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Katharina Große

Benutzerzentrierte
E-Partizipation
Typologie, Anforderungen
und Gestaltungsempfehlungen
Benutzerzentrierte E-Partizipation
Katharina Große

Benutzerzentrierte
E-Partizipation
Typologie, Anforderungen
und Gestaltungsempfehlungen
Mit einem Geleitwort von Prof. Jörn von Lucke und
Prof. Andrea Römmele
Katharina Große
Friedrichshafen, Deutschland

Dissertation der Zeppelin Universität

Gutachter: Prof. Dr. Jörn von Lucke und Prof. Dr. Andrea Römmele

Disputation am 30.06.2017

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http://www.springer.com/978-3-658-19877-0

ISBN 978-3-658-19876-3 ISBN 978-3-658-19877-0  (eBook)


https://doi.org/10.1007/978-3-658-19877-0
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Für Petra und Ralf, Life Support & Ship Counselling

Für David, Chief Engineer & Co-Pilot


Danksagung
Diese Arbeit wäre nicht möglich gewesen ohne die Unterstützung von Prof. Dr. Jörn von Lu-
cke, der mir an der Zeppelin Universität eine einzigartige Umgebung geschaffen hat. Am The
Open Government Institute hat er mir eine finanzielle und inhaltliche Unabhängigkeit er-
möglicht, die keinesfalls selbstverständlich ist und die ich sehr zu schätzen weiß. Vielen Dank
für dein Vertrauen, deine fachlichen Impulse und deine Bereitschaft, dich auf sozial-
wissenschaftliche Ausflüge einzulassen.
Vielen Dank auch an Prof. Dr. Andrea Römmele, die sich bereit erklärt hat, sich als Ko-
Promotorin diesem interdisziplinären Thema anzunehmen.
Ein großer Dank geht an meine Mit-Doktoranden. Vielen Dank für das Knobeln bei psycho-
logischen Übersetzungsrätseln und zuverlässiges Tabellenbewundern.
Vielen Dank an Johanna und Sophie aus Tinkas Thesis Team für das Korrekturlesen und die
moralische Unterstützung.
Ein riesiges Dankeschön an Petra und Ralf, die auf den letzten Metern unentbehrlich waren.
Ich verdanke euch nicht nur, dass in dieser Arbeit einige Buchstabendreher weniger zu fin-
den sind. Ihr habt mir den Weg hierher ermöglicht und wart dabei immer an meiner Seite.
Ihr seid absolut groß(E)artig.
Vielen, vielen Dank an meinen David. Danke für endlose Diskussionen und Wochenend-
unterstützung im Büro. Danke, dass du dich immer getraut hast, mir Feedback zu geben.
Danke, dass dich mein gestresstes Ich nicht aus der Ruhe bringen konnte. The Delta Quad-
rant has been fun, and now … set a course … for home.
Zusammenfassung
Immer häufiger werden bei Entscheidungsprozessen in Politik und Verwaltung Möglichkeiten
geschaffen, Bürger online zu beteiligen. Dabei entsprechen die Teilnehmergruppen in Bezug
auf Quantität und Heterogenität oft nicht den Erwartungen. Eine Möglichkeit, um Teilnah-
mebarrieren abzubauen, ist benutzerzentrierte Entwicklung. Dabei werden unter anderem
unterschiedliche Benutzertypen identifiziert und die Gestaltungslösung gemäß typbasierter
Anforderungen entwickelt. Bei der Entwicklung von E-Partizipationslösungen wird dieses
Vorgehen bisher jedoch kaum verfolgt. Es fehlen die Ressourcen, um vorab fundiertes Wis-
sen über unterschiedliche Benutzertypen zu erlangen. Deshalb wird in dieser Untersuchung
eine theoretisch fundierte Benutzertypologie der E-Partizipation erarbeitet. Aus dieser wer-
den typspezifische Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen abgeleitet. Es
wird eine wissenschaftliche Grundlage geschaffen, die Auftraggeber und Entwickler dabei
unterstützt, benutzerzentrierte E-Partizipationslösungen zu designen.
In einem ersten Schritt werden zur Identifikation möglicher Typologie-Merkmale zentrale
Theorien der politischen Partizipation und Technologienutzung ausgewertet. Zur Validierung
der Merkmale werden Studien zu E-Partizipation analysiert. Danach werden mit Hilfe beste-
hender Typologien der Internetnutzung und bekannter Merkmalskorrelationen Ausprä-
gungscluster identifiziert. Es entsteht eine finale Typologie der E-Partizipation mit fünf Ty-
pen: Gestalter, Optimierer, Spieler, Weltverbesserer und Bemühte. Hieraus werden formali-
siert typspezifische Anforderungen abgeleitet. Für jeden Typ wird außerdem eine Kombina-
tion von Gestaltungsempfehlungen entwickelt, die dessen Anforderungen hinreichend er-
füllt. Somit leistet die Arbeit einen Beitrag dazu, das Bewusstsein für das Potential von Be-
nutzerzentrierung in der Entwicklung von E-Partizipationslösungen zu erhöhen. Sie bietet
einen wichtigen Erkenntniszugewinn für Entwickler und schlägt Umsetzungsansätze für be-
nutzerzentrierte E-Partizipation vor.
Vorwörter
Die in Deutschland gelebte Beteiligung von Bürgern an politischen Meinungsbildungs- und
Entscheidungsprozessen sowie an Planungsverfahren ist keineswegs eine Selbstverständlich-
keit. Vielmehr sind sie das Ergebnis eines jahrhundertelangen Entwicklungsprozesses von
Staat und Verwaltung. Mit der Digitalisierung und den neuartigen Möglichkeiten durch den
„direkten elektronischen Kanal“ eröffnen sich seit mehr als dreißig Jahren ganz neuartige An-
sätze zur Teilhabe und Bürgerbeteiligung. Qualität und Akzeptanz von so genannter „Online-
Partizipation“ hängen aber nicht nur vom technisch Machbaren ab. Viele weitere Faktoren
wie etwa Kulturen, Strukturen, Prozesse, Finanzen, Führungskräfte und das Design der An-
gebote haben maßgeblichen Einfluss auf eine erfolgreiche Umsetzung und eine hohe Akzep-
tanz.
Katharina Große erschließt mit ihrer in Form dieses Buches veröffentlichen Dissertation
wertvolle Ansätze zur benutzergenerierten Gestaltung von elektronischer Beteiligung. Sie
setzt damit einen wichtigen Meilenstein für die weitere Entwicklung von Online-Partizipation
in Deutschland. Aus Sicht des Erstgutachters hat ihre Promotionsschrift herausragende Be-
deutung für Theorie und Praxis. Es handelt sich um ein theoretisch-analytisch wie gestalte-
risch-normatives Werk, das sich interdisziplinär an der Nahtstelle zwischen Verwaltungs-
informatik, Politikinformatik und Politikwissenschaft positioniert.
Auf Basis vorhandener wissenschaftlicher Studien legt Katharina Große die theoretischen
Grundlagen für eine benutzerorientierte Gestaltung von Online-Partizipation in Deutschland.
Mit ihrer Arbeit verfolgt sie drei Forschungsziele: Die Entwicklung einer Benutzertypologie
der E-Partizipation, die Beschreibung der Nutzungsanforderungen für E-Partizipation auf Ba-
sis dieser Typologie und die Entwicklung von sich daraus ableitenden Gestaltungs-
empfehlungen.
Kenntnis und Verbreitung der erarbeiteten E-Partizipationstypen werden helfen, die elekt-
ronische Bürgerbeteiligung bürgernäher zu entwickeln und zu realisieren. Gleichzeitig bietet
die vorliegende Arbeit eine intensive Auseinandersetzung mit dem aktuellen Stand der wis-
senschaftlichen Theorien, Studien und Ergebnissen zu Online-Partizipation, die einerseits ei-
nen fokussierten Einstieg in das Thema ermöglicht und andererseits eine fundierte Grundla-
ge für weitere Forschung bietet.
Mit ihrer im Herbst 2016 an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen vorgelegten Disserta-
tion trägt Katharina Große dazu bei, dass sich die Verwaltungsinformatik und die Politikwis-
senschaft mit Online-Partizipation in Deutschland zielgerichteter und erfolgsversprechender
auseinandersetzen können. Mit den von ihr erarbeiteten fünf Typen zur E-Partizipation (Ge-
stalter, Optimierer, Spieler, Weltverbesserer und Bemühte) hat sie vor allem neue Grundla-
gen gelegt, auf denen weitere Forschergenerationen aufsetzen können.
Nach Begutachtung und Verteidigung wird das mit „Summa cum Laude“ bewertete Promoti-
onsverfahren an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen mit diesem Druck im Sommer
XII Vorwörter

2017 abgeschlossen sein. Katharina Große sei an dieser Stelle für ihre Dissertationsschrift
und ihre Mitarbeit am The Open Government Institute (TOGI) und ihrem Engagement über
die vergangenen Jahre gedankt. Die Anfertigung einer Promotion neben den beruflichen Tä-
tigkeiten am Lehrstuhl und am Institut in Lehre, Wissenschaft und Forschung erfordert eine
außerordentliche Disziplin, für die ihr an dieser Stelle noch einmal Lob und Anerkennung ge-
zollt werden soll. Als wissenschaftlicher Betreuer würde ich mich sehr freuen, wenn die von
ihr eingebrachten Ideen, Anregungen und Typen in den kommenden Jahren breite Aufmerk-
samkeit finden und aufgegriffen werden.

Prof. Dr. Jörn von Lucke


Vorwörter XIII

Frau Große beschäftigt sich in ihrer Dissertation mit einem sowohl für die Forschung als auch
die Praxis höchst relevanten Thema. Die Arbeit ist interdisziplinär angelegt und an der
Schnittstelle von Verwaltungs- und Politikwissenschaften anzusiedeln, noch weiter herun-
tergebrochen auf der Schnittstelle zwischen Partizipations-, Demokratie- und Open-
Government-Forschung.

Es ist das klare Ziel der Arbeit, eine Benutzertypologie für E-Partizipation zu entwickeln. Dazu
werden folgende Unterfragen beantwortet: 1) Welches sind die Merkmale dieser Typologie?
2) Welche Ausprägungen haben diese Merkmale? 3) Welche Ausprägungskombinationen
gibt es, d.h. welche Typen lassen sich feststellen? Hierzu geht Die Autorin geht explorativ
und interdisziplinär vor. Sie schlägt die Brücke zwischen den weiter oben aufgeführten Diszi-
plinen und weist in allen aufgeführten Disziplinen eine exzellente Kompetenz und Übersicht
der Forschungslage auf.
Die vorliegende Dissertationsschrift ist eine mutige Arbeit auf höchstem akademischem Ni-
veau. Die hoch-innovativen Forschungsfragen werden stringent entwickelt. Die Arbeit ist lo-
gisch aufgebaut. Sie möchte etwas bewirken und erreichen. Sie führt den Leser theoretisch
und sehr problemorientiert in das Thema der E-Partizipation in Deutschland ein, legt Mög-
lichkeiten und Grenzen dar. Die Typologiebildung mit der Referenz auf mehrere in der Litera-
tur diskutierten Konstrukte ist uneingeschränkt überzeugend und für die weitere Forschung
ohne Zweifel wegweisend.
Dies ist eine Arbeit, die Impulse geben möchte und auch tut und zwar in mehrere For-
schungsgebiete hinein. Es ist eine Arbeit, die ein Referenzwerk für weitere Forschungs-
arbeiten darlegt. Trotz ihres hohen methodischen und theoretischen Anspruches ist es aber
auch eine Arbeit, die weit in die Praxis hineinwirken wird.

Prof. Dr. Andrea Römmele


Inhaltsverzeichnis
Danksagung .................................................................................................................... VII
Zusammenfassung ........................................................................................................... IX
Vorwörter........................................................................................................................ XI
Inhaltsverzeichnis ........................................................................................................... XV
Abbildungsverzeichnis ................................................................................................... XIX
Tabellenverzeichnis ....................................................................................................... XXI
Tabellenverzeichnis Anhang ......................................................................................... XXIII
Abkürzungsverzeichnis.................................................................................................. XXV
1 Relevanz und Hintergrund der Untersuchung ............................................................. 1
1.1 E-Partizipation in Deutschland .................................................................................... 1
1.2 Das Benutzergruppen-Paradoxon von E-Partizipation ................................................ 3
1.2.1 Beschreibung des Paradoxons ................................................................................. 3
1.2.2 Diskussion des Veränderungsbedarfs ...................................................................... 4
1.3 Das Paradoxon der Benutzerzentrierung von E-Partizipation..................................... 5
1.3.1 Beschreibung des Paradoxons ................................................................................. 5
1.3.2 Diskussion des Veränderungsbedarfs ...................................................................... 8
2 Forschungsfrage und Ziel der Untersuchung ............................................................. 11
3 Herausforderungen und Einschränkungen der Untersuchung.................................... 15
3.1 Zielgruppe .................................................................................................................. 15
3.1.1 Größe und Diversität der Zielgruppe ..................................................................... 15
3.1.2 Benennung der Zielgruppe .................................................................................... 15
3.1.3 Einschränkung der Zielgruppe ............................................................................... 16
3.2 Allgemeine Gültigkeit ................................................................................................ 16
3.2.1 Thematische Gültigkeit .......................................................................................... 17
3.2.2 Zeit ......................................................................................................................... 17
3.3 Losgelöste Betrachtung ............................................................................................. 17
4 Aufbau der Untersuchung ........................................................................................ 19
XVI Inhaltsverzeichnis

5 Definition des Untersuchungsgegenstandes über den Stand der Forschung .............. 21


5.1 Demokratietheorie .................................................................................................... 22
5.2 Politische Partizipation .............................................................................................. 23
5.3 E-Partizipation im Kontext von E- und Open Government ....................................... 28
5.4 E-Partizipation im Kontext offener (gesellschaftlicher) Innovation .......................... 31
5.5 E-Partizipation im Kontext von Citizenship ............................................................... 32
5.6 E-Partizipation im Kontext (Politischen) Crowdsourcings ......................................... 34
5.7 E-Partizipation aus Sicht der Praxis ........................................................................... 35
5.7.1 Definitionen von staatlichen Stellen ...................................................................... 35
5.7.2 Zusammenfassung ................................................................................................. 39
5.8 Definition von E-Partizipation ................................................................................... 40
6 Methodologie der Untersuchung .............................................................................. 45
6.1 Philosophie der Untersuchung .................................................................................. 45
6.2 Strategie und Prozess der Untersuchung .................................................................. 45
6.3 Vorgehen: Vorab-Befragung von Beteiligungsagenturen ......................................... 46
6.4 Vorgehen: Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste ......................................... 47
6.5 Vorgehen: Validierung durch empirische Untersuchungen ...................................... 48
6.5.1 Reflexion der Verwendung von empirischen Studien ........................................... 48
6.5.2 Auswahl der zu verwendenden Studien ................................................................ 49
6.6 Vorgehen: Identifikation von Ausprägungsclustern .................................................. 50
6.6.1 Prozess der Cluster-Identifikation.......................................................................... 50
6.6.2 Übersetzung der DIVSI- und U-25-Milieus ............................................................. 51
7 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste ............................................................ 53
7.1 Theorien der politischen Partizipation ...................................................................... 53
7.1.1 Politische Partizipation nach Milbrath und Goel ................................................... 54
7.1.2 Das Civic Voluntarism Model von Verba, Schlozman und Brady ........................... 60
7.1.3 Politische Psychologie ............................................................................................ 64
7.1.4 Kollektives Handeln................................................................................................ 70
7.2 Theorien der Technologienutzung ............................................................................ 79
7.2.1 Technologie-Akzeptanz .......................................................................................... 79
7.2.2 Internetpsychologie ............................................................................................... 83
7.2.3 Nutzen und Belohnung .......................................................................................... 85
7.2.4 Andere Online-Communities ................................................................................. 86
7.3 Vorläufige Merkmalsliste........................................................................................... 88
Inhaltsverzeichnis XVII

8 Validierung der Merkmalsliste.................................................................................. 97


8.1 Sozio-Demographische Faktoren............................................................................. 102
8.1.1 Beschreibung der Variablen-Abdeckung ............................................................. 102
8.1.2 Diskussion der Konsequenzen für die Merkmalsliste .......................................... 102
8.2 Ressourcen, Fähigkeiten, Wissen ............................................................................ 105
8.2.1 Beschreibung der Variablenabdeckung ............................................................... 105
8.2.2 Diskussion der Konsequenzen für Merkmalsliste ................................................ 105
8.3 Eigenschaften .......................................................................................................... 105
8.4 Selbstkonzeption ..................................................................................................... 106
8.5 Einstellungen ........................................................................................................... 106
8.5.1 Beschreibung der Variablenabdeckung ............................................................... 106
8.5.2 Diskussion der Konsequenzen für Merkmalsliste ................................................ 107
8.6 Motivation ............................................................................................................... 107
8.7 Gewohnheiten ......................................................................................................... 108
8.7.1 Beschreibung der Variablenabdeckung ............................................................... 108
8.7.2 Diskussion der Konsequenzen für Merkmalsliste ................................................ 108
8.8 Validierte Merkmalsliste.......................................................................................... 108
9 Identifikation von Ausprägungsclustern ..................................................................111
9.1 Auswertung der DIVSI- und U25-Milieus................................................................. 111
9.1.1 Sozio-Demographie .............................................................................................. 112
9.1.2 IT-Infrastruktur und IT-Nutzung ........................................................................... 112
9.1.3 Übersetzung der Basis-Trends ............................................................................. 113
9.1.4 Index-Werte der Basis-Trends ............................................................................. 115
9.1.5 Qualitative Inhaltsanalyse der Milieu-Beschreibungen ....................................... 120
9.1.6 Auswertungsergebnis .......................................................................................... 128
9.2 Bekannte Ausprägungskorrelationen ...................................................................... 132
9.2.1 Diskussion der Konflikte der ersten Iteration ...................................................... 133
9.2.2 Zweite Iteration.................................................................................................... 138
9.2.3 Dritte Iteration ..................................................................................................... 140
9.2.4 Vervollständigung von Lücken ............................................................................. 141
9.2.5 Kombination der Cluster ...................................................................................... 144
10 Beschreibung und Benennung der Typologie der E-Partizipation .............................151
XVIII Inhaltsverzeichnis

11 Ableitung von Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen ...................155


11.1 Vorhandene Erkenntnisse zu Anforderungen und Gestaltungsempfehlungen ...... 155
11.2 Formulierung der Nutzungsanforderungen ............................................................ 157
11.3 Beschreibung der Nutzungsanforderungen ............................................................ 157
11.4 Beschreibung der Gestaltungsempfehlungen ......................................................... 160
11.5 Beschreibung der typspezifischen Nutzungsanforderungen und
Gestaltungsempfehlungen ................................................................................................. 167
11.5.1 Gestalter ........................................................................................................... 167
11.5.2 Optimierer ........................................................................................................ 170
11.5.3 Spieler ............................................................................................................... 171
11.5.4 Weltverbesserer ............................................................................................... 175
11.5.5 Bemühte ........................................................................................................... 177
12 Diskussion der Ergebnisse .......................................................................................181
12.1 Zusammenfassung der Arbeit.................................................................................. 181
12.2 Interpretation der Ergebnisse ................................................................................. 182
12.3 Umsetzung der Gestaltungsempfehlungen ............................................................. 183
12.4 Auswirkungen der Ergebnisse ................................................................................. 185
12.5 Weiterentwicklung der Forschung .......................................................................... 188
Literaturverzeichnis .......................................................................................................191
Verzeichnis verwendeter Normen ..................................................................................207
Anhänge ........................................................................................................................209
A. Vorab-Befragung von Beteiligungsagenturen...........................................................210
B. Handbücher der E-Partizipation...............................................................................211
C. Empirische Studien zu E-Partizipation ......................................................................213
D. Sozio-Demographie und IT der DIVSI-Milieus ...........................................................215
E. Extraktionsregeln ....................................................................................................218
F. Extraktionen der DIVSI-Milieus................................................................................222
G. Extraktionen der DIVSI-Beteiligungsstudie...............................................................222
H. Extraktionen der U-25-Milieus.................................................................................222
I. Zusammenfassung der Extraktionsergebnisse .........................................................222
J. Ergänzung der Clusterbeschreibung durch bekannte Korrelationen .........................237
Abbildungsverzeichnis
 Abbildung 1: Aufbau der Untersuchung ....................................................................................................... 20
 Abbildung 2: Modell der Individualhandlung bei informationellen Kollektivgütern .................................... 76
 Abbildung 3: Beschreibung der Basis-Trends der DIVSI-Milieus durch Typologie-Merkmale .................... 117
 Abbildung 4: Konflikte der ersten Iteration ................................................................................................ 133
 Abbildung 5: Bestehende Lücken in der Clusterbeschreibung ................................................................... 142
 Abbildung 6: Typprofil Gestalter ................................................................................................................ 169
 Abbildung 7: Typprofil Optimierer ............................................................................................................. 171
 Abbildung 8: Typprofil Spieler .................................................................................................................... 174
 Abbildung 9: Typprofil Weltverbesserer .................................................................................................... 176
 Abbildung 10: Typprofil Bemühte .............................................................................................................. 179
Tabellenverzeichnis
 Tabelle 1: Übersicht über Konstrukte und abgeleitete Merkmale ............................................................... 88
 Tabelle 2: Vorläufige Merkmalsliste ............................................................................................................. 96
 Tabelle 3: Empirische Studien zu E-Partizipation ......................................................................................... 99
 Tabelle 4: Übersicht über Merkmalsverwendung in empirischen Studien ................................................ 100
 Tabelle 5: Validierte Merkmalsliste ............................................................................................................ 110
 Tabelle 6: Online-Gewöhnung und -Nutzung der Milieus .......................................................................... 113
 Tabelle 7: Übersetzung der DIVSI-Milieus .................................................................................................. 115
 Tabelle 8: Indexwerte der DIVSI-Milieus .................................................................................................... 116
 Tabelle 9: Beschreibung der Basis-Trends der DIVSI-Milieus durch Typologie-Merkmale ........................ 119
 Tabelle 10: Ergebnisvergleich Cluster 1 ...................................................................................................... 121
 Tabelle 11: Ergebnisvergleich Cluster 2 ...................................................................................................... 122
 Tabelle 12: Ergebnisvergleich Cluster 3 ...................................................................................................... 123
 Tabelle 13: Ergebnisvergleich Cluster 4 ...................................................................................................... 124
 Tabelle 14: Ergebnisvergleich Cluster 5 ...................................................................................................... 126
 Tabelle 15: Ergebnisvergleich Cluster 6 ...................................................................................................... 127
 Tabelle 16: Ergebnisvergleich Cluster 7 ...................................................................................................... 128
 Tabelle 17: Vorläufige Beschreibung der Ausprägungscluster ................................................................... 129
 Tabelle 18: Bekannte Korrelationen zwischen Merkmalen ........................................................................ 132
 Tabelle 19: Unterschiede zwischen ähnlichen Clustern ............................................................................. 145
 Tabelle 20: Finale Cluster einer Typologie der E-Partizipation................................................................... 147
 Tabelle 21: Gesamtliste der Anforderungen an E-Partizipation ................................................................. 158
 Tabelle 22: Gesamtliste der Gestaltungsempfehlungen ............................................................................ 161
Tabellenverzeichnis Anhang
 Tabelle Anhang A-1: Befragungsergebnisse der Relevanz-Überprüfung ................................................... 210
 Tabelle Anhang B-1: Übersicht über Handbücher der E-Partizipation ....................................................... 211
 Tabelle Anhang C-1: Übersicht über Definitionen von E-Partizipation empirischer Studien ..................... 213
 Tabelle Anhang C-2: Signifikanz-Ergebnisse ausgewählter Studien ........................................................... 215
 Tabelle Anhang D-1: Demographie der DIVSI-Milieus ................................................................................ 216
 Tabelle Anhang D-2: Online-Fähigkeiten, -Gewöhnung und Art der Nutzung der DIVSI Milieus ............... 217
 Tabelle Anhang E-1: Extraktionsregeln ...................................................................................................... 218
 Tabelle Anhang I-1: Extraktionsvergleich DS und Souveräne ..................................................................... 223
 Tabelle Anhang I-2: Extraktionsvergleich EP und Pragmatische ................................................................ 225
 Tabelle Anhang I-3: Extraktionsvergleich UH und Hedonisten................................................................... 227
 Tabelle Anhang I-4: Extraktionsvergleich PS und Skeptiker ....................................................................... 229
 Tabelle Anhang I-5: Extraktionsvergleich VE und Verantwortungsbedachte ............................................. 231
 Tabelle Anhang I-6: Extraktionsvergleich OFL und Vorsichtige .................................................................. 233
 Tabelle Anhang I-7: Extraktionsvergleich IFV und Verunsicherte .............................................................. 235
 Tabelle Anhang J-1: Aufbereitung identifizierter Korrelationen ................................................................ 237
 Tabelle Anhang J-2: Durchführung erste Iteration ..................................................................................... 238
 Tabelle Anhang J-3: Ergebnis erste Iteration und Durchführung zweite Iteration ..................................... 242
 Tabelle Anhang J-4: Ergebnis zweite Iteration und Durchführung dritte Iteration .................................... 245
 Tabelle Anhang J-5: Ergebnis dritte Iteration und Vervollständigung von Lücken ..................................... 248
 Tabelle Anhang J-6: Ergebnis Vervollständigung mit Markierung der Konflikte zwischen Clustern .......... 251
Abkürzungsverzeichnis
BG Beteiligungsgegenstand

BMI Bundesministerium des Innern

BMWi Bundesministerium für Wirtschaft und Energie

BPB Bundeszentrale für politische Bildung

bzw. Beziehungsweise

CA Collective Action Kollektives Handeln

CO Collective Outcomes Gemeinschaftliche Ziele

CVM Civic Voluntarism Model Modell des freiwilligen zivilgesellschaftlichen Engagements

d. h. Das heißt

DIVSI Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet

Dr. Doktor

Dr. rer. soc. Doctor rerum socialium Doktor der Sozialwissenschaften

DS Digital Souveräne

E-Democracy Electronic Democracy Elektronische Demokratie

E-Government Electronic Government Elektronisches Regieren und Verwalten

EIdG Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft”

EP Effizienzorientierte Performer

etc. Et cetera Und so weiter

E-Voting Electronic Voting Elektronisches Wählen

FF Forschungsfrage

FZ Forschungsziel

GE Gestaltungsempfehlungen

HCI Human Computer Interaction Mensch-Computer-Interaktion

IAP2 International Association of Internationale Assoziation für öffentliche Partizipation


Public Participation
IFV Internetferne Verunsicherte

IJAB Fachstelle für internationale Jugendarbeit der


Bundesrepublik Deutschland
IKT Informations- und Kommunikationstechnologien

LOC Locus of Control Kontrollüberzeugung

M. A. Master of Arts

NGO Non-Governmental Organisation Nichtregierungsorganisation

OFL Ordnungsfordernde Internet-Laien

OGI Offene gesellschaftliche Innovation

PC Personal Computer Privater Computer


XXVI Abkürzungsverzeichnis
Prof. Professor

PS Postmaterielle Skeptiker

RDT Relative Deprivation Theory Theorie der relativen Benachteiligung

RWA Right-Wing Authoritarianism Autoritarismus

S. Seite (bei Literaturverweisen)

SCG Selective Civic Gratification Zivilgesellschaftliche Motivation

SDO Social Dominance Orientation Soziale Dominanzorientierung

SES Socio-Economic Status Sozioökonomischer Status

SJT Social Justice Theory Theorie der sozialen Gerechtigkeit

SMB Selective Material Benefits Materielle Motivation

SSG Selective Social Gratification Soziale Motivation

TAM Technology Acceptance Model Modell der Technologie-Akzeptanz

TPB Theory of Planned Behaviour Theorie des geplanten Verhaltens

TRA Theory of Reasoned Action Theorie vernunftgeleiteter Handlung

U&G Use and Gratification Nutzen- und Belohnungsansatz

u. a. Und andere (bei Literaturverweisen)

UF Unterfrage

UH Unbekümmerte Hedonisten

UTAUT United Theory of Acceptance Vereinte Theorie der Akzeptanz und Nutzung von Technologie
and Use of Technology
UTAUT 2 United Theory of Acceptance Vereinte Theorie der Akzeptanz und Nutzung von Technologie 2
and Use of Technology 2
v. a. Vor allem

VE Verantwortungsbedachte Etablierte

vs. Versus

z. B. Zum Beispiel
1 Relevanz und Hintergrund der Untersuchung
1.1 E-Partizipation in Deutschland
E-Partizipation, die Online-Beteiligung von Bürgern an Entscheidungsprozessen in Politik und
Verwaltung, ist eins der zentralen Themen, welche die aktuelle Debatte um die Weiter-
entwicklung staatlicher Prozesse in Deutschland prägen: Regierungsprogramme betonen
den Mehrwert von E-Partizipation, Landesregierungen bauen Online-Beteiligungsportale auf
(siehe Kapitel 5.7.1). Ermöglicht wird diese neue Online-Interaktion von Staat und Bürgern
durch die Evolution des Internets von 1.0 zu 2.0, wie sie von Lucke (2016) beschreibt: In den
1990er-Jahren wurde das Internet für private Benutzer zugänglich gemacht. Mit dem neuen
Jahrtausend wurde das Web 2.0 geboren. Das World Wide Web ist seitdem nicht mehr nur
ein Medium zur Informationsverbreitung. Benutzer können interagieren—in Echtzeit und
global. Nutzergenerierte Inhalte und soziale Netzwerke haben den Alltag erobert. Web-2.0-
Dienste sind „recht leicht zu bedienen und erfordern keinerlei Programmierkenntnisse“ (von
Lucke, 2010, S. 7). Diese Technologien ermöglichen, so von Lucke (2010), das Entstehen neu-
er (Online-)Gemeinschaften, die gemeinsam Text editieren und Inhalte erstellen. Sie erlau-
ben es den Benutzern zu diskutieren und unterstützen gemeinschaftliche Entschei-
dungsfindung. Genauso ist eine Unterstützung gemeinsamen Handelns möglich. „Web 2.0-
Technologien [eröffnen] ganz neue Perspektiven, an die technisch in der Vergangenheit
kaum zu denken war“ (von Lucke, 2012, S. 1).
Politik und Verwaltung können sich spätestens seit 2009 diesen Veränderungen nicht mehr
verschließen. Barack Obama (2009) prägte mit seinem Memorandum die Diskussion um
zeitgemäßes Regieren und Verwalten. Er forderte mehr Transparenz, mehr Zusammenarbeit,
mehr Partizipation und nannte dabei Web-2.0-Technologien als elementaren Bestandteil.
Open Government—oder besser Open Government 2.01 (von Lucke, 2010), denn in seiner
Offline-Variante wird Open Government bereits seit Jahren in Skandinavien debattiert
(Grønbech-Jensen, 1998)—hat sich als Ideal weltweit verbreitet, wie die Open Government
Partnerschaft mit 70 Mitgliedern zeigt (Open Government Partnership, 2015).
Open Government ist dabei nicht nur eine Abbildung der bestehenden Prozesse in Politik
und Verwaltung durch Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT). Dies wird als E-
Government bezeichnet (von Lucke & Reinermann, 2000) und kann als Anfang des Einflusses
der Digitalisierung auf staatliche Prozesse gesehen werden. Open Government beschreibt
eine Erweiterung des demokratischen Spektrums. Web 2.0 ermöglicht es, Regieren und
Verwalten „mit einer starken Bürgerorientierung“ neu zu denken (von Lucke, 2012, S. 1). Es

1
Im Folgenden werden die Begriffe synonym verwendet.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018


K. Große, Benutzerzentrierte E-Partizipation,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-19877-0_1
2 Relevanz und Hintergrund der Untersuchung

zeigt sich ein „kultureller Wandel, der durch ein neues partnerschaftliches Verhältnis zum
Bürger geprägt ist“ (von Lucke, 2010, S. II). Es ist auch die Rede von einer neuen „Organisati-
onslogik“ des Staates (Internet & Gesellschaft Co:llaboratory, 2010, S. 12). Linders (2012)
spricht von we-government, Noveck (2009) von wiki government und smarter state (2015).
Es entwickelt sich die Hoffnung, dass die partizipative Natur des Web 2.0 sich auf die politi-
sche Arena übertragen lässt (Meckel, Hoffmann, Lutz, & Poell, 2014). Diese Veränderung ist
jedoch nicht nur getrieben von technischem Fortschritt an sich, sondern auch eine Reaktion
auf sinkende Wahlbeteiligung, Politikverdrossenheit (Arzheimer, 2009) und Bürgerproteste,
besonders bei großen Bau- und Infrastrukturvorhaben (Römmele & Schober, 2013). Von Lu-
cke fasst es wie folgt zusammen:
Beruflich wie privat nutzen sie [die Bürger] soziale Medien und das Web 2.0, um sich
zu informieren, einzumischen und einzubringen. Vernetzt, innovativ, engagiert haben
sie ein großes Interesse an Themen, die ihren Alltag und ihre Zukunft bestimmen.
Ganz im Sinne einer aktiven Bürgergesellschaft werden sie ihre Möglichkeiten nut-
zen, um sich zu beteiligen. Durch eine behutsame Öffnung von Staat und Verwaltung
. . . können Politik und Behörden auf dieses Bedürfnis zum Mitmachen reagieren und
so den Schwung in ihrem Sinne nutzen. (von Lucke, 2010, S. 1)

Zunehmend lassen sich in Deutschland Projekte im Bereich der E-Partizipation beobachten.


Auf nationaler Ebene lud beispielsweise der damalige Bundespräsident Christian Wulff zum
„Online-Bürgerforum“ (Bertelsmann Stiftung, 2011). Das Bundesministerium des Innern be-
riet sich 2012 mit den Bürgern in der „Konsultation Open Government“ (Zebralog, 2010).
Angela Merkel ließ Bürger online in einen „Dialog über Deutschlands Zukunft“ treten
(Merkel, 2012) und setzt das Konzept aktuell mit einer Online-Diskussion über gutes Leben in
Deutschland fort (Bundesministerium des Innern (BMI), 2015). Über enquetebeteiligung.de
wurden Bürger online in die Arbeit der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesell-
schaft“ (EIdG) einbezogen (Große u. a., 2013). Länder wie Brandenburg, Baden-Württemberg
oder Nordrhein-Westfalen bieten Online-Partizipationsmöglichkeiten (für eine Beschreibung
der Länder-Strategien siehe Kapitel 5.7.1.2). Immer mehr Städte bieten unterschiedliche
Formen der E-Partizipation an (siehe für eine Übersicht beispielsweise Martini & Fritzsche,
2015).2
Es zeigt sich, dass E-Partizipation besonders für staatliche Akteure ein aktuelles, wichtiges
Thema ist—auch wenn die Wissenschaft sich in Teilen bereits mit den nächsten Stufen der
Digitalisierung von Staat und Gesellschaft befasst. Beispielsweise wird hier nicht mehr nur
Open sondern auch Smart Government im Web 4.0, dem Internet der Dinge und Dienste,
diskutiert (von Lucke, 2015). Trotzdem ist das Phänomen der E-Partizipation im Web 2.0 kei-
nesfalls ausreichend erforscht. Bei einer tiefergehenden Betrachtung zeigen sich zwei Para-
doxa, die den Bedarf für weitere Forschung darlegen.

2
Beispiele finden sich auch auf http://www.offenekommune.de oder http://www.zebralog.de/projekte.
Das Benutzergruppen-Paradoxon von E-Partizipation 3

1.2 Das Benutzergruppen-Paradoxon von E-Partizipation

1.2.1 Beschreibung des Paradoxons


Zum einen gibt es eine hohe Diskrepanz zwischen dem Wunsch der Deutschen nach mehr
Online-Partizipation3 und den tatsächlichen Teilnehmerzahlen. Beispielswiese geben 44 Pro-
zent der Bevölkerung an, dass sie gerne die Möglichkeit hätten, sich online in die politische
Entscheidungsfindung einzubringen (BITKOM, 2013). Laut Köcher und Bruttel (2011) liegt die
Zahl sogar bei über 60 Prozent, bei jüngeren Altersgruppen über 70 Prozent. Diese Zahl
nennt auch das SAS Institute (2013): Fast 70 Prozent der Deutschen würden sich vielleicht
oder sehr wahrscheinlich über das Internet einbringen. Nach einer themenspezifischen Ab-
frage berichtet der E-Government Monitor (Initiative D21 e.V. & Insitute for Public Informa-
tion Management, 2015) zwar geringere Zahlen: 19 Prozent würden sich online zu Stadtent-
wicklung oder Infrastrukturen beteiligen und 32% bei Bürgerhaushalten oder Petitionen.
Doch selbst wenn man diesen konservativen Zahlen folgt, stehen sie in starkem Kontrast zur
Größe der tatsächlichen Teilnehmergruppe. So nahmen an der Online-Diskussion zum Bür-
gerhaushalt der Stadt Frankfurt beispielsweise nur 2.821 von 700.000 Einwohnern teil
(Geißel, Kolleck, & Neunecker, 2013), das sind 0,4 Prozent. Dies scheint auch für andere Bür-
gerhaushalte zu gelten: Kersting (2013) zeigt in einer Übersicht, dass die Beteiligungsquote
meist unter 2 Prozent liegt. Das bestätigen andere Untersuchungen (Märker & Wehner,
2014; Taubert, Krohn, & Knobloch, 2010). Auch die Online-Beteiligung an der EIdG wurde
bezogen auf die Teilnehmerzahl als enttäuschend bewertet (Große u. a., 2013). Eine Aus-
nahme bietet der durch Angela Merkel angestoßene Online-Dialog zu Deutschlands Zukunft.
Es ist nicht eindeutig, wie viele Teilnehmer das Verfahren hatte, weil die Zahl der Besucher
nicht erhoben wurde. Mit 74.000 Kommentaren (Merkel, 2012) liegt er jedoch klar über dem
Durchschnitt. Selbst wenn es sich jedoch um 74.000 Benutzer handeln würde, wäre das im-
mer noch ein verschwindend geringer Teil der Bevölkerung, unter einem halben Prozent.
An dieser Stelle soll keinesfalls die Teilnehmerzahl als alleiniges Bewertungskriterium darge-
stellt werden. Noch soll argumentiert werden, dass es notwendig ist, Online-Beteiligungen
mit einer Teilnehmerzahl im Millionen-Bereich durchzuführen. Vielmehr dient die Darstel-
lung dazu, die Diskrepanz zwischen angegebener Beteiligungsabsicht und tatsächlicher Teil-
nahme zu verdeutlichen, die wissenschaftliche Untersuchungen notwendig erscheinen lässt.
Dieser Eindruck wird noch verstärkt, wenn statt der Anzahl der Teilnehmer die Zusammen-
setzung der Benutzergruppe betrachtet wird. Online-Beteiligung wird unter anderem mit
dem Ziel assoziiert, auf sich ändernde Beteiligungsstile jüngerer Generationen zu reagieren
und Politikverdrossenheit entgegen zu wirken (S. Coleman, 2008). Die Bundesregierung
selbst betont, sie wolle „mit möglichst vielen Bevölkerungsgruppen eine Debatte . . . führen“
(Die Bundesregierung, 2014a, S. 23). Jedoch wurde bereits früh angezweifelt, dass Online-
Partizipation eine Beteiligung Vieler sein und besonders eher beteiligungsferne Gruppen er-

3
Online-Partizipation und E-Partizipation werden in dieser Arbeit synonym verwendet.
4 Relevanz und Hintergrund der Untersuchung

reichen könne (Norris, 2006). Tatsächlich bestätigt sich der Eindruck: Teilnehmer sind eher
nicht Teil der jüngeren Generationen. Auch scheinen sie eher politisch interessiert als politik-
verdrossen (Große u. a., 2013) und stammen eher aus den gut gebildeten gesellschaftlichen
Schichten (Geißel u. a., 2013; Große u. a., 2013). Anspruch und Realität gehen somit sowohl
was Umfang als auch Zusammensetzung der Teilnehmergruppe betrifft stark auseinander.

1.2.2 Diskussion des Veränderungsbedarfs


Zuerst muss an dieser Stelle die Frage geklärt werden, warum es den Status quo zu verän-
dern gilt. Warum sollten Anstrengungen unternommen werden, die Benutzergruppe von E-
Partizipation zu erweitern?
Auf der einen Seite wird betont:
Im Sinne eines anspruchsvollen Demokratieverständnisses hängt die normative Qua-
lität einer politischen Beteiligungsform wesentlich davon ab, ob sie allen Bürgerinnen
und Bürgern gleichermaßen offen steht. Beteiligungsformen, die nur von den res-
sourcenstarken Teilen der Bevölkerung genutzt werden (können), werden demnach
nicht als legitim erachtet, weil sie dem Gebot der Gleichheit widersprechen. (Ritzi,
Schaal, & Kaufmann, 2012, S. 5)

Auf der anderen Seite mahnen Märker und Wehner (2014), nicht falsche Erwartungen an E-
Partizipation zu stellen. Ziel sei keinesfalls Repräsentativität, es handele sich um ein die De-
mokratie ergänzendes Verfahren, was nicht an Beteiligungsquoten zu messen sei. Gleichzei-
tig betonen sie aber, dass es wichtig sei, dass die Teilnahme für alle Interessierten offen ste-
he.
Es gibt aber einen weiteren Punkt, der neben der demokratisch-normativen Argumentation
die Wichtigkeit einer vielfältigen Teilnehmergruppe aufzeigt: Das volle Potential der innova-
tiven Problemlösekraft von Online-Partizipation wird nur erreicht, wenn verschiedene gesell-
schaftliche Gruppen vertreten sind. Auch Märker und Wehner (2014) sprechen von Inklusivi-
tät und Heterogenität als wichtige Erfolgskriterien für E-Partizipation.
Zusammenfassend lassen sich daraus zwei Argumente ableiten: Zwar ist erstens die Anzahl
der Teilnehmer oder die Repräsentativität der Gruppe aus der Perspektive demokratischer
Legitimation nicht ausschlaggebend für E-Partizipation. Die Teilnahme sollte aber allen Tei-
len der Bevölkerung gleichermaßen offen stehen. Trotzdem ist es wahrscheinlich, dass nicht
alle Gruppen an E-Partizipation teilnehmen werden. Eine größtmögliche Heterogenität der
Teilnehmergruppe ist dennoch wünschenswert, um eine Vielzahl unterschiedlicher Argu-
mente und Ideen zu sammeln und großes Innovationspotential freizusetzen.
Es sollte also ein Bestreben sein, Hürden für Online-Beteiligung so gut wie möglich abzubau-
en und den Status quo zu verändern. Eine Möglichkeit dazu ist benutzerzentriertes Design,
wie sich im nächsten Abschnitt zeigen wird.
Das Paradoxon der Benutzerzentrierung von E-Partizipation 5

1.3 Das Paradoxon der Benutzerzentrierung von E-Partizipation

1.3.1 Beschreibung des Paradoxons


Ein weiteres Paradoxon zeigt sich bei der Betrachtung des Entwicklungsprozesses von E-
Partizipationslösungen. Bei der Gestaltung von interaktiven Systemen4, wie es auch Lösun-
gen zur E-Partizipation sind, verbreitet sich zunehmend das Bewusstsein, dass Benutzer-
zentrierung5 ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist: „Durch die Anwendung geeigneter mensch-
zentrierter Verfahren kann das Risiko verringert werden, dass das Produkt die Anforderun-
gen der Stakeholder nicht erfüllt oder von seinen Benutzern zurückgewiesen wird“ (DIN EN
ISO 9241-210, S. 8). „Das Konstruieren von Systemen, das auf einem unangemessenen oder
unvollständigen Verständnis der Erfordernisse der Benutzer beruht, ist eine der Haupt-
ursachen für den Misserfolg von Systemen“ (DIN EN ISO 9241-210, S. 10). Benutzerzentrie-
rung bedeutet zusammenfassend, dass in die Gestaltung auch Anforderungen einfließen, die
sich aus den Bedürfnissen und Eigenschaften der Benutzer ergeben. „Die Gestaltung [einer
Lösung] beruht auf einem umfassenden Verständnis der Benutzer, Arbeitsaufgaben und Ar-
beitsumgebungen“ (DIN EN ISO 9241-210, S. 9).
Es gibt bereits Stimmen, die die Bedeutung von Benutzerzentrierung auch für E-
Partizipationslösungen betonen. Schon in einer der frühen Studien zu E-Partizipation wird
beschrieben, dass es ein mittelfristiges Ziel für unter anderem Bundesbehörden sein sollte,
„bedarfs- und zielgruppengerechte Konsultationen“ anzubieten (Albrecht u. a., 2008, S. 12).
Martini und Fritzsche (2015) betonen, dass „Bürgerbeteiligung künftig passgenauer und be-
darfsgerechter zu gestalten“ sei, um geringen Teilnehmerzahlen entgegen zu wirken (S. 6).
Um Hürden abzubauen, müssen „Beteiligungsangebote benutzerfreundlicher konzipiert
sein“ und an die „Erfahrungswelt der Nutzer“ (S. 44) angepasst werden. Auch im öster-
reichischen Open-Government-Vorgehensmodell wird betont: „Es ist daher naheliegend, für
diese unterschiedlichen Nutzertypen auch in Social-Media oder Partizipationsprojekten un-
terschiedliche Angebote zu machen“ (Krabina, Prorok, & Lutz, 2016, S. 46). Zudem schreibt
das Participation Playbook der US-Regierung (Federal Public Participation Working Group,
o. J.): „Community and stakeholder understanding is key to organizing a successful participa-
tory effort. Once you determine who you're trying to reach, you can refine your outreach
efforts to effectively communicate with participants and stakeholders.” Es wird konkret
empfohlen, Beteiligungsstrategien an die unterschiedlichen Stakeholder-Gruppen anzupas-
sen.

4
Ein interaktives System ist eine „Kombination von Hardware- und Softwarekomponenten, die Eingaben von
einem Benutzer empfangen und Ausgaben zu einem Benutzer übermitteln, um ihn bei der Ausführung einer
Arbeitsaufgabe zu unterstützen“ (DIN EN ISO 9241-110, S. 6).
5
DIN EN ISO 9241-210 betont: „Es ist eher der Begriff ‘menschzentrierte Gestaltung’ zu verwenden als ‘be-
nutzerzentrierte Gestaltung’, um zu betonen, dass dieser Teil der ISO 9241 auch Auswirkungen auf eine
Reihe von Stakeholdern berücksichtigt, die normalerweise nicht als Benutzer betrachtet werden. In der Pra-
xis werden diese Begriffe jedoch häufig synonym verwendet.“ Hier wird ebenso verfahren.
6 Relevanz und Hintergrund der Untersuchung

Diese Forderungen beziehungsweise Empfehlungen werden durch wissenschaftliche Er-


kenntnisse zu partizipativen Online-Aktivitäten gestützt, teilweise explizit bezogen auf Poli-
tik. Nonnecke, Andrews und Preece (2006) beschreiben, dass verbessertes Design die Parti-
zipation in Online-Communities erhöhen könne (siehe auch R. Coleman, Lieber, Mendelson,
& Kurpius, 2008). Paulini, Maher und Murty beziehen dies direkt auf die Charakteristika der
Benutzer: „If active user participation is an explicit goal for designers, accurately characteris-
ing users’ motivations, behaviours, and knowledge is essential” (2014, S. 94; siehe auch
Yetim, Wiedenhoefer, & Rohde, 2011). Ähnlich formulieren es auch Correa, Hinsley und de
Zúñiga (2010, S. 252): „Internet designers should take into account users' characteristics and
needs.” Freelon, Wells und Bennett (2013) zeigen, dass Online-Beteiligungsmöglichkeiten,
die in ihrem Design den Beteiligungspräferenzen der potentiellen Benutzer entsprechen,
mehr Beiträge anziehen.
Amichai-Hamburger (2014, S. 188) weist dabei jedoch darauf hin, dass „net designers have a
tendency to view users as a single entity, ignoring personality differences.” Es reiche nicht,
Benutzer als Einheit zu betrachten, sondern es müsse auf Unterschiede zwischen den Benut-
zern eingegangen werden, betonen auch Nov, Arazy, López und Brusilovsky (2013, S. 368):
„More broadly, our proposed approach to targeted design highlights the need to tailor de-
sign features to personality or other idiosyncratic personal characteristics.” Tatsächlich zeig-
en Lupia und Philpot (2005), wie sich die Wahrnehmung der Nützlichkeit von politischen
Websites für unterschiedliche Altersgruppen unterscheiden. Das bestätigt auch die For-
schung von Freelon (2011). Sie zeigt, dass unterschiedliches Design von politischen Diskussi-
onsforen unterschiedliche Benutzerguppen anzieht. Koussouris, Lampathaki, Kokkinakos,
Askounis und Misuraca (2015, S. 151) betonen in Bezug auf Policy Making 2.0, dass „offering
different interfaces to these target groups, where each one is able to facilitate in the best
possible way the intended audience, respecting the usage needs and always considering the
background knowledge of each group” essentiell sei für einen erfolgreichen Prozess. Cullen
und Morse (2011) schließen, dass die unterschiedlichen Nutzungsgewohnheiten verschie-
dener Persönlichkeitstypen „implications for online consultation by governments if they wish
to use online community discussions for assessing public opinion of matters of policy” (S. 1)
haben.
Doch obwohl die Erkenntnis, dass nutzerzentriertes Design zum Erfolg von interaktiven Sys-
temen einen wichtigen Beitrag leistet, nicht neu ist, hat sich die Forschung bisher unzu-
reichend damit in Bezug auf Partizipation auseinandergesetzt, besonders, was Unterschiede
zwischen Benutzertypen angeht:
To date, much of the HCI6 research in the area has focused on the general user popu-
lation, overlooking personality differences . . . . Studies . . . did not take into account
differences in users’ fundamental idiosyncratic attributes, such as their personalities
or motivations. (Nov u. a., 2013, S. 361)

6
Human Computer Interaction, Mensch-Computer-Interaktion.
Das Paradoxon der Benutzerzentrierung von E-Partizipation 7

Das gilt besonders bezüglich E-Partizipation:


User modelling and personalisation7 have proved to play a strategic role in adapting
the behaviour of intelligent systems to the specific characteristics of their users. . . .
While personalisation is being extensively studied in domains characterised by digi-
tal-object consumption (e-commerce, news, music, video recommendations, etc.),
there is little work on personalisation in the public domain and, in particular, in the
context of initiatives for the provision of digital public services in smart cities and ter-
ritories. These initiatives cover several aspects of public life, such as e-participation,
welfare, environment, health and transport, and are crucial to improving the quality
of both life and services in cities and territories. (Loutas, Ojo, Palmonari, & Paris,
2015)

Und auch die Bundesregierung betont zwar, wie wichtig Benutzerorientierung sei (Die
Bundesregierung, 2014b, S. 28), bezieht dies aber nur auf E-Government-Angebote und nicht
auf die Gestaltung von Online-Partizipation. Dieses Dilemma wird von der US-
Amerikanischen Verwaltung gut zusammengefasst (U.S. Department of Health & Human
Services, 2016): „Through a user-centric approach, agencies among other things can . . .
identify and respond to user needs through conducting user research while still meeting or-
ganizational goals.” Dabei betont sie aber die Herausforderung, dass „sometimes UX is an
afterthought in building a development team or contracting out services.”
Tatsächlich gab es in einer frühen Phase der E-Partizipation mit den Projekten Voice E und
Voice S 8 einen Entwicklungsprozess, der von durch Forschung unterstützte Benutzer-
Recherche und Anforderungsableitung geprägt war (Scherer u. a., 2009; Scherer, Wimmer, &
Ventzke, 2010). Diese Möglichkeit zur Benutzer-Recherche ist aber eine Ausnahme. In der
Praxis, das heißt bei den Akteuren, die Lösungen für E-Partizipation entwickeln, ist zwar das
Bewusstsein für den Nutzen von Benutzerzentrierung durchaus vorhanden. Das zeigt eine
Befragung von Beteiligungsdienstleistern (siehe Anhang A). Allerdings gibt es kaum Ressour-
cen, tatsächlich datenbasiert benutzerzentriert zu arbeiten, denn es fehlt besonders bei den
Auftraggebern von Partizipationsprojekten das Bewusstsein, wie wichtig Benutzer-
zentrierung für E-Partizipationsprojekte ist. So findet eine Anpassung an die Zielgruppe meist
erfahrungsbasiert oder in Anlehnung an andere Best Practices statt, wobei es oft um den
Versuch geht, Nutzungsgewohnheiten von Jugendlichen zu reflektieren. In einigen Fällen

7
Benutzermodelle sind die in einem adaptiven System hinterlegten Informationen über verschiedene Benut-
zer. Adaptive Systeme sind System, die sich automatisch an die Benutzer anpassen. Es gibt dabei unter-
schiedliche Art und Weisen, Benutzermodelle zu erstellen, beispielsweise individualisiertes oder gruppen-
basiertes Vorgehen. Es ist möglich, dass ein Benutzer selbst Daten eingibt oder das System Daten sammelt.
Eine bestimmte Art der Benutzermodellierung ist der stereotypische Ansatz, bei dem es ein vorgeformtes
Benutzermodell gibt, in das der Benutzer durch möglichst wenige Informationen möglichst schnell einge-
ordnet werden kann (siehe dazu beispielsweise Kobsa, 1993).
8
Die in den wissenschaftlichen Beiträgen genannten Websites http://www.eu-voices.eu und
http://www.give-your-voice.eu sind nicht mehr erreichbar.
8 Relevanz und Hintergrund der Untersuchung
9
werden unter anderem Personas genutzt, um verschiedene Benutzertypen zu beschreiben,
die aber nicht auf tatsächlicher Recherche zu potentiellen Benutzern basieren, sondern auf
Annahmen der Entwickler.
Es lässt sich somit festhalten, dass Benutzerzentrierung im Gestaltungsprozess von E-
Partizipation essentiell ist, um Lösungen zu verbessern, und dass dieses Potential zumindest
bei Entwicklern und in der Wissenschaft bekannt ist. Auf Grund fehlender Ressourcen und
mangelndem Bewusstsein bei Auftraggebern spielt Benutzerzentrierung bei der Entwicklung
von E-Partizipationslösungen bisher aber kaum eine Rolle, wenn es um ein „umfassendes
Verständnis der Benutzer“ geht (DIN EN ISO 9241-210, S. 9).

1.3.2 Diskussion des Veränderungsbedarfs


An dieser Stelle muss die Frage diskutiert werden, welchen Einfluss die Gestaltung von E-
Partizipation auf die Zusammensetzung der Benutzergruppe haben kann. Welchen Beitrag
kann die Behebung von Paradoxon II zur Behebung von Paradoxon I leisten? Ein Einwand von
beispielsweise Märker und Werner (2014) besagt, dass E-Partizipation an Politik überhaupt
nicht interessierte Gruppen nicht erreichen könne, sondern nur die Beteiligung innerhalb
von „politisierbaren“ Gruppen verbreitern (S. 61). Eine verbesserte Benutzerzentrierung hät-
te somit nur einen eingeschränkten Einfluss.
Es gilt hier zwischen zwei beziehungsweise drei Prozess-Schritten zu unterscheiden. Um eine
Teilnahme bei Online-Beteiligung zu erreichen, muss (1) Mobilisierung/Information/
Stimulus-Empfang gewährleistet sein (siehe dazu auch die Diskussion zu Stimulus-Empfang
bei Milbrath & Goel, 1977; hier in Kapitel 7.1.1.1). Das heißt, der potentielle Teilnehmer
muss Kenntnis über die Beteiligungsmöglichkeit erlangen und, zumindest im Falle der Onli-
ne-Partizipation, zum Online-Angebot navigieren. Danach muss er (2) eine Teilnahme-
Entscheidung fällen und sich gegebenenfalls (3) für oder gegen eine wiederholte Nutzung
entscheiden.
Das österreichische Open-Government-Vorgehensmodell (Krabina u. a., 2016, S. 44) be-
schreibt dies in einem Stufen-Prozess detaillierter. Dort muss (1) der Teilnehmer Kenntnis
über die Partizipationsmöglichkeit erlangen. Dann muss dieser (2) Interesse am Thema ent-
wickeln, beziehungsweise das Thema wichtig nehmen. Dies reicht allerdings nicht unbedingt
aus, um Partizipation auszulösen. Zu dieser braucht es eine (3) Aktion. Aber nur wenn diese
(4) bewusst stattfindet und (5) durch das Interface, das der Auftraggeber vorgesehen hat,
lässt sich von geplanter Partizipation sprechen. Darüber hinaus sorgen (6) die Kenntnis der
Ziele für effektive und (7) die anschließende Implementierung für wirksame Partizipation.
Der Punkt, an dem eine stärkere Benutzerzentrierung eine Verbesserung erreichen kann,
findet sich bei Prozess-Schritt (5). Ein Design von Online-Partizipation, das die unter-

9
Personas sind Profile eines möglichen Benutzertyps. Sie sind Beschreibungen einer fiktive Person, inklusive
Name und Foto, die dem Benutzertyp entspricht. Im Idealfall basieren sie auf einer durch Benutzer-
Recherche entwickelten Benutzertypologie (L. Nielsen, 2013).
Das Paradoxon der Benutzerzentrierung von E-Partizipation 9

schiedlichen Benutzertypen anspricht, kann dazu beitragen, dass sich diese für eine (wieder-
holte) Teilnahme entscheiden. Die Schritte davor und danach müssen durch Rahmen-
Strategien und Prozess-Anpassungen behandelt werden. Sie sind nicht weniger wichtig, ste-
hen aber nicht im Fokus dieser Forschung.
2 Forschungsfrage und Ziel der Untersuchung
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass es Potential gibt, die Benutzergruppe von E-
Partizipation zu erweitern und dass eine solche Erweiterung besonders vor dem Hintergrund
der Innovation erstrebenswert ist. Eine Möglichkeit ist, bei der (erneuten) Teilnahme-
Entscheidung anzusetzen, die unter anderem davon beeinflusst wird, wie gut das Design auf
die Bedürfnisse der potentiellen Benutzer zugeschnitten ist. Gleichzeitig scheint es aber un-
realistisch, dass in naher Zukunft E-Partizipationsprojekte mit ausreichend Ressourcen aus-
gestattet werden, um Benutzer-Recherche für E-Partizipation voranzutreiben, wie sich in der
Befragung von Beteiligungsagenturen gezeigt hat (siehe Anhang A). Um trotzdem eine nicht
annahmenbasierte Benutzerzentrierung zu ermöglichen, bietet es sich an, eine wissen-
schaftliche Fundierung zu entwickeln. Benutzerzentrierung sieht sich dabei einer Heraus-
forderung gegenüber: „Häufig gibt es eine Anzahl unterschiedlicher Benutzergruppen . . .,
deren Erfordernisse zu beachten sind“ (DIN EN ISO 9241-210, S. 14). Es kann „ein Spektrum
unterschiedlicher Benutzergruppen“ vorhanden sein weshalb es sinnvoll ist „die Merkmale
verschiedener Benutzertypen“ zu definieren (DIN EN ISO 9241-210, S. 16), das heißt, eine
Benutzertypologie zu entwickeln. Diesen Beitrag wird diese Arbeit leisten. Sie wird eine all-
gemeingültige, wissenschaftliche Benutzertypologie für E-Partizipation erstellen, die als
Grundlage für weitere Entwicklungen dienen kann.
Eine Typologie ist das Ergebnis eines Gruppierungsprozesses, bei dem ein Objektbereich, ei-
ne Menge von Fällen, anhand eines oder mehrerer Merkmale in Gruppen beziehungsweise
Typen eingeteilt wird (Kelle & Kluge, 2010, S. 85). Wichtig ist an dieser Stelle zu betonen,
dass sich die zu entwickelnde Benutzertypologie in einem Punkt entscheidend von klassisch-
en sozialwissenschaftlichen Typologien unterscheidet. Letztere gruppieren Menschen an-
hand beobachtbaren Verhaltens und beschreiben gegebenenfalls die so erstellten Typen
durch weitere darstellende Merkmale. Die konstituierenden Merkmale, das heißt die Merk-
male, die die Typologie ausmachen, beschreiben das relevante Verhalten (Kelle & Kluge,
2010). Benutzertypologien hingegen werden erstellt, bevor es zu beobachtendes Verhalten
gibt. Die Gruppierung findet somit anhand von Merkmalen statt, von denen angenommen
wird, dass sie Verhalten oder Erwartungen beeinflussen (siehe dazu beispielsweise Nov u. a.,
2013, für eine weiterführende Diskussion siehe Kapitel 6.2.).
Diese Arbeit hat somit zum Forschungsziel (FZ I), eine Benutzertypologie der E-Partizipation
zu entwickeln. Diese Typologie beschäftigt sich nicht im Sinne qualitativer Typologien mit
dem Warum, sondern beschreibt einen Realzustand und illustriert diesen anhand von Proto-
typen (siehe dazu Kelle & Kluge, 2010).
Es ergibt sich somit die Forschungsfrage (FF): Welches sind die Benutzertypen der E-
Partizipation in Deutschland?

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K. Große, Benutzerzentrierte E-Partizipation,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-19877-0_2
12 Forschungsfrage und Ziel der Untersuchung

Zur Beantwortung müssen folgende Unterfragen (UF) beantwortet werden:


1. Welches sind die Merkmale dieser Typologie (UF1)?
2. Welche Ausprägungen haben diese Merkmale (UF2)?
3. Welche Ausprägungskombinationen gibt es, das heißt, welche Typen lassen sich fest-
stellen (UF3)?
Die Forschung ist klar explorativer Natur. Sie will Zusammenhänge aufdecken und beschrei-
ben und darauf aufbauend eine Benutzertypologie entwickeln, die in weiterer Forschung ge-
testet und weiterentwickelt werden sollte. Die Typologie stellt den ersten Schritt in einem
benutzerzentrierten Gestaltungsprozess dar, dem „Verstehen und Beschreiben des Nut-
zungskontexts“ (DIN EN ISO 9241-210, S. 14). Die Arbeit verfolgt jedoch ebenfalls einen ge-
stalterischen Ansatz im Sinne von R. Coleman (2008, S. 180): „Social science should strive not
only to understand, explain and predict opinions, attitudes and behavior, but also to
improve society by finding ways to promote social interaction and civic engagement.“ Des-
halb wird sie auch zum zweiten und dritten Schritt benutzerzentrierter Gestaltung einen Bei-
trag leisten, nämlich zum „Spezifizieren der Nutzungsanforderungen“ und zum „Entwerfen
der Gestaltungslösungen“ (DIN EN ISO 9241-210, S. 14). Somit hat diese Untersuchung wei-
terhin zum Ziel (FZ II), basierend auf der Typologie Nutzungsanforderungen für E-
Partizipation abzuleiten. Außerdem will sie (FZ III) Gestaltungsempfehlungen entwickeln,
die diesen Anforderungen gerecht werden können. Die entwickelten Anforderungen und
Gestaltungsempfehlungen sind dabei als Ergänzung zu weiteren Anforderungen zu verste-
hen, die sich für die Entwicklung von Online-Partizipationslösungen aus anderen Komponen-
ten des Nutzungskontextes oder aber anderen Normen ableiten, die beispielsweise Barriere-
freiheit sicherstellen (siehe dazu DIN EN ISO 9241-210, S. 17 und beispielsweise Kopp, 2010)
oder Datenschutz und IT-Sicherheit gewährleisten sollen (siehe beispielsweise Kopp, 2010;
Martini & Fritzsche, 2015). Auch stehen sie nicht im Widerspruch zu bestehenden Leitfäden
und Handbüchern, sondern sind als Erweiterung dazu zu verstehen.
Daraus ergeben sich folgende Beiträge, den diese Forschung leistet: Sollten in E-
Partizipationsprojekten Ressourcen für Benutzerforschung vorhanden sein, wird durch die
Beantwortung von UF1 ein wichtiger Beitrag zu der Entscheidung geleistet, welche Variablen
bei der Durchführung von Benutzer-Recherche beachtet werden müssen, das heißt, welche
Informationen erhoben werden müssen. Ist eine spezifische Zielgruppe definiert10, kann die
entwickelte Typologie (FZ I) dazu dienen, zu erkennen, welchem E-Partizipationstyp, bezie-
hungsweise welchen Typen, diese Zielgruppe entspricht. Durch die entsprechenden Nut-
zungsanforderungen (FZ II) können erste Hinweise darauf erlangt werden, was bei der Ge-
staltung der E-Partizipationslösung beachtet werden sollte. Durch die Gestaltungs-
empfehlungen (FZ III) können bereits erste Anregungen erhalten werden. So kann benutzer-
zentriert gearbeitet werden, auch wenn keine Ressourcen zu eigenständiger Recherche vor-
handen sind. Ist keine explizite Zielgruppe definiert, können die Anforderungen (FZ II) und

10
Siehe zur Diskussion über Zielgruppen von E-Partizipation Kapitel 3.1.
Forschungsfrage und Ziel der Untersuchung 13

Gestaltungsempfehlungen (FZ III) dazu dienen, eine Lösung zu entwickeln, die möglichst vie-
len unterschiedlichen Ansprüchen gerecht wird. Zudem wären in Zukunft auch adaptive Sys-
teme denkbar, bei denen die entwickelte Typologie (FZ I) als stereotypes Benutzermodell
dient.
3 Herausforderungen und Einschränkungen der Untersuchung
Um das hier vorgestellte Forschungsvorhaben zu schärfen, werden ergänzend zur Zielbe-
schreibung im vorangegangenen Absatz einige Herausforderungen und Einschränkungen er-
läutert.
3.1 Zielgruppe

3.1.1 Größe und Diversität der Zielgruppe


Wie auf usability.gov (U.S. Department of Health & Human Services, 2016) betont wird, müs-
sen Regierungen große Zielgruppen bedienen, das heißt: jeden. Tatsächlich sind viele Online-
Beteiligungen nicht auf eine bestimmte Zielgruppe ausgerichtet, sondern sprechen die diffu-
se Öffentlichkeit an. Dabei sind in der Zielgruppe auch explizit bisherige Nicht- oder We-
nignutzer, das heißt Menschen, die sich nicht aus großem politischen Interesse heraus auf
jeden Fall beteiligen.11 Es ist daher von einer größeren Diversität bezüglich der Erwartungen
an Partizipation auszugehen als bei einer Online-Community mit klar definierter Aufgaben-
und Zielgruppenbeschreibung. Zusätzlich besteht die Herausforderung, dass der Staat sich
nicht auf die wichtigsten Benutzergruppen fokussieren, sondern alle potentiellen Teilnehmer
berücksichtigen sollte (siehe dazu 1.3.2). Es ist somit einen Kompromiss zwischen der not-
wendigen Vollständigkeit und einer Sparsamkeit zu finden, die eine sinnvolle Typologie er-
möglicht.

3.1.2 Benennung der Zielgruppe


Teilnehmer von Online-Partizipation leisten einen wesentlichen Beitrag, indem sie ihre Vor-
schläge und Ideen einbringen. Einen Nutzen aus der Beteiligung ziehen primär Politik und
Verwaltung. Um dies zu verdeutlichen, wäre eine Benennung der Teilnehmer als Beitragende
denkbar anstatt als Benutzer. An dieser Stelle wird jedoch der Begriff Benutzer verwendet,
da dies die übliche Bezeichnung in der Diskussion über benutzerzentriertes Design ist. Au-
ßerdem ist es wichtig zu betonen, dass Benutzer an dieser Stelle explizit potentielle Benutzer
mit einschließt, die bisher nicht an Online-Beteiligung teilgenommen haben. Bewusst wird
auf den Begriff Bürger verzichtet, um zu verdeutlichen, dass potentielle Benutzer nicht recht-
lichen Bürgerstatus haben müssen, auch wenn Bürger in Bezug auf Bürgerbeteiligung meist
wesentlich freier verwendet wird und „grundsätzlich alle privaten und zivilgesellschaftlichen
Akteure eines Gemeinwesens“ umfasst (Martini & Fritzsche, 2015, S. 13). Benutzer wird hier
analog dieser Definition interpretiert. Die Rolle von institutionellen zivilgesellschaftlichen
Akteuren wird im Rahmen der Definition von E-Partizipation erneut aufgegriffen (siehe Kapi-
tel 5).

11
Dass diese einen großen Teil der bisherigen Teilnehmergruppe ausmachen, zeigen beispielsweise Große u.
a. (2013).

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16 Herausforderungen und Einschränkungen der Untersuchung

3.1.3 Einschränkung der Zielgruppe


Obwohl die Zielgruppe analog zu den meisten Beteiligungsprojekten eher unspezifiziert
bleibt, müssen an dieser Stelle einige Einschränkungen vorgenommen werden. Aus-
geschlossen werden Benutzer auf der Verwaltungsseite, beziehungsweise Auftraggeberseite,
die Online-Partizipation moderieren, betreuen oder die Ergebnisse verwerten.
Durch eine derart weite Benutzerdefinition sind theoretisch auch alle Altersgruppen ein-
begriffen. Gleichzeitig scheint aber deutlich, dass die Beteiligung von Kindern und Jugendli-
chen ein eigenständiges Forschungsfeld darstellt (siehe beispielsweise S. Coleman, 2008;
Freelon u. a., 2013; Jugert, Eckstein, Noack, Kuhn, & Benbow, 2013; Livingstone, Bober, &
Helsper, 2010; Moser, 2010). Kinder- und Jugendbeteiligung steht in dieser Arbeit nicht im
Vordergrund. Es wird sich herausstellen, dass ohne die Berücksichtigung dieser Besonderhei-
ten, Alter kein konstituierendes Merkmal der Typologie ist.
Schließlich ist noch zu beachten, dass Benutzer in irgendeiner Form Zugang zum Internet ha-
ben müssen. Obwohl dies für einen immer größeren Teil der deutschen Bevölkerung gege-
ben ist, gibt es noch einen kleinen Bestandteil sogenannter Offliner (siehe dazu
beispielsweise Frees & Koch, 2015; Müller, Boberach, Moy, Till-Stavrakakis, & Wolf, 2015).
Die Impulse dieser Menschen müssen auf andere Art und Weise in die Entscheidungsvorbe-
reitung einfließen. Es bietet sich an, Partizipationsprojekte mit vertikalem Mehrkanalansatz
zu konzeptualisieren, durch den Impulse nicht nur online, sondern über verschiedene Wege
einfließen können und am Ende zusammengeführt werden. Die hier vorgestellte Forschung
befasst sich aber ausschließlich mit der reinen Online-Variante. Offliner werden nicht be-
rücksichtigt. Dies scheint auch vor dem Hintergrund gerechtfertigt, dass in nachwachsenden
Generationen „digitale Gräben . . . nahezu gänzlich versandet“ sind, es aber trotzdem „eine
Vielzahl unterschiedlicher Zugangsweisen zum Internet“ gibt (Sinus Institut, 2014, S. 20). Das
heißt, dass es zwar wenig Offliner gibt, aber trotzdem unterschiedliche Benutzertypen.
Nicht gesondert thematisiert werden außerdem Benutzer, die bewusst destruktives oder
schädliches Verhalten an den Tag legen, sogenannte Trolle (siehe zum Verhalten von Trollen
beispielsweise Cheng, Danescu-Niculescu-Mizil, & Leskovec, 2015; Coles & West, 2016). Trol-
le agieren entweder aus Spaß (siehe zur Persönlichkeit und Motivation von Trollen zum Bei-
spiel Buckels, Trapnell, & Paulhus, 2014) oder sind als professionelle Störer engagiert, um
Diskussionen zu stören oder zu manipulieren (siehe zu politischen Trollen Geers, 2015). Die-
ses Problem muss über Zugangsregeln, Moderation und IT-Sicherheit gelöst werden. Auch
auf extreme Meinungen, beispielsweise rechtsradikaler Benutzer, muss mit Moderation rea-
giert werden. Weder Trolle noch Extremisten sind in der Benutzertypologie inkludiert.
3.2 Allgemeine Gültigkeit
Neben der Zielgruppe muss als zweiter wichtiger Punkt die allgemeine Gültigkeit der Typolo-
gie betrachtet werden. Diese ist vor dem Hintergrund der thematischen und zeitlichen Ab-
hängigkeiten zu diskutieren.
Losgelöste Betrachtung 17
3.2.1 Thematische Gültigkeit
Bei dem hier vorgestellten Vorhaben geht es um eine allgemeine Typologie, die unabhängig
von konkreten Beteiligungsprojekten Bestand haben soll. Sie ist somit nicht in der Lage,
Schwankungen zu thematisieren, die aufgrund von thematischer Ausrichtung oder anderen
Einflüssen entstehen. Dies wurde bereits in Kapitel 1.3.2 thematisiert: Die hier beabsichtigte
Verbesserung setzt am Punkt der bewussten Teilnahme durch ein dezidiertes Interface an,
nicht etwa am Punkt des Interesses.

3.2.2 Zeit
Eine große Herausforderung für jede Arbeit, die sich mit Möglichkeiten moderner Technolo-
gie befasst, stellt der schnelle technologische Wandel dar, der unsere Zeit kennzeichnet.
Dementsprechend kann eine Typologie, die auch Technologienutzung abbildet, nur begrenzt
Bestand haben. Es ergibt sich ein Bedarf der Erweiterung, wenn beispielsweise die Definition
von E-Partizipation angepasst werden muss oder sich grundlegende Muster der Technologie-
nutzung ändern. Gleichzeitig hat sich gezeigt, dass sich weder Muster des politischen Verhal-
tens stark über die Zeit ändern (Emmer, Wolling, & Vowe, 2012) noch grundlegende Eigen-
schaften (Gerber u. a., 2011) und somit eine Typologie der E-Partizipation auf dieser Ebene
relativ beständig sein kann.
3.3 Losgelöste Betrachtung
Eine dritte Einschränkung dieser Forschung ist, dass sie nur einen Aspekt betrachtet, der zur
Entwicklung guter Angebote von E-Partizipation beiträgt. Online-Beteiligung ist von vielen
weiteren Aspekten abhängig und in verschiedene Prozesse eingebettet, die die Qualität des
Angebots beeinflussen. Es spielt beispielsweise eine große Rolle, wie die Online-Beteiligung
beworben wird. Die Einbettung in die Prozesse auf Seiten der Auftraggeber muss diskutiert
werden genau wie deren Bereitschaft, Rückmeldung zu geben und Vorschläge anzunehmen.
Es gibt eine Vielzahl von Handbüchern oder Leitfäden, die sich unter anderem mit diesen As-
pekten befassen (siehe Anhang B) und einige wissenschaftliche Untersuchungen (Koussouris
u. a., 2015; Scherer & Wimmer, 2012).
Natürlich beeinflusst auch das Thema der Online-Beteiligung die Benutzer und deren Moti-
vation. Des Weiteren gibt es Lösungsstrategien, die sich eher auf politische Bildung berufen
und somit nicht das Angebot, sondern die Benutzer beeinflussen wollen. Alles in allem muss
somit beachtet werden, dass die Erkenntnisse und Empfehlungen dieser Forschung dazu bei-
tragen können, bessere E-Partizipationsangebote zu entwickeln, aber in Kombination mit
weiteren Überlegungen betrachtet werden müssen.
4 Aufbau der Untersuchung
Im Folgenden wird zuerst in Kapitel 5 der Begriff der E-Partizipation anhand einer Diskussion
über den aktuellen Forschungsstand definiert, bevor die Methodologie dieser Untersuchung
in Kapitel 6 besprochen wird. Anschließend wird zunächst UF I in Kapitel 7 und Kapitel 8 be-
antwortet. Dazu werden in Kapitel 7 aus den zentralen Theorien politischer Partizipation und
Technologienutzung Merkmale abgeleitet. Diese werden in Kapitel 8 mit den Konstrukten
verglichen, die in existierenden Studien zu Online-Partizipation verwendet werden. Daraus
resultiert die validierte Merkmalsliste. Die Ausprägungen der Merkmale (UF 2) werden kon-
tinuierlich über den gesamten Forschungsprozess bis zur Erstellung der Typologie weiter-
entwickelt. Als Grundlage zur Identifikation von Ausprägungsclustern in Kapitel 9 (UF 3) die-
nen bestehende Typologien sowie bekannte Korrelationen zwischen Merkmalen. Am Ende
von Kapitel 9 steht die Typologie der Online-Partizipation, die in Kapitel 10 beschrieben und
benannt wird (FZ I). Für diese Typen können Anforderungen (FZ II) an und Gestaltungs-
empfehlungen (FZ III) für Online-Partizipation entwickelt werden. Diese werden in Kapitel 11
vorgestellt. Abschließend werden Ergebnisse und weitere Forschungsvorhaben in Kapitel 12
diskutiert (siehe dazu auch Abbildung 1).

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20 Aufbau der Untersuchung

 Abbildung 1: Aufbau der Untersuchung

UF 1
Kapitel 7: Theoretische Entwicklung
Theorien politischer
Identifikation von Ausprägungen (UF 2)

Partizipation
Vorläufige Merkmalsliste
Theorien zu Technologie-
Nutzung

Kapitel 8: Validierung
Studien zu
Vorläufige Merkmalsliste Validierte Merkmalsliste
E-Partizipation

UF 3
Kapitel 9: Identifikation von Ausprägungsclustern
Mögliche
Validierte Merkmalsliste DIVSI Typologien
Ausprägungscluster

Mögliche Bekannte Finale


Ausprägungscluster Korrelationen Ausprägungscluster

Kapitel 10: Beschreibung und Benennung der Typologie


Beschreibung und Typologie der E-Partizipation
Finale Ausprägungscluster
Benennung (FZ I)

FZ II + FZ III
Kapitel 11. 5: Ableitung von Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen
Typenspezifische Anforderungsmaster Typenspezifische
Ausprägungskombination (Kapitel 11.2) Anforderungskombination

Typenspezifische Typenspezifische
Ableitung von GE
Anforderungskombination Gestaltungsempfehlungen

Bekannte Empfehlungen zu typenspezifischem Design


(Kapitel 11.1)

Notiz. UF=Unterfrage, FZ=Forschungsziel, GE=Gestaltungempfehlungen.


5 Definition des Untersuchungsgegenstandes über den Stand der Forschung
Zwar kann E-Partizipation durchaus als noch kaum erforschtes Gebiet betrachtet werden,
wie sich im Laufe dieses Kapitels zeigen wird. Jedoch hat das Zusammenspiel von Internet
und Politik beziehungsweise Gesellschaft seit der Entstehung des Internets wissen-
schaftliches Interesse auf sich gezogen. Zentrale Werke waren dabei sicherlich Putnams
„Bowling Alone“ (2001), das sich mit den Auswirkungen des Internets auf die Freizeitgestal-
tung und somit das soziale Kapital einer Gesellschaft beschäftigte. Zur gleichen Zeit unter-
suchte Norris (2006, erste Ausgabe 2001) die Frage, wie sich Internetnutzer von Nicht-
Nutzern unterscheiden. Sie leistete damit einen Beitrag zur Debatte des Potentials des Inter-
nets zur politischen Mobilisierung. Dabei wurde deutlich, dass gerade in den Anfängen der
Verbreitung des Mediums um die Jahrtausendwende das Internet eher als (politisches)
Werkzeug der Eliten zu betrachten war. Es gab eine demokratische digitale Spaltung in dem
Sinne, dass sich Internetnutzer von Nicht-Nutzer in ihrem politischen Interesse unter-
schieden. Norris (2006, S. 22) betonte, dass eine wirkliche Veränderung der politischen Parti-
zipation—wenn überhaupt—nur möglich sei wenn sich Beteiligungskosten dramatisch sen-
ken: „Costs can only be expected to fall with the expansion of online political resources.”
Gleichzeitig bezweifelte sie aber, dass sich grundlegende Motivationen für Partizipation än-
dern:
Yet the evidence also suggests that, at least in the short term, at individual level, al-
tering the structure of opportunities and the balance of relevant resources probably
has minimal impact on changing the motivational basis of political participation and
interest among the mass public. (Norris, 2006, S. 22)

Durch die Entwicklung von Web-2.0-Technologien bieten sich tatsächlich völlig neue Mög-
lichkeiten der Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Bürgern und Staat, von denen
eine Online-Bürgerbeteiligung oder E-Partizipation ist (von Lucke, 2010). 2009 lenkte der US-
amerikanische Präsident Barack Obama durch sein Memorandum zu Open Government
(2009) große Aufmerksamkeit auf die Öffnung von Staat und Verwaltung. Mit der Open
Government Partnership wird das Thema international vorangetrieben (Open Government
Partnership, 2015). Eine Vielzahl von unterschiedlichen Akteuren engagiert sich auf unter-
schiedlichen Verwaltungsebenen. Ähnlich divers ist das Spektrum der wissenschaftlichen
Disziplinen, die sich mit Open Government und E-Partizipation auseinandersetzen und unter
anderem auch untersuchen, ob sich die Einflussfaktoren auf die Teilnahme-Entscheidung ge-
ändert haben (siehe auch Kapitel 8). Beiträge kommen aus der Politikwissenschaft, der
Kommunikationswissenschaft, Psychologie, Informatik und Organisationstheorie. Gleichzei-
tig unterliegt der Forschungsgegenstand durch die rapide technische Entwicklung einem
ständigen Wandel, was dazu führt, dass empirische Untersuchungen E-Partizipation unter-
schiedlich definieren und oft neue Möglichkeiten unberücksichtigt lassen (siehe für eine
Übersicht über die Definitionen von E-Partizipation Tabelle Anhang C-1). Dementsprechend
betonen beispielsweise Meckel u. a. (2014): „Eine abschliessende [sic] Begriffsdefinition

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22 Definition des Untersuchungsgegenstandes über den Stand der Forschung

[von E-Partizipation] kann jedoch hier noch nicht geboten werden. Zu vielfältig sind die in
der Forschung betrachteten Formen der Beteiligung.“ Daraus leitet sich der unbedingte Be-
darf ab, an dieser Stelle eine klare Definition von E-Partizipation zu entwickeln, die der wei-
teren Untersuchung zugrunde liegt.
Diese Definition soll im Folgenden erstellt werden, indem E-Partizipation aus unter-
schiedlichen Perspektiven beschrieben wird. Nach einer kurzen demokratietheoretischen
Betrachtung wird klassische Partizipationsforschung ebenso berücksichtigt wie unter-
schiedliche andere existierende wissenschaftliche Blickwinkel auf E-Partizipation. Ergänzend
wird ermittelt, wie Politik und Verwaltung in Deutschland E-Partizipation beschreiben. Zum
einen werden so die zentralen Fragen abgeleitet, die durch die Definition der E-Partizipation
beantwortet werden müssen. Zum anderen können Hinweise auf Beantwortung dieser Fra-
gen extrahiert werden. Damit wird gleichzeitig ein Überblick über das Forschungsfeld gege-
ben. Eine Definition dient schließlich auch dazu, die hier unternommene Untersuchung in
einem Forschungsfeld abzugrenzen, in dem verschiedene Forschungsgegenstände und Er-
kenntnisinteressen zusammengewürfelt werden.
5.1 Demokratietheorie
Eine Diskussion über E-Partizipation und den Versuch einer Definition lässt sich kaum führen,
ohne einen kurzen Hinweis auf den demokratietheoretischen Diskurs. Lembcke, Ritzi und
Schaal (2016) unterscheiden zwischen normativen und empirischen Demokratietheorien.
Normative Theorien beschreiben ideale Konzepte von Demokratien, empirische beziehen
sich eher auf die Beschreibung der aktuellen Zustände. Eine grundlegende Frage ist dabei
laut den Autoren auch die erwünschte (normativ) oder entsprechend die vorhandene Menge
(empirisch) von Partizipation. Es könnte also gefragt werden: Was sollte Partizipation sein?
Oder aber auch: Was ist Partizipation?
Untenstehend wird beschrieben, wie verschiedene Autoren Partizipation interpretieren. Was
ist (E-)Partizipation? Anschließend muss dann zur Entwicklung einer Definition die Frage ge-
klärt werden: Was sollte (E-)Partizipation sein?
Tatsächlich stehen aber demokratietheoretische Überlegungen in dieser Arbeit nicht im Vor-
dergrund. Der grundlegende Gedanke dieser Arbeit ist eher: Die Partizipationsmöglichkeiten
verändern sich. Es wird Online-Partizipation angeboten. Diese Arbeit soll dazu beitragen,
dass diese Möglichkeiten besser gestaltet werden können. Wie können die Ziele, die mit E-
Partizipation verfolgt werden, besser erreicht werden? Dafür ist nicht relevant, ob diese Zie-
le normativ erstrebenswert sind (siehe zu Diskussionen zum Mehrwert von E-Partizipation
beispielsweise Große, 2013; Märker & Wehner, 2014; Römmele & Banthien, 2013) und in-
wiefern für die Beschreibung unserer Demokratie mit E-Partizipation eine neue Demokra-
tietheorie von Nöten ist. Die hier erstellte Definition soll beantworten, wie das E-
Partizipationsangebot beschrieben werden kann, welches momentan vermehrt im deut-
schen politischen Prozess zu finden ist. Es muss abgegrenzt werden, für welche Form der On-
Politische Partizipation 23

line-Partizipation die hier entwickelte Typologie und die entsprechenden Gestaltungsemp-


fehlungen Gültigkeit aufweisen.
Die zentrale normative Einstellung dieser Arbeit ist also: E-Partizipation sollte so gestaltet
sein, dass sie möglichst gut auf die Bedürfnisse potentieller Teilnehmer eingeht, um die Zie-
le, die mit E-Partizipation erreicht werden sollen, zu erfüllen. Wichtig ist dabei, dass sich die
Bedürfnisse der Teilnehmer nur auf die bestmöglichste Umsetzung beziehen, nicht auf gene-
relle Wünsche bezüglich der Gestaltung von Demokratie oder Partizipation.
Zentral sind daher nicht theoretische Überlegungen zur Rolle von (E-)Partizipation, sondern
die konkreten Vorstellungen von und Ziele für E-Partizipation, die in Deutschland angelegt
werden. Deshalb ist ein zentraler Bestandteil der Definition die Untersuchung von Beschrei-
bungen von Online-Partizipation in staatlichen Programmen oder Absichtserklärungen.
Die nachfolgende Betrachtung verschiedener Definitionen von und Blickwinkel auf
(E-)Partizipation dient dazu, Fragen zu identifizieren, die eine Definition der E-Partizipation
beantworten muss, und diese zu beantworten.
5.2 Politische Partizipation
Milbrath und Goel (1977, S. 2) beschreiben politische Partizipation wie folgt: „Political partic-
ipation may be defined as those actions of private citizens by which they seek to influence or
to support government and politics.” Die Autoren selbst nennen dieses eine eher breite Def-
inition. Verba, Schlozman und Brady (1995, S. 37) beschreiben Partizipation mit: „communi-
cate information to government officials about concerns and preferences and to put pres-
sure on them to respond.” Partizipation umfasst bei beiden sowohl Wahlteilnahme als auch
Engagement in Parteien oder in politischen Kampagnen, in NGOs (Non-Governmental Orga-
nisation, Nichtregierungsorganisation) oder Vereinen, das direkte Kontaktieren von Politi-
kern und Protestteilnahme. Milbrath und Goel (1977) inkludieren außerdem das Diskutieren
über Politik beziehungsweise die Diskussionsteilnahme in Medien und die Verbreitung von
politischen Inhalten.
Milbrath und Goel (1977) beschreiben, dass sich verschiedene Modi der Partizipation fest-
stellen lassen. Zum einen gibt es den Typ des Wählers, der in Wahlen eher einen Ausdruck
von Pflichterfüllung sieht als die Möglichkeit, Politik zu beeinflussen. Das Wahlverhalten ist
hier die einzige Form politischer Beteiligung. Partei- und Kampagnen-Mitarbeiter sind die-
jenigen, die für Parteien und in Kampagnen einen Großteil der Arbeit stemmen. Die Ge-
meinde-Aktivisten hingegen beteiligen sich eher an der Lösung konkreter Probleme und in-
teressieren sich weniger für Kampagnen und Parteipolitik. Weiterhin gibt es einen Typ, der
wenig politisch involviert ist, aber bei spezifischen Anliegen Abgeordnete oder Verwaltungs-
mitarbeiter kontaktiert. Protestteilnahme und Kommunikation, beides eigenständige Partizi-
pationsmodi, werden als neue Ausprägungen der Beteiligung dargestellt, die in vielen voran-
gegangenen Studien nicht abgefragt wurden. Milbrath und Goel (1977) unterscheiden au-
24 Definition des Untersuchungsgegenstandes über den Stand der Forschung

ßerdem die Intensität der Partizipation von Zuschauern bis hin zu Gladiatoren, wobei letzte-
re eine Vielzahl von Partizipationsaktivitäten ausüben.
Die Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) erklärt in ihrem „Handwörterbuch des politi-
schen Systems der Bundesrepublik Deutschland“ politische Partizipation wie folgt:
Unter politische Partizipation fallen jene Verhaltensweisen von Bürgern, die als
Gruppe oder allein freiwillig Einfluss auf politische Entscheidungen auf verschiedenen
Ebenen des politischen Systems (Kommune, Land, Bund und Europa) ausüben wollen.
Man unterscheidet konventionelle (verfasste, gesetzlich garantierte und geregelte)
von unkonventionellen (nicht verfasste) Formen der politischen Partizipation.
(Woyke, 2013)

Neben Wahlen, Abstimmungen, parteibezogener Partizipation (Mitgliedschaft und Mitar-


beit) und legalem Protest, werden hier auch „nur [zum Teil] institutionalisierte, jedoch zeit-
lich begrenzte Formen“ genannt. Darunter fällt neben der „Teilnahme am Wahlkampf“ auch
„die zeitweilige Mitwirkung an lokalen Problemlösungen“. Zusätzlich werden illegale Formen
der Partizipation wie ziviler Ungehorsam und politische Gewalt erwähnt.
Martini und Fritzsche (2015) analysieren für ihre Betrachtungen zu Online-Partizipation
ebenfalls den Partizipationsbegriff grundlegend: „Das Verfahren zielt auf die Mitwirkung,
Teilnahme oder Teilhabe an einem bestimmten Vorgang oder Geschehen. Beteiligung ist zu-
gleich ein Minus gegenüber der Betrauung mit Entscheidungsmacht, etwa in Gestalt von
rechtlich bindenden Bürgerentscheiden“ (S. 13). Die Autoren betrachten Beteiligung ge-
trennt von Wahlen. Auch Protest oder sonstiger Aktivismus wird nicht berücksichtigt. Direkt-
demokratische Elemente und Bürgerbefragungen sind im Sinne der Autoren ebenfalls nicht
als Bürgerbeteiligung zu sehen. Interessant ist die Unterscheidung zwischen formeller und
informeller Beteiligung, die die Autoren vornehmen und die sich auch bei Bürgerbeteiligung
findet. Formelle Beteiligung beschreibt gesetzlich vorgeschriebene Beteiligung in Planungs-
prozessen. Dabei steht allerdings nicht der Dialog im Vordergrund, sondern „rechtssichernde
Kontroll-, Transparenz- und Verfahrensrationalisierungszwecke“ (S. 16). Bürger können Ein-
wendungen einreichen, aber es ist keine Einbindung der Bürgerexpertise in den Planungs-
prozess vorgesehen. Informelle Verfahren hingegen sind zusätzliche, nicht-verpflichtende
Angebote mit „diskursivem, teilhabeorientiertem Charakter“ (S. 16). Sie sind nicht gesetzlich
geregelt bezüglich Ablauf und Einfluss auf den Prozess. Diese Form scheint am ehesten der
Teilnahme an Problemlösungen in der Definition der BPB zu ähneln. Martini und Fritzsche
beschreiben schließlich auch einen „Hybrid“ (S. 16) beider Formen, die frühe Beteiligung.
Diese wird Planungsverfahren vorangestellt und ist als „(Soll-)Verpflichtung“ (S. 16) zwar ge-
setzlich festgeschrieben, wird aber kaum weiter definiert, was Umfang und Vorgehen an-
geht. Laut der Autoren ist diese frühe Beteiligung eine Reaktion auf Konflikte um Großbau-
vorhaben wie Stuttgart 21 und soll „Konflikte um die Grundkonzeption des jeweiligen Vor-
habens rechtzeitig identifizieren und . . . frühzeitig ausräumen“ (S. 16). Diese Erweiterung
des Planfeststellungsverfahrens ist aber keinesfalls eine neue Idee, sondern wurde bereits
durch Vorstöße wie die Planungszelle in 70er-Jahren angeregt (Dienel, 1992). Bei dieser er-
Politische Partizipation 25

arbeiten Gruppen von zufällig ausgewählten Bürgern Lösungsvorschläge für schwierige Pla-
nungsentscheidungen. Inzwischen sind auch andere Verfahren üblich und erweitern das
Spektrum der Partizipationsaktivitäten. Dazu zählen beispielsweise Bürgerforen und Bürger-
workshops (siehe zum Beispiel Gustafson & Hertting, 2016).
Die notwendige Erweiterung des Partizipationsbegriffes diskutieren auch Werke, die sich mit
Beteiligung der nachwachsenden Generationen befassen. Angeregt von Putnams (2001) Be-
obachtungen, dass Sozialkapital abnimmt, diskutieren Zukin, Keeter und Andolna (2006)
Veränderungen im politischen und zivilgesellschaftlichen Engagement. Sie zeigen, dass Enga-
gement zwar in einigen Formen abnimmt, sich aber statt zu verschwinden verlagert:
Citizens are participating in a different mix of activities from in the past, and that this
is due largely to the process of generational replacement. The volume of citizen en-
gagement has not declined so much as it has spread to a wider variety of channels.
(S. 3)

Die Autoren beschreiben vier Typen des Engagements: politisches Engagement, zivilgesell-
schaftliches Engagement, kognitives Engagement und öffentliche Meinungsäußerung (public
voice). Politisches Engagement beschreibt die klassischen Aktivitäten: Wählen, Arbeit für ei-
ne politische Organisation oder einen Kandidaten, Spenden, aber auch der Versuch, jeman-
den zum Wählen zu überzeugen oder politische Anstecker und Sticker zu tragen. Zivilgesell-
schaftliches Engagement beschreibt freiwillige Arbeit für eine NGO oder ähnliches, die Zu-
sammenarbeit mit anderen bei der Problemlösung in der Gemeinde, Spendensammeln für
wohltätige Organisationen oder die Mitarbeit in Gruppen und Vereinen. Laut Zukin u. a.
(2006) gibt es Typen, die entweder die eine oder andere Form favorisieren, oder als Doppel-
aktivisten in beiden Feldern aktiv sind. Es gibt aber auch solche, die klassisch als nicht enga-
giert gewertet werden, dabei aber großes kognitives Engagement zeigen oder öffentliche
Meinungsäußerung betreiben. Öffentliche Meinungsäußerung meint dabei den Kontakt zu
Amtsträgern, die Meinungsäußerung in Zeitungen, im Radio oder im Fernsehen. Dazu zählen
auch Proteste und Petitionen, Plakatieren und politisches Einkaufsverhalten wie zum Beispiel
Boykotte. Kognitives Engagement beschreibt das Konsumverhalten von Nachrichten und das
politische Wissen. Tatsächlich unterscheidet sich diese Definition nicht so stark von den Akti-
vitäten, die auch Milbrath und Goel (1977) bereits in ihrer Beschreibung von Partizipation
inkludieren. Die Verschiebung des Engagements ist auch in Deutschland ein Thema, wie Die-
ter Rucht (2010) beschreibt. Er schildert, dass sich Engagement nicht nur vom Politischen ins
Zivile verlagert hat, sondern auch vom zivilen Engagement in Verbänden zu Engagement bei
Veranstaltungen oder über kurze Perioden.
Obwohl von einer Verschiebung des Engagements gesprochen wird, ist die Perspektive dia-
logorientierter Wissenseinbindung der Bürger kaum berücksichtigt. Bei Zukin u. a. (2006)
könnte höchstens die Zusammenarbeit zur kommunalen Problemlösung derart gewertet
werden, wobei es hierbei aber eher um selbstorganisiertes Engagement im Sinne einer
Nachbarschaftshilfe geht. Eine ebenfalls sehr breite Perspektive legen Gordon und Baldwin-
26 Definition des Untersuchungsgegenstandes über den Stand der Forschung

Philippi (2013) an, die unter dem Stichwort civic engagement eine umfassende Literatur-
übersicht über das Feld geben, um schließlich auch Engagement in der digitalen Welt zu ver-
stehen. Ihre Ausgangsdefinition von Engagement ist aber unabhängig von der Online-Welt:
Sie unterteilen Engagement in drei Hauptkategorien, nämlich (1) Informationsbeschaffung
und Informationsverarbeitung, um Meinung zu bilden, (2) Meinungsäußerung und Debatte
(Deliberation) und schließlich (3) das Ausüben von Handlungen. Dies erinnert stark an die
Engagement-Unterscheidungen von Zukin u. a. (2006), die zwischen Meinungsartikulation
und Engagement differenzieren. Auch Kersting (2013), der ebenfalls bereits Online-
Beteiligung betrachtet, inkludiert Deliberation als Form politischer Beteiligung. Für Kersting
ist politische Partizipation ein Versuch, politische Entscheidungen zu beeinflussen, und somit
von zivilgesellschaftlichem Engagement zu unterscheiden. Er unterteilt politische Partizipati-
on in vier Sphären: direkte Demokratie, repräsentative Demokratie, deliberative Demokratie
und demonstrative Demokratie. Diese Formen vermischen sich laut Kersting derzeit zuneh-
mend, auch begünstigt durch Online-Technologien. Gleichzeitig unterscheidet er zwischen
„invented“ und „invited space“ (S. 272). Letzteres beschreibt Partizipation auf Einladung, die
von politischen Akteuren angestoßen wird. Ersteres umfasst von den Beteiligten selbst ge-
staltete Partizipationsaktivitäten außerhalb der vorgesehenen Strukturen.
Schließlich ist noch eine weitere Perspektive auf Partizipation erwähnenswert und zwar die
des Einflusses. Zentral sind hierbei zwei Einordnungsskalen und zwar von Arnstein (1969)
und die der internationalen Assoziation für öffentliche Partizipation (International
Association of Public Participation (IAP2), 2014). Arnstein (1969) entwickelt in ihrer Leiter
der Partizipation drei Kategorien mit insgesamt acht Unterkategorien. Dabei ist nur die
oberste Kategorie Bürger-Macht als tatsächliche Partizipation zu werten. Die anderen beiden
sind Alibi-Beteiligung und Nichtpartizipation. In der untersten Kategorie finden sich Manipu-
lation und Therapie. Manipulation beschreibt eine Pseudo-Beschäftigung, bei der Bürger in
Komitees beschäftigt werden, ohne dass diese einen Einfluss haben. Therapie wird dazu ein-
gesetzt, Einstellungen und Meinungen von Bürgern zu ändern und sie von den eigentlichen
Problemen abzulenken. In der zweiten Kategorie beschreibt Arnstein Alibi-Beteiligung, das
heißt, Partizipation ohne wirkliche Schlagkraft. Dazu gehören Information, Konsultation und
Beschwichtigung. Information beschreibt den wichtigen Vorgang, Informationen zur Verfü-
gung zu stellen. Arnstein kritisiert dabei aber, dass es dabei Kommunikation nur in eine Rich-
tung gibt und oft Workshops und Veranstaltungen ausschließlich zur Information genutzt
werden. Konsultation hingegen gibt den Bürgern Gelegenheit, ihre Meinung zu sagen. Arn-
stein sieht das als wichtigen Schritt an, betont aber, dass ohne weitere Schritte, das heißt
einen definierten Prozess, wie diese Meinungen berücksichtigt werden, diese Form der Be-
teiligung weiterhin nur eine Alibi-Beteiligung ist. Ähnlich verhält es sich mit Beschwichtigung,
bei der einigen Bürgern zwar eine theoretisch ermächtigte Rolle zugeteilt wird, wie zum Bei-
spiel in Beiräten, durch deren Besetzung aber weiterhin traditionelle Stakeholder in der
Mehrheit sind und die Bürger somit keinen tatsächlichen Einfluss haben. Die oberste Katego-
rie zeichnet sich dadurch aus, dass Bürger zumindest Verhandlungsmacht haben, um Ent-
Politische Partizipation 27

scheidungen zu beeinflussen, zum Beispiel, wenn die Verteilung in Beiräten oder Leitungs-
gremien ausgeglichen ist. Dann spricht Arnstein von Partnerschaft. Die oberste Stufe ist
schließlich die Machtübergabe an die Bürger.
IAP2 (2014) entwickelt eine Partizipationsskala von Informieren über Konsultieren, Involvie-
ren, Zusammenarbeiten zu Ermächtigen. Informieren beschreibt das bloße Zur-Verfügung-
Stellen von Informationen. Das Ziel ist dabei, Transparenz zu schaffen. Bei einer Konsultation
werden beispielsweise von Seiten der Verwaltung verschiedene Lösungsalternativen erarbei-
tet und zur Kommentierung präsentiert. Dabei steht das Zuhören im Vordergrund. Bürger
sollen Bedenken und Wünsche artikulieren. Die Initiatoren nehmen diese Äußerungen wahr
und geben später Auskunft darüber, wie die Anregungen ihre Entscheidung beeinflusst hat.
Änderungen der Lösungsvorschläge sind hier noch nicht vorgesehen. Bei einer Involvierung
arbeiten Initiatoren und Teilnehmer während des gesamten Prozesses zusammen, das heißt,
bereits bevor die Lösungsalternativen formuliert werden. Bedenken und Wünsche der Teil-
nehmer werden in den Formulierungen aufgegriffen und es wird Feedback darüber gegeben,
welche Vorschläge die Ergebnisse wie beeinflusst haben. Die Formulierung und Entschei-
dung liegt weiterhin bei den Initiatoren. Bei einer Zusammenarbeit geht es darum, in jedem
Prozessschritt zusammenzuarbeiten. Lösungsalternativen werden gemeinsam entwickelt,
Teilnehmer arbeiten eine bevorzugte Lösung heraus und diese Empfehlung beziehungsweise
Präferenz wird so gut wie möglich in der Entscheidung berücksichtigt. Bei einer Ermächti-
gung treffen die Teilnehmer die finale Entscheidung.
Besonders beim Vergleich der beiden Partizipationsskalen zeigt sich ein starker Unterschied.
Während Arnsteins Leiter der Partizipation klar auf klassische Gremienarbeit fokussiert, be-
tont die Skala der IAP2 dialogorientierte Zusammenarbeit. Es fällt auf, dass nur die neueren
Partizipationsdefinitionen, die bereits Online-Partizipation inkludieren, auch diese dialog-
orientierte Form der Zusammenarbeit explizit erwähnen. Es scheint, dass eine Erweiterung
des Partizipationsspektrums stattgefunden hat. Im nächsten Kapitel wird untersucht, inwie-
weit sich diese Veränderungen in Definitionen der E-Partizipation widerspiegeln.
Aus den Definitionen und Diskussionen zur politischen Partizipation12 lassen sich weiterhin
folgende Punkte ableiten, die in einer Definition der E-Partizipation zu beachten sind.
1. Welche Arena wird inkludiert? Soll zum Untersuchungsgegenstand nur politische o-
der auch zivilgesellschaftliche Partizipation gezählt werden?
2. Welche Aktivitäten zählen als E-Partizipation?
3. Handelt es sich um formelle oder informelle Partizipation?
4. Muss es immer einen Aufruf/eine Einladung zur E-Partizipation geben?
5. Welchem Zweck muss E-Partizipation dienen?
6. Wie viel Einfluss müssen die Initiatoren der E-Partizipation zugestehen?

12
Politische Partizipation ist hier als Oberbegriff für sowohl zivilgesellschaftliche als auch politische Partizipa-
tion zu sehen und nicht als Begriff, der zur Unterscheidung dienen soll. Gleichsam wird Partizipation vorerst
synonym zu politische Partizipation verwendet.
28 Definition des Untersuchungsgegenstandes über den Stand der Forschung

7. Steht am Ende eine verbindliche Entscheidung der Teilnehmer?


8. Ab welchem Zeitpunkt in der Problemlösung muss E-Partizipation anfangen?
5.3 E-Partizipation im Kontext von E- und Open Government
Die Entwicklung des Internets und insbesondere von Web-2.0-Technologien ermöglicht es,
größere Gruppen von Menschen zeitunabhängig und ortsunabhängig in Lösungsentwicklun-
gen und Textarbeit einzubinden. Dies erweitert das Spektrum an möglichen Aktivitäten der
politischen Partizipation. Es gibt bereits einige wissenschaftliche Ansätze, E-Partizipation zu
definieren. Eine Perspektive auf das Thema ist die von E- und Open Government, in der E-
Partizipation mit Blick auf staatliche Prozesse betrachtet wird.
Lucke und Reinermann (2000) beschreiben E-Partizipation im Kontext von E-Government
(Electronic Government, Elektronisches Regieren und Verwalten). Sie definieren E-
Government als „die Abwicklung geschäftlicher Prozesse im Zusammenhang mit Regieren
und Verwalten (Government) mit Hilfe von Informations- und Kommunikationstechniken
über elektronische Medien“ (S. 1). Als Teil von E-Government beschreiben die Autoren E-
Democracy (Electronic Democracy, Elektronische Demokratie):
In diesem Zusammenhang ist der Einsatz moderner Informations- und Kommunikati-
onstechnologien für Bürgerinitiativen, Parteien, Politiker, Wahlkämpfe bis hin zur
Durchführung von Wahlen und Volksabstimmungen, die aber nur den förmlichen Ab-
schluss der Meinungsbildung darstellen, zu nennen. Die Förderung neuer und Stär-
kung bestehender demokratischer Prozesse durch die Möglichkeiten elektronischer
Medien ist sicherlich ein weiterer Schwerpunkt von Electronic Government. (S. 5)

Auffällig ist, dass hier die ganze Bandbreite an demokratischen Prozessen inkludiert wird.
Dialogorientierte Partizipationsformen werden jedoch nicht explizit erwähnt. Vermutlich ist
das mit dem frühen Zeitpunkt dieser Definition zu begründen. In einem späteren Werk be-
fasst sich von Lucke (2010) explizit mit den Möglichkeiten des Web 2.0 für politische Partizi-
pation unter dem Schlagwort Partizipation 2.0. Ebenso hat sich der Kontext von E-
Government zu Open Government gewandelt: „Partizipation 2.0 wird sich dadurch auszeich-
nen, dass Individuen und Organisationen als Stakeholder stärker in Willensbildungs‐ und Ent-
scheidungsprozesse von Staat und Verwaltung eingebunden werden“ (S. 2). Bezogen auf den
Politikzyklus oder die Formalisierung der Partizipation wird der Begriff nicht genauer defi-
niert. Im Fokus steht der technologische Blickwinkel:
Die Web 2.0‐Technologien ermöglichen es, nicht nur konventionelle Formen der
Meinungsbildung durch elektronische Formate zu ergänzen. Mit Text, Bild, Ton und
Video erlauben sie auch vollkommen neue unkonventionelle Formen wie ein verteil-
tes Brainstorming, moderierte Dialoge, ergebnisoffen angelegte Bürgerbefragungen,
Bewertungen und eine Meinungsbildgewinnung auf Knopfdruck. (S. 2 f.)

Hier wird genauer beschrieben, wie die in der Definition von E-Democracy angesprochene
Erweiterung zu verstehen ist. Es wird noch deutlicher, dass es nicht nur um eine Abbildung
von Prozessen durch IKT geht, sondern dass auch komplett neue Beteiligungsabläufe denk-
E-Partizipation im Kontext von E- und Open Government 29

bar sind. Denn neben einer erhöhten Technologienutzung ist „diese Phase durch eine neuar-
tige Kultur des offenen, gemeinschaftlichen Dialogs und durch neue Formen der ergebnisof-
fenen gemeinschaftlichen Entscheidungsfindung [geprägt]“ (S. 3). Partizipation 2.0 ist somit
E-Partizipation im Sinne einer Abbildung von Prozessen durch IKT, in Verbindung mit Pro-
zessöffnung, für unter anderem Bürger.
Tatsächlich geht von Lucke noch einen Schritt weiter:
Zunehmend denkbar werden auch ganz neue Formen und Ausprägungen direkter
Demokratie, bei denen an Stelle von Delegierten die Bürger zunehmend selbst ihre
Interessen wahrnehmen. So könnten sie selbst entscheiden, wie weit sie ihre eigenen
Interessen wahrnehmen wollen oder von anderen vertreten werden möchten. Zu-
mindest technisch wäre es möglich, die Stimmvergabeentscheidung jederzeit zu än-
dern und das einem Delegierten übertragene Stimmrecht zurückzufordern, um es ei-
nem Dritten zu übertragen oder selbst auszuüben. (S. 3)

Beschrieben wird demnach ein Dreiklang der Abbildung klassischer Prozesse über IKT, neuer
IT-gestützter Beteiligungsprozesse und einer Form der liquiden oder flüssigen Demokratie,
die sich durch Abstimmungen und Stimmdelegation auszeichnet, die jederzeit geändert
werden kann.
Von Lucke (2010) grenzt Partizipation 2.0 von Transparenz 2.0 und Kollaboration 2.0 ab. Bei
Transparenz geht es um darum, „Vorgänge und Entscheidungen in Politik, Verwaltung und
Justiz von Außen nachvollziehbar zu machen“ (S. 3). Bei Kollaboration 2.0 ist zentral, dass
„bei der Aufgabenverteilung zwischen Staat und Gesellschaft verstärkt Bürger, Unterneh-
men, Verbände und Bürgerinitiativen eingebunden werden, um abgestimmt und gemeinsam
Problemstellungen bestmöglich zu bearbeiten und zu erledigen“ (S. 4). Diese Unterscheidung
wird später anhand eines Politikzyklus spezifiziert. Während durch Partizipation die ersten
Phasen bezogen auf Entscheidungsvorbereitung abgedeckt werden, umfasst Kollaboration
die späteren Phasen nach den Entscheidung, nämlich Umsetzung, Monitoring und Evaluati-
on.
Obwohl der Begriff Partizipation 2.0 sehr sinnvoll erscheint, um die Möglichkeiten durch
Web-2.0-Technologien zu betonen, wird im Folgenden E-Partizipation synonym benutzt,
auch in Bezug auf Online-Partizipation, da es sich hier um die Begriffe handelt, die in aktuel-
ler Forschung auf dem Gebiet Verwendung finden.
Einen Versuch der Definition von E-Partizipation unternehmen Albrecht u. a. (2008, S. 14):
„E-Partizipation wird hier als die Teilhabe von natürlichen und juristischen Personen und ih-
rer Gruppierungen an der Entscheidungsfindung in den staatlichen Gewalten mit Mitteln der
Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) definiert.“ Sie grenzen E-Partizipation so-
wohl von E-Voting (Electronic Voting, Elektronisches Wählen) ab, also online organisierten
Wahlen, als auch von „Bürgerengagement“ (S. 15), dem ehrenamtlichen oder freiwilligen
Einsatz, der „quasi als Output des politisch-administrativen Systems aufzufassen ist und
demgegenüber weniger die Interessenvertretung—den Input—im Blickfeld hat“ (S. 15). Dies
30 Definition des Untersuchungsgegenstandes über den Stand der Forschung

ähnelt der Unterscheidung zwischen Partizipation und Kollaboration bei von Lucke (2010),
beziehungsweise der Unterscheidung zwischen zivilgesellschaftlichem und politischem Enga-
gement. Interessant ist die explizite Nennung juristischer Personen. Diese sind laut Albrecht
u. a. (2008) die häufigsten Teilnehmer von Partizipationsverfahren.
Albrecht u. a. (2008) unterscheiden sechs Formen der E-Partizipation: Information und
Transparenz durch Dritte, Konsultation, Eingaben (Beschwerden, Petitionen), Kooperation
und Aktivismus/Lobbying. Information, Konsultation und Kooperation sind von der Verwal-
tung oder Politik initiiert. Information beschreibt das Verfügbarmachen von Informationen.
Konsultation umfasst, dass die Initiatoren Expertise zu „Planungs- und Entscheidungs-
prozessen“ einholen (S. 18). Kooperation beschreibt einen ähnlichen Prozess, der allerdings
im Ergebnis offener und so definiert ist, dass Teilnehmer Ergebnisse beeinflussen können,
was bei Konsultationen nicht der Fall sein muss. Dabei geht es aber nicht unbedingt um die
finale Entscheidung, sondern eher um die Einstellung der Initiatoren, auch Ergebnisse zuzu-
lassen, „die von ursprünglichen Positionen abweichen“ (S. 19). Transparenz durch Dritte be-
schreibt Berichterstattung über staatliches Handeln. Eingaben sind Beschwerde-Kanäle (wie
beispielsweise Petitionsportale), bei denen allerdings die Themen durch die Teilnehmer fest-
gelegt werden. Aktivismus/Lobbying beschreibt den Versuch, Öffentlichkeit für spezifische
Interessen herzustellen.
Martini und Fritzsche (2015) leisten einen umfassenden Beitrag auch zu rechtlichen Frage-
stellungen der E-Partizipation. Sie beschreiben Online-Partizipation wie folgt: „Online-
Bürgerbeteiligung bezeichnet die webbasierte Mitwirkung privater Akteure an politischen
und administrativen Willensbildungsprozessen, die nicht mit einer Betrauung mit Entschei-
dungsmacht einhergeht“ (S. 13). Online-Beteiligung kann somit in allen Kategorien auftreten,
die in Bezug auf die Partizipationsdefinition der Autoren bereits im vorangegangenen Absatz
angesprochen wurden, das heißt, formelle, informelle und hybride Formen der Partizipation
(siehe Kapitel 5.2). Tatsächlich betrachten die Autoren aber primär informelle Formen und
die hybride Form der frühen Öffentlichkeitsbeteiligung in Planfeststellungsverfahren.
Meckel u. a. (2014) erstellen eine Meta-Studie zu E-Partizipation, um den Stand der For-
schung zusammenzufassen. Sie schlagen eine dreistufige Skala der Online-Beteiligung vor.
Die Autoren unterscheiden zwischen Ermöglichen, Einbinden und Ermächtigen. Ermöglichen
entspricht dabei dem Bereitstellen von Informationen, Einbinden beschreibt einen Dialog
und Ermächtigen die Zusammenarbeit bei Gestaltung von Lösungen. Auch hier wird Beteili-
gung getrennt betrachtet von verbindlichen Entscheidungen wie Wahlen. Die Autoren beto-
nen:
Offline-Beteiligung (v. a. in etablierten Demokratien) umfasst eine definierte Auswahl
an Möglichkeiten, wie etwa wählen, sich in einer Partei engagieren, Petitionen unter-
zeichnen, streiken oder an Protestmärschen teilnehmen. Beteiligung im Internet ist
dagegen deutlich weniger definiert und ständigen Veränderungen ausgesetzt. Die
Grenzen sind hier weniger klar gezogen. (S. 18 f.)
E-Partizipation im Kontext offener (gesellschaftlicher) Innovation 31

Sie stellen ebenfalls fest, dass ein Großteil der Studien zu E-Partizipation sich auf das Verhal-
ten in sozialen Netzwerken bezieht. Dies wäre in Anlehnung an Zukin u. a. (2006) als öffentli-
che Meinungsäußerung zu werten. Meckel u. a. (2014) beschreiben auch die Debatte über
den sogenannten Slacktivismus, das heißt die Diskussion darüber, ab wann politische Teilha-
be beginnt.
Es hat sich gezeigt, dass es unterschiedliche Definitionen von E-Partizipation gibt, die oft weit
gefasst sind. Gemeinsam haben sie, dass E-Partizipation nicht als verbindliches Instrument
gesehen wird, an dessen Ende bindende Abstimmungen stehen. Auch E-Voting wird nicht
eingeschlossen. Albrecht u. a. (2008) besprechen explizit auch nicht von Politik und Verwal-
tung initiierte sogenannte Bottom-up-Prozesse. Während diese in anderen Definitionen
nicht explizit ausgeschlossen werden, scheint es doch primär um von Verwaltung oder Politik
angestoßene Prozesse zu gehen. Genauso scheint der Fokus auf dialogorientierten Formen
zu liegen, also genau auf den durch Web-2.0-Technologien ermöglichten Erweiterungen. Das
Kontaktieren von Amtsträgern beispielsweise wird nicht erwähnt. Dafür scheint die öffentli-
che Meinungsäußerung ein zentraler Bestandteil der Forschung zu E-Partizipation zu sein.
Ungeklärt scheint dabei die Frage, ab wann von Partizipation zu sprechen ist. Gilt beispiels-
weise ein Facebook-Like als Ausdruck politischer Partizipation?
Zu den bisherigen Fragen für eine Definition von E-Partizipation ist die Frage nach den Teil-
nehmern neu hinzugekommen:
9. Sind juristische Personen potentielle Teilnehmer von E-Partizipation?
Genauso relevant ist die Frage nach dem Gegenstand von E-Partizipation: Geht es nur um
Entscheidungsvorbereitung oder auch Lösungsumsetzung?
10. Was ist der Gegenstand von E-Partizipation?
Neben der direkten Diskussion über E-Partizipation gibt es noch weitere Perspektiven, die zu
der Definition von E-Partizipation einen Beitrag leisten können. Diese werden im Folgenden
vorgestellt.
5.4 E-Partizipation im Kontext offener (gesellschaftlicher) Innovation
Statt eines Fokus auf Prozesse, beschäftigt sich die Perspektive der offenen (gesellschaftli-
chen) Innovation mit der Möglichkeit einer verbesserten Problemlösungskompetenz des
Staates. „Offene gesellschaftliche Innovation bezeichnet die Adaption und anschließende
nachhaltige Nutzung geeigneter betriebswirtschaftlicher Open Innovation-Ansätze zur Lö-
sung gesellschaftlicher Herausforderungen durch Staat und Gesellschaft“ (von Lucke,
Herzberg, Kluge, Brocke, & Müller, 2012). Offene gesellschaftliche Innovation (OGI) „[be-
schränkt] sich nicht nur auf das politische Engagement vieler Akteure. Der Ansatz der Inno-
vation greift sehr viel weiter und geht über das klassische Partizipationsverständnis hinaus“
(Raffl, von Lucke, Müller, Zimmermann, & Brocke, 2014, S. 39). Das heißt, dass auch von bei-
spielsweise der Wirtschaft angestoßene Prozesse OGI sein können. Das Spektrum der invol-
vierten Akteure und der betrachteten Probleme wird erweitert. Gleichzeitig bedeutet das
32 Definition des Untersuchungsgegenstandes über den Stand der Forschung

aber nicht, dass Online-Partizipation nicht Teil von OGI ist. Eher wird eine gesamtgesell-
schaftliche Perspektive eingenommen, die auf gemeinsame Problemlösung vor dem Hinter-
grund einer verbreiteten Innovationskultur blickt.
Mergel (2014) hingegen schreibt:
In practice, government organizations recognize the need to include external prob-
lem solvers into their internal innovation creation processes. This is partly derived
from a sense of urgency to improve the efficiency and quality of government service
delivery. . . . Government agencies are responding to these requirements by using
open innovation (OI) approaches to invite citizens to crowdsource and peer produce
solutions to public management problems. (S. 1)

Hier wird wiederum nur von staatlich angestoßener Problemlösung in Bezug auf politische
Probleme gesprochen.
Die unterschiedliche Interpretation von offener Innovation beziehungsweise offener gesell-
schaftlicher Innovation wirft die Frage danach auf, welche Art von Problemen durch E-
Partizipation behandelt werden. Beziehen diese sich auf Politik und Verwaltung oder werden
alle gesellschaftlichen Probleme behandelt?
11. Welche Themen werden durch E-Partizipation behandelt?
Auch erweitert die Diskussion die Fragen nach der Partizipationsarena, die in einer Definition
von E-Partizipation beantwortet werden muss. Frage 1 wird wie folgt erweitert: Welche Are-
na wird inkludiert? Wird auch Beteiligung an Prozessen inkludiert, die von anderen Akteuren
angestoßen wird, beispielsweise zivilgesellschaftlichen Organisationen oder Unternehmen?
5.5 E-Partizipation im Kontext von Citizenship
Eine weitere Perspektive auf das Themenfeld der Bürgerbeteiligung ist die des Citizenship,
was sich grob mit einer Ausgestaltung der Bürgerrolle übersetzen lässt. Dabei wird wie folgt
argumentiert: Es gibt eine traditionelle Form des Verständnisses der Bürgerrolle. Besonders
jüngere Generationen haben aber eine andere Vorstellung davon, wodurch sich Bürger defi-
nieren. Diese Vorstellung beeinflusst signifikant, was als Beteiligung angesehen wird und
welche Partizipationsaktivitäten ausgeübt werden. Tatsächlich handelt es sich hier also er-
neut um eine Diskussion über den Wandel von Partizipation, bezogen auf Generationen.
Bennet, Wells und Freelon (2011) kontrastieren das traditionelle Modell des Dutiful Citi-
zenship (DC) mit dem des Actualising Citizenship (AC). DC ist das traditionelle Paradigma, das
sich in den meisten Demokratien finden lässt. Partizipation findet über formalisierte Pfade
und institutionalisierte Gruppen statt. Bürger beteiligen sich aus einem Verantwortungs- und
Pflichtgefühl heraus. Kommunikation besteht meist aus einseitiger Information über Nach-
richten oder Kampagnen. Wenn Bürger Inhalte erstellen, gibt es dafür spezifische institutio-
nalisierte Adressaten wie Politiker oder Zeitungen (bei Leserbriefen). Diese Auffassung der
Bürgerrolle ist in jüngeren Generationen zunehmend seltener anzutreffen und wird durch
das AC ersetzt. Dieser neue Stil zeichnet sich dadurch aus, dass es kaum noch Identifikation
E-Partizipation im Kontext von Citizenship 33

über institutionalisierte Gruppen gibt oder Partizipation aus Pflichtgefühl heraus gegenüber
öffentlicher Autorität wie Politikern oder Verwaltungsmitarbeitern. Es wird ein ähnliches
Muster beschrieben wie bei Zukin (2006). Es wird aber auch eine Verschiebung der Motivati-
onen angedeutet. Engagement wird ad-hoc über soziale Technologien organisiert. Persönli-
che Interessen und der individuelle Ausdruck stehen dabei im Vordergrund. Engagement ist
nicht formalisiert und kann verschiedene Ausdrucksformen annehmen. Dabei vermischen
sich Konsum und Produktion und die persönliche Identität wird mit den Inhalten verbunden,
wenn zum Beispiel politischer Inhalt über Facebook geteilt wird.
S. Coleman (2008) beschäftigt sich mit e-citizenship, der Online-Variante der Diskussion um
Bürgerrollen, besonders bei Jugendlichen. Dabei erkundet er den Zweiklang aus managed
und autonomous citizenship, kontrollierter und autonomer Ausprägung der Bürgerrolle. Die
Bemühungen um e-citizenship erwachsen laut S. Coleman aus dem Bestreben, besonders
Jugendliche wieder für Politik zu begeistern. Es wird angenommen, dass diese sich nicht für
traditionelle Politik interessieren, aber sehr online-affin sind. Die Anhänger einer kontrollier-
ten Bürgerrolle betrachten die Jugend als einen Übergangszustand. Jugendliche sind Bürger
in der Lehre und lernen die Fähigkeiten, die notwendig sind, um in einer komplexen Welt als
gute Bürger vernünftige Entscheidungen zu treffen. Als Umgebung dafür werden sichere,
zivilisierte und deswegen moderierte Räume angesehen, in denen Jugendliche lernen kön-
nen. Primär geht es um die Annäherung von Bürgern an die bestehenden, als demokratisch
wahrgenommenen, Prozesse und die verbesserte Responsivität von Politikern. Dieser Typus
zeigt Vertrauen in den demokratischen Wert der angebotenen Online-Projekte. Sie sollen
dazu dienen, dass die machthabenden Eliten den Bürgern Aufmerksamkeit schenken. Dis-
kussionen sind reguliert und haben klare Regeln. Anhänger der autonomen Bürgerrolle se-
hen sich hingegen nicht als in der Ausbildung befindlich, sondern als Bürger, die in der Lage
sind, für sich zu sprechen und politisches Agenda-Setting zu betreiben. Es wird als das Recht
der Jugend wahrgenommen, die eigene Identität zu diskutieren und neue Formen des Enga-
gements zu entwickeln beziehungsweise auszuhandeln. Die von anderer Seite als Bedrohung
wahrgenommene Freiheit und Unorganisiertheit des Internets wird als Chance gesehen, als
Ort, an dem Kreativität und dem Netzwerken unter Gleichgesinnten keine Grenzen gesetzt
sind. „It is precisely the anarchy of the Internet that appeals to autonomous e-citizens, who
see it as a relatively free space in which untrammelled creativity and acephalous networks
can flourish” (S. 192). Sie stehen angebotenen Online-Projekten kritisch gegenüber, weil be-
ziehungsweise wenn in diesen die bestehenden Werte und Normen der traditionellen Bür-
gerrolle abgebildet werden. Sie wollen nicht bevormundet oder erzogen werden. Sie be-
fürchten, dass ein schmalspuriges Bürgerrollenmodell durch Technologie abgebildet wird
und sie einschränkt. „They question what Luke has called the ‘hidden pedagogies’ of citizen-
ship, fearing that citizenship is being molded and constrained by technological infrastruc-
tures that are designed to perpetrate a narrow, quiescent and consumerist model of civic
action” (S. 192). Daher versuchen sie lieber, neue Netzwerke zu schaffen, die traditionelle
Machtpositionen umgehen, statt sich in den etablierten Prozess einzubringen. Als Online-
34 Definition des Untersuchungsgegenstandes über den Stand der Forschung

Bürger geht es darum, sich gegenseitig Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Sie bringen
der Regierung vermutlich weniger Vertrauen entgegen. Es gibt keine Regulierung der Diskus-
sion.
In der Ausprägung unterscheiden sich die Stile, wie auch schon bei Bennet, Wells und
Freelon (2011) in der Art der erwarteten Beteiligung. Wird Diskussion moderiert oder nicht?
Gibt es klare Kommunikationsregeln oder nicht? S. Coleman (2008) erweitert dies um die
Adressaten der Kommunikation, beziehungsweise die Ausrichtung der Interaktion: Geht es
um den Kontakt zu Machthabenden oder die Diskussion untereinander?
Aus der Diskussion um Citizenship-Stile wird noch einmal deutlich, dass eine Veränderung
des Partizipationsverständnisses stattgefunden hat. Es zeigt sich, wie wichtig es ist, Unter-
schiede zwischen Benutzern im Design von Online-Partizipation zu berücksichtigen. Folgende
Fragen müssen dabei zusätzlich beantwortet werden:
12. Über welche Pfade erfolgt E-Partizipation?
13. Wie definiert/moderiert muss der Prozess sein?
14. Zählen selbstorganisierte Netzwerke zu E-Partizipation?
15. Steht die Involvierung von Politikern/Verwaltung im Vordergrund?
5.6 E-Partizipation im Kontext (Politischen) Crowdsourcings
Eine weitere Sicht auf E-Partizipation ist die des Crowdsourcings oder der Ko-Produktion
(Clarke & Francoli, 2014), die nicht unbedingt Bezug zu staatlichen Prozessen haben. Crowd-
sourcing umfasst dabei sowohl die Erfüllung von Aufgaben, die von Lucke (2012) als Kollabo-
ration bezeichnen würde, als auch Problemlösung und Ideen-Entwicklung (Prpic, Taeihagh, &
Melton, 2015b). Der Fokus der Betrachtung liegt auf den verschiedenen Organisationsfor-
men, durch die Akteure in Aufgabenerfüllung eingebunden werden können:
Crowdsourcing is an IT-mediated problem-solving, idea-generation, and production
model that leverages the dispersed knowledge of groups and individuals to produce
heterogeneous resources for organizations . . . . Problem solving, idea generation and
production are sourced from crowds through the means of IT, such as via virtual la-
bor markets . . . open collaboration . . . or through tournament-based competitions
. . . . As an overall approach to engaging dispersed knowledge through IT, crowd-
sourcing processes serve to blend the efficiency and control of traditional, top-down
managed processes, with the benefits of bottom-up innovation and creativity. (Prpic
u. a., 2015b, S. 341)

Prpic u. a. (2015b) nehmen einen ersten Versuch vor, die primär betriebswirtschaftlich ge-
prägte Crowdsourcing-Diskussion in den Bereich von Regieren und Verwalten zu übertragen
und den Begriff im Kontext von staatlichen Prozessen zu definieren. Zum einen schließen sie
Aktivitäten aus, die sich auf Wählen beziehen. Gegenstand des Crowdsourcings darf nicht
eine Stimmabgabe oder der Gewinn von Unterstützern sein, sondern inhaltlicher Input. Ge-
nauso werden alle Aktivitäten ausgeschlossen, die nur darauf abzielen, Informationen an die
Teilnehmer weiterzugeben oder Serviceleistungen zu erbringen. Die Autoren betonen, dass
E-Partizipation aus Sicht der Praxis 35

die Nutzung von Social Media dementsprechend nicht automatisch Crowdsourcing darstellt,
Crowdsourcing sehr wohl aber auf Social-Media-Plattformen stattfinden kann. Das ent-
scheidende Kriterium ist, dass eine Ressource von der Crowd generiert wird. Diese kann aus
Daten, Information, Wissen, Geld oder Arbeit bestehen.
Schließlich entwickeln die Autoren sieben Kriterien, anhand derer sie Crowdsourcing einord-
nen: Kosten, Anonymität, Größe der Crowd, IT-Struktur, Umsetzungszeitrahmen, Umfang
des Problems und Verlässlichkeit der Crowd. IT-Struktur wird genutzt, um die Diskussion
über die notwendige Infrastruktur zusammenzufassen. Der Absatz enthält aber auch eine
Diskussion über die Aktivitäten, die Benutzer ausführen und die sich auf die Infrastruktur
auswirkt, woraus sich Frage 19 ableitet. Aus der Diskussion um Crowdsourcing in Politik und
Verwaltung lassen sich einige neue Fragen ableiten, die in einer Definition von E-
Partizipation zu beantworten sind.
16. Umfasst E-Partizipation bezahlte Teilnahme?
17. Umfasst E-Partizipation anonyme und nicht-anonyme Teilnahme?
18. Für wie viele Teilnehmer ist E-Partizipation geöffnet?
19. Ist Zusammenarbeit unter den Teilnehmer gefordert oder geht es nur um die Samm-
lung individueller Beiträge?
20. Beschreibt E-Partizipation eine dauerhafte Community oder kurzfristige Projekte?
21. Gibt es Qualitätskriterien für die Teilnehmer?
Durch das Kriterium des Umfangs des Problems wird außerdem angesprochen, dass es wich-
tig ist zu klären, welche Form des Beitrags von Teilnehmern erwartet wird. Dieser Punkt
wurde bereits durch Frage 11 nach dem Gegenstand der Partizipation abgedeckt. Auch die
Frage nach dem zu behandelnden Thema (Frage 12) wird dadurch angesprochen.
5.7 E-Partizipation aus Sicht der Praxis
Um den Wirklichkeitsbezug der Definition von E-Partizipation zu gewährleisten, sollen im
Folgenden bestehende Definitionen aus Programmen und Übersichten staatlicher Stellen
abgeleitet und reflektiert werden.

5.7.1 Definitionen von staatlichen Stellen

5.7.1.1 Bund
Auf seiner Internetpräsenz zum Thema Open Government schreibt das Bundesministerium
des Innern (2016): „Grundlagen für die Verwaltungsarbeit von morgen sind mehr Transpa-
renz, Kooperation und Partizipation.“ Der Fokus liegt in den weiteren Ausführungen aber auf
offenen Daten und deren Nutzung. Tatsächlich hat sich Deutschland im Rahmen der G8-
Charta zu offenen Daten („G8 Open Data Charter“, 2013) einen „Nationalen Aktionsplan der
Bundesregierung zur Umsetzung der Open-Data-Charta der G8“ gegeben
(Bundesministerium des Innern (BMI), 2014). Dort ist als Verpflichtung 4: Konsultation, En-
gagement und Erfahrungsaustausch festgeschrieben: „Daten der Verwaltung sollen nicht als
36 Definition des Untersuchungsgegenstandes über den Stand der Forschung

Selbstzweck veröffentlicht werden. Deshalb streben wir einen regelmäßigen Dialog insbe-
sondere mit Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Medien und Wissenschaft an“ (S.12). Unter Punkt
4.6 wird dies weiter spezifiziert. Es soll eine Partnerschaft zur „Community“ aufgebaut wer-
den:
Wir werden die bereits bestehende Zusammenarbeit von Verwaltung und Zivil-
gesellschaft im Sinne einer „Public-Community-Partnership“ zur Förderung offener
Verwaltungsdaten ausbauen. Gemeinsame Workshops, Konferenzen etc. sollen unter
Einbindung von Wirtschaft und Wissenschaft z.B. der Präsentation neuer Dienste,
dem Erfahrungsaustausch und der gemeinsamen Weiterentwicklung des Themas in
der Bundesverwaltung dienen. (S.13)

Trotz der Wortwahl Partnerschaft bleibt die Rolle der Zivilgesellschaft hier eher undefiniert.
Von Online-Beteiligung ist keine Rede.
Auch aus dem Koalitionsvertrag der Bundesregierung lassen sich kaum Erkenntnisse ziehen
(„Deutschlands Zukunft gestalten. Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD“, 2013).
Das Engagement von Jugendlichen soll gefördert werden. Dies wird aber lediglich auf Arbeit
in Ausschüssen bezogen (S. 151). „Bürgerschaftliches Engagement“ wird nur offline betrach-
tet (S. 111). In Bezug auf freiwilliges Engagement wird über „Online Volunteering“ gespro-
chen, der Koordination von Engagement über Online-Börsen (S. 142). Open Innovation wird
erwähnt, um „kreative Lösungsansätze“ zu entwickeln, aber dies wird nur in Bezug auf Un-
ternehmen betrachtet (S. 36). Schließlich wird noch vereinbart, ein Programm zur Verwal-
tungsmodernisierung zu entwickeln. Dieses Programm „Digitale Verwaltung 2020“ wird im
Folgenden betrachtet.
Zwei zentrale Erkenntnisse lassen sich aus dem Programm „Digitale Verwaltung 2020“ ablei-
ten (Die Bundesregierung, 2014b). Zum einen scheint die Bedeutung von Benutzerorientie-
rung durchaus bekannt zu sein. Es wird von „der Herausforderung einer nutzerorientierten
. . . Digitalisierung“ (S. 8) gesprochen. Außerdem wird betont: „E-Government bringt aber
für die Verwaltung nur dann einen effizienzsteigernden Effekt, wenn die elektronischen
Dienstleistungen von vielen Bürgern angenommen werden. Um dieses Ziel zu erreichen, sind
elektronische Angebote nutzerfreundlich zu gestalten“ (S. 38). Allerdings wird die Benutzer-
orientierung ausschließlich mit Bezug auf die Gestaltung von Serviceangeboten der Verwal-
tung betont. Zweitens finden sich Hinweise auf eine angestrebte Öffnung und Zusammenar-
beit: Es wird angedeutet, dass Bürgervorschläge „zur Verbesserung der Verwaltung“ im Pro-
gramm berücksichtigt werden (S. 10). Es soll weiter ein „Informations- und Wissensma-
nagement“ (S. 13) entwickelt werden, das zum einen Benutzer in Entwicklung und Umset-
zung einbezieht und Experten-Wissen einbindet. Gleichzeitig wird jedoch beschrieben, dass
„die das Programm koordinierende Stelle im BMI“ (S. 13) unter anderem zur Aufgabe hat
„Beteiligungen (Online-Umfragen)“ durchzuführen (S. 14). Dies lässt vermuten, dass Beteili-
gung an dieser Stelle eher als Befragung interpretiert wird.
E-Partizipation aus Sicht der Praxis 37

Außerdem muss die „Digitale Agenda“ der Bundesregierung betrachtet werden, mit der die
Bundesregierung „die Chancen der Digitalisierung nutzen [will], um Deutschlands Rolle als
innovative und leistungsstarke Volkswirtschaft in der Europäischen Union und der Welt aus-
zubauen“ (Die Bundesregierung, 2014a, S. 2). Sie will mit der Agenda „den digitalen Wandel
mitgestalten“ (S. 4). Unter anderem will sich die Bundesregierung für die „Teilhabe aller Bür-
gerinnen und Bürger an gesellschaftlichen Prozessen“ einsetzen (S. 2), wobei Teilhabe zu-
nächst als „Teilhabe an den Chancen der Digitalisierung“ interpretiert wird (S. 3). Dann wird
aber auch betont: „[Das Internet] erleichtert die Partizipation an gesellschaftlichen Entwick-
lungen und Entscheidungsprozessen und stärkt damit die Grundlagen unserer Demokratie“
(S. 5). Während im Kapitel III „Innovativer Staat“ zwar Open Data erwähnt wird, spielt E-
Partizipation keine Rolle. Im folgenden Kapitel „Digitale Lebenswelten in der Gesellschaft
gestalten“ heißt es dann aber: „Wir werden deshalb mit möglichst vielen Bevölkerungs-
gruppen eine Debatte darüber führen, wie wir künftig angesichts des digitalen Wandels zu-
sammenleben wollen. . . . Die Diskussionen wollen wir mit unterschiedlichen Formaten so-
wohl digital, als auch in Veranstaltungen führen“ (S. 23). Dabei ist die Rede von „verstärktem
Dialog“ und Informationsbereitstellung (S. 23). Konkret wird als Ziel formuliert:
Wir verbessern die digitalen Beteiligungsmöglichkeiten der Bürgerinnen und Bürger.
Dazu unterstützen wir lebensnahe offene Beteiligungsplattformen sowie Mit-
gestaltungsmöglichkeiten auf kommunaler Ebene, in Verbänden, in Ehrenamt und
Jugendarbeit, für Frauen und Männer, Menschen mit Behinderungen und für alle Ge-
nerationen. (S. 23)

Dabei wird als essentiell betont, „gleichberechtigten Zugang“ zu ermöglichen (S. 24), wes-
halb Barrierefreiheit gewährleistet werden soll. Es wird nicht ausgeführt, ob sich die Unter-
stützung von Beteiligungsplattformen nur auf die kommunale Ebene bezieht oder ob auch
Projekte auf Bundesebene eingeleitet werden sollen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die För-
derung von „Engagement im digitalen Raum“ (S. 24), wobei es primär um bessere Koordinie-
rungs- und Organisationsmöglichkeiten geht.
Schließlich beschäftigt sich noch die „Digitale Strategie 2025“ mit der digitalen Zukunft
Deutschlands. Bis auf die Erwähnung einer „Open-Innovation-Plattform“, auf der sich „Ex-
pertinnen und Experten, Nutzerinnen und Nutzer sowie interessierte Bürgerinnen und Bür-
ger aktiv an der Initiative beteiligen, eigene Ideen einbringen und Erfahrungen austauschen“
können (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), 2016, S. 31), spielt hier E-
Partizipation aber keine Rolle.

5.7.1.2 Länder
Auf Länder-Ebene lassen sich einige wertvolle Hinweise zur Definition von E-Partizipation
finden. Zwar erwähnen nicht alle Länder in ihren Strategien E-Partizipation, aus einigen In-
ternetpräsenzen oder IT- beziehungsweise Digitalisierungsstrategien lässt sich aber ein Ver-
ständnis von Online-Partizipation ableiten.
38 Definition des Untersuchungsgegenstandes über den Stand der Forschung

Die Freie und Hansestadt Hamburg schreibt:


Politik und Verwaltung führen immer wieder Online-Diskussionen zu verschiedenen
Themen durch und planen die Nutzung von „Social Media“. So können Sie Ihre Mei-
nung äußern und zusammen mit anderen Interessierten Ideen und Vorschläge ent-
wickeln, die direkt bei der Verwaltung ankommen! Bürgerinnen, Bürger und Unter-
nehmen wissen aus ihrer Alltagserfahrung, wo aus ihrer Sicht Verbesserungs-
potentiale sind. Mit einer aktiveren Einbeziehung lassen sich Anregungen und Kritik
in die Verwaltung integrieren. (Finanzbehörde Hamburg, o. J.)

Das Land Sachsen-Anhalt definiert E-Partizipation in seiner Strategie „Sachsen-Anhalt digital


2020“ als „alle internetgestützten Verfahren, die Bürgern eine Beteiligung an politischen
Entscheidungsprozessen ermöglichen. Der Bürger erhält die Rolle eines mündigen Partners
bei politischen Entscheidungsfindungen” (Ministerium der Finanzen/CIO, 2012, S. 43).
Der Freistaat Sachsen schreibt: „Der Freistaat Sachsen hat damit eine Anwendung entwi-
ckelt, mit der verschiedene Formen der Bürgerbeteiligung online begleitet werden können.
So lassen sich freie Themen diskutieren, formelle Beteiligungen z. B. zu Planungsverfahren
oder Online-Umfragen durchführen“ (Sächsisches Staatsministerium für Umwelt und
Landwirtschaft, 2016, S. A–77). Gleichzeitig hofft der Freistaat auf „innovative Ideen von
Dritten“ (S. A-84).
Thüringens Landtagspräsident schreibt: „Das Internet als modernes Kommunikations-
medium ermöglicht uns Abgeordneten, Ihre Ideen und Vorstellungen umfassender in unsere
parlamentarische Arbeit einzubeziehen“ (Carius, o. J.).
Das Land Hessen wünscht sich zwar „neue, erweiterte Formen der Information und Zusam-
menarbeit mit Bürgern“, definiert dies aber nicht weiter (Land Hessen, 2015).
Das Land Nordrhein-Westfalen hat mit seiner Open-NRW-Strategie eines der wohl um-
fassendsten Strategie-Konzepte bezogen auf Open Government entwickelt. Auf der Internet-
präsenz gibt es eine eigene Seite zu Partizipation:
Open Government - das heißt nicht nur, Daten bereitzustellen, sondern auch offen zu
sein für Gespräche und Diskussionen. Deshalb lädt die Landesregierung die Men-
schen in NRW ein zum Mitreden, Mitdiskutieren und Mitmischen. . . . Noch stärker
als je zuvor sollen die Bürgerinnen und Bürger in die Willensbildung und Entschei-
dungsfindung der Regierung einbezogen werden. . . . Die Landesregierung will einen
Dialog auf Augenhöhe. Die Menschen in Nordrhein-Westfalen sollen selbst die Chan-
ce bekommen, ihr Land mitzugestalten und gemeinsam mit der Regierung Ideen zu
entwickeln. Dabei ist es wichtig, dass sie sich so früh wie möglich beteiligen, wenn
der Gestaltungsspielraum noch vorhanden ist. . . . Mit dem Internet und Sozialen
Medien gibt es heute natürlich ganz andere Möglichkeiten und die will die Landesre-
gierung jetzt noch stärker nutzen. (Die Landesregierung Nordrhein-Westfalen, 2015)
E-Partizipation aus Sicht der Praxis 39

Auf seinem Beteiligungsportal beschreibt das Land Baden-Württemberg auf der Seite „Was
ist Bürgerbeteiligung?“ klassische formelle und informelle Offline-Verfahren, bietet aber
gleichzeitig auch Online-Beteiligung an. Der informelle Weg
umfasst verschiedene dialogorientierte, beratende Verfahren, bei denen Bürgerinnen
und Bürger zur Meinungsbildung oder Entscheidungsfindung zusammenkommen. Es
geht dabei darum, dass die Bürgerschaft und Entscheidungsträgerinnen und -träger
frühzeitig über einen politischen Prozess ins Gespräch kommen, Argumente aus-
tauschen und im Idealfall zu einer gemeinschaftlichen Entscheidung finden. (Landes-
regierung Baden-Württemberg, o. J.-c)

Er soll auch „wichtige Aspekte aus den Erfahrungswelten und dem Meinungsspektrum von
Bürgerinnen und Bürgern“ in die Diskussion einbringen (Landesregierung Baden-
Württemberg, o. J.-c). Unter der Kategorie Mitmachen wird der Prozess aber wie folgt be-
schrieben: „Sie können Vorhaben der Landesregierung bewerten, kommentieren und sich an
Umfragen beteiligen. Nach Abschluss der Online-Konsultation wertet das jeweils zuständige
Ministerium die von den Bürgerinnen und Bürgern eingebrachten Anregungen aus und
nimmt dazu Stellung“ (Landesregierung Baden-Württemberg, o. J.-b) Damit unterscheidet
sich die Teilhabe nicht signifikant von der Kommentierungsoption bei Gesetzen, die unter
der Kategorie Kommentieren angeboten werden (Landesregierung Baden-Württemberg,
o. J.-a).
Das Land Brandenburg beschreibt Bürgerbeteiligung im Allgemeinen wie folgt:
Für die Bürgerinnen und Bürger sowie Interessengruppen bietet sie die Chance, eige-
ne Sichtweisen, Kenntnisse und Zielvorstellungen in Planungs- und Entscheidungs-
prozesse einzubringen. Oft gelingt es auf diesem Weg auch, Politik und Verwaltung
mit Ideen, Sachkunde und Engagement zu unterstützen. Für Verwaltung und Politik
bietet „richtig gemachte“ Bürgerbeteiligung Chancen auf mehr Akzeptanz
für Planungen und Entscheidungen und somit auf den Ausgleich unterschied-
licher Interessen, womöglich auch auf im Dialog erzielte bessere Lösungen. (Ministe-
rium für Infrastruktur und Landesplanung, 2016c)

Außerdem werden verschiedene Stufen und Verbindlichkeiten der Kooperation beschrieben,


die an die IAP2-Skala erinnern: Information, Dialog, Kooperation, Delegation, Eigen-
ständigkeit (Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung, 2016a). E-Partizipation sieht
das Land als Ergänzung zu klassischen Beteiligungsverfahren. Die Bandbreite spannt sich von
Website-Inhalten über Social-Media-Angebote zu eigenen Online-Plattformen. Als Gegen-
stand werden E-Petitionen, Stellungnahmen zu Gesetzesentwürfen und Planungsvorhaben
beschrieben. Mögliche Modi sind dabei Informationsvermittlung, Dialog und auch Mitent-
scheidung (Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung, 2016b).

5.7.2 Zusammenfassung
Es wird deutlich, dass auf Bundesebene der Fokus scheinbar auf offenen Daten und zivil-
gesellschaftlichem Engagement lieg. E-Partizipation wird sehr vage als Dialog definiert. Es
40 Definition des Untersuchungsgegenstandes über den Stand der Forschung

gibt vereinzelt Hinweise auf Innovationspotential durch Beteiligung, aber dies steht nicht im
Zentrum der Wahrnehmung. E-Partizipation ist auf Länder-Ebene zwar ein Thema, die Vor-
stellungen davon unterscheiden sich aber und bleiben ebenfalls vage, beziehungsweise sie
umfassen ein eher breites Spektrum. Als Gemeinsamkeit lässt sich aber feststellen, dass In-
novation im Fokus steht und dass es eher um die Ergänzung zu bestehenden Angeboten geht
als um die Online-Abbildung bestimmter Prozesse. Insgesamt zeigt sich, dass das primäre
Ziel ist, Bürger einzubeziehen, was der Einbindung von Experten gegenübergestellt wird. Es
geht darum, das Wissen der Bürger abzufragen. Die Frage 9 nach juristischen Personen als
Teilnehmer lässt sich somit erweitern auf: Wer sind die Teilnehmer von E-Partizipation?
Schließlich ist festzustellen, dass E-Partizipation auf den unterschiedlichen Verwaltungsebe-
nen angesiedelt werden kann. Dies wird ebenfalls in die Definition aufgenommen.
22. Auf welcher Verwaltungsebene ist E-Partizipation anzusiedeln?
Interessant ist, dass zwar die Ermöglichung von Zugang und Benutzerzentrierung behandelte
Themen sind, diese aber entweder nicht auf Online-Partizipation bezogen oder ausschließ-
lich im Sinne von Barrierefreiheit ausgelegt werden.
Diese Erkenntnisse bestätigen zum einen den Bedarf einer klaren Definition von E-
Partizipation für diese Untersuchung. Zum anderen geben sie erste wichtige Hinweise zum
Erstellen einer solchen. Im Folgenden wird basierend auf den herausgearbeiteten Fragen ei-
ne Definition der E-Partizipation erarbeitet.
5.8 Definition von E-Partizipation
Welche Arena wird inkludiert? Wird auch Beteiligung an Prozessen inkludiert, die von ande-
ren Akteuren angestoßen wird, beispielsweise zivilgesellschaftliche Organisationen oder Un-
ternehmen?
Der Zielsetzung der Untersuchung folgend steht an dieser Stelle Online-Partizipation im Vor-
dergrund, die in Relation zu staatlichen Prozessen steht (politische Partizipation). Das heißt
nicht, dass Ergebnisse nicht auch für andere Initiatoren von Partizipation von Interesse sind.
Von beispielsweise NGOs oder Unternehmen angeregte Beteiligungen (zivilgesellschaftliche
Partizipation) sind somit ein nicht speziell berücksichtigter Sonderfall.
Muss es immer einen Aufruf/eine Einladung zur E-Partizipation geben? Auf welcher Verwal-
tungsebene ist E-Partizipation anzusiedeln? Zählen selbstorganisierte Netzwerke zu E-
Partizipation?
Es geht hier um Online-Partizipationsprojekte, die von Politik oder Verwaltung initiiert wer-
den. Dabei kann E-Partizipation auf lokaler, regionaler, nationaler oder internationaler Ebe-
ne stattfinden, wobei sich in dieser Untersuchung auf Online-Partizipation in Deutschland
beschränkt wird. Von anderen Akteuren etablierte Foren, in denen über Politik diskutiert
wird, sind damit nicht im hier angelegten Verständnis der Online-Partizipation inkludiert.
Stellen aber staatliche Stellen einen Online-Raum zur Verfügung, in dem Teilnehmer selbst
Themen einbringen können, ist dies als E-Partizipation zu werten. Transparenz- oder Lobby-
Definition von E-Partizipation 41

Aktivitäten, die von der Zivilgesellschaft angestoßen werden, gelten hingegen nicht als E-
Partizipation.
Was ist der Gegenstand von E-Partizipation? Was ist das Thema von E-Partizipation?
E-Partizipation umfasst alle Vorhaben, die der gemeinsamen Entwicklung von Problem-
lösungen dienen. Dabei ist irrelevant, ob das zu lösende Problem am Anfang des Politikzyklus
angesiedelt ist oder eher am Ende. Beispielsweise könnte E-Partizipation dazu dienen, ge-
meinsam zukünftige zentrale Herausforderungen für ein Bundesland zu erarbeiten. Sie könn-
te aber auch zum Einsatz kommen, um Alternativen für kommunale Stadtentwicklung zu er-
arbeiten, die eher im Bereich der Implementierung angesiedelt ist (von Lucke, 2012). Ent-
scheidend ist hierbei, dass es nicht um die tatsächliche Umsetzung geht oder deren Organi-
sation, wie beispielsweise ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingshilfe, sondern um
die Vorbereitung der Implementierung und somit wiederum der Entscheidungsvorbereitung.
Dabei geht es bei E-Partizipation immer um inhaltliche Beiträge wie Ideen, Kommentare o-
der Meinungen, nicht um die Erbringung tatsächlicher Leistungen. Dabei sind grundsätzlich
alle Themen eingeschlossen. E-Partizipation definiert sich mehr über den Initiator als über
das Thema der Beteiligung.
Welchem Zweck muss E-Partizipation dienen?
E-Partizipation dient dazu, Impulse und Ideen der Teilnehmer aufzugreifen und in die Prob-
lemlösung mit einzubeziehen. Es muss eine tatsächliche Bereitschaft vorhanden sein, die
Impulse aufzugreifen. Es geht dabei nicht lediglich um das formale Zugeständnis der Ein-
spruchnahme, sondern um den vorhandenen Wunsch, Probleme gemeinsam im Sinne einer
offenen Innovation zu lösen. Benutzergenerierter Inhalt ist das klar definierte Ziel von E-
Partizipation. Primär auf Information ausgerichtete Verfahren sind nicht inkludiert, auch
wenn es die Möglichkeit zur Kommentierung oder Einspruchnahme gibt. Kommentar-
möglichkeiten unter Artikeln beispielsweise fallen nicht darunter, weil diese nur ein Neben-
produkt und nicht zentraler Bestandteil sind. Ebenso ausgenommen sind sogenannte Pseu-
do-Beteiligungen, bei denen zwar eine Online-Partizipation initiiert wird, es aber keinen Ent-
scheidungsspielraum auf Seiten der Initiatoren gibt. Denkbar wären hier Diskussions-
plattformen, die eine Verwaltung bereit stellt, ohne dass es eine konkrete Verzahnung mit
Verwaltungsabläufen gibt oder einen definierten Prozess, wie Ergebnisse in die Ent-
scheidungsfindung einfließen.
Handelt es sich um formelle oder informelle Partizipation?
Formelle Bürgerbeteiligung bezieht sich bisher auf Planungsprozesse und sichert Bürgern ein
Recht zu, Stellungnahmen beziehungsweise Einwendungen einzureichen. Dieses Verfahren
kann zwar online abgewickelt werden, lässt aber wenig Raum für Dialog und Innovation zu,
der im Interesse von Politik und Verwaltung steht. Das hier angelegte Verständnis von E-
Partizipation geht über die Wahrung der Rechtssicherheit eines Prozesses hinaus (siehe
nächste Frage). E-Partizipation bezieht sich daher auf hybride oder informelle Formen. Dem-
42 Definition des Untersuchungsgegenstandes über den Stand der Forschung

entsprechend zählen auch bloße Online-Abbildungen von Petitionen oder Stellungnahmen


nicht zu E-Partizipation.
Ab welchem Zeitpunkt in der Problemlösung muss E-Partizipation anfangen?
E-Partizipation muss stattfinden, bevor eine finale Entscheidung getroffen wurde. Ob schon
Lösungsvorschläge vorhanden sind oder noch nicht, ist dabei nebensächlich.
Wie viel Einfluss müssen die Initiatoren der E-Partizipation zugestehen? Steht am Ende eine
verbindliche Entscheidung der Teilnehmer?
Es muss die Bereitschaft vorhanden sein, die Vorschläge der Teilnehmer in die Problemlö-
sung mit einzubeziehen. Da es sich aber nicht um ein direktdemokratisches Element handelt,
entscheiden die Teilnehmer am Ende nicht verbindlich. E-Partizipation ist immer eine Ergän-
zung zum repräsentativen System, kein Ersatz. Trotzdem kann am Ende der E-Partizipation
eine Abstimmung stehen, um Präferenzen der Teilnehmer abzufragen. Diese steht aber nicht
im Fokus des Partizipationsprozesses.
Ist Zusammenarbeit unter den Teilnehmer gefordert oder geht es nur um die Sammlung indi-
vidueller Beiträge?
Es ist für die Definition der E-Partizipation nicht entscheidend, ob Diskussionen zwischen den
Teilnehmern stattfinden oder nicht. Es ist davon auszugehen, dass sich die Diskussions-
bereitschaft zwischen verschiedenen Typen der E-Partizipation unterscheidet.
Welche Aktivitäten zählen als E-Partizipation?
Entscheidend ist, dass Inhalt generiert werden muss. Das heißt, dass ein E-Partizipations-
angebot Teilnehmer zur Eingabe von Inhalt animieren muss. Bloßes Anmelden und Zuschau-
en, das teilweise bereits als Partizipation betrachtet wird (siehe dazu beispielsweise Malinen,
2015), wird nicht inkludiert.
Wer sind die Teilnehmer von E-Partizipation? Für wie viele Teilnehmer ist E-Partizipation ge-
öffnet? Umfasst E-Partizipation bezahlte Teilnahme? Umfasst E-Partizipation anonyme und
nicht-anonyme Teilnahme? Gibt es Qualitätskriterien für die Teilnehmer?
Die Teilnahme an E-Partizipation ist grundsätzlich für alle Interessierten möglich, unabhängig
von deren Qualifikation. Eine Einschränkung der Teilnahme ist nur mit Bezug auf die regiona-
le Ebene zulässig. Teilnehmer sind im Regelfall Privatpersonen. Auch Teilnehmer-Rollen für
Verwaltungsmitarbeiter, Politiker oder Institutionen sind denkbar. Prozesse aber, die nur für
den Austausch mit bestimmten Vertretern kreiert wurden, zählen nicht zu E-Partizipation.
Gleiches gilt für Verfahren, die nur für Experten definiert werden. E-Partizipation soll zur Ein-
bindung von Bürger-Expertise dienen. Dabei beteiligen sich Teilnehmer freiwillig an E-
Partizipation und nicht im Rahmen von bezahltem Outsourcing. Ob sich Teilnehmer anonym
beteiligen können, ist für die Definition nicht ausschlaggebend.
Definition von E-Partizipation 43

Steht die Involvierung von Politikern/Verwaltung im Vordergrund?


Ob und inwieweit sich Politiker und Verwaltungsmitarbeiter an der Diskussion beteiligen ist
nicht relevant für die Definition von E-Partizipation. Es ist allerdings nicht primäres Ziel von
E-Partizipation, Kontakt zu diesen Personen herzustellen. Deswegen zählen Plattformen zur
Kontaktierung von Politikern (wie beispielsweise abgeordnetenwatch.de 13 ) nicht zu E-
Partizipation.
Über welche Pfade erfolgt E-Partizipation?
E-Partizipation findet online statt. Offline-Elemente können ebenfalls Bestandteil von Parti-
zipationsprojekten sein, werden aber nicht als E-Partizipation betrachtet.
Wie definiert/moderiert muss der Prozess sein?
Die Rigidität der Prozesse ist nicht entscheidend für eine allgemeine Definition von E-
Partizipation. Online-Beteiligung kann von unmoderiert bis stark moderiert reichen, so lange
die Problemlösung und die Beiträge der Benutzer im Vordergrund stehen.
Beschreibt E-Partizipation eine dauerhafte Community oder kurzfristige Projekte?
Es ist nicht ausschlaggebend, ob E-Partizipation als Projekt gemäß bestimmter Probleme de-
finiert wird oder als langfristiges Verfahren.
Es ergibt sich zusammenfassend folgende Definition:

E-Partizipation ist ein von Verwaltung oder Politik angestoßener und verantworteter Pro-
zess auf internationaler, nationaler, regionaler oder lokaler Ebene, der online stattfindet
und für alle Interessierten, bei gegebenenfalls regionaler Einschränkung, geöffnet ist und
der nicht auf Experten-Beteiligung ausgelegt ist. Von Teilnehmern kreierte Inhalte sind
zentraler Gegenstand des ergebnisoffenen Prozesses, mit dem konkreten Ziel, Entschei-
dungen oder Planungen vorzubereiten, indem Impulse der Teilnehmer aufgegriffen wer-
den, ohne dass diese verbindliche Entscheidungen treffen. E-Partizipation stellt eine Erwei-
terung des Beteiligungsangebots dar, das über formelle Partizipationsmöglichkeiten hin-
ausgeht. Die Beteiligung findet über ein hierfür zur Verfügung gestelltes Online-Angebot
statt und kann als dauerhaftes Angebot oder Projekt angelegt sein.

13
https://www.abgeordnetenwatch.de.
6 Methodologie der Untersuchung
6.1 Philosophie der Untersuchung
Wie bereits im Rahmen der Vorstellung der Forschungsfragen und -ziele diskutiert (siehe Ka-
pitel 2), ist der Ansatz dieser Forschung explorativ. Es sollen mögliche Verhaltensmuster der
Teilnahme an Online-Partizipation identifiziert und beschrieben werden. Gleichermaßen
folgt die Arbeit einem gestalterischen Ansatz, sodass aus diesen Entdeckungen Gestaltungs-
empfehlungen abgeleitet werden. Der Tradition gestaltungsorientierter Forschungsdiszipli-
nen folgend, liegt der Forschung eine pragmatisch geprägte Philosophie zugrunde (Vaishnavi
& Kuechler, 2008). In die Exploration fließen folglich Hinweise aus quantitativer Forschung.
Sie verwendet aber an angemessener Stelle auch qualitative Methoden. In der erarbeiteten
Merkmalsliste finden sich beobachtbare Konstrukte (beispielsweise Gerätebesitz oder Onli-
ne-Verhalten) und solche, die nur durch Befragung oder Rekonstruktion zu erfassen sind
(beispielsweise Motivationen, Eigenschaften, Einstellungen).
Wie im Folgenden erklärt wird, folgt diese Arbeit einer abduktiven Logik. Es gilt, eine nicht-
beobachtbare Realität zu erschließen. Dies kann nur darüber geschehen, dass vorhandenes,
verwandtes Wissen auf den vorliegenden Fall angewendet wird (siehe zu Abduktion bei der
Typologie-Erstellung Kelle & Kluge, 2010).
6.2 Strategie und Prozess der Untersuchung
Die vorliegende Untersuchung wurde hauptsächlich in den Jahren 2014 und 2015 durch-
geführt. Wie bereits in Kapitel 2 beschrieben, konstituiert sich die Typologie nicht über ver-
haltensbeschreibende, sondern über verhaltensvorhersagende Merkmale. Dieses Vorgehen
bietet sich an, weil es kein zu beobachtendes Verhalten gibt. Die E-Partizipationslösung soll
erst gestaltet werden.
Eine Abfrage des hypothetischen Verhaltens ist aus mehreren Gründen ungeeignet. Zum ei-
nen erweisen sich hypothetische Szenarien zu oft als unzuverlässig und sollten wenn möglich
vermieden werden (Porst, 2014). Dies scheint insbesondere auch für Internetverhalten zu
gelten: „Traditional market research methods don't work for the Web. The basic problem is
that one cannot ask users what they want and expect the answer to have any relation to
their actual behavior when they go online (J. Nielsen, 1999).” Das zeigt sich auch in der Dis-
krepanz der geäußerten Wünsche nach mehr Beteiligung und der tatsächlichen Teilnahme
an Online-Partizipation (siehe Kapitel 1.2). Venkatesh, Thong und Xu (2012) betonen zum
anderen, dass das Vorhaben, Technologie zu nutzen zwar einen Einfluss auf die tatsächliche
Nutzung hat, anderen Faktoren aber ebenso. So beeinflussen zum Beispiel Gewohnheiten
den Einfluss von Nutzungsvorhaben auf Nutzen. Das heißt, dass potentielle Benutzer zwar
vorhaben können, an Online-Partizipation teilzunehmen, es tatsächlich aber nicht umsetzen.
Es wird daher eine vorhersagende Typologie entwickelt, die den Gruppierungen ähnelt, die
als Grundlage für beispielsweise datengetriebene Persona-Entwicklung dienen. L. Nielsen
(2013) beschreibt ein Projekt, in der Personas für ein Online-Portal zum Tax-Reporting er-
stellt werden. Beschrieben werden die Personas mit Hilfe von Merkmalen, die verwandtes

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018


K. Große, Benutzerzentrierte E-Partizipation,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-19877-0_6
46 Methodologie der Untersuchung

Verhalten beeinflussen, nämlich Offline-Reporting-Verhalten und Online- beziehungsweise


IT-Verhalten. Ein sehr ähnlicher Ansatz kann für Online-Partizipation genutzt werden. Zur
Beantwortung von UF I, das heißt der Ermittlung relevanter Unterscheidungsmerkmale der
Typologie (siehe dazu Kelle & Kluge, 2010, S. 86 ff.), werden deshalb Theorien herangezogen,
die verwandtes Verhalten vorhersagen. Es werden die zentralen Theorien der politischen
Partizipation und Technologienutzung ausgewertet (siehe Kapitel 6.3). Um die so erlangten
Ergebnisse zu validieren, werden außerdem bestehende Studien ausgewertet, die untersu-
chen, welche Variablen Online-Partizipation beeinflussen (siehe Kapitel 8). Diese Dualität
stellt zum einen sicher, dass keine einflussreichen Merkmale außer Acht gelassen werden,
weil sie bisher in empirischen Untersuchungen nicht berücksichtig wurden. Andererseits er-
möglicht sie es, klassische Theorien um Perspektiven aus aktuellen Untersuchungen zu er-
gänzen.
UF II, die Frage nach den Ausprägungen der Merkmale, wird iterativ während der Beant-
wortung von UF III, der Frage nach den vorhandenen Ausprägungskombinationen beant-
wortet (siehe dazu auch Kapitel 6.6.2). Ein finales Ergebnis liegt somit erst am Ende der Be-
antwortung der FF vor. Es werden dabei sowohl Sub-Kategorien von Merkmalen, als auch
Merkmalsausprägungen definiert. Leitendes Prinzip ist dabei die Ermöglichung einer sinnvol-
len Gruppierung, so dass in den meisten Fällen zwei oder drei Ausprägungen pro Merkmal
entwickelt werden.
UF III, die finale Frage nach Ausprägungskombinationen, das heißt Typen, muss beantwortet
werden, indem bestehende Erkenntnisse zu derartigen Kombinationen herangezogen wer-
den. Eine nähere Erläuterung des Vorgehens findet sich in Kapitel 6.6. Durch eine Beschrei-
bung der so herausgearbeiteten Typen wird FZ I erfüllt. Basierend auf der Typologie können
Nutzungsanforderungen abgeleitet (FZ II) und Gestaltungsempfehlungen (FZIII) entwickelt
werde. Letztere werden mit Hilfe von Untersuchungen erstellt, die einzelne Design-Elemente
mit Bezug auf Typologie-Merkmale analysieren.
6.3 Vorgehen: Vorab-Befragung von Beteiligungsagenturen
Um die Relevanz der Untersuchung zu prüfen, wurde eine Befragung von Experten durch-
geführt, die einschätzen können, welche Rolle Benutzerzentrierung in Deutschland bei der
Entwicklung von Lösungen für Online-Partizipation spielt. Dazu wurden bekannte Dienstleis-
ter für E-Partizipation in Deutschland angefragt: die Kooperationspartner Demos und Infora
(Materna GmbH), Liquid Democracy e.V., Polidia (Init AG) und Zebralog GmbH & Co. KG. Zu-
sätzlich wurde die Fachstelle für internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutsch-
land (IJAB) kontaktiert, die in Deutschland unter anderem im Auftrag des Bundes-
ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend viele Online-Beteiligungsprojekte
durchführt und besonders auch Leitlinien und Software entwickelt, beispielsweise im Rah-
men des EU-Projektes EUth den Werkzeugkasten OPIN.14

14
https://opin.me/de.
Vorgehen: Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste 47

Befragt wurden schließlich der Geschäftsführer von Liquid Democracy, Rouven Brues, der
Geschäftsführer von Polidia, Thomas Heimstädt, der Geschäftsführer von Zebralog, Oliver
Märker, und der Projektkoordinator für E-Partizipation bei IJAB, Jürgen Ertelt.
Es handelte sich um eine administrierte Befragung mit offenen Antworten. Je nach Bedarf
wurde die Befragung schriftlich oder telefonisch durchgeführt. Die Fragen richteten sich
nach den relevanten Aktivitäten der benutzerzentrierten Gestaltung: Verstehen des Benut-
zerkontexts, Festlegen der Nutzungsanforderungen, Erarbeitung einer Gestaltungslösung
und Evaluierung der Gestaltungslösung.
Der Fragebogen lautete wie folgt:
 Entwickeln Sie benutzerzentriert?
 Falls eine zustimmende Antwort erfolgt:
o Versuchen Sie, vor der Entwicklung den Nutzungskontext zu verstehen? (Ge-
gebenenfalls erklären. Besonderes Augenmerk auf Beschreibung von Benut-
zern und der Entwicklung von Benutzertypologien.)
o Verfolgen Sie in der Entwicklung der Anforderungen ein benutzerzentriertes
Vorgehen?
o Wie entwickeln Sie die Gestaltungslösung?
o Testen Sie die Gestaltungslösung und wenn ja wie?
 Warum spielt Benutzerzentrierung bisher eine untergeordnete Rolle? (Wird nur ge-
stellt, wenn bisher wenig Benutzerzentrierung im Prozess vorherrscht.)
Die Antworten wurden in Stichworten protokolliert und tabellarisch gegenübergestellt. Eine
Übersicht über die Ergebnisse findet sich in Anhang A).
6.4 Vorgehen: Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste
Eine Vielzahl wissenschaftlicher Disziplinen befasst sich mit menschlichen Teilnahme- oder
Nutzungsentscheidungen. Allein bezogen auf Politik gibt es verschiedene Strömungen: For-
schung zu Partizipationsverhalten, Forschung zu Wahlverhalten, Forschung zum freiwilligen
Engagement. Genauso lassen sich im Bereich der Technologieforschung verschiedene Ansät-
ze finden: Beteiligung an Open-Source-Prozessen, Nutzung von sozialen Netzwerken. Es ist
an dieser Stelle unausweichlich, eine Eingrenzung vorzunehmen.
Zentral ist zum einen die Frage: Was beeinflusst wer politisch partizipiert? Die beiden Unter-
suchungen, die an zentraler Stelle bei der Beantwortung dieser Frage stehen sind die von
Milbrath und Goel (1977) und Verba, Schlozman und Brady (1995)15. Zum anderen essentiell
ist die Frage: Was beeinflusst wer Technologie nutzt? Mit der United Theory of Acceptance
and Use of Technology (UTAUT) kreieren Venkatesh, Morris, Davis und Davis (2003) den

15
Beide Werke beziehen sich explizit auf individuelle Partizipation und umfassen eine Vielzahl von Aktivitäten.
Dabei bauen sie auf frühere Werke wie beispielsweise von Almond und Verba (1963), Verba und Nie (1972)
sowie Barnes und Kaase (1979) auf, die die Forschung zu politischer Aktivität und Kultur entscheidend ge-
prägt haben.
48 Methodologie der Untersuchung

wohl umfassendsten Ansatz zur Beantwortung dieser Frage. UTAUT wird durch Venkatesh,
Thong und Xu (2012) zu UTAUT2 (Unified Theory of Acceptance and Use of Technology 2)
weiterentwickelt und auf den Kontext der freiwilligen Nutzung angepasst. Beide Strömun-
gen, das heißt Partizipation und Technologienutzung, werden um Betrachtungen zu psycho-
logischen Aspekten ergänzt. Auf der politischen Seite wird die Betrachtung noch um einen
Block zu kollektivem Handeln ergänzt: ein Forschungsfeld, das sich mit den Einflüssen auf die
individuelle Entscheidung zu einem gemeinsamen Gut befasst. Diese Strömung ist zum ei-
nem wertvoll, weil sie individuelle Entscheidungen mit einbezieht und zum anderen bereits
über den Übertrag auf die Online-Sphäre diskutiert. Auf der technischen Seite wird noch die
Forschung zu Nutzen und Belohnung hinzugenommen, die sich damit beschäftigt wie und
warum Menschen Medien nutzen und eine lohnenswerte Ergänzung zum eher geräte-
orientierten Ansatz von UTAUT2 darstellt. Am Ende dieses Prozess-Schritts steht eine vorläu-
fige Merkmalsliste (siehe Tabelle 2).
6.5 Vorgehen: Validierung durch empirische Untersuchungen

6.5.1 Reflexion der Verwendung von empirischen Studien


Um die theoretisch verorteten Merkmale zu validieren, werden in einem zweiten Schritt be-
stehende empirische Untersuchungen ausgewertet. Dabei besteht jedoch das Problem, dass
sich ein Großteil der Studien in ihrer Definition von E-Partizipation von der hier angelegten
Definition unterscheidet (siehe zur Definition von E-Partizipation Kapitel 5). Dazu kommt,
dass häufig eine Partizipationsskala mit mehreren Items gebildet wird, die unterschiedliche
Partizipationsaktivitäten repräsentieren (siehe dazu Tabelle Anhang C-1). Dadurch gehen ge-
nau die Information verloren, die für eine Typologie am relevantesten wäre, nämlich die Un-
terschiede in den Aktivitäten zwischen den Menschen (siehe dazu auch die Kritik von
Anduiza, Cantijoch, & Gallego, 2009, S. 359). Es wird nicht mehr differenziert, wie sich Men-
schen in Bezug auf Online-Partizipation verhalten, ob sie unterschiedliche Arten von Aktivitä-
ten bevorzugen. Es wird nur noch erfasst, ob sich Menschen beteiligen, nicht, wie sie sich
beteiligen. Genauso hat die Erkenntnis darüber, ob eine Variable sich auf die Teilnahme
auswirkt, für die Erstellung einer Typologie nur wenig Aussagekraft. Auch wenn eine Variable
für die Teilnahme-Entscheidung als nicht signifikant gewertet wird, kann sie trotzdem die
Präferenz für eine spezielle Form der Online-Partizipation beeinflussen. Weiterhin ergibt sich
ein Problem, das schon Best und Krueger (2005) beschreiben: Die meisten Untersuchungen
beachten nur Teile der durch den theoretischen Teil identifizierten Konstrukte und vernach-
lässigen die möglichen Interdependenzen zwischen zum Beispiel Online-Partizipation und
Internet-Fähigkeiten. Deshalb liegt der Mehrwert der Studien nicht in den Aussagen zur Sig-
nifikanz des Einflusses. Es wird im Sinne einer Validierung der Merkmalsauswahl nur aus-
gewertet, welche Konstrukte in den Studien untersucht werden. In geeigneten Fällen wer-
den ebenfalls interessante Beobachtungen der Studien in die Diskussion zur Übernahme der
Konstrukte einbezogen.
Vorgehen: Validierung durch empirische Untersuchungen 49

6.5.2 Auswahl der zu verwendenden Studien


Der Katalog der in die Validierung einbezogenen Studien wird systematisch erstellt. Meckel,
Hoffmann, Lutz, und Poell (2014) bieten einen ausgezeichneten Einstiegspunkt, mit einer
umfassenden Zusammenstellung aller deutsch- und englischsprachigen Artikel zum Thema
Online-Partizipation in Journals mit Peer-Review-Verfahren, die im ISI Web of Knowledge,
ProQuest, EBSCO oder der Mendeley-Datenbank verfügbar sind. Dazu wird ein Überblick von
Mossberger (2009) ergänzt. Dieser Grundstock wird anhand der im nachstehenden Absatz
erläuterten Relevanz-Kriterien verkleinert. Zusätzlich werden alle relevanten Studien be-
trachtet, die in ausgewählten Arbeiten referenziert werden.
Zum einen sind Fokus und Typ der Arbeit relevante Auswahlkriterien. An dieser Stelle wer-
den alle Arbeiten inkludiert, die Online-Partizipation über einen Index verschiedener Aktivi-
täten zusammensetzen. Außerdem werden Studien aufgenommen, die mindestens eine dia-
logorientierte Form der Beteiligung untersuchen, entweder politische Diskussionen oder Po-
litiker-Kontaktierung. Untersuchungen, die sich ausschließlich beispielsweise mit Online-
Spenden oder E-Voting (siehe dazu beispielsweise Choi & Kim, 2012; Solop, 2001) auseinan-
dersetzen, werden somit nicht berücksichtigt. Genauso wenig relevant sind Studien über
spezifische Minderheiten in anderen Kontexten, die so nicht auf Deutschland übertragen
werden können (zum Beispiel Correa & Jeong, 2011). Nicht inkludiert werden ebenso Diskus-
sionen zur Zusammenarbeit von Staat und Bürgern bei zum Beispiel Krisen-Management
(Asmolov, 2015; Panagiotopoulos, Bigdeli, & Sams, 2014), Politik-Evaluation (Prpic, Taeihagh,
& Melton, 2015a) oder Software-Entwicklung (Mergel, 2015). Internationale Vergleiche oder
Studien, die sich damit beschäftigen, welche Rahmenbedingungen E-Partizipation begünsti-
gen, sind an dieser Stelle nicht relevant (Bolívar, 2015; Harrison & Sayogo, 2014; Jeff Gulati,
Williams, & Yates, 2014; Jho & Song, 2014; Zheng, Schachter, & Holzer, 2014). Ebenso nicht
genauer beleuchtet werden Untersuchungen, die sich mit der Diskussionsqualität oder De-
liberationsabläufen beschäftigen (Friess & Eilders, 2015; Kropczynski, Cai, & Carroll, 2015).
Diskussionen zu Veränderungen staatlicher Strukturen, Machtverhältnissen oder Legitimati-
onen (Christensen, Karjalainen, & Nurminen, 2015; Heikka, 2015; Sandoval-Almazan &
Ramon Gil-Garcia, 2014) sind an diesem Punkt nicht relevant, ebenso wenig wie der Einfluss
von Online-Beteiligung auf Politikverdrossenheit beziehungsweise politische Haltungen
(Warren, Sulaiman, & Jaafar, 2014b). Des Weiteren sind Untersuchungen ausgeschlossen,
die politische Online-Kampagnen betrachten (siehe beispielsweise Dolezal, 2015 oder das
Sonderheft Chasing the Digital Wave, eingeleitet von Gibson, Römmele, & Williamson, 2014)
oder Politiker-, Parteien- oder Verwaltungs-Kommunikation in sozialen Medien erforschen
(Bonsón, Royo, & Ratkai, 2015; Goncalves u. a., 2015; Lev-On & Steinfeld, 2015). Das gilt
auch für den Versuch, öffentliche Meinung besser zu erkennen, indem anderweitig produ-
zierter Inhalt ausgewertet wird (Clarke & Margetts, 2014; Deschamps, 2014). Genauso wenig
sind Online-Protestbewegungen und Online-Aktivismus (Sandoval-Almazan & Ramon Gil-
Garcia, 2014; Warren, Sulaiman, & Jaafar, 2014a) an dieser Stelle relevant, inklusive der De-
batte um Slacktivismus (Lachenmayer u. a., 2012; Vitak u. a., 2011).
50 Methodologie der Untersuchung

Bei den Arbeiten mit passendem Untersuchungsgegenstand werden weiter nur diejenigen
inkludiert, die untersuchen, welche Variablen Einfluss auf die Teilnahme an Online-
Partizipation haben. Das heißt, Essays, Buch-Einleitungen oder Vorwörter werden aus-
genommen, genauso wie Vortragsdokumentationen und rein deskriptive Untersuchungen.
Als zweites Kriterium wird das Erhebungsjahr der Daten angelegt. Durch die schnelle Ge-
schwindigkeit, mit der sich Internet und neue IKT in den letzten Jahren verbreitet haben, ist
es wenig sinnvoll, Untersuchungen als Grundlage mit einzubeziehen, deren Daten vor 2005
erhoben wurden. Außerdem werden nur die neusten Versionen von Studien oder Analysen
berücksichtigt.
6.6 Vorgehen: Identifikation von Ausprägungsclustern

6.6.1 Prozess der Cluster-Identifikation


Typologien bestehen aus Ausprägungsclustern, das heißt einer bestimmten Kombination von
Ausprägungen, die sich von Typ zu Typ unterscheidet. Die Identifikation von Ausprägungs-
clustern wird durch zwei Arten von Quellen gespeist. Zum einen bieten sich Typologien an,
die Überschneidungen mit den herausgearbeiteten Merkmalen aufweisen. Durch sie können
Ausprägungscluster identifiziert werden. Zum anderen können bestehende Lücken durch
bekannte Ausprägungskorrelationen gefüllt werden. Zwar können gesamtgesellschaftliche
Korrelation zwischen Merkmalen nicht unbedingt direkt auf Typen übertragen werden, die
beispielsweise spezielle Sonderfälle vereinen. Sie können aber Tendenzen aufzeigen, beson-
ders wenn verschiedene Korrelationen ähnliche Aussagen treffen. Ist also beispielsweise ein
bisher nicht ausgeprägtes Merkmal mit drei hoch ausgeprägten Merkmalen positiv korre-
liert, ist es wahrscheinlich, dass auch ersteres als hoch eingestuft werden kann.
Zwar gibt es eine Vielzahl von Typologien, die sich mit Online-Verhalten und teilweise auch
Partizipationsaktivitäten beschäftigen. Diese beschränken sich jedoch meist auf Verhaltens-
konstrukte oder in einigen Fällen zusätzlich auf sozio-demographische Variablen zur Be-
schreibung der Typen. Diese Typologien bieten kaum Überschneidungen mit der Merkmals-
liste. Es gibt dennoch eine Typologie, die eine größere Schnittmenge aufweist: Die DIVSI In-
ternet Milieus. In diesen Milieus wird Internetverhalten und Einstellungen zum Internet ver-
bunden mit dem „unterschiedlichen lebensweltlichen Hintergrund der Typen, d. h. ihre
Werthaltungen und Lebensstile“ (Sinus Institut, 2012, S. 10). Diese Milieus werden ergänzt
durch eine Folgestudie, die sich detaillierter mit dem Internetverhalten der Milieus beschäf-
tigt (Hoffmann, Lutz, & Poell, 2015) und durch eine gesonderte Betrachtung der unter 25-
Jährigen (Sinus Institut, 2014).
Diese drei Milieu-Analysen werden wie folgt verwendet. In einem ersten Schritt müssen die
Konstrukte der DIVSI-Typologie der Merkmalsliste zugeordnet werden, es muss eine Über-
setzung stattfinden. Dieser Prozess wird im folgenden Absatz detaillierter beschrieben. Als
Endprodukt entsteht eine Beschreibung der DIVSI-Typologie anhand einiger der Merkmale
der Typologie der Online-Partizipation. Diese Beschreibung wird durch die Erkenntnisse der
Folgestudie ergänzt. Nun wird diskutiert, inwieweit sich diese Cluster von den ent-
Vorgehen: Identifikation von Ausprägungsclustern 51

sprechenden U-25-Milieus unterscheiden. Da sich kaum Unterschiede identifizieren lassen,


werden beide Beschreibungen zusammengefügt.
Diese so identifizierten Cluster sind eine Beschreibung des tatsächlich vorzufindenden Ver-
haltens in Deutschland. Allerdings weist die so erstelle Beschreibung einige Lücken auf. Diese
Lücken müssen durch die Identifikation von wahrscheinlichen Ausprägungsclustern ergänzt
werden. Dazu werden Korrelationen herangezogen, die in den bisherigen verwendeten The-
orien identifiziert wurden. Aus der Kombination dieser Erkenntnisse entsteht die finale Typo-
logie.

6.6.2 Übersetzung der DIVSI- und U-25-Milieus


Um die DIVSI-Milieus anhand der erarbeiteten Merkmalsliste beschreiben zu können, muss
eine Übersetzung stattfinden. Einige Informationen lassen sich direkt übertragen. Die Mili-
eus werden sozio-demographisch beschrieben sowie in Bezug auf ihre Online-Nutzung und
vorhandene IT-Infrastruktur. Zusätzlich werden den Milieus sogenannte Basis-Trends zuge-
ordnet, die relevante Informationen über beispielsweise Einstellungen und Eigenschaften
der Milieus erhalten. Diese Basis-Trends werden anhand ihrer Beschreibungen in Merkmale
der Online-Typologie übersetzt. Schließlich gibt es eine ausführliche textbasierte Beschrei-
bung der Milieus. Diese werden angelehnt an das Verfahren der qualitativen Inhaltsanalyse
ausgewertet (Gläser & Laudel, 2009), um die bisherigen Ergebnisse zu validieren und zu er-
gänzen. Das gleiche Verfahren wird angewendet, um die ausschließlich textbasierten Infor-
mationen der ergänzenden Studien (Hoffmann u. a., 2015) und der U-25-Milieus (Sinus
Institut, 2014) auszuwerten. Die Merkmalsliste bildet hierbei das Suchraster, mit Hilfe des-
sen die wichtigen Informationen aus dem Text extrahiert werden. Dabei sind aber, wie von
Gläser und Laudel (2009) beschrieben, die Kategorien und Ausprägungen offen und werden
im Prozess der Extraktion weiterentwickelt. Um diese Schritte überprüfbar zu machen, findet
sich in Tabelle Anhang E-1 die Extraktionsregeln. Diese basieren soweit vorhanden auf der
Beschreibung der Merkmale in der zugrunde liegenden Literatur. Außerdem werden Regeln
vermerkt, die sich aus der Analyse des Materials ergeben. In einem zweiten Schritt wird eine
Aufbereitung vorgenommen, die die Ergebnisse beider Analysen der gesamtgesellschaftli-
chen Milieus vergleicht und zusammenführt. Dabei werden kritische Stellen diskutiert, um
getroffene Interpretationsentscheidungen nachvollziehbar zu machen. In der gleichen Art
und Weise wird auch vorgegangen, um die gesamtgesellschaftlichen Milieus mit den U-25-
Milieus zu vergleichen. Die abschließende Auswertung erfolgt als Zusammenfassung der so
identifizierten Cluster.
7 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste
Im Folgenden wird die vorläufige Merkmalsliste entwickelt. Verwandtes Wissen lässt sich
beim Forschungsgegenstand der Online-Partizipation aus verschiedenen Richtungen gewin-
nen. Direkt von der Wortzusammensetzung Online und Partizipation lassen sich die beiden
übergeordneten Bereiche ableiten. Zum einen können Erkenntnisse der klassischen politi-
schen Partizipationsforschung nutzbar gemacht werden: Wer beteiligt sich warum wann po-
litisch? Zum anderen ist Forschung relevant, die sich mit der Nutzung von Technologie be-
schäftigt. Beide Felder vereinen Forschung aus unterschiedlichen Disziplinen, die sich ver-
schiedener Erklärungsmodelle bedienen. Margetts (2013) beschreibt dies als ein typisches
Problem in der Internetforschung und Brandtzæg (2010, S. 949) betont: „User research is . . .
a chaos of theories, concepts, approaches, methods, and findings.” Dieser Multidisziplinari-
tät geschuldet ist eine Vielzahl von Begriffen, die ähnliche Konstrukte16 beschreiben oder
aber ähnlichen Begriffen, die unterschiedlich interpretiert werden. Diese Überschneidungen
werden am Ende dieses Kapitel diskutiert und ausgeräumt.
7.1 Theorien der politischen Partizipation
Die Frage, wer sich politisch beteiligt, beschäftigt Forscher seit Jahrzehnten und hat eine
Vielzahl von Studien hervorgebracht, die wiederum aus einer Fülle von Disziplinen zehren. Es
soll in diesem Abschnitt nicht darum gehen, alle erschienenen Werke zum Thema zu refe-
renzieren. Vielmehr gilt es, die zentralen Werke auszuwerten, die der Dreh- und Angelpunkt
weiterer Forschung sind und umfassende Erklärungen erstellen. Wenn vorhanden sollen Un-
tersuchungen vorgestellt werden, die diese traditionellen Ansätze für das Online-Zeitalter
weitergedacht haben. Zentral sind zweifelsohne das Konzept zur Analyse von Partizipations-
verhalten von Milbrath und Goel (1977) und das Civic Voluntarism Model (CVM, auf Deutsch
etwa Modell des freiwilligen zivilgesellschaftlichen Engagements) von Verba, Schlozman und
Brady (1995)17. Mit Teilnehmermotivationen beschäftigt sich die Forschung zum Kollektiven
Handeln (Collective Action, CA), ursprünglich geprägt von unter anderem Klandermans
(beispielsweise 2004) und für das Online-Zeitalter erweitert von Bimber, Flanagin und Stohl
(2005) und Fulk, Heino, Monge und Bar (2004). Diese Theorien werden im Folgenden be-
schrieben und bezüglich Hinweisen auf Merkmale untersucht, die für eine Typologie der On-
line-Partizipation entscheidend sind.

16
Konstrukt und Variable werden synonym verwendet. Merkmal wird ausschließlich für die Typologie der On-
line-Partizipation genutzt. Item wird verwendet, um die tatsächlich genutzten Frage-Formulierungen in der
Daten-Erhebung der Autoren zu beschreiben.
17
Oft werden auch (Putnam, 2001) oder (Norris, 2006) in diesem Zusammenhang genannt. Putnam jedoch
beschäftigt sich mit dem Einfluss des Internets auf Offline-Verhalten und Norris untersucht Unterschiede
zwischen Internet-Nutzern und Nicht-Nutzern. Beide beschäftigen sich nicht mit der Untersuchung von Ein-
flussfaktoren auf eine Partizipationsentscheidung.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018


K. Große, Benutzerzentrierte E-Partizipation,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-19877-0_7
54 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste

7.1.1 Politische Partizipation nach Milbrath und Goel


Milbrath und Goel (1977) geben einen Überblick über die breite Menge an empirischen Stu-
dien zu politischer Partizipation, basierend auf einem Analyse-Konzept der politischen Parti-
zipation. Wichtig ist anzumerken, dass politische Partizipation hier das ganze Spektrum von
Wahlen über Kommunikation, Protest, Kampagnen, Vereinsaktivität und Parteimitgliedschaft
beinhaltet. Milbrath und Goel (1977) inkludieren in ihr Modell sowohl individuelle Faktoren
wie Persönlichkeit, Einstellungen, Überzeugungen und Ausbildung, Alter, Ethnie als auch
Umwelt-Faktoren wie das soziale und politische System und erhaltene Stimuli aus der direk-
ten Umgebung. Für die hier vorliegende Untersuchung werden nur die individuellen Unter-
schiede berücksichtigt.
Im Folgenden werden die einzelnen Erklärungsansätze, das heißt Stimuli, individuelle Fakto-
ren und Einflüsse der sozialen Position beschrieben. Wegen der Vielzahl der so erwähnten
Konstrukte wird direkt am Ende jedes Absatzes diskutiert, inwieweit sie sich für eine Typolo-
gie der Online-Partizipation eignen.

7.1.1.1 Stimuli

7.1.1.1.1 Beschreibung
Als einen wichtigen Einflussfaktor auf politische Beteiligung beschreiben Milbrath und Goel
(1977) die erhaltenen Stimuli. Die zentrale Aussage ist: „The more stimuli about politics a
person receives, the greater the likelihood he will participate in politics, and the greater the
depth of his participation” (S. 35). Dabei besteht jedoch nicht unbedingt ein kausaler
Zusammenhang mit politischer Beteiligung, denn es ist ebenso festzuhalten: „Persons with a
positive attraction to politics are more likely to receive stimuli about politics and to partici-
pate more” (S. 36). Zwar gibt es Indizien dafür, dass auch tatsächlich ein kausaler Bezug vor-
liegt, diese sind jedoch nicht eindeutig. Zumindest ist aber eine sich gegenseitig verstärken-
de, zirkuläre Beziehung festzuhalten. Weiter stellen die Autoren fest, dass informelle politi-
sche Diskussionen ein Stimulus für politische Partizipation sind.
In der vertieften Diskussion über Stimuli unterscheiden Milbrath und Goel (1977) zwischen
der Stimulus-Dichte aufgrund unterschiedlicher Umgebungen und derjenigen aufgrund von
Unterschieden in der persönlichen Filterung. Wichtige Einflussfaktoren für die Stimulus-
Dichte sind (S. 38): Mittelklasse im Vergleich zur Arbeiterschicht, Geschlecht: Männer erhal-
ten mehr Stimuli als Frauen, Bildungsgrad, Dichte von politischen Diskussionen und Stimuli
während des Kinder- und Jugendalters.
Ganz klar zeigt sich aber, dass, unabhängig von der Präsenz von Stimuli, individuelle Unter-
schiede für verstärkte Aufnahme von Stimuli sorgen (S. 40 f.): Personen mit ausgeprägter
Attraktion zu Politik sind empfänglicher für Stimuli. Das heißt, es ist sehr schwer, Stimuli an
Uninteressierte zu vermitteln. Förderlich ist auch ausgeprägte Partei- oder Kandidaten-
präferenz, auch bei schon feststehender Meinung, allerdings primär von gleichdenkender
Seite. Generell beeinflusst die allgemeine Aufmerksamkeit gegenüber Stimuli, auch nicht-
Theorien der politischen Partizipation 55

politischer Art, die Wahrnehmung politischer Stimuli, genauso wie höhere politische Bildung
und Wissen über Politik. Mittlere Altersstufen sind im Vergleich zu jüngeren empfänglicher
für Stimuli. Des Weiteren ist die Bereitschaft, sich politischen Stimuli auszusetzen kumulativ,
sie wiederholt sich durch verschiedene Medien und ist unabhängig von Kampagnenzyklen.

7.1.1.1.2 Ableitung von Merkmalen


Zwar ist die Präsenz von Stimuli nicht direkt relevant für die hier untersuchte Frage. Die In-
formation über und Werbung für Online-Partizipation wird vielmehr als Aufgabe verstanden,
die eine gute E-Partizipation begleiten muss. Es lassen sich aber einige relevante allgemeine
Hinweise daraus ableiten: Werbung allein reicht nicht aus, um Menschen über Beteiligungs-
angebote zu informieren. Diese erreicht nur die ohnehin Interessierten. Alle anderen neh-
men Werbung kaum wahr. Das zeigt erneut die zentrale Wichtigkeit politischer (Bewusst-
seins-) Bildung in allen Bevölkerungsgruppen.
Die Tatsache aber, dass Stimuli von Personen unterschiedlich intensiv wahrgenommen wer-
den, deutet auf Merkmale hin, die individuelle Unterschiede beschreiben, die für eine Typo-
logie der Online-Partizipation relevant sein können. Wird nämlich davon ausgegangen, dass
im Ideal-Zustand alle Zielpersonen die Stimuli zur Online-Partizipation erhalten, wirken sich
diese trotzdem verschieden auf die unterschiedlichen Personen aus. Menschen, die em-
pfänglicher für politische Stimuli sind, lassen sich womöglich leichter über Online-
Partizipation informieren. Schwerer zu stimulierende potentielle Benutzer hingegen, benöti-
gen eventuell Online-Partizipationslösungen mit niederschwelligen Einstiegsmöglichkeiten.
Die von Milbrath und Goel (1977) herausgearbeiteten persönlichen Faktoren werden des-
halb übernommen.
Diese sind:
 Attraktion zu Politik.
 Höhere politische Bildung und Wissen über Politik.
 Ausgeprägte Partei- oder Kandidatenpräferenz, wobei es sein kann, dass hier eine
Präferenz für Angebote von der entsprechenden Partei beziehungsweise dem ent-
sprechenden Kandidaten vorhanden ist.
 Mittlere Altersstufe im Vergleich zu Jüngeren.
 Hohe Rezeption von Stimuli allgemein, auch nicht politischer Art. Sind Menschen da-
ran gewöhnt, Stimuli wahrzunehmen, hören sie nicht bei politischen Stimuli damit
auf.

7.1.1.2 Individuelle Faktoren


Einen starken Einfluss auf das Beteiligungsverhalten haben laut Milbrath und Goel (1977)
auch Prädispositionen und Persönlichkeit.
56 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste

7.1.1.2.1 Prädispositionen
Zum einen beschrieben die Autoren psychologische Involviertheit (psychological involve-
ment) als Faktor. Diese könnte auch mit Interesse an politischen Belangen beschrieben wer-
den. Es zeigt sich ganz klar, dass je höher das politische Interesse einer Person ist, desto
wahrscheinlicher sie sich politisch beteiligen wird. Dieses persönliche Interesse korreliert
wiederum mit bestimmten Faktoren, nämlich: ausgeprägter Partei-, Kandidatenpräferenz
oder Themeninvolviertheit, höherem sozioökonomischen Status und Geschlecht (männlich).
Ein weiterer Faktor ist das Pflichtgefühl, sich politisch zu beteiligen (sense of civic obligation).
Wer sich verpflichtet fühlt beteiligt sich. Diese Bürgerpflicht ist verbreiteter in Gruppen mit
höherem sozioökonomischen Status, wobei höhere Bildung besonders ausschlaggebend ist.
Außerdem führt die andauernde Identifikation mit einer politischen Partei (party identifica-
tion) klar zu mehr Beteiligung an politischen Prozessen. Auch die Präferenz für einen Kandi-
daten oder das Interesse an einem Thema führen zu mehr Beteiligung.
Die Identifikation mit einer Gruppe (group identification) führt ebenfalls zu mehr politischer
Partizipation. Ein Beispiel, das Milbrath und Goel (1977) nennen, sind die Schwarzen-
Bewegungen in den USA.
Politische Wirksamkeit (political efficacy) beschreibt den Glauben einer Person, in der Lage
zu sein, Regierungen zu beeinflussen oder öffentliche Themen mitzugestalten. Dieses Gefühl
ist ein klarer Prädiktor von politischer Teilhabe. Die Beziehung ist allerdings zirkulär.
Als letzte Faktoren-Gruppe im Bereich der Prädispositionen beschreiben Milbrath und Goel
(1977) Entfremdung, Zynismus und Misstrauen (alienation, cynicism, distrust). Dabei unter-
scheiden sie zwischen Entfremdung vom System und Misstrauen gegenüber dessen Leitfigu-
ren. Diese Prädispositionen wirken sich auf unterschiedliche Formen der Partizipation unter-
schiedlich aus. Über die Auswirkungen auf konventionelle Formen kann keine gesicherte
Aussage getroffen werden. Extreme18 Aktionen aber sind am wahrscheinlichsten, wenn Ent-
fremdung und Misstrauen am größten sind, besonders bei gut gebildeten, politisch wissen-
den und informierten Individuen mit größerem Wirkungsbewusstsein.

7.1.1.2.2 Persönlichkeit
Der Einfluss von Persönlichkeit auf Partizipationsverhalten ist laut Milbrath und Goel (1977)
ein Feld, auf dem noch viel Forschungsarbeit zu leisten ist (S. 76 f.). 19 Sie fassen das beste-
hende Wissen unter fünf Kategorien zusammen. Kein Einfluss kann für Dominanz-
orientierung/Manipulationswille/Machtstreben (Dominance/Manipulativeness/Power Drive)
gefunden werden. Genauso wenig scheint sich Autoritarismus/Dogmatismus (Authoritaria-

18
Im Original extremistisch (extremist). Allerdings hat das Wort seit der Veröffentlichung eine wesentlich
dramatischere Konnotation erhalten, weswegen die deutsche Formulierung extreme Aktionen gewählt
wird. Es geht hier laut den Autoren um Wahl von extremen Kandidaten, Teilnahme an Krawallen und Ge-
waltbereitschaft.
19
Tatsächlich hat sich das Feld seit den 70er-Jahren weiterentwickelt. Psychologische Einflüsse werden erneut
in Kapitel 7.1.3 aufgegriffen.
Theorien der politischen Partizipation 57

nism/Dogmatism) auf Partizipationsverhalten auszuwirken. Es gibt Hinweise darauf, dass


Partizipation eher Bedürfnisse erfüllt, die in Maslows Bedürfnispyramide höher angesiedelt
sind, aber hier fehlt bisher eine breite Validierung. Extraversion (Sociability/Extraversion) hat
einen klaren Einfluss darauf, ob Menschen politisch aktiv werden. Es wird nicht ganz klar, ob
das nur für politische Posten gilt oder auch für andere partizipative Aktivitäten. Ähnlich ver-
hält es sich mit Selbstvertrauen (Ego Strength/Self-Confidence). Es gibt eine starke Verbin-
dung zu wahrgenommener Wirksamkeit. Des Weiteren führt ein stärkeres Gefühl der eige-
nen Kompetenz zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit, eine Aktivistenrolle einzunehmen. Es
ist unklar, inwieweit sich das auch auf andere Bereiche politischer Aktivität auswirkt.

7.1.1.2.3 Ableitung von Merkmalen


Individuelle Unterschiede, die die Partizipationsentscheidung beeinflussen, sind wahr-
scheinlich auch für Online-Partizipation relevant. Es zeigt sich ganz klar, dass es nicht möglich
ist, diese Einflüsse auf Partizipationsverhalten in einfachen direkten Zusammenhängen dar-
zustellen. Sie beeinflussen sich untereinander und stehen auch mit der sozialen Position
(siehe nachfolgender Abschnitt) in Zusammenhang. Unabhängig davon, sollen hier in einem
ersten Schritt alle relevanten Konstrukte gesammelt werden:
 Politisches Interesse
 Ausgeprägte Partei- oder Kandidatenpräferenz
 Partei-Identifikation
 Politisches Pflichtgefühl
 Gruppen-Identifikation
 Politisches Wirksamkeitsbewusstsein
 Extraversion
 Selbstvertrauen
 Höherer sozioökonomischer Status
 Höhere Bildung
 Geschlecht
 Alter
Unklar bleibt, wie Entfremdung beziehungsweise Misstrauen wirken. Sie scheinen bei hohem
Wirksamkeitsbewusstsein zu extremeren Handlungen zu führen. Es ist nicht einzuschätzen,
was das für Partizipationsbereitschaft im hier gemeinten Sinne heißt. Wichtig scheint aber,
dass die Einstellung zum politischen System eine Rolle spielt. Deswegen wird als Faktor er-
gänzt:
 Einstellung zum politischen System
Die von den Autoren ebenfalls erwähnte Themen-Involviertheit ist für die Typologie weniger
relevant, da diese unabhängig von Themen gebildet werden soll (siehe Kapitel 3.2.1).
58 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste

7.1.1.3 Soziale Position


In Bezug auf Variablen der sozialen Position betonen Milbrath und Goel (1977) noch einmal,
dass diese nicht Verhalten direkt auslösen, sondern Persönlichkeit und Prädispositionen
formen. Außerdem beeinflussen diese Variablen die erhaltenen Stimuli und beeinflussen
über diesen Weg Verhalten. Die Autoren bedienen sich zweier Indexe zur Beschreibung der
sozialen Position: der Unterscheidung zwischen Zentrum und Peripherie und dem sozio-
ökonomischen Status (SES).

7.1.1.3.1 Zentrum und Peripherie


Im Fokus dieses Indexes stehen nicht nur objektive Faktoren, sondern auch das Gefühl, am
Rand oder im Zentrum der Gesellschaft zu stehen. Das Konzept ist nicht ganz klar definiert.
Die Autoren fassen es wie folgt zusammen (S. 89): Eine Person im Zentrum kommuniziert
mehr, besonders mit anderen Personen im Zentrum. Sie ist näher an die Stellen angebun-
den, die politische Entscheidungen treffen und sie identifiziert sich mehr mit dem politischen
Korpus (body politic). Sie hat mehr soziale Interaktion und beteiligt sich in mehr Gruppen. Im
Zentrum gibt es klar mehr politische Stimuli und Möglichkeiten, sich zu beteiligen. Außerdem
ist es im Zentrum wahrscheinlicher, dass Personen die Persönlichkeiten und Prädispositio-
nen entwickeln, die Partizipation fördern. Das führt dazu, dass Menschen im Zentrum sich
wahrscheinlicher beteiligen als solche in der Peripherie der Gesellschaft.

7.1.1.3.2 Sozioökonomischer Status (SES)


Ein anderer Index, der zwar mit der Zentrum-Peripherie-Dimension stark korreliert, aber
nicht identisch ist, ist der sozioökonomische Status. Zwar gibt es unterschiedliche Möglich-
keiten, den SES zu messen, zum Beispiel durch objektive Kriterien oder Selbstbewertung,
aber da beide stark korrelieren, unterscheiden die Autoren hier nicht. Sie diskutieren insbe-
sondere einzelne Punkte des SES im Detail, die im Folgenden wiedergegeben werden.
Einkommen beeinflusst Partizipation dadurch, dass Menschen mit höheren Einkommen an-
dere Bildung erfahren, andere Prädispositionen entwickeln und mehr Informationen erhal-
ten. Es lässt sich festhalten: Individuen mit höheren Einkommen beteiligen sich wahrschein-
licher als weniger wohlhabende. Bildung hat auch unabhängig von anderen SES-Variablen
einen großen Einfluss auf Partizipationswahrscheinlichkeit. Wie auch für Bildung kann für
den Beruf beziehungsweise den Status des Berufs eine Korrelation mit dem Grad an Beteili-
gung festgestellt werden. Weiter ist es wahrscheinlicher, dass Menschen sich politisch ein-
bringen, die einen Beruf ausüben, der eine spezielle Ausbildung voraussetzt (zum Beispiel
Studium). Auch der Wohnort ist ein Indikator für Partizipationsverhalten: Menschen in länd-
lichen Regionen werden weniger wahrscheinlich politisch aktiv als Stadtbewohner. Organisa-
tionszugehörigkeit (organisational involvement, zum Beispiel Vereinsaktivität) ist ein zuver-
lässiger Prädiktor für politische Partizipation. Dabei ist aber tatsächlich nicht die Organisati-
onsform ausschlaggebend, auch nicht-institutionalisierte Gruppen können diesen Effekt ha-
ben. Vielmehr geht es um die Art der Beziehungen in den jeweiligen Gruppen. Personen, die
sich im Spannungsfeld verschiedener Gruppen befinden, zum Beispiel wenn sie Mitglied in
Theorien der politischen Partizipation 59

zwei Vereinen sind, die unterschiedliche politische Ansichten haben, beteiligen sich weniger
wahrscheinlich. Personen in Gruppen mit homogener politischer Einstellung beteiligen sich
wahrscheinlicher. Die Familie, als eine meist homogene Gruppe mit hoher Interaktion, hat
einen dementsprechend großen Einfluss auf Partizipationsmuster und Wahlentscheidungen.
Gewerkschaftsmitglieder sind politisch interessierter, haben stärker ausgebildete Meinun-
gen und wählen häufiger. Auch die Zugehörigkeitsdauer zur lokalen Gemeinschaft wirkt sich
auf das Partizipationsverhalten aus. Je länger jemand in seinem Ort verankert ist, desto
wahrscheinlicher engagiert derjenige sich. Allerdings bezieht sich dieser Zusammenhang e-
her auf Partei-Engagement und die Kandidatur für politische Posten. Alter scheint einen
nicht ganz klar zu umreißenden Einfluss auf Partizipation zu haben. Mit zunehmendem Alter
nimmt auch Partizipation zu, bis in die mittleren Jahre. Dann nimmt sie wieder ab. Das gilt
allerdings nicht für unkonventionelle Partizipation, das heißt zum Beispiel nicht für Proteste.
Militante Partizipation, besonders in Krawallen, wird meist von jungen, männlichen Bürgern
ausgeübt. Die apathischste Gruppe sind ebenfalls junge Männer, besonders wenn sie unver-
heiratet sind und nur marginal in ihre Gemeinschaft integriert. Verheiratete beteiligen sich
mehr, allerdings nur, wenn sie keine Kinder haben. Vermutlich handelt es sich hier um einen
Dreifach-Zusammenhang aus Integration in die Gemeinschaft, Freizeit und guter Gesundheit,
nicht um einen Einfluss des Familienstandes. Es wurde bereits mehrmals auf die Rolle des
Geschlechts hingewiesen. Männer beteiligen sich wahrscheinlicher als Frauen. Mit zuneh-
mender gesellschaftlicher Modernisierung schließt sich diese Lücke allerdings. Schließlich
erläutern die Autoren noch die Zusammenhänge mit Ethnie und Religion. Da es sich hier
aber um US-spezifische Ausprägungen handelt, werden diese ausgeklammert.

7.1.1.3.3 Ableitung von Merkmalen


Der Argumentation folgend, dass sozioökonomische Faktoren indirekten Einfluss auf Partizi-
pationsverhalten ausüben, sind diese zweifelsohne auch für Online-Partizipation relevant.
Aus den Feststellungen zum Einfluss von der Position im Zentrum oder in der Peripherie lässt
sich ableiten: Ein Indikator für Partizipationsverhalten ist die Intensität des individuellen
Kommunikationsverhaltens, genauso wie die Menge sozialer Interaktion und die Beteiligung
in gesellschaftlichen Gruppen. Ein eher diffuses Dazugehörigkeitsgefühl scheint ebenfalls re-
levant. Ergänzend lässt sich aus der Übersicht über SES-Faktoren Folgendes ableiten: Sowohl
tatsächliche Fähigkeiten als auch wahrgenommene Kompetenz beeinflussen Partizipations-
verhalten. Diese wahrgenommene Kompetenz kann als Teil des Selbstvertrauens interpre-
tiert werden. Auch Freizeit ist als Ressource relevant, wobei hier vermutet werden kann,
dass sich diese im Kontext von Online-Beteiligung weniger stark auswirkt. Die Wahrnehmung
von Partizipation als Bürgerpflicht wird erneut angesprochen. Einkommen und Bildung
scheinen zuverlässige Prädiktoren für Partizipation zu sein. Mitgliedschaft in Organisationen
sagt mehr Partizipation voraus. Menschen in Gewerkschaften sind politisch interessierter.
Beide Mitgliedschaften, sowohl in Gewerkschaften als auch in anderen Organisationen, wer-
den hier mit Organisationszugehörigkeit zusammengefasst. Zusätzlich ist relevant, wie sich
das Umfeld von Menschen gestaltet: Gibt es homogene politische Ansichten oder Span-
60 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste

nungsfelder? Je homogener die eigene soziale Gruppe, desto aktiver beteiligen sich die Men-
schen. Wie auch bei höherer Bildung sind Menschen in höher qualifizierten Berufen eher po-
litisch aktiv. Menschen in Städten beteiligen sich wahrscheinlicher als Bewohner des ländli-
chen Raums. Die Zugehörigkeit zur lokalen Gemeinschaft scheint für Online-Partizipation
weniger relevant, da es teilweise weniger lokalen Bezug gibt. Trotzdem betont Milbrath ge-
nerell, dass die Zugehörigkeit zu Gruppen und das Zugehörigkeitsgefühl wichtige Einfluss-
faktoren sind. Dieses Gefühl wird daher als Kriterium aufgenommen. Mittleres Alter scheint
die Zeit der umfangreichsten Partizipation zu sein. Alter wurde bereits mehrmals als Einfluss-
faktor aufgeführt. Geschlecht wird aufgenommen, ist aber fragwürdig. Dessen Einfluss wirkt
vermutlich am meisten über wahrgenommene Kompetenz. Weiterhin ist wichtig festzuhal-
ten, dass die Menge an verfügbaren Informationen Partizipationsverhalten beeinflusst. Das
heißt, Transparenz und gute Erklärungen der Beteiligung sind relevant, um Partizipation zu
fördern. Außerdem wird Gesundheit angesprochen. Hierbei handelt es sich allerdings eher
um eine Grundvoraussetzung. Gesundheit wird daher nicht übernommen. Abschließend
bleibt aber anzumerken, dass Milbrath und Goel (1977) wiederholt betonen, dass sozio-
ökonomische Faktoren einen indirekten Einfluss auf Partizipationsverhalten ausüben. Es
bleibt also zu beachten, dass es sich möglicherweise nicht um konstituierende Merkmale für
die Typologie handelt.

7.1.2 Das Civic Voluntarism Model von Verba, Schlozman und Brady

7.1.2.1 Beschreibung
Wie auch Milbrath und Goel (1977) kombinieren Verba u. a. (1995) verschiedene Ansätze,
um Partizipation zu erklären. Statt auf einen SES-Ansatzes fokussieren sie auf Ressourcen,
um das Warum einer verstärkten Beteiligung im Zusammenhang mit SES erklären zu können.
Ressourcen sind Zeit, Geld und zivilgesellschaftliche Fähigkeiten (civic skills). Diese Fähigkei-
ten sind zum Beispiel Briefe zu schreiben oder Reden zu halten. Dabei hängen SES und Res-
sourcen zusammen, das heißt, Menschen mit einem höheren SES haben mehr Ressourcen.
Die Gründe für das Partizipationsverhalten sind aber in den Ressourcen zu suchen. Ergän-
zend betrachten die Autoren Prädispositionen, wie bereits Milbrath und Goel (1977). Die re-
levanten Prädispositionen sind Interesse und Informiertheit. Ihr CVM kombiniert „relevant
resources and psychological engagement in politics. The resources of time, money, and civic
skills make it easier for the individual who is predisposed to take part to do so“ (Verba u. a.,
1995, S. 334). Interessanterweise fallen Wirkungsbewusstsein und Parteiidentifizierung als
nicht signifikant aus dem Modell. Die Autoren beschäftigen sich auch mit Rekrutierung und
Mobilisierung durch Themen, was aber hier ausgeklammert wird, da wie bereits erwähnt
eine themenunabhängige Typologie erstellt werden soll.
Politische Partizipation definieren die Autoren wie folgt: „Communicate information to gov-
ernment officials about concerns and preferences and to put pressure on them to respond”
(S 37). Darunter fassen sie auch Wahlen, Spenden an Kampagnen oder für politische Zwecke,
Proteste, informelle Arbeit in Gemeinschaften und Assoziation mit politischen Organisatio-
Theorien der politischen Partizipation 61

nen. Nicht inkludiert werden politische Ämter. Die Verwendung von politischer Partizipation
und Aktivität ist hier als synonym zueinander zu betrachten. Informativ ist auch, dass die Au-
toren zusätzlich zu ihrem Modell noch untersuchen, wie es zu den Unterschieden in der Ver-
fügbarkeit von Ressourcen und Verteilung von Prädispositionen kommt. Sie entwickeln eine
„Life Chain“ der politischen Partizipation. Hier beschreiben sie ähnliche Prozesse zu der
schon von Milbrath und Goel in (1977) angedeuteten Diskussionen um Präsenz von Stimuli
im Zentrum der Gesellschaft. Die zentrale Erkenntnis ist, dass demographische Faktoren wie
Geschlecht, Ethnie oder die Bildung der Eltern, die hier als Proxy für den sozioökonomischen
Status verwendet werden, beeinflussen, welchen Bildungsweg Kinder gehen und wie vielen
politischen Stimuli sie ausgesetzt werden. Dies wirkt sich wiederum auf deren sozio-
ökonomischen Status aus, die erworbenen Fähigkeiten und das politische Wissen und Inte-
resse. Da es in einer Typologie darum geht, die jeweiligen Typen möglichst genau zu be-
schreiben, können die indirekten Faktoren der Life Chain einen interessanten Mehrwert bie-
ten.
Als initiale Charakteristika identifizieren Verba u. a. (1995) wie bereits erwähnt die Bildung
der Eltern beziehungsweise deren sozioökonomischen Status, das Geschlecht und die ethni-
sche Zugehörigkeit. Diese beeinflussen wiederum die Präsenz von politischen Stimuli im El-
ternhaus: Wie oft wird über Politik diskutiert und wie aktiv sind die Eltern? Auch die Bildung
wird beeinflusst, genauso wie das schulische Engagement, sei es in politischen oder unpoliti-
schen Arbeitsgemeinschaften (clubs). Im späteren Leben sagen diese Faktoren die institutio-
nelle Zugehörigkeit voraus, die laut den Autoren besonders die zivilgesellschaftlichen Fähig-
keiten formt. Beruf, Mitgliedschaft in nicht-politischen Organisationen und kirchliche Invol-
viertheit spielen hier eine Rolle.
Eine weitere interessante Perspektive, die die Autoren eröffnen, ist die Frage nach der Moti-
vation, sich politisch zu beteiligen. Sie unterscheiden zwischen materieller Motivation (selec-
tive material benefits, SMB), sozialer Motivation (selective social gratification, SSG), zivilge-
sellschaftlicher Motivation (selective civic gratification, SCG) und gemeinschaftlichen Zielen
(collective outcomes, CO). SMB inkludiert Motivationslagen, die sich auf den persönlichen
Vorteil beziehen. Darunter fallen mögliche direkte Vorteile, die aus der Beteiligung entste-
hen, wie zum Beispiel Freizeitangebote einer Organisation oder deren Service-Angebote so-
wie die Hoffnung auf Hilfe. Ein anderer Aspekt ist die Motivation, durch die Beteiligung die
Chancen zu erhöhen, selbst eine Anstellung oder eine Position in der Organisation oder Re-
gierung zu bekommen oder generell die eigenen Karrierechancen zu fördern. SSG beschreibt
eine Motivation, die aus Spaß an der Sache (I find it exciting) oder der Lust an sozialer Inter-
aktion entsteht (the chance to be with people I enjoy). Es gibt außerdem einen Aspekt des
sozialen Drucks (I did not want to say no to someone who asked) und der Suche nach Aner-
kennung (the chance for recognition from people I respect). Schließlich wird auch die Motiva-
tion beschrieben, einflussreiche Menschen zu treffen (the chance to meet important and in-
fluential people). SCG beschreibt ein politisches Pflichtgefühl (my duty as a citizen) oder Ver-
antwortungsbewusstsein (I am the kind of person who does my share). Auch der Wunsch, die
62 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste

Gemeinde oder das Land zu verbessern, wird hier erwähnt. CO bezieht sich auf den Wunsch,
Politik inhaltlich zu beeinflussen. Es hat sich gezeigt, dass materielle Motivation kaum von
Wichtigkeit ist. Zwar ist sie manchmal vorhanden, besonders wenn Menschen gezielt Politi-
ker ansprechen, SSG und SCG bleiben aber die beiden wichtigsten Motivationskategorien.
Selbst der Wunsch Politik mitzugestalten, unabhängig vom eigenen Nutzen, wird überra-
schend häufig angegeben.

7.1.2.2 Ableitung von Merkmalen


Zentrale Erkenntnis ist erneut, dass sich Einflussfaktoren in direkte und indirekte Einflüsse
unterteilen lassen. So wirkt zum Beispiel Organisationszugehörigkeit über die Ausbildung von
Fähigkeiten auf Partizipationsverhalten. Zwar sind die Beziehungen zwischen den Einfluss-
faktoren komplex. Für das Vorgehen steht die Identifikation und Beschreibung dieser Bezie-
hungen jedoch nicht im Vordergrund (siehe dafür Verba u. a., 1995, 416 ff.). Direkte Fakto-
ren im CVM sind laut Verba u. a. (1995) die Ressourcen Familieneinkommen, Freizeit zivilg-
esellschaftliche Fähigkeiten20 und die Prädispositionen politisches Interesse und politische
Informiertheit. Diskussionswürdig ist vor diesem Hintergrund die Ressource Einkommen. Es
ist offensichtlich, dass Geld als Ressource Partizipation direkt beeinflusst, wenn Partizipation
auch Geldspenden umfasst. Obwohl dieser direkte Zusammenhang bei Online-Partizipation
wegfällt, erscheint es sinnvoll, Einkommen weiterhin als indirekten Faktor aufzunehmen.
Auch der Einfluss von Freizeit könnte sich verändert haben. Partizipation in der Online-
Variante ist wesentlich flexibler als in den meisten Offline-Versionen. Somit könnte argu-
mentiert werden, dass Freizeit keine relevante Ressource mehr ist. Allerdings kostet auch
Online-Beteiligung Zeit, besonders wenn es sich um diskussionsintensive, inhaltliche Arbeit
handelt. Eine Veränderung wird auch die Palette von Fähigkeiten erfahren, die zur Beteili-
gung notwendig sind. Das heißt aber nicht, dass Fähigkeiten, in die auch schriftliches Aus-
drucksvermögen einfließt, unwichtig werden. Deswegen werden Fähigkeiten als Merkmal
beibehalten, unter dem Vorbehalt der Erweiterung beziehungsweise Änderung. Politisches
Interesse und politische Informiertheit sind vermutlich weiterhin relevant.
Geschlecht wird bei von den Autoren als wichtiger Faktor identifiziert, während Milbrath und
Goel (1977) eine Abschwächung der Unterschiede zwischen Geschlechtern mit fort-
schreitender Modernisierung dokumentierten. Als Merkmal ist es unter Vorbehalt bereits
übernommen. Bildung, Beruf und Engagement in Organisationen werden erneut genannt
und sind bereits in der Liste der Merkmale vorhanden. Das Engagement führt laut Verba u. a.
(1995) zur Ausbildung von zivilgesellschaftlichen Fähigkeiten. Während sie zwischen kirch-
lichem und nicht-politischem Engagement unterscheiden, scheint diese Differenzierung nicht
relevant und wird daher vernachlässigt. Dies ist im Einklang mit dem Engagement-Konstrukt
von Milbrath und Goel (1977). Die ethnische Zugehörigkeit wird für die Typologie vernach-

20
In der ursprünglichen Life Chain (S. 417) wird zusätzlich zu den zivilgesellschaftlichen Fähigkeiten noch vo-
cabulary geführt, das sich aber in späteren Analysen als nicht signifikant erweist und auch nicht im CVM
präsentiert wird.
Theorien der politischen Partizipation 63

lässigt. Interessant sind die indirekten Faktoren, die das Umfeld in der Jugend beschreiben
(SES der Eltern, politische Aktivität/Diskussionen der Eltern, Engagement während der Schul-
zeit). Diese scheinen für eine Typologie der Online-Partizipation auf den ersten Blick weniger
relevant. Sie dienen zwar der Erklärung, aber nicht der aktuellen Beschreibung. Die Präsenz
der Stimuli im elterlichen Haushalt wurde bei Milbrath und Goel (1977) bereits diskutiert
und dort als nicht direkt relevant ausgeschlossen. Da die hier zu entwickelnde Typologie aber
auch jugendliche Benutzer mit einschließt, können die Beschreibung des Elternhauses und
der Einfluss schulischer Aktivtäten dennoch wichtige Hinweise liefern. Der sozioökonomische
Status der Eltern kann auf den der Jugendlichen übertragen werden. Statt ehemaligem En-
gagement wird das tatsächliche momentane schulische Engagement übernommen. Es ent-
spricht somit dem Engagement von Erwachsenen in nicht-politischen Organisationen.
Die Frage nach unterschiedlichen Motivationen für Online-Partizipation ist von großer Rele-
vanz für die Typologie: Welche Wünsche muss ein Online-Portal erfüllen, damit Menschen
sich beteiligen? Dabei ist es wichtig, von der konkret geäußerten oder abgefragten Motivati-
on auf das Ziel zu abstrahieren, um Übertragbarkeit zu gewährleisten. Ein Beispiel ist die
Freude an der sozialen Interaktion, die die Autoren bei SSG beschreiben. Durch beispielswei-
se eine Online-Community könnte Online-Partizipation möglicherweise ein ähnliche Erlebnis
ermöglichen, bei dem Teilnehmer sich kennen lernen können, interagieren und Zeit mitei-
nander verbringen, wenn auch online. Diesen Übertrag gilt es im Folgenden bei allen Überle-
gungen zu Motivationen zu beachten. SMB scheint weniger wichtig und ist insbesondere bei
persönlichem Politiker-Kontakt relevant. Es ist daher anzunehmen, dass sie für die hier zu
untersuchende E-Partizipation nicht einflussreich sind. Bei SSG ist die Freude an dem Partizi-
pationsprozess durchaus als Motivation für Online-Partizipation denkbar. Der Spaß an sozia-
ler Interaktion lässt sich ebenfalls auf das Online-Umfeld übertragen, wie bereits als Beispiel
erläutert. Der Druck aus dem sozialen Umfeld und das Streben nach Anerkennung scheinen
verwandt zu sein. In beiden Fällen geht es darum, auf wichtige Menschen aus dem Umfeld
zu reagieren. Eventuell handelt es sich um Ausprägungen einer Motivation durch soziale An-
reize. Dies ist auch für Online-Partizipation denkbar. Der mögliche Kontakt mit Entscheidern
hingegen passt auf den ersten Blick nicht zur Form der E-Partizipation.21 Es stellt sich aber die
Frage, welches Bedürfnis der Politiker-Kontakt erfüllt. Es ist zu vermuten, dass es hier eher
um das Erlebnis als solches geht, da die Autoren das Item zu SSG und nicht zu SMB zählen.
Ein interessantes Erlebnis zu bieten, ist eine Anforderung, die Online-Partizipation berück-
sichtigen kann. Bei SCG ist die Motivation durch Pflichtgefühl durchaus auch für E-
Partizipation denkbar und ähnelt dem Pflichtgefühl bei Milbrath und Goel (1977). Das damit
verbundene Verantwortungsbewusstsein scheint eher eine Eigenschaft zu beschreiben, die
eng mit Pflichtgefühl verbunden ist. Der Wunsch, das Land zu verbessern, scheint ebenso
denkbar als Motivation für Online-Beteiligung, als eine Form der altruistischen Motivation.

21
Ein derartiges Treffen lässt sich höchstens als Inzentivierung einsetzen, wie zum Beispiel das Treffen mit
Kanzlerin Angela Merkel für Teilnehmer des Zukunftsdialoges. Derartige Belohnungen oder Preise sind al-
lerdings nicht Teil der Überlegungen von Verba u. a. (1995) und sind ebenfalls unabhängig vom Design einer
E-Partizipationslösung.
64 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste

Gemeinschaftliche Ziele sind ein interessanter Punkt. Der Wunsch, Politik zu beeinflussten
hängt stark mit dem jeweiligen Beteiligungsgegenstand (BG) zusammen. Ob sich jemand aus
der Motivation durch CO beteiligt hängt zuallererst vom Thema ab. Es scheint auf den ersten
Blick nicht möglich, diese Motivation in einem themenunabhängigen Design zu berück-
sichtigen. Es lässt sich aber die Frage stellen, wie eine E-Partizipationslösung so entwickelt
werden kann, dass sie für Teilnehmer, die primär dadurch motiviert sind, das Endergebnis zu
beeinflussen, das beste Beteiligungserlebnis kreiert. Deshalb wird CO in die Typologie aufge-
nommen.22

7.1.3 Politische Psychologie


Die psychologischen Faktoren, die sowohl von Milbrath und Goel (1977) als auch von Verba
u. a. (1995) angesprochen wurden, sollen jetzt noch einmal im Vordergrund stehen. Wäh-
rend schon Milbrath und Goel (1977) den Bedarf für mehr Forschung auf diesem Gebiet fest-
stellten, scheint sich die Lage nur marginal gebessert zu haben. So schreiben Mondak und
Halperin (2008, S. 335): „Of the many individual-level variables used to explain political be-
havior, however, studies of personality characteristics have traditionally received only spo-
radic attention.” Die Autoren nehmen dies zum Anlass, sich mit dem Einfluss von Persönlich-
keit auf Partizipationsverhalten zu beschäftigen. Tatsächlich scheint Persönlichkeit das zent-
rale Thema bei der Betrachtung von Partizipationsverhalten aus psychologischer Perspekti-
ve. Das zeigt sich auch bei der Lektüre des „Oxford Handbook of Political Psychology“
(Huddy, Sears, & Levy, 2013). Gerber u. a. (2011, S. 693) betonen:
Third, we assess the relative importance of personality compared to two variables
traditionally at the heart of analysis of political participation, education and in-
come . . . . We find that even after controlling for these and other demographic vari-
ables, personality variables are frequently comparable in importance to those of ca-
nonical predictors that have been the focus of numerous studies of participation.

Caprara und Vecchione (2013) erklären Persönlichkeit wie folgt: Persönlichkeit unterscheidet
Menschen voneinander und ist ein beliebtes Konzept, um politisches Verhalten zu erklären.
Persönlichkeit kann als dynamisches System von Prozessen und Strukturen beschrieben
werden, dass für die Vermittlung zwischen Individuum und Umwelt verantwortlich ist.
Persönlichkeit ist, was eine Person ausmacht. „Personality . . . accounts for what a person is
and may become” (S. 24).
Während Milbrath und Goel (1977) Persönlichkeit und Prädispositionen getrennt betrach-
ten, ist laut Caprara und Vecchione (2013) Persönlichkeit der Überbegriff, der die Facetten
Eigenschaften (traits, wie zum Beispiel Extraversion), Bedürfnisse (needs), Werte (values),
Eigeneinschätzungen (self-beliefs) und soziale Haltungen (social attitudes) vereint. Eigen-
schaften sind demnach die grundlegenden Veranlagungen, die dazu führen, dass Menschen
meist konsistent sind in ihren Gedanken, Gefühlen und Handlungen. Bedürfnisse beschrei-
ben die bewussten oder unbewussten Wünsche, Sehnsüchte oder Ziele von Menschen. Wer-

22
Analog wird auch mit im Folgenden auftretenden weiteren themenbezogenen Motivationen verfahren.
Theorien der politischen Partizipation 65

te sind die kognitiven Repräsentationen von wünschenswerten, abstrakten, situationsunab-


hängigen Zielen, die als Leitlinien des täglichen Lebens dienen. Eigeneinschätzungen sind die
dauerhaften Bewertungen und Erwartungen, die Individuen sich selbst und ihrem Leben ge-
genüber hegen. Darunter fallen auch Selbstwert, Selbstbewusstsein und der Glauben an die
eigenen Fähigkeiten (Selbstwirksamkeit). Soziale Haltungen sind Vorlieben beziehungsweise
Neigungen einer Person für bestimmte gesellschaftliche Situationen, Veranstaltungen oder
Verhaltensweisen. Intelligenz wird ausgeklammert, da es wenig empirische Belege dafür
gibt, dass Intelligenz wichtig ist in Bezug auf politisches Handeln. Im Folgenden wird die
Auswertung anhand der verschiedenen Facetten von Persönlichkeit präsentiert, da sich ver-
schiedene Autoren mit bestimmten Teilbereichen befassen.

7.1.3.1 Persönlichkeit
Caprara und Vecchione (2013) erläutern das Fünf-Faktoren-Modell zur Persönlichkeits-
beschreibung, die Big Five: Die Big-Five-Eigenschaften sollen der Ursprung wichtiger indivi-
dueller Unterschiede in Persönlichkeiten sein. Die fünf Konstrukte sind: Extraversion (extra-
version), Verträglichkeit (agreeableness), Gewissenhaftigkeit (conscientiousness), Neuroti-
zismus beziehungsweise emotionale Stabilität (neuroticism/emotional stability) und Offen-
heit für Erfahrungen (openness to experience). Extraversion beschreibt wie dynamisch, aktiv
und kontaktfreudig ein Mensch ist. Extrovertierte Menschen verhalten sich in verschiedenen
Situationen energetischer als introvertierte. Verträglichkeit beschreibt den individuellen Stel-
lenwert von Altruismus, Großzügigkeit und Loyalität. Oft verwendete Adjektive sind nett,
ehrlich, aufrichtig. Gewissenhafte Menschen streben nach Ordnung und Pflichterfüllung. Sie
sind sorgfältig, verlässlich und präzise. Emotionale Stabilität beschäftigt sich mit dem Um-
fang, in dem ein Mensch in der Lage ist, Impulse und Emotionen zu kontrollieren. Beschrei-
bende Adjektive sind ruhig, geduldig und entspannt. Offenheit für Erfahrungen äußert sich
durch Interesse an anderen Kulturen und Neugier gegenüber neuen Erfahrungen. Beschrei-
bende Adjektive sind innovativ, einfallsreich, kreativ.
Obwohl dieses Modell nicht ohne Kritik ist, ist es das „most widely accepted model to
address major individual differences in behavioural tendencies in manifold contexts, inclu-
ding politics” (Caprara & Vecchione, 2013, S. 31). Weiterhin sind die Big Five „core disposi-
tional traits . . . causally prior to midlevel psychological constructs, like Right-wing Authori-
tarianism, that are products of both dispositional traits and the environment” (Gerber u. a.,
2011, S. 692).
Die meisten Untersuchungen beziehen sich jedoch auf den Zusammenhang der fünf Fakto-
ren und politischen Präferenzen (Caprara & Vecchione, 2013), was in der Natur des politik-
wissenschaftlichen Feldes begründet liegt. Dennoch gibt es einige Hinweise auf den Einfluss
auf Partizipationsverhalten. Es ist nicht überraschend, dass starke Ausprägungen von Extra-
version und Offenheit für Erfahrungen sich positiv auf Partizipationsverhalten auswirken
(Caprara & Vecchione, 2013). Mondak und Halperin (2008) untersuchen diesen Zusammen-
hang im Detail. Sie messen den Einfluss der fünf Faktoren auf verschiedene Partizipations-
66 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste

ausprägungen sowie auf Informiertheit und Meinungsäußerung (wobei einige Items von
Meinungsäußerung klar partizipativen Charakter haben).23
Deutlich wird, dass sich alle Big-Five-Faktoren auf politisches Verhalten auswirken. Zwar sind
die Ergebnisse nicht eindeutig. Gerber u. a. (2011) geben dazu einen guten Überblick (Tabel-
le A1). Das liegt aber zum Teil daran, dass sich der Einfluss je nach politischer Aktivität unter-
scheidet. Dies bestätigen Mondak, Hibbing, Canache, Seligson und Anderson (2010, S. 101):
„Thus far, our consideration of how personality variables interact with other factors to influ-
ence patterns in political participation has shown that the impact of extraversion on partici-
pation is contingent on the nature of the participatory act in question.“ Dies greifen Gerber
u. a. (2011) auf und unterscheiden gezielt zwischen unterschiedlichen Formen der Partizipa-
tion. Während die Art und Weise der Indexbildung Raum für Diskussion bietet24, scheint die
zentrale Aussage wertvoll: „We also find that the relationships between other Big Five traits
and participation vary across modes of participation“ (S. 703). Das kann als Bestätigung in-
terpretiert werden, dass unterschiedliche Typen unterschiedliche Arten der Partizipation be-
vorzugen und daher von angepassten Designs profitieren würden.
Spezifisch im deutschen und österreichischen Kontext untersuchen den Einfluss der Big Five
auf Partizipation Johann, Steinbrecher und Thomas (2015). Sie unterscheiden dabei zwischen
direkten und indirekten Effekten, was an dieser Stelle weniger relevant ist. Partizipation wird
abgebildet über Wahlverhalten, Bürgerinitiativen, Demonstrationen und Parteimitarbeit. Die
Autoren finden Unterschiede zwischen den Ländern, wobei unklar ist, ob diese nicht auf Dif-
ferenzen in der Operationalisierung der Variablen zurückzuführen sind, wie sie selbst ein-
räumen.25 Fest steht aber, dass alle Big-Five-Faktoren in die Merkmalsliste übernommen
werden sollten. Zusätzlich zu den Big Five erheben Johann u. a. (2015) politisches Interesse,
interne Efficacy26 und politisches Wissen, wobei sie politisches Wissen als eher irrelevant
identifizieren. Interne Efficacy wird hier als Wahrnehmung der eigenen Kompetenz, das
heißt als Selbstvertrauen definiert. Es gibt noch eine Vielzahl weiterer Studien, die an dieser
Stelle keine weiterführenden Erkenntnisse einbringen. Sie werden durch Johann u. a. (2015)
berücksichtigt und einbezogen und sind außerdem weniger aktuell.
Schließlich erwähnen Gerber u. a. (2011) sowohl die Forschung von Fowler und Kam (2007)
zu Altruismus als auch die Arbeit von Blais und St-Vincent (2011) zu Konfliktvermeidung als
verschiedene Facetten von Verträglichkeit. Es stellt sich somit die Frage, ob diese Konstrukte
als alternative Persönlichkeitsbeschreibungen aufgenommen werden sollen. Zwar beschrei-
ben Fowler und Kam (2007) Altruismus und soziale Identität als Motivation, es zeigt sich
aber, dass sie Altruismus als Eigenschaft interpretieren, die Verhalten beeinflusst, nicht als

23
Auch Gallego und Oberski (2012) untersuchen den Big-Five-Einfluss mit verschiedenen Moderatoren auf
Partizipation, nehmen dabei aber Wahlverhalten und Proteste in den Fokus, sodass diese Forschung hier
nicht im Zentrum steht.
24
Geldspenden und sozialere Formen wie Offline-Treffen werden vermischt.
25
Im Zweifelsfall wird deshalb der österreichische Datensatz herangezogen, der laut der Autoren die Persön-
lichkeitsmerkmale besser operationalisiert.
26
Die Autoren benutzen den Ausdruck Efficacy im Deutschen.
Theorien der politischen Partizipation 67

konkrete Motivation, wie bei Verba u. a. (1995). Genauso verhält es sich mit sozialer Identi-
tät, die bereits von Milbrath und Goel (1977) beschrieben wurde. Es scheint also auf den ers-
ten Blick sinnvoll, beide Konstrukte aufzunehmen.
Blais und St-Vincent (2011) allerdings untersuchen ebenfalls altruistische Neigung und es
stellt sich heraus, dass Altruismus als Teil von Verträglichkeit gesehen werden kann.27 Die
Autoren benutzen altruistische Neigung, Schüchternheit, Selbstwirksamkeit (efficacy) und
Konfliktvermeidung. Am Ende ihrer Untersuchung gestehen sie ein, dass „clearly shyness
seems to correspond pretty well to introversion/extroversion. A case could be made that
altruism overlaps with agreeableness and efficacy overlaps with openness to experience” (S.
406). Es scheint also keinen Grund zu geben, diese Variablen als neue Beschreibungen auf-
zunehmen. Altruistische Neigung kann als Teilaspekt von Verträglichkeit interpretiert wer-
den. Allerdings ist der Argumentation der Autoren nicht in allen Punkten zuzustimmen. Das
von ihnen benutzte Efficacy wird beschrieben als das Gefühl, alles erreichen zu können, was
man sich als Ziel gesetzt hat und Kontrolle über die Geschehnisse im eigenen Leben zu ha-
ben. Dies passt nicht zur Beschreibung von Offenheit für Erfahrung, die Mondak u. a. (2010,
siehe weiter unten) anlegen, bei der beispielsweise kreativ und neugierig als beschreibende
Adjektive genannt werden. Tatsächlich passt es eher zur Kontrollüberzeugung, die Amichai-
Hamburger (2014) beschreibt. Konfliktvermeidung hat tatsächlich einen weniger deutlichen
Einfluss auf Wahlverhalten, als Gerber u. a. (2011) zu verstehen geben. Blais und St-Vincent
(2011) stellen keinen Einfluss fest und sie beschreiben, dass vorangegangene Forschung
ebenfalls gemischte Ergebnisse lieferte, es sehr wohl aber einen Einfluss bei Formen der Be-
teiligung gebe, die mehr Konfrontation erfordern. Es scheint daher sinnvoll, diese Forschung
zur genaueren Betrachtung mit einzubeziehen.
Darin betonen die Autoren (Ulbig & Funk, 1999) selbst, dass ihre Ergebnisse zu Konfliktver-
meidung wegen der Operationalisierung nur sehr wenig Aussagekraft haben, besonders
wenn es um die abhängige Variable geht, die E-Partizipation am nächsten kommen würde:
politische Diskussion.
A third measurement concern involves a potential confound in our measure of con-
flict avoidance with the measure of political discussion. While these variables are
conceptually distinct, the measure used to identify individual differences toward con-
flict explicitly mentions avoidance of political discussion. Consequently, we have only
a limited ability to evaluate the effect of conflict avoidance on participation in discus-
sion. . . . We think it is useful to include discussion in our analysis below but will ad-
vise greater caution when interpreting those results. (S. 272)

Entscheidend für die Frage, ob Konfliktvermeidung aufgenommen werden sollte, ist schließ-
lich die Forschung von Mondak u. a. (2010). Sie zeigen, dass die Neigung, sich Konflikten aus-
zusetzen, mit Verträglichkeit zusammenhängt. Deswegen scheint es nicht notwendig, die an

27
Zwar betrachten Blais und St-Vincent (2011) ausschließlich Wahlverhalten. Hier geht es aber primär darum,
Hinweise auf eine alternative Möglichkeit der Persönlichkeitsbeschreibung zu erhalten.
68 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste

dieser Stelle diskutierten alternativen Persönlichkeitskonstrukte zusätzlich zu den Big Five


aufzunehmen.

7.1.3.2 Bedürfnisse
Caprara und Vecchione (2013) betonen, dass Bedürfnisse und Motivation oft synonym ver-
wendet werden. Eine ältere Taxonomie umfasst: Leistungsmotivation, Zugehörigkeitsgefühl
und Machtmotivation (Achievement, Affiliation, Power). Die Untersuchung des Einflusses
dieser Motivationen bezieht sich aber zumeist auf die Ausübung politischer Ämter. Es wurde
auch untersucht, wie sich individuelle Bedürfnisse auf die Art der politischen Argumentation
auswirken. Dabei wurde unter dem Schlagwort motivierte soziale Kognition (motivated soci-
al cognition) der Einfluss von epistemischen Bedürfnissen (epistemic needs), wie Ordnung,
Struktur und Abschluss, Grundbedürfnissen (existential needs), wie Sicherheit und Bestäti-
gung, sowie Beziehungsbedürfnissen (relational needs), wie soziale Zugehörigkeit und Identi-
fikation, untersucht. Die Autoren äußern sich nicht dazu, ob Bedürfnisse im Zusammenhang
mit Partizipationsverhalten untersucht wurden. Im vorangegangenen Abschnitt wurden al-
lerdings erste partizipationsrelevante Motivationen identifiziert, sodass diese durchaus eine
Rolle in der Typologie spielen werden.

7.1.3.3 Werte
Wie auch Bedürfnisse scheinen den Beschreibungen von Caprara und Vecchione (2013) Wer-
te in Bezug auf Partizipation unterforscht zu sein und eher im Zusammenhang mit politi-
schen Präferenzen und Wertungen beziehungsweise Wahlverhalten gesehen zu werden.

7.1.3.4 Soziale und politische Haltungen


Erneut ist die Forschung bisher eher am Zusammenhang von politischen Vorlieben und sozia-
len Haltungen interessiert, wie Caprara und Vecchione beschreiben (2013). Die beiden do-
minanten Konzepte sind hier Right-Wing Authoritarianism (RWA) und Social Dominance Ori-
entation (SDO). Es ist allerdings immer noch umstritten, ob diese wirklich auf Haltungen zu-
rückzuführen sind oder durch Eigenschaften (traits) bedingt sind. Genauso unklar ist bisher
der Zusammenhang mit anderen Persönlichkeitsfacetten. Menschen mit starker RWA-
Ausprägung neigen dazu, sich Autoritäten leichter unterzuordnen, ohne viel zu hinterfragen.
Sie halten sich selbst an gesellschaftliche Normen und reagieren aggressiv auf Menschen, die
dies nicht tun. Sie fördern gesellschaftliche Sicherheit und Zusammenhalt, zur Not durch
Zwang. Tradition, Ordnung, Struktur und Konformität sind zentral. Menschen mit starker
SDO-Ausprägung denken, dass soziale Heterogenität normal ist und das mächtigere Gruppen
das Recht haben, schwächere zu dominieren. Macht, Leistung und Hedonismus stehen an
oberster Stelle. Die Welt „is a ruthlessly, competitive jungle in which only the strong survive“
(Caprara & Vecchione, 2013, S. 38).
Theorien der politischen Partizipation 69

7.1.3.5 Eigeneinschätzung: Politische Wirksamkeit


Eine letzte Persönlichkeitsfacette, die von Caprara und Vecchione (2013) explizit im Zusam-
menhang mit Partizipation betrachtet wird, ist die des Empfindens der eigenen politischen
Wirksamkeit (political efficacy).
Die Wichtigkeit von persönlichem Wirksamkeitsempfinden für politische Aktivität beschrei-
ben die Autoren (2013, S. 43) wie folgt:
Personality traits provide the potential for political activity, but they do not neces-
sarily turn into political actions. Likely values are crucial to channel traits, but values
are not sufficient to grant that people will invest their talents and virtues in politics,
unless properly equipped for the political arena. People can be extremely energetic
and open-indeed, but, whatever their value priorities, it is unlikely that they will get
actively involved in politics unless they fell capable of doing what politics contingent-
ly requires.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen internem und externem Wirksamkeitsempfinden.


Das innere Empfinden bezieht sich auf die Wirkung, die der eigene Beitrag erzielen kann, die
eigenen Möglichkeiten, Veränderung zu bewirken. Das äußere Empfinden befasst sich mit
der Empfänglichkeit des politischen Systems für Einflüsse von Einzelnen oder Gruppen. Ver-
schiedene Studien zeigen laut der Autoren den großen Einfluss von internem Wirksamkeits-
empfinden. Externe Wirksamkeit wird eher mit einem generellen Vertrauen ins politische
System und seine Institutionen assoziiert.

7.1.3.6 Ableitung von Merkmalen


Bisher scheinen nur Eigenschaften und Eigeneinschätzungen spezifisch in Bezug auf Partizi-
pation untersucht worden zu sein und nur entfernt Motivationen zur Beteiligung. Aus der
Diskussion zu den Big-Five-Eigenschaften ergibt sich Folgendes: Es scheint plausibel, dass
sich Offenheit für Erfahrungen auch auf eine höhere Bereitschaft zu Online-Partizipation
auswirkt, denn es handelt sich um eine neue, unbekannte Form der Beteiligung, bei der neue
Verhaltensmuster und Fähigkeiten erforderlich sind (ähnlich argumentieren auch Mondak
u. a., 2010). Bezüglich Gewissenhaftigkeit ist zumindest zu vermuten, dass bei stark aus-
geprägter Gewissenhaftigkeit eine andere Motivationslage vorherrscht, weshalb sie in der
Typologie reflektiert werden sollte (ähnlich vermuten auch Mondak u. a., 2010 und Gerber
u. a., 2011 sowie Johann u. a., 2015). Es ist unsicher, ob Extraversion die verstärkte Beteili-
gung auch im Online-Kontext fördert, für den argumentiert werden könnte, dass Beteiligung
weniger soziale Aspekte hat, die stark von Extraversion beeinflusst werden. Diese Abhängig-
keit des Einfluss von Extraversion auf Beteiligung betonen Gerber u. a. (2011). Allerdings
wirkt Extraversion stark auf politisches Interesse und Selbstvertrauen sowie Wirksamkeits-
empfinden (Johann u. a., 2015) und sollte deshalb übernommen werden. Es ist außerdem
anzunehmen, dass Extrovertierte andere Motivationslagen haben als Introvertierte. Schüch-
ternheit wird als Teil von Extraversion übernommen. Emotionale Stabilität könnte auf das
Diskussionsverhalten Einfluss nehmen: Emotional sehr gefestigte Menschen sind dogmati-
70 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste

scher (Mondak & Halperin, 2008). Sie könnte auch die Motivationslage beeinflussen: Weni-
ger emotional Stabile suchen soziale Zugehörigkeit (Amichai-Hamburger, 2014; Cullen &
Morse, 2011; Malinen, 2015). Es ist weiter möglich, dass emotionale Stabilität zum Beispiel
auch Vorbehalte gegen Technologie verstärkt, denn niedrige Stabilität wird mit Ängstlichkeit
und Nervosität assoziiert (Mondak u. a., 2010). Gerber u. a. (2011) argumentieren, dass Ver-
träglichkeit besonders bei persönlicher Interaktion zu weniger Beteiligung führen könnte,
damit Konflikte vermieden werden. Eine ähnliche Argumentation bringen auch Johann u. a.
(2015) vor. Dies ist bei Online-Partizipation nicht unbedingt gegeben, könnte aber relevant
sein, wenn es um die Vorliebe für die Art und Weise der Online-Partizipation geht. Hier
könnte zum Beispiel erhöhte Verträglichkeit zur Vermeidung von Diskussionen (auch schrift-
lich) führen. Denkbar ist auch ein Einfluss auf die Motivation zur Online-Beteiligung. Es wur-
de bereits erwähnt, dass Verträglichkeit zu altruistischen Motivationen führt. Weiterhin
werden Altruismus und soziale Identität von Fowler und Kam (2007) als klar partizipations-
fördernd identifiziert. Beide Konstrukte wurden bereits in vorangegangenen Theorien als
wichtig gekennzeichnet. Schließlich scheinen internes und externes Wirksamkeitsempfinden
relevant. Es bleibt allerdings zu diskutieren ob sich die Operationalisierung von Wirksam-
keitsempfinden durch die Wanderung in die Online-Sphäre verändert. Das heißt: Muss der
spezifische Online-Kontext Berücksichtigung finden bezogen auf das Wirksamkeitsempfin-
den?

7.1.4 Kollektives Handeln


Kollektives Handeln (Collective Action, CA) ist einer der zentralen Untersuchungs-
gegenstände der Politikwissenschaft. In der traditionellen Theorie wird kollektives Handeln
beschrieben als das gemeinsame Handeln von zwei oder mehr Personen, um ein öffentliches
Gut zu produzieren. Bei der Erforschung kollektiven Handelns gibt es zwei zentrale Elemente,
wie Bimber u. a. (2005) beschreiben. Erstens geht es um die Frage, wer sich an den Handlun-
gen beteiligt und wer nicht. Dabei geht CA davon aus, dass sich die individuelle Motivation
gemäß des Prozess-Status verändern kann. Das heißt, ganz am Anfang, wenn zum Beispiel
der Gesamterfolg noch unsicher ist, sind die Barrieren für eine Teilnahme höher. Einige ent-
scheiden sich gegebenenfalls, nicht das Risiko eines Beitrags einzugehen. CA-Theorie be-
zeichnet diese Nicht-Teilnehmer als free rider, als Trittbrettfahrer, da das fertige Kollektivgut
am Ende auch ihnen zu Gute kommt, ohne dass sie etwas dazu beigetragen haben. Da die
Barrieren zur Teilnahme gerade am Anfang besonders hoch sind, kann versucht werden,
über gezielte Inzentivierung Motivation zur Partizipation zu schaffen. Zweitens wird klassisch
die Frage nach der Wichtigkeit formeller Organisation gestellt, um kollektives Handeln zu
organisieren. Dieser Fokus auf die individuelle Beteiligung macht die Diskussion um CA zu
einer wertvollen Erkenntnisquelle für eine Typologie der Online-Partizipation. Das gilt be-
sonders, weil es bereits Diskussionen gibt, wie die Theorie der CA im Informationszeitalter
anzupassen und zu erweitern ist. Diese wird im Folgenden dargestellt. Zuerst sollen aber die
grundlegenden Überlegungen von Klandermans (2004) vorgestellt werden, der die Teilnah-
me-Entscheidung an sozialen Bewegungen untersucht.
Theorien der politischen Partizipation 71

7.1.4.1 Klandermans

7.1.4.1.1 Beschreibung
Während Klandermans (2004) sich in früheren Werken stark an rationalen Teilnahme-
Entscheidungen orientierte und CA vor dem Hintergrund von Erwartung und Wert (ex-
pectancy value) entwickelte erweitert er dies in späteren Werken um Aspekte von sozialen
Zusammenhängen und ideologischen Motiven. Er betrachtet dabei sowohl die Nachfrage als
auch die Angebotsseite von sozialen Bewegungen, das heißt die Faktoren auf Seiten der (po-
tentiellen) Teilnehmer und die auf Seiten der Bewegungen beziehungsweise Organisationen.
Die Angebotsseite steht hier aber nicht im Vordergrund. Klandermans betrachtet jeweils die
drei Bereiche nutzenorientierte Faktoren (instrumentality), Identität (identity) und Ideologie
(ideology). Die nutzenorientierten Faktoren beschäftigen sich mit den Auslösern von Unzu-
friedenheit (grievances), die zu CA führt. Das heißt, es geht darum, dass jemand, der Gründe
hat, sich zu engagieren, eher partizipiert als jemand, der mit der momentanen Situation zu-
frieden ist. Es geht also nicht um die Frage, ob sich jemand mit Unzufriedenheiten beteiligt
oder nicht, sondern ob jemand unzufrieden ist. Es handelt sich hier um Motivationen zu Par-
tizipation. Klandermans verweist dafür auf die Theorien der relativen Benachteiligung (rela-
tive deprivation, RDT) und sozialen Gerechtigkeit (social justice, SJT). RDT besagt, dass Men-
schen motiviert werden zu handeln, wenn sie zwischen dem gewünschten und tatsächlichen
Status ihrer Gruppe eine Diskrepanz feststellen. SJT beschäftigt sich mit der gerechten Ver-
teilung von Wohlstand und Privilegien. Ob kollektives Handeln tatsächlich entsteht wenn
Motivation vorliegt, damit beschäftigen sich Theorien der Ressourcenmobilisierung (resource
mobilisation) und politischen Prozesse (political processes). Diese entstanden in den 70er-
Jahren als Reaktion auf Ansätze, die CA als Ergebnis von irrationalem Verhalten darstellten,
das heißt, als Wut-Reaktionen oder Aggressionen. Es wurde als rational geleitete Methode
angesehen, politischen Einfluss zu nehmen—nur auf nicht-traditionellem Weg. Beide Theo-
rien befassen sich damit, wie CA-Bewegungen aufgebaut sein müssen, beziehungsweise wie
sie Ressourcen und Teilnehmer mobilisieren können. Im Zentrum stehen Individuen als rati-
onale Akteure. Sie glauben daran, dass sie ihre politische Umwelt umgestalten können und
wägen nach Kosten und Nutzen ab, ob sie sich beteiligen oder nicht: „It is not so much the
grievances per se but the belief that the situation can be changed at affordable costs that
make them participate. They have the resources and perceive the opportunities to make an
impact” (S. 363). Es reicht also nicht die Unzufriedenheit allein, sondern es braucht den
Glauben an mögliche Einflussnahme und akzeptable Kosten beziehungsweise Ressourcen für
Partizipation. Dies wird zum Beispiel in den Theorien der rationalen Entscheidung (rational
choice) und von Erwartung und Wert (expectancy value) dargestellt. Hier kommt das Dilem-
ma der CA ins Spiel: Ein rational denkender Akteur hat keine Gründe, sich in einer frühen
Phase an der Produktion eines Kollektivguts zu beteiligen.
Das Problem an dieser Perspektive ist, dass sie zwar darlegen kann, warum Menschen sich
nicht beteiligen, aber nicht, warum sie sich beteiligen. Daraus zieht Klandermans die Konse-
quenz, dass instrumentelle Faktoren allein nicht ausreichen, um CA zu erklären. Er greift die
72 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste

Kritik an klassischer CA-Theorie auf, dass Individuen ihre Entscheidungen nicht, wie ange-
nommen, in Isolation treffen, sondern sozial beeinflusst werden. Hier kommen die Aspekte
der Identität ins Spiel. Klandermans Diskussion über Identität speist sich aus dem Gedanken
der Theorien der kollektiven und sozialen Identität (collective identity, social identity). Je
stärker sich ein potentieller Teilnehmer mit einer Organisation oder Bewegung identifiziert,
desto wahrscheinlicher ist sein Einsatz zum Wohle der Gruppe. Klandermans betrachtet Ide-
ologie auf der Ebene von Kultur und Moral sowie den Konzepten von sozialer Kognition und
Emotion. Er betont, dass Menschen nicht unbedingt nur protestieren, um Veränderungen zu
erwirken. Es ginge auch darum „to express one’s views” und „to gain dignity in their lives
through struggle and moral expression“ (S. 365).

7.1.4.1.2 Ableitung von Merkmalen


Da die hier entwickelte Typologie unabhängig von spezifischen Ereignissen beziehungsweise
Themen bestehen soll, scheint es zunächst schwierig, die von Klandermans angesprochenen
Unzufriedenheiten in der Merkmalsliste zu reflektieren. Ob jemand unzufrieden ist oder
nicht, also Grund hat, sich zu beteiligen, kann nicht allgemeingültig festgestellt werden und
wird sich je nach Themenbereich unterscheiden. Dementsprechend wird analog die Motiva-
tion durch Unzufriedenheiten in der Merkmalsliste vermerkt. Bezogen auf das tatsächliche
Zustandekommen von kollektivem Handeln spricht Klandermans (2004) den Glauben an Ein-
flussnahme an, der an das bereits beschriebene politische Wirksamkeitsbewusstsein erinnert
und den gleichen möglichen Änderungen bezogen auf die Online-Sphäre unterliegt. Außer-
dem wird die Voraussetzung der akzeptablen Kosten erwähnt, beziehungsweise das not-
wendige Vorhandensein von Ressourcen. Dies wird hier nicht näher spezifiziert, erinnert
aber an die von Milbrath und Goel (1977) erwähnten und von Verba u. a. (1995) explizit
formulierten Ressourcen. Kosten wären beispielsweise der Zeitaufwand. Auch hier ist wieder
zu beachten, wie sich diese Faktoren in Bezug auf die Online-Sphäre verschieben. Der Punkt
der kollektiven Identität betrifft letztlich ebenfalls thematisch motivierte Beteiligung. Genau-
so wie die Motivation durch Politikbeeinflussung scheint es hier aber sinnvoll, eine gruppen-
bezogene Motivation aufzunehmen. Dies wurde auch schon durch Milbrath und Goel (1977)
und Fowler und Kam (2007) angesprochen und dort diskutiert. Interessant ist schließlich der
Aspekt der ideologischen Faktoren. Es scheint, dass diese ideologische Motivation bei
Klandermans zwei Komponenten hat. Einmal könnte sie als tatsächliche Meinungsdarstel-
lung gewertet werden. Andererseits beschreibt Klandermans (2004) sie auch mit „to gain
dignity in their lives through struggle and moral expression“ (S. 365). Dies scheint eine eher
auf das Individuum selbst bezogene Motivation zu sein, bei der Partizipation Grundbedürfnis
und Selbstzweck ist. Dies erinnert an die soziale Motivation von Verba u. a. (1995), weswe-
gen ein neues motivatorisches Merkmal aufgenommen und als intrinsische Motivation be-
nannt wird. Der Ausdruck der eigenen Meinung scheint ebenfalls relevant zu sein, wenn
auch hier wieder eine thematische Abhängigkeit beachtet werden muss. Dies scheint eine
Motivation, die in der Online-Welt mit ihren Fähigkeiten für nutzergenerierten Inhalt beson-
Theorien der politischen Partizipation 73

ders gut befriedigt werden kann. Wichtig ist, dass es hierbei um die Darstellung an sich geht
und nicht unbedingt um Ergebnis-Beeinflussung.

7.1.4.2 Kollektives Handeln Online

7.1.4.2.1 Beschreibung
Bimber u. a. (2005) argumentieren, dass sich kollektives Handeln offline und online unter-
scheidet. Sie argumentieren, dass die Theorie der CA in Zeiten neuer IKT erweitert bezi-
ehungsweise rekonzeptionalisiert werden muss: „Traditional collective action theory repre-
sents an important subset of a broader range of theoretical possibilities—a subset that ap-
plies under certain conditions that were ubiquitous historically but that are no longer univer-
sally present when collective action occurs” (S. 366 f.). Dies machen sie zum Beispiel daran
fest, dass einige zentrale Aussagen der ursprünglichen Theorie inzwischen nicht mehr unbe-
dingt zutreffen. So ist es etwa bezogen auf Organisation der Fall, dass kleinere Gruppen er-
folgreicher sind (Lupia & Philpot, 2005):
Many of the largest obstacles to collective action efforts are communicative and or-
ganizational in nature: locating and contacting appropriate participants, motivating
them to make private resources publicly available, persuading them to remain in-
volved despite short-term setbacks and long-term risks, and coordinating their ef-
forts appropriately. Accordingly, dependence on organization is central to Olson’s
(1965) original theory. (S. 368)

Neue Protests-Bewegungen aber, die Autoren nennen die Proteste gegen die Welthandels-
organisation oder den Irak-Krieg, es sind aber auch besonders die Occupy-Bewegung und
Anonymous zu nennen, kommen ohne eine derartige Organisation aus, dank der einfachen
und schnellen Kommunikationsmöglichkeiten von sozialen Medien und elektronischer
Kommunikation. Auch die Frage nach Partizipation oder Trittbrettfahren ist kaum mehr binär
darzustellen. Bimber u. a. (2005) beschreiben die durch die neue Medienumgebung aufge-
tretenen Gemeingüter zweiter Ordnung (second-order communality):
The classic binary free-riding decision metric is not obvious—such as in the posting of
publicly useful information online and participating in various groups and public fo-
rums in which people’s useful contributions emerge from an interactive process ra-
ther than the explicit pursuit of a goal. . . . Thus, a crucial difference with second-
order communality is that the communal information good now results from largely
uncoordinated efforts, even though the collective action remains widespread and
dependent on individual contributions. (S. 371 f.)

Das führt dazu, dass


because early contributions are of sufficiently low cost—or even unrecognized as
contributions—they are more widely supplied by less motivated members of the
public . . . . The creation of a second-order good, such as a publicly accessible data-
base or archive of a bulletin board system that can later be used to organize collec-
tive action, can completely dissociate the decision to contribute from the collective
74 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste

action. In such cases, the free-riding construct is unhelpful for explaining the initia-
tion of collective behaviour. (S. 373)

Die Autoren beschreiben die beiden zentralen Punkte für kollektives Handeln in der neuen
Medienumgebung wie folgt: Zentral ist nicht die Art und Weise der Organisation und deren
Strukturen, sondern dass die zentralen Aufgaben erfüllbar sind. Diese sind dabei Interessier-
te zu identifizieren, Nachrichten auszutauschen und Beiträge zu koordinieren. Dank neuer
IKT sind dazu keine festen Strukturen mehr nötig und auch der regionale Bezug verliert Rele-
vanz. Daher bekommt auch Mitgliedschaft einen unscharfen Umriss. Statt der Frage nach
Teilnahme oder Trittbrettfahren stellt sich die Frage nach der „transition from a private do-
main of interest and action to a public one” (Bimber u. a., 2005, S. 377). Oft gibt es Hin- und
Her-Bewegungen und diese Entscheidung geschieht weniger bewusst als eine Teilnahme-
Entscheidung. Daher ist es kaum möglich, ausgewählte Inzentivierung anzubieten, um zur
Teilnahme anzuregen. Auch entfernt sie sich vom Bezug zu einem öffentlichen Gut. Die Mo-
tivation für eine Veröffentlichung kann privater Natur sein: Der Teilnehmer möchte mitdis-
kutieren, mit anderen interagieren. Natürlich gibt es weiterhin Fälle, in denen es klar umris-
sene Teilnahme-Entscheidungen gibt und formelle Strukturen benötigt werden. Dies ist aber
durch neue IKT nur eine von verschiedenen Ausprägungen kollektiven Handelns.

7.1.4.2.2 Ableitung von Merkmalen


Zuerst ist zu bemerken, dass die hier im Fokus stehende Online-Partizipation eher eine klas-
sische Teilnahme-Situation beschreibt, da es sich nicht um Gemeingüter zweiter Ordnung
handelt. Trotzdem ist generell der Hinweis nicht zu verachten, dass es sinnvoll sein könnte,
als Regierung oder Verwaltung auf diese Gemeingüter zuzugreifen, um die Menge des Inputs
zu erhöhen. Weiterhin ist die Einsicht interessant, dass die Grenze zwischen Teilnahme und
Nicht-Teilnahme fließend verläuft. Es gibt also nicht nur Nicht-Teilnehmer und Teilnehmer,
sondern verschiedene Abstufungen. Hier wird noch einmal der Bedarf für eine kleinteiligere
Typologie der Online-Beteiligung deutlich. Es stellt sich nun also die Frage, wie die Entschei-
dung zur Teilnahme an kollektivem Handeln in der Online-Welt beeinflusst wird. Wie von
Bimber u. a. (2005) erwähnt, untersuchen Fulk u. a. (2004) dies näher.

7.1.4.3 Individuelle Teilnahme an Kollektivem Handeln Online

7.1.4.3.1 Beschreibung
Laut Fulk u. a. (2004) beschreibt das klassische Modell der individuellen Aktion bei Kollektiv-
gütern die Teilnahme über den jeweiligen Gewinn (gain) des Einzelnen. Dieser lässt sich be-
rechnen durch den Wert des Kollektivguts abzüglich der Kosten, die der Einzelne beiträgt.
Dabei ist der Wert des Kollektivguts der momentane Status des Kollektivguts, der sich klar
durch eine Funktion der gesamten bisher beigetragenen Ressourcen beschreiben lässt. Die
Kosten des Einzelnen ergeben sich klar aus den beigetragenen Ressourcen des Einzelnen. Ob
jemand an der Produktion des Kollektivguts teilnimmt, hängt davon ab, ob sich daraus für
ihn ein Gewinn ergibt.
Theorien der politischen Partizipation 75

Fulk u. a. (2004) legen den Fokus hier weniger auf soziale Bewegungen als auf die tatsächli-
che Produktion eines gemeinsamen Endproduktes, beispielsweise eine Datenbank. Sie ent-
wickeln und testen ein erweitertes Modell, bei dem es nicht um materielle, sondern infor-
mationelle Kollektivgüter geht. Sie begründen die Notwendigkeit damit, dass sich Informati-
onsgüter in einigen Punkten wesentlich von materiellen Gütern unterscheiden. Der erste Un-
terschied liegt darin, dass Informationen reproduziert statt transferiert werden. Das heißt,
Informationen bleiben dem ursprünglichen Besitzer erhalten, wenn er sie teilt, der direkte
Nutzen bleibt vorhanden. Bei materiellen Gütern hingegen verliert der ursprüngliche Besit-
zer den direkten Nutzen, wenn er sie zur Erschaffung des Kollektivguts zur Verfügung stellt.
Zweitens sind einige zentrale Aspekte des kollektiven Handelns schwer erkennbar, wenn es
um Informationsgüter geht. Es ist schwer, Trittbrettfahrer festzustellen, weil unklar ist, wer
welche Informationen besitzt und somit wer was und wie viel beitragen könnte. Dazu
kommt, dass es kein klares Produktionsende gibt. Man weiß nie, wann ein Informationsgut
komplettiert ist oder ob dies überhaupt möglich ist. Zusätzlich kann oft nicht eingesehen
werden, wie viele Beitragende es schon gibt und wie viel sie eingebracht haben. Und selbst
wenn das möglich ist, führt die unterschiedliche Wahrnehmung eines möglichen Maximums
dazu, dass der aktuelle Stand (zum Beispiel 50 Prozent vollständig) unterschiedlich bewertet
wird. Die Einschätzung des momentanen Standes des informationellen Kollektivguts wird
schließlich dadurch erschwert, dass unterschiedliche Personen Informationen verschiedene
Bedeutung beimessen. Wie wertvoll zum Beispiel eine Datenbank ist, hängt stark von der
Einschätzung des Betrachters ab. Drittens kann Informationen kaum ein stabiler Wert bei-
gemessen werden. Verlieren Informationen an Aktualität werden sie weniger wertvoll und
müssen aktualisiert werden. Zusätzlich ändert eine Information möglicherweise ihren Wert
durch das Niveau ihrer Verteilung. Exklusive Informationen können wertvoller sein als geteil-
te. Gleichzeitig können sie aber auch durch Kombination und Ergänzung an Wert gewinnen.
Schließlich muss eine Information konsumiert werden, damit ihr Wert eingeschätzt werden
kann. Eine Bewertung ist nicht a priori möglich. Zuletzt ist es schwer, die Kosten für das Ein-
bringen einer Information abzuschätzen. Es ist möglich, dass Informationen teuer in der Ent-
stehung sind, aber kostengünstig geteilt werden können. Weiterhin können die Kosten mit
zunehmender Vervielfältigung stark abnehmen, besonders, wenn Informationen initial nicht
nur geteilt, sondern gesammelt und aufbereitet werden müssen. Außerdem sind Kosten sub-
jektiv unterschiedlich: Eine Zeitstunde kann je nach Person als sehr oder weniger wertvoll
betrachtet werden. Deshalb erweitern und ändern Fulk u. a. (2004) das grundlegende Mo-
dell der Individualhandlung bei Kollektivgütern. Es lässt sich danach wie folgt beschreiben
(siehe auch Abbildung 2): Ob jemand einen Beitrag zum Kollektivgut leistet (Beitrags-
entscheidung), hängt wie im klassischen Modell vom individuellen Gewinn (gain) ab, der von
individuellen Kosten (cost) und dem Wert des Kollektivguts (value) beeinflusst wird. Der
Wert wird vom Produktionsstatus des Kollektivguts (level of production) beeinflusst. Aller-
dings gibt es keinen objektiven Produktionsstatus, denn dieser hängt von der individuellen
Wahrnehmung ab. Genauso subjektiv sind die individuellen Kosten. Diese sind außerdem
variabel und können nicht durch eine einfache Funktion der individuellen Ressourcen vor-
76 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste

hergesagt werden. Genauso individuell verschieden ist der wahrgenommene Wert des Kol-
lektivguts, der wiederum von den individuellen Kosten beeinflusst wird. Schließlich gibt es
noch einen weiteren Einflussfaktor, durch den einmal der wahrgenommene Wert, aber auch
die Beitragsentscheidung unabhängig vom individuellen Gewinn beeinflusst wird: die Häu-
figkeit des Abrufens der bereits vorhandenen Informationen (information retrieval).

 Abbildung 2: Modell der Individualhandlung bei informationellen Kollektivgütern

Informations-
abruf

Produktions- Wert des


status Kollektivguts
Individueller Beitrags-
Gewinn entscheidung
Individuelle
Kosten

Notiz. Quelle: Eigene Darstellung basierend auf Fulk u. a., 2004, S. 574.

Nur durch den Informationsabruf können (potentielle) Beitragende den Wert des Kollektiv-
guts schätzen. Tun sie dies, können sie erkennen, dass es nützliche Informationen gibt. Oder
aber, sie erkennen, dass andere tatsächlich für sie nützliche Informationen haben und bei-
tragen. Das kann auch als Belohnung für die eigenen Kosten und somit als wahrgenommene
Wertsteigerung des Kollektivguts aufgefasst werden. Unabhängig von dieser Wertverände-
rung wird erstens ein Einfluss des Informationsabrufs auf die Beitragsentscheidung erwartet,
weil die eigene Erfahrung mit nützlichen Informationen dazu beiträgt, zu erkennen, wie an-
dere profitieren würden, das heißt, welchen Nutzen der eigene Beitrag für andere habe
würde. Zweitens kann der eigene Beitrag als Gegenleistung für erhaltene Informationen an-
gesehen werden. Drittens kann ein Teilnehmer durch erfolgreich verwendete Informationen
zu der Erkenntnis kommen, dass das Kollektivgut für die Organisation einen Nutzen hat.
Die Autoren diskutieren jedoch einige Einschränkungen, die sich aus der empirischen Validie-
rung des Modells ergeben. Je nach Unternehmenskultur und Umsetzungsstrategie kann der
Einfluss der einzelnen Größen variieren. Ist beispielsweise der individuelle Gewinn unklar,
hat er womöglich weniger Einfluss. Sind die eingegeben Informationen größtenteils vorhan-
den und einfach abrufbar sowie das Einpflegen einfach, können Kosten vernachlässigt wer-
den. Es kann auch sein, dass die intrinsische Motivation so hoch ist, dass die einzelnen Bei-
tragenden die Kosten vernachlässigen. Dies ist wieder ein starkes Argument für die Notwen-
digkeit einer Typologie, da sich potentielle Benutzer von Online-Partizipation nicht in einen
organisationalen Kontext zusammenfassen lassen.
Theorien der politischen Partizipation 77

7.1.4.3.2 Ableitung von Merkmalen


Fulk u. a. (2004) betrachten ihr Modell explizit als geeignet, um zum Beispiel das Verhalten in
Online-Diskussionsgruppen vorherzusagen: „The model proposed here is designed to apply
to many varieties of information commons, such as . . . online discussion groups“ (S. 575).
Die entscheidende Variable ist dabei der individuelle Nutzen oder Gewinn. Die Autoren fra-
gen: Ist es den Aufwand wert? Während es zum Beispiel bei einem Intranet, einer Datenbank
oder einem Diskussionsforum naheliegend scheint, einen persönlichen Mehrwert zu erwar-
ten, ist dies bei Online-Partizipationsprojekten eher nicht der Fall. Das zeigt sich auch bei
Große u. a. (2013), wo Benutzer von Online-Partizipation der Diskussion eher keinen persön-
lichen, aber trotzdem einen gesellschaftlichen Nutzen zuschreiben. Weiterhin ist es für eine
Typologie der Online-Partizipation relevanter, welche individuellen Unterschiede eine unter-
schiedliche Nutzen-Wahrnehmung auslösen. Der individuelle Nutzen hängt stark zusammen
mit dem wahrgenommenen Wert. Diesen bilden Fulk u. a. (2004) erstens über den Wert,
den Befragte dem Gut zuschreiben (how valuable is this level of use to you now?). Ein kaum
gefülltes Wiki zum Beispiel mag weniger nützlich sein als die gut befüllte Wikipedia. Dies ist
im Fall von Online-Partizipation eher nicht relevant. Eng damit zusammen hängt der Produk-
tionsstatus, der misst, welchen Stand das Kollektivgut hat: Wie gut gefüllt ist das Wiki? Auch
hier ist der Übertrag auf Partizipation schwierig. Es könnte allerdings sein, dass sich geringe
Teilnahme und Nutzung auf die wahrgenommene Sinnhaftigkeit der Beteiligung auswirken.
Dies ist allerdings weniger ein Hinweis auf Typen-Unterschiede und daher hier nicht rele-
vant. Durch das zweite Item, mit dem die Autoren den Produktionsstatus messen, lässt sich
ein anderer Hinweis ableiten (to what extent is that information used by everyone else?).
Dieses Item beschreibt nicht nur den Füllstand, sondern auch die Verwendung der Inhalte.
Zu einem Wiki beizutragen, das niemand liest, reizt vermutlich weniger Benutzer als einen
Wikipedia-Artikel zu schreiben, der potentiell Millionen mal geklickt wird. Hier zeigt sich, wie
wichtig es auch für die Beteiligung ist, die Ergebnisverwertung sicherzustellen und zu kom-
munizieren.28 Mit ein wenig Abstraktion lässt sich der Produktionsstatus somit auch unter
politisches Wirksamkeitsbewusstsein fassen: Was glaubt der potentielle Benutzer, welchen
Einfluss die Beteiligung haben wird? Im politischen Bereich scheint dieses Bewusstsein, wie
in den anderen Absätzen diskutiert wurde, individuell zu variieren, zum Beispiel nach Bil-
dungsstand und ist daher eine interessante Variable für die Typologie. Wichtig ist, dass es
gemäß der Item-Formulierung von Fulk u. a. (2004) nach nicht unbedingt um die individuelle
Wirksamkeit geht, sondern um den Einfluss des Gesamtprojekts. Als dritten Einflussfaktor
auf den wahrgenommen Wert beschreiben die Autoren die Häufigkeit des Informations-
abrufs. Hierbei geht es darum, dass Teilnehmer durch frühe Nutzung zum Beispiel einer Da-
tenbank schon Informationen erhalten, die für sie nützlich sind und somit den Wert zeigen,
wie es bei der Wikipedia der Fall ist. Dieses Konzept lässt sich ebenfalls schwer auf Partizipa-
tion übertragen, bei der es nicht primär um Informationsbeschaffung geht. Eventuell könnte
man diesen Hinweis jedoch zum Anlass nehmen, die Gegenseitigkeit in Partizipationsprojek-

28
Natürlich sollte dies ohnehin Sinn der Partizipation sein.
78 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste

ten zu verstärken. Wie Große u. a. (2013) gezeigt haben, ist bisher nur bei einigen Teilneh-
mern eine Steigerung des Problemverständnisses zu verzeichnen. Hier könnte man ansetzen
und durch gezielte Information und Diskussionsbeteiligung durch Seiten von Politik und
Verwaltung den wahrgenommenen Wert und somit den Nutzen der Beteiligung für die Bür-
ger steigern.
Schließlich nicht zu vernachlässigen sind die Kosten, die für die Beteiligung entstehen. Fulk u.
a. (2004) setzen ihre Messung der Kosten aus mehreren Elementen zusammen. Der erste
Anteil wird durch die technischen Voraussetzungen gebildet: Wie gut funktioniert der Zu-
gang? Dann geht es um die einfache Handhabung: Wie lange dauert die Nutzung? Und wie
schnell finde ich, was ich suche? Hier findet sich ein Argument dafür, wie wichtig es ist, eine
Online-Partizipationsplattform nach den Bedürfnissen der verschiedenen Benutzer zu gestal-
ten, um die Barrieren und somit die empfundenen Kosten für die Beteiligung gering zu hal-
ten. Die Autoren berichten sogar von negativen Kosten, wenn gut aufgebaute Prozesse und
Schnittstellen Arbeitsabläufe erleichtern.29 Natürlich ist Kostenoptimierung nicht das einzige
Ziel und muss in Übereinstimmung mit den benötigten Funktionalitäten geschehen. Es zeigt
sich auch wieder, wie wertvoll es ist, Beiträge zu nutzen, die ohnehin produziert werden
(Gemeingüter zweiter Ordnung). Als wie hoch Kosten wahrgenommen werden, hängt von
verschiedenen Faktoren ab, die sich individuell unterscheiden können. Zum einen spielen
hier unterschiedliche Zugangsvoraussetzungen eine Rolle: Welche Bandbreite ist vorhan-
den? Welche Hardware wird (vorzugsweise) genutzt? IT-Infrastruktur kann also Kosten be-
einflussen, Zum anderen ist auch wichtig, wie leicht der Umgang mit der Partizipations-
plattform fällt. Eventuell kann man hier Online-Fähigkeiten beschreiben. Weiterhin sind
möglicherweise analytische Fähigkeiten, beziehungsweise schriftliche Ausdrucksweise rele-
vant. Hier bewegen wir uns im Bereich der schon erwähnten zivilgesellschaftlichen Fähigkei-
ten, wobei genau zu definieren bleibt, wie sich diese Fähigkeiten gestalten. Ein weiterer Fak-
tor ist die von Milbrath und Goel (1977) und Verba u. a. (1995) angesprochene Freizeit, die
die zur Partizipation benötigte Zeit mit höheren oder niedrigeren wahrgenommen Kosten
versieht.
Fulk u. a. (2004) erwähnen noch andere Einflussfaktoren, die möglicherweise das Zusam-
menwirken von Kosten und Wert beziehungsweise individuellem Nutzen beeinflussen. Die
Autoren behandeln mentale Modelle, die vermutlich unterschiedlichen Haltungen oder Dis-
positionen ähneln, hier aber nicht näher definiert und daher außen vor gelassen werden.
Außerdem wichtig ist laut der Autoren die Organisationskultur, die beeinflusst, wie angese-
hen oder wichtig es ist, an dem Gemeingut mitzuwirken. Sie beschreiben in einigen Organi-
sationen eine starke Kultur, neue Technologien auszuprobieren, was besonders zum Beispiel
einer Wiki-Nutzung zu Gute kommen würde. Hieraus lässt sich für Online-Partizipation zum
einen die Wichtigkeit der IT-Affinität ableiten. Zum anderen scheint hier auch die Einstellung
zu Bürgerbeteiligung eine wichtige Rolle spielen. Dazu kommt noch die mögliche Motivation,

29
Dies ist besonders auch für Benutzer von Seiten der Verwaltung relevant, die hier nicht im Zentrum der Un-
tersuchung stehen.
Theorien der Technologienutzung 79

sich zu beteiligen, nicht weil man einen persönlichen Mehrwert sieht, sondern zum Wohle
des Teams oder des Unternehmens. Dies kann einerseits aus der Identifikation mit dem Un-
ternehmen erwachsen, andererseits auch aus einem Gefühl der gegenseitigen Verpflichtung.
Hier bewegen wir uns im Thema des Pflichtgefühls zur Teilnahme wie bei Milbrath und Goel
(1977). Schließlich erwähnen Fulk u. a. (2004) noch soziale Anerkennung für zum Beispiel
gute inhaltliche Beiträge.
Neben der Organisationskultur sind auch Organisationsstrukturen wichtig. Wer hat beispiels-
weise die Nutzung eines Wikis eingeleitet? Ist diese von unten bedarfsbasiert gewachsen
oder ist es ein Management-Projekt, das möglicherweise wenig Anklang findet? Während
dies kein für die Typologie wichtiger Faktor ist, verbirgt sich ein Hinweis auf die Öffnung von
Beteiligungsverfahren für Ideen und Inhalte von unten. Die Autoren betonen auch, dass Ge-
wöhnung beziehungsweise Verhaltensroutinen eine wichtige Rolle spielen. Für Online-
Partizipation wären diese zum einen auf Online-Verhalten zu beziehen, zum anderen auf Be-
teiligungsverhalten: Bin ich es gewohnt, zuerst online zu schauen? Bin ich es gewohnt, mich
an politischen Prozessen zu beteiligen? Und wie beteilige ich mich gewöhnlich?
Nach dieser Betrachtung der Theorien zur politischen Partizipation werden im Folgenden
Theorien der Technologienutzung betrachtet.
7.2 Theorien der Technologienutzung
Wie aus den vorangegangenen Diskussionen deutlich wurde, und durch die Natur von Onli-
ne-Partizipation eindeutig bestimmt wird, sollten die Merkmale der Typologie nicht nur aus
Theorien des politischen Verhaltens bezogen auf Beteiligung abgeleitet werden, sondern
auch die Nutzung von Technologie mit einbeziehen. Darunter fallen Studien zu Internet- und
Mediennutzung sowie die Untersuchung zur Technologie-Akzeptanz.
Zentral ist hierbei das Modell UTAUT2 von Venkatesh u. a. (2012) als umfassender Ansatz zur
Technologie-Akzeptanz. Es gibt ebenfalls eine psychologische Perspektive, die erwähnens-
wert ist. Relevant scheint auch die Theorie von Nutzen und Belohnung (Use and Gratificati-
on), die sich mit Motivationen zur Mediennutzung beschäftigt. Schließlich bietet es sich an,
Ergebnisse zur Forschung von Benutzer-Unterschieden aus anderen verwandten Online-
Communities heranzuziehen. Auf Grund der Vielzahl von unterschiedlichen Kontexten und
der entsprechenden Anzahl an Studien von mehr oder minderer Relevanz, bietet es sich an,
auch hier auf eine systematische Meta-Analyse zurückzugreifen, in diesem Fall von Malinen
(2015).

7.2.1 Technologie-Akzeptanz

7.2.1.1 Beschreibung
Aus dem Bereich der Informationssystem-Forschung kommt eine umfassende Theorie zur
Akzeptanz und Nutzung von Technologie im Konsumentenkontext: UTAUT2 (Venkatesh u. a.,
2012). UTAUT2 ist eine Weiterentwicklung von UTAUT (Venkatesh u. a., 2003). UTAUT wurde
ursprünglich entwickelt, um die Erfolgswahrscheinlichkeit für die Einführung einer neuen
80 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste

Technologie im Unternehmenskontext vorherzusagen. UTAUT ist eine empirisch validierte


Synthese aus acht Modellen30 zur Technologie-Akzeptanz (Venkatesh u. a., 2003, S. 425) und
wurde bereits im politischen Kontext in Bezug auf E-Voting (Choi & Kim, 2012) und Techno-
logien für offene Daten (Zuiderwijk, Janssen, & Dwivedi, 2015) eingesetzt. Auch die in
UTAUT, und somit in UTAUT2, integrierte Theory of Planned Behaviour (TPB) wurde bereits
in Bezug auf Wissensweitergabe in kollaborativen Online-Netzwerken diskutiert (Wojtczak &
Morner, 2015) und für E-Demokratie analysiert (Nchise, 2012). UTAUT2 bezieht sich auf den
Konsumentenkontext und passt UTAUT daran an. Da Online-Partizipation freiwillig ge-
schieht, passt sie gut in eben diesen Kontext. UTAUT2 untersucht sowohl den Einfluss ver-
schiedener Konstrukte auf Verhaltensabsicht als auch auf tatsächliches Verhalten. Diese Un-
terscheidung ist wichtig, weil aus Nutzungsabsicht nicht unbedingt tatsächliches Verhalten
wird. Gewohnheit und Rahmenbedingungen beeinflussen Verhalten unabhängig von der
Nutzungsintention und der Einfluss von Intention auf tatsächliche Nutzung wird durch Erfah-
rung moderiert. Die aus UTAUT übernommenen Konstrukte sind: Performanzerwartung (per-
formance expectancy), Aufwandserwartung (effort expectancy), Umfeld-Erwartung (social
influence) und Rahmenbedingungen (facilitating conditions). Als Ergänzung zu UTAUT fügen
Venkatesh u. a. (2012) folgende neuen Konstrukte hinzu: Hedonistische Motivation (hedonic
motivation), Mehrwert (price value), Erfahrung (experience) und Gewohnheit (habit). Per-
formanzerwartung ist zu verstehen als die Erwartung daran, inwieweit die Technologie
Mehrwert für den Benutzer bietet, also zum Beispiel Aufgabenerledigung beschleunigt oder
verbessert. Aufwandserwartung beschreibt, wie leicht es Beutzern fällt, mit einer Technolo-
gie umzugehen, beziehungsweise als wie schwer sie dies einschätzen. Umfeld-Erwartung be-
schreibt die Einstellungen anderer Menschen, die für den Benutzer wichtig sind. Denken die-
se, dass der Benutzer die Technologie verwenden sollte? Die Rahmenbedingungen setzen
sich aus drei Komponenten zusammen: (1) das Vorhandensein der notwendigen Ressourcen,
(2) die Möglichkeit der Unterstützung durch andere und (3) ausreichendes eigenes Wissen.
Interessant ist, dass in UTAUT Selbstwirksamkeit (self-efficacy)31 und Ängstlichkeit (anxiety)32
sowie die Einstellung zur Technologienutzung (attitude toward using technology)33 nicht auf-
genommen werden. Die Autoren argumentieren, dass diese Konstrukte durch Aufwands-
erwartung (effort expectancy) abgebildet werden. Weiterhin wichtig ist, dass Rahmen-
bedingungen (facilitating conditions) in UTAUT nur als Einflussfaktor auf tatsächlichen Nut-
zen, nicht auf Nutzenabsicht betrachtet werden, weil es sich um einen verpflichtenden, or-
ganisationalen Rahmen handelt, in dem die Rahmenbedingungen weitgehend gleich sind.

30
Technology Acceptance Model (TAM), Motivational Model, Theory of Reasoned Action (TRA), Theory of
Planned Behaviour (TPB), eine Kombination von TAM und TPB (Taylor und Todd 1995a), Model of PC Evalu-
ation, Innovation Diffusion und Social Cognitive Theory.
31
Der Glaube an die eigene Fähigkeit, die Nutzung der Technologie alleine bewerkstelligen zu können.
32
Angst davor, mit der Technologie Fehler zu begehen und eine diffusere Einschüchterung durch die Techno-
logie.
33
Gefallen an der Nutzung der Technologie.
Theorien der Technologienutzung 81

Im Konsumentenkontext von UTAUT2 hingegen können sich die Rahmenbedingungen für


verschiedene Technologien von Anbieter zu Anbieter stark unterscheiden und beeinflussen
daher wahrscheinlich sowohl Nutzenintention als auch tatsächliche Nutzung. Mit der hedo-
nistischen Motivation kommt der Faktor des Spaßes an der Nutzung wieder zum Tragen, der
in UTAUT durch den Wegfall des Einstellungskonstrukts (attitude toward using technology)
nicht direkt abgebildet ist. Diese Änderung ist dem freiwilligen Konsumentenkontext ge-
schuldet, in dem Spaß an der Sache nicht nur bestimmt, wie leicht einem die Nutzung einer
Technologie fällt, die ohnehin genutzt werden muss. Vielmehr kann Spaß ein eigenständiger
Motivator sein. Genauso verhält es sich mit dem Mehrwert. In einem Konsumentenkontext
müssen Benutzer die Kosten der Technologienutzung tragen. Das heißt, ein Benutzer wird
eine Technologie nutzen, wenn es einen Mehrwert gibt, also der Nutzen größer ist als die
Kosten. Gewohnheit wird als selbst berichtete Einschätzung darüber aufgenommen, wie sehr
die Nutzung der Technologie zur Gewohnheit geworden ist. Erfahrung ist eine moderierende
Variable und gibt die Anzahl der Jahre der Nutzungserfahrung an. Weitere moderierende
Variablen sind Alter und Geschlecht. Selbstwirksamkeit und Ängstlichkeit werden nicht wie-
der aufgenommen.

7.2.1.2 Ableitung von Merkmalen


Zuerst stellt sich die Frage, welche Erkenntnisse aus der Unterscheidung von Nutzungs-
intention und -verhalten gewonnen werden können. Ein wichtiger Punkt ist: Auch wenn in
Menschen die Absicht ausgelöst wird, sich online zu beteiligen, heißt das nicht unbedingt,
dass sie es auch tun. Hier zeigt sich wiederum die Problematik, die auch ausschlaggebend für
den andersartigen methodologischen Ansatz dieser Forschung ist: Der Wunsch nach mehr
Beteiligungsmöglichkeiten, der in Studien erfasst wird, führt nicht unbedingt zur Nutzung
von E-Partizipationsangeboten. Gewohnheit und Rahmenbedingungen sind entscheidend für
Nutzungsverhalten. Ein besser gestaltetes Partizipationsangebot kann nicht nur die Nut-
zungsintention erhöhen, sondern auch für eine bessere Übersetzung zwischen Intention und
Verhalten führen.
Performanzerwartung lässt sich direkt auf Online-Partizipation übertragen: Erleichtert das
Online-Angebot die Beteiligung zum Beispiel gegenüber einer Offline-Variante? Diese Erwar-
tung scheint je nach Typ unterschiedlich zu sein. Es stellt sich also diese Frage, woher diese
Einschätzung kommt. Am naheliegendsten scheint es, dies auf unterschiedliche Ein-
stellungen gegenüber IT zurückzuführen. Aufwandserwartung wird laut Venkatesh u. a.
(2003) geprägt durch den Glauben an die eigenen Fähigkeiten, die Angst, Fehler zu begehen
und den Gefallen an der Technologienutzung. Ersteres wurde von Milbrath und Goel (1977)
als Selbstvertrauen und von Johann u. a. (2015) als interne Efficacy in Bezug auf Politik inter-
pretiert. Natürlich sind hierbei auch tatsächliche Fähigkeiten relevant. Die Angst vor Fehlern
beschreibt zu einem gewissen Grad emotionale Stabilität. Der Gefallen an Technologie-
nutzung ist wiederum die IT-Affinität.
Die große Bedeutung des Einflusses des Umfeldes wurde bereits mehrfach herausgestellt,
zum Beispiel durch die subtilen Belohnungen bei Fulk u. a. (2004). Hier allerdings geht es e-
82 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste

her um die Haltung des Umfeldes zur Technologienutzung. Der Zusammenhang aber scheint
ähnlich, wenn man sich die Beschreibung des Items ansieht. Dort ist davon die Rede, dass
das soziale Umfeld findet, der Benutzer sollte die Technologie verwenden, und dass es dies
wertschätzen würde.
In Bezug auf die Rahmenbedingungen bewegt sich Online-Partizipation zwischen dem Kon-
sumenten- und dem Organisationskontext. Die Ressourcen sind für Benutzer unter-
schiedlich, die verfügbare Hilfestellung von Seiten der Organisatoren ist einheitlich für alle
Benutzer vorhanden aber das Wissen wiederum individuell verschieden. Zur Unterscheidung
der Typen eignen sich daher nur Ressourcen und Wissen. Es gilt festzustellen, welcher Typ
sich in welcher technologischen Infrastruktur bewegt. Das erwähnte notwendige Wissen
scheint eng verwandt mit den Fähigkeiten zur Nutzung, die die Aufwandserwartung beein-
flussen. Bezogen auf Online-Partizipation lässt sich aber auch Ähnlichkeit mit politischem
Prozesswissen erkennen.
Die hedonistische Motivation, Spaß und Entertainment, scheint auf den ersten Blick zu den
von Klandermans (2004) angesprochenen ideologischen Faktoren zu passen. Statt um die
Diskussion an sich, geht es hier aber um die Nutzung der Technologie. Von Fulk u. a. (2004)
wurde der Punkt der in der Kultur verankerten IT-Affinität angesprochen. Doch es handelt
sich bei der von Venkatesh u. a. (2012) angesprochenen Motivation nicht um einen Drang,
neue Technologie auszuprobieren. Es geht vielmehr um den Spaß und die Unterhaltung, die
diese Technologie bieten kann. Hedonistische Motivation wird also als neues Merkmal über-
nommen.
Der Punkt des Mehrwerts in seiner eigenen Bedeutung, der sich auf ein monetäres Kosten-
Nutzen-Verhältnis bezieht, ist im Fall der kostenlosen Online-Partizipation nicht relevant. Es
lassen sich zwar Ähnlichkeiten zur Kosten-Nutzen-Diskussion bei zum Beispiel Fulk u. a.
(2004) erkennen. Diese entfernen sich aber wesentlich von der Item-Formulierung bei Ven-
katesh (2012) und passen eher zur Aufwandserwartung. Daher wir der Mehrwert im Sinne
von UTAUT2 nicht erneut aufgenommen.
Durch die relative Neuheit von Online-Beteiligung kann es bisher kaum ausgeprägte Ge-
wohnheiten zur E-Partizipation geben. Der Punkt der Gewohnheit lässt sich aber aufteilen.
Ist es jemand gewohnt, sich politisch zu beteiligen und auf welche Art? Und ist es jemand
gewohnt, sich online zu bewegen? Die Wichtigkeit von Gewöhnung wurde bereits durch die
Routinen von Fulk u. a. (2004) angesprochen. Nutzungserfahrung ist zwar eine wertvolle Va-
riable, da einige Einflussfaktoren mit zunehmender Nutzung an Bedeutung verlieren. Sie eig-
net sich aber weniger als Merkmal für eine Typologie der Online-Partizipation. Es gibt bisher
kaum Nutzungserfahrung bei E-Partizipation, beziehungsweise keine für die hier angestrebte
Plattform.
Während Alter und Geschlecht keinen direkten Einfluss haben, wirken sie moderierend, ge-
nau wie Nutzungserfahrung. Allerdings erwähnen schon Venkatesh u. a. (2003) in ihrem ur-
Theorien der Technologienutzung 83

sprünglichen Modell, dass es möglich ist, dass Geschlechterunterschiede in der Technologie-


nutzung zunehmend an Bedeutung verlieren (S. 469).

7.2.2 Internetpsychologie

7.2.2.1 Beschreibung
Es hat sich bereits gezeigt, dass psychologische Erklärungsansätze in Bezug auf politisches
Verhalten großen Nutzen haben (siehe Kapitel 7.1.3). Auch für das Verhalten im Internet
wird auf die Kenntnisse aus der Psychologie zurückgegriffen. Eine gute Übersicht bietet hier
das „Oxford Handbook of Internet Psychology“. In ihrer Einleitung betonen die Herausgeber
(Joinsen, McKenna, Postmes, & Reips, 2014), dass auch das Internet Menschen nicht funda-
mental verändert, wenn es um Motivationen und Emotionen geht. Es ist zu erwarten, dass
sich hier ähnliche Konstrukte finden wie in der politischen Psychologie.
Amichai-Hamburger (2014) betrachtet den Zusammenhang von Persönlichkeit und Internet-
nutzung. Seine Beschreibung unterteilt er in (1) die Vorstellung relevanter Eigenschaften des
Internets, (2) die Verbindung von Persönlichkeitstheorie und Internet und (3) die Erläuterung
einzelner Persönlichkeitskonstrukte und deren Interaktion mit dem Verhalten im Internet.
Für diese Untersuchung relevant ist der dritte Teil. Dort erwähnt Amichai-Hamburger die
Big-Five-Konstrukte und stellt besonders die Bedeutung der Introversion-Extraversion-Skala
für Internetnutzung heraus. Es hat sich gezeigt, dass das Internet Introvertierten ermöglicht,
extrovertierter zu kommunizieren. Er betont weiterhin einige andere Persönlichkeits-
merkmale. Menschen mit einem hohen Abschlussbedürfnis (need for closure) sind bestrebt,
widersprüchliche Informationen zu vermeiden und Entscheidungsprozesse schnell zu been-
den. Eine hohe Ausprägung führt dazu, dass Menschen weniger komplexe kognitive Prozesse
begehen und tendentiell einfachere Heuristiken zur Entscheidungsfindung einsetzen (siehe
dazu auch van Hiel & Mervielde, 2003). Es hat sich gezeigt, so Amichai-Hamburger, dass die-
se Menschen flache Websites gegenüber solchen mit vielen Hyperlinks bevorzugen.34
Kognitive Neigung (need for cognition) beschreibt die Tendenz eines Individuums kognitiv
anspruchsvolle Prozesse einzugehen und Gefallen daran zu finden. Menschen mit einer nied-
rigeren Ausprägung orientieren sich besonders bei komplexen Problemen eher an den Mei-
nungen von Experten. Menschen mit hoher Ausprägung suchen eher Informationen und fü-
gen diese selbst zusammen. Dinge wie Website-Gestaltung und vorhandene interaktive Fea-
tures sind für Menschen mit geringerer kognitiver Neigung wichtiger als für solche mit hoher
Ausprägung.
Der Locus of Control (LOC), die Kontrollüberzeugung eines Menschen, kann entweder extern
oder intern verortet sein. Eine externe Verortung führt dazu, dass Menschen Gründe für Ge-
schehnisse in der Außenwelt suchen, zum Beispiel in Glück oder Zufall. Menschen mit inter-
ner Verortung glauben daran, ihr Leben selbst kontrollieren zu können. Sie denken, Aufwand

34
Dies gilt nur, wenn ohne Zeitlimit gesurft wird, was den Rahmenbedingungen der Online-Partizipation ent-
spricht.
84 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste

führt zu Erfolg und sind daher motiviert, ihr Leben zu meistern. Menschen mit internem LOC
nutzen das Internet eher als Ergänzung, zum Beispiel zur Unterstützung bei der Erledigung
von Offline-Aufgaben. Extern-orientierte Menschen hingegen experimentieren mehr und
nutzen das Internet auch, um Offline-Aktivitäten zu ersetzen, zum Beispiel das Gespräch mit
Freunden. Sie verbringen so zwar mehr Zeit online, aber weniger zielgerichtet. Sie vertrauen
Internet-Transaktionen weniger und denken, dass sie Prozesse weniger kontrollieren kön-
nen.
Erfahrungssuche und Risikobereitschaft (sensation-seeking und risk-taking) sind zwei stark
verwandte Persönlichkeitsdimensionen und beeinflussen laut Amichai-Hamburger (2014) die
Bereitschaft, neue Dinge im Internet auszuprobieren.
Amichai-Hamburger bespricht außerdem die EPQ-R-Skala, die Extraversion, Neurotizismus
und Psychotizismus misst. Hier handelt es sich um eine Weiterentwicklung der ersten, um
die Jahrtausendwende unternommenen Studien zu Persönlichkeit und Internet. Extraversion
wurde bereits vermehrt erwähnt und wird hier wieder als relevant identifiziert in Bezug auf
die Art von und Motivation für Online-Verhalten. Hinzu kommen Neurotizismus (ängstlich,
besorgt, sehr emotional) und Psychotizismus (Ablehnung von Autorität, sozialen Normen
und Regeln). Eher neurotische Menschen benutzten das Internet, um soziale Zugehörigkeit
zu erreichen. Extrovertierte Menschen interessieren sich eher dafür, die eigene Meinung
darzustellen und nicht unbedingt dafür, anderen zuzuhören. Menschen mit psychotischer
Ausprägung lehnen Autoritäten und Regeln ab und interessieren sich nicht für die sozialen
Aspekte des Internets. Sonstige Ergebnisse beziehen sich mehr auf die konsumierten Inhalte
als auf das Online-Verhalten. Umfassender ist das Fünf-Faktoren-Modell, genannt die Big Fi-
ve. Sie sind bereits aus der Verbindung von Psychologie und Politik bekannt. Die Studien
hierzu sind laut Amichai-Hamburger aber nicht sehr umfassend und befassen sich eher mit
Mustern der Informationssuche.

7.2.2.2 Ableitung von Merkmalen


Bezogen auf die Introversion-Extraversion-Skala wurde angesprochen, dass auch Introver-
tierte im Internet extrovertierter kommunizieren. Hier bietet Online-Partizipation eine Mög-
lichkeit für gleichverteilte Partizipation. Dennoch unterscheiden sich die Motivationslagen
von introvertierten und extrovertierten Personen, weshalb die Unterscheidung aufgenom-
men werden sollte. Die Psychotizismus-Dimension könnte die Einstellung zum politischen
System beeinflussen und die Neigung, an Diskussionen mit anderen teilzunehmen. Beides
scheint für Online-Partizipation relevant. Amichai-Hamburger (2014) beschreibt auch eine
Motivationen für Internetnutzung, nämlich das Streben nach Zugehörigkeit, was ähnlich
schon von Verba u. a. (1995) beschrieben wurde, allerdings eine leicht andere Konnotation
hat. In beiden Fällen geht es aber um soziale Interaktion als Ziel. Außerdem beschreibt der
Autor das Streben nach dem Ausdruck der eigenen Meinung. Diese Darstellung von Meinun-
gen wurde auch bei Klandermans (2004) schon angesprochen.
Theorien der Technologienutzung 85

Die weiteren von Amichai-Hamburger (2014) vorgestellten Dimensionen haben alle klare
Einflüsse entweder auf die Bereitschaft, neue Online-Aktivitäten zu unternehmen oder auf
Design-Präferenzen. Wichtig für die Beschreibung der Typologie sind daher weiterhin: Ab-
schlussbedürfnis, kognitive Neigung, LOC und Erfahrungssuche/Risikobereitschaft.

7.2.3 Nutzen und Belohnung

7.2.3.1 Beschreibung
Der Ansatz von Use and Gratification, von Nutzen und Belohnung, (U&G) wurde prägend
konzeptualisiert von Katz, Blumler und Gurevitch (1974). Er befasst sich damit, wie und wa-
rum Menschen Medien nutzen und bietet eine Basis, auf der Nutzungsprofile aufgebaut
werden können (Stafford, Stafford, & Schkade, 2004, S. 266). Auf den ersten Blick scheint
U&G sehr relevant für eine Typologie der Online-Partizipation. „From its beginning, through
its current applications, U&G has provided a basis from which to construct profiles of in-
tended uses and resulting user satisfactions” (Stafford u. a., 2004, S. 266). Die Argumentati-
onskette ist wie folgt aufgebaut: (1) Soziale und psychologische Faktoren bedingen (2) Be-
dürfnisse, die (3) Erwartungen generieren, die (4) Massenmedien oder anderen Quellen ent-
gegengebracht werden und zu (5) unterschiedlichen Mustern bei der Mediennutzung führen
(oder bei anderen Aktivitäten), was (6) in die Erfüllung der Bedürfnisse mündet (need gratifi-
cation) und (7) auch andere Konsequenzen hat, vermutlich größtenteils ungeplante (unin-
tended, Katz u. a., 1974, S. 510). Ziel der U&G-Forschung ist die Identifikation der verschie-
denen Gratifikationen. Klassisch werden dabei in Fokusgruppen Stimmungsbilder erfasst und
die identifizierten Gratifikationen in Umfragen bestätigt, sodass für jedes Medium neue Gra-
tifikationen beschrieben werden. Inzwischen haben sich jedoch verstärkt Gratifikationen
herausgebildet, die auf andere Medien übertragen werden (Sundar & Limperos, 2013, S.
507). Übergeordnet stehen jedoch zuerst relativ unspezifisch Typen von Gratifikationen. Zu-
nächst wird nur zwischen inhaltlicher (content) und prozeduraler (process) Gratifikation un-
terschieden (Stafford u. a., 2004). Inhaltliche Gratifikation betrifft den Fall, in dem Benutzer
ein Medium wegen der Inhalte nutzen, also zur Information oder Unterhaltung. Bei proze-
duraler Gratifikation geht es um den tatsächlichen Prozess der Nutzung als Selbstzweck, also
zum Beispiel das Zappen durch verschiedene Kanäle. Stafford u. a. (2004) erweitern dieses
Gratifikationspaar in Bezug auf das Internet um einen dritten Punkt: soziale Gratifikation.
Dabei geht es um die Interaktion oder das Gespräch mit Freunden. Soziale Gratifikation wur-
de erst durch die erweiterten Funktionalitäten des Internets möglich gemacht.

7.2.3.2 Ableitung von Merkmalen


Durch die eher abstrakte Diskussion lassen sich keine Variablen für Typen-Unterscheidungen
ableiten. Die wesentliche Erkenntnis ist, dass Benutzer unterschiedliche Motivationen haben
und dass es unterschiedliche Möglichkeiten gibt, für Benutzer eine gute Erfahrung zu schaf-
fen. Die Entwicklung der unterschiedlichen Gratifikationstypen ermöglicht aber festzustellen,
dass alle drei Arten der Gratifikationen bereits durch Motivationen zur Beteiligung abge-
deckt sind. Es gibt eher inhaltliche Motivationen, bei denen es um Formulierung von Politik
86 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste

geht, eher prozessorientierte Motivationen, bei denen die Partizipation selbst Gratifikation
liefert und soziale Motivationen, bei denen hauptsächlich Interaktion mit anderen im Mittel-
punkt steht.35

7.2.4 Andere Online-Communities

7.2.4.1 Beschreibung
Schließlich sollen bezogen auf Technologienutzung Erkenntnisse aus Untersuchungen heran-
gezogen werden, die Benutzer von Online-Communities betrachten, die nicht unbedingt po-
liticher Natur sind. Malinen (2015) bietet einen systematischen Überblick über neuere empi-
rische Studien zu Partizipation in Online-Communities. Malinen betont selbst, dass ältere
Werke wegen der Veränderung von Terminologie nicht inkludiert sind. Sie identifiziert ver-
schiedene Konstruktgruppen, die Beutzer unterscheiden und ihr Partizipationsverhalten be-
einflussen, nämlich Motivationen und Persönlichkeit. 36 Bezogen auf Persönlichkeits-
konstrukte stellt Malinen für Extraversion, emotionale Stabilität, Verträglichkeit und Gewis-
senhaftigkeit einen Einfluss fest. Tatsächlich wird in den von ihr untersuchten Studien aber
auch Offenheit für Erfahrung untersucht, beispielsweise von Cullen und Morse (2011), und
als generell auf Internetverhalten einflussreich gewertet. Es wird außerdem ein leichter ge-
schlechterbedingter Verhaltensunterschied dargestellt bezogen auf Big-Five-Konstrukte: Bei-
spielsweise fragen extrovertierte Frauen weniger, suchen aber aktiver nach Freundschaften.
Außerdem stellt Malinen (2015) eine Typologie von vier Motivationen vor: Spaß (enjoyment),
emotionale Bindung an die Community (commitment), persönliche Weiterentwicklung (self-
development) und Reputationsentwicklung (reputation building). Besonders bezogen auf an-
dauernde Nutzung betont sie außerdem, dass soziale Interaktion eine wichtige Motivation
sein kann. Auch eine Art Pflichtgefühl wird angesprochen, das auf Gegenseitigkeit in der
Gemeinschaft beruht. Abschließend wird beschrieben, dass die Rolle von monetären Beloh-
nungen nur bei Unternehmens-Websites oder Communities erfolgsversprechend ist. Einige
Studien untersuchen Unterscheidungen zwischen Experten und Nicht-Experten, beziehen
sich aber primär auf die Intensität der Beteiligung. Schließlich wird betont, dass auch der Ein-
fluss von Gewöh-nung nicht zu vernachlässigen ist und Verhalten nicht von Motivation allein
gesteuert wird.

7.2.4.2 Ableitung von Merkmalen


Ganz klar zeigt sich, dass die Big Five bezüglich Online-Verhalten eine entscheidende Rolle
spielen und deshalb auch in einer Typologie der Online-Partizipation reflektiert werden soll-
ten, was bereits mehrfach betont wurde. Die Unterschiede bei geschlechterbezogenem Ver-
halten scheinen aber zu gering, um sie als Merkmal aufzunehmen, zumal sie sich nur auf
Ausprägung von Verhaltensintensität bezieht.

35
Es gibt noch weitere Studien über neuartige Gratifikationen, zum Beispiel von Sundar und Limperos (2013),
die Web2.0-Gratifikationen untersuchen. Auch sie diskutieren aber keine Unterschiede zwischen Typen.
36
Malinen (2015) beschreibt auch Werteunterschiede, die aber nur auf nationaler Ebene erfasst werden und
deshalb hier nicht relevant sind.
Theorien der Technologienutzung 87

Bei genauerer Betrachtung der Studie, aus der Malinen (2015) die Motivationen ableitet
(Nov, Naaman, & Ye, 2010), wird deutlich, dass Spaß (Enjoyment) stark auf den Prozess be-
zogen ist und daher eher zur intrinsischen Motivation passt. Die emotionale Bindung (Com-
mitment) wird beschrieben mit Loyalität gegenüber der Community und Bezug zur Commu-
nity (I really care about the fate of Flickr).37 Das erinnert an eine durch Überzeugung ausge-
löste, ideologische Motivation, die sehr gut auch für zumindest einen kleinen Teil potentiel-
ler Benutzer von E-Partizipation zutreffen kann. Sie möchten E-Partizipation unterstützen,
weil sie es als wichtig erachten, dass es E-Partizipation gibt. Selbstentwicklung beschreibt die
Weiterentwicklung der persönlichen Fähigkeiten und die Möglichkeit, neue Dinge zu lernen.
Zwar erfüllt eine Foto-Community wie Flickr diese Motivation womöglich besser, aber Selbst-
entwicklung und Lernen sind durchaus auch als Motivation für politische Beteiligung denk-
bar. Selbstentwicklung wird deshalb als Motivation neu aufgenommen. Die als Reputation
aufgenommene Motivation scheint zwei bereits bekannte Aspekte zu haben. Einmal geht es
um den Aspekt des Respekts, der bisher unter sozialen Anreizen wie Anerkennung bei Verba
u. a. (1995) oder Fulk u. a. (2004) diskutiert wurde (I earn respect for my photography by
posting my photos publicly on Flickr). Andererseits werden erwartete Vorteile für die eigene
Rolle beschrieben (I feel that posting my photos publicly on Flickr improves my status as a
photographer), was für eine Selbststärkung spricht. Soziale Interaktion wurde bereits bei
Verba u. a. (1995) und Amichai-Hamburger (2014) angesprochen und wird dementsprechend
aufgenommen. Ein gegenseitiges Pflichtgefühl betonten bereits Fulk u. a. (2004).
Die Motivation durch monetäre Belohnung oder Preise bedarf der Diskussion. Zwar wird sie
im politischen Kontext als nicht wichtig beschrieben. Auch Verba u. a. (1995) betonten be-
reits, dass derart materielle extrinsische Ziele zu vernachlässigen sind.38 Es stellt sich aber die
Frage, ob es nicht potentielle Benutzer gibt, die nur durch diese Form der Belohnung zu mo-
tivieren wären. Genauso wie der Kontakt mit wichtigen Politikern, wie bei Verba u. a. (1995),
ist dies aber keine Belohnung, die durch das Design von Online-Lösungen gewährleistet wer-
den kann, im Gegensatz zu anderen extrinsischen Anreizen, wie beispielsweise Reputations-
stärkung, die durch Design-Entscheidungen unterstützt werden können. Ein möglicher Ty-
pus, der nur durch monetäre Belohnung und andere Preise motiviert werden könnte, ist als
Typ zu betrachten, der durch keine der bisher genannten Motivationen zur Teilnahme mobi-
lisiert werden kann. Hier spielen Design-Entscheidungen folglich eine untergeordnete Rolle.
Monetäre Belohnung wird daher nicht in die Merkmalsliste übernommen. Gewohnheiten
wurden bereits vermehrt angesprochen und als wichtig für Online-Partizipation erachtet,
was politische Beteiligung und Online-Gewöhnung angeht.

37
Flickr ist die untersuchte Online-Community, siehe https://www.flickr.com.
38
Hier geht es immer um die Motivation zur konstruktiven Mitarbeit. Für beispielsweise professionelle Auf-
wiegler ist es zu vermuten, dass monetäre Entlohnung eine zentrale Motivation darstellt. Diese werden
aber von Verba u. a. nicht betrachtet. Auch in diese Arbeit werden Trolle nicht in die Untersuchung einge-
schlossen (siehe dazu Kapitel 3.1.3).
88 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste

7.3 Vorläufige Merkmalsliste


Nach der umfassenden Diskussion der verschiedenen Theorien und Studien, die Hinweise
auf zu verwendende Unterscheidungskriterien in einer Typologie der Online-Partizipation
bereithalten, werden diese Erkenntnisse im Folgenden sortiert und zusammengefasst. In ei-
nigen Fällen werden verschiedene Konstrukte der Autoren verbunden, weil sie das gleiche
Merkmal beschreiben. Dazu wird eine Übersicht aller Konstrukte erstellt, die angibt, in wel-
chen Theorien oder Modellen sie erwähnt wurden (siehe Tabelle 1).
 Tabelle 1: Übersicht über Konstrukte und abgeleitete Merkmale
Merkmal Konstrukt Quelle
Sozio-Demographische Faktoren
Geschlecht Geschlecht Milbrath und Goel (1977), Verba u. a.
(1995), Venkatesh u. a. (2012)
Alter Alter Milbrath und Goel (1977), Venkatesh u. a.
(2012)
Bildung Bildung der Eltern Milbrath und Goel (1977)
Bildung der Eltern Verba u. a. (1995)
Bildung Milbrath und Goel (1977), Verba u. a. (1995)
Einkommen Einkommen Milbrath und Goel (1977), Verba u. a. (1995)
Beruf/Job-Status Beruf/Job-Status Milbrath und Goel (1977), Verba u. a. (1995)
Wohnort Wohnort Milbrath und Goel (1977)
Organisationszugehörigkeit Organisationszugehörigkeit Milbrath und Goel (1977), Verba u. a. (1995)
Ressourcen Ressourcen/Kosten Klandermans (2004)
Freizeit Freizeit Milbrath und Goel (1977), Verba u. a. (1995)
IT-Infrastruktur Abgeleitet aus Kosten Fulk u. a. (2004)
Rahmenbedingungen Venkatesh u. a. (2012)
Fähigkeiten
Politische Fähigkeiten Wahrgenommene eigene politische Milbrath und Goel (1977)
Kompetenz/tatsächliche Fähigkeiten
Zivilgesellschaftliche Fähigkeiten Verba u. a. (1995)
Abgeleitet aus Kosten Fulk u. a. (2004)
Online-Fähigkeiten Abgeleitet aus Kosten Fulk u. a. (2004)
Aufwandserwartung Venkatesh u. a. (2012)
Rahmenbedingungen Venkatesh u. a. (2012)
Wissen
Politisches Wissen (prozedural) Politische Informiertheit Milbrath und Goel (1977), Verba u. a. (1995)
Politisches Wissen Johann u. a. (2015)
Abgeleitet aus Rahmenbedingungen Venkatesh u. a. (2012)

Eigenschaften
Extraversion Extraversion Milbrath und Goel (1977), Mondak und
Halperin (2008), Mondak u. a. (2010), Ger-
ber u. a. (2011), Johann u. a. (2015), Caprara
und Vecchione (2013), Amichai-Hamburger
(2014), Malinen (2015)
Schüchternheit Blais und St-Vincent (2011)
Gewissenhaftigkeit Zivilgesellschaftliche Motivation (SCG) Verba u. a. (1995)
Gewissenhaftigkeit Mondak und Halperin (2008), Mondak u. a.
(2010), Gerber u. a. (2011), Johann u. a.
(2015), Malinen (2015)
Verträglichkeit Verträglichkeit Mondak und Halperin (2008), Mondak u. a.
(2010), Gerber u. a. (2011), Johann u. a.
(2015), Malinen (2015)
Altruismus Fowler und Kam (2007)
Konfliktvermeidung Blais und St-Vincent (2011)
Altruistische Neigung Blais und St-Vincent (2011)
Vorläufige Merkmalsliste 89
Merkmal Konstrukt Quelle
Emotionale Stabilität Emotionale Stabilität/Neurotizismus Mondak und Halperin (2008), Mondak u. a.
(2010), Gerber u. a. (2011), Johann u. a.
(2015), Amichai-Hamburger (2014)
Abgeleitet aus Aufwandserwartung Venkatesh u. a. (2012)
Offenheit für Erfahrungen Offenheit für Erfahrungen Mondak und Halperin (2008), Mondak u. a.
(2010), Gerber u. a. (2011), Johann u. a.
(2015), Cullen und Morse (2011)
Erfahrungssuche/Risikobereitschaft Amichai-Hamburger (2014)
Kognitive Neigung Kognitive Neigung Amichai-Hamburger (2014)
Abschlussbedürfnis Amichai-Hamburger (2014)
Kontrollüberzeugung Selbstwirksamkeit Blais und St-Vincent (2011)
Locus of Control Amichai-Hamburger (2014)
Psychotizismus Psychotizismus Amichai-Hamburger (2014)
Selbstkonzeption
Selbstvertrauen Selbstvertrauen Milbrath und Goel (1977)
Interne Wirksamkeit (Efficacy) Johann u. a. (2015)
Abgeleitet aus Aufwandserwartung Venkatesh u. a. (2012)
Individuelles Wirksamkeitsbe- Politische Wirksamkeit Milbrath und Goel (1977)
wusstsein
Internes Wirksamkeitsbewusstsein Caprara und Vecchione (2013)
Soziale Identität Identifikation mit einer Gruppe Milbrath und Goel (1977)
Homogene politische Meinungen in Milbrath und Goel (1977)
sozialen Gruppen
Dazugehörigkeitsgefühl Milbrath und Goel (1977)
Soziale Identität Fowler und Kam (2007)
Kollektive Identität Klandermans (2004)

Einstellungen
Einstellung gegenüber dem Entfremdung (Organisationen) Milbrath und Goel (1977)
politischen System
Misstrauen (Leitfiguren) Milbrath und Goel (1977)
Ausgeprägte Partei- oder Kandidaten- Milbrath und Goel (1977)
präferenz
Identifikation mit einer Partei Milbrath und Goel (1977)
Politisches Interesse Politisches Interesse Milbrath und Goel (1977), Verba u. a.
(1995), Johann u. a. (2015)
Meinung zu mehr politischen Themen Milbrath und Goel (1977)
Häufigkeit politischer Diskussion Milbrath und Goel (1977)
Attraktion zu Politik Milbrath und Goel (1977)

Politisches Externes Politisches Wirksamkeitsbe- Caprara und Vecchione (2013),


Wirksamkeitsbewusstsein wusstsein
Glauben an Einflussnahme Klandermans (2004)
Abgeleitet aus Produktionsstatus Fulk u. a. (2004)

Einstellung zu IT Abgeleitet aus Organisationskultur Fulk u. a. (2004)


Abgeleitet aus Performanzerwartung Venkatesh u. a. (2012)
Abgeleitet aus Aufwandserwartung Venkatesh u. a. (2012)
Motivation
Pflichtgefühl Pflichtgefühl Milbrath und Goel (1977)
Zivilgesellschaftliche Motivation (SCG) Verba u. a. (1995)
Gegenseitige Verpflichtung Fulk u. a. (2004)
Politikbeeinflussung Gemeinschaftliche Ziele (CO) Verba u. a. (1995)
Gruppenziele Unzufriedenheiten Klandermans (2004)
Zum Wohle des Teams/Unternehmens Fulk u. a. (2004)
90 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste
Merkmal Konstrukt Quelle
Altruismus Zivilgesellschaftliche Motivation (SCG) Verba u. a. (1995)
Soziale Interaktion Spaß an sozialer Interaktion (SSG) Verba u. a. (1995)
Zugehörigkeit Amichai-Hamburger (2014)
Soziale Anreize Sozialer Druck (SSG) Verba u. a. (1995)
Umfeld-Erwartung Venkatesh u. a. (2012)
Suche nach Anerkennung (SSG) Verba u. a. (1995)
soziale Anerkennung Fulk u. a. (2004)
Reputationsentwicklung Malinen (2015)
Intrinsisch Spaß an der Sache (SSG) Verba u. a. (1995)
Ideologie Klandermans (2004)
Spaß Malinen (2015)
Überzeugungsbasiert emotionale Bindung an die Community Malinen (2015)
Hedonistisch Interessantes Erlebnis (SSG) Verba u. a. (1995)
Hedonistische Motivation Venkatesh u. a. (2012)
Selbstdarstellung Ideologische Motivation Klandermans (2004)
Meinung darstellen Amichai-Hamburger (2014)
Selbststärkung Reputationsentwicklung Malinen (2015)
Selbstentwicklung Selbstentwicklung Malinen (2015)
Gewohnheiten
Kommunikationsverhalten Häufiges Kommunikationsverhalten Milbrath und Goel (1977)
Häufigkeit sozialer Interaktion Häufigkeit sozialer Interaktion Milbrath und Goel (1977)
Stimuli-Empfang Stimuli-Empfang Milbrath und Goel (1977)
Intensität politischer Abgeleitet aus Routinen Fulk u. a. (2004)
Beteiligung (allgemein)
Abgeleitet aus Gewohnheit Venkatesh u. a. (2012)
Abgeleitet aus Gewohnheiten Malinen (2015)
Art der gewohnten Abgeleitet aus Routinen Fulk u. a. (2004)
politischen Beteiligung
Abgeleitet aus Gewohnheit Venkatesh u. a. (2012)
Abgeleitet aus Gewohnheiten Malinen (2015)
Grad der Online-Gewöhnung Abgeleitet aus Routinen Fulk u. a. (2004)
Abgeleitet aus Gewohnheit Venkatesh u. a. (2012)
Abgeleitet aus Gewohnheiten Malinen (2015)

Es lassen sich primär aus den Werken zur klassischen politischen Partizipation beschreibende
indirekte sozio-demographische Faktoren ableiten. Während Alter und sozioökonomischer
Status mit den unterschiedlichen Ausprägungen wie Bildung, Einkommen, Wohnort und Be-
ruf deutlich als wichtige Merkmale zu identifizieren sind, ist unklar, ob auch Geschlecht noch
ein Einflussfaktor ist. Zwar sind Männer laut Milbrath und Goel (1977) oft politisch aktiver,
dieser Unterschied vermindert sich aber mit der Modernisierung von Gesellschaften. Aller-
dings wird Geschlecht als indirekter Faktor auch bei Verba u. a. (1995) erwähnt. Bezogen auf
die Technologienutzung finden Venkatesh u. a. (2012) moderierende Effekte, argumentier-
ten aber bereits in früheren Arbeiten, dass Unterschiede zwischen Geschlechtern in jünge-
ren Generationen abnehmen (Venkatesh u. a., 2003). Es werden daher Alter, Bildung, Job-
Status, Einkommen und Wohnort aufgenommen; Geschlecht unter Vorbehalt. Das heißt,
wenn im folgenden Prozess keine entscheidenden Hinweise auf die zentrale Bedeutung von
Geschlechter-Unterschieden auftreten, wird die Unterscheidung nicht als Merkmal über-
nommen.

Weiter wird das Engagement in Organisationen oder Gruppen als Organisations-


zugehörigkeit vorerst aufgenommen. Auch hier handelt es sich aber um eine Übernahme
unter Vorbehalt. Verba u. a. (1995) sehen die Mitgliedschaft in Organisationen primär als
Ausbildungsplatz für zivilgesellschaftliche Fähigkeiten. Es ist aber durchaus anzunehmen,
Vorläufige Merkmalsliste 91

dass sich die für Online-Partizipation benötigten Fähigkeiten von den klassischen unterschei-
den. Es ist daher möglich, dass Organisationsmitgliedschaft keine Vorhersagekraft mehr hat,
oder aber diese sich umkehrt: Es sind gerade diejenigen Typen, die nicht in Vereinen aktiv
sind, die die Fähigkeiten ausbilden, die für Online-Engagement notwendig sind.
Bei den direkten Faktoren stehen an erster Stelle Ressourcen, wie im Allgemeinen auch
Klandermans (2004) betont. Wer sich politisch beteiligt hängt zum einen davon ab, wie viel
Freizeit zur Verfügung steht. Auch hier könnte es allerdings sein, dass sich der Einfluss ab-
schwächt, weil durch die Charakteristika der Online-Beteiligung die Teilnahme unabhängig
von Ort und Zeit möglich ist. Möglicherweise ist die Frage der Motivation oder des Interesses
entscheidender: Will ich Zeit in die intensive Diskussion investieren oder nicht? Daher wird
Freizeit unter Vorbehalt übernommen. Der andere relevante Faktor, der besonders aus Sicht
der Technologienutzung von Venkatesh u. a. (2012) aufgezeigt wird, ist der der vorhandenen
IT-Infrastruktur: Welches Endgerät wird zum Beispiel überwiegend genutzt? Dass der Pass
von Infrastruktur zur Tätigkeit wichtig ist, zeigt sich auch bei der Diskussion von kollektivem
Handeln bei informationellen Gütern in der Diskussion über Partizipationskosten (Fulk u. a.,
2004).
Ähnlich unmittelbaren Einfluss haben die Fähigkeiten der potentiellen Benutzer. Diese lassen
sich in politische Fähigkeiten und Online-Fähigkeiten unterteilen. Politische Fähigkeiten o-
der zivilgesellschaftliche Kompetenzen werden von vielen Autoren angesprochen. Oft wer-
den sie über eine Selbsteinschätzung gemessen und diffus gelassen, teilweise über bestimm-
te Fähigkeiten wie Schreiben, Lesen oder Debattieren definiert. Es ist unsicher, inwieweit
diese Fähigkeiten noch relevant sind. Sicher ist aber, dass die Palette der Online-Fähigkeiten
neu hinzukommt (Venkatesh u. a., 2012). Wie schwierig ist es für einen Benutzer, das Online-
Beteiligungswerkzeug zu nutzen? Beide Arten von Fähigkeiten lassen sich aus der Diskussion
zum kollektiven Handeln ableiten. Welche Belohnung, beziehungsweise welche Kosten der
Einzelne erwartet, hängt direkt davon ab, wie leicht der Person die Beteiligung fällt.
Zusätzlich zu diesen Fähigkeiten ist Wissen, das heißt prozedurales politisches Wissen, ein
Unterscheidungsfaktor. Hier geht es nicht um inhaltliches beziehungsweise thematisches
Wissen, sondern um Kenntnisse über Abläufe und Möglichkeiten des politischen Systems.
Einerseits könnte man dieses politische Wissen als Grundvoraussetzung zur Beteiligung be-
trachten und deshalb als der Typologie vorangestellt. Andererseits hat sich aber gezeigt, dass
politische Informiertheit auch die Intensität der Beteiligung beeinflusst (Milbrath & Goel,
1977; Verba u. a., 1995). Auch wenn Johann u. a. (2015) nur geringen Einfluss feststellen,
wird prozedurales Wissen vorerst als Merkmal für die Typologie übernommen. Es ist aller-
dings zu bedenken, dass sich durch Online-Beteiligung der politische Prozess ändert und das
klassische prozedurale Wissen für diese Änderungen möglicherweise weniger relevant ist. Es
könnte sein, dass dieses Merkmal besser beschrieben wird durch eine Mischung aus IT-
92 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste

Affinität, Online-Gewöhnung und Art der gewohnten Beteiligung beziehungsweise Nutzungs-


erfahrung; alles Merkmale, die in der Typologie auftreten.39
Bezogen auf Eigenschaften sind ganz klar die Big Five zu nennen. Extraversion wird sowohl
für politische Beteiligung als wichtiger Einflussfaktor gesehen als auch für die Technologie-
nutzung, genauso wie Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit, Emotionale Stabilität und Of-
fenheit für Erfahrungen. Extraversion wird bei Blais und St-Vincent (2011) durch Schüchtern-
heit abgebildet. Gewissenhaftigkeit ist bei Verba u. a. (1995) aus der zivilgesellschaftlichen
Motivation (SCG) abzuleiten. Verträglichkeit wird von Blais und St-Vincent (2011) sowie Fow-
ler und Kam (2007) als altruistische Neigung erfasst. Die zusätzlich von Blais und St-Vincent
(2011) erhobene Konfliktvermeidung ist ebenfalls unter Verträglichkeit einzuordnen, weil sie
stark mit Verträglichkeit korreliert und als eigenes Konstrukt keinen Erklärungsmehrwert
bietet. Emotionale Stabilität wird indirekt auch von Venkatesh u. a. (2012) angesprochen,
weil Ängstlichkeit, als Teil von emotionaler Stabilität, entscheidend ist für Aufwandserwar-
tung bei Technologienutzung. Als verwandt mit Offenheit für Erfahrungen beschreibt
Amichai-Hamburger (2014) Erfahrungssuche/Risikobereitschaft, was in diesem Kontext den
Drang nach neuen Erfahrungen und Erlebnissen im Internet beschreibt.
Als eine weitere Eigenschaft wird hier kognitive Neigung benannt. Sie umfasst auch das von
Amichai-Hamburger (2014) beschriebene Abschlussbedürfnis, denn es beschreibt ebenfalls
eine Neigung zu kognitiven Prozessen. Eine hohe Ausprägung von Abschlussbedürfnis lässt
auf geringe kognitive Neigung schließen. Die Kontrollüberzeugung (LOC), von Blais und St-
Vincent (2011) Selbstwirksamkeit genannt, beschreibt, ob eine Neigung vorhanden ist, sich
selbst die Kontrolle über sein Leben zuzuschreiben (interner LOC). Psychotizismus wurde
zwar von (Amichai-Hamburger, 2014) erwähnt, wird aber wegen mangelnder Präzision kaum
verwendet und über andere Big-Five-Konstrukte abgebildet (McCrae & Costa, 1985). Deshalb
wird Psychotizismus nicht übernommen.
Als nächste Kategorie lassen sich Selbstkonzeptionen beschreiben. Dabei geht es einmal um
das Selbstvertrauen, das heißt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Bei Johann u. a.
(2015) wird dieses Selbstvertrauen mit interner Efficacy betitelt, aber als „Bürger, die sich
selbst als kompetent wahrnehmen“ umschrieben (S. 72). Selbstvertrauen ist auch einer der
Einflüsse auf Aufwandserwartung bei Venkatesh u. a. (Venkatesh u. a., 2012).
Eine weitere wichtige Selbstkonzeption ist individuelles Wirksamkeitsbewusstsein, das
heißt, der Glaube daran, welchen Einfluss der individuelle Beitrag auf einen Prozess hat.
Caprara und Vecchione (2013) sprechen dies explizit an. Auch die Beschreibung des von Mil-
brath und Goel (1977) angesprochenen Konstrukts lässt vermuten, dass es tatsächlich eher
um individuelle Wirksamkeit geht: „When a person believes that he can influence govern-
ment officials or public issues“ (S. 57).

39
Das Wissen, dass es Online-Beteiligungsprojekte gibt, wird als Grundvoraussetzung angesehen, wie bezogen
auf die Stimulus-Diskussion bei Milbrath und Goel (1977) diskutiert wird. Während dies mit Nachdruck den
Bedarf für Werbung von Seiten der Initiatoren deutlich macht, ist diese Informiertheit nicht direkt relevant
für die Typologie.
Vorläufige Merkmalsliste 93

Eine weitere, sehr oft angesprochene Selbstkonzeption soll hier mit dem Schlagwort Soziale
Identität betitelt werden. Milbrath und Goel (1977) sprechen diesen Punkt mehrmals an.
Zum einen beschreiben sie, dass sich Menschen, die sich stark mit einer gesellschaftlichen
Gruppe identifizieren, mehr beteiligen. Begünstigt wird dies noch, wenn in dieser Gruppe
eine homogene politische Meinung herrscht. Schließlich beschreiben sie noch ein eher diffu-
ses Dazugehörigkeitsgefühl, dass Partizipation fördere. Auch Fowler und Kam (2007) be-
trachten die soziale Identität und beschreiben sie als partizipationsfördernd. Interessant ist
hier die Unterscheidung zwischen Selbstkonzeption und Eigenschaft. Während soziale Identi-
fikation als Selbstkonzeption gewertet wird, wird die ebenfalls von Fowler und Kam (2007)
beschriebene altruistische Neigung als Eigenschaft eingestuft. Dies lässt sich damit begrün-
den, dass soziale Identität mit der wahrgenommenen Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu-
sammenhängt und daher keine originäre Eigenschaft ist. Tatsächlich zeigt es aber auch, dass
die Kategorien eng zusammenhängen und späteren Raum für Cluster-Bildungen ermögli-
chen. Soziale Identität wird ebenfalls von Klandermans (2004) als kollektive Identität be-
zeichnet.
Neben Eigenschaften und Selbstkonzeption scheinen unterschiedliche Einstellungen geeig-
nete Unterscheidungsmerkmale für eine Typologie der Online-Partizipation zu sein. In ver-
schiedenen Facetten wird wiederholt die Einstellung gegenüber dem politischen System
erwähnt. Milbrath und Goel (1977) sprechen von Entfremdung gegenüber Organisationen
und Misstrauen zu Leitfiguren. Eine positive Einstellung hingegen kann sich zum Beispiel in
einer starken Präferenz für Kandidaten oder Identifikation mit einer Partei äußern. Unab-
hängig von der Einstellung zum System ist das politische Interesse zu betrachten, von Mil-
brath und Goel (1977) alternativ auch als Attraktion zu Politik und Häufigkeit politischer Dis-
kussion beschrieben. Politisches Interesse wird hier als Einstellung eingeordnet, weil es unter
anderem die Einstellung dazu beschreibt, wie wichtig Politik ist. Eine leicht variierte Einstel-
lung zum politischen System ist das politische Wirksamkeitsbewusstsein (Caprara &
Vecchione, 2013), was durch unterschiedlich formulierte Items beschrieben wird. Es be-
zeichnet den Glauben an die Responsivität des politischen Systems für Veränderungen, die
von seinen Bürgern angestoßen werden. Klandermans (2004) beschreibt einen Glauben an
Einflussnahme. Fulk u. a. (2004) diskutieren etwas abstrahiert den Produktionsstatus. Es ist
möglich, dass es sinnvoll ist, in der finalen Typologie die konkrete wahrgenommene Wirk-
samkeit von Online-Beteiligung zu beschreiben, da diese einflussreicher sein kann als eine
allgemeine politische Wirksamkeit. Diese wird sich aber aus einer Kombination von vorhan-
denen Merkmalen, wie Einstellungen zum politischen System, Wirksamkeitsbewusstsein und
Einstellung zu IT zusammensetzen. Eine weitere wichtige Einstellung ist die zu IT. Dies lässt
sich aus der Diskussion um Organisationskultur bei Fulk u. a. (2004) ableiten und sorgt für
unterschiedliche Erwartungen bezüglich des Mehrwerts und des Aufwands, wie bei Venka-
tesh u. a. (2012) diskutiert.
Motivationen bedingen unterschiedliche Ansprüche an Partizipationsangebote und liefern
damit wertvolle Hinweise auf Design-Empfehlungen. Es ist davon auszugehen, dass sowohl
94 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste

Eigenschaften als auch Einstellungen Motivationen beeinflussen. Als erstes lässt sich die Mo-
tivation durch Pflichtgefühl festhalten. Dabei gibt es einmal die Ausprägung des politischen
Pflichtgefühls. Milbrath und Goel (1977) sprechen von der Wahrnehmung eines Pflichtge-
fühls als treibende Kraft für Beteiligung. Verba u. a. (1995) beschreiben unter zivilgesell-
schaftlichen Motivationen (SCG) die Motivation, aus Verpflichtung der Gemeinde gegenüber,
an deren Verbesserung mitzuarbeiten. Eine andere Ausprägung ist ein Gefühl der gegensei-
tigen Verpflichtung, das Fulk u. a. (2004) beschreiben. Das Streben nach Politikbeeinflussung
ist ein weiteres wichtiges Motiv. Es geht hier um den abstrakten Wunsch, Wissen beizusteu-
ern, um das Ergebnis zu verbessern. Die Benennung als Politikbeeinflussung ist sinnvoller als
die ursprüngliche Betitelung als gemeinschaftliche Ziele (CO) bei Verba u. a. (1995). Auch die
konkrete Zielerreichung für eine Gruppe ist relevant und findet sich nicht nur bei
Klandermans (2004), sondern auch bei der Technologienutzung unter dem Aspekt der Zieler-
reichung für das Team oder die Organisation (Fulk u. a., 2004). Altruismus hingegen bezieht
sich nicht darauf, die Ziele einer bestimmten Gruppe zu erreichen. Es handelt sich um den
Wunsch, etwas allgemein Gutes zu tun, zum Beispiel, die Situation im Land zu verbessern,
was Verba u. a. (1995) im Rahmen zivilgesellschaftlicher Motivation beschreiben. Ebenfalls
gruppenbezogen ist der Wunsch nach sozialer Interaktion. Es zeigen sich hierbei zwei leicht
unterschiedliche Konnotationen, die möglicherweise auf verschiedene Ausprägungen deu-
ten. Einmal steht das Interesse an neuen interessanten Interaktionen im Vordergrund (Verba
u. a., 1995). Andererseits kann eine Zugehörigkeit angestrebt werden, die fehlenden sozialen
Anschluss im Offline-Leben ersetzt (Amichai-Hamburger, 2014). Ebenfalls durch das Umfeld
bedingt sind soziale Anreize. Dabei lassen sich wieder zwei mögliche Ausprägungen erken-
nen. Zum einen beschreiben sowohl Verba u. a. (1995) als auch Venkatesh u. a. (2012) einen
Erwartungsdruck, der von nahestehenden Personen ausgeübt wird, sich zu beteiligen bezie-
hungsweise Technologie zu benutzen. Zum anderen beschreiben Malinen (2015) sowie Ver-
ba u. a. (1995) ein Streben nach Anerkennung und Reputationssteigerung. Einen ähnlichen
Effekt legen Fulk u. a. (2004) das, indem sie von subtilen sozialen Belohnungen, wie zum Bei-
spiel Anerkennung durch Kollegen, berichten, die Benutzer durch zum Beispiel inhaltlich gute
Beitrage erlangen. Nicht zielorientiert ist die intrinsische Motivation, bei der Beteiligung ein
Selbstzweck und Erfüllung an sich ist. Verba u. a. (1995) beschreiben eine Freude am Pro-
zess. Klandermans (2004) diskutiert unter dem Schlagwort Ideologie Partizipation als Selbst-
zweck. Malinen (2015) beschreibt ebenfalls, bezogen auf Online-Communities, Gefallen am
Prozess an sich. Eng damit verwandt ist die überzeugungsbasierte Motivation, die bei Mali-
nen (2015) als emotionale Bindung an die Community beschrieben wird. Hierbei geht es da-
rum, zu partizipieren, weil die Community als erhaltenswert betrachtet wird. Verba u. a.
(1995) und Venkatesh (2012) beschreiben beide Spaß als Motivation. Dabei geht es nicht um
Spaß am Prozess selbst, sondern die Suche nach Erlebnissen. Um diese hedonistische Moti-
vation zu erfüllen, muss Online-Partizipation bestimmte Zusatz-Funktionen oder Prozesse
anbieten, die den Wunsch nach Spaß erfüllen. Dabei wird die hedonistische Motivation nicht
durch das inhärente Wesen der Partizipation erfüllt, sondern durch die spezifische Gestal-
tung oder Zusatzangebote der Online-Partizipation. Anderen kann es primär um Selbstdar-
Vorläufige Merkmalsliste 95

stellung gehen. Sie beschreibt das Bedürfnis, Ansichten oder Meinungen auszudrücken
(Amichai-Hamburger, 2014; Klandermans, 2004). Selbststärkung hat die Verbesserung der
eigenen Position zum Ziel, zum Beispiel durch Verbesserung der Reputation (Malinen, 2015).
Selbstentwicklung hingegen beschreibt eine Weiterentwicklung, nicht bezogen auf andere,
sondern bezogen auf die eigenen Fähigkeiten (Malinen, 2015).
Schließlich betonen sowohl Fulk u. a. (2004) als auch Venkatesh (2012) und Malinen (2015),
dass bereits bestehende Gewohnheiten ein zentraler Einflussfaktor sind, der Verhalten steu-
ert. Laut Milbrath und Goel (1977) stehen die Häufigkeit von Kommunikation und sozialer
Interaktion im Zusammenhang mit politischem Verhalten, genauso wie die Gewöhnung an
Stimuli-Empfang. Auf Online-Partizipation bezogen lassen sich außerdem folgende relevante
Gewohnheiten ableiten: Die Intensität bisheriger politischer Beteiligung ist relevant, genau-
so wie die Art der gewohnten politischen Beteiligung. Genauso ist der Grad der Online-
Gewöhnung relevant. Somit ergeben sich 44 Merkmale, die zur besseren Übersichtlichkeit in
neun Kategorien unterteilt wurden (siehe Tabelle 2).
96 Theoretische Entwicklung der Merkmalsliste
 Tabelle 2: Vorläufige Merkmalsliste
Merkmale
Sozio-Demographische Faktoren
Geschlecht
Alter
Bildung
Einkommen
Job-Status
Wohnort
Organisationszugehörigkeit
Ressourcen
Freizeit
IT-Infrastruktur
Fähigkeiten
Politische Fähigkeiten
Online-Fähigkeiten
Wissen
Politisches Wissen (prozedural)
Eigenschaften
Extraversion
Gewissenhaftigkeit
Verträglichkeit
Emotionale Stabilität
Offenheit für Erfahrungen
Kognitive Neigung
Kontrollüberzeugung
Selbstkonzeption
Selbstvertrauen
Individuelles Wirksamkeitsbewusstsein
Soziale Identität
Einstellungen
Einstellung zum politischen System
Politisches Interesse
Politisches Wirksamkeitsbewusstsein
Einstellung zu IT
Motivation
Pflichtgefühl
Politikbeeinflussung
Gruppenziele
Altruismus
Soziale Interaktion
Soziale Anreize
Intrinsisch
Überzeugungsbasiert
Hedonistisch
Selbstdarstellung
Selbstentwicklung
Gewohnheiten
Kommunikationsverhalten
Häufigkeit sozialer Interaktion
Stimuli-Empfang
Intensität politischer Beteiligung
Art der gewohnten politischen Beteiligung
Grad der Online-Gewöhnung
Notiz. Kursiv=unter Vorbehalt übernommene Merkmale.
8 Validierung der Merkmalsliste
Aus den Grundlagen der Forschung zu politischer Partizipation und Technologienutzung
konnte ein umfassender Katalog an Merkmalen abgeleitet werden, der zur Beschreibung un-
terschiedlicher Typen der Online-Partizipation dienen kann. Einige dieser Merkmale wurden
unter Vorbehalt übernommen und es wurde vermutet, dass sich beim Übertrag auf Online-
Partizipation Änderungen ergeben, so zum Beispiel für politische Fähigkeiten: Es scheint
wahrscheinlich, dass sich das Spektrum an benötigten Fähigkeiten durch die Online-
Komponente ändert. Dabei bleibt offen, inwieweit klassische zivilgesellschaftliche Fähig-
keiten weiterhin Beteiligung begünstigen. Wenn sich die benötigten Fähigkeiten ändern,
wirkt sich das auf die Faktoren aus, die diese Fähigkeiten begünstigen. So könnte Organisati-
onszugehörigkeit an Bedeutung verlieren. Durch die veränderte Art der Beteiligung, könnte
die Bedeutung von Freizeit abnehmen, genauso wie die Kenntnis über prozedurales politi-
sches Wissen. Um weitere Einblicke in derartige Fragen zu erhalten, bietet es sich an, Hin-
weise aus einer weiteren Quelle heranzuziehen: empirische Untersuchungen zu E-
Partizipation. Zur Auswahl der untersuchten Studien und zur Diskussion der Vorgehensweise
siehe Kapitel 6.4. Nach den Kriterien von Typ/Fokus und Erhebungsjahr gefiltert, lassen sich
15 Studien zur Online Partizipation identifizieren (siehe Tabelle 3, für weitere Informationen
siehe Tabelle Anhang C-1). Eine Übersicht der Variablen-Verwendung findet sich in Tabelle 4.
Im Folgenden sollen die Studien kurz vorgestellt werden. Eine detaillierte Übersicht über die
jeweilige Operationalisierung von E-Partizipation findet sich in Anhang C.
Anduiza, Gallego und Cantijoch (2010) untersuchen, bezogen auf das CVM (Verba u. a.,
1995), ob sich der Ressourcen-Bedarf bei Online-Formen der Partizipation verändert. Ihre
Grundgesamtheit ist die spanische Bevölkerung. Bewusst sind im 2007 erhobenen Sample
(n=3907) Spanier zwischen 18 und 40 überrepräsentiert, um hohe Internetnutzung sicher-
zustellen. Erhebungsmethode war eine persönliche Befragung.
Bakker und de Vreese (2011) untersuchen 16-24-jährige Internetnutzer in den Niederlanden
und wie sich die Art ihrer Mediennutzung auf Partizipationsverhalten auswirkt. Sie unter-
suchen sowohl traditionelle als auch digitale Partizipation. Ihr Datensatz mit 2409 Teilneh-
mern wurde 2006 über eine Online-Befragung erstellt.
Borge und Cardenal (2011) untersuchen in Spanien, ebenfalls mit Verweisen auf das CVM
(Verba u. a., 1995), ob Online-Partizipation durch andere Faktoren beeinflusst wird als Off-
line-Partizipation. Im Fokus stehen dabei besonders Internet-Fähigkeiten und politisches In-
teresse. Sie betrachten außerdem den Einfluss von Internet-Fähigkeiten und untersuchen
den Effekt von Mobilisierung und Surfverhalten. Sie benutzen den gleichen Datensatz wie
Anduiza und Cantijoch, ziehen aber ein anderes Sample (n=3716).
Christensen und Bengtsson (2011) untersuchen den mobilisierenden Effekt von Online-
Beteiligung in Finnland und inwiefern es Bürger gibt, die sich ausschließlich online beteiligen.
Sie benutzen einen 2007 erhobenen Datensatz aus einer persönlichen Befragung mit 1422

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018


K. Große, Benutzerzentrierte E-Partizipation,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-19877-0_8
98 Validierung der Merkmalsliste

Teilnehmern. In ihrer Analyse vergleichen Sie Online-Beteiligte mit Offline-Beteiligten und


sogenannte Doppel-Beteiligten.
De Zúñiga, Veenstra, Vraga und Shah (2010) untersuchen Leser von politischen Blogs in Be-
zug auf deren Offline- und Online-Beteiligungsverhalten im Zusammenhang mit Medien-
nutzung. An einer über die Blogs beworbenen Online-Befragung im Jahr 2006 nahmen 3909
Teilnehmer teil, wobei ein deutlicher Männerüberschuss mit fast 74 Prozent besteht.
Escher (2012) untersucht Online-Partizipation in der Ausprägung des Online-Kontaktierens in
Deutschland und in Großbritannien. Escher vergleicht die Gruppen derer, die innerhalb eines
Jahres eine Person in einer politischen Rolle online (über E-Mail, Chats oder Newsgroups)
oder offline kontaktiert haben miteinander und mit der Gesamtbevölkerung. Dabei benutzt
er eine Vielzahl von repräsentativen Erhebungen aus den Jahren 2008 und 2009 über die
beiden Bevölkerungen sowie auch eigene Erhebungen über Benutzer von Contacting-
Portalen beider Länder. Im Fokus stehen sozio-demographische Merkmale.
Evans und Ulbig (2012) untersuchen den Einfluss von Extraversion auf politisches Engage-
ment. Dabei betrachten sie gezielt auch den Effekt auf Online-Engagement. Sie gehen davon
aus, dass Online- und Offline-Engagement zu unterscheiden sind. Sie benutzen einen Daten-
satz aus dem Jahr 2009 (n=1000), der repräsentativ ist für die erwachsene US-Amerikanische
Bevölkerung.
Goldfinch, Gauld und Herbison (2009) untersuchen, ob es eine Participation Divide, eine
Spaltung zwischen politisch Beteiligten und Unbeteiligten, in Neuseeland und Australien gibt,
trotz der neuen Möglichkeiten von Online-Partizipation, hauptsächlich bezogen auf Sozio-
Demographie. Ihr Datensatz wird durch fast 1000 Telefon-Befragungen in beiden Ländern
aus dem Jahr 2006 gespeist, wobei das Sample im Schnitt circa zehn Jahre über dem Alters-
durchschnitt der Bevölkerung liegt.
Haller, Li und Mossberger (2011) benutzen den Datensatz der Pew-Umfrage 2009. Das Pew
Research Center erhebt regelmäßig Datensätze zur Internetnutzung und politischen Inter-
netnutzung Erwachsener in den USA über Telefon-Umfragen. Die Autoren untersuchen ver-
schiedene E-Government-Benutzer in Bezug auf deren Offline- und Online-Partizipation. Sie
unterscheiden zwischen Benutzern, die nur Service-Angebote nutzen, und solchen, die auch
Informationen über politische Entscheidungen suchen.
Hoffman (2012) arbeitet eine Unterscheidung zwischen Online-Partizipation und Online-
Kommunikation heraus. Auf der Grundlage des Pew-Datensatzes von 2008 untersucht sie
den Einfluss sozio-demographischer Variablen auf beide Konstrukte.
Jugert, Eckstein, Noack, Kuhn und Benbow (2013) betrachten das Offline- und Online-
Engagement von Jugendlichen zwischen 16 und 26 Jahren in Deutschland (n=755). Der Da-
tensatz wurde zwischen 2009 und 2012 über schriftliche administrierte und Online-
Fragebögen erhoben. Sie interessieren sich besonders für Unterschiede zwischen ethnischen
Gruppen. Grundlegende Theorie ist die TPB, die bereit im Zusammenhang mit UTAUT2 er-
Vorläufige Merkmalsliste 99

wähnt wurde. Dementsprechend werden neben sozio-demographischen Variablen soziale


Anreize betrachtet sowie Motivationen und Wirksamkeitsbewusstsein.
Smith (2013) stellt die Ergebnisse der Pew-Umfrage aus dem Jahr 2012 vor, bezogen auf zi-
vilgesellschaftliches Engagement im digitalen Zeitalter. Es wird Offline- und Online-
Engagement betrachtet. Es werden ausschließlich sozio-demographische Variablen und die
ideologische politische Verortung untersucht.
Spaiser (2012) vergleicht die politische Aktivität online und offline von Jugendlichen in
Deutschland. Sie interessiert sich für die Gegenüberstellung der deutschstämmigen Mehr-
heit mit einer muslimischen Minderheit. Die Erhebung erfolgte schriftlich zwischen 2009 und
2010 und das Sample (Deutsche: n=771, Deutsch-Muslime: n=626) ist nicht repräsentativ.
Als theoretische Grundlage kombiniert die Autorin Ressourcen-Ansätze mit Modellen der
rationalen Entscheidung.
Valenzuela, Kim und de Zúñiga (2012) untersuchen den Zusammenhang zwischen den sozia-
len Online-Netzwerken von Personen und deren politischen Online Verhalten. Sie untersu-
chen die Größe des Netzwerks, die Homogenität der Meinungen und die Intensität der poli-
tischen Diskussionen innerhalb des Netzwerks. Als Kontrollvariablen werden Sozio-
Demographie und Angaben zur Mediennutzung erhoben. Der Datensatz basiert auf einer
Online-Erhebung über erwachsene US-Amerikaner (n=1159) aus dem Jahr 2008.
Wagner und Gebel (2014) untersuchen das politische Verhalten von Jugendlichen. Ein Teil
ihrer Untersuchung betrachtet das „Gesellschaftliche Engagement im Internet“ (S. 114 ff.).
Wichtig dabei ist zu bemerken, dass die Stichprobe im Jahr 2011 über StudiVZ generiert
wurde und somit nur aktive Benutzer eines sozialen Netzwerkes beinhaltet. Es wird also
vielmehr das politische Online-Verhalten von jugendlichen Benutzern (12-19 Jahre) sozialer
Netzwerke untersucht (n=1182). Im Fokus stehen sozio-demographische Variablen und poli-
tisches Interesse.
 Tabelle 3: Empirische Studien zu E-Partizipation
Nr. Urheber
1 Anduiza, Gallego und Cantijoch (2010)
2 Bakker und de Vreese (2011)
3 Borge und Cardenal (2011)
4 Christensen und Bengtsson (2011)
5 De Zúñiga, Veenstra, Vraga und Shah (2010)
6 Escher (2012)
7 Evans und Ulbig (2012)
8 Goldfinch, Gauld und Herbison (2009)
9 Haller, Li und Mossberger (2011)
10 Hoffman (Hoffman, 2012)
11 Jugert, Eckstein, Noack, Kuhn und Benbow (2013)
12 Smith (2013)
13 Spaiser (2012)
14 Valenzuela, Kim und de Zúñiga (2012)
15 Wagner und Gebel (2014)
 Tabelle 4: Übersicht über Merkmalsverwendung in empirischen Studien
100

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15
Sozio-Demographische Faktoren
Geschlecht x x x x x x x x x x x x x x
Alter x x x x x x x x x x x x x x
Familienstand* x
Disability* x
Ethnie* x x x x x x x x x
Bildung x x x x x x x x x x x x x x
Einkommen x x x x x x x x x x
Job-Status x x x x
Wohnort x x x
Organisationszugehörigkeit
Ressourcen
Freizeit x x
IT-Infrastruktur x x
Fähigkeiten
Politische Fähigkeiten x x
Online-Fähigkeiten x x x x
Wissen
Politisches Wissen (prozedural) x
Eigenschaften
Extraversion x
Gewissenhaftigkeit
Verträglichkeit
Emotionale Stabilität
Offenheit für Erfahrungen
Kognitive Neigung x x x
Kontrollüberzeugung
Selbstkonzeption
Selbstvertrauen x x
Individuelles Wirksamkeitsbewusstsein x x
Soziale Identität x
Einstellungen
Einstellung zum politischen System x x x x x
Politisches Interesse x x x x x x x x
Politisches Wirksamkeitsbewusstsein x x
Dogmatismus* x x
Ideologie* x x x x x
Validierung der Merkmalsliste
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15
Allgemeine Zufriedenheit x
Einstellung zu IT
Motivation
Pflichtgefühl x
Politikbeeinflussung
Gruppenziele
Altruismus
Vorläufige Merkmalsliste

Soziale Interaktion
Soziale Anreize x
Intrinsisch
Überzeugungsbasiert
Hedonistisch x
Selbstdarstellung
Selbstentwicklung x
Gewohnheiten
Kommunikationsverhalten
Häugikeit sozialer Interaktion
Stimuli-Empfang x
Intensität politischer Beteiligung x x x x
Art der gewohnten politischen Beteili-
x x x
gung
Grad der Online-Gewöhnung x x x x
Art der Online-Nutzung* x x
Notiz. Kursiv=vorläufig übernommene Merkmale, *=Merkmale bisher nicht in der Merkmalsliste enthalten.
101
102 Validierung der Merkmalsliste

8.1 Sozio-Demographische Faktoren

8.1.1 Beschreibung der Variablen-Abdeckung


Die Auswertung zeigt, dass die meisten Studien Geschlecht und Alter mit einbeziehen. Bei
Spaiser (2012) wird Alter nicht einbezogen, weil sich die Studien explizit nur auf Jugendliche
bezieht. Warum Geschlecht ausgeklammert wird, bleibt unklar. Auch alle weiteren sozio-
demographischen Faktoren werden von der Autorin nicht untersucht.40 Evans und Ulbig
(2012) inkludieren als einzige den Familienstand, der bisher nicht als Merkmal übernommen
wurde, Escher (2012) das bisher ausgeschlossene Vorhandensein von körperlichen oder geis-
tigen Beeinträchtigungen (Disability). Familienstand wird von Evans und Ulbig (2012) unter
anderem mit Bezug auf Milbrath und Goel (1977) übernommen. Ethnie taucht in einer Viel-
zahl von Studien auf. Der Übertrag auf Deutschland ist, wie bereits erwähnt, schwierig. Inte-
ressant ist aber, dass zum Beispiel Escher (2012) die Perspektive leicht verändert und statt
der klassischen Erhebung von Ethnie nach der allgemeinen Zugehörigkeit zu einer Minder-
heit fragt. Spaiser (2012) und Jugert u. a. (2013) legen die Perspektive des Migrationshinter-
grundes an. Sozialer Status wird über seine verschiedenen Ausprägungen einbezogen. Alle
Studien erheben das Bildungsniveau. Jugert u. a. (2013) beziehen auch die Bildung der Eltern
mit ein. Das scheint naheliegend, da in dieser Studie Jugendliche und junge Erwachsene im
Fokus stehen (siehe dazu auch Kapitel 7.1.2.2). Hoffman (Hoffman, 2012) erhebt zwar das
Bildungsniveau, betrachtet es aber als Indikator für politische Fähigkeiten im Sinne der Res-
sourcen von Verba u. a. (1995). Der Berufsstatus wird nur vereinzelt erhoben. Bei Hoffman
(Hoffman, 2012) dient er als Beitrag zur Messung der verfügbaren Freizeit. Es zeigt sich, dass
die Autoren eher auf den Indikator des Einkommens zurückgreifen, der wesentlich häufiger
erhoben wird. Wohnort wird nur vereinzelt erhoben, Organisationszugehörigkeit spielt keine
Rolle.

8.1.2 Diskussion der Konsequenzen für die Merkmalsliste


Während Geschlecht eine der Variablen war, die nach der theoretischen Herleitung als
wahrscheinlich nicht zentral vermerkt wurde, spielt sie in fast allen empirischen Studien eine
Rolle. Theoretisch wurde argumentiert, dass Geschlecht eher moderierend wirkt. Auch wur-
de suggeriert, dass der indirekte Einfluss von Geschlecht ausreichend über zum Beispiel
Selbstvertrauen und politische Wirksamkeitsempfinden beschrieben werden kann. Schließ-
lich wurde vermutet, dass Geschlechter-Unterschiede mit fortschreitender Modernisierung
abnehmen. Deshalb soll an dieser Stelle ein detaillierterer Blick angelegt werden. Einige der
untersuchten Studien bilden keinen Index der E-Partizipation sondern untersuchen einzelne
Aktivitäten. So lassen sich beispielsweise Anduiza und Cantijoch (2010) und Escher (2012)
vergleichen, die beide die Kontaktierung von Politikern untersuchen. Während Escher (2012)

40
Das ist für die Studie sicherlich sinnvoll, da die Autorin ausschließlich ähnliche Gruppen von Schulkindern in
Städten betrachtet. Für die weitere Diskussion über demographischen Faktoren wird Spaisers Arbeit nicht
beachtet.
Sozio-Demographische Faktoren 103

eine Überrepräsentanz von männlichen Benutzern feststellt, finden Anduiza und Cantijoch
(2010) keinen signifikanten Einfluss (für eine Übersicht siehe Tabelle Anhang C-2).
Drei Studien untersuchen eine relativ allgemein gehaltene abhängige Variable, die sich als
politische Online-Diskussion beschreiben lässt. Evans und Ulbig (2012) finden, dass sich
Männer häufiger bei einem derartigen Format beteiligen. Smith (2013) hingegen findet kei-
nen signifikanten Einfluss, genauso wenig wie Wagner und Gebel (2014). Da Merkmalsspar-
samkeit das Ziel einer Typologie sein muss, erscheint es sinnvoll, Geschlecht an dieser Stelle
nicht als Merkmal zu übernehmen. Dies ist auch in anderen Typologien üblich: Eine Analyse
von Oser, Hooghe und Marien (2013) zeigt explizit, dass Geschlecht keinen Einfluss zu haben
scheint, sobald man sich auf der Ebene der Typologie bewegt. Auch bei Blick auf die später
verwendeten Typologien (Sinus Institut, 2012, 2014) wird deutlich, dass Geschlechter-
Unterschiede nur minimal und kein ausreichendes konstituierendes Kriterium sind.
Zwar wurde Alter als Variable in fast allen Untersuchungen erhoben und auch aus der Theo-
rie als wichtig abgeleitet. Interessanterweise finden sich jedoch auch hier widersprüchliche
Ergebnisse in den empirischen Untersuchungen. Diese werfen die Frage auf, ob Alter tat-
sächlich in die Merkmalsliste übernommen werden sollte. Hier lohnt sich der Blick auf die
Studien von Anduiza und Cantijoch (2010) sowie Evans und Ulbig (2012), um diese Wider-
sprüche aufzuklären. Erstere trennen in ihrer Analyse Einflüsse auf Internetnutzung und On-
line-Partizipation. Dabei zeigt sich, dass jüngere Altersgruppen eher online sind und deshalb
vermehrt bei Online-Partizipation vertreten. Werden aber nur Internetnutzer betrachtet,
offenbart sich ein positiv signifikanter Zusammenhang zwischen Partizipation und Alter. Ähn-
liches finden auch Evans und Ulbig (2012). Sie vergleichen Online- mit Offline-Diskussionen
und finden nur bei ersterem einen negativen Zusammenhang von Alter und Diskussionshäu-
figkeit. Daraus schließen sie, dass dieser Zusammenhang keine Aussage über Partizipations-
verhalten zulässt, sondern eher über Technologienutzung. Es scheint daher, dass zwar keine
Aussage darüber getroffen werden kann, wie sich Alter auf Online-Partizipation auswirkt. Für
die Technologienutzung zumindest aber scheint Alter ein relevanter Faktor zu sein, weshalb
es als Merkmal übernommen wird.
Es zeigen sich weiter einige Variablen, die bisher von der Merkmalsliste ausgeschlossen wur-
den. Der Familienstand wurde bisher bewusst ausgeschlossen, weil sich dieser nicht mehr als
Indikator für einen Lebensabschnitt eignet (siehe Kapitel 7.1.1.3.2). Dieser Argumentation
folgen auch Evans und Ulbig (2012), die als einzige diese Variable erheben. Sie finden keine
Signifikanz für Familienstand und argumentieren dass eventuelle Unterschiede im Partizipa-
tionsverhalten nicht auf den tatsächlichen Familienstand, sondern auf die Integration in der
Gemeinschaft zurückzuführen sind, die klassisch über die Zeit und somit auch mit einer
eventuellen Familiengründung wächst. „Integration with the community develops gradually
with marriage, job responsibility, and acquiring a family” (S. 116). Entscheidend ist aber die
Integration, die ausreichend über die Variable soziale Identität abgedeckt wird. Familien-
stand wird deshalb nicht gesondert übernommen. Körperliche oder geistige Behinderungen
104 Validierung der Merkmalsliste

wurden bisher explizit ausgeklammert. Wie in Kapitel 2 beschrieben, ist das Thema Barriere-
freiheit zwar von großer Relevanz, steht in dieser Untersuchung aber nicht im Fokus und ist
weiterhin kein typologisches Unterscheidungsmerkmal. Auch bei Escher (2012) wird das
Merkmal nicht in die Analyse aufgenommen, da es zu wenige Fallzahlen gibt. Ethnie wird in
einer Vielzahl von Studien erhoben und wurde bis jetzt wegen des US-Fokus ausgeklammert.
Eine Umformulierung in Zugehörigkeit zu einer Minderheit (Escher, 2012; Jugert u. a., 2013;
Spaiser, 2012) würde die Möglichkeit bieten, dem häufig erhobenen Merkmal Ethnie ohne
US-spezifischen Hintergrund Rechnung zu tragen. Ruft man sich die diskutierte Bedeutung
von Gruppenzugehörigkeit (besonders bei Milbrath & Goel, 1977, zusammengefasst als sozi-
ale Identität) auf Partizipation in Erinnerung, kann dies durchaus als relevanter Faktor gese-
hen werden. Es ist zum Beispiel anzunehmen, dass einige Angehörige einer Minderheit sich
stark über diese Gruppe identifizieren. Es gibt aber im Umkehrschluss keine Anzeichen dafür,
dass nur Angehörige von Minderheiten sich stark mit einer Gruppe identifizieren oder dass
ein Großteil der in Deutschland lebenden Minderheiten sich stark mit ihrer Gruppe identifi-
ziert. Für das Verhalten scheint es irrelevant, mit welcher Gruppe sich Menschen identifizie-
ren. Die allgemein formulierte soziale Identität scheint daher das geeignetere Merkmal, um
zwischen Typen zu differenzieren. Das Merkmal Zugehörigkeit zu einer Minderheit wird des-
halb nicht aufgenommen.
Bildung wird fast durchgängig als Merkmal erhoben. Auch hier zeigen sich bei einem nähe-
ren Blick auf ausgewählte Untersuchungen ambivalente Ergebnisse. Anduiza und Cantijoch
(2010) stellen einen Einfluss für Internetnutzung fest, aber nicht für weiteres Online-
Partizipationsverhalten. Allerdings könnte dies als Resultat der Operationalisierung von E-
Partizipation gewertet werden: Die Schwelle bei der Teilnahme an E-Petitionen und E-
Kontaktierung ist eher gering. Das erscheint besonders sinnvoll, da die Operationalisierung
von E-Kontaktierung auch den Kontakt zu Behörden beinhaltet. Ob sich jemand online betei-
ligt oder nicht hängt folglich mit dieser Operationalisierung primär davon ab, wie sehr je-
mand IT nutzt. Es ist gut möglich, dass höherschwellige Online-Partizipation für einen signifi-
kanten Einfluss von Bildung sorgen würde, wie die Signifikanzen bei Online-Diskussionen und
E-Contacting zu suggerieren scheinen. Dies kann aber hier nicht endgültig entschieden wer-
den. Bildung scheint zumindest aber ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu sein, wobei
unklar bleibt, ob es sich nur auf die Art und/oder Intensität der Online-Nutzung auswirkt. Die
gleiche Diskussion lässt sich für Einkommen führen, das dementsprechend ebenfalls über-
nommen wird.
Job-Status wird kaum erhoben und es scheint sinnvoll, diesen aus mangelnder Trennschärfe
zu Einkommen nicht in die Merkmalsliste zu übernehmen. Wohnort wird nur von Anduiza
und Cantijoch (2010) erhoben und scheint ebenfalls primär Einfluss auf Internetverhalten zu
haben. Es ist zu vermuten, dass dies mit der unterschiedlichen Verfügbarkeit von Infra-
struktur zu verbinden ist. Da IT-Infrastruktur als Merkmal in der Liste vorhanden ist, muss
Wohnort nicht gesondert betrachtet werden. Organisationszugehörigkeit war nur unter Vor-
Ressourcen, Fähigkeiten, Wissen 105

behalt aufgenommen worden und es findet sich kein Hinweis auf die Relevanz dieses Merk-
mals, weswegen es nicht weiter berücksichtigt wird.
8.2 Ressourcen, Fähigkeiten, Wissen

8.2.1 Beschreibung der Variablenabdeckung


Wenn man die besonders durch den Ressourcen-Ansatz von Verba u. a. (1995) geprägten
Kategorien Ressourcen, Fähigkeiten und Wissen betrachtet, heben sich deutlich zwei auf
diesem Ansatz aufbauende Studien hervor: Hoffman (2012) und Anduiza u. a. (2009). Diese
Studien sind die einzigen, die Freizeit und politische Fähigkeiten als relevante Indikatoren
betrachten. Allerdings verzichtet Hoffmann darauf, Fähigkeiten gesondert zu erheben und
nutzt stattdessen das Bildungsniveau. Auch kontrastiert Hoffman nicht traditionelle Fähig-
keiten mit Online-Fähigkeiten. In wenigen anderen Studien werden Online-Fähigkeiten iso-
liert betrachtet, entweder über einen Index oder über eine allgemeine Selbsteinschätzung.
Haller u. a. (2011) erheben stattdessen die Nutzungshäufigkeit, was eher unter Gewohnheit
als unter Fähigkeit einzuordnen ist. Auffällig ist, dass IT-Infrastruktur als Ressource nur in
zwei Studien überhaupt betrachtet wird. Politisches Prozesswissen wird nur von Christensen
und Bengtsson (2011) erhoben.

8.2.2 Diskussion der Konsequenzen für Merkmalsliste


Dass Ressourcen, Fähigkeiten und Wissen sowie Eigenschaften nur vereinzelt erhoben wer-
den, kann nicht als ausreichender Hinweis auf mangelnde Relevanz gewertet werden. Viel-
mehr scheint es, dass diese Perspektive nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Disku-
tiert werden soll dennoch politisches Wissen, das nur unter Vorbehalt in die Merkmalsliste
aufgenommen wurde. Wird dieses nicht im Sinne einer Grundvoraussetzung betrachtet, gibt
es zwei vorstellbare Wirkungswege. Zum einen könnte größeres Wissen auf mehr Interesse
hindeuten. Dann sollte vor dem Hintergrund der Sparsamkeit nur Interesse erhoben werden.
Zum anderen könnte besseres Wissen über Abläufe zu einer individuellen Senkung der wahr-
genommenen Kosten führen. Dies wird hier aber über verschiedene andere Merkmale er-
fasst: IT-Affinität, Online-Verhalten und Online-Fähigkeiten. Es scheint daher angebracht,
politisches Prozesswissen nicht gesondert als Merkmal zu erhalten. Diese Argumentation
lässt sich auch auf politische Fähigkeiten übertragen. Dies wird auch durch die Untersuchung
von Anduiza und Cantijoch (2010) unterstützt. Klassische Fähigkeiten scheinen laut der Auto-
ren an Einfluss verloren zu haben. Relevanter ist aber, dass sie durch Einkommen und Bil-
dung abgedeckt werden können und daher keinen nennenswerten zusätzlichen Beitrag als
eigenständiges Merkmal leisten. Internet-Fähigkeiten scheinen signifikant zu sein.
8.3 Eigenschaften
Bereits auf den ersten Blick wird deutlich, dass Eigenschaften unterforscht sind. Einzig Evans
und Ulbig (2012) beschäftigen sich mit dem Einfluss von Extraversion (sociability) auf Online-
Beteiligung. Vereinzelt beziehen Studien Variablen mit ein, die in Richtung einer Messung
der kognitiven Neigung gehen. De Zúñiga u. a. (2010) erheben den Grad der media reflec-
106 Validierung der Merkmalsliste

tion, der beschreibt, wie intensiv die Befragten Medieninhalte hinterfragen und in Bezug auf
ihre Lebensrealität reflektieren. Valenzuela u. a. (2012) inkludieren die Häufigkeit von
reasoning discussion, die Häufigkeit, mit denen die Befragten mit anderen argumentieren.41
Jugert u. a. (2013) erheben cultural capital, wobei dies über die Anzahl der Bücher im Haus-
halt geschieht und in der Validität sicherlich zu hinterfragen ist.42 Dementsprechend werden
die Eigenschaften unverändert übernommen.
8.4 Selbstkonzeption
Alle Merkmale der Selbstkonzeption werden vereinzelt erhoben. Borge und Cardenal (2011)
sowie Christensen und Bengtsson (2011) messen die Eigeneinschätzung bezüglich der eige-
nen Fähigkeiten, Politik zu verstehen und notwendige Informationen zu haben, was als
Selbstvertrauen interpretiert werden kann. De Zúñiga u. a. (2010) und Valenzuela u. a.
(2012) interpretieren das individuelle Wirkungsbewusstsein, wie durch die Theorien des
kollektiven Handelns angeregt, als den Glauben an die Wirkung des eigenen Beitrags. Valen-
zuela u. a. (2012) messen zusätzlich, wie viel Einstimmigkeit in der sozialen Umgebung be-
steht und decken somit eine Facette der sozialen Identität ab. Alle Merkmale werden unver-
ändert übernommen.
8.5 Einstellungen

8.5.1 Beschreibung der Variablenabdeckung


Größere Aufmerksamkeit erfahren die Einstellungen. Einige Studien erheben die Einstellung
zum System entweder durch eine direkte Frage nach dem Vertrauen gegenüber der Regie-
rung oder über die strength of partisanship, die Stärke der Identifikation mit einer Partei (im
Falle der Studien Republikaner oder Demokraten in den USA). Haller u. a. (2011) fragen zu-
sätzlich ab, ob Befragte Mitarbeiter der Regierung sind. Das politische Interesse wird in der
Hälfte der Studien betrachtet. Dabei wird eine Vielzahl von Messwerten erhoben, von der
Eigeneinschätzung des politischen Interesses über Gesprächshäufigkeiten und Nachrichten-
Konsum. Politisches Wirkungsbewusstsein wird nur von Borge und Cardenal (2011) und Ju-
gert u. a. (2013) erhoben. De Zúñiga u. a. (2010) erheben zusätzlich noch issue extremity, ei-
ne Skala, die Überzeugungsstärke zu inhaltlichen Themen misst. Dies erinnert an die Variable
Dogmatismus. Auch Evans und Ulbig (2012) fragen nach der Stärke von Werte-
Ausprägungen, unabhängig von der Richtung. De Zúñiga u. a. (2010), Goldfinch u. a. (2009),
Haller u. a. (2011), Hoffman (Hoffman, 2012) und Smith (2013) erheben die Ausprägung des
partisanship, das heißt, die Identifikation mit Demokraten oder Republikanern, die in US-
Amerikanisch geprägter Forschung häufig gestellt wird aber bisher nicht berücksichtigt wur-
de.43 Haller u. a. (2011) erheben zusätzlich noch liberale Ideologie. Ein weiterer Punkt wird

41
Vermutlich lässt sich die inhaltliche Überschneidung damit erklären, dass einige der Autoren an beiden Stu-
dien beteiligt waren.
42
Besonders im Zeitalter des E-Books.
43
Goldfinch u. a. (2009) erheben zusätzlich noch Präferenz für eine grüne Partei.
Motivation 107

von Spaiser (2012) hervorgebracht. Sie erhebt social/political discontentment und feelings of
anger.44 Diese Items sind eher als ein allgemeines Zufriedenheitsgefühl zu betrachten als ei-
ne Einstellung gegenüber dem politischen System. Einstellung zu IT wird interessanter Weise
nicht erhoben.

8.5.2 Diskussion der Konsequenzen für Merkmalsliste


Bei den Einstellungen lassen sich einige Hinweise aus der Übersicht über empirische Studien
ableiten. Dogmatismus war bisher nicht in der Merkmalsliste enthalten, weil er im klassi-
schen politischen Verhalten als Teil der zu vorhersagenden abhängigen Variablen gilt. Dog-
matismus wird daher neu aufgenommen. Ebenso war ein Merkmal zur Erfassung der Ideolo-
gie wegen mangelnder Übertragbarkeit auf Deutschland bisher ausgeschlossen worden. Hal-
ler u. a. (2011) erheben eine partei-unabhängige Ideologie, die möglicherweise auch in
Deutschland abzubilden wäre. Vor dem Hintergrund der Merkmalssparsamkeit wird aber
davon abgesehen. Ideologie beeinflusst am ehesten Themen-Präferenzen, was nicht Teil der
Typologie sein soll. Andere Einflüsse auf beispielsweise die Einstellung zu Staat oder IT wer-
den bereits in der Typologie abgebildet. Grundlegende Unterschiede in der Persönlichkeit
werden über Eigenschaften aufgenommen und eine mögliche ideologische Überzeugung pro
Bürgerbeteiligung wird ebenfalls bereits reflektiert. Unabhängig von politischen Themen
wird ein allgemeines Zufriedenheitsgefühl ergänzt.
8.6 Motivation
Motivationen standen bisher scheinbar nicht im Fokus der Forschung. Nur einige Studien er-
heben vereinzelt einige Motivationen. Bakker und de Vreese (2011) erheben über die konsu-
mierten TV-Programme eine entertainment preference, eine Nutzung primär zu Unterhal-
tungszwecken, was als hedonistische Motivation betrachtet werden könnte. De Zúñiga u. a.
(2010) erheben die Motivation, informiert zu bleiben und zu lernen, was als Selbstentwick-
lung gewertet werden kann. Jugert u. a. (2013) erheben den Druck, der von den Erwartun-
gen von Eltern und Peers ausgeht und beschreiben somit soziale Anreize zur Beteiligung.
Borge und Cardenal (2011) sprechen mit zwei Indexen (citizen duty conception und engaged
citizen conception) ein Pflichtgefühl an. Jugert u. a. (2013) erheben eine allgemeine Motiva-
tionsskala, die ursprünglich aus den Items persönliches Weiterkommen und sozialer Wandel
besteht (personal enhancement und social change), fassen diese aber zusammen, weshalb
sie sich hier nicht einordnen lässt. Die Liste der Motivationen wird somit unverändert über-
nommen.

44
In Spaisers Fall kommt noch das durch den Minderheiten-Fokus bedingte discrimination because of deno-
mination (being Muslim) hinzu, was an dieser Stelle nicht relevant ist.
108 Validierung der Merkmalsliste

8.7 Gewohnheiten

8.7.1 Beschreibung der Variablenabdeckung


Weder allgemeines Kommunikationsverhalten noch die Häufigkeit sozialer Interaktion wer-
den gemessen. Zwar wird die Häufigkeit politischer Gespräche erhoben, dies gilt aber als In-
dikator politischen Interesses. Nur Bakker und de Vreese (2011) erheben den Stimuli-
Empfang über Mediennutzung. Escher (2012), Goldfinch u. a. (2009) und Valenzuela u. a.
(2012) beschäftigen sich damit, ob sich die Teilnehmer politisch beteiligen. Spaiser (2012)
erhebt die politische Aktivität der Eltern und anderer nahestehender Personen. Borge und
Cardenal (2011) erheben die Nutzung des Internets zur politischen Information, um festzu-
stellen, ob es die Teilnehmer gewohnt sind, für politische Angelegenheiten ins Internet zu
gehen. Ähnlich verfahren de Zúñiga u. a. (2010), indem sie die Nutzung von Online-
Nachrichten erheben. Escher (2012) erhebt, ob sich seine Teilnehmer online, offline oder
durch beide Kanäle politisch beteiligen. Weiterhin erfassen einige Studien die Online-
Gewöhnung. (2009), Bakker und de Vreese (2011), Christensen und Bengtsson (2011) sowie
Haller u. a. (2011) fragen nach der Häufigkeit der Internetnutzung. Einen ersten Hinweis auf
unterschiedliches Nutzungsverhalten findet sich bei Bakker und de Vreese (2011), die nicht
nur Online-Gewöhnung, sondern auch die Art der Nutzung erheben, das heißt, ob eher Ser-
vice-Orientierung oder zum Beispiel Musik-Konsum dominiert. Borge und Cardenal (2011)
messen, ob Teilnehmer auch ohne spezifischen Grund im Netz surfen, was durchaus auch als
Indikator für unterschiedliche Nutzungsarten gewertet werden kann.

8.7.2 Diskussion der Konsequenzen für Merkmalsliste


Die Art der Online-Nutzung ist eine wichtige Variable, dies bisher nicht berücksichtigt wurde
und jetzt übernommen wird. Die Variablen Kommunikationsverhalten, soziale Interaktion
und Stimuli-Empfang stammen alle aus der Betrachtung von Milbrath und Goel (1977) und
spielen in empirischen Untersuchungen praktisch keine Rolle. Es scheint sich an dieser Stelle
anzubieten, ihren Mehrwert für die Typologie mit Hinblick auf Merkmalsparsamkeit erneut
zu überdenken. Diese Variablen wurde aus den Diskussionen von Milbrath und Goel (1977)
übernommen, weil sie die Empfänglichkeit für Stimuli begünstigen und zeigen, dass Men-
schen mehr im Zentrum der Gesellschaft stehen. Tatsächlich wird das Zentrum, wie es Mil-
brath und Goel (1977) beschreiben, in Bezug auf Online-Partizipation eher durch Online-
Verhalten beschrieben, das heißt IT-Affinität und Online-Gewöhnung, die bereits als eigen-
ständige Merkmale vorhanden sind. Des Weiteren wurde die Art der Online-Nutzung neu
aufgenommen, was ebenfalls die Wahrscheinlichkeit von Stimuli-Empfang beeinflusst. Es
scheint daher gerechtfertigt, Kommunikationsverhalten, soziale Interaktion und Stimuli-
Empfang nicht als gesonderte Merkmale beizubehalten.
8.8 Validierte Merkmalsliste
Zusammenfassend ergibt sich eine validierte Merkmalsliste (siehe Tabelle 5). An dieser Stelle
ist wichtig im Hinterkopf zu behalten, dass eine Typologie Gruppen von ähnlichen Benutzern
Validierte Merkmalsliste 109

beschreibt. Es ist also durchaus möglich, dass einige der identifizierten Merkmale einen Ein-
fluss auf Partizipationsverhalten haben, der aber nicht ausreicht, um eine Differenzierung
zwischen Typen zu rechtfertigen. Ein Hinweis darauf fand sich bereits bei der Variable Ge-
schlecht. Ähnliches könnte auch beim Einfluss des Alters vermutet werden. Besonders vor
dem Hintergrund, dass sozio-ökonomische Variablen bereits von Milbrath und Goel (1977)
eher als indirekte Faktoren beschrieben wurden, scheint diese Vermutung wahrscheinlich.
Dies ist in der folgenden Auswertung zu bedenken.
110 Validierung der Merkmalsliste
 Tabelle 5: Validierte Merkmalsliste
Nr. Merkmale
Sozio-Demographische Faktoren
1 Alter
2 Bildung
3 Einkommen
Ressourcen
4 IT-Infrastruktur
Fähigkeiten
5 Online-Fähigkeiten
Eigenschaften
6 Extraversion
7 Gewissenhaftigkeit
8 Verträglichkeit
9 Emotionale Stabilität
10 Offenheit für Erfahrungen
11 Kognitive Neigung
12 Kontrollüberzeugung
Selbstkonzeption
13 Selbstvertrauen
14 Individuelles Wirksamkeitsbewusstsein
15 Soziale Identität
Einstellungen
16 Einstellung zum politischen System
17 Politisches Interesse
18 Politisches Wirksamkeitsbewusstsein
19 Dogmatismus
20 Allgemeine Zufriedenheit
21 Einstellung zu IT
Motivation
22 Pflichtgefühl
23 Politikbeeinflussung
24 Gruppenziele
25 Altruismus
26 Soziale Interaktion
27 Soziale Anreize
28 Intrinsisch
29 Überzeugungsbasiert
30 Hedonistisch
31 Selbstdarstellung
32 Selbstentwicklung
Gewohnheiten
33 Intensität politischer Beteiligung
34 Art der gewohnten politischen Beteiligung
35 Grad der Online-Gewöhnung
36 Art der Online-Nutzung
9 Identifikation von Ausprägungsclustern
Nachdem die Liste der Merkmale abgeleitet wurde, die die Typen der Online-Partizipation
beschreiben, müssen nun die Typen selbst erarbeitet werden. Es gilt, dazu Ausprägungs-
cluster zu identifizieren. Dies wird zum einen durch die Auswertung bestehender Typologien
geleistet: der DIVSI-Milieus und U-25-Milieus. Zum anderen werden bekannte Ausprägungs-
korrelationen ergänzt.
9.1 Auswertung der DIVSI- und U25-Milieus
Einer der wichtigsten Beiträge zu Internetverhalten in Deutschland ist in Kooperation mit
dem SINUS-Institut im Auftrag des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im In-
ternet (DIVSI) entstanden (Sinus Institut, 2012). Dabei wurden sieben Milieus entwickelt, in
die sich die Bevölkerung ab 14 Jahre unterteilen lässt. Grundlage sind dabei die SINUS-
Milieus. Diese sind in der Lage, „Zielgruppen über die herkömmlichen soziodemografischen
Merkmale hinaus präziser zu klassifizieren. Die Sinus-Milieus bieten dafür einen bewährten
Ansatz, der den Wertorientierungen und Lebensstilen der Verbraucher gerecht wird“ (Sinus
Institut, 2015, S. 2). Somit ähneln sich auch die DIVSI-Milieus bezüglich: „Lebensauffassung,
Lebensweise, Wertorientierung, sozialer Lage, Lebensstil und Geschmack sowie vor allem in
ihren Einstellungen und Verhaltensweisen hinsichtlich Vertrauen und Sicherheit im Internet“
(Sinus Institut, 2013, S. 1).
Die sieben identifizierten DIVSI-Milieus sind: Digital Souveräne (DS), Effizienzorientierte Per-
former (EP), Unbekümmerte Hedonisten (UH), Postmaterielle Skeptiker (PS), Verantwor-
tungsbedachte Etablierte (VE), Ordnungsfordernde Internet-Laien (OFL) und Internetferne
Verunsicherte (IFV). Eine Überprüfung der Milieus im Jahr 2013 hat ergeben:
Insgesamt zeigt die Erhebung, dass die DIVSI Internet-Milieus trotz der rasanten digi-
talen Entwicklung stabil bleiben, weil sie die Motive und Barrieren der Internet-
Nutzung ganzheitlich betrachten. Die Milieus bleiben damit über einen längeren Zeit-
raum ein belastbares Instrument, mit dem die digitale Gesellschaft „vermessen“
werden kann und sich ihr Zustand zuverlässig beschreiben lässt. (Sinus Institut, 2013,
S. 6)

Ansonsten bietet die Ergänzung aus dem Jahr 2013 keine zusätzlichen Informationen. 2015
aber lieferten Hoffmann u. a. wichtige zusätzliche Informationen über das Beteiligungs-
verhalten der DIVSI-Milieus. Eine weitere Studie hat das DIVSI-Institut 2014 veröffentlicht.
Dort stehen Kinder und Jugendlichen ab neun bis 25 Jahren im Fokus. Für sie wurden folgen-
de U-25-Milieus identifiziert: Souveräne, Pragmatische, Unbekümmerte, Skeptiker, Verant-
wortungsbedachte, Vorsichtige und Verunsicherte. Die Namen lassen vermuten, dass diese
U-25-Milieus den DIVSI-Milieus ähneln. Die Autoren betonen, dass die Milieus sich zwar äh-
neln, sich aber nicht komplett entsprechen (Sinus Institut, 2014). Im Folgenden wird unter-
sucht, inwieweit sich die Milieus in Bezug auf für die Typologie relevante Merkmale ähneln,
oder ob sie zu unterscheiden sind.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018


K. Große, Benutzerzentrierte E-Partizipation,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-19877-0_9
112 Identifikation von Ausprägungsclustern

Als erstes werden nachfolgend Angaben zu Sozio-Demographie und IT-Nutzung, IT-


Infrastruktur und Online-Fähigkeiten der DIVSI-Milieus ausgewertet (Kapitel 9.1.1 und Kapi-
tel 9.1.2). Dann folgt eine Übersetzung der Basis-Trends, mit denen die Milieus beschrieben
werden (Kapitel 9.1.3, siehe auch die Methoden-Diskussion in Kapitel 6.6.2) und die Anwen-
dung der Übersetzung (siehe 9.1.4). Diese Ergebnisse werden durch die nachfolgende quali-
tative Inhaltsanalyse validiert und ergänzt durch die Analyse-Ergebnisse zum Beteiligungs-
verhalten der DIVSI-Milieus (Hoffmann u. a., 2015). Auch die U-25-Milieus werden durch ei-
ne qualitative Inhaltsanalyse analysiert. Die DIVSI-Milieus und U-25-Milieus werden vergli-
chen, um Cluster einer Typologie der Online-Partizipation zu identifizieren (Kapitel 9.1.5).

9.1.1 Sozio-Demographie
Aus den sozio-demographischen Angaben der DIVSI-Milieus lassen sich nur begrenzt Aussa-
gen ableiten (für eine Übersicht siehe Tabelle Anhang D-1). Zwischen den ersten fünf Milieus
ist nur wenig Altersunterschied zu erkennen. Bei PS und VE wird explizit die Aussage getrof-
fen, dass eine große Bandbreite an Jahrgängen vorhanden ist. OFL und IFV scheinen etwas
älter zu sein, wobei sich die IFV dabei etwas deutlicher abheben. An dieser Stelle gibt es aber
noch keine ausreichenden Hinweise darauf, dass Alter für die aus den Milieus abgeleiteten
Cluster konstituierend ist. Es scheint, dass der Zusammenhang von Alter und Technologie-
nutzung, der durch die Validierung mit empirischen Studien abgeleitet wurde (siehe Kapitel
8.1), nicht ausreichend stark ist, um Unterschiede zwischen Typen zu beschreiben. Ebenfalls
schwierig ist die Interpretation des Bildungsstands, nicht zuletzt wegen der ungleichmäßigen
Angaben im Bericht. Es zeigt sich zwar, dass bei einigen Typen eine höhere Repräsentation
von gehobenen Bildungsabschlüssen anzutreffen ist (DS, EP, PS), andere aber keine Beson-
derheiten aufweisen (UH). Dieses Merkmal scheint somit ebenfalls nur begrenzt geeignet zur
Cluster-Unterscheidung. Gleiches lässt sich über die Einkommensverteilung sagen.

9.1.2 IT-Infrastruktur und IT-Nutzung


Darüber hinaus wird auch der Besitz von Endgeräten erhoben, wobei sich als zentrale Aussa-
ge ableiten lässt, dass eine Form des Zugangs bei allen Milieus vorhanden ist. Eine Ausnahme
stellen lediglich die IFV dar. Allerdings enthält dieses Milieu viele Offliner. Diese fallen aus
den Clustern für eine Typologie der Online-Partizipation heraus. Es wird somit, bezogen auf
IT-Infrastruktur, in weiteren Auswertungen nur die Nutzung von mobilen gegenüber statio-
näre Endgeräten betrachtet, wobei Laptops hier als stationär interpretiert werden, weil sie
nicht die Entwicklung mobiler Lösungen fordern. Darüber hinaus werden für die DIVSI-
Milieus Index-Werte der Internet-Expertise beschrieben. Außerdem werden Nutzungshäu-
figkeiten erhoben sowie Art der Online-Nutzung (siehe Tabelle 6, für die Herleitung der Er-
gebnisse siehe Tabelle Anhang D-2). Diese Angaben werden übernommen. Um die Überset-
zung der DIVSI-Indexwerte in Typologie-Merkmale zu überprüfen und Lücken zu ergänzen,
beziehungsweise Widersprüche zu klären, werden im Folgenden die Beschreibungen der Ty-
pen herangezogen und wie in Kapitel 6.6.2 beschrieben ausgewertet.
Auswertung der DIVSI- und U25-Milieus 113
 Tabelle 6: Online-Gewöhnung und -Nutzung der Milieus
DS EP UH PS VE OFL IFV
Online- hoch hoch mittel mittel mittel mittel niedrig
Fähigkeiten

Grad der Onli- hoch hoch hoch hoch mittel mittel mittel
ne-
Gewöhnung
Art der Onli- sehr breit, breit, nutzen- spezifisch, spezifisch, spezifisch spezifisch, keine Anga-
ne-Nutzung aktiv orientiert Inhalte teilen Information nutzen- Information ben
orientiert

9.1.3 Übersetzung der Basis-Trends


Die DIVSI-Milieus werden auch durch sogenannte „Basis-Trends“ beschrieben. Diese lassen
sich wie folgt durch die Merkmalsliste abbilden (siehe auch Tabelle 7).45

Trend 1 (Adaptive Navigation) wird beschrieben mit „Flexibilität, Pragmatismus, Nutzen-


orientierung und Unvorhersehbarkeit und ständiger Wandel als Chance“.46 Flexibilität und
Wandel-Affinität sprechen für eine hohe Offenheit für Erfahrung.
Trend 2 (Autonomy) wird beschrieben mit „Ich-Vertrauen, Selbstmanagement, Individualität
und Unabhängigkeit und Leistungsethos, Vitalität“. Ich-Vertrauen könnte als Selbstvertrauen
interpretiert werden, Selbstmanagement als interne Kontrollüberzeugung. Individualität und
Unabhängigkeit lassen vermuten, dass das Streben nach sozialer Interaktion eher unter-
geordnet ist und soziale Anreize vermutlich weniger von Bedeutung sind. Eventuell gibt es
einen gewissen Hang zur Darstellung dieser Individualität, das heißt Selbstdarstellung. Leis-
tungsethos passt zur Beschreibung von Gewissenhaftigkeit.
Trend 3 (Digital Culture) enthält die Stichpunkte „neue soziale Organisationsformen, selbst-
verständlicher Umgang mit ITK sowie Virtualisierung, Gleichzeitigkeit“. Dies spricht für eine
eher positive Einstellung zu IT und hohe Online-Gewöhnung. Neue soziale Organisations-
formen könnten ein Hinweis darauf sein, dass Online-Communities einen Rahmen für Zuge-
hörigkeitsgefühle bieten, wobei dies keine zentrale Motivation sein muss, sondern womög-
lich eher eine Zustandsbeschreibung des Lebens im Digitalen. Somit handelt es sich möglich-
erweise eher um eine Art der Nutzung, bei der die Online-Welt einen Lebensraum darstellt.
Darauf deuten auch Virtualisierung und Gleichzeitigkeit hin.
Trend 4 (Diversity) bedeutet „Vielfalt als Chance und Notwendigkeit, Liberalität, Offenheit,
Multi-Kulturalität, Rollenflexibilität“. Dies scheint als Indikator für eine hohe Offenheit für
Erfahrungen zu sprechen.
Trend 5 (Hedonism), beschrieben als „Spaß- und Unterhaltungsorientierung, Leben im Hier
und Jetzt“ sowie „Aversion gegen Zwänge und Routinen“, ist klar einer hedonistischen Moti-

45
Die Basis-Trends werden im Original mit den genannten englischen Begriffen beschrieben.
46
Alle Beschreibungen der Basis-Trends stammen von Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im
Internet, 2012, S. 24, Grafik: Kurzcharakteristik der Basis-Trends.
114 Identifikation von Ausprägungsclustern

vation zuzuordnen. Außerdem könnte eine Aversion gegen Zwänge und Routinen ein Indika-
tor für eine eher niedrig ausgeprägte Gewissenhaftigkeit sein.
Trend 6 (Underdog-Culture) fasst folgendes Bild zusammen: „Selbstbild als Modernisierungs-
verlierer, Gefühl der Ausgrenzung vs. Abkopplung vom Mainstream, Trotziges Selbst-
bewusstsein, Trash-Kultur“. Hier lässt sich eine eher geringe Zufriedenheit vermuten. Im Ge-
gensatz zu anderen Unzufriedenen ist hier aber wegen des trotzigen Selbstbewusstseins und
der etablierten Trash-Kultur nicht unbedingt ein Bestreben zu erwarten, Zugehörigkeit zu
erlangen. Allerdings kann Trotz als Hinweis auf eher geringe emotionale Stabilität gewertet
werden.
Bei Trend 7 (Disorientation) hingegen, bei „Anomie, Verunsicherung sowie Resignation und
Zukunftspessimismus“, ist zwar ebenfalls von geringer Zufriedenheit auszugehen. Die Suche
nach sozialer Interaktion könnte jedoch stärker ausgeprägt sein. Anomie und Ver-
unsicherung sind ein Zeichen für geringere emotionale Stabilität. Resignation spricht für eine
externe Kontrollüberzeugung. Der Zukunftspessimismus spricht für eine geringe Offenheit
für Erfahrungen.
Trend 8 (Social Criticism, Resistance) beschreibt „Vertrauensverlust, Fortschrittspessimismus,
Frustration sowie Gesellschaftskritik, Kritik am Wachstumsparadigma und wirtschaftlicher
Steigerung“. Auch hier ist geringe allgemeine Zufriedenheit wahrscheinlich. Der Fortschritts-
pessimismus könnte für eine geringere Offenheit für Erfahrungen sprechen, da Veränderun-
gen als negativ betrachtet werden. Frustration deutet auf geringe emotionale Stabilität hin.
Trend 9 (Slow Down) fasst das „Bedürfnis nach Reduktion von Komplexität“ und den Wunsch
nach „Einfachheit, Überschaubarkeit (weniger ist mehr)“ zusammen. Auch hier ist eher von
einer geringeren Offenheit für Erfahrungen auszugehen. Außerdem lässt sich eine geringere
kognitive Neigung vermuten.
Trend 10 (Balance und Harmony) ist der Trend für „Balance in allen Lebensbereichen, Be-
dürfnis nach Schutz und Harmonie“ sowie „Gesundheits- und Wellness-Orientierung“. Hier
ist eine hohe Verträglichkeit zu vermuten.
Trend 11 (Sustainability) betont das „Primat von Nachhaltigkeit und Ökologie“ sowie ein
„globales Verantwortungsbewusstsein“. Hier lässt sich eine altruistische Motivation vermu-
ten. Verantwortungsbewusstsein könnte auch ein Indikator für ausgeprägte Gewissen-
haftigkeit sein.
Trend 12 (Re-Grounding) mit der „Suche nach Verlässlichkeit, Regeln und Strukturen“ sowie
dem „Wunsch nach Halt und Verankerung“ lässt eine geringe Offenheit für Erfahrungen
vermuten.
Auswertung der DIVSI- und U25-Milieus 115

 Tabelle 7: Übersetzung der DIVSI-Milieus

Adaptive Navigation

Balance & Harmony


Social Criticism, Re-
Underdog-Culture
Basis-Trend

Dis-Orientation
Digital Culture

Re-Grounding
Sustainability
Slow Down
Autonomy

Hedonism
Diversity

sistance
Merkmal

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
7 Gewissenhaftigkeit + - +
8 Verträglichkeit +
9 Emotionale Stabilität - - -
10 Offenheit für Erfahrungen + + - - - -
11 Kognitive Neigung -
12 Kontrollüberzeugung i e
13 Selbstvertrauen +
20 Allgemeine Zufriedenheit - - -
21 Einstellung zu IT p
25 Altruismus +
26 Soziale Interaktion - +
27 Soziale Anreize -
30 Hedonistisch +
31 Selbstdarstellung +
35 Grad der Online-Gewöhnung +
36 Art der Online-Nutzung L
Notiz. i=intern; e=extern, p=positiv, L=Lebensraum, +=hoch ausgeprägt, -=niedrig ausgeprägt.

9.1.4 Index-Werte der Basis-Trends


Anhand dieser Übersetzungen lassen sich die DIVSI-Milieus durch die Merkmalsliste be-
schreiben. Dazu muss betrachtet werden, welche DIVSI-Milieus sich durch welche Basis-
Trends charakterisieren. Als Grundlage dienen die charakterisierenden Basis-Trends. Für je-
des Milieu wurde in der DIVSI-Studie ein Indexwert errechnet, der die Ausprägung des jewei-
ligen Basis-Trends für das Milieu angibt (siehe Tabelle 8). Dabei gelten alle Werte von 80 bis
120 als durchschnittlich, darüber liegende als über- (graue Markierung), darunter liegende
als unterdurchschnittlich (hellgraue Markierung).47 Es ist anzumerken, dass im Bericht des
DIVSI einige Trends als charakterisierend angegeben werden, die innerhalb des Normalbe-
reichs liegen (schwarze Markierung). Nichtdestotrotz folgt die Auswertung hier der Interpre-
tation der Autoren und zieht auch diese Werte mit in die Betrachtung ein.
Im Folgenden wird in für jedes DIVSI-Milieu die Übersetzung in die Merkmale vorgenommen
(siehe Abbildung 3). Es wird davon ausgegangen, dass sich ein unterrepräsentierter Trend in
die gegengesetzte Richtung auswirkt. Beispielsweise spricht Trend 12 (Re-Grounding) für ei-
ne niedrige Offenheit für Erfahrung. Ist dieser aber unterrepräsentiert, wie beispielsweise
beim DS, wird dies als Indikator für hohe Offenheit für Erfahrung gewertet. Die Ergebnisse
für alle Milieus sind in Tabelle 9 zusammengefasst. Die Ausprägungen werden als Startpunkt
der weiteren Analyse in Kapitel 9.1.5 verwendet.

47
Diese Informationen stellte das DIVSI auf Nachfrage der Autorin bereit.
116 Identifikation von Ausprägungsclustern

 Tabelle 8: Indexwerte der DIVSI-Milieus


DIVSI-Milieu
DS EP UH PS VE OFL IFV
Basis-Trend
1 Adaptive Navigation 138 176 65 53 121 109 62
2 Autonomy 180 184 92 60 116 80 36
3 Digital Culture 217 230 117 35 78 74 4
4 Diversity 148 139 129 71 119 103 42
5 Hedonism 140 110 215 75 65 85 55
6 Underdog-Culture 60 40 220 100 60 80 115
7 Dis-Orientation 21 45 109 103 52 94 182
8 Social Criticism, Resistance 58 69 77 104 69 112 150
9 Slow down 32 59 45 77 82 109 191
10 Balance & Harmony 71 115 55 71 105 118 123
11 Sustainability 85 122 52 85 115 126 104
12 Re-Grounding 75 118 61 70 111 117 120
Notiz. Grau=überrepräsentiert, hellgrau=unterrepräsentiert, schwarz=durchschnittlich, aber von den Studien-Autoren
als charakterisierend beschrieben.
Auswertung der DIVSI- und U25-Milieus 117

 Abbildung 3: Beschreibung der Basis-Trends der DIVSI-Milieus durch Typologie-Merkmale

Merkmalsbeschreibung DS Merkmalsbeschreibung EP

T T
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
M M
7 + - + 7 + - +
8 + 8 +
9 - - - 9 - - -
10 + + - - - - 10 + + - - - -
11 - 11 -
12 i e 12 i e
13 + 13 +
20 - - - 20 - - -
21 p 21 p
25 + 25 +
26 - + 26 - +
27 -
27 -
30 +
30 +
31 +
31 +
35 +
35 +
36 L
36 L

Merkmalsbeschreibung UH Merkmalsbeschreibung PS

T T
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
M M
7 + - + 7 + - +
8 + 8 +
9 - - - 9 - - -
10 + + - - - - 10 + + - - - -
11 - 11 -
12 i e 12 i e
13 + 13 +
20 - - - 20 - - -
21 p 21 p
25 + 25 +
26 - + 26 - +
27 - 27 -
30 + 30 +
31 + 31 +
35 + 35 +
36 L 36 L
118 Identifikation von Ausprägungsclustern

Merkmalsbeschreibung VE Merkmalsbeschreibung OFL

T T
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
M M
7 + - + 7 + - +
8 + 8 +
9 - - - 9 - - -
10 + + - - - - 10 + + - - - -
11 - 11 -
12 i e 12 i e
13 + 13 +
20 - - - 20 - - -
21 p 21 p
25 + 25 +
26 - + 26 - +
27 - 27 -
30 + 30 +
31 + 31 +
35 + 35 +
36 L 36 L

Merkmalsbeschreibung IFV

T
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
M
7 + - +
8 +
9 - - -
10 + + - - - -
11 -
12 i e
13 +
20 - - -
21 p
25 +
26 - +
27 -
30 +
31 +
35 +
36 L

Notiz. Grau=überrepräsentiert, hellgrau=unterrepräsentiert, T=Basis-Trend, M=Merkmal, Merkmals-


nummerierung: 7=Gewissenhaftigkeit, 8=Verträglichkeit, 9=Emotionale Stabilität, 10=Offenheit für Erfahrun-
gen, 11=Kognitive Neigung, 12=Kontrollüberzeugung, 13=Selbstvertrauen, 20=Allgemeine Zufriedenheit,
21=Einstellung zu IT, 25=Altruismus, 26=Soziale Interaktion, 27=Soziale Anreize, 30=Hedonistisch,
31=Selbstdarstellung, 35=Grad der Online-Gewöhnung, 36=Art der Online-Nutzung.
 Tabelle 9: Beschreibung der Basis-Trends der DIVSI-Milieus durch Typologie-Merkmale
Nr. Merkmal DS EP UH PS VE OFL IFV
7 Gewissenhaftigkeit (unentschieden) hoch niedrig (unentschieden) hoch hoch (unentschieden)
8 Verträglichkeit niedrig - niedrig niedrig - hoch hoch
9 Emotionale Stabilität hoch hoch (niedrig) niedrig hoch - niedrig
10 Offenheit für Erfahrungen hoch (hoch) (hoch) (niedrig) hoch niedrig niedrig
11 Kognitive Neigung - hoch hoch hoch - - niedrig
12 Kontrollüberzeugung intern intern - extern intern - extern
13 Selbstvertrauen hoch hoch - niedrig hoch - niedrig
20 Allgemeine Zufriedenheit hoch hoch (niedrig) niedrig hoch - niedrig
21 Einstellung zu IT positiv positiv positiv ablehnend ablehnend ablehnend ablehnend
Auswertung der DIVSI- und U25-Milieus

25 Altruismus - vorhanden nicht vorhanden - - vorhanden -


26 Soziale Interaktion nicht vorhanden nicht vorhanden - vorhanden nicht vorhanden - vorhanden
27 Soziale Anreize nicht vorhanden nicht vorhanden - vorhanden nicht vorhanden - vorhanden
30 Hedonistisch vorhanden - vorhanden nicht vorhanden nicht vorhanden - nicht vorhanden
31 Selbstdarstellung vorhanden vorhanden - nicht vorhanden vorhanden - nicht vorhanden
35 Grad der Online-Gewöhnung hoch hoch hoch niedrig niedrig niedrig niedrig
36 Art der Online-Nutzung Lebensraum Lebensraum Lebensraum spezifisch spezifisch spezifisch spezifisch
Notiz. (x)=widersprüchliche Erkenntnisse und x überwiegt, (unentschieden)=widersprüchliche Erkenntnisse, keine Tendenz.
119
120 Identifikation von Ausprägungsclustern

9.1.5 Qualitative Inhaltsanalyse der Milieu-Beschreibungen


Im Folgenden wird eine mehrstufige Analyse vorgenommen. Zum einen werden die Be-
schreibungen der DIVSI-Milieus aus den beiden relevanten Studien ausgewertet und zu-
sammengefügt. Diese beiden Studien sind die ursprüngliche DIVSI-Studie (Deutsches Institut
für Vertrauen und Sicherheit im Internet, 2012, hiernach DIVSI I, siehe Anhang F) und die
Erweiterung zum Beteiligungsverhalten der DVISI-Milieus (Hoffmann u. a., 2015, hiernach
DIVSI II, siehe Anhang G). Diese werden zu einer umfassenden Beschreibung der Milieus
kombiniert (DIVSI I + II, siehe Anhang I).48 Konflikte in der Auswertung werden im Folgenden
diskutiert. Ergänzend werden die U-25-Milieus ausgewertet (siehe Anhang H). Laut der Auto-
ren der U-25-Studien entsprechen sich die U-25-Milieus und die DIVSI-Milieus nicht „eins zu
eins“ (Sinus Institut, 2014, S. 26), zeigen aber dennoch Gemeinsamkeiten. Es stellt sich somit
die Frage, ob auch bei einer Typologie der Online-Partizipation die Notwendigkeit besteht,
besondere Typen der nachwachsenden Generationen aufzunehmen, obwohl das Alter bisher
kein relevantes Merkmal zu sein scheint. Um diese Frage zu beantworten, werden die Ex-
traktionsergebnisse der DIVSI-Milieus mit denen der U-25-Milieus verglichen (U-25, siehe
Anhang I). Auch die hierbei auftretenden Konflikte werden im Folgenden diskutiert. Es zeigt
sich, dass kein Bedarf für eine Unterscheidung besteht. Bezogen auf die Merkmale der Typo-
logie unterscheiden sich gesamtgesellschaftliche und die U-25-Milieus nicht ausreichend
voneinander, um getrennte Typen zu rechtfertigen. Somit werden diese Ergebnisse mit de-
nen der gesamtgesellschaftlichen Milieus kombiniert. Das Ergebnis ist eine erste Beschrei-
bung von Ausprägungsclustern für eine Typologie der Online-Partizipation (siehe Tabelle 17).
Im Laufe der Analyse lassen sich außerdem für verschiedene Merkmale Sub-Kategorien iden-
tifizieren und auch die Identifikation von Ausprägungen schreitet voran (siehe Extraktionsre-
geln in Tabelle Anhang E-1). Aus Gründen der Übersichtlichkeit werden im Folgenden nur
Merkmale dargestellt und diskutiert, bei denen an mindestens einer Stelle ein Konflikte auf-
tritt.

9.1.5.1 Cluster 1: DS und Souveräne


DIVSI I und DIVSI II weisen in der Beschreibung der DS nur an einigen Stellen Diskussionsbe-
darf auf (siehe Tabelle 10). DIVSI I beschreibt die DS als positiv gegenüber IT eingestellt.
DIVSI II erwähnt, dass dieser durchaus reflektiert gegenüber einigen Risiken der Internetnut-
zung ist. Dies kann an dieser Stelle als Ergänzung verstanden werden und passt zum generel-
len Eindruck eines reflektierten Typs mit hoher kognitiver Neigung. DIVSI I beschreibt außer-
dem den Typ als motiviert durch Selbstdarstellung. In DIVSI II wird noch die Darstellung der
eigenen Meinung ergänzt. Schließlich beschreibt DIVSI I die Motivation durch Selbstentwick-

48
Wie bereits erwähnt liefert die Ergänzunsuntersuchung des DIVSI aus dem Jahr 2013 keine weiterführenden
Ergebnisse, weshalb sie hier nicht weiter betrachtet wird. Entscheidend bei der Benennung DIVSI I und
DIVSI II ist nicht das Veröffentlichungsdatum, sondern die Tatsache, dass beide Untersuchungen die DIVSI-
Milieus betreffen und somit gemeinsam ein umfassendes Bild der DIVSI-Milieus beschreiben.
Auswertung der DIVSI- und U25-Milieus 121

lung des DS eher bezogen auf ein Streben nach Selbstverwirklichung, DIVSI II hingegen auf
ein Streben nach Lernen. Auch hier werden beide Informationen als ergänzend betrachtet.
Der einzige Unterschied, der sich beim Vergleich des DIVSI-Milieus mit dem U-25-Milieu
(Souveräne) zeigt, ist die leicht unterschiedliche Ausprägung der Motivation durch Selbst-
entwicklung (siehe Tabelle 10). Diese steht beim gesamtgesellschaftlichen Milieu im Zeichen
von Lernen und Selbstverwirklichung, beim U-25-Milieu ist sie geprägt von Lernen und Er-
folg. Tatsächlich scheint es aber möglich, dass Selbstverwirklichung und Erfolg zwei Bezeich-
nungen einer ähnlichen Motivationsausprägung sind, die durch den Altersfokus eine leicht
andere Färbung erhält. Somit scheint es an dieser Stelle nicht notwendig, ein neues Ausprä-
gungscluster anzulegen.
 Tabelle 10: Ergebnisvergleich Cluster 1
Kategorie Sub-Kategorie DIVSI I DIVSI II DIVSI I + II U-25 Cluster 1
Einstellung ablehnend vs. positiv positiv- positiv- positiv- positiv-
zu IT positiv reflektiert reflektiert reflektiert reflektiert

Selbst- vorhanden vorhanden vorhanden vorhanden [In- vorhanden [In-


darstellung [Inszenierung] [Inszenierung, [Inszenierung, szenierung] szenierung,
Meinung] Meinung] Meinung]

Selbst- vorhanden vorhanden [Ler- vorhanden [Ler- vorhanden [Ler- vorhanden [Ler-
entwicklung [Selbstver- nen] nen, Selbstver- nen, Erfolg] nen, Erfolg,
wirklichung] wirklichung] Selbstver-
wirklichung]

9.1.5.2 Cluster 2: EP und Pragmatische


Auch bei den EP weisen DIVSI I und DIVSI nur wenige widersprüchliche Stellen auf (siehe Ta-
belle 11). DIVSI I beschreibt den EP als eher pragmatisch und nicht ausschließlich prag-
matisch in Bezug auf IT, weil zusätzlich zu der Wahrnehmung von Nutzungsvorteilen noch
betont wird: „Die zum modernen Lifestyle jeweils nötigen Geräte . . . zählen zu den ,Must-
Haves‘ bei den Effizienzorientierten Performern und dienen neben den funktionalen Vor-
teilen auch zur statusorientierten Selbststilisierung dieses Typus“ (Sinus Institut, 2012, S. 74).
Es handelt sich hier aber nicht um eine Begeisterung für IT an sich, sondern als Nutzen der IT
für die Erfüllung einer anderen Motivation (Selbstdarstellung). Somit wird das Milieu insge-
samt als pragmatisch gewertet. Beim wahrgenommen Mehrwert beschreibt DIVSI II den EP
mit eher hoch anstatt mit hoch. Ausschlagegeben ist dabei folgende Textstelle (Hoffmann
u. a., 2015, S. 65): „kritischen Haltung gegenüber dem Zeitaufwand der Internetnutzung—
einerseits wird das Medium als Zeitfresser empfunden . . . weil hier viel Zeit investiert wird,
andererseits wird die hohe Effizienz der Online-Kommunikation geschätzt.“ Tatsächlich ist
dies also kein Widerspruch zum hohen wahrgenommenen Mehrwert, sondern zeigt viel-
mehr, dass ein gutes Verhältnis von Aufwand und Nutzen für die EP essentiell ist, wie es sich
auch in ihrer Auffassung von Online-Partizipation zeigt. Das Milieu wird daher mit hoch be-
zogen auf den wahrgenommenen Mehrwert bewertet.
122 Identifikation von Ausprägungsclustern

Interessant sind die Ergebnisse zur hedonistischen Motivation. Während sich aus DIVSI II ab-
leiten lässt, dass diese kaum vorhanden ist, spricht DIVSI I für eine zwar gemäßigt vor-
handene, aber wachsende Bedeutung. Es verwundert nicht, dass bei einem Milieu, das viele
Prozesse online abwickelt, auch die Unterhaltung in den Online-Bereich übergeht. Es ist aber
unwahrscheinlich, dass diese einen primären Stellenwert einnehmen wird. Deshalb wird he-
donistische Motivation als gemäßigt vorhanden beschrieben. Erneut lässt sich außerdem ein
Unterschied in der Beschreibung der Selbstentwicklungsmotivation feststellen. DIVSI I be-
schreibt diese als erfolgsorientiert. DIVSI II beschreibt das Bestreben der EP zu lernen. Es ist
somit anzunehmen, dass beide Motive vorhanden sind. Das Nutzungsmuster der EP wird in
DIVSI I als teilend beschrieben. DIVSI II erwähnt auch kommentierende Aktivitäten. Da diese
Ausprägungen hierarchisch sind (siehe dazu auch die Extraktionsregeln in Tabelle Anhang
E-1), wird das Nutzungsmuster als kommentierend gewertet.
Das gesamtgesellschaftliche Milieu unterscheidet sich in zwei Merkmalen leicht vom U-25-
Milieu (siehe Tabelle 11). Während eine hedonistische Motivation beim U-25-Milieu durch-
aus vorhanden ist, scheint diese bei DIVSI I + II eher gemäßigt aufzutreten. Allerdings ist He-
donismus auch beim U-25-Milieu eine weniger vordergründige Motivation als beispielsweise
bei den Unbekümmerten (Cluster 3). Dementsprechend scheint der Unterschied nicht aus-
reichend, um eine Differenzierung zu begründen und die hedonistische Motivation wird als
gemäßigt vorhanden beschrieben. Ähnlich verhält es sich bei den Ausprägungen der Selbst-
entwicklung, die bei den U-25-Milieus weniger auf Lernen sondern mehr auf Erfolg zu liegen
scheinen. Auch dies scheint sich mit einer leichten altersbedingten Verschiebung erklären zu
lassen, die aber noch keine Differenzierung in unterschiedliche Typen erfordert.
 Tabelle 11: Ergebnisvergleich Cluster 2
Kategorie Sub-Kategorie DIVSI I DIVSI II DIVSI I + II U-25 Cluster 2
Einstellung pragmatisch eher pragma- pragmatisch pragmatisch - pragmatisch
zu IT vs. begeistert tisch

Einstellung wahrgenom- hoch eher hoch hoch hoch hoch


zu IT mener Mehr-
wert

Hedo- gemäßigt vor- kaum gemäßigt vor- vorhanden gemäßigt vor-


nistisch handen [wach- vorhanden handen handen
send]

Selbstent- vorhanden [Er- vorhanden [Ler- vorhanden [Ler- vorhanden [Er- vorhanden [Ler-
wicklung folg] nen] nen, Erfolg] folg], weniger nen, Erfolg]
vorhanden [Ler-
nen]
Art der Nutzungs- teilen kommentieren kommentieren - kommentieren
Online- muster
Nutzung
Auswertung der DIVSI- und U25-Milieus 123

9.1.5.3 Cluster 3: UH und Unbekümmerte


Für die UH bestätigt DIVSI II an zwei Stellen die eher unsicheren Erkenntnisse aus DIVSI I,
nämlich bezogen auf kognitive Neigung und Selbstvertrauen (siehe Tabelle 12). Wider-
sprüchliche Ergebnisse zeigen sich bei der Kontrollüberzeugung. DIVSI I lässt eine eher inter-
ne Kontrollüberzeugung vermuten, weil die UH bezogen auf Datenschutz und Verhalten im
Internet eine „gewisse Eigenverantwortung“ sehen (Sinus Institut, 2012, S. 91). DIVSI II be-
schreibt dem entgegengesetzt klar, wie die UH auf Überforderung mit Vermeidung oder
Rückzug reagieren, sich also nicht den Herausforderungen stellen. Das spricht für eine exter-
ne Kontrollüberzeugung und ist ein deutlicherer Indikator als die datenschutzbezogene Mei-
nung in DIVSII. Deswegen wird die Kontrollüberzeugung mit extern bewertet.
Die UH wiesen nur an einer Stelle Unterschiede zum U-25-Milieu auf (siehe Tabelle 12). Sie
scheinen sich auf den ersten Blick signifikant beim wahrgenommenen Mehrwert von IT zu
unterscheiden. Tatsächlich beruht die Interpretation des U-25-Milieus auf der Aussage, dass
das Milieu momentan zwar einen hohen Mehrwert wahrzunehmen scheint, jedoch davon
ausgeht, dass das Internet in ihrem Leben zukünftig eine weniger bedeutende Rolle ein-
nehmen wird. Vor dem Hintergrund der tatsächlichen Nutzungsgewohnheiten kommen-
tieren die Autoren dazu aber: „so dass wahrscheinlich ist, dass die gelebte Zukunft digitali-
sierter sein wird, als sich die Unbekümmerten dies momentan selbst vorstellen können“
(Sinus Institut, 2014, S. 40). Es handelt sich tatsächlich also nicht um eine Dissonanz im
wahrgenommenen Mehrwert und wenn, dann ist davon auszugehen, dass sich die Wahr-
nehmung jüngerer Unbekümmerter angleichen wird. Es ist hier somit keine Differenzierung
in unterschiedliche Cluster notwendig.
 Tabelle 12: Ergebnisvergleich Cluster 3
Kategorie Sub-Kategorie DIVSI I DIVSI II DIVSI I+II U-25 Cluster 3
Kognitive Neigung niedrig? niedrig niedrig - niedrig

Kontrollüberzeugung eher intern? extern extern - extern

Selbstvertrauen niedrig? niedrig niedrig - niedrig

Einstellung zu IT wahrgenommener hoch hoch hoch eher niedrig hoch


Mehrwert
Notiz. ?=unsichere Ergebnisse.

9.1.5.4 Cluster 4: PS und Skeptiker


DIVSI II kann bei den PS bestätigen, dass diese durch Pflichtgefühl motiviert werden. Die In-
tensität der Nutzung wird bei DIVSI I mit mittel, bei DIVSI II mit hoch abgeleitet. Dies wird
vorerst durch die Angabe mittel-hoch zusammengefasst. DIVSI II ergänzt für die PS das tei-
lende Nutzungsmuster. Ansonsten zeigen sich keine Unterschiede (siehe Tabelle 13).
Bei der Betrachtung von PS im Vergleich zum U-25-Milieu zeigen sich kaum Unterschiede
(siehe Tabelle 13). Die unsichere Ableitung der Pflichtgefühl-Motivation entspricht den Er-
gebnissen der gesamtgesellschaftlichen Milieus. Es scheint somit ein gemeinsames Cluster
der Skeptiker gerechtfertigt.
124 Identifikation von Ausprägungsclustern
 Tabelle 13: Ergebnisvergleich Cluster 4
Kategorie Sub-Kategorie DIVSI I DIVSI II DIVSI I + II U25 Cluster 4
Pflichtgefühl vorhanden? vorhanden vorhanden vorhanden? vorhanden
Nutzungsmuster informieren teilen teilen - teilen
Notiz. ?=unsichere Ergebnisse.

9.1.5.5 Cluster 5: VE und Verantwortungsbedachte


Neben der Erweiterung des Nutzungsmusters auf kommentieren durch die Erkenntnisse aus
DIVSI II, zeigen sich bei den VE nur an einer Stelle widersprüchliche Angaben zwischen DIVSI I
und DIVSI II (siehe Tabelle 14). Während DIVSI I ihnen eine Unabhängigkeit von sozialen An-
reizen attestiert, scheinen diese DIVSI II folgend durchaus vorhanden. Tatsächlich betrachten
die Studien unterschiedliche Facetten der sozialen Anreize, was beim Blick auf die ent-
sprechenden Textstellen deutlich wird. DIVSI I beschreibt die VE wie folgt: „eine Nutzung be-
stimmter Internetangebote, nur um dabei zu sein (‚Me-Too-Prinzip’), lehnen sie dezidiert ab“
(Sinus Institut, 2012, S. 114). „Man muss nicht alles mitmachen und bei allem dabei sein“
(Sinus Institut, 2012, S. 115). Die unwirksamen sozialen Anreize beziehen sich also auf ge-
sellschaftlichen Druck. Wenn es hingegen um Vertrauen geht, ist die Einschätzung anders:
„Zudem fällt auf, dass in diesem Milieu—wohl aufgrund des Alters und der familiären Situa-
tion—Beteiligung teilweise unfreiwillig bzw. auf äußeren Druck oder aufgrund gewisser
Notwendigkeiten stattfindet, beispielsweise, weil so Familienmitglieder unterstützt werden
sollen” (Hoffmann u. a., 2015, S. 85). Dieser Unterschied wird so interpretiert, dass soziale
Anreize tatsächlich nur vorhanden sind, wenn gute Gründe vorliegen, was wiederum gut zu
einem reflektierten Typus mit hoher kognitiver Neigung passt.
Die VE sind ein Fall, an dem das U-25-Milieu an einigen Stelle vom gesamtgesellschaftlichen
Milieu abzuweichen scheint (siehe Tabelle 14). Für die VE wird bei der Offenheit für Erfah-
rungen beschrieben, dass sie zwar Wandel als Herausforderung sehen, aber auch als Chance,
der man sich nicht verschließen sollte: „Unvorhersehbarkeit und ständiger Wandel werden
als Chance und Herausforderung gesehen, denn neuen Entwicklungen sollte man sich nicht
verschließen“ (Sinus Institut, 2012, S. 123). Es handelt sich um eine pflichtbewusste Offen-
heit, die auch für das U-25-Milieu zutreffen könnte. Diese „verlassen sich gern auf Bewährtes
und Erprobtes“ (Hoffmann u. a., 2015, S. 47), was zwar für eine geringere Offenheit spricht,
aber keiner pflichtbewussten Anpassung widerspricht. Immerhin wird auch dieses Milieu als
gewissenhaft beschrieben. Das Cluster könnte somit durch eine mittlere Offenheit beschrie-
ben werden.
Auch bei der Kontrollüberzeugung zeigt sich ein vermeintlicher Widerspruch. Bei den U-25-
Milieus wird eine externe Kontrollüberzeugung abgeleitet, bei den gesamtgesellschaftlichen
eine interne. Erneut lohnt an dieser Stelle ein Blick auf die genauen Aussagen. Die U-25-Ein-
stellung wird wie folgt beschrieben: „Die Verantwortung für Datenschutz und Daten-
sicherheit verorten sie vor allem beim Staat und bei den Betreibern von Websites. . . . Sie
fordern verbindliche Regeln und einen klaren Orientierungsrahmen“ (Sinus Institut, 2014, S.
49). Bei den gesamtgesellschaftlichen Milieus lautet die Formulierung wie folgt:
Auswertung der DIVSI- und U25-Milieus 125

Da das Internet nicht als geschützter und schützbarer Raum wahrgenommen wird,
befürworten Verantwortungsbedachte Etablierte klar das Selbstverantwortungs-
prinzip. Jedoch räumen sie zugleich ein, dass von den Nutzern die Tragweite aller On-
line-Handlungen aufgrund der Komplexität des Internets nicht mehr eingeschätzt
werden kann und diese infolgedessen die Verantwortlichkeit auch nicht in Gänze
übernehmen können. Datenschutz betrifft, über die persönliche Vorsorge hinaus, alle
Akteure im Internet—sowohl Nutzer, als auch Provider und staatliche Institutionen.
(Sinus Institut, 2012, S. 118)

Ausschlaggebend ist ergänzend folgende Textstelle, die die Reaktion auf neue Entwicklungen
beschreibt: „neuen Entwicklungen sollte man sich nicht verschließen, sondern versuchen, sie
zu begreifen“ (Sinus Institut, 2012, S. 123). Tatsächlich scheinen sich die grundlegenden Ein-
stellungen nicht so stark zu unterscheiden, wie zuerst angenommen. In beiden Fällen be-
steht ein Wunsch nach Verantwortungsübernahme von Internetanbietern und regulierenden
Stellen. Das gesamtgesellschaftliche Milieu scheint diesbezüglich etwas pessimistischer. Wei-
terhin findet sich bei den U-25-Milieus ein Indikator für Gewissenhaftigkeit, der im Sinne des
erwähnten Selbstverantwortungsprinzips interpretiert werden könnte: „Sie plädieren für ei-
nen konsequent verantwortungsbewussten Umgang“ (Sinus Institut, 2014, S. 49). Alles in al-
lem zeigt sich somit bei allen Stellen, an denen ein leichter Unterschied vorliegt, dass dieser
sich entweder auflösen lässt oder aber nicht ausreichend zu sein scheint, um ein eigen-
ständiges Cluster zu rechtfertigen. Hier wird die Kontrollüberzeugung wie bei den PS als noch
unentschieden festgelegt.
Während das Selbstvertrauen der gesamtgesellschaftlichen Milieus als hoch eingeschätzt
wird, wird das der U-25-Entsprechung als mittel eingestuft. „In ihrer Nutzung lassen sie sich
von den Gefahren im Netz nicht vollständig abschrecken“ (Sinus Institut, 2014, S. 49), wobei
das „nicht vollständig“ als eher mittleres Selbstvertrauen gewertet wurde. Dieser Hinweis
steht jedoch nicht im Widerspruch zu hohem Selbstvertrauen und kann nicht die Etablierung
eines eigenen Clusters rechtfertigen. Das Selbstvertrauen dieses Clusters wird folglich als
hoch eingestuft.
Bezogen auf die Einstellung zu IT zeigt sich bei beiden eine pragmatische, ablehnend-
reflektierte Einstellung. Die Ausprägung des wahrgenommenen Mehrwerts scheint sich je-
doch zu unterscheiden. Die Einschätzung diesbezüglich speist sich beim U-25-Milieu jedoch
aus der Erwartung eines konsequent digitalisierten Alltags, was nur bedingt ein zuverlässiger
Indikator zu sein scheint (siehe die Diskussion dazu bei den Hedonisten). Dieser vermeintli-
che Widerspruch scheint somit nicht signifikant. Bei der Art der Online-Nutzung sind beide
Milieus zweckorientiert. Während die VE zwar stark selektieren, aber durchaus bereit sind
für neue Lösungen, wenn diese einen Mehrwert bieten, wurde den U-25-Verantwortungs-
bedachten eine geringe Offenheit zugesprochen. Der entsprechende Textbeleg lautet wie
folgt: „erst mal schauen, was die anderen machen und dann weitersehen, ist hier die Devise“
(Sinus Institut, 2014, S. 47). Tatsächlich handelt es sich also um eine ähnliche Einstellung, die
Zurückhaltung mit der Bereitschaft kombiniert, nützliche neue Dinge anzuwenden. Auch hier
126 Identifikation von Ausprägungsclustern

lässt sich der vermeintliche Widerspruch somit auflösen. Schließlich stimmt das U-25-Milieu
auch mit der Vermutung der nicht vorhandenen Selbstdarstellung überein, sodass es alles in
allem an dieser Stelle gerechtfertigt zu sein scheint, auch diese Milieus zu einem Cluster zu
kombinieren.
 Tabelle 14: Ergebnisvergleich Cluster 5
Merkmal Sub-Kategorie DIVSI-MILIEUS DIVSI II DIVSI I+II U25 Cluster 5
Offenheit für mittel - mittel niedrig mittel
Erfahrungen

Kontroll- intern - intern extern unentschieden


überzeugung

Selbstvertrauen hoch - hoch mittel hoch

Einstellung zu IT wahrgenommener hoch hoch hoch niedrig hoch


Mehrwert

Soziale Anreize nicht vorhan- vorhanden vorhanden - vorhanden


den [Familie] [Familie] [Familie]

Selbstdarstellung nicht vorhan- - nicht vorhan- nicht vorhan- nicht vorhan-


den? den? [Inszenie- den den [Inszenie-
[Inszenierung] rung] [Inszenierung] rung]
Art der Online- Offenheit für selektiv-offen - selektiv-offen niedrig selektiv-offen
Nutzung neue Lösungen

Nutzungsmuster informieren kommentieren kommentieren - kommentieren

Notiz. ?=unsichere Ergebnisse.

9.1.5.6 Cluster 6: OFL und Vorsichtige


Eine der wenigen bei diesem Cluster zu diskutierenden Stellen bezogen auf DIVSI I und DIVSI
II zeigt sich beim wahrgenommenen Mehrwert (siehe Tabelle 15). Bei den OFL wird dieser
nach Auswertung von DIVSI I mit wachsend beschrieben, bei DIVSI II mit eher niedrig. Beide
Angaben stellen aber keinen Widerspruch dar, sondern eine Ergänzung, weshalb der wahr-
genommene Mehrwert als niedrig, aber wachsend beschrieben werden kann. DIVSI I lässt
sich bezogen auf eine Motivation zur Selbstdarstellung der OFL derart interpretieren, dass
diese nicht vorhanden ist. Dies bezieht sich aber auf einen Drang zur eigenen Inszenierung.
DIVSI II schreibt den OFL hingegen eine vorhandene Motivation zur Selbstdarstellung zu. Die-
se ist allerdings auf Meinungsäußerung bezogen und deckt somit eine andere Facette ab,
weshalb beide Erkenntnisse übernommen werden könnten. Schließlich betont DIVSI I, dass
die OFL kein teilendes Benutzungsverhalten aufweisen. DIVSI II ergänzt dies um die Erkennt-
nis, dass sie primär Informationen suchen und selten auch kommentieren.
Das DIVSI- und das U-25-Milieu ähneln sich in den meisten Punkten und weisen ansonsten
nur geringe Unterschiede auf (siehe Tabelle 15). Zwar wird das Selbstvertrauen im gesamt-
gesellschaftlichen Milieu mit mittel bewertet im Gegensatz zu niedrig beim U-25-Milieu. Die
Einschätzung des gesamtgesellschaftliche Milieus gründet auf der Aussage, dass sich die OFL
Auswertung der DIVSI- und U25-Milieus 127

trotz Verunsicherung „nicht abschrecken“ lassen (Sinus Institut, 2012, S. 129). Auch das U-
25-Milieu lässt sich nicht komplett von der Nutzung des Internets abschrecken, auch wenn
dies nicht explizit erwähnt wird. Vermutlich liegt der Unterschied hier eher in unter-
schiedlichen Fokussierungen der Beschreibungen begründet und es ist kein eigenständiges
Cluster gerechtfertigt. Bezogen auf den Mehrwert zeigt sich ein geringfügiger Unterschied.
Jedoch lässt sich hier erneut argumentieren, dass die Interpretation des Mehrwerts für das
U-25-Milieu auf dessen Erwartung an den Durchdringungsgrad von Digitalisierung basiert. Es
ist also nicht ausgeschlossen, dass auch sie die für das gesamtgesellschaftliche Milieu identi-
fizierten Mehrwerte wahrnehmen. Bezogen auf Selbstdarstellung wird für das U-25 nur der
fehlende Drang zur Inszenierung thematisiert, wie er bereits in DIVSI I angesprochen wurde.
Somit gibt es keinen Widerspruch zum gesamtgesellschaftlichen Milieu. Schließlich wird bei
Hoffmann u. a. (2015) betont, dass sich Einzelfälle in diesem Milieu von der vorherrschen-
denden passiven Nutzungsgewohnheit unterscheiden und sich aktiv verhalten. Dies wird für
die U-25-Milieus nicht beschrieben, bei denen es heißt, sie sind „eher Beobachter als Gestal-
ter” (Hoffmann u. a., 2015, S. 52). Dies schließt aktive Einzelfälle nicht aus, weshalb hier kein
neues Cluster gerechtfertigt scheint. Es bleibt allerdings festzustellen, ob es angebracht wä-
re, dieses Milieu in zwei Cluster zu unterscheiden, die sich in der Art ihrer Online-Nutzung
unterscheiden. Dies wird bei der Gesamtbetrachtung erneut diskutiert.
 Tabelle 15: Ergebnisvergleich Cluster 6
Merkmal Sub-Kategorie DIVSI I DIVSI II DIVSI I+II U25 Cluster 6

Selbst- mittel - mittel niedrig mittel


vertrauen

Einstellung wahrgenom- wachsend eher niedrig eher niedrig niedrig eher niedrig
zu IT mener Mehr- [wachsend] [wachsend]
wert

Selbst- nicht vorhan- vorhanden nicht vorhan- nicht vorhan- nicht vorhan-
darstellung den [Inszenie- [Meinung] den [Inszenie- den [Inszenie- den [Inszenie-
rung] rung], vorhan- rung] rung], vorhan-
den [Meinung] den [Meinung]

Art der Onli- aktiv vs. - passiv [Einzel- passiv [Einzel- passiv passiv [Einzel-
ne-Nutzung passiv fälle aktiv] fälle aktiv] fälle aktiv]

Art der Onli- Nutzungs- nicht: teilen informieren, informieren, - informieren,


ne-Nutzung muster kommentieren kommentieren kommentieren
[selten] [selten] [selten]
128 Identifikation von Ausprägungsclustern

9.1.5.7 Cluster 7: IFV und Verunsicherte


Aus der Kombination von DIVSI I und DIVSI II ergeben sich für die IFV nur ein leichter Wider-
spruch bei der Einstellung zu IT. Aus DIVSI II wird abgeleitet, dass das Milieu eher ablehnend
gegenüber IT eingestellt ist. Dies beruht auf der Aussage, „dass Internetferne Verunsicherte
das Internet durchaus freiwillig nutzen, nicht etwa aufgrund beruflicher Zwänge“ (Hoffmann
u. a., 2015, S. 113). Dies beschreibt allerdings eher das Nutzungsverhalten beziehungsweise
die Motivation der Nutzung und ist bereits über andere Variablen abgebildet. Tatsächlich
ähneln sich die Beschreibungen der Einstellungen in beiden Studien stark. Es ist somit ge-
rechtfertigt, die Einstellung als ablehnend zu beschreiben.
Obwohl das gesamtgesellschaftliche Milieu der IFV das älteste aller Milieus ist, gibt es auch
hier eine U-25-Entsprechung, die sich kaum zu unterscheiden scheint, wenn man sie mit den
Merkmalen einer Typologie der Online-Partizipation beschreibt (siehe Tabelle 16). Durch die
Kombination kann bezogen auf die Kontrollüberzeugung eine externe Verortung bestätigt
werden, die bei dem U-25-Milieu nur unsicher abgeleitet werden konnte. Der wahr-
genommene Mehrwert wird für das U25-Milieu als niedrig eingestuft, aber dies ist im Glau-
ben an ihre Teilhabe der Digitalisierung begründet und somit keine Grundlage für eine Ab-
trennung eines Clusters. Dies könnte auch als weitere Bestätigung des geringen Selbstver-
trauens und der externen Kontrollüberzeugung gewertet werden.
 Tabelle 16: Ergebnisvergleich Cluster 7
Merkmal Sub-Kategorie DIVSI I DIVSI II DIVSI I+II U25 Cluster 7
Kontrollüberzeugung extern extern extern extern? extern

Einstellung zu IT ablehnend vs. posi- ablehnend eher ableh- ablehnend ablehnend ablehnend
tiv nend
Einstellung zu IT wahrgenommener - mittel mittel niedrig mittel
Mehrwert
Notiz. ?=unsichere Ergebnisse.

9.1.6 Auswertungsergebnis
Nach Kombination der Angaben zu IT-Nutzung und Online-Fähigkeiten mit der Übersetzung
der Basis-Trends und den Extraktionsergebnissen entsteht eine erste Beschreibung mögli-
cher Ausprägungscluster für eine Typologie der Online-Partizipation (siehe Tabelle 17).
 Tabelle 17: Vorläufige Beschreibung der Ausprägungscluster
Merkmal Sub-Kategorie Cluster 1 Cluster 2 Cluster 3 Cluster 4 Cluster 5 Cluster 6 Cluster 7
IT-Infrastruktur stationär-mobil mobil-fordernd stationär-mobil - stationär stationär -
Online-Fähigkeiten hoch hoch mittel mittel-hoch mittel niedrig niedrig
Extraversion hoch? - hoch hoch hoch niedrig -
Gewissenhaftigkeit - hoch niedrig hoch? hoch? hoch -
Verträglichkeit - - - hoch - hoch -
Emotionale Stabilität hoch hoch niedrig - - niedrig niedrig
Offenheit für Erfahrungen hoch hoch hoch mittel mittel niedrig niedrig
Kognitive Neigung hoch hoch niedrig hoch hoch niedrig niedrig
Auswertung der DIVSI- und U25-Milieus

Kontrollüberzeugung intern intern extern unentschieden unentschieden extern extern


Selbstvertrauen hoch hoch niedrig mittel-hoch hoch mittel niedrig
Individuelles Wirksam- - niedrig - - - - -
keitsbewusstsein [online]
Soziale Identität individuell - gruppenbezogen - gruppenbezogen gruppenbezogen
Einstellung zum politischen positiv- positiv ablehnend eher ablehnend - positiv positiv
System reflektiert
Politisches Interesse - - niedrig - hoch - niedrig?
Politisches Wirksamkeits-
bewusstsein
allgemein - - - - - - -
online - - - - - - -
Dogmatismus - - - - - - -
Allgemeine Zufriedenheit - hoch niedrig - - mittel niedrig
Einstellung zu IT
pragmatisch vs. begeistert pragmatisch begeistert - pragmatisch pragmatisch -
begeistert
ablehnend vs. po- positiv- positiv positiv ablehnend- ablehnend- ablehnend ablehnend
sitiv reflektiert reflektiert reflektiert
wahrgenommener hoch hoch hoch hoch hoch eher niedrig mittel
Mehrwert [wachsend]
129
Merkmal Sub-Kategorie Cluster 1 Cluster 2 Cluster 3 Cluster 4 Cluster 5 Cluster 6 Cluster 7
130

Meinung über positiv-reflektiert ablehnend- positiv-reflektiert positiv-reflektiert positiv-reflektiert ablehnend ablehnend


Online- [Angreifbarkeit, reflektiert [Angreifbarkeit, [Angreifbarkeit] [Angreifbarkeit,
Partizipation Relevanz, Fairness] [Aufwand-Erfolg] Selbstdarstellung] Selbstdarstellung]
Pflichtgefühl - - - vorhanden - eingeschränkt -
vorhanden [Ge-
genseitigkeit]
Politikbeeinflussung vorhanden - - - - - -
Gruppenziele - vorhanden - - - - eingeschränkt
vorhanden
Altruismus - nicht vorhanden - vorhanden - vorhanden -
Soziale Interaktion
Suche nach Zuge- nicht vorhanden - vorhanden - nicht vorhanden - -
hörigkeit
Spaß an Interakti- vorhanden vorhanden [Netz- vorhanden vorhanden - - vorhanden
on werk erweitern] [offline]
Soziale Anreize nicht vorhanden - nicht vorhanden - vorhanden [Fami- vorhanden [mithal- vorhanden
lie] ten wollen] [Familie]
Intrinsisch - - - vorhanden - - -
Überzeugungsbasiert eingeschränkt - - - - - -
vorhanden
Hedonistisch vorhanden gemäßigt vorhan- vorhanden nicht vorhanden nicht vorhanden - vorhanden?
den
Selbstdarstellung vorhanden [Insze- vorhanden vorhanden nicht vorhanden nicht vorhanden nicht vorhanden -
nierung, Meinung] [Inszenierung] [Inszenierung] [Inszenierung], [Inszenierung] [Inszenierung],
vorhanden [Mei- vorhanden [Mei-
nung] nung]
Selbstentwicklung vorhanden [Ler- vorhanden kaum vorhanden - vorhanden [Ler- - nicht vorhanden
nen, Erfolg, Selbst- [Lernen, Erfolg] [Lernen] nen, Erfolg]
verwirk-lichung]

Intensität politischer Betei-


ligung
Identifikation von Ausprägungsclustern
Merkmal Sub-Kategorie Cluster 1 Cluster 2 Cluster 3 Cluster 4 Cluster 5 Cluster 6 Cluster 7
online vereinzelt gering sehr gering einige Teile verein- gelegentlich - -
[Einzelfälle] zelt
offline - - - hoch hoch hoch -
Art der gewohnten politi- -
schen Beteiligung
online vs. offline auch online auch online auch online eher offline vorwiegend off- - -
line, auch online
niederschwellig vs. niederschwellig niederschwellig niederschwellig - niederschwellig - -
komplex
konventionell vs. unkonventionell - - konventionell - - -
unkonventionell
Auswertung der DIVSI- und U25-Milieus

Online-Gewöhnung
Intensität der Nut- hoch hoch hoch mittel mittel niedrig niedrig
zung
Vielfalt der Nut- hoch hoch mittel mittel mittel niedrig niedrig
zung
Art der Online-Nutzung
Offenheit für neue hoch hoch hoch niedrig selektiv-offen niedrig -
Lösungen
aktiv vs. passiv aktiv passiv aktiv-passiv passiv aktiv-passiv passiv passiv
[Einzelfälle aktiv] [Einzelfälle aktiv]
zweckorientiert vs. Lebensraum zweckorientiert Lebensraum zweckorientiert zweckorientiert zweckorientiert zweckorientiert
Lebensraum
Nutzungsmuster produzieren kommentieren kommentieren teilen kommentieren informieren, informieren
kommentieren
[selten]
131
132 Identifikation von Ausprägungsclustern

9.2 Bekannte Ausprägungskorrelationen


Die bisherige Beschreibung offenbart einige Lücken. Deswegen werden, wie in Kapitel 6.6.1
beschrieben, bestehenden Korrelationen herangezogen. Die bisher verwendeten Theorien
identifizieren eine Reihe von Zusammenhängen zwischen Merkmalen, die weitere Erkennt-
nisse über Ausprägungscluster ermöglichen. Eine Übersicht über die bekannten Korrelatio-
nen findet sich in Tabelle 18. Es ist zu betonen, dass diese auf unterschiedlichen Variablen-
Operationalisierungen und Datensätze basieren und somit nicht unbedingt widerspruchsfrei
sind. Die Auswertung folgt in verschiedenen Iterationen. Nach der ersten Ergänzung und Dis-
kussion werden die Ergebnisse dazu benutzt, neue Erkenntnisse abzuleiten.
 Tabelle 18: Bekannte Korrelationen zwischen Merkmalen
Merkmalskorrelation Quelle
Extraversion und Selbstvertrauen Johann u. a. (2015)
Extraversion und individuelles Wirksamkeitsbewusstsein Mondak und Halperin (2008)
Extraversion und politisches Interesse Johann u. a. (2015)
Extraversion und soziale Interaktion Cullen und Morse (2011)
Extraversion und Selbstdarstellung Cullen und Morse (2011)
Extraversion und Nutzungsmuster: teilen Cullen und Morse (2011)
Gewissenhaftigkeit und Dogmatismus Mondak und Halperin (2008)
Gewissenhaftigkeit und wahrgenommener Mehrwert Cullen und Morse (2011)
Bei Gewissenhaftigkeit wirksam: Pflichtgefühl als Motivator Mondak und Halperin (2008)
Gewissenhaftigkeit und Selbstentwicklung [Lernen] Cullen und Morse (2011)
Gewissenhaftigkeit und zielgerichtete Nutzung Cullen und Morse (2011)
Verträglichkeit und geringere kognitive Neigung Johann u. a. (2015)
Verträglichkeit und geringeres Selbstvertrauen Johann u. a. (2015)
Verträglichkeit und Einstellung zum politischen System Mondak und Halperin (2008)
(Vertrauen in Amtsträger)
Verträglichkeit und geringeres politisches Interesse Johann u. a. (2015)
Verträglichkeit und wahrgenommener Mehrwert Cullen und Morse (2011)
Verträglichkeit und Altruismus Blais und St-Vincent (2011)
Niedrige emotionale Stabilität und externe Kontrollüberzeugung Nov u. a. (2013)
Emotionale Stabilität und Selbstvertrauen Johann u. a. (2015), Nov u. a. (2013)
Emotionale Stabilität und politisches Interesse Johann u. a. (2015)
Emotionale Stabilität und Dogmatismus Mondak und Halperin (2008)
Niedrige emotionale Stabilität und Suche nach Zugehörigkeit Cullen und Morse (2011)
Niedrige emotionale Stabilität und soziale Anreize Nov u. a. (2013)
Niedrige emotionale Stabilität und passive Nutzungsart Cullen und Morse (2011)
Offenheit für Erfahrung und Selbstvertrauen Cullen und Morse (2011)
Offenheit und weniger gute Einstellung zum politischen System (Ver- Mondak und Halperin (2008)
trauen in Politiker)
Offenheit für Erfahrung und politisches Interesse Johann u. a. (2015)
Offenheit für Erfahrung und Offenheit für neue Lösungen Correa u. a. (2010), Cullen und Morse (2011)
Kognitive Neigung und Selbstentwicklung [Lernen] Amichai-Hamburger (2014)
Externe Kontrollüberzeugung und weniger hohe Online-Fähigkeiten Amichai-Hamburger (2014)
Externe Kontrollüberzeugung und niedriges Selbstvertrauen Amichai-Hamburger (2014)
Interne Kontrollüberzeugung und hohes individuelles Wirksamkeits- Amichai-Hamburger (2014)
bewusstsein
Externe Kontrollüberzeugung und größere Skepsis gegenüber Inter- Amichai-Hamburger (2014)
net
Externe Kontrollüberzeugung und soziale Anreize Nov u. a. (2013)
Interne Kontrollüberzeugung und zielgerichtete Nutzung/externe Amichai-Hamburger (2014)
Kontrollüberzeugung und treiben lassen
Politisches Interesse und Wirksamkeitsbewusstsein Milbrath und Goel (1977)
Bekannte Ausprägungskorrelationen 133

9.2.1 Diskussion der Konflikte der ersten Iteration


Im Folgenden werden Konflikte der ersten Iterationen diskutiert (für die Details der Iteration
siehe Tabelle Anhang J-2). Diese Widersprüche sind in Abbildung 4 veranschaulicht.

 Abbildung 4: Konflikte der ersten Iteration

Cluster 1 Cluster 2
1 2 3 4 5 6 7 8 9 1 2 3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16 17 18 10 11 12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25 26 27 19 20 21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31 32 33 34 35 36 28 29 30 31 32 33 34 35 36
37 38 39 40 41 42 43 44 45 37 38 39 40 41 42 43 44 45

Cluster 3 Cluster 4
1 2 3 4 5 6 7 8 9 1 2 3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16 17 18 10 11 12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25 26 27 19 20 21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31 32 33 34 35 36 28 29 30 31 32 33 34 35 36
37 38 39 40 41 42 43 44 45 37 38 39 40 41 42 43 44 45

Cluster 5 Cluster 6
1 2 3 4 5 6 7 8 9 1 2 3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16 17 18 10 11 12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25 26 27 19 20 21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31 32 33 34 35 36 28 29 30 31 32 33 34 35 36
37 38 39 40 41 42 43 44 45 37 38 39 40 41 42 43 44 45

Cluster 7
1 2 3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31 32 33 34 35 36
37 38 39 40 41 42 43 44 45

Notiz. Merkmalsnummerierung gemäß Tabelle Anhang J-2, grau=keine Widersprüche, schwarz=Widersprüche,


weiß=bisher keine Angaben.

Cluster 1 zeigt einen Widerspruch bei der Einstellung zum politischen System (Merkmal 13).
Diese wurde bisher als positiv-reflektiert eingestuft. Die hohe Offenheit für Erfahrungen
würde aber für eine weniger gute Einstellung sprechen (Mondak & Halperin, 2008). Eine Er-
klärung bietet die Operationalisierung der Variable. Sie misst das Vertrauen in Politiker. Es ist
denkbar, dass dieses Cluster zwar weniger Vertrauen in Politiker aufweist, aber trotzdem
insgesamt eher positiv eingestellt ist zum System. Diese Interpretation wird auch durch die
hoch kognitive Neigung unterstützt: Das Cluster orientiert sich weniger an Personen, son-
dern wägt Entscheidungen bezogen auf Inhalte ab. Eine gewisse Skepsis zeigt sich auch da-
rin, dass die Ausprägung positiv-reflektiert ist.
134 Identifikation von Ausprägungsclustern

Auch bei der Einstellung zu IT (Merkmal 20) zeigt sich ein leichter Unterschied. Das Cluster
wird diesbezüglich als positiv-reflektiert beschrieben. Durch die Korrelation mit der Kontroll-
überzeugung wird eine positive Einstellung vorausgesagt. Tatsächlich ist die Einstellung des
Clusters positiv, obwohl sie sich einiger Gefahren bewusst sind. Es handelt sich daher nicht
um einen Widerspruch. Schließlich müssen noch bei der Art der Online-Nutzung Widers-
prüche geklärt werden. Tatsächlich handelt es sich um Konflikte, die sich durch eingehende
Betrachtung auflösen. Art der Online-Nutzung unterscheidet in der entsprechenden Sub-
Kategorie zwischen zweckorientierter Nutzung und Lebensraum-Nutzung (Merkmal 44).
Cluster 1 wurde hier mit Lebensraum beschrieben, was scheinbar im Widerspruch zu einer
durch eine interne Kontrollüberzeugung vorhergesagten zielgerichteten Nutzung steht. Tat-
sächlich wird aber durch Merkmal 44 eher beschrieben, wie natürlich der Umgang mit dem
Internet ist: Dienen Online-Aktivitäten nur als Ergänzung in einigen Fällen oder ist das Inter-
net eine selbstverständliche Umgebung? Das Internet kann Lebensraum sein, aber ein Be-
nutzer kann sich trotzdem zielgerichtet bewegen. Es bietet sich an bei der Art der Nutzung
eine Sub-Kategorie zu etablieren, die zwischen zielgerichteter Nutzung und einem Treiben-
Lassen unterscheidet, womit sich auch die weiteren Konflikte bei Merkmal 44 auflösen.
Schließlich wird durch hohe Extraversion ein teilendes Nutzungsmuster vorhergesagt
(Merkmal 45). Bisher wurde bei Cluster 1 ein produzierendes Muster identifiziert. Die Nut-
zungsmuster sind jedoch hierarchisch skaliert ist, das heißt, dass produzieren die Ausprägung
teilen beinhaltet. Somit handelt es sich auch hier nicht um einen Widerspruch.49
Cluster 2 weist bei Merkmal 11 einen Konflikt auf. Dem Cluster wird aufgrund der internen
Kontrollüberzeugung ein hohes individuelles Wirksamkeitsbewusstsein vorhergesagt. Bisher
wurde dies aber als niedrig bewertet. Tatsächlich wird aber der Glaube des Clusters daran
beschrieben, dass sie selbst durch Online-Beteiligung nicht viel erreichen können (Hoffmann
u. a., 2015, S. 73). Es scheint, dass die Skepsis gegenüber Online-Beteiligung eher in einer
Einstellung gegenüber der Wirksamkeit allgemein bedingt ist, nicht in einem Zweifel am ei-
genen Einfluss. Alle anderen Indikatoren sprechen für eine hohe interne Kontroll-
überzeugung und somit hohes individuelles Wirksamkeitsbewusstsein. Bei der Frage nach
aktiver oder passiver Online-Nutzung (Merkmal 43) zeigt sich ein Konflikt, weil bei diesem
Cluster angemerkt wurde, dass es eher passive Muster zeige, wobei Einzelfälle aktiv werden
können. Durch die Korrelation mit emotionaler Stabilität wird dem Cluster eher ein aktives
Verhalten zugeschrieben. Die erste Frage an dieser Stelle ist, ob durch die Diversität des
Merkmals der Bedarf für ein neues Cluster besteht. Tatsächlich ist dies das einzige Merkmal,
bei dem eine solche Diversität auftritt. Es scheint nicht gerechtfertigt, ein neues Cluster zu
formen. Vielmehr wird diese Diversität als Zeichen dafür interpretiert, dass diese Cluster tat-
sächlich zu Beteiligung angeregt werden können, wenn die Bedingungen stimmen. Das passt
zur pragmatischen Orientierung dieses Clusters. Somit löst sich auch der Konflikt zur Vorher-

49
Die folgenden Widersprüche bei Merkmal 44 und 45, die sich ebenso auflösen, werden nicht erneut disku-
tiert.
Bekannte Ausprägungskorrelationen 135

sage. Schließlich zeigt das Cluster ebenso wie Cluster 1 den Widerspruch bei der Einstellung
zum politischen System (Merkmal 13). Zwar wurde bereits argumentiert, dass die hohe Of-
fenheit für Erfahrung nicht unbedingt für eine ablehnende Einstellung zum politischen Sys-
tem stehen muss. Dennoch fällt auf, dass für dieses Cluster die Ausprägung positiv ist statt
positiv-reflektiert. Trotzdem weist Cluster 2 eine hohe kognitive Neigung auf. Tatsächlich
scheint es am wahrscheinlichsten, dass sich dieser Typus weniger für die Diskussion mögli-
cher Konflikte mit dem Staat interessiert. Er beteiligt sich ebenfalls kaum offline, obwohl ihm
hohes individuelles Wirksamkeitsbewusstsein zugeschrieben wird. Es ist somit gerechtfertigt
anzunehmen, dass sich dieses Cluster weniger für Politik interessiert als Cluster 1. Als Merk-
malsausprägung wird daher mittel gewählt.
Cluster 3 zeigt eine Vielzahl von Widersprüchen. Die Erwartungen an die Ausprägungen für
dieses Cluster durch niedrige emotionale Stabilität und eine externe Kontrollüberzeugung
sind beim Selbstvertrauen (Merkmal 10) und beim individuellen Wirksamkeitsbewusstsein
(Merkmal 11) gegenläufig zu denen durch Extraversion und Offenheit für Erfahrungen. Es
scheint sich hier um ein besonderes Cluster zu handeln, dass sich nicht zurückzieht, sondern
offensiv auf seine Unsicherheit reagiert. Das passt auch zur Trotzreaktion, die diesem Cluster
zugeschrieben wird (siehe beispielsweise Sinus Institut, 2012, S. 95). Deshalb wird es weiter-
hin als wenig selbstbewusst und mit niedrigem individuellen Wirksamkeitsbewusstsein be-
wertet, bei gleichzeitig hoher Extraversion und Offenheit für Erfahrungen. Auch das politi-
sche Interesse wird der gleichen Argumentation folgend bei niedrig belassen (Merkmal 14).
Das Cluster wurde bisher als nicht empfänglich für soziale Anreize (Merkmal 29) bewertet.
Mit Blick auf die niedrige emotionale Stabilität und die externe Kontrollüberzeugung scheint
es angemessen, dies zu korrigieren. Jedoch reagiert das Cluster, wie bereits erwähnt, mit
Trotz auf Vorgaben, weshalb soziale Anreize eher gegenläufig wirken. Außerdem ist dieses
Cluster sehr an die Online-Welt gewöhnt und wird durch IT nicht verunsichert sondern steht
ihr positiv gegenüber (Merkmal 20). Damit ist auch weiterhin ein hoher wahrgenommener
Mehrwert gerechtfertigt (Merkmal 21). So erklären sich auch die mittleren Online-
Fähigkeiten (Merkmal 2) und die teilweise vorhandene Aktivität (Merkmal 43). Die Selbst-
entwicklung (Merkmal 34) wurde mit kaum vorhanden eingestuft. Es scheint allerdings an-
gemessen, auch im Sinne einer sparsamen Verwendung von Ausprägungen, diese als nicht
vorhanden einzustufen. Bei Merkmal 45, dem Nutzungsmuster, handelt es sich nur schein-
bar um einen Widerspruch zwischen kommentieren und teilen, da durch die Beschreibung
kommentieren teilendes Verhalten eingeschlossen ist.
Bei den Konflikten von Cluster 4 bei kognitiver Neigung (Merkmal 8), Selbstvertrauen
(Merkmal 10), Einstellung zum politischen System (Merkmal 13) und politischem Interesse
(Merkmal 14) spielt Verträglichkeit eine zentrale Rolle. Die Vorhersagen, die durch die die-
sem Cluster eigene hohe Verträglichkeit entstehen, sind gegenläufig zu bisher identifizierten
oder anderweitig vorhergesagten Werten. Dieses Cluster scheint bezogen auf Verträglichkeit
ein Sonderfall zu sein. Somit wird auch weiterhin von hoher kognitiver Neigung ausgegan-
gen. Das Selbstvertrauen wurde bisher als mittel-hoch bewertet. Hohe Extraversion spricht
136 Identifikation von Ausprägungsclustern

für hohes Selbstvertrauen, eine mittlere Offenheit für Erfahrungen eher für eine mittlere
Ausprägung. Die Bewertung mit mittel-hoch kommt daher zustande, dass sich dieses Cluster
„weniger selbstbewusst als Souveräne oder Pragmatische“ zeigt (Sinus Institut, 2014, S. 42).
Dies bezieht sich jedoch primär auf eine Einschätzung der subjektiven Internetkompetenz.
Das heißt, es kann sich auch um eine realistische Bewertung der eher mittleren Fähigkeiten
handeln. Dem Cluster wird hohes Selbstvertrauen zugeschrieben. Das politische Interesse
wird ebenfalls mit hoch bewertet, weil Cluster 4 sich offline politisch häufig engagiert. Es
stellt sich somit die Frage, ob die Einstellung zum politischen System tatsächlich eher ableh-
nend ist oder ob es sich um eine positive aber reflektierte Einstellung handelt, ähnlich wie
bei Cluster 1. Beide Cluster zeigen Bedenken mit Blick auf den Staat. Cluster 1 befürchtet,
„dass das Internet für antidemokratische Zwecke missbraucht werden könnte bzw. bereits
wird“ (Sinus Institut, 2012, S. 62). Cluster 4 befürchtet, „dass Informationen über die Bürger
akkumuliert und diese zum Überwachen der Bevölkerung ausgewertet werden“ (S. 104).
Während dem Staat bei Cluster 1 aber noch „vergleichsweise großes Vertrauen“ (S. 63) ent-
gegengebracht wird, scheint das Misstrauen bei Cluster 4 größer zu sein: „Verweise auf
George Orwells 1984 erscheinen ihnen dabei „nicht weit hergeholt“ (S. 104). Die Formulie-
rung diese Bedenken lässt allerdings die Frage zu, ob die wahrgenommene Diskrepanz eher
auf eine unterschiedliche Einstellung zum Internet zurückzuführen ist. Tatsächlich hat Cluster
1 „keine Berührungsängste“ und „großes Vertrauen“ (S. 59), Cluster 4 hingegen möchte „sich
vom Internet nicht zu sehr vereinnahmen lassen“ (S. 102). Es wird daher entschieden, Clus-
ter 4 ebenfalls als positiv-reflektiert gegenüber dem Staat zu bewerten. Beim Pflichtgefühl
(Merkmal 23) besteht kein tatsächlicher Konflikt. Bisher wurde das Pflichtgefühl als vorhan-
den eingeschätzt, durch die Korrelationen wird es als möglich beschrieben. Dies ist kein Wi-
derspruch. Bezogen auf die Selbstdarstellung (Merkmal 33) fehlt diesem Cluster der Drang
zur Inszenierung, der klassisch mit hoher Extraversion einhergeht. Es wird nur davon getrie-
ben, seine Meinung zu präsentieren. Möglicherweise zeigt sich hier eine Kombination von
Extraversion und Verträglichkeit, die zu dieser Ausprägung der Selbstdarstellung führt. Es
scheint sinnvoll, eine weitere Differenzierung Selbstdarstellungsmotivation vorzunehmen.
Auch bei Offenheit für neue Lösungen zeigt sich bei Cluster 4 ein Konflikt (Merkmal 42).
Während diese bisher als niedrig eingestuft wurde, spricht eine generell mittlere Offenheit
für Erfahrung für eine ebenfalls mittlere Offenheit an dieser Stelle. Tatsächlich scheint dies
eher der Fall zu sein, denn während beispielswiese Cluster 6 neue Lösungen meidet (siehe
Hoffmann u. a., 2015, S. 104), ist Cluster 4 zwar eher zurückhaltend, aber durchaus offen für
neue Angebote (siehe (Hoffmann u. a., 2015, S. 103). Tatsächlich unterscheidet sich diese
vorsichtige Offenheit kaum von der als selektiv-offen beschriebenen Ausprägung von Cluster
5, womit hier eine Anpassung gerechtfertigt scheint, beide Cluster werden als mittel bewer-
tet.
Cluster 5 zeigt ebenfalls Konflikte bei Selbstvertrauen (Merkmal 10) und politischem Interes-
se (Merkmal 14), die durch die mittlere Offenheit für Erfahrung bedingt sind. Die hohe Extra-
version des Clusters spricht für hohes Selbstvertrauen, passend zu der bisherigen Einschät-
Bekannte Ausprägungskorrelationen 137

zung. Dies wird beibehalten. Gleiches gilt für das politische Interesse, besonders weil sich
auch dieses Cluster offline politisch engagiert. Das Cluster weist außerdem das gleiche Mus-
ter bezüglich der Selbstdarstellung (Merkmal 33) auf wie Cluster 4. Zwar wurde bisher keine
meinungsbezogene Selbstdarstellung identifiziert. Die Extraversion des Clusters begründet
sich aber in einem Bestreben, Meinungsführer zu sein (Sinus Institut, 2012, S. 115), was die-
se Ergänzung rechtfertigt. Der Konflikt bei Merkmal 42, Offenheit für neue Lösungen, wurde
bereits gelöst. Genauso wurde der scheinbare Widerspruch zwischen kommentieren und
teilen beim Nutzungsmuster (Merkmal 45) besprochen.
Cluster 6 weist Konflikte beim Selbstvertrauen auf (Merkmal 10), beim Dogmatismus
(Merkmal 17), beim wahrgenommenen Mehrwert von IT (Merkmal 21) und bei der Motiva-
tion durch Pflichtgefühl (Merkmal 23) sowie durch Selbstdarstellung (Merkmal 33), Selbst-
entwicklung (Merkmal 34) und der Art der Online-Nutzung auf (Merkmal 43, 44, 45). Alle
Vorhersagen durch Korrelationen sprechen bei Cluster 6 für ein niedriges Selbstvertrauen,
weshalb die Ausprägung von mittel auf niedrig angepasst wird. Beim Dogmatismus (Merkmal
17) widersprechen sich die Vorhersagen durch hohe Gewissenhaftigkeit und niedrige emoti-
onale Stabilität. Das spricht dafür, dass der Dogmatismus bei diesem Cluster zumindest nied-
riger ausgeprägt ist als bei emotional stabilen, gewissenhaften Clustern. Deswegen wird das
Merkmal mit mittel bewertet. Ein Widerspruch zeigt sich bei der Beurteilung des wahr-
genommenen Mehrwerts (Merkmal 21). Das Cluster wurde hier bisher mit eher niedrig
[wachsend] bewertet. Der hohen Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit folgend, sollte hier
ein hoher Mehrwert vermerkt werden. Bei genauerer Betrachtung sprechen Gewissen-
haftigkeit und Verträglichkeit allerdings eher davon, dass ein Mehrwert bereitwilliger aner-
kannt wird (Cullen & Morse, 2011) Trotz einer eher ablehnenden Haltung und wenig Ge-
wöhnung werden in diesem Cluster nach und nach Vorteile zugestanden. Dies ist genau das
Verhalten, welches Cullen und Morse (2011) beschreiben. Trotzdem muss festgehalten wer-
den, dass insgesamt der Mehrwert als geringer wahrgenommen wird als bei anderen Clus-
tern, weshalb er mit mittel beschrieben werden kann. Der Konflikt bei Merkmal 23 (Pflicht-
gefühl) ist kein tatsächlicher Widerspruch. Die hohe Gewissenhaftigkeit des Clusters spricht
dafür, dass Motivation durch Pflichtgefühl möglich ist. Bisher wurde eine solche Motivation
festgestellt, aber bezogen auf ein Gefühl der gegenseitigen Verpflichtung. Es ist unklar, ob
dieses Cluster Partizipation als Pflicht betrachtet. Es bietet sich hier an das Merkmal Pflicht-
gefühl diesbezüglich zu unterteilen. Überraschend ist, dass auch bei Merkmal 33, der Selbst-
darstellung, ein Konflikt auftritt. Obwohl dieses Cluster als introvertiert eingeschätzt wird,
findet sich eine meinungsbasierte Motivation zur Selbstdarstellung. Dies ist durchaus denk-
bar, da auch Introvertiertere im Internet Verhalten zeigen, das auf den ersten Blick extrover-
tiert scheint (Amichai-Hamburger, 2014). Es scheint notwendig, Extraversion und beide For-
men der Selbstdarstellung in Kombination zu betrachten, um eine eindeutige Unterschei-
dung zwischen den Typen vornehmen zu können. Cluster 6 zeigt bezogen auf Selbstentwick-
lung (Merkmal 34) den Widerspruch zwischen Gewissenhaftigkeit und niedriger kognitiver
Neigung. Tatsächlich ist ein Typus vorstellbar, der zwar keine Freude daran hat, sich bei-
spielsweise Online-Fähigkeiten anzueignen, der dies aber notgedrungen tut. Der hier erwar-
138 Identifikation von Ausprägungsclustern

tete Einfluss der Gewissenhaftigkeit lässt sich somit wahrscheinlich besser über soziale An-
reize oder gegenseitiges Pflichtgefühl beschreiben. Deshalb wird die Motivation durch
Selbstentwicklung als nicht vorhanden eingestuft. Bezogen auf die Online-Aktivität ist über-
raschend, dass es in dem Typus einige aktive Einzelfälle gibt (Merkmal 43). Dies wird analog
zu Cluster 2 so interpretiert, dass sich auch dieses Cluster unter den richtigen Umständen zur
aktiven Beteiligung motivieren lassen kann, trotz niedriger emotionaler Stabilität. Bei Merk-
mal 44 tritt in diesem Fall ein Konflikt zwischen den Vorhersagen durch Gewissenhaftigkeit
und die externe Kontrollüberzeugung auf. Dieses Cluster liegt somit zwischen beispielsweise
Cluster 2, das klar zielgerichtet vorgeht und dem Treiben-Lassen von Cluster 3. Dazu kommt,
dass das Cluster IT eher ablehnend gegenübersteht, ähnlich wie Cluster 4 und Cluster 5.
Deswegen wird das Merkmal mit eher zielgerichtet beschrieben. Bei Merkmal 45 besteht
kein tatsächlicher Widerspruch, da die Hauptausprägung des informatorischen Nutzungs-
muster bestätigt, dass Cluster 6 eher keine Inhalte teilt.
Cluster 7 weist keine Konflikte auf, bis auf den bereits gelösten Widerspruch bei Merk-
mal 44.
Schließlich ist anzumerken, dass der mittlere wahrgenommene Mehrwert (Merkmal 21) bei
Cluster 6 und 7 die niedrigste vorhandene Ausprägung ist. Deshalb wird sie an dieser Stelle
in niedrig umgewandelt.

9.2.2 Zweite Iteration


Das Ergebnis der ersten Iteration wird einer zweiten Iteration zugrunde gelegt (siehe Tabelle
Anhang J-3). Durch die neuen Informationen können die Korrelationen erneut Rückschlüsse
zum Befüllen einiger Lücken geben. Bei Cluster 1 sprechen hoher Dogmatismus, wahr-
genommener Mehrwert, Selbstentwicklung und zielgerichtete Nutzung für hohe Gewissen-
haftigkeit. Dies entspricht auch den ersten Erwartung (siehe Kapitel 9.1.4). Bezogen auf Ver-
träglichkeit zeigen sich widersprüchliche Angaben. Hohe kognitive Neigung, hohes Selbst-
vertrauen und politisches Interesse sprechen für niedrige Verträglichkeit. Die positive Ein-
stellung zum politischen System und der hohe wahrgenommene Mehrwert für hohe Ver-
träglichkeit. Die Einstellung zum politischen System ist allerdings positiv-reflektiert und nicht
unbedingt auf Vertrauen in Politiker begründet (siehe dazu auch die Diskussion in Kapitel
9.2.1). Auch die Aussage zum Zusammenhang von Verträglichkeit und dem wahrgenommen
Mehrwert ist mit Vorsicht zu betrachten, wie bereits diskutiert wurde (siehe 9.2.1). Somit
wird Cluster 1 mit niedriger Verträglichkeit bewertet.
Bei Cluster 2 sprechen hohes Selbstvertrauen, individuelles Wirksamkeitsbewusstsein, sozia-
le Interaktion, Selbstdarstellung und ein kommentierendes Nutzungsmuster für hohe Extra-
version, trotz des mittleren politischen Interesses. Bezüglich Verträglichkeit zeigt sich ein
ähnliches Muster wie bei Cluster 1, mit dem Zusatz, dass Altruismus bereits als nicht vorhan-
den identifiziert wurde. Verträglichkeit wird als niedrig eingestuft. Die Motivation durch
Pflichtgefühl wurde durch die Sub-Kategorien Gegenseitigkeit erweitert.
Bekannte Ausprägungskorrelationen 139

Bei Cluster 3 ist ebenfalls noch keine Angabe zur Verträglichkeit vorhanden. Eine negative
Einstellung zum politischen System würde für geringe Verträglichkeit sprechen. Geringes po-
litische Interesse, Selbstvertrauen und kognitive Neigung jedoch für eine hohe Ausprägung,
genau wie ein hoher wahrgenommener Mehrwert. Allerdings wird dieses Cluster als trotzig
beschrieben. Soziale Anreize wirken gegenläufig. Das passt nicht zu der Beschreibung von
Verträglichkeit mit höflich, warm und zuvorkommend (siehe Extraktionsregeln in Tabelle
Anhang E-1). Erneut fällt dieses Cluster aus dem Muster und ist trotz niedrigem Selbst-
bewusstsein nicht nur extrovertiert, sondern auch wenig verträglich.
Bei Cluster 4 sprechen Selbstvertrauen, politisches Interesse und Dogmatismus für hohe
emotionale Stabilität. Die passive Nutzungsart könnte zwar ein Indikator für niedrige Stabili-
tät sein. Bei diesem Cluster kann dies aber auch an eine Skepsis gegenüber IT liegen, in Kom-
bination mit einer geringeren Nutzungsintensität. Die emotionale Stabilität wird als hoch be-
schrieben. Das passt auch zu einer internen Kontrollüberzeugung, die durch zielgerichtete
Nutzung, und individuelles Wirksamkeitsbewusstsein vorhergesagt wird, ebenso wie durch
hohes Selbstvertrauen.
Cluster 5 weist große Ähnlichkeiten zu Cluster 4 auf, was emotionale Stabilität und Kontroll-
überzeugung angeht. Allerdings erscheint zunächst die vorhandene Motivation durch soziale
Anreize widersprüchlich dazu. Jedoch weist dieses Cluster hier ein gemischtes Muster auf.
Einerseits lehnt das Cluster es ab, sich sozialem Druck zu beugen. Andererseits folgt es den
Empfehlungen von Familienmitgliedern (siehe Tabelle Anhang I-5). Dies scheint hier aller-
dings eher die Folge einer pragmatischen Einsicht als das Nachgeben aufgrund der Meinun-
gen von anderen zu sein. Diese eingeschränkten sozialen Anreize scheinen nicht im Wider-
spruch zu hoher emotionaler Stabilität und interner Kontrollüberzeugung zu stehen, weshalb
diese als hoch beziehungsweise intern bewertet werden. Daraus lässt sich auch schließen,
dass sich eine Unterteilung des Merkmals in die Sub-Kategorien Familie und Allgemein an-
bietet. Bei Verträglichkeit sprechen kognitive Neigung, Selbstvertrauen und politisches Inte-
resse wiederum für eine niedrige Verträglichkeit. Die reflektiert-positive Einstellung zum po-
litischen System ist nicht eindeutig zu interpretieren. Entscheidend scheint aber der hohe
wahrgenommene Mehrwert trotz skeptischer Einstellung gegenüber IT, der für eine hohe
Verträglichkeit spricht. Cluster 5 ähnelt somit auch bei der Verträglichkeit Cluster 4 und wird
mit hoch bewertet.
Bei Cluster 6 lässt sich aufgrund des niedrigen politischen Interesses auf niedriges politisches
Wirksamkeitsbewusstsein schließen.
Bei Cluster 7 sprechen niedriges Selbstvertrauen, individuelles Wirksamkeitsbewusstsein,
politisches Interesse und informatorisches Nutzungsverhalten für niedrige Extraversion. Mo-
tivation durch soziale Interaktion scheint zunächst dagegen zu sprechen. Die Angabe bezieht
sich darauf, dass das Cluster in der Offline-Welt Kontakte zu anderen Menschen nicht meidet
und hat somit online nur eingeschränkte Aussagekraft. Dem Trend der anderen Korrelatio-
nen folgend, wird deshalb die Extraversion mit niedrig beschrieben. Dementsprechend wird
140 Identifikation von Ausprägungsclustern

auch der Spaß an Interaktion (Merkmal 29) von vorhanden [offline] auf eingeschränkt vor-
handen geändert. Niedriger Dogmatismus, wahrgenommener Mehrwert, nicht vorhandene
Motivation durch Selbstentwicklung und eine Tendenz zum Treiben-Lassen sprechen für
niedrige Gewissenhaftigkeit. Geringe kognitive Neigung, geringes Selbstvertrauen, positive
Einstellung zum politischen System und geringes politisches Interesse sprechen für hohe
Verträglichkeit. Dagegen scheint zunächst der niedrig ausgeprägte wahrgenommene Mehr-
wert zu sprechen. Es wurde bereits diskutiert, dass die Verträglichkeit eher die Bereitschaft
zu beschreiben scheint, Mehrwerte anzuerkennen. Es ist dennoch möglich, dass ein verträg-
liches Cluster keine Mehrwerte sieht, wenn es wie Cluster 7 kaum Berührungspunkte mit
dem Internet hat. Somit wird die Verträglichkeit, dem Trend der Korrelationen folgend, als
hoch bewertet.

9.2.3 Dritte Iteration


Details der dritten Iteration finden sich in Tabelle Anhang J-4. Für Cluster 1 ergibt sich aus
der zweiten Iteration eine mögliche Motivation durch Pflichtgefühl (Merkmal 24). Tatsäch-
lich wird betont, dass für dieses Cluster bei Online-Beteiligung unter anderem Fairness wich-
tig ist, obwohl dieses Clusters eine individuelle Identität hat und nicht für soziale Anreize
empfänglich ist. Dennoch zeigt sich an seinem Spaß an sozialer Interaktion der hohe Stellen-
wert anderer. Eine Motivation über Gegenseitigkeit scheint tatsächlich vorhanden (Merkmal
23). Altruismus (Merkmal 27) wird wegen der niedrigen Verträglichkeit als nicht vorhanden
eingestuft.
Auch bei Cluster 2 muss gegenseitiges Pflichtgefühl diskutiert werden (Merkmal 23). Im Ge-
gensatz zu Cluster 1 wurde nicht erwähnt, dass dieses Cluster sich um Fairness bemüht. Sei-
ne Motivation zu sozialer Interaktion ist klar erfolgsorientiert. Es geht darum, das per-
sönliche Netzwerk zu erweitern. Es ist gerechtfertigt, die Motivation durch gegenseitiges
Pflichtgefühl hier als nicht vorhanden einzustufen. Damit ist es sinnvoll, auch die soziale
Identität (Merkmal 12) mit individuell zu bewerten.
Bei Cluster 3 ist aufgrund der niedrigen Verträglichkeit nicht von einer Motivation durch Alt-
ruismus (Merkmal 27) auszugehen.
Cluster 4 ist aufgrund hoher emotionaler Stabilität und interner Kontrollüberzeugung nicht
empfänglich für soziale Anreize (Merkmal 30) und sucht nicht nach Zugehörigkeit (Merkmal
28). Bei vorhandener Gewissenhaftigkeit sprechen Altruismus und gruppenbezogene Identi-
tät dafür, dass ein gegenseitiges Pflichtgefühl (Merkmal 23) vorhanden ist.
Für Cluster 5 wird eine Motivation durch Altruismus (Merkmal 27) abgeleitet und somit
ebenso eine vorhandene Motivation durch gegenseitiges Pflichtgefühl (Merkmal 23).
Basierend auf niedriger Extraversion ist es sinnvoll, dass Cluster 7 nicht durch Inszenierung
motiviert wird (Merkmal 34). Es scheint unwahrscheinlich, dass dieses Cluster das Internet
als Möglichkeit sieht, seine Meinung zu äußern (Merkmal 35), denn das Cluster weist ein
passives Online-Verhalten auf. Aus niedriger Gewissenhaftigkeit lässt sich ableiten, dass eine
Bekannte Ausprägungskorrelationen 141

Motivation durch Pflichtgefühl nicht möglich ist (Merkmal 23 und 24). Altruismus (Merkmal
27) aber wirkt als Motivator bei diesem verträglichen Cluster. Schließlich sprechen noch Ver-
träglichkeit und Suche nach Zugehörigkeit für eine gruppenbezogene Identität (Merkmal 12).

9.2.4 Vervollständigung von Lücken


Noch immer zeigen sich bei allen Clustern einige Lücken (siehe Abbildung 5, für Details siehe
Tabelle Anhang J-5). Dabei fällt auf, dass nur bei Cluster 2 Merkmal 16 (politisches Wirksam-
keitsbewusstsein [online]) beschrieben wird. Zwar werden für die Cluster Meinungen zu On-
line-Partizipation beschrieben. Diese beziehen sich jedoch zum einen nicht auf politische
Partizipation und zum anderen beschreiben sie eher Beteiligungshürden als erwartete Wirk-
samkeit. Da die Skepsis von Cluster 2 bereits gut durch dessen Meinung zu Online-
Partizipation festgehalten wird, wird dieses Merkmal nicht weiter in der Typologie verwen-
det.
Eine ähnlich geringe Informationslage findet sich auch bei verschiedenen Motivationen
(Merkmal 23 bis Merkmal 37). Diese allerdings werden nicht durch andere Merkmale abge-
deckt, weshalb sie in der Typologie erhalten bleiben sollen. Sie werden im Folgenden, genau
wie die anderen fehlenden Merkmale, durch eine Betrachtung der Cluster ergänzt.
Lücken bestehen auch bei der Beschreibung der Intensität und Form der bisherigen politi-
schen Beteiligung. Wenn bisherige Online-Beteiligung beschrieben wird (Merkmal 41), dann
ist sie immer niederschwellig. Das entspricht einer ursprünglich geäußerten Erwartung, dass
komplexere Online-Partizipation bisher kaum genutzt wird und daher keine Erfahrungswerte
zu vermuten sind. Das heißt gleichzeitig auch, dass sich diese Variable nicht zur Unter-
scheidung der Typen eignet, weswegen sie nicht übernommen wird. Somit hat auch das
Merkmal 38 zur Intensität der Online-Beteiligung kaum Aussagekraft und wird aus der Typo-
logie herausgenommen. Auch die Unterscheidung zwischen Online- oder Offline-
Schwerpunkt bei bisheriger Partizipation (Merkmal 40) liefert über den Grad der Online-
Gewöhnung hinaus keine Information, weshalb auch dieses Merkmal nicht weiter betrachtet
wird. Wenig ist auch über die bisherige Intensität der Offline-Beteiligung bekannt (Merkmal
39). Es fällt zudem auf, dass beispielsweise Cluster 6 trotz geringem politischen Interesses als
beteiligt beschrieben wird. Dieses Cluster ist „gesellschaftlich in vielen Bereichen beteiligt
und engagiert“ (Hoffmann u. a., 2015, S. 110). Tatsächlich wird auch bei Cluster 4 und Clus-
ter 5 gesellschaftliches Engagement beschrieben, was nicht unbedingt Involviertheit in politi-
sche Prozesse beschreibt und somit wenig Mehrwert für Online-Partizipation hat. Auch die-
ses Merkmal wird nicht weitergeführt.
142 Identifikation von Ausprägungsclustern

 Abbildung 5: Bestehende Lücken in der Clusterbeschreibung

Cluster 1 Cluster 2
1 2 3 4 5 6 7 1 2 3 4 5 6 7
8 9 10 11 12 13 14 8 9 10 11 12 13 14
15 16 17 18 19 20 21 15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28 22 23 24 25 26 27 28
29 30 31 32 33 34 35 29 30 31 32 33 34 35
36 37 38 39 40 41 42 36 37 38 39 40 41 42
43 44 45 46 47 48 49 43 44 45 46 47 48 49

Cluster 3 Cluster 4
1 2 3 4 5 6 7 1 2 3 4 5 6 7
8 9 10 11 12 13 14 8 9 10 11 12 13 14
15 16 17 18 19 20 21 15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28 22 23 24 25 26 27 28
29 30 31 32 33 34 35 29 30 31 32 33 34 35
36 37 38 39 40 41 42 36 37 38 39 40 41 42
43 44 45 46 47 48 49 43 44 45 46 47 48 49

Cluster 5 Cluster 6
1 2 3 4 5 6 7 1 2 3 4 5 6 7
8 9 10 11 12 13 14 8 9 10 11 12 13 14
15 16 17 18 19 20 21 15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28 22 23 24 25 26 27 28
29 30 31 32 33 34 35 29 30 31 32 33 34 35
36 37 38 39 40 41 42 36 37 38 39 40 41 42
43 44 45 46 47 48 49 43 44 45 46 47 48 49

Cluster 7
1 2 3 4 5 6 7
8 9 10 11 12 13 14
15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28
29 30 31 32 33 34 35
36 37 38 39 40 41 42
43 44 45 46 47 48 49

Notiz. Merkmalsnummerierung gemäß Tabelle Anhang J-5, grau=keine Widersprüche, weiß=bisher


keine Angaben, graue Schrift=Merkmale, die nicht weitergeführt werden.

Es gibt keinen Indikator, dass Cluster 1 weniger zufrieden sein könnte als Cluster 2. Es strebt
nicht nach Zugehörigkeit und zeigt eher positive Einstellungen. Seine allgemeine Zufrieden-
heit (Merkmal 18) wird deshalb als hoch eingestuft. Es scheint außerdem nicht abwegig, dass
dieses politisch interessierte Cluster, das sich zur Politikbeeinflussung beteiligt, auch durch
Gruppenziele motiviert werden kann (Merkmal 26). Außerdem zeigt Cluster 1 Spaß an Inter-
aktion und ein Streben nach Selbstverwirklichung. Dabei ist das Internet der natürliche Ort,
Bekannte Ausprägungskorrelationen 143

um diese Motivationen auszuleben, was für das Vorhandensein einer intrinsischen Motivati-
on zur Online-Beteiligung spricht (Merkmal 32). Schließlich fällt auf, dass Cluster 1 als einzi-
ges überzeugungsbasierte Motivation aufweist.
Beim effizienzorientierten, politisch mittel interessierten Cluster 2 scheint eine Motivation
durch Politikbeeinflussung (Merkmal 25) unwahrscheinlich und somit auch eine Motivation
zur Meinungsäußerung (Merkmal 36) und eine intrinsische Motivation zur Online-
Partizipation (Merkmal 32). Für eine überzeugungsbasierte Motivation (Merkmal 33) fehlt
diesem Cluster die Begeisterung für IT. Schließlich scheint es wahrscheinlich, dass sich dieses
Cluster bisher über konventionelle Wege beteiligt (Merkmal 42), denn es hat eine positive
Einstellung gegenüber dem politischen System.
Cluster 3 zeigt kein politisches Interesse und wird sich nicht zum Zweck der Politikbeein-
flussung beteiligen (Merkmal 25). Intrinsische (Merkmal 32) und überzeugungsbasierte Mo-
tivation (Merkmal 33) sind ebenso auszuschließen. Allerdings hat das Cluster ein gruppen-
bezogenes Identitätsgefühl und beteiligt sich somit möglicherweise zum Wohle seiner Grup-
pe (Merkmal 26). Wie auch bei Cluster 2 ist wahrscheinlich, dass sich die Selbstdarstellungs-
motivation auf Inszenierung beschränkt, nicht auf Meinungsäußerung (Merkmal 36). Wenn
sich dieses Cluster politisch beteiligt (Merkmal 42), dann wahrscheinlich auf unkonventionel-
le Art und Weise, denn es steht dem politischen System ablehnend gegenüber und hat ein
niedriges politisches Wirksamkeitsbewusstsein.
Für Cluster 4 gab es bisher keine Angaben zur IT-Infrastruktur. Es ist anzunehmen, dass die-
ses Cluster, welches sich nicht vom Internet beherrschen lassen möchte, vorwiegend statio-
näre Infrastruktur verwendet (Merkmal 1) und eine pragmatische Einstellung zu IT aufweist
(Merkmal 19). Es gibt kein Anzeichen dafür, dass das Cluster unzufrieden ist, weshalb die all-
gemeine Zufriedenheit mit hoch bewertet wird (Merkmal 18). Das politisch interessierte
Cluster wird sich auch beteiligen, um Ziele für eine Gruppe zu erreichen (Merkmal 26). Ihm
fehlt aber der Drang zur Politikbeeinflussung als Zweck an sich, der für Cluster 1 typisch ist
(Merkmal 25). Es ist eher durch Altruismus motiviert. Dem Cluster fehlt die IT-Begeisterung
für eine überzeugungsbasierte Motivation (Merkmal 33). Cluster 4 wurde eine intrinsische
Motivation (Merkmal 32) zugeschrieben. Es ist allerdings zu diskutieren, ob dies auch in On-
line-Umgebung zutrifft, da dieses Cluster das Internet eher bedarfsorientiert nutzt. Außer-
dem zeigt es eine ablehnende Einstellung zu IT. Zwar wird über dieses Cluster gesagt: „ein
weiterer Vorteil der Beteiligung im Internet ist daher eine mögliche emotionale und affektive
Befriedigung“ (Hoffmann u. a., 2015, S. 101). Es wird jedoch gleichzeitig erwähnt, dass Onli-
ne-Angebote nur genutzt werden, um Offline-Engagement zu ergänzen. Es handelt sich so-
mit nicht um eine tatsächliche intrinsische Motivation zur Online-Partizipation, weshalb die
Merkmalsausprägung geändert wird.
Auch Cluster 5 wird als allgemein zufrieden bewertet (Merkmal 18). Auch bezogen auf die
Motivation zur Erreichung von Gruppenzielen (Merkmal 26) und Politikbeeinflussung
(Merkmal 25) gibt es keine Anzeichen für Unterschiede zu Cluster 4. Weshalb sie analog als
144 Identifikation von Ausprägungsclustern

vorhanden und nicht vorhanden bewertet werden. Da Cluster 5 die gleiche ablehnend-
reflektierte, pragmatische Einstellung zu IT aufweist, sind auch hier intrinsische (Merkmal
32) und überzeugungsbasierte Motivation (Merkmal 33) unwahrscheinlich. Es ist ebenso da-
von auszugehen, dass sich das engagementerfahrene Cluster konventionell beteiligt (Merk-
mal 42).
Cluster 6 zeigt niedriges politisches Interesse und wird sich daher nicht zur Politikbeeinflus-
sung beteiligen (Merkmal 25). Eine Beteiligung, um spezifische Ziele (Merkmal 26) zu errei-
chen, ist dennoch denkbar, denn das Cluster hat eine gruppenbezogene Identität und ist en-
gagiert. Intrinsische (Merkmal 32) und überzeugungsbasierte Motivation (Merkmal 33) sind
aufgrund der ablehnenden Einstellung gegenüber IT unwahrscheinlich. Genauso scheint es,
auch wegen der niedrigen Gewöhnung, unwahrscheinlich, dass dieses Cluster hedonistisch
motiviert sein könnte in Bezug auf Online-Verhalten (Merkmal 34). Die positive Einstellung
zum politischen System in Kombination mit einer niedrigen Offenheit für Erfahrungen lässt
konventionelle Beteiligung wahrscheinlich erscheinen (Merkmal 42).
Cluster 7 beinhaltet auch Menschen, die keine IT-Infrastruktur besitzen. Wenn diese vor-
handen ist, ist anzunehmen, dass sie stationär ist (Merkmal 1). Mit Blick auf die ablehnende
Einstellung gegenüber IT ist gleichzeitig Pragmatismus im Umgang zu vermuten (Merkmal
19). Bei niedrigem politischen Interesse scheint eine Motivation durch Politikbeeinflussung
(Merkmal 25) unwahrscheinlich. Durch die Einstellung zu IT und niedrige Gewöhnung sind
intrinsische (Merkmal 32) und überzeugungsbasierte Motivation (Merkmal 33) ebenso aus-
zuschließen. Politische Beteiligung wird bei einer positiven Einstellung zum System wenn
dann konventionell stattfinden (Merkmal 42). Schließlich konnte bisher bei hedonistischer
Motivation nur eine unsichere Einordnung vorgenommen werden (Merkmal 34). Die Vermu-
tung einer hedonistischen Motivation war in der Aussage begründet, dass dieser Typus bis
ins „materialistisch-hedonistische Segment“ hineinreiche (Sinus Institut, 2014, S. 56). Aller-
dings ist es durch die Ablehnung von IT und die niedrige Online-Gewöhnung unwahrschein-
lich, dass dieses Cluster bei Online-Verhalten hedonistisch motiviert wird. Die Ausprägung
wird daher zu nicht vorhanden geändert.

9.2.5 Kombination der Cluster


Die Übersicht über vollständige Beschreibung der bisherigen Cluster mit Merkmalen einer
Typologie der Online-Partizipation findet sich in Tabelle Anhang J-6. Es fällt auf, dass sowohl
Cluster 4 und Cluster 5 als auch Cluster 6 und Cluster 7 an vielen Stellen Überschneidungen
aufweisen. Es stellt sich somit die Frage, ob diese Cluster zusammengelegt werden können.
Dazu müssen die Merkmalsausprägungen diskutiert werden, die zwischen den Clustern Un-
terschiede aufweisen (siehe Tabelle 19).
Sowohl Cluster 4 als auch Cluster 3 haben einige Einwände gegenüber Online-Beteiligung
(Merkmal 21). Cluster 4 betont die mögliche persönliche Angreifbarkeit. Dies befürchtet
auch Cluster 5, ergänzt aber, dass Online-Beteiligung oft primär zur Selbstdarstellung diene.
Dies passt zur nicht vorhandenen Inszenierungsmotivation von Cluster 4, weshalb es sinnvoll
Bekannte Ausprägungskorrelationen 145

ist anzunehmen, dass sich die Cluster hier gleich verhalten. Auch bei Merkmal 23 ist der Un-
terschied nur gering. Während für Cluster 4 bereits festgestellt wurde, dass sie Partizipation
als Pflicht auffassen, wurde bei Cluster 5 nur festgehalten, dass dies möglich ist. Da die Clus-
ter die gleichen Eigenschaften und Einstellungen zum politischen System zeigen, ist es sinn-
voll, auch bei Cluster 5 eine vorhandene Motivation durch Pflichtgefühl festzuhalten.
 Tabelle 19: Unterschiede zwischen ähnlichen Clustern
Merkmal Sub-Kategorie Cluster 4 Cluster 5 Cluster 6 Cluster 7
21 Einstellung Meinung über positiv-reflektiert positiv-reflektiert ablehnend ablehnend
zu IT Online- [Angreifbarkeit] [Angreifbarkeit,
Partizipation Selbstdarstellung]
22 Pflichtgefühl Gegenseitigkeit vorhanden vorhanden vorhanden nicht möglich

23 Pflichtgefühl Partizipation vorhanden möglich möglich nicht möglich

25 Gruppenziele - vorhanden vorhanden vorhanden eingeschränkt


vorhanden

28 Soziale Inter- Spaß an Interak- vorhanden vorhanden nicht vorhanden eingeschränkt


aktion tion vorhanden

25 Selbst- Meinung vorhanden vorhanden vorhanden nicht vorhanden


darstellung

36 Selbst- - vorhanden vorhanden [Ler- nicht vorhanden nicht vorhanden


entwicklung nen, Erfolg]

41 Art Online- aktiv vs. passiv passiv aktiv-passiv passiv passiv


Nutzung [Einzelfälle aktiv]

42 Art Online- treiben lassen vs. zielgerichtet zielgerichtet eher zielgerichtet treiben lassen
Nutzung zielgerichtet

44 Art Online- Nutzungsmuster teilen kommentieren informieren, informieren


Nutzung kommentieren
[selten]

Für Merkmal 36 kommt der Unterschied in Bezug auf die Ausprägung der Selbstentwicklung
daher zu Stande, dass für Cluster 5 spezifische Beschreibungen extrahiert werden konnten,
während bei Cluster 4 die vorhandene Selbstentwicklung aus anderen Merkmalen geschlos-
sen wurde. Tatsächlich bezieht sich eine vorhandene Motivation immer auf Erfolg und Ler-
nen, somit scheint dies auch für Cluster 4 wahrscheinlich. Nur Cluster 1 strebt zusätzlich
nach Selbstverwirklichung. Dieser Drang wird auch in seinem Wunsch nach Politikgestaltung
deutlich, weshalb es nicht notwendig scheint, die qualitative Beschreibung der Ausprägung
weiterzuführen. Cluster 5 scheint etwas aktiver als Cluster 4 in der Online-Nutzung (Merkmal
41) und etwas mehr geneigt, Kommentare abzugeben (Merkmal 44). Die Cluster unterschei-
den sich jedoch nicht bezüglich ihrer Einstellung zu IT oder Online-Partizipation. Auch ihre
Online-Gewöhnung ist gleich. Tatsächlich wird für Cluster 4 beschrieben, dass es nur selten
aktiv beitrage (Hoffmann u. a., 2015, S. 97), was heißt, dass das Cluster vorwiegend passiv im
Internet unterwegs ist, es aber durchaus die Möglichkeit gibt, dass es kommentiert. Es
scheint somit nicht gerechtfertigt, aufgrund der minimalen Unterschiede zwei separate Ty-
146 Identifikation von Ausprägungsclustern

pen zu entwickeln. Es wird für die Kombination der Cluster die jeweils aktivere Ausprägung
übernommen.
Cluster 6 und Cluster 7 scheinen sich mit Blick auf Tabelle 19 an einigen Stellen wesentlich zu
unterscheiden. Cluster 6 zeigt niedrige Online-Gewöhnung und eine ablehnenden Einstel-
lung gegenüber IT und Online-Partizipation, ist aber gewissenhaft, was dazu führt, dass es
sich trotz fehlendem Drang zu Selbstentwicklung in begrenztem Umfang mit IT auseinander-
setzt und auch teilweise kommentiert. Fehlt diese Gewissenhaftigkeit, scheint es unwahr-
scheinlich, dass sich Menschen mit der sonst gleichen Ausprägungskombination zu Online-
Partizipation bewegen lassen. Tatsächlich enthält Cluster 7, das als nicht gewissenhaft be-
schrieben wird, viele Offliner. Es ist somit gerechtfertigt, ein nicht gewissenhaftes Cluster mit
ablehnender Haltung als ein Offline-Cluster zu betrachten, was nicht Teil einer Typologie der
Online-Partizipation ist (siehe dazu auch Kapitel 3.1.3). Das Cluster enthält aber auch Onli-
ner. Es weist somit eine Binnendiversität auf, die bisher nicht dargestellt wurde. Es ist anzu-
nehmen, dass die Onliner aus Cluster 7 denen aus Cluster 6 ähneln, denn ohne Gewissen-
haftigkeit würden sie kaum zu Onlinern. Folglich stellt sich abschließend nur die Frage, ob
der Spaß an Interaktion (Merkmal 28) tatsächlich nicht vorhanden ist. Diese Ausprägung
wurde aus der Introversion des Clusters abgeleitet. Tatsächlich scheint es aber unwahr-
scheinlich, dass dieses Cluster weniger Spaß an Online-Interaktion hat als Cluster 7. Deshalb
wird die Ausprägung auf eingeschränkt vorhanden angepasst. Somit ergibt sich eine voll-
ständige Übersicht über die Cluster einer Typologie der E-Partizipation mit 5 Typen (siehe
Tabelle 20).
 Tabelle 20: Finale Cluster einer Typologie der E-Partizipation
Merkmal Sub-Kategorie Typ 1 Typ 2 Typ 3 Typ 4 Typ 5
1 IT-Infrastruktur stationär-mobil mobil-fordernd stationär-mobil stationär stationär
2 Online-Fähigkeiten hoch hoch mittel mittel niedrig
3 Extraversion hoch hoch hoch hoch niedrig
4 Gewissenhaftigkeit hoch hoch niedrig hoch hoch
5 Verträglichkeit niedrig niedrig niedrig hoch hoch
6 Emotionale Stabilität hoch hoch niedrig hoch niedrig
7 Offenheit für Erfahrungen hoch hoch hoch mittel niedrig
Bekannte Ausprägungskorrelationen

8 Kognitive Neigung hoch hoch niedrig hoch niedrig


9 Kontrollüberzeugung intern intern extern intern extern
10 Selbstvertrauen hoch hoch niedrig hoch niedrig
11 Individuelles Wirksamkeitsbewusstsein hoch hoch niedrig hoch niedrig
12 Soziale Identität individuell individuell gruppenbezogen gruppenbezogen gruppenbezogen
13 Einstellung zum politischen System positiv-reflektiert positiv ablehnend positiv-reflektiert positiv
14 Politisches Interesse hoch mittel niedrig hoch niedrig
15 Politisches Wirksamkeitsbewusstsein hoch hoch niedrig hoch niedrig
16 Dogmatismus hoch hoch niedrig hoch niedrig
17 Allgemeine Zufriedenheit hoch hoch niedrig hoch mittel
147
Merkmal Sub-Kategorie Typ 1 Typ 2 Typ 3 Typ 4 Typ 5 148
Einstellung zu IT
18 pragmatisch vs. begeistert begeistert pragmatisch begeistert pragmatisch pragmatisch
19 ablehnend vs. positiv positiv-reflektiert positiv positiv ablehnend-reflektiert ablehnend
20 wahrgenommener Mehrwert hoch hoch hoch hoch niedrig
21 Meinung über Online- positiv- ablehnend- positiv- positiv- ablehnend
50 51 52 52
Partizipation reflektiert reflektiert reflektiert reflektiert
Pflichtgefühl

22 Gegenseitigkeit vorhanden nicht vorhanden nicht möglich vorhanden vorhanden


23 Partizipation möglich möglich nicht möglich vorhanden möglich
24 Politikbeeinflussung vorhanden nicht vorhanden nicht vorhanden nicht vorhanden nicht vorhanden
25 Gruppenziele vorhanden vorhanden vorhanden vorhanden vorhanden
26 Altruismus nicht vorhanden nicht vorhanden nicht vorhanden vorhanden vorhanden
Soziale Interaktion
27 Suche nach Zugehörigkeit nicht vorhanden nicht vorhanden vorhanden nicht vorhanden vorhanden
53
28 Spaß an Interaktion vorhanden vorhanden vorhanden vorhanden eingeschränkt vor-
handen
Soziale Anreize
29 Familie nicht vorhanden nicht vorhanden gegenläufig vorhanden vorhanden
30 Allgemein nicht vorhanden nicht vorhanden gegenläufig nicht vorhanden vorhanden
31 Intrinsisch vorhanden nicht vorhanden nicht vorhanden nicht vorhanden nicht vorhanden
32 Überzeugungsbasiert eingeschränkt vor- nicht vorhanden nicht vorhanden nicht vorhanden nicht vorhanden
handen
33 Hedonistisch vorhanden gemäßigt vorhanden vorhanden nicht vorhanden nicht vorhanden

50
Angreifbarkeit, Relevanz, Fairness.
51
Aufwand-Erfolg.
52
Angreifbarkeit, Selbstdarstellung.
53
Netzwerk erweitern.
Identifikation von Ausprägungsclustern
Merkmal Sub-Kategorie Typ 1 Typ 2 Typ 3 Typ 4 Typ 5
Selbstdarstellung
34 Inszenierung vorhanden vorhanden vorhanden nicht vorhanden nicht vorhanden
35 Meinung vorhanden nicht vorhanden nicht vorhanden vorhanden vorhanden
36 Selbstentwicklung vorhanden vorhanden nicht vorhanden vorhanden nicht vorhanden
37 Art der gewohnten politischen Beteiligung unkonventionell konventionell unkonventionell konventionell konventionell
Grad der Online-Gewöhnung
38 Intensität der Nutzung hoch hoch hoch mittel niedrig
39 Vielfalt der Nutzung hoch hoch mittel mittel niedrig

Art der Online-Nutzung


Bekannte Ausprägungskorrelationen

40 Offenheit für neue Lösungen hoch hoch hoch mittel niedrig


54 54
41 aktiv vs. passiv aktiv passiv aktiv-passiv aktiv-passiv passiv
42 treiben lassen vs. zielgerichtet zielgerichtet zielgerichtet treiben lassen zielgerichtet eher zielgerichtet
43 Ergänzung vs. Lebensraum Lebensraum Ergänzung Lebensraum Ergänzung Ergänzung
44 Nutzungsmuster produzieren kommentieren kommentieren kommentieren informieren, kom-
55
mentieren

54
Einzelfälle aktiv.
55
Selten.
149
10 Beschreibung und Benennung der Typologie der E-Partizipation
Die in Tabelle 20 dargelegte Typologie lässt sich mit Blick auf die charakteristischsten Merk-
male wie folgt beschreiben und benennen. Die Beschreibungen spiegeln die in der Tabelle
aufgeführten Merkmalsausprägungen der jeweiligen Typen wieder.
Typ 1 ist ein extrovertierter Individualist mit hohem Selbstvertrauen. Er ist offen für Erfah-
rungen, dabei aber gewissenhaft mit hoher kognitiver Neigung. Sein politisches Interesse ist
hoch, genauso wie sein Wirksamkeitsbewusstsein und er steht dem politischen System posi-
tiv, wenn auch reflektiert gegenüber. Dennoch beteiligt er sich offline eher auf unkonventio-
nelle Art und Weise, das heißt nicht unbedingt über eine Partei-Mitgliedschaft. Dieser Typus
hat den Drang, durch Partizipation gestaltend zu wirken, interagiert gerne mit anderen und
strebt nach ständiger Weiterentwicklung der eigenen Person. Er inszeniert sich gerne und
möchte die eigene Meinung präsentieren, die er überzeugt vertritt. Er zeigt hohe Online-
Fähigkeiten und ebenso hohe Nutzungsintensität und -vielfalt. Für diesen Typus ist das In-
ternet der natürliche Lebensraum, den er aktiv und zielgerichtet nutzt—auch, indem er
selbst Inhalte produziert. Seine Begeisterung für IT zeigt sich auch darin, dass dieser Typ
durchaus aus Überzeugung für E-Partizipation motiviert ist: Er möchte diese neue Lösung
ausprobieren und unterstützen. Gleichzeitig macht ihm die Teilnahme an sich Spaß, was
wichtig ist, denn dieser Typ kombiniert gerne das Nützliche mit dem Vergnügen. Er ist aber
keinesfalls nur auf der Suche nach Spaß, sondern sieht sich auch verpflichtet dazu, seinen
Teil zur Gemeinschaft beizutragen. Ein angemessener Name für diesen Typ ist: Gestalter.
Typ 2 ist ebenfalls ein extrovertierter, selbstbewusster Individualist mit großer Offenheit für
Erfahrungen bei gleichzeitiger hoher Gewissenhaftigkeit und kognitiver Neigung. Sein politi-
sches Interesse ist eher mittel. Trotzdem steht er dem politischen System positiv gegenüber
und zeigt ein hohes Wirksamkeitsbewusstsein. Dieser Typ wird politisch aktiv wird, wenn er
bestimmte Ziele erreichen will. Dabei wählt er eher konventionelle Wege, bei denen er sich
auf diejenigen konzentriert, die ihm erfolgsversprechend scheinen. Auch die eigene Weiter-
entwicklung und Inszenierung ist wichtig, denn sie sind eine Grundvoraussetzung für den ei-
genen Erfolg. Dieser Typ ist pragmatisch eingestellt gegenüber IT. Das Internet wird ziel-
gerichtet, bedarfsorientiert und sehr intensiv mit hoher Expertise genutzt. Das Verhältnis
von Aufwand und Erfolg ist bei ihm zentral, weshalb er sich maximal über Kommentare ein-
bringt. Mobile Lösungen sind für ihn essentiell. Mehr und mehr entdeckt er aber online auch
Unterhaltungsmöglichkeiten. Die Suche nach Spaß steht aber keinesfalls im Vordergrund. Er
ist skeptisch, was Online-Beteiligung angeht, weil er diese nicht als erfolgsversprechend be-
ziehungsweise den hohen Aufwand wert ansieht. Es könnte aber an sein Pflichtgefühl appel-
liert werden oder an sein Eigeninteresse. Ein angemessener Name für diesen Typ ist: Opti-
mierer.

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K. Große, Benutzerzentrierte E-Partizipation,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-19877-0_10
152 Beschreibung und Benennung der Typologie der E-Partizipation

Typ 3 ist wenig selbstbewusst und gruppenbezogen. Er ist allgemein unzufrieden und fühlt
sich fremdbestimmt. Er zieht sich deshalb jedoch nicht etwa zurück, sondern zeigt hohe Ext-
raversion mit einer großen Offenheit für Erfahrungen. Er sucht Zugehörigkeit und Erlebnis-
se—immer in Abgrenzung zu der Gesellschaft, die ihm vorschreiben möchte, was er zu tun
hat. Dieser Typ hat kein politisches Interesse und steht dem politischen System ablehnend
gegenüber. Er denkt nicht, dass er Einfluss auf politische Geschehnisse nehmen kann. Wenn,
dann würde er sich eher auf unkonventionelle Art und Weise beteiligen, wenn es ihn oder
seine Gruppe betrifft. Auch wenn dieser Typ nur mittlere Online-Expertise aufweist, ist er im
Internet zu Hause und begeistert sich für IT. Er probiert bereitwillig neue Lösungen aus und
lässt sich treiben. Dabei ist sein Aktionsradius durch den hedonistischen Fokus aber einge-
schränkt und oft konsumiert er Inhalte nur. Wenn, dann trägt er selbst über Kommentare
bei. Dieser Typ wird als Spieler beschrieben.
Typ 4 ist selbstbewusst und gewissenhaft mit hoher kognitiver Neigung, dabei aber nur mitt-
lerer Offenheit für Erfahrungen. Er ist verträglich mit einer gruppenbezogenen Identität. Sein
politisches Interesse ist hoch und er beteiligt sich bereits offline, meist über konventionelle
Formen, wobei er eine positive aber reflektierte Einstellung zum politischen System hat. Da-
bei wird er durch Altruismus und Pflichtgefühl motiviert. Er möchte der Gesellschaft etwas
zurückgeben. Er hat Spaß an sozialer Interaktion und der eigenen Weiterentwicklung, doch
er ist nicht hedonistisch motiviert. Er sucht nicht nach Zugehörigkeit und ihm ist egal, was
andere im Rahmen von Moden oder Trends unternehmen, es sei denn, es sind Personen, die
ihm nahe stehen. Es geht ihm weniger darum, die eigene Person in den Mittelpunkt zu stel-
len, aber er sieht sich in der Rolle des Meinungsführers. Seine Einstellung zu IT ist pragma-
tisch und er nutzt das Internet zweckorientiert und zielgerichtet mit mittlerer Intensität und
Vielfalt bei mittlerer Expertise. Er ist nicht der erste Benutzer neuer Lösungen, ist aber be-
reit, diese anzunehmen, wenn sich ein Mehrwert zeigt. Wenn es sich anbietet, verhält sich
dieser Typus im Internet durchaus aktiv und trägt Kommentare bei. Von neuer Technologie
möchte sich dieser Typ nicht abhängig machen und sieht durchaus Gefahren bei der Online-
Nutzung, erkennt aber den Mehrwert, den diese beitragen kann. Er nutzt eher stationäre
Infrastruktur. Hier wurden Weltverbesserer beschrieben.
Typ 5 ist eher unsicher und introvertiert. Er ist gruppenbezogen und verträglich sowie gewis-
senhaft. Er steht dem politischen System positiv gegenüber, interessiert sich aber nur wenig
für Politik. Er schreibt sich selbst auch wenig Einfluss auf politische Geschehnisse zu. Er ist
nicht ganz unzufrieden mit seiner Situation, sie könnte aber besser sein. Er engagiert sich
beispielsweise in Vereinen aus einem Gefühl der gegenseitigen Verpflichtung heraus und er
ist altruistisch veranlagt. Zwar hat er auch Spaß an Interaktionen mit anderen, aber er ist zu-
rückhaltenden als die anderen Typen. Er steht Informationstechnologie ablehnend gegen-
über. Wenn, dann sieht er pragmatisch einige Mehrwerte, von denen ihm wegen niedriger
Gewöhnung und Expertise aber nur wenige bekannt sind. Meist verhält er sich online sehr
zielgerichtet, indem er die Informationen sucht, die ihn interessieren. Nur in Ausnahmen
trägt er Kommentare bei. Dabei hat er aber eine geringe kognitive Neigung und ist wenig
Beschreibung und Benennung der Typologie der E-Partizipation 153

durch Selbstentwicklung motiviert. Trotzdem setzt er sich mit neuen Technologien ausei-
nander, was in seiner hohen Gewissenhaftigkeit bedingt ist und dem Wunsch, nicht ausge-
grenzt zu werden. Zwar steht er, auch erklärbar durch eine niedrige Bereitschaft, neue Lö-
sungen auszuprobieren, Online-Partizipation sehr skeptisch gegenüber. Er freut sich aber
über Möglichkeit, online seine Meinung zu äußern. Für diesen Typ ist Online-Partizipation
eine Möglichkeit, eine Stimme zu bekommen. Dieser Typ wird Bemühte genannt.
11 Ableitung von Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen
Um eine E-Partizipationsplattform zu gestalten, die benutzerzentriert ist, müssen aus der
entwickelten Benutzertypologie Nutzungsanforderungen abgeleitet werden. Hierzu wird die
detaillierte Beschreibung aus Tabelle 20 zugrunde gelegt.
Außerdem wird nur das erste Level von Anforderungen definiert, das heißt Anforderungen,
die sich aus Benutzer-Merkmalen ergeben. Anforderungen, die sich aus den Gestaltungs-
empfehlungen ergeben, werden nicht definiert. Die Gestaltungsempfehlungen: Außenseiter-
Meinung oder Themen mit niedriger Beteiligung erfordern beispielweise, dass Abstimmungs-
funktionen vorhanden sind und Beteiligungsstatistiken erhoben werden.
Die minimale Aufgabe, die Benutzer erfüllen sollen, ist gemäß der Definition von E-
Partizipation (siehe Kapitel 5.8), sich auf irgendeine Art und Weise an eine, vom Auftrag-
geber eingebrachten BG zu beteiligen. BG können verschiedene Formen haben, das heißt
beispielsweise konkrete Probleme beschreiben oder politische Grundsatzdiskussionen.
11.1 Vorhandene Erkenntnisse zu Anforderungen und Gestaltungsempfehlungen
Die Ableitung von Anforderungen und Gestaltungsempfehlungen bezieht einige Erkenntnisse
mit ein, die sich aus früheren Studien ergeben, die bestimmte Benutzercharakteristika mit
Gestaltungsempfehlungen oder Beschreibung von Anforderungen in Verbindung bringen.
Dabei ergibt sich die Schwierigkeit, dass in ihnen nicht zwischen Gestaltungsempfehlungen
und Anforderungen getrennt wird. Außerdem werden zumeist Eigenschaften und deren Ein-
fluss untersucht oder aber Gewohnheit, während sich aber die Begründung für eine Anfor-
derung eher bei Motivationen verorten lässt. So wird beispielsweise der Hinweis Personali-
sierbarkeit von Profilen auf unkonventionell beteiligte Typen bezogen (Freelon, 2011,
Empfehlung (4)). Tatsächlich gibt es schließlich die ähnliche Gestaltungsempfehlung Gestalt-
barkeit des Benutzerprofils. Sie ergibt sich zum Beispiel aus der Anforderung sollte dem Be-
nutzer die Möglichkeit geben, sich selbst darzustellen. Tatsächlich gibt es auch unkonventio-
nell beteiligte Typen, die diese Anforderung aufweisen. Sie wird aber von einer Selbstdarstel-
lungsmotivation ausgelöst, nicht von der Gewöhnung an unkonventionelle Beteiligungswe-
ge. Die im Folgenden genannten Empfehlungen und Zusammenhänge dienen somit als grobe
Richtungsweiser.
Freelon (2011) untersucht gemäß seiner Theorie des Active und Dutiful Citizenship (siehe
Kapitel 5.4) verschiedene Jugendforen, die diesen Stilen entsprechen. AC kann als eine Ten-
denz zu eher unkonventionellen Beteiligungswegen mit der Typologie in Verbindung ge-
bracht werden. Freelon gibt folgende Empfehlungen für eher unkonventionell beteiligte Ty-
pen: (1) Offenheit für Themensetzung durch Benutzer, (2) Freiheit beim Beteiligungsprozess,
(3) Ermöglichung der Diskussion zwischen Benutzern, (4) Personalisierbarkeit von Profilen.
Auch R. Coleman u. a. (2008) beschäftigen sich mit der Ausgestaltung von Online-
Partizipation für unkonventionell Beteiligte. Es werden folgende Hinweise betont: (1) Weni-
ge moderierende Eingriffe, (2) Ermöglichung der Interaktion und Debatte untereinander,

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K. Große, Benutzerzentrierte E-Partizipation,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-19877-0_11
156 Ableitung von Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen

(3) Bei gleichzeitiger Beteiligung staatlicher Akteure, (4) Offenheit für Themensetzung durch
Benutzer, (5) Der Sinn der Beteiligung wird erläutert, (6) Der Einfluss der Beiträge wird deut-
lich gemacht, (7) Freiheit bei der Gestaltung des Beteiligungsprozesses, (8) Zusammenarbeit
und die Einbindung und Weiterverwendung von externen Inhalten wird ermöglicht. Nov u. a.
(2013) untersuchen Persönlichkeitsmerkmale mit Hinblick auf Interface-Design und können
Folgendes feststellen: (1) Anonymität fördert Beteiligung bei Introvertierten. (2) Ein großes
Publikum motiviert Extrovertierte. Amichai-Hamburger (2014) beschreibt, dass Benutzer mit
geringe kognitiver Neigung (1) flache Webseiten bevorzugen und (2) sich gerne an Meinung
von Experten orientieren. (3) Außerdem führt eine externe Kontrollüberzeugung zur Nut-
zung sozialer Anwendungen. Mondak u. a. (2010) zeigen, dass (1) verträgliche Menschen
möglicherweise eher Konflikt scheuen und (2) bei sozialen Formen der Partizipation Extra-
version die Teilnahme begünstigt. Yetim u. a. (2011) verbinden Motivationen mit Empfeh-
lungen zum Design. Sie beschreiben, dass bei einer Motivation zur Selbstdarstellung (1) wie-
derkennbare Profile, (2) die Verknüpfung mit eigenen Ressourcen auf anderen Kanälen, (3)
die Verknüpfung des Profils mit Beiträgen auf der Plattform und (4) Punkte-Systeme nützlich
sein können. Wenn sich Benutzer für ihren eigenen Gewinn oder den einer Gruppe beteili-
gen, ist es sinnvoll (5) Erfolgserlebnisse diesbezüglich im Beteiligungsprozess zu erzeugen
und (6) den Einfluss auf die Person/Gemeinschaft zu erläutern. Um Selbstentwicklung zu un-
terstützen können (7) zusätzliche Informationen zur Verfügung gestellt werden oder (8) zu-
sätzliche Funktionen. Außerdem beschreiben die Autoren eine Gemeinschaftsmotivation56,
die wie folgt unterstützt werden kann: (9) Gegenseitigkeit betonen, (10) die Vorteile für die
Gemeinschaft erklären, (11) die Empfänger der Leistung vorstellen, (12) Ziele formulieren,
zum Beispiel über Aktivitätsniveaus, (13) gewünschtes Verhalten belohnen, (14) soziale Ver-
gleiche zwischen den Benutzern schaffen. Schließlich betonen sie noch, dass Spaß erzeugt
werden kann durch (15) spaßorientierte Features und (16) die Gamifizierung des gesamten
Prozesses. Cullen und Morse (2011) empfehlen einige Gestaltungsmaßnahmen mit Bezug auf
die Benutzerpersönlichkeit. Die Beteiligung verträglicher Benutzer wird gefördert durch (1)
einfache Informationsdarstellung und (2) einfach zu bedienende Schnittstellen zur Beteili-
gung. Extrovertierte werden zur Partizipation angeregt durch (3) den sozialen Kontakt zu an-
deren Benutzern. Emotional weniger stabile Benutzer werden motiviert, wenn (4) der Wert
ihres Beitrages betont wird, (5) sie für (gute) Beiträge belohnt werden und (6) sie Informati-
onen darüber erhalten, was mit ihren Beiträgen geschieht. Gewissenhafte Benutzer werden
zu Partizipation angeregt, wenn sie (7) dabei neue Informationen entdecken können.

56
Diese empfohlenen Maßnahmen sind verschiedenen Motivationen der Merkmalsliste zuzuordnen.
Formulierung der Nutzungsanforderungen 157

11.2 Formulierung der Nutzungsanforderungen


Zur Formulierung der Anforderungen wird auf den Funktionsmaster der Sophisten (Die
Sophisten, 2013) zurückgegriffen. Dieser unterteilt eine Anforderung in fünf Bausteine: (1)
System, (2) Rechtliche Verbindlichkeit, (3) Prozesswort, (4) Art der Funktionalität, (5) Objekt.
Das System (1) ist dabei immer gegeben, hier handelt es sich um die E-Partizipationslösung.
Die rechtliche Verbindlichkeit (2) wird über die drei Worte muss, sollte und wird beschrie-
ben. Muss beschreibt dabei Verpflichtungen, sollte Wünschenswertes. Wird bezieht sich auf
zukünftige Relevanz und ist hier nicht bedeutend. Da es in dieser Untersuchung nur um An-
forderungen geht, „die die Zufriedenheit der Stakeholder“ erhöhen (S. 13), würde es sich
anbieten, alle Anforderungen mit sollte zu formulieren. Da es aber einige Anforderungen
gibt, die von der Autorin als notwendig eingestuft werden, das heißt als Anforderungen, die
bei Nicht-Erfüllung dazu führen, dass die Benutzer das System nicht benutzen, das heißt,
nicht an E-Partizipation teilnehmen, werden diese mit muss beschrieben. Das Prozesswort
(3) ist „der semantische Kern der Anforderung“ (S. 1) und beschreibt die erforderliche Funk-
tionalität. Die Art der Funktionalität (4) kann entweder benutzerunabhängig sein („selbst-
ständige Systemaktivität“, S. 14), eine Anforderung an eine Schnittstelle zu einem anderen
System sein oder die Interaktion mit dem Benutzer beschreiben. Das Objekt (5) ist der Kern
der Anforderungen. Auf wen oder was bezieht sich diese? Ein Beispiel für eine nach diesem
Schema formulierte Anforderung wäre:
(1) Die E-Partizipationslösung (2) sollte, (4) dem Benutzer die Möglichkeit geben, (5) sich
selbst (3) darzustellen.
11.3 Beschreibung der Nutzungsanforderungen
Die vollständige Liste der formulierten Anforderungen ist in Tabelle 21 aufgeführt. Es werden
empfehlenswerte Anforderungen definiert, die durch den Indikator sollte beschrieben wer-
den, und notwendige Anforderungen, beschrieben durch den Indikator muss. Ist eine Anfor-
derung als notwendig beschrieben, ist davon auszugehen, dass der Typ, bei dem diese An-
forderung vorkommt, sich nicht beteiligt, wenn sie nicht erfüllt wird. Im Falle von Anforde-
rung 27 und Anforderung 58 tritt der Fall auf, dass sich die Anforderungen nur in der rechtli-
chen Verbindlichkeit unterscheiden. Dies liegt in der Tatsache begründet, dass es durch eini-
ge Merkmalsausprägungen (Merkmal 37, Art der gewohnten politischen Beteiligung: un-
konventionell) empfehlenswert ist, dem Benutzer die Möglichkeit zu geben, den Einfluss der
Online-Beteiligung auf das Endprodukt nachzuvollziehen. Andere Ausprägungen (Merkmal
15: politisches Wirksamkeitsbewusstsein: niedrig) sorgen dafür, dass sich Teilnehmer voraus-
sichtlich nicht beteiligen, wenn die Anforderung nicht erfüllt wird.
 Tabelle 21: Gesamtliste der Anforderungen an E-Partizipation
158

Nr. rechtliche Verbindlichkeit Art der Funktionalität Objekt Prozesswort


1 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben das System mobil zu nutzen
2 sollte die beteiligten staatlichen Akteure hervorheben
3 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben sich an Politik-Entwürfen zu beteiligen
4 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben sich bei ihn betreffenden Beteiligungsgegenständen zu beteiligen
5 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben selbst Beteiligungsgegenstände einzubringen
6 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben Beteiligungsgegenstände zu diskutieren
7 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben Beteiligungsgegenstände weiterzuentwickeln
8 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben andere Benutzer von seiner Meinung zu überzeugen
9 sollte neuartige Funktionen anbieten
10 sollte ein Gütesiegel für Informationen aufweisen
11 muss dem Benutzer die Möglichkeit geben Beiträge, die nicht auf die Person zurückgeführt werden können zu verfassen
12 sollte die Relevanz des Beteiligungsgegenstandes beschreiben
13 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben „leisere Stimmen“ wahrzunehmen
14 sollte die erbrachte Leistung anderer Benutzer hervorheben
15 sollte Gefühl der Verpflichtung zur Partizipation erzeugen
16 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben mit anderen Benutzern zu interagieren
17 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben interessante Menschen zu entdecken
18 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben Beteiligungsabläufe selbst zu gestalten
19 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben sich an der Weiterentwicklung des Systems zu beteiligen
20 sollte für die Integration von unterhaltenden Elementen offen sein
21 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben sich selbst darzustellen
22 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben die eigene Meinung auszudrücken
23 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben sich über die Beteiligungsgegenstände zu informieren
24 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben Erfolg zu erleben
25 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben neue Beteiligungsgegenstände zu entdecken
26 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben schnell an den gewünschten Punkt zu gelangen
27 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben den Einfluss der Online-Beteiligung auf das Endprodukt nachzuvollziehen
28 sollte Zusammenarbeit ermöglichen
29 sollte die Einbindung externer Inhalte ermöglichen
30 sollte die Bearbeitung externer Inhalte ermöglichen
31 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben seine Meinung mit seinem Profil zu verknüpfen
32 sollte die Größe der Benutzergruppe anzeigen
33 muss dem Benutzer die Möglichkeit geben das System mobil zu nutzen
34 muss dem Benutzer die Möglichkeit geben sich mit geringem Aufwand zu beteiligen
35 muss den Benutzer vom Mehrwert von Online-Partizipation überzeugen
36 sollte Informationen an einer Stelle präsentieren
37 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben sich an Experten-Meinungen zu orientieren
38 muss den Wert der Benutzer-Beiträge betonen
Ableitung von Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen
Nr. rechtliche Verbindlichkeit Art der Funktionalität Objekt Prozesswort
39 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben für gute Beiträge belohnt zu werden
40 muss dem Benutzer die Möglichkeit geben die Verwendung der eigenen Beiträgen nachzuvollziehen
41 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben ein soziales Netzwerk aufzubauen
42 muss einen niederschwelligen Einstieg in die Beteiligung bieten
43 muss den Beteiligungsprozess als Erlebnis gestalten
44 sollte die beteiligten staatlichen Akteure nicht hervorheben
45 sollte die Selbstdarstellung von Benutzer-Erfolgen nicht betonen
46 sollte soziale Anreize nicht betonen
47 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben das System zu entdecken
48 sollte nicht offensichtlich auf Politik bezogene Beteiligungsgegenstände anbieten
49 sollte Vertrauen in Sicherheit erzeugen
50 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben persönliche Konflikte zu meiden
51 sollte den Begünstigten der Beteiligung hervorheben
52 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben andere Menschen zur Nutzung einzuladen
Beschreibung der Nutzungsanforderungen

53 muss einfach zu bedienen sein


54 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben sich an das System zu gewöhnen
55 sollte soziale Anreize schaffen
56 sollte dem Benutzer die Möglichkeit geben Beteiligungsgegenstände zu kommentieren
57 sollte den Sinn der Online-Beteiligung erläutern
58 muss dem Benutzer die Möglichkeit geben den Einfluss der Online-Beteiligung auf das Endprodukt nachzuvollziehen
159
160 Ableitung von Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen

11.4 Beschreibung der Gestaltungsempfehlungen


Jeder der E-Partizipationstypen zeichnet sich durch eine spezifische Anforderungskombina-
tion aus. Das heißt, dass die einzelnen Anforderungen interagieren und gesammelt betrach-
tet werden müssen. Jede Anforderungskombination lässt sich in eine Kombination von Ge-
staltungsempfehlungen übersetzen.
Wichtig bei der Anwendung der Typologie der E-Partizipation ist vor allem, dass die erarbei-
teten Anforderungen für die entsprechenden Typen erfüllt werden. Die hier präsentierten
Gestaltungsempfehlungen sind dafür hinreichend, aber nicht notwendig. Sie dienen als An-
regung für Auftraggeber und Gestalter von Online-Partizipation. Dabei werden sowohl Funk-
tionen erwähnt, die schon in E-Partizipationslösungen umgesetzt werden, als auch solche,
die zwar bereits in anderen Online-Angeboten bestehen, in E-Partizipationsprojekten jedoch
bisher wenig Berücksichtigung finden.
In Tabelle 22 werden alle abgeleiteten Gestaltungsempfehlungen (GE) aufgeführt, kurz er-
läutert und veranschaulicht. An geeigneten Stellen werden Verweise auf Umsetzungs-
beispiele der vorgeschlagenen Funktionen angeführt. In Kapitel 11.5 wird dann die für die
Typen charakteristische Kombination von Anforderungen und Gestaltungsempfehlungen
vorgestellt.
 Tabelle 22: Gesamtliste der Gestaltungsempfehlungen

Nr. Gestaltungsempfehlung Beschreibung Beispiel


1 App entwickeln Schnittstelle zwischen Web-Angebot und mobilem Zugriff. Schickt Benachrichtigungen und lässt
57
einfache Eingaben zu. Ergänzt das Web-Angebot. Im Gegensatz zu einer mobilen Website
kann eine App Push-Benachrichtigungen schicken, auf die Funktionen des mobilen Endgerätes
zugreifen, zum Beispiel die Kamera, und ist teilweise auch offline verfügbar.
2 Logo/Name des Auftraggebers Logo und/oder Name des staatlichen Auftraggebers werden gut sichtbar in der Beteiligungslö-
sung platziert.
3 Gekennzeichnete Benutzer-Accounts für Farbliche Hervorhebung oder spezielles Icon für Teilnehmer aus Politik oder Verwaltung. Accounts für Organisationsver-
Akteure aus Politik und Verwaltung treter bei der Beteiligung der
58
EIdG
4 Beschreibung des Auftraggebers Text zur Beschreibung des Auftraggebers der Beteiligung.
Beschreibung der Gestaltungsempfehlungen

5 Private Nachrichten Kommunikation zwischen zwei Benutzern, die nicht von anderen Benutzern einsehbar ist. Twitter (Direktnachrichten),
Facebook (private Nachrichten)
6 Abstimmungsfunktion für alle Beiträge Bewertung von Beiträgen. Entweder nur positive oder positive sowie negative Abstimmung Facebook (Like-Button), Reddit
möglich. (Upvote, Downvote)
7 Feature-Box auf Profil Kommentare oder Beteiligungsgegenstände können auf Profilseiten von Benutzern angepinnt
oder verlinkt werden.
59
8 Fußnotensystem Durch Fußnoten werden Quellen für Informationen angegeben. Wikipedia
9 Pseudonyme Benutzeraccounts Benutzer loggen sich in die Beteiligungsplattform ein. Sie wählen ein Pseudonym, das anderen
Benutzern angezeigt wird.
10 Außenseiter-Meinung Zeigt Beiträge an, die bisher keine oder wenige positive Bewertungen erhalten haben.
11 Nutzungsstatistiken Nutzungsstatistiken können auf der Startseite oder bei der Präsentation von BG angezeigt wer-
den. Sie betonen beispielsweise die durchschnittliche Kommentarzahl pro Benutzer oder die
Anzahl an BG, die von Benutzern im Schnitt bearbeitet werden. Im Gegensatz zu Aktivitätsbad-
ges (GE 23) zeigen Nutzungsstatistiken nicht die Leistungen einzelner Benutzer an.
12 Power User Besonders aktive Benutzer, Power User, werden auf der Startseite oder in einem Seitenrand
eingeblendet.

57
Auch wenn es erste Ansätze zu komplett mobil abgewickelter Beteiligung gibt, beispielsweise im Dialog mit Jugendlichen (Edinger, 2016), steht diese
hier nicht im Untersuchungsinteresse.
58
https://enquetebeteiligung.de/static/about/organisation-anmelden.html.
59
https://en.wikipedia.org/wiki/Help:Footnote.
161
13 Verwaiste Themen Zeigt Diskussionen mit wenig Beteiligung an.
162
14 Offizieller Beteiligungsaufruf Einladungstext von den Auftraggebern aus Politik oder Verwaltung.
60
15 Verknüpfung mit PIS/RIS BG und zugehörige Informationen werden automatisch aus einem parlamentarischen Informa- OParl
tionssystem (PIS) oder Ratsinformationssystem (RIS) in die Partizipationsplattform eingepflegt.
16 Tag-System für Benutzerprofile Benutzer können ihrem Profil Schlagworte, Tags, zuweisen. Tags können auch automatisch aus
der Selbstbeschreibung der Benutzer generiert werden.
61
17 Event-Funktion Funktion zur Terminplanung, um beispielsweise Veranstaltungen zu organisieren. Doodle
18 Diskussionsseite für System Unter-Seite, auf der Benutzer die Weiterentwicklung des Systems diskutieren können.
19 Investment-Zähler Ein Investment-Zähler kann zum Beispiel auf der Startseite die bisher investierte Zeit anzeigen
oder die Anzahl der beigetragenen Kommentare. Wie bei den Nutzungsstatistiken (GE 11) geht
es um die gemeinschaftliche Leistung, nicht den Erfolg einzelner.
20 Selbstbeschreibung auf Benutzerprofilen Profil-Element, das von Benutzern frei mit Text befüllt werden kann.

21 Verlinkung des Benutzerprofils mit Profil-Element, das auf weitere Seiten oder Internetpräsenzen des Benutzers verweist.
externen Web-Angeboten
22 Gestaltbarkeit des Benutzerprofils Möglichkeit, Avatare oder Profilbilder auszuwählen oder hochzuladen. Angebot verschiedener
Farbschemas. Optionale Aktivierung von Profil-Elementen wie der Feature-Box (GE 7)
23 Aktivitätsbadges Markierungen auf Benutzerprofilen, in Form von Bannern oder Medaillen, die den Benutzern je Stackexchange62
nach Aktivitätslevel einen bestimmten Rang zuweisen .
24 Erfolgsbadges Markierungen auf Benutzerprofilen, in Form von Bannern oder Medaillen für Benutzer, die eine
bestimmte Anzahl von Vorschlägen eingebracht haben, die in die Endversionen von BG über-
nommen wurden.
25 Star-Features Zusatzfunktionen, die nur ab einem bestimmten Level von Aktivität freigeschaltet werden. Notwendigkeit in Video-Spielen,
Denkbar sind hier alle Funktionen, die sich nicht direkt auf die Mitwirkung am BG beziehen, sich bestimmte Fähigkeiten zu
62
beispielsweise erweiterte Möglichkeiten, das eigene Profil zu gestalten. erspielen, Stackexchange
26 Überrasch-Mich Funktion, die einen zufällig ausgewählten BG anzeigt. Auf gut Glück! (Google),
63
StumbleUpon

60
https://oparl.org.
61
https://www.doodle.com.
62
http://stackexchange.com/tour.
63
https://www.stumbleupon.com.
Ableitung von Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen
27 Themen-Speicher in Benutzeraccount Benutzer hinterlegen Verweise auf BG oder gegebenenfalls auch einzelne Diskussionsbeiträge
oder Kommentare in ihrem Benutzeraccount. Diese sind nicht für andere Benutzer sichtbar. Es
ist auch denkbar, dass automatisch Themen verlinkt werden, in denen sich der Benutzer betei-
ligt hat.
28 Suchfunktion Funktion, die den Text der BG, Benutzerprofile oder Diskussionsbeiträge und Kommentare nach
vom Benutzer ausgewählten Begriffen durchsucht und Ergebnisse anzeigt. Benutzer sollten
auswählen können, welche Texte durchsucht werden sollen.
64
29 Themen-Alerts Benachrichtigungsfunktion, wenn neue BG erstellt werden, die zu von Benutzern festgelegten Google Alerts
Schlagworte passen.
30 Automatisierte Text-Zusammenfassung Lange Texte werden durch Software zusammengefasst. Den Benutzern wird eine kurze Version Summly65
des Texts präsentiert.
66
31 Visualisierung von Diskussionsverläufen Grafische Aufbereitung der Argumente einer Diskussion und deren Zusammenhänge. Argument-Maps
32 Visualisierung des Bearbeitungsstandes des End- Visualisierung des Zustands des Endprodukts in Prozentsätzen oder durch Darstellung verschie-
produkts dener Phasen.
Beschreibung der Gestaltungsempfehlungen

33 Visualisierung der bisherigen Einflüsse der Onli- Visulisierung der Änderungen, die bisher am Endprodukt vorgenommen wurden und der ent-
ne-Partizipation auf das Endprodukt scheidenden Vorschläge von Benutzern über farbliche Markierungen im Text und Einblendung
des Vorschlags.
34 Einblendung von Benutzerinformationen bei Bei Kommentaren oder Diskussionsbeiträgen werden neben dem vom Benutzer verfassten Text
Beiträgen der Avatar und das Benutzerpseudonym angezeigt.
35 Signaturen Von Benutzern definierte Sätzen werden automatisch unter deren Diskussionsbeiträge oder
Kommentare eingefügt.
36 Benutzer-Zähler Anzeige der Anzahl registrierter Benutzer.
37 Follow-Funktion Benutzer können anderen Benutzern folgen. Sie werden benachrichtigt, wenn diese Benutzer
sich an BG beteiligen. Es ist empfehlenswert, dass hier die Benutzer einstellen können, in wel-
chen Fällen sie benachrichtigt werden wollen, ob beispielsweise nur bei der Erstellung neuer
Themen oder auch bei Kommentaren der Benutzer.
38 Präsentationsseite für Beteiligungsgegenstand Startseite für einen BG, auf der dieser in Textform beschrieben wird. Benutzern werden Felder Anlegen einer neuen Petition
zum Ausfüllen vorgeschlagen, beispielsweise die Beschreibung der Relevanz des Beteiligungsge- auf openpetition.de67,
genstandes und der Auswirkungen, die der BG auf Benutzer hat.
39 Wiki-Seite für Beteiligungsgegenstand Von Benutzern bearbeitbare Seite, auf der Informationen zum BG zusammengetragen werden.
40 Verknüpfung mit offenen Datenbeständen Verknüpfung des BG mit relevanten offenen Datenbeständen.

64
https://www.google.de/alerts.
65
http://summly.com.
66
http://www.argunet.org.
67
https://www.openpetition.de/petition/neu.
163
41 Verknüpfung mit redaktionellem Angebot der Verknüpfung des BG mit relevanten bestehenden Inhalten auf anderen Websites des Auftrag-
164
Auftraggeber gebers.
68
42 Visualisierungstools für Daten Funktionen zum Visualisieren der eingebetteten offenen Daten. Open Data for Africa , Daten-
Portal der African Development
69
Bank Group , Policy Com-
70
pass.
43 Offene Forumsstruktur der Plattform E-Partizipation wird von den Auftraggebern immer auf der gleichen Website durchgeführt, auf
der für jeden Beteiligungsgegenstand eine Unterseite angelegt wird. Auch Benutzer können
Unterseiten anlegen.
71
44 Diskussionsseite mit Verbindung der Diskussionsfunktion mit einem kollaborativen Text-Editor. Adhocracy
kollaborativem Text-Editor
72 73
45 Zuschaltbares kollaboratives Whiteboard Kollaborative digitale Leinwand, auf der grafisch gearbeitet werden kann und externe Inhalte Padlet , Whiteboardfox
eingebettet sowie bearbeitet werden können.
46 Zuschaltbare Karten-Verlinkung des Beteiligungs- Optionale Markierung auf einer Karte zur lokalen Verortung des BG. Mängelmelder
gegenstandes
74
47 Karten-Übersicht der Beteiligungsgegenstände Karte, auf der alle lokal verorteten BG markiert werden. Benutzer können auf die Markierung OffeneKommune
klicken und gelangen zum jeweiligen BG.
48 Gruppen-Chats Parallel ansteuerbares Fenster, in der Benutzer miteinander über Text kommunizieren, das
heißt chatten, können.
49 Hauptbeiträge Anzeigen der Diskussionsbeiträge, die sehr viel Zustimmung oder Ablehnung erfahren oder die
neue Diskussionsstränge eröffnen oder eine zentrale Funktion einnehmen.

68
http://opendataforafrica.org.
69
http://dataportal.afdb.org.
70
https://policycompass.eu/app/#!/visualizations/create/#maintop.
71
https://adhocracy.de.
72
https://de.padlet.com.
73
https://whiteboardfox.com.
74
https://offenekommune.de.
Ableitung von Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen
50 Alternativen-Auswahl Benutzer stimmen über vorgegebene Lösungsalternativen oder Vorschläge ab. Optional: Benut- Facebook-Umfragen75
zer können neue Alternativen vorschlagen.
51 Einflussrate Anzeige der Übernahme-Statistik von Vorschlägen in die Endversion.
52 Erfolgsgeschichten Beschreibung von bereits erfolgten Online-Beteiligungen an anderen BG inklusive der Einflüsse,
die die Online-Beteiligung auf die Endversion hatte.
76
53 Video Präsentation der relevanten Informationen in einem Video. Opin
77
54 Mini-Game auf Startseite Einfache Spiele, mit Bezug zu Politik oder dem BG. GoogleDoodle “Pony-
78 79
Express” , XKCD Hoverboard
55 Gruppen-Seiten Räume, die selbst definierte Gruppen von Benutzern eigenständig gestalten können, beispiels-
weise um Gruppen-Mitglieder vorzustellen oder aber auch um geschlossene Diskussionsräume
zu schaffen.
56 Startseiten-Feature Ausgewählte Beiträge werden auf der Startseite präsentiert.
57 Badge für Beiträge Markierungen, die verdeutlichen, ob ein Vorschlag übernommen oder abgelehnt wurde. Bei
Diskussionsfunktion und Kommentarfunktion können die Markierungen nicht automatisiert
Beschreibung der Gestaltungsempfehlungen

angebracht werden, sondern müssen durch den Initiator des BG zugeteilt werden.
62
58 Feedback-Funktion für Beiträge Funktion, die dem Initiator von BG erlaubt, Beiträge zu markieren, beispielsweise mit einem Stackexchange
Stern oder einem Danke.
59 Infoboxen Boxen, die die wichtigsten Informationen zusammenfassen, die zur Beteiligung nötig sind.
60 Beliebteste Beiträge Anzeigen der Diskussionsbeiträge, die sehr viel Zustimmung erfahren.
61 Netiquette Sammlung von Verhaltensregeln auf der Plattform, die durch Moderatoren umgesetzt werden.
62 Beschreibung Sicherheitskonzept Unterseite, auf der das Sicherheitskonzept der Plattform beschrieben wird.
63 Teilnahme-Einladung Funktion, die nach Aufforderung des Benutzers eine Mail an ausgewählte Personen schickt, um
sie zur Online-Partizipation einzuladen. Die Mail enthält einen standardisierten Text und kann
vom Benutzer angepasst werden.
64 Benutzer-Aufforderung Teilnahme-Einladung innerhalb der Beteiligungsplattform zwischen Benutzern. Es können ent-
weder private Nachrichten verschickt werden, die eventuell besonders gekennzeichnet sind.
Alternativ können Benutzer Themen an das Profil anderer Benutzer anpinnen.

75
https://www.facebook.com/help/community/question/?id=659070144172948.
76
https://vimeo.com/157103390.
77
Es werden bereits erste Ansätze getestet, eine vollständige spielerische Umsetzung von Online-Partizipation zu realisieren, zum Beispiel
Über Minecraft (Junge Akademie Wittenberg, 2016). Dies steht aber bei der hier angelegten Definition von E-Partizipation nicht im Vordergrund.
78
https://www.google.com/doodles/155th-anniversary-of-the-pony-express.
79
https://xkcd.com/1608.
165
65 Kommentarfunktion Möglichkeit zur Abgabe von Kommentaren unter der Präsentation des BG. Kommentare bei Online-
166

Magazinen
66 Testimonials Kurze Textbeiträge bekannter Personen, die beispielsweise den Wert der Online-Beteiligung
betonen.
67 Anonyme Teilnahme Bei der Registrierung müssen Benutzer nicht ihren richtigen Namen angeben. Sie werden auch
nicht dazu aufgefordert und müssen sich nicht authentifizieren.
68 Einbettung von externen Inhalten In Beiträge können Videos, Bilder oder andere Inhalte eingebettet werden.
in Diskussionsbeiträge
69 Diskussionsfunktion Erweiterung der Kommentar-Funktion durch Zitier-Funktionen, Antwort-Funktionen und variab-
le Sortierbarkeit der Diskussionsbeiträge nach Datum, Beliebtheit und Kontroversität.
70 Rückmelde-Funktion per E-Mail Benachrichtigungsfunktion für Benutzer per E-Mail, wenn deren Kommentare Feedback oder
eine Badge erhalten haben.
Ableitung von Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen
Beschreibung der typspezifischen Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen 167

11.5 Beschreibung der typspezifischen Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfeh-


lungen
Im Folgenden werden die Kombinationen von Gestaltungsempfehlungen beschrieben, die
sich für die jeweiligen Typen der E-Partizipation aus deren spezifischen Anforderungs- und
Merkmalskombinationen ergeben. Die genaue Zusammensetzung der Merkmale, Anforder-
ungen und Gestaltungsempfehlungen sind in den entsprechenden Grafiken dargestellt. Die
Beschreibungen konzentrieren sich auf die für die Typen charakteristischen Kombinationen.

11.5.1 Gestalter
Das Typprofil der Gestalter mit Merkmalsausprägungen, Anforderungen und Gestaltungs-
empfehlungen ist in Abbildung 6 dargestellt. Für die Gestalter ist das Internet ein Lebens-
raum. Sie sind es gewohnt, sich produzierend einzubringen, ihre Umgebung zu gestalten und
sie verbinden dabei Arbeit und Spaß. Sie sind politisch interessiert und wollen Politik beein-
flussen, beteiligen sich aber eher über unkonventionelle Wege. Sie sind deshalb der einzige
Typus, für den eine kollaborative Weiterentwicklung von BG ermöglicht werden sollte. Dabei
sollte Gestaltern außerdem die Möglichkeit gegeben werden, selbst BG einzubringen und die
Beteiligungsprozesse zu gestalten. Die Einbindung von hedonistischen und externen Elemen-
ten sollte ermöglicht werden. Deswegen wird für die Gestalter eine offene Forumsstruktur
empfohlen, sodass Auftraggeber Themen setzen, diese aber auch von Benutzern eingebracht
werden können. In letzterem Fall werden Benutzer zu Initiatoren und verwalten die Präsen-
tationsseite, die es für jeden BG geben sollte. Die Online-Beteiligung sollte mit einem parla-
mentarischen beziehungsweise einem Ratsinformationssystem verbunden werden, damit
Gestalter sich sowohl zu BG beteiligen können, die sie persönlich betreffen, als auch zu aktu-
ellen politischen Fragestellungen. Die Präsentationsseite für jeden BG wird ergänzt durch
eine Wiki-Seite, auf welcher Benutzer gemeinsam weitere Informationen zusammenstellen
können. Diese sollte mit bestehenden redaktionellen Angeboten und offenen Daten ver-
knüpfbar sein. Daneben sollte eine Diskussionsseite angeboten werden, in die ein kollabora-
tiver Text-Editor integriert ist, damit der BG weiterentwickelt und über diese Weiter-
entwicklung diskutiert werden kann. Ein zuschaltbares kollaboratives Whiteboard ermöglicht
die Abweichung von textbasierter Interaktion und gestattet den Gestaltern, externe Elemen-
te einzubinden und zu bearbeiten. Der Gestalter ist ebenfalls der einzige Typ, für den die Ge-
legenheit geschaffen werden sollte, sich an der Weiterentwicklung des Systems zu beteili-
gen, beispielsweise über eine Unterseite, auf der die Weiterentwicklung diskutiert werden
kann.
Für Gestalter ist es wichtig, auch weniger beliebte Meinungen wahrzunehmen, damit sicher-
gestellt wird, dass auch „leisere Stimmen“ eine Chance haben, gehört zu werden. Deswegen
bietet sich eine Funktion an, die genau diese Beiträge anzeigt, die Funktion Außenseiter-
Meinungen. Damit Gestalter darüber hinaus weitere Themen entdecken können, werden
beispielsweise die Follow-Funktion für interessante Benutzer und ein Überrasch-Mich-
Zufallsgenerator empfohlen, der ihnen BG anbietet. Obwohl sie gerne neue Themen entde-
168 Ableitung von Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen

cken, möchten Gestalter zielgerichtet navigieren können, weshalb eine Suchfunktion und ein
Themen-Speicher im Benutzer-Account empfehlenswert sind. Für Gestalter ist neben der
Fairness gegenüber leiseren Stimmen wichtig, dass Informationen verlässlich sind. Es sollte
ein Gütesiegel vorhanden sein. Dies kann über gekennzeichnete Benutzer-Accounts für Auf-
traggeber gelöst werden. Die sichtbare Platzierung von Name und Logos des Auftraggebers
trägt außerdem dazu bei, ein Gütesiegel zu verleihen. Zentral ist ein Fußnotensystem, bei
dem Quellen für Informationen auf Präsentations- und Wiki-Seite angegeben werden kön-
nen.
Um Gestalter Erfolg erleben zu lassen, bieten sich belohnende Funktionen wie Aktivitäts-
und Erfolgsbadges an sowie nur nach bestimmten Leistungen freigeschaltete Star-Features.
Für diesen Typus sollte gleichzeitig eine umfassende Community-Struktur geschaffen wer-
den, bei der pseudonyme Benutzer-Accounts und eine anonyme Registrierung verpflichtend
sind. Auf gestaltbaren Profil-Seiten stellen sich Gestalter selbst dar, präsentieren eine Aus-
wahl an Themen, die ihnen am Herzen liegen in der Feature-Box, und verlinken auf andere
Internetpräsenzen. Gerne lernen sie andere Benutzer kennen, sodass ihnen Gruppen-Chats
und Nachrichten-Funktionen entgegenkommen. Ein Benutzerzähler zeigt die Anzahl re-
gistrierter Benutzer an. Gestalter motiviert es, einem großen Publikum seine Meinung prä-
sentieren zu können.
Zwar geht dieser Typus gut und gerne mit Texten und Datensätzen um, freut sich aber über
interessante neue Funktionen. Den Gestaltern sollten daher Instrumente zur Daten-
Visualisierung angeboten werden, Visualisierungen von Diskussionsverläufen oder Möglich-
keiten zur automatisierten Textzusammenfassung.
Beschreibung der typspezifischen Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen 169

GE 1 GE 2 GE 3
GE 4 GE 5 GE 6
GE 7 GE 8 GE 9
GE 10 GE 11 GE 12
GE 13 GE 14 GE 15
GE 16 GE 17 GE 18
GE 19 GE 20 GE 21
GE 22 GE 23 GE 24
GE 25 GE 26 GE 27
GE 28 GE 29 GE 30
GE 31 GE 32 GE 33
GE 34 GE 35 GE 36
GE 37 GE 38 GE 39
GE 40 GE 41 GE 42
GE 43 GE 44 GE 45
GE 46 GE 47 GE 48
GE 49 GE 50 GE 51
GE 52 GE 53 GE 54
GE 55 GE 56 GE 57
GE 58 GE 59 GE 60
GE 61 GE 62 GE 63
GE 64 GE 65 GE 66
GE 67 GE 68 GE 69
GE 70

 Abbildung 6: Typprofil Gestalter

Notiz. Graphische Darstellung der Merkmalsausprägungen, daraus abgeleite-


ten Anforderungen und Gestaltungs-empfehlungen für den E-Partizipations-
typ Gestalter. M=Merkmal, A=Anforderung, GE=Gestaltungsempfehlung,
+=Und-Verknüpfung der Anforderungen, dunkelgrau bei Anforderungen=
notwendige Anforderung (formuliert mit muss statt sollte), grau bei GE=für
diesen Typ zutreffende GE, Nummerierung der Merkmale gemäß Tabelle 20,
Nummerierung der Anforderungen gemäß Tabelle 21, Nummerierung der
Gestaltungsempfehlungen gemäß Tabelle 22. Abbildung erstellt mit DOT und
Graphviz.
170 Ableitung von Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen

11.5.2 Optimierer
Merkmalsausprägungen, Anforderungen und Gestaltungsempfehlungen für Optimierer sind
in Abbildung 7 aufgezeigt. Optimierer sind die effizienzbedachten Erfolgsorientierten, die bei
Online-Beteiligung ein schlechtes Kosten-Nutzen-Verhältnis sehen, Ihnen muss ermöglicht
werden, sich mit geringen Aufwand zu beteiligen, obwohl sie politisch interessiert und dem
System gegenüber positiv eingestellt sind. Ein mobiler Zugang ist für sie essentiell. Optimie-
rer erwarten, dass ihnen wichtige Informationen und Funktionen auch unterwegs zur Verfü-
gung stehen. Motiviert werden Optimierer hauptsächlich durch Betroffenheit und persönli-
chen Erfolg beziehungsweise individuelle Weiterentwicklung. Zwar sind sie es gewohnt, sich
auf konventionellen Wegen politisch zu beteiligen und haben daher keinen Bedarf an selbst-
gestalteten Prozessen. Trotzdem wird eine offene Forumsstruktur empfohlen, damit eine
Beteiligung an den Themen möglich ist, die die Optimierer betreffen, auch wenn die Auftrag-
geber sich dieser nicht bewusst sind. Optimierer können diese dann selbst einbringen. Opti-
mierer stehen Online-Beteiligung auch skeptisch gegenüber, weil sie die Erfolgsaussichten
kritisch betrachten. Daher sollten sie von der Wirksamkeit der Online-Partizipation über-
zeugt werden, beispielsweise über bisherige Erfolgsgeschichten oder über die Anzeige der
bisherigen Einflussrate von Vorschlägen auf den BG. Beteiligung bei wenig Aufwand wird
beispielsweise durch die Alternativen-Auswahl und die Abstimmungsfunktion ermöglicht. Es
wird außerdem empfohlen, eine Präsentationsseite anzubieten, auf der Infoboxen die wich-
tigsten Informationen prägnant zusammenfassen. Auf der gleichen Seite sollte eine Diskussi-
onsfunktion eingerichtet werden, die es ermöglicht, auf Beiträge zu antworten und diese zu
zitieren. Damit Optimierer einen schnellen Einstieg in die Diskussion finden, können Diskus-
sionsverläufe visualisiert werden. Einen effizienten Einstieg in die Diskussion bietet auch die
Einblendung von Hauptbeiträgen. Zielgerichtete Navigation über Themen-Speicher und Su-
che sind zentral. Themen-Alerts benachrichtigen Optimierer, wenn es neue für sie passende
BG gibt. Eine Karten-Übersicht zeigt ihnen BG in ihrer Nähe. Automatisierte Text-Zusammen-
fassungen von beispielsweise Zusatzinformationen durch redaktionelle Angebote können
angeboten werden, um bei langen Texten zentrale Aspekte wiederzugeben, denn Optimierer
wollen sich trotz ihrer Abneigung gegenüber zu großem Aufwand über den BG informieren.
Zwar entdecken Optimierer gerne neue, interessante Benutzer und interagieren mit ihnen
möglicherweise über private Nachrichten. Bedingt durch die starke Effizienzorientierung
werden aber keine Gruppen-Chats empfohlen.
Um Optimierer zu motivieren, kann auch an ihr Pflichtgefühl appelliert werden, beispiels-
weise indem ein offizieller Beteiligungsaufruf verfasst wird oder verwaiste Themen angezeigt
werden. Badges und Star-Features können Erfolgserlebnisse erzeugen. Auch die Darstellung
der eigenen Person sollte ermöglicht werden. Obwohl die Wahrung ihrer Anonymität für Op-
timierer nicht entscheidend ist, wird empfohlen, pseudonyme Benutzer-Accounts anzu-
bieten. Es handelt sich nicht um Wahlen oder verbindliche Abstimmungen, bei denen Identi-
fizierung und Authentifizierung essentiell sind.
Beschreibung der typspezifischen Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen 171

 Abbildung 7: Typprofil Optimierer

GE 1 GE 2 GE 3
GE 4 GE 5 GE 6
GE 7 GE 8 GE 9
GE 10 GE 11 GE 12
GE 13 GE 14 GE 15
GE 16 GE 17 GE 18
GE 19 GE 20 GE 21
GE 22 GE 23 GE 24
GE 25 GE 26 GE 27
GE 28 GE 29 GE 30
GE 31 GE 32 GE 33
GE 34 GE 35 GE 36
GE 37 GE 38 GE 39
GE 40 GE 41 GE 42
GE 43 GE 44 GE 45
GE 46 GE 47 GE 48
GE 49 GE 50 GE 51
GE 52 GE 53 GE 54
GE 55 GE 56 GE 57
GE 58 GE 59 GE 60
GE 61 GE 62 GE 63
GE 64 GE 65 GE 66
GE 67 GE 68 GE 69
GE 70

Notiz. Graphische Darstellung der Merkmalsausprägungen, daraus abgeleiteten Anforderungen und Gestaltungs-
empfehlungen für den E-Partizipationstyp Optimierer. M=Merkmal, A=Anforderung, GE=Gestaltungsempfehlung, +=Und-
Verknüpfung der Anforderungen, dunkelgrau bei Anforderungen=notwendige Anforderung (formuliert mit muss statt
sollte), grau bei GE=für diesen Typ zutreffende GE, Nummerierung der Merkmale gemäß Tabelle 20, Nummerierung der
Anforderungen gemäß Tabelle 21, Nummerierung der Gestaltungsempfehlungen gemäß Tabelle 22. Abbildung erstellt
mit DOT und Graphviz.

11.5.3 Spieler
Die Merkmalsausprägungen der Spieler sowie die abgeleiteten Anforderungen und Gestal-
tungsempfehlungen sind in Abbildung 8 dargestellt. Spieler haben ein geringes individuelles
und politisches Wirksamkeitsbewusstsein. Sie sind nicht politisch interessiert und werden
hauptsächlich hedonistisch motiviert. Es ist dennoch möglich, dass sie sich für Gruppenziele
einsetzen. Wenn, dann sind sie aber unkonventionelle politische Beteiligung gewohnt. Bei
einer Online-Beteiligung muss daher der Wert der Benutzer-Beiträge verdeutlicht werden,
genauso wie deren Verwendung. Auch der Einfluss der Online-Beteiligung auf das Endergeb-
nis muss nachvollziehbar sein, damit Spieler sich beteiligen und die Online-Beteiligung muss
als Erlebnis gestaltet sein.
172 Ableitung von Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen

Spieler sind nicht selbstbewusst und haben eine externe Kontrollüberzeugung. Das führt da-
zu, dass sie vor Herausforderungen zurückschrecken. Sie dürfen nicht überfordert werden.
Ihnen muss ein niederschwelliger Einstieg in die Beteiligung geboten werden. Wegen der
niedrigen kognitiven Neigung sollten Informationen an einer Stelle präsentiert werden. Es
wird daher eine offene Forumsstruktur empfohlen, verknüpft mit dem PIS/RIS, in der für je-
den BG in einem kurzen Video der Sinn und Einfluss der Online-Beteiligung sowie die Ver-
wendung der Beiträge erläutert wird, sowie die Relevanz des BG. In Infoboxen können wei-
tere wichtige Informationen ergänzt werden. Auf der gleichen Seite sollte eine Diskussions-
funktion angeboten werden, mit der Beiträge zitiert und beantwortet werden können. Auch
die Einbindung von externen Inhalten in diese Beiträge sollte ermöglicht werden. Mini-
Games auf der Startseite und Beteiligung durch Alternativen-Auswahl bieten einen nieder-
schwelligen Einstieg. Badges an den Beiträgen verdeutlichen deren Verwendung. Eine Feed-
back-Funktion ermöglicht die direkte Wertschätzung durch den Auftraggeber. Die Darstel-
lung der Einflussrate verdeutlicht, dass Beiträge von Benutzern eine Wirkung erzielen.
Daneben sollte Spielern ermöglicht werden, Gemeinschaften zu finden und aufzubauen,
denn sie sind auf der Suche nach Zugehörigkeit. Das leisten Nachrichten und Chat-
Funktionen. Auch gestaltbare Gruppen-Räume sind empfehlenswert. Auch anpassbare Profi-
le, die Benutzer vertaggen und zur Selbstdarstellung nutzen können, sind für diesen Typus
wichtig. Eine Event-Funktion ermöglicht es, Prozesse selbst zu gestalten und Beteiligungs-
prozesse zu definieren. Dabei muss den Spielern ermöglicht werden, Beiträgen zu verfassen,
die nicht auf die eigene Person zurückzuführen sind, weshalb anonyme Teilnahme und
pseudonyme Benutzeraccounts empfohlen werden.
Besonders zeichnen sich Spieler durch ihre ablehnende Einstellung gegenüber dem politi-
schen System aus. Sie reagieren außerdem trotzig auf soziale Anreize und werfen Teilneh-
mern von Online-Partizipation vor, sich politisch nur zu beteiligen, um sich selbst darzustel-
len. Es ist wichtig, die sich daraus ergebenden Widersprüche zu beachten. Erstens haben sie
durch die geringe kognitive Neigung ein Bedürfnis, sich an Experten zu orientieren, lehnen
aber vermutlich die Autorität anerkannter Experten ab. Die Möglichkeit, beliebte Beiträge
anzuzeigen löst diesen Konflikt, in dem sie Community-Experten ausweist, an deren Beiträ-
gen sich Spieler orientieren können. Offizielle Beteiligungsaufrufe sollten keine wichtige Rol-
le spielen und Logos der Auftraggeber keine zentrale visuelle Bedeutung einnehmen. Zwei-
tens sollten Spieler auf der einen Seite für gute Beiträge belohnt werden. Außerdem tragen
Belohnungen, beziehungsweise Erfolg zur Gestaltung des Beteiligungsprozesses als Erlebnis
bei. Auf der anderen Seite ruft die Betonung von erwünschtem Verhalten möglicherweise
Trotz hervor und wenn Benutzer ihre Erfolge in den Vordergrund stellen, werden sie als
heuchlerisch empfunden, obwohl der Spieler durchaus auch durch Selbstdarstellung moti-
viert wird. Dieser Widerspruch wird wie folgt gelöst: Funktionen, die Verhaltensanreize er-
zeugen sollen, aber keine spielerischen Elemente aufweisen, werden nicht empfohlen. Dazu
zählen beispielsweise Nutzungsstatistiken oder Investment-Zähler. Star-Features hingegen,
appellieren primär an den Spieltrieb. Die Belohnung von guten Beiträgen durch Startseiten-
Beschreibung der typspezifischen Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen 173

Features ist ebenfalls keine Selbstdarstellung. Beide Funktionen werden deshalb empfohlen.
Erfolgsbadges hingegen ermöglichen gezielt die Selbstdarstellung inhaltlicher Erfolge bei der
Online-Partizipation. Sie werden vorerst nicht für Spieler empfohlen. Aktivitätsbadges wie-
derum sind auch Leistungsauszeichnungen, beziehen sich aber nicht auf inhaltliche Beiträge,
sondern nur auf Aktivität. Es wird erwartet, dass dies nicht ablehnend, sondern als spieleri-
sches Element motivierend wirkt. Es wird zu testen sein, wie genau die Funktionen wirken
und ob einige von ihnen tatsächlich eine ablehnende Reaktion bei Spielern auslösen.
Wie bereits erwähnt, sind Spieler politisch eher nicht interessiert und es ist nicht davon aus-
zugehen, dass sie von sich aus viel Zeit investieren werden, um sich über BG zu informieren.
Trotzdem wird empfohlen, Funktionen wie automatisierte Textzusammenfassung und Visua-
lisierung von Daten und Diskussionsverläufen anzubieten. Es handelt sich hierbei um bisher
wenig eingesetzte Funktionen, die an die Technik-Faszination der Spieler appellieren. Im Ide-
alfall werden sie dazu motiviert, diese neuen Funktionen auszuprobieren und erweitern ne-
benbei ihr Wissen über den BG. Genauso verhält es mit Überrasch-Mich und Follow-
Funktion. Spieler neigen dazu, sich im Internet treiben zu lassen. Sie hangeln sich von Link zu
Link ohne bestimmtes Ziel und vergessen dabei die Zeit. Durch die Überrasch-Mich und
Follow-Funktion soll dieses Verhalten innerhalb der Partizipationslösung ermöglicht werden.
Spieler werden nicht gezielt nach BG suchen, an denen sie sich beteiligen können. Es ist aber
vorstellbar, dass sie auf der Suche nach Ablenkung und Unterhaltung und aus Gewöhnung
an das Treiben-Lassen im Internet auf einen Button klicken, der ihnen per Zufallsgenerator
weitere Videos oder Benutzer-Kommentare anzeigt und sie somit weitere für sie relevante
BG entdecken. Ähnlich ist der erhoffte Effekt der Follow-Funktion. Dabei werden Spieler bei-
spielsweise benachrichtigt, wenn andere Benutzer den BG kommentieren. Spieler haben die-
se Benutzer selbst ausgewählt, es wird sich also um (Online-)Freunde handeln oder Benut-
zer, die für Spieler interessant sind. Es ist somit denkbar, dass sich Spieler dann aus sozialen
Gründen beteiligen. Sie möchten ebenfalls dazugehören. Alles in allem muss in Bezug auf
Spieler immer die Herausforderung gemeistert werden, auf ihre hedonistischen und sozialen
Motivationen einzugehen, dabei aber trotzdem inhaltliche Beiträge zum BG zu erhalten und
möglicherweise politisches Interesse zu wecken.
174 Ableitung von Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen

 Abbildung 8: Typprofil Spieler

GE 1 GE 2 GE 3
GE 4 GE 5 GE 6
GE 7 GE 8 GE 9
GE 10 GE 11 GE 12
GE 13 GE 14 GE 15
GE 16 GE 17 GE 18
GE 19 GE 20 GE 21
GE 22 GE 23 GE 24
GE 25 GE 26 GE 27
GE 28 GE 29 GE 30
GE 31 GE 32 GE 33
GE 34 GE 35 GE 36
GE 37 GE 38 GE 39
GE 40 GE 41 GE 42
GE 43 GE 44 GE 45
GE 46 GE 47 GE 48
GE 49 GE 50 GE 51
GE 52 GE 53 GE 54
GE 55 GE 56 GE 57
GE 58 GE 59 GE 60
GE 61 GE 62 GE 63
GE 64 GE 65 GE 66
GE 67 GE 68 GE 69
GE 70

Notiz. Graphische Darstellung der Merkmalsausprägungen, daraus abgeleite-


ten Anforderungen und Gestaltungsempfehlungen für den E-Partizipations-
typ Spieler. M=Merkmal, A=Anforderung, GE=Gestaltungsempfehlung,
+=Und-Verknüpfung der Anforderungen, dunkelgrau bei Anforderungen=
notwendige Anforderung (formuliert mit muss statt sollte), grau bei GE=für
diesen Typ zutreffende GE, Nummerierung der Merkmale gemäß Tabelle 20,
Nummeierung der Anforderungen gemäß Tabelle 21, Nummerierung der
Gestaltungsempfehlungen gemäß Tabelle 22. Abbildung erstellt mit DOT und
Graphviz.
Beschreibung der typspezifischen Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen 175

11.5.4 Weltverbesserer
Die Merkmalsausprägungen, Anforderungen und Gestaltungsempfehlung für die Welt-
verbesserer sind in Abbildung 9 dargestellt. oten werden, sich an BG zu beteiligen, die sie
selbst betreffen, aber auch an Politik-Entwürfen, die keinen direkten Einfluss auf sie selbst
haben. Auch für Weltverbesserer wird eine offene, mit einem PIS/RIS verknüpfte Forums-
struktur empfohlen. Die Beständigkeit der Anlaufstelle ermöglicht den Weltverbesserern,
sich an das System zu gewöhnen. Dies ist wichtig, weil sie nur eine mittlere Offenheit gegen-
über neuen Lösungen zeigen. Auf einer Präsentationsseite können Weltverbesserer sich über
den BG informieren. Dort sollten die Relevanz und Begünstigten des BG beschrieben wer-
den. Offene Daten und redaktionelle Angebote bieten zusätzliche Informationen. Auf der
gleichen Seite sollten den Weltverbesserern die Möglichkeit gegeben werden, über den BG
zu diskutieren, ohne dass die Beiträge auf die Personen zurückgeführt werden können.
Trotzdem möchten sie ihre Meinung darstellen, diese mit ihrem Profil verknüpfen und ande-
re Benutzer überzeugen. Es bieten sich somit pseudonyme Benutzeraccounts an. Für die Dis-
kussion ist bei den verträglichen Weltverbesserern außerdem wichtig, dass persönliche Kon-
flikte vermieden werden, weshalb eine Netiquette erstellt und durchgesetzt werden sollte.
Sie sehen zwar Mehrwerte in neuen Technologien, stehen diesen aber pragmatisch gegen-
über und haben einige Bedenken, was Online-Partizipation angeht. Es sollte Vertrauen in die
Sicherheit der Beteiligungslösung erzeugt und ein Gütesiegel für Informationen angeboten
werden. Dazu bieten sich die Beschreibung des Sicherheitskonzepts an, sowie ein Fußnoten-
system und gekennzeichnete Accounts für Akteure aus Politik und Verwaltung.
Für Weltverbesserer sollten Möglichkeiten geschaffen werden, um Menschen zur Teilnahme
an der Online-Partizipation einzuladen, denn sie sind durch soziale Anreize durch nahe-
stehende Personen motivieren. Das betrifft zum einen Bekannte, die noch keine registrierten
Benutzer der Online-Partizipation sind. Sie können über die Teilnahme-Einladung per E-Mail
zum Mitmachen aufgefordert werden. Zum anderen können registrierte Benutzer durch die
Benutzer-Aufforderung andere zur Teilnahme an bestimmten BG einladen.
Während die Leistung anderer Benutzer durchaus hervorgehoben werden sollte und Welt-
verbesserer auch Erfolg erleben möchten, sollte die Selbstdarstellung von Benutzer-Erfolgen
auf Profilen jedoch nicht betont werden. Ähnlich wie die Spieler lehnen Weltverbesserer die-
se spezielle Form der Selbstdarstellung ab. Sie wollen sich zum Wohle Anderer beteiligen,
nicht, um ihre Leistung in den Mittelpunkt zu rücken. Deswegen empfehlen sich zwar Star-
Features und Aktivitätsbadges sowie Investment-Zähler und Nutzungsstatistiken, die auch
ein gegenseitiges Pflichtgefühl auslösen. Erfolgsbadges hingegen werden nicht empfohlen.
Wie auch beim Spieler bleibt zu prüfen, ob diese Funktion wirklich einen nachteiligen Effekt
auf die Weltverbesserer hat. Schließlich nutzt dieser Typus das Internet vorwiegend statio-
när. Es ist nicht notwendig, eine mobile Anwendung zu entwickeln.
176 Ableitung von Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen
 Abbildung 9: Typprofil Weltverbesserer

GE 1 GE 2 GE 3
GE 4 GE 5 GE 6
GE 7 GE 8 GE 9
GE 10 GE 11 GE 12
GE 13 GE 14 GE 15
GE 16 GE 17 GE 18
GE 19 GE 20 GE 21
GE 22 GE 23 GE 24
GE 25 GE 26 GE 27
GE 28 GE 29 GE 30
GE 31 GE 32 GE 33
GE 34 GE 35 GE 36
GE 37 GE 38 GE 39
GE 40 GE 41 GE 42
GE 43 GE 44 GE 45
GE 46 GE 47 GE 48
GE 49 GE 50 GE 51
GE 52 GE 53 GE 54
GE 55 GE 56 GE 57
GE 58 GE 59 GE 60
GE 61 GE 62 GE 63
GE 64 GE 65 GE 66
GE 67 GE 68 GE 69
GE 70

Notiz. Graphische Darstellung der Merkmalsausprägungen, daraus abgeleite-


ten Anforderungen und Gestaltungsempfehlungen für den E-Partizipations-
typ Weltverbesserer. M=Merkmal, A=Anforderung, GE=Gestaltungsempfeh-
lung, +=Und-Verknüpfung der Anforderungen, dunkelgrau bei Anforderun-
gen=notwendige Anforderung (formuliert mit muss statt sollte), grau bei
GE=für diesen Typ zutreffende GE, Nummerierung der Merkmale gemäß
Tabelle 20, Nummerierung der Anforderungen gemäß Tabelle 21, Nummer-
ierung der Gestaltungsempfehlungen gemäß Tabelle 22. Abbildung erstellt
mit DOT und Graphviz.
Beschreibung der typspezifischen Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen 177

11.5.5 Bemühte
Das umfassende Profil der Merkmalsausprägungen, Anforderungen und Gestaltungs-
empfehlungen für Bemühte ist in Abbildung 10 dargestellt. Bemühte haben ein niedriges in-
dividuelles Wirksamkeitsbewusstsein und geringes politisches Interesse, dabei aber eine po-
sitive Einstellung zum politischen System. Sie möchten zwar ihre Meinung äußern, sich dabei
aber nicht unbedingt selbst darstellen. Es geht eher darum, dass ihre Meinung überhaupt
gehört wird. Bemühte haben niedrige Online-Fähigkeiten, nutzen nur wenige Online-
Lösungen und sind skeptisch, was Veränderungen dieser Routinen betrifft. Es ist wichtig,
dass sie sich an das System gewöhnen können. Bemühte sind aber auch, wie es ihr Name
verdeutlichen soll, gewissenhaft, pflichtbewusst und altruistisch motiviert, weshalb sie trotz-
dem zu Online-Partizipation animiert werden können. Dies kann durch soziale Anreize ge-
schehen, durch die Erzeugung eines Pflichtgefühls und die Beschreibung der Relevanz und
der Begünstigten des BG. Auch die Einladung durch andere Teilnehmer ist für Bemühte ein
Motivator. Sie müssen aber vom Mehrwert der Online-Partizipation überzeugt werden und
den Einfluss der Online-Beteiligung auf das Endergebnis sowie die Verwendung der eigenen
Beiträge nachvollziehen können. Der Wert der Benutzer-Beiträge muss betont werden und
Bemühte sollten für gute Beiträge belohnt werden. Dies ist auch vor dem Hintergrund wich-
tig, dass es bei einer Online-Partizipation nicht nur um bloße Meinungsäußerung geht, son-
dern um die Sammlung von Ideen und Impulsen. Sicherheitsbedenken müssen adressiert
werden, unter anderem indem Beiträge nicht auf die Person zurückgeführt werden können.
Bemühte sollten einfach an den gewünschten Punkt gelangen können und Informationen
sollten an einer Stelle dargestellt werden. Die Beteiligungslösung sollte einfach zu bedienen
und die Beteiligung ohne großen Aufwand möglich sein, während ein niederschwelliger Ein-
stieg gewährleistet wird. Da Bemühte eine hohe Verträglichkeit aufweisen, sollte ihnen er-
möglicht werden, persönliche Konflikte zu vermeiden. Außerdem sollten sich Bemühte an
Experten orientieren können.
Es wird somit eine offene Forumsstruktur empfohlen, bei der anonyme Teilnahme möglich
ist und die mit einem PIS/RIS verknüpft ist. Es sind keine Benutzer-Accounts notwendig. Der
Auftraggeber wird beschrieben und klar durch Logos repräsentiert. Es gibt einen offiziellen
Beteiligungsaufruf und Testimonials, die zur Beteiligung animieren. Das Sicherheitskonzept
der Seite wird erläutert und Erfolgsgeschichten illustrieren den Einfluss, den Online-
Beteiligung auf einen BG haben kann. Ein Investment-Zähler beschreibt, welche Leistung
Teilnehmer bisher erbracht haben. Eine Karten-Übersicht erlaubt den Bemühten, BG zu iden-
tifizieren, die in ihrer Nähe angesiedelt sind. Die Anzeige von verwaisten Themen verdeut-
licht den Bemühten, wo ihre Partizipation besonders gebraucht wird.
Der BG, seine Relevanz und Begünstigten, sowie der Mehrwert der Online-Beteiligung und
der Wert und Einfluss der Beiträge werden in einem Video vorgestellt. Zusätzlich fassen In-
foboxen wichtige Informationen zusammen. Unter dem Präsentationsvideo erlaubt eine ein-
fache Kommentarfunktion den Bemühten, ihre Meinung darzustellen, ohne dass sie sich re-
178 Ableitung von Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen

gistrieren müssen. Die Durchsetzung einer Netiquette sorgt für einen angemessenen Ton in
den Kommentaren. Durch die Alternativen-Auswahl und Bewertung von Kommentaren kön-
nen sich Bemühte niederschwellig beteiligen. Sie können sich außerdem nur die beliebtesten
Beiträge anzeigen lassen.
Durch die Präsentation von hochwertigen Kommentaren auf der Startseite und eine Feed-
back-Funktion können Bemühte belohnt werden und somit auch motiviert, inhaltliche Bei-
träge zu leisten. Eine Badge für die Beiträge kann verwendet werden, um zu kennzeichnen,
wenn ein Kommentar Einfluss auf das Endprodukt genommen hat. Es wird empfohlen, dass
Bemühten eine Funktion angeboten wird, die sie über E-Mail benachrichtigt, falls es ein
Feedback oder einen Badge zu ihrem Kommentar gibt. Auch über neue Themen können sie
über Themen-Alerts benachrichtigt werden und Bekannte könnten sie über eine Teilnahme-
Einladung zum Mitmachen auffordern.
Beschreibung der typspezifischen Nutzungsanforderungen und Gestaltungsempfehlungen 179
 Abbildung 10: Typprofil Bemühte

GE 1 GE 2 GE 3
GE 4 GE 5 GE 6
GE 7 GE 8 GE 9
GE 10 GE 11 GE 12
GE 13 GE 14 GE 15
GE 16 GE 17 GE 18
GE 19 GE 20 GE 21
GE 22 GE 23 GE 24
GE 25 GE 26 GE 27
GE 28 GE 29 GE 30
GE 31 GE 32 GE 33
GE 34 GE 35 GE 36
GE 37 GE 38 GE 39
GE 40 GE 41 GE 42
GE 43 GE 44 GE 45
GE 46 GE 47 GE 48
GE 49 GE 50 GE 51
GE 52 GE 53 GE 54
GE 55 GE 56 GE 57
GE 58 GE 59 GE 60
GE 61 GE 62 GE 63
GE 64 GE 65 GE 66
GE 67 GE 68 GE 69
GE 70

Notiz. Graphische Darstellung der Merkmalsausprägungen, daraus abgeleite-


ten Anforderungen und Gestaltungsempfehlungen für den E-Partizipations-
typ Bemühte. M=Merkmal, A=Anforderung, GE=Gestaltungsempfehlung,
+=Und-Verknüpfung der Anforderungen, dunkelgrau bei Anforderungen
=notwendige Anforderung (formuliert mit muss statt sollte), grau bei GE=für
diesen Typ zutreffende GE, Nummerierung der Merkmale gemäß Tabelle 20,
Nummerierung der Anforderungen gemäß Tabelle 21, Nummerierung der
Gestaltungsempfehlungen gemäß Tabelle 22. Abbildung erstellt mit DOT und
Graphviz.
12 Diskussion der Ergebnisse
12.1 Zusammenfassung der Arbeit
Die hier vorgelegte Untersuchung entwickelt eine Benutzertypologie der E-Partizipation
(FZ I) und beantwortet folgende Forschungsfrage: Welches sind die Benutzertypen der E-
Partizipation in Deutschland? Dazu werden folgende Unterfragen beantwortet: Welches
sind die Merkmale der Typologie (UF1)? Welche Ausprägungen haben die Merkmale (UF2)?
Welche Ausprägungskombinationen gibt es, das heißt, welche Typen lassen sich feststellen
(UF3)? Zusätzlich werden auf dieser Typologie basierende Nutzungsanforderungen (FZ II)
und Gestaltungsempfehlungen (FZ III) vorgestellt.
In einem ersten Schritt wurden zur Identifikation möglicher Typologie-Merkmale (UF 1) zent-
rale Theorien der politischen Partizipation und Technologienutzung ausgewertet (Kapitel 7).
Zur Validierung der Merkmale wurden Studien zu E-Partizipation in Bezug auf die Verwen-
dung von Merkmalen analysiert (Kapitel 8). Die hieraus resultierende validierte Merkmalslis-
te dient als Grundlage zur Beantwortung von UF 3 (Identifikation von Ausprägungscluster).
Die Liste umfasst Merkmale in den Kategorien sozio-demographische Faktoren, Ressourcen,
Fähigkeiten, Eigenschaften, Selbstkonzeption, Motivation und Gewohnheiten. Erste Ausprä-
gungscluster konnten mit Hilfe der DIVSI-Milieus und U-25-Milieus identifiziert werden, bei-
des Typologien der Internetnutzung in Deutschland. Die Milieus zeichnen sich durch die Be-
schreibung anhand einer Vielzahl von Variablen aus, die in Typologie-Merkmale übersetzt
werden konnten. Durch das Heranziehen bekannter Merkmalskorrelationen konnten nach
der Übersetzung bestehende Lücken in der Beschreibung der Ausprägungscluster ge-
schlossen werden. Somit wurde eine vollständige Beschreibung von Ausprägungsclustern
erreicht (Kapitel 9). Insgesamt wurden zweimal zwei Cluster wegen großer Ähnlichkeiten zu-
sammengefasst, sodass eine finale Typologie der E-Partizipation mit fünf Typen entstand:
Gestalter, Optimierer, Spieler, Weltverbesserer und Bemühte (Kapitel 10). Nach einer Zu-
sammenfassung der bisherigen Erkenntnisse über typspezifisches Design von partizipativen
Online-Lösungen wurden formalisiert typspezifische Anforderungen abgeleitet und an-
forderungsspezifische Gestaltungsempfehlungen entwickelt (Kapitel 11). Dabei wurden auch
Anforderungen identifiziert, die für die Beteiligung der jeweiligen Typen verpflichtend sind.
So ist beispielsweise für Typ 2, die Optimierer, eine mobile Lösung essentiell. Hier zeigt sich
die Bedeutung von verstärkter Entwicklung mobiler Online-Partizipationsangebote. Für je-
den Typ wird eine umfassende Darstellung der Merkmalsausprägungen, Anforderungen und
Gestaltungsempfehlungen präsentiert. Viele der Gestaltungsempfehlungen sind bereits in
verschiedenen Online-Plattformen implementiert, finden aber bisher keine oder nur verein-
zelt Anwendung in E-Partizipationsangeboten. Das verdeutlicht das große Potential, das die
hier erarbeiteten Erkenntnisse für die Entwicklung von Online-Beteiligung bieten: Durch die
gezielte Umsetzung von typspezifischen Gestaltungsempfehlungen kann E-Partizipation für
Benutzer und Auftraggeber bedeutend verbessert werden.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018


K. Große, Benutzerzentrierte E-Partizipation,
https://doi.org/10.1007/978-3-658-19877-0_12
182 Diskussion der Ergebnisse

12.2 Interpretation der Ergebnisse


Durch den theoretisch fundierten Ansatz ist davon auszugehen, dass die Typologie bereits
einen hohen Grad an Genauigkeit erreicht hat. Sie leistet einen wichtigen Beitrag zum Ver-
ständnis von Unterschieden zwischen Benutzern von Online-Partizipation. Sie sollte dennoch
in weiteren Untersuchungen getestet und auf konkrete Projekte angepasst werden.
Bei der Anwendung der Typologie ist zu beachten, dass die Ausprägungsunterschiede zwi-
schen Typen weniger kleinschrittig sind als Unterschiede zwischen Individuen. So zeigt sich
zwar zwischen Gestaltern und Bemühten ein klarer Unterschied zwischen den Extraversions-
ausprägungen. Trotzdem ist davon auszugehen, dass es auch innerhalb der Gruppe der Be-
mühten Varianzen gibt. Genauso mag ein Gestalter im Vergleich zu anderen Gestaltern int-
rovertiert erscheinen. Wenn er sich aber intensiv online an Diskussionen beteiligt, gilt er
nach der Typologie als extrovertiert. Analog dazu wird es innerhalb der Typen weitere Grup-
pen mit großer Homogenität bei einem Teil der Merkmale geben. So ist es zum Beispiel
denkbar, dass einige Benutzer innerhalb der Gestalter sehr intensiv durch Überzeugung mo-
tiviert werden, an Online-Partizipation teilzunehmen. Es ist aber nicht davon auszugehen,
dass dies zu unterschiedlichem Partizipationsverhalten führt, weshalb sie nicht relevant für
die Typologie ist.
In Bezug auf die verwendeten Merkmale ist zu erwähnen, dass einige Merkmale nicht in An-
forderungen übersetzt wurden, da ihr Einfluss indirekt über ein anderes Merkmal wirkt.
Dennoch werden sie weiterhin als Merkmale in der Typologie geführt, da sie die Einordnung
von Benutzern in die Typologie erleichtern.
Bezogen auf die Typen ist zu erwarten, dass diese über die Zeit grundsätzlich stabil bleiben.
Grundlegende Motivationen und Eigenschaften von Personen werden sich nur minimal än-
dern. Einstellungen und Gewohnheiten können sich jedoch entwickeln, beispielsweise wenn
positive Erfahrungen mit IT oder politischer Partizipation gemacht werden. Es ist somit
durchaus möglich und auch wünschenswert, dass sich die Typen bezogen auf Einstellungen
und Gewohnheiten verändern, wenn dies beispielsweise eine positivere Einstellung zum po-
litischen System bedeutet. In Folge dieser Veränderung wird möglicherweise eine Neu-
beschreibung der Typologie notwendig. Dies wird aber erst eintreten, wenn benutzer-
zentrierte E-Partizipationsprojekte in großer Zahl durchgeführt werden.
Die Typologie schließt einen Teil der Bevölkerung bewusst aus: Menschen, die das Internet
nicht nutzen, werden nicht durch die Typologie erfasst. Dies sollte nicht dahingehend inter-
pretiert werden, die Beteiligung von Offlinern zu vernachlässigen. Sie werden ausschließlich
für eine Typologie der Online-Partizipation nicht berücksichtigt. Online-Partizipation sollte
aber als Teil eines Partizipationsprojekts verstanden werden, in dem Online- und Offline-
Kanäle sinnvoll kombiniert und somit auch Offliner eingebunden werden.
Umsetzung der Gestaltungsempfehlungen 183

12.3 Umsetzung der Gestaltungsempfehlungen


Mit Blick auf die knappen Ressourcen, die in der Vorab-Befragung (siehe Anhang A) immer
wieder angesprochen wurden, ist es unwahrscheinlich, dass alle entwickelten Gestaltungs-
empfehlungen in zukünftigen E-Partizipationsprojekten umgesetzt werden können. Vor die-
sem Hintergrund sollen im Folgenden die typspezifischen Empfehlungen diskutiert werden.
Gestalter werden sich vermutlich beteiligen, sobald ihnen eine Möglichkeit geboten wird,
Beiträge zu verfassen, die nicht auf ihre Person zurückzuführen sind. Trotzdem sollten ihre
Anforderungen bei der Entwicklung von Online-Partizipation berücksichtigt werden, damit
Auftraggeber von der Motivation und Produktivität der Gestalter profitieren können. Dazu
sollte besonders darauf geachtet werden, die Funktionen anzubieten, die Zusammenarbeit
und Diskussion ermöglichen, wie beispielsweise Diskussionsseite, Text-Editor und White-
board. Um Gestalter als langfristige Benutzer zu gewinnen, sollten soziale Funktionen wie
beispielsweise Gruppen-Chats, Nachrichten und Follow-Funktion umgesetzt werden.
Bei Optimierern muss im Vordergrund stehen, eine Lösung zu schaffen, die eine un-
aufwendige Beteiligung ermöglicht, dabei aber trotzdem dazu führt, dass Inhalte produziert
werden. Eine mobile Schnittstelle ist entscheidend. Ist dies erfüllt, werden sich Optimierer
bei BG beteiligen, die sie selbst betreffen. Durch Funktionen, die weitere Motivationen des
Typs ansprechen, wie Pflichtgefühl oder Selbstentwicklung, können Optimierer dazu an-
geregt werden, sich auch darüber hinaus zu beteiligen. Dafür eignen sich beispielsweise ein
offizieller Beteiligungsaufruf und Funktionen wie Erfolgs- und Aktivitätsbadges.
Für Spieler ist es essentiell, dass der Beteiligungsprozess als Erlebnis gestaltet wird. Die Her-
ausforderung einer Lösungsentwicklung liegt somit darin, spielerische Elemente anzubieten,
dabei aber trotzdem zu erreichen, dass die Spieler Inhalte kreieren. Dazu ist die ganze Band-
breite aus spielerischen Funktionen wie Mini-Games, Community-Funktionen wie Gruppen-
Chats und Gruppen-Seiten und inhaltliche Funktionen wie die Diskussions- und Abstim-
mungsfunktion notwendig. Gleichzeitig sollte die Online-Partizipation als Gelegenheit ver-
standen werden, Spieler von der Wichtigkeit deren Beiträge zu überzeugen und ihr Interesse
an politischen BG zu wecken, weshalb nicht auf Videos und Infoboxen verzichtet werden
sollte.
Weltverbesserer sind hingegen durch Altruismus motiviert, sich politisch zu beteiligen. Ob-
wohl sie durchaus den Mehrwert von Online-Partizipation sehen, haben sie Sicherheits-
bedenken und werden eine Online-Lösung vermutlich eher zum Kommentieren und Ab-
stimmen, weniger zum kollaborativen Arbeiten nutzen. Die größte Herausforderung liegt
nicht darin, die Weltverbesserer zu politischer Beteiligung zu motivieren, sondern zu errei-
chen, dass sie dazu auch die Online-Lösung nutzen. Es ist zu erwarten, dass sich dieser Typ
von Online-Partizipation abwendet, wenn beispielsweise der Umgangston auf der E-
Partizipationsplattform zu rau ist. Der Fokus für diesen Typ sollte deshalb darauf liegen, Si-
cherheitsbedenken auszuräumen und eine Möglichkeit zur Kommentierung zu schaffen, bei
der auf die Einhaltung einer Netiquette geachtet wird.
184 Diskussion der Ergebnisse

Für Bemühte müssen mehrere Herausforderungen überwunden werden. Sie müssen zum
einen davon überzeugt werden, dass es sich lohnt, sich politisch zu beteiligen. Dann müssen
sie vom Mehrwert der Online-Beteiligung überzeugt werden, wobei diese so gestaltet sein
muss, dass sie leicht zu bedienen ist und einen niederschwelligen Einstieg bietet. Viele der
Gestaltungsempfehlungen für diesen Typ ergeben sich aus verpflichtenden Anforderungen.
Es zeigt sich, wie groß der Einfluss der Gestaltung auf die Teilnahmewahrscheinlichkeit die-
ses Typs ist.
Im Idealfall wäre ein Angebot der E-Partizipation als adaptives System gestaltet, dass Benut-
zer in ein auf der Typologie basierendes Benutzermodell einordnet und sich dementspre-
chend anpasst. Solange dies nicht umgesetzt weren kann, ist neben der Setzung von Prioritä-
ten bei typspezifischen Beteiligungslösungen für die Entwicklung von E-Partizipation beson-
ders relevant, welche die optimale Kombination von Gestaltungsempfehlungen für eine E-
Partizipationslösung ist, die alle Typen anspricht. Intensiv muss dies in weiterer Forschung
behandelt werden. An dieser Stelle sollen jedoch bereits die Konflikte beschrieben werden,
die sich für eine kombinierte Lösung ergeben.
Es lassen sich vier zentrale Konflikte identifizieren: (1) Funktionsvielfalt gegenüber Einfach-
heit, (2) Motivation durch soziale Anreize gegenüber Trotzreaktionen, (3) Vertrauenszu-
wachs durch offizielle Akteure gegenüber Ablehnung von Autoritäten, (4) Motivation durch
inhaltliche Selbstdarstellung gegenüber Ablehnung dieser Selbstdarstellung. Der erste Kon-
flikt betrifft besonders Gestalter im Gegensatz zu Bemühten. Die komplexe Struktur einer
optimalen Beteiligungslösung für Gestalter wird Bemühte vermutlich überfordern. Möglich-
erweise kann diese Schwierigkeit durch einen geschichteten Aufbau der Online-
Beteiligungslösung behoben werden. Dabei werden BG einfach dargestellt und es gibt eine
Kommentarfunktion. Auf dieser Einstiegsseite können Gestalter durch Hinweise dazu einge-
laden werden, tiefer einzusteigen. Sie gelangen dann in Bereiche, in dem der volle Funktion-
sumfang angeboten wird. Es handelt sich um eine einfache Form eines adaptierbaren Sys-
tems. Der zweite Konflikt bezieht sich auf Spieler gegenüber den anderen Typen. Für letztere
werden Funktionen empfohlen, die entweder die Leistung anderer Benutzer hervorheben
oder betonen, welches Verhalten erwünscht ist, um soziale Anreize zur Beteiligung zu schaf-
fen. Spieler reagieren möglicherweise mit Trotz auf solche Hinweise. Betroffene Funktionen
sind beispielsweise Nutzungsstatistiken und Investment-Zähler. Es muss untersucht werden,
inwieweit diese Funktionen tatsächlich zu negative Reaktionen der Spieler führen und ob
diese somit eventuell zu vermeiden sind. Ähnlich verhält es sich auch mit einer Netiquette.
Es scheint möglich, dass sich Spieler gerade durch eine Aufforderung zum höflichen Umgang
herausgefordert fühlen, sich möglichst destruktiv zu verhalten. Verwandt damit ist der dritte
Konflikt. Während für die meisten Typen eine deutliche Assoziation mit dem staatlichen Auf-
traggeber positiv wirkt, hat sie auf Spieler negativen Einfluss. Spieler stehen dem politischen
System ablehnend gegenüber und es ist wahrscheinlicher, dass sie sich über Kanäle äußern,
die nicht direkt mit staatlichen Akteuren assoziiert werden. Es bleibt zu untersuchen, inwie-
weit dies auch gilt, wenn staatliche Akteure die eher unkonventionelle Form der Online-
Auswirkungen der Ergebnisse 185

Beteiligung anbieten. Eventuell wird bei Spielern besonders der Punkt der Gemeingüter
zweiter Ordnung relevant, das heißt Inhalte, die auf anderen Plattformen kreiert wurden. Es
kann eine Möglichkeit sein, diese in die Lösungsfindung einzubinden. Der vierte Konflikt be-
trifft Gestalter und Optimierer auf der einen und Spieler und Weltverbesserer auf der ande-
ren Seite. Erstere werden auch dadurch motiviert, ihre Erfolge darzustellen. Um zu zeigen,
wie viele Beiträge bereits übernommen wurden, werden für diese Typen Erfolgsbadges emp-
fohlen. Diese zeichnen Benutzer aus, die viele inhaltlich hochwertige Beiträge beigesteuert
haben. Spieler und Weltverbesserer empfinden dies als Affront. Da dieser Konflikt sich aber
nur auf diese Gestaltungsempfehlung bezieht, spielt er eine untergeordnete Rolle.
Schließlich sollen noch einige allgemeine Punkte zur Umsetzung diskutiert werden. Zum ei-
nen sollte der nutzergenerierte Inhalt immer zentral sein. Es sollte nicht das Ziel von E-
Partizipation sein, Teilnehmer durch Alibi-Beteiligung abzuspeisen. Von Benutzern abgege-
bene Kommentare müssen ausgewertet, Vorschläge identifiziert und eingebunden werden,
auch wenn dies aufgrund einfacher Beteiligungsfunktionen Arbeit auf Seiten der Auftragge-
ber erfordert.
Zusätzlich ist anzumerken, dass die empfohlene offene Forumsstruktur eine Heraus-
forderung darstellt. Wenn Teilnehmer Themen einbringen können, müssen die Ressourcen,
die Bereitschaft und die Prozesse vorhanden sein, so entstandene Impulse in die Entschei-
dungsfindung oder Agenda aufzunehmen. Es muss außerdem diskutiert werden, inwieweit
solche BG von den Auftraggebern redaktionell ergänzt werden sollten, um typspezifische An-
forderungen der Typen zu erfüllen. Eine Weiterentwicklung und Aufbereitung von BG durch
Auftraggeber erfordert eine ständige redaktionelle Begleitung.
Es muss zudem eine Diskussion über die Möglichkeit geführt werden, auf anderen Websites
produzierte Inhalte in eine E-Partizipationslösung einzubinden (Gemeingüter zweiter Ord-
nung). Dazu zählen auch die Verbindung mit sozialen Netzwerken und die Verknüpfung mit
Inhalten, die durch Offline-Kanäle einfließen. Zur Entwicklung von E-Partizipationslösungen
ist es außerdem sinnvoll, die hier vorgestellten Ergebnisse mit Ergebnissen aus der For-
schung zu Unternehmensarchitektur-Modellen (Entreprise Architecture Frameworks) für E-
Partizipation (Scherer & Wimmer, 2012) und Design für unterschiedliche Nutzungsaufgaben
(siehe für einen ersten Ansatz Phang & Kankanhalli, 2008) zu verbinden.
12.4 Auswirkungen der Ergebnisse
Die Anforderungen und abgeleiteten Gestaltungsempfehlungen helfen dabei, auch weniger
an Politik Interessierte und weniger Online-Affine zu E-Partizipation zu motivieren. Es ist da-
von auszugehen, dass viele bisherige Online-Beteiligungslösungen Bemühte überfordern o-
der ihnen nicht ausreichend verdeutlichen, warum sie sich beteiligen sollten. Dadurch, dass
die Online-Lösung mehr an ihren Bedürfnissen orientiert ist, können sie sich durch einen Ka-
nal politisch beteiligen, der ihnen bisher scheinbar nicht offen stand. Sie erhalten so eine
Chance, ihre Impulse in den politischen Entscheidungsprozess einfließen zu lassen. Dabei
muss darauf geachtet werden, dass auch ihre Kommentare als ernsthafte Beiträge im Betei-
186 Diskussion der Ergebnisse

ligungsprozess verwertet werden. Es ist zu hoffen, dass so nicht nur wertvolle Impulse gene-
riert werden, sondern auch das politische Wirksamkeitsbewusstsein und Interesse der Be-
mühten gesteigert wird.
Ähnlich verhält es sich bei den Spielern. Eine auf sie angepasste Lösung zur Online-
Partizipation bietet ihnen eine soziale Umgebung und Unterhaltung. Durch gestaltbare Pro-
zesse und vergleichsweise wenig Vorgaben und Regeln entspricht sie mehr der gewohnten
Online-Umgebung der Spieler. Es entsteht eine Möglichkeit, auch ihre Ideen in den politi-
schen Prozess aufzunehmen. Im Idealfall wird auch bei ihnen politisches Interesse und Wirk-
samkeitsbewusstsein gefördert. Eine Chance besteht außerdem darin, dass die Akzeptanz für
eine Partizipationskultur steigt, die sich außerhalb der konventionellen Muster bewegt. Sie
zeichnet sich durch flexible Prozesse und die Verbindung von Unterhaltung und Politik aus
(siehe dazu Coleman, 2008 und Bennet u. a., 2011).
Weltverbesserer hingegen sind politisch interessiert und motiviert, sich politisch zu beteili-
gen. Trotzdem ist davon auszugehen, dass sie Online-Angebote bisher eher selten nutzen.
Eine auf ihre Bedürfnisse abgestimmte E-Partizipation führt dazu, dass auch sie von den Vor-
teilen profitieren, die eine Online-Beteiligung bietet. Sie können besser nachvollziehen, wie
ihre Impulse verwendet werden und welche Auswirkungen diese haben. Sie können gezielt
BG aussuchen, von denen sie sich die meiste Wirkung versprechen. Auftraggeber können so
Impulse auch dieses Typs online abgreifen und die Zusammenarbeit intensivieren.
Auch für Optimierer wird ein neuer Kanal geschaffen, um sich zu beteiligen. Bisher sind sie
von Online-Beteiligung wegen des hohen Aufwands und der als gering empfundenen Wirk-
samkeit zurückgeschreckt. Es wird ihnen ermöglicht, BG zu identifizieren, die sie betreffen.
Sie können sich über diese informieren und einfache Eingaben mobil vornehmen. Durch die
gezielte Ansprache weiterer Motivationen werden sie angeregt, sich auch an weiteren BG zu
beteiligen und ihr Engagement zu verbreitern.
Es ist anzunehmen, dass sich Gestalter ohnehin bereits online beteiligen. Eine Beteiligungs-
lösung, die ihnen die empfohlene Funktionsvielfalt bietet, führt dazu, dass sie ihre Ideen
besser ausarbeiten und entwickeln können. Gestalter sind im Internet zu Hause und somit
vertraut mit neusten technischen Entwicklungen. Wird eine E-Partizipationslösung auf ihre
Anforderungen ausgerichtet, beugt das Enttäuschungen vor, die auftreten werden, wenn die
E-Partizipationslösung nicht den Vorstellungen und Standards der Gestalter entspricht. Auf-
traggebern ermöglicht es, von der Motivation und Produktivität der Gestalter bestmöglich zu
profitieren.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Typologie, die Anforderungen und Gestal-
tungsempfehlungen dazu beitragen, sowohl die Partizipation derer zu intensivieren, die inte-
ressiert und engagiert sind, als auch dazu, diejenigen zu einer Beteiligung zu bewegen, die
sich bisher nicht einbringen. Im Idealfall führt dies zu der Entwicklung einer Partizipations-
kultur, in der Online-Beteiligung für Auftraggeber und Benutzer selbstverständlich wird und
Auswirkungen der Ergebnisse 187

somit auf lange Sicht auch dazu beiträgt, die Qualität von und Zufriedenheit mit politischen
Entscheidungen zu erhöhren.
Die erhöhte Benutzerzentrierung ist dabei aber nur einer der notwendigen Schritte und sie
sollte keinesfalls als Aufforderung verstanden werden, den Status quo zu akzeptieren. Es
sollte das Ziel sein, politisches Interesse und Internekompetenz bei allen Typen und auch bei
Offlinern zu fördern und zu entwickeln. Dazu müssen Programme der politischen Bildung
und zur Förderung der Medienkompetenz entwickelt werden.
Eine weitere Auswirkung der intensiveren Einbindung der fünf Typen kann gleichzeitig die
Verstärkung des Grabens zu Offlinern sein, wie im Rahmen der Verstärkungsthese oft disku-
tiert (Norris, 2006). Wenn sich die Bemühungen um politische Partizipation zunehmend auf
Online-Varianten und deren Verbesserung konzentrieren, können Offline-Angebote in den
Hintergrund geraten. Um dies zu vermeiden ist es wichtig, Online- und Offline-Angebote zu
kombinieren. Dazu eignet sich die Konzeption von Partizipationsprojekten als vertikaler
Mehrkanalansatz, bei dem Ergebnisse aus allen angebotenen Kanälen zusammengeführt und
gemeinsam ausgewertet werden.
Die typbasierten Gestaltungsempfehlungen laden außerdem dazu ein, Ressourcen und Auf-
merksamkeit bei der Planung und Entwicklung von Bürgerbeteiligung auf die Gestaltung der
Online-Lösung zu fokussieren. Es sollte aber beachtet werden, dass eine gute, benutzer-
zentriere Online-Lösung nicht ausreicht, um erfolgreiche Bürgerbeteiligung zu garantieren.80
Viele weitere Faktoren beeinflussen den Prozess: unter anderem die Einbindung in die Pro-
zesse des Auftraggebers, die Betreuung während des Beteiligungsprozesses und der politi-
sche Wille, offen zu sein für Impulse von Teilnehmern. Das gilt besonders, weil sich aus eini-
gen Gestaltungsempfehlungen Herausforderungen für die Auftraggeber ableiten. Eine offene
Forumsstruktur, bei der Benutzer Themen einbringen können, erfordert Flexibilität und re-
daktionelle Betreuung, um BG gegebenenfalls weiter aufzubereiten. Werden BG direkt aus
einem RIS/PIS eingespeist, erweitert sich also der Bestand der BG, bedeutet das einen Mehr-
aufwand und eine Verlangsamung. Es werden zusätzliche personelle Ressourcen notwendig.
Auf Seiten der Auftraggeber müssen Kompetenzen zum Umgang mit den Beteiligungs-
lösungen ausgebildet werden und die Beteiligung muss in bestehende Abläufe integriert
werden. Es wird notwendig sein, eine gestiegene Anzahl von Impulsen von einer gestiegenen
Anzahl von Benutzern zu verarbeiten. Neben der Herausforderung, die dies für Auftraggeber
bedeutet, liegt genau darin auch die Chance: Wertvolle Ideen der Teilnehmer helfen Auf-
traggebern dabei, Probleme zu lösen und informiertere Entscheidungen zu treffen.
Weiterhin kann die erhöhte Benutzerzentrierung nicht dazu beitragen, dass Teilnehmer von
dem Beteiligungsangebot erfahren. Bürger müssen über die Möglichkeit zur Teilnahme infor-

80
Die Frage, woran genau der Erfolg von E-Partizipationsprojekten zu messen ist, muss an anderer Stelle ge-
führt werden. Einen Anfang leisten Märker und Wehner (2014). Im Sinne der hier angelegten Definition von
E-Partizipation (siehe Kapitel 5) ist zentral, dass gute Inhalte von den Benutzern generiert wurden, die tat-
sächlichen Einfluss auf die Entscheidung haben.
188 Diskussion der Ergebnisse

miert werden. Auftraggeber sind hier in der Verantwortung, aktiv zu werben und sich nicht
mit dem bloßen Angebot einer verbesserten Lösung zur Online-Partizipation zufrieden-
zugeben.
Besteht auf Seiten der Auftraggeber nicht die Bereitschaft, sich für Bürgerbeteiligung zu öff-
nen, kann das in dieser Forschung erarbeitete Wissen im schlimmsten Fall dazu genutzt wer-
den, Angebote zu erstellen, die Beteiligung nicht fördern, sondern erschweren. Die Zivil-
gesellschaft muss hier weiterhin kritischer Beobachter und Kommentator bleiben, um der-
artige Alibi-Beteiligungen zu identifizieren und zu kritisieren.
Schließlich kann die Typologie auch dazu führen, dass das Angebot benutzerzentrierter Be-
teiligungslösungen als wenig sinnvoll wahrgenommen wird. Es kann als zu aufwendig inter-
pretiert werden, die Anforderungen beispielsweise der Bemühten zu erfüllen, um von ihnen
Kommentare oder Abstimmungsklicks zu erhalten. Abgesehen von normativen Gründen der
Inklusion sollte aber betont werden, dass es verkehrt wäre anzunehmen, dass Bemühte kei-
ne qualitativ hochwertigen Beiträge leisten können. Sie haben wertvolles Partikularwissen
und können Einblicke in ihre Lebenswirklichkeiten geben. Online-Partizipation bietet eine
Chance, dieses Wissen abzurufen. Außerdem ist zu erwarten, dass sich Bemühte an Online-
Beteiligung gewöhnen. Wenn sie außerdem erfahren, dass ihre Beiträge Einfluss nehmen
können und geschätzt werden, werden sie sich bereitwilliger und intensiver beteiligen. Die
Entwicklung von benutzerzentrierten E-Partizipationsangeboten sollte als langfristige Investi-
tion betrachtet werden.
12.5 Weiterentwicklung der Forschung
Neben der praktischen Umsetzung der Forschungsergebnisse zeigen die Ergebnisse an vielen
Stellen den Bedarf für weitere Forschung auf. Zum einen müssen die mit Bezug auf die Um-
setzung aufgetretenen Fragen nach der optimalen kombinierten Beteiligungslösung beant-
wortet werden, wie oben diskutiert.
Weiterhin sollten für die bisher relativ zueinander beschriebenen Unterschiede zwischen
den Ausprägungen absolute Trennpunkte identifiziert werden. Dies ist wichtig, um Benutzer
in die Typologie einordnen zu können. Genauso ist es erstrebenswert, herauszufinden, in-
wieweit das Verhalten der unterschiedlichen Typen von thematischem Interesse beeinflusst
wird. Auch die internationale Übertragbarkeit ist ein interessanter Punkt. Xie und Jaeger
(2008) betonen, dass unterschiedliche Staaten und Kulturen verschiedene Einstellungen zur
Internetnutzung haben. Es ist durchaus denkbar, dass dies dazu führt, dass andere Kultur-
räume andere Typen der E-Partizipation aufweisen.
Zusätzlich stellt sich die Frage, ob die entwickelte Typologie auch für die Umsetzung von Auf-
gaben, das heißt Open Government Collaboration, gültig ist. Merkmale, die sich auf das Poli-
tische beziehen, werden dabei weniger Relevanz haben. Grundlegende Eigenschaften und
Motivationen sollten aber weiter Bestand haben.
Weiterentwicklung der Forschung 189

Auch ist interessant zu betrachten, wie sich die typspezifischen Anforderungen verändern,
wenn pädagogische Aspekte in die Überlegung einbezogen werden und beispielsweise die
politische Bildung einiger Typen gefördert werden soll.
Weiterhin sollte beobachtet werden, ob sich durch den technologischen Fortschritt neue Ty-
pen herausbilden. Es gibt bereits erste Anzeichen für einen bisher eher technologiefernen
Typ, der zur Kommunikation mit der Familie den Einstieg in die Online-Nutzung über mobile
Endgeräte vornimmt und diese ausschließlich nutzt (Müller u. a., 2015). Auch wird zu analy-
sieren sein, ob sich aus der Aktualisierung der DIVSI-Milieus (Sinus Institut, 2016), die nach
Abschluss der hier vorliegenden Untersuchung veröffentlicht wurde, Änderungen für die Ty-
pologie ergeben.
Schließlich müssen die hier entwickelte Typologie und besonders die abgeleiteten Anforde-
rungen und Gestaltungsempfehlungen in Partizipationsprojekten erprobt und weiter-
entwickelt werden. Bereits der momentane Entwicklungsstand leistet jedoch einen wichti-
gen Beitrag. Die hier präsentierte Typologie kann als theoretisch verankerte Grundlage für
benutzerzentrierte Entwicklung fungieren. Durch die spezifizierten Anforderungen und Ge-
staltungsempfehlungen wurden bereits erste Schritte auf dem Weg zur Entwicklung einer
Gestaltungslösung unternommen. Die präsentierte Forschung wird das Bewusstsein für die
Bedeutung von Benutzerzentrierung bei der Entwicklung von E-Partizipation erhöhen und
dazu beitragen, eine realistische und wissenschaftlich fundierte Benutzerzentrierung zu er-
möglichen, die sich bestehende Erkenntnisse aus Technologie- und Partizipationsforschung
zu eigen macht.
Literaturverzeichnis
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sung EN ISO 9241-210:2010. Stand 2012-08.

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K. Große, Benutzerzentrierte E-Partizipation,
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Anhänge

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K. Große, Benutzerzentrierte E-Partizipation,
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A. Vorab-Befragung von Beteiligungsagenturen


 Tabelle Anhang A-1: Befragungsergebnisse der Relevanz-Überprüfung
Agentur 1 Agentur 2 Agentur 3 Agentur 4
Entwickeln Sie benutzerzentriert? Definition von Zielgruppe und Res- Ja, meist. Noch nicht, beziehungsweise die Ja, aber primär in Bezug auf die Be-
sourcen für Anpassung und Test in Tests laufen an. nutzer der Auftraggeberseite.
10% der Fälle.

Versuchen Sie, vor der Entwicklung Wenn, dann ist Vorgehen erfah- Persona-Entwicklung und User Sto- Es werden bestehende Milieu- Personas und Use Cases. Basieren
den Nutzungskontext zu verstehen? rungsbasiert, orientiert an anderen ries. Allerdings basiert auf Annah- Beschreibungen zu Rate gezogen, auf Desk Research und Interviews
Best Practices. Es erfolgt keine Be- men. wie beispielsweise Sinus-Milieus. mit Kunden (Auftraggeber) und de-
schreibung der Benutzer oder Ty- ren Annahmen über Wünsche des
penbildung. Benutzers (Bürger).

Verfolgen Sie in der Entwicklung Werden gegebenenfalls aus Tests In einige Fällen: Personas erhalten Hinweise aus den Tests werden Ständige Weiterentwicklung der
der Anforderungen ein benutzer- abgeleitet. Einzug in die Deliverables. zusammengefasst und einbezogen. Softwarelösung. Teilweise bei Pro-
zentriertes Vorgehen? jekten Feedback über Benutzer-
Befragungen, allerdings mit wenig
Feedback zur Software.

Wie entwickeln Sie die Gestaltungs- Versuch, an Gewohnheiten anzupas- Wird an Personas orientiert. Wird nach Tests weiterentwickelt Entwicklung unter Einbezug des
lösung? sen, zum Beispiel mit Facebook- und an bestehenden Erkenntnissen Kunden (Auftraggeber) über Work-
Login oder mehr Präsenz in sozialen ausgerichtet. shops an Papier-Prototypen.
Medien.

Testen Sie die Gestaltungslösung Fokusgruppen-Tests gemäß Grunds- Teilweise mit Benutzern. Software wird mit Endnutzer. getes- Testsysteme für den Kunden (Auf-
und wenn ja wie? ätzen der Dialoggestaltung. tet, soll weiter verstärkt werden. traggeber), keine AB-Tests oder
Varianten.

Warum spielt Benutzerzentrierung Zielgruppenausrichtung ist bisher zu Aufwendig und kostspielig, deshalb Benutzerzentrierung scheitert an Fehlendes Bewusstsein bei Auftrag-
bisher eine untergeordnete Rolle? wenig im Bewusstsein angekom- nur, wenn Finanzierung vorgesehen den finanziellen Ressourcen. gebern, fehlende finanzielle und
men. ist. personelle Ressourcen, enge Zeit-
rahmen, obwohl es eigentlich sehr
sinnvoll wäre, Benutzer (Bürger) mit
einzubeziehen.
Anhänge
B. Handbücher der E-Partizipation
 Tabelle Anhang B-1: Übersicht über Handbücher der E-Partizipation
Titel Herausgeber Datum Link
Leitlinien für mitgestaltende Bürgerbeteili- Amt für Stadtentwicklung und Statistik 2015 http://www.heidelberg.de/site/Heidelberg_ROOT/get/documents_E-
gung in der Stadt Heidelberg (Stadt Heidelberg) 898963532/heidelberg/Objektdatenbank/12/PDF/12_pdf_Buergerbeteiligun
g_Leitlinien_Komplettfassung.pdf

Handbuch für eine gute Bürgerbeteiligung Bundesministerium für Verkehr und digitale Infra- 2014 http://www.bmvi.de/SharedDocs/DE/Anlage/VerkehrUndMobilitaet/handbu
Planung von Großvorhaben im Verkehrssek- struktur ch-buergerbeteiligung.pdf?__blob=publicationFile
Handbücher der E-Partizipation

tor

Guidelines für gelingende ePartizipation Ju- IJAB: Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der 2014 https://www.ijab.de/uploads/tx_ttproducts/datasheet/Guidelines_eParticipa
gendlicher in Entscheidungsprozessen auf Bundesrepublik Deutschland e.V., Bundesministerium tion_dt.pdf
lokaler, regionaler, nationaler und europäi- für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
scher Ebene

Die Open.NRW-Strategie Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes 2014 https://open.nrw/sites/default/files/asset/document/open_nrw_t1_web.pdf
Nordrhein-Westfalen: Beauftragter der Landesregie-
rung für Informationstechnik (CIO)

Leitfaden für eine neue Planungskultur Staatsministerium Baden-Württemberg 2014 https://beteiligungsportal.baden-


wuerttem-
berg.de/fileadmin/redaktion/beteiligungsportal/StM/140717_Planungsleitfa
den.pdf

Handreichung des Deutschen Landkreistages Deutscher Landkreistag 2013 http://www.landkreistag.de/images/stories/publikationen/Bd-108.pdf


zu Open Government und Sozialen Medien

Leitfaden für e-Partizipationsverfahren Referat für Allgemeine Verwaltung Nürnberg 2013 http://online-
in der Stadtverwaltung Nürnberg ser-
vice2.nuernberg.de/eris09/downloadPDF.do;jsessionid=2C1DA433FB5BDF51
B2F90445A2AB572B?docType=attachment&id=65222

Leitfaden für Bürgerbeteiligung Führungsakademie Baden-Württemberg 2013 http://fueak.bw21.de/Downloadbereich/Downloadbereich/F%C3%BChrungsl


in der Landesverwaltung ehr-
gang/Leitfaden%20B%C3%BCrgerbeteiligung%20in%20der%20Landesverwalt
ung.pdf
211
Titel Herausgeber Datum Link
Werkzeugkasten Dialog und Beteiligung— Ministerium für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittel- 2012 http://www.wirtschaft.nrw.de/industrie/_pdf_container/Werkzeugkasten_Di 212
Ein Leitfaden zur Öffentlichkeitsbeteiligung stand und Handwerk des Landes Nordrhein-Westfalen alog_und_Beteiligung.pdf

Hinweise und Empfehlungen zur Bürgermit- Städtetag Baden-Württemberg 2012 http://www.staedtetag-


wirkung in der Kommunalpolitik bw.de/media/custom/1198_71253_1.PDF?1352128873

Handbuch Bürgerbeteiligung Bundeszentrale für politische Bildung 2012 https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/Handbuch_Buergerbeteilig


ung.pdf

Handbuch zur Partizipation Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt 2011 http://www.stadtentwicklung.berlin.de/soziale_stadt/partizipation/downloa
Berlin d/Handbuch_Partizipation.pdf

Konzept „Internetstadt Köln“ Stadt Köln, Der Oberbürgermeister 2011 http://www.offenedaten-koeln.de/sites/default/files/2012-04-19-konzept-


internetstadt-koeln.pdf

Leitfaden Online-Konsultation Praxis- Bundesministerium des Innern, Deutscher Städte und 2010 http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Themen/OED_Verwalt
empfehlungen für die Einbeziehung der Bür- Gemeindebund, Freie und Hansestadt Hamburg; Ber- ung/Informationsgesellschaft/leitfaden.pdf?__blob=publicationFile
gerinnen und Bürger über das Internet telsmann Stiftung

Handbuch E-Partizipation Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, 2010 http://www.umgebungslaerm.nrw.de/materialien/_hilfen/_laermaktionsplan


in der Lärmaktionsplanung Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein- ung_durchfuehrung/E_Partizipation_in_der_LAP_Handbuch_Essen.pdf
Westfalen, Zebralog GmbH & Co KG

Offene Staatskunst—Bessere Politik durch Internet & Gesellschaft Co:llaboratory 2010 http://dl.collaboratory.de/reports/Ini2_OffeneStaatskunst.pdf
»Open Government«?

Politik beleben, Bürger beteiligen— Bertelsmann Stiftung 2010 http://www.b-b-


Charakteristika neuer Beteiligungsmodelle e.de/fileadmin/inhalte/aktuelles/2010/06/nl11_buergerbeteiligung.pdf

Sammlung kommunaler Leitlinien und Hand- Netzwerk Bürgerbeteiligung http://www.netzwerk-buergerbeteiligung.de/kommunale-


lungsempfehlungen für die Bürgerbeteiligung beteiligungspolitik-gestalten/kommunale-leitlinien-
buergerbeteiligung/sammlung-kommunale-leitlinien/
Anhänge
C. Empirische Studien zu E-Partizipation
 Tabelle Anhang C-1: Übersicht über Definitionen von E-Partizipation empirischer Studien
Urheber Definition E-Partizipation Gütekriterien der Skala
Anduiza und Cantijoch E-Contacting: Has contacted a politician or administration by email in the last 12 months Keine Skalenbildung
(2010) E-donation: Has donated money to an organization via the Internet in the last 12 months
E-petition: Has signed an online petition in the last 12 months

Bakker und de Vreese Digital passive participation (in relation to politics): Visited websites of the municipality; Visited websites of the government and α=0,77
(2011) public administration; Visited websites with political content
Digital active participation (in relation to politics): Reacted online to a message or article on the Internet; Signed online petitions; α=0,59
Participated in online polls
Empirische Studien zu E-Partizipation

Borge und Cardenal (2011) Online Participation: Contacting a politician or political party; Contributing with money donation to a campaign or association; Post- KR=0,56
ing or writing comments on a forum, blog, webpage; Signing a petition or joining campaign manifesto

Christensen und Bengtsson Political Participation Online: Contacting; Signing Petitions; Political Discussion Kein Test der
(2011) Skalen-Güte

de Zúñiga, Veenstra, Vraga Online Expressive Participation: Sent an e-mail to an editor of a newspaper/magazine; Used e-mail to contact a politician; Signed an α=0,78
und Shah (2010) online petition

Escher (2012) Online Contacting: E-mail, chat or newsgroup Keine Skalen-Bildung

Evans und Ulbig (2012) Online Engagement: Facebook/Myspace discussions; Online discussions/on blogs Keine Skalen-Bildung

Goldfinch, Gauld und Herbi- An index representing the number of forms of e-participation: Sum of uses for government websites; E-mail to government; Using Kein Test der
son (2009) the web for a governmental financial transaction Skalen-Güte

Haller, Li und Mossberger Online participation is measured as a count of activities using the Internet in the last 12 months: Participating in an online town hall Kein Test der
(2011) meeting; Posting comments to a blog or other online forum about a policy or public issue; Uploading media about a government Skalen-Güte
policy or public issue; Joining a group online that tries to influence government policies
Online interaction with government: Respondents have ever sent email to their local, state, or federal government. Kein Test der
Skalen-Güte

Hoffman (Hoffman, 2012) Online political participation, summative scale (0 or 1 for each item): Contributing money online to a candidate running for public KR-20 =0,58
office; Signing up online for any volunteer activities related to the campaign, like helping to register voters or get people to the polls;
Customize web page; Starting or joining political group; Friending a candidate
213
Urheber Definition E-Partizipation Gütekriterien der Skala
214

Online political communication, summative scale for (0 or 1 for each item): Sending or receiving e-mail about the campaign; Sending KR-20 =0,86
or receiving text messages about the campaign; Using instant messaging to communicate about the campaign; Posting campaign-
related updates on Twitter; Posting comments in an online discussion/listserv; Posting comments on a blog; Posting comments on a
social networking site; Posting comments on a web site of any other kind; Visiting a local, state, or federal web site; Sharing political
photos, videos, or audio files; Forwarding political commentary; Forwarding political video, photo, or audio files; Revealing on a so-
cial-networking site who you voted for

Jugert, Echstein, Noack, Online civic engagement: Link news, music or video with a social or political content to their contacts; Discuss societal or political α=0,86
Kuhn und Benbow (2013) contents on the net; Participate in an online-based petition, protest or boycott; Connect to a group in an online social network deal-
ing with social or political issues; Visit a website of a political or civic organization

Smith (2013) Online political discussion: How often do you discuss politics and public affairs with others online—such as by e- mail, on a social Keine Skalen-Bildung
networking site or by text message? Would you say every day, at least once a week, at least once a month, less than once a month,
or never
Online civic communication: Signed a petition; Contacted a government official; Sent a letter to the editor, or commented on a news Keine additive Skala,
story or blog post online or by text message in the preceding 12 months eine Aktivität ist ausrei-
chend!
Political engagement on social networking sites, at least one of them in the past year: Belong to a group on a social networking site Keine additive Skala,
that is involved in political or social issues, or that is working to advance a cause; Follow any elected officials, candidates for office or eine Aktivität ist ausrei-
other political figures on a social networking site or on Twitter; Post links to political stories or articles for others to read; Post your chend!
own thoughts or comments on political or social issues; Encourage other people to take action on a political or social issue that is
important to you; Encourage other people to vote; Repost content related to political or social issues that was originally posted by
someone else; “Like” or promote material related to political or social issues that others have posted
Spaiser (2012) Online Political Participation: Protest email campaign participation; E-petition participation; Online political debates participation; α=0,653
Writing political blogs, online articles, using Internet for coordinating political activities

Valenzuela, Kim und de Online political participation: How often do you use the Internet to: Write to a politician; Make a campaign contribution; Subscribe α=0,87
Zúñiga (2012) to a political listserv; Sign up to volunteer for a campaign/issue; Send a political message via e-mail; Post comments on a political
blog

Wagner und Gebel (2014) An einer Diskussion im Internet beteiligt; Keine Skalen-Bildung
Online-Unterschriftenliste unterschrieben/an Online-Petition beteiligt/Protest-Mails verschickt

Notiz. α=Cronbachs Alpha, KR=Kuder-Richardson.


Anhänge
 Tabelle Anhang C-2: Signifikanz-Ergebnisse ausgewählter Studien
Anduiza u. a., 2010 Escher, 2012 Evans & Ulbig, 2012 Smith, 2013 Wagner & Gebel, 2014
Contacting Petition Conctacting Facebook Diskussi- Online Diskussion Online Diskussion Online Diskussion Petition
on
Geschlecht ns weiblich männlich männlich männlich ns ns männlich
Alter +sig +sig ns - sig -sig jüngste Gruppe: ns; +sig +sig