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Seite 4 / Süddeutsche Zeitung Nr. 226

HF2

MEINUNG

Donnerstag, 30. September 2010

Frieden für Stuttgart

Von Sebastian Beck

Den meisten Zeitungen war der Start des Jahrhundertprojekts damals nur eine kleine Notiz wert: „Stuttgart erhält bis zum Jahr 2008 als erste deutsche Groß- stadt einen unterirdischen Durchgangs- bahnhof.“ So lautete die Nachricht am 7. November 1995, als der Stuttgarter Ge- meinderat das Vorhaben in seinen Grund- zügen billigte. Zwei Jahre nach der ge- planten Eröffnung rumpeln die Züge im- mer noch auf alten Gleisen in den Haupt- bahnhof hinein – ob der Tunnelbahnhof jemals fertiggestellt wird, ist ungewisser denn je. Dabei wurde in der Zwischenzeit das gesamte Arsenal des deutschen Pla- nungs- und Verwaltungsrechts auf Stutt- gart 21 angewandt: Es gab Bürgerbeteili- gungen, öffentliche Anhörungen und Ge- richtsentscheidungen. Mehr als 10 000 Einwände wurden behandelt, zig Pla- nungsvarianten geprüft. Wenigstens 15-mal haben sich seit November 1995 demokratisch gewählte Gremien damit beschäftigt, vom Regionalverband bis hin zum Bundestag. Es war ein geradezu quälend langsamer Prozess der Entschei- dungsfindung – immer mit demselben Er- gebnis: Die ICE-Strecke und der Tunnel- bahnhof können gebaut werden. Auf den ersten Blick mag es paradox erscheinen: Obwohl Europas größtes Ver- kehrsprojekt kaum umfassender legiti- miert sein könnte, wächst der Wider- stand dagegen in der Bevölkerung konti- nuierlich. Und es ist keineswegs ein kur- zer Wutanfall, wie die Befürworter von Stuttgart 21 glauben machen wollen. Vielmehr hat sich unter den Bürgern in Baden-Württemberg ein Misstrauen ge- gen die Allianz von Politik und Bahn breitgemacht, die ihrer Ansicht nach das Land in ein finanzielles Abenteuer stür- zen will. Die Gegner scheren sich dabei weder um Verträge noch um Beschlüsse. Solche Konflikte lassen sich nicht mit dem Planungsrecht lösen – sehr wohl aber mit Hilfe der Landesverfassung von Baden-Württemberg: Sie räumt die Mög- lichkeit eines Volksentscheids ein, wenn dies von einem Sechstel der Wahlberech- tigten begehrt wird. Die baden-württem- bergische SPD erntete für ihre Forde- rung nach einem Volksentscheid über ei- nen Ausstieg zwar Hohn und Spott, sie steht als unentschlossen und wankelmü- tig da. Dennoch ist der Vorschlag richtig:

Nur mit einem Votum der Wähler – sei es für oder gegen Stuttgart 21 – lässt sich die inzwischen gefährlich aufgeheizte Si- tuation entschärfen. Eine Volksabstimmung könnte zudem wegweisend sein für den künftigen Um- gang mit ähnlichen Großprojekten und -konflikten in ganz Deutschland. Denn was nützt das Baurecht, wenn es nur un- ter Anwendung von Polizeigewalt durch-

gesetzt werden kann, weil sich ein großer Teil der Bevölkerung von der Bürokratie übergangen fühlt? In Stuttgart setzen aber sowohl Befür- worter als auch Gegner auf Konfronta- tion. Sie wird rücksichtslos auf Kosten Tausender Polizeibeamter ausgetragen, die an der Baustelle ihren Kopf hinhal- ten müssen, obwohl sie weitaus dringen- der in ihren Dienststellen gebraucht wür- den. Nachdem die Landesregierung das Projekt jahrelang so lustlos wie den Bau einer Kläranlage begleitet hat, will es Mi- nisterpräsident Mappus jetzt mit aller Gewalt durchsetzen. Er glaubt, er müsse einfach all die längst bekannten Argumente für Stutt- gart 21 wiederholen, nur eben lauter und deutlicher als bisher, dann werde sich die Stimmung schon noch zu seinen Gunsten drehen. Mit dieser Strategie aber werden Mappus und seine CDU spä- testens bei der Landtagswahl im März kommenden Jahres scheitern – und wo- möglich Bundeskanzlerin Angela Merkel mit in den Abgrund reißen. Bisher ist er ein Politiker, der Standhaftigkeit mit Sturheit verwechselt, einer, der die Mehr- heit ausgerechnet damit zu beeindru- cken versucht, dass er sich in wichtigen Fragen deren Willen widersetzt. In Stuttgart helfen deshalb auch keine runden Tische oder Gesprächsrunden mehr weiter, die von Prälaten oder Thea- ter-Intendanten geleitet werden. All das ist Zeitverschwendung, denn die Fronten sind längst klar: Die Gegner von Stutt- gart 21 wollen nicht über die Gestaltung von Grünanlagen verhandeln. Sie lehnen das gesamte Projekt kategorisch ab. Die- se Haltung mag aus Sicht der Befürwor- ter noch so borniert und irrational er- scheinen, aber sie lässt sich nicht weg- quasseln, wie es die CDU nun mit Unter- stützung von Medienberatern versuchen will. Für einen Dialog ist es jetzt viel zu spät, nicht aber für einen Baustopp und einen Volksentscheid. Wenn schon Map- pus nicht die Initiative hierfür ergreifen mag, dann sollten es endlich die Bürger- initiativen zusammen mit SPD und Grü- nen tun. Es wäre jedenfalls sinnvoller, als sich im Stuttgarter Schlossgarten an Bäume zu binden oder mit der Trillerpfei- fe weiter das Gehör zu schädigen. Die Bahnhofsgegner wären dann aber auch gezwungen, der Bevölkerung die Konse- quenzen eines Ausstiegs vor Augen zu führen, die weit über Stuttgart hinaus rei- chen. Denn außer Schadenersatzforde- rungen und Bauschutt bliebe von Stutt- gart 21 nichts übrig. Auch die neue ICE-Strecke nach Ulm wäre erledigt. Aber wer sagt eigentlich, dass ein Volks- entscheid zwangsläufig mit einem Sieg der Gegner enden würde?

Davongekommen

Die EU-Kommission ist vor dem letz- ten Schritt dann doch zurückgeschreckt. Frankreich kann nun aus eigener Kraft ein Verfahren wegen Verstoßes gegen die Freizügigkeit in Europa verhindern. Nach all dem Getöse war dieses Ergebnis nicht zu erwarten gewesen. Dass es den- noch so gekommen ist, mag auch der poli- tischen Feigheit Brüssels vor dem mächti- gen Frankreich geschuldet sein. Genau besehen aber ist es klug, Frank- reich nicht sofort auf die Anklagebank zu setzen. Zum einen nämlich war die gif- tige Tonlage der vergangenen Wochen auf Dauer nicht durchzuhalten. Zum zweiten hat Paris sich in der Sache be- wegt. Vielleicht noch nicht ganz so weit, wie Brüssel und die europäischen Verträ- ge das vorsehen. Aber doch weiter, als man gedacht hat. Und: In den Verfahren wegen Vertragsverletzung werden ja kei- ne Sünden aus der Vergangenheit be-

straft. Vielmehr soll mit ihrer Hilfe Ver- tragstreue durchgesetzt werden. Wenn Frankreich sich selbst – auch unter dem Druck der europäischen öffentlichen Mei- nung – auf den Weg der Besserung be- gibt, dann muss man es nicht noch mit ei- nem formellen Verfahren demütigen. Und drittens handelt es sich um ein Problem der gesamten EU. Die Umset- zung der Freizügigkeit lässt in allen 27 Mitgliedsländern mehr oder minder zu

wünschen übrig. Da wären wohl einige Verfahren fällig. Die, so paradox ist Poli- tik manchmal, braucht man wohl nicht mehr. Mit seinem unsäglichen Verhalten hat Paris die Probleme mit der Freizügig- keit auf die Liste der wichtigsten The- men gesetzt. Daran kann nun keiner mehr vorbei. Wenn Brüssel nun mahnt, die Freizügigkeit nach Buchstaben und Geist ernst zu nehmen, dann dürfte die

wtr

Aufmerksamkeit garantiert sein.

Das war’s mit dem Subventionsabbau

Eigentlich ist es trivial, aber nach den bisher gezeigten Leistungen ihrer Koali- tion muss man Angela Merkel regelrecht dankbar sein, dass sie nun endlich das tun will, wofür sie vor einem Jahr ge- wählt wurde: regieren. Einen „Herbst der Entscheidungen“ hat sie angekün- digt, in dem sie auch Kontroversen und Widerständen nicht länger aus dem Weg gehen will. Nimmt man die jüngsten Be- schlüsse der Regierung zum Maßstab, zur Atomkraft, zu Hartz IV und zur Ge- sundheit, kann man konstatieren: Der Kanzlerin ist es offenbar ernst. Je heftiger sich Merkel jedoch mit Ge- werkschaften, AKW-Gegnern und Sozi- alverbänden anlegt, desto mehr fällt auf, wie stark sie eine einzelne Gruppe von al- len Widrigkeiten verschont: die Wirt- schaft. Die Kernbrennstoffsteuer wird befristet, der Beitrag der Pharmaindus- trie zur Kostensenkung im Gesundheits-

wesen fällt geringer aus als geplant, die Banken kommen aller Voraussicht nach ohne Finanztransaktionsteuer davon. Damit gerät das Sparpaket der Koali- tion in eine soziale Schieflage, die durch die jüngste Zusage Merkels an den Indus- trieverband BDI weiter verschärft wird, auch die Kürzung von Ökosteuersubven- tionen für stromintensive Firmen zu überdenken. Natürlich dürfen Betriebe nicht überfordert werden. Ein schrittwei- ser Abbau der Hilfen ist aber ebenso zu- mutbar wie ordnungs- und haushaltspoli- tisch notwendig. Stattdessen lässt sich die Kanzlerin, die doch Gegenwind an- geblich nicht mehr scheut, mit dem alten Totschlagargument von den vermeint- lich bedrohten Jobs ins Bockshorn jagen. In einem CDU-Wahlprogramm jeden- falls sollte der beliebte Begriff „Subven- tionsabbau“ nie wieder auftauchen. Und in einer BDI-Broschüre auch nicht. hul

Süßholz für den Zeitgewinn

Ein ganz ungewohnt vorsichtiger, kon- zilianter Silvio Berlusconi ist vor die Ab- geordneten getreten. Italiens Premier wollte vor der Vertrauensabstimmung kein Porzellan mehr zerschlagen. Der Scherbenhaufen ist bereits hoch genug nach den erbitterten Streitereien des Sommers und den Versuchen der Berlus- coni nahestehenden Medien, seinen Ex- Verbündeten Gianfranco Fini zu vernich- ten. Die vollmundigen Drohungen des Premiers, er werde sofort Neuwahlen an- streben, wenn ihm Finis Anhänger im Parlament die Stimme verweigerten, wa- ren schon seit Wochen abgemildert wor- den und dann praktisch verstummt. Ein wichtiger Grund: Die Umfragen se- hen nicht günstig genug aus. Berlusconi machte sich auf die Suche nach Stim- men, um auch ohne Finis Leute eine Mehrheit zu finden. Auf keinen Fall woll- te er Kompromisse schließen müssen mit

dem verabscheuten Rivalen. Aber das hat bisher offenbar nicht geklappt. Nun musste der Premier Kreide schlucken, um erst einmal weiterregieren zu kön- nen. Gemessen an dem bisher unverstellt geäußerten Zorn kann man sicher sein, dass Berlusconis Redemanuskript nicht von ihm allein formuliert worden ist. Inhaltlich standen kaum Neuigkeiten darin. Der Premier hat in Aussicht ge- stellt, was er bisher in jeder Amtszeit seit 1994 versprochen hat: ein besseres Ita- lien mit Reformen von Steuer bis Justiz, Hilfen für Familien und Unternehmen, weniger Bürokratie. Doch auch in den letzten zweieinhalb Jahren kam fast nichts voran, der Premier war vor allem mit seinen Justizproblemen beschäftigt. Die sind so ungelöst wie die Konflikte mit Fini. Viel mehr als etwas Zeit konn- ten beide bei der Vertrauensabstimmung also nicht gewinnen. bac

beide bei der Vertrauensabstimmung also nicht gewinnen. bac SZ-Zeichnung: Wolfgang Horsch Überall Gier

SZ-Zeichnung: Wolfgang Horsch

Überall Gier

Aktienbetrügereien schädigen eine Geldanlage, von der viele Deutsche profitieren könnten

Von Alexander Hagelüken

Das Ganze ist schwer zu glauben. Da soll eine Clique von Finanzprofis die Kur- se von 20 Firmen manipuliert haben. Der Verdacht der Justiz: Sie tauschten Insi- der-Informationen aus und wetteten zum Beispiel auf den Absturz von Fir- men, die sie anschließend schlechtmach- ten. Die Kurse fielen tatsächlich. Beson- ders perfide ist, dass sich im Visier der Justiz auch Anlegerschützer befinden, de- ren Daseinszweck per Definition das Gegenteil von Schädigung ist. Der wo- möglich größte Fall von Aktienmanipula- tion in der Bundesrepublik wirft die grundsätzliche Frage auf, wie die Deut- schen zur Marktwirtschaft stehen – und wie erreicht wird, dass nicht nur Angehö- rige einer Elite, sondern möglichst viele Menschen von ihr profitieren. Aktionäre sind dumm und frech, so geht ein Spruch des im Jahr 1850 gebore- nen Bankers Carl Fürstenberg. Dumm, weil sie Aktien kaufen. Frech, weil sie da- für auch noch Dividende wollen. Diese

Attitüde prägte stets die Einstellung, die die Deutschen zu Aktien entwickelten. Anders als in den USA bemühte sich die Wirtschaftselite hier nie, das Volk zu ei-

nem Volk von Anteilseignern zu machen

– sie behielt die Firmen und deren Gewin-

ne lieber komplett für sich. Eine Aktien-

kultur konnte so nie entstehen. Das Ver- hältnis vieler Bürger zu Firmenpapieren ist bis heute von Extremen bestimmt:

Entweder misstrauen sie Aktien aus ideo- logischen Gründen. Oder sie missverste- hen die Wertpapiere als Werkzeug, um exorbitante Gewinne zu erzielen. Ideologiefrei, realistisch und gesell- schaftlich wünschenswert wäre eine an- dere Einstellung: Aktien sind Anteilschei- ne an Firmen, die als Motor die Markt- wirtschaft vorantreiben. Wer Papiere kauft und sein Risiko streut, kann dauer- haft mehr verdienen als mit Sparbü- chern oder Ähnlichem – Aktienbesitz kann also als ein Weg zu mehr Wohlstand für breite Schichten sein. Und ein Weg, um im Alter nicht nur auf die staatliche Rentenversicherung angewiesen zu sein.

Um diesen Weg zu ebnen, müssten Poli- tiker und Manager den Aktienbesitz för- dern. Die Anleger wiederum müssten ein- sehen, dass die Papiere gute Gewinne

bringen, aber keine märchenhaften Ren-

diten. Eine falsche Gier nährte sogenann-

te Börsenbriefe, die angeblich heiße

Tipps verbreiteten. Aus dieser Szene ent- wickelte sich das Netzwerk, das illegal spekuliert haben soll. Der Schaden für die Anlageform Aktie ist immens. Wem können Anleger noch vertrauen, wenn Tippgeber selber die Kurse steuern? Es ist richtig, dass die Jus- tiz mit großem Engagement vorgeht. Am Ende wird sich zeigen, ob es schärferer Gesetze bedarf. Besonders wichtig aber ist es, die Gattung Anlegerschutz zu ret- ten. Seit langem kämpfen Organisatio- nen wie die Schutzgemeinschaft der Ka- pitalanleger (SdK) für die Rechte priva- ter Aktionäre und werden von Managern gern ignoriert. Dieser Ruf steht nun auf dem Spiel. Statt hilflos um sich zu schla- gen, muss die SdK zeigen, dass sie auch in eigener Sache aufklären kann.

PROFIL

E s gibt so wenig, das mit Gewissheit über Kim Jong Un gesagt werden kann, dass es nicht einmal für ein

Profil auf „Facebook“ reichte. Der dritte Sohn des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il soll am 8. Januar 1982 oder 1983 geboren sein, je nachdem, wen man fragt. Nordkorea hat den 8. Januar zum Nationalfeiertag deklariert, also scheint zumindest der Geburtstag zu stimmen. Die einzig zuverlässigen Fotos zeigen ei- nen pausbäckigen Jüngling oder ein Kind. Als Erwachsener scheint er noch nie fotografiert worden zu sein. Seit dieser Woche ist klar, dass er von seinem Vater zum Nachfolger als Herr- scher über das weitgehend isolierte und verarmte Land in Nordasien auserkoren worden ist. In kurzer Folge wurde der 27- oder 28-Jährige zum Vier-Sterne-Ge-

neral, zum Mitglied des Zentralkomitees der Partei und zum stellvertretenden Vor- sitzenden der Zentralen Militärkommis- sion ernannt. Mit ähnlichen Beförderun- gen war seinerzeit sein Vater auf seine Führungsrolle vorbereitet worden. Die Welt wüsste daher gerne ein wenig mehr über diesen Mann, der ja nun bald eine riesige Armee befehligen könnte, die Atombomben besitzt und ihre Artillerie- geschütze auf Seoul gerichtet hat. Doch alle weiteren Geschichten, die über Kim Jong Un kursieren, sind leider nicht ver- brieft. Er soll in der Schweiz zur Schule gegangen sein, manchen Berichten zufol-

Schweiz zur Schule gegangen sein, manchen Berichten zufol- Kim Jong Un Möglicher Diktatur-Erbe, nun ausgestattet mit

Kim Jong Un Möglicher Diktatur-Erbe, nun ausgestattet mit Ämtern

ge auf die International School of Bern (ISB). Japanische Reporter wollen noch

herausgefunden haben, dass der Zögling auch eine öffentliche Schule in Steinhölz-

li besucht habe. „Ein Diktator mit Herz

für die Schweiz“ frohlockte schon das Schweizer Boulevardblatt Blick. Es wäre ja schön, wenn das stimmte, denn dann dürften sich die 24 Millionen Nordkoreaner auf einen Führer freuen, der dem Westen aufgeschlossener gegen- über steht als sein Großvater und Vater,

die sich eher einen Namen als Diktatoren alten Stils gemacht haben. Doch leider waren die jungen Nordkoreaner unter fal- schem Namen an diesen Schweizer Elite- schulen angemeldet, sodass selbst die nun überall auftauchenden „Augenzeu- genberichte“ von damaligen Mitschülern mit Vorsicht zu genießen sind. Vielleicht also war es Kim Jong Un, der Basketball liebte, für Michael Jordan schwärmte und gerne Ski fuhr, gut in Ma- the war und abends immer brav nach Hause ging, um mit dem nordkoreani- schen Botschafter zu Abend zu essen, als dessen Sohn er unter dem Namen „Chol Pak“ angemeldet war. Vielleicht war er es aber auch nicht. Es könnte sein Bruder Kim Jong Chol gewesen sein, der eben- falls in der Schweiz zur Schule ging, oder ein ganz anderer Nordkoreaner. Dem Re- gime in Pjöngjang darf zugetraut wer- den, mehr als einen reichen Apparat- schik mit Millionen auf Schweizer Kon- ten produziert zu haben. Nach seiner Rückkehr nach Nordko- rea jedenfalls soll der „brillante Genos- se“, wie Nordkoreas Staatsmedien ihn

verherrlichen, unter anderem an der Kim-Il-Sung-Militärakademie studiert haben, mit dem Schwerpunkt Artillerie. Nun wird berichtet, dass bereits zehn Mil- lionen Porträtbilder angefertigt worden sein sollen. Die werden dann wohl bald an allen erdenklichen Wänden des Lan- des hängen. Henrik Bork

Die Union der Bindungsscheuen

EU-Kommission will neue Strafen für Euro-Sünder, aber nationale Interessen sind stärker

Von Cerstin Gammelin

Die Europäer wollen ihre Union kri- senfest machen. Dabei sind sie nun end- lich einen Schritt weiter gekommen, zu- mindest konzeptionell. Die Pläne zum Sparen und Sanktionieren, jetzt vorge- legt von der Europäischen Kommission und weitgehend entwickelt im deutschen Finanzministerium, dienen allesamt dem Ziel, die Regierungen zum soliden Wirt- schaften zu motivieren und den Euro zu sichern. Das ist aber auch schon alles. Die Chance, dass die neuen europäischen Re- geln irgendwann Wirklichkeit werden, ist eher gering. Die meisten Regierungen haben bereits erklärt, dass sie die Pläne nicht unterstützen können, weil sie sich damit selbst zu stark reglementierten. Die europäischen Finanzminister, die in den kommenden beiden Tagen in Brüssel allerlei Wichtiges beraten, haben das Thema gar nicht erst auf die Tagesord- nung gesetzt. Dem konzeptionellen Fort- schritt steht also ein politischer Rück- schritt entgegen. Der Streit um die Reform des kompli- zierten, aber immens wichtigen Stabili- täts- und Wachstumspaktes zeigt einmal mehr, wie weit Schein und Sein in der Europäischen Union auseinander klaf- fen. Die ideale europäische Welt sähe so aus, dass die 27 Mitglieder angesichts

schier unübersehbarer Schuldenberge und einer zahlungsunfähigen griechi-

schen Regierung beschließen, sich selbst

zu disziplinieren und solide zu wirtschaf-

ten. Sie könnten die Europäische Kom- mission beauftragen, das entsprechende Regelwerk zu verschärfen; und sie könn- ten eine mächtige Arbeitsgruppe grün- den, die der Brüsseler Behörde die politi- sche Rückendeckung für ihre Arbeit gibt. Die Staats- und Regierungschefs würden später das reformierte Regel- werk abnicken und in nationales Recht umsetzen. Europa wäre gewappnet für die nächste Krise. Soweit der Schein. Die Realität sieht ganz anders aus. Zwar haben die Regierungschefs der EU öffentlich erklärt, ihre Haushalte in Ord- nung bringen zu wollen. Sie haben auch die Arbeitsgruppe gegründet und die Europäische Kommission beauftragt, die Regeln zu verschärfen. So weit, so gut. Doch nun, da die Brüsseler Behörde kon- krete Vorschläge präsentiert, zucken die Regierungen zurück. Ihnen dämmert of- fensichtlich erst jetzt, was es bedeutet, die Ideen umzusetzen: In letzter Konse- quenz würde jede Regierung wichtige Kompetenzen nach Europa abgeben. Der Plan der Europäischen Kommis- sion sieht nämlich neben drakonischen fi- nanziellen Strafen vor, dass solche Län- der, die permanent schlecht wirtschaften und damit die Stabilität des gemeinsa-

men Währungsgebietes gefährden, das Stimmrecht entzogen werden könnte.

Vor allem aber sollen Sanktionen prak-

tisch automatisch ausgelöst werden. Nur

wenn der Sünder eine qualifizierte Mehr- heit der 27 Länder organisiert, kann er verhindern, bestraft zu werden. Bisher wurde genau umgekehrt abgestimmt. Da entschieden die europäischen Finanzmi- nister am Ende einer ewig langen Proze- dur von Abmahnungen und Ankündigun- gen mehrheitlich darüber, ob ein Land sanktioniert wird oder nicht. Viele Deals führten dazu, dass es nie soweit kam. Es ist genau dieser Automatismus, der den meisten Regierungen nicht passt. Sie befürchten, die Kontrolle über den eigenen Haushalt zu verlieren, wenn Brüssel letztendlich in die Planung der Budgets eingreifen kann, ohne dass den Nationen ein Vetorecht bleibt. Die Bundesregierung steht also wie- der ziemlich alleine da – trotz der Tat- sche, dass die Kommission viele ihrer Re- formvorschläge unterstützt. Besonders schmerzhaft ist dabei, dass die andere große europäische Nation, Frankreich, zu den wichtigsten Gegnern der neuen Regeln gehört. Die Regierung in Paris hat bereits zu Protokoll gegeben, dass sie das Schicksal der Grande Nation nicht in die Hände von Finanzexperten legen wird. Wer neue Regeln will, muss also erst einmal den politischen Konflikt lösen.

Blick in die Presse

Schaukelpolitik in Sachen Energie

Die Stuttgarter Zeitung beschäftigt sich mit der Energiepolitik der Bundesregierung:

„Weil Schwarz-Gelb keine überzeu- gende Begründung für die Laufzeitver- längerung geliefert hat, und weil die Ko- alition das Fehlen einer sicheren Bundes- ratsmehrheit durch ein verfassungsrecht- lich fragwürdiges Vorgehen zu kompen- sieren versucht, droht eine Schaukelpoli- tik in Sachen Energie. Im rot-grünen La- ger ist der Ehrgeiz, die Schraube wieder zurückzudrehen, jedenfalls geweckt. Si- cher ist schon jetzt, dass es so keine Inves- titions- und Planungssicherheit in der Strombranche gibt.“

Der Steuermann Medwedjew

Zur Absetzung des Moskauer Bürgermeis- ters schreibt Der Tagesspiegel (Berlin):

„Luschkow hatte die Brücken, die ihm gebaut wurden, ignoriert, offenbar im Vertrauen auf Putin, der schützend die Hand über ihn gehalten hatte. Medwed- jew, so Luschkows Kalkül, werde nicht wagen, den Willen jenes Mannes zu miss- achten, dem er selbst seinen Aufstieg ins höchste Staatsamt verdankt. Medwed- jew wagte es und setzte damit erstmalig in seiner Amtszeit ein deutliches Signal, dass er sich nicht als Platzhalter für Pu- tin, sondern als realer Steuermann der russischen Staatsyacht versteht.“

Dampfendes und zischendes Labor

Die Welt (Berlin) meint zum neuen niederlän- dischen Regierungsbündnis:

„Die Niederlande sind seit der „Fort- uyn-Revolution“ 2002 ein politisches La- bor, in dem es besonders dampft und zischt. Nun sieht es ganz danach aus, als würde der Islamkritiker Geert Wilders ei- ne konservative Regierung dulden. In Ko- penhagen funktioniert ein vergleichba- res Tolerierungsmodell mit der rechten Dänischen Volkspartei seit drei Jahren fast geräuschlos, und diese ist dabei in der Wählergunst kaum weiter gewach- sen. Auf einen solchen Effekt hofft auch das niederländische Establishment.“

Sich selbst aus der Pflicht nehmen

Der General-Anzeiger (Bonn) äußert sich zum Gesundheitszustand von Finanzminis- ter Wolfgang Schäuble:

„Wolfgang Schäuble ist jetzt 68 Jahre alt. Schäuble war Innenminister, Partei- vorsitzender, Fraktionschef, zuletzt hat er sich noch ins Amt des Finanzministers hieven lassen. Die Kanzlerin ließ sich mit der Bemerkung vernehmen, sie freue sich schon heute auf die Rückkehr ihres Finanzministers. Menschlicher wäre es, Schäuble würde sich selbst aus der Pflicht nehmen. Er hätte es ver- dient.“

DEFGH

Herausgegeben vom Süddeutschen Verlag vertreten durch die Gesellschafterversammlung

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Recherche: H. Leyendecker, N. Richter; Kultur:

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schaft und Panorama: T. Rest; Wochenende:

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