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persönliches Nr. 30 / 21.7.2018 Lese-Exemplar. Guten Ihr Flug! Stress, lass nach! Forscher erkunden, wie
persönliches
Nr. 30 / 21.7.2018
Lese-Exemplar.
Guten
Ihr Flug!
Stress,
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Forscher erkunden, wie Körper und Geist
Druck ertragen – und in Stärke verwandeln
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Printed in
Dänemark
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€ 6,50 € 7,–
Österreich NOK
€ 5,80
Portugal
(cont) € 6,50,– ZL 32,–
Slowenien
6,30
Spanien € 6,50
Spanien/Kanaren
€ 6,70
Ungarn
Ft 2350,-
Germany

Abschiebe-Affäre Sami A.

Der Sommer der Blamagen für Innenminister Seehofer

Handelskrieg, Nato-Krise etc.

Eine Strategie für Deutschland:

Überwintern in Zeiten von Trump

SPIEGEL-Gespräch

Wimbledon-Siegerin Kerber:

»Champions stehen wieder auf«

Das deutsche Nachrichten-Magazin Hausmitteilung Betr.: Bergdrama, Kartelle, Venezuela, »DEIN SPIEGEL«/SPIEGEL GESCHICHTE

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Hausmitteilung Betr.: Bergdrama, Kartelle, Venezuela, »DEIN SPIEGEL«/SPIEGEL GESCHICHTE

CLAUDIA CORRENT / DER SPIEGEL
CLAUDIA CORRENT / DER SPIEGEL
HILMAR SCHMUNDT / DER SPIEGEL
HILMAR SCHMUNDT / DER SPIEGEL

Shafy mit Überlebendem, Schmundt an der »Haute Route«

Anfang April verschwand der Tengelmann- Chef Karl-Erivan Haub spurlos in den Schwei- zer Bergen, allein auf einer Skitour. Nur wenige Wochen später verirrte sich eine Zehnerseil- schaft nicht weit entfernt auf der »Haute Route« in einem Sturm. Sieben überlebten das Unglück nicht. Derlei Bergunfälle sind meist nur eine kurze Notiz, dann geraten sie schnell in Ver- gessenheit. Doch wie genau gerät eine Sport- lergruppe in so eine tödliche Situation, was lässt sich aus der Tragödie lernen? Die SPIE- GEL-Redakteure Samiha Shafy und Hilmar Schmundt sprachen erstmals mit allen Über- lebenden, mit Freunden und Hinterbliebenen, mit Rettern und Ermittlern des Dramas auf der Haute Route. Shafy war beeindruckt davon, dass alle Geretteten irgendwann wieder auf einen Gipfel wollen: »Das traumatische Er- lebnis konnte ihre Liebe zu den Bergen nicht zerstören.« Seite 46

Nach der Aufdeckung der heimlichen Absprachen der Autoindustrie über zu kleine AdBlue-Tanks und Abgasschummeleien bei Dieselfahrzeugen geht die EU-Kommis- sion einem neuen Verdacht nach: Manager der Autokonzerne könnten sich auch bei der Abgasreinigung von Benzinfahrzeugen abgestimmt haben. Die Wirtschafts- redakteure Frank Dohmen und Dietmar Hawranek, die 2017 die vielen Absprachen des deutschen Autokartells enthüllten, konnten jetzt Protokolle und E-Mails einsehen, nach denen die Einführung wirksamer Partikelfilter offenbar boykottiert wurde. Die Dokumente zeigen nach Ansicht der beiden eine Grundhaltung der Branche:

»Wettbewerb ist lästig, Umweltschutz zu teuer.« Seite 54

Es fehlt an allem in Venezuelas öffentlichen Krankenhäusern, nur an einem mangelt es nicht: an menschlicher Solidarität. Kranken- schwestern teilen ihr spärliches Mittagessen, das sie von zu Hause mitbringen, mit Patien- ten; Ärzte leisten schier Übermenschliches für einen Hungerlohn; Patienten verleihen Bohr- maschinen für Operationen. Ein Arzt steckte SPIEGEL-Korrespondent Jens Glüsing und Fotografin Meridith Kohut während ihres Be-

suchs in einer Universitätsklinik einen Zettel mit den Namen dringend benötigter Medikamente zu, die im Land nicht zu be- kommen sind. Doch Hilfe ist schwierig: Präsident Nicolás Maduro leugnet das Elend,

er lässt keine humanitäre Hilfe ins Land. Seite 84

MERIDITH KOHUT / DER SPIEGEL
MERIDITH KOHUT / DER SPIEGEL

Glüsing (l.) in Venezuela

Steuern?

Lass ich machen.

SPIEGEL Glüsing (l.) in Venezuela Steuern? Lass ich machen. VLH. Wir machen Ihre Steuererklärung. Am Dienstag

VLH.

Glüsing (l.) in Venezuela Steuern? Lass ich machen. VLH. Wir machen Ihre Steuererklärung. Am Dienstag erscheinen

Wir machen Ihre Steuererklärung.

Lass ich machen. VLH. Wir machen Ihre Steuererklärung. Am Dienstag erscheinen gleich zwei neue Hefte aus

Am Dienstag erscheinen gleich zwei neue Hefte aus dem SPIEGEL-Verlag. Die jüngste Ausgabe von »DEIN SPIEGEL« widmet sich der Frage, wie man die eigenen Talente entdeckt. Das

neue Magazin von SPIEGEL GESCHICHTE

thematisiert den großen Umbruch des 19. Jahr- hunderts: »Die industrielle Revolution – Deutsch- land 1850 – 1900«.

DER SPIEGEL

Nr. 30 / 23. 7. 2038

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3

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1850 – 1900«. DER SPIEGEL Nr. 30 / 23. 7. 2038 3 www. vlh .de Wir

Wir beraten Mitglieder im Rahmen von § 4 Nr. 11 StBerG.

Inhalt

72. Jahrgang | Heft 30 | 21. Juli 2018

TitelInhalt 72. Jahrgang | Heft 30 | 21. Juli 2018 Psychologie Komm runter – wie Körper

Psychologie Komm runter – wie Körper und Geist zur Gelassenheit finden, nicht nur im Urlaub

 

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Deutschland
Deutschland
 

Leitartikel Die Große

 

Koalition befeuert die AfD

 

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Meinung Im Zweifel links / So gesehen: Wie Trump und Putin ein europäisches Rätsel lösen

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AfD geht gegen eigene Unterstützer vor / NRW baut Landeskriminalamt nach

Amri-Attentat um / Haushälter lassen Deutsche Umwelthilfe

durchleuchten

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Asyl Monatelang drängte Innenminister Horst Seehofer darauf, einen Islamisten loszuwerden; nun ist der Mann

in Tunis – und der Rechtsstaat beschädigt

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Rivalen Der bittere Sieg von Kanzlerin Merkel

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Konservative SPIEGEL-

Gespräch mit CSU-Veteran Peter Gauweiler über den Machtkampf in der Union

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Essay Warum Berlin und Brüssel Langmut im Umgang mit Trump brauchen

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Verteidigung Nach dem

Nato-Gipfel streitet die Berliner Koalition über den Militäretat

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Diplomatie SPD-Außenexperte Niels Annen will den Dialog mit den USA

weiterführen

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Kulturpolitik Die ehemalige

Thomas-Mann-Villa in Kalifornien sorgt für Unruhe in der Berliner Politik

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PABLO MARTINEZ MONSIVAIS / AP
PABLO MARTINEZ MONSIVAIS / AP

Die wunderbare Freundschaft zwischen Trump und Putin

Der Gipfel in Helsinki wird für den US-Präsidenten zur politischen Belastung. Seine Gegner, die ihm schon lange eine zu große Nähe zu Russland unterstellen, sehen sich bestätigt. Aber kann das Donald Trump dauerhaft schaden? Seite 72

MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL
MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL

Gute Viertel, schlechte Viertel

Durch die Städte geht ein Riss, Arm und Reich leben sich auseinander. Menschen mit niedrigem Einkommen ballen sich immer stärker in bestimmten Stadtteilen, betroffen sind vor allem Familien, Alte und Alleinerziehende. Seite 66

Kommentar Wie Teile der Linken in der Flüchtlings- debatte die Nerven verlieren 32

Disziplin Um billigere Flüge zu nutzen, lassen viele Familien ihre Kinder den Unterricht schwänzen

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Antisemitismus Wie erleben

deutsche Juden den zunehmenden Hass in der Gesellschaft?

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Ferien Bundesweit kämpfen Bürger um den Erhalt von Freibädern

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Gesellschaft
Gesellschaft

Früher war alles schlechter:

Abschmelzende Müllberge / Wird Vanilleeis zum Luxusgut?

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Eine Meldung und ihre Geschichte Warum ein

türkischer Hochzeitsfotograf dem Bräutigam die Nase brach

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Unglücke Zehn Bergsteiger wandern und klettern in den Alpen – nur drei überleben

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Kolumne Leitkultur

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Wirtschaft
Wirtschaft

Arbeitgeber wollen Zuwanderung erleichtern / Baldiger Rückruf für Porsche Panamera

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Kartelle Audi, BMW, Daimler, Porsche und VW sprachen sich offenbar auch bei den Benzinmotoren ab – zum Schaden der Kunden, der Politik und der Umwelt

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Konjunktur Wie gefährlich ist der Handelskrieg für Deutschlands Wirtschaft?

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Analyse Warum diesen Sommer

so viele Flüge ausfallen

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Zukunft Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) über die Chancen Deutschlands bei der künstlichen Intelligenz

64

Soziale Ungleichheit Arm und

Reich wohnen sich immer weiter auseinander

66

Auslandund Reich wohnen sich immer weiter auseinander 66 Der Brexit zerreißt die konser- vative Partei von

Der Brexit zerreißt die konser- vative Partei von Theresa May / Der blutige Kampf des Ortega-Regimes in Nicaragua um den Machterhalt

70

USA Die Russlandaffäre überschattet Donald Trumps gesamte Präsidentschaft

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China Peking hat in der Uigurenregion Xinjiang die Überwachung perfektioniert; wer sich verdächtig macht, muss »studieren gehen«

76

Nahost Der Schattenkrieg zwischen Israel und Iran

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Venezuela In der Klinik »Luis Razetti« operieren Ärzte mit Material aus dem Baumarkt, sterben Kinder an Unter- ernährung – eine Reportage über Verzweiflung und Menschlichkeit in der Not

84

Sportüber Verzweiflung und Menschlichkeit in der Not 84 Beste Nachwuchsspieler bei Fußballweltmeisterschaften /

Beste Nachwuchsspieler bei Fußballweltmeisterschaften / Magische Momente: Warum dem Tennisprofi Michael Stich die Stimme versagte

89

Tennis SPIEGEL-Gespräch mit Wimbledon-Gewinnerin Angelique Kerber über ihren Sieg vor den Herzoginnen Kate und Meghan und die Lehren aus ihrer sportlichen Krise

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SAMMY HART / DER SPIEGEL
SAMMY HART / DER SPIEGEL

Die Tennisspielerin Angelique Kerber siegte in Wimble- don: »Ich habe für mich Geschichte geschrieben.«

Seite 90

MARKUS TEDESKINO / DER SPIEGEL
MARKUS TEDESKINO / DER SPIEGEL

Der Komiker Otto Waalkes hat Angst davor, im Alter ernst zu werden. Er feiert seinen 70. Geburts-

tag. Seite 110

NATHAN MURRELL / DER SPIEGEL
NATHAN MURRELL / DER SPIEGEL

Die Autorin Katharina Adler veröffentlicht einen Roman über Sigmund Freuds berühmte Patientin

»Dora«. Seite 110

Wissenschaftberühmte Patientin » D o r a « . Seite 110 Drohne offenbart prähisto- rische Kultstätte

Drohne offenbart prähisto- rische Kultstätte / Was Kinder mit Lippen-Kiefer- Gaumenspalte ertragen müssen / Kommentar:

Lizenz zum Mobben

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Debatte Gebt die Gentechnik frei!

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Akustik Mit Pauken und Trompeten – viele Musiker leiden unter Hörschäden

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Oldtimer Die kurioseste Restaurierung der Automobilgeschichte

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Kulturkurioseste Restaurierung der Automobilgeschichte 107 Zensur an der Kunsthalle Bremen? / Jodie Fosters Schau-

Zensur an der Kunsthalle

Bremen? / Jodie Fosters Schau- spiel-Comeback / Kolumne:

Besser weiß ich es nicht

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Komiker SPIEGEL-Gespräch mit Otto Waalkes, einem

Mann, den das halbe Land nur

beim Vornamen nennt

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Kunst Pussy Riots gelungene Verstörung der WM

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Literatur Arthur Koestlers Meisterwerk »Sonnen- finsternis« neu entdeckt

 

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#MeToo Deutsche Erzählerinnen über Sex und Macht

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Debüt Eine Begegnung mit der Autorin Katharina Adler in Wien – auf den Spuren ihrer berühmten Familie

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Buchkritik Erich Hackls Erzählung »Am Seil«

 

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Bestseller Impressum, Leserservice

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Nachrufe Personalien Briefe Hohlspiegel / Rückspiegel

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Titelfoto: [M] Henglei & Steets / Getty Images

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Das deutsche Nachrichten-Magazin

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Die Defensivspieler

Leitartikel Warum die schwarz-rote Regierung die AfD nicht klein, sondern groß macht

E s war das große Versprechen der Großen Koalition. So unbeliebt die Allianz von Union und SPD auch sein mag, das verkündeten ihre Spitzen beim Amts- antritt, so sei sie doch die richtige Antwort auf die

AfD. Nicht nur, weil sie Neuwahlen verhindere. Sondern auch, weil die Volksparteien inzwischen gelernt hätten, wie der Kampf gegen die Rechtspopulisten gewonnen werden könne: Ihren Parolen entschieden entgegentreten. Die Pro- bleme, mit denen sie die Wähler fangen, lösen. Und ansons- ten – gut regieren. Inzwischen sind Union und SPD vier Monate im Amt, doch wer eine nüchterne Bilanz ihrer bisherigen Arbeit zieht, könnte den Eindruck ge- winnen, dass die Große Koalition

das genau entgegengesetzte Programm verfolgt. Anstatt der AfD die Themen zu nehmen, bläst sie Probleme künstlich auf, setzt falsche Prioritäten und folgt auf vielen Feldern jenem Hang zu teurer Symbolpolitik, der schon in der vergangenen Legis- laturperiode die Regierungsarbeit belastet hat. Die Koalitionsparteien geben viel Geld aus, aber sie folgen kei- nem Plan. Nicht die großen Zu- kunftsfragen von Digitalisierung bis Europa bestimmen ihre Agen- da, sondern die Angst vor der AfD. Eine Mannschaft von Defensiv- spielern steht in Berlin auf dem Platz, obwohl alle Welt weiß: So

macht man die Populisten nicht klein, sondern groß. Der unionsinterne Flüchtlingsstreit hätte in den Propa- gandabüros der Rechtspartei kaum besser erfunden werden können. Erst redete die Union das Thema zur Schicksalsfrage hoch, obwohl die Flüchtlingszahlen längst gesunken sind. Dann einigte sich Schwarz-Rot auf eine Lösung, nach der laut Innenminister Horst Seehofer künftig an drei Grenzübergängen täglich maximal fünf Flüchtlinge aufgegriffen werden könnten. Eine Lachnum- mer, die darüber hinaus den schalen Eindruck hinterließ, dass es vielen in der Union nicht um die Sache, sondern um die Durchsetzung eines alten AfD-Anliegens ging:

Merkel muss weg. Die Große Koalition beschäftigt sich entweder mit dem Thema Flüchtlinge, so schien es, oder mit sich selbst. Dabei drücken die Bürger durchaus noch ein paar andere Sorgen. Seit drei Jahren zum Beispiel ringen Union und SPD mit den Folgen der Dieselkrise. Autogipfel wurden einberufen, Kommissionen gebildet, Hilfsprogramme aufgelegt. Doch

bis heute hat sich die Regierung auf keinen wirksamen Plan einigen können, wie die Luft vieler Metropolen von giftigen Dieselabgasen gesäubert werden kann. Anders als von der Regierung versprochen, drohen nun spätestens im nächsten Jahr Fahrverbote in mehreren Großstädten – und damit eine Wutwelle geprellter Autofahrer, von der vor allem eine Partei profitieren wird: die AfD. Es gehört zu den grundsätzlichen Schwächen dieser Gro-

ßen Koalition, dass sie Probleme nicht löst, sondern mit Geld zudeckt. Im Kampf gegen die Altersarmut hat die schwarz-rote Regierung gerade die milliardenschwere Müt- terrente auf den Weg gebracht, deren Wirkung auf das soziale Gefälle in der Altersver- sorgung zumindest fragwürdig

ist. Künftig müssen nämlich arme Mütter mit zwei Kindern die Rentenbezüge wohlhabender Seniorinnen finanzieren, die drei oder mehr Kinder zur Welt gebracht haben. Ähnlich teuer, aber noch unsin- niger ist das sogenannte Baukin- dergeld, mit dem Union und SPD angeblich etwas gegen die hohen Mieten in Großstädten unterneh- men wollen. Dummerweise rech- net sich die milliardenschwere Subvention aber vor allem für Bauherren auf dem Land, wes- halb Experten nun mit folgendem Ergebnis rechnen: Während der Zuschuss in den Städten sogar zu höheren Immobilienpreisen füh-

FILIP SINGER / EPA-EFE / REX / SHUTTERSTOCK
FILIP SINGER / EPA-EFE / REX / SHUTTERSTOCK

Kanzlerin Merkel nach TV-Auftritt

ren könnte, schafft er neuen Wohnraum vor allem dort, wo er nicht gebraucht wird, in den abgelegenen Regionen der Republik, in denen schon heute viele Häuser leer stehen. Widersinniger geht es kaum. Und so kommt es, dass die Große Koalition den Aufstieg der AfD derzeit nicht bremst, sondern befördert. Schon die Bundestagswahl war ein Desaster für Union und SPD. Doch seither haben die Volks- parteien nach aktuellen Umfragen zusammen noch einmal rund fünf Prozentpunkte eingebüßt, die AfD dagegen legt weiter zu. In Bayern ist die CSU unter die 40-Prozent-Mar- ke gerutscht, und bei den Landtagswahlen nächstes Jahr in Ostdeutschland könnte die Rechtspartei etwa in Branden- burg gar zur stärksten Kraft werden. »Populismus ist einfach, Demokratie ist komplex«, schrieb der Soziologe Ralf Dahrendorf bereits vor 15 Jah- ren. Vielleicht sollten sich Union und SPD daran erinnern, wenn sie in ihren verbleibenden drei Regierungsjahren dem Siegeszug der AfD doch noch etwas entgegensetzen

wollen. Michael Sauga

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Kraftstoffverbrauch (in l/100 km nach § 2 Nrn. 5, 6, 6a Pkw-EnVKV in der jeweils geltenden Fassung): Ford Fiesta Active: 5,9 (innerorts), 4,4 (außerorts), 5,0 (kombi- niert). CO 2 -Emissionen: 113 g/km (kombiniert).

(kombi- niert). CO 2 -Emissionen: 113 g/km (kombiniert). 1 Ford Auswahl-Finanzierung, Angebot der Ford Bank
(kombi- niert). CO 2 -Emissionen: 113 g/km (kombiniert). 1 Ford Auswahl-Finanzierung, Angebot der Ford Bank

1 Ford Auswahl-Finanzierung, Angebot der Ford Bank Niederlassung der FCE Bank plc, Josef-Lammerting-Allee 24–34, 50933 Köln. Gültig bei verbindlichen Kundenbestellun- gen und Darlehensverträgen. Das Angebot stellt das repräsentative Beispiel nach § 6a Preisangabenverordnung dar. Ist der Darlehensnehmer Verbraucher, besteht ein Widerrufs- recht nach § 495 BGB. Gültig für Privatkunden beim Kauf eines noch nicht zugelassenen Ford KA+ Active, Ford Fiesta Active, Ford EcoSport oder Ford Kuga Neufahrzeugs. Details bei allen teilnehmenden Ford Partnern. Zum Beispiel der Ford Fiesta Active, 1,0-l-EcoBoost-Benzinmotor, 63 kW (85 PS), 6-Gang-Schaltgetriebe, auf Basis einer unverbindlichen Aktionspreis- empfehlung der Ford-Werke GmbH bei allen teilnehmenden Ford Partnern von € 14.990,- zzgl. Zulassungs- und Überführungskosten, Laufzeit 36 Monate, Gesamtlaufleistung 30.000 km, Anzahlung € 0,00, Nettodarlehensbetrag € 14.990,-, Sollzinssatz (fest) p. a. 0,00 %, e ektiver Jahreszins 0,00 %, Gesamtdarlehensbetrag € 14.990,-, 35 monatliche Raten je € 179,-, Restrate € 8.725,-. 2 Zwei Jahre Neuwagengarantie des Herstellers sowie Ford Protect Garantie-Schutzbrief (Neuwagenanschlussgarantie) inkl. Ford Assistance Mobilitätsgarantie für das 3.–5. Jahr, bis max. 50.000 km Gesamtlaufleistung (Garantiegeber: Ford-Werke GmbH), kostenlos. Gültig für Privatkunden beim Kauf eines noch nicht zugelassenen Ford KA+ Active, Ford Fiesta Active, Ford EcoSport oder Ford Kuga Neufahrzeugs innerhalb von 3 Wochen nach erfolgter Probefahrt und Vorlage des Original-Gutscheins bei dem Ford Partner, der diesen ausgestellt hat. Es gelten die jeweils gültigen Garantiebedingungen.

Meinung

Jakob Augstein Im Zweifel links

Peng. Das saß.

den –, lassen uns von Digitalkritikern und Globalisierungsgegnern Blumen in die Kugelschreiber stecken und machen mobil für den großen Handels- krieg. Die Sache hat einen Haken: So ein Handelskrieg ähnelt seinem größeren Bruder, dem richtigen Krieg, in der Unberechenbarkeit. Er kann eskalie- ren. Wer weiß, wohin. Die Feindbilder, die da aufgebaut werden, sind das Problem. Wenn Trump eine Sache auf- bauen kann, sind es Feindbilder. »Sie haben die Vereinigten Staaten wirklich ausgenutzt, aber nicht mehr lange!«, twitterte er kurz nach der Ankündi- gung der europäischen Strafe. Twittern können wir natürlich auch. EU-Ratspräsident Donald Tusk hat gerade eine auf Trump gezielte Breit- seite abgeschossen: »Die wirklichen Risiken für unsere Wirtschaft, Arbeits- plätze und Wohlstand sind politische Unsicherheit, Zollkriege, Unberechen- barkeit, Verantwortungslosigkeit und aggressive Wortwahl.« Peng. Das saß. Und nun? Ich sage nicht, dass Europa nichts tun soll. Und wohin das alles führt, weiß ich auch nicht. Aber wenn ich es recht überlege, vermisse ich das Postheroische dann doch. Denn was mit heroischer Begeisterung beginnt, endet nicht selten ganz erbärmlich.

An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel.

So gesehen

Unerwarteter

Gewinn

Trump und Putin beenden eine europäische Grübelei gütlich.

Wer wem den Vortritt lässt, wer wen warten oder im Regen stehen lassen darf, ist in Europa feinmaschig geregelt: Ober vor Unter, Greis vor Knabe, wiederum aber Greisin vor Greis, Alter vor Schönheit und was der Tanzstundenweisheiten mehr sind. Die seit Bestehen dieser Reiche virulente Frage, ob Russland und Amerika eigentlich zu Europa gehö- ren, historisch, kulturell, als Werte- gemeinschaft oder als brothers in arms – diese Frage, von deren

PETTER ARVIDSON / IMAGO
PETTER ARVIDSON / IMAGO

Unentscheidbarkeit viele Akade- mien, Stiftungsprofessuren und Tagungstouristen seit Dekaden ein komfortables Leben fristen, darf nun als erledigt gelten. Der Queen unter der Nachmittags- sonne den Weg zu vertreten wie Donald Trump beim Besuch auf Schloss Windsor, das blondgewellte, wohlfrisierte Haar der kroatischen Ministerpräsidentin dem Platzregen auszusetzen wie Wladimir Putin bei der WM-Siegerehrung, dies sind Unverzeihlichkeiten, die kein Deal und keine Erdgaslieferung aus der Welt schaffen können. Ein Quantum Trost können die düpierten, immer tiefer in die Grube der von der Welt- geschichte Vernachlässigbaren rut- schenden Europäer allerdings aus der Beobachtung ziehen, dass in der internationalen Rüpelklasse der soziale Darwinismus oberstes Gebot bleibt, Solidarität der Barbaren mit- einander also nicht zu befürchten ist:

Schließlich hat Putin wiederum Trump 45 Minuten lang warten las- sen. Viel Zeit zum Nachdenken, sagte man gern, aber man bringt’s

nicht fertig. Elke Schmitter

man gern, aber man bringt’s nicht fertig. Elke Schmitter In der »Zeit«, die immer das Ohr

In der »Zeit«, die immer das Ohr auf den Schienen hat, wenn es um heiße gesell- schaftliche Themen geht, habe ich neulich gelesen, dass das postheroische Zeital- ter zu Ende geht. Es gebe, stand da, eine neue Begeisterung für den Kampf. Ich habe in mich hineingehorcht – und tatsächlich: Auch ich bin anfällig für Schlachtenlärm und Kampfgebrüll. Die EU-Kommission hat gerade Google zu einer Strafe von 4,34 Milliarden Euro verdonnert. Da reißt es mich vom Sitz, und ich rufe begeistert: Europaaaaaaaaa! Ist doch wahr: Trump trampelt auf uns herum. Er droht unserer Autoindus- trie. Und wir sehen zu und rühren uns kaum. Er zückt den dicken Zollknüppel – und die EU? Wedelt bislang nur mit einem Zollstöckchen. Whiskey und Harleys? Hey, Brüssel, das macht alten Männern Angst, die Bäuche haben und Bock auf süßen Fusel und peinliche Bikes. Aber jetzt: Google. Das fordern unsere Strategen schon lange! Trefft Amerika dort, wo es wehtut! Eine kleine »Augustbegeisterung« macht sich also in diesem Juli in Europa breit. Fast muss man Trump dankbar sein: Europa braucht mal wieder eine Erfolgsmeldung, und egal wie tief die Differenzen sonst sein mögen, der Ami geht beinahe allen auf die Nerven. Also, auf, auf, wir ziehen die Champs- Élysées entlang – oder Unter den Lin-

Kittihawk

auf, wir ziehen die Champs- Élysées entlang – oder Unter den Lin- Kittihawk 8 DER SPIEGEL
Mitten im Geschehen. Mitten aus Berlin. Das ZDF-Mittagsmagazin mit Jana Pareigis live ab 13:00 Uhr
Mitten im Geschehen. Mitten aus Berlin. Das ZDF-Mittagsmagazin mit Jana Pareigis live ab 13:00 Uhr
Mitten im
Geschehen.
Mitten aus Berlin.
Das ZDF-Mittagsmagazin
mit Jana Pareigis
live ab 13:00 Uhr
Mitten im Geschehen. Mitten aus Berlin. Das ZDF-Mittagsmagazin mit Jana Pareigis live ab 13:00 Uhr

GOTTFRIED STOPPEL

Deutschland

»Brauchst mal nicht zu sagen, dass du jüdisch bist«

‣ S. 36

Weidel, Bendels (M.) bei Parteiveranstaltung in Baden-Württemberg 2017
Weidel, Bendels (M.) bei Parteiveranstaltung in Baden-Württemberg 2017

Anonyme Spender

AfD geht gegen eigene Unterstützer vor

Bundestagsverwaltung prüft Anhaltspunkte für illegale Parteienfinanzierung aus der Schweiz.

Die millionenschwere Wahlkampfhilfe, mit der ein ominöser Unterstützerverein seit mehr als zwei Jahren Stimmung für die AfD macht, sorgt für juristischen Ärger. Offenbar müht sich die AfD erstmals um Distanz zu der Organisation, die sich »Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der bürgerlichen Frei- heiten« nennt und aus undurchsichtigen Quellen finanziert wird (SPIEGEL 20/2018). Nach übereinstimmenden Angaben aus der Parteispitze hat der AfD-Bundesvorstand dem Verein kürzlich untersagt, das Logo und Corporate Design der Partei zu verwen- den und unter Nennung des Parteinamens zur Wahl der AfD auf- zurufen. Eine entsprechende Unterlassungsaufforderung sei an die Postanschrift des Vereins geschickt worden, der unter einer Briefkastenadresse in Stuttgart firmiert. Auch das Schweizer PR-Unternehmen Goal AG, das die Wahlkampagnen des Vereins steuert, habe eine solche Unterlassungsaufforderung erhalten. Während der Chef der Goal AG, Alexander Segert, eine SPIEGEL -Anfrage zu dem Thema unbeantwortet ließ, erklärte Vereinschef David Bendels, dass ein solches Schreiben dem Ver- ein bislang »nicht zugegangen« sei.

Warum die AfD erst jetzt gegen ihre vorgeblich ungebetenen Unterstützer vorgeht, hat womöglich mit einem Prüfverfahren der Bundestagsverwaltung zu tun. Die untersucht derzeit mehre- re PR-Aktionen der Schweizer Goal AG und prüft, ob es Anhaltspunkte für illegale Parteienfinanzierung gibt. Unter ande- rem geht es um eine Anzeigenkampagne der Goal AG für den heutigen AfD-Bundesvorsitzenden Jörg Meuthen, der 2016 für den baden-württembergischen Landtag kandidierte und mit Goal-Chef Segert privat befreundet ist. Führende AfD-Funktionäre hatten in der Vergangenheit stets behauptet, dass die Werbeaktionen des Vereins – darunter groß angelegte Plakatkampagnen und Wahlkampfzeitungen in Millio- nenauflage – nicht mit ihnen oder der Partei abgestimmt worden seien, und sie weder Kenntnis über Urheber noch Finanziers hät- ten. Allerdings veröffentlichten AfD-Vertreter wiederholt in Publikationen des Vereins. Die heutige Fraktionschefin Alice Weidel und mehrere Parteifreunde traten schon gemeinsam mit dem Vereinsvorsitzenden Bendels auf. Die Spender des Vereins blieben bislang anonym. AMA, SRÖ, SVE

Dieselaffäre

Umweltverband im Visier

Mit ihrem Prozess vor dem Bundes-

verwaltungsgericht für Dieselfahrverbo- te hat sich die Deutsche Umwelthilfe (DUH) den Groll der Autokonzerne zugezogen. Jetzt scheint auch die Gro- ße Koalition den alerten Ökoverband aus Radolfzell ins Visier zu nehmen. Ihre Haushaltspolitiker wollen wissen, wie viel Bundesgelder der Verein bekommt. Im Auftrag des Finanzminis- teriums haben Regierungsbeamte Bun- desbehörden aufgefordert, etwaige Zuwendungen zu melden. In einer E- Mail (»EILT SEHR!«) bitten sie um Rückmeldung, ob über »Förderpro- gramme Zusagen/Bewilligungen erfolgt sind, und wenn ja, in welcher Höhe«. Die Informationen sollen innerhalb von 24 Stunden geliefert werden. Damit wolle sich die »Klausurtagung der AG Haushalt der Koalitionsfraktionen« auf die Verhandlungen zum Bundesetat 2019 vorbereiten. Die DUH befürchtet, dass ihr Zuwendungen gekürzt werden sollen. Man gelte zunehmend als stö- rend, heißt es aus dem Umfeld des Ver- eins, der derzeit allein vom Bund 1,3 Millionen Euro unter anderem für Ener- giesparprojekte im Gebäudebereich erhält. Öffentliche Mittel tragen insge- samt zu 21 Prozent zur Finanzierung des Verbands bei. Ein anderer Teil der Gelder, mit denen die DUH kostspieli- ge Klagen zu Dieselabgasen oder der Nitratbelastung von Wasser finanziert, stammt aus Abmahnungen, die sie gegen Firmen wegen des Verstoßes gegen Umweltgesetze erwirkt. GT

Polizei

Ciao Italia

Die Bundespolizei sucht dringend

Beamte, die von kommender Woche an in Italien Sicherheitsinterviews mit Migranten führen, die im Rahmen des »Humanitären Aufnahmeprogramms Relocation« von Deutschland aufge- nommen werden sollen. Die Beamten sollen über gute Englischkenntnisse und Erfahrungen mit Identitätsfeststel- lungen verfügen, erwünscht sind zudem Auslandserfahrung und Kennt- nisse in Befragungstechniken. Bei den Migranten handelt es sich um 50 der 450 vorvergangene Woche vor der Küste Siziliens durch die europäische Küstenwache Frontex geretteten Boots- insassen. Italien ließ die Flüchtlinge nur unter der Bedingung an Land, dass andere EU-Staaten einen Großteil auf- nehmen. AUL

Clan-Kriminalität

Efeuberankte Gangstervilla

Zu den 77 in Berlin bei einer Polizei-

razzia am vorvergangenen Freitag beschlagnahmten Objekten gehört auch eine bürgerliche Altbauvilla im beschau- lichen Stadtteil Buckow. Die Razzia galt der arabischen Großfamilie R.; einige Mitglieder sollen Immobilien sowie eine Kleingartenkolonie mit Beutegeldern gekauft haben. In der mit Efeu berank- ten Villa in Buckow wohnt das Clan- mitglied Issa R. mit seinen zehn Söhnen. Verkauft wurde die Villa 2012 von einer landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft für rund 150 000 Euro an den damals 19-jährigen Jusuf R., einen Sohn von

Issa R. Der Eigentümer verbüßt mo- mentan eine Freiheitsstrafe. Das Land- gericht Berlin verurteilte ihn 2017 wegen schweren Bandendiebstahls zu drei Jahren Gefängnis. Ein weiterer Sohn, Ismail R., steht gerade wegen Mord- verdachts vor Gericht. Er soll dabei ge- wesen sein, als ein Mann mit einem Baseballschläger totgeprügelt wurde. Sein Anwalt bezweifelt indes, dass es zu einer Verurteilung kommt. Inzwi- schen ermitteln die Fahnder gegen 16 Personen, von denen viele seit Jahren in Berlin, aber einige auch im Libanon leben. SPIEGEL TV sendet in Kürze eine Dokumentation zu den kriminellen Machenschaften arabischer Großfami- lien in Berlin. CMH

Terrorismus

NRW gründet eigenes Terrorabwehrzentrum

Als Reaktion auf das Anis-Amri-Atten-

tat in Berlin ordnet Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) den Polizeilichen Staatsschutz des Landes neu. Das geht aus einem aktuellen Erlass seines Hauses hervor. So soll im Landes- kriminalamt (LKA) zum 1. Januar 2019 eine Abteilung Terrorismusbekämpfung eingerichtet werden, in der sich Kriminal- beamte intensiv mit den derzeit etwa 20 gefährlichsten Islamisten des Landes befassen. Bislang wurden in Nordrhein- Westfalen die Fälle aller 272 islamisti- schen Gefährder dezentral in den Polizei- behörden ihrer Wohnorte bearbeitet.

Innerhalb der neuen LKA-Abteilung soll ein Terrorismusabwehrzentrum entstehen – analog zum Berliner Gemeinsamen Ter- rorismusabwehrzentrum, kurz GTAZ, in dem sich unter anderem Polizeibehörden, Bundesanwaltschaft und Geheimdienste austauschen. In das GTAZ NRW sollen Beamte von ihren örtlichen Dienststellen entsandt werden. Die hohe Gefährdungs- lage mache eine Neuorganisation des Staatsschutzes und die Konzentration der Kräfte notwendig, heißt es in dem Erlass. Nordrhein-Westfalen ist das erste Bundes- land, das sein LKA entsprechend neu auf- stellt. Zuvor hatte bereits das Bundeskri- minalamt angekündigt, eine eigene Abtei- lung für islamistischen Terrorismus zu gründen. Die Zahl der Ermittlungsverfah- ren in dem Bereich hat sich in den vergan- genen Jahren vervielfacht. FIS, JDL

FETHI BELAID / AFP
FETHI BELAID / AFP

Amri-Porträt bei seiner Familie im tunesischen Oueslatia

JUERGEN BLUME

Ostdeutschland

»Ein neuer Sound«

Der CDU-Politiker Christian Hirte, 42, Ostbeauftragter der Bundesregierung und Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundeswirtschaftsminister, will sich weni- ger um Befindlichkeiten kümmern, dafür aber mehr Geld verteilen.

SPIEGEL: Herr Hirte, Sie waren 13 Jahre alt, als die Mauer fiel. Fühlen Sie sich als ost- oder gesamtdeutscher Bürger? Hirte: Das eine schließt das ande- re glücklicherweise nicht aus. Man müsste es sogar noch ergän- zen, denn ich fühle mich auch als

Thüringer und Europäer. SPIEGEL: Dient das Amt des Ostbeauf- tragten primär dazu, noch einen Ostdeut- schen in die Regierung zu bringen? Hirte: Dieser Vorwurf ist unsinnig gegen- über einer Regierung, die seit 2005 von einer Ostdeutschen geführt wird. Mit dem Ostbeauftragten wollen wir bedeut- same Themen abseits des Tagesgeschäfts ins Schaufenster der Politik stellen. Der Osten ist ländlicher, die Wirtschaft klein- teiliger und deshalb schwächer bei Inno- vationen, die Gesellschaft ist älter. Vor allem gilt: Wenn wir die Themen des Ostens lösen, hilft das dem ganzen Land. SPIEGEL: Ihre Vorgängerin Iris Gleicke machte Schlagzeilen mit einer Studie über die Neigung der Ostdeutschen zum Rechtsextremismus. Fühlen auch Sie den Sachsen oder Brandenburgern den Puls? Hirte: Rechtsextremismus darf uns in Ost wie West nicht egal sein. Aber ich habe stets gesagt, dass es mir um einen neuen Sound für den Osten geht. Wir Ostdeutschen wer- den immer befragt, wenn es um Problembe- schreibungen geht; das haben wir in der Politik mitunter auch selbst befeuert. Oft wird so getan, als gäbe es eine Art westdeut-

schen politischen und kulturellen Nullmeri- dian, und der Osten sei erst auf Augenhöhe, wenn er diesen erreicht hat. Mir ist ein ent- spannter Blick nach vorne lieber. SPIEGEL: Wohin fließt Ihr Budget von knapp fünf Millionen Euro im Jahr? Hirte: Ich möchte dort helfen, wo wir schon mit kleinen Mitteln Stellschrauben bewegen können, um den Rückstand des Ostens aufzuholen. Mir geht

es um konkrete Wirtschaftspro- jekte, Innovationen oder span- nende Modelle, wie man den demografischen Wandel ange- hen kann. SPIEGEL: Wie können Firmen oder Privatleute sich bewer ben? Hirte: Das genaue Prozedere

erarbeite ich gerade im Ministe- rium. Mir schwebt ein Modell vor, bei dem sich möglichst viele Menschen, Unternehmen oder Initiativen ziemlich formlos bewerben können. Ich glaube nicht, dass man von Berlin aus immer den besseren Blick dafür hat, wo Geld vor Ort gut eingesetzt ist. So etwas muss auch von unten wachsen. SPIEGEL: Setzen Sie auch auf soziale oder ideelle Projekte? Hirte: Wir feiern im nächsten Jahr mehre- re Jubiläen, erst 30 Jahre Fall des Eiser- nen Vorhangs, dann 30 Jahre Mauerfall. Ich möchte alle ermuntern, sich mit die- sen stolzen Daten unserer Geschichte zu befassen, ob Schulen, Gemeinden, Verei- ne oder Opferverbände. SPIEGEL: Denken Sie nicht, dass es dafür genug private Initiativen geben wird? Hirte: Das schon, aber vielen Initiativen vor Ort fehlt das Geld. Anders als im Westen fehlen Unternehmer oder wohl- habende Einzelpersonen, die ein Vorha- ben schnell privat unterstützen können. Da ist viel öfter die Hilfe der öffentlichen Hand nötig. Soweit möglich, kann ich mir hier ein Engagement vorstellen. AMA

kann ich mir hier ein Engagement vorstellen. A M A Ausländerzentralregister Digitale Kooperation ● Das

Ausländerzentralregister

Digitale Kooperation

Das Umsetzen einer Vereinbarung im Koalitionsvertrag könnte künftig den Gerichten das Bearbeiten von Asylkla- gen erleichtern. Die Unionsparteien und die SPD hatten sich darauf verständigt, das Ausländerzentralregister (AZR) so zu modifizieren, dass künftig alle »rele- vanten Behörden … belastbarere Aus- künfte« erhalten können. Derzeit müs- sen Auskunftsersuchen in vielen Fällen schriftlich an das Bundesverwaltungsamt gerichtet werden, was laut Bundesinnen- ministerium zu »Verzögerungen in Ver- waltungsabläufen« führt. Das Ministeri- um arbeitet an einem Gesetzentwurf, der

den Datenabruf im automatisierten Ver- fahren für alle öffentlichen Stellen zum Regelfall machen soll. Damit könnten auch Gerichte Daten in Echtzeit aus dem AZR abrufen. Eine Berliner Ministeri- umssprecherin: »Das AZR ist hinsicht- lich seiner Nutzungsmöglichkeiten aus- baufähig.« Die Vorsitzende Richterin am Verwaltungsgericht Köln, Rita Zimmer- mann-Rohde, weist jedoch vorsorglich schon mal darauf hin, dass es nicht Auf- gabe der Gerichte sein könne, nachzu- prüfen, ob sich etwa ein Verfahrensbetei- ligter noch im Land befinde oder bereits abgeschoben worden sei. Es sei vielmehr »lege artis«, dass die zuständigen Behör- den die Gerichte entsprechend informier- ten. AUL

Gedenken

SPD schleicht sich aus ihrer Geschichte

SPD-Chefin Andrea Nahles hat die renommierte Historische Kommission (HiKo) der Partei aufgelöst. Man müsse die »vorhandenen Ressourcen effizient einsetzen«, schrieb Generalsekretär Lars Klingbeil am 27. Juni an die HiKo- Mitglieder. Die SPD will den HiKo- Etat – angeblich bis zu 20000 Euro pro Jahr – nicht länger finanzieren. Neben der HiKo seien ein Dutzend weitere Foren, Arbeitsgruppen, Beiräte und Gesprächskreise eingestellt worden, so ein SPD-Sprecher. Die Mitglieder um den HiKo-Vorsitzenden Bernd Faulen- bach, Professor für Zeitgeschichte in Bochum, wollen sich allerdings nicht fügen. Sie seien »überrascht und empört«, heißt es in einem Brief an die Parteispitze, die Auflösung sei ein »verheerendes Symbol für Geschichts- losigkeit«. SPD-Ikone Willy Brandt hatte das Gremium 1981 ins Leben ge- rufen. Die 1863 gegründete SPD ist die älteste Partei Deutschlands – die Be- sinnung auf ihre Geschichte sollte der- einst die Flügelkämpfe mildern. Zugleich wollte Brandt ein Gegenge- wicht zur Geschichtspolitik von Helmut Kohl (CDU) schaffen. Im Historikerstreit 1986/87 über die Einmaligkeit des Holo- caust spielte die HiKo eine wichtige Rol- le. Prominente Mitglieder waren Hans Mommsen, Jürgen Kocka oder Heinrich August Winkler, heute sitzen Wissen- schaftler wie Peter Brandt, Sohn Willy Brandts, oder Edgar Wolfrum in dem Gremium. Eine HiKo-Veranstaltung soll noch stattfinden, eine Tagung zum 100. Jahrestag der Novemberrevolution. Die Referenten sind bereits geladen – darun- ter Hiko-Auflöserin Nahles. KLW

J. H. DARCHINGER / FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG
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Deutschland

Deutschland Nur schnell weg Asyl Seit Monaten drängte Horst Seehofer darauf, einen angeblichen Ex-Leibwächter von Bin

Nur schnell weg

Asyl Seit Monaten drängte Horst Seehofer darauf, einen angeblichen Ex-Leibwächter von Bin Laden loszuwerden. Nun hat Nordrhein-Westfalen den Gefährder in einer fragwürdigen Hauruck-Aktion abgeschoben. Der Rechtsstaat ist beschädigt.

A ls die Anwältin Seda Basay-Yildiz ihren Mandanten Sami A. am Freitag vor zwei Wochen in der

Abschiebehaftanstalt Büren be- suchte, traf sie auf einen aufgewühlten Mann. Er saß in Einzelhaft, sein Bruder und sein bester Freund durften ihn nicht mehr besuchen. Sami A. hatte Angst, nach Tunesien abgeschoben zu werden. »Sie müssen damit rechnen, dass die Be- hörden versuchen werden, uns auszutrick- sen«, sagte Basay-Yildiz dem Mann, der seit Jahren als angeblicher Ex-Leibwächter des Terrorpaten Osama Bin Laden Schlag- zeilen macht. »Sie müssen damit rechnen, dass sie Sie in einer Nacht-und-Nebel- Aktion holen kommen.« Sie gab ihm ihre Handynummer. Er solle sie auf jeden Fall anrufen, falls es so kommen sollte. Es kam so. Um drei Uhr morgens am Freitag ver- gangener Woche holte die Polizei den Ab- schiebehäftling ab und setzte ihn in einen gecharterten Jet nach Tunesien. Mit ihrer Aktion tricksten die Behörden nicht nur Sami A., 42, und seine Anwältin aus, sondern auch das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen. Die Richter hätten erst noch über die Abschiebung entscheiden müssen. Doch die Behörden warteten ih- ren Beschluss nicht ab. Nicht aus Versehen, nicht aus Schlamperei, wie in den vergan- genen Tagen vermutet wurde, sondern mit Absicht, wie Recherchen des SPIEGEL zei- gen. Man wollte Sami A. unbedingt los- werden und setzte alles daran, dass die Ab- schiebung diesmal nicht wieder scheiterte. Elf Jahre lang wurde Sami A. geduldet, ein Islamist, den man nicht nach Tunesien schicken konnte, wo man mit ihm viel- leicht kurzen Prozess gemacht hätte. Jetzt hat der Staat ihn ausgetrickst – und sich dabei gleich mit. Zu bedauern ist vielleicht weniger das Schicksal von A., zumal Tu- nesien demnächst zum sicheren Herkunfts- land erklärt werden könnte. Aber dass der Staat Grundsätze für Tricks opfert, ist mehr Verlust, als die Abschiebung eines Gefährders wert ist. Die Exekutive muss sich den Vorwurf gefallen lassen, die Justiz getäuscht zu ha- ben, um Fakten zu schaffen. Gegen sie ist Sami A. machtlos, weil nun tunesische Be- hörden über sein Schicksal entscheiden. Insbesondere der Apparat von Nord- rhein-Westfalens Flüchtlingsminister Joa- chim Stamp (FDP) agierte höchst fragwür- dig: Obwohl die Beamten das Datum des Abschiebeflugs kannten, teilten sie es auch auf Nachfrage offenbar weder dem Bun- desamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) noch dem Gericht mit. Ein klarer Verstoß gegen die bisherige Praxis. Aber die Affäre reicht weiter, bis nach Berlin. Bundesinnenminister Horst Seeho- fer (CSU) hatte Sami A. zur Chefsache er- klärt, selbst Kanzlerin Angela Merkel er-

wähnte den Fall im Bundestag. Dessen Ab- schiebung wird so zu einem Politikum: Es geht um die Frage, wie weit Politik und Behörden gehen wollen, aus Angst vor der vermeintlichen Stimmung auf der Straße. Die Antwort ist: sehr weit. Zu weit. Die Hauruck-Aktion passt zur bisheri- gen Politik Seehofers als Innenminister. Erst holte Bundespolizeichef Dieter Ro- mann mit seiner Rückendeckung den mut- maßlichen Mörder der 14-jährigen Susan- na aus dem irakischen Kurdengebiet zu- rück. Ein »Bild«-Reporter war mit an Bord, angeblich zufällig. Die Aktion kam bei großen Teilen der Bevölkerung gut an, sorgte aber im eigenen Ministerium für Verwunderung: Ist das jetzt der neue Weg, wie Strafverfahren beschleunigt werden? Dann Seehofers Belustigung darüber, dass an seinem 69. Geburtstag ausgerech- net 69 Afghanen abgeschoben wurden. Ei- ner brachte sich kurz nach der Landung um, ein anderer muss wieder nach Deutschland zurückgeholt werden, weil seine Abschiebung rechtswidrig war. Und nun der umstrittene Charterflug nach Tunesien vom Freitag vergangener Woche.

Sami A. wollte eine Moschee aufbauen, in einem ehemaligen Nagelstudio.

In Zeiten erregter Debatten um Migra- tion und Flüchtlinge stehen Seehofer und Stamp für eine bemerkenswerte Politik, in der der Zweck offenkundig viele Mittel heiligt, auch wenn dabei der Rechtsstaat beschädigt werden kann. Sami A. trägt einen Vollbart und ist Ka- ratekämpfer. Seit 2006 soll er das Land verlassen, eigentlich. Er ist ein Mann, der den Behörden als gefährlich gilt. Er ist das vielleicht beste Beispiel dafür, wie heraus- fordernd es ist, die Sicherheitsinteressen eines Landes mit den Grundrechten eines Einzelnen zu vereinbaren. Gerade wenn dieser Mensch wahrlich kein Unbeschol- tener ist. 1997 war er aus Tunesien nach Deutsch- land gekommen, an der Fachhochschule Krefeld studierte er Elektrotechnik. Zu- sammen mit vier anderen reiste er im De- zember 1999 nach Mekka. Eine harmlose Pilgerreise, sagte A. später. So richtig er- klären konnte er allerdings nicht, was er monatelang im Ausland getan hatte. Einer, der dabei war, wusste es angeblich genauer. Sami A. soll mit den anderen nach Afghanistan weitergereist und in einem La- ger der Qaida 45 Tage lang militärisch wie ideologisch gedrillt worden sein. Der Leiter des Lagers war Osama Bin Laden.

Der Student aus Deutschland soll es so- gar bis in die Leibgarde des Qaida-Führers geschafft und dabei immer eine Panzer- faust bei sich gehabt haben. So zumindest behauptete es der Mitreisende im Dezem- ber 2002, als er von Beamten des Bundes- kriminalamts vernommen wurde. Demnach habe Sami A. Hintermänner der Hamburger Zelle, die für die Anschlä- ge vom 11. September 2001 verantwortlich war, getroffen. Sami A. bestreitet bis heute diese Vorwürfe. Richter hielten den Zeu- gen in einem späteren Verfahren allerdings für »uneingeschränkt glaubwürdig«. Ob der 1,65 Meter große Sami A. tat- sächlich Bin Laden als Leibwächter diente, ließ sich abschließend nicht belegen. Doch das Etikett blieb an ihm kleben, auch Mer- kel benutzte es, als sie den Fall kürzlich in einer Regierungserklärung erwähnte. Ein nach deutschem Recht strafbares Verhalten konnten die Behörden Sami A. nicht nachweisen: 2006 eröffnete die Bun-

desanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen ihn, ein Jahr später stellte sie es wie- der ein. Die Ermittler hatten keine Beweise dafür gefunden, dass er in Deutschland eine terroristische Vereinigung unterstütz-

te. Für seine Reise um die Jahrtausendwen-

de konnten sie ihn nicht belangen, weil es damals nicht den Straftatbestand der Mit- gliedschaft in einer terroristischen Verei- nigung im Ausland gab. Deutschland versuchte, Sami A. loszu- werden. Die Ausländerbehörde Bochum verweigerte ihm 2006 eine weitere Auf- enthaltsgenehmigung als Student. Sami A. musste seinen Pass abgeben und sich fort- an jeden Tag bei der Polizei melden.

Er war nun ein Gefährder. Ein Mann, bei

dem die Sicherheitsbehörden jederzeit da-

von ausgehen, dass er eine »politisch mo- tivierte Straftat von erheblicher Bedeu- tung« begehen könnte. Seit 13 Jahren ist

A. immer wieder Thema im Gemeinsamen

Terrorabwehrzentrum, zuletzt im Juli. Sei- ne tatsächlichen Rechtsverletzungen be- schränkten sich auf den Verstoß gegen sei- ne Aufenthaltsauflagen. Zweifelsohne aber war oder ist A. ein Islamist und beliebter Prediger. Er wurde Abu al-Mujtaba genannt und wollte eine Moschee aufbauen, in einem ehemaligen Nagelstudio. Zwei Mitglieder der 2014 ab- geurteilten »Düsseldorfer Zelle« lauschten einst seinen Vorträgen; anscheinend auch junge Männer, die zum »Islamischen Staat« nach Syrien reisten. Selbst ein Kon- taktmann des späteren Berliner Attentä- ters Anis Amri soll zu seinen Schülern ge- hört haben, er war ein Informant der Poli- zei. Sami A. habe »weitreichende interna- tionale Kontakte« ins salafistische Milieu, heißt es in einem Ermittlungsbericht. Seit Kurzem bewertet die Polizei mit ei- nem Punktesystem (»Radar-iTE«), wie sie

islamistische Gefährder einstuft. Sami A. erreichte 11 Punkte. Ab 9 gehen die Be- hörden von einem hohen Risiko aus. Top- Gefährder erzielen über 20 Punkte.

Schon 2006 hatte Sami A. einen Asylan-

trag gestellt, der ein Jahr später abgelehnt wurde. Bis zum vorvergangenen Freitag wehrte er sich aber erfolgreich dagegen, das Land verlassen zu müssen. Sein Argu- ment, dem die Gerichte bislang folgten:

Als Terrorverdächtigem drohe ihm in Tu- nesien Folter. In Länder, in denen Häftlin- ge misshandelt werden, darf Deutschland nicht abschieben. Im Mai allerdings hatte das Bundesver- fassungsgericht im Fall eines anderen tu- nesischen Islamisten entschieden, dass die- ser abgeschoben werden dürfe. Es lag eine generelle Zusicherung aus Tunesien vor, wonach dort die Todesstrafe nicht voll- streckt werde. Am 20. Juni widerrief das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) dann das Abschiebeverbot für Sami A. Auch die Bundesregierung ging davon aus, dass man ihn nun endlich los- werden könne. Eine individuelle Zusiche- rung, dass er dort nicht gefoltert werde, hielt man in Berlin nicht mehr für zwin- gend nötig. Schon zuvor hatte das Land Nordrhein- Westfalen bei der Bundespolizei darum gebeten, einen Flug nach Tunesien vorzu- bereiten, für Sami A. wurde ein Linienflug für den 12. Juli gebucht. Am 29. Juni aber stornierte die Bundespolizei die Reservie- rung wieder, es gab Sicherheitsbedenken. Schließlich wurde am 9. Juli eine Challen- ger 604 gechartert. Der Privatjet sollte am Freitag, dem 13. Juli, abheben. Die Behörden sahen zunächst keine rechtlichen Probleme: Die 8. Kammer des Verwaltungsgerichts Gelsenkirchen hatte bereits bestätigt, dass die Abschiebeandro- hung der Ausländerbehörde formal recht- mäßig sei. Parallel war aber auch die Kam- mer 7a des Gelsenkirchener Gerichts mit dem Fall betraut. Sie sollte prüfen, ob eine Abschiebung auch aus inhaltlichen Grün- den möglich sei. Und diese Kammer hatte Zweifel. Vorsorglich erkundigten sich die Richter beim Bamf, ob der Linienflug für den 12. Juli noch gebucht sei. Falls ja, bitte man um eine sogenannte Stillhaltezusage, mit der das Bamf garantiert, Sami A. nicht ab- schieben zu lassen. Andernfalls werde das Gericht womöglich einen »Hängebe- schluss« fassen, dass Sami A. bis zur end- gültigen Entscheidung nicht abgeschoben werden dürfe. Das Bamf leitete die Frage an das nord- rhein-westfälische Flüchtlingsministerium weiter. Dort witterte man offenbar eine Gelegenheit und bediente sich eines Tricks. Der Flug vom 12. Juli sei storniert, antwor- tete das Ressort, was ja auch stimmte.

Deutschland

Dass für den Tag darauf bereits ein Charterflug organisiert war, verschwiegen die Beamten. Nach SPIEGEL -Informatio- nen geschah dies ganz bewusst. Zu groß war wohl die Verlockung, Sami A. nun los- zuwerden. Zu oft hatte der heutige Minis- ter Stamp in seiner Oppositionszeit den damaligen Innenminister Ralf Jäger (SPD) dafür kritisiert, dass er kein Abschiebever- fahren gegen Anis Amri eingeleitet hatte. Zu groß war wohl die Sorge, Sami A. kön- ne sich wie bereits andere vor ihm aus der Abschiebehaft absetzen. Und zu groß war womöglich die Angst vor negativen Schlag- zeilen, wenn es wieder nicht gelänge, den angeblichen Bin-Laden-Gefährten abzu- schieben. Das Bamf leitete die Auskunft aus Düs- seldorf mit dem Hinweis weiter, eine Still- haltezusage sei ja nun nicht nötig. Auch einen »Hängebeschluss« sahen die Richter nicht mehr als notwendig an. So befasste sich die 7a-Kammer am 12. Juli ausführlich mit dem Fall und kam am Abend zu dem Schluss: Sami A. darf vorläufig weiterhin nicht abgeschoben werden. Der Akte lag ein »Bild«-Artikel bei, in dem der tunesische Minister für Menschen-

Um 6.54 Uhr verließ der Jet den Flughafen. Medien waren informiert. Anders als die Justiz.

rechte versicherte, Sami A. drohe keine Fol- ter. Zu wenig, befanden die Richter in ei- nem 23-seitigen Beschluss. Es brauche eine »individualbezogene diplomatische Zusi- cherung« von tunesischer Seite. Trotz aller Fortschritte in Tunesien müssten Islamisten und Terrorverdächtige dort nach wie vor mit Folter rechnen. Auch die »teilweise sen- sationslüsternen« und »reißerischen« Pres- seberichte begründeten diese Gefahr: Einen angeblichen Ex-Bodyguard Bin Ladens könnten die tunesischen Sicherheitskräfte womöglich »in nicht menschenrechtskon- former Weise« verhören, so die Kammer. Da alle Mitarbeiter der Geschäftsstelle mittlerweile nach Hause gegangen waren, sollte der Beschluss erst am nächsten Tag den Verfahrensbeteiligten zugestellt wer- den. Die Richter wussten an dem Abend nicht, dass wenige Stunden später Sami A. aus seiner Zelle geholt werden sollte. Im Düsseldorfer Flüchtlingsministerium saß man an diesem Abend lange zusam- men, doch das Gericht meldete sich nicht. Als die Polizeibeamten Sami A. abhol- ten, fesselten sie ihn, obwohl er nach Aus- sage von Beteiligten keinen Widerstand leistete. Beamte der Ausländerbehörde verweigerten ihm offenbar Anrufe bei sei- nen Anwältinnen. Sein tunesischer An-

walt, Seif Eddine Makhlouf, sagte dem SPIEGEL : »Mein Mandant konnte bis zu- letzt nicht telefonieren.« Um 6.54 Uhr verließ die Maschine den Düsseldorfer Flughafen. Fotografiert von »Bild«-Journalisten, die offenbar bereits Tage zuvor über den Termin informiert waren. Anders als die Justiz. Um 8.10 Uhr übermittelte das Verwal- tungsgericht dem Bamf das vorläufige Ab- schiebeverbot. Fünf Minuten später er- reichte der Beschluss die Ausländerbehör- de in Bochum. Sie hätte versuchen müssen, die Abschiebung zu stoppen. Doch offenbar hat das keine der betei- ligten Behörden ernsthaft versucht. Zwar meldete sich die zuständige Ausländer- behörde in Bochum im Flüchtlingsminis- terium. Bis der Beschluss dann aber voll- ständig in Düsseldorf empfangen worden sei, so heißt es in Stamps Ministerium, sei es 9.21 Uhr gewesen. Zu spät: Um 9.14 Uhr hatte die deutsche Bundespolizei Sami A. den Sicherheitskräften Tunesiens übergeben. Hat man im Ministerium be- wusst auf Zeit gespielt? Landesminister Stamp gibt sich gelas- sen. »Ich bin mit mir und dem Handeln des Ministeriums im Reinen«, erklärt er. »Ich habe immer gesagt, dass wir alle recht- lichen Möglichkeiten ausschöpfen werden, um islamistische Gefährder außer Landes zu bringen. Dass wir das wirklich tun, kann niemanden überraschen.« Überrascht war allerdings das Verwal- tungsgericht Gelsenkirchen. Noch am Frei- tag vergangener Woche traf es eine Ent- scheidung, wonach Sami A. »unverzüg- lich« zurück nach Deutschland zu bringen sei. Dagegen hat die Stadt Bochum zwar Rechtsmittel eingelegt. Doch bis auf Wei- teres hat der Beschluss Gültigkeit.

Seehofer denkt nicht daran, nun dafür

zu sorgen, dass der Gefährder rasch wie- der nach Deutschland zurückgebracht wird. In den Gesprächen mit den Tune- siern solle zunächst nur ausgelotet werden, zu welchen Zusicherungen diese im Fall Sami A. bereit seien, sagte der Innenmi- nister. Tatsächlich könnte damit das Kalkül der Behörden aufgehen, sagt Klaus Dienelt, Verwaltungsrichter aus Darmstadt und Be- treiber des Internetportals Migrations- recht.net: »Wenn es in den nächsten Wo- chen keinerlei Hinweise auf Folterung des Mannes gibt, dann entfällt die Grundlage des Beschlusses.« Allerdings hätten die Ämter damit »die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwi- schen Gerichten und Behörden« massiv erschüttert. »Und das ist nicht in Ord- nung«, so Dienelt. Wer dem Bundesinnenminister in den vergangenen Monaten zuhörte und Bou- levardberichte über den Fall Sami A. las,

NRW-Flüchtlingsminister Stamp Innenminister Seehofer
NRW-Flüchtlingsminister
Stamp
Innenminister
Seehofer

Abgeschobener

Sami A.

RICCI SHRYOCK

RICCI SHRYOCK IN DER SPIEGEL-APP Zukunft aus Ruinen Guinea-Bissau ist ein Kleinstaat im Westen Afrikas und

IN DER SPIEGEL-APP

RICCI SHRYOCK IN DER SPIEGEL-APP Zukunft aus Ruinen Guinea-Bissau ist ein Kleinstaat im Westen Afrikas und
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Zukunft aus Ruinen

Guinea-Bissau ist ein Kleinstaat im Westen Afrikas und bisher nur für Kokainschmuggel bekannt. Die Por- tugiesen haben das Land über Jahrhun- derte geprägt: Noch heute zeugen Prachtbauten von der kolonialen Vergangenheit. Doch die Fassaden bröckeln, und die Bauten drohen zu verfallen. Junge Architekten kämp- fen dagegen an – ihr Ziel: Dem Alten, der kolonialen Geschichte, wollen sie ein neues Afrika, die Zukunft ent- gegensetzen.

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Story im digitalen SPIEGEL, oder scannen Sie den QR-Code. JETZT DIGITAL LESEN Deutschland konnte glauben, dass

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Deutschland

konnte glauben, dass es Deutschland so gut wie nie schaffe, Gefährder außer Lan- des zu bringen – »Abschiebe-Wahnsinn«, schrieb die »Bild«-Zeitung. Tatsächlich aber gelang es seit Anfang 2017 bereits, 91 Gefährder und sogenannte relevante Personen aus der Islamistensze- ne abzuschieben – viel mehr als in den Jahren davor. Mit den Zielländern wurden Vereinbarungen getroffen, die Behörden waren mutiger, die Abschiebeparagrafen des Gesetzes zu nutzen. Gleichwohl erklärte Seehofer bald nach seinem Amtsantritt im Frühjahr den Fall Sami A. zu einer Angelegenheit, um die er sich persönlich kümmern werde. Dass es dem deutschen Staat elf Jahre lang nicht gelinge, einen Islamisten abzuschieben, das wolle ihm nicht in den Kopf. Er wolle die endlose Spirale aus Ge- richtsurteilen und Verfügungen und neuen Gerichtsurteilen durchbrechen und end- lich handeln. Seehofers Staatssekretär Hel- mut Teichmann legte sich fest: Er gehe da- von aus, dass Sami A. bis zum Sommer nach Tunesien zurückgeschickt werde. Es sollte ein Signal sein, dass die Zeiten eines vermeintlich zu laschen Staates vor- bei seien und es nun eine »Asylwende« gebe. »Wir können nicht so verfahren wie in der Vergangenheit«, sagte Seehofer vor Abgeordneten, »sonst verlieren wir die Unterstützung der Bevölkerung.« Dem Innenminister war der Fall Sami A. so wichtig, dass er sich von seinen Leu- ten ständig über die Entwicklung unter- richten ließ. Umso erstaunlicher ist, dass Seehofer und sein Ministerium in der ver- gangenen Woche verschiedene Versionen verbreiteten, ob der Ressortchef nun von der Abschiebung vorab informiert war oder nicht.

Erst wusste er nichts, dann sollte er doch

zwei Tage zuvor davon erfahren haben. Die letzte Version lautete: Er habe kurz vor einem Flug nach Innsbruck einen Ver- merk gelesen. In dem stand zwar, dass nach Informationen der Bundespolizei am Freitag die Abschiebung über die Bühne gehen könnte. Es habe aber trotz Nachfra- gen noch keine feste Bestätigung aus Nord- rhein-Westfalen gegeben. Erst nach dem Start des Abschiebefliegers sei er im Bilde gewesen, sagte der Minister. Seehofer wirkte angeschlagen, als er zum Fall Sami A. befragt wurde. Seit Ta- gen wähnt er eine Kampagne gegen sich, fühlt sich missverstanden. Die Medien soll- ten sich doch gefälligst an die Fakten hal- ten, meckerte er. Was er da alles über sich lesen müsse! Aus seiner Sicht ist alles rechtmäßig ge- laufen. Doch den Applaus, den er sich für die Aktion wohl versprochen hatte, den gibt es nicht. Es gab ihn nicht für seinen Master- plan, nicht für seinen Spruch über die 69

Afghanen und auch nicht für sein Beharren, dass Flüchtlinge, die schon in anderen EU- Staaten Asyl beantragt hatten, sofort an der Grenze abgewiesen werden müssten. Das Horrorszenario für Seehofer und Stamp ist nun nicht, dass der Vorgang recht- lich kritisiert wird. Es lautet, dass Sami A. zurück nach Deutschland kommen muss. So liegen ihre Hoffnungen auf den Be- hörden in Tunesien. Wie praktisch, dass diese den Mann nun unter keinen Umstän- den hergeben wollen. »Sami A. hat die tu- nesische Staatsangehörigkeit, wir sind für ihn zuständig und niemand sonst«, sagt Sofiane Sliti, Sprecher der Anti-Terror-Be- hörde. Seit Anfang 2018 ist A. in Tunesien wegen Terrorverdacht zur Fahndung aus- geschrieben. »Tunesien ist ein souveräner Staat, wir sind verpflichtet, diesen Fall jetzt hier zu prüfen.«

Sliti ist im Hauptberuf Richter. Er hat

seinen Familienurlaub unterbrochen, seit- dem hier die Wellen hochschlagen. Er emp- fängt in einem verspiegelten Glasbau am Flughafen von Tunis, versteckt hinter ho- hen Hecken und Stacheldraht. Hier, in diesem Raum, hinter vergitter- ten Fenstern, unter einem Gemälde mit den goldenen Lettern der tunesischen Na- tionalhymne, wurde Sami A. am Dienstag- morgen zum ersten Mal befragt. 15 Tage lang können ihn die Behörden in Tunis festhalten, bei akutem Verdacht auch län- ger. »Er zeigte keine Spuren von Folter«, sagt Sliti, das habe ein Arzt bestätigt; die Nächte verbringe er im Untersuchungsge- fängnis Gurjani, neben aus Syrien zurück- gekehrten IS-Kämpfern und weiteren Ter- rorverdächtigen aus Europa. Für Slitis Behörde, die dem Justizminis- terium untersteht, kommt Sami A. wie ge- rufen. Mit diesem Fall will Tunesien be- weisen, dass es Gefährder und Terroristen nicht nur produziert, sondern ihnen auch den Prozess macht. »Wir sind eine junge Demokratie«, sagt Sliti stolz, »mit einer gut funktionierenden Justiz und fairen Pro- zessen, ebenso gut wie unser Wetter.« Sami A., versichert Sliti, werde in Tunis ein faires Verfahren bekommen, sollte sich der Verdacht gegen ihn erhärten. »Er ist in guten Händen, glauben Sie mir.« Also haben die Richterkollegen in Gel- senkirchen falsch entschieden? Kann man ausschließen, dass Sami A. in seiner Hei- mat Folter droht? »Bien sûr«, selbstverständlich, sagt Sliti. »In Tunesien wird nicht gefoltert. Das ist eine rote Linie, die wir nicht überschreiten. Sami A. ist nicht mehr eure Angelegenheit, das ist jetzt ein tunesischer Fall.«

Jürgen Dahlkamp, Jörg Diehl, Fiona Ehlers, Mirco Keilberth, Martin Knobbe, Roman Lehberger, Fidelius Schmid, Andreas Ulrich, Wolf Wiedmann-Schmidt

Rosenzweig & Schwarz, Hamburg

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Deutschland

Bitterer Triumph

Rivalen Angela Merkel hat sich im Machtkampf mit Horst Seehofer spektakulär durchgesetzt. Wird sich die Union davon jemals erholen? Von René Pfister

G ibt es Siege, an denen man zugrun- de geht? Als Edmund Stoiber im

Jahr 2003 bei der bayerischen Land- tagswahl 60,7 Prozent holte und damit die Zweidrittelmehrheit im Landtag, war dies, im Rückblick betrachtet, nur die Ouver- türe des Niedergangs. Drei Jahre später wurde der CSU-Chef, auch wegen seiner unerschütterlichen Machtarroganz, von den eigenen Leuten gestürzt. Guido Wes- terwelle erreichte für die FDP bei der Bun- destagswahl 2009 sensationelle 14,6 Pro- zent, doch im Überschwang des Sieges verlor die Partei jedes Maß und flog vier Jahre später aus dem Parlament. Nun hat sich Angela Merkel geradezu spektakulär gegen die CSU durchgesetzt:

Was sie der »Schwesterpartei« abtrotzte, waren mehr als nur ein paar Zugeständ- nisse, sie zwang Horst Seehofer dazu, sei- ne eigenen Worte aufzuessen wie trockene Knödel. Um das ganze Ausmaß der baye- rischen Niederlage zu ermessen, muss man sich nur noch einmal kurz vergegenwärti- gen, dass dieselbe Partei, die ultimativ und per Vorstandsbeschluss Zurückweisungen an der Grenze gefordert hat, nun genau auf jene verzichtet und der Innenminister, anstelle der Kanzlerin, jene »europäische Lösung« verhandeln muss, die er selbst als unrealistisch abgelehnt hat.

Es gibt sicherlich keinen Grund für Mit-

leid mit der CSU. Der Anlass der Revolte war genauso nichtig wie die Umsetzung stümperhaft, aber die Folgen der Chaos- wochen, die hinter CDU und CSU liegen, werden die Republik noch lange beschäf- tigen. Denn unter den Trümmern des Streits wurde die Frage begraben, wie sich die Union zu der neuen Konkurrenz von rechts verhalten soll; zur Debatte stand, ob man die AfD als Gegner annimmt oder rechts liegen lässt. Noch grundsätzlicher formuliert: ob die Union überhaupt den Anspruch hat, das rechte demokratische Spektrum anzusprechen. Noch besteht die Chance, eine Zerrüttung des konservati- ven Lagers zu verhindern, wie sie viele Nachbarländer schon durchgemacht ha- ben. Aber es braucht nicht mehr viel, und von der Union steht nur noch eine rau- chende Ruine. Natürlich ist der Streit zwischen CDU und CSU systemimmanent, schon häufiger

lag das Wort Bruch in der Luft. Doch fast immer schafften es die beiden Parteien, die Reibung für sich zu nutzen: indem die CSU mit ihrer krachledernen Sprache jene Wähler ansprach, die die CDU für etwas zu fein hielten; und umgekehrt die CDU jene bayerischen Unionswähler anzog, de- nen die Präpotenz der Christsozialen im- mer etwas peinlich war. Erst in der Ära von Merkel und Seeho- fer gerieten die Dinge ins Rutschen, was, einerseits, natürlich an ihrem verkorksten Verhältnis liegt. Wer Seehofer kennt, der weiß, dass ihm der Gedanke, Merkel warte nur auf den richtigen Moment, ihn ins Grab zu stürzen, fast schon zur Obsession geworden ist. Andererseits fehlt Merkel das Gespür für die bayerische Gemüts- verfassung, wo Aufwallung und Sentimen- talität schon immer ganz nahe beieinan- derlagen, weswegen es ratsam ist, nicht jedes Wort gleich auf die Goldwaage zu legen. Aber es ist eben nicht nur die gegensei- tige Abneigung, die den Graben so weit aufgerissen hat. Von Beginn der Flücht- lingskrise an haben beide den Konflikt mit geradezu selbstzerstörerischer Lust ange- heizt. Seehofer, indem er Merkel vorwarf, an den deutschen Grenzen eine »Herr- schaft des Unrechts« zu dulden. Und Mer- kel, weil sie den Konflikt mit der CSU zu einem Kampf zwischen Humanität und Abschottung stilisierte. In ihrer Argumen- tation gab es keinen Mittelweg: Offene Grenzen standen gegen Schießbefehl und Stacheldraht. Wie sollte da ein Kompro- miss gelingen? Es ist ein Muster, das sich nun wieder- holte. Merkel tat so, als ginge es bei dem Streit mit Seehofer nicht um drei lächer- liche Grenzposten, sondern um die Zu- kunft Europas. Ihre Generalsekretärin An- negret Kramp-Karrenbauer verfasste für die »Frankfurter Allgemeine« eine Eloge auf Helmut Kohl, bei deren Lektüre man den Eindruck gewinnen konnte, in Mün- chen werde schon der Austritt aus der EU vorbereitet. »Wir werden Helmut Kohl und seiner historischen Leistung nicht ge- recht, wenn wir es bei dankbarer Erinne- rung belassen«, schrieb sie, was nicht ohne Komik war, denn zu Lebzeiten Kohls ver- zichteten Merkel und ihre Leute liebend gern auf Ratschläge aus Oggersheim.

Die moralische Aufladung nutzte von Anfang an vor allem der AfD, der es so leicht gemacht wurde, Merkel als gesin- nungsethisch verblendete Kosmopolitin darzustellen. Die Angriffe der AfD wur- den im Laufe der Zeit so maßlos und het- zerisch, dass sie Merkel in ihrer Auffassung bestärkten, es sei ganz und gar vergebens, sich um die Wähler der Partei zu bemühen.

Das ist nun das Dilemma: Merkel hat

sich mit der Existenz der AfD abgefunden, sie will die CDU als Partei der Mitte posi- tionieren, und je klarer sie sich von der AfD abgrenzt, so das Kalkül, umso attrak- tiver wird sie für Wähler des gemäßigten linken Lagers. Die CSU aber muss die AfD bekämpfen, will sie jemals wieder die ab- solute Mehrheit in Bayern holen, doch wenn sie es tut, dann wird ihr von der CDU der Vorwurf gemacht, dies mache nur die Populisten stark. Alles hat sich zu einem unentwirrbaren Knoten zusammen- gezogen. Es ist ja nicht so, dass Merkel sich in der Sache nicht auf die CSU zubewegt hätte. Sie reicht inzwischen die Hand zu Asyl- zentren in Europa und »Ausschiffungs- plattformen« in Nordafrika, die Migranten aufnehmen sollen, die aus dem Mittelmeer gerettet wurden. Merkel findet sogar, dass Viktor Orbán mit dem Bau von Stachel- drahtzäunen Europa einen Dienst erwie- sen habe. Das Verrückte ist, dass all dies nicht durchdringt, weil Merkel die faktische Wende nie mit einer rhetorischen verband. Sie beharrt darauf, dass alle grundlegen- den Entscheidungen ihrer Flüchtlingspoli- tik richtig waren, auch wenn sie sich durch praktisches Handeln längst dementiert hat. Merkel weiß, dass die Szenen aus dem Sommer 2015, die Blumen am Münchner Bahnhof und die Selfies mit den Flüchtlin- gen aus Syrien, für immer mit ihrer Kanz- lerschaft verbunden bleiben werden. Die- selben Bilder, die bei der AfD (und Teilen der CSU) als Beleg für ihre Entrücktheit gelten, sind im Ausland der Ausweis einer großen humanitären Geste. Als sie Ende Juni – auf dem Höhepunkt des Streits mit der CSU – nach Amman und Beirut reist, wird sie dort empfangen wie eine Heilige. Am Abend ihres Besuchs im Libanon lädt die britische Botschaft im Containerhafen

TOBIAS SCHWARZ / AFP
TOBIAS SCHWARZ / AFP

Parteichef Seehofer, Kanzlerin Merkel: Er musste seine Worte aufessen wie trockene Knödel

der Stadt zu einem Empfang anlässlich des Geburtstags der Queen. Es ist eine Party von britischer Lässig- keit, unter riesigen Frachtkränen werden Drinks gereicht. Die diplomatische Szene der Stadt hat sich versammelt, und jeder, mit dem man spricht, ist voller Bewunde- rung für Merkel, die letzte Bastion gegen den Irrsinn der Weltpolitik. Wenn Seeho- fer aufgetaucht wäre, hätte man ihn wo- möglich mit einen Stein um den Hals ins Hafenbecken geschmissen. Von Winston Churchill stammt der Satz, dass es im Krieg Entschlossenheit brauche, in der Niederlage Trotz und im Sieg Groß- mut. Merkel hat im Streit mit der CSU noch einmal ihre ganze Nervenstärke be- wiesen und ihr taktisches Vermögen, aber sie hat dabei einen Sieg errungen, an dem die CDU keine Freude haben wird. Er hin- terlässt eine gedemütigte CSU, die der AfD nichts mehr entgegenzusetzen hat. Wenn schon der ewig streitlustige Markus

Söder sagt, man müsse nun wieder »Form und Stil« wahren, dann ahnt man, wie groß die Verzweiflung in München ist. Es ist keine Frage, dass sich die CSU die- se Blamage in erster Linie selbst zuzu- schreiben hat. Weil er im Jahr 2015 nicht die nötige Entschlossenheit aufgebracht hatte, sich gegen Merkel zu wehren, zet- telte Seehofer nun eine Art nachholende Revolution an, die so außer Kontrolle ge- riet, dass sich am Ende auch noch der größ- te Merkel-Hasser in der CDU gezwungen sah, sich zur Kanzlerin zu bekennen. Aber es ist zu einfach, alles auf die Tölpelhaftig- keit der CSU zu schieben: Die geradezu todessehnsüchtige Wut, die sich in der CSU Bahn brach, speiste sich aus der Er- kenntnis, dass Merkel nicht die geringste Anstrengung unternimmt, auf die Nöte der CSU Rücksicht zu nehmen. Parteien können aufsteigen und verge- hen, das gehört zur Demokratie. Aber ist es wünschenswert, dass die Ära der Volks-

parteien zu Ende geht? Die SPD ist auf dem Weg des Niedergangs schon weit vo- rangekommen, und es ist eine Illusion zu glauben, dass eine Union, die alle ideolo- gischen Wurzeln kappt, in Zukunft so stabil sein wird wie in den vergangenen 70 Jahren. Man muss gar nicht ins Ausland schauen, um zu sehen, wie schnell sich das Parteiengefüge verschiebt. Ein Blick nach Sachsen, wo die AfD bei der Bundestags- wahl vor der CDU lag, genügt völlig. Noch ist Deutschland in einem Zwischen- reich, das Alte ist nicht vergangen und das Neue noch nicht da. Noch kann die Union wählen, welchen Weg sie einschlägt. Dazu gehört allerdings, dass sich CDU und CSU darauf verständigen, wer sie eigentlich sein wollen. Merkel und Seehofer wird das nicht mehr gelingen, das haben sie mehr als ein- mal bewiesen. Sie gehören der Vergangen- heit an. Dies zu verstehen wäre ein erster Schritt in die Zukunft.

Deutschland

DIETER MAYR / DER SPIEGEL
DIETER MAYR / DER SPIEGEL

»Angela Merkel ist eine Wellenreiterin, und zwar die beste der Welt«

SPIEGEL-Gespräch Der CSU-Veteran Peter Gauweiler, 69, über die Krise seiner Partei, die Wendigkeit der Kanzlerin und die Empfindlichkeit der bayerischen Seele

RICHARD SCHULZE-VORBERG

SPIEGEL: Herr Gauweiler, Sie sind seit 50 Jahren in der CSU, Sie waren Minis- ter, Strauß-Intimus, Parteirebell. Können Sie sich erinnern, dass die Partei je zuvor in einer Krise wie der aktuellen gesteckt hat? Gauweiler: O ja, früher ging es noch viel härter zu. Nicht nur sprachlich, sondern auch was die inhaltlichen Entzweiungen anging, vom Trennungsbeschluss in Wild- bad Kreuth bis zur Frage von Kanzlerkan- didaturen. Auch die Debatten der Fünfzi- gerjahre zwischen kirchlich-konservativen und liberal-konservativen CSU-Kreisen wurden mit einer Schärfe geführt, die viele Herrschaften heute gar nicht mehr ertra- gen würden. SPIEGEL: Für Ihre Beispiele muss man schon sehr tief ins Parteiarchiv steigen. Gauweiler: Die Lage war sicher schon bes- ser. Aber die CSU ist trotzdem bis heute ein Spiegelbild des Bayerischen. SPIEGEL: Glaubt man den Umfragen, ist die CSU nur noch ein Spiegelbild von 38 Prozent der bayerischen Wähler. Gauweiler: Auch diese Tiefen haben wir schon bei den Wahlen in den Fünfziger- jahren unterschritten. SPIEGEL: Dann dürfen wir also in

etwa 60 Jahren mit einem Come- back der CSU rechnen. Gauweiler: Da müssen Sie nicht 60 Jahre warten, sondern nur bis zur Landtagswahl. Ich wette, dass wir die absolute Mehrheit erreichen. SPIEGEL: Das ist sehr wagemutig von Ihnen. Gauweiler: So ängstlich kenne ich den SPIEGEL gar nicht! Dabei müs- sen Sie nur in Ihr Archiv schauen. Nach der SPIEGEL -Affäre, die Franz Josef Strauß das Amt des Ver- teidigungsministers gekostet hat, sagten auch alle, die CSU sei am Ende. Aber dann kam einer der größten Wahlerfolge. Willy Brandt sagte später in einer Mischung aus

Empörung und Resignation: In Bay- ern gehen die Uhren anders. SPIEGEL: Mit etwas Distanz betrachtet:

Wie konnte der Streit von CDU und CSU über die Flüchtlingspolitik dermaßen au- ßer Kontrolle geraten? Gauweiler: Manchmal qualmt der Zorn mächtig, das ist nicht unbayerisch. Wenn dann auf der anderen Seite die große kühle Maria Theresia aus dem Norden steht, die schon alles und alle überstanden hat, haben es unsere Leute eben nicht leicht. Aber un- ser Zorn verraucht auch wieder schnell. SPIEGEL: Nachdem der Rauch sich verzo- gen hat, zeigt sich: Die CSU hat verloren. Gauweiler: Keinesfalls. Eben waren wir bei den Haltungsnoten, jetzt geht es an die inhaltliche Bewertung. Gönnen Sie mir doch das gute Gefühl, die CSU endlich wieder verteidigen zu können: Im vergan-

genen Vierteljahr haben unsere Leute ei- nen Koalitionsvertrag mit der SPD durch- gesetzt, der klar CSU-Handschrift trägt, mit dem sich die Sozialdemokratie in der Innenpolitik wieder in die Tradition von Otto Schilys Sicherheitsgesetzen begibt. Es wird ein strengeres Grenzregime und schnellere Abschiebungen geben, und auf EU-Ebene haben 28 Staaten auf unseren Druck hin eine neue Tonlage angestimmt. Eine »europäische Lösung« der Migra- tionsfrage bedeutet heute eine restriktive Lösung. SPIEGEL: Nur hat die CSU völlig andere Schritte versprochen und ihre Glaubwür- digkeit damit verknüpft. Ständig hieß es:

Europäische Lösungen funktionieren nicht. Wenn Angela Merkel nicht binnen zwei Wochen liefert, weisen wir Flüchtlinge ein- seitig an der deutschen Grenze zurück. Nichts davon ist eingetreten. Gauweiler: Sie lassen sich vom Affentanz in Berlin ablenken, wie alle Hauptstadt- journalisten. SPIEGEL: Markus Söder hat es zum »End- spiel um die Glaubwürdigkeit« erklärt, dass es Zurückweisungen an der Grenze geben soll. Die wird es vorerst nicht geben.

zung liegt in den Händen eines Bundes- innenministers und eines bayerischen In- nenministers, die beide von der CSU sind. Die werden gut liefern können. SPIEGEL: Nach der Bundestagswahl hatten Sie Horst Seehofer noch den Rücktritt na- hegelegt. Mit Verlaub, haben vielleicht nur Sie die Wende im Kopf vollzogen?

Gauweiler: »Horst, es ist Zeit«, diese Aus- sage habe ich getätigt, weil es unumgäng- lich war, dass die CSU Konsequenzen aus dem blamablen Abschneiden bei der Bun- destagswahl zieht. Anders als die CDU ha- ben wir diese Diskussion geführt, bekannt- lich mit harten Konsequenzen für die Be- troffenen an der bayerischen Staatsspitze. Nur was das Parteiamt angeht, hat Seeho- fer sich anders entschieden und unter Be- weis gestellt, dass es ein Leben nach dem politischen Tode gibt. SPIEGEL: Im Asylstreit kündigte er seinen Rücktritt an, trat dann davon wieder zu- rück. Wie glaubwürdig ist man damit? Gauweiler: Sie sprechen hier mit einem erfahrenen Zurücktreter. Meine Haltung ist: Man darf die Leute und sich selbst nicht betrügen. Wenn ich nichts mehr durchsetzen kann, muss ich die Konse- quenzen ziehen. Aber genauso rich-

tig ist auch, dass ein guter Politiker mehrere Tode vor dem eigentlichen Tod sterben muss. Es wollte ja die Mehrheit, dass Seehofer Parteichef bleibt. Ich hätte mir ein Plebiszit in der CSU gewünscht, aber es fehlte der Gegenkandidat. Also darf man sich nicht beklagen, wenn Seehofer einfach stehen bleibt. SPIEGEL: Ging es beim Asylstreit nicht vor allem darum, Merkel zu stürzen? Gauweiler: Das hat sicher auch eine Rolle gespielt. Merkels Alternativ- losigkeit in ihrer Partei ist ja auch ein Problem. Die CDU wird in Zu- kunft ein Headhunting im eigenen Laden machen müssen, damit ihr Personal endlich wieder die ganze Breite an Begabungen abbildet. SPIEGEL: Fehlt den CDU-Rebellen der Kampfgeist? Gauweiler: Klar, kämpfen muss man, aber es muss auch eine Form geben, die solche demokratischen Kämpfe überhaupt zu- lässt. Ich habe den Bundestag verlassen, weil ich gemerkt habe, dass durchweg alle Entscheidungen ganz woanders getroffen werden. Dass das Parlament mehr und mehr Dekoration wird, ist ein ganz großes Übel unserer Zeit. SPIEGEL: Die CSU-Revolte hat jedenfalls nichts gefruchtet, die Wagenburg der CDU ist geschlossen und Merkel wieder stark. Gauweiler: Das ist sicher eine gemütliche Wagenburg, wo sich Insassen wie Armin Laschet und Jens Spahn gegenseitig bewa-

Insassen wie Armin Laschet und Jens Spahn gegenseitig bewa- Rivalen Strauß, Kohl 1984: »Manchmal qualmt der

Rivalen Strauß, Kohl 1984: »Manchmal qualmt der Zorn«

Gauweiler: Niemand kann bestreiten, dass die vergangenen Wochen Schatten gewor- fen haben. Wir haben aber jetzt inhaltlich eine völlig neue Debatte, einen veritablen Mentalitätswechsel in Deutschland und Europa, den Horst Seehofer im Parforce- ritt erwirkt hat. Dazu kommt die Wieder- einführung der Grenzpolizei in Bayern, die ich schon lange fordere, deren Beamte nun von ihrem Zentrum in Passau aus den Dienst antreten. SPIEGEL: Die dürfen freilich nur auf Berli- ner Weisung tätig werden. Gauweiler: Das ist unser Schicksal seit 1871. Natürlich ist das alles mühselig, alles kleine Schritte, aber die sind besser als gro- ße Sprüche. Unter dem Strich erleben wir eine Wende im Kopf, und deren Umset-

chen, viel Vergnügen! Ich vermute, das Thema bleibt uns erhalten. SPIEGEL: Trotzdem erinnert der Unions- Streit an ein Bonmot von Helmut Kohl:

»Wenn der bayerische Löwe brüllt, verbrei- tet er nur noch Mundgeruch.« Gauweiler: Sehr charmant! Der bayeri- sche Löwe steht ziemlich kräftig da, mit sehr guten Zähnen. Aber was stimmt, ist:

Seehofer ist Merkel in die Falle gegangen. SPIEGEL: Wie sah diese Falle aus? Gauweiler: Sie wurde öffentlich im Fernse- hen gestellt, bei Anne Will. In dem Inter- view kam erstmals die Frage nach dem »Masterplan«. Da gab die Kanzlerin mit lie- benswürdigstem Lächeln bekannt, dass es leider, leider noch Abstimmungsbedarf bei diesem Plan und mit dem verantwortlichen Innenminister gebe. Und unser Horst saß in der medialen Falle. Er durfte in den nächsten Tagen niemandem seinen Plan zeigen, und Merkels Büchsenspanner sorgten dafür, dass sich darüber alle vor Lachen schüttelten. SPIEGEL: Der arme Horst. Gauweiler: Es ging ja noch weiter: Am Mitt- woch darauf stand der sogenannte Integra- tionsgipfel an, ein typischer Werbeagentur- termin. Seehofer hatte zu Recht abgesagt, weil da eine Lady auftreten sollte, die seine Heimatpolitik in die Nähe von »Blut und Boden« gestellt hatte. Wen sah man dann abends in den Nachrichten, auf dem Ehren- platz neben der Kaiserin? Genau: diese Journalistin. Das war der nächste Pfeil. SPIEGEL: Vielleicht sollte Seehofer einfach nicht so empfindlich sein. Gauweiler: Selber schuld, sagt der sonst so einfühlsame SPIEGEL. Mal ehrlich: Wie hätten Sie reagiert? SPIEGEL: Die Falle von Merkel war also, dass sie zu wenig Rücksicht auf Seehofers Gemütslage genommen hat? Gauweiler: Hier wurde eiskalt emotional eskaliert. Gegenüber einem Mann, der erst vor sechs Monaten einen politischen Teil- tod erlitten hatte, der als CSU-Chef in we- nigen Wochen eine schwierige Wahl beste- hen wird müssen. Sie können sagen, dass Seehofer eine Schwäche für persönliche Eskalationen hat. Abgesehen davon, dass wir das alle haben: Angela Merkel spielte mit dieser Schwäche. SPIEGEL: Trotzdem ist es kein angeneh- mer Gedanke, dass die Emotionen einzel- ner Personen eine Regierung an den Rand des Abgrunds bringen. Gauweiler: Willy Brandt ist im Streit um eine Pressereferentin zurückgetreten. Auch in der Politik kann der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Orkan auslö- sen. Aber hier zählt eben auch, wer die Ursache gesetzt hat. SPIEGEL: Hat Merkel nicht einfach stärke- re Nerven als nahezu alle Unionsmänner?

* Mit den Redakteuren Melanie Amann und René Pfister in München.

Deutschland

Gauweiler: Sie ist viel uneitler als die Ber- liner Mannsbilder zusammen, das ist ein großer Vorteil, und sie kommt aus einer Gemeinschaft mit moralisch-protestanti- schem Violinschlüssel. So ein Leben muss man als Familie erst mal durchstehen: in die DDR rüberzugehen und dort das Evan- gelische durchzuhalten, aber sich mit dem System zu arrangieren. Merkel hat damals Prüfungen bestanden, vor denen andere Menschen nie stehen. Und so geht sie eben beim Mauerfall demonstrativ cool in die Sauna, während alle anderen sich in den Armen liegen. Wenn ich sie Maria There-

»Sie können sagen, Seehofer hat eine Schwäche für persönliche Eskalationen. Merkel spielte damit.«

sia nenne, ist das durchaus als Kompliment gemeint. Aber die Wittelsbacher hatten es unter Maria Theresia eben auch schwer. SPIEGEL: Hinter dem Asylstreit stand die fundamentale Frage, ob die Union für den demokratischen rechten Rand zuständig ist. Die CDU sagt Nein, die CSU Ja. Gauweiler: Stimmt, und meine Antwort kennen Sie. Es muss in einer Demokratie, die von kontroversen Debatten lebt, auch eine demokratische Rechte geben dürfen. Neulich habe ich in der »Süddeutschen Zeitung« über eine junge lesbische Frau mit Migrationshintergrund gelesen, die in der CDU-Reformkommission sitzt. Die wurde mit dem Satz zitiert: »Ich habe das Gefühl, ich stehe hier, und die CDU kommt mir immer mehr entgegen.« Das ist mit Si- cherheit so. Aber ich wünsche mir von der CDU ein Nachdenken, von wem sie sich dabei immer mehr entfernt. Wir hatten früher die Metapher von der Partei als »Leuchtturm«. Die CDU muss aufpassen, dass sie kein Leuchtturm auf Rädern wird. SPIEGEL: Vielleicht kann die Union in ei- ner modernen, individualisierten Gesell- schaft nicht mehr alle abbilden. Gauweiler: Wir haben doch als Union im- mer alle abgebildet, wir waren keine Partei, sondern eine Sammelbewegung, die wie

DIETER MAYR / DER SPIEGEL
DIETER MAYR / DER SPIEGEL

Gauweiler beim SPIEGEL-Gespräch*

»Wie hätten Sie reagiert?«

ein großer Biergarten die unterschiedlichs- ten soziologischen Gruppen zusammen- führt. Und da gehört die freiheitliche Rech- te dazu, das müsste beispielsweise Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier von sei- nem Ziehvater Alfred Dregger und dessen »Stahlhelm-Fraktion« gelernt haben. Auch wenn er jetzt mit den Grünen koaliert. SPIEGEL: Wenn die CDU die Rechte nicht mehr will – ist es nicht Zeit, dass die Schwesterparteien getrennte Wege gehen? Gauweiler: Nein. Die Diskussion haben wir zweimal sehr intensiv geführt, einmal in den Siebzigerjahren und noch mal 1990. Ich war 1976 für die Trennung, und 1990 wollte ich, dass wir in den neuen Ländern eigenständige CSU-Formationen gründen. SPIEGEL: Was spricht dagegen, es jetzt zu tun? Gauweiler: 1990 hatte sich ein weißer Fleck auf der parteipolitischen Karte auf- getan. Das ist vorbei. Heute konzentrieren wir uns auf die alt-neue Kraft einer groß- artig gewachsenen Regionalität, die Bava- rität. Small is beautiful. Und Europa als die Schweiz der Welt. Außerdem geben mir Entwicklungen wie in Italien schon zu denken. Ist das wirklich die Zukunft? SPIEGEL: Was genau meinen Sie? Gauweiler: Unsere einst größte und wich- tigste Schwesterpartei, die Democrazia Cristiana, war Italiens Stabilitätsanker. Sie ist verschwunden, es gibt sie nicht mehr. Wo die Christlichen-Demokraten waren, klafft ein so tiefer Schlund, da erkennen Sie den Boden gar nicht mehr. Stattdessen regiert dort jetzt eine Koalition quasi aus Piratenpartei und AfD. Lassen Sie einen alten Konservativen wie mich sagen: Da- für dürfen wir unsere Union nicht aufs Spiel setzen. Das geht sonst an die demo- kratische Substanz in Deutschland. SPIEGEL: Die CSU hat mit Ihnen als Ga- lionsfigur bei der Europawahl 2014 eher schwach abgeschnitten. Sind die Deut- schen einfach zu liberal und europafreund- lich für die Gauweiler-CSU geworden? Gauweiler: Galionsfigur, na ja, ich habe mich breitschlagen lassen, einige Veran- staltungen zu machen. Bei der Bundestags- wahl wenige Monate zuvor waren wir mit einem EU-kritischen Programm, das ich maßgeblich geschrieben hatte, noch sehr erfolgreich. Im Europa-Wahlkampf haben die Leute uns diese Positionen nicht mehr abgenommen, weil der Spagat zur Spit- zenmannschaft um Jean-Claude Juncker zu groß war. Aber was heißt das für mich? Als Politiker ist man Wellenbrecher, der sich auch gegen negative Trends stemmen muss. Es sei denn, man heißt Angela Merkel, die ist eine Wellenreiterin, und zwar die beste der Welt. Sie bleibt oben, völlig egal, wo die Welle herkommt und wo sie hingeht. SPIEGEL: Herr Gauweiler, wir danken Ih- nen für dieses Gespräch.

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Dirk Kurbjuweit

Überwintern in Zeiten von Trump

Essay Narzissmus und Vulgärkapitalismus – mit diesem US-Präsidenten ist Politik nicht möglich. Europa sollte sich nicht auf ihn fixieren, sondern eigene Ziele verfolgen. Bilanz einer verstörenden Woche.

P olitiker sind es gewohnt, Politik mit oder gegen andere Politiker zu machen. Außenpolitik hat tra- ditionell als Gegenüber die Außenpolitik eines

anderen Staates oder Staatenbundes. So ist das seit Hunderten von Jahren. Derzeit ist es nicht so. Wenn es um Donald Trump geht, trifft das Politische auf das Unpolitische, trifft das Politische auf das Bizarre. In der Geschichte des Westens gibt es dafür kein Bei- spiel. Auch das macht Politik in diesen Zeiten so schwierig, weil Politiker gern in die Geschichtsbücher schauen, sich an Vorbildern und Traditionen orientieren. Aber soweit es um Demokratien geht, ist das Buch des Bizarren recht dünn. Ein Typ wie Trump ist ganz und gar neu und braucht einen eigenen Politikansatz. Daran kann es seit seiner Europareise, nach Brüssel, London und Helsinki, keine Zweifel mehr geben. Es hat wenig Sinn, darauf zu hoffen, dass Trump dazulernte. Er ist so, wie er ist. Darauf müssen sich die Politiker anderer Staaten nun einstellen, für die Zeit mit genau die- sem Präsidenten müssen sie eine Strategie entwickeln. Für die Europäische Union lässt sich diese Strategie in einem Wort zusammenfassen: überwintern. Aber das ist nicht so leicht, wie es klingt, das ist nicht der lange, erholsame Schlaf des Bären in der Höhle. Das Überwin- tern in den Zeiten von Trump braucht ein komplexes politisches Konzept, das Brüssel und möglichst alle Mit- gliedstaaten konsequent verfolgen sollten. Dann gibt es Licht am Ende dieses Tunnels, im besten Fall schon unterwegs.

Trumps befremdliches Verhalten auf seiner Reise hat vor allem zwei Grundlagen: explosiven Narzissmus und Strategien eines Vulgärkapitalismus. Im Jahr 1989, als Trump noch Immobilienmogul war, sagte er in einem Fernsehgespräch mit Larry King unver- mittelt: »Sie haben sehr schlechten Atem. Hat Ihnen das schon mal jemand gesagt?« Später hat Trump diese Unverfrorenheit damit erklärt, dass er so seine Verhand- lungsstrategie demonstrieren wollte: die Leute aus der Fassung zu bringen. Das scheint er auf die Politik zu übertragen, wie man in der vergangenen Woche sehen konnte. Bundeskanzle- rin Angela Merkel zu verunsichern, indem er vor ihrer Begegnung Deutschland zu einem Gefangenen Russlands erklärt. Die britische Premierministerin Theresa May zu verunsichern, indem er vor ihrer Begegnung sagt, ihr Rivale Boris Johnson wäre bestimmt ein guter Premier- minister. Das ist so vulgär wie fruchtlos. Es verdirbt nur

die Stimmung und macht es schwerer, Gemeinsamkeiten zu finden. Das aber muss das Hauptziel von Außenpolitik sein. Trump hat es nicht verstanden. Was den Narzissmus angeht: Trump verwendet stän- dig Superlative, mit denen er eigene Taten rühmt. Was er tut, sagt, denkt, muss zwanghaft das Beste, Größte aller Zeiten sein. An bescheidenen Tagen fügt er ein »wahr- scheinlich« hinzu. Man ahnt, dass hier jemand gegen gewaltige Selbstzweifel andröhnen muss. Das macht sei- nen Narzissmus so explosiv. Wenn Zweifel an dem Super- idyll auftauchen, das er von sich und seinen Taten malt, ist er mehr oder weniger zu allem bereit, selbst zu Sät- zen, die ihm nicht nur von seinen Gegnern als Verrat aus- gelegt werden. Sein Wahlsieg ist bei Weitem nicht so glanzvoll, wie er das gern darstellt. Hillary Clinton hat fast drei Millionen mehr Wählerstimmen geholt, und Trump konnte nur wegen einer Besonderheit des amerikanischen Wahlsys- tems Präsident werden. Berater und Mitglieder seiner Familie stehen unter Verdacht, während des Wahlkampfs dubiose Kontakte mit Russen gepflegt zu haben. Die Geheimdienste konnten nachweisen, dass sich russi- sche Agenten in den Wahlkampf eingemischt haben. Die Legitimität seines Wahlsiegs steht damit unter Ver- dacht, der größte Triumph dieses großen kleinen Egos. Deshalb stellte Trump in Helsinki seine Geheimdienste bloß, verriet die Staatsräson der USA und stand da wie ein Lakai des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Alle Versuche, das zurechtzurücken, machten es schlimmer. Eine Lachnummer, ein Trauerspiel. Das heißt nicht, dass Trump nicht auch einmal das Richtige, Vernünftige tun kann. Andrew Johnson, der im Ruf steht, einer der schlechtesten Präsidenten der USA gewesen zu sein, hat 1867 Alaska von den Russen gekauft. Eine große Tat, aber sie kann nicht überdecken, dass Johnson nach dem amerikanischen Bürgerkrieg den befreiten Sklaven die Gleichstellung verweigern wollte, womit ein ewiges Desaster begann. Richard Nixon verfolgte zu Beginn der Siebzigerjahre eine kluge Chinapolitik, die half, die Sowjetunion in die Schranken zu weisen, aber in Erinnerung bleibt er vor allem als Präsident der kriminellen Methoden, als Präsi- dent von Watergate, und das zu Recht. Umgekehrt ist es bei Ronald Reagan. Er galt in den Achtzigerjahren in der Friedensbewegung und darüber hinaus als ein Irrer, der mit Atomraketen fuchtelte. Aber Reagan hatte erkannt, dass Entspannungspolitik den Kal- ten Krieg vor allem verlängert. Er fand, man müsse ihn beenden. Sein Beitrag zum Fall der Mauer war erheblich. Reagan wurde als ehemaliger Schauspieler verlacht, aber er war ein echter Politiker, als Gouverneur von Kali- fornien geschult, in die Partei der Republikaner eingebun- den. Mit Trump ist er, trotz einiger bizarrer Reden und Taten, nicht zu vergleichen. Trump gehört mit seiner Irr- lichterei eher in eine Kategorie mit Diego Maradona, der nun Präsident eines weißrussischen Fußballklubs ist. Trump ist ein Sonderfall der Geschichte, und so muss er behandelt werden. Aber seine Amtszeit ist endlich, in zweieinhalb Jahren kann Schluss sein, im schlimmsten Fall in sechseinhalb Jahren, falls er noch einmal gewählt würde. Damit muss man rechnen, da er für seine Anhän- ger auch ein quasireligiöses Phänomen ist. Sie glauben an ihn, und Glaube stützt sich nicht unbedingt auf Fakten. Was also tun? Europa könnte keinen schlimmeren Feh- ler begehen, als seine Politik auf Trump zu konzentrieren, sich von ihm die Agenda diktieren zu lassen. Es ist, als

Deutschland

Journalist weiß man das, verführerisch, sich auf Trump zu fixieren, sich von Trump provozieren zu lassen, aber viel wichtiger sind die langen Linien der Politik. Sie haben vor Trump begonnen und reichen weit über Trump hinaus.

M it Trump hört nichts auf, mit Trump fängt nichts an. Das muss ein Leitsatz für Europa sein. Es ist streng zu trennen zwischen ihm und

den USA. Es gibt keine Wertegemeinschaft mit diesem Präsidenten, aber damit ist nicht der Westen am Ende. Vielleicht liegt er auf Eis, ist nur eingeschränkt hand- lungsfähig, aber die USA bleiben die Begründer der modernen Demokratie, mit tief wurzelnden Traditionen. Es wird mit ihm keine Epoche des Bizarren beginnen. Trumps Nachfolger wird höchstwahrscheinlich ein Politi- ker sein. Der nimmt vielleicht manches auf, was Trump ausgemacht hat, zum Beispiel den Hang zum Isolationis- mus, aber diese Strömung gab es schon vor Trump, sie gehört seit einiger Zeit zu den langen Linien der amerika- nischen Politik. Damit kann Europa umgehen, wenn seine Politiker jenseits des Atlantiks auf Politiker treffen. Bis dahin gilt: sich nicht hinreißen lassen, nichts eskalieren, schon gar nicht den Handelsstreit. Angemessene Reaktio- nen, aber keine Vergeltung, Politik mit kühlem Herzen. Trump geht, die USA bleiben. Sie sollten Europas Freun- de bleiben können. Es heißt jetzt oft, die Europäische Union müsse sich wegen Trump enger zusammenschließen, wegen Trump eine gemeinsame Sicherheitspolitik etablieren und die eigenen Interessen entschiedener vertreten. Das ist zu viel der Ehre. Europa muss das ohnehin tun. Europa tut das schon seit langer Zeit zu wenig. Trump macht die Ver- säumnisse nur deutlicher. Zum Beispiel existiert kaum ein Bewusstsein dafür, was außenpolitisch Europas oberstes Interesse sein muss. Das

ist Stabilisierungspolitik in Nordafrika und dem Nahen Osten. Von dort kommen viele Flüchtlinge, dort sind Heimstätten des Terrors, mit Folgen für die gesellschaft- lichen und politischen Verhältnisse in Europa, zumal ein großer Krieg zwischen Israel und Iran/Syrien droht. Um diese Region muss sich Europa mit großer Kraft kümmern, mit Friedens- und Entwicklungspolitik. Das ist weit, weit wichtiger als ein paar hinterfotzige Tweets von Trump. Europas Interesse ist zudem ein gutes, aber kritisches Verhältnis zu China. Hier sollte das Konzept der dritten Partei gelten. Die anderen beiden Parteien sind China und die USA, die sich als Supermächte gegenüberstehen. Europa darf nicht wieder Anhängsel sein wie im Kalten Krieg, als Amerika die Politik gegenüber der Supermacht Sowjetunion bestimmte. Europa ist nicht Teil dieses Konkurrenzkampfs, son- dern eigenständig. Freihandel, Fairness im wirtschaft- lichen Austausch, ein sanftes, aber beharrliches Werben für Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrech- te in China sollten die europäischen Leitlinien sein. Ähnlich ist das im Verhältnis zu Russland, wobei hier der Sicherheitsaspekt für Europa eine viel größere Rolle spielt. Russland ist auch eine europäische Militärmacht, die auf dem Kontinent sehr schnell sehr viel Unheil anrichten kann. Wenn sie denn wollte. Es geht darum, eine freundliche Sicherheitspolitik zu betreiben, die so optimistisch wie pessimistisch ist. Auch die Russen wollen keinen Krieg. Aber wenn sie einen anfangen sollten, dann wäre die Europäische Union vorbereitet. Langfristig muss sie ohne den amerikanischen Schutzschirm planen. Das sind die außenpolitischen Aufgaben für das Über- wintern und für das Danach, Aufgaben für echte Politiker. Und hier liegt auch eine Chance in den Zeiten von Trump. Dass die professionelle Politik sich rehabilitiert, dass die Politiker zeigen, dass man sie braucht, weil nur sie diesen Aufgaben gewachsen sind.

NICHOLAS KAMM / AFP
NICHOLAS KAMM / AFP

Deutschland

SEAN GALLUP/GETTY IMAGES
SEAN GALLUP/GETTY IMAGES

Deutsche Schützenpanzer in Bayern: Altersschwach und oft nicht einsatzfähig

Der Fingerzeig

Verteidigung Hat Kanzlerin Angela Merkel US-Präsident Donald Trump mehr Geld zugesagt? Nach dem Nato-Gipfel streitet die Große Koalition über den Militäretat.

D onald Trump ist guter Laune. Kurz zuvor hat er die Nato an den Ab-

grund geführt, gedroht, sein »eige- nes Ding« zu machen, wenn die Verbün- deten nicht endlich mehr Geld fürs Militär ausgeben würden. Und jetzt steht er da, im überfüllten Pressesaal, und meldet Voll- zug. Neue Milliarden würden dank seiner Intervention in die Verteidigung fließen, brüstet sich der US-Präsident. »Deutsch- land hat zugestimmt, viel besser zu wer- den als bislang«, verkündet Trump. Eigentlich hätten die Verteidigungs- experten der Großen Koalition nach den gleichermaßen verwirrenden wie verstö- renden Trump-Auftritten der vergangenen Woche zur Tagesordnung übergehen kön- nen. Fake News eben, kennt man ja. Statt- dessen ist in Berlin der Streit um den Ver- teidigungsetat neu entbrannt, und Sozial- demokraten wie Unionspolitiker gehen der Frage nach: Was genau hat Angela Merkel erklärt, als sich die Staats- und Re- gierungschefs vergangene Woche zur De- batte im kleinen Kreis zurückzogen? Die Vereinbarung vom Nato-Gipfel 2014 in Wales, wonach sich die Verbünde- ten bemühen, bis zum Jahr 2024 mindes- tens zwei Prozent ihrer jährlichen Wirt- schaftsleistung in die Verteidigung zu ste- cken, war schon vor Trumps Wahlsieg ein Zankapfel im Regierungsbündnis. Wäh- rend sich viele Unionspolitiker zu dem Ziel

Mühsam einigten sich die Union und die SPD in den Haushaltsverhandlungen darauf, den Verteidigungsetat in den kommenden Jahren ansteigen zu lassen. Aber mehr als 1,5 Prozent des Brutto- inlandsprodukts würden es nicht werden, meldete die Bundesregierung nach Brüssel. Zu wenig, klagte Trump. Zu wenig, mahn- te Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Zu wenig, findet auch die deutsche Ver- teidigungsministerin. Ursula von der Leyen hat viel vor mit ihrer schlecht ausgerüste- ten Truppe, deren Panzer zu einem großen Teil altersschwach und deren Hubschrau- ber oft nicht einsatzfähig sind. Gibt es nicht mehr Geld, steht nach Berechnungen des Verteidigungsministeriums sogar eines ihrer Kernprojekte auf der Kippe: die an- gekündigte Personalerhöhung auf 198000 Soldaten bis 2024. Was also hat die Kanzlerin in Brüssel hinter verschlossenen Türen versprochen? Nicht nur Trump sprach anschließend von einem Erfolg. Auch andere Teilnehmer be- richteten, dass es Bewegung gegeben habe. »Vielleicht war die Sprache des amerika- nischen Präsidenten für einige zu scharf, aber seine Botschaft war legitim«, sagt Li- tauens Außenminister Linas Linkevičius. Das Zwei-Prozent-Ziel sei in der Vergan- genheit nur von wenigen Nato-Mitglie- dern ernst genommen worden, das habe sich durch den Gipfel geändert. »Der Druck von Trump hat etwas bewirkt«, so Linkevičius. Dabei ließ sich die Kanzlerin im Kreis der Verbündeten zunächst ein wie immer. Deutschland sei der zweitgrößte Truppen- steller der Allianz, sagte Merkel. Sie ver- wies auf das Engagement in Afghanistan, im Baltikum sei die Bundeswehr sehr aktiv. Aber zwei Prozent schon Anfang 2019,

bekannten, warnten einige Sozialdemokra- ten vor einer »Rüstungsspirale«. Der frü- here Außenminister Sigmar Gabriel läster- te, er wisse gar nicht, wo Deutschland die vielen Flugzeugträger hinstellen solle, die man von dem zusätzlichen Geld kaufen könne. Tatsächlich forderte Trump vergan- gene Woche sogar Wehretats in Höhe von vier Prozent der Jahreswirtschaftsleistung.

Militärausgaben

t n e z o r P 4 44,3 (1,2%) 57,8 (2,3%) 30,9 66,3 (4,3%)
t
n
e
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P
4
44,3 (1,2%)
57,8 (2,3%)
30,9
66,3 (4,3%)
2017 und Szenarien nach Anteilen
am Bruttoinlandsprodukt,
in Milliarden US-Dollar
50,2
228,2 (1,9%)
73,9
609,8 (entspricht 3,1%)
t
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240,2
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2
2
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1
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2 2 393,4 61,7 100,5 147,8 7 0 1 2 480,5 786,8        
 
          *Schätzung
 
          *Schätzung
 
          *Schätzung
 
          *Schätzung
 

*Schätzung

USA

China*

Russland

Frankreich

Deutschland

Quelle: Sipri

wie Trump es eben gefordert hatte? Völlig unmöglich, sagte Merkel. Dann kam sie auf 2024 zu sprechen, das Ziel von Wales. Es sei sehr schwer mit »un- serem Parlament« bis 2024 auf zwei Pro- zent zu kommen, sagte Merkel, fügte dann aber einen Satz hinzu, der die Runde auf- horchen ließ. »Die Debatte dahin läuft.« Viele Nato-Regierungschefs verstanden Merkels Äußerungen als Fingerzeig, dass die Bundesregierung mehr tun will, als bis- lang angekündigt. Vor allem die baltischen Staaten, die seit Langem mehr Solidarität der westeuropäischen Verbündeten gegen russische Drohgebärden fordern, zeigten sich zufrieden. Die Kanzlerin habe eine »sehr verantwortungsvolle Position« ein- genommen, bestätigt Litauens Außenmi- nister Linkevičius. »Sie sagte, sie werde ihr Bestes tun, um die Verteidigungsaus- gaben ihres Landes zu erhöhen.« Merkel selbst sagte nach dem Treffen, dass die Ber- liner Koalition nun noch einmal über den Etat reden wolle. Die Verteidigungspolitiker in Brüssel hörten es gern, daheim in Berlin aber wirk- ten Merkels Einlassungen wie ein Spalt- pilz, zumal in der entscheidenden Sitzung kein sozialdemokratischer Minister im Saal war, sondern neben der Kanzlerin lediglich Ministerin von der Leyen.

Die Verteidigungsexperten der Union

fühlen sich durch den Nato-Gipfel in ihren Forderungen bestätigt, die mittelfristige Finanzplanung aufzuschnüren. »Deutsch- land muss die 1,5 Prozent schon bis 2021 erreichen«, sagt Unions-Fraktionsvize Jo- hann Wadephul. »Das ist finanzpolitisch gut möglich und sicherheitspolitisch drin- gend erforderlich.« Nur so sei das Zwei- Prozent-Ziel 2024 erreichbar. In der SPD sieht man das anders. »Es ist unnötig und miserables Timing, nach den Erpressungsversuchen von US-Präsi- dent Trump auf dem Nato-Gipfel gleich wieder die nächsten Steigerungen des Wehretats auf den Tisch zu bringen«, kri- tisiert SPD-Experte Fritz Felgentreu. »Wir haben in der Koalition einen vernünftigen Plan für eine bessere Ausrüstung der Bun- deswehr erstellt.« Auch sein Parteifreund Niels Annen, Staatsminister im Auswär- tigen Amt, hält es »für keine gute Politik, ein komplexes Problem auf eine symboli- sche Zahl zu reduzieren« (siehe Interview). Bisher sind allerdings selbst die zuge- sagten 1,5 Prozent alles andere als gesi- chert. Zwar hat Finanzminister Scholz für das kommende Jahr eine moderate Stei- gerung des Etats eingeplant, aber ob es da- nach so weitergeht, ist fraglich. Von der Leyen schwant, dass sie jedes Jahr neu um eine Budgetsteigerung kämpfen muss. Es fehlt überall. Schon die Aufstellung der »sehr schnell einsatzbereiten Eingreif- truppe« (VJTF) für die Nato legte in den

Diplomatie Außen-Staatsminister Niels Annen, 45 (SPD), fordert, die deutsch-amerikanischen Beziehungen neu zu definieren.

»Verkehrte Welt«

SPIEGEL: Der amerikanische und der rus- sische Präsident haben sich in Helsinki zum Gipfel getroffen. Das müsste einem sozialdemokratischen Außenpolitiker doch gefallen – oder? Annen: Ich komme mir manchmal vor wie in einer verkehrten Welt: Gerade wir Sozialdemokraten haben immer gefor-

dert, dass es auf Spitzenebene einen Dia- log zwischen den USA und Russland geben sollte, es sind

immerhin die beiden größ- ten Atommächte. Aber das Treffen von Helsinki hat mich zutiefst irritiert. Erst erklärt Trump Deutsch- land auf dem Nato-Gipfel zum Gegner, dann trifft er den russischen Präsidenten in offenkundig sehr gelös- ter und freundschaftlicher Atmosphäre. Es stellt sich die Frage, wo und wofür Trump eigentlich steht. SPIEGEL: Inzwischen hat

Trump seine prorussischen Aussagen aber teilweise zurückgenom- men, es habe sich um einen »Verspre- cher« gehandelt. Annen: Das ist wenig glaubwürdig. Die Überzeugungskraft des Westens hängt davon ab, dass Europäer und Amerika- ner gegenüber Russland mit einer Stim- me sprechen. In der Vergangenheit hat das gut funktioniert: Wir haben nach der Annexion der Krim unsere Sanktionen gegen Russland mit Washington abge- stimmt. Bei Iran haben wir sogar zusam- men mit Russland das Atomabkommen erreicht. Jetzt wendet sich Trump von den eigenen Verbündeten ab, nicht nur rhetorisch, sondern auch in der Substanz. SPIEGEL: Wie sollte Deutschland darauf reagieren? Annen: Die deutsche Öffentlichkeit erwartet von uns, dass wir eine selbstbe- wusste Antwort auf die ständigen Provo- kationen des US-Präsidenten geben. Es reicht nicht, nur den Ton zu verschärfen. Wir müssen unser Verhältnis zu den USA neu definieren. Wir müssen unsere Inte- ressen und Werte verteidigen. Wir müs- sen Europa stärken. Und wir müssen mehr auf andere Partner zugehen. Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Japan ist dafür ein gutes Beispiel.

SPIEGEL: Die Konsequenz heißt, weniger Dialog mit den USA?

Annen: Nein, wir müssen den Dialog sogar intensivieren, aber jenseits des Weißen Hauses. Wir müssen inner- halb der USA die Kräfte unterstützen,

die an den traditionell guten Beziehun- gen zu Deutschland festhalten wollen. In der Handelspolitik sind das bei- spielsweise die Gouverneure, Abgeord- neten und Senatoren, die in ihren Bundesstaaten deutsche Unternehmen mit vielen Arbeitsplätzen

STEFAN BONESS / VISUM
STEFAN BONESS / VISUM

haben. SPIEGEL: Ihr Parteifreund, der frühere Außenminis- ter Sigmar Gabriel, hat gesagt, Trump wolle einen Regimewechsel in Deutschland. Teilen Sie diese Befürchtung? Annen: Ich fand es jeden- falls befremdlich, dass der US-Botschafter gegen- über der rechtspopulisti- schen Internetplattform Breitbart erklärt hat, er

wolle die konservativen Kräfte in Europa stärken. Wir erleben, dass sich eine Reihe von Ländern in die europäische Innenpolitik einmischt. Das müssen wir klar zurückweisen, egal ob es sich dabei um Russland oder die USA handelt. Der Zusammenhalt Euro- pas ist unser nationales Kerninteresse. SPIEGEL: In einem Punkt scheinen die Fakten allerdings für Trump zu sprechen. Die Nato hat vereinbart, dass sich alle Verbündeten bis zum Jahr 2024 auf das Ziel von 2 Prozent des Bruttoinlands- produkts für Verteidigungsausgaben zu- bewegen, Deutschland hat aber nur 1,5 Prozent zugesagt. Annen: Deutschland hat bei Ausstattung und Einsatzbereitschaft der Bundeswehr Defizite. Das haben wir aber schon vor Trump erkannt. Deswegen sieht die mit- telfristige Finanzplanung eine milliarden- schwere Erhöhung des Rüstungsetats vor. SPIEGEL: Aber 1,5 Prozent sind nun mal nicht 2 Prozent. Annen: Im Beschluss von Wales heißt es, dass die Nato-Staaten dieses Ziel bis 2024 anstreben. Im Übrigen ist es keine gute Politik, ein komplexes Problem auf eine symbolische Zahl zu reduzieren. Wir sehen ja weltweit, dass man Krisen und Konflikte nicht allein mit Militär bewältigen kann.

Interview: Christoph Schult

vergangenen Monaten schmerzhafte Lü- cken bei der Bundeswehrausrüstung offen. In einem peinlichen Prozedere musste sich die VJTF-Truppe Material aus der ganzen Bundeswehr zusammenleihen. Ähnlich düster sieht es immer noch bei der Ein- satzbereitschaft diverser Waffen aus. Ob die bisher beschlossene Steigerung für eine echte Modernisierung reicht, mag keiner der Planer der Ministerin garantie- ren. So groß sind die Mängel, dass es wohl Jahrzehnte dauern wird, bis die Bundes- wehr optimal aufgestellt ist. Doch selbst wenn der Wehretat wie ver- einbart auf 1,5 Prozent des Bruttoinlands- produkts steigt, muss von der Leyen um eines ihrer zentralen Projekte fürchten. Vor gut zwei Jahren hatte sie angekündigt, die Truppenstärke der Bundeswehr von derzeit knapp 180 000 Soldaten auf 198 000 hochzufahren. Anders seien die Aufgaben der Landes- und Bündnisvertei- digung nicht mehr zu erfüllen.

Mittlerweile aber warnen von der Leyens

Experten vor einer sich zuspitzenden Fi- nanzlage. Die deutliche Aufstockung des Personals wird laut einer vertraulichen Vorlage für Staatssekretär Gerd Hoofe in den Jahren 2024 und danach fast eine Mil- liarde Euro kosten, das Geld würde dann bei der Ausstattung fehlen. Daraufhin wur- de die finale Entscheidung über die Perso- nalaufstockung Anfang Juli erst mal auf den Herbst verschoben. Schon deshalb müsse sich die SPD einen Ruck geben, fordern Unions-Politiker. »Wenn die Aufstockung auf 200 000 Sol- daten die verfügbar gemachten Finanz- mittel aufbraucht, wird erst recht klar, wie nötig es ist, über die 1,5 Prozent hinauszu- gehen«, sagt Roderich Kiesewetter, CDU- Obmann im Auswärtigen Ausschuss. Die Amerikaner machen nach dem Gip- fel weiter Druck. Am vergangenen Diens- tag stellte sich Trumps Botschafter in Ber- lin, Richard Grenell, im Bundesfinanz- ministerium vor. Rund 40 Minuten dauerte das Gespräch mit Vizekanzler Olaf Scholz. Im Ton gab sich der Mann aus Amerika höflicher als sein Präsident, in der Sache aber blieb er hart. Die Deutschen müssten sich ernsthaft an die Abmachungen im Rah- men der Nato halten, mahnte Grenell. Scholz verteidigte zunächst die 1,5-Pro- zent-Marke. Das seien immerhin 62 Mil- liarden Euro, fast 50 Prozent mehr als der- zeit. Er schloss aber nicht aus, dass die Bundeswehr am Ende doch mehr Geld bekommt. Für den Fall, dass sich zusätz- liche Spielräume ergäben, so Scholz, seien Nachbesserungen denkbar. Eine Zusage war das nicht, aber auch kein Fall von Fake News.

Matthias Gebauer, Peter Müller, Christian Reiermann, Christoph Schult

L. A. Confidential

Kulturpolitik Das Thomas-Mann-Haus in Los Angeles soll zum trans- atlantischen Leuchtturmprojekt werden. Doch kurz nach der Eröffnung durch Bundespräsident Steinmeier gibt es hinter den Kulissen Ärger.

V or ein paar Wochen stand Frank- Walter Steinmeier auf einer Veran-

da in den Hügeln über Los Angeles. Der Bundespräsident war gekommen, um das Thomas-Mann-Haus zu eröffnen. Es gab Cocktails und Fingerfood, und aus den Boxen ertönten sanfte Klänge. »Ich glaube«, rief der Präsident den 250 Gästen im Palmengarten der weißen Villa zu, »dass es in turbulenten Zeiten ein wun- derbarer Moment für die Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern ist.« Steinmeier sprach nicht ohne Stolz: Das Haus am San Remo Drive Nummer 1550, das der vor den Nazis geflüchtete Schrift- steller 1941 für sich und seine Familie im Exil bauen ließ, wäre fast verscherbelt und womöglich abgerissen worden. Jetzt, nach einer gründlichen Sanierung, sollen Intel- lektuelle dort für ein paar Monate leben und arbeiten. So soll das Haus zu einem Ort des deutsch-amerikanischen Dialogs wer- den und im Kleinen helfen, die großen trans- atlantischen Irritationen zu überwinden.

Es ist ein echtes Steinmeier-Projekt: Er war es, der als Außenminister das Objekt

2016 von der Bundesregierung kaufen ließ:

für gut 13 Millionen Dollar. Doch pünktlich zur Ankunft der ersten Stipendiaten gibt es Unruhe um das Haus, und bis ins Präsidialamt fürchten manche, aus der schönen Geschichte könne womög- lich noch ein Problem werden. Eine Ver- antwortliche hat ihren Hut genommen, Parlamentarier interessieren sich für die Hintergründe des Deals, das akademische Programm ist umstritten, Kritiker sprechen von Genossenfilz. Einen Monat nach der Eröffnung geht es plötzlich um die Frage, ob das Thomas-Mann-Haus tatsächlich zu einem Leuchtturmprojekt wird oder eher zum Beispiel dafür, welches Eigenleben politische Netzwerke entwickeln können.

Auslöser der Unruhe ist ein Rücktritts- schreiben, das den Initiatoren des Projekts vor einigen Wochen auf den Tisch flatterte. Absenderin war ausgerechnet jene Frau, die das neue Projekt inhaltlich und orga-

nisatorisch leiten sollte: Annette Rupp, seit

2012 Geschäftsführerin des Vereins »Villa

Aurora und Thomas Mann Haus«. Sie kündige »fristgerecht zum 30. Sep- tember«, schrieb sie in einem nüchternen Dreizeiler »mit freundlichen Grüßen« an den gesamten Vorstand ihres Vereins, der bald auch in den Behörden kursierte, die

das Thomas-Mann-Haus finanziell tragen:

Auswärtiges Amt und Kanzleramt. Über die Gründe ihres plötzlichen Ab- gangs, der das Projekt ausbremst, noch be- vor es richtig angefangen hat, will Rupp nicht sprechen. »Zu dem ganzen Thema«, schrieb sie dem SPIEGEL, gebe es ihrer- seits »nichts hinzuzufügen«. Es gilt als offenes Geheimnis, dass die Geschäftsführerin sich aus Frust umorien- tieren will. Bei wesentlichen Entscheidun- gen habe sie sich übergangen gefühlt, heißt es unter denen, die den Vorgang kennen. Zudem habe Rupp das Gefühl gehabt, sich nicht entfalten zu können, was nicht zu- letzt an einer Reihe von Steinmeier-Be- kannten gelegen habe, die die Operation Thomas-Mann-Haus in die eigenen Hände nahmen – allen voran Markus Klimmer, einst Partner der Unternehmensberatung McKinsey und Berater in Steinmeiers Kanzlerwahlkampf 2009. Klimmer ist Rupps Noch-Chef. Seit Jah- ren ist er Vorstandsvorsitzender der Künst- lerresidenz Villa Aurora in Los Angeles, die sich ebenfalls dem transatlantischen Dialog verpflichtet fühlt. Der Schriftsteller Lion Feuchtwanger machte die Aurora einst zu einem Exiltreff deutscher Intellektueller wie Bertolt Brecht und Max Horkheimer. Als im Jahr 2016 durchsickerte, dass das benachbarte Thomas-Mann-Haus zum Ver- kauf stehe, schalteten sich Klimmer, der da- malige Außenminister Steinmeier, dessen Staatssekretär Stephan Steinlein sowie Kul- turabteilungsleiter Andreas Görgen zusam- men. Gemeinsam organisierten sie die Mil- lionen für Erwerb und Ausbau. Klimmer ist ein Name in der Kulturszene. Er ist neben seiner Unternehmertätigkeit auch Vorstandschef des Bauhaus-Archivs. Das Thomas-Mann-Haus erschien dem Ar- chitekturfan als besonders erhaltenswert, gleichzeitig war es eine gute Gelegenheit, sein kulturpolitisches Profil zu schärfen. Und so widmete sich Klimmer dem Projekt mit einer Entschlossenheit, die bald schon manche in seinem Umfeld irritierte. Der 55-Jährige flog, teils auf eigene Kos- ten, nach Kalifornien, um den Fortschritt der Instandsetzung zu begutachten. Er warb zusätzliche private Gelder ein – und traf auch manche intern umstrittene Ent- scheidung. Weil ihm die ersten architekto- nischen Entwürfe aus dem Auswärtigen Amt offenbar nicht gefielen, stellte Klim- mer eine persönliche Bekannte ein, um

die Renovierung und vor allem den Innen- ausbau des Thomas-Mann-Hauses zu be- aufsichtigen und zu planen: die Berliner Architektin Ursula Seeba-Hannan. Interessant dabei: Auch sie kennt Stein- meier gut. Ihr Ehemann war einst dessen Büroleiter im Kanzleramt. Und so kommt es, dass sich inzwischen auch der Haus- haltsausschuss des Bundestags für die An- gelegenheit interessiert. Vor zwei Wochen mussten sich der Leiter des Bundespräsi- dialamts, Steinmeier-Intimus Steinlein, so- wie Außenminister Heiko Maas zur Causa Seeba-Hannan erklären. Die Antworten der beiden stellten den grünen Haushälter Tobias Lindner nicht zufrieden. Schriftlich hakte er daraufhin bei der Bundesregie- rung nach. Er wollte wissen, ob der Auf- trag für die Innenarchitektin eigentlich aus- geschrieben worden sei, so wie das bei öffentlichen Projekten Pflicht ist. Nein, so die Bundesregierung. Sie ist der Ansicht, der Auftrag in Höhe von 400 000 Euro habe nicht nach den öffent- lichen Vergaberegeln ablaufen müssen. Er werde »vollständig aus privaten Spenden- mitteln« bestritten, heißt es in der Antwort

Deutschland

auf Lindners Erkundigungen. Die Frage, warum dann ausgerechnet Seeba-Hannan ausgewählt wurde, beantwortet das zu- ständige Finanzministerium nicht. Seeba- Hannan selbst ließ eine Anfrage unbeant- wortet. Das Bundespräsidialamt teilte mit, zu keinem Zeitpunkt mit der Auftragsver- gabe befasst gewesen zu sein.

Für die Architektin war das Projekt ein

Erfolg. Bei der Eröffnungsfeier Mitte Juni wurde sie gemeinsam mit dem Bundes- präsidenten abgelichtet. Die Startseite ihrer Website ziert inzwischen eine Großauf- nahme des Thomas-Mann-Hauses. Verschwammen beim Thomas-Mann- Haus die Grenzen zwischen Freundschafts- dienst und professionellem Auftrag? Klim- mer kann nichts Anrüchiges an der Perso- nalie Seeba-Hannan erkennen. Er habe die Berlinerin »als persönliche Beraterin in ar- chitektonischen Fragen engagiert und aus eigener Tasche bezahlt«, sagt er. Das Hono- rar habe insgesamt 60000 Euro betragen. Er selbst ist höchst zufrieden mit dem Ergebnis. Die »atemberaubende Schön- heit und Modernität« des Gebäudes sei

Bundespräsident Steinmeier mit Ehefrau Elke Büdenbender, Mann-Enkel Fridolin, Vertrau- tem Klimmer; Thomas-Mann-
Bundespräsident
Steinmeier mit
Ehefrau Elke
Büdenbender,
Mann-Enkel
Fridolin, Vertrau-
tem Klimmer;
Thomas-Mann-
Haus in
Los Angeles
BERND VON JUTRCZENKA / PICTURE ALLIANCE / DPA
MIKE NELSON / EPA-EFE / REX / SHUTTERSTOCK

nun wieder sichtbar, schwärmt er. »Wir ha- ben das Projekt in Rekordzeit, pünktlich und im vorgegebenen Budget realisiert:

Wir sind glücklich und auch stolz darauf.« Klimmers Unternehmersicht ist die eine Seite, die andere ist, ob sich das Projekt zu einem kulturpolitischen Erfolg ent- wickelt. Aufgrund des Zeitdrucks konnten sich die Beteiligten nur oberflächlich damit beschäftigen, was die Institution akade- misch eigentlich leisten soll und wie die Strukturen so geordnet werden, dass sie übersichtlich sind. Ein Teil der mit jeweils 3500 Euro monatlich dotierten Stipendien wird von der Bosch- sowie der Leibinger- Stiftung finanziert, ein anderer Teil von der Krupp-Stiftung. Das könnte sowohl in finanziellen wie in organisatorischen Fra- gen noch zu Schwierigkeiten führen.

Ein Problem: Geplant war, dass die Sti- pendiaten gleich lang in der Bauhaus-Villa leben, und zwar für zehn Monate, um einen möglichst intensiven intellektuellen Austausch zu fördern. Das hat sich rasch als Illusion erwiesen. Manche Bewohner wollen nun zwei Monate bleiben, andere drei oder vier. Je nach Lust und Laune. Zudem war Eile geboten, um rechtzeitig für die Steinmeier-Zeremonie im Juni die erste Riege vorweisen zu können. Von August bis November wird sich etwa die Berliner Sozialwissenschaftlerin Jutta All- mendinger in Los Angeles als »Fellow« aufhalten. Sie ist nicht nur Mitglied der SPD, sondern hat in dieser Zeit eigentlich andere Verpflichtungen: Kürzlich wurde Allmendinger in die Kohlekommission der Bundesregierung berufen, die bis Ende des Jahres einen geordneten Ausstieg aus dem umstrittenen Brennstoff entwickeln soll. Wie die Professorin ihre Arbeit dies- und jenseits des Atlantiks miteinander in Einklang bringen will, ist noch nicht ab- schließend geklärt. Sie befinde sich zu dieser Frage noch in »intensiven Gesprä- chen«, sagt sie. Es werde an »Skype-Zu- schaltungen und schriftliche Stellungnah- men« gedacht. Ganz sicher werde die Lösung allerdings den Steuerzahler nichts kosten, versichert Allmendinger. In Berlin müssen die Beteiligten derweil rasch die Nachfolge für Geschäftsführerin Rupp regeln, die Ende September ihren Posten verlässt. Rund 70 Interessenten gebe es für die Stelle, heißt es. Einer der Favoriten ist in SPD-Kreisen bestens bekannt: Berlins ehemaliger Kul- turstaatssekretär Tim Renner. In der Bun- desregierung hält man den Namen Renner allerdings aus mehreren Gründen für hei- kel. Die einen vermissen bei dem 53-Jäh- rigen kulturpolitischen Tiefgang. Die anderen sagen schlicht: nicht noch ein Genosse.

Veit Medick, Christoph Schult

Kommentar

Moral und Hypermoral

Wie Teile der Linken in der Flüchtlingsdebatte die Nerven verlieren

H. POSCHMANN / REX / SHUTTERSTOCK
H. POSCHMANN / REX / SHUTTERSTOCK

Retter, Hilfsbedürftige im Mittelmeer

E ine Frau schreibt einen Text, der für Empörung sorgt. Die Meinung, die sie darin vertritt, gilt in ei- nem Teil des politischen Spektrums als so anstößig,

dass bei der Zeitung, für die sie arbeitet, wütende Beschwerden eingehen. Es gibt Boykottaufrufe gegen das Blatt. Die Frau selbst erhält Drohungen und Hassmails. Im Netz wird ein Umfragespaß platziert, ob man auf sie und ihre Kollegen schießen solle. Eine knappe Mehrheit der Teilnehmer entscheidet sich dagegen. Ein Mann, ebenfalls Journalist, schreibt auf Twitter, er wünschte, man würde der Redakteurin brühenden Kaffee ins Gesicht schütten. Der Tweet wird vielfach geteilt und gelikt. Was wäre die Reaktion der aufgeklärten Öffentlichkeit, wenn es sich bei der Frau um eine Journalistin handeln wür- de, die in ihrem Text für, sagen wir, die bedingungslose Auf- nahme aller Flüchtlinge aus Afrika eingetreten wäre? Wir würden darüber diskutieren, wie verroht der Diskurs ist und welche unheilvollen Kräfte die sozialen Medien freiset- zen. In den feministischen Zirkeln würden die Beschimpfun- gen und Gewaltandrohungen als Belege für die Frauen- verachtung gewertet, die einmal mehr die Dringlichkeit der #MeToo-Debatte beweisen. Der Mann, der sich gewünscht hat, man möge die Redakteurin mit Kaffee verbrühen, stünde als abscheuliches Beispiel eines Frauenfeindes am Pranger. Es ist anders gekommen. Die Redakteurin heißt Mariam Lau und arbeitet im Politikteil der »Zeit«. Der Text, um den es geht, versuchte unter der Überschrift »Oder soll man es lassen?« Argumente zu liefern, warum es besser sei, auf private Rettungsmissionen im Mittelmeer zu verzichten. Wie ein Wechsel der politischen Position doch die Per- spektive auf Hass ändert. Na ja, hieß es im Fall des Mannes mit den Gewaltfantasien, das müsse man als Satire verste- hen (er arbeitet als Chefredakteur bei der »Titanic«). Außer- dem sei die »Zeit« wirklich zu weit gegangen, kein Wunder, dass sich manche zu unüberlegten Äußerungen hinreißen ließen. Der Rock war aber auch sehr kurz, heißt das norma- lerweise, wenn man dem Opfer die Schuld gibt.

Es ist faszinierend, wie Standards, die man eben noch als unverhandelbar bezeichnet hat, außer Kraft gesetzt werden, weil es politisch opportun erscheint. Wollte man pathetisch werden, könnte man sagen, dass die Diskussion über die »Zeit« (und das vornehme Hinwegsehen über die Trans- gressionen einiger Diskussionsteilnehmer) den Punkt markiert, an dem ein bestimmtes linkslibe- rales Milieu seine Unschuld verlor. Einen Teil ihres Kredits verdankt die Linke der Annahme, dass sie nicht so tumb und selbstgerecht wie ihre Gegenspieler von der Rechten sei. Große Beachtung fand kürzlich eine Auseinandersetzung im Bundestag, bei der ein ironischer Zwischenruf von Claudia Roth so interpretiert wurde, als hätte sie gesagt, sie wolle in Deutschland alle Menschen aufnehmen, die auf der Flucht sind. Seht her, hieß es, so sind sie, die Rechten: unfähig, den Kontext zu erkennen, in dem eine Äußerung steht. Der »Zeit« wird vorgeworfen, sie habe menschenfeind- liches Denken salonfähig gemacht, indem sie zu dem Gedankenspiel eingeladen habe, unter welchen Umständen es legitim sein könnte, Menschen im Meer ertrinken zu lassen. Tatsächlich fragt Lau in ihrem Text nicht, ob man Flüchtlinge ertrinken lassen soll – sie erörtert, ob die private Seenotrettung möglicherweise zu mehr Nachfrage und deshalb potenziell zu mehr Toten führt, weil die Schlepper ihr Geschäft als sicherer ausgeben können, als es in Wahr- heit ist. Das ist ein großer, um nicht zu sagen wesentlicher Unterschied. Wie lassen sich das Missverstehenwollen und die daraus resultierende Denunziationslust von Leuten erklären, die schon ausweislich ihrer Bildung (Abitur/ Studium) und ihres Berufs in der Lage sein sollten, Texte zu lesen? Wir sind Zeuge einer Entwicklung, die mit dem Begriff »Moraldebatte« nur unzureichend umschrieben ist. Viel- leicht sollte man besser von moralischer Selbsterhöhung sprechen. Wir fällen laufend moralische Urteile. Wenn sich jemand in der Schlange nach vorn drängelt, beurteilen wir dies Ver- halten aufgrund unserer Vorstellungen über das, was sich geziemt und was nicht. Auch die Erwartung an einen Flücht- ling, dass er die Hilfe, die man ihm zuteil werden lässt, nicht mit Gesetzesübertretungen vergilt, fußt auf moralischen Normen. Gegen diese Alltagsmoral steht das, was der Philosoph Arnold Gehlen »Moralhypertrophie« genannt hat, also der Versuch, alles zu einer Entscheidung über Humanität oder Barbarei zu erklären. Theoretisch ist jedes Problem dieser Form moralischer Aufladung zugänglich. Wer gegen die Ein- richtung eines weiteren Fahrradwegs in seiner Gemeinde eintritt, versündigt sich am Weltklima; wer darüber nach- denkt, ob Flüchtlingshilfe auch das Gegenteil des Gewollten bewirken kann, spricht die Sprache der AfD. Der Nachteil dieser Art der Hypermoral ist evident: Wer überall die Inhu- manität am Werke sieht, verliert erst den Überblick und

dann die Nerven. Jan Fleischhauer

Strandburg statt Schule

Disziplin Um billigere Flüge zu nutzen, lassen viele Familien ihre Kinder den Unterricht schwänzen. Lehrer schimpfen über den »Egoismus der Eltern«.

I

n einer Woche beginnen in Bayern die Sommerferien. Doch schon jetzt sind

in den Klassenzimmern der Münch- ner Mittelschule an der Implerstraße viele Stühle verwaist. »Sie glauben gar nicht, wie viele Omas und Opas vor den Som- merferien plötzlich verstorben sind«, sagt Schulleiterin Nicola Mehl. Von den insge- samt 350 Schülern hätten rund 30 vor den Sommerferien einen Antrag auf vorzeitige Befreiung vom Unterricht im Rektorat vor- beigebracht. Nicola Mehl hat sie alle abgelehnt. »Ge- genüber den Eltern stehe ich dann häufig als Unmensch da«, seufzt die Rektorin. Nicht alle Familien im teuren München können sich Urlaub in der Hauptreisezeit leisten. Mehl vermutet, dass die Eltern, die mit ihren Kindern mehrere Tage vor Feri- enbeginn nach Korea, Brasilien oder in die Türkei aufbrechen wollten, die Flugtickets womöglich längst gebucht hatten. Folglich meldeten viele Eltern den Nachwuchs vor

Deutschland

den Ferien einfach krank. »Wenn ich den Antrag auf Unterrichtsbefreiung ablehne, zwinge ich die Familien zum Schwindeln«, ist sich Mehl bewusst. Aber die Schul- pflicht sei nun mal nicht verhandelbar. Das ist eine Haltung, die aus der Mode zu kommen scheint. Und Behörden zu här- teren Maßnahmen zwingt. Im vergange- nen Jahr griff die Polizei am Nürnberger Flughafen 279 Schulschwänzer auf, die mit ihren Eltern außerhalb der Ferienzeit ver- reisen wollten. Das waren über 100 Kinder mehr als vor fünf Jahren. Auch in Düsseldorf hat sich die Zahl der Eltern, die ihre Kinder lieber Strandburgen bauen statt in der Schule schwitzen lassen, verdoppelt. 390 Bußgeldverfahren leitete die Behörde allein im vorigen Jahr ein. »Wenn uns bei der Passkontrolle auffällt, dass ein Kind eigentlich in der Schule sit- zen müsste, können wir nicht die Augen verschließen«, sagt Michael Petzold vom Polizeipräsidium Mittelfranken. Die Lan- despolizei erstellt dann eine Meldung an die zuständige Schulbehörde, die in Bay- ern Bußgelder bis zu 1000 Euro einfordern kann. In Berlin können bei Verstößen ge- gen die Schulpflicht sogar 2500 Euro fällig werden. Der Preisvorteil beim Buchen der Flüge dürfte damit futsch sein. Allerdings kontrollieren Petzolds Poli- zeikollegen nur Passagiere auf Flügen ins außereuropäische Ausland. Wer mit sei- nem Nachwuchs Schwindelferien am Strand auf Mallorca oder Kreta verbringen will, dürfte straflos davonkommen. Noch leichteres Spiel haben Schul- schwänzer, die von Deutschlands Zentral-

PETER ROGGENTHIN / DER SPIEGEL
PETER ROGGENTHIN / DER SPIEGEL

Flughafenpolizist vor der Passkontrollstelle in Nürnberg: Bis zu 1000 Euro Bußgeld

flughäfen wie München, Frankfurt, Ham- burg oder Berlin aus in die weite Welt auf- brechen wollen. Dort patrouilliert und kontrolliert nämlich die Bundespolizei. Deren Mitarbeiter sind nicht besonders engagiert im Kampf gegen Eltern, die den Horizont ihrer Kinder per Flugreise erwei- tern wollen. »Bildungspolitik ist Länder- sache. Wir Bundespolizisten haben gesetz- lich gar keinen Auftrag, Schulschwänzer zu identifizieren«, sagt Christian Kögl- meier von der Bundespolizei am Münch- ner Flughafen. Die Reisenden kämen au- ßerdem aus allen Ecken Deutschlands. »Welcher Beamte weiß denn auswendig, wann in welchem Bundesland gerade Fe- rien sind?« Klar ist: Jeder Schüler in Deutschland hat 75 Ferientage im Jahr. Forderungen wie die des Landesschülerrats in Bayern nach zwei »Jokertagen« im Jahr, an denen Erziehungsberechtigte ihre Kinder ohne Angabe von Gründen von der Schule be- freien können, scheitern bisher an der Kultusministerkonferenz. Flexible Ferien- tage müssten von anderen Ferien abge- zogen werden. »Sollen die Weihnachts- ferien dann nur noch bis Silvester gehen?«, fragt der Berichterstatter der Kultusmi- nisterkonferenz für Schulrecht Ulrich Pfaff. »Es gab schon immer günstigere Tarife für Urlaubsreisen außerhalb der Schul- ferien, ohne dass dies etwa noch vor 15 Jahren zu nennenswerten Abwesen- heiten im Unterricht geführt hat«, sagt Heinz-Peter Meidinger. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands führt die »Ver- dopplung und Verdreifachung des Kran- kenstands kurz vor den Ferien« auf einen Mentalitätswandel der Eltern zurück. Vie- le sähen sich nicht mehr als Erziehungs- partner der Lehrer, sondern als »Vertreter der eigenen Interessen und als Anwälte ihrer Kinder«. Meidinger kann die Rechtfertigungsver- suche vieler Eltern, vor den Ferien würden die Kinder doch nur noch Filme gucken und mit den Lehrern Eis essen gehen, nicht mehr hören: »Das sind Alibiargumente, um die rein egoistische Motivationslage der Eltern zu verdecken.« Gerade die letz- ten zwei Wochen vor den Sommerferien seien in vielen Schulen zu Höhepunkten im Schuljahr umgestaltet worden, die viel zur Stärkung der Klassengemeinschaft bei- trügen. So ist es auch an der Schule von Nicola Mehl. Die letzte Woche sei ganz ohne No- tendruck und lästige Hausaufgaben »der Knaller« gewesen. Die verbliebenen Schü- ler hätten gemeinsam die Abschiedsfeier der Schulabgänger vorbereitet, Tänze ein- studiert oder Törtchen in Raketenform ge- backen. Das Motto der Abschlussparty lau- tet: »Wir heben ab«. Anna Clauß

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Deutschland

»Wo sind die Koffer?«

Antisemitismus Mehr als 70 Jahre nach dem Holocaust sind die jüdischen Gemeinden in Deutschland gewachsen, sie öffnen Kitas und Schulen. Doch wieder blüht der Hass. Wie erleben deutsche Juden ihren Alltag im Jahr 2018? Von Annette Großbongardt

I m Jüdischen Museum Berlin ist neu- erdings eine Kippa ausgestellt, sie ist aus Jeansstoff und gehört Adam

Armoush, jenem jungen Israeli, der Mitte April in Prenzlauer Berg von einem 19-jährigen Syrer mit einem Gürtel geschla- gen wurde. Nun ist die religiöse Kopfbe- deckung eine Anklage: Seht her, wegen dieser Kippa wurde jemand mitten in Ber- lin verprügelt. Florian, 19, Berliner Abiturient, war ge- rade im Urlaub in Israel, als er von der Attacke erfuhr. Er bekam einen Schreck, Prenzlauer Berg, das ist sein Viertel, da hatte er sich bislang sicher gefühlt. Seine Kippa ist schwarz und gehäkelt, mit zwei Klammern hat er sie auf seinem roten

Haarschopf festgesteckt. Flo- rian trägt sie weiter, aber er ist vorsichtiger geworden. In der S-Bahn oder wenn er allein in anderen Bezirken unterwegs ist, setzt er sie nicht auf. Er hat Angst, er könnte angegriffen werden. Weil er Jude ist. Es war in der elften Klasse, als sich Florian entschloss, die Kippa für alle sichtbar zu tra- gen. »Da hatte es sich eh he- rumgesprochen, dass ich Jude bin« – einer von wenigen un- ter mehr als tausend Schülern einer Oberschule im Wedding. Das war vor zwei Jahren, und seitdem ist einiges passiert. Berlin, Mitte Mai, Florian hat als Treffpunkt das Restau- rant »Masel Topf« ausgesucht, ein Wortspiel mit dem hebräi- schen Mazel tov! Viel Glück! Es liegt an einem hübschen Platz gegenüber der Synagoge. »Sehen Sie die Sicherheitsleute?«, fragt Florian und zeigt zum Tor der Synagoge. »Ich bin so froh, dass sie da sind.« Er schreibt gerade seine letzten Abitur- prüfungen, dann hat er es geschafft, dann kann er die Schule verlassen, die für ihn zuletzt zur Qual geworden ist. Ein schma- ler, fast zarter junger Mann, eloquent, be- lesen, politisch. Fünf Monate lang betrat er die Schule nur noch durch einen Neben- eingang, jede Pause verbrachte er allein in einem abgelegenen Kunstraum. Er selbst habe es so gewollt, sagt er, nur so habe er

sich sicher gefühlt nach dem Drama in der Schulmensa. Was dort passiert ist, erzählt Florian so:

Er hatte gerade eine Freistunde, hörte Mu- sik, erledigte Hausaufgaben. »Da kam eine Gruppe muslimischer Mitschüler auf mich zu, Oberstufe. Sie sagten, sie wollten mit mir über Trumps Botschaftsverlegung nach Jerusalem reden. Schnell kam das Übliche:

Ihr habt uns das Land geklaut! Wo kom- men die Juden überhaupt her? Ihr seid Kin- dermörder! Ich habe ihnen alles noch mal erzählt: Der UN-Teilungsbeschluss, ihr habt damals nicht zugestimmt, ihr wolltet uns vernichten, ihr wolltet immer das gan-

Auf der Website der Ernst-Reuter-Schu- le verurteilte der Direktor den »antisemi- tischen Vorfall«, der sich »im Rahmen einer Auseinandersetzung um den Nahost- konflikt zugetragen« habe. Auf Nachfra- gen antwortet er nicht. Das Thema werde nun breit in der Schule aufgearbeitet, sagt die Antidiskriminierungsbeauftragte des Senats, Saraya Gomis. Sie sieht den Anti- semitismus als Teil eines offenen Rassis- mus auf Schulhöfen und in Klassenzim- mern, auch Lehrkräfte seien beteiligt.

Der Eklat in der Mensa gehört wie der

Kippa-Angriff zu den Fällen, die eine neue Antisemitismusdebatte ausge- löst haben. An mehreren Ber- liner Schulen wurden jüdische

Kinder beschimpft, bedroht oder gemobbt. Erst vorige Wo- che wurde einem jüdischen Professor in Bonn die Kippa vom Kopf geschlagen. Die Zahl der antisemiti- schen Straftaten steigt, so die Statistik der politisch motivier- ten Kriminalität für 2017. Da- runter rassistische Pöbeleien, Angriffe, Schändung von Ge- denkstätten, Hetze im Internet. Die Täter, sagt das Innenminis- terium, kämen zu 94 Prozent aus dem rechten Spektrum. Die Statistik enthält noch nicht einmal alles, was passiert, nicht die Beleidigungen, die nicht angezeigt werden, die Be- drohungen, die miesen Sprü- che, die einen Juden zum Fremden machen. Viele Juden klagen vor allem über Hass- attacken muslimischer Migran- ten, die den Nahostkonflikt mit nach Deutschland bringen. Das vielleicht Erschreckendste aber ist, dass der Antisemitismus so alltäglich ge- worden ist – in der Schule, in der U-Bahn, im Restaurant, auf dem Fußballplatz. Wer in diesen Wochen mit Juden in Deutschland spricht, spürt eine tiefe Ver- unsicherung. Der SPIEGEL hat jüdische Schüler getroffen, hat säkulare und from- me Juden in Berlin, Hamburg und Düssel- dorf befragt. Viele haben schon Antisemi- tismus erlebt, auch israelfeindliche Parolen treffen sie. Sie fragen sich, warum sie so

Parolen treffen sie. Sie fragen sich, warum sie so S c h ü l e r

Schülerin Karina: »Ich will mich nicht verstecken«

ze Land.« Irgendwann sei die Gruppe auf- gestanden, und ein libanesisches Mädchen habe gesagt: »Wallah! Hitler war ein guter Mann, denn er hat die Juden umgebracht.« Er habe unter Schock gestanden, sagt Florian, er habe doch immer versucht zu argumentieren. »Ich rief: Dieses Mädchen glorifiziert den Holocaust, dieses Mädchen huldigt den Massenmord an über sechs Millionen Juden!« Da habe ihn ein arabi- scher Mitschüler gepackt und »quasi durch die halbe Mensa getragen«, während eini- ge riefen: »Israel ist der Mörder, Israel ist der Mörder.«

Armoush-Kippa im Jüdischen Museum Berlin: Die Zahl der Angriffe steigt Fotos: PETER RIGAUD / DER

Armoush-Kippa im Jüdischen Museum Berlin: Die Zahl der Angriffe steigt

anders gesehen werden, wa- rum sich Stereotype so hartnä- ckig halten. Die Kippa, der Davidstern sind zum Risiko geworden. Et- liche Juden diskutieren schon, ob es für sie in Deutschland eine verlässliche Zukunft gebe. Sie hätten zuletzt das Gefühl bekommen, nicht Teil der deut- schen Gesellschaft zu sein, klagte eine Mehrzahl der Be- fragten schon 2016 in einer Stu- die der Uni Bielefeld. Der deutsche Antisemitis- mus sei vielleicht nicht so hand- greiflich wie der von Migran- ten, aber deshalb »nicht weni- ger giftig«, sagt Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu An- tonio Stiftung gegen Rechts- extremismus, Rassismus und Antisemitismus. Kahane ist Jü- din und bekommt ständig Hassmails, in denen sie etwa als »ehrloser jüdischer Ab- schaum« beleidigt wird. Auf Twitter drohte ihr ein »Charlie Dunkeldeutschland«: »Aus der Kahane-Fresse würde ich ei- nen Lampenschirm machen.« 947 antisemitische Vorfälle registrierte die Recherche- und Informationsstelle An- tisemitismus (Rias) 2017 allein in Berlin, sie will auch das zeigen, was die Polizei- statistiken nicht erfassen. Jeden Tag, sagt Rias-Leiter Benjamin Steinitz, würden ih- nen zwei bis drei Anfeindungen bekannt. Die Angreifer sprächen häufig Arabisch oder Türkisch. Aber »antisemitische Hal- tungen und Äußerungen, darunter vor al- lem eine Dämonisierung Israels, finden sich in allen Milieus, auch in der Mitte der deutschen Gesellschaft«, sagt Steinitz. Zum Beispiel am 5. März 2018 im War- tezimmer einer Arztpraxis in Niedersach- sen: Ein Patient mit Davidstern-Kette hilft zwei alten Damen aus dem Mantel. Eine der Frauen fragt, was für ein Symbol der Anhänger sei. Als er es erklärt, sagt sie an- gewidert: »Ach, hat man Sie vergessen?« Es ist nur ein Eintrag in einer langen Chronik, die Rias über antisemitische Vor- fälle in Deutschland führt.

Dabei schien jüdisches Leben endlich

wirklich heimisch geworden zu sein in der Bundesrepublik. Die Gemeinden wuchsen mit Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion. In Berlin, Hamburg, Mün- chen und Düsseldorf öffneten jüdische Schulen und Kindergärten, neue Synago- gen wurden geweiht. Erstmals nach dem Holocaust wurden 2006 in Deutschland wieder Rabbiner ordiniert. Noch vergan- genes Jahr sah Hannelore Kraft, als dama- lige NRW-Ministerpräsidentin, eine »neu

Kraft, als dama- lige NRW-Ministerpräsidentin, eine »neu Schulsekretärin Golan Schock im Land der Täter gewachsene

Schulsekretärin Golan

Schock im Land der Täter

gewachsene Selbstverständlichkeit jüdi- schen Lebens in Deutschland«. Junge Israelis entdeckten Berlin als hip- pe Metropole, mehr als 11 000 leben heute in der Hauptstadt. Eine junge jüdische Au- torengeneration macht sich bekannt, Lena Gorelik, Jan Himmelfarb, Dmitrij Belkin, Olga Grjasnowa, Juna Grossmann mit ih- rem Blog »Irgendwie jüdisch«. Die Schau- spielerin und Sängerin Sharon Brauner, Nichte des verfolgten jüdischen Filmprodu- zenten Artur (»Atze«) Brauner, hat Erfolg mit ihren jiddischen Liedern, in denen eine versunkene Welt wieder aufscheint, mit all der Wärme dieser alten jüdischen Sprache. »Bis in die Achtzigerjahre gab es das Bild der gepackten Koffer. Wir hatten uns hier eingerichtet, im Beruf, die Kinder gin- gen zur Schule, doch in gewisser Weise blieb man reisefertig«, sagt Sigmount Kö- nigsberg, 57, von der Jüdischen Gemeinde Berlin. Vor allem der Kurs Helmut Kohls, das wiedervereinigte Deutschland fest in EU und Nato einzubinden, habe Juden dann ermutigt, sich hier zu engagieren. »Die Koffer kamen in den Keller, es ver- breitete sich das Gefühl: Wir sind ange- kommen.« Und jetzt? »Die Koffer sind noch im Kel- ler, aber viele fragen sich nun: Wo genau haben wir sie hingepackt, sind alle in Schuss?«, sagt Königsberg. »Man ist wach- sam und überlegt, was man tut. Die An- tennen sind ausgefahren.« War die neue Normalität nur eine Täu- schung? Wurde nicht schon 2012 der Ber-

liner Rabbi Daniel Alter vor den Augen seiner Tochter zusammengeschlagen? Lange davor schon habe es Angriffe gegeben, sagt Königsberg, An- tisemitismus steige nicht kon- tinuierlich, »er zeigt sich in Wellen und Spitzen«. Er ver- misst einen Aufstand der Zivil- gesellschaft: »Wir müssen jetzt handeln, bevor das Feuer rich- tig brennt.« Königsberg ist der Antisemi- tismusbeauftragte der Berliner Jüdischen Gemeinde. Oft höre er von Eltern, die ihm von An- feindungen berichten. Meist hätten die Kinder schon einen Leidensweg hinter sich. Inzwi- schen rieten Eltern ihren Kin- dern: »Brauchst mal nicht zu sagen, dass du jüdisch bist.« Königsberg ist kein ängstli- cher Mann, er ist groß und viel zu Fuß unterwegs. Doch auch er sagt: »Ich würde keinem empfehlen, allein mit Kippa durch Berlin zu gehen.« Er trägt keine, er ist nicht religiös, so wie die Mehrzahl der ge- schätzt 200 000 Juden in der Republik. Rund die Hälfte von ihnen ist in Gemeinden registriert. »Die meisten von uns würde man als Juden gar nicht er- kennen.«

Keine Synagoge, keine jüdische Schule, kein jüdischer Kindergarten in Deutsch- land ohne Polizeischutz. »Das bedrückt uns«, sagte die Kanzlerin kürzlich dem israelischen Sender Channel 10. Doch tut sie etwas dafür, dass sich die Lage ändert? Karina, 15, geht aufs Jüdische Gymna- sium Moses Mendelssohn in Berlin-Mitte, nicht weit vom Hackeschen Markt. Ihre Schule ist von einem hohen Metallzaun umgeben, in der Straße patrouillieren Poli- zisten. Jeden Morgen muss sie durch eine Sicherheitskontrolle, auch zum Sportun- terricht ein paar Straßen weiter begleiten sie Polizisten. Selbst der Jugendklub, den sie besucht, wird bewacht. »Ich kenne es nicht anders«, sagt Karina, »aber wie kann das normal sein?« Ihre Schule residiert im historischen Ge- bäude der »Knabenschule der Jüdischen Gemeinde«, die 1942 von der Gestapo ge- schlossen und mit dem benachbarten Altenheim in ein Sammellager zur Depor- tation von Juden umgewandelt wurde. Karina ist in Berlin geboren. Ihre Eltern kamen 1996 aus Odessa in der Ukraine, sie wollten, sagt Karina, »eine gute Zu- kunft für uns«. Ihre Familie sei nicht religiös, aber »das Judentum ist meine Identität«. An ihrer Halskette trägt Karina einen Davidstern. »Ich zeige, dass ich

jüdisch bin«, sagt sie. Sie habe sich sogar einen extra großen Davidstern gewünscht. Viele rieten ihr, den Anhänger zu verber- gen. »Ich will mich nicht verstecken«, sagt Karina. Bloß wenn sie auf arabische Män- ner treffe, »im Aufzug oder so«, dann ste- cke sie ihn weg. Neulich in einem Café, sie wartete mit ihren Freundinnen auf die Getränke, da bemerkten sie ein paar türkischstämmige Mädchen, die ihren Davidstern anstarrten. »Sie glotzten voll drauf, gingen weg, lach- ten, kamen wieder«, erzählt Karina. »Was ist?«, habe sie gefragt. Da seien die Mäd- chen gegangen, eine habe ihr zugezischt:

»Fette Juden mag man nirgendwo.« Karina versucht, das locker zu erzählen, doch man spürt, dass es ihr nahegeht. Was hat man gegen sie, eine 15-jährige Schüle- rin in schwarzen Nietenjeans und hellrosa T-Shirt mit zwei aufgedruckten Rosen, die gern singt und Deutschrap hört? In Berlin sieht sie ihre Zukunft, und doch hat sie das Gefühl, »egal, wie lange ich hier bin, egal, wie gut mein Deutsch ist«, dass Deutschland nie ganz zu ihrer Heimat wird. »Sagen wir mal so: Ich bin eine Jüdin mit ukrainischen Wurzeln zu Gast in Deutschland.« Viele hätten »noch nie einen Juden ge- troffen«, sagt Karina, »ich möchte ihnen gern von uns erzählen«. Deshalb besucht sie ein Seminar des Zentralrats der Juden. Jugendliche werden dort vorbereitet, als Botschafter in Schulen zu gehen und über das Judentum zu sprechen.

Der Antisemitismus in Deutschland ruht auf einer dicken Schicht Ignoranz und Un- wissen über das Judentum, hartnäckig hal- ten sich Klischees und Vorurteile. In einer aktuellen Allensbach-Umfrage sagte mehr als ein Fünftel, Juden seien »geldgierig« und »raffgierig«. Lehrer von 21 Berliner Schulen berichteten schon 2016 in einer Dokumentation des American Jewish Committee (AJC) über antisemitische Ste- reotype in den Klassen: »Die Juden« kon- trollierten die Medien und die ganze Fi- nanzwelt, »ich mag Juden nicht«, »der Hit- ler hat leider nicht alle umgebracht«. Ein Lehrer sagte, wenn man über das Juden- tum sprechen wolle, gebe es gleich »eine kleine Intifada im Klassenraum«. Leonard Kaminski, gebürtiger Berliner, arbeitet für den AJC, eine Lobbyorgani- sation, die sich für jüdisches Leben und Demokratie einsetzt. Das Berliner AJC- Büro ist in der Nähe des Potsdamer Plat- zes, es gibt kein Schild im Hauseingang, aus Sicherheitsgründen. Kaminski, 31, hellgrauer Businessanzug, weißes Hemd, ist ein säkularer Jude, Kip- pa trägt er nur zu besonderen Anlässen, doch selbst das verkneift er sich jetzt. »Wenn ich an Yom Kippur, unserem höchs- ten Feiertag, zur Synagoge gehe, behalte

Deutschland

ich die Kippa lieber in der Tasche, bis ich dort bin.« In der U-Bahn vermeidet er es, Hebräisch zu sprechen, wenn er mit Kol- legen in Israel telefoniert. »Viele Juden versuchen derzeit zu erspüren, was sich entwickelt, um im Fall der Fälle diesmal rechtzeitig zu gehen.« Seine Schulzeit habe er als unbeschwert erlebt. »Für mich war es ganz selbstver- ständlich, in Deutschland aufzuwachsen.« Nach jüdischem Kindergarten und Grund- schule wechselte er auf ein öffentliches Gymnasium in Grunewald, ein Drittel sei- ner Klassenkameraden war jüdisch. Viel- leicht habe es mal einen dummen Spruch gegeben, »aber nichts Bedrohliches«. Die Probleme für Kaminski begannen, als er 2015 die dritte Herren-Fußball- mannschaft bei Makkabi Berlin mitgrün- dete. »Auf unserem Trikot ist der David- stern, wenn wir auf den Platz laufen, gibt es manchmal heftige Reaktionen.« Spieler

seien schon als »jüdische Hunde« und »Drecksjuden« beschimpft worden. Zwei- mal kam es zum Spielabbruch, gegen den Weddinger Verein Meteor 06 und den 1. FC Neukölln. »Ein Meteor-Spieler kam mit einer Eckfahne auf mich zu.« Spieler von Neukölln hätten gedroht, die Messer rauszuholen, Kaminski sagt, er habe ge- hört: »Wir stechen euch ab.« Einige hätten propalästinensische T-Shirts unter den Tri- kots getragen, davon eines mit einer Land- karte, auf der Israel mit den palästinensi- schen Nationalfarben übermalt war. Die hätten sie auf dem Spielfeld gezeigt. Beiden Vereinen wurden damals vom Sportgericht Punkte abgezogen, Meteor ausdrücklich wegen »rassistischer Verfehlungen«. Kaminski arbeitet inzwischen viel in Paris, da findet er die Situation für Juden »noch kritischer« als in Deutschland. We- gen heftigem Antisemitismus in Frankreich, Anschlägen und sogar Morden hätten sich

in Frankreich, Anschlägen und sogar Morden hätten sich AJC-Referent Kaminski: Heftige Reaktionen auf dem

AJC-Referent Kaminski: Heftige Reaktionen auf dem Fußballplatz

Deutschland

schon Gemeinden aufgelöst. »Vor 15, 20 Jahren sah die Lage dort etwa so aus wie heute in Deutschland. Der Fehler war, dass man damals nichts unternommen hat.«

Im Oktober 2000 verübten zwei arabisch-

stämmige Jugendliche einen Brandan- schlag auf die Synagoge in Düsseldorf. Die Tat löste bundesweit Entsetzen aus, Bun- deskanzler Gerhard Schröder rief zum »Aufstand der Anständigen«. Michael Szentei-Heise, 63, war damals schon Ver- waltungschef der Jüdischen Gemeinde. Ei- nen der beiden Männer, die als Jugendliche die Molotowcocktails geworfen hatten, sieht er heute noch ab und zu, er wohnt in der Nähe. Er war zu einer Bewährungsstra- fe verurteilt worden und musste Sozialstun- den auf dem jüdischen Friedhof ableisten.

Man könnte Szentei-Heise als rheinische Frohnatur beschreiben, er versucht, vieles mit Humor zu nehmen. Doch auch er sagt nun: »Ich bin besorgt.« Bereits vergangenes Jahr häuften sich Berichte in der Gemeinde über antisemitische Schmähungen an Düs- seldorfer Schulen. Er hat aufgeschrieben, was sich jüdische Kinder anhören müssen:

»Wieso gibt es keine Gaskammern mehr?« »Du hast voll die Judennase.« »Macht ihr das immer noch, dass ihr Kinder schlachtet und das Blut für die Mazza nehmt?« Das Erschrecken ist auch deshalb so groß, weil sich die Gemeinde mittendrin fühlt im Leben der Stadt, sagt Szentei- Heise, »wir sehen uns als integralen Be- standteil der Düsseldorfer Ge- sellschaft«. Dieses Jahr hat sich die Gemeinde sogar mit

einem Heinrich-Heine-Motto- wagen am Karnevalsumzug be- teiligt, es war seine Idee. Szen- tei-Heise fuhr mit auf dem Wa- gen, neben ihm ein Vertreter der Muslime. »Es war unglaub- lich«, schwärmt der Gemeinde- chef, »eine große Sympathie kam da rüber.« Statt »Helau!« riefen sie »Düsseldorf Scha- lom!« und warfen 1,3 Tonnen koschere Kamelle, die Szentei- Heise in Israel bestellt hatte. »Nächstes Jahr sind wir wie- der dabei«, sagt er, für ihn ist das »auch eine Antwort auf An- tisemitismus«. Seine Mutter starb 1991 in Düsseldorf, sie hat- te Auschwitz überlebt.

Liat Golan kam 1979 mit ihren

Eltern aus Israel nach Minden. »Ich war sechs. Als ich später verstand, wo wir gelandet wa- ren, im Land der Täter, war das ein Schock«, sagt Golan, 45. Die Familie wohnte über der Synagoge, »nachts zogen Betrunkene vorbei, manchmal

blieben sie vor dem Tor mit dem David- stern stehen und grölten: Schade, dass nicht alle Juden vergast worden sind«. Kinder hätten sie als »Scheiß-Jüdin« beschimpft, mehrmals wechselte sie die Schule. Ihrem Sohn wollte sie solche Erfahrun- gen ersparen. Sie lebte inzwischen in Ham- burg, und als dort 2007 die Jüdische Schu- le öffnete, war Golan eine der Ersten, die ihr Kind anmeldeten. Heute geht Yaniv, 14, in die neunte Klasse, seine Mutter ar- beitet im Schulsekretariat. Er trägt ein T-Shirt des jüdischen Jugendklubs, »Cha- sak« steht da auf Hebräisch, das heißt stark. Er sitzt mit Michelle, 16, im Sekre- tariat, auch sie ist seit der ersten Klasse dabei. Sie trägt schwarze Jeans mit Rissen und weiße Turnschuhe. Frage: Seid ihr schon mal antisemitisch beleidigt worden? Yaniv: Ja, beim Fußball, da heißt es »Du Jude!« oder »Scheiß-Jude«. Neulich hat ein Kumpel, von dem ich das nie gedacht hätte, gesagt: Ihr seid doch alle reich! Michelle: Meine jüdischen Freunde, die auf öffentliche Schulen gehen, erleben da mehr. Sie versuchen zu verbergen, dass sie jüdisch sind. Eine Freundin sagt an den jüdischen Feiertagen immer, sie sei krank. Fühlt ihr euch sicher und frei in Deutsch- land? Michelle: Ich fühle mich frei, würde aber nicht jedem erzählen, dass ich jüdisch bin. Es gibt zwar auch Leute, die sagen:

Ey, du bist jüdisch, wie toll, erzähl mal. Aber es gibt eben auch die anderen, des- halb würde ich nie mit Davidsternkette in die Innenstadt gehen. Yaniv: Ich fühle mich sehr frei in Deutschland, aber nicht als Jude. Michelle: Das hast du gut gesagt! Yaniv: Viele Leute denken, dass wir reich sind und eine große Nase haben, das ist echt traurig. Michelle: Genau! Da heißt es dann: Du siehst aber gar nicht aus wie ein Jude! Aber wie sieht denn ein Jude aus? Seht ihr eure Zukunft in Deutschland? Michelle: Ja, ich glaube, ich habe hier viele Möglichkeiten. Yaniv: Ich eher nicht, ich möchte nach Israel gehen. Da kann ich machen, was ich will als Jude. Da muss ich nicht mehr hö- ren: Ey, Mann, ich hab noch nie einen Ju- den gesehen! Als wäre ich ein Alien, der vom Mars kommt!

Die jüdische Schule ist dagegen eine »klei- ne heile Welt«, wie seine Mutter es nennt. Morgens beten alle gemeinsam, mittags gibt es koscheres Essen. Heute ist »milchig« dran: Kaiserschmarrn. Nur zu den Mahlzei- ten und zum Gebet müssen die Jungs eine Kippa tragen, die sie aus einer Box vor dem Speiseraum nehmen können. Freitags wird die Eröffnung des Schabbat gefeiert. Alle lernen Hebräisch und jüdische Religion, an den jüdischen Feiertagen ist schulfrei. »Wir sind ein Ort, an dem das Judentum ganz selbstverständlich gelebt wird«, sagt die Schulleiterin Franziska von Maltzahn, 44, die selbst nicht jüdisch ist. 170 Schüler hat die

Joseph-Carlebach-Schule. Et- was mehr als die Hälfte ist jü- disch, die Übrigen haben ande- re Konfessionen. Es ist Teil des Konzepts, »Normalität im Mit- einander jüdischer und nicht jü- discher Kinder«, sagt Maltzahn. Die Schule ist so gefragt, dass der Platz knapp wird, auf dem Hof stehen Container als Er- satzklassenzimmer. Ein Neu- bau für 500 Kinder ist geplant. In der sechsten Stunde hat Yaniv Geschichte bei Oliver Thron, einem der vielen nicht jüdischen Lehrer. Häufig, sagt Thron, werde er gefragt: Wie kommst du an eine jüdische Schule? Dann sagte er: Im Som- mer mit dem Fahrrad. »Wir sind eine Schule für alle mit ei- nem multikulturellen, interreli- giösen Kollegium.« Das Thema seines Wahl- pflichtkurses in der neunten Klasse: Nationalsozialismus. Am Abend hat Yaniv mit seiner Mut- ter noch ein Familienfoto betrach- tet: Alle darauf wurden ermordet,

ein Familienfoto betrach- tet: Alle darauf wurden ermordet, Schulleiterin Maltzahn »Hier wird Judentum ganz

Schulleiterin Maltzahn

»Hier wird Judentum ganz selbstverständlich gelebt«

nur der Uropa überlebte. In seinem Referat erzählt Yaniv dann, wie der Uropa 1941 in Holland seine Zahntechnikpraxis dem Assis- tenten überschrieb, als die Nazis das Land besetzten. Dafür versteckte ihn der Assistent. »Hätte mein Uropa das nicht gemacht, gäbe es mich jetzt nicht«, sagt Yaniv.

Auf dem Platz neben der Schule stand

einst die große Bornplatz-Synagoge, die die Nazis 1938 verwüsteten. »Talmud- Tora-Realschule« hieß Yanivs Schule da- mals, der Schriftzug ist noch immer über dem Eingang zu lesen. 1932 wurde dort der kleine Loeb einge- schult, Sohn des Tranhändlers Markus Bi- stritzky. Er überlebte den Holocaust, seine Eltern flohen mit ihm in die USA, doch die Urgroßeltern wurden in Auschwitz er- mordet. Auch der Hamburger Landesrab- biner heißt Bistritzky – er ist Loebs Enkel. Shlomo Bistritzky kam 2003 als »Scha- liach«, als Gesandter der orthodoxen Ge- meinschaft Chabad Lubawitsch nach Ham- burg. 2015 wurde er eingebürgert. Olaf Scholz, damals Erster Bürgermeister, nann- te das »eine besondere Ehre für Hamburg«. Bistritzky, 41, trägt den langen Bart ei- nes frommen Juden und einen schwarzen Anzug. Seit er im Amt ist, ist es ruhiger ge- worden um die einst zerstrittene Gemein- de, die Konflikte sind beigelegt. Die Wie- dereröffnung der jüdischen Schule ist ein Erfolg mitten im Grindelviertel, früher das Herz jüdischen Lebens in Hamburg. Gera- de hat das Rabbinerseminar, das Bistritzky aufgebaut hat, die ersten sechs Rabbiner in Hamburg seit dem Krieg ordiniert. Aus dem Regal in seinem Wohnzimmer, das vollgepackt ist mit schweren Bänden jüdischen Schrifttums, zieht Bistritzky ei- nen Talmud-Kommentar, »verfasst vor 250 Jahren in Hamburg«, sagt er, einer Zeit, in der bedeutende Rabbiner in Ham- burg lebten. Der Kommentar behandelt religiöse Streitfragen der Zeit, Bistritzky liest eine vor: Eine Frau öffnet ein Hähn- chen und stellt fest, es hat kein Herz. Ist es koscher? Ein Rabbi sagt: Jedes Huhn hat ein Herz, dieses muss die Katze gefres- sen haben, also ist es koscher. Der andere sagt: Hast du das Herz nicht gesehen, ist es nicht koscher. Die Gemeinde damals sei mehr der ers- ten Auslegung gefolgt, sagt Bistritzky, der als aufgeschlossener Orthodoxer gilt. An- ders als er ist der Großteil seiner Ge- meinde nicht religiös, nur rund 120 der 2400 Gemeindemitglieder kommen regel- mäßig in den Gottesdienst. Er selbst darf am jüdischen Ruhetag kein Auto fahren, kein Licht anschalten, seinen Computer nicht benutzen und auch das Handy nicht. Einer Frau darf er nicht die Hand geben. »Das ist eine Grenze, eine symbolische Dis- tanz, die beide Seiten schützt, damit ein Mann nicht mit einer fremden Frau und

schützt, damit ein Mann nicht mit einer fremden Frau und Landesrabbiner Bistritzky: »Besondere Ehre für Hamburg«

Landesrabbiner Bistritzky: »Besondere Ehre für Hamburg«

eine Frau nicht mit einem fremden Mann ins Stolpern kommt«, sagt er, »keine Ab- wertung des anderen Geschlechts.« Auch seine Frau Chani gibt keinem Mann die Hand. Vor Terminen meldet sich seine Mit- arbeiterin und erklärt die Dinge. Man müsse das nicht verstehen, »aber kann man es nicht wenigstens respektie- ren?«, fragt Bistritzky. Er spüre wachsen- den Unmut vor allem in liberalen Kreisen. »Keiner sagt etwas, aber ich sehe es in den Blicken.« Menschen, die früher freundlich gewesen seien, gingen nun auf Abstand. Offenbar hätten doch etliche ein Problem damit, dass er ein frommer Jude sei, »dass das orthodoxe Judentum wächst«. Für ihn sei das auch Antisemitismus, »wenn die Religion der Juden nicht ge- wünscht wird«. Bistritzky, ein freundlicher, kontrollierter Mann, wirkt aufgewühlt. Er fragt: »Ich bin seit 15 Jahren in Hamburg, aber bin ich integriert?« Das treibe ihn mehr um als die Schneebälle, die ihn im Winter vor drei bis vier Jahren aus einem Hinterhalt so hart im Gesicht trafen, dass

seine Brille zerbrach. Viel mehr als die Kin- der, die ihm »Jude« oder »Jahudi« auf Ara- bisch hinterherriefen.

Im Juni hat Florian in Berlin sein Abitur bestanden. Er möchte studieren, Business- Administration auf einem Berliner jüdi- schen College, »da habe ich kein Problem mit Antisemitismus«. Und dann? »Dann sag ich Tschüss.« Er will nach Israel gehen, »weil ich das Land liebe«, aber auch weil er sich da sicherer fühle. Politisch sympa- thisiert er dort mit den Nationalreligiösen. Deutschland, meint er, müsste mehr da- für tun, die »geschichtlichen Bildungs- lücken« von Migranten zu schließen. Und:

»Es geht so viel um tote Juden, man müsste mal was für lebende Juden machen.«
»Es geht so viel um tote Juden, man müsste
mal was für lebende Juden machen.«
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Imam trifft Rabbi
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Deutschland

Die Wasserschlacht

Ferien Vielen Kommunen wird ihr Freibad zu teuer. Bundesweit versuchen Bürger, mit Fördervereinen Becken und Liegewiesen zu retten.

S ommer! Für Taina Kammritz heißt das: Badezeug schnappen und in

den Wald radeln. Hier, im Freibad, trifft sich ihre Clique seit der Grundschule. »Unsere ganze Klasse verbrachte hier von Juni bis August die Nachmittage und die Ferien«, sagt die 26-Jährige aus Gemün- den im Hunsrück. Als Jugendliche seien sie nachts heimlich aufs Gelände geschli- chen, zum Mondscheinbaden und Knut- schen.

Heute kämpft Kammritz als Vorsitzen- de des »Fördervereins Freibad Gemün- den« für den Erhalt der Anlage. Als Lo- kalpolitiker diese im Herbst 2015 schließen wollten, versammelten sich Hunderte Ge- mündener – Kinder, Eltern, Großeltern – mit Protestplakaten zur Demo. »Jedes Ratsmitglied musste auf dem Weg ins Rat- haus an ihnen vorbei«, sagt Kammritz und strahlt. Der Aufstand hatte Erfolg; die Kommune beschloss, das Freibad weiter zu betreiben, im Notmodus. Dann streikte in diesem Januar die Hei- zungsanlage, wieder stand das 1974 gebaute Bad vor dem Aus. Ein neuer Kessel war dem Ort zu teuer. »Wir haben die Presse alarmiert«, sagt Kammritz, »und die Be- triebe in der Gegend angeschrieben: Helft mit!« Mehr als 40000 Euro kamen zusam- men, die Heizung wurde repariert. Fürs Ers- te können die Gemündener weiter im Wald schwimmen, auch wenn unsicher bleibt, ob sich ihre Verbandsgemeinde die Betriebs- kosten von mindestens 100000 Euro pro Saison auf Dauer noch leisten kann. Freibäder sind so beliebt wie teuer. Weil die – ohnehin meist schon hohen – Ein- trittsgelder im Schnitt nur 27 Prozent der Kosten finanzieren, müssen klamme Kom- munen viele Anlagen schließen. 6700 Hal- len- und Freibäder gab es zur Jahrtausend- wende in Deutschland, mehr als jedes vier- te ist heute nicht mehr in Betrieb. Akut droht laut Deutscher Lebens-Rettungs-Ge- sellschaft (DLRG) 105 Bädern die Schlie- ßung. Ein Drama für den Sport – und für viele Kinder in den Sommerferien. Zahl- lose Becken und Liegewiesen sind nur des- halb noch geöffnet, weil Fördervereine wie in Gemünden Spenden und ehrenamtliche Helfer organisieren. Es war der »Goldene Plan« der Deut- schen Olympischen Gesellschaft, der von 1960 bis 1975 für einen Bauboom sorgte, quer durchs Land entstanden neue Schwimmbäder, im Ausland wurde die

Bundesrepublik als Weltmeister im Sport- stättenbau bewundert. Die notwendigen Milliarden mussten die Städte und Gemeinden damals nicht allein berappen; rund 40 Prozent der Kos- ten übernahmen die Länder und der Bund. Die Versorgung der Bürger mit Sport- und Badestätten, befand Bundeskanzler Kon- rad Adenauer (CDU), sei »billiger, als sie nachher wieder gesund zu machen, wenn sie einmal krank geworden sind«. Und heute? »Das Betreiben eines Schwimmbads ist rechtlich gesehen im Ge- gensatz zu Feuerwehr oder Schule eine freiwillige Leistung«, sagt Harald Stock, Bürgermeister der Samtgemeinde Bevern in Niedersachsen. »Wenn Gemeinden kei- ne Haushaltsüberschüsse erzielen, müssen sie zwingend zuerst ihre Pflichtleistungen bedienen.« Für marode Schwimmbecken fehlt dann schnell das Geld. Erst im Dezember hat Stocks defizitäre Kommune den Zuschuss für das beliebte Freibad in Bevern um ein Viertel gekürzt. Den Betrieb hat längst ein Bürgerver- ein übernommen. Die Ehrenamtlichen um Annegret Fiene müssen rund 60 000 Euro im Jahr selbst erwirtschaften. Nur drei Viertel der Einnahmen kämen durch Eintrittsgelder zusammen, sagt Fie- ne, die im Freibad kassiert, den Badebe-

BERT BOSTELMANN / BILDFOLIO / DER SPIEGEL
BERT BOSTELMANN / BILDFOLIO / DER SPIEGEL

Aktivistin Kammritz (r.)*

»Helft mit!«

trieb überwacht, die Hecken schneidet. Die 53-Jährige klingt müde. Den Rest müs- sen Spenden einspielen, Events wie Open- Air-Kino oder Beachvolleyballturniere, vor allem aber: Freiwilligenarbeit. »Wir quatschen jeden an, egal ob Badegast oder Schwimmkursvater«, sagt Fiene. »Unsere Pumpen sind über 40 Jahre alt. Immer muss etwas geflickt werden.« Bis zu 2500 Arbeitsstunden investieren die Beveraner pro Jahr ehrenamtlich in ihr Freibad. An Sonntagen schwimmen und sonnen- baden Tausende hier. Der Großteil der Be- sucher stammt aus den umliegenden Ge- meinden; das Freibad Bevern lockt mit dem einzigen 50-Meter-Becken weit und breit. Bürgermeister Stock findet, dass grö- ßere Gemeinden als seine 6000-Einwoh- ner-Kommune die bei Sportschwimmern beliebten Becken betreiben müssten, als Pflichtleistung, genau wie Kitas oder Klär- anlagen. »Freibäder haben im Ländlichen auf Dauer keine Zukunft«, sagt Stock. Und das hat auch sportliche Folgen – Deutschland wird allmählich zur Nicht- schwimmernation. Mindestens die Hälfte aller Zehnjährigen kann nicht sicher schwimmen, wie eine Forsa-Umfrage von 2017 zeigt. Zwar hatten nach Elternanga- ben drei Viertel der Kinder das »Seepferd- chen«-Abzeichen. Das aber beweist nur, dass die Kleinen sich 25 Meter lang über Wasser halten können, in einer Gefahren- situation reicht das nicht aus. In Bevern macht sich Annegret Fiene, eine ausgebildete Rettungsschwimmerin, schon heute oft Sorgen. »Da springen Teenager vom Dreimeterbrett – und schaf- fen es gerade noch, zum Beckenrand zu paddeln«, sagt sie. Rund ein Viertel aller Grundschulen hat keinen Zugang zu einem Schwimmbad; sogar im finanzkräftigen Bayern mangelt es an Becken. Die Gemeinde Eching ist zwar an das Münchner S-Bahn-Netz an- geschlossen, die 440 Schüler der dortigen Grund- und Mittelschule bekommen trotz- dem keinen Schwimmunterricht. Keines der umliegenden Schwimmbäder hat freie Kapazitäten für sie. Für den Echinger Rektor Gerhard Röck, 57, ein unhaltbarer Zustand: »Wer sich im Wasser auf den Rücken legen und sich allein mit der Atmung stabilisieren kann, ist nicht nur vor Ertrinken gefeit«, so Röck, »sondern gewinnt auch Vertrauen in seine Kraft.« Auf Klassenfahrten sei er oft an die Isar gefahren und habe die Jugendli- chen in die Strudel springen lassen, damit sie die Gewalt des Wassers erlebten. »Wir werden auch in Deutschland immer mehr mit dieser Gewalt konfrontiert«, gibt Röck mit Blick auf die jüngsten Überschwem- mungskatastrophen zu bedenken: »Da er-

* Mit Vereinsvorstand Elke Roos auf einer Beachparty in Gemünden.

BERT BOSTELMANN / BILDFOLIO / DER SPIEGEL
BERT BOSTELMANN / BILDFOLIO / DER SPIEGEL

Schwimmbadbesucher in Gemünden: Protest gegen die Schließung

trinken Kinder oder werden wiederbelebt und dann zu neurologischen Pflegefällen, nur weil sie nicht schwimmen können.« Der Bayerische Lehrer- und Lehrerin- nenverband, die DLRG und der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) sind sich einig: Deutschland braucht einen neu- en Goldenen Plan, eine gemeinsame Kraft- anstrengung zur Sanierung seiner in die Jahre gekommenen Bäder. »Ohne zusätz- liche Milliarden von Bund und Ländern wird dieses Vorhaben nicht gelingen«, sagt Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des DStGB. »In der im Koalitionsvertrag beschlossenen Kommission ›Gleichwertige Lebensverhältnissein ganz Deutschland müssen gerade solche wichtigen Standort- fragen, wie es auch eine flächendeckende Versorgung mit Schwimmbädern ist, vo- rangetrieben werden.« Solange die Politik dieses Projekt nicht in Angriff nimmt, werden jedes Jahr wei- tere Bäder ihre Drehkreuze feststellen müssen. In Heinsberg in Nordrhein-West- falen schlossen Lokalpolitiker vor drei Jahren das Freibad Oberbruch mit dem Hinweis, die Kinder verbrächten so viel

Zeit in der Schule, da lohne die Öffnung des Freibads nicht mehr. An dieses Argu- ment erinnert sich jedenfalls Norbert Wall- rafen, 62. Um die Schließung zu verhin- dern, hatte Wallrafen sich mit Klappstuhl und Gartentisch vor die Kirche gesetzt und Unterschriften gesammelt. 6000 Bürger unterschrieben, andere unterstützten die Petition online. Genützt hat es nichts. »Es fehlt etwas im Ort«, sagt Wallrafen, »Oberbruch ist jetzt nur noch Brennpunkt.« Früher ermöglichte der sozial schwache Be- zirk, in dem das Bad liegt, seinen Einwoh- nern wenigstens den Sommerurlaub vor Ort. »Das Freibad war der einzige günstige Freizeitvertreib für die Jugendlichen«, sagt Wallrafen, der selbst seine Kindheits- sommer hier verbracht hat. Jetzt treibt Laub im trüben Beckenwasser. Ob die besonders häufig in Nordrhein- Westfalen gegründeten Bürgerbäder oder ob Schwimmbad-Genossenschaften das Freibadsterben stoppen können, ist frag- lich. »Uns reicht’s«, sagt Ernst Walter Siep- mann, 69, Vorsitzender des Trägervereins Schwelmebad, der das Freibad der Ruhr- stadt Schwelm betreibt. »Wir schaffen es

nicht mehr, die Einsparungen der Kommu- ne bei den Zuschüssen wettzumachen.« Die Selbstausbeutung soll ein Ende haben; 2020 will der Verein aufgeben. In Gemünden im Hunsrück trotzte am vergangenen Samstag eine Beachparty dem Niedergang, Motto: »Geminne goes Malle«. Ballermannbrüller beschallten die friedliche Waldlichtung; Sangria wurde im Eimer mit Strohhalmen gereicht. Um den Hals von Taina Kammritz, der jungen Chefin des Fördervereins, baumeln Girlanden. Diesmal haben sie es geschafft. Sicher gerettet sei das Freibad aber nicht. Neulich erst wurde ein Leck im Becken identifiziert. »Dass wir die Stelle gefunden haben, ist gut«, sagt Kammritz. »Ob wir die Ausbesserung bezahlen können, wis- sen wir nicht.«

Annette Bruhns, Miriam Olbrisch Video Ein Stück Mallorca in Gemünden spiegel.de/sp302018freibad oder in der App
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FACE TO FACE

Gesellschaft

Erfrieren ist ein schleichender Tod. Das Ende spürt man kaum. ‣ S. 46

*ABFALLNETTOAUFKOMMEN; QUELLE: STATISTISCHES BUNDESAMT

des

Bruttoinlandsprodukts

1000 Euro

*

Abfall.

auf

178 Kilogramm