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Bildung, Wissenschaft, Kultur

die alleinige Kraft seiner Vernunft zu vertheidigen,- endlich


um den Blendwerken der Scharlatanerie zu entgehen, die
seinem Vermögen, seiner Gesundheit, der Freiheit seiner
Meinungen und seines Gewissens, unter dem Vorwand ihn
zu bereichern, zu heilen und zu retten Fallstrike legen
möchte.
Ist der Unterricht gleicher, so entspringt daraus eine grö-
Condorcet sere Gleichheit in der Industrie, und dadurch auch in den
Entwurf eines
historischen
Glüksgütern; und die Gleichheit der Glüksgüter trägt
Gemäldes der nothwendig zu der des Unterrichts bei, während die
Fortschritte des Gleichheit unter den Völkern, so wie die, welche in jedem
menschlichen
Geistes derselben statt hat, gleichfalls eine auf die andre wechsel-
1798 seitigen Einfluss haben. 750

Entwurf für eine


Maschine, die das
gleichzeitige Lesen
verschiedener
Bücher ermöglichen
soll
17. Jh.
Italien

406
Ausbildung für alle; der Meister

HULDIGUNG AN GUTENBERG

Wenn müd' die Nacht vergeht und Priester aller Hirnge-


spinste schwinden,
Und Tageslicht nie mehr die falsche Wissenschaft erhellt,
Wenn rauhen Händen der Gewalt das Schwert entfällt,
Und wenn kein Mord mehr des Friedens heil'ges Zeitalter
entweiht,
Wenn die, die hungern lassen, teuflisch der eine und der
andre grob,
Und der beklagenswerte Bauer endlich Menschen werden,
Wenn sich das Licht verbreiten wird von Ost bis West,
Wenn zur Vernunft sich Grossmut noch gesellt,
Wenn Rats Versammlung ist von allen Völkern,
Und ihre Stimm' das ganze Firmament erbeben lässt,
Das eine Wort nur rufend: „Gerechtigkeit!"
Das stärker ist als aller Lärm,
Mihaly Vörösmarty Wenn dann der Himmel die Gesandte, lang ersehnt, herun-
romantischer terschickt,
Dichter
Ungarn Welch ein Triumph für dich! Und Ehre schuldet dir die
1800-1855 ganze Welt! 751

Wenigstens Es ist unmöglich, dass die Erkenntnisse der Wissenschaft,


lesen können die in den Büchern festgehalten sind, allen Leuten zugäng-
lich sind, und dass diese über die zum Verstehen nötigen
Sprachkenntnisse verfügen. Ich glaube aber, dass folgendes
für jedermann wichtig ist: lesen können. Mit meinen Rat-
schlägen möchte ich das verwirklichen. Auch wenn sie nur
das können, nur in ihrer eigenen Sprache lesen, sind sie
Miklos schon sehr viel weiter. (...) Es gibt Völker von Christen,
Tötfalusi-Kis
ungarischer
wo dank den Anstrengungen gelehrter Leute viele prächti-
gelehrter Dichtcr, ge Bücher herausgegeben werden, vor allem solche in der
der sich für die Landessprache. Und das Volk liebt und verehrt diese Bü-
Bildung des Volkes
einsetzte cher, durch welche sich Weisheit, vor allem göttliche
1886 Weisheit, verbreitet. 752

Türkisches Gott gibt die Wissenschaft dem, der sie will; den Reichtum
Sprichwort dem, den Er auserwählt. 753

Die Alt-Gläubigen vom Vyg, ein Kloster, das am Ende des


17. fahrhunderts gegründet wurde, eröffnen eine Schule für
alle Kinder der Gegend.

Die Leute kamen von verschiedenen Orten und Städten


Zeitgenössischer dorthin. (...) Man lehrte dort die Kinder beider Geschlech-
russischer Text ter lesen und schreiben. 754

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Bildung, Wissenschaft, Kultur

Zulassung der Erklärung der Schüler des Lyzeums Blanka Teleki nach der
Frauen März-Revolution von 1848:
zu den Studien
Patrioten! Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind euer
Wahlspruch. Dem gegebenen Wort, das gehaltene Wort!
Wir verlangen von euch also die Gleichheit für die Frauen.
Wir fordern:
1. Dass die Frauen zur Universität gehen können;
2. Dass man dererlei Aussprüche nicht mehr höre: „Alle
haben das Wort, ausgenommen die Frauen";
3. Dass es in ganz Ungarn Schulen gebe, bis im kleinsten
Dorf, und dass die Eltern die Möglichkeit haben, ihre Kin-
der hinzuschicken;
4. Dass die Lehrer in den Dörfern einen anständigen
Lohn erhalten, der ihnen erlaubt, ihre Arbeit zu gutem
Ungarn Ende zu führen. 755

Die Lehrer Jemand fragte: „Wie kann das Gute in der Welt gefördert
werden?" Ich antwortete: „Durch Lehrer." - „Wie das?"
Ich sagte: „In der menschlichen Natur gibt es nur die Kraft,
die Schwäche, das Gute, das Schlechte und das Massge-
fühl."
Der Fragesteller verstand nicht.
Ich erklärte: „Korrektheit, Geradlinigkeit, Entschieden-
heit, Strenge und Bestimmtheit im Handeln sind Beispiele
positiver Kräfte; Raserei, Beschränktheit des Geistes und
Gewalttätigkeit sind Beispiele negativer Kräfte. Güte und
Demut sind Beispiele positiver Schwächen; Weichheit,
Unentschiedenheit und Verderbtheit sind Beispiele negati-
ver Schwächen. Einzig das Massgefühl bringt die Harmonie
hervor. Das Massgefühl ist das Prinzip der Regelmässig-
keit, das allgemein anerkannte moralische Gesetz, und
das, dem der Weise zugetan ist. Folglich setzt der Weise die
Erziehung ein, um es den Leuten zu ermöglichen, das
Schlechte in ihnen aus eigener Kraft zu verändern, um zum
Massgefühl zu gelangen und darin zu verbleiben. Deshalb
sollten diejenigen, die als erste zur Einsicht gelangen, jene
anleiten, die darin nicht so schnell sind, während die Un-
Chou Tun-i
wissenden die Wissenden um Hilfe angehen sollten. Auf
1017 -1073 diese Weise wird der Weg der Lehrer etabliert. Ist dies der
China Fall, so wird es viele gute Leute geben. Gibt es viele gute
Interpretation
des Buches Leute, so wird die Regierung korrekt und das Reich geord-
der Wandlungen net sein. 756"

Heiler, Ärzte, Musiker und verschiedene Handwerker


schämen sich nicht, mit Lehrern zu studieren. Nun, wenn
ihr in den Familien von gebildeten Beamten, von einem

408
Ausbildung für alle-, dei Meister

Lehrer oder einem Schüler sprecht, nähern sich alle und be-
ginnen zu lachen. Wenn ihr fragt, warum sie lachen, ant-
worten sie: „Diese beiden Männer sind ungefähr gleich alt.
Der eine muss also den Weg (der Erkenntnis) so gut kennen
wie der andere." Noch mehr: Wenn der Lehrer eine soziale
Schicht tiefer steht als der Schüler, empfindet man es als
eine Schande, mit ihm zu studieren. Ist er aber ein hoher
Beamter, hat man den, der bei ihm studiert, in Verdacht, er
wolle seine Gunst erlangen. Ach, es ist klar, dass sich das
ungünstig auswirkt auf den Unterricht, der auf den Weg
(der Erkenntnis) führen soll. Heiler, Ärzte, Musiker und
Handwerker werden nicht als den Leuten höherer Schich-
ten ebenbürtig angesehen, und trotzdem reicht das Wissen
Han Y u dieser Höhergestellten nicht an das ihre heran. Ist das nicht
768 - 824
China seltsam? 757

Die weiten Reisfelder und die riesigen Teiche locken sie


nicht; von all ihren Bewerbern schätzt sie nur den Ge-
Vietnamesisches lehrten, der mit Pinsel und Schreibzeug umzugehen ver-
Sprichwort steht. 758

Moses erhält
die Gebotstafeln
16. Jh.
Deutschland

Unter den Juden gab es sehr weise Schreiner und Wasser-


zieher - sie fanden trotz der Arbeit Zeit, die Torah Tag
und Nacht zu studieren.
Aber es ist verboten, die mündliche Torah (Mischuah)
gegen Entgelt zu unterrichten, denn es steht geschrieben:
Wahrlich, ich habe euch Gesetz und Unterweisung gelehrt,
wie Gott mir befohlen hat. Damit meint Moses, so wie ich
Maimonides
12. Jh. ohne Entgelt (von Gott) unterwiesen wurde, so habt ihr
Mischuah Torah von mir entgeltlos Unterweisung empfangen. 75p

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Bildung, Wissenschaft, Kultur

Der Lehrer soll Ich habe jetzt schon zwei oder drei Mal den Wunsch ausge-
lieben, nicht sprochen, dass ein Lehrer diesen freundlichen Charakter
einschüchtern besitze und dass ich dies weder zufällig, noch ohne Grund
gethan habe, will ich jetzt ausführlich erklären, warum
meiner Ansicht nach Liebe geeigneter als Furcht, Freund-
lichkeit besser als Prügeln ist, um ein Kind mit Erfolg zu
unterrichten. (...) In folgenden Punkten stimme ich mit
allen tüchtigen Lehrern gern überein: dass die Schüler zu
gründlichem Wissen, zu ehrbaren Sitten geleitet, ihre Feh-
ler gebessert, ihre Untugenden streng bestraft werden; aber
in der Wahl der Mittel und Wege, die zu diesem Ziele rich-
tig führen, weichen wir einigermassen von einander ab.
Denn bei manchen Lehrern habe ich selbst gesehen und
von noch mehreren habe ich mir sagen lassen, dass sie so
verkehrter Art sind, dass, wenn sie es mit einem Schüler,
der schwer fasst, zu thun haben, sie denselben eher bre-
chen als biegen, eher verderben als bessern. Denn wenn der
Lehrer über etwas ärgerlich sei, pflege er alsbald seinen
Schüler zu prügeln, und obgleich er wegen seiner Unver-
nunft selbst gestraft zu werden verdiente, so könne er doch
nicht umhin, irgend einen Schüler zu prügeln, um seinem
Unmuth Luft zu verschaffen, wenn auch kein Grund dazu
vorhanden sei, noch auch der Schüler ihm eine Veranlas-
sung dazu gegeben habe. Ihr werdet sagen, das sind unver-
ständige Lehrer, und nur wenige solche sind zu finden. Sie
sind in der That unverständig, aber gewiss gibt es deren
mehr als genug überall. Aber das will ich sagen, dass selbst
die weitesten Eurer grossen Prügler eben so oft die Natur
strafen, als sie Fehler bessern.
Ja, oft wird die bessere Naturanlage härter gestraft, denn
wenn Einer wegen seiner raschern Fassungsgabe seine Auf-
gabe schneller begreift, ein Anderer aber in Folge seiner
minderen Begabung mehr Zeit dazu braucht, so wird jener
immer belobt und dieser gewöhnlich bestraft. In einem sol-
chen Falle sollte ein vernünftiger Lehrer die rechte Be-
schaffenheit beider Naturanlagen mit Umsicht erwägen
und nicht so viel Gewicht darauf legen, was Jeder von ih-
nen jetzt, sondern später zu leisten im Stande sein dürfte.
Denn das weiss ich nicht bloss aus Büchern, die ich stu-
diert, sondern auch aus meiner eigenen Welterfahrung,
Roger Ascham dass diejenigen, welche gewöhnlich die weitesten, gelehr-
Schulmeister
16. Jh. testen und auch die besten Männer im Alter sind, niemals
Grossbritannien die aufgewecktesten in ihrer Jugend waren. 760

Gewalt Einer unter ihnen (einer meiner Schüler) war gewalttätig,


undiszipliniert, Lügner, und streitsüchtig. Bei einer be-
stimmten Gelegenheit geriet er in Wut. Ich war entrüstet.

410
Ausbildung für alle-, dei Meister

Ich strafe meine Schüler nie, aber diesmal war ich sehr
gereizt. Ich versuchte, ihn zur Vernunft zu bringen. Aber er
zeigte sich meinen Worten gegenüber gleichgültig und ver-
suchte sogar, mich zurückzustossen. Schliesslich nahm
ich ein Lineal, das sich in der Nähe befand, und gab ihm da-
mit einen Schlag auf den Arm. Ich zitterte, als ich ihn
schlug. Ich glaube, dass er dies merkte. Dies war für alle
eine ganz neue Erfahrung. Der Knabe begann zu schreien
und flehte mich an, ihm zu verzeihen. Dass er schrie, war
nicht der Schlag, der ihm wehgetan hatte; er hätte, wenn er
gewollt hätte, zurückschlagen können; denn er war ein
kräftig gebauter Bursche von siebzehn Jahren. Aber er hatte
begriffen, wie sehr ich darunter litt, so weit gegangen zu
sein. Nach diesem Zwischenfall war er mir gegenüber nie
mehr ungehorsam. Ich bereue diesen Gewaltakt immer
noch. Ich fürchte, ihm an diesem Tag nicht den Geist, son-
Mahatma Gandhi
1869 -1948 dern den Rohling in mir gezeigt zu haben. 761

L O H N , PROVISION UND PFLICHTEN DES LEHRERS

Besagte kluge Männer sahen ein, dass es in Zukunft nie


und nimmer möglich sein würde, auf eine anständige und
erlaubte Weise Geld für die Gemeinde aufzutreiben, das
man für ihr Wohl brauchte, dass man auch keines von ih-
ren Mitgliedern bekommen konnte, um das auszuführen,
was besagte Gemeinde beschlossen hatte. So entschied
man, dass ausnahmslos jedes Jahr ein Teil des Ertrages aus
dem Wald von Gravelone oder aus andern Einkünften, 208
Lire, für den Lohn eines Lehrers abgezweigt werden müsse,
womit sich die Magistraten und Herren in Siena einver-
standen erklärten. Dies taten die klugen Männer, damit die
Einkünfte sinnvoll und zum allgemeinen Wohle ausgege-
ben würden, und damit jedermanns Kind gut und zu Tu-
gendhaftigkeit erzogen und unterrichtet werde, damit es
die Grammatik, Arithmetik und die gewöhnliche Sprache
der Christen erlerne. (Man beschloss folgendes:) Der ge-
wählte Lehrer soll seiner Aufgabe würdig und fleissig im
Unterrichten der Kinder sein. Am Tag, wo er unterrichten
muss, darf er die Schule nicht verlassen. Während eines
Jahres soll er unterrichten, und wenn er nur einen einzigen
Tag fehlt, muss er ihn nachholen. Zusätzlich zu seinem
Lohn soll ihm das Haus bezahlt werden, in dem er wohnt,
und es soll mit Tischen und Bänken für die Schüler ausge-
rüstet sein, damit sie etwas zum Schreiben und Aufbewah-
ren der Lesebücher haben. Es soll ihm an nichts fehlen,
was den Alltag bequemer macht, wie etwa Behälter aus
Ton, Glas oder Holz. Dies gilt selbstverständlich auch für

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Bildung, Wissenschaft, Kultur

einen fremden Lehrer. Ist er nicht fremd und bereits häus-


lich niedergelassen, so gebe man ihm einfach den Lohn
oder etwas mehr, wie der Rat will. Das Haus muss bezahlt
Ländliche Statuten werden, so dass er unterrichten kann und nichts anderes zu
Castello del Piano
arbeiten braucht. Von diesen Bestimmungen darf nicht ab-
1571
Italien gewichen werden. 762

Das Wissen Man kann es nicht von dort wegbringen, wo es niedergelegt


ist das ist, es kann nicht durch Feuer zerstört werden; die grössten
kostbarste Erbe Könige können es denjenigen nicht wegnehmen, die ihren
Naladyar Ärger entfacht haben,- es ist das Wissen, das jeder seinen
ca.3-/4.Jh.
Sagam Epoche Kindern vermachen sollte. Es gibt keinen andern wahren
Tamil Reichtum. 763

Auch die Weltweisheit nun, die alles das mit erfand und
einrichtete, und uns ebenso für das Leben bildete und ge-
gen einen der milder machte, wie sie unter den Unglücks-
fällen die, welche uns, durch unsre Thorheit, und die, wel-
Isokratcs che uns durch eine äussere Nothwendigkeit treffen, von
436-338 v. Chr. einander schied und die einen zu vermeiten, die andern mit
Panegyrikos
und Philippos edler Fassung zu ertragen lehrte, hat unsre Statt zu Ehren
Athen gebracht. 764

Dem Fortschritt Predigt, gehalten am 25. März 1831 (Jahrestag der Konstitu-
entgegen- tion) vor dem Kaiser Pedro I., der im folgenden fahr ab-
gesetzte dankte:
diktatorische
Tendenzen Ganz offensichtlich waren die Theorien des vergangenen
Regimes nicht mehr genügend, um den intellektuellen
Fortschritt zu fördern. Das beleidigende Monopol gewisser
Männer, die noch beleidigendere Unterscheidung der Ka-
sten, die den nützlichsten Teil der Gesellschaft zu verkom-
menen Hunden erniedrigte, die hassenswerte Ungleichheit
der Rechte konnte sich nicht mehr aufrechterhalten unter
dem riesigen leuchtenden Strahl, der die Wege der Kultur
öffnete. Man war sehr wohl gezwungen, diesem heftigen
Schock nachzugeben, der den Schwerpunkt der Politik ver-
lagern und die staatlichen Institutionen auf sicherere
Francisco de
Monte Alverne Grundlagen stellen sollte, indem er die Grenzen der Auto-
Brasilien rität und diejenigen des Gehorsams festlegte. 765

Die Ausbildung Der primitive Mensch ist von Natur aus weder gut noch
ist alles böse,- er ist ganz einfach ein Automat, dessen Feder durch
das Beispiel, die Erziehung und die Güte in Bewegung ge-

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Ausbildung für alle-, dei Meister

setzt werden kann. Wenn Kato inmitten der Satrapen von


Persien zur Welt gekommen wäre, wäre er unerkannt in
José Bonifacio
de Andrada
der Masse gemeiner Sklaven gestorben. Wenn Newton bei
Notizen für den Guarani-Indianern zur Welt gekommen wäre, wäre er
„Zivilisation der nichts anderes gewesen als ein Zweifüssler, der arm gebo-
wilden Indianer des
Reiches Brasiliens"
ren wäre; aber ein von Newton erzogener Guarani hätte
1823 vielleicht seinen Platz eingenommen. 766

Ungleichheit Man kann die Ungleichheit der Intelligenz, des Lichtes


der Intelligenz zwischen den Individuen der menschlichen Gesellschaft
nicht aufheben; sie ist eine Folge der Natur sowie des Zu-
standes der Gesellschaft; es wäre schädlich, die Anstren-
gungen der höhergestellten Menschen zu unterbinden,-
aber (und das ist das Ziel, das man sich in der Gesellschaft
setzen muss) es ist möglich zu machen, dass alle Men-
schen in dem unterrichtet werden, was sie wissen müssen,
so dass sie durch die Ausbildung vor Fehlern bewahrt wer-
den, so dass sie vor dem Zauber des Scharlatanismus aller
Art geschützt werden. Die Überlegenheit des Wissens und
der Talente sei ein Vorzug für diejenigen, die sie besitzen,
ohne dass sie diese Überlegenheit dazu benützen, die an-
dern in ihrer Abhängigkeit zu halten oder sie Opfer ihrer
Geschicklichkeit werden zu lassen. Dieses Ziel erreicht
man vor allem, indem man die Ausbildung durch die Ein-
fachheit und die Klarheit der Methoden erleichtert und in-
dem man die Gewohnheit zu lernen und sich klare Begriffe
anzueignen, fördert und verstärkt. Die Genauigkeit des
Geistes genügte dann, damit die Menschen gegenseitig kei-
ne spürbaren Vorteile in den gemeinsamen Funktionen des
Lebens hätten; denn die Genauigkeit ist von allen Qualitä-
ten diejenige, die am meisten die Einzelheiten des Betra-
Condorcet
Turgot gens beeinflusst, und diejenige, die die Natur allumfassend
1786 und am gleichmässigsten verteilt hat. 767

Erziehung gegen Das stehende Heer und die Polizei, die Werkzeuge der ma-
die teriellen Macht der alten Regierung einmal beseitigt, ging
Un terdriiekung die Kommune sofort darauf aus, das geistliche Unterdrük-
kungswerkzeug, die Pfaffenmacht, zu brechen; sie dekre-
tierte die Auflösung und Enteignung aller Kirchen. (...)
Sämtliche Unterrichtsanstalten wurden dem Volk unent-
geltlich geöffnet und gleichzeitig von aller Einmischung
des Staats und der Kirche gereinigt. Damit war nicht nur
die Schulbildung für jedermann zugänglich gemacht, son-
Karl Marx dern auch die Wissenschaft selbst von den ihr durch das
Der Bürgerkrieg
in Frankreich Klassenvorurteil und die Regierungsgewalt auferlegten Fes-
1871 seln befreit. 768

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Bildung, Wissenschaft, Kultur

Polyvalente Wenn aber der Wechsel der Arbeit sich jetzt nur als über-
Bildung wältigendes Naturgesetz und mit der blind zerstörenden
des Arbeiters Wirkung eines Naturgesetzes durchsetzt, das überall auf
Hindernisse stösst, macht die grosse Industrie durch ihre
Katastrophen selbst es zur Frage von Leben oder Tod, den
Wechsel der Arbeiten und daher möglichste Vielseitigkeit
der Arbeiter als allgemeines gesellschaftliches Produk-
tionsgesetz anzuerkennen und seiner normalen Verwirkli-
chung die Verhältnisse anzupassen. Sie macht es zu einer
Frage von Leben oder Tod, die Ungeheuerlichkeit einer
elenden, für das wechselnde Ausbeutungsbedürfnis des Ka-
pitals in Reserve gehaltenen, verwendbaren Arbeiterbevöl-
kerung zu ersetzen durch die absolute Verwendbarkeit des
Menschen für wechselnde Arbeitserfordernisse; das Teilin-
dividuum, den blossen Träger einer gesellschaftlichen De-
tailfunktion, durch das allseitig entwickelte Individuum,
für welches verschiedene gesellschaftliche Funktionen ein-
ander ablösende Betätigungsweisen sind.
Ein auf Grundlage der grossen Industrie naturwüchsig
entwickeltes Moment dieses Umwälzungsprozesses sind
polytechnische und landwirtschaftliche Schulen, ein ande-
res sind die gewerblichen Fortbildungsschulen, worin die
Kinder der Arbeiter einigen Unterricht in der Technologie
und praktischen Handhabung der verschiedenen Produk-
tionsinstrumente erhalten. Wenn die Fabrikgesetzgebung
als erste, dem Kapital notdürftig abgerungene Konzession
nur Elementarunterricht mit fabrikmässiger Arbeit verbin-
det, unterliegt es keinem Zweifel, dass die unvermeidliche
Eroberung der politischen Gewalt durch die Arbeiterklasse
auch dem technologischen Unterricht, theoretisch und
praktisch, seinen Platz in den Arbeiterschulen erobern
wird. Es unterliegt ebensowenig einem Zweifel, dass die
kapitalistische Form der Produktion und die ihr entspre-
chenden ökonomischen Arbeiterverhältnisse im vollsten
Widerspruch stehen mit solchen umwälzenden Gärungs-
stoffen und ihrem Ziel, der Aufhebung der alten Teilung
der Arbeit. Die Entwicklung der Widersprüche einer ge-
schichtlichen Produktionsform ist jedoch der einzig ge-
schichtliche Weg ihrer Auflösung und Neugestaltung.
„Schuster, bleib' bei deinem Leisten!" Dieser Höhepunkt
handwerksmässiger Weisheit wurde zur furchtbaren Narr-
heit von dem Moment, wo der Uhrmacher Watt die
Dampfmaschine, der Barbier Arkwright den Kettenstuhl,
Karl Marx
Das Kapital der Juwelierarbeiter Fulton das Dampfschiff erfunden
1867 hatte. 769

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Ausbildung für alle-, dei Meister

Maschinen und Maschinenzeitalter: Das Ziel ist nicht so wichtig. Wichtig


Menschlichkeit ist die Geschwindigkeit. yyo
Karel Czapek
tschechischer
Schriftsteller
1890 -1938

Das, was ich missbillige, ist die „Schwärmerei" für die Ma-
schinen, und nicht die Maschinen selber. Man begeistert
sich für die Maschinen, die Arbeitskräfte einsparen. Sie tun
es bis zum Tag, wo Tausende von Menschen arbeitslos auf
die Strassen gestellt sind, um dort Hungers zu sterben. Ich
will nicht nur einem Teil der Menschheit Zeit und Mühe
ersparen, sondern der ganzen Menschheit. Ich wünsche,
dass sich der Reichtum nicht in den Händen von nur ein
paar wenigen häuft, sondern auf alle verteilt wird. Heute
bedienen sich ein paar wenige der Maschinen, um Millio-
nen andere auszunützen. Der Antrieb zu alledem ist nicht
der menschenfreundliche Wunsch, den Menschen Arbeit
Mahatma Gandhi z u ersparen, es ist der Reiz des Gewinns. Gegen diesen Zu-

1869 -1948 stand wehre ich mich mit allen Kräften. 771

Dsl Gung sprach: „Wenn einer dem Volke reiche Gnade


spendete und es vermöchte, die gesamte Menschheit zu er-
lösen, was wäre ein solcher? Könnte man ihn sittlich nen-
nen?" Der Meister sprach: „Nicht nur sittlich, sondern
göttlich wäre der zu nennen. Selbst Yau und Schun waren
sich mit Schmerzen (der Schwierigkeit davon) bewusst.
Was den Sittlichen anlangt, so festigt er andere, da er selbst
wünscht gefestigt zu sein, und klärt andre auf, da er selbst
wünscht aufgeklärt zu sein. Das Nahe als Beispiel nehmen
Konfuzius können (nach sich selbst die anderen zu beurteilen ver-
551-479 V. Chr.
China stehn), das kann als Mittel zur Sittlichkeit bezeichnet wer-
Gespräche den." 772

Apastamba- Er ist es (der Lehrer), der ihm Leben (gibt) (dem Kind), was
Dharmasütra I.
5 . - 4 . Jh. v. Chr. die Ausbildung betrifft. Das ist die beste Geburt. Die Mut-
Sanskrit ter und der Vater geben nur seinem Körper Leben. 773

Wahrer Adel Darauf besuchte er Gautama, Sohn des Haridrumat, und


des Schülers sagte: „Ich will unter Deiner Leitung das Leben desjenigen
führen, der das heilige Wissen sucht, oh verehrter Meister;
kann ich einer Deiner Jünger werden, oh verehrter
Meister?" Er (Gautama) fragte ihn: „Sag mir, von welcher
Familie du bist?" Er antwortete: „Ich weiss es nicht, Herr,

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Bildung, Wissenschaft, Kultur

von welcher Familie ich bin. Ich habe meine Mutter ge-
fragt. Sie hat mir geantwortet: ,Ich habe Dich gehabt, als
ich jung war, und als ich überall ein wenig als Magd arbei-
ten ging. Ich weiss also nicht, von welcher Familie Du bist,
aber ich heisse Iabala und Du Satyakäma.' Herr, ich bin
also Satyakäma Sabala." Er (Gautama) sagte ihm darauf:
„Einzig ein wahrer Brahmane konnte so sprechen (so auf-
Chängodya- richtig). Bring das nötige, um das Feuer zu unterhalten,
Upanishad
6. Jh. v. Chr.
und ich werde Dich einweihen. Du hast Dich nicht von der
Sanskrit Wahrheit entfernt." 774

Falsche In diesen vier Klassen, Väsettha, gibt es zugleich Fehler


und wahre und Qualitäten, die von den Weisen verachtet (beziehungs-
Überlegenheit weise) oder bewundert werden, wenn die Brahmanen vor-
geben: „Die Klasse der Brahmanen ist die beste, die andern
sind minderwertig; einzig die Klasse der Brahmanen ist
Licht, die andern sind Finsternis; einzig die Brahmanen
sind von reiner Rasse, im Gegensatz zu den Nicht-Brah-
manen; einzig die Brahmanen sind die legitimen Söhne
Brahmas, aus seinem Munde geboren, Sprösslinge Brah-
mas, erschaffen von Brahma und Erben Brahmas." Diese
Anmassung wird von den Weisen verworfen. Weshalb?
Weil, Väsettha, wer auch immer der einen oder andern der
vier Klassen angehört, wird ein Bhiksu, ein Arhant, ein
Wesen, dessen Makel verschwunden sind, welches das Le-
ben gelebt hat, das alles gemacht hat, was wert ist, ge-
macht zu werden, das die Last getragen hat, das sein Heil
erworben hat, das nicht mehr wiedergeboren zu werden
braucht und das sich befreit hat aufgrund seines vollkom-
DighanikäyalV.
3. Jh. v. Chr. menen Wissens, dieses wird zum Höchsten von allen er-
Pali klärt. 775

Ich werde (...) von der Vereinigung der Gelehrten der Welt
zu einer universellen Republik der Wissenschaften spre-
Condorcet
Atlantide
chen, die einzige, deren Projekt und deren Nützlichkeit
1794 nicht eine kindische Illusion seien. 776

Das Wissen und die Nahrung; das Wissen und die


Medizin; Freude, Poesie, Freiheit

„ En twicklung " Wenn jeder Hof von fünf Morgen mit Maulbeerbäumen
durch die Schule umpflanzt wird, so können sich die Fünfzigjährigen in Sei-
de kleiden. Wenn bei der Zucht der Hühner, Ferkel, Hunde
und Schweine die rechte Zeit beobachtet wird, so haben die
Siebzigjährigen Fleisch zu essen. Wenn einem Acker von

416
Das Wissen und die Nahrung; das Wissen und die Medizin-, Freude, Poesie, Freiheit

hundert Morgen nicht die zum Anbau nötige Zeit entzogen


wird, so braucht eine Familie von mehreren Köpfen nicht
Hunger zu leiden. Wenn man dem Unterricht in den Schu-
len Beachtung schenkt und dafür sorgt, dass auch die
Pflicht der Kindesliebe und Brüderlichkeit gelehrt wird, so
werden Grauköpfe und Greise auf den Strassen keine
Lasten mehr zu schleppen haben. Wenn die Siebziger in
Seide gekleidet sind und Fleisch zu essen haben und das
junge Volk nicht hungert noch friert, so ist es ausgeschlos-
Meng-tzu
372-289 V. Chr.
sen, dass dem Fürsten dennoch die Weltherrschaft nicht
China zufällt. 777

Bis zum Ende der Zhou-Zeit herrschten wahre Gesetze.


Seither gibt es keine wahren Gesetze mehr. Wie komme
ich zu dieser Behauptung? Da die Zwei Kaiser und die Drei
Könige einsahen, dass die Bevölkerung des Reiches ernährt
werden müsse, verteilten sie Felder zur Bestellung, da die
Bevölkerung Kleidung brauchte, vergaben sie Land zur Sei-
den- und Hanfgewinnung und da die Bevölkerung der Er-
ziehung bedurfte, förderten sie das Schulwesen. Sie führten
Heiratsriten ein, um der Unzucht zu wehren und Militär-
Huang-Tsung-hsi dienst zum Schutz vor Unruhen. Das waren die Gesetze bis
Ming-i tai-fang lu
17. Jh.
zum Ende der Zhou-Zeit. Auf keinen Fall waren sie zum
China Wohl eines Einzelnen erlassen worden. 778

Wenn man einen dauernden Frieden wünscht, muss man


Massnahmen ergreifen, um das Schicksal der Massen zu
verbessern. Beim gesamten menschlichen Geschlecht
Kcmal Pascha
Atatürk
müssen Hunger und Unterdrückung dem Wohlstand Platz
1937 machen. 779

Wenn du einem Menschen einen Fisch gibst,


wird er sich einmal ernähren.
Wenn du ihn fischen lehrst,
wird er sich sein Leben lang ernähren.

Wenn deine Pläne sich auf ein Jahr beziehen, säe Korn.
Wenn sie sich auf zehn Jahre beziehen, pflanze einen
Baum.
Wenn sie sich auf hundert Jahre beziehen, lehre das Volk.

Indem du einmal Korn säest, wirst du einmal ernten.


Indem du einen Baum pflanzest, wirst du zehnmal ernten.
Kuan-tzu
7. Jh. v. Chr. Indem du das Volk unterrichtest, wirst du hundertmal
China ernten. 780

417
Bildung, Wissenschaft, Kultur

Anatomielektion
1714
Frankreich

DER HIPPOKRATISCHE EID (HIPPOKRATES 4 6 0 ? - 377? V . C H R . )


ist in zahlreichen Ländern, z. T. mit geringfügigen Ände-
rungen, für alle dem medizinischen Beruf Verpflichteten
obligatorisch geworden:

Ich schwöre bei Apollon, dem Arzt, und Asklepios und Hy-
gieia und Panakeia und allen Göttern und Göttinnen, die
ich zu Zeugen anrufe, dass ich diesen Eid und diese Nieder-
schrift nach bestem Wissen und Können erfüllen werde.
Ich werde den, der mich diese Kunst gelehrt hat, gleich
meinen Eltern ehren und ihm Anteil an meinem Leben ge-
ben, und wenn er in Schulden geraten sollte, ihn unterstüt-

418
Das Wissen und die Nahrung; das Wissen und die Medizin-, Freude, Poesie, Freiheit

zen und seine Söhne meinen Brüdern gleichhalten und sie


diese Kunst lehren, falls sie den Wunsch haben sollten, sie
zu erlernen, und zwar ohne jede Vergütung und schriftliche
Verschreibung, und an Vorschriften, am Vortrag und aller
sonstigen Belehrung werde ich meine Söhne und die mei-
nes Lehrers teilnehmen lassen, wie auch die mit mir einge-
schriebenen Jünger der Kunst, die durch den ärztlichen Eid
gebunden sind, aber niemanden sonst.
Und ich werde die Grundsätze der Lebensweise nach
bestem Wissen und Können zum Heil der Kranken anwen-
den, dagegen nie zu ihrem Verderben und Schaden.
Ich werde auch niemandem eine Arznei geben, die den
Tod herbeiführt, auch nicht, wenn ich darum gebeten wer-
de, auch nie einen Rat in dieser Richtung erteilen. Ich wer-
de auch keiner Frau ein Mittel zur Vernichtung keimenden
Lebens geben.
Ich werde mein Leben und meine Kunst stets lauter und
rein bewahren.
Ich werde auch nicht Steinleidende operieren und Män-
nern, die solche Praktiken ausüben, aus dem Wege gehen.
In welche Häuser ich auch gehe, die werde ich nur zum
Heil der Kranken betreten, unter Meidung jedes wissentli-
chen Unrechts und Verderbens und insbesondere jeder ge-
schlechtlichen Handlung gegenüber weiblichen Personen
wie auch gegenüber Männern, Freien und Sklaven.
Was ich in meiner Praxis sehe oder höre oder ausserhalb
dieser im Verkehr mit Menschen erfahre, was niemals an-
deren Menschen mitgeteilt werden darf, darüber werde ich
schweigen, in der Überzeugung, dass man solche Dinge
streng geheimhalten muss.
Wenn ich nun diesen Eid treu halte und nicht entweihe,
dann möge ich von meinem Leben und meiner Kunst Segen
haben, bei allen Menschen zu jeder Zeit hochgeachtet;
wenn ich ihn aber verletze und eidbrüchig werde, dann
möge mich das Gegenteil hiervon treffen. 781

Die Ein Arzt, der nur die Heilkraft einiger Pflanzen kennt, und
Verpflichtung nicht versucht, sie von allen zu erlernen, weiss nichts voll-
des Wissens ständig oder wenigstens nur sehr wenig. Um die Qualifika-
Blas Valera tion, die er sich gibt, zu verdienen, muss er also alle Kräu-
Zitiert von Garcilaso
dela Vega ter kennen, ob sie schädlich oder nützlich seien. 782
17. Jh., Peru

Ärztliches Ein Mensch, der Arzneitränke vorbereitet ohne in der Me-


Verbrechen und dizin oder der Zauberkunst bewandert zu sein, der keine
ungleicher Wert Krankheitssymptome kennt und schliesslich dem Kranken
des mensch- Geld abverlangt, muss wie ein Dieb behandelt werden. Er
lichen Lebens ist ein Lügner. Wenn er einem Diener einen Arzneitrank

419
Bildung, Wissenschaft, Kultur

verschreibt, und wenn dieser nicht gesund wird und


schliesslich stirbt, wird die Busse auf 4600 festgelegt.
Wenn er einem (bedeutenden) Mann einen Arzneitrank
verschreibt, und wenn dieser Mann nicht gesund wird und
stirbt, wird die Busse 10000 betragen. Wenn er einem
Kodex Brahmanen einen Arzneitrank verschreibt und wenn der
Kutära^ästra
14. Jh. Brahmane nicht gesund wird und stirbt, wird die Busse
Java 20000 sein. 783

Medizinische Der König Priyadarsin, der von den Göttern geliebte, hat
und landwirt- überall zwei Formen medizinischer Hilfe eingeführt, und
schaftliche zwar die medizinische Hilfe für die Menschen und diejeni-
„Entwicklung' ge für die Tiere. Einerseits den Menschen andererseits den
Tieren nützliche medizinische Pflanzen wurden eingeführt
und überall dort gepflanzt, wo sie fehlten. Ebenso wurden
auch Wurzelknollen und Früchte eingeführt und überall
Edikt von Asoka dort gepflanzt, wo sie fehlten. Entlang der Strassen wurden
Rocher II.
3. Jh. v. Chr.
Bäume gepflanzt, und für die Menschen und Tiere Brunnen
Prakrit ausgehoben. 784

Entlang den Strassen habe ich Banyans gepflanzt, um den


Tieren Schatten zu spenden. Mangien-Bäume wurden ge-
pflanzt. Bei jeder Halb-Krosa habe ich Brunnen graben las-
Edikt von Asoka sen. Häuser wurden gebaut, damit man sich nachts darin
Pfeiler VII.
3. Jh. v. Chr. ausruhen kann. Zahlreiche Zisternen wurden an verschie-
Prakrit denen Orten für Menschen und Tiere eingerichtet. 78s

Gut ausgeführte Der Weise fragte den Geist der Weisheit: „Welches ist die
Arbeit Aufgabe der Gewerbetreibenden, der Handwerker?"
Und der Geist der Weisheit antwortete: „Hier die Aufga-
be der Handwerker: Wenn es sich um eine Arbeit handelt,
die sie nicht kennen, sollen sie sich enthalten, sie zu tun.
Wenn es sich um eine Arbeit handelt, die sie gut kennen,
sollen sie sie sorgfältig ausführen und einen entsprechen-
Dädistän i
den Lohn verlangen. Denn der, welcher sich darauf ver-
Menog i Xrad steift, eine Arbeit zu tun, die er nicht kennt, verpfuscht sie
3.-7-Jh. und macht sie nutzlos. Wenn er obendrein mit seiner Ar-
Persien
Sassanidische beit zufrieden ist, wird sie sogar für ihn eine Quelle der
Periode Sünde." 786

Erziehung Es gehört sich, dass man seine Frau und seine Kinder gut
behandelt, und dass man ihre Erziehung nicht vernachläs-
sigt. In der Tat, wer seine Frau und seine Kinder nicht gut
Denkart
9. Jh. behandelt und ihre Erziehung vernachlässigt, ist stets be-
Persien trübt, und seine Nahrung schmeckt ihm kaum mehr. 787

420
Das Wissen und die Nahrung; das Wissen und die Medizin; Freude, Poesie, Freiheit

Wohlstand Schöpfer der mit Körper begabten Welten, Reiner!


Was ist zum zweiten dieser Erde am angenehmsten?
Darauf entgegnete Ahura-mazda: Dass ein heiliger Mann
sich dort eine Wohnung erbaut.
Versehen mit Feuer, versehen mit Vieh, versehen mit
Frau, Kindern und guten Herden.
Dann ist in dieser Wohnung Überfluss an Vieh, Überfluss
Avesta Vcndidad an Rechtschaffenheit, Überfluss an Weidefutter, an Hun-
I. Jh. v. Chr. -
i. Jh. n. Chr. den, an Frauen, an Jünglingen, an Feuer, an allem, was
Persicn zum guten Leben gehört. 788

Grosse Wahrheit, mächtig starke sittliche Ordnung, Ein-


weihung ins Opfern, Busse, Brahmane und Opfer - das ist
es, was die Erde stützt. Möge die Erde, Herrin unserer Ver-
gangenheit und unserer Zukunft, ohne dass der Mensch sie
übervölkert, auf ihren Höhen, Hängen und Ebenen weithin
Pflanzen mit mannigfaltigen Kräften wachsen lassen, die
uns als Nahrung dienen. Sie, die Meer, Flüsse und Gewäs-
ser umfasst, wo Nahrung wächst und geerntet wird, wo
Atharvaveda, XII
2200-1800 v. Chr.
sich alles bewegt, was atmet und sich regt, möge uns diese
Sanskrit Erde als erstes Nahrung und Trank spenden. 789

Sofortige Die Hauptperson des Stückes, Adam, in Kepler verwandelt, erwacht aus
einem Traum, in dem er die Französische Revolution gesehen hat.
Kenntnis
durch das Leben ADAM
Der Tag wird kommen, ich habe es dir schon gesagt,
Wo man über alles lachen wird! Der Staatsmann,
Den man gross nannte, der starre Denker,
Dessen Unfehlbarkeit man rühmte,
Werden von der Nachwelt

Singstunde für
die Vögel
Ende 15. Jh.
Bildung, Wissenschaft, Kultur

Als Komödianten abgetan. Die wahre Grösse


Wird man im Natürlichen sehen,
In der Einfachheit, im Unverblümten.
Wer den geraden Weg geht, macht nur einen Sprung,
Um ein unvorhergesehenes Hindernis zu überwinden,
Und bahnt nur neue Wege, wenn die alten verwischt sind,
Oder wenn er ins Unbekannte gehen muss.
Und an diesem Tag wird die Wissenschaft dermassen
unübersichtlich,
Dass der, welcher sie ergründen will, unweigerlich
verrückt wird,
An diesem Tag wird jedermann sie verstehen, ohne sie
lernen zu müssen.

Geh, wirf diese vergilbten Pergamente ins Feuer,


Diese ganz verschimmelten Folianten,
Die uns vergessen lassen, wie man geht,
Mehr noch, wie man denkt, und die Irrtümer und Laster
Vergangener Zeiten in unserer Zeit verbreiten.
Wirf sie ins Feuer, und atme dann die reine Luft ein,
Anstatt in den unwirtlichen vier Wänden eines Zimmers
In diesen staubigen Schriften zu forschen,
Wie der Gesang sei, wie der Vogel geschaffen sei,
Oder auch, woraus ein Wald bestehe.
Ist für dich das Leben denn so lang,
Imrc Madach
Dass man - warum nicht bis zum Grabe? -
1823 -1864 Ohn' Ende davon die Theorie erforschen kann?
Ungarn Verlassen wir die Schule alle beide!
Die Tragödie
des Menschen Die Freude geleite dich in deiner Jugend Blüte
Szene IX Mit Lied und Sonnenschein! 790

ÜBER DIE BESTIMMUNG DES DICHTERS


Rede auf der Festveranstaltung zum 84. Todestag
Puschkins

Unsere Erinnerung wahrt seit frühester Kindheit einen hei-


teren Namen: Puschkin. Dieser Name, dieser Klang erfüllt
viele Tage unseres Lebens. Da sind die düsteren Namen
von Imperatoren, Feldherren, Mordwaffenerfindern, Fol-
terknechten und Märtyrern des Lebens. Und daneben die-
ser anmutige Name: Puschkin.
Puschkin verstand es, die Last seines Schöpfertums
leicht und heiter zu tragen, obwohl die Rolle des Dichters
nicht leicht noch heiter, sondern tragisch ist. Puschkin
spielte seine Rolle mit weiter, sicherer und freier Gebärde,
als ein grosser Meister. Dennoch krampft sich uns bei dem
Gedanken an Puschkin oftmals das Herz zusammen,- der

422
Das Wissen und die Nahrung; das Wissen und die Medizin-, Freude, Poesie, Freiheit

feierliche Siegeszug des Dichters, der das Äusserliche nicht


beeinflussen konnte, denn sein Gegenstand war die innere
Wirklichkeit - die Kultur -, dieser Siegeszug wurde nur
allzuoft durch die finstere Einmischung von Menschen ge-
stört, denen der Kochtopf mehr bedeutet als Gott. (...)
Was ist ein Dichter? Ein Mensch, der in Versen schreibt?
Natürlich nicht. Er heisst nicht Dichter, weil er in Versen
schreibt; sondern er schreibt in Versen, das heisst, er fügt
Worte und Laute zu einer Harmonie, weil er ein Sohn der
Harmonie ist, ein Dichter.
Was ist Harmonie? Harmonie ist die Übereinstimmung
der Kräfte der Welt, die Ordnung des Lebens der Welt. Die
Ordnung ist der Kosmos, im Gegensatz zur Unordnung,
dem Chaos. Aus dem Chaos entsteht der Kosmos, die
Welt, wie die Alten lehrten. Der Kosmos ist dem Chaos
verwandt, wie die voranstrebenden Meereswellen den
Wassermassen des Ozeans. Ein Sohn mag dem Vater in
nichts ähneln ausser in einem verborgenen Zug; aber gera-
de dieser Zug bestimmt die Ähnlichkeit zwischen Vater
und Sohn.
Das Chaos ist die ursprüngliche, elementare Anarchie;
der Kosmos ist die wohlgefügte Harmonie, die Kultur. Aus
dem Chaos wird der Kosmos geboren; die Elementarkraft
birgt in sich den Samen der Kultur; aus der Anarchie ent-
steht die Harmonie.
Das Leben der Welt ist ein unaufhörliches Erschaffen
neuer Formen, neuer Arten. Das anarchische Chaos hebt
sie aus der Wiege, die Kultur zieht sie auf und trifft eine
Auslese unter ihnen; die Harmonie gibt ihnen Gestalten
und Formen, die sich aufs neue in chaotischen Nebel auflö-
sen. Der Sinn all dessen ist uns unverständlich, das Wesen
unklar, wir trösten uns mit dem Gedanken, dass die neue
Art besser ist als die alte; aber der Wind bläst dieses kleine
Lichtlein aus, mit dem wir die Nacht der Welt zu erhellen
suchen. Die Ordnung der Welt ist voller Unruhe, sie ist das
leibliche Kind der Unordnung und braucht sich mit unseren
Vorstellungen von Gut und Schlecht nicht zu decken. (...)
Der Dichter ist der Sohn der Harmonie; und ihm ist eine
bestimmte Rolle in der Weltkultur zugedacht. Drei Dinge
sind ihm auferlegt: erstens, die Laute aus den verwandten
anarchischen Elementen, in denen sie sich befinden, zu
befreien; zweitens, diese Laute zu einer Harmonie zu
fügen, ihnen Formen zu verleihen, und drittens, diese Har-
monie in die äussere Welt hineinzutragen.
Die den Elementen entrissenen, zur Harmonie gefügten
und in die Welt hineingetragenen Laute beginnen von
selbst ihr Werk zu verrichten. „Die Worte des Dichters
sind bereits seine Taten." (...)

423
Bildung, Wissenschaft, Kultur

In den bodenlosen Tiefen des Geistes, wo der Mensch


aufhört, Mensch zu sein, in Tiefen, die den Geschöpfen der
Zivilisation - dem Staat und der Gesellschaft - unzu-
gänglich sind, schweben Klangwellen, die gleich den das
ganze Weltall umfangenden Ätherwellen sind; dort kommt
es zu rhythmischen Schwankungen, ähnlich jenen Prozes-
sen, die Gebirge, Winde, Meeresströmungen, Pflanzen und
Tiere hervorbringen.
Die Tiefe des Geistes wird von den Erscheinungen der
äusseren Welt verdeckt. Puschkin sagt, dass sie dem Dich-
ter vielleicht noch verborgener sei als den anderen Men-
schen. „Von allen nichtigen Erdensöhnen ist er der nichtig-
ste vielleicht."
Das erste, was der Dienst des Dichters dem Dichter ab-
verlangt, ist, sich der „eitlen Erdensorgen" zu entledigen,
um die äusseren Hüllen abzustreifen und die Tiefe aufzu-
decken. Diese Forderung hebt den Dichter über die Masse
der „nichtigen Erdensöhne" hinaus.

Das Herz voll Unruh, voll von Tönen,


Flieht wild und scheu er und allein,
Verwirrung nur und Klang im Sinn,
Zum weiten winddur ehr aus cht en Hain,
Zum Ufer, wo die Wogen stöhnen. (...)

Voll Unruhe, wild und scheu, weil die Aufdeckung der


geistigen Tiefe schwer ist wie der Akt der Geburt. Zum
Ufer und zum Hain, weil man nur dort in der Einsamkeit
alle Kräfte sammeln und eins werden kann mit dem „ver-
wandten Chaos", den anarchischen Elementen, die die
Klangwellen ausströmen.
Das geheimnisvolle Werk ist vollbracht, die Hülle ist ab-
gestreift, die Tiefe ist aufgedeckt, der Klang in die Seele
eingedrungen. Die zweite Forderung des Apoll besteht dar-
in, den aus der Tiefe gehobenen und der äusseren Welt
fremden Klang in die feste und fassbare Form des Wortes zu
kleiden,- Klänge und Worte müssen eine einheitliche Har-
monie bilden. Das ist der Bereich der künstlerischen Mei-
sterschaft. Sie erfordert ebenso Inspiration wie das Eins-
werden mit dem „verwandten Chaos". „Die Inspiration",
sagt Puschkin, „ist die Fähigkeit der Seele, Eindrücke auf
lebendigste Weise aufzunehmen und Begriffe zu verstehen,
folglich selbige auch zu deuten." Deshalb lässt sich zwi-
schen der ersten und der zweiten Aufgabe des Dichters kei-
ne genaue Grenze ziehen; das eine ist untrennbar mit dem
anderen verbunden; je mehr Hüllen abgestreift sind, je in-
tensiver das Einswerden mit dem Chaos, je schwerer die
Geburt des Klangs ist, desto klarere Formen strebt dieser

424
Das Wissen und die Nahrung; das Wissen und die Medizin-, Freude, Poesie, Freiheit

Klang an, desto anhaltender und harmonischer ist er, desto


eindringlicher verfolgt er das menschliche Ohr.
Jetzt ist die dritte Aufgabe des Dichters an der Reihe,- die
in die Seele aufgenommenen und zur Harmonie gefügten
Laute müssen in die Welt hineingetragen werden. Hier
kommt es zu dem berühmten Zusammenstoss des Dich-
ters mit dem Pöbel.
Kaum jemals wurde das einfache Volk als Pöbel bezeich-
net, es sei denn von denjenigen, die selber diesen Schimpf-
namen verdienten. Puschkin sammelte Volkslieder und
schrieb in der Denkart des einfachen Volkes; ein ihm sehr
nahe stehender Mensch war seine bäuerliche Amme. Nur
ein beschränkter oder böswilliger Mensch kann behaupten,
Puschkin meine mit Pöbel das einfache Volk. Das Wörter-
buch der Sprache Puschkins wird dies klären - sobald die
russische Kultur wiederersteht.
Puschkin verstand unter dem Begriff Pöbel ungefähr das-
selbe wie wir. Er setzte diesem Substantiv häufig das Epi-
theton „vornehm" hinzu und bezeichnete mit diesem Sam-
melnamen jenen erblichen Hofadel, der statt der Seele nur
Adelstitel besass. Aber schon zu Puschkins Lebzeiten
nahm bald die Bürokratie den Platz des Erbadels ein. Diese
Beamten sind unser Pöbel; der Pöbel von gestern und heu-
te: kein Adel, kein einfaches Volk, kein Tier, kein Erd-
klumpen, kein Nebelfetzen, kein Planetensplitter, kein
Dämon und kein Engel. Ohne das Wörtchen „kein" davor-
zusetzen, kann man über sie nur eines sagen: sie sind Men-
schen; das ist nicht sonderlich schmeichelhaft; Menschen
sind sie, Geschäftemacher und Spiesser, deren geistige
Tiefe hoffnungslos und für alle Zeit „von den eitlen Erden-
sorgen" verdeckt ist. (...)
Wie alle anderen sozialen Schichten wird auch der Pöbel
nur sehr langsam vom Fortschritt erfasst. Obwohl die
menschlichen Hirne im Verlauf der letzten Jahrhunderte
auf Kosten aller übrigen Funktionen des Organismus aus-
serordentlich angewachsen sind, haben die Menschen zum
Schutze der Ordnung ihrer Welt, die sich in Staatsformen
ausdrückt, beispielsweise nur ein Organ entwickelt - die
Zensur. Auf diese Weise errichteten sie lediglich auf dem
dritten Weg des Dichters eine Schranke: auf dem Weg,
über den er die Harmonie in die Welt hineinträgt. Es hätte
ihnen ja auch einfallen können, solche Schranken auf dem
ersten und auf dem zweiten Weg zu errichten. Sie hätten
Mittel finden können, die Quellen der Harmonie selbst zu
trüben; was sie daran hindern mag, ob mangelnder Scharf-
sinn, Schüchternheit oder das Gewissen, ist unbekannt.
Aber vielleicht sucht man bereits nach solchen Mitteln?

425
Bildung, Wissenschaft, Kultur

Wir wollen heute, da wir Puschkins gedenken, nicht dar-


über streiten, ob Puschkin recht oder unrecht hatte, wenn
er die Freiheit, die wir die persönliche nennen, von der
Freiheit trennte, die wir die politische nennen. Wir wissen,
dass er eine „andere", „geheime" Freiheit forderte. Unserer
Meinung nach ist das die „persönliche" Freiheit, doch für
den Dichter bedeutet dies nicht nur persönliche Freiheit:

(...) Rechenschaft
Leg ich vor niemand ab; nur meiner eignen Kraft
Dien ich und folge ich; vor Mächten und Livreen
Beug weder ich den Hals noch Wissen und Ideen;
Nach meiner Laune will ich schweifen hier und dort,
Schaun göttliche Natur, anbeten schönen Ort,
Vor Schöpfungen der Kunst, begeisterter Beglückung
Versinken schweigend in den Räuschen der Entzückung -
Das ist mir Glück! das Recht! (...)

Das sagte Puschkin vor seinem Tode. In seiner Jugendzeit


hatte er ebenso gesprochen:

Liebe und geheime Freiheit


Gab dem Herzen einen schlichten Hymnus ein.

Diese geheime Freiheit, diese Laune (...) ist keineswegs


nur die persönliche Freiheit, sondern etwas viel grösseres;
sie steht in engem Zusammenhang mit den beiden ersten
Aufgaben, die Apoll vom Dichter fordert. Alles in den Ver-
sen Puschkins Angeführte ist eine unerlässliche Vorausset-
zung für die Befreiung der Harmonie. Während Puschkin
sich bei der Erprobung der Menschen durch die Harmonie,
bei der dritten Aufgabe also, stören liess, konnte er es nicht
zulassen, dass man ihn bei den beiden ersten Aufgaben
störte,- diese Aufgaben sind keine persönlichen Angelegen-
heiten. (...)
Puschkin ist tot, aber „für einen Knaben stirbt ein Posa
nicht", sagt Schiller. Auch Puschkin wurde nicht von der
Kugel eines d'Anthes getötet. Er starb an einem Mangel an
Luft. Und mit ihm starb seine Kultur.

Geliebte, Zeit ists, Zeit! Das Herz will Ruh (...)

Das ist der Todesseufzer Puschkins und zugleich der Seuf-


zer der Kultur der Puschkin-Epoche.

Glück gibts nicht in der Welt, doch Freiheit gibts und Frie-
den.

426
Das Wissen und die Nahrung; das Wissen und die Medizin-, Freude, Poesie, Freiheit

Freiheit und Flieden. Beides braucht der Dichter, um die


Harmonie zu befreien. Aber selbst die Freiheit und den
Frieden raubt man ihm - nicht den äusseren, sondern den
inneren, schöpferischen Frieden, nicht die kindliche Frei-
heit, die Freiheit, liberal zu schwätzen, sondern die schöp-
ferische, die geheime Freiheit. Und der Dichter stirbt, weil
er nicht mehr atmen kann; das Leben hat seinen Sinn ver-
loren.
Den liebenswürdigen Beamten, die den Dichter hinder-
ten, die Herzen der Menschen durch die Harmonie zu er-
proben, wird für immer der Schimpfname Pöbel anhaften.
Aber sie konnten den Dichter nur bei seiner dritten Aufga-
be stören. Die Erprobung der Herzen durch Puschkins Poe-
sie in ihrem ganzen Ausmass ist längst ohne sie geschehen.
Vor einem noch schlimmeren Schimpfnamen aber mö-
gen sie sich in acht nehmen, jene Beamten, die sich heute
anschicken, die Poesie in bestimmte Bahnen zu lenken,
die sich an der geheimen Freiheit der Poesie vergreifen und
Alexander Bloch
UdSSR
die Poesie hindern, ihrer geheimen Bestimmung gerecht zu
Ii. Februar 1921 werden. 791

Erlaube, oh Herr, dass ich heute dank meinen Kenntnissen


Maimonides das entdecke, was ich gestern nicht kannte, denn die Kunst
Medizinisches
Gebet hat keine Grenzen, und der Geist des Menschen dringt im-
12. Jh. mer weiter vor. 792

427
Knechtschaft und
Gewalttätigkeit
Die Versklavung ist gegen die menschliche Natur

Der Mensch und Die Gewalt macht aus jedem, der ihr unterworfen ist,
die Gewalt einen Gegenstand. Im Extremfall macht sie buchstäblich
einen Gegenstand aus ihm, nämlich einen Leichnam. Je-
mand war da, und einen Augenblick später ist niemand
mehr da. [...)
Weil es möglich ist, einen Menschen durch Töten in
einen Gegenstand zu verwandeln, ergibt sich eine andere,
auf ganz andere Art ungeheuerliche, Möglichkeit, es zu
tun, nämlich einen Gegenstand aus einem lebenden Men-
schen zu machen. Er lebt, er hat eine Seele. Und doch ist er
ein Gegenstand. Was für ein seltsam Ding, ein Gegenstand
mit einer Seele, seltsamer Zustand auch für die Seele sel-
ber. Wer kann ermessen, wie sehr sie sich ständig krüm-
men und verrenken muss? Sie taugt nicht zum Bewohnen
eines Gegenstandes. Wenn sie dazu gezwungen wird, dann
gibt es bei ihr nichts mehr, das nicht unter der Vergewalti-
gung litte.
So erdrückt die Gewalt jene, die sie trifft. Mit der Zeit
kommt sie dem, der sie ausübt, wie dem, der sie erduldet,
wie etwas, das von aussen kommt, vor. Dann entsteht die
Vorstellung eines Schicksals, unter dessen Macht Henker
wie Opfer im gleichen Mass unschuldig sind, und die Sie-
ger und Besiegten sind im Elend verbrüdert. Der Sieger ist
schuld am Unglück des Besiegten und umgekehrt. (...)
Man muss sich richtig überwinden, grosszügig zu sein,
und muss dem Herz Gewalt antun, um das Leben im an-
dern zu achten, wenn man jedes Streben nach Leben in sich
selber verstümmeln musste. (...) Mangels eben dieser
Grosszügigkeit ist der Soldat, der gesiegt hat, eine Geissei
der Natur. Wenn er vom Krieg besessen ist, so ist er genau
so gut ein Gegenstand wie ein Sklave, wenn auch auf eine
ganz andere Art, und Worte beeindrucken ihn so wenig wie
sie einen Gegenstand beeindrucken.
Der eine wie der andere spürt deutlich ihre Wirkung,
wenn er mit Materie in Berührung kommt, d.h. er wird
durch sie stumm oder taub. (...)
So wirkt sich Gewalt aus. Sie besitzt zweifache Macht,
die Menschen in Gegenstände zu verwandeln, und das
wirkt sich auf zwei Seiten aus. Sie versteinert sowohl die
Seele dessen, der sie ausübt, wie dessen, der sie leiden
muss, wenn auch auf andere Art. Trotzdem ist diese Dich-
tung (Ilias) etwas Wunderbares. Die Bitterkeit bezieht sich
auf die einzige Ursache zu Bitterkeit, nämlich die Unter-
ordnung der Seele unter die Gewalt, d. h. unter die Materie.
Diese Unterordnung ist bei allen Sterblichen gleich, ob-

431
Knechtschaft und Gewalttätigkeit

wohl die Seele auf verschiedene Arten damit fertig wird, je


nachdem, wie sie beschaffen ist. In der Ilias kann sich ihr
niemand entziehen, so wie sich niemand auf Erden ihr ent-
ziehen kann. Niemand, der ihr erliegt, soll deshalb ver-
achtet werden. Alles, was in der Seele und in den zwi-
schenmenschlichen Beziehungen der Gewalt entgeht, wird
geliebt, aber mit Schmerzen geliebt, wegen der ständig dro-
henden Zerstörungsgefahr. Das ist der tiefere Sinn der ein-
zigen wahren Heldendichtung des Abendlandes. (...) Was
auch immer die Völker Europas hervorgebracht haben,
nichts reicht an diese älteste Dichtung des einen von ih-
nen. Sie werden vielleicht die Erzählkunst wiederentdek-
ken, wenn sie verstehen, dass niemand und nichts seinem
Schicksal entrinnt, dass man Gewalt nicht bewundern
soll, dass man die Feinde nicht hassen und die Unglück-
lichen nicht verachten darf. Das wird so schnell nicht der
Fall sein.
Wem nicht bewusst ist, in welchem Masse die Launen
des Schicksals und die Bedürfnisse die menschliche Seele
in ihre Abhängigkeit bringen, kann die, welche durch Zu-
fall abgrundweit von ihresgleichen entfernt sind, weder als
seinesgleichen betrachten noch wie sich selbst lieben. Die
mannigfaltigen Zwangslagen, die die Menschen belasten,
lassen glauben, dass es Leute unterschiedlichen Schlages
Simone Weil gebe, mit denen man keine Worte tauschen könne. Man
Frankreich kann aber nur lieben und gerecht sein, wenn man die Herr-
Die Iliade oder das
Gedicht der Gewalt
schaft dieser Macht erkennt, und wenn man bereit ist, ihr
1939-1940 keine Achtung zu verschaffen. 793

Versklavung Das schreibt die natürliche Ordnung vor, und so hat Gott
und den Menschen erschaffen. Denn er sagt: „Herrschen soll er
Menschenwürde über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels
und über alles Gewürm, das am Boden kriecht" (Gen 1, 26).
Er hat ihn mit Vernunft ausgestattet und nach seinem
Ebenbild gemacht und hat gewollt, dass er nur über Unver-
nünftiges herrsche, nicht als Mensch über den Menschen,
sondern als Mensch über das Tier. Daher sind die ersten
Gerechten eher als Hirten über Tiere, denn als Könige über
Menschen eingesetzt worden, damit Gott auch auf diese
Weise zu verstehen gebe, was die Rangordnung der Ge-
schöpfe fordert und was das Verschulden der Sünde nach
sich zieht. Denn die Einsicht besteht zurecht, dass der Zu-
stand der Sklaverei eine Bürde des Sünders ist. Deshalb le-
sen wir nirgends in den Schriften von einem Sklaven, bevor
Noe, der Gerechte, mit diesem Wort die Sünde seines Soh-
nes bestrafte (Gen 9, 25). Also hat Schuld sich diesen
Namen erworben, nicht Natur.

432
Abschaffung des Sklavenhandels -
den Afrikanern wird ein Vertrag überreicht,
Grossbritannien, Anfang 19. Jh.
Die ersten Reisenden finden zwei verschiedene,
in Eintracht lebende, Rassen,
Ende 27. Jh.
Die Versklavung ist gegen die menschliche Natur

Wenn „die Die wahren Hausväter aber leiten alle im Hause wie ihre
Pflicht Kinder dazu an, Gott zu verehren, sich seiner würdig zu er-
zu befehlen " weisen, sich zu sehnen und danach zu streben, in das
aufhören wird himmlische Haus zu gelangen, wo das Amt, Sterblichen zu
befehlen, nicht mehr nötig ist, weil eben das Amt jenes An-
leitens für die Glücklichen in ihrer Unsterblichkeit schon
nicht mehr nötig sein wird. Bis es aber dahin kommen
Heiliger Augustinus
354-430 wird, ist die Verantwortung der Väter, zu befehlen, grösser
Der Gottesstaat als die der Sklaven, zu dienen. 794

Wir müssen die Sklaven gleich behandeln wie uns selber.


Brief von Isidor Denn sie sind Menschen, genau wie wir. (...) Und in Wahr-
von Pelusa
Mönch in Ägypten
heit sind wir alle gleich durch unsere Beschaffenheit,
5. Jh. durch den Glauben und das Gericht, das uns erwartet. 795

Heiliger Johannes Meist ist es die Sünde, die die Menschen dazu verleitet, an-
Chrysostomos
ca.354 - 407 dere zu knechten. Sie entspringt dem Geiz, dem Neid und
Homelius der Unersättlichkeit. 796

D I E ALTDEUTSCHE GENESIS

Es ist Hams Schuld, dass


überhaupt erst Knechte aufkamen.
Genesis Vordem waren sie alle
ca.1065 gleich, frei und adelig. 797

Die Juden baten Samuel, ihnen einen König zu geben;


Samuel sagt zu ihnen:

Und sprach: Dies wird die Weise des Königs sein, der über
euch regieren wird: Eure Söhne wird er nehmen und sie
verwenden für seinen Wagen und für seine Reiter, dass sie
vor seinem Wagen herlaufen. Und sich machen Obere über
tausend und Obere über fünfzig, und seinen Pflug zu be-
stellen, und seine Ernte zu ernten und sein Kriegsgerät und
sein Wagengerät zu machen. Und eure Töchter wird er
nehmen zu Salbenmischerinnen, zu Köchinnen und zu
Bäckerinnen. Und eure Felder und eure Weinberge und
eure Ölbäume, die schönsten wird er nehmen und seinen
Dienern geben. Und eure Saaten und Weinberge wird er
zehnten und seinen Verschnittenen und seinen Dienern ge-
ben. Und eure Knechte und eure Mägde und eure Jünglin-
ge, die tüchtigen, und eure Esel wird er nehmen und sie zu
Hebräische Bibel
seinen Geschäften verwenden. Eure Schafe wird er zehn-
Samuel I, 8,11 - 1 7 ten, und ihr werdet seine Sklaven sein. 798

433
Knechtschaft und Gewalttätigkeit

Versklavung Es ist eine unerhörte Sache, so dass man es offen in der


widerspricht Christenheit bekannt machen muss, dass nämlich grosses
dem Unrecht geschieht, wenn einer vor Gott so kühn ist, dass
Christentum er sich vermisst, zu einem Menschen zu sagen: Du bist
mein eigen; den doch Gott teuer erkauft und befreit hat.
Das heisst heidnisch handeln. Gott hat uns befreit von al-
len Fesseln, und keiner soll sich hinfort überheben, Gewalt
auszuüben über einen andern. Das bestätigt Gott selbst:
Seine Jünger waren teils von hohem Geschlecht, teils arme
Leute, und es überhoben sich auch einige in ihrem Herzen.
Das erkannte Christus in ihrem Herzen sehr wohl und
sprach: Wer sich unter euch überhebt, der soll Diener euer
aller sein. Gott will, dass wir gleich seien. Wer getauft ist
und glaubt, der wird behalten; einer hat nicht mehr Frei-
heit im Himmel als der andere. Darum wisse nun jeder-
mann, was von dem zu halten sei, der da zu sprechen wagt:
Du bist mein eigen. Er ist kein Christ. Lässt aber einer dar-
um nicht ab davon und gibt Gott die Ehre, so soll man ihm
als einem Heiden seine Güter abnehmen (oder: ihn für
Reformation
Kaiser Sigismunds einen Heiden ansehen), denn er steht gegen Christus, und
16. Jh. Gottes Gebote sind an ihm verloren. J99

Uber die Indianer: „In vielen Dingen sind sie den Christen
Manoel da Nobrega
Brief aus Bahía überlegen, weil sie sittlicher leben, und weil sie vor den
1549 Naturgesetzen einen grösseren Respekt haben." 800

Indianer und Laut Urteil des höchsten Priesters der Kirche, der die Ange-
Schwarze legenheit untersucht hat, gehören sie (die Indianer) zur
sind Menschen Gattung Mensch, sind also wirklich Menschen wie wir,
S. de Vasconcellos würdig, die heiligen Sakramente der Heiligen Kirche zu er-
Chronik der
Gesellschaft Jesu des halten, von Natur aus frei, frei, zu besitzen und zu han-
Staates Brasilien deln. 801
1663

Wie könnte eine freie und beständige Verfassung in einem


Lande existieren, das von einer Masse von brutalen und
feindlichen Sklaven bewohnt ist?
Wenn die Schwarzen Menschen sind wie wir, und nicht
eine Art grobe Tiere, wenn sie fühlen und denken wie wir,
welch Bild des Schmerzes und des Elendes stellen sie in der
Phantasie irgendeines empfindsamen und christlichen
Menschen dar?
José Bonifazio
de Andrada
Die Verteidiger der Sklaverei erwähnen die Griechen und
Brasilien die Römer, ohne sich bewusst zu sein, dass unter den Grie-
Vortrag über die chen und den Römern die ewigen Grundsätze des natür-
Aufhebung der
Versklavung lichen Rechts weder gut entwickelt noch wirklich einge-
1823 führt waren. 802

434
Die Versklavung ist gegen die menschliche Natur

Grenzen Der Autor begegnet während seiner Reise einem alten


des Rechts Freund und Richter, der ihm die folgende Geschichte er-
zählt:

Der Mensch kommt zur Welt als ein dem andern in allem
Gleicher. Wir haben alle dieselben Glieder, haben alle Ver-
nunft und Willen. Folglich ist der Mensch ausserhalb der
Gesellschaft ein Wesen, das in seinem Handeln von nie-
mand abhängt. Aber er setzt ihm Schranken, er erklärt sich
bereit, nicht in allem bloss seinem Willen zu folgen, er un-
terwirft sich den Befehlen von seinesgleichen, mit einem
Wort, er wird Bürger. Aus welchem Grunde nun bändigt er
seine Triebe? Weshalb setzt er die Gewalt über sich?
Warum zieht er, der in der Erfüllung seines Willens un-
beschränkt ist, selbst die Schranke des Gehorsams? Zu
seinem eigenen Nutzen, sagt der Verstand; zu seinem Nut-
zen, sagt das innere Gefühl; zu seinem Nutzen, sagt die
weise Gesetzgebung. Folglich, wo er keinen Nutzen davon
hat, dass er Bürger ist, da ist er auch nicht Bürger. Folglich
ist, wer ihm den Vorteil seines Bürgertums rauben will,
sein Feind. Gegen seinen Feind sucht er Schutz und Rache
beim Gesetz. Wenn das Gesetz nicht imstande ist, ihn zu
schützen oder es nicht will, oder wenn die Staatsgewalt
ihm keine augenblickliche Hilfe in seiner Not zu bieten
vermag, dann übt der Bürger sein natürliches Recht der
Verteidigung, der Erhaltung, der Wohlfahrt aus. Denn der
Bürger hört, wenn er Bürger wird, nicht auf, ein Mensch zu
sein, dessen erste, aus seiner Beschaffenheit sich von selbst
ergebende Pflicht die eigene Erhaltung, Verteidigung und
Wohlfahrt ist. Der von den Bauern erschlagene Assessor
hatte durch seine viehische Roheit ihr Bürgerrecht ver-
letzt. In dem Augenblick, da er der Gewalttat seiner Söhne
zustimmte, da er zu dem Herzeleid der Gatten noch den
Schimpf fügte, da er zum Strafgericht vorschritt, weil man
seiner höllischen Gewalt Widerstand entgegensetzte, - da
war das Gesetz, das den Bürger schützt, ferne, und seine
Macht war damals nicht zu spüren; da ward das Naturge-
setz lebendig, und die Macht des gekränkten Bürgers, die
das positive Gesetz ihm im Fall der Kränkung nicht neh-
men kann, trat in die Erscheinung; und die Bauern, die den
Unhold erschlagen haben, sind vor dem Gesetz nicht
schuldig. Mein Herz spricht sie frei aus Gründen der Ver-
nunft, und der Tod des Assessors war zwar gewaltsam, aber
gerecht. Möge keiner sich vermessen, politische Vorsicht,
Erhaltung der öffentlichen Ruhe als Gründe für die Bestra-
fung der Mörder des Assessors, der seinen Geist in Wut und
Hass aufgab, geltend zu machen. Der Bürger, in welchem
Stand er nach der Fügung des Himmels auch geboren sein

435
Knechtschaft und Gewalttätigkeit

mag, ist und bleibt allezeit Mensch; solang er aber Mensch


ist, wird das Naturrecht, als reicher Quell des Wohles, nie
in ihm versiegen; und wer es wagt, seinen natürlichen und
unantastbaren Besitz anzugreifen, ist ein Verbrecher.
Wehe ihm, wenn das bürgerliche Gesetz ihn nicht bestraft.
Er wird mit dem Zeichen des Abscheus von seinen Mitbür-
gern gezeichnet sein, und jeder, der Kraft genug besitzt,
räche an ihm die Beleidigung, die er seinem Nächsten an-
getan hat. - Ich verstummte. Der Staathalter sagte kein
Wort zu mir; hin und wieder nur mass er mich mit trüben
Blicken, aus denen die Wut der Machtlosigkeit und boshaf-
te Rachsucht sprachen. Alle schwiegen, in der Erwartung,
dass ich, der ich alle geheiligten Rechte gekränkt, gefan-
gengenommen würde. Ab und zu vernahm man aus dem
Munde der Unterwürfigkeit ein Murren des Unwillens.
Alle wandten ihre Augen von mir ab. Die neben mir stan-
den, schienen von Entsetzen gepackt. Unmerklich entfern-
ten sie sich, wie von einem, der von einer todbringenden
Pest angesteckt ist. Diese Mischung von Hochmut und
niedrigster Kriecherei ward mir bald zuwider, und ich ver-
liess diese Gesellschaft von Heuchlern.
Da ich kein Mittel gefunden hatte, die unschuldigen
Mörder zu retten, die mein Herz freigesprochen hatte,
wollte ich weder Mitschuldiger noch Zeuge ihrer Bestra-
fung sein; ich reichte mein Entlassungsgesuch ein, und
Alexander nun ich's erhalten, fahre ich heim, das traurige Schicksal
Radischtschew des Bauernstandes zu beweinen und im Verkehr mit Freun-
Reise von Petersburg
nach Moskau den Zerstreuung zu suchen. - Nach diesen Worten trenn-
1789-1790 ten wir uns, und ein jeder fuhr seines Weges. £03

Versklavung und Ausbeutung


Herr und Sklave

Denn mir sind die Kinder Jisrael Knechte, meine Knechte


Hebräische Bibel sind sie, die ich sie geführt aus dem Lande Mizrajim. Ich
Leviticus 25, 55 bin der Ewige euer Gott.

und der Talmud kommentiert:


Talmud
Keduchin 22 (...) denn mir sollen die Kinder Jisrael Sklaven sein, nicht
Fol 22b aber Sklaven von Sklaven. 804

Gienzen Wenn sich dir verkauft dein Bruder, der Ibri oder die Ebräe-
der Sklaverei rin, so soll er bei dir sechs Jahre dienen, und im siebenten
Jahre entlasse ihn frei von dir. Und wenn du ihn frei entläs-

436
Versklavung und Ausbeutung; Herr und Sklave

sest von dir, so entlasse ihn nicht leer. Aufladen sollst du


ihm von deinen Schafen und von deiner Tenne und von
deiner Kelter; womit dich gesegnet der Ewige dein Gott,
sollst du ihm geben. Und gedenke, dass du ein Knecht ge-
Hebräische Bibel
Deuteronomium
wesen im Lande Mizrajim, und der Ewige dein Gott hat
15,12-is dich erlöst; darum gebiete ich dir diese Sache heute. £05

Und heiliget das fünfzigste Jahr, dass ihr Freiheit ausrufet


durch das Land all seinen Bewohnern; ein Jobel soll dassel-
Hcbräische Bibel be euch sein, dass ihr zurückkehret jeglicher zu seinem Be-
Leviticus 25,10 sitz und jeglicher zu seinem Geschlechte zurückkehre. 806

Solons Reform betraf den Schuldenerlass und die Befreiung


der Bauern von ihren Gläubigern, von denen sie unter-
drückt wurden. Solon erinnert daran, wenn er schreibt:
Hab' ich, wozu ich einst das Volk zusammenrief,
Nicht alles, wie ich wollte, auch zum Ziel geführt?
Das wird vor dem Gericht der Zeit bezeugen mir
Aufs Beste Mutter Erde, deren Fesseln ich
Gesprengt, so fest man sie auch einst gebunden hielt.
Sie war geknechtet, doch nun ist sie wieder frei!
Und in ihr gottgewolltes Vaterland bracht' ich
Athener oft zurück, die man verkauft zu Recht
Und auch zu Unrecht, und wer damals auf der Flucht
Vor Not und Schulden selbst sein Attisch nicht
Mehr sprechen durfte draussen in dem fremden Land,
Wer in der Heimat unter schnöder Knechtschaft Druck
Stets zittern musste vor der Laune seines Herrn:
Frei sind sie alle! Das tat ich! Denn im Gesetz
Band ich zusammen die Gewalt und auch das Recht
Und kam ans Ziel, das zu erreichen ich versprach.
Und Edlem wie Geringem schrieb ich ein Gesetz,
Das jedermann auf gradem Wege Recht gewährt.
Ein andrer, der statt meiner sich die Zügel griff,
Ein Mann mit bösem Geist, nur auf Gewinn bedacht,
Hätt' nie das Volk beschwichtigt! Wenn auch ich den Plan
Den meine Gegner damals hegten, billigte,
Vielleicht auch den, den deren Feinde sich erdacht,
Wär' diese Stadt von vielen Männern heut' verwaist.
Aristoteles So musste ich nach allen Seiten wehren mich,
384-322 V. Chr.
Die Verfassung Gleichwie ein Wolf sich durchbeisst in der Hunde Schar.
der Athener 807

Sich durch Antara ist ein berühmter vorislamischer Krieger und Dich-
Tapferkeit von ter; man nannte ihn den arabischen Achilles.
der Knecht-
Antara war schon kein Kind mehr, als ihn sein Vater als
schaft erlösen
Sohn anerkannte. Seine Mutter war eine schwarze Sklavin,

437
Knechtschaft und Gewalttätigkeit

Zubaiba genannt. Nun war für die vorislamischen Araber


der von einer Sklavin geborene Sohn auch Sklave. Und An-
tara hatte von der gleichen Mutter geborene Brüder, die
folglich Sklaven waren wie er.
Sein Vater liess ihn erst frei, nachdem er zum Manne
herangewachsen war. Der Anlass dafür war folgender: Eini-
ge der Beduinen überfielen einmal Antaras Stamm, die
Banu Abs, setzten ihnen hart zu und trieben Kamele mit
sich fort. Die Banu Abs jagten ihnen aber hinterher, holten
sie ein und kämpften mit ihnen um die Beute. Auch Antara
war damals dabei, und sein Vater rief ihm zu:
„Greif an, Antara!"
Doch dieser gab zurück:
„Ein Sklave versteht sich nicht aufs Angreifen; nur mel-
ken und das Euter abbinden kann er."
„Greif an und du bist frei!" ermutigte ihn sein Vater aber-
mals. Und Antara stürzte sich in den Kampf mit den Wor-
ten:

Ich, Antara, ein Bastard bin ich bloss,


doch jeder Mann verteidigt seiner Mutter Schoss,
ob schwarz, ob weiss zu sein, ist dieses Schosses Los,
Abu L-Faradsch
io. Jh.
an dessen Lippen wächst der dichten Haare Moos.
Kitäb al-Aghäni
Erzählungen über An diesem Tag hat Antara seine Tapferkeit bewiesen; sein
die vorislamische
Epoche Vater anerkannte ihn als seinen Sohn und er wurde mit
Persien allen Rechten in die Familie aufgenommen. 808

Rückkauf Der Papst setzt sich bei einem Bischof ein für die Befreiung
der Kriegsgefangenen, die von den Lombarden als Sklaven
gehalten wurden:
Gregor
der Grosse Dass man sich um den Rückkauf der Gefangenen küm-
Papst, 6. Jh.
Registrum mern muss, das lehren uns die Verordnungen sowohl des
Epistularum heiligen Kanons wie der weltlichen Gesetze ganz klar. 80p

Der Kalif schreibt dem Gouverneur von Ägypten (f. Jahr-


hundert):
'Omar
Ibn-El-Khattab Wie hast du die Menschen zur Knechtschaft erniedrigen
an ' Amr Ibn Al-'As können, wo ihre Mütter sie als Freie geboren hatten? 810

438
Versklavung und Ausbeutung; Herr und Sklave

AUFHEBUNG DER KNECHTSCHAFT

Der libeigenschaft halb habend unsere Herren das höchst


angesehen, dass wir alle kinder Gottes sind und brüeder-
lich gegen einander leben sollind; darumb ist geratschlaget,
dass wir unsere libeigen(en) lüt sölicher eigentschaft fry
sagend, und der fälen, gelässen und ungnossami, so von lib-
eigenschaft harreichend, erlassen wöllind, in hoffnung,
18. Mai 1525
unsre biderben lüt werdind sölichs gegen Gott und uns in
Zürich trüwen in ander weg ersetzen. 811

Mittelalterliche Freibriefe von Strassburg um 1130


Gemeinden
Strassbuig folgt dem Beispiel anderer Städte, und das
Recht, wonach jeder Mensch, der fremde wie der einheimi-
sche, jederzeit den (Vorteil) des von allen gehaltenen Frie-
dens hier finden kann, macht ihr Ehre. 812
Der Begriff „Frieden" bedeutet hier: die öffentliche Ord-
nung und ihre Gewährleistung durch die Obrigkeit, die Ge-
samtheit der polizeilichen Massnahmen und den Schutz
der Gesetze.
Der „Friede" befreit die Diener nach einem fahr und einem
Tag Aufenthalt, wie es das deutsche Sprichwort sagt:
Stadtluft macht frei nach Jahr und Tag. 813

Gegen Am Anfang hat die Natur die Menschen frei geschaffen.


die Versklavung Erst nachher hat das Gesetz der Völker (jus gentium) einige
Robert Mascale unter ihnen zu Sklaven gemacht, aber es wäre gut und Gott
Bischof von
Hereford gefällig, wenn man sie in ihre alte Freiheit zurückführen
1404 -1416 würde. 814
Grossbritannien

Rede, die dem Führer eines Bauernaufstandes zugeschrie-


ben wird
Sie behandeln ihre Knechte, wie man Tiere behandeln
kann, die man besitzt.
Und was macht es ihnen aus? Sie haben keine anderen Sor-
gen, als ihre Taschen zu füllen!
Die Blumen des Frühlings, das Getreide des Sommers, die
Früchte des Herbstes,
Die Nebel des Winters, der Sand, den der Wind den Felsen
entreisst,
Die Sterne des Himmels, ach! Ihr werdet sie schneller ge-
zählt haben,
Als ich die Sünden nennen könnte, deren sie sich nicht
mehr schämen.

439
Knechtschaft und Gewalttätigkeit

Und während dieser Zeit bleiben wir in den Ketten der


Sklaverei gefesselt
Und sehen keinen andern Ausweg als mit den Zähnen zu
knirschen, zusammen unter dem gleichen Joch.
Aber weil heute das Schicksal unserem Zorn zu Hilfe
kommt
Gegen die Tyrannen, lasst uns gehen! Beeilen wir uns!
Taurinus Lasst uns unsere Fesseln sprengen!
Stauromachia
1519 Freunde, gebt mir die Macht, diesen Kampf zu einem guten
Ungarn Ende zu führen! 815

Von Eroberung sprechen und ein Volk unter das Joch der
Knechtschaft stellen - kein Türke könnte Schlimmeres
aussprechen - und doch bedienen sich die Herren vom Rat
in ihrer Unwissenheit und Verblendung dieser Sprache und
merken nicht, dass diese Wörter keines christlichen Kö-
nigs würdig sind, und schon gar nicht unseres grossen
Königs von Kastilien. Sie sehen auch keinen Unterschied
zwischen den Ungläubigen, den Feinden unseres Glau-
bens, die uns angreifen und sich unsere Gebiete wider-
rechtlich aneignen, und den Indianern, die friedlich in
ihren Ländern lebten, und die weder den Christen noch den
Königen von Kastilien etwas schuldig waren. Diese Aus-
drücke waren beim indianischen Rat lange Zeit üblich, so
Bartolomé de lange nämlich, wie seine Verblendung andauerte, und bis
Las Casas
Historia de las Indias
der Geistliche Bartolome de Las Casas sie nach vielen Jah-
1547 ren auf ihren Irrtum aufmerksam machte. 816

Weil sie von den Spaniern unterdrückt, bestohlen und ge-


tötet wurden, suchten sie sich mit allen Mitteln zu weh-
ren. War das ein so grosses Vergehen, gesteht man doch
selbst einem Raubtier das Recht ein, sein Leben zu vertei-
digen?

Wahrlich, ich sage euch, die Ungläubigen haben das Recht,


in ihrem Königreich und in all ihren Landesteilen die
Staatsgewalt zu besitzen, auch alle Amtsgeschäfte und die
königliche Gerichtsbarkeit. Es ist ihr natürliches Recht,
das sie so gut wie die Christen besitzen, es gibt zwischen
ihnen keinen Unterschied. Tatsache ist, dass doch Ungläu-
bige wie Gläubige unterschiedslos vernünftige Tiere sind,
die selbstverständlich in Gesellschaft leben und Räte, Kö-
nigreiche, Dörfer und Städte haben dürfen, und folglich
auch Statthalter und Könige, und dass sie sie bestimmen
und wählen dürfen, das ist doch ein natürliches Gesetz und
ein natürliches Recht!

440
Versklavung und Ausbeutung; Herr und Sklave

Die Verteilung des Landes und der Besitze, die die Spanier
den Indianern aufdrängten, (...) gelten bei all diesen sanf-
ten, bescheidenen, friedliebenden Völkern immer noch,
die unfähig sind, jemandem etwas zuleide zu tun, bei die-
sen freien Bürgern, Menschen, die von grossen und zahlrei-
chen Königreichen abstammen, die zum Regieren und Ver-
walten ihre eigenen Könige und Herren hatten. Diese
Fremden haben sie in ihre Gewalt genommen, was blutige,
ungerechte und ungesetzliche Kriege kostete, ja, diese
Fremden, die besser gerüstet waren als sie, denen es an
Pferden, blanken Waffen, Geschützen und anderem mehr
fehlte. Sie haben sie ohne Rücksicht auf ihre soziale Stel-
lung verteilt und versprengt, Könige, Untertanen, Vasal-
len. Sie haben sie Tag und Nacht in der härtesten und er-
niedrigendsten Knechtschaft gehalten und bis zu ihrem
Tod arbeiten lassen. Dabei können sie unmöglich ihren
Bartolomé de Geist beschäftigen, geschweige denn den christlichen
Las Casas
1474-1566 Glauben ausüben. 81/

Die Dominikaner-Brüder und ihr Vikar, der Bruder Pedro


de Cördoba, haben ihren besten Prediger, Montesinos, auf
die Insel Hispaniola geschickt, um das Verhalten der Er-
oberer gegenüber den Indianern zu rügen. Der Bruder Bar-
tolome de Las Casas, der gegenwärtig war, gibt seine Worte
folgendermassen wieder:

Ich bin hierhergekommen, ich, der ich die Stimme Christi


bin in der Wüste dieser Insel, und aus diesem Grunde ge-
hört es sich, dass ihr auf diese Stimme hört, nicht unauf-
merksam, sondern mit ganzem Herzen und ganzer Seele.
Diese Stimme wird so neu sein, wie ihr noch keine je ge-
hört habt, und es ist die strengste und härteste, die ihr je zu
vernehmen dachtet. (...) Diese Stimme sagt euch, dass ihr
alle im Zustand der Todsünde lebt, und in diesem Zustand
lebt und sterbt ihr wegen der Grausamkeit und der Tyran-
nei, mit der ihr dieses unschuldige Volk behandelt. Sagt,
mit welchem Recht und nach welchem Gesetz haltet ihr
diese Indianer in einer derart grausamen und schrecklichen
Herrschaft? Wer hat euch befohlen, diesen Leuten, die
ruhig und friedlich in ihren Häusern auf ihren Gebieten
lebten, derart abscheuliche Kriege zu liefern? (...) Wie
könnt ihr sie weiterhin so unterdrücken und ausnützen,
ohne ihnen zu essen zu geben, ohne ihre Krankheiten zu
pflegen, die die Folge der übermässigen Arbeit sind, die ihr
ihnen auferlegt habt, und an denen sie unter euren Händen
sterben. Oder es ist vielmehr so, dass ihr es seid, die sie
töten, um sie auszuplündern, um jeden Tag das Gold, das

441
Knechtschaft und Gewalttätigkeit

sie besitzen, an euch zu reissen. Wie kümmert ihr euch um


ihre Ausbildung? (...) Sind diese Leute nicht auch Men-
schen? Haben sie nicht mit Vernunft begabte Seelen? Seid
ihr nicht gehalten, sie zu lieben wie euch selber? (...)
Anton de Glaubt mir, im Zustand, in dem ihr seid, gibt es für euch so
Montesinos wenig Rettung wie für Mauren oder Türken, die den Glau-
Predigt
1510 oder ben an Jesus Christus nicht haben und nicht haben wollen.
1511 818

Das Recht Unser Wille ist es, dass die Indianer und die Indianerinnen,
frei zu heiraten wie es sich gehört, vollständig frei seien, sich zu verheira-
ten, mit wem sie es wünschen, sei es mit Indianern oder
mit Einheimischen der Königreiche, die uns gehören, oder
Von Ferdinand V. mit dort geborenen Spaniern, und dass man sie nicht daran
und der
Königin Johanna
hindere. Und wir verbieten, dass eine unserer erlassenen
1514 Verordnungen, die noch in unserem Namen gegeben wer-
sowie von Philipp II. den, Heiraten zwischen Indianerinnen oder Indianern und
1556
promulgiertes
Spaniern oder Spanierinnen verhindern könne oder verhin-
Dekret dere. 819

BULLE VON PAPST PAUL III., 1537

Allen getreuen Christen, welche die vorliegenden Zeilen


lesen, entbieten wir unser Heil und unsern apostolischen
Segen.
Es ist bekannt, dass die Wahrheit selbst, die sich nicht ir-
ren und andere nicht täuschen kann, als sie den Predigern
den Auftrag gab, den Glauben zu predigen, gesagt hat: Geht
und lehrt alle Nationen. Sie hat gesagt alle ohne jeglichen
Unterschied, denn alle sind fähig die Lehre des Glaubens
zu empfangen. Indem er das sah, hat der neidische Feind
des menschlichen Geschlechts, der sich stets den Hand-
lungen der Menschen widersetzt um sie scheitern zu las-
sen, ein bisher unbekanntes Mittel erfunden, um zu
verhindern, dass Gottes Wort den Nationen für ihr Heil
gepredigt werde: Er hat einige seiner Handlanger, die vom
Bedürfnis geleitet waren, ihre Habgier zu stillen, dazu
angehalten, die Indianer des Westens und des Südens, die
ihrer Macht unterstanden, wie ungebildete Tiere zu unter-
drücken. Das trifft auch für andere Völker zu, deren Exi-
stenz uns in jüngster Zeit bekannt wurde, unter dem Vor-
wand, dass sie den katholischen Glauben nicht kannten.
Demzufolge wir, die wir auf der Erde, obwohl wir dessen
nicht würdig sind, die Funktionen des Vikars Unseres
Herrn ausüben, und die wir auf keine Anstrengung verzich-
ten, um diejenigen Schafe seiner Herde, die ausserhalb des

442
Versklavung und Ausbeutung; Herr und Sklave

Schafstalls unserer Hut unterstellt sind, zu seinem Schaf-


stall zu bringen. Wir stellen fest, dass diese gleichen India-
ner, in ihrer Beschaffenheit als wirkliche Menschen, nicht
nur fähig sind zum christlichen Glauben zu gelangen, son-
dern, wie wir erfahren haben, sich auf diesen Glauben stür-
zen. Wir wollen ihnen die passenden Mittel bringen. Kraft
unserer apostolischen Autorität, ungeachtet unserer vor-
hergehenden Briefe und allen gegenteiligen Anweisungen,
beschliessen und verkünden wir folgendes:
Die besagten Indianer und alle anderen Völker, deren
Existenz später den Christen bekannt werden wird, sogar
wenn sie ausserhalb des Glaubens stehen, dürfen und sol-
len ihrer Freiheit und ihres Besitzes nicht beraubt werden;
im Gegenteil können sie frei und statthaft Freiheit und Be-
sitz geniessen und sollen nicht zur Knechtschaft gezwun-
gen sein. Alles, was von diesem Prinzip abweichen könnte,
wird als null und nichtig betrachtet, und es geziemt sich,
diese Indianer sowie die andern Völker anzuregen, den be-
sagten christlichen Glauben anzunehmen, indem man ih-
nen Gottes Wort verkündigt und ihnen das Beispiel eines
tugendhaften Lebens gibt.
In Rom gemacht, im Jahr MDXXXVII, am 4. Tag vor den
Nonen des Juni, im 3. Jahr unseres Pontifikats. 820

BESCHLÜSSE DES KAISERS KARL V.

Was die Anordnungen anbelangt, die die Freiheit der India-


ner betreffen, geben wir folgenden Befehl: Kein „Adelan-
tado", Gouverneur, Hauptmann, Alcalde noch irgendwel-
che andere Person, wie immer ihre Stellung, ihr Rang, ihr
Dienstverhältnis oder ihre Eigenschaft in Friedens- wie in
Kriegszeiten sein mag - auch wenn es sich um einen ge-
rechtfertigten und von uns selber oder von Bevollmächtig-
ten geführten Krieg handelt - darf eingeborene Indianer
gefangennehmen, weder in unseren Kolonien, auf dem
Festland oder auf Inseln des Ozeans, die wir entdeckt ha-
ben oder noch entdecken könnten. Man darf sie auch nicht
zu Sklaven machen, wenn es sich um Eingeborene von In-
seln oder Gebieten handelt, denen wir oder von uns Bevoll-
mächtigte die Erlaubnis dazu gaben oder geben, einen ge-
rechten Krieg zu führen. Man darf sie weder töten noch in
Gefangenschaft oder Kriegsgefangenschaft nehmen. Aus-
nahmen sind auch die Fälle und Länder nicht, wo dies
durch die vorliegende Urkunde erlaubt und vorgesehen ist,
denn wir widerrufen alle Ermächtigungen und Regierungs-
erklärungen, die nicht im vorliegenden Gesetz aufgeführt
sind, und setzen sie ausser Kraft, auch die, die andere als

443
Knechtschaft und Gewalttätigkeit

wir gemacht oder gegeben haben könnten, ohne sich auf


vorliegendes Gesetz zu stützen, und ohne dieses Gesetz
ausdrücklich zu erwähnen, d.h. schlicht, alles, was die Ge-
fangennahme und Versklavung der Indianer in einem auch
gerechtfertigten und von ihnen selber angestifteten Krieg
betrifft. Verboten ist auch der Kauf von Eingeborenen, die
durch andere Indianer während Bürgerkriegen gefangenge-
nommen wurden. Wir verfügen ebenfalls, dass sowohl in
Kriegs- wie in Friedenszeiten niemand einen Indianer als
Sklaven gefangennehmen, arbeiten lassen, verkaufen oder
tauschen darf. Es darf ihn auch niemand als Sklaven be-
trachten unter dem Vorwand, er habe ihn in einem gerecht-
fertigten Krieg gefangengenommen, oder weil er ihn ge-
kauft, gehandelt oder getauscht habe, oder unter was für
Vorwänden immer. Das gilt auch für den Fall, wo ein India-
ner von den Eingeborenen selber als Sklave betrachtet
wird. Sollte man feststellen, dass jemand einen Indianer
gefangengenommen oder zum Sklaven gemacht hat, so sol-
len zur Strafe alle Güter dieser Person beschlagnahmt und
unserer Schatzkammer zugeführt werden. Der Indianer sel-
ber muss in der Folge in seine Heimat und auf sein Land
zurückgeführt werden, selbstverständlich in völliger Frei-
heit. Die Kosten dafür werden der Person Überbunden, die
ihn gefangengenommen oder zum Sklaven gemacht hat.
Wir befehlen unsern Richtern, bei den Untersuchungen
ganz besonderen Eifer zu zeigen, und die Schuldigen ge-
mäss vorliegendem Gesetz mit aller Härte zu strafen. Falls
sie dieses Gesetz vernachlässigen oder dagegen Verstössen,
laufen sie Gefahr, all ihrer Ämter enthoben zu werden, und
Zwischen 1526 und
1548 verkündete
eine Busse von tausend Maravedis in die Schatzkammer
Dekrete zahlen zu müssen. 821

Freie Menschen Alle diese Indianer, die in den sogenannten „Repartimien-


tos" leben, sind freie Menschen und sui juris, vermöge
sowohl des natürlichen Rechts, quo omnes homines facit
liheros, als auch der 1537 durch Paul III. gemachten aposto-
lischen Erklärungen, und durch andere päpstliche Herr-
scher, die bestätigt haben, dass alle Indianer freie Personen
seien, bevor sie die Taufe erhielten und noch viel mehr,
nachdem sie sie erhalten haben, dass sie nicht ihrer Freiheit
beraubt werden können, und dass sie im Gegenteil sie ge-
messen sollen, gleichwie die Spanier und alle freien Men-
schen in allen christlichen Nationen. Und das Gleiche gilt
für die Dekrete der katholischen Könige, seit dem König Fer-
JuanRamirez
Über den dinand und der Königin Isabella, mit rühmlichem Anden-
persönlichen Dienst ken, bis zum König Philipp unserem heutigen Herrscher.
und die Verteilung Alle wollten und wollen sie, dass die Indianer behandelt und
der Indianer
16. Jh. regiert werden, wie freie Vasallen und nicht wie Sklaven. 822

444
Versklavung und Ausbeutung; Herr und Sklave

Verbot, den DEKRET VON PHILIPP II.


Einheimischen
grausame, Wir befehlen, dass die Spanier, welche die Indianer beleidi-
unmen schlich e gen, kränken oder misshandeln, mit mehr Strenge bestraft
oder werden, als wenn sie sich in gleicher Weise an Spaniern
demütigende vergehen, und wir erklären, dass es sich hier um öffent-
Misshandlungen liche Vergehen handelt. 823
ertragen
zu lassen
19. Dezember 1593

Die immerwährende Dienstbarkeit, die in Ungarn im 15.


Jahrhundert aufgehoben wurde, wurde 1514 nach dem
Bauernkrieg wieder eingeführt.

Die Bauern, die irgendwo in diesem Land wohnen (...),


verlieren ihre Niederlassungsfreiheit als Strafe für ihre
Untreue. Sie werden auf Lebzeiten als Bauern-Knechte von
ihren Herren abhängig sein, dies um den zukünftigen
Generationen die Grösse des begangenen Verbrechens vor
Ungarische Gesetze
Augen zu führen, wenn sich einer gegen seinen Herrn auf-
1514 lehnt. 824

Gegen die Es steht geschrieben in den Episteln: Das ganze Gesetz ist
Lei beigen seh aft in diesem Wort enthalten: Du wirst deinen Nächsten lie-
ben, wie dich selbst. (...) Nun halten wir bei uns Diener
Christi. Christus nennt alle Menschen Brüder; bei uns gibt
es aber Diener: die einen zurückerstattete Flüchtlinge, die
Mathieu Baskin andern durch Zuteilung und wieder andere durch eine ab-
als Ketzer
verurteilter Junker
solute Unterjochungsurkünde. Für mich, ich danke mei-
und 1554 lebens- nem Gott: alles was ich an Unterj ochungsur künden hatte,
länglich in habe ich zerrissen, und die Menschen, die ich behalte, be-
Volokolansk
eingesperrt halte ich nach ihrem eigenen Willen: wer sich wohl fühlt,
Russland bleibt, die andern gehen weg, wohin sie wollen. 825

Ein russischer Publizist des 16. Jahrhunderts schreibt Sul-


tan Mahomet II, Besieger Konstantinopels, seine eigenen
politischen Ideen zu, damit Iwan der Schreckliche sie zu
hören bekommt:

So sprach der Sultan Mohammed: „In einem Königreich,


wo die Menschen unterjocht sind, da sind sie nicht tapfer,
und es fehlt ihnen der Eifer, um den Feind zu bekämpfen.
Denn der unterjochte Mensch fürchtet keine Schande und
Iwan Pereswetow sucht keinen Ruhm. Ob er stark ist oder nicht, er sagt sich:
Geschichtc des
Sultans Mohammed „Ich bin so oder so Sklave, und ich werde nie etwas anderes
ca. 1547 sein." 826

445
Knechtschaft und Gewalttätigkeit

Goldrausch Sie boten den Spaniern Oriflammen (Wimpel) aus Gold,


Oriflammen aus Quetzalfedern und Halsketten aus Gold
an. Vor diesen Geschenken erhellen sich ihre Gesichter,
ihre Freude ist riesengross, die Spanier im siebten Himmel.
Wie Affen nehmen sie Hände voll von Gold, und die Freude
wirft sie um. Ein neues Blut pulsiert in ihren Adern und
entflammt ihr Herz.
Sie leiden wohl unter einem unstillbaren Durst. Diese
Gier schwillt ihre Brust und der Hunger verzehrt sie. Wie
ausgehungerte Schweine sind sie gierig auf dieses Gold.
Und sie packen gierig nach diesen Oriflammen, schwen-
ken sie nach rechts und nach links, prüfen die eine Seite
und dann die andere. Sie führen sich auf wie Barbaren.
Sahagün
16. Jh. Alles, was aus ihrem Mund herauskommt, ist barbarisch.
Mexiko 827

Eindringlinge Nur wegen der Verrücktheit der Zeiten, nur wegen der Ver-
bringen rücktheit der Priester hat uns diese Traurigkeit befallen,
Unglück hat uns das „Christentum" befallen. Ja, die „Sehr-Christ-
lichen" sind mit dem wahren Gott gekommen. Da begann
für uns die Zeit des Elends, die Zeit der „Almosen", denen
unser Hass entspringt, die Zeit der Kämpfe mit Feuerwaf-
fen, die Zeit der Schlägereien, die Zeit der Beraubungen,
die Zeit der Versklavung wegen Schulden, die Zeit des To-
des wegen Schulden, die Zeit des ständigen Ringens, die
Zeit der Qual.

Vor dei Ankunft Die Zeit, wo sie das Gitter der Sterne betrachten konnten,
der Weissen war ihnen bemessen. Da wachten über ihnen die Götter,
die aus ihrem Sternenkerker auf sie hinabschauten. Da-
mals war alles gut, und dann wurden sie niedergeschlagen.
In ihnen wohnte die Weisheit. Sie kannten die Sünde
nicht. Sie mussten keinen religiösen Pflichten nachkom-
men. Sie lebten in guter Gesundheit. Sie kannten die
Krankheit nicht. Sie litten nicht an den Gliedmassen, sie
kannten Fieber nicht, sie kannten die Pocken nicht, sie
kannten keine Schwellungen, keine Leibschmerzen, keine
Schwindsucht. Damals ging es ihnen gut.

Als die Weissen Anders ward es, als die Weissen kamen. Sie lehrten sie die
kamen Angst kennen und kamen, um ihre Blumen welken zu las-
sen. Damit ihre Blume lebe, verwüsteten und zertraten sie
die Blumen der andern.
Sie besassen keine grossen Kenntnisse, keine heilige
Sprache, kein göttliches Wissen, diese Vertreter der Göt-

446
Versklavung und Ausbeutung; Herr und Sklave

ter, die hier ankamen. Die Sonne kastrieren, das ist es, was
diese Fremden taten! Und, verloren in diesem Volk, sind
die Söhne ihrer Söhne geblieben, die die bitteren Folgen er-
fahren mussten. Als sie kamen, wurden Worte zu Sklaven,
Bäume zu Sklaven, Steine zu Sklaven, Menschen zu Skla-
ven! 828

Ich möchte, dass die Indianer ihre Dörfer selber regieren,


um ihre Interessen zu wahren, wie wir unsere wahren. Sie
werden erfahren, was Glück ist, wenn sie Verantwortung
übernehmen. So werden sie sich aus dem elenden Zustand
befreien, in den sie Ungnade gestürzt hat. Wir müssen uns
José Artigas daran erinnern, dass sie grundsätzliche Rechte haben, und
Uruguay dass es für uns beschämend und entwürdigend ist, sie aus-
Erklärung vom
3. Mai
zugrenzen, nur weil sie Indianer sind. Sie haben bis jetzt
1815 in Argentinien sehr gelitten unter dieser Ausgrenzung. 829

Die Sklaverei ist die Verneinung jeden Gesetzes. Das Ge-


setz, das sie kodifizieren würde, wäre ein Frevel. Auf wel-
ches Recht kann man sich berufen, um sie beizubehalten?
Betrachtet dieses Verbrechen unter allen seinen Formen!
Ich denke nicht, dass es einen einzigen Bolivianer gibt, der
genug verdorben wäre, um zu verlangen, dass dieser grösste
Angriff auf die Würde des Menschen legitimiert würde. Ein
Mensch, Besitzer eines Menschen! Ein Mensch, Gegen-
Simon Bolívar stand! Ein Bild Gottes unter das Joch gespannt wie ein
Rede
in Bolivien Tier! Dass man uns sage, wo die Besitzdokumente dieser
1826 Usurpatoren des Menschen sind? 830

Ausbeutung Durch seine unzähligen Übertreibungen hat uns diese ver-


fluchte Teilung voller Unzulänglichkeiten in eine höchst
traurige Lage gebracht. Es bleibt uns nichts anderes übrig
als zu sterben. Da die Waren von Kastilien und seines Bo-
dens in unserer Gegend zu fehlen begannen und nicht mehr
genügend Gewinne brachten, hat seine Majestät hier am
Anfang den Gouverneuren ein Lager dieser Artikel zuge-
standen. Diese Artikel trugen in jeder Stadt den Namen
Tarif. Davon profitierten die Eingeborenen, die sie gerne
kauften, weil die nötigen Artikel besser gefertigt waren
und zum auf dem Platz üblichen Preis verkauft wurden. Da
es Unterschiede gab, vereinheitlichte man die Preise, da-
mit verhindert wurde, auf den königlichen Alkalabas zu
betrügen. Es gab bis jetzt keine Preiserhöhung, deshalb be-
kommen wir diese Produkte zu einem sehr billigen Preis.
Wenn die Gegenstände von Kastilien schubweise kom-

447
Knechtschaft und Gewalttätigkeit

men, lassen sie sich für den am meisten gebrauchten Ge-


genstand, der zwei oder drei Pesos wert ist, gezwungener-
massen zehn oder zwölf bezahlen. (...) Uns, die wir einen
gewissen sozialen Rang haben, verramschen sie die ver-
schiedensten Reichtümer, Samt, Seidenstrümpfe, Spitzen,
Gürtelschnallen, Tücher von Rouen eher als von Olonnes
oder von Cambrai, wie wenn wir Indianer, diese spani-
schen Moden annehmen würden. Und zudem zu überrisse-
nen Preisen, die das übersteigen, was wir bezahlen können.
José Gabriel Wenn sie uns die Zeit und die Möglichkeit gelassen hätten,
Tupak Amaru die Verteilung vorzunehmen, wäre diese Last erträglich ge-
Inkaháuptling eincr
peruanischen
wesen, denn nach der Verteilung nahmen sie in ihre Dien-
Revolte ste uns, unsere Frauen, unsere Söhne und unsere Herden,
Bricf a n d e n und nahmen uns die Freiheit zu handeln weg. Aber durch
„Visitador general"
Areche dieses Vorgehen zwangen sie uns, unsere Häuser, Fami-
1781 lien, Frauen und Kinder zu verlassen. 831

Rechtfertigung Aber dieses Recht (auf Besitz) ist bei ihnen weniger ent-
der Ausnützung wickelt als in den andern Ländern; es ist deshalb nicht
notwendig, um ihnen dieses wegzunehmen, ebenso
Domingo Muriel
spanischer Jesuit
schwerwiegende Gründe zu finden, wie wenn man es an-
Professor dern Völkern wegnehmen wollte; tatsächlich schätzen sie
an der Universität ihr Leben und ihre Freiheit, wie übrigens das Leben und die
von Cördoba
dcl Tucumän Freiheit der andern, als eine Sache von wenig Bedeutung
Argentinien, 1791 ein. 832

EINE BEGEGNUNG IN SURINAM

Vor der Stadt sahen sie einen Neger am Boden liegen; er


hatte nur noch die eine Hälfte seines Kleides, nämlich eine
halbe Badehose aus blauer Leinwand an,- dazu fehlte ihm
das linke Bein und die rechte Hand. „Grosser Gott", sagte
Candidus auf holländisch zu ihm, „was ist mit dir, du
armer Kerl, was tust du hier in diesem Zustand?" - „Ich
warte da auf meinen Herrn, den grossen Kaufherrn Vander-
dendur", antwortete der Neger. „Hat dich der so fürchter-
lich zugerichtet?" - „Mein guter Herr, das ist hier Brauch
so. Zweimal im Jahr gibt man uns eine Badehose als einzi-
ge Bekleidung. Arbeiten wir in der Zuckermühle und
kommt uns ein Finger zwischen die Mahlsteine, haut man
uns die Hand ab; wollen wir entfliehn, haut man uns ein
Bein ab. Mir musste beides begegnen. Nur so kommt ihr zu
eurem Zucker in Europa. Als mich meine Mutter an der
Goldküste um zehn patagonische Taler verkaufte, sagte
sie: ,Segne unsere Fetische, liebes Kind, und bleibe ihnen
treu, so werden sie dir Glück bringen. Es ist eine Ehre für

448
Knechtschaft und Gewalttätigkeit

dich, dass du den weissen Herren dienen darfst; dadurch


machst du Vater und Mutter glücklich.' Ob ich ihr Glück
gemacht, weiss ich nicht; sicher haben sie meins nicht ge-
macht. Hunde, Affen und Papageien sind tausendmal we-
niger unglücklich als wir. Die holländischen Fetische, die
mich bekehrt haben, sagen uns jeden Sonntag, wir seien
alle Kinder Adams, die Schwarzen und die Weissen. Von
Genealogie verstehe ich nichts. Sagen aber diese Prädikan-
ten die Wahrheit, so wären wir alle blutsverwandt und Vet-
tern. Man muss zugeben, es kann einer seine Verwandten
nicht niederträchtiger behandeln." - „O Pangloss, Pang-
loss", rief Candidus, „von dieser Scheusslichkeit hast du
nichts geahnt. Nun ist's genug, ich will von deinem Opti-
mismus nichts mehr wissen." - „Was ist Optimismus?"
fragte Cacambo. „Das ist der Wahnwitz, alles für gut zu er-
klären, wenn alles schlecht ist."
Voltaire
Candide Die Augen flössen ihm über, als er den Neger ansah, und
1759 so hielten sie ihren Einzug in Surinam. 833

Über die Natürlich ist immer der Sklave schuld.


Sklavenhaltung
Ein Sklave, der Schaffleisch isst, weint.

Wenn sich ein Sklave gut benimmt, bekommt er den Preis


zurück, der für ihn bezahlt worden war.

Die Weisheit des Sklaven ist im Kopf seines Herrn.

Wenn sich ein Sklave schlecht benimmt, ist sein Herr


schuld.

Akan-Sprichwörter Ein Sklave ist wie Mehl: Ein bisschen Flüssigkeit, und er
Ghana geht auf. 834

Yombo-Sprichwort Töte ihn, es ist ein Wilder [oder andeiswo: ein Sklave), er
Kongo hat gar keine Verwandtschaft. 83s

Es ist nicht nur Polen, das das Unrecht begeht. Moskau,


Böhmen, verschiedene französische und spanische Provin-
zen unterjochen das Volk immer noch mit der gleichen Ge-
walt. Die französischen Inseln, die englischen und hollän-
dischen Kolonien behandeln die Neger noch grausamer,
jene unglücklichen Bürger zweier Kontinente, deren von
Tränen begossene Produkte den vornehmen Europäern Ge-
nuss und Komfort bringen. Aber darf die Vergewaltigung

450
Versklavung und Ausbeutung; Herr und Sklave

des natürlichen Rechtes durch die Ungerechtigkeit der an-


dern und durch alte Vorurteile gerechtfertigt werden? Kann
man Gewissensbisse beruhigen, wenn die menschliche Na-
tur eine derart offensichtliche Ungerechtigkeit erleidet?
(...) Oh, Philosophen! Ihr, die ihr den Fanatismus in die
Enge treibt, die ihr die vielen durch eine falsche und vor-
übergehende Schwärmerei bewirkten Grausamkeiten geis-
selt! Warum widersetzt ihr euch nicht der legalen Sklaverei
der Menschen, die euresgleichen sind. Warum erhebt ihr
euch nicht gegen diese grosse Ungerechtigkeit, die der
Mensch mit Hilfe des Gesetzes über einen andern Men-
schen verhängt? (...) Ob ein weisser oder ein schwarzer
Sklave durch ein ungerechtes Gesetz unterdrückt oder in
Ketten weinend, er ist ein Mensch und unterscheidet sich
in nichts von uns selber. Sei es in Europa oder auf einem
andern Kontinent, er ist Bürger der Erde und darf jederzeit
an irgendwen diese Worte von Terenz richten: Homo sum,
humani nihil a me alienum puto. Oh du, der du mich ver-
sklaven willst! Schau mich an, schau dich selbst an, schau,
ob die Natur mich von dir verschieden wollte? Homo sum.
Oh du, der du die Freiheit verteidigst, vergleiche meine Ge-
fühle mit den deinen, nimm Mass an dir selber, und erwek-
Hugo Kollataj
ke die Scham in der Tiefe deines Herzens, denn du möch-
Das politische test mich zum Sklaven haben, du, auf dieser Erde lebend,
Gesetz der unter dieser Regierung, du, der du nicht aufhörst, dir deine
polnischen Nation
1790
Freiheit zu sichern! 836

Der Es ist lange her, seit wir das Zeitalter der Sklavenhaltung
Sklavenhandel verlassen haben. Wir haben fast vergessen, dass wir einst
Barbaren waren. Wir sind jetzt in einer Lage, die einen of-
fensichtlichen Kontrast aufweist mit allen Merkmalen,
mit denen ein Römer uns hätte charakterisieren können
und mit denen wir heute Afrika charakterisieren. Offen ge-
sagt, fehlt etwas, um den Kontrast zu vervollständigen und
um uns reinzuwaschen vom Vorwurf, dass wir wie Barba-
ren handeln. Denn wir fahren fort, zu unserer Zeit, einen
barbarischen Sklavenhandel zu betreiben, trotz aller unse-
rer grossen und indiskutablen Ansprüche auf die Zivilisa-
tion.
(...) Wir leben unter einem politischen Regime, das wir
dank unserer glücklichen Erfahrung als das beste und das
weiseste, das je geschaffen wurde, ansehen; ein Regime,
das in der ganzen Welt zum Gegenstand der Bewunderung
geworden ist. Wir hätten für immer all diese Wohltaten
entbehren müssen, wenn in den Grundsätzen, bei denen
einige nicht zögerten sie im Fall von Afrika als anwendbar
zu erklären, nur ein Korn von Wahrheit bestanden hätte.

4SI
Knechtschaft und Gewalttätigkeit

Wenn diese Prinzipien wahr gewesen wären, hätten wir


selber bis zum heutigen Tag in diesem elenden Zustand
von Unwissenheit, von Gemeinheit und von Verkommen-
heit schmachten müssen, in den unsere Vorfahren versun-
ken waren, wie es die Geschichte zeigt. Wenn andere Na-
tionen diese Prinzipien in ihrem Betragen uns gegenüber
angewandt hätten, wenn andere Nationen für Grossbritan-
nien diejenigen Schlussfolgerungen gezogen hätten, wel-
che einige Senatoren dieser Insel selbst jetzt für Afrika an-
wenden, hätten Jahrhunderte vergehen können, ohne dass
es uns möglich gewesen wäre, aus dem Zustand der Barba-
rei aufzusteigen. Wir, die wir die Wohltaten der britanni-
schen Zivilisation, der britannischen Gesetze und der bri-
tannischen Freiheit geniessen, könnten, zu dieser Stunde,
was die Moral, das Wissen oder das Raffinement anbetrifft,
kaum den rohen Bewohner der Küste von Guinea überle-
gen sein.
(...) Ich bin sicher, dass wir diesen Handel nicht mehr
weiterführen, der allen Fortschritt in diesem weiten Erdteil
zunichte macht, und dass wir nicht meinen, seinen Be-
wohnern eine zu grosse Gunst zu erteilen, wenn wir ihnen
die Würde, Mensch zu sein, zurückerstatten. Ich bin
sicher, dass wir uns als nicht zu grosszügig betrachten,
wenn wir den Sklavenhandel abschaffen, wir geben diesen
Regionen die gleiche Chance, zur Zivilisation zu gelangen,
William Pitt
wie andern Teilen der Welt, und dass wir jetzt Afrika die
Grossbritannien Gelegenheit, die Hoffnung und die Aussicht anbieten wer-
Rede, gehalten den, die Wohltaten zu geniessen, die wir selbst, dank einer
vor dem
Unterhaus günstigen Befreiung durch die göttliche Vorsehung, das
am 2. April 1792 Glück hatten, viel früher zu erfahren. 83/

TESTAMENT, 5. M A I 1798

Der Unterzeichnete Thaddeus Kosciuszko, der Amerika


nächstens verlassen wird, beschliesst und erklärt folgendes
(ausser er würde testamentarisch anders über seine in
Amerika befindlichen Güter verfügen): Ich ermächtige
meinen Freund Thomas Jefferson, mein ganzes Vermögen
dazu zu benutzen, Neger aufzukaufen, ob aus seinem Be-
sitz oder aus dem anderer Leute, steht ihm frei, und sie in
meinem Namen freizulassen. Er soll sie einen Beruf erler-
nen oder ihnen sonst eine Ausbildung zuteil werden lassen.
Im Hinblick auf ihre neuen Lebensbedingungen soll ihnen
auch eine sittliche Bildung zuteil werden, die ihnen erlau-
ben soll, gute Familienväter und -mütter, gute Gatten und
Gattinnen zu werden. Ferner sollen sie durch eine staats-
bürgerliche Bildung lernen, wie sie ihre Rechte, das Land

452
Versklavung und Ausbeutung; Herr und Sklave

und die Staatsordnung verteidigen können. Man soll sie


alles lehren, was aus ihnen glückliche und nützliche Men-
T. Kosciuszko
schen machen kann. Ich beauftrage besagten Thomas Jef-
Polen ferson, diese Anordnungen auszuführen. 838

Antrag des Abtes und Doktors José Simeon Cañas y Villa-


costa bei der gesetzgebenden Versammlung der vereinigten
Provinzen Mittelamerikas, 1823 eingereicht, um die Auf-
hebung der Sklavenhaltung zu verlangen:

Ich habe mich hierher geschleppt, und wenn ich am Ster-


ben wäre, ja, selbst im Todeskampf würde ich einen Vor-
schlag machen für das Wohl der verlassenen Menschen. Ich
setze mich voll ein, wie man das von einem Abgeordneten
erwartet, wenn es um Angelegenheiten seiner Heimat
geht, und verlange in erster Linie und ab heutigem Sit-
zungstag, dass wir unsere Brüder, die Sklaven, zu freien
Brüdern erklären, ohne Rücksicht auf Besitzansprüche, die
ihre Herren, welche sie gekauft haben, geltend machen
können. Voraussetzung ist, dass sofort über einen Fonds
zur Entschädigung der Besitzer beraten wird.
Das verlangt die Gerechtigkeit von uns. Es gibt ein Ge-
setz, das ich als selbstverständlich betrachte, weil es sehr
gerecht ist, und dieses verlangt, dass dem das zurückerstat-
tet wird, was ihm weggenommen worden war. Da es kein
Gut gibt, das dem der Freiheit zu vergleichen ist, und
nichts, das einem mehr gehört als das, finde ich, dass es
nichts als recht ist, wenn unsere Brüder in den vollen Ge-
nuss eben dieses Gutes kommen. Jedermann weiss ja, dass
ihnen das Geschenk der Freiheit auf brutale Art wegge-
nommen worden ist, und dass sie unter der Knechtschaft
stöhnen. Sie sehnen sich danach, dass ein Wohltäter Hals-
eisen und Ketten ihrer Versklavung aufbricht. Für diese
weise Versammlung gäbe es nichts Ruhmreicheres, für un-
sere Nation nichts Angenehmeres, für unsere Brüder
nichts Besseres als die Erklärung ihrer Freiheit. Diese
Sache ist so klar und so richtig, dass sie ohne Diskussion
und mit Beifall angenommen werden müsste. Das Volk hat
sich als Ganzes frei erklärt. Die Menschen, aus dem es be-
steht, müssen es auch sein. Diese Verordnung soll die Erin-
nerung daran, wie gerecht diese Versammlung war, in den
Herzen dieser Unglücklichen für immer wachhalten, und
sie werden ihre Befreier von Generation zu Generation lob-
preisen. Ich will noch weiter gehen. Damit niemand den-
ke, ich wolle die Besitzer benachteiligen, und trotzdem ich
arm und zerlumpt bin, weil mir die Staatskasse weder mei-
ne Renten noch ein Gehalt bezahlt, trete ich freudig all das

453
Knechtschaft und Gewalttätigkeit

ab, was mir die Zentralkasse aus diesem oder jenem Grund
schuldet, und ich will damit diesen Fonds, von dem ich ge-
sprochen habe, gründen. 83p

An den Sultan Mulay Ismail gelichteter Biief vom berühm-


ten Gelehrten Abu Fadil Djessous in bezug auf die Armee
derAbids (Sklaven), 17. Jahrhundert:

Nun vernehmen wir, dass der Fürst der Gläubigen (Gott


möge ihn auf dem guten Wege führen) vorschlägt, die Hara-
tines (alte Sklaven) zurückzuholen, und sie einzuteilen,
um das Potential seiner Armee zu erhöhen, welche, es ist
wahr, die Stütze der Religion und die Erhaltung des Islams
darstellt.
Wir wissen, dass Ihr keineswegs aus einem niederträch-
tigen Wunsch heraus angehalten seid, die Menschen zu un-
terjochen. Hingegen scheint mir Euer Unternehmen in fla-
grantem Widerspruch mit der Gerechtigkeit zu stehen und
den Vorschriften der Sharia (das muselmanische Recht)
nicht zu entsprechen. Wie könnt Ihr Euch derartiges vor-
nehmen, während Gott mehr als einmal seinen Willen aus-
gedrückt hat, dies nicht zu gestatten, es sei denn gemäss
einiger bestimmter Regeln? Es ist wichtig zu bemerken,
dass das Potential der Armee nicht notwendigerweise von
der Anwendung einer Politik der Unterjochung abhängt. Es
hängt einzig von Ihrer Majestät ab, die Zahl Ihrer Armeen
zu erhöhen, ohne dafür die angeblichen Sklaven aufzubie-
ten^...)
Es gehört zur Pflicht eines jeden gewissenhaften und um-
sichtigen Mannes, schwerwiegende Taten zu verhindern,
die darin bestehen, auf ungerechte Weise offenkundig freie
Männer zu unterjochen und den ungerechten Charakter
der Anwendung derartiger Methoden aufzudecken. Unter
solchen Umständen zu schweigen oder eine gewisse Tole-
ranz zu zeigen, hiesse die Nachlässigen dem göttlichen
Zorn ausliefern.
Herr, wenn dem so ist, sei mir erlaubt (Gott bewirke,
dass seine Befehle ausgeführt werden, und dass sein Wille
über diejenigen siege, die den guten Weg verlassen), Euch
daran zu erinnern, dass Handlungen dieser Art wahrhaftig
Sklaverei darstellen. Jeder weiss, dass die Personen, die
man gegenwärtig beansprucht, um aus ihnen Sklaven zu
machen, wie der Rest der muselmanischen Gemeinschaft,
vollkommen freie Menschen sind. Ihre Freiheit ist offen-
sichtlich, und man kann sie auf keinen Fall in Frage stel-
len. Lasst uns bei dieser Gelegenheit auch bemerken, dass
jedes Geständnis von seiten dieser sogenannten Sklaven,

454
Versklavung und Ausbeutung; Herr und Sklave

oder jede Zeugenaussage, die darauf abzielt, festzustellen,


dass sie nicht freie Menschen sind, in der Tat sicher das Re-
sultat von Zwangsmassnahmen sind. Es sei in dieser Hin-
sicht zu beobachten, dass, wenn sie ablehnen, sich dieser
Politik zu unterwerfen, sehr viele Personen der Rache, der
Tortur und Untaten ausgesetzt werden, die zur Beschlag-
nahme ihrer Güter führen. Wenn das Verhalten der Verant-
wortlichen derart war, verlieren dadurch Bekenntnis und
Zeugenaussage jeglichen Wert. Dieser Meinung waren,
erinnern wir daran, die grössten Juristen des Islams alle-
samt: Sie bestätigen, dass Bekenntnisse und Zeugenaussa-
gen, die unter Zwang gemacht wurden, keinen rechtlichen
Wert haben; gemäss Iman Malik (grossei muselmanischer
Jurist) ist irgendwer, der unter Zwang heiratet oder sich
scheiden lässt, oder allgemein gegen seinen eigenen Willen
handelt, nicht gehalten, seinen Verpflichtungen nachzu-
kommen. Ibn Arafa (Schüler von Malik) hat in dieser Hin-
sicht ähnliche Bemerkungen gemacht. Er gab zu beachten,
dass das Eingeständnis die Sklaverei betreffend, sogar in
der Annahme es sei nicht unter Zwang abgegeben worden,
überhaupt keinen gesetzlichen Wert hat, weil man voraus-
setzt, dass es unter Bedrohung gemacht wurde. Die Frei-
heit ist ein Teil der Rechte, die allein von Gott verteilt
wurden,- daraus geht hervor, dass es nicht dem Menschen
Nordafrika zusteht, seine Freiheit zu veräussern. 840

Erstes offizielles Dokument zur Aufhebung der Sklaven-


haltung in Äthiopien

Ihre Majestät, die Königin des Vereinigten Königreichs


Grossbritanniens und Irlands, Kaiserin von Indien, und
Seine Majestät Johann, durch die Gnade Gottes Kaiser von
Äthiopien, mit dem Vorhaben den Sklavenhandel zu ver-
hindern, und ihm ein vollständiges Ende zu setzen, sind
übereingekommen, in dieser Sache einen Vertrag abzu-
schliessen; dieser Vertrag gilt ebenso für sie persönlich als
auch für ihre Nachfolger.

Artikel 1.
Seine Majestät der Kaiser ist einverstanden, Sklaverei zu
verbieten und zu bewirken, dass in seinem Hoheitsgebiet
der Kauf und der Verkauf von Sklaven ein Ende nehme und
dies mit vollem Einsatz aller seiner Mittel.
Artikel 2.
Seine Majestät der Kaiser ist einverstanden, mit allen Mit-
teln, über die er verfügt, die Einfuhr von ausserhalb seines
Hoheitsgebietes gekauften Sklaven sowie die Ausfuhr de-

455
Knechtschaft und Gewalttätigkeit

rer, die in seinem Land verkauft wurden, zu verbieten und


zu verhindern.
Artikel 3.
Seine Majestät der Kaiser übernimmt die Verpflichtung,
die Gesamtheit der Mittel, über die er verfügt zu verwen-
den, um die befreiten Sklaven zu schützen und alle diejeni-
gen, die versuchten, sie zu misshandeln oder sie erneut in
den Sklavenstand zurückzuführen, streng zu bestrafen.
Artikel 4.
Ihre Majestät, die Königin von England, profitiert von Be-
schlüssen, die es den Kommandanten von Schiffen Ihrer
Majestät der Königin gestatten, sich Schiffe von allen an-
dern Ländern anzueignen, die Sklaven eingeschifft hätten
und auf dem Meer transportierten. Aus diesem Grund ver-
pflichtet sie sich, die nötigen Befehle zu erteilen, damit die
Vertrag Kommandanten der Schiffe Ihrer Majestät, wenn sie auf
in Adoua
unterzeichnet
den erbeuteten Schiffen gefangene Untergebene Seiner
zwischen Majestät des Kaisers als Sklaven entdecken würden, ihnen
der Königin Viktoria die Freiheit wiederzugeben und die besagten Untertanen in
und dem
Kaiser Johann das Hoheitsgebiet Seiner Majestät des Kaisers zurückzu-
am 3. Juni 1884 schicken. 841

V O N DER VERSKLAVUNG DER NEGER

Wenn ich unser Recht zur Versklavung der Neger zu be-


gründen hätte, dann würde ich folgendes sagen:
Da die Völker Europas die Völker Amerikas ausgerottet
hatten, mussten sie die Völker Afrikas zu Sklaven machen,
um sie zur Urbarmachung so grosser Gebiete zu benutzen.
Der Zucker würde zu teuer sein, wenn man die Pflanzun-
gen, die ihn erzeugen, nicht von Sklaven bearbeiten liesse.
Die Menschen, um die es sich dabei handelt, sind schwarz
vom Kopf bis zu den Füssen und haben eine so platte Nase,
dass es fast unmöglich ist, sie zu beklagen.
Man kann sich nicht vorstellen, dass Gott, der doch ein all-
weises Wesen ist, eine Seele, und gar noch eine gute Seele,
in einen ganz schwarzen Körper gelegt habe.
Es ist so natürlich zu glauben, dass gerade die Farbe das
Wesen der Menschheit ausmache und dass die Völker
Asiens, wenn sie Eunuchen machen, immer gerade die
Schwarzen in besonders auffälliger Weise der Ähnlichkeit
berauben, die sie mit uns verbindet.
Man kann auf die Hautfarbe von der Haarfarbe schlies-
sen, die bei den Ägyptern, den besten Philosophen der
Welt, von so folgenschwerer Bedeutung war, dass sie alle
roten Menschen, die ihnen in die Hände fielen, töten
Hessen.

456
Versklavung und Ausbeutung; Heu und Sklave

Ein Beweis dafür, dass die Neger keine gesunde Vernunft


haben, liegt darin, dass sie eine Halskette aus Glasperlen
höher schätzen als eine aus Gold, das doch bei zivilisierten
Völkern eine so grosse Bedeutung hat.
Es ist unmöglich sich vorzustellen, dass diese Leute Men-
schen seien, denn wenn wir sie für Menschen hielten,
müsste man anfangen zu glauben, dass wir selbst keine
Christenmenschen seien.
Kleine Geister übertreiben das Unrecht zu sehr, das man
den Afrikanern zufügt: denn, wenn es wirklich so gross
wäre, wie sie behaupten, sollte es dann nicht den Fürsten
Europas, die untereinander so viele unnötige Verträge ab-
Montesquieu schliessen, in den Sinn gekommen sein, einen allgemeinen
Vom Geist der
Gesetze Vertrag hierüber zur Förderung der Barmherzigkeit und des
1748 Mitleids abzuschliessen? 842

Verkauf von Im Namen des Königs, des Gesetzes und der


Sklaven Gerechtigkeit wird allen Beteiligten be-
kanntgegeben, dass auf dem Marktplatz von
Bourg Saint-Esprit am 26. dieses Monats, nach
der Messe, öffentlich versteigert wird:
Die Sklavin Suzanne, Negerin, ungefähr
vierzig fahre alt, mit ihren sechs Kindern
von dreizehn, elf, acht, sieben, sechs und
drei fahren.
Es handelt sich um eine Zwangsversteigerung.
Barzahlung.
Der Gerichtsdiener: J. C H A T E N A Y
Im Namen des Königs usw.
Am gleichen Tag zu gleicher Stunde werden
verschiedene Gegenstände verkauft wie
Stühle, Tische usw.
Es handelt sich um eine Zwangsversteigerung.
Barzahlung.
Der Gerichtsdiener: J. C H A T E N A Y
Amtsblatt von Martinique
vom 22. Juni 1840 843

Auf seine Freiheit verzichten heisst auf seine Eigenschaft


als Mensch, auf seine Menschenrechte, sogar auf seine
Pflichten verzichten. Wer auf alles verzichtet, für den ist
keine Entschädigung möglich. Ein solcher Verzicht ist un-
J.-J. Rousseau vereinbar mit der Natur des Menschen; seinem Willen jeg-
Vom Gesellschafts-
vertrag
liche Freiheit nehmen heisst seinen Handlungen jegliche
1762 Sittlichkeit nehmen. 844

45 7
Knechtschaft und Gewalttätigkeit

DER NEGER:

Man sagt, dass Gott den ersten Menschen


In meiner Farbe schuf.
Aber der stolze Weisse,
Wenn er mich einlädt,
Vergisst er sogar meinen Namen,
Und ich bin für ihn nur der Neger.

Der Weisse sagt, der Teufel sei schwarz,


Und der Schwarze wähnt ihn weiss.
José Hernández Ob weisses Gesicht oder schwarzes,
Argentinien Mir ist es einerlei.
La Vuelta
von Martín Fierro
Gott schuf die Menschen,
18 79 Er schuf nicht zweierlei. 84s

DIE BEFREIUNGSERKLÄRUNG VOM PRÄSIDENTEN DER VEREINIG-


TEN S T A A T E N , ABRAHAM LINCOLN, I. JANUAR 1863

Mit meiner mir somit übergebenen Macht und zum vorher


genannten Zweck befehle und erkläre ich, dass alle Perso-
nen, die als Sklaven gehalten werden, innerhalb der be-
zeichneten Staaten und Teilen der Staaten, frei sind und
von jetzt an frei sein sollen; und dass die vollziehende
Regierung der Vereinigten Staaten samt ihren Militär- und
Marine-Behörden die Freiheit der genannten Personen an-
erkennen und erhalten werden.
Und hiermit befehle ich diesem so erklärten Volk, frei zu
sein, sich jeder Gewalt zu enthalten ausser in notwendiger
Selbstverteidigung; und ich empfehle ihm, in allen mögli-
chen Fällen treu für vernünftige Löhne zu arbeiten. Und
weiterhin erkläre ich und mache ich bekannt, dass nur
geeignete Personen in die bewaffneten Dienste der Ver-
einigten Staaten, in befestigte Garnisonen, Stellungen,
Stationen und Schiffen aufgenommen werden sollen. Und
basierend auf diesem Gesetz, das als Akt der Gerechtigkeit
gilt, garantiert durch die Verfassung in bezug auf die mili-
tärische Notwendigkeit, berufe ich mich auf das wohlüber-
legte Urteil der Menschheit und auf die gnädige Gunst des
allmächtigen Gottes. 846

Lincoln, zum Präsidenten der Vereinigten Staaten wieder-


gewählt, spricht über den Bürgerkrieg, 4. März 1865:

Ein Achtel der ganzen Bevölkerung bestand aus farbigen


Sklaven, die nicht gleichmässig verteilt, aber im südlichen
Teil des Landes beheimatet waren. Diese Sklaven waren
von besonderer und sehr grosser Bedeutung. Alle wussten,

458
Versklavung und Ausbeutung; Heirund Sklave

dass sie irgendwie der Grund des Krieges waren. Diesen


Einflussbereich zu stärken, verewigen und auszudehnen,
war das Ziel, für das die Aufständischen bereit waren sogar
durch Krieg das Land auseinanderzubrechen. Während die
Regierung kein Recht mehr beanspruchte, als deren ge-
bietsmässige Vergrösserung einzuschränken. Keine der bei-
den Parteien erwartete die Grösse und Dauer des Krieges,
die er bereits erreicht hatte. Keine der beiden sah voraus,
dass der Grund des Konfliktes vor dem Konflikt selbst zu
lösen wäre. Beide suchten sie einen leichteren Triumph
und ein weniger grundlegendes und erstaunliches Resultat.
Beide lesen dieselbe Bibel und beten zum gleichen Gott,
und beide bitten um seine Hilfe gegen die andere. Es mag
seltsam erscheinen, dass irgend jemand es wagt, um Gottes
Beistand zu bitten, wenn er gleichzeitig sein tägliches Brot
aus dem Schweisse anderer Menschen-Gesichter heraus-
presst; aber lasst uns nicht urteilen, dass wir nicht verur-
teilt werden. 847

Schutz Du sollst nicht ausliefern einen Knecht an seinen Herrn,


der geflohenen der sich zu dir rettet vor seinem Herrn. Bei dir soll er blei-
Sklaven ben, in deiner Mitte, an dem Orte, den er erwählt in einem
Hebräischc Bibel deiner Tore, wo es ihm gefällt. Du darfst ihn nicht krän-
Deuteronomium
23,16 -17 ken. 848

„Huckleberry Finn " wurde nach 1870 geschrieben und 1885


publiziert, aber der Autor beschreibt darin das Leben ent-
lang des Mississippi um die Mitte des 19. Jahrhunderts:

Fast den ganzen Tag über schliefen wir und fuhren in der
Nacht weiter, 'n Stückchen hinter 'nem schrecklich lan-
gen Floss, das zum Vorbeischwimmen so viel Zeit brauchte
wie 'n feierlicher Umzug. (...) Wir trieben in eine grosse
Biegung rein; der Nachthimmel bezog sich, und's wurde
heiss. (...) Wir sprachen von Cairo und fragten uns, ob
wir's wohl erkennen würden, wenn wir hinkämen. (...)
Jim sagte, 's machte ihn ganz zittrig und fiebrig, der Frei-
heit so nahe zu sein. Na, ich kann euch sagen, mich mach-
te's auch ganz zittrig und fiebrig, ihm zuzuhören, denn 's
fing an, mir zu dämmern, dass er tatsächlich fast frei war
- und wer war schuld dran? Doch ich! Davon konnte ich
mein Gewissen nicht mehr freikriegen, egal, was ich an-
stellte. Das machte mir so zu schaffen, dass ich keine Ruhe
mehr hatte; ich konnte nicht mehr still an einem Fleck sit-
zen bleiben. Vorher war mir überhaupt noch gar nicht zum
Bewusstsein gekommen, was ich da eigentlich anstellte.

459
Knechtschaft und Gewalttätigkeit

Aber jetzt wurde 's mir klar, und der Gedanke liess mich
nicht mehr los, und 's wurde mir heiss und immer heisser
dabei. Ich versuchte mir einzureden, ich hätte ja keine
Schuld, ich hätte Jim ja nicht dazu angestiftet, von seiner
rechtmässigen Eigentümerin zu türmen; aber das nützte
nichts, denn jedesmal kam das Gewissen wieder hoch und
sagte: Aber du hast doch gewusst, dass er weglief, damit er
frei wird, und du hättst ja an Land paddeln und jemand Be-
scheid sagen können. Das stimmte - da kam ich nicht
drum rum. Das war der Punkt, wo's mich piesackte. Mein
Gewissen sagte zu mir: Was hat dir 'n die arme Miss
Watson getan, dass du zusehen kannst, wie ihr Nigger vor
deinen Augen türmt, ohne dass du 'n einziges Wort dazu
sagst? Was hat dir 'n die arme alte Frau bloss getan, dass du
sie so gemein behandelst? Sie hat doch versucht, dir die Bi-
bel zu lernen, sie hat versucht, dir anständige Manieren zu
lernen, sie hat versucht, so gut zu dir zu sein, wie sie 's
eben verstanden hat. Das hat sie dir getan.
Ich kam mir schliesslich so gemein vor und fühlte mich
so elend, dass ich fast wünschte, ich wäre tot. Ich lief unru-
hig das Floss rauf und runter und beschimpfte mich in Ge-
danken, und Jim lief an mir vorbei auch unruhig das Floss
rauf und runter. (...)
Jim redete die ganze Zeit laut vor sich hin, während ich
im stillen Selbstgespräche führte. Er sagte, das erste, was er
tun wollte, wenn er in 'nen freien Staat käme, wäre Geld
sparen und keinen Cent ausgeben, und sowie er genug Geld
hätte, wollte er seine Frau freikaufen, die zu 'ner Frau in
der Nähe, wo Miss Watson wohnte, gehörte, und dann
würden sie beide arbeiten, damit sie ihre beiden Kinder
kaufen könnten, und wenn ihr Herr sie nicht verkaufen
wollte, dann würde er 'nen Ablitionisten dazu kriegen,
dass er hinging und sie stahl.
Mir wurde eiskalt, als ich so 'n Gerede hörte. (...)
Kam doch dieser Nigger, dem ich so gut wie geholfen
hatte auszurücken, glattwegs damit raus, er wollte seine
Kinder stehlen - Kinder, die 'nem Mann gehörten, den ich
noch nicht mal kannte, 'nem Mann, der mir noch nie was
getan hatte. Es tat mir leid, Jim das sagen zu hören, so tief
sank er doch dadurch. Mein Gewissen rumorte schlimmer
in mir rum als je zuvor, bis ich schliesslich zu ihm sagte: Hör
auf, mich zu piesacken! Noch ist's ja nicht zu spät - beim
ersten besten Licht, das ich sehe, paddle ich an Land und
sag's. Da wurde mir gleich wohl und froh und federleicht zu-
mute. All meine Sorgen waren weg. Ich passte scharf auf, ob
ich 'n Licht sah, und sang innerlich gradezu. (...)
Ich war losgepaddelt, ganz verbiestert drauf, ihn zu ver-
raten; aber als er das sagte, schien's mir so ziemlich den

460
Versklavung und Ausbeutung; Herr und Sklave

ganzen Schwung wegzunehmen. Ich paddelte nun langsam


weiter und war überhaupt gar nicht sicher, ob ich froh dar-
über war, dass ich mich auf den Weg gemacht hatte, oder
nicht.
Darauf begegnen ihm zwei mit Gewehren bewaffnete Männer in einem
Boot. Sie halten an, Huck auch. Fünf Neger sind aus einer Plantage ge-
flüchtet. Die Männer fragen Huck aus, sie wollen wissen, wer der Mann
ist, den er auf dem Floss zurückgelassen hat, ob er weiss oder schwarz ist.
Huck zögert, dann lügt er: „Es ist mein Vater, er ist krank." Die beiden
Männer bemerken sein Zögern und werden hellhörig. Aber Huck fängt
sich, und es gelingt ihm, ihren Verdacht zu zerstreuen. „Dein Vater hat
die Blattern, das weisst du ja. Du willst wohl, dass sie alle erwischen?"
Aus Angst, angesteckt zu werden, fliehen die beiden Männer, ohne sich
dem Floss zu nähern.

Sie fuhren davon, und ich kehrte zurück aufs Floss und
kam mir erbärmlich und niedrig vor, weil ich ganz genau
wusste, dass ich was Unrechtes getan hatte, und ich sah
ein, dass es für mich gar keinen Zweck hatte, mir Mühe zu
geben und zu lernen, das Rechte zu tun; wer nicht schon
gleich von klein auf damit anfängt, der hat keine Aussicht,
dass er's schafft - wenn's hart auf hart geht, dann hat er
nichts, was ihm den Rücken steift und ihn bei der Stange
hält, und so kommt er unter die Räder. Dann dachte ich
'nen Augenblick nach und sagte mir: Halt mal, wenn du
nun das Rechte getan und Jim verraten hättst, wäre dir
dann wohler in deiner Haut als jetzt? Nee, sagte ich mir,
dann würde ich mich gar nicht wohl fühlen - dann würde
ich mich genauso fühlen wie jetzt. Na, sagte ich mir, wozu
nützt 'n das dann, wenn du lernst, das Rechte zu tun, wo's
doch sehr mühsam ist, das Rechte zu tun, und überhaupt
gar keine Mühe macht, das Unrechte zu tun, und man ge-
nau denselben Lohn dafür kriegt? Da sass ich fest. Dadrauf
konnte ich nicht antworten. So sagte ich mir also, ich wür-
de mir nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen, sondern
Mark Twain
Huckleberry Finns von jetzt ab immer das tun, was im Moment gerade am be-
Abenteuer sten passte. 84p

Verhöhnung D E R SKLAVE:
Gehorchen heisst, die Macht seines Herrn teilen.
E I N FREIGELASSENER:
Wie wunderbar, sich dazügehörig zu fühlen!
EIN DIKTATOR:
Karel Capek Ich habe ihnen die Freiheit genommen,
tschechischer
Schriftsteller aber als Gegenleistung
1890 -1938 habe ich ihnen Selbstvertrauen gegeben. 8$o

461
Knechtschaft und Gewalttätigkeit

Dei Mensch Besser sind Gefängnis und Ketten als eine Freiheit, wie sie
gegen die der Sklave hat. 851
Sklavenhaltung
Julius Grégr
tschechischer
Schriftsteller
1831 -1896

Knechten Der Diener ist unterwürfig, während der Herr hochmütig


schadet ist. Ersterer verpfuscht sein Leben passiv, wenn ich so
dem Menschen sagen kann, letzterer verpfuscht sein Leben auch, aber
Sakae Osugi aktiv. Ihnen gemeinsam ist, dass sich bei ihnen unmöglich
1885 -1923
Japan ein menschenwürdiges Leben entwickeln kann. 852

Da es Menschen gibt wie Hyänen


und wie Panther,
werde ich zum Juden,
zum Kaffer,
zum Hindu aus Kalkutta,
zum Mann ohne Stimmrecht aus Harlem,
zum Hungernden, zum Verhöhnten,
zum Gefolterten.
Man kann ihn jederzeit packen,
lahm schlagen,
töten - ja, töten -
ohne irgend jemandem Rechenschaft ablegen zu müssen,
ohne sich bei irgend jemandem entschuldigen zu müssen.
Aimé Césaire
Martinique Jude
Notizen einer Verfolgter
Rückkehr
in das Geburtsland junger Hund
1947 Bettler 553

Für dieses Problem gibt es keine Lösung, solange man


nicht die Vorherrschaft dem Eingeborenen gibt, Opfer des
Aufeinanderprallens zweier Welten - das ist die Folge der
Aimé Césaire Kolonisierung -, und solange man sich damit abfindet,
Die Aufhebung der
Sklavenhaltung seinen Wert nicht höher einzuschätzen als den von Zucker-
1948 rohr, Kaffee, Erdnussfett oder Kautschuk. 854

Unterdrückung und Befreiung; Unterwerfung und Revolte

Die Geduld Unter den bewundernswertesten und seltensten Tugenden


dei der Indianer erwähne ich die Geduld, und sie verdient aus
Unterdrückten zwei Gründen so stark hervorgehoben zu werden: Zum
einen, weil sie im Elend leben und mit harten Arbeiten
überlastet werden, und zum andern, weil dieses Elend

462
Unterdrückung und Befreiung; Unterwerfung und Revolte

grenzenlos und übermässig ist, und sie lassen nie auch nur
den geringsten Seufzer, ein Stöhnen oder eine Klage verlau-
ten. (...)
Ja, wie zahlreich und wie schwer diese Qualen auch sind,
die man ihnen auferlegt, es geschieht äusserst selten, dass
sie, in Wut oder Raserei entbrannt, sich zu rächen versu-
chen oder Genugtuung verlangen, und sie denken nicht
einmal daran, dass sie sich bei ihren Vorgesetzten beklagen
könnten. Ausnahmen sind ein paar Fälle, wo sie von Spa-
niern - Gelehrten, Geistlichen oder Leuten aus andern
Kreisen - beeinflusst oder dazu ermuntert wurden, weil
Juan de Palafox diese von ihren Qualen ergriffen waren oder aus einem Ge-
y Mendoza fühl der Gerechtigkeit handelten, oder weil sie Seiner
1600 -1659
Bischof in Majestät dienen oder die Indianer vor dem Aussterben ret-
Neu Spanien ten wollten, manchmal auch, weil es um ihre eigenen Vor-
Buch über die teile ging, oder weil sie Leidenschaften nachgaben. Dann
Tugenden
des Indianers überredeten sie sie dazu, sich zu beklagen. 855

Innere Wenn alle Wünsche, die dem menschlichen Herz innewoh-


Befreiung nen, weit weg sind, dann wird der Sterbliche unsterblich,
Katha-Upanishad II. und er gelangt zum Brahman (d.h. in den Zustand der Er-
5. Jh. v. Chr. lösung). 856

Was für Sinnesfreuden immer das Fleisch auf dieser Welt


verschaffen kann, und wie immer die höchsten Genüsse
Mahäbbärata, XII. sein mögen, die man im Himmel kostet, sie wiegen beide
2. Jh. v. Chr. -
1. Jh. n. Chr. nicht ein Sechzehntel der Freude auf, die uns überkommt,
Sanskrit wenn wir jedem Wunsch entsagen. #57

Möge uns die mittlere Lage von der Angst befreien! Mögen
uns Himmel und Erde von der Angst befreien! Wenn wir
nur keine Angst zu haben brauchen vor dem, was hinter,
vor, über und unter uns ist! Wenn wir nur keine Angst zu
haben brauchen vor Freund und Feind, vor dem, was be-
kannt und nah wie vor dem, was weit und unbekannt ist!
Wenn wir nur weder tags noch nachts Angst zu haben brau-
Atharvaveda, XIX.
2200-1800 v. Chr. chen! Wenn mir nur alle Himmelsrichtungen freundlich
Sanskrit gesinnt sind! 858

Alle Menschen Wir streben alle nach unendlichem Glück und dem Ver-
streben nach schwinden (jeglicher) Traurigkeit. Alle Menschen hienie-
dem Zustand den möchten von allem Irdischen befreit sein. 859
der Befreiung
Värttikäsara, II.
8. Jh.
Sanskrit

463
Knechtschaft und Gewalttätigkeit

In jedem Menschenherz steckt der Wunsch, gut zu essen,


sich schön zu kleiden, ein schönes Haus zu bewohnen,
sich zu bereichern, von jedermann geehrt zu werden und
Norinaga Motoori
sich eines langen Lebens zu erfreuen, das ist natürlich.
1730 -1801 Aber viele Menschen tun so, als ob sie nichts wünschten,
Japan nichts begehrten, weil sie denken, das sei sündhaft, und
Der Bambuskorb
(Sammlung von wunschlos sein sei gut. Stets verleitet der Konfuzianismus
Gedanken) zu dieser unausstehlichen Heuchelei. 860

Es kostet nichts zu leben, keinen Rappen:


Die Luft kostet nichts, die Wolke nichts,
Täler und Hügel nichts,
Alles kostet nichts,
Regen und Schlamm kosten nichts,
Was ausserhalb der Autos ist, kostet nichts,
Und ausserhalb der Kinos,
Und ausserhalb der Schaufenster, das kostet nichts.
Das salzig schmeckende Wasser kostet nichts.
Nur Brot und Käse kosten.
Die Freiheit kostet den Preis der Köpfe,
Orhan Vcli
Türkei Aber die Knechtschaft kostet nichts.
1948 Fürwahr, wir leben billig, wir zahlen keinen Rappen. 861

Notwendigkeit, Eine Person, die andere tötet, um sich zu verteidigen, an-


manchmal, lässlich eines Konfliktes, der sich auf die Opfergaben be-
der Gewalt zieht oder um Frauen und Brahmanen (vor Gewalttätig-
keit) zu schützen, ist im Auge des Gesetzes nicht schuldig.
Manusmriti, VIII. Jeder muss, ohne zu zögern einen Rasenden töten, der ver-
2. Jh. v. Chr. -
I. Jh. v. Chr. sucht, ihn anzugreifen, sogar wenn es sein Meister, ein
Sanskrit Kind, ein Alter oder ein weiser Brahmane ist. 862

Aufstand Eigentlich ist der Sklave der Feind seines Herrn, gleich wie
Türkisches der Hund. Wenn er Gelegenheit hat, benimmt er sich wie
Sprichwort
Ii. Jh. ein Wolf. 863
Ostturkestan

Türkisches Wenn das Volk einen Stein wirft, dann geht er weit. 864
Sprichwort
15. Jh.

464
Das Recht gegen die Gewalt
Gleichheit vor dem Tod: der Papst wird vom Tod mitgenommen Schweiz 18. Jh.
Stufenunterschied: Der Pharao und seine Häftlinge altes Ägypten
Das Recht wider die Gewalt und die Willkür

Jetzt will ein Gleichnis ich sagen den Herrn, so klug sie
auch. Also zur Nachtigall sprach, zur buntgefleckten, der
Habicht, selber. Der mit den Fängen sie griff und hoch in
den Wolken dahintrug; Die aber klagte, die Seiten durch-
bohrt von gebogenen Krallen, jämmerlich; er aber herrsch-
te sie an mit den höhnenden Worten: „Seltsame du, warum
schreist du? Dich hält nun ein weit Überlegner; du wirst
gehn, wohin ich es will, auch wenn du ein Sänger. Werde
zum Mahl, wenn ich mag, dich verzehrn oder lasse dich
laufen. Töricht der Mann, der begehrt, sich Stärkren entge-
genzustellen; geht verlustig des Siegs und hat zur Schande
noch Schmerzen." So der windschnelle Habicht, der flügel-
spreitende Vogel.
Du, mein Perses, höre aufs Recht, mehr' nicht die Ge-
walttat. Nämlich Gewalttat bekommt nicht dem Kleinen;
doch auch ein Hoher. Ist nicht sie mühlos zu tragen im-
stand, ihr Gewicht wird ihm lastend, stösst er mit Unheil
zusammen. Die andere Strasse geleitet besser vorbei, die
zum Rechten. (...)
Du, mein Perses, jedoch leg dies hinein in dein Innres
waltend. Und hör hin auf das Recht, schlag ganz aus dem
Sinn dir Gewalttat. Dies ist nämlich die Ordnung, die Zeus
den Menschen gegeben: Fische und wildes Getier und ge-
flügelte Vögel, sie sollen Eines das andre verzehrn, denn es
gibt kein Recht unter ihnen; aber den Menschen verlieh er
das Recht, das weitaus als Bestes Sich erweist; denn ist
man gewillt, das Gerechte zu sagen. Wenn mans sieht,
dann schenkt einem Glück Zeus, Späher ins Weite. Wenn
aber einer, ein Zeugnis bewusst mit Meineid beschwörend,
Hesiod lügt und trügt und schädigt das Recht, unheilbar verblen-
8. Jh. v. Chr. det, der hinterlässt ein vergehend Geschlecht den künfti-
Von Arbeit,
Wettstreit gen Tagen; doch wer ehrlich im Eid, des Geschlecht wird
und Recht künftig gedeihen. 86s

Die Autorität DIALOG DES SPARTANERS UND DES ATHENERS


des Gesetzes ist
eine natürliche DER ATHENER: Also gut. Welcher Art sind nun aber die An-
sprüche des Regierens und des Regiertwerdens, und wie
viele gibt es, sowohl in den grossen und kleinen Städten
und ebenso im einzelnen Hauswesen? Ist nicht einer davon
der des Vaters und der Mutter? Und müsste das nicht über-
all ein rechtmässiger Anspruch sein, dass ganz allgemein
die Eltern über ihre Nachkommen regieren?
KLEINIAS: Sehr wohl.

467
Das Recht wider die Gewalt

DER ATHENER: Darauf folgt der Anspruch, dass die Edlen


über die Unedlen regieren, und als dritter schliesst sich an,
dass die Älteren regieren, die Jüngeren aber regiert werden.
KLEINIAS: Einverstanden.
DER ATHENER: Und der vierte, dass den Sklaven befohlen
wird, die Herren aber befehlen sollen.
KLEINIAS: Ohne Zweifel.
DER ATHENER: Fünftes glaube ich, dass der Stärkere re-
giert, während der Schwächere regiert wird.
KLEINIAS: Da hast du freilich eine ganz unumgängliche
Art des Regierens genannt.
DER ATHENER: Ja, und eine, die unter allen Lebewesen am
weitesten verbreitet ist und auch der Natur entspricht, wie
einst der Thebaner Pindar gesagt hat. Der wichtigste An-
spruch scheint mir aber wohl der sechste zu sein, der ver-
langt, dass der Unwissende gehorcht, der Vernünftige aber
führt und befiehlt. In diesem Falle, du allweiser Pindar,
möchte ich doch fast behaupten, dass dies nicht gegen die
Natur sei, sondern der Natur entspricht: dass nämlich von
Piaton
4 2 9 - 347 V. Chr. Natur das Gesetz seine Herrschaft über Freiwillige ausüben
Die Gesetze soll und nicht gewaltsam sein darf. 866

Babylonische Deinem Feind möge Gerechtigkeit widerfahren. 867


ca. 700 v. Chr.

Gewalthen- Aber was sind die grössten Schäden im Reich zur gegenwär-
schaft, tigen Zeit? - Wenn grosse Staaten die kleinen angreifen,
Erklärung grosse Familien die kleineren zerrütten, die Mächtigen die
Schwachen berauben, die Mehrheit die Minderheit unter-
drückt, die Schlauen die Dummen überlisten, die Vorneh-
Mo-tzu
5. Jh. V . Chr. men die Geringen ihren Hochmut fühlen lassen, dann sind
China Schäden im Reich. 868

Herrschaft Zwei Brüder streiten sich. Der eine bereut es und weckt die
des Geistes, Liebe, die in ihm schlief. Die beiden Brüder leben wieder in
nicht Frieden. Es ist niemandem aufgefallen. Aber wenn die bei-
wahrnehmbar den Brüder zu Waffen greifen oder vor den Richter gehen,
- was eine andere Form von Gewaltanwendung ist - weil
Anwälte einschreiten, oder aus irgendeinem andern Grund
dann wird sofort in der Presse darüber berichtet. Ihre Nach-
barn werden darüber reden, und die ganze Sache wird viel-
leicht in die Geschichte eingehen. Das gilt nicht nur für
Familien und Gemeinschaften, sondern auch für Völker.
Wir haben keinen Grund zu glauben, dass nur Familien
diesem Gesetz unterworfen sind, nicht auch Völker. Die

468
Das Recht wider die Gewalt und die Willkür

Geschichte hält jene Ereignisse fest, welche den natür-


lichen Gang der Dinge unterbrechen. Da die Kraft des
Mahatma Gandhi Geistes natürlich ist, spricht die Geschichte nicht darüber.
1869-1948 86p

Die Rippe ist zwischen den zwei Teilen der Palme, die Erd-
mäuerchen sind zwischen den Feldern, um sie zu trennen,
und die Gerechtigkeit ist zwischen den gereizten Personen,
um sie in Schach zu halten.
Malgasch- Die Gerechtigkeit kann nicht warten, das Recht kann
Sprichwörter nicht nachgeben. 8/0

Macht Es ist das Verhängnis jedes Menschen, verstrickt zu sein in


und Recht Machtverhältnisse, durch die er lebt. Dieses ist die unaus-
weichliche Schuld aller, die Schuld des Menschseins. Ihr
wird entgegengewirkt durch Einsatz für die Macht, welche
das Recht, die Menschenrechte, verwirklicht. Das Unter-
lassen der Mitarbeit an der Strukturierung der Machtver-
hältnisse, am Kampfe um die Macht im Sinne des Dienstes
für das Recht, ist eine politische Grundschuld, die zugleich
eine moralische Schuld ist. Politische Schuld wird zur mo-
ralischen Schuld, wo durch die Macht der Sinn der Macht
- die Verwirklichung des Rechtes, das Ethos und die Rein-
heit des eigenen Volkes - zerstört wird. Denn wo die
Macht sich nicht selbst begrenzt, ist Gewalt und Terror
und das Ende die Vernichtung von Dasein und Seele. (...)
Dass zwischen Menschen durch Gewalt entschieden
wird, wenn sie sich nicht verständigen, und dass alle staat-
liche Ordnung Bändigung dieser Gewalt ist, jedoch so, dass
sie bleibt - nach innen als Erzwingung des Rechtes, nach
aussen als Krieg -, das wurde in ruhigen Zeiten fast ver-
gessen. (...)
Wo Gewalt angewandt wird, wird Gewalt erweckt. Der
Sieger hat die Entscheidung, was mit dem Besiegten ge-
schehen soll. Es gilt das vae victis. Der Besiegte hat nur die
Wahl, zu sterben oder zu tun und zu leiden, was der Sieger
will. (...)
Recht ist der hohe Gedanke der Menschen, die ihr Da-
sein auf einen Ursprung gründen, der zwar nur durch
Gewalt gesichert, aber nicht durch Gewalt bestimmt wird.
Wo Menschen ihres Menschseins bewusst werden und den
Menschen als Menschen anerkennen, da erfassen sie
Menschenrechte und gründen sich auf ein Naturrecht, an
das jeder, Sieger und Besiegter, appellieren kann.
Sobald der Rechtsgedanke auftaucht, kann verhandelt
werden, um das wahre Recht durch Diskussion und metho-
disches Verfahren zu finden.

469
Das Recht wider die Gewalt

Was im Falle eines vollständigen Sieges zwischen Sieger


und Besiegten und für die Besiegten rechtens ist, das ist al-
lerdings bis heute immer nur ein sehr begrenzter Bezirk in
den Ereignissen, die durch politische Willensakte entschie-
den werden. Diese werden zur Grundlage eines positiven,
faktischen Rechtes, werden selber nicht mehr durch Recht
gerechtfertigt. (...)
Aber Anerkennung des Rechts kann auch der vollziehen,
der der bestrafte oder haftende Teil ist. Der Verbrecher
kann es als seine Ehre und Wiederherstellung erfahren,
dass er bestraft wird. Der politisch Haftende kann es als
durch Schicksalsschluss gegeben anerkennen, was er von
nun an als seine Daseinsvoraussetzung übernehmen muss.
Gnade ist der Akt, der die Auswirkung reinen Rechts und
vernichtender Gewalt einschränkt. Eine Menschlichkeit
spürt höhere Wahrheit, als in der geradlinigen Konsequenz
sowohl des Rechtes wie der Gewalt liegt.
a) Trotz des Rechts wTirkt Barmherzigkeit, um den Raum
gesetzesfreier Gerechtigkeit zu öffnen. Denn alle mensch-
liche Satzung ist in ihrer Auswirkung voller Gebrechen
und Ungerechtigkeit.
b) Trotz der Möglichkeit der Gewalt übt der Sieger Gna-
de, sei es aus Zweckmässigkeit, weil die Besiegten ihm die-
nen können, sei es aus Grossmut, weil ihm das am Leben-
lassen der Besiegten ein gesteigertes Gefühl seiner Macht
und seines Masses gibt, oder weil er in seinem Gewissen
Karl Jaspers sich unter die Forderungen eines allgemeinmenschlichen
Deutschland,
Die Schuldfrage Naturrechts stellt, das dem Besiegten so wenig wie dem
1946 Verbrecher alle Rechte nimmt. 8/1

Freilich befinden sich grosse Ungleichheiten der Mittel un-


ter den Menschen. Die Natur bildet Starke und Schwache,-
sie ertheilt dem einen Verstand, welchen sie andern ver-
sagt. Daraus folgt, dass unter den Menschen Ungleichhei-
ten in den Arbeiten, Ungleichheiten in den Ertrag dersel-
ben, Ungleichheiten in dem Verbrauch oder Genüsse seyn
werden; allein daraus folgt keineswegs Ungleichheit der
Rechte.
Da alle Menschen ein aus der nemlichen Quelle fliessen-
des Recht haben, so folgt, dass derjenige, welcher in das
Recht eines andern Eingriffe thut, die Grenzen seines eig-
nen Rechts überschreitet; es folgt, dass das Recht eines
jeden von jedem andern respektirt seyn, und dass dieses
Recht und diese Pflicht nothwendig gegenseitig seyn müs-
sen. Also das Recht des Schwachen über den Starken ist
ganz dasselbe, wie das Recht des Starken über den Schwa-
chen. Wenn der Starke den Schwachen zu unterdrüken im

470
Das Recht widei die Gewalt und die Willkür

Stande ist, so erzeugt er eine Wirkung, aber keine Verbind-


lichkeit. Weit entfernt, dem Schwachen eine neue Pflicht
aufzubürden, erwekt er nur die natürliche und unzerstör-
bare Pflicht, die Unterdrükung abzutreiben.
Mithin ist es eine ewige Wahrheit, die man den Men-
schen nicht oft genug wiederholen kann, dass die Hand-
lung, durch welche der Starke den Schwachen unter dem
Joch erhält, niemals ein Recht werden könne, und dass im
Gegentheil die Handlung, durch welche der Schwache sich
dem Joch des Starken entzieht, beständig ein Recht, und
zugleich eine beständig dringende Pflicht gegen sich selbst
sey. (...)
Der Gesellschaft-Stand führt also keineswegs eine unge-
rechte Ungleichheit der Rechte neben der natürlichen Un-
gleichheit der Mittel ein; im Gegentheil, er beschüzt die
Gleichheit der Rechte gegen den natürlichen aber schädli-
chen Einfluss der Ungleichheit der Mittel. Das Gesell-
schafts-Gesez ist nicht gemacht, um den Schwachen zu
schwächen und den Starken noch stärker zu machen,- im
Gegentheil es bemüht sich, den Schwachen gegen die Un-
ternehmungen des Starken sicher zu stellen; und dadurch,
dass sein väterliches Ansehn über die Allgemeinheit der
E. Sieyes
Politische Schriften Bürger wacht, verbürgt es allen den vollen Genuss ihrer
1789 Rechte. 8/2

Mässigung In der Welt, in die wir hingelangen, wird nie ein Enwe ge-
Ehrfurcht vor schickt, einen Adake zu beerdigen. (Enwe und Adaka sind
dem Nächsten. zwei Affengattungen).
Gegen die
Gewalttätigkeit Wenn Leute verschiedener Sprachen zusammenkommen,
und jeder spricht nur seine Sprache, dann töten sie einan-
der nicht.

Wenn das Gras nicht ausgerissen werden will, dann muss


es dafür sorgen, dass bei ihm keine Pilze wachsen.

Ibo-Sprichwörter Wenn du vermeiden willst, dass man dich beschimpft, so


Nigeria beschimpfe du niemanden. 873

Ich verlasse euch, aber wo ihr bleibt,


Haltet fest, werdet reifer,
Tötet den Löwen, tötet den Leoparden,
Gedeiht, wachst und bleibt am Leben.
Der Löwe brüllt, der Leopard hat ein geflecktes Kleid,
Aber ihr andern, beherrscht euch.
Jeder soll seinen Bruder achten.

471
Das Recht wider die Gewalt

Lasst euch nicht von Leidenschaft hinreissen.


Wer sich von Leidenschaft heinreissen lässt,
Verursacht selber sein Unglück.
Wo ihr wohnt, haltet Mass beim Tanzen,
Haltet Mass beim Trommeln (ngoma).
Die Menschen leben nicht von Geld und Geldgier.
Drohen ist verboten,
Das Messer ist verboten,
Die Schläge sind verboten.
Aber dringt in den Wald ein,
Greift das Wild an, zerlegt es.
Doch streitet nicht vor Kampfes Hitze.
Lasst es euch wohl sein,
Vermehrt euch und seid glücklich.
Das Dorf ist auferstanden.
Ich kam, den Frieden ihm zu geben,
Ich beschwichtige die Männer, beschwichtige die Frauen,
Beschwichtige die Verwandten,
Dass sie am Leben bleiben, dass sie gedeihen,
und dass Friede sei,
Bakongo-
Überlieferung Dass sie Kinder haben, in denen Ahnen fortleben,
Kongo Das will ich, will ich, oh, oh, oh! 8/4

Die Rechte Wer die Rechte der andern verletzt, um zu seinem Recht zu
der andern kommen, wird Enttäuschung erleben. 875
Akan-Sprichwort
Ghana

Gerechtigkeit Der Arme verteidigt sich, der Richter hört zu.


und (Man soll sich nicht selbst richten. Alle haben Anspruch
Gewaltlosigkeit auf Gerechtigkeit) 876
Amharisches
Sprichwort
Äthiopien

Kein Straf-
vollzug ohne
ordentliche
Gerichts-
verhandlung Zuerst der Prozess, dann erst der Galgen. 877
Rumänisches
Sprichwort

Der grosse Prinz von Kiew, Swjatopolk, nachdem er seinen Vetter Was-
silko blenden liess (1097),

Wladimir (Monomach), David und Oleg schickten ihre Bo-


ten zu Swjatopolk und Hessen ihm sagen: „Warum hast du
diesen Frevel im russischen Lande verübt und hast das
Messer zwischen uns geworfen? Weshalb hast du deinen
Bruder geblendet? Hättest du ihm eine Schuld vorzuwerfen

472
Verrat, Verleumdung, Gefängnis, Folter, Todesstrafe, Gewalttätigkeit, Rache

gehabt, so hättest du ihn vor uns verklagen sollen, und erst


wenn ihm die Schuld nachgewiesen worden wäre, hättest
du Wassilko entsprechend bestrafen dürfen. Jetzt aber
beweise seine Schuld, um derentwillen du so mit ihm ver-
Russische Annalen fahren bist." 878

Gegen Massaker Als Iwan der Schreckliche 1570 nach Nowgorod kam, um eine Revolte mit
Feuer und Schwert niederzuschlagen, trat ein heiliger Mann, angetan von
Christus, vor ihn hin:

„(...) und hielt dem Zaren ein Glas hin, gefüllt mit Blut
und einem Stück rohen Fleisches, und forderte ihn auf, das
Blut zu trinken und das Fleisch zu essen. Der Zar wandte
sich mit Abscheu weg, erstaunt über die Absicht des heili-
gen Mannes. Dann sagte der Gottesmann zu ihm: „Das ist
ein Glas von dem Blut, das auf deinen Befehl vergossen
wurde." Und er hatte ihn (...) ans Tageslicht (...) zurück-
gebracht (...). Aldann gab der Zar ein Zeichen mit seinem
Russisches
Manuskript Taschentuch, auf dass seine Regimenter das Massaker ein-
18. Jh. stellten. 879

Eine andere Version dieser Geschichte aus einem früheren


englischen Text:
Am 18. Februar 1570 rückte Iwan der Schreckliche in Pskow
ein, indem er drohte, die Stadt so zu behandeln wie er
Nowgorod behandelt habe. Nichtsdestotrotz hatte er ein
Geschenk an einen heiligen Mann namens Nikolas, der
von Christus angetan war, schicken lassen. Dieser dankte
ihm und sandte ihm seinerseits ein Stück rohes Fleisch.
Dies geschah zur Fastenzeit. Der Zar gab seiner Überra-
schung Ausdruck, dass ein guter Christ ihm zur Fastenzeit
ein Stück Fleisch anbieten würde. „Bildet sich Iwan etwa
ein", antwortete der Heilige, „dass es eine Sünde sei, etwas
Tierfleisch während der Fastenzeit zu essen, und keine
Giles Fletcher Sünde, soviel Menschenfleisch zu verschlingen wie er be-
Grossbritannien reits verschlungen hat?"
Vom Russischen
Common Wealth So gesprochen, rettete der von Christus angetane Mann
1591 das Leben einer grossen Zahl von Leuten. 880

Verrat, Verleumdung, Gefcingnis, Folter,


Todesstrafe, Gewalttätigkeit, Rache

Geheime Augenfällige, aber geheiligte und bei vielen Völkern in Fol-


Anklagen ge der Schwäche ihrer Gesetzgebung nothwendige Uebel-
stände sind die geheimen Anklagen. Eine solche Gewohn-
heit macht die Menschen falsch und heimtückisch. Wer

473
Das Recht wider die Gewalt

argwöhnen kann, in einem Andern einen Angeber zu fin-


den, sieht in ihm einen Feind. Die Menschen gelangen
dann dazu, die eigenen Gefühle zu verbergen, und mit der
Gewohnheit sie Andern zu verbergen, verbergen sie sie
schliesslich sich selbst. Unglücklich sind die Menschen,
welche dahin gekommen sind: ohne klare und feste Grund-
sätze, welche sie leiten, irren sie schwankend und zufällig
auf dem weiten Meere der Meinungen umher, immer be-
schäftigt, sich vor den Ungeheuern, welche sie bedrohen,
zu retten,- den gegenwärtigen Augenblick verbittert ihnen
stets die Ungewissheit des kommenden,- der dauernden
Vergnügungen der Sicherheit und Ruhe beraubt, werden sie
kaum durch einige wenige und seltene Freuden in ihrem
traurigen Leben, die sie schnell und eilig gemessen müs-
sen, dafür getröstet, dass sie gelebt haben. (...)
Wer kann sich vor der Verleumdung schützen, wenn sie
mit dem stärksten Schilde der Tyrannei, dem Geheimnis-
Cesare Beccaria se, gewappnet ist? Was für eine Regierungsart ist die, bei
Italien der der Herrscher in jedem seiner Unterthanen einen Feind
Über Verbrechen
und Strafen zu vermuthen hat und der öffentlichen Ruhe wegen ge-
1764 zwungen ist, die jedes Einzelnen zu stören? 881

Gegen die Nichts ist schädlicher für die Freiheit als die Zügellosig-
Verleumdung keit; und nichts ist nachteiliger für die freie Diskussion
über Handlungen und öffentliche Angelegenheiten, als die
unmässigen Angriffe auf den Ruf eines Individuums.
Da wir uns erst seit kurzem der Rechte und der Garan-
tien einer Volksregierung erfreuen, ist es nicht verwunder-
lich, dass wir uns vom geraden Weg seiner Anwendung und
seiner Ausübung entfernen, da wir nicht imstande sind die
Trennlinie zwischen dem, was die Gesetze erlauben und
dem, was sie verbieten müssen, zu ziehen, denken wir,
dass man deren Anwendung verringert und einschränkt,
wenn man nur deren Missbrauch ahndet. Sind aber Geset-
ze auf allen Gebieten etwas anderes als Hemmungen der
natürlichen Neigungen, der unbestreitbaren Rechte, die es
nach dem allgemeinen Glück zu orientieren gilt? Und wäre
der gute Ruf ein weniger geweihter Besitz, als derjenige der
materiellen Güter? Bewirken die gegen den guten Ruf ge-
zielten Schläge weniger schmerzende Wunden? Der Ge-
setzgeber ist daher gezwungen, dieser Art von Schaden vor-
zubeugen und ihn wiedergutzumachen mit nicht weniger
Sorgfalt als bei den andern. Wenn er den guten Ruf und die
soziale Achtbarkeit der Bürger der Beleidigung und der Ver-
leumdung ausgesetzt liesse, würde seine Mission misslin-
gen, ebenso, wie wenn er ihr Leben und ihre Güter den
Dieben und den Mördern preisgeben würde. (...)

474
Verrat, Verleumdung, Gefängnis, Folter, Todesstrafe, Gewalttätigkeit, Rache

Für eine Verleumdung braucht es nicht unbedingt ein


Verbrechen. Es genügt, dass man einer Person, eine Tat
oder eine Unterlassung zuschreibt, die, sogar wenn sie
nicht krimineller Natur ist, dahin tendiert, dass diese Per-
son hassenswert oder in sozialen Beziehungen weniger ver-
trauenswürdig erscheint. Jedesmal, wenn der natürliche
Trend der Worte, der Zeichen oder angewandten Darstel-
lungen geeignet ist, die Abneigung, die Verspottung oder
die Verachtung des Volkes gegen ein Individuum zu erre-
gen, entsteht Verleumdung.
Selbstverständlich ist die Infragestellung von Funktion
und Handeln der Staatsangestellten frei, ebensowie die
strenge Prüfung ihres öffentlichen Betragens, die Kritik
ihrer Schriften und, allgemein, der literarischen Produktio-
Andres Bello nen aller Art. Aber die behaupteten Tatbestände müssen
Chile
El Araucano
wahr sein; wenn sie nicht bewiesen sind, ist dies Verleum-
1833 dung. 882

.NEMINEM CAPTIVABIMUS"

Wir (der König) versprechen und schwören, nie einen No-


beln in den Kerker zu sperren oder einsperren zu lassen,-
ihn auf keine Art und Weise zu strafen, welches auch sein
Verbrechen oder Fehler sei, ausser wenn er vorher gerech-
terweise durch die Gerichte verurteilt und in unsere Hände
durch die Richter seiner eigenen Provinz ausgeliefert wur-
Verfassung des de - mit Ausnahme derjenigen, die ein Verbrechen öffent-
Königs Wladislaw
Jagellon lichen Rechtes wie Mord, Vergewaltigung oder Strassen-
Polen, 1430 raub begehen würden. 883

Gegen Keikei Es ist eine gefährliche Erfindung um die Tortur; sie scheint
und Folter mehr eine Prüfung der Geduld als der Wahrheit zu sein.
Und derjenige, der sie aushalten kann, verbirgt die Wahr-
heit so gut wie der, welcher solche nicht auszuhalten ver-
mag. Denn, warum sollte der Schmerz mich eher dahin
bringen, zu bekennen, was an der Sache ist, als mich zwin-
gen, zu sagen, was nicht wahr ist? Und wenn hingegen der-
jenige, welcher das nicht getan hat, dessen man ihn be-
schuldigt, geduldig genug ist, die Pein auszuhalten, warum
sollt's denn der nicht sein können, der es getan hat, da ihm
dafür ein so wichtiger Lohn bevorsteht, als das Leben ist?
Ich glaube, der Grund, worauf diese Erfindung erbaut ist,
sei die bekannte Regung des Gewissens. Denn dem Schul-
digen scheint es die Qual zu vergrössern, um ihn zum Ge-
ständnis seines Verbrechens zu bringen und auch seinen
Starrsinn zu schwächen und auf der andern Seite den Un-

475
Das Recht wider die Gewalt

schuldigen gegen die Martern zu stärken. Die Wahrheit


aber zu bekennen, so ist es ein sehr unsicheres und gefähr-
liches Auskunftsmittel. Was sollte man nicht tun, was
sollte man nicht sagen, um so heftigen Martern zu ent-
fliehen?
Woraus dann entsteht, dass, wenn der Richter einen
Menschen hat foltern lassen, damit er nicht unschuldig
hingerichtet werde, er solchen nun unschuldig und gefol-
tert hinrichten lässt. Tausend und tausend haben durch fal-
sche Bekenntnisse auf der Folter ihr Leben verloren, unter
welchen ich auch den Philotas zähle, wegen der Umstände
des Prozesses, den Alexander ihm machte und wegen des
sich immer weiter verbreitenden Gebrauchs der Folter-
bank. Indessen, sagt man, ist es doch immer das mindeste
Übel, das die menschliche Schwachheit erfinden konnte.
Wohl! Aber sehr unmenschlicher- und sehr unnützerweise
nach meiner Meinung.
Verschiedene Völker, die hierin weit weniger barbarisch
sind als die Griechen und Römer, von denen sie Barbaren
genannt werden, halten es für scheusslich und grausam,
einen Menschen eines Verbrechens wegen zu martern und
seinen Körper zu peinigen, über welches man noch zweifel-
haft ist. Was kann er für eure Unwissenheit? Seid ihr nicht
höchst ungerecht, die ihr, um ihn nicht ohne Ursache zu
töten, ihn eine schrecklichere Strafe leiden lasset als den
Tod? Um einzusehen, dass dies Wahrheit sei, betrachte
man nur, wie oft ein Inquisit lieber ohne schuldig zu sein,
sterben, als die Marter der Folter aushalten mag, die
schrecklicher ist als die Hinrichtung selbst, und oft durch
Montaigne
Essais ihr Übermass, der Hinrichtung zuvorkommt und solche
1580-1588 vollzieht. 884

DER GEFANGENE

Ich sitz' hinterm Gitter im feuchten Gemach.


Ein Adler, ein junger, steht aasend am Fach:
Mein trüber Gefährte, er aast mit Geräusch,
Er flattert und hackt in das blutige Fleisch.

Er hackt es und wirft's und zum Fenster er schaut,


Als wär' er mit meinen Gedanken vertraut.
Er ruft mir und kreischt mir ein mahnendes Wort,
Als wollt' er mir sagen: „Jetzt fliegen wir fort!

Wir fliegen ins Freie! 's ist Zeit! ja, 's ist Zeit!
Dahin, wo die Berge sich dehnen so weit,
Puschkin
1799-1837 Dahin, wo das Meer glänzt in bläulichem Strich,
Russland Dahin, wo nur schweben die Lüfte und ich!" 88s
476
Verrat, Verleumdung, Gefängnis, Folter, Todesstrafe, Gewalttätigkeit, Rache

Wenn ein Dieb oder ein Räuber gefangen wird und das ab-
streitet, was ihm vorgeworfen wird, so findet man es bei
euch in Ordnung, dass ihm der Richter den Kopf wund
schlagen und die Lenden mit Eisenspitzen durchbohren
muss, bis er die Wahrheit sagt. Weder das göttliche noch
das menschliche Recht erlaubt das: Das Geständnis darf
keinesfalls abgerungen werden, es muss aus freiem Willen
erfolgen. Angenommen, ihr habt einem Beschuldigten sol-
che Qualen zugefügt, und im nachhinein stellt ihr fest,
dass es für all das, was ihr ihm vorgeworfen habt, über-
haupt keine Beweise gibt, errötet ihr dann nicht, wenig-
stens einen Augenblick lang, und seht ihr dann nicht ein,
wie gottlos euer Urteil war? Ebenso gottlos ist es, wenn ein
Beschuldigter das gesteht, was er nicht begangen hat, weil
er solche Folterungen nicht ertragen konnte. Sagt mir, wer
trägt die Verantwortung für eine solche Gottlosigkeit,
wenn nicht der, der ihn zu einem falschen Geständnis
zwang? Mehr noch, wenn die Lippen etwas sprechen, was
gar nicht im Geiste ist, so sind das nur Worte, kein Ge-
ständnis! Hört auf mit diesen Dingen! Verwünscht von
ganzem Herzen das, was ihr bis jetzt in eurer Verrücktheit
Papst Nikolaus I. angewandt habt! Was hat euch das gebracht, was euch jetzt
An die Bulgaren
13. November 866 erröten lässt?

Die verschiedenen Regeln und die strengen Strafbestim-


mungen sind vollständig aufzuheben. Wenn wir zuvor Ge-
setze und Verordnungen aufstellen, so mit dem Wunsch,
die Menschen mögen nicht mehr die Absicht haben, Über-
tretungen zu begehen, und damit das Land geregelte Stra-
fen habe, nach dem Prinzip, nicht im Zorn zu strafen. Wir
hoffen, dass die Zeiten nicht mehr weit entfernt sein wer-
den, wo Strafen zwar vorgesehen, jedoch nicht angewandt
werden. Dass die zehntausend Länder und die hundert Für-
sten Kenntnis nehmen von unseren Absichten! Von ver-
gangenen Dynastien her hat sich bei den Behörden die Tra-
dition ausgebildet, beim Verhör (von Angeklagten) stets un-
gesetzliche Methoden anzuwenden; manchmal setzte man
(Folter)instrumente ein (um Bekenntnisse zu erpressen);
man griff zu Mitteln wie die grossen Knüppel, die Verprüge-
lung gefesselter (Gefangener), die Räderung, Fusstritte, An-
setzen von Knöchelzwingen, die Prügel mit (Eisen)stangen.
Unter der Einwirkung dieser Auswahl grausamster Strafen
machten viele (der Angeklagten) falsche (Aussagen). Sogar
Abhandlung über
wenn (die Angeschuldigten) nach dem Buchstaben (des Ge-
das Rechtswesen setzes) dem Gericht übergeben worden waren, gab es immer
aus der Geschichte (Gesetzes)überschreitungen und Masslosigkeit, so dass nie-
der Sui
China mand sich rechtfertigen konnte. Jetzt wurden alle grausa-
590-617 men Methoden vollständig abgeschafft. 88/

477
Das Recht wider die Gewalt

Brief an den Erzherzog zur Verteidigung eines Dieners, der


wegen Diebstahls eines Kupfergegenstandes angeklagt
wurde, und wo das zur Anwendung kam, wovon hier die
Rede ist.

Als ob es gerecht wäre, jemandem mit Folter ein Geständ-


nis abzuringen, weil Beweise, Beweisstücke und Zeugen
fehlen! Die Folter ist etwas, das den unschuldigsten aller
Menschen zu einem Schuldgeständnis zwingen kann. (...)
Bälint Balassa
Ungarn Wenn in einem Prozess die gleiche Person Kläger und Rich-
1587 ter ist, (...) so ist das an sich gesetzeswidrig.

Eine durch den Gebrauch bei den meisten Nationen gehei-


ligte Grausamkeit ist die Folterung des Angeklagten wäh-
rend des Prozesses, um ihn entweder zum Geständnisse
eines Verbrechens zu zwingen oder die Widersprüche, in
die er verfallen ist, anzugeben oder die hirnlose und unbe-
greifbare Reinigung von der Ehrlosigkeit zu bewirken oder
endlich ihn zum Geständniss anderer Verbrechen, denen er
schuldig sein kann, aber nicht angeklagt ist, zu veran-
lassen.
Ein Mensch kann nicht vor der Verurtheilung durch den
Richter schuldig genannt werden, und die Gesellschaft
kann ihm nicht den öffentlichen Schutz entziehen, so lan-
ge es nicht entschieden ist, dass er die Verträge verletzt
hat, deren Schutz ihm bewilligt wurde. Worauf also, wenn
nicht auf Gewalt, gründet sich das Recht, welches einem
Richter die Macht giebt, einen Bürger zu bestrafen, so lan-
ge es zweifelhaft ist, ob er schuldig oder unschuldig sei?
Nicht neu ist das Dilemma: entweder ist das Verbrechen
gewiss oder nicht; ist es gewiss, so kömmt ihm keine andre
Strafe zu, wie die von den Gesetzen bestimmte, und un-
nütz sind die Qualen, weil das Geständniss des Angeklag-
ten unnütz ist; ist es ungewiss, so darf ein Unschuldiger
nicht gefoltert werden, weil er den Gesetzen nach ein
Mensch ist, dessen Verbrechen nicht bewiesen sind.
Aber ich füge noch hinzu, dass es willkürlich ist und alle
Begriffe verwirrt, wenn man verlangt, dass ein Mensch zu
gleicher Zeit Ankläger und Angeklagter sei, dass der
Schmerz der Schmelztiegel der Wahrheit sein soll, gleich-
Cesare Beccaria sam, als ob deren Beweise in den Muskeln und Nerven der
Italien Unglücklichen ihren Sitz hätten. Es ist ein sicheres Mittel,
Über Verbrechen
und Strafen um kräftige Schuldige frei zu sprechen und schwache Un-
1764 schuldige zu verurtheilen. 88p

478
Verrat, Verleumdung, Gefängnis, Folter, Todesstrafe, Gewalttätigkeit, Rache

Die Was nun den Schmerz selbst betrifft, so habe ich mich aus-
Auspeitschung führlich erkundigt: ich wollte ganz genau wissen, wie gross
der Schmerz denn eigentlich wäre und womit man ihn ver-
gleichen könnte. Aus welchem Grunde ich danach fragte,
vermag ich selbst nicht zu sagen, ich weiss nur, dass es von
mir nicht aus müssiger Neugier geschah; ich war aufgeregt,
ich war erschüttert. Aber wen ich auch fragte, niemand
konnte mir eine befriedigende Antwort geben. Es brennt,
wie Feuer brennt es - das war alles, was ich erfahren
konnte, und zwar war dieses die immer wiederkehrende
und ganz gleichlautende Antwort aller. „Es brennt" - und
mehr vermochte niemand zu sagen. Als ich in der ersten
Zeit mit M-sskij näher bekannt wurde, fragte ich auch ihn.
„Es schmerzt", sagte er. „Sehr. Und das Gefühl - es brennt
... wie Feuer. Als ob der Rücken im stärksten Feuer gebra-
ten werde." Kurz, alle hatten dafür nur die eine Bezeich-
nung. Übrigens machte ich gerade damals - ich entsinne
mich dessen noch recht genau - eine Beobachtung, für de-
ren Richtigkeit ich allerdings nicht einstehen kann, die
aber von den übereinstimmenden Aussagen der Sträflinge
doch stark unterstützt wird. Es ist das die Ansicht, dass
Rutenhiebe, wenn sie in grosser Anzahl gegeben werden,
die schwerste Strafe von allen bei uns üblichen Strafen
sind. Man sollte meinen, dass diese Behauptung auf den er-
sten Blick unsinnig erscheinen muss. Einstweilen ist es
aber Tatsache, dass man mit fünfhundert, ja sogar mit vier-
hundert Rutenhieben einen Menschen totschlagen kann,
mit über fünfhundert ganz sicher. Tausend Hiebe würde
selbst der stärkste Mann nicht aushalten, während er fünf-
hundert Stockschläge ohne jede Lebensgefahr erträgt. Tau-
send Stockschläge kann sogar ein nur mittelstarker Mann
ohne Lebensgefahr ertragen. Selbst mit zweitausend Stock-
schlägen kann man noch keinen Menschen von mittlerer
Stärke und gesunder Konstitution totschlagen. Alle Sträf-
linge stimmten darin überein, dass Rutenhiebe schlimmer
seien als Stockschläge. „Die Ruten reissen mehr", sagten
sie, „es ist ein viel grösserer Schmerz." Natürlich sind Ru-
ten schmerzhafter als Stöcke. Sie reizen mehr, sie wirken
stärker auf die Nerven, sie erschüttern sie unmässig, weit
mehr als man ertragen kann. Ich weiss nicht, wie es jetzt
ist, aber in jener erst kürzlich vergangenen „alten Zeit" gab
es bei uns gewisse Gentlemen, bei denen die Möglichkeit,
einen Leibeigenen peitschen zu können, Empfindungen
hervorrief, die an den Marquis de Sade und die Marquise de
Brinvilliers erinnern. Ich glaube, in diesen Empfindungen
ist etwas, das jenen Gentlemen das Herz ersterben machte,
das schmerzhaft und doch süss war. Es gibt Menschen, die
wie Tiger blutdürstig sind. Wer einmal diese Macht, die

479
Das Recht wider die Gewalt

unbegrenzte Herrschaft über einen menschlichen Körper,


über das Fleisch und den Geist eines Menschen, wie man
selbst einer ist, der geschaffen wie wir und nach der Lehre
Christi ein Bruder von uns ist - wer einmal die Macht und
die Freiheit hat, ein anderes Wesen, das gleichfalls ein
Ebenbild Gottes ist, bis zur tiefsten Erniedrigung zu ernied-
rigen -, der wird unwillkürlich gleichsam machtlos in sei-
nen eigenen Gefühlen. Tyrannei ist Angewohnheit; sie ist
mit Entwicklungsfähigkeit begabt und schliesslich artet
sie in Krankheit aus. Ich bin der Meinung, dass selbst der
beste Mensch aus blosser Gewohnheit bis zum Tierischen
verrohen und abstumpfen kann. Blut und Macht berau-
schen, sie machen den Menschen trunken: Roheit und
Lüsternheit entwickeln sich; dem Gefühl wie auch dem
Verstände wird sogar das Anormalste zugänglich und
schliesslich ein Genuss. Der Mensch und Bürger erstirbt
im Tyrannen auf ewig, und eine Rückkehr zur Menschen-
würde, zur Reue, zur Wiedergeburt wird für ihn fast un-
möglich. Zudem wirkt das Beispiel, die Möglichkeit eines
solchen Eigenwillens, auf die ganze Gesellschaft an-
steckend: eine solche Macht ist verführerisch. Eine Gesell-
schaft, die sich zu derartigen Erscheinungen gleichgültig
verhält, ist bereits selbst in ihrer Grundlage vergiftet.
Kurz, das Recht zur Körperstrafe, das dem einen über den
anderen verliehen ist, ist eine der Pestbeulen der Gesell-
schaft, ist eines der stärksten Mittel zur Vernichtung jedes
Dostojewski Keimes, jedes Versuches zu einer höheren Menschlichkeit,
Aus einem
Totenhaus
und ist die breiteste Grundlage zur unfehlbaren, unaufhalt-
1861 samen Auflösung der menschlichen Gesellschaft. 890

Das Ein Räuber ist ein Mensch. Viele Räuber sind nicht viele
Menschliche Menschen, und keine Räuber sind nicht keine Menschen.
im Räuber Wie lässt sich das erklären? Wii hassen viele Räuber, aber
wir hassen nicht viele Menschen. Wir wünschen, dass kei-
ne Räuber da sind, aber wir wünschen nicht, dass keine
Menschen da sind. Die Menschheit insgesamt urteilt so.
Wenn dem so ist, so liebt man, wenn man einen Räuber
liebt, keinen Menschen, obgleich der Räuber ein Mensch
ist, und liebt man keinen Räuber, so liebt man nicht
Mo-tzu keinen Menschen. Die Tötung eines Räubers ist nicht die
5. Jh. v. Chr.
China Tötung eines Menschen. 891

Wider Das eigentliche Sein (d.h. der Mensch) sollte nicht ver-
die Todesstrafe nichtet werden. Im ewigen Dharma gibt es kein entspre-
Mahäbhärata, XII. chendes Gesetz. Fürwahr, echte Sühne (für ein Vergehen)
2, Jh. v. Chr. -
i. Jh. n. Chr. kann man auch ohne Todesstrafe finden. 892
Sanskrit

480
Verrat, Verleumdung, Gefängnis, Folter, Todesstrafe, Gewalttätigkeit, Rache

Tirukkural Der König, der die Verbrecher mit dem Tode bestraft,
i.Jh.
Mauritius gleicht dem, der in einem noch grünen Kornfeld Unkraut
Tamil ausreisst. 893

Ein Synedrium (Tribunal), das einmal in einem Septen-


nium eine Hinrichtung vollzieht, heisst ein verderben-
bringendes; R. Eliezer B. Azarja sagt, einmal in siebzig
Jahren. R. Tryphon und R. Aqiba sagten: Wenn wir im Syn-
Talmud edrium sässen, würde nie ein Mensch hingerichtet worden
Makkoth, 7 sein. 894

Mit welchem Rechte massen es sich die Menschen an,


Cesare Beccaria ihresgleichen zu tödten? (...)
Italien Die Todesstrafe ist also kein Recht (...) sondern sie ist
Über Verbrechen
und Strafen ein Krieg der Nation gegen einen Bürger, dessen Tödtung
1764 sie für nützlich oder nöthig hält. 895

ARTIKEL M E N S C H

Es braucht zwanzig Jahre, um einen Menschen aus dem


Zustand der Pflanze, in dem er sich im Schosse seiner Mut-
ter befindet, und aus dem Zustand des reinen Tieres, wel-
cher dem Stadium seiner ersten Kindheit entspricht bis zu
demjenigen zu führen, wo die Reife der Vernunft sich zu re-
gen beginnt. Es hat dreissig Jahrhunderte gebraucht, um
Voltaire ein wenig seine Körperstruktur zu kennen. Es bräuchte die
Philosophisches
Wörterbuch Ewigkeit, um etwas von seiner Seele zu kennen. Es braucht
1764 nur einen Moment, um ihn zu töten. 896

Katharina II. Die häufige Anwendung der Todesstrafe hat die Menschen
von Russland
17 66 nie besser gemacht. 8p/

Kerker Im Jahre 1783 besuchte ich mit zweien meiner Freunde


einen Turm. Es waren keine Gefangenen mehr dort. Ich be-
suchte alle Kerker bis zum schwarzen, grausigen Verlies,
das sich ganz unten am Turm befindet. Noch jetzt, wo ich
das schreibe, überläuft es mich kalt, wenn ich daran denke.
Unter einigen Anekdoten, die uns der Kerkermeister, der
uns dieses fürchterliche Gebäude zeigte, erzählte, gibt es
eine, die weitere Verbreitung verdient.
Ein Mann wurde in einen der Kerker dieses Turms ge-
sperrt. Da er sein Unglück schlecht ertrug, viel schrie und
wütend war auf die Urheber seiner Gefangenschaft, kam

481
Das Recht wider die Gewalt

Kerker
18.pl.
Russland

man auf den Gedanken, ihn in diese dunkle Zelle zu verset-


zen, um ihn zur Vernunft zu bringen. Er blieb fast zwei Jah-
re darin und wurde verrückt. Der Hof gab Befehl, ihn nach
Bicetre zu führen. Da man sich ihm aber unmöglich nä-
hern konnte, fiel es jemandem ein, eine riesige Dogge auf
ihn loszulassen, die ihn sofort niederwarf und so seine
Festnahme möglich machte. Der diensttuende Mann, der
uns diese Geschichte erzählte, lachte dabei und konnte
nicht aufhören, darüber zu witzeln. Er bewunderte vor
allem den Einfall mit der Dogge und wollte uns darauf auf-
merksam machen, wie einfallsreich diese List doch gewe-
sen war. Später erfuhr ich, dass der Ärmste, der in diesem
Verlies den Verstand verloren hatte, diese fürchterliche
Behandlung aus folgendem Grunde hatte erdulden müssen:
Er war im Gegensatz zu so vielen sogenannt ehrbaren Leu-
ten nicht einverstanden gewesen, dass ihn seine liederliche
Frau mit einem Lump betrog, der damals Minister war.

Freret wurde in die Bastille gesteckt, weil er eine hervorra-


gende Denkschrift verfasst hatte. Der Justizminister
kommt, um ihm Fragen zu stellen, er gibt Antwort und

482
Verrat, Verleumdung, Gefängnis, Folter, Todesstrafe, Gewalttätigkeit, Rache

sagt dann: „Ich habe den Eindruck, dass Sie mit meinen
Antworten auf Ihre Frage zufrieden sind. Darf auch ich eine
stellen?" - „Was für eine Frage?" - „Warum bin ich hier?"
- „Sie sind recht neugierig, mein Herr", sagte der Justiz-
minister, indem er ihm den Rücken zuwandte.
Man sagte M. de la Tour, es sei wirklich hart, weise
Andre Chemier Männer in die Bastille zu stecken, wenn sie die Wahrheit
Frankreich schrieben. „Eh, meine Dame", entgegnete dieser, „was sol-
Apologie len wir denn sonst mit ihnen?" 898

ÜBER DEN T O D

Setzt euch doch, Freunde!


Seid willkommen!
Ich weiss, während ich schlief,
kamt ihr durchs Fenster in meine Zelle.
Ihr warft nicht die langhalsige Medizinflasche zu Boden
noch die rote Pillenschachtel.
Vor meinem Bett stehend,
Sternenlicht auf den Gesichtern,
haltet ihr euch an den Händen.
Seid willkommen, Freunde!
Ist es nicht merkwürdig ...
Ich dachte, ihr wäret tot.
Und da ich weder
an Himmel noch Hölle glaube noch an Gott,
dachte ich: Schade,
ich kann nicht einmal
meinen Freunden eine Zigarette anbieten.
Ist es nicht merkwürdig ...
Ich dachte, ihr wäret tot.
Ihr kamt durchs Fenster in meine Zelle.
Setzt euch doch, Freunde!
Seid willkommen!
Warum legst du die Stirn in Falten,
Hä§im, Sohn Osmans?
Ist es nicht merkwürdig ...
Warst du nicht tot, Bruder?
Stürztest du nicht im Hafen von Istanbul
beim Kohlenladen auf einem ausländischen Frachter
in den Laderaum
mit deinem Kohlenkorb?
Die Winde holte deinen Körper herauf,
und ehe du starbst,
wusch rotes Blut
deinen schwarzen Kopf.

483
Das Recht wider die Gewalt

Wer weiss denn, was du leiden musstest...


Bleib nicht stehen, bitte, setz dich doch!
Ich dachte, du wärest tot.
Du kamst durchs Fenster in meine Zelle,
Sternenlicht auf dem Gesicht.
Seid willkommen, Freunde!
Guten Tag, Yäkup aus dem Bergdorf,
starbst du nicht auch
und hinterliessest deinen Kindern
deine Malaria und deinen Hunger,
du wurdest nicht an einem heissen Sommertag
auf dem kahlen Friedhof begraben?
So - du bist also nicht gestorben ...
Und du,
Ahmet Cemil, der Schreiber!
Ich sah doch mit eignen Augen,
wie sie deinen Sarg in die Grube senkten.
Mir schien sogar
der Sarg ein wenig kurz zu sein.
Stell die Flasche hin, Ahmet Cemil!
Du hast also deine schlechten Angewohnheiten
nicht abgelegt.
Das ist Medizin und keine Rakiflasche.
Um fünfzig Cents am Tag zu verdienen
und die Einsamkeit dieser Welt zu vergessen,
wieviel du doch zu trinken pflegtest!
Ich dachte, du wärest tot.
Da steht ihr an meinem Bett
und haltet euch an den Händen.
Setzt euch doch, Freunde!
Seid willkommen!
Ein alter persischer Dichter sagt:
„Der Tod ist gerecht,
er schlägt mit gleicher Majestät
den Schah und den Armen."
Häsim, was blickst du so verwundert?
Bruder, hörtest du nie
von einem Schah, der einen Kohlenkorb schleppte
und im Laderaum eines Frachters umkam?
Ein alter persischer Dichter sagt:
„Der Tod ist gerecht..."
Yäkup, du mein Augapfel,
du lächelst ja über das ganze Gesicht.
So lächeltest du nie,
solange du am Leben warst.
Aber lass mich zu Ende kommen.

484
Verrat, Verleumdung, Gefängnis, Folter, Todesstrafe, Gewalttätigkeit, Rache

Ein alter persischer Dichter sagt:


„Der Tod ist gerecht..."
Lass die Flasche, Ahmet Cemil,
du ärgerst dich ganz umsonst!
Ich weiss, wenn der Tod gerecht ist,
meinst du, sollte das Leben auch gerecht sein.
Ein alter persischer Dichter ...
Freunde, warum seid ihr so böse?
Nazim Hikmet
Türkei Warum lasst ihr mich allein?
1946 Freunde, wohin? 899

DAS URTEIL

Und es fiel das steinerne Wort


Auf meine, noch lebende, Brust.
Gleichviel, ich war bereit,
Komme zurecht damit schon irgendwie.

Ich habe heute viel zu tun:


Muss die Erinnerung endgültig töten,
Muss die Seele mir versteinern,
Muss von neuem zu leben beginnen.

Doch das nicht... des Sommers heisses Flüstern,


Gleichsam ein Feiertag vor meinem Fenster.
Das habe ich lang vorausgefühlt -
Ein heller Tag und ein verlassenes Haus.
Anna Achmatowa 1939 Sommer
UdSSR 900

Gesetz gegen Wenn eine Person eine andere mit einer Axt oder einem
Gewalttaten Messer angreift, und wenn diese schwer verletzt ist, muss
der Angreifer dem Opfer eine Entschädigung bezahlen für
den Kauf von Medikamenten bis zur vollkommenen Hei-
lung. Zudem muss er dem König eine Busse von 20000 be-
Gesetzbuch zahlen. Ebenso alle Komplizen des Angreifers, die ihm hal-
Kutäracästra
14. Jh. fen oder ihn anstachelten. Die Bussen werden dem König
Java bezahlt. 901

Lösegeld Ein Schuldiger, den man zum Ort der Hinrichtung führt,
und der sein Leben gerettet haben will, muss ein Lösegeld
von 8000 bezahlen; man nennt dies „ein Stück Urwald
kaufen". Wenn ein weggelaufener Sklave, der kein anderes
Verbrechen begangen hat, wiedergefunden wird, und er in
der Zwischenzeit an seinem Fluchtort eine Frau ohne

48s
Das Recht wider die Gewalt

Schulden, oder eine reiche adelige Frau geheiratet hat und


so aus reinem Glück reich geworden ist, kann er seinem
Herrn als Lösegeld für sich und seine Kinder eine ange-
messene Entschädigung bezahlen. Wenn das vom Sklaven
Gesetzbuch für sich und für seine Kinder vorgeschlagene Lösegeld ver-
Kutärapästra
14. Jh. nünftig ist, wird der Meister sich damit zufrieden geben
Java müssen. 902

Kriegsgefangene Die Kriegsgefangenen (das heisst, die im Verlaufe eines


Krieges gefangenen Frauen, da die feindlichen Soldaten ge-
tötet wurden) können ihre Freiheit zurückkaufen, indem
sie 8000 bezahlen. Dies heisst „sein Leben kaufen". So wa-
Kodex ren die Gesetze, die sich auf die Kriegsgefangenen der Epo-
Kutäragästra
14. Jh. che des Dwäpara bezogen (ehernes Zeitalter vor dem Ende
Java des 4. Jahrtausends v. Chr.). 903

Gegen die Rache


und die Gewalt-
tätigkeit Man wäscht Blut nicht mit Blut rein. 904
Türkisches
Sprichwort
Ii. Jh.
Ostturkestan

Türkisches Vergiesse kein Blut, um einen Streit zu schlichten,-


Sprichwort schlichte ihn nach dem Gesetz. 90s

Zwei Derwische haben genügend Platz auf einer Matratze,


Turkmenisches zwei Padischahs sind nicht imstande, sich in die Oberflä-
Sprichwort che der Erde zu teilen. 906

Von Talmud gegebene Interpretation der Sprüche der Bibel,


die die Rache und den Groll verurteilen:

Was heisst „rachsüchtig" und was heisst „nachtragend"?


Wenn jemand einen bittet, ihm seine Sichel zu borgen, und
dieser es ablehnt, worauf dieser am folgenden Tage jenen
bittet, ihm seine Axt zu borgen, und jener erwidert: ich
borge dir nicht, wie auch du mir nicht geborgt hast. Dies
heisst „rachsüchtig". Was heisst „nachtragend"? Wenn je-
mand einen bittet, ihm seine Axt zu borgen, und dieser es
ablehnt, worauf dieser am folgenden Tage jenen bittet, ihm
sein Gewand zu borgen, und jener erwidert: da hast du; ich
Talmud bin nicht wie du, der du mir nicht geborgt hast. Dies heisst
Yoma, 23 „nachtragend". 907

486
Gegen den Krieg; das Recht bis in den Krieg

Die gute Rache

Vemana Sogar wenn dir ein Feind, der verdient getötet zu werden,
i S . Jh. in die Hände fällt, tu ihm kein Leid an. Hilf ihm, so gut du
Satakamu
Telugu- kannst, und dann, lass ihn laufen. Das ist genug - denn
Überlieferung für ihn ist es der Tod! 908

Gegen den Krieg


Das Recht bis in den Krieg

Gegen den Krieg So gross ist das Schuldgefühl (von Priyardarsin), dem Lieb-
ling der Götter, dem Eroberer von Kaiinga. Diese Erobe-
rung kann nicht als eine richtige Eroberung angesehen wer-
den, denn sie wurde begleitet vom Mord, Tod oder von der
Gefangenschaft des Volkes. So tief ist das Gefühl des Kum-
mers und des Bedauerns des Lieblings der Götter (...).
(Der Krieg) bringt (den frommen und unschuldigen Per-
sonen) die Gewalttätigkeit, den Tod oder die Deportation
von geliebten Verwandten. Die Freunde, die geschätzten
Kameraden, die Kumpane und die Nahestehenden, die wei-
ter die gleiche Zuneigung hegen für diejenigen, die vom
Krieg betroffen werden, erleiden selber ein Missgeschick,
Edikt von Asoka das eine Gewalttätigkeit an ihrer Person darstellt. Es ist
Rocher XIII.
3. Jh. v. Chr. das Los aller Menschen, das der Liebling der Götter be-
Prakrit klagt. 909

Wiederher- Und ich sprach: Es ist nicht gut, was ihr tut; solltet ihr
stellung nicht in der Furcht unseres Gottes wandeln, dass ihr nicht
des Friedens verhöhnt werdet von den Völkern, unseren Feinden? Auch
ich, meine Brüder und meine Knaben, haben ihnen Geld
und Korn geliefert; erlassen wir ihnen doch dieses Darlehn!
Gebet ihnen doch sofort zurück ihre Felder, ihre Weinber-
ge, ihre Ölberge und ihre Häuser, und das Hundert an Geld
und Korn, Most und Öl, was ihr ihnen dargeliehen habt.
Hebräische Bibel Da sprachen sie: Wir wollen zurückgehen und von ihnen
Nehemia 5, 9 - 1 2 nichts verlangen; wir wollen so tun, wie du sprichst. 910

487
Das Recht wider die Gewalt

Gegen die Aber man schämt sich, daran zu denken, aus welch
Vorwände schandbaren und frivolen Ursachen christliche Herrscher
des Krieges die Welt in den Krieg hetzten. Der eine entdeckt oder erfin-
det einen wertlosen Rechtsanspruch, einen abgenützten
und vermoderten Titel, als ob es darauf ankäme, wer ein
Land regiert, wenn nur für das Allgemeinwohl gesorgt
wird. Ein anderer schützt als Grund vor, dass in einem Ver-
trag von hundert und mehr Punkten ich weiss nicht was
ausgelassen wurde. Ein dritter ist der Feind eines anderen
aus persönlichen Gründen, weil er ihm die Braut entrissen
oder allzu offen gespottet hat. Am verruchtesten aber ist
es, wenn einige Herrscher mit despotischer List, da sie
merken, dass ihre Macht durch die Eintracht des Volkes er-
schüttert, durch dessen Zwietracht gefestigt wird, Men-
Erasmus von schen anstellen, die, wenn sich Gelegenheit bietet, einen
Rotterdam Krieg losbrechen lassen, damit sie gleichzeitig sowohl die
Die Klage des Eintracht des Volkes vernichten als auch das unselige Volk
Friedens
ISIS ungehemmt ausplündern können. 911

Töteni Weshalb töten Sie mich? - Weshalb? Wohnen Sie nicht


jenseits des Wassers? Mein Lieber, würden Sie diesseits
wohnen, wäre ich ein Mörder und es wäre Verbrechen, Sie
Pascal
1623-1662 solcherart zu töten; da Sie aber am anderen Ufer wohnen,
Pensées bin ich ein Held, und was ich tue ist recht. 912

Gegen Wir verurteilen ausdrücklich alle Kriege und äusseren Kon-


jeden Krieg flikte, und die Kämpfe mit Waffen, zu welchem Ziel oder
Erklärungen unter welchem Vorwand es auch sei: So bezeugen wir es
der Quäker
an König Karl II. vor aller Welt. ' 913
1660
Grossbritannien

Wie die Regierung der Welt zu reformieren ist

Die letzten Ziele der Gesellschaft sind der allgemeine Frie-


de und die Sicherheit, und das Wohlergehen des Volkes
sollte das oberste Gesetz jeder Republik oder jeden König-
reichs sein. Man muss also alles aufheben, was auf irgend-
eine Art Verwirrung in der menschlichen Gesellschaft stif-
ten sowie ihr Funktionieren schwieriger und verwickelter
gestalten oder die Bindungen unterbrechen könnte, von de-
nen die allgemeine und öffentliche Sicherheit abhängt. In
dieser Hinsicht sind folgende die wichtigsten Ursachen des
Übels: Die Kriege, denn es gibt kein Heil im Krieg. Um zu
verhindern, dass sich Feindseligkeiten und Kriege entflam-
men, müssen die Waffen zerstört werden, so wie Gott es

488
Gegen den Krieg; das Recht bis in den Krieg

befohlen hat (Jesaja, 2 - 4 ) . Und wir werden auch die von


blutrünstigem Geiste geschürten Geheimversammlungen
aufheben, welche nur zu Zerstörungsandrohungen mit
Feuer und Schwert und zur Vernichtung der Staaten füh-
ren. Aber eine Frage stellt sich dann: was wird man mit den
Gewehren und den Kanonen machen? Hier meine Ant-
wort: die Gewehre werden gegen die wilden Tiere verwen-
det, und die Kanonen wird man einschmelzen, um aus ih-
rem Metall Glocken zu giessen, die die Leute zusammen-
Johann Arnos
Comenius rufen werden, oder Musikinstrumente, und alles wird dazu
tschechischer verwendet werden, um den Herrn zu lobpreisen (...).
Schriftsteller
17. Jh.
Das Reich der Wahrheit und der Gerechtigkeit wird
De rerum durch das Gesetz gesichert werden müssen, und nicht
humanarum durch Waffen - handle es sich um eiserne oder um solche
emendatione
consultatio der Schmähung und der Wut - und der Friede müsste
catholica überall beibehalten werden. 914

Verband Bei dem Begriffe des Völkerrechts, als eines Rechts zum
für den Frieden Kriege, lässt sich eigentlich gar nichts denken (weil es ein
Recht sein soll, nicht nach allgemein gültigen äussern, die
Freiheit jedem einzelnen einschränkenden Gesetzen, son-
dern nach einseitigen Maximen durch Gewalt, was Recht
sei, zu bestimmen), es müsste denn darunter verstanden
werden: dass Menschen, die so gesinnt sind, ganz recht ge-
schieht, wenn sie sich untereinander aufreiben und also
den ewigen Frieden in dem weiten Grabe finden, das alle
Greuel der Gewalttätigkeit samt ihren Urhebern bedeckt.
- Für Staaten im Verhältnis untereinander kann es nach
der Vernunft keine andere Art geben, aus dem gesetzlosen
Zustande, der lauter Krieg enthält, herauszukommen, als
dass sie, ebenso wie einzelne Menschen, ihre wilde (gesetz-
lose) Freiheit aufgeben, sich zu öffentlichen Zwangsgeset-
zen bequemen und so einen (freilich immer wachsenden)
Völkerstaat (civitas gentium), der zuletzt alle Völker der
Erde befassen würde, bilden. Da sie dieses aber nach ihrer
Idee vom Völkerrecht durchaus nicht wollen, mithin, was
in thesi richtig ist, in hypothesi verwerfen, so kann an die
Stelle der positiven Idee einer Weltrepublik (wenn nicht
alles verloren werden soll) nur das negative Surrogat eines
den Krieg abwehrenden, bestehenden und sich immer aus-
breitenden Bundes den Strom der rechtscheuenden, feind-
seligen Neigung aufhalten, doch mit beständiger Gefahr
Kant
Zum ewigen Frieden ihres Ausbruchs (Furor impius intus - fremit horridus ore
I79S cruento. Virgil). 915

489
Das Recht wider die Gewalt

Der Krieg, sagt man, kultiviert; und es ist wahr, er erhebt


unsere Seelen zu heroischen Empfindungen und Thaten,
zur Verachtung der Gefahr und des Todes, zur Geringschät-
zung von Gütern, die täglich dem Raube ausgesetzt sind,
zum innigeren Mitgefühl mit allem, was Menschantlitz
trägt, weil gemeinschaftliche Gefahr oder Leiden sie enger
an uns andrängen; aber haltet dies ja nicht für eine Lobrede
auf eure blutgierige Kriegssucht, für eine demüthige Bitte
der seufzenden Menschheit an euch, doch ja nicht abzulas-
sen, sie in blutigen Kriegen aneinander aufzureiben. Nur
solche Seelen erhebt der Krieg zum Heroismus, welche
schon Kraft in sich haben; den Unedlen begeistert er zum
Raube und zur Unterdrückung der wehrlosen Schwäche; er
Fichte erzeugt Helden und feige Diebe, und welches wohl in grös-
deutscher Philosoph
1793 serer Menge? 916

In der alten Welt erhoben sich einige beredte Philosophen,


vor allem Voltaire, gegen die Ungerechtigkeit, die Sinn-
losigkeit des Krieges; aber sie konnten dabei, kaum, die
kriegerische Raserei besänftigen. Diese riesige Masse Men-
schen, die Sieg und Reichtum einzig mit Hilfe des Massa-
kers erwarten kann, hat mit Eifer höhnend verkündet, und
man wiederholte es in den Büchern, in den Lagern und an
den Höfen, dass es weder Patriotismus, noch Heldenmut
Condorcet
Atlantide
mehr gebe, seit eine abscheuliche Philosophie das Blutver-
1794 giessen verhindern wollte. 91/

GEBET DER „POLNISCHEN BLUMEN" (1943)

Öffne das Land Polen, wie du uns den Himmel durch den
Blitz öffnest. Erlaube uns, unser Haus von unserer Asche
und unsern heiligen Ruinen zu reinigen, wie auch von un-
sern Verfehlungen und verwünschten Sünden. Möge unser
aus dem Friedhof auferstandenes Haus arm, aber rein sein.
(...)
Wappne die Hochmütigen mit Demut und stärke die De-
mütigen mit stolzem Zorn. Lehre uns, dass es unter dei-
nem Himmel weder „Griechen noch Juden" geben kann.
(...)
Schlage den Ehrgeizigen, der die Waffen zu seinem Ruhm
ergreift, und lasse nicht mehr zu, dass das mit Schande be-
fleckte Schwert das Kreuz deines Märtyriums trägt. (...)
Aber gib vor allem unsern von Lügnern entstellten Worten
Juljan Tuwim ihre ganze Wahrheit wieder, damit Gesetz Gesetz bedeutet
Polen und Gerechtigkeit Gerechtigkeit. 918

490
Gegen den Krieg; das Recht bis in den Krieg

Barmh erzigkei t Was die Heiden auch immer getan haben,


so sollt ihr sie doch spüren lassen,
dass Gott selbst dem verzieh,
durch die er das Leben verlor.
Wolfram von
Eschenbach Wenn Gott euch dort Sieg beschert,
13. Jh. so habt Erbarmen im Kampf. 919

Gesetze Es gibt Gesetze des Krieges, die man ebenso gottesfürchtig


des Krieges einhalten muss wie diejenigen des Friedens. Sogar im
Kriegszustand verbleibt den Menschen ein gewisses Recht,
das die Grundlage der Menschlichkeit darstellt: Es ist ein
Fénelon heiliges und unverletzbares Band zwischen den Völkern,
1651-1715 das kein Krieg zerreissen kann. 920

Völkerrecht Sobald die Menschen in Gesellschaft leben, verlieren sie


das Gefühl ihrer Schwäche; die Gleichheit, die unter ihnen
bestand, geht verloren und der Kriegszustand beginnt.
Jede einzelne Gesellschaft gelangt zum Gefühl ihrer Kraft
und damit wird ein Kriegszustand von Volk zu Volk hervor-
gerufen. Die einzelnen in jeder Gemeinschaft werden sich
allmählich ihrer Kraft bewusst; sie versuchen, sich die
grössten Vorteile dieser Gemeinschaft zu sichern, und da-
durch kommt es zu einem Kriegszustand zwischen ihnen.
Diese beiden Arten von Kriegszustand führen zur Schaf-
fung der Gesetze unter den Menschen. Als Bewohner eines
Planeten, der so gross ist, dass es notwendigerweise mehre-
re Völker geben muss, haben sie Gesetze, die ihre Bezie-
hungen untereinander regeln: das ist das Völkerrecht. Als
Glieder einer Gesellschaft, die aufrechterhalten werden
soll, haben sie Gesetze, die sich auf das Verhältnis der Re-
gierenden zu den Regierten beziehen: das ist das Staats-
recht. Und weiter haben sie Gesetze, die sich auf das Ver-
hältnis aller Bürger zueinander beziehen: das ist das bür-
gerliche Recht.
Das Völkerrecht ist naturgemäss auf dem Grundsatz auf-
gebaut, dass sich die verschiedenen Völker, soweit das mit
ihren wahren Interessen vereinbar ist, im Frieden mög-
lichst viel Gutes und im Kriege möglichst wenig Böses zu-
fügen sollen.
Das Ziel des Krieges ist der Sieg, das des Sieges die Erobe-
rung und das der Eroberung die Erhaltung. Aus diesem und
dem vorhergehenden Grundsatz müssen sich alle Gesetze
des Völkerrechts herleiten.
Alle Völker haben ein Völkerrecht, sogar die Irokesen,
die ihre Gefangenen aufessen. Sie entsenden und empfan-
Montesquieu gen Gesandtschaften und kennen die Rechte des Krieges
Vom Geist
der Gesetze und Friedens: das Schlimme ist nur, dass ihr Völkerrecht
1748 nicht auf den richtigen Grundsätzen beruht. 921

491
Das Recht wider die Gewalt

Gründung des Roten Kreuzes

Daher muss man einen Aufruf erlassen, eine Bittschrift an


Männer aller Länder und aller Stände, an die Mächtigen
dieser Welt wie an die einfachen Handwerker, denn alle
können auf die eine oder andere Weise, jeder in seinem
Kreise und seiner Kraft gemäss, irgend etwas zu diesem
guten Werke beitragen. Ein solcher Aufruf müsste sich
gleichermassen an Frauen und Männer wenden, an die
Prinzessin zu den Stufen des Thrones ebenso wie an das
einfache Dienstmädchen, das als Waise aufgewachsen in
ihrer niederen Arbeit aufgeht, oder an die arme Witwe, die
niemanden mehr hat in der Welt und ihre letzte Kraft dem
Wohle des Nächsten opfern will. Er müsste sich an den Ge-
neral ebenso wenden wie an den Philanthropen oder den
Schriftsteller, der von seinem Schreibtisch aus dank seiner
Begabung durch Veröffentlichungen die Frage weitertrei-
ben könnte, welche die ganze Menschheit angeht und im
besonderen Sinne jedes Volk, jede Gegend und auch jede
Familie, denn niemand kann mit Sicherheit sagen, dass er
für immer Schutz geniesst gegen die Wechselfälle des Krie-
ges. (...)
Es ist um so wichtiger, über solche Massregeln schon im
voraus eine Übereinkunft zu treffen, als Kriegführende,
wenn die Feindseligkeiten einmal ausgebrochen sind,
nicht mehr geneigt sind, diese Fragen anders als unter dem
Gesichtspunkt des eigenen Landes und der eigenen Solda-
ten zu betrachten. (...) Und schliesslich: Ist es in einer
Epoche, wo man soviel von Fortschritt und Zivilisation
spricht, nicht dringend nötig, da nun einmal unglückli-
Henri Dunant cherweise Kriege nicht immer verhindert werden können,
Schweiz darauf zu bestehen, dass man im Sinne wahrer Mensch-
Ein Andenken lichkeit und Zivilisation einen Weg sucht, um wenigstens
an Solferino
1862 seine Schrecken etwas zu mildern? 922

KONVENTION ZUR VERBESSERUNG DES LOSES DER VERWUNDETEN


SOLDATEN DER A R M E E N IM FELDE

Die Schweizerische Eidgenossenschaft, Seine Hoheit der


Grossherzog von Baden, Seine Majestät der König der Bel-
gier, Seine Majestät der König von Dänemark, Ihre Maje-
stät die Königin von Spanien, Seine Majestät der Kaiser der
Franzosen, Seine Königliche Hoheit der Grossherzog von
Hessen, Seine Majestät der König von Italien, Seine Maje-
stät der König der Niederlande, Seine Majestät der König
von Portugal und der Algarven, Seine Majestät der König
von Preussen, Seine Majestät der König von Württemberg,

492
Gegen den Krieg; das Recht bis in den Krieg

sind alle auch vom Wunsch beseelt, so weit sie Einfluss


haben können, alles Leid, das vom Krieg nicht zu trennen
ist, zu lindern, den verwundeten Soldaten unnötige Qualen
zu ersparen und ihr Los auf den Schlachtfeldern zu verbes-
sern, und sie haben ein diesbezügliches Abkommen getrof-
fen.(...J
Artikel i
Die leichten und die Hauptfeldlazarette sollen als neutral
anerkannt und demgemäss von den Kriegführenden ge-
schützt und geachtet werden, solange sich Kranke oder
Verwundete darin befinden.
Artikel 2
Das Personal der leichten und Hauptfeldlazarette, inbegrif-
fen die mit der Aufsicht, der Gesundheitspflege, der Verwal-
tung, dem Transport der Verwundeten beauftragten Perso-
nen, sowie die Feldprediger nehmen solange an der Wohltat
der Neutralität teil, als sie ihren Verpflichtungen obliegen
und als Verwundete aufzuheben oder zu verpflegen sind.
Artikel 3
Die im vorhergehenden Artikel bezeichneten Personen
können selbst nach der feindlichen Besitznahme fortfah-
ren, in den von ihnen bedienten leichten oder Hauptfeld-
lazaretten ihrem Amt obzuliegen oder sich zurückziehen,
um sich den Truppen anzuschliessen, zu denen sie gehö-
ren. Wenn diese Personen unter solchen Umständen ihre
Tätigkeit einstellen, wird die den Platz behauptende Ar-
mee dafür sorgen, dass sie den feindlichen Vorposten zuge-
führt werden.
Artikel 4
Das Material der Hauptfeldlazarette unterliegt den Kriegs-
gesetzen, und die zu diesen Lazaretten gehörigen Personen
dürfen daher bei ihrem Rückzug nur diejenigen Gegenstän-
de mitnehmen, welche ihr Privateigentum sind.
Das leichte Feldlazarett bleibt unter gleichen Umstän-
den im Besitze seines Materials.
Artikel 5
Die Landesbewohner, welche den Verwundeten zu Hilfe
kommen, sollen geschont werden und frei bleiben. Die Ge-
nerale der kriegführenden Mächte haben die Aufgabe, die
Einwohner von dem an ihre Menschlichkeit ergehenden
Rufe und der daraus sich ergebenden Neutralität in Kennt-
nis zu setzen. Jeder in einem Hause aufgenommene und
verpflegte Verwundete soll demselben als Schutz dienen.
Der Einwohner, welcher Verwundete bei sich aufnimmt,
soll mit Truppeneinquartierung sowie mit einem Teil der
etwa auferlegten Kriegskontributionen verschont werden.

493
Das Recht wider die Gewalt

Artikel 6
Die verwundeten oder erkrankten Militärs sollen ohne Un-
terschied der Nationalität aufgenommen und verpflegt
werden. Den Oberbefehlshabern soll es freistehen, die
während des Gefechts verwundeten feindlichen Militärs
sofort den feindlichen Vorposten zu übergeben, wenn die
Umstände dies gestatten und beide Parteien einverstanden
sind.
Diejenigen, welche nach ihrer Heilung als dienstunfähig
befunden worden sind, sollen in ihre Heimat zurückge-
schickt werden. Die anderen können ebenfalls zurückge-
schickt werden unter der Bedingung, während der Dauer
des Krieges die Waffen nicht wieder zu ergreifen. Die Ver-
bandplätze und Depots nebst dem sie leitenden Personal
geniessen unbedingte Neutralität.

Artikel 7
Eine deutlich erkennbare und übereinstimmende Fahne
soll bei den Feldlazaretten, den Verbandplätzen und
Depots aufgesteckt werden. Daneben muss unter allen
Umständen die Nationalflagge aufgepflanzt werden.
Ebenso soll für das unter dem Schutz der Neutralität ste-
hende Personal eine Armbinde zulässig sein,- aber die Ver-
abfolgung einer solchen bleibt der Militärbehörde überlas-
sen.
Die Fahne und die Armbinde sollen ein rotes Kreuz auf
weissem Grunde tragen.

Artikel 8
Die Einzelheiten der Ausführung der gegenwärtigen Kon-
vention sollen von den Oberbefehlshabern der kriegsfüh-
renden Armeen nach den Anweisungen ihrer betreffenden
Regierungen und nach Massgabe der in dieser Konvention
ausgesprochenen allgemeinen Grundsätze angeordnet wer-
den.

Artikel 9
Die hohen vertragschliessenden Mächte sind übereinge-
kommen, gegenwärtige Konvention denjenigen Regierun-
gen, welche keine Bevollmächtigte zur internationalen
Konferenz in Genf haben schicken können, mitzuteilen
und sie zum Beitritt einzuladen. Das Protokoll wird zu
diesem Zweck offen gelassen.

Artikel 10
Die gegenwärtige Konvention soll ratifiziert und die Ratifi-
Genfer Rotkreuz- kationsurkunden sollen in Bern binnen vier Monaten oder,
Abkommen wenn es sein kann, früher ausgewechselt werden. 923

494
Gegen den Krieg; das Recht bis in den Krieg

Zu meiner Zeit auf dieser Erde,


da war der Mensch so tief gesunken, dass er
mutwillig tötete, nicht nur befohlen,
und, während er im Wahn wild geiferte, ein Zwang
im Hirn sein Leben wild ins Garn des Irrsinns schlang.

Zu meiner Zeit auf dieser Erde,


da galt das Denunzieren als Verdienst,
der Mörder, Dieb, Verräter galt als Held,
und wem das Wort verging, wer langsam war, zum Fest,
der machte sich damit schon stinkend wie die Pest.

Zu meiner Zeit auf dieser Erde,


da konnte, der das Wort erhoben, sich
verkriechen und die Schmachfaust nagen gehn, -
das Land verwilderte, in grausem Übermut
berauschte sich's am Kot und leckte grinsend Blut.

Zu meiner Zeit auf dieser Erde,


da gab es Kinder, die der Mutter fluchten,
und glücklich war die Frau, die fehlgebar,
Miklos Radnoti das Grabgewürm war dem, der lebte, das Erträumte,
ungarischer Dichter
1909 - 1 9 4 4 indes auf seinem Tisch der dicke Giftsaft schäumte.
Nach Serbien
deportiert
Seine Leiche wurde
Zu meiner Zeit auf dieser Erde,
1947 in einem Mas- da war's, dass auch der Dichter nur noch schwieg
sengrab gefunden. und wartete, ob er nochmals zu Wort kommt, -
Handschriftliche
Gedichte fanden mit Vollmacht fluchen kann ja ohnehin er nicht,
sich in seiner Tasche kann nur die Wortgewalt, die aus Jesaja bricht. 924

BRIEF AN EINEN DEUTSCHEN FREUND, 1 9 4 3

Gleich zu Beginn will ich Ihnen sagen, welche Art Grösse


unsere Triebkraft ist. Das heisst aber, Ihnen erklären, wel-
che Art Mut wir anerkennen, denn es ist nicht der Ihre. Ins
Feuer rennen hat nicht viel zu bedeuten, wenn man sich
seit jeher darauf vorbereitet hat und wenn einem Rennen
selbstverständlicher ist als Denken. Es bedeutet im Gegen-
teil viel, der Folter und dem Tod entgegenzugehen, wenn
man zutiefst und unverrückbar weiss, dass der Hass und
die Gewalt an sich sinnlos sind. Es bedeutet viel, sich zu
schlagen, wenn man den Krieg verachtet, hinzunehmen,
dass man alles verliert, wenn man das Verlangen nach
Glück bewahrt, zu zerstören, wenn man an eine höhere
Kultur glaubt. (...)
Wir mussten unsere Freude am Menschen, das Bild, das
wir uns von einem friedlichen Schicksal machten, die tief

495
Das Recht wider die Gewalt

in uns wurzelnde Überzeugung überwinden, wonach kein


Sieg sich lohnt, während jede Verstümmelung des Men-
schen nicht wiedergutzumachen ist. Wir mussten gleich-
zeitig auf unser Wissen und auf unsere Hoffnung verzich-
ten, auf die Gründe zum Lieben und auf den Hass, den wir
jedem Krieg entgegenbrachten. Um es mit einem Wort aus-
zudrücken, das Sie wahrscheinlich verstehen werden, da es
von mir kommt, dessen Hand Sie zu drücken liebten: wir
Albert Camus mussten unser leidenschaftliches Verlangen nach Freund-
Frankreich schaft zum Schweigen bringen. 925

D I E ZITADELLE VON K A O - Y U

Zitadelle von Kao-yu


Wie lang ist deine Ringmauer!
Auf der Ringmauer hat man Korn gesäet, zu ihren Füssen
Maulbeerbäume gepflanzt.
Früher warst du solider als Eisen;
Du bist zum Feld geworden, das man bearbeitet und be-
pflanzt.
Mein einziger Wunsch ist, dass für tausend und zehntau-
send Jahre,
Der ganze Horizont der vier Meere, für uns
die Grenze sei!
Dass die Maulbeerbäume Schatten spenden,
Ch'iehHsi-ssu
1274-1344 Die Kornfelder weit seien ...
China Dass es nie wieder weder Ringmauer noch Graben gebe! 926

496
Nationale Identität
und Unabhängigkeit
Gleichheit zwischen den Nationen und den Völkern
Recht auf Existenz eines jeden

Nach ihrer Ankunft (in Sparta) wurde eine Versammlung


veranstaltet, in welcher hauptsächlich die Korinthier und
Thebaier, aber auch viele andere Hellenen, gegen einen
Vertrag mit den Athenern Einspruch erhoben und statt des-
sen deren Vernichtung forderten. Die Lakedaimonier aber
lehnten es ab, eine hellenische Stadt zu versklaven, die
Hellas einst, als es in der äussersten Gefahr schwebte,
Xenophon
Hellenika einen grossen Dienst erwiesen habe; sie waren vielmehr
ca. 384 V. Chr. bereit, Frieden zu schliessen. 927

Die Schotten erklären ihr Recht auf politische Freiheit:

Es ist für irgendwen, der nicht persönlich Zeuge war, un-


möglich, das ganze Ausmass der Misshandlungen, der
Grausamkeit und der Gewalttätigkeit, der Verheerungen
und der Brände, der Einkerkerungen von Prälaten, der Mas-
saker, der Plünderungen und der Zerstörung durch Feuer,
die gegen heilige Personen oder religiöse Gemeinschaften
gerichtet waren, und aller anderen Greueltaten, derer die-
ser König sich unserem Volk gegenüber schuldig machte
ohne irgendwelche Rücksicht auf das Geschlecht, das Al-
ter, den Rang oder die Religion zu beschreiben oder gar zu
erfassen. Aber endlich wollte Gott, der allein die Wunden
heilen kann, uns von diesen unzähligen Plagen befreien
durch unseren überaus ausgeglichenen Fürsten, den König
und Herrn, Robert, der, um sein Volk den Händen des Fein-
des zu entreissen, gleichzeitig mit seiner legitimen Erb-
schaft, nicht gezögert hat, wie ein neuer Josua oder ein
neuer Makkabäer, verschiedene Plagen und Mühen,
Schwierigkeiten und Risiken auf sich zu nehmen. Wenn er
heute unser König und Fürst ist, schuldet er dies der gött-
lichen Vorsehung, dem Thronfolgerecht, das durch Geset-
ze und Bräuche und der legitimen Einwilligung des ganzen
Volkes des Königreichs festgelegt ist (das wir bis zum Tode
verteidigen). Wir haben ihm gegenüber eine Schuld der An-
erkennung und sind entschieden, ihm in allem zu gehor-
chen, ebensosehr aufgrund seiner Rechte und seines per-
sönlichen Verdienstes als auch, weil er unserem Volk die
Sicherheit wiedergegeben hat, indem er sich zum Verteidi-
ger seiner Freiheiten machte. Aber wenn dieser Fürst eines
Tages auf die Prinzipien verzichten würde, von denen er
sich bis jetzt so edelmütig leiten liess, wenn er annähme,
dass unser Königreich dem König oder dem Volk Englands

499
Nationale Identität und Unabhängigkeit

unterstellt würde, würden wir ihn sofort verjagen, indem


wir ihn von dannzumal als unsern Feind betrachten müs-
sten und als Verächter unserer und seiner eigenen Rechte,
und wir würden uns einen andern König geben, der unsere
Freiheiten verteidigte: denn, auch wenn wir nur hundert
Überlebende wären, würden wir uns nie der Oberherr-
schaft der Engländer unterwerfen. Tatsächlich arbeiten
und kämpfen wir nicht für den Sieg; auch nicht für den
Reichtum und für die Ehre; sondern einzig für die Freiheit,
Brief an den Papst für diese Freiheit, die ein Mensch mit Herzen allein durch
1320
Schottland den Tod zu verlieren sich entschliesst. 928

Mensch en würde Alle menschlichen Wesen sind Menschen: alle besitzen


Verstand und Willen, die fünf äusseren Sinne und die vier
inneren Sinne, und sind getrieben, sie zu befriedigen; alle
lieben das Gute, geniessen das Gute und das Schöne, ver-
werfen und verabscheuen das Böse.
Es gibt keine und kann keine derart grausame Nation ge-
Bartolomé ben, auch wenn es noch so verdorben sei, das nicht zu allen
de Las Casas politischen Tugenden und zu aller Menschlichkeit des die-
Historia
de las Indias nenden, politischen und vernünftigen Menschen bekehrt
1547 werden könnte. 929

Türkisches Jedes Land ist (für seine Bewohner) ebenso heilig wie die
Sprichwort
15. Jh. andern. 930

Wir überragen die Völker, die man als barbarisch bezeich-


net weder an Mut noch an Menschlichkeit noch an
Gesundheit noch an Freuden. Auch wenn wir also weder
tugendhafter noch glücklicher sind, hören wir nicht auf,
uns für viel weiser zu halten.
Vauvenargues Den riesigen Unterschied, den wir zwischen den Wilden
Überlegungen und
Maximen und uns feststellen, besteht nur darin, dass wir etwas mehr
1746 wissen.

Universelle Die Nationalversammlung erklärt feierlich:


Gesellschaft 1. Dass die Universalität des Menschengeschlechts als
nur eine einzige und gleiche Gesellschaft betrachtet wird,
deren Ziel im Frieden und im Glück aller und eines jeden
seiner Mitglieder liegt;
2. Dass in dieser grossen allgemeinen Gesellschaft, die
einzelnen Völker und Staaten sich der gleichen natürlichen
Rechte erfreuen und den gleichen Regeln der Justiz unter-
stellt sind wie die einzelnen Personen der Teil- und Sekun-
därgesellschaften,-

500
Gleichheit zwischen den Nationen und den Völkern; Recht auf Existenz eines jeden

3. Dass folglich kein Volk das Recht hat, das Besitztum


eines anderen Volkes zu überfallen, noch dieses seiner Frei-
heit und seiner natürlichen Vorteile zu berauben;
4. Dass jeder ausser zur Verteidigung eines gerechten
Rechtes unternommene Krieg eine Tat der Unterdrückung
ist, die von jeder grossen Gesellschaft bekämpft werden
muss, weil der Überfall eines Staates durch einen andern
Staat danach zielt, die Freiheit und die Sicherheit aller zu
bedrohen.
Aus diesen Gründen hat die Nationalversammlung be-
schlossen und beschliesst als Artikel der französischen
Verfassung:
Volney Dass die französische Nation es sich von nun an aufer-
Frankreich
Moniteur, IV legt, keinen Krieg mehr zu führen mit dem Ziel, sein
1790 gegenwärtiges Territorium zu vergrössern. 932

Im 13. Jahihundeit lehnen sich die Schweizer Kantone ge-


gen die durch den Vogt Gessler vertretene Herrschaft
Österreichs auf
Eine eingeschlossene wilde Waldgegend, Staubbäche stürzen von den Fel-
sen. Bertha im Jagdkleid. Gleich darauf Rudenz.

BERTHA
Seid Ihr gewiss, dass uns die Jagd nicht folgt?
RUDENZ
Die Jagd ist dorthinaus - Jetzt oder nie!
Ich muss den teuren Augenblick ergreifen -
entschieden sehen muss ich mein Geschick,
und sollt' es mich auf ewig von Euch scheiden.
- O waffnet Eure güt'gen Blicke nicht
mit dieser finstern Strenge - Wer bin ich,
dass ich den kühnen Wunsch zu Euch erhebe?
Mich hat der Ruhm noch nicht genannt, ich darf
mich in die Reih' nicht stellen mit den Rittern,
die siegberühmt und glänzend Euch umwerben.
Nichts hab' ich als mein Herz voll Treu und Liebe -
BERTHA ernst und streng
Dürft Ihr von Liebe reden und von Treue,
der treulos wird an seinen nächsten Pflichten?
Rudenz tritt zurück
der Sklave Österreichs, der sich dem Fremdling
verkauft, dem Unterdrücker seines Volkes?
RUDENZ
Von Euch, mein Fräulein, hör' ich diesen Vorwurf?
Wen such' ich denn, als Euch auf jener Seite?

501
Nationale Identität und Unabhängigkeit

BERTHA
Mich denkt Ihr auf der Seite des Verrats
zu finden? Eher wollt' ich meine Hand
dem Gessler selbst, dem Unterdrücker schenken,
als dem naturvergessnen Sohn der Schweiz,
der sich zu seinem Werkzeug machen kann!
RUDENZ
O Gott, was muss ich hören!
BERTHA
Wie? Was liegt dem guten Menschen näher als die Seinen?
Gibt's schöne Pflichten für ein edles Herz,
als ein Verteidiger der Unschuld sein,
das Recht des Unterdrückten zu beschirmen?
- Die Seele blutet mir um Euer Volk,
ich leide mit ihm, denn ich muss es lieben,
das so bescheiden ist und doch voll Kraft,
es zieht mein ganzes Herz mich zu ihm hin,
mit jedem Tage lern' ich's mehr verehren.
- Ihr aber, den Natur und Ritterpflicht
ihm zum geborenen Beschützer gaben,
und der's verlässt, der treulos übertritt
zum Feind, und Ketten schmiedet seinem Land,
Ihr seid's, der mich verletzt und kränkt, ich muss
mein Herz bezwingen, dass ich Euch nicht hasse.
RUDENZ
Will ich denn nicht das Beste meines Volks?
ihm unter Ostreichs mächt'gem Zepter nicht
den Frieden -
BERTHA
Knechtschaft wollt Ihr ihm bereiten!
Die Freiheit wollt Ihr aus dem letzten Schloss,
das ihr noch auf der Erde blieb, verjagen.
Das Volk versteht sich besser auf sein Glück,
kein Schein verführt sein sicheres Gefühl,
Euch haben sie das Netz ums Haupt geworfen
RUDENZ
Bertha! Ihr hasst mich, Ihr verachtet mich!
BERTHA
Schiller
Wilhelm Teil
Tät' ich's, mir wäre besser - Aber den
3. Akt, 2. Szene verachtet sehen und verachtungswert,
1804 den man gern lieben möchte. 933

Eilass von Wir gewähren, grosser Herrscher, zarische Majestät, unse-


Freiheiten rem Untergebenen Bogdan Hmelnickij, Hetman (Heerfüh-
in der Ukraine rer) der Zaporog-Armee, und unserer ganzen Zaporog-Ar-

502
Gleichheit zwischen den Nationen und den Völkern; Recht auf Existenz eines jeden

mee folgende Rechte: Sie werden alle unter der Gewalt un-
serer zarischen Majestät stehen mit ihren früheren Rechten
und Vorrechten, so wie sie ihnen von den Königen von Po-
len und den Grossherzögen von Litauen gegeben worden
waren, und wir verbieten, dass diese Rechte und Vorrechte
in irgendeiner Weise beschnitten werden. Wir wollen, dass
sie durch ihre Ältesten nach ihren früheren Gesetzen ge-
richtet werden. (...) Und wenn der Tod durch Gottes Wil-
len den Hetman ereilt, wollen wir, dass die Zaporog-Ar-
mee, wie gewohnt, ihren Hetman aus ihrer Mitte wählt.
Ausführende Charta (...) Ebenso verbieten wir, dass Güter und Ackerboden der
zum Abkommen Kosaken, die sie für ihren Unterhalt behalten, ihnen oder
von Pereiaslaw
1654 ihren Witwen und Nachkommen weggenommen wird. 934

Nationalitäten Heute ist es jedem Rumänen mit Geist und Herz klar, dass
die Freiheit der Völker nicht vom kaiserlichen Hof kommt,
noch der Barmherzigkeit der Unterdrücker und Despoten
entspringen kann, sondern einzig durch engen Zusam-
menschluss aller Rumänen in einem solidarischen Auf-
Rede
vonN. Balcesco stand aller unterdrückten Völker erkämpft werden
Mai 1851 kann. 935

Wenn ein kleines, schwaches Land im Umgang mit gros-


sen, starken Ländern seine konkret vorhandene Macht aus-
spielt, die, wenn überhaupt, höchstens ein Zehntausend-
stel derjenigen der anderen ausmacht, so ist das gleich, wie
wenn man ein Hühnerei gegen einen Felsen schleudert. Da
die anderen sich viel auf ihre Zivilisation einbilden, ist es
vernünftig, anzunehmen, dass sie die Konzepte der Moral
und der Logik anerkennen, welche doch die Grundlage je-
der Zivilisation sind. Warum also sollen nicht wir als klei-
nes Land uns mit der körperlosen Moral und Logik vertei-
digen, die die anderen zwar in ihren Herzen lieben, die sie
Chömin Nakae aber nicht in die Wirklichkeit umzusetzen vermögen.
1847 -1901
Japan Wenn wir die Freiheit zu unserem Heer und unserer Flotte,
Gespräch dreier die Gleichheit zu unserer Festung und die Brüderlichkeit
Betrunkener über
die zu unseren Schwertern und Kanonen machen, kann sich
Staatsverwaltung auf der ganzen Welt wohl niemand mit uns messen! 936

Dei Aufruhr der Polen, der 1863 in bewaffnetem Aufstand


losbrach, begann schon 1861. Am 8. April fand in den Stras-
sen von Warschau eine grosse gegen den Besetzer gerichte-
te patriotische Kundgebung unter Mitwirkung zahlreicher
Juden statt. Nachdem der polnische Priester, der an der
Spitze des Zuges ein Kreuz trug, von einem Kosaken mit
einem Schwerthieb getötet worden war, hob ein siebzehn-
jähriger jüdischer Gymnasiast das Kreuz auf und trug es
weiter.

503
Nationale Identität und Unabhängigkeit

POLNISCHE JUDEN (1861)


I
Oh, pflichtbewusstes Judenvolk, du bist für Europa
Ein Bauwerk, irgendwo im Orient zersplittert,
Dessen Splitter überall hin versprengt
Ein jeder die ewige Hieroglyphe trägt!
Wenn dir in seinen Tannenwäldern
Der Mann des Nordens begegnet, dann ahnt er nur
Den sonnigen Widerschein deiner Heimat,
Die im blauen Wasser, wie Moses in des Nils Gewässer,
Gebadet hat. Und er sagt: „Gross ist der,
Der so hoch hinaufgetragen wurde
Und niederfiel, und der, wie ihr, schweigt."
II
Wir, Söhne des Nordens mit bleicher Mähne,
WTir, Schneewolken einer schneeigen Geschichte,
Wir sehen geradewegs in die hohen Gefilde des Himmels,
Ohne das geschriebene Wort und ohne Verlassen der Erde.
Wie die Söhne Agars, weil sie aus dieser Heimat stammen,
Und die Söhne Sarahs, weil sie's von ihren Vätern
mitbekamen,
Haben wir euch erkannt, vor den andern, ganz anders und
ganz mühelos.
Als der Adlige seine Waffen mit euch teilte -
Legte er das Kreuz dazu, das niemals lügt.
in
Chaotisch scheint die Weltgeschichte nur.
Im Grunde aber ist sie Kraft und Harmonie.
Es ist, als hielte dort weit oben
Ein Erzengel die Urkunde wohl bewacht.
Sieh da, der Stadt Warschau entspringt der Jude
Wie der Pole - ein Herz und eine Seele.
Als die reichsten Völker dieser Welt die Art von Kreuz
anboten,
Die reich macht, und nicht die, die qualvoll tötet,
C. K. Norwid Da zog er vor, wie David, mit dem blossen Arm zu kämp-
Polen fen. 937

Auszug aus Präsident Wilsons Vierzehn Punkten,


8. Januar 1918:
Ein eindeutiger Grundsatz durchläuft das ganze Programm,
das ich umrissen habe. Es ist der Grundsatz der Gerechtig-
keit für alle Völker und Nationalitäten, und ihr Recht, zu
gleichen Bedingungen in bezug auf Freiheit und Sicherheit
miteinander zu leben, seien sie nun stark oder schwach*.
Wenn dieser Grundsatz nicht zur Basis gemacht werden
Vereinigte Staaten
kann, wird kein Teil der Struktur internationaler Ge-
von Amerika rechtigkeit bestehen können. 938

504
Bedrohte oder zerstörte Bräuche: Recht der Sprache,
Versklavung der Besiegten, legitime Verteidigung

Bedrohte Soll man wirklich die Lehren und die Traditionen unserer
Fundamente Vorfahren verwerfen? (...)
Sie sind alle in unseren Herzen; man lebt damit und wird
damit geboren; seit der Kindheit sind sie es, die uns ernäh-
Nahuatl-
Überlieferung ren, sie sind unsere Bildung. Sie sind das Gerüst unseres
Mexiko Urteils, sie sind das Fundament unseres Gebets. 939

Iden titätsverlust Die Götter, die man verehrt zu zerstören, ist ein Verbre-
chen gegen die Vernunft. Dies geschah auch niemals nach
dem Willen der Getreuen. Es gibt niemanden, der aus
Bartolomé freien Stücken damit einverstanden ist, den Gott, den er
de Las Casas von jeher verehrt hat, zu verlassen, oder den Glauben, der
Historia
de las Indias
ihm mit der Muttermilch geschenkt wurde, und den seine
1547 Vorfahren verehrt haben, zurückzuweisen. 940

Vietnamesisches Die dörflichen Bräuche sind stärker als die königlichen Er-
Sprichwort lasse. 941

Antworten der weisen Azteken an die zwölf Missionare


(1524J:
Und nun? Werden wir
Unsere alte Lebensart
Zerstören?
Die der Chichimeken,
Der Tolteken,
Der Akolhuas,
Der Tepaneken?
Wir wissen,
Wer das Leben spendet,
Wer die Gattung fortpflanzt,
Wer die Zeugung zulässt,
Wer wachsen lässt.
Wir wissen, wie anrufen,
Und wie man beten muss.
Hört auf uns, oh Gebieter,
Tut unserm Volke nichts,
Was die Verdammung anzieht,
Nichts, was es verderben könnte ...
Mit Ruhe und Güte
Bedenket, oh Gebieter,
Was da besser ist.
Wir können nicht in Ruhe leben,
Und doch sind wir bestimmt nicht gläubig.

50S
Nationale Identität und Unabhängigkeit

Was ihr predigt, ist für uns die Wahrheit nicht,


Auch wenn euch dies beleidigt.
Ihr seid, oh Gebieter,
Die, die führen,
Die, die unterstützen,
Die, die der ganzen Welt sich geben.
Ist es denn nicht genug,
Dass wir schon alles verloren haben,
Dass man uns uns're Lebensweise nahm,
Dass sie zerstört ward?
Wenn wir an diesem Orte bleiben,
Könnten wir zu Gefang'nen werden.
Macht aus uns,
Was ihr wollt.
Das ist alles, was wir sagen,
Was wir erwidern
Azteken- Auf eure Stimmen,
Überlieferung
Mexiko Auf eure Worte,
Buch der Gespräche Euch, die ihr unsere Herren seid! 942

Man muss die Wird die Sonne scheinen?


Erinnerung an Wird die Dämmerung hereinbrechen?
die Vergangen- Wie werden Menschen sich bewegen?
heit lebendig Wie werden sie sich halten?
erhalten Denn sie sind weggegangen.
Sie haben die rote und die schwarze Tinte
Mitgenommen, und die gemalten Bücher.
Wie wird das Volk wohl überleben?
Wie werden Stadt und Ackerboden überleben?
Wie wird man wissen, wie das ist, Beständigkeit?
Wer wird uns denn regieren?
Wer wird uns führen Schritt für Schritt?
Wer wird den Weg uns zeigen?
Welche Vorschrift gilt für uns?
Was wird wohl unser Massstab,
Was unser Vorbild sein?
Wo geh'n wir los?
Was wird uns Fackel sein, was Licht?

Dann erfanden sie das Zählen der Tage,


Der Jahrbücher und der Jahre,
Das Buch der Träume.
Sie bewahren es auf, so wie es geführt
Und weitergeführt wurde,
Episches Gedicht Solange das Reich der Tolteken bestand,
toltekischcn Das Reich der Tepaneken,
Ursprungs
Mexiko Das Reich der Mexikaner,
10. Jh. Und alle Reiche der Chichimeken. 943

506
Bedrohte oder zerstörte Bräuche

Respekt vor den Verzichtet vollständig darauf, in ihren Territorien die Kei-
Menschen, den me einer Partei zu säen, sei sie eine spanische, französi-
verschiedenen sche, türkische, persische oder irgendeine andere. (...)
Völkern und Setzt keinen Eifer ein, bringt kein Argument vor, um die
ihren Bräuchen Völker zu überzeugen, ihre Riten, ihre Bräuche und ihre
Sitten zu ändern, ausser wenn sie offensichtlich gegen die
Religion und die Moral Verstössen. Es ist widersinnig,
Frankreich, Spanien, Italien oder irgendein anderes Land
Europas nach China zu bringen. Führt bei ihnen nicht un-
sere Länder ein, sondern den Glauben. (...) Es ist sozu-
sagen in der Natur der Menschen festgelegt, die Traditio-
nen ihres Landes und das Land selbst zu lieben und über
alles in der Welt zu setzen. So gibt es auch keinen grösse-
ren Grund für Entfremdung oder Hass als die einer Nation
eigenen Bräuche zu verändern. (...) Was würde daraus,
Anweisung an die wenn ihr, nachdem ihr sie aufgehoben habt, an ihre Stelle
apostolischen Sitten eures Landes, von aussen eingeführt, setzen würdet?
Vikare vor ihrer
Abreise in die chine- Vergleicht also nie die Gewohnheiten dieser Völker mit
sischen Königreiche denjenigen Europas. Im Gegenteil, beeilt euch, euch daran
Tonkins und zu gewöhnen. Bewundert und lobt alles, was Lob ver-
Kambodschas
1659 dient. 944

Verteidigung der Erstes in Distichen geschriebenes ungarisches Gedicht,


eigenen Sprache Vorwort der Übersetzung des Neuen Testamentes auf un-
garisch:

Das ist das Buch, mit dem Er jetzt mit dir spricht. Er lädt
jeden ein, den Glauben zu bekennen. Niemand soll auswei-
chen.
Der, der früher auf hebräisch, auf griechisch und
schliesslich auf lateinisch sprach, spricht hier mit dir auf
ungarisch: Er spricht zu jedem Volk in seiner eigenen Spra-
Janos Sylvester che, damit jeder das Gesetz des Herrn achte und seinen Na-
1541 men verehre. 945

Eine gemein- Unter den wichtigsten Vorschriften, die sich die Inkas ein-
same Sprache fallen liessen, um ihr Königreich regieren zu können, finde
verbindet die ich eine hervorragend: Sie verwandten viel darauf, dass alle
Völker ihre Untertanen die Sprache des Hofes lernten. Heute be-
zeichnen sie sie mit „offizielle Sprache", und sie setzen
Lehrer dafür ein, die der bevorrechteten Schicht entstam-
men. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen,
dass die Inkas eine andere, besondere Sprache hatten, die
sie unter sich sprachen, und die die andern Indianer nicht
verstanden. Es war sogar so, dass sie sie gar nicht erlernen
durften, denn diese Sprache galt als göttlich. Seither hat

507
Nationale Identität und Unabhängigkeit

man mir aber von Peru geschrieben, dass der Gebrauch die-
ser Sprache verloren gegangen sei wegen des Umsturzes in
diesem Lande. Es gab zwei Hauptgründe, die die Könige
veranlassten, ihren Untertanen diese offizielle Sprache bei-
zubringen. Zum einen war es unmöglich, so viele Überset-
zer zu finden, wie sie benötigt hätten, um sich an ein Volk
mit so vielen verschiedenen Sprachen zu richten, wie es ihr
weites Königreich eben hatte. Das ist der Grund, warum
die Inkas wollten, dass ihre Untertanen einander gegensei-
tig verstehen konnten, und dass einer direkt und nicht über
einen Dritten mit dem andern reden konnte. Das verein-
fachte Handel und Verwaltung. Es ist auch zu bemerken,
dass ein einziges Wort aus dem Munde ihres Fürsten sie
weit besser beschwichtigte als alle, die ein Übersetzer oder
ein Minister sagen konnte. Der andere Grund war (der
Wunsch), die fremden Völker, die sich gegenseitig schade-
ten und grausame Kriege lieferten, weil sie sich nicht
verstanden, möchten endlich miteinander reden, auf dass
dieser rohe und wilde Grimm verschwinde, der sie in Zwie-
tracht hatte leben lassen. Mit dieser weisen Erfindung
gelang es den Inkas, eine grosse Anzahl Völker, die ver-
schiedene Bräuche, Gewohnheiten und Gottheiten hatten,
einander näher zu bringen und enge Freundschaften zu er-
möglichen. Es war wunderbar zu sehen, wie die Völker, die
sich auf diese Weise ihrem Königreich fügten, wie Brüder
miteinander verkehrten, weil sie die gleiche Sprache spra-
Garcilaso de la Vega chen. Das hatte auch zur Folge, dass die Bewohner mehre-
(Der Inka) rer Landesteile, die nicht von den Inkas regiert wurden,
Königlicher
Kommentar oder dem guten Beispiel folgten und diese offizielle Sprache der
Geschichte der Cuzco erlernten. Das glückte so gut, dass die Leute, die
Inkas
Könige von Peru
vorher verfeindet waren, nachher in völliger Eintracht
1608 od. 1609 lebten. 946

Mindeiheiter GESETZ V I I I VON 1 8 4 9 ÜBER DIE NATIONALEN MINORITÄTEN IN


UNGARN

In Anbetracht der Vielzahl der Sprachen und der Existenz


griechischer Kirchen im Land, erklärt die National-
versammlung, um diejenigen Bürger Ungarns, die nicht
ungarischer Sprache sind, zu beruhigen und in Erwartung
diesbezüglich detaillierterer Massnahmen, die in Überein-
stimmung mit den Verfügungen der zu verabschiedenden
Verfassung getroffen werden:
1. Die folgenden Verordnungen haben zum Ziel, der
freien nationalen Entwicklung aller nationalen auf ungari-
schem Boden lebenden Gruppen Sicherheit zu geben.
2. Da die ungarische Sprache als diplomatische Sprache
in der Gesetzgebung, in der öffentlichen Verwaltung, in der

508
Bedrohte oder zerstörte Bräuche

Administration des Rechts und der Armee verwendet wird,


wird der Gebrauch der andern in Ungarn gesprochenen
Sprachen folgendermassen geregelt.
3. In den Gemeindeverhandlungen ist jeder frei, entwe-
der die ungarische Sprache oder seine Muttersprache zu
verwenden; das Protokoll wird, nach freier Wahl, in einer
der in der Gemeinde gesprochenen Sprachen verfasst.
4. In den Verhandlungen der Gemeindeverwaltungen
können alle Personen, die das Recht haben, das Wort zu er-
greifen, ihre Meinung entweder auf ungarisch oder in ihrer
Muttersprache darlegen.
Wenn in einer Gemeindeverwaltung eine nationale
Gruppe grösser ist als die Hälfte der Bevölkerung, wird auf
Wunsch das Protokoll auch in der Sprache dieser nationa-
len Gruppe geführt. (...)
14. Die Anstellung von jemandem für einen Posten wird
in Erwägung seiner Verdienste und seiner Fähigkeiten,
ohne Rücksicht auf seine Sprache noch auf seine Religion,
erfolgen. 947

Hoffnung auf M Y T H O S DES INKARRI (bei einem einsprachigen Quechua-


zukünftige Volk)
Sühne einer
gegenwärtigen Inkarri schuf alles, was auf der Welt ist. Er ist der erste
Freveltat Gott. Die Wamanis (Berge) sind die zweiten Götter. Die
Wamanis wachen über Mensch und Vieh. Ihnen entspringt
der Quell, der Leben möglich macht. Inkarri war der Sohn
der Sonne und einer wilden Frau. Während er all das schuf,
was lebt, band er die Sonne an die Spitze des höchsten Gip-
fels des Asqonta-Berges fest, damit der Tag lange genug
daure. Dann sperrte er den Wind im zweiten Gipfel des
Berges ein. Nachdem er alles gemacht hatte, was lebt, und
auch den Menschen geschaffen hatte, gab er den Menschen
gute Gebote für das Leben. Die Aukis, Priester der Wama-
nis, singen stets Loblieder, in denen gesagt wird, dass man
keinen Hass im Herzen hegen solle, und dass Faulheit ver-
werflich sei. Als er die Stadt gründete, wo er seinen Wohn-
sitz haben würde, warf Inkarri ein kleines Goldstück in die
Luft. Da, wo es niederfallen würde, musste die Stadt ent-
stehen. Es fiel in Cuzco nieder. Wir wissen nicht, wo das
ist.
Inkarri wurde vom spanischen König gefangen genom-
men. Dieser folterte ihn noch und noch. Dann liess er ihm
den Kopf abschlagen. Inkarris Kopf starb nicht. Er ist in
Cuzco begraben. Da dieser Kopf aber lebendig ist, bildet
sich nach und nach Inkarris Leib wieder, unmittelbar unter
der Erde, damit er nicht entdeckt werde.

509
Nationale Identität und Unabhängigkeit

Weil Inkarri verschwand, wurden in der Zwischenzeit


seine Gesetze nicht mehr angewandt und wurden verges-
sen. Aber wenn Inkarris Leib wieder ganz ist, wird er zu
uns zurückkommen, und er wird das Jüngste Gericht hal-
ten. Als Zeichen, dass es Inkarri wirklich gibt, singen die
Quechua-
Überlieferung Vögel der Küste: „Geht nach Cuzco! Nach Cuzco, dem
Peru König!" 948

Eiobeiung Die Mayas beklagen die Folgen der Eroberung

Die Fremden haben alles geändert


Als sie hier ankamen.
Sie haben schändliche Dinge gebracht,
Als sie zu uns kamen ...
Und wir haben keine
Glücklichen Tage mehr gekannt.
Das ist die Ursache unserer Leiden.
Keine glücklichen Tage mehr für uns.
Chilam Balam Keine richtigen Entscheidungen mehr.
von Chumayel Und zuletzt sind wir blind geworden,
Heiliges Buch
der Mayas Für unsere Schande.
Zentralamerika Aber alles wird an den Tag kommen! 949

Von der Welt Wählend des Kampfes für die Unabhängigkeit, schreibt ein
abgeschnitten Südamerikaner einem Einwohner von Jamaika:

Wir waren gedemütigt durch ein Regime, das uns nicht nur
unsere legitimen Rechte vorenthielt, sondern uns auch in
bezug auf die Handlungen des öffentlichen Lebens in einer
Art andauernder Kindheit festhielt. Wenn wir wenigstens
unsere eigene Verwaltung, um die inneren Angelegenhei-
ten zu regeln, gehabt hätten, wären wir auf dem laufenden
der öffentlichen Angelegenheiten und ihrer Zuständig-
keitsbereiche. Wir würden auch das persönliche Ansehen
geniessen, das dem Volk automatisch einen gewissen Re-
spekt aufdrängt, den in Revolutionen zu bewahren, so
wichtig ist. Deshalb habe ich gesagt, dass wir sogar der
aktiven Gewaltherrschaft entbehrten, weil uns nicht er-
laubt war, sie auszuüben.
Im spanischen System, das gegenwärtig in Kraft ist, und
das sich nun mit mehr Druck denn je aufzwängt, spielen
die Südamerikaner in der Gesellschaft höchstens die Rolle
von Arbeitssklaven oder die von einfachen Verbrauchern.
Selbst diese Rolle ist übrigens durch schockierende Ein-
schränkungen begrenzt, wie das Verbot, europäische
Früchte anzubauen, das durch den König ausgeübte Mono-

510
Bedrohte oder zerstörte Bräuche

pol auf gewisse Produktionen, die den Fabriken, welche die


Metropole nicht selbst besitzt, entgegengestellten Hinder-
nisse und die ausschliesslichen Privilegien des Handels.
Sogar Artikel der Grundbedürfnisse können unter den süd-
amerikanischen Provinzen nicht gehandelt werden, da ver-
hindert werden soll, dass sie sich konsultieren und sich
verständigen. Schliesslich wollt ihr wissen, welches unser
Schicksal war: die Felder, um die Schildlaus zu züchten,
den Indigobaum, den Kaffee, das Zuckerrohr, den Kakao
und die Baumwolle zu pflanzen, die einsamen Ebenen, um
die Herden aufzuziehen, die Wüsten, um die Raubtiere zu
jagen und das Innere der Erde, um das Gold zu gewinnen,
das diese geizige Nation nicht sättigen kann.
Keine andere zivilisierte Gesellschaft bot je so schlechte
Lebensbedingungen, wie die unsere, soweit ich mich an die
Geschichte und die Politik der Nationen erinnere. Vorge-
ben, dass ein so glücklich gelegenes, so ausgedehntes, so
reiches und so bevölkertes Land nur passiv sein könne, ist
dies nicht eine Beleidigung und eine Verletzung der
Menschenrechte?
Wir waren, wie ich es dargelegt habe, isoliert und wie
abgeschnitten von der Welt von dem, was die Kunst des
Regierens und der Verwaltung des Staates ausmacht. Es
fanden sich unter uns nie weder Vizekönige noch Gouver-
neure, ausgenommen für ganz aussergewöhnliche Gründe;
selten Erzbischöfe und Bischöfe; nie Diplomaten; Militär
einzig in subalternen Graden, einige Adlige, jedoch ohne
wirkliche Privilegien. Wir waren schliesslich weder Magi-
Simon Bolivar
straten noch Finanzleute und sogar fast nie Kaufleute: dies
1815 alles in direkter Übertretung unserer Institutionen. 950

Ist es Argumente des Aristoteles


gesetzmässig, 1. Es gibt von Natur aus Sklaven und Herren.
Gefangene zu 2. Aber der Unterschied ist nich t sehr leich t zu erkennen.
Sklaven zu 3. Es gibt auch Sklaven, die durch Gewalt Sklaven gewor-
machen? den sind.
4. Wenn Sklaven durch Gewalt Sklaven geworden sind, ist
ein gerechtes Verhältnis nicht mehr möglich.

Die Natur bemüht sich auch, die Leiber der Freien und
Knechte verschieden auszugestalten, die einen stark für die
notwendige Arbeit, die andern aufrecht und ungeschickt zu
solchen Arbeiten (wobei noch wieder ein Unterschied für
Verwendung in Krieg und Frieden sich herausbildet. Es
kommt oft auch das Gegenteil vor, dass manche Knechte
den Körper eines Freien haben, manche sogar die Seele).
Das ist ja wohl gewiss: wenn sie sich auch nur körperlich

511
Nationale Identität und Unabhängigkeit

so auszeichneten, wie die Götterbilder, dann würde nie-


mand bestreiten, dass alle Minderbegabten diesen zu die-
nen hätten. Wenn das jedoch vom Körper gilt, so ist es
noch viel angebrachter, bei der Seele so zu entscheiden. Es
ist nur nicht so leicht, die Schönheit der Seele zu erken-
nen, wie die des Leibes. Dass es jedenfalls von Natur aus
Freie und Knechte gibt, denen es zuträglich ist, zu dienen,
und bei denen dies auch gerecht ist, das ist klar.
Dass auch die Verfechter des Gegenteils in gewissem
Sinne Recht haben, ist nicht schwer zu sehen. Denn „die-
nen" und „Knecht" hat zweierlei Bedeutung, da es auch
rein gesetzlich Knecht und Knechtschaft gibt. Dies Gesetz
besteht in einer gewissen Übereinkunft, dass der im Kriege
Überwundene dem Sieger gehöre. Dieses Recht kreiden
viele den Gesetzen wie einem Anwalt als Ungesetz an,
weil es schrecklich sei, wenn der Vergewaltigte Knecht
und Gefolgsmann dessen sein solle, der an Gewalt und
Macht überlegen sei. Die einen also denken so, die andern
anders, und sind auch weise Leute. Der Grund des Streites
und der Gegenreden liegt darin, dass die Tugend in gewis-
sem Sinne der Betreuung bedarf und gegen Gewalt beson-
ders empfindlich ist, und dass anderseits der Sieger in
irgendeinem Gut überlegen sein muss, so dass es aussieht,
als ob die Gewalt nicht ohne Tüchtigkeit möglich wäre
und der Streit nur über das Recht geführt werde. Deswegen
halten die einen das Recht für milde und menschenfreund-
lich, die andern aber halten gerade das für recht und billig,
dass der Stärkere herrsche. Und obwohl die Begründungen
sich gegenüberstehen, so hat doch die gegenteilige Mei-
nung nicht die mindeste Überzeugungskraft, dass nämlich
nicht der an Tugend Überlegene herrschen und befehlen
solle. Sie bilden sich ein, mit ihrem Widerspruch ein Recht
zu verfechten (jedes Gesetz schafft ja ein Recht), indem sie
die Knechtschaft des Besiegten als zu Recht bestehend an-
erkennen, zugleich aber bestreiten sie es auch. Denn der
Beginn des Krieges kann ja ungerecht sein, und dass einer,
der es nicht verdient habe, Knecht zu sein, ein Knecht
heissen könne, wird wohl niemand behaupten, sonst kann
es vorkommen, dass die edelsten Menschen als Knechte
und Knechtssöhne angesehen werden, nur weil sie gefan-
gen und verkauft worden sind. Deswegen will man nicht in
ihnen, sondern nur in Barbaren Knechte sehen. Wenn man
jedoch dies meint, dann sucht man nichts anderes, als den
Begriff des natürlichen Knechtes, was wir von Anfang an
taten. Denn man muss erklären, dass die einen überall
Knechte seien, die andern nirgends. Genau so ist es mit der
edlen Geburt, Adlige halten sich nicht nur unter sich für
adlig, sondern überall, und den Barbarenadel lassen sie nur

512
Bedrohte oder zerstörte Bräuche

für seine Heimat gelten. Darin liegt die Vorstellung, dass


es Adel und Freiheit schlechthin gebe und auch bedingt,
wie die Helena des Theodektes sagt: „Wer göttlichen Ge-
blüts aus beiden Wurzeln ist, wie dürfte man es wagen, den
zu nennen Knecht!" Wenn man dies aber meint, dann un-
terscheidet man Knecht und Freie, Edle und Unedle nach
nichts anderem, als nach Tugend und Gemeinheit. Man er-
wartet nämlich, dass von guten Menschen nur gute ab-
stammen, wie von Menschen Menschen und von Tieren
Tiere. Die Natur will dies auch in den meisten Fällen,
kann es nur nicht immer. Dass also der Streit eine gewisse
Berechtigung hat und nicht immer die einen von Natur
Knechte sind, die andern Freie, ist einzusehen, und dass es
anderseits bei gewissen Menschen bestimmt ist, ob es ih-
nen nützlich ist, teils zu dienen, teils zu herrschen, und ob
dies gerecht ist, dass auch der eine gehorchen, der andere
befehlen und mithin Herr sein muss, soweit die Natur ihn
zu solcher Herrschaft berufen hat, während ein schlechtes
Verhalten hierin keinem Teile Nutzen bringt. Denn dassel-
be ist immer dem Teil und dem Ganzen von Nutzen, dem
Leib und der Seele; der Knecht ist aber ein Teil des Herrn,
wie ein lebendiges Stück von ihm, das nur selbständig ist.
Daher gibt es auch Nutzen und Freundschaft für Knecht
und Herrn, solange die Natur ihnen dies Verhältnis zumu-
tet. Sind sie es dagegen nicht auf diese Art, sondern nur
Aristoteles
384 - 3 2 2 V . Chr. nach dem Gesetz und der Gewalt, dann tritt das Gegenteil
Politik ein. 951

Schlauheit und D I E K A T Z E N UND DIE RATTEN


Notwehr
Die Sippe der Katzen, so wird erzählt, hielt eines Tages
Rat, um einen entscheidenden Angriff auf die Sippe der
Ratten vorzubereiten. Die Versammlung wurde vom König
der Katzen geleitet. Als alle da waren, ergriff der König das
Wort und sagte: „Mitglieder der Sippe der Katzen, ich grüs-
se euch. Wir sind heute hier versammelt, weil die Ratten,
wie ihr alle wisst, ein gedeihliches Jahr hatten. Das Schick-
sal war ihnen hold. Sie haben sich vermehrt und sind fett
geworden. Wir hingegen, wir haben Hunger gelitten. Wir
sind alle mager und schwach. Deshalb müssen wir, oh Mit-
glieder der Sippe, ein Mittel finden, um alle Ratten zu fan-
gen und uns an ihrem saftigen Fleisch voll zu fressen. Wie
werden wir das anstellen?" Ein alter, weiser Kater ergriff
darauf das Wort: „Es lebe der König! Ich möchte einen Vor-
schlag machen. Wir sollten mit List die Sippe der Ratten
dazu bringen, mit uns feierlich einen Friedensvertrag abzu-
schliessen. Wir müssten ein Verhandlungsgespräch anbe-
raumen, das beide Sippen in einer baumlosen Ebene ver-

513
Nationale Identität und Unabhängigkeit

sammeln würde, wo die Ratten keinen Unterschlupf fin-


den könnten. Es wäre dann ein leichtes für uns, sie alle zu
fangen." Der Vorschlag des alten, weisen Katers wurde mit
Begeisterung aufgenommen. Der König der Katzen ergriff
wieder das Wort: „Oh Alter", sagte er, „lang lebe deine
Weisheit! Du hast soeben einen grossartigen Vorschlag ge-
macht. Ich werde sofort den König der Ratten von diesem
Friedensangebot unterrichten und werde versuchen, sein
Einverständnis zu holen. Ich werde euch über das Ergebnis
meiner Schritte benachrichtigen." Alle Katzen jubelten
ihm zu: „Es lebe der König!" Und die Sitzung wurde aufge-
hoben.
Danach begab sich der König der Katzen zum König der
Ratten. Da sich die beiden Sippen nicht überaus liebten
und Vertrauen schenkten, mussten sie in einiger Entfer-
nung miteinander reden. Der König der Katzen drückte
sich folgendermassen aus: „Oh König der Ratten, Freiheits-
symbol, Weiser unter den Weisen, mögest du lange leben!
Der Friede sei mit dir! Wie geht es dir?" Da kam der König
der Ratten heraus und sagte: „Oh König der Katzen, Baum,
dessen Schatten sich über alle Dinge erstreckt, Richter der
Welt, Zufluchtsort für vom Bösen Verfolgte, der Friede sei
mit dir! Wie geht es dir?" Der König der Katzen sprach ohne
Umschweife: „Ich bringe dir den Frieden. Ich komme im
Namen der Sippe der Katzen, um dir und deinen Unterta-
nen einen Vorschlag zu machen. Wie du weisst, waren die
Sippe der Katzen und die der Ratten stets Feinde. Diese
Feindschaft war für beide Seiten unheilvoll. Durch diese
ewigen Metzeleien, deren Opfer ihr wäret, hat sich dein
Volk vermindert. Auch wir haben ob diesem Kampf gelit-
ten. Wir haben euch im Gebüsch verfolgt, und die Dornen
haben uns dabei die Augen verletzt, so dass wir alle halb
blind sind. Darum dachten wir, ein Friede wäre für alle das
Beste. Wir schlagen euch also ordentlich ein Treffen in der
Ebene von Dirindiir vor. Wir werden uns dort feierlich ver-
pflichten, den Frieden einzuhalten, und wir werden wie
richtige Brüder werden. Wir schlagen vor, diese Versamm-
lung möchte am Tage nach dem Vollmond stattfinden,
mitten am Vormittag." Der König der Ratten antwortete:
„Es lebe der König! Wir nehmen diesen Vorschlag zur
Kenntnis und sind mit dem von dir gewählten Zeitpunkt
einverstanden. Hoffentlich bringt uns diese Verhandlung
wirklich Frieden!" Darauf verabschiedete sich der König
der Katzen. Als seine Majestät fort war, rief der König der
Ratten seine Untertanen zusammen und sagte: „Der König
der Katzen hat mich aufgesucht. Er hat von Frieden gere-
det, und er hat mir vorgeschlagen, einen Friedensvertrag
mit seiner Sippe abzuschliessen. Ich habe sein Angebot

514
Bedrohte oder zerstörte Bräuche

angenommen. Die Versammlung wird in der baumlosen


Ebene Dirindiir stattfinden. Ich kann mein Wort nicht bre-
chen. Ihr wisst, dass es nicht edel wäre, so zu handeln. Wir
werden also die Sippe der Katzen treffen. Wir können ihr
indessen nicht trauen, das hat uns die Erfahrung gezeigt.
Was sollen wir tun?" Da ergriff eine alte, weise Ratte das
Wort: „Ich schlage vor, dass am Vorabend der Versamm-
lung jede von uns in Dirindiir ein tiefes Loch gräbt. Am Tag
selber werden wir alle schon früh dorthin gehen. Wir wer-
den die aus dem Boden ausgehobene Erde wegtragen, um
keinen Verdacht zu erregen. Dann wird sich jede neben ihr
Loch setzen. Wenn die Sippe der Katzen mit friedlichen
Absichten zu uns kommt, ist alles bestens. Aber wenn sie
uns angreifen, womit wir rechnen müssen, dann muss sich
jede Ratte augenblicklich in ihr Loch verkriechen."
Der Ratschlag wurde angenommen, und die Mitglieder
der Sippe gingen auseinander. Alle Ratten begaben sich in
die Ebene, jede grub ihr Loch, tarnte den Eingang und ent-
fernte die Erde rundherum.
Es kam der Tag der Versammlung. Früh begaben sich die
Ratten in die Ebene von Dirindiir, und jede setze sich an
den Rand ihres Loches. Im Laufe des Vormittags erschie-
nen die Katzen und rechneten mit einem Festessen. Als sie
in Hörweite waren, liess der König der Katzen seinen Blick
über seine Untertanen schweifen, und er bat sie, sich zu
setzen, um bei der Rattensippe kein Misstrauen zu erregen.
Dann richtete er sich mit folgenden Worten an den König
der Ratten: „Grosser König der Ratten, sind alle deine Un-
tertanen anwesend?" Der König der Ratten antwortete: „Ja,
alle sind hier. Und deine?" Der König der Katzen bejahte
dies und fügte hinzu: „Oh König, ich werde meinen Unter-
tanen ein paar Anweisungen geben. Bitte gedulde dich
einen Augenblick." Er drehte sich um, um seine Unterta-
nen zu mustern. Er stellte fest, dass sie zum Angriff bereit
waren, und drehte sich dann wieder der Sippe der Ratten
zu. Er sah, dass die Ratten alle sehr fett waren, und dass das
Jahr für sie gut gewesen war. Die Üppigkeit des Königs
zeigte, dass seine Gattung prächtig gedieh. Er beschloss,
ihn sofort anzugreifen. Er stiess den Kriegsschrei der Kat-
zen aus und spornte sein Heer an: „Packt sie, dass keine
einzige entwischen kann!" Als der König der Ratten sah,
dass sie angriffen, setzte er sich auf seine winzigen Hinter-
beine und rief seinen Untertanen zu: „In eure Löcher,
schnell!" Sie verschwanden im Nu.
So geschah es, dass die Sippe der Katzen an diesem Tag
nicht nur kein saftiges Festessen kriegte, sondern - und
das war weit schlimmer - sie brachte sich um ihre Ehre,
weil sie ein feierlich gegebenes Versprechen nicht gehalten

515
Nationale Identität und Unabhängigkeit

hatte. Die Katzen hatten das somalische Sprichwort ver-


gessen: „Tab hayow lagaa tab hayee" (Du, der du dich für
Somalische schlau hältst, wisse, dass du immer einen Schlaueren als
Erzählung dich finden wirst). 952

Schiedsspruch und Völkerrecht

Friede Der General San Martin, südamerikanischer Befreier, an


durch Recht den Vizekönig von Lima:

Exzellenz,
Nachdem die Truppen, die unter meinem Befehl standen,
am 5. dieses Monats, die mächtige Armee vernichtet
haben, die Ihre Exzellenz zur Eroberung Chiles entsandt
hatte, und nachdem die Einkünfte unserer Hauptstadt er-
schöpft sind infolge des Widerstandes, den sie den sieghaf-
ten Waffen des Vaterlandes entgegensetzte, scheint es vor-
sichtig zu sein, den Verstand über die Leidenschaften zu
stellen, und was das Schicksal der Völker betrifft, aus-
schliesslich die Aufmerksamkeit derjenigen anzurufen, die
für diese verantwortlich sind. Durch ein unverständliches
Verhängnis war der Krieg seit dem 2,5. Mai 1810 der einzige
Ausweg für die Zwistigkeiten zwischen den Spaniern und
den Amerikanern, die ihre Ansprüche geltend machten:
Man ist unserem Aufruf zum Frieden gegenüber taub ge-
blieben und man hat sich darauf versteift, die Mittel zu
vernachlässigen, die erlaubt hätten, ein vernünftiges Ab-
kommen zu treffen.
Ihrer Exzellenz ist es nicht unbekannt, dass der Krieg
eine zerstörerische Plage ist, die Amerika, seit sie es er-
reichte, in den Ruin führte, und dass der Erfolg der Waffen
schon die Ansprüche des südlichen Teils der Neuen Welt
begünstigt. Ihre Exzellenz hat ebenfalls im Verlauf der sie-
ben vergangenen Jahre sehen können, dass die vereinigten
Provinzen und Chile nichts anderes wünschen, als eine
liberale Verfassung und eine gemässigte Freiheit, und dass
die Bewohner des Vizekönigtums von Lima, deren Blut in
einem brudermörderischen Kampf vergossen wurde, an ih-
rem politischen Schicksal teilnehmen und sich von der ko-
lonialen Erniedrigung zur Würde der beiden angrenzenden
Nationen erheben. Keine dieser Bestrebungen richtet sich
gegen die Freundschaft und den Schutz der spanischen
Metropole noch gegen die Aufrechterhaltung der Beziehun-
gen zu ihr. Es gibt keine unter ihnen, die im vergangenen
Jahrhundert nicht das getreue Echo des kultivierten Euro-

516
Schiedsspruch und Völkerrecht

pas gewesen wäre. Mit dem Bajonett den Strom der allge-
meinen Meinung Amerikas eindämmen zu wollen, hiesse,
die Natur unterjochen. Ihre Exzellenz möge unparteiisch
das Resultat der von der spanischen Regierung während so
vieler Jahre erbrachten Anstrengungen prüfen, ohne sich
von den kurzlebigen Triumphen der königlichen Armeen
beeinflussen zu lassen, dann wird Sie ihre Ohnmacht vor
dem Geist der Freiheit entdecken.
(...) Ruft die Bewohner dieser illustren Stadt zusammen:
legt ihnen arglos das, was die Regierungen von Chile und
den vereinigten Provinzen wünschen, vor, hört ihnen zu,
wenn sie öffentlich ihre Rechte darlegen. Das Volk möge
unter den Auspizien Ihrer Exzellenz entscheiden über die
Form der Regierung, die seinen Interessen entspricht, und
es möge ebenfalls den andern durch die Macht unterworfe-
nen Provinzen erlaubt sein, sich in aller Freiheit auszu-
drücken. Ihre spontanen Beratungen werden das höchste
Gesetz sein, dem ich meine spätere Handlungen, gemäss
den Instruktionen meiner Regierung unterstellen werde.
(...) Wenn Ihre Exzellenz die Massnahmen des Fort-
schrittes, die ich empfehle, prüfen wird, glaube ich, dass
sie meinen Gefühlen recht geben wird: Ich strebe einzig
nach dem Glück für meinesgleichen; ich versuche dem
Krieg ein Ende zu setzen; die von mir unternommenen
Schritte sind nur auf dieses heilige Ziel gerichtet, und ich
bin fest entschlossen, wenn ihnen nicht Folge geleistet
Brief
wird, Opfer zu bringen für die Freiheit, die Sicherheit und
vom Ii. April 1818 die Würde des Vaterlandes. 953

Der Friede So wird der Friede erhalten durch Gerechtigkeit, die Frucht
und die rechter Regierung; wie die Regierung durch die Bildung der
internationale Gesellschaft entstanden ist, und die Gesellschaft aus freier
Ordnung Übereinkunft. (...) Wenn nun die Fürsten Europas, als be-
fugte Vertreter der europäischen Gesellschaft, oder unab-
hängiger Staaten, ehe sich das Bedürfnis nach einer solchen
Gesellschaft herausstellte, und aus dem gleichen Grunde,
der zuerst Menschen zu gesellschaftlichem Zusammen-
schluss brachte, nämlich aus Liebe zu Frieden und Ord-
nung übereinkämen, sich durch ihre Bevollmächtigten in
einem Reichstag oder Staatenbund oder Parlament zu tref-
fen und dabei Rechtsregeln festzusetzen, die die regieren-
den Fürsten untereinander zu halten hätten,- und wenn sie
so jährlich, oder zwei oder dreimal im Jahre, so wie es von
Fall zu Fall nötig ist, zusammenkämen, im Stil eines
souveränen Reichstags oder Parlaments oder einer euro-
päischen Föderation. (...) Der Ort ihrer ersten Zusammen-
kunft sollte so zentral wie möglich gelegen sein; nachher

517
Nationale Identität und Unabhängigkeit

mag er nach Übereinkunft gewählt werden (...), dann


könnten vor diese souveräne Versammlung alle zwischen
Regierungen schwebenden Streitfälle gebracht werden, die
nicht schon vorher durch private Verhandlungen von Ge-
sandten geschlichtet werden konnten. Wenn dennoch
einer der Staaten, die diesem Bunde angehören, sich wei-
gern sollte, diesem seine Ansprüche oder Forderungen zu
unterbreiten oder sich seinem Richterspruch zu unterwer-
fen und ihn auszuführen und statt dessen Zuflucht bei den
William Penn
Waffen suchen sollte, alsdann würden alle andern Staaten,
Entwurf zum vereinigt zu einer Macht, die Unterwerfung und Durchfüh-
gegenwärtigen und rung des Spruches erzwingen, mit Entschädigung an die be-
künftigen Frieden
Europas nachteiligte Partei und Kostenersatz an die Staaten, die die
1692 Unterwerfung erzwungen haben. 954

Notwendigkeit Wenn die Städte und die zahlreichen Fürsten, welche keine
des Vorgesetzten auf der Welt anerkennen, und nach den Ge-
Schiedsspruches setzen und örtlichen Gebräuchen Gerechtigkeit ausüben,
einen Rechtsstreit auszutragen wünschen, vor wem müs-
sen sie ihre Sache vertreten? Man kann antworten, dass das
Konzil statuieren muss, dass geistliche Schiedsrichter oder
andere bezeichnet würden; vorsichtige Männer; Experten
und Getreue, die, nachdem sie den Eid abgelegt haben, drei
Richter unter den Prälaten und drei andere für jede Partei
wählen würden; wohlhabende Männer so veranlagt, dass
sie mit grösster Wahrscheinlichkeit weder mit Liebe, noch
mit Hass, noch mit Angst, noch mit Begierde, noch mit ir-
gend etwas anderem bestochen werden können. Sie wür-
den sich an einem passenden Ort treffen und auf die streng-
ste Art vereidigt werden. Nachdem sie vor ihrer Vereini-
gung von jeder Partei die kurzen und klaren Plädoyers er-
halten hätten, würden sie - nach Beseitigung alles Über-
flüssigen und Unangemessenen - die Anträge und Bewei-
se erhalten, die sie gewissenhaft prüften.(...) Sollte eine
der Parteien mit dem Schiedsspruch nicht zufrieden sein,
müssten die Richter selbst den ganzen Prozess einschliess-
lich der Urteile vor den apostolischen Stuhl bringen, damit
Pierre Dubois
letztere vom Papast verbessert und abgeändert werden
Frankreich könnten, sofern es gerecht ist; wenn nicht, müssen sie be-
Derecuperatione stätigt und in den Archiven der Kirche „ad perpetuam
terrae sanetae
1906
memoriam" eingetragen werden. 95J

Gegenseitiger B U N D VOM I . A U G U S T 1 2 9 1
Beistand (Ursprung der Schweizerischen Eidgenossenschaft)
und Schlich-
tungsverfahren In Namen Gottes, amen. Es ist ein ehrbar Werk und dient
dem öffentlichen Wohl, wenn Verträge, die der Ruhe und

518
Schiedsspruch und Völkerrecht

Schwur von 1291


Zürich
1548

dem Frieden dienen, in richtiger Form gesichert werden.


Daher vernehme jedermann, dass die Männer des Tales
Uri, die Gemeinde des Tales Schwyz und die Gesamtheit
der Leute von Unterwaiden in Nidwaiden in Anbetracht
der Arglist der Zeit und um sich und ihre Habe leichter ver-
teidigen und im richtigen Stande besser erhalten zu kön-
nen, in guten Treuen sich versprochen haben, sich gegen-
seitig mit Hülfe, jeglichem Rat und Förderung, mit Leib
und Gut beizustehen, innerhalb der Täler und ausserhalb,
mit aller Macht und Kraft, gegen eine Gesamtheit oder ge-
gen Einzelne, die ihnen oder einem von ihnen Gewalt an-
tun, sie belästigen oder ihnen Unrecht zufügen und gegen
ihr Leib und Gut Böses im Schilde führen sollten. Und es
hat jede Gemeinde versprochen, der andern in jedem Falle
zu Hülfe zu eilen, sofern Hülfe notwendig sein sollte, und
zwar in eigenen Kosten und in dem Umfange, als es not-
wendig sein sollte, um dem Angriff Böswilliger zu wider-
stehen und geschehenes Unrecht zu rächen. Sie haben zu-
dem einen leiblichen Eid geschworen, diese Vereinbarung
ohne Hintergedanken zu halten und dabei den Inhalt eines
frühern, eidlich bekräftigten Bündnisses durch die gegen-
wärtige Abmachung erneuert, jedoch in der Meinung, dass
ein jeder gemäss seinem Stande seinem Herrn nach Gebühr
Untertan sein und ihm dienen solle. Mit gemeinsamem
Rate und einhelliger Zustimmung haben wir uns zugesagt,
beschlossen und festgesetzt, dass wir in den vorgenannten
Tälern keinen als Richter je annehmen noch entgegenneh-
men wollen, der sein Amt durch irgend eine Dienstleistung
oder durch Bezahlung einer Geldsumme in irgend einer

519
Nationale Identität und Unabhängigkeit

Weise erworben haben oder der nicht unser Landsmann


sein sollte. Wenn jedoch unter einzelnen Eidgenossen
Zwietracht entstehen sollte, so sollen die Einsichtigsten
der Eidgenossen den Streit zwischen den Parteien in der
ihnen gut scheinenden Weise schlichten, und wenn eine
der Parteien diese Beilegung des Streites zurückweisen
sollte, so sollen die übrigen Eidgenossen gegen sie Partei
nehmen. (...)
Sollte ferner einer der Bundesgenossen einen andern sei-
ner Habe berauben oder ihm in irgend einer Weise Schaden
zufügen, so soll seine Habe, falls sie innerhalb der Täler
erfasst werden kann, beschlagnahmt werden, um dem Ge-
schädigten, wie es das Recht erfordert, Wiedergutmachung
zu verschaffen. (...)
Sollte jedoch Fehde und Zwietracht unter einzelnen der
Eidgenossen entstehen und die eine der streitenden Par-
teien sich weigern, sich dem Rechte zu fügen und Genug-
tuung zu leisten, so sind die Verbündeten verpflichtet, der
andern Partei beizustehen. Die obenstehenden, in heil-
samer Absicht zum gemeinen Nutzen aufgestellten Abma-
chungen sollen, so Gott will, ewig dauern. 9$6

Schiedsspruch Bevor die Fürsten die Waffen ergreifen (...) sollten sie auf
das Urteil der Machthaber und der regierenden Herren
hören: Wenn sie dies täten, würden sie die Freundschaft
ihresgleichen gewinnen, und daraus Nutzen ziehen gegen
ihre Feinde, für den Fall, dass sie sich nicht dem Urteil
eines Dritten unterziehen wollen. Wenn nun ein Fürst
einen Richter empfängt, der sich herrisch einmischen woll-
te, um die Unstimmigkeiten auszuräumen, würde dies tat-
sächlich seine Grösse untergraben. Freiwillig einen Richter
anzuhören, ist jedoch etwas, das früher geübt wurde, und
das heute bei den Monarchen immer noch üblich ist. (...)
Und dem würde die Generalversammlung, von der wir
nachher sprechen werden, sehr dienen. (...) Wie ist es mög-
lich, wird jemand sagen, Völker in Einklang zu bringen, die
so sehr verschieden sind in Willen und Zuneigung wie Tür-
ken und Perser, Franzosen und Spanier, Chinesen und der
Tartaren, Christen und Juden oder Mohammedaner? Ich
behaupte, dass Feindschaften, die auf diesen Unterschie-
den beruhen, rein politisch sind, und dass sie die Verbin-
dung, die zwischen den Menschen herrscht und herrschen
muss, nicht aufheben können. Die Distanz zwischen den
Orten, und die Trennung durch die Wohnsitze verringert
die Blutsverbindung keineswegs. Sie kann auch nicht die

520
Schiedsspruch und Völkerrecht

Emérique Crucc natürliche Gleichartigkeit als wahren Grund der Freund-


Frankreich
Le Nouveau Cynée schaft und der menschlichen Gesellschaft aufheben. War-
ou discours d'Estât um wollte ich, der ich Franzose bin, einem Engländer,
représentant einem Spanier oder einem Indianer, Böses wünschen? Ich
les occasions
et moyens kann es nicht, wenn ich bedenke, dass sie Menschen sind
d'établir wie ich, dass ich Irrtümern und Sünden unterworfen bin
une paix générale
et la liberté wie sie, und dass alle Nationen untereinander verbunden
du commerce sind durch eine natürliche und folglich unauflösliche Bin-
par tout le monde dung. 957
1623

Rede der Bürger von Platäa vor den lakedämonischen Rich-


tern zur Rechtfertigung ihres Verhaltens im Peloponnesi-
schen Krieg:

Die Thebaner aber haben uns immer schon viel zuleide


getan, und dies letzte habt ihr ja selbst miterlebt, wodurch
wir in diese Lage gekommen sind. Als sie unsere Stadt
Thukydides besetzen wollten mitten im Frieden und dazu noch an
5. Jh. v. Chr. einem Festtag, haben wir sie mit Recht gestraft nach dem
Der
Pcloponnesische für alle geltenden Gesetz, das die Abwehr des Angreifers er-
Krieg laubt. 958

Unter diesen Bedingungen beschlossen Spartaner und Ar-


geier, Frieden und Bündnis zu haben auf fünfzig Jahre, von
gleich zu gleich und zu Schiedsgericht bereit wie vor alters.
Thukydides Die andern Städte sollen teilhaben ßn dem Frieden und
5. Jh. v. Chr. Bündnis, eignen Rechtes und eignen Staates, unangetastet
Der
Peloponnesischc in ihrem Besitz, wie vor alters, zu Schiedsgericht bereit
Krieg von gleich zu gleich. 939

Freie Option Und als sie schon im Begriff waren, im Kampfe handge-
der Personen mein zu werden, verhinderten das die Korinther, die gerade
in der Nähe waren, und schlichteten in beiderseitigem Auf-
Herodot trag den Streit und grenzten das Land ab mit der Auflage,
5. Jh. v. Chr.
Geschichte und dass die Thebaner diejenigen Böoter in Ruhe Hessen, die
Geschichten nicht zum böotischen Bunde zu gehören wünschten. 960

Völkerrecht Alle Völker, die nach Sitten und Gesetz regiert werden,
wenden einesteils ihr eigenes Recht, andernteils das Recht
an, welches allen Menschen gemein ist. Denn was ein je-
des Volk für sich selber als Recht festsetzt, ist ihm eigen
und wird bürgerliches Recht genannt, gewissermassen das
der Gemeinschaft eigene Recht. Was aber die natürliche
Vernunft zwischen allen Menschen festgesetzt hat, dies
Rechtseinführung wird bei allen Völkern gleich beachtet und heisst Völker-
des Gaius
150 recht, gewissermassen das Recht, das alle Völker anwen-
Rom den. 961

521
Nationale Identität und Unabhängigkeit

So wie die Gesetze jedes Staates zu dessen eigenem Nutzen


gereichen, hat die Übereinstimmung aller, oder zumindest
einiger Staaten gewisse gemeinsame Regeln entstehen las-
sen. Und es scheint, dass man tatsächlich Regeln erlassen
hat, die die Nützlichkeit nicht dieser oder jener besonderen
Körperschaft anstreben, sondern das umfassende Zusam-
menführen dieser Körperschaften. Das ist, was man Völ-
kerrecht nennt, wenn man es vom Naturrecht unterschei-
det. Carneade kannte kern derartiges Recht, denn er be-
schränkte alles, was man Recht nennt auf das Naturrecht
sowie auf das besondere Recht eines jeden Staates (Landes-
recht). Er wollte aber das Recht der Völker erörtern, denn
er spricht in der Folge vom Krieg und den Eroberungen:
also sollte er sicher das Völkerrecht nicht weglassen.
Grundlos bezeichnet er auch die Rechtsprechung als Tor-
heit. Denn ein Bürger, der nach seinem eigenen Geständ-
nis die Gesetze seines Landes befolgt, handelt dabei nicht
unsinnig, auch wenn er mit Rücksicht auf diese Gesetze
auf verschiedene Dinge, die ihm besonders nützlich sein
können, verzichten muss, in gleicher Weise würde man ein
Volk vernünftigerweise nicht für verrückt halten, das nicht
so sehr in sein Privatinteresse verliebt wäre, dass es deswe-
gen die Gesetze der Staaten und der Nationen mit Füssen
treten würde. Der Fall ist genau der gleiche. Ein Bürger, der
für seinen gegenwärtigen Vorteil das Gesetz seines Landes
übertritt, untergräbt damit die Grundlagen seiner ständi-
gen Interessen und zugleich die seiner Nachkommen. Ein
Volk, das das Naturrecht und das Völkerrecht übertritt,
zerstört auch die Schutzmauer seines künftigen Friedens.
Hugo Grotius Aber wenn man sich auch keine Nützlichkeit vom Einhal-
Holland
Das Recht des ten der Regeln des Rechts versprechen würde, wäre es im-
Krieges und des mer Weisheit und keineswegs Torheit, dem zu folgen, was
Friedens die Natur vorschreibt. 962
1624

Karel Capek Der Krieg bei den Ameisen:


tschechischer
Schriftsteller Ja, sicher, wir schlagen uns, aber es ist im Namen aller
1890 -1938 Ameisen. 963

522
Allgemeinheit
Der Mensch, gleicher Ursprung und gleiche Beschaffenheit

Der Mensch ist Wenn das, was die Philosophen von der Verwandtschaft
Büigei der Welt Gottes und der Menschen sagen, wahr ist; was bleibt den
und Sohn Gottes Menschen anderes übrig, als, wie Sokrates, auf die Frage,
was für ein Landsmann? nie zu sagen, ein Athener oder ein
Korinther, sondern ein Weltbewohner? Denn warum
nennst du dich selbst einen Athener? Doch nicht bloss von
jenem Winkel, in den nach der Geburt dein Körper hinge-
worfen ward? Sondern offenbar von dem, was wichtiger ist
und nicht nur jenen Winkel und dein ganzes Haus umfasst,
sondern woher mit einem Worte das Geschlecht deiner
Vorfahren bis zu dir herabkam, von daher nennst du dich
einen Korinther oder Athener. Wer also die Verwaltung der
Welt mit dem Geiste erfasst und gelernt hat, dass das
Grösste und Wichtigste und Umfassendste von allem die-
ser Inbegriff von Gott und Menschen ist, und dass von ihm
die Keime ausgingen nicht bloss zu meinem Vater oder
Grossvater, sondern zu allem, was auf Erden geboren wird
und wächst, vorzugsweise aber zu den vernünftigen We-
sen, weil diese allein so geartet sind, dass sie mit Gott Ge-
meinschaft pflegen können, der Vernunft nach mit ihm
verbunden; warum sollte sich einer nicht einen Weltbe-
wohner nennen? Und warum soll er etwas von dem, was
unter den Menschen geschieht, fürchten? Genügt doch die
Verwandtschaft mit dem Kaiser oder sonst einem der
Mächtigen in Rom, um uns in Sicherheit, fern von Verach-
tung und ohne Furcht leben zu machen: und Gott zum
Schöpfer und Vater und Besorger zu haben, das soll uns
nicht von Schmerz und Furcht entheben? - Aber woher
werde ich essen? sagt einer, wenn ich nichts habe? - Und
wie verlassen denn die flüchtigen Sklaven ihre Herren?
Worauf verlassen sie sich? auf Acker, Sklaven oder Sil-
bergeschirr? Auf nichts als auf sich selbst; und doch ent-
steht ihnen die Nahrung nicht; und der angehende Philo-
soph sollte auf andere vertrauend und sich verlassend in die
Fremde gehen, und nicht für sich selbst sorgen, und
Epiktet schlechter und mutloser als unvernünftige Tiere sein, von
i-Jh. denen jedes, sich selbst genügend, weder der ihm eigen-
Unterhaltungen
und Handbüchlein tümlichen Nahrung, noch der ihm entsprechenden und na-
der Moral turgemässen Lebensführung entbehrt? 964

Wer aus guter Familie stammt, wird geachtet und geehrt.


Wer aus bescheidenem Hause stammt, wird weder geach-
tet noch geehrt. Damit verhalten wir uns den andern
gegenüber wie Barbaren. Tatsache ist, dass wir von Natur

525
Allgemeinheit

aus alle und in allem gleich geboren sind, Griechen wie


Barbaren, und die Feststellung sei erlaubt, dass alle Men-
schen die gleichen Grundbedürfnisse haben. (...) Bei kei-
nem von uns gab es schon bei der Geburt die Unterschei-
Antiphon
5. Jh. v. Chr. dung Barbare oder Grieche. Wir alle atmen durch Mund
Griechenland und Nase. 965

Dsi Lu fragte nach dem (Wesen des) Edlen. Der Meister


sprach: „Er bildet sich selbst aus (sittlichem) Ernst." (Ds'i
Lu) sprach: „Ist es damit schon fertig?" (Der Meister)
sprach: „Er bildet sich selbst, um andern Frieden zu ge-
ben." (Dsi Lu) sprach: „Ist es damit schon fertig? (Der
Meister) sprach: „Er bildet sich selbst, um den hundert Na-
Konfuzius men Frieden zu geben. Sich selbst bilden, um den hundert
551-479 V. Chr.
China Namen Frieden zu geben: selbst Yau und Schun machte das
Gespräche noch Schwierigkeiten." 966

Gemeinsame Da bildete der Ewige, Gott, den Menschen aus Staub von
Herkunft dem Erdboden, und blies in seine Nase Hauch des Lebens,
Hebräische Bibel und es ward der Mensch zu einem Leben-Atmenden. 967
Genesis 2, 7

Ambrosius, Bischof von Mailand, an Kaiser Theodosius


nach dem Massaker von Tessaloniki:

Die kaiserliche Gewalt lässt ja wohl die Erkenntnis der


Sündhaftigkeit nicht aufkommen, im Gegenteil, die Macht
Theodoret steht der vernünftigen Überlegung im Wege. Man muss
von Kyrrhos deshalb auf die Natur sehen, auf ihre Sterblichkeit und Ver-
Bischof
Kirchcngeschichte gänglichkeit und auf den Staub der Vorfahren, aus dem wir
ca. 450 geworden sind und zu dem wir zurückkehren. 968

Wenn sich alle Menschen mit der Natürlichkeit begegnen,


Thomas von Aquin
13. Jh. die sie von ihren Stammeltern haben, dann sind sie alle wie
Summa Theologica ein einziger Mensch. 969

Die Bibel erzählt, wie der Pharao die Hebräer bis hin in die
Wüste verfolgt. Sie werden bis zum Meer abgedrängt. Gott
teilt das Meer, lässt die Hebräer durchgehen und die Ägyp-
ter in den Fluten ertrinken. Moses stimmt ein Loblied auf
Gott an und besingt die wundersame Rettung seines Vol-
kes. Der Talmud fügt folgendes hinzu:

526
Der Mensch, gleicher Ursprung und gleiche Beschaffenheit

Die barmherzige
Jungfrau,
die die Menschheit
beschützt
Zeichnung
Deutschland
15. Jh.

In ebendieser Stunde wollten die Dienstengel ihr Loblied


sagen vor dem Heiligen, gelobt sei er. Da sprach zu ihnen
Talmud der Heilige, gelobt sei er: Meiner Hände Werk ertrinkt im
Sanhédrin, 39b Meer, da wollt ihr ein Loblied sagen vor mir! p/o

Du stiftest bei den Bürgern, den Völkern - was sage ich?


- beim ganzen menschlichen Geschlecht Eintracht durch
Heiliger Augustinus den Glauben an unsern gemeinsamen Ursprung, mehr
4. Jh.
Hymne noch, wir sind dadurch nicht nur eine Gemeinschaft, wir
an die Kirche werden zu Brüdern. 971

In Jesus Christus war die ganze Menschheit enthalten. So


hat sein Leib, Werkzeug des Wortes, das ganze Mysterium
der Auferstehung offenbart. Wenn Christus von der Stadt
spricht, so meint er das Fleischwerden, das er auf sich ge-
nommen hatte: Wie eine Stadt aus einer Vielfalt von Be-
Hilaire de Poitiers
wohnern zusammengesetzt ist, so ist in ihm, in diesem
Bischof Leib, den er angenommen hat, das ganze menschliche Ge-
4- Jh. schlecht enthalten. Durch diese Art von Vereinigung aller
Kommentar zum
Matthäus-
Menschen in ihm ist er wie eine Stadt, und wir sind die Be-
evangelium wohner durch unser Einssein mit seinem Fleisch. 972

527
Allgemeinheit

Rabbin Melr sagte: Der Staub des Urmenschen wurde aus


Talmud Babli der ganzen Erde zusammengescharrt... p/3

Natürliche Wenn die Schrift sagt: „Gott schuf den Menschen", be-
Würde zeichnet sie durch die Unbestimmtheit dieser Formel die
eines jeden ganze Menschheit. Tatsächlich ist in dieser Erschaffung
Menschen Adam nicht genannt, wie die Geschichte es später tut: Der
dem geschaffenen Menschen gegebene Name gilt nicht für
diesen oder für jenen, sondern für den Menschen im allge-
meinen.
Also sind wir durch die allgemeine Bezeichnung der Natur
zu folgender Annahme gezwungen: Auf Grund der Vorse-
hung und der göttlichen Macht ist die ganze Menschheit
von dieser ersten Einführung erfasst. Von Gott, von dem
die Wesen ihren Ursprung haben, ist alles an ihnen be-
stimmt und eines jeden Grenze und Mass sind von der
Weisheit des Schöpfers umschrieben. So ist ein Mensch
und seine Existenz durch die Grösse seines Körpers be-
stimmt, und ebenso, denke ich, ist die Gesamtheit der
Menschheit vereint wie in einem einzigen Körper dank der
„vorsehenden Kraft", die Gott in allen Dingen hat. Das ist,
was die Schrift mit: „Gott schuf den Menschen und mach-
te ihn nach dem Bilde Gottes" sagen will. Denn das Bild
befindet sich nicht nur in einem Teil der Natur, nicht mehr
als die Schönheit nicht durch eine spezielle Qualität eines
Lebewesens bedingt ist, sondern die Eigenschaft des Bildes
erstreckt sich auch auf die ganze Rasse. Der Beweis dafür
ist, dass der Geist in allen in gleicher Weise wohnt, und
dass alle ihre Gedanken und Entscheidungen verwirkli-
chen können sowie auch jene andern Tätigkeiten, durch
welche die göttliche Natur durch ihr Bild vertreten ist. Es
gibt keinen Unterschied zwischen dem Menschen, der bei
der ersten Schaffung der Welt erschien und demjenigen, der
bei der Erfüllung des Ganzen geboren wird: alle sind glei-
chermassen vom göttlichen Bild geprägt. Deshalb diente
ein einziger Mensch dazu, das Ganze zu prägen, weil es für
die Kraft Gottes weder Vergangenheit noch Zukunft gibt,
denn was kommen muss, und was vergangen ist, sind glei-
chermassen seiner Tätigkeit unterworfen, die alles um-
Gregor von Nyssa fasst. Auch bildet die ganze Natur, die sich vom Anfang bis
Bischof zum Ende ausbreitet, ein einmaliges Bild, von dem, der
4. Jh. lebt. Die Unterscheidung der Menschheit in Mann und
Vorderasien
Die Erschaffung Frau wurde, meiner Ansicht nach, der ursprünglichen Ge-
des Menschen staltung nachträglich hinzugefügt. p/4

Die Heiden, die sich bei den Gerechten einordnen, sind


Priester Gottes. Ich nehme den Himmel und die Erde als

528
Der Mensch, gleicher Ursprung und gleiche Beschaffenheit

Zeugen: jeder - Jude oder Heide, Mann oder Frau, Diener


Midrash oder Dienerin - kann also handeln, dass der Geist Gottes
Yalkut über ihn kommt. 975

Einheit der Denn wieviel euer auf Christum getauft sind, die haben
Menschen Christum angezogen. Hier ist kein Jude noch Grieche, hier
in Christus ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib;
Neues Testament denn ihr seid allzumal einer in Christo Jesu. 976
Paulus
Brief an die Galater,
III, 2 7 - 2 8

Allen wohnt - Aber Johannes bestätigt zum Glück, dass „uns das Wort in-
durch einen newohnt", um uns ein anderes, tiefes Mysterium zu offen-
einzigen - das baren. Man muss wissen, dass wir alle in Christus waren,
Wort inne und durch Ihn fand die Menschheit zum Zusammenleben
zurück. Man nannte Ihn den letzten Adam, weil Er die Ge-
meinschaft aller Lebewesen mit Glückseligkeit und dem
Ruhme Gottes beschenkte - im Gegensatz zum ersten
Adam, der schuld an Sünde und Schande war. (...)
So sind die Sklaven in Christus befreit und erhöht im
mystischen Bund mit Ihm, der die Gestalt des Sklaven an-
genommen hatte, und sie sind in dem Masse innerlich be-
freit, wie sie den Einzigartigen nachahmen, dem sie durch
das Fleisch verwandt sind. Gibt es einen andern Grund,
warum Er Abrahams Samen, und nicht den von Engeln,
wählte, als den, dass Er sich seinen Brüdern gleichsetzen
und wirklich Mensch sein wollte?
Ist es denn nicht ganz offensichtlich, dass Er sich bis
zum Sklavsein herabliess, nicht, weil Er für sich einen Vor-
teil suchte, sondern, um sich uns zu schenken, damit uns
Kyrillos von Seine Armut reich mache, damit wir durch die Ähnlichkeit
Alexandria mit ihm erhöht würden bis zu Seinem reinen, himmli-
5. Jh.
Kommentare zum schen Wesen, und damit wir durch den Glauben Gott und
Johannesevangelium Gotteskindern gleichen. 977

Wilhelm von
Ockham Alle Menschen sind wie ein einziger Leib, eine einzige Ge-
1280 -1349
Grossbritannien meinschaft. 978

Einheit Es gibt keine Unterschiede zwischen den verschiedenen


der Menschheit Klassen der Menschen. Die ganze Welt hat einen gött-
Mahâbhârata lichen Ursprung. 979
Hindi-Überlieferung

Rigveda Mögen
0 alle gemeinsam
0 essen und trinken. 980
Hmdi-Uberlieferung

529
Allgemeinheit

Dieser hier ist einer der unsrigen, oder (jener dort) ist es
nicht. Das ist der Gesichtspunkt der engen Geister. Aber
Subhäsita-
Ratnabhändägäta die grossen Seelen haben eigentlich die ganze Welt als
Sanskrit Familie. 981

Überlieferung Jedes Land ist mein Land, jeder Mensch ist mein Bruder.
der Sangam-Epoche
Tamil 982

Pampa Es gibt nur eine Kaste: die Menschheit.


9. Jh., Cañara 983

Und wofern nicht Allah den einen Menschen durch die an-
dern wehrte, wahrlich, so wären Klöster, Kirchen, Bethäu-
Koran ser und Moscheen, in denen Allahs Name so häufig ge-
Al-Hadj 40 nannt wird, zerstört. 984

Hadith Wer immer ein Vorurteil gegen einen Nicht-Muselman


(Worte des
Propheten) hat, dem erkläre ich den Krieg. 985

Koran O Menschen, fürchtet eueren Herrn, der euch erschaf-


An-Nissa, i fen hat aus einem Wesen. 986

Alle Menschen sind gleich, wie die Zähne eines Kammes.


Kein Araber kann vorgeben, er sei einem Fremden (Nicht-
Hadith
(Worte des Araber) überlegen, wenn nicht durch seine Frömmigkeit.
Propheten) Wer Rassismus predigt, gehört nicht zu uns. 987

Rumänisches Alle Menschen sind aus dem gleichen Teig gemacht. 988
Sprichwort

Ben Azaj sagte ferner: Verachte keinen Menschen und hal-


te kein Ding für unmöglich, denn es gibt keinen Men-
Talmud schen, der nicht seine Stunde hätte, und es gibt kein Ding,
Avoth 4 das nicht hätte seinen Platz. 989

Und so Allah es wollte, wahrlich, er machte euch zu einer


einzigen Gemeinde; doch will er euch prüfen in dem, was
er euch gegeben. Wetteifert darum im Guten. Zu Allah ist
Koran eure Heimkehr allzumal, und er wird euch aufklären, wor-
Al-Mai'da 53 über ihr uneins seid. 990

530
Der Mensch, gleicher Ursprung und gleiche Beschaffenheit

Der Mensch Ich teile euch hier diese geheime Lehre mit: wahrhaftig
Mahäbhärata, XII nichts ist so hervorragend wie die Menschheit. ppi
2. Jh. v. Chr. -
i. Jh. n. Chr.
Sanskrit

Unter den Lebewesen sind die die besten, die sich bewegen
Manusmriti, I können, und unter diesen die die besten, die intelligent
2. Jh. v. Chr. -
1. Jh. n. Chr. sind, und unter den intelligenten sind die menschlichen
Sanskrit Wesen die besten. 992

Mahäbhärata, XII Alle Wesen wünschen als Menschen geboren zu werden,


2. Jh. v. Chr. -
x. Jh. n. Chr. immer und überall. 993
Sanskrit

Uttarädhyayana- Wahrlich, es ist schwierig, das menschliche Leben zu errei-


Sütra, X
3. Jh. v. Chr. - chen. 994
6 . Jh. n. Chr.
Prakrit

Der Ursprung des Embryos ist eigentlich im Manne. Die


ganze Kraft seines Körpers ist in der Samenzelle zusam-
mengeballt. Ein zweites Ich ist im Ich. Wenn der Mann die-
se Samenzelle einer Frau gibt, zeugt er das früher geborene
Sich-Selbst. Dieses „Ich" wird eins mit der Frau, es ist wie
ein Teil ihres Körpers. Es schadet ihr also nicht. Sie nährt
dieses „Ich" des Mannes, das in sie eingedrungen ist. Sie,
die Nährmutter, hat ein Anrecht auf Nahrung. Es ist der
Mann, den die Frau wie ein Embryo austrägt. Er ernährt das
Kind, sobald es geboren ist. Indem er das Kind vom Augen-
Aitarcya-Upanishad blick seiner Geburt an ernährt, ernährt er eigentlich sich
n selber, denn so kann die Welt fortbestehen. Es ist die zwei-
7 . - 6 . Jh. v. Chr.
Sanskrit te Geburt des „ Ich". 995

Wer hat die beiden Fersen des Menschen geformt? Wer hält
sein Fleisch zusammen? Wer hat seine beiden Fussknöchel
gemacht? Seine wohlgeformten Finger? Die Öffnungen?
Die beiden Ucchlankhas in der Mitte? Wer hat ihm seinen
stabilen Bau (gegeben)? Womit sind denn die beiden Fuss-
knöchel und die beiden Knie gemacht? Wo sind denn
eigentlich die Kniegelenke festgemacht, dass wir sie beu-
gen können? Wer hat sie so festgemacht? Wer versteht das
wirklich? Das Gerüst ist an vier Stellen aneinandergefügt,
die Gliedmassen zusammengewachsen, oberhalb der Knie,
und doch kann sich der Rumpf biegen dank Gesäss und

531
Allgemeinheit

Oberschenkeln. Wer hat denn das geschaffen, was dem


Rumpf Halt gibt? Wieviele und welche Götter haben die
Knochen von Brust und Hals zusammengefügt, die Brüste
einzeln angemacht? Wer baute die beiden Kaphodas? Wie-
viele haben die Anordnung der Schulterknochen gemacht?
Der Rippen? Wer hat die beiden Arme so gefügt, dass sie
Heldenhaftes vollbringen können? Welcher Gott hat dann
diese beiden Schultern auf den Rumpf gesetzt? Wer hat die
sieben Öffnungen des Kopfes gemacht, Ohren, Nasenlö-
cher, Augen, Mund, die den zwei- und vierbeinigen Lebe-
wesen erlauben, sich überall zurechtzufinden? Zwischen
beide Kiefer hat er die vielseitige Zunge gelegt, auf die er
nachher das mächtige Wort legte. Er wälzt sich zwischen
den Welten, in Wasser gehüllt. Wer versteht das wirklich?
Wer war der Gott, der als erster sein Hirn und seine Stirne,
seinen Nacken und seinen Schädel schuf? Er stieg in den
Himmel, nachdem er die Kieferknochen des Menschen zu-
sammengefügt hatte. Wer ist dieser Gott? Es gibt viele ge-
liebte und viele ungeliebte Dinge, den Schlaf, die Beklem-
mung und die Niedergeschlagenheit, die Wonnen und die
Freuden - wer erlaubt dem Menschen, dem gefürchteten,
das alles zu ertragen? Wer gab ihm die vielen verschiedenen
und verschieden verlaufenden Launen, die wie mächtige
Fluten strömen, rot, kupferrot, rauchfarben im Leibe hoch-
steigen und ihn durchdringen. Wer hat ihm die Gestalt ge-
geben, wer die Masse, wer den Namen? Wer hat ihm seine
Gangart, sein besonderes Kennzeichen, sein Verhalten ge-
geben? Wer wob diesen Rhythmus des Ein- und Ausatmens
Atharvavcda, X in ihn, wer gab ihm diesen langen Atem? Welcher Gott
2200-1800 v. Chr.
Sanskrit hauchte so viel in diesen Menschen? 996

Der Hauch Gottes bewegt sich wie ein Embryo in den


Gottheiten (d.h. Sinnesorganen). Ist er eingehaucht und
hat sich (einmal) verkörpert, wird er eigentlich ein zwei-
tesmal geboren. Er ist, was war, was ist und was sein wird.
(Er), der Vater, offenbart sich mit seiner Kraft in seinem
Sohn. Er, der der Herr all dessen ist, was leibt und lebt. Oh
Atharvavcda, XI
2200-1800 v. Chr. du, so wie du bist, unser eiliger Bogenschütze, oh Lebens-
Sanskrit hauch, dir soll gehuldigt werden! 99/
Türkisches Ein Volk unterscheidet sich nicht von einem andern,
Sprichwort
15. Jh. ausser durch seine Sitten und Bräuche. 998

Der Mensch ist härter als das Eisen, dauerhafter als der
Stein und zarter als die Rose.

Türkische Die Tiere (erkennen sich), indem sie sich beschnüffeln, die
Sprichwörter Menschen (verstehen sich), indem sie Worte wechseln. 999

532
Der Mensch, gleicher Ursprung und gleiche Beschaffenheit

Für die, die Gott-Wahrheit wirklich lieben, sind die Be-


wohner der ganzen Erde wirklich wie Brüder.
Meine Sünde? Hier ist sie: Ich habe gesagt, dass die zwei-
undsiebzig verschiedenen Völker eine einzige Wahrheit
darstellen.
Wer für den Duft der Liebe empfänglich ist, der braucht
keine Religion und kein Volk mehr. Wie kann der, der sich
selbst für nichtig hält, Religionen und Sekten unterschei-
den?
Ich habe den gefunden, der sich in der menschlichen Seele
offenbart. Er strebt immer danach, sich zu befreien, seinen
Körper, in den er eingesperrt ist, zu verlassen. Er ist es, der
den zauberkräftigen Schutz (Talisman) bindet, der alle
Sprachen spricht, er, den weder Himmel noch Erde zu fas-
sen vermögen, und er ist gekommen, die menschliche See-
le zu bewohnen. Er macht, dass Wohlfahrtshäuser für die
Armen gebaut werden, Prachthäuser und Paläste. Er ist es,
der sich mit schwarzem Schutz vor dem Gesicht eifrig um
den Badofen bemüht.
Yunus, deine Worte haben einen tiefen Sinn für die, die
Yunus Emre sie entschlüsseln können. Sie werden dich überleben. Es
Volksdichter
13. Jh. werden Zeiten kommen, wo man sie noch erwähnen wird.
Türkei 1000
Theodose Kosoj Alle Menschen sind vor Gott gleich, Tartaren wie Germa-
Diener, der Mönch
geworden ist nen und andere Völker. (...) Wer mit Vernunft begabt ist
1554 wie wir, der ist im Geist unser Bruder oder unser Kind.
wegen Ketzerei 1001
verurteilt
Russland

WÜNSCHE DER VORFAHREN DER QUECHUA

Oh du, Tzacol, Bitol, Schöpfer, der uns prägte,


Blick auf uns, hör uns!
Lass uns nicht allein, verlass uns nicht.
Oh Herr, der du in den Himmeln bist und auf der Erde,
Herz des Himmels, Herz der Erde!
Gib uns Kinder,
Nachkommen,
Die Sonne möge sich drehen und uns Licht geben.
Dass die Dämmerung komme, dass es Morgen werde!
Gib uns viele gute Strassen,
Gut miteinander verbundene Strassen,
Dass die Völker in Frieden leben,
Popol Vuh Dass sie sich eines lange währenden Friedens freuen,
(Heiliges Buch
der Quechua) Gib ihnen Wohlstand,
Guatemala Gib uns ein gutes und sinnvolles Dasein! 1002

533
Allgemeinheit

Dei Sinn Ermahnung an ein junges Mädchen bei den Azteken:


des Lebens
Da bist du, mein kleines Mädchen, mein kostbares Hals-
band, mein Federschmuck, mein Menschenwerk, von mir
geboren. Du bist mein Blut, meine Farbe, mein Ebenbild.
Höre gut zu und versuche zu verstehen: Du lebst, du bist
geboren. Unser Herr, Gebieter über das, was nahe und das,
was fern ist, Schöpfer der Völker, der, der sich den Men-
schen ausgedacht hat, hat dich auf die Erde geschickt.
Und jetzt, wo du beginnst, um dich zu blicken, musst du
es wissen: Hier unten gibt es kein Glück, gibt es keine
Freude. Es gibt nur Kummer, Sorgen, Mühen. Hier entste-
hen und wachsen Schmerz und Verzweiflung.
Die Erde ist eine Stätte der Klagen, ist der Ort, wo wir
unsere Kräfte aufbrauchen, wo wir Bitterkeit und Entmuti-
gung gar wohl kennen. Ein Wind weht, der wie Lavaglas
schneidet, wenn er über uns hinwegfegt.
Man sagt mit Recht, dass wir von der Kraft der Sonne
und des Windes ausgebrannt sind. Die Erde ist der Ort, wo
man immer fast am Sterben ist vor Hunger und Durst. So
ist es hier unten.
Hör mir gut zu, mein Kind, mein kleines Mädchen: Es
gibt kein Wohlbefinden auf der Erde, kein Glück und keine
Freude. Man sagt, auf Erden sei Freude Leid und Glück
Kummer.
Die Alten haben immer gesagt: Damit wir nicht die gan-
ze Zeit stöhnen, damit wir nicht von Traurigkeit erfüllt
sind, hat uns der Herr das Lachen gegeben, den Schlaf, die
Nahrung, unsere Kraft und unsern Mut und zu guter Letzt
die leibliche Liebe, mit der wir zeugen.
Das ist es, was das Leben auf Erden etwas süsser macht
und warum wir nicht ohne Unterlass stöhnen. Aber auch
unter diesen Bedingungen, auch wenn wir überall nur Lei-
den finden, auch wenn die Dinge so sind hienieden, trotz
alledem, warum sollten wir uns ängstigen? Müssen wir in
Angst leben? Müssen wir in Tränen leben?
Denn weisst du, es gibt auch das Leben auf der Erde, es
gibt Herren, Behörden, Adel, es gibt Adler und Tiger und
Ritter. Und wer wiederholt ohne Unterlass, dass es so ist
Aztekische auf Erden? Wer versucht, seinem Leben ein Ende zu setzen?
Überlieferung
Mexiko Der Ehrgeiz, der Kampf, die Arbeit sind auch da. Der eine
16. Jh. sucht eine Gattin, die andere einen Gatten! 1003

Ich bin gekommen, oh meine Freunde,


Ich umwinde euch mit Halsketten
Und schmücke euch mit Arafedern.
Ich kleide mich mit Federn wie ein kostbarer Vogel,

534
Dei Mensch, gleicher Ursprung und gleiche Beschaffenheit

Ich überdecke mich mit Gold,


Ich umarme die Menschheit.
Mit den zitternden Federn des Quetzal,
Mit Kehrreimen von Liedern
Gebe ich mich der Gemeinschaft.
Ich nehme euch mit zum Palast,
Wo wir alle
Eines Tages
Aztekisches Hingehen müssen
Mexiko In dasReich der Toten,
15. Jh. Denn das Leben war nur geliehen. 1004

Lasst uns hier mit Freunden zusammenkommen!


Die Zeit ist gekommen, unsere Gesichter zu erkennen.
Unsere Lieder können
Mit Blumen nur bezaubern.
Wenn wir fort sind für die letzte Wohnstätte,
Werden unsere Worte
Immer auf Erden leben.
Wir werden beim Weggehen
Unsere Sorgen und unsere Lieder zurücklassen,
Denn, das sollt ihr wissen,
Unsere Lieder bleiben.
Wir werden dort wohnen,
Aztekisches Lied -,
M e x i k o Aber unsere Worte
A

15. Jh. Bleiben auf Erden lebendig. 1005

Man kommt, um die Pythonschlange zu bewundern, man


kommt, um den Leoparden zu bewundern. Pythonschlange
und Leopard, keines von beiden wäre nicht majestätisch.
Wenn man eine Pythonschlange tötet, gehen die Leute
schauen, und wenn man einen Leoparden tötet, geht man
auch, zum Bewundern, denn beides sind edle Tiere.
Beim Menschen ist es gleich. Ob die Frau mit einem
Mädchen niederkommt oder einen Sohn zur Welt bringt,
kommt nicht drauf an. Beide sind Menschen. Ob ein
Mensch reich sei oder arm, wir müssen beide zu Freunden
machen. Beide sind Menschen.
Ob eine Gattin schön oder hässlich ist, sie pflegt dich,
sie bereitet dir Nahrung zu. (...)
Die Kochtöpfe (sagen): „Die Farbe macht's aus, dass wir
ausgewählt werden." Alle diese Töpfe sind gleich gebrannt
worden, im gleichen Ofen, trotzdem sind sie verschieden.
Die Farbe wird vom einen besser angenommen als vom an-
dern, dem Käufer ist diese Farbe lieber als die andere.

535
Allgemeinheit

So sind die Kinder gleicher Eltern auch verschieden und


gelingen verschieden, trotz ihres gemeinsamen Ursprungs,
Mongo-
Sprichwörter weil sie sich anders benehmen und andere Tugenden und
Kongo Fehler haben. 1006

Alle Menschen sind Kinder Gottes; keiner ist ein Kind der
Erde.

Akan-Sprichwörter Alle Menschen haben einen Kopf, aber die Köpfe sind ver-
Ghana schieden. 100/

Den Bruder kannst du beissen, aber nicht hinunterschluk-


ken.
Zcrma-Sonrai-
Sprichwort (Jeder Feindschaft zwischen den Menschen sind Grenzen
Afrika gesetzt, wegen der Tatsache, dass sie Biüdei sind.) 1008

Die Welt ist Alle Menschen stehen miteinander in Verbindung und sind
eine grosse auf wunderbare Weise Teil des alles umfassenden Freistaa-
Stadt tes Welt.
Alle Königreiche, Kaiserreiche, Gewaltherrschaften und
Freistaaten der Erde sind durch eine Freundschaft vereint,
die nichts anderes ist als das Diktat der Vernunft oder des
Rechtes der Leute. Dadurch ist diese Welt wie eine grosse
Stadt, und alle Menschen sind wie eingegossen in einem
einzigen Recht, damit sie verstehen, dass sie aus dem glei-
chen Geschlecht stammen und im Schutze der gleichen
Vernunft stehen. Weil aber dieses Reich der Vernunft frei
Jean Bodin von Zwang ist, ist es unmöglich, alle vorhandenen Völker
Frankreich in einem einzigen Freistaat zu vereinigen. Darum nehmen
Die Republik
1576 die Prinzen Waffen und Staatsverträge zu Hilfe. 1009

Wenn das menschliche Geschlecht auch in verschiedene


Völker und Reiche aufgeteilt ist, so hat es doch eine Ein-
heit, nicht nur die der Gattung, sondern auch sozusagen
eine politische und eine moralische. Diese Einheit wird
von den Geboten der Nächstenliebe und von der Barmher-
zigkeit diktiert, einem Gebot, das allen gelten soll, sogar
den Fremden, wie immer ihre Herkunft ist. So ist jeder
Staat, jede Republik oder jedes Königreich, auch wenn es in
seiner Art vollkommen und ausgewogen ist, doch auch ein
Teil der ganzen Welt, was das menschliche Geschlecht an-
belangt. Kein Staat kann sich selber in dem Masse genü-
gen, dass er nicht noch Unterstützung von, Zusammen-
schluss mit und gute Beziehungen zu andern brauchte,

536
Der Mensch, gleicher Ursprung und gleiche Beschaffenheit

bald der Not gehorchend, bald wegen moralischer Unter-


stützung, wie es gerade kommt. Die Staaten brauchen dar-
um ein Gesetz, das diese Gemeinschaften und Gesellschaf-
ten regiert. Der gesunde Menschenverstand macht in die-
ser Beziehung sicher viel aus, aber er genügt nicht in jedem
Francisco Suarez
Falle. Und so entstanden bei gewissen Völkern bestimmte
Spanien Rechte durch Sitten. So wie Rechte in einem Staat oder
Tractatus de einem Gebiet durch Sitten entstehen, so konnten umge-
legibus ac de Deo
legislatorc
kehrt beim ganzen menschlichen Geschlecht Sitten durch
Ende 16. Jh. das Recht, das die Leute haben, entstehen. IOIO

Die Mensch- Man sollte die gesamte Menschheit als einen einzigen Or-
heit, ein ganismus betrachten und ein Volk als eines seiner Glieder.
einziger Wenn die Spitze eines Fingers schmerzt, so leidet der ganze
Organismus Organismus. Wenn ein bestimmter Punkt der Erde Opfer
einer Not ist, sollten wir uns hüten zu sagen: „Was geht
mich das an?" Wir sollten uns gleich stark damit befassen,
wie wenn uns diese Not selber betreffen würde. Wir dürfen
Kemal Pascha diesen Grundsatz nie vergessen, auch wenn sich der Zwi-
Atatürk
1937 schenfall noch so weit weg von uns abspielt. 1011

Gleiches Ich will nicht nur zu einer Zusammengehörigkeit und


Leben in Wesensgleichheit mit den sogenannten menschlichen We-
allen sen kommen. Ich will mich allem, was lebt, gleichsetzen,
selbst den Tieren, die am Boden kriechen. Auch wenn ich
Gefahr laufe, euch vor den Kopf zu stossen, aber ich will
mich den Tieren gleichsetzen, die am Boden kriechen. Wir
behaupten ja, dass wir vom gleichen Gott abstammen. In
Mahatma Gandhi Anbetracht dessen ist das Leben in seinem Wesen einzig, in
1869 -1948 welcher Gestalt immer es in Erscheinung tritt. 1012

Die ganze Welt Die Suche nach der Wahrheit beruht auf der Ahimsa
in jedem (Gewaltlosigkeit). Es wird mir jeden Tag klarer, dass diese
Menschen Suche vergeblich ist, wenn sie nicht auf der Ahimsa grün-
det. Es ist vollkommen richtig, gegen ein System anzu-
kämpfen und ihm Widerstand zu leisten, aber gegen seinen
Urheber ankämpfen und Widerstand leisten bedeutet so-
viel wie gegen sich selber kämpfen und Widerstand leisten.
Denn wir sind alle nach dem gleichen Muster geschnitten,
wir sind die Kinder eines einzigen und gleichen Schöpfers,
und darum ist die göttliche Kraft, die uns innewohnt, uner-
schöpflich. Wer auch nur einen einzigen Menschen verach-
tet, verachtet diese göttliche Macht und tut damit nicht
Mahatma Gandhi nur diesem menschlichen Wesen Unrecht, sondern gleich-
1869 -1948 zeitig der ganzen Welt. 1013

537
Brüderlichkeit

Menschliche Diomedes, dei Achäei, Sohn des Tydäus, und Glaukos, dei
Bande Lykiei, Sohn des Hippolok, erkennen sich, wie sie sich
mitten in der gegenüberstehen, und anerkennen die Bande der Gast-
Schlacht freundschaft, die ihre beiden Familien verbinden.

Sprachs; doch freudig vernahm es der Rufer im Streit


Diomedes.
Eilend steckt' er die Lanz in die nahrungsprossende Erde,
Und mit freundlicher Rede zum Völkerhirten begann er:
Wahrlich, so bist du mir Gast aus Väterzeiten schon
vormals!
Oineus, der Held, hat einst den untadligen Bellerophontes
Gastlich im Hause geehrt und zwanzig Tage beherbergt.
Jen' auch reichten einander zum Denkmal schöne
Geschenke.
Also bin ich nunmehr dein Gastfreund mitten in Argos,
Du in Lykia mir, wann jenes Land ich besuche.
Drum mit unseren Lanzen vermeiden wir uns im
Getümmel.
Viel' ja sind der Troer mir selbst und der rühmlichen
Helfer,
Dass ich töte, wen Gott mir gewährt, und die Schenkel
erreichen;
Viel' auch dir der Achaier, dass, welchen du kannst, du
erlegest.
Aber die Rüstungen beide vertauschen wir, dass auch die
andern
Schaun, wie wir Gäste zu sein aus Väterzeiten uns
rühmen.
Also redeten jen', und herab von den Wagen sich
schwingend,
Homer
9. Jh. v. Chr. Fassten sie beid' einander die Händ und gelobten sich
Iliade Freundschaft. 1014

Inständige Bitte des besiegten Priamus an den Sieger


Achilles um Rückgabe der Leiche seines Sohnes Hektor:

Deines Vaters gedenk, o göttergleicher Achilleus,


Sein, der bejahrt ist wie ich, an der traurigen Schwelle des
Alters!
Und vielleicht, dass jenen auch rings umwohnende Völker
Drängen, und niemand ist, vor Jammer und Weh ihn zu
schirmen.

538
Brüderlichkeit

Aber doch, wann jener von dir, dem Lebenden, höret,


Freut er sich innig im Geist und hofft von Tage zu Tage,
Wiederzusehn den trautesten Sohn, heimkehrend von
Troia.
Ich unglücklicher Mann! die tapfersten Söhn' erzeugt ich
Weit in Troia umher, und nun ist keiner mir übrig!
Fünfzig hatt ich der Söhn', als Argos' Menge daherzog:
Ihrer neunzehn wurden von Einer Mutter geboren,
Und die anderen zeugt ich mit Nebenfraun im Palaste.
Vielen davon zwar löste der stürmende Ares die Glieder,-
Doch der mein einziger war, der die Stadt und uns alle
beschirmte,
Diesen erschlugst du jüngst, da er kämpfte den Kampf für
die Heimat,
Hektor! Für ihn nun komm ich herab zu den Schiffen
Achaias,
Ihn zu erkaufen von dir, und bring unendliche Lösung.
Scheue die Götter demnach, o Peleid', und erbarme dich
meiner,
Denkend des eigenen Vaters! ich bin noch werter des
Mitleids!
Duld ich doch, was keiner der sterblichen Erdebewohner:
Ach, zu küssen die Hand, die meine Kinder getötet!
Sprachs, und erregt' in jenem des Grams Sehnsucht um
den Vater;
Sanft bei der Hand anfassend, zurück ihn drängt' er, den
Alten.
Beide nun eingedenk: der Greis des tapferen Hektors,
Weinete laut, vor den Füssen des Peleionen sich windend;
Aber Achilleus weinte den Vater jetzo, und wieder
Seinen Freund; es erscholl von Jammertönen die Wohnung.
Aber nachdem sich gesättigt des Grams der edle Achilleus,
Und aus der Brust ihm entfloh der Wehmut süsses
Verlangen,
Sprang er vom Sessel empor, bei der Hand den Alten
erhebend,
Voll Mitleids mit dem grauenden Haupt und dem
grauenden Barte,-
Und er begann zu jenem und sprach die geflügelten Worte:
Armer, fürwahr, viel hast du des Wehs im Herzen erduldet!
Welch ein Mut, so allein zu der Danaer Schiffen zu
wandeln,
Jenem Mann vor die Augen, der dir so viel' und so tapfre
Söhn' erschlug! Du trägst ja ein eisernes Herz in dem
Busen!
Aber wohlan, nun setz auf den Sessel dich; lass uns den
Kummer
Jetzt in der Seel' ein wenig beruhigen, herzlich betrübt zwar.

539
Allgemeinheit

Denn wir schaffen ja nichts mit unserer starrenden


Schwermut.
Achilles lässt die Leiche Hektors zurechtmachen, dann erfüllt er seine
Pflicht als Gastgeber: er bereitet seinem Gast ein Mahl zu.

Aber Automedon nahm und verteilte das Brot auf dem


Tische,
Jedem im zierlichen Korb; und das Fleisch verteilet'
Achilleus.
Und sie erhoben die Hände zum leckerbereiteten Mahle.
Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise
gestillt war,
Nun sah Priamos, Dardanos' Sohn, mit Erstaunen
Achilleus,
Welch ein Wuchs, und wie edel; er glich unsterblichen
Göttern.
Auch vor Priamos, Dardanos' Sohn, erstaunet' Achilleus,
Schauend das Angesicht voll Würd' und die Rede
vernehmend.
Homer
9. Jh. v. Chr. Aber nachdem sie gesättigt den Anblick einer des andern,
Iliade Hub der göttliche Priamos an und redete also. 1015

Ehre die Bei den Ausgrabungen auf der Insel Sainte Marie, vor der
toten Feinde Küste von Catham, kamen die sterblichen Überreste zahl-
reicher französischer Kriegsgefangener aus napoleonischer
Zeit zum Vorschein, die auf den als Gefängnis dienenden
Hulken von Medway gestorben waren. Man baute für sie
einen kleinen, von Gittern umgebenen Friedhof von unge-
fähr zwanzig Quadratmetern, mit Blumenbeeten und Kies-
wegen. Später errichtete man ein Denkmal darin mit fol-
gender Inschrift:
Hier liegen die sterblichen Überreste zahlreicher tapferer
Soldaten und Seemänner beisammen, die zuerst Feinde,
dann Gefangene Englands waren und nun ihre letzte Ruhe-
stätte auf seinem Boden finden. Für immer vergessen sind
Feindseligkeit und Trübsal der Gefängnisse. Es war ihnen
vergönnt, ihre Augen in der Nähe ihrer geliebten Landsleu-
te zu schliessen. Aber sie sind von einem Volk, das Werte
zu lieben und zu achten weiss, einem Volk, das am Un-
Inschrift
1869 glück teilnehmen kann, in einer würdigen Grabstätte zur
Grossbritannien letzten Ruhe gebettet worden. 1016

Gottes Die da nie Kenntnis der Taufe


Geschöpfe erlangten, ist es denn Sünde,
sie zu erschlagen wie ein Stück Vieh?
Wolfram Grosse Sünde, sage ich:
von Eschenbach
13. Jh. ist es doch Gottes Geschöpf,
Willehalm zweiundsiebzig Sprachen sind sein. 1017

540
Brüderlichkeit

Allen Einflüssen „Meine eigentliche Idee aber, deren ich (mir) - seitdem
offen ich mich als Komponist gefunden habe - vollkommen be-
wusst bin, ist - die Verbrüderung der Völker, eine Verbrü-
derung trotz allem Krieg und Hader. Dieser Idee versuche
ich - soweit es meine Kräfte gestatten - in meiner Musik
Béla Bartók zu dienen; deshalb entziehe ich mich keinem Einflüsse,
Ungarn mag er auch aus slowakischer, rumänischer, arabischer
Brief an
Oktavian Beu
oder sonst irgendeiner Quelle entstammen. Nur muss die
1931 Quelle rein, frisch und gesund sein!" 1018

Brüderlichkeit Wir verurteilen den „Völker"-Hass, der bis jetzt die


Menschheit entzweite, aus dem Grunde, weil er sowohl
unsinnig wie schlecht ist, unsinnig, weil niemand den Ort
seiner Geburt auswählen kann, und schlecht, weil uns die-
se nationalen Eitelkeiten Zwistigkeiten und blutige Kriege
beschert haben, die die Welt verheerten. Da wir überzeugt
sind, dass zu allen Zeiten Unterdrücker diese nationalen
Vorurteile dazu missbrauchten, die Leute mordend aufein-
anderzuhetzen, während zu ihrem Wohle Zusammenarbeit
nötig gewesen wäre, weist unsere Gesellschaft (Gesell-
schaft der brüderlichen Demokraten) den Ausdruck „Frem-
der" von sich. Es ist gleich, wer damit bezeichnet wird oder
wer ihn benutzt. Wir haben die moralische Überzeugung,
dass alle Menschen, woher sie immer stammen, zu einer
einzigen Familie - der Menschheit - gehören und dass sie
Mitglieder eines einzigen, grossen Freistaates sind -
Prinzipien und
Regeln der der Welt. Mit einem Wort, wir sind überzeugt, dass es nur
Gesellschaft der ein sittliches Gebot gibt, welches das staatliche und das
brüderlichen persönliche Glück gewährleistet, und das heisst: „Sei mit
Demokraten
1845
deinem Nächsten so, wie du möchtest, dass man mit dir
Grossbritannien ist." 101p

Emeric Crucé Mich dünkt, man habe Grund zu Angst und gleichzeitig zu
Frankreich
Der neue „Cinée", Mitleid, wenn man das Haus des Nachbarn brennen oder
oder eine Staatsrede, einstürzen sieht, denn die menschliche Gesellschaft ist ein
in der Möglich-
keiten und Mittel Körper, dessen Glieder in wechselseitiger Beziehung mit-
zur Herstellung einander leben, und darum ist es unmöglich, dass die
eines allgemeinen Krankheiten des einen nicht auf die andern übergehen. 1020
Friedens und einer
Handelsfreiheit für
alle vorgestellt
werden.
1623

Voraus- Wenn die Verwirklichung des Friedens, und das wissen wir
setzungen alle, im Gedanken der Menschen und im Gewissen der
für den Frieden Völker vorbereitet werden muss, kann dies nur unter der
Bedingung geschehen, dass die Geister zur tiefen Überzeu-
gung folgender Grundsätze gelangen: Ein Politiker soll in

541
Allgemeinheit

erster Linie und als wichtigstes Anliegen eine gerechte


Politik gewährleisten. Jedes Volk muss sich bemühen, die
Psychologie, die Entwicklung und die Traditionen, die
leiblichen und geistigen Bedürfnisse, die eigentliche Wür-
de und die geschichtliche Bestimmung anderer Völker zu
verstehen, denn jedes Volk muss nicht nur seine eigenen
Vorteile im Auge behalten, sondern auch das gemeinsame
Wohl der Völkerfamilie. Dieses Erwachen des gegenseiti-
gen Verständnisses und des Sinnes für eine zivilisierte
Gemeinschaft entspricht - ein geistiges Erwachen voraus-
gesetzt, trotz, ach, jahrhundertealter Gewohnheiten in der
Geschichte der Menschheit - einer Bedingung für das All-
gemeinwohl in einer Welt, die fortan auf Gedeih und Ver-
derb vereint ist, auch wenn sie in verheerender Weise ent-
zweit ist, was politische Interessen und Leidenschaften
anbelangt. Wenn man nationalen Vorteilen in jedem Falle
Vorrang gibt, ist man auf dem besten Weg, alles zu verlie-
ren. Eine Gemeinschaft von freien Menschen ist nur da
denkbar, wo man erkennt, dass die Wahrheit Ausdruck
dessen ist, was eben ist, und das Recht Ausdruck dessen,
W a s gerecht ist - und nicht das, was zu einem bestimmten
Zeitpunkt einer bestimmten Menschengruppe am meisten
Vorteile bringt. Es ist nicht erlaubt, einen Unschuldigen
zum Tode zu verurteilen, weil er für ein Land eine unnöti-
ge und kostspielige Last geworden ist oder weil er irgend-
eine Gruppe am Erfolg einer einmal unternommenen
Sache hindert. Die Würde des Menschen ist eigentlich Vor-
aussetzung für das Wohl der Gemeinschaft, und wir müs-
sen Ehrfurcht haben vor ihr. Ein Mensch hat als Bürger, als
Mitglied der Gesellschaft oder der Arbeiterschaft grund-
sätzliche Rechte und grundsätzliche Verpflichtungen. Das
Wohl aller kommt vor persönlichen Interessen. Die Arbei-
terwelt hat Anrecht auf soziale Änderungen, weil sie eine
historische Grösse erreicht hat. Die breite Masse soll an
kulturellen und geistigen Gütern Anteil haben. Der Gewis-
sensbereich darf nicht angetastet werden. Menschen ver-
schiedenen Glaubens und verschiedener geistiger Herkunft
müssen in einer zivilisierten Gemeinschaft ihre Rechte
gegenseitig anerkennen. Der Staat hat im Hinblick auf das
Jacques Maritain
Frankreich Wohl der Gemeinschaft die Pflicht, Religionsfreiheit und
Rede anlässlich Freiheit in der Forschung anzuerkennen. Vorurteile wegen
der zweiten Session Rasse, Klasse oder Kaste sind eine Beleidigung sowohl für
der General-
versammlung der die menschliche Wesensart wie für die persönliche Würde
Unesco und bedrohen den Frieden sehr ernstlich. 1021
1947
Die Dang, der Kanzler des Staates Schang, befragte den Dschu-
menschliche ang Ds'i über die Liebe.
Tugend Dschuang Dsi sprach: „Tiger und Wölfe haben Liebe."

542
Brüderlichkeit

Jener sprach: „Was soll das bedeuten?"


Dschuang Ds'i sprach: „Die Alten und die Jungen sind an-
hänglich aneinander, das muss man doch als Liebe bezeich-
nen."
Jener sprach: „Darf ich fragen, was die höchste Liebe ist?"
Dschuang Ds'i sprach: „Die höchste Liebe kennt keine An-
hänglichkeit."
Der Kanzler sprach: „Ich habe sagen hören, ohne Anhäng-
lichkeit gibt es keine Zuneigung, ohne Zuneigung gibt es
keine kindliche Ehrfurcht. Ist es nun zulässig, zu behaup-
ten, dass höchste Liebe keine kindliche Ehrfurcht kennt?"
Dschuang Ds'i sprach: „Nicht also! Höchste Liebe ist etwas
Dschuang Dsï
3- Jh. v. Chr. überaus Hohes. Der Begriff der kindlichen Ehrfurcht ist un-
China genügend, um sie zu bezeichnen." 1022

Der Mensch Was mich betrifft, so betrachte ich mich als Mensch, weil
ist ein ich in der Gemeinschaft lebe, in Gesellschaft von Men-
geselliges Tier schen, und weil ich mit tausend Dingen beschäftigt bin.
Giovanni Pontano 1023
ca.1467
Italien

Man zieht eine unvergleichliche Klarheit für den mensch-


lichen Verstand aus dem fleissigen Umgang mit Men-
schen. Wir sind alle in Haufen zusammengedrängt und
sehn nicht weiter, als unsere Nasen reichen. Als Sokrates
befragt war, woher er gebürtig sei, antwortete er nicht: aus
Athen, sondern: aus der Welt. Dieser Weise, dessen Geist
besser genährt und weniger umgrenzt war, umfasste die
ganze Welt wie seine Vaterstadt; weihte seine Kenntnis,
seinen Umgang und sein Wohlwollen dem ganzen Men-
Montaigne
Essais schengeschlechte; nicht wie wir, wir sehen nur unter uns
1580-1588 herab. 1024

Nicht weil es Sokrates gesagt hat, sondern weil es in Wahr-


heit meine Sinnesart ist, vielleicht nicht ganz ohne
Schwärmerei, achte ich alle Menschen für meine Mitbür-
ger und umarme einen Polen so innig wie einen Franzosen,
indem ich dieses Nationalband dem grossen und allgemei-
nen Bande der Menschheit nachsetze. (...)
Die Natur hat uns frei und ungebunden auf die Welt ge-
setzt; wir kerkern uns ein in ein kleines Stück Land. So
verpflichteten sich die Könige von Persien, niemals von
anderm Wasser als aus dem Choaspes zu trinken, entsag-
ten durch diesen närrischen Einfall ihrem Rechte, sich aller
andern Wasser zu bedienen und machten die ganze übrige
Welt, in Rücksicht ihrer, zu einem verseuchten Brunnen.

543
Allgemeinheit

Die Stoiker sagen ganz recht, es walte ein so grosses


Band und Verhältnis unter Weisen ob, dass derjenige, wel-
cher zu Mittag in Frankreich isst, seinen Mitbruder in
Ägypten speist und ein Weiser, der seinen Finger aus-
strecke, an was immer für einem Orte, mache, dass alle
Montaigne
Essais Weisen, die auf der Erde wohnen, sich davon aufgeholfen
1580 -1588 fühlen. 1025

Freiheit Die Freiheit! Sie ist darum so herrlich, weil, wenn sie
Tyrannei verloren geht, alle Übel sich einstellen, eines nach dem
Einheit anderen, ja, alle etwa noch verbleibenden Güter ihren
Geschmack und ihre Würze verlieren. Die Knechtschaft
verdirbt alles, die Freiheit allein macht erst das Gute gut.
Und gerade dieses höchste aller Güter zu erstreben - gera-
de dazu fehlt den Menschen, offenbar von der Natur her,
der Antrieb. Unbegreiflich! Oder - sollte es vielleicht so
sein, dass die Menschen die Freiheit nur deshalb verschmä-
hen, weil sie, um die Freiheit auf der Stelle zu erhalten,
nicht mehr aufzubringen brauchten als den blossen
Wunsch danach? Ist es nicht, als weigerten sie sich, das
Herrliche zu ergreifen, nur weil ihnen die Besitzergreifung
allzu leicht wäre?
Ach, ihr armen Völker, die ihr so stumpfsinnig an all
eurem Unglück festhaltet, ach, ihr törichten Nationen, die
ihr gegen euer Bestes so blind seid! Ihr lasset es geschehen,
dass man euch euer Kostbarstes und Schönstes raubt, dass
man euch eure Ernten stiehlt, dass man euch eure Woh-
nungen plündert und euern altererbten Hausrat weg-
schleppt. Ihr führt ein Leben, als ob es euer höchster Ruhm
wäre, kein Eigentum zu haben, als ob es euer grösstes
Glück wäre, eure Güter, ja selbst eure Familien nur halb zu
besitzen. Und alles Unglück, das ihr erleidet, aller Scha-
den, den man euch antut, kommt nicht von euren Feinden,
nein, euer ganzes Elend kommt vielmehr von einem einzi-
gen Feind, und der ist nur darum so stark, weil ihr ihn so
stark macht! Und ihr macht ihn erst dadurch so stark, dass
ihr ihm erlaubt, euch jederzeit in den Krieg und in den Tod
zu schicken. Er aber, er hat auch nur einen Leib, nur zwei
Augen, nur zwei Hände, genau so wie der geringste Mann
in irgendeiner der volkreichen Städte. Er hat keinem von
euch das Geringste voraus - ausser der Übermacht, die ihr
selber ihm zulegt, auf dass er euch verderbe. Ihr selber lei-
het ihm die Augen, die euch beobachten, die Ohren, die
euch belauschen, die Hände, die euch schlagen, die Füsse,
die euch und eure Städte in den Staub treten. Er hat keine
Macht über euch als die durch euch selber. (...)
Seid entschlossen, ihm nicht zu dienen, und ihr seid frei!
Ihr braucht ihn weder zu stossen noch zu stürzen, ihr

544
Brüderlichkeit

braucht ihn nur nicht mehr zu halten und zu stützen -


und er fällt in sich zusammen - so wie jener Koloss, wenn
man ihm nur sein tönernes Bein weghaut, in sich zusam-
menstürzt und sich selber unter der Last seines eigenen
Gewichtes begräbt. (...)
Die Natur ist eine gute Mutter, sie hat uns alle im glei-
chen Hause untergebracht, und sie hat uns nach demselben
Modell geformt, auf dass ein jeder sich im andern wider-
spiegeln und in seinem Nächsten sich selber erkennen
möge. Sie gab uns das grosse Geschenk der Sprache, auf
dass wir durch das Wort immer vertrauter und immer brü-
derlicher miteinander würden. Aus diesem Boden des ge-
meinsamen Gedankenaustausches erwächst alsdann die
Bildung eines gemeinsamen Willens.
Mit allen Mitteln versucht die Natur, uns durch ein eini-
gendes Band zu verknüpfen und zu einer Gemeinschaft zu-
sammenzuschliessen. Immer wieder zeigt sie uns, dass sie
bestrebt ist, uns nicht bloss zu vereinigen, sondern eine
Ganzheit aus uns herzustellen. Wenn das nun aber so ist,
E. delaBoetie dann kann es doch keinen Zweifel darüber geben, dass wir
Über die freiwillige alle von Natur frei sind. Denn wenn sie uns in eine uns alle
Knechtschaft
des Menschen
umfassende Gemeinschaft stellt, kann sie nicht irgend-
1548 einen für die Sklaverei bestimmt haben. 1026

Einheit Wieviel schöner ists,


durch Die Gleichheit ehren, die ihr sanftes Band
Gleichheit Um Freunde, Städte und um Bündner schlingt.
Euripides Die Gleichheit ist der Menschen Ruhepunkt. IÖ2J
Griechenland
Die Phönikerinnen
408 v. Chr.

Einheit Warum kann der Mensch (echte) Gesellschaft bilden? Ant-


durch Harmonie wort: Weil er (soziale) Unterschiede macht. Wie aber las-
sen sich (soziale) Unterschiede durchführen? Antwort:
Durch Beachtung dessen, was sich jeweils schickt und ge-
bührt. Wo also, gestützt auf den Sinn für das, was sich ge-
Hsün-tzu
3. Jh. v. Chr. bührt, (soziale) Unterschiede gemacht werden, da herrscht
China Harmonie. 1028

Gesetze In allen Ländern gibt es Gesetze, aber es gibt kein Gesetz,


Kuan-tzu das die Einhaltung der Gesetze garantiert. 1029
7. Jh. v. Chr.
China

545
Allgemeinheit

Einheit Wenn ein Jude vorhat, einen unschuldigen Heiden zu tö-


duich ten, müssen alle andern Juden sich gegen ihn zusam-
Gerechtigkeit menschliessen, um den Heiden zu retten. 1030
Seier Hassidim
12. Jh.
Jüdische
Überlieferung

Einheit Oh Qoraishites, Gott verbannte den Stolz des Heidentums


duich Demut und den Dünkel, den ihr von euren Vorfahren übernom-
Ibn Hishäm men habt, aus euren Seelen. Die Menschen stammen von
9 . Jh.
Nordafrika Adam ab, und Adam entstand aus Staub. 1031
Sira

Solidarität Die ganze Welt ist Arbeit. Alle Geschöpfe nehmen an die-
der Arbeit ser Arbeit teil. Keiner kann die andern lieben, ohne wirk-
lich die Uberzeugung zu haben: „Wenn es einen einzigen
Denkart
9 . Jh.
Menschen weniger gäbe auf der Welt, könnte ich meine Ar-
Persien beit nicht erfüllen." 1032

Ein Mensch kann nicht sich selber genügen, er kann nicht


einmal allein die verschiedenen Arbeitsgänge von der An-
pflanzung bis zum Verspinnen der Baumwolle ausführen.
Über kurz oder lang braucht er die Hilfe eines Mitgliedes
seiner eigenen Familie, und warum nicht die seiner Nach-
Mahatma Gandhi
barn? Was anderes will sonst das bedeutende Sprichwort
1869-1948 heissen: „Die Welt ist meine Familie?" /033

Kultur für alle Wir wollen auch die in der äussersten Barbarei lebenden
Völker erleuchten und aus der Finsternis ihrer Unbildung
befreien. Als Glieder des Menschengeschlechts müssen sie
dem Ganzen angeglichen werden; denn das Ganze ist ja gar
nicht ganz, wenn ihm irgend etwas fehlt. Auch zeugt es
doch offensichtlich von einem Mangel an rechtem Urteils-
vermögen oder gutem Willen, lieber einen Teil als das
Ganze zu wollen, zumal wenn es sich um den Besitz eines
Gutes handelt. Wer also nicht den Toren oder den Böswilli-
gen zugerechnet werden will, der muss sich wünschen,
dass es eher allen gut gehe als nur ihm allein als einzelnem
- als nur den wenigen, die ihm nahestehen oder nur sei-
nem Volke. Denn auch dem ganzen Körper kann es nur gut
gehen, wenn es allen Gliedern insgesamt und jedem für
sich wohl ist. Sie sind ja alle untereinander so verbunden,
dass, wenn nur eins von ihnen - und sei es das kleinste -
von einem Übel betroffen ist, der Schaden (sensus) bald zu

546
Brüderlichkeit

allen übrigen vordringt und die Ansteckung gar bald von


einem erkrankten Glied zum anderen fortschreitet. Nicht
anders ist es in der Ordnung der menschlichen Gesell-
schaft. Denn ein Mensch steckt sich am anderen an,
Gemeinde an Gemeinde, Volk an Volk. Wenn aber alle
gesund wären, könnten sich alle gemeinsam am gemeinsa-
men Gute erfreuen. Wer sich daher nicht ernstlich
wünscht, dass es der ganzen Menschheit gut geht, der ver-
geht sich an ihr. Er ist aber auch kein wahrer Freund seiner
selbst, wenn er sich wünscht, als Gesunder unter Kranken,
Johann Amos
Comenius als Weiser unter Dummen, als Guter unter Schlechten, als
tschechischer Glücklicher unter Elenden zu leben. Und das wäre nun ein-
Schriftsteller mal so, wenn er es sich selbst zwar wünschte, weise, gut
17. Jh.
Pampacdia und glücklich zu sein, nicht aber den anderen. 1034

Somalischcs Jedem Menschen hängt ein kostbares Buch um.


Sprichwort 1035

Interesse Weil ein Staat nur ein Teil der ganzen Welt ist, und erst
eines Staates recht, weil ein christliches Gebiet nur ein Teil des ganzen
Interesse der Staates ist, so ist meines Erachtens ein Krieg, auch wenn er
Christenheit einem Gebiet oder einem Staat Vorteile bringt, ungerecht,
wenn er dafür der Welt oder der Christenheit schadet.
Wenn z.B. ein Krieg Spaniens gegen Frankreich aus gerech-
ten Gründen geführt würde und wenn dieser in gewisser
Hinsicht dem Königreich Spanien nützlich wäre, aber die
Francisco de Vitoria Christenheit in Gefahr bringen oder ihr schaden könnte
Spanien (wenn z.B. die Türken unterdessen Gebiete der Christen
Relectiones
theologicae besetzten), dann müsste auf diesen Krieg verzichtet wer-
1526 den. 1036

Eigenes Wenn ich eine Sache wüsste, die meinem Lande nützlich,
Interesse aber für ein anderes der Untergang wäre, würde ich sie
Allgemeines meinem Fürsten nicht vorschlagen, weil ich in erster Linie
Interesse Mensch bin und in zweiter Franzose, oder weil ich nun ein-
Montesquieu mal ein Mensch bin, und Franzose bin ich nur zufällig. 1037
1689-175s
Meine Gedanken

Das allgemeine (...) denn ich nicht von denen bin, so auff ihr Vaterland
Wohl oder sonst auff eine gewisse Nation erpicht seyn, sondern
ich gehe auff den Nutzen des gantzen menschlichen Ge-
schlechts; denn ich halte den Himmel für das Vaterland
und alle wohlgesinnte Menschen für dessen Mitbürger,
Leibniz und ist mir lieber bey den Russen viel Guthes auszurich-
Deutschland ten, als bei den Teutschen oder andern Europäern wenig.
Brief an
Peter den Grossen (...) Denn meine Neigung und Lust geht aufs gemeine
16. Januar 1716 Beste. 1038

54 7
Allgemeinheit

Gebet Ich wende mich nicht mehr an die Menschen, sondern an


dich Gott aller Lebewesen, aller Welten und aller Zeiten.
Wenn es schwachen, im unermesslichen Raum verlorenen
und vom übrigen Weltall nicht wahrnehmbaren Geschöp-
fen erlaubt ist, dich etwas zu bitten, der du alles gegeben
hast, dessen Ratschlüsse ebenso unwandelbar wie ewiglich
sind: Habe die Güte, gnädig auf unsere Irrtümer, mit denen
unsere Natur behaftet ist, herabzuschauen, auf dass uns
diese Irrtümer nicht Unheil bringen. Nicht um einander zu
hassen, gabst du uns ein Herz, und nicht einander tot zu
schlagen, gabst du uns Hände. Mache, dass wir uns gegen-
seitig helfen, die Last eines schweren und vergänglichen
Lebens zu tragen. Mögen die kleinen Unterschiede zwi-
schen den Kleidern, die unseren schwächlichen Leib be-
decken, zwischen allen unsern unzulänglichen Sprachen,
allen unsern lächerlichen Gewohnheiten, allen unsern
unvollkommenen Gesetzen, allen unsern unsinnigen Mei-
nungen, allen in unsern Augen so ungleichen und vor dir so
gleichen Bedingungen, mögen alle diese kleinen Unter-
schiede, welche Menschen genannte Atome unterschei-
den, nicht Aufforderungen zum Hassen und Verfolgen sein.
Mögen die, welche am hellichten Tag Kerzen anzünden,
um dir zu huldigen, jene dulden, die sich mit dem Licht
deiner Sonne begnügen. Mögen die, welche ihr Kleid mit
einem weissen Tuch bedecken, um zu sagen, dass man
dich lieben muss, jene nicht verabscheuen, die das Gleiche
unter einem schwarzen Wollmantel sagen. Möge es einer-
lei sein, ob man dich in einer althergebrachten Sprachart
oder in einer neueren anbetet. Mögen die, deren Kleider
purpur oder violett gefärbt sind und die über einen kleinen
Teil eines kleinen Dreckhaufens dieser Erde regieren und
die ein paar abgerundete Teile eines gewissen Metalls be-
sitzen, ohne Hochmut dessen teilhaftig sein, was man
Grösse und Reichtum nennt, und mögen die andern ihnen
ohne Neid begegnen, denn du weisst, dass dieses Grosstun
nicht zu beneiden ist und sich niemand dessen zu brüsten
braucht.
Mögen sich doch alle Menschen daran erinnern, dass sie
Brüder sind! Mögen sie die über Seelen ausgeübte Gewalt
verabscheuen, genauso, wie sie Raubüberfälle verab-
scheuen, wo gewaltsam die Frucht von friedlicher Arbeit
und Fleiss geraubt wird. Wenn es unmöglich ist, die Geis-
sei Krieg zu verhindern, so hassen und entzweien wir uns
wenigstens im Schosse des Friedens nicht! Benutzen wir
den kurzen Augenblick unseres Daseins dazu, deine Güte,
Voltaire die uns diesen Augenblick geschenkt hat, in tausend ver-
Abhandlung über schiedenen Sprachen zu lobpreisen, vom Siam bis nach
die Duldsamkeit
1763 Kalifornien. 103^

548
Brüderlichkeit

Vorschlag für die Erklärung der Rechte, die von Robespierre


im Klub der Jakobiner am 21. April 1793 gemacht wurde

I. Die Menschen aller Länder sind Brüder, und die ver-


schiedenen Völker müssen sich gegenseitig helfen, so gut
sie können, wie die Bürger eines gleichen Staates.
II. Wer ein Volk unterdrückt, wird zum Feind aller.
IE. Alle, die Krieg führen gegen ein Volk, um den Fort-
schritt von Freiheit aufzuhalten und um die Menschen-
rechte mit Füssen zu treten, müssen von allen nicht wie
gewöhnliche Feinde verfolgt werden, sondern wie Mörder
und aufrührerische Schurken.
IV. Könige, Adlige, Gewaltherrscher, wer immer sie sind,
das sind die Knechte, die das Menschengeschlecht, das die
Welt regiert, in Aufruhr versetzen und dem allmächtigen
Moniteur XVI Gesetzgeber Natur zuwiderhandeln. 1040

Wir sind nicht frei, solange auch nur ein einziges Hindernis
unseren irdischen Gang an einem einzigen Punkt der Erd-
kugel zurückhält. Die Menschenrechte gelten für die ganze
Menschheit. Eine Körperschaft, die sich unumschränkte
Rechte anmasst, fügt der Menschheit schweren Schaden
zu. Sie widerspricht dem gesunden Menschenverstand und
verhindert Glück und allgemeinen Wohlstand. Ihre Verfas-
Cloots
Rede vom sung ist mangelhaft in der Grundlage, voller Widersprüche,
26. April 1793 kurzlebig und wackelig. 1041

Die Menschen, von ihrer Rasse wohl geprägt,


Und ganz verschied'ne Sprachen stammelnd,
Erklären dies: Gewiss, wir sind zwar schlecht, doch
auserwählt.
Es gilt zu wählen zwischen Hosianna und Verzweiflung.
Ja, der alte Drache Python ist im Schlund verschwunden.
Das Geld? Wir werden drüber stehn. Die Harmonie?
Greifbare nur!

Oh, die Geschichte schrieb noch nicht das letzte Blatt.


Sie gleicht dem Felsen, den wir gen Himmel stemmen.
Erlahmen wir, zerdrückt er uns're Brust,
Ruh'n wir uns aus, zermalmt er uns den Kopf.
C . K . Norwind
Polen Oh, der Geschichte letztes Blatt ist nicht geschrieben.
1861 Der Geist, er brannt' den Erdball noch nicht hart. 1042

549
Quellen und Ziele
Das moralisch Absolute, das natürliche Recht

Die Menschlich- Der Grund dieses Prinzips ist: die vernünftige Natui exi-
keit in jedem stiert als Zweck an sich selbst (...) Der praktische Impera-
muss ein Ziel tiv wird also folgender sein: Handle, dass du die Mensch-
haben heit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden
Kant andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloss als Mit-
Grundlegung
zur Metaphysik tel brauchst. 1043
der Sitten
178s

Mass und Doch es ist ein weiter Weg von diesen Arten mechanisch
Absolutes erreichten Gleichgewichts, die immer nur etwas Vorläufi-
ges sind, so wie das Gleichgewicht der Waage in den Hän-
H. Bergson
den der antiken Justitia, bis zu einer Gerechtigkeit wie der
Frankreich unsrigen, der der „Menschenrechte", die nicht mehr Vor-
Die beiden Quellen stellungen von Beziehung oder Mass erweckt, sondern im
der Moral und
der Religion Gegenteil Vorstellungen von Inkommensurabilität und
1932 Absolutheit. 1044

Ansehen des Der Mensch! Einfach grossartig! So erhaben klingt das


Menschen M-men-nsch! 1045
Gorki, Russland
Nachtasyl
1902

Chandidäs Es gibt keine höhere Wahrheit als den Menschen. 1046


15. Jh.
Indien

Schlimmer Der Weise fragte den Geist der Wahrheit: „In Furcht und
als der Tod Lüge leben, ist das schlimmer als der Tod?" Der Geist der
Wahrheit antwortete: „In Furcht und Lüge leben ist
schlimmer als der Tod, denn das Leben ist dem Menschen
gegeben, damit er das Dasein auf der Erde geniesse, und
wenn er es nicht geniessen kann, und Furcht und sogar
Dädistän Lüge in ihm ist, gilt sein Leben als schlimmer als der Tod."
1 Menög i Xrad
3.-7-Jh. 1047

Natürliches Wesentlich scheint es den Stoikern, sich davon zu überzeu-


Recht gen, dass die Liebe der Eltern zu ihren Kindern eine Natur-
einrichtung ist, und wir entwickeln daraus, dass dies der
Ursprung der menschlichen Gesellschaft ist. Fürs erste
sehen wir in der Gestalt und in den Gliedern des Körpers,

553
Quellen und Ziele

dass die Natur durch sie augenscheinlich auf die Zeugung


hingezielt hat. Es wäre aber widersinnig, dass die Natur die
Zeugung beabsichtigte und doch für die Liebe zu dem Er-
zeugten nicht gesorgt hätte. Selbst an den Tieren zeigt sich
dieser mächtigste Trieb der Natur, und uns ist, als hörten
wir ihre Stimme selbst, wenn wir deren Anstrengungen bei
der Zeugung und Auferziehung ihrer Jungen betrachten. So
einleuchtend es also ist, dass wir von Natur aus vor dem
Schmerze zurückscheuen, so offenbar ist es, dass diese
gleiche Natur uns zur Liebe gegen die, welche wir erzeugt
haben, antreibt. Daraus folgt die natürliche Gemein-
schaftsempfindung der Menschen, vermöge welcher der
eine dem anderen, weil er ein Mensch ist, nicht fremd blei-
ben kann. Wie nämlich am Körper einige Glieder für sich
allein da sind, zum Beispiel die Augen und Ohren, andere
aber den Gebrauch der übrigen fördern, zum Beispiel die
Beine und Hände, so sind einige Tiere von ungewöhnlicher
Grösse für sich allein da, aber andere wie die Ameisen, Bie-
nen und Störche handeln füreinander. Diese Verbindung
ist aber unter den Menschen noch viel enger, weshalb wir
von Natur aus zu Gesellschaften und Vereinigungen geeig-
net sind.
Die Welt wird nach der Ansicht der Stoiker durch den
Willen der Götter regiert und ist gleichsam die gemeinsa-
me Stadt und der bürgerliche Verein der Götter und Men-
schen, und jeder von uns ist ein Teil dieser Welt. Daraus
folgern sie, dass wir das gemeinsame Beste unserem Eigen-
nutzen vorziehen sollten, denn wie das Gesetz die allge-
meine Wohlfahrt der besonderen vorzieht, so ist der red-
liche und weise Mann, der dem Gesetze gehorcht und seine
Bürgerpflicht kennt, mehr auf das allgemeine Beste als auf
den Nutzen eines einzelnen und seiner selbst bedacht. Dar-
um ist der Vaterlandsverräter nicht tadelnswerter als wer
Cicero
106-43V. Chr. den Nutzen und die Wohlfahrt der Gemeinschaft seinem
Vom Alter, von der eigenen Nutzen und seiner Wohlfahrt zum Opfer bringt.
Freundschaft und Hieraus folgt, dass der Tod für den Staat ehrenvoll ist, weil
vom höchsten Gut
und Übel uns ziemt, das Vaterland mehr zu lieben als uns selbst. 1048

Das sogenannte natürliche Recht entspringt diesem Ge-


meinschaftssinn, den wir eben im grossen und gan ,en
beschrieben haben, oder dieser Sorge, die Gesellscha c in
genau der Art von Erkenntnis menschlicher Verstände jung
zu erhalten. Es beschränkt sich im allgemeinen auf fr lgen-
des: Man soll sich peinlichst daran halten, die Gützr der
andern nicht anzutasten. Hat man doch welche in Händen,
oder zieht man Profit davon, soll man sie zurückgehen.
Man ist verpflichtet, Versprechen zu halten. Hat man an-

554
Das moralisch Absolute, das natürliche Recht

dem Schaden zugefügt, soll man ihn wiedergutmachen.


Wer diese Gebote missachtet, verdient eine Strafe, und
zwar auch eine von Menschen.
Dieser Gedanke führt weiter, zu einem andern, den man
später mit dem Wort Recht in Verbindung brachte. Die
Überlegenheit des Menschen über die Tiere besteht nicht
nur in den Gefühlen des Zusammenseins, von denen wir
eben gesprochen haben, sondern auch im richtigen Ab-
schätzen von Dingen, die sind oder auf uns zukommen
werden. Sind sie angenehm oder unangenehm, nützlich
oder schädlich? Man begreift also, dass es unserer Natur
doch eher entspricht, sich jeweils nach dem gesünden
Menschenverstand zu richten, soweit unsere nicht gerade
grossartigen Erkenntnisse dies erlauben, als uns von einem
Unglück überrumpeln zu lassen, in einer momentanen
Freude allzu übermütig zu werden oder uns zu Unbedach-
tem hinreissen zu lassen. So ist das, was in gänzlichem Ge-
gensatz zu einer solchen Reaktion ist, auch das Gegenteil
des natürlichen Rechtes, d. h. unserer Naturrechte. (...)
All das könnte geschehen, wenn wir zuliessen - aber
das wäre natürlich entsetzlich sündig -, dass die Existenz
Gottes negiert oder der Glaube verbreitet würde, Gott
seien die Anliegen der Menschen gleichgültig. Doch was
unsere Vernunft erkannt hat und in langer, verbreiteter
Tradition geübt wurde, überzeugt uns von Kindsbeinen an
vom Gegenteil. Zahlreiche Beweise aus unserer Erfahrung
und erwiesene Wunder aus andern Jahrhunderten bestäti-
gen unsere Vorstellung. Daraus folgt, dass wir diesem über-
legenen Wesen als unserem Herrn vorbehaltlos gehorchen,
dem wir alles, was wir haben und sind, zu verdanken ha-
ben, dies um so mehr, als wir des öftern seine Güte und
unendliche Macht erfahren durften. Wir neigen zum
Schluss, dass er den reichlich und für alle Ewigkeit be-
lohnt, der ihm, dem ebenfalls Unsterblichen, gehorcht.
Wir glauben gerne, dass er das will, vor allem dann, wenn
er es doch ausdrücklich versprochen hat, was wir Christen
anhand von überzeugenden und unbestrittenen Berichten
eben glauben.
Hier finden wir einen weiteren Ursprung des Rechtes:
Wir kennen Gottes Willen, wir müssen uns, so wie das un-
sere Vernunft unmissverständlich vorschreibt, fügen. Aber
das natürliche Recht, das wir eben beschrieben haben, d. h.
sowohl das, welches unsere Gesellschaft zusammenhält,
als auch das andere, im weiteren Sinne, kommt aus dem
Innersten des Menschen und darf darum füglich Gott zuge-
schrieben werden, war es doch sein Wille, dass wir so den-
ken. Haben Chrysipp und die Stoiker wohl auch das ge-
meint, als sie sagten, man müsse den Ursprung des Rechtes

555
Quellen und Ziele

in Jupiter selber suchen? Das lateinische Wort Jus, was


Recht heisst, kommt vermutlich vom Namen Jupiter. Es
ist weiter zu sagen, dass Gott durch Gesetze, die er verbrei-
tete, genau diese Grundsätze verdeutlichte und für uns
fassbarer machte, so dass sie auch weniger Scharfsinnigen
zugänglich wurden. Er hat auch verboten, dass wir jenen
Gefühlen freien Lauf lassen, die uns oder anderen schaden
könnten, weil sie uns davon abbringen, den natürlichen
Gesetzen zu folgen. Da diese Gefühle sehr ungestüm sind,
musste man zu Zurückhaltung und Einschränkung mah-
nen.
Mehr noch. Die Heilige Schrift, auch wenn sie durch Ge-
bote die Gemeinschaftsfähigkeit fordert, trägt ganz ordent-
lich dazu bei, uns solche Gefühle zu geben, denn sie be-
richtet über die ersten Eltern der Menschheit, von denen
alle Menschen abstammen. In dieser Beziehung kann man
wie Florentin, ein Rechtsberater aus früheren Zeiten, wenn
auch in einem etwas andern Sinne sagen, die Natur habe
eine Art Verwandtschaft zwischen uns geschaffen. Er fol-
gert daraus, dass es von einem Menschen äusserst verwerf-
lich sei, wenn er einem andern Fallen stelle.
Vater und Muter sind für Menschenkinder göttergleich.
Also müssen wir ihnen gehorchen, nicht unumschränkt,
aber so weit, wie die Beziehung das eben verlangt und wie
es die Abhängigkeit beider vom gleichen höheren Wesen
erlaubt.
Jeder soll peinlichst Wort halten und sich an Abmachun-
gen halten. Das ist ein natürliches Recht. Denn es war
nötig, dass die Menschen Verantwortung füreinander über-
nehmen. Es gibt auch nichts Natürlicheres. Das ergab dann
die verschiedenen Zivilrechtsgesetze. Denn wer einer Ge-
meinschaft beitrat und sich einer oder mehreren Personen
unterstellte, erklärte sich entweder formell oder still-
schweigend bereit, dem zuzustimmen, was die Mehrzahl
der an der Gemeinschaft Beteiligten, oder der, der befehlen
muss, befand.
So stimmt das nicht genau, was Carneade sagte und nach
ihm noch andere, nämlich, die Nützlichkeit sei gewisser-
massen die Mutter der Gerechtigkeit und der Gleichheit,
denk' ich. Denn die Mutter des natürlichen Rechtes ist die
menschliche Natur selber, die uns so oder so dazu treiben
würde, mit unseresgleichen zu verkehren, auch wenn wir
sie nicht unbedingt brauchten. Und die Mutter des Zivil-
rechtes ist die Verpflichtung, zu der man selber ja gesagt
hat. Die Verpflichtung, die dem natürlichen Recht ent-
springt, gibt Anlass, die Natur sozusagen als Ahnfrau des
Zivilrechtes anzuschauen. Es ist eher so, dass die Nützlich-
keit das natürliche Recht begleitet. Denn der Schöpfer der

556
Das moralisch Absolute, das natürliche Recht

Hugo Grotius Natur wollte, dass ein einzelner Mensch schwach und be-
Holland
Das Recht des dürftig sei, und dass er für ein bequemes Leben auf die an-
Krieges und des dern angewiesen ist, damit wir alle wirklich Gemein-
Friedens
1624 schaftssinnpflegen. 104p

In der Welt von Pope wird die Eigenliebe (self-love) zum


Prinzip der sozialen Harmonie und der Achtung vor dem
andern.

So macht die Eigenlieb' ihr selbst, in einem einzigen ver-


eint, Durch Recht und Unrecht einen Weg zur Lust, zum
Ehrgeiz und zu Geld. Dieselbe Eigenliebe nun, wenn sie in
allen ausgebreitet, Giebt ihr selbst Mittel an die Hand,
durch welche sie sich stützt und leitet, Sie ist der Ursprung
der Gesetze und der Regierung. Wenn, was einer Verlangt,
die andern auch verlangten, erhielte solches wirklich kei-
ner. Was hülf ein Wille gegen viele, würd ihm die Hut
nicht immer fehlen, Von einer Sache, die ein Schwächrer,
so bald er etwa schläft, ihm stehlen, Und wenn er wachet,
jedermann, Der nur ein wenig mächtiger, als er, mit Macht
ihm rauben kann? Die Freyheit-Liebe wird begränzt, durch
Liebe zu der Sicherheit. Und alle müssen das bewahren,
was jedermann für sich begehrt, Die Könige sind selbst ge-
zwungen zur Sanftmuth und Gerechtigkeit, Durch Macht
der Selbst-Vertheidigung. Die Eigenliebe selbsten kehrt
Von ihren ersten Trieben um, und findet ihres Nutzens
Theil, Hiedurch im allgemeinen Heil.
So dann geschah es, dass zuweilen ein Geist, der Wissen-
schaft geweiht, Auch eine Seele voller Grossmuth, ein Fol-
ger Gottes, voll Verstand, Ein Menschen-Freund, ein Pa-
triot, ein würdiger Poet sich fand, Den Glauben und die
Sitten-Lehre, so die Natur zur ersten Zeit Gegeben, wieder
zu ergänzen, die Fackel wieder anzuzünden, Die alt, und
die kein neues Licht. Malt' er nicht Gottes Ähnlichkeit,
Riss er Ihn doch, im Schatten, ab. Er lehrt' die Völker und
den König Ihr wahres Recht wohl zu gebrauchen, und nicht
zu viel, auch nicht zu wenig, Den zarten Zügel anzuziehn
und ihn zu senken; kunnte binden, Die Grossen so mit den
Geringem, dass, wer den einen nur berührt, Den andern
auch nicht minder trifft. Er wusste nützlich zu vereinen,
Ihr sonst sich widersprechend Heil, und daraus sähe man
erscheinen, Den süssen Wohllaut eines Staats, der wohl ge-
rührt ward, wohl regiert. Diess ist die grosse Harmonie der
Welt, die aus der Einigkeit, Der Ordnung, der Zusammen-
stimmung der Ding' entsteht. Wo gross und klein, Wo
Stark' und Schwache zu dem Endzweck verbunden und er-
schaffen seyn, Zu dienen, aber nicht zu leiden, zu stärken,

557
Quellen und Ziele

Kommunikation
durch die
Brieftauben
in Syrien
Deutschland
i S . Jh.

nicht zu überfallen; Wo man nur dadurch mächtiger und


grösser wird, je mehr man allen Kann nützlich und er-
spriesslich seyn, durch vieler Glück nur glücklicher, Wo
alles sich nach einem Punct, ohn alle Hindrung, hin be-
müht, Und sich nach einem Centro zieht, Thier, Engel,
Mensch, Knecht, König, Herr.
Lasst über die Regierungsformen, und wo die best' ist,
Narren streiten, Die best geführte ist die beste. Lasst Eife-
rer, voll Heftigkeiten, Sich um die Glaubensarten fechten.
Es kann der, so unsträflich lebt, Nicht irren. Alles das ist
falsch, was dieser Absicht wiederstrebt, Die ja so gross, als
einzig ist, vom Schöpfer selbst hervor gebracht. Von Gott
kömmt alles, was die Menschen verbessert, oder glücklich
macht.
Die Menschen leben unterstützt, und gleichen einer ed-
len Reben. Die Kräfte, die sie stützen, kommen aus der
Umarmung, die sie geben. Sie rennen, den Planeten gleich,
um ihrer eignen Achs, und rennen Jedoch zugleich auch
um der Sonnen; So dass wir billig sagen können: Dass stets
ein paar Bewegungen, den Geist treibt und in ihm entsteht,
Wovon die eine auf sich selbst, die ander' auf das Ganze
Alexander Pope geht.
1688 - 1 7 4 4 Also hat Gott und die Natur gewusst, den Bau der Welt
Grossbritannien
Versuch vom zu binden, Dass Eigen- und Gesellschaft-Lieb' in einem
Menschen Wesen nur bestünden. 1050

558
Zuflucht zu Gott, zur Natur

Selbst- Der wahre Zweck des Menschen - nicht der, welchen die
verwirklich ung wechselnde Neigung, sondern welchen die ewig unverän-
derliche Vernunft ihm vorschreibt - ist die höchste und
proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Gan-
zen. Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste, und unerläss-
liche Bedingung. Allein ausser der Freiheit erfordert die
Entwickelung der menschlichen Kräfte noch etwas andres,
obgleich mit der Freiheit eng Verbundenes, Mannigfaltig-
keit der Situationen. Auch der freieste und unabhängigste
Mensch, in einförmige Lagen versetzt, bildet sich minder
aus. Zwar ist nun einesteils diese Mannigfaltigkeit allemal
Folge der Freiheit, und andernteils gibt es auch eine Art der
Unterdrückung, die, statt den Menschen einzuschränken,
den Dingen um ihn her eine beliebige Gestalt gibt, so dass
beide gewissermassen eins und dasselbe sind. Indes ist es
der Klarheit der Ideen dennoch angemessener, beide noch
voneinander zu trennen. Jeder Mensch vermag auf einmal
nur mit einer Kraft zu wirken, oder vielmehr sein ganzes
Wesen wird auf einmal nur zu einer Tätigkeit gestimmt.
Daher scheint der Mensch zur Einseitigkeit bestimmt, in-
dem er seine Energie schwächt, sobald er sich auf mehrere
Gegenstände verbreitet. Allein dieser Einseitigkeit entgeht
er, wenn er die einzelnen, oft einzeln geübten Kräfte zu
vereinen, den beinah schon verloschnen wie den erst künf-
tig hell aufflammenden Funken in jeder Periode seines Le-
bens zugleich mitwirken zu lassen, und statt der Gegen-
stände, auf die er wirkt, die Kräfte, womit er wirkt, durch
Verbindung zu vervielfältigen strebt. (...)
Was der, welcher auf Menschen wirken will, nie aus den
Augen verlieren darf, ist Eigentümlichkeit der Kraft und
der Bildung. Wie diese Eigentümlichkeit durch Freiheit des
Handlens und Mannigfaltigkeit der Handlenden gewirkt
wird; so bringt sie beides wiederum hervor. Selbst die leb-
lose Natur, welche nach ewig unveränderlichen Gesetzen
einen immer gleichmässigen Schritt hält, erscheint dem
eigengebildeten Menschen eigentümlicher. Er trägt gleich-
sam sich selbst in sie hinüber, und so ist es im höchsten
Wilhelm Verstände wahr, dass jeder immer in ebendem Grade Fülle
von Humboldt und Schönheit ausser sich wahrnimmt, in welchem er bei-
1767-1835
Deutschland de im eignen Busen bewahrt. 1051

Zuflucht zu Gott, zur Natur


Der verborgene Das Tao ist der geheime und gemeinsame Urgrund aller
Hintergrund jen- Lebewesen, der Schatz der guten Menschen. Und der Zu-
seits irdischer fluchtsort derer, die es nicht sind. Mit schönen Worten
Gerechtigkeit kann man Menschen kaufen, mit einem guten Betragen

559
Quellen und Ziele

kann man sich über die andern erheben. Aber warum jene
Menschen zurückweisen, die dazu nicht fähig sind? So
krönt man zum Beispiel den Sohn des Himmels, man setzt
die drei Herzöge ein, man schenkt ihnen Jade und ein Vier-
gespann. All das ist nicht vergleichbar mit dem, der still
und ohne Bewegung das Tao darbringt. Warum schätzten
früher die Leute das Tao so sehr? Ist es nicht dank ihm,
Lao-tse dass der, welcher sucht, findet, und dass jeder Schuldige
Tao te King
6. Jh. v. Chr.
sühnen kann? Darum wird er auf der ganzen Welt so hoch
China verehrt. 1052

Dei Mensch Der Rabbiner Salomon von Karlin fragte: „Welches ist die
nach dem schlimmste Wirkung schlechter Neigungen?" Und er ant-
Bild Gottes wortete selber: „Dass sie den Menschen vergessen lassen,
geschaffen dass er ein Königssohn ist." 1053
Hassidische
Erzählung
Or Ganuz
(Verstecktes Licht)
18. Jh.

Der Mensch ist ein Lebewesen, gross und bewunderns-


wert, Gott teurer als die ganze Schöpfung. Für ihn wurden
Himmel, Erde, Meer und die übrige Schöpfung gemacht,
für den Menschen, dessen Heil Gott so sehr am Herzen lag,
Heiliger
Johannes
dass er seinen einzigen Sohn nicht verschont hat. Er hat
Chrysostomos ihn unaufhörlich mit Geschenken und Wohltaten über-
Auslegung der schüttet, bis er ihn zu seiner Rechten setzte. (...) Er wurde
Schöpfungs-
geschichte, als Letzter geschaffen, wie der Kaiser, dem alle voran-
386 gehen. 1054

Nun lesen wir, meine Brüder, wie der Mensch geschaffen


wurde zum Bild und Gleichnis Gottes. Und was hat Gott
von ihm gesagt? „Er soll Macht haben über die Fische des
Meeres und die Vögel des Himmels und über alles Vieh,
das auf der Erde sich bewegt" (vgl. Gen. i, 26). Hat er etwa
gesagt: Er soll Macht haben über die Menschen? „Er soll
Macht haben", sagt er, und er gab ihm eine naturgemässe
Macht. Worüber soll er Macht haben? „Über die Fische des
Meeres, die Vögel des Himmels und über alles, was auf der
Erde kriecht." Inwiefern ist das die naturgemässe Macht
des Menschen diesen gegenüber? Deshalb, weil der Mensch
darin Macht besitzt, worin er nach dem Bilde Gottes ge-
schaffen ist. Worin aber ist er nach dem Bilde Gottes ge-
schaffen? Im Verstand, im Geist, im inneren Menschen.
Darin, dass er die Wahrheit erkennt, zwischen Gerechtig-
Heiliger Augustinus keit und Ungerechtigkeit unterscheidet, weiss, von wem
354-430
über den er geschaffen ist, seinen Schöpfer erkennen, seinen Schöp-
X. Johannesbrief fer loben kann. 1055

560
Zuflucht zu Gott, zuiNatui

Als Gott den Menschen am Anfang erschuf, „machte er ihn


nach seinem Ebenbild und ihm ähnlich", und er prägte die-
ses Bild nicht nach seinem Äusseren, sondern nach seinem
Inneren. (...) Von diesem Bild sagte der Vater zu seinem
Sohne: „Lasst uns den Menschen nach unserem Ebenbilde
und uns ähnlich machen." Handwerksmeister dieses Bil-
des ist der Sohn Gottes. Dieser Handwerksmeister ist so
grossartig, dass sein Bild durch Vernachlässigung sehr
Origenes von wohl getrübt, jedoch niemals durch Böswilligkeit zerstört
Alexandrien werden kann. Das Bild Gottes bleibt stets in euch, auch
3. Jh.
Auslegung der wenn ihr es mutwillig mit dem „irdischen Menschen"
Genesis überlagert. 1056

Einst kam R. Eleazar b. R. Simon. (...) Da stiess er auf


einen überaus hässlichen Menschen, der ihn grüsste: „Frie-
de sei mit dir, Meister!" Er erwiderte aber seinen Gruss
nicht, sondern sprach zu ihm: „Wicht, wie hässlich bist du
doch; sind vielleicht alle Leute deiner Stadt so hässlich wie
du?" Dieser erwiderte: „Ich weiss es nicht; geh lieber zum
Meister, der mich erschaffen hat, und sprich zu ihm: ,Wie
hässlich ist doch dies Geschöpf, das du erschaffen hast!'"
Als er sich seiner Sünde bewusst wurde, stieg er vom Esel
Talmud
herunter, warf sich vor ihm nieder und sprach: „Ich beuge
Ta'anit, 20 mich vor dir, verzeih mir!" 1057

Unglückliche in Der Geist des Herrn, Gottes, ist auf mir, weil der Ewige
göttlicher mich gesalbt, Heil zu künden den Armen, mich gesandt, zu
Obhut verbinden, die gebrochenen Herzens sind, zuzurufen den
Hebräische Bibel Gefangenen: Freiheit! und den Gefesselten: Erlösung! 1058
Jesaja 61,1

Er lauert im Verstecke, wie ein Löwe in seinem Dickicht,


lauert, zu fassen den Armen, er fasst den Armen, indem er
sein Netz zieht. Er duckt nieder, bückt sich, und es sinken
durch seine Gewalt die Unglücklichen. Er spricht in sei-
nem Herzen: Vergessen hat Gott, verborgen sein Antlitz, er
siehet nimmer. Auf, Ewiger! Gott, erhebe deine Hand. Ver-
giss nicht der Gebeugten! Warum soll der Frevler Gott höh-
nen, sprechen in seinem Herzen, du ahndest nicht? Aber du
siehest! - denn du schaust Unheil und Kränkung, um zu
vergelten mit deiner Hand. Dir überlässt sich der Unglück-
liche, dem Verwaisten bist du ein Beistand. Brich den Arm
des Frevlers, und der Böse - suchst du seinen Frevel, finde
ihn nicht! Der Ewige ist König für immer und ewig, es ge-
hen unter die Völker aus seinem Lande. Der Gebeugten

561
Quellen und Ziele

Wunsch hörst du, o Ewiger, richtest empor dein Herz, auf-


horcht dein Ohr, Recht zu schaffen Waisen und Gedrück-
Hebräische Bibel ten. Nicht fürder wird noch trotzen von der Erde aus ein
Psalmen 10, 9 - 1 8 Sterblicher. 105p

Gerechtigkeit Bisher haben wir von der Vorsehung, nämlich von der all-
in Gott gemeinen Vorsehung gehandelt. Ferner entsteht aus der
Gütigkeit, wenn sie sonderlich auf die vernünftigen Crea-
turen gezogen wird, nebst der Weisheit, die Gerechtigkeit,
deren höchster Grad die Heiligkeit ist. Derowegen begreift
die Gerechtigkeit, in einem so weitläufigen Verstände,
nicht allein das strenge, oder eigentlich also genannte
Recht; sondern auch die Billigkeit und lobenswürdige
Barmherzigkeit in sich.
Man kann aber die Gerechtigkeit überhaupt, in die ei-
gentliche oder insbesondere genommene Gerechtigkeit,
und in die Heiligkeit, eintheilen. Die insbesondere genom-
mene Gerechtigkeit geht mit dem physikalischen Guten
Leibniz und Bösen anderer, und zwar verständiger Creaturen, Hei-
Deutschland
Theodicce ligkeit aber, mit dem moralischen Guten und Bösen um.
1710 1060

Gleichheit (...) oder bist du gar mehr wert als wir, weil du eine grosse
vor Gott Dame bist? Aber Gott hat auch über uns den Himmel aus-
gebreitet, Mond und Sonne leuchten auch für uns, und so
sind dir durch den Willen des Allmächtigen die Erde und
alle Pflanzen nicht mehr zu Diensten als mir. (...) Wichtig
ist, von den grossen Damen des Himmels empfangen zu
werden.
Denke nicht an die Höhe deines Ranges als vornehme
Dame, verzichte auf diese Haltung und spucke auf sie: Wir
sind alle Diener des Zaren im Himmel.
Schimpfe mit ihm: „Was nützt es dir, ein Bojar zu sein,
auch du musst sterben, und selbst wenn man dich auspeit-
schen würde, so wäre es nicht das Blut Christi, das fliessen
würde, sondern Blut eines Menschen."
Der Zar ist unser aller Meister, aber er ist wie wir alle der
Awakum Sklave Gottes.
rassischer
Erzbischof Es gibt nur einen Himmel, eine Erde, das Korn gehört al-
12. Jh. len und das Wasser auch. 1061

Jenseits Womit soll ich vor den Ewigen treten, soll ich mich beugen
allei Riten dem Gotte in der Höhe? Soll ich vor ihn treten mit Ganz-
opfern, mit jährigen Kälbern? Hat der Ewige Gefallen an
Tausenden von Widdern, an Myriaden Strömen Öls? Soll

562
Zuflucht zu Gott, zuiNatui

ich hingeben meinen Erstgeborenen für meine Missetat,


die Fracht meines Leibes für die Sünde meiner Seele? Er hat
dir kund getan, o Mensch, was gut ist; und was fordert der
Hebräische Bibel Ewige von dir, als: auf Recht halten, Liebe üben, und de-
Micha 6,6-8 mütig wandeln vor deinem Gotte. 1062

Jedei Mensch: Der Mensch wurde deshalb einzig erschaffen, um dich zu


iundum begabt lehren, dass, wenn jemand eine jisraelitische Seele ver-
und einmalig nichtet, es ihm die Schrift anrechnet, als hätte er eine gan-
ze Welt vernichtet, und wenn jemand eine jisraelitische
Seele erhält, es ihm die Schrift anrechnet, als hätte er eine
ganze Welt erhalten. Ferner auch wegen der Friedfertigkeit
unter den Menschen, damit nämlich niemand zu seinem
Nächsten sage: mein Ahn war grösser als deiner. Ferner
auch, damit nicht die Minäer sagen können, es gebe meh-
rere Prinzipien im Himmel. Und endlich auch, um die
Grösse des Heiligen, gepriesen sei er, zu verkünden; wenn
ein Mensch mehrere Herzen mit einem Stempel prägt, so
gleichen sie alle einander, der König der Könige aber, der
Heilige, gepriesen sei er, prägt jeden Menschen mit dem
Stempel des Urmenschen, und doch gleicht nicht einer
Talmud dem anderen. Daher muss auch jeder einzelne sagen: mei-
Synhedrin IV
Fol 37a netwegen ist die Welt erschaffen worden. 1063

Religion Religion, das ist Gerechtigkeit für alle.


und Recht Was wäre eine Religion, wo des Rechtes,
das auf der Hand liegt, gespottet würde?
Der Mensch, dessen Seele unfähig ist,
nach dem Guten zu streben,
hat alle Krieger der Welt im Gefolge!
Lobe den Herrn, bete, mache siebzigmal
und nicht nur siebenmal einen Kreis
um die Ka'aba.
Du wirst dadurch nicht frömmer!
Wer begehrt und sich nicht beherrschen kann,
kennt keine Religion.
Das Gute besteht nicht im Fasten,
wo man sich verzehrt,
nicht im Gebet noch groben Wollstoff auf dem Leib,
sondern darin, das Böse, den Hass und die
Gier aus dem Herzen zu verbannen.
Solange Tiere und Herden fürchten,
dass man sie zerreisst,
kann sich der Löwe nicht als Asket ausgeben.
Abul-Ala' Al-Maari
II. Jh.
Verehre Gott, nicht sein Geschöpf.
Syrien Das Gesetz knechtet, während die Vernunft befreit. 1064

563
Quellen und Ziele

Das göttliche Recht aber, das auf der Gnade beruht, hebt
Thomas von Aquin
13. Jh. das menschliche Recht, das aus der menschlichen Ver-
Summa Theologica nunft stammt, nicht auf. 1065

Jeder Mensch Was Teil eines Gemeinsamen ist, will das Verwandte. Al-
ist mit jedem les Erdige will die Erde, alles Flüssige fliesst zusammen
andern und ebenso alles Luftige, so dass es nur mit Gewalt zu tren-
Menschen nen ist. Das Feuer strebt zum Elementarfeuer aufwärts,
verbunden doch neigt es so sehr dazu, sich mit jedem irdischen Feuer
zu entflammen, dass jeder Stoff, der nur ein wenig trocken
ist, leicht entzündbar wird, weil ihm fehlt, was die Entzün-
dung verhindert. Und so oder noch stärker strebt auch al-
les, was an der gemeinsamen Denkkraft der Allnatur Teil
hat, zum Verwandten. Denn je stärker es ist als die anderen
Dinge, um so mehr Neigung hat es auch, sich mit dem ihm
Verwandten zu vermischen und zu verschmelzen. Es fin-
den sich doch schon im Reich der vernunftlosen Tiere
Schwärme, Herden und Kolonien der Vögel, die sozusagen
Neigungsehen sind. Schon auf dieser Stufe sind nämlich
Seelen vorhanden und findet sich der Trieb zur Gemein-
schaft in den höher organisierten Wesen in höherem Mass
als bei den Pflanzen, Steinen oder Hölzern. Im Reiche der
vernunftbegabten Wesen aber finden sich Staaten, Freund-
schaften, Familien und Versammlungen, Verträge und
Waffenstillstände im Krieg. Bei den noch höher gearteten
Wesen aber gibt es trotz ihrer räumlichen Trennung eine
geistige Vereinigung wie bei den Sternen, und so kann der
Aufstieg zum Höheren auch unter getrennten Wesen Zu-
sammenhang im Geiste bewirken. Und nun beachte das
Folgende! Nur die denkfähigen Wesen haben ihrer Bestim-
mung füreinander vergessen, nur bei ihnen ist keine Nei-
gung für Einigung feststellbar. Und doch kommen sie zu-
einander, ob sie einander fliehen oder nicht, denn die
Natur bleibt Siegerin. Du wirst sehen, dass ich recht habe:
Mark Aurel
Kaiser eher findet sich Erdiges, das nicht mit Erdigem in Berüh-
von 161 - 1 8 0 rung ist, als ein Mensch, der völlig isoliert von seines-
Rom gleichen lebe. 1066
Selbstbetrachtungen

Vietnamesisches Der Mensch ist heilig im Schosse der Natur. 106/


Sprichwort

Gerechtigkeit in der Vergangenheit: das goldene Zeitalter


Die zwei DER MYTHOS DES ADANEVA
Menschheiten
Es gab zwei Menschheiten, die, die jetzt ist, und eine ande-
re, viel älter.

564
Gerechtigkeit in der Vergangenheit: das goldene Zeitalter

Die Menschheit von früher wurde vom Gott Adaneva ge-


schaffen. Jene Menschen waren sehr stark. Sie konnten mit
Peitschenhieben Steinblöcke vorrücken lassen. Auf diese
Art bauten sie riesige Bauwerke aus Felsen. Der Gott Ada-
neva nahm sich die Jungfrau der Gnade mit Gewalt und
machte sie zu seiner Frau. Als sie schwanger ward, verliess
sie Adaneva. Die Jungfrau der Gnade gebar unsern jetzigen
Gott Teet Manuco. Teet Manuco vernichtete die frühere
Menschheit, indem er Feuerregen über sie herabfallen
liess. Er rottete die wenigen Überlebenden mit Schlägen
ins Schienbein aus. Dann schuf er den Menschen, wie er
heute ist.
Teet Manuco trennte die Menschheit in zwei Gruppen,
in Indianer und Mistis. (Das Wort Mistis bezeichnet nicht
nur die Weissen, sondern alle Angehörigen der herrschen-
den Klasse.) Die Mistis besassen und besitzen noch das
Recht, die Indianer zur Arbeit zu zwingen, wenn nötig mit
Schlägen. Die Mistis müssen nicht arbeiten. Die Teilung
der Gesellschaft, wie sie Teet Manuco vornahm, wird es
ewig geben, denn dieser Gott kann nicht ums Leben kom-
men, weil er jedes Jahr an einem Freitag stirbt und am
Samstag wieder aufersteht. Aber Teet Manuco schuf Hölle
und Himmel. Alle kommen in die Hölle, bevor sie in den
Himmel kommen. Man kommt darum in die Hölle, weil
es kein von Sünde freies menschliches Wesen gibt. Der
Himmel ist genau gleich wie die Erde. Aber im Himmel
verwandeln sich die, welche auf Erden Indianer waren, in
Mistis, und lassen jene arbeiten, die ihre Meister waren,
Quechua-Über- wenn nötig mit Schlägen. Teet Manuco sitzt zwischen
lieferung aus der
Provinz Carhuaz zwei Bäumen und hat einen grossen Spiegel hinter sich.
Peru 1068

Goldenes Als Meister Kung einst bei dem Fest aller Götter anwesend
Zeitalter gewesen war, ging er nach Beendigung des Festmahls hin-
aus und ging auf dem Aussichtsturm vor dem Schlosstor
hin und her. Er seufzte tief, wohl über Lu. Yen Yen war an
seiner Seite und sprach: „Warum seufzt Ihr, Meister?"
Meister Kung sprach: „Die Zeiten, da der grosse Weg auf
Erden herrschte, und die Zeiten der grossen Männer der
drei ersten Herrscherhäuser habe ich nicht erlebt, aber ich
kenne Überlieferungen darüber.
Zur Zeit, als der grosse Weg herrschte, war die Welt ge-
meinsamer Besitz. Man wählte die Tüchtigsten und Fähig-
sten zu Führern; man sprach die Wahrheit und pflegte die
Eintracht. Darum liebten die Menschen nicht nur ihre
eigenen Eltern und versorgten nicht nur ihre eigenen Kin-
der. Die Alten konnten in Ruhe ihrem Ende entgegense-

565
Quellen und Ziele

hen; die kräftigen Männer hatten ihre Arbeit; die Witwer


und Witwen, die Waisen und Kinderlosen und die Kranken
hatten alle ihre Pflege; die Männer hatten ihre Stellung und
die Frauen ihr Heim. Die Güter wollte man nicht unge-
nützt verloren gehen lassen; aber man suchte sie nicht
unter allen Umständen für sich selbst aufzustapeln. Die
eigene Kraft wollte man nicht unbetätigt lassen, aber man
arbeitete nicht um des eigenen Vorteils willen. Mit allen
Listen und Ränken war es zu Ende; man brauchte sie nicht.
Diebe und Räuber, Mörder und Totschläger gab es nicht.
Darum hatte man zwar draussen Tore, aber man schloss
Li Gi
2. Jh. v. Chr. sie nicht. Das war die Zeit der grossen Gemeinsam-
China keit. JOÖ'p

Fülle Denn wenn wir vom Sündenfall der ersten Eltern an, der
den Anfang bildete unseres ganzen Irrwegs, die Zustände
der Menschheit und die Zeiten durchgehen, so werden wir
finden, dass nur unter dem göttlichen Augustus, dem Welt-
monarchen, während des Bestehens einer vollkommenen
Weltmonarchie die Welt überall Friede gehabt habe. Und
dass damals das Menschengeschlecht glücklich gewesen
sei in der Ruhe des allgemeinen Friedens, das haben alle
Geschichtsschreiber, das haben die hochberühmten Dich-
ter, das hat auch der Verkündiger der Langmut Christi zu
bezeugen für wert gehalten, und zuletzt hat Paulus jenen
glücklichsten Zustand die „Erfüllung der Zeit" genannt.
Und in der That waren Zeit und Welt im Zustande der Er-
füllung, weil der Diener nicht fehlte zum Dienst unserer
Glückseligkeit. In welchen Zustand aber der Erdkreis ge-
langt ist, seitdem jenes ungenähte Kleid durch die Kralle
der Begierde zuerst einen Riss erlitt, das können wir theils
lesen, theils (wollte es Gott nicht!) erblicken. O
Menschengeschlecht! Von wieviel Stürmen und Verlusten,
von wieviel Schiffbrüchen musst du heimgesucht werden,
da du ein vielköpfiges Ungeheuer geworden bist, und dein
Trachten auseinandergeht. Krank ist deine Vernunft in
ihren beiden Trieben und ebenso dein Begehren. Du heilst
den höheren nicht mit unwiderleglichen Gründen noch
den niederen durch den Anblick der Erfahrung; aber auch
das Begehren besänftigst du nicht durch die Süssigkeit der
göttlichen Mahnung, wenn es durch die Posaune des heili-
Dante
Über die Monarchie gen Geistes dir tönt: „Siehe, wie fein und lieblich ist es,
1308 dass Brüder einträchtig bei einander wohnen." io/o

Es ist also hinlänglich erklärt, dass es die eigentümliche


Thätigkeit des Menschengeschlechts, in seiner Gesammt-
heit genommen, ist, die Gesammtanlage des intellcctuel-

566
Gerechtigkeit in der Vergangenheit: das goldene Zeitalter

len Vermögens in steter Wirksamkeit zu erhalten, zu-


nächst behufs der Spekulation und dann durch bestimmte
Richtungen desselben auch zum Handeln. Und weil es im
Theil ist, wie im Ganzen und beim einzelnen Menschen
zutrifft, dass er durch ungestörte Ruhe an Klugheit und
Weisheit zunimmt, so ist offenbar, dass das Menschenge-
schlecht in der Ruhe und Stille des Friedens seine ihm ei-
gentümliche Thätigkeit, welche fast eine göttliche ist (ge-
mäss dem Spruch: „Du hast ihn nur um Weniges geringer
gemacht als die Engel"), am leichtesten üben kann. Daher
Dante
Über die Monarchie
ist klar, dass der allgemeine Friede von allen Dingen, die
1308 auf unsere Glückseligkeit hinzielen, das beste ist. 10/1

Ordnung in Und er (der Kaiser Claudius) suchte das verletzte, in der


vergangenen arabischen Wüste verirrte Schaf aus der Herde der Jacobi-
Zeiten ter, und wenn er es fand, lud er es auf seine Schultern und
freute sich über dieses Schaf weit mehr als über die, welche
sich nicht verirrt hatten. Was aber die anbelangte, die von
der arabischen Herde zu ihm überliefen, so schickte er sie
nicht zurück und verjagte sie nicht. Er nahm sie alle in einer
einzigen Herde zusammen mit einem einzigen Hirten.
Und näherte sich ihm irgendein Missetäter, so wies er
ihn nicht zurück, wie das die Moabiter und Ammoniter,
deren Verhalten gegenüber den Kindern Israels gemein
war, zu tun pflegten.
Zu dieser Zeit war Gott dem Himmel und der Himmel
der Erde wohl gesinnt, und die Erde war dem Getreide und
den Reben, und Getreide und Reben dem Menschen wohl-
gesinnt. So herrschte Friede in der Herde und im ganzen
Volk, niemand kränkte, niemand wurde gekränkt, und
Streit gab es nicht. Der junge Mann suchte keinen Streit
mit dem Greis, der Adlige keinen mit dem Mann aus dem
Volk.
Und es gibt unter den Weisen Leute, die von dieser Zeit
sagen, sie sei das Zeitalter, von dem in der Erzählung des
Sabbats die Rede sei, wo es steht: „In diesen Tagen wird der
Auserwählte auf seinem Thron sitzen, und die Geheimnis-
se der Weisheit werden sich durch seinen Geist und seinen
Mund offenbaren, denn der Gott des Geistes wird ihm (die-
ses Geschenk) gemacht und diese Ehre erwiesen haben. In
diesen Tagen werden die Berge Sprünge machen wie junge
Kälber, und die Hügel wie gemästete Lämmer. Es wird von
da an weder Tod noch Trauer noch Klagen mehr geben,
denn es wird eine neue Ordnung herrschen. Und in den
Waldlichtungen, wo sich Nymphen mit Dämonen tum-
Chronik des melten, werden sich Kinder tummeln, und bei den Toren
Kaisers Claudius
1540-1559
der Städte wird es viele Greise geben, alle den Stock in der
Äthiopien Hand." 1072

567
Quellen und Ziele

Rittertum und Er wurde von den Ziegenhirten mit Freundlichkeit aufge-


goldenes nommen, und nachdem Sancho den Rosinante und sein
Zeitalter Eselein, so gut er konnte, versorgt hatte, ging er dem Gerü-
che nach, den etliche Stücke Ziegenfleisch von sich gaben,
welche brodelnd in einem Kessel am Feuer standen; und
wiewohl er gern auf der Stelle nachgesehen hätte, ob sie
schon so weit wären, um sie aus dem Kessel in den Magen
zu versetzen, so musste er es doch unterlassen, weil die
Hirten sie bereits vom Feuer wegnahmen, Schaffelle auf
den Boden breiteten, schleunigst ihre ländliche Tafel zu-
richteten und die beiden mit freundlicher Bereitwilligkeit
zu dem einluden, was sie vorzusetzen hatten. Sie lagerten
sich zu sechsen - so viele waren ihrer zur Hütung bei den
Ziegen - um die Felle her, nachdem sie zuvor Don Quijote
mit bäurischen Höflichkeiten ersucht hatten, sich auf
einen Kübel zu setzen, den sie zu diesem Zwecke umge-
stülpt und ihm hingestellt hatten. Don Quijote setzte sich,
und Sancho blieb stehen, um ihm den Becher, der von
Horn war, zu kredenzen.
Als ihn nun sein Herr stehen sah, sprach er zu ihm: „Auf
dass du innewerdest, Sancho, wieviel Gutes das fahrende
Rittertum in sich begreift und wie diejenigen, die in irgend-
welcher Stellung in seinem Dienste arbeiten, bald dahin
gelangen, bei der Welt in Ehre und Achtung zu stehen, so
will ich, dass du hier an meiner Seite und in Gesellschaft
dieser biederen Leute niedersitzest und dass du ganz eins
und dasselbe mit mir seiest, der ich doch dein Brotherr und
angeborener Gebieter bin, aus meiner Schüssel issest, und
trinkest, woraus ich trinke; denn von der fahrenden Ritter-
schaft kann man dasselbe sagen wie von der Liebe: sie
macht alle Dinge gleich."
„Grosse Gnade!" entgegnete Sancho; „allein ich kann
Euer Gnaden sagen, wenn ich was Gutes zu essen hätte, so
würde ich ebensogut und noch besser stehend und für mich
allein essen, als wenn ich neben dem Kaiser sässe. Ja, wenn
ich die Wahrheit sagen soll, weit besser schmeckt mir, was
ich in meinem Winkel ohne Umstände und Reverenz ver-
zehre, wenn's auch nur Brot mit einer Zwiebel ist, als die
Truthähne andrer Tafeln, wo ich genötigt wäre, hübsch
langsam zu kauen, wenig zu trinken, mich jeden Augen-
blick abzuwischen, nicht zu niesen noch zu husten,
wenn's mich ankommt, und noch andre Dinge zu unterlas-
sen, die das Frei- und Alleinsein vergönnt. Sonach, edler
Herre mein, diese Ehren, die Euer Gnaden mir dafür antun
will, dass ich Diener und Genosse der fahrenden Ritter-
schaft bin, wie ich es denn als Euer Gnaden Schildknappe
wirklich bin: verwandelt sie in etwas andres, das mir er-
spriesslicher und vorteilhafter sein würde,- denn selbige Eh-

568
Gerechtigkeit in der Vergangenheit: das goldene Zeitalter

ren, obschon ich sie für richtig empfangen annehme, ich


verzichte darauf für alle Zeit von jetzt ab bis zum Ende der
Welt."
„Trotz alledem musst du dich setzen; denn wer sich er-
niedrigt, den wird Gott erhöhen." Und ihn am Arme fas-
send, nötigte er ihn, sich an seiner Seite niederzusetzen.
Die Ziegenhirten konnten das Kauderwelsch von Schild-
knappen und fahrenden Rittern nicht verstehen und taten
nichts als essen und schweigen und ihren Gästen ins Ge-
sicht sehen, wie sie mit viel Anstand und Appetit faust-
grosse Stücke hinunterschluckten.
Als man mit dem ersten Gang, der Fleischspeise, zu Ende
war, schütteten sie einen grossen Haufen getrockneter Ei-
cheln auf die Schaffelle und setzten zugleich einen halben
Käse auf, härter als Mörtel. Dabei blieb der Hornbecher
nicht müssig; denn bald voll und bald leer, wie ein Eimer
am Ziehbrunnen, ging er so häufig in die Runde, dass er
von den zwei Schläuchen, die da zu sehen waren, einen mit
Leichtigkeit leerte.
Nachdem Don Quijote seinen Magen gehörig befriedigt
hatte, nahm er eine Handvoll Eicheln auf, betrachtete sie
nachdenklich und erhob die Stimme zu folgender Rede:
„Glückliche Jahrhunderte, glückliches Zeitalter, dem die
Alten den Namen des Goldenen beilegten, und nicht des-
halb, weil das Gold, das in unserm eisernen Zeitalter so
hoch geschätzt wird, in jenem beglückteren ohne Mühe zu
erlangen gewesen wäre, sondern weil, die damals lebten,
die beiden Worte dein und mein nicht kannten. In jenem
Zeitalter der Unschuld waren alle Dinge gemeinsam. Kei-
ner bedurfte, um seinen täglichen Unterhalt zu gewinnen,
einer anderen Mühsal, als die Hand in die Höhe zu strek-
ken, um ihn von den mächtigen Eichen herabzuholen, die
freigebig jeden zu ihren süssen gereiften Früchten einlu-
den. Klare Quellen und rieselnde Bäche boten ihnen in
herrlicher Fülle ihr wohlschmeckendes, kristallhelles Was-
ser. In den Spalten der Felsen, in den Höhlungen der Bäu-
me hatten die sorgsamen klugen Bienen ihr Gemeinwesen
eingerichtet und boten ohne Eigennutz einer jeglichen
Hand die reiche Ernte ihrer köstlich süssen Arbeit. Die ge-
waltigen Korkbäume spendeten von selbst, ohne andre Be-
mühung als die ihrer freundlichen Bereitwilligkeit, ihre
breite leichte Rinde, und mit dieser begannen die Men-
schen ihre auf rohen Pfählen ruhenden Häuser zu decken,
lediglich zum Schutze gegen des Himmels Unfreundlich-
keit. Alles war Friede damals, alles Freundschaft, alles Ein-
tracht; noch hatte des gekrümmten Pfluges schwere Schar
sich nicht erdreistet, die heiligen Eingeweide unsrer
Urmutter zu zerreissen und zu durchfurchen; denn ohne

569
Quellen und Ziele

Nötigung bot sie überall aus ihrem weiten fruchtbaren


Schosse, was nur immer die Söhne, deren Eigentum sie da-
mals war, zur Sättigung, Erhaltung und Ergötzung bedurf-
ten. Ja, damals wandelten die unschuldigen schönen Mägd-
lein von Tal zu Tal und von Hügel zu Hügel, das Haar in
Flechten oder frei fliegend, ohne andre Bekleidung, als was
erforderlich, um zu verschleiern, was die Ehrbarkeit zu
verhüllen gebietet und stets geboten hat; und ihr Putz war
nicht solcher Art, wie er jetzt bräuchlich, den der Purpur
von Tyrus und die mit so mannigfachen Zubereitungen
zermarterte Seide kostbar machen, sondern er bestand aus
ineinandergeflochtenen Blättern von grünem Kletterkraut
und Efeu, womit sie vielleicht ebenso prächtig und ge-
schmückt einhergingen wie jetzt unsre Hofdamen mit den
seltenen und erstaunlichen Erfindungen, die der müssige
Drang nach Neuem sie gelehrt hat.
Damals schmückten sich die Liebesworte des Herzens
mit derselben Einfachheit und Unschuld, wie das Herz sie
gedacht, ohne nach künstlichen Wendungen und Redensar-
ten zu suchen, um ihnen einen vornehmen Anstrich zu ge-
ben. Noch hatten Betrug, Arglist, Bosheit sich nicht unter
Wahrheit und Einfalt gemischt. Die Gerechtigkeit hielt
sich innerhalb ihrer eignen Grenzen, ohne dass die Herr-
schaft der Gunst oder des Eigennutzes sie zu stören oder zu
verletzen wagte, welche jetzt das Recht so arg schädigen,
verwirren und verfolgen. Das Gesetz der Willkür hatte sich
noch nicht im Geiste des Richters festgesetzt; denn es gab
damals nichts und niemanden zu richten. Die Jungfrauen
und die Ehrbarkeit wandelten, wie ich gesagt, allerwegen
einsam und allein, ohne Besorgnis, dass fremde Dreistig-
keit und lüsterne Absicht sie schädigten, und Unkeusch-
heit entsprang bei ihnen nur aus ihrer Neigung und eignem
freiem Willen. Jetzt aber, in diesen unsren abscheulichen
Zeiten, ist keine sicher, wenn auch ein neues Labyrinth
wie das kretische sie verberge und verschlösse; denn auch
hier dringt mit der Anreizung der verruchten Umwerbun-
gen die Liebespest herein und bringt ihre ganze Enthalt-
samkeit zum Scheitern. Ihnen zur Beschirmung wurde, da
im Fortgang der Zeiten die Schlechtigkeit stets höher
wuchs, der Orden der fahrenden Ritter eingesetzt, um die
Jungfrauen zu verteidigen, die Witwen zu schützen und
den Waisen und Hilfsbedürftigen beizustehen. Zu diesem
Orden gehöre auch ich, ihr guten Ziegenhirten, denen ich
für die Gastlichkeit und freundliche Aufnahme, die ihr mir
und meinem Schildknappen zuteil werden lasset, herzlich
danke; denn obwohl nach dem Naturgesetz jeder Lebende
verpflichtet ist, den fahrenden Rittern Gunst zu erweisen,
so weiss ich doch, dass ihr, ohne diese Verpflichtung zu

570
Die versprochene Gerechtigkeit: in einer andern Welt, in einem andern Leben

kennen, mich aufgenommen und wohl bewirtet habt; und


darum ist es recht und billig, dass ich mit aller Freundlich-
keit, deren ich fähig bin, die eure dankend anerkenne."
Diese lange Rede, welche ganz gut hätte unterbleiben
können, hielt unser Ritter aus dem Anlass, dass die ihm ge-
spendeten Eicheln ihm das Goldne Zeitalter in Erinnerung
brachten, und so gelüstete es ihn, diese zwecklosen Worte
an die Ziegenhirten zu richten, welche ohne ein Wort der
Erwiderung ihm mit offenem Munde und still vor Verwun-
derung zuhörten.
So schwieg auch Sancho und verzehrte Eicheln und be-
suchte gar häufig den zweiten Schlauch, den sie, um den
Cervantes
Don Quijote Wein zu kühlen, an einer Korkeiche aufgehängt hatten.
1615 1073

Die versprochene Gerechtigkeit: in einer andern Welt,


in einem andern Leben

Bergpredigt Da er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte
sich; und seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen
Mund auf, lehrte sie und sprach: Die acht Seligpreisungen.
Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich
ist ihr. Selig sind, die da Leid tragen,- denn sie sollen getrö-
stet werden. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden
das Erdreich besitzen. Selig sind, die da hungert und dür-
stet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzig-
keit erlangen. Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie
werden Gott schauen. Selig sind die Friedfertigen; denn sie
werden Gottes Kinder heissen. Selig sind, die um Ge-
rechtigkeit willen verfolgt werden; denn das Himmelreich
ist ihr. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinet-
willen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles
wider euch, so sie daran lügen. Seid fröhlich und getrost; es
wird euch im Himmel wohl belohnt werden. Denn also
haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen
Neues Testament
Matthäus 5,1 —12 sind. 1074

Das Gesetz Denn so die Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von
des Gewissens Natur tun des Gesetzes Werk, sind dieselben, dieweil sie
das Gesetz nicht haben, sich selbst ein Gesetz, als die da
beweisen, des Gesetzes Werk sei geschrieben in ihrem Her-
zen, sintemal ihr Gewissen ihnen zeuget, dazu auch die

571
Quellen und Ziele

Gedanken, die sich untereinander verklagen oder entschul-


Neues Testament digen, auf den Tag, da Gott das Verborgene der Menschen
Paulus
Brief an die Römer durch Jesum Christum richten wird laut meines Evange-
2,14 - 1 6 liums. ioys

Barmh erzigkei t Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und
hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine
klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und
wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte al-
len Glauben, also dass ich Berge versetzte, und hätte der
Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine
Habe den Armen gäbe und liesse meinen Leib brennen, und
hätte der Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze. Die Liebe
ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Lie-
be treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht, sie stellet
sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie lässt
sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie
freuet sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freuet sich aber
der Wahrheit; sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet
alles, sie duldet alles. Die Liebe höret nimmer auf, so doch
die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen auf-
hören werden und die Erkenntnis aufhören wird. Denn un-
ser Wissen ist Stückwerk, und unser Weissagen ist Stück-
werk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird
das Stückwerk aufhören. Da ich ein Kind war, da redete ich
wie ein Kind und war klug wie ein Kind und hatte kindi-
sche Anschläge; da ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was
kindisch war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem
dunkeln Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt
Neues Testament
erkenne ich's stückweise; dann aber werde ich erkennen,
Paulus gleichwie ich erkannt bin. Nun aber bleibt Glaube, Hoff-
Erster Brief nung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die grösste unter
an die Korinther
13,1-13
ihnen. 1076

Die wahre Guter Gotama, die Brahmanen sagen folgendes: „Einzig die
Hierarchie Brahmanen bilden die beste Kaste, alle andern Kasten sind
niedriger; einzig die Brahmanen haben eine helle Gesichts-
farbe; alle andern haben eine dunkle; einzig die Brahmanen
sind rein, die Nicht-Brahmanen sind es nicht; einzig die
Brahmanen sind Brahmas Söhne, sind aus seinem Mund
geboren, von Brahman geboren, wurden von Brahma her-
vorgebracht, sind seine Erben." Was sagt der gute Gotama
dazu?
Aber Assaläyana, jeder weiss, dass die Brahmanenfrauen,
Gattinnen der Brahmanen, ihre Regeln haben, dass sie
empfangen, gebären und stillen. Und trotzdem sprechen

572
Die versprochene Gerechtigkeit: in einer andern Welt, in einem andern Leben

diese Brahmanen, die wie alle Menschen von einer Frau ge-
boren wurden, folgendermassen: „Einzig die Brahmanen
bilden die beste Kaste, (...) sind die Erben Brahmas." (...)
Was denkst du davon, Assaläyana? Wenn ein Vornehmer
Menschen niedermetzelte, wenn er nähme, was ihm nicht
gegeben wurde, wenn er sich einer verbotenen Sinneslust
hingäbe, Lügen und Verleumdungen verbreitete, wenn sei-
ne Worte hart wären, wenn er Klatsch verbreitete, neidisch
und boshaft wäre, wenn er eitlen Gedanken nachhinge -
würde nur er allein nach seinem Tod und der Verwesung
seines Leichnams den traurigen Weg bis zur unseligen
Grenze beschreiten, bis zum Fall, bis zur Hölle Niraya, nur
er, und die Brahmanen nicht? Die Händler nicht? Und
wenn ein Arbeiter Menschen niedermetzelte, (...) eitlen
Gedanken nachhinge, würde er wohl nach seinem Tode
und der Verwesung seines Leichnams den traurigen Weg
zur Hölle Niraya erklimmen, er und der Brahmane nicht?
Dem ist nicht so, guter Gotama. Wenn ein Vornehmer
Menschen niedermetzelte, nähme, was ihm nicht gegeben
wurde, (...) dann würde nach seinem Tode und der Verwe-
sung seines Leichnams er den traurigen Weg (...) zur Hölle
Niraya erklimmen. Und es wäre dasselbe für den Brahma-
nen, guter Gotama, für den Händler, den Arbeiter, guter
Gotama, wenn sie Menschen niedermetzelten, nähmen,
was ihnen nicht gegeben wurde, (...) eitlen Gedanken
nachhingen, alle Angehörigen der vier Kasten würden nach
Tod und Verwesung den traurigen Weg zur unseligen Gren-
ze, zum Fall und zur Hölle Niraya erklimmen.
Aber, Assaläyana, worauf stützen sich denn die Brahma-
nen, wenn sie sagen: „Einzig die Brahmanen bilden die be-
ste Kaste, (...) sind die Erben Brahmas?" Trotz der Worte
des guten Gotama denken die Brahmanen immer noch:
„Einzig die Brahmanen bilden die beste Kaste, (...) sind die
Erben Brahmas."
Was denkst du davon, Assaläyana? Wenn ein Brahmane
es lassen könnte, Menschen niederzumetzeln, zu nehmen,
was ihm nicht gegeben wurde, sich verbotenen Sinnesfreu-
den hinzugeben, zu lügen, Verleumdungen zu verbreiten,
harte Worte zu sagen, Klatsch zu verbreiten, wenn er nicht
mehr neidisch wäre, sondern voller Wohlwollen, und er
guten Gedanken nachhinge - wäre er der einzige, nach
Tod und Verwesung des Leichnams, der den guten Weg bis
zur seligen Grenze erklimmen würde, bis zum Paradies, er
und der Vornehme und der Händler und der Arbeiter nicht?
Dem ist nicht so, guter Gotama. Wenn ein Vornehmer
davon liesse, Menschen niederzumetzeln, (...) wenn er
wohlgesinnt wäre und gute Gedanken hätte, so würde er
nach Tod und Verwesung des Leichnams den guten Weg

573
Quellen und Ziele

bis zur seligen Grenze, bis zum Paradies erklimmen. Und


es wäre dasselbe für den Brahmanen, guter Gotama, für
den Händler und den Arbeiter, guter Gotama, wenn er da-
von liesse, Menschen niederzumetzeln, zu nehmen, was
ihnen nicht gegeben wurde, (...) wenn sie wohlgesinnt
wären und gute Gedanken hätten. Alle Angehörigen der
vier Kasten würden dann nach dem Tode und der Verwe-
sung des Leibes den guten Weg bis zur seligen Grenze, bis
zum Paradies erklimmen.
Aber, Assaläyana, worauf stützen sich denn die Brahma-
nen, wenn sie sagen: „Einzig die Brahmanen bilden die be-
ste Kaste, (...) sind die Erben Brahmas?" Trotz der Worte
des guten Gotama denken die Brahmanen noch immer:
Majjhima Nikaya II. „Einzig die Brahmanen bilden die beste Kaste, (...) sind die
Pali Erben Brahmas." ioyy

Rang des Sogar ein Ksatriya, Väsettha, der mit dem Leib ein schlech-
Menschen bei tes Leben geführt hat (d.h. durch seine Taten), der durch
dei seine Worte, durch seine Gedanken ein schlechtes Leben
Wiedergeburt geführt hat, der eine falsche Auffassung (von Leben) hat,
wird nach Tod und Verwesung in Elend, Verdammnis und
Verderben wieder auferwachen wegen der Taten, die er dar-
um beging, weil er eine falsche Auffassung (von Leben) hat-
te. Sogar ein Brahmane ... Sogar ein Vaisya ... Sogar ein
Südra ... Sogar ein Sramana...
Sogar ein Ksatriya, Väsettha, der mit dem Leib ein gutes
Leben geführt hat (d.h. durch seine Taten), der durch seine
Worte, durch seine Gedanken ein gutes Leben geführt hat,
der eine richtige Auffassung (von Leben) hat, wird nach
Tod und Verwesung in Glückseligkeit und Licht wieder
auferwachen wegen der Taten, die die Folge seiner richti-
gen Auffassung (von Leben) waren. Sogar ein Brahmane...
Dighanikäya IV.
3. Jh. v. Chr. Sogar ein Vaisya ... Sogar ein Südra ... Sogar ein Sra-
Pali mana. 10/8

Gerechtigkeit Das Gleichnis des Reichen im zweiten Märchen


nach von Setne-Kamuas
dem Tode
Setne hörte Wehklagen (...) (er) schaute (...) (und er sah,
dass es ein Reicher war), den man zur Totenstadt trug (...).
Er schaute (nochmals), und er sah (...) (einen armen Mann,
den man von Memphis bis zum Friedhof führte), (...) und
der (mit schlichtem Tuch) umhüllt war (...) und (nie-
mand) gab ihm (das Geleit). Setne (sagte): (...) („Wieviel
besser muss es sein, in der andern Welt ein reicher Mann
zu sein), (...) (wenn man mit dem armen Mann ver-

574
Die versprochene Gerechtigkeit: in einer andern Welt, in einem andern Leben

gleicht), den sie (ohne Prunk) zur Totenstadt tragen." (Aber


Sa-Osiris, (sein Sohn), antwortete: „Möge mit dir in der an-
dern Welt) das geschehen, (was) mit diesem armen Mann in
der andern Welt geschehen wird. (Möge mit dir nicht das ge-
schehen, was mit dem reichen Mann geschehen wird)."
Um zu veranschaulichen, was er gesagt hatte, führte Sa-
Osiris Setne in die andere Welt. Nachdem sie vier Säle
durchquert hatten, (...) traten sie in den fünften Saal, und
da sah Setne am Eingang betend die erhabenen Seelen (...)
(und) die, die der Gewalttaten bezichtigt waren, die Angel
der Türe des fünften Saales aber war im Auge eines Mannes
festgemacht, der betete und laute Schreie ausstiess...
Sie betraten den siebten Saal, und da nahm Setne die Ge-
stalt des grossen Gottes Osiris wahr, wie er auf einem
Throne aus feinem Gold sass und mit dem Atef gekrönt
war (...). Und weiter nahm Setne die Gestalt eines grossen
Mannes wahr, in feinfädiges Leinengewebe gekleidet, und
der hielt sich in der Nähe von Osiris auf. Dieser Standort
bewies höchste Ehre. Setne staunte über alle Massen über
die Dinge, die er in der andern Welt sah. Sa-Osiris verliess
den Saal und schritt voraus. Er sagte zu ihm: „Setne, mein
Vater, hast du diesen grossen, in feinfädiges Leinengewebe
gekleideten Mann nicht gesehen, der sich in der Nähe von
Osiris befand? Der arme Mann, den man vor deinen Augen
von Memphis wegtrug und dem niemand das Geleit gab,
den führte man in die andere Welt, und man hat seine gu-
ten und hat seine schlechten Taten gewogen. Man zählte
mehr gute als schlechte. Und in Gegenwart von Osiris
wurde Befehl gegeben, man solle die Totengaben dieses rei-
chen Mannes, den man vor deinen Augen von Memphis
wegtrug und sosehr beweinte, dem armen Mann geben,
dem man als einem Gottesmann einen Platz unter den er-
habenen Seelen zugewiesen hat?
Der Mann von vornehmem Stand, den du sahst, den hat
man in die andere Welt hinübergeführt, man hat seine
guten und hat seine schlechten Taten gewogen, und man
zählte mehr schlechte als gute. (...)
Das war der Mann, den du gesehen hast, im Auge die An-
gel der Türe zur andern Welt. Über diesem Aug' wird die
Ägypten Türe geschlossen und geöffnet, und seinem Munde entfah-
ca. 500 v. Chr. ren gewaltige Wehklagen." io/p

Göttliche Hilfe G E H HIN, MOSES

Als Israel in Ägypten war -


Lass mein Volk doch ziehn.
Es hielt kaum stand ob so viel Druck,
Lass mein Volk doch ziehn.

575
Quellen und Ziele

Geh hin, Moses, weit in Ägyptens Land,


Sag du dem Pharao:
Lass mein Volk doch ziehn.
So sprach der Herr, sagt Moses beherzt,
Lass mein Volk doch ziehn.
Sonst töt' ich den Erstgeborenen dein.
Lass mein Volk doch ziehn. [Refrain)
Der Feind hält eurem Schlag nicht stand,
Lass mein Volk doch ziehn.
Für euch ist Chaanans Erde sanft,
Lass mein Volk doch ziehn. ( R e f r a i n )
Ihr geht in der Wüste nicht verlor'n,
Lass mein Volk doch ziehn.
Negro Spiritual
Vereinigte Staaten Mit einem Lichte im Herzen drin.
von Amerika Lass mein Volk doch ziehn. ( R e f r a i n ) 1080

DER HERR HAT DOCH DANIEL BEFREIT

Aus der Grube des Löwen zog er Daniel heraus,


Und Jonas aus Walfisches Bauch,
Und Israels Kinder aus Ofens Glut,
Warum andre Menschen nicht auch?
Der Herr hat doch Daniel befreit,
Daniel, Daniel,
Der Herr hat doch Daniel befreit,
Warum nicht andere Menschen auch?
Der Wind bläst von Ost, und der Wind bläst von West,
Er bläst wie am Tag des Gerichts,
Und alles, was niemals Gebete sprach,
Betet gerne an diesem Tag. ( R e f r a i n )
Ein glutroter Bach wird der Mond nur noch sein,
Und die Sonne will nimmermehr scheinen.
Negro Spiritual
Vereinigte Staaten Das Licht aller Sterne wird ausgehen dann.
von Amerika Ich aber werd' mit Herrn Jesus sein. ( R e f r a i n ) 1081

Die Gerechtigkeit in dieser Welt

Die andeie Welt Mein Reich ist nicht von dieser Welt, antwortete Jesus. 1082
odei diese
Neues Testament
Johannes, XVIII, 36

576
Die Gerechtigkeit in dieser Welt

Hebräische Bibel
Psalm 145, J3 Dein Reich ist ein Reich aller Ewigkeiten, und deine Herr-
schaft geht durch alle Geschlechter. 1083

Auflehnung odei Abbild der Aussenwelt. Die Aussenwelt widerstrebt wohl


Annahme ihrerseits dem SINN, aber der SINN widerstrebt nicht der
des Laufs Aussenwelt. Darum, wer sich auf diesen SINN versteht,
der Dinge der bedarf nicht des Ohrs, noch des Auges, noch der Stärke,
Lieh-tzu noch des Bewusstseins. 1084
4 . - 3 . Jh. v.Chr.
China

Der Bart stünde eigentlich dem Stier zu, aber Gott gab ihn
dem Bock. (Auflehnung gegen Schicksal oder Bestimmung
wegen ungerechter Verteilung materieller Güter oder in-
tellektueller Fähigkeiten. Die muslimischen Theologen
Sudanisches
Sprichwort verbieten solche Gedanken, die sie für gotteslästerlich
Afrika halten.) 1085

Späte So wie die irdische Welt nicht für die geschaffen ist, die
Gerechtigkeit keine Reichtümer besitzen, so ist die andere Welt nicht für
die gemacht, denen es an Güte fehlt.
Alles, was zum Preis von Tränen (anderer) errungen wor-
den ist, wird dir zum Preis deiner eigenen Tränen wegge-
Tirukkural
I-Jh. nommen, was aber auf ehrliche Weise und vielleicht sogar
Mauritius mit Verlust erworben worden ist, trägt später Früchte. 1086

Gegenwart, Weil Gott die Bösen nicht lieb hat, gab er einem jeden sei-
Gerechtigkeit ner Geschöpfe einen Namen.
und Fürsorge
Gott ist es, der den Fufu für den Einarmigen rührt. (Fufu ist
Gottes
eine Speise der Akanen.)
in dieser Welt
Wenn Gott dir eine Schale Wein gibt, und ein Böser wirft
sie um, dann füllt sie Gott wieder.
Dem Sperling hat Gott mangels anderer Gaben zumindest
Akan-Sprichwörter Flinkheit gegeben. (Jedes menschliche Wesen hat irgend-
Ghana eine Gabe, die ihm eigen ist.) 1087

Verrücke nicht alte Grenzen, und dringe nicht in das Feld


Hebräische Bibel der Waisen. Denn ihr Annehmer ist stark, der wird ihren
Sprüchc 23,10 - 1 1 Streit führen gegen dich. 1088

Kasachisches Mond und Sonne - alle Menschen haben gleich viel da-
Sprichwort von. 1089

5 77
Quellen und Ziele

Jede Seele schafft nur für sich, und eine belastete (Seele)
soll nicht einer andern Last tragen. Alsdann ist zu euerm
Herrn eure Heimkehr, und dann wird er euch verkünden,
worüber ihr uneins wäret.
Und er ist's, der euch zu Nachfolgern auf der Erde mach-
te und die einen von euch über die andern um Stufen er-
höhte, auf dass er euch prüfte durch das, was er euch gege-
Koran ben. Siehe, dein Herr ist schnell zur Strafe, und siehe,
6. Sure 164,165 wahrlich, er ist verzeihend und barmherzig. iopo

Eine Bindung zwischen Gott und einem Lebewesen kann


Kalif 'Omar
Ibn-El-Khattab es nur im Gehorsam (des letzteren) geben. Alle Menschen,
7. Jh. seien sie mächtig oder machtlos, sind vor Gott gleich. 1091

Denn der Ewige euer Gott ist ein Gott der Götter und ein
Herr der Herren, der grosse, starke, und furchtbare Gott,
der kein Ansehen achtet und keine Bestechung nimmt: der
Hebräische Bibel
Deuteronomium Recht der Waise und der Witwe schafft, und den Fremdling
10,17 - 1 8 liebt, ihm Brot und Kleidung zu geben. 1092

Vernunft ist Wenn uns das Denkvermögen gemeinsam ist, dann auch
allen die Vernunft, die uns denkfähig macht und uns sagt, was
gemeinsam zu tun oder nicht zu tun ist. Dann aber ist uns auch das Ge-
setz gemeinsam. Wenn das der Fall ist, dann sind wir Men-
schen Bürger. Dann aber haben wir alle eine Art Staatsver-
fassung miteinander gemein und ist also das Weltall sozu-
sagen ein Staat. Denn welche andere Verfassung sollte dem
Menschengeschlecht wohl gemeinsam sein? Von dort, aus
diesem gemeinsamen Staat kommt uns doch das Denkver-
mögen, die vernünftigte Natur und das Gesetz. Woher
denn sonst? Denn wie das Erdige von der Erde und das
Feuchte vom Feuchten, das Luftige von der Luft und das
Warme aus einer besonderen Quelle kommt - nichts
Mark Aurel kommt doch aus dem Nichts, ebenso wie nichts in Nichts
Kaiser von 161 - 1 8 0
Rom vergeht -, so stammt auch unser Denkvermögen aus einer
Gedanken besonderen Quelle. 1093

Gerechtigkeit Bei Verträgen und andern Handelsgeschäften, die tagtäg-


jenseits vom lich zwischen Menschen abgeschlossen werden, ist bei ge-
Gesetz nauer Anwendung des Gesetzes, wie wir sehen, sehr viel
erlaubt, was andere ins Verderben stürzen kann und was
Rechtschaffenheit und eine ehrliche Auslegung des Geset-
zes verbieten. Nicht, dass das Gesetz ungerecht wäre, es ist
einfach unvollkommen. Nicht, dass Rechtschaffenheit im

48
Die Gerechtigkeit in dieser Welt

Gegensatz zum Gesetz stünde. Rechtschaffenheit verlangt


mehr, sie verlangt, dass der Mensch bei Dingen, die dem
Gesetz entgehen, sein Gewissen fragt. Könnte man sagen,
dass es rechtswidrig sei, im Privatbereich einfach Recht-
schaffenheit walten zu lassen, wo die Gesetze schweigen?
Die Rechtschaffenheit steht im öffentlichen Bereich
schliesslich auch nicht im Gegensatz zum Gesetz, welches
die öffentlichen Angelegenheiten regelt, obwohl das eine
unter Umständen das erlaubt, was das andere laut Gesetz
normalerweise verbietet. Denn jedes gute Gesetz ist nur
Ausdruck des gesunden Menschenverstandes, der nach
Gottes Willen die Welt lenken soll. Und es ist unmöglich,
dass etwas Gerechtes im Widerspruch zur Gerechtigkeit
steht. Folglich sind Grundsätze und Regeln des Rechtes,
Richard Hooker
auch wenn sie sehr allgemein abgefasst sind, nicht weniger
England deutlich, als wenn sie peinlich genau festgelegt wären,
Die Gesetze denn Ausnahmen in Spezialfällen oder buchstäbliche An-
der kirchlichen
Politik wendung eines Gesetzes können unter Umständen mit
1594 Rechtschaffenheit unvereinbar sein. 1094

Alle Menschen Aber unter Allem, was sich für eine Besprechung gelehrter
sind für die Männer eignet, gibt es gewiss nichts Herrlicheres, als die
Gerechtigkeit volle Erkenntniss, dass wir für die Gerechtigkeit geboren
geboren sind und dass das Recht nicht durch Meinung, sondern
durch die Natur geschaffen worden ist. Diess wird aber
klar, wenn man die Gesellschaft und Verbindung der Men-
schen unter sich durchschaut. Denn es gibt Nichts, was
sich so ähnlich und gleich wäre, als wir Alle uns selbst un-
ter einander sind. Denn, wenn nicht die Verschlechterung
der Sitten und die Eitelkeit der Meinungen die schwachen
Seelen beugte und lenkte, wohin sie es unternimmt, so
würde sich Niemand so ähnlich seyn, als jeder Mensch
dem Andern ist; und wie daher auch der Begriff von einem
Menschen aufgestellt werden mag, so gilt derselbe für Alle.
Beweis genug, dass in der Gattung keine Verschiedenheit
ist; denn sonst würde nicht ein Begriff für Alle passen. Die
Vernunft nämlich, durch welche allein wir über die Thiere
erhoben sind, und mittelst welcher wir uns zu Vermuthun-
gen erheben, beweisen, widerlegen, erörtern, Etwas vollen-
den und Schlüsse ziehen, ist gewiss gemeinschaftlich, ver-
schieden in den erworbenen Kenntnissen, aber gleich in
der Fähigkeit, sie zu erwerben. (...) Und die Dolmetsche-
rin des Geistes ist die Sprache, in den Worten verschieden,
in den Gedanken übereinstimmend. Auch ist Keiner unter
irgend einem Volksstamme, welcher, nachdem er die Na-
tur als Führerin erhalten hat, nicht zu der Tugend gelangen
könnte. (...)

579
Quellen und Ziele

Die Empfindungen des Verdrusses und der Freude, Be-


gierden und Befürchtungen irren auf gleiche Weise in allen
Köpfen umher, und wenn auch bei Diesen und Jenen ver-
schiedene Meinungen herrschen, so befinden sich doch
nichts desto weniger die, welche Hund und Katze als Göt-
Ciccro
De legibus ter anbeten, in demselben Drucke des Aberglaubens, wie
ca. 51 v. Chr. andere Völker. 1095

Ich habe innerhalb der Tore des Horizontes vier gute Taten
vollbracht:
Ich habe die vier Winde gemacht, damit jeder Mensch
während seines Lebens atmen kann. Das wäre die (erste)
Tat.
Ich habe viel Hochwasser geführt, damit der Arme wie
der Reiche das Wasser nutze. Das wäre die (zweite) Tat.
Ich habe jeden Menschen seinem Nächsten gleich ge-
macht. Ich habe nicht befohlen, dass die Menschen unge-
recht sein sollen. Ihre Herzen sind es, die mir gegenüber
ungerecht sind. Das wäre die (dritte) Tat.
Ich habe gemacht, dass ihre Herzen den Westen (das Jen-
Inschrift seits) nicht mehr vergessen, damit geheimen Göttern
Ägypten
3. Jt. v.Chr. Opfergaben dargebracht werden. Das wäre die (vierte)
11. Dynastie Tat. 1096

Indem die Alten auf der ganzen Erde die klaren Geisteskräf-
te klären wollten, ordneten sie zuerst ihren Staat; um ihren
Staat zu ordnen, regelten sie zuerst ihr Haus,- um ihr Haus
zu regeln, bildeten sie zuerst ihre Persönlichkeit; um ihre
Persönlichkeit zu bilden, machten sie zuerst ihr Bewusst-
sein recht; um ihr Bewusstsein recht zu machen, machten
Schule des sie zuerst ihre Gedanken wahr; um ihre Gedanken wahr zu
Konfuzius machen, brachten sie zuerst ihre Erkenntnis aufs höchste.
Li Gi
2. Jh. v. Chr. Die höchste Erkenntnis besteht darin, dass die Wirklich-
China keit beeinflusst wird. 1097

Papst Giegoi der Grosse (540! - 604) rügt eine mächtige,


mit einer Untersuchung der Abrechnungen der byzantini-
schen Verwaltung in Sizilien beauftragte Persönlichkeit,
die Vorbeugehaft und sogar Folterungen vorgenommen
hatte.

Was ich aber wohl weiss und immer gewusst habe, ist, dass
man ihm seine Güter, nicht aber seine Freiheit wegneh-
men musste, wenn er gewisse öffentliche Gelder verun-
treut hat.

47
Die Gerechtigkeit in dieser Welt

Es gibt folgenden Unterschied zwischen den Königen der


Barbaren und dem Kaiser der Römer: Die Könige der Barba-
ren befehlen Sklaven, der römische Kaiser freien Männern.
Deshalb müsst ihr euch bei allen euren Taten in erster Li-
nie an die Gerechtigkeit halten, in zweiter strengstens auf
Freiheit achten. (...) Auf die Freiheit derjenigen also, die
man euch für die Untersuchung übergibt, müsst ihr so ach-
ten, als ob es eure wäre. Und wenn ihr nicht wollt, dass
eure Vorgesetzten eure Freiheit antasten, dann schützt und
achtet die eurer Untertanen.

Es wäre beschämend, wenn ich auf etwas beharrte, was mir


nicht gerecht erscheint. Ich bin weit davon entfernt, die
Gerechtigkeit über den Menschen zu stellen, aber ich liebe
die Menschen um der Gerechtigkeit willen. 1098

Vielfalt Gross ist die Vielfalt der lebenden Wesen,


und Einheit die ich der Reihe nach einmal aufzählen muss,
Oh Vasetta (Beni genannt),
um zu zeigen, wie die Natur sie in verschiedene
Arten eingeteilt hat.
Betrachte die Gräser und die Bäume, die keine grossen
Worte machen, aber zeigen, dass die Natur sie in verschie-
dene Arten eingeteilt hat.
Geh weiter zu den Insekten, von den Schmetterlingen
zu den Ameisen,
und sieh, wie die Natur sie in verschiedene Arten
eingeteilt hat.
Beachte die Vierbeiner, gross oder klein,
und sieh, wie die Natur sie in verschiedene Arten eingeteilt
hat.
Betrachte die langen Schlangen, die sich schleichend
bewegen,
und sieh, wie die Natur sie in verschiedene Arten eingeteilt
hat.
Geh weiter zu den Fischen, die in den Tiefen des Wassers
leben,
und sieh, wie die Natur sie in verschiedene Arten eingeteilt
hat.
Schau dann die Vögel an, die leicht in den Lüften fliegen,
- alle zeigen, dass die Natur sie in verschiedene Arten
eingeteilt hat.
Während alle eine so grosse Vielfalt aufweisen, so zeigt
die Natur einzig beim Menschen, dass sie ihn nicht in
verschiedene Arten eingeteilt hat.
Sie unterscheiden sich weder durch Haare, Kopf, Ohren
oder Augen,

581
Quellen und Ziele

weder durch Mund oder Nasenflügel, noch durch Augen-


brauen,
Lippen, Hals, Schultern, Bauch, Gesäss, Rücken oder
Brust,
noch durch geheime Organe von Frau oder Mann, noch
Hände,
Füsse, Finger, Nägel, Waden oder Schenkel, weder durch
Gesichtsfarbe noch Stimme,
- nichts zeigt, dass die Natur die Menschen in
verschiedene Arten eingeteilt hätte.
Die Vielfalt der Natur gilt nicht für den Menschen,
- ausser dem Namen unterscheidet sie nichts.
Der Mensch, der die Herden aufzieht,
- ist ein Bauer, und nicht ein wahrer Brahmane.
Der Mensch, der von der Arbeit seiner Hände lebt,
- ist ein Handwerker, und nicht ein wahrer Brahmane.
Der Mensch, der vom Verkauf der Waren lebt,
- ist ein Händler, und nicht ein wahrer Brahmane.
Der Mensch, der seine Dienste anbietet,
- ist ein Arbeitnehmer, und nicht ein wahrer Brahmane.
Der Mensch, der davon lebt, dass er nimmt, was ihm nicht
gehört,
- ist ein Dieb, und nicht ein wahrer Brahmane.
Der Mensch, der vom Kriegshandwerk mit Schwert und
Bogen lebt,
- ist ein Krieger, und kein wahrer Brahmane.
Der Mensch, der von Opferhandlungen lebt,
SuttaNipâta - ist ein Kultdiener und kein wahrer Brahmane.
(Die Formeln)
Ceylon, Indien, Der Mensch, der über weite Gebiete herrscht,
Pali - ist ein Monarch und kein wahr er Brahmane. 1099

Vision des Wie sieht Lenin die Neue Welt? „Vor mir rollt ein grossarti-
triumphieren- ges Bild der Erde ab. (...) Alle Menschen sind vernünftig
den Menschen geworden, jeder fühlt sich verantwortlich nicht nur für al-
les, was er selber tut, sondern auch für alles, was um ihn
herum getan wird. Inmitten von Gartenstädten erheben
sich majestätische Gebäude. Überall arbeiten die dem Gei-
ste des Menschen unterstellten und organisierten Kräfte
der Natur für ihn, und er selbst ist - endlich! - wirklich
zum Meister der Elemente geworden. Er verschwendet sei-
ne Kraft nicht mehr in grober und schmutziger Arbeit. Sie
verwandelt sich in geistige Energie, und all seine Lei-
stungsfähigkeit wird in die Erforschung wesentlicher Le-
bensprobleme eingesetzt. (...) Durch Technik geadelt, in
sozialer Hinsicht vernünftiger organisiert, ist Arbeit für
den endlich wirklich freien Menschen eine Quelle der
Freude geworden. Die Vernunft des Menschen - kostbar-
ster Urquell der Welt - ist frei von Furcht. (...)"

582
Die Gerechtigkeit in dieser Welt

Ich glaube nicht, dass ich Lenin Träume zugeschrieben


habe, die ihm fremd waren. Ich glaube nicht, dass ich
diesen Menschen „romantisiert" habe. Ich kann ihn mir
nicht ohne diesen schönen Traum des künftigen Glücks
Lenin von aller Menschen vorstellen, eines leuchtenden und glück-
M a x i m Gorki
gesehen
lichen Lebens. Je grösser der Mensch, umso kühner sein
1920 Traum. IIOO

Gemeinschaft EINLEITUNG ZU EINER ERKLÄRUNG DER PFLICHTEN


und mensch- GEGENÜBER DEM M E N S C H E N
liche Seele
Man schuldet einem Kornfeld Achtung, nicht um seiner
selbst willen, sondern weil es den Menschen Nahrung bie-
tet.
Eine ebensolche Achtung schuldet man jeder beliebigen
Gemeinschaft - Vaterland, Familie oder was immer -,
nicht um ihrer selbst willen, sondern als einer Nahrung für
eine gewisse Anzahl menschlicher Seelen.
Diese Verpflichtung veranlasst uns faktisch, je nach den
verschiedenen Lagen, zu verschiedenen Haltungen und
Handlungen. An sich selbst betrachtet jedoch ist sie für alle
unbedingt die gleiche.
Insbesondere gilt diese Gleichheit unbedingt für alle
Aussenstehenden. Der Grad an Achtung, den wir den
menschlichen Gemeinschaften schulden, ist, auf Grund
verschiedener Erwägungen, sehr hoch.
Zum ersten ist jede einzigartig und, wenn sie zerstört
wird, nicht zu ersetzen. Ein Sack Korn kann immer einen
anderen Sack Korn ersetzen. Für die Nahrung jedoch, die
eine Gemeinschaft der Seele ihrer Glieder bietet, findet
sich in der ganzen Welt nichts Gleichwertiges.
Ferner reicht eine Gemeinschaft, auf Grund ihrer Fort-
dauer, schon in die Zukunft hinein. Die Nahrung, die sie in
sich enthält, ist nicht nur für die Seele der Lebenden be-
stimmt, sondern ebenso für die Seele der noch Ungebore-
nen, die im Laufe der nächsten Jahrhunderte auf die Welt
kommen werden.
Endlich senkt die Gemeinschaft, auf Grund der gleichen
Dauer, ihre Wurzeln in die Vergangenheit hinab. Sie stellt
das einzige Organ der Bewahrung dar für die von den Toten
aufgehäuften Schätze, das einzige Organ der Übermitte-
lung, mit dessen Hilfe die Toten zu den Lebenden sprechen
können. Und das Einzige auf Erden, das mit der ewigen Be-
stimmung des Menschen unmittelbar verknüpft ist, ist die
von Geschlecht zu Geschlecht fortwirkende Leuchtkraft
derer, die über diese Bestimmung zu vollkommener Be-
wusstheit gelangt sind.

583
Quellen und Ziele

Auf Grund alles dessen kann es geschehen, dass die Ver-


pflichtung einer bedrohten Gemeinschaft gegenüber das
völlige Opfer fordert. Doch folgt daraus nicht, dass die
Gemeinschaft über dem menschlichen Wesen stehe. Es ge-
schieht auch, dass die Verpflichtung, einem Menschenwe-
Simone Weil sen in Not zu Hilfe zu eilen, das völlige Opfer fordern darf,
Frankreich
Die Einwurzelung ohne dass dies irgendeinen höheren Wert dessen, dem ge-
1942-1943 holfen wird, einschlösse. IIOI

Die einzige Eine heikle Aufgabe, ein Auf-den-Fussspitzen-gehn über


Freiheit, einen brüchigen Balken, der als Brücke dient, nichts unter
die dem den Füssen haben, mit den Füssen erst den Balken zusam-
Menschen bleibt menscharren, auf dem man gehn wird, auf nichts gehn als
F. Kafka auf seinem Spiegelbild, das man unter sich im Wasser
Tschechoslowakei sieht, mit den Füssen die Welt zusammenhalten, die Hän-
1883 -1924
Tagebücher de nur oben in der Luft verkrampfen, um diese Mühe be-
und Briefe stehn zu können. 1102

Der Messias wird erst kommen, wenn er nicht mehr nötig


Kafka sein wird, er wird erst einen Tag nach seiner Ankunft kom-
Tagebücher und
Briefe men, er wird nicht am letzten Tag kommen, sondern am
1913 allerletzten. 1103

584
Bibliographie

Frau J. Hersch erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch auf diese Bibliographie.

Fehlen bei fremdsprachigen Werken in der nachstehenden Bibliographie Angaben betr. Erschei-
nungsort und -jähr der Übersetzungen, wurden jene aus Le droit d'êtie un homme von Frau
Y. Schwyter-Schmid/Frau H. Schwab für diese Ausgabe ins Deutsche übertragen.

Die kursiv gedruckten Zahlen verweisen auf die Textstellen im vorliegenden Buch.

Anonymtitel wurden alphabetisch in die Bibliographie eingegliedert.


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