, die mir das Wasser ver-
weigerte, sag mir den Namen ihres Stammes."
Die Frau antwortete ihm: „Sein Name: Ba Ki nti ndumbu
nkasa Mayala."
Dann sprach der Aussätzige wieder, indem er sich den
Kopf rieb: „Nun gut, da die Angehörigen dieses Stammes
mir Wasser verweigerten, mögen sie Kinder kriegen,-
mögen sie sich vermehren; wenn sie geflecktes Wild, Anti-
lopen mit gestreiftem Fell, essen, wird es ihnen den Aus-
satz bringen. Sie mögen sich ihre Blossen ansehen, der
Aussatz wird sie befallen haben, sie, ihre Kinder und ihre
Kindeskinder. So soll es sein, ich habe gesprochen! Nach
diesen Worten, ging er fort. Im Dorf dieser Frauen folgte die
Schlafenszeit auf die Essenszeit. Die Männer erlegten eine
gestreifte Antilope. Sie zerlegten und verteilten sie. Der
Frau mit dem harten Herzen gab man ebenfalls einen Teil.
Sie briet ihn, ass ihn und legte sich schlafen. Als sie am
Morgen erwachte, sah sie, dass ihr ganzer Körper von Kopf

37
Der Mensch

bis Fuss mit Aussatzbläschen übersät war. Ihr Mann fragte


sie: „Nun, was gibt es denn?" - „Diese Bläschen, ich weiss
nicht, was das ist. Es hat mich diese Nacht erwischt."
Der Mann fügte hinzu: „Ich verstehe nichts von dieser
Geschichte. Gestern kam meine Frau von den Feldern zu-
rück, sie trat ins Haus und war vollkommen gesund. Diese
Nacht schlafen wir zu Hause, und siehe da, der Körper mei-
ner Frau ist über und über voll mit Bläschen! Ich will zum
Zauberer gehen, um die Bedeutung dieser Sache zu erfah-
ren." Während er so sprach, rief eine Frau aus einer andern
Hütte: „Komm, ich werde es dir erklären!" Der Gatte ging
dorthin. Die Frau sagte: „Du, mein Mann, du sagst: ich
hole mir Rat beim Zauberer, aber diese Geschichte ist sehr
klar." Der Gatte antwortete: „Nun gut, Frau, erzähle, du
warst mit ihr auf den Feldern, was hast du denn gesehen?"
Die Frau sprach folgendermassen:
„Ja, vorgestern gingen wir auf die Erdnüsschenfelder.
Beim Wasser angekommen, füllten wir vorerst unsere Kür-
bisflaschen, ich die meine, sie die ihre und die Kinder die
ihre. Nachher begaben wir uns auf die Erdnüsschenfelder
und begannen mit der Ernte. Während wir mit dieser
Arbeit beschäftigt waren - es war um die Mittagszeit -,
sahen wir einen Mann mit seinem Gewehr und mit seinem
Wildbretsack auf uns zukommen, er war von seinen Hun-
den begleitet. Zuerst hielt er am Ende des Feldes meiner
Kameradin an und bat sie um einen Trunk. - ,Eh, gute
Frau!' sagte er, ,komm hierher, gib mix ein wenig Wasser,
gutes Mütterchen, auf dass ich trinke!' Darauf antwortete
ihm meine Kameradin: ,He! Du mit deinem wüsten Kör-
per! Du bist ganz überdeckt mit Aussatz! Ich sollte dir
mein Wasser geben? Ich habe dir kein Wasser zu geben.1
Daraufhin flehte der Mann sie an: ,Nun gut! Giesse ein we-
nig davon in dieses Blatt!' Meine Kameradin schrie darauf:
,Schere dich weg von hier! Haben dir die Leute meines
Stammes, di ba Ki nti ndumbu nkasa Mayala, befohlen
hierher zu kommen?'
Als ich dies hörte, rief ich den Aussätzigen, und ich sagte
zu ihm: ,Komm hierher, mein guter Alter, komm, trinke
aus meiner Kürbisflasche, hier ist sie!' Er kam und streckte
mir seine hohlen Hände entgegen: , Giesse hier hinein, auf
dass ich trinke.' Aber ich wollte nicht: ,Trink aus meiner
Kürbisflasche, mein guter Alter. Wird sich der Aussatz des-
halb auf der Kürbisflasche festsetzen? Aber nein, nicht
wahr?' Nachdem er getrunken hatte, gab ich auch seinen
Hunden zu trinken. Dann habe ich einen ganzen Korb mit
Erdnüsschen gefüllt und ihm gegeben. Darauf griff er mit
seiner Hand in den Wildbretsack und zog ein grosses Stück
Fleisch heraus, das er mir anbot, indem er sagte: ,Nimm

38
Solidarität

und iss dieses Fleisch; hab keine Angst, der Aussatz kann
dich nicht anstecken (...) Aber diese Frau, die mir das Was-
ser verweigerte, sag mir den Namen ihrer Sippe! Sag ihn
mir! Wie lautet er?' - ,Der Name ihrer Sippe?' antwortete
ich ihm, ,es sind die ba Ki nti ndumbu nkasa Mayala.' Auf
diese Worte rieb er seinen Kopf und verhexte sie: ,Nun gut,
Angehörige der Sippe ba Ki nti ndumbu nkasa Mayala, da
sie mir Wasser verweigert haben, sollen sie Kinder haben,
sollen sie sich vermehren; wenn sie geflecktes Wild, die
Antilope mit gestreiftem Fell, essen, soll es ihnen den
Aussatz bringen, es möge die Antilope Nkai oder die Anti-
lope Nsombi sein. Wenn sie davon essen, mögen sie ihre
Blossen ansehen, der Aussatz wird sie befallen haben, sie,
ihre Kinder, ihre Grosskinder und ihre Kindeskinder. So
soll es sein, ich habe gesprochen!1 Nach diesen Worten ging
er weg. Daraufhin haben wir die Erdnüsschen aufgelesen,
wir haben sie in die Körbe gelegt, und wir sind ins Dorf zu-
rückgekehrt. Das war am Abend. Im Dorf angekommen,
wollte ich dir diese Geschichte erzählen, aber dann vergass
ich es. Nun habt ihr gestern diese Antilope geschossen, ihr
habt sie verteilt; hat sie nicht davon gegessen?"
Der Gatte sagte: „Klar hat sie davon gegessen. Nachdem
sie davon gegessen hatte, legten wir uns schlafen. Am Mor-
gen, als wir erwachten, da sah ich plötzlich ihren Körper
voller Aussatzbläschen." Die Frau erwiderte: „Da diese
Verwünschung von einem Aussätzigen ausgesprochen
wurde, willst du dein Geld umsonst an den Zauberer ver-
schwenden? Diese Geschichte, aber sie ist einleuchtend
(...) Was willst du weiter tun?"
Der Gatte unternahm keine weiteren Schritte. Die Frau
dagegen, die diese Strafe verdient hatte, fand sich jeden Tag
von neuem mit dem Aussatz. Und dieser Aussatz über-
deckte ihren ganzen Körper. Und so geschah es, dass alle
diejenigen, die in dieser Sippe zur Welt kamen, den Aus-
satz kriegten, wenn sie geflecktes Wild assen: Mäuse, Anti-
lopen mit gestreiftem Fell.
Deshalb verfolgt dieser schreckliche Aussatz unaufhör-
Bakongo-
Überlieterung lich diese Sippe: Weil sie einst dem Aussätzigen Wasser
Kongo verweigert hatte. 48

Sprichwort Wenn du eine Schlange aufziehst, wird sie an dir selbst das
aus dem Sudan Beissen lernen. 49

Peulhisches Die Menschen sind zwei schmutzige Hände. Die eine


Sprichwort
Afrika wäscht sich nur mit Hilfe der andern. 50

39
Der Mensch

Wenn der Bart deines Nachbarn Feuer fängt, netze den


deinen.
(Die Mittel, mit denen du das Unglück deines Nächsten
Afrikanisches vergrössern willst, könnten dir das gleiche Unglück brin-
Sprichwort gen.) 51

Somalisches Wenn ein Mensch dir Gift anbietet, biete ihm Butter an.
Sprichwort

Amharisches Sprich- Mann und Frau = Das Gesetz und die Regierung.
wort Äthiopien S3

Amharisches
Sprichwort Wenn man Böses über deinen Freund sagt, höre es an, als
Äthiopien ob es dir gälte. 54
Rumänisches
Sprichwort Der Mensch setzt seine Hoffnung auf den Menschen. 55

Echte BRIEF AN DIE GETREUEN TSCHECHEN, 1 0 . J U N I 1 4 1 5


menschliche Ich bitte die Herren, ihre Untergebenen mit Wohlwollen
Beziehungen
zu behandeln und sie gerecht zu regieren. Ich bitte die Leu-
te der Städte, ihre Geschäfte ehrlich abzuwickeln. Ich bitte
die Handwerker, ihren Herren und Herrinnen treu zu die-
nen. Ich bitte die Meister, die selber ein rechtes Leben füh-
ren, ihre Lehrlinge in Geradheit zu erziehen, indem sie die-
se vorerst lehren, Gott zu lieben, sich zu seiner Ehre, für
das Wohlehrgehen der Gemeinschaft und für ihr eigenes
Heil zu bilden, nicht zu viel irdische Güter anzuhäufen
und nicht nach weltlichen Ehren zu streben. Ich bitte die
Studenten und die Lehrlinge, auf ihre Meister zu hören und
ihnen im Guten zu folgen, und Lehren zu beherzigen, zur
Ehre Gottes und zum eigenen Heil.
Ich bitte euch auch, einander zu lieben, die Guten nicht
Johannes Hus
I370(?)-I4i5 zu unterdrücken und nach der Gerechtigkeit für alle zu
Tschcchei streben. 56

Die französische Wollten die Menschen ineinander nichts als gegenseitige


Revolution Mittel der Glükseeligkeit sehen, so würden sie in Frieden
die Erde, ihre gemeinschaftliche Wohnung besizen, und
zusammen in Sicherheit auf ihr gemeinschaftliches Ziel
losgehen können.
Diese Ansicht aber verändert sich, sobald sie sich unter-
E. Sieyes einander als Hindernisse betrachten; dann bleibt ihnen fast
Vorwort zur nichts als die Wahl übrig, entweder zu fliehen oder unauf-
Verfassung
20. / 2 1 . Juli hörlich zu streiten, und das menschliche Geschlecht er-
1789 scheint dann als ein grosser Irrthum der Natur. 57

Ein schlechter Bruder ist wie ein Borasus-Palmenblatt,


Ewe-Sprichwort man kann nicht ganz darauf verzichten, da man an die
Togo Regentage denken muss. 58

40
Weit allen Lebens
Respekt und Schutz der Menschen

Aufschieben des Herr, was ich wissen möchte, Gott - antworte mir recht!
moralischen Wer von den Menschen, an die ich mich wende, ist ge-
Urteils recht, und wer ist böse?
Was stimmt? Bin ich schlecht, oder ist der schlecht, der
mich boshafterweise von Deinem Heil fernhalten will?
Wie nicht denken, dieser andere sei der Schlechte?
Hier ist, was ich wissen möchte, Herr - antworte mir
recht!
Avcsta, Wie sollen wir uns vom Bösen befreien? Indem wir es ab-
ältere Gäthäs von schieben auf die Unbeherrschten, die nicht auf den Weg der
Zarathustra
6. Jh. v . C h r . Gerechtigkeit achten und sich nicht bemühen, den „Guten
Persien Gedanken" um Rat zu fragen? $9

Schutz Der Gerechte fragt den Geist der Gerechtigkeit: „Wer ver-
Dädistän i dient am meisten Rücksicht und Schutz?"
Menög i Xrad
3 -7-Jh. Der Geist der Gerechtigkeit antwortete: „Ein junger Die-
Persien ner, eine Gattin, ein Lasttier und ein Feuer verdienen am
Sassanidische
Überlieferung
meisten Rücksicht und Schutz." 6o

Anwesenheit Die vierunddreissigste Frage war die folgende: Wird sich


auf Erden die materielle Welt verändern ohne den Menschen, so dass
nichts Körperliches mehr bleiben wird, worauf die Aufer-
stehung folgen wird, oder wie wird das alles vor sich gehen?
Hier ist die Antwort: Seit der Erschaffung bis zur reini-
Dädistän i Denig genden Erneuerung fehlte der Mensch nie auf der Welt, und
Theologische
Abhandlung er wird auch in Zukunft nie fehlen. Dieser schlimme
9. Jh. Persien Wunsch wird dem bösen Geist nie in Erfüllung gehen. 61

Mögliche Der Name Menschenrechte kann ohne Menschenpflichtcn


Menschlichkeit nicht genannt werden; beide beziehen sich aufeinander,
und für beide suchen wir ein Wort.
So auch Menschenwürde und Menschenliebe. Das Men-
schengeschlecht, wie es jetzt ist und wahrscheinlich lange
noch sein wird, hat seinem grössten Teil nach keine Wür-
de; man darf eher bemitleiden als verehren. Es soll aber
zum Charakter seines Geschlechts, mithin auch zu dessen
Wert und Würde gebildet werden. (...)

41
Der Mensch

Humanität ist der Charakter unseres Geschlechts; er ist


uns aber nur in Anlagen angeboren und muss uns eigent-
lich angebildet werden. Wir bringen ihn nicht fertig auf die
Welt mit; auf der Welt aber soll er das Ziel unseres Bestre-
bens, die Summe unserer Übungen, unser Wert sein (...)
Das Göttliche in unserem Geschlecht ist also Bildung der
Herder Humanität (...) Die Bildung zu ihr ist ein Werk, das unab-
Deutschland lässig fortgesetzt werden muss, oder wir sinken, höhere
Briefe zur
Beförderung der
und niedere Stände, zur rohen Tierheit, zur Brutalität zu-
Humanität 1796 rück. 62

Der Mensch soll ganz, spontan, individuell sein, damit er


als Mensch von allgemeinem Interesse ist. Ich will ihn als
Alexander Vinet
1797-1847
Herrn seiner selbst, auf dass er besser der Diener aller sei.
Schweiz ¿3

Der Preis Wer eine Seele ermordet, ohne dass er einen Mord oder
des Lebens eine Gewalttat im Lande begangen hat, soll sein wie einer,
der die ganze Menschheit ermordet hat. Und wer einen am
Koran Leben erhält, soll sein, als hätte er die ganze Menschheit
Al Mai'da 32 am Leben erhalten. 64

Und wenn zwei Parteien der Gläubigen miteinander strei-


ten, so stiftet Frieden unter ihnen; und wenn sich die eine
Koran gegen die andre vergeht, so kämpfet gegen die, welche sich
Al Hojorat 9 verging, bis sie zu Allahs Befehl zurückkehrt. 6s

Wenn zwei Muselmanen sich mit der Waffe in der Hand ge-
genüberstehen, und derjenige, der tötete und derjenige, der
getötet wurde, alle beide in die Hölle kommen (wörtlich:
ins Feuer kommen). „Oh Bote Gottes", fragte man den Pro-
pheten, „wird dann dem Opfer das gleiche Los zuteil wie
Hadith
(Worte des seinem Mörder?" Und er antwortete: „Hatte dieses nicht
Propheten) auch beschlossen, seinen Gegner zu töten?" 66

Wer sich vom Gipfel eines Berges hinunterstürzt und sich


auf diese Weise umbringt, wird in die Flammen der Hölle
gestürzt und ewig drin bleiben. Wer Gift einnimmt und auf
diese Weise seinen Tagen ein Ende bereitet, wird in der
Hölle ständig Gift in seiner Hand halten und ewig davon
trinken müssen. Wer mit der Waffe seinen Tagen ein Ende
Hadith
(Worte des setzt, wird in der Hölle bis in alle Ewigkeit sich mit eigener
Propheten) Hand das Eisen in den Bauch stossen. 6/

42
Wert allen Lebens - Respekt und Schutz dei Menschen

Du bist o Varuna aller könig, derer die götter o Asura und de-
Rigveda II.
2 2 0 0 - 1 8 0 0 v. Chr. rer 10 die sterblich; hundert herbste schenk uns zu schauen;
Sanskrit mögen wir das schöne lebensalter der vorzeit erreichen. 68

Wohlergehen unserer Mutter und unserem Vater, dem


Vieh Wohlgedeihen und allem, was sich bewegt und für
alle Leute (des Hauses). Dass alles wohlgeordnet sei und
Athavaveda
2 2 0 0 - 1 8 0 0 v. Chr. uns zum Glück gereiche. Mögen wir lange die Sonne
Sanskrit sehen! 69
Opfer

Wir bitten um Leben und wir bitten um Gnade;


Dass Blindheit fern von uns sei am Tag,
Dass Impotenz fern von uns sei in der Nacht.
Dass uns das Glück zuteil werde, Kinder zu haben,
Altes Ägypten Möge das, was wir pflanzen, Früchte tragen.
Dass Friede herrsche in der Welt,
Akan-Überlieferang
Und dass Wohlstand
Ghana Bestehe in unserem Land. 70

Nur auf den Nur auf den Menschen kommt es an,- ich wende mich an
Menschen das Gold, und es antwortet nicht; ich wende mich an den
kommt es an Stoff, und er antwortet nicht, nur der Mensch zählt.
Er zielt auf
etwas anderes Der Mensch ist keine Kokosnuss; er hat keinen Grund, nur
als auf sich auf sich selbst bezogen zu sein.
selbst.
Der Mensch ist berufen, im Drama des Lebens nur eine
Begrenzung Teilrolle zu spielen und nicht alle Rollen.
Sogar die Toten suchen ständig ihre Zahl zu vermehren.
Zahl Wie sollten die Lebenden es nicht noch mehr tun?
Du kannst dich nicht wachsen sehen, aber du weisst be-
Gewissen stimmt, wenn du eine Sünde begehst.
Verteidigung des Grösse und Kraft sollen nicht dazu dienen, andere zu
Schwachen unterdrücken. 71
Akan-Sprichwörter
Ghana

Grosszügigkeit Wer die Kinder seiner Mitmenschen liebt, wird sicher auch
seine eigenen Kinder lieben.
Die Frage, ob der Stamm einen andern Stamm mit Nach-
sicht behandeln soll, kann in der Versammlung gestellt
werden. Scheinen die Ansichten geteilt zu sein, können die
Duldsameren ein bestimmtes Sprichwort in Erinnerung ru-
fen und sich auf diese Weise für Nachsicht einsetzen.

43
Der Mensch

Einige können heftigen Protest erheben, wenn Angehöri-


ge eines andern Stammes in den Wäldern des eigenen
Stammes jagen. Wenn jemand findet, dass es den Auf-
Jabo-Sprichwort begehrenden an Grossmut fehle, wird er das Sprichwort
Liberia zitieren. 72

Verwandtschaft Und wenn auch das alles so fest nicht ausgemacht wäre, so
der Kreaturen ist doch ein gewisses Verhältnis vorhanden, das uns an-
zieht, und eine allgemeine Pflicht der Menschlichkeit und
des Wohlwollens nicht nur gegen die Tiere, welche Leben
und Gefühle haben, sondern selbst gegen Bäume und Pflan-
zen. Dem Menschen sind wir Gerechtigkeit schuldig, Mil-
de und Barmherzigkeit allen übrigen Geschöpfen, welche
davon Vorteil zu haben fähig sind. Es besteht ein gewisser
Montaigne
Essais
Verkehr zwischen ihnen und uns und gewisse natürliche
1580 - 1 5 8 8 Verbindlichkeiten. 73

Mitleid Selbst der ehrgeizigste Mensch, wenn ihm nur Mensch-


lichkeit und Mitleid angeboren sind, kann nicht ohne
Schmerz all das Leid sehen, vor dem ihn die Götter ver-
schont haben. Wäre er mit seinem Schicksal auch nur we-
nig zufrieden, würde er nicht glauben, dieses verdient zu
haben; denn er sieht Nöte, die ergreifender sind als die
seinen. Er empfindet, wie wenn es seine Schuld wäre, dass
Vauvenargues es weniger glückliche Menschen gibt als ihn. Seine Gross-
Frankreich herzigkeit klagt ihn insgeheim des Elends der ganzen
Betrachtungen und
Maximen Menschheit an. Ja, sein eigenes Leiden verstärkt das Mit-
1746 leid, durch das die Leiden anderer in ihn eindringen. 74

Alles was lebt, Der Bösewicht zerstört alles, was jung ist und tut so, als ob
hat seinen Wert es keine Zukunft gäbe.
Alle diese Gockelhähne, die krähen, waren gestern noch Eier.
Diejenige, die ein Ungeheuer zur Welt gebracht hat, muss
ihm auch die Brust geben.
Es geht nicht an, diesen wie ein Kind zu behandeln und
jenen wie Abfall.
Ein Verstümmelter ist mehr wert als ein Toter. Begiesse
alle Setzlinge, denn du weisst nicht, welcher die ersten
Früchte tragen wird.

Betrübte Man muss zunächst die Betrübten trösten, bevor man ihre
Burundi- Freuden teilt. 75
Sprichwörter

Gast Bei uns in Russland wird der Gast zuerst bedient.


Russisches
Sprichwort

44
Wert allen Lebens - Respekt und Schutz dei Menschen

Gegen die G R O S S E - K E U L E , DER WAHRHAFTIGE M E N S C H


Verachtung
Es war einmal ein armer Mann, der das Unglück hatte,
einen unförmigen Sohn zu bekommen. Er nannte ihn
„Grosse-Keule" wegen seiner am Bauch klebenden Beine
und Arme.
Als der Sohn gross geworden war, verabscheuten ihn
alle. Da zog er sich in den Wald zurück und führte ein ein-
sames Leben. Wovon lebte er? Einzig von der Jagd. Indes
war er von überragender Intelligenz. Eines Tages, als er auf
der Jagd war, stand er einem Büffel gegenüber, der ihn zu
töten drohte. Es gelang ihm, ihn davon abzubringen und er
schlug ihm vor, in Frieden zu leben: „Töte mich nicht",
sagte er zu ihm, „lass uns lieber in bester Freundschaft mit-
einander leben. Bring mir eine Antilope, und ich werde
dich retten, wenn du in Not bist." Der Büffel nahm den
Vorschlag an.
Wenig später setzte im Lande eine Dürre ein. Alle Flüsse
trockneten aus. Als die Leute im Walde Wasser suchten,
stiessen sie auf den missgestalteten Mann. „Bringen wir
ihn um", sagten sie, „er verhindert das Fallen des Regens,
er ist ein Ungeheuer, er ist ein Unglücksbringer." Er bat
sie, ihn am Leben zu lassen und versprach ihnen, Wasser
aus dem Tanganyika-See zu bringen. Grosse-Keule hielt
immer Wort. Man liess ihm das Leben, um zu sehen, ob er
sein Versprechen halten würde, und er machte sich auf in
Richtung Tanganyika-See. Nach einer kurzen Strecke
stand er seinem Freund Büffel gegenüber, der Wasser such-
te. „Erinnere dich deines Versprechens", sagte der Büffel.
„Jetzt brauche ich Wasser." - „Lass mir das Leben ein
zweites Mal", antwortete Grosse-Keule, „und ich werde dir
Wasser aus dem Tanganyika-See bringen." - „Du lügst",
versetzte der Büffel, „ich würde besser daran tun, dich zu
verzehren, so würdest du mir wenigstens einen Dienst er-
wiesen haben, bevor ich vor Durst sterbe. Ich glaube nicht,
dass du fähig bist, Wasser bis hierher zu bringen, weil du
wilden Tieren begegnen wirst, die dich auffressen werden."
Grosse-Keule schwor, dass er sein Versprechen halten wer-
de, wenn er verschont bleibe. Der Büffel liess ihn ziehen.
Wenige Augenblicke später begegnete er einem Löwen.
„Wo gehst du denn hin?" fragte ihn der König der Tiere.
„Ich bin der König dieses Waldes; ich werde dich auffres-
sen, denn es ist deine Schuld, dass du vor mir erscheinst."
- „Herr", sagte Grosse-Keule, „lass mich zum Tanganyi-
ka-See gehen, und auf dem Rückweg werde ich dir ein
grosses Tier zu fressen geben." - „Du betrügst mich", er-
widerte der Löwe, „wie solltest du ein grosses Tier fangen
können? Nie wirst du das Wasser des Tanganyika seinem

45
Der Mensch

unumstrittenen Meister, dem Krokodil, entreissen kön-


nen. Es wird dich auffressen. Ich werde dich also vor ihm
fressen." Grosse-Keule erklärte feierlich, dass er sowohl
das Wasser als auch das grosse Tier bringen werde. Der
Löwe liess ihn ziehen.
Unser Abenteurer ging seines Weges, und während er
vorwärts strebte, flocht er ein grosses Seil und gab sich
Mühe, keinen andern Raubtieren zu begegnen. So gelangte
er zum Tanganyika-See.
Kaum hatte er mit Wasserschöpfen begonnen, schoss
ihm ein Krokodil entgegen. „Wer hat dir erlaubt", sagte es,
„von diesem Wasser zu schöpfen, dessen unumstrittener
Herr ich bin? Ich werde dich auffressen,- du hast gut getan,
mir zu begegnen, ich hatte Hunger." Grosse-Keule bat das
Krokodil, sein Leben zu schonen und ihm zu erlauben,
Wasser aus dem See zu schöpfen. Er werde ihm bei seiner
Rückkehr ein grosses, dickes Tier schenken.
Ausserhalb des Wassers richtete sich Grosse-Keule fol-
gendermassen an das Krokodil: „Jetzt sollst du wissen, dass
ich Grosse-Keule bin, ein Mann, der die Wahrheit sagt und
der seine Versprechen hält. Nimm jetzt dieses Seil. Wenn
du spürst, dass ich daran ziehe, heisst das, dass ich das
grosse Tier, das ich dir versprach, schon gefangen habe.
Daraufhin ziehst du mit aller Kraft am Seil, bis das Tier bei
dir anlangt." Das Krokodil dankte ihm sehr und liess ihn
gehen.
Der Löwe erwartete ihn am verabredeten Ort. Grosse-
Keule kam zu ihm und sagte ihm: „Es ist mir gelungen,
zum Wasser zu gelangen." - „Ich beglückwünsche Dich",
sagte der Löwe, „und mein Tier, wo ist es?" - „Beunruhige
dich nicht", fuhr Grosse-Keule fort. „Nimm dieses Seil und
zieh daran so stark du kannst, denn ich habe das Tier daran
gefesselt. Zieh mit aller Kraft, bis das Tier bei dir anlangt."
Der Löwe begann zu ziehen und spürte, dass er es mit
einem grossen Tier zu tun hatte. Er entfaltete alle seine
Kräfte, indem er bei sich dachte: „Wirklich, Grosse-Keule
hat mich nicht getäuscht." Je mehr er zog, umso stärker
fühlte er sich gezogen: Es war das Krokodil, das an seiner
Beute zog. Es war ein harter Kampf zwischen den beiden
Tieren. Es gab weder Sieger noch Besiegte; denn die beiden
Tiere töteten sich gegenseitig.
Grosse-Keule jedoch brachte sein Wasser zuerst dem
Büffel und dann den Menschen. Nachdem der Durst ge-
stillt war, begann es auf das Land zu regnen, die Flüsse
waren voller Wasser, die Menschen und die Tiere hatten
Wasser in Fülle.
Als die Menschen diese Wohltat sahen, bedauerten sie,
dass sie Grosse-Keule verachtet hatten, dass sie ihn in den

46
Wert allen Lebens - Respekt und Schutz dei Menschen

Wald gejagt hatten, und was schlimmer war, dass sie ihn
töten wollten.
Sie nahmen ihn in ihre Gesellschaft auf, sie bauten ihm
einen schönen Palast, sie ernannten ihn zum König ihres
Stammes, und sie gaben ihm eine Königin. So konnte der
Fabel aus gerechte Grosse-Keule, der seine Versprechen hielt, als Un-
Burundi geheuer das Vertrauen der Menschen erlangen. 77

Recht auf Leben D E R K R U G , DER K Ö N I G I N WURDE

Es war einmal ein Mann, der hatte zwölf Kinder. Alle star-
ben, nachdem sie nur kurze Zeit gelebt hatten. Endlich
kam ein dreizehntes Kind zur Welt. Doch statt eines nor-
malen Kindes, das den armen Unglücklichen ein Trost ge-
wesen wäre, kam eine herzzerreissende Enttäuschung,
etwas sehr Beängstigendes. Denken Sie nur! Ein lebendiger
Krug kam anstelle eines lieblichen Säuglings zur Welt!
Welcher Greuel! Die Eltern wussten nicht mehr, was tun.
Der Krug konnte nichts anderes als ein Unglücksbringer
sein. Die Eltern beschlossen zu fliehen und so diesem Un-
glück zu entrinnen.
Die ganze Familie: Vater, Mutter, Grossvater, Gross-
mutter, Knechte, verliessen in aller Eile das Haus und
überliessen das unerwünschte und bedrohliche Ungeheuer
seinem Schicksal.
Aber kaum hatten sie das Haus verlassen, als der Krug
ihnen rollend und schreiend folgte: „Vater des Kruges, war-
te auf deinen Krug." Als sie diese Schreie hörten, begannen
sie zu laufen, so schnell die Beine sie trugen, und es gelang
ihnen, sich von ihm zu entfernen. Unglücklicherweise
überraschte ein Platzregen die Fliehenden. Der arme Krug
wurde vom Strom weggetragen und in den benachbarten
Wald gespült, währenddessen die Familie in einer benach-
barten Behausung Unterschlupf suchte. Nachdem der Re-
gen vorüber war, flüchtete die Familie weiter und gelangte
in ein anderes Land. Sie glaubte sich für immer erlöst von
diesem schreckenerregenden Ungeheuer und bat den Prin-
zen der Gegend um Aufnahme in seinem Land. Dieser bot
ihr ein vorzügliches Stück Land an, wo sie sich niederlas-
sen konnte.
Nach einigen Jahren veranstaltete der Prinz eine Jagd. Er
begab sich in den Wald, in welchen die Fluten den geheim-
nisvollen Krug getragen hatten. Auf der Suche nach dem
Wild entdeckte er plötzlich den verlassenen Krug. Er fand
ihn sehr schön und befahl, ihn aufzuheben und damit sei-
nen Palast zu schmücken. Man stellte den Krug neben Ge-
rät auf ein Gestell. Da ereignete sich eine unerwartete

47
Überraschung. Jedesmal, wenn der Prinz aufstand und hin-
ausging, um sich seinen Geschäften zu widmen, verliess
ein zartgliedriges, junges Mädchen den Krug, begann zu
kehren und den Palast gründlich zu reinigen, die Geräte zu
waschen und die aus Gras bestehenden Verzierungen des
Gestells zurecht zu machen. Sobald alles aufgeräumt war,
kehrte es in den Krug zurück und schloss sich ein. Wenn
die Dienerinnen kamen, um ihre Arbeit zu verrichten, fan-
den sie alle Arbeit schon getan. Da sich dies alle Tage
wiederholte, erzählten sie die Neuigkeit dem Prinzen, der
sie geheimnisvoll fand.
Eines Tages versteckte sich der Prinz hinter der gefloch-
tenen Hecke, denn er wollte wissen, was sich hinter diesen
geheimnisvollen Handlungen verbarg. Er sah ein Mädchen
aus dem Krug steigen, und das begann den Palast zu reini-
gen, die Geräte zu waschen und alles zu ordnen. Als sich
das Mädchen beugte, um den Kehricht aufzuwischen, be-
nutzte er die Gelegenheit, es anzufassen, und er sagte zu
ihm: „Verlass das Reich der Toten und komm in das der Le-
benden!" Darauf wurde es seine Frau. Die Prinzessin konn-
te Angehörige ihrer Familie an den Hof kommen sehen. Sie
bat den Prinzen, diese Leute in den Palast kommen zu las-
sen. Die Prinzessin versteckte sich wieder im Krug und
schrie: „Vater und Mutter des Kruges, Grossvater und
Grossmutter des Kruges, wartet auf euren Krug..." Dann
verliess sie den Krug und sprach: „Überlasst euern Spröss-
ling nie seinem Schicksal, er ist ein menschliches Wesen,
das behandelt und gepflegt sein will, wie die andern."
Fabel aus Erschreckt über diese Worte erkannten die Eltern, dass
Burundi es der Krug war, den sie gezeugt hatten. 78

Das Ende des D H E G - D H E E R , DIE K A N N I B A L E N F R A U MIT DEM L A N G E N O H R


Kannibalismus
Es war einmal eine Kannibalenfrau, genannt Dheg-Dheer.
Man nannte sie so, weil eines ihrer Ohren unmässig lang
war. Wenn sie schlief, legte sich ihr langes Ohr langsam
nieder, und sie hörte und verstand und fühlte nichts mehr.
Wenn sie erwachte, richtete sich ihr langes Ohr schräg
zum Himmel auf. Sie wusch und kämmte sich nie, und
ihre langen und zerzausten Haare gaben ihr ein wahrhaft
fürchterliches Aussehen. Die Nägel ihrer Hände und Füsse
waren so lang, dass sie wie Löwenkrallen aussahen. Sie
hatte struppige Augenbrauen, spitzige Zähne und grosse
rote Augen. Ihre ganze Kleidung bestand aus schmutzigen
Lumpen, die sie um die Hüften wickelte. Jeder erkannte
Dheg-Dheer an ihrem langen Ohr und an der Grausamkeit
ihres hässlichen Blickes.

48
Wert allen Lebens - Respekt und Schutz dei Menschen

Dheg-Dheer lebte nicht weit vom Flusse Hargega. Sie


hatte eine sehr schöne, grosse, schlanke und wohlgestalte-
te Tochter, die das Haus besorgte und die Mahlzeiten zube-
reitete, während sich die Mutter auf der Jagd befand. Jeden
Abend kam Dheg-Dheer mit ihrer Ladung Menschcnfleisch
zurück.
Im Hause von Dheg-Dheer gab es mehrere grosse Behäl-
ter; sie benutzte einen für das Wasser und die andern für das
Fleisch und das Blut ihrer Opfer. Der Behälter mit dem
menschlichen Fleisch trug den Namen Baw-Dhccr, denn je-
desmal, wenn ihn jemand anderes als Dheg-Dheer öffnete,
entwich ihm ein Donnergrollen: Bwwwwwwwwww (...)
Dieses Grollen erreichte die Ohren Dheg-Dheers, auch
wenn sie sich weit davon entfernt aufhielt. Dann stürzte sie
nach Hause wie eine Wasserhose und schrie: „Welches ist
die verdammte Brut, die Baw-Dheer aufgeschlossen hat?"
Dheg-Dheer rannte sehr schnell, und es gelang ihr im-
mer, ihre Verfolgten einzufangen. Sie hatte eine Schwäche
für zartes Kinderfleisch. Nichts hielt sie zurück ausser die
Ufer des Flusses Hargege, die ihr Angst einflössten. (...)
Eines Tages entdeckte Dheg-Dheer eine fette Frau, die
einen kleinen, molligen Knaben trug. Sie begann diese zu
verfolgen. Die Frau kannte die Gegend gut und rannte di-
rekt auf den Fluss zu. Dheg-Dheer murmelte im Laufen:
„Wie dick sie ist und wie wackeln ihre Hinterbacken,
wenn sie rennt! Ihr Knabe ist so mollig, wie man es sich
nicht besser wünschen kann. Ich muss sie fangen. Ich füh-
le, dass ich mich an ihnen erlaben werde. Ich muss sie auf-
halten, bevor sie den Unglücksfluss erreichen."
Die Frau erreichte den Fluss vor Dheg-Dheer und durch-
querte ihn. Vor Wut schäumend, überschüttete das Unge-
heuer seinen Körper mit Sand und kratzte sich und raufte
sich die Haare (...)
Am folgenden Tag kamen zwei schöne, junge Mädchen
zu Dheg-Dheer, während ihre Tochter das Haus hütete und
das Menschenfleisch zubereitete und anrichtete. Sie war
überrascht. Trotz ihrer Magerkeit und ihres müden und ab-
gezehrten Aussehens waren die beiden Mädchen bezau-
bernd, und sie hatten das gleiche Alter wie sie selbst.
Die Tochter Dheg-Dheers war in einem Zwiespalt, ange-
sichts der beiden Unbekannten. Ihre Lust auf Menschen-
fleisch erwachte, und sie stellte sich die schmackhaften
Mahlzeiten vor, die sie zubereiten könnte. Beim Duft des
menschlichen Fleisches und Blutes weiteten sich ihre Na-
senflügel. Aber gleichzeitig war sie entzückt, Mädchen in
ihrem Alter zu sehen, mit denen sie sprechen könnte (...)
Ein Augenblick des Schweigens. Sie betrachteten und be-
obachteten sich gegenseitig und versuchten, ihre Gedan-

49
Der Mensch

ken zu erraten. Plötzlich ergriff die ältere der beiden Er-


schöpften das Wort und sprach: „Freundin gib uns zu trin-
ken, wir haben schrecklich Durst."
Die Tochter Dheg-Dheers machte sich daran, einen riesi-
gen, seltsamen Behälter zu öffnen, nahm einen schmutzi-
gen Topf und gab ihnen Wasser zu trinken. Dann holte sie
zwei grosse Stücke fetten und schon gar gebratenen Flei-
sches. Die armen Mädchen verschlangen sie gierig, wäh-
rend sie bewegt das Schauspiel betrachteten: die erste edel-
mütige Handlung einer Kannibalin gegenüber gewöhn-
lichen menschlichen Wesen. Als die beiden Mädchen das,
was sie für ausgezeichnetes Ziegenfleisch hielten, fertig
gegessen hatten, bedankten sie sich wärmstens.
Das Kannibalenmädchen fragte sie darauf, woher sie kä-
men und was sie suchten. Sie antworteten ihm: „Wir sind
verloren. Unser Vater hat uns verlassen. Er war arm und
hatte keinen Sohn. Unsere Mutter ist tot. Wir waren elf
Töchter. Unser Vater hatte nichts, das er uns hätte geben
können. Gestern führte er uns in die Wildnis und befahl
uns, einen Vorrat von Kolanüssen zu sammeln, während er
sich auf die Suche nach einem Kamel machte. ,Hört auf das
Glöcklein des Kamels', sagte er zu uns, ,und kommt wie-
der zu mir beim Untergang der Sonne.' Als die Sonne
untergegangen war, machten wir uns auf die Suche nach
ihm, und wir fanden aufgehängt an einem Baum das
Glöcklein, das schaukelte und bimmelte. Unser Vater war
weg mitsamt dem Kamel. Wir wissen immer noch nicht,
wohin er gegangen ist. Wir begannen umherzuirren, und
letzte Nacht schliefen wir im Gestrüpp. Wir hatten nichts
zu essen. Dann entdeckten wir im Gehen euer Haus. Wir
waren sehr froh."
Die Tochter Dheg-Dheers hörte mit grösstem Interesse
zu. „Und jetzt erzähl uns von dir und von deinen Eltern",
baten die Mädchen.
Anstatt zu antworten, brach das Kannibalenmädchen in
Tränen aus (...) „Meine Mutter ist eine Kannibalin", rief sie
aus, „und bei ihrer Rückkehr wird sie euch verspeisen." (...)
Die beiden Mädchen waren beunruhigt vom Aussehen
des Hauses und konnten nicht begreifen, dass sie sich bei
Kannibalen befanden. Sie versuchten zu erfahren, wozu die
verschiedenen Behälter dienten, die sie im Hause sahen.
Die Tochter Dheg-Dheers erklärte:
„Dieser hier enthält Wasser, der andere dort, das ist Baw-
Dheer. Darin bewahren wir die besten Stücke Menschen-
fleisch auf. Dieser grosse da ist voll Blut". Die beiden un-
terbrachen sie:
„Menschliches Fleisch und Blut? Wer isst denn davon?"
- „Meine Mutter und ich", antwortete ruhig die Tochter

50
Wert allen Lebens - Respekt und Schutz dei Menschen

Dheg-Dheers. - „Könnt ihr denn keine andere Nahrung


finden?" - „Eine andere Nahrung?" - „Das Fleisch und
die Milch der Tiere." - „Kann man das essen?" fragte das
Kannibalenmädchen entsetzt. - „Du solltest es versu-
chen; es ist köstlich." - „Gleich wie das, das ich euch
eben gegeben habe?" - „War das denn nicht Ziegen-
fleisch?" - „Nein, es waren die Brust und die Hinter-
backen eines neunjährigen Mädchens."
Die beiden Mädchen mussten sich übergeben. Die Toch-
ter Dheg-Dheers verwunderte sich darüber und wurde
nachdenklich, denn sie dachte, dass alle Menschenfleisch
essen. Bedrückt fragte sie: „Warum sollte man kein
Menschenfleisch essen?" - „Es ist unsittlich", erwiderten
die Mädchen. - „Oh, ich wusste nichts davon", seufzte
das Kannibalenmädchen (...)

Da kommt Dheg-Dheer von der Jagd zurück mit einem kleinen zehnjähri-
gen Knaben, den sie auf der Stelle verzehrt, dann geht sie wieder weg. Die
beiden Mädchen verlassen ihr Versteck, in welches sie geflüchtet waren.
Sic haben alles gesehen und sind entsetzt.

„Es ist sicher nicht deine Mutter. Du, du bist gut. Komm
mit uns. Gehen wir fort von hier, gehen wir fort von hier!
Komm mit uns, und alles wird gut gehen." (...) „Meine
Mutter läuft schnell, und sie würde uns augenblicklich
einholen. Sie hat zudem eine feine Nase, und sie folgt den
Menschen auf ihrer Spur. So schnell wir auch gingen, sie
würde uns wiederfinden. Und zudem können wir nicht
ohne Vorräte weggehen. Nur ihr Tod würde uns von ihr
befreien!" (...)
„Ich werde sie heute abend umbringen, und ihr werdet
mir helfen. Sie ist eine schlechte Mutter. Ich bitte sie
immer, ein Kind für mich zu schonen, einen Knaben oder
ein Mädchen. Sie will nicht. Sie tötet alle und verzehrt sie.
Einige dieser Kinder sind sehr schön, und ich liebe sie.
Meine Mutter ist böse, und wir müssen sie heute abend tö-
ten. So werden wir Haus und Nahrung für uns haben. Wir
werden dorthin gehen, wo es uns gefallen wird; wir werden
frei sein, frei, frei, frei! Wenn sie demnächst wieder-
kommt, wird sie etwas essen. Dann wird sie schlafen, denn
sie wird müde sein. Ihr langes Ohr wird herunterfallen,
und sie wird nichts mehr hören und nichts mehr verste-
hen. Dann werden wir ein grosses Feuer anfachen, und wir
werden darin die Eisen bis zur Glut erhitzen. Wenn diese
sehr heiss sind, wird eine von uns ihr langes Ohr festhal-
ten, während die beiden andern die heissen Eisen hinein-
führen werden, bis sie stirbt. Dann werden wir frei sein,
frei, frei, frei, und wir werden spielen können, spielen,
spielen, spielen!" (...)

51
Der Mensch

Dhcg-Dheer kommt zurück; sie trägt ein fünfzehnjähriges Mädchen; sie


frisst es und trinkt sein Blut.

„Wie ist das süss und warm für meinen Gaumen", sagte
Dheg-Dheer. Dann warf sie den Behälter auf den Boden und
schlief ein. Langsam, langsam legte sich ihr Ohr nieder.
Dheg-Dheers Tochter holte sofort ihre beiden Freundin-
nen aus ihrem Versteck hervor. Gemeinsam entfachten sie
ein grosses Feuer und steckten vier lange Eisenstäbe hin-
ein. Als diese rot waren, stürzten sich die drei jungen Mäd-
chen auf die tief schlafende Dheg-Dheer. Eines von ihnen
fasste und drehte das lange Ohr der Kannibalenfrau um und
die zwei andern traktierten sie mit den feurigen Eisen.
Dheg-Dheer stiess ein fürchterliches Stöhnen hervor, rief
um Hilfe, stiess unverständliche Schreie aus und starb
dann langsam.
Die drei Mädchen verliessen sofort das Haus und sahen,
dass es in Strömen regnete. Sie freuten sich darüber, denn es
hatte zu Lebzeiten Dhcg-Dheers in diesem Lande nie gereg-
net. Mitten im Rollen des Donners begannen sie zu singen:
Somalische Legende
mündliche „Dheg-Dheer ist tot, und Frieden herrscht über dem Land.
Überlieferung Der Regen fällt auf Jigjiga." 7p

Hilfe für die Wenn zu den Zeiten des Ourwa Ibn Al-Ward (Dichter und
Schwachen Ritter der „Djahiliyya", vorislamische Epoche) ein Jahr der
Hungersnot einsetzte, verliess man zu Hause die Kranken,
Alten und die Schwachen. In diesen Zeiten der Not versam-
melte nun Ourwa jene Leute, die nicht zu seiner eigenen
Familie gehörten, und er bemühte sich, um ihre Zelte her-
um Ablaufrinnen zu graben, ihnen Verschläge zu bauen
und sie zu kleiden. Wer von ihnen stark genug war - die
von Krankheiten Genesenden, die Schwachen auf dem
Weg zur Besserung -, nahm er mit auf seine Streifzüge
und teilte die Beute mit den Zurückgebliebenen. Nachdem
die Zeit der Not zu Ende war, die Leute wieder Milch im
Überfluss hatten, und das schlechte Jahr zu Ende ging,
brachte er jeden einzelnen (seiner Schützlinge) zu seiner
Familie zurück und gab ihm seinen Teil der Beute, so Beu-
Abul-Faradj Isfahani
io. Jh.
te gemacht worden war. So geschah es mehrmals, dass
Kitäb al-Aghäni einer dieser in die Familie zurückgekehrten Männer sogar
(Erzählungen über reich geworden war. Deshalb wurde Ourwa „der Ourwa der
die vorislamische
Zeit) armen Leute" genannt. 80

Die wahrhafte Nicht besteht die Frömmigkeit darin, dass ihr eure Ange-
Frömmigkeit sichter gen Westen oder Osten kehret; vielmehr ist fromm,
wer da glaubt an Allah und den Jüngsten Tag und die Engel
und die Schrift und die Propheten, und wer sein Geld aus
Liebe zu Ihm ausgibt für seine Angehörigen und die Waisen
und die Armen und den Sohn des Weges und die Bettler

52
Wert allen Lebens - Respekt und Schutz dei Menschen

und die Gefangenen; und wer das Gebet verrichtet und die
Armensteuer zahlt; und die, welche ihre Verpflichtungen
halten, wenn sie sich verpflichtet haben, und standhaft
Koran sind in Unglück, Not und Drangsalszeit; sie sind's, die da
Ab-Baqarai77 lauter sind, und sie, sie sind die Gottesfürchtigen. 81

Vor allem aber vergesst die Armen nicht, sondern speist


sie, soweit es in euren Kräften steht, beschenkt die Wai-
sen, sprecht der Witwe selbst Recht und hindert die Mäch-
tigen daran, einen Menschen zugrunde zu richten. Tötet
Wladimir weder einen Unschuldigen noch einen Schuldigen und gebt
Monomach auch nicht den Befehl dazu. Sogar wenn er den Tod ver-
1053 - 1 1 2 6
Die Belehrung
dient haben sollte, richtet dennoch keine christliche Seele
W. Monomachs zugrunde. 82

Gleiche Würde Dem Alten hat man die Seele nicht entzogen; dem Jungen
für die Alten hat man sie nicht versiegelt.
und die fungen, Der Junge arbeitet mit seinen Händen, der Alte mit seinem
für die Reichen Kopf.
und die Armen
Sogar in der Horde sind die Alten geachtet.
(Horde heisst bei den Tatar-Mongolen: Andenken an das
m ongolische foch.)
Russische Beleidige keinen Bettler, denn auch der Bettler hat eine
Sprichwörter Seele. 83

Achtung vor Wohin ihr auch gehen und wo immer ihr haltmachen mö-
dem Fremden get, dort gebt dem Armen und Elenden zu essen und zu
Wladimir trinken. Besondere Ehre aber erweiset dem Gast, woher er
Monomach
1053 - 1 1 2 6 auch zu euch kommen mag, sei er aus dem gemeinen Volk,
Die Belehrung sei er ein Vornehmer oder ein Gesandter. 84
W. Monomachs

Der Verbannte Eines schönen Tages sagen die Leute: „Ein alleinstehender
Fremder, ohne Freunde und Verwandte, ist gestorben (...)
Man merkte es erst drei Tage nach seinem Tode." Dann
wäscht man ihn mit kaltem Wasser. Dies tut man mit al-
len Verbannten wie ich einer bin.
Meine Zunge spricht, meine Augen weinen (...) Mein
Herz brennt beim Gedanken an die Menschen in der Ver-
bannung, ohne Nahestehende, ohne Verwandte. Mein
Stern am Himmel, ist er vielleicht ebenso allein, ebenso
verlassen wie ich?
Oh mein Yunus, mein Emre, oh du, du Verzweifelter.
Du hast kein Mittel gegen Deinen Schmerz. Geh, irre
Yunus Emre durch die Welt, von Stadt zu Stadt. Vielleicht wirst Du
Volksdichter
13. Jh. einen ebenso Unglücklichen finden, einen ebenso Verlas-
Türkei senen wie Du. 8s

53
Der Mensch

Türkisches Ein Vogel findet Zuflucht unter einem Strauch. Du, kannst
Sprichwort
15. Jh. du nicht auch sein wie ein Strauch? 86

Wenn es schneit, stöhnt das dreijährige Kamel; wer wird


weinen, wenn ein Armer (Fremder, ohne Familie) sterben
wird?
Das Herz des armen Wanderers ist gebrochen, sein Wort
hat keine Wärme. Das Waisenkind geht gebückt und mit
bleichem Gesicht.
Man hat gesagt: „Ein Armer (Fremder, ohne Familie) ist
gestorben." Man hat es erst drei Tage nach seinem Tod er-
fahren.

Türkmenischc Die Armut lässt niemanden sterben; sie lässt aber auch nie-
Sprichwörter manden lächeln. 8/

Schöpfer der irdischen Welt, Heiliger! Welches ist der fünf-


te Ort, wo der Kummer am grössten ist?
Ahura Madzda antwortete:
Avesta Vcndidad Er ist da, wo eines Getreuen Frau und Kind mit jam-
I. Jh. v. Chr. -
1. Jh. n. Chr. mernder Stimme den Weg in die Gefangenschaft antreten,
Persien diesen staubigen und trockenen Weg. 88

Möge dich das grössere Kind nicht hassen!


Möge dich der sterbende Alte nicht verdammen!
Amharischcs
Sprichwort (Man soll niemandem ein Leid antun, und vor allem nicht
Äthiopien den Schwachen.) 8p

Lacht nicht über den Vogel in der Falle.


Malgesisches (Tretet keinen Besiegten mit Füssen, denn das gleiche Los
Sprichwort kann auch euch treffen.) 90

Die Frau und das Kind


Die Vorislamischen Araber vergruben manchmal ihre neu-
geborenen Mädchen lebendigen Leibes. Sa 'ssa 'a ist ein be-
duinischer Herrscher, dem man den folgenden Einspruch
zuschreibt. Diese Sitte wurde vom Islam abgeschafft.
Und Sa'ssa'a sagt: „Eines Tages bin ich ausgezogen, um
zwei meiner Kamelstuten zu suchen, die sich verirrt hat-
ten. Ich entdeckte in der Ferne ein Feuer, und ich richtete
meine Schritte dorthin, in der Hoffnung, einen Halt
machen zu können. Bald schien dieses Feuer hell aufzu-
lodern, bald schien es zu erlöschen. ,Herr', sprach ich in
meinem Innern, ,ich gelobe dir, dass, wenn ich zu diesem
Feuer gelangen kann, und wenn jemand dort unter den

54
Die Fiau und das Kind

Leuten, die das Feuer angezündet haben, in Not ist, ich


alles tun werde, um ihn zu retten.' Ich ging noch ein wenig
weiter und erreichte das Lager. (...) Ein alter Mann schürte
das Feuer vor seinem Zelt, während die Frauen eine ihrer
Gefährtinnen umgaben, die in Geburtswehen lag und ihre
Gefährtinnen schon seit drei Nächten aufhielt. Ich grüsste
den Alten. Er fragte mich: ,Wer bist du?' Ich antwortete:
,IchheisseSa'ssa'aIbuNädjeyyaIbuIqäl.' - ,Sei willkom-
men', sagte er zu mir. ,Was führt dich hierher, mein
Freund?' - ,Ich bin', erklärte ich ihm, ,auf der Suche nach
meinen zwei Kamelstuten, die sich von der Herde entfernt
haben, und von denen ich jede Spur verloren habe.' - ,Nun
gut, ich habe sie gefunden', sagte er zu mir. ,Wir haben
ihnen beim Gebären geholfen, und da sind sie, eine neben
der andern, dort bei den Kamelen, die du siehst.' Ich fragte:
, Warum zündest du dieses Feuer an, sobald die Nacht ein-
bricht?' - ,Ich mache es', sagte er, ,für eine Frau in We-
hen, die uns seit drei Nächten bei sich zurückhält.'
In diesem Augenblick schrien die Frauen: ,Das Kind ist
geboren!' Der Mann sagte: ,Wenn es ein Knabe ist, so frage
ich mich, was ich mit ihm machen soll; wenn es ein Mäd-
chen ist, will ich seine Stimme nicht hören, ich werde es
töten.' Ich antwortete: ,Du musst es am Leben lassen,
denn es ist deine Tochter, und ihr Leben gehört Gott!' -
,Ich sehe, du magst es', sagte er, ,nun gut, kaufe es mir ab!'
- ,Ich kaufe es', war meine Antwort. ,Was wirst du mir
dafür geben?' - ,Ich gebe dir eine meiner Kamelstuten.' -
,Nein.' - ,Ich gebe dir auch die andere.' Er betrachtete nun
mein Kamel, auf dem ich ritt, und sagte: ,Nein, wenn du
nicht auch noch dieses Kamel dazugibst, das jung und von
schöner Farbe ist.' - ,Es gehört dir', sagte ich, ,mit den
beiden Kamelstuten, unter der Bedingung, dass du mir er-
laubst, damit zu meinen Leuten zurückzureiten.' - Ein-
verstanden.' So habe ich das Leben seiner Tochter gekauft
um den Preis von zwei Kamelstuten, die eben geboren hat-
ten, und eines Kamels, und ich liess ihn schwören vor
Gott, dass er die Tochter, wenn sie am Leben blieb, gut be-
handeln würde, bis sie die Familie verlassen würde oder bis
zu ihrem Tode. Als ich mich entfernte, sagte ich zu mir:
,Das war eine grossherzige Tat, wie es bis jetzt keine gab
unter den Arabern.' Und ich gelobte, dass in Zukunft nie-
Abul-Faradj Isfahani
mand mehr seine Tochter lebend begraben werde, und dass
io. Jh. ich alle um den Preis zweier Kamelstuten und eines Ka-
Kitäb al-Aghäni mels kaufen würde. Als der Islam kam, hatte ich schon
(Erzählungen aus der
vorislamischen dreihundert Mädchen gekauft, die bedroht waren, lebend
Zeit) begraben zu werden." 91

55
Der Mensch

Unterwerfung Oh mein Geliebter


mit deinem mit Federbusch verzierten Turban,
nimm mich doch an deine Seite,
wenn du so viele Länder durchstreifst.
Und wenn du meiner überdrüssig wirst,
kannst du mich in einen Gürtel verwandeln,
einen Gürtel aus Golddraht gewirkt
und mit Steinen besetzt.
Sollte der Gürtel zu schwer werden,
verwandle mich in eine Feder auf deinem Hut.
Und wenn dir auch die Feder verleidet,
mach aus mir eine weisse Kerze,
die sich neben dir aufzehrt.
Dann, wenn du abends speisen wirst,
werde ich dich sanft erleuchten.
Deine Freunde werden fragen:
„Woher kommt denn dieser Glanz?"
- Es ist das Licht meiner Kerze,
es ist eine Schöne meiner Heimat,
Rumänisches es ist meine Kerze aus reinem Wachs,
Volkslied meine Geliebte des vergangenen Sommers.

Auflehnung Ihr, mein Gemahl? Ich, Ihre Frau?


Aber es ist eine Last,
die wir das eine wie das andere schleppen:
Jeder hat im Leben seine Schuld zu bezahlen;
Vietnamesisches Früher klagten die Männer über ihre Frauen,
Sprichwort Heute haben die Frauen genug von den Männern! 93

Unterschied Auf verschiedenen Gebieten gibt es einen Unterschied zwi-


zwischen Mann schen Mann und Frau. Wenn ihr einen Mann seht, erkennt
und Frau ihr ihn sofort als solchen. Niemand braucht ihn euch darzu-
stellen (ihn euch zu erklären). Der wesentliche Zug, durch
Ewe-Sprichwort den der Mann sich vor allem von der Frau unterscheidet, ist
Togo die Rede, das Wissen und noch vieles andere. 94

Respekt Die Gattin ist eine Gefährtin und nicht eine Magd. 95
Russisches
Sprichwort

Die Länder, wo die Frauen geehrt werden, sind von den


Manusmritilll.
Göttern bewohnt.
Hindi-
Überlieferung Die Frau verdient Verehrung. Sie ist das Licht des Hauses.
Sanskrit pö

Da, wo die Frauen geehrt werden, sind die Götter zufrie-


Manusmriti III.
Indien den, da wo sie verachtet werden, bleibt jeder heilige Ritus
Sanskrit ohne Frucht. 97

56
Die Fiau und das Kind

Betrachtung Die Männer, was mögen die wert sein? Drei Sapeken die
zehn? Man schliesst sie in einen Käfig wie Vögel, und man
hält sie in der Hand, während eine Frau dreihundert Barren
Vietnamesisches wert ist: Man legt sie auf eine geblümte Decke, und man
Sprichwort betrachtet sie. 98

G E S A N G DER SCHLECHT VERHEIRATETEN

Die Matratze legte ich aus im Hochzeitszimmer,


Wo rote Stoffe die Decke verzieren.
Als Jungfrau legt' ich mich abends nieder,
Und Jungfrau war ich, als ich erwachte, noch immer.
Ein Knabe ward mir zum Gatten gegeben,
Der nicht küssen, nicht lieben kann wie ein Mann.
Schwere Sünde begeht man mit solchen Taten.
Ich, die Schöne, ward einem Knaben gegeben.
Bin ich tot, soll mein Grab an der Strasse liegen
Als Mahnmal für den, der vorübergeht.
„Wieviel Unglück kann Heirat doch bringen!
Türkisches Gebt Mädchen, nach mir, nur dem, den sie lieben!
Volkslied Ich, die Schöne (...)" 99

FRAUENSCHICKSAL

Oh Mutter, kannst du mir wohl sagen,


Warum du deine Tochter, ohne zu fragen,
Wie man ein kleines Kätzchen ersäuft,
In einer Schwiegerfamilie ersäufst?
Hab' Freude im Herz, meine Tochter, und sing.
Sobald du vermählt, ist das Liedchen dahin.
Wozu dann noch Lieder? Kein Lied weit und breit.
Dein Los, meine Tochter, ist Herzeleid.
Meine Mutter hat Schlimmes mir angetan,
Gab gegen meinen Willen mich diesem Mann.
Und fehlt mir die Liebe am häuslichen Herd,
So such' ich den Tod, ist mein Leben nichts wert.
Ach, geschlagen hat mich mein Mann,
Ach, geprügelt hat mich mein Mann.
Tschastonchki
russische Hier in die Brust trat er mich mit dem Fuss.
Volksdichtung „Ich spüre gar nichts", so sagte ich bloss. 100

Die Rechte Wenn eine Frau eine Abneigung gegen ihren Mann hat und
der Frau keinen Verkehr mit ihm haben will, nennt man das „Ver-
weigerung der ehelichen Pflicht"; sie wird ihm das doppel-
te des „Frauenpreises" zu zahlen haben. (...)
Wenn ein Mann seine Frau verlässt, um eine religiöse
Pflicht zu erfüllen, um Einsiedler zu werden, oder wegen

57
Der Mensch

irgendeiner andern religiösen Betätigung, muss seine Frau


acht Jahre lang auf ihn warten. Wenn er sie verlässt, um
Studien zu betreiben, oder um sich weiterzubilden, muss
sie während sechs Jahren auf ihn warten. Wenn er sie ver-
lässt, um Geld zu verdienen, indem er Handel treibt oder
mit Schiffen fährt, muss sie während zehn Jahren auf ihn
warten. Wenn er sie nur verlässt, um eine (neue) Gemahlin
zu suchen, muss sie während drei Jahren auf ihn warten.
Wenn der Mann jedoch seiner Frau kein Geld schickt, wird
sie das Recht haben, einen andern zu heiraten. Wenn ein
Mann seine Frau verlässt, um zu reisen, um sich in ein fer-
Gesetz der nes Land zu begeben, muss sie während vier Jahren auf ihn
Kutära9astra
warten; wenn er nach vier Jahren nicht zurückgekehrt ist,
14. Jh.
Java wird sie das Recht haben, einen andern zu heiraten. 101

Der männliche Löwe ist wirklich ein Löwe; warum sollte


die Löwin es nicht auch sein?
Türkische Es ist besser, das Waisenkind eines Vaters mit hundert
Sprichwörter
Aus einer Sammlung Schafen zu sein, als das einer Mutter mit einzig einem
des 15. Jh. Fingerhut. 102

Bestimmungen Bei den sonstigen Heiraten verbot Solon die Mitgiften und
zu Gunsten verordnete, dass die Braut nur drei Gewänder und Hausge-
der Frauen rät von geringem Wert, sonst nichts, mitbringen durfte.
Denn er wollte, dass die Ehe nicht eine Geschäfts- und
Kaufangelegenheit sein, sondern dass die Vereinigung von
Plutarch
45/50 - 125 Mann und Frau zum Zweck der Kinderzeugung in Liebe
Solon und Zärtlichkeit geschehen sollte. 103

Zeige nicht, dass deine Frau dich beleidigt hat. Schicke sie
Buch der Weisheit
Altes Ägypten, zurück, wie es sich ziemt, und lass sie ihre Güter mitneh-
Ptolemäische Zeit men. 104
Hebräische Bibel
Dcuteronomium
Verflucht sei, der beugt das Recht des Fremdlings, der Wai-
V,19 se und der Witwe; und das ganze Volk spreche: Amen. 105

Die Heirat ist Can. 1055 ~ § D £ r Ehebund, durch den Mann und Frau
eine gegensei- unter sich die Gemeinschaft des ganzen Lebens begründen,
tige Abmachung welche durch ihre natürliche Eigenart auf das Wohl der
Ehegatten und auf die Zeugung und die Erziehung von
Nachkommenschaft hingeordnet ist, wurde zwischen Ge-
tauften von Christus dem Herrn zur Würde eines Sakra-
mentes erhoben.
Can. 1057 - § 1. Die Ehe kommt durch den Konsens der
Partner zustande, der zwischen rechtlich dazu befähigten
Personen in rechtmässiger Weise kundgetan wird, der Kon-
sens kann durch keine menschliche Macht ersetzt werden.

58
Die Fiau und das Kind

§ 2. Der Ehekonsens ist der Willensakt, durch den Mann


und Frau sich in einem unwiderruflichen Bund gegenseitig
schenken und annehmen, um eine Ehe zu gründen.
Kodex des
kanonischen Can. 1058 - Alle können die Ehe schliessen, die recht-
Rechtes lich nicht daran gehindert werden. 106

Beweggründe Can. 1097 - § 1. Ein Irrtum in der Person macht die Ehe-
zur Ungültigkeit schliessung ungültig.
der Heirat § 2. Ein Irrtum über eine Eigenschaft der Person macht
die Eheschliessung nicht ungültig, selbst wenn er für die
Eheschliessung ursächlich war, ausser diese Eigenschaft
wird direkt und hauptsächlich angestrebt.

Can. 1098 - Ungültig schliesst eine Ehe, wer sie eingeht


infolge einer zur Erlangung des Konsenses angewandten
arglistigen Täuschung über eine Eigenschaft des anderen
Kodex des
kanonischen Partners, die ihrer Natur nach die Gemeinschaft des ehe-
Rechtes lichen Lebens schwer stören kann. 10/

Can. 1103 - Ungültig ist eine Ehe, die geschlossen wurde


aufgrund von Zwang oder infolge von aussen, wenn auch
Kodex des
kanonischen ohne Absicht, eingeflösster schwerer Furcht, die jemandem,
Rechtes um sich davon zu befreien, die Wahl der Ehe aufzwingt. 108

Die Würde Einer der Förderer aus der Zeit der ungarischen Reform
der Frauen wendet sich an die Frauen:

Den hochsinnigen Frauen unseres Vaterlandes

Empfanget würdige Töchter meines Vaterlandes, als Un-


terpfand meiner Liebe und Verehrung die Widmung dieses
kleinen Werkchens. Stellt es, obgleich Viele dasselbe für
Männer angemessener erachten, mit anmutvoller Huld un-
ter Euren Schutz. Ich spreche vom Kredit und, was daraus
entspringt, von der Ehre, der Heiligkeit des gegebenen
Wortes und der Handlungen Redlichkeit, und so kann auch
Euch der Gegenstand eben so wenig fremd seyn, als uns,
denn was Edles und Schönes die Menschheit erhebt, ist
Eures Geschlechtes Schöpfung. Ihr trägt auf pflegenden Ar-
men den zarten Sprößling ins Leben und erzieht ihn zum
guten Staatsbürger, aus Euren hehren Blicken schöpft der
Mann Seelenkraft und entschlossenen Muth und hat ihn
über dem Streben für seines Vaterlandes Sache, des Lebens
Abend umdämmert, so windet Ihr um seine Stirne den
Kranz. Ihr seid die Schutzengel der Bürgertugend und Na-
tionalität, die, glaubt es mir, ohne Euch nie erblühen oder
bald dahin welken würden, denn Ihr schmückt Alles mit

59
Der Mensch

Zauber und mit Leben. Ihr erhebt zum Himmel den Staub,
Istvan Szechenyi
1791-1860 den Sterblichen zur Unsterblichkeit. Heil Euch und Dank!
Ungarn 109

Russisches Nachdem du bei deinem Ruhekissen Rat geholt hast, frage


Sprichwort auch deine Frau. 110

Fiauenstatut in
der Ukraine...
Beauplan Dort also, entgegen des Üblichen und der Gewohnheit aller
Frankreich
Beschreibung der Nationen, sieht man die Mädchen die Burschen um die
Ukraine 1660 Hand anhalten. Iii

... und in „Und ohne Rat, besonders den der Frau, tue nichts, denn
Russland sie ist dir von Gott selbst gegeben nicht um unterdrückt /
Pososkow geknechtet zu werden oder nur zu dienen, sondern um zu
18. Jh. Russland helfen (...)" 112

Frauen und Den Frauen und Kindern der zu lebenslanger Zwangsarbeit


Kinder von oder zu Deportation und Gefängnisstrafe Verurteilten (...)
Sträflingen wird man auf Wunsch erlauben, auf dem Besitztum ihrer
Mitgift zu leben; sollte sich eine dieser Frauen wieder ver-
heiraten wollen, wird man ihr mit der Erlaubnis der Syn-
ode die Freiheit dazu erteilen; und für ihren und ihrer Kin-
Beschluss vom
25. Mai 1753 der Unterhalt wird man ihr den gesetzlichen Teil der mobi-
Russland len und immobilen Güter ihres Gatten geben. 113
Domingo Faustino Man kann am sozialen Stand der Frau den Grad der Zivili-
Sarmiento
1811-1888 sation eines Volkes messen. 114
Argentinien

Entdeckung HELMER: In erster Reihe bist Du Gattin und Mutter.


seiner selbst NORA: Das glaub' ich nicht mehr. Ich glaube, dass ich vor
allen Dingen Mensch bin, so gut wie Du, - oder vielmehr,
ich will versuchen, es zu werden. (...)
HELMER: D U sprichst wie ein Kind. Du verstehst die Gesell-
schaft nicht, in der Du lebst.
N O R A : Ich verstehe sie nicht - allerdings. Aber jetzt will
H. Ibsen
Nora oder ich sie mir näher ansehen. Ich muss dahinter kommen,
Ein Puppenheim wer recht hat, die Gesellschaft oder ich. irj

Würde Wenn ich eine Frau wäre, würde ich mich dagegen aufleh-
nen, dass der Mann Anspruch darauf erhebt, aus der Frau
ein Spielzeug zu machen. Ich habe mich ganz an den Platz
der Frau gefühlt, um in ihr Herz einzudringen. Es ist mir
erst an dem Tag gelungen, wirklich in das Herz meiner
Frau einzudringen, wo ich beschloss, sie anders zu behan-
deln, als ich es bis anhin getan hatte. Ich habe sie in all ihre

60
Die Fiau und das Kind

Mahatma Gandhi Rechte eingesetzt und habe auf alle sogenannten Vorrechte
1869 - 1 9 4 8 des Ehemannes verzichtet. 116

Ich verstand, dass die Ehefrau nicht die Sklavin des Ehe-
mannes ist, sondern seine Begleiterin und seine Mitarbei-
terin, und eine Verbündete, die ebenfalls alle seine Freuden
Mahatma Gandhi
und Nöte mit ihm teilt, die ebenso frei ist wie ihr Gatte,
1869 - 1 9 4 8 ihren eigenen Weg zu wählen. 117

Wir beglückwünschen uns, dass allen Dingen etwas geisti-


ges innewohnt, und dass die männlichen und weiblichen
Prinzipien der Dinge und der Wesen miteinander in Ein-
klang stehen. So sind Mann und Frau von Natur aus, einer
neben dem andern, auf gleicher Ebene, und es gibt zwi-
schen ihnen keinen Unterschied wie beim Vorgesetzten
und seinem Untergebenen, beim Meister und seinem Skla-
ven. Wohl glaubt man, die Frau müsse dem Mann gehor-
Zankö Masuho chen wie eine Sklavin; schuld daran ist, dass wir, gefangen
1655-1742 in der Lehre des Konfuzius, den Weg unseres eigenen Lan-
Japan
Der Weg der Götter des verloren haben. 11S

Der Weg, eine Frau glücklich zu machen, liegt weder darin,


ihr die Freude des Vergnügens zu schenken, noch darin, sie
in Purpur, Stickereien und mit wertvollen Steinen besetz-
ten Gürteln zu kleiden, noch darin, des vornehmen An-
scheins willen, sie mit Mägden zu umgeben. Der Weg, eine
Frau glücklich zu machen, besteht darin, dass der Mann
sich gut aufführt und sie mit seiner Treue belohnt; er soll
seine persönlichen Ausgaben beschränken, und seiner Fa-
milie Streit und Aufregung ersparen, damit seine Frau von
häuslichen Sorgen verschont bleibe. Wenn der Mann sich
darüber im klaren ist, wird sich die Frau eine Freude daraus
machen können, Armut zu ertragen und mit ihm um der
Gerechtigkeit willen verfolgt zu werden. Der Weg, eine
Kanzo Kehimura Frau glücklich zu machen, besteht darin, ihre grosszügige
1861 - 1 9 3 0 Japan
Vorschlag zur Seele zu ermutigen und nicht darin, ihrer niedrigen Eitel-
Unabhängigkeit keit zu schmeicheln. 119

Die Rechte Man kann aber nicht die Massen in die Politik einbezie-
der Frauen hen, ohne die Frauen in die Politik einzubeziehen. (...) Die
Arbeiterin und die Bäuerin werden vom Kapital unter-
drückt und bleiben darüber hinaus selbst in den allerdemo-
kratischsten bürgerlichen Republiken erstens nicht gleich-
berechtigt, denn das Gesetz gewährt ihnen kein gleiches

61
Der Mensch

Recht mit dem Mann; zweitens - und das ist die Haupt-
sache - verbleiben sie in der „häuslichen Sklaverei", blei-
ben sie „Haussklavinnen", weil sie durch die gröbste,
schwerste, den Menschen am meisten abstumpfende Ar-
beit, die Kleinarbeit in der Küche und überhaupt im verein-
zelten Familienhaushalt niedergedrückt werden.
Die bolschewistische, die sowjetische Revolution legt
die Axt so tief an die Wurzeln der Unterdrückung und Un-
gleichheit der Frauen, wie keine Partei und keine Revolu-
tion auf der Welt es je gewagt haben. Von der gesetzlichen
Ungleichheit zwischen Mann und Frau ist bei uns, in
Sowjetrussland, auch nicht eine Spur übriggeblieben. Die
besonders niederträchtige, gemeine, heuchlerische Un-
W. J. Lenin
Der internationale
gleichheit im Ehe- und Familienrecht, (...) ist durch die
Frauentag 1921 Sowjetmacht vollständig aufgehoben worden. 120

Die Frauen in Eine Gesellschaft, die sich damit zufrieden gibt, dass sich
der modernen eine ihrer Geschlechter allein den modernen Gegebenhei-
Gesellschaft ten anpasst, verurteilt sich dadurch, mehr als zur Hälfte in
der Schwachheit zu verharren. Ein Volk, das den Fort-
schritt und die Zivilisation wünscht, muss diese Wahrheit
begreifen und ihre Schlüsse daraus ziehen. In der Verach-
tung, mit der wir unsere Frauen hielten, liegt der Grund
zum Ruin unseres sozialen Musters. Das Leben wird uns
mit ungleichem Mass vom Schicksal zugeteilt, aber leben
heisst aktiv sein. Und wenn nur ein Teil der Mitglieder der
sozialen Gemeinschaft tätig ist, während der andere untätig
bleibt, wird die soziale Gemeinschaft dadurch gelähmt.
Will man, dass eine soziale Gemeinschaft arbeitet und im
Leben Erfolg hat? Dann muss sie die erforderlichen Notwen-
digkeiten erfüllen und alle Chancen auf seine Seite bringen.
Wenn demnach unsere Gesellschaft die Unterstützung der
Wissenschaft und der Technik braucht, dann müssen Män-
ner und Frauen sie in gleichem Masse erwerben. Wer wüss-
te nicht, dass die Arbeitsteilung das Leben beherrscht, so
wie sie in allen Bereichen regiert? In dieser allgemeinen
Arbeitsteilung müssen die Frauen auch die Pflichten erfül-
len, die ihnen zukommen, diese Pflichten umfassen jedoch
die Teilnahme der allgemeinen Aktivität, die für das ge-
meinsame Gedeihen und Glück unentbehrlich sind.
K c m a l Pascha
Atatürk Die häuslichen Arbeiten machen nur die kleinste und die
1923 unwichtigste der fraulichen Aufgaben aus. 121

N I C H T S KLÜGERES G I B T ' S AUF E R D E N ALS DAS WEIBLICHE


GESCHLECHT

„Schau an, mein Enkel! So wie ich dich belehre und ihr
euch in der Altersklasse unterrichtet, da denkt ihr: wir

62
Die Fiau und das Kind

Männer sind gescheit. Seht ihr die weibliche Art und


schaut zu, wie sie ihrer vier oder fünf beisammensitzen
und sich was erzählen, da denkt ihr: statt dass sie hier re-
den, sollten sie aufstehen, nach Hause gehen und Gras
schneiden. Während ihr solches zueinander sagt, denkt ihr
in euren Köpfen: Dummköpfe sind's, die nichts wissen.
Schau an, mein Enkel, das sind keine Dummköpfe. Auf
der ganzen Welt gibt es nichts Klügeres als das weibliche
Geschlecht. Wisse, wenn ihr gleich Männer seid, so ver-
ständig wie eine Frau bist du nicht. Nur dass es dir aufgege-
ben ist, dass du sie bevormunden sollst. Wäre es ihr aufge-
geben worden, dich zu bevormunden, sie würde dich über-
treffen an Verständigkeit. Darum sage ich dir: Eine Frau
wird eine Sache besser im Kopfe behalten als du. Schau an,
mein Enkel, ihr hauset miteinander und sie ist deine Frau.
Und im Hause werfe ein Rind und sie melke es. Verbringst
du nun die Nacht mit einem geringfügigen Hunger, weil du
nicht ganz satt geworden bist, dann sprichst du zu ihr: Hät-
test du doch eine Milchspeise gekocht, davon wären wir
schön satt geworden! Und sie spricht zu dir: Nicht doch,
soviel war nicht da, um Essen davon zu kochen. Lass noch
dazu kommen!
Schau an, mein Enkel, du sollst wissen, dass die Frau
verständig ist. Sie will nämlich, dass die Milch bleibt, bis
Ashanti-Fetisch, der
die schwangere Frau
sie sauer ist, damit sie, wenn sie sie in das Essen tut, scharf
und ihr Kind sei, damit es Wohlgeschmack habe. Du aber hörst das nur
beschützen soll. so und schweigst. Am Morgen, als es hell wird, spricht sie
zu dir: Hilf mir und lege ein Stück Bananenschaft vor für
das Rind, damit es das langsam auffresse, während ich Gras
hole. Dieweil du nun dieses Bananenschaftstück vor-
schneidest, denkst du: Wohlan, ich will die Kalabasse
nachsehen, ob sie mich betrogen hat, als sie mir sagte, es
sei keine Milch darin, oder ob wirklich keine hineinge-
kommen ist! Nachdem du den Bananenschaft vorgeschnit-
ten hast, ergreifst du die Kalabasse, hebst sie so an und set-
zest sie wieder hin. Du trinkst nichts davon, beileibe
nicht! Du schweigst, wenn sie kommt, stehst auf und
gehst ins Freie, dorthin, wo Männer sind. Schau an, mein
Enkel, die Frau sucht die Kalabasse auf und denkt: ob er
wohl, als er Bananenschaft vorschnitt, sie genommen und
nachgeschaut hat? Die Frau geht, sucht sie auf und merkt,
dass du sie umgedreht hast, sie anders hinsetztest und
nicht imstande warst, sie so zu setzen wie sie.
Tust du so viermal, wird dich die Frau bereden. Wenn du
dir dann der Frau gegenüber eine Kleinigkeit zuschulden
kommen lässt, geht sie zu den Ihrigen, und wenn ihr dann
die Sache verhandelt, und die Frau ist nicht unterrichtet
worden, dass man ihr gesagt hätte: Solche Dinge darfst du

63
Der Mensch

nicht sagen, sondern sie ist vernachlässigt worden, dann


sagt sie: Steh auf von hier, geh heim, ein Unmensch, der die
Kalabassen der Frauen anhebt. Damit bringt sie dich in gros-
sen Verruf und du bist verhasst bei den Männern. Sie schel-
ten dich und sprechen zu dir: Zu welchem Zwecke greifst du
nach den Kalabassen der Frauen? Und die Frauen reden von
dir und sagen: Ich möchte nicht von einem Menschen heim-
geführt werden, der die Kalabassen der Frauen anhebt!
Schau an, mein Enkel, du bist als Mann nicht imstande,
eine Sache irgendwo so abzustellen, dass du es so wie eine
Frau merktest, wenn sie angerührt worden ist.
Darum sage ich dir: eine Frau ist klug. Und nimmst du
dich vor den Sachen der Frauen in acht, wird dein Ansehn
keinen Schaden leiden. Und deine Frau wird dich ehren,
Dschagga-
Überli eierung weil sie weiss, dass du dich gestillt hast, wie andere Män-
Tansania ner auch." 122

Kinder Die Kinder gehören weder ihren Eltern noch der Gesell-
schaft, sie gehören sich selbst und ihrer künftigen Freiheit.
Als Kinder, bis zum Alter ihres Freiwerdens, sind sie nur
im möglichen Zustand der Freiheit und müssen sich daher
unter dem Regime der Autorität befinden. Die Eltern sind
ihre natürlichen Vormünde, allerdings, aber ihr legaler und
oberster Vormund ist die Gesellschaft, welche das Recht
und die Pflicht hat, sich mit ihnen zu beschäftigen, weil
ihre eigene Zukunft von der intellektuellen und morali-
schen Leitung abhängt, die man den Kindern geben wird,
und weil sie den Erwachsenen die Freiheit nur unter der
Bedingung geben kann, dass sie die Erziehung der Minder-
jährigen überwacht. (...)
Alte Leute, Arbeitsunfähige und Kranke, mit Sorgfalt
und Achtung umgeben und alle politischen und sozialen
Bakunin Rechte geniessend, werden auf Kosten der Gesellschaft
1814-1876 reichlich gepflegt und unterhalten werden. 123

Wenn du ein Kind hast, dulde nicht, dass es Hunger leide,


denn es ist zu dir gekommen, um dein Leben zu erleuch-
ten. Du sollst es nicht schlagen, sondern glücklich
machen; ärgere dich nicht über deinen Sohn, misshandle
ihn nicht. Nur so wirst du weitere haben wollen, und deine
Kinder werden gedeihen.

Rücksicht auf Es ist nicht gut, wenn eine Frau zu viele Kinder hat. Wenn
die Mutter wir sehr fruchtbar sind und aus Liebe zur1 Mutter unserer
Guarani- Kinder keine weiteren Nachkommen mehr wünschen, so
Überlieferung
Zentralgebiet müssen wir die geliebte Frau schonen und sie über Schwan-
Südamerikas gerschaftsverhütung aufklären. 124

64
Die Fiau und das Kind

Lobgesang des Kindes


Wenn wir Melonen essen,
denken wir an unser Kind;
wenn wir Kastanien essen,
gedenken wir wiederum sein und inniger noch.
Woher ist es nur zu uns gekommen?
Wir haben es immer vor Augen,
sogar des Nachts im Traum.

Nachgesang:
Was soll ich denn anfangen
mit Silber, mit Gold
und mit Edelsteinen?
Yamanoue Okura
7. Jh. Es gibt keinen Schatz,
Japan der so kostbar ist wie mein Kind. 125

Die Rechte
des Kindes
Ein Kind von weniger als zehn Jahren, das nicht zwischen
Gesetzbuch
Kutarakastra Gut und Böse unterscheiden kann, und das einen Fehler
14.Jh.Japan begeht, soll nicht von der Obrigkeit bestraft werden. 126

Das fremde Kind D E R HIMMELSMENSCH SCHICKTE UNS EIN BÖCKLEIN ZU


Dieses Lehrstück v o m Kinde des Himmelsmenschen verwertet das Sagen-
motiv von den aus dem H i m m e l auf die Erde herabgekommenen Men-
schen. Es wird nicht nur von jedem fremden Kinde, das sich führungslos
auf einem Hofe einfindet, gesagt, dass es der Himmelsmensch dahinge-
lenkt habe, sondern es wird am Ende auch wahrscheinlich, dass auch der
vom H i m m e l gekommene Rasio als ein so unvermutet zugelaufenes Kind
aufgefasst wird. Schon im Lehrliede klingt das Motiv von den Sühnepflan-
zen eine Weile frei für sich fort und preist den Himmcismenschen als
Schöpfer der Kräuter, der zu den Menschen herdachte und für sie die Süh-
nepflanzen aufsprossen liess. Die Sage von dem aus dem H i m m e l herun-
tergefallenen Rasio wird so erzählt: einst waren die Glieder der Maleki-
sippe auf ihrem Rasen beieinander. Da sei mit einem Male ein Kind zwi-
schen ihnen gewesen, das sie einen Augenblick vorher noch nicht wahrge-
n o m m e n hätten. Es sei von besonders lichter Farbe gewesen. Ein Vorneh-
mer der Sippe brachte ein Schaf herzu und opferte es dem Himmelsmen-
schen zu D a n k für das Kind und nahm es an. D a m a c h wurde es Rasio: der
Beopferte, genannt. Rasio heiratete nur eine Frau und zeugte mit ihr
6 Söhne und 7 Töchter.

Das im Lehiliede von Rasio erwähnte Schafopfer zur Ent-


sühnung der Wowerlein wurde nur von besonders Reichen
nach der Beschneidung eines Burschen dargebracht. Sonst
genügte der von einem früheren Opfer aufbewahrte Pan-
seninhalt eines Schafes als Beisatz zum Sühnewasser.

Der Alte singt:


„Ho Stille, grosse Stille, heh, ho der grossen Stille, heh!
Hei jeh, jeh, jeh ehe heh: so lasst uns denn danken, wohl-

65
Der Mensch

an, lasst uns dem Himmelsmenschen danken, lasst uns


danken dem Handleiter fürs Heim. Er behütet den väter-
lichen Hof, er behütet ihn eben.
Jawohl, er ist es, jawohl, er ist es, der das Wowerlein zu
uns schickte. Das Wowerlein ist Rasio. Jawohl, es ist es, ja-
wohl, es ist es, und aufgenommen wurde es von Ljangemi.
Ljangemi nahm das Wowerlein bei uns auf. Jawohl, es ist
es, Genosse, jawohl, es ist es, Genosse, und es ersah für
uns. Es ersah uns das yöro-öro = Kraut. Jawohl, das ist es,
jawohl, das ist es, dazu das Kraut ipasa.
Das Schaf ersah er (der Grosswowerer), das die Wower-
lein entsühnt. Das ist es, das die Wowerlein entsühnt.
Jawohl, sie sind es, jawohl, sie sind es, die bei uns wohlge-
rieten.
So lasst uns für das Gedenken danken, dass er unsrer ge-
dachte. Und da er unsrer gedachte, stieg das yöro-öro-Kraut
empor. Jawohl, das ist es, jawohl, das ist es, dazu das Kraut
mkengera. Das ist's, das bei uns gedeiht, das ist's, das bei
uns gedeiht. Jawohl dieses, jawohl dieses und breitet sich
bei uns aus. Aufwachsen liess dieses Kraut der Himmels-
mensch. Und es streckte sich und gedieh und reifte und
vertrocknete nicht.
Hei jeh, jeh, jeh, ehe heh: so danke ihm denn. So lasst
uns denn dem vom Himmel danken. Jawohl, er ist es, ja-
wohl er ist es, der Handleiter bei uns, dem wollen wir recht
danken.
Er ist der Schutzherr, dem des Heimes Hut vertraut. Ja-
wohl, er ist es, jawohl, er ist es. Und Rasio ersah ein
Wowerlein. So ersah er ein Wowerlein daheim beim Vater.
Jawohl, das ist es, jawohl, das ist es, er ersah den Sairo.
Hei jeh, jeh, jeh, ehe, heh, der Sairo, das ist sein Brüst-
ling, dem des Heimes Hut vertraut. Jawohl, er ist es, ja-
wohl, er ist es, der Erstling.
Hei jeh, jeh, jeh, ehe, heh, nenne ihm auch den Nachbru-
der von daheim.
Hei jeh, jeh, jeh, ehe, heh, ist es nicht der Mngasa? Der
Mngasa Maleki, das ist der für seine Altmutter.
Hei, jeh, jeh, jeh, ehe heh, und der ist hierher geschickt
worden.

Hei, jeh, jeh, jeh, ehe heh, danke ihm sehr."

Dei Beistand, erklärt


„Höre gut zu, mein Jungbruder. Der Himmelsmensch, das
ist unser Oberherr. Du hast gehört, wie dein Grossvater dir
sagte: erhebe zu ihm die Hände, bitte den Himmelsmen-
schen! Unser Stützer ist er, der hocherhabene. Unsere Alt-
herren, die uns zeugten, erreichen ihn nicht.

66
Die Fiau und das Kind

Als sie sich mit uns abmühten, uns zeugten und in den
Schoss nahmen, so war ihr Beistand dazu, dass sie uns or-
dentlich in den Schoss fassten, eben dieser Stützer. Der
half ihnen gut und sie dankten es ihm.
Sieh an, mein Jungbruder, als er den Rasio schickte (er,
der Himmelsmensch), da wusste Ljangemi nicht, wo er ge-
boren war. Er kannte den nicht, der ihn bedeckte, wusste
nicht, wer für ihn die Ziege geschlachtet hatte, ihn zu be-
decken.
Da war dieser, der ihn herniederpflückte pluck, als ob du
eine Frucht vom Baume pflücktest. Als er (der Ljangemi)
sich ausgestaunt hatte, sagte er: ei, das ist der Himmels-
mensch, der gibt mir ein Kind. Und er streckte die Hände
aus, brachte eine Ziege, und spendete sie zum Empfange
seines Sohnes. Er nahm ihn wohl auf und machte ihn zu
seinem Sohne. Und er war es, der ihm die Entsühnungs-
mittel sagte, die zur Entsühnung von Kindern dienen, er
nannte ihm das Kraut yöro-öro, dazu das Kraut ipasa. Und
sprach zu ihm: das ist es, mit dem hier bei uns das Sühne-
wasser, Kinder zu entsühnen, gesprengt werden soll.
Und sie freuten sich sehr dazu.
Und dort bei Ljangemi hat er (der Rasio) Kinder zahlreich
wie Bienen entsendet. Und sie erhöhten Ljangemis Sippe
(die Maleki), dass sie gross wurde. Er (der Rasio) wurde der
grösste Aufhäufer (d.h. sehr reich).
Ljangemi genoss seine Nahrung im Sitzenbleiben (d.h.
brauchte sich nicht mehr, um sie zu rühren), seitdem der
Himmelsmensch ihn so wohl heimgesucht und ihm diesen
Sohn Rasio gegeben hatte.
Und er liebte ihn von seiner Hausgemeinde mehr als
jene, die er selbst gezeugt hatte.
Sieh an, mein Jungbruder, von da an ist hier bei uns in
Moschi jedes Kind, das der Rettung bedurfte, wohl aufge-
nommen worden.
Und so handle auch du. Wenn ein Kind zu dir kommt,
stosse es nicht von dir, tue es mit dem deinen zusammen!
Wenn es einem andern gehört und sich zu dir verläuft,
nimm es wohl auf. Kommt der, dem es gehört, so danke er
dir schön und gebe dir den Bergelohn, dass du es davor be-
wahrtest, vom Leoparden gefressen zu werden.
Das ist das Überlieferungsband hier bei uns von dem her,
der vom Himmel geschickt wurde und zu Ljangemi kam.
Von da an schlossen die Leute ihr Haupt auf und sagten:
die Kinder der Leute sind des Himmels und wertgehalten.
Es ist der Himmelsmensch, der es so behutsam heran-
führt, bis es zu dir auf den Hof kommt, und so lange es
ohne den ist, dem es zugehört, dir das Wasser hole.
Du aber fragst das ganze Land durch und sagst: wessen

67
Der Mensch

ist das Kind, das sich zu mir verloren hat? Da es hier drei
Monate zugebracht hat, ohne zu finden, zu dem es gehört,
wessen ist es da wohl?
So fragst du dich herum, bis dir der Häuptling sagt: halte
es fest, scheuche es nicht ins Freie! Und du behältst es bei
dir. Und da sich nicht findet, zu dem es gehört, ist es dein
Dschagga-
Überlieferung eigen (geworden). Der Himmelsmensch hat es dir zuge-
Tansania bracht." 12 j

Das Selbst: das verantwortliche Individuum,


die unreduzierbare Person

Verneinung des
unabhängigen
Daseins

Eines ist feiner als ein Haar; es ist sogar unsichtbar. Des-
halb ist mir diese Gottheit mit ihrem starken Einfluss
teuer. Dieses gesegnete Eine, ohne Alter, unsterblich, be-
wohnt etwas Sterbliches. Das, wofür es gemacht ist, ruht;
derjenige, der es gemacht hat, ist alt geworden. Sei es Frau,
Mann, Knabe oder Mädchen, sei es ein Alter mit unsiche-
ren Schritten, gestützt auf den Stock. Einmal geboren,
nimmst du alle Formen an. Es ist sein Vater ebenso wie
sein Sohn, der ältere Bruder wie auch der jüngste. In Wahr-
Atharvaveda, X
2 2 0 0 - 1 8 0 0 v. Chr. heit ist der alleinige Gott, wenn er in den Geist eingeht,
Sanskrit der Erstgeborene im Ungeborenen. 128

Himmel und Erde sind nicht gütig.


Ihnen sind die Menschen wie stroherne Opferhunde.
Der Berufene ist nicht gütig.
Ihm sind die Menschen wie stroherne Opferhunde.
Der Zwischenraum zwischen Himmel und Erde
ist wie eine Flöte,
leer und fällt doch nicht zusammen;
Lao-tse bewegt kommt immer mehr daraus hervor.
Tao te King
6. Jh. v. Chr. Aber viele Worte erschöpfen sich daran.
China Besser ist es, das Innere zu bewahren. 12p

68
Das Selbst: das verantwortliche Individuum, die unieduzieibaie Person

Unabhängig- CHOR
keit, Erfindung,
Verantwortung Viel sind der Wunder, keines doch
der Menschen Wundernswürdiger als Mensch.
Kühn durchkreuzt er die schaumge See
Vor des stürmischen Südwinds Hauch,
Umdräut von klaffenden Tiefen,
Umtürmt von Wogenschwall.
Urmutter Erde auch, die Ewge,
Niemals Ermattende, müdet er ab für sich,
Bricht sie mit wendenden Pflügen von Jahr zu Jahr
Durch des Rossgeschlechtes Kraft um.

Sorgloser Vögel flüchtgen Schwärm


Und das Wild aller Art im Wald
Und das Wassergeschöpf im Meer
Fängt er, klug sie umstrickend, ein
In fest geknoteten Netzen,
Der auskunftreiche Mensch,
Beherrscht durch Scharfsinn auch der Wildnis
Berge durchschweifendes Tier, und den mähnigen
Nacken des Rosses ins Joch zwingend, zähmt er es,
Zähmt ja auch des Bergstiers Urkraft.

Die Sprache, das windschnelle Hin


Und Her des Gedankens, den Trieb zum Staatsleben
Fand er in sich, verstand auch
Dem Frost im Freien auszuweichen
Und des Sturms Regenpfeil,
Allberaten, ratlos nie dem Kommenden
Begegnend. Einzig vor dem Tod
Steht ihm kein Entrinnen frei;
Allein vor schwersten Leiden schon fand er Ausflucht.

So über Erwarten begabt


Mit Witz und Geschicklichkeit, schlägt er den bösen bald,
Bald wieder guten Weg ein.
Und hält er hoch Heimatsitte,
Schwurgetreu heiigem Recht,
Blüht sein Staat. Doch staatlos ist, in wessen Brust
Empörung wohnt, trotzgerMut.
Sophokles
5. Jh. v. Chr. Niemals werd mein Hausgenoss
Antigone Noch heisse je mir gleichgesinnt, wer sich so zeigt! 130

Russisches Alles kommt vom Menschen, und alles ist sein Verdienst.
Sprichwort 131

69
Der Mensch

Türkisches Das als Waise geborene Kind wird sich seine Nabelschnur
Sprichwort
16. Jh. selber durchschneiden. 132

Die Stellung Keiner ist von Natur aus niederträchtig.


des Menschen
Nichts, kein Zustand und keine Bedingung kann den Men-
schen beschämen. Im Gegenteil. Es sind immer die Men-
schen selber, die andere erniedrigen und der Lächerlichkeit
preisgeben. Was den Menschen adelt, das ist seine Näch-
Ewe-Sprichwort stenliebe. Indem ihr jemanden ehrt, tut ihr alles, um ihn
Togo vor Schmach zu bewahren. 133

Jedem Menschen ist ein freier Wille zugesprochen. Wenn


ein Wunsch dem guten Weg folgen will, so hat er die Kraft
dies (auch) zu tun. Wenn er dem schlechten Weg folgen
will, und böse sein will, so ist er (ebenfalls) frei, dies zu
Maimonides
12. Jh.
tun. Es steht geschrieben: Wahrlich, der Wunsch ist wie
Hilchos Teshua $ unsereiner geworden, wissend über Gut und Böse. 134

Akan-Sprichwort Die Wohltätigkeit des Menschen hängt von ihm selber ab.
Ghana I3S

Peisönliche D I A L O G ZWISCHEN DEM T Y R A N N E N U N D DEM WEISEN


Unanfecht-
barkeit Was ist es also, was die vielen verstört und erschreckt? Der
Tyrann und die Trabanten? Woher? Das sei fern! Das von
Natur aus Freie kann durch nichts anderes verstört oder
verhindert werden als durch sich selbst. Sondern die An-
sichten verstören. Denn wenn der Tyrann zu einem sagt:
ich werde dein Bein fesseln; so sagt der, welcher das Bein
ehrt: nicht doch, erbarme dich! Der aber seinen Willen
ehrt, sagt: fessle es, wenn es dir so zuträglicher scheint.
Kehrst du dich nicht daran? Nein. Ich werde dir zeigen,
dass ich der Herr bin. Woher? Mich hat Zeus selbst freige-
lassen. Oder meinst du, er werde den eigenen Sohn zum
Sklaven machen lassen? Aber über meinen Leichnam bist
du Herr; nimm ihn. Also, wenn du nahst, wirst du mir
nicht dienen und Achtung erweisen? Nein,- sondern mir
Epiktet
i. Jh. selbst; wenn du aber willst, dass ich sage, auch dir; so sage
Unterredungen ich dir, so wie ich dem Topf diene. 136

Persönliche K Ö N I G HEINRICH. Demgemäss, wenn ein Sohn, von seinem


Verantwortung Vater in Handelsgeschäften ausgeschickt, in Sündhaftig-
keit auf der See verunglückt: so müsste man, nach eurer

70
Das Selbst: das verantwortliche Individuum, die unieduzieibaie Person

Regel, seine Gottlosigkeit auf Rechnung des Vaters setzen,


der ihn ausgesandt. Oder wenn ein Bedienter, der im Auf-
trage seines Herrn eine Summe Geldes wohin bringt, von
Räubern angefallen wird und in vielen ungebüssten Sünden
stirbt: so werdet ihr den Herrn, der den Auftrag gab, den
Urheber von des Bedienten Verdammnis nennen. Dem ist
nicht so. Der König hat ebensowenig das besondere Ende
seiner Soldaten zu verantworten als der Vater das des Soh-
nes, der Herr das des Bedienten: denn sie haben es auf ihren
Dienst, nicht auf ihren Tod abgesehen. Zudem gibt's kei-
nen König, mag seine Sache noch so makellos sein, der sie,
wenn's zur Entscheidung der Schwerter kommt, mit ganz
makellosen Soldaten ausfechten kann. Einige haben viel-
leicht einen vorbedachten, absichtlichen Mord auf der See-
le; andere haben Jungfrauen hinter's Licht geführt, indem
sie die Siegel der Schwüre brachen; andere haben den Krieg
zu ihrer Schutzwehr gemacht, nachdem sie den holden Bu-
sen des Friedens durch Raub und Plünderung zerfleischt.
Wenn nun solche Menschen das Gesetz zu Schanden
machten, und der gebührenden Strafe entwischten, so mö-
gen sie zwar den Menschen entgehen, aber sie haben keine
Flügel, um Gott zu entfliehen. Krieg ist sein Büttel, Krieg
sein Rachewerkzeug, so dass hier die Menschen, weil sie
vorher des Königs Gesetze brachen, nunmehr in des Königs
Streit ihre Strafe bekommen. Wo sie den Tod fürchteten,
haben sie ihr Leben bewahrt; wo sie Sicherheit suchten,
finden sie den Tod. Wenn diese nun unvorbereitet sterben,
so ist der König an ihrem Seelentod ebensowenig schuld,
als er es zuvor an den Freveltaten war, wofür sie jetzt heim-
gesucht werden. Jedes Untertanen Pflicht gehört dem Kö-
nige, aber jedes Untertanen Seele gehört diesem selbst.
Drum sollte jeder Soldat im Krieg, wie jeder Kranke im
Bett, jedwedes Stäubchen aus seinem Gewissen waschen;
und stirbt er so, dann gereicht ihm der Tod zum Segen;
oder, stirbt er nicht, so war es eine segensreich verlorne
Zeit, worin er eine solche Vorbereitung gewann. Und bei
demjenigen, der mit dem Leben davonkommt, wär's nicht
sündhaft zu denken, dass Gott, dem er ein so freies Aner-
Shakespeare
bieten gemacht, ihn deshalb den Tag überleben lässt, da-
Das Leben mit er seine Grösse erkenne, und andere lehre, wie sie sich
Heinrichs V. vorbereiten sollen. 13/
4. Akt, 1. Szene 1599

Im Jahre 1856, als der Kaiser Theodor den Choa besiegt hatte, untersagte
er die Hinrichtung der Eltern des Mörders, was bis dahin Gesetz gewesen
war:

Er macht ein Gesetz, indem er sagt: Die Mörder sind zahl-


reich im Choa, nur der Mörder soll hingerichtet werden,

71
Der Mensch

seine Eltern aber nicht, ausser wenn ein Elternteil der An-
stifter des Verbrechens oder am Streit beteiligt war. Vater
oder Bruder des Mörders zu sein, sei kein Grund für ein
Todesurteil.
Als er den Rebellen Agaw Neguse besiegt hatte, begnadigte er seine Sol-
daten:

Er begnadigte die Soldaten, die mit (Agaw Neguse) waren,


alles arme Teufel, die er mit Macht gezwungen hatte, der
Widerstandsbewegung beizutreten. Allen Rebellenanfüh-
Äthiopische rern aber wurden Füsse und Hände abgeschnitten, und sie
Chroniken starben auf der Stelle. 138

Yehuda Levai Jeder Mensch ist frei in allen seinen Taten, denn unter
Sohn des Bezalel
1512 - 1 6 0 9 allen Wesen müssen nur die Tiere einem Meister gehor-
Prag chen. Dies ist ein Hauptgrundsatz. 13p

Was ist der Mensch, dass du sein gedenkest?


Und der Menschensohn, dass du auf ihn siehest?
Und lässest ihn um ein Geringes Gott nachstehen,
Hebräische Bibel und mit Ehre und Glanz krönest du ihn,
Psalm 8 machst ihn zum Herrn über die Werke deiner Hände. 140

Gegen den Zorn D A S H A U P T DES M A N N E S IST EIN B E R G E R A U M , EIN EINBEHALTER


und die
Ungeduld, Der Lehralte singt:
Selbst-
beherrschung „Ja wohl, du Mann, ja wohl, du Mann mit dem Schilde!
Ja wohl, du Mann, ja wohl, du Mann mit dem Schilde!
Das Haupt eines Mannes, wohl, ja, ist ein Langhinverwahrer!
Ist ein Sparspalt zum Aufbewahren.
Merkst du, dass dieses rotpfläumige Novizlein ein Schwät-
zer ist, verbirg du alles im Kopfe.
Ah, wohl, auch die Wärterin für das Kind, auch sie wohl
wird ah sagen. Dein Haupt aber ist der Sparspalt. Aha
wohl, höre zu.
Ah, wohl wird eins von den Kleinen dir verkündigen und
sagen, deine Mutter hat dich beredet, oder sagen: diese dei-
ne Novizin hat dich beredet.
Da ist dein Haupt der Langhineinbehalter, der es aufbe-
wahrt.
Lasst es uns dem Kinde in der Lehre sagen, das Haupt des
Flöters ist ein Sparspalt, aufzuheben darin, was gesagt
wird."

Der Lehrbeistand erklärt:


„Merke gut auf, mein Jungbruder, auf das von den Schwät-
zereien, die auf dem Hofe umgehen.

72
Das Selbst: das verantwortliche Individuum, die unieduzieibaie Person

Schau an, wenn du Fleisch mitbringst, so schneidest du


wohl einem kleinen Kinde ein grosses Stück ab. Nachdem
es das gegessen hat, wird es dir vor Freude von daheim be-
richten. Und es sagt: Diese Frau hat geflucht und dich ver-
flucht.
Du aber hast dein Haupt zum Aufbewahren, falle nicht
mit der Sache über die Frau her. Jenes Kindlein hat es wohl
vom Erdboden aufgegriffen (d.h. gelogen), als es sich über
jenes Essen so freute, womit du ihm Liebe erzeigtest.
Schau an, wenn es die Frau etwas anderes reden hörte oder
auch wirklich dich verfluchen, hebe du es im Kopfe auf
und richte nicht selber deinen Hof zugrunde.
Oder ein anderes Mal kommst du, da sagt dir das andere
Kindlein, wenn sie ihrer zweie sind: Papa, ich will dir was
sagen: Als du fortgegangen warst, hat sie sich mit der
Schwiegermutter zusammengetan, sie haben über dich ge-
schimpft und gesagt: der Faulenzer, da geht er so früh vom
Hofe und macht uns zu Sklavinnen. Wir sind seine Schwei-
ne, nur dass wir nicht im Busche schlafen! Hörst du so
etwas, so bist du wohl versucht, sie zusammen mit der
Schwiegermutter zu schlagen. Doch schlägst du sie, so
geht es bei dir daheim zugrunde. Darum sagt dir der Alt-
herr: das Haupt eines Mannes ist zum Aufbewahren da, das
ist dein Oberboden! Höre nicht auf die Schwätzereien von
kleinen Kindern. Da du erwachsen bist und dich gestillt
hast, sollst du alles, was dir ein Mensch sagt, im Kopfe auf-
heben und nicht wütig damit losgehen. Hebe es im Kopfe
auf, bis du selber darum Bescheid weisst. Und um das, was
du selber wahrnimmst, frage sie behutsam aus auf deinem
Hofe. Wenn du aber die Frau im Zorne über Zuträgereien
schlägst und später merkst, dass sie falsch sind, und wirst
einer, der sie solcher Weise anhaut, und sie geht nachher,
redet und überwindet dich, so wird sie verloren gehen,
einem anderen Manne Kinder gebären und seine Heimstatt
forterhalten, während der Altherr mit seiner Lehre alleine
bleibt, die sich zur Erde verliert. Darum sagt dir der Alt-
herr: Stille dich wohl! Was du von anderen Leuten hörst,
das hebe im Kopfe auf und warte, bis Vater und Mutter
dich darum fragen. Und sie werden dir sagen: Lass sein, sie
Dschagga- ist unsere Jungmutter, die die Heimstätte forterhält, wir
Überlieferung wollen sie behutsam wieder zurechtbringen." 141
Tansania

Anstand Ein alter Diener, der unter Peter dem Grossen Beamter,
Unternehmer und Staatswirtschaftler wurde, erteilt sei-
nem Sohn Ratschläge:
Grüsse den Adeligen nach seinem Adelsstand, und den Rei-
chen nach seinem Reichtum, denn Adelsstand und Reich-
tum sind Gaben von Gott; aber verachte den Armen nicht

73
Der Mensch

lind verweigere ihm nicht deinen Gruss (...) Und wenn


dich ein Kind grüsst, erwidere auch ihm seinen Gruss.
(...) Vor allem aber gestatte nicht, dass man jemanden,
sei er reich oder arm, verleumde, oder dass man ihm Scha-
den zufüge (...) Und wenn du einen aussergewöhnlich
dummen Menschen siehst, hüte dich wohl, ihn zu schimp-
Pososkow
18. Jh.
fen oder zu verdammen, denn der Fluch träfe Gott selbst,
Russland der ihn so geschaffen hat. 142

Freiheit und Denn genau genommen besteht doch das ganze mensch-
Arithmetik liche Tun, wie's scheint, tatsächlich bloss darin, dass der
Mensch sich fortwährend selbst beweisen möchte, dass er
ein Mensch ist und kein Stiftchen! Und wenn er es auch
selbst ausbaden musste, aber er bewies es doch, gleichviel
mit welchen Schmerzen (...)
Sie schreien mir zu (...), dass mir deshalb doch noch nie-
mand den Willen entziehe; dass man ja hierbei nur eines
im Auge habe, nämlich: es irgendwie so zu machen, dass
mein Wille ganz von selbst, also freiwillig mit meinen nor-
malen Interessen zusammenfalle, mit den Gesetzen der
Natur und mit der Arithmetik.
Ach, meine Herrschaften, was kann es denn da noch für
einen eigenen Willen geben, (...) wenn nur noch Zweimal-
Dostojewski zwei-gleich-vier im Gange ist? Zweimal-zwei wird ja auch
Aufzeichnungen
aus dem Untergrund ohne meinen Willen vier sein. Sieht denn eigener Wille
1864 etwa so aus! 143

Grüsse, aber mach keinen Bückling.


Für jeden Menschen muss, wie für jedes Schloss, der pas-
sende Schlüssel gefunden werden.

Russische Beurteile den Menschen nicht nach seiner Gestalt, wohl


Sprichwörter aber nach seinen Äusserungen. 144

Instinkt, D I E IRRFAHRTEN DES TAPFEREN G O R O O - B Ä - D I C K O


Respekt, Liebe
Ehre Noch jung kämpfte Goroo-Bä-Dicko unter den Befehlen
eines grossen Kriegsherrn. Eines Tages kam er bei einbre-
chender Nacht mit seiner ganzen Truppe zu einem Brun-
nen, wo sich eine engelhaft schöne peulhische Frau auf-
hielt. Die Krieger raubten die Frau. Sie schleppten sie in ihr
Lager. Der Kriegsherr wollte sie für sich haben. Er gab der
Frau den Befehl, sich allein hinzulegen, fern von den Solda-
ten an einem Ort, wo niemand Zugang hatte.
Die Zeit verfloss, und die Schönheit der Frau quälte den
Geist aller Krieger. Goroo-Bä-Dicko verlor den Schlaf.
Trotz des Verbots ihres Vorgesetzten schlich er sich weg

74
Das Selbst: das verantwortliche Individuum, die unieduzieibaie Person

und näherte sich der engelhaften Gefangenen. Auf die Ge-


fahr hin, sein Leben zu verlieren, entführte er sie. Er nahm
sie auf den Rücken und verliess das Lager. Mann und Frau
gingen durch die Nacht. Mit den Spitzen ihrer gestrafften
Brüste stach die Frau den jungen Krieger in den Rücken.
Seiner äussersten Begierde, sogar seiner wahren Liebe zum
Trotz, beherrschte der Krieger seine Sinne. Trotz der fast
unerträglichen Berührung mit dem weiblichen Körper
überwand er sich. Die beiden Reiter auf nur einem einzigen
Pferd erreichten den Rand des Ziehbrunnens, wo die Frau
geraubt worden war. Der Mann liess sie absteigen und sag-
te zu ihr: „Kennst du diesen Brunnen?" Mit einer vor Rüh-
rung gebrochenen Stimme antwortete die Frau einfach und
ruhig: „Ja, es ist der Brunnen meines Dorfes."
Sichtbar verwirrt fand der Krieger den Mut, ihr zu sagen:
„Nun gut, du bist frei."
Die Zeit verging und mit ihr viele andere Ereignisse.
Goroo-Bä-Dicko erhielt endlich Nachricht von der Frau,
Gattin eines grossen Kriegers. Aber seit seiner Begegnung
mit der Frau am Brunnen fühlte sich Goroo-Bä-Dicko von
innen her aufgezehrt. Er verlor seine Manneskraft und mit
ihr die Freude am Leben. Das Bild der schönen Frau ver-
folgte ihn hartnäckig. Er wurde krank davon. Goroo-Bä-
Dicko wollte ein Mittel finden gegen seine Krankheit. Er
fragte einen Zauberer um Rat. Dieser sagte zu ihm: „Junger
Mann, ich sehe die Ursache deines Übels. Eines Nachts lu-
dest du eine unvergleichlich schöne Frau auf deinen Rük-
ken. Die Spitzen ihrer vollen Brüste haben deinen Rücken
berührt, haben deine volle Begierde erregt. Diese unbefrie-
digte Begierde, deren Bild dich verfolgt, ist es, woran du
krankst. Solange du nicht intime Beziehungen mit dieser
Frau hast, wirst du nicht genesen und an dieser Sehnsucht
sterben."
Goroo-Bä-Dicko machte sich auf die Suche nach der Frau
des Brunnens. Er begab sich in ihr Dorf. Ohne Mühe fand er
die Wohnung des Mannes seiner früheren Gefangenen: Der
erste Mann, den er befragte, zeigte ihm das Haus des be-
rühmten Kriegers. Er fand den Gatten der Frau in seinem
Hof. Goroo-Bä-Dicko stieg vom Pferd. Er begrüsste seinen
Gastgeber. Dieser empfing ihn wie einen Prinzen. Seine
Sklaven drängten sich um sein Pferd und nahmen sich des-
sen mit Eifer an. Als sie allein waren, sagte Goroo-Bä-Dicko:
„Eines Nachts haben unsere Krieger beim Brunnen eures
Dorfes eine schöne Frau entführt. Sie sollte dem Kriegs-
herrn zukommen, unter dessen Befehl wir standen. In der
gleichen Nacht konnte ich mich zur Frau schleichen, sie
aus dem Lager befreien und sie dorthin zurückführen, wo
unsere Krieger sie gefangen genommen hatten.

75
Der Mensch

Während unserem Ritt weckte die Schöne, die ich auf


mein Pferd genommen hatte, mit ihren festen Brüsten, die
mich berührten, meine volle Begierde. Ich wurde krank.
Um ein Mittel gegen mein Übel zu finden, befragte ich
einen Zauberer, der mir sagte, solange ich mich nicht in-
nigst mit dieser Frau vereinigt gehabt hätte, würde ich nie
gesunden, und ohne diese Vereinigung würde ich sterben."
Der Gatte der Frau hörte dem Gast lange zu. Er verdräng-
te ein erstes Aufflackern seines berechtigten Zornes. Er
dachte nach und sagte endlich:
„Wenn du diese Frau siehst, würdest du sie wiedererken-
nen?"
Goroo-Bä-Dicko bejahte. Der Gatte der Frau fuhr fort:
„Nun gut, die besagte Frau ist meine Gattin. Es ist vorge-
sehen, dass ich heute die Nacht in ihrem Hause verbringe.
Du wirst meine Kleider und meine Schuhe anziehen. Zur
Essenszeit wird sie dir mehrere Gerichte bringen. Von je-
dem darfst du nur zwei Mundvoll nehmen, denn dies ist
meine Gewohnheit. Wenn ihr in der Vertraulichkeit sein
werdet, musst du deine Hosen anbehalten. Du musst auf
ein Zeichen meiner Frau warten. Wenn sie voll Verlangen
nach dir ist, wird sie dir selber die Hose ausziehen. Pass
also auf, keine dieser erwähnten Einzelheiten zu verges-
sen. Sie muss glauben, sie sei mit ihrem eigenen Mann."
Goroo-Bä-Dicko überstand die Prüfung, und es gelang
ihm endlich, zu der Schönen vom Brunnen zu kommen,
nach welcher ihn die Begierde krank machte.
Nun blieb ihm nichts anderes mehr übrig, als seinen
Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen. Um Mitternacht
folgte die Frau ihrer Gewohnheit. Zum erstenmal jedoch
versagte ihr Mann die Liebkosung. Die fest zugeknüpfte
Hose gab nicht nach. Sie wiederholte ihr Zeichen viermal
und viermal verschmähte sie derjenige, den sie für ihren
Mann hielt. Zu Tode gekränkt interessierte sie sich nicht
mehr für ihn, denn sie war in ihrem fraulichen Stolz belei-
digt, sie, die sich schön und von ihrem Mann bewundert
wusste.
Goroo-Bä-Dicko benutzte das Halbdunkel der scheiden-
den Nacht, um sich zurückzuziehen, und die Frau wusste
nicht, dass sie es mit einem andern Mann zu tun gehabt
hatte. Er suchte den Gatten seiner „Geliebten" einer
Nacht. Dieser sagte völlig entspannt zu ihm: „Hast du nun
gehabt, was du so lange gewünscht hast?"
Goroo-Bä-Dicko antwortete augenblicklich mit folgen-
den Worten:
„Sie hat alle meine Hoffnungen übertroffen. Übrigens
wirst du am Zustand des Bettes erkennen, wie alles unter
dem Druck unserer heissen Umarmungen in Brüche ging."

76
Das Selbst: das verantwortliche Individuum, die unieduzieibaie Person

Der durch diese Aussage ein wenig hart gewordene Gatte


behielt seinen ganzen Gleichmut und bezeugte seinem
Gast sogar eine Freundschaft, die echt war. Jegliche Eifer-
sucht unterdrückend, spielte er das Spiel zu Ende.
Aber diese, ohne Zweifel aus seiner tiefen Dankbarkeit
entsprungene Haltung, die er für denjenigen empfand, der
seine Frau befreit hatte, brachte Goroo-Bä-Dicko in eine
schwierige Lage. Dem Vertrauen, das ihm geschenkt wur-
de, musste er die gleiche Grossmut entgegenbringen.
Anderntags suchte der Gatte nachts seine Frau in der
Vertrautheit des Hauses auf. Seine Frau machte ihm bittere
Vorwürfe über sein Verhalten in der vergangenen Nacht.
Mit Entrüstung sagte sie, wie sehr er ihren Frauenstolz ver-
letzt habe. So begriff der Gastgeber von Goroo-Bä-Dicko,
dass der Peulh-Krieger mit seiner Frau nichts Böses getan
hatte. Die Ehre der Frau war gerettet, aber auch die Seelen-
grösse Goroo-Bä-Dickos, der nichts gleichzusetzen war, als
das in sie gesetzte Vertrauen. Dem festen Mut Goroo-Bä-
Dickos entsprach bei weitem das ebenso ruhige Vertrauen
seines Gastgebers.
Goroo-Bä-Dicko kehrte in sein Dorf zurück. Die Zeit
verging. Er heiratete, und seine Frau gebar ihm einen Sohn,
schön wie der Tag. Bei der Taufe des Kleinen, als alles vol-
ler Freude war, meldete sich ein Reiter bei Goroo-Bä-
Dicko, der von einem grossen und lärmenden Gefolge um-
geben war. Es war der Gatte der Frau vom Brunnen, der sei-
nem Freund einen Besuch machte. Als dieser ihn wiederer-
kannte, befahl er seinen Sklaven, sich seines Pferdes anzu-
nehmen. Diese gehorchten voller Dienstfertigkeit. Man
schlachtete Ochsen, Schafe, Ziegen und Kamele zur Ehre
des Gatten der Frau vom Brunnen.
Schliesslich verliess das Gefolge Goroo-Bä-Dicko und
liess ihn allein unter vier Augen mit seinem Gast. Dieser,
ohne weiter zu zögern, gab den Grund seines Besuchs be-
kannt. Er legte ihn folgendermassen dar: „Es handelt sich
um eine ernste Sache, die mich zu dir führt. Meine Frau ist
krank, sie liegt im Sterben. Ich habe die Zauberer befragt,
und diese erklärten mir, dass einzig das Blut deines Sohnes
sie vom sicheren Tod erlösen könne. Ich komme deshalb,
um dich um deinen Sohn zu bitten, dessen Blut das einzige
Mittel ist, das meiner Frau die Gesundheit wiedergeben
kann."
Goroo-Bä-Dicko sagte zu seinem Gast: „Willst du hier
auf mich warten, ich komme gleich wieder." Goroo-Bä-
Dicko ging zu seiner Frau und erzählte ihr die tragische Ge-
schichte. Mit einem majestätischen Mut sagte die Frau zu
ihrem Gatten: „Du kannst ihm das Kind nicht verweigern.
Sicher ist er mit einem blinden Vertrauen in dich zu dir ge-

77
Der Mensch

kommen. Gib unsern Sohn deinem Gast; sein Blut soll das
Leben seiner Frau retten."
Zum Entsetzen des versammelten Dorfes wurden die
Feierlichkeiten der Taufe abgebrochen. Das Kind wurde
dem Sklaven übergeben, der den Gast von Goroo-Bä-Dicko
begleitete. Dieser aber hatte ein Schaf mitgebracht, das er
hinter dem Dorfe angebunden hatte.
Zufrieden zogen die beiden Männer davon, der Sklave
trug den Säugling. Er ging voraus, und der Gast folgte ihm.
Als sie zum Ort kamen, wo das Schaf angebunden war, töte-
ten sie dieses und durchtränkten die Kleider des Säuglings
mit dessen Blut. Der Gast befahl seinem Sklaven, Goroo-
Bä-Dicko die mit dem Blute seines Sohnes befleckten Klei-
der zurückzubringen. Der Sklave führte aus, was man ihm
befohlen hatte. Bei Goroo-Bä-Dicko angekommen, über-
mittelte er den ihm erteilten Befehl: „Hier sind die blutigen
Kleider deines Sohnes. Er wurde getötet und sein Blut aufge-
fangen. Mein Meister befiehlt mir, dir zu danken." Nach-
dem er seinen Auftrag ausgeführt hatte, holte der Sklave sei-
nen Prinzen wieder ein. Er hob den Säugling auf und trug ihn
im Geheimen in das Dorf des Gatten der Frau vom Brunnen.
Diese hatte ihrerseits, zur gleichen Zeit wie die Frau des
Goroo-Bä-Dicko, einem Knaben das Leben geschenkt.
Die beiden Kinder wurden wie Zwillinge dieser Mutter
anvertraut. Sie zog sie auf mit der gleichen mütterlichen
Liebe. Zusammen wurden sie gross. Als sie Männer gewor-
den waren, zogen sie immer vereint in den Krieg. Zusam-
men wurden sie siegreiche Krieger, und ihr Ruf verbreitete
sich weit über die Grenzen. Überall sprach man, obgleich
man sie fürchtete, nur von den beiden Söhnen des Gastes
von Goroo-Bä-Dicko.
Eines Tages wurde Goroo-Bä-Dicko abermals von sei-
nem Freund besucht. Er hatte seine beiden Söhne bei sich.
Durch einen glücklichen Zufall glichen sich die Kinder wie
zwei Wassertropfen, wie Zwillinge. Die Gefolgschaft von
Goroo-Bä-Dicko, die sich an das früher Geschehene erin-
nerte, empörte sich über den Besucher. Sie sagte zu ihm:
„Das erstemal, als du hierher kamst, batest du um den
Sohn von Goroo-Bä-Dicko, den du opfertest, um mit sei-
nem Blut deine Frau zu heilen. Welches Unglück wirst du
uns heute bringen?"
Goroo-Bä-Dicko fuhr seine Höflinge an. Er befahl seinen
Sklaven, sich um die Pferde der Fremden zu kümmern.
Wie das erstemal schlachtete man zu Ehren der Gäste Och-
sen, Schafe, Ziegen, Kamele, usw. Goroo-Bä-Dicko emp-
fing sie mit einer noch grösseren Herzlichkeit als das erste-
mal. Er entbot ihnen eine aufrichtige und ungetrübte
Freundschaft. Er freute sich, seinen Freund wiederzusehen.

78
Das Selbst: das verantwortliche Individuum, die unieduzieibaie Person

Gestärkt und ausgeruht liess der Gast Goroo-Bä-Dicko


und seine Frau kommen. Vor dem versammelten Dorf
sprach er, wandte sich dabei aber an die Gattin seines Gast-
gebers:
„Dein Sohn ist nicht tot. Ich wollte euch nur prüfen,
dich und deinen Mann. Das Blut, das ihr auf den Kleidern
eures Sohnes gesehen habt, war dasjenige eines Schafes.
Edelmütige und mutige Frau, könntest du deinen Sohn
zwischen diesen beiden Kindern erkennen?" Die Frau ant-
wortete: „Ich kann meinen Sohn überall erkennen, wo ich
ihn finde. Er trägt eine Narbe auf dem rechten Oberschen-
kel." Das erste Kind, das man untersuchte, trug kein der-
artiges Zeichen.
Es war der Sohn der Frau vom Brunnen, die Goroo-Bä-
Dicko befreit hatte.
Als die Reihe an den zweiten Jüngling kam, fand man auf
seinem rechten Oberschenkel die Narbe. Goroo-Bä-Dickos
Frau rief aus: „Das ist mein Sohn!" Sie warf sich in seine
Arme. Sie umarmten sich in einem Ausbruch unbeschreib-
licher Freude vor den Augen der verwunderten und glück-
lichen Dorfgemeinschaft.

Die Erzählung bleibt doppeldeutig: Die betreffenden Perso-


nen wurden tatsächlich einer Prüfung ausgesetzt, aber es
passierte nichts Schlimmes weder der Frau noch dem Kind.
Die Verblüffung, die sie verursacht, wird von den Peulhs
gesucht. Eines ihrer Sprichwörter sagt:
Peulhsche
Überlieferung Ein Dorf, in das nur ein Weg führt, ist ein schlechtes Dorf.
Afrika Meidet es! 14s

feder Mensch Der Zugang zur Wirklichkeit der Schöpfung (...) ist zu fin-
ist einzig den: weil jeder Mensch sich als einzeln und einzig weiss.
Gelänge eine lückenlose genetische Analyse dieses Indivi-
duums, dann wäre die Person, dieses Einmalige, Unver-
gleichbare, Einzige, Angesicht, dessengleichen nie gewe-
sen ist, nie gehörte Stimme, nie gesehene Gebärde (...),
Martin Buber ganz unabgeleitet, unableitbar, ganz da und nicht anders
Die Schrift und
ihre Verdeutschung
als da (...) Mit jeder Geburt tritt, weil jeder Mensch einzig
1936 ist, der erste Mensch in die Welt. 146

Die Menschen Iwan Karamasow spricht mit seinem Bruder Aljoscha:


und die Freiheit Zur Zeit der Grossinquisition, wo tagtäglich die Hcrctikcr verbrannt wer-
den, erscheint der Christ inmitten der Menschenmenge. Der Grossinqui-
sitor geht vorüber und lässt ihn einsperren. Nach dem Einbrechen der
Nacht besucht er ihn in der Gefängniszelle, die Fackel in der Hand, und er
spricht folgendermassen zu ihm:

79
Der Mensch

„Hast du das Recht, uns auch nur über ein einziges der My-
sterien derjenigen Welt aufzuklären, aus der du gekommen
bist?" fragt ihn der Greis, und statt seiner antwortet er
ihm: „Nein, dieses Recht hast du nicht, auf dass nichts zu
dem hinzugefügt werde, was schon früher gesagt worden
ist, und dass den Leuten nicht die Freiheit genommen wer-
de, die du so sehr gewahrt hast, als du auf Erden warst.
Alles, was du aufs neue verkündest, ist ein Anschlag auf
die Glaubensfreiheit der Leute, denn es erscheint als ein
Wunder, aber die Glaubensfreiheit war dir schon damals,
vor anderthalbtausend Jahren, teurer als alles. Warst du es
nicht, der so oft gesagt hat: ,Ich will euch zu Freien
machen?' Du hast sie nun gesehen, diese freien Leute",
fügt der Alte mit einem tiefsinnigen Lächeln hinzu. „Ja,
diese Sache ist uns teuer zu stehen gekommen", fährt er
fort, ihn streng anblickend, „aber schliesslich haben wir sie
zu Ende geführt, in deinem Namen. Fünfzehnhundert Jahre
haben wir uns mit dieser Freiheit gequält, jetzt aber ist es
abgeschlossen, und fest abgeschlossen. Du glaubst wohl
nicht, dass ein für allemal abgeschlossen worden ist? Du
siehst mich sanft an und würdigst mich nicht einmal dei-
nes Unwillens? Wisse aber, dass jetzt die Leute mehr als
irgend jemals überzeugt sind, dass sie vollkommen frei
seien, inzwischen haben sie aber ihre Freiheit uns gebracht
und ganz ergebenst zu unsern Füssen gelegt. Das haben wir
bewirkt, war es das, was du wünschtest, war es diese Frei-
heit? (...)
Ein schrecklicher und kluger Geist, der Geist der Selbst-
vernichtung und des Nichtseins", fährt der Alte fort, „ein
grosser Geist hat mit dir in der Wüste geredet, und uns ist
in den Büchern überliefert, er hätte dich in Versuchung ge-
führt. Ist das so? Und war es möglich, etwas Wahreres zu
sagen, als was er dir in den drei Fragen verkündete, und
was du verworfen hast, und was in den Büchern, Versu-
chungen genannt wird? Indessen, wenn es damals auf Er-
den irgendein Wunder gab, so war es an jenem Tage, am
Tage der drei Versuchungen. Darin bestand das Wunder,
dass diese drei Fragen auftauchten. Wenn es möglich wäre,
sich vorzustellen, nur zur Probe und zum Beispiel, dass
diese drei Fragen des schrecklichen Geistes spurlos aus den
Büchern verloren gegangen wären, und dass man sie wieder-
herstellen, aufs neue erdenken und verfassen müsste, um
sie wieder in die Bücher einzutragen, und dass man zu dem
Zwecke alle Weisen der Erde versammelte, alle Regieren-
den, Oberpriester, Gelehrte, Philosophen und Poeten, und
dass man ihnen aufgäbe, drei Fragen zu erdenken und zu
verfassen, die nicht nur dem Tatsächlichen entsprächen,
sondern auch ausserdem in drei Sätzen die ganze zukünftige

80
Das Selbst: das verantwortliche Individuum, die unieduzieibaie Person

Geschichte der Welt und der Menschheit formulierten, -


glaubst du wohl, dass alle Weltweisheit, gesammelt und
vereinigt, etwas zu erdenken vermöchte, was an Kraft und
Tiefe den drei Fragen ähnlich wäre, die damals tatsächlich
von dem mächtigen und klugen Geiste in der Wüste dir
vorgelegt wurden? Schon allein an diesen Fragen, allein
schon am Wunder ihres Auftauchens ist zu erkennen, dass
man es hier nicht mit einem alltäglichen Menschengeiste
zu tun hat, sondern mit einem ewigen und absoluten.
Denn in diesen drei Fragen ist sozusagen in einem Ganzen
vereinigt und vorausgesagt die ganze weitere Geschichte
der Menschheit, und darin erscheinen die drei Gestaltun-
gen, auf die alle unlöslichen historischen Widersprüche der
Menschennatur auf der ganzen Erde hinauslaufen. Das
konnte damals noch nicht so klar sein, denn die Zukunft
war noch unbekannt, aber jetzt, nachdem fünfzehn Jahr-
hunderte vorübergegangen sind, sehen wir, dass in diesen
drei Fragen alles so sehr erratbar ist und alles so genau vor-
ausgesagt worden und so genau in Erfüllung gegangen ist,
dass nichts mehr dazu hinzuzufügen und nichts mehr da-
von zu streichen ist.
Entscheide selbst, wer hatte recht: du oder jener, der
dich damals befragte? Erinnere dich der ersten Frage. Dem
Sinne nach, wenn auch nicht wörtlich, lautete sie also: Du
willst in die Welt gehen und gehst mit leeren Händen, mit
irgendeiner Freiheitsverheissung, die sie in ihrer Einfältig-
keit und angebornen Unwürdigkeit nicht einmal verstehen
können, vor der sie Angst haben und die sie fürchten, denn
niemals ist dem Menschen und der menschlichen Gesell-
schaft irgend etwas unerträglicher gewesen als die Freiheit!
Siehst du diese Steine in dieser nackten, glühenden Wüste?
Verwandle sie in Brot, und wie eine gute und gehorsame
Herde wird die Menschheit dir nachlaufen, wiewohl sie
immer und ewig davor zittern wird, du könntest deine
Hand von ihr abziehen, und dein Brot könnte sich erschöp-
fen. Aber du wolltest den Menschen nicht der Freiheit be-
rauben, und du verwarfst den Vorschlag, denn was für eine
Freiheit wäre das, meintest du, wenn der Gehorsam mit
Brot erkauft würde. Du sprachst, der Mensch lebe nicht
vom Brot allein, aber weisst du es, dass gerade um dieses
irdischen Brotes willen der Geist der Erde gegen dich auf-
stehen, mit dir kämpfen und dich besiegen wird, und dass
alle ihm nachfolgen und ausrufen werden: ,Wer ist diesem
Tier ähnlich, es gab uns das Feuer von den Himmeln!'
Weisst du, dass die Menschheit nach Jahrhunderten durch
den Mund ihrer Weltweisheit und Wissenschaft verkünden
wird, dass es keine Verbrechen gibt und offenbar auch kei-
ne Sünde, dass es nur Hungrige gibt? (...)

81
Der Mensch

Keine Wissenschaft wird ihnen Brot geben, solange sie


frei sind, sondern es wird damit enden, dass sie ihre Frei-
heit uns zu Füssen legen und zu uns sagen: ,Lieber macht
uns zu Knechten, aber macht uns satt.' Schliesslich wer-
den sie es selbst begreifen, dass Brot für jeden zur Genüge
und Freiheit zusammen undenkbar sind, denn niemals,
niemals werden sie untereinander zu teilen verstehen!
Auch davon werden sie sich überzeugen, dass sie niemals
frei sein können, weil sie schwach, lasterhaft, nichtswür-
dig und empörerisch sind. Du hast ihnen Himmelsbrot ver-
heissen, aber ich wiederhole es nochmals, kann es in den
Augen des schwachen, ewig lasterhaften, ewig undankba-
ren, niedrig gebornen Menschengeschlechts dem irdischen
Brote gleichwertig erscheinen? Und wenn um des Him-
melsbrotes willen Tausende und Zehntausende dir nach-
folgen, was wird mit den Millionen und Zehntausenden
von Millionen Wesen werden, die nicht imstande sind, das
irdische Brot dem himmlischen gegenüber zu verachten?
Oder sind dir nur die zehntausend Starken und Grossen
lieb und teuer, die übrigen Millionen aber, zahlreich wie
der Sand am Meere, die Schwachen, aber dich Liebenden,
sollen sie nur als Material für die Grossen und Starken
dienen? Nein, uns sind auch die Schwachen lieb und teuer.
Lasterhaft und empörerisch sind sie, schliesslich aber wer-
den sie gehorsam sein. (...)
Es gibt für den freigebliebenen Menschen keine beständi-
gere und quälendere Sorge, als nur rasch den aufzufinden,
vor dem er sich zu beugen habe. Denn der Mensch sucht
sich vor etwas zu beugen, das unstreitig dessen wert ist, so
unstreitig, dass davor sich gemeinsam und insgesamt zu
beugen alle Menschen sich einigen müssten. Denn die Sor-
ge dieser kläglichen Wesen besteht nicht darin, das aufzu-
suchen, wovor er oder ein andrer sich beugen mag, sondern
vielmehr etwas aufzufinden, woran alle glauben und vor
dem alle sich beugen möchten, und zwar alle insgesamt.
Und dieses Bedürfnis nach der Allgemeinheit der Anbetung
ist gerade die hauptsächlichste Pein jedes einzelnen Men-
schen, wie auch der ganzen Menschheit vom Anfange der
Jahrhunderte an. Zum Zwecke gemeinsamer Anbetung ha-
ben sie sich gegenseitig mit dem Schwerte zerfleischt. Sie
haben Götter geschaffen und haben sich gegenseitig zuge-
rufen: , Verlasset eure Götter und betet die unsrigen an, wo
nicht, so sollt ihr des Todes sein, ihr und eure Götter!' Und
so wird es bis zum Ende der Welt sein, selbst dann noch,
wenn die Götter aus der Welt werden verschwunden sein:
vor Götzen wird man dann niederfallen. (...)
Aber was kam dabei heraus? Statt die Leute zu beherr-
schen, hast du ihre Freiheit noch mehr vermehrt. Oder

82
Das Selbst: das verantwortliche Individuum, die unieduzieibaie Person

hast du vergessen, dass den Menschen die Ruhe, ja der Tod


lieber ist als die freie Wahl in der Erkenntnis des Guten
und des Bösen? Nichts ist dem Menschen verführerischer
als die Freiheit seines Gewissens, nichts aber ist auch quä-
lender. Und siehe, statt feste Grundlagen für die Beruhi-
gung des menschlichen Gewissens ein für alle Male, hast
du zu allem gegriffen, was es nur Ungewöhnliches, Rätsel-
haftes und Unbestimmtes gab, hast du zu allem gegriffen,
was den Leuten über ihre Kräfte ging, und bist du also so
verfahren, als liebtest du sie überhaupt gar nicht. Und wer
hat das? Der, der gekommen war, sein Leben für sie hinzu-
geben! Statt die Freiheit der Leute zu bewältigen, hast du
sie vermehrt und hast die menschlichen Seelen für immer
mit den aus der Freiheit stammenden Qualen belastet. Du
wünschtest, der Mensch möge frei lieben, damit er frei dir
folge, verlockt und gefangen von dir. Statt nach einem
festen alten Gesetze sollte der Mensch in Freiheit des Her-
zens selbst darüber entscheiden, was gut und was böse sei,
indem er als Richtschnur nur dein Vorbild vor sich hätte,
wie konntest du nur nicht darauf verfallen, dass er schliess-
lich auch dein Vorbild und deine Wahrheit verwerfen wer-
de, wenn man ihn durch die schreckliche Bürde der freien
Wahl ersticke? (...)
Drei Kräfte gibt es auf Erden, einzig und allein drei Kräf-
te, die fähig sind, das Gewissen dieser schwachen Empörer
zu ihrem Glücke für immer zu besiegen und gefangenzu-
nehmen. Diese Kräfte sind: das Wunder, das Mysterium
und die Autorität. Du hast das eine, das andre und das drit-
te verworfen und selbst das Beispiel dazu gegeben. Als der
schreckliche und allweise Geist dich auf des Tempels Zin-
ne gestellt hatte und dir sagte: ,Wenn du erkennen willst,
ob du Gottes Sohn bist, so stürze dich hinab, denn von Ihm
ist gesagt worden, dass Engel Ihn auffangen und tragen wer-
den, und Er wird nicht fallen und wird sich nicht verletzen,
und du wirst dann erkennen, ob du Gottes Sohn bist, und
wirst beweisen, wie stark dein Glaube an deinen Vater ist.'
Diesen Vorschlag hast du verworfen, hast nicht nachgege-
ben und hast dich nicht hinabgestürzt. Oh, gewiss, du hast
dort stolz und grossartig gehandelt, gehandelt wie ein Gott,
die Menschen aber, das schwache, empörerische Ge-
schlecht, sind sie etwa Götter? Oh, du hast es damals sehr
wohl begriffen, dass, hättest du einen Schritt getan, nur
eine Bewegung, dich hinabzustürzen, du den Herrn in Ver-
suchung geführt und den Glauben an ihn gänzlich verloren
hättest, und dass du an der Erde zerschellt wärst, die zu
retten du gekommen warst, und der listige Geist, der dich
versucht hatte, er hätte Freude daran gehabt. Aber ich wie-
derhole es, gibt es viele, die so sind wie du? Und hast du in

83
Der Mensch

der Tat auch nur einen Augenblick annehmen können,


dass auch die Menschen solcher Versuchung gewachsen
sein würden? Ist etwa die menschliche Natur so geschaf-
fen, dass sie das Wunder zurückweisen, und dass sie in so
schrecklichen Augenblicken des Lebens lediglich mit der
Entscheidung eines freien Herzens auskommen könnte?
(...)
Du dürstetest nach Liebe und nicht nach dem knechti-
schen Entzücken der Sklaven vor dem Machthaber, der ihm
ein für alle Male Entsetzen eingeflösst hat. Aber du hast die
Menschen viel zu erhaben beurteilt, denn sie sind Sklaven,
wenn auch geborne Empörer. Schau' um dich und urteile,
da sind nun fünfzehn Jahrhunderte vorübergezogen, geh hin
und besieh dir die Menschen: wen hast du zu dir hinaufge-
hoben? Ich schwöre es dir, der Mensch ist schwächer und
niedriger, als du von ihm geglaubt hast! (...)
Welche Schuld hat eine schwache Seele, dass sie nicht
imstande ist, eine so schreckliche Gabe in sich aufzuneh-
men? Wäre es denn wirklich wahr, dass du einzig nur zu
den Auserwählten und nur für die Auserwählten gekom-
men seiest? Ist das aber so, so ist es ein Mysterium, und wir
sind nicht imstande, es zu begreifen. Ist es aber ein Myste-
rium, so waren wir berechtigt zu predigen und zu lehren,
dass nicht die freie Entscheidung der Herzen das Wichtige
sei, und nicht die Liebe, sondern das Mysterium, dem sie
blind zu gehorchen haben, selbst gegen ihr Gewissen. Und
so haben wir getan. Wir haben deine Tat berichtigt und ver-
bessert und haben sie gegründet auf das Wunder, das My-
sterium und die Autorität. Und die Leute waren dessen
froh, dass man sie aufs neue wie eine Herde führte, und
dass endlich ihren Herzen die schreckliche Gabe, die ihnen
so viel Qualen gebracht hatte, genommen wurde. (...)
Die Freiheit, der freie Verstand und die Wissenschaft
werden sie in solche Abgründe führen und werden sie sol-
chen Wundern und unerforschlichen Mysterien gegenüber-
stellen, dass einige Übermässige und Wilde unter ihnen
sich selbst vertilgen werden, andre Unbotmässige, aber
Schwache, werden sich untereinander vertilgen, die übri-
gen aber werden kraftlos und unglücklich zu unsern Füssen
herankriechen und zu uns aufschreien: ,Ja, ihr hattet recht,
ihr allein seid im Besitz seines Mysteriums, wir kehren zu
euch zurück, rettet uns vor uns selbst!' (...)
Dann werden wir ihnen ein stilles, bescheidenes Glück
verleihen, das Glück der kraftlosen Wesen, als welche sie
erschaffen sind. Oh, wir werden sie schliesslich davon
überzeugen, dass sie sich nicht zu brüsten haben, denn du
hast sie erhoben und sie dadurch gelehrt, sich zu brüsten;
wir werden ihnen beweisen, dass sie kraftlos sind, dass sie

84
Das Selbst: das verantwortliche Individuum, die unieduzieibaie Person

Kinder sind, dass aber das Kinderglück süsser sei als jedes
andre. (...)
Ja, wir werden sie zwingen zu arbeiten, aber in den von
Arbeit freien Stunden werden wir ihr Leben wie ein kindli-
ches Spiel gestalten, mit kindlichen Liedern, Chorgesang
und unschuldigen Tänzen. Oh, wir werden ihnen auch zu
sündigen gestatten, da sie ja doch schwach und kraftlos
sind, und sie werden uns lieben wie Kinder, dafür, dass wir
ihnen zu sündigen erlauben. Wir werden ihnen sagen, dass
jeder Sünde die Absolution folgt, sobald die Sünde mit unse-
rer Erlaubnis geschehen ist, denn wir erlauben es ihnen,
weil wir sie lieben, und die Strafe wegen der Sünden, die
nehmen wir, wenn nötig, auf uns. Wir nehmen sie auf uns,
und sie werden uns vergöttern als ihre Wohltäter, die ihre
Sünden vor Gott tragen. Und sie werden vor uns keinerlei
Geheimnisse haben. Wir werden ihnen erlauben oder ver-
bieten, mit ihren Frauen oder mit Kebsweibern zu leben,
Kinder zu haben oder nicht - alles nach Massgabe ihres Ge-
horsams, und sie werden uns mit Freude und in Fröhlich-
keit Untertan sein. Die aller quälendsten Geheimnisse ihres
Gewissens, alles, alles werden sie uns zutragen, und wir
werden darüber entscheiden, und sie werden mit Freuden
zu unserer Sorge und der schrecklichen Qual persönlicher
freier Entscheidung enthoben sein. Und alle werden glück-
lich sein, alle die Millionen Wesen, mit Ausnahme der hun-
derttausend, die über sie herrschen. Denn nur wir, wir, die
wir das Mysterium bewahren, nur wir werden unglücklich
sein. Tausend Millionen glücklicher Kinder wird es geben
und hunderttausend Dulder, die den Fluch der Unterschei-
dung des Guten vom Bösen auf sich genommen haben.
Sanft werden sie sterben, sanft werden sie in deinem Namen
verlöschen und im Jenseits werden sie den Tod finden. (...)
Das, was ich dir sage, wird in Erfüllung gehen, und unser
Reich wird gegründet werden. Ich wiederhole es dir, morgen
wirst du diese gehorsame Herde sehen, welche beim ersten
Winke meiner Hand hinstürzen wird, heisse Kohlen unter
deinen Scheiterhaufen zu legen, auf welchem ich dich dafür
verbrennen werde, dass du gekommen bist, uns zu stören.
Denn wenn jemand unsern Scheiterhaufen verdient hat, so
bist du es. Morgen verbrenne ich dich. Dixi." (...)
Nachdem der Inquisitor ausgeredet hat, wartet er einige
Zeit, dass der Gefangene ihm antworte. Sein Schweigen
wird ihm drückend. Er hat bemerkt, dass ihn der Gefange-
ne die ganze Zeit über still und eindringlich anblickte, und
dass er offenbar nicht gewillt ist zu antworten. Der Alte
aber wünscht, dass jener ihm etwas sage, und wenn es auch
etwas Bitteres, Schreckliches wäre. Er aber nähert sich
schweigend dem Alten und küsst ihn leise auf seinen blut-

85
Der Mensch

losen neunzigjährigen Mund. Das ist die ganze Antwort.


Der Alte fährt zusammen. Seine Lippen zittern; er geht zur
Tür, öffnet sie und spricht zu ihm: „Geh und komm nicht
Dostojewski wieder . . . kehr' nie zurück ... niemals, niemals!" Und er
Die Brüder
Karamasow lässt ihn auf den finstern Marktplatz der Stadt hinaus. Der
1880 Gefangene geht fort. 14/

Freiheit des Die Freiheit teilt sich in eine physische und moralische
Körpers und Freiheit. Die physische Freiheit besteht darin, eine Hand-
der Seele lung zu vollbringen, auch wenn man ihren moralischen
Wert nicht oder noch nicht kennt. Über die moralische
T o m a s Antonio
Freiheit verfügen wir, um zu handeln oder nicht zu han-
Gonzaga deln, auch wenn wir den moralischen Wert der Tat, die wir
Brasilien im Begriffe sind zu vollbringen, kennen oder kennen könn-
Abhandlung über
das natürliche Recht
ten. Daraus folgt, dass es physisch vollkommen freie
1768 Handlungen geben kann, die moralisch nicht frei sind. 148

Wie schwierig ist es doch, die Dinge einfach zu machen!


Ghalib 19. Jh. Der Mensch selber findet es schwer, ein Mensch zu sein.
Indien 149

Unantastbare
Freiheit
Andre Malraux Die Freiheit, die du mir zubilligst, ist auch die deine. Die
Die Beschaffenheit
des Menschen
Freiheit, zu tun, was dir gefällt. Die Freiheit ist kein
1933 Tauschhandel, es ist: die Freiheit. 150

Entschluss Das Leben wird von unzähligen Kräften gelenkt. Alles wäre
sehr einfach, wenn man bei seinen Handlungen mit all
ihren Konsequenzen einfach nach einem generellen Prin-
zip handeln könnte, dessen Anwendung jederzeit so klar
wäre, dass man nicht, auch nur einen Augenblick lang,
nachdenken müsste. Aber ich kann mich keiner einzigen
Mahatma Gandhi Handlung erinnern, wo die Entscheidung so einfach gewe-
1869-1948 sen wäre. 151

DER MENSCH

Ichweiss, dass meine Seele die Fähigkeit hat, alles zu wissen,


und dass sie dennoch blind und vollkommen unwissend
bleibt.
Ich weiss, dass, um einer der kleinen Könige der Natur zu sein,
ich nicht minder von den niedrigsten
und gemeinen Dingen abhängig bin.
Ich weiss, dass mein Leben Leiden ist, und dass ich nur
eine Zeit haben werde;
Sir John Davies ich weiss, dass ich immer meiner Illusionen Spielzeug bin.
Jurist und Dichter
1569 - 1 6 2 6 Und schliesslich weiss ich, dass ich ein Mensch bin,
Grossbritannien daher ein nobles und zugleich armseliges Wesen. 152

86
Die Macht
Quellen der Macht:
Auftrag oder Gewalt
Macht und Die Macht existiert nur durch die Gewalt. Wenn sie darauf
Gewalt verzichtet, zerstört sie sich selber, denn in dem Masse, wie
die Leute ihre Sanftmut erkennen, hören sie auf vor ihr zu
zittern. Die Macht ist weder die saftige Feige, noch die flei-
schige Olive, noch die Rebe, welche den Menschen erfreu-
en. Die Macht ist der Dorn, der Leiden bringt; sie tut weh,
sie verletzt, sie schindet, sie nimmt gefangen, sie tötet.
Tatsächlich hat die Macht weder Gedeihen noch Zukunft,
nicht, wenn sie die Hungrigen speist, nicht, wenn sie die
Armen kleidet, die Kranken pflegt und auch nicht, wenn
sie sich sanft erweist, und nie jemanden, wer es auch sei,
verletzt oder leiden lässt. Deshalb besteht ein Graben zwi-
schen ihr und der Gnade. Aus diesem Grunde muss man
auch versuchen, ihre Natur zu ergründen, diejenigen zu
kennen, die sie zu schützen hat im Rahmen einer vorge-
schriebenen Ordnung sowie den Sinn dieser durch die
Macht erhaltenen Ordnung zu verstehen. Sicherlich gibt es
auch eine andere Ordnung: die, welche Gott durch seinen
Sohne gewissen Menschen vermittelt und dessen Sinn wie-
derzufinden dringend ist. Wenn man aber Macht anwenden
muss, um Ordnung zu halten, zeigt dies, dass die Men-
schen der Weisheit entbehren, Gott nicht kennen und sei-
nen Befehlen nicht gehorchen. Trotzdem, die ganze Erde
braucht Recht und Frieden, ohne sie gäbe es für die
Menschheit kein Überleben. Und da viele Völker keinen
Sinn für Tugend haben, Gott nicht kennen und Unge-
rechtigkeit walten lassen, schickt ihnen Gott, unser
Meister, dem daran gelegen ist, dieser Vielgestaltigkeit ein
langes Leben zu erhalten, Könige und Prinzen, die dank der
ihnen verliehenen Macht, den Frieden erhalten, die Unge-
rechtigkeit bekämpfen, die Streitigkeiten in erster und
letzter Instanz schlichten und die die Leute daran hindern,
durch Vermittlung der Obrigkeit ihresgleichen Schaden zu-
zufügen, sich mit Macht Güter anzueignen, die ihnen
nicht gehören, Diebstähle zu begehen und auf den Besitz
anderer überzugreifen. Denn jede Staatsgewalt, die darauf
bedacht ist, den Frieden zu gewährleisten und den meisten
ein Leben in Ehre und Wohlstand zu ermöglichen, ist ge-
halten, sämtliche Ungerechtigkeiten zu unterdrücken und
Macht anzuwenden, um Frieden und Gerechtigkeit siegen
zu lassen. Je mehr sie auf die Erhaltung des Friedens be-
dacht sein wird, und je mehr sie sich gegen Unterdrückung
unerbittlich zeigen muss, werden die Leute sie fürchten,
auf dass ein jeder mit dem, was er hat, zufrieden sei. Wenn

89
Die Macht

es der Staatsgewalt gelingen wird, die Ungerechtigkeit zu


unterdrücken, wird überall Ordnung herrschen,- die Men-
schen werden den Frieden finden, und jeder wird sich unge-
hindert seines Besitztums freuen können. Eine solche Ord-
nung ist notwendig für das Gedeihen jeder Nation, denn
dort, wo sie fehlt, würden die einen versuchen, die andern
zu vernichten, es gäbe Parteikämpfe, die Starken vernich-
teten die Schwachen, sie würden diese aus ihren Hütten
verjagen und sie zu Dienern und Knechten machen, und sie
nähmen ihnen ihre Frauen. Die Staatsgewalt dient daher
Petr Chelcicky dazu, diese Plagen fernzuhalten. Sie nennt sich weltlich,
Tscheche. 15. Jh. weil sie dazu bestimmt ist, sich um die Dinge des Jahrhun-
Von den drei Staaten
(Geistlichkeit,
derts zu kümmern und so einer höheren Ordnung zum Sie-
Staat, Volk) ge zu verhelfen. 153

Gegenstand der Politische Gewalt ist jene Gewalt, die jeder Mensch im
Macht Naturzustand hatte und die er in die Hände der Gesell-
schaft gegeben und innerhalb der Gesellschaft an die Regie-
renden, die die Gesellschaft über sich eingesetzt hat, und
zwar mit jenem ausdrücklichen oder stillschweigenden
Vertrauen, dass sie zu seinem Wohl und zur Erhaltung sei-
nes Eigentums gebraucht werde. Diese Gewalt nun, die je-
der Mensch im Naturzustand hat und auf die er zugunsten
der Gesellschaft in all den Fällen verzichtet, wo diese ihn
schützen kann, besteht darin, zur Erhaltung seines Eigen-
tums solche Mittel zu gebrauchen, wie er sie für gut hält
und sie ihm die Natur erlaubt. Ferner soll er den Bruch des
natürlichen Gesetzes bei anderen so bestrafen, wie es (nach
bestem Wissen und Gewissen) am ehesten zur Erhaltung
seiner selbst und der übrigen Menschheit dienen kann. Da
der Zweck und das Mass dieser Gewalt, wenn sie im Natur-
zustand in den Händen eines jeden liegt, die Erhaltung aller
in seiner Gesellschaft ist, d.h. der ganzen Menschheit im
allgemeinen, so kann sie auch, wenn sie in den Händen der
Obrigkeit liegt, keinen anderen Zweck und kein anderes
Mass haben, als das Leben, die Freiheit und den Besitz der
Glieder jener Gesellschaft zu erhalten. Folglich kann sie
auch keine absolute und willkürliche Gewalt über ihr Le-
ben und ihr Vermögen sein, weil beides ja soweit wie mög-
lich erhalten werden soll. Es ist vielmehr eine Gewalt, Ge-
setze zu geben und mit diesen Gesetzen gleichzeitig solche
Strafen festzulegen, die dadurch zur Erhaltung der Gesamt-
heit beitragen können, indem sie diejenigen Teile, und zwar
allein diese, ausschliessen, die so verdorben sind, dass sie
John Locke die guten und gesunden bedrohen; denn nur dann ist Stren-
Grossbritannien ge gerechtfertigt. Und diese Gewalt hat ihren Ursprung al-
Zwei Abhandlungen
über die Regierung lein in Vertrag und Übereinkunft und in der gegenseitigen
1690 Zustimmung derjenigen, die die Gemeinschaft bilden. 154

90
Quellen dei Macht: Auftrag odei Gewalt

Quelle der Das Volk wähle zu den bereits im Amte befindlichen Vor-
Macht: beratern weitere zwanzig, alle über vierzig Jahre alt. Diese
Die Wahl schwören, sie würden aufzeichnen, was sie als das Beste
für die Stadt erkannt hätten, wenn es um Sein und Nicht-
Aristoteles sein ginge. Ebenso könne aber auch jeder andere solches
Die Verfassung
der Athener aufschreiben, damit man aus allem das Beste heraussuche.
4. Jh. v. Chr. ISS

Wahlen in dei
Kirche des Wer an die Spitze aller Gläubigen kommen soll, der soll
Mittelalters von allen Gläubigen gewählt werden. 156
Papst Leo
5-Jh.

Das Prinzip Er wurde unter den ältesten Priestern und vornehmen


zur Wahl des Männern mit den Stimmen der anwesenden Volksmenge
Papstes von der Mehrheit unserer Kollegen gewählt, und fast alle
Heiliger Cornelius Geistlichen waren Zeuge dieser Wahl. 757
3- Jh.

Unerlässliches Kein Bischof soll gegen den Willen der Getreuen eingesetzt
Eingeständnis werden. 158
Papst Cölestinl.
5-Jh.
Die Freiheit Die Wahl soll in voller Freiheit der Wähler geschehen, und
der Wahl die gegenteilige Sitte hat keine Gültigkeit. 259
Papst Gregor IX.
Verordnungen
1191 -1198

Das Prinzip der Dass die Mehrheit den Sieg davontrage. 160
Mehrheit
Konzil von Nicaea
32s
Papst Innozenz IV. Die Mehrheit hat anscheinend immer recht. 161
1247

Die geheime Wahl war schon 1159 in den klösterlichen Ge-


meinschaften üblich:
Kardinal Wilhelm
von Mandagout (...) und wurde mit weissen und gelben Täfelchen geheim
Ende 13. Jh.
Libellum super und nicht mit erhobener Stimme oder durch Sitzenbleiben
electionibus oder Aufstehen vollzogen. 162

Panormitanus Bei der Zahl der Teilnehmer am Kapitel (Versammlung)


ca.1450 sollen die Abwesenden nicht mitgezählt werden. 163

91
Die Macht

Der zwingende Sie sind gehalten, den zn wählen, den sie nach ihrem Ge-
und verbotene wissen als den Fähigsten oder als den scheinbar Fähigsten
Befehl halten. 164
Nova collectio
des Ordens der
Kartäuser
1582

Papst Innozenz III. Was alle angeht, muss von allen behandelt und anerkannt
1198 - 1 2 1 6 werden. 165

Rechte Gesetze für die Menschen können nur von der Gemein-
des Volkes schaft der Bürger erlassen werden, oder von den hervor-
Marsilius von Padua ragendsten unter ihnen. 166
Defensor Pacis
1324

Verfassung Da das allgemeine Gesetz und die Volksverfassungen für


„Nihil Novi" die ganze Nation Gültigkeit haben und nicht nur für einen
Einzelnen, setzen wir fest, dass fürderhin nichts Neues be-
Polen schlossen werden kann ohne das gemeinsame Einverständ-
1505 nis des Rates und der Abgeordneten. 16J

Wahl des Hier nun, wie sie die Wahl ihres Generals treffen. Nach-
Generals dem sie sich vereinigt haben, geben alle alten Kosaken, die
Beauplan unter ihnen angesehen sind, jeder seine Stimme dem, den
Frankreich
Beschreibung der sie als den Fähigsten halten, und mit Stimmenmehrheit ist
Ukraine er ernannt. 168
1660

Das Recht der In England haben die Bürger aufgrund des „Common Law"
Bürger auf das Recht, Gesetzen, die ohne ihre Zustimmung gemacht
Vertretung im wurden, keine Folge zu leisten; und, da nicht jeder einzel-
Parlament ne die Möglichkeit hat, von diesem Recht Gebrauch zu
Angelegenheit machen - was, wegen ihrer Vielzahl zum Chaos führen
Ashby
Vortrag des würde -, wählen sie Vertreter, denen sie ihre Rechte über-
Lord Chief tragen (...) es handelt sich hier um ein im höchsten Grade
Justice Holt ehrbares Recht, das jedem Bürger die Möglichkeit gibt, an
1704
Grossbritannien der Regierung und an der Gesetzgebung teilzuhaben. 169

Tugenden und Pflichten des Herrschers

Die Aufgabe Der Vater ist Wurzel und Ursprung des Geschlechts der
des Vaters Menschen. Sein Herz ist gut, er verwaltet alles, er ist mit-
auf Erden leidig, er betreut, er sorgt vor, er unterstützt, und seine
Hände schützen.
Er zieht seine Kinder auf, erzieht sie, bildet sie, straft sie
und lehrt sie leben.

92
Tugenden und Pflichten des Herrschers

Aztekische Er stellt vor ihnen einen grossen Spiegel auf, einen Spie-
Überlieferung
16. Jh. gel, der auf zwei Seiten durchbrochen ist. Er ist wie eine
Mexiko grosse, brennende Fackel ohne Rauch. i/o

Massnahmen, Ich habe der Tochter des Armen nichts Böses getan. Ich
die bei einei habe die Witwe nicht unterdrückt. Ich habe den Bauern
Hungersnot in nicht geprellt. Ich habe den Hirten nicht misshandelt.
Ägypten Ich habe keinem Truppenchef die Männer weggenom-
ergriffen wurden men, um sie zu beschäftigen. Es gab keinen Armen in mei-
ner Umgebung. Zu meiner Zeit gab es keinen Hungernden.
Als die Hunger jähre kamen, stand ich auf, und ich habe
alle nach Oryx benannten Felder, die von den Grenzen im
Süden bis zu denen im Norden reichen, gepflügt. Ich habe ge-
wissermassen dafür gesorgt, dass die Einwohner Vorräte an-
legten, um zu überleben, so dass niemand Hunger leiden
musste. Ich habe die Witwe ebenso versorgt wie die verheira-
Inschrift des Grabes tete Frau. Ich bedachte mit meinen Geschenken ohne Unter-
des Amenemhet
König des Landes schied den Erwachsenen gleichermassen wie den Jüngling.
Oryx Als dann die grossen Wasser des Nils wiederkamen und
x n . Dynastie
Beginn des 2. Jh. Ernte und alles wieder in Fülle vorhanden war, habe ich das
v. Chr. mir Geschuldete nicht zurückgefordert. 1/1

Ohne jeden Giän Wu besuchte Dsiä Yü, den Narren.


Zwang sucht Dsiä Yü, der Narr, sprach: „Was hat Mittagsanfang mit
jeder seine dir gesprochen?"
eigene Vervoll- Giän Wu sprach: „Er hat mir gesagt, dass wenn ein Fürst
kommnung in seiner eigenen Person die Richtlinien zeigt und durch den
Massstab der Gerechtigkeit die Menschen regelt, niemand
es wagen wird, Gehorsam und Besserung zu verweigern."
Dsiä Yü, der Narr, sprach: „Das ist der Geist des Betrugs.
Wer auf diese Weise die Welt ordnen wollte, der gliche
einem Menschen, der das Meer durchwaten oder dem Gel-
ben Fluss ein Bett graben wollte und einer Mücke einen Berg
aufladen würde. Die Ordnung des Berufenen: ist das etwa
eine Ordnung der äusseren Dinge? Er ist recht, und dann geht
es, dass wirklich jeder seine Arbeit versteht. Der Vogel fliegt
hoch in die Lüfte, um dem Pfeil des Schützen zu entgehen.
Die Spitzmaus gräbt sich tief in die Erde, um der Gefahr zu
entgehen, eingeräuchert oder ausgegraben zu werden. Soll-
Dschuang Dsi
3. Jh. v. Chr. ten die Menschen weniger Mittel haben als die unvernünfti-
China ge Kreatur (um sich äusserem Zwang zu entziehen) ?" 1/2
Pflicht der Vor- Die Vorgesetzten sollten sich davor hüten, die Seelen ihrer
gesetzten, ihre Untergebenen in Fesseln zu legen, indem sie auch dann
Rechte nicht zu stur Gehorsam verlangen, wo gar keine Notwendigkeit be-
missbrauchen steht. 173
Verfassung der
minderjährigen
Kapuzinerbrüder
1536

93
Die Macht

Pflichten Wenn ein Prinz die Zügel lockert, seinen Namen und seine
des Königs Ehre aufs Spiel setzend,
wenn er plötzlich seine Reichtümer verliert, fügt er sich
Schmach zu.
Du selbst, oh grosser König, du solltest dein Volk den Weg
des Guten lehren,
wenn du nicht willst, dass dein Königreich und dein Boden
die Beute ruchloser Diener werden.
Achte darauf, dass du, oh König, deinem Volk nie schadest,
indem du es in den Irrtum führst, wenn du verhindern
willst, alle, Männer und Frauen, in einem Meer von Un-
glück untergehen zu sehen.
Wenn ein König befreit ist von jeglicher Angst, und wenn
die Sinnesfreude sein alleiniges Ziel ist,
und wenn er alle seine Reichtümer und all sein Eigentum
verloren hat, bedeckt er sich mit Schmach.
Unter den Grossen der Erde unterscheiden wir fünf Mächte;
diejenige der Waffen ist sicher im letzten Rang;
danach folgt, sagt man, diejenige des Reichtums, oh mäch-
tiger Herr,
an dritter Stelle nenne ich, oh Herr, die Macht der Einsicht;
nach dem Ruf, ist die Macht der Kaste sicher die vierte;
jedem wird der gut beratene Mann ohne Zweifel zugeste-
hen, dass unter allen Mächten, diejenige, die man Wissen
nennt, die beste ist,
Jatakas
Die Geburten weil sie dem Menschen die Weisheit und den Erfolg gibt.
Pali 174

Besondere Der König soll für den Lebensunterhalt der Minderjährigen


Veian twörtlich - und der Alten sorgen, wenn sie arm und verlassen sind,
keiten des und ebenfalls für den der Frauen, die keine Kinder gehabt
Königs haben, und für den der Kinder, die verlassen sind. 175
Kautiliya-
Arthasästra, II
6. Jh. v. Chr.
Sanskrit

Vasistha- Der König soll für den Unterhalt der Schwachen und der
Dharmasütra XIX
1-Jh- Verrückten aufkommen. 1/6
Sanskrit

Der König muss über die Güter der Alten und der Minder-
jährigen, der Blinden und der Armen wachen.

Es ist ein Zeichen des Versagens eines Herrschers, wenn in


seinem Reich einer nach Abschluss seiner Studien hungern
muss. (...)

94
Tugenden und Pflichten des Herrschers

Mahäbärata XIII Der König, in dessen Reich weinende Frauen mit Gewalt
2. Jh. v. Chr. -
I. Jh. n.Chr. entführt werden, während ihre Gatten und ihre Kinder sich
Sanskrit beklagen, ist wie tot. Er lebt nicht. 177

Apastamba- In seinem Königreich sollte niemand unter Hunger und


Dharmasütra II
4 5 0 - 350 v. Chr. Krankheit, unter Kälte und Hitze leiden, ob es aus Armut
Sanskrit oder wegen einer von andern vollbrachten Tat geschieht. 1/8

Der „Wortführer" (okyeame) ist eine wichtige Persönlich-


keit, der zwischen Anführer und Volk oder zwischen zwei
Anführern vermittelt. Er wacht, wenn möglich, bei jeder
Gelegenheit über die Exaktheit der Sprache. Er wendet sich
folgendermassen an den neugewählten Vorgesetzten:
Lass die Frauen in Ruhe,
verfalle nicht der Säuferei,
wenn wir dir einen Rat geben, befolge ihn.
wir wollen nicht, dass du uns täuschest,
wir wollen nicht, dass du knauserig bist,
wir wollen nichts von denen wissen, die unsere Ratschläge
nicht beachten,
wir wollen nicht, dass du uns für Dummköpfe hältst,
wir wollen keine Alleinherrscher.
Wir wollen nicht vergewaltigt werden,
wir schätzen es nicht, geschlagen zu werden.
Nimm den Hocker,
Ashanti-
Überlieferung wir segnen den Hocker, und wir schenken ihn dir,
Ghana die Alten sagen, dass sie dir den Hocker schenken. 17p

Darauf leistet der neue Anführer vor den Alten seinen Eid.
Er entblösst seine Schulter, aber er entledigt sich nicht
seiner Sandalen. Indem er das Zeremonienschwert ergreift,
erklärt er:
Ich erwähne den verbotenen Namen des Mittwochs [ge-
weihter Tag), ich erwähne den grossen verbotenen Namen,
falls ich mit euch dieses Volk nicht so gut wie ihr und mei-
ne Vorfahren regiere, und wenn ich nicht auf eure Rat-
schläge höre, so auferlege ich mir die Strafe, die der ver-
dient, der das grosse verbotene Wort ausspricht, und die
Strafe für das Erwähnen des Namens des Mittwochs.
Und der Führer fährt fort:
Was mich anbetrifft, haben sie mich heute auf diesen Platz
gesetzt; ich flehe euch an, stellt euch mit Würde hinter
mich; ich bitte euch, mir ein langes Leben zu gewähren;
ich bitte euch, mir Ehre zu erweisen; lasst nicht zu, dass
Ashanti-
Überlieferung das Volk meiner überdrüssig wird; macht, dass dieses Volk
Ghana gedeiht. 180

95
Die Macht

Predigt Wenn ich, Priester von Kloweki,


des Priesters nie derartige Dinge getan habe;
wenn ich nie jemanden getötet,
nie eine Abtreibung veranlasst,
nie den Namen von jemandem beleidigt,
noch ein falsches Zeugnis gegen jemanden abgelegt habe,
und wenn, trotzdem, jemand mich anklagt,
derartige Dinge getan zu haben,
und man mir auf diese Weise die Schandtaten eines andern
zuschreibt,
Krobo-Überlieferung so wäre das eine grosse Freveltat von ihm.
Ghana Ruft Nänäkodäs Verdammung auf sein Haupt! 181

Akan-Sprichwort Heute gerecht und morgen ungerecht, dies ist keine gute
Ghana Art zu regieren. 182

Toleranz und Geist der Rache - schlechte Regierung. 183


Verzeihung
Akan-Sprichwort
Ghana

Dsi Gung fragte nach (der rechten Art) der Regierung. Der
Meister sprach: „Für genügende Nahrung, für genügende
Wehrmacht und für das Vertrauen des Volkes (zu seinem
Herrscher) sorgen." Dsi Gung sprach: „Wenn man aber kei-
ne Wahl hätte, als etwas davon aufzugeben: auf welches
von den drei Dingen könnte man am ehesten verzichten?"
(Der Meister) sprach: „Auf die Wehrmacht." Dsi Gung
sprach: „Wenn man aber keine Wahl hätte, als auch davon
eines aufzugeben: auf welches der beiden Dinge könnte
man am ehesten verzichten?" (Der Meister) sprach: „Auf
die Nahrung. Von alters her müssen alle sterben; wenn
aber das Volk keinen Glauben hat, so lässt sich keine
(Regierung) aufrichten."
Konfuzius Der Meister sprach: „Wer selbst recht ist, braucht nicht zu
ca. 551 — 479 v. Chr.
China befehlen: und es geht. Wer selbst nicht recht ist, der mag
Gespräche befehlen: doch wird nicht gehorcht." 184

Was du an deinen Oberen hassest, das tu nicht deinen Un-


Schule des
Konfuzius tergebenen an. Was du an deinen Unteren hassest, damit
5. Jh. v. Chr. diene nicht deinen Oberen. 185

Wenn ein Herrscher, Vater des Volkes, nicht auf Handlun-


gen verzichten kann, die solchen wilder Tiere gleichen, wo
Meng-Tzu
372? - 289? v. Chr. Menschen zerrissen werden - wie kann er sich da noch
China Vater des Volkes nennen! 186

96
Tugenden und Pflichten des Herrschers

Der Weg des Wenn die Gesetze erst dann gemacht werden, nachdem sie
Herrschers durchdiskutiert worden sind, können die Geschäfte gut ge-
führt werden. In den im Gesetz vorgesehenen Fällen wird
dieses Gesetz angewandt. Für Fälle, die im Gesetz nicht
Siun Tzu
2. Jh. v. Chr. vorgesehen sind, wird man die Schwierigkeiten aufgrund
China von analogen Fällen meistern. 18/

Der König stets Während langer Zeit wurden weder Staatsgeschäfte behan-
im Dienste delt noch Berichterstattungen angehört. Deshalb habe ich
des Volkes nun die folgenden Massnahmen getroffen: Zu jeder Zeit,
sei ich mitten in einer Mahlzeit, in den Gemächern der
Frauen, in den inneren Gemächern, in den Ställen, in der
religiösen Unterweisung oder im Garten, die Inspektoren
Edikt von Asoka sollen mir überall Bericht erstatten über Verwaltungsange-
Rocher VI
3. Jh. v. Chr.
legenheiten, die das Volk betreffen. Ich werde mich überall
Prakrit darum kümmern. 188

Der König Die Beherrschung der Sinnlichkeit, die zum Studium der
muss sich Wissenschaften und zur Disziplin fühlt, muss durch Ver-
beherrschen zicht auf Ausschweifung, Zorn, Begierde, Stolz, Überheb-
lichkeit und übermässiges Lob erreicht werden. (...)
Folglich muss er seine Sinnlichkeit besiegen, indem er sich
von der Gruppe dieser sechs Feinde befreit (d.h. von der
Ausschweifung, dem Zorn, der Begierde, usw.), seine Intel-
ligenz im Umgang mit Alteren schult, (...) durch Anstren-
gung Fortschritte macht und Beständigkeit erlangt. Er
sorgt dafür, dass des Volkes und seine eigenen Aufgaben er-
füllt, Disziplin und Förderung der Wissenschaften unter-
Kautiliya stützt werden. Er macht sich dadurch beliebt, dass er
Arthasästra, I
4. Jh. v. Chr. Wohlstand garantiert und sich korrekt verhält, indem er
Sanskrit das Nützliche tut. 189

Das Königtum Die ununterbrochene Anstrengung entspricht dem Gelüb-


als Opfer de, das der König als Oberpriester ständig beachten muss;
Kautiliya die Erfüllung seiner Aufgaben macht die Grösse seines Op-
Arthasästra, I
4. Jh. v. Chr. fers aus; die unparteiische Haltung allen gegenüber ist sei-
Sanskrit ne Opfergabe; der Einweihungsritus ist die Krönung. 190

Der Vertrag Vainya war der erste als König bezeichnete Mann. Bei die-
des Königs mit ser Gelegenheit schloss er mit den Göttern und mit den
dem Volk Weisen, die das Volk vertraten, folgenden Vertrag ab:
„Was immer die Aufgabe sei, die im Zusammenhang mit
meinen politischen Verpflichtungen steht, ich werde sie in
Wahrheit erfüllen. Seid ohne Zweifel darüber." Darauf sag-

97
Die Macht

ten die Götter und auch die grossen Weisen zu ihm: „Wel-
che auch deine Aufgaben sein werden, deren Erfüllung un-
ter bestimmten Voraussetzungen klar umschrieben ist; du
sollst sie ohne Zögern erfüllen, ohne jegliche Erwägung
darüber, ob sie angenehm oder unangenehm sei, sollst
gegenüber allen Kreaturen unparteiisch bleiben und auf
Ausschweifung, Zorn, Begierde und Stolz verzichten.
Mahäbhärata XII Wenn jemand seine Aufgabe vernachlässigt, musst du ihn
2. Jh. v . Chr. -
i. Jhr. n. Chr.
mit der Kraft (deiner beiden) Arme davon abhalten und
Sanskrit stets auf deine eigene Aufgabe bedacht sein." ipi

Von dem Herrscher, der wahrhaft über alle seine Unter-


gebenen regiert, weiss man nur, dass er existiert. Nach ihm
kommt der Herrscher, der geliebt und gelobt wird,
Dann der gefürchtete,
Dann der verachtete.
Lao-tse Wenn der Herrscher nicht genügend Vertrauen hat (in
Tao te King
6. Jh. v. Chr. sein Volk), dann hat eigentlich sein Volk nicht genügend
China Vertrauen zu ihm. 192

Wenn einer tüchtig ist in der Ordnung des Äusseren, so ist


es noch lange nicht sicher, dass die Welt durch ihn in Ord-
nung kommt; aber er selbst hat eitel Mühsal. Wenn einer
dagegen tüchtig ist, sein Inneres in Ordnung zu bringen, so
ist damit noch lange nicht gesagt, dass die Welt durch ihn in
Unordnung kommt; aber sein eignes Wesen hat eitel Beha-
gen. Deine Art, das Äussere in Ordnung zu bringen, mag
wohl zeitweise in einem Staat Erfolg haben; aber sie stimmt
nicht überein mit den Herzen der Menschen. Unsere Art,
Lieh-tzu das Innere in Ordnung zu bringen, kann auf die ganze Welt
Tao te King
6. Jh. v. Chr. ausgedehnt werden, und das Verhältnis zwischen Fürst und
China Untertan käme schliesslich dadurch zur Ruhe. 193

Schule des Mo-tzu Der Herrscher ist die (vertragliche) Verknüpfung zwischen
5. Jh. v. Chr. Minister und Volk. 194

Vasistha- Ein König, der nach dem Gesetz regiert, muss einen Sech-
Dharmasüra, I
l.Jh. stel der Güter (seiner Untergebenen als Entschädigung für
Sanskrit seine geleisteten Dienste) erheben. 19s

Die vornehmste
Pflicht des Kö-
nigs liegt darin, Ein König, der von seinen Untergebenen Abgaben, Steuern,
seine Untergebe- Zollrechte, einen Teil ihres Einkommens und Bussen er-
nen zu schützen hebt, ohne sie zu schützen, fährt direkt in die Hölle. 196
Manusmriti, VIII
2. Jh. v. Chr. -
I. Jh. n. Chr.
Sanskrit

98
Tugenden und Pflichten des Herrschers

Glück der Im Glück seiner Untergebenen wohnt das Glück des Kö-
Untergebenen, nigs, und das Wohl für ihn findet sich im Wohl seiner Un-
Glück des tergebenen. Nicht was ihm selbst lieb ist, sondern was sei-
Königs nen Untergebenen lieb ist, bedeutet für ihn das Gute. 197
Kautiliya-
Arthrasästra, I
4. Jh. v. Chr.
Sanskrit

Die Vaterschaft Alle Menschen sind meine Kinder. So wie ich für meine
des Königs Kinder wünsche, dass sie alles Gute und das Glück der
Edikt von Asoka Welt geniessen, wünsche ich dies für alle Menschen glei-
Kaiinga, I
3. J h . v . Chr. chermassen. 198
Prakrit

Der König muss seine Untertanen, die durch seine Beam-


ten, vor allem durch die Kayastas (die Schreiber), ausge-
beutet werden, schützen. Erst wenn sie durch diesen
Schutz von der Angst, die ihnen die Beamten einflössen,
Agni-Purana, 223
5. Jh.
befreit sind, können sie wirklich als Untertanen des Königs
Sanskrit angesehen werden. 199

Wenn ein König wünscht, dass es ihm lange gut geht, muss
er sorgfältig die Schuldigen ausfindig machen und sie dann
massvoll bestrafen.
Tirukkaral Sogar wenn ein Minister seine Mutter vor Hunger ster-
I-Jh.
Mauritius ben sieht, darf er nichts tun, was die Weisen verachten
Tamil würden. 200

Königliche Auch wenn der Besitz eines vierfachen Heeres mit todbrin-
Tugenden genden Elefanten voll wilder Gier, schnell laufenden,
schnaubenden Pferden, Fahnen gekrönten Wagen auf ho-
hen Rädern und mutigen Kriegern, die darauf brennen, in
den Kampf zu ziehen, zur Grösse eines Königreichs beitra-
gen können, wisse, oh König, dass die wirkliche Kraft eines
Königs in der Übung der Tugend liegt. Vermeide deshalb,
in Rechtsdingen deine Verwandten und Freunde zu begün-
stigen. Verkenne die Tugenden Fremder nicht. Möge dein
Mut auf dem Schlachtfeld wie anderswo so strahlend sein
wie die Sonne. Möge deine Güte gegenüber deinen Unter-
Purananoorn gebenen ebenso mild sein wie die Strahlen des Mondes.
2. Jh. v. Chr. - Überschütte die Erde mit deinen Wohltaten wie Regen und
2. Jh. n. Chr.
Sangam Epoche vertreibe so die Armut aus deinem Königreich. Mögest du
Tamil noch während vieler Jahre glücklich leben. 201

Roboam begab sich nach Sichern, und die Israeliten kamen


zu ihm, um ihn zu bitten, das Joch, das er ihnen auferlegt
hatte, zu erleichtern. Der König befragte die Ältesten, die
noch bei Salomon gewesen waren, und sie redeten zu ihm

99
Die Macht

also: Wenn du heute ein Knecht bist diesem Volke, und


Hebräische Bibel ihnen dienest, und sie erhörest, und ihnen zuredest mit gu-
Könige 112, 7 ten Worten, so werden sie dir Knechte sein alle Tage. 202

Milde [Der Herrscher] soll die Untergebenen mit Einfachheit füh-


Gerechtigkeit ren, das Volk mit Grosszügigkeit regieren. Die Strafen sol-
len nicht auf die Nachkommen ausgedehnt werden, die Be-
lohnungen sollen die Erben einschliessen. Irrtümer [soll er]
verzeihen, so schwerwiegend sie auch sein mögen; absicht-
liche Verbrechen [soll er] bestrafen, so leicht sie auch
seien. [Er soll] Verbrechen, deren Schwere nicht erfasst
Shu-ching werden kann, als leicht, Verdienste, deren Bedeutung
Konfuzius nicht offensichtlich ist, als gross betrachten. Es ist besser,
zugeschrieben wenn [der Herrscher] Regelverstösse vernachlässigt, als
551-479 V. Chr.
China wenn [er] Unschuldige tötet. 203

Die Dass er arm war und einfach,


eifoideilichen Dass sein Vater und seine Mutter die Ärmsten unter den
Eigenschaften Armen waren, seine Herkunft war unwichtig,
des grossen Was allein zählte, war seine Art zu leben,
Priesters Die Reinheit seines Herzens,
Seine Güte, seine Menschlichkeit...
Die Tapferkeit seines Herzens ...
Aztekische Er beherbergte, sagte man,
Überlieferung
15. Jh. Gott in seinem Herzen,
Mexiko Er war beschlagen in allen Lehren Gottes. 204

Das Reich des Der legendäre Kaisei Japans soll alle Attribute des chine-
Wohlwollens sischen Philosophenkönigs in sich tragen, weil er der
tugendhafte Vater seines Volkes ist:
4. Jahr, Frühling, zweiter Monat, sechster Tag: Der Kaiser
wandte sich mit folgenden Worten an seine Minister: „Ich
bin auf eine hohe Aussichtsterrasse gestiegen und habe
meinen Blick weit schweifen lassen, aber kein Rauch stieg
auf innerhalb unserer Grenzen. Ich habe daraus geschlos-
sen, dass unser Volk arm ist, und dass in den Häusern nie-
mand Reis kocht. Wir haben gelernt, dass zur Zeit der wei-
sen Herrscher des Altertums alle ihrer Tugend Lobeshym-
nen sangen, und dass in jedem Haus das Lied erklang: ,Wie
gross ist unser Glück!' Aber wenn ich heute von oben auf
die hundert Milliarden Menschen niederschaue, habe ich
seit drei Jahren keine einzige Stimme mehr gehört, und der
Rauch aus den Häusern wird immer seltener. Daraus er-
kenne ich, dass die fünf Getreidearten (Hanf, Hirse, Reis,
Weizen oder Gerste, Bohnen - die fünf Getreidearten im
alten China) nicht mehr fruchtbar sind und dass das Volk
grosse Not leidet. Sogar in den inneren Provinzen (Gebiet

110
Tugenden und Pflichten des Heiischeis

um die Hauptstadt, das unter der direkten Herrschaft des


Kaisers steht) gibt es Menschen, die nicht mit dem Nötig-
sten versorgt worden sind - wie schlimm muss es erst in
all den äusseren Provinzen sein."
3. Monat, 21. Tag: Der Kaiser erliess folgendes Edikt:
„Von jetzt an drei Jahre lang soll die Fronarbeit vollständig
aufgehoben sein, um das Volk sich von seinen Mühen er-
holen zu lassen." Von diesem Tag an nützten sich die
Staatstracht und die Schuhe des Kaisers nicht mehr ab, und
man wechselte sie nicht mehr aus. Die warmen Speisen
und heissen Brühen (des Kaisers) wurden weder sauer noch
verdarben sie, und sie wurden nicht mehr erneuert. Der
Kaiser unterwarf sein Herz Beschränkungen und zügelte
seinen Willen, so dass er ohne Hindernis seiner Pflicht
nachgehen konnte. In der Folge fiel die Ummauerung des
Palastes in Trümmer und wurde nicht ersetzt. Wind und
Regen drangen durch die Ritzen und durchnässten Kleider
und Decken. Sternenlicht sickerte durch die verlotterten
Stellen und beschien die Schlafmatten. Von da an folgten
Wind und Regen den jahreszeitlichen Gesetzen; die fünf
Getreidearten trugen Frucht in Hülle und Fülle. Während
dreier Herbste lebte das Volk im Überfluss. Folglich erfüll-
te Lob auf die kaiserliche Tugend das Land, und der Rauch
von den Küchenfeuern war dicht.
Siebtes Jahr, Sommer, 4. Monat, erster Tag: Der Kaiser
stieg auf die Aussichtsterrasse und schaute in weite Ferne.
Viel Rauch stieg auf. An jenem Tag sprach er zur Kaiserin:
„Wir leben jetzt im Wohlstand. Jetzt gibt es nichts, wor-
über wir traurig sein könnten." Die Kaiserin erwiderte:
„Was meint Ihr mit ,Wohlstand'?" Der Kaiser sagte:
„Rauch erfüllt das ganze Land. Das Volk erlangt wie von
selbst den Reichtum." Die Kaiserin sprach wieder: „Die
Ummauerung des Palastes zerfällt, und man kann sie nicht
wiederherstellen. Die Wände der Gebäude sind durchbro-
chen, so dass Kleider und Decken ungeschützt sind. Was
meint Ihr denn mit ,Wohlstand'?" Der Kaiser sprach:
„Wenn der Himmel einen Fürsten einsetzt, tut er dies zum
Wohl des Volkes. Deshalb muss der Fürst das Volk als sein
Fundament ansehen. Folglich beachteten es die Weisen des
Altertums, wenn ein einziger Mensch Hunger hatte oder
fror, und übernahmen dafür die Verantwortung. Jetzt ist
die Armut des Volkes auch unsere Armut und der Wohl-
Nihonshoki stand des Volkes auch unser Wohlstand. Es kommt nicht
8. Jh. vor, dass das Volk arm ist und der Fürst reich." 205

101
Die Macht

Bild eines Er verteilte an alle,


guten Königs An die Jungen wie die Alten,
Beowulf Was Gott ihm alles gab,
episches, angel-
sächsisches Gedicht Nur die Ackerböden der Leute nicht,
8. Jh. Und das Leben der Menschen nicht. 206

Mahnungen an Ihr sollt wissen, dass die Dynastien ihrem Ende zugehen,
die Henschei weil die Untertanen vernachlässigt und ohne bestimmte
Arbeit oder klare Aufgabe gelassen werden. Wenn sich Ar-
beitslosigkeit ausbreitet, beginnen die Leute nachzuden-
ken und sich auf das Wesentliche zu besinnen. Diese we-
sentlichen Dinge werden dann unter verschiedenen Blick-
Ardacher I. winkeln betrachtet, und es bilden sich verschiedene Schu-
(Sassanidenkönig) len. Das erweckt gegenseitige Feindschaft und gegenseiti-
zugeschrieben
3. Jh.
gen Hass, und einig ist man sich nur im einen: im Empfin-
Persien den von Abscheu vor dem König. 20j

Man fragte ihn: „Was dürfen die Untertanen von den Köni-
gen erwarten, und was dürfen die Könige von ihren Unter-
tanen erwarten?"
Er antwortete: „Die Untertanen dürfen vom König er-
König Khosrö I. warten, dass er sie gerecht behandelt, ihnen gibt, was
zugeschrieben ihnen zusteht, die Sicherheit ihrer Strassen und ihre Gren-
Anöcharvän
6. Jh. zen überwacht. Die Untertanen schulden ihren Königen
Persien gute Ratschläge und Dankbarkeit." 208

„Das Der Weise fragte den Geist der Weisheit: „Welches ist der
Schlimmste.. schlimmste der Herrscher. Welches ist der oder die
schlimmste der Führer, der Freunde, der Verwandten, der
Gattinnen, der Kinder und der Länder?"
Der Geist der Weisheit antwortete: „Der schlimmste der
Herrscher ist der, der nicht imstande ist, für Ruhe in sei-
nem Lande und unter seinen Bewohnern zu sorgen. Der
schlimmste der Führer ist der, der unfähig.ist, der denen
gegenüber undankbar ist, die ihn bedienen, und der seine
Untertanen weder unterstützt noch für sie einsteht. Der
schlimmste der Freunde ist der, dem man nicht vertrauen
kann. Der schlimmste der Verwandten ist der, der euch im
Unglück nicht hilft. Die schlimmste der Gattinnen ist die,
mit der man nicht in Freude leben kann. Das schlimmste
Dadistan i Menög der Kinder ist das, welches das Ansehen der Familie nicht
iXrad
3 -7-Jh- stützt. Das schlimmste der Länder ist das, wo es unmög-
Pcrsien lich ist, glücklich und stets ohne Angst zu leben." 209

Die weiseste Die Art, wie die Könige über so grosse Provinzen befahlen
Regierung und und über so weite Ländereien regierten, verdient Beach-
das Wohlbefin- tung. Die Gegend ist äusserst karg und strotzt von Bergen
den des Volkes und verschneiten oder mit Sand bedeckten Vorgebirgen,

102
Tugenden und Pflichten des Heiischeis

ohne Bäume und Wasser. Es brauchte viel Weisheit, die


zahlreichen und durch ihre Sprachen, Gesetze und Religio-
nen so verschiedenen Völker zu regieren, sie alle in Frieden
zu halten und ihnen zu erlauben, sich des Friedens und der
Freundschaft zu freuen. So hatten sie, wenn die Stadt Cuz-
co auch die Hauptstadt ihres Reiches war, wie wir schon
oft erwähnt haben, ihre Abgeordneten und Statthalter in
regelmässigen Abständen eingesetzt. Sie gehörten zu den
weisesten, fähigsten und eifrigsten Männern weit und
breit, und keiner war so jung, dass er sich nicht schon im
letzten Drittel seines Lebens befunden hätte.
In diesen sehr weiten Gebieten erweckten ihre Prinzen
so viel Furcht, dass jedes Volk überwacht und dermassen
gut regiert war, wie wenn der Herrscher selbst anwesend
gewesen wäre, um die zu strafen, die sich anders verhalten
hätten. Grund dieser Furcht waren Tugend und Gerechtig-
keit ihrer Herrscher, denn man wusste, dass bei begange-
nen Fehlern die Strafe den Schuldigen unverzüglich traf,
und dass sie niemand mit Flehen oder Bestechen aufheben
konnte. Die Inkas behandelten ihre Lehensleute immer gut
und Hessen nicht zu, dass man sie belästigte, mit zu hohen
Steuern belastete oder sonstwie quälte, im Gegenteil. Sie
befahlen all denen - und diese waren zahlreich -, deren
Provinzen unfruchtbar waren, und wo die Vorfahren in Not
gelebt hatten, den Boden fett und fruchtbar zu machen,
wobei ihnen das Nötige dazu geliefert wurde. Mangelte es
an Kleidern, weil keine Herden vorhanden waren, ward be-
fohlen, Kleider grosszügig zu verteilen. So verstanden es
die Herren, einerseits ihre Leute richtig einzusetzen und
Pedro Cieza de von ihnen Abgaben zu erhalten, andererseits die Gebiete zu
Leon, spanischer behalten und die sehr einfache Bevölkerung zu bilden und
Chronist in Peru
16. Jh. aus ihrer Not zu befreien. 210

Auszug aus einem langen, persischen Gedicht, das dem


ottomanischen Sultan Soliman Igewidmet ist:

Wie könnte ein Mann, der seinen Tisch mit reichlichen


Speisen belädt, die die Frucht der Arbeit seines Volkes
sind, ein Mann, der bei jeder Mahlzeit Gesottenes und Ge-
bratenes verspeist, wie könnte der sich zerbrochener Her-
zen erbarmen? Kann ein hartes Herz das leiseste Erbarmen
für die lebendig verbrannten Herzen empfinden? Unter der
Regierung eines ungerechten Königs wird das Volk keine
Ruhe und kein Glück finden. Wenn der Wolf Wächter der
Herde geworden ist, wird er den Schafen noch mehr Unheil
bringen. Herzloser Herrscher! Der Bauer hat einen Baum
gepflanzt und gepflegt, damit du dich an seinem Anblick

103
Die Macht

erfreust. Fälle ihn nicht und zersäge ihn nicht, um dir dar-
aus einen Thron zu bauen. Mit den Zähnen die Lippen auf-
zureissen, die eine rosenbaumwüchsige Schöne wie Bal-
sam auf dein wundes Herz drückte, das ist keine Tat, die
Männlichkeit beweisen würde. Welche Freude kann dir ein
Thron bringen, der in der Flut der Tränen Unglücklicher
schwimmt? Ja, du hast das Recht auf einen Teil der Ernte
des Bauern, aber nur unter der Bedingung, dass du ihm dei-
nen Schutz und deine Hilfe gewährst, wann immer ihm
Unglück zustösst. Deine Aufgabe ist es, den Bauern zu ent-
Fuzuli
Türkischer Dichter
schädigen, wenn seine Güter Schaden leiden. Wer könnte
16. Jh. ihn schützen, wenn du ihm selbst Schaden zufügst? 211

Jeder Mensch, sei er vornehm oder arm, ist eine vom Him-
mel geschenkte Seele. Einen Menschen verhungern zu las-
sen, auch wenn es einer der Ärmsten ist, kommt einem
Baigan Ishida unmittelbaren Anschlag auf die himmlische Seele gleich
1685-1744 (...) Wenn das ganze Volk Hungers stirbt, was hat dann ein
Japan
Von der Stadt Herrscher noch für eine Daseinsberechtigung? Der Herr-
und vom Land scher lebt nur für das Volk. 212

Man sagt, die Mächtigen begehen keine Fehler. Aber wenn


sie einen begehen, dann hat er schlimme Folgen.
Türkisches
Sprichwort Die Mächtigen müssen ein Herz haben, das weich ist wie
15. Jh. Wachs. 213

Türkisches Der Padischah soll sich nicht in seinem Palast einrichten,


Sprichwort bevor das Haus [der einfachen Leute] gebaut ist. 214

Gnade Eine grosse Schlacht zwischen ihm und dem Iman Ahmad
fand statt, und der Sehr Hohe Herrscher (Sein Name sei ge-
segnet) krönte den König Claudius mit dem Sieg (Friede sei
mit ihm!). Der Iman Ahmad starb durch die Hand einer der
Diener des Königs. Sie töteten zahlreiche Krieger des Hee-
res der Turkmenen und Leute des Landes von Saad-ed-Din.
Die eine Hälfte der Überlebenden floh mit der Frau des
Iman Ahmad über die Meeresstrasse, und die andere Hälfte
griff Muhammad auf, den Sohn des Iman Ahmad, und über-
gab ihn dem verehrten König Claudius, und sie selber war-
fen sich ihm unterwürfig zu Füssen.
Er aber war gnädig und barmherzig und vergalt das Böse,
das man ihm zugefügt hatte, nicht mit Bösem, sondern tat
Gutes wie ein Wohltäter. Als am eingangs der Erzählung
erwähnten Tag viele Leute sich ihm ergaben, die ihm (per-

114
Tugenden und Pflichten des Heiischeis

sönlich) geschadet hatten oder der Familie seines Vaters


oder seiner Mutter oder den Kirchen in den niederen Gebie-
ten des Königreichs, kamen sie durch seine Gnade und
Barmherzigkeit heil davon, und niemand tat ihnen ein Leid
an. Nicht einmal ein Hund hätte gewagt, sie mit seiner
Zunge zu lecken.
Nur eins geschah: Ein Mann der Truppe der Portugiesen
tötete einen von ihnen, dessen Missetaten zum Himmel
Chronik des schrien, indem er ihn verriet. Dies war jedoch nicht nach
Kaisers Claudius
1.540-1559
dem Willen unseres Königs Claudius. Friede sei mit ihm!
Äthiopien 215

Respekt vor der Keine Bewegung beim Adligen!


Autorität Ehrerbietung und Zurückhaltung sind stets erforderlich bei
Vorgesetzten, Eltern, Führern und bei jedweder Obrigkeit.
Ein Alter bittet nicht um seinen Teil.
Er fragt nicht: „Welches ist mein Teil? Wo ist er?" Man gibt
ihn ihm, ohne zu zögern. Man muss einem alten Manne
die Wünsche von den Augen ablesen. Er darf nicht damit
gedemütigt werden, dass er die Aufmerksamkeit auf sich
lenken muss.
Mongo-
Sprichwort Je älter jemand ist, umso grösser muss der Teil sein, den
Kongo man für ihn aufhebt. 216

Während seiner ganzen Regierungszeit beeilte sich der Kai-


ser nie, jemanden zum Tode zu verurteilen. Wenn jemand
gemordet hatte, und er an ihm das Gesetz vollstreckte, tat
er dies redlich und unparteiisch. Wenn Angehörige eines
Mordopfers den Tod des Mörders verlangten, erkaufte er
dessen Leben mit milden Worten und bezahlte den Blut-
preis auf angemessene Weise. Der auf dem Schlachtfeld ge-
fangengenommene Heide oder Muselman begriff jeweils,
dass er dem Tode entronnen war, im Augenblick, wo er
diesem König vorgestellt wurde.
Er war auch nicht der Mann, der sich sehr auf Fehler an-
derer achtete. Er hörte nicht auf Gerüchte, die über die
Leute verbreitet wurden, er nahm nur ungern Anschuldi-
gungen zur Kenntnis. Er verteilte nicht dauernd Strafen
und war nicht jähzornig. Die Völker achteten seine Ruhe,
ohne dass er seine Stimme erheben musste, und wenn es
vorkam, dass er in Zorn ausbrach, so verrauchte dieser, ehe
die Sonne unterging. Er hasste die Menschen nicht wegen
ihrer Sünden und verachtete den Gerechten nicht.
Er beweinte die Toten, und er tröstete sich in der Hoff-
nung auf ihre Auferstehung. Er bemühte sich, die Nackten
zu kleiden, und er verteilte den Hungernden Brot. Er

105
Die Macht

schöpfte aus der Quelle für die Durstigen, und er verschaff-


te den Verletzten Heilung. Er milderte die Müdigkeit der
Schwachen, er fürchtete den Siegreichen und Sehr Hohen
Herrn und achtete die Menschen.
Er pflückte nicht, was er nicht gepflanzt hatte, erntete
nicht, was er nicht gesät hatte, und sammelte nicht, was er
nicht verbreitet hatte. Während seiner Regierungszeit
wucherte er nicht mit dem Eigentum seines Nächsten und
beschlagnahmte nicht die Felder der andern. Er nahm nicht
Chronik des die Kuh der Witwe und beschlagnahmte nicht den Esel des
Kaisers Waisen. Er half den Kindern des Dürftigen und erniedrigte
Claudius
1540 -1559
die Stolzen. Die Gerechtigkeit blühte unter seiner Regie-
Äthiopien rung, und Friede breitete sich überall aus. 217
Tschechisches
Sprichwort Wo ein Mann viel gilt, da gilt das Volk wenig. 218

Der Herrscher, seine Vermittler


und das Recht auf Gerechtigkeit

Amharischcs Der dürstende Mann geht zum Fluss; das Opfer einer Unge-
Sprichwort
Äthiopien rechtigkeit geht zum König. 21p

Ein wirklich ei Die Worte „Prinz" und „Minister" haben ihren Ursprung
Minister im Dienst an den Menschen. Wenn ich jegliche Pflicht
gegenüber der Menschheit entbehre, habe ich nichts von
einem Prinzen. Wenn ich ihm diene, ohne im Geringsten
an das Wohl der Menschheit zu denken, bin ich nur der
Diener des Prinzen. Wenn mir aber das Interesse des Vol-
Huang Tsoung-hsi kes am Herzen liegt, so bin ich der Mentor und der Mitar-
Ming-i tai-fang lu
17. Jh. beiter des Prinzen. Nur dann darf ich mich wirklich Mini-
China ster nennen. 220

Strafen für Der Kazike, der einen ihm Untertanen Indianer ohne die Er-
Macht- laubnis des Inka tötete, wurde öffentlich bestraft, indem
missbrauch man ihm mit Steinen auf den Rücken schlug, (dieses soge-
bei den Inkas nannte Steinigen galt als sehr entehrend). Anders war es,
wenn der Indianer in schwerer Weise dem Kaziken unge-
horsam gewesen war. Wenn besagter Kazike trotz Zurecht-
weisung und Strafe rückfällig geworden war, so wurde er
mit dem Tode gebüsst. Falls diese Strafe wegen Einspra-
Bernabé Cobo chen und Fürbitten nicht vollstreckt wurde, so enthob der
Historia del Nuevo
Mundo Inka den Schuldigen seines Amtes und setzte jemand ande-
1653 ren ein. 221
106
Der Herrscher, seine Vermittler und das Recht auf Gerechtigkeit

Veiantwoitung Wenn Reisende in einer Herberge beraubt wurden, strafte


der Obiigkeiten man in erster Linie den Kaziken, dem der Dienst der Her-
Bernabé Cobo
Historia del Nuevo
berge unterstellt war, und der Kazike strafte daraufhin
Mundo seine Untergebenen für ihre Nachlässigkeit und Unacht-
1653 samkeit. 222

Der Inka Yupanqui organisierte die Provinzen und Bezirke


folgendermassen: Wenn ein Bezirk seine Abgaben nicht be-
zahlte, die zu bauenden Strassen nicht baute oder irgend
einer andern Verpflichtung nicht nachkam, musste der mit
ihm in Verbindung stehende Bezirk dafür einstehen und
die genannten Verpflichtungen übernehmen. Der Vorste-
her dieses Bezirks hatte den Vorgesetzten des säumigen
Bezirks zu bestrafen. (...)

So wie die Leute, die dem Inka dienten, in den Genuss der
Gunst und vieler Vorteile kamen, so wurde der Vorgesetzte
oder Kazike, der nachlässig und sorglos war, der nicht als
ein gerechter Vorgesetzter für das Wohl aller ihm anver-
trauten Indianer sorgte, augenblicklich seines Amtes ent-
hoben. Man schickte ihn weit weg, seine Schafherde zu
Chronik über die hüten oder ähnliche Arbeiten zu verrichten. Gegen diesen
Herkunft und die
Regierung der Inkas Entscheid konnte er keine Einsprache erheben, da der Inka
ca. 1575 als Herrscher uneingeschränkte Macht genoss. 223

Nachlässigen Wer Nahrung, Kleidung, Geld oder Gold stiehlt, wird aus-
Obrigkeiten gefragt, weil man erfahren will, ob er aus Armut und Not
auferlegte gestohlen hat, und erkennt man, dass dem so ist, wird
Strafen nicht der Dieb bestraft, sondern der, der dafür verantwort-
lich war, ihm das Nötige zu verschaffen. Der Säumige wird
seines Amtes enthoben, weil er nicht für die Bedürfnisse
der Armen aufgekommen war, und weil er keine Liste der
Bedürftigen erstellt hatte. Der Dieb aber bekommt die
Gesetz der Peruaner Nahrung, die Kleider, das Land und das Haus, die er
1594 braucht. 224

Garantie für
Gewichte und
Masse
Bartolome de Las Der Inka erliess in allen seinen Königreichen ein Gesetz
Casas
1474 -1566 zur Einführung von Gewichten und Massen, damit nie-
Altes Volk von Peru mand geschädigt oder betrogen würde. 225

Wenn ein Wenn unter zehntausenden von Männern, die die Ehre ha-
Untergebener ben, sich auf dem Gebiet Ihrer Majestät zu befinden, ein
Hunger hat Bauer, und sei es der geringste, Hungers stirbt oder als
Vagabund das Land verlässt, so ist das ein schwerwiegen-
des Vergehen Ihrer Majestät. Angenommen aber, es falle

107
Die Macht

Ihrer Majestät nicht leicht, selber und eigenhändig zu ver-


walten, und Sie darum Beamte mit dieser Aufgabe betraut,
so kann Ihre Majestät nicht denken, dass eine schlechte
Verwaltung Ihr Vergehen ist. Ihre Untertanen denken das
auch nicht unbedingt. Die Minister wälzen die Verantwor-
tung auf die Vögte ab, diese wiederum auf die kleinen Be-
Kazan Watanabe amten, und man weiss nicht, wer wirklich schuld ist (...)
1793-1841
Japan Man begnügt sich damit, den Schein zu wahren. Es ist
Massnahmen, die zweifellos der Mangel an politischem Interesse Ihrer Maje-
bei einer stät, der zum Schlendrian von Ministern und Hofmeistern
Hungersnot ergriffen
werden müssen geführt hat. 226

Das Recht Des Königs Pflicht, Recht zu sprechen


an den König
Wenn ein favaner glaubt, er sei das Opfer einer Unge-
zu appellieren
rechtigkeit, kann er in letzter Instanz in dieser Sache direkt
an den König gelangen; es ist dies eine Art Bürgerrecht. Der
Bittsteller und sein Gefolge begeben sich an einen be-
stimmten Ort in der Umfriedung des königlichen Palastes,
wo sich zwei grosse Feigenbäume befinden; alle sind in
Weiss gekleidet, in der Farbe des Todes. Diese Zeremonie
nennt man „pepe", was soviel bedeutet wie „sich an der
Sonne aufhalten", (das heisst „des Schattens, des Schutzes
beraubt sein ".)
Dann hat der König die Pflicht, den Bittsteller zu sich
kommen zu lassen und ihn anzuhören. Obwohl dieser
Brauch während vieler Jahrhunderte üblich gewesen sein
musste, findet man ihn nirgends in der javanischen Litera-
turerwähnt, ausser in der folgenden Erzählung:
Der Prinz von Sarabaya bcsass einen Hahn, der zuerst eine Henne gewe-
sen war. Er dachte, dieser aussergewöhnliche Gcschlechtswechsel könnte
den König interessieren, und schenkte ihm den Hahn in einer grossen
Zeremonie. Er erklärte, der Platz eines derart aussergewöhnlichen Tieres
sei im Palast des Königs. Der König von Java, der ein göttliches Wesen ist,
besitzt die Gabe des zweiten Gesichts, unser König wusste daher, dass der
Enkel des Prinzen Surabaya eines Tages sein Nachfolger sein würde, und
er glaubte, die Übergabe dieses Geschenkes bedeute, man wolle ihm weis
machen, dass er sich zurückziehen und dem „neuen Hahn" Platz machen
sollte. Als der Prinz Surabaya weggegangen war, entbrannte der König in
Gegenwart zahlreicher Anwesender in Wut gegen ihn.

Es dauerte nicht lange, bis die Wut des Königs allen be-
kannt war. Pangeran Pekik erfuhr sehr bald davon,- erst war
er erstaunt, dann packte ihn die Angst. Er begab sich daher
in Begleitung seiner Frau und aller seiner Verwandten in
den Süden zum Ort der zwei Feigenbäume,- alle waren
weiss gekleidet. Zur gleichen Zeit verliess der König seine
privaten Gemächer, um auf der Estrade eine Audienz zu ge-
ben: Er hatte vor, dem Sohn seiner Frau Ratu Malang, den
Titel des „pangeran Natabrata" zu verleihen. Als er alle
diese weissgekleideten Leute sah, schickte er jemanden
108
Der Herrscher, seine Vermittler und das Recht auf Gerechtigkeit

hin, um den Grund ihres Hierseins zu erfahren; man be-


richtete ihm, dass die Bittstellenden der Prinz Surabaya,
seine Frau und alle seine Verwandten seien. Ohne zu
zögern, befahl der König, sie auf die Estrade kommen zu
lassen. Pangeran P6kik stieg hinauf, gefolgt von seiner
Frau, die ihn am Ärmel festhielt (das heisst, dass sie Angst
hatte). Die ganze Gefolgschaft war in Trauer gehüllt.
Als der König seinen Onkel und seine Tante sah, stieg er
von seinem Thron und lud sie ein, sich eine Stufe tiefer zu
setzen, (denn sie standen im Rang tiefer als er). Er fragte
sie, warum sie sich der Sonne ausgesetzt hätten. Pangeran
Pekik erklärte bescheiden, dass der Grund der Hahn sei,
den er ihm geschenkt habe, und der Gedanke sei ihm sehr
ferne, irgend etwas damit andeuten zu wollen, dem König
etwas zu verstehen zu geben oder gar einen Aufstand anzu-
zetteln. Das sei ihm fremd. Er habe nie im Sinne gehabt, in
den Lauf der Dinge einzugreifen. Pangeran PSkik und seine
Frau erklärten demütig, der König möge, wenn er nicht die
Güte habe, ihnen zu verzeihen, sie doch bitte gleich zum
Tode verurteilen. Dies sprachen sie unter Tränen. Dann
setzten sie sich gesenkten Hauptes.
Als der König die Worte seines Onkels und seiner Tante
hörte, brach auch er in Schluchzen aus, denn er erinnerte
sich seines verstorbenen Vaters.
Alle, die der Audienz beiwohnten, und die sich in der
Nähe des Thrones befanden, vergossen viele Tränen aus Er-
barmen mit Pangeran Pekik.
Babad Tanah Jawi Darauf sagte der König, seine Tränen trocknend: „Mein
Javanische Ge-
schichtsschreibung Onkel und meine Tante, denkt nicht mehr daran. Ich bin
1626 nicht zornig, und wahrlich, ich verzeihe euch." 22/

Der Schutz der W I R SIND KLEINE SCHNECKEN, DIE HINTER DEM B L A T T


Kleinen durch DER BANANENPALME ZUFLUCHT SUCHEN
die Grossen
„Schau an, mein Enkelkind, ich beobachte deine Hand, die
du lang ausstreckst, dass du Vieh erwerbest und es sich ver-
mehrt. Der Himmelsmensch hilft dir, es zu vermehren, da-
mit es dich gross mache. Du aber plusterst dich am ganzen
Leibe auf und denkst: da ist nichts mehr, das es noch mit
mir aufnehmen könnte. Du schaust auf die Edelinge um
den Häuptling her und denkst: ich bin so gross wie sie!
Hast du es so weit gebracht, so denkst du auch vom Häupt-
linge selber, wenn du ihn siehst: bah! So dass er, wenn er
dich beobachtet, einsieht, dass du alle Welt verachtest.
Und sie sprechen darüber und sagen: der Soundso kennt
niemanden mehr, der ihm überlegen sei. Ein andrer ant-
wortet: hi! kennt er doch nicht einmal mehr den Häupt-
ling! Und der Häuptling spricht: man soll ihm eine Falle

109
Die Macht

stellen und ihn berauben! Da spricht ein andrer: er ist zu


gross dafür geworden. Zieht er mit Kindern und Gesippen
fort, wird das Land wanken. Wenn er nur den Häuptling
nicht verflucht, lass es gut sein, dann bleibe er hier, und
wir wollen ihn beobachten.
Danach kommt eine Krankheit auf deinen Hof und dein
Viehstand geht zugrunde. Ein Viehstand nämlich bedeutet
Wechselfall, mein Enkelkind. Und ist einem Auf und Ab
unterworfen. Dann sitzest du nieder und denkst bei dir:
hm ... was ist es nur mit dieser Sache! Und du seufzest auf.
Wie du das so bedenkest, kommt dir selber eine Krankheit,
du sinkest nieder und lässest Waisenkinder zurück. Die
Sippe aber, die du so gering schätzest, die sagt nun: er war
ein rechter Gewaltmensch und erkannte niemanden mehr
an. Er fahre dahin! Haben sie so gesagt und du hinterlässest
Waisenkinder, da kommt eine Hungersnot. Wenn eine
Hungersnot kommt, die die Leute aufleckt (d. h. ausrottet),
dann sind wir Schneckenkinder, und der Ort, wo wir leben
bleiben, ist hinter der Bananenschaftspreite, wo wir uns
verbergen, und dadurch am Leben bleiben. Willst du be-
greifen, dass wir wirklich wie eine Schnecke sind, dann gib
acht, wenn es heiss wird, im Darrungsmond, denn der
bringt die Hungersnot für die Schnecken, so dass sie ver-
schwinden und du keine findest, wenn du eine suchst.
Spaltest du aber eine Spreite von der Bananenstaude ab, so
findest du ihrer viele dahinter versteckt. Ist aber Regen ge-
kommen und damit das Gedeihen für sie, so kommen sie
ins Freie hervor, so viele ihrer von jener Hitze übrig geblie-
ben sind. Und wir Menschen sind auch wie die Schnecken
und bleiben am Leben bei den Vornehmen, die Häuptlinge
sind. Hinterlässt du ein Waisenkind, wird es der Häuptling
in gleicher Weise an sich nehmen, wie jene Schnecke dort
hinter der Bananenblattspreite am Leben geblieben ist. Der
Häuptling ist die Bananenblattspreite für Menschen. Dar-
um sage ich dir, mein Enkel, wachse nicht zu Rippenstös-
sen auf, dass du dich durch die Leute durchschubsest, so
dass du keinen Herrn über dir erkennst. Stille dich und
erniedrige dich selber. Und deinen Kopf schliesse wohl auf,
damit er Bescheid wisse. Hinterlässest du dann ein Wai-
senkind, so ersieht es sich seinen Bergeort, hinter der
Häuptlingspreite. Der Häuptling bringt das Waisenkind
hoch, und es kommt wieder zur Grösse wie du. Und der
Himmelsmensch wird anderes Vieh wiederbringen, weil
Dschagga-
Überliefenmg sich der Häuptling dahin gehalten hat, da du dich als so
Tansania verständig erwiesest, so dass er dich nicht mied." 228

110
Der Herrscher, seine Vermittler und das Recht auf Gerechtigkeit

Gegenseitiger Sonne und Regen stehlen sich den ersten Platz nicht (für
Respekt das Gedeihen braucht es beide).
und nicht Die Sonne wie der Regen erweisen den Menschen wert-
Rivalität volle Dienste und überhäufen sie mit Gutem: Die Sonne
bringt die trockene Jahreszeit mit ihrem Überfluss an
Fischen, der Regen lässt die Pflanzen gedeihen. Zudem
lösen sie sich regelmässig ab und überlassen sich gegen-
seitig Tage und Jahreszeiten.
Mono-
Sprichwort Gilt allen, die die Autorität anderer achten: So soll es
Tansania gemacht werden. 22p

Zwiegespräch eines marokkanischen Richters (kadi) mit


dem Vertreter des Kalifen:
Der Richter Mohammed Chemsedine ging wie gewohnt
dem neuen Vertreter des Kalifen entgegen, um ihn will-
kommen zu heissen. Dieser war, zusätzlich zu seiner Eh-
rengarde, von einem Trupp Bauern begleitet, die er auf der
Reise gefangengenommen hatte. Mohammed Chemsedine
erkundigte sich alsdann nach dem Schicksal der Gefange-
nen. „Ich habe vor, sie aufzuhängen", antwortete der Ver-
treter des Kalifen. Der Richter fragte ihn, aufgrund welchen
Rechts derartige Handlungen vollzogen würden. „Es sind
Schelme und Menschenmörder", erwiderte der Vertreter
des Kalifen. „Wurde der Beweis ihrer Schuld rechtmässig er-
bracht?" bemerkte der Richter. „Wir brauchen ihn nicht zu
erbringen", erwiderte der Vertreter des Kalifen. „Eine Per-
son ungesetzlich zu töten, das darf in meiner Gegenwart
nicht geschehen. Ihr solltet", fuhr der Richter fort, „in die
Stadt kommen und von Fall zu Fall prüfen, ob die ihnen vor-
geworfenen Freveltaten erwiesen sind. Erst wenn diese ein-
wandfrei bewiesen sind, ist das Todesurteil gerechtfertigt
Kadi Bouliamane und gesetzlich." Der Vertreter des Kalifen fügte sich und
Mounjidine
Alhanbali stimmte der Meinung des Richters bei, der sich zu dieser
14. Jh. Zeit eines grossen moralischen Einflusses erfreute. 230

Wenn ein von mir bezeichnetes Oberhaupt einem mensch-


lichen Wesen gegenüber eine Ungerechtigkeit begeht, und
ich es erfahre und nichts dagegen tue, um sie wieder gutzu-
machen, so bin ich es, der diese Ungerechtigkeit begangen
hat.
Kalif 'Omar Ibn-
El-Khattab Das Opfer eines ungerechten Statthalters soll sich bei mir
7. Jh. beklagen. 231

Gleichberech-
tigung zur
Erreichung Einer, der Aufgaben von Muselmanen, so klein sie auch
öffentlicher sein mögen, einem Mann anvertraut und dabei genau
Ämter weiss, dass es für eben diese Aufgaben eigentlich einen

11
Die Macht

Hadith Würdigeren gäbe, der hat Gott, seinen Propheten und die
(Worte des
Propheten) Gemeinschaft der Gläubigen beleidigt. 232

Bestimmungen Nationales Gesetzbuch des Magnus Erikson, gegen 1350


zum Schutz verfasst:
der Einzelnen
gegen die Der König muss schwören, dass ihm Gerechtigkeit und
Willkür und zur Wahrheit das Höchste ist, dass er sie verteidigen und be-
Verhinderung wahren und Unbilligkeit, Lüge und Ungerechtigkeit be-
der Obrigkeiten, kämpfen will gemäss dem Gesetz und kraft seiner königli-
ihre Rechte zu chen Befugnisse. Er muss schwören, sich seinen Mitbür-
missbrauchen gern treu und ohne Falsch zu zeigen und niemandes Leib
oder Leben anzutasten, weder das eines Reichen noch das
eines Armen, ohne vorher in aller Form eine gerichtliche
Untersuchung durchgeführt zu haben, auch niemanden zu
enteignen, es sei denn, es geschehe in Anwendung des
Gesetzes, und es habe ein rechtmässiger Prozess stattge-
Schweden funden. 233

Verordnung von 1809:

Der König soll ein Diener der Wahrheit und der Gerechtig-
keit sein und Wahrheit und Gerechtigkeit durchsetzen. Er
soll niemanden um sein Leben, seine Ehre, seine Freiheit
und sein Wohlergehen bringen noch dulden, dass es andere
tun. Er soll nicht zulassen, dass jemandem ohne ein streng
nach schwedischen Gesetzen gefälltes Urteil fahrbare Habe
oder unbewegliches Gut weggenommen wird. Er soll Haus-
friedensbruch nicht dulden noch Zwangsumsiedlungen
vornehmen. Er soll die Gewissensfreiheit nicht unterdrük-
ken noch dulden, dass sie unterdrückt wird, im Gegenteil.
Er soll darüber wachen, dass jeder frei seine Religion aus-
üben kann unter der Bedingung, dass die öffentliche Ruhe
und Ordnung nicht gestört wird. Der König soll jeden An-
geklagten durch ein sachkundiges Gericht richten lassen.
Schweden 234

112
Grenzen der Macht
Gegen die Willkür des Prinzen oder
des Staates
Dem Sultan Mulay Ismael:

Ich schreibe Ihnen diesen Brief, weil ich unmöglich länger


schweigen kann. Schon lange sehe ich, dass unser Herr-
scher nach Hinweisen und Ratschlägen sucht, und wie er
wünscht, dass sich Wohlstand und Erfolg einstellen. Des-
halb wollte ich ihm auch einen Brief schreiben, und, will
er ihn berücksichtigen, so sollen ihm die Wohltaten dieser
Welt und die der Ewigkeit zufallen und sein Ansehen zu
ruhmreichen Höhen emporsteigen, so hoffe ich. Und bin
ich nicht würdig genug, Ermahnungen auszusprechen, so
ist unser Herrscher würdig genug, so hoffe ich, sie anzu-
hören und sie uns nicht übel zu nehmen.
Die Erde, das möge er wissen, ist mit allem, was sie um-
fasst, das Reich Gottes, das Reich des Allerhöchsten, der
alleine herrscht. Die Lebewesen sind Seine Diener und
Sklaven. Unser Meister ist einer dieser Sklaven, dem Gott
die Macht über seine Sklaven gegeben hat, um ihn auf die
Probe zu stellen. Wenn er sie mit Gerechtigkeit, Barmher-
zigkeit, Billigkeit und Redlichkeit behandelt, ist er der
Stellvertreter Gottes auf Erden und der Schatten Gottes
über seinen Sklaven: Er geniesst bei Gott einen hohen
Rang. Aber wenn er wie ein Tyrann, ein Unterdrücker hart,
stolz und die Gerechtigkeit missachtend regiert, so lehnt er
sich gegen seinen Meister auf. In seinem Reich ist er bloss
ein unverschämter Thronräuber und setzt sich damit der
ärgsten Strafe und dem Grimm seines Meisters aus. Nun
weiss aber unser Herrscher, was jeden erwartet, der seine
Untergebenen ohne die Zustimmung des Meisters tyranni-
siert und sie zu seinen Sklaven macht, weiss, was sein Los
sein wird am Tag, wo er in Seinen Händen sein wird.
Ein Weiser hat gesagt: „Ein Königreich ist ein Bauwerk,
dessen Fundament das Heer ist. Ist dieses Fundament zu
schwach, stürzt der Bau ein. Es gibt keinen Sultan ohne
Heer, kein Heer ohne Wohlstand, keinen Wohlstand ohne
Gerechtigkeit: Die Gerechtigkeit ist folglich die Grundlage
von allem." Der Philosoph Aristoteles zeichnete für den
König Alexander eine runde, geometrische Figur, auf die er
folgendes schrieb:
„Die Welt ist ein Garten, und die Regierung ist sein
Zaun. Die Regierung ist ein Sultan, den das Gesetz stützt.
Das Gesetz ist eine Verwaltungsgrundlage, die der König
handhabt. Der König ist ein Hirte, den das Heer unter-
stützt. Das Heer ist ein Hilfsmittel, das den Wohlstand

n5
Grenzen der Macht

gewährleistet. Wo Wohlstand herrscht, ordnen sich die


Untertanen. Die Untertanen sind Diener, die vom Gesetz
geleitet werden. Das Gesetz ist ein Gefüge, das die Welt
regiert. Die Welt ist ein Garten usw."
Der Prophet (der Segen Gottes möge ihn begleiten!) hat
gesagt: „Ihr seid alle Hirten, und der Hirte muss Rechen-
schaft ablegen über seine Herde.
Es gibt Menschen, die ungerechterweise Gottes Güter ver-
schwenden; sie werden am Tage des Gerichts das Feuer
kennen lernen; ohne die Hände gebunden zu haben, wird
die Gerechtigkeit es ihnen beibringen; die Ungerechtigkeit
wird sie ins Verderben stürzen."
Unser Meister Ali Ben Abou Taleb (Gott sei zufrieden
mit ihm!) hat gesagt: „Ich sah in Elabtah den Kalifen Omar
auf einem Kamel; ich habe zu ihm gesagt: „Wo gehst du
hin, oh Prinz der Gläubigen?" Er antwortete mir: „Eines
der für die Kollekte bestimmten Kamele ist verschwunden,
ich will es suchen." - „Du willst also alle deine Nachfol-
ger erniedrigen?" sagte ich zu ihm. „Mach mir keine Vor-
würfe", entgegnete er. „Durch den, der Mohammed die
Wahrheit bringen liess (Gott möge für ihn beten!), wird,
wenn das kleinste Zicklein am Euphrat verloren geht, am
Tage des jüngsten Gerichts Omar dafür zur Rechenschaft
gezogen. Der Prinz, der dem Muselman Schaden zufügt,
verdient ebensowenig Achtung wie die Regierung, die un-
ter den Gläubigen Verwirrung stiftet!"
Der Kalif Ali sah ebenfalls einen alten Juden, der an den
Türen bettelte. „Wir haben dir gegenüber nicht Gerechtig-
keit walten lassen", sagte er zu ihm. „Wir haben dich die
Djezia (spezielle von den Juden bezahlte Steuer) entrichten
lassen, solange du jung warst, und jetzt steckst du im Elend
durch unser Verschulden." Und er liess ihm aus der Staats-
kasse bezahlen, was er brauchte, um sich zu ernähren. (...)
Als der Prophet starb (Gott möge ihm seinen Segen und
sein Heil geben!), ernannte er den Kalifen Abu Bakr (Gott
möge mit ihm zufrieden sein!) zu seinem Nachfolger. Die-
ser hatte für den Unterhalt seiner Familie bis anhin auf
dem Markt gehandelt. Als er Kalif war, nahm er das Geld
aus seinem Geschäft und wollte nach seiner alten Ge-
wohnheit auf den Markt gehen. Aber die Ulemas (Weisen)
unter den Begleitern des Propheten hinderten ihn daran;
sie sagten, er habe genug zu tun mit der Regierung und
brauche nicht noch auf den Markt zu gehen, und sie ver-
schafften das nötige Geld für ihn und seine Familie. (...)
Für alle galt ganz genau das gleiche Recht: Er nahm nur
das, was ihm das heilige Gesetz erlaubte, gleich wie die an-
dern. Das war die Regel, an die sich die Kalifen und ihre
Nachfolger hielten.

116
Gegen die Willkür des Prinzen oder des Staates

Unser Herrscher soll sich ein Vorbild nehmen an diesen


Heiligen, statt denen zu folgen, die ihren Leidenschaften
frönen. Er möge in dieser Hinsicht seine Vertrauensleute
befragen: Sidi Mohammed Ben Elhassan, Sidi Ahmed Ben
Said und andere Gelehrte; sie fürchten Gott, aber nicht sei-
nen Tadel. Von all den Dingen die ich genannt oder nicht
genannt habe, macht, was sie befehlen, und tut nicht, was
sie verbieten werden. Dies ist der Weg des Heils, wenn es
Gott gefällt!
Ich bitte den Allerhöchsten, unseren Herrscher wohl be-
hüten zu wollen, ihn zu leiten und zu stärken, auf dass un-
ter seinem Schutz der Wohlstand herrsche im Lande, und
dass er mit seinem Schwert die Tyrannen und die Halsstar-
Brief des Scheich rigen vertreibe.
Hassan All-Youssi
17. Jh. Amen.
Nordafrika Gelobt sei Gott, der Herr der Welt. 235

Der Dichter Wenn du Salomon bist, höre auch ein wenig auf das, was
gegen den die Ameise sagt, überdenke ihre Worte und antworte ihr.
Herrscher Wenn du Herrscher bist, gib dem Volk Wärme wie die
Sonne. Sei wie das Wasser, das fliesst und wie der Wind,
der weht (Wohltäter der Menschen).
Ich kenne jetzt die Irrtümer unserer Zeit. Die Bösen flie-
hen alles Gute. Es gibt Menschen von niedriger Herkunft,
die rücksichtslos Adlige verdrängen und den Ehrenplatz
einnehmen. Die Herrscher regieren nicht mehr gerecht.
Der Mufti lässt sich bestechen. Wisse: Dies sind die
Zeichen für das Nahen des Jüngsten Gerichts. Die Tyran-
nen beginnen gewissenlos alle Grenzen zu überschreiten.
Die Armen werden schlecht behandelt, und ihr Gesicht
ist bleich. Aber die, die den Mächtigen schmeicheln und
Ehre erweisen, haben ein rosiges Aussehen. Die Tyrannen
begegnen den einfachen Leuten voller Hochmut. Sie lassen
Blut am Ende ihrer Geissei spritzen. (...)
Die Kadi (Richter) sind wankelmütig im Urteilen. Sie ge-
ben sich keine Mühe mehr, nachts ihre Bücher zu studieren.
Sie gehen nicht mehr auf dem geraden Weg der Chari'at. Sie
sind ohne Glauben, und die Sinneslust lässt sie entgleisen.

Der Iran und der Turan sind jetzt unter deiner Gewalt, Fet-
dah. Nütze dein Glück! Die gesamten Turkmenen irren in
den Steppen, Fetdah. Hüte dich, auf ungerechte Art Blut zu
vergiessen.
Heute bist du König, morgen ein Bettler, fern von dei-
nem Volk und deinem Land, und du wirst nichts mehr zu
sagen haben. Eines Tages musst du sterben. Du wirst ge-
opfert werden. Du hast viele Sünden auf dich geladen,
Fetdah (...).

H7
Grenzen der Macht

Schrecklich ist die Rache des Volkes: Deine Zukunft


liegt im Dunkeln. Zweifle nicht daran, du wirst entweder
getötet oder in den Kerker geworfen. Glaube ja nicht, dass
man dich am Leben lässt, wenn dein Thron zerstört ist,
denn du hast das Brot der Leute in Gift verwandelt, Fetdah.
Du hast uns von geliebten Menschen getrennt, und sie
sind weinend zurückgeblieben. Unser Stöhnen ist bis zum
Himmelsgewölbe gedrungen. Überall stehen Galgen, an
denen unsere Männer hängen. Wisse, du hast alle Schläch-
ter übertroffen, Fetdah.
Piragi [Pseudonym des Dichteis). Es ist Zeit, sein Leid zu
klagen und mit den andern Mitleid zu haben. Der grausa-
me Fetdah soll mehr als genug bekommen vom Blut, das er
schluckt. Ich selber lebe noch, aber zählt mich schon zu
Magtimguli
18. Jh. den Toten. Wenn er erfährt, dass ich dieses Gedicht ge-
Turkmenistan schrieben habe, wird er mich töten, Fetdah. 236

Gegen die D I E HÄUPTLINGE SIND WIE DER REGEN


Willkür
„Schau an, mein Enkel! Die Häuptlinge sind wie der Re-
der Macht
gen, du weisst den Tag nicht, an dem sie einander hassen.
Wenn du unter der Hitze leidest und deine Pflanzen, die du
gebaut hast, vertrocknen, so fällt an dem Tage, der dem
Himmelsmenschen beliebt, Regen auf die Erde und deine
Pflanzen kommen durch. Und solcherart sind auch die
Häuptlinge. Heute beliebt es ihnen, sich zu verfeinden,
und nächstens erlebst du, dass sie sich zusammen-
schliessen.
Und du triffst es, dass du dich auf den Weg gemacht hast
und zu jenem Häuptlinge gehst. Und mitten inne, während
du von daheim aufbrichst, ereignet es sich, dass sie einan-
der trotzen. Der eine denkt: Gäbe mir doch einer einen
Mann von ihm (in die Hände), den tötete ich, damit er
käme und wir uns miteinander schlagen und offenbar wür-
de, wer Mann und wer Weib ist.
Dort, wohin du gehst, hat der Häuptling sich mit seinen
Männern besprochen und gesagt: lasst uns den Weg sper-
ren, dass er (der andere Häuptling) es merke, zornig werde
und wir uns schlagen.
Hat er das so gesagt, geht einer hin und erzählt es seiner
Frau. Er spricht zu ihr: uns ist aufgegeben worden, wir sol-
len den Weg nach Moschi schliessen zu morgen. Sie fragt
ihn: auf welche Weise sollt ihr den Weg sperren, Vorbru-
der? Er spricht zu ihr: wenn wir einen Mann sehen, der von
Moschi kommt, sollen wir ihn töten. Damit sie wissen,
dass wir mit ihnen Feindschaft haben.
Die Frau denkt: Hä, hä, da könnte doch ein Mensch
kommen, der mit dem Vater den Blutbund schloss oder

118
Gegen die Willküi des Prinzen oder des Staates

mit meinem Schwiegervater und er soll da vielleicht getö-


tet werden. Sie beschliesst: ich geh und schneide Gras am
Wege. Sehe ich jemanden, heisse ich ihn umkehren.
Mensch ist Mensch, ich heisse ihn auf jeden Falle umkeh-
ren, damit er leben bleibt. Und die Frau nimmt ihre Bast-
bänder auf und geht, am Wege Gras zu schneiden. Im Hin-
terhalte aber liegen sie in der Nähe des Häuptlings. Du aber
kommst flott daher und gehst darauf los, wie es dir gefällt.
Und kommst und triffst die Frau beim Grasschneiden. Du
willst vorbeigehen und bist nicht einmal geneigt, sie auch
nur zu grüssen. Sie hebt den Kopf und sieht dich. Und sie
fragt dich: mein Herr, der du auf dem Wege vorübergehst,
von wo bist du, dass du keinen Menschen grüssest? Woher
kommst du, mein Schwiegervater?
Sie aber fragt dich: kennst du wohl das Lehrstück vom
Ostlande, dass du so des Weges vorübergehst?
Wenn du solches hörst, dann denke angestrengt nach,
und der Kopf bringe dir das hervor, was ich dir gesagt habe.
Kehr um auf dem Wege und fliehe, gehe der Frau nicht
nach. Gehst du ihr nach, so bringst du sie in Gefahr, kund
zu werden. Und begegnest du einem andern, den heisse
auch umzukehren.
Schau an, mein Enkel, nachher fallen sie über einen an-
dern her und töten ihn, du aber bist bewahrt geblieben.
Haben sie danach miteinander gekämpft und der eine (von
den Häuptlingen) ist besiegt worden und hat (um Frieden)
gebeten, dann machen sie ihren Frieden miteinander. Und
die Leute gehen wie zuvor hin und her und besuchen einan-
der. Du aber denkst: Schau, schau, ohne die Frau wäre
wohl ich getötet worden. Und dann freuten sie sich ebenso,
nachdem es so sich geordnet hat.
Das bedeutet es, wenn ich dir sage: sie sind wie der
Dschagga-
Überlieferung Regen. Du wärest gestorben, und sie hätten darauf Frieden
Tansania geschlossen. Du aber wärest verloren gewesen." 237

Die Gesetze kommen von dir und ebenso der Krieg.


[Statt Frieden zu stiften führen die Vorgesetzten Krieg mit
ihren Untergebenen. Ihr Wort ist Friede und Ordnung, aber
ihr Geist ist der Geist der Gewalt.
In der Vorstellung der Nkundö soll die Obrigkeit mild
Mongo-Sprichwort und friedlich sein, sie soll die Freiheit achten: väterlich.)
Tansania

Respekt vor Wo der Mensch verleugnet wird, verliert selbst der Teufel
jedem einzelnen seine Rechte. (Aufstand gegen die Ausschreitungen des
Menschen Führers und an ihn gerichtete Verwarnung. Für die Peulh
ist der Führer, der nur Sklaven hat, kein Führer, weil ihm
niemand die Wahrheit zu sagen wagt. Die Macht jedoch ist

119
Grenzen der Macht

ein Zwiegespräch. „Hala" in der Peulhsprache bedeutet


Recht, aber wörtlich auch: Wort, Verb, Logos).
„Führer, wie willst du das Unmögliche vollbringen?"
(Schrei der Empörung Abgeordneter Peulhbauern gegen den
Präfekten der Kolonialepoche. In der Folge ist er zum
volkstümlichen Sprichwort geworden, das gebraucht wird,
Peulh-Sprichwörter um Zwangsarbeiter und beschlagnahmtes Vieh zu verwei-
Afrika gern.) 239

Schlechte Damit der Mensch mein Gesetz ohne Bedingungen an-


Gehoisamkeit nimmt, habe ich ihn auf alle Art erniedrigt, ich habe ihn
sogar gezwungen, mit seiner eigenen Mutter zu schlafen,-
nun aber ist er immer unfolgsamer geworden. Ich begreife
Somalisches
Sprichwort jetzt, dass er mir am besten diente, als ich ihn wie einen
Afrika Bruder behandelte. 240

Gegen die Die Furcht ist keine sichere Leibwache auf lange Zeit: die
Furcht Liebe aber ist ein treuer Beschützer auf ewig. Doch denen,
welche über gezwungene Untertanen, zum Beispiel, Her-
ren, die über ihre Leibeigenen herrschen, mag es vielleicht
erlaubt sein, Strenge und Gewalt zu brauchen, wenn sie
den Gehorsam derselben anders nicht sichern können. In
einem freien Staate aber, von seinen Mitbürgern gefürchtet
werden wollen: das ist Unsinn und Raserei. Gesetzt auch,
dass durch die Übermacht eines Einzigen, die Gesetze auf
eine Zeitlang unterdrückt, die Stimmen der Freiheit zum
Schweigen gebracht worden: so wacht diese doch endlich
wieder auf, und äussert sich entweder durch gewisse Hand-
lungen des Volkes, die als Urteile desselben über seine Be-
herrscher angesehen werden können; oder durch die Stim-
men, die es an den Wahltagen, wider den Willen derselben
erteilt. Denn der Enthusiasmus der Freiheit wirkt heftiger,
wenn sie eine Zeitlang verloren gegangen, als wenn sie un-
gestört geblieben ist. Das also, was von einem so ausgebrei-
teten Nutzen ist, und nicht bloss Sicherheit, sondern auch
Macht und Einfluss gewähren kann, allen liebenswürdig,
niemanden fürchterlich scheinen: das sei unser erster
Wunsch und der vornehmste Gegenstand unseres Bestre-
bens. Hiedurch werden wir sowohl in unsern eigenen als in
Cicero des Staates Angelegenheiten unsre Absichten am leichte-
1 0 6 - 4 3 V. Chr.
Von den mensch- sten erreichen. Wer gefürchtet sein will, muss diejenigen
lichen Pflichten wieder fürchten, denen er fürchterlich ist. 241

Gegen den Hass Lieber zu Grunde gehen als hassen und fürchten, und zwei-
und die Angst mal lieber zu Grunde gehen als sich hassen und fürchten
Nietzsche machen, - dies muss einmal auch die oberste Maxime je-
Der Wanderer und
sein Schatten, 1880 der einzelnen staatlichen Gesellschaft werden! 242

120
Gegen die Willküi des Prinzen oder des Staates

Es ist daher unbestreitbar, und es ist die Grundmaxime des


J.-J. Rousseau gesamten Politischen Rechts, dass die Völker sich Ober-
Diskurs über die
Ungleichheit
häupter gegeben haben, damit diese ihre Freiheit verteidig-
1755 ten, und nicht, damit sie die Völker knechteten. 243

Die „Bill of Rights" (England, 1689), die das Verhalten Jakobs


II. verurteilte, enthielt namentlich die folgenden Artikel:
1. Dass die in Anspruch genommene Befugnis, Gesetze
vorübergehend ausser Kraft zu setzen oder den Vollzug von
Gesetzen zu hemmen, auf blosse königliche Autorität hin,
ohne Zustimmung des Parlamentes, ungesetzlich ist.
2. Dass die in Anspruch genommene Befugnis, von Ge-
setzen zu entbinden oder von der Ausführung von Geset-
zen, auf blosse königliche Ermächtigung hin, wie sie in
jüngster Zeit beansprucht und durchgeführt wurde, unge-
setzlich ist.
5. Dass die Untertanen das Recht der Bittschriften an
den König haben und dass alle Verhaftungen und Verfol-
gungen wegen solcher Bittschriften ungesetzlich sind.
9. Dass Redefreiheit, Debatten und Verhandlungen im
Parlament ausserhalb des Parlamentes nicht zum Gegen-
stand einer Anklage oder einer Untersuchung vor Gericht
oder sonstwo gemacht werden dürfen.
10. Dass übertrieben hohe Bürgschaften nicht gefordert,
ebensolche Geldbussen nicht auferlegt werden dürfen;
ebensowenig dürfen grausame und ungewöhnliche Strafen
verhängt werden.
11. Dass Geschworene ordnungsmässig vorgeladen und
Bill of Rights entlassen werden und dass Geschworene in Hochverrats-
Grossbritannien prozessen Freisassen sein müssen. 244

Gegen den Staat Die zentralisierte Staatsmaschinerie umklammert (um-


strickt) mit ihren allgegenwärtigen und verwickelten mili-
tärischen, bürokratischen, geistlichen und gerichtlichen
Organen die lebenskräftige bürgerliche Gesellschaft wie
eine Boa constrictor. Jedes geringfügige Einzelinteresse,
das aus den Beziehungen der sozialen Gruppen hervorging,
wurde von der Gesellschaft selbst getrennt, fixiert und von
ihr unabhängig gemacht und ihr in der Form des Staatsin-
teresses, das von Staatspriestern mit genau bestimmten
hierarchischen Funktionen verwaltet wird, entgegenge-
Karl Marx setzt. Alle Revolutionen vervollkommneten auf diese Wei-
Bürgerkrieg in
Frankreich se nur die Staatsmaschinerie, statt diesen ertötenden Alp
1871 abzuwerfen. 245

Die wahre Daher war die Kommune nicht eine Revolution gegen diese
Demokratie: oder jene - legitimistische, konstitutionelle, republikani-
die Kommune sche oder kaiserliche - Form der Staatsmacht. Die Kom-

121
Grenzen der Macht

mune war eine Revolution gegen den Staat selbst, gegen


diese übernatürliche Fehlgeburt der Gesellschaft; sie war
eine Rücknahme des eignen gesellschaftlichen Lebens des
Volkes durch das Volk und für das Volk. Sie war nicht eine
Revolution, um die Staatsmacht von einer Fraktion der
herrschenden Klassen an die andre zu übertragen, sondern
eine Revolution, um diese abscheuliche Maschine der Klas-
senherrschaft selbst zu zerbrechen. Sie war keiner jener
zwerghaften Kämpfe zwischen der Klassenherrschaft in
Form der vollziehenden Gewalt und den parlamentarischen
Formen der Klassenherrschaft, sondern eine Revolte gegen
beide dieser Formen, die einander ergänzen, und von denen
die parlamentarische Form nur das betrügerische Anhäng-
sel der vollziehenden Gewalt war. Das Zweite Kaiserreich
war die letzte Form dieser Staatsusurpation. Die Kommune
war die entschiedene Negation jener Staatsmacht.
Die Kommune - das ist die Rücknahme der Staatsgewalt
durch die Gesellschaft als ihre eigne lebendige Macht, an
Stelle der Gewalt, die sich die Gesellschaft unterordnet und
sie unterdrückt; das ist die Rücknahme der Staatsgewalt
Karl Marx durch die Volksmassen selbst, die an Stelle der organisier-
Bürgerkrieg in
Frankreich
ten Gewalt der Unterdrückung ihre eigne Gewalt schaffen;
1871 das ist die politische Form ihrer sozialen Emanzipation. 246

Das Gesetz über oder unter der Macht


Das Gesetz Das Volk muss für sein Gesetz kämpfen gleichwie für seine
iibei der Macht Ringmauern. 247
Heraklit von
Ephesus,
6. Jh. v.Chr.
Ich will die Verbannten nicht zurückführen, oder die, wel-
che zum Tode verurteilt sind, noch die hier sich Aufhalten-
den gegen die bestehenden Gesetze oder Dekrete der athe-
nischen Volksgemeinde und des Rats vertreiben, und dies
weder selbst tun noch es einem andern zulassen. (...)
Ebenso will ich auch wegen meiner Gerichtsbestallung
keine Geschenke nehmen weder in eigner Person noch
wenn es ein andrer oder eine andre für mich mit meinem
Wissen tut unter keinem Vorwand oder sonstigem Kniffe.
Und ich (...) werde beide, den Ankläger wie den Verteidi-
ger, auf gleiche Weise anhören und über eben den Punkt,
auf den die Anklage lautet, meine Stimme abgeben. Dies
Demosthenes schwöre ich bei Zeus, Poseidon, Demeter, und er wünsche,
Reden gegen „dass ihn und sein Haus Verderben treffe, wenn er einen
Androtion und
Timokrates dieser Punkt übertrete, aber Heil und Segen in Fülle, wenn
ca. 353 V . Chr. er' s gewissenhaft halte." 248

122
Das Gesetz über oder unter der Macht

Kuan-tzu
7. Jh. v. Chr. Ändert nie ein Gesetz, um die Launen eines Fürsten zu be-
China friedigen; das Gesetz steht über dem Fürsten. 249

Wenn man nun die verschiedenen Gestalten des bürger-


lichen Regiments, abgesehen von den jeweiligen Umstän-
den, miteinander vergleicht, so dürfte es nicht leicht zu
entscheiden sein, welche den grösseren Nutzen bringt - so
gleich sind die Bedingungen, unter denen sie miteinander
im Wettbewerb stehen. Gar leicht kann das Königtum in
Tyrannei abgleiten, nicht viel schwerer entartet die Macht
der Vornehmsten zur Parteiherrschaft weniger, bei weitem
am leichtesten aber kommt es von der Volksherrschaft
zum Aufruhr.
Und wie ich gerne zugebe, dass es keine glücklichere Art
der Regierung gibt als die, wo die Freiheit die gebührende
Mässigung erfährt und in rechter Weise auf beständige
Dauer eingerichtet ist, so halte ich auch die für die glück-
lichsten, denen es erlaubt ist, diesen Zustand zu geniessen,
und gebe zu, dass sie nichts tun, was ihrer Pflicht nicht
entspräche, wenn sie sich wacker und beständig bemühen,
ihn zu bewahren und aufrechtzuerhalten. Ja, die Obrigkei-
ten müssen mit höchster Anstrengung danach streben,
dass sie es nicht zulassen, dass die Freiheit, zu deren Be-
schützern sie eingesetzt sind, in irgendeinem Stück gemin-
dert, geschweige denn verletzt wird.
Wenn es gefallen hat, Könige über die Königreiche, Räte
und Ratsherren über die freien Gemeinwesen zu stellen, so
Calvin ist es unsere Pflicht, uns allen denen gegenüber, die er über
Christliche
Institution die Orte gesetzt hat, an denen wir leben, gehorsam und
1541 untertänig zu erweisen. 250

A. F. Modrzewski Es geziemt also, dass das Gesetz über die Könige und über
Polen alle Magistraten herrscht, damit sie sich gegen die Leiden-
De republica
emendanda schaften der Seele wappnen, dass sie sich daraus eine Regel
I55I machen, um sich selbst und die Völker zu regieren. 251

Wenn die Verwaltung sich in Übermässigkeiten verirrt,


despotisch und tyrannisch wird und Recht und Freiheit des
Volkes missachtet, ist es die Aufgabe der Gesetze, sie zu-
rechtzuweisen und sie in die Geleise der Gerechtigkeit zu-
rückzuführen. Die Einführung der „Magna Charta" in Eng-
land und die amtliche Bekanntmachung der Rechte des
Menschen und Bürgers zur Zeit der Revolution in Frank-
reich sind schöne und berühmte Beispiele. Was in den Lüf-
Tsukasa Okamura ten über dem japanischen Volke schwebt, um ihm als Re-
1866 -1922 gel und Vorbild zu dienen, und es vor dem Zusammen-
Japan
Gesetzes- bruch und der Verderbtheit zu schützen, ist ohne Zweifel
bestimmung die Tugend der Gesetze. 252

123
Grenzen der Macht

Das Gesetz, Dass dei Mensch, der den Gerechtigkeitssinn besitzt, Herr
Instrument des Gesetzes selbst sei:
der Macht DER FREMDE: Offenbar gehört doch die Gesetzgebung
irgendwie zu der königlichen Kunst; am besten ist es in-
des, wenn nicht die Gesetze stark sind, sondern der
Mann, der die königliche Kunst mit Vernunft ausübt.
Weisst du, wieso?
DER JÜNGERE SOKRATES: Wieso meinst du?
DER FREMDE: Weil ein Gesetz wohl niemals in der Lage ist,
genau das zu enthalten, was für alle gleichzeitig am be-
sten und am gerechtesten ist, und so die geeignetsten
Vorschriften zu erlassen. Denn die Ungleichheiten der
Menschen und ihrer Handlungen und die Tatsache, dass
sozusagen nichts von den menschlichen Dingen je einen
ruhigen Bestand hat - das alles lässt nicht zu, dass auf
irgendeinem Gebiet etwas Einfaches für alle Fälle und
für alle Zeit als die gültige Kunst erscheinen kann. Das
geben wir doch zu?
DER JÜNGERE SOKRATES: Einverstanden.
DER FREMDE: Und nun sehen wir doch, dass das Gesetz ge-
rade diesen Anspruch erhebt, so wie ein selbstsicherer
und ungebildeter Mensch, der niemanden irgend etwas
gegen seine Anordnung tun und niemanden eine Frage
stellen lässt, auch dann nicht, wenn einer auf etwas
Neues kommt, das zwar besser ist, das aber der Vor-
schrift zuwiderläuft, die er selbst erlassen hat.
DER JÜNGERE SOKRATES: Richtig, genau so, wie du jetzt
gesagt hast, verfährt das Gesetz mit uns allen.
D E R FREMDE: Und zu dem, das niemals einfach ist, kann
Plato
429 - 347 v. Chr. doch das nicht passen, das in jedem Fall einfach ist.
Der Staatsmann DER JÜNGERE SOKRATES: Wahrscheinlich nicht. 253

Gesetze (fa) stellen sich nicht von selber auf, und die
Regeln der Billigkeit (lei) wenden sich nicht von selber an.
Vielmehr kommen beide (die ,fa' und die ,lei') nur in An-
wendung, wenn sie „ihren Mann" finden und ohne ihn
bleiben sie wirkungslos. Die Gesetze sind der keimhafte
Beginn der öffentlichen Ordnung, die Edlen aber der Ur-
sprung der Gesetze.
Wenn also Edle da sind, dann ist die Garantie gegeben,
dass die Gesetze, selbst wenn sie lückenhaft sind, allge-
mein zur Geltung kommen. Sind aber keine Edlen da, dann
bringen die Gesetze, wenngleich sie lückenlos vollständig
Hsün-tzu wären, doch unter Garantie öffentliche Unordnung, weil
3. Jh. v. Chr. sie früher oder später ohne Anwendung bleiben und nicht
China
Der Weg für den je veränderten Situationen angepasst (ying) werden
Herrscher können. 254

124
Das Gesetz über oder unter der Macht

Hsün-tzu, 3. Jh. Gesetze und Ordnung sind blosse Instrumente des Regie-
v. Chr., China
Biographie des rens, sie sind nicht die Quelle von Reinheit oder Unrein-
Tung Chung-shu heit einer Regierung. 255

Der Thron und D I E FREIHEIT (Ode)


das Gesetz Heb dich von meinem Aug' hinweg,
Du schwache Fürstin von Cythere!
Oh, komm zu mir, Tyrannenschreck,
Auf dass ich deine Stimme höre!
Oh, komm, du stolze Sängerin,
Zerbrich die allzu sanfte Leier -
Lass singen mich der Freiheit Feuer,
Auf Thronen strafen feigen Sinn.
O weh! wohin der Blick sich kehrt,
Er trifft nur Ketten, Fesseln, Bande,
Das Ohr nur Schmerzenslaute hört,
Gesetzes Glück wird Schmach und Schande,
Es triumphiert die rauhe Kraft,
Die Finsternis, der Aberglaube,
Der freie Mensch, er wird zum Raube
Der Ruhmsucht und der Leidenschaft.
Und nur in jenes Fürsten Land
Hörst nimmer du des Volkes Weinen,
Wo heil'ge Freiheit man verstand,
Mit den Gesetzen zu vereinen,
Dort, wo ihr Schutz der Willkür wehrt,
Wo freie, gleiche Bürger schalten,
Und wo Gerechtigkeit lässt walten
Ihr unparteiisch strenges Schwert.
Und das Verbrechen wird erkannt,
Und Strafe muss er dort erlangen,
Wo frei ist der Gesetze Hand
Von Goldgier oder feigem Bangen.
Ihr Herrscher! Krone, Macht und Reich
Ward vom Gesetze euch gegeben.
Ihr mögt euch übers Volk erheben,
Doch das Gesetz steht über euch.
(Nachdem er die Verurteilung von Ludwig XVI. und den Mord am Zaren
Paul in Erinnerung gerufen hat, schliesst der Dichter folgendermassen:)
Ihr Fürsten nehmt die Lehre wahr,
Denn weder Strafe noch Belohnung,
Und kein Gefängnis, kein Altar,
Kann euch gewähren Schutz und Schonung.
Lenkt durch Gesetze euer Land,
Und hoher Ruhm ist euch beschieden,
Puschkin Der Völker Freiheit, Glück und Frieden
1799-1837 Ist eurer Herrschaft Unterpfand. 256

125
Grenzen der Macht

Bedingte Unterwerfung, unantastbares Gewissen


Gegen die Antigone verweigert dem Herrscher, Kreon, den Gehorsam, der verboten
hatte, ihrem Bruder ein Grab zu richten.
königliche
Macht, die
KREON. D U aber sag mir - nicht des längern, kurz und klar
absolute
Forderung
Hast du gewusst von dem Erlass, der dies verbot?
ANTIGONE. Wie sollt ich das nicht wissen? Es war allbe-
kannt.
KREON. Und gleichwohl überschrittest trotzig dies Gesetz?
ANTIGONE. War es doch Zeus nicht, der mir das verkünden
liess,
Noch hat das Recht der Toten, das im Hades thront,
Solch ein Gesetz den Menschen jemals aufgestellt,
Noch, wähnt ich, hätten deine Gebote solche Macht,
Dass ungeschriebne, unverneinbare von je
Der Götter überbieten könnt ein Sterblicher.
Nicht erst von heut und gestern, nein, von Ewigkeit
Stehn die in Kraft, und keiner weiss den Tag, seit wann.
Diese zu brechen, soll mich keines Menschen Wahn
Einschüchtern, - um zu büssen dann vorm Richterstuhl
Der Götter! Dass ich sterben muss, wusst ich das nicht
Auch ohne die Verordnung? Wenn ich vor der Zeit
Nun sterben werde, o, das nenn ich noch Gewinn.
Denn wer, umringt von tausend Übeln, so wie ich,
Dahin lebt, was wohl wäre der Tod ihm als Gewinn?
So ist's, wird dieses Schicksal mir, ja kaum für mich
Ein grosser Schmerz. Doch hätt' ich meiner Mutter Sohn,
Der starb, als unbegrabnen Leichnam auf dem Feld
Gelassen, das, das müsste schmerzen. Dies schmerzt
nicht.
Sophokles
5. J h . v . Chr. Wenn, was ich tue, eitel Torheit dich bedünkt,
Antigone Dann mag ein Tor wohl meiner Torheit Richter sein. 257

Gegen das Das Wort Recht hat ebenso wie das Wort Gesetz einen
natürliche eigentlichen Sinn und einen metaphorischen. Das Recht
Recht, die im eigentlichen Sinne ist das Produkt des Gesetzes im
gesetzliche eigentlichen Sinne: die wirklichen Gesetze geben den
Forderung wirklichen Rechten das Dasein. Das natürliche Recht ist
das Geschöpf des natürlichen Gesetzes; es ist eine Meta-
pher, die ihren Ursprung von einer andern Metapher her-
leitet.
Das Natürliche im Menschen sind Vermögen, Fähigkei-
ten: diese Vermögen, diese Fähigkeiten aber natürliche
Rechte nennen, heisst ebenfalls die Sprache mit sich selbst
in Widerspruch bringen: denn die Rechte sind bestimmt,

126
Bedingte Unterwerfung, unantastbares Gewissen

die Ausübung der Vermögen und der Fähigkeiten zu


sichern. Das Recht ist die Garantie, die Fähigkeit der
Gegenstand der Garantie. Wie kann man einander ver-
stehn, wenn man zwei so verschiedene Dinge mit dem-
selben Worte bezeichnet.
Das wirkliche Recht braucht man immer in einem ge-
setzmässigen, das natürliche oft in einem gesetzwidrigen
Sinne. Wenn man zum Beispiel sagt: dass das Gesetz nicht
gegen das natürliche Recht gehen könne; so braucht man
das Wort Recht in einem über dem Gesetze stehenden Sin-
ne: man erkennt ein Recht an, welches das Gesetz angreift,
es umwirft und vernichtet.
In diesem gesetzwidrigen Sinne ist das Wort Recht der
grösste Feind der Vernunft und der furchtbarste Zerstörer
der Regierungen.
Man kann nicht mehr die Sprache der Vernunft mit Fa-
natikern führen, die mit einem natürlichen Recht bewaff-
net sind, das jeder versteht, wie es ihm gefällt, das jeder an-
wendet, wie es ihm ratsam scheint, wovon er nichts aufge-
ben, nichts ausnehmen kann, das unbeugsam und zugleich
unverständlich ist, das ihm heilig wie ein Glaubensartikel
erscheint, und wovon man sich nicht, ohne ein Verbrechen
zu begehn, entfernen darf. Statt die Gesetze hinsichtlich
ihrer Wirkungen zu prüfen, statt sie hienach für gut oder
für schlecht zu erklären, betrachten diese Fanatiker sie nur
im Verhältnis mit ihrem vorgeblichen natürlichen Recht,
d.h. sie setzen an die Stelle der Aussprüche der Erfahrung
alle Chimären ihrer Einbildungskraft.
Es ist dies nicht ein unschuldiger Irrtum,- er schleicht
sich aus dem Gebiet der Spekulation in die Praxis. „Man
muss nur den Gesetzen gehorchen, die mit dem Naturge-
setz übereinstimmen, alle andern sind nichtig, und man
muss ihnen widerstehn. Sobald die natürlichen Rechte an-
gegriffen werden, muss jeder brave Bürger entflammt sein,
sie zu verteidigen. Diese durch sich selbst einleuchtenden
Rechte bedürfen keines Beweises,- es genügt, sie auszuspre-
chen. Wie die Evidenz beweisen? Der blosse Zweifel gibt
einen geistigen Mangel oder einen Fehler der Seele kund
usw."
Damit man mich aber nicht beschuldige, dass ich auf-
rührische Maximen diesen politischen Schwärmern an-
dichte, will ich eine Stelle aus Blackstone buchstäblich an-
führen; und ich habe Blackstone gewählt, weil er von allen
Schriftstellern die grösste Achtung vor dem Ansehn der
Regierungen gezeigt hat. (i. Comm. p. 42) Von den vorgeb-
lichen Naturgesetzen und den Gesetzen der Offenbarung
redend, sagt er: „Man darf nicht dulden, dass die mensch-
lichen Gesetze diesen widersprechen: wenn ein mensch-

127
Grenzen der Macht

liches Gesetz uns etwas durch die natürlichen Gesetze Ver-


botenes geböte, so wären wir verbunden, dieses mensch-
liche Gesetz zu überschreiten usw."
Ist dies nicht allen Fanatikern die Waffen in die Hand
geben gegen alle Regierungen? Würde nicht bei der unendli-
chen Verschiedenheit der Ideen über das natürliche und
göttliche Gesetz jeder einen Grund finden, allen mensch-
lichen Gesetzen sich zu widersetzen? Gibt es einen einzi-
gen Staat, der sich einen Tag zu erhalten vermöchte, wenn
jeder sich in seinem Gewissen verbunden glaubte, den Ge-
setzen zu widerstehn, wofern sie seinen individuellen
Ideen über das natürliche und das offenbarte Gesetz nicht
entsprächen?
Die Nützlichkeit, die häufig falsch angewendet, in
einem engen Sinne verstanden worden, die ihren Namen
Verbrechen geliehen, hatte der ewigen Gerechtigkeit ent-
gegen geschienen, sie war tief herabgewürdigt worden, und
es bedurfte des Mutes, sie wieder zu Ehren zu bringen und
die Logik auf ihre wahren Grundlagen zurückzuführen.
Ich habe mir einen Vergleich mit den Anhängern des
natürlichen Rechtes erdacht. Wenn die Natur dies oder
jenes Gesetz gegeben hat, so müssen die, welche es mit so
vieler Zuversicht anführen, welche bescheiden seine Aus-
legung auf sich genommen haben, doch wohl denken, dass
Bentham sie Gründe gehabt habe, es zu geben. Wäre es nun nicht
Grossbritannien sicherer, überzeugender, kürzer, uns gradezu diese Gründe
Prinzipien der
Gesetzgebung
anzugeben, als uns den Willen dieses Gesetzgebers, als an
1789 sich selber eine Autorität bildend, vorzustellen? 258

Grenzen der Ratschläge an die Herrscher


Autorität
Wisst, dass eure Gewalt nur die Körper eurer Untertanen
beherrscht, und dass die Könige keine Macht haben über
Dem sassanidischen die Herzen! Wisst, ihr könnt über den Besitz der Menschen
König Ardacherl.
3. Jh. herrschen, aber ihren Geist werdet ihr nie beherrschen!
Persien

Nichiren Ich habe die Ehre, in Ihrem Königreich geboren zu sein.


Japan
Senji Shö Mein Körper gehorcht Ihrer Exzellenz, nie aber meine
1275 Seele. 260

So kam einst jemand vor Raba und erzählte ihm: Der Be-
fehlshaber meines Wohnorts befahl mir, jenen zu töten,
sonst tötet er mich. Dieser erwiderte: Mag er dich töten, du
Talmud aber begehe keinen Mord; wieso glaubst du, dass dein Blut
Yoma VE!, V röter ist, vielleicht ist das Blut jenes Menschen röter. 261

128
Bedingte Unterwerfung, unantastbares Gewissen

Absetzung des Bei den Dominikanern ist vorgesehen, dass der lokale oder
kirchlichen provinzielle Vorgesetzte nach der Halbzeit seines Manda-
Vorgesetzten tes alle vereinigt, die ihn gewählt haben.
In diesem Rat wird man in geheimer Abstimmung ent-
Ordensregel der
Dominikaner scheiden, ob der Provinzial in seiner Funktion bestätigt
Art. 469,1283 oder entlassen werden soll. 262

Der lebensläng-
lich ernannte
Ordensober- Falls der Ordensgeneral sich schwerer, klar bewiesener
general kann Fehler schuldig macht, was Gott in seiner Güte verhindern
abgesetzt möge, hat die Gemeinschaft die Pflicht, an die göttliche
werden Ehre und das Wohlergehen aller zu denken und ihn abzu-
Abriss der setzen oder gar zu entlassen. 263
Gesellschaft Jesu
1689

Der Gehorsam Was die Brüder anbelangt, die durch ein Gelübde gebunden
ist nicht sind, sei daran erinnert, dass sie für Gott auf ihren eigenen
unbedingt Willen verzichten. Ich empfehle ihnen auch ausdrücklich,
ihren Ordensdienern in allem zu gehorchen, was sie zu be-
folgen Gott versprochen haben, wenn es nicht im Gegen-
satz zu ihrem Gewissen und zu unserer Ordensregel steht.
Und, wo immer die Brüder sich befinden, sollen und kön-
Ordensregel des nen sie sich an ihre Ordensdiener wenden, wenn sie mer-
heiligen Franz
von Assisi
ken, dass sie sich nicht im richtigen Geiste an die Ordens-
Kap. X, 1223 regeln halten. 264

Verfassung der Bei allem, was ehrlich und zulässig ist, gehorchen, schlicht
besohlten
Karmeliter und ohne Widerspruch, schnell und ohne Zögern, fröhlich
Kap. XII, und nicht aus bitterer Notwendigkeit. 26s
1636 -1637

Unsere Brüder schulden den Obern Gehorsam in allen Din-


gen, die in Bezug zu der Ordensregel und den Verfassungen
stehen. (...) Wir sind nicht gehalten zu gehorchen, viel
besser noch, wir können nicht gehorchen, wenn es sich um
Ordensregel der
Dominikaner eine Tat handelt, die im Widerspruch zu den Befehlen Got-
Art. 544 tes, der Kirche oder der Ordensregel steht. 266

Verfassung der
Gesellschaft Jesu Der Gehorsam wird nur da verlangt, wo nichts Sündiges zu
1556 finden ist. 267

129
Grenzen der Macht

Grenzen des Es sei dann, dass ich durch die Gezeugnuss der Geschrift
Gehorsams oder durch scheinbarliche und merkliche Ursachen über-
gegenüber wunden werde (dann ich glaub weder dem Papst noch den
kirchlicher Concilien, allein so es am Tag liegt, dass dieselben zu
Autorität mehrmalen geirrt und wider sich selber geredt haben); es
sei dann auch Sach, dass ich überwunden werd durch die
Geschrift, so von mir geführt und geschrieben seind, und
dieweil mir mein Gewissen begriffen ist in den Worten
Gottes: so mag ich noch will kein Wort nit corrigirn oder
widerruefen, dieweil wider das Gewissen beschwerlich
Luther
Reichstag zu
und unheilsam zu handeln, auch gefährlich ist. Gott
Worms 1521 kumm mir zu Hilf, Amen! Da bin ich. 268

Grenzen des Es gibt keinen andern Willen als denjenigen des alleinigen
Gehorsams den Gottes, der ewig und unumstösslich bleiben möge, Regel
Prinzen aller Gerechtigkeit. Nur ihm allein sollen wir gehorchen,
gegenüber ohne Ausnahme. Was den Gehorsam den Prinzen gegen-
über anbetrifft: Wenn sie die Stimme Gottes in ihren
Befehlen vermittelten, wären wir auch gehalten, ohne Aus-
nahme ihnen zu gehorchen, wie Gott, aber da zu oft das
Gegenteil der Fall ist, muss diese Bedingung hinzugefügt
werden, vorausgesetzt, dass sie nicht Unreligiöses oder
Unbilliges befehlen. Ich nenne unreligiöse Befehle solche,
die anordnen zu tun, was die erste Gesetzestafel Gottes
Theodor von Beze
verbietet, oder die das verbieten, was diese befiehlt. Ich
Frankreich nenne unbillige Befehle solche, denen man nicht gehor-
Vom Recht der chen kann, ohne zu tun oder zu unterlassen, was jeder sei-
Magistraten und
ihrer Untergebenen nem Nächsten schuldet, je nach Berufung, öffentlich oder
1581 privat. 269

Der Lohn einer gottgefälligen Handlung ist eine gottgefälli-


Talmud ge Handlung, und der Lohn einer Übertretung ist eine
Avoth 4 Übertretung. 270

Die Wenn es ebenso leicht wäre, die Geister wie die Zungen zu
Unan tastbarkeit beherrschen, so würde jeder in Sicherheit regieren, und
des persönlichen eine Gewaltherrschaft könnte es nicht geben. Dann würde
Urteils ja jeder einzelne nach dem Sinne der Regierenden leben
und bloss nach ihrem Entscheid sein Urteil über Wahr und
Falsch, Gut und Böse, Gerecht und Ungerecht richten. Es
ist ganz unmöglich, dass der Geist unbedingt dem Rechte
eines anderen verfällt; denn niemand kann sein natürliches
Recht oder seine Fähigkeit frei zu schliessen und über alles
zu urteilen auf einen anderen übertragen, noch kann er zu
einer solchen Übertragung gezwungen werden. Darum also
wird eine Regierung als Gewaltherrschaft angesehen, wenn
sie sich auf die Geister ausdehnt, und die höchste Majestät
scheint den Untertanen ein Unrecht zuzufügen und sich

130
Bedingte Unterwerfung, unantastbares Gewissen

ihr Recht anzumassen, wenn sie vorschreiben will, was je-


der als wahr annehmen und was er als falsch verwerfen soll
und ferner welche Ansichten den Sinn jedes einzelnen mit
Ehrfurcht gegen Gott erfüllen sollen. Das gehört zum
Recht jedes einzelnen, das niemand, auch wenn er wollte,
abtreten kann.
Ich gebe zu, dass das Urteil auf mannigfache und beinahe
unglaubliche Weisen voreingenommen werden kann, so
zwar, dass einer nicht unmittelbar unter der Herrschaft
eines anderen zu stehen braucht und doch so von seinem
Wink abhängig ist, dass man mit Recht von ihm sagen
kann, er unterstehe dem Rechte dieses anderen. Soviel
auch die Geschicklichkeit hierin zu leisten vermag, noch
nie ist es doch so weit gekommen, dass die Menschen
nicht irgendwann einmal die Erfahrung gemacht hätten,
dass jeder an seinem Sinne genug hat, und dass die Ansich-
ten so verschieden sind wie der Geschmack. (...)
Mögen also die höchsten Gewalten auch noch so sehr ein
Recht auf alles besitzen und als Ausleger des Rechtes und
der Frömmigkeit gelten, so werden sie es doch nie dahin
bringen, dass die Menschen darauf verzichteten, nach ih-
rem Sinne über die Dinge zu urteilen und sich dabei bald
diesem, bald jenem Affekte hinzugeben. Allerdings ist es
wahr, dass sie das Recht haben, jeden, der nicht unbedingt
in allem mit ihnen übereinstimmt, als Feind zu betrach-
ten, aber es handelt sich hier ja nicht um ihr Recht, son-
dern um die Frage, was vorteilhaft ist. Ich gebe zu, dass sie
das Recht haben, in der gewalttätigsten Weise zu regieren
und die Bürger aus den geringfügigsten Gründen hinrichten
zu lassen; aber es wird niemand behaupten, dass dies dem
Urteil der gesunden Vernunft gemäss sei. (...)
Aus den oben dargelegten Grundlagen des Staates folgt
ganz offenbar, dass der letzte Zweck des Staates nicht ist zu
herrschen, noch die Menschen in Furcht zu halten oder sie
fremder Gewalt zu unterwerfen, sondern vielmehr den ein-
zelnen von der Furcht zu befreien, damit er so sicher als
möglich leben und sein natürliches Recht zu sein und zu
wirken ohne Schaden für sich und andere vollkommen be-
haupten kann. Es ist nicht der Zweck des Staates, die Men-
schen aus vernünftigen Wesen zu Tieren oder Automaten
zu machen, sondern vielmehr zu bewirken, dass ihr Geist
und ihr Körper ungefährdet seine Kräfte entfalten kann,
dass sie selbst frei ihre Vernunft gebrauchen, und dass sie
nicht mit Zorn, Hass und Hinterlist sich bekämpfen, noch
feindselig gegeneinander gesinnt sind. Der Zweck des Staa-
tes ist in Wahrheit die Freiheit. (...)
Gesetzt aber, diese Freiheit könnte unterdrückt und die
Menschen könnten so eingeschränkt werden, dass sie

131
Grenzen der Macht

nicht zu mucken wagten ohne Erlaubnis der höchsten Ge-


walten, so wird es doch sicherlich niemals dahin kommen,
dass sie auch bloss so denken, wie die höchsten Gewalten
es wollen. Die notwendige Folge wäre also, dass die Men-
schen Tag aus Tag ein anders redeten, als sie dächten, und
damit würde Treu und Glaube, die dem Staate doch so nö-
tig sind, aufgehoben und die verächtlichste Heuchelei und
Treulosigkeit grossgezogen, die Quelle jeden Betrugs und
Spinoza der Verderb aller guten Sitten. Aber weit entfernt, dass
Theologischer- wirklich alle nur nach der Vorschrift redeten, würden die
politischer
Traktat
Menschen gerade um so hartnäckiger auf der Redefreiheit
1670 bestehen, je mehr man sie ihnen zu nehmen trachtete. 2/1

Die individuellen Rechte, die auch als natürlich primitiv,


Pimenta Bucno
absolut, vorrangig oder persönlich bezeichnet werden, sind
Brasilien Fähigkeiten, moralische Vorrechte, die die Natur dem
Kommentare zur Menschen als einem intelligenten Wesen verleiht; sie sind
kaiserlichen
Verfassung von sein Besitz, ein Teil seiner Persönlichkeit, der unbedingt
1824 zum Wesen des Menschen gehört. 2/2

Konstitutionelle Nun sind die konstitutionellen Garantien eine Sache und


Rechte und die Rechte, deren Garantien zum Teil die Verhältnisse der
Garantien politischen und juristischen Sicherheiten vermitteln, eine
andere. Die Rechte sind Aspekte, sind Ausdruck der
menschlichen Persönlichkeit und seiner eigenen Existenz,
seiner Situation innerhalb der Gesellschaft oder in Bezug
Rui Barbosa zu deren Individuen. Die Verfassungsgarantien sind „stric-
Brasilien to sensu" die schützenden Feierlichkeiten, mit denen das
Kommentare zur
Republikanischen Gesetz gewisse Rechte umgibt gegen die Missbräuche der
Verfassung von 1891 Macht. 273

Gegen die Gegen seinen eigenen Zweck gehalten, ist die Gesetzge-
Institutionen bung des Lykurgus ein Meisterstück der Staats- und
von Sparta Menschenkunde. Er wollte einen mächtigen, in sich selbst
gegründeten unzerstörbaren Staat; politische Stärke und
Dauerhaftigkeit waren das Ziel, wonach er strebte, und
dieses Ziel hat er so weit erreicht, als unter seinen Um-
ständen möglich war. Aber hält man den Zweck, welchen
Lykurgus sich vorsetzte, gegen den Zweck der Menschheit,
so muss eine tiefe Missbilligung an die Stelle der Bewunde-
rung treten, die uns der erste flüchtige Blick abgewonnen
hat. Alles darf dem Besten des Staats zum Opfer gebracht
werden, nur dasjenige nicht, dem der Staat selbst nur als
ein Mittel dient. Der Staat selbst ist niemals Zweck, er ist
nur wichtig als eine Bedingung unter welcher der Zweck
der Menschheit erfüllt werden kann, und dieser Zweck der
Menschheit ist kein andrer, als Ausbildung aller Kräfte des
Menschen, Fortschreitung. Hindert eine Staatsverfassung,

132
Bedingte Unterwerfung, unantastbares Gewissen

dass alle Kräfte die im Menschen liegen, sich entwickeln,


hindert sie die Fortschreitung des Geistes, so ist sie ver-
werflich und schädlich, sie mag übrigens noch so durch-
dacht, und in ihrer Art noch so vollkommen sein. Ihre
Dauerhaftigkeit selbst gereicht ihr alsdann viel mehr zum
Vorwurf, als zum Ruhme - sie ist dann nur ein verlänger-
tes Übel; je länger sie Bestand hat, um so schädlicher ist
sie.
Überhaupt können wir bei Beurteilung politischer An-
stalten als eine Regel festsetzen, dass sie nur gut und
lobenswürdig sind, insofern sie alle Kräfte, die im Men-
schen liegen, zur Ausbildung bringen, insofern sie Fort-
schreitung der Kultur befördern, oder wenigstens nicht
hemmen. Dieses gilt von Religions- wie von politischen
Gesetzen; beide sind verwerflich, wenn sie eine Kraft des
menschlichen Geistes fesseln, wenn sie ihm in irgend
etwas einen Stillstand auferlegen. Ein Gesetz z.B. wodurch
eine Nation verbunden würde, bei dem Glaubensschema
beständig zu verharren, das ihr in einer gewissen Periode
als das vortrefflichste erschienen, ein solches Gesetz wäre
ein Attentat gegen die Menschheit, und keine noch so
scheinbare Absicht würde es rechtfertigen können. Es wäre
unmittelbar gegen das höchste Gut, gegen den höchsten
Zweck der Gesellschaft gerichtet.
Auf eine noch empörendere Art wurde das allgemeine
Menschengefühl in Sparta ertödet, und die Seele aller
Pflichten, die Achtung gegen die Gattung, ging unwieder-
bringlich verloren. Ein Staatsgesetz machte den Spartanern
die Unmenschlichkeit gegen ihre Sklaven zur Pflicht, in
diesen unglücklichen Schlachtopfern wurde die Mensch-
heit beschimpft und misshandelt. In dem spartanischen
Gesetzbuche selbst, wurde der gefährliche Grundsatz ge-
predigt, Menschen als Mittel und nicht als Zwecke zu be-
trachten - dadurch wurden die Grundfeste des Natur-
rechts und der Sittlichkeit gesetzmässig eingerissen. Die
ganze Moralität wurde preisgegeben, um etwas zu erhal-
ten, das doch nur als ein Mittel zu dieser Moralität einen
Wert haben kann.
Nehmen wir dies zusammen, so verschwindet der fal-
sche Glanz wodurch die einzige hervorstehende Seite des
spartanischen Staats ein unerfahrenes Auge blendet - wir
sehen nichts mehr als einen schülerhaften unvollkomm-
nen Versuch - das erste Exerzitium des jugendlichen
Weltalters, dem es noch an Erfahrung und hellen Einsich-
ten fehlte, die wahren Verhältnisse der Dinge zu erkennen.
So fehlerhaft dieser erste Versuch ausgefallen ist, so wird
und muss er einem philosophischen Forscher der Men-
schengeschichte immer sehr merkwürdig bleiben. Immer

133
Grenzen der Macht

war es ein Riesenschritt des menschlichen Geistes, das-


jenige als ein Kunstwerk zu behandeln, was bis jetzt dem
Zufall und der Leidenschaft überlassen gewesen war. Un-
vollkommen musste notwendig der erste Versuch in der
schwersten aller Künste sein, aber schätzbar bleibt er im-
mer, weil er in der wichtigsten aller Künste angestellt wor-
den ist. Die Bildhauer fingen mit Hermessäulen an, ehe sie
sich zu der vollkommnen Form eines Antinous, eines Vati-
kanischen Apolls erhüben; die Gesetzgeber werden sich
noch lange in rohen Versuchen üben, bis sich ihnen end-
lich das glückliche Gleichgewicht der gesellschaftlichen
Kräfte von selbst darbietet.
Der Stein leidet geduldig den bildenden Meissel, und die
Saiten die der Tonkünstler anschlägt, antworten ihm, ohne
seinem Finger zu widerstreben.
Schiller Gesetzgeber allein bearbeitet einen selbsttätigen
1759-1805 widerstrebenden Stoff - die menschliche Freiheit! 274

Freiheit Die Freiheit ist das Recht jedes Menschen, geehrt zu wer-
und Ehre den und ohne Heuchelei zu sprechen und zu denken. (...)
Es gibt Menschen, denen Ehre gleichgültig ist, und die da-
bei zufrieden leben. Es gibt andere, die unsäglich leiden,
wenn sie sehen, dass Menschen ihrer Umgebung ohne Ehre
leben. So wie es aber in der Welt eine gewisse Menge Licht
geben muss, so muss es ein gewisses Mass an Ehrgefühl ge-
ben. Da wo es viele Menschen ohne Ehre gibt, fühlen sich
andere verantwortlich für die Ehre eines grossen Teils von
ihnen.
Sie sind es, die sich mit unglaublicher Kraft gegen dieje-
nigen auflehnen, die die Völker ihrer Freiheit, das heisst,
José Martí ihrer Würde berauben. Diese Menschen vertreten tausende
Kuba
Die goldene Zeit von Menschen, ein ganzes Volk, die menschliche Würde
1889 schlechthin. Sie sind heilig. 275

Keine Die Treue der Gefolgschaft ist ein unpolitisches Verhältnis


unbedingte in engen Kreisen und in primitiven Verhältnissen. Im
Unterwerfung freien Staat gilt Kontrolle und Wechsel aller Menschen.
Daher ist eine doppelte Schuld: erstens sich überhaupt
politisch einem Führer bedingungslos zu ergeben, und
Karl Jaspers zweitens die Artung des Führers, dem man sich unterwirft.
Deutschland
Die Schuldfrage Die Atmosphäre der Unterwerfung ist gleichsam eine kol-
1946 lektive Schuld. 276

Das Ziel der künftigen Erziehung besteht in der Bewusst-


Kiyoshi Kiyosawa machung, dass der Staat nicht das Höchste und Absolute
Japan
Tagebuch ist, dass es nicht unsere Pflicht ist, uns der Staatsräson
2. 12.1944 anzupassen. 277

134
Bedingte Unterwerfung, unantastbares Gewissen

Wenn ein Vater eine Ungerechtigkeit begeht, ist es die


Pflicht seiner Kinder, das väterliche Haus zu verlassen.
Wenn der Schuldirektor seine Schule auf sittenlose Weise
verwaltet, müssen die Schüler die Schule verlassen. Wenn
sich der Präsident eines Vereins bestechen lässt, müssen
die Mitglieder dieses Vereins Abstand von ihm nehmen
und aus dem Verein austreten; ebenso muss, wenn eine Re-
gierung schweres Unrecht begeht, das Opfer dieser Unge-
rechtigkeit ganz oder teilweise aufhören, mitzuarbeiten -
es muss jedenfalls so weit gehen, dass die Führenden auf-
hören, Unrecht zu begehen. Bei jedem Beispiel, das ich mir
vorstelle, muss ein gewisses Mass an Leiden hingenom-
Mahatma Gandhi
men werden, physisch oder psychisch. Ohne Leid ist es
1869 -1948 unmöglich, die Freiheit zu erlangen. 2/8

Rechtmässige Auflehnung, Pfhcht zum Aufstand


Ein König, der erklärt hat, „ich werde euch beschützen",
und der (seine Untergebenen) nicht beschützt, kann ge-
Mahäbbärata XIII tötet werden wie ein kranker Hund. Er kann von seinen
2. Jh. v. Chr. -
i. Jh. n. Chr. empörten Untertanen der Verrücktheit bezichtigt werden.
Sanskrit

König Süan von Tsi befragte den Mong Dsi und sprach: „Es
heisst, dass Tang den König Giä verbannt; dass König Wu
den Dschou Sin getötet habe. Ist das wahr?" Mong Dsi er-
widerte und sprach: „Die Überlieferung hat es so." Der Kö-
nig sprach: „Geht das denn an, dass ein Diener seinen Für-
sten mordet?" Mong Dsi sprach: „Wer die Liebe raubt, ist
ein Räuber; wer das Recht raubt, ist ein Schurke. Ein
Schurke und Räuber ist einfach ein gemeiner Kerl. Das Ur-
teil der Geschichte lautet, dass der gemeine Kerl Dschou
Mencius
372-289 V. Chr. Sin hingerichtet worden ist; ihr Urteil lautet nicht, dass
China ein Fürst ermordet worden sei." 280

Gewähr ist denen gegeben, die bekämpft wurden, dieweil


Koran ihnen Gewalt angetan ward; und siehe, wahrlich, Allah hat
Al-Hadj 39 Macht, ihnen beizustehen. 281

Hadith
(Worte des Kein Geschöpf schuldet Gehorsam, wenn dies bedeutet,
Propheten) dem Schöpfer ungehorsam zu sein. 282

Russland hat durch Volksversammlungen regierte Republi-


ken gekannt, in denen der gewählte Fürst nichts anderes
war als ein einfacher militärischer Befehlshaber.

135
Grenzen der Macht

Im Jahre 1270 wurde ein Bote zum Fürsten in den Palast ge-
schickt mit einer Liste aller Verfehlungen, die sich der
Fürst zuschulden hatte kommen lassen, und ihre Zahl war
gross. „Und jetzt, Fürst, können wir deine Gewalttätigkei-
ten nicht mehr ertragen. Geh weg von uns, und wir werden
einen anderen Fürsten finden." Durch Swiatoslaw und
André Worotislawitsch liess der Fürst der Versammlung
folgende Bitte übermitteln: „Ich verzichte auf alles und
schwöre, was ihr wollt. " Aber die Novgoroder antworteten:
„Fürst, geh fort, wir wollen dich nicht mehr. Wenn du
I. Chronik von
Nowgorod
nicht gehst, wird dich ganz Nowgorod verjagen. " Der Fürst
14. Jh. verliess widerwillig die Stadt. 283

Theateraufstand In der politisch bewegten Zeit des 15. und 16. Jahrhunderts
besassen die Walliser ein eigenartiges Kampfinstrument,
um gewissermassen in Theaterform das Volk zum Aufruhr
gegen übermächtige Herren, verhasste Adelige sowie gegen
staatliche und religiöse Neuerungen aufzuhetzen: die Maz-
ze. Das Wort kommt aus dem Italienischen und bedeutet
eine grosse Holzkeule. Sie trug die entstellten Züge eines
Menschenantlitzes, das mit Wurzelgeflecht umwunden
war. Johannes von Müller entwirft in den „Geschichten
Schweizerischer Eidgenossenschaft" (1825) eine lebendige
Schilderung aus den Raronkriegen (1414/15j, wie sich ein
Mazzenaufstand zugetragen hat:
Diese Mazze banden sie nachts an einen Baum, welcher
am Wege stand. Früh waren sie auf, schwiegen, horchten
auf die Reden der stillstehenden Menge, bis das Volk sich
gesammelt; dann trat ein kühner Mann als Mazzenmeister
hervor, band sie los und stellte sich mitten auf dem öffent-
lichen Platz neben sie. Da erhoben viele die Frage: „Mazze,
was leidest du? Mazze, warum bist du hier?" - Die Mazze
antwortete nicht. - „Ist ein herzhafter Mann, welcher
wohl reden kann und dem das Land lieb ist, derselbe trete
hervor und sei Fürsprech der Mazze!" Ein Fürsprech trat
vor und redete in folgendem Sinne: „Sie wollen dir helfen,
Mazze, sprich: nenne den Mann, welchen du fürchtest! " -
Die Mazze schwieg. - „Ist's der Sillinen?" (...) „Ist's der
Asperling?" (...) „Ist's der Hengarten?" - Sie stand und
schwieg. Von jedem sagte der Fürsprech, welcher Unter-
drückung er verdächtig sein mochte. Endlich sprach er:
„Sind es die Raron?" - Die Mazze neigte sich sehr; ehrer-
bietig, wie hilfsbedürftig stand auch der Meister. Der Für-
sprech redete: „Sie hat euch geklagt, biedere Männer. Wer
die Mazze retten will, hebe die Hand auf! " Als die Mehr-
heit erhob, die Gesetze schweigen vor der Gewalt, Macht
erfordere Gegenmacht, wurde der Tag auf baldmöglichst

136
Rechtmässige Auflehnung, Pflicht zum Aufstand

bestimmt. Es erging von Dorf zu Dorf durch alle Zehnten,


die Mazze wolle zum Landeshauptmann, zu dem Bischof
und allem Anhang von Raron. Den Raron schirmten Anse-
Nach Albert Carlen
hen und Ämter nicht, dass nicht am bestimmten Tag alle
Schweiz Landesgegenden mit grosser Übereinstimmung vor alle un-
Theatergeschichte befestigten Häuser seiner Partei die Mazze setzten. Die
des deutschen
Wallis
Landleute drangen hinein, trugen alles Gerät fort und ver-
1945 zehrten alles. 284

Sozialer Vertrag Wir kennen aus der Bibel zwei Arten von Bündnissen, bei
und Recht auf der Weihe der Könige: eines zwischen Gott, König und
Widerstand Volk - und das Volk ist Gottes Volk. Ein zweites zwi-
schen dem König und dem Volk, damit man wisse, dass das
Volk dem König, der gerecht befiehlt, treu gehorche. Im
ersten Bündnis gibt es eine Verpflichtung gegenüber der
Frömmigkeit; im zweiten eine gegenüber der Gerechtig-
keit. Durch beide verpflichtet sich der König, dem Volk ge-
recht zu befehlen. Durch das erste verpflichtet er sich, die
Ehre Gottes aufrechtzuerhalten, durch das zweite den Nut-
zen des Volkes. Das erste enthält die Bedingung, die Geset-
ze Gottes zu befolgen, das zweite, jedem das Recht zu be-
Ph. Duplessis-
wahren, das ihm zukommt. Gott selbst ist der Bewahrer
Mornay und Rächer des ersten, wenn es nicht eingehalten wird; das
Frankreich zweite steht rechtlich dem ganzen Volk oder den Staaten
Vindicae contra
tyrannos zu, die es vertreten und aufrechterhalten müssen. Die
1579 Macht, den Schuldigen zu strafen, gehört ihm. 28s

Wenn der Prinz nicht uneingeschränkte Macht hat, darf er


niemandem Güter wegnehmen. Die Tatsache, dass wir
keine Möglichkeit haben, den Bestohlenen in Schutz zu
Juan de Solörzano nehmen und ihm seine Güter zurückzugeben, hindert uns
Pereira
1575 -1654 nicht daran, diesen Prinzen als einen Plünderer zu betrach-
Spanien ten. 286

Wenn ich nur die Stärke betrachtete und die Wirkung, die
sie hervorbringt, würde ich sagen: Solange ein Volk zu ge-
horchen gezwungen ist und gehorcht, tut es gut daran; so-
bald es das Joch abschütteln kann und es abschüttelt, tut es
noch besser; denn da es seine Freiheit durch dasselbe Recht
J.-J. Rousseau wiedererlangt, das sie ihm geraubt hat, ist es entweder be-
Vom Gesellschafts-
vcrtrag rechtigt, sie sich zurückzuholen, oder man hatte keinerlei
1762 Recht, sie ihm wegzunehmen. 28/

Die Geschichte sagt: Die Fürsten haben sich, solange die


Welt steht, immer Rechte angemasst, die mit einem wahr-
Pestalozzi
1746 -1827 haft guten Zustande der gesellschaftlichen Menschheit
Schweiz unverträglich sind. 288

137
Grenzen der Macht

TELLSPIELE

Wilhelm Teil als Freiheitssymbol ist im Schweizer Volks-


theater sehr oft Thema geworden. Die Personen in den
folgenden Auszügen aus einem dieser Stücke sind: Teil;
Hedwig, seine Frau; Werner und Arnold, Freunde von Teil;
Gessler, der Landvogt.
WERNER: Von Tag zu Tag wachst nun die Anzahl der
Verbundenen; und Mut und Treue und kindliches Ver-
trauen auf denjenigen, der unserer Freiheit Retter ist.
A R N O L D : Was! Der Hut, dies alte Zeichen edler Freiheit,
soll jetzt in ein Denkmal niedrer Sklaverei verwandelt
werden?

WILHELM: Nie werd ich meine Tage der Sklaverei vorziehn.


Ein Leben ohne Freiheit ist mir eine Last. Teil nahm sich
der Menschenrechte gegen die tollkühnen Räuber uner-
schrocken an; dies sei mein Ruhm, mein Lohn.
GESSLER: Der Pöbel soll nicht wissen, dass er einen Willen
hat, dass die Natur ihm Menschenrechte und Würden,
und der Staat ihm ein Eigentum gegeben. Diese gefähr-
lichen Empfindungen müssen gänzlich ausgelöscht, ver-
nichtet sein.

GESSLER: Mit edlern Gaben ziert dich die Natur: vergrabe


sie nicht. Du musst vor andern dich hervortun und dich
unterscheiden.
HEDWIG: Unser Land kennt keinen Unterschied noch Rang,
als den die Tugend einer Frau anweiset.
WERNER: Auf Verbrecher? - Mit Drohen biegst du unsern
Mut noch nicht. Er wachst beim Widerstand, so lang ein
gut Gewissen uns bedeckt. Ich rede als ein freier Mann,
wäre auch der König zugegen.
Joseph-Ignaz
Zimmermann WILHELM: Dieses Glück, liebe Landesleute, euch zu er-
Schweiz
Wilhelm Teil
kämpfen, ist nun der erste Schritt gethan. Ermannet
1777 euch, die Freyheit zu befestigen. 28p

Die Rechte ABSICHTSERKLÄRUNG UND BESCHLUSS SENECA FALLS,


der Frau 1 9 . JULI 1 8 4 8
Der Text erwähnt zuerst die Unabhängigkeitserklärung der
amerikanischen Kolonien:
„Wenn eine lange Folge von Missbräuchen und Amtsan-
massungen, die unveränderlich das gleiche Ziel verfolgen,
das Schicksal täuschen, indem sie unter absolutem Despo-
tismus (die menschlichen Wesen) dezimieren, ist es ihre
Pflicht eine solche Regierung zu stürzen und sich neue Ga-

138
Rechtmässige Auflehnung, Pflicht zum Aufstand

rantien zu geben in Hinsicht auf ihre zukünftige Sicherheit.

Dies war das mit Geduld ertragene Leiden der Frauen unter
dieser Regierung und so besteht jetzt die Notwendigkeit,
die sie zwingt, ihre Gleichstellung zu fordern, auf die sie
Anrecht haben.
Die Geschichte der Menschheit ist voll von Missbräu-
chen und Amtsanmassungen des Mannes gegenüber der
Frau in der direkten Absicht, sie einer absoluten Tyrannei
zu unterwerfen. Um dies zu beweisen, sprechen die folgen-
den Tatsachen für sich selbst zu jedem nicht voreingenom-
menen Geist:
Er hat ihr nie erlaubt, ihr unveräusserliches Recht, an
den Wahlen teilzunehmen, auszuüben.
Er hat sie gezwungen, sich Gesetzen zu unterwerfen, die
ohne ihre Mithilfe erarbeitet wurden.
Er hat ihr die Rechte abgesprochen, die den dümmsten
und verkommensten Männern, seien sie Einheimische
oder Fremde, zuerkannt sind. Er hat ihr das höchste Bür-
gerrecht, das Stimmrecht, genommen und sie ohne Vertre-
tung in den gesetzgebenden Behörden liess, und hat sie
somit auf alle Art unterdrückt.
Er hat aus ihr, wenn sie sich verheiratete, ein dem Recht
gegenüber totes Wesen gemacht.
Er hat ihr jegliches Recht auf Besitz genommen, sogar
das auf den Lohn, den sie verdient.
Er hat aus ihr ein moralisch unverantwortliches Wesen
gemacht, so dass sie in aller Unkeuschheit zahlreiche Fre-
vel und Verbrechen begehen kann unter der einzigen Be-
dingung, dass ihr Mann dabei ist. Der Heirats vertrag ver-
pflichtet sie ihrem Gatten Gehorsam zu leisten, der in
allen Dingen ihr Meister wird - da das Gesetz ihm das
Recht verleiht, sie ihrer Freiheit zu berauben und sie zu
züchtigen.
Er hat Gesetzesklauseln verfasst, die die triftigen Schei-
dungsgründe definieren und solche, die bei einer Trennung
festhalten, wem die Kinder anvertraut werden, ohne auch
nur im geringsten auf das Glück der Frau Rücksicht zu neh-
men - da das Gesetz auf jeden Fall auf der falschen Hypo-
these der Überlegenheit des Mannes aufgebaut ist, und da
es diesem die ganze Macht verleiht.
Nachdem er ihr durch die Heirat jegliches Recht entzo-
gen hat, hat er sie gezwungen, sofern sie ledig und begütert
ist, Steuern zu bezahlen, um die Regierung zu unterhalten,
die ihre Existenz nur anerkennt, wenn sie aus ihren Gütern
Nutzen ziehen kann.
Er hat fast alle ergiebigen Beamtungen beschlagnahmt
und für die, die einzunehmen sie berechtigt ist, erhält sie

139
Grenzen der Macht

bloss eine magere Entschädigung. Er schliesst vor ihr alle


Türen, die zu Reichtum und Auszeichnungen führen, und
die für ihn selbst äusserst ehrenhaft sind. Man soll nicht
wissen, dass Frauen Theologie, Medizin und Recht unter-
richten.
Er hat ihr die Möglichkeit vollständige Studien zu betrei-
ben verweigert, da für sie alle Universitäten geschlossen
sind.
In der Kirche, gleich wie im Staat erlaubt er ihr nur eine
untergebene Stellung einzunehmen; er stützt sich auf die
apostolische Autorität, um sie vom Priesteramt auszu-
schliessen und, mit einigen wenigen Ausnahmen, von aller
öffentlichen Teilnahme in kirchlichen Angelegenheiten.
Er hat falsche Ideen in der Öffentlichkeit verbreitet in-
dem er der Welt andere moralische Codes für Männer an-
gab als für die Frauen, so dass moralische Vergehen, die be-
wirken, dass die Frau aus der Gesellschaft ausgeschlossen
wird, vom Mann nicht nur geduldet, sondern als unbedeu-
tend bewertet werden.
Er hat mit den Vorrechten }ehovas Wucher getrieben,
indem er anmassend sich das Recht herausnahm, der Frau
ein Wirkungsgebiet zuzuweisen, wo dies doch einzig dem
Gewissen der Frau und ihres Gottes zukam.
Er hat mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln
versucht, ihr das Vertrauen in sich selbst zu zerstören,
ihren Respekt vor sich selbst zu verringern und sie mit
einem abhängigen und knechthaften Leben einverstanden
zu erklären.
Wir erklären, dass alle Gesetze, die verhindern, dass die
Frau den Platz einnehme, der ihr nach ihrem Gewissen
zusteht, oder die sie in eine dem Mann untergeordnete
Stellung zwingen, dem Gebot der Natur widersprechen
und daher weder Kraft noch Macht besitzen.
Wir erklären, dass die Frau dem Mann gleichwertig ist, und
dass dies die Absicht des Schöpfers war, und dass das höchste
Gut der menschlichen Rasse verlangt, dass dem so sei.
Wir erklären, dass die Frauen dieses Landes über die Ge-
setze, denen sie unterstellt sind, aufgeklärt werden, damit
sie ihre Degradierung nicht mehr zeigen, indem sie sich
mit ihrem gegenwärtigen Los zufrieden erklären, auch da-
mit sie nicht mehr aus Unwissenheit zugestehen, alle
Rechte zu besitzen, die sie beanspruchen.
Wir erklären, dass es für den Mann höchste Pflicht ist,
die Frau in allen religiösen Versammlungen zum Sprechen
und zum Unterrichten zu ermutigen, wenn sich die Gele-
genheit dazu bietet, da er für sich selbst die geistige Überle-
genheit herausnimmt, soll er die moralische Überlegenheit
der Frau anerkennen.

140
Rechtmässige Auflehnung, Pflicht zum Aufstand

Wir erklären, dass man vom Mann den gleichen Grad an


Tugend, Feinheit und Edelmut im Betragen verlangen
muss, wie von der Frau in der Gesellschaft verlangt wird,
und dass für Mann und Frau mit der gleichen Strenge glei-
che Massnahmen getroffen werden sollen.
Wir erklären, dass die Männer schlecht daran tun, wenn
sie von Benehmen sprechen, die der Feinheit und der An-
ständigkeit zuwiderlaufen, wie sie es oft tun, wenn eine
Frau in der Öffentlichkeit das Wort ergreift, obschon sie
beim Besuch von Anlässen die Frauen ermuntern, sich auf
der Bühne, bei Konzerten oder im Zirkus zur Schau zu stel-
len.
Wir erklären, dass sich die Frau zu lange mit den engen
Grenzen zufrieden gegeben hat, die ihr durch zerrüttete
Sitten und eine verdrehte Anwendung der Schriften ge-
steckt waren. Es ist Zeit, dass sie das ihr von ihrem grossen
Vereinigte Staaten
Schöpfer zuerkannte ausgedehntere Wirkungsfeld erreicht.
von Amerika 290

Die Mehrheit D I E PFLICHT ZUM ZIVILEN UNGEHORSAM


gegen
Der praktische Grund, warum die Mehrheit regieren und
das Gewissen
für längere Zeit an der Regierung bleiben darf, wenn das
Volk die Macht hat, ist schliesslich nicht, dass die Mehr-
heit das Recht auf ihrer Seite hat, auch nicht, dass es der
Minderheit gegenüber fair ist, sondern ganz einfach, dass
sie physisch am stärksten ist. Aber eine Regierung, in der
die Mehrheit in jedem Fall den Ausschlag gibt, kann nicht
auf Gerechtigkeit gegründet sein, nicht einmal soweit
Menschen die Gerechtigkeit verstehen. Könnte es nicht
eine Regierung geben, in der nicht die Mehrheit über
Falsch und Richtig befindet, sondern das Gewissen? In der
die Mehrheit nur solche Fragen entscheidet, für die das
Gebot der Nützlichkeit gilt? Muss der Bürger auch nur
einen Augenblick, auch nur ein wenig, sein Gewissen dem
Gesetzgeber überlassen? Wozu hat denn dann jeder Mensch
ein Gewissen? Ich finde, wir sollten erst Menschen sein,
und danach Untertanen. Man sollte nicht den Respekt vor
dem Gesetz pflegen, sondern vor der Gerechtigkeit. Nur
eine einzige Verpflichtung bin ich berechtigt einzugehen,
und das ist, jederzeit zu tun, was mir recht erscheint.

Die Mehrzahl der Menschen dient also dem Staat mit ihren
Körpern nicht als Menschen, sondern als Maschinen. Sie
bilden das stehende Heer und die Miliz, die Gefängniswär-
ter, die Konstabier, Gendarmen etc. In den meisten Fällen
bleibt da kein Raum mehr für Urteil oder moralisches Ge-
fühl; sie stehen auf derselben Stufe wie Holz und Steine;

141
Grenzen der Macht

vielleicht könnte man Holzmänner herstellen, die ebenso


zweckdienlich wären. Solche Wesen flössen nicht mehr
Achtung ein als Strohmänner oder ein Dreckklumpen. Sie
sind nicht mehr wert als Pferde oder Hunde. Und doch hält
man sogar solche Menschen gewöhnlich für gute Bürger.
Andere, wie die meisten Gesetzgeber, Politiker, Advoka-
ten, Pfarrer und Würdenträger dienen dem Staat vor allem
mit ihren Köpfen; doch weil sie selten moralische Unter-
schiede machen, könnten sie - ohne es zu wollen -
ebensowohl dem Teufel dienen wie Gott. Nur wenige Hel-
den, Patrioten, Märtyrer, wirkliche Reformer und Männer,
dienen dem Staat auch mit dem Gewissen,- sie werden
gewöhnlich von ihm als Feinde behandelt. (...)
Wie also soll man sich heutzutage zu dieser amerikani-
schen Regierung verhalten? Ich antworte, dass man sich
nicht ohne Schande mit ihr einlassen kann. Nicht für einen
Augenblick kann ich eine politische Organisation als mei-
ne Regierung anerkennen, die zugleich auch die Regierung
von Sklaven ist.
Alle Menschen bekennen sich zum Recht auf Revolu-
tion; das heisst zu dem Recht, der Regierung die Gefolg-
schaft zu verweigern und ihr zu widerstehen, wenn ihre
Tyrannei oder ihre Untüchtigkeit zu gross und unerträg-
lich wird. Aber fast alle sagen, das sei jetzt nicht der Fall.
Wohl aber glauben sie, während der Revolution von '75 sei
es der Fall gewesen. Nun, wenn mir jetzt jemand damit
käme, unsere Regierung sei schlecht, weil sie gewisse aus-
ländische Waren besteuerte, die in ihre Häfen gebracht
worden sind, dann würde ich wahrscheinlich kein grosses
Lamento darüber anstimmen, denn ich kann ohne diese
Waren auskommen. Alle Maschinen haben eine gewisse
Trägheit. (...) Wenn aber die Trägheit einen eigenen Appa-
rat erhält, wenn Unterdrückung und Raub organisiert wer-
den, dann sage ich: wir wollen solch einen Apparat nun
nicht länger dulden. Mit anderen Worten, wenn ein Sech-
stel der Bevölkerung einer Nation, die sich selbst zu einer
Zuflucht der Freiheit gemacht hat, versklavt ist, und wenn
ein ganzes Land widerrechtlich überrannt, von einer frem-
den Armee erobert und dem Kriegsrecht unterworfen wird,
dann, meine ich, ist es nicht zu früh für ehrliche Leute,
aufzustehen und zu rebellieren. Und es wird nur noch drin-
gender zur Pflicht durch die Tatsache, dass es nicht unser
Land ist, welches man derart überrannt hat, und dass es
unsere Armee ist, die dort einfällt. (...)
Es gibt ungerechte Gesetze: sollen wir ihnen befriedigt
gehorchen, oder sollen wir es auf uns nehmen, sie zu bes-
sern, und ihnen nur so lange gehorchen, bis wir das er-
reicht haben, oder sollen wir sie vielleicht sofort über-

142
Rechtmässige Auflehnung, Pflicht zum Aufstand

treten? Die Leute glauben im allgemeinen, unter einer


Regierung, wie wir sie jetzt haben, sollten sie warten, bis
sie die Mehrheit zu den Änderungen überredet haben.
Wenn sie Widerstand leisteten, so glauben sie, wäre die
Kur schlimmer als die Krankheit. Aber es ist die Regierung,
die allein schuld hat, dass die Kur schlimmer als die Krank-
heit ist. Sie macht sie schlimmer. Warum tut sie nicht
mehr dafür, Reformen vorzusehen und einzuleiten? War-
um achtet sie nicht auf ihre verständige Minderheit? War-
um muss sie lärmen und sich sträuben, bevor sie noch
Schaden gelitten hat? Warum ermutigt sie die Bürger nicht,
wachsam zu sein und ihre Fehler anzuzeigen und ihr damit
Besseres zu tun, als an ihnen getan wurde? (...)
Unter einer Regierung, die irgend jemanden unrechtmäs-
sig einsperrt, ist das Gefängnis der angemessene Platz für
einen gerechten Menschen. Der rechte Platz, der einzige,
den Massachusetts seinen freieren und weniger kleinmüti-
gen Geistern anzubieten hat, ist eben das Gefängnis, wo sie
von Staates wegen ausgesetzt und ausgeschlossen werden,
nachdem sie sich durch ihre Grundsätze schon selbst aus-
geschlossen haben. Der entflohene Sklave, der mexikani-
sche Kriegsgefangene auf Parole und der Indianer mit
seinen Anklagen gegen das Unrecht, das man seiner Rasse
zugefügt: nur hier sollen sie ihn finden, im Gefängnis,- auf
diesem abgeschiedenen, aber freieren und ehrbareren Bo-
den, wo der Staat jene hinbringt, die nicht mit ihm,
sondern gegen ihn sind: es ist das einzige Haus in einem
Sklavenstaat, das ein freier Mann in Ehren bewohnen
kann. Vielleicht glauben manche, dass sie dort ihren Ein-
fluss verlieren, dass ihre Stimme das Ohr des Staates nicht
mehr erreicht, sie glauben, dass ihre Feindschaft innerhalb
dieser Mauern unwirksam wäre - aber sie wissen nicht,
um wieviel die Wahrheit stärker ist als der Irrtum und wie-
viel ausdrucksvoller und wirksamer sie die Ungerechtig-
keit bekämpfen können, wenn sie sie nur ein bisschen an
sich selbst erfahren haben. Lege in deine Stimme das ganze
Gewicht, wirf nicht nur einen Papierzettel, sondern deinen
ganzen Einfluss in die Waagschale. Eine Minderheit ist
machtlos, wenn sie sich der Mehrheit anpasst; sie ist dann
noch nicht einmal eine Minderheit; unwiderstehlich aber
ist sie, wenn sie ihr ganzes Gewicht einsetzt. Vor der
Wahl, ob er alle anständigen Menschen im Gefängnis hal-
ten oder Krieg und Sklaverei aufgeben soll, wird der Staat
mit seiner Antwort nicht zögern. Wenn tausend Menschen
dieses Jahr keine Steuern bezahlen würden, so wäre das
keine brutale und blutige Massnahme - das wäre es nur,
wenn sie sie zahlten und damit dem Staat erlaubten, Bruta-
litäten zu begehen und Blut zu vergiessen. Das erstere ist,

143
Grenzen der Macht

was wir unter einer friedlichen Revolution verstehen - so-


weit sie möglich ist. Wenn nun aber - wie es geschehen
ist - der Steuereinnehmer oder irgendein anderer Beamter
mich fragt: „Was soll ich aber jetzt tun?", so ist meine Ant-
wort: „Wenn du wirklich etwas tun willst, dann gib dein
Amt auf." Wenn einmal der Untertan den Gehorsam ver-
weigert und der Beamte sein Amt niedergelegt hat, dann
hat die Revolution ihr Ziel erreicht. Doch nehmt ruhig an,
dass dabei auch Blut vergossen werden müsste. Wird denn
nicht gewissermassen Blut vergossen, wenn das Gewissen
verletzt ist?
Der Fortschritt von einer absoluten zu einer beschränk-
ten Monarchie, von einer beschränkten Monarchie zur
Demokratie, ist ein Fortschritt in Richtung auf wahre Ach-
tung vor dem Individuum. Sogar der chinesische Philosoph
war weise genug, das Individuum als die Grundlage des
Reiches anzusehen. Ist die Demokratie, wie wir sie ken-
nen, wirklich die letztmögliche Verbesserung im Regieren?
Ist es nicht möglich, noch einen Schritt weiter zu gehen bei
der Anerkennung und Kodifizierung der Menschenrechte?
Nie wird es einen wirklich freien und aufgeklärten Staat
geben, solange sich der Staat nicht bequemt, das Individu-
um als grössere und unabhängige Macht anzuerkennen,
von welcher all seine Macht und Gewalt sich ableiten, und
solange er den Einzelmenschen nicht entsprechend behan-
delt. Ich mache mir das Vergnügen, mir einen Staat vorzu-
stellen, der es sich leisten kann, zu allen Menschen gerecht
zu sein, und der das Individuum achtungsvoll als Nachbarn
behandelt; einen Staat, der es nicht für unvereinbar mit
seiner Stellung hielte, wenn einige ihm fernblieben, sich
nicht mit ihm einliessen und nicht von ihm einbezogen
würden, solange sie nur alle nachbarlichen, mitmensch-
lichen Pflichten erfüllten. Ein Staat, der solche Früchte
Henry David trüge, und sie fallen liesse, sobald sie reif sind, würde den
Thoreau
Über die Pflicht Weg für einen vollkommeneren und noch ruhmreicheren
zum Ungehorsam Staat freigeben - einen Staat, den ich mir auch vorstellen
gegen den Staat
1849
kann, den ich bisher aber noch nirgends gesehen habe. 291

144
Rechtmässige Auflehnung, Pflicht zum Aufstand
Freiheit des Bürgers
Persönliche Freiheit
Dante Die Freiheit sucht er, die so teuer ist,
1265 -1321
Die göttliche das weiss wohl, wer für sie das Leben opfert. 292
Komödie
Das Fegfeuer

Ah, was ist doch die Freiheit für eine edle Sache!
Die Freiheit ist Quelle der Freude;
Sie tröstet den Menschen über all seine Übel.
Welche Freude ist es, frei zu leben!
Ein edles Herz kann sich nicht wohl fühlen,
Und keine Zufriedenheit finden,
Wenn es der Freiheit entbehrt; denn frei sein
Ist der höchste Wunsch des Menschen.
Wer immer frei gewesen ist,
Kann sich den Zustand nicht vorstellen,
Und auch nicht den Groll und das erbärmliche Schicksal
Derjenigen, die unterjocht sind.
Aber wer selbst einmal Sklave war,
Weiss zur Genüge, was ein Sklave leidet,
Und er schätzt die Freiheit höher
John Barbour Als alles Gold der Welt.
14. Jh.
Schottland Denn die Erfahrung des Unglücks gibt uns
The Brus Stets ein Bild des wahren Glücks. 293

Keine Kraft kann ihn bezwingen, keine Zeit ihn verzehren,


Machiavelli
1469-1527 kein Name kommt ihm gleich, dem Namen der Freiheit.
Italien 294

Gesetz der Ziel des Gesetzes ist es nicht, die Freiheit abzuschaffen
Freiheit oder einzuschränken, sondern sie zu erhalten und zu er-
weitern. Denn bei sämtlichen Geschöpfen, die zu einer Ge-
setzgebung fähig sind, gilt der Grundsatz: Wo es kein Ge-
setz gibt, da gibt es auch keine Freiheit. Freiheit nämlich
heisst frei sein von dem Zwang und der Gewalttätigkeit an-
derer, was da nicht möglich ist, wo es keine Gesetze gibt.
Freiheit heisst aber nicht, wie uns gesagt wird, eine Frei-
heit für jeden, zu tun, was ihm gefällt - (denn wer könnte
schon frei sein, wenn ihn die Laune jedes anderen tyranni-
sieren dürfte?) -; sondern eine Freiheit, innerhalb der er-
laubten Grenzen jener Gesetze, denen er untersteht, über
seine Person, seine Handlungsweise, seinen Besitz und
John Locke sein gesamtes Eigentum zu verfügen und damit zu tun, was
Grossbritannien ihm gefällt, ohne dabei dem eigenmächtigen Willen eines
Zweite Abhandlung
über die Regierung anderen unterworfen zu sein, sondern frei dem eigenen zu
1690 folgen. 29s

149
Freiheit des Bürgers

VÖGEL IM KÄFIG

Der junge Fink fragt den alten, weshalb er seufze: „Dieser


Käfig, in dem wir leben, ist doch bequem!" - „Du bist hier
I. Krasicki
Polen geboren und kannst wohl glauben, das sei so. Ich aber erin-
Fabeln 1779 nere mich an die Freiheit - und ich seufze." 296

Glaube nicht, dass das gequälte, verhöhnte Volk seine Ehre


verliert: Verliert ein Edelstein seinen Wert, wenn er zu
Boden fällt?
Würde das todbringende Seil des Henkers in einen Todes-
drachen verwandelt, man würde es den Ketten der Sklaven
tausendmal vorziehen.
Namik Kemal
1840-1888 Ist es möglich, den Begriff Freiheit durch ungerechte und
Türkei
Ode an die grausame Taten zu vernichten? Versuche, wenn du kannst,
Freiheit die Vernunft der ganzen Menschheit auszumerzen. 29j

Garantie dei EWIGER B U N D VON ZÜRICH (I. M a i 1351)


Freiheiten Dabei soll man sonderlich wissen, daß wir ausdrücklich
und Verständnis festgesetzt und ausbedungen haben, gegen alle die, so in
des Friedens- diesem Bündnisse sind, daß eine jegliche Stadt, jegliches
vertrages durch Land, jegliches Dorf, jeglicher Hof, so jemand zu gehört,
die Bürger der in diesem Bündnis ist, bei ihren Gerichten, bei ihren
Freiheiten, bei ihren Handfesten, bei ihren Rechten und bei
ihren guten Gewohnheiten gänzlich bleiben sollen, wie sie
es bisher geführt und gebracht haben, also daß niemand
den andern daran kränken und säumen soll, ohne alle Ge-
fährde. 27. Es ist auch sonderlich festgesetzt, auf daß dies
Bündnis Jungen und Alten und all denen, so dazu gehören,
immer mehr desto wissentlicher sei, daß man je zu zehn
Jahren auf Anfang Mai, vorher oder nachher, ohne Gefähr-
de, wie es unter uns den vorgenannten Städten oder Län-
dern jemand von dem andern fordert, bei unseren Eiden
dies Gelübde und Bündnis erleuchten und erneuern soll
mit Worten, mit Schrift und mit Eiden und mit allen Din-
gen, so denn notwendig ist. Was auch dann, Männer oder
Knaben, zu den Zeiten ob sechzehn Jahren alt ist, die sollen
dann schwören, dies Bündnis auch stät zu halten, ewig-
lich, mit allen Stücken, wie in diesem Brief geschrieben
steht, ohne alle Gefährde. 28. Wäre aber, daß die Erneue-
rung nicht also geschähe zu denselben Zielen und es sich
von irgend einer Sache wegen säumen oder verziehen wür-
de, soll das doch diesem Bündnis unschädlich sein, da es
Ewiger Bund
von Zürich
ausdrücklich ewiglich, stät und fest bleiben soll, mit allen
(1. Mai 1351) Stücken, so vorgeschrieben steht, ohne alle Gefährde. 298

150
Persönliche Freiheit

Im Jahre 1387 vereinte der Bischof von Genf, AdhemarFab-


ri, in einem Gesetzbuch alle Rechte der Bürger.
ART. 2. Von der Sicherheit.
Jeder Geistliche und Weltliche, ob Bürger oder Fremder,
soll heil und in aller Sicherheit mit all seinen Gütern in der
Stadt und ihren Vororten leben. Wenn innerhalb dieser ge-
nannten Grenzen Gewalt angewandt wird, an wem es auch
sei, haben die einheimischen Bürger, die Einwohner und
die Geschworenen das Recht, den Angegriffenen mit aller
Kraft zu verteidigen, vorausgesetzt, dass dieser die Recht-
sprechung unseres geistlichen Richters oder unseres Stift-
amtmanns, respektive seines Leutnants, anerkannt hat.
ART. 23. Vom Recht, durch erwählte Beamte regiert zu
werden.
Die besagten Stadtbürger, Bürger, Einwohner und Ge-
schworenen der genannten Stadt können jedes Jahr vier un-
ter ihnen als Abgeordnete bestimmen und ihnen als Vertre-
ter dieser Stadt die Vollmacht übertragen. Die besagten
vier können die Verwaltungsaufgaben der Stadt und ihrer
Bürger übernehmen und sich für sie einsetzen.
ART. 55. Vom Schutz der Güter.
Auf welche Art das auch immer geschieht, man darf nie-
mandem den Besitz wegnehmen, weder wir noch sonst je-
mand, ohne dass der Bestohlene in der Folge rechtmässig
angehört wird, vorausgesetzt, dieser anerkennt die Recht-
sprechung der Gerichte besagter Stadt (d.h. rechtmässig
und nach den Gepflogenheiten und den Gewohnheiten be-
sagter Stadt vor Gericht auftreten), und unter Vorbehalt
des Rechts der Herren, von denen der strittige Gegenstand
in Lehen, Erbpacht oder Obhut genommen wurde oder ge-
nommen werden könnte.
ART. 19. Die Güter eines Verurteilten dürfen nicht be-
schlagnahmt werden.
Weder ein begangenes Verbrechen noch sonst etwas ist
ein Grund, einem Bürger oder Stadtbürger, einem Vereidig-
ten oder Einwohner, einem Vertreter des kirchlichen oder
weltlichen Standes die Güter zu beschlagnahmen, wie im-
mer, ob er nun wegen Missetaten oder anderem verurteilt
worden ist. Ausgenommen sind die Fälle, in denen durch
richterliche Bestimmungen die Erlaubnis dazu besteht.
ART. 10. Bedingungen für die Gefangennahme.
Kein Weltlicher darf innerhalb der Stadt oder ihrer Vor-
orte gefangen genommen werden, es sei denn, es liege ein
Verbrechen vor wie öffentlicher Diebstahl, offenkundiger
Mord, offenkundiger Betrug und andere öffentliche Verge-
hen (für die man gewöhnlich niemanden unter Kaution
stellen soll), solange dieser bereit ist, eine Kaution zu hin-

151
Freiheit des Bürgers

terlegen und einen Bürgen zu stellen. Und wenn er dazu


nicht bereit oder in der Lage ist, dann soll er nicht im Ker-
ker, sondern vorübergehend am Hof festgehalten und be-
wacht werden, so dass es ihm möglich ist, Bürgen zu ho-
len, wenn er kann und Mittel und Wege dazu findet. Sollte
er in der Folge keine finden und ins Gefängnis geführt
werden, so muss er, sobald er einen Bürgen stellen kann,
Freiheitsbriefe
von Genf
umgehend aus dem Kerker entlassen und mit seinen Hab-
1387 seligkeiten ganz in Freiheit gesetzt werden. 299

Jeder Mensch ist in den Staaten der Republik frei, ob er dar-


in geboren ist, oder sich da niedergelassen hat, oder erst an-
gekommen ist. Er hat hier das Recht seine Kräfte und sein
Vermögen so einzusetzen, wie er es für gut findet, wenn er
sich nur dem Gesetz Gottes und den Gesetzen des Landes
fügt. Kein Mensch darf sich eines andern Menschen be-
H. Kollataj mächtigen, weder er selbst noch mit Hilfe seinesgleichen;
Das politische niemand darf ihm dabei helfen, weder der Person, noch
Gesetz der
polnischen Nation dem Leben oder Vermögen seines Nächsten Schaden zuzu-
1790 fügen. 300

Niemals, zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Bedin-


gungen auch immer, ist es gestattet, die Menschenrechte
zu missachten noch deren Rückgabe zu verweigern. Kein
Land ist würdig, frei genannt zu werden, wenn ein einziger
Mensch darin unglücklich ist; kein Land ist frei, wenn ein
einziger Mensch darin versklavt ist. Keine Gesetzgebung
darf daher die Menschenrechte beiseite lassen; keine Ge-
sellschaft darf einen Menschen für die andern opfern. Dies
zu gestatten, wäre der Ausdruck von Angst oder Unge-
rechtigkeit. Zu sagen, dass das Volk, weil es nicht aufge-
klärt ist, von der Gesamtheit seiner Rechte nicht gemessen
könne, bedeutet, gegen Weisheit und Wahrheit zu spre-
chen, denn es gibt keinen Fall (Alters- und Sinnesschwach-
heit ausgenommen), wo der Mensch seine Rechte verlieren
könnte. Sogar der Minderjährige und der Geisteskranke
stehen unter dem Schutz des menschlichen Wohlwollens;
einzig der Kriminelle darf zum Sklaven der Gesellschaft
H. Kollataj werden. Denn das Schicksal, das die Gesellschaft dem
Das politische Menschen bereitet, ist die Frucht des Zufalls, während das
Gesetz der
polnischen Nation Gefühl des Herzens die Folge seiner natürlichen Rechte ist.
1790 301

Die Freiheit des Wenn die Vernunft billigt, dass der Mensch auf eine be-
einen darf stimmte Art Gebrauch von seinen Kräften und von seiner
die des andern Freiheit macht, oder, was auf das gleiche herauskommt,
nicht beengen wenn sie ihm ein gewisses Recht anerkennt, soll sie als
natürliche Folge, um dieses Recht zu gewährleisten, zu-

152
Persönliche Freiheit

gleich anerkennen, dass die andern Menschen sich nicht


von ihrer Macht und auch ihrer Freiheit Gebrauch machen
dürfen, um ihm darin Widerstand zu leisten, sondern sie
sollen, im Gegenteil, sein Recht achten und ihm helfen es
zu gebrauchen.

Vom Recht zu Die vollkommenen Rechte sind diejenigen, von denen man
widerstehen unerbittlich Wirkung verlangen darf (...) So darf man die
Gewalt vernünftig anwenden gegen jeden, der ungerechter-
weise unser Leben, unser Gut und unsere Freiheit angreift.

Warum man Der Mensch sollte nicht ganz, vollständig und ohne Vor-
nicht mit gutem behalt auf seine Freiheit verzichten, denn man würde sich
Recht auf seine damit offensichtlich dem Zwang unterwerfen, Schlechtes
Freiheit zu tun, wenn der, dem man unterworfen ist, es befehlen
verzichten kann würde.

Wir müssen uns Wir sind demnach gezwungen, uns von Natur aus als
als von Natur gleich zu betrachten und einander auch danach zu behan-
aus gleich deln; und es hiesse, die Natur verleugnen, wenn man die-
betrachten ses Prinzip der Gleichheit nicht als einen der ersten Grund-
steine der Gesellschaft ansähe.
Jean-Jacques
Burlamaqui
Weit davon, dass die Regierung diese höchste Ordnung
Genf [den natürlichen Zustand der Freiheit und der Gleichheit)
Grundsätze des umstosse. Es geht vielmehr darum, sich einen neuen Grad
natürlichen
Rechts der Stärke und der Festigkeit zu geben, damit diese Ord-
1747 nung gefestigt werde. 302

Ausdehnung Derienige ist frey, welcher die Versicherung hat, in dem


der Freiheit Gebrauch seines persönlichen und seines Sach Eigenthums
nicht beunruhigt zu werden. Jeder Bürger hat also das
Recht zu bleiben, zu gehen, zu denken, zu reden, zu schrei-
ben, zu druken, bekannt zu machen, zu arbeiten, hervorzu-
bringen, zu behalten, wegzuführen, zu tauschen, zu ver-
brauchen usw.

Ihre Grenzen Die Grenzen der Freiheit des Einzeln fangen nur da an, wo
sie der Freiheit der andern zu schaden anfangen. Das Gesez
muss diese Grenzen bestimmen und angeben. Was das Ge-
sez nicht verbiethet, ist allen zu thun erlaubt: denn der
Zwek der gesellschaftlichen Vereinigung ist nicht blos die
Freiheit eines oder mehrerer, sondern die Freiheit Aller.
Eine Gesellschaft, in der ein Mensch mehr oder weniger
frei als der andre wäre, würde zuverlässig sehr schlecht ge-
E. Sieyes
Politische Schriften ordnet seyn; sie würde aufhören frey zu seyn, und man
20./21. Juli 1789 müsste sie neu einrichten. 303

153
Freiheit des Bürgers

Gefahren für die Ist denn die Freiheit ausserhalb einer vollen Harmonie
Freiheit denkbar? Sie verwandelt sich schnell in verkappte Sklave-
rei. Ich werde frei, indem ich den anderen unterjoche. Man
kann wohl sehr schnell lernen, sich nicht unterjochen zu
lassen, aber es bedarf eiserner Jahrhunderte neuer, unerhör-
ter Prüfungen, um den Willen zu verlieren, die anderen zu
unterjochen. ( ) Es gibt keine Freiheit, und es hat auch
niemals eine gegeben. (...) Die Menschheit geht jetzt
durchaus nicht in ein Paradies, sondern in das schwärzeste,
härteste Fegefeuer. Es bricht gleichsam eine Freiheits-
dämmerung an. Assyrien und Ägypten werden von dieser
neuen, unerhörten Sklaverei übertroffen werden. Aber die-
Ilja Ehrenburg se Galeeren werden die Vorstufe, das Pfand der Freiheit
UdSSR
Julio Jurenito
sein (...) der wahren, lebendigen Freiheit, des unfehlbaren
1921 Gleichgewichts, der letzten Harmonie. 304

Das Lob des Volkes


Schule des Liebe, was das Volk liebt und hasse, was es hasst.
Konfuzius
30S
5. Jh.v. Chr.
Die grosse Lehre
China

Meng-tzu Das Volk ist am wichtigsten, die Götter des Landes und
372?-289?
v. Chr. Kornes kommen in zweiter Linie, und der Fürst ist am un-
China wichtigsten. 306
Russisches Suche das Volk, du wirst die Wahrheit finden. 307
Sprichwort

Ablehnung Ich wünsche kein Ansehen zu geniessen, welcher Art es


jeglichen auch sei. Es ist eine Eigenschaft die dem königlichen Hof-
Ansehens staat zukommt. Ich bin der Diener der Muselmanen, der
Christen, der Parsen und der Juden, ebensosehr wie der
Hindu. Ein Diener aber braucht Liebe und nicht Ansehen.
Mahâtma Gandhi Und dieser Liebe bin ich sicher, solange ich ein treuer
1869 -1948 Diener bleibe. 308

Gegen die Rede eines Persers, der von einem Griechen bewundert wird
königliche „Ich bin der Meinung, ein einziger von uns sollte nicht
Macht wieder Alleinherrscher werden. Denn das ist weder erfreu-
lich noch gut. Denn ihr kennt Kambyses' Überhebung, wie
weit sie ging, und habt zu kosten bekommen die Überhe-
bung des Magers. Wie kann auch Alleinherrschaft eine
wohlbestellte Ordnung sein, sie, der es erlaubt ist, ohne
Rechenschaft zu tun, was ihr beliebt? Denn gelangte auch

154
Das Lob des Volkes

der beste aller Menschen zu solcher Macht, sie stellte ihn


ausserhalb alles gewohnten Denkens. Denn in ihm wächst
Überhebung, aus der Fülle, in der er steht, die Missgunst
aber ist von Anbeginn dem Menschen eingepflanzt. Hat er
aber diese zwei, hat er alles Schlimme miteinander. Denn
nun, übersättigt und voll Überhebung, tut er vieles Ent-
setzliche, anderes aber aus Missgunst. Und doch sollte ein
unbeschränkter Herr frei sein von Missgunst, wo er ja alles
hat; aber grade das Gegenteil ist seine Wesensart den Mit-
bürgern gegenüber. Denn er missgönnt es den Besten, dass
sie wohl und am Leben sind, und hat seinen Gefallen an
den Schlechtesten im Volk, Verleumdungen aber zu glau-
ben, darin ist er der Beste. Das Ungereimteste aber von
allem: Lobst du ihn, aber mit Massen, so wird er ver-
stimmt und böse, dass er nicht kräftig genug gefeiert wird,
feiert ihn aber wer kräftig, so wird er böse und verstimmt,
weil man nur schmeichle. Das Schlimmste aber kommt
noch! Ererbte Satzungen erschüttert er, tut den Frauen Ge-
walt an, tötet ohne Urteil und Recht. Herrscht aber die Ge-
meinde, trägt das erstens den schönsten aller Namen: glei-
ches Recht, und zweitens, alles was der Alleinherrscher
tut, das tut sie nicht; nach dem Los besetzt sie die Ämter,
Herodot ist Rechenschaft schuldig über die Leitung, und alle Be-
5. Jh. v. Chr. Schlüsse bringt sie vor die Gemeinschaft. Darum ist meine
GneC
Rededes Meinung, wir lassen von der Alleinherrschaft und stärken
Otanes die Gemeinde. Denn im Vielen steckt das Ganze." 309

Theseus spricht:

Der Zwingherr ist der grösste Feind des Staats!


Da gilt vor allem kern gemeines Recht,
Der eine hat die Macht, nimmt das Gesetz
In seine Hand und Gleichheit ist vorbei.
Geschriebnes Recht verleiht denselben Rang
An Arm und Reich, und der geringre Mann
Besiegt den grossen mit dem bessren Recht.
Wie frei ist doch der Aufruf: „Wer will hier
Mit gutem Rate dienen seiner Stadt?"
Wer will, tut sich hervor, der andre schweigt.
Wo gibts in einem Staate gleichres Recht?
Und wo das Volk im Land das Steuer führt,
Da freut es sich des jungen Bürgertums.
Der Zwingherr sieht im Jungen seinen Feind
Und tötet Edle eignen starken Sinns,
Weil er Gefahr für seine Herrschaft sieht.
Wo wüchse jemals eine starke Stadt,
Wenn einer, wie man frische Ähren köpft,
Der Jugend Wagemut vom Halme pflückt?

155
Freiheit des Bürgers

Wer mehrte für die Kinder noch sein Gut,


Nur dass der Herrscher sich auf alles stürzt?
Wer zieht im Hause reine Töchter auf
Euripides Zur Lust des Herren, wenn es ihm beliebt,
5. Jh. v. Chr.
Die bittflehenden Sich selbst zum Jammer? Lieber stürbe ich,
Mütter Als Kinder sehen im erzwungenen Bett. 310

Gegenseitige Gesetzliche Grundlagen, die von Solon von Athen zu Gun-


Verantwortung sten seiner weniger gut gestellten Bürger ergriffen wurden:
Da er jedoch für nötig hielt, der Schwäche der kleinen Leu-
te noch mehr Beistand zu leisten, so gab er jedem das
Recht, für jeden, dem Unrecht geschehen war, das Gericht
anzurufen. Wenn ein anderer geschlagen, misshandelt oder
geschädigt worden war, so stand es jedem, der das konnte
und wollte, frei, den Beleidiger anzuklagen und zu belan-
gen, womit der Gesetzgeber sehr mit Recht die Bürger ge-
wöhnen wollte, sich gleichsam als Glieder eines Körpers
zu fühlen und miteinander zu empfinden. Man überliefert
auch von ihm ein Wort, das zu diesem Gesetz stimmt.
Denn als er gefragt wurde, in welcher Stadt es am besten
Plutarch bestellt sei, antwortete er: „In derjenigen, wo die nicht Be-
45/50-125 n. Chr. leidigten ebenso eifrig wie die Beleidigten die Übeltäter
Solon und
Poplicola verfolgen und bestrafen." 311

Adel und Der Herr von Etanges weigert sich, Saint-Preux als Schwie-
Nichtadel gersohn anzuerkennen
Aus der Unterredung Folge schloss ich, Eduard hätte es ge-
wagt, Deine Heirat mit Deinem Freunde in Vorschlag zu
bringen,- er nannte ihn nachdrücklich den seinigen und er-
bot sich, ihm als solchem eine anständige Versorgung zu
verschaffen. Dein Vater schlug den Antrag verächtlich aus,
und hierüber fingen ihre Reden an hitzig zu werden. „Trotz
Ihrer Vorurteile", sagte Mylord, „sollen Sie wissen, dass
unter allen Mannspersonen er sie am meisten verdient und
vielleicht am besten geeignet ist, sie glücklich zu machen.
Alle die Gaben, die nicht in menschlicher Macht stehen,
hat er von der Natur erhalten und sie durch alle andern Ta-
lente, die von ihm abhingen, vermehrt. Er ist jung, hochge-
wachsen, wohlgestaltet, stark, gewandt, hat Erziehung,
Verstand, Lebensart, Mut, einen gebildeten Witz, ein rei-
nes Herz; was fehlt ihm also, um Ihr Jawort zu verdienen?
Vermögen? Das soll er haben. Meiner Güter dritter Teil
reicht hin, ihn zur reichsten Privatperson im Waadtlande
zu machen; wenn es nötig ist, will ich ihm sogar die Hälfte
davon geben. Adel? Eitler Vorzug in einem Lande, wo er
eher schädlich als vorteilhaft ist! Doch zweifeln Sie nicht,
er hat auch solchen; zwar nicht mit Tinte auf altes Perga-

156
Das Lob des Volkes

ment geschrieben, dafür mit unauslöschlichen Buchstaben


tief in sein Herz gegraben. Mit einem Wort: Schätzen Sie
die Vernunft höher als das Vorurteil, und lieben Sie Ihre
Tochter mehr als Ihre Titel, so werde sie sie ihm geben."
Hierüber ward Dein Vater heftig aufgebracht. Er nannte
den Vorschlag abgeschmackt und lächerlich. „Wie, My-
lord?" sagte er, „kann ein Mann von Ehre, wie Sie, auch
nur daran denken, dass der letzte Abkömmling einer be-
rühmten Familie ihren Namen in dem Namen eines belie-
bigen Jemand auslöschen oder erniedrigen solle, eines
Menschen, der keinen Aufenthalt hat und von Almosen zu
leben genötigt ist?" „Halt!" unterbrach ihn Eduard, „Sie re-

Asta un abuelo
Caprichos
Gova
Spanien
1803

157
Freiheit des Bürgers

den von meinem Freunde; bedenken Sie, dass ich alle Be-
leidigungen, die ihm in meiner Gegenwart angetan wer-
den, als gegen mich gerichtet betrachte, und dass Benen-
nungen, die einem ehrlichen Manne schimpflich sind,
dem, der sie ausspricht, noch mehr zur Schande gereichen!
Solche Jemands sind verehrungswürdiger als alle Dorfjun-
ker Europas; und ich fordere Sie auf, mir einen rühmliche-
ren Weg zum Glücke zu nennen, als den durch Huldigun-
gen der Hochachtung und Geschenke der Freundschaft.
Zählt auch der Schwiegersohn, den ich Ihnen vorschlage,
nicht so wie Sie eine lange Reihe Ahnen, die stets ungewiss
sind, so wird er dafür seines Hauses Stütze und Ehre sein,
wie Ihr erster Ahnherr es von dem Ihrigen war. Würden Sie
sich denn wohl durch die Verbindung mit dem Haupte
Ihrer Familie für entehrt halten, und würde nicht diese
Verachtung auf Sie selbst zurückfallen? Wie viele grosse
Namen kämen in Vergessenheit, wenn man bloss die rech-
nen wollte, die ihren Ursprung einem angesehenen Manne
zu danken haben? Lasst uns das Vergangne nach dem Ge-
genwärtigen beurteilen! Auf zwei bis drei Bürger, die sich
durch rechtschaffne Mittel berühmt machen, kommen täg-
lich tausend Nichtswürdige, die ihre Familie adeln; und
was wird dieser Adel, auf den ihre Nachkommen so stolz
sein werden, anderes beweisen als ihres Vorfahren Räube-
reien und Schande? Ich gestehe: man findet unter Bürger-
lichen viele Niederträchtige; allein, man kann allemal
zwanzig gegen eins wetten, dass ein Edelmann von einem
Taugenichts abstammt. Lassen wir jedoch, wenn Sie wol-
len, die Abstammung beiseite und wägen Verdienst und
Aufgaben! Sie taten unter einem auswärtigen Fürsten
Kriegsdienste; sein Vater tat sie umsonst für das Vaterland.
Dienten Sie gut, so wurden Sie gut bezahlt; und wieviel
Ehre Sie sich auch im Kriege erwarben, so haben hundert
Bürgerliche ihrer doch noch mehr als Sie erworben.
Wodurch also", fuhr Lord Eduard fort, „wodurch zeich-
net sich dieser Adel aus, auf den Sie so stolz sind? Was trägt
er zum Ruhme des Vaterlandes, zum Glücke des mensch-
lichen Geschlechts bei? Er, ein Todfeind der Gesetze und
der Freiheit, was hat er in den meisten Ländern, wo er
glänzt, jemals andres hervorgebracht als den Zwang der
Tyrannei und die Unterdrückung der Völker? Dürfen Sie
wohl in einer Republik sich eines Standes rühmen, der Tu-
gend und Menschenliebe verwüstet, eines Standes, in dem
man mit Sklaverei prahlt und sich schämt, ein Mensch zu
sein? Kennen Sie wirklich den englischen Adel, so wissen
Sie auch: Er ist der aufgeklärteste, gebildetste, verständig-
ste, tapferste in Europa; folglich muss ich nicht erst unter-
suchen, ob er auch wohl der älteste sein möchte,- denn

158
Bürgerliche Freiheit, Republik, Demokratie

spricht man von dem, was er ist, so ist nicht von dem die
Rede, was er war. Wahr ists: Wir sind nicht des Fürsten
Sklaven, sondern seine Freunde; nicht des Volks Tyran-
nen, sondern seine Häupter. Wir, Beschützer der Freiheit,
Säulen des Vaterlandes, Stützen des Throns, wir bilden
zwischen dem Könige und dem Volke ein unüberwindli-
ches Gleichgewicht. Unsre erste Pflicht richtet sich auf die
Nation; die andre auf ihren Herrscher,- nicht seinen Willen,
sondern sein Recht ziehen wir zu Rate. Wir, der Gesetze
höchste Vorsteher im Oberhause, bisweilen auch selbst
Gesetzgeber, wir lassen dem Volke wie dem Könige glei-
J.-J. Rousseau ches Recht widerfahren und dulden nicht, dass jemand
Julie oder die neue sage: Gott und mein Schwert, sondern bloss: Gott und
Hélolse
1761 mein Recht. 312

Klage gegen die Ein Nichtadliger, der eine Freundschaft mit einem Adligen
Ungleichheit eingehen will, wird nie mit ihm auf gleichem Fuss stehen.
Vietnamesisches
Sprichwort

Vom einfachen Weisst du, was das einfache Volk für die Staaten einer
Volk Nation bedeutet? Es ist, was das Meer für die Flüsse. Denn
so wie jedes Wasser seinen Ursprung im Meer nimmt, sich
davon ernährt und schliesslich zu ihm zurückkehrt, so
sind alle noblen Geschlechter aus dem Bauerntum hervor-
gegangen, das für deren Unterhaltung sorgt, und sie gehen
früher oder später darin unter. Erkenne also die wunderba-
re Vollkommenheit der Dinge dieser Welt, die wollen, dass
György Bessenyei
Ungarn das Einfache nacheinander Mutter, Amme und Friedhof sei
1804 für allen Reichtum und jede Würde. 314

, Republik, Demokratie

V O N DER FREIHEIT DES BÜRGERS

Die philosophische Freiheit besteht in der Ausübung seines


Willens, oder wenigstens (wenn man allen Systemen ge-
recht werden will) in der Meinung, man übe seinen Willen
aus. Die politische Freiheit besteht in der Sicherheit, oder
wenigstens in dem Glauben, den man an seine Sicherheit
hat.
Diese Sicherheit wird nie mehr angegriffen als durch die
öffentlichen und privaten Anklagen. Deshalb hängt die
Sicherheit des Bürgers vornehmlich von der Güte der Straf-
gesetze ab.

159
Freiheit des Bürgers

DARÜBER DASS DIE FREIHEIT DURCH DIE NATUR DER STRAFEN


UND IHRE ANGEMESSENHEIT GEFÖRDERT WIRD

Das ist der Triumph der Freiheit, wenn die Strafgesetze jede
Strafe der besonderen Natur der Straftat entnehmen. Alle
Willkür entfällt. Die Strafe hängt nicht von der Laune des
Gesetzgebers ab, sondern von der Natur der Sache, und es
ist nicht der Mensch, der dem Menschen Gewalt antut. (...)
Von den Angelegenheiten, welche die Ruhe oder Sicher-
heit des Staates berühren, gehören auch die geheimen
Taten in die Zuständigkeit der menschlichen Justiz. Aber
bei denjenigen, welche die Gottheit verletzen, ohne dass
eine öffentliche Handlung vorläge, ist für Straftaten kein
Raum. Alles das vollzieht sich zwischen dem Menschen
und Gott, der das Mass und die Zeit der Vergeltung weiss.
Wenn man diese Dinge vermengt und auch dem geheimen
Sakrileg nachspürt, so unterwirft man eine bestimmte Art
von Handlungen der Inquisition, ohne dass eine Notwen-
digkeit bestände. Man zerstört die Freiheit der Bürger, in-
dem man gegen sie den Eifer furchtsamer und kühner Ge-
wissen in Harnisch bringt.
Man muss sich gegenwärtig halten, was Unabhängigkeit
und was Freiheit ist. Freiheit ist das Recht, alles zu tun,
Montesquieu was die Gesetze erlauben. Wenn ein Bürger tun könnte,
Vom Geist der
Gesetze was die Gesetze verbieten, so hätte er keine Freiheit mehr,
1748 weil die anderen ebenfalls diese Macht hätten. 315

Auf der Suche „Finde eine Form des Zusammenschlusses, die mit ihrer
nach einer ganzen gemeinsamen Kraft die Person und das Vermögen
Form der jedes einzelnen Mitglieds verteidigt und schützt und durch
Verbindung die doch jeder, indem er sich mit allen vereinigt, nur sich
J.-J. Rousseau selbst gehorcht und genauso frei bleibt wie zuvor." Das ist
Vom Gesellschafts-
vertrag das grundlegende Problem, dessen Lösung der Gesell-
1762 schaf tsvertrag darstellt. 316

Recht auf Besitz Da das Eigentumsrecht nur auf Konvention und mensch-
licher Einrichtung beruht, kann jeder Mensch über das,
was er besitzt, nach seinem Belieben verfügen; dasselbe
gilt jedoch nicht für die essentiellen Gaben der Natur, wie
das Leben und die Freiheit, die zu geniessen einem jeden
gestattet ist und bei denen es zumindest zweifelhaft ist, ob
man das Recht hat, sich ihrer zu entäussern: Beraubt man
sich der einen, so erniedrigt man sein Sein; beraubt man
sich des anderen, so vernichtet man es, soweit dies bei
einem steht; und da kein zeitliches Gut für die Freiheit
J.-J. Rousseau oder das Leben entschädigen kann, würde man die Natur
Diskurs über die
Ungleichheit und die Vernunft zugleich beleidigen, wenn man auf sie
1755 verzichtete, um welchen Preis es auch sei. 31/

160
Bürgerliche Freiheit, Republik, Demokratie

Urteil über die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte


von 1789:
Ein solches Phänomen in der Menschengeschichte vergisst
sich nicht mehr, weil es eine Anlage und ein Vermögen in
der menschlichen Natur zum Besseren aufgedeckt hat,
Kant dergleichen kein Politiker aus dem bisherigen Laufe der
1790 Dinge her ausgeklügelt hätte. 318

D A S FEST DER FREIEN


Ein Deutscher erzählt wie das französische Volk, sein
König, seine Königin, der Klerus, der Verfassung Gehor-
sam schwuren (1790):
Unter strömendem Regen ging es dem Altare des Vater-
lands zu. Ein Triumphbogen öffnete den Weg ins Marsfeld.
Eine Welt von Menschen sah zu, ohne Kutschen, Pferde,
Stock und Degen. Mitten auf dem Marsfelde erhob sich der
Vaterlandsaltar, wie ein Hügel Gottes. Auf einem bedeck-
ten Amphitheater war des Königs Thron errichtet, hinter
ihm stand die Königin mit dem Königssohne, rechts sass
der Präsident der Nationalversammlung. Vor ihm auf
einem unbedeckten Amphitheater links und rechts die ehr-
würdigen Volksvertreter der heiligen Freiheit alle. Eine
Szene, die die feurigste Phantasie nicht erhabner und rüh-
render fassen kann. Vor des Königs Gesichte stand der Va-
terlandsaltar, und der ganze Weg, der dahin führte, war auf
beiden Seiten mit der Pariser Nationalgarde besetzt. Un-
zählige Haufe Musikanten mit kriegerischer und sanfter
Musik sassen auf verschiedenen, für sie errichteten Sitzen
und begleiteten den }ubel des Tages. In viel tausend In-
schriften und Sinnbildern zeigte sich der Witz, Geist und
die Vaterlandsglut der Neufranken. Nah am Altar standen
die Abgeordneten der Nationalgarden mit den verschiede-
nen Freiwilligen, und an ihrer Seite die im Dienste des
Vaterlandes grau gewordenen Krieger. In der weitesten Ent-
fernung erhoben sich Amphitheater mit Bänken, worauf
mehr als 600000 Zuschauer sassen. Der Bischof von Autun
las die Messe. Noch immer war der Himmel mit strömen-
dem Gewölke bedeckt; aber die metallnen Donnerschlün-
de fingen an zu rasen,- und der Himmel lächelte wieder
freundlich auf die grosse Szene herunter. Auf den Stufen
des Altars standen die Priester, alle weiss gekleidet, mit
einem Nationalbande gegürtet. Nun wurde der Eid abgele-
sen, und die Myriaden schrien alle gleich dem orgelnden
Sturme, von tosenden Wellen begleitet. (...)
Ich schwöre! Ich schwöre! - Nun Pause, nun Allblick auf
eins geheftet! Nun Stille auf Erden und Stille in den Höhen
der niederhorchenden Geister. Aber bald war alles wieder

161
Freiheit des Bürgers

Ton; die Musik wirbelte, Kanonenwetter krachten, Tau-


sende jauchzten, Zehntausende schwiegen, Hunderttau-
sende weinten. Drauf kam Fayette auf einem weissen Pfer-
de, gleich einem Boten Gottes, gegen den Altar, trat mit
zwei seiner Kriegsgefährten die heiligen Stufen hinauf, hob
die Rechte feierlich gen Himmel, und schwur den Eid der
Treue! der Bruderliebe! der Festhaltung der Constitution!
Nun stieg er wieder herunter vom Altare, warf sich aufs
Pferd, steckte seinen Hut auf den Degen, hob ihn in die
Höhe und rief: Es lebe die Nation! Nach scholl es, wie Don-
ner in zusammengerütteten Felsgebirgen: Es lebe die Na-
tion! - und Fayettel Wer war wohl in diesem Augenblicke
seliger als FayetteV. Darauf schwuren die Archonten den
Eid der Treue und endlich der König und die Königin!!! Er
war nun der Punkt, der all die Millionen Strahlenblicke in
sich einigte! Wie Stimmengetöse am Tage der Allvollen-
dung, scholl es nun hinauf von dem Marsfelde: Es lebe der
König! unser guter König! die Nationalversammlung! die
Freiheit! - Mit diesen Worten brach der Genius der Fran-
ken den Stab, warf die Trümmer unter die Aristokraten,
und sprach: Euch ist nun das Urteil des Todes auf ewig ge-
sprochen!! Nun hob die Königin den Dauphin in die Höhe
und zeigte ihn dem Volke. Der Kronerbe zappelte gleich-
sam nach der grossen Szene hin, und der Volksgruss er-
scholl: Es lebe die Königin! Es lebe der Dauphin! Nachts
war ganz Paris erleuchtet. Überall war Ball, Jubel und mit-
unter Preis und Anbetung Gottes, der in den Tagen der al-
ternden Welt ein grosses Volk entfesselte, es auf einen
Sonnenberg stellte, und in diesem Beispiele den Völkern
Christian Schubart der Erde zeigte, dass die Menschheit nur dann zu ihrer Ur-
1739-1791 herrlichkeit hinansteige, wenn sie frei ist! 31p

162
Bürgerliche Freiheit, Republik, Demokratie

Gedanken zui Revolution in Frankreich (1790)

Es ist nicht zu verwundern, dass sie bey solchen Ideen von


ihrer vaterländischen Constitution, bei dieser Geneigtheit,
ihre ganze Staats- und Kirchenverfassung als unrechtmäs-
sig und usurpirt, oder im günstigsten Fall, als ein leeres
Schattenspiel zu betrachten, mit regem und leidenschaftli-
chen Enthusiasmus nach jeder auswärtigen Neuerung
haschen. Solange diese Begriffe bei ihnen herrschend sind,
ist es auch umsonst, von den Maximen ihrer Vorfahren,
von den Fundamentalgesetzen ihres Vaterlandes, von den
Vorzügen einer Constitution, die die einzig gültige Probe
einer langen Erfahrung bestanden, und sich durch zuneh-
mende Staatsmacht und immer steigende Nationalwohl-
fahrt bewährt hat, mit ihnen zu sprechen. Erfahrung ver-
achten sie als die Weisheit ungelehrter Menschen: alle
übrigen Einwendungen bedeuten nichts. Sie haben unter
ihrem Boden eine Mine gegraben, die in einem furchtbaren
Ausbruch alle Beyspiele des Alterthums, alle Observanz,
alle Statute, alle Parlamentsakten, in die Luft sprengen
soll. Sie haben „die Rechte des Menschen." Gegen diese
findet keine Verjährung statt, gegen diese kann kein Ver-
trag verbinden: bey diesen gelten keine Einschränkungen,
keine Vergleichsvorschläge; die geringste Abweichung von
der Strenge ihrer Forderungen, ist Betrug und Tyranney.
Umsonst schmeichelt sich eine Regierung in der Ehrwür-
digkeit ihrer langen Dauer, oder in der Gerechtigkeit und
Gelindigkeit ihrer Proceduren gegen diese neuen Rechte

163
Freiheit des Bürgers

des Menschen Schutz zu finden. Der Tadel dieser spekulati-


ven Köpfe, der immer bereit ist, wenn die Staaten nicht
nach ihren Theorien gebaut sind, trift eine alte wohlthätige
Regierung eben so gut, als die schreyendste Tyranney, oder
die frischeste Usurpation. Sie liegen im beständigen Kriege
mit allen Regierungen, nicht um Missbräuchc anzugreifen,
sondern bloss, um die Frage nach Befugniss und Vollmacht
zur Herrschaft abzuhandeln. Ich sage nichts gegen die
schwerfällige Feinheit ihrer politischen Metaphysik. Mö-
gen sie sich doch damit in ihren Schulen belustigen. Aber sie
sollen nicht aus ihre Höhle hervorbrechen, wie ein Sturm
aus Osten, alles vor sich weg fegen auf der Erde, und die
Brunnen der grossen Tiefe eröfnen, um uns zu ersäufen.
Ich bin weit entfernt, die wahren Rechte des Menschen
in der Theorie abzuläugnen, eben so weit entfernt, sie in
der Ausübung zu verwerfen (wenn es in meiner Macht
stünde, sie anerkennen oder verwerfen zu lassen). Ich
widersetze mich eben darum den falschen Ideen von diesen
Rechten, weil sie gerade auf die Zerstöhrung der wahren
abzielen. Wenn bürgerliche Gesellschaft zum Besten des
Menschen gestiftet ist, so erwirbt der Mensch ein Recht
auf alle die Vortheile, welche die Gesellschaft zum Zweck
hat. Bürgerliche Gesellschaft ist ein Institut, dessen Essenz
Wohlthätigkeit ist, und das Gesetz selbst nichts andres, als
Wohlthätigkeit nach einer Regel. Es ist des Menschen
Recht, unter dieser Regel zu leben, es ist sein Recht, immer
nach Gesetzen behandelt zu werden, weil er sich beständig
unter seines Gleichen findet, diese mögen man in öffent-
lichen Funktionen oder in Privatbeschäftigungen begriffen
seyn. Der Mensch hat ein Recht auf die Früchte seiner In-
dustrie, und auf die Mittel, seine Industrie fruchtbringend
zu machen. Er hat ein Recht auf das, was seine Vorfahren
erworben haben, auf die Ernährung und Erziehung seiner
Kinder, auf Unterricht im Leben und Trost im Tode. Zu al-
lem, was er für sich selbst und abgesondert thun kann,
ohne andre zu beeinträchtigen, dazu hat er ein Recht, und
ausserdem hat er seine gerechten Ansprüche auf einen bil-
ligen Antheil an allem, was die Gesellschaft mit allen ih-
ren Mitteln, Kräfte und Geschicklichkeit zu vereinigen, zu
seiner Beglückung beytragen kann. In dieser Gemeinschaft
haben alle Menschen gleiche Rechte, aber nicht alle auf
gleiche Gegenstände. (...) Aber nie hat er ein Recht (...)
auf einen gleichen Antheil, an Macht, Ansehen und Ein-
fluss in die Führung des Staats, weil dabey von unmittelba-
ren ursprünglichen Rechten des Menschen in bürgerlicher
Gesellschaft, denn nur mit diesem und keinem andern be-
schäftige ich mich, gar nicht die Rede ist. Hier muss alles
durch Vertrag bestimmt werden.

164
Bürgerliche Freiheit, Republik, Demokratie

Wenn bürgerliche Gesellschaft durch Verträge entstan-


den ist, so müssen diese Verträge ihre Grundgesetze seyn.
Diese Verträge müssen die Form und die Gränzen jeder
Staatsverfassung, die unter ihrer Sanktion errichtet wird,
bestimmen. Jede Art von gesetzgebender, richterlicher oder
ausübender Macht, ist ihr Werk. Nur in einer Ordnung der
Dinge, die diese Verträge hervorbrachten, ist eine solche
Macht denkbar. Wie kann es einem Menschen einfallen,
sich auf den gesellschaftlichen Vertrag zu berufen, wenn er
Rechte ausüben will, die nicht einmal die Existenz des ge-
sellschaftlichen Vertrages voraussetzen? Rechte, die sogar
diesem Vertrage schnurstracks zuwider laufen? Einer der
ersten Bewegungsgründe, eine bürgerliche Gesellschaft zu
errichten, und eine der ersten Fundamentalregeln einer sol-
chen Gesellschaft ist, dass „niemand Richter in seiner eig-
nen Sache seyn soll." Vermöge dieses Grundgesetzes ent-
sagt jeder Einzelne, einmal für immer dem ersten Funda-
mentalrecht des unverbündeten Menschen, für sich selbst
zu entscheiden, und seine Sache nach eigner Willkühr zu
verfechten. Er entsagt allen Ansprüchen auf die natürliche,
unbeschränkte Souveränität über seine Handlungen. Er
giebt sogar, wenn auch nicht gänzlich, doch im grossen
Masse, das Recht der Selbstvertheidigung, die ältste Forde-
rung seiner Natur, auf. Der Mensch kann nicht die Rechte
eines ungeselligen und eines geselligen Zustandes zu glei-
cher Zeit geniessen. Damit nur Recht überhaupt gelte, thut
er Verzicht auf seine Befugniss zu bestimmen, was gerade
in den Punkten die für ihn die allerwesentlichsten sind,
Recht ist. Damit er nur über einen Theil seiner Freyheit
wahrhaft disponiren könne, legt er die ganze Masse der-
selben in den gemeinschaftlichen Schatz der Gesellschaft
nieder.
Staaten sind nicht gemacht, um natürliche Rechte einzu-
führen, die in völliger Unabhängigkeit von allen Staaten
existiren können, und wirklich existiren, und in viel gröss-
rer Klarheit, und in einem weit höhern Grade abstrakter
Vollkommenheit existiren. Aber eben in ihrer abstrakten
Vollkommenheit liegt ihre praktische Unzulänglichkeit.
So lange der Mensch ein Recht auf alles hat, mangelt es
ihm an allem. Staaten sind Kunststücke menschlicher
Weisheit, um menschlichen Bedürfnissen abzuhelfen. Der
Mensch (in Gesellschaft) hat ein Recht zu verlangen, dass
seinen Bedürfnissen durch menschliche Weisheit abgehol-
fen werde. Unter diesen Bedürfnissen ist eins der dringend-
sten, dass es für menschliche Leidenschaften, die im aus-
sergesellschaftlichen Zustande schrankenlos wüthen,
einen Zügel gebe. Wenn die Gesellschaft bestehen soll, ist
es nicht hinlänglich, dass die Leidenschaften des Einzelnen

165
Freiheit des Bürgers

gehorchen: auch wenn der vereinigte Haufen, auch wenn


eine grosse Masse wirkt, ist es schlechterdings noth-
wendig, dass ihren Neigungen oftmals Widerstand gelei-
stet, ihrem Willen Einhalt gethan, ihrer Begierde eine
Gränze gesetzt werde. Dies kann nur durch eine Gewalt
von aussen, nicht durch eine solche geschehen, die in ihrer
Ausübung demselben Willen und denselben Leidenschaf-
ten, die sie im Zaum halten und unterdrücken soll, unter-
worfen ist. Von dieser Seite betrachtet, gehören die Ein-
schränkungen des Menschen so gut als seine Freyheiten
unter seine Rechte. Da aber die Grade der Freyheit und der
Einschränkung nach Zeit und Umständen wechseln müs-
sen, so können sie unmöglich vermittelst einer abstrakten
Regel festgesetzt werden: und nichts ist abgeschmackter,
als darüber in der Voraussetzung einer solchen Regel zu rai-
sonniren.
Von dem Augenblick an, da die geringste künstliche
(oder nur willkührliche) Einschränkung das volle natür-
liche Recht des einzelnen Menschen, sich selbst zu regie-
ren, angreift, tritt eine neue Ordnung der Dinge ein. Von
diesem Augenblick an, wird die ganze Organisation des ge-
sellschaftlichen Systems der Gegenstand einer Berechnung
nach Regeln der Zweckmässigkeit. Eben deswegen muss
die Anordnung eines Staats und die Austheilung der Macht
in demselben, das Werk der geübtesten Hand, und des viel-
seitigsten Talents seyn. Sie erfordert eine tiefe Einsicht in
die menschliche Natur und menschlichen Bedürfnisse,
und eine sehr genaue Kenntniss von allen den Umständen,
welche die Zwecke, denen die grosse Maschine der bürger-
lichen Gesellschaft gewidmet ist, befördern oder Stohren
können. Der Staat braucht, wie die Individuen, Nahrung
für seine Kräfte und Heilmittel für seine Krankheiten. Was
hilft alles Disputiren über das abstrakte Recht eines Men-
schen auf Lebensmittel und Arzneyen? Die grosse Frage ist,
auf welche Art man sie anschaffen und bey bringen kann:
und wo über diese Frage berathschlagt wird, da werde ich
den Oekonomen und den Arzt allemal lieber sehen, als den
Edmund Burke
Grossbritannien
Professor der Methaphysik. 320

V O N DEN GESELLSCHAFTLICHEN T U G E N D E N :
VON DER GERECHTIGKEIT

F. Was ist die Gesellschaft?


A. Sie ist jede Vereinigung von Menschen, die unter den
Bedingungen eines ausdrücklichen oder stillschweigenden,
ihre gemeinschaftliche Erhaltung zum Zweck habenden
Vertrags zusammen leben.

166
Bürgerliche Freiheit, Republik, Demokratie

F. Sind der gesellschaftlichen Tugenden viele?


A. Ja; man kann ihrer so viele rechnen, als es Arten von
Handlungen gibt, die der Gesellschaft nützlich sind; aber
alle kommen auf ein einziges Prinzip hinaus.
F. Welches ist dieses?
A. Die Gerechtigkeit; sie allein begreift alle gesellschaftli-
chen Tugenden in sich.
F. Wie das?
A. Weil sie allein die Ausübung aller der Gesellschaft zu-
träglichen Handlungen begreift. Alle andern Tugenden:
Nächstenliebe, Menschlichkeit, Redlichkeit, Vaterlands-
liebe, Aufrichtigkeit, Grossmut, Sitteneinfalt und Beschei-
denheit, sind bloss mannigfaltige Formen und verschiede-
ne Anwendungen dieses Grundsatzes: Tue andern nicht,
was du nicht willst, das man dir tue, welcher die Bestim-
mung des Begriffes der Gerechtigkeit ist.
F. In welcher Weise schreibt das natürliche Gesetz die
Gerechtigkeit vor?
A. Vermittelst dreier physischen, der Organisation des
Menschen inwohnenden Attribute.
F. Welches sind diese?
A. Die Gleichheit, die Freiheit, das Eigentum.
F. Wie ist die Gleichheit ein physisches Attribut des Men-
schen?
A. Weil alle Menschen gleicherweise Augen, Hände,
Mund, Ohren und das Bedürfnis haben, sich deren zu be-
dienen, um zu leben: so haben sie hiedurch ein gleiches
Recht auf das Leben, auf den Gebrauch der Elemente, die es
erhalten: sie sind alle gleich vor Gott.
F. Behauptest du denn, dass alle Menschen gleicherweise
hören, sehen, fühlen, dass sie gleiche Bedürfnisse, gleiche
Leidenschaften haben?
A. Nein; denn es ist augenscheinlich und die tägliche Er-
fahrung lehrt, dass der eine ein weites und der andre ein
kurzes Gesicht hat; dass der eine viel und der andre wenig
isst; dass der eine sanfte, der andre heftige Leidenschaften
hat; kurz, dass der eine stark an Seele und Leib und der
andre schwach ist.
F. Sie sind also wirklich ungleich?
A. Ja, in der Entwicklung ihrer Mittel, nicht aber in der
Natur und dem Wesen dieser Mittel. Es ist ein und eben-
derselbe Stoff, aber von ungleichem Mass, Gewicht und
Gehalt. Der Sprache fehlt das eigentümliche Wort, um zu
gleicher Zeit die Ebenmässigkeit des Wesens und die Ver-
schiedenheit der Form und der Anwendung zu bezeichnen.
Es ist eine verhältnismässige Gleichheit; und darum sage
ich: gleich vor Gott, in der Ordnung der Natur, nicht aber
in der Ordnung der Gesellschaft.

167
Freiheit des Bürgers

F. Wie ist die Freiheit ein physisches Eigentum des Men-


schen?
A. Weil alle Menschen, indem sie Sinne haben, die zu ihrer
Erhaltung hinreichen, indem keiner des andern Auge
braucht, um zu sehen, noch sein Ohr, um zu hören, noch
seinen Mund, um zu essen, noch seinen Fuss, um zu ge-
hen, hiedurch selbst alle von Natur unabhängig, frei gebil-
det sind und keiner also notwendig einem andern unter-
worfen noch berechtigt ist, ihn zu beherrschen.
F. Wenn aber ein Mensch stark geboren ist, hat er dann
nicht das natürliche Recht, den Schwachgeborenen zu be-
herrschen?
A. Nein; denn es ist weder eine Notwendigkeit für ihn
noch ein Vertrag zwischen dem andern und ihm, sondern
eine missbräuchliche Ausdehnung seiner Stärke,- und so
missbraucht man das Wort Recht, welches in seinem wah-
ren Sinne nichts bedeuten kann als wechselseitige Fähig-
keit oder Notwendigkeit.
F. Wie ist das Eigentum ein physisches Attribut des Men-
schen?
A. Weil, indem jeder Mensch einem andern gleich und folg-
lich unabhängig, frei gebildet ist, jeder auch unumschränk-
ter Herr, vollkommener Eigentümer seines Körpers und
der Früchte seiner Arbeit ist.
F. Wie fliesst aus diesen drei Attributen die Gerechtigkeit?
A. Weil die Menschen, indem sie gleich, frei und einander
nichts schuldig sind, das Recht nicht haben, etwas vonein-
ander zu fordern, ausser insofern sie es sich in gleichem
Werte wieder erstatten, insofern die Waage zwischen dem
Gegebenen und Wiedererstatteten im Gleichgewicht ist;
und die Gleichheit, dieses Gleichgewicht ist es, was man
Volney Gerechtigkeit, Gleichmäßigkeit nennt: Gleichheit und
Frankreich Gerechtigkeit sind ein Wort, ein und dasselbe natürliche
Das natürliche Gesetz, und alle gesellschaftlichen Tugenden nur Anwen-
Gesetz
1793 dungen und Folgerungen davon. 321

D I E VOLLKOMMENE BÜRGERLICHE VERFASSUNG

Das grösste Problem für die Menschengattung, zu dessen


Auflösung die Natur ihn zwingt, ist die Erreichung einer
allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesell-
schaft. Da nur in der Gesellschaft, und zwar derjenigen, die
die grösste Freiheit mithin einen durchgängigen Antago-
nism ihrer Glieder, und doch die genaueste Bestimmung
und die Sicherung der Grenzen dieser Freiheit hat, damit
sie mit der Freiheit anderer bestehen könne, - da nur in
ihr die höchste Absicht der Natur, nämlich die Entwicke-

168
Bürgerliche Freiheit, Republik, Demokratie

lung aller ihrer Anlagen, in der Menschheit erreicht wer-


den kann, die Natur auch will, dass sie diesen, so wie alle
Zwecke ihrer Bestimmung, sich selbst verschaffen solle: so
muss eine Gesellschaft, in welcher Freiheit unter äusseren
Gesetzen im grösstmöglichen Grade mit unwiderstehli-
cher Gewalt verbunden angetroffen wird, d.i. eine voll-
kommen gerechte bürgerliche Verfassung die höchste Auf-
gabe der Natur für die Menschengattung sein; weil die Na-
tur nur vermittelst der Auflösung und Vollziehung dersel-
ben ihre übrigen Absichten mit unserer Gattung erreichen
kann. In diesen Zustand des Zwanges zu treten, zwingt den
sonst für ungebundene Freiheit so sehr eingenommenen
Menschen die Not; und zwar die grösste unter allen, näm-
lich die, welche sich Menschen untereinander selbst zufü-
gen, deren Neigungen es machen, dass sie in wilder Frei-
heit nicht lange nebeneinander bestehen können. Allein in
einem solchen Gehege, als bürgerliche Vereinigung ist, tun
ebendieselben Neigungen hernach die beste Wirkung: so
wie Bäume in einem Walde eben dadurch, dass ein jeder
dem anderen Luft und Sonne zu benehmen sucht, einander
nötigen, beides über sich zu suchen und dadurch einen
schönen geraden Wuchs bekommen; statt dass die, welche
in Freiheit voneinander abgesondert ihre Äste nach Wohl-
gefallen treiben, krüppelig, schief und krumm wachsen.
Kant Alle Kultur und Kunst, welche die Menschheit ziert, die
Idee zu einer schönste gesellschaftliche Ordnung, sind Früchte der Un-
allgemeinen
Geschichte geselligkeit, die durch sich selbst genötigt wird, sich zu
in weltbürgerlicher disziplinieren und so durch abgedrungene Kunst die Keime
Absicht
1784
der Natur vollständig zu entwickeln. 322

D I E PRINZIPIEN DES BÜRGERLICHEN ZUSTANDES

Der bürgerliche Zustand also, bloss als rechtlicher Zustand


betrachtet, ist auf folgende Prinzipien a priori gegründet:
1. Die Freiheit jedes Gliedes der Sozietät, als Menschen.
2. Die Gleichheit desselben mit jedem anderen, als Unter-
tan.
3. Die Selbständigkeit jedes Gliedes eines gemeinen We-
sens, als Bürger.
Diese Prinzipien sind nicht sowohl Gesetze, die der
schon errichtete Staat gibt, sondern nach denen allein eine
Staatseinrichtung, reinen Vernunftprinzipien des äusseren
Menschenrechtes überhaupt gemäss, möglich ist. Also:
1. Die Freiheit als Mensch, deren Prinzip für die Konstitu-
tion eines gemeinen Wesens ich in der Formel ausdrücke:
Niemand kann mich zwingen, auf eine Art, (wie er sich das
Wohlsein anderer Menschen denkt,) glücklich zu sein,

169
Freiheit des Bürgers

sondern ein Jeder darf seine Glückseligkeit auf dem Wege


suchen, welcher ihm selbst gut dünkt, wenn er nur der
Freiheit Anderer, einem ähnlichen Zwecke nachzustreben,
die mit der Freiheit von Jedermann nach einem möglichen
allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann (d.i. die-
sem Rechte des Andern), nicht Abbruch tut. - Eine Regie-
rung, die auf dem Prinzip des Wohlwollens gegen das Volk
als eines Vaters gegen seine Kinder errichtet wäre, d. i. eine
väterliche Regierung (imperium paternale), wo also die Un-
tertanen als unmündige Kinder, die nicht unterscheiden
können, was ihnen wahrhaftig nützlich oder schädlich ist,
sich bloss passiv zu verhalten genötigt sind, um, wie sie
glücklich sein sollen, bloss von dem Urteile des Staatsober-
hauptes, und, dass dieser es auch wolle, bloss von seiner
Gütigkeit zu erwarten, ist der grösste denkbare Despotis-
mus, (Verfassung, die alle Freiheit der Untertanen, die als-
dann gar keine Rechte haben, aufhebt.) Nicht eine väterli-
che, sondern eine vaterländische Regierung (imperium,
non paternale, sed patrioticum) ist diejenige, welche allein
für Menschen, die der Rechte fähig sind, zugleich in Bezie-
hung auf das Wohlwollen des Beherrschers gedacht werden
kann. Patriotisch ist nämlich die Denkungsart, da ein Jeder
im Staat, (das Oberhaupt desselben nicht ausgenommen),
das gemeine Wesen als den mütterlichen Schoss, oder das
Land als den väterlichen Boden, aus und auf dem er selbst
entsprungen und welchen er auch so als ein teures Unter-
pfand hinterlassen muss, betrachtet, nur um die Rechte
desselben durch Gesetze des gemeinsamen Willens zu
schützen, nicht aber es seinem unbedingten Belieben zum
Gebrauch zu unterwerfen, sich für befugt hält. - Dieses
Recht der Freiheit kommt ihm, dem Gliede des gemeinen
Wesens, als Mensch zu, sofern dieser nämlich ein Wesen
ist, das überhaupt der Rechte fähig ist.
2. Die Gleichheit als Untertan, deren Formel so lauten
kann: ein jedes Glied des gemeinen Wesens hat gegen jedes
andere Zwangsrechte, wovon nur das Oberhaupt desselben
ausgenommen ist, (darum, weil er von jenem kein Glied,
sondern der Schöpfer oder Erhalter desselben ist), welcher
allein die Befugnis hat, zu zwingen, ohne selbst einem
Zwangsgesetze unterworfen zu sein. Es ist aber alles, was
unter Gesetzen steht, in einem Staate Untertan, mithin
dem Zwangsrechte gleich allen andern Mitgliedern des ge-
meinen Wesens unterworfen; einen Einzigen (physische
oder moralische Person), das Staatsoberhaupt, durch das
aller rechtliche Zwang allein ausgeübt werden kann, ausge-
nommen. Denn könnte dieser auch gezwungen werden, so
wäre er nicht das Staatsoberhaupt, und die Reihe der Unter-
ordnung ginge aufwärts ins Unendliche. Wären aber ihrer

170
Bürgerliche Freiheit, Republik, Demokratie

Zwei (zwangfreie Personen), so würde Keiner derselben


unter Zwangsgesetzen stehen und einer dem andern kein
Unrecht tun können; welches unmöglich ist.
Diese durchgängige Gleichheit der Menschen in einem
Staat, als Untertanen desselben, besteht aber ganz wohl
mit der grössten Ungleichheit, der Menge und den Graden
ihres Besitztums nach, es sei an körperlicher oder Geistes-
überlegenheit über andere, oder an Glücksgütern ausser ih-
nen, und an Rechten überhaupt, (deren es viele geben
kann), respektiv auf andere; so dass des einen Wohlfahrt
sehr vom Willen des andern abhängt (des Armen vom Rei-
chen), dass der eine gehorsamen muss, (wie das Kind den
Eltern, oder das Weib dem Mann), und der andere ihm be-
fiehlt, dass der eine dient (als Tagelöhner), der andere lohnt
usw. Aber dem Rechte nach, (welches als der Ausspruch
des allgemeinen Willens nur ein einziges sein kann, und
welches die Form Rechtens, nicht die Materie oder das Ob-
jekt, worin ich ein Recht habe, betrifft), sind sie dennoch,
als Untertanen, alle einander gleich; weil keiner irgend
Jemanden anders zwingen kann, als durch das öffentliche
Gesetz (und den Vollzieher desselben, das Staatsober-
haupt; durch dieses aber auch jeder Andere ihm in gleicher
Masse widersteht, Niemand aber diese Befugnis zu zwin-
gen, (mithin ein Recht gegen Andere zu haben), anders, als
durch sein eigenes Verbrechen verlieren und es auch von
selbst nicht aufgeben, d.i. durch einen Vertrag, mithin
durch eine rechtliche Handlung, machen kann, dass er kei-
ne Rechte, sondern bloss Pflichten habe; weil er dadurch
sich selbst des Rechts, einen Kontrakt zu machen, berau-
ben, mithin dieser sich selbst aufheben würde.
Aus dieser Idee der Gleichheit der Menschen im gemei-
nen Wesen als Untertanen geht nun auch die Formel her-
vor: jedes Glied desselben muss zu jeder Stufe eines Stan-
Kant des in demselben (die einem Untertan zukommen kann),
Über gelangen dürfen, wozu ihn sein Talent, sein Fleiss und sein
den Genieinspruch:
das mag
Glück hinbringen können; und es dürfen ihm seine Mitun-
in der Theorie tertanen durch ein erbliches Prärogativ, (als Privilegiaten
richtig sein, für einen gewissen Stand), nicht im Wege stehen, um ihn
taugt aber nicht
für die Praxis und seine Nachkommen unter demselben ewig niederzu-
1793 halten. 323

Bürger für die Politische und bürgerliche Freiheit bleibt immer und ewig
Freiheit das heiligste aller Güter, das würdigste Ziel aller Anstren-
gungen, und das grosse Zentrum aller Kultur - aber man
wird diesen herrlichen Bau nur auf dem festen Grund eines
Schiller veredelten Charakters aufführen, man wird damit anfan-
Der Dreissigjährige
Krieg gen müssen, für die Verfassung Bürger zu erschaffen, ehe
1790 man den Bürgern eine Verfassung geben kann. 324

171
Freiheit des Bürgers

Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,


In keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein wie die Väter waren,
Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Schiller
Wilhelm Teil Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
1804 Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen. 3*5

Demokratie Nichts ist gefährlicher, als die Macht allzulange in den


und Freiheit Händen eines einzigen Bürgers zu belassen. Das Volk ge-
wöhnt sich daran, ihm zu gehorchen, und er gewöhnt sich
daran, dem Volk zu befehlen. Dies ist der Anfang der Amts-
anmassung und der Tyrannei.
(...) Die guten Gewohnheiten, nicht die Härte, sind die
Pfeiler des Gesetzes. Gerechtigkeit üben heisst Freiheit er-
halten.
(...) Zahlreiche Nationen, alte und moderne, haben an
der Unterdrückung gerüttelt. Wenigen war es möglich,
einige kostbare Augenblicke der Freiheit zu gemessen: Sehr
rasch fielen sie zurück in ihre schlechten Gewohnheiten,
denn es sind eher die Völker als die Regierungen, die die
Tyrannei mit sich schleppen.
(...) Meines Erachtens ist nur die Demokratie mit der abso-
luten Freiheit vereinbar. Aber welches ist die demokrati-
sche Regierung, die gleichzeitig Macht, Wohlstand und
Dauerhaftigkeit vereinigte? (...) Die Gesetzbücher, die Sy-
steme, die Verfassungen, so weise sie auch sein mögen,
sind tote Werke, die die Gesellschaft wenig beeinflussen.
Es sind die tugendhaften Männer, die Patrioten und hervor-
Simon Bolivar ragenden Männer, die die Republiken ausmachen!
Vortrag, Kongress (...) Ich erflehe die Bestätigung der absoluten Freiheit der
von Angostura,
Venezuela Sklaven, so wie ich inständig für mein Leben und für das
15. Februar 1819 Leben der Republik bitten würde. 326

PROGRAMM DER POLNISCHEN LEGION (1848)

6. In Polen, Freiheit aller Konfessionen, Freiheit aller Got-


tesdienste und aller religiösen Vereinigungen.
7. Ein freies Wort, frei ausgesprochen, vom Gesetz nach
den Früchten, das es trägt, beurteilt.
8. Jedes Mitglied der Nation ist Bürger, alle Bürger sind vor
dem Gesetze und den Regierungsämtern gleich.
9. Alle Ämter sind wählbar, frei gegeben, frei angenom-
men.
10. Israel, dem älteren Bruder, gebührt Achtung, Brüder-
lichkeit und Hilfe in seinem Streben nach ewigen und zeit-
lichen Gütern. Gleiche Rechte in allem.
11. Der Frau, unserer Gefährtin, Brüderlichkeit und gleiche
Bürgerrechte, gleiche Rechte in allem.

172
Bürgerliche Freiheit, Republik, Demokratie

12. Jedem Slaven, der in Polen wohnt, Brüderlichkeit, glei-


che Bürgerrechte, gleiche Rechte in allem.
13. Jeder Familie familieneigenes Land in der Obhut der
Gemeinschaft. Jedem Dorf gemeinschaftliches Land in der
Obhut des Staates.
14. Jedem Besitz Schutz und Achtung durch staatliches
Gesetz.
15. Politische und brüderliche Hilfe Polens dem tschechi-
schen Bruder und den tschechischen Völkern, dem russi-
schen Bruder und den russischen Völkern. Christliche Hil-
Adam Mickiewicz fe allen Völkern, unseren Nächsten. 327

Vorteil der kleinen Staaten für die Freiheit


Der Kleinstaat ist vorhanden, damit ein Fleck auf der Welt
sei, wo die grösstmögliche Quote der Staatsangehörigen
Bürger im vollen Sinne sind. (...) Denn der Kleinstaat hat
überhaupt nichts als die wirkliche tatsächliche Freiheit,
Jakob Burckhardt
1818 -1897 wodurch er die gewaltigen Vorteile des Grossstaates, selbst
Schweiz dessen Macht, ideal völlig aufwiegt. 328

Brief vom 1. Juni 1849


Sie sehen daher, dass die Monarchie sich auf eine geheilig-
te, unantastbare Autorität stützen muss. Diese Autorität
steigt nun die ganze gouvernementale Hierarchie herab bis
zum Volke, und theilt jeder Stufe, jeder Classe eine ver-
hältnissmässige, souveraine Macht mit: Der Polizei-Com-
missair ist in einer Monarchie betheiligt an dem geweihten
Öle, welches die Stirn des Monarchen salbt. Die Monar-
chie bedarf religiöser und feierlicher Gebräuche, einer
prunkenden Repräsentation, und der königliche Purpur ist
ihr so unentbehrlich als dem Priester sein Talar. Die könig-
liche Macht muss überall sichtbar und greifbar sein, sie
muss jeden Augenblick dem Unterthanen in's Gedächtniss
rufen, dass das Individuum keine Befugnisse gegen sie hat
und dass es ihr Gehorsam und die Aufopferung des besten
Theils seiner Individualität schuldig ist. Die Vernichtung
der Autorität ist die erste unerlässliche Pflicht einer Repu-
blik, sie existirt nicht ohne freie Menschen; die Autorität
tödtet die Selbstbestimmung der unabhängigen Vernunft.
Die Republik braucht keine andern Basen, als die offenbare
Nothwendigkeit des Gemeinwohls zu suchen, sie erklärt
und entwickelt die natürlichen Bedingungen der freien
menschlichen Vereinigung, die so wesentlich, allgemein
und begreiflich sind, dass ohne sie jede Gesellschaft un-
möglich sein und zusammenstürzen würde. Diese Bedin-
gungen verpflichten, nicht, weil man in einer Republik,
sondern in einer Gesellschaft lebt, und weil man sie nicht

173
Freiheit des Bürgers

verwerfen kann, ohne die Vernunft über den Haufen zu


werfen. Die Vernunft befiehlt, die Logik hängt nicht von
einer persönlichen Laune ab, und doch gibt es nichts der
Autorität Entgegengesetzteres als die Logik. Eine Republik,
die mehr als die Annahme dessen was unbestreitbar noth-
wendig ist forderte, würde aufhören, Republik zu sein,
denn in diesem Falle müsste sie eine Regierung haben, wel-
che Alles leitet und Initiative hat - was gerade den Sinn des
monarchischen Princips ausmacht. Die Führung der öffent-
lichen Angelegenheiten ist ausserordentlich leicht und
einfach, wenn man nicht die Rechte einer monarchischen
Regierung beansprucht und behauptet, welche die Bürger
wie Kinder und Schwachköpfe behandelt. Je freier das Indi-
viduum, die Gemeinde, die Stadt und die Provinz sind, um
so geringer sind die Geschäfte des Staates, drei Viertel der
Arbeit, welche heute auf der Regierung lasten, werden sich
von selbst machen, ohne dass nur die Central-Verwaltung
Kenntniss davon hat. Die monarchische Gewalt nimmt
diese Last freiwillig auf ihre Schultern, weil dadurch die
Abhängigkeit der Unterthanen bewahrt und befestigt wird.
- Die Monarchie ist auf den Dualismus gegründet, die Re-
gierung dürfe niemals mit dem Volke zusammenfallen, sie
ist die Vorsehung, das Priesterthum, der schaffende Geist,
das Volk ist die passive Masse, die gelehrige Heerde des
guten Hirten. Die Monarchie ist vorzugsweise theokra-
tisch, sie ist stabil durch das göttliche Recht; sie hat stets
die Religion beschirmt und die Religion hat sie beschirmt.
Ohne die Vorstellung Jehova's und Jupiter's existirt auch
keine monarchische Vorstellung, der irdische König setzt
den himmlischen voraus, wie der Gottesglaube die Monar-
chie. Und warum sollen denn nicht die Menschen einem
Einzigen gehorchen, wenn die ganze Natur und das ganze
Weltall einem Einzigen gehorcht? In der Monarchie wie in
der Religion kann es selbst keinen wahren Begriff von der
Sittlichkeit geben, der passive Gehorsam hebt mit der Ver-
antwortlichkeit zugleich die Sittlichkeit auf, die Autorität
ist die Verneinung aller menschlichen Würde und Selb-
ständigkeit, so wie der Glaube die Verneinung alles Den-
kens ist. Der Herrscher ist in einer Monarchie das einzige
sittliche Wesen, weil er der einzige Freie ist. Das innere
Princip der Republik dagegen ist die Immanenz und nicht
der Dualismus, sie hat nichts Höheres und nichts Niederes
in sich, ihre Religion ist der Mensch, ihr Gott ist der
Mensch und sie hat keine andern Götter. Darum setzt auch
die Republik den sittlichen, d.h. den socialen Menschen
voraus. Dem freien Menschen wird nirgends befohlen, er
ist souverain, aber die Andern sind auch souverain. Das
Nichtvorhandensein jeder höhern Ordnung, jedes Druckes

174
Bürgerliche Freiheit, Republik, Demokratie

der Autorität ist der Anfang der menschlichen Sittlichkeit,


der Verantwortlichkeit für alle Handlungen. Die Sittlich-
keit ist in diesem Falle als die natürliche Form des mensch-
lichen Willens und als die natürliche physiologische Über-
einstimmung zwischen dem Verlangen eines Menschen
und der praktischen Welt zu verstehen. Der freche Finger
verschwindet, welcher den Weg zeigt, welcher droht und
erniedrigt. In dieser Beziehung hat die Republik viel Ähn-
lichkeit mit der Natur. Man führt diese oft als Beispiel des
Gehorsams gegen die Gesetze an, aber man vergisst, dass
in der Natur das Gesetz die Ausführung, die Bedingung der
Existenz ist, und dass das abstracte Gesetzbuch der Natur
nur in der Einbildung der Massen existirt. Das ist noch
nicht Alles: überall, wo die Naturerscheinungen die Geset-
ze überschreiten und sie beschränken können, thun sie es,
sie benutzen jede sich darbietende Möglichkeit, um die all-
gemeine Regel zu durchbrechen, und zwar derartig, dass
die Natur sich im Zustande der beständigen Empörung ge-
gen ihre Gesetze befindet. Diese Ordnung und diese Frei-
heit, die Natur mit einem Worte, die sich in der Welt des
Bewusstseins und in der Gesellschaft fortsetzt, ist die
Republik. In der Republik wie in der Natur existirt die
Regierung nicht als etwas Imponirendes und Verehrungs-
würdiges, als etwas von den Wirklichkeiten Unabhängiges
oder sie gar Beherrschendes, sondern einzig und allein als
ihr Ganzes, als organisches Leben. Die Idee einer Regie-
rung, welche nicht das Volk ist, welche höher steht als die-
ses und die Aufgabe hat, es zu führen, ist die Idee eines
Geistes, der die rohe Materie ebnet und formt, das ist die
religiöse und monarchische Abgeschmacktheit, gegen wel-
che die Republik kämpft, das ist Jehovah, das ist der
Monarch, der symbolische Repräsentant der Vorsehung auf
Erden. Die Republik ist keine Allegorie, sie hat nichts
Symbolisches, sie ist die Sache selbst, sie repräsentirt
nichts, sie ist der natürliche Organismus des zur Mündig-
keit gereiften socialen Lebens. Der Gedanke der Übertra-
gung der Souverainetät an einige Auserwählte ist durchaus
monarchisch und völlig verkehrt. Der freie Mensch kann
sich seiner Souverainität nicht entäussern und nie unter
das Joch seines Votum's fallen. Die Repräsentation ist die
Heuchelei, die Monarchie unter der Maske der Republik.
Diese hat ihre Delegirten, ihre Geschäftsführer, aber sie
wählt sich keine Herren, um ihre Souverainität zu reprä-
sentiren, sie wählt sich Diener und gibt ihnen ein imperati-
ves Mandat, ja macht sie für jedes Votum verantwortlich.
Die Gesammtheit der Gewählten ist nie souverain, steht
nie über dem Volke. Überhaupt gibt es über dem freien
Menschen nichts, durchaus nichts, selbst keine versteiner-

175
Freiheit des Bürgers

te Constitution, welche in einer heiligen Bundeslade von


den schwarzen Leviten des Parkets und den wilden Kscha-
trias der Kasernen aufbewahrt wird. Das Gouvernement,
wenn man einmal diesen Namen brauchen will, ist in einer
Republik ein Bureau oder Volks-Comptoir, die Canzlei der
öffentlichen Angelegenheiten und nicht wie in einer Mo-
narchie der Zweck der Gesellschaft. Das Regieren wird
eine schwere Pflicht, ein Zugeständniss, eine Selbstver-
läugnung sein; man wird sich den öffentlichen Ämtern aus
Nothwendigkeit und Hingebung unterziehen, wie man
sich jetzt für einige Jahre dem Militairdienste unterzieht.
Die Monarchie kann nicht ohne eine starke Centralisa-
tion bestehen; die Republik hat mit einer Centralisation
nichts zu schaffen. Die republikanische Einheit stützt sich
auf die gemeinschaftlichen Interessen, auf die gemein-
schaftliche Entwickelung, auf die Nationalität, sie ist im
Blute, in den Sitten, und wenn sie hier nicht herrscht, so
ist auch keine Nothwendigkeit zu einer künstlichen Cen-
tralisation, zu einer unnatürlichen Einheit vorhanden. Die
verbündeten Theile können sich auflösen, innigere Ver-
wandschaften finden, andere Verhältnisse oder gar keine
neuen anknüpfen. Diese künstlichen Centralisationen füh-
ren nie zu etwas, oder bilden vielleicht Preussen oder
Österreich zufällig eine Nation, eine Einheit?
Diese grosse Freiheit, dies Vertrauen zum Menschen, das
er anstrebt und welches in ihm das republikanische Princip
enthält; erregt Furcht, man fürchtet den freien Menschen,
hält seine Natur nicht für gut in dem Sinne, welchen man
diesem Worte beigelegt hat; aber man vergisst dabei, dass
er vor Allem ein politisches Thier ist, dass er den Instinct
des socialen Lebens hat, und dass die Opposition gegen die
für jede menschliche Existenz nöthigen Bedürfnisse immer
eine sehr seltene Ausnahme sein wird. Anstatt Zutrauen
zum Menschen zu haben, schlafen wir ruhig, weil wir wis-
sen, dass eine starke Regierung mit ihren Bayonnetten für
uns wacht, weil wir glauben, dass die Macht uns vor den
Menschen schützt, weil wir wissen, dass die Regierung das
Alexander Herzen Recht hat, sich eines Jeden von uns zu bemächtigen, uns in
Briefe aus Italien Ketten zu werfen und uns zu füsiliren, aber sollte dies
und Frankreich nicht noch viel triftigerer Grund sein, gar nicht zu schla-
(1848-1849)
von einem Russen fen? 329

Entwurf und Erläuterung des Programms der sozialdemo-


kratischen Partei

Ausgehend von diesen Anschauungen, forderte die russi-


sche sozialdemokratische Partei vor allem:

176
Bürgerliche Freiheit, Republik, Demokratie

1. Einberufung eines Semski Sobor (Nationalversamm-


lung) aus Vertretern aller Bürger zwecks Ausarbeitung
einer Verfassung.
2. Allgemeines und direktes Wahlrecht für alle russi-
schen Bürger, die das 21. Lebensjahr vollendet haben, ohne
Unterschied des Glaubensbekenntnisses und der Nationa-
lität.
3. Versammlungs-, Koalitions- und Streikfreiheit.
4. Pressefreiheit.
5. Aufhebung der Stände und volle Gleichheit aller Bür-
ger vor dem Gesetz.
6. Glaubensfreiheit und Gleichberechtigung aller Natio-
nalitäten.
7. Jeder Bürger soll berechtigt sein, jeden beliebigen Be-
amten gerichtlich zu belangen, ohne mit der Beschwerde
den Instanzenweg beschreiten zu müssen.
8. Aufhebung des Passzwangs, volle Freizügigkeit.
Lenin
Im Gefängnis 9. Gewerbefreiheit, Freiheit der Berufswahl und Ab-
1895/1896 schaffung der Zünfte. 330

Minimalprogramm der russischen sozialdemokratischen


Arbeiterpartei, genehmigt vom 2. Parteikongress 1903:

Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands stellt


sich als nächste politische Aufgabe den Sturz der zaristi-
schen Selbstherrschaft und ihrer Ersetzung durch die Repu-
blik auf der Grundlage einer demokratischen Verfassung,
die gewährleistet:
1. die Selbstherrschaft des Volkes, d.h. die Konzentrie-
rung der gesamten obersten Staatsgewalt in den Händen
einer gesetzgebenden Versammlung, die aus Vertretern des
Volkes besteht;
2. das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht bei den
Wahlen sowohl zur gesetzgebenden Versammlung als auch
zu allen örtlichen Selbstverwaltungsorganen für jeden Bür-
ger, der das 21. Lebensjahr erreicht hat; geheime Stimmab-
gabe bei allen Wahlen,- das Recht jedes Wählers, in alle Ver-
tretungskörperschaften gewählt zu werden; Diäten für die
Volksvertreter;
3. Unantastbarkeit der Person und der Wohnung der
Bürger;
4. uneingeschränkte Gewissens- und Redefreiheit, Pres-
se-, Versammlungs-, Streik- und Koalitionsfreiheit;
5. Freizügigkeit und Gewerbefreiheit;
6. Abschaffung der Stände und volle Gleichberechtigung
aller Bürger, unabhängig vom Geschlecht, Religion und
Rasse;

177
Freiheit des Bürgers

7. Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts aller Na-


tionen, die zum Staate gehören,-
8. das Recht eines jeden Bürgers, jeden beliebigen Beam-
ten gerichtlich zu belangen, ohne den dienstlichen Be-
schwerdeweg beschreiten zu müssen,-
9. Ersetzung des stehenden Heeres durch die allgemeine
Volksbewaffnung;
10. Trennung der Kirche vom Staat und der Schule von
der Kirche;
11. allgemeinen unentgeltlichen und obligatorischen
Schulunterricht für Kinder bis zum 16. Lebensjahr; Versor-
gung der armen Kinder mit Nahrung, Kleidung und Lern-
mitteln auf Staatskosten.
(...) Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands
ist ihrerseits fest davon überzeugt, dass die vollständige,
konsequente und dauerhafte Verwirklichung der genann-
ten politischen und sozialen Umgestaltungen nur erreicht
werden kann durch den Sturz der Selbstherrschaft und die
Einberufung einer vom gesamten Volk frei gewählten Kon-
stituierenden Versammlung. 331

Daseins- Entweder ist der Grundstein des Staates die Persönlichkeit


berechtigung eines jeden seiner Söhne, die Arbeit der Hände, das persön-
des Staates liche Nachdenken, die eigene Erfüllung und die Achtung
der Familie und ihrer Ehre, die Lebenserfüllung der andern,
und schlussendlich eine leidenschaftliche Liebe für die
Würde des Menschen, oder aber braucht nicht eine einzige
Frau unserm Staat auch nur eine einzige Träne nachzu-
José Martí
1853-1895 trauern, oder ein einziger Held auch nur einen einzigen
Kuba Tropfen Blut für ihn zu vergiessen. 332

Politische Politische Freiheit beginnt damit, dass in der Mehrheit des


Freiheit und Volkes der einzelne sich für die Politik seines Gemeinwe-
Verantwortung sens mit haftbar fühlt, - dass er nicht nur begehrt und
schilt, - dass er vielmehr von sich verlangt, Realität zu se-
hen und nicht zu handeln aus dem in der Politik falsch an-
gebrachten Glauben an ein irdisches Paradies, das nur aus
bösem Willen und Dummheit der anderen nicht verwirk-
Karl Jaspers licht wurde, - dass er vielmehr weiss: Politik sucht in der
Deutschland
Die Schuldfrage konkreten Welt den je gangbaren Weg, geführt von dem
1946 Ideal des Menschseins als Freiheit. 333

Besondere Rechte
Noch bin ich in keinem Gefängnisse gewesen, nicht ein-
mal um es zu besehen. Meine Einbildung macht mir den
blossen Anblick desselben schon von aussen unangenehm.

178
Besondere Rechte

Mir ist meine Freiheit so notwendig, dass, wenn mir je-


mand verböte, ich sollte mich irgendeinem kleinen Winkel
in Ostindien nicht nahen, ich dadurch gewissermassen ein
trauriges Leben führen würde; und solange ich noch ein
Plätzchen Erde oder freie Luft anderwärts finde, werde ich
an keinem Orte schmachten, wo ich mich verbergen müss-
te. Mein Gott, wie unerträglich würde mir der Zustand
sein, worin ich so viele Leute sehe, welche in einen Teil
dieses Königreichs gebannt sind, denen der Eingang in die
Hauptstädte und Hofstellen und das Befahren öffentlicher
Heerstrassen verboten worden, weil sie unsern Gesetzen
nicht gehorsam waren. Wenn diejenigen Gesetze, unter de-
nen ich lebe, mir nur mit der Spitze des kleinen Fingers
drohten, den Augenblick ging ich hin, um unter andern zu
stehen, es möchte auch sein wo es wollte. Alle meine we-
nige Klugheit bei diesen bürgerlichen Kriegen, worin wir
uns befinden, wende ich dahin an, dass sie mir die Freiheit,
Montaigne zu gehen und zu kommen, wie ich will, nicht unterbre-
Essais
1580-1588 chen mögen. 334

Bewegungs- Topa Jnga Yupanqui liess in seinem ganzen Reich verkün-


freiheit der den, dass jeder, der Händler werden wollte, frei im ganzen
Händler bei Land herumgehen könne, ohne dass ihn jemand ungestraft
den Inkas daran hindern könne, und er befahl, in jeder Provinz Mes-
Miguel sen und Jahrmärkte durchzuführen. 335
Cabcllo Baiboa
16. Jh.
Spanien

Zusammen- Die Erde ist die Mutter aller, und alle sollten auf ihr die
gepferchte gleichen Rechte haben. Aber das hiesse hoffen, dass die
Indianer Flüsse gegen den Strom fliessen und hiesse glauben, dass
ein freigeborener Mensch glücklich sein kann, wenn man
ihn einsperrt und ihm die Freiheit nimmt, dorthin zu ge-
hen wo er gerade Lust hat. Wenn man einen Indianer in
Joseph einen engen Raum sperrt und ihn zwingt, dort zu bleiben,
indianischer wird er nicht glücklich sein, und er wird weder Entfaltung
Häuptling
19. Jh. noch Gedeihen kennen. Wenn ich an unsere Lebensbedin-
Nordamerika gungen denke, wird mein Herz schwer. 336

Rechtauf den Es braucht mehr als einen, um sich zu verabreden. 33/


Austausch
von Ideen
Amerikanisches
Sprichwort

Unverletz- O ihr, die ihr glaubt, gehet nicht ein in Häuser, die nicht
barkeit eure Häuser sind, bevor ihr um Erlaubnis gebeten und ihre
des Heimes Bewohner begrüsst habt. Solches ist besser für euch; viel-
leicht lasset ihr euch ermahnen. Und wenn ihr niemand

179
Freiheit des Bürgers

darinnen findet, so tretet nicht eher ein, als bis euch Er-
laubnis gegeben ward; und wenn zu euch gesprochen wird:
Koran „Kehret um!", so kehret um; das ist reiner für euch. Und
An-Nur 27 - 28 Allah weiss, was ihr tut. 338

Gegen die Die Beklagten vertreten die Ansicht, dass auf Grund von
willkürlichen Präzedenzfällen die Vertreter des Gesetzes das Recht ha-
Beschlag- ben, mit Gewalt bei den Leuten einzudringen, ihre
nahmungen Schreibtische aufzubrechen, sich ihrer Papiere zu bemäch-
tigen usw., ohne ein Inventar der so geraubten Gegenstän-
de erstellen zu müssen, und dass eine einfache Vollmacht
ganz ohne Namensnennung des Delinquenten ihnen er-
laubt, nach freiem Ermessen bei jedem eine gerichtliche
Durchsuchung durchzuführen, den sie in Verdacht haben.
Wenn ein Staatssekretär tatsächlich eine solche Macht hat
und diese auf seine Untergebenen übertragen kann, läuft
Angelegenheit jeder Einwohner Gefahr, dass er selbst oder sein Hab und
Wilkes Gut zu Schaden kommt, und dies steht in gänzlichem Ge-
Gerichtsspruch 1763
Grossbritannien gensatz zur Freiheit des Bürgers. 339

Gleiches Recht O ihr, die ihr glaubt, bleibt fest in der Gerechtigkeit, so ihr
für alle vor dem Zeugnis ablegt zu Gott, und sei es auch wider euch selber
Gesetz oder eure Eltern und Verwandten. 340
Koran
An-Nissa' 135

Diejenigen, die vor Euch waren, sind umgekommen, weil


sie den Mächtigen, der einen Diebstahl beging, ungestraft
Hessen und den Schwachen, der stahl, bestraften. Ich
schwöre bei dem, der meine Seele in seiner Hand hält: Soll-
Hadith
(Worte des te Fatima, die Tochter des Mohammed, einen Diebstahl
Propheten) begehen, würde ich ihr die Hand abschlagen! 341

Wie könnte ein Volk gesegnet sein, in dem der Schwache


Hadith
(Worte des nicht dem Starken gegenüber zu seinem Recht kommt?
Propheten) 342

Asylrecht Es ist sicher, dass er (der Inka) bedacht war, richtig zu han-
deln, und dass er die Beurteilung aller Vergehen den Rich-
tern übergab; und es ist sicher, dass die Missetäter, die in
den Tempel von Corichancha eintraten, frei waren, und
Juan de Santa Cruz
ebenso die, die sich in seinen Palast flüchteten, mit Aus-
Pachacuti nahme der Schelme und der Ehebrecher; und man bestä-
Relación de tigt, dass der Inka Yabarvacac die Gefängnisse ausserhalb
antigüedades
deste regno del Perú der Stadt errichten liess, um die Bestrafung der Schuldigen
ca. 1600 nicht sehen zu müssen. 343

180
Besondere Rechte

Garantie für Wenn ein Ankömmling, der nicht zu unseren Leuten zählt,
Freiheit sich in unsere Stadt geflüchtet hat und während eines Jah-
für Flüchtlinge res und eines Tages hier wohnte, ohne dass man ihn zu-
rückrief; wenn er sich bei seiner Ankunft bei den Amtsstel-
len oder bei uns gemeldet hat und sich am Gemeinwerk be-
teiligt hat, werden ihn unsere Bürger von nun an als Mit-
bürger anerkennen, und ihm wird Hilfe in der Not zugesi-
chert wie den andern Bürgern. Wenn er nicht geholfen hat,
wird man ihn nicht als Mitbürger anerkennen, und es wird
ihm kein Schutz zugesichert. Um die Ehre der Stadt zu
Charta von
Neuenburg wahren, werden wir jedoch nicht dulden, dass er innerhalb
(Schwciz) der Mauern beleidigt wird. Wird er aber ausserhalb der
den Bürgern Stadt gefangen oder getötet, werden wir ihn nicht rächen.
der Stadt
erteilt im Jahre 1214 344

Wenn die Verfassung eines Staates den Fremden ein unver-


letzbares Asylrecht zusichert, erweist er nicht einen
Dienst und es ist kein wohl erwogener Willensakt. Er aner-
kennt ein Recht, das allen Menschen in allen Ländern zu-
Domingo Faustino kommt, und dessen Verletzung eine dieser zahlreichen bar-
Sarmiento
1811-1888 barischen Taten wäre, welche die Geschichte der Mensch-
Argentinien heit befleckt haben. 345

Der Fremde Die Mutter und der Sohn essen Fisch, sie geben diesem
Idioten von Jmono angesäuertes Gemüse; sie versuchen so,
mir Hämorrhoiden zu verpassen, werden sie mich nachher
mit Bädern pflegen?
Die Freigebigkeit zwischen Verwandten erstreckt sich
nicht bis auf die Fremden. Diese erhalten nur Nahrung von
schlechter Qualität. Glauben sie, dass ich annehme, um
dann krank zu werden? Denken sie, ich wisse nicht, dass
sie mich in meiner Krankheit nicht pflegen werden?
Ein Fremder (ein Besucher) ist nur Asche.
Er verweilt nur eine gewisse Zeitspanne und verschwin-
det danach, oft für immer.
Deshalb, auch wenn er lästig und mürrisch usw. ist, er-
trage ihn ein wenig, es wird nicht lange dauern: übrigens
solltest du nicht vergessen, dass, wenn er dich verlässt, er
erzählen wird wie er aufgenommen wurde; er wird dir
einen guten Namen schaffen, oder wird, im Gegenteil,
überall erzählen, dass du böse bist.
Der Durst eines Kleinkindes ist wie der Hunger eines
Fremden.
Der Fremde hat Hunger, aber er wagt nicht, um Nahrung
zu bitten, wie das Kind nichts zu verlangen vermag.
Mongo-Sprichwörter Man soll nicht warten, bis der Fremde um Nahrung bit-
Kongo tet; man muss ihm diese anbieten. 346

181
Freiheit des Bürgers

Exil Wer von seiner Mutter erzogen wird,


Lebt auf seinem Boden und in seinem Hause.
Volksdichtung
Quechua Ich allein, ich armer Ausgestossener
Peru Ich habe weder Haus noch Boden. 347

Wie der Eingeborene unter euch sei euch der Fremdling,


der bei euch weilet, und du sollst ihn lieben wie dich
Hebräische Bibel selbst; denn Fremdlinge wäret ihr im Lande Mizrajim. Ich
Leviticus 19, 34 der Ewige bin euer Gott. 348

Gerechtigkeit,
Unparteilichkeit
Kiaft und In allen menschlichen Beziehungen ist Kraft. Das Gleich-
Gerechtigkeit gewicht allein tötet die Kraft. Wenn man weiss, wodurch
die Gesellschaft aus dem Gleichgewicht geraten ist, muss
man tun, was man kann, um die zu leichte Schale zu be-
schweren. Obwohl das Schwere an sich böse ist, macht
man vielleicht nichts Unsauberes, wenn man es in dieser
Absicht einsetzt. Aber man muss das Gleichgewicht ge-
schaffen haben und immer bereit sein, die Seite zu wech-
Simone Weil
Frankreich seln, wie die Gerechtigkeit, diese „das Lager der Sieger
Cahiers 1948 Fliehende." 349

Die Naturkraft ist keine Maschine zur automatischen Er-


zeugung von Gerechtigkeit. Sie ist ein blinder Mechanis-
mus, der, wie es eben kommt, unterschiedslos gerechte
oder ungerechte Wirkungen, aller Wahrscheinlichkeit
nach jedoch meist ungerechte Wirkungen, hervorruft. Der
Lauf der Zeit ändert daran nichts,- er bewirkt nicht, dass
sich, während dieser Mechanismus läuft, der winzige
Bruchteil der Wirkungen erhöht, die zufällig mit der
Gerechtigkeit übereinstimmen.
Ist die Kraft die höchste Herrin, so ist die Gerechtigkeit
etwas völlig Unwirkliches. Das aber ist sie nicht. Wir wis-
sen es aus Erfahrung. Sie ist wirklich im Grunde des
Simone Weil Menschenherzens. Die Beschaffenheit eines Menschenher-
Frankreich
Die Einwurzelung zens ist ebenso eine Wirklichkeit unter den Wirklichkeiten
1942-1943 des Universums wie die Bahn eines Gestirns. 350

Kodex Hammurabi ist gekommen, „damit die Gerechtigkeit aus-


des Hammurabi
1730-1685 v. Chr. bricht", (...) um den Mächtigen daran zu hindern, den
Babylon Schwachen unrecht zu tun. 351

182
Gerech tigkeit, Un Parteilichkeit

Amharisches
Sprichwort D a s V i e h hasst d e n Abgrund; der M e n s c h hasst die U n g e -
Äthiopien rechtigkeit. 352

Innerliche MACBETH
Gerechtigkeit
W ä r ' es, g e t h a n ; a u c h a b g e t h a n , s o w ü r d ' e s
Am besten schnell gethan. Umgarnte Mord
D i e F o l g e n a u c h , u n d fing' auf e i n e n Z u g
M i t d e m Vollbringen das Gelingen; bliebe
D e r erste Schlag der letzte, Alles endend,
H i e r , h i e r n u r , auf der s e i c h t e n S a n d b a n k Z e i t : -
M e i n Jenseits gab' ich u n b e k ü m m e r t preis.
D o c h solche T h a t e n richten sich schon hier.
Die blutige Lehre wird erlernt u n d schlägt
Shakespeare Als P e i n z u r ü c k auf i h n , der sie erfand;
Macbeth
I. Akt, 7. Szene Vergeltung setzt m i t sichrer H a n d den Kelch,
1606 In den wir Gift gemischt, an u n s r e Lippen. - 353

Unpartei- J a h r 16, d r i t t e r M o n a t d e r Ü b e r s c h w e m m u n g s z e i t , 21. T a g .


lichkeit An diesem Tag, im grossen Gerichtshof von Theben, neben
d e n b e i d e n oberen Säulen, i m N o r d e n des A m m o n h o f e s ,
bei der T ü r e des D w a r e k h i t . Die Notablen, die im grossen
Gerichtshof von T h e b e n an diesem Tage zu Gericht sassen:
der Präfekt v o n T h e b e n u n d Wesir K h a e m w e s e , der grosse
Priester v o n A m e n r e , König der G ö t t e r A m e n h o t e p ; der
Prophet v o n A m e n r e , König der Götter, u n d der Sem-Prie-
ster, N e s a m u n , v o m T e m p e l der T a u s e n d Jahre ( T o t e n t e m -
pel) d e s K ö n i g s N e f e r k e r e S e t e p e n r e , d e r k ö n i g l i c h e D i e n e r
N e s a m u n , der Schreiber des Pharao; der Verwalter des
H a u s e s der G ö t t l i c h e n B e w u n d e r i n v o n A m e n r e , König der
Götter, der königliche Diener Neferkereenperamun,
H e r o l d des Pharao; der G e n e r a l l e u t e n a n t Hori, v o n der
Wagnerei, der Fahnenträger der Flotte Hori; der Prinz v o n
T h e b e n Pesiur.
Der Präfekt von T h e b e n u n d Wesir Khaemvese Hessen
den Schmieden Peikharee, Sohn des Khari, den Schmied
Thari, S o h n des K h a e m o p e u n d d e n S c h m i e d e n P e i k a m e n ,
Sohn des Thari v o m U s i m a r e M i a m o n T e m p e l , i m D i e n s t e
des Gross-Priesters v o n A m o n vor Gericht erscheinen.
Der Wesir sagte zu den grossen N o t a b l e n des grossen Ge-
richtshofes von Theben: „Dieser Prinz von T h e b e n brachte
einige K l a g e n w e g e n der g r o s s e n G r ä b e r auf d e m P l a t z der
S c h ö n h e i t vor gegen die I n s p e k t o r e n u n d die Arbeiter der
N e k r o p o l e i m J a h r e 16, d r i t t e r M o n a t d e r Ü b e r s c h w e m -
m u n g , 19. T a g , i n G e g e n w a r t d e s k ö n i g l i c h e n D i e n e r s
N e s a m u n , Schreiber des Pharaos.
Als ich indes als W e s i r des Landes selber d o r t h i n k a m in
Begleitung des königlichen Dieners N e s a m u n , Schreiber

183
Freiheit des Bürgers

des Pharaos, p r ü f t e n w i r die Gräber, v o n d e n e n der Prinz


des N o m e gesagt hatte, sie seien v o n den S c h m i e d e n des
Tempels von Usimare Miamon im Hause Amons entweiht
w o r d e n : w i r f a n d e n sie i n t a k t u n d alles, w a s gesagt w o r d e n
w a r , e r w i e s s i c h als falsch. Jetzt s t e h e n die S c h m i e d e vor
euch; fragt sie n a c h allem, w a s g e s c h e h e n ist." M a n befrag-
t e sie, u n d m a n e n t d e c k t e , dass d i e s e M ä n n e r n i c h t s v o n
d e n G r ä b e r n auf d e m P l a t z e d e s P h a r a o s w u s s t e n , v o n de-
n e n der Prinz gesprochen hatte, u n d m a n erkannte, dass
der Prinz in dieser Angelegenheit im U n r e c h t war.
D i e grossen N o t a b l e n Hessen die S c h m i e d e des T e m p e l s
des U s i m a r e M i a m o n frei u n d sie w u r d e n a m g l e i c h e n T a g
Bericht über einen d e m Grossen-Priester v o n A m e n r e , d e m König der Götter,
Prozess Amenhotep, anvertraut.
Altes Ägypten
XX. Dynastie Ein Bericht w u r d e geschrieben u n d in den Archiven des
2. Jt. v. Chr. Wesirs niedergelegt. 354

Gesetzliches A n g e n o m m e n der Fall, d a s s e i n M a n n e i n e n a n d e r e n fol-


Vorgehen g e n d e r m a s s e n a n k l a g t : „Er h a t m i r m e i n H a u s g e s t o h l e n ,
es gehört m i r , es ist das m e i n e s Vaters", u n d der so Ange-
k l a g t e e r w i d e r t : „Es g e h ö r t m i r , i c h h a b e e s a u s d e m K a n a l
g e z o g e n ( d a s heisst: ich habe es mit dem Lehm des Kanals
gebaut)." W e n n d a s H a u s b e i m K a n a l s t e h t , w i r d m a n z u m
A n g e k l a g t e n sagen: „Beweise, dass es dir gehört, u n d dass
d u e s aus d e m Kanal gezogen hast; w e n n n i c h t , w i r d der
Kläger b e w e i s e n m ü s s e n , dass es i h m gehört, u n d dass es
s e i n e m Vater gehört h a t t e . " W e n n der Kanal n i c h t b e i m
Gesetzbuch von H a u s e vorbeifliesst, wird m a n d e m Kläger sagen: „Beweise,
Hermopolis dass es dir gehört, u n d dass es D e i n e m Vater gehört h a t t e . "
Altes Ägypten
Ptolemäische Der andere wird i h m schriftlich eine Verzichtbestätigung
Epoche auf d a s b e t r e f f e n d e H a u s ü b e r g e b e n m ü s s e n . 355

Gleichheit Da Gleichheit in Verhandlungen u n d Strafen wünschens-


Edikt von Asoka w e r t ist, v e r f ü g e ich, dass sie v o n n u n an g e l t e n soll. 356
3. Jh. v. Chr.
Prakrit

Z u d i e s e m s t e i g e n s i e e m p o r u n d s c h w ö r e n , s i e w ü r d e n ge-
Aristotoles r e c h t u n d n a c h d e n G e s e t z e n ihr A m t f ü h r e n , sie w ü r d e n
4. Jh. v. Chr.
Verfassung der v o n A m t s w e g e n k e i n e G e s c h e n k e a n n e h m e n u n d e i n e gol-
Athener d e n e Bildsäule w e i h e n , w e n n sie es d o c h t ä t e n . 357

Bedingung des (...) o h n e gerichtliches Urteil dürfe k e i n Bürger getötet


Todesurteils werden. 358

M a n k a n n einen Bürger n u r i n der V o l k s v e r s a m m l u n g z u m


Gesetz der
XII Tische Tode verurteilen.
erste römische
Gesetzgebung (...) der sich g e n a u b e w u s s t ist, dass er s e i n e n Schieds-
5. Jh. v. Chr. s p r u c h i m S i n n e d e s j e n i g e n g e f ä l l t h a t , d e r i h m G e l d g a b . 359

184
Gerech tigkeit, Un Parteilichkeit

Ein Hellene, der gerichtet w e r d e n m u s s , w i r d a m T a g e vor


der R e c h t s s p r e c h u n g die W a h l h a b e n , z w i s c h e n e i n e m aus-
schliesslich aus R ö m e r n oder e i n e m zur Hälfte aus Helle-
n e n bestehenden Gericht; w e n n er sich für die Hälfte Hel-
l e n e n a u s s p r i c h t , d a n n w i r d m a n , n a c h d e m d i e K u g e l n ge-
w o g e n u n d die N a m e n auf d i e s e n e i n g e s c h r i e b e n s e i n w e r -
den, aus einer U r n e die N a m e n der R ö m e r , u n d aus einer
a n d e r n diejenigen der H e l l e n e n z i e h e n bis in jeder G r u p p e
die Zahl 25 erreicht sein wird. Von dieser Zahl wird die
Klägerin, w e n n sie will, e i n e n R i c h t e r als n i c h t z u s t ä n d i g
erklären; der Angeklagte, drei im ganzen, w o b e i er n i c h t
n u r R ö m e r oder n u r Hellenen z u r ü c k w e i s e n k a n n . Alle an-
dern w e r d e n daraufhin berechtigt sein, ihre S t i m m e abzu-
geben, die R ö m e r in eine U r n e u n d die H e l l e n e n in eine
a n d e r e . N a c h d e m die a b g e g e b e n e n S t i m m e n g e t r e n n t auf
beiden Seiten gezählt w o r d e n sind, wird der G o u v e r n e u r
Erstes Edikt des öffentlich das Urteil der G e s a m t m e h r h e i t b e k a n n t geben.
Augustus
7 - 6 v. Chr. 360

Tertullian bestreitet die Legalität der Verurteilung der Chri-


sten. Es fand kein regulärer Prozess mit Advokaten statt.
Eines begehrt die W a h r h e i t i n d e s s e n : sie w i l l n i c h t unge-
kannt verurteilt werden.

W e n n schliesslich sicher ist, dass w i r die grössten Verbre-


cher sind, w a r u m w e r d e n wir d a n n v o n e u c h selbst anders
Tertullian
2. Jh., Karthago b e h a n d e l t als u n s e r e s g l e i c h e n , das heisst: die ü b r i g e n Ver-
Apologeticum brecher. 361

Richter Für das A m t des Richters m u s s der König P e r s o n e n ernen-


n e n , die die Schriften g r ü n d l i c h studiert h a b e n , die d e n
D h a r m a sehr gut k e n n e n , die der W a h r h e i t verpflichtet
sind, u n d die d e m Angeklagten u n d d e m Verteidiger unpar-
teiisch gegenüberstehen.
D i e Richter, die v o m in den Smritis festgehaltenen Recht
a b k o m m e n oder, w a s e b e n s o s c h l i m m ist, aus G r ü n d e n der
Vetternwirtschaft, aus Gier oder Furcht handeln, sollen
Yajiiavalkyasmriti
3--4-Jh. doppelt so hart bestraft w e r d e n w i e der Schuldige für sein
Sanskrit Vergehen. 362

Schnelle und W e n n ein König seinen Platz in der V e r s a m m l u n g einge-


gerechte n o m m e n hat, soll er diejenigen, die i h m ihre Klagen unter-
Gerichtsbarkeit breiten wollen, nicht lange vor der T ü r e w a r t e n lassen.
D e n n ein schwer zugänglicher König wird von seiner U m -
gebung dazu verleitet, das Gegenteil v o n d e m zu tun, was
Kantiliya- er eigentlich sollte, b z w . n i c h t sollte. In der Folge m u s s er
Arthasästra, I.
4. Jh. v. Chr. vielleicht e i n e m Volksaufstand begegnen, oder er läuft Ge-
Sanskrit fahr, v o m Feind besiegt zu werden. 363

185
Freiheit des Bürgers

Wiedeigut- D e r König m u s s die v o n D i e b e n gestohlenen G ü t e r wieder-


machung einbringen u n d sie ihren Besitzern u n a b h ä n g i g v o n i h r e m
sozialen Stand vollständig z u r ü c k e r s t a t t e n . W e n n er sie
Visnusmriti, III
4-S-Jh. nicht z u r ü c k h o l e n kann, m u s s er die Opfer aus s e i n e m
Sanskrit eigenen Schatz entschädigen. 364

Uneibittlichkeit D a s Prinzip des G e s e t z e s ist, dass eine Busse v o n e i n e m


Manusmriti VIII karsäpana (Geldstück). für einen einfachen Bürger, für
2. Jh. v. Chr. -
i. Jh. n. Chr. einen König einer Busse v o n tausend [kärsapanas] entspre-
Sanskrit chen müsste. 36s

Recht zu sprechen, ohne D h a r m a zu berücksichtigen,


bringt d e m König den Verlust des H i m m e l s , des R u h m s
u n d der W e l t des G l ü c k s . D a s R e c h t gut z u s p r e c h e n dage-
gen, f ü h r t z u m H i m m e l , z u Ehre u n d Erfolg. D e r König soll
a u c h s e i n e n e i g e n e n B r u d e r oder s e i n e n S o h n oder e i n e Re-
s p e k t p e r s o n (wie e i n e n Lehrer) oder s e i n e n Schwiegervater
oder den Vater seiner M u t t e r nicht ungestraft lassen, w e n n
dieser sich v o n s e i n e m D h a r m a entfernt hat. D e r König,
der die Personen bestraft, die eine Strafe verdienen u n d
z u m T o d e verurteilt, w e r die T o d e s s t r a f e verdient, k a n n als
einer derjenigen angesehen werden, der (zahlreiche) d u r c h
vollkommene und hervorragende Weihegaben gekenn-
zeichnete Opfer dargebracht hat. Da er (somit das Recht hat)
e i n e F r u c h t i m W e r t e i n e s O p f e r s z u e r h a l t e n , m u s s der Kö-
Yäjöavalkyasmriti nig die verschiedenen G r ü n d e der R e c h t s p r e c h u n g einzeln
3 -4-Jh.
Sanskrit und täglich m i t Hilfe von Beisitzern prüfen. 366

W e n n die benachteiligte Person einen Schaden erlitten hat


u n d Klage erhebt, m u s s m a n Gerechtigkeit üben, i n d e m
Vasistha- m a n den besonderen Umständen wie Zeitpunkt, Ort und
Dharmasätra,
XIX. i. Jh. ö r t l i c h e s R e c h t , a b e r a u c h A l t e r , B i l d u n g u n d S t e l l u n g (der
Sanskrit Betroffenen) entsprechend berücksichtigt. 36/

Es gibt kein O h König, i n b e s t i m m t e n Fällen m u s s das als G e s e t z ange-


absolutes Recht wandt werden, was dem üblichen Recht zu widersprechen
s c h e i n t . E b e n s o m u s s das, w a s ü b l i c h e r w e i s e G e s e t z ist,
Mahäbhärata XII m i t u n t e r als e t w a s i m W i d e r s p r u c h z u m G e s e t z S t e h e n d e s
2. Jh. v. Chr. -
i. Jh. n. Chr. b e t r a c h t e t w e r d e n . D a s ist, w a s der W e i s e v e r s t e h e n m u s s .
Sanskrit 368

von Cicero zitiert S u m m u m jus, s u m m a injuria.


i. Jh.v. Chr. 369
De officiis

Rechtauf Ich verordne v o n n u n an folgendes: D i e M ä n n e r , die bereits


Berufung zu einer Strafe verurteilt sind, zu Gefängnis oder z u m
Tode, sollen gemäss meiner Verordnung eine gesetzliche
Frist v o n drei T a g e n erhalten, d a m i t ihre Angehörigen

186
Gerech tigkeit, Un Parteilichkeit

( w ä h r e n d dieser Zeit) u m ihre G n a d e b i t t e n oder Opfer dar-


bringen u n d Fastenzeiten einhalten k ö n n e n , die d e n Verur-
Edikt von Asoka
3. Jh. v. Chr. teilten i n der a n d e r n Welt z u g u t e k o m m e n , dies, u m i h n e n
Prakrit seelische Nöte zu ersparen. 370

Damit wirklich Fünftens: Setze der Gefrässigkeit ein Ende u n d befreie dich
Recht v o n d e i n e n Begierden, u m bei Klagen, die dir vorgebracht
gesprochen wild werden, klar entscheiden zu k ö n n e n . Das Volk bringt Tag
für Tag tausend Klagen vor. W e n n es an e i n e m Tag schon
soviele sind, wieviele erst sind es über die fahre hinweg?
W e n n der M a n n , der Recht sprechen m u s s , i m m e r n u r a n
den persönlichen Profit denkt u n d sich Rechtsfälle m i t
d e m B l i c k auf d i e B e s t e c h u n g e n a n h ö r t , d a n n w e r d e n d i e
Klagen der R e i c h e n sein w i e ein ins Wasser g e w o r f e n e r
S t e i n ( d . h . sie w e r d e n n i c h t auf W i d e r s t a n d t r e f f e n ) , d i e
K l a g e n der A r m e n j e d o c h w e r d e n s e i n w i e auf e i n e n S t e i n
geschleudertes Wasser. U n t e r diesen Bedingungen wird das
a r m e V o l k n i c h t w i s s e n , w o h i n e s sich w e n d e n soll.

Siebtens: Jeder soll seine A u f g a b e n h a b e n , u n d die Befug-


nisse sollen klar unterschieden werden. W e n n weise M ä n -
ner die Ä m t e r bekleiden, erschallt Lob. W e n n ausschwei-
fende M ä n n e r die Ä m t e r innehaben, w e r d e n U n h e i l u n d
Chaos z u n e h m e n . In dieser Welt werden wenige schon
w i s s e n d geboren: Tief u n d k o n z e n t r i e r t n a c h z u d e n k e n
m a c h t erst den W e i s e n aus. Bei allen Angelegenheiten, ob
w i c h t i g oder u n w i c h t i g , gilt es, d e n R i c h t i g e n z u f i n d e n ,
u n d m i t B e s t i m m t h e i t w i r d alles geregelt w e r d e n . Bei jeder
G e l e g e n h e i t , ob es eilt oder n i c h t , soll m a n sich n u r an
einen W e i s e n w e n d e n , u n d die Dinge w e r d e n v o n selbst
n a c h g e b e n . Auf diese W e i s e w i r d der Staat ewig b e s t e h e n
b l e i b e n , u n d der Erd- u n d G e t r e i d e a l t a r w i r d n i c h t i n G e -
fahr sein. D e s h a l b s u c h t e n die W e i s e n H e r r s c h e r der alten
Zeit den richtigen M a n n für ein A m t u n d nicht ein A m t für
einen bestimmten Mann.
Achtens: Sämtliche Minister u n d Beamten sollen sich
f r ü h an d e n Hof begeben u n d diesen erst spät verlassen. In
S t a a t s g e s c h ä f t e n soll m a n n i e nachlässig sein, d e n n der
ganze Tag genügt k a u m , u m alles z u regeln. Folglich h a b e n
die B e a m t e n , die z u spät k o m m e n , n i c h t g e n u g Zeit, u m
die d r i n g e n d e n Fälle z u b e h a n d e l n , u n d w e n n sie z u f r ü h
w e g g e h e n , ist e s g e z w u n g e n e r m a s s e n so, d a s s n i c h t alle
G e s c h ä f t e erledigt w e r d e n .

Z e h n t e n s : S e t z e d e i n e m Z o r n e i n E n d e u n d v e r m e i d e es,
g r i m m i g e Blicke zu werfen. Z ü r n e nicht, w e n n die andern
gegen dich sind. D e n n alle M e n s c h e n h a b e n ein Herz, u n d

187
Freiheit des Bürgers

jedes H e r z h a t seine N e i g u n g e n . W a s f ü r a n d e r e richtig ist,


ist falsch f ü r m i c h , u n d w a s f ü r m i c h richtig ist, ist f ü r an-
dere falsch. Ich k a n n k e i n Weiser sein; die andern sind
n i c h t u n b e d i n g t D u m m k ö p f e . Wir sind alle ganz g e w ö h n -
liche Menschen. Wie könnte m a n Grundsätze aufstellen,
die das Richtige v o m Falschen u n t e r s c h e i d e n . D e n n wir
sind alle zugleich w e i s e u n d töricht, w i e ein Ring, der k e i n
Ende hat. D e s h a l b sollst du, a u c h w e n n andere zornige
Blicke werfen, eher deine eigenen Fehler fürchten, u n d
a u c h w e n n d u allein i m R e c h t bis, der M a s s e folgen u n d
gleich h a n d e l n w i e sie.

Siebzehntens: In wichtigen Angelegenheiten kann m a n


n i c h t allein e n t s c h e i d e n . Sie m ü s s e n u n b e d i n g t m i t v i e l e n
Leuten z u s a m m e n durchdiskutiert werden. Kleinere Dinge
h a b e n w e n i g e r Folgen; m a n m u s s sie n i c h t m i t z a h l r e i c h e n
Personen z u s a m m e n erledigen. Nur, w e n n e s sich u m die
Verfassung des Diskussion von wichtigen Angelegenheiten handelt, w e n n
kaiserlichen die G e f a h r eines F e h l e n t s c h e i d s b e s t e h t , sollen sie m i t an-
Prinzen Shötoku
604 deren L e u t e n z u s a m m e n erörtert w e r d e n , u m z u einer ver-
Japan n ü n f t i g e n Lösung zu gelangen. 3/1

Die Kasten „Man k a n n sagen, Herr, dass m a n überall n u r eine einzige


und das Recht B e s t ä t i g u n g z u h ö r e n b e k o m m t : D i e B r a h m a n e n allein bil-
d e n die beste Kaste, alle a n d e r n sind m i n d e r w e r t i g ; die
B r a h m a n e n allein h a b e n eine helle H a u t , alle übrigen aus
den andern Kasten haben eine dunkle Gesichtsfarbe. Die
B r a h m a n e n allein sind rein, die andern sind es nicht. D i e
B r a h m a n e n sind die S ö h n e B r a h m a s , sie sind aus s e i n e m
M u n d g e b o r e n , v o n B r a h m a g e b o r e n . Sie w u r d e n v o n
B r a h m a geprägt, sie sind die E r b e n B r a h m a s ! "
„ W a s h a l t e n Sie d a v o n , Herr? W e n n e i n Adliger i n ein
H a u s einbricht, eine Plünderung oder einen Raub verübt,
eine Falle stellt oder sich des E h e b r u c h s schuldig m a c h t ,
u n d w e n n die M ä n n e r , die i h n gefasst haben, ihn zu I h n e n
b r i n g e n u n d sagen: , M a j e s t ä t , hier ist der Räuber, der I h n e n
schadet; v e r h ä n g t die Strafe, die er v e r b ü s s e n m u s s ! ' W a s
w ü r d e n Sie t u n ? "
„Mein guter Kaccana, wir m ü s s t e n ihn töten oder zu-
grunde richten, ihn verbannen oder nach u n s e r e m G u t d ü n -
k e n b e h a n d e l n . W a r u m ? Weil der A d e l s n a m e , den er f r ü h e r
trug, jetzt k e i n e G ü l t i g k e i t m e h r h a t , u n d e r n u r n o c h als
R ä u b e r b e t r a c h t e t w i r d . " „ W a s d e n k e n Sie d a v o n , Herr,
w e n n ein Brahmane, ein Händler oder ein Arbeiter in ein
H a u s e i n b r i c h t u s w . , w a s w ü r d e n Sie m i t i h m t u n ? "
„Mein guter Kaccana, wir m ü s s t e n ihn töten oder zu-
g r u n d e r i c h t e n u s w . , e r w i r d n u r als R ä u b e r b e t r a c h t e t . "

188
Gerech tigkeit, Un Parteilichkeit

„ W a s d e n k e n Sie d a v o n , Herr? W e n n d e m s o ist, s i n d die-


se vier Kasten die gleichen oder nicht? Oder . . . w a s ist Ihre
Meinung?"
„In W a h r h e i t , w e n n d e m s o ist, s i n d diese vier K a s t e n ge-
Majjhima Nikaya, II n a u gleich, ich sehe k e i n e n Unterschied z w i s c h e n i h n e n in
Text Pali dieser Beziehung." 3/2

Macht des C a n . 12 - § 1. A l l g e m e i n e G e s e t z e v e r p f l i c h t e n ü b e r a l l
Gesetzes alle, f ü r die sie erlassen w o r d e n sind.
Schutz für den C a n . 1313 - § 1. W i r d n a c h B e g e h e n e i n e r S t r a f t a t e i n
Angeklagten G e s e t z geändert, so ist das für d e n T ä t e r günstigere anzu-
wenden.
§ 2. Setzt ein später erlassenes G e s e t z ein G e s e t z oder
wenigstens eine Strafe ausser Kraft, so entfällt diese sofort.
C a n . 1351 - D i e S t r a f e b i n d e t d e n T ä t e r ü b e r a l l , a u c h w e n n
das Recht dessen e r l o s c h e n ist, der die Strafe festgesetzt
oder v e r h ä n g t hat, w e n n n i c h t s anderes a u s d r ü c k l i c h be-
s t i m m t ist.

Volles C a n . 1324 - § 1 . D e r S t r a f t ä t e r b l e i b t n i c h t s t r a f f r e i , a b e r
Bewusstsein die im Gesetz oder Verwaltungsbefehl festgesetzte Strafe
und m u s s gemildert w e r d e n oder an ihre Stelle m u s s eine Busse
Verantwortung t r e t e n , w e n n die Straftat b e g a n g e n w o r d e n ist:
i° v o n j e m a n d e m , der einen n u r g e m i n d e r t e n Vernunfts-
gebrauch hatte;
2 ° v o n j e m a n d e m , der s c h u l d h a f t w e g e n T r u n k e n h e i t
oder ähnlich gearteter Geistestrübung o h n e Vernunftge-
brauch war;
3° aus schwerer Leidenschaft, die jedoch die Verstandes-
überlegung u n d die willentliche Z u s t i m m u n g n i c h t gänz-
l i c h a u s s c h a l t e t e u n d b e h i n d e r t e , u n d n u r w e n n die Lei-
denschaft selbst nicht willentlich hervorgerufen oder
genährt wurde;
40 v o n e i n e m Minderjährigen, der das s e c h z e h n t e
Lebensjahr vollendet hat;
5° von j e m a n d e m , der d u r c h s c h w e r e Furcht, w e n n g l e i c h
n u r relativ schwer, g e z w u n g e n oder aufgrund einer Notlage
oder erheblicher Beschwernis gehandelt hat, w e n n die
Straftat in sich s c h l e c h t ist oder z u m S c h a d e n der Seelen
gereicht;
6 ° v o n j e m a n d e m , d e r a u s g e r e c h t e r N o t w e h r e i n e n ge-
gen sich oder einen anderen h a n d e l n d e n u n g e r e c h t e n An-
greifer a b g e w e h r t u n d dabei n i c h t die gebotene Verhältnis-
mässigkeit beachtet hat;
7° gegen einen, der s c h w e r u n d ungerecht provoziert hat;
8° v o n j e m a n d e m , der irrtümlich, w e n n g l e i c h schuld-
h a f t , g e g l a u b t h a t , e s l ä g e e i n e r d e r i n c a n . 1323, n n . 4 o d e r 5
g e n a n n t e n U m s t ä n d e vor,-

189
Freiheit des Bürgers

9° v o n j e m a n d e m , der o h n e Schuld n i c h t gewusst hat,


dass d e m Gesetz oder d e m Verwaltungsbefehl eine Strafan-
d r o h u n g beigefügt ist;
io°von j e m a n d e m , der o h n e volle Zurechenbarkeit eine
H a n d l u n g v o r g e n o m m e n hat, sofern n u r die Zurechenbar-
keit schwer bleibt.
§ 2. Dasselbe k a n n der Richter tun, w e n n ein anderer
U m s t a n d gegeben ist, der die S c h w e r e der Straftat m i n d e r t .
§ 3. U n t e r d e n in § 1 a u f g e f ü h r t e n U m s t ä n d e n trifft d e n
Täter keine Tatstrafe.

C a n . 1325 - G r o b e U n k e n n t n i s , s e i s i e g r o b f a h r l ä s s i g o d e r
absichtlich, k a n n bei der A n w e n d u n g der Vorschriften der
c a n n . 1323 u n d 1324 n i e m a l s i n B e t r a c h t g e z o g e n w e r d e n , -
ebenso nicht T r u n k e n h e i t oder andere Geistestrübungen,
w e n n diese m i t Absicht herbeigeführt w u r d e n , u m eine
Straftat zu begehen oder zu entschuldigen, sowie nicht
Leidenschaft, die willentlich herbeigeführt oder genährt
wurde.

Zuiechnungs- C a n . 1328 - § 1 . W e r z u m B e g e h e n e i n e r S t r a f t a t e t w a s g e -
fähigkeit t a n oder u n t e r l a s s e n h a t u n d t r o t z d e m u n a b h ä n g i g v o n sei-
n e m Willen die Straftat n i c h t vollendet hat, zieht sich
n i c h t die für die vollendete Straftat vorgesehene Strafe zu,
es sei d e n n , G e s e t z oder V e r w a l t u n g s b e f e h l s e h e n a n d e r e s
vor.
§ 2. W e n n H a n d l u n g e n oder U n t e r l a s s u n g e n ihrer N a t u r
n a c h zur A u s f ü h r u n g einer Straftat f ü h r e n , k a n n der T ä t e r
einer Busse oder e i n e m Strafsicherungsmittel unterworfen
werden, w e n n er n i c h t v o n sich aus v o n der b e g o n n e n e n
A u s f ü h r u n g der S t r a f t a t z u r ü c k g e t r e t e n ist. Ist aber Ärger-
nis oder anderer schwerer Schaden oder Gefahr entstanden,
so k a n n der Täter, a u c h w e n n er v o n sich aus von der T a t
ablässt, m i t einer gerechten Strafe belegt w e r d e n , die aber
Kodex des
kanonischen geringer s e i n m u s s als die, w e l c h e f ü r die v o l l e n d e t e Straf-
Rechtes t a t festgelegt ist. 373

Gleichheit und Jede U n t e r s c h e i d u n g , ob in Folge v o n R e i c h t h ü m e r n oder


Hierarchie E h r e n , jetzt, w e n n sie r e c h t m ä ß i g sein soll, e i n e vorherge-
h e n d e , auf d e n G e s e t z e n b e r u h e n d e G l e i c h h e i t v o r a u s ,
w e l c h e alle U n t e r t h a n e n als gleich abhängig v o n i h n e n be-
trachtet. M a n m u ß a n n e h m e n , d a ß die M e n s c h e n , w e l c h e
auf i h r e n n a t ü r l i c h e n D e s p o t i s m u s v e r z i c h t e t e n , gesagt ha-
ben: „Wer fleißiger sein wird, m ö g e m e h r Ehren haben,
u n d sein R u h m leuchte auch in seinen Nachfolgern wieder,
u n d w e r g l ü c k l i c h e r oder g e e h r t e r ist, als A n d e r e , h o f f e
z w a r m e h r , f ü r c h t e aber n i c h t w e n i g e r , als die A n d e r n , die
Verletzung der Verträge, d u r c h die er über die A n d e r n erho-

190
Gerech tigkeit, Un Parteilichkeit

b e n w u r d e . " Es ist w a h r , d a ß diese B e s c h l ü s s e n i c h t in


einer V e r s a m m l u n g des M e n s c h e n g e s c h l e c h t s gefaßt w u r -
den, aber sie b e s t e h e n in Folge der u n v e r ä n d e r l i c h e n Bezie-
h u n g e n der Dinge; sie zerstören n i c h t die Vortheile, wel-
c h e m a n a u s der S c h ö p f u n g des Adels zu z i e h e n hofft, ver-
hindern dessen Unbequemlichkeiten nicht und m a c h e n
die G e s e t z e gefürchtet, w e i l sie jeden Weg für Straflosig-
keit a u s s c h l i e ß e n . D e m , der sagen will, d a ß gleiche Strafe
für den Adligen u n d den M a n n des Volkes in Wahrheit
n i c h t dieselbe ist, w e i l die E r z i e h u n g v e r s c h i e d e n ist u n d
die Schande einer ganzen b e r ü h m t e n Familie zu Theil
Cesare Beccaria wird, entgegne ich, daß n i c h t die Empfindlichkeit des
Italien S c h u l d i g e n das M a ß der Strafe ist, s o n d e r n der ö f f e n t l i c h e
Über Verbrechen N a c h t h e i l , der um so größer wird, je begünstigter der
und Strafen
1764 Schuldige ist. 374

Juristische D i e A n g r i f f e auf d i e S i c h e r h e i t u n d F r e i h e i t d e r B ü r g e r ge-


Garantien h ö r e n also zu den grössten Verbrechen. (...) D i e G e s e t z e
allein k ö n n e n die Strafen f ü r die V e r b r e c h e n b e s t i m m e n .
(...) K e i n B e a m t e r k a n n u n t e r i r g e n d e i n e m V o r w a n d e sei-
n e s Eifers für das allgemeine W o h l die für einen verbreche-
r i s c h e n Bürger festgesetzte Strafe e r h ö h e n . (...) Ein
M e n s c h k a n n n i c h t vor der Verurteilung d u r c h den Richtcr
s c h u l d i g g e n a n n t w e r d e n . (...) D a s G e f ä n g n i s ist n ä m l i c h ,
bis der Bürger v e r u r t e i l t ist, n u r ein G e w a h r s a m f ü r densel-
ben, u n d da dieses G e w a h r s a m ausserordentlich peinlich
ist, so m u s s es so w e n i g Zeit w i e m ö g l i c h sein. (...) D e r
Z w e c k der Strafen ist n i c h t der, ein d e n k e n d e s W e s e n zu
q u ä l e n u n d z u b e t r ü b e n . (...) D e r Z w e c k ist also k e i n ande-
rer, als der, d e n S c h u l d i g e n d a r a n z u v e r h i n d e r n , s e i n e n
M i t b ü r g e r n v o n n e u e m S c h a d e n z u z u f ü g e n u n d die a n d e r n
z u r ü c k z u h a l t e n , gleiches zu t u n (...)

Erziehung zur Es ist besser, d e n V e r b r e c h e n v o r z u b e u g e n , als sie zu be-


Redlichkeit strafen. Dies ist der H a u p t z w e c k jeder g u t e n Gesetzge-
bung. (...) Wollt Ihr den Verbrechen z u v o r k o m m e n ? D a n n
sorgt dafür, dass die Gesetze klar u n d einfach sind. (...)
D a s sicherste aber schwierigste Mittel, den Verbrechen
v o r z u b e u g e n , ist e n d l i c h die V e r v o l l k o m m n u n g der Erzie-
Ibid. h u n g der Bürger. 375

Strafen ohne D a s ist der T r i u m p h der Freiheit, w e n n die Strafgesetze


Willkür jede Strafe der b e s o n d e r e n N a t u r der Straftat e n t n e h m e n .
Alle Willkür entfällt. D i e Strafe hängt n i c h t v o n der L a u n e
Montesquieu des G e s e t z g e b e r s ab, s o n d e r n v o n der N a t u r der Sache, u n d
Vom Geist der
Gesetze e s ist n i c h t der M e n s c h , der d e m M e n s c h e n G e w a l t a n t u t .
1748

191
Freiheit des Bürgers

Freiheit durch Ich h ä t t e g e w ü n s c h t , frei zu leben u n d zu sterben, das


das Gesetz heisst den Gesetzen so unterworfen, dass weder ich n o c h
irgend j e m a n d ihr ehrenvolles Joch abschütteln k ö n n t e :
dieses h e i l s a m e u n d süsse Joch, das die s t o l z e s t e n Köpfe
u m s o gefügiger tragen, als sie d a z u g e s c h a f f e n sind, k e i n
anderes zu tragen.
Ich hätte daher g e w ü n s c h t , dass n i e m a n d im Staat v o n
sich sagen könnte, er stehe über d e m Gesetz, u n d dass nie-
m a n d v o n aussen ein Gesetz auferlegen k ö n n t e , das anzu-
e r k e n n e n der Staat genötigt wäre. D e n n welches a u c h im-
m e r die Verfassung einer Regierung sein mag, w e n n sich
J.-J. Rousseau ein einziger M e n s c h findet, der d e m G e s e t z n i c h t u n t e r -
Diskurs über die w o r f e n ist, so sind alle a n d e r e n n o t w e n d i g e r w e i s e d e m
Ungleichheit
1755 Belieben dieses einen ausgeliefert. 377

Anstatt die n a t ü r l i c h e Gleichheit zu zerstören, setzt das


grundlegende A b k o m m e n eine moralische und rechtmässi-
ge Gleichheit an die Stelle dessen, w a s die N a t u r an physi-
scher Ungleichheit zwischen den M e n s c h e n schuf, und
dass sie n a t ü r l i c h e r w e i s e u n g l e i c h an Kraft oder an Geist
J.-J. Rousseau
Vom Sozialvertrag sein k ö n n e n , w e r d e n alle gleich d u r c h das A b k o m m e n u n d
1762 von Rechts wegen. 3/8

Bekämpfung der Über die Gesetze und Strafen des Reiches derlnkas
Käuflichkeit der
Beamten Da die Indianer k e i n A l p h a b e t k a n n t e n , v e r f ü g t e n sie über
k e i n e g e s c h r i e b e n e n G e s e t z e , aber sie b e h i e l t e n a u s Tradi-
t i o n diejenigen bei, die ihre Könige b e s c h l o s s e n h a t t e n , zu-
s a m m e n m i t den Sitten u n d Bräuchen, die d a m i t verbun-
d e n w a r e n . Ich w e r d e in der Folge die w i c h t i g s t e n e r w ä h -
n e n u n d die, a n die sie sich a m b e s t e n z u e r i n n e r n ver-
mochten.
W e n n ein Statthalter infolge v o n Korruption oder Vet-
ternwirtschaft der Gerechtigkeit n i c h t achtete oder etwas
vertuschte, strafte ihn der Inka selber, i n d e m er i h m sein
Kazikenamt entzog, ihn seiner Verpflichtung enthob u n d
Bernabé Cobo es i h m unmöglich machte, andere Ämter zu übernehmen.
Historia
del Nuevo Mundo W e n n das Vergehen s c h w e r w i e g e n d war, liess er i h n töten.
1653 379

Weder Geld- Carcilaso de la Vega (der Inca), Sohn eines spanischen


strafen noch Hauptmanns und einer einheimischen Mutter mit könig-
Beschlagnahme lichem Blut, war Historiker, Priester, Latinist und Poly-
der Güter graph: man erteilte ihm den Übernamen „Herodot der
Inkas"

Bei d e n I n d i a n e r n w a r e s n i c h t ü b l i c h , B u s s e n z u verteilen
oder j e m a n d e s G ü t e r zu b e s c h l a g n a h m e n . Als G r u n d führ-

192
Gerech tigkeit, Un Parteilichkeit

teil sie an, m a n k ö n n e die V e r b r e c h e n n i c h t a u s e i n e m


Staate v e r b a n n e n , i n d e m m a n d e n Schuldigen die G ü t e r
w e g n e h m e u n d sie dabei a m L e b e n lasse. D a m i t gebe m a n
ihnen Anlass, sich eines n o c h s c h l i m m e r e n Vergehens
schuldig z u m a c h e n . W e n n ein Kazike sich a u f l e h n t e , (was
m i t grösster Strenge bestraft wurde) oder w e n n er sich eine
andere Schuld auflud, für die er die Todesstrafe verdiente,
u n d w e n n diese gar v o l l s t r e c k t w u r d e , s o w u r d e dies s e i n e m
N a c h f o l g e r n i c h t v o r e n t h a l t e n . I m G e g e n t e i l , sie s e t z t e n
ihn in das A m t ein u n d zeigten i h m das Vergehen u n d die
Strafe des Vaters, d a m i t er sich hüte, gleiches zu tun. Pedro
Cieza de Leon schreibt im Kapitel 21 seines Buches über die
I n k a s z u m gleichen T h e m a , dass sie die G e w o h n h e i t hat-
ten, n i e m a n d e m die geerbte K a z i k e n w ü r d e z u n e h m e n , u m
U n g e h o r s a m der U n t e r g e b e n e n zu verhindern. W e n n sich
zufällig j e m a n d eine so grosse Verfehlung zuschulden hatte
Königliche
Kommentare oder k o m m e n lassen, dass m a n i h n als Strafe seiner Ehre u n d sei-
Geschichte der n e r A d e l s w ü r d e entkleidete, so gaben sie sie e i n e m seiner
Inkas, Kinder oder Brüder u n d erteilten allen den Befehl, i h m zu
Könige von Peru
1608 oder 1609 g e h o r c h e n u n d i h n als K a z i k e n a n z u e r k e n n e n . 380

Rechtspflege bei den Inkas

B e i m Urteil, das der Richter fällte, durfte er keineswegs


v o n der i m G e s e t z festgelegten Strafe a b w e i c h e n , s o n d e r n
diese P u n k t für P u n k t ausführen, u n d w e n n er den Befeh-
len des Königs zuwiderhandelte, drohte i h m die Todesstra-
fe. D i e I n k a s sagten, m a n k ö n n e d e m R i c h t e r n i c h t erlau-
ben, von sich aus etwas h i n z u z u f ü g e n oder wegzulassen,
o h n e das Majestätsgesetz zu verletzen. M a n m ü s s e ausser-
d e m das G e s e t z u m s o m e h r a c h t e n , als der König e s selbst
g e m a c h t h a b e i m E i n v e r s t ä n d n i s m i t allen M i t g l i e d e r n sei-
nes Rates. Die Einzelrichter hätten nicht soviel Erfahrung
w i e sie, u n d i h n e n soviel F r e i h e i t g e b e n h i e s s e die R e c h t -
sprechung käuflich werden lassen durch Bitten oder Ge-
s c h e n k e . Sie f ü g t e n h i n z u , dass dies n i c h t g e d u l d e t w e r d e n
könne, o h n e eine grosse U n o r d n u n g im Staate hervorzuru-
fen, u m s o m e h r , als d a d u r c h jeder Richter n a c h s e i n e m
G u t d ü n k e n handeln würde, kurz, es wäre nicht vernünftig,
w e n n irgend einer unter i h n e n Gesetzgeber würde. Er m ü s -
se v i e l m e h r einfach das a u s f ü h r e n , w a s das Gesetz vor-
schreibe, so streng es auch sein möge.
In einigen Rechtsfällen, v o n d e n e n die Rede war, w u r d e
nie in einer n ä c h s t e n K a m m e r Berufung eingelegt. D e n n da
der erste Richter das Gesetz n i c h t u m g e h e n k o n n t e , liess er
es P u n k t für P u n k t durch seinen Richterspruch befolgen,
u n d so w a r die Sache erledigt. Es ist zu sagen, dass es ange-
sichts der g u t e n O r d n u n g , die die Könige hielten, u n d der

193
Freiheit des Bürgers

Redlichkeit ihrer U n t e r g e b e n e n sehr w e n i g e Prozesse gab.


U m sie o h n e V e r z u g erledigen z u k ö n n e n , w u r d e i n jeder
Stadt ein Richter eingesetzt, der n a c h A n h ö r u n g der Par-
teien diese verpflichtete, der Gesetzesverordnung in den
folgenden fünf Tagen n a c h z u k o m m e n . W e n n sich zufällig
e t w a s ereignete, das s c h w e r w i e g e n d e r oder e r n s t e r w a r als
gewöhnlich u n d d a r u m d e m Kreisrichter vorgebracht wer-
den musste, richtete m a n sich direkt an ihn, u n d sein Ent-
scheid war endgültig.
Um zu v e r h i n d e r n , dass die Leute, die in e i n e n Prozess
verwickelt waren, ihre Provinz verlassen m u s s t e n , gab es
i n der H a u p t s t a d t e i n e n G e r i c h t s o b e r a u f s e h e r , der d e n Par-
teien R e c h t s p r e c h e n m u s s t e . (...) D i e Könige der Inkas
w u s s t e n n u r z u gut, dass die A r m e n k e i n e M ö g l i c h k e i t hat-
ten, ausser Landes oder vor andere Gerichte zu gehen, weil
die K o s t e n d a f ü r oft h ö h e r w a r e n als der strittige G e g e n -
s t a n d (als w a s s i e z a h l e n k o n n t e n ? ? ? ) .
So s a h e n sie s i c h oft g e z w u n g e n , ihr g u t e s R e c h t zu ver-
lieren, w e i l sie s i c h n i c h t v e r t e i d i g e n k o n n t e n . D a s w a r be-
s o n d e r s d a n n der Fall, w e n n sie e s m i t G e g e n s p i e l e r n z u
t u n h a t t e n , die r e i c h e r w a r e n als sie, w e i l diese die A r m e n
kraft ihrer M a c h t in Nachteil zu versetzen pflegten, sosehr
d e r A r m e i m R e c h t s e i n m o c h t e . U m d e m a b z u h e l f e n , er-
liess m a n eine Verfügung, w o n a c h die Z a h l der Sitze v o n
O b e r l a n d e s g e r i c h t e n k n a p p z u h a l t e n sei, w o s i c h die Strei-
tenden h i n w e n d e n konnten, ohne ihre Provinz verlassen
zu müssen. Die gewöhnlichen Richter durften kein Urteil
fällen, o h n e bei jedem M o n d w e c h s e l vor andern Richtern,
d e n e n sie u n t e r s t e l l t w a r e n , R e c h e n s c h a f t abzulegen.
D e n n am Hof bekleideten die Richter verschiedene Ränge,
u n d es w a r üblich, je n a c h B e d e u t u n g des Falles, i h n e i n e m
h ö h e r oder niedriger g e s t e l l t e n a n z u v e r t r a u e n . Sogar b e i m
Staat gab es eine Rangordnung, die v o m b e s c h e i d e n s t e n bis
z u m h ö c h s t e n Richter reichte. Letztere w a r e n Vize-Könige
oder h o h e B e a m t e der vier Teile des Reiches. Es gab einen
g u t e n G r u n d , w a r u m e i n R i c h t e r d e m a n d e r n B e r i c h t er-
s t a t t e n m u s s t e . Auf diese W e i s e e n t s t a n d eine Kontrolle,
ob jeder Richter seine Pflicht erfüllte, u n d die untergeord-
Königlicher neten w u r d e n dadurch gezwungen, ihrer A m t s f ü h r u n g
Kommentar oder
Geschichte der Sorgfalt a n g e d e i h e n z u l a s s e n . W a r das n i c h t der Fall, d r o h -
Inkas, ten die härtesten Strafen. So vollzog sich M o n a t für M o n a t
Könige von Peru
eine Art automatische Kontrolle. 381
1608 oder 1609

Recht auf Weil ich erfuhr, dass die s o g e n a n n t e n Corrigedors in den


lichteilichei. besagten Kriminalprozessen die angeklagten Indianer m i t
Schutz einer e x t r e m e n Strenge verfolgen, o h n e die Gesetzesregeln
zu b e a c h t e n , u n d die T o d e s u r t e i l e vollziehen, o h n e das
R e c h t auf B e r u f u n g z u b e r ü c k s i c h t i g e n ; u n d d a m a n e r w a r -

194
Gerech tigkeit, Un Parteilichkeit

tet; dass dieser Z u s t a n d geändert wird, d a m i t diese Miss-


stände nicht andauern, verfüge u n d befehle ich folgendes:
Jedesmal, w e n n so etwas geschieht, w e n n die s o g e n a n n t e n
Corrigedors oder andere Richter Indianer z u m T o d e verur-
teilen u n d diese Berufung einlegen, m a n den G e s u c h e n
stattgebe. Falls einige u n t e r i h n e n a u s U n k e n n t n i s dieser
V e r f ü g u n g n i c h t B e r u f u n g eingelegt h a t t e n , soll m a n sie
Verordnung des n i c h t h i n r i c h t e n , s o n d e r n o h n e Verzug die Urteile, die
Vize-Königs gesprochen w o r d e n waren, an die besagten königlichen
von Peru an die
Corrigcdors I n s t a n z e n ü b e r w e i s e n , d a m i t ihre Beschützer, so sie es
1685 richtig finden, Berufung einlegen können. 382

Gleichheit der W e n n die gleichen G e s e t z e in der g a n z e n R e p u b l i k ange-


Strafen wandt werden müssen, so m ü s s e n wir den Gesetzesbre-
chern die gleichen Strafen auferlegen. D e n n n i c h t s stellt
G e s e t z e m e h r i n Frage, als ihre u n g l e i c h e A n w e n d u n g , s o
dass die Schuldigen u n t e r s c h i e d l i c h bestraft w e r d e n . W a h r -
haftig, w ü r d e die Frage g e w i s s e n h a f t b e h a n d e l t , kriegten
die Sünder v o n h o h e m Stand h ö h e r e Strafen, u n d das Ge-
setz zeigte Leuten v o n bescheidener H e r k u n f t m e h r Milde.
Plato befiehlt, d e n Bürger der R e p u b l i k h ä r t e r zu strafen als
den Sklaven oder F r e m d e n . (...)
D a s ungerechte Gesetz, das den M ö r d e r eines Plebejers
m i t 1 0 P f u n d b e s t r a f t e , a b e r d e n e i n e s A d l i g e n m i t 100
P f u n d oder m i t d e m Tod, k o n n t e n u r von e i n e m T y r a n n e n
A. F. Modrzewski erfunden werden und nicht von einem weisen Gesetzgeber.
Polen M a n m u s s e s daher a u s der R e p u b l i k e n t f e r n e n , u n d sogar
De republica
emendanda die Erinnerung daran aus d e m G e d ä c h t n i s der M e n s c h e n
I55I löschen. 383

Die El M a w a r d i sagt, dass der, w e l c h e r die Pflicht hat, Miss-


Bekämpfung der bräuche aufzudecken, über eine v o l l k o m m e n e Würde, über
Missbräuche h o h e s A n s e h e n u n d über viel Einfluss verfügen m u s s , u n d
dass er gewissenhaft u n d von tadelloser Lebensführung
sein m u s s . Sein A m t verlangt die Kraft des Beschützers u n d
Al-W ancharichi d i e K l a r h e i t d e s R i c h t e r s . E r m u s s d i e f ü r d i e s e b e i d e n Be-
Nordafrika rufe erforderlichen Charaktereigenschaften haben, so dass
Das Buch der
Richterämter sich die Fähigkeit des m i t festen H ä n d e n V e r w a l t e n d e n m i t
16. Jh. der des gerechten Richters v e r m i s c h t . 384

Die Pflicht des Fast alle U r h e b e r u n s e r e r B r ä u c h e , aber n i c h t n u r sie, son-


Kadi (Richter) d e r n a u c h a n d e r e L e u t e , w a r n t e n m ö g l i c h e A n w ä r t e r auf
das A m t des Kadis vor der A n n a h m e dieser Verpflichtung
u n d v e r s u c h t e n , sie a b z u s c h r e c k e n . Sie w u r d e n n i c h t
m ü d e , s i e z u t a d e l n , u n d r i e t e n z u r U m k e h r , ja, g a r z u r
Flucht davor, so sehr, dass sich im Geist vieler Juristen u n d
ehrwürdiger Leute die Ansicht verankerte, w e r das A m t
eines Kadis ü b e r n e h m e , habe k e i n e n richtigen G l a u b e n

195
Freiheit des Bürgers

mehr, stürze sich ins Verderben u n d w e n d e sich von d e m


ab, w a s a m v e r d i e n s t v o l l s t e n sei.
Sie h a b e n e i n e s e h r u n g l ü c k l i c h e V o r s t e l l u n g v o n d e r
A u f g a b e e i n e s K a d i s . A b e r s i e u n t e r l i e g e n e i n e m g r o b e n Irr-
t u m . M a n m u s s u m d e n k e n u n d auf die S a c h e z u r ü c k k o m -
men.
W a s n o t tut, ist E h r f u r c h t vor dieser v o r n e h m e n Aufgabe
u n d die A n e r k e n n u n g ihres Ranges in der m o h a m m e d a n i -
s c h e n Religion. Für die Gerechtigkeit w u r d e n u n s Prophe-
t e n geschickt, f ü r sie w u r d e n H i m m e l u n d Erde geschaffen.
Der Prophet hat das R i c h t e r a m t zu den W o h l t a t e n gezählt,
n a c h d e n e n u n s g e l ü s t e n darf, i n d e m e r Ibn M e s s u d sagen
Al-Wansharisi liess: „Es gibt n u r z w e i M ä n n e r , die m a n b e n e i d e n k a n n :
Nordafrika den, d e m G o t t R e i c h t u m u n d M ö g l i c h k e i t gab, G u t e s z u
Das Buch der t u n , u n d d e n andern, d e m er die W e i s h e i t gab, n a c h der er
Magistraten
16. Jh. seine Taten ausführen kann." 385

Die Rechtsprechung des Jtakura Shigemune, des grossen


Magistraten des i j . Jahrhunderts in Japan

V o m Tage seiner Ernennung an geht Shigemune jeden Tag


aufs Gericht. Im Gang verneigt er sich n a c h Westen u n d
tritt ein. E r stellt e i n e T e e m ü h l e ab, setzt s i c h h i n t e r e i n e
T ü r e aus Papier, und, seinen T e e eigenhändig zerreibend,
b e u r t e i l t e r d i e R e c h t s h ä n d e l . A l l e s w a r ü b e r s e i n T u n er-
s t a u n t . N i e m a n d k o n n t e i h n jedoch n a c h d e m W a r u m fra-
gen. Viele Jahre später, als es j e m a n d w i s s e n wollte, ant-
w o r t e t e er: „ W e n n i c h aufs G e r i c h t g e h e u n d i n d e n G ä n -
g e n der w e s t l i c h e n Seite m e i n e G e b e t e s p r e c h e , s o ist es,
weil ich die Götter v o n Atago um Hilfe b i t t e n will. U n t e r
den z a h l r e i c h e n G ö t t e r n sind die v o n Atago besonders be-
k a n n t als Verleiher göttlicher Kraft. I n b r ü n s t i g b i t t e i c h sie
um folgendes:, W e n n er die Streitfälle, die i h m unterbreitet
werden, richtet, möge Shigemunes Herz in keiner Weise
parteiisch sein, u n d w e n n i h m das nicht gelingt, lasst ihn
nicht weiterleben!' So habe ich jeden Tag zu ihnen gebetet.
Ich dachte auch, dass U n k l a r h e i t im Urteil seinen G r u n d
darin hat, dass alles, w a s a n u n s h e r a n k o m m t , u n s e r H e r z
rührt. Die guten M e n s c h e n können versuchen, sich nicht
r ü h r e n zu lassen, aber S h i g e m u n e will das nicht gelingen.
D a n n zerreibe ich eben Tee, um m e i n Herz zu prüfen.
W e n n e s r u h i g u n d fest ist, d a n n ist e s m e i n e H a n d a u c h .
D i e M ü h l e l ä u f t r u h i g , u n d der T e e , der d a r a u s fliesst, ist
ganz, ganz fein. Ich weiss, dass keine Regung m e h r in
m e i n e m H e r z e n ist. D a n n spreche ich m e i n Urteil. W e n n
ich die R e c h t s h ä n d e l d u r c h eine Papiertüre h i n d u r c h an-
höre, s o ist e s d a r u m : W e n n m a n die G e s i c h t e r der M e n -
schen sieht, findet m a n unter ihnen abstossende u n d sym-

196
Gerech tigkeit, Un Parteilichkeit

pathische, aufrichtige u n d böse, kurz, unzählige Unter-


schiede. W a s der M e n s c h m i t scheinbar a u f r i c h t i g e m Ge-
s i c h t s a u s d r u c k sagt, m a c h t d e n E i n d r u c k , es sei aufrichtig.
Das, w a s der sagt, der bösartig aussieht, s c h e i n t falsch zu
sein, a u c h w e n n d e m v i e l l e i c h t gar n i c h t s o ist. Bei der Kla-
ge eines M a n n e s m i t sympathischen Gesichtszügen glaubt
m a n , e r sei behelligt w o r d e n . U n d w e n n ein M a n n m i t ab-
stossenden Zügen seine Sache vorbringt, glaubt m a n ihn
i m U n r e c h t . D a s k o m m t alles daher, dass die A u g e n u n s e r
Herz beeinflussen, u n d so bilden wir u n s ein gutes oder
schlechtes Urteil, bevor die L e u t e den M u n d aufgetan ha-
ben. Wir laufen Gefahr, das aus d e m Gespräch der Streiten-
den herauszuhören, was wir vorher schon dachten. W e n n
m a n U r t e i l e fällen m u s s , so weiss m a n : Es gibt hassens-
werte M e n s c h e n in liebenswürdiger Erscheinung, liebens-
würdige M e n s c h e n m i t a b s t o s s e n d e m Aussehen, es gibt
falsche unter den scheinbar aufrichtigen, aufrichtige unter
d e n U n l a u t e r e n u n d s o weiter! D a s H e r z des M e n s c h e n ist
schwer zu verstehen. M a n kann nie nach dem Aussehen
urteilen. Früher beurteilte m a n die Leute n a c h der Farbe
(der E r s c h e i n u n g ) . D a s k ö n n e n L e u t e t u n , d i e s i c h n i e ir-
ren. Aber ein M a n n wie S h i g e m u n e lässt sich leicht durch
das t ä u s c h e n , w a s e r sieht. U n d n o c h e t w a s : Jeder h a t
Angst, im Gerichtssaal zu erscheinen, u n d erblickt er erst
den, der ü b e r Leben u n d T o d b e s t i m m t , gerät er begreifli-
c h e r w e i s e in Schrecken. Er bringt das, w a s er sagen sollte,
k a u m ü b e r die Lippen, u n d s c h o n ist er für V e r b r e c h e n u n d
Vergehen verurteilt. So ist es besser, j e d e m d e n Anblick des
a n d e r n zu ersparen. D a s ist der G e d a n k e , der m i c h bewog,
diese T r e n n u n g v o r z u n e h m e n . " So r i c h t e t S h i g e m u n e tag-
täglich G e b e t e an die G ö t t e r , s c h w ö r t sich, n i e m a l s par-
teiisch zu sein, s u c h t innerhalb u n d ausserhalb seines
Arai Hakuseki Herzens Friede u n d O r d n u n g herzustellen, hört sich d a n n
Hankampu Streitgespräche an u n d fällt Urteile. 386
1701

Zweideutige D I E DREI REISENDEN U N D DIE ELFENBEINSPITZE


Rechtspflege
E s w a r e n e i n m a l d r e i M ä n n e r , d i e m i t e i n a n d e r auf R e i s e n
waren. Der erste hatte einen Maniokstecken m i t g e n o m -
m e n . Der zweite trug ein Pack gerösteter Erdnüsse. Der
dritte hatte n u r seinen H u n d bei sich. U n t e r w e g s k a m e n
sie z u e i n e m B a u m s t a m m , der a m R a n d e eines Fussweges
lag, i n e i n e m W a l d , der z w e i D ö r f e r v o n e i n a n d e r t r e n n t e .
M ü d e u n d hungrig v o m langen M a r s c h , d e n sie zurückge-
legt h a t t e n , s e t z t e n sie sich, u m ihre M a h l z e i t e i n z u n e h -
m e n . D e r e r s t e s u c h t e e t w a s d a s e r m i t s e i n e m M a n i o k es-
sen konnte. Der zweite dagegen beklagte sich, nichts zu
seinen E r d n ü s s e n zu h a b e n . Er bot also d e m ersten einige

197
Freiheit des Bürgers

Handvoll Erdnüsse an u n d erhielt dagegen ein Stück Ma-


niok. D a n n assen die beiden, o h n e sich u m ihren Kamera-
den z u k ü m m e r n , der n i c h t s m i t g e b r a c h t hatte.
Als sie ihre M a h l z e i t b e e n d e t h a t t e n , w a r f e n sie die Blät-
ter, in die der M a n i o k u n d die Erdnüsse eingewickelt gewe-
sen waren, in das benachbarte G e b ü s c h . D e r H u n d stürzte
sich darauf. Als er n i c h t z u r ü c k k a m , ging sein M e i s t e r hin,
um n a c h z u s e h e n , w a s er dort tat, u n d er fand ihn, wie er an
e i n e r E l f e n b e i n s p i t z e n a g t e . S c h n e l l h o b e r die Spitze auf
und k a m mit seinem Hund zurück zu seinen Kameraden,
glücklich über seinen Fund. Aber der erste wollte diesen
f ü r s i c h i n A n s p r u c h n e h m e n : „ W e n n i c h n i c h t " s a g t e er,
„die Blätter in das G e b ü s c h g e w o r f e n hätte, w ä r e dein
H u n d nicht dorthin gegangen. Die Spitze gehört d e m n a c h
mir." Der zweite war damit nicht einverstanden: „Wohl
h a s t du die Blätter h i n g e w o r f e n " , w a n d t e er ein, „aber
w e n n i c h dir n i c h t m e i n e E r d n ü s s e g e g e b e n h ä t t e , h ä t t e s t
du deinen M a n i o k nicht gegessen. Die Spitze gehört mir!"
W ä h r e n d der Streit s i c h so in die L ä n g e zog, b r a c h die
N a c h t h e r e i n , u n d sie v e r t a g t e n d i e A n g e l e g e n h e i t auf d e n
folgenden Tag. Als es Tag g e w o r d e n war, brach die D i s k u s -
s i o n v o n n e u e m los, u n d bis z u m g e g e n w ä r t i g e n Zeit-
p u n k t , ist die Sache n o c h h ä n g e n d .
Fang-Erzählung M a n fragt Sie d a h e r u m Ihre A n s i c h t : „ W e l c h e m v o n d e n
Gabon drei Reisenden gehört die Elfenbeinspitze?" 38/

Vom Rechtauf U m das, w a s dir v o n R e c h t s w e g e n z u k o m m t , w i r s t d u nie


Rechtspflege betteln.
N i m m nie einen R e c h t s s p r u c h an, der in deiner Abwesen-
heit gefällt wurde.
E s ist das k l e i n e , a u s G e d a n k e n l o s i g k e i t v e r ü b t e U n r e c h t ,
das dich ein Aug k o s t e n wird.
(Das Auge bedeutet alles, was einem teuer ist, auch wenn
man sich dessen nicht bewusst ist, der Bruder, der Näch-
ste.)
Es nützt dem Hirsekuchen nichts, wie wild zu hüpfen. Er
k a n n die Kürbisflasche d o c h n i c h t verlassen.
[Gegen das Recht kann keine List aufkommen.)
Zerma-sonra'i-
Sprichwörter Wisse, dass das R e c h t der a n d e r n w i e g l ü h e n d e K o h l e ist;
Afrika w e n n d u e s n e h m e n w i l l s t , v e r b r e n n s t d u d i r d i e H a n d . 388

Es r e g n e t sogar auf das Feld des s e e l e n f r e s s e n d e n Z a u b e -


rers.
(Sogar der Verdammte hat Rechte. Die Gerechtigkeit ist
allumfassend. Kein Mensch, so verdammenswert er auch
Haussa-Sprichwort sei, kann um seine Rechte gebracht werden, die sie ihm
Afrika gibt.) 389

198
Gerech tigkeit, Un Parteilichkeit

Zerma-sonrai-
Sprichwort D i e G e r e c h t i g k e i t ist besser als alles, w a s n i c h t die G e -
Afrika rechtigkeit gegenüber den andern darstellt. 390

G e m ä s s d e s A r t i k e l s 4 0 (49) k a n n d i e V o l l m a c h t e i n e s P o l i -
zeioffiziers n i c h t n u r e i n e m offiziellen Vertreter eines Für-
s t e n oder der P s k o w e r Regierung ü b e r t r a g e n w e r d e n , son-
Rechtscharta von dern jedem Freiwilligen, der sich einverstanden erklärt, die
Pskow
1397 Verpflichtungen eines Polizeioffiziers gegen die d u r c h das
Russland Gesetz b e s t i m m t e Entlohnung zu erfüllen. 3^1

Keine will- In den kleinen Städten bringen auch viele Adlige ihre Leute
kürliche Haft u n d B a u e r n m i t u n d l a s s e n sie b e w a c h e n . D e s h a l b m ü s s e n
s o w o h l i n d e n V e r w a l t u n g e n als a u c h i n d e n S t ä d t e n Ge-
f a n g e n e n v e r z e i c h n i s s e g e f ü h r t w e r d e n , u n d n i e m a n d soll
o h n e Eintragung in ein solches Verzeichnis weder in der
Verwaltung n o c h im Gefängnis festgehalten werden dür-
Pososkow
Russland fen. Sollte sich zeigen, dass j e m a n d festgehalten wird, o h n e
Abkommen über die ins Verzeichnis eingetragen zu sein, so m u s s derjenige, der
Armut und den
Reichtum ihn einsperrte, hart bestraft werden, damit er so etwas
1724 nicht wieder tue. 392

Gerechtigkeit W e n n ein f a h n e n f l ü c h t i g e r Soldat gefasst w i r d u n d sagt,


trotz dass er w e g e n der s c h l e c h t e n B e h a n d l u n g d u r c h seinen Of-
militärischer fizier d e s e r t i e r t sei, s o m u s s e i n e U n t e r s u c h u n g e i n g e l e i t e t
Hierarchie w e r d e n . Falls die U n t e r s u c h u n g ergibt, dass der Soldat
schlecht b e h a n d e l t w o r d e n war, so m u s s der Offizier be-
Ibid. straft, der Soldat jedoch freigesprochen werden. 343

Vertrauen in die Keine einzige N a t i o n bewahrt in Streitfragen soviel Mässi-


Rechtspflege gung w i e die B e w o h n e r Klein-Russlands. D o r t setzen sich
d i e b e i d e n P a r t e i e n i n aller R u h e auf d e n g l e i c h e n W a g e n ,
trinken, essen und schlafen miteinander, auch w e n n es
galt 300 W e r s t z u r ü c k z u l e g e n , u m z u m Richter z u gelan-
J.-B. Scher er, gen. U n d w e n n sie vor i h m s t e h e n , stellt jeder seine G r ü n -
Frankreich,
de dar u n d strengt seinen Prozess gegen den a n d e r n an. Ein
Annalen Klcin-Russ-
lands oder derartiges V e r h a l t e n ist sicher einer der s t ä r k s t e n B e w e i s e
Geschichte der des R e s p e k t e s , d e n sie v o r d e m G e s e t z h a b e n u n d der
Zaporogen Kosaken
und der Kosaken der Selbstlosigkeit u n d der Gerechtigkeit jener, die es a n w e n -
Ukraine 1788 den müssen. 3^4

Parteilichkeit W e l c h e Schande u n d w e l c h e r Skandal für diese u n d die an-


des Richters dere Welt, w e n n ein Provinzgouverneur seine Untergebe-
nen unterdrückt.
Wie k a n n ein Wesen, das sich M e n s c h n e n n t , einen
Richtsspruch z u g u n s t e n des U n g e r e c h t e n fällen, w e n n die
W a h r h e i t k l a r auf der H a n d liegt?
K a n n m a n das Urteil eines Gerichts gerecht n e n n e n , wo der
R i c h t e r s t r e i t e n d e P a r t e i u n d d e r G e r i c h t s d i e n e r Z e u g e ist?

199
Freiheit des Bürgers

V e r d a m m t sei der R e i c h t u m , der d u r c h A u s n u t z u n g der


Frommen, Ehrbaren und Ehrlichen erworben wurde.
M e n s c h ist der, der das W o h l seines N ä c h s t e n will. N u r
das kennzeichnet den w a h r e n M e n s c h e n .
M e n s c h wird der g e n a n n t , dessen e m p f i n d s a m e s H e r z
angesichts der S c h m e r z e n seinesgleichen leidet.
H ä n g e d i c h n i c h t m i t d e m H e r z e n a n d e n R e i c h t u m [den
du geniessest], u n d glaube nicht, dass das U n g l ü c k an-
dauern wird: das h i m m l i s c h e Rad dreht sich nicht i m m e r
in der gleichen Bahn.
Der U n g e r e c h t e wird am Ende das b e k l a g e n s w e r t e Los
haben, das er verdient. Derjenige, der das H e i m der andern
Ziya Pascha
1829-1880 zerstört, wird eines Tages sein eigenes H a u s einstürzen
Türkei sehen. 39s

Garantien D I E GARANTIEN DES HABEAS CORPUS (1679) U N D DIE SKLAVEREI

Die Urkunde Habeas C o r p u s gibt die Möglichkeit, die


Rechtmässigkeit einer Haftmassnahme zu überprüfen. Wer
glaubt, das Opfer einer willkürlichen Haft zu sein, kann
die Ausstellung einer Polizeiverordnung von Habeas Cor-
p u s ad s u b j i c i e n d u m gegen die Person, die ihn verhaften
Hess, verlangen. Diese wird dadurch verpflichtet, an einem
bestimmten Tag vor Gericht zu erscheinen, um den Be-
weis zu erbringen, dass die Verhaftung rechtens ist. Wenn
dieser Beweis nicht erbracht werden kann, verfügt der
Richter die sofortige Freilassung. In diesem Punkt ist das
Gesetz so scharf und die Tradition so stark, dass jedes Ge-
such von jedem Gericht als vorrangig betrachtet wird.
In der Angelegenheit Sommersett (1//2) sagte der grosse
Lord Chief Justice Mansfield folgendes über die persönliche
Freiheit im weitesten Sinne des Wortes:

U m u n s e r n B e s c h l u s s z u e r k l ä r e n , w e r d e i c h m i c h auf d e n
Bericht s t ü t z e n , der in B e a n t w o r t u n g der V e r o r d n u n g des
Habeas Corpus v e r f ü g t w u r d e , o h n e i h n j e d o c h w o r t w ö r t -
l i c h w i e d e r z u g e b e n . D e r K a p i t ä n d e s Schiffes, auf d a s der
Neger gebracht w o r d e n war, f ü h r t in seiner A n t w o r t aus,
dass die Sklaven i m m e r n o c h sehr zahlreich seien in Ame-
rika, dass ihr H a n d e l m i t den G e s e t z e n u n d h e r r s c h e n d e n
Vorstellungen in Virginia u n d Jamaika ü b e r e i n s t i m m e ,
dass sie eine H a n d e l s w a r e darstellten u n d daher v e r k a u f t
u n d gekauft w e r d e n k ö n n t e n , dass James S o m m e r s e t t ein
A f r i k a n e g e r sei, der l a n g e v o r der B e f r e i u n g d u r c h das
königliche Writ z u m Verkauf dorthin gebracht u n d an
H e r r n C h a r l e s S t e u a r t v e r k a u f t w o r d e n sei, der d a m a l s i n
J a m a i k a lebte, dass dieser Neger in der Folge n i c h t freige-
sprochen w o r d e n war, dass Herr Steuart, der w e g e n Ge-
schäften g e z w u n g e n war, in dieses Land zu k o m m e n , ihn

200
Gerech tigkeit, Un Parteilichkeit

a l s D i e n e r m i t g e n o m m e n h a b e i n d e r A b s i c h t , i h n n a c h Er-
ledigung dieser Geschäfte wieder m i t z u n e h m e n , dass er
diese Absicht übrigens i m m e r n o c h habe, dass der Neger
n a c h einiger Zeit seinen H e r r n o h n e dessen Einverständnis
verlassen habe, dass ihn dieser d a n n vor der Befreiung
d u r c h das königliche Writ an Bord der „ A n n e u n d M a r y "
u n t e r b r i n g e n , g e f a n g e n h a l t e n u n d b e w a c h e n liess, bis
H e r r S t e u a r t selber m i t i h m i m g l e i c h e n Schiff w i e d e r n a c h
J a m a i k a z u r ü c k k e h r e n k o n n t e , w o e r i h n als Sklaven z u
v e r k a u f e n g e d a c h t e , d a s s er, H a u p t m a n n K n o w l e s , K o m -
m a n d a n t des besagten, gegenwärtig in der T h e m s e vor An-
ker l i e g e n d e n Schiffes, selber b e a u f t r a g t w o r d e n sei, d e n
Neger gefangen zu halten, den er n u n d e m Gericht über-
gebe.
D e r einzige P u n k t , ü b e r d e n w i r z u b e f i n d e n h a b e n , ist
s o m i t der, h e r a u s z u f i n d e n , ob die in der A n t w o r t vorge-
b r a c h t e n B e w e g g r ü n d e a u s r e i c h e n . W e n n ja, m u s s d e r N e -
ger v e r h a f t e t , w e n n n e i n , m u s s e r auf f r e i e n F u s s g e s e t z t
w e r d e n . Auf d e m Papier s t e h t , m a n h a b e d e n S k l a v e n h i n -
ter Schloss u n d Riegel gesetzt, u m i h n i m A u s l a n d z u ver-
k a u f e n , w e i l er e n t l a u f e n sei, u n d w e i l er sich geweigert
habe, sich als D i e n e r zur V e r f ü g u n g zu stellen. Z u r Recht-
fertigung eines so s c h w e r w i e g e n d e n Eingriffs bedarf es
eines Gesetzes des Landes, in d e m er s t a t t g e f u n d e n hat.
W i e viel M a c h t ein H e r r ü b e r s e i n e n Sklaven hat, das ist
seit eh u n d je v o n Land zu Land verschieden. An u n d für
sich gibt es w e d e r politische n o c h m o r a l i s c h e G r ü n d e , die
die Sklavenhaltung rechtfertigen. Diese k a n n sich aus-
s c h l i e s s l i c h auf G e s e t z e s t ü t z e n , die i n Kraft sind, oder die
es w a r e n u n d sich a u c h d a n n n o c h auswirken, w e n n die
U m s t ä n d e , die sie v e r a n l a s s t h a t t e n , bis auf die E r i n n e r u n g
d a r a n v e r s c h w u n d e n sind. D i e S k l a v e r e i ist s o a b s c h e u l i c h ,
d a s s sie s i c h e i n z i g auf d e r a r t i g e G e s e t z e s t ü t z e n k a n n .
N u n k a n n ich n i c h t sagen, ob in dieser Sache die vorge-
brachten Gründe den englischen Gesetzen genügen. Auch
Angelegenheit w e n n u n s U n a n n e h m l i c h k e i t e n d a r a u s e r w a c h s e n , s o er-
Somersett
kläre ich, dass der Neger freigelassen w e r d e n m u s s . 396
Grossbritannien

Gesetzliche V O N DER V E R H A F T U N G
Bedingungen
D a s G e f ä n g n i s ist e i n e Strafe, w e l c h e r n o t h w e n d i g e r w e i s e ,
u n t e r s c h i e d e n v o n jeder andern, die E r k l ä r u n g des Verbre-
chens v o r a n g e h e n sollte, aber dieser verschiedene Charak-
ter n i m m t nicht den andern wesentlichen Bestandtheil
auf, n ä m l i c h den, d a ß das Gesetz allein die Fälle b e s t i m -
m e n k a n n , in w e l c h e n Jemand diese Strafe zu erleiden hat.
D a s G e s e t z m u ß also die A n z e i c h e n eines V e r b r e c h e n s an-
geben, die die F e s t s e t z u n g des A n g e k l a g t e n b e s t i m m e n ,

201
Freiheit des Bürgers

d e n sie einer U n t e r s u c h u n g u n d B e s t r a f u n g u n t e r w e r f e n .
D i e öffentliche S t i m m e , die Flucht, das außergerichtliche
G e s t ä n d n i s , das eines G e f ä h r t e n b e i m Verbrechen, die
D r o h u n g e n u n d d i e f o r t d a u e r n d e F e i n d s c h a f t m i t d e m Be-
leidigten, das corpus delicti u n d ä h n l i c h e A n z e i c h e n sind
g e n ü g e n d e Beweise, um einen Bürger festzusetzen; aber
diese Beweise m ü s s e n d u r c h das Gesetz b e s t i m m t w e r d e n
Cesare Beccaria u n d n i c h t v o n den Richtern, deren Beschlüsse der politi-
Italien s c h e n Freiheit i m m e r entgegen sind, w e n n sie n i c h t beson-
Über Verbrechen dere Sätze einer allgemeinen Grundregel des öffentlichen
und Strafen
1704 Kodex bilden. 3^7

Kontrolle Verordnung von 1809


der Justiz
Der Riksdag (Parlament) w i r d z w e i Bürger b e s t i m m e n , die
erwiesenermassen in Rechtsfragen bewandert sind und
e i n e n tadellosen L e u m u n d h a b e n , d e n e i n e n als S a c h w a l t e r
( O m b u d s m a n n ) f ü r zivile A n g e l e g e n h e i t e n , d e n a n d e r n als
S a c h w a l t e r für m i l i t ä r i s c h e Angelegenheiten, so dass die
Befolgung der G e s e t z e u n d der V e r f ü g u n g e n d u r c h diese
b e i d e n Vertreter des Riksdags g e w ä h r l e i s t e t ist u n d g e n a u
n a c h seinen W e i s u n g e n vollzogen wird. (...)
Entsprechend ihrer obgenannten Aufgabenteilung sollen
diese S a c h w a l t e r all j e n e b e i m z u s t ä n d i g e n G e r i c h t v e r k l a -
gen, die in ihrer A m t s f ü h r u n g - sei es d u r c h Beeinflus-
sung, w e g e n Parteilichkeit oder G ü n s t l i n g s w i r t s c h a f t oder
aus irgend e i n e m G r u n d - etwas Unerlaubtes getan haben
oder ihrer Aufgabe n i c h t n a c h g e k o m m e n sind. (...)
D i e beiden Sachwalter, der zivilen Angelegenheiten u n d
der m i l i t ä r i s c h e n , k ö n n e n jedesmal, w e n n sie als z u s t ä n d i -
ge Beamte es nötig finden, den Beratungen u n d Urteilsver-
k ü n d u n g e n des o b e r s t e n G e r i c h t s h o f e s , des o b e r s t e n Ver-
waltungsgerichtshofes, des Sekretariates des obersten
Gerichtshofes, der Appellationsgerichte, der Verwaltungs-
b e h ö r d e n oder der sie v e r t r e t e n d e n B e h ö r d e n u n d allen
e r s t i n s t a n z l i c h e n G e r i c h t e n b e i w o h n e n , aber sie h a b e n a n
diesen O r t e n k e i n M i t s p r a c h e r e c h t . (...)
W e n n wider E r w a r t e n der ganze königliche Hof oder
einer oder m e h r e r e seiner Mitglieder aus persönlichem
I n t e r e s s e u n g e r e c h t oder n a c h l ä s s i g w ä r e u n d e i n U r t e i l fäl-
len w ü r d e / w ü r d e n , das gegen alle Beweise spricht u n d im
Widerspruch z u m Gesetz steht, was ein Todesurteil oder
für j e m a n d e n Verlust von Freiheit, Ehre u n d G ü t e r n bedeu-
ten k ö n n t e , oder w e n n sich herausstellte, dass sich der
höchste Gerichtshof, bzw. eines oder m e h r e r e seiner Mit-
glieder, wo B e r u f u n g eingelegt w u r d e , sich solcher Verge-
h e n schuldig g e m a c h t h a t / h a b e n , (und der für m i l i t ä r i s c h e
Angelegenheiten, w e n n es sich um militärische Vergehen

202
Gerech tigkeit, Un Parteilichkeit

im Sinne von Artikel 96 handelt) so m u s s der Sachwalter


für zivile Angelegenheiten die Rolle des Oberstaatsanwal-
tes ü b e r n e h m e n u n d b e i m u n t e n e r w ä h n t e n Gericht An-
klage gegen die Schuldigen e r h e b e n u n d R e c h e n s c h a f t able-
Schweden gen, w i e es die G e s e t z e des Landes verlangen. 398

Schutz der Personen durch einen Ombudsmann

I m J a h r e 1848 s t e l l t e d e r J u s t i z o m b u d s m a n n f e s t , a l s e r d i e
Liste der in G o t h e n b u r g gefangen g e h a l t e n e n Personen
p r ü f t e , d a s s e i n e 1838 f e s t g e n o m m e n e F r a u e i n g e s p e r r t g e -
blieben w a r u n d i m m e r n o c h darauf wartete, identifiziert
z u w e r d e n . E r fragte, o b m a n E r k u n d i g u n g e n ü b e r sie u n d
i h r e n Fall eingeholt habe, u n d es stellte sich heraus, dass
n o c h gar n i c h t s u n t e r n o m m e n w o r d e n w a r . D e r G o u v e r -
n e u r u n d sein A d j u n k t , Sekretär des Landstings, w u r d e n
darauf w e g e n dieser U n t e r l a s s u n g angeklagt. D e r Gouver-
n e u r w u r d e zu einer Busse verurteilt, u n d der Sekretär des
Landstings wurde für zwei Monate ohne Bezahlung von
s e i n e m D i e n s t s u s p e n d i e r t . D i e F r a u , d i e 1842 a u s d e m G e -
f ä n g n i s a u s g e b r o c h e n w a r , v e r z i c h t e t e auf e i n e E n t s c h ä d i -
g u n g f ü r das U n r e c h t , das sie w e g e n der u n g e r e c h t f e r t i g t e n
G e f a n g e n n a h m e v o n 1838 b i s 1842 e r l i t t e n h a t t e . Sie h ä t t e
e i n e n A n s p r u c h auf e i n e n S c h a d e n e r s a t z g e h a b t . (...)
I m J a h r e 1887 m e l d e t e e i n B ü r g e r , d a s s i h m d i e S t a d t v e r -
waltung von Linköping verboten habe, einen Vortrag z u m
T h e m a „Das demographische W a c h s t u m in Schweden und
die G e f a h r e n , die e s f ü r A l l g e m e i n w o h l u n d M o r a l dar-
stellt", zu h a l t e n . D e r Kläger fand, das V e r b o t sei eine Ver-
letzung der M e n s c h e n r e c h t e . D e r J u s t i z o m b u d s m a n n k a m
z u m Schluss, dass k e i n G e s e t z das Verbot der Stadtverwal-
t u n g rechtfertige u n d veranlasste, dass die verantwortli-
Bericht aus chen Beamten gerichtlich belangt w u r d e n u n d eine Busse
Schweden bezahlen mussten. 39p

Demokratie, Prinzipien und Institutionen


Vorgefühl des Es liegt, liebe F r e u n d e , n i c h t in der N a t u r der s t e r b l i c h e n
Prinzips der Seele, d a s s sie, w e n n sie n o c h j u n g u n d w e n i g v e r a n t w o r -
Beschränkung t u n g s b e w u s s t ist, je in der Lage sein wird, die grösste Herr-
der Macht s c h e r m a c h t bei den M e n s c h e n zu ertragen, o h n e dass ihr
D e n k e n v o n d e r g r ö s s t e n K r a n k h e i t , d e r U n v e r n u n f t , er-
füllt wird u n d sich so den Hass ihrer n ä c h s t e n Freunde zu-
z i e h t , w a s sie, w e n n e s g e s c h i e h t , r a s c h z u g r u n d e r i c h t e t
u n d ihre ganze Kraft zunichte m a c h t . Dies n u n in Erkennt-
n i s des r i c h t i g e n M a s s e s zu v e r h ü t e n , ist die A u f g a b e

203
Freiheit des Bürgers

grosser Gesetzgeber. D a jenes n u n d a m a l s geschah, ist e s


jetzt sehr leicht zu erraten; es scheint aber zu sein . . .
MEGILLOS: W a s d e n n ?
D e r ATHENER: D a s s e s e i n e n G o t t g i b t , d e r s i c h u m e u c h
k ü m m e r t . D i e s e r liess bei e u c h i n V o r a u s s i c h t des K o m -
m e n t a r s eine Z w i l l i n g s k ö n i g s m a c h t an Stelle einer einzi-
g e n e r s t e h e n u n d b e s c h r ä n k t e sie s o auf e i n b e s s e r e s M a s s .
U n d später war es n o c h einmal eine m e n s c h l i c h e Natur,
begabt m i t einer göttlichen Fähigkeit, die aus der Einsicht,
dass eure Herrschaft w i e v o n e i n e m Fieber verzehrt wurde,
die b e s o n n e n e Kraft des Alters m i t der selbstherrlichen
S t ä r k e des K ö n i g s g e s c h l e c h t e s v e r b a n d , i n d e m sie d e n Rat
der a c h t u n d z w a n z i g G e r o n t e n in den w i c h t i g s t e n Angele-
g e n h e i t e n der M a c h t der Könige gleichstellte. Als aber euer
dritter Retter sah, dass eure H e r r s c h e r m a c h t n o c h von
Kraft strotzte u n d heftig war, warf er ihr w i e ein Z a u m z e u g
d i e . M a c h t d e r E p h o r e n u m , d i e e r e i n e r d u r c h d a s L o s er-
w o r b e n e n M a c h t fast gleichsetzte. U n d in dieser F o r m
k o n n t e n u n also die Königsherrschaft bei e u c h in der richti-
gen M i s c h u n g ihrer Teile u n d im Besitz des Masses, sich
Piaton selbst erhalten u n d a u c h den anderen dazu verhelfen, dass
429 - 3 4 7 V. Chr.
Die Gesetze sie e r h a l t e n blieben. 400

Ich will s t i m m e n gemäss den Gesetzen u n d Beschlüssen


der a t h e n i s c h e n V o l k s g e m e i n d e u n d des R a t h s der Fünf-
h u n d e r t u n d will n i c h t für die H e r r s c h a f t eines T y r a n n e n
oder einer Oligarchie s t i m m e n , u n d w e n n einer die atheni-
sche D e m o k r a t i e aufhebt oder dagegen spricht oder abstim-
Demosthenes
Heliasteneid- m e n lässt, dies n i c h t zugeben. (...)
Reden gegen In den Fällen, die in den G e s e t z e n n i c h t vorgesehen sind,
Androtion und
Timokrates w e r d e ich g e m ä s s der g e r e c h t e s t e n A n s i c h t o h n e Begünsti-
ca. 353 V. Chr. gung und Hass stimmen. 401

Über die Euer D i e n e r weiss, dass m a n seit jeher d e n W e r t der Par-


Bildung von t e i e n d i s k u t i e r t . Es ist w e n i g s t e n s zu h o f f e n , dass ein
Parteien Monarch zwischen den Parteien hochstehender Männer
u n d d e r j e n i g e n v u l g ä r e r L e u t e u n t e r s c h e i d e n k a n n . I m all-
g e m e i n e n bilden die h o c h s t e h e n d e n M ä n n e r Parteien, weil
sie g e m e i n s a m e P r i n z i p i e n v e r t r e t e n , w ä h r e n d die vulgä-
r e n L e u t e sich m i t i h r e s g l e i c h e n z u s a m m e n t u n , w e i l sie
d a r a u s gegenseitig Profit s c h l a g e n . D i e s ist g a n z n a t ü r l i c h .
Aber Euer D i e n e r w ü r d e die A n s i c h t vertreten, dass im
G r u n d e die vulgären L e u t e k e i n e Partei h a b e n , u n d dass
e i n z i g die h o c h s t e h e n d e n M ä n n e r f ä h i g s i n d , s o l c h e z u bil-
den. W a r u m ? Die vulgären Leute lieben Profit u n d begeh-
r e n m a t e r i e l l e G ü t e r . W e n n die U m s t ä n d e i h n e n die Hoff-
n u n g eingeben, g e m e i n s a m e Vorteile herausschlagen zu
k ö n n e n , r o t t e n s i e s i c h i n e i n e r P a r t e i z u s a m m e n , d i e je-

204
Demokratie, Prinzipien und Institutionen

d o c h n i c h t e c h t ist. Aber sobald sie t a t s ä c h l i c h in K o n k u r -


renz zueinander treten, um einen Vorteil zu erhalten, oder
w e n n die Vorteile, die sie sich erhofften, sich n i c h t ein-
stellen oder sich verlieren, d a n n m a c h e n sie eine Kehrt-
w e n d u n g , greifen sich gegenseitig an u n d verschonen we-
der Bruder n o c h Verwandte. D e s h a l b b e h a u p t e t Euer Die-
ner n a c h d r ü c k l i c h , dass diese Leute k e i n e w i r k l i c h e Par-
teien h a b e n u n d dass die vorübergehend gegründeten n i c h t
echt sind. Es verhält sich nicht gleich m i t den hochstehen-
d e n M ä n n e r n , die d e n G r u n d s ä t z e n der G e r a d h e i t u n d
Rechtschaffenheit gemäss leben, die Redlichkeit u n d Ehr-
f u r c h t vor g e g e b e n e m Wort üben, u n d die sich n u r u m Ehre
u n d Integrität k ü m m e r n . I n d e m sie alle diesen Q u a l i t ä t e n
i n i h r e m p e r s ö n l i c h e n V e r h a l t e n n a c h l e b e n , h a b e n sie ein
g e m e i n s a m e s Prinzip u n d verbessern sich gegenseitig. U n d
w e n n sie diese Q u a l i t ä t e n in den D i e n s t des Staates stel-
len, so in der Einheit eines g e m e i n s a m e n Ideals u n d der
gegenseitigen Hilfeleistung, u n d v o n A n f a n g bis Ende han-
Ou-yang Hsiu d e l n sie w i e e i n M a n n . S o s i n d die P a r t e i e n der h o c h s t e h e n -
1007 -1072
China den Männer. 402

Die Rechte Grosse, von Johann ohne Land im Jahre 121s verordnete
des Individiums Charta

Kein freier M a n n wird f e s t g e n o m m e n , n o c h eingekerkert,


n o c h beraubt, n o c h ausser Gesetz gesetzt, n o c h verbannt,
n o c h auf i r g e n d e i n e A r t b e l ä s t i g t w e r d e n , u n d w i r w e r d e n
nicht H a n d an ihn legen, n o c h veranlassen, dass H a n d an
Magna Charta, i h n gelegt w i r d , w e n n e s n i c h t auf G r u n d e i n e s g e s e t z -
art. 39
1215 lichen Urteils der Mitglieder des O b e r h a u s e s u n d g e m ä s s
Grossbritannien d e m Gesetz des Landes geschieht. 403

Schutz des Ein freier M a n n k a n n f ü r ein kleines Vergehen n u r i m Ver-


Individiums, hältnis zu diesem gebüsst werden; er k a n n es für eine
sogar des schwere Straftat n u r im Verhältnis zur Schwere dieser
unfreien, gegen Straftat werden, jedoch ohne sein Lehen zu verlieren. Es
die willkürliche verhält sich gleich m i t den H ä n d l e r n , aber o h n e dass ihre
Beschlagnahme Handelsware m i t Beschlag belegt w e r d e n kann: den Bauern
seiner Güter k a n n ebenfalls eine Busse auferlegt w e r d e n , o h n e dass sie
Magna Charta, jedoch ihre Arbeitsgeräte verlieren. U n d diese Bussen wer-
art. 20
1215 den einzig aufgrund eines Eides v o n rechtschaffenen u n d
Grossbritannien e h r l i c h e n M ä n n e r n der N a c h b a r s c h a f t auferlegt. 404

Die Verfügungen von Oxford, 1258 erlassen, setzten die


Pflichten von Beamten gegenüber dem Volk fest, sowie ein
Verfahren in bezug auf das Vorbringen von Klagen gegen
bestechliche Beamte.

Es w u r d e verfügt, es seien aus jeder Grafschaft vier beson-

205
Freiheit des Bürgers

n e n e u n d r e c h t s f ä h i g e V e r t r e t e r z u w ä h l e n , w e l c h e a n je-
d e m Tag, a n d e m der Grafschafts-Gerichtshof z u G e r i c h t
sitzt, z u s a m m e n k o m m e n sollen, u m alle Klagen a n z u h ö -
r e n betreffend jedes U n r e c h t u n d jeden Schaden, w e l c h e
i r g e n d w e m d u r c h S h e r i f f s ( S h e r i f f m i t t e l e n g l i s c h shir-
reeve „ S h i r e - V o g t " ) : v o m K ö n i g e r n a n n t e r V e r w a l t u n g s -
u n d G e r i c h t s b e a m t e r , z u s t ä n d i g f ü r ein g a n z e s Shire (Graf-
s c h a f t ) o d e r Bailiffs (Bailiff: B e a m t e r m i t ä h n l i c h e n F u n k -
t i o n e n w i e der Sheriff, aber n u r f ü r einen e i n z e l n e n Di-
strikt der Grafschaft zuständig) oder sonstige B e a m t e zuge-
f ü g t w o r d e n s i n d , u n d u m d i e auf d i e s e K l a g e n b e z ü g l i c h e n
Protokolle a u f z u n e h m e n z w e c k s A u f b e w a h r u n g bis zu
d e m Z e i t p u n k t , da der oberste für dieses G e b i e t z u s t ä n d i g e
Richter w i e d e r in der G e g e n d weilt.
D i e Sheriffs betreffend: Als Sheriffs sollen königstreue,
rechtschaffene Männer mit Grundbesitz ernannt werden,
so dass in jeder G r a f s c h a f t ein k ö n i g l i c h e r L e h e n s m a n n
eben dieser Grafschaft a m t e t , der die B e w o h n e r der Graf-
s c h a f t g u t , g e t r e u u n d g e r e c h t b e h a n d e l n s o l l . Z u d e m (so
w u r d e verfügt) soll er k e i n e B e z a h l u n g a n n e h m e n ; er soll
i m g a n z e n n i c h t länger als ein Jahr Sheriff sein; w ä h r e n d
dieses Jahres soll er d e m S c h a t z a m t R e c h e n s c h a f t ablegen
u n d f ü r s e i n e A m t s z e i t die V e r a n t w o r t u n g tragen; der Kö-
nig soll i h m a u s d e n k ö n i g l i c h e n E i n k ü n f t e n eine i m Ver-
hältnis zu seinen (amtlichen) E i n n a h m e n stehende S u m m e
a u s s e t z e n , auf dass er die G r a f s c h a f t o r d n u n g s g e m ä s s ver-
w a l t e n k ö n n e ; u n d e r soll k e i n e (andere) B e z a h l u n g a n n e h -
m e n , w e d e r e r selbst n o c h s e i n e Bailiffs. U n d falls sie sol-
Verfügungen von cher Ü b e r t r e t u n g e n ü b e r f ü h r t w e r d e n , m ö g e m a n sie be-
Oxford
Grossbritannien strafen. 40s

Wachsende Bedeutung des Parlamentes in der zweiten


Hälfte des 13. fh. Es spielt die Rolle des Gerichtshofes, da es
in letzter Instanz über die Beschwerden der Individuen sta-
tuiert.

Da am Gerichtshof des Königs das Urteil eines Prozesses


m a n c h m a l verspätet eintrifft, weil eine der Parteien
b e h a u p t e t , i n A b w e s e n h e i t d e s K ö n i g s u n m ö g l i c h d e n Be-
g e h r e n des Klägers Folge leisten zu k ö n n e n ; u n d da zahl-
reiche Personen sich d u r c h die Minister des Königs unver-
diente N a c h t e i l e zugefügt sehen, die n u r d u r c h das Parla-
m e n t wieder gut gemacht werden können, beantragen wir,
dass der König w e n i g s t e n s e i n m a l im Jahr - u n d , w e n n nö-
tig, z w e i m a l , d a s P a r l a m e n t a n e i n e m p a s s e n d e n O r t z u -
s a m m e n k o m m e n l a s s e n soll. U n d (wir s c h l a g e n vor), dass
in diesen P a r l a m e n t e n die Ü b e r p r ü f u n g u n d Regelung der
Prozesse v o r g e n o m m e n wird, deren Rechtsspruch entwe-

206
Demokratie, Prinzipien und Institutionen

der w i e gesagt a u f g e s c h o b e n w u r d e , oder deren Beurteilun-


g e n bei d e n G e r i c h t e n z u v e r s c h i e d e n e n M e i n u n g e n ge-
f ü h r t h a t t e n . Ebenso w e r d e n die d e m P a r l a m e n t vorgetra-
29. Verordnung
1311 g e n e n Klagen, w i e früher, n a c h d e n Prinzipien des Rechts
Grossbritannien u n d der Gerechtigkeit geregelt w e r d e n . 406

Das Primat Die durch ein Generalkapitel erstellten Statuten k ö n n e n


der nur v o m Generalkapitel rechtsgültig interpretiert werden.
Versammlung 40/
Statuten der
Prämonstratenser, 7
1503

Das Generalkapitel hat volle u n d v o l l k o m m e n e M a c h t


Th. Montalvus
Kapuziner ü b e r den G e n e r a l m i n i s t e r , der i h m u n t e r s t e l l t u n d Unter-
1740 t a n ist. 408

Auszug aus Alle M a c h t liegt bei der G e n e r a l v e r s a m m l u n g . D e r G e n e r a l


der Gesellschaft
Jesu, art. 22, ist ihr u n t e r s t e l l t . E r m u s s sie e i n b e r u f e n , u m w i c h t i g e
1669 Rechtsfälle zu behandeln. 409

Einberufung Sooft im Kloster wichtige Fragen zu b e h a n d e l n sind;


der rufe der Abt die ganze G e m e i n s c h a f t z u s a m m e n
Versammlung u n d lege selber dar, u m w a s e s g e h t .
H a t er d a n n den Rat der Brüder gehört,
überlege er alles bei sich selbst
u n d tue, was er für zuträglicher hält.
Wir h a b e n aber deshalb b e s t i m m t ,
dass alle z u r B e r a t u n g e i n b e r u f e n w e r d e n ,
w e i l d e r H e r r o f t e i n e m JÜNGEREN OFFENBART,
w a s das Beste ist.

Wahl des Abtes Bei der E i n s e t z u n g eines Abtes gelte i m m e r der G r u n d s a t z ,


durch die dass der aufgestellt wird,
Gemeinschaft d e n SICH d i e g a n z e G e m e i n s c h a f t e i n m ü t i g , i n G o t t e s f u r c h t
oder d a n n ein a u c h n o c h so kleiner Teil der G e m e i n s c h a f t
a u f G r u n d e i n e r w i r k l i c h g e s u n d e n E i n s i c h t WÄHLT.
Wer es wegen Lebensführung und Lehrweisheit verdient,
den wähle m a n , damit er eingesetzt werden kann,
Benediktsregcl a u c h w e n n er in der Rangordnung der G e m e i n s c h a f t
529 der Letzte wäre. 410

D E R VERTRAG DES „ M A Y F L O W E R " , I I . NOVEMBER 1 6 2 0

Dieser Vertrag, der den ersten nach Neu England auswan-


dernden Kolonisten als Verfassung diente, übertrug die üb-
liche Verpflichtung der religiösen Gemeinschaft in den
zivilen Bereich.

207