Sie sind auf Seite 1von 31

Die Eurokrise:

Die Eurokrise: Auswirkungen, Ursachen, Alternativen Andrew Watt, Abteilungsleiter des Instituts für Makroökonomie und

Auswirkungen, Ursachen, Alternativen

Andrew Watt, Abteilungsleiter des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK)

Geschäftsführerkonferenz der IG Metall Niedersachsen/Sachsen-Anhalt

Hannover, 12.09.2013

www.boeckler.de

Überblick

Überblick  Ökonomische und Soziale Auswirkungen – und die Lehren daraus  Die Krise richtig verstehen

Ökonomische und Soziale Auswirkungen – und die Lehren daraus

Die Krise richtig verstehen (oder wie 136 Ökonomen sich heute noch irren können)

Eine kurze Chronologie der wichtigsten (Fehl)entscheidungen

Anmerkungen zur Haltung der SPD und Gewerkschaften

Nach vorne schauen – fortschrittliche Alternativen für Europa

2

Arbeitslosigkeit höher denn je, trotz Strukturreformen

Arbeitslosenquote, EU-15, %

Arbeitslosigkeit höher denn je, trotz Strukturreformen Arbeitslosenquote, EU-15, % 3
Arbeitslosigkeit höher denn je, trotz Strukturreformen Arbeitslosenquote, EU-15, % 3

3

Massenarbeitslosigkeit gefährdet soziale und politische Stabilität

Arbeitslosenquote, % (Eurostat)

Massenarbeitslosigkeit gefährdet soziale und politische Stabilität Arbeitslosenquote, % (Eurostat) 4
Massenarbeitslosigkeit gefährdet soziale und politische Stabilität Arbeitslosenquote, % (Eurostat) 4

4

Verteilung

Verteilung  Konvergenzprozeß zwischen E(W)U-Mitgliedsstaaten in Rückwärtsgang  Auf nationaler Ebene nimmt

Konvergenzprozeß zwischen E(W)U-Mitgliedsstaaten in Rückwärtsgang

Auf nationaler Ebene nimmt Ungleichheit (weiter) zu (allerdings nicht mehr in DE)

Nach krisenbedingter Pause – fallende Lohnquoten

5

Lohnsetzung und Wohlfahrtsstaat

Lohnsetzung und Wohlfahrtsstaat Massiver Druck auf Lohnsetzungssysteme insb. in den Krisenländern 

Massiver Druck auf Lohnsetzungssysteme insb. in den Krisenländern

Öffnungsklauseln, Dezentralisierung

Kürzungen der Mindestlöhne und im öffentlichen Sektor

Anstieg der Staatsschuldenquoten -> Austerität in meisten MS vor allem über Ausgabenkürzungen – negative Verteilungswirkungen

6

Nach der Krise war vor der Krise

Nach der Krise war vor der Krise Im Gegensatz zu den USA war die Erholung nur

Im Gegensatz zu den USA war die Erholung nur von kurzer Dauer – erneute Krise durch Unfähigkeit der „Staatsschuldenkrise“ unter Kontrolle zu bekommen

7

Arbeitsmarktdisaster Ergebnis falscher Politik

Arbeitsmarktdisaster Ergebnis falscher Politik Arbeitslosigkeit, EU-27, monatliche Veränderung, in Taus. 8

Arbeitslosigkeit, EU-27, monatliche Veränderung, in Taus.

Arbeitsmarktdisaster Ergebnis falscher Politik Arbeitslosigkeit, EU-27, monatliche Veränderung, in Taus. 8

8

Gemeinsam hinein, getrennt heraus

Reales BIP-Wachstum, %

Gemeinsam hinein, getrennt heraus Reales BIP-Wachstum, % 9
Gemeinsam hinein, getrennt heraus Reales BIP-Wachstum, % 9

9

Ursachen und Nichtursachen

Ursachen und Nichtursachen Mangelnde fiskalpolitische Verantwortung keine wesentliche Krisenursache Sondern  Ein

Mangelnde fiskalpolitische Verantwortung keine wesentliche Krisenursache

Sondern

Ein Finanzsystem außer Kontrolle

Eine fehlerhafte Architektur der Währungsunion

10

11

Staatsschulden in % des BIP

11 Staatsschulden in % des BIP 180 160 140 120 100 80 60 40 20 0

180

160

140

120

100

80

60

40

20

0

Griechenland Portugal Spanien Irland 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009
Griechenland
Portugal
Spanien
Irland
1999
2000
2001
2002
2003
2004
2005
2006
2007
2008
2009
2010
2011
Hohe Zinsen wg. Euromitgliedschaft Vergleich Zinsspreads/ Schuldenquoten (De Grauwe, Jin 2013) 12

Hohe Zinsen wg. Euromitgliedschaft

Vergleich Zinsspreads/ Schuldenquoten (De Grauwe, Jin 2013)

Hohe Zinsen wg. Euromitgliedschaft Vergleich Zinsspreads/ Schuldenquoten (De Grauwe, Jin 2013) 12
Hohe Zinsen wg. Euromitgliedschaft Vergleich Zinsspreads/ Schuldenquoten (De Grauwe, Jin 2013) 12

12

13

Wettbewerbsfähigkeit und Leistungsbilanzen

13 Wettbewerbsfähigkeit und Leistungsbilanzen Nominale Lohnstückkosten, 1999 = 100 Leistungsbilanzsalden, in % des BIP

Nominale Lohnstückkosten, 1999 = 100

Leistungsbilanzsalden, in % des BIP

140 10 135 Irland 5 130 Spanien 125 0 120 Portugal -5 115 Griechenland Italien
140
10
135
Irland
5
130
Spanien
125
0
120
Portugal
-5
115
Griechenland
Italien
110
-10
105
Deutschland
-15
100
95
-20
1999 2000
2001
2002 2003 2004 2005 2006 2007
% Deutschland Italien Spanien Irland Portugal Griechenland
%
Deutschland
Italien
Spanien
Irland
Portugal
Griechenland

1999 2000 2001

2002 2003 2004 2005 2006 2007

145

140

135

130

125

120

115

110

105

100

14

145 140 135 130 125 120 115 110 105 100 14 Beschäftigung und Produktivität vor der

Beschäftigung und Produktivität vor der Krise

Beschäftigung, Personen, Inlandskonzept, 1999 = 100

BIP in Preisen von 2005 pro Arbeitsstunde, 1999 = 100

Spanien Irland Italien Griechenland Portugal Deutschland 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007
Spanien
Irland
Italien
Griechenland
Portugal
Deutschland
1999 2000 2001
2002 2003 2004 2005 2006 2007

130

125

120

115

110

105

100

Griechenland Irland Deutschland Portugal Italien Spanien 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007
Griechenland
Irland
Deutschland
Portugal
Italien
Spanien
1999
2000
2001
2002
2003
2004
2005
2006
2007

15

15 Eine systemische Krise des Euroraums  Unterschiedliche Nachfrage- und Lohn/Preisdynamik führt zu

Eine systemische Krise des Euroraums

Unterschiedliche Nachfrage- und Lohn/Preisdynamik führt zu Leistungsbilanzungleichgewichten

Diese bedeuten den Aufbau von Vermögens- bzw. Verschuldungspositionen gegenüber Ausland

Diese müssen finanziert werden (induzierte Kapitalflüsse)

Bereitschaft des privaten Sektors LB-Defizite zu finanzieren kann ein „sudden stop“ erfahren

Zwei entscheidende Schwachstellen

Fiskalpolitik

Zwei entscheidende Schwachstellen ■ Fiskalpolitik  Keine Koordinierung, um das Ziel konsistente nationale

Keine Koordinierung, um das Ziel konsistente nationale Inflationsraten durch symmetrische Nachfragesteuerung zu erreichen

SWP einseitig und auf falsche Indikatoren (HH- Defizite) beschränkt

Kaum Dämpfung des Booms der Defizitländer, Festigung der Stagnation im Kern

16

Zwei entscheidende Schwachstellen

Zwei entscheidende Schwachstellen  Lohn- oder Einkommenspolitik  Glaube an Anpassung über den internationalen

Lohn- oder Einkommenspolitik

Glaube an Anpassung über den internationalen Handel

Bevorzugung dezentraler Lohnfindung

Schwache internationale Koordinierung (MED)

Beggar-thy-neighbour Politik insb. in DE(Agenda- Politik, MWSt. plus Senkung der Sozialbeiträge)

17

2010 – lösbare Probleme

2010 – lösbare Probleme  Krise in EL (2%) des BIP (+IE, PT = 6%) 

Krise in EL (2%) des BIP (+IE, PT = 6%)

Wirtschaftswachstum und fallende Arbeitslosigkeit

Voraussetzung: systemische Natur der Krise verstehen und an Wähler der Kernländer vermitteln

Stattdessen: Schuldzuweisungen, Strafmentalität, moral hazard-Obsession

Ergebnis: Programme mit zu hoher Zinsbelastung, zu geringer Unterstützung, zu harscher Austerität

18

2011 – Verallgemeinerung der Austerität

2011 – Verallgemeinerung der Austerität  Zinserhöhungen und europaweite Austerität würgen Erholung ab ->

Zinserhöhungen und europaweite Austerität würgen Erholung ab -> Konsolidierungsmißerfolge

Kein Durchbrechen der Staates/Bankenschuldenspirale

Massive Unterschätzung der Multiplikatoren

Einseitige Anpassung der Lohnstückkosten (Grafik)

EZB lanciert nur zaghafte Unterstützungsmaßnahmen (gegen DE Opposition)

EFSF zum Preis Verschärfung der fiskalpolitischer Restriktion (Hinterhersparen)

Fatale Entscheidung: Schuldenschnitt

19

Einseitige Anpassung der Lohnstückkosten

Nominale LStK minus 1.9% p.a. Inflationsausgleich

Einseitige Anpassung der Lohnstückkosten Nominale LStK minus 1.9% p.a. Inflationsausgleich 20
Einseitige Anpassung der Lohnstückkosten Nominale LStK minus 1.9% p.a. Inflationsausgleich 20

20

21

Indikatoren für Stress auf dem Interbankenmarkt

21 Indikatoren für Stress auf dem Interbankenmarkt 200 180 160 140 120 100 80 60 40
21 Indikatoren für Stress auf dem Interbankenmarkt 200 180 160 140 120 100 80 60 40
21 Indikatoren für Stress auf dem Interbankenmarkt 200 180 160 140 120 100 80 60 40
21 Indikatoren für Stress auf dem Interbankenmarkt 200 180 160 140 120 100 80 60 40
21 Indikatoren für Stress auf dem Interbankenmarkt 200 180 160 140 120 100 80 60 40
21 Indikatoren für Stress auf dem Interbankenmarkt 200 180 160 140 120 100 80 60 40
21 Indikatoren für Stress auf dem Interbankenmarkt 200 180 160 140 120 100 80 60 40
21 Indikatoren für Stress auf dem Interbankenmarkt 200 180 160 140 120 100 80 60 40
21 Indikatoren für Stress auf dem Interbankenmarkt 200 180 160 140 120 100 80 60 40
21 Indikatoren für Stress auf dem Interbankenmarkt 200 180 160 140 120 100 80 60 40
21 Indikatoren für Stress auf dem Interbankenmarkt 200 180 160 140 120 100 80 60 40
21 Indikatoren für Stress auf dem Interbankenmarkt 200 180 160 140 120 100 80 60 40
21 Indikatoren für Stress auf dem Interbankenmarkt 200 180 160 140 120 100 80 60 40
21 Indikatoren für Stress auf dem Interbankenmarkt 200 180 160 140 120 100 80 60 40
21 Indikatoren für Stress auf dem Interbankenmarkt 200 180 160 140 120 100 80 60 40

200

180

160

140

120

100

80

60

40

20

0

Lehman-Pleite Ankündigung Schuldenschnitt Spread EURIBOR/EONIA-Swap in Basispunkten (links) Einlagen bei der EZB in
Lehman-Pleite
Ankündigung
Schuldenschnitt
Spread EURIBOR/EONIA-Swap
in Basispunkten (links)
Einlagen bei der EZB
in Mrd. Euro (rechts)
01.01.2007
01.03.2007
01.05.2007
01.07.2007
01.09.2007
01.11.2007
01.01.2008
01.03.2008
01.05.2008
01.07.2008
01.09.2008
01.11.2008
01.01.2009
01.03.2009
01.05.2009
01.07.2009
01.09.2009
01.11.2009
01.01.2010
01.03.2010
01.05.2010
01.07.2010
01.09.2010
01.11.2010
01.01.2011
01.03.2011
01.05.2011
01.07.2011
01.09.2011
01.11.2011
01.01.2012
01.03.2012
01.05.2012
01.07.2012

800

700

600

500

400

300

200

100

0

2012 – späte Einsicht in die Notwendigkeit

2012 – späte Einsicht in die Notwendigkeit  ESM + Fiskalpakt  Six pack und Verfahren

ESM + Fiskalpakt

Six pack und Verfahren bei übermäßigen Ungleichgewichten

Krise greift auf Kernländer, einschl. DE über

Spätes Bekenntnis zum Erhalt des ER (DE Wahlen?)

September 2012: EZB als Retter in der Not: OMT notwendige, keine hinreichende Bedingung für Stabilisierung

Fortschritte Richtung Bankenunion

22

Fieberkurve – 10-j. Staatsanleihen

Fieberkurve – 10-j. Staatsanleihen 23
Fieberkurve – 10-j. Staatsanleihen 23

23

Positionen der SPD

Positionen der SPD  Strategischer Fehler der SPD 2010/11: distanzierte sich zu wenig von zum Scheitern

Strategischer Fehler der SPD 2010/11: distanzierte sich zu wenig von zum Scheitern verurteilter Merkelscher Politik – Europäische Alternative aufzeigen!

Kritischerer Ton Ende 2012 aber durch Nähe zur Koalition 2010/11 bedingt glaubwürdig (-> Kritik der Linken )

Fiskalpakt zugestimmt (wenn auch mit wertvollen Zugeständnissen – Jugendgarantie, Wachstumsmaßnahmen, Finanztransaktionssteuer)

Hartz IV-Debatte hallt nach

24

Positionen der Gewerkschaften

Positionen der Gewerkschaften Gewerkschaften: Frühe Forderung nach Ende der Austerität bzw. Investitionsprogrammen Ende

Gewerkschaften: Frühe Forderung nach Ende der Austerität bzw. Investitionsprogrammen

Ende 2012: DGB-Vorschlag Marshall Plan für Europa - großangelegte steuerfinanzierte Investitionsoffensive

Kritik an DE Lohnpolitik/Exportorientierung

Schwierige innergewerkschaftliche Debatte

EU-Lohnkoordinierung?

Widerstand gegen Angriffe auf Tarifautonomie o. aktivere Koordinierungsbemühungen?

25

Fortschrittliche Politikalternativen: Vier Grundideen als Basis fortschrittlicher EU- Politik in DE

Grundideen als Basis fortschrittlicher EU- Politik in DE  DE hat Interesse an Wohlstand der anderen

DE hat Interesse an Wohlstand der anderen ER- MS: Europa kein Nullsummenspiel

Einseitige Exportstrategie ist Wachstum auf Pump – der Anderen

Gemeinsame Interessen der Arbeitnehmer aller ER-MS: Wachstum, Wohlfahrtsstaat, Lohnentwicklung, öffentliche Investitionen, faire Besteuerung, Kontrolle der Finanzmärkte

Nicht jedes Land sondern ER als Ganzes soll „more like Germany“ werden

26

Fortschrittliche Politikalternativen:

Vorschläge

Schuldentilgungsfonds

Politikalternativen: Vorschläge Schuldentilgungsfonds  Mit sinnvoller Konditionalität  Ohne

Mit sinnvoller Konditionalität

Ohne Schuldenschnitte

Erlaubt aktivere Rolle der EZB

Eurobonds

Wahrscheinlich nicht als Krisenmaßnahme

Aber mittelfristig bei Ausbau einer europäischen Fiskalität

27

Fortschrittliche Politikalternativen:

Vorschläge

Fortschrittliche Politikalternativen: Vorschläge  EU-Arbeitslosenversicherung  Ausdruck EU-Solidarität 

EU-Arbeitslosenversicherung

Ausdruck EU-Solidarität

automatischer Stabilisator

„geräuschloser“ (Dauer)transfer

Umsetzung? (Höhe, Dauer, Vereinbarkeit mit MS ALV-Systemen)

28

Fortschrittliche Politikalternativen:

Vorschläge

Fortschrittliche Politikalternativen: Vorschläge Nationale Geldpolitik  Mindestreservebestimmung verstärkt national

Nationale Geldpolitik

Mindestreservebestimmung verstärkt national einsetzen

Ausbau automatischer Stabilisatoren

OMK zur gezielten Erhöhung der nationalen AS

Stärkung des Makroökonomischen Dialogs

Ausbau tripartistische Strukturen auf nationalen Ebene

Europäische Lohnkoordinierung

29

Fortschrittliche Politikalternativen:

Vorschläge

Fortschrittliche Politikalternativen: Vorschläge Maßnahmen um Steuerbasis zu stärken und gerechter zu gestalten 

Maßnahmen um Steuerbasis zu stärken und gerechter zu gestalten

Reform des Fiskalpaktes – stärkere Beachtung LB- Ungleichgewichte

Steuersatzkoordinierung statt Wettbewerb nach unten

Finanztraktionssteuer

CO2-Steuer

Europazuschlag auf Einkommensteuer?

30

Fortschrittliche Politikalternativen:

Vorschläge

Fortschrittliche Politikalternativen: Vorschläge  Öffentliche Investitionen und sozial-ökologischer Umbau 

Öffentliche Investitionen und sozial-ökologischer Umbau

Ausbau und Umbau des EU-HHs

Goldene Regel (Ausschluss Investitionen) bei Defizitverfahren

Marshallplanidee aufgreifen (EU Finanz- und andere Steuern finanzieren EU Zukunftsfonds)

31