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William MacDonald

Kommentar
zum
Neuen Testament

Christliche Literatur-Verbreitung e. V.


Postfach 11  01  35  ·  33661 Bielefeld
1. Auflage (Band 1) 1992
1. Auflage (Band 2) 1994
2. Auflage (Gesamtausgabe) 1997
3. Auflage (Gesamtausgabe) 2001
4. Auflage (Gesamtausgabe) 2006
5. Auflage (Gesamtausgabe) 2009
6. überarbeitetete Auflage (Gesamtausgabe) 2013

Originaltitel: BBC – Believer’s Bible Commentary – New Testament


© 1989 by William MacDonald

© der deutschen Ausgabe 1992


by CLV · Christliche Literatur-Verbreitung
Postfach 11 01 35 · 33661 Bielefeld
www.clv.de

Übersetzung: Christiane Eichler


Umschlaggestaltung: OTTENDESIGN.de, Gummersbach
Satz: CLV
Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-89397-378-1
Inhalt
Über den Autor 7
Über den Herausgeber 7
Vorwort des Autors 8
Einführung des Herausgebers 9
Abkürzungen 11
Einführung in das Neue Testament 13
Einführung in die Evangelien 16
Das Evangelium nach Matthäus 21
Exkurs zum Reich der Himmel 31
Exkurs zum Evangelium 39
Exkurs zum Thema Verhältnis des Gläubigen zum Gesetz 43
Exkurs zur Scheidung und Wiederheirat 46
Exkurs zum Fasten 51
Exkurs zum Sabbat 80
Das Evangelium nach Markus 163
Das Evangelium nach Lukas 224
Das Evangelium nach Johannes 339
Die Apostelgeschichte 475
Exkurs zum Gebet in der Apostelgeschichte 483
Exkurs zur Hausgemeinde und übergemeindlichen Organisationen 494
Exkurs zum Thema Verhältnis des Christen zur Obrigkeit 507
Exkurs zur Gläubigentaufe 517
Exkurs zum Dienst der sogenannten »Laien« 519
Exkurs zu Vorgehensweisen in der Mission 540
Exkurs zur Eigenständigkeit der Ortsgemeinde 545
Exkurs zum Thema göttliche Führung 548
Exkurs zum Thema Wunder 550
Exkurs zum Thema ungewöhnliche Kanzeln 556
Exkurs zur Botschaft der Apostelgeschichte 588
Der Brief des Paulus an die Römer 597
Exkurs zum Thema unerreichte Heiden 607
Exkurs zum Thema Sünde 616
Exkurs zum Thema göttliche Souveränität
und menschliche Verantwortlichkeit 651
Der erste Brief des Paulus an die Korinther 690
Der zweite Brief des Paulus an die Korinther 779
Der Brief des Paulus an die Galater 848
Exkurs zur Gesetzlichkeit 880
Der Brief an die Epheser 885
Exkurs zur göttlichen Erwählung 891
Der Brief an die Philipper 952
Der Brief an die Kolosser 986
Exkurs zum Thema Versöhnung 999
Exkurs zum Thema christliche Familie 1021
Der erste Thessalonicherbrief 1031
Exkurs zum Kommen des Herrn 1041
Exkurs zu den Anzeichen der letzten Tage 1053
Exkurs zum Thema Heiligung 1060
Der zweite Thessalonicherbrief 1064
Exkurs zu Entrückung und Offenbarung 1067
Exkurs zur Entrückung der Gemeinde 1079
Die Pastoralbriefe 1090
Der erste Timotheusbrief 1094
Der zweite Timotheusbrief 1135
Der Titusbrief 1163
Exkurs zum Thema Älteste 1167
Exkurs zum Thema Christen und diese Welt 1177
Der Philemonbrief 1183
Der Brief an die Hebräer 1191
Exkurs zum Thema Abfall 1215
Exkurs zur Bedeutung des Hebräerbriefes für heute 1262
Der Brief des Jakobus 1266
Exkurs zu den Zehn Geboten 1281
Exkurs zum Thema göttliche Heilung 1300
Der erste Petrusbrief 1308
Exkurs zum Thema christliche Kleidung 1334
Exkurs zum Thema Taufe 1342
Der zweite Petrusbrief 1356
Der erste Brief des Johannes 1383
Exkurs zum Thema Sünde zum Tod 1405
Der zweite Brief des Johannes 1409
Der dritte Brief des Johannes 1414
Der Judasbrief 1418
Die Offenbarung 1432
Anhang 1477
7

Über den Autor


William MacDonald ist ein geschätzter Bi- in die Fakultät der Emmaus-Bibelschule
bellehrer und Autor von über 60 in den (jetzt College) ein. Dort diente er von 1947
USA und Kanada veröffentlichten Bü- bis 1965. Ab 1959 war er Leiter dieser Bi-
chern, von denen einige schon in viele belschule.
Sprachen übersetzt wurden. Diese rei- Von 1965 bis 1972 arbeitete er als rei-
chen von gebundenen über Taschen­ sender Bibellehrer und Prediger. Sein
bücher und Bibelfernkurse bis hin zu Dienst führte ihn nicht nur durch ganz
Traktaten. Nordamerika, sondern auch nach Euro­­­
Es waren nicht die verschiedenen Ab- ­pa und Asien.
schlüsse des Tufts College (jetzt Univer- Seit 1973 gehört er zum Mitarbeiter-
sität) und der Harvard Business School, stab des Discipleship Intern Training Pro-
die W. MacDonald erworben hat, son- gram in San Leandro, Kalifornien.
dern der außerordentlich ausführliche Der Kommentar zum Neuen Testament
biblische Unterricht, den er in verschie- ist der Höhepunkt des Gelöbnisses, das
denen Versammlungen erhielt, und sein der Autor im Alter von 30 Jahren Gott ge-
von eifrigem persönlichen Bibelstudium genüber ablegte, einen Kommentar zu
geprägtes Leben, die ihn für diese Auf- schreiben, der Vers für Vers das ganze
gabe vorbereitet haben. Neue Testament verständlich macht. Er
Nachdem er als Vermögensberater ist die Frucht von mehr als vier Jahrzehn-
der First National Bank of Boston gear- ten des Bibelstudiums, der Predigt und
beitet und von 1942 bis 1949 aktiv bei der der Auslegungsarbeit.
US-Marine gedient hatte, trat MacDonald

Über den Herausgeber

Arthur Farstads Weg kreuzte den des Au- James Bible ist, die in den angelsächsi-
tors, als er Schüler an der Emmaus Bi- schen Ländern auch heute noch von vie-
belschule wurde und dort nicht nur die len Christen bevorzugt wird. Diese Arbeit
Bibel, sondern auch christlichen Journa- führte ihn auf natürliche Weise dazu, den
lismus unter MacDonald studierte. Kommentar von MacDonald nach der
Farstad hat die National Art Academy New King James Bible zu bearbeiten, damit
in Washington, D. C., besucht, die Em- er sich auf diese verständlichere Bibelaus-
maus-Bibelschule, das Washington Bible gabe bezieht.
College und das Dallas Theological Semi- Dr. Farstad hat auch die Einleitungen
nary. In Dallas wurde ihm der Magister zu den verschiedenen Büchern der Bibel
der alttestamentlichen Theologie und die geschrieben, außerdem die Anmerkun-
Würde eines Doktors der neutestamentli- gen, insbesondere diejenigen zum neu-
chen Theologie verliehen. An diesem Se- testamentlichen Text.
minar lehrte er fünfeinhalb Jahre Grie- Er hat zusammen mit Zane Hodges
chisch. das »Greek New Testament according to
Sieben Jahre lang war er der Heraus- the Majority Text« herausgegeben.
geber der New King James Bible, erst für Neben seiner Tätigkeit als Schrift­
das Neue Testament und dann für die ge- steller und Herausgeber steht Farstad im
samte Bibel, die eine konservative Revi- aktiven Predigtdienst, hauptsächlich in
sion der traditionellen englischen King Dallas.
8

Vorwort des Autors


Dieser Kommentar zum Neuen Testament durch lange Erklärungen arbeiten. Das
soll dem normalen Christen helfen, das Tempo unseres modernen Lebens macht
Wort Gottes intensiv zu studieren. Aller- es notwendig, dass die Wahrheit in kur-
dings darf ein Bibelkommentar nie die zen Abschnitten angeboten wird.
Bibel selbst ersetzen. Das Beste, was ein Der Kommentar umgeht keine
Kommentar leisten kann, besteht dar­in, schwierigen Schriftstellen. In vielen Fäl-
die allgemeine Bedeutung der Texte in len werden mehrere Erklärungsansätze
verständlicher Weise darzulegen und angeführt, damit der Leser selbst ent-
dann den Leser zum weiteren Studium scheiden kann, welcher von ihnen am
an die Bibel zurückzuverweisen. besten dem Zusammenhang und der üb-
Der Kommentar ist in einfacher Spra- rigen Bibel entspricht.
che gehalten, die Fachausdrücke vermei- Reines Bibelwissen reicht nicht aus.
det. Er behauptet nicht von sich, Gelehr- Das Wort muss praktische Anwendung
samkeit oder tiefgründige Theologie zu im Leben finden. Deshalb will dieser
enthalten. Die meisten Gläubigen ver­ Kommentar zum Neuen Testament zeigen,
stehen die Originalsprachen des Al- wie die Schrift im Leben des Volkes Got-
ten und Neuen Testaments nicht, aber tes Gestalt annehmen kann. Wenn dieser
das hindert sie nicht daran, größtmögli- Kommentar um seiner selbst willen gele-
chen praktischen Nutzen aus dem Wort sen wird, dann wird er eher ein Fallstrick
zu ziehen. Ich bin überzeugt, dass durch als eine Hilfe werden, wenn er jedoch
systematisches Bibelstudium jeder Christ dazu benutzt wird, das persönliche Stu-
sich »Gott bewährt zur Verfügung« stel- dium der Heiligen Schrift anzuregen, und
len kann »als einen Arbeiter, der sich zum Gehorsam gegenüber den Grundsät-
nicht zu schämen hat, der das Wort der zen unseres Herrn führt, dann hat er seine
Wahrheit in gerader Richtung schneidet« Aufgabe erfüllt.
(2. Tim 2,15). Möge der Heilige Geist, der die Schrei-
Die Anmerkungen sind kurz gehalten, ber der Bibel inspirierte, den Verstand des
umfassend und themenorientiert. Um be- Lesers erleuchten, um dieses wunder-
züglich einer bestimmten Stelle Hilfe zu volle Ziel zu erreichen: Gott durch sein
erhalten, muss sich der Leser nicht erst Wort zu erkennen.
9

Einführung des Herausgebers

»Verachten Sie nie die Kommentare.« die großartigsten Bibelauslegungen aller


Dies war gegen Ende der fünfziger Jahre Zeiten und Sprachen in englischer Spra-
der Rat eines Lehrers der Emmaus-Bibel- che zugänglich. Unglücklicherweise sind
schule an seine Klasse. Mindestens ein viele so lang, so veraltet und so schwer
Schüler hat diese Worte mehr als drei- zu lesen, dass der normale Christ sie ent-
ßig Jahre behalten. Der Lehrer war Wil- mutigt, wenn nicht durch ihre Fülle er-
liam MacDonald, der Autor dieses Bu- schlagen, weglegt. Daher geben wir die-
ches. Der Schüler war der Herausgeber sen Kommentar zum Neuen Testament
Arthur Farstad, der zu dieser Zeit seine heraus.
Ausbildung an der Schule gerade erst
begonnen hatte. Er hatte in seinem Le- Die verschiedenen Arten von
ben nur einen einzigen Kommentar ge- Kommentaren
lesen – In der Himmelswelt über den Theoretisch könnte jeder, der an der Bibel
Epheserbrief von Harry A. Ironside. Ar- interessiert ist, einen Kommentar schrei-
thur Farstad hat in dem Sommer, in dem ben. Aus diesem Grund gibt es ein so gro-
er diesen Kommentar jeden Abend las, ßes Spektrum von extrem liberal bis zu
herausgefunden, was ein Kommentar äußerst konservativ, zwischen denen jede
ist. Schattierung existiert. Dieser Kommentar
zum Neuen Testament ist ein sehr konser-
Was ein Kommentar ist vativer Kommentar, der die Bibel als in-
Was genau ist nun ein Kommentar, und spiriertes und irrtumsloses Wort Gottes
warum sollten wir Kommentare nicht annimmt, das für alle Fragen des Glau-
verachten? Kürzlich listete ein bekann- bens und Lebens ausreichende Antwor-
ter christlicher Verleger fünfzehn ver- ten bietet.
schiedene Sorten von Büchern auf, die Ein Kommentar kann sich aber auch
alle mit der Bibel zu tun haben. Wenn ei- zwischen den Extremen hoch speziali-
nige Leute nicht genau wissen, wie sich sierte Studie (Einzelheiten der griechi-
ein Kommentar z. B. von einer Studien- schen und hebräischen Grammatik wer-
bibel oder sogar von einer Konkordanz, den aufgezeigt) und oberflächlicher
einem Atlas oder einem biblischen Wör- Skizze bewegen. Dieser Kommentar zum
terbuch unterscheidet – um nur vier auf- Neuen Testament liegt irgendwo dazwi-
zuführen –, dann sollte das niemanden schen. Was an speziellen Bemerkungen
wundern. gebraucht wird, ist meist in den Anmer-
Ein Kommentar erläutert oder macht kungen am Schluss untergebracht, aber
(hoffentlich) hilfreiche Bemerkungen er setzt sich intensiv mit den Einzelhei-
zum Text. Dabei geht er entweder Vers ten des Textes auseinander, ohne schwie-
für Vers oder Abschnitt für Abschnitt rige Stellen oder unbequeme Anwendun-
vor. Einige Christen verachten Kommen- gen auf das tägliche Leben zu umschiffen.
tare und sagen: »Ich will nur das gepre- W. MacDonald bietet eine reichhaltige
digte Wort hören und die Bibel selbst le- Auslegung. Sein Ziel ist es nicht, nur ge-
sen.« Das hört sich fromm an, ist es aber wöhnliche Christen, die sich auf den
nicht. Ein Kommentar ist die gedruckte, größten gemeinsamen Nenner einigen
aber beste und schwierigste Form der Bi- können, hervorzubringen, sondern Jün-
belauslegung – der Auslegung, die Vers ger zu schulen.
für Vers vorgeht, wenn das Wort Got- Kommentare unterscheiden sich auch
tes gepredigt wird. Einige Kommentare, darin, zu welchem theologischen Lager
wie die von Ironside, sind ziemlich wört- sie gehören – konservativ oder liberal,
lich gedruckte Predigten. Außerdem sind protestantisch oder katholisch, prämille-
Einführung des Herausgebers 10

nialistisch oder postmillenialistisch. Die- wenn es nicht in den 37 Exkursen behan-


ser Kommentar zum Neuen Testament ist delt wird.
ein konservativer, protestantischer Kom- Ein Buch der Bibel: Vielleicht wird in
mentar, der prämillenialistisch ausgerich- Ihrem Hauskreis oder in der Gemein-
tet ist. debibelstunde ein bestimmtes Buch des
Neuen Testamentes durchgenommen.
Wie man dieses Buch benutzen kann Sie werden viel Gewinn davon haben
Man kann an dieses Buch verschieden oder auch zum Thema beitragen können,
herangehen. Wir schlagen Folgendes in wenn Sie den Kommentar zu dem Ab-
etwa der angegebenen Reihenfolge vor: schnitt, der das nächste Mal behandelt
Querlesen: Wenn Sie die Bibel mögen wird, vorher gelesen haben.
oder lieben, dann werden Sie gern dieses Das ganze Buch: Eigentlich sollte jeder
Buch durchblättern und hier etwas und Christ die gesamte Bibel gelesen haben. Es
dort etwas lesen, um einen ersten Ein- gibt in der ganzen Bibel verstreut schwie-
druck des Gesamtwerks zu erhalten. rige Texte, deshalb wird ein sorgfältiges
Bestimmte Abschnitte nachschlagen: konservatives Buch wie dieses Ihr Bibel-
Vielleicht haben Sie eine Frage zu einem studium sehr bereichern.
Vers oder einem Abschnitt, zu der Sie Es mag sein, dass sie beim Bibelstu-
Hilfe benötigen. Schauen Sie an der Stelle dium mit trockenem Brot anfangen müs-
des Kommentars nach, denn Sie werden sen – »nahrhaft, aber trocken« –, aber
dort sicherlich gutes Material finden. wenn Sie weiterkommen, wird es sicher-
Eine Lehre: Wenn Sie ein Thema un- lich zu »Schokoladenkuchen«!
tersuchen, etwa Sabbat, Taufe, Erwäh- Der Rat, den W. MacDonald mir vor
lung oder Dreieinheit, dann können Sie dreißig Jahren gab, lautete: »Verachten
unter den Abschnitten nachsehen, die es Sie nie die Kommentare.« Nachdem ich
zu diesem Thema in der Bibel gibt. Das seinen Kommentar zum Neuen Testa-
Inhaltsverzeichnis listet Aufsätze oder ment sorgfältig gelesen habe, als ich ihn
»Exkurse« zu vielen dieser Themen auf. für die Benutzung der New King James
Benutzen Sie eine Konkordanz, um an- Bibel überarbeitete, kann ich noch einen
hand von Schlüsselwörtern wichtige Bi- Schritt weiter gehen. Mein Rat: »Genie-
belabschnitte zu einem Thema zu finden, ßen Sie ihn!«
11

Abkürzungen
Abkürzungen der Bücher des Alten Testaments

1. Mose 1. Mose Prediger Pred


2. Mose 2. Mose Hoheslied Hohesl
3. Mose 3. Mose Jesaja Jes
4. Mose 4. Mose Jeremia Jer
5. Mose 5. Mose Klagelieder Klgl
Josua Josua Hesekiel Hes
Richter Ri Daniel Dan
Ruth Rut Hosea Hos
1. Samuel 1. Sam Joel Joel
2. Samuel 2. Sam Amos Amos
1. Könige 1. Kön Obadja Ob
2. Könige 2. Kön Jona Jona
1. Chronik 1. Chron Micha Micha
2. Chronik 2. Chron Nahum Nah
Esra Esra Habakuk Hab
Nehemia Neh Zefanja Zef
Ester Est Haggai Hag
Hiob Hiob Sacharja Sach
Psalm Ps Maleachi Mal
Sprüche Spr

Abkürzungen der Bücher des Neuen Testaments

Matthäus Matth 2. Thessalonicher 2. Thess


Markus Mk 1. Timotheus 1. Tim
Lukas Lk 2. Timotheus 2. Tim
Johannes Joh Titus Titus
Apostelgeschichte Apg Philemon Philem
Römer Röm Hebräer Hebr
1. Korinther 1. Kor Jakobus Jak
2. Korinther 2. Kor 1. Petrus 1. Petr
Galater Gal 2. Petrus 2. Petr
Epheser Eph 1. Johannes 1. Joh
Philipper Phil 2. Johannes 2. Joh
Kolosser Kol Judas Judas
1. Thessalonicher 1. Thess Offenbarung Offb
Abkürzungen 12

Abkürzungen der Bibelausgaben

a) Textausgaben des gr. Urtextes Menge Bibelübersetzung von


M Mehrheitstext Dr. Hermann Menge
NA Nestlé-Aland NeÜ Neue evangelistische
TR Textus Receptus Über­setzung von
Karl-Heinz Vanheiden (NT)
b) deutsche und englischsprachige NGÜ Neue Genfer Übersetzung
Bibelausgaben NKJV New King James Version
Ei Einheitsübersetzung (Revision der englisch­
Elb Elberfelder unrevidiert sprachigen Authorised Version,
Elb 2003 Elberfelder, Ausgabe 2003, die nicht so weit geht wie die
CSV Hückeswagen Revised Version, s. u.)
ER Elberfelder revidiert RV Revised Version (revi-
GN Die Gute Nachricht dierte Fassung der englisch­
Hfa Hoffnung für alle sprachigen Authorised Version)
KJV King James Version, auch Schl Schlachterbibel
Authorised Version genannt Schl 2000 Schlachterbibel, Version 2000
LU + Jahreszahl Zü Zürcher Bibel
Lutherbibel in Revision des
Jahres …

Allgemeine Abkürzungen

Anm. Anmerkung s. siehe


Anm. d. Übers. Anmerkung des s. a. siehe auch
Übersetzers s. o. siehe oben
o. oder s. u. siehe unten
13

Einführung in das Neue Testament


»Der Wert dieser Schriften übersteigt historisch wie geistlich gesehen
das Verhältnis zu ihrer Zahl und Länge.
Ihr Einfluss auf das Leben und die Geschichte ist nicht zu berechnen.
Hier haben wir den Zenit dessen, was in Eden nur dämmerte.
Der Christus der Prophetie im Alten Testament
wird zum Christus der Geschichte in den Evangelien,
zum Christus der Erfahrung in den Briefen
und zum Christus der Herrlichkeit in der Offenbarung.«
W. Graham Scroggie

I. Die Bezeichnung bewahrt; das Alte ist im Neuen geoffen-


»Neues Testament« bart.«
Ehe wir uns in die Tiefen der neutesta-
mentlichen Studien wagen oder auch in II. Der Kanon des Neuen Testaments
das vergleichsweise kleine Gebiet des Das Wort Kanon (gr. kanon) bezieht sich
Studiums eines ganzen Buches bege- auf eine »Regel« oder einen »Maßstab«,
ben, wird es sich als hilfreich erweisen, nach dem etwas bemessen oder bewertet
wenn wir kurz einige allgemeine Fakten wird. Der Kanon des NT ist eine Samm-
zu dem Buch zusammentragen, das wir lung inspirierter Bücher. Woher wissen
»Das Neue Testament« nennen. wir, dass dies die einzigen Bücher sind,
»Testament« oder »Bund« sind bei- die zum Kanon gehören, bzw. dass alle
des Übersetzungen desselben griechi- 27 wirklich dazuzuzählen sind? Da es an-
schen Wortes (diatheke), und an ein oder dere christliche Briefe und Schriften von
zwei Stellen im Hebräerbrief kann man Anfang an gegeben hat (darunter auch
darüber diskutieren, welche von beiden solche, die Irrlehren enthalten), stellt sich
Übersetzungsmöglichkeiten die bessere die Frage: Wie können wir dann sicher
ist. Im Titel der von Christen benutzten sein, dass diese die richtigen sind?
Heiligen Schrift ist es wohl vorzuziehen, Es wird oft gesagt, dass gegen Ende
die Bedeutung »Bund« anzunehmen, des 3. Jahrhunderts ein Konzil eine ka-
weil dieses Buch einen Vertrag, eine Ab- nonische Liste erstellte. In Wahrheit wa-
machung oder eben einen Bund zwischen ren diese Bücher kanonisch, sobald sie
Gott und seinem Volk darstellt. geschrieben worden waren. Gottesfürch-
Es wird »Neues Testament« im Unter- tige und mit der Unterscheidungsgabe
schied zum Alten Testament genannt (das betraute Jünger erkannten seit frühes-
älteren Datums ist). ter Zeit die inspirierten Schriften an, wie
Beide Testamente sind von Gott inspi- es Petrus mit den Schriften von Paulus
rierte Schriften und deshalb für alle Chris- tat (2. Petr  3,15.16). Dennoch wurde die
ten nützlich. Aber natürlicherweise wer- Kanonizität einiger Bücher, (z. B. Judas,
den wir uns als Christen öfter dem Teil 2. und 3. Johannes) in einigen Gemeinden
der Bibel zuwenden, der sich mit unse- lange diskutiert.
rem Herrn und seiner Gemeinde beschäf- Im Allgemeinen gab es keinen Zweifel
tigt, und uns sagt, wie sich die Jünger des darüber, ob ein Buch zum Kanon gehörte,
Herrn nach seinem Willen verhalten sol- wenn es von einem Apostel wie Mat-
len. thäus, Petrus, Johannes oder Paulus bzw.
Die Beziehung zwischen AT und NT von jemandem aus dem Umfeld der Apo-
wird von Augustinus einmal sehr schön stel (wie Markus oder Lukas) geschrieben
ausgedrückt: »Das Neue ist im Alten auf- worden war.
Einführung in das Neue Testament 14

Das Konzil, das unseren Kanon offi- ordnet. Sie wurden geschrieben, sobald
ziell anerkannte, bestätigte nur, was schon der Bedarf für sie bestand.
lange von den meisten akzeptiert worden Die ersten Bücher, die geschrie-
war. Das Konzil verabschiedete keine in- ben wurden, sind »Briefe an junge Ge-
spirierte Liste von Büchern, sondern eine meinden«, wie Phillips sie genannt hat.
Liste inspirierter Bücher. Jakobus, Galater und die Thessalonicher-
briefe wurden wahrscheinlich als Erste
III. Verfasserschaft geschrieben, und zwar um die Mitte des
Der göttliche Verfasser des NT ist der Hei- 1. Jahrhunderts.
lige Geist. Er inspirierte Matthäus, Mar- Danach kamen die Evangelien, zuerst
kus, Lukas, Johannes, Paulus, Jakobus, Matthäus und Markus, dann Lukas und
Petrus und den unbekannten Schreiber als Letztes Johannes. Schließlich wurde
des Hebräerbriefes (siehe Einleitung zum auch noch die Offenbarung geschrieben,
Hebräerbrief). Zum besten und korrek- vermutlich gegen Ende des 1. Jahrhun-
testen Verständnis dieses Vorganges, wie derts.
die Bücher des NT geschrieben wurden,
gelangt man, wenn man von einer »zwei- V. Inhalt
fachen Verfasserschaft« ausgeht. Das NT Den Inhalt des NT kann man in etwa so
ist nicht teilweise menschlich und teil- zusammenfassen:
weise göttlich, sondern gleichzeitig ganz Geschichtliche Darstellungen: Evan-
menschlich und ganz göttlich. Das gött- gelien und Apostelgeschichte
liche Element verhinderte, dass die Men- Briefe: Die Briefe des Paulus, die allge-
schen Fehler machten. Das Ergebnis ist meinen Briefe
ein in den ursprünglichen Handschriften Prophetie: Offenbarung
unfehlbares oder fehlerloses Buch. Ein Christ, der diese Bücher gut kennt,
Eine hilfreiche Analogie zur Bibel ist wird »für jedes gute Werk ausgerüstet«.
die Doppelnatur des lebendigen Wor- Es ist unser Gebet, dass dieser Kom-
tes, unseres Herrn Jesus Christus. Er ist mentar zum Neuen Testament vielen Gläu-
nicht teilweise menschlich und teilweise bigen gerade dazu verhelfen wird.
göttlich (wie einige Heroen der griechi-
schen Mythen), sondern gleichzeitig völ- VI. Sprache
lig menschlich und völlig göttlich. Die Das NT wurde in der Alltagssprache ge-
göttliche Natur verhinderte, dass der schrieben (genannt koine [oder allgemeines
Herr Jesus in seiner menschlichen Natur Griechisch]). Dies war im 1. Jahrhundert
in irgendeiner Beziehung irren oder sün- eine fast universelle Zweitsprache, die so
digen konnte. weit verbreitet war wie etwa Englisch in
der heutigen Zeit.
IV. Datierung Die hebräische Sprache mit ihrem
Im Gegensatz zum AT, dessen Voll- warmherzigen und farbenreichen Stil ent-
endung etwa ein Jahrtausend in An- spricht der Prophetie, Dichtung und his-
spruch nahm (ca. 1400 – 400 v. Chr.), war torischen Darstellung des AT. Ebenso hat
beim NT nur ein halbes Jahrhundert not- Gott durch seine Vorsehung Griechisch
wendig (ca. 50 – 100 n. Chr.). als wunderbares Medium für das NT
Die gegenwärtige Anordnung der Bü- vorbereitet. Die griechische Sprache hatte
cher ist am besten für jede Gemeinde al- sich durch die Eroberungen Alexanders
ler Zeiten geeignet. Das NT beginnt mit des Großen weit über ihr Ursprungsland
dem Leben Christi, dann erzählt es von hinaus verbreitet. Seine Soldaten hatten
der Gemeinde, danach gibt es dieser Ge- die Sprache vereinfacht und als Sprache
meinde Anweisungen und schließlich of- für die Massen populär gemacht.
fenbart es die Zukunft der Gemeinde und Die Präzision der griechischen Zeit-
der Welt. Dennoch sind die Bücher nicht formen, der Deklinationen, des Vokabu-
nach dem Zeitpunkt ihrer Abfassung ge- lars und andere Eigenschaften machen sie
15 Einführung in das Neue Testament

zu einem idealen Medium, die wichtigen Übersetzung. Gerade für Anfänger des
lehrmäßigen Wahrheiten der Briefe aus- Bibelstudiums sind diese Übersetzun-
zudrücken – insbesondere in einem sol- gen wegen der besseren Verständlich-
chen Brief wie dem an die Römer. keit zu empfehlen. Die 1985 erschie-
Einerseits ist die griechische koine nene Revidierte Elberfelder Übersetzung
keine literarische Elitesprache, anderer- mit ihren Kapitelüberschriften und
seits ist sie aber auch keine »Gossenspra- guten Parallelstellen hat in sehr kur-
che« oder kein schlechtes Griechisch. Ei- zer Zeit eine weite Verbreitung im
nige Abschnitte des NT, wie z. B. Hebräer, deutschen Sprachraum gefunden,
Jakobus und 2. Petrus, nähern sich dem wenn auch an einigen wenigen Stel-
Stil der Literatursprache an. Auch Lukas len Spuren bibelkritischer Einflüsse
erreicht zuweilen eine fast klassische Aus- sichtbar werden.
drucksweise, und sogar Paulus schreibt
manches Kapitel, dessen sprachliche 3. Paraphrasierung (Umschreibung)
Schön­­heit auffällt (z. B. 1. Kor 13 und 15). Eine Paraphrasierung versucht, den
Text nicht Wort für Wort, sondern Ge-
VII. Übersetzungen dankengang für Gedankengang wie-
Wie die englischsprachige so ist auch die derzugeben. Oftmals nimmt sich der
deutschsprachige Welt mit einer Fülle jeweilige Übersetzer weithin die Frei-
von Bibelübersetzungen gesegnet, viel- heit, zusätzliches erklärendes Ma­terial
leicht sogar mit zu vielen. Diese Überset- in den Text einzubringen. Weil sie
zungen kann man in drei Hauptgruppen vom Wortlaut des Originaltextes häu-
einteilen: fig sehr stark abweicht, besteht im-
mer die Gefahr, zu viel hineinzulegen.
1. Sehr wörtliche Übersetzungen Die Hoffnung für alle z. B. ist zwar von
Hier ist die Elberfelder Übersetzung zu evangelikaler Seite übersetzt worden,
nennen, die seit über hundert Jahren übernimmt jedoch an einigen Stellen
ihren Ruf als wortgetreueste deut- Auslegungen, die man bestenfalls als
sche Bibelübersetzung zu Recht be- umstritten bezeichnen würde.
wahrt hat. Für den Anfänger ist sie Von Bibelversionen, die durch libe-
gelegentlich etwas schwierig zu ver- rale Bibelkritik und katholischen Sa-
stehen, weil sie sich in Sprachstil und kramentalismus geprägt sind (wie
Satzbau eng an den hebräischen und Einheitsübersetzung, Jerusalemer Bi-
griechischen Grundtext anlehnt. Die bel, Zink-Übertragung, Gute Nachricht
Absicht ihrer Übersetzer war es, den usw.), ist abzuraten. Wer sich aus-
Grundtext »gleichsam wie in einem führlicher mit dem Thema Bibelüber-
Spiegel wieder hervorzubringen«. setzungen beschäftigen möchte, sei
auf den ausgezeichneten Leitfaden
2. Vollständige Entsprechung »Bibelübersetzungen unter der Lupe«
Dies sind ziemlich wörtliche Überset- (Kurt Weber, Aßlar, 1984) verwiesen.
zungen, die dem griechischen und he- Es ist gut, je eine Bibel aus jeder dieser
bräischen Text eng folgen, soweit dies Gruppen zu besitzen, um Vergleiche
im Deutschen möglich ist. Sobald je- anstellen zu können. Wir denken je-
doch ein guter Stil und eine geläufi- doch, dass sich die Übersetzungen in
gere Ausdrucksweise es erfordern, er- genauer Entsprechung am besten für
lauben sie eine freiere Übersetzung. ein eingehendes Bibelstudium eignen,
Dazu gehören die Schlachterüberset- wie es im vorliegenden Kommentar
zung und die Revidierte Elber­felder betrieben wird.
16

Einführung in die Evangelien


»Die Evangelien sind die Erstlinge aller Schrift.«
Origenes

I. Unser wunderbares Evangelium ren oder alle vier zusammenzufassen, ge-


Jeder, der Literatur studiert hat, kennt die hen bis ins 2. Jahrhundert zurück. Damals
Gattungen Erzählung, Roman, Theater- gab Tatian sein Diatessaron heraus, dessen
stück, Gedicht, Biografie und andere lite- Name sich von dem entsprechenden grie-
rarische Formen. Aber als unser Herr Je- chischen Begriff ableitet und so viel wie
sus Christus auf diese Erde kam, musste »durch vier hindurch« bedeutet.
eine neue Literaturgattung entwickelt Irenäus stellte die Theorie auf, dass
werden – das Evangelium. Die Evangelien die vier Evangelien den vier Enden der
sind keine Biografien, obwohl sie biogra- Erde oder den vier Windrichtungen ent-
fisches Material enthalten. Sie sind keine sprechen würden, wobei die Zahl Vier die
Erzählungen, obwohl sie solche Gleich- Tatsache versinnbildlicht, dass sie allum-
nisse wie das vom verlorenen Sohn und fassend sind.
vom barmherzigen Samariter enthalten,
die sich mit anderen Erzählungen der II. Die vier Symbole
Literatur durchaus messen können. Ei- Viele haben eine Parallele zwischen den
nige Gleichnisse sind in Romanen oder vier Evangelien und den vier Symbo-
Kurzgeschichten verarbeitet worden. Die len bei Hesekiel und in der Offenbarung
Evangelien sind keine Dokumentationen, gesehen: der Löwe, der Stier (bzw. das
doch enthalten sie genaue, wahrschein- Kalb), der Mensch und der Adler. Diese
lich gekürzte und verdichtete Berichte Symbole sind in der christlichen Kunst
von vielen Gesprächen und Ansprachen immer wieder verwendet worden. Sie
unseres Herrn. sind allerdings von verschiedenen Chris-
Das »Evangelium« ist nicht nur eine ten unterschiedlich auf die verschiedenen
einzigartige literarische Gattung, sondern Evangelien bezogen worden. Wenn die
nachdem die vier Evangelisten ihre Evan- Zuordnung dieser Attribute (wie sie in der
gelien geschrieben hatten, konnte nie- Kunst genannt werden) richtig ist, dann
mand mehr ein kanonisches Buch über passt der Löwe am besten zu Matthäus,
das Leben Jesu Christi schreiben. Vier dem königlichen Evangelium des Löwen
Evangelien, und zwar nur diese vier, sind aus Juda. Der Stier, ein dienstbares Tier,
von den Christen seit zweitausend Jahren entspricht am besten Markus, dem Evan-
anerkannt. Es gab verschiedene Irrleh- gelium des Dieners. Der Mensch ist die
rer, die ihre Bücher ebenfalls Evangelien Schlüsselfigur für Lukas, dem Evange-
nannten, aber es waren meist schreckliche lium des Menschensohnes. Sogar ein eng-
Machwerke, die irgendeine Irrlehre (wie lischsprachiges Standardhandbuch für
etwa die Gnosis) unterstützen wollten. Synonyme, Gegensatzwörter und Präpo-
Aber warum gibt es ausgerechnet vier sitionen sagt, dass »der Adler das Attribut
Evangelien? Wieso nicht fünf, ähnlich wie für Johannes ist, der sich durch seine er-
die fünf Bücher Mose, damit wir einen habene geistliche Schau auszeichnet«.1
christlichen Pentateuch hätten? Oder wes-
halb nicht nur ein einziges, langes Evan- III. Die vier Leserkreise
gelium ohne die vielen Wiederholungen, Die wahrscheinlich beste Erklärung für
das mehr Raum für weitere Wunder und die Tatsache, dass es vier Evangelien gibt,
Gleichnisse lassen würde? Die Versuche, besteht darin, dass der Heilige Geist vier
unsere vier Evangelien zu harmonisie- verschiedene Arten von Menschen an-
17 Einführung in die Evangelien

sprechen will. Es sind vier Menschen­ IV. Andere Leitgedanken, die aus vier
typen der Antike, die aber auch heute Aspekten bestehen
noch ihre modernen Entsprechungen Es gibt noch einige andere, aus vier As-
haben. pekten bestehende Leitgedanken im AT,
Alle Ausleger sind sich einig, dass die mit den Hauptthemen der vier Evan-
Matthäus das »jüdischste« der vier Evan- gelien schön übereinstimmen.
gelien ist. Die Zitate aus dem AT, die aus- »Der Spross« erscheint als Titel unse-
führlichen Reden, der Stammbaum unse- res Herrn in den folgenden Zusammen-
res Herrn und der allgemein jüdische Ton hängen:
können sogar von dem erkannt werden, »… dem David einen gerechten Spross
der das Evangelium zum ersten Mal liest. … als König« (Jer 23,5)
Markus ist wahrscheinlich das Evan- »… mein Knecht, der Spross«
gelium, das in der Hauptstadt des römi- (Sach 3,8; LU 1984)
schen Imperiums geschrieben wurde. Es »… ein Mann, Spross ist sein Name«
richtet sich an die Römer und auch an (Sach 6,12)
die Millionen ähnlich eingestellter Men- »der Spross des Herrn« (Jes 4,2)
schen, die wie diese das Handeln mehr Dann gibt es die viermalige Erwäh-
schätzen als das tiefsinnige Denken. Das nung des Begriffs »siehe« im AT, die ge-
Markusevangelium erzählt deshalb viele nau den vier Themen der Evangelien ent-
Wunder und nur wenige Gleichnisse. spricht:
Dieses Evangelium kommt ohne Stamm- »Siehe, dein König« (Sach 9,9)
baum aus, denn warum sollte sich ein Rö- »Siehe, mein Knecht« (Jes 42,1)
mer für den jüdischen Stammbaum eines »Siehe, ein Mann« (Sach 6,12; oder
Knechtes Gottes interessieren? »Mensch«; NKJV)
Lukas ist eindeutig das Evangelium »Siehe, … euer Gott« (Jes 40,9)
für die Griechen und die vielen Römer, Eine letzte Parallele können wir fin-
die die griechische Literatur und Kunst den, die zwar weniger offensichtlich ist,
liebten und sie nachahmten. Diese Men- aber sich als Segen für viele Menschen
schen lieben Schönheit, Menschlichkeit, erwiesen hat. Die vier Farben der Ma-
Stil und literarische Qualität. Der Arzt terialien des Heiligtums mit ihrer sym-
Lukas kann das alles bieten. Zusammen bolischen Bedeutung scheinen auch zur
mit den modernen Griechen entsprechen vierfachen Beschreibung unseres Herrn
wahrscheinlich die Franzosen am meis- durch die Evangelisten zu passen:
ten diesem Menschentyp. Es ist keine Purpur ist sicherlich die angemessene
Überraschung, dass ein Franzose die- Farbe für Matthäus, das Evangelium des
ses Evangelium »das schönste Buch der Königs. Richter 8,26 zeigt den Zusam-
Welt« genannt hat (siehe Einführung zum menhang zwischen dieser Farbe und dem
Lukas­evangelium). Königtum.
Welche Menschen bleiben für Jo- Karmesin ist eine Farbe, die im Al-
hannes übrig? Johannes ist das allum- tertum durch das Zerdrücken des Ko-
fassende Evangelium, d. h. es hat jedem schenille-Wurmes gewonnen wurde.
Menschen etwas zu bieten. Es ist evan- Das weist auf Markus hin, das Evange-
gelistisch (Kap. 20,30.31), doch wird es lium des Knechtes, »ein Wurm und kein
ebenso von großen christlichen Denkern Mensch« (Ps 22,7).
geschätzt. Wahrscheinlich ist das die Lö- Weiß spricht von den gerechten Taten
sung: Johannes ist den Angehörigen der der Heiligen (Offb 19,8). Lukas betont,
»dritten Rasse« gegeben, ein Name, den dass Christus vollkommener Mensch
die Heiden den ersten Christen beileg- war.
ten, weil sie in religiöser Hinsicht weder Blau (Elb) symbolisiert den Saphir-
zu den Juden noch zu den Heiden gezählt dom, den wir den Himmel nennen
wurden. (2. Mo­se  24,10), ein ansprechendes Zei-
Einführung in die Evangelien 18

chen für die Gottheit Christi, das Schlüs- Frage« bezeichnet. Probleme bereitet sie
selthema bei Johannes. jedoch eher denjenigen Menschen, die
die Inspiration bestreiten, als konserva-
V. Reihenfolge und Schwerpunkt tiven Christen. Man hat viele komplexe
In den Evangelien sehen wir, dass die Er- Theo­rien aufgestellt, die oftmals speku-
eignisse oft nicht in der Reihenfolge dar- lative verlorene Quellen annehmen, die
gestellt werden, in der sie geschehen sind. nicht in Schriftform überliefert worden
Es ist gut, wenn man sich von Anfang an sind. Einige dieser Ideen lassen sich mit
daran erinnert, dass der Heilige Geist oft Lukas 1,1 vereinbaren und sind vom kon­
verschiedene Geschehnisse nach ihrer servativen Standpunkt aus zu­­ mindest
moralischen Lehre zusammenfasst. Kelly möglich. Immerhin behaupten diese
sagt dazu: Theo­rien heute mittlerweile, dass die Ge-
Je mehr wir die Texte betrachten, stellt meinde des 1. Jahrhunderts sogenannte
sich heraus, dass wir bei Lukas im Wesent- »Mythen« über Christus zusammen­
lichen ein moralische Anordnung haben. Es getragen hätte. Abgesehen von dem Un-
zeigt sich, dass er die Tatsachen, Gesprä- glauben gegenüber allen christlichen
che, Fragen, Antworten und Reden unseres und kirchengeschichtlichen Quellen,
Herrn nach ihren inneren Zusammenhän- den diese sogenannten »formkritischen«
gen geordnet hat, und nicht nach der äuße- Theo­rien vertreten, sollte man festhalten,
ren Abfolge der Geschehnisse, die in Wahr- dass es keinen Handschriftenbeweis für
heit die primitivste und elementarste Form diese Theorien gibt. Auch stimmen keine
der Aufzeichnung ist. Aber wenn man Ereig- zwei Vertreter dieser theologischen Richtung
nisse nach ihren Ursachen und Folgen in eine dar­in überein, wie sie die synoptischen
moralische Ordnung bringt, dann ist das eine Evangelien aufteilen und kategorisieren
weitaus schwierigere Aufgabe für einen His- sollen.
toriker, der sich dadurch vom reinen Chro- Eine bessere Lösung dieser Frage fin-
nisten unterscheidet. Gott konnte Lukas ge- den wir in den Worten unseres Herrn in
brauchen, diese Methode in Vollkommenheit Johannes 14,26: »Der Beistand aber, der
anzuwenden.2 Heilige Geist, den der Vater senden wird
Die verschiedenen Schwerpunkte und in meinem Namen, der wird euch alles
Ansätze helfen uns, die Unterschiede der lehren und euch an alles erinnern, was
Evangelien zu erklären. Während die ers- ich euch gesagt habe.«
ten drei Evangelien, die sogenannten Syn­ Diese Erklärung beachtet die Augen-
optiker (d. h. diejenigen, die eine »Zu- zeugenberichte von Matthäus und Johan-
sammenschau« bieten), in ihrem Ansatz nes, was wahrscheinlich auch für Markus
das Leben Christi in ähnlicher Weise be- gilt, da er nach kirchengeschichtlichen
trachten, folgt Johannes einer anderen Quellen die Erinnerungen von Petrus fest-
Methode. Er schrieb später und wollte gehalten hat. Wenn wir nun zu dieser un-
nicht wiederholen, was von den anderen mittelbaren Hilfe des Heiligen Geistes die
bereits ausführlich beschrieben worden die in Lukas 1,1 erwähnten schriftlichen
war. Aus seinen Worten über das Leben Dokumente und die bemerkenswerte,
und Reden unseres Herrn spricht eine der wörtlichen Genauigkeit verpflichtete
größere gedankliche Tiefe und eine stär- mündliche Tradition der semitischen Völ-
kere lehrmäßige Durchdringung. ker hinzurechnen, dann ist die synopti-
sche Frage gelöst. Jede notwendige Wahr-
VI. Die synoptische Frage heit, Einzelheit oder Auslegung, die über
Die Frage, warum es so viele gleiche Pas- diese Quellen hinausgeht, kann »in Wor-
sagen – die teilweise über große Strecken ten, gelehrt durch den (Heiligen) Geist«,
einander wörtlich entsprechen – und offenbart worden sein (1. Kor 2,13).
doch auch so viele Unterschiede zwi- Deshalb sollten wir uns fragen, wenn
schen den ersten drei Evangelien gibt, wir einen scheinbaren Widerspruch oder
wird normalerweise als »die synop­tische Unterschiede in Einzelheiten finden:
19 Einführung in die Evangelien

»Warum lässt gerade dieses Evangelium messt« bezieht sich in Matthäus 7,2 auf
diese Handlung oder Rede aus. Wieso unsere richtende Haltung gegenüber an-
wird sie gerade von ihm hinzugefügt deren, in Markus 4,24 auf unsere Aneig-
oder betont?« Zum Beispiel erzählt Mat- nung des Wortes und in Lukas 6,38 auf un-
thäus zweimal von zwei Leuten, die ge- sere Freigebigkeit.
heilt wurden (von Blindheit und von Dä- Diese Unterschiede sind also keine
monen), während Markus und Lukas Widersprüche, sondern bewusste, lehr-
jeweils nur einen erwähnen. Manche se- reiche geistliche Gedankenanstöße, die
hen darin einen Widerspruch. Besser ist den Gläubigen zu weiterem Nachsinnen
jedoch die Sichtweise, dass Matthäus, der anregen.
für die Juden schreibt, beide Männer er-
wähnt, weil das Gesetz »zwei oder drei VII. Verfasserschaft der einzelnen
Zeugen« fordert. Die anderen erwähnen Bücher
dagegen zum Beispiel den Herausragen- Man unterscheidet normalerweise, wenn
den von beiden, denjenigen, der mit Na- man die Verfasserschaft der Evangelien
men genannt ist (der blinde Bartimäus). erörtert (und eigentlich immer, wenn es
Die folgende Auswahl zeigt einige in der Bibel um die Verfasserfrage geht),
scheinbare Dubletten in den Evange- zwischen äußeren und inneren Beweisen.
lien, die in Wirklichkeit besondere Unter- Das werden wir bei allen 27 Büchern des
schiede betonen: NT so handhaben. Unter äußeren Bewei-
Lukas 6,20-23 scheint der Bergpre- sen versteht man meist Zeugnisse von
digt zu entsprechen, doch bei Lukas fin- Schreibern, die zeitlich näher an der Ab-
det die Predigt auf einem »ebenen Platz« fassung der Bücher gelebt haben (meist
statt (Lk 6,17). Die Seligpreisungen be- die Kirchenväter des 2. und 3. Jahrhun-
schreiben den Charakter des idealen Bür- derts) und von einigen wenigen Häreti-
gers des Reiches, während bei Lukas der kern oder Irrlehrern. Diese zitieren be-
Lebensstil derer beschrieben wird, die stimmte Bücher oder spielen darauf an
Christi Jünger sind. und sagen uns manchmal direkt etwas
Lukas 6,40 scheint der gleiche Aus- über die Autoren und die Bücher, die uns
spruch wie Matthäus 10,24 zu sein. Aber interessieren. Wenn zum Beispiel Cle-
in Matthäus ist Jesus der Meister, und mens von Rom am Ende des 1. Jahrhun-
wir sind seine Jünger, während bei Lukas derts den 1. Korintherbrief zitiert, dann
der Jünger der Lehrende ist und der von kann er sicherlich keine Fälschung des
ihm Unterwiesene zum Jünger werden 2. Jahrhunderts sein, die unter dem Na-
will. In Matthäus 7,22 wird der Dienst für men des Paulus veröffentlicht worden ist.
den König betont, wohingegen Lukas Unter inneren Beweisen verstehen wir den
13,25-27 die Gemeinschaft mit dem Meis- Stil, die Wortwahl, die Geschichte und
ter beschreibt. den Inhalt eines Buches, um zu sehen, ob
Während Lukas 15,4-7 eine scharfe sie dem widersprechen, was äußere Do-
Abrechnung mit den Pharisäern um- kumente und Autoren behaupten. Zum
fasst, beschäftigt sich Matthäus in Kapi- Beispiel unterstützt der Stil des Lukas­
tel 18,12.13 mit den Kindern und Gottes evangeliums und der Apostelgeschichte
Liebe zu ihnen. die Annahme, dass der Autor ein gebil-
Als nur Gläubige anwesend waren, deter heidnischer Arzt war.
sagte Johannes: »Er … wird euch mit Hei- In vielen Büchern wird der »Kanon«
ligem Geist taufen« (Mk 1,8; vgl. Joh 1,33). oder die Liste der anerkannten Bücher zi-
Als bei ihm viele verschiedene Men- tiert, die der Häretiker Marcion im 2. Jahr-
schen – darunter auch Pharisäer – sind, hundert aufgelistet hat. Er akzeptiert nur
sagte er: »Er wird euch mit Heiligem eine gekürzte Version von Lukas und 10
Geist und Feuer (eine Taufe des Gerich- der Paulusbriefe, doch ist er dennoch ein
tes) taufen« (Matth 3,11; Lk 3,16). recht hilfreicher Zeuge, um festzustellen,
Der Ausdruck »mit welchem Maß ihr welche Bücher zu seiner Zeit schon zum
Einführung in die Evangelien 20

Allgemeingut gehörten. Der Muratori- wenn auch an manchen Stellen unvoll-


sche Kanon (benannt nach dem italieni- ständige Liste der kanonischen christli-
schen Kardinal Muratori, der das Doku- chen Bücher.
ment fand) ist eine allgemein anerkannte,

Anmerkungen
dard Handbook of Synonyms, Antonyms,
and Prepositions, S. 175.
1 James C. Fernald, Hrsg., Eintrag 2 William Kelly, An Exposition of the
»Emblem« in: Funk & Wagnalls Stan- Gospel of Luke, S. 16.
21

Das Evangelium nach Matthäus


»In der Breite der Konzeption und in der Kraft,
mit der umfangreiches Material einer großartigen Idee untergeordnet ist,
kann man keinen Schreiber des Alten oder Neuen Testamentes,
der ein historisches Thema behandelt, mit Matthäus vergleichen.«
Theodor Zahn

Einführung II. Verfasserschaft


Die äußeren Beweise sind sehr alt und besa-
gen übereinstimmend, dass der Zollein-
I. Die einzigartige Stellung im Kanon nehmer Matthäus, der auch Levi genannt
Das Evangelium des Matthäus ist die wurde, das erste Evangelium geschrieben
vollkommene Brücke zwischen dem Al- hat. Da er kein herausragendes Mitglied
ten und dem Neuen Testament. Schon die des Apostelkreises war, wäre es sehr selt-
ersten Worte führen uns zurück zum Va- sam gewesen, wenn man ihm das erste
ter des alttestamentlichen Volkes Gottes, Evangelium zugeschrieben und er in
Abraham, und zum ersten großen König Wirklichkeit nichts damit zu tun gehabt
Israels, David. Mit seinem Schwerpunkt, hätte.
der eindeutig jüdischen Prägung, den vie- Neben einem alten Buch, das unter
len Zitaten aus den hebräischen Schriften dem Namen »Didache« (Lehre der zwölf
und seiner Einordnung als erstes neutes- Apostel) bekannt ist, zitieren Justin der
tamentliches Buch ist das Matthäusevan- Märtyrer, Dionysius von Korinth, Theo-
gelium bestens geeignet, mit der Verbrei- philus von Antiochia und Athenagoras
tung der christlichen Botschaft in der Welt von Athen das Evangelium als authen-
zu beginnen. tisch. Eusebius, der Kirchenhistoriker,
Matthäus hat seinen Platz schon lange zitiert Papias, der gesagt hat: »Matthäus
an erster Stelle der Evangelien, weil man stellte die Logia in hebräischer Sprache
bis in unsere moderne Zeit hinein weithin zusammen, und jeder übersetzte sie, so
geglaubt hat, dass das gleichnamige Buch gut er konnte.« Damit stimmen Irenäus,
als erstes Evangelium geschrieben worden Pantänus und Origenes grundlegend
sei. Auch eignete es sich aufgrund des kla- überein. Mit »hebräisch« ist hier nach all-
ren, geordneten Stils des Matthäus bes- gemeiner Auffassung der aramäische Dia­
tens dazu, im Gottesdienst vorgelesen zu lekt gemeint, der von den Juden zur Zeit
werden. Deshalb war es immer das be- Jesu benutzt wurde, da das Wort auch im
kannteste Evangelium, das sich diesen NT erscheint. Aber was sind die Logia?
Platz nur zeitweilig mit Johannes teilen Normalerweise bedeutet dieses griechi-
musste. sche Wort »Sprüche, Aus­ sprüche«, wie
Um noch als »konservativ« zu gelten, etwa das AT die Aus­sprüche Gottes ent-
muss man nicht glauben, dass das Mat- hält. Das kann aber in dem Zitat von Pa-
thäusevangelium die erste Heilsbotschaft pias nicht gemeint sein. Es gibt zu seinem
war, die geschrieben worden ist. Den- Zitat drei Hauptauf­fassungen:
noch waren die ersten Christen fast alle 1. Es bezieht sich auf das Matthäusevan-
jüdischer Abstammung, und Judenchris- gelium an sich. Das heißt, Matthäus
ten gab es zu Tausenden. Es scheint also schrieb eine aramäische Fassung, um
ganz logisch zu sein, dass ihre Bedürf- insbesondere die Juden für Christus
nisse nach einem Evangelium auch zuerst zu gewinnen und die Judenchristen
erfüllt wurden. zu erbauen. Später erschien dann eine
Matthäus 22

griechische Fassung, die allein über- Trotz der Vielzahl dieser äußeren und
liefert worden ist. der entsprechenden inneren Beweise ver-
2. Das Zitat bezieht sich nur auf Aussprü- werfen die meisten liberalen Exegeten die
che Jesu, die Matthäus später in sein traditionelle Ansicht, dass Matthäus, der
Evangelium einbezogen hat. Zolleinnehmer, dieses Buch geschrieben
3. Es bezieht sich auf testimonia, d. h. auf hat. Sie verneinen seine Verfasserschaft
Zitate aus alttestamentlichen Schrif- aus zwei Hauptgründen:
ten, die zeigen, dass Jesus der Mes- Wenn man erstens annimmt, dass Mar-
sias ist. Die Auffassungen 1 und 2 sind kus das erste Evangelium ist (in vie-
wahrscheinlicher als die Auffassung 3. len Kreisen heute ein unwidersproche-
Das Griechisch, das Matthäus schreibt, nes »Dogma«), erhebt sich die Frage: Wie
liest sich nicht wie eine bloße Überset- könnte ein Apostel und Augenzeuge wie
zung, doch muss eine so weitverbreitete Matthäus so viel Material von Markus
Tradition (der in der Frühzeit niemand verwenden (93 % von Markus finden sich
widersprochen hat) auf Tatsachen beru- auch in anderen Evangelien)? Darauf ist
hen. Die Überlieferung berichtet, dass Folgendes zu antworten: Es ist zunächst
Matthäus fünfzehn Jahre lang in Palästina nicht bewiesen, dass Markus das erste
gepredigt hat und dann aufbrach, um in Evangelium ist. Alte Zeugnisse sagen,
fremden Ländern zu evangelisieren. Es ist dass Matthäus als Erster geschrieben hat,
möglich, dass er etwa um 45 n. Chr. den und da die ersten Christen fast ausschließ-
Juden, die Jesus als ihren Messias ange- lich Juden waren, ist diese Aussage auch
nommen hatten, eine erste Fassung seines sehr plausibel. Aber selbst wenn wir ak-
Evangeliums (oder einfach der Aussprü- zeptieren, dass Markus zuerst entstanden
che bzw. Reden Jesu) in aramäischer Spra- ist (und das nehmen auch viele konserva-
che hinterlassen und später eine griechi- tive Theologen an), könnte Matthäus an-
sche Version für den allgemeinen Gebrauch erkannt haben, dass Markus größtenteils
herausgegeben hat. Etwas Ähnliches ken- die Erinnerungen seines Mitapostels, des
nen wir von Josephus, der zur selben Zeit tatkräftigen Simon Petrus, wiedergegeben
wie Matthäus lebte. Dieser jüdische His- hat, wie es in der frühkirchlichen Überlie-
toriker schrieb eine erste Fassung seines ferung heißt (s. Einführung zu Markus).
Jüdischen Krieges auf Aramäisch, die End- Das zweite Argument gegen die Ver-
fassung jedoch auf Griechisch. fasserschaft des Matthäus (oder eines Au-
Die inneren Beweise hinsichtlich des genzeugen) besteht darin, dass hier leb-
ersten Evangeliums passen gut zu dem hafte Details fehlen. Markus, von dem
frommen Juden, der das AT liebte und niemand annimmt, dass er den Dienst
als sorgfältiger Schreiber sowie Heraus- Jesu persönlich miterlebt hat, erzählt
geber begabt war. Als Beamter Roms in so anschaulichen Einzelheiten, dass
musste Matthäus nicht nur die Sprache man den Eindruck bekommt, er sei da-
seines Volkes (Aramäisch), sondern auch bei gewesen. Wie konnte dann ein wirk-
diejenige der Verwaltungsbehörden (im licher Augenzeuge so sachlich-nüchtern
Oströmischen Reich sprach man Grie- schreiben? Vielleicht lässt sich das recht
chisch, nicht Latein) gut beherrschen. Die gut anhand der Persönlichkeit des Zoll-
vielen zahlenmäßigen Einzelheiten so- einnehmers erklären. Um mehr Platz für
wie die Gleichnisse und Ausdrücke, die die Reden des Herrn zu haben, hat Levi
sich auf das Geld beziehen, passen aus- möglicherweise jedes nutzlose Detail ein-
nahmslos gut zu einem Zolleinnehmer. fach weggelassen. Das wäre insbeson-
Ebenso ist der prägnante, ordentliche Stil dere dann der Fall, wenn Markus als Ers-
ihm an­­­gemessen. Goodspeed, ein libera- ter geschrieben und Matthäus gesehen
ler Exeget, akzeptiert die Verfasserschaft hätte, dass die Erinnerungen des Petrus,
des Matthäus teilweise wegen dieser be- die aus erster Hand stammten, dort schon
stätigenden inneren Beweise. gut wiedergegeben waren.
23 Matthäus

III. Datierung zeigen, dass Jesus der lang erwartete Mes-


Wenn die weitverbreitete Auffassung zu- sias Israels ist, der einzige rechtmäßige
trifft, dass Matthäus zuerst eine aramä­ Anwärter auf den Thron Davids.
ische Fassung seines Evangeliums (oder Das Buch behauptet nicht von sich,
doch zumindest der Aussprüche Jesu) ge- eine vollständige Wiedergabe des Lebens
schrieben hat, dann würde ein Datum um Jesu zu sein. Es beginnt mit dem Stamm-
45, fünfzehn Jahre nach der Himmelfahrt, baum und den frühen Jahren, und geht
gut mit der Tradition übereinstimmen. Es dann unvermittelt zum Beginn seines öf-
könnte dann sein, dass er die umfassen- fentlichen Dienstes über, als er etwa drei-
dere kanonische, auf Griechisch niederge- ßig Jahre alt war. Durch den Heiligen
schriebene Version seines Evangeliums 50 Geist geleitet, wählt Matthäus diejenigen
oder 55 bzw. noch später fertigstellte. Aspekte des Lebens und Dienstes des
Die Auffassung, dass das Evange- Retters aus, die ihn als Gottes Gesalbten
lium notwendigerweise nach der Zerstö- (das ist die Bedeutung der Wörter »Chris-
rung Jerusalems geschrieben sein muss tus« und »Messias«) ausweisen. Das Buch
(70  n. Chr.), beruht größtenteils auf der bewegt sich auf einen Höhepunkt zu: auf
Annahme, dass Jesus nicht imstande war, das Verhör, den Tod, die Grablegung, die
dieses zukünftige Ereignis im Detail vor- Auferstehung und die Himmelfahrt des
auszusagen, und auf anderen rationalisti- Herrn Jesus. Und in diesem Höhepunkt
schen Theorien, die die göttliche Inspira- liegt natürlich die Grundlage für die Ret-
tion missachten oder bestreiten. tung der Menschen. Deshalb wird das
Buch als Evangelium bezeichnet – nicht
IV. Hintergrund und Thema so sehr, weil es zeigt, wie sündige Men-
Matthäus war ein junger Mann, als Jesus schen errettet werden können, sondern
ihn berief. Er war als Jude geboren und weil es den Opfer­tod Christi beschreibt,
als Zolleinnehmer ausgebildet worden wodurch die Rettung erst ermöglicht
und gab seinen Beruf auf, um Christus wurde.
nachzufolgen. Ein Teil seines Lohnes da- Dieser Kommentar geht nicht auf alle
für war, dass er einer der zwölf Apostel Details ein und kann auch nicht alle theo-
wurde. Ein anderer Teil bestand dar­in, logischen Spitzfindigkeiten behandeln.
dass er zum Schreiber jener Heilsbot- Vielmehr will er versuchen, das eigen-
schaft berufen wurde, die wir als das erste ständige Bibelstudium und eigenes Nach-
Evangelium kennen. Man ist allgemein sinnen zu fördern. Und sein allerwich-
der Auffassung, dass Matthäus identisch tigstes Ziel ist, im Herzen des Lesers eine
mit Levi ist (Mk 2,14; Lk 5,27). große Sehnsucht nach der Wiederkunft
In seinem Evangelium will Matthäus des Königs zu wecken.
Matthäus 1 24

Einteilung

I. Stammbaum und Geburt des VIII. Der König verkündigt das Reich
Messiaskönigs (Kap. 1) in seiner neuen zwischenzeitlichen
II. Erste Jahre und Jugend des Gestalt, weil Israel ihn verworfen
Messiaskönigs (Kap. 2) hat (Kap. 13)
III. Vorbereitung für den Dienst als IX. Die unermüdliche Gnade des
Messias und seine Einsetzung Messias wird mit wachsender
(Kap. 3 und 4) Feindseligkeit beantwortet
IV. Die Verfassung des Reiches (14,1 – 16,12)
(Kap. 5 – 7) X. Der König bereitet seine Jünger vor
V. Die Machttaten und Gnaden­ (16,13 – 17,27)
wunder des Messias. XI. Der König unterweist seine
Die verschiedenen Reaktionen Jünger (Kap. 18 – 20)
darauf (8,1 – 9,34) XII. Vorstellung und Verwerfung des
VI. Die Apostel des Messiaskönigs Königs (Kap. 21 – 23)
werden nach Israel gesandt XIII. Die Ölbergsrede des Königs
(9,35 – 10,42) (Kap. 24 und 25)
VII. Wachsender Widerstand und XIV. Das Leiden des Königs und sein
zunehmende Ablehnung Tod (Kap. 26 und 27)
(Kap. 11 und 12) XV. Der Sieg des Königs (Kap. 28)

Kommentar Josef das Recht auf den Thron Davids ge-


erbt hat.
Dieser Stammbaum zeichnet die
I. Der Stammbaum Jesu und die rechtmäßige Abstammung Jesu als König
Geburt des Messiaskönigs (Kap. 1) Is­­­
raels auf; der Stammbaum im Lu­
kas­­­­evangelium zeigt die direkte Ab­­­­­­­
A. Der Stammbaum Jesu Christi stammung als Sohn Davids. Das Mat­
(1,1-17) thäus­­evangelium verfolgt die königliche
Wenn man das NT oberflächlich liest, kann Linie von David über seinen Sohn und
die Frage aufgeworfen werden, war­ um Thronfolger Salomo; Lukas verfolgt die
es mit etwas scheinbar so Langweiligem Blutsver­wandtschaft von David über einen
wie mit einem Geschlechtsregister be- anderen Sohn, Nathan. Dieser Stamm-
ginnt. Man könnte schlussfolgern, dass baum schließt mit Josef, dessen Adoptiv-
man es überspringen sollte, um zu inter- sohn Jesus war; der Stammbaum in Lu-
essanteren Abschnitten zu kommen, weil kas 3 listet wahrscheinlich die Vorfahren
man meint, dass diese Aufzählung von Marias auf, deren leiblicher Sohn er war.
Namen nur eine geringe Bedeutung hat. Ein Jahrtausend früher hatte Gott mit
Dennoch ist dieser Stammbaum un- David einen Bund geschlossen, der für
verzichtbar. Er legt den Grundstein für David an keine Bedingung gebunden
alles Folgende. Wenn man nicht zeigen war. Gott verhieß ihm ein Königreich, das
kann, dass Jesus der rechtmäßige Nach- für immer Bestand haben würde, und au-
fahre der Königslinie Davids ist, kann ßerdem eine ununterbrochene Abstam-
man unmöglich beweisen, dass er der mungslinie der Herrscher (Ps 89,5.37.38).
Messiaskönig Israels ist. Matthäus be- Dieser Bund ist nun in Christus erfüllt:
ginnt seinen Bericht genau an der richti- Er ist der rechtmäßige Thronerbe durch
gen Stelle – mit dem schriftlichen Nach- Josef und durch Maria der Nachkomme
weis, dass Jesus durch seinen Pflegevater im eigentlichen Sinne. Weil er für immer
25 Matthäus 1

lebt, wird auch sein Reich auf ewig beste- mung waren (Rahab und Rut). Dass sie in
hen, und er wird für immer als Sohn Da- den einleitenden Abschnitt des Matthäus­
vids herrschen, da er über seinem Ahnen evangeliums einbezogen werden, deu-
steht. Jesus vereinte in seiner Person die tet vielleicht darauf hin, dass das Kom-
beiden einzigen Möglichkeiten (die recht- men Christi Sündern die Errettung sowie
mäßige und die abstammungsmäßige), Heiden die Gnade bringen würde und in
auf den Thron Israels Anspruch zu erhe- Christus alle Rassen- und Geschlechter-
ben; weil er noch immer lebt, kann es kei- schranken niedergerissen werden wür-
nen geben, der ihm dieses Recht streitig den.
machen kann. Interessant ist auch die Erwähnung
1,1-16 Die Eingangsformel »Buch eines Königs namens Jojachin. In Jere-
des Ursprungs Jesu Christi, des Sohnes mia 22,30 spricht Gott einen Fluch über
Davids, des Sohnes Abrahams«, ähnelt diesen Mann aus:
dem Ausdruck in 1. Mose  5,1: »Dies ist »So spricht der Herr: Schreibt diesen
das Buch der Geschlechterfolge Adams.« Mann auf als kinderlos, als einen Mann,
Das erste Buch Mose führt den ersten dem nichts gelingt in seinen Tagen! Denn
Adam ein, Matthäus den zweiten Adam. von seinen Nachkommen wird es nicht
Der erste Adam war das Haupt der ers- einem gelingen, auf dem Thron Davids
ten oder natürlichen Schöpfung. Chris- zu sitzen und weiterhin über Juda zu
tus, der zweite Adam, ist das Haupt der herrschen.«
neuen oder geistlichen Schöpfung. Wenn Jesus wirklich der leibliche Sohn
Das Thema dieses Evangeliums ist Josefs gewesen wäre, dann wäre er unter
»Jesus Christus«. Der Name Jesus kenn- diesen Fluch gekommen. Doch musste er
zeichnet ihn als Jahwe-Retter1, sein Titel der rechtmäßige Sohn Josefs werden, da-
»Christus« (»der Gesalbte«) weist ihn als mit er das Anrecht auf den Thron Davids
den lang erwarteten Messias Israels aus. erben konnte. Das Problem wurde durch
Der Titel »Sohn Davids« ist mit der Rolle das Wunder der Jungfrauengeburt ge-
des Messias und des Königs im AT eng löst: Jesus war durch Josef der rechtmä-
verbunden. Der Titel »Sohn Abrahams« ßige Thronerbe. Er war der leibliche Sohn
zeigt unseren Herrn als den Einen, der Davids durch Maria. Der Fluch über Joja-
die endgültige Erfüllung der Verheißun- chin traf nicht Maria oder ihre Kinder, da
gen an den Stammvater des hebräischen sie nicht von ihm abstammte.
Volkes ist. 1,16 Der Ausdruck »von welcher«
Der Stammbaum ist in drei historische könnte in der englischen Wiedergabe so
Abschnitte gegliedert, von Abraham bis gedeutet werden, dass er sich sowohl auf
Isai, von David bis Josia und von Jojachin Josef als auch auf Maria bezieht. In der
bis Josef. Der erste Abschnitt führt bis zu griechischen Ursprache steht »welche«
David, der zweite behandelt die Königs- jedoch in der Einzahl und ist weiblich.
zeit, und der dritte hält die königliche Ab- Dies lässt erkennen, dass Jesus von Ma-
stammungslinie vom Beginn des Exils (ab ria geboren wurde, aber Josef nicht sein
586 v. Chr.) bis Jesus fest. leib­licher Vater war. Doch neben diesen
Es gibt viele interessante Einzelhei- in­
teressanten Merkmalen des Stamm-
ten in dieser Liste. Zum Beispiel werden baums müssen auch die darin ent­­
in diesem Abschnitt vier Frauen erwähnt: haltenen Schwierigkeiten erwähnt wer-
Tamar, Rahab, Rut und Batseba, (»die den.
Frau des Uria«). Weil Frauen nur selten in 1,17 Matthäus lenkt die Aufmerksam-
den Stammbäumen des Orients erwähnt keit auf die Tatsache, dass es in den drei
werden, ist es umso erstaunlicher, dass Teilen des Stammbaumes jeweils vier-
diese Frauen hier erwähnt sind, insbeson- zehn Generationen gibt. Dennoch wissen
dere, weil zwei von ihnen Huren waren wir aus dem AT, dass hier bestimmte Na-
(Tamar und Rahab), eine die Ehe brach men in seiner Liste fehlen. Zum Beispiel
(Batseba) und zwei heidnischer Abstam- regierten zwischen Joram und Usija (V. 8)
Matthäus 1 26

Ahasja, Joasch und Amazja als Könige B. Die Geburt Jesu durch Maria
(s. 2. Kön 8 – 14, 2. Chron 21 – 25). (1,18-25)
Die Stammbäume von Matthäus und 1,18 »Die Geburt Jesu Christi« (LU 1912)
Lukas scheinen sich in zwei Namen zu unterschied sich von allen anderen Ge-
überschneiden: Schealtiel und Serub­ burten, die in dem Stammbaum erwähnt
babel (Matth 1,12; Lk 3,27). Es ist eigen­ sind. Bisher fanden wir die wiederholte
artig, dass Josefs und Marias Linien sich Formulierung: »A … zeugte B.« Aber hier
in diesen Männern vermischt und dann haben wir die Aufzeichnung einer Geburt
wieder getrennt haben. Es wird noch ohne menschlichen Vater. Die Tatsachen
schwieriger, wenn wir sehen, dass in An- dieser wunderbaren Empfängnis werden
lehnung an Esra 3,2 in beiden Evangelien würdig und einfach dargestellt. Maria
Serub­babel ein Sohn Schealtiels ist, wäh- war dem Josef zur Ehe versprochen wor-
rend er in 1. Chronik 3,19 als Sohn des den, aber die Hochzeit hatte noch nicht
Pedajas aufgeführt wird. stattgefunden. Wenn sich in der Zeit des
Eine dritte Schwierigkeit ist, dass Mat- NT zwei Menschen verlobten, waren sie
thäus 27 Generationen von David bis Je- in gewisser Weise einander angetraut (da-
sus aufzählt, während es bei Lukas 42 mit ging man eine größere Verpflichtung
sind. Auch wenn die Evangelisten ver- als heute ein). Dieser Zustand konnte nur
schiedene Stammbäume auflisten, scheint durch eine Scheidung rückgängig ge-
es dennoch seltsam, dass wir einen sol- macht werden. Obwohl ein verlobtes Paar
chen Unterschied in der Generationen- bis zur Eheschließung nicht zusammen-
zahl haben. lebte, wurde Untreue eines Partners wie
Welche Haltung sollte jemand, der die Ehebruch behandelt und mit dem Tode
Bibel studiert, gegenüber solchen Schwie- bestraft.
rigkeiten und scheinbaren Diskrepan- Während ihrer Verlobungszeit wurde
zen einnehmen? Erstens besteht unsere die Jungfrau Maria durch ein Wunder
Grundannahme darin, dass die Bibel das »von dem Heiligen Geist« schwanger.
inspirierte Wort Gottes ist. Deshalb kann Ein Engel hatte Maria dieses geheimnis-
es keine Fehler enthalten. Zweitens ist es volle Ereignis angekündigt: »Der Heilige
unermesslich reich, da es die Unendlich- Geist wird über dich kommen, und die
keit Gottes widerspiegelt. Wir können Kraft des Höchsten wird dich überschat-
die fundamentalen Wahrheiten des Wor- ten« (Lk 1,35). Eine Atmosphäre von Ver-
tes Gottes verstehen, aber wir können nie- dächtigungen und Skandalsucht umgab
mals alles begreifen, was es enthält. Maria. In der ganzen menschlichen Ge-
So führt uns unser Ansatz zu der schichte hatte es nie eine Jungfrauenge-
Schlussfolgerung, dass das Problem mit burt gegeben. Als die Leute deshalb eine
diesen Schwierigkeiten in unserer man- unverheiratete Frau sahen, die schwanger
gelnden Erkenntnis und nicht in der Fehl- war, gab es für sie nur eine logische Er-
barkeit der Bibel begründet ist. Biblische klärung.
Probleme sollten uns herausfordern, nach 1,19 Sogar Josef kannte die wahre Er-
Antworten zu forschen und zu suchen. klärung für Marias Zustand noch nicht.
»Gottes Ehre ist es, eine Sache zu verber- Er hätte aus zweierlei Gründen über seine
gen, die Ehre der Könige aber, eine Sache Verlobte entrüstet sein können: Erstens
zu erforschen« (Spr 25,2). hatte es sich offensichtlich herausgestellt,
Sorgfältige Studien von Historikern dass sie ihm untreu gewesen war, und
und Ausgrabungen von Archäologen ha- zweitens würde er trotz seiner Unschuld
ben nicht zeigen können, dass die Aussa- höchstwahrscheinlich der Mittäterschaft
gen der Bibel falsch sind. Was uns schwie- angeklagt werden. Seine Liebe zu Maria
rig und widersprüchlich erscheinen mag, und sein Gerechtigkeitssinn führten ihn
hat alles eine Erklärung, und diese Erklä- zu der Entscheidung, das Verlöbnis durch
rungen enthalten eine Fülle an geistlicher eine im Stillen vollzogene Scheidung zu
Bedeutung und geistlichem Nutzen. lösen. Er wollte die öffentliche Schande
27 Matthäus 1 und 2

meiden, die normalerweise mit einer sol- manuel« bedeutet: »Gott mit uns«. Es gibt
chen Handlung verbunden war. keinen Hinweis darauf, dass Jesus auf Er-
1,20 Während dieser freundliche und den jemals »Immanuel« bzw. »Emma-
besonnene Mann seinen Plan fasste, um nuel« genannt worden ist. Er wurde im-
Maria zu schützen, »da erschien ihm ein mer »Jesus« genannt. Dennoch ist in dem
Engel des Herrn im Traum«. Der Gruß: Namen Jesus (s.  o., zu V. 21) die Bedeu-
»Josef, Sohn Davids« beabsichtigte zwei- tung »Gott mit uns« mit inbegriffen. Im-
fellos, das Bewusstsein seines königlichen manuel bzw. Emmanuel kann auch eine
Stammbaumes wieder wachzurufen, um Bezeichnung für Christus sein, die erst
ihn auf die ungewöhnliche Ankunft des bei seiner Wiederkunft gebraucht wer-
Messiaskönigs Israels vorzubereiten. Er den wird.
sollte keine Bedenken haben, Maria zu 1,24 Durch das Eingreifen des Engels
heiraten, sie war rein. Alle entsprechen- ließ Josef seinen Plan fallen, sich von Ma-
den Verdächtigungen waren haltlos. Ihre ria scheiden zu lassen. Er hielt bis zur Ge-
Schwangerschaft war »von dem Heiligen burt Jesu daran fest, dass sie miteinander
Geist«. verlobt waren, und heiratete sie dann.
1,21 Der Engel offenbarte dann das 1,25 Die Lehre, dass Maria ihr ganzes
Geschlecht des ungeborenen Kindes, sei- Leben Jungfrau geblieben ist, wird wi-
nen Namen und seinen Auftrag. Maria derlegt durch den Vollzug ihrer Heirat,
sollte einen Sohn gebären. Er sollte den die dieser Vers erwähnt. Weitere Stellen,
Namen »Jesus« tragen (das bedeutet »der die darauf hinweisen, dass Maria dem Jo-
Herr ist Rettung« oder »der Herr, der Ret- sef noch andere Kinder geboren hat, sind
ter«). Gemäß seinem Namen würde er Matth 12,46; 13,55.56; Mk 6,3; Joh 7,3.5;
»sein Volk erretten von seinen Sünden«. Apg 1,14; 1. Kor 9,5 und Gal 1,19.
Jahwe selbst besuchte in diesem Kind die Als Josef Maria zur Frau nahm, nahm
Erde, um Menschen vor der Strafe der er auch ihr Kind als Adoptivsohn an. So
Sünde, der Macht der Sünde und schließ- wurde Jesus der rechtmäßige Erbe des
lich auch vor der Sünde als solche zu ret- Thrones Davids. Im Gehorsam gegenüber
ten. dem Engel nannte er den Namen des Kin-
1,22 Als Matthäus diese Ereignisse des Jesus.
aufzeichnete, erkannte er, dass ein neues So wurde der Messiaskönig gebo-
Zeitalter in der Geschichte des Handelns ren. Der Ewige kam in die Zeit. Der All-
Gottes mit den Menschen anbrach. Die mächtige wurde zu einem kleinen Kind.
Worte einer messianischen Prophezei- Der Herr der Herrlichkeit verhüllte diese
ung, die lange verborgen gewesen waren, Herrlichkeit in einem menschlichen Kör-
wurden nun plötzlich lebendig. Jesajas per, und »in ihm wohnt die ganze Fülle
geheimnisvolle Weissagung wurde jetzt der Gottheit leibhaftig« (Kol 2,9).
in dem Kind Marias erfüllt: »Dies alles ge-
schah aber, damit erfüllt würde, was von II. Erste Jahre und Jugend des
dem Herrn geredet ist durch den Prophe- Messiaskönigs (Kap. 2)
ten.« Matthäus bekräftigt die göttliche In-
spiration der Worte des Propheten Jesaja, A. Weise Männer kommen, um den
die er mindestens 700 Jahre v. Chr. im Na- König anzubeten (2,1-12)
men des Herrn gesprochen hat. 2,1.2 Man lässt sich leicht von den Zeit-
1,23 Die Prophezeiung in Jesaja 7,14 angaben zu den Ereignissen rund um
beinhaltete die Voraussage einer einzig- die Geburt Christi verwirren. Während
artigen Geburt (»Siehe, die Jungfrau wird Vers 1 scheinbar darauf hindeutet, dass
schwanger werden«), das Geschlecht des Herodes versuchte, Jesus zu töten, als Ma-
Kindes (»und einen Sohn gebären«) und ria und Josef im Stall zu Bethlehem wa-
den Namen des Kindes (»und wird sei- ren, weisen uns die gesamten an­ deren
nen Namen Immanuel nennen«). Mat- An­­gaben auf die Zeit ein oder zwei Jahre
thäus fügt als Erklärung hinzu, was »Em- später hin. Matthäus sagt in V. 11, dass
Matthäus 2 28

Weise Jesus in einem Haus besucht ha- König der Juden sein sollte, »wurde er be-
ben. Der Befehl des Herodes, alle Jungen stürzt«. Wer immer es sein sollte – ein sol-
unter zwei Jahren zu töten (V. 16), ist auch ches Kind würde seine ohnehin instabile
ein Hinweis auf eine nicht näher bezeich- Herrschaft gefährden. »Ganz Jerusalem«
nete Zeitspanne zwischen der Geburt und war mit ihm bestürzt. Die Stadt, die diese
den hier berichteten Ereignissen. Nachricht voller Freude hätte aufnehmen
Herodes der Große war ein Nach­ sollen, ließ sich durch alles in Aufregung
kom­ me Esaus und deshalb von vorn- versetzen, was ihren derzeitigen Zustand
herein ein Feind der Juden. Er war zum verändern oder das Missfallen der ge-
Judentum übergetreten, doch erfolgte hassten römischen Herrscher heraufbe-
dieser Schritt wahrscheinlich aus politi- schwören konnte.
schen Gründen. Gegen Ende seiner Re- 2,4-6 Herodes versammelte sich ge-
gierungszeit kamen weise »Männer vom meinsam mit den religiösen Führern, um
Morgenland«, um »den König der Juden« herauszufinden, »wo der Christus gebo-
zu suchen. Diese Männer könnten heid- ren werden solle«. Zu den »Hohenpries-
nische Priester gewesen sein, deren Re- tern« gehörten der Hohepriester selbst
ligion sich um die Verehrung der Natur und seine Söhne (und vielleicht noch
drehte. Wegen ihres Wissens und ihrer se- andere Mitglieder seiner Familie). Die
herischen Fähigkeiten wurden sie oft als »Schriftgelehrten« waren dem Laienstand
Berater von Königen beschäftigt. Wir wis- angehörende Experten, die das Gesetz
sen nicht, wo sie im Osten wohnten, wie des Mose gut kannten. Sie bewahrten und
viele es waren und wie lang ihre Reise lehrten das Gesetz und dienten im Hohen
dauerte. Rat (Synedrium) als Richter. Diese Pries-
Es war der »Stern im Morgenland«, ter und Schriftgelehrten zitierten sofort
der sie irgendwie auf die Geburt eines Micha 5,1.2. Dort wird »Bethlehem (im)
Königs aufmerksam machte. Ihn wollten Land Juda« als Geburtsort des Königs an-
sie nun anbeten. Möglicherweise waren gegeben. Der Text des Propheten Micha
sie mit den Prophezeiungen des AT über nennt die Stadt »Bethlehem Efrata«. Weil
die Ankunft des Messias vertraut. Viel- es in Palästina mehrere Städte mit dem
leicht kannten sie auch die Prophezei- Namen Bethlehem gab, bezeichnet dieser
ung Bileams, wonach ein Stern aus Jakob Zusatz eine Stadt im Gebiet von Efrata in
hervortreten würde (4. Mose 24,17), und den Stammesgrenzen Judas.
verbanden diese mit der Weissagung der 2,7.8 König Herodes berief die Wei-
70 Wochen, die die Zeit des ersten Kom- sen heimlich, um »die Zeit der Erschei-
mens Christi voraussagte (Dan 9,24.25). nung des Sternes« herauszufinden. Diese
Doch ist es wahrscheinlicher, dass ihnen Heimlichtuerei verriet seinen sadisti-
dieses Wissen auf übernatürliche Weise schen Plan: Er brauchte diese Informa-
vermittelt wurde. tion, wenn er das richtige Kind finden
Verschiedene wissenschaftliche Er- wollte. Um seine wahre Absicht zu vertu-
klärungen wurden vorgebracht, um die schen, sandte er die Weisen hin, damit sie
Identität dieses Sternes zu bestimmen. nach dem Kind »forschen« und ihm da-
Einige sagen zum Beispiel, dass der Stern von »berichten« sollten, sobald sie es ge-
eine Planetenkonjunktion war. Aber der funden hätten.
Weg dieses Sternes am Himmel war äu- 2,9 Als die Weisen sich auf den Weg
ßerst unregelmäßig, denn er ging vor den machten, erschien »der Stern (wieder),
Weisen her und führte sie von Jerusalem den sie im Morgenland gesehen hatten«.
zu dem Haus, in dem Jesus lebte (V. 9). Dies lässt erkennen, dass er sie nicht den
Dann blieb er auf seiner Position. Das ist ganzen Weg vom Morgenland bis hierher
so unnatürlich, dass man dies nur für ein geführt hatte. Aber nun leitete er sie zu
Wunder halten kann. dem Haus, »wo das Kind war«.
2,3 »Als aber der König Herodes … 2,10 »Als sie (d. h. die Weisen) aber
hörte«, dass ein Kind geboren sei, das der den Stern sahen, freuten sie sich mit sehr
29 Matthäus 2

großer Freude.« Dies wird hier besonders hier sein erstes Kommen im Blickpunkt
erwähnt. Diese Heiden hatten eifrig nach steht. In Matthäus haben wir die Leiden
Christus gesucht, Herodes wollte ihn tö- des Christus; in der Jesajastelle finden wir
ten, die Priester und die Schriftgelehrten die darauf folgenden Herrlichkeiten (vgl.
waren (bislang) gleichgültig, und die Be- 1. Petr 1,11; Schl).
völkerung Jerusalems war bestürzt. Diese 2,12 Nachdem die Weisen »im Traum
Haltungen gegenüber Christus waren eine göttliche Weisung empfangen hat-
Vorzeichen darauf, wie man dem Mes- ten, nicht wieder zu Herodes zurückzu-
sias künftig begegnen würde. kehren«, reisten sie gehorsam auf einem
2,11 Als sie das Haus betreten hatten, anderen Weg nach Hause. Niemand, der
»sahen sie (d. h. die Weisen) das Kind mit Christus mit einem aufrichtigen Herzen
Maria, seiner Mutter, und sie fielen nie- begegnet, kehrt je den gleichen Weg zu-
der und huldigten ihm«, indem sie ihm rück. Die Begegnung mit Jesus verändert
kostbare Schätze darbrachten: »Gold das ganze Leben.
und Weihrauch und Myrrhe«. Man be-
achte, dass sie Jesus mit seiner Mutter sa- B. Josef, Maria und Jesus fliehen nach
hen. Normalerweise würde man zuerst Ägypten (2,13-15)
die Mutter und dann das Kind erwäh- 2,13.14 Schon von Geburt an schwebte
nen, doch dieses Kind ist einzigartig und immer die Todesdrohung über unserem
muss den ersten Platz einnehmen (s. a. Herrn. Es ist offensichtlich, dass er ge-
V. 13.14.20.21). Die Weisen beteten Jesus boren wurde, um zu sterben, doch erst
an, nicht Maria oder Josef. (Josef wird zu der festgesetzten Stunde sollte er den
hier nicht einmal erwähnt. Er wird sehr Tod erleiden. Jeder, der nach Gottes Wil-
bald nicht mehr in diesem Evangelium len wandelt, wird erst abgerufen, nach-
erscheinen.) Es ist Jesus, dem unser Lob dem er seine Aufgabe erfüllt hat. »Ein
und unsere Anbetung gebühren, nicht Engel des Herrn (erschien) dem Josef im
Maria oder Josef. Traum« und forderte ihn auf, mit seiner
Die Schätze, die sie brachten, sprechen Familie nach Ägypten zu fliehen. Hero-
Bände. Gold ist das Symbol der Göttlich- des war bereit, seine Such- und Vernich-
keit und Herrlichkeit, es zeugt von der tungsaktion durchzuführen. Wegen des
wunderbaren Vollkommenheit der Per- Zornes des Herodes wurde die Familie
son Jesu in ihrer Göttlichkeit. Weihrauch zu Flüchtlingen. Wir wissen nicht, wie
ist ein Harz bzw. der daraus gewonnene lange sie in Ägypten blieben, aber nach
Duftstoff, es bedeutet den Wohlgeruch dem Tode des Herodes war der Weg frei
des Lebens sündloser Vollkommenheit. für die Rückkehr in ihre Heimat.
Myrrhe ist ein Bitterkraut; es sagt seine 2,15 So bekam eine andere Prophezei-
Leiden voraus, die er zu erdulden hat, ung des AT eine ganz neue Bedeutung.
wenn er die Sünden der Welt tragen wird. Gott hatte »durch den Propheten« Ho-
Dass hier Heiden Geschenke bringen, er- sea gesagt: »Aus Ägypten habe ich mei-
innert an den Wortlaut von Jesaja 60,6. nen Sohn gerufen« (Hos 11,1). In ihrem
Jesaja sagte voraus, dass die Heiden mit ursprünglichen Zusammenhang bezog
Gaben kommen würden, doch erwähnte sich diese Aussage auf die Befreiung Is-
er nur Gold und Weihrauch: »Gold und raels aus Ägypten zur Zeit des Auszugs.
Weihrauch tragen sie, und sie werden Aber diese Aussage kann zwei Bedeutun-
das Lob des Herrn fröhlich verkündi- gen haben – die Geschichte des Messias
gen.« Warum wurde die Myrrhe hier würde dem historischen Weg des Volkes
ausgelassen? Weil Jesaja von der Wieder- Israel sehr ähneln. Die Prophetie erfüllte
kunft Christi – seinem Kommen in Macht sich im Leben Christi, als er aus Ägypten
und Herrlichkeit – sprach. Dann wird es nach Israel zurückkehrte.
keine Myrrhe mehr für ihn geben, denn Wenn der Herr wiederkommen wird,
dann wird er nicht mehr leiden. Aber in um in Gerechtigkeit zu regieren, dann
Matthäus wird die Myrrhe erwähnt, weil wird Ägypten unter den Ländern sein, die
Matthäus 2 30

an den Segnungen des Tausend­jährigen doch, dass »Archelaus«, der Sohn des
Reiches teilhaben werden (Jes 19,21-25; Herodes, die Nachfolge seines Vaters als
Zef 3,9.10; Ps 68,32). Warum sollte diese König von »Judäa« angetreten hatte. Jo-
Nation, die seit alters her ein Feind Israels sef zögerte, in dieses Gebiet zu ziehen,
war, so bevorzugt werden? Könnte das und reiste, nachdem »er im Traum eine
ein Zeichen der göttlichen Dank­barkeit göttliche Weisung empfangen hatte«, die
dafür sein, dass Ägypten dem Herrn seine Befürchtungen bestätigte, nach Nor-
Jesus Zufluchtsort gewesen ist? den »in die Gegenden von Galiläa« und
siedelte in »Nazareth«.
C. Der Kindermord des Herodes in Matthäus macht uns nun zum vierten
Bethlehem (2,16-18) Mal in diesem Kapitel darauf aufmerk-
2,16 Als die Weisen nicht zurückkamen, sam, dass sich eine Prophezeiung er-
erkannte »Herodes«, dass er in seinem füllte. Obwohl er keinen der »Propheten«
niederträchtigen Plan, den jungen König namentlich erwähnt, hatten sie nach sei-
zu finden, »hintergangen« worden war. nen Worten vorhergesagt, dass der Mes-
In einem sinnlosen Wutausbruch ordnete sias »Nazoräer genannt werden« wird.
er an, »alle Jungen (zu) töten, die in Beth- Kein Vers des AT sagt das direkt. Viele
lehem und in seinem ganzen Gebiet wa- Gelehrte schlagen vor, dass Matthäus
ren, von zwei Jahren und darunter«. Die sich hierbei auf Jesaja 11,1 bezieht: »Und
Schätzungen, wie viele Kinder getötet ein Spross wird hervorgehen aus dem
wurden, gehen auseinander. Ein Exeget Stumpf Isais, und ein Schössling aus sei-
schlägt eine Zahl von ca. 26 vor. Es ist un- nen Wurzeln wird Frucht bringen.« Das
wahrscheinlich, dass Hunderte ums Le- hebräische Wort, das mit »Spross« über-
ben kamen. setzt wird, lautet nezer, obwohl der da-
2,17.18 Mit dem »Weinen«, das auf die durch geschaffene Zusammenhang nicht
Ermordung der Kinder folgte, erfüllten unmittelbar einleuchtet.
sich die Worte des »Propheten Jeremia«: Eine wahrscheinlichere Deutung be-
»So spricht der Herr: Horch! In Rama steht darin, dass mit »Nazoräer« jemand
hört man Totenklage, bitteres Weinen. gemeint ist, der aus Nazareth stammt – ei-
Rahel beweint ihre Kinder. Sie will sich ner Stadt, die von der übrigen Bevölke-
nicht trösten lassen über ihre Kinder, weil rung verachtet wurde. Nathanael drückt
sie nicht mehr da sind« (Jer 31,15). das durch die damals sprichwörtliche
In der Prophezeiung steht »Rahel« für Frage aus: »Kann aus Nazareth etwas Gu-
das Volk Israel. Die Trauer der Nation tes kommen?« (Joh 1,46). Der Spott, mit
wird Rahel zugeschrieben, die in »Rama« dem diese »unbedeutende« Stadt bedacht
(in der Nähe von Bethlehem, wo das Mas- wurde, traf auch ihre Einwohner. Wenn
saker stattfand) begraben liegt. Weil die es deshalb in Vers 23 heißt: »Er wird Na-
ihrer Kinder beraubten Eltern an ihrem zoräer genannt werden«, heißt das, dass
Grab vorbeigingen, wird sie dargestellt, er verachtet werden würde. Auch wenn
als »weine« sie mit ihnen. Mit seinem Be- wir keine Prophezeiung finden können,
mühen, diesen Anwärter auf den Thron der zufolge Jesus Nazoräer genannt wer-
Israels auszuschalten, erreichte Herodes den würde, so gibt es doch eine, die von
nichts anderes, als dass er seinen Platz in ihm sagt, dass er »verachtet und von den
der Geschichte der Schändlichkeit bekam. Menschen verlassen« werden würde
(Jes 53,3). In einer anderen Stelle heißt
D. Josef, Maria und Jesus lassen sich es, er sei ein Wurm und kein Mensch,
in Nazareth nieder (2,19-23) ein Spott der Leute und verachtet vom
2,19-23 »Josef« wurde nach dem Tod des Volk (Ps 22,7). Die Propheten benutzten
Herodes durch »einen Engel des Herrn« also nicht die genauen Worte, wie sie hier
die Zusicherung gegeben, dass es nun stehen, doch dem Sinn nach entspricht
ungefährlich sei zurückzukehren. Als er V. 23 diesen Prophezeiungen.
»das Land Israel« erreichte, hörte er je- Es ist erstaunlich, dass der all­mäch­
31 Matthäus 2 und 3

tige Gott, als er zur Erde kam, einen wird. Das Wort »Himmel« bezieht sich
schmachvollen »Spitznamen« erhielt. auf Gott. Das wird in Daniel 4,22 deutlich,
Die­­­­­­jenigen, die ihm folgen, haben das wo Daniel sagt, »dass der Höchste über
Vor­­­­recht, seine Schmach zu tragen das Königtum der Menschen herrscht«.
(Hebr 13,13). Im nächsten Vers betont er, dass »die
Himmel« herrschen. Wo immer sich Men-
III. Vorbereitung für den Dienst als schen der Herrschaft Gottes unterstellen,
Messias und seine Einsetzung besteht das Reich der Himmel.
(Kap. 3 und 4) Es gibt zwei Bereiche des Reiches der
Himmel. Im weiteren Bereich beinhaltet
A. Johannes der Täufer bereitet den es jeden, der von sich sagt, dass er Gott als
Weg (3,1-12) den höchsten Herrscher anerkennt. Im en-
Zwischen den Kapiteln 2 und 3 haben geren Bereich umfasst es nur diejenigen,
wir eine Zeitspanne von 28 oder 29 Jah- die wirklich bekehrt sind. Wir können das
ren, über die Matthäus nichts berichtet. durch zwei konzentrische Kreise darstel-
Während dieser Zeit lebte Jesus in Na- len. Der große Kreis umfasst den Bereich
zareth und bereitete sich auf sein Wir- des Bekenntnisses. Er schließt alle ein, die
ken, das vor ihm lag, vor. In diesen Jah- wirkliche Untertanen des Königs sind,
ren vollbrachte er keine Wunder, doch und auch diejenigen, die nur behaupten,
sein Wandel in dieser Zeit war Gott völ- ihm treu zu sein. Das kann man in den
lig wohlgefällig (Matth 3,17). Unser Kapi- Gleichnissen vom Sämann (Matth 13,3-9),
tel führt uns an die Schwelle seines öffent- vom Senfkorn (Matth 13,31.32) und vom
lichen Dienstes. Sauerteig (Matth 13,33) sehen. Der kleine
3,1.2 Johannes der Täufer war sechs Kreis in der Mitte umfasst diejenigen, die
Monate älter als Jesus, sein Verwandter durch den Glauben an den Herrn Jesus
(s. Lk 1,26.36). Er betrat den Schauplatz Christus wiedergeboren sind. In den inne-
der Geschichte als Vorläufer des Königs ren Bereich des Reiches der Himmel kön-
Israels. Sein ungewöhnliches Wirkungs- nen nur Bekehrte kommen (Matth 18,3).
feld lag »in der Wüste von Judäa« – einer
Steppenregion, die sich von Jerusalem bis
zum Jordan erstreckt. Die Botschaft des Bereich
Johannes lautete: »Tut Buße! Denn das
Reich der Himmel ist nahe gekommen!«
Der König würde bald erscheinen, er
könnte und würde über keine Menschen
Bereich
herrschen, die an ihren Sünden festhalten.
der
Sie mussten die Richtung ihres Lebens
Bekehrten
ändern, ihre Sünden bekennen und von
ihnen lassen. Gott rief sie aus dem Reich
der Finsternis in »das Reich der Himmel«.

der Bekenner
Exkurs zum Reich der Himmel
In Vers 2 finden wir das erste Mal den
Ausdruck Reich der Himmel, der in die- Wenn wir alle Erwähnungen des Rei-
sem Evangelium 32-mal verwendet wird. ches der Himmel in der Bibel in der Zu-
Weil man Matthäus nicht richtig versteht, sammenschau sehen, können wir seine
wenn man diesen Begriff nicht richtig er- historische Entwicklung in fünf verschie-
fasst hat, sollten wir hier eine Begriffsde- denen Phasen darstellen:
finition und -erklärung geben. Erstens wurde das Reich im AT ge-
Das Reich der Himmel ist jene Sphäre, weissagt. Daniel sagte voraus, dass Gott
worin die Herrschaft Gottes anerkannt ein Königreich errichten würde, das
Matthäus 3 32

niemals zerstört oder von einer ande- Der Ausdruck »Reich der Himmel«
ren Herrschaft abhängig werden würde findet sich nur im Matthäusevangelium,
(Dan 2,44). Er sah auch die Ankunft »Reich Gottes« dagegen wird in allen vier
Christi voraus, der kommen würde, um Evangelien benutzt. Praktisch ge­ sehen
dieses allumfassende und ewige Reich zu besteht zwischen beiden kein Unter-
regieren (Dan 7,13.14; s. a. Jer 23,5.6). schied, denn über beide werden die glei-
Zweitens wurde das Reich von Jo- chen Aussagen gemacht. In Matth 19,23
hannes dem Täufer, von Jesus und von sagte Jesus z. B., dass es für einen Reichen
den zwölf Jüngern als nahe oder gegen- schwer sei, in das Reich der Himmel zu ge-
wärtig beschrieben (Matth 3,2; 4,17; 10,7). langen. Markus (10,23) und Lukas (18,24)
In Matthäus 12,28 sagt Jesus: »Wenn ich berichten davon, dass Jesus dasselbe über
… durch den Geist Gottes die Dämonen das »Reich Gottes« sagte (s. a. Matth 19,24
austreibe, so ist also das Reich Gottes zu [wo der Ausdruck »Reich Gottes« im glei-
euch gekommen.« In Lukas 17,21 sagt er: chen Zusammenhang verwendet wird]).
»Denn sehet, das Reich Gottes ist inwen- Wir haben bereits oben erwähnt, dass
dig in euch« (LU 1912) oder »mitten unter das Reich der Himmel einen äußeren und
euch« (Elberfelder Bibel). Das Reich war einen inneren Bereich hat. Da das Gleiche
in der Person des Königs anwesend. Wie für das Reich Gottes gilt, ist das ein wei-
wir später zeigen werden, sind die Aus- terer Hinweis, dass die beiden Aus­drücke
drücke »Reich der Himmel« und »Reich dasselbe bedeuten. Zum Reich Gottes
Gottes« oft untereinander austauschbar. zählen sich ebenfalls die wahren Gläubi-
Drittens wird das Reich in einer zwi- gen und die bloßen Bekenner. Das kann
schenzeitlichen Gestalt beschrieben. Nach- man in den Gleichnissen vom Sämann
dem Jesus vom Volk Israel abgelehnt (Lk 8,4-10), vom Senfkorn (Lk 13,18.19)
worden war, kehrte er in den Himmel und vom Sauerteig (Lk 13,20.21) sehen.
zurück. Das Reich existiert heute, wäh- Auch in seinen inneren Bereich können
rend der König abwesend ist, in den Her- nur diejenigen kommen, die wieder­
zen aller, die sein Königtum anerkennen. geboren sind (Joh 3,3.5).
Die ethischen und moralischen Grund- Zum Schluss noch ein Punkt: Das
sätze dieses Reiches (einschließlich der Reich ist nicht mit der Gemeinde Gottes
Bergpredigt) sind auf uns heute anwend- identisch. Das Reich begann, als Chris-
bar. Diese Zwischenzeit des Reiches wird tus seinen öffentlichen Dienst aufnahm,
in den Gleichnissen in Matthäus 13 be- die Gemeinde entstand erst zu Pfings-
schrieben. ten (Apg 2). Das Reich wird fort­bestehen,
Die vierte Phase des Reiches können bis die alte Erde zerstört werden wird,
wir mit dem Wort Offenbarwerdung be- die Gemeinde wird nur bis zur Ent­
schreiben. Damit ist die tausendjährige rückung (die Abholung oder Wegnahme
Herrschaft Christi auf Erden gemeint, der Gemeinde von der Erde, wenn Chris-
die durch die Verklärung Christi darge- tus vom Himmel herabkommt und alle
stellt wurde, als er in der Herrlichkeit Gläubigen mit sich nach Hause nimmt –
seiner zukünftigen Herrschaft erschien 1. Thess 4,13-18) auf der Erde bleiben. Die
(Matth 17,1-8). Jesus bezog sich auf diese Gemeinde wird mit Christus bei seinem
Phase in Matthäus 8,11. Dort sagte er: zweiten Kommen wiederkehren und mit
»Viele (werden) von Osten und Westen ihm als seine Braut regieren. Gegenwärtig
kommen und mit Abraham und Isaak sind diejenigen, die sich im inneren Be-
und Jakob zu Tisch liegen … in dem Reich reich des Reiches befinden, gleichzeitig
der Himmel.« Glieder der Gemeinde.
Das Reich wird seine endgültige Ge-
stalt im ewigen Reich annehmen. Es wird
in 2. Petrus 1,11 als »das ewige Reich un- 3,3 Wenn wir nun zur Auslegung von
seres Herrn und Heilandes Jesus Chris- Matthäus 3 zurückkehren, wollen wir
tus« beschrieben. festhalten, dass der vorbereitende Dienst
33 Matthäus 3

des Johannes schon über 700 Jahre vor dass sie bereit waren, dem kommenden
seiner Zeit von »Jesaja« vorausgesagt König treu und gehorsam zu sein.
worden war: 3,7 Mit »den Pharisäern und Sadduzä-
»Eine Stimme ruft: In der Wüste bahnt ern« war es eine ganz andere Sache. Als
den Weg des Herrn! Ebnet in der Steppe sie kamen, um ihn zu hören, wusste Jo-
eine Straße für unseren Gott!« (Jes 40,3). hannes, dass sie es nicht ehrlich meinten.
Johannes war »die Stimme«. Das Volk Er erkannte ihre wahre Natur: Die »Phari-
Israel war geistlich gesehen »die Wüste« – säer« bekannten sich zu großer Gesetzes-
leblos und unfruchtbar. Johannes rief die ergebenheit, aber sie waren innerlich ver-
Angehörigen des Volkes auf, »den Weg dorben und sektiererisch, heuchlerisch
des Herrn« zu bereiten, indem sie Buße sowie selbstgerecht eingestellt. Die Sad-
wegen ihrer Sünde taten, sie aufgaben duzäer gehörten zur sozialen Oberschicht
und »seine Pfade« gerade machten, in- und waren religiöse Skeptiker, die solche
dem sie alles aus ihrem Leben verbann- grundlegenden Lehren wie die der Auf-
ten, was seine völlige Herrschaft behin- erstehung des Leibes, die Existenz der
dern könnte. Engel, die Unsterblichkeit der Seele und
3,4 Das Gewand des Täufers bestand das ewige Gericht ablehnten. Deshalb
aus »Kamelhaaren«. Dabei ging es nicht bezeichnete er die Angehörigen beider
um die weichen, luxuriösen Kamelhaar- Gruppierungen als »Otternbrut«, die vor-
stoffe unserer Zeit, sondern um das raue gaben, dem »kommenden Zorn« entflie-
Gewand eines Mannes, der ständig drau- hen zu wollen, aber keine Zeichen wah-
ßen lebt. Auch trug er einen »ledernen rer Buße erkennen ließen.
Gürtel«. Das war die gleiche Kleidung, 3,8 Er forderte sie heraus, ihre Auf-
wie sie auch Elia trug (2. Kön 1,8). Diese richtigkeit zu zeigen, indem sie »der Buße
Tatsache diente vielleicht dazu, gläu- würdige Frucht« brächten. Wahre Buße
bige Juden darauf aufmerksam zu ma- »führt zu nichts«, wie J. R. Miller schrieb,
chen, dass der Auftrag von Elia und Jo- »wenn sie nur ein paar Tränen, ein biss-
hannes der gleiche war (Mal 3,23; Lk 1,17; chen Reue und ein wenig Furcht erzeugt.
Matth 11,14; 17,10-12). Johannes aß »Heu- Wir müssen die Sünden lassen, uns da-
schrecken und wilden Honig«, die ma- von abkehren, und in neuen, reinen We-
gere Speise eines Menschen, der von sei- gen der Heiligung wandeln«.
ner Aufgabe so in Anspruch genommen 3,9 Die Juden sollten aufhören, ihre
wird, dass die normalen Annehmlichkei- Abstammung von »Abraham« als Ein-
ten und Vergnügungen des Lebens für trittskarte für den Himmel zu betrach-
ihn keine Bedeutung mehr haben. ten. Die Gnade der Errettung wird nicht
Es muss ein überzeugendes, ein- durch eine natürliche Geburt vermittelt.
drückliches Ereignis gewesen sein, Johan- Gott konnte durch einen viel einfacheren
nes zu begegnen – einem Menschen, der Prozess als durch die Bekehrung der Pha-
nichts um die Dinge gab, wofür die Men- risäer und Sadduzäer aus den »Steinen«
schen üblicherweise leben. Sein Aufgehen des Jordan »dem Abraham … Kinder …
in geistlichen Realitäten muss andere zu erwecken«.
der Erkenntnis geführt haben, wie arm 3,10 Indem er feststellte, dass »die Axt
ihr Leben war. Seine Selbstverleugnung an die Wurzel der Bäume gelegt« war,
war eine scharfe Anklage gegen die Ver- sagte er, dass das göttliche Gericht bald
weltlichung seiner Zeitgenossen. beginnen würde. Die Ankunft und Ge-
3,5.6 Menschen aus »Jerusalem und genwart Christi würde alle Menschen
ganz Judäa« sowie aus dem Gebiet jen- prüfen. Mit den als fruchtlos erkann-
seits des Jordan versammelten sich, um ten Bäumen würde man umgehen, wie
ihn zu hören. Einige dieser Menschen re- man mit ihresgleichen verfährt: Sie wür-
agierten auf seine Botschaft und »wurden den »abgehauen und ins Feuer geworfen«
von ihm im Jordanfluss getauft«. Damit werden.
brachten sie im Grunde zum Ausdruck, 3,11.12 In den Versen 7-10 hatte Johan-
Matthäus 3 34

nes ausschließlich die Pharisäer und Sad- »Die Spreu« (die Ungläubigen) wird vom
duzäer angesprochen (s.  V. 7), aber jetzt Wind ein Stück weit weggetragen, um
wendet er sich offensichtlich an all seine dann gesammelt und »mit unauslösch-
Zuhörer, zu denen die Aufrichtigen und lichem Feuer« verbrannt zu werden.
die Unaufrichtigen gehörten. Er erklärte, Das Feuer in Vers 12 bedeutet Gericht,
es würde zwischen seinem und dem und weil wir hier eine Erläuterung von
Dienst des Messias, der bald kommen Vers 11 haben, ist es angemessen, darauf
sollte, einen bedeutsamen Unterschied zu schließen, dass die Taufe mit Feuer
geben. Johannes taufte »mit Wasser zur eine Taufe des Gerichts ist.
Buße«: Das Wasser war ein zere­monielles
Zeichen und konnte selbst nicht reini- B. Johannes tauft Jesus (3,13-17)
gen; die »Buße«, auch wenn sie echt war, 3,13 Jesus ging etwa 100 Kilometer von
brachte einem Menschen nicht die völlige »Galiläa« an den unteren »Jordan«, um
Errettung. Johannes sah seinen Dienst als sich von Johannes »taufen zu lassen«.
Vorbereitung und unvollständig an. Der Das zeigt, wie wichtig er diese Zeremo-
Messias würde Johannes vollkommen nie nahm, und es weist auf die Bedeutung
übertreffen. Er würde »stärker« sein, er der Taufe für seine Nachfolger heute hin.
würde »würdiger« sein, und sein Werk 3,14.15 »Johannes« erkannte, dass Je-
würde weiter reichen, denn er würde sus keine Sünden getan hatte, angesichts
»mit Heiligem Geist und Feuer taufen«. derer er hätte Buße tun müssen. Deshalb
Die Taufe mit »Heiligem Geist« unter- war es ihm gar nicht recht, ihn zu taufen.
scheidet sich von der Taufe mit »Feuer«. Es war das richtige Empfinden, das ihm
Die erste ist eine Segenstaufe, während sagte, dass die angemessene Rangfolge
die letztgenannte eine Gerichtstaufe ist. gewesen wäre, wenn Jesus ihn getauft
Die erste fand zu Pfingsten statt, die an- hätte. Dies stellt Jesus nicht infrage, son-
dere liegt noch in der Zukunft. Alle wah- dern wiederholt einfach seine Taufbitte
ren Christusgläubigen erfahren die erste als »gebührenden« Weg, »alle Gerechtig-
Taufe, während alle Ungläubigen der keit zu erfüllen«. Er wusste, es war ange-
Gerichtstaufe entgegengehen. Die erste messen, dass er sich selbst in der Taufe
sollte für jene Israeliten bestimmt sein, mit denjenigen gottesfürchtigen Israeli-
deren Taufe ein äußeres Zeichen innerer ten eins machte, die gekommen waren,
Buße war, die letztgenannte für die Pha- um sich zur Buße taufen zu lassen.
risäer, Sadduzäer und all diejenigen, die Aber es gibt noch eine tiefere Bedeu-
keine Anzeichen einer echten Buße erken- tung. Die Taufe war für ihn eine Hand-
nen ließen. lung, die symbolisieren sollte, wie er alle
Einige lehren, dass die Taufe mit dem gerechten Ansprüche Gottes gegenüber
Heiligen Geist und die Taufe mit Feuer den sündigen Menschen erfüllen wollte.
dasselbe sind. Sie fragen also: Könnte Das Untertauchen versinnbildlichte seine
nicht die Feuertaufe auf die Feuerzun- Taufe in den Wassern des Gerichtes Got-
gen hinweisen, die erschienen, als der tes, die er auf Golgatha erleiden würde.
Geist zu Pfingsten auf die Erde kam? Im Sein Heraufsteigen aus dem Wasser schat-
Licht von Vers 12, der Feuer mit dem Ge- tete seine Auferstehung vor. Durch Tod,
richt gleichsetzt, ist das sicherlich nicht Grablegung und Auferstehung würde er
der Fall. die Ansprüche der göttlichen Gerechtig-
Unmittelbar nachdem Johannes die keit befriedigen und eine von Gerechtig-
Taufe mit Feuer erwähnt hat, spricht er keit gekennzeichnete Grundlage dafür
vom Gericht. Der Herr wird in einem Bild schaffen, dass Sünder gerechtfertigt wer-
dargestellt, wie er eine »Worfschaufel« den konnten.
gebraucht, um den gedroschenen Wei- 3,16.17 Sobald er »aus dem Wasser«
zen in den Wind zu werfen. Der »Wei- heraufkam, sah Jesus »den Geist Gottes
zen« (wahre Gläubige) fällt sofort zu Bo- wie eine Taube« aus dem Himmel »her-
den und wird »in die Scheune« gebracht. abfahren und auf sich kommen«. So wie
35 Matthäus 3 und 4

Menschen und Dinge im AT für heilige ein tiefes Geheimnis verbunden. Unaus-
Zwecke durch das Öl der heiligen Sal- weichlich stellt sich die Frage: »Hätte er
bung (vgl. 2. Mose 30,25-30) ausgesondert sündigen können?« Wenn wir mit »Nein«
wurden, wurde Jesus durch den Heiligen antworten, dann müssen wir die weitere
Geist zum Messias gesalbt. Frage stellen: »Wie konnte es eine wirk-
Das war ein heiliges Ereignis, bei dem liche Versuchung sein, wenn er ihr nicht
die Dreieinheit Gottes sichtbar wurde. nachgeben konnte?« Wenn wir mit »Ja«
Der »geliebte Sohn« war anwesend, das antworten, stehen wir vor dem Problem,
Herabkommen des Heiligen »Geistes« wie der menschgewordene Gott hätte
wird im Bild der »Taube« erwähnt, und sün­digen können.
die »Stimme« des Vaters wurde »aus den Man muss sich unbedingt vor Augen
Himmeln« gehört, der Jesus seinen Se- halten, dass Jesus Christus Gott ist und
gen zueignete. Es war ein bemerkenswer- Gott nicht sündigen kann. Es stimmt,
tes Ereignis, weil man hören konnte, wie dass Jesus auch Mensch war. Wenn wir
Gott die Schrift zitierte: »Dieser ist mein jedoch sagen, dass er als Mensch zwar
geliebter Sohn« (nach Ps 2,7), »an dem sündigen konnte, nicht jedoch als Gott,
ich Wohlgefallen gefunden habe« (nach dann entbehrt unsere Argumentation je-
Jes 42,1). Das ist eines der drei Ereignisse, der biblischen Grundlage. Die Schreiber
bei denen der Vater vom Himmel her in des NT betonten an verschiedenen Stellen
freudiger Anerkennung von seinem ein- die Sündlosigkeit Christi. Paulus schrieb,
zigartigen Sohn sprach (die anderen Stel- dass er »Sünde nicht kannte« (2. Kor 5,21);
len sind Matth 17,5 und Joh 12,28). Petrus sagt, dass er »keine Sünde getan
hat« (1. Petr 2,22); und Johannes schreibt:
C. Jesus wird durch Satan versucht »Sünde ist nicht in ihm« (1. Joh 3,5).
(4,1-11) Jesus konnte wie wir von außen ver-
4,1 Es mag seltsam scheinen, dass Je- sucht werden: Satan kam mit raffinierten
sus »von dem Geist« in die Wüste, auf Vorschlägen zu ihm, die dem Willen Got-
den Schauplatz der Versuchung, geführt tes entgegengesetzt waren. Aber anders
wurde. Warum sollte ihn der Heilige als wir konnte er nicht von innen ver-
Geist zu solch einer Begegnung leiten? sucht werden – er kannte keine sündigen
Die Antwort lautet, dass diese Versu- Begierden oder Leidenschaften, die aus
chung notwendig war, um seine morali- ihm selbst kamen. Außerdem war in ihm
sche Eignung zur Vollbringung des Wer- nichts, das auf die Versuchungen des Teu-
kes zu zeigen, um dessentwillen er auf fels antworten würde (Joh 14,30).
diese Erde kam. Der erste Adam hatte be- Obwohl Jesus zur Sünde nicht fähig
wiesen, dass er für die Herrscherstellung war, war die Versuchung dennoch sehr
ungeeignet war, als er dem Widersacher real. Es war für ihn möglich, mit den Ver-
im Garten Eden begegnete. Hier tritt nun lockungen zur Sünde konfrontiert zu
der zweite Adam dem Teufel in einer di- wer­­den, aber er konnte ihnen in morali-
rekten Konfrontation entgegen und geht scher Hinsicht unmöglich unterliegen. Er
aus dieser Begegnung als Sieger hervor. konnte nur das tun, was er den Vater tun
Das griechische Wort, das mit »ver- sah (Joh 5,19), und die Vorstellung, dass
suchen« oder »erproben« übersetzt wird, er den Vater je sündigen sah, ist völlig ab-
hat zwei Bedeutungen: surd. Er konnte nichts aus eigener Macht
1. erproben oder prüfen (Joh 6,6; tun (Joh 5,30), und der Vater hätte nie zu-
2. Kor 13,5; Hebr 11,17) und gelassen, dass er der Versuchung nach-
2. zum Bösen aufstacheln. Der Heilige gab.
Geist wollte Christus auf die Probe Die Versuchung sollte nicht zeigen, ob
stellen bzw. prüfen. Der Teufel da­ er sündigen würde, sondern vielmehr be-
gegen versuchte, ihn durch List dahin weisen, dass er selbst unter außerordent-
zu bringen, etwas Böses zu tun. lichem Druck nichts anderes tun konnte,
Mit der Versuchung unseres Herrn ist als dem Wort Gottes zu gehorchen.
Matthäus 4 36

Wenn Jesus als Mensch hätte sündi- sus vom Vater nicht die Anweisung er-
gen können, dann hätten wir das Pro- halten hatte, aus Steinen Brot zu machen,
blem, dass er auch im Himmel noch wollte er nicht eigenmächtig handeln und
Mensch ist. Konnte er also bei der Versu- damit Satan gehorchen, ganz gleich, wie
chung sündigen? Offensichtlich nicht. groß sein Hunger war.
4,2.3 Nachdem Jesus »vierzig Tage 4,5.6 Die zweite Versuchung fand in
und vierzig Nächte« gefastet hatte, »hun- Jerusalem auf der »Zinne des Tempels«
gerte ihn«. (Die Zahl »vierzig« wird in statt. »Der Teufel« forderte Jesus auf, sich
der Bibel oft im Zusammenhang mit Er- hinabzuwerfen, um damit auf spektaku-
probung bzw. Bewährung benutzt.) Die- läre Weise seine Gottessohnschaft sichtbar
ses natürliche Bedürfnis gab »dem Ver­ werden zu lassen. Wieder wird mit dem
sucher« eine Gelegenheit, die er bei vielen einleitenden Wort »wenn« kein Zweifel
Menschen ausnutzen konnte. Er wollte ausgedrückt, was man daran sehen kann,
Jesus einreden, dass dieser seine wunder- dass Satan sich auf den Schutz bezieht,
wirkende Kraft einsetzen könne, um die den Gott dem Messias in Psalm 91,11.12
»Steine« der Wüste in »Brote« zu verwan- verheißt.
deln. Mit seinen anfänglichen Worten: Die Versuchung für Jesus war, seine
»Wenn du Gottes Sohn bist«, will Satan Messianität dadurch zu zeigen, dass er
keinen Zweifel andeuten. In Wirklich- eine sensationelle Handlung begeht. Er
keit bedeuten sie: »Weil du der Sohn Got- hätte Herrlichkeit ohne Leiden erreichen
tes bist.« Satan spielt damit auf die Worte können – er hätte das Kreuz umgehen
des Vaters bei der Taufe an: »Dieser ist und dennoch den Thron erlangen können.
mein geliebter Sohn.« Er benutzt die grie- Aber eine solche Handlung wäre gegen
chische Form2, die nahelegt, dass die Be- den Willen Gottes gewesen. Johannes be-
hauptung wahr ist. Somit fordert er Jesus schreibt die mit dieser Aufforderung ge-
auf, seine Macht zu benutzen, um seinen paarte Gesinnung als den »Hochmut des
Hunger zu stillen. Lebens« (1. Joh 2,16). Sie entspricht dem
Den natürlichen Hunger zu stil- Baum, »der begehrenswert war, Einsicht
len, indem man göttliche Kraft als Re- zu geben« (1. Mose 3,6), im Garten Eden.
aktion auf die Einflüsterung Satans ein- Beide waren nämlich Mittel, persönlichen
setzt, ist direkter Ungehorsam gegenüber Ruhm unter Missachtung des Willens
Gott. Der Gedanke, der Satans raffinier- Gottes zu erlangen. Diese Versuchung
tem Vorschlag zugrunde liegt, hat seine tritt an uns in dem Verlangen her­an, im
Entsprechung in 1. Mose  3,6 (»gut zur Bereich der Christenheit bekannt zu wer-
Speise«). Johannes stuft diese Versuchun- den, ohne an der Gemeinschaft seiner Lei-
gen als »die Begierde des Fleisches« ein den teilzuhaben. Wir streben nach groß-
(1. Joh  2,16). Die entsprechende Versu- artigen Dingen für uns selbst, wenn wir
chung in unserem Leben besteht darin, aber Schwierigkeiten begegnen, dann
ein Leben zur Befriedigung der natür- ergreifen wir die Flucht und verstecken
lichen Bedürfnisse zu führen, einen be- uns. Wenn wir Gottes Willen missachten
quemen Weg zu wählen, statt nach dem und uns selbst erheben, dann versuchen
Reich Gottes und nach seiner Gerechtig- wir Gott.
keit zu trachten. Der Teufel sagt uns: »Du 4,7 Wieder konnte »Jesus« dem An-
musst doch leben, oder?« griff widerstehen, indem er eine Schrift-
4,4 Jesus »antwortete« auf die Versu- stelle zitierte: Es »steht geschrieben: ›Du
chung, indem er das Wort Gottes zitiert. sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versu-
Das Beispiel unseres Herrn lehrt uns, dass chen‹« (s. 5. Mose 6,16). Gott hatte zuge-
wir nicht leben müssen, aber verpflichtet sagt, den Messias zu bewahren, aber diese
sind, Gott zu gehorchen! »Brot« zu be- Garantie setzte voraus, dass er im Willen
kommen, ist nicht das Wichtigste im Le- Gottes lebte. Diese Verheißung im Unge-
ben. Der Gehorsam gegenüber »jedem horsam in Anspruch zu nehmen würde
Wort … Gottes« ist das Wichtigste. Da Je- bedeuten, Gott zu versuchen. Die Zeit
37 Matthäus 4

würde noch kommen, da Jesus als Mes- terscheidet sich von der bei Lukas be-
sias geoffenbart werden würde, aber zu- findlichen (Lk 4,1-13). Einige haben
erst musste das Kreuz kommen. Der Op- vorgebracht, dass die Reihenfolge bei
feraltar musste dem Thron vorausgehen. Matthäus der Abfolge der Versuchungen
Die Dornenkrone kam vor der Krone der des Volkes Israel in der Wüste entspricht
Herrlichkeit. Jesus würde Gottes Zeit ab- (2. Mose 16; 17; 32). Jesus zeigte, dass er
warten und Gottes Willen erfüllen. selbst in Schwierigkeiten ganz anders als
4,8.9 Bei der dritten Versuchung nahm Israel reagierte.
der Teufel Jesus »auf einen sehr hohen 4,11 Als Jesus die Versuchungen Sa-
Berg« mit und zeigte ihm »alle Reiche der tans erfolgreich entkräftet hatte, »verlässt
Welt«. Er bot sie Jesus unter der Bedin- ihn der Teufel«. Versuchungen kommen
gung an, dass dieser ihn »anbetet«. Ob- oft in Wellen und nicht in ständiger Folge.
wohl diese Versuchung etwas mit »Anbe- »Wenn der Bedränger kommen wird wie
tung« – einer Geistesübung – zu tun hatte, ein Strom, so wird der Hauch des Herrn
umfasste sie einen Versuch, unseren ihn in die Flucht schlagen« (Jes 59,19;
Herrn zu verführen, die Herrschermacht Elb). Welch eine Ermutigung für die ge-
über die Welt zu erlangen, indem er Sa- prüften Heiligen Gottes!
tan anbetet. Die angebotene Belohnung, Wir erfahren hier, dass »Engel kamen
»alle Reiche der Welt« mit ihrer Herrlich- … und (ihm) dienten«, doch wird hier
keit, sprach »die Begierde der Augen« an keinerlei Erklärung im Blick darauf gege-
(1. Joh 2,16). ben, wie diese übernatürliche Hilfe aus-
In gewissem Sinne gehören die Rei- sah. Damit ist vielleicht gemeint, dass sie
che dieser Welt gegenwärtig dem Teu- Jesus mit der leiblichen Nahrung versorg-
fel. Von ihm wird als »dem Gott dieser ten, die er sich nicht auf die Aufforderung
Welt« (2. Kor 4,4) gesprochen, und Johan- Satans hin beschafft hatte.
nes teilt uns mit, dass »die ganze Welt … Anhand der Versuchung Jesu lernen
in dem Bösen« liegt (1. Joh  5,19). Wenn wir, dass Satan zwar die Menschen, die
Jesus bei seiner Wiederkunft als König durch den Heiligen Geist regiert werden,
der Könige erscheint (Offb 19,16), dann versuchen kann, dass er aber gegenüber
wird »das Reich der Welt« ihm gehören denen machtlos ist, die ihm mit dem Wort
(Offb 11,15). Jesus wollte den göttlichen Gottes Widerstand leisten.
Zeitplan nicht außer Kraft setzen, und
ganz bestimmt würde er Satan niemals D. Jesus beginnt seinen Dienst in
anbeten! Galiläa (4,12-17)
Für uns besteht diese Versuchung in Der Dienst Jesu in Juda, der fast ein Jahr
zweifacher Weise: darin, dass wir unser dauerte, wird von Matthäus nicht er-
geistliches Erstgeburtsrecht für die ver- wähnt. Dieser einjährige Zeitraum, der
gängliche Herrlichkeit dieser Welt ver- in Johannes  1 – 4 erfasst wird, liegt zeit-
kaufen, und außerdem darin, dass wir lich zwischen Matthäus 4,11 und 4,12.
das Geschöpf statt den Schöpfer anbeten Matthäus führt uns von der Versuchung
und ihm dienen. direkt zum Dienst in Galiläa.
4,10 Zum dritten Mal widerstand Je- 4,12 »Als er aber gehört hatte, dass Jo-
sus der Versuchung, indem er das AT hannes (d. h. Johannes der Täufer) über-
anführte: »Du sollst den Herrn, deinen liefert worden war«, erkannte er, dass
Gott, anbeten und ihm allein dienen.« dies ein Vorzeichen seiner eigenen Ver-
Anbetung und der daraus entspringende werfung war. Wenn die Angehörigen
Dienst sind allein für Gott bestimmt. des Volkes den Vorläufer des Königs ab-
Hätte Jesus Satan angebetet, wäre dies lehnte, dann lehnten sie damit praktisch
darauf hinausgelaufen, dass er ihn als auch den König ab. Aber es war nicht
Gott anerkannt hätte. Angst, die ihn in den Norden nach »Gali-
Die Reihenfolge der Versuchungen läa« trieb. In Wirklichkeit begab er sich in
wie sie Matthäus aufgezeichnet hat, un- die Mitte des herodianischen Reiches – in
Matthäus 4 38

das Reich des gleichen Königs, der ge- ten. Ebenso wie Petrus und Andreas sol-
rade erst Johannes ins Gefängnis gewor- len wir der Versuchung widerstehen, ech-
fen hatte. Indem er in das Galiläa der Hei- tes geistliches Leben durch Beredsamkeit,
den ging, zeigte er, dass seine Verwerfung Persönlichkeit oder kluge Argumente zu
durch die Juden dazu führen würde, dass ersetzen. Indem er Christus nachfolgt,
das Evangelium den Heiden gepredigt lernt der Jünger, dorthin zu gehen, wo die
wird. Fische schwimmen, den rechten Köder zu
4,13 Jesus blieb in »Nazareth«, bis benutzen, Unannehmlichkeiten und Mü-
die Bevölkerung ihn zu töten versuchte, hen zu ertragen, geduldig zu sein und
weil er das auch den Nichtjuden zugeeig- sich selbst im Hintergrund zu halten.
nete Heil verkündigt hatte (s. Lk 4,16-30). 4,20 Petrus und Andreas hörten den
Dann ging er nach »Kapernaum« am See Ruf und folgten »sogleich«. In wahrem
Genezareth – in ein Gebiet, das ursprüng- Glauben »verließen … (sie) die Netze«. In
lich von den Stämmen »Sebulon und Naf- rechter Hingabe und Ergebenheit folgten
tali« bewohnt wurde. Von dieser Zeit an sie Jesus nach.
wurde Kapernaum zu demjenigen Ort, an 4,21.22 Der nächste Ruf erreichte »Ja-
den er immer wieder zurückkehrte. kobus … und Johannes«. Auch sie wur-
4,14-16 Der Umzug Jesu nach Galiläa den sofort Jünger. Sie verließen nicht nur
war eine Erfüllung von Jesaja  8,23 – 9,1. ihre Arbeitsstätte, die ihnen den Lebens-
Die unwissenden, abergläubischen »Hei- unterhalt sicherte, sondern auch »ihren
den«, die in »Galiläa« wohnten, sahen Vater«. Dadurch bekannten sie, dass Je-
»ein großes Licht«  –  d. h. Christus, der sus den Vorrang vor allen irdischen Bin-
das Licht der Welt ist. dungen hatte.
4,17 »Von da an« griff »Jesus« die Bot- Indem sie dem Ruf Christi folgten,
schaft auf, die Johannes gepredigt hatte: wurden diese Fischer zu Schlüsselfigu-
»Tut Buße, denn das Reich der Himmel ren bei der Aufgabe, die Welt zu evange-
ist nahe gekommen!« Es war ein weiterer lisieren. Wären sie bei ihren Netzen ge-
Ruf zu moralischer Erneuerung als Vor- blieben, hätten wir nie etwas von ihnen
bereitung auf sein Königreich. Das Reich gehört. Es ist in dieser Welt ein großer Un-
war nahe in dem Sinne, dass der König terschied, ob man die Herrscherstellung
nun anwesend war. Jesu anerkennt oder nicht.

E. Jesus beruft vier Fischer (4,18-22) F. Jesus heilt eine große Menge
4,18.19 In Wirklichkeit werden »Petrus (4,23-25)
und Andreas« hier zum zweiten Mal be- Der Dienst des Herrn Jesus war dreifacher
rufen. In Johannes 1,35-42 wurden sie Art: Er lehrte Gottes Wort in den »Syn­
zum Heil berufen, hier werden sie zum agogen«, er predigte »das Evangelium des
Dienst berufen. Die erste Berufung er- Reiches«, und er heilte die Kranken. Eine
folgte in Judäa, die zweite in Galiläa. Pe- Zielsetzung der Heilungswunder bestand
trus und Andreas »waren Fischer«, doch darin, seine Stellung als Messias und sei-
Jesus berief sie dazu, »Menschenfischer« nen Dienst zu beglaubigen (Hebr 2,3.4).
zu werden. Ihre Verantwortung bestand Kapitel 5 – 7 beinhalten ein Beispiel für
darin, Christus nachzufolgen, während seinen Lehrdienst, während die Kapitel 8
es seine Aufgabe war, sie zu Menschen- und 9 seine Wunder beschreiben.
fischern zu »machen«, die viel ausrichten 4,23 In Vers 23 wird zum ersten Mal
würden. Ihre Nachfolge bestand nicht nur im NT das Wort »Evangelium« verwen-
darin, Jesus im körperlichen Sinne nahe det. Der Ausdruck bedeutet »gute Nach-
zu sein. Vielmehr sollten sie dem Herrn richt von der Errettung«. In jedem Zeit-
auch hinsichtlich des Charakters ähn- alter der Weltgeschichte hat es nur ein
lich werden. Sie sollten einen Dienst als Evangelium und nur einen Heilsweg ge-
Bewährte ausüben. Was sie waren, war geben.
wichtiger als das, was sie sagten oder ta-
39 Matthäus 4 und 5

durch den Glauben –, aber es wird deut-


Exkurs zum Evangelium lich, dass die Schwerpunkte hinsichtlich
Das Evangelium hat seinen Ursprung in des Evangeliums entsprechend den haus-
der Gnade Gottes (Eph 2,8). Das heißt, haltungsgemäßen Zielen Gottes verschie-
dass Gott ewiges Leben Sündern zueig- den gesetzt werden.
net, die es nicht verdient haben. Als Jesus »das Evangelium des Rei-
Die Grundlage des Evangeliums ist ches« predigte, verkündigte er sein Kom-
das Werk Christi am Kreuz (1. Kor  15,1- men als König der Juden und erklärte die
4). Unser Heiland erfüllte all die For­ Bedingungen, unter denen man Zugang
derungen der Gerechtigkeit und ermög- zu seinem Reich hat. Seine Wunder zeig-
lichte es Gott auf diese Weise, glaubende ten das ganzheitliche Wesen des Reiches.3
Sünder zu rechtfertigen. Die Gläubigen
des AT wurden durch das Werk Christi
gerettet, obwohl es damals noch in der 4,24.25 Sein Ruhm verbreitete sich in ganz
Zukunft lag. Sie wussten wahrscheinlich »Syrien« (das Gebiet nördlich und nord-
nicht viel vom Messias, aber Gott wusste östlich von Israel). Alle mit »Krank­heiten«
davon – und er rechnete ihnen die Ver- Geplagten, »Besessenen« und Behin­der­
dienste Christi an. In gewissem Sinne ten rührte er an, sodass sie geheilt wur-
war ihre Rettung »ein im Voraus gewähr- den. Zu ihm strömten die Menschen aus
ter Gnadenakt«. Auch wir sind durch das »Galiläa«, aus dem »Zehnstädtegebiet«
Werk Christi gerettet, doch in unserem (einem Zusammenschluss von zehn heid-
Fall ist das Werk bereits vollbracht wor- nischen Städten in Nordost-Palästina), aus
den. »Jerusalem«, »Judäa« und aus dem Gebiet
Das Evangelium wird nur durch den von jenseits des »Jordan«. B. B. Warfield
Glauben angenommen (Eph 2,8). Im schrieb dazu: »Krankheit und Tod müs-
AT wurden die Menschen gerettet, in- sen in diesem Gebiet für kurze Zeit fast
dem sie all dem glaubten, was Gott ih- nicht mehr vorhanden gewesen sein.«
nen aufgetragen hatte. In unserem Zeit- Kein Wunder, dass die Öffentlichkeit sehr
alter werden Menschen gerettet, indem verwundert war über die Berichte, die sie
sie Gottes Zeugnis bezüglich seines Soh- aus Galiläa zu hören bekam!
nes als dem einzigen Heilsweg glauben
(1. Joh  5,11.12). Das Endziel des Evan- IV. Die Verfassung des Reiches
geliums ist der Himmel. Wir haben die (Kap. 5 – 7)
Hoffnung darauf, die Ewigkeit im Him- Es ist kein Zufall, dass die Bergpredigt
mel zubringen zu können (2. Kor 5,6-10), fast am Anfang des Neuen Testaments
die auch die Heiligen des AT hatten steht. Ihre Stellung zeigt, wie wichtig sie
(Hebr 11,10.14-16). ist. Darin fasst der König das Wesen sei-
Während es nur ein Evangelium gibt, ner Untertanen und das Verhalten zusam-
gelten zu verschiedenen Zeiten unter- men, das er von ihnen erwartet.
schiedliche Aspekte des Evangeliums. Diese Predigt ist keine Darstellung ei-
Zum Beispiel werden im Evangelium nes Heilsplanes. Auch ist ihre Lehre nicht
des Reiches andere Dinge betont als im für Menschen bestimmt, die nicht er­rettet
Evangelium von der Gnade Gottes. Im sind. Sie war vielmehr an die Jünger ge-
Evangelium des Reiches Gottes heißt es: richtet (5,1.2) und sollte eine Verfassung
»Tut Buße und nehmt den Messias an, oder – anders ausgedrückt – die recht­
dann werdet ihr in sein Reich eingehen, mäßige und Grundsatzordnung sein, die
wenn es auf Erden aufgerichtet wird.« für die Untertanen des Königs während
Das Evangelium der Gnade sagt: »Tut seiner Herrschaft gelten sollte. Die Berg-
Buße und nehmt Christus an, dann wer- predigt ist für alle diejenigen bestimmt,
det ihr zu ihm hin entrückt und allezeit die – ob in der Vergangenheit, Gegen-
bei ihm sein.« Grundsätzlich ist es das wart oder Zukunft – Christus als König
gleiche Evangelium – Rettung aus Gnade anerkennen. Als Christus auf der Erde
Matthäus 5 40

war, fand sie auf seine Jünger direkte An- trübnis, die man wegen der Gemeinschaft
wendung. Jetzt, während unser Herr im mit dem Herrn Jesus erfährt. Das bedeu-
Himmel regiert, gilt sie für alle, die ihn tet, dass man den Schmerz und die Sünde
in ihren Herzen zum König gekrönt ha- der Welt im Sinne Jesu verspürt, als wäre
ben. Schließlich wird sie eine Verhaltens­ man selbst betroffen. Deshalb gehört
anweisung für die Nachfolger Christi dazu nicht nur die Betrübnis angesichts
in der Trübsalszeit und während seiner eigener Sünde, sondern auch der Schmerz
Herrschaft auf Erden sein. aufgrund des schrecklichen Zustands der
Die Predigt hat eine besonders jüdi- Welt und der Tatsache, dass sie den Hei-
sche Prägung, wie man in den An­spie­ land verwirft, bzw. infolge des Schicksals
lungen auf den Hohen Rat (d. h. das Syn­ derer, die seine Gnade ablehnen. Diese
edrium) in 5,22, auf den Altar (5,23.24) Trauernden werden an dem kommenden
und auf Jerusalem (5,35) sehen kann. Tag »getröstet werden«, wenn Gott »jede
Doch wäre es falsch zu sagen, dass ihre Träne von ihren Augen abwischen« wird
Lehre sich ausschließlich auf die gläubi- (Offb 21,4). Gläubige trauern nur in die-
gen Israeliten in der Vergangenheit oder sem Leben; für die Ungläubigen ist ihr
Zukunft bezieht. Sie ist vielmehr in jedem heutiger Kummer nur ein Vorgeschmack
Zeitalter für diejenigen bestimmt, die Je- der ewigen Betrübnis.
sus Christus als König anerkennen. 5,5 Eine dritte Seligpreisung wird
über »die Sanftmütigen« ausgesprochen:
A. Die Seligpreisungen (5,1-12) »Sie werden das Land erben.« Von Natur
5,1.2 Die Predigt beginnt mit den Selig- aus mögen diese Menschen unberechen-
preisungen. Diese stellen uns den Ideal- bar, launisch und schroff sein. Doch in-
bürger des Reiches Christi vor. Die Ei- dem sie bewusst den Geist Christi anneh-
genschaften, die hier beschrieben und men, werden sie »sanftmütig« bzw. milde
empfohlen werden, entsprechen dem Ge- (vgl. Matth 11,29). Sanftmut beinhaltet die
genteil der weltlich anerkannten Werte. Annahme der Tatsache, dass man niedrig
A. W. Tozer beschreibt sie so: »Eine ziem- gestellt ist. »Der Sanftmütige« ist demütig
lich genaue Beschreibung der Menschheit und milde, wenn es um ihn selbst geht,
für jemanden, der sie nicht kennt, wäre, obwohl er wie ein Löwe kämpfen mag,
wenn man die Seligpreisungen nehmen, wenn es um Gott oder darum geht, an-
sie auf den Kopf stellen und sagen würde: dere zu verteidigen.
›Schau her, das ist die Menschheit.‹« Die Demütigen werden nicht schon
5,3 Die erste Seligpreisung wird über jetzt das Land bzw. die Erde (vgl. Anm.
die »Armen im Geist« ausgesprochen. Das Elb 2003) erben; sie werden vielmehr
bezieht sich nicht auf eine natür­liche Ver- Misshandlung und Enterbung erleben.
anlagung, sondern auf einen Zustand, den Aber sie werden im wörtlichen Sinne die
man bewusst gewählt und dem man sich Erde »erben«, wenn Christus als der Kö-
unterworfen hat. Die »Armen im Geist« nig tausend Jahre lang in Frieden und
sind diejenigen, die ihre eigene Hilflosig- Wohlergehen herrschen wird.
keit anerkennen und sich auf Gottes All- 5,6 Als Nächstes werden die selig ge-
macht verlassen. Sie spüren ihre geistliche priesen, »die nach der Gerechtigkeit hun-
Bedürftigkeit und entdecken, dass der gern und dürsten«: Ihnen wird Sättigung
Herr ihren Mangel ausfüllt. Diesen Men- verheißen. Diese Menschen sehnen sich
schen gehört »das Reich der Himmel«, in nach »Gerechtigkeit« in ihrem eigenen Le-
dem Selbstzufriedenheit eine Untugend ben. Sie wollen Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit
und Selbstüberhebung ein Laster ist. und Gerechtigkeit in der Gesellschaft ver-
5,4 »Die Trauernden« werden »glück- wirklicht sehen und suchen nach prakti-
selig« gepriesen, denn ein Tag des Trostes scher Heiligung in der Gemeinde. Wie die
erwartet sie. Das bezieht sich jedoch nicht Menschen, von denen Gamaliel Bradford
auf Trauer, die durch die Wechselfälle des schrieb, haben sie »einen Durst, den kein
Lebens verursacht ist. Gemeint ist die Be- irdischer Strom löschen kann, und einen
41 Matthäus 5

Hunger, der sich von Christus ernähren den sie Gott in der Person Jesu schauen,
muss, weil der Betreffende sonst stirbt«. wenn er wiederkommt. Viertens werden
Diese Menschen werden im kommenden sie Gott in der Ewigkeit schauen.
Reich Christi überreich beschenkt wer- 5,9 Eine Seligpreisung wird über die
den: »Sie werden gesättigt werden«, denn Friedensstifter ausgesprochen: »Sie wer-
dann wird Gerechtigkeit regieren, und den Söhne Gottes heißen.« Man beachte,
die moralische Verderbnis wird durch dass der Herr hier nicht von friedlichen
vollkommene Ehrlichkeit ersetzt werden. Menschen oder von denen redet, die den
5,7 Im Reich unseres Herrn sind die Frieden lieben. Er spricht von denen, die
Barmherzigen glückselig, denn ihnen sich aktiv für den Frieden einsetzen. Die
wird Barmherzigkeit widerfahren. Barm- natürliche Haltung besteht darin, sich
herzig sein bedeutet, aktives Mitleid zu nicht einzumischen. Der göttliche Ansatz
empfinden. In einer Hinsicht bedeutet es, ist, zu handeln, um Frieden zu schaffen,
dem, der Strafe verdient hat, diese Strafe auch wenn das bedeutet, dass man sich
zu ersparen. Im weiteren Sinne bedeu- damit Beschimpfungen und Verleum-
tet es, Not Leidenden zu helfen, die sich dungen einhandelt.
nicht selbst helfen können. Gott bewies Friedensstifter werden Söhne Got-
seine Barmherzigkeit, indem er uns die tes genannt werden. Hier haben wir also
Strafe erspart hat, die wir für unsere Sün- nicht die Weise, wie sie zu Söhnen Got-
den verdient hätten, und indem er seine tes wurden – das kann nur durch das
Zuneigung zu uns durch das Rettungs- Annehmen Christi als persönlichen Ret-
werk Christi zeigte. Wir ahmen Gott nach, ter geschehen. Indem sie Frieden stiften,
wenn wir barmherzig sind. zeigen die Gläubigen, dass sie Söhne Got-
Den Barmherzigen wird Barmherzig- tes sind, und Gott wird sie eines Tages als
keit widerfahren. Hier spricht Jesus nicht Menschen anerkennen, die zu seiner Fa-
von der Gnade der Errettung, die Gott milie gehören und ihm ähnlich sind.
dem gläubigen Sünder widerfahren lässt. 5,10 Die nächste Seligpreisung be-
Diese Barmherzigkeit hängt nicht davon schäftigt sich mit den Verfolgten, die
ab, ob jemand selbst barmherzig ist – sie nicht wegen ihrer eigenen Vergehen, son-
ist ein bedingungsloses Geschenk. Un- dern »um Gerechtigkeit willen« verfolgt
ser Herr spricht von der Gnade, die der werden. Das Reich Gottes ist den Gläu-
Christ im täglichen Leben braucht, und bigen versprochen, die wegen ihres rich-
von der Barmherzigkeit in der Zukunft, tigen Handelns leiden müssen. Ihr reines
wenn unsere Werke be­ urteilt werden Leben verdammt die gottlose Welt und
(1. Kor  3,12-15). Wenn man nicht barm- bringt ihre Feindschaft zum Vorschein.
herzig gewesen ist, dann wird man auch Die Menschen hassen ein gerechtes Le-
keine Barmherzigkeit empfangen, d. h. ben, weil es ihre eigene Ungerechtigkeit
dass der Lohn entsprechend niedriger hervortreten lässt.
ausfallen wird. 5,11 Diese letzte Seligpreisung scheint
5,8 Denen, die reinen Herzens sind, eine Wiederholung der vorhergehenden
wird die Zusage gegeben, dass sie Gott zu sein. Es gibt jedoch einen Unterschied.
schauen werden. Ein Mensch hat ein rei- Im vorhergehenden Vers wird jemand
nes Herz, wenn er keine falschen Motive verfolgt, weil er gerecht ist, hier dagegen
hat, wenn seine Gedanken heilig sind und um Christi willen. Der Herr wusste, dass
sein Gewissen rein ist. Der Ausdruck »sie seine Jünger misshandelt werden wür-
werden Gott schauen« kann in verschie- den, weil sie ihm verbunden und ihm treu
dener Weise verstanden werden. Erstens sind. Die Geschichte hat dies bestätigt:
schauen diejenigen, die reinen Herzens Von Anfang an hat die Welt die Nachfol-
sind, Gott in der Gemeinschaft des Wor- ger Jesu verfolgt, ins Gefängnis geworfen
tes und des Geistes. Zweitens wird ihnen und getötet.
manchmal eine übernatürliche Erschei- 5,12 Um Christi willen zu leiden, ist
nung unseres Herrn zuteil. Drittens wer- ein großes Vorrecht, das uns freuen sollte.
Matthäus 5 42

Ein großer Lohn erwartet diejenigen, die gabe – Salz der Erde zu sein, indem er
wie die Propheten Drangsal leiden müs- die Anweisungen für Jünger auslebt, die
sen. Diese Sprecher des alttestamentlichen in den Seligpreisungen und im Rest der
Gottes blieben trotz Verfolgung treu. Alle, Predigt aufgeführt sind. Wenn er diese
die ihren hingebungsvollen Mut nachah- geistliche Realität nicht durch sein Leben
men, werden ihre gegenwärtige Freude sichtbar macht, werden die Menschen
und zukünftige Erhöhung teilen. sein Zeugnis mit Füßen treten. Die Welt
Die Seligpreisungen zeichnen uns hat nur Verachtung für einen treulosen
ein Porträt des idealen Bürgers in Christi Gläubigen übrig.
Reich. Man beachte die Betonung von Ge- 5,14 Jesus ruft Christen auch auf,
rechtigkeit (V. 6), Frieden (V. 9) und Freude Licht der Welt zu sein. Er sprach von sich
(V. 12). Paulus hatte sicherlich diese Stelle selbst als dem »Licht der Welt« (Joh 8,12;
im Gedächtnis als er schrieb: »Denn das 12,35.36.46). Die Beziehung zwischen den
Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, beiden Erklärungen ist, dass Jesus der Ur-
sondern Gerechtigkeit und Friede und sprung des Lichtes ist und die Christen
Freude im Heiligen Geist« (Röm 14,17). dieses Licht reflektieren. Ihre Aufgabe ist
es, seine Strahlen zurückzuwerfen, wie
B. Die Gläubigen als Salz und Licht der Mond die Herrlichkeit der Sonne wi-
(5,13-16) derspiegelt.
5,13 Jesus verglich seine Jünger mit Salz. Der Christ ist wie eine Stadt, die oben
Sie sollten für die Welt sein, was das Salz auf einem Berg liegt: Sie ist über ihre Um-
im täglichen Leben ist: Salz würzt Spei- gebung erhöht und leuchtet in der Dun-
sen, es verhindert Fäulnis, es verursacht kelheit. Diejenigen, deren Leben die
Durst und unterstützt den Geschmack. Cha­rakterzüge der Lehre Christi wider-
So sollen seine Nachfolger der mensch- spiegeln, können nicht verborgen bleiben.
lichen Gesellschaft Pikantheit geben, als 5,15.16 Man zündet nicht eine Lampe
Schutz vor dem Verderben dienen und an und setzt sie unter den Scheffel. Statt-
andere dazu bringen, sich nach der Ge- dessen wird man sie auf ein Lampen­
rechtigkeit zu sehnen, von der die vor- gestell setzen, damit sie allen leuchtet,
hergehenden Verse sprechen. Wenn das die im Hause sind. Jesus wollte nicht,
Salz kraftlos wird, wie soll es seine Salzig- dass wir das Licht seiner Lehre für uns
keit zurückerhalten? Es gibt keinen Weg, selbst sammeln, sondern dass wir sie an-
ihm den echten, natürlichen Geschmack deren mitteilen. Wir sollten unser Licht
wiederzugeben. Hat es einmal seinen Ge- so leuchten lassen, dass die Menschen
schmack verloren, dann taugt Salz zu unsere guten Taten sehen, sodass sie den
nichts mehr. Es wird auf den Weg ge- Vater im Himmel verherrlichen. Die Be-
worfen. Der Kommentar von Albert Bar- tonung liegt hier auf dem Dienst eines
nes über diesen Vers erleichtert das Ver- christlich geprägten Charakters. Das Ge-
ständnis: winnende eines Lebens, in dem Christus
Das Salz, das in unserem Land verwen- deutlich sichtbar wird, spricht lauter als
det wird, ist eine chemische Zusammenset- der Versuch einer Überzeugung durch
zung – und wenn es seine Salzigkeit oder sei- Worte.
nen Geschmack verlöre, dann bliebe nichts
übrig. In östlichen Ländern war das benutzte C. Christus erfüllt das Gesetz (5,17-20)
Salz unrein, es war mit Pflanzen und Erde ver- 5,17.18 Die meisten revolutionären Füh-
mischt, sodass es seine ganze Salzigkeit verlie- rer kappen alle Verbindungen zur Ver-
ren konnte und eine beträchtliche Menge [Salz gangenheit und lehnen die traditionelle
ohne Geschmack] übrig blieb. Es war zu nichts existierende Ordnung ab. Nicht so der
mehr zu gebrauchen, außer, dass es, wie hier Herr Jesus. Er hielt das Gesetz des Mose
gesagt wird, auf den Weg gestreut wird, wie hoch und bestand darauf, dass es erfüllt
wir unsere Wege mit Kies bestreuen.4 werden müsse. Jesus ist nicht gekommen,
Der Jünger hat eine wichtige Auf- um das Gesetz oder die Propheten aufzu-
43 Matthäus 5

heben, sondern um sie zu erfüllen. Er be- Das Gebot beinhaltete die Todesstrafe
stand darauf, dass kein Jota oder Strich- (Gal 3,10). Wer ein Gesetz brach, war des
lein vom Gesetz vergehen würde, ehe es ganzen Gesetzes schuldig (Jak 2,10). Weil
nicht vollständig erfüllt wäre. Das Jota, die Menschen das Gesetz gebrochen hat-
oder hebr. jod, ist der kleinste Buchstabe ten, standen sie unter dem Fluch des To-
im hebräischen Alphabet; das Strichlein des. Gottes Gerechtigkeit und Heiligkeit
ist ein kleines Zeichen, das dazu dient, erforderten es, dass die Strafe bezahlt
zwei Buchstaben voneinander zu unter- würde. Genau aus diesem Grund kam
scheiden, wie sich z. B. das große E und Jesus in diese Welt: um mit seinem Tod
das große F nur durch einen kleinen die Strafe zu bezahlen. Er starb stellver-
Strich unten unterscheiden. Jesus glaubte tretend für die schuldigen Gesetzesbre-
auch an die wörtliche Inspiration der Bi- cher, obwohl er selbst sündlos war. Er
bel, wenn es um scheinbar kleine und un- schob das Gesetz nicht einfach zur Seite,
wichtige Einzelheiten geht. Nichts in der sondern er erfüllte seine gerechten An-
Schrift, noch nicht einmal das kleinste sprüche durch sein Leben und seinen
Strichlein, ist ohne Bedeutung. Tod. Deshalb wird das Gesetz durch das
Es ist wichtig zu betonen, dass Je- Evangelium nicht einfach umgestoßen,
sus nicht gesagt hat, dass das Gesetz für sondern das Evangelium hält das Gesetz
immer bestehen bliebe. Er sagte, dass es aufrecht und zeigt, wie die Ansprüche
nicht vergehen würde, »bis alles gesche- des Gesetzes durch das Erlösungswerk
hen ist«. Diese Unterscheidung hat für Jesu vollkommen erfüllt worden sind.
den Gläubigen heute Konsequenzen, und Deshalb steht derjenige, der auf Jesus
weil das Verhältnis des Gläubigen zum vertraut, nicht länger unter dem Gesetz,
Gesetz so wichtig ist, wollen wir uns nun sondern unter der Gnade (Röm 6,14). Er
Zeit nehmen, die biblische Lehre zu die- ist für das Gesetz durch das Werk Christi
sem Thema zusammenzufassen. tot. Die Strafe des Gesetzes muss nur
ein einziges Mal bezahlt werden, und
da Christus sie bezahlt hat, braucht der
Exkurs zum Thema Verhältnis des Gläubige sie nicht noch einmal zu bezah-
Gläubigen zum Gesetz len. In diesem Sinne hat das Gesetz für
Das Gesetz ist ein System von Vorschrif- den Gläubigen seine Gültigkeit verloren
ten, die Gott durch Mose dem Volk Israel (2. Kor 3,7-11). Das Gesetz war ein Zucht-
gegeben hat. Das gesamte Gesetzeswerk meister, bis Christus kam, aber nach der
findet sich in 2. Mose  20 – 31 sowie im Errettung ist dieser Zuchtmeister nicht
3. und 5. Buch Mose, auch wenn die Zu- länger nötig (Gal 3,24.25).
sammenfassung in den Zehn Geboten ge- Obwohl der Christ nicht unter dem
geben wird. Gesetz steht, heißt das jedoch nicht, dass
Das Gesetz ist nicht als ein Mittel zur er jetzt gesetzlos wäre. Er ist nun mit einer
Errettung gegeben worden (Apg 13,39; stärkeren Kette als dem Gesetz gebunden,
Röm 3,20a; Gal 2,16.21; 3,11). Es wurde weil er unter dem Gesetz Christi steht
gegeben, damit es den Menschen ihre (1. Kor 9,21). Sein Verhalten wird verän-
Sündhaftigkeit zeigt (Röm 3,20b; 5,20; dert, und zwar nicht aus Furcht vor Strafe,
7,7; 1. Kor  15,56; Gal  3,19) und sie dann sondern durch ein liebendes Verlangen,
zu Gott treibt, um bei ihm gnadenrei- seinem Retter zu gefallen. Christus ist
che Vergebung zu suchen. Es wurde dem seine Lebensregel geworden (Joh 13,15;
Volk Israel gegeben, auch wenn es mora- 15,12; Eph 5,1.2; 1. Joh 2,6; 3,16).
lische Prinzipien enthält, die für alle Zeit- Eine allgemein diskutierte Frage im
alter gelten (Röm 2,14.15). Gott erprobte Zusammenhang mit der Bedeutung des
Israel im Rahmen des Gesetzes als Teil Gesetzes für den Gläubigen ist: »Soll ich
des Menschengeschlechtes, und Israels mich nach den Zehn Geboten richten?«
Schuld­ haftigkeit bewies die Schuldhaf- Die Antwort ist, dass bestimmte Prinzi-
tigkeit der ganzen Welt (Röm 3,19). pien, die im Gesetz enthalten sind, für
Matthäus 5 44

immer von Bedeutung bleiben. Es ist im- Eingang in das Reich Gottes reicht der
mer falsch, zu stehlen, zu morden oder Glaube an Christus. Die Stellung eines
zu begehren. Neun der Zehn Gebote wer- Menschen im Reich wird von seinem Ge-
den im NT wiederholt, allerdings mit ei- horsam und seiner Treue hier auf Erden
nem wichtigen Unterschied: Sie sind bestimmt. Wer dem Gesetz des Reiches
nicht als Gesetz gegeben (damit wäre gehorcht, der wird im Reich der Himmel
eine Strafe verbunden), sondern als eine groß heißen.
Übung in der Gerechtigkeit für das Volk 5,20 Um Eingang in das Reich der
Gottes (2. Tim 3,16b). Das Gebot, das im Himmel zu finden, muss unsere Gerech-
NT nicht wiederholt wird, ist das Sabbat­ tigkeit diejenige der Schriftgelehrten und
gebot: Christen werden niemals aufgefor- Pharisäer überragen (welche mit reli­
dert den Sabbat zu halten (d. h. den sieb- giösen Zeremonien zufrieden waren, die
ten Tag der Woche, den Samstag). ihnen eine äußerliche, rituelle Reinheit
Der Dienst des Gesetzes an nicht er- verschafften, ihre Herzen jedoch nicht
retteten Menschen ist nicht beendet: »Wir ändern konnten). Jesus verwendet hier
wissen aber, dass das Gesetz gut ist, das Stilmittel der Übertreibung, um dar-
wenn jemand es gesetzmäßig gebraucht« zustellen, dass äußerliche Gerechtigkeit
(1. Tim 1,8). Sein gesetzmäßiger Gebrauch ohne innere Realität den Zugang zum
ist, Sündenerkenntnis zu bringen und so Reich der Himmel nicht gewähr­ leistet.
zur Buße zu führen. Aber das Gesetz gilt Die einzige von Gott akzeptierte Gerech-
nicht denen, die schon gerettet sind: »Für tigkeit ist die Vollkommenheit, die er de-
einen Gerechten (ist) das Gesetz nicht be- nen anrechnet, welche seinen Sohn als
stimmt« (1. Tim 1,9). Retter annehmen (2. Kor 5,21). Natürlich
Die Gerechtigkeit, die durch das Ge- wird da, wo echter Glaube an Christus
setz gefordert wird, ist in denen erfüllt, vorhanden ist, auch praktische Gerech-
»die wir nicht nach dem Fleisch, sondern tigkeit mit einhergehen, die Jesus nun im
nach dem Geist wandeln« (Röm 8,4). Die Rest dieser Predigt beschreibt.
Lehren unseres Herrn in der Bergpredigt
setzen sogar einen höheren Standard als D. Jesus warnt vor Zorn (5,21-26)
den Maßstab des Gesetzes an. Zum Bei- 5,21 Die Juden zur Zeit Jesu wussten,
spiel sagte das Gesetz: »Du sollst nicht tö- dass Mord von Gott verboten worden
ten«; Jesus sagte jedoch: »Du sollst noch war und der Mörder seine Strafe empfan­­
nicht einmal hassen.« So hält die Bergpre- gen sollte. Das galt schon vor dem Ge­­­­­
digt nicht nur das Gesetz und die Prophe- setz (1. Mose  9,6) und wurde später ins
ten aufrecht, sondern führt sie näher aus Gesetz aufgenommen (2. Mose  20,13;
und entwickelt ihre tieferen Absichten. 5. Mo­­se  5,17). Mit den Worten »Ich aber
sage euch« (V. 22) leitet Jesus einen Zu-
satz zu diesem Gesetz ein. Man kann nun
5,19 Wir kommen nun zur Bergpredigt nicht länger damit prahlen, noch keinen
zurück und bemerken, dass Jesus vor- Menschen umgebracht zu haben. Jesus
aussah, dass es eine natürliche Tendenz sagt nun: »In meinem Reich darfst du
des Menschen gibt, Gottes Gebote zu um- noch nicht einmal Gedanken hegen, die
gehen oder zu entschärfen. Weil sie von auf Mord abzielen.« Er ver­folgt damit den
solch übernatürlicher Art sind, versuchen Mord bis an seinen Ur­sprung und warnt
die Menschen, sie wegzuerklären und da­­­­­bei vor drei Formen des ungerechten
ihre Bedeutung rational zu erklären. Aber Zorns.
wer eins dieser geringsten Gebote auflöst 5,22 Der erste Fall, den Jesus hier an-
und andere Menschen lehrt, das Gleiche spricht, ist der Fall eines Menschen, der
zu tun, wird der Geringste im Reich der über seinen Bruder grundlos zornig ist.5
Himmel heißen. Es ist ein Wunder, dass Jemand, der dieses Verbrechens ange-
solche Menschen überhaupt Einlass in klagt werden könnte, läuft also Gefahr,
das Reich der Himmel finden – aber zum dem Gericht zu verfallen, das heißt, er
45 Matthäus 5

könnte zur Verantwortung gezogen wer- ren verletzt, ob durch Zorn oder einen an-
den. Die meisten Menschen meinen, sie deren Grund, dann hat es für ihn keinen
könnten eigentlich immer einen Grund Zweck, ein Opfer darzubringen. Der Herr
für ihren Zorn angeben, aber Zorn ist nur wird sich nicht daran freuen. Derjenige,
dann gerechtfertigt, wenn es um die Ehre der den anderen verletzt hat, sollte zuerst
Gottes geht oder wenn einem anderen hingehen und sein Unrecht in Ordnung
Unrecht geschieht. Zorn ist immer dann bringen. Nur dann wird sein Opfer ange-
falsch, wenn es um die Vergeltung per- nommen werden.
sönlicher Fehler geht. Auch wenn diese Worte für ein jü-
Eine Sünde, die noch ernster zu neh- disches Umfeld geschrieben worden
men ist, besteht darin, den Bruder zu be- sind, heißt das nicht, dass sie heute nicht
leidigen. In der Zeit Jesu benutzten die mehr anwendbar seien. Paulus bezieht
Menschen das Wort »Raka« (ein aramä- diesen Befehl auf das Mahl des Herrn
ischer Ausdruck, der »der Hohle« bedeu- (s.  1. Kor  11). Gott nimmt von einem
tet), um andere Menschen verächtlich zu Gläubigen keine Anbetung an, wenn die-
machen und zu beschimpfen. Wer dieses ser mit einem anderen Gläubigen nicht
Wort benutzte, sollte dem Hohen Rat ver- mehr reden kann.
fallen sein, d. h. er musste sich vor dem 5,25.26 Jesus warnt hier vor Prozess-
Synedrium verantworten, dem höchsten sucht und vor dem Zögern, eigene Schuld
Gerichtshof des Landes. zuzugeben. Es ist besser, sich sofort mit
Die dritte Form des Zorns, die Jesus einem Ankläger zu einigen, als das Risiko
verurteilt, ist, jemanden mit »Narr« zu be- einer Gerichtsverhandlung einzugehen.
zeichnen. Hier bedeutet das Wort »Narr« Wenn das passiert, wird man sicherlich
mehr als nur Spaßmacher. Es bezeich- verlieren. Es gibt zwar einige Uneinig-
net – im moralischen Sinn – denjenigen keit unter den Gelehrten, auf welche Per-
als Narren, dem man das Lebensrecht ab- sonen sich dieses Gleichnis bezieht, doch
spricht, Damit drückt man aus, dass man ist die Absicht eindeutig: Wenn man im
ihm den Tod wünscht. Heute hören wir Unrecht ist, sollte man es schnell zu­geben
oft, wie andere Menschen mit den Wor- und versuchen, die Sache wieder in Ord-
ten »Gott verdamme dich« verwünscht nung zu bringen. Wenn man hier keine
werden. Jesus sagt, dass derjenige, der ei- Reue zeigt, dann wird einen die eigene
nen solchen Fluch ausspricht, in der Ge- Sünde schließlich einholen, sodass man
fahr steht, der Hölle des Feuers zu ver- nicht nur alles wiedergutmachen, son-
fallen. Die Leichname von Hin­gerichteten dern eventuell auch noch eine Strafe hin-
wurden oft auf einen brennenden Abfall­ nehmen muss. Und man sollte nie zu eilig
haufen außerhalb von Jerusalem gewor- mit dem Prozessieren sein. Wenn wir das
fen, der als »Tal Hinnom« oder »Ge- tun, dann wird das Gesetz uns er­tappen,
henna« bekannt war. Das war ein Hinweis sodass wir bis zum letzten Pfennig wer-
auf die Flammen der Hölle, die niemals den bezahlen müssen.
ausgelöscht werden können.
Man kann die Schärfe dieser Worte E. Jesus verurteilt Ehebruch (5,27-30)
gar nicht missverstehen. Er lehrt, dass 5,27.28 Das mosaische Gesetz verbietet
Zorn der Ursprung des Mordes ist, Be- eindeutig den Ehebruch (2. Mose  20,14;
schimpfungen ebenfalls in diese Richtung 5. Mose 5,18). Vielleicht könnte einer vol-
gehen und Verfluchungen dem Wunsch ler Stolz darauf hinweisen, dass er dieses
nach Mord gleichkommen. Die sich stei- Gebot noch nie gebrochen hat, doch trotz-
gernde Reihenfolge der Vergehen zieht dem mag er »Augen voll Begier nach ei-
eine Steigerung der Strafe nach sich: Ge- ner Ehebrecherin« haben (2. Petr  2,14).
richt, Hoher Rat und höllisches Feuer. In sei- Während nach außen hin alles stimmt,
nem Reich wird Jesus jede Sünde nach ih- kann es sein, dass seine Gedanken stän-
rer Schwere bestrafen. dig um Unreines kreisen. Damit erinnerte
5,23.24 Wenn ein Mensch einen ande- Jesus seine Jünger daran, dass es nicht
Matthäus 5 46

reicht, sich äußerlich einer Tat zu enthal- bedeutet nicht, dass sie durch die Schei-
ten – die Reinheit muss auch innerlich dung automatisch zur Ehebrecherin wird.
sein. Das Gesetz verbot den Ehebruch, Je- Hier wird jedoch von der Annahme aus-
sus dagegen verbietet das Verlangen: »Je- gegangen, dass sie, da sie keine Mittel zu
der, der eine Frau ansieht, sie zu begeh- ihrem Unterhalt hat, gezwungen ist, mit
ren, hat schon Ehebruch mit ihr begangen einem anderen Mann zusammenzuleben.
in seinem Herzen.« E. Stanley Jones hat Dadurch wird sie zur Ehebrecherin. Und
die Bedeutung dieses Verses getroffen, als nicht nur die ehemalige Ehefrau begeht
er schrieb: »Ob du an Ehebruch denkst Ehebruch, auch »wer eine Entlassene hei-
oder ihn ausführst, du wirst deinen Trieb ratet, begeht Ehebruch«.
dadurch nicht beruhigen, denn du ver- Das Thema Scheidung und Wieder-
suchst, mit Öl Flammen zu löschen.« Die heirat ist eines der kompliziertesten in der
Sünde beginnt in unseren Gedanken, und Bibel. Es ist beinahe unmöglich, alle Fra-
wenn wir sie nähren, dann wird der Ge- gen zu beantworten, die damit im Zusam-
danke schließlich zur Tat. menhang stehen. Es mag aber hilfreich
5,29.30 Die Aufrechterhaltung eines sein, zu sichten und zusammenzufassen,
reinen Gedankenlebens fordert eiser­ ne was die Bibel unserer Meinung nach zu
Selbstdisziplin. Deshalb lehrte Jesus, dem Thema lehrt.
dass, sobald eines unserer Glieder uns
zur Sünde verführt, es besser wäre, dieses
Glied in diesem Leben zu verlieren, als Exkurs zur Scheidung und
die Seele hinsichtlich der Ewigkeit einzu­ Wiederheirat
büßen. Sollen wir Jesu Worte wirklich Scheidung lag nie in der Absicht Gottes
wörtlich nehmen? Hat er wirklich Selbst- mit dem Menschen. Sein Ideal ist, dass ein
verstümmelung gelehrt? Die Worte sind Mann und eine Frau verheiratet bleiben,
bis zu diesem Punkt wörtlich zu nehmen: bis ihre Gemeinschaft durch den Tod aus-
Wenn es nötig wäre, eher ein Glied als die einandergerissen wird (Röm 7,2.3). Jesus
Seele zu verlieren, dann sollten wir uns machte den Pharisäern dies deutlich, in-
froh von diesem Glied trennen. Glück- dem er auf die göttliche Schöpfungsord-
licherweise ist das niemals nötig, denn der nung hinwies (Matth 19,4-6).
Heilige Geist befähigt den Gläubigen, ein Gott hasst Scheidung (Mal 2,16), d. h.
heiliges Leben zu führen. Dennoch ist es nicht schriftgemäße Scheidung. Er hasst
für den Gläubigen nötig, mit dem Geist nicht jegliche Form der Scheidung, weil
auf diesem Gebiet zusammenzuarbeiten er selbst von sich sagt, dass er sich von
und sich einer strengen Selbstdisziplin zu Israel geschieden habe (Jer 3,8). Das ge-
unterwerfen. schah, weil das Volk ihn vergaß und
Götzendienst trieb. Israel war untreu ge­
F. Jesus tadelt Ehescheidung (5,31.32) worden.
5,31 Im Rahmen des alttestament- In Matthäus 5,31.32 und 19,9 lehrte
lichen Gesetzes war Scheidung nach Jesus, dass Scheidung verboten ist, au-
5. Mose 24,1-4 gestattet. Dieser Abschnitt ßer in dem Fall, dass ein Partner sich
beschäftigt sich nicht mit dem Fall ei- des Ehebruchs schuldig gemacht hat. In
ner ehebrecherischen Frau (die Strafe für Markus 10,11.12 und Lukas 16,18 ist der
Ehebruch war der Tod, s. 5. Mose 22,22). Nachsatz mit dieser Ausnahme ausgelas-
Es beschäftigt sich stattdessen mit der sen worden.
Scheidung wegen gegenseitiger Abnei- Der Widerspruch lässt sich vielleicht
gung oder infolge der Tatsache, dass man am besten dadurch erklären, dass we-
meint, man »passe nicht zusammen«. der Markus noch Lukas den Ausspruch
5,32 Im Reich Christi gilt jedoch: »Je- vollständig wiedergeben. Auch wenn die
der, der seine Frau entlassen wird, au- Scheidung nie das Ideal sein darf, ist sie
ßer aufgrund von Hurerei, macht, dass deshalb in dem Fall erlaubt, wenn ein
mit ihr Ehebruch begangen wird.« Das Partner untreu geworden ist. Jesus erlaubt
47 Matthäus 5

Trennung in einem solchen Fall, aber er Wenn dieses Paar im Ehebruch lebt, dann
gebietet sie nicht. müssten sie nicht nur ihre Sünde beken-
Einige Gelehrte sehen 1. Korinther nen, sondern auch ihren gegenwärtigen
7,12-16 als eine Lehre, die die Scheidung Partner verlassen. Aber Gottes Lösung für
erlaubt, wenn ein Gläubiger von einem ein Problem besteht nie darin, schwieri-
ungläubigen Ehepartner verlassen wird. gere Probleme als vorher aufzuwerfen.
Paulus sagt, dass der übrig gebliebene Wenn Menschen, um einen ehelichen
Partner in diesem Fall »nicht gebunden« Konflikt zu entwirren, in Sünde getrieben
ist, d. h. er oder sie ist frei, eine Scheidung oder Frau und Kinder ohne Geld und Ob-
zu erlangen. Nach Meinung des Autors dach zurückgelassen würden, dann wäre
dieses Kommentars ist hier der gleiche Fall die Heilung schlimmer als die Krankheit.
wie in Matthäus 5 und 19 gemeint ist, dass Nach der Meinung des Autors können
nämlich der Ungläubige weggeht, um mit Christen, die sich unschriftgemäß haben
jemand anders zusammenzuleben. Des- scheiden lassen und dann wieder gehei-
halb kann dem Gläubigen eine Scheidung ratet haben, echte Buße von ihrer Sünde
nur dann gewährt werden, wenn der an- tun und wieder in die Gemeinschaft des
dere Partner Ehebruch begeht. Herrn und der Gemeinde aufgenommen
Es wird oft behauptet, dass Scheidung werden. In Scheidungsfragen liegt fast je-
im NT zwar erlaubt sei, aber die Wieder- der Fall anders. Deshalb müssen die Äl-
heirat nicht erwähnt wird. Dennoch geht testen einer Gemeinde jeden Fall einzeln
das Argument an der Fragestellung vor- untersuchen und ihn gemäß dem Wort
bei. Wiederheirat des unschuldigen Teiles Gottes beurteilen. Wenn einmal Gemein-
wird im NT nicht verurteilt – nur bei dem, dezucht geübt werden muss, dann sollten
der den Anlass zur Scheidung gegeben sich alle Beteiligten der Entscheidung der
hat. Außerdem ist einer der Hauptgründe Ältesten unterordnen.
für schriftgemäße Scheidung die Mög-
lichkeit zur Wiederheirat, sonst würde ja
eine einfache Trennung ausreichen. G. Jesus verurteilt das Schwören
In jeder Diskussion dieses Themas (5,33-37)
kommt unausweichlich die Frage auf: 5,33-36 Das mosaische Gesetz enthielt
»Was ist mit den Menschen, die sich mehrere Verbote, beim Namen Gottes
scheiden ließen, ehe sie gläubig wurden?« nicht falsch zu schwören (3. Mose  19,12;
Es sollte keine Frage sein, dass ungesetz- 4. Mose  30,2; 5. Mose  23,21). Wer beim
liche Scheidungen und Wiederverheira- Namen Gottes schwor, ließ erkennen,
tungen vor der Bekehrung Sünden sind, dass er Gott zum Zeugen dafür aufrief,
die vollständig vergeben worden sind (so dass er die Wahrheit sagte. Die Juden ver-
nennt z. B. Paulus in 1. Kor 6,11 den Ehe- suchten, die Ungehörigkeit zu umgehen,
bruch unter denjenigen Sünden, die die falsch beim Namen Gottes zu schwören,
Korinther in ihrem früheren Leben be- indem sie den Schwur beim Namen Got-
gangen haben). Sünden vor der Bekeh- tes durch den Schwur beim Himmel, bei
rung sollten den Gläubigen nicht von ei- der Erde, bei Jerusalem oder bei ihrem
ner vollen Teilnahme am Ge­meinde­leben Kopf ersetzten.
ausschließen. Jesus verdammt eine solche Um­­
Eine schwierigere Frage betrifft Chris- gehung des Gesetzes als pure Heu­chelei
ten, die sich aus schriftwidrigen Gründen und verbietet jede Form des Schwures
scheiden lassen und dann wieder heira- oder Eides in der normalen Unter­ hal­
ten. Können sie wieder in die Gemein- tung. Es war nicht nur heuchlerisch, son-
schaft der Gemeinde aufgenommen wer- dern auch völlig nutzlos, das Schwören
den? Die Antwort beruht darauf, ob ein beim Namen Gottes nur durch ein an­
Fehltritt in Form eines einmaligen Ehe- deres Hauptwort statt des Gottes­­namens
bruchs oder ein weiterhin bestehendes zu ersetzen. Wer beim Himmel schwört,
ehebrecherisches Verhältnis vorliegt. schwört bei Gottes Thron. Wenn man bei
Matthäus 5 48

der Erde schwört, so schwört man beim Abschnitt scheint uns heute das welt-
Schemel seiner Füße. Wer bei Jerusalem fremdeste zu sein. »Gib dem, der dich
schwört, schwört bei der könig­ lichen bittet, und weise den nicht ab, der von
Hauptstadt. Sogar ein Schwur beim dir borgen will.« Unser Hang nach Besitz
eigenen Kopf beinhaltet Gott, denn er ist und Eigentum lässt uns vor dem Gedan-
der Schöpfer. ken grauen, dasjenige wegzugeben, was
5,37 Für den Christen ist ein Schwur wir uns erarbeitet haben. Wenn wir je-
unnötig. Sein Ja soll ja bedeuten, ebenso doch bereit wären, uns lediglich auf die
wie sein Nein auch nein bedeuten soll. Schätze im Himmel zu konzentrieren,
Wer eine andere Sprache wählt, gibt zu, und nur mit dem Notwendigen an Es-
dass jemand anders – der Böse – ihn re- sen und Kleidung zufrieden wären, dann
giert. Es gibt keinerlei Umstände, in de- könnten wir diese Worte viel williger im
nen ein Christ lügen darf. wörtlichen Sinne auffassen. Die Aussage
Dieser Abschnitt verbietet jede Täu- Jesu setzt voraus, dass derjenige, der um
schung oder »Schönung« der Wahr- Hilfe bittet, wirklich in Not ist. Da es je-
heit. Jedoch wird hier nicht der Eid vor doch unmöglich ist, dies in jedem Fall
Gericht verboten. Jesus selbst sagte wirklich zu wissen, ist es besser, wie je-
vor dem Hohenpriester unter Eid aus: mand einmal sagte, »einer Menge betrü-
(Matth 26,63ff.). Auch Paulus verwandte gerischer Bettler zu helfen, als es zu ris-
einen Eid, um Gott als Zeugen dafür an- kieren, einem wirklich Not Leidenden
zurufen, dass er die Wahrheit schrieb den Rücken zu kehren«.
(2. Kor 1,23; Gal 1,20). Menschlich gesprochen ist ein Verhal-
ten, wie es der Herr hier verlangt, unmög-
H. Die zweite Meile gehen (5,38-42) lich. Nur wenn ein Mensch vom Heiligen
5,38 Das Gesetz sagte: »Auge um Geist geleitet wird, kann er ein aufopfe-
Auge, Zahn um Zahn« (2. Mose  21,24; rungsvolles Leben führen. Nur wenn der
3. Mose 24,20; 5. Mose 19,21). Das war so- Heiland sein Leben im Gläubigen ausle-
wohl das Gebot zur Strafe als auch eine ben darf, kann dieser Beleidigung (V. 39),
Begrenzung der Strafe – die Strafe durfte Ungerechtigkeit (V. 40) und Unbequem-
nie das Verbrechen übersteigen. Dennoch lichkeit (V. 41) mit Liebe beantworten. Das
liegt nach dem Alten Testament die Auf- ist »das Evangelium der zweiten Meile«.
gabe der Bestrafung bei der Obrigkeit
und nicht beim Einzelnen. I. Liebt eure Feinde (5,43-48)
5,39-41 Jesus ging hier über das Ge- 5,43 Das letzte Beispiel unseres Herrn für
setz hinaus und zu einer höheren Gerech- die höhere Gerechtigkeit, die sein Reich
tigkeit, indem er die Vergeltung an sich verlangt, betrifft den Umgang mit den
abschaffte. Er zeigte seinen Jüngern, dass Feinden – ein Thema, das sich auf na-
Rache zwar einst vom Gesetz erlaubt war, türliche Weise aus dem vorangegange-
aber jetzt das Erdulden durch die Gnade nen Abschnitt ergibt. Das Gesetz lehrte
möglich geworden war. Jesus lehrte seine die Israeliten, den Nächsten zu lieben
Nachfolger, einem Bösen keinen Wider- (3. Mose 19,18). Obwohl nie ausdrücklich
stand zu leisten. Wenn jemand sie auf die gesagt wird, dass sie ihre Feinde hassen
Wange schlug, dann sollten sie ihm auch sollen, fand sich dieser Geist doch oft in
die andere darbieten. Wenn jemand das ihrer Unterweisung. Diese Haltung war
Unterkleid verlangen sollte, dann soll- eine Zusammenfassung der alttestament-
ten sie ihm auch den Mantel lassen (er lichen Haltung gegenüber denen, die das
wurde auch als Zudecke für die Nacht Volk Gottes verfolgten (s. Ps 139,21.22).
verwendet). Wenn eine Person sie zwin- Das war eine gerechte Feindschaft gegen-
gen würde, ihr Gepäck eine Meile weit über denjenigen, die erklärte Feinde Got-
zu tragen, sollten die Jünger es freiwillig tes waren.
zwei Meilen tragen. 5,44-47 Aber nun verkündet Jesus,
5,42 Das letzte Gebot Jesu in diesem dass wir unsere Feinde lieben und für die
49 Matthäus 5 und 6

beten sollen, die uns verfolgen. Die Tatsa- beschäftigt Jesus sich mit drei besonde-
che, dass Liebe hier befohlen wird, zeigt ren Gebieten der praktischen Gerechtig-
uns, dass es hier um den Willen und nicht keit im Leben eines Menschen: Wohltä-
in erster Linie um ein Gefühl geht. Es hat tigkeit (V. 1-4), Gebet (V. 5-15) und Fasten
nichts mit natürlicher Sympathie zu tun, (V. 16-18). Der Name »Vater« wird in die-
weil es nicht natürlich ist, diejenigen zu sen 18 Versen zehnmal verwendet und
lieben, die uns hassen und Böses antun. ist das Schlüsselwort dieses Abschnittes.
Es geht um eine übernatürliche Gnade, Praktische Werke der Gerechtigkeit soll-
die nur bei denen Wirklichkeit werden ten getan werden, um Gottes Wohlgefal-
kann, die Leben aus Gott haben. len zu erlangen, und nicht, um von Men-
Es gibt keinen Lohn dafür, wenn wir schen geehrt zu werden.
diejenigen lieben, die uns lieben. Jesus Jesus beginnt diesen Teil seiner Pre-
sagt, dass sogar unbekehrte Zöllner6 dies digt mit einer Warnung vor der Versu-
täten. Für diese Liebe ist keine göttliche chung, unsere Frömmigkeit durch Almo-
Macht nötig. Auch ist es keine Tugend, sengeben (Anmerkung Elberfelder Bibel)
nur unsere Brüder7, d. h. unsere Verwand- nicht zur Schau zu stellen, indem wir dar­
ten und Freunde, zu grüßen. Auch die auf achten, dass es von anderen gesehen
nicht Erretteten sind dazu imstande, des- wird. Hier wird nicht die Tat an sich ver-
halb ist es nichts spezifisch Christ­liches. urteilt, sondern die Haltung, die dahin-
Wenn unsere Maßstäbe nicht höher als tersteht. Wenn öffentliche Anerkennung
die Standards der Welt sind, dann wer- die Motivation ist, dann bleibt diese An-
den wir auf sie nie Einfluss haben können. erkennung auch der einzige Lohn, denn
Jesus sagte, dass seine Nachfolger Bö- Gott belohnt Heuchelei nicht.
ses mit Gutem vergelten sollten, damit sie 6,2 Es scheint fast unglaublich zu sein,
Söhne ihres Vaters in den Himmeln sind. dass es Heuchler gab, die lautstark die
Er sagte damit nicht, dass dies der Weg Aufmerksamkeit auf sich zogen, wenn
sei, Söhne Gottes zu werden, sondern zu sie in der Synagoge ein Opfer oder auf
zeigen, dass wir Gottes Kinder sind. Da der Straße einem Bettler ein Almosen ga-
Gott weder den Guten noch den Bösen ben. Der Herr lehnt ihr Verhalten mit dem
vorzieht (d. h. dass beide von Sonne und knappen Kommentar ab: »Sie haben ih-
Regen Nutzen haben), so sollten wir mit ren Lohn dahin« (d. h. ihr einziger Lohn
allen freundlich und fair umgehen. ist der Ruf, den sie sich damit auf Erden
5,48 Jesus beschließt diesen Abschnitt erwerben).
mit der Ermahnung: »Ihr nun sollt voll- 6,3.4 Wenn ein Nachfolger Christi ein
kommen sein, wie euer himmlischer Va- Almosen gibt, dann sollte das im Ver-
ter vollkommen ist.« Das Wort »vollkom- borgenen geschehen. Es sollte so geheim
men« ist hier nur im Zusammenhang zu geschehen, dass Jesus seinen Jüngern
verstehen. Es bedeutet nicht sünd- oder sagte: »Wenn du aber Almosen gibst, so
fehlerlos. Die vorhergehenden Verse er- soll deine Linke nicht wissen, was deine
klären, dass Vollkommenheit bedeutet, Rechte tut.« Jesus benutzt diesen bild­
diejenigen zu lieben, die uns hassen, für lichen Ausdruck, um zu zeigen, dass un-
die zu beten, die uns verfolgen, und so- sere Almosen für den Vater bestimmt sind
wohl Freunden als auch Feinden gegen- und nicht dazu dienen sollen, den Geber
über freundlich zu sein. Vollkommen- groß herauszustellen.
heit ist hier die geistliche Reife, die einen Dieser Abschnitt sollte nicht dazu
Christen befähigt, Gott nachzuahmen, missbraucht werden, jede Gabe zu ver-
der jedem seinen Segen ohne Unterschied hindern, die andere sehen könnten, da es
zukommen lässt. fast unmöglich ist, alle unsere Gaben ano-
nym zu geben. Hier handelt es sich ledig-
J. Aufrichtiges Geben (6,1-4) lich um die Verurteilung von Almosen­
6,1 In der ersten Hälfte dieses Kapitels geben, um eigene Ehre zu erlangen.
Matthäus 6 50

K. Aufrichtiges Beten (6,5-8) L. Jesus gibt uns ein Vorbild für unser
6,5 Als Nächstes warnt Jesus seine Jünger Gebet (6,9-15)
vor Heuchelei beim Beten. Sie sollten sich 6,9 In den Versen 9-13 haben wir das so-
nicht mit Absicht auf öffentliche Plätze genannte »Gebet des Herrn«. Wenn wir
stellen, sodass andere sie beten sehen und diesen Titel dafür gebrauchen, sollten wir
von ihrer Frömmigkeit beeindruckt sind. im Gedächtnis behalten, dass er selbst es
Wenn die Ruhmsucht das einzige Motiv nie gesprochen hat. Er gibt es seinen Jün-
des Gebets ist, dann wird der Ruhm nach gern als ein Vorbild, nach dem sie ihre
den Worten Jesu die einzige Belohnung Gebete gestalten können. Es ist nicht eine
sein. Vorschrift, genau diese Worte zu gebrau-
6,6 In den Versen 5 und 7 steht im chen. Vers 7 scheint dieses auszuschlie-
Griechischen das Personalpronomen in ßen, weil viele Worte leere Phrasen wer-
der Mehrzahl (ihr). Aber in Vers 6 steht es den, wenn man sie auswendig dahersagt.
in der Einzahl, um den privaten Charak- »Unser Vater, der du bist in den Him-
ter des Umganges mit Gott zu betonen. meln.« Gebete sollten an Gott den Vater
Der Schlüssel zu erhörten Gebeten ist, gerichtet sein, indem man seine souve-
im Verborgenen zu beten (»geh in deine räne Herrschaft über das Universum an-
Kammer, und nachdem du deine Tür ge- erkennt.
schlossen hast, bete zu deinem Vater …«). »Geheiligt werde dein Name.« Wir
Wenn unser wahres Motiv ist, mit unse- sollten unsere Gebete mit Anbetung be-
ren Bitten Gott zu erreichen, dann will er ginnen, indem wir dem Ehre und Lob ge-
hören und antworten. ben, der beides so sehr verdient hat.
Wir lesen zu viel in diese Stelle hin- 6,10 »Dein Reich komme.« Nachdem
ein, wenn wir sie gebrauchen, um öffent- wir angebetet haben, sollten wir für den
liches Gebet zu verbieten. Die erste Ge- Fortgang der Sache Gottes beten und so
meinde kam zum gemeinsamen Gebet seine Anliegen an die erste Stelle setzen.
zusammen (Apg 2,42; 12,12; 13,3; 14,23; Insbesondere sollten wir für den Tag be-
20,36). Es geht nicht darum, wo wir be- ten, an dem unser Rettergott, der Herr
ten, sondern warum wir beten – um von Jesus Christus, sein Reich auf Erden auf-
Menschen gesehen oder von Gott gehört richten und in Gerechtigkeit regieren
zu werden. wird.
6,7 Gebet sollte nicht aus vergeblichen »Dein Wille geschehe.« Durch diese
Wiederholungen, d. h. aus vorformulier- Bitte erkennen wir an, dass Gott weiß,
ten Sätzen oder leeren Phrasen, bestehen. was am besten ist, und unterstellen un-
Nicht errettete Menschen beten so, aber seren Willen dem seinen. Sie drückt auch
Gott lässt sich nicht dadurch beeindru- unsere Sehnsucht aus, dass sein Wille in
cken, dass wir viel reden. Er möchte ein der ganzen Welt anerkannt wird.
von Herzen kommendes Gebet hören. »Wie im Himmel so auch auf Erden.«
6,8 Unser Vater weiß, was wir be­­ Dieser Teil bezieht sich auf alle drei vor-
nötigen – und das sogar schon, ehe wir hergegangenen Bitten. Die Anbetung
ihn bitten. Deshalb kann man die berech- Gottes, seine souveräne Herrschaft und
tigte Frage stellen: »Warum sollen wir die Ausführung seines Willens sind im
denn dann überhaupt beten?« Der Grund Himmel schon verwirklicht. Dies ist das
ist, dass wir im Gebet unsere Bedürftig- Gebet darum, dass diese Bedingungen in
keit und Abhängigkeit von ihm aner- derselben Weise nun auch für die Erde
kennen. Gebet ist die Grundlage des Ge- gelten sollen.
spräches mit Gott. Auch tut Gott gewisse 6,11 »Unser tägliches Brot gib uns
Dinge als Antwort auf das Gebet, die er heute.« Nachdem wir Gottes Anliegen an
anderenfalls nicht getan hätte (Jak 4,2d). die erste Stelle gesetzt haben, dürfen wir
nun auch unsere eigenen Nöte vor ihn
bringen. Mit dieser Bitte erkennen wir
unsere Abhängigkeit von Gott an, dass
51 Matthäus 6

er uns unser tägliches Brot gibt, sei es in bete keine andere Grundlage als nur Gott
geistlicher oder materieller Hinsicht. haben«.
6,12 »Und vergib uns unsere Schul- 6,14.15 Diese Verse sind eine erklä-
den, wie auch wir unseren Schuldnern rende Anmerkung zu Vers 12. Sie gehören
vergeben.« Dieser Satz bezieht sich nicht nicht zu dem Gebet, aber sind hier ange-
auf die Vergebung von Schuld, die wir fügt, um zu betonen, dass die väterliche
durch Übertretung des Gesetzes auf uns Vergebung wie in Vers 12 unbedingt not-
geladen haben (diese Vergebung wird wendig ist.
uns durch den Glauben an den Sohn
Gottes gewährt). Vielmehr nimmt er Be- M. Jesus lehrt, wie man fasten soll
zug auf die väterliche Vergebung, die (6,16-18)
zur Aufrechterhaltung der Beziehung 6,16 Die dritte Form von religiöser Heu-
mit unserem Vater notwendig ist. Wenn chelei, die Jesus hier kritisierte, ist der
die Gläubigen nicht willens sind, denen bewusste Versuch, als Fastender zu er-
zu vergeben, die ihnen Unrecht tun, wie scheinen. Die Heuchler verstellten ihre
können sie dann erwarten, mit ihren Va- Gesichter, wenn sie fasteten, damit sie ab-
ter Gemeinschaft zu haben, der ihnen gezehrt, ausgemergelt und trübselig aus-
groß­­zügig ihre eigenen Sünden ver­geben sahen. Doch Jesus sagt, dass der Versuch,
hat? heilig erscheinen zu wollen, lächerlich ist.
6,13 »Und führe uns nicht in Versu- 6,17.18 Wahre Gläubige sollten im Ver-
chung.« Diese Bitte scheint Jakobus 1,13 borgenen fasten, und nicht nach außen
zu widersprechen, in der es heißt, dass hin so scheinen, als ob sie fasten würden.
Gott niemanden versucht. Dennoch er- Das Haupt zu salben und das Gesicht zu
laubt es Gott, dass sein Volk erprobt wird. waschen, waren Mittel, um normal aus-
Diese Bitte drückt ein gesundes Miss- zusehen. Es reicht, wenn der Vater davon
trauen gegenüber der eigenen Fähigkeit weiß. Sein Lohn wird besser sein als die
aus, den Versuchungen zu widerstehen Anerkennung durch Menschen.
oder in der Anfechtung standfest zu blei-
ben. Sie drückt die Anerkennung der völ-
ligen Abhängigkeit vom Herrn in Bezug Exkurs zum Fasten
auf Bewahrung aus. Fasten heißt, dass man jeden Versuch
»Sondern errette uns von dem Bösen.« unterlässt, den normalen Appetit zu be-
Das ist das Gebet aller, die sich danach friedigen. Fasten kann freiwillig sein,
sehnen, durch die Kraft Gottes von der wie in diesem Abschnitt, oder unfreiwil-
Sünde abgehalten zu werden. Es ist der lig (z. B. in Apg 27,33 oder 2. Kor 11,27).
Schrei des Herzens nach täglicher Heili- Im NT wird das Fasten im Zusammen-
gung von der Macht der Sünde und Sa- hang mit Trauer (Matth 9,14.15) und Ge-
tans im persönlichen Leben. bet (Lk 2,37; Apg 14,23) gesehen. In diesen
»Denn dein ist das Reich und die Kraft Abschnitten begleitet das Fasten das Ge-
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.« bet als Zeichen der eigenen Ernsthaftig-
Der letzte Satz dieses Gebetes wird in keit, den Willen Gottes zu erkennen.
den römisch-katholischen und in den Fasten hat keinen Wert für die Erret-
meisten evangelischen Bibelübersetzun- tung des Menschen, auch gibt es dem
gen weggelassen, weil er in vielen alten Christen keinen besonderen Status vor
Handschriften fehlt. Dennoch ist ein sol- Gott. Ein Pharisäer rühmte sich einst,
cher Lobpreis der vollkommene Schluss dass er zweimal die Woche fastete, den-
für das Gebet, der auch im Textus Recep- noch erlangte er damit nicht die Rechtfer-
tus enthalten ist.8 Er sollte, wie Johannes tigung, die er suchte (Lk 18,12.14). Aber
Calvin schreibt, »nicht nur unsere Herzen wenn ein Christ im Verborgenen als geist-
erwärmen, damit sie allein auf die Herr- liche Übung fastet, dann sieht Gott das
lichkeit Gottes hin ausgerichtet sind, son- und belohnt es. Fasten wird im NT zwar
dern uns auch sagen, dass all unsere Ge- nicht befohlen, doch werden wir durch
Matthäus 6 52

das Versprechen der Belohnung dazu er- O. Die Lampe des Leibes (6,22.23)
mutigt. Fasten kann im Gebetsleben hel- 6,22.23 Jesus war sich im Klaren darüber,
fen, indem es Lustlosigkeit und Schläf- dass es seinen Nachfolgern schwerfallen
rigkeit nimmt. Es ist in Krisenzeiten sehr würde, die praktische Umsetzbarkeit sei-
wertvoll, wenn man den Willen Gottes zu ner ungewöhnlichen Lehre über wahre
erfahren sucht. Und es ist von Wert, um Sicher­heit in der Zukunft zu erkennen.
sich in der Selbstdisziplin zu üben. Fasten So benutzte er die Analogie des mensch-
ist eine Angelegenheit zwischen einem lichen Auges, um eine Lektion über geist-
einzelnen Gläubigen und Gott und sollte liches Sehvermögen zu lehren. Er sagte,
nur aus dem Wunsch heraus durchge- dass das Auge die Lampe des Leibes ist.
führt werden, Gott zu gefallen. Es verliert Nur durch das Auge kann der Leib sehen
seinen Wert, wenn es von außen auferlegt und Licht aufnehmen. Wenn das Auge klar
wird oder aus einem falschen Motiv her- ist, dann wird der ganze Leib mit Licht
aus »vorgezeigt« wird. durch­­flutet. Aber wenn das Auge böse ist,
dann ist die Sehkraft eingeschränkt. Statt
Licht herrscht dann Finsternis.
N. Sammelt euch Schätze im Himmel Die Anwendung ist folgende: Das
(6,19-21) gute Auge gehört dem Menschen, des-
Dieser Abschnitt enthält einige der revo- sen Motive rein sind, der nur das Verlan-
lutionärsten – und der am meisten miss- gen hat, Gottes Absichten zu dienen, und
achteten – Lehren unseres Herrn. Das der gewillt ist, die Lehren Christi wörtlich
Thema des zweiten Teils dieses Kapitels zu nehmen. Sein ganzes Leben wird von
ist, wie man für die Zukunft vorsorgt. Licht erfüllt sein. Er glaubt den Worten
6,19.20 In den Versen 19-21 wider- Jesu, gibt alle irdischen Reichtümer auf
spricht Jesus allem menschlichen Rat, und sammelt sich einen Schatz im Him-
wie man sich eine finanziell gesicherte mel, und er weiß, dass dies die einzige
Zukunft schafft. Wenn er sagt: »Sammelt wirkliche Sicherheit bietet. Auf der an-
euch nicht Schätze auf Erden«, dann will deren Seite gehört das böse Auge einem
er damit sagen, dass Materielles niemals Menschen, der versucht, für zwei Welten
Sicherheit geben kann. Jede Art von ma- zu leben. Er will seine irdischen Reichtü-
teriellen Schätzen auf der Erde kann ent- mer nicht loslassen, doch möchte er auch
weder von den Naturgewalten zerstört Schätze im Himmel haben. Die Lehre Jesu
werden (Motte und Rost) oder von Die- scheint in seinen Augen für die Praxis un-
ben gestohlen werden. Jesus sagt, dass die geeignet und nicht umsetzbar zu sein.
einzigen Investitionen, die nie verloren Ihm fehlt deutliche Führung, weil er in
gehen können, Schätze im Himmel sind. der Dunkelheit ist.
6,21 Diese radikale Haltung gegen- Jesus fügt noch die Aussage hinzu:
über dem Geld beruht auf dem Grund- »Wenn nun das Licht, das in dir ist, Fins-
satz, dass dort, »wo dein Schatz ist, auch ternis ist, wie groß die Finsternis!« Mit
dein Herz sein wird«. Wenn Ihr Geld in anderen Worten, wenn Sie wissen, dass
einem Tresor liegt, dann sind Ihr Herz Christus Ihnen verbietet, Ihre Sicherheit
und Ihr Verlangen auch dort. Wenn Ihre auf irdische Reichtümer zu bauen, und
Schätze jedoch im Himmel sind, dann es dennoch tun, dann wird die Lehre, der
werden sich Ihre Interessen auch um den Sie nicht gehorcht haben, Finsternis – eine
Himmel drehen. Diese Lehre Jesu stellt sehr starke Form geistlicher Blindheit. Sie
uns vor die Entscheidung, ob er wirklich können Reichtum dann nicht mehr in sei-
meinte, was er sagte. Wenn er es wirklich ner wahren Bedeutung erkennen.
meinte, dann haben wir uns die Frage zu
stellen: »Was sollen wir dann mit unseren P. Man kann nicht Gott dienen und
irdischen Schätzen tun?« Wenn er es nicht dem Mammon (6,24)
so gemeint hat, dann sollten wir uns fra- 6,24 Die Unmöglichkeit, gleichzeitig für
gen: »Was machen wir hier mit der Bibel?« Gott und für das Geld zu leben, wird hier
53 Matthäus 6

durch das Verhältnis von Herr und Sklave sich Sorgen zu machen. Sie säen nicht,
gesehen. »Niemand kann zwei Herren noch ernten sie, und doch ernährt Gott
dienen.« Einer wird immer der sein, dem sie. Da wir in Gottes Schöpfungshierar-
man mehr Gehorsam entgegenbringt. Ge- chie vorzüglicher als die Vögel sind, kön-
nauso ist es mit Gott und dem Mammon. nen wir sicherlich erwarten, dass Gott
Sie stellen unterschiedliche Anforderun- sich unserer Bedürfnisse annimmt.
gen, und wir haben uns zu entscheiden. Aber wir sollten davon nicht ableiten,
Entweder müssen wir Gott an die erste dass wir nicht arbeiten brauchten, um
Stelle setzen und die Herrschaft des Mate- unsere gegenwärtigen Bedürfnisse zu
rialismus ablehnen, oder wir müssen für befriedigen. Paulus erinnert uns: »Wenn
Zeitliches leben und Gottes Anspruch auf jemand nicht arbeiten will, soll er auch
unser Leben ablehnen. nicht essen« (2. Thess 3,10). Auch sollten
wir daraus nicht schließen, dass es für ei-
Q. Sorgt euch nicht (6,25-34) nen Bauern falsch ist, zu säen, zu schnei-
6,25 In diesem Abschnitt zielt Jesus auf den und zu ernten. Diese Tätigkeiten sind
unsere Neigung, Essen und Kleidung ein notwendiger Teil der Erfüllung seiner
zum Mittelpunkt unseres Lebens zu ma- gegenwärtigen Bedürfnisse. Jesus ver-
chen und so am wirklichen Sinn des Le- bietet hier, viele Scheunen zu bauen, um
bens vorbeizugehen. Das Problem dabei sich eine sichere Zukunft unabhängig von
ist meist nicht so sehr, was wir heute es- Gott aufzubauen (eine Praxis, die er in
sen und womit wir uns heute kleiden, son- seiner Geschichte vom reichen Kornbau-
dern was wir in zehn, zwanzig oder drei- ern in Lukas 12,16-24 verurteilt). In den
ßig Jahren essen und womit wir uns dann Anmerkungen des Bibellesebundes wird
kleiden werden. Solche Zukunftssorgen Vers 26 treffend zusammengefasst:
sind Sünde, weil sie die Liebe, Weisheit Die Begründung lautet, dass Gott, der
und Macht Gottes verneinen. Wir leug- niedere Kreaturen ohne ihre wissentliche Be-
nen Gottes Liebe, indem wir zu verstehen teiligung erhält, umso mehr diejenigen durch
geben, dass wir meinen, er sorge nicht für ihre aktive Mithilfe erhält, um derentwillen er
uns. Wir leugnen seine Weisheit, indem die Schöpfung gemacht hat.
wir sagen, dass er nicht weiß, was er tut. 6,27 Zukunftssorgen verunehren Gott
Und wir stellen seine Macht infrage, in- nicht nur – sie sind auch unnötig. Der
dem wir erkennen lassen, dass er nicht Herr zeigt das durch die Frage: »Wer aber
imstande ist, für uns zu sorgen. unter euch kann mit Sorgen seiner Größe
Diese Art von Sorgen veranlasst uns, (Anmerkung revidierte Elberfelder Bibel)
unsere besten Energien damit zu ver- eine Elle zusetzen?« Ein kleiner Mensch
schwenden, uns so abzusichern, dass wir kann sich selbst nicht 30 cm größer ma-
genug zum Leben haben. Ehe wir uns chen, indem er sich sorgt. Und in gewis-
aber darüber bewusst werden, ist unser ser Hinsicht wäre es sicherlich einfacher,
Leben schon vergangen, und wir sind der dies durch Sorgen zu erreichen, als alles,
wichtigsten Zweckbestimmung, für die was man für die Zukunft braucht, herbei-
wir geschaffen worden sind, nicht gerecht zusorgen.
geworden. Als Gott uns nach seinem Bild 6,28-30 Als Nächstes beschäftigt sich
erschuf, ging unsere Bestimmung weit der Herr mit der Unvernunft der Sorge,
darüber hinaus, nur leibliche Nahrung zu dass wir in Zukunft nicht genug an-
uns zu nehmen. Wir sind hier, um ihn zu zuziehen haben. Die Lilien des Feldes
lieben, ihn anzubeten, ihm zu dienen und (wahrscheinlich ist hier eine wilde Ane-
seine Interessen auf dieser Erde zu vertre- monenart gemeint) »mühen sich nicht,
ten. Unsere Leiber sollen unsere Knechte auch spinnen sie nicht«. Dennoch über-
sein, nicht unsere Herren. steigt ihre Schönheit die Anmut der kö-
6,26 Die Vögel des Himmels zeigen niglichen Kleider Salomos. Wenn Gott
Gottes Fürsorge für seine Geschöpfe. Sie für eine wilde Blume ein solch elegantes
sollen uns predigen, wie unnütz es ist, Kleid schaffen kann, die doch nicht lange
Matthäus 6 und 7 54

lebt und die man schließlich im Ofen ver- sere Aufgabe ist es, einfach für unsere
brennt, damit man Brot backen kann, gegenwärtigen Bedürfnisse zu sorgen, al-
dann wird er sicherlich für sein Volk sor- les andere sollte in das Werk des Herrn
gen, das ihn anbetet und ihm dient. investiert werden. Wir werden aufgeru-
6,31.32 Die Schlussfolgerung lautet, fen, nur für den heutigen Tag zu leben:
dass wir unser Leben nicht in ängstli- »Der morgige Tag wird für sich selbst sor-
chem Sorgen für zukünftiges Essen, Trin- gen.«
ken und Kleidung verbringen sollen. Die
unbekehrten Heiden leben für die ver- R. Richtet nicht (7,1-6)
rückte Anhäufung von materiellen Gü- Dieser Abschnitt über das Richten folgt
tern, als ob Essen und Kleidung das ganze direkt auf Jesu provokante Lehren über
Leben wären. Aber so sollte es bei Chris- den Reichtum. Die Verbindung dieser
ten nicht sein, deren himmlischer Vater beiden Themen ist wichtig. Es ist leicht
ihre Grundbedürfnisse kennt. für den Christen, der alles aufgegeben
Wenn Christen sich zum Ziel setzen hat, reiche Christen zu kritisieren. Ande-
würden, für alle ihre zukünftigen Bedürf- rerseits gibt es Christen, die ihre Pflicht,
nisse im Voraus zu sorgen, dann würde für die zukünftigen Bedürfnisse ihrer Fa-
ihre ganze Zeit und Energie der Anhäu- milie vorzusorgen, ernst nehmen und
fung von Finanzreserven dienen müssen. dazu neigen, den wörtlichen Gehorsam
Sie können nie sicher sein, dass sie genug derer herunterzuspielen, denen diese
gespart haben, weil es immer die Gefahr letzten Worte Jesu sehr am Herzen liegen.
einer Wirtschaftskrise, der Inflation, ei- Da aber niemand völlig aus dem Glauben
ner Katastrophe, einer langen Krankheit lebt, ist solche Kritik nicht angebracht.
oder eines Unfalls gibt, der sie als körper- Dieses Gebot, nicht zu richten, be­
lich Versehrte zurücklässt. Dies bedeutet, inhaltet die folgenden Bereiche: Wir soll-
dass die Angehörigen des Volkes Got- ten nicht über die Motivation an­ derer
tes ihm den Dienst vorenthalten würden, richten, denn nur Gott kennt sie; wir
dem sie ihm schuldig sind. Das wirkliche sollten nicht nach dem Äußeren richten
Ziel, wofür sie geschaffen und bekehrt (Joh 7,24; Jak 2,1-4); wir sollten diejeni-
wurden, würde verfehlt werden. Männer gen nicht richten, die sich aus Dingen ein
und Frauen, die sich durch Gotteseben- Gewissen machen, die an sich weder gut
bildlichkeit auszeichnen, würden für eine noch böse sind (Röm 14,1-5); wir sollten
unsichere Zukunft auf dieser Erde leben, nicht den Dienst anderer Christen richten
während sie doch so leben sollten, dass (1. Kor 5,1-5); und wir sollten unsere Mit-
sie die Werte der Ewigkeit im Blick haben. christen nicht richten, indem wir schlecht
6,33 Der Herr schließt deshalb mit sei- über sie sprechen (Jak 4,11.12).
nen Nachfolgern einen Bund. Er sagt im 7,1 Manchmal werden diese Worte
Grunde: »Wenn du Gottes Interessen an von Menschen missverstanden, die aus
die erste Stelle in deinem Leben stellst, ihnen herauslesen, dass alle Formen des
dann werde ich für die Erfüllung deiner Richtens verkehrt seien. Ganz gleich, was
zukünftigen Bedürfnisse sorgen. Wenn geschieht, sie sagen in ihrer Frömmig-
du zuerst nach dem Reich Gottes und keit: »Richtet nicht, damit ihr nicht ge-
nach seiner Gerechtigkeit trachtest, dann richtet werdet!« Aber Jesus lehrt nicht,
werde ich darauf achten, dass es dir nie dass wir nicht mehr unterscheiden sol-
an dem fehlt, was zum Leben notwendig len. Er wollte nie, dass wir unsere Fähig-
ist.« keit, Dinge kritisch zu durchdenken und
6,34 Das ist Gottes »Sozialversiche- zu unterscheiden, aufgeben sollten. Das
rung«. Die Verantwortung des Gläubi- NT kennt viele Fälle von gerechtfertig-
gen besteht darin, für den Herrn zu leben tem Gericht über den Zustand, das Ver-
und in Bezug auf die Zukunft in dem un- halten oder die Lehre anderer. Außerdem
erschütterlichen Vertrauen auf Gott zu le- gibt es verschiedene Gebiete, auf denen
ben, dass er alles Nötige geben wird. Un- dem Christ sogar geboten ist, eine Ent-
55 Matthäus 7

scheidung zu treffen, zwischen Gut und könnten jemandem bei einem Fehler hel-
Böse oder zwischen dem Guten und dem fen, wenn wir selbst einen noch größeren
Besten zu unterscheiden. Dazu gehören: Fehler haben. Wir müssen unsere eigenen
1. Wenn sich Streitfragen unter Gläubi- Fehler beseitigen, ehe wir sie an anderen
gen ergeben, dann sollten sie in der kritisieren können.
Gemeinde vor Gliedern geklärt wer- 7,6 Vers 6 zeigt, dass Jesus nicht jede
den, die in diesem Fall entscheiden Form des Richtens verurteilt. Er warnte
können (1. Kor 6,1-8). seine Jünger davor, Heiliges den Hunden
2. Die Ortsgemeinde soll schwere Sün- zu geben und Perlen vor die Schweine zu
den ihrer Glieder richten und ent- werfen. Im Rahmen des mosaischen Ge-
sprechende Maßnahmen ergreifen setzes waren Hunde und Schweine un-
(Matth 18,17; 1. Kor 5,9-13). reine Tiere. Diese Ausdrücke werden hier
3. Gläubige sollen die Lehre von Pre- benutzt, um böse Menschen zu bezeich-
digern und Lehrern am Wort Gottes nen. Wenn wir schlechten Menschen be-
messen (Matth  7,15-20; 1. Kor  14,29; gegnen, die göttliche Wahrheiten aus-
1. Joh 4,1). gesprochen verachtungsvoll mit Füßen
4. Christen müssen herausfinden, ob an- treten und auf unsere Predigt über die
dere wirklich gläubig sind, damit sie Ansprüche Christi mit Schmähungen
dem Gebot von Paulus in 2. Korin- oder sogar Gewalt reagieren, sind wir
ther 6,14 gehorchen können. nicht mehr verpflichtet, ihnen noch wei-
5. Die Gemeindeglieder sollen erkennen, ter das Evangelium zu bringen. Wenn wir
welche Männer die notwendigen Ei- hier weitermachen, bringen wir nur noch
genschaften haben, um Älteste und schlimmere Verdammnis über diese Men-
Diakone zu werden (1. Tim 3,1-13). schen.
6. Wir haben zu entscheiden, welche Man braucht hier sicher nicht zu be-
Menschen unordentlich, kleinmütig tonen, dass man geistliche Unterschei-
oder schwach sind, um mit ihnen ent- dungsgabe benötigt, um diese Menschen
sprechend den Anweisungen der Bi- herauszufinden. Vielleicht beschäftigen
bel zu verfahren (1. Thess 5,14). sich deshalb die nächsten Verse mit dem
7,2 Jesus warnte, dass ungerechtes Gebet, in dem wir z. B. um Weisheit bit-
Gericht auf gleiche Weise zurückgezahlt ten können.
würde: »Denn mit welchem Gericht ihr
richtet, werdet ihr gerichtet werden.« Die- S. Anhaltend bitten, suchen und
ses Prinzip, demzufolge man erntet, was anklopfen (7,7-12)
man sät, findet sich in allen menschlichen 7,7.8 Wenn wir denken, dass wir die Leh-
Angelegenheiten und im ganzen Leben ren der Bergpredigt durch unsere eigene
wieder. Markus wendet das Prinzip auf Kraft ausleben können, dann haben wir
unsere Aneignung des Wortes Gottes das übernatürliche Wesen des Lebens, zu
(Mk 4,24) und Lukas auf unsere Bereit- dem uns der Heiland aufruft, nicht ver-
schaft zum Geben an (Lk 6,38). standen. Die Weisheit oder Kraft für ein
7,3-5 Jesus stellte unsere Neigung her­ solches Leben muss uns von oben ge­
aus, den kleinsten Fehler bei anderen zu geben werden. So werden wir hier ein-
entdecken, während wir den gleichen geladen, zu bitten und immer wieder zu
Fehler bei uns übersehen. Er überspitzte bitten, zu suchen und immer wieder zu
die Situation absichtlich (er benutzte eine suchen und zu klopfen und immer wie-
sprachliche Ausdrucksweise, die man der zu klopfen. Weisheit und Kraft für das
Übertreibung nennt), um die Sache auf christliche Leben werden denen gegeben,
den Punkt zu bringen. Jemand, der selbst die ernsthaft und anhaltend dafür beten.
einen Balken im Auge hat, nimmt oft An- Wenn wir die Verse 7 und 8 aus ihrem
stoß an dem Splitter im Auge eines ande- Kontext reißen, dann könnte man mei-
ren und verkennt dabei seine eigene Si- nen, dass wir hier einen Blankoscheck
tuation. Es ist Heuchelei zu meinen, wir für Gläubige haben, als ob sie alles be-
Matthäus 7 56

kommen, worum sie bitten. Aber das ist Dieser Ausspruch Jesu enthält »das
schlicht und einfach falsch. Die Verse müs- Ge­­­­­­­­setz und die Propheten«, das heißt, er
sen in ihrem unmittelbaren Zusammen- fasst die moralischen Lehren des Ge­setzes
hang und im Licht der ganzen biblischen Mose und die Schiften der Pro­ pheten
Lehre vom Gebet gesehen werden. Des- Is­­­­raels zusammen. Die Gerechtigkeit, die
halb wird das, was hier als unbegrenzte vom AT gefordert wurde, wird durch be­­­­­­­­
Zusage erscheint, durch andere Stellen kehrte Gläubige erfüllt, die auf diese Wei­­­se
beschränkt. In Psalm 66,18 erfahren wir im Geist wandeln (Röm 8,4). Würde die­­­ser
zum Beispiel, dass im Leben des Beters Vers überall befolgt werden, dann wür­­­­de
keine Sünde sein darf, die er Gott nicht er alle Gebiete internationaler Beziehun-
bekannt hat. Der Christ muss im Glauben gen, der Politik eines Volkes sowie des Fa-
(Jak 1,6-8) und in Übereinstimmung mit milien- und Gemeinde­lebens verändern.
dem Willen Gottes beten (1. Joh 5,14). Das
Gebet muss ausdauernd (Lk 18,1-8) und T. Der schmale Weg (7,13.14)
aufrichtig sein (Hebr 10,22a). 7,13.14 Der Herr warnt uns hier, dass die
7,9.10 Wenn die Bedingungen für Ge- Pforte der christlichen Jüngerschaft eng
bet erfüllt sind, dann kann der Christ die und der Weg schwer ist.9 Aber diejeni-
völlige Gewissheit haben, dass Gott hört gen, die seiner Lehre treu folgen, werden
und antwortet. Diese Verheißung hat ih- überfließendes Leben finden. Anderer-
ren Grund in Gottes Eigenschaften, der seits gibt es die weite Pforte – ein selbst-
unser Vater ist. Auf rein menschlicher und vergnügungssüchtiges Leben. Das
Ebene wissen wir: Wenn ein Sohn um Brot Ende eines solchen Lebens ist das Verder-
bittet, gibt sein Vater ihm keinen Stein. Er ben. Hier wird nicht davon geredet, dass
würde ihm auch keine Schlange geben, man seine Seele verlieren könnte, sondern
wenn er um einen Fisch gebeten hat. Ein dass man es versäumt, dem Plan Gottes
irdischer Vater würde seinen hungrigen entsprechend zu leben.
Sohn weder betrügen noch ihm irgendet- Diese Verse haben auch eine Anwen-
was geben, das ihm Schmerzen bereitet. dung auf das Evangelium, indem sie die
7,11 Der Herr schließt hier vom Gerin- zwei Wege und Schicksale der Mensch-
geren auf das Höhere. Wenn menschliche heit bildlich darstellen. Die weite Pforte
Eltern die Bitten ihrer Kinder mit dem be- und der breite Weg führen zum Verder-
antworten, was für sie am besten ist, wie ben (Spr 16,25). Die enge Pforte und der
viel mehr wird unser Vater, der in den schmale Weg führen zum Leben. Jesus ist
Himmeln ist, so handeln! Tür (Joh 10,9) und Weg (Joh 14,6). Aber
7,12 Die Verbindung des vorherge- diese Deutung ist eine zwar mögliche An-
henden Verses mit diesem Vers scheint wendung des Abschnittes, die eigentliche
folgende zu sein: Weil unser Vater der Ge- Auslegung bezieht sich jedoch auf Gläu-
ber guter Gaben an uns ist, sollten wir ihn bige. Jesus sagt, dass in seiner Nachfolge
nachahmen, indem auch wir zu anderen Glauben, Disziplin und Ausdauer erfor-
freundlich sind. Durch die Frage, ob wir derlich sind. Aber dieses schwierige Le-
etwas selbst möchten, wenn es jemand ben ist als einziges Dasein wirklich le-
anders für uns täte, können wir her­ benswert. Wenn man den einfachen Weg
ausfinden, ob es anderen guttun würde. einschlägt, dann wird man in großer Ge-
Die »goldene Regel« wurde in negativer sellschaft sein, doch dann wird Gott auch
Form schon mindestens hundert Jahre seine besten Absichten mit uns nicht ver-
vor Christus durch Rabbi Hillel aufge- wirklichen können.
stellt. Doch indem Jesus diesen Satz posi-
tiv fasste, ging er über ihn hinaus, indem U. An ihren Früchten werdet ihr sie
er passive Zurückhaltung durch aktives erkennen (7,15-20)
Wohlwollen ersetzt. Christentum bedeu- 7,15 Wo immer die harten Anforderun-
tet nicht, sich nur der Sünde zu enthalten, gen wahrer Jüngerschaft gelehrt werden,
es bedeutet aktives gutes Handeln. gibt es falsche Propheten, die die weite
57 Matthäus 7

Pforte und den breiten Pfad propagieren. monen ausgetrieben oder viele Wunder-
Sie verwässern die Wahrheit, bis »nicht werke getan haben – und zwar in seinem
mehr genug übrig bleibt, um eine Suppe Namen. Aber ihre Einsprüche werden
für einen kranken Grashüpfer zuzube- vergeblich sein. Jesus wird ihnen erklä-
reiten«, wie Spurgeon sich ausdrückte. ren müssen, dass er sie nie gekannt oder
Diese Menschen, die angeblich im Na- als sein Eigentum anerkannt hat.
men Gottes reden, kommen in Schafsklei- Aus diesen Versen können wir lernen,
dern und erwecken den Anschein, wahre dass nicht alle Wunder göttlicher Natur
Gläubige zu sein. Aber innerlich sind sie sein müssen und nicht alle Wundertäter
reißende Wölfe, d. h. sie sind Ungläubige, göttliche Vollmacht haben. Ein Wunder
die die Unreifen, Ungefestigten und die bedeutet nur, dass übernatürliche Kräfte
Verführbaren »erbeuten« wollen. am Werk sind. Die Mächte können gött-
7,16-18 Die Verse 16-18 befassen sich lichen oder satanischen Ursprungs sein.
mit der Enttarnung falscher Propheten: Satan kann seine Anhänger dazu ermäch-
»An ihren Früchten werdet ihr sie erken- tigen, Dämonen zeitweilig auszutreiben,
nen.« Ihr lasterhaftes Leben und ihre zer- um die Illusion zu erwecken, dass das
störerischen Lehren verraten sie. Dor- Wunder göttlich ist. Er entzweit sich in
nen können keine Trauben bringen und diesem Fall nicht mit sich selbst, sondern
Disteln keine Feigen. Ein guter Baum plant für die Zukunft eine noch schlim-
bringt gute Frucht, während ein schlech- mere Besessenheit durch Dämonen.
ter Baum schlechte Frucht hervorbringt.
Dieses Prinzip gilt in der materiellen wie W. Baut auf den Fels (7,24-29)
in der geistlichen Welt. Das Leben und die 7,24.25 Jesus schließt seine Predigt mit
Lehre derer, die von sich behaupten, für einem Gleichnis, das die Bedeutung des
Gott zu sprechen, sollten am Wort Gottes Gehorsams betonen soll. Es ist nicht ge-
gemessen werden: »Wenn sie nicht nach nug, diese Worte zu hören, wir müssen
diesem Wort sprechen, dann gibt es für sie in die Praxis umsetzen. Der Jünger,
sie keine Morgenröte« (Jes 8,20). der hört und Jesu Gebote erfüllt, ist wie
7,19.20 Die Bestimmung dieser fal- ein weiser Mann, der sein Haus auf Fel-
schen Propheten wird darin bestehen, sen baut. Sein Haus (Leben) hat ein fes-
ins Feuer geworfen zu werden. Die Zu- tes Fundament, das auch dann nicht fal-
kunft falscher Lehrer und Propheten wird len wird, wenn es von Wind und Regen
»schnelles Verderben sein« (2. Petr  2,1). umtost wird.
Sie können an ihren Früchten erkannt 7,26.27 Derjenige, der Jesu Worte hört,
werden. sie aber nicht tut, ist wie ein törichter
Mann, der sein Haus auf den Sand baut.
V. Ich habe euch niemals gekannt Dieser Mensch wird den Stürmen des
(7,21-23) Lebens nicht trotzen können: »Und der
7,21 Der Herr Jesus warnt vor Menschen, Platzregen fiel herab, … und die Winde
die fälschlicherweise bekennen, ihn als wehten und stießen an jenes Haus; und
Retter anzuerkennen, sich jedoch nie be- es fiel, und sein Fall war groß.«
kehrt haben. Nicht jeder, der Jesus »Herr, Wenn ein Mensch gemäß den Prinzi-
Herr« nennt, »wird in das Reich der Him- pien der Bergpredigt lebt, dann nennt die
mel hineinkommen«. Nur diejenigen, die Welt ihn einen Narren, aber Jesus nennt
den Willen Gottes tun, werden in das ihn einen weisen Menschen. Die Welt
Reich kommen. Der erste Schritt, den Wil- meint, dass ein weiser Mensch jemand ist,
len Gottes zu tun, ist der Glaube an den der für das Sichtbare, für die Gegenwart
Herrn Jesus (Joh 6,27). und für sich selbst lebt, doch Jesus nennt
7,22.23 Am Tag des Gerichtes, wenn einen solchen Menschen einen Narren. Es
viele Ungläubige vor Jesus stehen wer- ist legitim, den weisen und den törichten
den (Offb 20,11-15), werden viele ihn Baumeister zu benutzen, um das Evan-
daran erinnern, dass sie geweissagt, Dä- gelium zu verdeutlichen. Der Weise setzt
Matthäus 7 und 8 58

all sein Vertrauen auf den Felsen, Jesus Anzahl von Ereignissen, die der Heilige
Christus, den Herrn und Heiland. Der tö- Geist ausgewählt hat, um bestimmte Mo-
richte Mann will sich nicht bekehren und tive im Leben unseres Retters wiederzu-
lehnt Jesus, die einzige Hoffnung auf Er- geben. Wir finden in dieser Auswahl Fol-
rettung, ab. Aber die Sinndeutung des gendes:
Gleichnisses reicht weit über die Rettung 1. Christi absolute Herrschaft über
hinaus und bezieht sich auf die praktische Krankheit, Dämonen, Tod und die
Verwirklichung im christlichen Leben. Naturgewalten.
7,28.29 Als unser Herr seine Predigt 2. Sein Anspruch auf absolute Herr-
vollendet hatte, waren die Menschen sehr schaft im Leben derer, die ihm folgen
erstaunt. Wenn wir die Bergpredigt lesen wollen.
und nicht über ihr revolutionäres Wesen 3. Die steigende Ablehnung Jesu durch
staunen, dann haben wir irgendetwas das Volk Israel, insbesondere durch
nicht verstanden. seine religiösen Führer.
Die Menschen erkannten, dass ein Un- 4. Die bereitwillige Annahme des Hei-
terschied zwischen der Lehre Jesu und lands durch einzelne Heiden.
den Worten der Schriftgelehrten bestand.
Er sprach mit Vollmacht, ihre Worte wa- A. Macht über den Aussatz (8,1-4)
ren machtlos. Er hatte eine Stimme, sie 8,1 Obwohl die Lehre Jesu radikal war
waren nur ein Echo. Jamieson, Fausset und alle bisherigen lehrmäßigen Hori-
und Brown kommentieren das so: zonte sprengte, hatte sie doch eine so
Das Bewusstsein göttlicher Autorität als große Anziehungskraft, dass ihm »große
Gesetzgeber, Ausleger und Richter bestimmte Volksmengen« folgten. Die Wahrheit be-
seine Predigt so sehr, dass die Lehre der Pha- stätigt sich selbst, und Menschen können
risäer in diesem Licht nur noch als Geschwätz sie nie wieder vergessen, auch wenn sie
erscheinen musste.10 diese nicht mögen.
8,2 Ein Aussätziger kniete vor Je-
V. Die Machttaten und Gnaden­ sus nieder und bat ihn verzweifelt um
wunder des Messias. Die verschie­ seine Heilung. Dieser Aussätzige hatte
denen Reaktionen darauf (8,1 – 9,34) den Glauben, dass der Herr ihn heilen
In den Kapiteln 8 – 12 beweist der Herr könne, und wahrer Glaube wird nie ent-
Jesus dem Volk Israel, dass er wirklich täuscht. Aussatz ist ein gutes Bild für die
der Messias ist, von dem die Propheten Sünde, denn er ist abstoßend, zerstöre-
geschrieben haben. Jesaja hatte zum Bei- risch, ansteckend und, in einigen Formen,
spiel vorhergesagt, dass der Messias die menschlich gesprochen unheilbar.11
Augen der Blinden sowie die Ohren der 8,3 Aussätzige waren Unberührbare.
Tauben öffnen und die Stummen zum Direkter Kontakt mit ihnen konnte an-
Jauchzen bringen werde (Jes 35,5.6). Je- steckend sein. Im Falle der Juden machte
sus bewies, dass er der Messias ist, indem eine solche Berührung den Betreffenden
er alle diese Prophezeiungen erfüllte. Die zeremoniell unrein, das heißt un­ fähig
Angehörigen des Volkes Israel hätten kei- zum Gottesdienst in der Gemeinde Is-
nerlei Schwierigkeiten haben sollen, ihn raels. Aber als Jesus den Aussätzigen be-
als Christus zu erkennen, weil sie ihn in rührte und die Worte im Blick auf Hei-
den Schriften angekündigt finden konn- lung sprach, verschwand der Aussatz
ten. Doch niemand ist so blind wie derje- sofort. Unser Herr hat die Macht, von
nige, der nicht sehen will. Sünde zu reinigen und den Gereinigten
Die Ereignisse, die in diesen Kapiteln so zum Gottesdienst und zur Anbetung
aufgezeichnet sind, sind eher thematisch zu befähigen.
als in einer streng chronologischen Rei- 8,4 Hier wird zum ersten Mal im Mat-
henfolge geordnet. Wir haben es nicht mit thäusevangelium erwähnt, dass Jesus be-
einem vollständigen Bericht des Diens- fahl, ein Wunder sollte nicht weiterer-
tes des Herrn zu tun, sondern mit einer zählt werden (s. a. Kap. 9,30; 12,16; 17,9;
59 Matthäus 8

Mk 5,43; 7,36; 8,26). Das geschah sicher, nes Glaubens. Er sagte im Grunde: »Ich
weil der Herr sich bewusst war, dass viele bin nicht würdig, dass du in mein Haus
Menschen, die nur daran interessiert wa- kommst. Aber es ist sowieso nicht nötig,
ren, vom Joch der Römerherrschaft be- weil du ihn ganz einfach heilen kannst,
freit zu werden, ihn zum König machen indem du ein Wort sprichst. Ich weiß,
wollten. Aber er wusste, dass Israel noch was Befehlsgewalt ist. Ich nehme Befehle
immer unbußfertig war, das Volk seine von meinen Vorgesetzten an und gebe
geistliche Führerschaft ablehnen würde sie an meine Untergebenen weiter. Meine
und er zuerst ans Kreuz gehen musste. Befehle werden genau aus­geführt. Wie
Unter dem Gesetz des Mose war der viel mehr Macht würden deine Worte
Priester auch Arzt. Wenn ein Aussätzi- bei der Krankheit meines Knechtes
ger gereinigt war, musste er ein Opfer haben!«
bringen und vor dem Priester erscheinen, 8,10-12 Jesus wunderte sich über den
um rein gesprochen zu werden (3. Mo­­­­ Glauben dieses Heiden. Es kommt nur
se 14,4-6). Jesus befahl dem Aussätzigen zweimal vor, dass Jesus sich über etwas
in diesem Fall, dem Gesetz zu gehorchen. wundert; hier ist das erste Mal, das an-
Es war ohne Zweifel ein seltener Fall, dere Mal wundert er sich über den Un-
dass ein Aussätziger gereinigt wurde. glauben der Juden (Mk 6,6). Er hatte solch
Dies war ein so außergewöhn­liches Ge­ großen Glauben selbst in Israel nicht ge-
schehen, dass es den Priester zu einer funden. Deshalb kündigte er nun an,
Unter­suchung im Blick darauf, ob nicht dass in seinem zukünftigen Reich Hei-
doch der Messias gekommen sei, hätte den aus der ganzen Welt die Gemein-
ver­anlassen müssen. schaft mit den jüdischen Patriarchen ge-
Die geistliche Deutung dieses Wun- nießen würden, während die Söhne des
ders ist klar: Der Messias war mit seiner Reiches in die äußere Finsternis hinaus-
Heilungsmacht nach Israel gekommen, geworfen werden würden, wo sie heulen
um das Volk zu heilen. Er wies dieses und mit den Zähnen knirschen würden.
Wunder als einen seiner »Ausweise« vor. Die Söhne des Reiches sind diejenigen,
Aber das Volk war noch nicht bereit, sei- die durch Geburt Juden waren. Sie be-
nen Retter anzunehmen. kannten, dass sie Gott als König anerken-
nen würden, hatten sich jedoch niemals
B. Macht über Lähmung (8,5-13) wirklich bekehrt. Das Prinzip gilt auch
8,5.6 Der Glaube eines heidnischen noch heute. Viele Kinder, die das Privi-
Hauptmannes wird als erschütternder leg haben, in christlichen Familien gebo-
Kontrast zur mangelnden Bereitschaft ren zu werden und dort aufzuwachsen,
Israels dargestellt, seinen Heiland anzu- werden trotzdem nicht vor der Hölle be-
nehmen. Wenn Israel nicht gewillt war, wahrt bleiben, weil sie Jesus abgelehnt
seinen König anzuerkennen, dann wür- haben, während Wilde aus dem Urwald
den es eben die verachteten Heiden tun. die ewige Herrlichkeit des Himmels ge-
Der Hauptmann war ein römischer Mili- nießen dürfen, weil sie der Botschaft des
tärbeamter, der über etwa hundert Mann Evangeliums geglaubt haben.
zu befehlen hatte. Seine Einheit war in 8,13 »Und Jesus sprach zu dem Haupt-
oder bei Kapernaum stationiert. Er trat mann: Geh hin, dir geschehe, wie du ge-
zu Jesus, um Heilung für seinen Diener glaubt hast.« Glaube wird nach Maßgabe
zu erbitten, der unter einer schweren und des Vertrauens auf die Eigenschaften Got-
schmerzhaften Lähmung litt. Dies war ein tes belohnt. Der Diener wurde sofort ge-
seltener Beweis von Mitleid – die meisten heilt, obwohl Jesus weit entfernt war. Wir
Beamten hätten niemals so viel Fürsorge können darin ein Bild für den gegenwär-
für einen Diener übrig gehabt. tigen Dienst Christi sehen, der die nicht
8,7-9 Als der Herr Jesus anbot, den bevorzugten Heiden von der Lähmung
kranken Diener zu besuchen, zeigte der der Sünde heilt, obwohl er selbst nicht
Hauptmann die Echtheit und Tiefe sei- mehr körperlich anwesend ist.
Matthäus 8 60

C. Macht über das Fieber (8,14.15) 3. Heilung der Schwiegermutter des Pe-
8,14.15 Als er in das Haus des Petrus trus, Jesus ist im Haus.
kommt, findet er die Schwiegermutter 4. Heilung aller Kranken und Besesse-
von Petrus fieberkrank daniederliegen. nen in der Anwesenheit Jesu.
»Er rührte ihre Hand an, und das Fie- Gaebelein meint, dass diese vier Wun-
ber« verschwand. Normalerweise ist ein der Phasen im Dienst unseres Herrn be-
Mensch sehr geschwächt, wenn das Fie- deuten:
ber ihn verlässt, aber diese Heilung war 1. Christi erstes Kommen, sein Dienst an
so direkt und so vollständig, dass sie in seinem Volk Israel.
der Lage war, aufzustehen und ihm zu 2. Die Haushaltung der Nationen (Hei-
dienen – ein passender Ausdruck ihrer den), Jesus ist abwesend.
Dankbarkeit dem Retter gegenüber. Wir 3. Seine Wiederkunft, wenn er das
sollten sie nachahmen, wann immer wir »Haus« betreten, seine Beziehung
geheilt werden, und ihm mit neuer Hin- zu Israel wiederherstellen und die
gabe und neuem Eifer dienen. kranke Tochter Zion heilen wird.
4. Das Tausendjährige Reich, in dem alle
D. Macht über Dämonen und Besessenen und Kranken geheilt wer-
verschiedene Krankheiten (8,16.17) den.12
8,16.17 Am Abend, als der Sabbat vorbei Das ist eine faszinierende Gliederung
war (s. Mk 1,21-34), brachten die Leute der fortschreitenden Unterweisung an-
viele Besessene zu ihm. Diese bedau- hand der Wunder und sollte uns ermu-
ernswerten Menschen wurden von bö- tigen, die verborgenen Tiefen der Bedeu-
sen Geistern beherrscht und kontrolliert. tung in der Heiligen Schrift zu erforschen.
Oft ließen sie übersinnliches Wissen und Wir sollten uns jedoch davor warnen las-
Kräfte erkennen, andere wiederum wur- sen, diese Methode zu extrem zu be­­
den gequält. Ihr Verhalten ähnelte manch- treiben, indem wir Bedeutungen, die
mal dem Gebaren von Geisteskranken, einfach lächerlich sind, in irgendetwas
aber die Ursache war hier dämonisch und hineinlesen.
nicht körperlich oder geistig. Jesus »trieb
die Geister aus mit seinem Wort«. E. Das Wunder der menschlichen
Auch heilte er alle Leidenden und Ablehnung (8,18-22)
er­­
füllte damit die Prophezeiung von Wir haben gesehen, wie Christus seine
Je­­
sa­ja 53,4: »Er selbst nahm unsere Macht über Krankheit und Dämonen aus-
Schwach­­­heiten und trug unsere Krank- übte. Nur wenn er Männern und Frauen
heiten.« Vers 17 wird oft von sogenann- begegnet, stößt er auf Widerstand – das
ten »Glaubensheilern« benutzt, um zu Wunder der menschlichen Ablehnung.
zeigen, dass Heilung zum Sühnungs- 8,18-20 Als Jesus sich bereit machte,
werk Jesu gehörte und körperliche Hei- den See Genezareth von Kapernaum aus
lung deshalb vom Gläubigen durch den ostwärts zu überqueren, kam ein selbst-
Glauben in Anspruch genommen werden bewusster Schriftgelehrter auf ihn zu
kann. Aber hier wendet der Geist Gottes und versprach ihm, sein Jünger zu sein,
die Prophezeiung nur auf den Heilungs- indem er zu ihm sagte: »Ich will dir nach-
dienst Jesu auf Erden und nicht auf seinen folgen, wohin du auch gehst.« In seiner
Kreuzestod an. Antwort forderte der Herr ihn auf, die
In diesem Kapitel haben wir die vier Kosten, nämlich ein Leben in Selbstver-
folgenden Wunder gesehen: leugnung, zu überschlagen. »Die Füchse
1. Heilung des jüdischen Aussätzigen, haben Höhlen und die Vögel des Him-
Jesus ist anwesend. mels Nester, aber der Sohn des Menschen
2. Heilung des Dieners des Haupt- hat nicht, wo er das Haupt hinlege.« Wäh-
manns, Jesus ist nicht am Ort des Ge- rend seines öffentlichen Dienstes hatte Je-
schehens. sus kein eigenes Haus, doch gab es Häu-
61 Matthäus 8

ser, in denen er ein willkommener Gast verwandeln. Die Winde kommen von
war und oft übernachtete. Die eigentliche Norden das Jordantal herunter und wer-
Bedeutung seiner Worte scheint jedoch den durch die Tatsache beschleunigt, dass
geistlich zu sein: Diese Welt konnte ihm die Ufer zum See hin steil abfallen. Wenn
keinen wirklichen, dauernden Ruheort sie den See erreichen, wird dieser für
bieten. Er hatte sein Werk zu vollbringen Schiffe und Boote äußerst unsicher.
und konnte nicht ruhen, bis es vollendet In dieser Begebenheit fuhr Jesus vom
war. Dasselbe gilt für seine Nachfolger: West- zum Ostufer. Als der Sturm los-
Diese Welt ist kein Ruheort für sie – sie brach, schlief er im Boot. Die erschrocke-
sollte es zumindest nicht sein! nen Jünger weckten ihn mit ihren Hilferu-
8,21 Ein anderer wohlmeinender fen. Man sollte ihnen zugutehalten, dass
Nachfolger drückte seinen Willen zur sie sich immerhin an den Richtigen wand-
Nachfolge aus, hatte jedoch noch etwas ten. Nachdem Jesus ihren Kleinglauben
Wichtigeres zu erledigen: »Herr, erlaube getadelt hatte, bedrohte er die Winde
mir, vorher hinzugehen und meinen Va- und den See. Als eine große Stille ent-
ter zu begraben.« Es ist nicht so entschei- stand, wunderten sich die Männer, dass
dend, ob der Vater bereits gestorben ist ihrem demütigen Mitfahrer sogar die Ele-
oder nicht. Das Grundproblem wird mente gehorchten. Wie wenig hatten sie
in der Widersprüchlichkeit der Worte: verstanden, dass der Schöpfer und Erhal-
»Herr, … mir vorher« (oder »ich zuerst«) ter des Universums an diesem Tag in ih-
deutlich. Er stellte seine eigenen Interes- rem Boot war!
sen vor die Angelegenheiten Christi. Es Alle Jünger geraten früher oder spä-
ist zwar völlig in Ordnung, für seinen Va- ter in Stürme. Manchmal scheint es, dass
ter ein ordentliches Begräbnis zu organi- wir von den Wellen weggespült werden.
sieren, doch es wird falsch, wenn solch Welch ein Trost zu wissen, dass Jesus mit
eine ehrenwerte Handlung die Priorität uns im Boot ist. »Kein Wasser kann das
über den Ruf des Heilands erhält. Boot verschlingen, in dem der Herr des
8,22 Jesus antwortete ihm im Grunde: Meeres, der Erde und des Himmels liegt.«
»Deine erste Pflicht ist es, mir nachzufol- Niemand kann wie der Herr Jesus unsere
gen. Lass die geistlich Toten die körper- Lebensstürme stillen.
lich Toten begraben. Auch ein unerrette-
ter Mensch kann das erledigen. Aber es G. Jesus heilt zwei von Dämonen
gibt Aufgaben, die nur du allein ausfüh- besessene Männer (8,28-34)
ren kannst. Opfere deine beste Kraft für 8,28 Am Ostufer des Sees Genezareth
Ewiges. Verschwende sie nicht für Ne- liegt das Land der Gerasener oder Ga-
bensächliches.« Uns wird hier nicht er- darener.13 Als Jesus ankommt, begegnen
zählt, wie diese beiden Jünger reagier- ihm zwei ungewöhnliche Fälle dämoni-
ten. Aber sehr wahrscheinlich verließen scher Besessenheit. Diese Besessenen leb-
sie Christus, um sich einen bequemeren ten in höhlenartigen Gräbern und waren
Platz in der Welt zu sichern und ihr Le- so bösartig, dass es gefährlich war, durch
ben damit zu verbringen, untergeordnete diese Gegend zu reisen.
Dinge zu tun. Aber ehe wir sie verurtei- 8,29-31 Als Jesus sich näherte, schrien
len, sollten wir uns selbst prüfen, wie wir die Dämonen »und sagten: Was haben
auf die beiden Forderungen an die Jün- wir mit dir zu schaffen, Sohn Gottes?
gerschaft reagieren, die Jesus in diesem Bist du hierher gekommen, uns vor der
Abschnitt betont hat. Zeit zu quälen?« Sie wussten, wer Jesus
war, und kannten die Tatsache, dass er
F. Macht über die Naturgewalten sie schließlich vernichten würde. In die-
(8,23-27) ser Hinsicht war ihre Theologie exakter
8,23-27 Der See Genezareth ist für plötz- als diejenige der meisten heutigen libe-
liche starke Stürme bekannt, die das ralen Theologen. Sie merkten, dass Jesus
Gewässer in einen aufgewühlten See sie austreiben wollte, und fragten, ob sie
Matthäus 8 und 9 62

nicht in eine Herde Schweine fahren dürf- H. Macht der Sündenvergebung (9,1-8)
ten, die in der Nähe weidete. 9,1 Von den Gadarenern abgelehnt, über-
8,32 Seltsamerweise erfüllte Jesus querte der Heiland den See Genezareth
ihren Wunsch. Warum sollte der unum- nochmals und kehrte nach Kapernaum
schränkte Herr in eine Bitte von Dämo- zurück, das »seine eigene Stadt« gewor-
nen einwilligen? Um das zu verstehen, den war, nachdem die Menschen in Na-
müssen wir uns zweierlei vergegen­ zareth versucht hatten, ihn umzubringen
wärtigen: Erstens scheuen Dämonen (Lk 4,29-31). Hier vollbrachte er einige
den entkörperlichten Zustand; sie wol- seiner machtvollsten Wunder.
len ent­weder in Menschen oder, wenn 9,2 Vier Männer kamen zu ihm und
das nicht möglich ist, in anderen Krea­ brachten einen Gelähmten, der auf einem
turen wohnen. Zweitens ist das Wirken primitiven Bett oder einer Matte lag. Der
aller Dämonen auf Zerstörung ausgerich- Bericht des Markus erzählt uns, dass sie
tet. Wenn Jesus sie aus den Männern aus­ wegen der Menge das Dach abdecken
getrieben hätte, ohne sie in die Schweine mussten und den Mann vor Jesus hinab-
fahren zu lassen, hätten sie sich auf die ließen (Mk 2,1-12). »Als Jesus ihren Glau-
anderen Menschen des Gebietes ge- ben sah, sprach er zu dem Gelähmten:
stürzt. Indem er ihnen erlaubte, in die Sei guten Mutes, mein Kind, deine Sün-
Schweine zu fahren, verhinderte er, den sind vergeben.« Man beachte, dass
dass sie Männer sowie Frauen anfielen, er ihren Glauben sah. Der Glaube führte
und beschränkte so ihre zerstörerische diese Männer dazu, den Gelähmten zu Je-
Macht auf Tiere. Der Zeitpunkt ihrer end­ sus zu bringen, der ihn heilen sollte, und
gültigen Ver­nichtung durch den Herrn der Glaube des Gelähmten streckte sich
war noch nicht gekommen. Sobald der auch nach Jesus um Heilung aus. Unser
Herr die Dämonen aus­ getrieben hatte, Herr belohnte diesen Glauben zuerst, in-
stürzten sich die betreffenden Schweine dem er dem Mann seine Sünden vergab.
den Abhang hinab und ertranken in dem Der große Arzt heilte die Ursache, ehe er
See. die Symptome behandelte; er gab zuerst
Dieses Ereignis zeigt, dass Dämo- den größeren Segen. Das wirft die Frage
nen letztlich verderben wollen, und un- auf, ob der Herr Jesus jemals einen Men-
terstreicht die schreckliche Möglichkeit, schen geheilt hat, ohne ihm auch die Ret-
dass zwei Männer von so vielen Dämo- tung zuzueignen.
nen besessen sein können, wie nötig sind, 9,3-5 Als einige Schriftgelehrte hörten,
um 2000 Schweine zu töten (Mk 5,13). wie Jesus diesem Mann die Sünden ver-
8,33.34 Die Hirten rannten in die Stadt gab, klagten sie ihn »bei sich selbst« der
und berichteten dort, was geschehen war. Gotteslästerung an. Schließlich konnte
Das Ergebnis war eine aufgeschreckte nur Gott Sünden vergeben – und sie wür-
Einwohnerschaft, die zu Jesus hinaus- den ihn gewiss nicht als Gott annehmen.
ging und ihn bat, das Gebiet zu verlassen. Der allwissende Herr Jesus las ihre Ge-
Seitdem wurde Jesus immer wieder vor- danken, tadelte sie wegen des Argen in
geworfen, unnötigerweise Schweine ver- ihren ungläubigen Herzen und fragte sie
nichtet zu haben. Weil er dadurch Men- dann, was leichter zu sagen wäre: »Deine
schenleben höher achtete als das Leben Sünden sind vergeben, oder zu sagen:
von Tieren, wurde er gebeten, das Ge- Steh auf und geh umher?« Eigentlich ist
biet zu verlassen. Wenn diese Gadarener es ebenso einfach, das eine wie das an-
Juden gewesen wären, dann wäre es so- dere zu sagen, doch was ist leichter zu
gar ungesetzlich gewesen, Schweine zu tun? Beides ist menschlich gesehen un-
züchten. Aber ob sie Juden waren oder möglich, aber die Ergebnisse der ersten
nicht, sie haben sich ihr Urteil selbst ge- Aussage waren nicht sichtbar, während
sprochen, weil sie eine Herde Schweine die Auswirkung des zweiten Gebots so-
für wertvoller hielten als zwei arme Be- fort wahrnehmbar war.
sessene. 9,6.7 Um den Schriftgelehrten zu zei-
63 Matthäus 9

gen, dass er die Autorität hatte, »auf der dazu gesagt: »Er verlor einen bequemen
Erde Sünden zu vergeben« (und deshalb Job, aber er fand seine Bestimmung. Er
als Gott geehrt werden sollte), ließ sich verlor ein gutes Einkommen, aber er fand
Jesus herab, ihnen ein Wunder zu zeigen, Ehre. Er verlor seine an­genehme Sicher-
das sie sehen konnten. Er wandte sich dem heit, aber er fand ein atemberaubendes
Gelähmten zu und sagte: »Steh auf, nimm Leben, das er sich nie hätte träumen las-
dein Bett auf, und geh in dein Haus!« sen.« Sein Lohn war nicht zuletzt, dass er
9,8 Als die Menge sah, wie er mit sei- einer der Zwölf wurde und die Ehre er-
ner Matte davonging, wurde sie von hielt, das Evangelium zu schreiben, das
zwei verschiedenen Gefühlen bewegt: nach ihm benannt ist.
Furcht und Verwunderung. Sie hatten 9,10 Das beschriebene Essen wurde
Angst vor der Gegenwart einer so offen- von Matthäus zu Ehren Jesu gegeben
sichtlich übernatürlichen Heimsuchung. (Lk 5,29). Das war seine Art, Jesus öffent-
Sie »verherrlichten Gott, der solche Voll- lich zu bekennen und seine Gefährten mit
macht den Menschen gegeben hat«. dem Heiland bekannt zu machen. Deshalb
Doch wurde ihnen nicht die Bedeutung waren natürlich seine Gäste Zöllner und
des Wunders klar. Die sichtbare Heilung andere, die als Sünder bekannt waren.
des Ge­­­lähmten geschah, um zu bestäti- 9,11 Es war in dieser Zeit üblich, zu es-
gen, dass dem Mann die Sünden verge- sen, indem man auf einer Art Couch mit
ben waren, was ein unsichtbares Wunder dem Gesicht zum Tisch lag. Als die Phari-
ist. Daraus hätten sie schließen müssen, säer sahen, dass Jesus sich auf diese Weise
dass sie nicht Zeuge davon gewesen wa- mit dem sozialen Abschaum zusammen-
ren, wie Gott seine Vollmacht Menschen tat, gingen sie zu seinen Jüngern, und
zueignet, sondern davon, dass Gott un- klagten ihn an, dass er durch seine Ge­
ter ihnen in der Person des Herrn Jesus mein­ schaft gewissermaßen mitschuldig
Christus gegenwärtig war. Doch das ver- geworden sei, denn ein echter Prophet
standen sie nicht. würde niemals zusammen mit Sündern
Was die Schriftgelehrten angeht, so essen!
wissen wir durch spätere Ereignisse, dass 9,12 Das hatte Jesus gehört und ant-
sie in ihrem Unglauben und Hass nur ver- wortete: »Nicht die Starken brauchen ei-
härtet wurden. nen Arzt, sondern die Kranken.« Die Pha-
risäer meinten, dass sie gesund seien, und
I. Jesus beruft Matthäus, den Zöllner waren nicht bereit zu bekennen, dass sie
(9,9-13) Jesus brauchten. (In Wahrheit waren sie
9,9 Die gespannte Atmosphäre, die sich geistlich sogar sehr krank und hätten Hei-
um unseren Heiland aufbaut, wird zeit- lung dringend notwendig gehabt.) Die
weilig dadurch entspannt, dass Matthäus Zöllner und Sünder waren dagegen eher
einfach und in aller Demut seine eigene gewillt, ihren wahren Zustand zuzugeben
Berufung schildert. Er war ein Zöllner. und Christi rettende Gnade zu suchen. So
Die Angehörigen dieser Berufsgruppe war die Anklage also wahr! Jesus aß wirk-
waren bei den Juden sehr verhasst, und lich mit Sündern. Wenn er mit den Phari-
zwar wegen ihrer Unehrlichkeit, wegen säern gegessen hätte, wäre diese Behaup-
der ungerechterweise überhöhten Steuern tung noch immer wahr gewesen, und
und Zolleinnahmen und vor allem, weil vielleicht noch mehr! Wenn Jesus nicht
sie den Interessen des Römi­ schen Rei- mit Sündern in unserer Welt zusammen
ches dienten, das Israel be­­­­­­­­­­­­­­herrschte. Als gegessen hätte, dann hätte er immer al-
Jesus am Zollhaus vorbei­kam, sagte er zu lein essen müssen. Aber es ist wichtig, sich
Matthäus: »Folge mir nach!« Die Reaktion daran zu erinnern, dass er, wenn er mit
kam sofort: Er erhob sich und folgte Je- Sündern aß, nie ihre Sünden billigte oder
sus nach. Er verließ damit seinen traditio- sein Zeugnis abschwächte. Er gebrauchte
nell unehrlichen Beruf, um sofort ein Jün- die Situation, um alle Menschen zur Wahr-
ger Jesu zu werden. Es hat einmal jemand heit und zur Heiligung aufzurufen.
Matthäus 9 64

9,13 Das Problem der Pharisäer war, bei seinen Jüngern. Die Worte Jesu befeh-
dass ihre Herzen, obwohl sie den Gebräu- len zwar das Fasten nicht, billigen es aber
chen des Judentums mit großer Genau- sicherlich als eine gute Übung für alle, die
igkeit folgten, kalt, hart und gnadenlos auf die Rückkehr des Bräutigams warten
waren. So schickte Jesus sie mit der Auf- (s. Exkurs Kap. 6,16-18).
forderung weg, die Bedeutung der Worte 9,16 Die Johannesjünger stellten eine
Jahwes zu lernen: »Ich will Barmherzig- Frage, auf die hin Jesus herausstellte, dass
keit und nicht Schlachtopfer« (ein Zitat Johannes am Ende eines Zeitalters stehe
aus Hosea 6,6). Obwohl Gott den Opfer- und das neue Zeitalter der Gnade verkün-
dienst eingeführt hatte, wollte er nicht, digt habe. Er zeigt, dass ihre Prinzipien
dass bloße Rituale zum Ersatz für in- nicht vermengt werden dürfen. Wenn
nere Gerechtigkeit würden. Gott gefallen wir Gesetz und Gnade mischen wollten,
Ri­tuale ohne persönliche Frömmigkeit so wäre das, als ob wir »einen Flicken
nicht – genau so verhielten sich die Phari- von neuem Tuch auf ein altes Gewand«
säer nämlich. Sie beachteten jeden Buch- setzen würden. Wenn beides gewaschen
staben des Gesetzes, hatten jedoch mit de- wird, dann läuft das neue Tuch ein und
nen, die geistliche Hilfe brauchten, kein löst sich von dem alten Tuch. Dieses Ab-
Erbarmen. Sie hatten nur mit anderen reißen macht alles nur noch schlimmer.
ähnlich Selbstgerechten Gemeinschaft. Gaebelein merkt hierzu richtig an:
Dagegen sagte Jesus ihnen ausdrück- Ein judaistisches Christentum, das zwar
lich: »Ich bin nicht gekommen, Gerechte die Gnade und das Evangelium bekennt, aber
zu rufen, sondern Sünder.« Er erfüllte auch noch versucht, das Gesetz zu halten,
Gottes Forderung nach Opfern ebenso und eine gesetzliche Gerechtigkeit fördert, ist
vollkommen wie die Forderung nach in den Augen Gottes ein größerer Gräuel als
Barmherzigkeit. In einer Hinsicht gibt es das Israel der Vergangenheit, das seinen Gott
keine gerechten Menschen auf der Erde, zwar bekannte, aber noch Götzendienst trieb.14
deshalb kam er, um alle Menschen zur 9,17 Diese Mischung konnte auch da-
Umkehr zu rufen. Aber hier wird der Ge- mit verglichen werden, neuen Wein in
danke zum Ausdruck gebracht, dass sein alte Weinschläuche zu füllen. Der Druck,
Ruf nur für diejenigen eine Bedeutung der durch die Gärung des neuen Weins
hat, die anerkennen, dass sie selbst Sün- entsteht, würde die alten Schläuche zer-
der sind. Jesus kann niemanden heilen, reißen, weil sie nicht mehr elastisch sind.
der stolz, selbstgerecht und unbußfertig Das Leben und die Freiheit des neuen Le-
ist – wie die Pharisäer. bens verderben die alten Schläuche des
von Riten bestimmten Gottesdienstes.
J. Jesus wird zum Fasten befragt Die Einführung des christlichen Zeit-
(9,14-17) alters würde unausweichlich Spannun-
9,14 Zu dieser Zeit war Johannes der Täu- gen zur Folge haben. Die Freude, die
fer wahrscheinlich schon im Gefängnis. Christus brachte, konnte in den alten For-
Seine Jünger kamen zu Jesus und fragten: men und Riten des AT keinen Ausdruck
»Warum fasten wir und die Pharisäer oft, mehr finden. Alles musste ganz neu ge-
deine Jünger aber fasten nicht?« ordnet werden. Pettingill macht das deut-
9,15 Der Herr antwortete mit einem lich:
Bild. Er ist der Bräutigam, und die Jün- So warnt der König seine Jünger vor der
ger sind die Hochzeitsgäste. Solange der Vermischung von Alt und Neu. Und doch
Bräutigam bei ihnen ist, gibt es keinen wurde gerade das in der Christenheit sehr oft
Grund, als Zeichen der Trauer zu fasten. getan. Das Judentum ist geflickt und überall
Wenn er von ihnen weggenommen wer- von den Kirchen aufgenommen worden, und
den würde, dann würden auch seine Jün- das alte Kleid wird dann »Christentum« ge-
ger fasten. Er wurde von ihnen genommen nannt. Das Ergebnis ist eine verwirrende Mi-
– in Tod und Grablegung, und seit seiner schung, die weder Judentum noch Christen-
Himmelfahrt ist er nicht mehr körperlich tum ist, sondern eine von Riten geprägte, aus
65 Matthäus 9

toten Werken bestehende Ersatzreligion statt drehte sich um und erklärte, dass sie ge-
Vertrauen auf den lebendigen Gott. Der neue heilt war. Sie wurde nach zwölf Jahren so-
Wein der Errettung aus Gnade wurde in die fort wieder gesund.
alten Schläuche der Gesetzlichkeit geschüttet, 9,23.24 Die Erzählung kehrt nun zu
und was ist dabei herausgekommen? Nun, dem Vorsteher zurück, dessen Tochter
die Schläuche sind geplatzt und wertlos ge- gestorben war. Als Jesus das Haus er-
worden. Der Wein ist verschüttet, und das reichte, jammerten und weinten eigens
meiste des kostbaren Leben spendenden Ge- dafür bestellte Klagefrauen, deren Trauer
tränkes ging verloren. Das Gesetz hat seinen jemand einmal »gekünstelte Trauer« ge-
Schrecken verloren, weil es mit der Gnade nannt hat. Jesus befahl, dass alle Besucher
vermischt worden ist, und die Gnade hat ihre den Raum verlassen sollten, und erklärte
Schönheit und ihr Wesen als solche verloren, gleichzeitig, dass das Mädchen nicht ge-
weil sie mit Gesetzeswerken vermischt wor- storben sei, sondern schlafe. Die meisten
den ist.15 Ausleger, zu denen wir gehören, glauben,
dass der Herr hier den Ausdruck »schla-
K. Macht zur Heilung Unheilbarer fen« im übertragenen Sinne verwendete,
und zur Totenauferweckung um damit den Tod zu bezeichnen. An-
(9,18-26) dere allerdings glauben, das Mädchen lag
9,18.19 Jesu Ausführungen über den im Koma. Diese Deutung verneint nicht,
Wechsel der Zeitalter wurde von einem dass es Jesus möglich gewesen wäre, sie
verzweifelten Vorsteher der Synagoge un- vom Tode zu erwecken, sondern will be-
terbrochen, dessen Tochter soeben gestor- tonen, dass Jesus zu ehrlich war, sich für
ben war. Er kniete vor dem Herrn nieder eine Totenauferweckung loben zu lassen,
und bat ihn, zu kommen und sie wieder obwohl das Mädchen nicht tatsächlich
zum Leben zu erwecken. Es war außerge- gestorben war. Sir Robert Anderson zum
wöhnlich, dass dieser Vorsteher bei Jesus Beispiel war dieser Meinung. Er wies dar­
Hilfe suchte, denn die meisten jüdischen auf hin, dass der Vater und alle anderen
Führer würden den Zorn und die Verach- gesagt hatten, sie sei gestorben, dass Jesus
tung der anderen Vorsteher über eine sol- aber sagte, sie sei nicht gestorben.
che Handlung gefürchtet haben. Jesus be- 9,25.26 Jedenfalls nahm der Herr das
lohnte diesen Glauben, indem er sich mit Mädchen bei der Hand, und das Wunder
seinen Jünger zum Hause des Vorstehers geschah – sie stand auf. Es dauerte nicht
aufmachte. lange, da hatte sich die Nachricht von
9,20 Schon wieder eine Unterbre- dem Wunder in der ganzen Gegend aus-
chung! Diesmal handelte es sich um eine gebreitet.
Frau, die zwölf Jahre lang an einer hä-
morrhoidenähnlichen Krankheit gelitten L. Macht, das Augenlicht
hatte. Jesus ärgerte sich niemals über sol- wiederzugeben (9,27-31)
che Unterbrechungen, er war immer ge- 9,27.28 Als Jesus aus der Umgebung des
lassen, für jedermann erreichbar und zu- Vorstehers »weiterging, folgten ihm zwei
gänglich. Blinde, die schrien und sprachen: Er-
9,21.22 Medizinische Hilfe war bei barme dich unser, Sohn Davids!« Ob-
dieser Frau unwirksam geblieben, ihr wohl diese Männer kein natürliches Seh-
Zu­­stand hatte sich sogar verschlechtert vermögen besaßen, hatten sie doch eine
(Mk 5,26). Als es am schlimmsten mit sehr deutliche geistliche Sicht. Indem sie
ihr stand, begegnete sie Jesus – zumin- Jesus als »Sohn Davids« anredeten, er-
dest sah sie ihn von der Menge umge- kannten sie ihn als den lange erwarteten
ben. Da sie glaubte, dass er in der Lage Messias und rechtmäßigen König Israels
und willens war, sie zu heilen, drängte sie an. Und sie wussten, wenn der Messias
sich durch die Menge und berührte die käme, wäre es ein Prüfstein für ihn, dass
Quaste seines Kleides. Wahrer Glaube er Blinde sehend machen würde (Jes 35,5;
bleibt bei Jesus niemals unbemerkt. Er 42,7). Jesus prüfte ihren Glauben, indem
Matthäus 9 66

er fragte, ob sie denn glaubten, dass er erregten. Nicht einmal Dankbarkeit ist
dazu imstande sei (nämlich ihnen das Au- eine gültige Ausrede für Ungehorsam.
genlicht wiederzugeben). Da antworteten
sie ohne Zögern: »Ja, Herr.« M. Macht, die Sprache zurückzugeben
9,29.30 Da rührte der große Arzt ihre (9,32-34)
Augen an und versicherte ihnen, sie wür- 9,32 Erst gab Jesus einer Toten Leben,
den sehen, weil sie geglaubt hatten. Sofort dann den Blinden Augenlicht und nun ei-
wurden ihre Augen vollständig gesund. nem Stummen die Sprache. Hier scheint
Der Mensch sagt: »Erst sehen, dann eine geistliche Anordnung der Wunder
glauben.« Aber Gott sagt: »Erst glauben, vorzuliegen: erst Leben, dann Verständ-
dann sehen.« Jesus sagte zu Marta: »Habe nis und schließlich Zeugnis.
ich dir nicht gesagt, wenn du glaubtest, Ein böser Geist hatte diesen Mann mit
so würdest du die Herrlichkeit Gottes se- Taubheit geschlagen. Mehrere Menschen
hen?« (Joh 11,40). Der Schreiber des He- kümmerten sich um ihn, indem sie den
bräerbriefes sagt »Durch Glauben ver- Besessenen zu Jesus brachten. Gott segne
stehen wir …« (Hebr 11,3). Der Apostel die Menge der Ungenannten, die er dazu
Johannes schrieb: »Dies habe ich euch ge- benutzen konnte, andere zu Jesus zu brin-
schrieben, damit ihr wisst, … die ihr an gen!
den Namen des Sohnes Gottes glaubt« 9,33 Sobald der Dämon ausgetrieben
(1. Joh  5,13). Gott ist über Glauben, der war, redete der Stumme. Sicherlich kön-
erst ein Wunder fordert, nicht erfreut. Er nen wir annehmen, dass er seine wieder-
will, dass wir ihm allein deshalb glauben, hergestellte Sprechfähigkeit benutzte und
weil er Gott ist. den anbetete, der ihn so gnädig geheilt
Warum bedrohte Jesus die geheilten hatte, um ihn zu bezeugen. Die einfachen
Männer so ernsthaft, dass sie niemand Leute bekannten, dass Israel Zeuge von
von dem Wunder weitersagen sollten? nie da gewesenen Wundern wurde.
In den Anmerkungen zu 8,4 deuteten wir 9,34 Aber die Pharisäer missachte-
an, dass er eventuell verhindern wollte, ten das, indem sie sagten, Jesus triebe
vorzeitig auf den Königsthron erhoben zu die Dämonen durch den Obersten der
werden. Die Leute hatten noch nicht Buße Dämonen aus. Diese Behauptung be-
getan; und er konnte nicht über sie regie- zeichnete Jesus später als die unvergeb-
ren, ehe sie nicht wiedergeboren waren. bare Sünde (12,32). Wer ein Wunder, das
Auch würde ein Umsturz um Jesu willen er durch den Heiligen Geist vollbrachte,
schreckliche Strafaktionen der Römer ge- der Macht Satans zuschrieb, lästerte den
gen die jüdische Bevölkerung nach sich Heiligen Geist. Während andere durch
ziehen. Außerdem musste Jesus zuerst die heilende Berührung Christi gesegnet
ans Kreuz geschlagen werden, ehe er als wurden, blieben die Pharisäer geistlich
König regieren konnte. Alles, was seinen tot, blind und taub.
Weg nach Golgatha verhindern wollte,
stand dem vorherbestimmten Plan Got- VI. Die Apostel des Messiaskönigs
tes entgegen. wer­­­den nach Israel gesandt
9,31 In der großen Freude über ihr (9,35 – 10,42)
Augenlicht verbreiteten die Männer die
Nachricht ihrer wunderbaren Heilung A. Der Bedarf an Arbeitern für die
überall. Während wir versucht sind, mit Ernte (9,35-38)
ihnen zu fühlen und sie sogar für ihr über- 9,35 In diesem Vers beginnt Jesu soge-
schwängliches Zeugnis zu bewundern, nannte dritte Rundreise durch Galiläa.
bleibt die nüchterne Tatsache bestehen, Jesus reiste durch die Städte und Dörfer,
dass sie äußerst ungehorsam waren und indem er die Gute Nachricht vom Reich
unausweichlich mehr Schlechtes als Gutes predigte. Er erklärte dem Volk, dass er
für Jesus taten, indem sie eher oberfläch- der König Israels sei und über die An-
liche Neugier als geistgeleitetes Inter­esse gehörigen des Volkes herrschen würde,
67 Matthäus 9 und 10

wenn sie umkehren und ihn anerkennen Jesus sagte nicht, wer der Herr der
würden. Zu dieser Zeit galt dem Volk Is- Ernte ist. Einige meinen, dass der Hei-
rael das ernst gemeinte Angebot des Rei- lige Geist gemeint ist. In Kapitel 10,5 sen-
ches. Was wäre geschehen, wenn Israel det Jesus selbst die Jünger aus. So scheint
darauf eingegangen wäre? Die Bibel be- er derjenige zu sein, zu dem wir in die-
antwortet uns diese Frage nicht. Wir wis- ser Angelegenheit der Weltmission beten
sen, dass Christus noch immer hätte ster- sollen.
ben müssen, um eine gerechte Basis zu
schaffen, auf der Gott die Sünder aller B. Die Berufung der zwölf Jünger
Zeitalter rechtfertigen kann. (10,1-4)
Während Christus lehrte und pre- 10,1 Im letzten Vers von Kapitel 9 weist
digte, heilte er auch alle Arten von Krank- der Herr seine Jünger an, für mehr Arbei-
heiten. So wie Wunder das erste Kom- ter zu bitten. Um diese Bitte ehrlich vor-
men Christi in Niedrigkeit begleiteten, tragen zu können, müssen die Gläubigen
werden sie mit dem zweiten Kommen gewillt sein, selbst zu gehen. Deshalb se-
in Macht und Herrlichkeit einhergehen hen wir jetzt, wie der Herr seine zwölf
(vgl. Hebr 6,5: »die Kräfte des zukünfti- Jünger beruft. Er hatte sie schon vorher
gen Zeitalters«). ausgewählt, doch nun beruft er sie zu ei-
9,36 Als er die Menge der Israeliten nem besonderen evangelistischen Einsatz
betrachtete, die erschöpft und hilflos wa- im Volk Israel. Mit der Berufung erhielten
ren, da sah er sie als Schafe ohne Hirten. sie die Vollmacht, Dämonen auszutreiben
Er hatte großes Mitleid mit ihnen. Ach, und alle Arten von Krankheiten zu heilen.
dass wir uns dieses Streben nach dem Wir können hier die Einzigartigkeit Jesu
geistlichen Wohlergehen der Verlorenen sehen. Auch vor ihm gab es Männer, die
und Sterbenden zu eigen machten! Wie Wunder getan hatten, aber niemand hatte
nötig haben wir es, ständig zu beten: diese Fähigkeit je auf andere übertragen.
Mög’ ich die Menge seh’n, 10,2-4 Die zwölf Apostel waren:
wie es der Retter tat, 1. »Simon, der Petrus genannt wird.« Als
der voller Mitleid sich impulsiver, großzügiger und liebe­
ihr zugewendet hat. voller Mann war er der geborene An-
Ich will die Schafe seh’n führer.
mit liebevollem Blick 2. »Andreas, sein Bruder.« Er wurde Je-
und bitt’: O bring sie, Herr, sus durch Johannes den Täufer vorge­
zu dir, dem Hirt, zurück! stellt (Joh 1,36.40) und brachte dann
9,37 Eine große geistliche Ernte war seinen Bruder Petrus zu ihm. Er mach­
einzubringen, doch die Arbeiter waren ­te es danach zu seiner Aufgabe, auch
wenige. Dieses Problem besteht auch andere Menschen zu Jesus zu führen.
heute noch, wie es scheint. Die Not ist im- 3. »Jakobus, der Sohn des Zebedäus.«
mer größer als die Arbeitskraft. Er wurde später von Herodes umge-
9,38 Der Herr Jesus befahl den Jün- bracht (Apg 12,2) – er war der erste
gern, den Herrn der Ernte zu bitten, dass der Zwölf, der als Märtyrer starb.
er Arbeiter aussende in seine Ernte. Man 4. »Johannes, sein Bruder.« Auch er war
beachte hierbei, dass die Not nicht un­ ein Sohn des Zebedäus. Er war der
bedingt als Ruf zu verstehen ist. Arbeiter Jünger, den Jesus lieb hatte. Wir ver-
sollten erst gehen, wenn sie gesandt sind. danken ihm das vierte Evangelium,
Mein Heiland Jesus Christus, drei Briefe und die Offenbarung.
er selbst hat mich gesandt, 5. »Philippus.« Er kam aus Betsaida und
zu geh’n ins Land des Dunkels brachte Nathanael zu Jesus. Er ist
und seinem Wink zu folgen - nicht zu verwechseln mit dem Evan-
mit der durchgrab’nen Hand. gelisten Philippus in der Apostel-
Frances Bevan (nach einer geschichte.
Textvorlage von Gerhard Tersteegen) 6. »Bartholomäus.« Man nimmt an, dass
Matthäus 10 68

er mit Nathanael identisch ist, dem gekommen war. Wenn die Israeliten es
Israeliten, in dem Jesus keinen Trug ablehnten, dann würden sie keine Ent-
fand (Joh 1,47). schuldigung haben, weil es eigens für
7. »Thomas«, auch genannt »Zwilling«. sie eine offizielle Ankündigung gegeben
Er ist allgemein als der »ungläubige hatte. Das Reich hatte sich in der Person
Thomas« bekannt, doch an die Stelle des Königs genähert. Israel musste sich
seines Unglaubens trat ein wunderba- entscheiden, ob es ihn anerkennen oder
res Zeugnis für Christus (Joh 20,28). verwerfen wollte.
8. »Matthäus.« Der frühere Zöllner, der 10,8 Die Jünger erhielten Gaben, die
dieses Evangelium geschrieben hat. sie vor den Menschen zur Bestätigung
9. »Jakobus, der Sohn des Alphäus.« Von der Botschaft ausweisen sollten: Sie soll-
ihm ist sonst kaum etwas bekannt. ten »Kranke heilen, Tote auferwecken16,
10. »Lebbäus, mit dem Zunamen Thad- Aussätzige reinigen und Dämonen aus-
däus« (LU 1912). Er ist auch als Judas, treiben«. Die Juden verlangten Zeichen
Sohn des Jakobus, bekannt (Lk 6,16). (1. Kor 1,22), deshalb ließ Gott sich groß-
Sein einziger überlieferter Satz findet zügig herab, ihnen diese Zeichen zu ge-
sich in Johannes 14,22. ben.
11. »Simon, der Kananäer«, den Lukas als Die Vertreter des Herrn sollten keinen
»Eiferer« bezeichnet (Lk 6,15). Lohn für ihren Dienst nehmen. Sie hatten
12. »Judas, der Iskariot«, der den Herrn ihre Segnungen kostenlos erhalten und
verraten hat. sollten sie ebenso weitergeben.
Die Jünger waren zu dieser Zeit wahr- 10,9.10 Sie sollten keinerlei Vorsorge
scheinlich Anfang zwanzig. Aus verschie- für die Reise treffen. Sie waren doch Israe­
denen Lebensumständen kommend und liten, die ihrem eigenen Volk predigten,
sicherlich nur durchschnittlich begabt, lag und es war unter den Juden ein anerkann-
ihre Größe in ihrer Verbindung zu Jesus. tes Prinzip, dass der Arbeiter seiner Nah-
rung wert ist. Deshalb war es für sie nicht
C. Die Sendung nach Israel (10,5-33) nötig, Gold, Silber, Kupfer, eine Vorrats-
10,5.6 Der Rest des Kapitels enthält Jesu tasche, zwei Untergewänder, Sandalen
Anweisungen für eine besondere Predig- oder einen Stab mitzunehmen. Das kann
trundreise, die dem Hause Israel galt. Wir bedeuten, keine zusätzlichen Sandalen
dürfen dies nicht mit der Aussendung und keinen zusätzlichen Stab mitzuneh-
der siebzig Jünger verwechseln, die spä- men. Wenn sie schon einen hatten, dann
ter stattfand (Lk 10,1), oder mit dem Mis- durften sie ihn mitnehmen (Mk 6,8). Der
sionsbefehl (Matth 28,19.20). Hier haben dahinterstehende Gedanke ist, dass Tag
wir einen zeitweiligen Auftrag, dessen be- für Tag für sie gesorgt werden würde.
sonderes Ziel es war, die Nähe des Reiches 10,11 Wie sollten sie für Unterkunft
der Himmel zu verkündigen. Einige der sorgen? Wenn sie in eine Stadt kamen,
Anweisungen sind von bleibendem Wert sollten sie sich nach einem würdigen
für die Jünger aller Zeitalter. Manche wur- Gastgeber umsehen – jemand, der sie als
den vom Herrn allerdings später wieder Jünger des Herrn empfangen würde und
aufgehoben, was beweist, dass sie nicht für ihre Botschaft offen wäre. Wenn sie
für immer gedacht waren (Lk 22,35.36). einmal einen solchen Gastgeber gefun-
Als Erstes wird die Route angegeben. den hatten, dann sollten sie so lange bei
Sie sollten weder zu den Nationen noch ihm bleiben, wie sie sich in der Stadt auf-
zu den Samaritern gehen, den Angehöri- hielten, statt Ausschau nach einer beque-
gen einer Mischrasse, die von den Juden meren Unterkunft zu halten.
verachtet wurden. Diesmal war ihr Dienst 10,12-14 Wenn ein Haus sie empfing,
auf die »verlorenen Schafe des Hauses Is- sollten sie die betreffende Familie seg-
rael« begrenzt. nen und ihr Freundlichkeit und Dank-
10,7 Die Botschaft war die Verkündi- barkeit für diese Gastfreundschaft er-
gung, dass das Reich der Himmel nahe weisen. Wenn andererseits sich ein Haus
69 Matthäus 10

weigerte, die Botschafter des Herrn auf- 10,19.20 Sie brauchten nicht im Vor­
zunehmen, waren sie nicht verpflichtet, aus zu üben, was sie in einer Verhand-
Gottes Frieden auf dieses Haus herab- lung sagen sollten. Wenn die Zeit gekom-
zuwünschen, das heißt, sie brauchten es men war, würde der Geist Gottes ihnen
nicht zu segnen. Nicht nur das, sondern göttliche Weisheit geben, so zu antwor-
sie sollten das Missfallen Gottes verdeut- ten, dass sie Christus verherrlichen, ihre
lichen, indem sie den Staub von ihren Fü- Ankläger verwirren und aufhalten konn-
ßen schütteln sollten. Wenn eine Fami- ten. Man sollte zwei Extreme bei der Aus-
lie seine Jünger ablehnte, dann lehnte sie legung von Vers 19 vermeiden: Das erste
Christus selbst ab. Extrem besteht in der Meinung, dass ein
10,15 Jesus warnte davor, dass eine Christ niemals eine Botschaft vorbereiten
solche Ablehnung am Tag des Gerichts müsse. Das zweite Extrem ist die Ansicht,
eine schwere Bestrafung nach sich ziehen dass dieser Vers für uns nicht mehr gelte.
würde, schlimmer als die Strafe für die Es ist für einen Prediger richtig und wün-
Verderbtheiten in Sodom und Gomorra. schenswert, im Gebet auf Gott zu harren,
Das beweist, dass es verschiedene Grade dass er ihm das richtige Wort für eine be-
der Bestrafung in der Hölle geben muss, stimmte Situation im Voraus gibt. Aber es
wie sollte es sonst einigen »erträglicher« ist auch wahr, dass in Krisen alle Gläubi-
als anderen ergehen? gen die Verheißung Gottes in Anspruch
10,16 In diesem Abschnitt berät Jesus nehmen dürfen, mit göttlicher Eingebung
die Jünger in Bezug auf ihr Verhalten in zu sprechen. Sie werden dabei Sprach-
der Verfolgung. Sie würden »wie Schafe rohr des Geistes ihres Vaters sein.
mitten unter Wölfen« sein, umgeben von 10,21 Jesus warnte seine Jünger, dass
hinterhältigen Menschen, die darauf aus sie mit Verrat konfrontiert werden wür-
sind, sie zu vernichten. Sie sollten so klug den. Der Bruder würde den Bruder ankla-
wie die Schlangen sein, indem sie unnö- gen, der Vater sein Kind verraten, und die
tigen Anstoß vermieden und sich nicht Kinder würden ihre Eltern anzeigen, so-
in bloßstellende Situationen hineinzie- dass diese schließlich getötet würden.
hen ließen. Und sie sollten einfältig wie J. C. Macaulay drückte das gut aus:
die Tauben sein, nur geschützt durch die Wir befinden uns in guter Gesellschaft,
Rüstung eines gerechten Charakters und wenn wir den Hass der Welt ertragen müssen
ungetrübten Glaubens. … Der Diener darf nicht erwarten, dass er in
10,17 Sie sollten vor ungläubigen Ju- der Hand des Feindes besser behandelt wird
den auf der Hut sein, die sie vor Gericht als der Herr selbst. Wenn die Welt nichts Bes-
ziehen und in ihren Synagogen geißeln seres als das Kreuz für Jesus hatte, dann wird
würden. Der Angriff würde mit öffent­ sie für seine Nachfolger keine königliche Kut-
lichen und religiösen Mitteln geführt wer- sche bereitstellen: Wenn es nur Dornen für
den. ihn gibt, dann wird man uns keine Kränze
10,18 Sie würden um Christi willen winden … Lasst uns nur darauf achten, dass
vor Könige und Statthalter gezerrt wer- der Hass der Welt wirklich »um Jesu willen«
den. Aber Gottes Sache würde über das auf uns liegt und nicht wegen etwas Hassens-
Böse des Menschen triumphieren. »Der wertem oder infolge eines Sachverhalts, der
Mensch geht den Weg der Bosheit, doch unwürdig des gnadenreichen Herrn ist, den
der Herr geht seinen Weg.« In der Stunde wir vertreten.17
ihrer scheinbaren Niederlage würden die 10,22.23 Die Jünger würden »von al-
Jünger das unvergleichliche Vorrecht ha- len gehasst werden« – nicht von allen
ben, vor Herrschern und Nationen Zeug- ohne Ausnahme, doch in allen Kulturen,
nis zu geben. Gott würde alle Dinge zum Nationen, Klassen usw. »Wer aber aus-
Guten dienen lassen. Das Christentum harrt bis ans Ende, der wird errettet wer-
hat von offiziellen Behörden viel zu lei- den.« Wenn man diesen Satz isoliert be-
den gehabt, doch es wurde »ihnen … zum trachtet, könnte man daraus schließen,
Zeugnis«. dass man die Errettung durch beständi-
Matthäus 10 70

ges Ausharren verdienen könne. Wir wis- Israels nicht zu Ende sein, bis der Sohn
sen, dass dieser Satz nicht so gedeutet des Menschen gekommen sein wird.«
werden kann, weil in der Schrift die Er- Das kann sich nicht auf die Aussendung
rettung immer als großzügiges Geschenk der zwölf Jünger beziehen, weil der Sohn
der Gnade Gottes durch den Glauben des Menschen zu ihrer Zeit schon gekom-
dargestellt wird (Eph 2,8.9). Auch kann men war. Einige Ausleger verstehen die-
dieser Vers nicht die Bewahrung vor dem sen Satz als einen Hinweis auf die Zer-
leiblichen Tod für diejenigen bedeuten, störung Jerusalems im Jahre  70  n. Chr.
die Christus treu sind, denn die vorher- Dennoch ist es schwierig, wie man von
gehenden Verse sagen den Tod einiger diesem Holocaust als dem »Kommen
treuer Jünger voraus. Die einfachste Er- des Menschensohnes« sprechen kann. Es
klärung lautet, dass Ausharren ein wich- scheint weitaus annehmbarer zu sein, hier
tiges Kennzeichen des wahren Gläubigen einen Hinweis auf sein zweites Kommen
ist. Wir finden in Matthäus 24,13 dieselbe zu sehen. Während der Großen Trübsal
Aussage, wo es sich auf den treuen Über- werden die von Christi erkauften Ange-
rest der Juden während der Trübsal be- hörigen des gläubigen jüdischen Über-
zieht, der sich weigert, in Bezug auf seine rests das Evangelium vom Reich weiter-
Treue zu Jesus Kompromisse einzugehen. verbreiten. Sie werden dabei hart verfolgt
Das Ausharren weist diese Menschen als werden. Ehe sie alle Städte Israels errei-
echte Jünger aus. chen können, wird der Herr Jesus wieder-
In Bibelabschnitten, die sich mit der kommen, um seine Feinde zu richten und
Zukunft beschäftigen, wechselt der Hei- sein Reich zu errichten.
lige Geist oft von der unmittelbaren zur In V. 23 liegt ein scheinbarer Wider-
fernen Zukunft. Eine Prophezeiung kann spruch zu Matthäus 24,14 vor. Hier lesen
eine teilweise und sofortige Bedeutung wir, dass nicht alle Städte Israels erreicht
und auch eine vollständige und weiter werden, ehe der Sohn des Menschen ge-
entfernte Erfüllung haben. Zum Beispiel kommen sein wird. Dort heißt es, dass
können die beiden Kommen Christi ohne das Evangelium vom Reich in aller Welt
Erklärung in einem einzigen Atemzug ge- gepredigt werden wird, ehe Jesus wie-
nannt sein (Jes 52,14.15; Micha 5,1-3). In derkommt. Dennoch haben wir hier kei-
den Versen 22 und 23 redet der Herr Je- nen Widerspruch. Das Evangelium wird
sus auch in einem solch unmittelbaren allen Völkern verkündigt werden, wenn
Übergang. Er warnt die zwölf Jünger da- auch nicht notwendigerweise jedem ein-
vor, dass sie um seinetwillen leiden müs- zelnen Menschen. Aber dieser Botschaft
sen, dann scheint er sie als Vorbild sei- wird viel Widerstand begegnen, und die
ner hingegebenen jüdischen Nachfolger Boten werden in Israel hart verfolgt und
während der Großen Trübsal zu sehen. Er behindert werden. Deshalb werden nicht
geht von der Verfolgung der ersten Chris- alle Städte Israels erreicht werden.
ten direkt zu den Drangsalen der Gläubi- 10,24.25 Die Jünger des Herrn wür-
gen unmittelbar vor seiner Wiederkunft den oft Gelegenheit haben, sich zu fra-
über. gen, warum sie eine solch schlechte Be-
Der erste Teil von Vers 23 könnte sich handlung erfahren und ertragen müssen.
auf die Jünger beziehen: »Wenn sie euch Wenn Jesus doch der Messias war, erhob
aber verfolgen in dieser Stadt …« Sie wa- sich die Frage: Wieso sollten seine Nach-
ren nicht verpflichtet, unter der Tyrannei folger leiden, statt mitzuregieren? In den
ihrer Feinde auszuhalten, wenn es eine Versen 24 und 25 nimmt der Herr Jesus
ehrliche Fluchtmöglichkeit gab. »Es ist ihre Verwirrung vorweg und beantwortet
falsch, vor der Pflicht, nicht aber vor der die entsprechende Frage, indem er sie an
Gefahr zu fliehen.« ihre Beziehung zu ihm erinnert. Sie wa-
Der zweite Teil von Vers 23 bringt uns ren die Jünger, und er war der Lehrer. Sie
in die Tage vor der Herrschaft Christi über waren Sklaven, er war ihr Herr. Sie wa-
die Erde: »… Ihr werdet mit den Städten ren Hausgenossen, er war der Herr des
71 Matthäus 10

Hauses. Wenn die Menschen den ehr- 10,29 Inmitten der schrecklichsten
würdigen Hausherrn »Beelzebul« nen- Anfechtungen sollten sich die Jünger der
nen würden (»Herr der Fliegen«, eine Fürsorge Gottes sicher sein. Der Herr Je-
ekronitische Gottheit, deren Name von sus verdeutlicht das an den überall vor-
den Juden für Satan verwendet wurde), handenen Sperlingen. Man konnte zwei
würden sie seine Hausgenossen noch dieser unbedeutenden Vögel für ein Kup-
schlimmer beleidigen. Jüngerschaft be­ ferstück erwerben. Doch keiner von ihnen
inhaltet Teilhabe an der Ablehnung, die stirbt, ohne dass der Vater es will, es weiß
der Meister erfahren hat. oder dabei ist. Jemand sagte einmal dazu:
10,26.27 Dreimal sagte der Herr sei- »Gott ist sogar beim Begräbnis eines Sper-
nen Nachfolgern, sie sollten sich nicht lings dabei.«
fürchten (V. 26.28.31). Erstens sollten sie 10,30.31 Derselbe Gott, der sich per-
sich nicht vor dem scheinbaren Sieg ih- sönlich für den kleinen Sperling interes-
rer Feinde fürchten. Jesus würde einst in siert, zählt die Haare auf dem Haupt sei-
Herrlichkeit gerechtfertigt werden. Bisher ner Kinder genau. Eine Haarsträhne ist
war das Evangelium relativ »verdeckt«, sicherlich wesentlich weniger wert als
und seine Lehre war vergleichsweise ver- ein Sperling. Das zeigt, dass seine Kin-
borgen. Aber bald sollten die Jünger die der Gott noch viel wichtiger sind als viele
christliche Botschaft mutig verkündigen, Sperlinge. Wovor sollten sie sich also
die ihnen bis zu diesem Zeitpunkt im Ver- fürchten?
borgenen, das heißt nicht öffentlich, ge- 10,32 Angesichts der eben geführ-
lehrt wurde. ten Überlegungen stellt sich die Frage:
10,28 Zweitens sollten die Jünger Was kann vernünftiger sein, als dass die
nicht die mörderische Wut der Menschen Jünger Christi ihn ohne Furcht vor den
fürchten. Das Schlimmste, was Menschen Menschen bekennen sollten? Jeder Spott
zu tun vermögen, besteht darin, den Leib oder jeder Tadel, den sie ertragen müs-
zu töten. Der körperliche Tod ist für einen sen, wird ihnen im Himmel reichlich be-
Christen nicht die größte Tragödie. Ster- lohnt, wenn Jesus sie vor seinem Vater
ben heißt, bei Christus zu sein und des- bekennt. Das Bekenntnis zu Christus be-
halb etwas Besseres zu erreichen. Sterben inhaltet hier auch Hingabe an ihn als den
bedeutet Befreiung von Sünde, Kummer, Herrn und Retter und die daraus resul-
Krankheit, Leiden und Tod; es ist nur ein tierende An­erkennung seiner Herrschaft
Übergang in die ewige Herrlichkeit. So ist durch das Leben und durch das münd-
das Schlimmste, was Menschen tun kön- liche Zeugnis. Bei fast allen zwölf Jün-
nen, in Wirklichkeit das Beste, was einem gern führte das Bekenntnis zum Herrn
Kind Gottes geschehen kann. ins Martyrium.
Die Jünger sollten nicht Menschen 10,33 Verleugnung Christi auf Erden
fürchten, sondern Ehrfurcht vor Gott ha- wird die Verleugnung durch Christus vor
ben, der sowohl Seele als auch Leib zu dem Vater, der in den Himmeln ist, nach
verderben vermag in der Hölle. Das ist sich ziehen. Christus in diesem Sinne zu
der größte Verlust – ewige Trennung von verleugnen, bedeutet, dass man sich wei-
Gott, von Christus und von der Hoff- gert, Jesu Anspruch auf das eigene Leben
nung. Geistlicher Tod ist ein Verlust, der anzuerkennen. Derjenige, dessen Leben
nicht zu ermessen ist, und ein Verhäng- im Grunde zum Ausdruck bringt: »Ich
nis, das man um jeden Preis vermeiden habe dich nie gekannt«, wird schließlich
muss. von ihm zu hören bekommen: »Ich habe
Die Worte Jesu in Vers 28 erinnern an dich nie gekannt.« Der Herr bezieht sich
die Worte des Gottesmannes John Knox nicht auf eine zeitweilige Verleugnung
(1514 – 1572), dessen Grabspruch lau- seiner Person unter Druck, wie im Falle
tet: »Hier liegt einer, der Gott so sehr des Petrus, sondern auf die Art der Ver-
fürchte­te, dass er nie einen Menschen leugnung, die sich endgültig in einer Ge-
fürchtete.« wohnheit ausdrückt.
Matthäus 10 72

D. Nicht Frieden, sondern das Schwert nen. »Wer sein Leben findet, wird es ver-
(10,34-39) lieren, und wer sein Leben verliert um
10,34 Die Worte unseres Herrn müssen meinetwillen, wird es finden.« Die Ver-
als sprachliches Bild verstanden werden, suchung besteht darin, das eigene Le-
in dem die sichtbaren Ergebnisse seines ben zu lieben, indem man die Schmerzen
Kommens als offensichtliches Ziel sei- und die Verluste eines völlig hingegebe-
ner Ankunft dargestellt werden. Er sagt, nen Lebens umgehen will. Aber dies ist
dass er nicht gekommen sei, Frieden zu die größte Lebensverschwendung – es in
bringen, sondern das Schwert. In Wahr- der Selbstsucht zu leben. Der großartigste
heit kam er jedoch, um Frieden zu ma- Einsatz eines Lebens besteht darin, es im
chen (Eph 2,14-17). Er kam, damit die Dienst für Christus aufzuopfern. Wer
Welt durch ihn gerettet würde (Joh 3,17). sein Leben in der Hingabe an ihn verliert,
10,35-37 Hier wird dagegen betont, wird dessen wahre Fülle erfahren.
dass, wann immer Menschen seine Nach-
folger würden, ihre Familien sich gegen E. Der Becher kalten Wassers
sie wenden würden. Einem bekehrten (10,40-42)
Vater würde von seinem Sohn Wider- 10,40 Nicht jeder wird die Botschaft der
stand entgegengebracht werden, einer Jünger ablehnen. Einige werden die Jün-
frommen Mutter von ihrer unerretteten ger als die Repräsentanten des Messias
Tochter. Eine wiedergeborene Schwie- anerkennen und sie freundlich aufneh-
germutter würde von ihrer nicht wieder- men. Die Jünger werden sicher nicht die
geborenen Schwiegertochter gehasst wer- Mittel haben, solche Freundlichkeit zu be-
den. So stehen Christen oftmals vor der lohnen, aber das ist kein Grund zur Trau-
Wahl zwischen Christus und der Familie. rigkeit. Alles, was für sie getan werden
Keine natürlichen Bande dürfen den Jün- wird, wird so belohnt, als ob es für den
ger von der absoluten Treue zum Herrn Herrn getan worden wäre.
abhalten. Der Retter muss wichtiger sein Wer einen Jünger aufnimmt, handelt
als Vater, Mutter, Sohn oder Tochter. Ein so, als würde er Christus selbst aufneh-
Preis der Jüngerschaft ist die Erfahrung men, und wer Christus aufnimmt, nimmt
von Spannung, Streit und Entfremdung den Vater auf, der ihn gesandt hat. Wer ei-
in der eigenen Familie. Diese Feindschaft nen Botschafter empfängt, der die Regie-
ist oftmals erbitterter als in anderen Le- rung vertritt, die ihn sendet, der genießt
bensbereichen. diplomatische Beziehungen mit diesem
10,38 Aber es gibt etwas, das noch Land.
eher als die Familie Christus den recht- 10,41 Jeder, der einen Propheten auf-
mäßigen Platz im Leben eines Menschen nimmt, weil er ein Prophet ist, wird
rauben kann – das ist die Liebe zum ei- den Lohn eines Propheten empfangen.
genen Leben. Deshalb setzt Jesus hier A. T. Pierson kommentiert dazu:
hinzu: »Und wer nicht sein Kreuz auf- Die Juden hielten den Lohn eines Prophe-
nimmt und mir nachfolgt, ist meiner ten für den größten, weil der König zwar das
nicht würdig.« Das Kreuz war natürlich Land im Namen des Herrn regiert und der
ein Hinrichtungswerkzeug. Das Kreuz Priester im Namen des Herrn dient, der Pro-
auf sich zu nehmen und Christus nach- phet jedoch vom Herrn gesandt ist, um beide
zufolgen, bedeutet, so hingegeben zu le- zu belehren. Christus sagt sinngemäß: Schon
ben, dass sogar der Tod als solcher kein wenn du nicht mehr tust, als einen Prophe-
zu hoher Preis dafür ist. Nicht alle Jünger ten in seiner Eigenschaft als Propheten auf-
müssen ihr Leben für ihren Herrn opfern, zunehmen, wird dir derselbe Lohn wie dem
aber alle sind aufgerufen, ihn so hoch zu Propheten gegeben, wenn du ihm hilfst. Man
schätzen, dass ihr eigenes Leben für sie sollte daran denken, wenn man geneigt ist,
nicht mehr wertvoll ist. einen Prediger zu kritisieren. Wenn du ihm
10,39 Die Liebe zu Christus muss den hilfst, für Gott zu sprechen, und ihn ermu-
Selbsterhaltungstrieb beherrschen kön- tigst, dann wirst du einen Teil seines Lohnes
73 Matthäus 10 und 11

erhalten. Aber wenn du es ihm erschwerst, 11,2.3 Zu dieser Zeit war Johannes
seinen Dienst zu tun, dann wirst du diesen schon durch Herodes gefangen genom-
Lohn verlieren. Es ist eine großartige Sache, men worden. Als Entmutigter und Ein-
einem Mann zu helfen, der Gutes tun will. samer begann er, sich Gedanken zu ma-
Du solltest nicht seine Kleidung, seine Ma- chen. Wenn Jesus wirklich der Messias
nieren, sein Auftreten oder seine Stimme be- war, warum erlaubte er es dann, dass
achten, sondern hinter diese Dinge sehen und sein Vorläufer im Gefängnis schmachten
dich fragen: »Ist das eine Botschaft Gottes für musste? Wie viele große Männer Gottes
mich? Ist dieser Mann für meine Seele ein litt Johannes zeitweilig an mangelndem
Prophet Gottes?« Und wenn er das ist, dann Vertrauen. Deshalb sandte er zwei sei-
nimm ihn auf, bestärke ihn in seinem Wort ner Jünger, um zu fragen, ob Jesus wirk-
und Werk und erhalte dann Anteil an seinem lich derjenige war, den die Propheten
Lohn.18 vorhergesagt hatten, oder ob sie noch im-
Wer einen Gerechten aufnimmt, weil mer nach dem Gesalbten Ausschau hal-
er ein Gerechter ist, der soll eines Ge- ten sollten.
rechten Lohn empfangen. Diejenigen, die 11,4.5 Jesus antwortete, indem er Jo-
nach äußerlicher Attraktivität oder mate- hannes daran erinnerte, dass er die Wun-
riellem Reichtum urteilen, erkennen oft der tat, die der vorhergesagte Messias
nicht, dass wirklicher moralischer Wert auch tun sollte: »Blinde werden sehend«
oft sehr bescheiden auftritt. Die Art, wie (Jes 35,5), »Lahme gehen« (Jes 35,6), »Aus-
jemand einen überaus schlichten Jünger sätzige werden gereinigt« (Jes 53,4; vgl.
behandelt, entspricht der Art, wie er mit Matth 8,16.17), »Taube hören« (Jes 35,5)
Christus umgeht. »und Tote werden auferweckt« (nicht als
10,42 Keine Handreichung, die einem Machttat des Messias prophezeit – dies
Nachfolger Jesu getan wird, wird unbe- war ein größeres als die vorhergesagten
achtet bleiben. Sogar ein Becher kalten Wunder). Jesus erinnerte Johannes auch
Wassers wird großzügig belohnt werden, daran, dass als Erfüllung der messiani-
wenn er einem Jünger gegeben wird, weil schen Prophezeiung in Jesaja 61,1 das
er ein Nachfolger des Herrn ist. Evangelium den Armen gepredigt wer-
So beschließt der Herr seine spezielle den würde. Gewöhnliche religiöse Füh-
Rede an die Zwölf, indem er ihnen wirk- rer konzentrieren ihre Aufmerksamkeit
liche Würde beilegt. Wenn es auch zu- meist auf die Reichen und Adligen. Der
traf, dass sie verfolgt, verachtet, verhaf- Messias dagegen brachte die Gute Nach-
tet, versucht, ins Gefängnis geworfen und richt zu den Armen.
womöglich getötet würden, so sollten sie 11,6 Dann fügte der Heiland hinzu:
doch nie vergessen, dass sie Vertreter des »Und glückselig ist, wer sich nicht an mir
Königs waren und ihr herrliches Vorrecht ärgern wird!« Aus dem Munde eines an-
darin bestand, für ihn zu reden und zu deren wäre dies die Angeberei eines Ego-
handeln. isten. Auf den Lippen Jesu ist dies jedoch
ein berechtigter Ausdruck seiner persön-
VII. Wachsender Widerstand lichen Vollkommenheit. Statt als glän-
und zunehmende Ablehnung zender General zu erscheinen, war der
(Kap. 11 und 12) Messias als einfacher Zimmermann ge-
kommen. Seine Freundlichkeit, seine Ein-
A. Johannes der Täufer wird ins fachheit und Demut entsprachen nicht
Gefängnis geworfen (11,1-19) dem allgemeinen Bild des streitbaren
11,1 Nachdem er seine zwölf Jünger zu Messias. Menschen, die sich vom Fleisch
ihrer besonderen zeitweiligen Aufgabe leiten ließen, hätten ruhig sein Königtum
am Hause Israel ausgesandt hatte, »ging anzweifeln können. Aber Gottes Segen
Jesus von dort weg«, um in den Städten würde auf denen ruhen, die durch geist-
Galiläas zu lehren und zu predigen, wo liche Einsicht Jesus von Nazareth als den
die Jünger vormals gelebt hatten. verheißenen Messias erkannten.
Matthäus 11 74

Vers 6 sollte nicht als Tadel für Johan- nes ebnete den Weg für Christus, und dann
nes den Täufer verstanden werden. Der trat er für Christus aus dem Weg.
Glaube eines jeden muss von Zeit zu Zeit 11,11 Die Aussage Jesu, dass der
gestärkt und bestätigt werden. Eine Sache Kleinste im Reich der Himmel größer als
ist es, zeitweilig das Vertrauen zu verlie- Johannes ist, beweist, dass Jesus von den
ren, eine andere dagegen, sich dauernd Vorrechten des Johannes, nicht aber von
der wahren Identität des Herrn Jesus un- seinem Charakter spricht. Ein Mensch,
sicher zu sein. Ein einziges Kapitel kann der der Kleinste im Reich der Himmel ist,
nie die ganze Geschichte eines Menschen hat nicht unbedingt einen besseren Cha-
erzählen. Wenn wir das Leben des Johan- rakter als Johannes, aber er hat größere
nes als Ganzes nehmen, dann finden wir Vorrechte. Ein Bürger des Reiches zu sein,
viele Aufzeichnungen über seine Treue ist herrlicher, als es nur anzukündigen.
und Standhaftigkeit. Das Vorrecht des Johannes, dem Herrn
11,7.8 Sobald die Jünger des Johan- den Weg zu bereiten, war großartig, aber
nes mit Jesu aufrichtender Nachricht zu- er lebte nicht, um in den Genuss der Seg-
rückgekehrt waren, wandte sich der Herr nungen des Reiches zu kommen.
an die Volksmengen und pries den Täu- 11,12 Vom Beginn des Dienstes des Jo-
fer. Dieselbe Menge war in die Wüste hannes an bis zu seiner Gefangennahme
geströmt, als Johannes dort predigte. hatte das Reich der Himmel unter Ge-
Warum? Um ein schwaches, schwanken- walt zu leiden. Die Pharisäer und Schrift-
des Rohr zu sehen, das vom Wind jeder gelehrten waren strikt gegen dieses Reich.
menschlichen Meinung hin und her be- Der König Herodes hatte sein Teil dazu-
wegt wird? Sicherlich nicht! Johannes getan, das Reich zu bekämpfen, indem er
war ein furchtloser Prediger, das leben- den Herold dieses Reiches ergriff.
dig gewordene Gewissen, einer, der eher »… und Gewalttuende reißen es an
leiden als schweigen, eher sterben als lü- sich.« Diese Aussage kann man in zwei-
gen würde. Waren sie gekommen, einen erlei Hinsicht auslegen. Erstens haben die
wohlgekleideten Höfling zu sehen, der Feinde des Reiches alles getan, um es an
es sich in seinem Luxus gut gehen lässt? sich zu reißen und zu zerstören. Dass sie
Gewiss nicht! Johannes war ein einfacher Johannes ablehnten, war nur eine Vor-
Mann Gottes, dessen aufrechtes Leben ein ausschattung der Verwerfung des Königs
Tadel für die enorme Verweltlichung des selbst und damit des Reiches. Aber diese
Volkes war. Aussage kann auch bedeuten, dass sol-
11,9 Waren sie gekommen, einen Pro- che, die für die Ankunft des Königs be-
pheten zu sehen? Nun, Johannes war ein reit waren, voller Leidenschaft auf die
Prophet – ja, sogar der größte der Pro- Ankündigung reagierten und alle An-
pheten. Der Herr meinte hier nicht, dass strengungen unternahmen, um hinein-
Johannes in Bezug auf seinen Charakter zukommen. Das ist die Bedeutung von
größer war, in seiner Beredsamkeit oder Lukas 16,16: »Das Gesetz und die Pro-
seiner Überzeugungskraft; er war größer, pheten gehen bis auf Johannes; von da an
weil er der Vorläufer des Messiaskönigs wird die gute Botschaft vom Reich Gottes
war. verkündigt, und jeder dringt mit Gewalt
11,10 Es wird in Vers 10 deutlich ge- hinein.« Hier wird das Reich als belagerte
sagt: Johannes war die Erfüllung der Stadt dargestellt, die alle möglichen Men-
Prophezeiung Maleachis (Mal 3,1) – der schen von allen Seiten umringen und de-
Bote, der vor dem Herrn hergehen und ren Befestigungsanlagen sie überwinden
das Volk für sein Kommen vorbereiten wollen, um in sie hineinzukommen. Eine
sollte. Andere Männer hatten das Kom- gewisse geistliche Gewaltanwendung ist
men Christi vorhergesagt, aber Johannes nötig.
war der Erwählte, der sein tatsächliches Welche Bedeutung man auch bevor-
Kommen ankündigen durfte. Das wurde zugt, der Gedanke ist, dass die Predigt
sehr schön einmal so formuliert: »Johan- des Johannes eine gewaltsame Reaktion
75 Matthäus 11

hervorgerufen hat, die weitreichende und 11,18.19 Johannes kam als Asket, und
tief greifende Folgen hatte. die Juden klagten ihn an, besessen zu sein.
11,13 »Denn alle Propheten und das Der Sohn des Menschen aß und trank an-
Gesetz haben geweissagt bis auf Johan- dererseits ganz normal. Wenn das Aske-
nes.« Die ganze Bibel vom ersten Buch tentum des Johannes sie aufschreckte,
Mose bis zu Maleachi sagte das Kommen dann wären sie vielleicht mit Jesu Essens-
des Messias voraus. Als Johannes auf gewohnheiten zufriedener. Aber nein! Sie
dem Schauplatz der Geschichte erschien, nannten ihn einen Fresser, einen Weinsäu-
bestand seine einzigartige Rolle nicht ein- fer, einen Freund der Zöllner und Sünder.
fach darin, neue Prophezeiungen zu ver- Natürlich hat sich Jesus nie übersättigt
kündigen, sondern darin, die Erfüllung oder zu viel getrunken. Ihre Anklage war
aller Prophezeiungen des ersten Kom- völlig aus der Luft gegriffen. Es stimmte,
mens Christi anzukündigen. dass er ein Freund der Zöllner und Sün-
11,14 Maleachi hatte vorausgesagt, der war, aber nicht in dem Sinne, wie sie
dass Elia als Vorläufer vor dem Messias es auffassten. Er schloss mit den Sündern
erscheinen würde (Mal 3,23.24). Wenn die Freundschaft, damit er sie von ihren Sün-
Menschen willig gewesen wären, Jesus den erretten konnte, aber er teilte ihre
als den Messias anzunehmen, dann hätte Sünden nie, noch hieß er sie gut.
Johannes die Rolle Elias erfüllen können. »Und die Weisheit ist gerechtfertigt
Johannes war kein wiederauferstandener worden aus ihren Werken.« Der Herr Je-
Elia – er bestritt in Johannes 1,21 sogar, sus ist natürlich die Weisheit in Person
Elia zu sein. Aber er ging vor Christus her (1. Kor  1,30). Obwohl ungläubige Men-
im Geist und in der Kraft Elias (Lk 1,17). schen ihn verleumdeten, ist er in den Ta-
11,15 Nicht alle schätzten Johannes ten und dem Leben seiner Nachfolger ge-
den Täufer oder verstanden die tiefe Be- rechtfertigt. Mochte die Masse der Juden
deutung seines Dienstes. Deshalb fügte sich auch weigern, ihn als Messiaskönig
der Herr hinzu: »Wer Ohren hat, der anzuerkennen, so wurden seine Ansprü-
höre!« Mit anderen Worten: »Passt auf! che vollständig durch seine Wunder und
Täuscht euch nicht über die Bedeutung die geistliche Veränderung seiner hinge-
dessen, was ihr gehört habt.« Wenn Jo- gebenen Jünger bestätigt.
hannes die Prophezeiungen über Elia
erfüllte, dann war Jesus der verheißene B. Weherufe über die unbußfertigen
Messias! Indem er so Johannes den Täu- Städte Galiläas (11,20-24)
fer anerkannte, bestätigte Jesus seinen 11,20 Große Vorrechte bringen große Ver-
Anspruch, der Christus Gottes zu sein. antwortung mit sich. Keine Stadt war je
Die Annahme des einen würde auch zur so begünstigt wie Chorazin, Betsaida und
Annahme des anderen führen. Kapernaum. Der menschgewordene Sohn
11,16.17 Aber das Geschlecht, zu dem Gottes war in ihren staubigen Gassen um-
Jesus hier sprach, war nicht daran interes- hergegangen, hatte ihre bevorzugten Be-
siert, auch nur einen von ihnen anzuneh- wohner gelehrt und die meisten seiner
men. Die Juden, die das Vorrecht hatten, Wunderwerke innerhalb ihrer Mauern
die Ankunft ihres Messiaskönigs zu erle- getan. Angesichts dieser überwältigen-
ben, mochten weder ihn noch seinen Vor- den Beweislast hatten sie sich starrsinnig
läufer. Beide waren für sie wie ein Rätsel. geweigert, Buße zu tun. Kein Wunder,
Jesus verglich sie mit mürrischen Kin- dass der Herr ihnen dann ein sehr ernstes
dern auf den Märkten, die sich weiger- Schicksal voraussagen musste.
ten, irgendwie aufeinander zuzugehen. 11,21 Er begann mit Chorazin und
Wenn ihre Freunde pfeifen wollten, da- Betsaida. Diese Städte hatten die gnädi-
mit sie tanzen könnten, dann wollten sie gen flehentlichen Bitten ihres Rettergottes
nicht. Wenn ihre Freunde eine Trauerfeier gehört, hatten ihn jedoch bewusst abge-
in Szene setzten, dann wollten sie nicht wiesen. Er erinnerte sich der Städte Tyrus
wehklagen. und Sidon, die wegen ihres Götzendiens-
Matthäus 11 76

tes und ihrer Bosheit unter das Gericht In den Tagen unseres Herrn gab es
Gottes gefallen waren. Wenn sie das Vor- vier große Städte in Galiläa: Chorazin,
recht gehabt hätten, die Wunder Jesu zu Betsaida, Kapernaum und Tiberias. Jesus
sehen, hätten sie sich in tiefster Buße ge- sprach gegen die drei ersten Städte Wehe-
demütigt. Am Tag des Gerichtes würden rufe aus, aber nicht über Tiberias. Was ist
Tyrus und Sidon deshalb weit besser da- das Ergebnis? Die Zerstörung von Chora-
stehen als Chorazin und Betsaida. zin und Betsaida war so gründlich, dass
11,22 Diese Worte (»es [wird ihnen] man heute nicht mehr genau weiß, wo sie
erträglicher ergehen am Tag des Ge- gelegen haben. Die Lage von Kapernaum
richts«) zeigen, dass es Unterschiede in ist auch nicht sicher. Tiberias gibt es noch
der Bestrafung in der Hölle geben wird, heute. Dies ist eine bemerkenswerte Er-
so wie es verschiedene Belohnungen im füllung der Prophezeiung, die einmal
Himmel geben wird (1. Kor 3,12-15). Die mehr einen Beweis für die Allwissenheit
eine Sünde, die Menschen in die Hölle unseres Heilands und die Inspiration der
bringt, ist die Weigerung, sich Jesus zu Bibel gibt.
unterstellen (Joh 3,36b). Das Leidensmaß
in der Hölle wird durch die zurückgewie- C. Die Reaktion Jesu auf die
sen Vorrechte und die Sünden, die man Ablehnung (11,25-30)
begangen hat, bestimmt. 11,25.26 Die drei Städte Galiläas hatten
11,23.24 Wenige Städte waren so be- weder Augen, den Christus Gottes zu
vorzugt wie Kapernaum. Nachdem die sehen, noch Ohren, ihn zu hören. Jesus
Menschen Jesus in Nazareth abgelehnt wusste, dass ihre Haltung nur ein Vor-
hatten (Kap. 9,1; vgl. Mk 2,1-12) hatte geschmack der Ablehnung durch wei-
er sich dort niedergelassen. Einige sei- tere Bevölkerungsteile war. Wie reagierte
ner erstaunlichsten Wunder – nicht zu- er auf ihre Unbußfertigkeit? Weder mit
rückweisbare Beweise seiner Messiani- Bitterkeit oder Zynismus noch mit Rach-
tät – hatte er dort vollbracht. Wäre das sucht. Stattdessen erhob er seine Stimme,
verdorbene Sodom, die Hauptstadt der um Gott zu danken, dass nichts sei-
Homosexuellen, so bevorzugt worden, nen souveränen Willen zunichtemachen
dann hätte es Buße getan und wäre ver- kann. »Ich preise dich, Vater, Herr des
schont geblieben. Aber das Vorrecht Ka- Himmels und der Erde, dass du dies vor
pernaums war größer. Seine Menschen Weisen und Verständigen verborgen und
hätten Buße tun und sich froh zum Herrn es Unmündigen geoffenbart hast.«
bekennen sollen. Aber Kapernaum ver- Wir sollten hier zwei möglichen Miss­­­­
passte den Tag, an dem es dazu Gelegen- verständnissen vorbeugen: Erstens hat
heit gehabt hätte. Die Sünde der Perver- Jesus hier nicht Gefallen an der Zerstö-
sion in Sodom war schrecklich. Aber es rung galiläischer Städte geäußert. Zwei-
gibt keine größere Sünde als die, wel- tens meinte er mit seiner Äußerung nicht,
che Kapernaum mit der Ablehnung des dass Gott das Licht den Weisen und Klu-
heiligen Sohnes Gottes auf sich geladen gen in überheblicher Weise vorenthält.
hatte. Deshalb wird Sodom am Tag des Die Städte hatten jede nur denkbare
Gerichtes nicht so schwer bestraft werden Chance erhalten, den Herrn Jesus anzu-
wie Kapernaum. Kapernaum war durch nehmen. Sie hatten sich willentlich ge-
sein Privileg bis in den Himmel erhöht weigert, sich ihm zu unterstellen. Da sie
worden, doch am Tag des Gerichtes wird das Licht ablehnten, enthielt Gott es ihnen
es bis zum Hades hinabgestoßen werden. nun vor. Aber Gottes Pläne können nicht
Wenn das für Kapernaum gilt, wie viel durchkreuzt werden. Wenn die Intelli-
mehr wird es für Orte gelten, an denen es genz nicht glauben will, dann wird Gott
eine Vielzahl von Bibeln gibt, wo die Bot- sich den demütigen Herzen offenbaren.
schaft durch die Medien verbreitet wird »Hungrige hat er mit Gütern erfüllt und
und wo nur wenige, wenn überhaupt ei- Reiche leer fortgeschickt« (Lk 1,53).
nige, ohne Entschuldigung sind. Diejenigen, die meinen, sie seien klug
77 Matthäus 11

und weise und hätten Christus daher ihn offenbaren will.« Auch der Vater ist
nicht nötig, werden mit Blindheit in ih- letztlich unergründlich. Denn nur Gott al-
rem Beurteilungsvermögen bestraft. Aber lein ist groß genug, um Gott zu verstehen.
diejenigen, die ihren Mangel an Weis- Man kann ihn nicht durch eigene An-
heit eingestehen, erhalten eine Offenba- strengung oder eigenen Verstand erken-
rung von ihm, »in dem alle Schätze der nen. Aber der Herr Jesus kann und wird
Weisheit und Erkenntnis verborgen sind« den Vater denen offenbaren, die er dazu
(Kol 2,3). Jesus dankte dem Vater, der erwählt hat. Wer immer den Sohn ken-
es so eingerichtet hatte, dass einige ihn nenlernt, wird auch den Vater kennenler-
zwar ablehnten, andere ihn dagegen an- nen (Joh 14,7).
nahmen. Angesichts großer Widerstände Dennoch müssen wir, nachdem all
fand er Trost in dem allumfassenden Plan das gesagt ist, bekennen, dass wir es bei
und Ziel Gottes. der Erklärung von Vers 27 mit Wahrhei-
11,27 Jesus betonte, dass ihm alle ten zu tun haben, die für uns zu hoch
Dinge von seinem Vater übergeben wor- sind. Denn wir sehen jetzt mittels eines
den sind. Das wäre für jeden anderen Spiegels, undeutlich. Nicht einmal in der
eine überhebliche Behauptung gewesen, Ewigkeit wird unser begrenzter Verstand
aber für den Herrn Jesus ist es eine ein- ganz in der Lage sein, die Größe Got-
fache, wahre Aussage. Zu diesem Zeit- tes auszuloten oder das Geheimnis der
punkt hatte der Widerstand seinen Hö- Fleischwerdung zu verstehen. Wenn wir
hepunkt erreicht, und es war überhaupt lesen, dass der Vater nur denen offenbart
nicht erkennbar, dass Jesus alles unter sei- wird, die der Sohn dazu erwählt, könn-
ner Kontrolle hatte. Dennoch war er jeder- ten wir versucht sein zu denken, dies als
zeit Herr der Lage. Sein Lebensprogramm eine zufällige Auswahl einiger bevorzug-
näherte sich unausweichlich dem endgül- ter weniger zu deuten. Der nächste Vers
tigen herrlichen Sieg. »Niemand erkennt verbietet eine solche Auslegung. Der Herr
den Sohn als nur der Vater.« Es gibt um Jesus spricht hier eine allumfassende
die Person Christi ein undurchdringba- Einladung an alle aus, die müde oder
res Geheimnis. Die Einheit der Gottheit schwer beladen zu ihm kommen, um bei
und Menschheit in einer Person wirft Pro­ ihm Ruhe zu finden. Mit anderen Wor-
bleme auf, die den menschlichen Geist ten, diejenigen, die er erwählt, um ihnen
völlig verwirren. Da ist zum Beispiel das den Vater zu offenbaren, sind jene, die auf
Problem des Todes: Gott kann nicht ster- ihn als ihren Retter vertrauen. Wenn wir
ben. Dennoch ist Jesus gestorben, ob- diese unendlich liebevolle Einladung un-
wohl er Gott ist. Und andererseits sind tersuchen, sollten wir uns daran erinnern,
seine göttliche und menschliche Natur dass sie nach der unverhohlenen Ableh-
untrennbar miteinander verbunden. Ob- nung Jesu durch die bevorzugten Städte
wohl wir ihn also kennen und lieben und Galiläas erfolgt. Der Hass und die Wider-
ihm vertrauen können, versteht ihn in ge- spenstigkeit des Menschen konnten seine
wisser Hinsicht nur der Vater wirklich. Liebe und Gnade nicht zugrunde richten.
Ja, wie so groß ist das Geheimnis, A. J. McClain hat gesagt:
das Menschen können nicht versteh’n; Obwohl das Volk Israel sich auf das Got-
der Sohn nur kann es wirklich fassen, tesurteil des göttlichen Gerichtes zubewegt,
lässt alles in Erfüllung geh’n, öffnet der König in seinen abschließenden
was Vaterlieb’ dereinst beschlossen, Worten denen die Tür weit, die persönliche
was Sündern nun zum Heile ist, Errettung suchen. Und so beweist er, dass
vor dir, dem Lamme wird sich beugen er ein Gott der Gnade ist, sogar noch auf der
einst jedes Knie, Herr Jesus Christ! Schwelle des Gerichtes.19
Nachdichtung unter Verwendung 11,28 Kommen heißt glauben
des englischen Originals (Apg 16,31), aufnehmen (Joh 1,12), es-
»… noch erkennt jemand den Vater sen (Joh 6,35), trinken (Joh 7,37), sehen
als nur der Sohn, und der, dem der Sohn (Jes  45,22), bekennen (1. Joh  4,2), hö-
Matthäus 11 und 12 78

ren (Joh 5,24.25), durch eine Tür gehen die man findet, wenn man vor Gott und
(Joh 10,9), eine Tür öffnen (Offb 3,20), den Menschen den niedrigsten Platz ein-
den Saum seines Gewandes berühren nimmt. Es ist auch die Ruhe, die man im
(Matth 9,20.21) und die Gabe des ewigen Dienst Christi erfahren kann, wenn man
Lebens durch Christus, unseren Herrn, nicht mehr versucht, groß zu sein.
annehmen (Röm 6,23). 11,30 »Denn mein Joch ist sanft, und
»Zu mir.« Der Gegenstand des Glau- meine Last ist leicht.« Wieder sehen wir
bens ist nicht die Gemeinde, ein Glau- den starken Gegensatz zu den Pharisä-
bensbekenntnis oder ein Geistlicher, son- ern. Jesus sagte von ihnen: »Sie binden
dern der lebendige Christus. Rettung liegt aber schwere und schwer zu tragende
in einer Person. Wer Jesus hat, ist geret- Lasten zusammen und legen sie auf die
tet – im göttlich vollkommenen Sinne. Schultern der Menschen, sie selbst aber
»Alle ihr Mühseligen und Belade- wollen sie nicht mit ihrem Finger bewe-
nen.« Um wirklich zu Jesus kommen zu gen« (Matth 23,4). Das Joch Jesu ist leicht,
können, muss man zugeben, dass man es scheuert uns nicht wund. Jemand hat
mit der Last der Sünde beschwert ist. Nur einmal gesagt: »Wenn vor Jesu Zimmer-
diejenigen, die anerkennen, dass sie ver- mannswerkstatt ein Schild gehangen
loren sind, können gerettet werden. Ehe hätte, dann würde darauf gestanden ha-
man an den Herrn Jesus Christus glauben ben: ›Meine Joche passen.‹«
kann, muss man vor Gott Buße tun. »Und meine Last ist leicht.« Das heißt
»Und ich werde euch Ruhe geben.« nicht, dass es keine Probleme, Versu-
Man beachte, dass Ruhe hier ein Ge- chungen, Arbeit oder Kummer im Leben
schenk ist, das weder verdient noch er- des Christen gibt. Aber es bedeutet, dass
worben werden kann. Sie ist die Ruhe wir sie nicht alleine zu tragen haben. Wir
der Erlösung, die aus der Erkenntnis ent- sind mit dem zusammengejocht, der uns
springt, dass Jesus das Werk der Erlösung in jeder Situation die Gnade gibt, die aus-
am Kreuz von Golgatha vollendet hat. reicht, um sie durchzustehen. Ihm zu die-
Sie ist die Ruhe des Gewissens, die der Er- nen, ist keine Knechtschaft, sondern Aus-
kenntnis folgt, dass die Strafe für die Sün- druck vollkommener Freiheit. J. H. Jowett
den ein für alle Mal gezahlt ist und Gott sagt:
sich nicht zweimal bezahlen lässt. Der schlimmste Fehler, den ein Gläubi-
11,29 In den Versen 29 und 30 wech- ger machen kann, besteht in dem Versuch, die
selt Jesus das Thema: Sprach er erst von Last des Lebens unter einem Einzelgeschirr
der Einladung zur Errettung, folgt nun zu tragen. Gott wollte nie, dass jemand seine
die Einladung zum Dienst. Last alleine tragen muss. Deshalb handelt Je-
»Nehmt auf euch mein Joch.« Das be- sus nur mit Jochen! Ein Joch ist ein Geschirr
deutet, sich seinem Willen zu unterwer- für zwei, und der Herr selbst möchte einer
fen und die Herrschaft über das eigene von beiden sein. Er möchte die Arbeit jedes
Leben an Jesus abzugeben (Röm 12,1). schweren Auftrages mit uns teilen. Das Ge-
»Und lernt von mir.« Wenn wir seine heimnis für Sieg und Frieden im christlichen
Herrschaft auf jedem Gebiet unseres Le- Leben findet man, indem man das Einzelge-
bens anerkennen, dann wird er uns seine schirr des »Selbst« ablegt und das befreiende
Wege lehren. Joch des Herrn annimmt.20
»Denn ich bin sanftmütig und von
Herzen demütig.« Im Gegensatz zu den D. Jesus ist der Herr des Sabbats
Pharisäern, die hart und stolz waren, ist (12,1-8)
der wahre Lehrer sanft und demütig. Wer 12,1 Dieses Kapitel berichtet den Höhe-
sein Joch auf sich nimmt, wird es lernen, punkt der Ablehnung. Die wachsende
den untersten Weg zu gehen. Bosheit und Feindschaft der Pharisäer
»Und ihr werdet Ruhe finden für eure kennt nun keinen Halt mehr. Das Ereig-
Seelen.« Das ist nicht die Ruhe des Ge- nis, das die Schleusen öffnet, ist die Sab-
wissens, sondern die Ruhe des Herzens, batfrage.
79 Matthäus 12

An diesem Sabbat geht Jesus mit sei- fern und viele andere niedrige Arbeiten
nen Jüngern durch die Saaten. Seine Jün- verrichten (4. Mose 28,9.10), aber dennoch
ger fingen an, Ähren zu pflücken und sie schuldlos bleiben, weil sie im Dienst Got-
zu essen. Das Gesetz erlaubte es ihnen, tes beschäftigt sind.
sich im Feld des Nächsten zu bedienen, 12,6 Die Pharisäer wussten, dass die
solange sie nicht mit einer Sichel mähten Priester am jedem Sabbat im Tempel ar-
(5. Mose 23,25). beiteten, ohne ihn zu entheiligen. Warum
12,2 Aber die Pharisäer, gesetzliche sollten sie dann die Jünger dafür tadeln
Kleinkrämer, behaupteten, dass dadurch dürfen, die doch in der Anwesenheit des
das Sabbatgebot gebrochen worden sei. König handelten? »Größeres als der Tem-
Obwohl ihre genaue Anklage nicht aufge- pel ist hier.« Das Wort »Größeres« bedeu-
zeichnet ist, haben sie wahrscheinlich die tet hier das Reich Gottes, das in der Per-
Jünger folgender Verbrechen an­geklagt: son des Königs anwesend ist, der selbst
1. ernten (Ähren pflücken), natürlich auch weit größer als der Tem-
2. dreschen (die Körner in der Hand zer- pel ist.
reiben), 12,7 Die Pharisäer haben Gottes Herz
3. worfeln (die Körner von der Spreu nie verstanden. »Ich will Barmherzig-
trennen). keit und nicht Schlachtopfer.« Mit diesen
12,3.4 Jesus antwortete auf ihre lächer- Worten zitiert Jesus sinngemäß Hos 6,6.
liche Anklage, indem er sie an ein Ereig- Gott stellt Barmherzigkeit über den Ritus.
nis aus dem Leben Davids erinnerte. Als Er wollte lieber seine Leute sonntags Äh-
David einst ins Exil gehen musste, kamen ren pflücken sehen, damit sie ihren Hun-
er und seine Männer auf dem Weg in die ger stillen konnten, als dass sie aufgrund
Wüste nach Nob, wo sie von den Schau- der allzu strengen Einhaltung des Sabbat-
broten aßen – den zwölf Erinnerungs­ gebots körperliche Not ertragen muss-
broten, die niemand außer den Priestern ten. Wenn die Pharisäer das nur erkannt
essen durfte. Weder David noch seine hätten, hätten sie die Jünger nicht verur-
Leute waren Priester, doch Gott hat sich teilt. Aber die Pharisäer werteten äußerli-
nie über diese Tat beklagt. Warum nicht? che Genauigkeit höher als menschliches
Der Grund ist, dass Gottes Gesetz nie- Wohlergehen.
mals Not über seine Getreuen bringen 12,8 Dann fügte der Herr hinzu:
will. Es war nicht Davids Fehler, dass er »Denn der Sohn des Menschen ist Herr
im Exil leben musste. Ein sündiges Volk des Sabbats.« Er hatte dieses Gesetz zu
hatte ihn abgelehnt. Wäre ihm sein recht- Anfang gegeben und war deshalb der-
mäßiger Platz gewährt worden, hätten er jenige, der am ehesten das Recht besaß,
und seine Leute nicht von den Schaubro- seine wirkliche Bedeutung herauszustel-
ten essen müssen. Weil in Israel Sünde zu len. E. W. Rogers schreibt dazu:
finden war, erlaubte Gott eine Tat, die an- Es scheint, als ob Matthäus, durch den
derenfalls verboten gewesen wäre. Geist geleitet, hier in schneller Folge die Na-
Die Analogie ist deutlich. Der Herr Je- men und Dienstämter des Herrn Jesus durch-
sus war der rechtmäßige König Israels, geht: Er ist der Sohn des Menschen, der Herr
aber das Volk wollte ihn nicht als sei- des Sabbats, der Knecht des Herrn, der Ge-
nen Herrscher anerkennen. Wenn der liebte des Vaters, der Sohn Davids, größer als
ihm gebührende Platz ihm gewährt wor- der Tempel, größer als Jona und größer als Sa-
den wäre, dann hätten seine Nachfolger lomo. Das tut er, um zu zeigen, wie schreck-
es nicht nötig gehabt, auf diese Weise am lich die Sünde ist, ihn abzulehnen und ihm
Sabbat oder einem anderen Tag ihr Es- seine Rechte zu verweigern.21
sen zu suchen. Sie taten nichts, wofür der Ehe wir zum nächsten Vorfall – der
Herr sie hätte ermahnen müssen. Heilung der verdorrten Hand am Sab-
12,5 Jesus erinnerte die Pharisäer bat – übergehen, wollen wir unter­brechen
daran, dass die Priester den Sabbat ent- und kurz die biblische Sabbatlehre be-
heiligen, indem sie Tiere töten und op- trachten.
Matthäus 12 80

Christen an ihm Geld für das Werk des


Exkurs zum Sabbat Herrn sammeln sollen (1. Kor 16,1.2).
Der Sabbat war der siebte Tag der Woche Der Sabbat oder der siebte Tag war
(Samstag), und er wird es auch immer das Ende einer arbeitsreichen Woche; mit
bleiben. Gott ruhte am siebten Tag, nach- dem Tag des Herrn oder dem Sonntag be-
dem er die Erde in sechs Tagen geschaf- ginnt die Woche mit dem Ruhe spenden-
fen hatte (1. Mose 2,2). Er befahl das Hal- den Bewusstsein, dass das Werk der Er-
ten des Sabbats zu diesem Zeitpunkt noch lösung vollendet ist. Der Sabbat erinnerte
nicht. Vielleicht war es seine Absicht, dass an die erste Schöpfung, der Tag des Herrn
man an einem der sieben Wochentage ru- ist dagegen mit der neuen Schöpfung ver-
hen sollte. bunden. Der Sabbat war der Tag der Ver-
Dem Volk Israel war befohlen worden, antwortung, der Sonntag ist ein Tag des
den Sabbat zu halten, als ihm die Zehn Vorrechtes.
Ge­­bote gegeben wurden (2. Mose  20,8- Christen »halten« den Tag des Herrn
11). Das Gesetz des Sabbats war anders nicht, um sich die Errettung zu verdienen
als die anderen neun Gebote, es war ein oder »heiliger« zu werden, auch fürchten
Zeremonialgesetz, während die anderen sie sich nicht vor Bestrafung. Sie sondern
Gebote ethische Gesetze waren. Der ein- diesen Tag aus liebevoller Hingabe an
zige Grund, warum es falsch war, am Sab- den Einen aus, der sich selbst für sie hin-
bat zu arbeiten, bestand darin, dass Gott gegeben hat. Weil sie von den routinemä-
es gesagt hatte. Die anderen Gebote hat- ßigen, weltlichen Dingen des Lebens an
ten es mit Handlungen zu tun, die an sich diesem Tag befreit sind, können sie ihn
schlecht waren. auf besondere Weise zur Anbetung und
Das Verbot der Sabbatarbeit sollte sich zum Dienst für Christus nutzen.
nach Gottes Absicht nie beziehen auf: Es ist nicht richtig zu behaupten, dass
1. den Dienst für Gott (Matth 12,5), der Sabbat zum Tag des Herrn geworden
2. notwendiges Handeln (Matth 12,3.4) ist. Der Sabbat ist der Samstag, der Tag
oder des Herrn dagegen ist der Sonntag. Der
3. barmherzige Taten (Matth 12,11.12). Sabbat war nur ein Schatten, Christus da-
Neun der Zehn Gebote werden im gegen ist der Körper selbst (Kol 2,16.17).
NT wiederholt, nicht als Gesetz, sondern Die Auferstehung Jesu kennzeichnete ei-
als Anweisungen für Christen, die unter nen Neuanfang, und der Tag des Herrn
der Gnade leben. Das einzige Gebot, das ist ein Bild für diesen Anfang.
nirgends wiederholt wird, ist das Sab- Als gläubiger Jude, der unter dem Ge-
batgebot. Stattdessen lehrt Paulus, dass setz lebte, hielt Jesus den Sabbat (trotz der
ein Christ nicht verurteilt werden kann, Anklagen der Pharisäer, die das Gegen-
wenn er ihn nicht hält (Kol 2,16). teil behaupteten). Als Herr des Sabbats
Der wichtigere Tag für die Christen befreite er ihn von falschen Regeln und
ist der erste Tag der Woche. Der Herr Je- Vorschriften, die sich immer mehr verfes-
sus stand an diesem Tag aus den Toten tigt hatten.
(Joh 20,1) auf, ein Beweis dafür, dass sein
Erlösungswerk vollendet und göttlich an-
erkannt war. An den nächsten zwei »Ta- E. Jesus heilt am Sabbat (12,9-14)
gen des Herrn« traf er sich mit den Jün- 12,9 Von den Feldern ging Jesus in eine
gern (Joh 20,19.26). Auch der Heilige Synagoge. Lukas erzählt, dass die Schrift-
Geist wurde an einem solchen Tag aus- gelehrten und Pharisäer ihn beobachte-
gegossen (Apg  2,1; vgl. 3. Mose  23,15. ten, damit sie eine Anklage gegen ihn fin-
16). Die ersten Jünger trafen sich an die- den könnten (Lk 6,6.7).
sem Tag, um das Brot zu brechen und da- 12,10 In der Synagoge war ein Mensch
mit den Tod des Herrn zu verkündigen mit einer verdorrten Hand – ein stum-
(Apg 20,7). Der erste Tag (Sonntag) ist mes Zeugnis der Machtlosigkeit der Pha-
der Tag, den Gott dazu bestimmte, dass risäer, die ihm nicht helfen konnten. Bis
81 Matthäus 12

jetzt hatten sie ihn mit kühler Nichtbe- immer er hinging, versammelte sich die
achtung behandelt. Aber plötzlich war er Menge, und wo immer sich die Kranken
für sie brauchbar, damit sie Jesus in eine versammelten, da heilte er sie alle. Aber
Falle führen konnten. Sie wussten, dass er ermahnte sie, dass sie seine Wunder-
der Heiland immer dazu geneigt war, heilungen nicht bekannt machen soll-
menschliches Leiden zu lindern. Wenn er ten, nicht, damit er selbst nicht gefährdet
am Sabbat heilen würden, dann hätten sie werden würde, sondern um jede unüber-
ihn bei einer strafwürdigen Tat ertappt, so legte Bewegung zu verhindern, die ihn
dachten sie. Deshalb begannen sie mit ei- zu einem populären Revolutionshelden
ner Streiterei über das Gesetz: »Ist es er- machen konnte. Der göttliche Zeitplan
laubt, am Sabbat zu heilen?« musste eingehalten werden. Seine Revo-
12,11 Der Heiland antwortete mit ei- lution würde kommen, aber nicht, indem
ner Gegenfrage: Würden sie nicht ein das Blut der Römer, sondern sein eigenes
Schaf aus einer Grube ziehen, wenn es Blut vergossen werden würde.
am Sabbat hineinfallen würde? Natür- 12,17.18 Sein gnadenreicher Dienst
lich würden sie das tun! Und warum? war eine Erfüllung der Prophezeiung
Vielleicht war ihr Vorwand, dass dies ein aus Jesaja 41,9 und 42,1-4. Der Prophet
Akt der Barmherzigkeit wäre – aber eine hatte den Messias als den sanften Erobe-
andere Überlegung sagte ihnen, dass rer vorausgesehen. Er stellte Jesus als den
das Schaf ja etwas wert war und sie sich Knecht dar, den Gott erwählt hatte, den
selbst am Sabbat diesen finanziellen Ver- Geliebten, an dem Gottes Seele Wohlge-
lust nicht leisten wollten. fallen hatte. Gott würde ihm seinen Geist
12,12 Unser Herr erinnerte sie daran, geben – eine Prophezeiung, die sich bei
dass ein Mensch mehr wert ist als ein der Taufe Jesu erfüllte. Und sein Dienst
Schaf. Wenn es richtig ist, einem Tier würde sich über die Grenzen Israels hin-
Barmherzigkeit zu erweisen, wie viel aus erstrecken, er würde den Nationen
mehr ist es gerechtfertigt, am Sabbat ei- das Recht verkünden. Die letzte Ankün-
nem Menschen Gutes zu tun! digung wird immer wichtiger, je lauter
12,13.14 Nachdem Jesus die jüdischen das »Nein« Israels wird.
Lehrer in ihrer eigenen Hinterhältigkeit 12,19 Jesaja sagte weiter voraus, dass
gefangen hatte, heilte er die verdorrte der Messias weder streiten noch schreien
Hand. Indem er dem Mann sagte, er solle und seine Stimme auf den Straßen nicht
seine Hand ausstrecken, wurden der gehört werden würde. Mit anderen Wor-
Glaube und der menschliche Wille ange- ten, er würde kein politischer Volksver-
sprochen. Der Gehorsam wurde mit der hetzer sein, der das Volk aufwiegelt.
Heilung belohnt. Die Hand wurde durch McClain schreibt dazu:
den wunderbaren Schöpfer wiederher- Dieser König, der Gottes Knecht ist, wird
gestellt, so gesund wie die andere. Man seinen rechtmäßigen hoch angesehenen Platz
könnte meinen, die Pharisäer hätten sich nicht durch die normalen Mittel fleischlicher
jetzt freuen können, dass der Mann, dem Gewaltanwendung oder berechnender Volks-
sie weder durch ihre Macht noch durch verführung an sich reißen und auch nicht
ihren Willen hatten helfen können, jetzt durch die übernatürlichen Mächte, die ihm
geheilt war. Stattdessen wurden sie auf zur Verfügung standen, einnehmen.22
Jesus wütend und hielten Rat, ihn zu tö- 12,20 Er würde kein geknicktes Rohr
ten. Wenn sie selbst eine verdorrte Hand abbrechen noch einen glimmenden
gehabt hätten, wären sie froh gewesen, Docht auslöschen. Er würde nicht die
geheilt zu werden, ganz gleich, an wel- Ent­­
rechteten und Benachteiligten miss-
chem Wochentag. brauchen, um seine Ziele zu erreichen. Er
würde die Unterdrückten, die zerbroche-
F. Heilung für alle (12,15-21) nen Herzens sind, ermutigen und stär-
12,15.16 Als Jesus die Gedanken seiner ken. Er würde jeden noch so kleinen Fun-
Feinde erkannte, entwich er. Doch wo ken des Glaubens zur Flamme anfachen.
Matthäus 12 82

Sein Dienst würde so lange weitergehen, Satans austreiben würde, dann würde
bis er das Gericht zum Sieg hinausführen Satan gegen sich selbst arbeiten. Das aber
würde. Seine demütige, liebevolle Für- wäre absurd.
sorge für andere würde sich durch den 12,27 Unser Herr hatte noch eine
Hass und die Undankbarkeit der Men- zweite vernichtende Antwort für die
schen nicht auslöschen lassen. Pharisäer bereit. Einige ihrer jüdischen
12,21 »Und auf seinen Namen werden Landsleute, die als Dämonenaustreiber
die Nationen hoffen.« Bei Jesaja heißt es wirkten, behaupteten, die Macht zur Aus-
in der entsprechenden Stelle folgender- treibung von Dämonen zu haben. Jesus
maßen: »Und die Inseln warten auf seine bestritt ihre Behauptung nicht, noch be-
Weisung« (42,4), doch hier wird die glei- stätigte er sie. Vielmehr benutzte er diese
che Bedeutung nur mit anderen Worten Tatsache, um zu zeigen, dass in diesem
ausgedrückt. Mit »den Inseln« sind die Fall die Söhne der Pharisäer (d. h. jene
Länder der heidnischen Völker gemeint. Dämonenaustreiber) ebenso wie er selbst
Sie werden dargestellt, wie sie auf sein die Dämonen durch Beelzebul austreiben
Reich warten, damit sie seine treuen Un- würden. Die Pharisäer wollten dies je-
tertanen werden können. Kleist und Lilly doch nicht zugeben, aber sie konnten der
preisen dieses Jesajazitat als Logik dieses Argumentes nicht mehr aus-
… einen der Edelsteine des Evangeliums, weichen. Ihre eigenen Landsleute würden
ein Bild Christi von wunderbarer Schön- sie sonst anklagen, weil sie den Eindruck
heit … erwecken würden, dass sie als Handlan-
Jesaja zeigt Christi Einheit mit dem Va- ger Satans Dämonen austreiben würden.
ter, seine Aufgabe, die Völker zu lehren, seine Scofield sagte dazu:
Sanftheit, womit er die leidende Menschheit Soweit sie und ihre Söhne betroffen wa-
behandelt, und seinen endgültigen Sieg: Es ren, fanden sich die Pharisäer schnell bereit,
gibt für die Welt keine Hoffnung außer seinen jede Andeutung, dass hier satanische Mächte
Namen. Christus – Retter der Welt – wird im Spiel waren, abzuwehren. Aber mit der
hier nicht in trockenen, gelehrten Worten dar- Einstellung, die sie angenommen hatten, d. h.
gestellt, sondern in der reichhaltigen orienta- dass Christus die Dämonen durch Beelzebul
lischen Bildersprache.23 austreibe, würden ihre Söhne sie zu Recht
als inkonsequent beurteilen. Denn wenn die
G. Die Sünde, die nicht vergeben Macht zur Dämonenaustreibung satanisch
werden kann (12,22-32) wäre, dann wäre jeder, der diese Macht hat,
12,22-24 Als Jesus einen Besessenen heilte, gleichzeitig mit dem Ursprung dieser Macht
der blind und stumm war, dachten die verbunden.24
einfachen Leute ernsthaft darüber nach, Sie dachten einfach unlogisch, wenn
ob er nicht der Sohn Davids, der Messias sie die gleichen Folgen unterschiedlichen
Israels, sein könnte. Das brachte die Pha- Ursachen zuschreiben wollten.
risäer auf. Da sie keinerlei Sympathie- 12,28 Die Wahrheit war natürlich,
bezeugung für Jesus ertragen konnten, dass Jesus die Dämonen durch den Geist
brachten sie ihre Anklage vor, dass das Gottes austrieb. Sein ganzes Leben als
Wunder durch die Macht Beelzebuls, den Mensch auf der Erde lebte er in der Macht
Obersten der Dämonen, vollbracht wor- des Heiligen Geistes. Er war der geister-
den sei. Diese seltsame Anschuldigung füllte Messias, den Jesaja angekündigt
war die erste offene Anklage, der zufolge hatte (Jes 11,2; 42,1; 61,1-3). Deshalb sagte
der Herr Jesus besessen sei. er zu den Pharisäern: »Wenn ich aber
12,25.26 Als Jesus ihre Gedanken er- durch den Geist Gottes die Dämonen aus-
kannt hatte, ging er daran, ihre Torheit treibe, so ist also das Reich Gottes zu euch
herauszustellen. Er zeigte auf, dass alle gekommen.« Diese Ankündigung muss
Reiche, Städte und Häuser, die mit sich ein schwerer Schlag für sie gewesen sein.
selbst entzweit sind, nicht bestehen. Wenn Sie waren stolz auf ihr theologisches Wis-
er die Dämonen Satans mit der Macht sen, doch hatten sie nicht gemerkt, dass
83 Matthäus 12

das Reich schon gekommen war, weil der entsprechend respektiert werden muss,
König unter ihnen lebte. wenn er nicht gegen den Herrn ist.
12,29 Weit davon entfernt, mit Satan 12,31.32 Hier sehen wir die gestörte Be-
im Bund zu sein, war der Herr Jesus der ziehung zwischen Jesus und den Führern
Sieger über Satan. Das zeigt er durch die Israels zum Höhepunkt kommen. Jesus
Geschichte vom Starken. Der Starke ist klagt sie an, die Sünde, die nicht vergeben
Satan. Sein Haus ist der Bereich, in dem werden kann, begangen zu haben, indem
er die Herrschaft hat. Sein Hausrat sind sie den Heiligen lästerten. Sie behaupteten
die Dämonen. Jesus ist derjenige, der den nämlich, dass Jesus seine Wunder durch
Starken bindet, in sein Haus eindringt die Macht Satans und nicht durch die
und seinen Hausrat plündert. Es ist nun Macht des Heiligen Geistes wirkte. Letzt-
so, dass die Bindung Satans in mehreren lich nannten sie damit den Heiligen Geist
Phasen erfolgte. Es begann mit Jesu öf- Beelzebul, den Herrn der Dämonen.
fentlichem Dienst. Durch den Tod und Für alle anderen Formen der Sünde
die Auferstehung Jesu wurde diese Bin- und der Gotteslästerung ist Vergebung
dung endgültig festgemacht. Während möglich. Es wird einem Menschen so-
des Tausendjährigen Reiches wird sie in gar vergeben, wenn er gegen den Sohn
noch weiterem Ausmaß gelten (Offb 20,2). des Menschen redet. Aber wer den Hei-
Schließlich wird die Gebundenheit Satans ligen Geist lästert, der hat eine Sünde be-
für ewig festgeschrieben, wenn er in den gangen, die weder »in diesem Zeitalter
Feuersee geworfen wird (Offb 20,10). Ge- noch in dem zukünftigen« Tausendjähri-
genwärtig scheint es so zu sein, dass Sa- gen Reich vergeben wird. Wenn Jesus von
tan noch nicht gebunden ist, denn er hat »diesem Zeitalter« sprach, dann meinte er
noch bemerkenswerte Macht. Aber sein damit die Zeit seines öffentlichen Diens-
Schicksal ist vorherbestimmt und seine tes auf Erden. Es ist ernsthaft zu bezwei-
Zeit kurz bemessen. feln, ob es heute überhaupt noch möglich
12,30 Dann sagte Jesus: »Wer nicht ist, die Sünde zu begehen, die nicht ver-
mit mir ist, ist gegen mich, und wer nicht geben werden kann, da Jesus heute nicht
mit mir sammelt, zerstreut.« Ihre gottes- mehr in leiblicher Gestalt auf Erden ist
lästerliche Haltung zeigte, dass die Pha- und Wunder tut.
risäer nicht für den Herrn waren, deshalb Die Sünde, die nicht vergeben werden
waren sie gegen ihn. Indem sie sich wei- kann, ist im Wesentlichen dieselbe wie die
gerten, mit ihm zu ernten, verstreuten sie Ablehnung des Evangeliums. Ein Mensch
das Korn. Sie hatten Jesus angeklagt, in kann den Heiland jahrelang ablehnen,
der Macht Satans Dämonen auszutreiben, dann Buße tun, glauben und gerettet wer-
während in Wirklichkeit sie selbst Knechte den. (Wenn er jedoch im Unglauben stirbt,
Satans waren, indem sie Jesus von seinem ist ihm natürlich nicht vergeben.) Auch
göttlichen Werk abhalten wollten. ist die Sünde, die nicht vergeben werden
In Markus 9,40 sagte Jesus: »Denn kann, nicht mit dem »Zurückgehen« zu
wer nicht gegen uns ist, ist für uns.« Dies verwechseln. Ein Gläu­­biger mag sich vom
scheint die genaue Umkehrung seiner Herrn weit entfernen, doch kann er in die
Worte hier in Matthäus 12,30 zu sein. Das Gemeinschaft der Familie Gottes wieder-
Problem wird gelöst, wenn wir sehen, aufgenommen werden.
dass es in Matthäus um die Errettung Viele Menschen fragen sich ängst-
geht. Ein Mensch kann nur für oder gegen lich, ob sie die Sünde begangen haben,
Christus sein, es gibt keine neutrale Zone. die nicht vergeben werden kann. Sogar
In Markus geht es um den Dienst. Es gibt wenn diese Sünde heute begangen wer-
sehr viele Unterschiede zwischen den Jün- den könnte, wäre die Tatsache, dass je-
gern Jesu – Unterschiede zwischen den mand sich darüber Gedanken macht, ein
Ortsgemeinden, in den Methoden und in Zeichen dafür, dass er sie nicht began-
der Auslegung der Lehre. Aber hier ist die gen hat. Diejenigen, die sich dieser Sünde
Regel, dass jemand für den Herrn ist und schuldig gemacht hatten, waren in ihrem
Matthäus 12 84

Widerstand gegen Jesus verhärtet und achtloses Reden, das nicht bekannt und
uneinsichtig. Sie hatten keine Gewissens- vergeben worden ist, sich durch einen
bisse, ob sie etwa seinen Heiligen Geist Verlust an Lohn vor dem Richterstuhl
beleidigen könnten, und zögerten nicht, Christi auswirken.
die Ermordung des Sohnes Gottes zu pla-
nen. Sie zeigten weder Reue noch Buße. I. Das Zeichen des Propheten Jona
(12,38-42)
H. Man erkennt einen Baum an der 12,38 Trotz aller Wunder, die Jesus ge-
Frucht (12,33-37) wirkt hatte, besaßen die Schriftgelehrten
12,33 Sogar die Pharisäer hätten anerken- und Pharisäer die Frechheit, ihn nach
nen müssen, dass der Herr durch die Aus- einem Zeichen zu fragen. Sie deuteten
treibung der Dämonen Gutes getan hatte. damit an, dass sie glauben wollten, wenn
Doch klagten sie ihn an, dass er schlecht er sich als Messias ausweisen könnte!
sei. Er enthüllt ihre Inkonsequenz und Aber ihre Heuchelei war leicht zu durch-
sagt letztlich: »Entscheidet euch. Wenn schauen. Wenn sie nach so vielen Wun-
ein Baum gut ist, ist auch die Frucht gut dern immer noch nicht glauben wollten,
und umgekehrt.« Früchte zeigen die Qua- wie konnten sie durch weitere Wun-
lität des Baumes, der sie hervorgebracht der überzeugt werden? Die Haltung, die
hat. Die Frucht seines Dienstes war gut Wunder und Zeichen als Bedingung für
gewesen. Er hatte die Kranken, die Blin- den Glauben verlangt, gefällt Gott nicht.
den, die Tauben und die Stummen geheilt, Jesus sagte einst zu Thomas: »Glück­selig
hatte Dämonen ausgetrieben und Tote sind, die nicht gesehen und doch geglaubt
auferweckt. Hätte ein fauler Baum solch haben« (Joh 20,29). Nach Gottes Plan folgt
gute Frucht hervorbringen können? Un- das Sehen dem Glauben.
möglich! Doch warum weigerten sie sich 12,39 Der Herr sprach sie als »böses
dann so starrsinnig, ihn anzuerkennen? und ehebrecherisches Geschlecht« an. Sie
12,34.35 Der Grund dafür war, dass waren böse, weil sie absichtlich für ihren
sie »Otternbrut« waren. Ihre Bosheit ge- Messias blind waren, und ehe­brecherisch,
genüber dem Sohn Gottes, die sich in ih- weil sie geistlich ihrem Gott untreu ge-
ren gehässigen Worten zeigte, war eine worden waren. Ihr Schöpfer-Gott, eine
Folge ihres verdorbenen Herzens.25 Ein einzigartige Person, die in sich die ab-
Herz voller Güte erweist sich in freund- solute Gottheit und das vollkommene
lichen und gerechten Worten. Ein böses Menschsein verkörperte, stand in ihrer
Herz zeigt sich durch Gotteslästerung, Mitte und sprach zu ihnen, und sie wag-
Bitterkeit und Beschimpfungen. ten es, ihn nach einem Zeichen zu fragen!
12,36 Jesus warnte sie (und uns) ernst- 12,40 Zusammenfassend sagte er ih-
haft, dass jeder von jedem unnützen Wort, nen, dass sie kein Zeichen erhalten wür-
das er redet, Rechenschaft ablegen muss. den als das Zeichen des Propheten Jona.
Weil die Worte, die jemand spricht, ein Damit bezog sich Jesus auf seinen Tod,
genaues Bild seines Lebens erkennen las- seine Grablegung und seine Auferste-
sen, werden sie eine ausreichende Basis hung. Jonas Erlebnis, als er von dem Fisch
für die Verurteilung oder den Freispruch verschlungen und wieder ausgespien
bilden. Wie groß wird die Verdammung wurde (Jona 1,17; 2,10) war ein Hinweis
der Pharisäer für die bösen und verach- auf das Leiden und die Auferstehung des
tenden Worte sein, die sie gegen den hei- Herrn. Jesu Auferstehung aus den Toten
ligen Sohn Gottes geredet haben! ist allerdings das endgültige, größte Zei-
12,37 »Denn aus deinen Worten wirst chen seines Dienstes am Volk Israel.
du gerechtfertigt werden, und aus dei- So wie Jona drei Tage im Bauch des
nen Worten wirst du verdammt werden.« großen Fisches war, würde unser Herr
Im Falle der Gläubigen ist die Strafe für nach seiner eigenen Voraussage drei
achtloses Reden durch den Tod Christi Tage und drei Nächte im Herzen der
bezahlt worden, dennoch wird unser Erde sein. Diese Aussage wirft ein Pro-
85 Matthäus 12

blem auf. Wenn, wie normalerweise an- Volk seit der Knechtschaft in Ägypten bis
genommen wird, Jesus am Freitagnach- zur Babylonischen Gefangenschaft cha-
mittag begraben worden und am dritten rakteristisch war. Diese Gefangenschaft
Tag auferstanden ist, wie kann man dann hatte Israel zeitweilig von seinem Götzen-
sagen, dass er drei Tage und drei Nächte dienst geheilt. Es war, als ob ein unreiner
im Grab verbrachte? Die Antwort lau- Geist aus einem Menschen ausgefahren
tet folgendermaßen: Nach der jüdischen wäre. Vom Ende der Gefangenschaft bis
Zeitrechnung zählt jeder Teil eines Ta- heute haben die Angehörigen des jüdi-
ges und einer Nacht als ein vollständiger schen Volkes keinen Götzendienst mehr
Zeitraum. »Ein Tag und eine Nacht sind betrieben. Sie sind wie ein Haus, das leer,
ein onah, und ein Teil des onah ist wie das gekehrt und geschmückt ist. Vor über
Ganze« (jüdisches Sprichwort). 1900 Jahren versuchte unser Herr, in die-
12,41 Jesus stellte die Schuld der jüdi- ses leere Haus zu gelangen. Er war der
schen Führer durch zwei Gegensätze dar. rechtmäßige Besitzer des Hauses, aber die
Erstens waren die Heiden in Ninive weit- Menschen weigerten sich hartnäckig, ihn
aus weniger bevorzugt, doch als sie die einzulassen. Obwohl sie nicht länger Göt-
Predigt des ungehorsamen Propheten zen anbeteten, weigerten sie sich doch,
Jona hörten, taten sie Buße. Sie werden den wahren Gott anzubeten.
im Gericht aufstehen, um die Menschen Das leere Haus spricht von einem
zu verdammen, die in den Tagen Jesu den geistlichen Vakuum – einem gefähr­lichen
nicht annahmen, der größer war als Jona: Zustand, wie die Folge zeigt. Verbes-
den fleischgewordenen Sohn Gottes. serung reicht nicht aus. Der Herr muss
12,42 Zweitens führt Jesus die Köni- wirklich angenommen werden.
gin von Saba an, eine Heidin, die außer- 12,45 In der Zukunft wird der Geist
halb der jüdischen Vorrechte lebte. Sie des Götzendienstes sich entschließen,
kam »von den Enden der Erde« gereist, zum Haus zurückzukehren, und zwar in
und zwar unter großem Aufwand und Gemeinschaft mit sieben anderen Geis-
mit erheblichen Kosten, um ein Gespräch tern, die schlimmer sind als er selbst. Da
mit Salomo zu führen. Die Juden in den die Zahl Sieben die Zahl der Vollkom-
Tagen Jesu mussten noch nicht einmal menheit ist, bedeutet dies, dass es sich
eine Reise machen, um ihn zu sehen, er hier um Götzendienst in seiner ausgereif-
war vom Himmel in ihr Umfeld gekom- testen Form handelt. Dies ist eine Vor­
men, um ihr Messiaskönig zu sein. Doch ausschau auf die Große Trübsal, in de-
sie hatten in ihrem Leben keinen Platz für ren Verlauf das abtrünnige Volk den
ihn – der doch unendlich größer als Sa- Antichristen verehren wird. Sich vor
lomo ist. Eine heidnische Königin wird dem Menschen der Sünde niederzuwer-
sie am Tag des Gerichtes für diese mut- fen und ihn als Gott anzubeten, ist eine
willige Unachtsamkeit verurteilen. In schrecklichere Form des Götzendienstes
diesem Kapitel ist gezeigt worden, dass als jene Abgötterei, der sich das Volk in
unser Herr größer als der Tempel (V. 6), seiner Vergangenheit schuldig gemacht
größer als Jona (V. 41) und größer als Sa- hat. Und so wird »das Ende jenes Men-
lomo ist. Er ist »größer als das Größte und schen … schlimmer als der Anfang«. Das
weit besser als das Beste«. ungläubige Israel wird die schrecklichen
Gerichte der Trübsal zu erleiden haben,
J. Ein unreiner Geist kehrt zurück und sein Leiden wird die Not in der Zeit
(12,43-45) der Gefangenschaft weit übersteigen. Der
12,43.44 Nun gibt Jesus uns in symbo­ dem Götzendienst verfallene Teil des Vol-
lischer Form eine Zusammenfassung kes wird schließlich bei Christi Wieder-
der Vergangenheit, der Gegenwart und kunft vernichtet werden.
der Zukunft des ungläubigen Israel. Der »So wird es auch diesem bösen Ge-
Mann ist die jüdische Nation, der unreine schlecht ergehen.« Dasselbe abtrünnige,
Geist ist der Götzendienst, der für das Christus ablehnende Geschlecht, das den
Matthäus 12 und 13 86

Sohn Gottes bei seinem ersten Kommen geistliche Verbundenheit ersetzt. Gehor-
abgelehnt hat, wird bei seiner Wieder- sam gegenüber Gott wird Männer und
kunft ein hartes Gericht über sich erge- Frauen (ungeachtet dessen, ob sie Juden
hen lassen müssen. oder Heiden waren) in eine lebendige Be-
ziehung zu ihm bringen.
K. Die Mutter und die Brüder Jesu Ehe wir dieses Ereignis hinter uns
(12,46-50) lassen, sollten wir noch zwei wichtige
12,46-50 Diese Verse beschreiben ein Punkte festhalten, die die Mutter Jesu be-
scheinbar nebensächliches Ereignis, bei treffen. Erstens wird deutlich, dass Maria
dem die Familienangehörigen Jesu kom- keine bevorzugte Stellung innehat, wenn
men und ihn sprechen wollen. Warum es darum geht, in seine Gegenwart zu tre-
waren sie gekommen? Markus gibt uns ten.
einen Hinweis. Einige Freunde Jesu nah- Zweitens widerlegt die Erwähnung
men an, dass er verrückt geworden sei der Brüder Jesu die These, dass Maria zeit
(Mk 3,21.31-35), und vielleicht kam seine ihres Lebens Jungfrau geblieben ist. Es ist
Familie, um ihn in aller Stille abzuholen sehr wahrscheinlich, dass hier wirkliche
(s. a. Joh 7,5). Als ihm gesagt wurde, dass Söhne Marias und damit Halb­­brüder Jesu
seine Mutter und seine Brüder draußen gemeint sind. Diese Sicht wird durch an-
warteten, um mit ihm zu sprechen, ant- dere Schriftstellen gestützt, wie etwa
wortete der Herr mit der Frage: »Wer ist Ps 69,9; Matth 13,55; Mk 3,31.32; 6,3;
meine Mutter, und wer sind meine Brü- Joh 7,3.5; Apg 1,14; 1. Kor 9,5; Gal 1,19.
der?« Dann wies er auf seine Jünger und
sagte: »Wer den Willen meines Vaters VIII. Der König verkündigt das Reich
tut, der in den Himmeln ist, der ist mein in seiner neuen zwischen­zeit­
Bruder und meine Schwester und meine lichen Gestalt, weil Israel ihn
Mutter.« verworfen hat (Kap. 13)
Diese aufregende Ankündigung ist
voller geistlicher Bedeutung und mar- Die Gleichnisse über das Reich der
kiert einen Wendepunkt im Handeln Himmel
Jesu an Israel. Maria und ihr Sohn ver- Wir sind an einen Wendepunkt im Evan-
traten das Volk Israel, die Blutsverwand- gelium des Matthäus gelangt. Der Herr
ten Jesu. Bisher hatte er seinen Dienst im hat angedeutet, dass irdische Beziehun-
Großen und Ganzen auf die verlorenen gen nun durch geistliche Bande ersetzt
Schafe des Hauses Israel beschränkt. Aber worden sind und nicht länger die jüdische
es wurde nun immer deutlicher, dass sein Geburt ausschlaggebend ist, sondern der
eigenes Volk ihn nicht wollte. Statt sich Gehorsam gegenüber Gott dem Vater. In-
vor ihrem Messias zu beugen, hatten die dem die Pharisäer den König verwarfen,
Pharisäer ihn angeklagt, dass er von Sa- haben sie zwangsläufig auch das Reich
tan geleitet werde. der Himmel abgelehnt. Nun gibt uns der
Deshalb kündigt Jesus nun eine neue Herr durch eine Reihe von Gleichnis-
Ordnung an. Von nun an würden die sen einen Ausblick auf die neue Gestalt,
Bande seiner Volkszugehörigkeit zu Is- die das Reich in der Zeit zwischen seiner
rael nicht mehr der ausschlaggebende Verwerfung und seiner endgültigen Ein-
Faktor für sein Wirken sein. Obwohl sein setzung als König der Könige und Herr
mitleidiges Herz sich noch immer zu sei- der Herren annehmen wird. Sechs dieser
nem natürlichen Volk bekennen würde, Gleichnisse beginnen mit den Worten:
zeigt das 12. Kapitel einen unmissver- »Mit dem Reich der Himmel ist es wie …«
ständlichen Bruch mit Israel. Das Ergeb- Um diese Gleichnisse richtig sehen
nis ist nun deutlich geworden. Israel will zu können, sollten wir uns ins Gedächt-
ihn nicht haben, deshalb wendet er sich nis zurückrufen, was wir in Kapitel 3 über
jetzt denen zu, die ihn annehmen wol- das Reich gesagt haben. Das Reich der
len. Blutsverwandtschaft wird nun durch Himmel ist ein Gebiet, in dem die Herr-
87 Matthäus 13

schaft Gottes akzeptiert wird. Es hat zwei sofort sichtbar ist. Die folgenden sieben
Bereiche: Gleichnisse sagen uns, wie das Reich in
1. das äußerliche Bekenntnis, das alle um- der Zeit zwischen Jesu erstem und zwei-
fasst, die von sich behaupten, Gottes tem Kommen aussieht.
Herrschaft anzuerkennen, und Die ersten vier Gleichnisse erzählte Je-
2. eine innere Realität, die nur diejenigen sus vor der Menge, die drei letzten hörten
umfasst, die durch Bekehrung in das nur die Jünger. Der Herr erklärte die ers-
Reich gelangen. ten beiden und das siebte seinen Jüngern
Das Reich hat 5 verschiedene Phasen: und überließ es ihnen (und uns), die an-
1. Die Phase des AT, in der es nur vor- deren mit der Hilfe, die er uns bereits ge-
hergesagt wurde, geben hat, auszulegen.
2. die Phase, in der es in der Person des 13,3 Das erste Gleichnis beschäftigt
Königs »anwesend« oder »nahe« war, sich mit einem Sämann, der seine Saat auf
3. die Zwischenzeit nach der Ablehnung vier verschiedenen Böden sät. Wie zu er-
des Königs und seiner Rückkehr in warten ist, unterscheiden sich die Ergeb-
den Himmel, in der das Reich aus de- nisse in jedem Fall voneinander.
nen besteht, die auf Erden bekennen, 13,4-8
seine Untertanen zu sein, Boden Ergebnisse
4. die Offenbarwerdung des Königrei-
1. Harter, fest­- 1. Die Saat wird von
ches im Tausendjährigen Reich und gestampfter Weg Vögeln gefressen.
5. das endgültige, ewige Reich. Jede
2. Dünne Erdschicht 2. Die Saat geht schnell auf,
Bibel­stelle, die das Reich erwähnt, be- über einem hat aber keine Wurzeln.
zieht sich auf eine dieser fünf Phasen. Felsgrund Sie wird von der Sonne
In Kapitel 13 wird nun die Zwischen- verbrannt und verdorrt.
zeit besprochen. In dieser Phase von 3. Erde von Dornen 3. Die Saat geht auf, aber
Pfingsten bis zur Entrückung besteht das überwuchert wegen der Dornen ist
Reich Gottes gemäß seiner inneren Rea- Wachstum unmöglich.

lität (den echten Gläubigen) aus densel- 4. Gute Erde 4. Die Saat geht auf, wächst
und bringt Ernte ein.
ben Menschen wie die Gemeinde. Das ist
Einige Stängel tragen
der einzige Aspekt, worin Reich und Ge- hundertfach, andere
meinde gleich sind. Sonst sind sie sehr sechzigfach, wieder
unterschiedlich. andere dreißigfach.
Vor dem Hintergrund dieser Ausfüh-
rungen wollen wir nun die Gleichnisse 13,9 Jesus schloss das Gleichnis mit
auslegen. der kurzen Ermahnung ab: »Wer Ohren
hat, der höre!« In dem Gleichnis teilte er
A. Das Gleichnis vom Sämann (13,1-9) der Menge eine wichtige Botschaft mit,
13,1 Jesus verließ das Haus, in dem er den eine andere den Jüngern. Keiner sollte
Besessenen geheilt hatte, und »setzte sich die Bedeutung seiner Worte missverste-
an den See« Genezareth. Viele Ausleger hen. Da der Herr selbst das Gleichnis in
glauben, in dem Haus das Volk Israel und den Versen 18-23 auslegt, werden wir un-
in dem See die Heiden sehen zu können. sere Neugier bis dahin zügeln.
Dabei symbolisiert das Weggehen des
Herrn den Bruch mit Israel. Während der B. Der Zweck der Gleichnisse
Zwischenzeit wird das Reich den Natio- (13,10-17)
nen gepredigt. 13,10 Die Jünger waren verwirrt, dass
13,2 Als sich eine große Volksmenge der Herr in der verhüllten Sprache der
am Strand zusammenfindet, steigt er in Gleichnisse sprach. So baten sie ihn, seine
ein Boot und lehrt die Menge in Gleich- Rede näher zu erklären.
nissen. Ein Gleichnis ist eine Geschichte 13,11 In seiner Antwort unterscheidet
mit einer zugrunde liegenden geistlichen Jesus zwischen der ungläubigen Menge
oder moralischen Lehre, die nicht immer und den gläubigen Jüngern. Die Angehö-
Matthäus 13 88

rigen der Menge, ein Querschnitt durch dagegen verwirrte. Die Gleichnisse soll-
die Bevölkerung, lehnten ihn offensicht- ten denen offenbart werden, die ehrlich
lich ab, obwohl ihre Ablehnung erst voll- interessiert waren, würden sich aber »für
endet sein würde, als sie seinen Kreuzes- diejenigen, die Jesus feindlich gesinnt wa-
tod forderten. Ihnen würde nicht gestattet ren, als Ärgernis erweisen«.
sein, die »Geheimnisse des Reiches der So war es nicht eine Frage der Laune
Himmel« zu kennen, während seine ech- des Herrn, sondern nur das Wirken ei-
ten Nachfolger eine Hilfe zum Verständ- nes Prinzips, das im ganzen Leben gül-
nis erhalten sollten. tig ist – auf absichtliche Blindheit folgt
Ein Geheimnis ist im NT eine Tatsa- als Gerichtshandeln die wirkliche Blind-
che, die die Menschen vorher nicht kann- heit. Deshalb sprach Jesus zu den Juden
ten und die man ohne göttliche Offen- in Gleichnissen. H. C. Woodring drückte
barung nicht erkennen kann, aber die das so aus: »Weil sie die Wahrheit nicht
nun offenbart worden ist. Die Geheim- liebten, sollten sie das Licht der Wahrheit
nisse des Reiches sind bis dahin unbe- nicht empfangen.«26 Sie bekannten, sehen
kannte Wahrheiten über das Reich in sei- zu können, das heißt, mit den göttlichen
ner zwischenzeitlichen Gestalt. Allein die Wahrheiten vertraut zu sein. Sie lehn-
Tatsache, dass das Reich überhaupt eine ten jedoch die fleischgewordene Wahr-
Zwischenform hat, war bis dahin ein Ge- heit, die vor ihnen stand, entschlossen
heimnis. Die Gleichnisse beschreiben ei- ab. Sie beteuerten, auf Gottes Wort zu
nige Eigenschaften des Reiches während hören, aber gehorchten dem lebendigen
der Zeit, in deren Verlauf der König ab- Wort Gottes nicht, das sich in ihrer Mitte
wesend ist. Einige Menschen nennen das befand. Sie wollten die wunderbare Tat-
deshalb »die verborgene Gestalt des Rei- sache der Fleischwerdung nicht verste-
ches« – nicht, dass es irgendetwas Ge- hen, deshalb wurde ihnen das Verständ-
heimnisvolles um dieses Reich gäbe, son- nis entzogen.
dern nur, weil diese Tatsachen vorher nie 13,14.15 Sie waren eine lebendige Er-
bekannt waren. füllung der Prophezeiung in Jesaja 6,9.10.
13,12 Es hat den Anschein, dass diese Das Herz Israels war taub geworden,
Geheimnisse zufällig der Menge vorent- und ihre Ohren waren für Gottes Stimme
halten und den Jüngern offenbart wur- nicht mehr empfänglich. Sie weigerten
den. Doch Jesus gibt hier den Grund sich hartnäckig, mit ihren Augen zu se-
an: »Denn wer da hat, dem wird gege- hen. Sie wussten, dass Gott sie heilen
ben und überreichlich gewährt werden; würde, wenn sie sehen, hören, verstehen
wer aber nicht hat, von dem wird selbst, und Buße tun würden. Aber trotz ihrer
was er hat, genommen werden.« Die Jün- Krankheit und Not lehnten sie jede Hilfe
ger glaubten an den Herrn Jesus, deshalb ab. Deshalb bestand ihre Strafe dar­ in,
würde ihnen mehr gegeben werden. Sie dass sie hörend nicht verstehen und
hatten das Licht angenommen, also wür- sehend nicht sehen konnten.
den sie mehr Licht erhalten. Die Angehö- 13,16.17 Die Jünger hatten das große
rigen des jüdischen Volkes dagegen hat- Vorrecht zu sehen, was keiner vor ihnen
ten das Licht der Welt abgelehnt, deshalb sehen durfte. Die Propheten und andere
wurden sie jetzt nicht nur davon ausge- gerechte Männer des AT hatten sich da-
schlossen, mehr Licht zu erhalten, son- nach gesehnt, die Ankunft des Messias
dern sie würden das wenige Licht, das erleben zu dürfen, aber ihr Wunsch war
sie schon hatten, auch noch verlieren. nicht erfüllt worden. Die Jünger hatten
Wer das Licht ablehnt, dem wird es vor- das Vorrecht, an diesem Wendepunkt
enthalten. der Geschichte zu leben, den Messias zu
13,13 Matthew Henry vergleicht die sehen, Zeugen seiner Wunder zu werden
Gleichnisse mit der Feuer- und Wolken- und die unvergleichliche Lehre aus sei-
säule, die Israel erleuchtete, die Ägypter nem Mund zu vernehmen.
89 Matthäus 13

C. Erklärung des Gleichnisses vom 13,22 Die mit Dornen überwucherte


Sämann (13,18-23) Erde steht für eine andere Gruppe, die
13,18 Nachdem der Herr erklärt hatte, das Wort nur oberflächlich hört. Diese
warum er in Gleichnissen sprach, fährt er Menschen scheinen nach außen hin echte
nun fort, um das Gleichnis von den vier Bürger des Reiches zu sein, aber nach ei-
verschiedenen Böden auszulegen. Er sagt niger Zeit wird ihr Interesse daran durch
uns nicht, wer der Sämann ist, doch wir die »Sorge der Zeit« und durch ihr Stre-
können uns sicher sein, dass es entweder ben nach Reichtum erstickt. Es gibt
Jesus selbst (V. 37) oder aber derjenige ist, keine geistliche Frucht in ihrem Leben.
der die Botschaft des Reiches predigt. Er G. H. Lang veranschaulicht dies durch
erklärt, dass die Saat das Wort vom Reich den Sohn eines geldliebenden Vaters mit
ist (V. 19). Die verschiedenen Arten des einem großen Geschäft. Dieser Sohn hatte
Bodens sind diejenigen, welche die Bot- das Wort in seiner Jugendzeit gehört, ließ
schaft hören. sich aber schnell von dem Geschäft ver-
13,19 Der festgetretene Weg spricht einnahmen.
von Menschen, die sich weigern, die Bot- Er musste sich bald entscheiden, ob er sei-
schaft anzunehmen. Sie hören zwar das nem Herrn oder seinem Vater gefallen wollte.
Evangelium, verstehen es aber nicht – Deshalb war die Erde, auf die der Same gesät
und zwar nicht, weil sie dazu außer- wurde und worin er keimte, schon mit Dor-
stande wären, sondern weil sie nicht wol- nen bewachsen. Die Sorge der Zeit und der
len. Die Vögel sind ein Bild Satans, er reißt Betrug des Reichtums waren also schon da.
die Saat aus den Herzen dieser Hörer her- Er entschied sich für die Wünsche seines Va-
aus. Er arbeitet mit ihnen gemeinsam an ters, arbeitete nur noch für das Geschäft, stieg
ihrer selbstgewählten Unfruchtbarkeit. bis zur Konzernführung auf, und als es ihm
Die Pharisäer waren solche Hörer mit gut ging, musste er erkennen, dass er seine
festgetretener Erde. himmlischen Angelegenheiten vernachläs-
13,20.21 Als Jesus über das Steinige sigt hatte. Er wollte sich bald zur Ruhe setzen
sprach, dachte er an eine dünne Schicht und sagte, er wolle sich nun mehr um geist-
Erdreich über einem Felsgrund. Das ist liche Angelegenheiten kümmern. Doch Gott
ein Bild für die Menschen, die das Wort lässt sich nicht spotten. Der Mann setzte
hören und mit Freude reagieren. Zu An- sich zur Ruhe und starb nur wenige Monate
fang mag der Sämann erfreut sein, dass später. Er hinterließ 90 000 £ und ein geist-
seine Predigt so erfolgreich ist. Aber bald lich verschwendetes Leben. Die Dornen hat-
lernt er die tiefgründigere Lektion, dass ten das Wort erstickt, deshalb brachte er keine
es nicht gut ist, wenn die Botschaft mit Frucht.27
Lächeln und Beifall angenommen wird. 13,23 Die gute Erde steht für den wah-
Wichtig ist, erst von der Sünde überführt ren Gläubigen. Er hört das Wort, nimmt
zu sein, Buße zu tun und umzukehren. Es es auf und versteht es, indem er dem Ge-
ist weitaus vielversprechender, einen Su- hörten Gehorsam leistet. Obwohl diese
chenden weinend den Weg nach Golgatha Gläubigen nicht alle die gleiche Frucht
gehen zu sehen, als zu beobachten, wie er bringen, zeigen sie alle durch ihre Frucht,
unbeschwert und überschwänglich zum dass sie Leben aus Gott haben. Frucht be-
Altar tritt, um dem Ruf des Predigers zu deutet hier wahrscheinlich eher die Ent-
folgen. Die nur oberflächliche Erdschicht wicklung eines christlichen Charakters.
bringt nur oberflächliches Bekenntnis, es Es geht weniger um Menschen, die man
fehlen tiefe Wurzeln. Aber wenn das Be- für Christus gewonnen hat. Wenn das
kenntnis durch die brennende Sonne der Wort Frucht im Neuen Testament be-
Drangsal oder Verfolgung erprobt wird, nutzt wird, ist damit meist die Frucht des
dann entscheidet sich ein solcher Gläu- Geistes gemeint (Gal 5,22.23).
biger oft, dass es den Einsatz nicht wert Was sollte dieses Gleichnis der Menge
ist, und er gibt jedes Bekenntnis der Herr- sagen? Offensichtlich warnte es vor der
schaft Christi über sein Leben auf. Gefahr, das Wort zu hören, ohne ihm
Matthäus 13 90

gehorsam zu sein. Das Gleichnis sollte Der Weizen steht für die wahren Gläubi-
auch Einzelne ermutigen, das Wort ehr- gen; das Unkraut sind Menschen, die nur
lich anzunehmen und dann ihre Echtheit Lippenbekenntnisse ablegen. Jesus ver-
zu beweisen, indem sie für Gott Frucht gleicht das Reich mit »einem Menschen,
brächten. Die Jünger und spätere Gläu- der guten Samen auf seinen Acker säte.
bige wurden durch dieses Gleichnis auf Während aber die Menschen schliefen,
die anderenfalls sehr entmutigende Tat- kam sein Feind und säte Unkraut mitten
sache vorbereitet, dass relativ wenige unter den Weizen«. Unger schreibt, dass
Menschen, die die Botschaft hören, auch es sich bei dem häufigsten Unkraut in ei-
wirklich gerettet werden. Es bewahrt die nem Kornfeld um den Taumellolch (Lo-
treuen Untertanen Christi vor der Illu- lium temulentum) handelt, »ein gifti-
sion, dass die ganze Welt durch die Ver- ges Gras, das sich vom Weizen während
breitung des Evangeliums bekehrt wer- des Wachstums fast nicht unterscheidet.
den wird. Die Jünger wurden durch Wenn sie jedoch Ähren ansetzen und rei-
dieses Gleichnis auch vor drei großen Ge- fen, dann können sie ohne Schwierigkeit
genspielern des Evangeliums gewarnt: voneinander getrennt werden.«28
1. Satan (die Vögel – der Böse), 13,27.28 Als die Knechte sahen, dass
2. das Fleisch (die sengende Sonne – der Weizen mit Unkraut vermischt war,
Drangsal oder Verfolgung) und fragen sie den Hausherrn, wie das ge-
3. die Welt (die Dornen – die Sorge der kommen sei. Er erkannte das sofort als
Zeit und der Betrug des Reichtums). Werk eines Feindes. Die Knechte waren
Schließlich erhielten die Jünger eine bereit, das Unkraut sofort zu jäten.
Vorstellung von den großen Erträgen, 13,29.30 Aber der Bauer gab die An-
wenn man in Menschen investiert. Drei- weisung, bis zur Ernte zu warten. Dann
ßigfach bedeutet 3000%igen Gewinn, würden die Schnitter beides voneinander
sechzigfach bedeutet 6000%igen Ge- trennen. Das Korn würde in die Scheunen
winn, und hundertfach bedeutet sogar gesammelt, der Lolch jedoch verbrannt
10 000%igen Gewinn. Es ist wirklich un- werden.
möglich, die Bedeutung von nur einer Warum ordnete der Bauer hier nun
einzigen wirklichen Bekehrung zu ermes- an, dass man mit der Trennung warten
sen. Irgendein Sonntagsschullehrer hat in soll? In der Natur sind die Wurzeln von
D. L. Moody investiert. Moody hat wie- Weizen und Lolch so verfilzt, dass es fast
der andere gewonnen, die wieder andere unmöglich ist, nur eines von beiden aus-
gewannen. Der Sonntagsschullehrer hat zurupfen.
eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, die Dieses Gleichnis wird von unserem
nie mehr aufhören wird. Herrn in den Versen 37-43 erklärt, des-
halb werden wir es hier nicht weiter kom-
D. Das Gleichnis vom Weizen und mentieren.
vom Unkraut (13,24-30)
Das vorige Gleichnis war ein lebendiges E. Das Gleichnis vom Senfkorn
Beispiel für die Tatsache, dass das Reich (13,31.32)
der Himmel sowohl aus denen besteht, 13,31.32 Als Nächstes verglich der Herr
die sich nur mit ihren Worten zu dem das Reich mit einem Senfkorn, das er
König bekennen, als auch aus echten Jün- als das kleinste aller Samen bezeichnete,
gern. Die ersten drei Bodenarten zeigen das heißt, das kleinste, das seine Zu­hörer
das Reich in seinem weitesten Umkreis kannten. Wenn man eines dieser Senf-
– das äußere Bekenntnis. Der vierte Bo- körner aussäte, dann wurde es zu einem
den zeigt das Reich im engeren Sinne – Baum. Ein wahrhaft wunderbares Wachs-
diejenigen, die wirklich bekehrt sind. tum! Die normale Senfpflanze ist eher ein
13,24-26 Das zweite Gleichnis – vom Strauch als ein Baum – immerhin groß ge-
Weizen und vom Unkraut – zeigt das nug, dass Vögel in seinen Zweigen nisten
Reich auch in diesen beiden Bereichen. können.
91 Matthäus 13

Das Samenkorn steht für den beschei- ten Tag des Festes der ungesäuerten Brote
denen Anfang des Reiches. Zu Beginn irgendetwas Gesäuertes aß, wurde er aus
wurde das Reich durch die Verfolgung dem Volk Israel ausgerottet. Jesus warnte
relativ klein und rein erhalten. Aber als vor dem Sauerteig der Pharisäer und
es durch den Staat geschützt und geför- Sadduzäer (Matth 16,6.12) und vor dem
dert wurde, wuchs es übermäßig. Des- Sauer­teig des Herodes (Mk 8,15). In 1. Ko-
halb konnten nun Vögel kommen und rinther 5,6-8 wird Sauer­teig als Böses und
sich dort niederlassen. Hier wird das Schlechtes definiert, und der Zusammen-
gleiche Wort für Vögel verwendet wie in hang in Galater 5,9 zeigt uns, dass sich
Vers 4, wo Jesus sagt, dass die Vögel den das Wort dort auf Irrlehre bezieht. Im All-
Bösen symbolisieren (V. 19). Das Reich gemeinen bedeutet Sauerteig ent­­ weder
wurde zu einem Nistplatz Satans und sei- falsche Lehre oder böses Verhalten.
ner Handlanger. Heute finden sich unter So warnt der Herr in diesem Gleichnis
dem Dach des Christentums solche chris- vor der durchdringenden Kraft des Bö-
tusleugnenden Lehren wie Unitarismus sen, das im Reich der Himmel am Werk
(theologische Richtung, welche die Drei- ist. Das Gleichnis vom Senfkorn zeigt
einheit Gottes ablehnt; Anm. d. Übers.), das Böse im Äußeren des Reiches, dieses
Christliche Wissenschaft, Mormonentum, Gleichnis zeigt die innere Sphäre des Rei-
Zeugen Jehovas und Vereinigungskirche ches.
(Mun-Sekte). Wir glauben, dass in diesem Gleich-
Deshalb warnte der Herr hier die Jün- nis das Mehl die Speise des Volkes Got-
ger vorab, dass während seiner Abwesen- tes bedeutet, wie wir sie in der Bibel fin-
heit das Reich gewaltig wachsen würde. den. Der Sauerteig ist die Irrlehre. Die
Sie sollten sich jedoch dadurch nicht täu- Frau ist die falsche Prophetin, die lehrt
schen lassen oder Wachstum mit Erfolg und verführt (Offb 2,20). Ist es nicht be-
gleichsetzen. Obwohl das kleine Senf- zeichnend, dass Frauen oft Gründerinnen
korn zu einem unnormal großen Baum von Sekten waren, die Irrlehren verbreite-
wüchse, würde es in seiner Größe »eine ten? Ihnen wird von der Bibel verboten,
Behausung von Dämonen (werden) und in der Gemeinde zu lehren (1. Kor 14,34;
ein Gefängnis jedes unreinen Geistes und 1. Tim 2,12), doch haben sich einige trot-
ein Gefängnis jedes unreinen und gehass- zig lehrmäßige Autorität angemaßt und
ten Vogels« (Offb 18,2). die Speise des Volkes Gottes mit zerstö-
rerischen Irrlehren vermengt.
F. Das Gleichnis vom Sauerteig J. H. Brookes schreibt:
(13,33) Wenn der Einwand erhoben wird, dass
13,33 Als Nächstes vergleicht der Herr Je- Christus das Reich nicht mit etwas Bösem
sus das Reich mit »einem Sauerteig, den vergleichen würde, dann ist es eine ausrei-
eine Frau nahm und unter drei Maß Mehl chende Antwort, wenn wir sagen, dass er das
mengte«. Schließlich war das ganze Mehl Reich mit Weizen und Unkraut sowie mit gu-
»durchsäuert«. Viele legen dies so aus, ten und schlechten Fischen vergleicht, dass es
dass das Mehl die Welt und der Sauer- im Reich der Himmel einen bösen Knecht gibt
teig das Evangelium ist, das in der gan- (Matth 18,23-32) und dass dort ein Mann zu
zen Welt gepredigt wird, bis jeder geret- finden war, der kein Hochzeitsgewand hatte
tet ist. Diese Ansicht wird jedoch von der und verloren war (Matth 22,1-13).29
Schrift, der Geschichte und den gegen-
wärtigen Ereignissen nicht bestätigt. G. Die Verwendung der Gleichnisse
Sauerteig ist in der Bibel immer ein erfüllt Prophezeiungen (13,34.35)
Bild des Bösen. Als Gott den Angehörigen 13,34.35 Jesus sprach die ersten vier
seines Volkes befahl, den Sauerteig aus ih- Gleichnisse zu der Menge. Die Verwen-
ren Häusern zu entfernen (2. Mose 12,15), dung dieser Lehrmethode war eine Erfül-
verstanden sie das. Wenn jemand in der lung von Psalm 78,2. Dort wird gesagt,
Zeit zwischen dem ersten und dem sieb- dass der Messias in Gleichnissen reden
Matthäus 13 92

und aussprechen würde, was – wie es zu Verwirrungen, wenn man hier die Ge-
hier heißt – »von Grundlegung der Welt meinde mit ins Spiel bringt.
an verborgen war«. Diese Eigenschaften 13,40-42 Die Schnitter sind die Engel
des Reiches in seiner zwischenzeitlichen (s. Offb 14,14-20). Während der gegen­
Gestalt, die bis zu dieser Zeit verborgen wärtigen Phase des Reiches werden Wei-
gewesen waren, wurden nun bekannt ge- zen und Lolch nicht voneinander ge­­­­
macht. trennt. Sie dürfen zusammen aufwachsen.
Aber bei der Wiederkunft Christi werden
H. Erklärung des Gleichnisses vom die Engel alle Ärgernisse und alle, die Bö-
Unkraut und Weizen (13,36-43) ses getan haben, sammeln und sie in den
13,36 Den Rest der Ansprache hielt un- Feuerofen werfen, wo sie weinen und mit
ser Herr nur vor den Jüngern – in ei- ihren Zähnen knirschen werden.
nem Haus. Hier könnten die Jünger für 13,43 Die gerechten Untertanen des
den gläubigen Überrest des Volkes Israel Reiches, die während der Drangsal auf
stehen. Die neuerliche Erwähnung eines der Erde leben, werden in das Reich ihres
Hauses erinnert uns daran, dass Gott sein Vater eingehen, um sich an der tausend-
Volk, das er erkannt hat, nicht für immer jährigen Herrschaft Christi zu erfreuen.
verstößt (Röm 11,2). Sie werden leuchten wie die Sonne, das
13,37 In seiner Auslegung des Gleich- heißt, sie werden überaus herrlich sein.
nisses vom Weizen und vom Unkraut Jesus fügt hier wieder die sprichwört-
zeigt Jesus, dass er selbst der Sämann ist. liche Ermahnung an: »Wer Ohren hat, der
Er säte direkt während seines Dienstes höre!«
auf Erden, und durch seine Knechte hat Dieses Gleichnis rechtfertigt nicht,
er in den folgenden Zeiten weitergesät. wie manche irrtümlicherweise anneh-
13,38 Das Feld ist die Welt. Es ist wich- men, die Tolerierung gottloser Menschen
tig zu betonen, dass das Feld die Welt, in der christlichen Ortsgemeinde. Man
nicht die Gemeinde ist. Der gute Same sind bedenke dabei, dass das Feld die Welt ist,
die Söhne des Reiches. Es mag bizarr und nicht die Gemeinde. Die Ortsgemeinde
unpassend klingen, wenn man von Men- wird ausdrücklich aufgefordert, aus ih-
schen sagt, dass sie in den Boden gesät rer Gemeinschaft alle auszuschließen, die
werden. Aber hier wird der Punkt betont, sich bestimmter schwerer Sünden in ver-
dass die Söhne des Reiches in die Welt ge- schiedener Form schuldig gemacht haben
sät worden sind. Während der Jahre sei- (1. Kor 5,9-13). Das Gleichnis lehrt ledig-
nes öffentlichen Dienstes besäte Jesus die lich, dass das Reich der Himmel in seiner
Welt mit Jüngern, die treue Untertanen verborgenen Gestalt das Echte und die
des Reiches waren. Das Unkraut sind die Nachahmung umfasst, das Original und
Söhne des Bösen. Satan hat ein Gegenbild die Nachbildung, und dass dieser Zu-
für jede göttliche Realität geschaffen. Er stand bis an das Ende des Zeitalters be-
sät solche in die Welt, die aussehen, spre- stehen bleibt. Dann werden Gottes Boten
chen und bis zu einem gewissen Grade le- die Falschen aussortieren, die ins Gericht
ben wie Jünger. Aber sie sind keine ech- kommen werden. Die Echten werden da-
ten Nachfolger des Königs. gegen die Herrschaft Christi über diese
13,39 Der Feind ist Satan, der Feind Erde in Herrlichkeit miterleben dürfen.
Gottes und der Feind des Volkes Gottes.
»Die Ernte aber ist die Vollendung des I. Das Gleichnis vom verborgenen
Zeitalters«, das Ende des Zeitalters des Schatz (13,44)
Reiches in seiner zwischenzeitlichen Ge- 13,44 Bisher haben alle Gleichnisse ge-
stalt. Es wird aufgerichtet werden, wenn lehrt, dass es im Reich gute und böse, ge-
Jesus in Macht und Herrlichkeit wieder- rechte und ungerechte Untertanen gibt.
kommt, um als König zu herrschen. Der Die nächsten beiden Gleichnisse zeigen,
Herr bezieht sich hier nicht auf das Ende dass es zwei Arten von gerechten Unter-
des Zeitalters der Gemeinde. Es führt nur tanen geben wird:
93 Matthäus 13

1. Die gläubigen Juden in der Zeit vor sen hier wieder einwenden, dass ein Sün-
und nach dem Zeitalter der Ge- der nicht alles verkaufen und sich Chris-
meinde, und tus damit erkaufen muss.
2. die gläubigen Juden und Heiden des Wir glauben eher, dass der Kauf-
gegenwärtigen Zeitalters. mann für den Herrn Jesus steht. Die kost-
Im Gleichnis vom Schatz vergleicht Je- bare Perle ist die Gemeinde. Auf Golga-
sus das Reich mit einem Schatz, der in ei- tha verkaufte Jesus alles, um diese Perle
nem Acker verborgen liegt. Ein Mensch zu erwerben. Eine Perle wird in einer Mu-
findet ihn, verbirgt ihn, und verkauft schel durch Leiden gebildet, das durch ei-
dann freudig alles, was er besitzt, um den nen Reiz ausgelöst wird. Ebenso entstand
Acker zu kaufen. die Gemeinde dadurch, dass der Leib un-
Wir sind der Meinung, dass der seres Heilands durchbohrt und zerschla-
Mensch der Herr Jesus selbst ist (er gen wurde.
war auch der Mensch, der im Gleichnis Es ist interessant, dass in dem Gleich-
vom Weizen und Unkraut säte; V. 37). nis vom Schatz das Reich mit dem Schatz
Der Schatz ist der gottesfürchtige Über- selbst verglichen wird. Hier wird jedoch
rest gläubiger Juden, wie er zur Zeit des das Reich nicht mit der Perle, sondern mit
Dienstes Jesu auf Erden zu finden war dem Kaufmann verglichen. Warum die-
und auch wieder nach der Entrückung ser Unterschied?
der Gemeinde existieren wird (s. Ps 135,4 Im vorhergehenden Gleichnis liegt die
[wo Israel in der KJV als Gottes wertvol- Betonung auf dem Schatz, dem erlösten
ler Schatz bezeichnet wird]). Sie sind in Israel. Das Reich ist eng mit dem Volk Is-
einem Acker verborgen, indem sie über rael verbunden. Es wurde ursprünglich
die Welt verstreut leben und niemandem diesem Volk angeboten, und in seiner zu-
außer Gott bekannt sind. Jesus wird dar- künftigen Form wird ein Großteil seiner
gestellt, wie er diesen Schatz entdeckt, Untertanen aus Juden bestehen.
dann ans Kreuz geht und alles hingibt, Wie wir bereits erwähnten, ist die
was er besitzt, um die Welt zu erkau- Gemeinde nicht dasselbe wie das Reich.
fen (2. Kor  5,19; 1. Joh  2,2), in der dieser Alle, die zur Gemeinde gehören, gehören
Schatz verborgen liegt. Das erlöste Israel zum Reich, aber nicht alle, die zum Reich
wird aus seinem Versteck geholt werden, gehören, sind Glieder der Gemeinde. Die
wenn der Erlöser aus Zion kommt und Gemeinde wird nicht zum Reich in seiner zu-
das lang erwartete messianische Reich künftigen Form gehören, sondern wird zu-
aufrichtet. sammen mit Christus über die erneuerte Erde
Das Gleichnis wird manchmal auch herrschen. Die Betonung liegt im zweiten
auf einen Sünder angewendet, der alles Gleichnis auf dem König selbst und dem
aufgibt, um Christus, den größten Schatz, enormen Preis, den er bezahlte, um seine
zu finden. Aber diese Auslegung verletzt Braut zu werben und sie zu gewinnen, die
die Lehre von der Gnade, die aussagt, seine Herrlichkeit am Tag seiner Offen­
dass die Errettung ohne Bezahlung er- barung mit ihm teilen wird.
langt wird (Jes 55,1; Eph 2,8.9). Wie die Perle ihren Ursprung im Meer
hat, so stammt auch die Gemeinde, die
J. Das Gleichnis von der kostbaren manchmal die heidnische Braut Christi
Perle (13,45.46) genannt wird, hauptsächlich aus den
13,45.46 Das Reich wird auch mit »einem Nationen. Das schließt die bekehrten
Kaufmann« verglichen, »der schöne Per- Juden nicht aus, sondern weist nur auf
len suchte«. Als er eine Perle von unge- ein Hauptmerkmal der Gemeinde hin,
wöhnlich hohem Wert fand, opferte er als eines Volkes, das aus den Nationen
seinen ganzen Besitz, um sie zu erwerben. für seinen Namen berufen ist. In Apostel-
In einem Lied (»Ich habe die kostbarste geschichte 15,14 bestätigt Jakobus dies als
Perle gefunden«) findet der Sünder den das große Ziel Gottes im gegenwärtigen
Erlöser, den Herrn Jesus. Aber wir müs- Zeitalter.
Matthäus 13 94

K. Das Gleichnis vom Fischnetz L. Der Schatz der Wahrheit (13,51.52)


(13,47-50) 13,51 Als der Meister seine Gleichnisse be-
13,47.48 Das letzte dieser Gleichnisse ver- endet hatte, fragte er seine Jünger, ob sie
gleicht das Reich mit »einem Netz, das ihn verstanden hätten. Sie antworteten:
ins Meer geworfen wurde und von jeder »Ja.« Das mag uns erstaunen oder sogar
Art zusammenbrachte«. Die Fischer sor- ein wenig neidisch auf sie machen. Viel-
tierten die Fische dann aus, indem sie die leicht können wir nicht so voller Selbst-
Guten in Gefäße warfen und die Faulen vertrauen mit »Ja« antworten.
wegwarfen. 13,52 Weil sie verstanden hatten, wa-
13,49.50 Unser Herr legt das Gleich- ren sie verpflichtet, dies anderen mit-
nis selbst aus. Das wird bei der »Voll- zuteilen. Jünger sollen Kanäle des Se-
endung des Zeitalters« geschehen, d. h. gens, nicht seine Sammelpunkte sein. Die
am Ende der Drangsalszeit. Zu dieser Zwölf waren nun Schriftgelehrte, die auf
Zeit wird Christus wiederkommen. Die das Reich der Himmel vorbereitet waren,
Fischer stehen für die Engel. Die guten d. h. Lehrer und Ausleger der Wahrheit.
Fische sind die Gerechten, das heißt die Sie waren »gleich einem Hausherrn, der
Erretteten aus Juden und Heiden. Die aus seinem Schatz Neues und Altes her-
faulen Fische sind die Ungerechten, näm- vorbringt«. Im AT hatten sie eine reiche
lich die Ungläubigen aus allen Völkern. Quelle dessen, was man vielleicht »alte
Hier wird nun getrennt, wie wir es schon Wahrheit« nennen könnte. In den Gleich-
im Gleichnis vom Weizen und Unkraut nisreden Jesu hatten sie soeben etwas
gesehen haben (V. 30.39-43). Die Gerech- ganz Neues erhalten. Aus dieser reichen
ten kommen in das Reich ihres Vaters, Quelle des Wissens sollten sie nun schöp-
während die Ungerechten in den Feuer- fen, um anderen die wunderbaren Wahr-
ofen geworfen werden, wo »das Weinen heiten weiterzugeben.
und das Zähneknirschen sein« wird. Das
ist nicht das endgültige Gericht, dieses M. Jesus wird in Nazareth abgelehnt
Gericht wird zu Anfang des Tausendjäh- (13,53-58)
rigen Reiches vollzogen. Das endgültige 13,53-56 Nachdem Jesus diese Gleichnisse
Gericht wird nach diesen tausend Jahren vollendet hatte, verließ er das Ufer des
sein (Offb 20,7-15). Sees Genezareth und ging zum letzten
Gaebelein kommentiert dieses Gleich- Mal nach Nazareth. Als er hier in der Syn­
nis folgendermaßen: agoge lehrte, waren die Menschen zwar
Das Netz wird ins Meer gelassen, das über seine Weisheit und die Wunder er-
– wie wir schon gesehen haben – für die Na­ staunt, von denen andere ihnen berichte-
tionen steht. Das Gleichnis bezieht sich auf ten. Aber für sie war er nur »der Sohn des
die Predigt des ewigen Evangeliums, das wäh- Zimmermanns«. Sie wussten, dass Maria
rend der großen Drangsal verkündigt wird seine Mutter war, seine Brüder Jakobus,
(Offb 14,6.7). Die Trennung zwischen Gut Josef, Simon sowie Judas hießen und er
und Böse wird von den Engeln voll­zogen. All Schwestern hatte, die noch in Nazareth
dies kann sich weder auf die heutige Zeit noch lebten. Wie konnte nur einer der Ihren
auf die Gemeinde beziehen, sondern nur auf solches sagen und das tun, was ihn über-
die Zeit, zu der das Reich aufgerichtet wer- all so bekannt machte? Das erstaunte sie,
den wird. Die Engel werden hier zu dienen und es war für sie einfacher, an ihrer Bor-
haben, wie wir es so deutlich in der Offen­ niertheit festzuhalten, als die Wahrheit
barung dargestellt finden. Die Bösen werden anzuerkennen.
in den Feuerofen geworfen, die Gerechten da- 13,57.58 Sie ärgerten sich an ihm. Des-
gegen werden für die Zeit des Tausendjähri- halb betonte der Herr, dass ein echter Pro-
gen Reiches auf der Erde bleiben.30 phet fern von seiner Heimat meist mehr
geschätzt wird als zu Hause. Seine eige-
nen Nachbarn und Verwandten ließen es
zu, dass ihre Bekanntheit mit ihm zur Ver-
95 Matthäus 13 und 14

achtung führte. Es war hauptsächlich der nicht ratsam. Die Menschen sagten von
Unglaube, der Jesu Wirken in Nazareth ihm, dass er ein Prophet wäre, und hät-
verhinderte. Er heilte dort nur einige we- ten eventuell mit einem Aufruhr auf seine
nige Kranke (vgl. Mk 6,5). Es ging nicht Hinrichtung reagiert. So befriedigte der
darum, dass er hier nicht hätte wirken Tyrann seinen momentanen Zorn, in-
können, denn die Bosheit des Menschen dem er Johannes ins Gefängnis werfen
kann die Macht Gottes nicht begrenzen. ließ. »Die Gottlosen lieben den christli-
Aber er segnet keine Menschen, die sei- chen Glauben in der gleichen Weise, wie
nen Segen nicht wollen. Er erfüllt keine sie Löwen lieben – entweder tot oder im
Bedürfnisse, welche die Menschen nicht Käfig: Sie fürchten den christlichen Glau-
haben, und er heilt niemanden, der sich ben, wenn er sich losreißt und ihr Gewis-
beschweren würde, wenn man ihn krank sen aufrütteln will.«31
nennt. 14,6-11 Zu Herodes’ Geburtstag er-
freute die Tochter der Herodias den Kö-
IX. Die unermüdliche Gnade des nig durch ihr Tanzen so sehr, dass er ihr
Messias wird mit wachsender im Überschwang alles anbot, was sie sich
Feindseligkeit beantwortet wünschen mochte. Von ihrer schamlosen
(14,1 – 16,12) Mutter veranlasst, bat sie unverschämt
»auf einer Schüssel (um) das Haupt Jo-
A. Johannes der Täufer wird hannes’ des Täufers«. Bis dahin war des
enthauptet (14,1-12) Königs Zorn über Johannes etwas abge-
14,1.2 Die Nachricht von Jesu Dienst er- kühlt, vielleicht bewunderte er den Pro-
reichte bald den Vierfürsten Herodes. pheten sogar für seinen Mut und seine
Dieser berüchtigte Sohn Herodes’ des Standhaftigkeit. Aber obwohl er traurig
Großen war auch unter dem Namen He- wurde, begriff er, dass er sein Verspre-
rodes Antipas bekannt. Er hatte die Hin- chen erfüllen musste. Der Befehl wurde
richtung von Johannes dem Täufer be- gegeben. Johannes wurde enthauptet und
fohlen. Als er von den Wundern Christi die grausige Bitte des tanzenden Mäd-
hörte, begann sein Gewissen ihn zu quä- chens erfüllt.
len. Die Erinnerung an den Propheten, 14,12 Die Jünger des Johannes be­
dessen Enthauptung er befohlen hatte, erdigten den Leib ihres Meisters mit al-
ließ ihn nicht los. Er sagte seinen Dienern: len Ehren und gingen dann zu Jesus, um
»Dieser ist Johannes der Täufer; er ist von ihm die Neuigkeit zu bringen. Sie konn-
den Toten auferweckt worden.« Damit er- ten zu keinem Besseren gehen, um ihren
klärte er die Wunder Jesu. Kummer und ihre Entrüstung loszuwer-
14,3 In den Versen 3-12 haben wir eine den. Auch hätten sie uns kein besseres
sogenannte literarische Rückschau. Mat- Beispiel geben können. In Zeiten der Ver-
thäus unterbricht seine Erzählung, um folgung, der Unterdrückung, des Leidens
die Umstände näher zu beleuchten, die und des Kummers sollten auch wir zu
zur Ermordung des Johannes geführt ha- Jesus gehen und es ihm sagen.
ben. Was Herodes angeht, so war sein Ver-
14,4.5 Herodes war geschieden und brechen abgeschlossen, aber die Erinne-
lebte nun in Ehebruch und Blutschande rung daran dauerte an. Als er von Jesu
mit Herodias, der Frau seines Bruders Handeln hörte, verfolgte ihn die ganze
Philippus. Als Gottes Prophet konnte Jo- Angelegenheit weiter.
hannes so etwas nicht ohne Ermahnung
durchgehen lassen. Entrüstet und furcht- B. Die Speisung der Fünftausend
los zeigte er auf Herodes und klagte ihn (14,13-21)
wegen seines unmoralischen Lebenswan- 14,13.14 Als Jesus hörte, dass Herodes
dels an. durch die Berichte von seinen Wundern
Der König war so zornig, dass er beunruhigt wurde, »zog er sich von dort
ihn töten wollte, doch war das politisch in einem Boot« an einen einsamen Ort zu-
Matthäus 14 96

rück. Wir können sicher sein, dass er nicht gehabt hatte. Ironischerweise war für je-
floh, denn er wusste, ihm konnte nichts den der ungläubigen Jünger ein Korb
geschehen, ehe seine Zeit gekommen war. da. Eine Menge von zehn- bis fünfzehn-
Den Beweggrund für sein Weggehen wis- tausend Menschen war versorgt worden
sen wir nicht genau, aber sicher war ei- (5000 Männer mit ihren Frauen und Kin-
ner der weniger wichtigen Gründe, dass dern).
die Jünger gerade von ihrer Predigtreise Das Wunder ist eine geistliche Lek-
zurückgekehrt waren (Mk 6,30; Lk 9,10) tion für die Jünger jeder Generation. Die
und eine Zeit der Erholung sowie Ruhe hungrige Menge ist immer da. Und es
nötig hatten. sind auch immer nur wenige Jünger mit
Dennoch kamen die Volksmengen scheinbar bemitleidenswerten Vorräten
aus den Städten ihm zu Fuß nach. Als er da. Und stets ist der mitfühlende Heiland
an Land ging, warteten sie schon auf ihn. da. Wenn die Jünger gewillt sind, das we-
Weit davon entfernt, sich durch diese Un- nige, das sie haben, ganz hinzugeben,
terbrechung irritieren zu lassen, machte dann vermehrt er ihr Kapital, sodass alle
sich unser barmherziger Herr sofort ans satt werden. Wir sollten allerdings den
Werk und heilte ihre Kranken. Unterschied festhalten, dass der Hunger
14,15 Als es Abend wurde (d. h. nach dieser »fünftausend Männer« in Galiläa
15.00 Uhr), merkten seine Jünger, dass nur für kurze Zeit gestillt war. Diejenigen
sich die Situation zuspitzte. Hier waren so jedoch, die sich heute von dem lebendi-
viele Menschen, die nichts zu essen hat- gen Christus nähren, sind für immer ge-
ten. Sie baten Jesus, die Menge in die Dör- sättigt (s. Joh 6,35).
fer zu schicken, damit sie sich dort etwas
zu essen kaufen könnten. Wie wenig ver- C. Jesus geht auf dem See (14,22-33)
standen sie das Herz Christi, und wie we- Das vorhergehende Wunder sollte die
nig kannten sie seine Macht. Jünger in der Gewissheit bestärken, dass
14,16-18 Der Herr versicherte ihnen, sie dem Einen folgten, der für ihre Be-
dass es nicht nötig sei, sie wegzuschi- dürfnisse sorgen würde. Nun lernten sie,
cken. Warum sollten die Menschen den dass dieser sie auch beschützen und mit
Einen verlassen, der seine Hand auftut Kraft ausstatten kann.
und alles Lebendige nach seinem Wohl- 14,22.23 Während Jesus die Menge
gefallen sättigt (Ps 145,16)? Dann brachte entließ, befahl er den Jüngern, in das
er seine Jünger in Verlegenheit, indem Boot zu steigen, um an das andere Ufer
er sie aufforderte: »Gebt ihr ihnen zu es- zu fahren. Dann stieg er auf einen Berg,
sen!« Sie waren fassungslos: Wie sollten um zu beten. Als es Abend wurde, das
sie den Menschen etwas zu essen geben? heißt nach Sonnenuntergang, war er dort
»Wir haben nichts hier als nur fünf Brote allein. (In der jüdischen Zeitrechnung gab
und zwei Fische.« Sie hatten ganz verges- es zwei »Abende«; s. 2. Mose 12,6; Anmer-
sen, dass sie auch noch Jesus hatten. Ge- kung revidierte Elberfelder Bibel. Der
duldig sagte der Heiland: »Bringt sie mir eine, auf den sich Vers 15 bezieht, begann
her!« Das war ihre Aufgabe. nach 15.00 Uhr, der andere, auf den hier
14,19-21 Wir können uns den Herrn Bezug genommen wird, nach Sonnenun-
gut vorstellen, wie er der Menge befahl, tergang.)
sich im Gras zu lagern. Er »nahm die fünf 14,24-27 In der Zwischenzeit war das
Brote und die zwei Fische, blickte auf zum Boot schon weit weg und kämpfte gegen
Himmel und dankte«. Dann »brach er die den Wind, »denn der Wind war ihnen
Brote und gab sie den Jüngern«, damit sie ent­­­­­gegen«. Als die Wellen das Boot hin
diese verteilen konnten. Es war genug für und her warfen, sah Jesus, wie die Jün-
alle da. Als alle gesättigt waren, sammel- ger in Not waren. »In der vierten Nacht-
ten die Jünger noch zwölf Körbe mit Res- wache« (zwischen 3.00 und 6.00 Uhr mor-
ten auf. Es war schließlich mehr übrig ge- gens) »kam er zu ihnen, indem er auf dem
blieben, als Jesus vorher zur Verfügung See einherging.« Die Jünger meinten, ei-
97 Matthäus 14 und 15

nen Geist zu sehen und gerieten in Pa- in unserem Leben erfahren. Doch sobald
nik. Aber sofort hörten sie die tröstliche wir uns mit uns selbst oder unseren Um-
Stimme ihres Meisters und Freundes: ständen beschäftigen, fangen wir an zu
»Seid guten Mutes! Ich bin es. Fürchtet sinken. Dann müssen wir Jesus anrufen
euch nicht!« und um Wiederherstellung sowie gött-
Wie oft bewahrheitet sich dies in un- liche Befähigung bitten.
serem Leben! Wie oft werden wir vom
Sturm hin und her geworfen, sind ver- D. Jesus heilt im Land Genezareth
wirrt und verzweifelt. Der Herr scheint (14,34-36)
weit weg zu sein. Doch die ganze Zeit 14,34-36 Das Boot legte in Genezareth an,
betet er für uns. Gerade dann, wenn die am Nordwestufer des Sees Genezareth.
Nacht am dunkelsten zu sein scheint, Als die Menschen Jesus sahen, durch-
ist er nahe. Doch wir sehen ihn dann oft streiften sie die ganze Gegend nach Kran-
nicht und geraten in Panik. Aber dann hö- ken und brachten sie zu ihm, dass die
ren wir seine tröstliche Stimme und erin- Kranken »nur die Quaste seines Kleides
nern uns daran, dass die Wellen, die uns anrühren dürften, und alle, die ihn an-
solche Angst eingejagt hatten, unter sei- rührten, wurden völlig geheilt«. Und so
nen Füßen sind. hatten die Ärzte in diesem Gebiet Ferien.
14,28 Als Petrus die wohlbekannte, Für einige Zeit gab es dort sicher keine
viel geliebte Stimme hörte, sprudelte er Kranken mehr. Menschen in der ganzen
vor Zuneigung und Begeisterung über. Gegend wurden gesund und geheilt, weil
»Herr, wenn du es bist, so befiehl mir, der große Arzt sie aufsuchte.
auf dem Wasser zu dir zu kommen!«
Statt den Begriff des Petrus (»wenn«) als E. Verunreinigung kommt von innen
Ausdruck eines schwachen Glaubens her­ (15,1-20)
unterzuspielen, sollten wir seine mutige Es wird oft darauf hingewiesen, dass Mat-
Forderung als Zeichen großen Vertrauens thäus in seinen ersten Kapiteln nicht chro-
werten. Petrus erkannte, dass die Befehle nologisch vorgeht. Aber vom Anfang des
Jesu gleichzeitig die Befähigung zu allem 14. Kapitels bis zum Ende sind die Ereig-
in sich schließen, was immer er auch ge- nisse größtenteils in der Reihenfolge be-
bietet. richtet, in der sie auch geschahen.
14,29-33 Sobald Jesus sagte »Komm!«, In Kapitel 15 ergibt sich auch eine
sprang Petrus aus dem Boot und begann, Ordnung nach den Heilszeiten. Erstens
auf ihn zuzugehen. Solange er auf Jesus sehen wir den durch die Pharisäer und
sah, war er in der Lage, das Unmög­liche Schriftgelehrten verursachten Streit und
zu tun. Aber sobald er sich mit dem Wind Zank, der für die Ablehnung des Mes-
beschäftigte, begann er zu sinken. Ver- sias durch Israel steht (V. 1-20). Zweitens
zweifelt schrie er: »Herr, rette mich!« Der weist der Glaube der Kanaanäerin auf die
Herr nahm ihn bei der Hand, tadelte sanft Verbreitung des Evangeliums in unserem
seinen Kleinglauben und brachte ihn ins Zeitalter hin (V. 21-28). Und die Heilung
Boot zurück. Sobald Jesus an Bord war, vieler Menschen (V. 29-31) sowie die Spei-
»legte sich der Wind«. Die Jünger in dem sung der Viertausend (V. 32-39) deuten
Boot beteten nun Jesus an, indem sie zu auf das zukünftige Tausendjährige Reich,
ihm sagten: »Wahrhaftig, du bist Gottes in dem die Menschen gesund sein wer-
Sohn!« den und allgemeines Wohlergehen herr-
Das christliche Leben ist mensch- schen wird.
lich unmöglich – so wie es unmöglich 15,1.2 Die Schriftgelehrten und Phari-
ist, auf dem Wasser zu gehen. Es kann säer waren in ihrem Versuch, Jesus eine
nur in der Kraft des Heiligen Geistes ge- Falle zu stellen, nicht zu bremsen. Eine
führt werden. Solange wir von den an- Abordnung von ihnen kam von Jeru-
deren Dingen weg nur auf Jesus schauen salem und klagte seine Jünger der Un-
(Hebr 12,2), können wir Übernatürliches reinheit an, weil sie mit ungewaschenen
Matthäus 15 98

Händen essen und deshalb die »Überlie- hatten, waren sie von der finanziellen
ferung der Ältesten« übertreten würden. Verantwortung ihren Eltern gegenüber
Um diesen Vorfall recht zu verste- befreit. Indem sie nun dieser betrügeri-
hen, müssen wir begreifen, was »rein« schen Tradition folgten, hatten sie »das
und »unrein« bedeutet und was die Pha- Gebot Gottes ungültig gemacht«, das ih-
risäer mit »waschen« meinten. Die gan- nen befahl, für ihre Eltern zu sorgen.
zen Bestimmungen in Bezug auf »rein« 15,7-9 Durch ihre geschickte Wort-
und »unrein« gehen auf das AT zurück. verdreherei hatten sie die Prophezeiung
Die Unreinheit, derer sich die Jünger an- Jesajas erfüllt (Jes 29,13). Sie behaupteten,
geblich schuldig gemacht hatten, war Gott mit den Lippen zu ehren, »aber ihr
eine ausschließlich zeremonielle Unrein- Herz ist weit entfernt« von ihm. Ihr Got-
heit. Wenn jemand etwa einen Toten be- tesdienst war wertlos, weil sie der Über-
rührte oder bestimmte Dinge aß, zog er lieferung von Menschen mehr Bedeutung
sich diese zeremonielle Unreinheit zu, zumaßen als dem Wort Gottes.
das heißt, er durfte nicht mehr am Gottes- 15,10.11 Als Jesus sich nun an die
dienst teilnehmen. Ehe er sich Gott wie- Volksmenge wandte, gab er eine Erklä-
der nähern durfte, musste er sich nach rung von überragender Bedeutung ab.
dem Gesetz einer Reinigungszeremonie Er erklärte, dass nicht das, »was in den
unterziehen. Mund hineingeht«, den Menschen verun-
Aber die Ältesten hatten ihre Tradi- reinigt, sondern dasjenige, »was aus dem
tion zu den Reinigungszeremonien hin- Mund herausgeht«. Wir können die Be-
zugefügt. Sie bestanden zum Beispiel dar- deutung dieser revolutionären Aussage
auf, dass ein Jude, bevor er essen durfte, kaum verstehen. Im Rahmen des leviti-
seine Hände einer ausgedehnten Reini- schen Gesetzes war es so, dass das, was
gungszeremonie zu unterziehen hatte, bei in den Mund hineinging, den Menschen
der er nicht nur die Hände, sondern auch verunreinigte. Den Juden war es verbo-
die Arme bis zu den Ellenbogen zu wa- ten, das Fleisch von Tieren zu essen, die
schen hatte. Wenn er auf dem Marktplatz keine Wiederkäuer oder Paarhufer wa-
gewesen war, dann sollte er sogar ein ze- ren. Sie durften keinen Fisch essen, der
remonielles Bad nehmen. Deshalb kriti- keine Schuppen oder Gräten hatte. Gott
sierten die Pharisäer die Jünger, weil sie hatte ganz genaue Anweisungen gege-
die Feinheiten des Reinheitsgesetzes der ben, welche Speisen rein und welche un-
jüdischen Tradition nicht beachtet hatten. rein waren. Nun bereitete der Gesetz-
15,3-6 Der Herr Jesus erinnerte seine geber den Weg für die Abschaffung der
Kritiker daran, dass sie das Gesetz Gottes ganzen Ordnung zeremonieller Unrein-
übertreten würden, nicht nur die Über- heit. Er sagte, dass die Speise, die seine
lieferung der Ältesten. Das Gesetz be- Jünger mit ungereinigten Händen aßen,
fahl den Menschen, ihre Eltern zu ehren, sie nicht verunreinigt hatte. Aber die Pha-
wozu gehörte, dass sie die Eltern mit Geld risäer und Schriftgelehrten waren durch
versorgen sollten, wenn das nötig wäre. ihre Heuchelei wirklich unrein.
Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer 15,12-14 Als seine Jünger Jesus be-
(und viele andere) wollten kein Geld für nachrichtigten, dass die Pharisäer sich
den Unterhalt ihrer alt gewordenen El- an seinem Wort ärgerten, antwortete Je-
tern ausgeben. So erfanden sie eine Tradi- sus ihnen, indem er die Pharisäer mit
tion, wodurch sie ihrer Verpflichtung ent- Pflanzen verglich, die nicht von Gott ge-
gehen konnten. Wenn ihre Eltern sie um pflanzt worden sind. Sie waren kein Wei-
Hilfe baten, brauchten sie nur etwa fol- zen, sondern Unkraut, und sie würden
gende Worte zu äußern: »Alles Geld, das mit ihren Lehren schließlich ausgeris-
ich habe und für eure Unterstützung ver- sen werden, das heißt zugrunde gerichtet
wenden könnte, habe ich Gott geweiht, werden. Dann fügte er hinzu: »Lasst sie!
und deshalb kann ich es euch nicht ge- Sie sind blinde Leiter der Blinden.« Ob-
ben.« Wenn sie diese Formel gesprochen wohl sie von sich behaupteten, Autoritä-
99 Matthäus 15

ten auf geistlichem Gebiet zu sein, waren Quelle menschlicher Ziele und Wün-
sie und die Menschen, die sie führten, für sche. Dieser Teil der sterblichen Natur
die geistlichen Realitäten blind. Es war des Menschen zeigt sich durch unreine
unausweichlich, dass Führer und Ver- Gedanken, durch verdorbene Reden und
führte beide in eine Grube fallen würden. zuletzt durch böse Handlungen.
15,15 Die Jünger waren zweifellos 15,19.20 Einige der Dinge, die den
durch diese völlige Umkehrung von al- Menschen verunreinigen, sind »böse Ge-
lem, was sie über reine und unreine Spei- danken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Dieb-
sen gelernt hatten, verwirrt. Es war für sie stahl, falsche Zeugnisse, Lästerungen«
wie ein Gleichnis, das heißt eine verbor- (dieses griechische Wort umfasst auch die
gene, verhüllte Erzählung. Petrus gab ih- Verleumdung anderer Menschen).
rer Verwirrung Ausdruck, als er um eine Die Pharisäer und Schriftgelehrten
Erklärung bat. waren äußerst sorgfältig darauf bedacht,
15,16.17 Der Herr drückte zuerst seine die Waschungszeremonien betont auffäl-
Verwunderung aus, dass sie so schwer lig und peinlich genau zu beachten. Aber
begriffen, und erklärte dann, dass wirkli- ihr inneres Leben war verunreinigt. Ne-
che Verunreinigung moralisch und nicht bensächlichkeiten spielten bei ihnen eine
äußerlich ist. Essbares kann an sich weder große Rolle. Dabei übersahen sie die
rein noch unrein sein. In der Tat ist nichts wirklich wichtigen Anliegen. Sie konnten
Materielles an sich schlecht, nur der Miss- die Jünger dafür kritisieren, dass diese die
brauch einer Sache ist schlecht. Die Nah- uninspirierten Traditionen nicht hielten,
rung, die ein Mensch zu sich nimmt, geht und gleichzeitig planen, den Sohn Got-
durch den Mund in den Bauch und wird tes zu töten. Damit machten sie sich des
dort verdaut, die unverwertbaren Über- ganzen Sündenkatalogs schuldig, der in
reste aber werden ausgeschieden. Sein Vers 19 aufgeführt ist.
moralischer Zustand wird dadurch kei-
nesfalls beeinträchtigt – nur sein Leib ist F. Eine Heidin wird um ihres
betroffen. Heute wissen wir, dass »jedes Glaubens willen gesegnet (15,21-28)
Geschöpf Gottes gut ist und nichts ver- 15,21.22 »Jesus ging von dort weg und
werflich, wenn es mit Danksagung ge- zog sich in die Gegenden von Tyrus und
nommen wird; denn es wird geheiligt Sidon zurück«, die an der Mittelmeer-
durch Gottes Wort und durch Gebet« küste liegt. Soweit wir wissen, war das
(1. Tim  4,4.5). Der Abschnitt redet na- das einzige Mal während seines öffent­
türlich nicht von Giftpflanzen, sondern lichen Dienstes, dass er sich außerhalb
von Speisen, die von Gott zum Verzehr des jüdischen Gebietes bewegte. Hier in
durch den Menschen bestimmt sind. Alle Phönizien bat ihn eine kanaanäische Frau,
sind gut und sollten mit Dankbarkeit ge- ihre Tochter zu heilen, die besessen war.
gessen werden. Wenn jemand gegen ein Es ist wichtig festzuhalten, dass diese
Nahrungsmittel eine Allergie hat oder es Frau keine Jüdin, sondern eine Heidin
nicht verträgt, dann sollte er sich dessen war. Sie stammte von den Kanaanitern
enthalten, doch im Allgemeinen können ab, dieser unmoralisch lebenden Volks-
wir alles mit dem Bewusstsein essen, dass gruppe, die Gott zur Ausrottung be-
Gott die Nahrung gebraucht, um uns kör- stimmt hatte. Durch den Ungehorsam
perlich zu ernähren. Israels hatten einige die Einnahme Ka­
15,18 Wenn man sich nicht durch Es- naans unter Josua überlebt, und diese
sen verunreinigt, wodurch dann? Jesus Frau stammte von diesen Überlebenden
antwortete: »Was aber aus dem Mund ab. Als Heidin genoss sie natürlich nicht
her­ausgeht, kommt aus dem Herzen die Vorrechte des erwählten irdischen
hervor, und das verunreinigt den Men- Gottesvolkes. Sie war eine Fremde, die
schen.« Hier ist mit »Herz« nicht das keine Hoffnung hatte. Von ihrer Stellung
Organ genannt, das Blut durch unseren her hatte sie keinen Anspruch auf Gott
Körper pumpt, sondern die verdorbene oder den Messias.
Matthäus 15 100

Sie redet Jesus als »Herrn, Sohn Da- Krumen vom Tisch auf den Boden fallen.
vids«, an – ein Titel, den die Juden be- Warum darf ich nicht wenigstens einige
nutzten, wenn sie vom Messias redeten. Krümel haben? Ich bin es nicht wert, dass
Obwohl Jesus der Sohn Davids war, hatte du meine Tochter heilst, aber ich bitte
eine Heidin kein Recht, ihn auf dieser Ba- dich inständig, es für eine deiner unwür-
sis anzusprechen, deshalb antwortete er digen Kreaturen zu tun.«
ihr zunächst nicht. 15,28 Jesus lobte sie für ihren großen
15,23 »Seine Jünger traten hinzu und Glauben. Während die ungläubigen Kin-
baten ihn und sprachen: Entlass sie«, der das Brot nicht wollten, war hier ein
weil sie ihnen lästig war. Für Jesus war »Hündchen«, das danach schrie. Der
sie jedoch ein willkommenes Vorbild des Glaube wurde belohnt, denn ihre Tochter
Glaubens und ein Gefäß, in dem seine wurde sofort geheilt. Die Tatsache, dass
Gnade leuchten konnte. Aber er musste der Herr diese heidnische Tochter heilte,
ihren Glauben zunächst prüfen und des- spiegelt seinen gegenwärtigen Dienst zur
sen Bewährung herausstellen. Rechten Gottes wider, den Heiden im
15,24.25 Er erinnerte sie daran, dass Laufe dieses Zeitalters geistliche Heilung
er nur »zu den verlorenen Schafen des zu gewähren, während sein irdisches
Hauses Israel« gesandt sei, nicht zu den Volk beiseitegesetzt ist.
Heiden und erst recht nicht zu den Ka-
naanitern. Aber sie ließ sich von dieser G. Jesus heilt eine große Menge
scheinbaren Absage nicht entmutigen. (15,29-31)
Sie ließ den Titel Sohn Davids nun aus und 15,29-31 In Markus 7,31 erfahren wir,
verehrte ihn, indem sie sagte: »Herr, hilf dass der Herr Tyrus verließ, nordwärts
mir!« Wenn sie zu ihm nicht als eine Jü- nach Sidon reiste, danach ostwärts über
din zu ihrem Messias kommen konnte, den Jordan, dann nach Süden in das Ge-
dann wollte sie sich als Geschöpf an ih- biet der Zehn Städte. Dort, in der Nähe
ren Schöpfer wenden. des Sees Genezareth, heilte er »Lahme,
15,26 Um die Echtheit ihres Glaubens Blinde, Krüppel, Stumme und viele an-
zu erproben, sagte Jesus, dass es nicht gut dere«. Die erstaunte Menge verherrlichte
für ihn wäre, sich von der Ernährung der den Gott Israels. Man muss annehmen,
jüdischen Kinder wegzuwenden, um das dass dieses Gebiet heidnisch war. Die
Brot den heidnischen »Hunden« zu ge- Menschen, die Jesus und seine Jünger mit
ben. Wenn uns das sehr hart erscheint, Israel in Verbindung brachten, schlossen
dann sollten wir uns daran erinnern, dass richtig, dass der Gott Israels in ihrer Mitte
dies dazu bestimmt war, zu heilen und am Werk war.
nicht zu verletzen, wie das Skalpell eines
Chirurgen. Sie war eine Heidin. Die Juden H. Die Speisung der Viertausend
sahen die Heiden als streunende Hunde (15,32-39)
an, die die Straßen durchstreifen, um Es- 15,32 Oberflächliche (oder kritische) Le-
sensreste zu finden. Dennoch verwandte ser, die dieses Ereignis mit der Speisung
Jesus an dieser Stelle das Wort für Schoß- der Fünftausend verwechseln, haben
hunde. Die Frage war: Würde sie ihre Un- die Bibel der Wiederholung, des Wider-
würdigkeit eingestehen, um auch nur die spruchs oder der falschen Berechnun-
kleinste seiner Gnaden zu erhalten? gen angeklagt. Tatsache ist jedoch, dass
15,27 Ihre Antwort war wunderbar. die beiden Ereignisse sehr unterschied-
Sie stimmte seiner Beschreibung voll zu, lich sind und einander eher ergänzen als
nahm den Platz einer unwürdigen Hei- wider­sprechen.
din ein und warf sich auf seine Gnade, Nachdem die Menge drei Tage bei
Liebe und Barmherzigkeit. Damit sagte Jesus gewesen war, hatte sie kein Essen
sie im Grunde: »Du hast recht! Ich bin mehr. Er wollte die Menschen nicht hung-
nichts anderes als ein kleiner Hund unter rig gehen lassen, weil sie auf dem Weg zu-
dem Tisch. Aber ich weiß, dass manchmal sammenbrechen könnten.
101 Matthäus 15 und 16

15,33.34 Wieder verzweifelten die war, dann sagten sie für den nächsten Tag
Jünger bei der Aufgabe, eine solche Men- schönes Wetter voraus. Sie wussten auch,
schenmasse zu speisen, diesmal hatten sie dass ein roter und trüber Himmel am
nur sieben Brote und »wenige kleine Fi- Morgen Stürme bedeutete.32 Sie wussten,
sche«. wie sie die Himmelserscheinungen deu-
15,35.36 Wie schon bei der Speisung ten mussten, doch die Zeichen der Zeiten
der 5000 forderte Jesus die Menge auf, konnten sie nicht beurteilen.
sich zu lagern, nahm das Brot und die Fi- Was waren das für Zeichen? Der Pro-
sche, »dankte und brach und gab sie sei- phet, der die Ankunft des Messias ankün-
nen Jüngern« zum Verteilen. Er erwartet, digen sollte, war in der Person Johannes’
dass seine Jünger das in ihrer Macht Ste- des Täufers erschienen. Die Wunder des
hende tun, dann greift er ein und tut, was Messias, die vorhergesagt waren – Wun-
ihnen nicht möglich ist. der, die sonst kein Mensch vor ihm getan
15,37-39 Nachdem die Menschen ge- hatte –, hatte er in ihrer Anwesenheit ge-
sättigt waren, gab es noch sieben Körbe tan. Ein weiteres Zeichen der Zeit war die
voll von Essensresten. 4000 Männer ne- offensichtliche Ablehnung des Messias
ben Frauen und Kindern waren satt ge- durch die Juden und die Gabe des Evan-
worden. geliums an die Heiden – alles Erfüllun-
Im nächsten Kapitel werden wir se- gen von Prophezeiungen. Doch trotz die-
hen, dass die Statistiken der zwei Spei- ser zwingenden Beweise hatten sie keinen
sungen wichtig sind (16,8-12). Jede Ein- Sinn für die historische Stunde, noch er-
zelheit des biblischen Berichtes ist von kannten sie die erfüllten Prophezeiungen.
Bedeutung. Nachdem unser Herr die 16,4 Indem sie ein Zeichen verlangten,
Menge entlassen hatte, fuhr er mit dem während Jesus in ihrer Mitte stand, ent-
Boot nach Magdala an der Westseite des larvten sich die Pharisäer und Sadduzäer
Sees Genezareth. selbst als »böses und ehebrecherisches
Geschlecht«. Ihnen würde »kein Zeichen
I. Der Sauerteig der Pharisäer und … gegeben werden als nur das Zeichen
Sadduzäer (16,1-12) Jonas«. Wie in den Anmerkungen zu Ka-
16,1 Die Pharisäer und Sadduzäer, die pitel 12,40 ausgeführt, war dieses Zei-
traditionell Gegner in theologischer Hin- chen die Auferstehung Christi am drit-
sicht waren, repräsentieren zwei lehrmä- ten Tag. »Ein böses und ehebrecherisches
ßige Extreme. Aber ihre Feindschaft wich Geschlecht« würde seinen Messias kreu-
der Zusammenarbeit, als sie sich mit dem zigen, doch Gott würde ihn aus den To-
gemeinsamen Ziel zusammentaten, den ten auferwecken. Das sollte ein Zeichen
Heiland in eine Falle zu führen. Um ihn der Verdammnis aller sein, die sich wei-
zu versuchen, baten sie ihn, ein Zeichen gern, sich vor ihm als dem rechtmäßigen
vom Himmel zu zeigen. Auf eine für uns Herrscher zu beugen.
heute nicht mehr nachvollziehbare Weise Der Abschnitt endet mit den verhäng-
versuchten sie, ihn bloßzustellen. Indem nisvollen Worten: »Und er verließ sie und
sie um ein »Zeichen aus dem Himmel« ging weg.« Die geistliche Anwendung
baten, wollten sie vielleicht andeuten, dieser Worte sollte eigentlich für jeden
dass seine bisherigen Wunder aus der erkennbar sein.
entgegengesetzten Quelle entsprangen. 16,5.6 Als seine Jünger wieder mit
Oder sie wollten vielleicht ein überna- dem Herrn an der Ostseite des Sees zu-
türliches Zeichen am Himmel sehen. Alle sammentrafen, hatten sie vergessen, et-
Wunder Jesu waren auf der Erde voll- was zu essen mitzunehmen. Als Jesus sie
bracht worden. Ob er wohl auch himm- deshalb mit der Warnung vor dem »Sau-
lische Wunder tun konnte? erteig der Pharisäer und Sadduzäer« be-
16,2.3 Er antwortete, indem er das grüßt, dachten sie, dass er damit sagen
Thema des Himmels aufgriff. Wenn sie wollte: »Geht nicht zu diesen jüdischen
abends sahen, dass der Himmel feuerrot Führern, um euch Nahrung zu holen!«
Matthäus 16 102

Ihre Beschäftigung mit dem Essen ließ Existenz der Engel und Geister, die Auf-
sie dort nach einer wörtlichen, natürli- erstehung des Leibes, die Unsterblichkeit
chen Erklärung suchen, wo eine geistli- der Seele und das ewige Gericht. Dieser
che Lehre gemeint war. Sauerteig des Skeptizismus würde sich
16,7-10 Immer noch machten sie sich wie Sauerteig im Mehl ausbreiten, wenn
Sorgen darüber, dass sie nicht genügend man ihn duldete.
zu essen haben könnten, obwohl doch Je-
sus bei ihnen war, der die 5000 und die X. Der König bereitet seine Jünger vor
4000 gesättigt hatte. So ging Jesus noch (16,13 – 17,27)
einmal die beiden wunderbaren Spei-
sungen durch. Die daraus folgende Lek- A. Das Bekenntnis des Petrus
tion betraf die göttliche Mathematik und (16,13-20)
die göttlichen unbegrenzten Mittel, denn 16,13.14 Cäsarea Philippi lag etwa 65 Ki-
je weniger Jesus hatte, desto mehr Menschen lometer nördlich vom See Genezareth
hatte er gespeist, und desto mehr war übrig und acht Kilometer östlich des Jordan. Als
geblieben. Als er nur fünf Brote und zwei Jesus in die Dörfer dieses Gebietes kam
Fische hatte, speiste er über 5000 Män- (Mk 8,27), geschah etwas, das im Allge-
ner, und 12 Körbe waren übrig geblieben. meinen als der Höhepunkt seiner Lehrtä-
Mit mehr Broten und Fischen hatte er nur tigkeit angesehen wird. Er hatte die Jün-
4000 Männer gespeist, und nur sieben ger nun zur wahren Erkenntnis seiner
Körbe voll waren übrig geblieben. Wenn Person gebracht. Als ihm das gelungen
wir ihm unsere begrenzten Mittel hinle- war, wandte er sich entschlossen seiner
gen, kann er sie im umgekehrten Verhält- Aufgabe am Kreuz zu. Er begann, indem
nis zu ihrer Größe vermehren. »Wenig ist er seine Jünger fragte, was die Menschen
viel, wenn Gott dabei ist.« von ihm sagten. Die Antworten gaben
Hier wird ein anderes Wort für die das ganze Meinungsspektrum wieder:
Körbe33 gebraucht als im Bericht von der Sie reichten von Johannes dem Täufer,
Speisung der 5000. Die sieben Körbe in über Elia und Jeremia bis zu »einem der
dieser Begebenheit waren möglicher- Propheten«. Für die Menschen war er ei-
weise größer als die zwölf Körbe bei der ner unter vielen. Gut, aber nicht der Beste.
ersten Speisung. Aber die Lehre dieses Groß, doch nicht der Größte. Ein Prophet,
Abschnittes bleibt: Warum sollen wir uns aber nicht der Prophet. Diese Sicht kann
sorgen, dass wir hungern oder Mangel aber niemals ausreichen. Damit würde
leiden könnten, wenn wir mit dem Einen ihm nicht der gebührende Ruhm zukom-
verbunden sind, der unendliche Macht men. Wenn er nur ein Mensch wie jeder
und Mittel hat? andere war, dann war er ein Betrüger,
16,11.12 Als der Herr vom »Sauerteig denn er behauptete, mit Gott dem Vater
der Pharisäer und Sadduzäer« gespro- gleich zu sein.
chen hatte, meinte er nicht Brot, sondern 16,15.16 Deshalb fragte er nun seine
falsche Lehre und böses Betragen. In Lu- Jünger, was sie von ihm dachten. Auf
kas 12,1 wird der Sauerteig der Pharisäer diese Frage gab Petrus seine klassische
genannt: Es handelt sich um die Heuche- Antwort: »Du bist der Christus, der Sohn
lei. Sie behaupteten, dem Wort Gottes bis des lebendigen Gottes.« Mit anderen
ins kleinste Detail zu gehorchen, doch Worten: Jesus ist der Messias Israels und
war ihr Gehorsam äußerlich und ober- Gott der Sohn.
flächlich. Innen waren sie böse und ver- 16,17.18 Unser Herr sprach nun über
dorben. Simon, den Sohn des Jona, seinen Se-
Der Sauerteig der Sadduzäer war gen aus. Der Fischer hatte diese Auffas-
der Rationalismus. Als Freidenker ihrer sung von Jesus nicht durch seinen Intel-
Zeit hatten sie, wie heute die liberalen lekt oder seine eigene Weisheit erworben,
Theologen, ein System von Zweifel und sondern sie war ihm von Gott dem Vater
Leugnung aufgebaut. Sie bestritten die geoffenbart worden. Aber auch der Sohn
103 Matthäus 16

hatte Petrus noch etwas Wichtiges zu sa- Gott selbst – auf Christus, dem Sohn des le-
gen. So fügte Jesus noch hinzu: »Aber bendigen Gottes – werde ich meine Gemeinde
auch ich sage dir: Du bist Petrus, und auf bauen.«34
diesem Felsen werde ich meine Gemeinde Petrus sprach nie von sich als dem
bauen, und des Hades Pforten werden sie Grundstein der Gemeinde. Zweimal wies
nicht überwältigen.« Wir wissen alle, dass er auf Christus als Stein hin (Apg 4,11.12;
es über diesen Vers wohl mehr Streit ge- 1. Petr  2,4-8), aber dann ist das Bild an-
geben hat als über alle anderen. Die Frage ders, der Stein ist der Schlussstein eines
ist: Wer oder was ist der Fels? Ein Teil Gewölbes, nicht der Grundstein.
des Problems entsteht durch die Tatsa- »Ich (werde) meine Gemeinde
che, dass die griechischen Worte für Pe- bauen.« Hier haben wir die erste Erwäh-
trus und Fels ähnlich sind, aber verschie- nung der Gemeinde in der Bibel. Diese
dene Bedeutung haben. Das erste Wort, gab es im AT nicht. Die Gemeinde, die zu
petros, bedeutet »Stein« oder »loser Fels- der Zeit, als Jesus sprach, noch Zukunft
brocken«. Das zweite, petra, bedeutet Fels war, wurde am Pfingsttag gegründet und
(z. B. im Sinne von »gewachsener Fels«). setzt sich aus allen echten Christusgläu-
So sagte Jesus eigentlich: »Du bist Petrus bigen zusammen, sowohl aus Juden als
(Stein), und auf diesem Felsen werde ich auch aus Heiden. Als eigenständige Ge-
meine Gemeinde bauen.« Er sagte nicht, meinschaft, die auch unter dem Namen
dass er seine Gemeinde auf einen Stein, Leib Christi oder Braut Christi bekannt ist,
sondern auf einen Felsen bauen würde. hat sie eine einzigartige himmlische Beru-
Wenn Petrus nun nicht der Fels ist, fung und Bestimmung.
wer ist es dann? Bei der Betrachtung des Wir würden kaum erwarten, dass im
Zusammenhangs lautet die offensicht­ Evangelium des Matthäus die Gemeinde
liche Antwort, dass der Fels das Bekennt- eingeführt wird, wo doch Israel und das
nis des Petrus ist – eine Wahrheit, wor- Reich die Hauptthemen des Buches sind.
auf die Gemeinde gegründet ist. In seiner Als Folge der Verwerfung Christi durch
Antwort bekennt Petrus, dass Jesus der Israel wird jedoch eine Zwischenzeit
Christus, der Sohn des lebendigen Got- – das Gemeindezeitalter – eingeschoben,
tes, ist. Epheser 2,20 lehrt uns, dass die das bis zur Entrückung andauern wird.
Gemeinde auf Jesus Christus erbaut ist, Danach wird Gott sein Handeln mit Is-
dem Eckstein. Diese Aussage, dass wir rael als Volk wiederaufnehmen. So ist es
auf dem Grund der Apostel und Prophe- nur naheliegend, dass Gott hier die Ge-
ten aufgebaut sind, bezieht sich nicht auf meinde als den nächsten Schritt nach der
sie, sondern auf die Grundlage, die durch Ablehnung durch Israel in seinem Heils-
ihre Lehren über den Herrn Jesus Chris- zeitplan einführt.
tus gelegt ist. »Des Hades Pforten werden sie nicht
Christus wird in 1. Korinther 10,4 überwältigen.« Diesen Satz kann man auf
»Fels« genannt. In dieser Beziehung er- zwei Arten verstehen. Als Erstes werden
innert uns Morgan an eine hilfreiche Tat- die Pforten der Hölle in einem erfolglo-
sache: sen Angriff gegen die Gemeinde darge-
Man beachte, dass er zu Juden sprach. stellt – die Gemeinde wird alle Angriffe
Wenn wir die bildliche Bedeutung des Wor- überstehen. Oder die Gemeinde geht in
tes »Fels« durch die hebräischen Schriften die Offensive und erweist sich im Kampf
hindurch verfolgen, dann sehen wir, dass als Sieger. In jedem Fall wird die Macht
dieses Wort niemals ein Symbol für einen des Todes durch die Verwandlung der
Menschen, sondern immer für Gott ist. So lebenden Gläubigen und durch die Auf-
wird hier in Cäsarea Philippi die Gemeinde erstehung der Toten in Christus besiegt
nicht auf Petrus gebaut. Jesus spielte nicht werden.
mit fest gefügten Sprachbildern. Er nahm das 16,19 »Ich werde dir die Schlüssel
alte hebrä­ische Bild, den Felsen, der immer des Reiches der Himmel geben« bedeu-
ein Zeichen der Gottheit ist, und sagte: »Auf tet nicht, dass Petrus die Vollmacht ge-
Matthäus 16 104

geben worden wäre, Menschen den Zu- oder Lösen. Die Apostel machen diese
gang zum Himmel zu ermöglichen. Es geistlichen Vorgänge nur bekannt.«35
handelt sich hier um das Reich der Him- Dieser Vers hat für uns heute nur
mel auf Erden. Dieser Bereich umfasst noch eine erklärende Bedeutung. Wenn
alle, die bekennen, eine Beziehung zum ein Sünder wirklich seine Sünden bereut
König zu haben – alle, die von sich be- und Jesus Christus als seinen Herrn sowie
haupten, Christen zu sein. Die Schlüssel Heiland annimmt, dann kann ein Christ
sprechen vom Eintritt oder Zugang. Auf die Sünden für vergeben erklären. Wenn
die Schlüssel für die Tür zu diesem Be- ein Sünder den Retter ablehnt, dann kann
kenntnisbereich wird im Missionsbefehl ein Mitarbeiter im Werk des Herrn des-
hingewiesen (Matth 28,19) – zu Jüngern sen Sünden für unvergeben erklären. Wil-
machen, taufen und lehren. (Die Taufe liam Kelly schreibt: »Wann immer die Ge-
ist für die ewige Errettung nicht notwen- meinde im Namen des Herrn handelt und
dig, umfasst aber den äußeren Akt, wo- wirklich seinen Willen tut, ist das Siegel
durch sich der Betreffende öffentlich zum Gottes auf ihren Taten.«
König bekennt.) Petrus benutzte diese 16,20 Wieder sehen wir, wie der Herr
Schlüssel zum ersten Mal zu Pfingsten. Jesus seinen Jüngern befiehlt, niemandem
Sie waren ihm nicht alleine gegeben, son- zu sagen, dass er der Messias ist. Wegen
dern er stand gewissermaßen stellvertre- Israels Unglauben konnte aus einer sol-
tend für alle Jünger (s. Matth 18,18 [wo chen Verkündigung nichts Gutes ent-
dieselbe Verheißung an alle Jünger ge- stehen. Und es würde sogar ausgespro-
richtet ist]). chenen Schaden anrichten, wenn es eine
»Was immer du auf der Erde binden Volksbewegung geben würde, die ihn
wirst, wird in den Himmeln gebunden zum König krönen wollte. Eine solche
sein, und was immer du auf der Erde lö- zeitlich fehlgeleitete Bewegung würde
sen wirst, wird in den Himmeln gelöst von den Römern unbarmherzig nieder-
sein.« Dieser Vers und die Parallelstelle geschlagen werden.
in Johannes 20,23 werden manchmal zum Stewart, der diesen Abschnitt den
Beweis für die Lehre angeführt, dass Pe- Wendepunkt des Dienstes Christi nennt,
trus und seinen vermeintlichen Nachfol- schreibt:
gern die Autorität der Sündenvergebung Der Tag in Cäsarea Philippi ist die Was-
gegeben sei. Wir wissen, dass dies nicht serscheide der Evangelien. Von diesem Punkt
sein kann, da nur Gott Sünden vergeben an fließen die Bäche in eine andere Richtung.
kann. Die Popularität, die Jesus in der Anfangs-
Es gibt zwei Möglichkeiten, diesen zeit seines Dienstes auf einen Thron zu he-
Vers zu verstehen: Erstens kann er bedeu- ben schien, liegt nun hinter ihm. Alles läuft
ten, dass die Apostel eine Macht hatten, zu auf das Kreuz zu … In Cäsarea stand Jesus
lösen und zu binden, die wir heute nicht an einer Trennungslinie. Es war wie auf einer
mehr besitzen. Zum Beispiel hat Petrus Bergspitze, von der aus er sowohl den hin-
die Sünden von Hananias und Saphira ter ihm liegenden Weg sehen als auch den vor
auf sie gebunden, sodass sie mit soforti- ihm liegenden dunklen, bedrohlichen Weg be-
gem Tod bestraft wurden (Apg 5,1-10), trachten konnte. Er warf einen Blick zurück
während Paulus den in die Gemeinde- auf das noch glühende Abendrot der glückli-
zucht genommenen Mann in Korinth von chen Tage, bevor er sich umwandte und auf
den Konsequenzen seiner Sünde löste, die Schatten zustrebte. Sein Ziel war nun
weil dieser bereut hatte (2. Kor 2,10). An- Golgatha.36
dererseits könnte der Vers bedeuten, dass
alles, was die Apostel auf Erden binden B. Die Vorbereitung der Jünger
oder lösen, im Himmel schon gebunden auf Jesu Tod und Auferstehung
oder gelöst worden sein musste. Deshalb (16,21-23)
sagt Ryrie: »Der Himmel veranlasst im 16,21 Nun hatten die Jünger erkannt, dass
Unterschied zu den Aposteln das Binden Jesus der Messias, der Sohn des lebendi-
105 Matthäus 16

gen Gottes, ist. Damit waren sie darauf Zeiten müssen auch wir sagen: »Geh hin-
vorbereitet, seine erste direkte Voraus- ter mich, Satan! Du bist mir ein Ärgernis.«
sage über seinen Tod und seine Aufer-
stehung zu hören. Sie wussten nun, dass C. Vorbereitung auf die wahre
sein Anliegen niemals scheitern konnte, Jüngerschaft (16,24-28)
sie auf der Seite des Siegers standen und 16,24 Jetzt sagt der Herr Jesus uns of-
der Sieg sicher war – ganz gleich, was fen, was es bedeutet, sein Jünger zu sein:
auch geschehen mochte. So eröffnete der sich selbst verleugnen, das Kreuz tragen
Herr seine Nachricht vorbereiteten Her- und ihm nachfolgen. Sich selbst zu ver-
zen. Er sagte, »dass er nach Jerusalem hin- leugnen, entspricht nicht der Selbstver-
gehen müsse und von den Ältesten und leugnung, wie sie im heutigen Sprach-
Hohenpriestern und Schriftgelehrten vie- gebrauch verwendet wird. Vielmehr
les leiden und getötet und am dritten Tag ist damit gemeint, sich der Herrschaft
auferweckt werden müsse«. Diese Neu- Christi so zu unterstellen, dass das eigene
igkeit genügte, um den Ausgang jedes Ich keinerlei Rechte mehr hat. Das Kreuz
weiteren Bestrebens anzudeuten. Davon auf sich zu nehmen, bedeutet die Bereit-
ausgenommen war freilich das zuletzt schaft, um Jesu willen Spott und Leiden
genannte »Muss« (dass er am dritten Tag zu erdulden, vielleicht sogar den Mär-
auferweckt werden müsse). Darin lag der tyrertod. Es bedeutet auch, der Sünde,
entscheidende Unterschied! dem Ich und der Welt zu sterben. Chris-
16,22 Petrus fand den Gedanken an tusnachfolge bedeutet, so zu leben, wie
eine solche Behandlung seines Meisters er gelebt hat, und zwar in jeder Hinsicht,
schrecklich. Er nahm ihn beiseite, als was auch Demut, Armut, Mitleid, Liebe,
wollte er ihm den Weg versperren, und Barmherzigkeit und jede andere Tugend
wandte ein: »Gott behüte dich, Herr! Dies einschließt.
wird dir keinesfalls widerfahren.« 16,25 Der Herr sieht zwei Hinder-
16,23 Das erforderte einen Tadel des nisse der Jüngerschaft voraus. Das erste
Herrn Jesus. Er war in diese Welt gekom- ist die natürliche Versuchung, sich selbst
men, um für die Sünder zu sterben. Alles, vor Unbequemlichkeit, Schmerzen, Ein-
was ihn daran hindern wollte, stand au- samkeit oder Verlusten zu schützen. Das
ßerhalb des Willens Gottes. So sagte er zu andere Hindernis ist Reichtum. In Bezug
Petrus: »Geh hinter mich, Satan! Du bist auf das erste warnte uns Jesus, dass man
mir ein Ärgernis, denn du sinnst nicht auf keinerlei Erfüllung finden wird, wenn
das, was Gottes, sondern auf das, was der man aus selbstsüchtigen Gründen am Le-
Menschen ist.« Indem er Petrus »Satan« ben festhält. Wenn man sich dagegen Je-
nannte, wollte Jesus nicht andeuten, dass sus rückhaltlos ausliefert, ohne die Kos-
der Apostel von Dämonen besessen oder ten zu berechnen, wird man den Sinn des
von Satan beherrscht war. Er meinte ein- Lebens finden.
fach, dass die Taten und Worte von Pe- 16,26 Die zweite Versuchung, nämlich
trus so waren, wie man sie von Satan (die- reich zu werden, ist völlig irrational. Jesus
ser Name bedeutet Widersacher) erwarten sagte: »Stellt euch einen Menschen vor,
konnte. Indem Petrus sich gegen Golga- der so geschäftstüchtig und erfolgreich
tha auflehnte, wurde er für den Heiland ist, dass er schließlich die ganze Welt be-
zum Hindernis. sitzt. Diese verrückte Jagd nach Reichtum
Jeder Christ ist aufgerufen, sein Kreuz würde so viel von seiner Zeit und Ener-
auf sich zu nehmen und dem Herrn Je- gie kosten, dass er das eigentliche Ziel sei-
sus zu folgen, doch wenn wir das Kreuz nes Lebens verfehlen würde. Was wäre es
vor uns sehen, dann sagt eine Stimme in nütze, so viel Geld zu verdienen, dann zu
uns: »Bloß nicht! Bring dich lieber in Si- sterben und die Ewigkeit mit leeren Hän-
cherheit!« Oder vielleicht versuchen die den zu verbringen?« Der Mensch ist auf
Stimmen unserer Lieben, uns vom Pfad der Erde, um Größeres zu vollbringen, als
des Gehorsams abzubringen. In solchen ein Vermögen zusammenzuraffen. Er ist
Matthäus 16 und 17 106

berufen, die Interessen seines Königs zu ches zu sehen. Petrus beschreibt das Er-
vertreten. Wenn er dieses Ziel verfehlt, ist eignis als »die Macht und Ankunft unse-
sein ganzes Leben umsonst. res Herrn Jesus Christus« (2. Petr  1,16).
In Vers 24 hatte Jesus den Jüngern Die Macht und Ankunft des Herrn Je-
das Schlimmste vorhergesagt. Das ist ein sus Christus ist seine Wiederkunft. Und
Kennzeichen des Christentums: Du weißt Johannes spricht von dem Erlebnis auf
am Anfang genau, was im schlimmsten dem Berg als von einer Zeit, als »wir …
Fall auf dich zukommt. Aber du wirst nie seine Herrlichkeit angeschaut (haben),
damit zu Ende kommen, die Schätze und eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen
Verheißungen zu entdecken. Barnhouse vom Vater« (Joh 1,14). Das erste Kommen
hat das schön ausgedrückt: Christi fand in Demut statt, sein zweites
Wenn man alles Unerfreuliche der Schrift Kommen wird in Herrlichkeit erfolgen.
gesehen hat, dann gibt es nichts, was einen So wurde die Vorhersage von Vers 28 auf
noch erstaunen könnte. Alles Neue, das wir dem Berg der Verklärung erfüllt. Petrus,
in diesem Leben oder im nächsten Leben ent- Jakobus und Johannes sahen den Men-
decken werden, wird für uns eine Freude schensohn, und zwar nicht länger als den
sein.37 demütigen Nazarener, sondern als den
16,27 Nun erinnert der Herr die Seinen verherrlichten König.
an die Herrlichkeit, die auf das Leiden
folgen wird. Er weist auf seine Wieder- D. Die Vorbereitung der Jünger auf
kunft hin, wenn er »mit seinen Engeln« die Herrlichkeit: Die Verklärung
in der himmlischen »Herrlichkeit seines (17,1-8)
Vaters« auf die Erde zurückkehren wird. 17,1.2 Sechs Tage nach dem Ereignis in
Dann wird er die belohnen, die für ihn le- Cäsarea Philippi führt Jesus Petrus, Jako-
ben. Man kann nur ein gelungenes Leben bus und Johannes auf einen hohen Berg
führen, indem man an dieses wunderbare irgendwo in Galiläa. Viele Kommentare
Ereignis denkt, über die Dinge nachsinnt, betonen, dass diese sechs Tage eine Be-
die dann noch wichtig sein werden, und deutung haben. Gaebelein sagt z. B.:
sich anschließend mit aller Kraft um diese »Sechs ist die Zahl des Menschen – die
bemüht. Zahl, die die Werktage symbolisiert. Nach
16,28 Als Nächstes machte er die ver- sechs Tagen, d. h. nachdem die Arbeit und
wirrende Aussage, dass einige, die dort der Tag des Menschen vollendet sind, wird
mit ihm standen, »den Tod keinesfalls der Tag des Herrn kommen, das Reich der
schmecken« würden, ehe sie ihn »haben Himmel.«
kommen sehen in seinem Reich«. Natür- Wenn Lukas sagt, dass die Verklä-
lich ergibt sich hier das Problem, dass all rung »etwa acht Tage« später geschah
diese Jünger gestorben sind und Christus (9,28), dann zählt er den ersten Tag, den
bis jetzt noch nicht in Macht und Herr- letzten Tag und natürlich die dazwischen-
lichkeit gekommen ist, um sein Reich auf- liegenden Tage. Weil Acht die Zahl der
zurichten. Das Problem löst sich, wenn Auf­erstehung und eines neuen Anfangs
wir die Kapiteleinteilung einmal überse- umfasst, ist es passend, dass Lukas das
hen und die ersten acht Verse des nächs- Reich mit einem Neubeginn gleichsetzt.
ten Kapitels als Erklärung für diese rät- Petrus, Jakobus und Johannes, die
selhafte Aussage betrachten. Diese Verse anscheinend eine dem Herrn sehr nahe
beschreiben die Vorgänge auf dem Berg Stellung hatten, waren bevorrechtigt,
der Verklärung. Petrus, Jakobus und Jo- seine Verklärung zu sehen. Bis dahin war
hannes sahen dort den verklärten Chris- seine Herrlichkeit durch einen normalen
tus. Sie hatten tatsächlich das Privileg, Je- menschlichen Körper verhüllt gewesen.
sus schon jetzt in der Herrlichkeit seines Aber nun leuchtete sein Gesicht »wie die
Reiches zu sehen. Sonne«, und seine Kleider wurden »weiß
Es ist gerechtfertigt, Jesu Verklärung wie das Licht«, ein sichtbarer Beweis sei-
als ein Vorbild seines kommenden Rei- ner Gottheit, ebenso wie die Wolke oder
107 Matthäus 17

Schechina im AT die Gegenwart Gottes ren, bedeckte sie Gott der Vater mit einer
symbolisierte. Die Szene war eine Vor- »lichten Wolke« und verkündigte dann:
ausschau auf die Erscheinung des Herrn, »Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem
wenn er wiederkommen wird, um sein ich Wohlgefallen gefunden habe. Ihn
Reich zu bauen. Er wird dann nicht län- hört!« Im Reich der Himmel wird Chris-
ger als das Opferlamm erscheinen, son- tus derjenige sein, der ohne Herrscher ist,
dern als der Löwe aus Juda. Alle, die ihn der oberste Monarch, dessen Wort end-
sehen, werden ihn sofort als den Sohn gültige Autorität haben wird. So sollte es
Gottes, den König der Könige und Herrn auch heute schon im Herzen seiner Nach-
der Herren, erkennen. folger sein.
17,3 Dann erschienen Mose und Elia 17,6-8 Von der Herrlichkeitswolke
auf dem Berg und besprachen Jesu bevor- und der Stimme Gottes aus der Fassung
stehenden Tod in Jerusalem (Lk 9,30.31). gebracht, fielen die Jünger auf ihr Ange-
Mose und Elia vertreten eventuell die sicht. Aber Jesus forderte sie auf, aufzu-
Heiligen des AT. Oder, wenn wir Mose als stehen und sich nicht zu fürchten. Als sie
Vertreter des Gesetzes und Elia als Vertre- sich erhoben, »sahen sie niemand als ihn,
ter der Propheten nehmen, weisen beide Jesus allein«. So wird es auch im Reich
Teile des AT auf die zukünftigen Leiden sein – der Herr Jesus wird »all die Herr-
des Christus und die nachfolgende Herr- lichkeit im Reiche Emmanuels sein«.
lichkeit hin. Eine dritte Möglichkeit be-
steht darin, dass Mose, der durch den E. Über den Vorläufer (17,9-13)
Tod in den Himmel kam, all diejenigen 17,9 »Als sie von dem Berg herabstie-
vertritt, die aus den Toten auferstehen gen«, befahl Jesus den Jüngern, dass sie
werden, um ins Tausendjährige Reich zu niemandem etwas von dem sagen sollten,
kommen, während Elia, der in den Him- was sie gesehen hatten, bis er aus den To-
mel entrückt wurde, ein Bild für jene ist, ten auferstanden wäre. Die Juden warte-
die ebenfalls entrückt werden und in das ten sehnlichst auf einen Befreier vom rö-
Reich kommen. mischen Joch und hätten Jesus sicherlich
Die Jünger Petrus, Jakobus und Jo- als denjenigen willkommen geheißen, der
hannes könnten für die neutestamentli- sie von Rom befreien würde, aber sie woll-
chen Heiligen im Allgemeinen stehen. ten ihn nicht als Befreier von der Sünde.
Sie könnten auch für den gläubigen jüdi- Israel hatte seinen Messias im Grunde ge-
schen Überrest stehen, der bei der Wie- nommen abgelehnt, und es wäre sinnlos
derkunft Christi noch leben und das gewesen, den Juden von diesem Beweis
Reich mit ihm erlangen wird. der messianischen Herrlichkeit zu berich-
Die Menge am Fuße des Berges (V. 14; ten. Aber nach der Auferstehung würde
vgl. Lk 9,37) ist mit den heidnischen Na­ diese Botschaft auf der ganzen Welt ver-
tionen verglichen worden, die auch an breitet werden.
den Segnungen der tausendjährigen 17,10-13 Die Jünger hatten gerade eben
Herrschaft Christi teilhaben werden. eine Vorausschau auf Christi Kommen in
17,4.5 Petrus war von dem Ereignis Macht und Herrlichkeit empfangen. Aber
sehr ergriffen; er erkannte dessen histo- sein Vorläufer war noch nicht erschienen.
rische Bedeutung. Er wollte diese Herr- Maleachi hatte vorausgesagt, »dass Elia
lichkeit festhalten und schlug in seinem zuerst kommen müsse«, ehe der Mes-
Überschwang vor, drei Erinnerungshüt- sias käme (s. Mal 3,23.24). Deshalb frag-
ten zu bauen, für Jesus eine »und Mose ten Jesu Jünger danach. Der Herr wusste,
eine und Elia eine«. Es war richtig, dass dass Elia vor ihm kommen musste, doch
er Jesus an die erste Stelle setzte, aber er er erklärte, dass »Elia schon gekommen
tat unrecht, als er ihm keine überragende ist«. Offensichtlich bezog er sich dabei
Stellung einräumte. Christus ist nicht ei- auf Johannes den Täufer (V. 13). Johan-
ner unter Gleichen, sondern der Herr nes war nicht Elia (Joh 1,21), aber er war
über alle. Um die drei Jünger das zu leh- »in dem Geist und der Kraft des Elia« ge-
Matthäus 17 108

kommen (Lk 1,17). Hätte Israel Johannes ich bei euch sein?«, ist an die Jünger ge-
und seine Botschaft angenommen, hätte richtet. Sie hatten nicht den Glauben, den
er die Rolle erfüllt, die über Elia voraus- Epileptiker zu heilen, sondern waren in
gesagt war (Matth 11,14). Aber die Ange- dieser Beziehung nicht besser als die an-
hörigen des Volkes hatten die Bedeutung deren Juden ihrer Tage – glaubenslos und
der Sendung von Johannes nicht erkannt uneinsichtig.
und behandelten ihn, wie es ihnen gefiel. 17,18 Als der Epileptiker zu ihm ge-
Der Tod des Johannes war nur ein Hin- bracht wurde, bedrohte Jesus den Dä-
weis auf das, was sie mit dem Menschen- mon, und sofort war der Junge geheilt.
sohn tun würden. Sie lehnten den Vorläu- 17,19.20 Verwirrt durch ihre Macht-
fer ab, und sie würden auch den König losigkeit, baten die Jünger den Herrn im
ablehnen. Als Jesus das erklärte, »verstan- kleinen Kreis um eine Erklärung, als sie
den die Jünger, dass er von Johannes dem allein mit ihm waren. Jesu Antwort war
Täufer zu ihnen sprach«. ebenso kurz wie ehrlich: Kleinglaube.
Es gibt allen Grund zu glauben, dass Wenn sie Glauben »wie ein Senfkorn«
sich vor der Wiederkunft Christi ein Pro- gehabt hätten (das kleinste von allen Sa-
phet erheben wird, um Israel auf den menkörnern), dann hätten sie einem Berg
kommenden König vorzubereiten. Ob es befehlen können, sich ins Meer zu stür-
Elia persönlich oder jemand mit einem zen, und es wäre geschehen. Natürlich ist
gleichen Dienst sein wird, kann man je- hier eingeschlossen, dass sich der echte
doch unmöglich voraussagen. Glaube immer auf einen Auftrag oder
eine Verheißung Gottes gründen muss.
F. Vorbereitung auf den Dienst durch Wenn man erwartet, einen spektakulä-
Beten und Fasten (17,14-21) ren Stunt vollbringen zu können, um da-
Das Leben ist alles andere als ein »Gipfel­ mit irgendeine persönliche Laune zu be-
erlebnis«. Nach Augenblicken des geist- friedigen, dann geht es nicht um Glauben,
lichen Hochgefühls kommen Stunden sondern um Anmaßung. Aber wenn Gott
und Tage der Mühe und Plage. Es kommt einen Gläubigen in eine bestimmte Rich-
die Zeit, da wir den Berg ver­­lassen müs- tung leitet oder ihm etwas befiehlt, dann
sen, um im Tal der menschlichen Not zu kann der Christ das äußerste Vertrauen
dienen. haben, dass Schwierigkeiten, die wie
17,14.15 Am Fuß des Berges wartete Berge aussehen, auf wunderbare Weise
ein verzweifelter Vater auf den Retter. verschwinden werden. Nichts ist dem un-
Er »fiel vor ihm auf die Knie« und brei- möglich, der glaubt.
tete vor ihm seine von Herzen kommende 17,21 Dieser Vers (»Diese Art fährt
Bitte aus, dass sein von Dämonen besesse- nicht aus außer durch Gebet und Fas-
ner Sohn geheilt werden möge. Der Sohn ten«) wird in einigen moderneren Bibel-
litt unter heftigen epileptischen Anfällen, übersetzungen ausgelassen, weil er in
die ihn manchmal ins Feuer oder ins Was- vielen früh datierten Handschriften nicht
ser fallen ließen; deshalb wurde sein Lei- enthalten ist. Dennoch findet man ihn in
den durch Verbrennungen und dadurch der Mehrheit der Handschriften, und er
noch verschlimmert, dass er fast ertrun- passt in den Kontext eines außerordent-
ken wäre. Er war ein klassisches Beispiel lich schwierigen Problems.
für Leiden, das durch Satan verursacht
wird, den grausamsten aller Herren. G. Vorbereitung der Jünger auf seinen
17,16 Der Vater war zu den Jüngern Verrat (17,22.23)
gekommen, um Hilfe zu erhalten, aber er 17,22.23 Ohne zu dramatisieren oder
lernte nur, dass es vergeblich ist, sich auf Aufsehen zu erregen, weist der Herr Je-
Menschen zu verlassen. Sie hatten keine sus seine Jünger erneut nachdrücklich
Heilungsmacht. darauf hin, dass er getötet werden wird.
17,17 Der Ausruf: »O ungläubiges Aber wieder war da das Wort der Recht-
und verkehrtes Geschlecht! Bis wann soll fertigung und des Sieges – er würde »am
109 Matthäus 17 und 18

dritten Tag« auferweckt werden. Wenn dass Jesus je Geld gehabt hätte. Er sandte
er ihnen seinen Tod nicht angekündigt Petrus zum See Genezareth und sagte
hätte, wären sie zweifellos völlig des- ihm, er solle den ersten Fisch nehmen,
illusioniert gewesen, sobald es gesche- den er fangen würde. Im Maul dieses Fi-
hen wäre. Ein schmachvoller Tod unter sches würde er einen Stater finden, den er
Qualen entsprach nicht ihren Erwartun- dann zum Bezahlen der Steuer verwen-
gen vom Messias. Auch diesmal waren den konnte, die eine Hälfte für ihn und
sie sehr verzweifelt, weil er von ihnen ge- die andere für Jesus.
hen und getötet werden würde. Sie hör- Dieses erstaunliche Wunder, das mit
ten die Vorhersage seines Leidens, aber äußerster Zurückhaltung erzählt wird,
scheinbar überhörten sie die Verheißung zeigt ganz offensichtlich Jesu Allwissen-
seiner Auferstehung. heit. Er wusste, welcher von allen Fischen
im See Genezareth einen Stater im Maul
H. Petrus und sein Meister bezahlen hatte. Er wusste, wo dieser Fisch war,
ihre Steuern (17,24-27) und er wusste auch, dass es der erste sein
17,24.25 In Kapernaum fragten die Ein- würde, den Petrus fangen würde.
nehmer der Tempelsteuer Petrus, ob sein Wäre es hier um ein göttliches Prin-
Meister die Doppeldrachme für den kost- zip gegangen, dann hätte Jesus hier si-
spieligen Tempeldienst nicht zahle. Pe- cherlich nicht bezahlt. Aber da es für ihn
trus antwortete: »Doch.« Vielleicht wollte ethisch belanglos war, wollte er eher zah-
der irregeleitete Jünger Jesus vor einer len, als Anstoß zu erregen. Wir sind als
Verlegenheit bewahren. Gläubige frei vom Gesetz. Doch in Ange-
Im Folgenden sehen wir die Allwis- legenheiten, die nicht die Ethik betreffen,
senheit des Herrn. Als Petrus heimkam, sollten wir das Gewissen der anderen re-
sprach ihn Jesus sofort an – ehe Petrus spektieren und nichts tun, das einem an-
auch nur die Chance gehabt hatte, zu er- deren Anstoß sein könnte.
zählen, was passiert war. »Was meinst
du, Simon? Von wem erheben die Könige XI. Der König unterweist seine Jünger
der Erde Zoll oder Steuer, von ihren Söh- (Kap. 18 – 20)
nen oder von den Fremden?« Die Frage
muss vor dem damaligen geschichtlichen A. Über die Demut (18,1-6)
Hintergrund gesehen werden. Der Herr- Kapitel 18 wurde einmal »Rede über
scher verlangte Steuern von seinen Unter- Größe und Vergebung« genannt. Sie zeigt
tanen, um sein Reich und seine Familie die Richtlinien für das angemessene Ver-
zu erhalten, aber er nahm natürlich von halten derer auf, die von sich behaupten,
seiner Familie keine Steuern. Bei unserem Untertanen Christi, des Königs, zu sein.
Steuersystem werden alle besteuert, ein- 18,1 Die Jünger hatten das Reich der
schließlich des Herrschers und seiner Fa- Himmel immer als goldenes Zeitalter des
milie. Friedens und des Reichtums angesehen.
17,26 Petrus antwortete richtig, dass Nun begannen sie, bevorzugte Stellungen
die Herrscher nur »von den Fremden« in diesem Reich zu begehren. Ihr selbst-
nehmen. Jesus wies dann darauf hin, dass süchtiges Wesen drückte sich in der Frage
die Söhne frei sind. Es ging darum, dass aus: »Wer ist denn der Größte im Reich
der Tempel das Haus Gottes war. Wenn der Himmel?«
also Jesus, der Sohn Gottes, Steuer für den 18,2.3 Jesus antwortete mit einem le-
Unterhalt dieses Tempels gegeben hätte, bendigen Anschauungsobjekt. Er stellte
dann würde er gewissermaßen diese ein Kind in ihre Mitte und sagte, dass die
Steuer an sich selbst zahlen. Menschen umkehren und wie die Kin-
17,27 Dennoch willigte der Herr ein, der werden müssen, um in das Reich der
die Steuer zu bezahlen, statt unnötig An- Himmel hineinzukommen. Er meinte da-
stoß zu erregen. Aber wie sollte er an bei das Reich in seiner inneren Wirklich-
Geld kommen? Es ist nicht überliefert, keit. Um ein echter Gläubiger zu sein,
Matthäus 18 110

muss der Mensch die Gedanken an per- Geist zu verderben und seinen Ruf zu
sönliche Größe ablegen und die niedrige schädigen. Es ist besser, eines gewaltsa-
Stellung eines Kindes einnehmen. Das men Todes zu sterben, als mit der Rein-
beginnt, wenn er seine Sündhaftigkeit er- heit eines an­deren zu spielen!
kennt und einsieht, dass er von sich aus
vor Gott kein Verdienst hat, und Jesus B. Über die Versuchungen (18,7-14)
Christus als seine einzige Hoffnung an- 18,7 Jesus fuhr fort, indem er erklärte,
nimmt. Diese Haltung sollte sich durch dass es unvermeidlich ist, Versuchungen
sein gesamtes Leben als Gläubiger zie- zu begegnen. Die Welt, das Fleisch und
hen. Jesus wollte damit nicht sagen, dass der Teufel arbeiten zusammen, um zu
seine Jünger nicht errettet waren. Alle au- verführen und auf Abwege zu bringen.
ßer Judas glaubten an ihn und waren des- Wenn aber ein Mensch ein Werkzeug der
halb gerechtfertigt. Allerdings hatten sie Mächte des Bösen wird, dann ist seine
noch nicht den Heiligen Geist empfangen Schuld sehr groß. Deshalb ermahnte der
und besaßen deshalb noch nicht die Kraft Heiland die Menschen, sich lieber dras-
für echte Demut, die uns heute durch den tisch selbst zu disziplinieren, als ein Kind
in uns wohnenden Geist zur Verfügung Gottes zu verführen.
steht (die wir allerdings nicht so nutzen, 18,8.9 Ob das sündige Glied eine
wie wir es sollten). Auch mussten sie sich Hand, ein Fuß oder ein Auge ist, spielt
in dem Sinne bekehren, dass sie all ihr fal- keine Rolle. Es zu opfern, ist besser, als das
sches Denken verändern ließen, damit es Werk Gottes in einem anderen Menschen
dem Reich angemessen war. zu zerstören. Es ist besser, ohne Gliedma-
18,4 Der größte Mensch im Reich der ßen oder Augenlicht »in das Leben hin-
Himmel ist derjenige, der sich selbst wie einzugehen«, als unversehrt in die Hölle
ein kleines Kind erniedrigt. Offensichtlich geworfen zu werden. Unser Herr will da-
sind die Maßstäbe und Werte im Reich der mit nicht sagen, dass es im Himmel ver-
Himmel denen der Welt direkt entgegen- stümmelte Leiber geben wird, sondern er
gesetzt. Unsere ganze Denkweise muss beschreibt lediglich die körperliche Ver-
verändert werden, damit wir die Gedan- fassung des Gläubigen zu dem Zeitpunkt,
ken Christi »nachdenken« (s. Phil 2,5-8). da er dieses Leben mit dem zukünftigen
18,5 Hier wechselt der Herr fast über- vertauscht. Es steht außer Frage, dass der
gangslos das Thema: Vom natürlichen Auferstehungsleib vollständig und voll-
Kind geht er zum geistlichen Kind über. kommen sein wird.
Wer immer einen seiner demütigen Nach- 18,10 Als Nächstes warnte der Herr
folger in seinem Namen aufnimmt, wird davor, eines seiner »Kleinen« zu verach-
belohnt, als ob er den Herrn selbst aufge- ten – ganz gleich, ob es ein Kind ist oder
nommen hätte. Was einem der Jünger ge- sonst jemand, der zum Reich gehört. Um
tan wird, gilt als Werk, das seinem Herrn die Bedeutung der »Kleinen« zu beto-
getan wurde. nen, fügte er hinzu, dass ihre Engel stän-
18,6 Auf der anderen Seite zieht sich dig in der Gegenwart Gottes sind, wo sie
jeder, der einen Gläubigen zu einer Sünde sein Angesicht schauen. Mit Engeln sind
verführt, ein schreckliches Urteil zu. »Für hier sicherlich die bewahrenden Engel ge-
den wäre es besser, dass ein Mühlstein an meint (s. a. Hebr 1,14).
seinen Hals gehängt und er in die Tiefe 18,11 Während dieser Vers über die
des Meeres versenkt würde.« (Der hier er- Aufgabe des Retters in vielen Bibelausga-
wähnte große Mühlstein konnte nur von ben nur in einer Fußnote vorkommt, ist
einem Tier gedreht werden; es gab auch er doch ein passender Höhepunkt dieses
kleinere, die von Hand gedreht werden Abschnittes und wird durch viele Hand-
konnten.) Es ist schlimm genug, selbst schriften unterstützt.38
zu sündigen, aber einen Gläubigen zur 18,12.13 Um »diese Kleinen« geht es
Sünde zu veranlassen, bedeutet, dessen auch beim rettenden Dienst des mitfüh-
Unschuld zugrunde zu richten, seinen lenden Hirten. Selbst wenn sich eines von
111 Matthäus 18

hundert Schafen verirrt, verlässt der Hirte Gemeinde dadurch entstanden sind, dass
die neunundneunzig anderen, um nach die einfache Regel nicht befolgt wurde,
dem verlorenen Schaf zu suchen, bis er eine Klage gegen einen Bruder oder eine
es gefunden hat. Die Freude des Hirten Schwester von zwei oder drei Zeugen be-
über das Wiederfinden eines abgeirrten stätigen zu lassen. In dieser Hinsicht han-
Schafes sollte uns lehren, seine »Kleinen« deln weltliche Gerichte oft gerechter als
wertzuschätzen und zu respektieren. christliche Gemeinden.
18,14 Sie sind nicht nur den Engeln 18,17 Wenn sich der Angeklagte noch
und dem Hirten wichtig, sondern auch immer weigert, zu bekennen und sich
Gott dem Vater. Es ist nicht »der Wille zu entschuldigen, dann sollte die An­
eures Vaters, dass eines dieser Kleinen gelegenheit vor die örtliche Gemeinde
verlorengehe«. Wenn sich sogar Engel, gebracht werden. Es ist sehr wichtig zu
der Herr Jesus und Gott der Vater um sie beachten, dass die Ortsgemeinde verant-
kümmern, dann sollten wir sie keinesfalls wortlich ist, sich mit dem Fall zu beschäf-
verachten – ganz gleich, wie hässlich oder tigen, nicht jedoch ein weltliches Gericht.
gering sie uns erscheinen mögen. Dem Christen ist es verboten, vor einem
weltlichen Gericht gegen einen anderen
C. Über Gemeindezucht (18,15-20) Gläubigen zu klagen (1. Kor 6,1-8).
Der Schluss des Kapitels beschäftigt sich Wenn der Beschuldigte sich weigert,
mit der Schlichtung von Streit unter Ge- seine Verfehlung vor der Gemeinde zu-
meindegliedern. Außerdem wird die Not- zugeben, dann »sei er dir wie der Heide
wendigkeit unbegrenzter Vergebungsbe- und der Zöllner«. Die offensichtlichste
reitschaft betont. Bedeutung dieses Ausdrucks ist, dass er
18,15 Hier lesen wir ausführliche An- nun nicht mehr als zur Gemeinde gehörig
weisungen bezüglich der Pflicht eines betrachtet werden kann. Obwohl er ein
Christen, wenn ein anderer gegen ihn ge- echter Gläubiger sein mag, lebt er doch
sündigt hat. Als Erstes sollte die Angele- nicht als solcher und sollte entsprechend
genheit privat geregelt werden. Wenn der behandelt werden. Auch wenn er immer
Schuldige seine Schuld eingesteht, dann noch der weltweiten Gemeinde ange-
ist Versöhnung erreicht. Das Problem ist, hört, sollten ihm die Privilegien als Glied
dass wir meist nicht in dieser Weise han- der Ortsgemeinde verwehrt werden. Sol-
deln. Wir sprechen mit allen in der Ge- che Zuchtmaßnahmen sind sehr ernst zu
meinde darüber – außer mit dem, den die nehmen, sie liefern nämlich den Schuldi-
Angelegenheit betrifft. Dann verbreitet gen zeitweilig der Macht Satans aus, und
sich die Angelegenheit wie ein Steppen- zwar »zum Verderben des Fleisches, da-
brand, und der Unfriede wird vergrößert. mit der Geist errettet werde am Tage des
Wir sollten uns immer daran erinnern, Herrn« (1. Kor  5,5). Der Zweck besteht
dass der erste Schritt ist: »Geh hin, über- darin, ihn zur Besinnung und zum Be-
führe ihn zwischen dir und ihm allein.« kenntnis seiner Schuld zu bringen. Ehe er
18,16 Wenn der schuldige Bruder diesen Punkt erreicht hat, sollte er zwar
nicht hört, dann sollte derjenige, dem höflich behandelt werden, doch sollten
Unrecht geschehen ist, einen oder zwei ihm die Gläubigen durch ihre Haltung
andere mit sich nehmen, um zu ei- zeigen, dass sie seine Sünde nicht billigen
ner Lösung zu finden. Das betont den und mit ihm keine Gemeinschaft als Bru-
wachsenden Ernst seiner Unbußfertig- der haben können. Die Gemeinde sollte
keit. Aber nicht nur das – hier geht es ihn allerdings auch sofort wieder anneh-
um kompetente Zeugenschaft, wie sie men, wenn er Zeichen gottgemäßer Buße
von der Schrift gefordert wird: »Nur auf zeigt.
zweier Zeugen Aussage oder auf dreier 18,18 Vers 18 hängt eng mit dem vor-
Zeugen Aussage hin soll eine Sache gül- her Gesagten zusammen. Wenn eine Ge-
tig sein« (5. Mose  19,15). Niemand kann meinde unter Gebet und im Gehorsam
die Schwierigkeiten ermessen, die in der gegenüber Gottes Wort einen Gläubigen
Matthäus 18 112

»bindet«, d. h. im Sinne der Gemeinde- wart nämlich auf einen kleinen Teil sei-
zucht an ihm handelt, wird dies im Him- nes Leibes auf Erden beschränkt. Wo im-
mel anerkannt. Wenn der unter Gemein- mer »zwei oder drei versammelt sind«,
dezucht stehende Gläubige Buße getan die ihn als Herrn und Retter anerkennen,
und seine Sünde bekannt hat und die Ge- ist er »in ihrer Mitte«.
meinde ihn wieder in ihre Gemeinschaft
aufnimmt, dann wird diese Lösung eben- D. Über die unbegrenzte Vergebung
falls von Gott bestätigt (s. Joh 20,23). (18,21-35)
18,19 Dabei stellt sich die Frage: »Wie 18,21.22 An diesem Punkt bringt Petrus
groß muss eine Gemeinde sein, ehe sie die Frage auf, wie oft er denn seinem Bru-
wie oben beschrieben binden oder lösen der vergeben solle, der gegen ihn gesün-
kann?« Die Antwort lautet, dass bereits digt hat. Er dachte wahrscheinlich, dass
zwei Gläubige solche Angelegenheiten er schon sehr gnädig sei, wenn er sieben-
vor Gott bringen und sicher sein dürfen, mal als Grenze vorschlug. Jesus antwor-
dass sie gehört werden. Man kann zwar tete aber: »Nicht bis siebenmal, sondern
Vers 19 als ganz allgemeine Verheißung bis siebzigmal sieben.« Er meinte damit
für die Erhörung von Gebeten nehmen, in nicht, dass wir darunter wörtlich 490-mal
diesem Zusammenhang geht es jedoch um verstehen sollten, sondern dies steht sym-
das Gebet bezüglich der Gemeindezucht. bolisch für »unbegrenzt«.
Wenn dieser Vers im Zusammenhang mit Man könnte vielleicht fragen: »Warum
gemeinsamem Gebet im Allgemeinen zi- soll man sich die Mühe machen, jedes
tiert wird, sollte er im Licht aller anderen Mal die oben erwähnten Schritte zu tun?
Lehren über das Gebet betrachtet werden. Wieso erst allein zu dem sündigenden
So muss z. B. für unser Gebet gelten: Bruder hingehen, dann mit ein oder zwei
1. In Übereinstimmung mit dem Willen anderen und ihn dann vor die Gemeinde
Gottes (1. Joh 5,14.15). bitten? Weshalb nicht einfach vergeben
2. Im Glauben (Jak 1,6-8). und damit hat sich die Sache?«
3. In Aufrichtigkeit (Hebr 10,22a) etc. Die Antwort lautet, dass es folgende
18,20 Auch Vers 20 sollte in seinem Stufen in der Handhabung der Verge-
Zusammenhang ausgelegt werden. Er bung gibt:
bezieht sich weder in erster Linie auf die 1. Wenn ein Bruder mir unrecht tut oder
Zusammensetzung einer neutestamentli- gegen mich sündigt, dann sollte ich
chen Gemeinde in ihrer einfachsten Form ihm sofort in meinem Herzen vergeben
noch auf eine allgemeine Gebetsver- (Eph 4,32). Das befreit mich von ei-
sammlung, sondern auf eine Zusammen- nem bitteren, nicht vergebungsberei-
kunft, in der die Gemeinde die Versöh- ten Geist und gibt die Verantwortung
nung zweier Christen anstrebt, die durch dem anderen.
eine Sünde voneinander getrennt sind. 2. Während ich dem anderen in meinem
Er könnte berechtigterweise auf alle Ver- Herzen vergeben habe, sage ich ihm
sammlungen von Gläubigen angewen- dennoch nicht, dass ihm vergeben ist.
det werden, in denen Christus im Mittel- Es wäre nicht gerecht, ihm öffentlich
punkt steht, aber hier ist eine bestimmte Vergebung auszusprechen, ehe er be-
Art von Zusammenkünften gemeint. reut hat. So bin ich verpflichtet, zu
Sich »in seinem Namen« zu versam- ihm zu gehen und ihn in Liebe zu er-
meln, bedeutet, unter Christi Leitung und mahnen, in der Hoffnung, ihn zum
Vollmacht zusammenzukommen – in An- Bekennen zu führen (Lk 17,3).
erkennung all dessen, was er ist, und im 3. Sobald er sich entschuldigt und seine
Gehorsam gegenüber seinem Wort. Keine Sünde bekennt, kann ich ihm zusagen,
Gruppe kann für sich beanspruchen, der dass ihm vergeben ist (Lk 17,4).
einzige Personenkreis zu sein, der sich 18,23 Jesus erzählt dann ein Gleichnis
in seinem Namen versammelt. Wenn vom Reich der Himmel, um vor den Fol-
dem so wäre, dann wäre seine Gegen- gen mangelnder Vergebungsbereitschaft
113 Matthäus 18 und 19

der Untertanen zu warnen, denen groß- terknechten übergeben, »bis er alles be-
zügig vergeben wurde. zahlt habe, was er ihm schuldig war«.
18,24-27 In der Geschichte ging es um 18,35 Die Anwendung ist eindeutig.
einen König, der seine Schulden eintrei- Gott ist der König. Alle seine Knechte
ben wollte. Ein Diener, »der zehntausend hatten riesige Schulden der Sünde auf-
Talente schuldete«, war zahlungsunfähig, gehäuft, die sie nie bezahlen konnten. In
sodass sein Herr befahl, ihn und seine Fa- wunderbarer Gnade und Barmherzigkeit
milie als Sklaven zu verkaufen, um so die zahlte der Herr selbst die Schuld und ge-
Schuld zurückzuzahlen. Der verzweifelte währte volle und großzügige Vergebung.
Knecht bat um Zeit und versprach, alles Nun stelle man sich vor, dass ein Christ
zu bezahlen, wenn er noch eine Chance einem anderen unrecht tut. Wenn er ge­
bekäme. tadelt wird, entschuldigt er sich und bittet
Wie viele Schuldner war er unglaub- um Vergebung. Aber der, dem Unrecht
lich optimistisch bezüglich seiner Möglich- geschehen ist, weigert sich, ihm zu ver­
keiten, wenn er nur mehr Zeit hätte (V. 26). geben. Ihm persönlich sind Millionen von
Das Steueraufkommen von ganz Galiläa be- Euro erlassen worden, aber er selbst will
trug nur 300 Talente, und dieser Mann nicht ein paar Hundert er­lassen. Wird der
schuldete 10 000! Diese Einzelheit über die König ein solches Verhalten unbestraft
riesige Summe wird uns ganz absichtlich durchgehen lassen? Natürlich nicht! Der
genannt. Sie dient dazu, die Zuhörer zu scho- Übeltäter wird in seinem Leben gezüch-
ckieren und so ihre Aufmerksamkeit zu erre- tigt werden und vor dem Richterstuhl
gen. Außerdem sollte so die Größe der Schuld Christi Schaden erleiden.
vor Gott dargestellt werden. Martin Luther
pflegte zu sagen, dass wir nichts als Bettler E. Über Heirat, Scheidung und
vor Gott sind. Wir haben keine Hoffnung, je- Ehelosigkeit (19,1-12)
mals unsere Schulden bezahlen zu können. 19,1.2 Nachdem er seinen Dienst in Ga-
(Aus dem englischen Material des Bibellese- liläa abgeschlossen hatte, wandte sich
bundes.) der Herr südwärts nach Jerusalem. Ob-
Als der Herr die reuige Haltung des wohl die genaue Reiseroute unbekannt
Knechtes sah, erließ er ihm die ganzen ist, scheint es klar zu sein, dass er durch
10 000  Talente. Das war ein Gnadenakt, Peräa am Ostufer des Jordan reiste. Mat-
keine Gerechtigkeit. thäus spricht etwas ungenau vom »Ge-
18,28-30 Nun hatte dieser Knecht ei- biet von Judäa, jenseits des Jordan«. Der
nen Mitknecht, der ihm hundert Denare Dienst in Peräa erstreckt sich entweder
schuldete (einige hundert Euro). Statt sie von Kapitel 19,1 bis Kapitel 20,16 oder bis
ihm zu erlassen, »würgte (er) ihn« und Kapitel 20,28. Es wird uns nicht deutlich
verlangte sofortige Zahlung. Der un- gesagt, wann er den Jordan nach Judäa
glückliche Schuldner bat um Aufschub, überschritt.
aber das nützte ihm nichts. Der Gläubi- 19,3 Es waren wahrscheinlich die
ger »warf ihn ins Gefängnis, bis er die Volksmengen – die ihm nachfolgten, weil
Schuld bezahlt habe« – eine im besten sie Heilung suchten –, die den Phari­säern
Fall schwierige Aufgabe, da er kein Geld sagten, wo sich der Herr aufhielt. Wie
verdienen konnte, solange er im Gefäng- eine Horde wilder Hunde begannen sie
nis war. ihn einzukreisen, indem sie hofften, ihn
18,31-34 Die Mitknechte waren über mit den eigenen Worten zu fangen. Sie
dieses ungehörige Verhalten erzürnt und fragten, ob Scheidung aus jedem Grund
»berichteten ihrem Herrn alles«. Dieser gesetzmäßig sei. Ganz gleich, wie er ant-
wurde sehr zornig über den gnadenlosen worten würde, er würde auf jeden Fall
Geldverleiher, dem eine so riesige Schuld einen Teil der Juden erzürnen. Eine Rich-
erlassen worden war und der sich wei- tung hatte eine sehr liberale Einstellung
gerte, seinerseits eine geringe Summe zu zur Scheidung, die andere war dagegen
erlassen. So wurde er nun selbst den Fol- sehr streng.
Matthäus 19 114

19,4-6 Unser Herr erklärte, es sei Got- Ehebruch sexuell unmoralisches Verhal-
tes ursprüngliche Absicht gewesen, dass ten oder Unzucht. Dennoch sind viele
ein Mann nur eine Frau haben soll. Der Exegeten der Auffassung, dass es sich
Gott, der »Mann und Frau« geschaffen hier nur um Unzucht vor der Ehe han-
hatte, bestimmte, dass die Ehe­beziehung delt, die nach der Ehe entdeckt wird
wichtiger sei als die Beziehung zu den (s. 5. Mose 22,13-21). Andere meinen, der
Eltern. Er sagte auch, die Ehe sei eine Text beziehe sich nur auf jüdische Ehege-
Vereinigung von zwei Personen. Got- bräuche, weil wir nur bei Matthäus die
tes Ideal ist, dass diese göttlich angeord- »Ausnahmeregelung« finden, dem ein-
nete Gemeinschaft nicht durch irgendeine zigen jüdischen Evangelium. Eine aus-
menschliche Handlung oder Bestimmung führlichere Diskussion über Scheidung
gebrochen werden soll. findet sich bei den Anmerkungen zu Ka-
19,7 Die Pharisäer dachten, sie hätten pitel 5,31.32.
den Herrn nun bei einem Widerspruch 19,10 Als die Jünger die Lehre des
zum AT entdeckt. Hatte nicht Mose Ge- Herrn über Scheidung gehört hatten,
setze bezüglich der Scheidung erlassen? zeigten sie, dass sie nur in Extremen den-
Ein Mann konnte seiner Frau einfach eine ken konnten. Sie vertraten nämlich die
schriftliche Bescheinigung über die Schei- absurde Meinung, dass es besser wäre,
dung ausstellen und sie dann aus seinem wenn man sich nur aus einem Grund
Haus verweisen (5. Mose 24,1-4). scheiden lassen dürfe, gar nicht zu heira-
19,8 Jesus stimmte zu, dass Mose die ten, um die Sünde als Verheiratete zu ver-
Scheidung erlaubt hat, allerdings war das meiden. Aber das würde sie nicht davor
nicht das Beste, was Gott mit der Mensch- bewahren, als Ledige zu sündigen.
heit vorhatte, sondern hatte seine Ursa- 19,11 So erinnerte sie der Herr daran,
che in der abtrünnigen Haltung Israels: dass der Stand der Ehelosigkeit nicht die
»Mose hat wegen eurer Herzenshärtig- Regel sei. Nur diejenigen, denen in dieser
keit euch gestattet, eure Frauen zu ent- Hinsicht eine besondere Gnadengabe ge-
lassen; von Anfang an aber ist es nicht so geben sei, könnten sich der Ehe enthalten.
gewesen.« Gottes eigentliche Absicht war Dieser Ausdruck (»Nicht alle fassen die-
es, dass es keine Scheidung geben sollte. ses Wort, sondern die, denen es gegeben
Aber Gott toleriert manchmal Umstände, ist«) bedeutet nicht, dass nicht alle das
die nicht seinem direkten Willen entspre- Folgende verstehen können, sondern dass
chen. sie kein enthaltsames Leben führen kön-
19,9 Dann stellte der Herr in absolu- nen, wenn sie nicht dazu berufen sind.
ter Autorität fest, dass die vergangene 19,12 Der Herr Jesus erklärte, dass es
Nachsicht mit Scheidungen jetzt auf- drei Kategorien von »Verschnittenen«
hörte. Von diesem Zeitpunkt an gab es gibt. Einige Männer sind verschnitten,
nach seinen Worten nur noch einen zu- weil sie ohne Zeugungsfähigkeit gebo-
lässigen Grund zur Scheidung: Unzucht. ren werden. Andere sind verschnitten,
Wenn jemand sich aus irgendeinem ande- weil sie von anderen Menschen entmannt
ren Grund scheiden ließe und wieder hei- wurden. Aber Jesus hatte besonders dieje-
raten würde, dann würde er sich des Ehe- nigen im Sinn, »die sich selbst verschnit-
bruchs schuldig machen. ten haben um des Reiches der Himmel
Obwohl es hier nicht direkt gesagt ist, willen«. Diese Männer können verheira-
scheint unser Herr anzudeuten, dass der tet sein und keinen körperlichen Mangel
unschuldige Teil bei einer Scheidung auf- aufweisen. Doch in der Hingabe an den
grund von Ehebruch frei ist, wieder zu König und sein Reich verzichten sie wil-
heiraten. Anderenfalls würde eine Schei- lentlich auf die Ehe, um sich ganz der Sa-
dung keinen Zweck erfüllen, der nicht che Christi widmen zu können, ohne sich
auch durch eine Trennung zu erreichen anderweitig ablenken zu lassen. Pau-
wäre. lus schrieb später dazu: »Der Unverhei-
Normalerweise versteht man unter ratete ist für die [Sache] des Herrn be-
115 Matthäus 19

sorgt, wie er dem Herrn gefallen möge« mit Kindern geschieht, die sterben, ehe
(1. Kor  7,32). Ihre Ehelosigkeit ist nicht sie für ihre Sünden zur Rechenschaft ge-
körperlich bedingt, sondern durch frei- zogen werden können. Jesus sagte: »Sol-
willige Enthaltsamkeit. cher ist das Reich der Himmel.« Das sollte
Nicht alle Menschen können so leben, als Verheißung für die Eltern genügen,
sondern nur diejenigen, die durch Gott die den Verlust eines ihrer Kleinen erlei-
die Kraft dazu erhalten: »Doch jeder hat den mussten.
seine eigene Gnadengabe von Gott, der Manchmal wird dieser Abschnitt da­­
eine so, der andere so« (1. Kor 7,7). zu herangezogen, um die Taufe von Säug-
lingen zu rechtfertigen, die sie angeblich
F. Über Kinder (19,13-15) zu Gliedern Christi und Erben des Rei-
19,13-15 Es ist interessant, dass es hier ches macht. Wenn man genauer liest,
nur kurz nach der Rede über die Schei- dann brachten die Eltern ihre Kinder zu
dung um Kinder geht (s. a. Mk 10,1-16). Jesus und nicht zur Taufe. Man wird au-
Oft sind sie es, die am meisten unter ei- ßerdem feststellen, dass den Kindern das
ner Scheidung zu leiden haben. Reich Gottes schon gehört. Und man wird
Einige Eltern brachten ihre Kinder zu sehen, dass im ganzen Abschnitt nicht ein
Jesus, damit sie von dem Lehrer und Hir- einziger Tropfen Wasser vorkommt.
ten gesegnet würden. Die Jünger sahen
dies als eine Störung an und »fuhren sie G. Über den Reichtum:
an«. Aber Jesus greift hier mit den Wor- Der reiche Jüngling (19,16-26)
ten ein, die ihn jedem Kind in jedem Alter 19,16 Dieser Vorfall bietet uns einen
sympathisch machen: »Lasst die Kinder, starken Gegensatz zum vorhergehen-
und wehrt ihnen nicht, zu mir zu kom- den. Nachdem wir soeben gesehen ha-
men, denn solchen gehört das Reich der ben, dass das Reich der Himmel den Kin-
Himmel.« dern gehört, werden wir nun sehen, wie
Wir können aus diesen Worten ver- schwer es für Erwachsene ist, hineinzu-
schiedene wichtige Lehren ziehen. kommen.
Erstens sollten sie jeden Diener des Ein reicher Mann unterbrach Jesus
Herrn darauf aufmerksam machen, wie mit einer scheinbar ernsthaften Anfrage.
wichtig es ist, auch die Kinder mit dem Er sprach Jesus mit »Lehrer« an und
Wort Gottes zu erreichen, deren Geist wollte wissen, was er zu tun habe, um
noch höchst aufnahmefähig ist. das ewige Leben zu erlangen. Diese Frage
Zweitens sollten Kinder, die ihren zeigte schon seine Unkenntnis über Jesus
Glauben an den Herrn Jesus bezeugen und den Weg der Errettung. Er nannte Je-
wollen, immer ermutigt und nicht zu­­ sus Lehrer – damit stellte er ihn auf eine
rückgehalten werden. Keiner kennt das Stufe mit anderen großen Männern. Und
Alter des jüngsten Menschen in der Hölle. er sprach davon, dass er das ewige Leben
Wenn ein Kind wirklich errettet werden wie eine Verpflichtung erwerben könne,
möchte, dann sollte man ihm nicht sagen, statt es wie ein Geschenk zu empfangen.
es sei zu jung. Gleichzeitig sollte man Kin- 19,17 Unser Herr erprobte ihn ge-
der jedoch nicht dazu bringen, ein fal- nau an diesen beiden Punkten. Indem
sches Zeugnis abzulegen. So sehr sie auf er fragte: »Was fragst du mich über das
emotionale Appelle reagieren, sollten sie Gute? Einer ist der Gute«, wollte er nicht
vor den »Hochdruckmethoden« mancher seine eigene Göttlichkeit in Abrede stel-
Evangelisten beschützt werden. Kinder len, sondern wollte dem Mann die Ge-
müssen nicht erst erwachsen werden, um legenheit geben zu sagen: »Gerade des-
gerettet zu werden, sondern Erwachsene halb nenne ich dich gut – weil du Gott
müssen wie Kinder werden (Kap. 18,3.4; bist.«
Mk 10,15). Um ihn bezüglich der Errettung zu
Drittens geben diese Worte unseres prüfen, sagte Jesus: »Wenn du aber ins Le-
Herrn eine Antwort auf die Frage, was ben hineinkommen willst, so halte die Ge-
Matthäus 19 116

bote.« Damit meinte der Heiland natür- schwer, Besitz zu haben, ohne darauf zu
lich nicht, dass man errettet werden kann, vertrauen. Der Herr erklärte, es sei leich-
indem man die Gebote hält. Er benutzte ter, »dass ein Kamel durch ein Nadelöhr
vielmehr das Gesetz, um den Mann von geht, als dass ein Reicher in das Reich
der Sünde in seinem Herzen zu überfüh- Gottes hineinkommt«. Er benutzte hier
ren. Der Mann litt immer noch unter der eine Redewendung, die als Ȇbertrei-
Illusion, er könne ins Reich aufgenom- bung« bekannt ist. Dies ist eine Aussage
men werden, wenn er etwas Bestimmtes in einer besonders betonten Form, um ei-
täte. Deshalb forderte Jesus ihn auf, dem nen anschaulichen, unvergesslichen Ein-
Gesetz zu gehorchen, das ihm sagte, was druck hervorzurufen.
er tun solle. Es ist natürlich unmöglich, dass ein
19,18-20 Unser Herr zitierte fünf Ge- Kamel durch ein Nadelöhr geht! Das »Na-
bote, die sich vor allem mit unseren Mit- delöhr« ist oft als ein kleines Tor in der
menschen beschäftigen, und als Höhe­ Stadtmauer gedeutet worden. Ein Kamel
punkt zitierte er: »Du sollst deinen konnte nur unter großen Schwierigkeiten
Nächsten lieben wie dich selbst.« Blind in hindurchkommen, indem es sich nieder-
seiner Selbstsucht, prahlte der Mann da- kniete. Jedoch bezeichnet das Wort, das
mit, dass er diese Gebote immer gehalten im Parallelbericht von Lukas für »Nadel«
habe. gebraucht wird, im Griechischen die Na-
19,21 Dann aber stellte der Herr her- del eines Chirurgen. Es scheint aus dem
aus, dass dieser Mann es versäumt hatte, Zusammenhang deutlich zu sein, dass
seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben, der Herr nicht über eine Schwierigkeit,
indem er ihn aufforderte, all seinen Besitz sondern über eine Unmöglichkeit sprach.
zu verkaufen und das Geld den Armen zu Menschlich gesprochen ist es einfach un-
geben. Daraufhin aber sollte er ihm nach- möglich, dass ein reicher Mann gerettet
folgen. wird.
Der Herr wollte hier nicht sagen, dass 19,25 Die Jünger waren über diese Be-
der Mann gerettet werden könnte, in- merkung sehr erstaunt. Als Juden lebten
dem er seinen Besitz verkaufen und den sie unter dem mosaischen Gesetz, in wel-
Erlös für wohltätige Zwecke verwenden chem Gott denjenigen, die ihm gehor-
würde. Es gibt nur einen einzigen Heils- chen würden, Wohlergehen und Reich-
weg – Glaube an den Herrn. tum versprach. Deshalb betrachteten sie
Aber um gerettet zu werden, muss je- Reichtümer richtigerweise als ein Zeichen
der Mensch einsehen, dass er ein Sünder des Segens Gottes. Wenn nun diejenigen,
ist und Gottes heiligen Ansprüchen nicht die unter dem Segen Gottes standen,
gerecht werden kann. Die fehlende Bereit- nicht gerettet werden konnten, wer dann?
schaft des reichen Mannes, seinen Besitz 19,26 Der Herr antwortete: »Bei Men-
zu teilen, zeigte, dass er seinen Nächsten schen ist dies unmöglich, bei Gott aber
nicht wie sich selbst liebte. Er hätte sagen sind alle Dinge möglich.« Menschlich ge-
sollen: »Herr, falls das erforderlich ist, sprochen ist es für jeden unmöglich, ge-
dann bin ich ein Sünder. Ich kann mich rettet zu werden, nur Gott kann einen
nicht durch meine eigenen Anstrengun- Menschen erretten. Aber es ist für einen
gen erretten. Deshalb bitte ich dich, mich reichen Menschen schwerer, seinen Wil-
durch deine Gnade zu erretten.« Wenn er len Christus zu übergeben, als für einen
so auf die Lehre Jesu reagiert hätte, dann Armen, was sich daran zeigt, dass nur
hätte er den Weg der Rettung gefunden. wenige reiche Menschen bekehrt sind. Sie
19,22-24 Stattdessen »ging er betrübt finden es fast unmöglich, ihr Vertrauen
weg«. Die Antwort des reichen Jüng- auf sichtbare Dinge gegen den Glauben
lings veranlasste Jesus zu der Äußerung, an einen unsichtbaren Retter einzutau-
der zufolge es schwer ist, dass »ein Rei- schen. Nur Gott kann eine solche Verän-
cher in das Reich der Himmel« kommt. derung herbeiführen.
Reichtum wird leicht zum Götzen. Es ist Immer wieder wenden Exegeten und
117 Matthäus 19

Prediger hier ein, dass es völlig in Ord- belohnt – geoffenbart wird diese Belohnung
nung ist, wenn ein Christ reich ist. Es ist jedoch erst, wenn der Herr auf die Erde
merkwürdig, dass sie einen Abschnitt be- zurückkehrt, um dort zu regieren.
nutzen, worin der Herr den Reichtum als Bezüglich der Gläubigen allgemein
ein Hindernis für das ewige Wohlergehen fügte Jesus hinzu, »jeder, der Häuser oder
des Menschen bezeichnet, um damit die Brüder oder Schwestern oder Vater oder
Anhäufung von Reichtümern zu rechtfer- Mutter oder Kinder oder Äcker um mei-
tigen. Und es ist schwierig zu sehen, wie nes Namens willen verlassen hat, wird
ein Christ sich an Reichtümern festklam- hundertfach empfangen und ewiges Le-
mern kann, obwohl er die schreck­lichen ben erben«. In diesem Leben werden sie
Nöte überall sieht, um die Nähe der Wie- die weltweite Gemeinschaft der Gläu-
derkunft Christi weiß und das deutliche bigen genießen, die sie für die abgebro-
Verbot unseres Herrn kennt, sich auf der chenen irdischen Beziehungen mehr als
Erde Schätze zu sammeln. Angehäufter entschädigt. Für das eine Haus, das sie
Reichtum überführt uns der Sünde, un- verlassen, erhalten sie hundert christliche
seren Nächsten nicht wie uns selbst zu lie- Häuser, in denen sie herzlich aufgenom-
ben. men werden. Und für Land oder ande-
ren Besitz, den sie aufgeben, erhalten sie
H. Über die Belohnung eines auf­ geistliche Reichtümer über jede Erwar-
opferungsvollen Lebens (19,27-30) tung hinaus.
19,27 Petrus erkannte die Absicht dieser Der zukünftige Lohn für alle Gläu-
Rede. Er erkannte, dass Jesus sagte: »Lass bigen ist das ewige Leben. Das bedeu-
alles zurück und folge mir nach.« Petrus tet nicht, dass wir uns das ewige Leben
brüstete sich damit, dass er und die ande- verdienen können, indem wir alles ver-
ren Jünger genau das getan hätten, und lassen und opfern. Ewiges Leben ist ein
fragte deshalb: »Was wird uns nun wer- Geschenk und kann weder verdient noch
den?« Wieder einmal zeigte sich das Ich erworben werden. Der Gedanke hier ist,
des Petrus, die alte Natur verschaffte sich dass diejenigen, die alles verlassen, mit ei-
erneut Geltung. Das ist genau der Geist, ner größeren Fähigkeit ausgestattet wer-
vor dem jeder von uns auf der Hut sein den, das ewige Leben im Himmel zu ge-
muss. Er wollte mit dem Herrn handeln. nießen. Alle Gläubigen werden dieses
19,28.29 Der Herr gab Petrus die Zusi- Leben haben, aber nicht alle werden in
cherung, dass alles, was man für ihn tun gleicher Weise Gefallen daran finden.
würde, auch entsprechend belohnt wer- 19,30 Der Herr schloss seine Ausfüh-
den würde. Was die Stellung der Zwölf rungen mit einer Warnung vor einer be-
anging, so würden sie im Tausendjähri- rechnenden Haltung. Er sagte im Prinzip
gen Reich eine Herrschaftsstellung erhal- zu Petrus: »Für alles, was du meinetwe-
ten. Die Wiedergeburt, die Jesus hier er- gen aufgibst, wirst du belohnt werden,
wähnt, bezieht sich auf die zukünftige aber sei vorsichtig, dass du dich nicht
Herrschaft Christi über die Erde. Der durch selbstsüchtige Betrachtungen len-
Ausdruck wird durch den entsprechen- ken lässt. In diesem Fall werden ›viele
den Satz (»wenn der Sohn des Menschen Erste Letzte und Letzte Erste sein‹.« Das
auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen wird nun durch ein Gleichnis im nächs-
wird«) erklärt. Wir haben diese Phase des ten Kapitel näher beleuchtet. Diese Aus-
Reiches zuvor die Phase der Offenbarwer- sage könnte auch eine Warnung sein,
dung genannt. Zu dieser Zeit werden die dass es nicht reicht, einen guten Start auf
Zwölf »auf zwölf Thronen sitzen und die dem Weg der Jüngerschaft zu erleben. Es
zwölf Stämme Israels richten«. Lohn ist kommt darauf an, wie wir ankommen.
im Neuen Testament eng mit der Verwal- Ehe wir diesen Abschnitt verlassen,
terstellungen während des Tausendjähri- sollten wir noch festhalten, dass die Aus-
gen Reiches verbunden (s. Lk 19,17.19). drücke »Reich der Himmel« und »Reich
Sie werden vor dem Richterstuhl Christi Gottes« in den Versen 23 und 24 wie
Matthäus 19 und 20 118

Synonyme verwendet werden, sie be­ schon frühmorgens begonnen hatten,


deuten ein und dasselbe. erwarteten nun, mehr zu erhalten, aber
nein – auch sie erhielten einen Denar.
I. Über den Lohn für die Arbeit im Sie wurden bitter und verärgert, weil sie
Weinberg (20,1-16) doch viel länger gearbeitet und »die Last
20,1.2 Dieses Gleichnis ist eine Fortset- des Tages und die Hitze getragen« hatten.
zung der Ausführungen über den Lohn 20,13.14 Die Antwort des Hausherrn,
am Ende von Kapitel 19 und illustriert die die er einem der Tagelöhner gab, zeigt
Wahrheit, dass zwar alle Jünger belohnt uns die vielen Lehren, die wir aus dem
werden, aber die Reihenfolge der Beloh- Gleichnis ziehen können. Als Erstes sagte
nung vom Geist bestimmt wird, in dem er: »Freund, ich tue dir nicht unrecht. Bist
der Jünger gedient hat. du nicht um einen Denar mit mir über-
Das Gleichnis beschreibt einen »Haus­­­­­ eingekommen? Nimm das Deine und geh
herrn, der ganz frühmorgens hin­aus­­­ging, hin! Ich will aber diesem letzten geben
um Arbeiter in seinen Weinberg einzu- wie auch dir.« Die Ersten hatten einen De-
stellen«. Diese Männer verpflichteten nar ausgehandelt und erhielten den Lohn,
sich, für einen Denar am Tag für ihn zu auf den man sich geeinigt hatte. Die an-
arbeiten, was zu dieser Zeit ein vernünfti- deren hatten sich der Gnade des Wein-
ger Lohn war. Nehmen wir an, sie began- bergsbesitzers unterstellt und erlangten
nen um 6 Uhr früh mit der Arbeit. sie auch. Gnade ist besser als Gerechtig-
20,3.4 Um 9 Uhr fand der Weinbergs- keit. Es ist besser, unseren Lohn unserem
besitzer einige andere noch nicht beschäf- Herrn zu überlassen, als mit ihm zu han-
tigte Arbeiter auf dem Marktplatz. In die- deln.
sem Fall wurde kein Lohn vereinbart. Sie 20,15 Dann sagte der Hausherr: »Ist
gingen nur auf das Wort hin an die Ar- es mir nicht erlaubt, mit dem Meinen zu
beit, dass er ihnen geben würde, »was tun, was ich will?« Wir sollten daraus die
recht ist«. Lehre ziehen, dass Gott souverän ist. Er
20,5-7 Mittags und um 3 Uhr nachmit- kann tun, was ihm gefällt. Und was ihm
tags stellte der Gutsbesitzer noch mehr gefällt, ist immer richtig, gerecht und fair.
Leute an und sagte auch ihnen, dass er ih- Der Hausherr fügt noch hinzu: »Blickt
nen einen gerechten Lohn geben würde. dein Auge böse, weil ich gütig bin?«
Um 5 Uhr nachmittags fand er weitere Diese Frage enthüllt die Selbstsucht der
Männer, die nicht arbeiteten. Sie waren menschlichen Natur. Die Männer, die um
nicht faul, sie wollten gerne arbeiten, aber 6 Uhr morgens angefangen hatten, erhiel-
hatten bis dahin keine Arbeit gefunden. ten genau, was sie verdient hatten, doch
So sandte er sie einfach in den Weinberg, waren sie neidisch, weil die anderen den-
ohne Lohn auch nur zu erwähnen. selben Lohn für weniger Arbeit erhielten.
Es ist wichtig festzuhalten, dass die Viele von uns müssen zugeben, dass das
ersten Männer eingestellt wurden, nach- auch auf uns ein wenig ungerecht wirkt.
dem der entsprechende Lohn ausgehan- Das beweist aber nur, dass wir im Reich
delt worden war. Bei allen anderen war es der Himmel völlig anders denken lernen
dem Gutsbesitzer überlassen, was er ih- müssen. Wir müssen unser habsüchtiges,
nen zahlen wollte. von Konkurrenzdenken geprägtes We-
20,8 Als der Tag vorbei war, gab der sen aufgeben und lernen, wie der Herr
Weinbergsbesitzer seinem Verwalter den zu denken.
Auftrag, die Männer zu bezahlen, »ange- Der Hausherr wusste, dass alle diese
fangen von den letzten bis zu den ersten«. Männer Geld nötig hatten, und so be-
Auf diese Weise sahen diejenigen, die zu- zahlte er sie nach ihren Bedürfnissen und
erst angestellt worden waren, was sie an- nicht nach der Geldgier. Keiner bekam
deren erhielten. weniger als er verdient hatte, aber alle er-
20,9-12 Alle erhielten den gleichen hielten, was sie für sich und ihre Fami-
Lohn – einen Denar. Die Männer, die lien benötigten. Die Lehre besteht nach
119 Matthäus 20

James Stewart darin, »dass derjenige, der Beute nicht behalten dürfen – »am dritten
denkt, über den endgültigen Lohn einen Tag wird er auferweckt werden«.
Handel abschließen zu können, immer
falsch liegt, und Gottes liebevolle Für- K. Über die Stellung im Reich
sorge stets das letzte, unanfechtbare Wort (20,20-28)
haben wird«.39 Je mehr wir das Gleichnis Hier sehen wir ein trauriges Beispiel für
in diesem Licht betrachten, desto mehr er- die menschliche Natur. Unmittelbar nach
kennen wir, dass diese Geschichte nicht seiner dritten Leidensankündigung dach-
nur gerecht, sondern außerordentlich ten die Jünger mehr an ihren eigenen
schön ist. Diejenigen, die um 6 Uhr an- Ruhm als an Jesu Leiden.
gestellt wurden, hätten es als zusätzli- Die erste Leidensankündigung veran-
ches Vorrecht sehen sollen, dass sie den lasste Petrus, einen Einwand zu erheben
ganzen Tag einem so wunderbaren Herrn (Kap. 16,22). Auf die zweite folgte bald die
dienen konnten. Frage der Jünger: »Wer ist der Größte …?«
20,16 Jesus schloss das Gleichnis mit Und hier finden wir die dritte Leidensan-
den Worten: »So werden die Letzten Erste kündigung, begleitet von der ehrgeizigen
und die Ersten Letzte sein« (s. 19,30). Es Bitte, die Jakobus und Johannes vorbringen.
wird in Bezug auf den Lohn manche Sie verschlossen ihre Augen hartnäckig vor
Überraschung geben. Einige, die dachten, der Tatsache, dass der Herr nachdrücklich
sie würden die Ersten sein, werden die auf Schwierigkeiten hingewiesen hatte, und
Letzen sein, weil ihr Dienst von Stolz und wollten nur die Herrlichkeitsverheißung se-
selbstsüchtigem Streben geprägt war. An- hen – damit erhielten sie aber eine falsche,
dere, die aus Liebe und Dankbarkeit dien- materialistische Sicht des Reiches. (Aus dem
ten, werden hoch belohnt werden. englischen Material des Bibellesebundes.)
Wir haben nur ein Leben, 20,20.21 Die Mutter von Jakobus und
wie schnell vergeht die Zeit! Johannes kam zum Herrn und bat ihn,
Nur, was wir für Gott taten, dass ihre Söhne im Reich an seiner Seite
bleibt auch in Ewigkeit. sitzen dürften. Ihr Wunsch (ihre Söhne
Oft sind’s nicht große Werke, mögen in der Nähe Jesu sein) und ihre
geseh’n von jedermann; Hoffnung auf die künftige Herrschaft Jesu
es sind oft kleine Dinge, sprechen für sie. Aber sie hatte die Prin-
ganz still für ihn getan. zipien nicht verstanden, nach denen im
Verfasser unbekannt Reich Ehren verliehen werden würden.
Markus sagt uns, dass ihre Söhne
J. Über Jesu Tod und Auferstehung selbst kamen und fragten (Mk 10,35); viel-
(20,17-19) leicht kamen sie auf die Aufforderung ih-
20,17-19 Es ist offensichtlich, dass der rer Mutter hin, vielleicht kamen die drei
Herr Peräa verließ, um über Jericho nach aber auch gemeinsam zum Herrn. Wir ha-
Jerusalem zu reisen (s. V. 29). Und wieder ben es hier nicht mit einem Widerspruch
nahm er die Zwölf beiseite, um ihnen zu zu tun.
erklären, was geschehen würde, nachdem 20,22 Jesus antwortete offen, dass
sie die Heilige Stadt erreichten. Er würde sie gar nicht wüssten, worum sie bitten
»den Hohenpriestern und Schriftgelehr- würden. Sie wollten die Krone ohne das
ten überliefert werden« – eine offen- Kreuz, einen Thron ohne den Opferaltar,
sichtliche Anspielung auf den Verrat des die Herrlichkeit ohne die Leiden, die zu
Judas. Er würde von den jüdischen Füh- ihr führen. So fragte er sie unverblümt:
rern zum Tode verurteilt werden. Weil sie »Könnt ihr den Kelch trinken, den ich
nicht das Recht hatten, eine Todesstrafe trinken werde?« Wir werden nicht im Un-
zu vollziehen, würden sie »ihn den Na- klaren darüber gelassen, was er mit dem
tionen überliefern«, d. h. den Römern. Er »Kelch« meinte, denn er hatte es in den
würde verspottet, gegeißelt und gekreu- Versen 18 und 19 eben erst beschrieben.
zigt werden. Aber der Tod würde seine Er würde leiden und sterben müssen.
Matthäus 20 120

Jakobus und Johannes betonten, dass Leben zu geben als Lösegeld für viele«.
sie in der Lage seien, seine Leiden zu tei- Den Zweck der Menschwerdung kann
len, obwohl ihr Selbstvertrauen hier wohl man in zwei Worten zusammenfassen:
mehr auf Eifer als auf Wissen beruhte. dienen und geben. Es ist unbegreiflich,
20,23 Jesus versicherte ihnen nun, wenn man bedenkt, wie der erhöhte Herr
dass sie seinen Kelch wirklich trinken sich selbst so erniedrigte, dass er mit ei-
würden. Jakobus würde den Märtyrertod ner Krippe und mit einem Kreuz vorlieb-
sterben, Johannes würde verfolgt und auf nahm. Seine Größe zeigte sich in der Tiefe
die Insel Patmos verbannt werden. Ro- seiner Demütigung. Und genauso soll es
bert Little sagte: »Jakobus starb den Tod bei uns sein.
eines Märtyrers, Johannes lebte das Leben Er gab sein Leben als »Lösegeld für
eines Märtyrers.« viele«. Sein Tod befriedigte alle gerechten
Dann erklärte Jesus, dass er nicht ein- Ansprüche Gottes gegenüber der Sünde.
fach jemandem irgendeinen Ehrenplatz Das Lösegeld reichte aus, um alle Sünden
im Reich versprechen konnte, denn der der Welt wegzunehmen. Aber seine Zah-
Vater hatte schon ein besonderes Verfah- lung wird nur für diejenigen wirksam,
ren bestimmt, nach dem diese Plätze ver- die Jesus als Herrn und Retter annehmen.
teilt werden. Sie dachten, es ginge hier Haben Sie das schon getan?
darum, sich die Gunst des Herrschers zu
sichern. Sie meinten, dass sie, weil sie so L. Heilung zweier Blinder (20,29-34)
eng mit Christus lebten, nun auch einen 20,29.30 Jetzt hatte Jesus den Jordan von
besonderen Anspruch auf bevorzugte Peräa aus überquert und Jericho erreicht.
Positionen hätten. Aber es geht hier nicht Als er die Stadt verließ, riefen ihn zwei
um eine Frage persönlicher Günstlings- Blinde: »Erbarme dich unser, Herr, Sohn
wirtschaft. In der Vorsehung Gottes wer- Davids!« Indem sie den Titel »Sohn Da-
den die Plätze zur Rechten und Linken Je- vids« verwendeten, zeigte sich, dass sie
sus nach den Leiden für Jesus vergeben zwar körperlich nicht sehen konnten, je-
werden. Das bedeutet, die ersten Plätze doch eine so scharfe geistliche Wahr-
werden nicht nur an Christen aus dem nehmung besaßen, dass sie in Jesus den
1. Jahrhundert vergeben, es mag sein, Messias erkennen konnten. Sie könnten
dass einige der heute Lebenden sie erlan- für den gläubigen Überrest des verblen-
gen – durch Leiden. deten Israel stehen, der ihn als Christus
20,24 Den anderen Jüngern gefiel es anerkennt, wenn er wiederkommt, um
gar nicht, dass die Söhne des Zebedäus zu regieren (Jes 35,5; 42,7; Röm 11,25.26;
ein solches Ansinnen an Jesus herange- 2. Kor 3,16; Offb 1,7).
tragen hatten. Sie waren sicher unwillig, 20,31-34 Die Menge versuchte, sie
weil sie selbst die Größten sein wollten, zum Schweigen zu bringen, aber sie
und lehnten deshalb jeden Erstanspruch »schrien noch mehr«. Als Jesus fragte,
von Jakobus und Johannes ab! was sie wollten, verloren sie sich nicht in
20,25-27 Das gab Jesus die Gelegen- Verallgemeinerungen, wie wir das oft im
heit, eine geradezu revolutionäre Aussage Gebet tun. Sie kamen sofort auf ihr An-
über »Größe« in seinem Reich zu machen. liegen zu sprechen: »Herr, dass unsere
Die »Nationen« kennen Größe nur in Be- Augen geöffnet werden.« Ihre eindeutige
zug auf Herrschaft. Im Reich Christi zeigt Bitte wurde eindeutig erhört. »Jesus aber,
sich Größe durch Dienst. Wer immer groß innerlich bewegt, rührte ihre Augen an;
sein will, muss ein Diener werden, und und sogleich wurden sie sehend, und sie
wer der Erste sein will, muss ein Sklave folgten ihm nach.«
werden. Gaebelein macht in Bezug auf die Be-
20,28 Der Menschensohn ist das voll- rührung durch Jesus eine hilfreiche Beob-
kommene Beispiel für demütigen Dienst. achtung:
Er kam in die Welt, nicht »um bedient zu Wir haben bereits die typologische Bedeu-
werden, sondern um zu dienen und sein tung des Heilens durch Berührung in diesem
121 Matthäus 20 und 21

Evangelium gesehen. Wann immer der Herr hatte ihm schon vorher einmal Hilfe an-
durch Berührung heilt, betrifft dies haushal- geboten. Oder dieser Vorfall zeigt die All-
tungsgemäß seine persönliche Gegenwart wissenheit und die überragende Autorität
auf der Erde und sein gnadenreiches Han- des Herrn. Alles kam so, wie Jesus es vor­
deln mit Israel. Wenn er durch sein Wort ausgesagt hatte.
heilt und dabei persönlich nicht anwesend ist 21,4.5 Die Beanspruchung des Esels
… oder wenn er selbst im Glauben angerührt erfüllte eine der Prophezeiungen Jesajas
wird, so bezieht sich das auf die Zeit, in der und Sacharjas: »Sagt der Tochter Zion:
er nicht auf der Erde sein wird und die Na­ Siehe, dein König kommt zu dir, sanft-
tionen, die sich ihm im Glauben nahen, durch mütig und auf einer Eselin reitend, und
ihn geheilt werden.40 zwar auf einem Fohlen, dem Jungen ei-
Es ist schwierig, den Bericht von Mat- nes Lasttiers.«
thäus mit dem Vorfall in Markus 10,46- 21,6 Nachdem die Jünger ihre Kleider
52 sowie Lukas 18,35-43 und 19,1 zu ver- auf die Tiere gebreitet hatten, bestieg Je-
einbaren. Hier haben wir zwei Blinde, in sus das Eselsfohlen (Mk 11,7) und ritt auf
Markus und Lukas nur einen. Es ist vor- ihm nach Jerusalem. Das war ein histori-
geschlagen worden, dass Markus und Lu- scher Augenblick. Die 69 Jahrwochen Da-
kas nur den einen erwähnen, der mit Na- niels waren zu Ende (nach Sir Robert An-
men (Bartimäus) bekannt war, und dass derson, s. seine Berechnungen in dem
Matthäus, der sein Evangelium insbe- Buch The Coming Prince). Als Nächstes
sondere für Juden geschrieben hat, zwei würde der Messias »ausgerottet« werden
als Mindestzahl für ein gültiges Zeug- (Dan 9,26).
nis nennt (2. Kor 13,1). In Matthäus und Indem Jesus auf diese Weise nach
Markus wird erwähnt, dass das Ereignis Jerusalem ritt, machte er bewusst und un-
stattfand, als Jesus Jericho verließ, bei Lu- verhüllt seinen Anspruch deutlich, dass
kas heißt es, dass er sich gerade der Stadt er der Messias ist. Lange schreibt dazu:
näherte. Es gab allerdings zwei verschie- Er erfüllt absichtlich eine Prophezeiung,
dene Städte namens Jericho, das alte und die zu seiner Zeit nur auf den Messias ge-
das neue. Das Wunder fand wahrschein- deutet wurde. Wenn er vorher die Verkündi-
lich statt, als Jesus die eine Stadt verließ gung seiner Würde als gefährlich angesehen
und die andere gerade betreten wollte. hatte, war es nun für ihn undenkbar, län-
ger zu schweigen … Nach dieser Handlung
XII. Vorstellung und Verwerfung des war es nicht mehr möglich, ihn zu beschul-
Königs (Kap 21 – 23) digen, dass er sich nie unmissverständlich
aus­­­gedrückt hatte. Als Jerusalem später be-
A. Der Einzug in Jerusalem (21,1-11) schuldigt wurde, dass es seinen Messias um-
21,1-3 Auf dem Weg von Jericho herauf gebracht habe, sollte es nicht sagen können,
kam Jesus zur Ostseite des Ölberges, wo der Messias habe es versäumt, seinen Bewoh-
Betanien und Betfage lagen. Von dort aus nern ein Zeichen zu geben, das für alle ver-
führte die Straße am Südende des Ölbergs ständlich gewesen sei.41
vorbei, verschwand im Tal Joschafat, über- 21,7.8 Der Herr ritt auf einem Teppich
querte den Bach Kidron und erreichte von Kleidern und Zweigen in die Stadt,
dann das höher gelegene Jerusalem. und die Jubelrufe des Volkes schallten in
Er sandte zwei seiner Jünger nach Be- seinen Ohren wider. Für einen Augen-
tanien, denn er wusste im Voraus, dass blick wenigstens wurde er als König an-
sie dort eine festgebundene Eselin und erkannt.
ihr Fohlen finden würden. Sie sollten sie 21,9 Die Menge rief: »Hosanna dem
losbinden und zu Jesus bringen. Wenn je- Sohn Davids! Gepriesen sei, der da
mand sie zur Rede stellen würde, sollten kommt im Namen des Herrn!« Dieses Zi-
sie nur sagen, dass der Herr sie brauche. tat stammt aus Psalm 118,25.26 und be-
Dann würde der Eigentümer einwilligen. zieht sich offensichtlich auf die Ankunft
Vielleicht kannte der Besitzer Jesus und des Messias. »Hosanna« bedeutet ur-
Matthäus 21 122

sprünglich: »Rette uns jetzt«; vielleicht hof des Tempels schon wieder breitge-
meinten die Leute damit: »Rette uns von macht. Opfertiere und Vögel wurden mit
den römischen Unterdrückern.« Später riesigen Gewinnspannen verkauft. Geld-
wurde dieser Ausruf ein Lobpreis. Die wechsler tauschten fremde Währungen in
Ausdrücke »Sohn Davids« und »geprie- das halbe Schekel, das die jüdischen Män-
sen sei, der da kommt im Namen des ner als Tempelsteuer entrichten muss-
Herrn«, zeigen beide deutlich, dass Jesus ten – natürlich gegen Wuchergebühren.
als der Messias anerkannt wurde. Er ist Als sich nun der Dienst Jesu dem Ende
der Gepriesene des Herrn, der in der Voll- zuneigte, trieb Jesus diejenigen aus dem
macht Jahwes kommt, um Gottes Willen Tempel, die an heiligen Einrichtungen
zu tun. und Bräuchen Geld verdienen wollten.
Markus berichtet, dass das Volk auch 21,13 Indem er zwei Zitate von Jesaja
rief: »Gepriesen sei das kommende Reich und Jeremia miteinander verband, verur-
unseres Vaters David!« (Mk 11,10). Das teilte er die Entheiligung, die Habsucht
zeigt die Ansicht der versammelten Men- und den Luxus. Er zitierte Jesaja 56,7 und
schen, dass das Reich nun errichtet wer- erinnerte die Menschen daran, dass Gott
den und Christus sich auf den Thron wollte, dass der Tempel ein »Bethaus« sei.
Davids setzen würde. Mit dem Ruf »Ho- Sie aber hatten es zu einer »Räuberhöhle«
sanna in der Höhe« forderten sie den gemacht (Jer 7,11).
Himmel auf, in das Lob des Messias auf Diese Tempelreinigung war seine
Erden einzustimmen. Vielleicht baten sie erste offizielle Handlung, nachdem er in
damit auch den Messias, sie vom höchs- Jerusalem angekommen war. Aber sie be-
ten Himmel aus zu erretten. kräftigte unmissverständlich seine Herr-
Markus 11,11 berichtet, dass Jesus so- schaft über den Tempel.
fort in den Tempel ging, sobald er in Jeru- Der Vorfall hat für heute eine zwei­
salem angekommen war – nicht direkt in fache Botschaft. Wir brauchen in un­serem
den Tempel, sondern in den Vorhof. Si- Gemeindeleben seine reinigende Macht,
cherlich war dies das Haus Gottes, doch um Basare, Bankette und eine ganze
er konnte sich in diesem Tempel nicht hei- Reihe anderer Spielereien, die nur auf das
misch fühlen, weil die Priester und das Geldverdienen ausgerichtet sind, auszu-
Volk sich weigerten, ihm seine rechtmä- merzen. In unserem persönlichen Leben
ßige Stellung in diesem Tempel zukom- brauchen wir den reinigenden Dienst un-
men zu lassen. Nachdem er sich kurz seres Herrn für unseren Körper, der ein
umgesehen hatte, zog er sich mit den Tempel des Heiligen Geistes ist.
Zwölfen nach Betanien zurück. Es war
Sonntagabend. C. Die Verärgerung der Hohenpriester
21,10.11 In der Zwischenzeit gab es und Schriftgelehrten (21,14-17)
in der Stadt Verwirrung, wer er sei. Die 21,14 In der nächsten Szene sehen wir un-
Fragenden erhielten nur die Antwort, er seren Herrn, wie er die Blinden und Lah-
sei »Jesus, der Prophet, der von Nazareth men im Vorhof heilt. Wo immer Jesus
in Galiläa«. Daraus lässt sich schließen, hinging, zog er die Bedürftigen an, und
dass nur wenige verstanden, dass er der er sandte sie nie weg, ohne dass er ihre
Messias war. In weniger als einer Woche Not gelindert hätte.
würde die wankelmütige Menge fordern: 21,15.16 Aber wieder beobachteten ihn
»Kreuzige ihn, kreuzige ihn!« feindlich gesinnte Augen. Und als diese
Hohenpriester und Schriftgelehrten hör-
B. Die Tempelreinigung (21,12.13) ten, wie die Kinder Jesus als den Sohn
21,12 Zu Beginn seines öffentlichen Davids priesen, da wurden sie wütend.
Dienstes hatte Jesus die Geschäftema- Sie sagten: »Hörst du, was diese sagen?«
cher aus den Tempelanlagen vertrieben Als wenn sie von Jesus erwarteten, dass
(Joh 2,13-16). Aber der Drang nach ei- er den Kindern verbieten würde, ihn den
nem guten Verdienst hatte sich im Vor- Messias zu nennen! Wenn Jesus nicht der
123 Matthäus 21

Messias gewesen wäre, dann wäre das die der Person Christi. Er ist Gott, der sou-
rechte Zeit gewesen, das ein für alle Mal veräne Herrscher des Universums. Ei-
auszusprechen. Aber seine Antwort zeigt, nige seiner Handlungen mögen uns un-
dass die Kinder recht hatten. Er zitierte verständlich erscheinen, aber wir müssen
Psalm 8,3 nach der Septuaginta: »Aus dem immer davon ausgehen, dass er immer
Mund der Unmündigen und Säuglinge richtig handelt. In diesem Fall wusste der
hast du dir Lob bereitet!« Wenn die wahr- Herr, dass dieser Feigenbaum nie Feigen
scheinlich gebildeten Priester und Schrift- bringen würde und er handelte, wie ein
gelehrten ihn nicht als den Gesalbten lo- Bauer es tun würde, wenn er einen un-
ben würden, dann würde der Herr von fruchtbaren Baum in seinem Obstgarten
kleinen Kindern verehrt werden. Kinder fällt.
haben oft geistliche Einsichten, die über Sogar diejenigen, die unseren Herrn
ihr Alter hinausgehen, und ihre Worte des dafür kritisieren, dass er den Feigenbaum
Glaubens und der Liebe verherrlichen den verfluchte, geben zu, dass dies eine sym-
Namen Gottes auf ungewöhnliche Weise. bolische Handlung war. Der Vorfall ist
21,17 Er überließ es nun den religiö- die Deutung des Herrn im Blick auf den
sen Führern, über diese Wahrheit nach- lärmenden Empfang, den man ihm erst
zudenken, und kehrte nach Betanien zu- kürzlich in Jerusalem bereitet hatte. Wie
rück, um dort die Nacht zu verbringen. der Weinstock und der Ölbaum ist der
Feigenbaum ein Bild für das Volk Israel.
D. Der verdorrende Feigenbaum Als Jesus zu diesem Volk kam, fand er
(21,18-22) Blätter, die von äußerlichem Bekenntnis
21,18.19 Als Jesus am nächsten Morgen sprechen, aber wo Frucht für Gott fehlt.
nach Jerusalem zurückkehrte, kam er zu Jesus hungerte nach Frucht aus diesem
einem Feigenbaum und hoffte, auf ihm Volk.
Frucht zu finden, um seinen Hunger zu Weil es keine frühe Frucht gab, würde
stillen. Aber er »fand nichts an ihm als es auch keine Ernte von diesem ungläubi-
nur Blätter«. Deshalb sagte er: »Nie mehr gen Volk geben; das wusste er, und des-
komme Frucht von dir in Ewigkeit! – Und halb verfluchte er den Baum. Dies sagte
sogleich verdorrte der Feigenbaum.« das Gericht voraus, dem das Volk im
Im Bericht des Markus (11,12-14) wird Jahr 70 n. Chr. verfallen würde.
die Anmerkung gemacht, dass es nicht Wir müssen uns daran erinnern, dass
die Jahreszeit für Feigen war. Deshalb das zwar ungläubige Israel für immer ohne
lässt die Verurteilung des Baumes, weil Frucht bleiben, aber ein Überrest des Vol-
er keine Frucht brachte, den Retter als kes sich nach der Entrückung zu seinem
unvernünftig und aufsässig erscheinen. Messias bekehren wird. Dessen Ange-
Wir wissen wohl, dass das nicht stimmt. hörige werden ihm während der Drang-
Doch wie können wir diese Schwierigkeit sal und während seiner tausendjährigen
erklären? Herrschaft Frucht bringen.
Die Feigenbäume in den biblischen Obwohl die wichtigste Deutung die-
Ländern bringen eine frühe, essbare ses Abschnittes sich auf das Volk Israel
Frucht, ehe sie Blätter ansetzen. Sie ist bezieht, kann er doch auf die Menschen
ein Vorbote der eigentlichen Ernte. Wenn aller Zeitalter bezogen werden, die hoch-
keine frühen Feigen erschienen, wie es fahrend reden, aber einen schlechten Le-
in diesem Fall wohl zutraf, dann zeigte benswandel führen.
das, dass es auch später keine Ernte ge- 21,20-22 Als die Jünger sich darüber
ben würde. wunderten, dass der Baum so schnell
Dies ist das einzige Wunder, bei dem verdorrte, erklärte ihnen der Herr, dass
Jesus fluchte und nicht segnete – bei dem sie noch größere Wunder tun könnten als
er zerstörte, statt Leben wiederherzustel- dieses, wenn sie nur genügend Glauben
len. Das ist als Schwierigkeit gewertet hätten. Zum Beispiel könnten sie zu ei-
worden. Solche Kritik verrät Unkenntnis nem Berg sagen: »Hebe dich empor und
Matthäus 21 124

wirf dich ins Meer«, und es würde ge- Himmel oder von Menschen« gewesen
schehen. »Und alles, was immer ihr im sei. Unter der »Taufe des Johannes« ist
Gebet glaubend begehrt, werdet ihr emp- der Dienst des Johannes insgesamt zu
fangen.« verstehen. Deshalb lautete die Frage:
Und wieder müssen wir erklären, »Aus welcher Vollmacht hat Johannes sei-
dass dieses scheinbar uneingeschränkte nen Dienst getan? War seine Einsetzung
Versprechen über das Gebet nur im Lichte göttlich oder menschlich? Welches Zeug-
der ganzen Lehre vom Gebet in der Bi- nis hatte er von den Führern Israels er-
bel verstanden werden kann. Vers 22 be­­ halten?« Die Antwort war offensichtlich:
deutet nicht, dass jeder Christ alles ent- Johannes war von Gott gesandt. Seine
sprechend seinen Wünschen bitten und Macht entsprang göttlicher Bevollmächti-
erwarten kann, es zu erhalten. Er muss gung, nicht menschlicher Billigung.
in Übereinstimmung mit den in der Bibel Die Hohenpriester und Ältesten wa-
festgelegten Grundsätzen beten. ren in einer Zwickmühle. Wenn sie zu­
gaben, dass Johannes von Gott gesandt
E. Die Autorität Jesu wird infrage war, dann saßen sie in der Falle. Johannes
gestellt (21,23-27) hatte Menschen auf Jesus, den Messias,
21,23 Als Jesus in den Hof kam, der noch hin­gewiesen. Wenn Johannes göttliche
vor dem eigentlichen Tempelbereich lag, Vollmacht hatte, erhob sich die Frage:
unterbrachen die Hohenpriester und die warum hatten sie selbst dann nicht Buße
Ältesten des Volkes sein Lehren, um ihn getan und an Christus geglaubt?
zu fragen, wer ihm die Vollmacht zum 21,26 Hätten sie andererseits gesagt,
Lehren, zum Vollbringen von Wundern dass Johannes nicht von Gott gesandt sei,
und zur Tempelreinigung gegeben habe. dann legten sie sich auf eine Position fest,
Sie hofften, ihm eine Falle stellen zu kön- die von den meisten Leuten verlacht wer-
nen, ganz gleich, wie er antworten würde. den würde, denn die meisten waren der
Wenn er beanspruchte, als Sohn Got- Meinung, dass Johannes ein von Gott be-
tes diese Vollmacht in sich selbst zu ha- auftragter Prophet gewesen sei. Wenn sie
ben, dann könnten sie ihn der Gottesläs- richtig geantwortet hätten, dass Johannes
terung anklagen. Würde er behaupten, von Gott gesandt war, dann hätten sie
dass er die Vollmacht von Menschen er- ihre Frage selbst so beantworten müssen:
halten habe, dann würden sie ihn in Miss- Jesus ist der Messias, dessen Vorläufer Jo-
kredit bringen. Wenn er behauptete, seine hannes war.
Vollmacht von Gott zu haben, dann wür- 21,27 Aber sie wollten sich nicht den
den sie ihn zum Beweis auffordern. Sie Tatsachen stellen, und so schützten sie
sahen sich als Hüter des Glaubens, als Unwissenheit vor. Sie konnten nicht sa-
Leute, die sich berufsmäßig mit Religion gen, aus welcher Quelle die Vollmacht
beschäftigen und durch ihre Ausbildung des Johannes kam. Darauf sagte Jesus:
sowie menschliche Ernennung berechtigt »So sage auch ich euch nicht, in welcher
waren, das religiöse Leben der Menschen Vollmacht ich diese Dinge tue.« Warum
zu regeln. Jesus hatte keine theologische sollte er es ihnen sagen, wo sie doch ganz
Ausbildung und sicherlich nicht das Ver- offensichtlich nicht gewillt waren, es an-
trauen der Herrscher in Israel. Ihre Her- zunehmen?
ausforderung spiegelt die uralte Verach-
tung wider, die berufsmäßig mit Religion F. Das Gleichnis von den zwei
beschäftigte Menschen gegenüber Män- Söhnen (21,28-32)
nern mit der Kraft der göttlichen Salbung 21,28-30 Dieses Gleichnis ist eine scharfe
fühlen. Ermahnung an die Hohenpriester und
21,24.25 Der Herr bot ihnen an, den Ältesten für ihren Ungehorsam gegen-
Ursprung seiner Vollmacht zu er­klären, über dem Bußruf des Johannes. Es han-
wenn sie ihm die Frage beantworten delt von einem Mann, dessen zwei Söhne
könnten, ob die Taufe des Johannes »vom im Weinberg arbeiten sollten. Einer wei-
125 Matthäus 21

gerte sich, entschied sich dann jedoch an- Erbe war, und töteten ihn, weil sie sein
ders und ging hin. Der andere war einver- Erbe an sich bringen wollten.
standen, ging aber nie an die Arbeit. 21,40.41 An diesem Punkt fragte der
21,31.32 Als sie gefragt wurden: »Wer Herr die Hohenpriester und Ältesten,
von den beiden hat den Willen des Vaters was der Herr mit diesen Weingärtnern
getan?«, mussten sie widerwillig zuge- tun würde. Sie antworteten: »Er wird
ben, dass es der Erste gewesen war. jene Übeltäter übel umbringen, und den
Der Herr legte nun das Gleichnis aus. Weinberg wird er an andere Weingärtner
Zöllner und Huren waren wie der erste verpachten, die ihm die Früchte abgeben
Sohn. Sie behaupteten nicht von sich, Jo- werden zu ihrer Zeit.«
hannes dem Täufer zu gehorchen, aber Das Gleichnis ist einfach zu verstehen.
schließlich taten viele von ihnen Buße und Gott ist der Hausherr, Israel der Weinberg
glaubten an Jesus. Die religiösen Führer (s. Ps 80,8; Jes 5,1-7; Jer 2,21). Der Zaun ist
waren wie der zweite Sohn. Sie behaup- das Gesetz des Mose, das Israel von den
teten zwar, dass sie mit der Predigt von Heiden trennte und es als ein besonderes
Johannes einverstanden waren, aber sie Volk des Herrn bewahrte. Das Bild der
bekannten nie ihre Sünden, noch vertrau- Kelter steht im übertragenen Sinne für die
ten sie sich dem Retter an. Deshalb wür- Frucht, die Israel für Gott bringen sollte.
den die eigentlich aus­ gestoßenen Sün- Der Turm zeigt Gottes wachsame Für-
der das Reich Gottes erlangen, während sorge für sein Volk. Die Weingärtner sind
die selbstzufriedenen reli­ giösen Führer die Hohenpriester und Schriftgelehrten.
draußen bleiben würden. Dasselbe gilt Wiederholt sandte Gott seine Knechte,
auch heute noch. Missetäter, die so man- die Propheten, zum Volk Israel, um bei
che Abgründe der Sünde kennen, neh- ihm die Früchte der Gemeinschaft, der
men das Evangelium viel bereit­williger Heiligung und der Liebe zu suchen. Aber
an als solche mit einem Anstrich falscher das Volk verfolgte die Propheten und tö-
Frömmigkeit. tete sogar einige von ihnen. Schließlich
Der entsprechende Ausdruck (»denn sandte Gott seinen eigenen Sohn, weil
Johannes kam zu euch im Weg der Ge- er sich sagte: »Sie werden sich vor mei-
rechtigkeit«) bedeutet, er kam, um die nem Sohn scheuen!« (V. 37). Die Hohen-
Notwendigkeit der Gerechtigkeit durch priester und Schriftgelehrten aber sagten:
Buße und Glauben zu predigen. »Dieser ist der Erbe« – ein schreckliches
Eingeständnis. Untereinander waren sie
G. Das Gleichnis von den bösen der Meinung, dass Jesus der Sohn Gottes
Weingärtnern (21,33-46) war, obwohl sie es öffentlich abstritten,
21,33-39 Um weiter auf die Frage nach sei- und beantworteten so ihre eigene Frage
ner Vollmacht einzugehen, erzählte Jesus nach seiner Vollmacht. Seine Vollmacht
das Gleichnis von einem Hausherrn, »der entsprang seiner Gottessohnschaft.
einen Weinberg pflanzte und einen Zaun Im Gleichnis sagten sie: »Dieser ist der
darum setzte und eine Kelter darin grub Erbe. Kommt, lasst uns ihn töten und sein
und einen Turm baute; und er verpach- Erbe in Besitz nehmen!« (V. 38). Im wirk-
tete ihn an Weingärtner und reiste außer lichen Leben sagten sie: »Wenn wir ihn so
Landes.« Als aber die Ernte nahte, sandte lassen, werden alle an ihn glauben, und
er seine Knechte, um seinen Anteil an der die Römer werden kommen und unsere
Ernte zu erhalten, aber die Weingärtner Stadt wie auch unsere Nation wegneh-
schlugen den einen, »einen anderen tö- men« (Joh 11,48). Deshalb lehnten sie ihn
teten sie, einen anderen steinigten sie«. ab, warfen ihn hinaus und kreuzigten ihn.
Als er andere Knechte schickte, wurden 21,42 Als der Heiland gefragt wurde,
sie genauso misshandelt. Dann sandte er was der Eigentümer des Weinberges tun
seinen Sohn, denn er dachte, sie würden würde, verurteilte sie ihre eigene Ant-
wenigstens diesen respektieren. Aber die wort, wie er in Vers 42 und 43 zeigt. Jesus
Weingärtner wussten genau, dass er der zitierte die Worte aus Psalm 118,22.23:
Matthäus 21 und 22 126

»Der Stein, den die Bauleute verworfen darauf, dass sie Christi Vollmacht infrage
haben, dieser ist zum Eckstein geworden; gestellt hatten. Sie hätten ihn gerne sofort
von dem Herrn her ist er dies geworden, ergriffen, aber sie fürchteten die Masse,
und er ist wunderbar in unseren Augen.« die noch immer der Meinung war, Jesus
Als sich Christus, der Stein, den Bauleu- sei ein Prophet.
ten – den Führern Israels – zeigte, hatten
sie keinen Platz für ihn in ihrem Bauplan. H. Das Gleichnis vom Hochzeitsmahl
Sie warfen ihn als nutzlos beiseite. Aber (22,1-14)
nachdem er gestorben war, wurde er aus 22,1-6 Jesus war aber mit den Hohenpries-
den Toten auferweckt und erhielt einen tern noch nicht fertig. In dem Gleichnis
bevorzugten Platz bei Gott. Er wurde vom Hochzeitsmahl zeigte er nochmals,
zum wichtigsten Stein in Gottes Bauwerk: wie das bevorzugte Israel beiseite­gesetzt
»Darum hat Gott ihn auch hoch erhoben wird und die verachteten Heiden als
und ihm den Namen verliehen, der über Gäste am Tisch sitzen. Er verglich das
jeden Namen ist« (Phil 2,9). Reich der Himmel »mit einem König,
21,43 Dann kündigte Jesus offen an, der seinem Sohn« die Hochzeit ausrich-
dass das Reich Gottes von Israel genom- tete. Die Einladung erfolgte in zwei Stu-
men und einem anderen Volk gegeben fen. Zuerst erhielten die Gäste eine Vor-
werden würde, das Früchte brächte. Und einladung, die durch Knechte persönlich
so geschah es. Israel wurde von Gott als überbracht wurde. Sie wurde einfach ab-
erwähltes Volk beiseitegesetzt und ist gelehnt. Dann erhielten sie eine zweite
durch aufgrund des richterlichen Han- Einladung, dass das Fest bereit sei. Einige
delns Gottes für seine Wahrheit blind. lehnten verächtlich ab, weil sie zu sehr
Das Geschlecht, das den Messias abge- mit ihren Höfen und Geschäften beschäf-
lehnt hat, ist verhärtet worden. Die Pro- tigt waren. Andere wurden sogar gewalt-
phezeiung, dass das Reich Gottes ei- tätig, denn sie »misshandelten und töte-
ner Nation gegeben würde, »die seine ten« die Knechte.
Früchte bringen wird«, ist auf zweierlei 22,7-10 Der König wurde so zornig,
Weise verstanden worden: dass er »jene Mörder« umbrachte und
1. Sie bezieht sich auf die Gemeinde, die ihre Stadt verbrannte. Er zerriss die erste
aus gläubigen Juden und Heiden be- Gästeliste und äußerte nun eine allge-
steht – »eine heilige Nation, ein Volk meine Einladung an alle, die gerne kom-
zum Besitztum« (1. Petr 2,9); oder men wollten. Diesmal gab es keinen einzi-
2. Sie bezieht sich auf die gläubigen Ju- gen freien Platz im Hochzeitssaal.
den, die zur Zeit der Wiederkunft Jesu 22,11-13 Unter den Gästen war jedoch
leben werden. Das erlöste Israel wird einer, der kein Hochzeitskleid anhatte.
seine Frucht für Gott bringen. Als er wegen seines unpassenden Ge-
21,44 »Und wer auf diesen Stein fällt, wandes zur Rede gestellt wurde, war er
wird zerschmettert werden; aber auf sprachlos. Der König befahl, er solle in die
wen er fallen wird, den wird er zermal- Nacht hinausgeworfen werden, wo »das
men.« Im ersten Teil des Verses liegt der Weinen und das Zähneknirschen« sein
Stein noch am Boden, im zweiten fällt er wird. Die Diener in Vers 13 sind nicht die-
von oben herunter. Damit sind die bei- selben wie die Knechte in Vers 3.
den Kommen Christi gemeint. Als er das 22,14 Unser Herr schloss das Gleich-
erste Mal kam, stolperten die jüdischen nis mit den Worten: »Denn viele sind Be-
Führer über ihn und wurden zerschmet- rufene, wenige aber Auserwählte.«
tert. Wenn er wiederkommen wird, wird Die Bedeutung des Gleichnisses ist
er zum Gericht kommen und seine Feinde folgende: Der König ist Gott, und sein
wie Staub zerstreuen. Sohn ist der Herr Jesus. Das Hochzeits-
21,45.46 Die Hohenpriester und Phari- mahl ist eine geeignete Beschreibung der
säer erkannten, dass diese Gleichnisse auf Festfreude, wie sie für das Reich der Him-
sie gemünzt waren, und zwar als Antwort mel charakteristisch sein wird. Wenn man
127 Matthäus 22

die Gemeinde in diesem Gleichnis als die als nach seinem Recht gefragt wird, in das
Braut Christi einführt, kompliziert man Reich zu kommen (Röm 3,19). Seine Be-
das Gleichnis unnötig. Es dreht sich in stimmung im Gericht ist die äußere Fins-
der Hauptsache darum, dass Israel bei- ternis, wo Weinen und Zähneknirschen
seitegesetzt wird – nicht jedoch um den sein wird. Das Weinen deutet das Leiden
besonderen Ruf und die Vorsehung der der Hölle an. Einige meinen, dass das
Gemeinde. Zähneknirschen den fortgesetzten Hass
Die erste Phase der Einladung zeigt auf Gott und die Rebellion gegen ihn be-
Johannes den Täufer und die zwölf Jün- deutet. Wenn dem so ist, dann wäre hier-
ger, wie sie freundlich Israel zur Hoch- mit bewiesen, dass die Vorstellung falsch
zeitsfeier einluden. Aber das Volk wei- ist, die Feuer der Hölle könnten irgend-
gerte sich, diese Einladung anzunehmen. eine reinigende Wirkung haben.
Die Worte »sie wollten nicht kommen« Vers 14 bezieht sich auf das ganze
(V. 3) erreichten bei der Kreuzigung ih- Gleichnis und nicht nur auf den Vor-
ren Höhepunkt. fall mit dem Mann ohne Hochzeitskleid.
Die zweite Phase der Einladung be- »Viele sind Berufene«, d. h. die Botschaft
deutet die erneute Verkündigung des des Evangeliums erreicht viele Menschen.
Evangeliums an die Juden in der Apostel- »Wenige aber sind Auserwählte.« Einige
geschichte. Einige behandelten die Bot- lehnen die Einladung ab, und sogar bei
schaft mit Verachtung. Einige wandten denen, die sie annehmen, werden einige
gegen die Boten Gewalt an, daher wur- als falsche Bekenner bloßgestellt wer-
den die meisten Apostel zu Märtyrern. den. Alle, die auf das Evangelium wirk-
Der König, der nun gerechterweise lich hören, sind erwählt. Ob man erwählt
zornig auf Israel war, sandte darauf- ist, kann man nur dadurch wissen, dass
hin »seine Truppen« (V. 7), d. h. Titus man sich prüft, wie man mit dem Herrn
und seine römischen Legionen, um im Jesus Christus umgeht. Wie Jennings es
Jahre  70  n. Chr. Jerusalem zu zerstören ausgedrückt hat: Alle sind aufgerufen, das
und einen Großteil des Volkes umzu- Festmahl zu feiern, aber nicht alle wollen dem
bringen. Sie waren gewissermaßen »seine Geber hinsichtlich eines passenden Hochzeits-
Truppen«, weil er sie als seine Werkzeuge kleides vertrauen.
zur Bestrafung Israels benutzte. Sie waren
seine ernannten Truppen, auch wenn sie I. Pflichten gegenüber dem Kaiser
ihn nicht persönlich kannten. und gegenüber Gott (22,15-22)
Nun ist Israel als Volk beiseitegesetzt, Das Kapitel 22 behandelt Fragen, mit de-
und das Evangelium wird allen Heiden nen drei verschiedene Abordnungen der
gepredigt, den schlechten und guten, d. h. Juden versuchen, dem Herrn Jesus eine
ganz gleich, wie anständig oder weniger Falle zu stellen.
anständig sie leben (Apg 13,45.46; 28,28). 22,15.16 Diesmal haben wir einen Ver-
Aber die Echtheit des Glaubens eines je- such der Pharisäer und Herodianer vor
den wird geprüft werden. Der Mann ohne uns. Diese beiden Parteien waren zeit-
Hochzeitskleid ist einer, der zwar be- weilig erbitterte Feinde, die jedoch durch
kennt, für das Reich Gottes bereit zu sein, ihren gemeinsamen Hass gegen den Hei-
aber der nie mit der Gerechtigkeit Gottes land zu Freunden wurden. Ihr Ziel war
durch den Herrn Jesus Christus beklei- es, Christus zu einer gefährlichen politi-
det worden ist (2. Kor  5,21). Und es gab schen Aussage zu verleiten. Sie benutz-
(und gibt) keine Ausrede für den Mann ten dazu eine Streitfrage unter den Juden,
ohne Hochzeitskleid. Ryrie merkt hier an, nämlich, wie man sich dem Kaiser gegen-
dass es damals Sitte war, den Gästen ein über zu verhalten habe. Einige Juden wei-
Hochzeitskleid zu stellen, wenn sie selbst gerten sich, sich einem heidnischen Herr-
keines hatten. Der Mann hatte diese Sitte scher zu unterwerfen. Andere, wie die
ganz offensichtlich nicht in Anspruch ge- Herodianer, waren in dieser Beziehung
nommen. Ohne Christus ist er sprachlos, etwas toleranter.
Matthäus 22 128

22,17 Erst schmeichelten sie ihm we- Die Antwort Jesu zeigt, dass der Gläu-
gen seines reinen Charakters, seiner bige Bürger zweier Reiche ist. Er ist ver-
Ehrlichkeit und seines Mutes. Und dann antwortlich, der menschlichen Obrigkeit
stellten sie die schwierige Frage: »Ist es er- zu gehorchen und sie finanziell zu unter-
laubt, dem Kaiser Steuer zu geben, oder stützen. Es ist nicht seine Aufgabe, abfäl-
nicht?« Wenn Jesus mit »Nein« antworten lig von seinen Obersten zu reden oder so-
sollte, dann würde er sich nicht nur gegen gar die Regierung zu stürzen. Er soll für
die Herodianer stellen, sondern würde die Machthaber beten. Als Bürger des
auch der Rebellion gegen die römische Himmels ist er verantwortlich, Gott zu
Obrigkeit angeklagt. Die Pharisäer hät- gehorchen. Wenn es jemals einen Wider-
ten ihn weggestoßen und ihn angeklagt. spruch zwischen beiden gibt, dann muss
Würde er »Ja« sagen, dann würde er ge- er zuerst Gott gehorchen (Apg 5,29).
gen den eingefleischten Na­ tionalismus Wenn wir Vers 21 zitieren, dann beto-
der Juden sprechen. Er würde beim ein- nen viele von uns den Teil über den Kai-
fachen Volk sehr viel Sympathie ver­ ser und übergehen leichtsinnig den Teil
lieren – eine Sympathie, die es bisher über Gott – das ist genau der Fehler, wes-
noch verhinderte, dass die Führer ihn be- wegen Jesus die Pharisäer tadelte.
seitigten. 22,22 Als die Pharisäer seine Antwort
22,18.19 Jesus bezeichnete sie offen als gehört hatten, wussten sie, dass sie gegen
Heuchler, die nur versuchten, ihn zu fan- Jesus nicht bestehen konnten. Sie konnten
gen. Dann bat er sie, ihm einen Denar zu nur noch verwundert weggehen.
geben, das Geldstück, mit dem man die
Steuern an die Römer zu zahlen pflegte. J. Die Sadduzäer und ihre Frage zur
Jedes Mal, wenn die Juden das Bild und Auferstehung (22,23-33)
den Titel des Kaisers auf der Münze sa- 22,23.24 Wie schon weiter oben bemerkt,
hen, wurden sie unangenehm daran er- waren die Sadduzäer die liberalen Theo-
innert, dass sie unter heidnischer Herr- logen ihrer Zeit, die die Auferstehung des
schaft und Besteuerung standen. Der Leibes, die Existenz der Engel und Wun-
Denar hätte sie daran erinnern sollen, der ablehnten. Ja, die von ihnen geleug-
dass ihre Unfreiheit eine Folge ihrer neten Punkte waren zahlreicher als die
Sünde war. Wären sie Jahwe treu geblie- Sachverhalte, woran sie festhielten.
ben, dann hätte sich die Frage des Steuer- Ein paar von ihnen kamen mit einer
zahlens an den Kaiser nie gestellt. erfundenen Geschichte zu Jesus, um die
22,20.21 Jesus fragte sie nun: »Wessen Idee der Auferstehung lächerlich zu ma-
Bild und Aufschrift ist das?« Sie antwor- chen. Sie erinnerten ihn an das Gesetz der
teten gezwungenermaßen: »Des Kaisers.« Schwagerehe (5. Mose 25,5). Wenn ein Is-
Da sagte ihnen der Herr: »Gebt denn dem raelit ohne Kinder starb, so musste sein
Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Bruder nach dem Gesetz die Witwe heira-
Gottes ist.« ten, um den Familiennamen in Israel und
Die Frage war wie ein Bumerang auf das Erbe in der Familie zu erhalten.
sie selbst zurückgefallen. Sie hatten ge- 22,25-28 In ihrer Frage ging es um
hofft, Jesus durch die Steuerfrage fan- eine Frau, die ihren Ehemann verlor und
gen zu können. Er aber entlarvte die Tat- dann einen seiner Brüder heiratete. Der
sache, dass sie Gott nicht das gaben, was zweite Bruder starb, deshalb heiratete
ihm zusteht. So ärgerlich das war, sie sie den dritten – und so weiter bis zum
zahlten dem Kaiser, was ihm gebührte, siebten Bruder. Schließlich »starb auch
aber sie hatten die Ansprüche Gottes an die Frau«. Nun kam die Frage, die ge-
ihr Leben vergessen. Und hier stand nun stellt wurde, um den zu demütigen, der
der Eine vor ihnen, der die »Ausstrahlung die Auf­­erstehung ist (Joh 11,25): »Wessen
seiner Herrlichkeit und Abdruck des We- Frau von den sieben wird sie nun in der
sens Gottes« ist (Hebr 1,3), wobei sie ihm Auferstehung sein? Denn alle hatten sie.«
seine rechtmäßige Stellung verweigerten. 22,29 Im Grunde argumentierten sie,
129 Matthäus 22

die Idee der Auferstehung werfe unlös- ten und ersten Gebot zusammen: »Du
bare Probleme auf, weshalb sie nicht ver- sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit
nünftig und folglich auch nicht wahr sei. deinem ganzen Herzen und mit deiner
Jesus antwortete, dass die Schwierigkeit ganzen Seele und mit deinem ganzen Ver-
nicht bei der Lehre, sondern bei ihnen stand.« Im Bericht des Markus steht zu-
selbst lag, denn sie kannten weder die sätzlich noch der Ausdruck »und aus dei-
Schriften noch die Kraft Gottes. ner ganzen Kraft«. Das bedeutet, dass es
Erstens kannten sie die Schriften die erste Verpflichtung des Menschen ist,
nicht. Nirgendwo sagt die Bibel etwas Gott mit der Gesamtheit seines Wesens
darüber, dass die eheliche Beziehung im zu lieben. Wie schon gesagt wurde: Das
Himmel fortgeführt wird. Zwar werden Herz spricht von der Gefühlswelt, die
Männer noch Männer und Frauen noch Seele vom Willen, der Geist von der Ge-
Frauen sein, aber sie werden in der Bezie- dankenwelt und die Kraft vom Körper.
hung wie die Engel sein, indem sie weder 22,39.40 Dann fügte Jesus die zweite
heiraten noch verheiratet werden. Verpflichtung des Menschen hinzu, näm-
Zweitens kannten sie die »Kraft Got- lich das Gebot, seinen Nächsten zu lieben
tes« nicht. Wenn er in der Lage war, Men- wie sich selbst. Barnes sagt: »Liebe zu
schen aus Staub zu machen, konnte er Gott und den Menschen ist der ganze In-
dann nicht ebenso den Staub der Verstor- halt der Frömmigkeit: Mose, die Prophe-
benen wieder zu Auferstehungsleibern ten, der Heiland und die Apostel lebten
formen? danach. Unser Herr ist diesem Gebot voll-
22,30-32 Dann argumentiert der Herr ständig gerecht geworden.« Wir sollten
Jesus von der Schrift her, um zu zeigen, diese Worte öfter bedenken: »Du sollst
dass die Auferstehung absolut notwen- deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«
dig ist. In 2. Mose  3,6 spricht Gott von Wir sollten nachdenken, wie viel wir tun,
sich als dem »Gott Abrahams, Isaaks und um uns selbst zu lieben, wie viele unse-
Jakobs«. Doch ist, wie Jesus nun heraus- rer Handlungen sich um unsere eigene
stellte, Gott »nicht der Gott von Toten, Bequemlichkeit drehen. Dann sollten wir
sondern von Lebenden«. Gott machte ei- versuchen, uns vorzustellen, wie es wäre,
nen Bund mit diesen Männern, aber sie wenn wir diese Liebe unseren Nächs-
starben, ehe dieser Bund wirklich erfüllt ten weitergeben würden. Und dann soll-
war. Wie kann sich Gott als der Gott von ten wir danach handeln. Solches Verhal-
drei Männern bezeichnen, deren Leiber ten liegt uns nicht, es ist übernatürlich.
im Grab liegen? Wie kann derjenige, der Nur wenn wir von Neuem geboren sind,
immer seine Verheißungen erfüllt, sie de- können wir so leben, und auch nur dann,
nen erfüllen, die schon gestorben sind? Es wenn wir Christus gestatten, es durch uns
gibt nur eine einzige Antwort: durch Auf- zu tun.
erstehung.
22,33 Kein Wunder, dass die Volks- L. Davids Sohn ist Davids Herr
mengen über seine Lehre erstaunt waren; (22,41-46)
wir sind es auch! 22,41.42 Während die Pharisäer noch we-
gen Jesu Antwort an den Gesetzeslehrer
K. Das größte Gebot (22,34-40) beeindruckt schwiegen, konfrontierte er
22,34-36 »Als aber die Pharisäer hörten«, sie mit einer provokanten Frage: »Was
dass Jesus seine Feinde, die Sadduzäer, haltet ihr von dem Christus? Wessen
»zum Schweigen gebracht hatte«, kamen Sohn ist er?«
sie, um ihn selbst zu befragen. Ihr Spre- Die meisten Pharisäer glaubten nicht,
cher, ein Gesetzesgelehrter, bat Jesus, das dass Jesus der Christus war, sie warteten
größte Gebot des Gesetzes zu nennen. noch immer auf ihren Messias. Deshalb
22,37.38 In meisterhafter Weise fasste fragt Jesus sie nicht: »Was haltet ihr von
der Herr Jesus die Verpflichtung des mir?« (obwohl das in seiner Frage enthal-
Menschen gegenüber Gott in dem größ- ten war). Er fragte allgemeiner, wessen
Matthäus 22 und 23 130

Sohn der Messias wäre, wenn er erschei- stabens des Gesetzes waren) an das Volk,
nen würde. aber sie wollten keinem helfen, diese
Sie antworteten ganz richtig, dass unerträgliche Last zu tragen.
der Messias ein Nachfahre Davids sein 23,5 Sie hielten sich an religiöse Vor-
würde. schriften, um von Menschen gesehen zu
22,43.44 Dann zitierte der Herr Jesus werden, nicht aus innerem Antrieb. Ihr
Psalm 110,1. Dort sagt David: »Der Herr Gebrauch von Gebetsriemen war ein Bei-
sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu spiel dafür. Der Herr hatte gesagt, dass
meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege die Israeliten sein Wort als ein Zeichen an
unter deine Füße.« Die erste Verwendung ihrer Hand und an ihrer Stirn zwischen
des Wortes »Herr« bezieht sich auf Gott den Augen tragen sollten (2. Mose  13,9;
den Vater, die zweite auf den Messias. 5. Mose 6,8; 11,18). Doch Gott meinte da-
So sprach David vom Messias als seinem mit, dass sie das Gesetz ständig vor Au-
Herrn. gen haben sollten, damit es sie in ihrem
22,45 Nun stellte Jesus die Frage: Leben leiten konnte. Die Pharisäer redu-
»Wenn nun David ihn Herr nennt, wie ist zierten nun dieses geistliche Gebot auf
er sein Sohn?« Die Antwort lautet, dass den wörtlichen, äußerlichen Sinn. Sie ta-
der Messias sowohl der Herr Davids als ten kleine Streifen mit Schriftabschnit-
auch der Sohn Davids ist – sowohl Gott ten in Lederkapseln und banden sie an
als auch Mensch. Als Gott ist er Davids ihre Stirn oder an ihren Arm. Sie sorg-
Herr, als Mensch ist er Davids Sohn. ten sich nicht darum, das Gesetz zu hal-
Wären die Pharisäer nur belehrbar ge- ten, solange sie supergeistlich erschienen,
wesen, hätten sie erkannt, dass Jesus der indem sie lächerlich große Gebetsrie-
Messias war – der Sohn Davids durch die men trugen. Das Gesetz befahl den Ju-
Erblinie Marias und Gottes Sohn, der sich den auch, Quasten mit blauen Bändern
durch seine Worte, Werke und Verhal- an den Zipfeln ihrer Gewänder zu tragen
tensweisen geoffenbart hat. (4. Mose  15,37-41; 5. Mose  22,12). Dieser
22,46 Aber sie weigerten sich zu se- besondere Schmuck sollte sie daran er-
hen. Über seine Weisheit völlig erstaunt, innern, dass sie ein abgesondertes Volk
ließen sie davon ab, ihn weiter mit Fragen waren und sich in Absonderung von den
zu versuchen. Jetzt würden sie eine an- Nationen halten sollten. Die Pharisäer
dere Methode anwenden – Gewalt. übersahen die geistliche Lehre und wa-
ren zufrieden damit, die Quasten beson-
M. Wenn Worte und Taten nicht ders groß und auffällig zu machen.
übereinstimmen – eine Warnung 23,6.7 Sie zeigten ihre Selbstsucht, in-
(23,1-12) dem sie bei den Gastmählern und in den
23,1-4 In den ersten Versen des Kapitels Synagogen nach den Ehrenplätzen streb-
warnt der Heiland die Menge und die ten. Sie nährten ihr Ego durch Begrüßun-
Jünger vor den Schriftgelehrten und Pha- gen auf den Märkten und genossen es be-
risäern. Diese Führer saßen »auf Moses sonders, wenn die Menschen sie »Rabbi«
Lehrstuhl«, d. h. sie lehrten das Gesetz nannten (das heißt »großer Meister« oder
des Mose. Im Allgemeinen war auf ihre »Lehrer«).
Lehre Verlass, nicht aber auf ihr Verhal- 23,8-10 Hier warnte der Herr seine
ten. Ihr Glaubensbekenntnis war besser Jünger davor, besondere Titel zu ver-
als ihr Verhalten. Sie redeten groß daher, wenden, die nur Gott vorbehalten sind.
aber ihr Wandel war nichts wert. Jesus Wir sollten nicht jemandem den beson-
sagte: »Alles nun, was sie euch sagen, tut deren Titel Rabbi geben, denn wir haben
und haltet; aber handelt nicht nach ih- einen Lehrer, nämlich Jesus. Wir sollten
ren Werken, denn sie sagen es und tun es niemanden »Vater nennen, denn Gott ist
nicht.« unser Vater«. Weston schreibt dazu sehr
Sie stellten hohe Ansprüche (die oft weise:
nur extreme Auslegungen des Buch­ Wir haben hier eine Erklärung hin-
131 Matthäus 23

sichtlich der grundlegenden Beziehungen Jünger, die sich demütigen, werden zu ih-
des Menschen zu Gott. Dreierlei macht ei- rer Zeit erhöht werden.
nen Christen aus – was er ist, was er glaubt
und was er tut, das heißt Lehre, Erfahrung N. Weherufe gegen die Schrift­
und Praxis. Der Mensch braucht zu sei- gelehrten und Pharisäer (23,13-36)
nem geistlichen Wohlergehen dreierlei: Le- Als Nächstes spricht der Herr Jesus acht
ben, Unterweisung und Führung, eben das, Weherufe über die stolzen religiösen
was der Herr in den neun Worten des Evan- Heuchler seiner Zeit aus. Es sind keine
geliums verkündigt: »Ich bin der Weg, die »Verfluchungen«, sondern Ausdruck der
Wahrheit und das Leben« … Man soll kei- Sorge über ihr Schicksal, etwa wie der
nen Menschen als Vater anerkennen, denn Ausdruck: »Ach, wie bin ich bekümmert
kein Mensch kann geistliches Leben schenken um dich!«
oder erhalten. Kein Mensch soll als unfehl- 23,13 Das erste »Wehe« richtet sich
barer Lehrer anerkannt werden, niemandem gegen ihre Hartherzigkeit und ihre Quer-
soll erlaubt werden, den Dienst eines geist­ treiberei. Sie wollten selbst nicht in das
lichen Leiters zu übernehmen, denn deine Be- Reich und hinderten andere mit Gewalt,
ziehung zu Gott und zu Christus ist so eng hineinzugehen. Seltsamerweise sind re-
wie die Beziehung jeder anderen Person.42 ligiöse Führer oft die aktivsten Gegner
Die offensichtliche Bedeutung der des Evangeliums der Gnade. Sie können
Worte des Retters ist, dass im Reich der gegenüber allem außer der guten Nach-
Himmel alle Gläubigen eine Bruderschaft richt von der Erlösung die größte Tole-
von Gleichgestellten bilden, in der kein ranz üben. Der natürliche Mensch möchte
Platz für Titel ist, die den einen über den nicht das Objekt der Gnade Gottes sein
anderen stellen. Doch denken wir an die und will auch nicht, dass Gott anderen
teilweise pompösen Titel, die wir in un- seine Gnade erzeigt.
serer heutigen Christenheit kennen: Herr 23,14 Das zweite »Wehe«43 verur-
Pastor, Herr Pfarrer, heiliger Vater, Hoch- teilt die unbefugte Aneignung von Häu-
würden und viele, viele andere. Sogar sern der Witwen und deren Vertuschung
der scheinbar harmlose lateinische Titel durch lange Gebete. Einige moderne Re-
»Doktor« bedeutet »Lehrer«. (Diese War- ligionen benutzen ähnliche Techniken,
nung bezieht sich natürlich auf geistliche indem sie ältere Witwen, manchmal un-
und nicht auf natürliche oder akademi- kritische Gläubige, dazu bringen, ihr Ei-
sche Bezeichnungen. Zum Beispiel wird gentum »der Kirche« oder der jeweiligen
hier weder verboten, dass ein Kind sei- Religionsgemeinschaft zu überschreiben.
nen Vater »Vater« nennt, noch dass ein Solche frommen Heuchler werden ein
Arzt vom Patienten mit »Herr Doktor« »schwereres Gericht empfangen«.
an­geredet wird.) So weit es um irdische 23,15 Die dritte Anklage richtet sich
Beziehungen geht, gilt die Regel: »Furcht, gegen ihren fehlgeleiteten Eifer. Sie mach-
dem die Furcht, die Ehre, dem die Ehre ten unglaubliche Reisen, um einen einzi-
gebührt« (Röm 13,7). gen Proselyten zu gewinnen, aber nach-
23,11.12 Und wieder wird der revolu- dem sie ihn gewonnen hatten, machten
tionäre Charakter des Reiches der Him- sie ihn doppelt so schlimm, wie sie es wa-
mel dadurch deutlich, dass wahre Größe ren. Damit vergleichbar ist heute der Ei-
das genaue Gegenteil von dem ist, was fer wahrheitsfeindlicher Religionen. Eine
die Menschen erwarten. Jesus sagt: »Der Gruppe ist bereit, an 700 Türen zu klop-
Größte aber unter euch soll euer Die- fen, um nur einen für ihr Anliegen zu ge-
ner sein. Wer sich aber selbst erhöhen winnen, aber das letztliche Ergebnis ist
wird, wird erniedrigt werden; und wer schlimm. Jemand sagte einmal dazu: »Die
sich selbst erniedrigen wird, wird erhöht Bekehrtesten sind oft die Verdrehtesten.«
werden.« Wahre Größe beugt sich zum 23,16-22 Als Viertes prangerte der
Dienst. Die Pharisäer, die sich selbst er- Herr ihre Spitzfindigkeit an, ihre oftmals
höhen, werden erniedrigt werden. Echte absichtlich unehrlichen Argumente. Sie
Matthäus 23 132

hatten ein falsches Argumentationssys- nicht, kritisierte aber scharf ihre völlige
tem aufgebaut, um die Erfüllung von Ge- Skrupellosigkeit, wenn es darum ging,
lübden zu umgehen. So war laut ihrer anderen gegenüber »das Recht und die
Lehre jemand beispielsweise nicht ver- Barmherzigkeit und den Glauben« unter
pflichtet, einen Schwur beim Tempel zu Beweis zu stellen. Er verwendete ein un-
erfüllen. Schwor er jedoch beim Gold des übertroffenes ausdrucksstarkes Sprach-
Tempels, dann musste er das entspre- bild, indem er sie beschrieb, wie sie zwar
chende Gelübde erfüllen. Sie behaup- Mücken aussieben, aber Kamele verschlu-
teten, dass ein Schwur bei der Gabe auf cken. Die Mücke, ein kleines Insekt, das
dem Altar gelte, aber nicht, wenn beim manchmal in einen Becher süßen Weins
leeren Altar geschworen wurde. So war fiel, wurde oft ausgesiebt, indem man den
ihnen Gold mehr wert als Gott (der Tem- Wein beim Trinken durch die Zähne zog.
pel war das Haus Gottes) und die Gabe Wie lächerlich, solchen Nebensächlich-
auf dem Altar (wieder eine Form des keiten eine derartige Aufmerksamkeit zu
Reichtums) mehr als der Altar selbst. Sie schenken und dann das größte, in Israel
waren mehr am Materiellen als am Geist- bekannte unreine Tier zu verschlucken!
lichen interessiert. Sie waren mehr daran Die Pharisäer waren unaufhörlich mit
interessiert, etwas zu erhalten (die Gabe), Kleinigkeiten beschäftigt, aber sie waren
als daran, selbst zu geben (der Altar war völlig blind gegenüber wirklich schlim-
der Ort für die Gaben). men Sünden wie Heuchelei, Unehrlich-
Indem Jesus sie als »blinde Führer« keit, Grausamkeit und Habsucht. Sie hat-
bezeichnete, stellte er ihre Spitzfindigkeit ten ihr Gefühl für Proportionen verloren.
bloß. Das Gold des Tempels hatte nur ei- 23,25.26 Das sechste »Wehe« betrifft
nen besonderen Wert, weil es mit Gottes die Äußerlichkeit. Die Pharisäer, die
Wohnung verbunden war. Außerdem gab sorgfältig darauf achteten, dass ein äu-
der Altar der Gabe ihren Wert. Menschen, ßerer Schein der Religiosität und Sitte ge-
die denken, dass Gold an sich einen Wert wahrt blieb, hatten Herzen »voller Raub
besäße, sind blind. Es erhält seinen Wert und Unenthaltsamkeit«.44 Sie sollten »zu-
nur, wenn es zur Ehre Gottes verwendet erst das Inwendige des Bechers« reini-
wird. Gaben, die aus fleischlichen Moti- gen, d. h. sichergehen, dass ihre Herzen
ven heraus gegeben werden, sind wertlos. durch Buße und Glauben gereinigt wa-
Was aber dem Herrn oder im Namen des ren. Dann, und nur dann, wäre ihr äußer-
Herrn gegeben wird, hat ewigen Wert. liches Verhalten annehmbar. Es gibt einen
Tatsächlich war bei allem, das die Pha- Unterschied zwischen mir als Mensch
risäer in ihren Schwurformeln gebrauch- und als Persönlichkeit. Wir sind zu oft
ten, Gott im Spiel. Daher waren sie ver- dazu geneigt, die Persönlichkeit mehr zu
pflichtet, den entsprechenden Schwur betonen – das, was andere von uns glau-
zu halten. Der Mensch kann seinen Ver- ben sollen. Aber Gott betont unser Wesen
pflichtungen nicht durch geschicktes Ar- als Mensch – das, was wir wirklich sind.
gumentieren ausweichen. Schwüre sind Er will, dass der Mensch von innen her-
bindend und Versprechen müssen ge- aus ehrlich ist (Ps 51,8).
halten werden. Es ist nutzlos, sich auf ir- 23,27.28 Das siebte »Wehe« wendet
gendwelche Details zu berufen, um Ver- sich ebenfalls gegen Äußerlichkeiten.
pflichtungen zu umgehen. Der Unterschied zum sechsten »Wehe«
23,23.24 Das fünfte »Wehe« rich- ist, dass es dort um die Verheimlichung
tet sich gegen die Beachtung von Ritua- der Habsucht geht, während es im sieb-
len ohne geistliche Substanz. Die Schrift- ten um die Verheimlichung von Heuche-
gelehrten und Pharisäer waren äußerst lei und Gesetzlosigkeit geht.
genau, wenn es darum ging, auch von Gräber waren damals weiß getüncht,
den unbedeutendsten Küchenkräutern sodass Juden sie nicht unabsichtlich be-
den Zehnten zu geben. Jesus verurteilte rührten und sich damit unrein mach-
ihren Gehorsam bei diesen Kleinigkeiten ten. Jesus verglich die Schriftgelehrten
133 Matthäus 23

und Pharisäer mit solchen »übertünch- Christus Gottes die donnernden Worte:
ten Gräbern«, die von außen sehr sau- »Schlangen! Otternbrut! Wie solltet ihr
ber aussahen, aber innen voller Verfall dem Gericht der Hölle entfliehen?« Kann
waren. Die Menschen meinten, dass der die menschgewordene Liebe solche ver-
Kontakt mit diesen religiösen Führern nichtenden Worte äußern? Ja, weil wahre
heiligen würde, aber in Wirklichkeit war Liebe auch gerecht und heilig sein muss.
das eine verunreinigende Erfahrung, weil Das populäre Bild von Jesus als Reformer,
sie voller Heuchelei und Gesetzlosigkeit der keinem zu nahe treten wollte und des-
waren. sen Gefühle nur auf Liebe beschränkt wa-
23,29.30 Das letzte »Wehe« könnte ren, ist unbiblisch. Liebe kann hart, aber
man mit »außen Verehrung, innen Mord- sie muss immer gerecht sein.
gedanken« beschreiben. Die Schrift- Wir müssen unbedingt beachten, dass
gelehrten und Pharisäer gaben vor, die diese verurteilenden Worte religiösen
Propheten des Alten Testamentes zu eh- Führern gelten und nicht etwa Trunken-
ren, indem sie ihnen Grabmäler bauten bolden oder Schurken. In einem Zeitalter
und/oder diese instand hielten und sie der Ökumene, in dem einige evangelikale
dann mit Kränzen schmückten. Sie be- Christen sich mit den erklärten Feinden
haupteten in Gedenkreden, dass sie sich des Kreuzes Christi zusammentun, ist es
den Prophetenmördern in Gestalt ihrer gut, das Beispiel Jesu zu bedenken und
Vorfahren nicht angeschlossen hätten, sich der Worte Jehus an Joschafat zu erin-
wenn sie zu jener Zeit gelebt hätten. nern: »Sollst du so dem Gottlosen helfen
23,31 Jesus sagte ihnen: »So gebt ihr und die lieben, die den Herrn hassen?«
euch selbst Zeugnis, dass ihr Söhne de- (2. Chron 19,2).
rer seid, welche die Propheten ermordet 23,34.35 Jesus sah nicht nur seinen ei-
haben.« Aber wie bezeugten sie das? Es genen Tod voraus, er sagte den Schrift­
scheint aus dem vorherigen Vers hervor- gelehrten und Pharisäern auch offen,
zugehen, dass sie sich von ihren Vorfah- dass sie einige seiner Boten, die er senden
ren lossagen wollten, die die Propheten würde, ermorden würden – »Propheten
getötet hatten. Erstens gaben sie zu, dass und Weise und Schriftgelehrte«. Einige,
ihre Väter, deren leibliche Söhne sie wa- die dem Märtyrertod entgingen, würden
ren, das Blut der Propheten vergossen in den Synagogen geschlagen und von
hatten. Aber Jesus benutzte das Wort so, Stadt zu Stadt verfolgt werden. So wür-
dass es diejenigen meint, deren Charak- den die religiösen Führer Israels die ange-
ter genauso ist. Er wusste, auch wenn sie sammelte Schuld der Geschichte des Mär-
die Gräber der Propheten schmückten, tyrertums auf sich laden. Auf sie würde
planten sie bereits seinen Tod. Zweitens »alles gerechte Blut, das auf der Erde ver-
sagten sie, indem sie den toten Prophe- gossen wurde, von dem Blut Abels, des
ten solche Ehre erwiesen: »Die einzigen Gerechten, bis zu dem Blut Secharjas«
guten Propheten sind tote Propheten.« In kommen, dessen gewaltsamer Tod in
diesem Sinne waren sie also echte Söhne 2. Chronik 24,20.21 geschildert wird, dem
ihrer Vorfahren. letzten Buch des hebräischen AT.
23,32 Dann fügte unser Herr hinzu: 23,36 Die Schuld der gesamten Ver-
»Und ihr, macht nur das Maß eurer Väter gangenheit sollte über das Geschlecht
voll!« Die Väter hatten sich das Maß des oder die Rasse kommen, zu der Christus
Mordes durch ihren Mord an den Pro- sprach, als ob alles vorhergehende Ver-
pheten gefüllt. Die Schriftgelehrten und gießen unschuldigen Blutes irgendwie im
Pharisäer füllten es bis zum Rand, indem Tod des sündlosen Retters zusammenge-
sie den Herrn Jesus sowie seine Nachfol- fasst und zu seinem Höhepunkt geführt
ger töteten und so zu einem schreckli- würde. Eine schreckliche Strafe würde
chen Höhepunkt führten, was ihre Väter über das Volk kommen, das seinen Mes-
begonnen hatten. sias ohne Grund hasste und ihn ans Ver-
23,33 An diesem Punkt spricht der brecherkreuz schlug.
Matthäus 23 und 24 134

O. Jesus klagt über Jerusalem XIII. Die Ölbergsrede des Königs


(23,37-39) (Kap. 24 und 25)
23,37 Es ist von großer Bedeutung, dass Die Kapitel 24 und 25 bilden eine Rede,
das Kapitel, das sich mehr als jedes an- die als Ölbergsrede bekannt ist. Sie wurde
dere mit den Weherufen des Herrn Je- so genannt, weil diese wichtigen Aussa-
sus beschäftigt, mit seinen Tränen en- gen auf dem Ölberg gemacht wurden.
det! Nach seiner bitteren Anklage gegen Die Rede ist vollständig prophetisch und
die Pharisäer klagte er über die Stadt, die zeigt uns die Drangsalszeit und die Wie-
ihre Chance vertan hat. Die Wiederho- derkunft Christi. Sie betrifft in erster Linie
lung des Namens »Jerusalem, Jerusalem« Israel, aber nicht ausschließlich. Ihr Ort ist
ist sehr gefühlsgeladen. Jerusalem hatte offensichtlich das Land Palästina, wenn es
seine Propheten getötet und Gottes Bot- beispielsweise heißt: »Dann sollen die in
schafter gesteinigt, und doch liebte der Judäa auf die Berge fliehen« (24,16). Sie ist
Herr die Stadt und hatte oft beschützend im jüdischen Umfeld angesiedelt  –  z. B.:
und liebevoll ihre Kinder zu sich versam- »Betet aber, dass eure Flucht nicht … ge-
melt, »wie eine Henne ihre Küken ver- schehe … am Sabbat« (24,20). Der Hin-
sammelt«, aber sie wollte nicht. weis auf die »Auserwählten« (24,22) be-
23,38 Der Herr Jesus beendete seine zieht sich auf die jüdischen Auserwählten
Klage mit den Worten: »Siehe, euer Haus Gottes, nicht auf die Gemeinde. Die Ge-
wird euch öde gelassen.« Zunächst ist mit meinde wird weder in den Prophezeiun-
dem Haus der Tempel gemeint, aber auch gen noch in den Gleichnissen der Rede
die Stadt Jerusalem und die Nation selbst erwähnt. Im Folgenden werden wir ver-
könnten darin einbezogen sein. Es würde suchen, dies zu zeigen.
eine Zeitphase zwischen seinem Tod und
seinem zweiten Kommen geben, in wel- A. Jesus sagt die Zerstörung des
cher das ungläubige Israel ihn nicht sehen Tempels voraus (24,1.2)
würde (nach seiner Auferstehung ist der 24,1.2 Die Rede wird durch die wichtige
Herr nur noch von Gläubigen ge­sehen Aussage eingeleitet, dass Jesus hinaustrat
worden). und vom Tempel wegging. Dieser Auf-
23,39 Dieser Vers weist auf die Wie- bruch ist in Anbetracht der Worte, die er
derkunft Christi hin, wenn ein klei- gerade geäußert hatte, besonders bedeut-
ner gläubiger Teil Israels ihn als seinen sam: »Siehe, euer Haus wird euch öde
Messias­ könig annehmen wird. Diese gelassen« (23,38). Sie erinnert uns daran,
Annahme zeigt sich durch die Worte: wie bei Hesekiels Schilderung die Herr-
»Gepriesen sei, der da kommt im Namen lichkeit den Tempel verlässt (Hes 9,3; 10,4;
des Herrn!« 11,23).
Es wird hiermit jedoch keinesfalls an- Die Jünger wollten, dass der Herr
gedeutet, dass diejenigen, die Christus mit ihnen die architektonische Schönheit
umgebracht haben, eine zweite Chance des Tempels bewunderte. Sie beschäftig-
bekommen. Er sprach hier von Jerusa- ten sich mit dem Vergänglichen statt mit
lem und damit bildlich von ihren Ein- dem Ewigen, mit Schatten statt mit dem
wohnern und von Israel im Allgemeinen. Eigentlichen. Jesus sagte voraus, dass die-
Der nächste Zeitpunkt, an dem die Ein- ses Gebäude so gründlich zerstört werden
wohner Jerusalems Jesus sehen werden, würde, dass »nicht ein Stein auf dem an-
ist die Zeit, wenn sie auf ihn schauen, den deren gelassen« werden würde. Titus ver-
sie durchbohrt haben, und um ihn trau- suchte vergeblich, den Tempel zu retten,
ern werden wie um den einzigen Sohn doch seine Soldaten hatten schon eine Fa-
(Sach 12,10). Nach jüdischer Ansicht ist ckel hineingeworfen, sodass die Prophe-
keine Trauer so tief wie die um den ein- zeiung Jesu Wirklichkeit wurde. Als das
zigen Sohn. Feuer die Goldverzierungen schmolz, lief
das Gold zwischen den Steinen entlang.
Um dieses Gold zu erhalten, mussten die
135 Matthäus 24

Soldaten jeden Stein wegnehmen, wie es beantwortet. Die Verse beschreiben die
unser Herr vorausgesagt hatte. Dieses Ge- siebenjährige Drangsalszeit, die Christi
richt erfüllte sich im Jahr 70 n. Chr., als die Wiederkunft in Herrlichkeit vorausgehen
Römer unter Titus Jerusalem eroberten. wird. Die ersten dreieinhalb Jahre werden
in den Versen 4-14 beschrieben. Die zwei-
B. Die erste Hälfte der Drangsalszeit ten dreieinhalb Jahre, die auch unter dem
(24,3-14) Namen »die Große Trübsal« und als »Zeit
24,3 Nachdem Jesus zum Ölberg hin­ der Bedrängnis für Jakob« (Jer 30,7) be-
übergegangen war, »traten seine Jünger kannt sind, werden eine Zeit nie da ge-
für sich allein zu ihm« und stellten ihm wesener Leiden für die Menschen auf Er-
drei Fragen: den werden.
1. »Wann wird das sein«, d. h. wann soll Viele der Bedingungen, die die erste
der Tempel zerstört werden? Hälfte der Drangsalszeit bestimmen, hat
2. »Was ist das Zeichen seiner Wieder- es bis zu einem gewissen Maß in der ge-
kunft«, d. h. welche übernatürlichen samten menschlichen Geschichte gege-
Ereignisse würden seiner Wieder- ben, jedoch werden sie in der Drangsals-
kunft auf die Erde und der Errichtung zeit in vermehrter Weise erscheinen. Den
des Reiches vorausgehen? Gliedern der Gemeinde ist Drangsal vor-
3. Was ist das Zeichen für die »Voll- hergesagt (Joh 16,33), aber sie unterschei-
endung des Zeitalters?«, d. h. was det sich sehr von der Drangsal, die über
würde das Ende der Welt kurz vor sei- eine Welt kommen wird, die den Sohn
ner Herrschaft in Herrlichkeit anzei- Gottes abgelehnt hat.
gen? (Die zweite und die dritte Frage Wir glauben, dass die Gemeinde aus
sind im Wesentlichen gleich.) der Welt genommen wird (1. Thess 4,13-
Wir müssen uns erinnern, dass das 18), ehe der Tag des Zornes Gottes be-
Denken dieser jüdischen Jünger sich mit ginnt (1. Thess  1,10; 5,9; 2. Thess  2,1-12;
dem herrlichen Zeitalter des Messias auf Offb 3,10).
Erden beschäftigte. Sie dachten nicht an 24,4.5 In der ersten Hälfte der Drang-
das Kommen Christi für die Gemeinde, sal werden viele falsche Messiasse auftre-
denn sie wussten wenig, wenn überhaupt ten, denen es gelingen wird, die Massen
etwas, über diesen Abschnitt seiner Wie- zu verführen. Das gegenwärtige Entste-
derkunft. Sie erwarteten sein Kommen in hen von Sekten und Kulten mag ein Vor-
Macht und Herrlichkeit, wenn er seine spiel dazu sein, ist aber noch keine Er-
Feinde vernichten und über die Welt herr- füllung. Diese falschen religiösen Führer
schen würde. werden Juden sein, die behaupten, »der
Außerdem sollten wir uns klarma- Christus« zu sein.
chen, dass sie nicht nach dem Ende 24,6.7 Es wird Kriege und Kriegsge-
der Welt fragten (wie die Lutherbibel rüchte geben. »Denn es wird sich Nation
schreibt), sondern nach dem Ende des gegen Nation erheben und Königreich ge-
»Zeitalters« (gr. aion). gen Königreich.« Man könnte leicht mei-
Ihre erste Frage wurde nicht direkt nen, dass wir die Erfüllung dieser Pro-
beantwortet. Es scheint, dass der Hei- phetie heute erleben, aber was wir heute
land hier die Eroberung Jerusalems im sehen, ist im Vergleich mit der Wieder-
Jahr  70  n. Chr. (s.  Lk  21,20-24) mit einer kunft harmlos. Die nächste Station des
ähnlichen Eroberung in den letzten Tagen Planes Gottes ist die Entrückung der Ge-
zusammen sieht. Wenn wir die Prophe- meinde (Joh 14,1-6; 1. Kor 15,51-57). Keine
tie studieren, dann sehen wir oft, wie der dieser Prophezeiungen wird sich vorher
Herr scheinbar ohne Übergang von einer erfüllen. Wenn die Gemeinde wegge-
frühen, teilweisen Erfüllung zur späteren, nommen ist, dann wird Gottes prophe-
endgültigen Erfüllung übergeht. tische Uhr schlagen, und diese Bedin-
Die zweite und die dritte Frage wer- gungen werden sich schnell einstellen.
den in den Versen 4-44 von Kapitel 24 In verschiedenen Teilen der Erde wird
Matthäus 24 136

es »Hungersnöte und Erdbeben« geben. gegen liegt die Gefahr bei falschen
Auch Seuchen werden auftreten. Schon Lehrern (2. Petr 2,1).
heute sind die Führer der Welt wegen der 24,12 »Weil die Gesetzlosigkeit über-
Gefahr von Hungersnöten als Folge der handnimmt«, werden die menschlichen
Bevölkerungsexplosion besorgt. Aber die Gefühle verkümmern und Lieblosig­
Not wird durch die Auswirkungen von keiten normal werden.
Kriegen noch größer werden. 24,13 »Wer aber ausharrt bis ans Ende,
»Erdbeben« ziehen immer mehr Auf- der wird errettet werden.« Das bedeutet
merksamkeit auf sich, und zwar nicht nur offensichtlich nicht, dass die Seelen der
jene, die schon stattgefunden haben, son- Menschen dieses Zeitalters durch ihr Aus-
dern auch diejenigen, die erwartet wer- harren gerettet werden. Die Rettung ist in
den. Aber wieder ist es nur Spreu im der Bibel immer ein Geschenk der Gnade
Wind, nicht jedoch die wirkliche Erfül- Gottes, das im Glauben an den stellver-
lung der Worte unseres Heilands. tretenden Tod Jesu Christi und seine Auf-
24,8 Vers 8 bezeichnet diese Zeit sehr erstehung erlangt wird. Auch kann es
genau als den »Anfang der Wehen« – der nicht bedeuten, dass alle, die ausharren,
Beginn der Schmerzen einer Geburt, die körperlich unversehrt bleiben, denn wir
eine neue Ordnung unter Israels Messias­ haben schon gehört, dass viele Gläubige
könig bringen wird. den Märtyrertod sterben werden (V. 9).
24,9.10 Treue Gläubige werden wäh- Wir haben hier die allgemeine Aussage,
rend der Drangsal schwer erprobt wer- dass diejenigen, die standhaft bleiben
den. Die Nationen werden bittere Hass- und die Verfolgung durchstehen, ohne
kampagnen gegen alle führen, die dem abzufallen, bei der Wiederkunft Christi
Herrn treu sind. Sie werden nicht nur vor befreit werden. Niemand soll auf die Idee
zivile und religiöse Gerichte geführt wer- kommen, Abfall sei ein Mittel, um zu ent-
den (Mk 13,9), sondern viele werden den kommen oder sogar Sicherheit zu erlan-
Märtyrertod sterben, weil sie sich wei- gen. Nur diejenigen, die wirklich glau-
gern zu widerrufen. Es gab zwar solche ben, werden errettet werden. Auch wenn
Erprobungen schon zu allen Zeiten des der rettende Glaube manchmal schwach
Christentums, doch bezieht sich diese Er- wird, so ist er doch immer von dauer­
wähnung besonders auf die 144 000 jüdi- hafter Qualität.
schen Gläubigen, die in dieser Zeit eine 24,14 In dieser Zeit wird »das Evan-
besondere Mission haben. gelium des Reiches« weltweit verkündigt,
Viele werden lieber widerrufen, als »allen Nationen zu einem Zeugnis«. Wie
zu leiden und zu sterben. Familienange- wir in den Bemerkungen zu 4,23 schon
hörige werden ihre eigenen Verwandten erklärt haben, ist »das Evangelium des
denunzieren und sie in die Hand ihrer Reiches« die gute Nachricht, dass Chris-
Verfolger überliefern. tus kommt, um sein Reich auf Erden zu
24,11 »Viele falsche Propheten« wer- errichten, und dass diejenigen, die ihn
den erscheinen und viele Menschen ver- während der Drangsal im Glauben an-
führen. Man darf sie nicht mit den fal- nehmen, die Segnungen seines Tausend-
schen Messiassen in Vers 5 verwechseln. jährigen Reiches genießen werden.
Falsche Propheten behaupten, im Namen Vers 14 wird oft missbraucht, um
Gottes zu reden. Sie können auf zweierlei zu beweisen, dass Christus nicht jeder-
Weise geprüft werden: Ihre Prophezeiun- zeit wiederkommen kann, um seine Ge-
gen treffen nicht immer ein, und ihre Pre- meinde zu sich zu nehmen, weil so viele
digt lenkt die Menschen immer vom wah- Völker und Stämme das Evangelium
ren Gott weg. Die Erwähnung falscher noch nicht gehört haben. Die Schwierig-
Propheten bestätigt unsere Behauptung, keit entfällt, wenn wir erkennen, dass sich
dass die Drangsal sich im Wesentlichen dies auf sein Kommen mit seinen Heili-
auf Juden bezieht. Falsche Propheten gen und nicht für seine Heiligen bezieht.
gehören zu Israel, in der Gemeinde da­ Außerdem bezieht sich der Vers auf das
137 Matthäus 24

Evangelium des Reiches, nicht auf das kehren, um seinen Mantel zu holen«, wo
Evangelium von der Gnade Gottes (s. An- immer er liegen mag. Schwangere und
merkungen zu Kap. 4,23). Stillende werden sehr benachteiligt sein,
Es gibt eine erstaunliche Parallele da es für sie schwierig ist, schnell zu flie-
zwischen den Vorgängen in den Versen hen.
3-14 und denen in Offenbarung 6,1-11. 24,20 Die Gläubigen sollen beten, dass
Der Reiter auf dem weißen Pferd – »fal- diese Krise nicht in den Winter fällt, wo es
sche Messiasse«. Der Reiter auf dem schwierig ist zu reisen, und auch nicht auf
roten Pferd – »Kriege«. Der Reiter auf dem einen Sabbat, weil an diesem Tag ihre Rei-
schwarzen Pferd – »Hungersnot«. Der Rei- sedistanz durch das Gesetz beschränkt ist
ter auf dem fahlen Pferd – Tod. Die See- (2. Mose  16,29). Ein Sabbatweg wäre für
len unter dem Altar sind die Märtyrer. sie nicht genug, um aus der Gefahren-
Die Vorgänge, die in Offenbarung 6,12-17 zone zu kommen.
beschrieben werden, sind mit denen in 24,21 »Denn dann wird große Be-
Matthäus 24,19-31 eng verbunden. drängnis sein, wie sie von Anfang der
Welt bis jetzt nicht gewesen ist und
C. Die Große Trübsal (24,15-28) auch nie sein wird.« Diese Beschreibung
24,15 Hier haben wir die Mitte der Trüb- nimmt diese Zeit von allen Zeiten aus, die
salszeit erreicht. Wir sehen dies, wenn wir wir bisher erlebt haben: Inquisition, Po-
Vers 15 mit Daniel 9,27 vergleichen. Da- grome, Säuberungsaktionen, Massaker
niel sagte voraus, dass in der Mitte der und Völkermorde. Diese Prophezeiung
siebzigsten Woche, das heißt nach drei- kann sich nicht durch eine der bisherigen
einhalb Jahren, ein Götzenbild im Hei- Verfolgungen erfüllt haben, weil klar aus-
ligtum, d. h. im Tempel von Jerusalem, gesagt ist, dass diese Zeit mit der Wieder-
errichtet werden wird. Allen Menschen kunft Christi endet.
wird befohlen werden, dieses abscheu- 24,22 Die Trübsal wird so schwer sein,
liche Götzenbild zu verehren. Wer sich dass, »wenn jene Tage nicht verkürzt
weigert, wird mit dem Tode bestraft wer- würden«, kein Mensch überleben würde.
den (Offb 13,15). Das kann nicht bedeuten, dass die Große
»Wenn ihr nun den Gräuel der Ver- Trübsal, von der so oft gesagt wird, dass
wüstung, von dem durch Daniel, den sie dreieinhalb Jahre andauert, kürzer ge-
Propheten, geredet ist, an heiliger Stätte macht wird. Es bedeutet wahrscheinlich,
stehen seht – wer es liest, der merke auf!« dass Gott auf wunderbare Weise die Zeit
Die Errichtung des Götzenbildes ist ein des Tageslichtes verkürzen wird – wäh-
Signal für diejenigen, die das Wort Gottes rend der die meisten Morde und Kämpfe
kennen, dass die Große Trübsal begonnen stattfinden. »Um der Auserwählten wil-
hat. Man beachte, dass der Herr möchte, len« (diejenigen, die Jesus angenommen
dass diejenigen, die die Prophezeiung le- haben) wird der Herr die Fluchtmöglich-
sen, sie auch »verstehen« (Anmerkung El- keit in längerer Dunkelheit schaffen.
berfelder Bibel). 24,23-26 Die Verse 23 und 24 enthal-
24,16 Wer dann »in Judäa« ist, soll ten eine erneute Warnung vor falschen
»auf die Berge fliehen«, weil man in Jeru- Messiassen und falschen Propheten. In
salem und Umgebung schnell entdecken einer Zeit der Krise werden viele Ge-
würde, dass sich die Betreffenden vor rüchte umgehen, dass der Messias sich
dem Götzenbild nicht beugen wollen. an einem geheimen Ort aufhält. Sol-
24,17-19 Das soll in äußerster Eile ge- che Gerüchte könnten benutzt werden,
schehen. Wenn jemand auf dem Dach um diejenigen in die Falle zu locken, die
sitzt, so soll er all seinen Besitz zurück- ernsthaft und voller Liebe nach Christus
lassen. Die Zeit, die er bräuchte, um seine Ausschau halten. Deshalb warnt der Herr
Habe zusammenzupacken, kann zwi- alle Jünger davor, solche Berichte von ei-
schen Tod und Leben entscheiden. Wer ner örtlichen, geheimen Wiederkunft zu
auf dem Feld arbeitet, »soll nicht zurück- glauben. Sogar diejenigen, die offensicht-
Matthäus 24 138

lich Wunder tun, sind nicht notwendi- und Erdspalten entstehen. Seen würden er-
gerweise von Gott gesandt, denn Wun- schüttert und geleert werden, Flüsse würden
der können auch satanischen Ursprungs neue Betten suchen, und große Landflächen
sein. Der Mensch der Sünde wird sata- mit allen Bewohnern würden im Meer ver-
nische Macht erhalten, damit er Wunder sinken. Wälder würden brennen, Stürme und
tun kann (2. Thess 2,9.10). Meeresmassen würden sie aus dem Boden rei-
24,27 Die Wiederkunft Christi kann ßen, auf dem sie gewachsen sind, und sie mit
niemand verpassen – sie wird plötzlich, Ästen und Wurzeln zu hohen Bergen auftür-
offen, allumfassend und herrlich sein. men. Seen würden zu Wüsten, weil ihr Was-
Wie der Blitz wird sie gleichzeitig und ser abfließen würde.45
deutlich für alle sichtbar sein. 24,30 »Und dann wird das Zeichen
24,28 Keine moralische Verdorbenheit des Sohnes des Menschen am Himmel er-
wird seinem Zorn und Gericht entgehen scheinen.« Uns wird nicht gesagt, welches
können. »Wo das Aas ist, da werden sich Zeichen das sein wird. Sein erstes Kom-
die Adler versammeln.« Die Kadaver ste- men auf Erden war von einem Himmels-
hen für das abgefallene Juden- und Chris- zeichen begleitet, dem Stern. Vielleicht
tentum sowie das gesamte Weltsystem, wird auch ein wunderbarer Stern sein
das sich gegen Gott und seinen Christus zweites Kommen ankündigen. Einige
vereinigt hat. Die Adler oder Geier sind sind der Auffassung, dass der Sohn des
Bilder der Gerichte Gottes, die im Zusam- Menschen selbst das Zeichen sein wird.
menhang mit der Wiederkunft des Mes- Was immer damit gemeint ist, es wird
sias entfacht werden. für alle eindeutig sein, wenn es erscheint.
»Dann werden wehklagen alle Stämme
D. Die Wiederkunft (24,29-31) des Landes« – zweifellos deshalb, weil
24,29 Am Ende der Großen Trübsal wird sie ihn abgelehnt haben. Aber in erster Li-
es am Himmel beängstigende Erschei- nie werden die Stämme des Landes46 weh-
nungen geben. Die Sonne wird »verfins- klagen – die zwölf Stämme Israels. »…
tert«, und da der Mond sein Licht von und sie werden auf mich blicken, den sie
der Sonne erhält, wird auch er nicht mehr durchbohrt haben, und werden über ihn
scheinen. »Die Sterne werden vom Him- wehklagen, wie man über den einzigen
mel fallen«, und Planeten werden ihre Sohn wehklagt, und werden bitter über
Bahnen verlassen. Es ist nicht notwendig ihn weinen, wie man bitter über den Erst-
zu erwähnen, dass solch ein Aufruhr im geborenen weint« (Sach 12,10).
Weltall das Wetter, die Gezeiten und Jah- Dann werden sie »den Sohn des Men-
reszeiten auf der Erde beeinflussen wird. schen kommen sehen auf den Wolken des
Eine schwache Vorstellung dieser Himmels mit großer Macht und Herrlich-
Vorgänge mag uns eine Beschreibung der keit«. Welch ein wunderbarer Augenblick!
Ereignisse geben, die geschehen würden, Der Eine, der angespuckt und gekreuzigt
wenn ein Himmelskörper die Erde tref- worden ist, wird vor den Menschen als
fen und die Erdachse verschieben würde. Herr des Lebens und der Herrlichkeit ge-
Sofort würde ein Erdbeben die Erde er- rechtfertigt werden. Der demü­tige und
schüttern, Luft und Wasser würden sich bescheidene Jesus wird als Jahwe selbst
durch die Trägheit weiterbewegen, Hurrikans erscheinen. Das Opferlamm kommt als
würden über Land und Meer fegen, das Meer der erobernde Löwe. Der verachtete Zim-
würde die Kontinente überfluten und dabei mermann aus Nazareth wird als König
Sand, Steine und Meerestiere mit sich füh- der Könige und Herr der Herren kom-
ren und an Land werfen. Überall würde Rei- men. Er wird in königlicher Macht und
bungshitze entstehen, Felsen schmelzen, Vul- Herrlichkeit kommen – der Augenblick,
kane ausbrechen, Lava aus Erdspalten treten auf den die Schöpfung seit Tausenden
und große Gebiete bedecken. Berge würden von Jahren sehnsüchtig gewartet hat.
in Ebenen entstehen und sich über andere 24,31 Wenn er herabkommt, dann
Berge schieben; dabei würden Verwerfungen wird er »seine Engel aussenden mit star-
139 Matthäus 24

kem Posaunenschall, und sie werden les geschehen ist.« »Dieses Geschlecht«
seine Auserwählten versammeln« – die kann nicht die Menschen bedeuten, die
Angehörigen des gläubigen Israel, die in lebten, als Christus auf der Erde war, denn
das Land Palästina kommen. Von den En- sie sind alle gestorben, obwohl die Ereig-
den der Erde werden sie sich versammeln, nisse von Kapitel 24 noch nicht stattgefun-
um ihren Messias zu empfangen und den haben. Was meinte unser Herr nun
seine herrliche Herrschaft zu genießen. mit dem Ausdruck »dieses Geschlecht«?
Es gibt zwei plausible Erklärungen:
E. Das Gleichnis vom Feigenbaum F. W. Grant und andere glauben, dass
(24,32-35) der folgende Gedanke dahintersteht: »Die
24,32 »Von dem Feigenbaum aber lernt Generation, die die Anfänge hiervon er-
das Gleichnis.« Wieder benutzt der Herr lebt, wird auch das Ende erleben.«47 Die
ein Bild aus der Natur, um eine geist- gleichen Menschen, die sehen, wie Israel
liche Wahrheit zu verdeutlichen. Wenn seine Eigenstaatlichkeit zurück­ gewinnt
die Zweige am Feigenbaum grün und (oder die den Anfang der Trübsal er­­
»weich geworden« sind, »so erkennt ihr, leben), werden auch den Herrn Jesus in
dass der Sommer nahe ist«. Wir haben ge- den Wolken des Himmels kommen se-
sehen, dass der Feigenbaum ein Bild für hen, wenn er als Herrscher erscheint.
das Volk Israel ist (21,18-22). Hunderte Die andere Erklärung ist, dass »Ge-
von Jahren hat Israel geschlafen, hatte schlecht« so viel wie Rasse bedeutet. Das
keine eigene Regierung, kein Land, kei- ist eine gerechtfertigte Übersetzung des
nen Tempel und keine Priesterschaft – es griechischen Wortes, es bedeutet so viel
gab kein Zeichen für seine Staatlichkeit. wie Menschen der gleichen Art, Herkunft
Die Israeliten sind über die ganze Welt oder Familie (s. Matth 12,45; 23,35.36).
verstreut worden. Demnach sagte Jesus voraus, dass die jü-
Dann, 1948, wurde Israel wieder ein dische Rasse überleben würde, um die
Volk mit einem eigenen Land, mit eige- Vollendung von all diesem zu erleben.
ner Regierung, eigener Währung, eige- Ihr Überleben bis heute, trotz schärfs-
nen Briefmarken usw. Geistlich ist die- ter Verfolgungen, ist ein Wunder der Ge-
ses Volk noch immer verwüstet und kalt, schichte.
es gibt keine Frucht für Gott. Aber natio- Aber ich meine, es gibt hier noch ei-
nal gesehen können wir sagen, sind seine nen weiteren Gedanken. In den Tagen
Zweige grün und weich. Jesu war »dieses Geschlecht« eine Rasse,
24,33 »So sollt auch ihr, wenn ihr dies die sich standhaft weigerte, ihn als Mes-
alles seht, erkennen, dass es nahe an der sias anzuerkennen. Ich denke, er sagte
Tür ist.« Israels Grünen zu einem eigenen vor­aus, dass das Volk Israel so lange in
Staat bedeutet nicht nur, dass die Trübsal, seiner ablehnenden Haltung ihm gegen-
sondern der Herr selbst nahe ist, »nahe an über verharren würde, bis er wieder-
der Tür«! käme. Dann würde alle Auflehnung ge-
Wenn das Kommen Christi zur Herr- brochen werden, und nur diejenigen, die
schaft so nahe ist, wie viel näher ist dann sich willentlich seiner Herrschaft unter-
die bevorstehende Entrückung der Ge- werfen, werden verschont, um in das Tau-
meinde? Wenn wir schon die Schatten sendjährige Reich zu gelangen.
der Ereignisse sehen, die seiner Wieder- 24,35 Um den unfehlbaren Charak-
kunft in Herrlichkeit vorausgehen, wie ter seiner Voraussagen zu unterstreichen,
viel näher sind wir dann der ersten Phase fügte Jesus hinzu: »Der Himmel und die
seiner Parusie, d. h. seiner Wiederkunft Erde werden vergehen, meine Worte
(1. Thess 4,13-18)? aber sollen nicht vergehen.« Indem er da-
24,34 Nachdem Jesus auf den Feigen- von sprach, dass der Himmel vergehen
baum hingewiesen hatte, fügte er hinzu: würde, bezog er sich auf den Himmel,
»Wahrlich, ich sage euch: Dieses Ge- wie wir ihn sehen: unsere Atmosphäre
schlecht wird nicht vergehen, bis dies al- und das Weltall – das blaue Firmament
Matthäus 24 140

über uns; nicht jedoch auf den Himmel jährige Reich eingeht. »Zwei Frauen wer-
als die Wohnstätte Gottes (2. Kor 12,2-4). den an dem Mühlstein mahlen«, doch sie
Das Vergehen von Himmel und Erde ist werden sofort getrennt. Eine wird durch
in 2. Petrus 3,10-13 beschrieben und noch- die Flut des Gerichtes weggeschwemmt,
mals in Offenbarung 20,11 erwähnt. die andere wird dort bleiben dürfen, um
die Segnungen der Herrschaft Christi zu
F. Tag und Stunde sind unbekannt erfahren. (Die Verse 40 und 41 werden oft
(24,36-44) als eine Warnung für die Unerretteten in
24,36 Was den genauen Tag und die ge- Bezug auf die Entrückung benutzt – jene
naue Stunde seines zweiten Kommens erste Phase des Kommens Christi, wenn
angeht, so »weiß niemand, auch nicht die er alle Gläubigen in den Himmel nimmt
Engel in den Himmeln48, sondern der Va- und die Ungläubigen zum Gericht zu-
ter allein« davon. Das sollte uns vor der rücklässt. Das mag zwar eine mögliche
Versuchung bewahren, Daten zu berech- Anwendung des Abschnittes sein, doch
nen oder denen zu glauben, die das tun. der Zusammenhang macht hier deutlich,
Wir sind nicht erstaunt, dass die Engel dass die Auslegung etwas mit dem Kom-
es nicht wissen; sie sind begrenzte Ge- men Christi zur Herrschaft zu tun hat.)
schöpfe mit ebenso begrenztem Wissen. 24,42-44 In Anbetracht der Unsicher-
Während diejenigen, die vor der Wie- heit, wann Jesus wiederkommt, werden
derkunft Christi leben, den Tag oder die die Menschen zum Wachen auf­gefordert.
Stunde nicht kennen werden, scheint es Wenn jemand weiß, dass in sein Haus ein-
doch möglich zu sein, dass diejenigen, gebrochen werden soll, dann wird er be-
die mit der Prophetie vertraut sind, das reit sein, auch wenn er die genaue Zeit
Jahr herausfinden könnten. Sie werden nicht kennt. Der Sohn des Menschen wird
zum Beispiel wissen, dass es noch etwa dann wiederkommen, wenn die Masse
dreieinhalb Jahre dauern wird, nachdem der Menschen ihn am wenigsten erwar-
das Götzenbild im Tempel errichtet wor- tet. Deshalb sollte sein Volk jederzeit be-
den ist (Dan 9,27; s. a. Dan 7,25; 12,7.11; reit sein und ihm erwartungsvoll ent­
Offb 11,2.3; 12,14; 13,5). gegensehen.
24,37-39 In diesen Tagen werden je-
doch die meisten Menschen, genau wie G. Das Gleichnis vom treuen und
zur Zeit Noahs, gleichgültig sein. Obwohl untreuen Knecht (24,45-51)
die Menschen in der Zeit vor der Flut 24,45-47 Im letzten Teil dieses Kapitels
schrecklich verdorben waren, wird dieser zeigt der Herr Jesus, dass ein Knecht
Umstand hier nicht weiter erwähnt. Die durch sein Verhalten angesichts der
Menschen »aßen, sie tranken, sie heirate- Rückkehr seines Herrn seinen wahren
ten und ließen sich heiraten« (LU 1984), Charakter offenbart. Alle Knechte sollen
mit anderen Worten, sie lebten so, als ob den Angehörigen der Hausgemeinschaft
sie ewig leben würden. Obwohl sie vor zur rechten Zeit Speise geben. Aber nicht
der kommenden Flut gewarnt worden alle, die bekennen, Christi Knechte zu
waren, lebten sie, als ob ihnen die Flut sein, sind es wirklich.
nichts anhaben könne. Als sie dann kam, Der treue Knecht ist einer, der zur Zeit
waren sie unvorbereitet und außerhalb der Wiederkunft bei der Fürsorge für Got-
des einzigen sicheren Ortes, der Arche. tes Volk gefunden wird. Solch ein Knecht
Genauso wird es sein, wenn Christus wie- wird im Reich mit großer Verantwortung
derkommen wird. Nur diejenigen, die in geehrt werden. Der Herr »wird ihn über
Christus sind, in der sicheren Arche, wer- seine ganze Habe setzen«.
den gerettet werden. 24,48-51 Der böse Knecht stellt den
24,40.41 »Dann werden zwei auf dem Namenschristen dar, dessen Verhalten
Feld sein, einer wird genommen« werden durch die Aussicht auf die Wiederkunft
und ins Gericht kommen, der andere wird seines Herrn nicht beeinflusst wird. Er
»gelassen« werden, damit er ins Tausend- fängt an, »seine Mitknechte zu schlagen,
141 Matthäus 24 und 25

und isst und trinkt mit den Betrunkenen«. 25,7-9 »Da standen alle jene Jung-
Solches Verhalten zeigt, dass er nicht für frauen auf und schmückten ihre Lam-
das Reich vorbereitet ist. Wenn der König pen«, denn alle wollten bereit sein. Die
kommt, wird er ihn bestrafen und »ihm törichten jedoch, denen das Öl fehlte,
sein Teil festsetzen bei den Heuchlern«, baten die anderen, ihnen etwas abzuge-
wo die Menschen weinen und mit den ben, doch diese sandten sie hin, selbst
Zähnen knirschen. Öl zu kaufen. Die Weigerung der Klu-
Dieses Gleichnis bezieht sich dar­auf, gen scheint selbstsüchtig zu sein, aber im
dass Christus als Messiaskönig sicht­bar geistlichen Bereich kann niemand dem
auf die Erde wiederkommt. Aber das anderen den Geist geben. Natürlich kann
Prinzip gilt auch für die Entrückung. der Geist nicht gekauft werden, aber die
Viele Namenschristen zeigen durch ihre Bibel verwendet hier das sprachliche Bild
Feindschaft gegen das Volk Gottes und des Kaufens der Erlösung ohne Geld und
ihre Verbrüderung mit den Gott­ losen, ohne Preis.
dass sie nicht auf die Wiederkunft Christi 25,10-12 Während die törichten Jung-
warten. Für sie wird das Kommen Christi frauen fort waren, »kam der Bräutigam«.
Gericht und nicht Segen bedeuten. Die syrische Bibelübersetzung und die
Vulgata sagen hier, dass er mit seiner
H. Das Gleichnis von den zehn Braut kam. Das passt ausgezeichnet in das
Jungfrauen (25,1-13) prophetische Bild. Der Herr Jesus wird
25,1-5 Das erste Wort, »dann«, weist auf von seiner Hochzeit mit seiner Braut, der
Kapitel 24 zurück und zeigt, dass die- Gemeinde, zurückkehren (1. Thess  3,13).
ses Gleichnis seinen Platz in der Zeit vor (Die Hochzeit findet im Himmel nach der
und während der Wiederkunft des Kö- Entrückung statt; s. Offb 19,7; 21,2.9.) Der
nigs auf die Erde hat. Jesus vergleicht das treue Überrest der Heiligen der Trübsals-
Reich der Himmel zu dieser Zeit »mit zeit wird mit ihm zum Hochzeitsfest ge-
zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nah- hen. Das Hochzeitsfest ist eine passende
men und hinausgingen, dem Bräutigam Bezeichnung der Freude und der Seg-
entgegen. Fünf aber von ihnen waren … nungen des irdischen Reiches Christi. Die
klug« und hatten Öl für ihre Lampen, die klugen Jungfrauen »gingen mit ihm hin-
anderen hatten keines. Während sie war- ein zur Hochzeit; und die Tür wurde ver-
teten, schliefen alle ein. schlossen«. Es ist dann für alle anderen
Die fünf klugen Jungfrauen stehen für zu spät, in das Reich zu gelangen. Als die
die wahren Jünger Christi während der anderen Jungfrauen kamen und hinein­
Trübsal. Die Lampen sprechen vom Be- wollten, betonte der Bräutigam, dass er sie
kenntnis, wobei das Öl allgemein als Bild nicht kenne – ein deutliches Zeichen da-
des Heiligen Geistes gesehen wird. Die für, dass sie nie wiedergeboren wurden.
törichten Jungfrauen verkörpern diejeni- 25,13 Die Lehre, die wir nach Jesu
gen, die vorgeben, an der messianischen Worten aus diesem Gleichnis ziehen sol-
Hoffnung festzuhalten, sich aber nie be- len, heißt: Wir sollen wachen, weil Tag
kehrten und deshalb den Heiligen Geist und Stunde seines Kommens unbekannt
nicht haben. Der Bräutigam ist Christus, sind. Die Gläubigen sollten leben, als ob
der König; die Zeit des Wartens ist die der Herr jeden Augenblick zurückkom-
Zeit zwischen seinen beiden Kommen. men würde. Sind unsere Lampen ge-
Die Tatsache, dass alle zehn Jungfrauen schmückt und mit Öl gefüllt?
schliefen, zeigt, dass es äußerlich kaum
einen Unterschied zwischen beiden gab. I. Das Gleichnis von den
25,6 Um Mitternacht wurde der Bräu- anvertrauten Talenten (25,14-30)
tigam angekündigt. Im vorhergehenden 25,14-18 Auch dieses Gleichnis lehrt, dass
Kapitel haben wir gesehen, dass seine An- es treue und untreue Knechte gibt, wenn
kunft durch erschreckende Zeichen ange- der Herr zurückkehrt. In der Geschichte
kündigt wird. geht es um einen Mann, der seine Knechte
Matthäus 25 142

zusammenrief, ehe er auf eine lange Reise von seinem Herrn dachte, warum hatte
ging, und jedem einen bestimmten Geld- er das Geld nicht auf der Bank angelegt,
betrag gab, »einem jeden nach seiner eige- um wenigstens Zinsen zu erwirtschaften?
nen Fähigkeit«. Einer erhielt fünf Talente, Ganz nebenbei zeigt der Meister in V. 26,
ein anderer zwei und der letzte eines. Sie dass er die gegen ihn gerichteten Ankla-
sollten mit diesem Geld arbeiten, damit es gen nicht gelten lässt. Vielmehr sagt er
für den Herrn Gewinn brächte. Der Mann im Grunde: »Wenn du meinst, ich sei ein
mit den fünf Talenten gewann »andere solcher Meister, dann hättest du weitaus
fünf Talente« hinzu. Auch der Mann mit mehr Grund gehabt, mit dem Talent zu
den zwei Talenten konnte das Kapital ver- arbeiten. Deine Worte verurteilen dich,
doppeln. Aber der Mann mit dem einen statt dich zu entschuldigen.«
Talent vergrub das Geld seines Herrn. 25,28.29 Wenn dieser Mann ebenso
Man kann leicht erkennen, dass Chris- ein Talent mit seinem Talent erwirtschaf-
tus der Herr der Knechte ist und sich die tet hätte, so hätte er dasselbe Lob wie die
lange Reise auf die Zeit zwischen seiner anderen erhalten. So aber hatte er nur ein
Entrückung und Wiederkunft bezieht. Loch im Boden vorzuweisen! Das Talent
Die drei Knechte sind Israeliten, die wäh- wurde ihm genommen und demjenigen
rend der Trübsal leben und dafür ver- gegeben, der zehn Talente hatte. Das ent-
antwortlich sind, die Interessen des ab­­ spricht einem festen geistlichen Gesetz:
wesenden Herrn zu vertreten. Ihnen wird »Jedem, der hat, wird gegeben und über-
Verantwortung entsprechend ihren per- reichlich gewährt werden; von dem aber,
sönlichen Fähigkeiten übertragen. der nicht hat, von dem wird selbst, was er
25,19-23 »Nach langer Zeit aber hat, weggenommen werden.« Diejenigen,
kommt der Herr jener Knechte und rech- die sich für die Ehre Gottes einsetzen wol-
net mit ihnen ab.« Das ist ein Bild für die len, werden auch die Mittel dazu empfan-
Wiederkunft des Herrn. Die beiden ersten gen. Je mehr sie tun, desto mehr werden
bekommen exakt das gleiche Lob: »Recht sie auch befähigt, für Gott zu wirken. An-
so, du guter und treuer Knecht! Über we- dererseits verlieren wir, was wir nicht
niges warst du treu, über vieles werde ich nutzen. Unfruchtbarkeit ist der Lohn für
dich setzen; geh hinein in die Freude dei- Trägheit.
nes Herrn.« Es ging in ihrem Dienst nicht Die in V. 27 erwähnten »Wechsler«
so sehr darum, wie viel sie verdient hat- stehen für Menschen, denen wir unseren
ten, sondern darum, wie sehr sie sich an- Besitz geben sollten, wenn wir ihn nicht
gestrengt hatten. Jeder hatte alle seine Fä- selbst für den Herrn verwenden können.
higkeiten eingesetzt und hundert Prozent Die Wechsler sind in diesem Fall Missio-
Gewinn gemacht. Diese beiden stehen für nare, Bibelgesellschaften, christliche Ver-
die wahren Gläubigen, deren Belohnung lage, Gesellschaften, die biblische Bot-
die Segnungen des messianischen Rei- schaften im Radio verbreiten, usw. In
ches sein werden. einer Welt wie der unseren gibt es keine
25,24.25 Der dritte Knecht hatte sei- Entschuldigung dafür, Geld nicht arbei-
nem Herrn nichts als Beleidigungen und ten zu lassen. Pierson empfiehlt:
Ausreden zu bieten. Er klagte ihn an, hart Ängstliche Menschen, die für den muti-
und unvernünftig zu sein: »Du erntest, gen und unabhängigen Dienst im Reich des
wo du nicht gesät, und sammelst, wo du Herrn nicht geeignet sind, können ihre man-
nicht ausgestreut hast.« Er entschuldigte gelnden Fähigkeiten mit dem Mut und der
sich, dass er, vor Angst gelähmt, das Ta- Weisheit anderer verbinden, die ihre Gaben
lent vergraben hatte. Dieser Knecht war und ihren Besitz für den Herrn und seine Ge-
zweifellos ungläubig, denn kein echter meinde verwenden … Der Verwalter hat Geld
Knecht des Herrn würde solche Gedan- oder andere Gaben, die von Nutzen sein kön-
ken über seinen Herrn haben. nen, aber er hat nicht genug Glauben, Voraus-
25,26.27 Sein Herr tadelte ihn, dass sicht, praktische Energie und Weisheit. Die
er böse und faul sei. Wenn er schon so »Wechsler« des Herrn können ihm zeigen, wie
143 Matthäus 25

sie für den Herrn Gewinn machen können … den Gruppen, über die Christus zu Ge-
Die Gemeinde existiert teilweise dadurch, richt sitzt, sind die Nationen, die wäh-
dass die Kraft eines Gliedes der Schwachheit rend der Trübsal leben. Die dritte Gruppe
eines anderen aufhilft, und durch die Zusam- besteht aus den treuen jüdischen Brüdern
menarbeit aller kann die Stärke des Gerings- Christi während der Drangsal, die sich
ten und Schwächsten verstärkt werden.49 weigern, trotz der zunehmenden Verfol-
25,30 Der »unnütze Knecht« wurde gung seinen Namen zu verleugnen.
hinausgeworfen – vom Reich ausge- 25,33-40 Der König stellt »die Schafe
schlossen. Er teilte das schreckliche Ge- zu seiner Rechten, … die Böcke aber zur
schick der Verlorenen. Er wurde nicht für Linken«. Er bittet dann die Schafe in sein
die Tatsache verdammt, dass er das Geld Reich, das ihnen »bereitet ist von Grund-
nicht investiert hatte, sondern sein Man- legung der Welt an«. Als Grund wird
gel an guten Werken zeigte nur, dass er angegeben, dass sie ihn speisten, als er
den rettenden Glauben nicht hatte. Hunger hatte, ihm zu trinken gaben, als
er Durst hatte, ihn als Fremden aufnah-
J. Der König richtet die Nationen men, ihm Kleider gaben, als er nackt war,
(25,31-46) ihn während seiner Krankheit und im
25,31 Dieser Abschnitt beschreibt das Ge- Gefängnis besucht haben. Die gerechten
richt der Nationen, das vom Richterstuhl Schafe geben an, von all dem nichts zu
Christi und dem Gericht vor dem gro- wissen, da er doch zu ihrer Zeit gar nicht
ßen weißen Thron unterschieden werden auf der Erde gelebt hat. Er erklärt ihnen,
muss. dass sie, indem sie »einem der geringsten
Das Gericht des Richterstuhles dieser meiner Brüder« eine Freundlich-
Christi, wo nur die Gläubigen geprüft keit erwiesen, ihm selbst diese Freund-
und belohnt werden, liegt zeitlich nach lichkeit erwiesen haben. Was immer für
der Entrückung (Röm  14,10; 1. Kor  3,11- einen seiner Jünger getan wird, wird so
15; 2. Kor  5,9.10). Das Gericht vor dem belohnt, als habe man es ihm selbst getan.
großen weißen Thron findet in der Ewig- 25,41-45 Die ungerechten Böcke sollen
keit nach dem Tausendjährigen Reich von ihm weggehen »in das ewige Feuer,
statt. Die ungläubigen Toten werden dort das bereitet ist dem Teufel und seinen
gerichtet und dem Feuersee übergeben Engeln«, weil sie während der schreckli-
(Offb 20,11-15). chen Zeit der Bedrängnis Jakobs nicht für
Das Gericht der Nationen oder Hei- ihn gesorgt haben. Als sie sich selbst ent-
den (das griechische Wort kann bei- schuldigen, sie hätten ihn nie gesehen, er-
des bedeuten), findet auf der Erde statt, innert er sie, dass sie ihn selbst außer Acht
nachdem Christus wiedergekommen ist, ließen, indem sie seine Jünger vernachläs-
um zu regieren, wie Vers 31 unmissver- sigt haben.
ständlich sagt: »Wenn aber der Sohn des 25,46 So gehen die Böcke »zur ewigen
Menschen kommen wird in seiner Herr- Strafe«, die Schafe »aber in das ewige Le-
lichkeit und alle Engel mit ihm.« Wenn ben«. Dadurch tun sich jedoch zwei Pro-
wir recht in der Annahme gehen, es mit bleme auf. Erstens scheint dieser Ab-
der Prophezeiung aus Joel 4 gleichzuset- schnitt zu lehren, dass die Nationen in
zen, dann ist sein Ort das Tal Joschafat bei ihrer Gesamtheit gerettet werden oder ver-
Jerusalem (Joel 4,2). Die Nationen werden lorengehen. Zweitens erweckt die Erzäh-
danach gerichtet, wie sie Christi jüdische lung den Eindruck, die Schafe würden
Brüder während der Drangsal behandelt durch gute Werke gerettet werden und
haben (Joel 4,1.2.12-14; Matth 25,31-46). die Böcke deshalb verlorengehen, weil
25,32 Es ist wichtig festzuhalten, dass sie nichts Gutes getan haben. Zur ersten
hier drei Gruppen von Menschen erwähnt Schwierigkeit sollte man sich daran erin-
werden – Schafe, Böcke und Christi Brü- nern, dass Gott an ganzen Völkern han-
der (die von ihm erkauften Angehörigen delt. In der Geschichte des AT finden wir
des gläubigen Überrests). Die ersten bei- viele Beispiele, wo ganze Völker wegen
Matthäus 25 und 26 144

ihrer Sünde bestraft werden (Jes 10,12-19; lehnen, dann wählen sie damit zwangs-
47,5-15; Hes 25,6.7; Amos 1,3.6.9.11.13; läufig den Tod.
2,1.4.6; Ob 10; Sach 14,1-5). Es ist nicht Der zweite Punkt ist, dass der Herr
unvernünftig zu glauben, dass Völker Jesus vom »ewigen Feuer« sprach (V. 41),
auch später noch göttliche Vergeltung von »ewiger Strafe« (V. 46) und von »ewi-
erfahren. Das bedeutet nicht, dass jede gem Leben« (V. 46). Derselbe, der das
einzelne Person eines Volkes am Ergeb- ewige Leben lehrte, lehrte auch die ewige
nis beteiligt sein wird, sondern es wird Strafe. Weil dasselbe Wort für »ewig« be-
das Prinzip der göttlichen Gerechtigkeit nutzt wird, um beides zu beschreiben, ist
sowohl auf der Volks- als auch auf der es inkonsequent, wenn man das eine ohne
persönlichen Ebene angewandt. das andere akzeptiert. Wenn das Wort,
Das Wort ethnē, das in diesem Ab- das mit »ewig« übersetzt wird, nicht »für
schnitt mit »Nationen« übersetzt wird, immer« bedeutet, dann gibt es kein ande-
kann ebenso mit dem Wort »Heiden« res Wort mehr im Griechischen, das diese
übersetzt werden. Einige glauben, die- Bedeutung haben könnte. Aber wir wis-
ser Abschnitt beschreibe das Gericht ein- sen, dass es »ewig« bedeutet, weil das
zelner Heiden. Ob es um ganze Nationen Wort auch benutzt wird, um die Ewig-
oder Einzelne geht, es bleibt das Problem, keit Gottes zu beschreiben (1. Tim 1,17).
wie eine solch große Menschenmasse in Schließlich erinnert uns das Gericht
Israel vor dem Herrn versammelt werden der Heiden stark daran, dass Christus
kann. Vielleicht ist es das Beste, hier an und sein Volk eine Einheit sind; was sein
Repräsentanten von Nationen oder Men- Volk trifft, schmerzt auch ihn. Wir haben
schengruppen zu denken, die zum Ge- sehr viel Gelegenheit zu zeigen, dass wir
richt versammelt sind. ihn lieben, indem wir denen Freundlich-
Wenn wir das zweite Problem beden- keit erweisen, die ihn lieben.
ken, so ist festzuhalten, dass dieser Ab-
schnitt nicht dazu benutzt werden kann, XIV. Das Leiden des Königs und sein
die Erlösung durch Werke zu lehren. Tod (Kap. 26 und 27)
Das einheitliche Zeugnis der Bibel lautet,
dass Errettung durch den Glauben und A. Der Plan, Jesus zu töten (26,1-5)
nicht durch Werke geschieht (Eph 2,8.9). 26,1.2 Zum vierten und letzten Mal in
Aber die Bibel lehrt ebenso deutlich, diesem Evangelium kündigt unser Herr
dass wahrer Glaube gute Werke hervor- seinen Jüngern an, dass er sterben muss
bringt. Wenn es keine guten Werke gibt, (16,21; 17,23; 20,18). Seine Ankündigung
dann ist das ein Zeichen dafür, dass die- macht die enge zeitliche Beziehung zwi-
ser Mensch nie wiedergeboren wurde. schen dem Passah und seiner Kreuzigung
So müssen wir hier verstehen, dass die deutlich: »Ihr wisst, dass nach zwei Tagen
Heiden nicht gerettet werden, indem sie das Passah ist, und der Sohn des Men-
dem jüdischen Überrest Beistand erwie- schen wird überliefert, um gekreuzigt zu
sen haben, sondern erkennen, dass ihre werden.« In diesem Jahr würde das Pas-
Freundlichkeit in ihrer Liebe zum Herrn sah seine wahre Bedeutung erfahren. Das
wurzelt. Passahlamm war nun endlich angekom-
Drei andere Punkte sollten hier noch men und würde bald geschlachtet wer-
erwähnt werden. Erstens wird vom den.
Reich gesagt, dass es für die Gerechten 26,3-5 Sobald er diese Worte aus­
von Grundlegung der Welt an bereitsteht gesprochen hatte, »versammelten sich
(V. 34), während die Hölle für den Teufel die Hohenpriester und die Ältesten des
und seine Engel bereitet ist (V. 41). Got- Volkes in dem Hof des Hohenpriesters,
tes Wille ist es, dass Menschen gesegnet der Kaiphas hieß«, um ihr Vorgehen zu
werden, die Hölle ist ursprünglich nicht planen. Sie wollten, dass er heimlich er­
für Menschen geschaffen worden. Aber griffen und ermordet würde. Aber sie
wenn Menschen das Leben willentlich ab­ hielten es nicht für ratsam, dies während
145 Matthäus 26

des Festes geschehen zu lassen, weil das werden wird in der ganzen Welt, wird
Volk mit Gewalt auf seine Hinrichtung auch von dem geredet werden, was sie
reagieren könnte. Es ist unglaublich, dass getan hat, zu ihrem Gedächtnis.« Jede Tat,
die religiösen Führer Israels auch die­ die aus echter Anbetung geschieht, er-
jenigen waren, die den Tod ihres Messias füllt die Vorhöfe des Himmels mit Wohl-
planten. Sie hätten die Ersten sein sollen, geruch und ist im Gedächtnis des Herrn
die ihn erkannten und ihn auf den Thron unauslöschlich eingeprägt.
setzten. Stattdessen standen sie unter sei-
nen Feinden an vorderster Front. C. Der Verrat des Judas (26,14-16)
26,14.15 »Dann ging einer von den Zwöl-
B. Jesus wird in Betanien gesalbt fen« hin – einer der Jünger, die mit dem
(26,6-13) Herrn Jesus gelebt hatten, mit ihm ge-
26,6.7 Dieser Vorfall hebt sich wohltuend reist waren, seine Wunder gesehen hat-
vom Verrat der Priester, der Kleinlich- ten, seine unvergleichliche Lehre gehört
keit der Jünger und der Hinterlist des Ju- hatten und das Wunder seines sündlo-
das ab. »Als aber Jesus in Betanien war, sen Lebens gesehen hatten. Es war einer,
im Hause Simons, des Aussätzigen, kam den Jesus »mein Freund, auf den ich ver-
eine Frau« herein und goss ein Fläsch- traute, der mein Brot aß« nennen konnte
chen teuerstes Salböl über sein Haupt. (Ps 41,10) – es war derjenige, der seine
Die Kostbarkeit ihres Opfers drückte die Ferse gegen den Sohn Gottes erhob. Judas
Tiefe ihrer Hingabe an den Herrn Jesus Iskariot ging zu den Hohenpriestern und
aus, nämlich die Tatsache, dass ihr nichts kam mit ihnen überein, seinen Meister
zu gut für ihn war. für dreißig Silberlinge zu verkaufen. Die
26,8.9 Seine Jünger, und zwar Judas Priester bezahlten ihn sofort – eine lächer-
im Besonderen (Joh 12,4.5), sahen das liche Summe von höchstens 4000 Euro.
als unglaubliche Verschwendung an. Sie Es ist erschreckend, den Unterschied
dachten, dass das Geld besser den Armen zwischen der Frau, die Jesus im Haus des
hätte gegeben werden sollen. Simon gesalbt hatte, und Judas zu sehen.
26,10-12 Jesus korrigierte jedoch ihr Ihr war der Herr viel wert, Judas nur sehr
verzerrtes Denken. Die Tat dieser Frau wenig.
war keine Verschwendung, sondern die 26,16 Und so ging einer, der von Jesus
beste Verwendung. Und nicht nur das, nur Freundlichkeit erfahren hatte, hin,
sie tat es genau zur rechten Zeit. Den Ar- um seinen Teil des schrecklichen Han-
men kann immer geholfen werden. Aber dels zu erfüllen.
nur zu einer Zeit in der Weltgeschichte
konnte der Heiland für seine Grablegung D. Das letzte Passahmahl (26,17-25)
gesalbt werden. Dieser Moment war nun 26,17 Es war »am ersten Tag des Festes
gekommen, und gerade diese Frau hatte der ungesäuerten Brote« – eine Zeit, in
aufgrund ihrer geistlichen Unterschei- der in den jüdischen Häusern kein Sauer-
dungsgabe die entsprechende Gelegen- teig mehr vorhanden war. Welche Gedan-
heit ergriffen. Sie glaubte den Voraus- ken müssen dem Herrn durch den Kopf
sagen des Herrn über seinen Tod und gegangen sein, als er die Jünger nach
muss erkannt haben, dass sie ihm diesen Jerusalem sandte, um das Passah zu be-
Dienst jetzt oder nie mehr tun konnte. reiten. Jede Einzelheit dieses Mahles hatte
Wie sich herausstellte, hatte sie recht. Die- außerordentliche Bedeutung.
jenigen Frauen, die seinen Leib nach sei- 26,18-20 Jesus sandte die Jünger zu ei-
ner Grablegung salben wollten, wurden nem bestimmten, nicht mit Namen ge-
durch die Auferstehung daran gehindert nannten Mann, der sie zu dem Haus füh-
(Mk 16,1-6). ren würde, in dem er mit ihnen Passah
26,13 Der Herr machte ihre einfache feiern wollte. Vielleicht war die Unbe-
Liebestat unsterblich: »Wahrlich, ich sage stimmtheit der Anweisungen notwendig,
euch: Wo dieses Evangelium gepredigt um eventuelle Mithörer zu täuschen. Je-
Matthäus 26 146

denfalls sehen wir, wie gut Jesus einzelne es den Jüngern und sprach: Nehmt, esst,
Menschen kennt, wo sie sind und wie sehr dies ist mein Leib!« Weil sein Leib noch
sie gewillt sind, für ihn zu arbeiten. Man nicht am Kreuz hingegeben war, ist es ein-
beachte seine Worte: »Der Lehrer sagt: deutig, dass er hier sinnbildlich spricht, er
Meine Zeit ist nahe; bei dir halte ich das benutzt das Brot als Symbol seines Leibes.
Passah mit meinen Jüngern.« Er ging sei- 26,27.28 Das Gleiche gilt für den
nem Tod mit Haltung ent­gegen. In voll­ Kelch; das Behältnis steht hier für seinen
kommener Ruhe bereitete er das Mahl Inhalt. Der Kelch enthielt die Frucht des
vor. Welch ein Vorrecht für diesen uns Weinstocks, die wiederum ein Symbol
unbekannten Mann, sein Haus für dieses für das »Blut des Bundes« war. Der neue
letzte Passah zur Verfügung zu stellen! Bund der Gnade, der ohne Voraussetzun-
26,21-24 Als sie aßen, machte Jesus die gen geschlossen wurde, würde durch sein
schockierende Ankündigung, dass einer kostbares Blut unterzeichnet werden, das
aus ihrer Mitte ihn verraten würde. Die er für viele zur Vergebung der Sünden
Jünger waren von Sorge, Verdruss und vergießen würde. Sein Blut reichte aus,
Selbstmisstrauen erfüllt. Jeder fragte: »Ich um für alle Sündenvergebung zu schaf-
bin es doch nicht, Herr?« Als alle außer fen. Aber hier sagt er, es würde für viele
Judas gefragt hatten, sagte Jesus ihnen, vergossen, weil es sich nur für diejenigen
dass es derjenige wäre, der mit ihm die auswirkt, die daran glauben.
Hand in die Schüssel eintauchen würde. 26,29 Dann erinnerte der Heiland
Dann nahm der Herr ein Stück Brot, seine Jünger daran, dass er »von nun
tauchte es in den Fleischsaft und gab es an nicht mehr von diesem Gewächs des
Judas (Joh 13,26) – ein Zeichen besonde- Weinstocks trinken werde«, bis er zur
rer Zuneigung und Freundschaft. Er er- Erde zurückkommt, um zu herrschen.
innerte sie daran, dass sich nicht vermei- Dann hat der Wein eine neue Bedeutung,
den ließ, was mit ihm geschehen würde. er spricht dann von der Freude und dem
Aber das befreite den Verräter nicht von Segen des Reiches seines Vaters.
seiner Verantwortung. Es wäre besser für Oft wurde die Frage gestellt, ob man
ihn, »wenn er nicht geboren wäre«. Judas zum Herrenmahl gesäuertes oder un­
entschied sich in vollem Bewusstsein, den gesäuertes Brot verwenden solle, Trau-
Heiland zu verraten, und war deshalb für bensaft oder Wein. Es gibt kaum Zweifel
sein Handeln voll verantwortlich. daran, dass der Herr ungesäuertes Brot
26,25 Als Judas schließlich offen und vergorenen Traubensaft verwendet
fragte, ob er derjenige sei, antwortete hat (damals war jeder Traubensaft ver­
Jesus: »Du hast es gesagt.« goren, d. h. zu Wein geworden). Diejeni-
gen, die argumentieren, dass gesäuertes
E. Das erste Herrenmahl (26,26-29) Brot den Symbolcharakter zerstört (Sau-
In Johannes 13,30 sehen wir, dass Judas erteig als Bild der Sünde), sollten beden-
hinausging, als er das Brot erhalten hatte, ken, dass das Gleiche für die Gärung gilt.
und dass es Nacht war. Wir können dar- Es ist tragisch, wenn wir uns mit den ma­
aus schließen, dass er bei der Einsetzung teriellen Dingen beschäftigen, statt auf
des Herrenmahles nicht dabei war (ob- den Herrn selbst zu sehen. Paulus be-
wohl dieser Punkt recht umstritten ist). tonte, es gehe um die geistliche Bedeu-
26,26 Nachdem Jesus sein letztes Pas- tung des Brotes, nicht um das Brot an sich.
sah gegessen hatte, setzte er das Mahl ein, »Denn auch unser Passah, Christus, ist ge-
das wir unter dem Namen »Herrenmahl« schlachtet. Darum lasst uns Festfeier hal-
oder »Abendmahl« kennen. Die notwen- ten, nicht mit altem Sauerteig, auch nicht
digen Bestandteile – Brot und Wein – wa- mit Sauerteig der Bosheit und Schlechtig-
ren schon auf dem Tisch, weil sie auch keit, sondern mit Ungesäuertem der Lau-
zum Passahmahl gehörten. Jesus gab ih- terkeit und Wahrheit« (1. Kor  5,7.8). Es
nen nun eine neue Bedeutung. Zuerst geht nicht um den Sauer­teig im Brot, son-
»nahm Jesus Brot, segnete, brach und gab dern um den Sauerteig in unserem Leben!
147 Matthäus 26

F. Die selbstbewussten Jünger und den Wunsch zur Zurückhaltung. Wie


(26,30-35) Guy King schrieb: »Der überragende Cha-
26,30 Nach dem Herrenmahl sang die rakter des Ereignisses lässt einen fürch-
kleine Gruppe ein Loblied, wahrschein- ten, man könne es durch die Berührung
lich aus den Psalmen  113 – 118, dem irgendwie verderben.«
»Großen Hallel«. Dann verließen sie Jeru- 26,36-38 Nachdem Jesus den Garten
salem, überquerten den Kidron und stie- Gethsemane betreten hatte (Gethsemane
gen den Westhang des Ölberges zum bedeutet so viel wie Olivenpresse), be-
Garten Gethsemane hinauf. fahl er seinen elf Jüngern, sich mit ihm
26,31 Während seines ganzen irdi- niederzusetzen und zu warten. Dann
schen Dienstes hatte der Herr Jesus seine nahm er »Petrus und die zwei Söhne des
Jünger auf den vor ihnen liegenden Weg Zebedäus« weiter mit in den Garten hin-
nachdrücklich hingewiesen. Nun sagte ein. Könnte das bedeuten, dass verschie-
er ihnen, dass sie sich noch in dieser dene Jünger unterschiedlich fähig sind,
Nacht alle von ihm trennen würden. Die mit dem Herrn seine Todesangst mitzu-
Angst würde sie übermannen, sobald der fühlen?
Sturm losbrechen würde. Um ihre eigene Er »fing an, betrübt und geängstigt zu
Haut zu retten, würden sie ihren Meis- werden«. Er sagte Petrus, Jakobus und
ter verlassen. Die Prophezeiung Sachar- Johannes offen, dass seine Seele bis zum
jas würde sich erfüllen: »Schlage den Tod betrübt sei. Das war zweifellos der
Hirten, dass die Schafe sich zerstreuen« Abscheu, der seine heiligen Seele erfüllte,
(Sach 13,7). als er voraussah, was es für ihn bedeutete,
26,32 Aber er ließ sie nicht ohne Hoff- für uns das Sündopfer zu sein. Wir, die
nung. Obwohl sie sich ihrer Verbindung wir sündig sind, können nicht ermessen,
mit ihm schämen würden, würde er sie was es für ihn, den Sündlosen, bedeutet
doch nie verlassen. Nachdem er aus den haben mag, für uns zur Sünde gemacht
Toten auferweckt sein würde, würde er zu werden (2. Kor 5,21).
sie in Galiläa wiedertreffen. Welch ein 26,39 Es überrascht nicht, dass er die
wunderbarer Freund, der nie enttäuscht! drei verließ und »ein wenig weiter« in
26,33.34 Petrus wandte nun voreilig den Garten hineinging. Niemand konnte
ein, dass ihn zwar die anderen verlassen an seinem Leiden teilhaben oder mit sei-
würden, er selbst aber »niemals«. Jesus nen Worten beten: »Mein Vater, wenn es
korrigierte sein Vorpreschen (»niemals«): möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir
»In dieser Nacht … dreimal.« Ehe der vorüber! Doch nicht wie ich will, sondern
Hahn krähen würde, würde der impul- wie du willst.«
sive Jünger seinen Meister dreimal ver- Ehe wir denken, dass dieses Gebet
leugnet haben. Zögern oder die Bitte nach einem ande-
26,35 Aber Petrus bestand weiter auf ren Weg ausdrückt, sollten wir uns an
seiner Treue: er würde eher mit Christus Jesu Worte in Johannes 12,27.28 erinnern:
sterben, als ihn zu verleugnen. Alle ande- »Jetzt ist meine Seele bestürzt. Und was
ren Jünger schlossen sich seiner Meinung soll ich sagen? Vater, rette mich aus die-
an. Sie meinten es ehrlich, sie sagten, was ser Stunde? Doch darum bin ich in diese
sie dachten. Sie kannten eben nur ihre ei- Stunde gekommen. Vater, verherrliche
genen Herzen noch nicht richtig. deinen Namen!« Als er bat, dass dieser
Kelch an ihm vorübergehen möge, bat
G. Der Kampf in Gethsemane er nicht darum, nicht ans Kreuz zu müs-
(26,36-46) sen. Das war doch der Grund, warum er
Niemand kann diesen Bericht aus dem in diese Welt gekommen war!
Garten Gethsemane lesen, ohne zu mer- Bei diesem Gebet ging es nicht
ken, dass er heiliges Land betritt. Jeder, darum, eine Antwort zu erhalten, son-
der hier exegetische Anmerkungen ma- dern darum, uns etwas zu lehren. Jesus
chen will, verspürt eine enorme Ehrfurcht sagte im Grunde: »Mein Vater, wenn es
Matthäus 26 148

einen anderen Weg gibt, damit gottlose ten wir noch einmal innehalten und sein
Sünder gerettet werden können, als ans Schluchzen hören, seine Schmerzen be-
Kreuz zu gehen, dann offenbare das jetzt! denken und ihm von Herzen danken.
Aber bei allem soll deutlich werden, dass
ich nichts möchte, was deinem Willen zu- H. Jesus wird in Gethsemane verraten
widerläuft.« und gefangen genommen (26,47-56)
Wie lautete die Antwort? Es gab Der Verrat an dem Heiland durch eines
keine, der Himmel schwieg. Doch diese seiner eigenen Geschöpfe ist der größte
beredte Stille zeigt uns, es gab für Gott Widersinn der Geschichte. Wenn wir
keinen anderen Weg, um schuldige Sün- nicht um die Verdorbenheit des Men-
der zu rechtfertigen, als dass Christus, der schen wüssten, könnten wir uns diesen
sündlose Retter, an unserer Stelle starb. gemeinen, unentschuldbaren Verrat des
26,40.41 Als er zu den Jüngern zurück- Judas nicht erklären.
kam, schliefen sie. Ihr Geist zwar war wil- 26,47 Während Jesus noch redete, kam
lig, aber ihr Fleisch war schwach. Wir wa- Judas »und mit ihm eine große Menge mit
gen es nicht, sie zu verurteilen, wenn wir Schwertern und Stöcken«. Sicherlich wa-
an unser eigenes Gebetsleben denken, un- ren die Waffen nicht Judas’ Idee gewesen,
ser Schlaf ist meist besser als unser Ge- denn er hatte noch nie gesehen, dass sich
bet, und unsere Gedanken wandern um- der Herr gewehrt oder zurückgeschla-
her, wenn wir wachsam sein sollten. Wie gen hätte. Vielleicht bedeuteten die Waf-
oft muss der Herr zu uns das Gleiche sa- fen die Entschlossenheit der Hohenpries-
gen wie zu Petrus und den anderen zwei: ter und Ältesten, Jesus ohne Möglichkeit
»Also nicht eine Stunde konntet ihr mit des Entkommens zu fangen.
mir wachen? Wacht und betet, damit ihr 26,48 Judas wollte als Zeichen ei-
nicht in Versuchung kommt!« nen Kuss verwenden, damit der Mob Je-
26,42 »Wiederum, zum zweiten Mal, sus von seinen Jüngern unterscheiden
ging er hin und betete.« Wieder un- konnte. Das allgemeine Liebeszeichen
terstellte er sich dem Willen Gottes. Er wurde hier auf das Äußerste pervertiert.
würde den Kelch des Leidens und des To- 26,49 Als Judas sich dem Herrn nä-
des bis zur Neige trinken. herte, sagte er: »Sei gegrüßt, Rabbi!«, und
In seinem Gebetsleben war er notwen- küsste ihn überschwänglich. In diesem
digerweise allein. Er lehrte die Jünger be- Abschnitt werden zwei unterschiedliche
ten, und er betete in ihrer Anwesenheit, griechische Begriffe für das Wort küssen
aber er betete niemals mit ihnen. Die Ein- verwendet. Der erste in Vers 48 ist das
zigartigkeit seiner Person und seines Wer- normale Wort für einen Kuss. Aber in
kes schlossen andere von der Beteiligung Vers 49 wird ein stärkeres Wort verwen-
an seinem Gebetsleben aus. det, das wiederholtes oder demonstrati-
26,43-45 Als er zum zweiten Mal zu ves Küssen bedeutet.
seinen Jüngern kam, schliefen sie schon 26,50 Gefasst und mit überführender
wieder, und beim dritten Mal war es Eindringlichkeit fragte Jesus: »Freund,
ebenso: Er betete, sie schliefen. Daraufhin wo­­zu bist du gekommen?« Zweifellos
sagte er zu ihnen: »So schlaft denn fort brannte diese Frage wie Feuer, doch alles
und ruht aus. Siehe, die Stunde ist nahe ging auf einmal sehr schnell. Die Menge
gekommen, und der Sohn des Menschen kam und ergriff den Herrn Jesus ohne
wird in Sünderhände überliefert.« Zögern.
26,46 Die Gelegenheit des Wachens 26,51 Einer der Jünger – aus Johan-
mit ihm war vorbei. Die Tritte des Ver- nes 18,10 wissen wir, dass es Petrus war –
räters waren schon zu hören. Jesus sagte »zog sein Schwert und schlug den Knecht
nicht: »Steht auf, lasst uns gehen!«, um zu des Hohenpriesters und hieb ihm das Ohr
fliehen, sondern um dem Feind ins Ange- ab«. Es ist unwahrscheinlich, dass Petrus
sicht zu sehen. nach dem Ohr gezielt hatte, er wollte den
Ehe wir den Garten verlassen, soll- Knecht zweifellos töten. Dieses Ziel war
149 Matthäus 26

so erbärmlich wie die Beurteilung der werden.« Als die Jünger erkannten, dass
göttlichen Vorsehung durch Petrus. es für ihren Meister kein Entkommen gab,
26,52 Die moralische Vollkommenheit verließen sie ihn alle und flohen erschro-
des Herrn Jesus strahlt hier in aller Herr- cken. Wenn ihre Feigheit nicht zu ent-
lichkeit. Erst tadelte er Petrus: »Stecke schuldigen war, so ist es unser feiges Ver-
dein Schwert wieder an seinen Ort! Denn halten noch viel weniger. Sie hatten noch
alle, die das Schwert nehmen, werden nicht den Heiligen Geist, den wir empfan-
durchs Schwert umkommen.« Im Reich gen haben.
Christi werden Siege nicht mit fleisch­
lichen Mitteln errungen. Wenn man sich I. Jesus vor Kaiphas (26,57-68)
im geistlichen Kampf auf mate­rielle Waf- 26,57 Es gab zwei Hauptverhandlungen
fen verlässt, dann sind Katastrophen ge­ gegen den Herrn Jesus: einen religiösen
radezu vorprogrammiert. Mögen die Prozess vor den jüdischen Führern und
Feinde des Reiches Schwerter gebrauchen, einen Zivilprozess vor der römischen
sie werden schließlich geschlagen werden. Verwaltung. Wenn man die Berichte der
Der Streiter Christi sollte sich auf das Ge- vier Evangelien zusammen sieht, erkennt
bet, das Wort Gottes und die Macht eines man, dass jeder Prozess drei Phasen hatte.
geist­erfüllten Lebens verlassen. Der Bericht von Johannes über den jüdi-
Wir erfahren von dem Arzt Lukas, schen Prozess zeigt, dass Jesus zuerst zu
dass Jesus das Ohr von Malchus – denn Hannas, dem Schwiegervater des Kai-
so hieß der verletzte Knecht – heilte (Lk phas, geführt wurde. Der Bericht des
22,51; Joh 18,10). Ist das nicht ein wunder- Matthäus beginnt mit der zweiten Phase
barer Gnadenerweis? Er liebte diejenigen, bei »Kaiphas, dem Hohenpriester«. Der
die ihn hassten, und war freundlich zu de- Hohe Rat war dort versammelt. Norma-
nen, die ihm nach dem Leben trachteten. lerweise wurde Angeklagten die Gelegen-
26,53.54 Wenn Jesus gewollte hätte, so heit gegeben, ihre Verteidigung vorzube-
hätte er der Menge leicht ohne die Hilfe reiten. Aber die verzweifelten religiösen
des Schwertes von Petrus widerstehen Führer führen ihr Vorhaben schnell aus.
können. Er hätte sofort »mehr als zwölf Sie verweigerten ihm in jeder Hinsicht
Legionen Engel« anfordern und erhalten eine faire Verhandlung.
können. Aber dadurch wäre Gottes Plan In dieser Nacht zeigten die Pharisäer,
nur vereitelt worden. Die Vorhersagen Sadduzäer, Schriftgelehrten und Ältesten,
der Schrift mussten erfüllt werden: der aus denen sich der Hohe Rat zusammen-
Verrat an ihm, sein Leiden, seine Kreuzi- setzte, eine ausgesprochene Missachtung
gung und Auferstehung. der Regeln, nach denen sie sonst vorzuge-
26,55 Dann erinnerte Jesus die Menge hen hatten. Sie durften sich nicht nachts
daran, wie töricht es war, ihn mit Waffen- und zu keinem der jüdischen Feste ver-
gewalt zu holen. Sie hatten nie gesehen, sammeln. Sie durften keine Zeugen be­
dass er sich auf Gewalt verlassen hätte stechen, um einen Meineid zu leisten. Ein
oder auf Raub aus gewesen wäre. Statt- Todesurteil durfte nicht ausgeführt wer-
dessen war er ein stiller Lehrer, der sich den, ehe nicht eine weitere Nacht vergan-
täglich im Tempel aufhielt. Sie hätten ihn gen war. Und ihre Rechtsprechung war
dort leicht festnehmen können, hatten es nicht verbindlich, solange sie sich nicht in
aber nicht getan. Warum kamen sie nun der »Halle aus gehauenem Stein« im Tem-
»mit Schwertern und Stöcken«? Mensch- pelbezirk versammelten. Aber sie wollten
lich gesprochen war ihr Verhalten mehr Jesus schnell aus dem Weg räumen, und
als irrational. so zögerte das jüdische Establishment
26,56 Doch der Heiland erkannte, dass nicht, seine eigenen Gesetze zu brechen.
die Bosheit des Menschen nur so viel aus- 26,58 Kaiphas war der Vorsitzende
richten konnte, wie sie den Plan Gottes er- des Gerichts. Der Hohe Rat übte sein Amt
füllte. »Aber dies alles ist geschehen, da- offensichtlich als Ankläger und zugleich
mit die Schriften der Propheten erfüllt als die Gesamtheit der Geschworenen
Matthäus 26 150

aus – eine, um es vorsichtig auszudrü- menschlichen Körper, und ich sehe aus


cken, ungewöhnliche Kombination. Jesus wie jeder andere Mensch. Du siehst mich
war der Angeklagte. Und Petrus war Zu- in den Tagen meiner Erniedrigung. Aber
schauer – aus sicherer Entfernung, denn der Tag kommt, an dem ihr Juden mich
er »setzte sich zu den Dienern, um das als den Verherrlichten sehen werdet, in je-
Ende zu sehen«. der Hinsicht Gott gleich, sitzend zu seiner
26,59-61 Die jüdischen Führer hat- Rechten und in den Wolken des Himmels
ten es schwer, falsche Zeugen gegen Je- wiederkommend.«
sus aufzustellen. Sie wären sicher erfolg­ In Vers 64 wird zunächst Kaiphas an-
reicher gewesen, hätten sie ihre wichtigste gesprochen, dann jedoch die Juden, die
Verpflichtung im Prozess wahrgenom- für diejenigen Israeliten stehen, die zur
men und Beweise für Jesu Unschuld ge- Zeit der Wiederkunft Christi in Herrlich-
sucht. Schließlich gaben zwei falsche keit noch leben und deutlich sehen wer-
Zeugen Jesu Worte verzerrt wieder. Ei- den, dass er der Sohn Gottes ist.
gentlich hatte Jesus gesagt: »Brecht die- Lenski schreibt: »Manchmal wird ge-
sen Tempel ab, und in drei Tagen werde sagt, Jesus habe sich niemals ›Sohn Got-
ich ihn aufrichten« (Joh 2,19-21). Nach tes‹ genannt. Hier sagt er unter Eid aus,
diesen Zeugen jedoch hatte er damit ge- dass er kein Geringerer ist.«50
droht, den Tempel in Jerusalem zu zer- 26,65-67 Kaiphas begriff sehr wohl das
stören, um ihn dann wiederaufzubauen. Wesentliche. Jesus hatte auf eine messia-
In Wahrheit hatte er jedoch seinen eige- nische Prophezeiung Daniels angespielt:
nen Tod und seine Auferstehung vorher- »Ich schaute in Gesichten der Nacht: Und
gesagt. Die Juden benutzten nun diese siehe, mit den Wolken des Himmels kam
Voraussage als Entschuldigung für ihren einer wie der Sohn eines Menschen. Und
Mord. er kam zu dem Alten an Tagen, und man
26,62.63 Zu diesen Anklagen sagte brachte ihn vor ihn« (Dan 7,13). Die Re-
der Herr Jesus nichts. »Wie ein Schaf, aktion des Hohenpriesters beweist, dass
das stumm ist vor seinen Scherern; und er Jesu Anspruch verstand, Gott gleich
er tat seinen Mund nicht auf« (Jes 53,7). zu sein (s. Joh 5,18). Er zerriss sein Pries-
Der Hohe­ priester, der sich durch sein terkleidung zum Zeichen dafür, dass der
Schweigen irritieren ließ, drängte ihn zu Zeuge Gott gelästert hatte. Seine hass­
einer Aussage, doch noch immer sagte erfüllten, an die Mitglieder des Hohen
der Heiland nichts. Da sagte der Hohe- Rats gerichteten Worte sprachen Jesus
priester zu ihm: »Ich beschwöre dich bei praktisch schuldig. Als er nach ihrem
dem lebendigen Gott, dass du uns sagst, Urteil fragte, antworteten sie: »Er ist des
ob du der Christus bist, der Sohn Gottes!« Todes schuldig.« Der zweite Teil des
Das mosaische Gesetz verlangte, dass ein Prozesses endete damit, dass die Richter
Jude Zeugnis ablegt, sobald er vom Ho- Jesus schlugen und ihn anspuckten.
henpriester unter Eid genommen wurde 26,68 Einige verhöhnten seine Macht
(3. Mose 5,1). als Messias, indem sie ihn aufforderten,
26,64 Da Jesus ein gehorsamer Jude zu sagen, wer ihn geschlagen habe. Ihr
und unter das Gesetz gestellt war, ant- gesamtes Vorgehen war nicht nur un­
wortete er: »Du hast es gesagt.« Dann be- gesetzlich, sondern ein einziger Skandal.
stätigte er mit eindeutigen Worten, dass
er göttlich und der Messias ist: »Doch J. Petrus verleugnet Jesus
ich sage euch: Von nun an werdet ihr und weint bitterlich (26,69-75)
den Sohn des Menschen sitzen sehen 26,69-72 Die dunkelste Stunde im Le-
zur Rechten der Macht und kommen auf ben des Petrus war nun gekommen. Als
den Wolken des Himmels.« Im Prinzip er im Hof saß, kam eine junge Frau und
sagte er damit: »Ich bin der Christus, der beschuldigte ihn, zu Jesus zu gehören. Er
Sohn Gottes, wie du gesagt hast. Meine verneinte heftig und prompt: »Ich weiß
Herrlichkeit verbirgt sich jetzt in einem nicht, was du sagst.« Dann ging er in das
151 Matthäus 26 und 27

Torgebäude, vielleicht, damit man sich muss, denn er sagte: »Sah ich dich nicht
nicht weiter um ihn kümmerte. Aber eine in dem Garten bei ihm?« Von den ande-
andere Magd sagte öffentlich von ihm, ren wird das nicht ausgesagt.
dass er einer von denen gewesen sei, die
»mit Jesus, dem Nazoräer« gegangen K. Die Verhandlung am Morgen vor
seien. Diesmal schwor er, dass er »den dem Hohen Rat (27,1.2)
Menschen« nicht kenne. »Der Mensch« 27,1.2 Die dritte Phase des religiösen Pro-
war sein Meister. zesses fand am Morgen vor dem Hohen
26,73.74 Wenig später kamen einige Rat statt. Kein Fall durfte am gleichen
der Umstehenden und sagten: »Wahrhaf- Tag abgeschlossen werden, an dem er be-
tig, auch du bist einer von ihnen, denn gonnen worden war, es sei denn, der An-
auch deine Sprache verrät dich.« Jetzt geklagte wurde freigesprochen. Ehe das
genügte einfaches Leugnen nicht mehr, Urteil verkündet wurde, sollte eine Nacht
diesmal verstärkte er seine Aussage mit vergehen, »damit sich in der Zwischen-
Verwünschungen und Schwüren: »Ich zeit Gefühle der Gnade regen konnten«.
kenne den Menschen nicht!« Und als ob In diesem Fall scheint es so, als ob die reli-
er nur auf diesen Satz gewartet hätte, giösen Führer jede Regung der Barmher-
»krähte der Hahn«. zigkeit ausschließen wollten. Immerhin
26,75 Der vertraute Ton durchschnitt kamen sie zu einer morgendlichen Sit-
nicht nur die Stille der Morgenstunde, zung zusammen, um ihrem Urteil auch
sondern auch das Herz des Petrus. Der Gültigkeit zu verleihen, denn nächtliche
am Boden zerstörte Jünger erinnerte sich Prozesse waren verboten.
daran, was sein Herr gesagt hatte, »ging Unter der römischen Verwaltung hat-
hinaus und weinte bitterlich«. ten die Juden nicht das Recht, ein Todes-
Es gibt einen scheinbaren Wider- urteil zu fällen. Deshalb führten sie Jesus
spruch zwischen den einzelnen Evange- nun schnell vor den »Statthalter Pilatus«.
lien bezüglich der Anzahl und der Zeit Obwohl sie die Römer sehr hassten, wa-
der einzelnen Leugnungen. In Matthäus, ren sie doch gewillt, diese zu benutzen,
Lukas und Johannes wird berichtet, dass um ihren noch größeren Hass zu stillen. In
Jesus sagte: »Ehe der Hahn kräht, wirst du der Gegnerschaft gegen Jesus werden die
mich dreimal verleugnen« (Matth 26,34; größten Feinde zu Freunden.
s. a. Lk 22,34; Joh 13,38). In Markus sagte
Jesus voraus: »… ehe der Hahn zweimal L. Judas’ Reue und Tod (27,3-10)
kräht, wirst du mich dreimal verleugnen« 27,3.4 Judas erkannte seine Sünde, dass er
(Mk 14,30). »schuldloses Blut überliefert« hatte. Des-
Vielleicht gab es mehr als einen Hahn, halb wollte er das Geld den Hohenpries-
der gekräht hat, einer in der Nacht, ein tern und Ältesten zurückbringen. Diese
anderer in der Dämmerung. Es ist auch Erzverräter, die nur wenige Stunden zu-
möglich, dass die Evangelien von sechs vor eifrig mit Judas zusammengearbeitet
verschiedenen Leugnungen berichten. Er hatten, wollten mit der Sache nun nichts
verleugnete Christus vor: mehr zu tun haben. Das ist der Lohn des
1. einer jungen Frau (Matth 26,69.70), Verrates. Judas bereute seine Tat, aber das
2. einer anderen jungen Frau (Matth 26, war nicht die göttliche Buße, die zur Be-
71.72), kehrung führt. Er bereute die Tat wegen
3. vor den Umstehenden (Matth 26,73. ihrer Folgen. Er war weiterhin nicht ge-
74; Mk 14,70.71), willt, Jesus Christus als Herrn und Retter
4. einem Mann (Lk 22,58), anzuerkennen.
5. einem anderen Mann (Lk 22,59.60), 27,5 In seiner Verzweiflung warf er
6. vor einem Knecht des Hohenpriesters »die Silberlinge in den Tempel«, wohin
(Joh 18,26.27). nur die Priester gehen konnten. Dann
Wir glauben dass sich dieser Knecht brachte er sich um. Wenn wir diesen Be-
von den anderen unterschieden haben richt mit der Darstellung in Apostel-
Matthäus 27 152

geschichte 1,18 vergleichen, dann kön- nung für den ganzen dritten Abschnitt
nen wir schließen, dass er sich an einem des hebräischen Kanons.
Baum aufhängte und entweder der Ast
brach oder das Seil riss, woraufhin sein M. Jesus wird das erste Mal vor Pilatus
Körper auf felsigen Untergrund stürzte geführt (27,11-14)
und aufriss, sodass seine Eingeweide her­ 27,11-14 Die wirklichen Anklagen der Ju-
austraten. den gegen Jesus waren religiöser Natur,
27,6 Die eigentlichen Schuldigen wa- und die Verhandlung geschah auf dieser
ren die Hohenpriester, die nun zu »geist- Basis. Aber religiöse Anklagen hatten vor
lich« waren, das Geld »in den Tempel- der römischen Gerichtsbarkeit kein Ge-
schatz zu werfen, weil es Blutgeld ist«. wicht. Das wussten sie, deshalb brachten
Aber sie hatten dieses Geld gegeben, da- sie drei politische Anklagen gegen ihn vor,
mit ihnen der Messias überliefert würde. als sie ihn vor Pilatus führten (Lk 23,2):
Das schien sie jedoch nicht zu stören. Wie 1. Er war ein Revolutionär, der eine Ge-
der Herr gesagt hatte, hielten sie die Au- fahr für das Römische Reich darstellte;
ßenseite des Bechers rein, doch innerlich 2. er brachte Menschen dazu, keine Steu-
waren sie voller Hinterlist, Verrat und ern zu zahlen, und gefährdete damit
Mord. die Einnahmen des Reiches;
27,7-10 Sie verwendeten das Geld, um 3. er behauptete von sich, ein König zu
den Acker eines Töpfers zu kaufen, auf sein, und bedrohte damit die Macht
dem dann unreine Heiden beerdigt wer- sowie die Stellung des Kaisers.
den sollten. Sie wussten ja nicht, wie viele Im Matthäusevangelium befragt Pila-
Heiden – etwa als Soldaten – in ihr Land tus unseren Herrn wegen der dritten An-
strömen und ihre Straßen mit dem Blut klage. Als Jesus gefragt wurde, ob er der
von Ermordeten tränken würden. Für König der Juden sei, antwortete er, dass
dieses schuldige Volk war dieses Stück er es ist. Daraufhin wurde er von den Ho-
Land seitdem ein »Blutacker«. henpriestern und Ältesten mit Anklagen
Die Hohenpriester erfüllten unwis- überschüttet. Pilatus wunderte sich sehr,
sentlich die Prophezeiung Sacharjas, dass warum der Angeklagte schwieg und
mit dem Lohn etwas von einem Töpfer keine der Anklagen auch nur einer Ant-
gekauft werden würde (Sach 11,12.13). wort für würdig befand. Wahrscheinlich
Erstaunlicherweise gibt es für den Ab- hatte der Statthalter bisher niemanden ge-
schnitt bei Sacharja eine zweite Lesart, sehen, der bei solchen Angriffen schwei-
dort steht »Schatz« statt »Töpfer«. gen konnte.
Die Priester scheuten sich, das Blutgeld
in den Tempelschatz zu tun, und so erfüll- N. Jesus oder Barabbas? (27,15-26)
ten sie die Weissagung der anderen Lesart, 27,15-18 Es war bei den Römern üblich,
indem sie es dem Töpfer für sein Feld gaben. die Juden ruhig zu halten, indem sie zur
(Aus dem englischen Material des Bibellese- Passahzeit einen jüdischen Gefangenen
bundes.) freiließen. Einer der dafür infrage kom-
Matthäus schreibt diese Prophezeiung menden Gefangenen war Barabbas, ein
Jeremia zu, während sie offensichtlich aus Jude, der sich des Aufstandes und des
dem Sacharjabuch stammt. Er nennt hier Mordes schuldig gemacht hatte (Mk 15,7).
wahrscheinlich Jeremia als Autor, weil Als Rebell gegen die römische Herrschaft
dieser Prophet als Erster in der von ihm war er womöglich bei seinen Landsleuten
benutzten und zitierten Buchrolle stand. beliebt. Als Pilatus das Volk deshalb vor
Dies war nach der alten Anordnung so, die Wahl stellte, entweder Jesus oder Ba-
wie sie in vielen hebräischen Handschrif- rabbas freizulassen, rief es nach dem Letz-
ten erhalten und aus der talmudischen teren. Der Statthalter war nicht erstaunt
Tradition geläufig ist. Eine ähnliche Ver- und wusste, dass die öffentliche Meinung
wendung finden wir in Lukas 24,44. Dort von den Hohenpriestern beeinflusst wor-
dient das Buch der Psalmen als Bezeich- den war, die Jesus beneideten.
153 Matthäus 27

27,19 Die Vorgänge wurden einen auf dem Thron, während der gerechte Kö-
Augenblick durch einen Boten von Pila- nig abgelehnt wird. Danach wurde, wie
tus’ Frau unterbrochen. Sie bat ihren Ehe- es üblich war, der Verurteilte gegeißelt.
mann inständig, sich auf diese Sache mit Eine große Lederpeitsche, in die kleine
Jesus nicht einzulassen, weil sie einen Metallstücke eingearbeitet worden wa-
sehr beunruhigenden Traum über ihn ge- ren, ging auf Jesu Rücken nieder, wobei
habt hatte. jeder Schlag die Haut aufriss und Ströme
27,20-23 Hinter den Kulissen aber be- von Blut flossen. Nun gab es für den rück-
schlossen die Hohenpriester und Ältesten gratlosen Statthalter nichts mehr zu tun,
die Befreiung des Barabbas und den Tod außer Jesus den Soldaten zur Kreuzigung
Jesu. Als Pilatus die Angehörigen des Vol- zu überliefern.
kes nochmals fragte, welchen er freigeben
solle, riefen sie deshalb nach dem Mör- O. Die Soldaten verspotten Jesus
der. Pilatus fragte aus seiner Unentschlos- (27,27-31)
senheit heraus: »Was soll ich denn mit Je- 27,27.28 Die Soldaten des Statthalters
sus tun, der Christus genannt wird?« Alle brachten Jesus nun in das Prätorium, den
waren sich einig, dass er gekreuzigt wer- Palast des Pilatus, und »versammelten
den sollte, eine Haltung, die Pilatus nicht um ihn die ganze Schar« – wahrschein-
verstand. Warum sollte er gekreuzigt lich einige hundert Männer. Man kann
werden? Welches Verbrechens hatte er sich kaum vorstellen, was dann folgte!
sich denn schuldig gemacht? Aber es war Der Schöpfer und Erhalter des Univer-
zu spät für eine ruhige Lösung, denn die sums wurde auf unerhörte Weise von
Massenhysterie hatte schon gesiegt. Laut den grausamen, gemeinen Soldaten ent-
tönte der Schrei: »Er werde gekreuzigt!« ehrt – von seinen unwürdigen, sündi-
27,24 Es war für Pilatus offensichtlich, gen Geschöpfen. »Sie zogen ihn aus und
dass er das Volk nicht besänftigen konnte legten ihm einen scharlachroten Man-
und ein Aufruhr drohte. So wusch er vor tel um.« Damit wollten sie einen Königs-
der Menge seine Hände und erklärte sich mantel nachahmen. Aber dieser Mantel
unschuldig am Blut des Angeklagten. hat eine Botschaft für uns. Weil Schar-
Aber Wasser wird niemals die Schuld des lach mit der Sünde in Verbindung steht
Pilatus beim größten Justizskandal der (Jes 1,18), liebe ich den Gedanken, dass
Geschichte wegwaschen können. der Mantel für meine Sünden steht, die
27,25 Die Menge, die zu aufgebracht auf Jesus gelegt wurden, damit mir Got-
war, um noch an Schuld zu denken, nahm tes Mantel der Gerechtigkeit angetan wer-
die Schuld gerne auf sich: »Sein Blut den kann (2. Kor 5,21).
komme über uns und über unsere Kin- 27,29.30 »Sie flochten eine Krone
der!« Seit dieser Zeit gehören Gettos, Ver- aus Dornen« und drückten sie ihm auf
folgungen, Pogrome, Konzen­trationslager das Haupt. Aber wir blicken hinter ihre
und Gaskammern zum Leidensweg der rohe Verspottung und verstehen, dass er
Angehörigen des jüdischen Volkes, weil die Krone aus Dornen trug, damit wir die
sie die furchtbare Schuld am Blut ihres Krone der Gerechtigkeit tragen dürfen. Sie
verworfenen Messias auf sich ge­­laden ha- verspotteten ihn als König der Sünde, wir
ben. Sie haben noch die schreckliche Zeit verehren ihn als Retter der Sünder.
der Bedrängnis für Jakob vor sich – die Sie gaben ihm auch ein Rohr – als Kö-
sieben Jahre der Drangsalszeit, die in nigszepter. Sie wussten nicht, dass die
Matthäus 24 und Offenbarung 6 – 19 be- Hand, die dieses Rohr hielt, jene Hand
schrieben werden. Der Fluch wird blei- ist, die die Welt regiert. Die nageldurch-
ben, bis sie den verworfenen Jesus als grabene Hand Jesu hält jetzt das Zepter
ihren Messiaskönig anerkennen. der unumschränkten Herrschaft.
27,26 Pilatus gab Barabbas frei, und »Sie fielen vor ihm auf die Knie« und
seitdem hat dessen Geist die Welt be- redeten ihn als König der Juden an. Damit
herrscht. Der Mörder sitzt noch immer nicht zufrieden, spuckten sie dem einzi-
Matthäus 27 154

gen vollkommenen Menschen, der je ge- Wie in Psalm 22,19 vorausgesagt, ver-


lebt hat, ins Gesicht, »nahmen das Rohr teilten die Soldaten seine Kleider. Um
und schlugen ihn auf das Haupt«. das nahtlose Gewand, das sein ganzer
Alles ertrug Jesus geduldig, er sagte irdischer Besitz gewesen war, losten sie.
kein Wort. »Denn betrachtet den, der so Denney sagt: Das einzige vollkommene Le-
großen Widerspruch von den Sündern ben, das auf dieser Welt je geführt wurde, ist
gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht das Leben dessen, der nichts besaß und nichts
ermüdet und in euren Seelen ermattet« als die Kleider auf seinem Leib hinterließ.
(Hebr 12,3). 27,36 Die Soldaten besaßen gewiss
27,31 Schließlich zogen sie ihm »seine nur einen begrenzten geistigen Horizont.
eigenen Kleider an; und sie führten ihn Sie hatten sicherlich keinen Sinn für den
ab, um ihn zu kreuzigen«. historischen Augenblick. Wenn sie darum
gewusst hätten, hätten sie sich nicht ein-
P. Die Kreuzigung des Königs fach hingesetzt, um Wache zu halten, sie
(27,32-44) wären niedergekniet, um anzubeten.
27,32 Einen Teil des Weges trug unser 27,37 Über dem Haupt Jesu hatten
Herr selbst das Kreuz (Joh 19,17). Dann sie seinen Titel geschrieben: »Dies ist Je-
zwangen sie einen Mann mit Namen Si- sus, der König der Juden.« Die genauen
mon (aus Kyrene in Nordafrika), es für Worte sind in den einzelnen Evangelien
ihn zu tragen. Einige sind der Meinung, etwas unterschiedlich.51 In Markus heißt
dass er ein Jude war, andere halten ihn für es: »Der König der Juden« (Mk 15,26), bei
einen Schwarzen. Wichtig ist, dass er das Lukas: »Dieser ist der König der Juden«
wunderbare Vorrecht hatte, das Kreuz zu (Lk 23,38), bei Johannes: »Jesus, der Na-
tragen. zoräer, der König der Juden.« Die Hohen-
27,33 Golgatha ist der aramäische Be- priester wandten ein, dass der Titel nicht
griff für »Schädel«. Der Name »Kalvarien- den Tatsachen entspräche, sondern nur
berg«, der eher selten vorkommt, enthält eine Behauptung des Angeklagten sei. Pi-
die eingedeutschte lateinische Überset- latus aber setzte sich durch. Die Wahrheit
zung des griechischen Wortes kranion. war dort für alle zu lesen – in Hebräisch,
Vielleicht war dieser Hügel wie ein Schä- Lateinisch und Griechisch (Joh 19,19-22).
del geformt, oder er hieß so, weil er eine 27,38 Der sündlose Sohn Gottes war
Hinrichtungsstätte war. Wo dieser Ort ge- von zwei Verbrechern umgeben. Geschah
nau liegt, lässt sich heute nicht mehr mit dies nicht, weil Jesaja 700 Jahre vorher
Sicherheit sagen. prophezeit hatte, er werde sich zu den
27,34 Ehe er ans Kreuz geschlagen Verbrechern zählen lassen (Jes 53,12)?
wurde, boten die Soldaten Jesus »mit Zunächst beschimpften ihn beide Verbre-
Galle vermischten Wein« an, ein Betäu- cher (V. 44). Aber einer tat dann Buße und
bungsmittel für die Verurteilten. Jesus wurde sofort gerettet; schon wenige Stun-
weigerte sich, davon zu trinken. Es war den später war er mit Christus im Para-
notwendig, dass er die volle Last der dies (Lk 23,42.43).
menschlichen Sünde trug, ohne seine 27,39.40 Wenn das Kreuz die Liebe
Sinne zu betäuben oder die Schmerzen Gottes offenbart, so offenbart es auch die
zu erleichtern. Verdorbenheit des Menschen. Die Vor­
27,35 Matthäus beschreibt die Kreuzi- übergehenden nahmen sich die Zeit, den
gung einfach und emotionslos. Er verlegt Hirten zu verspotten, als er für die Schafe
sich nicht auf dramatische Schilderun- starb: »Der du den Tempel abbrichst und
gen, Sensationslust liegt ihm fern, auch in drei Tagen aufbaust, rette dich selbst!
ergeht er sich nicht in grausamen Details. Wenn du Gottes Sohn bist, so steige her­ab
Er stellt einfach fest, dass sie ihn kreuzig- vom Kreuz.« Das ist die Sprache ratio-
ten. Und doch wird die Ewigkeit selbst nalistischen Unglaubens. »Wir glauben
die Tiefe dieser Worte nicht ausloten kön- nur, was wir sehen.« »Steige herab vom
nen. Kreuz«, mit anderen Worten: »Nimm den
155 Matthäus 27

Anstoß des Kreuzes weg, und wir werden Stunden den Preis bezahlte, die Schuld
glauben.« William Booth sagte einmal: Sie beglich und das Werk zur Errettung der
behaupteten, sie würden glauben, wenn er Menschheit vollendete.
vom Kreuz herunterkäme, aber wir glauben, 27,46 Etwa um 15 Uhr »schrie Jesus mit
weil er oben blieb. lauter Stimme auf und sagte: Eli, Eli, lemá
27,41-44 Auch die Hohenpriester, sabachtháni? Das heißt: Mein Gott, mein
Schriftgelehrten und Ältesten fielen in Gott, warum hast du mich verlassen?«
den Chor ein. Ohne Einsicht schrien sie: Die Antwort finden wir in Psalm 22,4:
»Andere hat er gerettet, sich selbst kann er »Du bist heilig, der du wohnst unter den
nicht retten.« Sie wollten ihn verspotten, Lobgesängen Israels.« Weil Gott heilig
aber für uns ist dies ein Anlass zum Lob: ist, kann er Sünde nicht einfach überse-
Sich selbst konnt’ er nicht retten, hen. Im Gegenteil, er muss sie bestrafen.
am Kreuze musst’ er sterben; Der Herr Jesus hatte keine eigene Sünde,
sonst gäb’ es keine Gnade aber er nahm unsere Sünden auf sich. Als
für Sünder, die ihm nah’n. Gott, der Richter, hinabblickte und unsere
Ja, Christus, der Sohn Gottes, Sünden auf ihm, dem sündlosen Opfer,
er musst’ sein Blut vergießen, liegen sah, zog er sich von dem Sohn sei-
damit von Sünd’ wir frei. ner Liebe zurück.
Albert Midlane In welch tiefer Not
Das galt sowohl für Jesus als auch schrieest Du zu Gott:
für uns. Wir können andere nicht retten, »Warum hast Du mich verlassen?«
wenn wir noch immer versuchen, uns O wer kann Dein Weh erfassen!
selbst zu retten. In welch tiefer Not
Die religiösen Führer verhöhnten sei- schrieest Du zu Gott!
nen Anspruch, der Retter, der König Is- Carl Brockhaus
raels und der Sohn Gottes zu sein. Sogar 27,47.48 Als Jesus schrie: »Eli, Eli …«,
»die Räuber, die mit ihm gekreuzigt wa- meinten »einige von den Umstehenden«,
ren«, fielen in die Schmähreden ein. Die er rufe Elia. Ob sie ihn wirklich nicht
religiösen Führer vereinten sich mit Kri- verstanden hatten, oder ob sie ihn ver-
minellen, um ihren Gott zu verhöhnen. spotteten, ist nicht klar. Einer »nahm ei-
nen Schwamm, füllte ihn mit Essig und
Q. Drei Stunden der Finsternis steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu
(27,45-50) trinken«. Nach Psalm 69,22 war das kein
27,45 Alle Leiden und Beschimpfungen, Liebesdienst, sondern zählte zu seinen
die er von Menschen zu ertragen hatte, Leiden.
waren verglichen mit dem, was ihn nun 27,49 Die meisten meinten, man solle
erwartete, verhältnismäßig harmlos. warten, ob Elia die Rolle erfüllen würde,
»Von der sechsten Stunde an« (Mittag) die die jüdische Tradition ihm zuschrieb –
»bis zur neunten Stunde« (15 Uhr) »kam nämlich die Tatsache, dass er den Gerech-
eine Finsternis«, und zwar nicht nur über ten zu Hilfe kommt. Aber es war nicht die
das Land Palästina, sondern auch über Zeit der Wiederkehr Elias (Mal 3,23), son-
Jesu heilige Seele. Während dieser Zeit dern der Zeitpunkt des Todes Jesu.
trug er den unbeschreiblichen Fluch für 27,50 Nachdem Jesus »wieder mit lau-
unsere Sünden. In diesen drei Stunden ter Stimme« geschrien hatte, gab er den
waren die Höllenqualen zusammenge- Geist auf. Der laute Schrei zeigt, dass er
fasst, die wir eigentlich verdient hätten, in Kraft und nicht in Schwäche starb.
der Zorn Gottes gegen all unsere Übertre- Die Tatsache, dass er seinen Geist auf-
tungen. Wir sehen das nur sehr schwach, gab, unterscheidet seinen Tod vom ir-
wir können einfach nicht wissen, was es dischen Ende aller anderen Menschen.
für ihn bedeutet haben muss, Gottes ge- Wir sterben, weil wir sterben müssen, er
rechte Ansprüche an den Sünder zu erfül- starb, weil er sich dazu entschieden hatte.
len. Wir wissen nur, dass er in diesen drei Hat er nicht gesagt: »Ich lasse mein Le-
Matthäus 27 156

ben, um es wiederzunehmen. Niemand oben nach unten. Bis dahin hatte dieser
nimmt es von mir, sondern ich lasse es Vorhang jeden außer dem Hohenpries-
von mir selbst. Ich habe Vollmacht, es zu ter aus dem Allerheiligsten ferngehalten,
lassen, und habe Vollmacht, es wiederzu- wo Gott selbst wohnte. Nur ein einziger
nehmen« (Joh 10,17.18)? Mensch durfte das Allerheiligste betreten,
Der Schöpfer des Universums und das auch bloß einmal im Jahr.
wurde als Mensch für den Menschen Im Hebräerbrief erfahren wir, dass
zum Fluch gemacht. der Vorhang für den Leib Jesu stand.
Den Anspruch des Gesetzes, Sein Zerreißen symbolisierte, dass er sei-
das er gegeben hatte, nen Leib in den Tod gegeben hatte. Durch
bezahlte er bis zum Letzten. seinen Tod haben wir »durch das Blut
Seine heiligen Hände hatten den Zweig Jesu Freimütigkeit zum Eintritt in das
geschaffen, Heiligtum, den er uns eröffnet hat als ei-
der die Dornen hervorbrachte, die seine nen neuen und lebendigen Weg durch
Stirn krönten. den Vorhang – das ist durch sein Fleisch«
Die Nägel, die seine Hände durch­ (Hebr 10,19.20). Nun darf der kleinste
bohrten, wurden aus Erz gewonnen, der Gläubigen jederzeit zum Gebet und
deren verborgene Fundstätten er Lob in die Gegenwart Gottes treten. Aber
angelegt hatte, lasst uns nie vergessen, dass dieses Vor-
Er hatte auch den Wald geschaffen, recht für einen enormen Preis erkauft
in dem der Stamm wuchs, an dem sein wurde – durch das kostbare Blut Jesu.
Leib dann hing. Der Tod des Sohnes Gottes war auch
Er starb an einem hölzernen Kreuz die Ursache dafür, dass die Natur in Auf-
und hatte doch die Anhöhe gemacht, ruhr war – als ob zwischen der unbeleb-
worauf es stand. ten Schöpfung und ihrem Schöpfer ein
Der Himmel, der sich über ihm Mitfühlen geherrscht hätte. Es gab ein
verdunkelte, Erdbeben, das Felsen zerriss und viele
war von ihm über der Erde Gräber öffnete.
ausgebreitet worden. 27,52.53 Man beachte, dass erst nach
Die Sonne, die sich vor seinem der Auferstehung Jesu die in den Grä-
Angesicht verbarg, bern liegenden Menschen auferstanden
wurde durch sein Gebot ans Firmament und nach Jerusalem kamen, wo sie vielen
geheftet. erschienen. Die Bibel sagt nicht, ob diese
Der Speer, der sein kostbares Blut auferstandenen Heiligen wieder starben
vergoss, oder mit dem Herrn Jesus in den Himmel
wurde in den Feuern Gottes auffuhren.
geschmiedet. 27,54 Das außergewöhnliche Auf-
Das Grab, wohin sein Leib gelegt wurde, bäumen der Natur überzeugte den rö-
war in einen Fels gehauen, den seine mischen Hauptmann und seine Leute,
Hand bereitet hatte. dass Jesus der Sohn Gottes war. (Obwohl
Der Thron, auf dem er jetzt erscheint, im Griechischen kein bestimmter Artikel
gehörte ihm von Anbeginn der Welt. steht, wird durch die Wortstellung ausge-
Aber neue Herrlichkeit krönt sein drückt, dass er der Sohn Gottes war, nicht
Haupt, ein Sohn Gottes.52) Was meinte der Haupt-
und vor ihm soll sich jedes Knie beugen. mann damit? War dies ein volles Bekennt-
F. W. Pitt nis zu Jesus Christus als Herrn und Ret-
ter oder nur die Anerkennung, dass Jesus
R. Der zerrissene Vorhang (27,51-54) mehr als ein normaler Mensch gewesen
27,51 Als Jesus starb, zerriss der schwere war? Wir wissen es nicht genau. Man
gewebte Vorhang, der die beiden sieht, dass die Soldaten von Ehrfurcht er-
Haupträume des Tempels voneinander füllt waren und erkannt hatten, dass das
trennte, durch eine unsichtbare Hand von Aufbäumen der Natur mit dem Tod Jesu
157 Matthäus 27

zu tun hatte, nicht mit dem Tod derer, die Viele Jahrhunderte zuvor hatte Jesaja
mit ihm gekreuzigt waren. vorausgesagt: »Und man gab ihm bei
Gottlosen sein Grab, aber bei einem
S. Die treuen Frauen (27,55.56) Reichen ist er gewesen in seinem Tod«
27,55.56 Die Frauen werden hier beson- (Jes 53,9). Seine Feinde hatten zweifel-
ders erwähnt, die dem Herrn treu gedient los geplant, seinen Leib in das Hinnomtal
hatten und ihm den ganzen Weg von Gali- zu werfen, um ihn auf dem dort schwe-
läa nach Jerusalem gefolgt waren. »Maria lenden Abfallhaufen zu verbrennen oder
Magdalena und Maria, des Jakobus’ und von den Füchsen fressen zu lassen. Aber
Josefs Mutter, und die Mutter der Söhne Gott ließ ihre Pläne misslingen und be-
des Zebedäus« waren da, außerdem Sa- nutzte Josef, um sicherzustellen, dass er
lome, die Frau des Zebedäus. Die furcht- bei einem Reichen begraben wurde.
lose Verehrung dieser Frauen leuchtet mit 27,61 Nachdem Josef gegangen war,
besonderem Glanz hervor. Sie blieben bei blieben Maria Magdalena und die Mutter
Jesus, als die männlichen Jünger um ihr von Jakobus und Josef, um dem Grab ge-
Leben liefen! genüber die Totenwache zu halten.

T. Die Grablegung in Josefs Grab U. Das bewachte Grab (27,62-66)


(27,57-61) 27,62-64 Der erste Tag des Passahfestes,
27,57.58 Josef von Arimathäa, »ein rei- der »Rüsttag« genannt wurde, war der
cher Mann« und Mitglied des Hohen Tag der Kreuzigung Jesu. Am nächsten
Rats, hatte an der Entscheidung des Ra- Tag wurde den Hohenpriestern und Pha-
tes, Jesus an Pilatus zu überliefern, nicht risäern bei der Angelegenheit ungemüt-
teilgenommen (Lk 23,51). Bis zu diesem lich. Sie erinnerten sich daran, was Jesus
Zeitpunkt war er ein heimlicher Jün- über seine Auferstehung gesagt hatte, und
ger gewesen, doch nun ließ er alle Vor- gingen deshalb zu Pilatus, indem sie um
sicht fahren. Mutig ging er zu Pilatus eine Wache für das Grab baten. Sie sollte
und bat um die Erlaubnis, seinen Herrn verhindern, dass seine Jünger den Leib
zu be­graben. Wir müssen versuchen, uns stehlen und so den Eindruck erwecken
das erstaunte Gesicht des Pilatus vor­ könnten, er wäre auferstanden. Wenn das
zustellen, außerdem die Provokation für passieren würde, so fürchteten sie, wäre
die Juden. Für sie bedeutete diese Bitte, »die letzte Verführung … schlimmer …
dass ein Mitglied des Hohen Rats sich als die erste«, d. h. die Nachricht von sei-
öffent­lich für den Gekreuzigten einsetzte. ner Auferstehung wäre schädlicher als
In Wahrheit begrub Josef sich selbst in so­ seine Behauptung, der Messias und Sohn
zialer, wirtschaftlicher und religiöser Gottes zu sein.
Hinsicht, als er den Leib Jesu beisetzte. 27,65.66 Pilatus antwortete: »Ihr habt
Diese Handlung trennte ihn für immer eine Wache. Geht hin, sichert es, so gut
von den Herrschenden, die den Herrn ihr könnt!« (nach der englischen King-
Jesus ge­tötet hatten. James-Übersetzung). Das kann bedeu-
27,59.60 Pilatus genehmigte die Be­ ten, dass sie schon eine Wache zugeteilt
erdigung, und Josef konservierte den Leib bekommen hatten, oder aber, dass ihnen
liebevoll, indem er ihn »in ein reines Lei- ihre Bitte gewährt wurde. Lag nicht Iro-
nentuch« wickelte und Kräuter zwischen nie in der Stimme des Pilatus, als er sagte:
die einzelnen Lagen tat. Dann legte er ihn »Sichert es, so gut ihr könnt«? Sie taten
in sein eigenes, neues Grab, das aus dem ihr Bestes. Sie versiegelten den Stein und
Felsen gehauen war. Die Öffnung des stellten die Wache auf, aber ihre besten
Grabes wurde durch einen großen Stein Sicherheitsvorkehrungen reichten eben
verschlossen, der die Form eines Mühl- doch nicht aus. Unger sagt:
steins hatte und hochkant in einer Lauf- Die Vorsichtsmaßnahmen, die seine Fein­
rinne stand, die ebenfalls in den Felsen ­de trafen – Versiegelung des Grabes, Auf­­
gehauen war. stellen einer Wache – mussten am Ende dazu
Matthäus 27 und 28 158

dienen, dass Gott die Pläne der Gott­losen zu- nen. In ihrer Verzweiflung bestachen sie
nichtemachte, und brachten den unwider­ die Soldaten, die fantastische Geschichte
legbaren Beweis für die Auferstehung des zu erzählen, dass, während sie schliefen,
Königs.53 die Jünger gekommen seien und den Leib
Jesus gestohlen hätten.
XV. Der Sieg des Königs (Kap. 28) Diese Erklärung wirft mehr Fragen
auf, als sie beantwortet. Warum schlie-
A. Das leere Grab und der fen die Soldaten, wo sie doch hätten wa-
auferstandene Herr (28,1-10) chen sollen? Wie konnten die Jünger den
28,1-4 Am Sonntagmorgen kamen die bei- Stein wegrollen, ohne sie zu wecken? Wie
den Marias noch vor der Dämmerung, konnten alle Soldaten zur gleichen Zeit
»um das Grab zu besehen«. Als sie anka- einschlafen? Wenn sie geschlafen hatten,
men, »geschah ein großes Erdbeben; denn woher wussten sie dann, dass die Jünger
ein Engel des Herrn kam aus dem Him- den Leib gestohlen hatten? Wenn es zu-
mel herab, trat hinzu, wälzte den Stein traf, was sie erzählten, wieso mussten sie
weg und setzte sich darauf«. Die römi- dann bestochen werden, um es zu erzäh-
sche Wache, die vor seiner strahlenden len? Wenn die Jünger den Leib gestohlen
Erscheinung und den weißen Kleidern hatten, warum hatten sie sich dann die
erschrak, fiel in Ohnmacht. Zeit genommen, das Grabtuch zu entfer-
28,5.6 Der Engel versicherte den nen und das Schweißtuch zusammenzu-
Frauen, dass sie nichts zu fürchten hät- falten (Lk 24,12; Joh 20,6.7)?
ten. Der, den sie suchten, sei auferstan- 28,14 In Wirklichkeit wurden die Sol-
den, »wie er gesagt hat. Kommt her, seht daten bezahlt, eine Geschichte zu erzäh-
die Stätte, wo er gelegen hat.« Der Stein len, die ihnen selbst gefährlich werden
war nicht weggerollt worden, um den konnte, denn Schlafen im Dienst stand
Herrn aus dem Grab zu befreien, sondern im Römischen Reich unter Todesstrafe.
damit die Frauen sehen konnten, dass er Deshalb mussten die jüdischen Führer
auf­erstanden war. versprechen, für sie einzutreten, »wenn
28,7-10 Der Engel sandte dann die dies dem Statthalter zu Ohren kommen
Frauen, diese wunderbare Nachricht sollte«.
schnell zu den Jüngern zu bringen. Der Die Mitglieder des Hohen Rats muss-
Herr lebte wieder und würde sie in Ga- ten bald erkennen, dass sich die Wahrheit
liläa treffen. Als sie auf dem Weg waren, immer selbst beweist, während eine Lüge
um es den Jüngern zu berichten, erschien von vielen anderen Lügen gestützt wer-
ihnen Jesus und begrüßte sie mit zwei den muss.
Worten: »Seid gegrüßt!«54 Sie reagierten, 28,15 Dennoch hält sich diese Ge-
indem sie ihm zu Füßen fielen und ihn schichte »bei den Juden bis auf den heu-
anbeteten. Dann beauftragte er sie noch tigen Tag«, und auch bei den Heiden kur-
einmal selbst, den Jüngern zu sagen, dass sierten entsprechende Gerüchte. Und es
sie ihn in Galiläa wiedersehen würden. gibt noch andere Mythen. Wilbur Smith
fasst zwei von ihnen zusammen:
B. Die Soldaten werden bestochen 1. Als Erstes ist behauptet worden, dass die
(28,11-15) Frauen zum verkehrten Grab gegangen
28,11 Als die Soldaten wieder aufwach- waren. Wir wollen darüber einen Augen-
ten, gingen einige von ihnen kleinlaut blick nachdenken. Würden Sie das Grab
zu den Hohenpriestern, um ihnen die des innig Geliebten nach der Zeit von
Neuig­keit zu überbringen. Sie hatten ihre Freitag bis Sonntagmorgen verfehlen
Aufgabe nicht erfüllt! Das Grab war leer! können? Außerdem war dies kein Fried-
28,12.13 Es ist einfach, sich die Be­ hof. Es war ein privater Garten. Es gab
stürzung der religiösen Führer vorzu­ dort kein anderes Grab.
stellen. Die Priester hielten einen Rat mit Nehmen wir einmal an, es habe doch noch
den Ältesten, um ihre Strategie zu pla- andere Gräber dort gegeben, auch wenn
159 Matthäus 28

es nicht so war. Man stelle sich nun vor, 9. Vor Jakobus (1. Kor 15,7).
dass die Frauen mit ihren tränennassen 10. Vor den Jüngern auf dem Ölberg
Augen herumstolperten und ins falsche (Apg 1,3-12).
Grab geraten wären. Lassen wir das ein- Einer der großen Grundpfeiler unseres
mal für die Frauen gelten. Aber die hart- christlichen Glaubens sind die historischen
gesottenen Fischer Simon Petrus und Jo- Beweise für die Auferstehung des Herrn Je-
hannes, die nicht weinten, gingen auch sus Christus. Hier können Sie und ich einen
zum Grab und fanden es leer. Glauben festen Stand haben, um für den Glauben zu
Sie, dass auch sie zum falschen Grab gin- kämpfen, weil wir eine Sachlage vor­finden,
gen? Und nicht nur das: Als sie zum Grab der nicht wider­sprochen werden kann. Sie
kamen und es leer vorfanden, war dort ein kann ge­­­­­leugnet, aber nicht widerlegt wer-
Engel, der sagte: »Er ist nicht hier, er ist den.55
auferstanden. Siehe da, die Stätte, wo sie
ihn hingelegt hatten.« Glauben Sie, dass C. Der Missionsbefehl (28,16-20)
der Engel auch zum falschen Grab kam? 28,16.17 In Galiläa erschien der aufer-
Vergessen Sie aber nicht, dass intelligente standene Herr Jesus den Jüngern auf ei-
Menschen diese Theorien erdacht haben. nem nicht näher genannten Berg. Das ist
Diese sind völlig aus der Luft gegriffen. die gleiche Erscheinung, wie sie in Mar-
2. Andere habe vorgeschlagen, dass Jesus kus 16,15-18 und in 1. Korinther 15,6 be-
nicht gestorben ist, sondern nur ohn­ richtet wird. Welch ein wunderbares Wie-
mächtig wurde und dann irgendwie im dersehen! Seine Leiden waren für immer
kühlen Grab wieder aufgewacht und vollendet. Weil er lebte, würden auch sie
her­
ausgekommen sei. Sie hatten einen leben. Er stand vor ihnen in seinem ver-
großen schweren Stein vor sein Grab herrlichten Leib. Sie beteten diesen leben-
gewälzt, der zudem noch mit dem römi- digen, liebenden Herrn an, obwohl noch
schen Siegel verschlossen war. Niemand immer Zweifel an einigen nagte.
im Grab konnte diesen Stein je weggerollt 28,18 Dann erklärte der Herr, dass ihm
haben, der in einer Rinne lag, die in der »alle Macht im Himmel und auf Erden«
Mitte eine Vertiefung zur Sicherung des gegeben worden sei. In gewissem Sinne
Steines hatte. Er wäre als Verletzter, der hatte er diese Macht schon immer gehabt.
viel Blut verloren hatte, nie aus dem Grab Aber er sprach nun von seiner Macht als
herausgekommen. Haupt der neuen Schöpfung. Seit sei-
Die einfache Wahrheit ist, dass die Auf- nem Tod und seiner Auferstehung hatte
erstehung des Herrn Jesus eine wohlbezeugte er die Macht, allen, die ihm Gott gegeben
geschichtliche Tatsache ist. Er zeigte sich sei- hat, ewiges Leben zu geben (Joh 17,2).
nen Jüngern nach seinem Leiden durch viele Schon immer hatte er die Macht als Erst­
unbestreitbare Beweise als der Lebendige. geborener der Schöpfung. Doch nun, da
Man denke an seine vielen in der Bibel ein- er das Werk der Erlösung vollbracht hat,
zeln aufgeführten Erscheinungen vor seiner besitzt er auch die Macht als der Erst­
Himmelfahrt: geborene aus den Toten – »damit er in
1. Vor Maria Magdalena (Mk 16,9-11). allem den Vorrang habe« (Kol 1,15.18).
2. Vor den Frauen (Matth 28,8-10). 28,19.20 Als Haupt der neuen Schöp-
3. Vor Petrus (Lk 24,34). fung gab er dann den Missionsbefehl
4. Vor den beiden Jüngern auf der Straße weiter, der praktisch die »Geschäfts­
nach Emmaus (Lk 24,13-35). ordnung« für alle Gläubigen in der ge-
5. Vor den Jüngern außer Thomas genwärtigen Phase des Reiches bildet –
(Joh 20,19-25). in der Zeit zwischen der Verwerfung des
6. Vor den Jüngern einschließlich Thomas Königs und seiner Wiederkunft.
(Joh 20,26-31). Der Missionsbefehl enthält drei Ge-
7. Vor den sieben Jüngern am See Geneza- bote, keine Bitten:
reth (Joh 21). 1. »Geht nun hin und macht alle Natio-
8. Vor über 500 Gläubigen (1. Kor 15,7). nen zu Jüngern.« Dies setzt nicht vor-
Matthäus 28 / Anmerkungen 160

aus, dass sich die ganze Welt bekehrt. sen. Sie müssen gelehrt werden, den
Indem sie das Evangelium predigen, Geboten Christi zu gehorchen, wie wir
sollen die Jünger andere Menschen sie im NT finden. Das Wesen der Jün-
dazu bringen, Schüler oder Nachfol- gerschaft besteht darin, wie der Meis-
ger des Heilands zu werden – Men- ter zu werden, und das erreicht man
schen aus jedem Volk, jedem Stamm, durch systematische Lehre des Wor-
jeder Nation und jeder Sprache. tes Gottes und durch Unterwerfung
2. »Tauft sie auf den Namen des Va- unter dieses Wort.
ters und des Sohnes und des Heiligen Dann fügte der Heiland noch die Ver-
Geistes.« Die Verantwortung liegt bei heißung seiner ständigen Gegenwart bei
den Botschaftern Christi, die Taufe zu den Jüngern hinzu, bis dieses Zeitalter
lehren und sie als Gebot darzustellen, vollendet sein wird. Sie brauchten nicht
dem man gehorsam sein muss. In der allein und ohne Führung zu gehen. Bei
Glaubenstaufe bekennt sich der Christ all ihren Diensten und Reisen konnten sie
öffentlich zum dreieinen Gott. Er er- sich der Gemeinschaft des Sohnes Gottes
kennt an, dass Gott sein Vater ist, dass sicher sein.
Jesus Christus sein Herr und Retter Viermal haben wir hier das Wort
ist und dass der Heilige Geist in ihm »alle«: Alle Macht, alle Nationen, alles be-
wohnt, ihm Kraft gibt und ihn lehrt. wahren und alle Tage.
Das Wort »Name« in Vers 19 steht in So endet dieses Evangelium mit der
der Einzahl. Ein Name oder eine We- Aussendung und Ermutigung durch un-
senheit, aber drei Personen – Vater, seren herrlichen Herrn. Fast zwei Jahrtau-
Sohn und Heiliger Geist. sende später haben seine Worte noch die
3. »Lehrt sie alles zu bewahren, was gleiche Stichhaltigkeit, Bedeutung und
ich euch geboten habe!« Dieser Auf- Anwendung. Die Aufgabe ist noch im-
trag geht über die Evangelisation hin- mer nicht vollbracht.
aus. Es ist nicht genug, einfach mög- Was tun wir, um seinen letzten Befehl
lichst viele zu »bekehren« und sie auszuführen?
dann für sich allein kämpfen zu las-

Anmerkungen Wort meint nicht eine Zeitspanne an


sich, sondern eher eine göttliche Pla-
nungsetappe, die während dieser
1 (1,1) Jahwe oder Jehova ist die deut- Zeitspanne gültig ist.
sche Form des hebräischen Gottes- 4 (5,13) Albert Barnes, Notes on the New
namens jhwh, der normalerweise mit Testament, Matthew and Mark, S. 47.
»Herr« übersetzt wird. Eine ähnliche 5 (5,22) Der kritische Text (Nestlé-
Situation haben wir bei dem Namen Aland) lässt die Worte »ohne Grund«
Jesus, der deutschen Form des hebrä- aus, womit jede Form des Zorns aus-
ischen Namens Jeschua. geschlossen wäre.
2 (4,2.3) Konditional I (ei) wird mit 6 (5,44-47) Der kritische Text liest »Hei-
dem Indikativ verwendet. Man kann den« statt »Zöllner«.
hier umschreiben: »Wenn, und da- 7 (5,44-47) Der Mehrheitstext, der sich
von gehe ich aus, du der Sohn Gottes auf die Mehrheit der Zeugen stützt,
bist«, oder: »Weil du der Sohn Gottes hat statt »Brüder« »Freunde«.
bist«. 8 (6,13) Einige Gelehrte glauben, dass
3 (Exkurs) Eine »Haushaltung« ist eine es sich hierbei um ein liturgisch ver-
Verwaltung oder Verwalterschaft. ändertes Zitat aus 1. Chronik 29,11
Sie beschreibt die Art und Weise, wie handelt. Das ist jedoch eine reine
Gott mit dem Menschen zu einem ge- Vermutung. Die traditionelle pro­
schichtlichen Zeitpunkt handelt. Das testantische Form des Gebets lässt
161 Anmerkungen

sich durchaus glaubwürdig ver­ 24 (12,17) Ella E. Pole, C. I. Scofields


teidigen. Question Box, S. 97
9 (7,13.14) Sowohl Nestlé-Aland als 25 (12,34.35) Obwohl NA und der Mehr-
auch der Mehrheitstext haben hier heitstext »des Herzens« in Vers 35
einen Ausruf: »Wie eng ist die Pforte auslassen, ist diese Bedeutung in den
und wie schwer der Weg, und wie Worten enthalten.
wenige sind es, die ihn finden.« Wenn 26 (13,13) H. Chester Woodring, un-
die ältesten Manuskripte (norma- veröffentlichte Mitschrift einer Vor­
lerweise NA) und die Mehrheit der lesung über Matthäus, Emmaus Bi-
Handschriften übereinstimmen, ob- ble School, 1961.
wohl der Textus Receptus etwas an- 27 (13,22) G. H. Lang, The Parabolic
deres sagt, sind sie meist im Recht. In Teaching of Scripture, S. 68.
solchen Fällen hat die Tradition der 28 (13,24-26) Merrill F. Unger, Unger’s
KJV wenig textliche Unterstützung. Bible Dictionary, S. 1145.
10 (7,28.29) Jamieson, Fausset und 29 (13,33) J. H. Brookes, I Am Coming,
Brown, Critical and Explanatory Com- S. 65.
mentary on the New Testament, Bd. V, 30 (13,49.50) Gaebelein, Matthew, S. 302.
S. 50. 31 (14,4.5) Quelle unbekannt.
11 (8,2) Einige Formen des Aussatzes 32 (16,2.3) Natürlich gelten diese Wetter-
sind nicht mit der Lepra identisch, vorzeichen für Israel, nicht jedoch für
die auch unter dem Namen »Han- Mitteleuropa!
sensche Krankheit« bekannt ist. Im 33 (16,7-10) Es kann sein, dass die zwölf
3. Buch Mose gehören zum Aussatz kophinoi weniger fassen konnten als
sogar Phänomene, die ein Haus oder die sieben spurides bei der Speisung
ein Kleidungsstück befallen können. der 4000.
12 (8,16.17) Arno C. Gaebelein, The Gos- 34 (16,17.18) G. Campbell Morgan, The
pel of Matthew, S. 193. Gospel According to Matthew, S. 211.
13 (8,28) Nestlé-Aland liest Gadarener. 35 (16,19) Charles C. Ryrie (Hrsg.), The
Die Namen der Stadt und der Region Ryrie Study Bible, New King James Ver-
könnten sich ein wenig überschnei- sion, S. 1506.
den. 36 (16,20) James S. Stewart, The Life and
14 (9,16) Gaebelein, Matthew, S. 193. Teaching of Jesus Christ, S. 106.
15 (9,17) W. L. Pettingill, Simple Studies 37 (16,26) Donald G. Barnhouse, keine
in Matthew, S. 111-112. weiteren Angaben verfügbar.
16 (10,8) Die Mehrheit der Handschrif- 38 (18,11) In NA ist der Vers ausgelas-
ten lässt »Tote auferwecken« hier sen, in den meisten Handschriften
aus. kommt er jedoch vor.
17 (10,21): J. C. Macaulay, Obedient Unto 39 (20,15) James S. Stewart, A Man in
Death: Devotional Studies in John’s Gos- Christ, S. 252.
pel, Bd. II, S. 59. 40 (20,31-34) Gaebelein, Matthew, S. 420.
18 (10,41) A. T. Pierson, »The Work of 41 (21,6) J. P. Lange, A Commentary on
Christ for the Believer«, in: The Mi- the Holy Scriptures, 25 Bde., Seite un-
nistry of Keswick, First Series, S. 114. bekannt.
19 (11,27) Alva J. Gospel McClain, The 42 (23,9.10) H. G. Weston, Matthew, the
Greatness of the Kingdom, S. 311. Genesis of the New Testament, S. 110.
20 (11,30) J. H. Jowett, zitiert nach »Our 43 (23,14) Nestlé-Aland lässt das zweite
Daily Bread«. »Wehe« aus.
21 (12,8) E. W. Rogers, Jesus the Christ, 44 (23,25.26) Der Mehrheitstext hat hier
S. 65-66. Ungerechtigkeit (adikia) statt Unent-
22 (12,19): McClain, Kingdom, S. 283. haltsamkeit (akrasia).
23 (12,21) Kleist und Lilly, keine weite- 45 (24,29) I. Velikovsky, Earth in Up­
ren Angaben verfügbar. heaval, S. 136.
Anmerkungen / Bibliografie 162

46 (24,30) Das gleiche griechische Wort leicht unterschiedlich gewesen sein


(gé; vgl. das dt. Präfix »geo-«) bedeu- können.
tet sowohl Land als auch Erde. 52 (27,54) Im Griechischen haben be-
47 (24,34) F. W. Grant, »Matthew«, Nu- stimmte prädikative Nomen, wenn
merical Bible, The Gospels, S. 230. sie vor dem Verb stehen, normaler-
48 (24,36) NA fügt hier hinzu: »auch weise keinen Artikel (Teil der sog.
nicht der Sohn«. »Colwellschen Regel«).
49 (25,28.29) A. T. Pierson, keine weite- 53 (27,65.66) Merrill F. Unger, Ungers
ren Angaben verfügbar. großes Bibelhandbuch, S. 380.
50 (26,64) R. C. H. Lenski, The Interpreta- 54 (28,8) »Seid gegrüßt« heißt wörtlich
tion of St. Matthew’s Gospel, S. 1064. übersetzt: »Freut euch!« Das war
51 (27,37) Wenn man alle zitierten Teile der übliche griechische Gruß. Hier
zusammensetzt, ergibt sich: »Dies ist bei der Auferstehung erscheint diese
Jesus von Nazareth, der König der wörtliche Übersetzung (Anmerkung
Juden.« Eine andere Möglichkeit ist, der Scofield-Bibel) am passendsten.
dass jeder Evangelist die gesamte In- 55 (28,15) Wilbur Smith, »In the Study«,
schrift zitiert, aber jeweils eine andere Moody Monthly, April 1969.
Version in einer anderen Sprache, die

Bibliografie Tasker, R. V. G.,


The Gospel according to St. Matthew, TBC,
Grand Rapids: Wm. B. Eerdmans
Gaebelein, A. C., Publishing Company, 1961.
The Gospel of Matthew, Thomas, W. H. Griffith,
New York: Loizeaux Bros., 1910. Outline Studies in Matthew,
Kelly, William, Grand Rapids: Wm. B. Eerdmans
Lectures on Matthew – Gospel, Publishing Company, 1961.
Minneapolis: Augsburg Publishing Weston, H. G.,
House, 1933. Matthew, the Genesis of the New Testament,
Philadelphia: American Baptist
Macaulay, J. C.,
Publication Society, o. J.
Behold Your King,
Chicago: The Moody Bible Institute,
Periodika und unveröffentlichtes
1982
Material
Morgan, G. Campbell, Smith, Wilbur,
The Gospel According to Matthew, »In the Study«, Moody Monthly,
New York: Fleming H. Revell Company, April 1969.
1929.
Woodring, H. Chester,
Pettingill, W. L., Notizen des Autors: Vorlesung über
Simple Studies in Matthew, Matthäus, Emmaus Bible School
Harrisburg: Fred Kelker, 1910. (jetzt Emmaus Bible College), 1961.
163

Das Evangelium nach Markus


Markus besitzt eine Frische und Kraft,
die den christlichen Leser ergreift und ihn sich danach sehnen lässt,
mit seinen schwachen Kräften dem Beispiel seines wunderbaren Herrn zu dienen.
August van Ryn

Einführung Eine weitverbreitete Ansicht besteht


darin, dass Markus der junge Mann ist,
der nackt davonläuft (14,51), und dass
I. Die einzigartige Stellung im Kanon dies seine bescheidene Signatur im Buch
Markus ist das kürzeste Evangelium, und ist. (Die Titel der Evangelien waren zu Be-
über neunzig Prozent seines Inhaltes er- ginn kein Bestandteil der Bücher selbst.)
scheinen auch in Matthäus, Lukas oder Weil Johannes Markus in Jerusalem lebte
in beiden. Welchen Beitrag leistet Mar- und es keinen Grund gibt, diese kleine
kus, dass wir nicht ohne ihn auskommen? Geschichte einzufügen, wenn der junge
Als Allererstes macht die Kürze und Mann nicht in irgendeinem Zusammen-
journalistische Einfachheit von Markus hang mit dem Evangelium steht, hat die
dieses Evangelium zu einer idealen Ein- Tradition wahrscheinlich recht.
führung in den christlichen Glauben.
Auf neuen Missionsfeldern ist das Mar- II. Verfasserschaft
kusevangelium oft das erste Buch, das in Die meisten Autoren nehmen an, dass die
eine neue Sprache übersetzt wird. frühe und ungeteilte Meinung der Ge-
Aber es ist nicht nur der direkte, le- meinde richtig ist, wonach das zweite
bendige Stil – der sich besonders für die Evangelium von Johannes Markus ge-
Römer und ihre heutigen Nachfahren eig- schrieben wurde. Er war der Sohn der
net –, sondern auch der Inhalt, der die Be- Maria aus Jerusalem, die dort ein Haus
sonderheit des Markusevangeliums aus- besaß, das die Christen als Versamm-
macht. lungsort nutzten.
Während Markus größtenteils – mit Die äußeren Beweise dafür reichen weit
einigen wenigen Ausnahmen – dieselben zurück, sind stichhaltig und stammen aus
Ereignisse behandelt wie Matthäus und verschiedenen Teilen des Römischen Rei-
Lukas, erzählt er viele lebendige Einzel- ches. Papias (etwa 110 n. Chr.) zitiert den
heiten, die von den anderen ausgelassen Ältesten Johannes (vielleicht identisch
werden. Zum Beispiel erwähnt er, wie Je- mit dem Apostel Johannes, doch wahr-
sus die Jünger sah, wie er zornig wurde scheinlich ein anderer der ersten Jün-
und wie er auf der Straße nach Jerusalem ger), der gesagt hat, dass Markus, der
den Jüngern vorausging. Er hatte diese Mitarbeiter des Petrus, das Evangelium
Einzelheiten zweifellos von Petrus ge- geschrieben habe. Justin der Märtyrer,
hört, mit dem er kurz vor dessen Tod zu- Irenäus, Tertullian, Clemens von Alexan-
sammenarbeitete. Die Überlieferung sagt dria, Origenes und der Prolog gegen die
(wahrscheinlich zu Recht), dass das Mar- Marcioniten schließen sich ausnahmslos
kusevangelium im Wesentlichen die Erin- dieser Ansicht an.
nerungen von Petrus enthält. Das würde Die inneren Beweise für die Verfasser-
die vielen persönlichen Details, die Le- schaft des Markus sind zwar nicht sehr
bendigkeit und den Eindruck erklären, zahlreich, doch stimmen sie mit der allge-
den man beim Lesen dieses Buches er- meinen Überlieferung der frühen Chris-
hält. Man spürt nämlich, dass es von ei- tenheit überein.
nem Augenzeugen stammt. Der Schreiber kennt das Land Israel
Markus 164

gut, insbesondere Jerusalem. (Die Be­­­­­ Datum zwischen 57 und 60 scheint am na-
richte über den Obersaal sind ausführ­ heliegendsten zu sein.
licher als in den anderen Evangelien
– nicht verwunderlich, wenn dies das IV. Hintergrund und Thema
Haus war, in dem er aufgewachsen ist!) In diesem Evangelium wird uns die wun-
Das Evangelium zeigt an einigen Stel- derbare Geschichte des vollkommenen
len aramäischen Hintergrund (die Um- Knechtes Gottes – unseres Herrn Jesus
gangssprache in Israel), jüdische Gebräu- Christus – erzählt. Es ist die Geschichte
che sind bekannt, und die Lebhaftigkeit des Einen, der die Insignien seiner himm-
der Erzählung legt die enge Verbindung lischen Herrlichkeit beiseitelegte, um auf
zu einem Augenzeugen nahe. Die Grund- Erden die Gestalt eines Knechtes anzu-
struktur des Buches entspricht der Pre- nehmen (Phil 2,7). Es ist die unvergleich-
digt des Petrus in Apostel­geschichte 10. liche Geschichte des Einen, der »nicht
Die Überlieferung, dass Markus in gekommen ist, um bedient zu werden,
Rom schrieb, wird durch eine größere sondern um zu dienen und sein Leben zu
Anzahl lateinischer Wörter als in den an- geben als Lösegeld für viele« (Mk 10,45).
deren Evangelien belegt (etwa centurio, Wenn wir daran denken, dass dieser
census, denarius, legion und praetorium). vollkommene Knecht kein anderer als
Zehnmal wird der Autor im NT bei Gott der Sohn war, und dass er sich wil-
seinem heidnischen (lateinischen) Na- lig den Sklavenschurz umband und ein
men genannt, Markus; dreimal wird sein Knecht der Menschen wurde, dann wird
jüdischer Name mit dem heidnischen Na- dieses Evangelium umso heller erstrah-
men zusammen genannt, Johannes Mar- len. Hier sehen wir, wie der menschge-
kus. Markus, der »Knecht« oder Mitarbei- wordene Sohn Gottes in seiner Abhängig-
ter zuerst von Paulus, dann von seinem keit als Mensch auf der Erde lebte. Alles,
Onkel Barnabas und schließlich, nach der was er tat, geschah im vollkommenen
in dieser Hinsicht zuverlässigen Überlie- Gehorsam gegenüber dem Willen seines
ferung, von Petrus bis zu dessen Tod, war Vaters, und seine großartigen Taten wur-
der ideale Verfasser für das Evangelium den in der Kraft des Heiligen Geistes ge-
des vollkommenen Knechtes. wirkt.
Der Autor, Johannes Markus, war ein
III. Datierung Knecht des Herrn, der gut anfing, eine
Die Datierung des Markusevangeliums Weile vom Weg abkam (Apg 15,38), aber
ist selbst bei konservativen, bibelgläubi- sich schließlich wieder als nützlich zum
gen Gelehrten umstritten. Während wir Dienst für den Herrn erwies (2. Tim 4,11).
kein Datum sicher festlegen können, so Sein Stil ist knapp, eindrücklich und
deutet sich doch an, dass wir auf jeden umfassend. Er betont eher die Taten
Fall an eine Zeit vor der Zerstörung Jeru- als die Worte des Herrn. Das sieht man
salems zu denken haben. daran, dass er 19 Wunder des Herrn be-
Die Tradition ist sich nicht einig, ob richtet, aber nur vier Gleichnisse wieder-
Markus die Predigt des Petrus über das gibt.
Leben unseres Herrn vor dem Tode des Wenn wir das Evangelium unter­
Apostels (vor 64 – 68) oder erst danach suchen, wollen wir versuchen, dreierlei
aufgeschrieben hat. her­auszufinden:
Die meisten Gelehrten sind der An- 1. Was steht da?
sicht, dass Markus das erste Evangelium 2. Was bedeutet es?
ist, das geschrieben wurde. Insbesondere 3. Was kann ich daraus für mich lernen?
in diesem Fall ist ein frühes Datum nötig, Für alle, die wirklich treue Knechte
damit Lukas das Material des Markus be- des Herrn sein wollen, wird das Markus­
nutzen konnte. Einige Gelehrte datieren evangelium ein wertvolles Diensthand-
Markus in die frühen 50er-Jahre, aber ein buch sein.
165 Markus 1

Einteilung IV. Der Knecht reist nach Jerusalem


(Kap. 9 – 10)
V. Der Knecht dient in Jerusalem
I. Der Knecht wird vorbereitet (Kap. 11 – 12)
(1,1-13) VI. Der Knecht hält am Ölberg eine
II. Der Knecht dient in Galiläa Rede (Kap. 13)
(1,14 – 3,12) VII. Der Knecht leidet und stirbt
III. Der Knecht beruft und lehrt seine (Kap. 14 – 15)
Jünger (3,13 – 8,38) VIII. Der Knecht siegt (Kap. 16)

Kommentar des Johannes reagiert zu haben. Aber das


war nicht der Fall. Es mag sein, dass es ei-
nen anfänglichen Ausbruch von Begeiste-
I. Der Knecht wird vorbereitet (1,1-13) rung gab, bei dem viele Menschen in die
Wüste hinausgingen, den feurigen Predi-
A. Der Vorläufer des Knechtes bereitet ger zu hören, doch die Mehrheit bekannte
den Weg (1,1-8) und ließ ihre Sünden nicht. Das wird sich
1,1 Das Thema des Markus ist das Evan- im weiteren Verlauf des Berichts zeigen.
gelium von Jesus Christus. Weil er die 1,6 Was für ein Mann war Johannes?
Knechtsstellung des Herrn Jesus be- Heute würde man ihn einen fanatischen
tonen will, beginnt er nicht mit einem Asketen nennen. Er wohnte in der Wüste.
Stammbaum, sondern mit dem öffentli- Seine Kleidung war – wie das Gewand
chen Dienst des Heilands. Dieser wurde Elias – grob und sehr einfach. Seine Nah-
durch Johannes den Täufer, den Herold rung reichte gerade eben aus, um sein Le-
des Evangeliums, angekündigt. ben und seine Kraft zu erhalten, war aber
1,2.3 Sowohl Maleachi als auch Jesaja1 wohl kaum üppig zu nennen. Er war ein
sagten voraus, dass ein Bote vor dem Mann, der all diese Dinge dem einen Ziel
Messias hergehen sollte, der die Men- unterordnete: Christus zu verkündigen.
schen aufrufen würde, sich geistlich und Er hätte vielleicht reich werden können,
moralisch auf sein Kommen vorzuberei- aber er wollte arm sein. So wurde er ein
ten (Mal 3,1; Jes 40,3). Johannes der Täufer geeigneter Verkündiger des Herrn, der
verkörperte die Erfüllung dieser Prophe- keinen Ort hatte, sein Haupt niederzule-
zeiungen. Er war der Bote, die »Stimme gen. Wir lernen hier, dass Einfachheit alle
eines Rufenden in der Wüste«. Diener des Herrn kennzeichnen sollte.
1,4 Seine Botschaft lautete, dass die 1,7 Seine Botschaft behandelte die
Menschen Buße tun sollten (ihren Sinn Vorrangstellung des Herrn Jesus. Er
ändern und sich von ihren Sünden ab- sagte, dass Jesus größere Macht hat so-
kehren sollten), um »Vergebung der Sün- wie persönlich vortrefflicher und im
den« zu erlangen. Anderenfalls wären sie Dienst vollmächtiger ist. Johannes hielt
nicht in der Lage, den Herrn aufzuneh- sich nicht für würdig, ihm die Riemen sei-
men. Nur heilige Menschen können den ner Sandalen zu lösen – und damit einen
heiligen Sohn Gottes wertschätzen. Sklavendienst zu tun. Geisterfüllte Pre-
1,5 Sobald ein Zuhörer Buße tat, taufte digt erhebt immer den Herrn Jesus und
Johannes ihn als äußeres Zeichen seiner erniedrigt sich selbst.
Umkehr. Die Taufe trennte ihn öffentlich 1,8 Die Taufe des Johannes fand mit
von der Menge des Volkes Israel, das sei- Wasser statt. Sie war ein äußerliches Zei-
nen Gott verlassen hatte. Sie vereinigte chen, bewirkte jedoch keine Veränderung
ihn mit einem Überrest, der bereit war, im persönlichen Leben eines Menschen.
Christus anzunehmen. Nach Vers 5 schei- Jesus würde »mit Heiligem Geist« taufen,
nen alle Menschen auf die Verkündigung diese Taufe würde eine große Zunahme
Markus 1 166

geistlicher Kraft bringen (Apg 1,8). Au- sucht. Der Geist führte ihn in diese Erfah-
ßerdem würde sie alle Gläubigen in den rung – nicht um zu sehen, ob er sündigen
Leib Christi, die Gemeinde, aufnehmen würde, sondern um zu beweisen, dass
(1. Kor 12,13). er nicht sündigen konnte. Wenn Jesus als
Mensch auf Erden hätte sündigen kön-
B. Der Vorläufer tauft den Knecht nen, welche Gewissheit hätten wir dann,
(1,9-11) dass er jetzt als Mensch im Himmel nicht
1,9 Die sogenannten dreißig stillen Jahre, sündigen kann?
die der Herr Jesus in Nazareth verbracht Warum betont Markus, dass sich Jesus
hatte, waren zu Ende. Er war bereit, sei- »unter den wilden Tieren« befand? Wa-
nen öffentlichen Dienst zu beginnen. ren diese Tiere von Satan gerufen wor-
Als Erstes reiste er die etwa 100 Kilome- den, um den Herrn zu töten? Oder wa-
ter von Nazareth an den Jordan bei Jeri- ren sie in der Gegenwart ihres Schöpfers
cho. Dort wurde er von Johannes getauft. zahm? Wir können hier nur Fragen auf-
In seinem Fall war natürlich keine Buße werfen.
notwendig, da er keine Sünden bekennen Gegen Ende der vierzig Tage (vgl.
musste. Für den Herrn war die Taufe eine Matth 4,11) dienten ihm die Engel. Wäh-
symbolische Handlung, die seine Taufe in rend der Zeit seiner Versuchung fastete er
den Tod auf Golgatha und seine Auferste- (Lk 4,2).
hung aus den Toten darstellen sollte. So Prüfungen sind für jeden Gläubigen
haben wir schon zu Beginn seines Diens- unausweichlich. Je enger die Beziehung
tes eine anschauliche Vorschattung des zum Herrn in der Nachfolge ist, desto
Kreuzes und des leeren Grabes. schwerer werden sie sein. Satan ver-
1,10.11 »Sobald er aus dem Wasser schwendet seine Geschütze nicht an Na-
heraufstieg, sah er die Himmel sich tei- menschristen, sondern eröffnet das Feuer
len und den Geist wie eine Taube auf ihn auf diejenigen, die im geistlichen Kampf
herabfahren.« Man hörte die Stimme Got- Gebiete erobern. Es ist keine Sünde, ver-
tes, der Jesus als seinen geliebten Sohn an- sucht zu werden. Aus eigener Kraft kön-
erkannte. nen wir nicht widerstehen. Aber durch
Es gab im Leben unseres Herrn keine den in uns wohnenden Geist ist uns die
Zeit, zu der er nicht mit dem Heiligen Kraft gegeben, unheilvolle Leidenschaf-
Geist erfüllt gewesen war. Doch nun kam ten zu bezwingen.
der Heilige Geist auf ihn, um ihn zum
Dienst zu salben und zu bevollmäch- II. Der Knecht dient in Galiläa
tigen. Dies war eine besondere Darrei- (1,14 – 3,12)
chung des Geistes, womit der Herr Jesus
auf den dreijährigen Dienst vorbereitet A. Der Knecht beginnt seinen Dienst
wurde, der jetzt vor ihm lag. Die Macht (1,14.15)
des Heiligen Geistes ist unentbehrlich. 1,14.15 Markus geht nun zum Dienst des
Ein Mensch mag gebildet, talentiert und Herrn in Juda über (s. Joh 1,1 – 4,54) und
redegewandt sein, aber ohne die geheim- beginnt mit dem großen Wirken in Ga­
nisvolle Bevollmächtigung, die wir die liläa, das sich über einen Zeitraum von
Salbung nennen, ist sein Dienst ohne Le- einem Jahr und neun Monaten erstreckte
ben und wirkungslos. Die grundlegende (1,14 – 9,50). Dann behandelt er kurz
Frage lautet: »Habe ich den Heiligen Geist den zweiten Teil des Dienstes in Peräa
empfangen, und bin ich bevollmächtigt (10,1-45), ehe er zur letzten Woche in Jeru-
zum Dienst für den Herrn?« salem übergeht.
Jesus kam »nach Galiläa und predigte
C. Der Knecht wird von Satan das Evangelium Gottes«. Seine Botschaft
versucht (1,12.13) lautete insbesondere:
1,12.13 Der Knecht Gottes wurde von Sa- 1. Die Zeit war erfüllt. Nach dem pro-
tan in der Wüste vierzig Tage lang ver- phetischen Zeitplan gab es ein fes-
167 Markus 1

tes Datum für die öffentliche Erschei- Jesus Jakobus und Johannes, die Söhne
nung des Königs. Es war gekommen. des Zebedäus, als sie ihre Netze flickten.
2. Das Reich Gottes war nahe gekom- Als er sie rief, verabschiedeten sie sich
men, der König war da und bot das von ihrem Vater und »gingen weg, ihm
Reich dem gesamten Volk Israel an. nach«.
Das Reich war in dem Sinne nahe, Christus ruft auch heute noch Men-
dass der König nun erschienen war. schen, alles zu verlassen und ihm nachzu-
3. Die Menschen wurden aufgerufen, folgen (Lk 14,33). Weder Besitz noch Ver-
Buße zu tun und an das Evangelium wandtschaft dürfen ein Hindernis für den
zu glauben. Um in das Reich kom- Gehorsam sein.
men zu können, mussten sie von ihren
Sünden umkehren und an die Gute C. Ein unreiner Geist wird
Nachricht in Bezug auf den Herrn Je- ausgetrieben (1,21-28)
sus glauben. Die Verse 21-34 beschreiben einen typi-
schen Tag im Leben unseres Herrn. Ein
B. Vier Fischer werden berufen Wunder folgte auf das andere, als der
(1,16-20) Herr die Besessenen und Kranken heilte.
1,16-18 Als Jesus »am See von Galiläa Die Heilungswunder unseres Herrn
entlangging, sah er Simon und Andreas« zeigen, wie er die Menschen von den Fol-
beim Fischen. Er kannte sie schon, sie wa- gen der Sünde befreit. Das kann man der
ren sogar ganz zu Beginn seines Diens- nachfolgenden Übersicht entnehmen.
tes schon Jünger geworden (Joh 1,40.41). Obwohl der Prediger von heute nicht
Nun berief er sie, mit ihm zu leben, und aufgerufen ist, solche körperlichen Hei-
verhieß ihnen, sie zu Menschenfischern lungen zu vollbringen, ist er doch stän-
zu machen. Sofort gaben sie ihr einträg- dig gerufen, sich mit der geistlichen Hei-
liches Geschäft als Fischer auf, um ihm lung von Sünde zu beschäftigen. Sind
nachzufolgen. Sie leisteten unverzügli- dies nicht die größeren Wunder, die der
chen, mit großen Opfern verbundenen Herr Jesus in Johannes 14,12 erwähnt:
und völligen Gehorsam. »Wer an mich glaubt, der wird auch die
Fischen ist eine Kunst, mit der sich das Werke tun, die ich tue, und wird größere
Seelengewinnen vergleichen lässt: als diese tun«?
1. Es erfordert Geduld. Es gibt oft ein- 1,21.22 Jetzt wollen wir uns wieder
same Stunden des Wartens. der Erzählung des Markus zuwenden. In
2. Es erfordert Geschick, mit Ködern und Kapernaum ging Jesus in die Synagoge
Netzen umzugehen. und lehrte am Sabbat. Die Menschen er-
3. Es erfordert Unterscheidungsgabe und kannten, dass er kein gewöhnlicher Leh-
gesunden Menschenverstand, um rer war. Mit seinen Worten war eine un-
dort­­­­­hin zu gehen, wo sich die Fische bestreitbare Kraft verbunden, die die
aufhalten. Schriftgelehrten nicht hatten, sondern me-
4. Es erfordert Ausdauer. Ein guter Fi- chanisch vor sich hin redeten. Jesu Sätze
scher gibt nicht so schnell auf. waren Pfeile des Allmächtigen. Seine
5. Es erfordert Stille. Die beste Methode Lehre war fesselnd, überzeugend und
dafür ist, Störungen zu vermeiden herausfordernd. Die Schriftgelehrten ga-
und sich selbst im Hintergrund zu ben eine Religion aus zweiter Hand wei-
halten. ter. Aber die Predigt des Herrn war durch
Wir werden zu Menschenfischern, in- und durch echt. Er hatte die Vollmacht, so
dem wir Jesus nachfolgen. Je ähnlicher zu reden, weil er war, was er lehrte.
wir ihm sind, desto erfolgreicher werden Jeder, der das Wort Gottes weiter-
wir, andere für ihn zu gewinnen. Unsere gibt, sollte mit Vollmacht sprechen oder
Verantwortung ist es, ihm zu folgen, er es lassen. Der Psalmist sagte: »Ich habe
wird für alles andere sorgen. geglaubt, darum kann ich sagen …«
1,19.20 Ein wenig später traf der Herr (Ps 116,10). Paulus wiederholte diese
Markus 1 168

Wor­­­
te in 2. Korinther 4,13. Diese Bot- 2. Die Macht Christi über die bösen Geis-
schaft ist aus tiefer Überzeugung gebo- ter ist ein Hinweis auf seinen endgül-
ren. tigen Sieg über Satan und seine Hand-
1,23 In dieser Synagoge gab es einen langer.
Mann, der von einem Dämon besessen 3. Wo immer Gott am Werk ist, wehrt
war oder beherrscht wurde. Der Dämon Satan sich. Alle, die dem Herrn dienen
wird als »unreiner Geist« beschrieben. wollen, müssen damit rechnen, dass
Das bedeutet wahrscheinlich, dass dieser jeder Schritt auf ihrem Weg verhin-
Geist sich dadurch bemerkbar machte, dert werden soll. »Denn unser Kampf
dass er den Mann entweder körperlich ist nicht gegen Fleisch und Blut, son-
oder moralisch unrein machte. Niemand dern gegen die Gewalten, gegen die
sollte Besessenheit mit Geisteskrankhei- Mächte, gegen die Weltbeherrscher
ten verwechseln. Das sind zwei völlig dieser Finsternis, gegen die geistigen
unterschiedliche Dinge. Ein besessener Mächte der Bosheit in der Himmels-
Mensch wird von einem bösen Geist be- welt« (Eph 6,12).
wohnt und beherrscht. Solch ein Mensch
kann häufig übernatürlich handeln und D. Heilung der Schwiegermutter des
wird oft gewalttätig oder lästert, wenn er Petrus (1,29-31)
mit der Person und dem Werk des Herrn »Sobald« und »sofort« sind Schlüssel-
Jesus Christus konfrontiert wird. worte dieses Evangeliums und eignen
1,24 Man beachte, dass der böse Geist sich besonders für den Bericht, der die
Jesus erkannte und von ihm als dem Stellung des Herrn Jesus als Knecht be-
Nazarener und dem »Heiligen Gottes« tont.
sprach. Man beachte auch den Wechsel 1,29.30 Aus der Synagoge ging unser
von der Mehrzahl in die Einzahl: »Was Herr zu Simons Haus. Als er ankam, er-
haben wir mit dir zu schaffen? … Bist du fuhr er, dass die Schwiegermutter Simons
gekommen, uns zu verderben? Ich kenne fieberkrank daniederlag. Vers 30 sagt,
dich …« Zuerst spricht der Dämon in Ver- dass die im Haus Versammelten ihm so-
bindung mit dem Mann, dann spricht er fort davon erzählten. Sie verschwendeten
nur noch für sich selbst. ihre Zeit nicht damit, ihre Not erst einem
1,25.26 Jesus wollte das Zeugnis eines Arzt zu sagen.
Dämons nicht annehmen, so wahr es auch 1,31 Ohne ein Wort nahm Jesus sie bei
sein mochte. Deshalb befahl er dem bösen der Hand und richtete sie auf. Sofort war
Geist, zu schweigen und aus dem Mann sie geheilt. Normalerweise ist ein Mensch
auszufahren. Es muss seltsam ausgese- nach Fieber sehr geschwächt. In diesem
hen haben, wie der Geist an dem Mann Fall nahm der Herr nicht nur das Fieber
zerrte und schrie, als er sein Opfer verlas- weg, sondern gab der Frau auch gleich
sen musste. die Kraft zum Dienst. »Und sie diente ih-
1,27.28 Das Wunder erregte Entset- nen.« J. R. Miller sagt dazu:
zen. Es war für diese Menschen ganz neu Jeder Genesene, sei er durch gewöhn­liche
und aufregend, dass ein Mensch durch ei- oder ungewöhnliche Mittel gesund gewor-
nen bloßen Befehl einen Dämon austrei- den, sollte sich beeilen, das Leben, das er zu-
ben konnte. Sie fragten sich, ob dies der rückerhalten hat, dem Herrn zu weihen …
Anfang einer neuen religiösen Lehrrich- Viele Menschen sehnen sich oft nach Gele-
tung war. Die Botschaft von dem Wun- genheiten, Christus zu dienen, und haben
der »ging sogleich hinaus überall in die dabei einen guten und ehrenvollen Dienst im
ganze Umgebung Galiläas«. Ehe wir die- Auge, den sie gerne tun würden. In der Zwi-
sen Abschnitt verlassen, sollten wir drei- schenzeit lassen sie gerade die Aufgaben links
erlei festhalten: liegen, bei denen Christus ihren Dienst be-
1. Das erste Kommen Christi verur- gehrt. Echter Dienst Christi besteht in ers-
sachte offensichtlich zahlreiche dämo- ter Linie darin, die täglichen Pflichten gut zu
nische Aktivitäten auf Erden. erledigen.2
169 Markus 1

Wunder: Befreiung von:


1. Heilung eines Mannes mit einem 1. Unreinheit der Sünde
unreinen Geist (1,23-26)
2. Heilung der Schwiegermutter des Pe- 2. Fieber und Rastlosigkeit der Sünde
trus (1,29-31)
3. Heilung des Aussätzigen (1,40-45) 3. Abscheulichkeit der Sünde
4. Heilung des Gelähmten (2,1-12) 4. Hilflosigkeit verursacht durch Sünde
5. Heilung des Mannes mit der 5. Nutzlosigkeit verursacht durch
verdorrten Hand (3,1-5) Sünde
6. Befreiung des Besessenen (5,1-20) 6. Unglück, Gewalttätigkeit und
Schrecken der Sünde
7. Heilung der Frau mit Blutfluss 7. Macht der Sünde, die Lebenskraft zu
(5,25-34) rauben
8. Auferweckung der Tochter des 8. Geistlicher Tod durch Sünde
Jairus (5,21-24; 35-43)
9. Heilung der Tochter der 9. Knechtschaft durch Sünde und Satan
Syrophönizierin (7,24-30)
10. Heilung des Taubstummen (7, 31-37) 10. Unfähigkeit, Gottes Wort zu hören
und von Geistlichem zu sprechen
11. Heilung eines Blinden (8,22-26) 11. Blindheit gegenüber dem Licht des
Evangeliums
12. Heilung des besessenen Knaben 12. Grausamkeit der Herrschaft Satans
(9,14-29)
13. Heilung des blinden Bartimäus 13. Der Zustand der Blindheit und
(10,46-52) Armseligkeit, in den die Sünde führt

Es ist beachtenswert, dass der Herr denden zu Jesus zu bringen. Aber als »die
bei jeder Heilung eine andere Methode Sonne unterging« und damit der Sabbat
verwendet. Das erinnert uns daran, dass zu Ende war, strömten die Menschen
keine zwei Bekehrungen auf die gleiche zum Haus des Petrus. Dort erlebten die
Weise geschehen. Jeder Mensch muss in- Kranken und Besessenen die Macht, die
dividuell behandelt werden. von jeder Art der Sünde und ihren Fol-
Dass Petrus eine Schwiegermutter gen befreit.
hatte, zeigt uns, wie fremd die Vorstel-
lung eines ehelosen Priestertums dieser F. Predigt in Galiläa (1,35-39)
Zeit in jeder Hinsicht war. Das Zölibat ist 1,35 Jesus stand schon »frühmorgens, als
eine menschliche Tradition, die durch das es noch sehr dunkel war«, auf und ging
Wort Gottes nicht gestützt wird und vie- an einen Platz, wo er nicht abgelenkt
lerlei Übel nach sich zieht. wurde, um dort eine Zeit im Gebet zu ver-
bringen. Der Knecht Gottes öffnete jeden
E. Heilung bei Sonnenuntergang Morgen sein Ohr, um von Gott dem Va-
(1,32-34) ter Anweisungen für den Tag zu erhalten
1,32-34 Die Neuigkeit, dass Jesus da war, (Jes 50,4.5). Wenn der Herr Jesus es nötig
hatte sich während des Tages verbreitet. hatte, morgens eine »Stille Zeit« einzule-
Während es noch Sabbat war, hatten die gen – wie viel mehr haben wir es nötig!
Menschen es nicht gewagt, die Not Lei- Man beachte, dass er zu einer Zeit betete,
Markus 1 170

die von ihm ein Opfer verlangte. Er stand G. Reinigung eines Aussätzigen
auf und ging hinaus, als es noch sehr dun- (1,40-45)
kel war, d. h. sehr früh am Morgen. Das 1,40-45 Die Erzählung über den Aussät-
Gebet sollte nicht eine Sache der persön- zigen gibt uns ein wunderbares Beispiel
lichen Bequemlichkeit sein, sondern der für ein Gebet, das von Gott erhört wird:
Selbstzucht und der Hingabe. Erklärt das 1. Dem Mann ist es ernst mit seinem
vielleicht, warum heute so viel unfrucht- Anliegen, er ist verzweifelt: Er »bittet
barer Dienst getan wird? ihn«.
1,36.37 In der Zwischenzeit waren 2. Er ist ehrfürchtig: Er »kniet nieder«.
auch Simon und die anderen aufgestan- 3. Er ist demütig und unterwürfig:
den, und die Menge versammelte sich »Wenn du willst.«
schon wieder vor dem Haus. Die Jünger 4. Er glaubt: »Du kannst.«
gingen und erzählten Jesus von seiner 5. Er gibt seine Not zu: »Reinige mich.«
wachsenden Beliebtheit. 6. Er hat ein bestimmtes Anliegen: nicht
1,38 Erstaunlicherweise ging er nicht verschwommen (»segne mich«), son-
in den Ort zurück, sondern nahm die Jün- dern konkret (»reinige mich«).
ger »in die benachbarten Marktflecken« 7. Er betet persönlich: »Reinige mich.«
mit und erklärte, dass er dort auch predi- 8. Er betet kurz, im Grundtext sind es
gen müsse. Warum kehrte er nicht nach nur fünf Worte.
Kapernaum zurück? Man beachte, was nun geschieht!
1. Er hatte gerade im Gebet erfahren, Jesus war »innerlich bewegt«. Wir
was Gott heute für ihn vorsah. sollten diese Worte niemals ohne Freude
2. Er erkannte, dass die Volksbewegung und Dankbarkeit lesen.
in Kapernaum oberflächlich einge- Er »streckte seine Hand aus«. Man
stellt war. Der Retter ließ sich nie denke sich nur: Die Hand Gottes streckt
durch große Menschenmengen be- sich als Antwort auf demütiges, gläubi-
eindrucken. Er schaute tiefer und er- ges Gebet aus!
kannte, was in den Herzen vorging. Er »rührte ihn an«. Nach dem Gesetz
3. Er kannte die Gefahren der Beliebtheit wurde ein Mensch unrein, wenn er ei-
und lehrte die Jünger durch sein Vor- nen Aussätzigen berührte. Natürlich gab
bild, sich in Acht zu nehmen, wenn es auch die Gefahr der Ansteckung. Aber
alle Welt sie lobt. der heilige Sohn Gottes machte sich mit
4. Er vermied konsequent jede ober- den Menschen in ihren Leiden eins und
flächliche und gefühlsbetonte Bekun- heilte die Folgen der Sünde, ohne von ih-
dung seiner Macht, die ihm die Krone nen befleckt zu werden.
vor dem Kreuz hätte einbringen kön- Er sagte: »Ich will.« Sein Heilungs-
nen. wille war größer als unsere Bereitschaft,
5. Er legte besonderen Wert auf das Heilung zu empfangen. Dann sagte er:
Predigen des Wortes. Die Heilungs- »Sei gereinigt.« Sofort war die Haut des
wunder waren zwar dazu bestimmt, Aussätzigen glatt und rein.
menschliches Leiden zu lindern, aber Jesus verbot es, das Wunder zu ver-
sie sollten auch die Aufmerksamkeit breiten, ehe der Mann nicht vor dem Pries-
der Zuhörer für die Predigt gewinnen. ter erschienen war und das erforderliche
1,39 So ging Jesus in »ganz Galiläa« Opfer gebracht hatte (3. Mose 14,2ff.). Das
in die Synagogen, predigte und »trieb die sollte zuerst einmal den Gehorsam des
Dämonen aus«. Er verband immer die Mannes erproben. Würde er tun, wie ihm
Praxis mit der Predigt, er sprach und han- geheißen war? Er gehorchte nicht, denn
delte. Es ist interessant zu sehen, wie oft er breitete die Sache aus und hinderte in-
er in Synagogen Dämonen austrieb. Wür- folgedessen die Arbeit des Herrn (V. 45).
den heutige liberale Gemeinden den da- Auch war es eine Probe für die Urteilsfä-
maligen Synagogen entsprechen? higkeit des Priesters. Würde er erkennen,
dass der lang ersehnte Messias gekom-
171 Markus 1 und 2

men war und wunderbare Heilungen und in diesem Leben, war die Sünde des
vollbrachte? Wenn der Priester wie die Mannes vergeben. Er brauchte nicht bis
übrigen Angehörigen des Volkes einge- zum Tag des Gerichtes zu warten. Er hatte
stellt war, würde er es nicht erkennen. jetzt die Sicherheit der Vergebung. Diese
Wieder sehen wir, dass Jesus sich von Sicherheit haben alle, die an Jesus glauben.
der Menge zurückzog und »an einsamen 2,6.7 Die Schriftgelehrten erfassten
Orten« diente. Er beurteilte seinen Erfolg sofort die Bedeutung dieser Aussage. Sie
nicht nach Zahlen. hatten genug Bibelkenntnis, um zu wis-
sen, dass nur Gott Sünden vergeben kann.
H. Heilung eines Gelähmten (2,1-12) Jeder, der daher behauptete, Sünden zu
2,1-4 Sobald der Herr wieder nach Ka- vergeben, beanspruchte damit gleich-
pernaum kam, »versammelten sich viele« zeitig, Gott zu sein. Bis dahin war ihre
vor dem Haus, in dem er war. Die Nach- Logik richtig. Aber statt den Herrn Jesus
richt verbreitete sich schnell, denn die als Gott anzuerkennen, klagten sie ihn in
Menschen wollten alle den Wundertäter ihren Herzen der Gotteslästerung an.
sehen. Wann immer Gott in Vollmacht 2,8.9 Jesus konnte ihre Gedanken le-
handelt, werden die Menschen angezo- sen, ein Beweis seiner übernatürlichen
gen. Der Heiland »sagte ihnen das Wort«, Macht. Er fragte sie herausfordernd:
als sie das Haus bis zur Tür füllten. Ganz »Was ist leichter? Zu dem Gelähmten
hinten in der Menge war ein Gelähmter, zu sagen: Deine Sünden sind vergeben,
der von vier anderen auf einer improvi- oder zu sagen: Steh auf und nimm dein
sierten Bahre getragen wurde. Wegen der Bett auf und geh umher?« Eigentlich ist
vielen Menschen konnten sie nicht zu Je- es sehr einfach, sowohl das eine als auch
sus kommen. Es gibt fast immer Hinder- das andere zu sagen. Aber es ist mensch-
nisse, wenn man einen anderen zu Jesus lich gesehen ebenso unmöglich, das eine
bringen will. Aber Glaube macht erfinde- wie das andere zu tun.
risch! Die vier Träger kletterten die Au- 2,10-12 Der Herr hatte die Sünden des
ßentreppe auf das Dach hinauf, »deckten Mannes schon für vergeben erklärt. Aber
das Dach ab« und ließen den Gelähmten waren sie wirklich vergeben? Die Schrift-
auf den Boden hinunter – vielleicht in ei- gelehrten konnten nicht sehen, dass die
nen Hof in der Mitte des Hauses – und Sünden des Mannes vergeben waren, des-
brachten ihn so in die Nähe des Sohnes wegen wollten sie es nicht glauben. Um
Gottes. Jemand hat den vieren einmal zu zeigen, dass dem Mann wirklich ver-
die charakteristischen Namen Mitgefühl, geben war, gab der Heiland den Schrift-
Zusammenarbeit, Ideenreichtum und gelehrten etwas Sichtbares. Er befahl dem
Ausdauer gegeben. Jeder von uns sollte Gelähmten aufzustehen, seine Matte zu
danach streben, ein Freund mit diesen Ei- nehmen und zu gehen. Der Mann ge-
genschaften zu sein. horchte sofort. Alle Leute »gerieten au-
2,5 Jesus, durch ihren Glauben be­ ßer sich«. So etwas hatten sie noch nie ge-
eindruckt, sagte zu dem Gelähmten: sehen. Aber die Schriftgelehrten glaubten
»Kind, deine Sünden sind vergeben.« Das trotz der massiven Beweise nicht. Glaube
schien nun eine recht seltsame Äußerung betrifft auch den Willen, und sie wollten
zu sein. Es ging doch um Lähmung und nicht glauben.
nicht um Sünde, oder? Ja, doch Jesus sah
über die Symptome hinaus und erkannte I. Die Berufung Levis (2,13-17)
die Ursache. Er wollte nicht den Körper 2,13.14 Während Jesus am See lehrte, sah
heilen und die Seele vernachlässigen. Er er Levi am Zoll sitzen. Wir kennen Levi
wollte nicht einen nur zeitlichen Zustand unter dem Namen Matthäus, der später
erleichtern, ohne den ewigen Zustand zu das erste Evangelium schrieb. Er war ein
verändern. Deshalb sagte er: »Deine Sün- Jude, aber sein Beruf war äußerst unjü-
den sind vergeben.« Das war eine wun- disch, wenn man bedenkt, dass er für die
derbare Nachricht. Jetzt, auf dieser Erde verachtete römische Obrigkeit Steuern
Markus 2 172

einnahm! Solche Männer waren nicht ge- viel einfacher, sich von der bösen Welt zu
rade für ihre Ehrlichkeit bekannt. Statt- isolieren; aber Jesus tat dies nicht, also
dessen sah man auf sie – wie auf Huren – sollten es seine Nachfolger auch nicht tun.
als den Abschaum der Gesellschaft herab. Die Schriftgelehrten meinten, sie
Doch es wird Levi in der Ewigkeit aner- könnten den Ruf des Herrn schädigen,
kannt, dass er auf den Ruf Christi hin al- wenn sie ihn einen Freund der Sünder
les aufgab und ihm nachfolgte. Möge je- nannten. Aber ihr beleidigend gemeintes
der von uns ihm in seinem schnellen Reden hat eine wunderbare Wirkung ge-
und kritiklosen Gehorsam ähnlich sein! habt. Alle Erlösten erkennen Jesus glück-
Manchmal scheint dieser Gehorsam ein lich als Freund der Sünder an und lieben
großes Opfer zu sein, aber in der Ewig- ihn deswegen auf ewig.
keit werden wir es nicht mehr als Opfer
empfinden. Der Missionar und Märtyrer J. Streitgespräch über das Fasten
Jim Elliot sagte: »Der ist kein Narr, der (2,18-22)
hingibt, was er nicht behalten kann, um 2,18 »Die Jünger des Johannes und die
zu er­langen, was er nicht verlieren kann.« Pharisäer fasteten« regelmäßig. Das war
2,15 In Levis Haus wurde nun ein für sie eine Glaubensübung. Im AT war
großes Essen veranstaltet, bei dem er das Fasten als Zeichen tiefer Trauer ein-
Jesus seinen Freunden vorstellen konnte. gesetzt worden. Aber es hatte viel von sei-
Die meisten seiner Freunde waren wie ner Bedeutung verloren und war zu ei-
er selbst – »Zöllner und Sünder«. Jesus nem Ritual erstarrt. Sie bemerkten, dass
nahm die Einladung an, um mit ihnen zu- Jesu Jünger nicht fasteten, und deshalb
sammenzukommen. wurden sie vielleicht neidisch und bemit-
2,16 Die Schriftgelehrten und Pha- leideten sich selbst in ihren Herzen, als sie
risäer dachten, sie hätten ihn bei einem den Herrn um eine Erklärung baten.
schweren Fehler erwischt. Statt sofort mit 2,19.20 Als Antwort verglich Jesus
ihrer Klage zu ihm zu gehen, gingen sie seine Jünger mit den Hochzeitsgästen. Der
»zu seinen Jüngern« und versuchten, ihr Bräutigam war er selbst. Solange er bei ih-
Vertrauen und ihre Treue zu untergraben. nen war, gab es keinen Grund, nach au-
Wie kam es, dass ihr Meister mit den Zöll- ßen hin Trauer zu zeigen. »Es werden aber
nern und Sündern aß? Tage kommen, da der Bräutigam von ih-
2,17 »Jesus hörte es« und erinnerte sie nen weggenommen sein wird, und dann,
daran, dass Gesunde keinen Arzt brau- an jenem Tag, werden sie fasten.« Dann
chen – nur die Kranken. Die Schriftge- würden sie noch genug Zeit dafür haben.
lehrten meinten, gesund zu sein, und er- 2,21 Sofort fügt der Herr zwei Bilder
kannten deshalb nicht ihr Bedürfnis nach an, mit denen er den Beginn eines neuen
dem großen Arzt. Die Zöllner und Sün- Zeitalters ankündigt, das mit dem vor-
der gaben ihre Schuld und ihre Hilfsbe- hergehenden nicht vereinbar ist. Das
dürftigkeit zu. Jesus kam, um Sünder wie erste Bild handelt von einem Flicken aus
sie zu rufen – nicht die Selbstgerechten. neuem Tuch, das noch nicht eingelaufen
Das sollte uns eine Lehre sein. Wir soll- ist. Wenn man es verwendet, um ein al-
ten uns nicht in christianisierten Gemein- tes Kleid zu flicken, wird es unausweich-
schaften einschließen. Wir sollten lieber lich einlaufen und eines von beiden wird
danach trachten, Gottlosen Freunde zu nachgeben müssen. Da das Kleid aus älte-
sein, um ihnen unseren Herrn und Retter rem Tuch ist, wird der Stoff weniger stabil
vorzustellen. Wenn wir Sündern Freund- sein und an der geflickten Stelle wieder
schaft erweisen, sollten wir nichts tun, reißen. Jesus vergleicht die alte Haushal-
das unser Zeugnis verwischen könnte, tung mit dem alten Gewand. Gott wollte
noch den Unerretteten erlauben, uns auf nie, dass das Christentum auf das Juden-
ihre Ebene herabzuziehen. Wir sollten die tum geflickt würde, weil es etwas völ-
Initiative ergreifen, die Beziehung in gute, lig Neues darstellt. Die Trauer der alten
geistlich hilfreiche Kanäle zu leiten. Es ist Haushaltung, die sich im Fasten aus-
173 Markus 2

drückte, muss der Freude der neuen die Priester von den Schaubroten essen,
Heilszeit weichen. doch David wurde von Gott nicht dafür
2,22 Das zweite Bild handelt von getadelt. Warum? Weil in Israel nichts
neuem Wein in alten Schläuchen. Die le- mehr dem Willen Gottes entsprach. So-
dernen Schläuche verloren ihre Dehn- lange David nicht seinen rechtmäßigen
fähigkeit. Wenn man neuen Wein hin- Platz als König einnehmen konnte, er-
einfüllte, dann sprengte der Druck, der laubte Gott ihm Dinge, die normalerweise
durch die Gärung entsteht, die Schläu- ungesetzlich gewesen wären.
che. Der neue Wein steht für die Freude Das Gleiche galt für den Herrn Jesus.
und Vollmacht des christlichen Glaubens. Er war zwar gesalbt, herrschte aber nicht.
Die alten Schläuche sind ein Bild für die Allein die Tatsache, dass sich die Jünger
Formen und Riten des Judentums. Neuer während ihrer Reise Getreide pflücken
Wein braucht neue Schläuche. Es war mussten, zeigte, dass Israel nicht richtig
sinnlos, dass die Johannesjünger und die handelte. Die Pharisäer selbst hätten Je-
Pharisäer den Jüngern des Herrn die Last sus und seinen Jüngern Gastfreundschaft
des Fastens aufladen wollten, wie es bis- gewähren sollen, statt sie zu kritisieren.
her praktiziert worden war. Die Freude Wenn David wirklich das Gesetz ge-
und das überschäumende neue Leben brochen hatte, indem er die Schaubrote
mussten sich ausdrücken dürfen. Das aß, und trotzdem von Gott nicht getadelt
Christentum hat immer unter dem Ver- wurde, wie viel weniger schuldig waren
such von Menschen gelitten, es mit Ge- die Jünger, die unter gleichen Umständen
setzlichkeit zu vermischen. Der Herr Je- nichts weiter als die Überlieferung der Äl-
sus lehrte, dass beide nicht vereinbar testen gebrochen hatten!
sind. Gesetz und Gnade sind zwei sich Vers 26 erwähnt, dass David die
widersprechende Prinzipien. Schaubrote aß, als Abjatar Hoherpries-
ter war. Nach 1. Samuel 21,1 war zu die-
K. Streitgespräch über den Sabbat ser Zeit Ahimelech Priester. Abjatar war
(2,23-28) sein Vater. Es mag sein, dass die Treue
2,23.24 Dieser Vorfall zeigt den Konflikt, des Hohenpriesters gegenüber David ihn
über den Jesus gerade eben gesprochen dazu führte, diese ungewöhnliche Abwei-
hatte: zwischen der Tradition des Juden- chung vom Gesetz zu erlauben.
tums und der Freiheit des Evangeliums. 2,27.28 Unser Herr schloss seine
Als er »am Sabbat durch die Saa- Rede, indem er die Pharisäer daran erin-
ten ging«, pflückten seine Jünger einige nerte, dass der Sabbat von Gott eingesetzt
Kornähren ab, um deren Körner zu essen. wurde, um dem Menschen zu nützen,
Das verstieß nicht gegen Gottes Gesetz. nicht um ihn zu knechten. Dann fügte er
Aber nach den haarspalterischen Überlie- an, dass »der Sohn des Menschen Herr
ferungen der Ältesten hatten die Jünger auch des Sabbats« ist – er war es, der den
den Sabbat gebrochen, indem sie »ernte- Sabbat zu Beginn verordnet hatte. Des-
ten« und vielleicht sogar »droschen« (sie halb hatte er die Autorität zu entschei-
rieben die Ähren zwischen den Händen, den, was an diesem Tag erlaubt und was
um die Spelzen zu ent­fernen). verboten war. Sicherlich war der Sabbat
2,25.26 Der Herr antwortete den Pha- nie dazu gedacht gewesen, Arbeiten zu
risäern, indem er einen Vorfall aus dem verbieten, die notwendig sind oder aus
AT anführte. David war zwar zum Kö- Barmherzigkeit nicht unterlassen wer-
nig gesalbt worden, galt aber beim am- den dürfen. Christen sind nicht verpflich-
tierenden König als Geächteter. Statt zu tet, den Sabbat zu halten. Dieser Tag ist
regieren, wurde er wie ein Stück Wild ge- dem Volk Israel gegeben. Der besondere
jagt. Als eines Tages seine Vorräte auf­ Tag der Christen ist der Tag des Herrn,
gebraucht waren, ging er in das Haus der erste Tag der Woche. Dennoch soll
Gottes und aß mit seinen Männern die man ihn nicht mit gesetzlichen Geboten
Schaubrote. Normalerweise durften nur und Verboten überfrachten. Es ist eher ein
Markus 2 und 3 174

Vorrecht, einen solchen Tag zu haben, der könnten«. Noch immer war Sabbat. He-
von weltlicher Arbeit frei ist, an dem die rodes hatte Johannes den Täufer getötet.
Gläubigen beten, Gottesdienst halten und Vielleicht waren dieselben Leute auch in
ihre Seelen nähren dürfen. Für uns stellt der Lage, Jesus zu ermorden. Das war die
sich nicht die Frage: »Ist dies und das am Hoffnung der Pharisäer.
Tag des Herrn erlaubt?« Wir sollten eher
fragen: »Wie kann ich diesen Tag am bes- M. Eine große Menge bedrängt den
ten zur Ehre Gottes, zum Segen meiner Knecht (3,7-12)
Mitmenschen und zu meinem geistlichen 3,7-10 Nachdem er die Synagoge verlas-
Wohlergehen verwenden?« sen hatte, »entwich« er »mit seinen Jün-
gern an den See« Genezareth. Der See
L. Der Knecht heilt am Sabbat (3,1-6) symbolisiert in der Bibel oftmals die Hei-
3,1.2 Es gab hinsichtlich der Sabbatfrage den. Deshalb mag diese Handlung seine
noch einen weiteren Präzedenzfall. Je- Abwendung von den Juden zu den Hei-
sus »ging wieder in die Synagoge« und den zeigen. »Eine große Menge« versam-
traf dort einen Mann mit einer verdorrten melte sich nicht nur aus Galiläa, sondern
Hand. Schon erhob sich die Frage: Wird kam auch von weiter her. Die Menge war
Jesus es wagen, »ihn am Sabbat zu hei- so groß, dass Jesus um ein kleines Boot
len«? Wenn er das täte, hätten die Phari- bat, sodass er vom Ufer ein wenig weg-
säer eine Anklage gegen ihn – so dachten fahren konnte, damit er nicht von denen
sie jedenfalls. Man stelle sich ihre Heu- zu sehr bedrängt wurde, die bei ihm Hei-
chelei und Unehrlichkeit einmal vor! Sie lung suchten.
selbst konnten nichts tun, um diesem 3,11.12 Als die unreinen Geister in der
Mann zu helfen, und verachteten jeden, Menge schrien: »Du bist der Sohn Got-
der es konnte. Sie suchten einen Anlass, tes!«, verbot er ihnen strikt, dies zu ver-
um den Herrn des Lebens zu verurteilen. künden. Wie schon angemerkt, wollte er
Wenn er am Sabbat heilen würde, dann nicht von bösen Geistern bezeugt werden.
würden sie wie ein Rudel Wölfe über ihn Er stellte nicht in Abrede, dass er der Sohn
herfallen, um ihn zu töten. Gottes war. Aber er wachte über die Zeit
3,3.4 Der Herr forderte den Mann auf, und die Art, wann und wie er als solcher
in die Mitte zu treten. Die Atmosphäre verkündigt wurde. Jesus hatte die Hei-
war voll gespannter Erwartung. Dann lungsmacht, aber seine Wunder konnten
fragte er die Pharisäer: »Ist es erlaubt, am nur die erleben, die ihn um Hilfe baten.
Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun, Genauso ist es mit der Errettung. Seine
das Leben zu retten oder zu töten?« Seine Macht zur Errettung reicht für alle aus,
Frage enthüllte die Bosheit der Pharisäer. aber sie wird nur da wirksam, wo man
Sie meinten, dass es falsch sei, ein Hei- auf ihn vertraut.
lungswunder am Sabbat zu vollbringen, Wir lernen aus dem Dienst unse-
jedoch nicht, dass es falsch sei, an einem res Herrn, dass Not noch kein Auftrag
Sabbat den Mord an ihm zu planen! ist. Überall gab es Not. Jesus verließ sich
3,5 Es ist kein Wunder, dass sie nicht ganz auf die Anweisungen seines Vaters,
antworten wollten. Nach einer verlege- wann und wo er zu dienen hatte. So muss
nen Pause befahl der Heiland dem Mann, es auch bei uns sein.
die Hand auszustrecken. Als er das tat,
kehrte ihre ganze Kraft zurück, das III. Der Knecht beruft und lehrt seine
Fleisch hatte wieder seine normale Aus- Jünger (3,13 – 8,38)
dehnung, und die Falten verschwanden.
3,6 Das war mehr, als die Pharisäer er- A. Die Berufung der zwölf Apostel
tragen konnten. Sie »gingen hinaus«, nah- (3,13-19)
men mit den Herodianern, mit denen sie 3,13-18 In Voraussicht der Aufgabe der
traditionell verfeindet waren, Kontakt Weltevangelisation ernannte Jesus zwölf
auf und planten, »wie sie ihn umbringen Jünger. An diesen Männern war an sich
175 Markus 3

nichts Besonderes. Nur ihre Verbindung stehlichem an ihm. Sie wurden von Freun-
mit Jesus machte sie groß. den ausgelacht, Feinde stellten ihnen Fallen,
Sie waren ausnahmslos junge Män- manchmal erhoben Zweifel ihre laute Stimme
ner. James E. Stewart schreibt in seinem in ihren Herzen, bis sie fast wünschten, sie
ausgezeichneten Kommentar über das hätten mit der ganzen Sache nichts mehr zu
Alter der Jünger: tun. Doch noch immer hielten sie an ihm fest
Das Christentum begann als eine Bewe- und wurden dadurch, dass all ihre Hoffnun-
gung junger Leute … Unglücklicherweise ist gen zunichtegemacht wurden, zu einer bes-
diese Tatsache in der christlichen Kunst und seren Treue geführt. Schließlich erwarben sie
Predigt häufig verdreht worden. Aber es ist sich siegreich den großartigen Namen, den
ziemlich sicher, dass die Jünger zu Anfang das Te Deum ihnen verleiht: »Die herrliche
eine Schar junger Männer waren. Die meis- Gemeinschaft der Apostel«. Es ist gut, sie zu
ten Apostel waren wahrscheinlich weniger beobachten, denn auch wir können dadurch
als dreißig Jahre alt, als sie Jesus nachfolg- von ihrem Geist beeinflusst werden und an-
ten. Jesus selbst, das sollten wir nicht verges- fangen, mit ihm zu gehen.3
sen, ging »im Tau seiner Jugend« (vgl. Psalm Jesus hatte ein dreifaches Ziel mit der
110,3; Elb) zu seinem Dienst aus (Psalm 110 Berufung der Jünger:
wird von Jesus selbst auf sich bezogen, was 1. »damit sie bei ihm seien«;
in der Gemeinde der Apostel weiter so gehal- 2. »damit er sie aussende, zu predigen«;
ten wurde). Es war echtes Einfühlungsver- 3. »und Vollmacht zu haben, die Dämo-
mögen, das die frühen Christen dazu führte, nen auszutreiben«.
ihren Meister auf den Wänden der Katakom- Erstens mussten sie eine Zeit der Un-
ben nicht als alten, müden und von Schmerz terweisung durchleben – eine Vorberei-
gebrochenen Mann darzustellen, sondern als tung in der Zurückgezogenheit, ehe sie
jungen Hirten, der frühmorgens auf den Hü- öffentlich predigen konnten. Wir müssen
geln seine Herde weidet. Die Originalversion Zeit mit Jesus verbringen, ehe wir als Got-
des wunderbaren Liedes von Isaac Watts gab tes Botschafter hinausgehen können.
die Tatsachen wieder: Zweitens wurden sie zum Predigen
Schau ich zu dir, jung an Jahren, hin, ausgesandt. Die Verkündigung des Wor-
der du für mich gestorben bist, tes Gottes, ihre grundlegende Evangeli-
zu Schaden wird, was sonst Gewinn, sationsmethode, muss immer im Mittel-
was einst mein Stolz gewesen ist. punkt stehen. Nichts darf sie verdrängen.
Und niemand hat jemals die Jugend in Und schließlich wurde ihnen noch
ihrer Freude, Lebenslust und Großzügig- übernatürliche Macht verliehen. Das
keit und Hoffnung verstanden, ihre plötzli- Austreiben von Dämonen würde den
che Einsamkeit und Albträume und verbor- Menschen beweisen, dass Gott durch die
genen Konflikte und starken Versuchungen, Apostel sprach. Die Bibel war noch nicht
keiner hat sie auch nur annähernd so gut ver- vollständig. Wunder waren die »Beglau-
standen wie Jesus. Und keiner erkannte deut- bigungsschreiben« der Boten Gottes.
licher als Jesus, dass die Jahre des Erwach- Heute haben die Menschen Zugang zum
senwerdens, in denen fremde schlummernde gesamten Wort Gottes, sie sind heute ver-
Gedanken erwachen und sich die ganze Welt antwortlich, ohne den Beweis von Wun-
entfaltet, Gottes beste Chance sind, um die dern zu glauben.
Seele anzusprechen … Wenn wir die Ge- 3,19 Der Name Judas Iskariot steht in
schichte der ersten zwölf Jünger überdenken, der Jüngerliste einsam da. Ein Geheimnis
dann lesen wir von den Abenteuern junger umgibt diesen Mann, der als Apostel be-
Männer. Wir sehen sie, wie sie ihrem Herrn rufen und schließlich zum Verräter un-
ins Unbekannte folgen, nicht genau wissend, seres Herrn wurde. Es ist im christlichen
wer er ist oder warum sie es tun werden oder Dienst am schmerzhaftesten, wenn man
wo er sie hinführen wird. Sie waren einfach jemanden sieht, der strahlend, ernst-
nur von ihm angezogen, fasziniert, ergriffen haft und augenscheinlich hingebungs-
und festgehalten von irgendetwas Unwider- voll lebte, aber später seinem Retter den
Markus 3 176

Rücken zukehrt und in die Welt, die Jesus Paulus »außer sich« wären. Es ist eine viel
kreuzigte, zurückkehrt. schlimmere Geisteskrankheit, die uns in un-
Elf erwiesen sich dem Herrn treu, und serer Welt nie an andere Länder denken lässt,
durch sie kehrte er in der Welt das Un- die nie die verlorenen Menschen bedauert,
terste zuoberst. In dem Maße, wie das denen wir täglich begegnen, keinen Gedan-
Evangelium immer weitere Kreise zog, ken an deren verlorenen Zustand verschwen-
nahm die Zahl der Gläubigen zu, und in det und nichts unternimmt, um sie zu erret-
gewissem Sinne sind wir heute die fort- ten. Es ist weitaus leichter, einen kühlen Kopf
währende Frucht ihres Dienstes. Wir kön- und ein kälteres Herz zu bewahren und sich
nen niemals voraussagen, wie weitrei- keine Gedanken um verlorene Seelen zu ma-
chend unser Einfluss für Christus einmal chen. Aber wir sind Hüter unserer Brüder,
sein wird. und keine Pflichtverletzung kann schlimmer
sein, als die, welche auf ihre ewige Errettung
B. Die Sünde, die nicht vergeben nicht achtgibt.4
werden kann (3,20-30) Es ist immer so, dass ein Mensch, der
3,20.21 Jesus kehrte von dem Berg zurück, für Gott brennt, irgendwie seltsam auf
auf dem er seine Jünger berufen hatte. seine Zeitgenossen wirkt. Je mehr wir
Er geht in ein galiläisches Haus. Eine so Christus ähneln, desto mehr werden wir
große Volksmenge hatte sich gesammelt, das Leid erleben, durch Verwandte und
sodass er und seine Apostel zu beschäf- Freunde missverstanden zu werden.
tigt waren, um essen zu können. Als seine Wenn wir uns vornehmen, ein Vermögen
eigenen Angehörigen davon hörten, wa- zu machen, dann werden uns die Men-
ren sie der Meinung, er sei »von Sinnen«, schen beglückwünschen. Wenn wir je-
und wollten ihn ergreifen. Zweifellos wa- doch Eiferer für Jesus Christus werden,
ren sie durch den Eifer dieses religiösen dann werden sie uns verachten.
Fanatikers in ihrer Familie peinlich be- 3,22 Die Schriftgelehrten hielten Jesus
rührt. nicht für geisteskrank. Sie klagten ihn an,
J. R. Miller sagt dazu: Dämonen durch die Macht »Beelzebuls,
Sie konnten seinen unaufhörlichen Eifer … des Obersten der Dämonen«, auszu-
nur damit erklären, dass er geisteskrank war. treiben. Der Name Beelzebul bedeutet
Wir hören in der heutigen Zeit sehr viel Ähn- »Herr der Schmeißfliegen« oder »Herr
liches, wenn ein hingegebener Nachfolger des Schmutzes«. Das war eine ernste, bös-
Christi sich selbst in Liebe zu seinem Meister artige und gotteslästerliche Anklage!
vergisst. Die Leute sagen: »Er muss verrückt 3,23 Erst widerlegte Jesus diese An-
sein.« Sie denken, dass jeder Mensch geistes- klage, dann verkündigte er das Schick-
krank ist, dessen Glaube zu irgendeiner Art sal derer, die diese Anklage erhoben hat-
ungewöhnlichen Eifers führt oder der seine ten. Wenn er Dämonen mit Beelzebul
Aufgabe im Werk des Herrn ernster nimmt austriebe, dann würde Satan gegen sich
als der Durchschnittschrist … selbst arbeiten und seine eigenen Ziele
Das ist jedoch eine gute Form der Geis- verraten. Dessen Ziel ist es, Menschen
teskrankheit. Es ist außerordentlich bedauer- durch Dämonen zu binden, und nicht, sie
lich, dass sie nicht häufiger vorkommt, denn von ihnen zu befreien.
sonst würden nicht so viele unerrettete See- 3,24-26 Ein Reich, ein Haus oder eine
len im Schatten unserer Kirchen sterben. Es Person, die »mit sich selbst entzweit ist«,
wäre nicht so schwer, Missionare zu berufen kann nicht bestehen. Das Über­ leben
und Geld zu bekommen, um das Evangelium hängt von innerem Zusammenwirken ab,
in die dunkelsten Winkel der Erde zu senden. Zerrissenheit zerstört jeden Fortbestand.
Es gäbe nicht so viele leere Kirchenbänke und 3,27 Die Anklage der Schriftgelehrten
nicht so lange Pausen in unseren Gebetsge- war deshalb grotesk. In der Tat wirkte Je-
meinschaften und nicht so wenige Menschen sus das Gegenteil von dem, was sie be-
in unseren Bibelstunden. Es wäre herrlich, haupteten. Seine Wunder zeigten den
wenn alle Christen wie ihr Meister oder wie Zerfall des Reiches Satans an, nicht des-
177 Markus 3 und 4

sen Aufstieg. Das meinte unser Heiland, ihm kommen, deshalb »sandten (sie)
als er sagte: »Niemand aber kann in das zu ihm«, dass sie draußen warten wür-
Haus des Starken eindringen und seinen den. Als Jesus hörte, dass seine Mut-
Hausrat rauben, wenn er nicht vorher den ter und seine Brüder ihn sprechen woll-
Starken gebunden hat, und dann wird er ten, »blickte er umher« und erklärte, dass
sein Haus berauben.« seine Mutter und seine Brüder diejenigen
Satan ist in diesem Gleichnis der seien, die »den Willen Gottes« tun.
Starke. Das Haus ist sein Reich, er ist der Aus dieser Äußerung ergeben sich für
Gott dieses Zeitalters. Sein Hausrat sind uns mehrere Lehren:
die Menschen, die er beherrscht. Jesus ist 1. Mit den Worten des Herrn wird die
der Eine, der Satan bindet und sein Haus Marienverehrung (eine Form des
beraubt. Bei der Wiederkunft Christi wird Göt­­­­­zen­­­dienstes) zurückgewiesen. Er
Satan gebunden und für tausend Jahre in ehrte sie als seine natürliche Mutter,
den Abgrund geworfen. Die Austreibung aber er sagte, dass geistliche Bezie-
von Dämonen während des Dienstes Jesu hungen wichtiger als natürliche sind.
auf Erden war nur die Ankündigung des Es gereichte Maria eher zur Ehre, Got-
endgültigen Sieges über den Teufel. tes Willen zu tun, als Jesu Mutter zu
3,28-30 In den Versen 28-30 verkün- sein.
digt der Herr das Schicksal der Schrift- 2. Wir haben hier den Gegenbeweis für
gelehrten, die sich der Sünde schul- die Lehre, dass Maria Jungfrau geblie-
dig gemacht hatten, die nicht vergeben ben war. Jesus hatte Brüder. Er war
werden kann. Indem sie Jesus anklag- Marias Erstgeborener, aber sie gebar
ten, er würde Dämonen durch dämoni- später noch andere Söhne und Töch-
sche Kräfte austreiben, während er sie in ter (s. Matth 13,55; Mk 6,3; Joh 2,12;
Wirklichkeit durch die Kraft des Heiligen 7,3.5.10; Apg 1,14; 1. Kor 9,5; Gal 1,19.
Geistes austrieb, nannten sie den Heiligen S. a. Ps 69,9).
Geist praktisch einen Dämon. Das ist Läs- 3. Jesus stellte Gottes Interessen über
terung gegen den Heiligen Geist. Alle die Familienbande. Seinen Nachfol-
Sünden können vergeben werden, aber gern sagt er auch heute noch: »Wenn
für diese besondere Sünde gibt es keine jemand zu mir kommt und hasst nicht
Vergebung. Sie ist eine »ewige Sünde«. seinen Vater und die Mutter und die
Können Menschen diese Sünde heute Frau und die Kinder und die Brüder
noch begehen? Wohl nicht. Diese Sünde und die Schwestern, dazu aber auch
konnte nur begangen werden, solange sein eigenes Leben, so kann er nicht
Jesus auf der Erde Wunder tat. Weil er mein Jünger sein« (Lk 14,26).
heute nicht mehr physisch anwesend ist 4. Dieser Abschnitt erinnert uns dar­an,
und Dämonen austreibt, gibt es diese dass Gläubige durch engere Bande
Möglichkeit der Lästerung des Heili- zusammengehalten werden, als Bluts­­­
gen Geistes nicht mehr. Menschen, die verwandtschaft es je könnte, wenn die
sich sorgen, die unvergebbare Sünde be­­ Verwandten nicht gerettet sind.
gangen zu haben, haben sie mit Sicher- 5. Schließlich betont der Absatz die Be-
heit nicht begangen. Allein die Tatsache, deutung, die Jesus der Erfüllung des
dass sie sich Sorgen darüber machen, be- Willens Gottes zumisst. Kann ich
weist, dass sie sich nicht der Lästerung mich an diesem Maßstab messen las-
des Heili­gen Geistes schuldig gemacht sen? Bin ich Jesu Bruder und Mutter?
haben.
D. Das Gleichnis vom Sämann (4,1-20)
C. Die wahren Verwandten des 4,1.2 »Wieder« lehrte Jesus am See. Und
Knechtes (3,31-35) erneut war es wegen der Volksmenge nö-
3,31-35 Maria, »seine Mutter«, und seine tig, als Kanzel ein Boot zu benutzen, das
Brüder kamen, um Jesus zu sprechen. ein wenig vom Ufer entfernt war. Und
Durch die Menge konnten sie nicht zu wieder lehrte er geistliche Tatsachen in
Markus 4 178

Bildern aus der ihn umgebenden Natur. Die Verse 11 und 12 erklären, war­um
Er konnte geistliche Tatsachen in der Na- diese Wahrheit in Gleichnissen gelehrt
tur dargestellt sehen. Sie sind dort für uns wird. Gott offenbart die für die Seinen
alle sichtbar. bestimmten Geheimnisse denen, die of-
4,3.4 In diesem Gleichnis geht es um fene, gehorsame und aufnahmebereite
einen Sämann, den Samen und den Bo- Herzen haben. Er enthält sie aber absicht-
den. Der Boden des Weges ist zu hart, als lich denen vor, die das ihnen angebotene
dass die Saat dort aufgehen konnte. »Die Licht ablehnen. Das sind die Leute, die
Vögel kamen und fraßen« den Samen. Jesus als »jene …, die draußen sind« be-
4,5.6 »Das Steinige« war ein Fels- zeichnet. Die Worte von Vers 12 mögen
grund, der dünn mit Erde bedeckt war. dem oberflächlichen Leser ungerecht und
Weil die Erdschicht so dünn war, konnte hart erscheinen: »Damit sie sehend sehen
die Saat nicht tief wurzeln. und nicht wahrnehmen und hörend hö-
4,7 Auf dem nächsten Boden standen ren und nicht verstehen, damit sie sich
Dornbüsche, die der Saat Licht und Nähr- nicht etwa bekehren und ihnen vergeben
stoffe wegnahmen und sie so erstickten. werde.«
4,8.9 Die gute Erde war tief und Aber wir müssen uns an das enorme
fruchtbar – das waren ideale Bedingun- Vorrecht erinnern, das diese Menschen
gen für die Saat. Einige Körner brachten genossen. Der Sohn Gottes selbst hatte
einen dreißigfachen Ertrag, andere trugen in ihrer Mitte gelehrt und viele mächtige
sechzig- und einige hundertfach. Wunder getan. Statt ihn als wahren Mes-
4,10-12 Als die Jünger mit ihm al- sias anzuerkennen, lehnten sie ihn selbst
lein waren, fragten sie ihn, warum er in jetzt ab. Weil sie das Licht der Welt aus-
Gleichnissen spreche. Er antwortete, dass geschlagen hatten, sollte ihnen das Licht
es nur denjenigen, die ein aufnahmeberei- seiner Lehre nicht gegeben werden. Von
tes Herz haben, erlaubt ist, »das Geheim- nun an würden sie seine Wunder sehen,
nis des Reiches Gottes« zu erkennen. Ein aber ihre geistliche Bedeutung nicht ver-
Geheimnis im NT ist eine Wahrheit, die stehen, und seine Worte hören, aber doch
bisher unbekannt war und nur durch be- die wunderbaren Lehren hinter ihnen
sondere Offenbarung erkannt werden nicht erkennen können.
kann. Das Geheimnis des Reiches Gottes Es gibt so etwas wie die Tatsache,
besteht in Folgendem: »dass man das Evangelium zum letzten
1. Der Herr Jesus wurde verworfen, als Mal hört«. Es ist möglich, den Tag der
er sich selbst Israel als König anbot. Gnade durch fortgesetztes Sündigen zu
2. Es würde einige Zeit vergehen, ehe verpassen. Es gibt Männer und Frauen,
das Reich buchstäblich auf Erden er- die den Retter abgelehnt haben und nie
richtet würde. wieder die Gelegenheit zur Buße und
3. In der Zwischenzeit würde es in sei- Vergebung erhalten werden. Sie mögen
ner geistlichen Form bestehen. Alle, das Evangelium hören, aber es trifft auf
die Christus als König anerkennen, verhärtete Ohren und ein gefühl­ loses
gehören zu dem Reich, auch wenn der Herz. Wir sagen: »Wo Leben ist, da ist
König selbst nicht anwesend ist. auch Hoffnung«, aber die Bibel spricht
4. Das Wort Gottes würde in der Zwi- von Menschen, die zwar erweckt, aber
schenzeit mit unterschiedlichem Er- jenseits jeder Hoffnung der Buße sind
folg ausgesät werden. Einige Men- (z. B. in Hebr 6,4-6).
schen würden wirklich bekehrt 4,13 In Bezug auf dieses Gleichnis
wer­­den, andere würden nur Namen- fragte der Herr Jesus seine Jünger, wie sie
schristen bleiben. Alle bekennenden erwarten konnten, kompliziertere Gleich-
Christen würden im äußeren Bereich nisse zu verstehen, wenn sie noch nicht
des Reiches sein, aber nur die Wieder- einmal dieses einfache verstanden.
geborenen würden in den inneren Be- 4,14 Der Heiland sagte nicht, wer der
reich eintreten. Sämann ist. Es könnte er selbst sein oder
179 Markus 4

derjenige, der in seinem Namen predigt. Einige tragen dreißig-, andere sechzig-
Aber er sagte, dass die Saat das Wort ist. und einige hundertfältig. Was bestimmt
4,15-20 Die verschiedenen Bodenarten ihr Ausmaß an Fruchtbarkeit? Das frucht-
stehen für menschliche Herzen und da- barste Leben ist das Dasein eines Men-
für, wie sie das Wort aufnehmen: schen, der dem Wort sogleich, bedin-
Der Boden des Weges (V. 15). Dieses gungslos und freudig gehorcht.
Herz ist verhärtet. Der Mensch sagt zu
dem Heiland störrisch und ungebrochen: E. Die Verantwortung der Zuhörer
»Nein«. Satan, durch die Vögel darge- (4,21-25)
stellt, nimmt das Wort weg. Der Sünder 4,21 Die Lampe steht hier für die Wahr-
bleibt von der Botschaft ungerührt. Er ist heiten, die der Herr seinen Jüngern wei-
ihr gegenüber später gleichgültig und un- tergab. Diese Wahrheiten sollten nicht
empfindsam. unter den Scheffel oder unter das Bett ge-
Das Steinige (V. 16.17). Diese Menschen stellt werden, sondern gehören dorthin,
reagieren nur sehr oberflächlich auf das wo die Menschen sie sehen können. Der
Wort. Vielleicht bekennen sie sich in der Scheffel könnte für das Geschäft stehen,
emotionalen Atmosphäre einer Evangeli- das bei entsprechenden Gelegenheiten
sationsveranstaltung zum Glauben. Aber Zeit stiehlt, die eigentlich göttlichen Auf-
sie stimmen nur mit dem Verstand zu. Sie gaben gewidmet werden sollte. Das Bett
haben sich nie wirklich Christus hingege- könnte von Bequemlichkeit und Faulheit
ben. Sie nehmen das Wort »mit Freuden« sprechen, den beiden Feinden der Evan-
auf, es wäre jedoch besser für sie, wenn geliumsverkündigung.
sie es in tiefer Buße und Zerknirschung 4,22 Jesus sprach zur Menge in Gleich-
annähmen. Für eine Zeit scheinen sie gut nissen. Die darin enthaltenen Wahrheiten
voranzukommen, aber wenn »Bedräng- waren verborgen. Aber es war die göttli-
nis oder Verfolgung« ihrem Bekenntnis che Absicht, dass die Jünger denen, die
folgen, dann entscheiden sie sich, dass die bereit waren zu hören, diese verborgenen
Kosten zu hoch sind, und geben alles auf. Wahrheiten weitergeben sollten. Vers 22
Sie behaupten so lange von sich Christen könnte allerdings auch bedeuten, dass die
zu sein, wie es opportun erscheint, aber Jünger immer im Bewusstsein des bevor-
Verfolgung zeigt, dass sie keine echten stehenden Tages der Offenbarwerdung
Gläubigen sind. dienen sollten. Dann wird sichtbar wer-
Der Boden mit Dornen (V. 19.20). Diese den, ob man dem Geschäft oder der Ge-
Menschen beginnen auch sehr vielver- nusssucht Vorrang vor dem Zeugnis für
sprechend. Nach allem äußeren Anschein den Heiland gegeben hat.
sind sie echte Gläubige. Aber dann be- 4,23 Die Bedeutung dieser Worte zeigt
schäftigen sie sich mit ihrem Geschäft so- sich in Jesu Ermahnung: »Wenn jemand
wie mit weltlichen Sorgen und wollen Ohren hat zu hören, der höre!«
reich werden. Sie verlieren das Interesse 4,24 Dann fügte der Heiland noch
an geistlichen Aktivitäten, und schließ- eine andere Warnung hinzu: »Seht zu,
lich be­­­­­­­haupten sie nicht mehr, Christen was ihr hört.« Wenn ich ein Gebot des
zu sein. Wortes Gottes höre, aber nicht gehorche,
Die gute Erde (V. 20). Hier wird das kann ich es anderen schlecht weiterge-
Wort wirklich angenommen – koste es, ben. Wenn Menschen sehen, dass sich die
was es wolle. Diese Menschen sind wirk- Wahrheit bei Predigern auswirkt, dann
lich wiedergeboren. Sie sind treue Unter- hat die Lehre dieser Prediger Vollmacht
tanen des Königs Christus. Weder Welt und weitreichende Auswirkungen.
oder Fleisch noch der Teufel können ihr Was immer wir anderen durch das
Vertrauen auf ihn erschüttern. Mitteilen der Wahrheit »zumessen«,
Aber auch unter den Zuhörern, bei kommt mit vielfachem Gewinn zu uns
denen das Wort auf gute Erde fällt, gibt zurück. Der Lehrer lernt normalerweise
es verschiedene Grade der Fruchtbarkeit. mehr bei der Vorbereitung eines Themas
Markus 4 180

als die Schüler. Und der zukünftige Lohn Das Reich begann mit einer kleinen, ver-
wird noch größer als unsere kläglichen folgten Minderheit. Dann wurde es be-
Ausgaben sein. liebter und wurde von den Vertretern der
4,25 Immer, wenn wir eine neue Obrigkeit als Staat