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ICS 25.080.

40 VDI-RICHTLINIEN September 2012

VEREIN VDI 3211


DEUTSCHER Tiefbohren auf Bearbeitungszentren
INGENIEURE Entwurf

Deep hole drilling on machining centers Einsprüche bis 2013-02-28


x vorzugsweise in Tabellenform als Datei per E-Mail an
gpl@vdi.de
Die Vorlage dieser Tabelle kann abgerufen werden unter
http://www.vdi-richtlinien.de/einsprueche
x in Papierform an
VDI-Gesellschaft Produktion und Logistik
Fachbereich Produktionstechnik und Fertigungsverfahren
Postfach 10 11 39
40002 Düsseldorf

Inhalt Seite
Vorbemerkung .................................................................................................2
Einleitung .........................................................................................................2
1 Anwendungsbereich ................................................................................2
2 Formelzeichen und Abkürzungen ...........................................................2
3 Zum Tiefbohren eingesetzte Werkzeuge und
ihre Konstruktionsmerkmale ...................................................................2
3.1 Wendeltiefbohrwerkzeug (WTB-Werkzeug) .....................................2
3.2 Zweilippentiefbohrwerkzeug (ZLB-Werkzeug) ................................3
3.3 Einlippentiefbohrwerkzeug (ELB-Werkzeug) ...................................4
3.4 Ejektor- und BTA-Tiefbohrwerkzeug ................................................4
3.5 Sonderwerkzeuge ...............................................................................4
4 Ausstattung eines Bearbeitungszentrums für das Tiefbohren .............5
4.1 Bearbeitungszentrum .........................................................................5
4.2 Anforderungen zum Tiefbohren.........................................................5
5 Anforderungen der Werkzeugkonzepte an die Maschine,
Qualitäts- und Leistungsmerkmale, Bohrstrategien zum Tiefbohren ..7
5.1 Wendeltiefbohren (WTB) ..................................................................8
5.2 Zweilippentiefbohren (ZLB) ..............................................................9
5.3 Einlippentiefbohren (ELB) ..............................................................10
5.4 Ejektortiefbohren und Bohren mit Sonderwerkzeugen ....................10
6 Richtwerte für das Tiefbohren auf Bearbeitungszentren ....................10
6.1 Wendeltiefbohren (WTB) ................................................................10
6.2 Zweilippentiefbohren (ZLB) ............................................................10
6.3 Einlippentiefbohren (ELB) ..............................................................10
6.4 Ejektortiefbohren .............................................................................12
7 Verfahrensauswahl .................................................................................12
Schrifttum ......................................................................................................13

VDI-Gesellschaft Produktion und Logistik (GPL)


Fachbereich Produktionstechnik und Fertigungsverfahren

VDI-Handbuch Produktionstechnik und Fertigungsverfahren, Band 2: Fertigungsverfahren


–2– VDI 3211 Entwurf

Vorbemerkung Formel Benennung Einheit


zeichen
Der Inhalt dieser Richtlinie ist entstanden unter
Beachtung der Vorgaben und Empfehlungen der d Bohrungsdurchmesser mm
Richtlinie VDI 1000. l Bohrungstiefe mm
Alle Rechte, insbesondere die des Nachdrucks, der Ȟ Viskosität mm2/s
Fotokopie, der elektronischen Verwendung und der
Übersetzung, jeweils auszugsweise oder vollstän- Abkürzungen
dig, sind vorbehalten.
In dieser Richtlinie werden die nachfolgend aufge-
Die Nutzung dieser VDI-Richtlinie ist unter Wah- führten Abkürzungen verwendet:
rung des Urheberrechts und unter Beachtung der
Lizenzbedingungen (www.vdi-richtlinien.de), die BTA Boring and Trepanning Association
in den VDI-Merkblättern geregelt sind, möglich. ELB Einlippentiefbohren
Allen, die ehrenamtlich an der Erarbeitung dieser HSS Schnellarbeitsstahl (High Speed Steel)
VDI-Richtlinie mitgewirkt haben, sei gedankt. KSS Kühlschmierstoff
VHM Vollhartmetall
Einleitung
WTB Wendeltiefbohren
Die Forderung nach einer Komplettbearbeitung
ZLB Zweilippentiefbohren
von Bauteilen in möglichst einer Aufspannung hat
dazu geführt, dass seit Jahren häufiger auf Bearbei-
3 Zum Tiefbohren eingesetzte
tungszentren tiefgebohrt wird. Neuartige Werk-
Werkzeuge und ihre
zeugkonzepte, die speziell für das Tiefbohren auf
Konstruktionsmerkmale
Bearbeitungszentren ausgelegt wurden, sind entwi-
ckelt worden. Sie stehen in Konkurrenz zu den In der Richtlinie VDI 3210 werden Bohrungen mit
vorhandenen „klassischen“ Tiefbohrwerkzeugen. einem Bohrungstiefe-Bohrungsdurchmesser-Ver-
Die Verwendung von sowohl neuartigen als auch hältnis (l/d-Verhältnis) von l/d • 3 als Tiefbohrun-
klassischen Tiefbohrverfahren stellt jedoch speziel- gen bezeichnet. In Abhängigkeit vom Durchmesser
le Anforderungen an die Werkzeugmaschine. der zu fertigenden Bohrung werden unterschiedli-
che Tiefbohrverfahren eingesetzt, wobei es zu
Alle drei Aspekte führen in der Produktionstechnik
Überschneidungen der Anwendungsbereiche dieser
zu stark zunehmendem Interesse an Erfahrungs-
Verfahren kommen kann (siehe Richtlinie
wissen zum Einsatz der Präzisions- und Tiefbohr-
VDI 3210). Detaillierte Informationen zu den klas-
technik auf Bearbeitungszentren. Aus diesem
sischen Verfahren Einlippentiefbohren (ELB),
Grund wurde vom zuständigen VDI-Fachausschuss
BTA- (BTA = Boring and Trepanning Association)
eine Richtlinie zu dieser Thematik erarbeitet.
und Ejektortiefbohren können den Richtlinien
VDI 3208 und VDI 3209 Blatt 1 entnommen wer-
1 Anwendungsbereich
den.
Die Richtlinie bezieht sich auf die Durchführung
von Tiefbohrverfahren auf Bearbeitungszentren. 3.1 Wendeltiefbohrwerkzeug (WTB-
Werkzeug)
Die Richtlinie gibt eine Übersicht über die Anfor-
derungen, die bei Verwendung der Tiefbohrverfah- Mit Wendeltiefbohrwerkzeugen (WTB-Werk-
ren auf Bearbeitungszentren zu beachten sind. zeugen) aus Schnellarbeitsstahl (HSS) lassen sich
Dazu werden zunächst die Tiefbohrwerkzeuge und unter bestimmten Voraussetzungen tiefe Bohrun-
Tiefbohrverfahren vorgestellt. Anschließend wer- gen erzeugen. Daher sind in Tabelle 3 auch übliche
den die technologischen und maschinenseitigen HSS-Werkzeuge berücksichtigt worden. Die be-
Anforderungen an das Tiefbohren auf Bearbei- trachteten Durchmesser der HSS-Werkzeuge lie-
tungszentren betrachtet. Die aufgeführten Richt- gen zwischen d = 0,2 mm und d = 12 mm.
werte sollen eine Hilfe zur richtigen Verfahrens- Der Schwerpunkt liegt jedoch auf Vollhartmetall-
auswahl ermöglichen. werkzeugen (VHM-Werkzeuge) mit Innenkühlung,
da nur diese auf einem Bearbeitungszentrum in
2 Formelzeichen und Abkürzungen starker Konkurrenz zum ELB stehen. VHM-WTB-
Bohrer zum Tiefbohren werden im Durchmesser-
Formelzeichen
bereich von d = (0,5…12) mm und einem l/d-
In dieser Richtlinie werden die nachfolgend aufge- Verhältnis bis zu l/d § 30 eingesetzt. Diese Werk-
führten Formelzeichen verwendet: zeuge weisen den für Wendelbohrer typischen
symmetrischen, zweischneidigen Werkzeugaufbau
Entwurf VDI 3211 –3–

auf, der gegenüber den klassischen Tiefbohrverfah- den ELB-Bohrern höhere Vorschübe realisiert
ren höhere Vorschubgeschwindigkeiten ermög- werden.
licht. Gegenüber dem WTB unterscheidet sich das ZLB
Wendelbohrer zum Tiefbohren (Bild 1) verfügen bei der Gestaltung der Spannuten, der ZLB ist
über einen an die Bearbeitungsaufgabe angepass- geradgenutet. Die KSS-Zufuhr erfolgt durch das
ten Werkzeugaufbau mit einem entsprechenden Werkzeuginnere und die Abfuhr des Späne-KSS-
Anschliff. Neben einer speziellen Auslegung des Gemischs in den Zwischenräumen zwischen den
Schneidenbereichs werden auch die Spannuten Längsnuten des Werkzeugs und der Bohrungs-
angepasst, um einen sicheren Spanabtransport zu wand.
gewährleisten. Der Werkzeugschaft wird meist als In Abhängigkeit vom Werkzeugdurchmesser wer-
Zylinderschaft mit angepasstem Schaftende zur den VHM-Werkzeuge oder Werkzeuge mit einem
Kühlschmierstoffzuführung (KSS-Zuführung) aus- aus Hartmetall gefertigten Bohrkopf, der auf einen
geführt. Schaft aus Werkzeugstahl aufgelötet ist, eingesetzt.
Der Spanabtransport aus Bohrtiefen größer als Der Werkzeuganschliff erfolgt anforderungsspezi-
l = 3Âd wird durch die Wendelform der Spannuten fisch, der Schneidstoff wird der Bearbeitungsauf-
verbessert, wodurch die Verwendung einer inneren gabe angepasst und gegebenenfalls beschichtet.
KSS-Versorgung nicht zwingend erforderlich ist. Zur Werkzeugaufnahme dient eine Einspannhülse,
Diese unterstützt jedoch den Spanabtransport und welche in Abhängigkeit der Anwenderanforderun-
ist bei den VHM-Werkzeugen der Standard. Die gen oder Hersteller verschieden ausgebildet sein
geringen Kühlkanaldurchmesser, besonders bei kann.
kleinen Werkzeugdurchmessern, erfordern bei
Grundsätzlich ist bei diesem Bohrverfahren der
einer inneren KSS-Versorgung jedoch eine Hoch-
Einsatz verschiedener KSS-Konzepte möglich.
druck-KSS-Versorgung.
Hierbei ist eine Hochdruck-KSS-Versorgung not-
In Abhängigkeit vom zu bearbeitenden Werkstoff wendig, um den KSS-Transport bis zur Wirkstelle
werden unterschiedliche Schneidstoffe eingesetzt. zu gewährleisten und dadurch die KSS-Funktionen
Häufig werden beschichtete WTB-Bohrer verwen- Kühlen, Schmieren und Spanabtransport sicherzu-
det. Im Durchmesserbereich von d = (11…26) mm stellen.
bei l/d-Verhältnissen von bis zu l/d = 7 kommen
auch modular aufgebaute Werkzeuge mit
wechselbaren Schneidelementen aus Hartmetall
zum Einsatz.

Bild 1. Tiefbohren mit WTB-Bohrern


3.2 Zweilippentiefbohrwerkzeug (ZLB-
Werkzeug)
Zweilippentiefbohrwerkzeuge (ZLB-Werkzeuge)
werden in einem Durchmesserbereich von ca.
d = (2,8…32) mm eingesetzt. Sie finden bedingt
durch ihren Aufbau vorwiegend Einsatz bei der
Bearbeitung von kurzspanenden Werkstoffen wie
Gusswerkstoffen und Automatenstählen. Im Unter-
schied zu WTB und ELB hat der ZLB einen gerin-
geren Marktanteil. Es können, in Abhängigkeit
vom zu bearbeitenden Werkstoff, durchaus l/d-
Verhältnisse von l/d • 30 erreicht werden. ZLB-
Werkzeuge verfügen, ähnlich wie WTB-Bohrer,
über einen symmetrischen, zweischneidigen Werk- Bild 2. Tiefbohren mit ZLB-Bohrern
zeugaufbau, wodurch sich die an den Schneiden a) Verfahrensdurchführung
entstehenden Passivkräfte kompensieren (Bild 2). b) Aufbau des ZLB-Bohrers
Wie beim WTB-Bohrer können im Vergleich zu
–4– VDI 3211 Entwurf

3.3 Einlippentiefbohrwerkzeug (ELB- Bohrköpfe bestehen aus einem Werkzeugstahl-


Werkzeug) grundkörper, der geklemmte oder aufgelötete Wirk-
Einlippentiefbohrwerkzeuge (ELB-Werkzeuge) elemente trägt (Bild 4). Wirkelemente sind hier
werden im Durchmesserbereich von eine gegebenenfalls geteilte Schneide und zwei
d = (0,5…100) mm angeboten, der Hauptanwen- Führungsleisten (gegebenenfalls drei). Wie beim
dungsbereich liegt bei d = (2…40) mm. Historisch ELB können durch die Abstützung der Radialkräf-
gesehen ist der ELB das älteste Werkzeug zum te an der Bohrungswand hohe Bohrungsgüten er-
Tiefbohren und das erste Bohrwerkzeug, das mit reicht werden. Der Werkzeugkopf wird (im hier
einer Hartmetallschneide bestückt wurde. Im Ge- relevanten Durchmesserbereich) auf das Bohrrohr
gensatz zum WTB- und ZLB-Bohrer handelt es aufgeschraubt.
sich bei dem ELB-Bohrer um ein asymmetrisches, Im Unterschied zum BTA-Tiefbohren ist beim
einschneidiges Werkzeug (Bild 3). Daher besitzt Ejektorbohren das Bohrrohr als Doppelrohr ausge-
der ELB-Bohrer am Umfang in der Regel zwei führt. Der KSS wird durch den Ringraum zwischen
(manchmal eine oder auch drei) Zonen, die das den beiden Rohren zugeführt. Durch das Innenrohr
Werkzeug an der Bohrungswand abstützen (Füh- wird das Späne-KSS-Gemisch abtransportiert.
rungsleisten). Durch den Kontakt der Führungsleis- Aufgrund des Doppelrohrsystems kann das
ten, die hinter der Schneide zurückstehen, wird die Ejektortiefbohren im Unterschied zum BTA-
Bohrungswand umgeformt. Dadurch können beim Tiefbohren vergleichsweise einfach auch auf Bear-
ELB im Vergleich zum WTB und ZTB zumeist beitungszentren eingesetzt werden, da der Bereich
höhere Bohrungsgüten erreicht werden. Die Vor- des Werkzeugeintritts ins Werkstück nicht abge-
schubwerte sind geringer als bei zweischneidigen dichtet werden muss. Zum BTA-Bohren ist hier
Werkzeugen. zusätzlich ein KSS-Zuführapparat (BOZA) not-
Aufgrund des geradgenuteten Werkzeugaufbaus wendig. Daher ist das BTA-Bohren in Bearbei-
bildet der KSS-Volumenstrom den einzigen Me- tungszentren bisher nur in Einzelfällen mit beson-
chanismus zum Abtransport der Späne. Weitere derer Ausrüstung durchgeführt worden. Weitere
verfahrensspezifische Eigenschaften zum Einsatz Informationen zu diesen Fertigungsverfahren (z. B.
der ELB-Bohrer der verschiedenen Werkzeugvari- zum Ejektoreffekt) können den Richtlinien
anten können den Richtlinien VDI 3208 und VDI 3209 und VDI 3210 entnommen werden.
VDI 3210 entnommen werden.

Bild 3. ELB-Werkzeug Bild 4. Kopf eines Ejektortiefbohrwerkzeugs


a) mit Hartmetallkopf
3.5 Sonderwerkzeuge
b) mit Wendeschneidplatte
Bei einigen Bearbeitungszentren, besonders bei
Drehbearbeitungszentren kommen auch größere
3.4 Ejektor- und BTA-Tiefbohrwerkzeug
Sondertiefbohrwerkzeuge zum Einsatz, die zum
Diese Bohrwerkzeuge sind aus einem Bohrrohr Teil Merkmale der klassischen BTA-Werkzeuge
und dem vom Rohr getragenen Bohrkopf zusam- mit denen der ELB- oder Ejektorwerkzeuge kom-
mengesetzt. Der Durchmesserbereich erstreckt sich binieren. Drehbearbeitungszentren ermöglichen
von d § (6…2000) mm (BTA) bzw. von auch die Arbeitsweise „drehendes Werkstück“ und
d § (18…250) mm (Ejektor). Das Ejektorbohren ist unterscheiden sich dadurch von den häufiger ein-
eine Variante des BTA-Bohrens. Beide Werkzeug- gesetzten Bearbeitungszentren für prismatische
konzepte weisen, wie das ELB, einen einschneidi- Werkstücke.
gen, asymmetrischen Werkzeugaufbau auf. Die
Entwurf VDI 3211 –5–

Wenn Aufbohr- oder auch Auskammeroperationen Bedeutung. Der Einsatz von Tiefbohroperationen
als Folgeoperationen einer bereits vorhandenen stellt hierbei besondere Anforderungen an das Be-
Vorbohrung durchgeführt werden, besteht z. B. die arbeitungszentrum. Diese Anforderungen resultie-
Möglichkeit, den KSS durch das stehende ren aus den zu realisierenden Tiefbohrprozessen
Bohrrohr zuzuführen und das Späne-KSS-Gemisch und beziehen sich auf einige Baugruppen und Pe-
nach vorn durch die Vorbohrung abzuführen. ripheriegeräte. Auf den meisten Bearbeitungszen-
Bild 5 zeigt als Beispiel ein derartiges Werkzeug. tren ist Tiefbohren jedoch zumindest bei kleineren
Sie werden häufig zur Bearbeitung von Bauteilen Werkzeugdurchmessern möglich.
der Luft- und Raumfahrttechnik und der Antriebs- In Bild 6 wird eine schematische Darstellung
technik eingesetzt. eines Bearbeitungszentrums dargestellt.

Bild 5. Auf einem Drehbearbeitungszentrum ein-


gesetztes Aufbohrwerkzeug zur Bearbeitung eines
Turbinenläufers

4 Ausstattung eines
Bearbeitungszentrums für das
Tiefbohren
Klassischerweise werden Tiefbohroperationen auf
speziellen Tiefbohrmaschinen und Sondermaschi- Bild 6. Schematische Darstellung eines Bearbei-
tungszentrums
nen sowie speziellen Tiefbohreinheiten, die bei-
spielsweise auf Transferstraßen installiert werden, Auf Bearbeitungszentren werden zumeist wasser-
eingesetzt. Auf diesen Maschinen sind Einrichtun- gemischte KSS eingesetzt. Allerdings besteht bei
gen zur Anbohrführung, zur optimalen KSS- einigen Tiefbohrverfahren häufig die Empfehlung,
Versorgung, zur Vermeidung von Durchbiegung nicht wassermischbare KSS (insbesondere Tief-
der langen Werkzeuge und gegebenenfalls auch bohröle) einzusetzen. Grund dafür sind deren
zur Dämpfung von Schwingungen vorhanden (sie- Schmiereigenschaften, die im Bereich der Füh-
he auch VDI 3210). Beim Bearbeitungszentrum ist rungsleisten benötigt werden. Daher ist bei der
das Tiefbohren jedoch nur eine der möglichen Durchführung von Tiefbohroperationen auf Bear-
Bearbeitungsoperationen. Sondervorrichtungen sind beitungszentren, in Abhängigkeit vom Werkzeug-
hier zu vermeiden, entsprechend weichen die ma- konzept, hinsichtlich des KSS eine angepasste
schinenseitigen Voraussetzungen ab. Prozessauslegung erforderlich. Weitere Informati-
4.1 Bearbeitungszentrum
onen sind in der Richtlinie VDI 3397 Blatt 1 bis
Blatt 3 vorhanden.
Unter Bearbeitungszentren werden hier Werk-
zeugmaschinen verstanden, auf denen mehrere In Abhängigkeit vom Werkzeugdurchmesser kön-
Fertigungsverfahren, beispielsweise Fräsen und nen beim Tiefbohren sehr große Werkzeuglängen
Bohren, vollwertig ausgeführt werden können und zum Einsatz kommen. Zur Ausnutzung des vollen
die zudem über einen Werkzeugspeicher und eine Potenzials von Bearbeitungszentren sind die ma-
automatische Werkzeugwechseleinrichtung verfü- ximalen Werkzeuglängen zu berücksichtigen, um
gen. Weiterhin sind Bearbeitungszentren mit einer beispielsweise einen automatischen Werkzeug-
NC-Steuerung ausgerüstet, wodurch ein automati- wechsel und die gewünschte Tiefbohroperation
scher und programmierbarer Ablauf eines Bearbei- durchführen zu können.
tungsprozesses ermöglicht wird. Weitere Unter- 4.2 Anforderungen zum Tiefbohren
schiede ergeben sich, wie bei anderen Werkzeug- Das Bearbeitungszentrum, auf dem die Tiefbohr-
maschinen auch, durch den konstruktiven Aufbau. operation durchgeführt werden soll, muss zum
Bearbeitungszentren gewinnen besonders beim Schutz des Bedieners und der Umwelt über eine
Tiefbohren im unteren Durchmesserbereich bis zu Kapselung des Arbeitsraums verfügen. Weiterhin
einem l/d-Verhältnis von l/d § 30 zunehmend an
–6– VDI 3211 Entwurf

ist eine an die beabsichtigten Bearbeitungsaufga- KSS-Zuführgeräte


ben angepasste Auslegung der Maschine erforder- Sowohl das ELB als auch das ZLB können mit
lich hinsichtlich einem KSS-Zuführgerät (sogenannte Spülbüchse)
x der Arbeitsraumgröße, auf Bearbeitungszentren eingesetzt werden, die
über keine oder keine ausreichende interne KSS-
x der Verfahrwege der Maschinenachsen sowie
Versorgung durch die Spindel verfügen. Außerdem
x der auftretenden statischen und dynamischen kann eine Nachrüstung von Hochdruck-KSS-
Belastungen. Pumpen im internen KSS-Kreislauf des Bearbei-
Folgende Baugruppen und Peripheriegeräte neh- tungszentrums zu Problemen führen, da häufig die
men Einfluss auf das Tiefbohren auf Bearbeitungs- Drehdurchführungen der Spindeln und die Dich-
zentren: tungen des KSS-Systems nicht für hohe KSS-
x die Haupt- und Nebenantriebe, Drücke ausgelegt sind. Es kann mit einer Spül-
büchse auch eine externe Hochdruckanlage benutzt
x die Drehdurchführung, werden, z. B. wenn die der Maschine nicht den
x das KSS-System, Anforderungen entspricht. Bild 7 zeigt eine
x der Werkzeugwechsler und schematische Darstellung des Zufuhrgeräts.
x der Späneförderer.
Haupt- und Nebenantriebe
Besonders bei großen Werkzeugdurchmessern ist
ein ausreichendes Drehmoment des Hauptantriebes
notwendig. Im Unterschied dazu sind bei sehr klei-
nen Werkzeugdurchmessern sehr hohe Drehzahlen
erforderlich. Aufgrund des Aufbaus von Bearbei-
tungszentren für prismatische Werkstücke kann
ohne Zusatzeinrichtung nur die Arbeitsweise „ro- Bild 7. KSS-Zuführgerät für ELB und ZLB auf Be-
tierendes Werkzeug, stehendes Werkstück“ reali- arbeitungszentren
siert werden. Ejektortiefbohrwerkzeuge werden mit einem ange-
Drehdurchführung passten Anschlussstück, an dem eine interne oder
Eine wichtige Voraussetzung zum Tiefbohren ist externe Hochdruck-KSS-Anlage angeschlossen
die Bereitstellung von KSS in ausreichenden Men- wird, in der Maschine aufgenommen. Das An-
gen und Drücken. Die Drehdurchführung ermög- schlussstück ermöglicht auch die Abfuhr des Spä-
licht die Einleitung des KSS in die rotierende ne-KSS-Gemischs. Bei der Anwendung auf Bear-
Spindel. Sie muss in ihrer Konstruktion für diese beitungszentren sind räumliche Beschränkungen
Anforderung ausgelegt werden. Viele Jahre war des Arbeitsraums, die Verfahrwege der Achsen
dies eine Schwachstelle bei den Bearbeitungszen- sowie die Steifigkeit der belasteten Maschinenteile
tren. zu berücksichtigen. In Bild 8 ist eine Prinzipskiz-
ze des Anschlussstücks zum Ejektortiefbohren auf
KSS-System Bearbeitungszentren dargestellt.
Die KSS-Anlage der Maschine muss den Anforde-
rungen des gewünschten Tiefbohrverfahrens ge-
recht werden. Dazu ist eine KSS-Anlage mit einer
Hochleistungspumpe erforderlich, die mit einer
entsprechenden Steuerung oder Regelung einen
möglichst großen Anwendungsbereich abdecken
kann. Es müssen ausreichend hohe KSS-Drücke
und KSS-Volumenströme mit möglichst kurzen
Ansprechzeiten bereitgestellt werden. Wichtig ist
auch eine gute KSS-Filterung, die auch den großen
Volumendurchsatz ermöglicht. Zusätzliche Infor-
mationen zur Gestaltung von Werkzeugmaschinen,
Fertigungsanlagen und peripheren Einrichtungen
Bild 8. Anschlussstück für rotierende Ejektortief-
für den Einsatz von KSS sind VDI 3035 und
bohrwerkzeuge
VDI 3397 Blatt 1 bis Blatt 3 zu entnehmen.
Entwurf VDI 3211 –7–

Werkzeugwechsler und Werkzeugmagazin 5 Anforderungen der Werkzeugkonzepte


Zur Erhaltung der Flexibilität von Bearbeitungs- an die Maschine, Qualitäts- und
zentren sollte der automatische Werkzeugwechsel Leistungsmerkmale, Bohrstrategien
der einzusetzenden Tiefbohrwerkzeuge gegeben zum Tiefbohren
sein. Bestimmende Einflussgrößen sind hierbei die Aufgrund der genannten Merkmale sind alle vor-
Abmessungen und die Masse der verwendeten gestellten Werkzeuge zur Tiefbohrbearbeitung auf
Werkzeuge. Bei Neumaschinen kann das Magazin Bearbeitungszentren geeignet. Eine Ausnahme
gegebenenfalls an die Abmessungen der benötigten bildet das BTA-Tiefbohren, das nur eingeschränkt
Tiefbohrwerkzeuge angepasst werden. Bei vorhan- in Frage kommt.
denen Maschinen gibt oft das Magazin die maxi- Ein wesentliches Unterscheidungskriterium der
mal möglichen Werkzeugdaten vor. genannten Werkzeuge ist ihre Werkzeuggestalt.
Die auf der verwendeten Maschine einzusetzenden Dabei können symmetrisch aufgebaute Werkzeuge
maximalen Werkzeuglängen sind mit dem Werk- (WTB, ZLB) und asymmetrische Werkzeuge
zeugmaschinenhersteller abzustimmen. Falls der (ELB, Ejektortiefbohrer) unterschieden werden.
Werkzeugwechsler und das Werkzeugmagazin für Bei den symmetrischen Werkzeugen ergibt sich
die Verwendung von Tiefbohrwerkzeugen nicht durch die Zerspankraft pro Schneide weitestgehend
ausgelegt sind, besteht die Möglichkeit eines ma- eine Aufhebung der Radialkräfte. Hier werden nur
nuellen Werkzeugwechsels der Tiefbohrwerkzeu- geringe Kräfte über die Führungsfasen an die Boh-
ge. rungswand übertragen. Bei asymmetrischen Werk-
Späneförderer zeugen müssen die radialen Komponenten der
Zerspankraft daher über die Führungsleisten an der
Bei Tiefbohroperationen muss der Späneförderer
erzeugten Bohrungswand abgestützt werden.
(siehe Bild 9) auf die bei Tiefbohrverfahren er-
reichbare Spänemenge und die Spanform ausgelegt Diese Merkmale haben Auswirkungen auf die
sein, um Prozessstörungen zu vermeiden. Für den Zerspanleistung und die Bohrungsqualität. Folgen-
Spanabtransport bei Tiefbohroperationen wird die de Tendenzen lassen sich feststellen:
Verwendung von Gliederbandförderern empfohlen. x Werkzeuge mit zwei Schneiden haben das grö-
Darüber hinaus muss der Späneförderer die anfal- ßere Zeitspanvolumen,
lende KSS-Menge aufnehmen und an den Reinbe- x Werkzeuge mit einer Schneide führen zu besse-
hälter leiten können. ren Oberflächen und einer verbesserten Einhal-
tung der Form- und Lagetoleranzen (abhängig
vom KSS),
x innere Späneabfuhr (Ejektorbohren) verhindert
einen Kontakt der erzeugten Späne mit der
Bohrungswand, wodurch eine gute Bohrungs-
oberfläche erreicht werden kann.

Bild 9. Schematische Darstellung des KSS-Kreislaufs mit Späneförderer


–8– VDI 3211 Entwurf

Durch eine angepasste Prozessführung können


diese Tendenzen abgeschwächt oder verstärkt wer-
den. In den meisten Anwendungsfällen sollte die
Nassbearbeitung gewählt werden. Eine Minimal-
mengenschmierung kann jedoch bei WTB, ELB
und ZLB in Abhängigkeit der jeweiligen Bearbei-
tungsaufgabe angewendet werden. Um die Bereit-
stellung des KSS auch in großen Bohrtiefen si-
cherzustellen und einen sicheren Spanabtransport
zu gewährleisten, stellen alle genannten Bohrver-
fahren hohe Anforderungen an den KSS-Druck,
KSS-Volumenstrom und an das KSS (wasserge-
mischt oder nicht wassermischbar) selbst.
Eine weitere Forderung, die bei allen vorgestellten
Verfahren besteht, ist die Notwendigkeit von An-
bohrführungen. Diese sind aufgrund der Werk-
zeuglänge auch für die symmetrischen WTB und
ZLB notwendig. Bei den klassischen Tiefbohrver- Bild 10. Empfohlene Bohrstrategie für das Tief-
fahren ist sie aufgrund des asymmetrischen Werk- bohren am Beispiel des ELB auf Bearbeitungszen-
zeugaufbaus zwingend erforderlich. Anbohrfüh- tren
rungen werden auf Bearbeitungszentren in Form a) Erzeugung einer Pilotbohrung mit anforderungs-
von sogenannten Pilotbohrungen realisiert, die mit gerechter Bohrtiefe
speziellen Pilotbohrwerkzeugen oder durch Zirku- b) Werkzeug mit geringer Drehzahl in Pilotbohrung
larfräser hergestellt werden. einfahren, KSS einschalten, Spindeldrehzahl und
Vorschub einschalten, Bohren
Das Tiefbohren auf Bearbeitungszentren erfordert c) Vorschub und Spindeldrehzahl ausschalten, KSS
eine angepasste Prozessstrategie. Vor dem eigent- ausschalten, Eilrücklauf (maximale Drehzahl be-
lichen Tiefbohrvorgang wird mit einem Pilotbohrer achten)
oder einem Zirkulärfräser eine Pilotbohrung mit
geringem Übermaß und einer Bohrtiefe von min- Es ist beim Einsatz dieser lang auskragenden
destens l = (1…2)Âd hergestellt. Anschließend wird Werkzeuge zu beachten, dass die wirkende Zentri-
das Tiefbohrwerkzeug mit stark reduzierter Dreh- fugalkraft bei ungeführt rotierenden Werkzeugen
zahl bis kurz vor den Pilotbohrungsgrund eingefah- selbst bei kleinen Unwuchten zum Bruch führen
ren. Bei Erreichung der Endposition des Einfahr- kann.
vorgangs wird der KSS eingeschaltet und die Wichtiger Hinweis
Drehzahl erhöht. Hier kann gegebenenfalls eine Die empfohlene Bohrstrategie für das Tief-
gegenüber dem Sollwert reduzierte Drehzahl ein- bohren auf Bearbeitungszentren ist einzu-
gestellt werden. Bei reduzierter Anbohrdrehzahl halten, um einen Werkzeugbruch mit umher-
wird bis zu einer Bohrtiefe von ca. l = (1…2)Âd fliegenden Bruchteilen im Arbeitsraum zu
gebohrt. Durch diese Maßnahme kann der Boh- vermeiden. Darüber hinaus sind die Herstel-
rungsmittenverlauf gegenüber dem Anbohren mit lerangaben und -hinweise zu beachten.
den Sollschnittwerten verringert werden. An- Auf Bearbeitungszentren können, bedingt durch
schließend erfolgt die Erhöhung der Drehzahl und die fehlende Abstützung gegen Durchbiegung der
des Vorschubs auf die empfohlenen Schnittwerte. Werkzeuge, oftmals aber auch aufgrund der Ab-
Dabei muss der Bohrer ständig im Eingriff sein. messungen, die als Arbeitsraum und Werkzeug-
Nach Erreichen der gewünschten Bohrtiefe und speicher zur Verfügung stehen, nur begrenzte l/d-
dem Freischneiden wird die Drehzahl reduziert und Verhältnisse realisiert werden.
das Werkzeug aus der Bohrung herausgefahren.
Bei schrägen Flächen ist vor der Fertigung der 5.1 Wendeltiefbohren (WTB)
Pilotbohrung gegebenenfalls eine Fläche anzu- Zum Tiefbohren mit Wendeltiefbohrern (WTB-
fräsen, die orthogonal zur Vorschubrichtung ausge- Bohrern) ergeben sich spezielle Anforderungen an
richtet ist. Bei Durchgangsbohrungen durch schrä- die Werkzeuge. Verglichen mit dem Kurzbohrer ist
ge Austrittsflächen ist die Vorschubgeschwindig- daher eine an die Bohraufgabe angepasste Werk-
keit 1 mm vor dem Bohrungsaustritt auf ca. 40 % zeugform notwendig. Neben der Gestaltung des
des empfohlenen Werts zu reduzieren. In Bild 10 Schneidenbereichs ist ein großer und gegebenen-
wird die beschriebene Bohrstrategie dargestellt. falls diskontinuierlicher Spannutquerschnitt erfor-
Entwurf VDI 3211 –9–

derlich, um einen sicheren Spanabtransport aus Bearbeitungszentren mit wassergemischten KSS


großen Bohrtiefen zu gewährleisten. gearbeitet. Bei diesen sind aufgrund der geringeren
In Tabelle 1 werden in Abhängigkeit vom Werk- Viskosität zur Einstellung der erforderlichen Vo-
zeugdurchmesser mit WTB-Bohrern die realisier- lumenströme um 2/3 reduzierte KSS-Drücke ausrei-
baren Bohrtiefen angegeben, wobei Werkzeuge mit chend.
einem l/d-Verhältnis von l/d = 30 zum Standard-
programm unterschiedlicher Werkzeughersteller
gehören. Auf Kundenwunsch können abhängig
vom Durchmesser auch größere l/d-Verhältnisse
realisiert werden.
Das KSS-Konzept sowie der KSS-Volumenstrom
und -druck wird durch den Werkzeugdurchmesser,
die zu fertigende Bohrtiefe sowie den Werkstück-
werkstoff beeinflusst.
5.2 Zweilippentiefbohren (ZLB)
Entsprechend den Einschränkungen beim WTB
sind auch beim Zweilippentiefbohren (ZLB) auf
Bearbeitungszentren die erzielbaren l/d-Verhält-
nisse aufgrund der Werkzeugkonzeption (gelötet
oder VHM) und der maschinellen Gegebenheiten
beschränkt. Tabelle 2 zeigt in einer Übersicht die
realisierbaren Bohrtiefen.
Die Bohrstrategie bei Verwendung von ZLB-
Bohrern entspricht im Wesentlichen der beim
WTB gewählten Strategie.
Die beim ZLB erforderlichen KSS-Volumenströme
und KSS-Drücke in Abhängigkeit vom Werkzeug- Bild 11. KSS-Volumenströme und -drücke beim
durchmesser werden in Bild 11 dargestellt. ZLB in Abhängigkeit vom KSS-Medium und vom
Grundsätzlich gilt für ZLB das Öl hinsichtlich der Werkzeugdurchmesser
Qualität der Bohrung der bessere KSS ist
(Schmiereigenschaften an den Führungsfasen am
Werkzeugumfang). Im Regelfall wird jedoch auf

Tabelle 1. Übersicht über die realisierbaren Bohrtiefen in Abhängigkeit vom Werkzeugdurchmesser (WTB)
Schnellarbeitsstahl (HSS) Vollhartmetall (VHM)
Werkzeugdurchmesser d realisierbare Bohrtiefe l/d Werkzeugdurchmesser d realisierbare Bohrtiefe l/d
in mm in mm
bis 0,2 (HSS-E) §10 0,5 bis 0,99 §12
0,3 bis 1,0 (HSS-E) § 12 1,0 bis 10 §30
1,1 bis 3 (HSS-E) § 20 10,1 bis 16 §20
3,1 bis 8,1 § 30 16,1 bis 20 §12
ab 8,2 bis § 50 – –

Tabelle 2. Übersicht über die realisierbaren Bohrtiefen in Abhängigkeit vom Werkzeugdurchmesser (ZLB)
Werkzeugtyp Werkzeugdurchmesser d Realisierbare Bohrtiefe l/d
in mm
Zweilippenbohrer in
2,8 bis 32 § 20
VHM-Ausführung
Zweilippenbohrer –
Vollbohrwerkzeug mit 4,5 bis 27 § 40
Bohrkopf aus VHM
– 10 – VDI 3211 Entwurf

5.3 Einlippentiefbohren (ELB) 5.4 Ejektortiefbohren und Bohren mit


Beim Einlippentiefbohren (ELB) auf Bearbei- Sonderwerkzeugen
tungszentren ist, wie bei den anderen Werkzeugen, Das Ejektortiefbohren kann auf Drehbearbeitungs-
eine Abstützung der Werkzeuge gegen Durchbie- zentren unter Verwendung bestimmter Zusatzein-
gung mit Lünetten nicht möglich. Die Werkzeuge richtungen eingesetzt werden. Das BTA-Tief-
haben nur auf einer Seite einen Spankanal (Sicke) bohren wird hier nicht weiter behandelt, da nur
und neigen durch diese Unwucht verstärkt zur wenige Einsatzfälle vorstellbar sind. Die in Ab-
Ausknickung. Daher ergibt sich auch hier eine schnitt 3.5 beschriebenen Sonderwerkzeuge ähneln
Beschränkung der herstellbaren l/d-Verhältnisse, in vielen Anwendungsmerkmalen den Ejektor-
um ein Ausknicken der Werkzeuge zu verhindern. bzw. den BTA-Aufbohrwerkzeugen, allerdings
Tendenziell lassen sich bei kleinen Werkzeug- werden die Späne nicht durch das Werkzeug abge-
durchmessern Werkzeuge mit einer größeren führt.
ungestützten Werkzeuglänge (bis zu l § 60Âd bei Auf Bearbeitungszentren, insbesondere Drehbear-
VHM-ELB mit d § (0,5…8) mm) auf BAZ reali- beitungszentren, können mit dem Ejektor-
sieren. Bei Werkzeugen mit größeren Durchmes- tiefbohren im Durchmesserbereich von
sern (ELB bis zu d § 100 mm) ist dieser Wert ge- d § (18…120) mm maximale Bohrtiefen von bis
ringer, da aufgrund der größeren absoluten Werk- l § 35Âd erreicht werden. Es ist, wie bei den ande-
zeuglänge und der größeren Masse eher mit einer ren Verfahren, eine Pilotbohrung erforderlich.
Durchbiegung des Werkzeugs zu rechnen ist. Diese wird mit einem Pilotbohrer, oft auch mit
Der Einsatz des ELB auf Bearbeitungszentren, die Zirkularfräsern mit einer Mindestbohrtiefe von
über keine interne Hochdruck-KSS-Versorgung l = 1Âd in einem geringen Übermaß hergestellt.
verfügen, ist mithilfe eines KSS-Zufuhrgeräts und Der Ejektortiefbohrkopf wird bis kurz vor dem
externer KSS-Versorgung möglich (vgl. auch Pilotbohrungsgrund eingefahren. An dieser Positi-
Bild 7) on wird der KSS eingeschaltet sowie die Drehzahl
Weitere Besonderheiten des ELB, insbesondere die und der Vorschub gemäß den Schnittwerteempfeh-
der Anbohrführung, der Bohrstrategie sowie des lungen eingestellt, gegebenenfalls wird mit redu-
erforderlichen KSS-Volumenstroms und KSS- ziertem Vorschub an- und ausgebohrt. In der her-
Drucks auf speziellen Tiefbohrmaschinen können gestellten Bohrung wird die Vorschubbewegung
den Richtlinien VDI 3208 und VDI 3210 entnom- und die Drehzahl nach dem Freischneiden des
men werden. Werkzeugs gestoppt und dieses im Eilgang aus der
Bohrung herausgefahren. Beim Ejektortiefbohren
sind in jedem Fall nicht wassermischbare KSS mit
einer Viskosität von Ȟ = (10…20) mm2/s zu bevor-
zugen (Tiefbohröl).

6 Richtwerte für das Tiefbohren auf


Bearbeitungszentren
6.1 Wendeltiefbohren (WTB)
Eine Übersicht der Richtwertempfehlungen zum
WTB ist in Tabelle 3 dargestellt.
6.2 Zweilippentiefbohren (ZLB)
Eine Übersicht der Richtwertempfehlungen zum
Zweilippentiefbohren (ZLB) ist in Tabelle 4
dargestellt.
6.3 Einlippentiefbohren (ELB)
Eine Übersicht der Richtwertempfehlungen zum
Einlippentiefbohren (ELB) ist in Tabelle 5 dar-
gestellt. Zusätzliche Informationen sind in der
Richtlinie VDI 3208 zu finden.

Bild 12. KSS-Volumenströme und -drücke beim


ELB in Abhängigkeit vom Werkzeugkonzept und
vom Werkzeugdurchmesser
Entwurf VDI 3211 – 11 –

Tabelle 3. Übersicht der Richtwertempfehlungen zum WTB


Werkstoff Zugfestigkeit Rm Durchmesser d Vorschub f Schnittgeschwindigkeit vc
2
in N/mm in mm in mm in m/min
WTB (HSS)
Niedrig legierter Stahl bis 850 1,0 bis 12,0 0,02 bis 0,15 18 bis 22
Kupfer bis 900 1,0 bis12,0 0,01 bis 0,04 24 bis 30
Werkzeugstahl bis 700 1,0 bis 12,0 0,01 bis 0,1 5 bis 11
Temperguss bis 950 1,0 bis 12,0 0,015 bis 0,10 11 bis 13
Gusseisen bis 700 1,0 bis 12,0 0,015 bis 0,10 8 bis 11
Aluminium und Aluminiumlegierungen bis 500 1,0 bis 12,0 0,015 bis 0,10 36 bis 45
WTB (VHM)
Niedrig kohlenstoffhaltiger Stahl bis 530 0,5 bis 12,0 0,10 bis 0,40 50 bis 90
Niedrig legierter Stahl bis 850 0,5 bis 12,0 0,15 bis 0,40 60 bis 90
Hitzebeständ. Legierungen, Titan bis 950 0,5 bis 12,0 0,06 bis 0,40 10 bis 80
Nicht rostender Stahl bis 700 0,5 bis 10,0 0,008 bis 0,06 30
Grauguss bis 700 0,5 bis 10,0 0,015 bis 0,44 50 bis 100
Aluminium und Aluminiumlegierungen bis 500 0,5 bis 10,0 0,03 bis 0,40 60 bis 200

Tabelle 4. Übersicht der Richtwertempfehlungen zum ZLB


Werkstoff Zugfestigkeit Rm Durchmesser d Vorschub f Schnittgeschwindigkeit vc
2
in N/mm in mm in mm in m/min
ZLB (VHM komplett)
Gusseisen 2,8 bis 32,0 0,10 bis 0,50 30 bis 100
Hartguss 2,8 bis 32,0 0,04 bis 0,20 10 bis 50
NE-Schwermetalle 2,8 bis 32,0 0,07 bis 0,50 30 bis 200
Al-Guss 2,8 bis 32,0 0,20 bis 0,40 50 bis 270
Aluminium bis 500 2,8 bis 32,0 0,10 bis 0,55 40 bis 180
ZLB (VHM Kopf)
Grauguss 4,5 bis 27,0 0,05 bis 0,25 40 bis 90
Kurzspanende NE-Metalle 4,5 bis 27,0 0,08 bis 0,30 70 bis 110
Aluminium und Aluminiumlegierungen bis 500 4,5 bis 27,0 0,1 bis 0,35 8O bis 160

Tabelle 5. Übersicht der Richtwertempfehlungen zum ELB


Werkstoff Zugfestigkeit Rm Durchmesser d Vorschub f Schnittgeschwindigkeit vc
2
in N/mm in mm in mm in m/min
ELB (VHM komplett)
Baustahl bis 900 0,5 bis 12 0 0,0004 bis 0,078 70 bis 100
Nicht rostender Stahl 0,5 bis 12,0 0,0004 bis 0,064 40 bis 80
Federstahl 0,5 bis 12,0 0,0001 bis 0,046 25 bis 60
Gusseisen 0,5 bis 12,0 0,0005 bis 0,132 60 bis 100
Aluminium und Aluminiumlegierungen 0,5 bis 12,0 0,0002 bis 0,105 100 bis 300
ELB (VHM Kopf)
Baustahl bis 900 1,85 bis > 32,0 0,002 bis 0,211 70 bis 100
Nicht rostender Stahl 1,85 bis > 32,0 0,002 bis 0,193 40 bis 80
Federstahl 1,85 bis > 32,0 0,001 bis 0,064 25 bis 60
Gusseisen 1,85 bis > 32,0 0,005 bis 0,362 70 bis 100
Aluminium und Aluminiumlegierungen 1,85 bis > 32,0 0,002 bis 0,268 100 bis 300
ELB mit WSP
Baustahl bis 900 Nimm' 18,0 bis > 32,0 0,07 bis 0,16 80 bis 100
Federstahl 18,0 bis > 32,0 0,08 bis 0,16 55 bis 100
Gusseisen 18,0 bis > 32,0 0,10 bis 0,18 70 bis 100
Aluminium und Aluminiumlegierungen 18,0 bis > 32,0 0,09 bis 0,18 100 bis 200
– 12 – VDI 3211 Entwurf

6.4 Ejektortiefbohren
Eine Übersicht der Richtwertempfehlungen zum
Ejektorbohren ist in Tabelle 6 dargestellt. Zu-
sätzliche Informationen sind in der Richtlinie
VDI 3209 zu finden.

7 Verfahrensauswahl
Die Auswahl des Tiefbohrverfahrens kann
Bild 13 und Tabelle 7 entnommen werden.

Bild 13. Verfahrensauswahl für das Tiefbohren auf


Bearbeitungszentren in Abhängigkeit vom Boh-
rungstiefe-Bohrungsdurchmesser-Verhältnis l/d

Tabelle 6. Übersicht der Richtwertempfehlungen zum Ejektorbohren


Werkstoff Zugfestigkeit Rm Durchmesser d Vorschub f Schnittgeschwindigkeit vc
2
in N/mm in mm in mm in m/min
Ejektorbohrer mit gelöteten Schneidplatten und Führungsleisten
Unlegierter Baustahl bis 700 18,4 bis 65,0 0,14 bis 0,28 70 bis 120
Ferritischer Stahl bis 900 18,4 bis 65,0 0,16 bis 0,36 40 bis 85
Stahlguss bis 700 18,4 bis 65,0 0,14 bis 0,30 80 bis 100
Hitzebeständ. Legierungen, Titan bis 950 18,4 bis 65,0 0,14 bis 0,30 30 bis 50
Grauguss bis 700 18,4 bis 65,0 0,12 bis 0,28 60 bis 100
Aluminium und Aluminiumlegierungen bis 500 18,4 bis 65,0 0,10 bis 0,40 65 bis 130
Ejektorbohrer mit austauschbaren Schneidplatten und Führungsleisten
Unlegierter Baustahl bis 700 18,4 bis 120,0 0,18 bis 0,35 80 bis 100
Austenisierter Stahl bis 1100 18,4 bis 120,0 0,16 bis 0,35 50 bis 90
Ferritischer Stahl bis 900 18,4 bis 120,0 0,16 bis 0,35 50 bis 90
Hitzebeständ. Legierungen, Titan bis 950 18,4 bis 120,0 0,15 bis 0,30 30 bis 100
Stahlguss bis 700 18,4 bis 120,0 0,18 bis 0,30 80 bis 100
Grauguss bis 700 18,4 bis 120,0 0,16 bis 0,35 60 bis 100
Aluminium und Aluminiumlegierungen bis 500 18,4 bis 120,0 0,10 bis 0,30 65 bis 130

Tabelle 7. Verfahrensauswahl für das Tiefbohren auf Bearbeitungszentren


Werkzeug Werkstoff KSS Produktivität Qualität

Wendeltiefbohrer (HSS) alle Werkstoffe wassergemischter Kühlschmierstoff

Wendeltiefbohrer (VHM) alle Werkstoffe wassergemischter Kühlschmierstoff

wassergemischter Kühlschmierstoff
Einlippentiefbohrer alle Werkstoffe und bei hochlegierten und rostfreien
Stählen ist Tiefbohröl zu bevorzugen
Grauguss und
Zweilippentiefbohrer kurzspanende wassergemischter Kühlschmierstoff
Aluminiumlegierungen

wassergemischter Kühlschmierstoff
Ejektortiefbohrer alle Werkstoffe
möglich, Tiefbohröl ist zu bevorzugen
Entwurf VDI 3211 – 13 –

Schrifttum
VDI 1000:2010-06 VDI-Richtlinienarbeit; Grundsätze und
Anleitungen (VDI Guideline Work; Principles and proce-
dures). Berlin: Beuth Verlag
VDI 3035:2008-05 Gestaltung von Werkzeugmaschinen, Ferti-
gungsanlagen und peripheren Einrichtungen für den Einsatz
von Kühlschmierstoffen (Design of machine tools, production
lines and peripheral equipment for the use of metalworking
fluids). Berlin: Beuth Verlag
VDI 3208:2009-10 (Entwurf / Draft) Tiefbohren mit Einlippen-
bohrern (Deep hole boring with gun drills). Berlin: Beuth
Verlag
VDI 3208:1996-03 Richtwerte für das Tiefbohren mit Ein-
lippenbohrern (Guidelines for gun drilling). Berlin: Beuth
Verlag
VDI 3209 Blatt 1:1999-11 Tiefbohren mit äußerer Zuführung
des Kühlschmierstoffes (BTA- und ähnliche Verfahren) (Deep
hole boring with external supply of coolant). Berlin: Beuth
Verlag
VDI 3210 Blatt 1:2006-03 Tiefbohrverfahren (Deep-hole
boring). Berlin: Beuth Verlag
VDI 3397 Blatt 1:2007-05 Kühlschmierstoffe für spanende
und umformende Fertigungsverfahren (Metalworking fluids).
Berlin: Beuth Verlag
VDI 3397 Blatt 2:2005-09 Pflege von Kühlschmierstoffen für
die Metallbe- und -verarbeitung; Maßnahmen zur Qualitätser-
haltung, Abfall- und Abwasserverminderung (Maintenance of
metalworking fluids; Measures for maintaining quality, and
for reducing solid and liquid waste). Berlin: Beuth Verlag
VDI 3397 Blatt 3:2008-03 Entsorgung von Kühlschmierstof-
fen (Disposal of coolants and cutting fluids). Berlin: Beuth
Verlag