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Leben heißt handeln 2.95 € · ISSN 1437-7543 · Nr. 100/1.

2009

magazin

VERKEHR
Bäume fallen
für Flughafen

TROPENWALD
Jatropha -
kein Wunder!

ENERGIE
Finnische Atomkraft

Wege aus
der Krise
6 Wandel des Lebensstils
10 Um-Steuern

12 Zum Gemein-Wohl - Finanzkrise

Seite 6
Foto: Sibylle Anneck

Seite 24

Vielfalt erleben und Mission Blue Planet 13

Frankfurter Flughafen: Bürgerrechte abgeholzt 14


Widerstand im Hüttendorf 17
Alles muss raus! Kein Börsengang der Bahn 20
Umweltzone und Feinstaubaktion 22
Fahrradkuriere: Bis zur Hölle und zurück 24
Mit Atomstrom auf vier Rädern 26
Wie weit fährt ein Auto mit 280 Broten? 27
Tour de Natur 30

Foto: Le Qrier

Seite 28

28 Jatropha - kein Wunder!

31 Stromsparen für Fortgeschrittene


32 Atomkraft in Finnland

Foto: Peter Gerhardt

2 Nr. 100/1.09
34 Papierflut am Nikolaustag
35 Stromnetze in die öffentliche Hand!
35 Nikolaus-Rute für RWE-Chef
35 Auf Ökostrom umsteigen

Seite 34
Foto: Rudolf Fenner

Seite 38

Arnika: Umweltschutz grenzenlos 38

Seite 40
38 Biokost und Ökokult
40 Der gekaufte Staat: Bananenrepublik Deutschland
42 Klimakriege: Düstere Aussichten
44 Sei kein Frosch – Hilf uns!

43 Sudan: Der erste Klimakrieg?

44

Foto: Fraport 46 Menschen für Ziele gewinnen

Nr. 100/1.09 3
Redaktions-Kuchen zur Feier
des 100. ROBIN WOOD-Magazins

Liebe Leserinnen und Leser!


1982 gründeten Umwelt-AktivistInnen ROBIN WOOD, noch gedrechselt. Aber dass es sich dabei doch nur
um sich für den Schutz der Wälder zu engagieren. um ein Lippenbekenntnis handelt, ist im neuen Jahr
1983 erschien das erste ROBIN WOOD-Magazin, im schnell klar geworden. So hat die Regierung eine
Februar 2009 wurde die 100. Ausgabe gedruckt. Für Abwrackprämie beschlossen, ohne wichtige Rege-
die Redaktion ein Grund zu feiern, besonders weil lungen für den Klimaschutz zu treffen. Oder mit der
uns im Laufe der Jahre so viele Menschen unterstützt Neuregelung der Kfz-Steuer möchte sie vor allem die
haben: mit tollen Fotos und mit vielen engagierten großen Spritfresser vor einer allzu großen Steuer-
Artikeln. Die Themen sind uns nie ausgegangen und erhöhung verschonen.
gerade heute ist das Engagement für die Umwelt
wichtiger denn je. Viele PolitikerInnen und Wirt- Und auch in Frankfurt wird ohne Rücksicht auf
schaftsbosse wollen uns glauben machen, dass in Mensch und Klima der Flughafen weiter ausgebaut
Zeiten von Finanz- und Wirtschaftskrise Umwelt- - und dass obwohl immer weniger Menschen fliegen
schutz verzichtbarer Luxus sei. Dass es aber gerade und die Frachtzahlen weiter sinken. Monatelang
heute mehr denn je darauf ankommt, die Klimakrise haben AktivistInnen von ROBIN WOOD im Kelster-
und die Wirtschaftskrise gleichzeitig zu lösen, erfah- bacher Wald ausgeharrt, um den Bannwald vor dem
ren Sie im Titel dieser Ausgabe. Kahlschlag zu schützen. Mehr dazu erfahren Sie
unter der Rubrik Verkehr in dieser 100. Ausgabe.
„Und wir werden bei allem, was wir tun, nicht alte
Fehler wiederholen und Wirtschaft und Umwelt ge- Mit umweltfreundlichen Grüßen für die Schwedt/
geneinander ausspielen. Wirtschaft und Klimaschutz, Berliner Redaktion Ihre
Klimaschutz und Wirtschaft – das geht zusammen,
wenn man es nur will. Und wir wollen es“, hatte
Kanzlerin Angela Merkel in ihrer Neujahrsansprache

4 Nr. 100/1.09
Nr. 100/1.09 5
titel

6 Nr. 100/1.09
titel

Wandel des Lebensstils


Zukunftsfähiges Deutschland in globaler Verantwortung

„Finanzkrise“ war das Wort des Jahres 2008. Der Zusammenbruch der Invest-
mentbanker-Glücksspirale hat 1.500 Milliarden Euro an Werten vernichtet,
sagt der internationale Währungsfonds. Statt jetzt auf nachhaltige und
umweltschonende Zukunftsinvestionen zu setzen, plant die Bundesregie-
rung als Wege aus der Wirtschaftskrise eine Abwrackprämie für Altautos und
den ungebremsten Straßenbau. Dabei hat gerade der Wachstumswahn uns
in diese Krise bugsiert. Die neue Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ des
Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie macht sich für eine Abkehr
vom Neoliberalimus stark und plädiert dafür die Dynamik von Märkten als
Motor für mehr Ökologie und Fairness zu nutzen.

D er Anteil erneuerbarer Energien an der


Stromerzeugung wächst doppelt so
schnell als selbst die größten Optimisten Mitte
reicht. Während weltweit der Energiehunger
zunimmt, wird von nun an die Fördermenge
sinken.
der 90er geahnt hätten. Der Raumwärme-
bedarf je Quadratmeter hat sich um neun Gleichzeitig führen uns die prosperierenden
Prozent verringert. Bio- und Fairtradeprodukte Wirtschaftsnationen wie China, Indien oder
werden inzwischen sogar in Discountern ver- Brasilien deutlicher denn je vor Augen, dass
kauft, die Marktanteile wachsen rasant. Und unser Lebensstil nicht verallgemeinerbar ist.
der Nachhaltigkeitsbegriff ist in aller Munde. Vier Erden wären notwendig, wenn alle Men-
Wurde Deutschland zukunftsfähiger? schen so leben würden wie wir.

Den vielen Anstrengungen und Erfolgen Vor diesem Hintergrund haben sich der Bund
zum Trotz hat sich der Fußabdruck unserer für Umwelt und Naturschutz Deutschland
Exportnation nicht verringert. Zwischen 1995 (BUND) und die evangelischen Entwick-
und 2005 ist der Primärenergieverbrauch nicht lungsorganisationen „Brot für die Welt“
wie in der ersten Studie „Zukunftsfähiges und Evangelischer Entwicklungsdienst (EED)
Deutschland“ erhofft um 30 Prozent bis 2010 zusammengetan, um eine neue Debatte zum
gesunken, sondern um 1,4 Prozent gestiegen „Zukunftsfähigen Deutschland“ anzustoßen.
und täglich werden in Deutschland immer Beauftragt wurde mit der gleichnamigen Stu-
noch weit über 120 Hektar Fläche versiegelt, die das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt,
während man die absolute Stabilisierung Energie.
für notwendig hielt. Die Vielfalt an Tieren
und Pflanzen schwindet und inzwischen ist Ende der Wachstumsideologie
amtlich, was man Mitte der 90er nur geahnt
hat: Das Fördermaximum für Öl wurde er- Wie soll es nun weitergehen? Augen zu und
durch. Diesen Eindruck vermitteln zumindest
die Wirtschaftspolitiker. Wirtschaftswachstum
Die Schauspielerin Angelika Bartsch wird nicht nur in Deutschland als Allheil-
spart Energie, fährt in der Stadt nur mittel gepriesen, für Wohlstandswachstum,
Fahrrad und ist Weltmeisterin im Re- zusätzliche Arbeitsplätze, Armutslinderung
cyceln. Ihr Hauptanliegen ist aber das und vieles mehr. Nichts davon lässt sich ohne
Sparen von Heizenergie und so lässt sie weiteres mit einem steigenden Bruttoinlands-
im Winter ihre Heizung aus. Die Winter produkt verbinden. Die Sockelarbeitslosigkeit
sind schon längst nicht mehr so kalt, ist beständig angestiegen und vom Wohl-
besonders in der Kölner Innenstadt. In standswachstum profitierten in den letzten
ihrer Wohnung zieht sie sich warm an. Jahren nur die Superreichen.
Für Gäste liegen Wolldecken bereit, so
dass der Abend bei einem Glas Rotwein Besonders schlecht bestellt ist es um das über-
Fotos: Sibylle Anneck noch gemütlicher wird geordnete Ziel ökonomischer Lehrbücher, die

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titel

Yourdes aus Köln fährt bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad
– auch richtig weite Strecken. „Wenn man sich warm anzieht, geht
alles“, meint er
Steigerung der Lebensqualität. Denn in
Deutschland wie auch in den anderen In-
dustrieländern stagniert seit Jahrzehnten Politik vor Macht genüber der Wirtschaft zurückzugewin-
die Lebenszufriedenheit trotz beständig nen. Das gilt auch auf internationalen
wachsendem Bruttoinlandsprodukt. Sodann macht sich die Studie für eine Handlungsfeldern. So verbietet sich der
Deshalb und weil eine Minderung des Abkehr vom Neoliberalismus stark. Export subventionierter Agrarprodukte
absoluten Ressourcenverbrauchs bei Schneller als die Wuppertaler wohl in arme Länder. Von Unternehmen sind
gleichzeitigem Wirtschaftswachstum geahnt haben, ist diese Forderung durch die Einhaltung international anerkannter
unmöglich erscheint, plädieren die die Entwicklung auf den Finanzmärkten Menschenrechte sowie ökologischer
Autoren der Studie für ein Ende der ge- auf einen Spitzenplatz der politischen Mindeststandards einzufordern.
genwärtigen ebenso zerstörerischen wie Agenda in Deutschland und der Welt
bornierten Wachstumspolitik. gerückt. Und tatsächlich: In einer Zeit, in Mit ihrer Forderung nach einem gleichen
der das Schicksal von Mensch und Natur CO2-Pro-Kopf-Emissionsvolumen von
auf des Messers Schneide steht, ist es zwei Tonnen avancierte Angela Merkel
unerlässlich, Dynamik von Märkten als zur Klimakanzlerin. Damit griff sie das
Motor für mehr Ökologie und Fairness Umweltraumkonzept der ersten Studie
Im Titel dieser Ausgabe veröffentli- zu nutzen. auf und formulierte ambitioniert: „Der
chen wir Fotos von der Journalistin Klimawandel ist die größte Herausfor-
Sibylle Anneck. Sie hat für das RO- Es ist Sache der Politik, die Marktpro- derung der Menschheit.“ Nur ein Jahr
BIN WOOD-Magazin Menschen in zesse nach Maßgabe des Allgemein- später folgt nun der Rückfall auf alte
Köln befragt, die berichten wie sie wohls zu gestalten. Eine ökosoziale Vorurteile und die Kanzlerin verkündet,
sparsam mit Energie umgehen, Marktwirtschaft lässt sich nicht ins Werk dass Klimaschutz keine Arbeitsplätze
Kontakt: s.anneck@web.de. setzen, ohne die Priorität der Politik ge- kosten dürfe. Zweieinhalb Tonnen

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schwere Pkw erhalten Steuererleich- das mit einer langfristigen Strategie, die leicht fällt uns die Entwicklung innova-
terungen, die Deutsche Industrie wird auch umfassende Bildungs- und Qualifi- tiver Technologien.
vom Emissionshandel verschont und die zierungsmaßnahmen beinhaltet. Den ar-
Betreiber von Kohlekraftwerken sollten beitspolitischen Wortführern scheint di- Die Ökologische Industriepolitik hat
die Zertifikate kostenlos erhalten. Dabei ese Einsicht schwer zu fallen, ebenso wie sich durchgesetzt. Längst hat man ihr
haben nicht zuletzt die überschweren die Abkehr von der Wachstumsideologie wirtschaftliches Potential erkannt und
Fahrzeuge die Krise der Automobil- als Rezept zur Minderung der Arbeitslo- etwa durch das Erneuerbare Energien
industrie erst möglich gemacht, wird sigkeit. Obgleich ganz offenkundig drei Gesetz oder Sanierungsprogramme
Strom aus Kohle in zehn Jahren teurer Jahrzehnte Wirtschaftswachstum, im boomende Arbeitsmärkte und Technolo-
sein als aus regenerativer Erzeugung. Ergebnis nur einen beständigen Anstieg giesprünge ermöglicht. Damit sich diese
Der Rückfall zur alten Konfrontation von der Sockelarbeitslosigkeit vorweisen Strategie in sinkendem Naturverbrauch
Umweltschutz und Wirtschaft ist umso kann. widerspiegelt, ist es höchste Zeit, eine
bedauerlicher als er doch wider besseres Ökologische Lebensstilpolitik auf den
Wissen kommt. Schließlich hat allein der Es mag schwer vorstellbar erscheinen, Weg zu bringen. Einen Kurswechsel für
Ausbau erneuerbarer Energien Hun- dass Millionen freiwillig weniger arbeiten Deutschland.
derttausende Arbeitsplätze geschaffen und Einkommensverluste akzeptieren.
und jeder weiß, die Finanz- und Wirt- Jedoch sprechen zahlreiche Vorteile für
schaftskrise wird vorüberziehen, aber die eine Fairteilung der Arbeit. Denn die Dr. Michael Kopatz ist wissenschaft-
Klimakrise bleibt. Lebenszufriedenheit und Arbeitsmotiva- licher Mitarbeiter am
tion steigt bei Menschen, die ihre freie Wuppertal Institut für Klima,
Freilich ist der Kurswechsel zur grü- Zeit ausgebaut haben. Ihnen gelingt die Umwelt, Energie in der
nen Marktwirtschaft nicht ohne einen Balance zwischen Arbeit und Freizeit. Forschungsgruppe Energie-,
Wandel des Arbeitsmarktes zu haben. Sie verbringen mehr Zeit mit Freunden Verkehrs- und Klimapolitik
Das war während der Transformation der und Familie. Dadurch verbessern sich das Döppersberg 19, 42103 Wuppertal
Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft Wohlbefinden und die Gesundheit. Tel.: 0202/2492-148 Fax: -250
so und ist auch diesmal unvermeidlich. michael.kopatz@wupperinst.org
Während Arbeitsplätze in der Industrie Zugleich könnte sich auch der Naturver-
abgebaut wurden, entstanden neue im brauch durch eine Politik der Arbeitsfair-
Dienstleistungsbereich. Bezeichnend: teilung verringern. Denn wäre Arbeits-
Mitten in der Autokrise treibt Bosch losigkeit nur noch ein Randthema,
die Diversifizierung des Konzerns voran die Auswirkungen wären auch bis zur
und investiert 530 Millionen Euro in ein kommunalen Ebene spürbar. Zahlreiche
neues Solarzellen-Werk. Über tausend Investitionen wie etwa in fragwürdige
neue Arbeitsplätze sollen entstehen. Gewerbeparks oder Straßenbau könnten
nicht mehr mit dem Arbeitsplatzargu-
Arbeit fairteilen ment durchgedrückt werden.

Soll vermieden werden, dass Umwelt- Achtsam leben


und Wirtschaftspolitik weiter gegen-
einander ausgespielt werden, muss ein Doch nicht nur bei der Arbeitszeit, son-
tragfähiges Konzept zur Lösung der dern allenthalben ist der Wandel unseres
Arbeitslosenproblematik auf den Tisch. Lebensstils erforderlich. Die Rechnung
In der Studie wird vorgeschlagen, die ist ganz einfach. Damit sich ausgetüf-
zur Verfügung stehende Erwerbsarbeits- telte Energiesparkonzepte, hochwerte
zeit gerechter zu verteilen. Denn die Gebäudedämmung oder Ingenieurskunst
Arbeitslosigkeit hat nicht zugenommen, im Automobilbau ressourcenschonend
weil uns die Arbeit ausgeht. In Summa auswirken können, gilt es zu verhindern,
ist das Arbeitsvolumen in Deutschland dass Effizienzerfolge durch beständigen
stabil geblieben. Vielmehr ist die Zahl Komfortzuwachs kompensiert werden.
der Arbeitswilligen um einige Millionen Es ist an der Zeit, dass wir über Limits
gestiegen. diskutieren, für Tempo, Flächen, Sprit-,
Öl- oder Stromverbrauch. Kühlschränke Zukunftsfähiges Deutschland
Wäre das zur Verfügung stehende und Wohnungen dürfen nicht immer in einer globalisierten Welt
Arbeitsvolumen gerecht verteilt, das größer, Autos müssen leichter werden. Eine Studie des Wuppertal Instituts
entspräche einer durchschnittlichen Ar- In der Begrenzung des individuellen Kon- für Klima, Umwelt, Energie
beitszeit von 30 Stunden in der Woche, sum- und Nutzungsverhaltens oder der Fischer Taschenbuch Verlag, 2008
ließe sich zumindest rechnerisch das angebotenen Produkte liegt die eigent- 655 Seiten, 14,95 Euro
Problem leicht beheben. Gelingen kann liche Herausforderung. Vergleichsweise ISBN: 978-3-596-17892-6

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Um-Steuern
Unsere Wirtschaft ist in der Krise. Damian Ludewig vom Forum
Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) erklärt, wie zur Bewäl-
tigung der Krise ökologisch und sozial umgesteuert werden muss.
Mit ihm sprach Christiane Weitzel.

? Mit der Finanzkrise ist Neoliberalismus gewalt gesichert werden müssen, will er
out und die soziale Marktwirtschaft in vermehrt in Erneuerbare Energien und
aller Munde. Aber ist damit auch eine Energieeffizienz investieren.
ökologische Marktwirtschaft gemeint?
? Welche Maßnahmen schlägt das FÖS
! Wir freuen uns, dass unsere Ideen zu vor?
einem Umbau der Marktwirtschaft zur
Zeit so gefragt sind. Allerdings wird ! Wir sehen, dass zur Zeit einige Krisen
gerade darum gerungen, mit welchen wie z.B. die Klimakrise, die Energie- Damian Ludewig ist Diplom-
Maßnahmen die Wirtschaftskrise am krise und die Finanzkrise kumulieren. volkswirt und seit April 2008
besten gemeistert werden kann: Die ei- Gleichzeitig bietet sich uns die einmalige Geschäftsführer des Forums Öko-
nen bestehen darauf, dass nur altherge- Chance, diese Krisen über geeignete logisch-Soziale Marktwirtschaft
brachte Wirtschaftskonzepte zur Krisen- staatliche Investitions- und Anreizpro- (FÖS) in Berlin. Er vertritt außer-
bekämpfung taugen, und Umweltschutz gramme gleichzeitig zu lösen! Wenn dem das FÖS und den Deutschen
in der Krise hintan stehen muss. Die der Staat nun kräftig Geld in die Hand Naturschutzring im Sprecherrat
anderen sehen durchaus Chancen, dass nimmt, um die Wirtschaft anzukur- der Klima-Allianz, foes@foes.de,
gerade eine ökologisch-soziale Markt- beln, dann muss er das nutzen, um die www.eco-tax.info
wirtschaft uns auf einen zukunftsfähigen Wirtschaft ökologisch zu modernisieren.
Weg aus der Krise führen wird. Obama Der Weg zu mehr Energieeffizienz muss
geht mit seinen bisherigen Vorschlägen weitergegangen werden, also hin zu Bisher gibt es keinen finanziellen Anreiz
durchaus in die richtige Richtung: Statt mehr Gebäudesanierung und weg von für ökologisches Handeln. Zur Zeit ist
in teure Energieimporte, die mit Waffen- Sprit schluckenden Autos. Es ist gut es doch so, dass wer sich ethisch und
und wichtig, dass z.B. das Erneuerbare moralisch korrekt verhält, auch noch
Energien Gesetz weiter fortgeführt wird. draufzahlen muss. Das beste Beispiel
Das Forum Ökologisch-Soziale All diese Maßnahmen führen zu mehr dafür ist der Einkauf im Bioladen, der
Marktwirtschaft (FÖS) wurde aus Klimaschutz aber auch zu mehr Arbeits- viel teurer ist, als beim Discounter. Wir
dem Umfeld des Wuppertal Instituts plätzen in Deutschland. brauchen also beispielsweise Prämien
für Klima, Umwelt, Energie gegründet. für den Umstieg auf Ökolandbau, der
Das FÖS setzt sich für die Weiter- Die zusätzlichen Ausgaben sollten bisher in Deutschland nur fünf Prozent
entwicklung der sozialen Marktwirt- aber zumindest teilweise durch höhere der Agrarfläche ausmacht. Heute fließen
schaft zu einer ökologisch-sozialen Umweltsteuern und den Abbau um- aber 95% der Agrarsubventionen in
Marktwirtschaft ein. Dazu sollen weltschädlicher Subventionen gegen- konventionelle Landwirtschaft! Der
verstärkt ökonomische Instrumente finanziert werden. So können wir die konventionelle Landbau verursacht aber
wie Umweltsteuern, Zertifikate oder Neuverschuldung in Grenzen halten und über Naturverbrauch, Überdüngung,
der Abbau umweltschädlicher Sub- zusätzliche Innovationsanreize geben. Erosion und Pestizidbelastung jede
ventionen zum Einsatz kommen Die Menge externe Kosten, die von der
Mitglieder sind vorwiegend Wissen- ? Sollten Subventionen generell abge- Gesellschaft getragen werden müssen.
schaftler, Unternehmer und Politiker. schafft werden? Beim Biolandbau fallen diese externen
Mit Studien für NGOs oder Gutachten Kosten nicht an – im Gegenteil, die Öko-
für Ministerien und Workshops und ! Nein, in einer ökologisch-sozialen Landwirtschaft hat positive Effekte auf
Konferenzen engagiert sich das FÖS Marktwirtschaft haben auch Subven- die Böden und leistet einen wichtigen
für eine marktwirtschaftliche Umwelt- tionen als Bestandteil der politischen Beitrag für eine gesunde Ernährung. Das
politik. Im September 2008 hat das Rahmenbedingungen ihren Platz. Wenn müsste über Prämien honoriert werden.
FÖS den europäischen Dachverband der Markt bei der Entlohnung gesell-
Green Budget Europe (GBE) gegründet. schaftlich sinnvoller Tätigkeiten versagt, ? Die deutsche Automobilbranche ist in
Im GBE haben sich 15 Partner zusam- kann der Staat durchaus unterstützend der Krise. Sollte der Staat eingreifen?
mengeschlossen, um gemeinsam mit tätig werden. Im Moment zahlt der Staat
ökonomischen Instrumenten mehr Um- aber jährlich rund 34 Milliarden umwelt- ! Wir wollen nicht, dass im Zuge der
weltschutz in Europa durchzusetzen. schädliche Subventionen! Finanzkrise die Automobilbranche

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komplett den Bach runtergeht. Aber wir kompakterer Fahrzeuge, die knappe steuer für wünschenswert. So werden
wollen die Branche auch nicht einfach Straßen- und Parkflächen schonen geringe Stromverbräuche ent- und hohe
pauschal stützen wie die Regierung würden. zusätzlich belastet.
sondern weiterentwickeln. So wird mit
der von der Bundesregierung geplanten Außerdem ist die Kfz-Steuer im europä- ? Welche Projekte plant ihr für die
Abwrackprämie für Altautos nur der ischen Vergleich in Deutschland viel zu Zukunft?
Konsum angekurbelt. Wir plädieren für niedrig und müsste erhöht werden. Um
eine ökologische Lenkung. Also nur wer einen größtmöglichen Lenkungseffekt ! In diesem Jahr werden wir eine Studie
mit seinem neuen Auto 25 Prozent weni- hin zu Sprit sparenden Modellen zu zum Thema Neuregelung der Besteu-
ger verbraucht, als mit dem alten, sollte erzielen, ist eine deutliche Anhebung erung von Dienst- und Firmenwagen
in den Genuss einer Prämie kommen. für Fahrzeuge mit hohem CO2-Ausstoß erstellen, denn die bisherige Regelung
Und für Spritschlucker sollte es gar kein notwendig. ist weder ökologisch noch sozial. Mehr
Geld geben – den Kauf eines Porsche als 60 Prozent der Neuzulassungen bei
Cayenne mit einem CO2-Ausstoß von ? Die Wirtschaftskrise wird sicherlich die Pkw sind Dienst- und Firmenwagen.
358 g/km muss der Staat wirklich nicht soziale Situation zusätzlich verschärfen. Über eine Bonus-/Malusregelung sollten
fördern! Macht ihr euch Gedanken um die sozi- Firmenwagen mit niedrigen Verbrauchs-
alen Folgen eurer Vorschläge? werten gefördert werden. Wer von 2009
Außerdem denken wir darüber nach, bis 2011 ein Fahrzeug im Zielkorridor
wie Menschen, die sich keinen Neuwa- ! Grundsätzlich schlagen wir im Moment von 130 bis 140 g CO2/km erwirbt, kann
gen kaufen, weil ihr altes Auto sowieso ohnehin nur Maßnahmen vor, die sozial weiterhin alle Kosten voll absetzen. Wer
sparsam ist oder die gar keinen Pkw Schwächere kaum treffen, weil sie weder künftig Klimaschleudern kauft, sollte
besitzen, auch von der Prämie profitieren Vielflieger sind, noch teure Dienstwa- nur noch einen Teil der Anschaffungs-
könnten – z.B. indem sie eine verbilligte gen fahren. Zusätzlich diskutieren wir und Treibstoffkosten steuerlich gelten
BahnCard 100 erhalten. aktuell die Idee eines Ökobonus. D.h. die machen können. Ab 2011 müssten die
zusätzlichen Einnahmen, die der Staat Zielwerte auf 100 g CO2/km für Neuwa-
? Was hält das FÖS von der Idee der durch unsere Vorschläge erzielt sollen gen abgesenkt werden.
Regierung, beim Kauf eines Neuwagens pro Kopf an die Bevölkerung zurück
die Kfz-Steuer zu erlassen? gegeben werden. Dann ist auch klar, 2009 wird mit den Europa- und Bun-
dass es sich um ökologische Anreize und destagswahlen und der Klimakonferenz
! Das ist auch nur ein Konsumanreiz nicht um Abzockerei handelt. Von einem in Kopenhagen ein turbulentes Jahr, in
ohne ökologische Effekte. Wir brauchen Ökobonus würden Familien mit vielen dem es besonders wichtig wird, darauf
eine echte Reform der Kfz-Steuer. Hier Kindern, Geringverdiener etc. besonders zu drängen, dass von der Politik die Wei-
muss die Bundesregierung endlich ihre profitieren. Außerdem halten wir in chen in Richtung einer ökologischen und
Hausaufgaben machen! Diese immer Zukunft eine Progression bei der Strom- sozialen Marktwirtschaft gestellt werden.
noch hubraumorientierte Steuer muss
endlich umweltgerecht reformiert wer-
den, mit einem klaren Bonus-Malus-Sys-
tem. Es reicht nicht, umweltfreundlichere
Fahrzeuge zu verbilligen, Klimakiller
müssen deutlich teurer werden. Gleich-
zeitig wäre es wichtig, dass bei einer
Kfz-Steuer nicht nur der CO2-Ausstoß
sondern auch das Fahrzeuggewicht und
die -fläche berücksichtigt würden. So
entstünde zusätzlich ein Anreiz zum Bau

Marlies Anneck ist 1935 geboren


und hat als Kind die Kriegs- und
Nachkriegszeit in Köln erlebt. Für
sie ist Energiesparen eine Selbst-
verständlichkeit. Besonders mit
Heizenergie geht sie sparsam um
und zieht sich im Winter warm
an. Im leichten Hausanzug bei
22 Grad Celsius vor dem Fernse-
her zu sitzen, ist ihr vollkommen
fremd

Nr. 100/1.09 11
merk-würdiges
liegen - jährlich. So prognostiziert es der Report des britischen
Zum Gemein-Wohl - Finanzkrise Wissenschaftlers und ehemaligen Chefökonom der Welt-
bank Nicolas Stern. Und das ist nur der finanzielle Schaden.

S ie nennt sich eine Wissenschaft, die Wirtschaftswissen-


schaft. Und wohl noch nie hat sich eine Wissenschaft so
blamiert, wie die Ökonomie in der aktuellen Wirtschaftskrise.
Menschliches Leid ist da noch nicht mit eingerechnet.

Wo, so fragt man sich, bleibt hier das entschlossene Handeln


Keiner der Fachleute war in der Lage, die dramatischen Er- der „eisernen Klimakanzlerin“? Nachdem sie zunächst große
eignisse auch nur annähernd vorauszusehen, außer vielleicht Forderungen zur Reduktion des CO2-Ausstoßes an die EU und
einigen Exzentrikern und Laien, wie z.B. der globalisierungs- ihre Mitgliedstaaten gestellt hat, erkämpft sie mittlerweile
kritischen Organisation attac. Niemand aus dieser etablierten Ausnahmen und Sonderbehandlungen für die deutsche In-
Wissenschaft ist in der Lage zu sagen, was jetzt zu tun sei. dustrie. Deutsche Autokonzerne könnten den Spritverbrauch
Keiner weiß, wie es weitergehen soll. Da zuckte auch der nicht so stark senken, heißt es da, weil doch in Deutschland
„Wirtschaftsweise“ Bert Rührup in einem Fernsehinterview nur große Autos gebaut würden – welche Logik! Deutsche
resigniert mit den Schultern. Industrieunternehmen würden durch den vorgesehenen CO2-
Zertifikatehandel benachteiligt und sollten davon freigestellt
Trotzdem wird gehandelt. Als Maßnahme gegen die Krise werden, usw. Und jetzt heißt es auch noch Klimaschutz koste
wird allenthalben versucht, billiges Geld in den Markt zu Geld und zunächst müsse man sich darauf konzentrieren,
pumpen. Innerhalb von nur vier Tagen stellte die Bundesre- dass die Wirtschaft wieder laufe. Dabei ist doch offensicht-
gierung Bürgschaften von 500 Milliarden Euro zur Verfügung. lich Geld genug vorhanden – aber wohl nur, um Banken zu
Die Umsetzung einer Kindergelderhöhung von 10 Euro pro sanieren.
Kind dagegen dauerte über zwei Jahre, weil dieser unge-
heuere Betrag den Bundeshaushalt zu kippen drohte. Und
der Lokführerstreik Anfang 2008 bedrohte die Stabilität der
gesamten Bundesrepublik, verursachte er doch angeblich
A uch für Frau Merkel, wie schon für die Kanzler vor ihr, ist
der Schutz des Klimas offensichtlich nicht wirklich wichtig.
Als Werbestrategie mag Klimaschutz ja interessant sein. Da
einen volkswirtschaftlichen Schaden von sage und schreibe gibt es hübsche Fotos der Kanzlerin vor grönländischen Glet-
50 Millionen Euro. schern in Hochglanz-Zeitschriften. Aber sich ernsthaft darum
zu bemühen hieße ja, sich mit mächtigen Lobbyverbänden
Dabei wird völlig übersehen, dass wir vor noch viel größeren anzulegen. Das mag sie sich denn doch nicht zumuten.
Herausforderungen stehen. Die Schäden der Klimakatastro-
phe werden weltweit bei bis zu 14.000 Milliarden US Dollar Werner Brinker, Darmstadt
anzeige

12 Nr. 100/1.09
jugendseite
Vielfalt erleben
Zum 11. GEO-Tag der Artenvielfalt im Juni 2009 ruft
GEO in Kooperation mit der Deutschen Wildtier Stiftung
Schüler und Schülerinnen aller Altersklassen auf, ein
„Stück Natur“ vor der eigenen Haustür möglichst genau
zu untersuchen und die Ergebnisse anschließend zu doku-
mentieren: Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt.
Eingereicht werden können Textmappen, Installationen
von Fundstücken, Bilder, Fotos, Videos und Internet-Prä-
sentationen.

Teilnehmen können Gruppen von Schülerinnen und


Schülern jeden Alters - Klassen, Bio-AG‘s, Leistungskurse
oder kleinere und größere Schülergruppen verschiedener
Klassen. Die Arbeit sollte von LehrerInnen und/oder Exper-
tInnen unterstützt werden. Das Juryteam der Deutschen
Wildtier Stiftung, des Ernst Klett Verlags und von GEO
wird die ideenreichsten und sorgfältigsten Arbeiten (Pla-
nung, Durchführung, Auswertung des Projekts) prämie-
ren. GEO wird die Sieger im Herbst 2009 vorstellen.

Auch dieses Mal gibt es im Rahmen des Schülerwettbe-


Foto: GEO/B. Dinkel
werbs wieder attraktive Preise zu gewinnen: Zum Beispiel
eine Klassenfahrt ins Wildtierland ans Stettiner Haff und
viele Sach- oder Buchpreise. Für kleine Gruppen (zwei bis Wohin soll euer Beitrag (Berichte, Dokumentationen etc.)
fünf Schüler), die außerhalb ihrer Schulklasse eine eigene geschickt werden? An die Redaktion GEO, Tom Müller,
Aktion durchführen, vergibt die Redaktion GEO einen „Ex- Schülerwettbewerb 2009, 20444 Hamburg. Mehr Infos fin-
pertenpreis“. Die GewinnerInnen werden zur Teilnahme det ihr unter www.geo.de/artenvielfalt, Stichwort „Schü-
an der GEO-Hauptveranstaltung 2010 eingeladen. lerwettbewerb“. Einsendeschluss ist der 9. Juli 2009.

Mission Blue Planet: Verlosung des Klimaquiz


Warum steht die Luft unter Druck? Wozu braucht man
Gletschereis? Welchen Nachteil hat Strom? Diese und
weitere rund 1000 Quizfragen zu den Themen Erde, Klima,
Wetter und Energie lassen sich in der Neuauflage des
größten Klimaquiz auf CD - Mission Blue Planet - finden.
Das Quiz der Kampagne „Klima sucht Schutz“ vermittelt
die aktuellen Erkenntnisse des Weltklimarates in einer
besonders für Kinder und Jugendliche geeigneten Weise.
Der Clou dabei: Nach Beantwortung jeder Frage erfahren
die SpielerInnen über Bilder, Grafiken, Texte und Video-
sequenzen mehr zum Thema. JedE SpielerIn kann je nach
Vorwissen aus drei Schwierigkeitsstufen auswählen. Für
9,50 Euro kann die Klimaquiz-CD über www.mission-blue-
planet.de bestellt werden.

Das ROBIN WOOD-Magazin verlost fünf Exemplare


des Klimaquiz auf CD unter allen EinsenderInnen, die
eine Postkarten an das ROBIN WOOD-Magazin, Lin-
denallee 32, 16303 Schwedt, Stichwort „Mission Blue
Planet“ schicken. Viel Glück!

Nr. 100/1.09 13
verkehr

14 Nr.
Nr. 100/1.09
94/3.07
verkehr

Bürgerrechte abgeholzt
Fraport lässt den Kelsterbacher Wald roden

Seit dem 20. Januar lässt Fraport den Kelsterbacher Wald für den Ausbau des
Frankfurter Flughafens roden. Zehn Hektar Wald fallen durchschnittlich an
einem Tag. Für die Rodungsmaschinen macht es keinen Unterschied, ob sie
sich durch eine Plantage oder einen „für das Gemeinwohl unersetzlichen“
- so das hessische Forstrecht – „Bannwald“ fressen. Fünf Tage zuvor hat das
Verwaltungsgericht Kassel Eilanträge gegen die Rodung abgewiesen, am 18.
Januar ergaben die hessischen Neuwahlen eine schwarz-gelbe Mehrheit.

Der Spitzenkandidat der FDP, Jörg-Uwe Hahn, gibt ein paar Praktikumsplätze, Kooperationen
ist Mitglied im Aufsichtsrat der Fraport und mit Schulen und Kindergärten, „politische
hatte vor einem Jahr eine Koalition mit der Landschaftspflege“. Der Bürgermeister von
SPD kategorisch ausgeschlossen. Damit fingen Kelsterbach ist gelernter Landschaftsgärtner
die „hessischen Verhältnisse“ an. Zwischen und seit 1998 Geschäftsführer der gemein-
den Jahren hatte das Regierungspräsidium nützigen GmbH Regionalpark RheinMain, die
Darmstadt entschieden, Fraport „vordringliche sich höflich bei ihrem Hauptsponsor Fraport
Arbeiten“ auf rund 90 genau ausgewiesenen bedankt.
Hektar im Kelsterbacher Wald durch eine
„vorzeitige Besitzeinweisung“ zu ermöglichen, Nun erfordert auch in der 14.000-Einwoh-
obwohl dieser Wald noch der Stadt Kelster- ner-Stadt Kelsterbach eine so weit reichende
bach gehört und diese gegen den Bau einer Entscheidung wie der Verkauf mehrerer
vierten Landebahn auf Kosten von 250 Hektar hundert Hektar Grund und der Verzicht auf
Wald klagt. Prozessrechte die Zustimmung der kom-
munalen VertreterInnen. Dass diese bei der
Im Dezember wurde ein Schreiben der Fraport nächsten Stadtverordnetenversammlung
an das Regierungspräsidium Darmstadt be- am 9. Februar erfolgt, haben Magistrat und
kannt, in dem das Unternehmen nachdrücklich Fraport fest eingeplant. Unter Ausschluss der
fordert, die beantragte Besitzeinweisung mit Öffentlichkeit scheinen alle Absprachen längst
Wirkung vom 12. Januar 2009 zu erteilen, getroffen, denn Fraport rodet in Vorwegnahme
um „entsprechend der Absprache mit dem der Entscheidung seit dem 20. Januar auf der
Hessischen Verwaltungsgerichtshof unmittel- gesamten für den Ausbau begehrten Fläche
bar ab Zustellung der Eilbeschlüsse“ mit der statt nur auf den oben genannten vorzeitig
Rodung beginnen zu können. Aufgrund dieser Besitz eingewiesenen 90 Hektar. Zwei Wochen
„Absprachen“ erfolgte Befangenheitsanträge unklarer Besitzverhältnisse kosten beim beob-
gegen die Kassler Verwaltungsrichter wurden achteten Rodungstempo 100 Hektar Wald.
abgelehnt. Fraports Wissen um die Zukunft reicht noch
weiter: Erst im Juni wird das Verwaltungsge-
Einen Tag nach Beginn der Rodung präsentie- richt Kassel das Hauptsacheverfahren über 260
ren der Kelsterbacher Bürgermeister Manfred Klagen von Bürgerinnen und Bürgern, Kom-
Ockel, SPD, und der Fraport-Vizechef Stefan munen und dem Naturschutzverband BUND
Schulte ein „Eckpunkte-Papier“: Die Stadt gegen die Rodung und den Ausbau eröffnen.
verkauft ihren Wald und weitere Flächen an Bis dahin hat Fraport die Fakten bereits unum-
Fraport und zieht ihre Klagen gegen den Flug- kehrbar in Beton gegossen. Das Wald existiert
hafenausbau zurück. Dafür verspricht Fraport nicht mehr, das Gericht wird den Tatsachen
der Stadt ein „Paket mit einem Finanzvolumen hinterher eilen müssen.
von über 30 Millionen Euro“. Die Hälfte davon
ist für den Lärmschutz (den Fraport sowieso Im Wald steht das Dorf der WaldbesetzerInnen.
zahlen muss), ein Bach wird renaturiert, es Seit dem 20. Januar ist es eingezäunt, auf Ver-
anlassung der Fraport, ausgeführt von einem
Obwohl die Besitzverhältnisse noch privaten Sicherheitsdienst, rund um die Uhr
unklar sind, lässt Fraport den Wald bewacht von der Polizei. AusbaugegnerInnen
Foto: Thomas Piper schon mal roden und PressevertreterInnen erhalten reihenweise

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Platzverweise. Fraport droht Klagen wegen Hausfriedens-
Seit dem 28. Mai leben UmweltschützerInnen im besetzten
bruch an. Die Polizei gibt Daten von AusbaugegnerInnen
Dorf im Kelsterbacher Stadtwald. Auch ein ROBIN WOOD-
an die Rechtsabteilung der Fraport weiter. Nach einer ha-
Baumhaus ist in den Wipfeln. Am 20. Januar ließ Fraport das
nebüchenen Rechtsauffassung ist der Wald eine Baustelle,
Walddorf einzäunen. Seitdem kontrolliert die Polizei die Men-
die Baustelle gehört zum Flughafen, der Flughafen gehört
schen im Wald rund um die Uhr mit großem technischem und
Fraport, also hat Fraport das Hausrecht. De facto gibt es
personellem Aufwand.
zu diesem Zeitpunkt eine „vorläufige Besitzeinweisung“
Dezember: Vor dem Regierungspräsidium Darmstadt performen
für einen kleineren Teil des Waldes und ein Eckpunktepa-
Straßentheater-SpielerInnen die hinter verschlossenen Türen
pier mit einem Vertreter der Stadt als Eigentümerin des
verhandelte Rodung.
Waldes. In ein paar Jahren werden Gerichte wahrschein-
14. Dezember: Bei einem Waldspaziergang werden zahllose
lich feststellen, dass diese Rechtsauffassung unhaltbar
Bäume als unentbehrlich markiert und Thermokissen für den
ist. Das macht aber nichts, denn heute ist sie für eine
winterlichen Widerstand im Wald verteilt.
Kahlschlag-Politik ausgesprochen nützlich.
18. Januar: Auf Stelzen und mit Sambatrommeln demonstrieren
ROBIN WOODlerInnen am Tag der Hessenwahl vor dem Land-
Der Saal, in der die Stadtverordnetenversammlung über
tag in Wiesbaden. Ihr Motto: „Partei ergreifen für Wald und
den Verkauf des Waldes an Fraport entscheiden wird,
Klima. Flughafenausbau durchkreuzen.“
ist unmittelbar vorher von einer anderen Veranstaltung
21. Januar: Wegen der Besetzung von zwei Verlademaschinen
belegt: Fasching der Fraport-Senioren.
werden die Rodungsarbeiten für drei Stunden unterbrochen.
23. Januar: Die Besetzung einer Rodungsmaschine unterbricht
Monika Lege, Redebeitrag von
für zwei Stunden deren Einsatz.
ROBIN WOOD auf der
24. Januar: Mehr als tausend Menschen besuchen das Camp im
Demonstration „Kelsterbach steht auf!“
Kelsterbach Wald.
am 31. Januar
28. Januar: Auf der Frankfurter Zeil erklimmen Umweltschütze-
rInnen Bäume und hängen Transparente gegen den Kahlschlag
in Kelsterbach auf.
Jeden Tag fallen 10 Hektar Wald für den Aus-
31. Januar: Zwei AktivistInnen werden von einer Buche auf
bau des Frankfurter Flughafens. Die Menschen
der Rodungsfläche geräumt. Vor dem Kelsterbacher Rathaus
protestieren gegen die gigantische Naturzer-
demonstrieren hunderte BürgerInnen gegen den Verkauf des
störung und gegen die Belastungen für Klima,
Waldes an Fraport …
Umwelt und Gesundheit in der Region

Fotos: Thomas Piper

16 Nr.
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verkehr

Widerstand Am 20. Januar hat Fraport veran-


lasst, das Hüttendorf einzuzäu-

im Hüttendorf nen. Rund um die Uhr wird es


nun von der Polizei bewacht

Der Wald um den Frankfurter Flughafen ist für das hessische Gedächtnis ein historischer Ort. Ein
Hüttendorf war in den 80er-Jahren das Zentrum der Startbahnproteste. Seit ein paar Monaten
stehen nun wieder Hütten im Wald - das Camp der Gegner des Flughafenausbaus.

E in Herbsttag im Oktober 2008. Die


Sonne strahlt. Das Laub ist bunt, aber
die Bäume tragen traurige Botschaften.
Besetzungen dabei. Hier bringt er den
anderen das Klettern bei. Er ist Um-
weltaktivist bei ROBIN WOOD. Zurzeit
unter einer Plane. Das Wohnzimmer
unter freiem Himmel - ein Tisch, eine
ausrangierte Ledercouch und ein Scha-
Aufgemalte Kreuze. Und Slogans in leben etwa 15 bis 20 Leute hier. Manche mottofen.
Leuchtschrift: „Cut here! Bald weg - aus Waldbesetzter haben ein Zelt aufgebaut,
Besitzgier!“. Transparente sind gespannt kommen aber nur am Wochenende. „Im Zurzeit machen die Bewohner das Dorf
„Kein Flughafenausbau“, „Finger Sommer waren es mehr“, sagen sie. winterfest. Die Waldbesetzer sind per
weg von den Bäumen!“ „Wald statt Handy zu erreichen und ihr wirksamstes
CO2-Schleudern!“ In den Wipfeln sind Die Bewohner des Waldcamps kochen Medium ist ihre eigene Seite im Internet.
Baumhäuser, Plattformen und Planen vegan. Sie containern. Sie holen Le- Hier findet man auch Texte zu Klima,
befestigt. Am Boden sind Campingzelte bensmittel, die Supermärkte aussortiert Flugverkehr und emanzipativen Umwelt-
aufgeschlagen, an einer Blockhütte wird haben. „Die Bevölkerung bringt uns schutz. Über das Netz wollen sie auch
gezimmert. Sachen wie Sojamilch und Reis vorbei. mobilisieren - im Falle einer Räumung.
Dann haben wir Kontakte zum Gemü-
Hans ist 19 und macht gerade eine Aus- semarkt in Frankfurt. Da kriegen wir Hier in Kelsterbach geht es um die Ro-
bildung zum IT-Techniker. Er träumt von nach Markt-Ende meistens noch einiges dung von 250 Hektar Bannwald. Baube-
einem freien Leben in einem herrschafts- an Gemüse. Und auch hier aus einer ginn war für Februar 2009 vorgesehen.
freien Raum. Ende Juni hat er den Kels- Bäckerei bekommen wir viel Brot vom Die Nordwestlandebahn zieht sich drei
terbacher Wald mitbesetzt: „Ich schlafe Vortag.“ Ein Kelsterbacher Handwerker Kilometer durch den Wald. Die Flug-
auf der Plattform dahinten. Da oben in bringt regelmäßig mit einem Anhänger hafen AG Fraport will sofort beginnen.
der Krone. Es schaukelt ein bisschen, Trinkwasser in großen Plastikfässern. Beim hessischen Verwaltungsgerichtshof
wenn es stürmischer ist. Aber das ist, als Und manchmal kommen auch Lehrer liegen aber noch Klagen gegen das
ob ich in den Schlaf gewiegt werde.“ mit Schulkassen vorbei und befragen die Planfeststellungsverfahren von den um-
Camper nach ihrer Motivation. Fahr- liegenden Gemeinden und den großen
Charly kommt aus Stuttgart und war radständer sind aus Ästen gezimmert, Umweltverbänden. Verzögerungen,
in diesem Jahr schon bei zwei Genfeld- eine provisorische Küche steht geschützt Aufschub - darauf hoffen die Ausbau-

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Regelmäßig kommen Journalisten vorbei und schreiben kleine
Foto: Harald Schröder
Reportagen über das Hüttenleben. Abwechselnd werden die
Waldbesetzer „Weltverbesserer“, „gewaltbereite Chaoten“,
„Berufsdemonstranten“ oder „harmlose Naturromantiker“
genannt: Ein älterer Herr kommt neugierig auf die jungen
Leute zu. Er will seinem Enkel die Baumhäuser zeigen: „Was
sind wir früher raus, als die Startbahn-West gebaut werden
sollte, samstags und sonntags. Was hat es gebracht? Nix, sie
bauen. Deshalb ist der ganze Widerstand hier ein Rauszögern,
aber kein Verhindern.“ Camper ist Mitte 20 und kommt aus
Freiburg. Er überlege, ob er eine Karriere als Berufsdemons-
trant einschlagen soll, meint er und lächelt: „Für mich ist
wichtig - selbst, wenn klar ist, dass wir die Landebahn nicht
verhindern können - trotzdem zu zeigen, dass es nicht okay ist,
dass Politiker oder Wirtschaftsbosse entscheiden, was mit dem
Wald passiert. Weil das uns alle angeht.“

Kultur im Wald
S zenenwechsel. Generationenwechsel. In den umliegenden
Gemeinden sind viele Lebensläufe mit dem Protest gegen
den Flughafenausbau verbunden. Seit Anfang der 80er-Jahre,
gegner. Eine stabile runde große Blockhütte fällt auf. Die Hütte seit den Protesten gegen die Startbahn-West. Eine Verabre-
der Bürgerinitiativen, die noch im Bau ist. Sie soll als Versamm- dung mit der Sprecherin des „Bündnisses der Bürgerinitiativen
lungs- und Veranstaltungsraum dienen. Und im Winter haben - Kein Flughafenausbau!“ und einem seit 1980 aktiven Start-
die Waldbesetzer einen beheizten Raum. bahngegner führt in die Küche von Jossy Oswald, Mitglied der
Bürgerinitiative Mörfelden-Walldorf. Er hat jahrelang bei einer
Die ersten Waldbesetzer kamen am 28. Mai in diesem Jahr, Spedition am Flughafen gearbeitet. An den Wänden hängen
der Tag an dem die Flughafengesellschaft Fraport ihre An- Plakate aus den 80er-Jahren. Der Hessen-Löwe mit einem Po-
teilseigner eingeladen hatte, um Zahlen und Zukunftspläne lizeihelm auf. Es gibt Tee und Kekse: „Ende April 1980 ist das
vorzustellen. Zukunft meint die nächsten 20 Jahre, gesprochen Hüttendorf von den Bürgerinitiativen gegründet worden, das
wird in Superlativen: Vom Flughafen Frankfurt als der größten übrigens ähnlich aussah wie das heutige. Wir wollten damals
Baustelle Europas, von 40.000 Arbeitsplätzen, vom Flughafen Zeichen setzen gegen den Bau der Startbahn West.“
als Wirtschaftsmotor für die Region, von der „Airport-City
2020.“ Eine Stadt vor der Stadt mit Shopping-Malls, Büros und Das Hüttendorf im Flörsheimer Wald, ein paar Kilometer
Hotels. Die Nordwestlandebahn, gegen die die Waldbesetzer entfernt von dem heutigen Camp, war das Zentrum der
protestieren, ist nur ein Bauabschnitt. Der Fluglärm kommt von Startbahn-Bewegung. Die gewaltsame Räumung und Pro-
der Startbahn West. Alle zwei Minuten ein Start. teste danach wurden zu einer traumatischen Erfahrung für
viele. Ein Konflikt, der sich tief in das hessische Gedächtnis
eingegraben hat. Riesige Demonstrationen, Prügel, Wasser-
werfer, Ohnmacht und Frustration. Eine traurige Bilanz für eine
große Bürgerbewegung. Fast 30 Jahre her: „Wir kamen am
2. November zur Räumung in den Wald. Dort waren schon
Tausende Menschen. In Mörfelden-Walldorf haben die Glocken
geläutet. Das war das Signal, dass die Menschen ihre Arbeit
liegen lassen und raus in den Wald gehen.“

Sein Anliegen als Anwohner von Mörfelden-Walldorf ist nach


fast 30 Jahren immer noch dasselbe: Keine Ausweitung des
Flugverkehrs, kein Ausbau des Flughafens, Einhaltung des
strengen Nachtflugverbotes. Ingrid Kopp, die mit am Tisch
sitzt, ist seit zehn Jahren Sprecherin des „Bündnisses der Bür-
gerinitiativen: Kein Flughafenausbau - Für ein Nachtflugverbot
von 22 - 6 Uhr. 60 lokale Initiativen aus den Gemeinden rund
um den Flughafen haben sich 1998 zusammengeschlossen,
als die Fraport-AG neue Planungen ankündigte: „Anfang der
90er-Jahre hieß es: Für diesen Flughafen wird kein Baum mehr

Foto: ROBIN WOOD/Monika Lege Kletterkurs mit ROBIN WOOD

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verkehr
wald

Foto: Petra Schmidt

Sonntagsspaziergänge und Ku-


chenstände haben Tradition im den Gerichten entschieden werden. Es Vier Wochen später. Inzwischen ist die
Widerstand gegen den Ausbau ist jetzt schon der zweite Bannwald, der Regierung um Andrea Ypsilanti geplatzt.
des Frankfurter Flughafens für diesen Flughafen fällt. Der erste vor Das Wald-Camp an einem Sonntag-
zwei Jahren wurde für die Wartungshalle nachmittag im November. Es ist kälter
vom A 380 gerodet - eine Riesen-Fläche. geworden. Bäume haben die Blätter
fallen. Man hat diesen Versprechungen Und dann ist nur eine halbe Halle gebaut verloren. Dafür lassen sich die Konturen
geglaubt. Als dann das unfassbare worden, weil es hieß sie brauchen doch der Baumhäuser besser erkennen. Der
passierte, dass die Fraport wieder die nicht so viel. Der Wald ist aber weg.“ Kuchenstand steht heute mitten in der
Finger nach dem Wald ausstreckte, sind Küche der Waldcamper: „Kuchen: Apfel,
die Bürgerinitiativen sehr schnell wieder Ende Oktober. Ein Sonntag im Kelsterba- Johannisbeere, Schokomandelapfelzimt
aktiv geworden und sehr viel neue cher Wald. In einer Tonne brennt Feuer. und der ist vegan.“ Es wird jetzt kühler,
kamen dazu.“ Die Jacken der Waldbewohner werden aber an einer offenen Feuerstelle und an
dicker. Ein paar haben Wolldecken um- den zwei Gasöfen in der BI-Hütte kön-
Von den politischen Parteien sind sie ent- gehängt. Mitglieder der Bürgerinitiativen nen sich die Waldbesetzer aufwärmen.
täuscht. Die CDU hat den Flughafenaus- der Gemeinden ringsum haben vor der
bau durchgesetzt. Die SPD will ihn auch. BI-Hütte einen provisorischen Kuchen- Wann geräumt wird, wissen sie nicht
Die Grünen sind gegen den Ausbau, stand aufgebaut. Jeden Sonntag treffen und Spekulationen bringen sie nicht wei-
aber politisch zu schwach. „Ich finde das sie sich. Heute sind es vielleicht 30 Leute. ter. Aber eine Meinung haben sie schon:
ist der größte Wortbruch des Minister- Es gibt Selbstgebackenes, Kaffee und „Groß geändert hat sich nix. Wir warten
präsidenten in den letzten Jahren. Er hat heißen Tee in Pappbechern und veganen ab. Ich glaube nicht, dass die CDU es
jahrelang immer wieder betont, es wird Kuchen für die Waldbesetzer. sich erlauben wird, uns vor der Wahl am
ohne Nachtflugverbot keinen Ausbau 18. Januar wegräumen zu lassen. Wir
geben. Und die Leute haben sich zum
Teil zurückgelehnt und sicher gefühlt!“ D er Kuchenstand ist quasi historisch.
Ein soziales Ritual, entstanden
während der Sonntagsspaziergänge
sind ja hier weiterhin auf einem fried-
lichen Kurs. Ich sage mir, bevor nicht die
Gerichte letztendlich ein gültiges Urteil
Die aktuellen Wirren um die Regierungs- nach Räumung des Hüttendorfs 1982. gesprochen haben, sind wir hier draußen
bildung berühren deshalb diejenigen, Wenn man danach fragt, rührt man an im Recht. Wo Recht zu Unrecht wird,
die in der Nähe des Flughafens wohnen Emotionen. Ute Hänsel kommt aus Neu- wird Widerstand zur Pflicht.“
und unter Fluglärm leiden und um ihre Isenburg. Die Mittfünfzigerin mit Brille
Gesundheit fürchten, wenig. Sie setzen und Pagenkopf hat den Protest an der Gekürzte Fassung eines Radiobeitrags
auf die Klagen der Kommunen und der Startbahn West miterlebt: „Ich bin seit vom 24.11.08 in Deutschlandradio Kul-
großen Umweltverbände. Jede Verzöge- damals in der Isenburger BI dabei. Wir tur, www.dradio.de/dkultur/sendungen/
rung des Ausbaus empfinden sie als ihr haben uns damals nicht träumen lassen, laenderreport/874453
Recht: „Es sind jetzt noch 260 Klagen dass wir uns alle wieder treffen wegen
anhängig, die im Januar, Februar vor der Flughafenerweiterung.“ Christiane Kreiner, Frankfurt/Main

Nr. 100/1.09 19
verkehr

Foto: ROBIN WOOD

AktivistInnen protestierten

Alles muss raus! gegen den Börsengang der


Bahn am 19. März in Hamburg
(oben) und am 29. Februar
2008 in Berlin
Kein Börsengang der Bahn – alles in Butter?

Bahn für Alle setzt sich seit Jahren für den Erhalt der Deutschen Bahn in öffentlicher Hand
ein: ROBIN WOOD ist als Gründungsmitglied des Bündnisses von Anfang an dabei. Vieles,
was zum damaligen Zeitpunkt unmöglich schien, ist in den letzten Jahren erreicht wor-
den. Der Börsengang der DB AG, der am 27. Oktober 2008 nach mehreren Verschiebungen
stattfinden sollte, ist kurz vor der Abwicklung auf unbestimmte Zeit verschoben worden.
Das ist ein riesiger Erfolg! Sind wir mit der Kampagne also am Ziel?

D ie Antwort ist ein klares Nein,


denn der Börsengang ist nicht
endgültig abgesagt. Außerdem reichen
Fahrpreiserhöhungen, die noch über
der Inflationsrate liegen, Streckenstill-
legungen, Ausdünnung von Netz und
Mehdorn bei einem Treffen Ende
2008, „seine konzeptionellen Überle-
gungen zur Teilprivatisierung voran-
unsere Ziele noch weiter: Wir wollen Takt, Verkauf von über 1.000 Bahn- zutreiben“. Finanzminister Steinbrück
zwar, dass das umweltfreundlichste höfen, mangelhafte Instandhaltung meinte dazu: „Der Börsengang der
motorisierte Verkehrsmittel in öffent- der Strecken mit daraus resultierenden Bahn kommt“. Von Entwarnung kann
licher Hand bleibt, aber das ist nur ein Verspätungen, um nur einige Punkte daher keine Rede sein.
Teil unserer Forderungen. Es ist nur zu nennen. Wir alle kennen das aus
die juristische und strukturelle Voraus- eigener Erfahrung. Auch wenn die DB bereits eine
setzung dafür, dass zahlreiche weitere Aktiengesellschaft ist, so ist sie noch
Verbesserungen, die die Bahn zweifel- Momentan ist nicht klar, wann der immer vollständig in öffentlicher Hand.
los benötigt, überhaupt angegangen nächste Anlauf unternommen werden Bahnchef Mehdorn versucht allerdings
werden können. Doch davon sind soll, die Bahn an die Börse zu bringen. in Moskau und Dubai potenzielle
wir momentan noch weit entfernt. Die einen sagen, der Börsengang der Investoren dazu zu bewegen, fünf
In den letzten Jahren wurde mit der Bahn wird frühestens 2010 wieder oder auch nur drei Prozent des zum
einseitigen Ausrichtung an Bilanzen angegangen, die anderen behaupten, Verkauf herausgelösten Konzernteils
und Börsengang vor allem an den die Bahn könnte durchaus noch vor zu übernehmen. Der Trick dahinter:
Bedürfnissen der KundInnen gespart: der kommenden Wahl im September Auch ein Einstieg von nur wenigen
Abschaffung des beliebten Interregios, verkauft werden. Merkel bestärkte Prozent durch Privatinvestoren würde

20 Nr. 100/1.09
verkehr
die DB juristisch gesehen in ein privatkapitalistisches Unterneh- nicht nur dafür sorgen, dass die Bahn vollständig in öffent-
men umwandeln. Die öffentliche Hand könnte ihre politischen lichem Eigentum bleibt, um den Bahnkonzern zu steuern. Es
Vorgaben nicht mehr ohne weiteres umsetzen, wenn andere muss auch Steuergerechtigkeit hergestellt werden. Während
Teilhaber beteiligt sind. die Bahn Mehrwert-, Mineralöl- und Ökosteuer zahlt, ist der
grenzüberschreitende Flugverkehr von diesen Steuern voll-
Im Handelsblatt wurde gefragt, ob ein Börsengang überhaupt kommen ausgenommen. Bei Inlandsflügen wird gerade mal
noch politisch durchsetzbar sei: „Denn die politischen Kräfte, die Umsatzsteuer erhoben. Eine deutliche Besserstellung des
die immer schon gegen die auch nur teilweise Privatisierung umweltschädlichsten Verkehrsmittels Flugzeug gegenüber
des Konzerns waren, formierten sich nach der Absage rasch der Bahn ist die Folge. Das Ergebnis ist ein subventioniertes
wieder, um im zweiten Anlauf zu vereiteln, was ihnen im Klimaschädigen mit (Billig-)Fliegern, während umweltbewusste
Frühjahr nicht gelang.“ Mit diesen „politischen Kräften“ ist BahnkundInnen Ökosteuern zahlen – verkehrte Welt. Die
Bahn für Alle gemeint. Und es wird deutlich, dass es auch über 50 Jahre alte Pendlerpauschale ist die entsprechende
nach Etappensiegen notwendig bleibt, die Bahn vor einem Subventionierung des Autoverkehrs mit all seinen Folgen.
überraschenden Vorstoß der Privatisierer zu schützen. Die Die drängenden und seit langem notwendigen Aufgaben zur
Blankovollmachten der Bundesregierung und des Bundestages, Ökologisierung des Verkehrs stehen noch aus. Es bleibt noch
die Bahn zu verkaufen, müssen zurückgenommen werden, viel zu tun!
damit endlich wieder die tatsächlichen Aufgaben einer Bahn
im Vordergrund stehen. Bahn für Alle möchte gemeinsam mit vielen TeilnehmerInnen
im Wahljahr die Diskussion über dieses zentrale Thema voran-

K ritik an der Bahn ist beliebt und die Liste der Mängel und
Probleme groß. Es handelt sich dabei aber nicht um Fehler
der ohnehin in der Zahl drastisch reduzierten Beschäftigten.
bringen. Am 13. Juni 2009 wird in Köln die Tagung „Zukunft
der Bahn“ veranstaltet. Dort sollen positive Konzepte für die
Bahn entwickelt werden.
Vielmehr liegen die Fehler im System und in den Zielvorga-
ben des Managements. Mit dem Ziel des Börsengangs haben Jürgen Mumme, Hamburg, ist im Vorstand von ROBIN
Mehdorn und der Bahnvorstand auch kontinuierlich daran WOOD und in der Verkehrsgruppe aktiv. 2008 hat er als
gearbeitet, „Global Player“ und ein weltweit agierendes Koordinator von Bahn für Alle gearbeitet.
Logistikunternehmen zu werden. Die DB AG hat einerseits seit
dem Umbau zur AG (1994) etwa 6.000 Kilometer Bahngleise Mehr Informationen unter http://www.robinwood.de/verkehr/
stillgelegt. Andererseits ist der Konzern heute weltweit einer und unter www.bahn-fuer-alle.de
der größten Luft- und Seefrachttransporteure und die Nr. 1 im
europäischen Landverkehr. In über 150 Staaten hat der auch Foto: Bahn für Alle
durch Steuergelder finanzierte Konzern seine Arme ausge-
streckt. Mittlerweile werden fast zwei Drittel des Konzern-
gewinns durch bahnfremde Dienstleistungen erwirtschaftet
– Tendenz steigend.

Die Probleme der Bahn würden durch einen Börsengang nicht


abgebaut. Sie würden vielfach durch die Ausrichtung an einem
Börsengang erst geschaffen, da dieser auf Rendite statt auf
guten Service für die KundInnen setzt. Wenn ein Vorstand ein
Unternehmen aus öffentlichem Eigentum 75 Prozent unter
Wert verkaufen will und dafür sogar noch Bonuszahlungen in
Millionenhöhe kassieren möchte, wird klar, welche Interessen
tatsächlich die Entscheidungen steuern. Euro-Zeichen in den
Pupillen und Transaktionen in 152 Ländern – wer glaubt da,
die Erfordernisse eines ökologischen Verkehrssystems und
der KundInnen in einem dieser Länder würden als zentrale
Aufgabe gesehen?

Bahn für Alle besteht aus mittlerweile 17 Organisationen,


gestützt von unzähligen ehrenamtlich arbeitenden Aktiven.
Der Börsengang wird dabei aus verschiedener Sicht beleuchtet.
Während etwa Gewerkschaften auf Folgen für die Beschäf-
tigten bei der Bahn hinweisen oder Attac auf die Bedeutung
der größten (geplanten) Privatisierung in der Geschichte der
Bundesrepublik, steht für ROBIN WOOD eine ökologische Ver-
kehrswende im Fokus. Um den Anteil des umweltfreundlichen
Verkehrsmittels Bahn deutlich zu erhöhen, muss die Politik

Nr. 100/1.09 21
verkehr

Umweltzone und
Feinstaubaktion
Die EU hat längst beschlossen, dass die Luft in unseren Städten besser werden muss. Doch
viele Kommunen sind offensichtlich nicht bereit, wirksame Maßnahmen gegen den gefähr-
liche Feinstaub zu ergreifen. Da die mediale Aufmerksamkeit dafür immer mehr schwindet,
ist es an der Zeit, den Druck auf die Städte deutlich zu erhöhen!

B ereits seit vier Jahren verbietet die


EU-Feinstaubrichtlinie die Über-
schreitung des Feinstaubgrenzwertes
wert an 60 Messstellen in 35 Städten
und 12 Bundesländern überschritten.
Krefeld führte die Statistik mit 74
Grenzwertüberschreitungen kurzfris-
tige Fahrverbote durchzusetzen, ist
gescheitert. Diese Maßnahmen sind
von 50 Mikrogramm im Tagesmittel an Tagen an, gefolgt von Stuttgart mit 69 nicht nur bei fast allen AutofahrerInnen
mehr als 35 Tagen pro Jahr. Zahlreiche und Essen mit 67 Überschreitungen. äußerst unpopulär, sondern auch
Städte verstoßen alljährlich dagegen, praktisch kaum durchführbar, da die
können oder wollen keine wirksamen Welchen Anteil der Verkehr an der Feinstaubkonzentrationen stark vom
Gegenmaßnahmen ergreifen. Feinstaubbelastung hat, ist dagegen Wetter abhängen und eine Voraus-
äußerst umstritten - es kursieren Zah- sage bzw. -planung kaum möglich ist.
Der Handlungsbedarf ist angesichts der len zwischen 5 und 50 %. Eine Hoch- Wesentlich aussichtsreicher erscheinen
Zahlen der Weltgesundheitsorganisa- rechnung aufgrund der verkauften da sogenannte Umweltzonen, die von
tion weitgehend unbestritten: Ihre Un- Spritmengen und durchschnittlicher besonders schadstoffträchtigen Fahr-
tersuchungen ergaben, dass Feinstäube Emissionswerte greift viel zu kurz. zeugen generell nicht mehr befahren
die durchschnittliche Lebenserwartung werden dürfen. Mittlerweile gibt es
in der Europäischen Union im Mittel Denn zum direkten Feinstaubausstoß davon in Deutschland bereits 32.
um 8,6 Monate verkürzen, in Deutsch- der Kraftfahrzeuge kommen noch
land sind es sogar 10,2 Monate. Im Bremsbelag-, Reifen- und Straßen- Je nach Schadstoffausstoß werden
Jahr 2008 wurde der Feinstaubgrenz- abrieb, die Emissionen der gesamten motorisierte Fahrzeuge in 4 Klassen
Produktionskette inklusive der Ener- eingeteilt. Die Schlechteste bekommt
gieerzeugung, Kraftstoffgewinnung keine Plakette, die Besseren in aufstei-
und -aufarbeitung. Es werden also gender Reihenfolge eine rote, gelbe
Jahre vergehen, bis Einigkeit hergestellt oder grüne Plakette. Bei der Einfüh-
werden kann - sofern das überhaupt rung sind die Umweltzonen meist frei
möglich ist, da die Autoindustrie na- für Fahrzeuge mit allen Plaketten, im
türlich ein existenzielles Interesse daran Laufe der folgenden Jahre werden sie
hat, ihren Anteil möglichst klein zu dann nach und nach für rote und gelbe
rechnen. Schon deshalb hatten Klagen Plaketten gesperrt. Zahlreiche, zum Teil
mit dem Ziel von Verkehrsbeschrän- groteske Ausnahmeregelungen (z.B.
kungen trotz klarer Verstöße gegen für Werkstattbesuche, LKWs, etc.) und
die Feinstaubrichtlinie wenig Aussicht die Aussparung viel befahrener Straßen
auf Erfolg. Um ihnen die Grundlage zu sind Zugeständnisse mit denen sich die
nehmen und dem wachsenden Unmut Zustimmung der Autolobby, Industrie-
in der Bevölkerung etwas entgegenzu- und Handwerksverbände üblicherweise
setzen, versuchten einige Kommunen erkauft wird. Messbare Luftverbesse-
dem Problem mit verstärkter Straßen- rungen sind daher in der Anfangsphase
reinigung und –befeuchtung beizu- nicht zu erwarten.
kommen. Offensichtlich ohne Erfolg:
Nachdem die erste Aufmerksamkeit Aber wer die „freie Fahrt für freie
abgeebbt war, wurden diese „Maßnah- Bürger“ beschränken will, braucht ei-
men“ sang- und klanglos eingestellt. nen langen Atem: Jahrelange Proteste
und Aktionen gegen Sommersmog
Umweltzonen hatten nur eine Heraufsetzung der
Ozongrenzwerte zur Folge. Erst der
Die ursprüngliche Strategie vieler EU-Feinstaubgrenzwert, den wir in
Betroffener und Umweltverbände, bei den 90er Jahren als reine Verzöge-

22 Nr. 100/1.09
verkehr
rungstaktik geißelten, konnte das Tabu Fahr-
verbot knacken. Jetzt kommt es darauf an, die Feinstaubaktion zum Mitmachen
Einführung möglichst vieler Umweltzonen zu
unterstützen und den Gegnern gute Argumente Die Idee ist ganz einfach: Immer wenn ich mich als Fußgänger
entgegenzusetzen. Wie nicht anders zu erwar- oder Radfahrer durch den Straßenverkehr bewege, setze ich eine
ten, verbreitete der ADAC zum Jahresende die Feinstaub-Schutzmaske auf und ziehe eine Warnweste mit dem Slo-
„Nachricht“, dass die bereits 2008 in Hannover gan „Feinstaub kann tödlich sein“ über - im Stil der Warnhinweise
eingeführte Umweltzone keine Verringerung auf Zigarettenschachteln. Diese Aktionsutensilien sollten zentral be-
der Feinstaubkonzentration bewirkt hätte. Unter schafft, bedruckt und zum Selbstkostenpreis an Interessierte abge-
den derzeitigen Randbedingungen ist das richtig geben werden. Auch für die Staubmasken ist eine zentrale Beschaf-
und keineswegs überraschend. fung sinnvoll, da die Billigen aus dem Baumarkt nahezu wirkungslos
sind und die professionellen, kleinen und leichten Einwegmasken
Doch dank der erstaunlich hohen Akzeptanz der der Schutzklasse „FFP3“, die problemlos in jede Tasche passen, nicht
Umweltzonen bei den AutofahrerInnen bewegt überall erhältlich oder sehr teuer sind. Sie verringern die Feinstaub-
sich jetzt etwas in Sachen Feinstaub. Angesichts belastung in der Atemluft der TrägerIn auf einem Bruchteil und lie-
ihrer Absatzprobleme scheint die Autoindustrie fern damit einen guten Grund, sich auch längerfristig an der Aktion
endlich gezwungen, spritsparende und schad- zu beteiligen und etwas Aufwand und Unannehmlichkeiten auf sich
stoffarme Autos anzubieten. Auch der Nutz- zu nehmen.
fahrzeugabsatz dürfte von der Verbreitung der
Umweltzonen profitieren. Richtig wirksam wird diese Aktion dann, wenn tagtäglich zahlreiche
Leute so maskiert im Straßenverkehr auftauchen und wenn wir in
Im zweiten Schritt kommt es darauf an, sie zu Gruppen bei passenden Lokalterminen oder sonstigen öffentlich-
etablieren und auszuweiten. Klima- und Ge- keitswirksamen Veranstaltungen auftauchen. Aber auch als Einzel-
sundheitsschutz gehen Hand in Hand und las- ner habe ich jede Menge Blicke geerntet, wie ich bei den ersten
sen sich nur mit weniger motorisiertem Verkehr Pilotversuchen im letzten Spätsommer erfahren habe. Die beste
erreichen. Da die Natur nicht zwischen Schad- Aktionszeit ist natürlich das Sommerhalbjahr, daher möchte ich alle
stoffen von Armen und Reichen unterschei- Interessierten aufrufen, bereits jetzt Aktionen zu planen und sich bei
det, müssen Ausnahmeregelungen abgebaut mir zurückzumelden.
und die Grenzwerte kontinuierlich verschärft
werden. Soziale Härten können stattdessen mit
speziellen ÖPNV- oder Car-Sharing-Angeboten
abgefangen werden. Eine gezielte Förderung
zum Umstieg auf schadstoffarme Monteurs-
fahrzeuge für kleine Handwerksbetriebe ist auf
Dauer besser und billiger für die Allgemein-
heit als die jetzigen Ausnahmeregelungen. Im
Transportgewerbe ist das nicht nötig, auch
wenn dessen Lobby lautstark jammert: Dort
werden die Fahrzeuge so intensiv genutzt, dass
sie ohnehin nach wenigen Jahren durch neue
ersetzt werden und dabei an die stufenweise
steigenden Anforderungen der Umweltzonen
angepasst werden können.

Diesen langwierigen Prozess zu begleiten und


zu steuern bedarf mehr als punktueller spekta-
kulärer Aktionen. Wir müssen Handlungsdruck
erzeugen, indem wir unser Anliegen tagtäglich
unübersehbar in die Öffentlichkeit bringen.
Dazu brauchen wir die Unterstützung anderer
Umweltverbände und interessierter und betrof-
fener Mitmenschen.

Werner Berendt, Bremen,


Kontakt: bremen@robinwood.de

31.12.08: Stand der Feinstaubwerte, www.


env-it.de/luftdaten/pollutant.fwd?comp=PM1

Nr. 100/1.09 23
verkehr

Fotos: Le Qrier

Bis zur Hölle und zurück


Sie rasen mit großen Rucksäcken auf Rennrädern zwischen FußgängerInnen und Autos
hindurch und in der Stadt hängen sie jeden ab. Sebastian Vollnhals hat sich bei den Fahr-
radkurieren in Leipzig umgesehen.

D ie Relativitätstheorie soll Albert


Einstein ja auf dem Fahrrad ein-
gefallen sein. Fahrradkuriere hingegen
auch meist die schnellste Möglichkeit,
etwas zuzustellen.
mit LE Qrier eine eigene Firma. Tag
und Nacht, bei Wind und Wetter
wird gefahren. Das Motto der Firma
bewegen Masse mit wenig Energie Schon morgens, um kurz nach sechs, lautet: „Wir fahren bis zur Hölle, und
und jeder Menge Geschwindigkeit von sitzt André auf dem Rad unterwegs zurück.“
einem Ort zum anderen. Insbesondere zum Bahnhofskiosk. Dort ist er unter
in größeren Städten ist das Fahrrad den ersten Kunden. Nur wenige Minu- Besondere Voraussetzungen, um
nicht nur die ökologischste, sondern ten später liegen die frisch gedruckten Fahrradkurier zu werden, gibt es an
Zeitungen in einer Medienagentur auf und für sich nicht. Dennoch ist es ein
dem Tisch. Jeden Tag fährt André diese anspruchsvoller Beruf. Wer nur bei
Tour, auch Sonntags. Es ist ein Job, den Sonnenschein unterwegs sein möchte,
man schon lieben muss. Doch André hat es schwer mitzuhalten. Den Kurie-
ist mit viel Herzblut dabei. ren, die schon länger dabei sind, merkt
man an, dass es ihnen Spaß macht,
Seit mehr als 13 Jahren ist André als an ihre Grenzen zu gehen. Gerade
Fahrradkurier in Leipzig unterwegs, an- die Freiheit und auch ein bisschen die
fangs als einzelner Fahrer, mittlerweile Revolte gegen die Straßenverkehrsord-
hat er mehr als ein Dutzend anderer nung machen den Job spannend.
Fahrradkuriere um sich geschart und
Wenn André von seinen morgend-
lichen Fahrten zurück ist, begibt er
André ist seit 13 Jahren Fahr- sich in die Kurierzentrale, um Aufträge
radkurier in Leipzig und hat per Telefon entgegenzunehmen. Die
die Firma Le Qrier gegründet meisten KundInnen buchen zwar

24 Nr. 100/1.09
verkehr

grüne berufe
mittlerweile über das Internet, dennoch ist es gut, im Not- Allein im letzten halben Jahr haben die Fahrradkuriere aus
fall auch immer einen Ansprechpartner zu haben. Vermittelt Leipzig mehr als 50.000 Kilometer zurückgelegt und dabei
werden die Aufträge mit modernster Technik. Jeder Kurier hat gegenüber einem Transport per Auto über drei Tonnen CO2
ein iPhone dabei, die Aufträge werden in Sekunden per E-Mail eingespart. Mindestens, denn Autos können nicht einfach mal
übermittelt, das Telefon zeigt an, wo es lang geht und was bei eine Abkürzung durch Parks oder über Fußwege benutzen und
Abholung und Auslieferung zu beachten ist. Der Rest funktio- haben auch Dank kreativer Einbahnstraßenregelungen, Staus
niert mit Muskelkraft. und Parkplatzsuche immer einen längeren Weg. Doch nicht
nur im Spritverbrauch sind die Fahrräder den Autos weit über-
Ist ein Auftrag beim Kurier angekommen, geht‘s los. Die legen. Auch bei den Lärmemissionen, der einfachen Wartbar-
meisten Touren bewegen sich innerhalb des Stadtgebiets, oft keit und dem Energieaufwand bei der Herstellung haben die
geht es um Strecken von ein oder zwei Kilometern. Doch auch muskelbetriebenen Fahrzeuge die Nase vorn.
weitere Strecken, Fahrten ins Umland oder sogar bis nach
Dresden kommen vor. Das Fahrrad ist das Nahverkehrstransportmittel der Zukunft,
davon sind André und seine FahrerInnen fest überzeugt. Jede

V ersendet wird eigentlich alles: Von Medikamenten, die


kranken KundInnen von der Apotheke direkt nach Hause
geschickt werden, über Akten und Druckvorlagen bis zum
fünfte Sendung wiegt weniger als fünf Kilogramm und könnte
ohne Auto transportiert werden, momentan passiert das aber
nicht einmal bei jeder fünfzigsten Sendung. Doch schon heute
kompletten Firmenessen in der Mittagspause. Auch unge- legen Fahrradkuriere in Deutschland mehr als 17 Millionen
wöhnliche Fahrten gibt es. „Einmal haben wir einem Brautpaar Kilometer im Jahr zurück und sparen damit eine Menge Treib-
den vergessenen Ehering zum Standesamt gebracht,“ erzählt stoff, Abgas und Lärm. „Das Rad“, meint Markus Schmädt,
André. „Die Hochzeit konnte dann doch noch statt finden.“ einer der dienstälteren Fahrer in Andrés Rennstall, „gab es
schon vor dem Auto. Und es wird auch noch da sein, wenn
Zur Zeit liefern Fahrradkuriere hauptsächlich kleinere Sen- dieses Fossil längst ausgestorben ist.“
dungen mit geringem Gewicht aus. Dennoch sind auch
größere Lieferungen kein Problem. Wo die riesigen Umhänge- http://www.fahrradkuriere.de/
taschen der FahrerInnen an ihre Grenzen stoßen, kommt das
Lastenrad zum Einsatz. Damit können 10 Getränkekisten trans- Sebastian Vollnhals arbeitet als Creativity Engineer in
portiert werden, erst ab einer Zuladung von mehr als 100 kg Leipzig und ist Vorstandsmitglied bei ROBIN WOOD
müssten die Kuriere absagen - oder eben zweimal fahren. Kontakt: leipzig@robinwood.de

Die Fahrradkuriere von LE Qrier in Leipzig

Nr. 100/1.09 25
verkehr

Mit Atomstrom auf vier Rädern


Folgt man den Debatten um das Auto der Zukunft, dann sind deutsche Fahrzeugherstel-
ler auf dem besten Weg, einen klimafreundlichen Pkw zu produzieren. An der Diskussion
fällt auf, dass es lediglich um neue Antriebe geht. Pfiffige Verkehrskonzepte und eine
bürgernahe Stadtplanung drohen einmal mehr unter den Tisch zu fallen.

H och im Kurs steht das Elektroauto.


Mit dem Antrieb ohne Auspuff
versuchen die etablierten Autobauer
Nachfrage schon einstellen. Ein Weg
dazu sind Elektroautos. Umstrittene
Kraftwerke wie Moorburg würden
kaum aus, Gemüse, Getreide und
Futtermittel für den eigenen Bedarf
bereit zu stellen. Fünf Prozent des
alle Funktionen des klassischen Sprit- schlicht nicht gebraucht, schafften die ganz normalen Kraftstoffes werden
schluckers zu bedienen. So erreichen Stromkonzerne nicht neue Absatz- durch EU-Vorgaben bereits heute
die neuen „absolut emissionsfreien“ märkte für ihren dreckigen Strom. durch pflanzliche Kraftstoffe ersetzt.
Fahrzeuge (Werbung BMW) Reich- Um nur 16 Prozent des Rohölimportes
weiten von bis zu 250 Kilometern, So ist Vattenfall in Berlin beispiels- von 113 Mio. Tonnen durch Sprit vom
Geschwindigkeiten über 150 km/h und weise in ein Projekt eingestiegen, bei eigenen Feld zu gewinnen, müsste
die bewegte Karosse wiegt deutlich dem 50 Minis mit Strom angetrieben die komplette deutsche Ackerfläche
über einer Tonne. Doch der Auspuff werden. 17 KW/h Strom verbrauchen ausschließlich mit Raps in industrieller
der neuen Elektroautos ist der Schlot die Zweisitzer nach Herstellerangaben Landwirtschaft bestellt werden.
alter Braunkohlekraftwerke. auf 100 Kilometern. Wird für neue
E-Autos Moorburg-Strom produziert, Aus dieser Rechnung geht hervor, dass
Dank effizienter Technik sinkt der emittieren die Elektro-Zweisitzer 105 der Ackerdiesel anderswo herkommt:
Stromverbrauch in Industrie und Haus- Gramm CO2 pro Kilometer. Diesen Aus gerodeten Waldflächen, die mit
halten. Setzt sich diese Entwicklung Wert erreicht jedoch auch locker ein Monokulturen von Ölpalmen auf-
und der Ausbau erneuerbarer Energien sparsamer Verbrennungsmotor. geforstet wurden. Häufig verfeuert
fort, könnten zügig AKW und alte Biosprit damit wertvolle tropische
Braunkohlekraftwerke abgeschaltet Ein zu Recht angekratztes Image Wälder, die einmal CO2 aufgenommen
werden. haben inzwischen so genannte Bio- und abgepuffert haben.
kraftstoffe. Bio ist an ihnen nichts!
Die Energiekonzerne forcieren jedoch Biologische Landwirtschaft verzichtet Trotz Abwrackprämie und noch
eine gegenläufige Entwicklung. Ob- auf chemische Gifte, gentechnische schlechteren Beispielen in den USA:
wohl in der BRD deutlich mehr Strom Manipulationen und Kunstdünger - Ein umweltfreundliches Auto wird es
erzeugt als verbraucht wird, planen sie ganz anders der Kraftstoff vom Acker. nicht geben. Nicht mit Strom, nicht mit
immer neue Kohlekraftwerke. Die Stra- Biosprit und auch nicht mit Wasser-
tegie von RWE und Co: Wenn das An- 12 Millionen Hektar Ackerfläche gibt stoff. Gefragt sind vielmehr Konzepte,
gebot erst einmal da ist, wird sich die es in Deutschland. Die Fläche reicht die ein Leben mit wenig Auto ermögli-
chen. City-Maut, kostenloser Nah-
verkehr, eine Stadt der kurzen Wege
und Anreize für alle, die ohne Auto
leben wollen. Wo der Pkw zum Einsatz
kommt, sind leichte Autos, geteilte
Autos und intelligente Autos gefragt.
Neue Antriebe für sonst unveränderte
Spritschlucker sind die falsche Lösung.

Philipp Horstmann lebt als Umwelt-


journalist in Dannenberg
Kontakt: 05861/985633
umweltjournalismus@gmx.net

Ökostrom gibt es viel zu wenig


- in Wahrheit fahren Elektroautos
mit dem Strom aus Atom- und
Foto: argus/Raupach alten Kohlekraftwerken

26 Nr. 100/1.09
verkehr

Wie viel Brote braucht ein Auto?


Weltweit kommen immer mehr Anforde- einmal den Tank mit 45 Litern zu füllen
rungen auf die Landwirtschaft zu. Sie soll oder 346 Brote zu backen.
den größer werdenden Fleischkonsum be-
friedigen, die wachsende Weltbevölkerung Ein Drittel der Fläche Deutschlands besteht
ernähren und nachwachsende Rohstoffe aus Ackerfläche. Rechnerisch stehen damit
zur Verfügung stellen. Zugleich führen jedem der 82 Mio. Einwohner 1400 m2
der Klimawandel und eine industrialisierte Ackerland zur Verfügung. Würde diese
Landwirtschaft dazu, dass in vielen Regi- Fläche nur mit Raps bestellt, ließe sich mit
onen fruchtbare Böden verloren gehen. dem Öl ein Autotank viermal füllen (182
Liter). Platz zum Anbau von Lebensmitteln
Die Zeit der landwirtschaftlichen Überpro- gäbe es nicht mehr.
duktionen ist vorbei. Flächen zur Produktion
von Lebensmitteln konkurrieren längst mit Die Rechenbeispiele zeigen, dass das Pro-
Flächen zur Produktion von pflanzlichen blem vorrangig nicht darin besteht, was
Treibstoffen. Öl und Brot lassen sich so getankt oder geladen wird, sondern wie
vergleichen. viel ein Pkw verbraucht.

Ein Hektar entspricht der Größe eines Dass sich Autos mit geringem Verbrauch
Sportplatzes von 100 x 100 Metern. Darauf herstellen lassen, hat Greenpeace bereits
werden in konventioneller Landwirtschaft in den 90er Jahren bewiesen. Mit ge-
etwa sieben Tonnen Weizen gewonnen, ringem Entwicklungsaufwand ließ die
aus denen ca. 10.000 Brote zu je 1 kg Umweltorganisation einen Renault-Twingo
gebacken werden können. Baut man statt so umbauen, dass sein Verbrauch auf drei
Nahrungsmitteln Agrar-Diesel an, so lassen Liter/100 km reduziert wurde. Aufge-
sich auf einem Hektar 1300 Liter Rapsöl griffen wurde diese Entwicklung freilich
gewinnen. Für ein Liter Treibstoff wird so nicht, die europäischen Autobauer haben
viel Acker wie für acht Brote gebraucht. lieber Geländewagen für den Stadtverkehr
Zugespitzt ausgedrückt, hat man die Wahl, konstruiert.

Foto: ecim/Pixelio

Schrott mit Prämie


Mit der Verschrottungsprämie will die Senkung des Benzinverbrauchs hat die
Bundesregierung Anreize zum Kauf eines Autoindustrie in den letzten neun Jahren
Neuwagens schaffen. Besitzer eines min- nicht gemacht. Ein gebrauchter Diesel mit
destens neun Jahre alten Autos bekommen nachgerüstetem Russfilter oder ein auf
beim Kauf eines Neuwagens vom Staat Erdgas umgerüsteter Benziner ist weniger
2500 € geschenkt. umweltschädlich, als die Neuwagenvari-
ante mit Klimaanlage.
Man mag sich fragen, warum ausgerech-
net Menschen, die sich einen Neuwagen Geradezu absurd wird der allen Ernstes
leisten können, mit knappen Steuergeldern Umweltprämie genannte Zuschuss aber,
beschenkt werden. Der Umwelt nutzt die wenn keine Rolle spielen soll, wie viel CO2
Abwrackprämie jedenfalls nicht. Bis zu der Neuwagen ausstößt. Wer seinen Klein-
20 Prozent aller Emissionen im Lebens- wagen verschrottet und einen neuen Jeep
zyklus eines Pkw entstehen bei dessen mit einem Verbrauch von 15 Litern kauft,
Herstellung. Nennenswerte Fortschritte zur erhält die „Umweltprämie“.

Nr. 100/1.09 27
tropenwald

Jatropha – kein Wunder!


Eine der ölhaltigen Nutzpflanzen, die von Wissenschaftlern und Unternehmen als „Wunder-
pflanze“ auf dem grünen Energiemarkt beworben wird, ist die Nuss Jatropha curcas. Ursprüng-
lich aus Lateinamerika stammend, wird Jatropha bisher in vielen Ländern des Südens als Hecken-
strauch genutzt, der vor Winderosion und wilden Tieren schützt. Die Samen der Pflanzen sind für
Menschen und Tiere giftig, aber sie besitzen einen Ölgehalt von bis zu 30 Prozent und gelten da-
her als bedeutende Rohstoffquelle: als „grünes Gold“ der OPEC oder in Europa als „Bio“-Diesel.

D er Mineralölkonzern BP bewirbt Jatropha als „fördernd für


Biodiesel“ und plant für Dezember die Einfuhr der ersten
1.000 Tonnen des Pflanzenöls nach Europa: Daimler sowie Air
Für Klaus Becker, Professor an der Universität Hohenheim
und Berater für Biodieselanlagen, sind es im Wesentlichen
zwei Punkte, die Jatropha zur „Wundernuss“ machen:
New Zealand fahren die ersten Jatropha betriebenen Test-Fahr- Zum einen stellt die Pflanze keine hohen Ansprüche an die
zeuge und die Universität Hohenheim sowie die GTZ erforschen Fruchtbarkeit der Böden. Zum zweiten sind die Samen für
neue, ertragreichere Jatropha-Sorten in Indien, Mali und Mexiko. Mensch und Tier giftig, womit das Öl ausschließlich zur En-
ergienutzung eingesetzt werden kann. So würde eine Kon-
Indien stellt offiziell 12 Mio. Hektar seiner Landesfläche für den kurrenz zum Flächenanbau für Lebensmittel ausgeschlossen
Anbau von Jatropha und indischer Buche zur Verfügung. Auf den – die Hauptkritik vieler NGOs und Verbraucherverbände am
Philippinen, in Äthiopien und Tansania wurden riesige Plantagen Anbau von Energiepflanzen.
angelegt, obwohl Untersuchungen zu den Auswirkungen eines
großflächigen Anbaus bisher fehlen. Bei so viel Euphorie war es Bisher wurde Jatropha curcas nur als Heckenpflanze auf
nicht verwunderlich, dass im Oktober 2008 in Hamburg eine „Ja- anspruchslosen Böden gepflanzt, ihr großflächiger Anbau
tropha World“- Konferenz stattfand, auf der sich Unternehmen, für den Weltmarkt lohnt sich jedoch nur unter starkem
Wissenschaft und Politik aus aller Welt versammelten, um über Einsatz von Wasser, Düngemitteln und Pestiziden. Zusätzlich
die Möglichkeiten der „Wunderpflanze“ zu beraten. sind enorme Landflächen nötig, damit die Samen einen
ausreichenden Ertrag für „Bio“-Diesel erbringen. Allein in
Indien müssten nach Berichten der GTZ und des World-
Reife Jatropha-Frucht - das Öl wird watch Institute 38 Mio. Hektar mit ertragsreichen Plantagen
aus den schwarzen Kernen gepresst von Jatropha curcas bebaut werden, um einen Bedarf von

Jatropha-Projekt an Kenias Küste: Der ganze


Stolz des Projektleiters ist die Baumschule
mit jungen Jatropha-Pflanzen Wenn die Früchte gelb sind,
können sie geerntet werden

28 Nr. 100/1.09
tropenwald
Auch die EU gilt mit der Einführung
von Anreizen wie verbindlichen Beimi-
schungszielen, staatlich finanzierten
Beihilfen und Steuererleichterungen
als Mitverursacher des internationalen
Agrokraftstoff-Booms. Mehr als 200
NGO fordern daher ein Moratorium für
Fördermaßnahmen von Agroenergie
und Agrokraftstoffen in Europa. Damit
unterstützen sie die wachsende Zahl von
Aufrufen aus dem Süden, die vor den
wachsenden Agrokraftstoff-Monokul-
turen warnen. „Die Auswirkungen der
massiven, schnell wachsenden Investi-
tionen in Agrokraftstoffexpansion sind
irreversibel und nicht wieder gut zu
machen“, erklären sie.

Auch die aktuell entwickelten Nachhal-


tigkeitskriterien für Biodiesel betrachten
Fotos: Peter Gerhardt/ROBIN WOOD die NGO als Greenwashing. Und den
Schutz der Regenwälder als riesiges
Jatropha als Heckenpflanze Reservoir zur Aufnahme von Kohlen-
dioxid sehen sie durch Zertifikate nicht
garantiert, sondern vielmehr weiter
20 Prozent Biodiesel-Beimischung in lokalen Behörden verzeichnet ist, er- gefährdet. „Der Schaden, den diese Sys-
2020 für Indien zu decken. Die benöti- scheint es offiziell als ungenutztes Land. teme und Strategien verhindern sollen,
gte Landfläche überschreitet jedoch die Indien selbst stellt über 60 Mio. Hektar wird schon angerichtet sein, wenn sie in
nutzbaren Anbauflächen Indiens, was zu seiner Landesfläche als „wasteland“ dar, Kraft treten“.
Folge hat, dass die Pflanze doch in klarer und auch in Afrika sollen drei Prozent
Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion des gesamten Kontinents als ungenutzt Heike Lipper ist in der Tropenwald-
stehen wird. gelten. Neben den nicht verbrieften Fachgruppe von ROBIN WOOD aktiv
Landnutzungsrechten können auch und untersucht seit Ende
Da auch die Anbauländer um Landfläche andere Flächen zu dieser Kategorie ge- Dezember 2008 in Indien den
für den Anbau von Lebensmittel fürch- rechnet werden: ungenutzte Weideflä- Anbau von Jatropha.
ten, damit der steigende Agrardiesel- chen, bereits abgeholzte und noch nicht tropenwald@robinwood.de
Markt gedeckt werden kann, wird nach bepflanzte Regenwälder, oder die noch www.robinwood.de/tropenwald
möglichen „Ersatzflächen“ gesucht. verbliebenen Naturflächen - einschließ-
Dieses ist devastiertes, ungenutztes lich der Tropenwälder und Savannen.
Land oder „Ödland“, das nach Angabe
von einzelnen Wissenschaftlern und
Regierungen weltweit ausreichend zur
Verfügung stehen würde.
N ichtregierungsorganisationen (NGO)
in Asien, Afrika und Südamerika
fürchten die Zerstörung der letzten
Naturflächen durch die weltweite Nach-
Land, das hier als ungenutzt deklariert frage nach Biodiesel, sowie die Auswei-
wird, ist für die lokale Bevölkerung oft tung von großflächigem Plantagenanbau
ihre einzige Lebensgrundlage, auf der sie in ihren Ländern unter Einsatz von Dün-
Subsistenzwirtschaft betreiben. Millionen gemitteln und gentechnisch veränderten
Landlosen und ziehende Hirtengemein- Pflanzen. Sie sehen die Ernährungs-
schaften droht durch den großflächigen sicherheit, die Biodiversität, wertvolle
Anbau von Agroenergiepflanzen der Ökosysteme (z.B. Savannen, Regenwäl-
Verlust ihrer Landflächen. Beispielsweise der), Landrechte und kleinstrukturierte
ermöglicht das Gemeinrecht „Pancha- Landwirtschaft sowie Gemeinrechte zur
yats“ Kleinbauern und Familien in Indien Landnutzung in Gefahr.
seit Jahrhunderten das Land für den
Eigenanbau mit traditionellen Methoden
zu bewirtschaften. Da das Land selbst Bauer mit seiner
nicht als Eigentum der Bauern bei den Jatropha Ernte

Nr. 100/1.09 29
verkehr

Autobahn wird zur Fahrradstraße


Eine besondere Aktion fand im Rahmen der Tour de Natur 2008 bei Hess. Lichtenau
statt. Das bislang einzige befahrbare A44-Teilstück bei Walburg wurde für den Auto-
verkehr komplett gesperrt. Dieser Sieg für das Demonstrationsrecht musste aller-
dings gerichtlich hart erkämpft werden.

D ie Tour de Natur kritisiert den ge-


planten Bau der A44 als Symbol für
eine verfehlte Verkehrspolitik in Deutsch-
onsverbot der Genehmigungsbehörde
(Regierungspräsidium Gießen) vom Hes-
sischen Verwaltungsgerichtshof aufge-
lebnis. Schon die Autobahnauffahrt war
mit vielen Transparenten verschönert. In
den beiden Tunnels wurde ausgiebig mit
land. Wider besseren Wissens wird eine hoben wurde. Vorausgegangen war ein Gesang und Fahrradklingeln die Akustik
Abkürzungsautobahn für den europä- umfangreicher juristischer Schriftverkehr getestet. Mit diesem Nachhall in den Oh-
ischen Lkw-Verkehr projektiert, die den zwischen der Genehmigungsbehörde, ren verließen die RadlerInnen begeistert
Menschen und der Natur nur Lärm und den Gerichten und dem Anwalt der die Autobahn.
Abgase bringt. Axel Friedrich (Verkehrs- Verkehrsinitiative. Es wurden zunächst
experte und Schirmherr der Tour de Verkehrssicherheitsgründe und dann das Fazit: Das Urteil hat richtungsweisende
Natur 2008): „Der Kampf gegen den Ferienende in Hessen als Verbotsgründe Züge. Nicht nur bei der jährlichen Fahr-
Klimawandel verträgt sich nicht mit dem angeführt. Beides Argumente, deren radsternfahrt in Berlin ist die Autobahn-
Bau immer neuer Straßen. Eine weitere schwache Basis für ein vier Kilometer nutzung möglich. Mit entsprechender
Bedrohung ist der Verlust an biologischer langes, isoliertes Autobahnteilstück mit Vorbereitung können Demonstrationen
Vielfalt. Täglich verschwinden auf un- parallel befahrbarer Bundesstraße auch direkt auf den Monumenten einer ver-
serer Erde unwiederbringlich Arten, oft dem Verwaltungsgerichtshof letztlich fehlten Verkehrspolitik stattfinden. Und
verursacht durch den Verkehrswegebau. nicht verborgen geblieben ist. Momen- außerdem: Direkte Aktionen machen
Auch in Deutschland engt der Bau von tan sind die vier Kilometer Autobahn le- Spaß! Unsere Aktion ist auch als Ermu-
Straßen den Lebensraum von wildleben- diglich eine luxuriöse Ortsumfahrung. In tigung für viele spontane und bunte
den Tieren immer weiter ein.“ nur einem der übrigen neun Abschnitte Aktivitäten 2009 zu werten!
der 64 km langen Trasse liegt bislang
Bis die Autobahn am 2. August für kurze Baurecht vor. Klaus Schotte, langjähriges Mitglied
Zeit den RadlerInnen gehörte, musste der ROBIN WOOD-Regionalgruppe
juristisch hart gekämpft werden. Erst am Die Fahrt auf der Autobahn wurde zum Kassel, beantwortet gerne Fragen
Vortag war klar, dass das Demonstrati- – auch von den Medien beachteten – Er- zum Urteil, kassel@robinwood.de

Die Tour de Natur ist eine Fahrraddemonstration für eine nachhaltige 2002 erregte eine Klage des BUND
Verkehrspolitik und natürliche Lebensweise. Sie fand 2008 bereits Hessen gegen ein Teilstück der A44
zum 18. Mal statt bundesweit Aufsehen. Das Bundes-
verwaltungsgericht verhängte einen
Baustopp aufgrund ungenügend
beachteter europäischer Naturschutz-
richtlinien. Erst im März 2008 erteilte
das Gericht dem Land Hessen unter
Auflagen die Baugenehmigung. Den-
noch wurden bundesweit bedeutsame
Erfolge für den Naturschutz erreicht.
Der BUND Hessen klagt stellvertretend
für die Aktionsgemeinschaft Verkehr
Nordhessen (AVN). In der AVN sind
ca. 25 Organisationen zusammen-
geschlossen, u.a. der BUND und die
ROBIN WOOD Regionalgruppe Kassel.
Die AVN propagiert weiter Alterna-
tiven zum Autobahnbau: Beibehal-
tung des Lkw-Durchfahrverbotes,
Reaktivierung der Schienenstrecke
Hess. Lichtenau - Eschwege und ggf.
der Bau von angepassten Ortsumfah-
rungen entlang der Bundesstraßen.

30 Nr. 100/1.09
energie

Sauna

Strom sparen für Fortgeschrittene


Gerade an kalten Winterabenden wünscht man es sich
manchmal so richtig schön warm. Da darf es sogar mal heiß
werden – eine Sauna ist genau das Richtige. Am Besten ist es
da, wenn die Sauna gleich im Haus und ohne lange Wege und
umständliche Vorbereitungen zu erreichen ist. Angebote für
diese Anlagen gibt es in großem Umfang und vieles wirkt auf
den ersten Blick auch gar nicht teuer.

Dabei gehören Saunas zu den ganz großen Stromfressern. Als


Faustregel gilt, dass pro Kubikmeter Saunainnenraum eine
Leistung von 1 kW installiert werden muss. Selbst bei einer
sehr kleinen Sauna sind da schnell 8 bis 10 kW beisammen.
Pro Saunagang muss einschließlich dem unvermeidbaren Vor-
heizen mit rund 20 kWh Stromverbrauch gerechnet werden.
Wird die Sauna wöchentlich einmal genutzt, so kommen im
Jahr schnell 1000 kWh und mehr zusammen. Dadurch kann
sich die Stromrechnung für einen sparsamen Zweipersonen-
Haushalt schnell verdoppeln.

Entscheidend für den Energieverbrauch einer Sauna ist ihre


bauliche Ausführung. Gut gedämmte Saunen verbrauchen
deutlich weniger als schlecht gedämmte. Fragen Sie Ihren
Verkäufer! Aber auch das Nutzerverhalten spielt natürlich eine
Rolle. So sollten Sie die Sauna nicht unnötig früh anheizen und
nach der Benutzung gleich wieder abschalten.

Vielleicht ist es aber auch schön, auf die eigene Sauna zu


Fotos: PIXELIO verzichten und sich mit Gleichgesinnten in einer öffentlichen
Sauna zu treffen.

Kaffee- und Espressomaschinen Ausschalten meistens noch automatische Reinigungsfunk-


tionen von der Maschine ausgeführt werden. Diese Reini-
Studien der Schweizer Agentur für Energieeffizienz zeigen, gungsfunktion muss abgewartet werden, bevor das Gerät
dass Kaffee- und Espressomaschinen ähnlich hohe Energie- ganz vom Netz getrennt werden kann. Viele Geräte werden
verbräuche haben wie Kühlschränke oder Waschmaschinen, aber mit einer einstellbaren Abschaltautomatik angeboten.
nämlich 100 bis 400 kWh/Jahr. Davon werden rund 80 Pro- Benutzen Sie diese Abschaltfunktion und stellen Sie sie auf
zent für die Bereitschaft des Geräts also zum Betreiben der eine möglichst kurze Zeit ein.
Warmhalteplatte oder zum Vorwärmen der Tassen verwendet.
Verschiedene Kaffee- und Espressomaschinen benötigen aber
Insbesondere durch den umsichtigen Einsatz der Warmhal- auch für die Zubereitung des Kaffees selbst unterschiedlich
tefunktion der Geräte lässt sich daher der Energieverbrauch viel Strom. Eine Aufstellung besonders effizienter Geräte
deutlich eindämmen. Der altbekannte Tipp gilt daher immer finden Sie auf der Internet-Seite des Schweizerischen Projekts
noch: Schalten sie die Warmhalteplatte so früh wie möglich „www.topten.ch“.
aus. Füllen Sie stattdessen den Kaffee in Thermoskannen um
oder verwenden sie Kaffeemaschinen mit Thermoskannen. Werner Brinker, Darmstadt
Nebenbei bleibt der Kaffee so auch schmackhafter.

Generell sollten Kaffeemaschinen abgeschaltet sein, wenn


sie nicht benutzt werden. Das ist im Haushalt häufig auch
der Fall. In Büros bleiben viele Maschinen aber sogar über
Nacht in Betrieb. Auch aus Brandschutzgründen ist das be-
denklich. Hier sollten Sie sich eine Zeitschaltuhr anschaffen.
Die schaltet nach Dienstschluss und am Wochenende die
Kaffeemaschine automatisch ab. Bei Espressomaschinen ist
diese Vorgehensweise allerdings nicht möglich, da nach dem

Nr. 100/1.09 31
energie

Atomkraft in Finnland

AKW Loviisa im Süden Finnlands

Die Nachricht machte 2003 Schlagzeilen: Nach langer Zeit ist wieder der Bau eines neuen
Atomkraftwerks in einem westlichen Industrieland geplant. Ein Reaktor neuen Typs, der
europäische Druckwasserreaktor EPR, soll auf der kleinen Insel Olkiluoto entstehen.

D ie Geschichte des EPR (European


Pressurized Water Reactor) reicht
schon etwas länger zurück – Mitte
diese Pläne in der Schublade. Edmund
Stoiber kündigte im Juni 1998 an, in
Bayern würden keine weiteren Atom-
waren, steigen: Inzwischen geht der
Betreiber von über fünf Milliarden Euro
aus. Und obwohl der AKW-Lieferant
der 90er Jahre gab es beispielsweise kraftwerke geplant. Der EPR existierte Areva den Bau zum Festpreis über 3,2
bereits konkrete Standortvorschläge also lange Zeit nur auf dem Papier Mrd. Euro anbot, hat die Firma nun das
in Bayern bei Marienberg oder Viereth – das Kooperationsprojekt der deut- Schiedsgericht der Internationalen Han-
am Main [1]. Mit den zunehmenden schen Firma Siemens und der franzö- delskammer angerufen, um einen Teil
Protesten gegen CASTOR-Transporte sischen Framatome fand weltweit keine der Mehrkosten auf den Betreiber TVO
und dem Skandal um verstrahlte Abnehmer. abzuwälzen: Laut finnischen Medien
CASTOR-Behälter 1998 verschwanden unter anderem mit der Begründung,
Dies änderte sich 2003. In Finnland dass die finnische Strahlenschutzbe-
wurde der Bau eines EPR-Reaktors mit hörde übertriebene Sicherheitsauflagen
1600 Megawatt auf der Insel Olki- erlassen habe [4]. Im französischen
luoto beschlossen, Betreiber ist die Flamanville, wo ein EPR gebaut wird,
Firma Teollisuuden Voima Oyj (TVO) [2]. gibt es ebenfalls Zeit- und Sicherheits-
Ursprünglich sollte der Reaktor Olkilu- probleme – die französische Atomauf-
oto 3 im Jahr 2009 in Betrieb gehen. sicht stoppte vor kurzem die Bauarbei-
Dieser Zeitplan ist längst aufgegeben, ten aufgrund von Sicherheitsbedenken
die Baufirma Avera gibt inzwischen bei der Konstruktion des Betonfunda-
2012 als mögliches Startdatum an [3]. ments.
Auch die Kosten, die ursprünglich auf
maximal 2,5 Milliarden Euro festgesetzt Möglicherweise ereilt den EPR ein
ähnliches Schicksal wie schon so viele
Die Uranminen sollen vor Projekte der Atomindustrie für den
allem auf dem Gebiet der »Atomreaktor der Zukunft«. Erinnert
Saami in Lappland entstehen sei an den Schnellen Brüter in Kalkar

32 Nr. 100/1.09
energie
oder den Thorium-Hochtemperatur-Reaktor (THTR) in Hamm- Die meisten Uranminen befinden sich auf dem Gebiet indi-
Uentrop – sie endeten als überteuerte Bauruinen, weil die gener Völker, etwa in Australien, in Kanada oder den USA.
technischen Probleme eine Fertigstellung verhinderten. Größere Bekanntheit erlangte die Auseinandersetzung um
die Mine Jabiluka im australischen Kakadu-Nationalpark. Die
Ebenfalls in Olkiluoto soll ein Endlager für hochradioaktiven Abbauarbeiten wurden 2002 nach jahrelangen Protesten
Atommüll entstehen. An beiden finnischen AKW-Standorten gestoppt. Ähnlich ist die Situation in Finnland – während viele
(Olkiluoto und Loviisa) existieren bereits Lager für schwach- der geplanten Uranminen inzwischen wieder aufgegeben
und mittelradioaktiven Abfall. Trotz der Probleme am Standort wurden [7], befinden sich die übrigen Standorte meist im dünn
Olkiluoto wird in Finnland über den Bau von weiteren AKWs besiedelten Lappland auf dem Gebiet der Saami.
diskutiert – ein vierter Block in Olkiluoto, ein dritter in Loviisa,
eventuell ein weiterer, für den die Standorte Ruotsinpyhtää,
Simo und Pyhäjoki im Gespräch sind. Den möchte die Firma
Fennovoima mit E.ON als größtem Anteilseigner bauen. Hierfür
I m Sommer 2008 fand am Standort Olkiluoto ein internatio-
nales Camp von AtomkraftgegnerInnen statt. Im Oktober traf
man sich nahe Loviisa zum Nuclear weekEND. Am 19. Oktober
soll ein Reaktor vom Typ AES-91 der russischen Firma Atomen- gab es eine kleine Demonstration zum Kraftwerk. Vor allem
ergoprojekt zum Einsatz kommen. aber dienten die Veranstaltungen mit Beteiligung aus Deutsch-
land, Israel, Russland, Schottland, England, Dänemark, Schwe-
In Finnland befinden sich alle Atomkraftwerke direkt am Meer den und Frankreich dazu, internationale Kontakte zu knüpfen
und entnehmen hier ihr Kühlwasser. Schon heute ist die Ostsee und den Widerstand zu stärken. Im Projekt Nuclear Heritage [8]
das am stärksten mit Radioaktivität belastete Meer der Welt wird versucht, den internationalen Widerstand besser zu
[5], in erster Linie verursacht durch die Kraftwerke in Schweden vernetzen. Die AtomkraftgegnerInnen aus den verschiedenen
und Finnland. Ländern arbeiten an einem Wiki zum Thema mit.

N eben dem weiterhin erklärten Willen der finnischen


Politik und der Energiekonzerne neue Atomkraftwerke zu
bauen, sind seit 2005 mehrere Projekte für neue Uranminen
[1] www.biu-hannover.de/atom/unsicher/teil3.htm
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Kernkraftwerk_Olkiluoto
[3] www.tvo.fi/www/page/2959
in Finnland (und auch im Nachbarland Schweden) bekannt [4] www.tvo.fi/www/page/2975/ und www.taz.de/1/zukunft/wirtschaft/artikel/1/
geworden. Uranabbau gilt als der gefährlichste und schmut- akw-aufpreis-umstritten
zigste Teil der Produktion von Atomstrom – so werden in vielen [5] www.anti-atom-aktuell.de/archiv/186/186ostsee.html
europäischen Ländern zwar Atomkraftwerke betrieben, die [6] www.gfstrahlenschutz.de/docs/wismut.pdf
Folgen des Uranabbaus haben jedoch andere zu tragen. In [7] www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,481431,00.html
Deutschland existierte eine Uranmine in der ehemaligen DDR [8] www.nuclear-heritage.net
am Standort Wismut – die Strahlenbelastung ist bis heute so
groß, dass eine Ausnahmeregelung für die Wismut-Region von Hanno Böck und Falk Beyer
der deutschen Strahlenschutzverordnung existiert [6]. Kontakt:hanno@hboeck.de

Protest gegen die finnische Atompolitik im Oktober 2008

Fotos: Hanno Böck

Nr. 100/1.09 33
Foto: ROBIN WOOD/R. Fenner

Hamburg, 06.12.08

Papierflut am Nikolaustag
Hamburg, 06.12.08: Mitten im vorweihnachtlichen Einkaufs- den allermeisten Fällen ungelesen oder flüchtig durchgeblättert
gedränge am Möncke-Brunnen in der Hamburger Innenstadt: direkt im Müll – bestenfalls im Altpapier – landet. Dass hier
Ein ansehnlicher Berg Papier versperrt den Weg und zwingt enorme Mengen an Papier eingespart werden können, wenn
den nicht abreißenden Strom an kauffiebrigen Hamburge- sich jedeR einzelne gegen diese Werbeflut aus Papier wehrt
rInnen in eine Ausweichkurve. Und mittendrin im Haufen aus – darauf verwiesen die UmweltschützerInnen am Info-Tisch
kurzlebigen Werbeprospekten kämpft ein Mann einsam gegen direkt neben dem verzweifelten Einzelkämpfer in den Papier-
die Papierfluten. Immer wieder verschwindet er unter den fluten. Hier gab es auch die Aufkleber für die Haustür oder
Papiermassen. Doch er gibt nicht auf, taucht wieder auf und den heimischen Briefkasten: „Bitte keine Werbung“ und viel-
versucht den auf ihn einstürzenden Werbepapieren zu trotzen. leicht wichtiger noch: „Bitte keine Werbung oder kostenlose
Zeitungen einwerfen“. Denn wen die lokale Berichterstattung
Wohl an die vier Zentner Papier häuften sich dort in der in den kostenlosen Wochenblättern nicht interessiert, der muss
Fußgängerzone. Alles Werbeprospekte, die die Umwelt- dies dem jeweiligen Zeitungsvertrieb oder den Austräge-
schützerInnen von ROBIN WOOD, der BUNDjugend und von rInnen deutlich mitteilen, sonst bekommt er gnadenlos diese
KonsuMensch in den vorangegangenen Monaten zuhause Zeitungen in den Briefkasten, ins Treppenhaus oder vor die
aus ihren Briefkästen, Treppenhäusern und als Beilagen aus Haustür geworfen. In einigen Regionen Hamburgs sind das bis
ihren Zeitungen gesammelt hatten. Dreißig bis vierzig Kilo pro zu vier Anzeigenblätter pro Woche. Das wären dann noch mal
Haushalt innerhalb eines halben Jahres – das ist die erschre- zusätzlich an die fünf Kilo Papier pro Haushalt und Halbjahr,
ckende, wohl aber durchaus übliche Menge an Papier, das in für die völlig unnötig Ressourcen verschwendet wurden.

Radioaktive Gefahr durch ASSE II


Remlingen, 05.01.09: Anlässlich der Eröffnung der Infostelle ASSE
II des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) forderte ROBIN WOOD,
dass sofort umfassende Maßnahmen für eine Rückholung des
Atommülls beginnen müssten. Am 1. Januar hatte nach längeren
Auseinandersetzungen ein Betreiberwechsel stattgefunden. Nicht
mehr das Bundesforschungsministerium und das Helmholtz-Zen-
trum, sondern das Bundesumweltministerium und das BfS sind
nun zuständig für die atomaren Hinterlassenschaften in der ASSE.
Endlich soll auch das Atomrecht zur Anwendung kommen. ROBIN
WOOD begrüßt diese Maßnahmen, doch an den katastrophalen
Remlingen, 05.01.09 Zuständen im Atommülllager hat sich bisher nichts geändert.

34 Nr. 100/1.09
Stromnetze in
die öffentliche Hand!

Berlin, 27.11.08: ROBIN WOOD, Attac und der Bund der


Energieverbraucher forderten die Bundesregierung auf, die
Hochspannungsnetze vollständig in die öffentliche Hand zu
überführen. Fast 10.000 Unterschriften mit dieser Forde-
rung übergaben VertreterInnen der drei Organisationen im
Bundeskanzleramt. Die Stromkonzerne haben auf Grund
ihrer Monopolstellung in den vergangenen Jahren die
Netzentgelte auf Kosten der VerbraucherInnen in die Höhe
getrieben, das Geld einkassiert und die Netze verrotten
lassen. Häufig schalten Eon und Co. einfach ganze Wind-
Parks ab mit der Begründung, das Stromnetz sei überlastet.
Damit der Ausbau der erneuerbaren Energien ungehindert
vorankommen kann, müssen die Stromnetze dringend
modernisiert und umgebaut werden. Daran haben die
Stromkonzerne aber keinerlei Interesse. Deshalb müssen ih-
nen die Netze aus der Hand genommen und in öffentliches
Eigentum überführt werden.
Berlin, 27.11.08

Nikolaus-Rute für RWE-Chef


Hamburg, 05.12.08: AktivistInnen von ROBIN WOOD und urge-
wald brachten RWE-Chef Jürgen Großmann wegen seiner verant-
wortungslosen AKW-Politik eine Rute und protestierten vor seiner
Dienstvilla in der Hamburger Elbchaussee mit dem Slogan „Kein
AKW im Erdbebengebiet – FingeR WEg von Belene“. RWE will
sich als Investor an dem umstrittenen bulgarischen Atomkraftwerk
Belene beteiligen. Wie schlecht dieses Geschäft fürs Image sein
wird zeigt, dass bereits etwa 20.000 Menschen schriftlich gegen die
Belene-Pläne von RWE protestiert haben. Neben der Rute brachte
ein als Nikolaus verkleideter Aktivist deshalb einen Karton voller Pro-
testbriefe mit. Umweltorganisationen in Deutschland und Bulgarien
engagieren sich seit Jahren gegen den Bau des AKW Belene. Bereits
1983 warnten sowjetische WissenschaftlerInnen vor dem Bau eines
Hamburg, 05.12.08 Atomkraftwerks in dem stark erdbebengefährdeten Gebiet.

Auf Ökostrom umsteigen Dresden, 19.12.08

Dresden, 19.12.08: ROBIN WOOD-AktivistInnen machten in


der Dresdner Innenstadt auf die Gefahren von Atomkraft und
Kohleverstromung aufmerksam und appellierten an die Bürge-
rInnen, zu einem Ökostromanbieter zu wechseln. In Schutzan-
zügen rollten sie Fässer mit Radioaktiv- und CO2-Zeichen vom
Hauptbahnhof über die Prager Straße bis auf die andere Elbseite
zum Albertplatz, andere trugen Gasmasken und verteilten Infos
an die PassantInnen. Die Dresdner Stadtwerke forderte ROBIN
WOOD auf, ihren Energiemix zu verbessern: mehr Strom aus er-
neuerbaren Energien, weniger Kohle, keine Atomenergie. ROBIN
WOOD hat ausführlich auf dem Ökostrom-Markt recherchiert
und empfiehlt zurzeit vier - bundesweit aktive - Ökostromanbie-
ter. Sie bieten zu 100 Prozent Ökostrom an, sind eigentumsrecht-
lich nicht mit Atom- und Kohlekonzernen verflochten und inves-
tieren in erneuerbare Energien, www.robinwood.de/oekostrom.

Nr. 100/1.09 35
bündnisse

Umweltschutz grenzenlos
Die Umweltorganisation Arnika engagiert sich in Tschechien für eine Zukunft ohne Umwelt-
gifte, für den Schutz der Natur und für lebendige Flüsse. Ein wichtige Aufgabe von Arnika ist
es, BürgerInnen zu unterstützen, die selbst aktiv werden möchten. Der Verein ist seit 2007 Part-
ner einer EU-Lernpartnerschaft mit Polen und Deutschland. Im Projekt „Lerne mehr, verbrauche
bewusst“, das von ROBIN WOOD koordiniert wird, engagieren sich Katerina Režná und Martina
Krcmárová von Arnika. Mit Katerina, Leiterin der Zentralkanzlei, sprach Angelika Krumm.

? Wie sieht deine Arbeit bei Arnika aus Zusammenarbeit unterstützen mich Umwelt veröffentlichet werden. Damit
und wie lange bist du schon dabei? drei KollegInnen in der Kanzlei. Also, ernten wir jedes Jahr Kritik von den
meine Arbeit für Arnika ist sehr vielsei- Betrieben. Aber einige Unternehmen
! Vor mehr als drei Jahre habe ich bei tig und wirklich nie langweilig! ändern danach ihre Technologie, damit
Arnika als Koordinatorin des interna- sie nächstes Jahr in unserer Ranglisten
tionalen Elbe-Badetags für die Tsche- ? Wie lange gibt es Arnika schon? nicht mehr erscheinen. Zum Beispiel
chische Republik begonnen. Ich war hat ein tschechischer Möbelhersteller
Leiterin des Naturschutzprogramms und ! 2001 hat sich Arnika aus einer an- begonnen statt Kleber mit Formalde-
seit September 2007 bin ich in unserer deren Umweltorganisation entwickelt. hyd Kleber auf Wasserbasis einzuset-
Zentralkanzlei angestellt. Zurzeit habe ich etwa 14 KollegInnen. zen. Im letzten Jahr haben Industrie,
Unsere Hauptstelle ist in Prag und Handel und selbst das Ministerium
Als Koordinatorin des Fundraisings habe wir haben vier weitere Büros in den versucht, das Register einzuschränken.
mich für ein Jahr um Spenden und Regionen Tschechiens. Arnika hat etwa Aber unsere Mühe und Lobbyarbeit
Beiträge von Mitgliedern gekümmert. 600 Mitglieder und 50 freiwillige Ak- waren erfolgreich und das Register
Jetzt bin ich Leiterin der Zentralkanzlei. tive. Jedes Mitglied arbeitet ein halbes wird wie bisher weiter geführt.
Ich koordiniere die Projekte und Arbeit Jahr in einem fünfköpfigen Vorstand.
meiner KollegInnen und der engagier- Mein Halbjahr ist gerade zu Ende. Wir engagieren uns auch gegen
ten Mitglieder, um die Organisation zu- Baumfällungen in den Städten und in
sammenzuhalten. Das ist meine bisher ? Was sind eure wichtigsten Ziele? der Landschaft und haben schon mehr
anspruchsvollste Aufgabe bei Arnika. als 1000 Bäume geschützt. Meistens
Von A wie Ausstellungen ausleihen über ! Wir arbeiten zu Naturschutz, Müll, arbeiten wir mit einem lokalen Ver-
M wie Magazin herausgeben bis Z wie toxischen Schadstoffen und wir band zusammen. Aktuell haben aktive
unterstützen BürgerInnen dabei im BürgerInnen, unterstützt durch unser
Umweltschutz aktiv zu werden. Unsere Knowhow, 100 Bäume eines Parks
Ziele sind ganz klar: eine Zukunft ohne gerettet, weil der Supermarkt jetzt an
Gifte, gesunde Natur mit den Haupt- einer anderen Stelle gebaut wird. Viele
themen Biodiversität und lebendige Beispiele zeigen, dass Ämter und Bau-
Flüsse und aktive Bürger, die fähig firmen oft Gesetze und Bestimmungen
sind, eine gesunde Umwelt zu schüt- nicht einhalten. Deshalb bemüht sich
zen – damit wir weniger Arbeit haben! Arnika um Beratung und Rechtsschutz.

? Kannst du Ergebnisse aus einem ? Welche Projekte hast du schon


eurer Projekte vorstellen? durchgeführt?

! Jedes Jahr erstellen wir für jede ! Ich habe zwei größere Projekte orga-
Region eine Rangliste der größten Ver- nisiert und viele kleinere. Im Rahmen
schmutzter. Diese Ranglisten errechnen der Förderung durch die Europäische
wir aus Daten Integrierter Verschmut- Union war das Projekt „Natur gibt
zungsregister, die im Ministerium für Arbeit“ im Netz Natura 2000 und
LEADER integriert. Wir haben vier
Exkursionen für Unternehmer, NGOs
und Beamte angeboten. Das Ziel war
Katerina Režná leitet das zu zeigen, dass auch in geschützten
Büro der tschechischen Gebiete ein wirtschaftlicher Auf-
Umweltorganisation schwung möglich ist. Im Rahmen
Arnika in Prag dieses Projektes haben wir auch in

36 Nr. 100/1.09
bündnisse
Deutschland den Landkreis Uckermark Im Sommer 2008
in Brandenburg besucht. traf sich Katerina
mit den Part-
Das zweite größere Projekt war ein nerInnenn des
„Wasserthema“. Wir arbeiten nicht EU Lernpartner-
nur auf nationaler Ebene sondern auch schafts-Projekts
an internationalen Projekten mit. Beim in Wroclaw
Thema Naturschutz arbeiten wir meis-
tens mit deutschen NGOs zusammen.

? Was habt ihr aus der internationalen


Zusammenarbeit gelernt? Was hat es
euch als Organisation und dir persön-
lich gebracht?

! Wir haben erfahren, dass die Zusam-


menarbeit nicht schwierig ist und dass
es unserer Arbeit hilft. Die Argumente,
wie: „Warum soll das in Tschechien von denen in anderen europäischen Lerne mehr,
nicht gehen? Sehen Sie, in England/ Ländern unterscheidet - mit allen Vor-
Deutschland/Frankreich/usw. geht und Nachteilen. Und das finde ich gut. verbrauche bewusst
es ganz gut. Warum nicht auch bei
uns?“ funktionieren immer noch. Der ? Was sind die drängendsten Pro- Jedes Jahr wird weltweit etwa vier
Erfahrungsaustausch in europäischen bleme? Prozent mehr Papier verbraucht, wobei
Projekten und internationalen Netzen es regional große Unterschiede gibt.
kann sehr effektiv sein. ! Als drängendstes Problem sehe ich Um mehr über den unterschiedlichen
bei uns die Unfähigkeit der Beamten Umgang mit Papier in anderen Län-
Persönlich habe ich gelernt ein bisschen und Politiker, mit den BürgerInnen dern zu erfahren, engagiert sich ROBIN
toleranter und geduldiger zu sein. Auch ehrlich zu diskutieren und zu zuhören. WOOD seit 2007 in einem EU Lernpart-
mein Englisch und Deutsch haben sich Daraus entwickeln sich viele Probleme. nerschaftsprojekt „Lerne mehr, verbrau-
verbessert. Jedenfalls habe ich jetzt Die Beamten und Politiker verstehen che bewusst“. Weil uns die Meinung
keine Bedenken mehr, wenn ich ins sich oft noch als Feudalherren. der Menschen interessiert, haben wir
Ausland telefonieren muss. insgesamt 1597 Erwachsene in Polen,
Sehr bedenklich ist auch die Entwick- Tschechien und Deutschland über ihren
? Welchen Stand hat die Umweltbewe- lung der ländlichen Regionen Tsche- Umgang mit Papier befragt und die
gung in Tschechien? chiens. Während der kommunistischen Ergebnisse ausgewertet. Bemerkenswert
Ära haben wir die Beziehung zum ist, dass die meisten Menschen sich in
! Es gibt viele Umweltorganisationen Land, zur Landschaft verloren. Jetzt gibt Medien und Ausstellungen aber auch bei
in Tschechien. Selbstverständlich die es viele sehr große landwirtschaftliche Weiterbildungen informieren möchten.
großen internationalen wie Green- Betriebe, deren Arbeit unsere Land-
peace und Freunde der Erde, aber auch schaft mehr schädigt als pflegt. Und die Bereits fünf Monate vor Ende des Pro-
kleinere nationale wie Arnika. Wir Probleme mit dem Mangel an Wasser in jekts schätzen alle Partner ein, dass der
kooperieren, obwohl wir in Sachfragen der Landschaft, Erosion, Zersiedlung der Erfahrungsaustausch für sie sehr wertvoll
nicht immer übereinstimmen. Die wich- Landschaft, schlechte Waldwirtschaft gewesen ist. Die in einer Handreichung
tigsten und größten Umweltorganisati- gehen Hand in Hand. Aber darüber zusammengefassten Ergebnisse können
onen sind in einer Assoziation „Grüner könnte ich sehr lange sprechen. auch anderen Bildungseinrichtungen
Bezirk“ vereinigt. Anregungen geben, das Thema Papier
Aber etwas hat sich auch zum besseren beispielhaft in ihre Arbeit zu integrieren.
Eine große Änderung hat sich mit der gewandelt: Hausmüll ist langsam ein
letzten Wahl vollzogen – die Grüne großes Thema geworden und mehr und Die Auswertung der Umfrage finden
Partei ist zum ersten Mal in das Par- mehr Leute sortieren ihren Abfall. Wir Sie im Internet unter www.robinwood.
lament eingezogen und gleich an der wollen die Menschen informieren und de/papier. Wir bedanken uns für Ihre
Regierung beteiligt. Das war ein großer weiter motivieren selbst recyclte Pro- Unterstützung bei der Umfrage.
Erfolg. Die Frage ist, ob sie diesen dukte zu benutzen. Dabei helfen uns
Erfolg wiederholen können. der Erfahrungsaustausch und die Mate- Für weitere Informationen wenden Sie
rialien im EU Lernpartnerschaftsprojekt sich bitte an die Projektkoordinatorin
Sonst würde ich sagen, dass sich die „Lerne mehr, verbrauche bewusst“. Angelika Krumm, Tel.: 03332/25 20- 10,
Umweltbewegung in Tschechien nicht Also, es ist nicht nur alles schwarz… E-Mail: papier@robinwood.de

Nr. 100/1.09 37
Foto: Boscolo/pixelio

Biokost und Ökokult


Ökologisch erzeugte Produkte boomen: Bereits seit Jahren verzeichnet der Bio-Markt ein
zweistelliges Wachstum. Grund genug die Biokost mal genauer zu betrachten. Stimmen die
verbreiteten Vor- und Nachteile mit der Realität überein? Ist Bio gesünder als konventionell
hergestellte Nahrung? Welche Anbaumethode ist für unsere Umwelt die Beste? Diese und
weitere Fragen versucht das Autorenduo Dirk Maxeiner und Michael Miersch in ihrem 2008
erschienenen Buch „Biokost & Ökokult – Welches Essen ist wirklich gut für unsere Umwelt“
zu beantworten.

A ls ich begann, das Buch zu lesen, tat ich dies mit einer
großen Portion Skepsis. Maxeiner und Miersch waren
für mich kein unbeschriebenes Blatt. Ich kannte ihre kritische
Nicht gesünder und nicht so sicher

„Biokost bietet keinerlei gesundheitlichen Vorteil“, behaup-


Haltung zu Umweltthemen aus verschiedenen Medien. Nicht ten Maxeiner und Miersch. Die Stiftung Warentest spricht
selten staunte ich, um mich nach eingehender Recherche vom dagegen davon, dass Biolebensmittel deutlich pestizidfreier
Gegenteil ihrer Darstellung zu überzeugen. Doch bei diesem als konventionelle Lebensmittel seien. Daraus ergebe sich ein
Buch kam es anders. Nachdem ich die Lektüre beiseite gelegt klarer gesundheitlicher Vorteil. Die AutorInnen einer Studie des
hatte, kamen Zweifel in mir auf. Sollte ich tatsächlich einem Öko-Instituts e.V. bescheinigen der biologischen Ernährungs-
Wunschtraum gefolgt sein? Ist bio doch nicht so gut wie ich weise bedeutend geringere Risiken.
dachte?
Das FiBL hat zu diesem Thema die gesamte weltweite Fach-
Bio nicht ökologisch literatur verglichen, die zu folgenden übereinstimmenden
Ergebnisse kommen: „Pflanzliche Bioprodukte
Bio schade dem Naturschutz und sei nicht ökologisch, ist eine > enthalten deutlich weniger wertmindernde Inhaltsstoffe
Schlussfolgerung, welche die LeserIn aus Maxeiners und Mier- (Pestizide, Nitrate). Dies beeinflusst die ernährungsphysiolo-
schs Buch ziehen könnte. Was sagen die ExpertInnen dazu? gische Qualität positiv.
> sind bezüglich pathogener Stoffe (Mykotoxine, Kolibakte-
Der Direktor des schweizerischen Forschungsinstituts für biolo- rien) genauso sicher wie konventionelle Produkte.
gischen Landbau (FiBL), Dr. Urs Niggli, kann dem nur wider- > weisen tendenziell höhere Gehalte an Vitamin C auf.
sprechen. Er spricht von „positiven Auswirkungen des Bioland- > zeigen eine Tendenz zu überdurchschnittlichen Geschmacks-
baus auf die Bodenfruchtbarkeit, auf die Vielfalt von Pflanzen, werten.
Tieren und Mikroorganismen im und auf dem Boden, auf > weisen höhere Gehalte an gesundheitsfördernden sekun-
die Vielfalt der Betriebsstrukturen und der Landschaftsele- dären Pflanzeninhaltsstoffen auf“.
mente, auf die Qualität des Grund- und Oberflächenwassers
sowie auf mögliche Klimaveränderungen“ und belegt dies Laut Niggli beschäftigte sich eine umfangreiche Studie der EU
mit zahlreichen wissenschaftlichen Ergebnissen. Demnach mit der Qualität von tierischen Lebensmitteln. Danach weist
stoßen Biobetriebe pro Ertragseinheit weniger Klimagase Biomilch 15 bis 80 Prozent mehr an wertvollen Vitaminen A
aus und betreiben beispielsweise durch die Reduzierung von und E sowie 40 bis 90 Prozent höhere Gehalte an mehrfach
Pestiziden und Nitraten aktiven Umweltschutz. Die biologische ungesättigten Fettsäuren (Omega 3 und CLA) auf.
Landwirtschaft sei bisher die beste Strategie, wenn es um die
Verbindung von Produktivität, Ökologie und Vermeidung von „Biologische Schädlingsbekämpfung ist ökologisch proble-
Umweltbelastungen gehe. matischer als moderne Pestizide“, behaupten Maxeiners und
Mierschs weiter in ihrem Buch. Beispielhaft führen sie die
Weiterhin sehen die Autoren einen erhöhten Methangas- Problematik der moldawischen Schlupfwespe (Trichogramma
Ausstoß bei der biologischen Tierhaltung. Das Ökoinstitut e.V. brassicae) an, die heimische Schlupfwespen verdränge und
zeigt jedoch in einer Studie, dass die Treibhausgasbilanz von Schmetterlinge befalle. Eine Studie des EU-Projekts Evaluating
ökologisch erzeugtem Fleisch im Vergleich mit den anderen Environmental Risks of Biological Control Introductions into
Anbaumethoden etwas günstiger ausfällt. Europe (ERBIC) gibt jedoch Entwarnung.

Zugegeben, diese Aspekte waren mir auch vor der Recherche Veraltete und esoterische Anbaumethode
zu diesem Artikel bekannt. Dennoch verunsicherten mich die
Ausführungen des Autorengespanns. Ich musste der Sache auf Entgegen Maxeiners und Mierschs Behauptung stellt der
den Grund gehen und fuhr mit meinen Nachforschungen fort. Öko-landbau nach Niggli keine veraltete Anbaumethode

44 Nr. 100/1.09
dar. Es handle sich vielmehr um „eine produktive, auf dem so dramatisch, wie dies gewisse Fachleute vorhersagen.“ Der
neuesten Stand der agronomischen, agrarökologischen und Biolandbau habe noch ein enormes Innovationspotential, das
technischen Forschung basierenden Landwirtschaftsmethode“. im Bereich der Pflanzen- und Tierzucht, des biologischen Pflan-
Dazu sieht das Autorenduo den Biolandbau von anthroposo- zenschutzes, der Gesundheitsprävention der Nutztiere oder
phischen Lebensphilosophien und Denkweisen beherrscht. In der noch effizienteren Nutzung der Nährstoffe aus Gründün-
der Tat ist der Anthroposoph Rudolf Steiner einer der Pioniere gung und tierischen Düngern liege.
des ökologischen Landbaus im deutschsprachigen Raum. Bis
heute werden seine Anregungen, darunter auch esoterische Borlaug ist nicht der einzige der von Maxeiner und Miersch zi-
Praktiken, zumindest in einigen bio-dynamisch (Demeter) tierten Experten. Obendrein kommt Avery zu Wort, der mei-
wirtschaftenden Betrieben angewandt. In Deutschland gibt nen mittlerweile gewachsenen Fahndungsdrang nur mehr be-
es ungefähr 18.000 Ökobetriebe. Davon produzieren circa flügelte. Von da an konzentrierte ich meine Recherchen auf
1300 nach Demeter-Kriterien. Demzufolge könnten anthropo- die Experten und die Autoren selbst.
sophische Lebensphilosophien und Denkweisen maximal bei
sieben Prozent aller Biobetriebe eine Rolle spielen. Neben Prof. Borlaug stehen auch Maxeiner und Miersch auf
der Unterschriftenliste des CGFI. Auf einer Internetseite der
Gentechnik-Lobbyisten? Autoren kündigt Miersch Alex Averys Buch an. Laut ihrem Le-
benslauf arbeiteten beide für das Umweltmagazin „Change“
Schenkt man den Aussagen von Nobelpreisträger Professor der Firma Hoechst, das dem Greenwashing des Chemieko-
Norman Borlaug Glauben, so würde eine globale Umstellung nzerns dienen sollte. Nachdem dieser mit anderen Firmen
auf Biolandbau ca. 75 Prozent mehr landwirtschaftliche Fläche fusionierte, entstand der Pharmakonzern Sanofi Aventis.
benötigen. Dies bedeute eine Bedrohung für Tropenwälder
und Naturschutzgebiete. Wenn ein Agrarwissenschaftler, der Auch einige andere Quellen werfen kein gutes Licht auf
zudem Nobelpreisträger ist, derartiges behauptet, dann muss die Seriosität von Maxeiner und Miersch. Der Pharma- und
es der Wahrheit sehr nahe kommen, dachte ich. Doch wer ist Toxikologe Professor Helmut Greim erteilte falsche Gutachten
dieser Mann? und steht im Verdacht ausschließlich industriefreundlich zu
handeln. Vom 1. Januar 2005 bis 31. Dezember 2008 war
Nach einigem Recherche-Aufwand wurde ich schließlich er Vorsitzender des bei der Gesellschaft Deutscher Chemiker
fündig. Ungefähr ein Vierteljahr vor Erscheinen von „Biokost (GDCh) angesiedelten Beratergremiums für Altstoffe (BUA).
und Ökokult“, publizierte ein gewisser Alex A. Avery „Die In diesem Gremium sitzen unter anderem auch Vertreter von
Wahrheit über Bio-Lebensmittel“. Avery ist Forschungs- und Bayer und BASF.
Ausbildungsleiter des Center for Global Food Issues des Hud-
son Instituts (CGFI) in den USA. Die Treuhänder (Monsanto, Ähnlich verhält es sich mit Professor Beda Stadler: Die Weltwo-
Syngenta, Pfizer u.a.) und Vorsitzenden (z.B. Dow AgroS- che beschreibt ihn als den „provokativsten Ketzer gegen jede
ciences, DuPont, Merck & Co.), die im Jahresbericht 2003 Form von bio, alternativ und gentechfrei.“ In seinem Lebens-
gelistet sind, lassen große Zweifel an einer unabhängigen lauf gibt es Hinweise auf Kontakte zu Monsanto, Pfizer und
Arbeit ohne wirtschaftliche Interessen aufkommen. Monsanto einem Hang zur Grünen Gentechnik. Stadler sitzt im Stiftungs-
beispielsweise ist Weltmarktführer bei der Herstellung von rat von Gen Suisse. Finanziert wird die Stiftung von Pharma-
gentechnisch verändertem Saatgut und von Pestiziden. konzernen wie Novartis, Roche und Merck Serono. Außerdem
gehört auch er zu den Unterzeichnern der Unterschriftenliste
Lobbywatch sieht in Avery einen Gentechnik-Lobbyisten. für Hochertragslandwirtschaft. Ferner ist er Autor des Buches
Das CGFI, welches von Monsanto gesponsert wurde, stellte „Gene an die Gabel - Das erste GVO-Kochbuch der Welt“.
eine Unterschriftenliste für Hochertragslandwirtschaft ins
Internet. Unter den Unterzeichnern ist auch Professor Borlaug. Zusammen genommen könnten diese scheinbar zufälligen
Der TvR Medienverlag, bei dem Averys Buch erschien, zitiert Verbindungen zwischen Maxeiner, Miersch und den Experten
Professor Borlaug wie folgt: „Das Buch liefert den Konsu- die generell positive Einstellung gegenüber der Gentechnik
menten durchdachte und präzise Erklärungen, weshalb Bio- und der Hochertragslandwirtschaft seitens der beiden Autoren
Food keine wirklichen gesundheitlichen und Sicherheitsvorteile erklären. Denn das ist der eigentliche Tenor dieses geschickt
bringt.“ assoziativ und spekulativ geschriebenen Buches: Setzt auf die
Gentechnik und treibt die Hochertragslandwirtschaft voran.
„Auf der Basis des aktuellen Stands der Technik des Bioland-
baus stimmt die Aussage von Norman Borlaug nicht […].“, Ein vollständiges Quellenverzeichnis und weitere Informationen finden
schreibt Niggli (FiBL). „Vielmehr ist davon auszugehen, dass Sie unter: www.robinwood.de/german/magazin
sich die Ernährungssituation in ländlichen Gebieten des Sü-
dens, wo 850 Millionen hungernde Menschen leben, verbes- Nick Meendermann absolviert ein Praktikum bei ROBIN
sern würde. In Ländern mit intensiver Landwirtschaft würde WOOD und studiert Landschaftsnutzung
die Produktivität etwas zurückgehen, aber bei weitem nicht und Naturschutz in Eberswalde

Nr. 100/1.09 45
bücher

Bananenrepublik Deutschland
VertreterInnen von Industrie und Kapital schreiben sich in den Ministerien ihre eigenen
Gesetze. Unter dem Deckmantel der politischen Fachberatung gerät das Gemeinwohl
unter die Räder von Konzernen und Verbänden.

W enn die Gesetze vom Parlament


gemacht, von der Regierung
durchgesetzt und dem Rechtssystem
Im Normalfall versorgt der Lobbyist
die politischen Akteure mit wichtigen
Informationen hinsichtlich der Interes-
politischen Gemeinschaft als Ganzes zu
vertreten haben – müssen hingegen die
wirtschaftliche Argumentation der Lob-
überwacht werden, dann nennt man das sen, Anliegen und Bedenken der großen byisten im Sinne des gesellschaftlichen
eine Demokratie. Ein System allerdings, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wohls abwägen und die Konsequenzen
in dem sich Industriekonzerne, Wirt- Verbände. Wirtschafts- und Verbands- daraus für den politischen Entschei-
schaftsverbände und andere Lobbyor- lobbyisten verfügen oftmals über de- dungsprozess ziehen.
ganisationen mit freundlicher Einladung tailliertes Fachwissen, das zur Entschei-
der Politik ihre Gesetze selbst schreiben,
nennt man Klientelismus! In einem
solchen System leben wir momentan,
dungsfindung bei gesetzgeberischen
Handlungen positiv beitragen kann.
Allerdings gilt es dabei stets zu beach-
U m den Informationsfluss zwischen
Politik und Wirtschaft zu verbessern,
berief die rot-grüne Bundesregierung im
das macht das Buch „Der gekaufte ten, dass die Kenntnisse dieser Vertreter Oktober 2004 ein Personalaustausch-
Staat“ von Sascha Adamek und Kim stets die wirtschaftlichen Einzelinteressen programm namens „Seitenwechsel“ ein.
Otto deutlich. Beide Journalisten sind für vertreten. Die politischen Verantwort- Im Rahmen dieses Programms sollten
das investigative ARD-Magazin Monitor lichen – die qua Amt das Interesse der Vertreter aus der freien Wirtschaft, Ver-
tätig. In ihrem Enthüllungsbuch decken
sie die zwielichtigen Tätigkeiten von
Lobbyisten an der Grenze der demokra-
Siegeszug Lobbyismus: Die Fraport AG beschäftigt nicht nur den
tischen Legitimität in Deutschland und
Lärmschutzbeauftragten des Landes, sondern hat Mitarbeiter im
den EU-Institutionen auf.
Bundesverkehrsministerium, im hessischen Landtag und bei der
hessischen Flugaufsicht postiert

Foto: Fraport AG

40 Nr. 100/1.09
bücher

bänden und anderen Interessengruppen landes ein Mitarbeiter des Flughafen- Die Berliner Journalisten Adamek und
zeitlich befristet in Ministerien arbeiten betreibers ist. Nein, die Fraport-AG hat Otto haben mit diesem Buch die ideale
und dort ihr Fachwissen einbringen. auch noch einen Angestellten im Bun- Vorlage für eine längst überfällige ge-
Zugleich sollen Ministerialbeamte und desverkehrsministerium, einen Mitarbei- sellschaftspolitische Auseinandersetzung
Angestellte der politischen Institu- ter in der hessischen Staatskanzlei und geschrieben, die die Machenschaften
tionen ebenfalls zeitweilig die Seite einen Beschäftigten in der hessischen von Lobbyisten in höchsten Regie-
wechseln und sich mit den Prozessen Flugaufsicht postiert. Hintergrund dieses rungsämtern schonungslos aufdeckt.
der freien Wirtschaft in den Konzernen intensiven Engagements war das Tauzie- Während im politischen Alltagsgeschäft
und Verbänden vertraut machen. Das hen um das hessische Luftlärmgesetz, Konzerne und Interessensverbände in
Bundesprogramm nahmen zahlreiche welches den Ausbau sowie die Start- den Ministerien an vorderster Front
Konzerne und Wirtschaftsorganisationen und Landezeiten des Frankfurter Groß- an Gesetzen mitarbeiten, verlieren die
mit Begeisterung an und entsendeten flughafens zugunsten der umliegenden Interessen der Bürger immer mehr an
mehr als 100 Konzernvertreter in die Gemeinden beschränken sollte. Ergebnis Relevanz. Sie möchten das alles nicht
obersten Bundesbehörden. Im Gegenzug der langwierigen Verhandlungen war glauben? Sie meinen, dieser Ausverkauf
waren lediglich zwei Hand voll Beamte in stattdessen eine Gesetzesnovelle, die demokratischer Grundregeln kann in
den Konzernen und Verbänden, um dort dem Ausbau des Frankfurter Flughafens diesem Staate nicht System sein. Nun,
Erfahrungen zu sammeln. kaum Grenzen setzt – dank der Fraport- überzeugen sie sich selbst und lesen
Vertreter in den Länder- und Bundesbe- „Der gekaufte Staat“.
Das Delikate an „Seitenwechsel“ be- hörden. Die Kosten der vier abgestellten
steht in der Lohnfortzahlung durch die Mitarbeiter waren daher sinnvolle Thomas Hummitzsch, Berlin
entsendenden Organe. Ein entsandter Zukunftsinvestitionen des Frankfurter
Angestellter, der im Rahmen des Aus- Flughafenbetreibers. Mehr zum Thema unter http://www.
tauschprogramms in einem Ministerium lobbycontrol.de oder http://www.keine-
seinen Arbeitsplatz bezieht, erhält sein Dies ist nur eine von dutzenden Lobby- lobbyisten-in-ministerien.de
Salär also weiterhin von seinem Konzern. attacken, die Adamek und Otto aufde-
Wem seine Loyalität in diesem System cken. Egal ob Energie- oder Finanzpoli-
gilt, liegt auf der Hand. „Wes Brot ich tik, Verkehrs- oder Gesundheitspolitik,
ess, des Lied ich sing!“ Verbraucherschutz oder öffentlicher
Dienst – die politische Bühne ist vom
Wirklich fatal wird das Ganze aber, wenn Lobbyismus durchdrungen. In der EU-
man bedenkt, dass diese „Leihbeamten“ Hauptstadt Brüssel tummeln sich nach
einmalige Einblicke in ministeriumsin- Expertenmeinungen zwischen 15.000
terne Belange erhalten, in verschlos- und 20.000 Lobbyisten. Das heißt, auf
senen Akten blättern können und die so jeden EU-Parlamentarier kommen fast 20
erhaltenen Informationen brühwarm an Lobbyisten. Wer will angesichts solcher
ihre Geldgeber weiterreichen können. Zahlen noch von einem demokratischen
Darüber hinaus schreiben Lobbyisten Prinzip sprechen?
inzwischen an Gesetzentwürfen mit, ent-
werfen Richtlinien und treiben Reformen
im eigenen Interesse voran. Dabei ist das
Lobbywesen eine Ausgeburt des neolibe-
L obbyismus heißt aber nicht nur, Mit-
arbeiter zu entsenden, sondern auch
Vertreter der politischen Klasse für sich
ralen Staatsmodells, indem ein „schlan- zu gewinnen und diese für sich arbei-
ker Staat“ seine Expertise „gesponsert“ ten und argumentieren zu lassen. Auch
bekommt. Das Wohl des Bürgers und hierbei sind die Wirtschaftsverbände
Otto-Normal-Verbrauchers spielt für die und Großkonzerne indessen höchst
edlen Spender aus der freien Wirtschaft erfolgreich. Außer Acht lassen sollte man
jedoch keine Rolle. dabei nicht die vielen kleinen Gefällig-
keiten, die Konzerne und Verbände den
Der Lobbyismus befindet sich seit Bundestagsabgeordneten gewähren. Kim Otto, Sascha Adamek
einigen Jahren auf einem einzigartigen Bestes Beispiel ist die kostenfreie Bahn- Der gekaufte Staat
Siegeszug. Von der Kommune bis zur card 100, die allen Bundestagsabge- Wie bezahlte Konzernvertreter in
EU-Kommission, kaum eine politische ordneten das Reisen mit der Deutschen deutschen Ministerien sich ihre Ge-
Ebene ist noch nicht von Lobbyisten Bahn zum Nulltarif erlaubt. Auf diese setze selbst schreiben
durchdrungen. Erschüttert begutachten Weise erkauft sich Bahnchef Hartmut Kiepenheuer & Witsch, 2008
kann man dieses Vorgehen am Beispiel Mehdorn jeden Tag das Wohlwollen un- aktualisierte Neuauflage als
des Betreibers des Großflughafens Frank- serer Parlamentarier, die das Geschäfts- Taschenbuch ab 20.04.09
furt, der Fraport AG. Nicht nur, dass gebaren der Bahn dafür geflissentlich 336 Seiten, 8,95 Euro
der Lärmschutzbeauftragte des Bundes- ignorieren. ISBN: 978-3-462-04099-9

Nr. 100/1.09 41
bücher

Düstere Aussichten
Harald Welzers erschütterndes Buch nachlässigt. Er beschreibt ökologische
„Klimakriege - Wofür im 21. Jahrhun- Katastrophen als soziale, da letztlich
dert getötet wird“ zeigt den Zusam- die Menschen darunter leiden würden.
menhang zwischen Klimawandel und Gewalt habe „eine große Zukunft
Gewalt. in diesem Jahrhundert“. „Es wird
nicht nur Massenmigrationen ge-
Anders als der Titel eventuell vermuten ben, sondern gewaltsame Lösungen
lässt, beschränkt sich Welzer dabei von Flüchtlingsproblemen, nicht nur
nicht auf übliche naturwissenschaft- Spannungen um Wasser- oder Ab-
liche Ausführungen, sondern eröffnet baurechte, sondern Ressourcenkriege,
in erster Linie düstere sozio- und nicht nur Religionskonflikte, sondern
psychologische Perspektiven. Das Überzeugungskriege“. Auf eben diese
setzt jedoch gewisse Grundkenntnisse sich ökologisch wie sozial verändernde
in Welzers Disziplin, der Soziopsy- Umwelt reagiere der Mensch mit einer
chologie, voraus. Doch gerade seine modifizierten Wahrnehmung der
überwiegend analytische Herange- Probleme. So mache Töten auf einmal
hensweise an Themen wie Gewalt, Sinn, wenn einem die Psyche eine ge-
Kriege, Flüchtlinge und Wahrneh- fühlte Bedrohung vor Augen führe.
mung, die beispielsweise am Hurrikan Laut Welzer ist der Sudan der erste ge-
Katrina, den Kriegen in Ruanda, Sudan sicherte Fall eines kriegsgezeichneten
und Vietnam sowie dem Holocaust Landes, bei dem Klimaveränderungen
Harald Welzer verdeutlicht werden, macht die Zu- eine Ursache für Gewalt und Bürger-
Klimakriege - Wofür im sammenhänge sichtbar und das Buch krieg bilden.
21. Jahrhundert getötet wird lesenswert.
S. Fischer Verlag, 2008 Nach der Analyse mit zahlreichen
335 Seiten, 19,90 Euro Welzer sieht bei der Beschreibung historischen Rückblicken und der
ISBN: 978-3-10-089433-2 und Dimensionierung sozialer Folgen durchaus plausiblen Darstellung mög-
des Klimawandels die Sozial- und licher zukünftiger Szenarien, beendet
Kulturwissenschaften deutlich ver- der Autor – mal abgesehen von den
nachfolgenden 57 Seiten Anhang mit
überwiegend Quellenangaben – sein
Werk mit zwei Schlusskapiteln.
Ersteres beschäftigt sich mit der Mög-
lichkeit eines kulturellen Wandels, der
einen Ausweg aus der Problematik des
unaufhörlichen Wachstums und des
grenzenlosen Konsums skizziert.
Das letzte Kapitel schildert Welzers
persönliche Perspektive: Die westliche
Kultur werde an den „globalen Gegen-
sätzlichkeiten“, verstärkt durch den
Klimawandel, scheitern.

Bleibt zu hoffen, dass er nicht recht


behält und wir Menschen uns und un-
ser Verhalten rechtzeitig ändern. Denn
im Gegensatz zum Autor glaube ich
sehr wohl an die Wirksamkeit kleiner
Schritte.

Nick Meendermann, Eberswalde

Der Krieg im Sudan hat auch


Foto: argus/Schwarzbach ökologische Ursachen

42 Nr. 100/1.09
strömungen

Sudan: Der erste Klimakrieg?


Obwohl die Republik Sudan über reiche Bodenschätze wie Derzeitig kann das Klima jedoch nicht als alleiniger Kriegs-
z.B. Öl, Erze und Gold verfügt, gehört sie zu den ärmsten und grund im Sudan gesehen werden. Die Ursachen für ver-
zugleich am höchsten verschuldeten Ländern der Welt. Das gangene und gegenwärtige Konflikte sind vielfältig. Neben
Auswärtige Amt beschreibt die Ernährungslage „vielerorts“ als ökologischen, politischen, religiösen, ethnischen und auch
„besorgniserregend“. ökonomischen Faktoren spielen historische Fehden, Streitig-
keiten um Land und Bodenschätze sowie großräumige Bevöl-
Seit 1955 herrscht dort, mit Ausnahme zwischen den Jahren kerungsverschiebungen eine Rolle.
1972 und 1983, Krieg. Mindestens drei Millionen Menschen
kamen dabei ums Leben. Nach der Unterzeichnung des Frie-
densabkommens 2005 sind die Kämpfe im südlichen Sudan Vergleich Deutschland/Sudan
beigelegt. Dafür entbrannte 2003 Krieg im westsudanesischen
Darfur. Die Gesellschaft für bedrohte Völker schätzt die Zahl Fläche: 360 00 km² / 2,5 Mio. km² (größter Staat Afrikas)
der Toten dort auf bis zu 400.000 und spricht von erneutem Bevölkerung 2008: 82 Mio. / 38,5 Mio.
Völkermord seitens der Regierung. Rund zwei Mio. Menschen Hauptstadt: Berlin (3,4 Mio. Einwohner) / Khartum (8 Mio.)
seien gewaltsam aus ihren Dörfern vertrieben worden und drei Pro-Kopf-Einkommen 2006: 33500 US$/Jahr/ 1900 US$/Jahr
Mio. benötigten humanitäre Hilfe. Nach Schätzungen der UN Lebenserwartung 2006: 79 / 58
vom 1. Oktober 2008 handelt es sich sogar um fast 2,7 Mio. Quellen: auswaertiges-amt.de
Binnenflüchtlinge. Karte: wikipedia.de worldbank.org

Laut UNEP, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen,


haben Klimaveränderungen, einschließlich dramatischer Ver-
schiebungen der Niederschläge, zum Konflikt in Darfur (Sudan)
beigetragen. Gemäß UNDP, dem UN-Entwicklungsprogramm,
sagen Klimamodelle einen Temperaturanstieg für den sudane-
sischen Bundesstaat Nordkordofan um 1,5 °C zwischen 2030
und 2060 voraus. Gleichzeitig soll die Regenmenge um fünf
Prozent abnehmen. Dies hätte einen Rückgang der Getreide-
ernten um ca. 70 Prozent zur Folge. Angesichts der Tatsache,
dass etwa 75 Prozent der erwerbstätigen Sudanesen in der
Landwirtschaft beschäftigt sind, hätte diese Entwicklung fatale
Auswirkungen.

Weniger Niederschläge würden auch zu einer weiteren Aus-


dehnung der Wüsten führen (Desertifikation). Der vermehrt
ausbleibende Regen, die Überweidung der Grasflächen, die
Abholzung der Wälder und die daraus resultierende verstärkte
Erosion durch den Wind haben in den letzten 40 Jahren dazu
geführt, dass sich die Wüsten in manchen Regionen des
Landes um 100 Kilometer ausgebreitet haben.

Klimamodelle prognostizieren für den Sudan stei- Quellen und weitere Informationen:
gende Temperaturen und weniger Regen auswaertiges-amt.de (Stand: Februar/Juli 2008)
gfbv.de (Stand: März 2007)
sudan-embassy.de (Zugriff: 22.10.08)
unsudanig.org (Darfur Humanitarian Profile No. 33)
postconflict.unep.ch (Sudan Post-Conflict Environmental Assessment,
Bericht Juni 2007)
unep.org (Jahresbericht 2007)
undp.org (Human Development Report 2007/2008)

Nick Meendermann macht ein Praktikum bei


ROBIN WOOD und studiert Landschaftsnut-
Foto: Robson/pixelio zung und Naturschutz in Eberswalde

Nr. 100/1.09 43
Sei kein Frosch - Hilf uns! Jürgen Birtsch, Jürgen Wolter
Sei kein Frosch- Hilf uns!
Amphibien sind besonders von Veränderungen Materialien und Hintergründe
ihrer Lebensräumen betroffen. Weltweit sind zum weltweiten Amphibien-
ein Drittel der Arten vom Aussterben bedroht. sterben und was wir dagegen
Ursachen sind der rasante Lebensraum- tun können
schwund, Klimawandel und die großflächig 40 Seiten, 3,- Euro zzgl. Ver-
ausgebrachten Agrargifte. Hinzu kommt nun sand
auch noch der Chytrid-Pilz, der zu großflä-
chigen amphibienfreien Gebieten geführt hat. Bestelladresse:
WissenschaftlerInnen sprechen vom größten Stiftung Artenschutz
Artensterben seit den Dinosauriern. Aber Sentruper Str. 315
es gibt die Chance zum Handeln und zum 48161 Münster
Gegensteuern. Zahlreiche Beispiele motivieren info@stiftung-artenschutz.de
hierzu: Maßnahmen vom Ausheben eines ei-
genen Gartenteiches bis zum Beteiligen an der weltweiten Amphibien-
kampagne werden beschrieben und zur Nachahmung empfohlen.

Adressiert ist die Broschüre an alle, die an der Biologie sowie am Wert
der Amphibienvielfalt interessiert sind. Vor allem aber Zoopädagogen,
Umweltbildner und Lehrer können sich so auf den neuesten Stand der Nummer 100/1.09
Amphibiensituation sowie deren Schutz bringen. Zusätzlich zu diesem
Heft wurden Arbeitsblätter für den Unterricht entwickelt. Angelehnt Magazin
an aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen bringen die Autoren
mit Hilfe vieler Beispiel Zusammenhänge der Bedrohungen aber auch Zeitschrift für Umweltschutz und Ökologie
die wunderbare Vielfalt der Arten und Verhaltensweisen im Reich der Erscheinungsweise vierteljährlich
Lurche den LeserInnen nahe.
Redaktion: Sabine Genz, Angelika Krumm, Annette
Littmeier, Nick Meendermann, Christian Offer, Regine
Richter, Dr. Christiane Weitzel (V.i.S.d.P.)
Verantwortlich für Layout, Satz, Fotos und Anzeigen
ist die Redaktion

Verlag: ROBIN WOOD-Magazin


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Postfach 10 04 03, 16294 Schwedt
Tel.: 03332/2520-10, Fax: -11
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zu beziehen über: ROBIN WOOD e.V.,
Geschäftsstelle, Postfach 10 21 22, 28021 Bremen,
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im Mitgliedsbeitrag enthalten

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www.druckhaus-bayreuth.de
Rollenoffsetdruck, Auflage: 10.000
Das ROBIN WOOD-Magazin erscheint auf 100% Altpapier
augezeichnet mit dem Blauen Engel

Titelbild: Getty Images/Martin Barraud


Art Direction: www.tangram-design.de

Spendenkonto: ROBIN WOOD e.V., Postbank Hamburg,


BLZ: 20010020, Konto: 1573-208

44 Nr. 100/1.09
© R. Fenner

Unikate für Menschen, die Menschen begeistern!


Für Sie machen wir Unikate aus echten Aktions- Wir können vielleicht sogar Ihre Farbwünsche er-
Transparenten: Original-Objekte im Format A4 füllen. Schon wenn Sie fünf Menschen für unsere
mit handgemachtem Passepartout im FSC-zertifi- Ziele begeistern, gehört Ihnen ein Unikat. Wie
zierten A3-Holzrahmen. das geht, erfahren Sie auf der nächsten Seite.

Nr. 100/1.09 45
Foto: Le Qrier, Leipzig

Keinstaub!
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