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Phaenomenologica 219

Dieter Lohmar

Denken ohne
Sprache
Phänomenologie des nicht-sprachlichen
Denkens bei Mensch und Tier im Licht
der Evolutionsforschung, Primatologie
und Neurologie
Denken ohne Sprache
PHAENOMENOLOGICA
SERIES FOUNDED BY H. L. VAN BREDA AND PUBLISHED
UNDER THE AUSPICES OF THE HUSSERL-ARCHIVES

219
DIETER LOHMAR

DENKEN OHNE SPRACHE

Editorial Board:

Director: U. Melle (Husserl-Archief, Leuven) Members: R. Bernet (Husserl-Archief, Leuven),


R. Breeur (Husserl-Archief, Leuven), S. IJsseling (Husserl-Archief, Leuven), H. Leonardy
(Centre d’études phénoménologiques, Louvain-la-Neuve), D. Lories (CEP/ISP/ Collège Désiré
Mercier, Louvain-la-Neuve), J. Taminiaux (Centre d’études phénoménologiques, Louvain-la-
Neuve), R. Visker (Catholic University of Leuven, Leuven)

Advisory Board:

R. Bernasconi (The Pennsylvania State University), D. Carr (Emory University, Atlanta),


E.S. Casey (State University of New York at Stony Brook), R. Cobb- Stevens (Boston
College), J.F. Courtine (Archives-Husserl, Paris), F. Dastur (Université de Paris XX),
K. Düsing (Husserl-Archiv, K€oln), J. Hart (Indiana University, Bloomington), K. Held
(Bergische Universität Wuppertal), K.E. Kaehler (Husserl-Archiv, K€ oln), D. Lohmar
(Husserl-Archiv, K€oln), W.R. McKenna (Miami University, Oxford, USA), J.N. Mohanty
(Temple University, Philadelphia), E.W. Orth (Universität Trier), C. Sini (Universita degli
Studi di Milano), R. Sokolowski (Catholic University of America, Washington D.C.),
B. Waldenfels (Ruhr-Universität, Bochum)

Weitere Informationen zu dieser Reihe finden Sie unter


http://www.springer.com/series/6409
Dieter Lohmar

Denken ohne Sprache


Phänomenologie des nicht-sprachlichen
Denkens bei Mensch und Tier im Licht
der Evolutionsforschung, Primatologie
und Neurologie
Dieter Lohmar
Cologne, Deutschland

ISSN 0079-1350 ISSN 2215-0331 (electronic)


Phaenomenologica
ISBN 978-3-319-25756-3 ISBN 978-3-319-25757-0 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-319-25757-0

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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
2 Die prinzipielle M€oglichkeit nicht-sprachlicher Repräsentations-
Systeme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
2.1 Repräsentations-Systeme bei Mensch und Tier – Alternativen
zur Sprache auf der Basis von Husserls Theorie der
bedeutunggebenden Akte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
2.2 Kategoriale Anschauung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
2.3 Husserls Theorie der Bedeutung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
2.4 Grundtypen nicht-sprachlicher Repräsentation . . . . . . . . . . . . . . 38
2.5 Donald Davidsons Einwände gegen die M€oglichkeit eines
Denkens ohne Sprache (und des Denkens bei Tieren) . . . . . . . . . 44
2.6 Der Einwand aus dem faktischen Unterschied der technischen
und kulturellen Leistungen von Menschen und Primaten . . . . . . . 49
2.7 Zum Verhältnis von Phänomenologie und empirischen
Wissenschaften – die phänomenologischen Projekte . . . . . . . . . . 51
3 Argumente für die reale Existenz nicht-sprachlicher
Repräsentationssysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
3.1 Das Argument aus der Evolutionsgeschichte des Menschen . . . . 56
3.2 Das Argument aus den kognitiven Leistungen
hochzerebralisierter Tiere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
3.2.1 Intelligentes Verhalten bei Tieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
3.2.2 Selbstbewusstsein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
3.2.3 Wissen um die Sozialstruktur und Hierarchie . . . . . . . . . 66
3.2.4 Taktische Täuschungen – Lügen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
3.2.5 Welche geistigen Werkzeuge müssen wir für diese
Leistungen annehmen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
3.3 Das Argument aus den geistigen Leistungen von sprachlosen
Menschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78

v
vi Inhaltsverzeichnis

4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen


Repräsentations-Systeme und ihre wichtigsten Teilsysteme.
Das szenisch-phantasmatische System . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
4.1 Das basale szenisch-phantasmatische Repräsentations-System
beim Menschen. Der Tagtraum als „alter Modus“ des Denkens . . . . 84
4.1.1 Was ist das SPS und was ist es nicht? Abweisung
naheliegender Missverständnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
4.1.2 Notwendige Themen des nicht-sprachlichen Denkens . . . 90
4.1.3 Teilsysteme und Darstellungsformen des szenisch-
phantasmatischen Systems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
4.1.4 Gefühle im szenisch-phantasmatischen System . . . . . . . . 102
4.1.5 Mit Anderen Mit-Fühlen und Mit-Wollen . . . . . . . . . . . . 110
4.2 Formen der nicht-sprachlichen Kommunikation, die
ebenfalls in das nicht-sprachliche Repräsentationssystem
einfließen (das volle SPS) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116
4.2.1 Die Sprache des Blicks nach D. Stern . . . . . . . . . . . . . . . 118
4.2.2 Handlungskommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
4.2.3 Elementare pantomimische Hand- und Fuß-
Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
4.3 Konventions-Semantik und Ähnlichkeits-Semantik . . . . . . . . . . . 139
4.4 Gibt es das szenisch-phantasmatische System auch bei
Tieren? – Tagträume bei Ratten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
4.5 Warum müssen wir zum Denken von Sachverhalten
phantasmatische Szenen und Folgen von Szenen vorstellen? . . . . 148
5 Weitere zentrale Themen des nicht-sprachlichen Denkens . . . . . . . 153
5.1 Selbstbezug und Selbstbewusstsein in nicht-sprachlichen
Modi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
5.2 Soziale Intelligenz und Absichten Anderer . . . . . . . . . . . . . . . . . 160
5.3 Koordinierte und kollektive Kooperation . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166
5.4 Verpflichtungen und moralisches Empfinden . . . . . . . . . . . . . . . 173
5.5 Kausales Schließen im szenisch-phantasmatischen System . . . . . 179
6 Leistungsvergleich von szenisch-phantasmatischem und
sprachlichem Denken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
6.1 Gesichtspunkte des Vergleichs: Umfang, Leistungstiefe und
Fundierungsverhältnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
6.2 Vergleich der Leistungsfähigkeit nicht-sprachlicher und
sprachlicher Denksysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187
6.2.1 Gegenstände, über die wir im szenisch-phantasmatischen
System nicht gut nachdenken k€onnen
(Allgemeinvorstellungen, Gerechtigkeit, Güte, nicht
sichtbare Gegenstände, Gott, Kausalität usw.) . . . . . . . . . 187
6.2.2 Die Stärken des szenisch-phantasmatischen Systems:
komplexe Konstellationen und soziale Interaktionen . . . . 190
6.2.3 Entscheidungen in komplexen Situationen . . . . . . . . . . . 191
Inhaltsverzeichnis vii

6.2.4 Die Geschwindigkeit des Denkens im szenisch-


phantasmatischen System . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195
6.2.5 Logische Operatoren und die Geschwindigkeit
einfacher Entscheidungen im szenisch-phantasmatischen
System . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196
6.2.6 Das nicht-symbolische, vorprädikative System der
Modifikation unserer Typen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199
6.2.7 Reflexion, Metakognition und false belief . . . . . . . . . . . . 202
6.2.8 Über Erkennen ohne Begriffe sowie das denkende
Erkennen mit und ohne Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206
6.3 Weitere Hinweise auf die Fundierung des sprachlichen
Systems im szenisch-phantasmatischen System des Denkens . . . 210
6.3.1 Über die Bewegung vom Allgemeinen zum Einzelnen in
der Sprache und im szenisch-phantasmatischen System.
Der scheinbare Gegensatz in der „Dynamik“ der
Darstellung im Vergleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210
6.3.2 Die Abhängigkeit der Sprache vom szenisch-
phantasmatischen System. Über Eigennamen und
eindeutige Kennzeichnungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
7 Probleme im szenisch-phantasmatischen System und Konflikte
des szenisch-phantasmatischen mit dem sprachlichen System . . . . . 219
7.1 Das Rätsel der neurotischen Verschiebung (Negation,
Inversion, Übertragung usw.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220
7.2 Täuschende Überlagerung in Evidenz darstellenden Gefühlen . . . 227
7.3 Antagonismus und Überlagerung zwischen dem szenisch-
phantasmatischen System und der Erinnerung . . . . . . . . . . . . . . 230
7.4 Erinnerung im nicht-sprachlichen Modus der veränderlichen
Typen und die Rolle von traumatischen Erfahrungen . . . . . . . . . 234
8 Analogische Repräsentationssysteme in therapeutischen,
theoretischen und technischen Feldern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243
8.1 Analogische Semantik bei Methoden der Familienaufstellung in
systemischen Ansätzen: Worüber wir nicht sprechen k€onnen,
darüber müssen wir uns manchmal doch verständigen . . . . . . . . 243
8.2 Analogische Methoden in der Wiederherstellung
von Kommunikation: Augmentative and Alternative
Communication (AAC) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248
8.3 Analogisches Denken in der Mathematik . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252
8.4 Analoge Semantik im technisch-funktionalen Denken . . . . . . . . . 263
9 Ein autobiographisches Beispiel für das „Denken in Bildern“ . . . . 265
9.1 Probleme beim Denken in Bildern: Allgemeinvorstellungen . . . . 267
9.2 Sachverhalt, Schlussfolgerung und Entscheidung . . . . . . . . . . . . 271
9.3 Abstrakte Vorstellungen und Gefühle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273
9.4 Tier-Denken und Tier-Verstehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277
viii Inhaltsverzeichnis

10 Zu José Luis Bermúdez’ Thinking without words . . . . . . . . . . . . . . 279


Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 291

Namenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 301

Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303
Kapitel 1
Einleitung

Stellen Sie sich vor, dass Sie ganz ungestört über Ihre Pläne nachdenken. Nehmen
wir weiter an, dass diese Pläne etwas problematisch sind und nicht von jedermann
akzeptiert würden. Sie erlangen z. B. durch eine kleine Unwahrhaftigkeit einen
großen Vorteil zu Ungunsten von jemand anderem. Diese Pläne können auf sprach-
liche Weise ausformuliert sein oder in vorgestellten Bildfolgen vor Ihrem geistigen
Auge erscheinen. Dann drängt sich Ihnen plötzlich eine bildhafte Vorstellung auf:
Ein naher Freund oder ihr Großvater schaut Sie besorgt an. Sie werden sich dadurch
bewusst, dass Ihre Pläne zu problematisch sind, und Sie ändern daraufhin Ihre
Absichten in wichtigen Punkten. Was ist hier passiert? War das gesehene Bild eine
bloß psychologisch interessante Begleiterscheinung Ihres Pläneschmiedens? Lässt
sich die Botschaft dieses Bildes in Sprache fassen? Ja, denn es sagt soviel wie: Das
solltest du nicht tun. Aber ist das Bild selbst sprachlich? Nein, es ist nicht sprach-
lich, aber natürlich können Sie nachher darüber reden und mit sprachlichen Begrif-
fen darüber nachdenken. Dabei trug es eine eindeutige Bedeutung, denn es war
Ihnen sofort klar, dass es sich um Ihre problematischen Pläne handelte, die hier von
einem Anderen bewertet werden. In diesem phantasmatischen Sehen drängte sich
eine Einsicht auf: So zu handeln ist nicht akzeptabel, und auch Ihnen nahestehende
Personen würden Sie deswegen kritisieren. Ist die Änderung Ihrer Pläne durch
Denken erreicht worden? Ja und nein, denn wenn Sie glauben, dass man nur mit
Hilfe der Sprache denken kann, dann ist dies kein Denken, wenn Sie es aber für
möglich halten, dass dieses plötzlich aufscheinende Phantasma eine Bedeutung hat,
dass es Sie zu einer Art Schluss bewegt und Ihr Handeln so verändert, wie es bei
gründlichem Überlegen von Konsequenzen gelegentlich der Fall ist, dann handelt
es sich um Denken.
In diesem Buch soll es um genau diese Art des Denkens gehen. Es gibt nicht-
sprachliches Denken, und in diesem Denken wenden wir unser Wissen und unsere
Erfahrung auf Projekte in der Zukunft an. Weiterhin ist diese Art des Denkens im
menschlichen Bewusstsein immer lebendig, und sie stellt ein voll ausgeprägtes
System des Denkens dar, das es uns erlaubt, die wichtigsten Angelegenheiten
des Alltags zu bewältigen. Zudem wird hiermit dieses szenisch-phantasmatische

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D. Lohmar, Denken ohne Sprache, Phaenomenologica 219,
DOI 10.1007/978-3-319-25757-0_1
2 1 Einleitung

System als eine Art grundlegendes System des Denkens vorgestellt, das auch für
andere hochzerebralisierte Säugetiere und sicher für unsere nächsten Verwandten
im Tierreich, die Primaten, eine Methode ihres Denkens darstellt. Denn dass sie
erkennen und denken können, zeigen uns die Fortschritte der Primatologie klar.
Was uns bisher fehlt, ist ein Zugangsweg und eine verständliche Theorie dar-
über, wie dieses ‚phylogenetisch alte‘ System im Einzelnen arbeitet. Es wird sich
herausarbeiten lassen, dass es reflexiv zugänglich und beschreibbar ist, und dass es
bei uns Menschen als eine Grundlage des sprachlichen Denkens fungiert. Es hat als
diese notwendige Unterlage wichtige eigene Funktionen, die man erst entdecken
muss. Es hat zugleich auch die Funktion eines Redundanzsystems unserer Welt-
orientierung, denn es arbeitet auch dann noch, wenn es um Leistungen geht, die
Sprache allein nicht bewältigen kann, oder wenn das sprachliche System aus ver-
schiedenen Gründen nicht gut oder gar nicht mehr arbeitet.
Das Thema ‚Denken ohne Sprache‘ verlangt zuerst nach einem Oberbegriff, der
alle funktionierenden symbolischen Medien des Denkens bezeichnet. Mit diesem
Begriff können wir sprachliches Denken als einen besonderen Fall der Leistung des
Denkens überhaupt verstehen. Ich werde dabei von einem Repr€ asentationssystem
f€
ur kognitive Inhalte (kurz: Repräsentationssystem) sprechen. Die menschliche
Lautsprache ist ein sprachliches Repräsentationssystem. Sie ist im Reich des Le-
bendigen einzigartig, aber sie ist keineswegs das einzige System der Darstellung,
das in der Lage ist, sich präzise auf kognitive, volitive und evaluative Inhalte zu
beziehen. Die Leistung eines Repräsentationssystems lässt sich jedoch am besten
mit dem Blick auf die Sprache erläutern. Ein Repräsentationssystem soll uns in die
Lage versetzen, zu denken. Denken bedeutet, eine genaue Vorstellung von Gegen-
ständen, ihren Eigenschaften, Sachverhalten sowie von Ereignisfolgen (mit zuge-
höriger Wahrscheinlichkeit) zu bilden, und zwar auch dann, wenn wir keine ange-
messene Anschauung von diesen Erkenntnisgegenständen haben. Dieser Begriff
von Denken ist bewusst anspruchslos konzipiert, denn es geht um Leistungen, die
beim Menschen und bei hochzerebralisierten Tieren vergleichbar sind.
Ein nicht-sprachliches Repr€ asentationssystem (NSRS) ermöglicht uns, über die
wichtigsten Inhalte des Alltags nachzudenken. Aber dieses Repräsentationssystem
muss nicht auch zur öffentlichen Kommunikation geeignet sein. Denken kann auch
ein einsames Subjekt, das ein nicht-sprachliches Repräsentationssystem nutzt. Das
sprachliche Repräsentationssystem leistet beides, aber beide Funktionen sind prin-
zipiell und auch sachlich trennbar.
Als Verständnisgrundlage für die Möglichkeit des Denkens müssen wir einer-
seits Erkenntnis und weiterhin die Möglichkeit der Verbindung solcher Erkenntnis-
se mit den Elementen des Repräsentationssystems voraussetzen. Husserls Theorie
des Erkennens findet sich in der 6. Logischen Untersuchung und sie geht davon aus,
dass die einfachen Formen des Erkennens zwar in komplexen Akten vor sich gehen,
dass sie aber den Charakter der Anschauung haben, und dass sie ohne Sprache oder
andere Repräsentationssysteme möglich sind. Der entscheidende Schritt zur Er-
möglichung des Denkens ist dann die Verbindung der anschaulich gegebenen
Erkenntnisse mit Symbolen, die es uns erst erlauben, über den Inhalt unserer
Erkenntnis auch dann nachzudenken, wenn die anschauliche Phase der Erkenntnis
1 Einleitung 3

vorüber ist. Zur Klärung der Frage, wie die Verbindung der Erkenntnis mit Sym-
bolen vor sich geht, ist die phänomenologische Theorie der bedeutunggebenden Akte
in Husserls 1. Logischer Untersuchung hilfreich. Für die Phänomenologie Husserls
ist Erkenntnis in eigenständiger Weise als Anschauung gegeben, und wir können
dann mit Hilfe der bedeutunggebenden Akte einen symbolischen Repräsentanten
für diese Erkenntnis bestimmen. Diese Bedeutungstheorie beruht nicht darauf, dass
das bedeutungtragende Medium die Sprache ist, es können z. B. auch Gesten sein
oder andere Symbole, die die Funktion der Bedeutung übernehmen. Daher kann
man mit dieser Bedeutungstheorie auch die Verwendung von nicht-sprachlichen
Repräsentationssystemen verständlich machen, die auch nicht zur Kommunikation
geeignet sind. Es gibt solche nicht-sprachlichen Systeme, wie z. B. das später er-
läuterte szenisch-phantasmatische System (SPS), die nur für das einsame Denken
tauglich sind. Die einzige Bedingung, die solche alternativen Repräsentationssys-
teme erfüllen müssen, besteht darin, dass sie auf der Grundlage eines Trägers
fungieren, der jederzeit im innerlichen Vorstellen produziert werden kann. Im Fall
derjenigen Repräsentationssysteme, die auch zur Kommunikation tauglich sind,
muss der Träger auch in äußerlich mitteilbarer Weise produziert werden können.
Mit der Dichotomie von bedeutung-verleihenden Akten und bedeutung-erfül-
lenden Akten der Erkenntnis hält sich Husserl von der irrigen Vorstellung fern, dass
irgend etwas, was Bedeutung tragen kann – z. B. auch sprachliche Ausdrücke –,
schon von sich aus eine Bedeutung hat. Jeder mögliche Symbolträger muss erst zu
einem fungierenden Symbol gemacht werden, und zwar durch ein Subjekt, das
einen bedeutung-verleihenden Akt vollzieht. Dass diese Bedeutungen auch von
anderen Personen verstanden werden können, ist zunächst nicht erforderlich. Es
geht zunächst nur um das einsame Denken. Natürlich muss man auch den Fall der
Verwendung eines äußeren Symbols im Blick behalten, dessen Gebrauch konven-
tionell durch die kommunizierende Gemeinschaft geregelt ist, aber auch hier
geschieht die Bedeutung-Gebung zunächst im einzelnen Subjekt.
So wird auch die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks und aller seiner Teile
(„Peter geht zum Angeln an den Fluss“ – Wir fragen uns: Welcher Peter? Welcher
Fluss?) erst durch die Entscheidung für eine ganz bestimmte Bedeutung im kon-
kreten Akt eines Subjekts eindeutig, und sie wird damit an den Kontext gebunden,
zu dem ich, meine Erfahrungsgeschichte und meine Gemeinschaft gehören. Die
Einsicht, dass Bedeutungs-Träger (Symbol, Wort, Phantasmen, Gefühl, Ding . . .)
und Bedeutung nicht strikt verbunden sind und erst durch einen bedeutung-
verleihenden Akt verbunden werden müssen, erlaubt es, auch die Symbole, die
außerhalb der konventionalisierten Sprachen und ihrer Regeln liegen, als Träger
einsamen Denkens zu verstehen. Dies ist eine theoretische Voraussetzung, um
Denken ohne Sprache überhaupt begreiflich machen zu können.
Die uns am besten bekannte Version des Denkens auf der Grundlage von
Symbolen besagt: Um denken zu können, müssen wir eine Sprache „beherrschen“,
d. h. wir müssen wissen, welche Ausdrücke wir für welche Inhalte des Erkennens
verwenden sollen, damit uns die Anderen verstehen. Allgemein gilt die Beherr-
schung eines Repräsentationssystems auch als Bedingung dafür, dass wir den-
ken können. Es muss aber nicht die Sprache sein. Denken im engeren Sinne
4 1 Einleitung

bedeutet: Ich muss meine Erkenntnisse mit Hilfe eines symbolischen Systems der
Repräsentation wieder vorstellen können und diese Vorstellungen auch manipulie-
ren können, sie z. B. mit anderen möglichen Situationen verbinden können, die
mögliche Folgen, mögliche Hindernisse, mögliche Lösungen des Problems enthal-
ten. Denken ist nicht nur das Wieder-Aufrufen des Inhalts einer Einsicht, sondern
vor allem der handelnde Umgang damit.
Die bisherigen Überlegungen eröffnen die Möglichkeit, dass es nur eine lose,
gleichsam oberflächliche Verbindung der Sprache mit der eigentlich grundlegenden
Fähigkeit gibt, einfache Erkenntnisse anschaulich haben und in nicht-sprachlichen
Modi darüber nachdenken zu können. Hierfür spricht auch die Möglichkeit, die
Sprache, die wir im Denken verwenden, schnell und leicht zu wechseln: Wenn man
sich einige Tage in einem fremden Land aufhält, dessen Sprache man gut spricht,
beginnt man, in der fremden Sprache zu denken. Offenbar ist die Verbindung
zwischen Denken und einem bestimmten Repräsentationssystem nicht sehr fest.
Vieles spricht dafür, dass es ein funktionierendes nicht-sprachliches Repräsenta-
tionssystem im menschlichen Bewusstsein gibt. Daneben gibt es ein nicht-
sprachliches System der Kommunikation beim Menschen, das auf der Basis von
nicht-kodifizierten Gesten, zusammen mit Mimik, Pantomimik und Lautmalerei
arbeitet. Ich nenne es das Hand&Fuß-System der Kommunikation. Stellen Sie sich
dazu vor, dass Sie in einem fremden Land sind, dessen Sprache Sie nicht sprechen,
und Sie wollen einem Taxifahrer klarmachen, dass er Sie zum Flughafen bringen
soll. Wir beginnen in einer solchen Situation sofort damit, in pantomimischer
Darstellung, leibbezogener Gestik und Lautmalerei unseren Wunsch mitzuteilen.
Ich zeige auf den Fahrer und pantomime ‚lenken‘, während ich mit „brrrrrr“ das
fahrende Auto lautmale, dann ahmt meine Hand die Bewegung eines startenden
Flugzeugs nach usw. Die Schnelligkeit, Sicherheit und Selbstverständlichkeit, mit
der wir dies tun, zeigt an, dass dieser Modus der Repräsentation eine tiefere Schicht
unserer Kommunikationsfähigkeit darstellt. Es scheint sogar so, als ob dieses
gestisch-pantomimische Repräsentationssystem immer noch neben dem sprachli-
chen funktioniert. Es „schläft“ nicht, denn es muss nicht geweckt oder erinnert
werden. Es springt sofort an der Stelle der Sprache in der öffentlichen Kom-
munikation ein.
Daher liegt die Vermutung nahe, dass dieses Repräsentationssystem auch heute
noch im Bewusstsein des Menschen arbeitet, und eventuell als Redundanzsystem
dient, das Denken und Entscheiden auch noch in solchen Situationen ermöglicht, in
denen sprachliches Denken nicht gut oder nicht mehr geeignet ist. Wenn dieses
nicht-sprachliche Repräsentationssystem noch im Menschen arbeitet, dann müsste
es sich mit phänomenologischen Mitteln kontrollierter Introspektion und Reflexion
als eine immer noch fungierende Unterschicht des sprachlichen Denkens aufweisen
lassen. Ich werde deshalb im Folgenden mit phänomenologischen Mitteln aufzei-
gen, dass im menschlichen Bewusstsein auch heute noch ein solches Repräsenta-
tionssystem agiert, welches hauptsächlich mit szenischen Phantasma und Gefühlen
operiert. Ich nenne es das szenisch-phantasmatische System.
Auch Primaten besitzen sehr wahrscheinlich ein nicht-sprachliches Repräsenta-
tionssystem. Hierfür sprechen ihre bemerkenswerten mentalen Fähigkeiten. Sie
1 Einleitung 5

erkennen Eigenschaften von Gegenständen und die wahrscheinliche Folge von


Ereignissen, sie besitzen tradierte Werkzeugkulturen (Nüsseknacken seit 4300
Jahren). Schimpansen und Bonobos können Symbolsprachen und auch Gesten-
sprachen erlernen und damit sinnvolle 2–3-Wort-Sätze bilden. Sie haben eine Vor-
stellung von der Zukunft und auch von moralischen Verpflichtungen, sie sind
Individuen mit einer Geschichte und Charakter, sie haben eine Vorstellung von
ihrer äußeren Erscheinung und den wahrscheinlichen Schlüssen, die andere aus
dieser ziehen werden. Daher setzen sie ihre äußere Erscheinung gelegentlich auch
zur Manipulation der Überzeugungen und des Verhaltens anderer Personen strate-
gisch ein (z. B. vorgetäuschtes Humpeln). Es gibt verschiedene Arten technischer,
sozialer und politischer Kooperation bei Primaten sowie deutliche Hinweise auf
Metakognition. Weil die geistigen Fähigkeiten von Primaten also durchaus mit
menschlichen Fähigkeiten vergleichbar sind, erlaubt uns der deskriptive Zugang zu
dem szenisch-phantasmatischen System des Menschen deshalb auch, Hypothesen
darüber zu formulieren, wie höher entwickelte Primaten denken.
Warum muss man diese Fragen mit den Mitteln der Phänomenologie bearbei-
ten? Warum folgt man nicht der breiten Diskussion in der sprachanalytischen
Philosophie und der philosophy of mind? Das lässt sich einfach beantworten:
Sprachanalytische Ansätze sind meiner Meinung nach zur Untersuchung nicht-
sprachlicher Repräsentationssysteme kaum brauchbar. Ein gutes Beispiel hierfür
bietet Davidsons These: Um eine Überzeugung haben zu können, muss ich den
Begriff der Überzeugung besitzen. Diese These ist von jeder Empirie weit entfernt;
um dies einzusehen, genügt ein Blick auf die Intelligenzleistungen taubstummer
Kinder. Wenn man die Fixierung auf Sprache und Propositionen als einziges
Medium von Bedeutung akzeptiert, dann schließt dies Tiere mehr oder weniger
per definitionem von höheren geistigen Leistungen aus. Auch hinsichtlich der
möglichen Modi menschlichen Denkens wäre dies eine schwerwiegende Fehlein-
schätzung. Versucht man jedoch die Frage nach dem Denken nicht-sprechender
Lebewesen z. B. mit der Aufnahme nicht-sprachlicher Konzepte zu lösen, bewegt
man sich mit jedem erfolgreichen Schritt weiter vom Sprachparadigma weg. Diese
Dialektik sei hier nur angedeutet, sie ist nicht mein Thema.
Ein allgemeineres Problem der zeitgenössischen Philosophie ist die oft weitge-
hend unkritische Orientierung an der Naturwissenschaft und deren kausaltheoreti-
schem Paradigma (die auch von den meisten Vertretern der philosophy of mind mit
getragen wird). Empirische Wissenschaften und auch Naturwissenschaften müssen
meiner Ansicht nach unbedingt berücksichtigt werden, aber die unkritische Über-
nahme der spezifischen Idealisierungen der Naturwissenschaften (z. B. die ideali-
sierend vereinfachende Vorstellung eines mental state, die Voraussetzung univer-
saler Kausalität usw.) führt bei der Betrachtung von Subjekten, die eine Welt
konstituieren und sich in vielen Hinsichten frei entscheiden können, in die Irre.
Die Leugnung bzw. die Ignoranz hinsichtlich der Leistungen des Subjekts bei der
Konstitution der Welt sind aus der Sicht der Phänomenologie wirklichkeitsferne
Voraussetzungen und schon deshalb nicht annehmbar. Die Beschränkung der
Naturwissenschaften auf das kausaltheoretische Paradigma führt bei der Betrach-
tung von Subjekten zwangsläufig zur Leugnung von Freiheit und Verantwortung im
6 1 Einleitung

personalen Bereich. In einem solchen Ansatz kann es keine intentionale Psycholo-


gie geben, sondern nur eine kausal-mechanistische.
Diese Ausgangspunkte verkehren zudem den Sinn von Philosophie überhaupt,
denn diese soll eine Disziplin sein, die Fragen und Meta-Fragen unserer alltäglichen
und personalistisch gedachten Welt nachgeht, und darüber hinaus Grundlegungs-
fragen stellt und beantwortet oder zumindest die Grenzen ihrer Beantwortbarkeit
herausarbeitet. Es wäre jedoch absurd, diese Art von Fragen im Rahmen eines
naturalistischen Paradigmas beantworten zu wollen, das universale Kausalität vo-
raussetzt. Doch kehren wir zurück zum nicht-sprachlichen Denken im menschli-
chen Bewusstsein.
Man kann mit Hilfe phänomenologischer Beschreibung ein nicht-sprachliches
Repräsentationssystem im menschlichen Bewusstsein nachweisen. Es arbeitet
auf der Grundlage szenischer Phantasmen mit zugehörigen Gefühlen, mit der
Vorstellung von Erinnerungen und Erkenntnissen sowie deren Manipulation und
Schlussfolgerungen und erlaubt damit auch die Planung der Zukunft. Gemeint sind
kurzfristig in der Form von Phantasmen auftretende Szenen und Folgen von Bil-
dern, die wir auch als Tagtraum kennen.
Wir verwenden oft kurzfristige oder szenische Phantasmen als Ausdruck von
Wünschen und Befürchtungen. Diese sind aber nicht nur Ausdruck und Darstel-
lung, sondern zugleich auch ein handelnder Umgang mit Problemen. Erst durch die
Veränderung und Manipulation der vorgestellten Szenen werden Folgen von Sze-
nen und Tagträume zu einem Mittel des Denkens, das uns hilft, die Lehren der
vergangenen Erfahrungen für die Gestaltung der Zukunft einzusetzen. Die Themen
unserer Tagträume sind Wünsche und Befürchtungen hinsichtlich der höchstrele-
vanten Ereignisse unseres Lebens. Beschäftigen sie sich nur mit der Zukunft? Nein,
denn diese Wünsche und Befürchtungen sind anhand von eigenen Erlebnissen
verbildlicht. In den phantasmatischen Szenen spielen wir sozusagen unsere mögli-
chen Handlungsoptionen durch. Wir erproben, welche Wege zur Erreichung eines
Zieles oder zur Vermeidung der drängenden Probleme brauchbar sind. Dies ist
bereits ein handelnder Umgang mit Problemen. Diese szenischen und stark ge-
fühlsgefärbten Phantasmen nehmen einen großen Teil unseres wachen Bewusst-
seinslebens ein, z. B. in der Form des schlaflosen Sich-Sorgen-Machens angesichts
drängender Herausforderungen oder Ungewissheiten oder in der Form von Erfolgs-
Phantasien usw. Natürlich denken wir auch sprachlich. Menschen benutzen meh-
rere Systeme der Repräsentation zugleich, und zwar so, dass sie sich in der Regel
gegenseitig nicht stören und darüber hinaus gelegentlich auch unauffällig ergänzen.
Unsere Gefühle können wir als ein Teilsystem des szenisch-phantasmatischen
Systems interpretieren. Sie können aber wohl nur ein Teilsystem sein, denn es
scheint so, als ob Gefühle immer an Gegenstände oder Ereignisse gebunden sein
müssen, damit sie deren Bedeutsamkeit repräsentieren können. Die einzige Vor-
aussetzung für die Funktion von Gefühlen als Teil eines Repräsentationssystems ist,
dass Gefühle in einer vorliegenden Situation originär empfunden werden können,
dass wir sie aber auch in Abwesenheit der originären Anschauung produzieren
können. Aber dies ist der Fall. Das Gefühl der Wut erfasst mich mit Urkraft in einer
bestimmten Situation, und ich kann es in einer abgeschwächten Form auch
1 Einleitung 7

empfinden, wenn ich nur an diese Situation denke. In beiden Fällen ‚sagt‘ mir das
Gefühl etwas über die Bedeutsamkeit und den Wert des Ereignisses. In einem
angenehmen Erlebnis ‚bedeutet‘ das Gefühl des Angenehmen das Erstrebenswerte
des Erlebnisses. Tagträume leisten aber noch mehr als eine Darstellung: Sie sind
bereits ein handelnder und denkender Umgang mit meinen möglichen und realen
Handlungsoptionen. Anders als Träume verlangen die Tagträume zu ihrem Ver-
ständnis auch keine aufwendige psychoanalytische Hermeneutik, sie respektieren
ebenfalls (meistens) die Identität, Kausalität und Zeitordnung von Ereignissen.
Auf den ersten Blick erscheint es rätselhaft, dass wir manchmal immer wieder
‚dieselben‘ Sorgen- oder Wunsch-Tagträume haben, aber eine genaue Beobachtung
zeigt schnell, dass in jedem Wieder-Durchlaufen solcher Szenen jeweils eine kleine
Modifikation vollzogen wird. Diese Modifikationen stellen unsere Handlungsmög-
lichkeiten dar. Nach einer Reihe von Wiederholungen sind wir bei einer Variante
angelangt, die das Problem vermeidet oder es so in einen neuen Kontext stellt, dass
uns die vorgestellte Modifikation akzeptabel erscheint. Aber diese Veränderungen
fälschen nicht einfach die Vergangenheit, sondern sie haben einen anderen Cha-
rakter: Sie prägen die Vorstellung eines Verhaltens aus, das uns in der Zukunft
ermöglicht, mit ähnlichen Situationen erfolgreich fertig zu werden. Sie sind dem-
nach so etwas wie ein geeigneter Plan für ähnliche Ereignisse in der Zukunft, wobei
dieser Plan auf selbstgemachten Erfahrungen beruht.
Dieser Modus des langsamen abwägenden Denkens ist besonders für komplexe
Situationen und Fragestellungen geeignet, die ein Problem, meine handelnde
Beteiligung an möglichen Lösungen, zukünftige Ereignisse, die unterschiedliche
Wahrscheinlichkeit besitzen, die Motive anderer Personen, die Erwartungen und
Wertungen der Gemeinschaft, unsere Gefühle angesichts der verschiedenen Hand-
lungs- und Geschehensmöglichkeiten und noch viel mehr Faktoren enthalten kann.
Dieser Modus des Denkens ist besonders auffällig weil wir uns immer wieder mit
scheinbar denselben Themen nicht-sprachlich beschäftigen. Aber es zeigt sich, dass
auch komplexe Aufgaben mit Hilfe des nicht-sprachlichen Systems zu lösen sind.
Allerdings gibt es auch einfache Aufgaben, die mit nicht-sprachlichen Denkmetho-
den schnell gelöst werden können.
Ich werde zuerst einige Beispiele für die Methode der langsamen Modifikation
nennen: Stellen Sie sich vor, dass Sie im Berufsverkehr von einem unverschämten
und aggressiven Autofahrer bedrängt werden. Sie geben seinem Drängen wider
besseres Wissen nach. Anschließend werden Sie diese Situation immer wieder in
Tagträumen wütend rekapitulieren. Dabei kann man aber bemerken, dass sich in
jeder Wiederholung immer wieder kleine Modifikationen finden, die z. B. allmäh-
lich Ihr Verhalten verändern und variieren. Nach ein paar Durchgängen bemerken
Sie: So hättest du dich verhalten müssen, dann wäre der Kerl damit nicht durchge-
kommen! Es handelt sich bei solchen szenischen Phantasmen also um einen den-
kenden Umgang mit der problematischen Situation, der es mir eventuell beim
nächsten Mal ermöglicht, mich erfolgreicher zu wehren.
Der besondere Modus szenischer Phantasmen lässt daher eine Deutung als ‚alter
Modus‘ des Denkens zu: Mache ich mir z. B. Sorgen im Modus des Tagtraums,
dann kommt der Inhalt der Sorgen, Personen und Handlungskonstellationen darin
8 1 Einleitung

in bildlicher Inszenierung vor, aber immer wieder in kleinen Variationen. Dabei


stellen sich gelegentlich mögliche Lösungen der Probleme ein, die auf einem
modifizierten Handeln meinerseits beruhen. Das System szenischer Phantasmen
ist ein nicht-sprachlicher Modus des Denkens, in dem alle Fragen, Einsichten und
Probleme gedanklich ‚bewegt‘ werden können. Durch die langsame und immer in
mehreren Wiederholungen vor sich gehende ‚Verarbeitung‘ der Erfahrung ist dieser
Modus des Denkens nicht sehr schnell (verglichen mit dem sprachlichen System).
Um Handlungen erfolgreich planen zu können, muss ich auch die Pläne Anderer
und sogar ihren Charakter vorstellen können. Wie soll das gehen? Es scheint auf
den ersten Blick schwierig zu sein, sich den Charakter von Personen und ihre
wahrscheinlichen Absichten im Zusammenspiel möglicher Koalitionen mit ande-
ren Personen bildlich vorzustellen. Das szenisch-phantasmatische System bietet
jedoch eine einfache Lösung hierfür. Ich erinnere mich z. B. an einen brutalen
Mitschüler mit folgendem Bild: Sein Gesicht mit finsterer Miene auf mich schau-
end, die Fäuste geballt und bereit zuzuschlagen. Dies zeigt einen zentralen Aspekt
seines Charakters und seines künftigen Verhaltens. – Nun muss die Haltung einer
Person nicht so eindimensional sein, dennoch müssen alle Facetten des Charakters
anderer Personen irgendwie darstellbar sein. Aber wie? Denken Sie an einen Kol-
legen, mit dem Sie öfters gut zusammenarbeiten, der aber gelegentlich mit besser-
wisserischem Hochmut auftritt und auf die Zustimmung anderer Kollegen schielt.
Beide ‚Gesichter‘, d. h. beide Aspekte seines Charakters, tauchen nacheinander
oder auch ineinander changierend (wechselseitig übergehend) als Phantasma vor
meinem inneren Auge auf und lassen mich den Plan überdenken. Der Möglich-
keitscharakter des Vorgestellten ist dabei in dem Ineinander zweier ‚Gesichter‘ des
Anderen enthalten. Man könnte hierin auch eine nicht-sprachliche Form der logi-
schen Operation des ‚Oder‘ sehen. – Der Nutzwert von Gegenständen kann sich
verändern, auch dies schlägt sich in der entsprechenden Szene nieder. Besitze ich
z. B. ein Auto, das öfter defekt ist, dann modifiziert sich meinen Erfahrungen
entsprechend die darstellende Szene. Mein Gefühl spiegelt die schlechten Erfah-
rungen: Ich stelle das Auto nicht mehr in der frohen Erwartung zuverlässigen
Nutzens vor, sondern mit der freudlosen Erwartung zusätzlichen Ärgers. Auch
die wertenden Reaktionen anderer auf meine zukünftigen Handlungen kann ich
verbildlichen. Denke ich an meine problematischen Pläne, dann sehe ich kurzfristig
meinen Großvater mit besorgtem Gesicht vor mir und ich ändere meine Pläne. All
dies sind Beispiele für die schnellen Folgerungen, die im szenisch-
phantasmatischen System ebenfalls möglich sind.
Alle diese Beispiele für den szenisch-phantasmatischen Modus des Denkens
sollen nicht die Funktion der Empirie im üblichen Sinne übernehmen, so dass ich
z. B. nachweisen müsste, wo und wann dies passiert ist, und dass auch andere
Personen so denken usw. Diese Beispiele haben hier und im Folgenden lediglich
die Funktion, dass Sie selbst sich darüber klar werden, dass sie ähnliche Szenen
selbst erlebt haben oder von Anderen berichtet bekamen. Die Entdeckung dieser
Art von Bewusstseinsvollzügen bei mir selbst ist der Weg der phänomenologischen
Empirie. Hier ist der Leser konstant zur Mitarbeit aufgefordert.
1 Einleitung 9

Mit dem szenisch-phantasmatischen System lässt sich also in unserem eigenen


Erleben ein „alter“ Modus des Denkens aufzeigen. Die Seitenblicke auf die intel-
lektuellen Leistungen anderer hochzerebralisierter Tiere, allen voran der Primaten,
zeigen, dass sie sehr wahrscheinlich auch diese Art des Denkens beherrschen. Den
Nachweis jedoch, dass dies auch bei Tiere so ist, müssen andere Wissenschaften
erbringen.
*

Während ich dieses Buch geschrieben habe, habe ich mich oft gewundert, dass
noch niemand vor mir auf die Idee gekommen ist, es zu schreiben: Die meisten der
hier vorgetragenen Einsichten liegen für jedermann vollkommen offen zutage.
Jeder von uns ist in einem so großen Umfang ein nicht-sprachlicher Denker, dass
es verwunderlich ist, dass dies noch nicht zuvor Gegenstand philosophischer Unter-
suchungen geworden ist. Man könnte sagen, es sei ein offenbares Geheimnis, das
hier benannt und zum Teil enträtselt wird.
Es mag sein, dass es die Fixierung auf die Sprache war, die die Philosophie
bislang davon abgehalten hat zu bemerken, dass der größte Teil, wenn nicht sogar
das gesamte Denken auch ohne Sprache geleistet werden kann und tatsächlich auch
geleistet wird. Sprache gilt den Philosophen als das vornehmste Mittel des Denkens
(Kant), als der Leib des Denkens (Hegel), manchmal auch als dasjenige, was den
Menschen erst recht zum Menschen macht (Herder). Mit Kant beginnt eine ein-
flussreiche Traditionslinie, in der Sprache und Denken sehr eng beieinander stehen.
Kant selbst hat diese These nicht ausdrücklich formuliert, doch mit der Orientie-
rung auf den Verstand als das Vermögen der Begriffe interpretiert er die für das
Denken von Gegenständen grundlegenden Leistungen als reine Verstandesbegriffe,
und in den Augen vieler seiner Interpreten sind dies sprachliche Begriffe. Hamann
war der Ansicht, dass „Vernunft Sprache (logos) ist“, Herder behauptet eine enge
gegenseitige Abhängigkeit von Sprache und Denken, W. von Humboldt betont die
starke Prägung unserer Weltsicht durch den besonderen Charakter unserer Sprache
und identifiziert weitgehend Denken und Sprache. Aber auch außerhalb dieser
Traditionslinie findet sich diese Identifikation: So meint z. B. Heidegger gelegent-
lich, dass die Sprache das Haus des Seins sei, Wittgenstein schreibt, dass die
Grenzen meiner Sprache die Grenze meiner Welt bedeuten. Viele Positionen der
Philosophiegeschichte sind sehr stark auf die Leistung sprachlicher Selbstverstän-
digung eingeschränkt, z. B. die auf Begriffe fixierten und deren Leistung über-
schätzenden Positionen, wie der Platonismus, die begriffsverliebte Phase des
Rationalismus und auch des deutschen Idealismus, Heideggers Mystik der
Sprache und die Vertreter der analytischen Philosophie, die bis heute propositions-
fixiert sind. Es gab in jeder Phase der Entwicklung der Philosophie Positionen, die
sich mit der Sprache verbrüdert fühlten. Und die Theologie wusste schon zuvor,
dass das Wort der Anfang war (Johannes-Evangelium). Daher geht es in diesem
Buch auch darum, dass unser Denken ganz anders ist, als wir gerne und lange
geglaubt haben.
10 1 Einleitung

Meine Untersuchung der Art, wie wir und auch sprachunfähige Lebewesen einen
großen Teil ihrer Denkarbeit bewältigen, ist nicht nur eine philosophische Inter-
pretation. Sie ist in erster Linie eine methodisch strenge, phänomenologische
Deskription aus der selbst erlebten Innenperspektive des Bewusstseins, und damit
ist sie Empirie. Darüber hinaus habe ich versucht, wo es möglich war, auch die
Verbindung zu den empirischen Naturwissenschaften herzustellen, empirische
Teile meiner Position oder deren empirische Konsequenzen zu prüfen oder zumin-
dest Vorschläge zu machen, wie sie geprüft werden können. Mein Ansatz vertraut
also zu einem großen Teil darauf, dass empirische Wissenschaft philosophische
Thesen bestätigen oder bekräftigen, vielleicht auch widerlegen oder in Frage stellen
kann. Interessanterweise können auch die so genannten angewandten Disziplinen
für die empirische Prüfung philosophischer Interpretationen einen Beitrag leisten.
Hierauf werde ich noch näher eingehen.
Ein wichtiges Motiv für die hier zusammengeführten Untersuchungen über die
Art und Weise, wie wir ohne Sprache denken, war die Suche nach einer inklusiven
Theorie des Denkens und Erkennens. Das ist eine Theorie, die auch Tiere als
empfindende, wahrnehmende, erkennende, denkende, planende und handelnde Sub-
jekte zu verstehen erlaubt. Wir dürfen uns in einer Zeit, in der die geistigen
Leistungen von Primaten und anderen Tieren auf so vielfältige Weise aufgezeigt
wurden, nicht mehr auf unseren eigenen Standpunkt beschränken. Wenn man zu
einer ernstzunehmenden Theorie der Erkenntnis gelangen will, dann muss man
auch Tiere als Erkenntnissubjekte einbeziehen. Dennoch geht es mir hier in erster
Linie darum, zu zeigen und zu verstehen, wie wir Menschen auch ohne Sprache
denken. Diese beiden Motive passen jedoch zusammen, denn in der introspektiven
und eidetischen Untersuchung unseres Bewusstseins liegt die eigenständige Empi-
rie der Phänomenologie. Zugleich will ich deutlich machen, dass die prinzipiellen
Mittel des nicht-sprachlichen Denkens auch vielen hochzerebralisierten Tieren zur
Verfügung stehen und wir daher davon ausgehen müssen, dass wir in vielen
Hinsichten noch so denken, wie auch Tiere denken.
Der aus genetischer, neurophysiologischer und biologischer Sichtweise relativ
geringfügige Unterschied zwischen Menschen und ihren nächsten Verwandten im
Tierreich, den Primaten und anderen hochzerebralisierten Spezies, suggeriert hin-
sichtlich der einfacheren Modi des Denkens Folgendes: Es ist sehr wahrscheinlich,
dass die phylogenetisch alten und „einfacheren“ Modi des Denkens, die bei Tieren
ausschließlich fungieren (aber auch hier gibt es Stufen der Leistung), bei uns immer
noch fungieren. Dies sollte sich daher mit phänomenologischen Mitteln aufweisen
lassen.
Dabei gibt es eine radikale Alternative: Es könnte entweder sein, dass das nicht-
sprachliche Denken lediglich ein noch funktionierendes Redundanzsystem ist, das
wir mit hoch entwickelten Tieren gemeinsam haben, dessen Funktionen aber
vollständig von der Sprache übernommen worden sind, und dessen Leistungen
vom sprachlichen System auch ausnahmslos übertroffen werden. Oder es könnte
sein, dass die Sprache nur eine nicht-produktive Schicht darstellt, und zwar nicht-
produktiv im Sinne des Erkennens und Denkens, nicht im Sinne der bloßen unend-
lichen Kombination von Zeichen. Sprache ermöglicht in dieser Sichtweise lediglich
1 Einleitung 11

die öffentliche Kommunikation und bietet hierdurch einige sehr folgenreiche tech-
nische Vorteile, die den faktisch großen Unterschied zwischen den Kulturleistun-
gen der Primaten und der Menschen zur Folge haben. – Die Wahrheit liegt wohl
eher zwischen diesen beiden extremen Positionen, und nur eine differenzierte
Untersuchung der Leistungen des jeweiligen Systems und der Besonderheiten ihrer
Zusammenarbeit kann hier einige Klarheit schaffen. Meiner Ansicht nach stellt sich
dabei für einige der zentralen Leistungen der Sprache heraus, dass sie nur auf der
Basis des grundlegenden nicht-sprachlichen Systems möglich sind, d. h. des
szenisch-phantasmatischen Systems. Dieses nicht-sprachliche System der Reprä-
sentation von kognitiven Inhalten ermöglicht und ‚trägt‘ gleichsam auf unauffällige
Weise einige sprachliche Formen des Denkens. Es gibt natürlich auch Themen des
menschlichen Denkens, die nur mit einem sprachlichen System gedacht werden
können.
Wir können mit Hilfe der Phänomenologie diese alten Systeme des Denkens in
methodisch geregelter Weise aufzeigen, ihre Funktionsweisen und Leistungsgren-
zen aufdecken und auch die eigentümliche Mischung der Leistungen verschiedener
Repräsentationssysteme klären, die im menschlichen Bewusstsein vorliegt. Phäno-
menologie hat in dieser Hinsicht einen unschätzbaren Vorzug vor allen natur-
wissenschaftlichen Zugangsweisen, denn sie sucht die Funktionsweisen dort, wo
sie voll inhaltlich gegeben sind, nämlich in der selbst erlebten Innenperspektive.
Der Mensch ist das einzige Lebewesen, zu dem wir einen solchen privilegierten
Zugang aus der Innenperspektive haben, und dies ist zudem ein Erfahrungszugang.
Daher sollten wir ihn nutzen, um den Rätseln des Bewusstseins auf die Spur zu
kommen.
Der grundlegende Ausgangspunkt der phänomenologischen Theorie der Er-
kenntnis ist, dass wir auch ohne Sprache erkennen können (wir und auch viele
andere Tiere), und dass die Sphäre des Ausdrucks erst für das Denken ins Spiel
kommen muss, und zwar sowohl für das einsame Denken als auch für das kommu-
nizierende Subjekt. Die Sphäre des Ausdrucks hat deshalb für ihre Funktionen
einen großen Spielraum, z. B. kann der Ausdruck in nicht-sprachlichen Formen
der Repräsentation auch lediglich dazu dienen, eine Erkenntnis nur für mich allein
wieder lebendig zu machen. Schon diese einfachen Systeme von Repräsentationen
erlauben die Manipulation und Modulierung von Erkenntnissen und deren Verbin-
dung mit künftigen Handlungsmöglichkeiten. Ganz am Ende dieses Spektrums
steht erst ein funktionierendes Kommunikationsmittel – wie z. B. konventionali-
sierte Gesten oder die Sprache – das auch zum Denken geeignet ist. Und für alle
Symbolisierungen gilt, dass sie von zuvor erfolgten, bedeutunggebenden Akten
abhängen.
Erkenntnis und Wahrheit (natürlich nicht die im vollen Sinn objektive Wahrheit)
kann es daher auch schon bei einsamen Denkern geben. Auch sie haben verlässli-
ches Wissen über die Welt, ohne dass dabei ein Medium des Denkens verwendet
werden müsste, das auch Kommunikation mit Anderen erlaubt. Sobald eine Spezies
jedoch in Gruppen lebt und mit Anderen handelt, dann wird schon dieses Handeln
zu einer eigenen Form der Kommunikation (ohne Sprache), die gemeinsame Re-
geln, z. B. Hierarchie, und auch gemeinsame Werte schaffen kann.
*
12 1 Einleitung

Bei allen folgenden Darstellungen und Beschreibungen, bei allen theoretischen


Argumenten für die Leistungsart und Leistungsfähigkeit, z. B. des zentralen sze-
nisch-phantasmatischen Systems in uns, ist es unentbehrlich, dass der Leser nicht
nur die Thesen und Argumente versteht, sondern dass er sich auch auf seine eigene
Erfahrung einlässt und sich auf diese Erfahrung verlässt. Sowohl für das eine wie
für das andere kann es ernsthafte Hindernisse geben, die ich gleich kurz nennen
möchte.
Phänomenologie will eine Beschreibung der wesentlichen Strukturen und Leis-
tungen des Bewusstseins aus der selbst erlebten Innenperspektive bieten. Was sie
dabei voraussetzt, ist ein anerkennendes und geduldiges Interesse am Funktionieren
unseres Bewusstseins. Husserls Satz, dass das Bewusstsein das Rätsel aller Rätsel
sei, gilt weiterhin. Worauf wir uns bei der Selbsterforschung einlassen müssen, ist
eine anerkennende, bescheidene und geduldige Beobachtung verbunden mit einer
theoretischen Wachheit, die bereit ist, alle vorgefassten Meinungen zurückzuhal-
ten. Die vorgreifende Anerkennung zeigt sich in der Beobachtung darin, dass man
das, was sich im Bewusstsein zeigt, erst einmal in dem Sinn nimmt, in dem es
auftritt, und es nicht z. B. in blindem Vertrauen auf ein naturalisierendes Paradigma
auf ein bloß kausales Geschehen reduziert oder es lediglich für eine psychologisch
interessante Begleiterscheinung hält.
Für diese Grundhaltung gibt es neben Husserl ein weiteres gutes Beispiel aus der
Biologie, J. H. Fabre, ein bedeutender Forscher auf dem Gebiet des Verhaltens von
Insekten, u.a. der Entdecker der Pheromone. Fabre verbrachte einen großen Teil
seines Lebens mit der Beobachtung von Insekten. Dabei entwarf er viele sinnreiche
und einfache Experimente, aber den größten Teil der Zeit widmete er der direkten
Beobachtung des Gegenstandes seiner Neugier, und zwar auf dem Bauch liegend in
seinem Garten. Mit dieser Vorurteilslosigkeit, Geduld und Bescheidenheit sollten
wir uns auch der Leistung unseres Bewusstseins annähern.
Wir dürfen daher auch nicht das Ziel unseres Strebens vorweg für in irgendeiner
Wissenschaft gegeben und erledigt halten und z. B. annehmen, dass Physik, Phy-
siologie, Neurologie oder die Cognitive Science uns bereits die ganze Wahrheit
über uns als Subjekte sagen können, und dass Philosophie lediglich die Aufgabe
hat, diese Einsichten zu vermitteln. Die Naturwissenschaften konzentrieren sich
weitgehend auf einfache, relativ zuverlässige kausale Effekte und sind zur Zeit
noch nicht in der Lage, das Ineinander von höherstufigen und niedrigstufigen
Leistungen zu thematisieren, die ein wahrnehmendes und erkennendes Lebewesen
charakterisieren, das eine Welt hat, Erfahrungen sammelt, sie nutzt und sich frei
verhält. Neurologisch gut erforschbar sind zur Zeit große Informationsströme
zwischen den Regionen des Gehirns. Aber: Die Lösung des Rätsels, wie uns eine
einzelne Vorstellung oder Einsicht zum Handeln bewegt, kann die Neurologie
heute und auch in absehbarer Zeit noch nicht bieten. Wir dürfen daher diese
Beschränkung des derzeitigen Standes der Wissenschaft nicht für eine Beschrän-
kung der Sache selbst halten.
Noch eine Bemerkung sei hinzugefügt: In unserer Untersuchung des zentralen
szenisch-phantasmatischen Systems (SPS) findet eine Aufwertung von Bildern und
Szenen statt, die für uns Dinge, Ereignisse, Pläne, Charaktere und Verhältnisse
1 Einleitung 13

zwischen Personen darstellen können. Tagträume und kurzfristige visuelle Ein-


zeichnungen wurden lange als Phänomene vernachlässigt, weil sie in unserem
kulturell geprägten Selbstverständnis eher als Anzeichen einer geistigen Krankheit
gelten. Wir sehen in ihnen keine Anzeichen normaler geistiger Tätigkeiten, sondern
Zeichen der Regression oder Degeneration des Seelenlebens. Das ist sicher nicht
die ganze Wahrheit, wie die empirische Psychologie seit langem weiß. Es gibt
andere Kulturen, die solche „Gesichter“ positiver bewerten und sie als Verbindun-
gen mit dem Numinosen und den Göttern interpretieren. Aber Beides, Unter- und
Überschätzung, ist wenig hilfreich, weil dabei das normale Funktionieren einer uns
bislang weitgehend unbekannt und unverstanden gebliebenen Funktion unseres
Bewusstseins entweder als zu hoch oder zu niedrig eingeschätzt wird.
Zudem ist eine wichtige Komponente unseres Seelenlebens, das Gefühl, in
weiten Teilen der abendländischen Geistesgeschichte entschlossen auf die Seite
des Irrationalen gerückt worden. Man hat oft der Vernunft eher vertraut, die, hoch
auf den Beinen sprachlicher Begriffe gestelzt, von Gott geschenkt und mit über-
höhtem Erkenntnisanspruch auftritt. Diese Einschätzung ist falsch, und sie wird dem
Charakter des Gefühls als Erkenntnisse und Einsichten spiegelndes Darstellungs- und
Entscheidungssystem, das einen großen Teil unseres Handelns leitet, nicht gerecht.

Im Folgenden werde ich kurz die Themen der einzelnen Kapitel skizzieren. Im
zweiten Kapitel soll die prinzipielle Möglichkeit von nicht-sprachlichen Repräsen-
tationssystemen für kognitive Inhalte begründet werden. Hierzu gehe ich auf die
phänomenologische Theorie der Erkenntnis und der Bedeutung ein. Auf diese
Weise soll die erkenntnistheoretische Basis für eine Theorie des Denkens ohne
Sprache gelegt werden. Dieses Kapitel behandelt wichtige, jedoch zum Teil kom-
plizierte Grundlagenfragen, und obwohl es in systematischer Hinsicht unentbehr-
lich ist, kann es vielleicht bei der ersten Lektüre übergangen werden. Das zweite
Kapitel bildet jedoch zugleich die systematische Grundlage für die meisten der
folgenden Untersuchungen. Denn hier wird aus der Sicht der Phänomenologie die
prinzipielle Möglichkeit des Erkennens und des Denkens ohne Sprache verständ-
lich gemacht. Da einige Analysen tief in die Phänomenologie der Erkenntnis hinein
führen, sind sie für den Anfänger schwerer zugänglich, aber für die informierten
Spezialisten unentbehrlich.
Ich werde zuerst den Begriff eines symbolischen Repr€ asentations-Systems f€ur
kognitive Inhalte diskutieren: Ein solches Repräsentations-System soll es ermögli-
chen, sich eine Einsicht, ein Ereignis, eine Folgerung usw. auch ohne die dem
jeweiligen Gegenstand entsprechende Anschauung vorzustellen. Diese Funktion
lässt sich für Menschen am besten am Beispiel der Sprache erläutern, die ein
solches symbolisches System der Repräsentation darstellt. Im Fall der Sprache
gelangen Worte und Sätze in die Funktion, Gegenstände und Erkenntnisse mit
Hilfe von sprachlichen Symbolen zu intendieren, d. h. sie ohne angemessene An-
schauung meinen zu können. Sprache ist ein Repräsentationssystem, das sowohl
zum Denken als auch zur Kommunikation mit Anderen geeignet ist. Es gibt aber
14 1 Einleitung

auch Repräsentationssysteme, die nur für das einsame, nicht kommunizierende


Denken geeignet sind.
Um verstehen zu können, wie im Rahmen der phänomenologischen Theorie des
Erkennens und Bedeutens solche nicht-sprachlichen Systeme des Denkens möglich
sind, greife ich auf Husserls Analysen zum Verhältnis der Anschauung eines
Sachverhalts zu den sich daran anschließenden, bedeutunggebenden Akten zurück.
Einfache Sachverhalte können in kategorialer Anschauung ohne die Verwendung
von Begriffen oder Symbolen gegeben sein, aber diese anschauliche Gegebenheit
ist nur kurzfristig im Vollzug der erkennenden Akte gewährleistet. Wenn wir über
diese einfachen Erkenntnisse nachdenken wollen, um zu höherstufigen Einsichten
zu gelangen, dann müssen im Anschluss an die kategoriale Anschauung bedeutung-
gebende Akte vollzogen werden, damit ein (sprachliches oder anderes) Symbol jene
kategoriale Intention tragen kann, d. h. damit es die Bedeutung des angeschauten
einfachen Sachverhalts erhält. Zeichen haben nicht von sich aus eine Bedeutung,
sondern sie erhalten diese jeweils in einem eigenen Akt, der in enger Verbindung
mit der kategorialen Anschauung eines Sachverhalts vollzogen wird. Auf der Basis
dieses Modells für das Verständnis der Bedeutung von Symbolen kann es durchaus
nicht-sprachliche Alternativen zur Sprache geben.
Sprachfixierte Ansätze hingegen können sich Alternativen zur Sprache als
Grundlage des Denkens nicht vorstellen. So besagt z. B. die bereits erwähnte These
von Davidson, dass man, um überhaupt eine Überzeugung hinsichtlich eines Sach-
verhalts haben zu können, bereits den Begriff der Überzeugung haben muss. Letzt-
lich braucht man sogar die ganze Sprache, um überhaupt eine Überzeugung haben
zu können. Diese Ansicht spiegelt deutlich das Sprach-Paradigma des Denkens,
das davon ausgeht, dass man nur mit dem Medium der Sprache überhaupt denken
könne. Zugleich zeigt sich hier eine prinzipielle Grenze des Verständnisses des
Denkens im Rahmen zumindest der orthodoxen philosophy of mind.
Die Argumente des dritten Kapitels sollen die reale Existenz von nicht-sprach-
lichen Repräsentations-Systemen belegen. Ich gehe dazu von Erkenntnissen ande-
rer Wissenschaften aus, wie z. B. der Evolutionsgeschichte des Menschen, den
Ergebnissen der Primatologie und der Entwicklungspsychologie nicht-sprechender
Kinder. Hierbei wird jeweils von einer empirisch gut belegten Erkenntnis über den
Menschen, Hominiden oder Primaten auf die reale Existenz eines nicht-sprach-
lichen Systems des Denkens bei diesen Subjekten geschlossen.
Es gibt in der Geschichte der Evolution des Menschen Argumente dafür, dass es
bei Hominiden und Menschen ein nicht-sprachliches Repräsentationssystem geben
muss. Die Theorie der nicht-sprachlichen Repräsentationssysteme löst nämlich ein
großes Rätsel der menschlichen Evolutionsgeschichte, sie füllt eine Art Erklärungs-
lücke. Man weiß einerseits, dass die gesprochene Sprache ein sehr junges Phäno-
men ist. Das Leitfossil der Fähigkeit zur Lautsprache ist das große Zungenbein des
homo sapiens sapiens, von dem bislang kein Exemplar gefunden wurde, das älter
als ca. 120.000 Jahre ist. Andererseits weiß man aus der Analyse des Lebensstils
früher Hominiden, dass es zeitlich schon erheblich früher leistungsfähige, mentale
Mittel vorausschauenden Planens, soziale Institutionen, die präzise Tradierung
von Expertenwissen und eine kommunikative Organisation gemeinschaftlichen
1 Einleitung 15

Handelns gegeben haben muss, und zwar möglicherweise bereits seit 1,8–2,5 Mio.
Jahren. Seit dieser Zeit besiedelte homo erectus als erster Hominide nach und nach
die ganze Erde und damit auch lebensfeindliche Regionen mit starken Klima-
schwankungen. Ihr Überleben setzt die genannten Leistungen voraus. Der Schluss
ist somit unabweisbar, dass der Mensch nicht-sprachliche Repräsentationssysteme
gehabt haben muss, und zwar sowohl solche, die zum einsamen, innerlichen
Denken brauchbar waren, als auch solche – eventuell andere –, die zur öffentlichen
Kommunikation verwendbar waren. Eine einflussreiche Richtung der Evolutions-
theorie vermutet, dass es für die Kommunikation die Gestensprache war, die diese
ermöglicht hat. Für das Repräsentationssystem des einsamen Denkens gibt es aber
bislang noch keine brauchbaren Hypothesen. Wir wissen nur, dass es ein solches
System gegeben haben muss.
Das Argument konzentriert sich auf die notwendigen geistigen Mittel, die
Hominiden haben müssen, wenn sie bestimmte Leistungen vollziehen können,
Leistungen, die sie faktisch erbracht haben. Die Frage ist: Welche geistigen Leis-
tungen muss ein Lebewesen vollbringen, damit z. B. intelligentes Planen und
Handeln möglich ist, dessen Vorliegen uns die Entwicklung der Hominiden und
ihr jeweiliger Lebensstil zeigt.
Danach gilt es, zu erklären, warum Primaten die vielfältigen intellektuellen
Leistungen, die sie faktisch haben, ohne den Gebrauch der Sprache bewältigen
können. Hierbei geht es um ihr raffiniertes Repertoire sozialer Werkzeuge, ihr
Täuschungsverhalten, aber auch um moralanaloges Verhalten, verschiedene For-
men des Selbstbewusstseins sowie um kooperative Jagd und Verteidigung. Auch
diese Fähigkeiten weisen auf die Verwendung eines nicht-sprachlichen Systems des
Denkens zurück.
Am Ende wird ein Blick auf die geistigen Leistungen von sprachlosen Menschen
geworfen, die dieselbe Höhe intellektueller Leistungen erreichen, wie sprechende
Menschen. Auch diese Leistung erlaubt einen Rückschluss auf die Verwendung
eines nicht-sprachlichen Systems des Denkens.
Im vierten Kapitel werde ich die reale, konkrete Ausformung des nicht-sprach-
lichen Repr€ asentationssystems (NSRS) in unserem Bewusstsein darstellen. Im
Zentrum dieser Analyse steht das basale, szenisch-phantasmatische System (SPS),
das bildhaft vorgestellte, „wie wirklich gesehene“, bewegte Szenen oder Folgen
von visuellen Ansichten verwendet, wie wir sie ebenfalls aus unseren Tagträumen
kennen. Tagträume oder auch kurzfristig auftauchende szenische Vorstellungen
bilden einen großen Teil unseres wachen Bewusstseinslebens, und die Funktion
dieser Vorstellungen lässt sich als ein phylogenetisch altes System des Denkens
interpretieren, das auch heute noch in uns aktiv ist. Es arbeitet dabei mit dem,
oberflächlich betrachtet, dominanten sprachlichen System harmonisch zusammen.
Die Methode des phänomenologisch beschreibenden Zugangs besteht nun vor
allem darin, alles, was in unserem Bewusstseinsleben wirklich vorkommt, zunächst
einmal ernst zu nehmen, d. h. es nicht zu Gunsten unserer theoretischen Vorstellun-
gen darüber, wie Denken funktioniert oder funktionieren sollte, zu ignorieren,
sondern dem Sinn dessen, was wir in visuellen Phantasmen und in Tagträumen
erleben, nachzugehen. Insofern ist die Zugangsweise phänomenologisch, und sie ist
16 1 Einleitung

zudem eine eigenständige Empirie aus der selbst erlebten Perspektive eines ver-
leiblichten Bewusstseins heraus.
Nach der Abweisung einiger nahe liegender, aber abwegiger Vermutungen,
die sich an einen solchen Ansatz sofort anschließen können, diskutiere ich die
konkreten Formen der Darstellung von Einsichten, Schlussfolgerungen und Plänen
im szenisch-phantasmatischen System. Dabei tritt ein ergänzendes Teilsystem
hervor, das der Gefühle, welches vor allem die Bedeutsamkeit der vorgestellten
Inhalte darstellt. Zusammen mit dem grundlegenden szenisch-phantasmatischen
System bildet es ein basales nicht-sprachliches System, das sich als ein eigen-
ständiges Repräsentationssystem von Erkenntnissen, Schlussfolgerungen daraus
und Plänen für die Zukunft erweist. Um den ganzen Umfang nicht-sprachlichen
Denkens zu erfassen, müssen wir dann das volle nicht-sprachliche System untersu-
chen, welches beim Menschen (und bei Tieren) bereits verschiedene Formen
elementarer nicht-sprachlicher Kommunikation in sich aufgenommen hat. Hierbei
geht es um Blick-Kommunikation, Handlungskommunikation und um das, was ich
Hand-und-Fuß-Kommunikation (H&F) nenne, eine pantomimische und onomato-
poetische Form der Kommunikation, die sofort einspringt, wenn alle uns bekannten
Sprachen als Verständigungsmittel versagen. Dieser konkrete Aufweis der Art und
Weise, wie das nicht-sprachliche System im Menschen funktioniert, ist der eigent-
liche Beleg dafür, dass es ein nicht-sprachliches System der Repräsentation im
menschlichen Bewusstsein gibt.
Danach folgt eine allgemeine Charakterisierung des Gegensatzes der Semantik
von sprachlichen und nicht-sprachlichen Repräsentationssystemen, indem die

Konventions-Semantik natürlicher Sprachen und die Ahnlichkeits-Semantik des
szenisch-phantasmatischen Systems einander gegenübergestellt werden. Hierdurch
wird einsichtig werden, warum die beiden Systeme weitgehend reibungslos und
harmonisch zusammen arbeiten können.
Da ein großer Teil des basalen und auch des vollen nicht-sprachlichen Systems
wohl von vielen Tieren ebenfalls geleistet werden kann, folgt ein kurzer Exkurs
über höhere Tiere, der sich einem experimentellen Nachweis dafür widmet, dass
das szenisch-phantasmatische System auch bei ihnen fungiert. Hierbei geht es um
die Untersuchung von Tagträumen bei Ratten.
Im fünften Kapitel sollen einige zentrale Themen des nicht-sprachlichen
Denkens erörtert werden, die aus verschiedenen Gründen in der bisherigen Unter-
suchung nicht berücksichtigt wurden: Selbstbewusstsein, soziale Intelligenz,
kollektives Handeln und Moral. Für die Darstellung meiner selbst im szenisch-
phantasmatischen System gibt es mehrere Alternativen, von denen ich einige
diskutieren werde, wobei ich zugleich ihre jeweilige besondere Leistung heraus-
stellen möchte: Ich erscheine mir wie von Außen gesehen, im subjektiven Blick von
innen, im Blick der Anderen oder in sozialen Gef€uhlen. Dabei kommt die Sicht von
Außen eher selten vor, die drei anderen Modi sind bei weitem zentraler. Das volle
szenisch-phantasmatische System ist weiterhin ein hervorragendes Medium, um die
Themen, die der besonderen sozialen Intelligenz von Menschen entsprechen, den-
ken zu können. Dasselbe gilt sehr wahrscheinlich auch für die meisten Tiere, die in
1 Einleitung 17

Gruppen leben. Im szenisch-phantasmatischen System kann ich mir alle Charakter-


züge der Individuen einer Gruppe vorstellen, ihre Absichten, ihr jeweiliges Wissen,
ihre Präferenzen usw. Die sozialen Gefühle sind in dieser Hinsicht besonders
leistungsfähig, denn sie bieten zugleich einen Blick auf den Denkenden im Bezie-
hungsgefüge seiner Gruppe.
Versucht man, die Möglichkeit der Kooperation bei Primaten zu verstehen, dann
besteht die Gefahr, dass man, die menschlichen Verhältnisse stillschweigend verall-
gemeinernd, z. B. als Bedingung komplexer Kooperation sprachliche Verabredun-
gen voraussetzt. Da Primaten nicht mit Begriffen kommunizieren, kann es bereits
von dieser Voraussetzung ausgehend so erscheinen, als ob sie nicht im echten Sinn
kooperieren könnten. Neben anderen Bedenken kann man aber schon die Ansicht
kritisieren, dass Menschen immer sprachliche Verabredungen brauchen, um kom-
plexe, koordinierte Gemeinschaftsaktionen auszuführen. Bereits hiergegen kann
man nämlich argumentieren, dass man Verabredungen nicht voraussetzen muss,
weil es Werkzeuge gibt, die es erlauben, komplexe Handlungen auch ohne den
Gebrauch der Sprache einzuüben: bildhafte Vorstellungen und Tradition. Hierzu
müssen wir auf die szenisch-phantasmatische Darstellung komplexer Kooperatio-
nen beim Menschen (z. B. gemeinschaftlicher Angriff und Verteidigung, Spiele wie
Fußball usw.) und bei Primaten (Jagd) eingehen. Auch das Vorkommen moral-
analoger Regeln in Primatengruppen fordert dazu heraus, die Weise der szenisch-
phantasmatischen Darstellung solcher Vorschriften zu untersuchen.
Primaten haben zudem die Fähigkeit, kausale Schlüsse aus den Eigenschaften
von Gegenständen zu ziehen. Es geht auch hier um Denken, das nicht auf sprach-
lichen Begriffen beruhen kann. Kausales Schließen wird die Fähigkeit genannt, auf
Grund von äußeren Anzeichen auf das Vorhandensein von Gegenständen oder
Ereignissen zu schließen, die visuell nicht sichtbar sind. Meine Frage ist hier: Wie
sieht die phantasmatische Repräsentation bei diesen Experimenten aus?
Der Leistungsvergleich zwischen dem sprachbasierten und den analogischen
Systemen des Denkens im sechsten Kapitel ist daher auch nicht so einsinnig, wie
man erwarten könnte. Man könnte z. B. vermuten, dass das sprachliche System in
allen Hinsichten dem szenisch-phantasmatischen System überlegen ist. Diese Ver-
mutung ist falsch, denn weitgehend erstrecken sich beide Systeme auf die gleichen
Gegenstände des Denkens. Es gibt jedoch einzelne Bereiche, in denen das sprach-
liche Denken überlegen ist. Das szenisch-phantasmatische System kann z. B. nicht
dieselbe Höhe der Abstraktion erreichen, wie beim Denken mit sprachlichen Be-
griffen. Auch negative Überzeugungen Anderer vorzustellen ( false belief), ist in
analogischer Semantik wahrscheinlich schwierig zu realisieren. Dasselbe gilt für
imaginäre oder nicht-sichtbare Entitäten wie z. B. Gott, die allgemeine Vorstellung
der Kausalität usw. (obwohl es für viele abstrakte aber alltagsnahe Eigenschaften,
wie z. B. Gerechtigkeit oder Güte exemplarische Formen der Repräsentation gibt).
Es bleibt aber problematisch, die Höhe der Abstraktion oder andere, sehr spezielle
Leistungen wie den false belief als einziges Kriterium für die Leistung des Denkens
anzusehen.
Es gibt nämlich auch Bereiche des Denkens, in dem analogische Systeme Vorteile
aufweisen, z. B. wenn komplexe Beziehungen oder viele Interaktionen zugleich
18 1 Einleitung

vorgestellt werden müssen. Dies ist sprachlich nicht so leicht zu realisieren, denn die
Sprache stellt in ihren Propositionen jeweils nur wenige Relationsglieder vor, und
eine größere Komplexion kann nur nacheinander gedacht werden. Alle sozialen
Beziehungen, aber auch gemeinschaftliche Aktivitäten wie Jagd, Angriff, Vertei-
digung und Fußball, sind solche komplexen Gefüge und in begrifflichen Systemen
mit Sätzen weit schwerer darstellbar. Gerade für solche komplexen Themen eignen
sich szenisch-phantasmatische Repräsentationen sehr viel besser als die Sprache.
Eine besonders schwierige, wenn nicht unlösbare Aufgabe für sprachbasiertes
Denken sind komplexe Aufgaben mit Kategorienüberkreuzungen, z. B. die alltäg-
lichen Entscheidungen, bei denen viele Faktoren aus ganz verschiedenen Bereichen
bedacht werden müssen, wie z. B. Bedeutsamkeit, Dringlichkeit, Aufwand, Wahr-
scheinlichkeit des Erfolgs usw., die sich begrifflich nicht oder nur sehr mühsam
miteinander verrechnen lassen. In dieser Hinsicht ist das sprachliche Denken
dauerhaft auf das Mitfungieren analogischer und gefühlsunterstützter Repräsenta-
tionssysteme angewiesen.
Die Höhe der Abstraktion kann daher nicht das einzige Kriterium des Leistungs-
vergleichs von Repräsentationssystemen sein, es kommt auch auf die Komplexität,
d. h. das Zusammenspiel vieler Faktoren an. Ein weiterer Gesichtspunkt ist die
Geschwindigkeit: Im Vergleich mit dem sprachlichen System der Darstellung von
Sachverhalten, Ereignissen, Handlungen usw. ist das szenisch-phantasmatische
System prinzipiell nicht langsamer. Beide Systeme der Repräsentation lassen hin-
sichtlich einfacher Zusammenhänge auch schnelle Folgerungen zu. Aber wenn
nicht-sprachliches Denken in dem Modus der langsamen Modifikation vor sich
geht, d. h. in dem Modus, der charakteristisch für sehr komplexe Probleme ist, dann
ist es deutlich langsamer als Schlüsse aus sprachlich repräsentierten Sachverhalten.
Ausgehend von einer problematischen Situation, wandeln sich unsere phantasmati-
schen Darstellungen dieser Situation über mehrere Zwischenstadien langsam zu
einer neuen charakteristischen Szene, die die erlebte Vergangenheit verändert und
ihr den Status eines geeigneten, erfahrungsgegründeten Plans für die Zukunft ver-
leiht. Aber dies braucht seine Zeit.
Der ganze Prozess der alltäglichen Erfahrung, der von der Erkenntnis einfacher
Sachverhalte über die Phase des nicht-sprachlichen Denkens zur Sedimentation in
der inaktuellen Form des Typus führt, sowie die Verlebendigung dieses Wissens als
Erinnerung muss unter dem Gesichtspunkt des nicht-sprachlichen Denkens neu
durchdacht werden. Es gibt nämlich ein weiteres, nicht-sprachliches und auch
nicht-symbolisches System der Erkenntnisbewahrung, das nicht mit dem szenisch-
phantasmatischen System gleichgesetzt werden kann, weil es nicht symbolisch
repräsentiert und somit deutlich ‚tiefer‘ liegt, als das szenisch-phantasmatische
und auch als das sprachliche System. Ich meine das System der Kenntnisbewahrung
in der langsamen, erfahrungsgegründeten Modifikation des Typus von Gegenstän-
den und Ereignissen, das Husserl in Erfahrung und Urteil (1939) beschrieben hat.
Dabei zeigt sich überraschender Weise, dass hierbei nicht nur die Erfahrung
behalten wird, sondern auch das Resultat der denkenden Umgestaltung im lang-
samen Modus des nicht-sprachlichen Denkens. Die Sedimentation im Typus von
1 Einleitung 19

Gegenständen und Ereignissen bewahrt die Erfahrung eines Subjekts in einer


jederzeit anwendbaren Form auf.
In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf, ob es für beide Arten von
Repräsentationssystemen jeweils unabhängige Formen der Erinnerung gibt. Es
zeigt sich nämlich schon in einfachen Fällen, dass die typusbasierte Erinnerung
und die sprachlich reaktivierbare Erinnerung oft scheinbar paradox auseinander
fallen. Dies eröffnet eventuell auch eine unaufwendige Interpretation dessen, was
die Psychoanalyse das Unbewusste nennt.
Ein großes Problem für die sprachliche Darstellung sind die bereits erwähnten
relativen oder graduellen Attributionen: Wie gut ist der Vorschlag A im Vergleich
mit dem Vorschlag B? Wie gut schmeckt mir dieses Essen im Vergleich mit jenem?
Alle Grade sind sprachlich nur sehr rudimentär so ausdrückbar, dass auch deren
Verhältnis untereinander zugleich ausgedrückt wird. Auch Bewertungen sind im
Allgemeinen sprachlich nur in roher Ungenauigkeit zu thematisieren. Besonders
der Vergleich und die Präferenz im Verhältnis zu „kreuzenden“ Bewertungen, die
z. B. aus einem ganz anderen Bereich stammen, sind nur schwer auszudrücken. Wir
sagen manchmal, dass das Essen für diesen Preis akzeptabel war usw. Wir verglei-
chen also Verschiedenes in ganz verschiedenen Hinsichten, und zwar auch in
solchen, die eigentlich nicht miteinander in einem berechenbaren oder begrifflich
bestimmbaren Verhältnis stehen.
Man könnte auch einen Vergleich zwischen dem nicht-sprachlichen System und
dem sprachlichen System des Denkens hinsichtlich des Umfangs der Gegenstände
anstellen, die sich im jeweiligen System darstellen lassen. Die leitende Frage wäre
dann: Welche Themen kann das eine und das andere System überhaupt behandeln?
Kann z. B. das nicht-sprachliche System prinzipiell alle Themen darstellen, die wir
auch mit Hilfe der Sprache behandeln können? Das ist unwahrscheinlich, denn mit
Hilfe der Sprache kann man hochstufige Allgemeinvorstellungen, wie z. B. Lebewe-
sen, Kausalität oder „Etwas“ denken, welche in den sinnlichkeitsnahen Darstellungen
des szenisch-phantasmatischen Systems nicht repräsentiert werden können. Auf den
ersten Blick könnte man daher vermuten, dass das nicht-sprachliche System von den
Leistungen der Sprache vollständig umfasst wird. Das hieße: Mit Hilfe der Sprache
können wir alle Themen behandeln, die wir auch mit Hilfe nicht-sprachlicher Re-
präsentationssysteme behandeln können, das Umgekehrte gilt nicht. Gegen diese
Ansicht sprechen jedoch ernst zu nehmende Argumente, denn es gibt viele Themen,
über die wir nicht gut mit Sprache nachdenken können. So lassen sich z. B. die in
langjährigen Erfahrungen gewachsenen komplexen Beziehungen zwischen einander
nahe stehenden Menschen mit Hilfe der Sprache nur schwer präzise darstellen, und
wenn es überhaupt möglich ist, dann nimmt eine zutreffende Beschreibung sehr viel
Raum ein; manchmal benötigt man dazu einen ganzen Roman.
Im siebten Kapitel geht es um einige Probleme innerhalb des szenisch-
phantasmatischen Systems und um mögliche Konflikte mit dem sprachlichen
System und anderen Erfahrung bewahrenden Systemen im Bewusstsein. Eine sehr
auffällige Besonderheit ist, dass sich szenisch-phantasmatisches Denken nicht
immer an alle Regeln der Logik halten muss. Das zeigt sich z. B. in der neurotischen
20 1 Einleitung

Verschiebung, Inversion usw. Dass solche radikalen Veränderungen in einem Erfah-


rung konservierenden System überhaupt möglich sind, hängt damit zusammen, dass
das szenisch-phantasmatische System überwiegend von einsamen Denkern verwen-
det wird, die nicht oder wenig kommunizieren und sich deshalb in ihrem Denken auch
nicht an die Standards und Normen der Kommunikation gebunden fühlen (Identität,
Widerspruchsfreiheit, . . .). Nicht-sprachliche Systeme des Denkens müssen aber
dennoch Maßstäbe beachten, es sind allerdings andere als die der Logik des sprach-
lichen Denkens und wichtigere, die z. B. darin bestehen, dass sie die guten oder
schlechten Erfahrungen eines Subjekts aufbewahren, und dass sie sie in einer für
die weitere Anwendung geeigneten Form bewahren.
Eine weitere Schwierigkeit im szenisch-phantasmatischen System besteht in der
Überlagerung von Gefühlen, die aus verschiedenen Quellen stammen, aber dies ist
ein Problem, das es mit dem sprachlichen System teilt, welches viele Bedeutsam-
keitsaspekte auch nur mit Hilfe von Gefühlen darstellen kann. So kann z. B. die
gefühlte Sicherheit hinsichtlich des Bestehens eines Sachverhalts durchaus von der
Stärke des Wunsches, mit der wir einen bestimmten Zustand herbeisehnen,
überlagert, d. h. verstärkt oder geschwächt werden. Das erscheint uns nicht ‚ratio-
nal‘, aber hier zeigt sich zugleich eine der großen Vorzüge des szenisch-phan-
tasmatischen Systems, nämlich gerade solche gefühlten Faktoren der Bedeut-
samkeit in Entscheidungen mit einfließen zu lassen. Denn nur auf diese Weise
bleiben wir in multifaktoriell beeinflussten Situationen des Alltags, und das heißt,
genau da, wo sprachliche Systeme versagen, noch handlungsfähig.
Ähnliche Überlagerungen kommen zwischen der Erinnerung und den szenisch-
phantasmatischen Elementen unseres Bewusstseinslebens vor, die zur Repräsenta-
tion dieser Sachverhalte erzeugt werden. So werden z. B. in einer suggestiven
Befragung vom Subjekt auch oft die absichtlich gefälschten Sinnelemente in
szenisch-phantasmatischer Darstellung vorgestellt, denn nur so können wir sie im
szenisch-phantasmatischen System denken. Hierdurch kann es jedoch zu einer
Beeinflussung unserer Erinnerung kommen, die das phantasmatisch Vorgestellte
in unsere Erinnerungen gleichsam einfließen lässt. Wir sprechen dann von Erinne-
rungstäuschungen.
Ferner gibt es interessante antagonistische Effekte zwischen einerseits dem
langsamen, nicht-sprachlichen und auch nicht-symbolischen System der vorpr€ a-
dikativen Erfahrung und den ihm gegenüber schnelleren symbolischen Systemen,
also z. B. das szenisch-phantasmatische System und die Sprache. Dies zeigt, dass
wir es wenigstens mit drei Schichten von Erfahrung konservierenden und verar-
beitenden Systemen im menschlichen Bewusstsein zu tun haben, und dass wir im
tierischen Bewusstsein zumindest von zwei Stufen der Erfahrungsverarbeitung
ausgehen müssen.
Im achten Kapitel soll die Verwendung von analogischen Repräsentationssyste-
men in verschiedenen angewandten Feldern diskutiert werden, z. B. in der Diag-
nose, in einigen Formen der Therapie und in der Mathematik. Die meisten Anwen-
dungen analogischer Formen des Denkens und der Kommunikation, z. B. in der
Familientherapie, sind bekannt, aber durch das bessere Verständnis der Differenz
zwischen der analogischen Semantik nicht-sprachlicher Repräsentationssysteme
1 Einleitung 21

und der Konventions-Semantik der Sprache erscheinen sie in einem ganz neuen
Licht. Vor allem wird klar, wie leistungsfähig die analogische Semantik ist, und
auch, dass nicht-sprachliche Repräsentationssysteme an vielen Stellen unseres
Welt- und Selbstverständnisses unentbehrliche und grundlegende Leistungen über-
nehmen. Dasselbe gilt für die Verwendung analogischer Semantik in der (Wieder-)
Herstellung der Kommunikationsfähigkeit bei behinderten Menschen und auch bei
Schlaganfallpatienten mit chronischer Aphasie. Ein ebenfalls wichtiger Punkt wird
mit der Funktion nicht-sprachlicher Repräsentationssysteme im mathematischen
Denken und Beweisen berührt. Hier zeigt sich, dass es keineswegs nur die alltags-
nahen Themen sind, bei denen man von der analogischen Semantik produktiven
Gebrauch machen kann. Auch in der Mathematik sind viele der grundlegenden
Denkleistungen analogisch basiert und nicht diskursiv-begrifflich.
Im neunten Kapitel geht es um Temple Grandins Autobiographie Thinking in
pictures. Sie ist Autistin, sowohl wissenschaftlich als auch kommerziell sehr erfolg-
reich, und lehrt im Fach Tierpsychologie. Ihre Autobiographie beginnt mit den
Worten: „I think in pictures. Words are like a second language to me. I translate both
spoken and written words into full-color movies, complete with sound, which run like
a VCR tape in my head.“ Zudem ist sich Grandin über viele Probleme dieser Art zu
denken und auch der Unterschiede gegenüber dem sprachbasierten Denken bewusst.
In ihrer Autobiographie stellt sie dar, wie sie denkt, und diskutiert eine Reihe von
Problemen, die für das szenisch-phantasmatische System spezifisch sind, darunter
auch die Schwierigkeiten der bildhaften Repräsentation von Allgemeinvorstellungen
und von Begriffen, die kein visuelles Äquivalent haben (Sein, Kausalität, Gott, . . .).
Ihre Erfahrungen mit der visuellen Art zu denken und ihre Deutungen der Methoden
und Probleme des nicht-sprachlichen Denkens stimmen weitgehend mit meiner bishe-
rigen Analyse überein. Diese autobiographische Quelle zeigt, dass es Denker gibt, die
das szenisch-phantasmatische System primär nutzen, nicht nur als Subsystem des
sprachlichen Denkens, wie dies bei den meisten Menschen der Fall sein dürfte.
Im zehnten Kapitel folgt eine kurze Darstellung und Kritik des Versuchs von Jose
Bermúdez unter dem Titel Thinking without words, innerhalb der analytischen theory
of mind eine theoretische Grundlage für das Verstehen von nicht-sprachlichem
Denken zu bieten. Seine Konzeption trägt aber nicht zu der hier vorgestellten phä-
nomenologischen Konzeption des nicht-sprachlichen Denkens bei.
Da dieses Buch eine lange Entstehungsgeschichte hat, bin ich sehr vielen Per-
sonen zu Dank verpflichtet. Ich nenne allen voran die Mitarbeiter des Kölner
Husserl-Archivs, aber auch die vielen Kollegen und Forscher, mit denen ich Teile
meiner Thesen diskutieren konnte. Von ihnen habe ich viele Anregungen, Unter-
stützungen und Hinweise erhalten. Besonderer Dank gilt meiner Frau Ulla, mit der
ich viele der behandelten Fragen diskutiert habe, aber auch meinen Kollegen und
Freunden Mitsu Okada, Jagna Brudzinska, Dan Zahavi, Ullrich Melle und Richard
Kozlowski. Dirk Fonfara und Klaus Sellge danke ich für Ihre Hilfe bei der
Letztredaktion des Textes.
Kapitel 2
Die prinzipielle Möglichkeit nicht-
sprachlicher Repräsentations-Systeme

2.1 Repräsentations-Systeme bei Mensch und Tier –


Alternativen zur Sprache auf der Basis von Husserls
Theorie der bedeutunggebenden Akte

In diesem Kapitel soll die prinzipielle Möglichkeit eines nicht-sprachlichen Re-


präsentationssystems (NSRS) begründet werden. Hierzu gehe ich auf die Methoden
der Phänomenologie ein, sowie auf Husserls Theorie der Erkenntnis und der Be-
deutung. Hiermit sollen die erkenntnistheoretischen Grundlagen für eine Theorie
des Denkens ohne Sprache gelegt werden. Dieses Kapitel ist allerdings relativ dicht
geschrieben, und es behandelt wichtige, zum Teil recht komplizierte Grundlagen-
fragen. In systematischer Hinsicht ist es unentbehrlich, es kann aber vielleicht bei
der ersten Lektüre übergangen werden, um sich von tief liegenden Analysen nicht
zu sehr abschrecken zu lassen.
Dieses Kapitel hat eine mehrfache Funktion zu erfüllen. Einerseits bildet es
eine unentbehrliche systematische Grundlage für die meisten der folgenden Unter-
suchungen. Dazu geht es auf zentrale Lehrstücke der Phänomenologie ein, die die
Möglichkeit des Denkens ohne Sprache aus der Sicht dieser Methode verständlich
machen. Zudem müssen an manchen entscheidenden Stellen naheliegende, gleich-
wohl falsche Interpretationen aufgegriffen, aber auch zurückgewiesen werden.
Ferner gibt es einige Analysen, die tief in die Theoriebildung der Phänomenologie
der Erkenntnis eindringen. Diese sind natürlich für Anfänger weniger zugänglich,
hingegen für die informierten Spezialisten unumgänglich.
Es soll auch demjenigen, der sich noch nicht intensiv mit der Phänomenologie
Husserls beschäftigt hat, einen ersten Einblick in die phänomenologische Theorie
des Wahrnehmens, Erkennens und Denkens geben. Generell will Husserl eine
deskriptiv-eidetische Aufklärung der Art und Weise leisten, wie wir wahrnehmen,
erkennen und denken. Seine Zielsetzung und seine Methoden unterscheiden sich
jedoch von den meisten anderen Zugangsweisen, die sich heute selbst ebenfalls als
Phänomenologie verstehen (Heidegger, Sartre, Merleau-Ponty, Derrida, Henry u. a.).

© Springer International Publishing Switzerland 2016 23


D. Lohmar, Denken ohne Sprache, Phaenomenologica 219,
DOI 10.1007/978-3-319-25757-0_2
24 2 Die prinzipielle Möglichkeit nicht-sprachlicher Repräsentations-Systeme

Ich werde zuerst in abstrakter Weise den Begriff eines symbolischen Re-
pr€asentations-Systems f€ ur kognitive Inhalte (kurz: Repräsentationssystem) disku-
tieren: Ein solches Repräsentations-System soll es ermöglichen, sich Gegenstände
des Denkens, wie z. B. eine Einsicht, ein Ereignis, eine Folgerung, eine kontrafakti-
sche Möglichkeit usw., auch ohne die diesem Gegenstand entsprechende Anschauung
vorzustellen. Diese Funktion lässt sich für Menschen am besten am Beispiel der
Sprache erläutern, die – neben anderen Systemen – ein solches symbolisches System
der Repräsentation darstellt. Im Fall der Sprache gelangen Worte und Sätze in die
Funktion, Gegenstände und Erkenntnisse mit Hilfe von sprachlichen Symbolen zu
intendieren, d. h. sie ohne angemessene Anschauung meinen zu können.
Um zu verstehen, wie im Rahmen der phänomenologischen Theorie des Erken-
nens und Bedeutens die Möglichkeit von nicht-sprachlichen Systemen des Denkens
gegeben ist, skizziere ich zuerst kurz das ganze Argument und werde danach auf die
einzelnen Teile zurückkommen.
Um die Möglichkeit der Intentionen auf Gegenstände mit Hilfe von Zeichen
verständlich zu machen, greife ich auf Husserls Analysen zum Verhältnis der An-
schauung eines Sachverhalts und den sich daran anschließenden, bedeutunggebenden
Akten zurück. Sachverhalte sind in kategorialer Anschauung gegeben. Ein großer
Teil der 6. Logischen Untersuchung ist dieser phänomenologischen Theorie der
Erkenntnis gewidmet. Sie klärt, wie Sachverhalte selbst anschaulich gegeben sein
können. Wir werden uns daher kurz mit der Theorie der kategorialen Anschauung
beschäftigen müssen. Wenn wir aber nicht nur Erkenntnisse haben wollen, die auf der
niedrigsten möglichen Ebene liegen, d. h. noch in der Wahrnehmung fundiert sind,
dann müssen wir in der Lage sein, über diese Erkenntnis nachzudenken, z. B. Schlüsse
daraus zu ziehen usw. Das heißt, dass höherstufige Erkenntnis nur mit Hilfe eines
Repräsentationssystems möglich ist. Deshalb müssen im Anschluss an die kategoriale
Anschauung bedeutunggebende Akte vollzogen werden, damit ein Zeichen oder eine
Zeichenkombination jene kategoriale Intention tragen kann, d. h. damit das Zeichen
diese Bedeutung erhält. Zeichen haben also nicht von sich aus eine Bedeutung,
sondern sie erhalten sie jeweils in einem eigenen Akt, der in enger Verbindung mit
der kategorialen Anschauung eines Sachverhalts vollzogen wird. Husserls Theorie
der Bedeutung wird daher ebenfalls dargestellt werden müssen.
Wenn aber die Bedeutung eines Zeichens (sei es sprachlich oder nicht), welches
wir zur Intention auf ein Ding, ein Ereignis oder einen Sachverhalt verwenden, erst
durch einen bedeutunggebenden Akt entsteht und festgelegt wird, dann kann es auf
der Basis dieses Modells zum Verständnis der Bedeutung von Zeichen durchaus
Alternativen zur Sprache als System der Repräsentation von Erkenntnisintentionen
geben. Die Leistung des Wahrnehmens und Erkennens – auf elementarer und auch
auf höherer Ebene – ist zu einem großen Teil davon unabhängig, ob wir den Inhalt
der Erkenntnis wieder für uns selbst reproduzieren können, und auch unabhängig
davon, ob wir sie mit Hilfe eines symbolischen Zeichens wieder leer (nicht
anschaulich) vorstellen können. Ebenso ist Erkenntnis in ihren elementarsten For-
men nicht davon abhängig, dass wir sie in eine kommunizierbare Form bringen
können. Anschauliche kategoriale Intentionen von elementaren Einsichten, die auf
dem Boden bisheriger Erfahrungen und der Sinnlichkeit allein erfüllt werden
2.2 Kategoriale Anschauung 25

können, sind dagegen die Grundlage dieser Bedeutunggebung, und sie sind weit-
gehend unabhängig von einem Repräsentationssystem. Dies gilt sowohl für ein
einsames Denken, als auch für ein Denken, das kommunikativ mitgeteilt werden
kann und soll. Aus der Sicht der phänomenologischen Theorie des Erkennens und
Bedeutens kann es daher durchaus Alternativen zur Verwendung der Sprache ge-
ben, d. h. prinzipiell kann es auch nicht-sprachliche Repräsentations-Systeme
(NSRS) für einsame Denker geben.1 Damit sind solche Spezies oder Einzelperso-
nen gemeint, die mit einem Repräsentationssystem denken, das nicht zur Kommu-
nikation geeignet ist.
Neben den einfachsten Fällen von Erkenntnissen, die sich auf der Basis eigener
Erfahrung und der Sinnlichkeit erfüllen lassen, gibt es natürlich auch Erkenntnisse
höherer Stufe, die von dem Gebrauch eines Repräsentationssystems abhängig sind
– sei es Sprache oder ein nicht-sprachliches Repräsentationssystem.2 Die Unabhän-
gigkeit des Erkennens einfacher Sachverhalte vom erneuten Denken derselben
Erkenntnis und auch von der Kommunikation darüber beruht insbesondere darauf,
dass Husserl Erkenntnis als Anschauung begriffen hat. Anschauung hat im Fall von
einfachen Sachverhalten jedoch einige Besonderheiten, auf die wir jetzt genauer
eingehen werden.

2.2 Kategoriale Anschauung

Husserls Theorie der kategorialen Anschauung in der 6. Logischen Untersuchung


gilt als schwierig. Es gibt jedoch bereits eine Reihe von Darstellungen dieser
Theorie, und ich werde mich daher hier kurz fassen können.3 Diese Theorie will
die Frage klären, wie Aussagen wie ‚Das Buch liegt auf dem Tisch‘, ‚Der Tisch ist
grün‘ in der Anschauung erfüllt werden. Es geht Husserl darum, wie die Gegen-
stände der Erkenntnis, die z. B. solche sprachliche Aussagen ausdrücken, selbst
anschaulich werden. In diesen Urteilen gibt es einige Elemente, die sich sinnlich
erfüllen lassen: das Buch, der Tisch und die grüne Farbe. Doch was erfüllt das ‚auf
dem Tisch liegen‘ bzw. das ‚grün sein‘? Deren Erfüllung kann Sinnlichkeit allein
nicht leisten. Ich kann wohl das Grün sehen, aber nicht in derselben Weise das
Grün-Sein sehen, denn das prädikative Sein ist nichts Wahrnehmbares. Dies trifft
auf alle kategorialen Formen zu: ein, und, alle, wenn, dann, oder, alle, kein, nicht
usw.4 Dennoch muss es einen Akt geben, der diesen Intentionen Fülle gibt. Aus

1
Vgl. hierzu meine kurze Darstellung (Lohmar 2010b).
2
Für diese Differenz und die Analyse der höherstufigen Formen des denkenden Erkennens auf der
Basis von symbolischen Repräsentationen vgl. hier Abschn. 6.2.
3
Vgl. Tugendhat 1970, S. 111–136; Sokolowski 1970, S. 65–71; Sokolowski 1974, §§ 10–17;
Ströker 1978, S. 3–30; Sokolowski 1981, S. 127–141; Willard 1984, S. 232–241; Ströker 1987,
S. 44 f., 49 ff.; Rosado Haddock 1987; Lohmar 1990; Seebohm 1990; Cobb-Stevens 1990; Lohmar
1998, S. 178–273; Lohmar 2002a, 2008d.
4
Vgl. Hua XIX/1, S. 664, 667.
26 2 Die prinzipielle Möglichkeit nicht-sprachlicher Repräsentations-Systeme

diesem Grund erweitert Husserl den Begriff der Anschauung, der in erster Linie auf
die schlichte, sinnliche Anschauung bezogen ist, zu dem Begriff der kategorialen
Anschauung.5
Husserls Unterscheidung von schlichter und kategorialer Anschauung in § 47 der
6. Logischen Untersuchung bildet die Grundlage der phänomenologischen Theorie
der Erkenntnis. Der Gegensatz wird durch die Analyse der schlichten und fun-
dierten Akte geklärt. Schlichte Anschauung, z. B. sinnliche Wahrnehmung, gibt
ihren Gegenstand „direkt“, „unmittelbar“, „in einer Aktstufe“, „mit einem Schlage“,
und sie beruht in ihrer gebenden Funktion nicht auf fundierenden Akten.6 Die
kontinuierliche Wahrnehmung eines realen Gegenstandes ist dagegen eine
schlichte Intention, auch wenn sie zeitlich erstreckt ist. Es handelt sich bei ihr nicht
um eine Komplexion von Akten mit jeweils verschiedenen Gegenständen, sondern
um die kontinuierliche Verschmelzung von Akten mit demselben Gegenstand.
Die kategoriale Anschauung ist dagegen in anderen, einstrahligen Akten fun-
diert.7 Sie bezieht sich jedoch auf ihren Gegenstand nicht einstrahlig-schlicht,
sondern mehrgliedrig-fundiert. In den fundierenden Akten werden die Gegenstände
intendiert, die dann im kategorialen Akt, z. B. in einer Prädikation, aufeinander
bezogen werden. Das bedeutet, dass im kategorialen Akt neue, kategoriale Gegen-
ständlichkeiten intendiert sind, die auch nur in solchen fundierten Akten gegeben
sein können. Die erfüllende Funktion der kategorialen Anschauung kann nur in
einem Komplex mehrerer, aufeinander aufgebauter Akte geleistet werden. Katego-
riale Akte sind in diesen vorangehenden oder mit ihnen verschmolzenen Akten
einseitig fundiert. In den einfachsten Fällen können die fundierenden Akte schlichte
Wahrnehmungen sein. Wir sagen: ‚Ich sehe, dass dies ein Buch ist‘, obwohl wir
wissen, dass wir diese Tatsache nicht in derselben Weise ‚sehen‘, wie wir das Buch
sehen. Die Rede vom ‚Sehen‘ betont jedoch den Anschauungscharakter erfüllter
kategorialer Akte. Kategoriale Anschauung ist fundiert z. B. in Akten, in denen die
Gegenstände intendiert werden, die in der Prädikation aufeinander bezogen werden.

5
Die Theorie der kategorialen Anschauung gilt in einigen Interpretationen als schwierig, dunkel
oder sogar als verfehlt. Manchmal wird auch vermutet, dass Husserl diese Lehre später ganz
aufgegeben hat. Diese letztere Vermutung wurde durch Husserls Selbstkritik an seiner ersten,
verfehlten Deutung der kategorialen Repräsentation im 7. Kapitel angeregt. Seine Selbstkritik fiel
sehr kurz und unpräzise aus. Er schreibt im Vorwort der 2. Auflage der 6. Logischen Untersu-
chung, dass er „die Lehre von der kategorialen Repräsentation nicht mehr billigt“ (Hua XIX,
S. 534 f.). Eine angemessene Rekonstruktion der Intentionen Husserls muss sich daher von den
irreführenden Motiven seiner ersten Deutung der kategorialen Repräsentation im 7. Kap. der
6. Logischen Untersuchung befreien. Vgl. hierzu auch Lohmar 1990.
6
Vgl. hierzu die 6. Logische Untersuchung, Hua XIX, S. 674, 676, und Erfahrung und Urteil
(Husserl 1939), S. 301.
7
Es handelt sich hier allerdings immer um den Begriff von einseitiger Fundierung und nicht um
wechselseitige Fundierung. In der 3. Logischen Untersuchung ist dagegen der Begriff wechsel-
seitiger Fundierung vorherrschend. Zum Gegensatz der wechselseitigen und der einseitigen Fun-
dierung vgl. Hua XIX, S. 270 f., 283–286, 369. Zu dem Fundierungsbegriff der 6. Logischen
Untersuchung vgl. Hua XIX, S. 678, und Nenon 1997.
2.2 Kategoriale Anschauung 27

In ihr selbst sind jedoch neue Gegenständlichkeiten gegeben, die nur in solchen
fundierten Akten gegeben sein können, z. B. das ‚ist rot‘, ‚ist größer als‘ usw.8
Es gibt verschiedene Formen der kategorialen Anschauung, und es gibt jeweils
eine ihnen entsprechende Form der Erfüllung, d. h. einen jeweils anderen Evidenz-
stil. In der 6. Logischen Untersuchung stellt Husserl nur einige grundlegende For-
men dar, die als exemplarische Muster für die Analyse der weiteren Formen dienen
sollen.9
Im § 48 der 6. Logischen Untersuchung untersucht Husserl die Aktfolge bei der
synthetisch-kategorialen Anschauung.10 Dabei ergeben sich drei deutlich unter-
schiedene Schritte bzw. Phasen. Nehmen wir als Beispiel ‚Diese Tür ist blau.‘11
Die fundierenden schlichten Wahrnehmungen müssen also eine Wahrnehmung der
Tür und ihres unselbständigen Momentes ‚blau‘ sein. Im ersten Schritt (1) intendie-
ren wir den ganzen Gegenstand gleichsam ungegliedert-ineins in einem schlichten
Akt. Husserl nennt ihn Gesamtwahrnehmung. Die Teile des Gegenstandes sind
dabei zwar mit vorgestellt, sie werden in diesem ersten, schlichten Zugreifen aber
nicht zu expliziten Gegenständen; dennoch sind die Partialintentionen des Aktes
solche Elemente der Gesamtintention, die schon als mögliche Gegenstände einer
gezielten Zuwendung gemeint sind.12

8
Vgl. Hua XIX, S. 674 ff.
9
Die 6. Logische Untersuchung thematisiert die Identität eines Gegenstandes (Hua XIX,
S. 679 ff.), das Verhältnis von Teil (Stück oder Moment) und Ganzem (Hua XIX, S. 681 ff.),
Relationen (Hua XIX, S. 683 f., 687 f.), Kollektiva und Disjunktiva (Hua XIX, § 51), die Anschau-
ung des Allgemeinen (Hua XIX, § 52), die bestimmte (‚das A‘) und unbestimmte Einzelauffassung
(‚ein A‘). Vgl. auch Hua XIX, S. 678 f., 681 f., 683 f., 688 f., 690 ff.
10
Die Unterscheidung von synthetischen kategorialen Akten, die „auf die Gegenstände der fun-
dierenden Akte mitgerichtet“ sind, und abstraktiven kategorialen Akten, „bei denen die Gegen-
stände der fundierenden Akte in die Intention des fundierten [Aktes] nicht mit eintreten“, wird nur
in dem jeweils ersten Absatz von § 52 und § 47 kurz genannt. Zu den ersteren gehören Identifika-
tion, Prädikation, Relationen, Kollektiva und Disjunktiva usw., zu der zweiten Gruppe gehört die
ideierende Abstraktion.
11
In der 6. Logischen Untersuchung fasst Husserl unter dem Verhältnis von Ganzem und Teil zwei
Dinge zusammen, die er in Erfahrung und Urteil (Husserl 1939) trennt: das Verhältnis von
Ganzem und selbständigem Teil (Stück) und das von Ganzem und unselbständigem Moment. Er
gebraucht den Begriff ‚Teil‘ also in dem von ihm festgelegten, weitesten Sinne (Hua XIX,
S. 680 f., 231; Husserl 1939, §§ 50–52). Auch in Erfahrung und Urteil sind die beiden Formen
‚S ist p‘ und ‚S hat M als Teil‘ bezüglich der Art ihrer Konstitution gleichwertig (vgl. Husserl
1939, S. 262).
12
Husserl wird später diese Möglichkeit der gezielten thematischen Zuwendung zum Charakte-
ristikum der Horizontintentionen machen. Vgl. Ideen I, Hua III/1, S. 57, 71 ff. Auch hier gibt es
‚nebenbei‘ und ‚primär‘ Bemerktes, Hua III/1, S. 212 f. Die meisten schlichten intentionalen
Gegenstände haben einen ähnlichen Charakter wie die Tür, d. h. sie bestehen nicht nur aus einer
einzigen Intention, sondern aus einer primären Intention auf das Ganze und einer ‚Menge‘ von
sekundären Partialintentionen auf Details oder andere Dinge, die mit ihr verbunden vorkommen.
Diese Partialintentionen sind dadurch gekennzeichnet, dass ich im Vollzug der Gesamtintention
schon weiß, dass ich mich jeder dieser Teilintentionen ebenfalls thematisch zuwenden könnte.
Diese Einsicht ist also in den Logischen Untersuchungen schon vorbereitet und wird Husserl in
den Ideen I zum Begriff der Horizontintentionalität führen.
28 2 Die prinzipielle Möglichkeit nicht-sprachlicher Repräsentations-Systeme

Im zweiten Schritt (2) wird der Gegenstand in explizierender Weise aufgefasst,


d. h. wir heben seine bisher implizit mitgemeinten Teile in gliedernden Akten
heraus. Damit werden sie Gegenstände von Akten, die eigens auf sie gerichtet sind,
obwohl die Intention der explizierenden Akte im ganzen noch demselben Gegen-
stand gilt, d. h. der Tür. Diese Sonderwahrnehmungen sind immer noch schlichte
Akte, deren Hauptgegenstand derselbe geblieben ist, d. h. die Tür, welche aber jetzt
sozusagen durch die Intention auf die Farbe hindurch intendiert wird. In der Ge-
samtwahrnehmung werden die Teile dieses Gegenstandes implizit mitgemeint, in
der Sonderwahrnehmung werden sie explizit aufgefasst und stehen im Vordergrund
der Aufmerksamkeit.
Im Wechsel von Gesamtwahrnehmung zu Sonderwahrnehmung handelt es sich
beide Male um schlichte Akte. In der Gesamtwahrnehmung meinen wir die Farbe
der Tür lediglich implizit mit, sie bleibt dabei in dem nicht-expliziten Hintergrund
der Aufmerksamkeit. In den Sonderwahrnehmungen meinen wir die Tür dagegen
gleichsam durch die explizite, aufmerksame Intention auf ihre Farbe oder durch
andere Sonderintentionen hindurch. Dabei wird derselbe sinnliche Repräsentant
aufgefasst, und zwar sowohl als derselbe Gegenstand als auch im gleichen Auf-
fassungsmodus, und dennoch in verschiedener Weise, nämlich einmal implizit, das
andere Mal explizit. Im Übergang von der Gesamtwahrnehmung zur Teilwahrneh-
mung stellen sich dann zwischen den Partialintentionen beider Intentionen De-
ckungssynthesen ein. Wir bemerken sozusagen in diesen Deckungssynthesen auf
unthematische Weise, dass wir denselben Gegenstand wahrgenommen haben, und
dass dieser Gegenstand nicht nur irgendeine Farbe hat, sondern dass er blau ist.
Aber dieses Bemerken ist noch kein Erkennen.
In dem entscheidenden, dritten Schritt (3) müssen daher die herausgehobenen
Teile und Momente der Tür in einem sie umgreifenden, kategorialen Akt syn-
thetisch zusammen-gemeint werden. Sie können z. B. in beziehenden Akten mitei-
nander oder mit dem Ganzen (der Tür) in Beziehung gesetzt werden: ‚Die Tür ist
blau‘. Erst in diesem Akt gewinnen die aufeinander bezogenen Glieder den neuen
Charakter als Beziehungsglied im Sinne einer kategorialen Beziehungsform, d. h.
hier ist ein neuer Gegenstand gemeint. Diesen Dreischritt von (1) erstem, schlich-
tem Gesamtwahrnehmen, (2) heraushebenden, gliedernden Sonderzuwendungen
und (3) dem eigentlich kategorialen Zusammen-Meinen finden wir bei allen
synthetisch-kategorialen Formen.
Die zentrale Entdeckung der Theorie der kategorialen Anschauung ist die Rolle
der Deckungssynthesen zwischen Partialintentionen von Akten mit unterschied-
lichem Vollzugsmodus. Husserl versucht, die Besonderheiten der Deckungssynthe-
sen zwischen den intentionalen Akten und ihren Partialintentionen mit einem
Modell aus der Mengenlehre verständlich zu machen: Jeder intentionale Akt wird
dann als eine Menge von Partialintentionen beschrieben, die einerseits unterschied-
liche Aktivitätsmodi haben (z. B. als Vordergrund- und Hintergrundintentionen) als
auch unterschiedliche Erfüllung sowie ihrer Erfüllung gemäß verschiedene Ge-
wissheitsmodi. Die bemerkte Deckung zwischen diesen Intentionen-Mengen im
Sinne einer ‚Schnittmenge‘ ergibt dann eine neue Anschauung, die wieder in die
Funktion der Darstellung gebracht werden kann (d. h. in dem technischen Sinn als
2.2 Kategoriale Anschauung 29

Anschauung gebender Repr€ asentant für eine höherstufige Intention aufgefasst


werden kann) und so Erkenntnis anschaulich macht.
Man fragt sich hier natürlich, wie alle diese Teilintentionen ohne Sprache zu
denken sind. Doch – wie wir später sehen werden – muss man die Intentionen auf
Dinge nicht notwendig in einem sprachlichen Modus vorstellen, sondern kann auch
Phantasmen dieser Dinge als bildhafte Darstellungen ihrer selbst ansehen. Bildhafte
Darstellungen scheinen zunächst schwer vereinbar mit dem Modell der Mengen
und der Deckung zwischen diesen Mengen zu sein. Es lässt sich aber zeigen, dass
die Theorie der kategorialen Anschauung unabhängig von dem System der symbo-
lischen Repräsentation der schlichten Intentionen ist (Sprache oder Phantasma).
Insofern ist gerade das Modell der Mengen für das Verständnis der Deckungs-
synthesen hilfreich, denn über die Weise, wie die Intentionen symbolisch darge-
stellt werden, ist damit nichts präjudiziert.13
In ‚Die Tür ist blau‘ gewinnen T€ ur und blau in der kategorialen Formung den
Charakter von eigenschaftlichem Moment und Eigenschaft tragendem Ganzem.
Hierbei ist aber nicht eine weitere Auffassung der Tür vorgenommen, die wiederum
eine schlichte Auffassung wäre. Der kategoriale Akt intendiert etwas ganz anderes
als die Tür oder das Blau, nämlich ‚dass die Tür blau ist‘, und hat diesen Sachver-
halt eventuell auch erfüllt gegeben. Innerhalb dieser kategorialen Gesamtintention
sind eigenschaftliches Moment und Eigenschaft tragendes Ganzes jeweils unselb-
ständige Momente.
Der höherstufige Akt bezieht sich entweder synthetisch-kategorial auf die Ge-
genstände der schlichten Akte oder meint bevorzugt ein abstraktes Moment, für das
sie lediglich ein anschaulicher Fall sind (abstraktiv-kategoriale Akte).14 Die Er-
füllung des kategorialen Aktes hängt also oft von fundierenden, schlichten Wahr-
nehmungsakten ab, aber nicht immer. Aber selbst in diesen einfachsten Fällen
hängt die Erfüllung keineswegs ausschließlich von der Fülle der fundierenden Akte
ab, sondern immer auch von den Deckungssynthesen.15 Wenn wir die vollständige
Abhängigkeit der Fülle der fundierten Akte von der Fülle der fundierenden Inten-
tionen behaupten würden, dann führte dies zu paradoxen Folgerungen: Die Sätze
der axiomatischen Mathematik und der Algebra könnten dann keine Evidenz mehr
für sich in Anspruch nehmen, weil sie immer innerhalb der signitiven Intention blei-
ben. Sinnliche Anschauung kann in einfachen Fällen einen Beitrag zur

13
Hier ist immer zu unterscheiden: die sinnlichen Repräsentanten, die Wahrnehmungen erfüllt
machen können und die Repräsentanten, die kategoriale Anschauung erfüllen können. Hierbei
geht es hauptsächlich um Deckungssynthesen von Partialintentionen. Diesen Beiden steht die
symbolische Repräsentation gegenüber, die nicht mehr die Funktion der Erfüllung hat, sondern die
Funktion übernimmt, die kategorialen Inhalte auch ohne ihre Anschauung leer zu meinen.
14
Vgl. hier die Anmerkung 9.
15
Husserl selbst hat einmal (in dem problematischen 7. Kapitel der 6. Logischen Untersuchung)
mit Beziehung auf die kategorialen Synthesen von einer „funktionalen Abhängigkeit der Adäqua-
tion (Evidenz) des Gesamtaktes von der Adäquation der fundierenden Anschauungen“ (Hua XIX,
S. 704) gesprochen.
30 2 Die prinzipielle Möglichkeit nicht-sprachlicher Repräsentations-Systeme

Erfüllung der kategorialen Intention leisten, aber in den höherstufigen Formen


werden die kategorialen Intentionen nur noch von den Deckungssynthesen erfüllt.
Ich rekapituliere die Thesen noch einmal anhand der Beispiele. Die Funktion der
Deckungssynthesen ersieht man nicht nur bei abstrakten Einsichten, wie in der
Mathematik, sondern schon bei ‚Die Tür ist blau‘. Nachdem die Gesamtwahrneh-
mung der Tür vollzogen ist, wird das Blaumoment der Tür zum Gegenstand einer
explizit darauf gerichteten Sonderwahrnehmung. In der Sonderwahrnehmung des
‚blau‘ sehen und intendieren wir das Blau jedoch nicht das erste Mal. Die Partial-
intention auf das Blau war bereits in der ersten, schlichten Gesamtwahrnehmung
der Tür implizit mit enthalten. Dieser impliziten Partialintention entspricht die
Möglichkeit einer expliziten Sonderwahrnehmung. Im Übergang von der Gesamt-
wahrnehmung zur Sonderwahrnehmung stellt sich dann eine Deckungssynthesis16
zwischen diesen beiden Intentionen ein. Es decken sich die explizite Intention der
Sonderwahrnehmung auf das Blaumoment und die implizite Partialintention der
Gesamtwahrnehmung auf das Blau. Entscheidend ist die Einsicht, dass es die
intentionalen Momente der Akte sind, die sich decken, nicht die Elemente der
Sinnlichkeit. Es handelt sich um eine Deckung der intentionalen Auffassungen
bzw. ihrer Partialintentionen.17 Diese Deckung zwischen Partialintentionen dient
dann als Anschauung gebender Repräsentant (Anhalt) für die synthetisch-kate-
goriale Intention ‚Die Tür ist blau‘, d. h. diese Deckungssynthesis dient der kate-
gorialen Auffassung als erf€ullender Inhalt. Die in der Aktkomplexion der katego-
rialen Anschauung zielstrebig herbeigeführte Deckungssynthesis stellt nun das
‚Blau-Sein‘ der Tür anschaulich dar. Sie ist der Inhalt, der die kategoriale Intention
erfüllt.18
Husserls Theorie der kategorialen Anschauung ist auch dazu geeignet, seine
These von der anschaulichen Gegebenheit des Allgemeinen (ideierende Abstrak-
tion bzw. Wesensschau) zu begründen. Damit ist jedoch keine Anleihe am Plato-

16
Vgl. Hua XIX, S. 651, bzw. eine „Deckungseinheit“ (Hua XIX, S. 569, 571, 650, 652).
17
Husserl schreibt: „Zugleich ‚deckt‘ sich aber das fortwirkende Gesamtwahrnehmen gemäß jener
implizierten Partialintention mit dem Sonderwahrnehmen.“ (Hua XIX, S. 682). Auch an anderer
Stelle wird deutlich, dass es sich um eine Deckung nach dem gegenständlichen Sinn handelt, die
sich auch zwischen leeren symbolischen Intentionen einstellen kann (Hua XXIV, S. 282).
18
Dies ist der kategoriale Repr€ asentant in einem technischen Sinne. In unserem Kontext muss
man betonen, dass es sich dabei nicht um einen symbolischen Repräsentanten handelt, sondern um
eine Funktion innerhalb des Prozesses der Auffassung. – An dieser entscheidenden Stelle der
phänomenologischen Erkenntnistheorie finden wir das Modell von Auffassung und Inhalt ver-
wendet. Auch wenn Husserl sich gelegentlich über die Reichweite dieses Modells selbstkritisch
geäußert hat, so findet es sich doch in allen späteren Schriften an vielen entscheidenden Stellen.
Vgl. Husserl 1939, S. 94, 97–101, 103, 109, 111, 132 f., 138 ff. u. ö., sowie die These von der
analogisierenden Auffassung in den Cartesianischen Meditationen, Hua I, § 50. Husserl kritisiert
sein Modell aber in erster Linie für tiefere Schichten der Konstitution, d. h. für das innere
Zeitbewusstsein und die Phantasie: „Nicht jede Konstitution folgt dem Schema Auffassung und
aufgefaßter Inhalt“ (Hua X, S. 7, Anm. 1). Vgl hierzu auch Hua XXIII, S. 265 f., Hua XIX, S. 884
(Handexemplar) sowie Ms. L I 19, Bl. 9b. Für die Konstitution höherstufiger Gegenstände, z. B.
der Gegenstände der Wahrnehmung und der kategorialen Anschauung, bleibt das Modell weiter-
hin gültig, vgl. Lohmar 2006c.
2.2 Kategoriale Anschauung 31

nismus verbunden, denn zunächst benennt diese Behauptung nur eine alltägliche
Erkenntnismöglichkeit des Menschen: Wir können Gemeinsamkeiten von verschie-
denen Gegenständen bemerken. Im § 52 der 6. Logischen Untersuchung analysiert
Husserl dann diese „ideierende Abstraktion“ als einen besonderen Fall der katego-
rialen Anschauung.19 Später soll die eidetische Methode dann diese ursprüngliche
Erkenntnismöglichkeit systematisch ausarbeiten, methodisch verfeinern und von
verbliebenen Mängeln befreien. So werden apriorische Einsichten und die Mög-
lichkeit der anschaulichen Gegebenheit des Allgemeinen verständlich.
Die Methode der ideierenden Abstraktion bzw. Wesensschau20 ist zugleich von
grundlegender Wichtigkeit für den Wissenschaftscharakter der Phänomenologie.
Denn die Phänomenologie ist darauf angewiesen, dass die deskriptive Arbeit mit
Methoden unterstützt wird, die apriorische Einsichten erlauben, d. h. Erkenntnisse,
welche vom jeweiligen faktischen Einzelfall unabhängig sind. Die Phänomenolo-
gie will z. B. Aussagen über das Bewusstsein überhaupt machen, über die wesent-
lichen Elemente von bestimmten Aktarten usw. Darum muss Husserl zeigen, auf
welche methodisch geregelte Weise die phänomenologische Beschreibung das in
seinem Sinne Apriorische, d. h. das Wesensmäßige, treffen kann, welches in allen
möglichen Einzelfällen seines Beschreibungsgegenstandes gleich bleibt.21
Die ideierende Abstraktion ist auf ähnliche Weise in der schlichten Anschauung
individueller Gegenstände fundiert wie die anderen kategorialen Akte. Die An-
schauung des Allgemeinen ‚Blau‘ oder ‚Mensch‘ ist uns nur möglich, indem wir
eine Reihe blauer Wahrnehmungs- oder Phantasiegegenstände durchlaufen.22 Eine
erste Analyse der Wesensschau als einer besonderen Form der kategorialen
Anschauung findet sich in dem § 52 der 6. Logischen Untersuchung. Auch hier gibt
es die drei Phasen der kategorialen Anschauung: Gesamtwahrnehmung, Sonder-
wahrnehmungen, kategoriale Synthesis. Im Durchlaufen der gliedernden Akte, die

19
Zur Theorie der Wesensanschauung vgl. Bernet et al. 1989, S. 74–84; Mohanty 1959; Tugendhat
1970, S. 137–168; Lohmar 2005.
20
Die Bezeichnung „Wesensschau“ bzw. „Wesenserschauung“ wird bei der Umarbeitung der LU
an sehr vielen Stellen der 2. Aufl. zur Verdeutlichung eingefügt. Manchmal musste auch die
begriffliche Engführung mit der „inneren Wahrnehmung“ korrigiert werden (z. B. Hua XIX,
S. 455 f.). Der Sache nach gibt es die Verwendung der Wesensschau im Sinne der „ideierenden
Abstraktion“ des § 52 der 6. Logischen Untersuchung natürlich auch schon in der 1. Aufl., meist
unter der Bezeichnung „Ideation“ (Hua XIX, S. 108) oder als „ideieren“ (z. B. Hua XIX, S. 33,
109, 226, 250, 292, 431 u. ö.), allerdings kommen beide Bezeichnungen öfter in den Zusätzen der
2. Aufl. vor (Hua XIX, S. 10, 14, 15, 23, 61, 149, 249, 382 f., 396, 400, 412, 455 f., 488). Husserl
kennt in der 1. Aufl. z. B. das „bedeutungsmäßige Wesen“ und das „intentionale Wesen“ eines
Aktes (vgl. Hua XIX, S. 431). Husserl formuliert in der 1. Aufl. außerdem die Aufgabe der
„Erforschung des phänomenologischen Wesens der Akte“ (Hua XIX, S. 353), auch die „inten-
tionalen Erlebnisse und ihre Wesensbeziehung zu intentionalen Objekten“ werden untersucht
(Hua XIX, S. 376). Die Bezeichnung ‚Wesensschau‘ erscheint mir als terminologischer Fehlgriff,
und zwar vor allem, weil er eine Nähe zum Platonischen Denken andeutet, die es bei Husserl der
Sache nach nicht gibt.
21
Die eidetische Methode bestimmt damit auch den echten Sinn des phänomenologischen Begriffs
von Apriori (im Gegensatz zu Kants Begriff), vgl. Hua XIX, S. 733; Hua XVII, S. 255, Anm. 1.
22
Vgl. Hua XIX, S. 111–115, 176 ff., 225 f., 690–693.
32 2 Die prinzipielle Möglichkeit nicht-sprachlicher Repräsentations-Systeme

sich z. B. verschiedenen blauen Gegenständen (oder verschiedenen Erinnerungs-


akten) zuwenden, um deren Gemeinsamkeit anzuschauen, stellt sich zwischen den
Intentionen, die auf das Farbmoment gerichtet sind, eine partielle Deckungseinheit
mit einem bestimmten Stil ein.
Wichtig ist, dass sich im Fall der ideierenden Abstraktion unter den gliedernden
Akten sowohl intuitive als auch imaginative Akte befinden. Ideierende Abstraktion
muss auf wenigstens einem Akt aufbauen, der intuitiven oder bildlich-signitiven
Charakter hat, d. h. der nicht nur signitiv vorstellt.23 Sie ist demnach auch möglich,
wenn wir von einem einzigen anschaulich gegebenen Gegenstand ausgehen. Wir
nehmen diesen dann als ein Ausgangsexempel und modifizieren ihn in der Phanta-
sie.24 Später weist Husserl ausdrücklicher auf die Vorzugsstellung bzw. auf die
Notwendigkeit der imaginativen, ‚freien‘ Variation hin und nennt sie dann auch
eidetische Variation.25 Die unbeschränkte phantasiemäßige Variation des Aus-
gangsexempels soll sicherstellen, dass die gegebene Allgemeinheit nicht nur eine
bloß faktische Gemeinsamkeit eines beschränkten Gebietes ist, sondern auf alle
möglichen Varianten zutrifft.26 In dem Akt der ideierenden Abstraktion, d. h. der
dritten Phase der kategorialen Anschauung, fassen wir die spezielle Deckungs-
einheit, die sich zwischen den durchlaufenen Sonderzuwendungen einstellt, als
darstellenden Inhalt für die damit anschaulich gegebene Allgemeinheit auf.27 Nach
diesem Grundmuster lässt sich auch die Anschauung von Allgemeinheiten höherer
Stufe verständlich machen. Schließlich kommen wir sogar zur rein kategorialen
Anschauung von Allgemeinheiten, die in ihrem intentionalen Gehalt nichts
Sinnliches mehr enthalten, z. B. die Inhalte der reinen Logik und der reinen
Mathematik.28 Husserls Theorie der kategorialen Anschauung in der 6. Logischen
Untersuchung bietet also eine systematische und gut begründete phänomenologi-
sche Theorie des Erkennens in allen Formen.

23
Vgl. Hua XIX, S. 607 ff.
24
In den LU wird der Setzungscharakter der gliedernden Akte allerdings nur als gleichgültig
angesehen, d. h. es dürfen auch Phantasieakte unter den Sonderwahrnehmungen vorkommen, vgl.
Hua XIX/1, S. 691 ff., 670.
25
Vgl. Hua III/1, S. 146 ff. (‚Vorzugsstellung‘), Hua XVII, S. 206, 254 f. und Husserl 1939,
S. 410 ff., 422 f. Th. Seebohm verweist darauf, dass es die Phantasievariation der Sache nach
schon in den LU gibt (vgl. Seebohm 1990, S. 14 f.).
26
Vgl. hierzu Husserl 1939, S. 419–425. Die faktische Wirklichkeit der in der Variation vor-
kommenden Einzelfälle ist völlig irrelevant (Hua IX, S. 74).
27
Bei der Anschauung des Allgemeinen stellt sich eine eigentümliche Deckungseinheit zwischen
den gliedernden Akten ein. Diese Eigenart lässt sich in grober Annäherung als scharf abgehobenen
Bereich sich durchhaltender Deckung, d. h. als ein ‚Kern‘ der Deckung und als ein ‚Rand‘ der
Diversität beschreiben (vgl. Husserl 1939, S. 418 f.). Der unscharfe ‚Rand‘ entspricht der Ver-
schiedenheit der in Sonderzuwendungen sinnlich gegebenen oder phantasierten Blaumomente,
z. B. Farbnuancen.
28
Vgl. Hua XIX, S. 712 ff.
2.3 Husserls Theorie der Bedeutung 33

2.3 Husserls Theorie der Bedeutung

Menschliches Denken bewegt sich oft im Medium sprachlich-begrifflichen Den-


kens, und es gibt bereits in den Logischen Untersuchungen eine Reihe von
brauchbaren phänomenologischen Analysen darüber, wie dieses Denken vor sich
geht. Grundlegend dafür ist das Zusammenspiel zwischen der kategorialen An-
schauung und einem an dieses Aktgefüge angeschmolzenen Akt des Bedeu-
tens. Diese bedeutunggebenden Akte analysiert Husserl in der 1. Logischen
Untersuchung. In dem Akt des Bedeutens fassen wir die erlebte Anschauung
des Sachverhaltes in Worte, und dabei passen wir diese Worte der Anschauung
sozusagen an.29
Die Art und Weise dieser Anpassung oder Anmessung für die Produktion des
richtigen Ausdrucks ist im Einzelnen schwer zu beschreiben. Sprache ist im
Ganzen ein System des Ausdrucks, das in seiner Semantik und auch seiner Syntax
auf Konventionen innerhalb von Gemeinschaften beruht, welche den Charakter
von Normen tragen. Dennoch beherrschen wir und ‚kennen‘ wir auch die Regeln,
nach denen wir uns bei der Verwendung der Sprache richten, aber wir können
diese Regeln selbst gerade als Muttersprachler oft nicht formulieren, denn sie
sind erst durch kunstvolle Abstraktion von einem gelebten Regelwerk abge-
schaut. Im Sinne einer explizit formulierbaren Regel kennen wir die Regeln
daher nicht gut oder gar nicht. Wir selbst stehen – zumindest für unsere Mutter-
sprache – mitten in dem gelebten Regelwerk, das wir befolgen, weil die
Beherrschung der Sprache eine der Bedingungen dafür ist, als ein vollwertiges
Mitglied der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Es ist daher keine Zumutung,
dass wir die vielen Regeln der Sprache lernen müssen. Im Gegenteil, es macht
Spaß, denn als Person, die in die Gemeinschaft hinein wachsen will, ist jede
Regel mehr, die wir beherrschen, ein freudiger Schritt auf die Anerkennung durch
die Gemeinschaft hin. Der richtige Gebrauch der Sprache für den Ausdruck einer
Erkenntnis oder Wahrnehmung ist daher für uns strikt geregelt – wenn auch nicht
unter expliziten Regeln. Wenn wir reden, hören wir zugleich unsere Rede und
wissen unmittelbar, ob der Ausdruck das trifft, was wir meinen und ausdrücken
wollen, und da es sich um Normen der Gemeinschaft handelt, wissen wir dies
auch in einer emotionalen Dimension. Der Ausdruck legt sich ‚gefühlt richtig‘
auf die Intention, und wenn etwas daran nicht stimmt, bemerken wir es sofort: So
sagt man das bei uns nicht! Husserl weist hiermit darauf hin, dass, über den in
Gebrauch und Gewohnheit gewachsenen assoziativen Zusammenhang zwischen
Zeichen und Bedeutung des Zeichens hinaus, noch die Normierung durch die
Gemeinschaft liegt, die sich in der Dimension des Gefühls, d. h. als „gefühlter
Zusammenhang“ bemerkbar macht.30

29
Zu Husserls Bedeutungstheorie vgl. die I. und die VI. Logische Untersuchung. Zur Theorie der
kategorialen Anschauung vgl. das 6. Kapitel der VI. Logischen Untersuchung und Lohmar 2002a.
30
Vgl. hierzu die I. Logische Untersuchung, § 4.
34 2 Die prinzipielle Möglichkeit nicht-sprachlicher Repräsentations-Systeme

Umgekehrt können wir als Hörer aus gehörten Lauten sinnvolle Worte und Sätze
erdeuten, und so auf das zurückgehen, was einer solchen sinnvollen Äußerung an
subjektivem Erleben und an anschaulichen Gegebenheiten zugrunde liegen muss
oder kann. Sprache und Anschauung von Sachverhalten sind demnach keineswegs
untrennbar. Die Sprache ist lediglich ein bestimmtes System der symbolischen
Repräsentation von originär anschaulich erlebten Dingen und Sachverhalten neben
anderen. Die erlebte kategoriale Anschauung ist gegenüber der anschaulich-leeren
sprachlichen Repräsentation aber grundlegend, originär und selbständig. Wir kön-
nen also mit der Hilfe von sprachlichen Bedeutungen dasjenige wieder denken, was
wir zuvor als Erkenntnis anschaulich erleben konnten, und dies gelingt sogar dann,
wenn die entsprechende Anschauung jetzt gerade fehlt. Dies ist die Funktion eines
symbolischen Repräsentations-Systems, die die meisten von uns paradigmatisch
am Fall der Sprache kennenlernen.
Die bedeutunggebenden Akte müssen dann jeweils vollzogen werden, damit ein
Zeichen oder eine Zeichenkombination jene kategoriale Intention tragen kann, da-
mit es diese Bedeutung erhält. Zeichen haben also nicht ‚von sich aus‘ bereits eine
Bedeutung, sondern sie erhalten sie jeweils in einem eigenen Akt, der zusammen
(zugleich oder gleichsam angeschmolzen unmittelbar darauf) mit der anschaulichen
kategorialen Intention auf einen Sachverhalt vollzogen wird. Da bedeutunggebende
Akte auf der Basis von Anschauungen vor sich gehen, entscheidet sich hier auch,
welche genaue Bedeutung die jeweils verwendeten Worte haben. Die Frage nach
der Bedeutung von doppeldeutigen Ausdrücken (Synonymen) und okkasionellen
Bedeutungen, wie z. B. von Hahn, Kohl, Schatz, hier, ich, dies usw., löst sich für
den Sprecher daher durch den Blick auf die Anschauung auf. Der Sprecher weiß
genau, was er meint, obwohl er ein doppeldeutiges Wort verwendet hat. Dies gilt
für den Hörer einer Äußerung nicht unbedingt, sondern nur dann, wenn er die
gleiche Anschauung vollziehen kann (wenn der Sprecher z. B. mit deiktischen
Gesten darauf hinweist). Das Schwanken der Bedeutung von vieldeutigen Ausdrü-
cken ist also ein Schwanken des Bedeutens in den bedeutunggebenden Akten.31
Damit soll nicht geleugnet werden, dass es für die Verwendung von Worten und
Ausdrücken nicht viele Konventionen gibt, die wir meistens einzuhalten versuchen.
Aber grundsätzlich wird die Bedeutung eines Ausdrucks oder eines Zeichens in
einem bedeutunggebenden Akt von dem festgelegt, der ihn im einsamen Denken,
im Verstehen oder in kommunikativer Absicht verwendet.
Es kann daher bei den bedeutunggebenden Akten eine Art ‚subjektiven Wild-
wuchses‘ geben, d. h. eine willkürliche Zuordnung von Bedeutung und Zeichen, die
von Person zu Person ganz verschieden sind. In der Regel ist aber die Verwendung
von Symbolen innerhalb des Denkens einer Person – auch wenn sie nicht kommu-
niziert (einsamer Denker) – bereits einheitlich, weil die Identität von Bedeutungen
schon hier eine Bedingung erfolgreichen Denkens ist. Aber auch in dem Kontext
einer Gemeinschaft, die ein Symbolsystem für die Kommunikation einsetzt, gibt es
für die Verwendung dieser Symbole Normen, denen der Einzelne bereitwillig folgt,

31
Vgl. Hua XIX/1, S. 93–96.
2.3 Husserls Theorie der Bedeutung 35

denn seine Anerkennung als vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft hängt, wie
erwähnt, davon ab, ob er deren Normen und Regeln befolgt oder nicht.
Aber der bemerkbare Abstand zwischen Wort und Anschauung der Sache sowie die
bemerkbare Schwierigkeit bei der Anpassung von Sätzen an die erlebte Einsicht und
umgekehrt, von verstandenen Sätzen an die entsprechende anschauliche Erkenntnis
geben uns einen klaren Hinweis darauf, dass die Sprache nur ein besonderes von vielen
möglichen Systemen der symbolischen Repräsentation unseres Denkens ist. In unserem
Bewusstsein gibt es auch noch andere Systeme der Repräsentation von höherstufigen,
kategorialen Intentionen. Dies widerstreitet der weit verbreiteten Überzeugung, dass es
eine enge und unlösbare Verbindung von Erkennen, Denken und Sprache gibt. Husserls
Analyse des Verhältnisses von anschaulichem Erkennen und dem angeschmolzenen,
bedeutunggebenden Akt – und dem eventuell darauf folgenden sprachlichen Ausdruck
– lässt hinsichtlich der Verbindung von Denken und Sprache offenbar noch Raum für
Alternativen: Es ist damit nicht auszuschließen, dass es bedeutunggebende Akte geben
kann, die ein anderes Medium als die gesprochene Sprache verwenden. Ich werde
hierbei von einem nicht-sprachlichen Repr€ asentations-System (NSRS) sprechen.
Mein Argument beruht darauf, dass der Akt des Erkennens von Husserl als ein
eigenständiger Akt der Anschauung herausgestellt wurde. Die bedeutunggebenden
Akte sind zwar normalerweise an die kategoriale Anschauung angeschmolzen, sie
sind aber kein notwendiger Bestandteil des Erkennens der niedrigsten Stufe. Im
Gegensatz zu den Erkenntnissen, die erst auf der Basis eines symbolischen Systems
der Repräsentation möglich sind, z. B. die Einsicht in den Zusammenhang von
einfachen Sachverhalten, bleibt Erkennen auf der niedrigsten Stufe eigenständig
und primär. Es gibt daher eine Differenz zwischen kategorialer Anschauung und
bedeutunggebendem Akt, eine Differenz, die es prinzipiell erlaubt, den bedeutung-
gebenden Akt in anderen Ausdrucksmedien als der Sprache zu vollziehen.
Im Normalfall sind mit einer erfüllten kategorialen Intention immer schon Akte
des Bedeutens und Ausdrückens eng verbunden, sozusagen diesen „angeschmolzen“.
Darin liegt aber zweierlei: Einerseits ist die kategoriale Intention nicht notwendig mit
einem bedeutunggebenden Akt verbunden. Außerdem ist nicht notwendig die Spra-
che das Medium des Ausdrucks. Denkbar ist, dass die bedeutunggebenden Akte eine
andere Sprache (z. B. eine andere als die Muttersprache) verwenden oder sogar ein
ganz anderes symbolisches Medium, z. B. abstrakte Zeichen, Bilder, bewegte Szenen,
Tanz, Ritus usw. Es fällt uns jedoch zunächst schwer, diese prinzipielle Möglichkeit
des Gebrauchs von alternativen, symbolischen Medien mit Beispielen zu konkreti-
sieren, die wir aus unserem eigenen Bewusstseinsleben kennen. Das soll das Kap. 4
leisten. Zunächst bleibt unser Interesse auf Husserls Theorie der Bedeutung gerichtet.
Das Verhältnis von kategorialer Anschauung und bedeutunggebenden Akten,
welche den darstellenden Symbolen eine Bedeutung geben, ist für Husserl durch eine
Differenz gekennzeichnet: Beides ist nicht dasselbe, sondern die Sprache soll ein
‚treuer‘ Ausdruck der anschaulich gegebenen Erkenntnis sein.32 Bereits die Tatsache,

32
Vgl. Hua XIX/1, S. 313.
36 2 Die prinzipielle Möglichkeit nicht-sprachlicher Repräsentations-Systeme

dass ich diese ‚Treue‘ des Ausdrucks als Norm formulieren muss, zeigt, dass sie nicht
immer vorliegt. Husserl verwendet einen eigenen Begriff für diese Differenz und für
die Norm, dass wir danach streben wollen und sollen, den Ausdruck der angeschauten
Erkenntnis anzumessen, den der Richtigkeit. Richtigkeit bezeichnet den Grad der
Angemessenheit des Ausdrucks an die anschaulich gegebene Erkenntnis. Das Ziel der
Richtigkeit meines Ausdrucks bezeichnet ein einseitiges Streben im Ausdrücken: Der
Ausdruck soll an die anschaulich gegebene Erkenntnis angemessen werden. Das
heißt, dass die kategoriale Anschauung das Richtmaß meines Bemühens um Richtig-
keit ist.33 Dies zeigt erneut, dass die kategoriale Anschauung eine eigenständige und
gegenüber dem angemessenen Ausdruck primäre Gegebenheit ist.
In den Logischen Untersuchungen beschreibt Husserl versuchsweise das Ver-
hältnis von anschauendem Erkennen und Ausdruck auch als einen „Parallelismus“.
Er beginnt mit der Analyse der nahe liegenden Annahme eines „gewissen Paralle-
lismus zwischen Denken und Sprechen“, den man gelegentlich sogar als einen
bildhaft-analogischen Parallelismus denken kann.34 Es stellt sich jedoch schnell
heraus, dass ein solcher Parallelismus zwischen Anschauung und Ausdruck (z. B.
gedacht als Parallele zwischen schlichten Anschauungen und den Gliedern von
Sätzen) nur schwer nachzuweisen ist. Wenn überhaupt, dann kann ein solcher
Parallelismus nur zwischen den kategorialen Akten und der Gliederung des ange-
messenen Ausdrucks, z. B. in Sätzen, bestehen.35 Letztlich ist aber auch das Ver-
hältnis der Parallelität niemals eine Identität. Der Aufbau der ausdrückenden
Sprache und das anschaulich erfüllte Erkennen sowie das anschaulich leere Den-
ken, das Sprache ausdrücken soll, sind getrennt.
Was kategoriale Anschauung und Ausdruck verbindet, ist eine zweistufige
abstrakte Norm. Es geht zunächst lediglich um die Funktion, dass der richtige,
angemessene symbolische innerliche Ausdruck der intuitiven Erkenntnis mir selbst
bei einer späteren Gelegenheit erlauben muss, genau dieselbe Einsicht wieder
(diesmal leer, d. h. ohne Anschauung) zu denken. Dies könnte man den Fall des
einsamen Denkers nennen. Für den anderen Fall, dass dann auch eine Kommuni-
kation über diese Einsicht beabsichtigt ist, verlangt die abstrakte Norm mehr. Jetzt
ist ein a€ußerer Ausdruck richtig, wenn er auch einem Anderen oder mehreren
anderen Personen ermöglicht, genau dasjenige leer zu denken, was ich anschaulich
erkannt habe. Diese Norm gehört zu den zahlreichen Konventionen, die Ausdrucks-
systeme in kommunizierenden Gruppen kennzeichnen. Normen wie diese gelten
aber nicht nur für die Sprache, sondern für jedes kommunikativ brauchbare sym-
bolische Medium des Ausdrucks. Man sollte hierbei berücksichtigen, dass alle für
die äußerliche Kommunikation geeigneten Symbole auch für das einsame Denken
geeignet sind (umgekehrt gilt dies nicht). So denken wir z. B. oft in Sprache und
beachten dabei zugleich die erweiterten Normen der funktionierenden Kommuni-

33
Vgl. zum Thema der Richtigkeit Hua XVII, § 46, sowie Lohmar 2000.
34
Vgl. Hua XIX/1, S. 18 und Hua XIX/2, S. 658 f.
35
Vgl. Hua XIX/2, S. 661.
2.3 Husserls Theorie der Bedeutung 37

kation. Aus diesem Grund glauben wir fälschlicherweise, dass alle Normen für
Repräsentationssysteme, welche zur Kommunikation geeignet sind, z. B. die logi-
schen Prinzipien, auch für die Repräsentationssysteme des einsamen Denkens
gelten müssen.36 Das ist jedoch nicht der Fall.
Die Einsicht, dass es bei symbolischen Medien des Denkens lediglich um die
prinzipielle Funktion der treuen Wieder-Erweckung des Gemeinten geht, findet sich
nicht nur in der 3. Logischen Untersuchung, sondern auch in Erfahrung und Urteil,
und zwar im Rahmen einer Untersuchung, bei der der Anschein entsteht, als ob
Husserl die Hypothese eines Parallelismus von Ausdruck und Bedeutung wieder
erneuern würde. Um diesen Anschein zu entkräften, muss Husserl in einigen Fuß-
noten deshalb naheliegende Einwände vorwegnehmen und vorweg darauf erwidern.
Es handelt sich um Einwände, die sich gegen die allzu nahe Orientierung seiner
Untersuchung der Gliederung der kategorialen Vollzüge an der Grammatik indoger-
manischer Sprachen richten könnten. Husserl schreibt dazu, dass seine Analyse der
Funktion z. B. von „Haupt- und Nebensätzen“ bei der prädikativ-kategorialen For-
mung nicht Anzeichen einer zu starken Fixierung auf indogermanische Sprachen sei,
denn es geht hier nur um eine Funktions- und Strukturbeschreibung: Eine Formung in
Haupt- und Nebenthemen muss jede Sprache ausdrücken können.37 Und auch hin-
sichtlich anderer Aspekte des Ausdrucks betont Husserl immer wieder, dass es nur um
die Erfüllung dieser abstrakten, funktionellen Norm geht.
Wir dürfen diese Einsicht, dass es nur um die Funktion einer treuen Wieder-
Erweckung der gemeinten Erkenntnis in allen Einzelgliedern und Bedeutungsver-

36
Es gibt hierfür Ausnahmen, vgl. hier Abschn. 7.1.
37
Es geht also nur um die Funktion, dass eine Sprache Ausdrucksmittel für diese kategorialen
Gliederungen zur Verfügung haben muss. So schreibt er z. B. im Hinblick auf die Differenz von
Kernform und Kernstoff: „keineswegs muss diesen Unterschieden in der Erfassungsweise immer
auch ein Unterschied der sprachlichen Form des Ausdrucks entsprechen – ja viele Sprachen haben
zur Bezeichnung solcher Unterschiede in der Erfassungsweise gar nicht einfach verschiedene
Wortarten mit zugehöriger unterschiedener Wortform zur Verfügung, wie das im Deutschen der
Fall ist, sondern müssen sich dazu anderer Mittel bedienen.“ (Husserl 1939, S. 249).
Im Hinblick auf die kopulative Prädikation „ist“ schreibt er: „es soll damit keineswegs
behauptet sein, dass alle Sprachen einer derartigen Ausdrucksweise fähig sein müssen: ja auch
dort, wo sie es sind, steht vielfach an Stelle des kopulativen, das Hilfszeitwort benützenden Satzes
ein Verbalsatz von logisch äquivalenter Bedeutung. Auf solche Unterschiede des sprachlichen
Ausdrucks kommt es hier nicht an. Wieder ist, wie schon oben, die Bezeichnung einer rein
logischen Bedeutungsstruktur von der Bezeichnungsweise einer sprachlichen Formung herge-
nommen, und zwar derjenigen, in deren Gliederung sich die Gliederung des bedeutunggebenden
logischen Prozesses am deutlichsten spiegelt.“ (Husserl 1939, S. 254, Anm. 2).
Allgemein gilt: „All das sind, um es nochmals zu betonen, logisch-bedeutungsmäßige Struktu-
ren, die wir freilich, wie selbstverständlich, an Hand der Gliederung des Ausdrucks in unserer
deutschen Sprache verfolgen, die aber beim Ausdruck in anderen Sprachen ihre – wenn auch dem
grammatischen Bau nach oft gänzlich abweichenden – Entsprechungen finden müssen.“ (Husserl
1939, S. 266). Im Hinblick auf Demonstrativa schreibt er: „Alle Sprachen haben für solche Art der
Verknüpfung Demonstrativa, „Zeigwörter“ zur Verfügung, die dann nicht zum direkten Hinzeigen
auf anwesende Dinge dienen, sondern zur Verweisung auf eine frühere Stelle im Kontext der Rede
und, korrelativ, in dem der Rede Bedeutung verleihenden Urteilszusammenhang.“ (Husserl 1939,
S. 283).
38 2 Die prinzipielle Möglichkeit nicht-sprachlicher Repräsentations-Systeme

bindungen geht, daher noch einen Schritt weiter verallgemeinern: Der symbolische
Ausdruck einer einfachen Erkenntnis muss lediglich mir selbst oder – im Fall der
äußeren Kommunikation – einem Anderen oder mehreren anderen Personen erlau-
ben, dieselbe Einsicht wieder zu denken, nur auf diese Weise kann ich zu höher-
stufigen Einsichten gelangen. Auf welche Weise der Ausdruck dies leistet, und ob
es die Sprache oder ein anderes symbolisches Medium des Ausdrucks ist, welches
dies leistet, kann die prinzipielle Untersuchung der Funktion des Ausdrucks nicht
festlegen. Es zeigt sich deutlich, dass die grundlegende, primäre und selbständige
Bewusstseinsleistung das Erkennen im Sinne der kategorialen Anschauung ist. Es
ist dann eine nachrangige Frage, welches symbolischen Mediums sich der Akt des
Bedeutens bedient.

2.4 Grundtypen nicht-sprachlicher Repräsentation

Der Ausdruck des anschauenden Erkennens kann also prinzipiell in verschiedenen


Formen und Medien erfolgen, und diese Formen haben jeweils unterschiedliche
Leistungen. Ich nenne drei Grundtypen symbolischer Repräsentations-Systeme für
kognitive Inhalte:
1. Sprache ist sowohl für das innerliche Umgehen mit Erkenntnissen geeignet als
auch zur Kommunikation mit anderen. Die öffentliche Kommunikation ist aber
auch mit kodifizierten Gestensprachen möglich (ASL, . . .), die alle Leistungen
der gesprochenen Sprache ebenso erbringen können.
2. Unsere – nicht kodifizierte – Mimik und Gestik kann von uns ebenfalls zum
Ausdruck genutzt werden, und zwar auch in nicht-kommunikativer Absicht.
Durch Elemente der Pantomime und Lautmalerei wird diese Form der äußeren
Kommunikation noch leistungsfähiger.38 Ich werde hier vom Hand&Fuss-Sys-
tem der Kommunikation sprechen.
3. Szenische Phantasmen von vergangenen oder erwarteten Ereignissen sind geeig-
net, uns diese sozusagen im einsamen Denken vorzustellen, aber sie können
nicht zur öffentlichen Kommunikation genutzt werden. Solche szenischen Phan-
tasmen gibt es nicht nur in unseren nächtlichen Träumen, sondern wir finden sie
auch in Folgen von kurzfristigen Phantasmen und Tagträumen, und sie werden
von Gefühlen begleitet.
Dabei ist die kategoriale Anschauung die grundlegende Leistung, die in bedeu-
tunggebenden Akten mit den verschiedenen Formen der symbolischen Repräsen-
tation dieser kognitiven Inhalte verbunden werden kann.
Es ist zu beachten, dass auch künstliche Zeichen aller Art zur Ausdrucksfunktion
geeignet sind (z. B. eine Pfeifsprache). Und dies ist nicht nur für uns Menschen
richtig, sondern auch für andere hoch entwickelte Primaten. Hier genügt ein

38
Vgl. hier Abschn. 4.2.3.
2.4 Grundtypen nicht-sprachlicher Repräsentation 39

Hinweis auf den bekannten Bonobo Kanzi, der die 200 Symboltasten einer compu-
tergesteuerten Tastatur virtuos bedienen konnte und dabei Zwei- und Dreiwortsätze
zusammenfügte.39 Die Künstlichkeit solcher Symbole ist nicht zu unterschätzen,
dennoch zeigt sich so, dass auch Primaten sowohl die grundlegende Schicht der
Anschauung von einfachen Erkenntnisgegenständen besitzen, als auch, dass sie
zum Ausdruck befähigt sind, und dies sogar in hochartifiziellen Symbolsystemen.
Wir sollten ferner nicht vergessen, dass Schimpansen ebenfalls eine natürliche, inner-
artliche Kommunikation besitzen, die wahrscheinlich gestische, mimische, lautliche
und andere Mittel verwendet, deren Funktion wir heute noch nicht verstehen.
Auch die Verbindung einer bestimmten Sprache (z. B. unserer Muttersprache) mit
dem anschauenden Erkennen ist nicht so fest, wie es scheint. Denn es ist möglich, dass
wir uns nicht allein unserer Muttersprache bedienen, um unser Denken auszudrücken.
Wir verwenden auch erlernte Sprachen, und dies geschieht nicht nur in der öffent-
lichen Rede, sondern auch im Denken. Die Meisten von uns kennen das Phänomen,
dass wir nach einigen Tagen in einem fremden Land, dessen Sprache wir gut verstehen
und sprechen, auch damit beginnen, in dieser Sprache zu denken. Dabei ist das
Verhältnis von Auszudrückendem und Ausdruck nicht so widerstandslos wie in
unserer Muttersprache. In der Muttersprache empfinden wir die Umsetzung in einen
sprachlichen Ausdruck nicht als eine schwierige, eigenständige Leistung. Dies ist bei
einer fremden Sprache anders, so dass man beim innerlichen Denken in einer fremden
Sprache gelegentlich die passenden Worte suchen muss, wobei wir genau wissen, was
wir meinen. Was sich in diesem Phänomen des leichten Wechsels des symbolischen
Mediums wieder zeigt, ist die Tatsache, dass die Ebene des sprachlichen Ausdrucks
ein sehr oberflächennahes Phänomen ist. Grundlegend für unsere Fähigkeit zu denken
ist die anschauende Erkenntnis einfacher Sachverhalte, die kategoriale Anschauung.
Man könnte nun vermuten, dass die anschauende Erkenntnis – und zwar, weil sie
primär und relativ eigenständig ist – überhaupt nicht in ein anderes Medium als das
der Anschauung umgeformt zu werden braucht, d. h. dass sie als solche im
Bewusstsein weiter bestehen könnte, und zwar nach Inhalt und Evidenz. Dies ist
aber nicht der Fall, bzw. es ist nur für kurze Zeit möglich (retentional), die kate-
goriale Anschauung in einem anschaulichen Modus festzuhalten. Danach muss
ein symbolischer Träger der Bedeutung vorhanden sein, der unabhängig von der
ursprünglichen Erkenntnis dazu geeignet ist, den gemeinten Sachverhalt und unsere
Sicherheit hinsichtlich seines Bestehens im Bewusstsein darzustellen.
Dieser Träger der Vorstellung bildet eine Voraussetzung für die drei wesent-
lichen Leistungen des Denkens: d. h. die Fähigkeit, (1) denselben Erkenntnisge-
genstand und seine Gewissheit wieder vorstellen zu können, (2) aus einer solchen
Repräsentation von vorhandenen Erkenntnissen neue Erkenntnisse gewinnen zu
können, und (3) für den handelnden Umgang mit dem Erkenntnisgegenstand. Ich
muss den Gegenstand des Denkens also wieder aufrufen können, und ihn eventuell
auch manipulieren können, ihn z. B. mit anderen möglichen Situationen verbinden
können, die mögliche Folgen, mögliche Hindernisse, mögliche Lösungen des Pro-

39
Vgl. Savage-Rumbaugh 1995.
40 2 Die prinzipielle Möglichkeit nicht-sprachlicher Repräsentations-Systeme

blems enthalten. Denken in diesem weitesten Sinn ist nicht nur das Wieder-Aufrufen
des Inhalts einer Einsicht, sondern vor allem der handelnde Umgang damit.
Fassen wir Denken also als die Fähigkeit, sich auch in Abwesenheit ihrer anschau-
lichen Erfüllung auf dieselbe Erkenntnis beziehen zu können, z. B. um sie zu mani-
pulieren oder Schlüsse daraus zu ziehen, dann ist Denken von einem Repräsentations-
System abhängig. Die Sprache zeigt uns somit paradigmatisch ein grundlegendes,
minimales Merkmal von Repräsentations-Systemen: Die symbolischen Träger der
Repräsentation müssen von uns selbst jederzeit (innerlich oder öffentlich) produziert
werden können. Im besonderen Fall der Sprache sind dies die gesprochenen oder
geschriebenen Worte. Nur mit der Hilfe eines solchen symbolischen Trägers kann ich
mich auch in Abwesenheit der anschaulichen Erkenntnis auf den Sachverhalt bezie-
hen, d. h. denken. Dieser Träger muss aber zuvor in einem bedeutunggebenden Akt
die Bedeutung der anschaulich gegebenen Erkenntnis (d. h. der kategorialen An-
schauung) zugewiesen bekommen. Dies gilt für die Sprache genau so wie für andere,
nicht-sprachliche Repräsentations-Systeme. In dieser Hinsicht folgen alle Repräsen-
tationssysteme dem Muster der Theorie der Bedeutunggebung, welches Husserl in der
1. Logischen Untersuchung analysiert hat. Es ist dabei zu beachten, dass ich hier die
verfehlte Theorie von der Identität der Bedeutung im Sinne einer identischen Spezies,
die Husserl in der 1. Logischen Untersuchung ebenfalls vorstellt, später aber verwirft,
nicht zu seiner Bedeutungstheorie rechne.40

40
Die Frage nach der Identität der Bedeutung in verschiedenen Gelegenheiten des Gebrauchs
eines Ausdrucks beantworten die §§ 31–33 der I. Logischen Untersuchung mit einer Theorie der
Bedeutungsidentität im Sinne der Identität der Spezies des bedeutunggebenden Wesens eines
bedeutunggebenden Aktes. Die Bedeutung wird hier als das intentionale Wesen eines objektivie-
renden Aktes verstanden (vgl. Hua XIX/1, S. 301, Anm. 1). Die ideal identische Bedeutung eines
Ausdrucks bleibt als Spezies ihrer jeweiligen Realisierung in verschiedenen Subjekten und Zeiten
gegenüber unempfindlich. Die Bedeutung ist ideal-identisch und bleibt dieselbe im Sinne der
Spezies gegenüber allen ihren Einzelfällen.
Schon einige Jahre nach der Veröffentlichung der LU bemerkt Husserl jedoch, dass dieses
Verständnis der Identität der Bedeutung zu große Beweislasten mit sich führt. Zudem suggeriert
die Konzeption, dass Bedeutungen als Spezies fast so etwas wie Platons Ideen sind, die auch einen
eigenen Seinsbereich beanspruchen könnten. Den falschen Anschein eines Platonismus will
Husserl aber für seine ganze Phänomenologie vermeiden (Vgl. die Texte zu dem „Entwurf einer
Vorrede zu den Logischen Untersuchungen“, in: Hua XX/1, Text Nr. 5, S. 272–329). Er verwirft
die Spezies-Theorie der Identität der Bedeutung jedoch noch nicht sofort, sondern er ergänzt sie in
den Ideen I (1913) durch den so genannten noematischen Bedeutungsbegriff, der sich auf das im
Bedeuten Gemeinte richtet, welches sich in höherstufigen, identifizierenden Akten als Dasselbe
identifizieren lässt (Ideen I, §§ 88–94, Hua III/1).
Eine ausdrückliche Kritik der Spezies-Theorie der Bedeutung findet sich jedoch erst später.
Die wesentlichen Argumente dafür liefert eine vertiefte Theorie des besonderen Zeitcharakters der
so genannten irrealen Gegenstände, zu denen die Bedeutungen gehören, in den Bernauer Manu-
skripten (1917/18, Hua XXXIII). Publiziert wurde die Selbstkritik zuerst 1939 in § 64 von
Erfahrung und Urteil, allerdings gehen die entscheidenden Passagen des § 64 auf Teile der
Bernauer Manuskripte zurück. Der wichtigste Grund für die Kritik ist, dass das einzelne konkrete
Urteil, das hier und jetzt von einer Person geurteilt wird, auch durch diese reale Zeit individuiert
sein müsste, denn so ist ja das Verhältnis von Spezies und Einzelfall gedacht. Das ist aber nicht der
Fall „Der Urteilssatz ist kein Individuum“ (Husserl 1939, S. 309), „Der Satz selbst hat keine
2.4 Grundtypen nicht-sprachlicher Repräsentation 41

Die gesprochene Sprache kann ich jederzeit laut reden, ich kann sie aber auch im
einsamen Nachdenken phantasmatisch als „innere Stimme“ erklingen lassen. Auch
die phonetische Schrift, die der Lautsprache folgt, und bildhafte Anteile der (z. B.
chinesischen und japanischen Schrift) können wir produzieren oder mit der Hilfe
visueller Phantasmen vor unserem „inneren Auge“ sichtbar machen. Als symbolischer
Träger eines Repräsentations-Systems kommt nur etwas in Frage, was wir jederzeit
„innerlich“ quasi-anschaulich oder aber „äußerlich“ und für andere anschaulich
produzieren können. Einsame Denker verwenden oft lediglich eine innerliche Reprä-
sentation, aber auch diese erlaubt ihnen schon zu denken. Und selbstverständlich gibt
es auch Träger, die eine innerliche und äußerliche Repräsentation möglich machen,
aber auch in dieser Hinsicht ist die Sprache nicht die einzige Option. Leibbezogene
Gestik, bildhafte Gestik, Pantomime, Lautmalerei usw. erfüllen ebenfalls diese Funk-
tion. Wir sehen, dass der Träger symbolischer Repräsentationssysteme keineswegs die
Sprache sein muss, und zwar weder beim innerlichen Nachdenken noch bei der
äußerlichen Kommunikation. Es gibt für diese Funktion immer Alternativen.41
Die Vermutung liegt nahe, dass auch intelligente Tiere, vor allem Primaten, und
die hominiden Vorfahren der menschlichen Spezies, die noch keine Sprache für die
Kommunikation verwendet haben, bereits in nicht-sprachlichen Formen der Reprä-
sentation denken können bzw. konnten. Sollte dies der Fall sein, dann fragt es sich,
ob diese nicht-sprachlichen Repräsentations-Systeme auch heute noch beim Men-
schen fungieren und ob sie mit dem Auftreten der Sprache einfach verschwunden
sind. Falls sie noch im menschlichen Bewusstsein fungieren, dann werden sie sich,
als eine immer noch fungierende Unterschicht des sprachlichen Denkens, mit phä-
nomenologischen Mitteln auch aufweisen lassen.42 Im Kap. 4 werde ich konkret
aufzeigen, dass im menschlichen Bewusstsein heute noch ein nicht-sprachliches
Repräsentationssystem kognitiver Inhalte arbeitet, und zwar ein System, welches
mit szenischen Phantasmen und Gefühlen operiert.43
Wie lässt sich aber das Zusammenspiel verschiedener Repräsentations-Systeme
in einem Subjekt vorstellen? Wie kann es möglich sein, dass wir Menschen nor-
malerweise mehrere Repräsentations-Systeme zugleich benutzen, und zwar
ohne dass sie einander stören? Bei der Untersuchung der Vielfalt fungierender
Repräsentationssysteme im menschlichen Bewusstsein wird sich herausstellen,

bindende Zeitlage“ (Husserl 1939, S. 311), es fehlen nämlich die für reale Einzelfälle charakteris-
tischen Horizontintentionen. Die Identität der Bedeutung des Satzes jetzt und vorhin ist durch eine
höherstufige Identifikationsleistung als identisch dieselbe erfassbar. Dies ist im Wesentlichen die
Position des noematischen Bedeutungsbegriffs der Ideen I.
41
Vgl. hier Abschn. 4.2.3.
42
Es erfordert eine geschärfte und phänomenologisch geschulte Aufmerksamkeit, um die „unter-
halb“ der Sprache fungierenden Systeme zu entdecken und sie in ihrer Funktion zu verstehen.
Zudem muss man von einem sehr weiten Begriff eines Repräsentationssystems kognitiver, voliti-
ver und emotiver Inhalte ausgehen. Meiner Ansicht nach ist diese Untersuchung aber mit der
Phänomenologie durchführbar.
43
Zur Einfühlung vgl. Lohmar 2006a.
42 2 Die prinzipielle Möglichkeit nicht-sprachlicher Repräsentations-Systeme

dass wir wahrscheinlich nicht nur zwei Modi (d. h. Dual-Modal), sondern noch
mehr als zwei verwenden, d. h. denkend bewegen wir uns immer in einer Art
polymodaler Repräsentation (Poly-Modal). Die Sprache ist zudem niemals das
einzige in uns fungierende Repräsentations-System.44
Gegen diese Behauptung könnte man einwenden, dass solche verschiedenen
Repräsentationssysteme sich doch als ein Hindernis des Denkens bemerkbar
machen müssten: Es müsste doch „Übersetzungsschwierigkeiten“ zwischen den
verschiedenen Repräsentationssystemen geben. Jemand, der an formalen Sprachen
geschult ist und dazu neigt, die charakteristischen Schwierigkeiten dieses Typs von
Repräsentation auf alle anderen zu übertragen, würde eventuell sogar Überset-
zungstabellen oder -algorithmen zwischen diesen Systemen fordern. Diese Ein-
wände und Denkmuster verkennen jedoch die Unmittelbarkeit des Verhältnisses
von Ausdruck und Bedeutung. Wir erfahren selbst gelegentlich sogar in unserer
Muttersprache die Schwierigkeit, den richtigen sprachlichen Ausdruck einer an-
schaulichen Einsicht finden zu müssen. Wir wissen aber auch, wie einfach sich
dieses Problem lösen lässt.45 Das verweist darauf, dass von allen verwendeten
Systemen der Repräsentation kognitiver Inhalte die Sprache phylogenetisch gese-
hen zuletzt erworben wurde.
Die Hypothese von zwei verschiedenen, aber eng miteinander verbundenen
Prozessen, die im menschlichen Bewusstsein die gleiche mentale Leistung, z. B.
die der Erkenntnis, erbringen, ist 1975 in der Kognitionspsychologie von
P.C. Wason und J.St.B.T. Evans aufgestellt worden (dual-modal Theorien).46 Der
erste Prozess ist ein Low-level-System, das phylogenetisch alt sowie einfach struk-
turiert und wenig störungsanf€ allig ist. Es ermöglicht schnelle Wahrnehmungen,
Einsichten und somit auch schnelles und sicheres Handeln. Dieses Low-level-
System ist nicht-sprachlich, und es bleibt – auch wenn wir die Sprache verwenden
können – als Redundanzsystem erhalten, und wir haben es daher mit den meisten
höheren Tieren gemeinsam. Das High-level-System beruht dagegen auf dem
Gebrauch von Sprache und Begriffen. Es arbeitet im Vergleich zu dem Low-level-
System relativ langsam, und es verwendet komplexe Regeln und Abhängigkeits-
beziehungen. Mit seiner Hilfe können wir neue, abstrakte Gegenstände auf der

44
Vgl. hier Kap. 3.
45
Oft wird an der Sprache etwas gelobt, das sie aus Sicht der Künstliche-Intelligenz Forschung
auszeichnet: Ihre Operationen können beliebig hochstufig iteriert werden, wir können sie immer
wieder neu auf das Resultat der vorangegangenen Operation anwenden. Zudem können die
begrifflichen Operationen beliebig kombiniert werden, und somit gibt es eine unendliche Anzahl
möglicher, syntaktisch korrekter Ausdrücke und damit von möglichen Gegenständen, die mit der
Hilfe von endlich vielen Symbolen dargestellt werden können. Dies ist sicher richtig, aber es fragt
sich, ob hierin wirklich ein Vorteil zu sehen ist. Hochstufige Iteration stellt buchstäblich nichts vor,
wenn sie nicht auf Anschauung beruht.
46
Vgl. hierfür die Beiträge von Wason und Evans 1975; Evans 1982, Chap. 12; Evans 2003. Einen
Überblick über die verschiedenen Dual-process-Theorien bieten Stanovich und West 2000,
Chap. 6 („Dual Process Theories and Alternative Task Construals“). – Man sollte allerdings auch
darauf hinweisen, dass schon die Psychoanalyse Freuds alternative Repräsentationsmodi aner-
kannt und zu analysieren versucht hat.
2.4 Grundtypen nicht-sprachlicher Repräsentation 43

Grundlage höherstufiger Begriffe konstituieren. Die meisten kognitiven, emotiven


und volitiven Leistungen können wir jedoch im Prinzip auch in dem Low-level-
System vollziehen, das wir mit vielen höheren Tieren gemeinsam haben.47
Unsere Einsichten in die prinzipielle Möglichkeit von nicht-sprachlichen Re-
präsentations-Systemen und die folgenden konkreten Untersuchungen, wie dies
genau vor sich geht, erlauben uns später auch, Hypothesen darüber zu formulieren,
wie höher entwickelte Primaten denken können. Diese Hypothesen sind jedoch
nicht nur Erfindungen auf der Basis der bloßen Denkmöglichkeit nicht-sprachlicher
Repräsentationssysteme, denn sie beruhen auf einer methodisch gesicherten intro-
spektiven Deskription solcher Systeme in unserem Bewusstsein. Die Aufgabe der
phänomenologischen Analyse dieser nicht-sprachlichen Repräsentationssysteme
lässt sich auch so formulieren: Wir suchen nach den Modi, in denen wir noch wie
Tiere denken.
Die Erkundung der Modi nicht-sprachlichen Denkens ist meiner Meinung nach
eine wertvolle Untersuchungsrichtung für die Phänomenologie, und sie kann zu
einer Neuorientierung hinsichtlich der Modi der Repräsentation höherstufiger (aber
auch niedrigstufiger) Intentionen führen. Nur auf den ersten Blick scheint es so, als
ob man sich mit diesen Untersuchungen zu weit vom Kerngebiet der Phänomeno-
logie, d. h. der Bewusstseinsanalyse, entfernt. Dass dies nicht der Fall ist, zeigt
bereits ein Blick auf Husserls Theorie der vorprädikativen Erfahrung. Diese Erfah-
rung heißt vorprädikativ, weil sie unterhalb der Leistungsstufe der Sprache mög-
lich ist.
Gegen die hier angezeigte grundlegende Wende im Selbstverständnis des
menschlichen Denkens spricht jedoch unser erlernter Hochmut: Wir glauben zu
wissen, dass wir Menschen zumindest alle höherstufigen mentalen Leistungen mit
Hilfe der Sprache vollbringen. Aber bereits die theoretischen Überlegungen hin-
sichtlich der Möglichkeit des Zusammenarbeitens vieler Repräsentations-Systeme
in unserem Bewusstsein machen uns hierin unsicher: Es könnte sein, dass schon
einfachere Repräsentations-Systeme, die wir Menschen ebenfalls noch benutzen,
dasselbe leisten, und dass wir dies mit Hilfe der Sprache nur mitteilen. Dazu kommt
noch, dass viele empirisch gestützte Einsichten hinsichtlich der mentalen Fähigkeiten
von Tieren es nahe legen, dass viele Säugetiere fast alle geistigen Leistungen erbrin-
gen können, auf die wir Menschen besonders stolz sind. Und dies ohne Sprache.
Es könnte demnach der Fall sein, dass die sprachliche Ebene nur eine ober-
flächennahe Schicht öffentlich ausdrückbarer Repräsentationen ist, welche auf den
zugrunde liegenden und eigentlich tragenden Repräsentations-Systemen nur auf-
liegt. Das könnte auch bedeuten, dass die Sprache, und zwar gerade hinsichtlich

47
Man muss allerdings anerkennen, dass die Psychoanalyse Freuds bereits viel früher von solchen
parallelen und gleich leistungsfähigen Systemen der Darstellung kognitiver und volitiver Inhalte
ausgegangen ist. Diese Einsicht verdanke ich hauptsächlich vielen Diskussionen mit Jagna
Brudzinska und deren ausgezeichneter Dissertation „Assoziation, Imaginäres, Trieb. Phänomeno-
logische Untersuchungen zur Subjektivitätsgenesis bei Husserl und Freud“ (Brudzinska 2005).
44 2 Die prinzipielle Möglichkeit nicht-sprachlicher Repräsentations-Systeme

vieler unserer höchsten geistigen Leistungen, eventuell keinen wirklich eigenstän-


digen Beitrag liefert. Hiermit soll natürlich nicht geleugnet werden, dass die
Sprache uns eine abstrakte Bezugnahme auf Dinge und einfache wie höherstufige
Erkenntnisse erlaubt, so dass wir in allgemeinen Begriffen über das reden können,
auf das wir uns beziehen. Formal gesehen scheint mit den abstrakten hochstufigen
Allgemeinbegriffen eine Ebene erreicht worden zu sein, die nur mit Hilfe der
Sprache erreicht werden kann. Es könnte sich jedoch herausstellen, dass wir damit
lediglich über Erkenntnisse sprechen, die wir mit Hilfe einfacherer Repräsenta-
tions-Systeme gewonnen haben, und dass der Erkenntnisinhalt ihrer sprachlichen
Reformulierung daher auch nicht weiter reicht als diese.48

2.5 Donald Davidsons Einwände gegen die Möglichkeit


eines Denkens ohne Sprache (und des Denkens bei
Tieren)

Es gibt in der zeitgenössischen analytischen Philosophie des Geistes weit ver-


breitete Einwände gegen die Möglichkeit, dass Tiere Erkenntnisse haben oder
denken können. Insbesondere ist es die These von Donald Davidson, dass man,
um überhaupt eine Überzeugung (eine propositionale Einstellung) bezüglich eines
Sachverhalts haben zu können, den Begriff ‚Überzeugung‘ und sogar die Sprache
im Ganzen haben muss.49 Dies schließt konsequenterweise die Möglichkeit aus,
dass Tiere Erkennen oder denken können.
Für Davidson sind rationale Wesen solche, die propositionale Einstellungen
(Überzeugungen) haben und auf dieser Basis denken, überlegen und aus Gründen
handeln können.50 Überzeugungen lassen sich in Urteile über das Bestehen von
Sachverhalten, in Wünsche, in Befürchtungen usw. umformulieren. Überzeugun-

48
Ich möchte hierfür als Beispiel ein Argument aus der Moralphilosophie Kants heranziehen. Er
bestimmt die moralische Qualitäten von allgemeinen Regeln (Maximen) des Handelns durch das
Kriterium der Verallgemeinerbarkeit. Kants kategorischer Imperativ fordert von Regeln, die
moralische Gesetze werden können, dass sie als ein allgemeines Gesetz gewollt werden können.
Hinsichtlich der Regel der Gleichgültigkeit (d. h. der Absicht, niemandem zu helfen, der in Not ist)
ist er der Ansicht, dass niemand diese Regel als ein allgemein gültiges Gesetz wollen kann, denn
ein solcher Wille enthält einen Widerstreit in sich. Welche geistige Operation liegt dieser Einsicht
zugrunde? Ich stelle mir die Regel der Gleichgültigkeit als allgemein geltendes Gesetz vor und
sehe um mich herum nur gleichgültige Gesichter und Desinteresse am Zustand des jeweils
Anderen – schon hier regt sich in mir ein gefühlter Widerwille (Ekel). Wenn ich dann aber die
Situation wirklicher Not und Bedürftigkeit auf meiner Seite imaginativ vorstelle, dann will ich
Hilfe, und dieser Wille widerstreitet und widerspricht der allgemeinen Regel der Gleichgültigkeit.
Szenische Imagination, gefühlter Wille und Gefühl sind die Medien, in denen wirklich die an-
schauliche Erkenntnis erworben wird, über die ich dann in allgemeinen Begriffen reden kann.
49
Hier sei angemerkt, dass es in der analytischen Philosophie inzwischen auch Ansätze gibt, die
auf niedriger Stufe nicht-sprachliche Konzepte ansetzen. Davidsons Modell steht aber immer noch
für das orthodoxe Sprachparadigma.
50
Vgl. hierzu Davidson 2005.
2.5 Donald Davidsons Einwände gegen die Möglichkeit eines Denkens ohne. . . 45

gen, die Erkenntnisse betreffen, müssen wahr oder falsch sein können.51 Dies ist
aus Sicht der analytischen Philosophie die Grundlage aller Thematisierung, Modi-
fikation und auch aller logischen Ableitungen aus diesen Erkenntnisgegenständen,
d. h. die Grundlage allen Denkens.52
Davidson zufolge müssen Überzeugungen immer in einer Verbindung mit anderen
Wahrheiten stehen, die sie stützen, denen sie nicht widersprechen, und aus denen sie
zum Teil auch ableitbar sind. Diese Vernetzung unseres Wissens entspricht dem
„intrinsisch holistischen Charakter von propositionalen Einstellungen“53 und gehört
somit zur Adaption des Pragmatismus durch die analytische Philosophie seit Quines
Two Dogmas of Empiricism.54 Demnach bildet unser gesamtes Wissen ein Netz von
Überzeugungen, die miteinander zusammenhängen (im idealen Fall logisch). Wir sind
eher dazu bereit, empirische Überzeugungen, die ganz an der Peripherie stehen, durch
neue Einsichten zu revidieren; die Elemente unseres Wissens, die ganz im Zentrum
des Netzes liegen, z. B. die Sätze der Logik, gelten dagegen als unrevidierbar, so dass
wir deren Sätze nur ganz zuletzt verändern würden.55 Die Wahrheitsdifferenz von
Propositionen spiegelt die Fähigkeit des Subjekts, die Wahrheit oder Falschheit von
Sätzen erkennen und meinen zu können. Die Thematisierung der Wahrheit (Sicher-
heit, Identität, Differenz usw.) von Erkenntnissen ist aber bereits eine Form der Meta-
Kognition, d. h. einer Erkenntnis, die z. B. den Charakter, die Quelle oder die Ver-
lässlichkeit anderer Erkenntnisse betrifft. Insbesondere, um solche Meta-Überzeugun-
gen von Überzeugungen haben zu können, muss man Davidson zufolge bereits den
Begriff der Überzeugung haben und verwenden.
Davidson stellt auch die noch allgemeinere These auf: Sogar um überhaupt
Überzeugungen haben zu können, müssen wir den Begriff von Überzeugungen
haben. Und: Um den Begriff der Überzeugung zu haben, muss man über Sprache
verfügen.56 Diese These ist ebenfalls in der Besonderheit des Begriffs Überzeugung

51
Schon hier kann man eine nicht gerechtfertigte Verengung auf den Begriff der objektiven
Wirklichkeit festhalten. Auch Wahrheit konstituiert sich in verschiedenen Leistungsschichten,
und eine Beteiligung der Intersubjektivität (durch Kommunikation) ist für die Konstitution der
Erkenntnis und der für das Handeln erforderlichen Sicherheit von Wahrnehmungen meistens nicht
erforderlich. Der Fall der einsamen Denker, die nicht oder nur in kleinem Umfang kommunizieren,
ist hiermit schon implizit ausgeschlossen.
52
Diese These ist in dieser Allgemeinheit sicher nicht haltbar. Einsichtig ist dagegen, dass wir,
wenn wir auf der Basis von Erfahrung und empirischem Wissen erfolgreich handeln wollen, eine
Vorstellung von der Sicherheit der Erkenntnis oder von der Wahrscheinlichkeit des Eintretens
eines Ereignisses haben müssen. Diese kann aber auch gefühlt werden und muss nicht wieder auf
der Urteilsebene auftreten.
53
Vgl. Davidson 2005, S. 118.
54
Vgl. Quine 1953.
55
Diese Konzeption dient Quine vor allem dazu, den Anspruch zurückzuweisen, die Logik ent-
halte a priori gültige, d. h. notwendig geltende Sätze, die ganz unabhängig von unserem sonstigen
Wissen und der Empirie seien. Andererseits soll mit der Metapher des Netzes die wissenschafts-
methodologische These zurückgewiesen werden, es gebe absolut zentrale Einsichten, aus denen
alle anderen Einsichten abzuleiten wären.
56
Davidson 2005, S. 126: „Um eine Überzeugung zu haben, ist es notwendig, den Begriff von
Überzeugungen zu haben.“ und: „Um überhaupt eine propositionale Einstellung zu haben, ist es
46 2 Die prinzipielle Möglichkeit nicht-sprachlicher Repräsentations-Systeme

begründet, denn er richtet sich auf Urteile, die prinzipiell wahr oder falsch sein
können.57 Es muss daher ein Meta-Urteil (eine Überzeugung von einer Überzeu-
gung) über die Wahrheit der Überzeugung möglich sein, und darin muss der Begriff
der Überzeugung verwendet werden. Man könnte daher schließen: Um Überzeu-
gungen in der Form von wahrheitsdifferenten Urteilen haben zu können, muss man
bereits Meta-Urteile leisten können, z. B. über ihre Wahrheit. Ein vergleichbares
Argument ergibt auch Davidson zufolge der Hinweis auf das Eintreten einer
„Überraschung“. Insbesondere geht es um solche Überraschungen, die mir zeigen,
dass meine bisherigen Ansichten falsch waren: „Überraschung erfordert, dass ich
mir eines Gegensatzes zwischen dem, was ich glaubte, und dem, was ich jetzt
glaube, bewusst bin. Ein solches Bewusstsein ist jedoch eine Überzeugung von
einer Überzeugung.“58
Diese Folgerung gilt jedoch offensichtlich nur unter der ungeprüften Vorausset-
zung, dass Denken nur in sprachlichen Modi vor sich gehen kann. Diese ist schon
für das menschliche Denken falsch, und sie wird hier sogar noch auf Tiere über-
tragen.59 Alternativen werden von vornherein ausgeschlossen, z. B. die Alternative
des meine Erkenntnissicherheit bewertenden Gefühls der Unsicherheit, dessen
Leistung und Bedeutung auf der Ebene der Meta-Kognition liegt. Dieses Gefühl
kennt jeder von uns, und es „bedeutet“ eine Meta-Einsicht, die es ohne den Ge-
brauch von Begriffen leistet. Wenn man bei Davidsons These hinsichtlich der
Unentbehrlichkeit von Meta-Begriffen bleibt und keine alternativen Repräsentatio-
nen (z. B. das Gefühl der Sicherheit) zulässt, dann können Tiere natürlich keine

notwendig, den Begriff von einer Überzeugung zu haben – die Überzeugung von einer Über-
zeugung zu haben.“ (Ebd., 128).
57
Vgl. Davidson 2005, S. 129.
58
Vgl. Davidson 2005, S. 128 f.
59
Die Amseln in meinem Garten können Kirschen von Blättern und Ästen und reife von unreifen
Kirschen unterscheiden, denn sie picken immer nur die reifen Früchte an. Ich glaube deshalb, dass
sie eine Art „Begriff“ oder „Konzept“ haben, natürlich sind es keine sprachlichen Begriffe, son-
dern ein Typus, der ihnen diese Unterscheidung erlaubt, und zwar im Prinzip in demselben Modus,
wie Menschen dies leisten. Vgl. zu diesem Begriff von Begriff hier Abschn. 6.2.5 und 6.2.6.
Man könnte auch hier die „Regel von Morgan“ zum Einsatz bringen wollen und eine „ein-
fachere“ Erklärung suchen, die Tieren nicht zu komplexe geistige Fähigkeiten unterstellt. Man
könnte z. B. vermuten, dass Amseln einen bestimmten Lockstoff riechen, den nur reife Kirschen
ausströmen, und sie dadurch getrieben werden, auf diese Kirschen einzupicken. Solche einfache-
ren Erklärungen lassen sich immer finden oder erfinden, daher müssen wir uns fragen, warum wir
diese Strategie nicht auf menschliches Verhalten anwenden. Betrachten wir das Verhalten von
berufsmäßigen Philosophen unter der Maßgabe von Morgans Regel, dann könnte es scheinen, als
ob ihr Verhalten lediglich darauf ausgerichtet ist, dadurch, dass sie originelle Ideen zum Besten
geben, gut bezahlte Hofnarren der Mächtigen zu werden, und der Geruch des Geldes, ihr Streben
nach Anerkennung, oder ihre Eitelkeit treiben sie an. Die Regel ist also zu stark und führt zu jeder
Art von Absurditäten, weil sie sich auf jedes Verhalten anwenden lässt, und wenn wir sie nicht auf
das Verhalten von Menschen anwenden, dann entspricht dies einer dogmatischen Vorentschei-
dung.
2.5 Donald Davidsons Einwände gegen die Möglichkeit eines Denkens ohne. . . 47

Überzeugungen haben, weil sie keine Sprache haben.60 Aber das ist die schlichte
Folge von zu einfachen Begriffen von Erkennen, Denken und Meta-Kognition und
deren möglicher Repräsentation. Folgerichtig muss man auch die zahlreichen
empirischen Hinweise auf Metakognition bei Tieren ignorieren, da sie dieser These
deutlich widersprechen.61
Nach Davidson hängen unsere Überzeugungen in einem „logischen Netz“ holis-
tisch miteinander zusammen. Diese Einfügung in ein größeres, propositional ver-
flochtenes Netz ist nach Davidson eine Bedingung dafür, überhaupt eine Über-
zeugung zu haben. Hierfür bietet er Argumente, und dieser Ansatz ist auch vor dem
Hintergrund des Holismus von Quine verständlich. Es ist zudem ein respektables
Credo, denn den Theorien der idealen (Wissenschafts-)Sprache, die von Frege über
Quine herkommen, geht es um einen konsistenten Aufbau der Wissenschaften, und
zwar auf dem Boden einer von den Fehlern der Alltagssprache bereinigten, idealen
Wissenschaftssprache. Aber bei der Frage, ob Tiere erkennen oder denken können,
und auch bei der Frage, wie wir selbst wirklich denken, handelt es sich um einen
völlig anderen Kontext. Zudem ist es höchst unwahrscheinlich, dass die Regeln für
eine Wissenschaft auch für die Organisation des Wissens eines Lebewesens allein
maßgebend und zielführend sind.62
Wenn ich also überhaupt eine Überzeugung habe, dann muss ich nach Davidson
auch noch weitere Überzeugungen haben, die miteinander harmonieren, die sich
z. B. auseinander ableiten lassen und sich nicht gegenseitig ihre Geltung bestreiten.
Daher können die vielfältig verwobenen und verzweigten Überzeugungen auch
sehr komplexen Verhaltensweisen entsprechen, so wie wir sie von Menschen
kennen. Davidson ist nun der Ansicht, dass es so komplexe Verhaltensmuster nur
geben kann, wenn die Person über Sprache verfügt. Er schreibt, „dass ein Geschöpf
keinen Gedanken haben kann, wenn es nicht über Sprache verfügt“,63 denn es muss
ein „reicher Schatz“ von verwobenen allgemeinen Überzeugungen vorhanden sein,
damit man von Denken sprechen kann. Wenn man diese Behauptung akzeptieren
will, muss man jedoch den größten Teil der Forschung der letzten zwei Jahrzehnte
ignorieren, die sich mit intelligentem Verhalten bei Tieren beschäftigt.
Die Thesen von Davidson sind aus der Sicht der vorangegangenen und noch
folgenden Analysen zur Möglichkeit des Denkens ohne Sprache in mehrfacher
Hinsicht für Kritik anfällig und daher zurückzuweisen. Die Übertragung des idealen
Modells einer kohärenten und zusammenhängenden Wissenschaftssprache auf das

60
José Luis Bermúdez ist in dieser Hinsicht derselben Ansicht wie Davidson. Vgl. Bermúdez
2003, S. 165.
61
Mittlerweile gibt es jedoch empirische Untersuchungen der verschiedenen Formen von Meta-
kognition bei einigen Tierspezies. Vgl. Hampton 2001; Smith et al. 2003; Smith 2009; Hamp-
ton 2009.
62
Es gibt meiner Meinung nach gute Argumente dafür, dass beides sehr verschieden sein kann.
Dies betrifft z. B. besonders die Verletzungen der Regeln der Logik durch die neurotische
Verschiebung, Leugnung und Inversion, die dennoch einen guten Sinn haben kann. Vgl. Lohmar
2012a.
63
Vgl. Davidson 2005, S. 124.
48 2 Die prinzipielle Möglichkeit nicht-sprachlicher Repräsentations-Systeme

Denken eines Lebewesens ist überzogen und nicht sinnvoll. Mögliche Alternativen
zur Sprache als einzig leistungsfähigem System der symbolischen Darstellung von
Erkenntnis und Denken (Sprach-Paradigma) werden von Davidson nicht erwogen.
Schon die Vorentscheidung für das Sprachparadigma führt fast zwangsläufig zur
Leugnung der Möglichkeit des Denkens und Erkennens bei Tieren, und sie führt
weiterhin zu einer schwerwiegenden Verzerrung des Bildes des menschlichen
Denkens, das bei weitem nicht nur auf der Basis der Sprache funktioniert.64 Auch
die Alternativen der metakognitiven Bewertung von Erkenntnissen durch andere
symbolische Mittel als die Sprache (z. B. durch Gefühle) werden nicht in Betracht
gezogen. Zudem sprechen Befunde der empirischen, vergleichenden Psychologie
zur Möglichkeit der Metakognition bei Tieren gegen Davidsons Thesen.
Jedoch: In einer wichtigen Hinsicht hat Davidsons Beharren auf seine These,
dass Denken nur mit Hilfe der Sprache möglich ist, einen Vorzug, denn er macht so
klar, dass manche Thesen mit den Voraussetzungen der analytischen Philosophie
nicht vereinbar sind. Davidsons Argumentation wirkt durch die strikte Orientierung
am geistigen Werkzeugkasten von Quine vielleicht etwas altmodisch und manch-
mal fast unnötig dogmatisch; jenes Beharren auf seiner These, erweist sich jedoch
deutlich als in der Konsequenz sprachanalytischen Denkens liegend. Zur Rettung
dieser Meinung muss man allerdings wichtige empirische Befunde über die geisti-
gen Fähigkeiten von Primaten ignorieren. – Ist man aber zu einem solchen prag-
matischen Schachzug nicht bereit, dann sollte man sich auf die Suche nach einer für
die neuen empirischen Einsichten geeigneten Philosophie machen. Eine Zeitlang
galt die Interpretation neuer empirischer und naturwissenschaftlicher Forschungen
als eine Domäne der analytischen Philosophie. Die geistigen Leistungen von
Primaten stellen jedoch eine Grenze analytischen Denkens dar, die mit diesem
Paradigma nicht überschritten werden kann.
Meiner Meinung nach ist dagegen die phänomenologische Analyse der Verwen-
dung nicht-sprachlicher Repräsentationssysteme in unserem eigenen Bewusstsein
ein überzeugender Grund für die Anerkennung der Tatsache, dass auch Tiere erkennen
und denken können, denn sie tun es weitgehend in derselben Weise wie wir. Es
handelt sich bei den Ergebnissen der Phänomenologie auch nicht um bloße onto-
logische Hypothesen, oder um aus solchen Axiomen logisch abgeleitete Ansichten,
sondern um die zumindest an einem Subjekt erlebte Weise, wie Menschen und
Tiere erkennen, und wie sie über diese Einsichten für die Planung ihres künftigen
Verhaltens ohne Sprache nachdenken können. Die Phänomenologie bietet einen
eigenständigen empirischen Zugang zu dem, was der menschliche Geist leistet, und
welche Mittel er hierzu verwendet. Und diese Einsichten sind zum Teil auf die uns
biologisch nahe stehenden Tiere mit vergleichbarem Grad der Cerebralisation
übertragbar. Wir sind das einzige Tier, zu dessen Bewusstseinsleben wir einen
Zugang aus der Perspektive der eigenen Erlebnisse haben, und wir sollten diese
ausgezeichnete Zugangsweise nicht einfach vernachlässigen und zu Gunsten einer
ausgedachten Theorie ignorieren. Ein wichtiger Schritt, um die Übertragbarkeit der

64
Vgl. Lohmar (2012d).
2.6 Der Einwand aus dem faktischen Unterschied der technischen und kulturellen. . . 49

so gewonnenen Einsichten auf Tiere zu erleichtern, scheint mir eine sorgfältige


Untersuchung der Denkleistungen zu sein, die wir Menschen bereits ohne Hilfe der
Sprache erbringen können, und die Aufklärung der Frage, wie wir dies tun.

2.6 Der Einwand aus dem faktischen Unterschied der


technischen und kulturellen Leistungen von Menschen
und Primaten

Ich nenne noch einen möglichen Einwand gegen die Behauptung, dass Tiere
denken können: Nehmen wir einmal an, dass diese Thesen zutreffen, dass also
Primaten weitgehend in demselben Modus denken, in dem wir auch noch (aber
eben nicht nur) denken. Müssten dann nicht nur die grundlegenden kognitiven
Fähigkeiten, sondern auch die kulturellen und technischen Leistungen beider Spe-
zies auf vergleichbarer Höhe sein? Das ist aber ganz offensichtlich nicht der Fall. Es
fragt sich daher, ob und wenn ja, wo unsere These zu weit ging, denn mit ihr wird
scheinbar unverständlich, warum faktisch ein so großer Unterschied zwischen den
kulturellen Leistungen von Menschen und Primaten vorliegt. Um diesen schein-
baren Widerspruch auszuräumen, genügt es, uns darauf zu besinnen, dass es neben
den vergleichbar kleinen Unterschieden in den grundlegenden Fähigkeiten (von
Mensch und Primaten) und den faktisch sehr großen Unterschieden in der erreich-
ten Höhe von Technik und Kultur noch weitere Faktoren gibt, wie der der ver-
schiedenen Modi der Organisation der Praxis (a) und der Form der kommunikati-
ven Weitergabe von Kenntnissen (b) (und eventuell auch noch andere Faktoren, die
wir heute noch nicht kennen).
Hinsichtlich der Organisation der Praxis (a) sticht vor allem ins Auge, dass
Menschen eine Spezies sind, die sehr viel stärker als die oft sehr kompetitiven
Primaten zur Kooperation neigt, und darüber hinaus auch zu Altruismus, der nicht
unbedingt auf Rückerstattung des Gefallens besteht. Beide Charakteristika weisen
auf die Unterschiede in der evolutionären Vorgeschichte beider Spezies hin. Die
meisten Primaten leben in einer Umgebung (Regenwald, Galeriewald), die eine
Kooperation zum Erwerb von Nahrung nie oder nur selten erfordert (Ausnahme:
Jagd). Dagegen sind die Hominiden über Millionen Jahre hinweg Steppenbewohner
gewesen und haben zudem noch eine eingreifende Modifikation ihrer biologischen
Gestalt durch die Verkürzung der Tragezeit erfahren. Die hilflosen Säuglinge des
homo erectus/homo ergaster mussten wegen des fehlenden Fells getragen werden
und stellten somit ein ernstes Handicap für ihre Mütter dar. Eine überlebensnot-
wendige Kompensation dieses Handicaps könnte sowohl in einer erweiterten
Kooperation unter Frauen als auch in der Einbeziehung des Vaters der Kinder
bestanden haben. Kooperation und Altruismus gehören also viel stärker zu unserer
Natur als zu der von anderen Primaten.
Hinsichtlich der Form der Kommunikation (b) treten die Vorzüge der Sprache
offen zutage: Ein öffentlich kommunizierbares Repräsentations-System (wie die
50 2 Die prinzipielle Möglichkeit nicht-sprachlicher Repräsentations-Systeme

Sprache) hat zur Verbesserung kultureller und technischer Erfindungen einen


unvergleichlich großen Nutzen. Wie Michael Tomasello argumentiert, kann es
den kulturell weitergegebenen Erwerb von technischen und sozialen Werkzeugen
in einem unvergleichlichen Maße verbessern.65 Jede einzelne unserer technischen
Erfindungen hat eine lange Geschichte ihrer schrittweisen Verbesserungen, und sie
belegt damit den unschätzbaren Beitrag der öffentlichen Kommunikation für die
Erhaltung und die Weitergabe solcher Erfindungen. Diese vielen kleinen Erfindun-
gen gehen in der großen Gruppe der kommunikativ verbundenen Personen nicht
verloren, wenn ihr Erfinder stirbt, sondern sie werden verbreitet und kumulieren
sich schließlich. Tomasello spricht hier von einem Wagenheber-Effekt (ratchet-
effect) und spielt darauf an, dass bei einem Wagenheber eine Blockade dafür sorgt,
dass er nach einem Hub nicht wieder herabsinkt, sondern mit dem nächsten Hub
wieder höher steigt. Der Erwerb und die Weitergabe von Verbesserungen solcher
Techniken innerhalb einer Population und über die Generationen hinweg ist mit
Hilfe der öffentlichen Sprache (und später auch der Schrift) unvergleichlich leis-
tungsfähiger als bei anderen Formen der Weitergabe, z. B. dem sozialen Lernen
durch Zusehen und Nachahmung, und sie verhindert, dass Wissen und Techniken
wieder verloren gehen.66 Kommunikative Fähigkeiten besagen aber wenig hin-
sichtlich der grundlegenden kognitiven Fähigkeiten von Primaten und Menschen.
Auch Tomasello bescheinigt Primaten eine mit dem Menschen durchaus vergleich-
bare innovative Intelligenz, aber der viel größere Erfolg der menschlichen Spezies
beruhe dann auf der besseren tradierenden Intelligenz. Der nützliche Effekt des
Sammelns, Festhaltens und Vergrößerns von technischen und institutionellen Fä-
higkeiten mit Hilfe der sprachlichen Kommunikation muss daher nicht auf einem
höheren qualitativen Niveau der Einsichten und der zugrunde liegenden mentalen
Leistungen beruhen. Der große faktische Unterschied der Kultur und Technik
zwischen Menschen und Primaten kann bereits lediglich auf dem kommunikations-
technischen Vorzug der Sprache beruhen, er muss keineswegs auf höhere mentale
Leistungen zurückweisen.67
Diese Skepsis hinsichtlich des qualitativen Beitrags der Sprache soll die mensch-
lichen Leistungen nicht abwerten, aber doch deutlich machen, dass Tiere, insbe-
sondere die Primaten, im Hinblick auf ihre mentalen Leistungen bisher unterschätzt
wurden. Es könnte sich herausstellen, dass die Sprache ‚äußerlich‘ nützliche Eigen-
schaften besitzt, die den faktischen Erfolg unserer Spezies entscheidend gefördert
haben, dass jedoch die meisten der zu Grunde liegenden mentalen Leistungen schon
von Primaten mit einfacheren Mitteln vollbracht werden können. Zudem könnte
sich herausstellen, dass auch wir genau diese, von uns am höchsten geschätzten
mentalen Leistungen noch mit denselben Mitteln zustande bringen wie sie. Die

65
Vgl. hierzu Tomasello 2002.
66
Vgl. Tomasello und Call 1997.
67
Hier sehe ich übrigens noch nicht die Vermutung widerlegt, dass es große Unterschiede
hinsichtlich der mentalen Leistungen von Menschen und Primaten gebe. Hiermit ist nur ein
beliebtes Argument für diese Ansicht zurückgewiesen.
2.7 Zum Verhältnis von Phänomenologie und empirischen Wissenschaften. . . 51

Sprache bietet darüber hinaus lediglich noch die Möglichkeit, in allgemeinen


Begriffen darüber zu sprechen.

2.7 Zum Verhältnis von Phänomenologie und empirischen


Wissenschaften – die phänomenologischen Projekte

Bevor man die Zusammenarbeit von Phänomenologie und empirischen Wissen-


schaften propagiert, muss man sich darüber klar werden, ob sie überhaupt möglich
ist. Ein nahe liegender Einwand wäre, dass die transzendentale Reduktion, die doch
zum Grundbestand phänomenologischer Methoden gehört, dies schlicht verbietet.
Die Reduktion fordert, dass wir – für die Zeit der Untersuchung – von allen
Setzungen hinsichtlich der Wirklichkeit der betrachteten Gegenstände oder Akte
absehen, und damit verbietet sie den Gebrauch von allen Wissenschaften, die rea-
listische Annahmen bezüglich der Welt machen, z. B. von allen empirischen
Wissenschaften.
Dieser Einwand ist ernst zu nehmen, aber meiner Ansicht nach nicht zwingend.
Wenn man sich über die verschiedenen Projekte innerhalb der Phänomenologie
Klarheit verschafft, dann sieht man schnell, dass die Verwendung der transzenden-
talen Reduktion nicht in jedem dieser Projekte notwendig geboten ist. Im Ganzen
will die Phänomenologie Husserls eine eidetische und transzendentale Aufklärung
der Leistungen des Bewusstseins auf der Grundlage eines deskriptiven Zugangs aus
der Erlebnisperspektive bieten. Ihr Ausgangspunkt ist das selbst erlebte Empfinden,
Wahrnehmen, Erkennen, Wollen, Einfühlen usw. Husserls Analysen richten sich
vor allem auf die Konstitution der verschiedenen Arten von Gegenständen und die
jeweils dazu gehörigen Evidenzformen.
Husserls Phänomenologie ist methodenzentriert, dies hat die wichtige Folge,
dass sie nicht mit dem Werk eines einzigen Phänomenologen identifiziert werden
und auch nicht darauf beschränkt werden kann. Phänomenologie, so wie Husserl sie
versteht, ist in erster Linie durch ihre Methoden bestimmt. Diese Methoden erlau-
ben es jedem Mitarbeiter des Projekts „Phänomenologie“, ebenfalls Beiträge zu
leisten. Die wichtigsten Methoden der Phänomenologie sind einerseits die Be-
schreibung der wesentlichen Strukturen unserer Bewusstseinsleistungen aus der
reflexiv und selbst erlebten Innenperspektive, dazu benötigt man die eidetische
Methode, und andererseits die verschiedenen reduktiven Methoden einschließlich
der transzendentalen Reduktion.68 Mit dem Einsatz oder Nicht-Einsatz der zwei
grundlegenden Methoden verändert sich auch jeweils das verfolgte Teilprojekt der
Phänomenologie, so dass wir zumindest Phänomenologie als eine transzendental-
eidetische Grundlegungsdisziplin und als eidetische Ph€ anomenologie des Be-
wusstseins unterscheiden müssen.

68
Zu den verschiedenen reduktiven Methoden vgl. Lohmar 2002b, 2013a sowie Lohmar 2012c,
zur eidetischen Methode vgl. Lohmar 2005.
52 2 Die prinzipielle Möglichkeit nicht-sprachlicher Repräsentations-Systeme

Die Phänomenologie als transzendental-eidetische Grundlegungsdisziplin will


aus der Perspektive des selbst erlebenden Bewusstseins vollkommen ohne Voraus-
setzungen die wesentlichen Strukturen und die Möglichkeit von Wahrnehmung,
Erkenntnis, Wertung, Einfühlung usw. verständlich machen. Als Grundlegungs-
disziplin ist sie Erste Philosophie, und sie darf deshalb auch keine anderen Er-
kenntnisse als gültig voraussetzen. Sie muss radikal vorurteilslos vorgehen, und sie
darf kein Vorwissen als gültig annehmen, auch nicht Wissen aus bereits gut etab-
lierten Wissenschaften. Wenn wir die prinzipielle Möglichkeit von Erkenntnis
aus anderen Erkenntnissen ableiten, die wir als gültig voraussetzten (z. B. Wissen-
schaften), wäre dies ein elementarer argumentativer Zirkel, der alle weiteren Er-
gebnisse entwertet.
Meiner Ansicht nach dient die transzendentale Reduktion vor allem dazu, genau
diese gesuchte Vorurteilslosigkeit einer wirklich grundlegenden, Ersten Philoso-
phie zu verwirklichen. Sie ist daher eine Methode, die ihren Ort im Rahmen des
ph€anomenologischen Grundlegungsprojekts hat. Mit ihrer Hilfe können wir uns
von dem naturwüchsigen Realismus des Alltags und der Wissenschaft frei machen
und auf das Ph€ anomen im transzendentalen Bewusstsein zurück gehen, d. h. auf die
Art und Weise, in der uns alle diese wirklichen oder vermeinten Gegenstände
wirklich bewusstseinsmäßig gegeben sind. Durch die Einklammerung aller Gel-
tungsansprüche unserer Überzeugungen hinsichtlich der Welt und der Gegenstände
in ihr werden wir auf unser subjektives Bewusstsein von diesen Gegenständen
zurückgeworfen. Für Husserl bedeutet diese reduktive Bewegung am Anfang vor
allem zweierlei: Zurückzugehen auf die Sinnlichkeit und die Operationen des
Geistes, die es uns ermöglichen, diesen Gegenstand zu haben, und sie verhindert
zudem, dass wir der Versuchung erliegen, in einem Grundlegungsprojekt voreilig
die Erkenntnisse etablierter Wissenschaften zu verwenden.
Es gibt aber auch eine ebenso rechtmäßige eidetische Ph€ anomenologie des
Bewusstseins, die nicht transzendental vorgehen muss. Dies schließt aber nicht
aus, dass die transzendentale Reduktion oder gegenstandsangepasste Varianten
von ihr nicht auch hier mit großem Nutzen angewandt werden können. Husserl
arbeitet z. B. in seiner Vorlesung über Ph€ anomenologische Psychologie (1925)
seine Phänomenologie als Grundlagendisziplin für alle Geisteswissenschaften aus.
Auch in der Krisis der europ€ aischen Wissenschaften und die transzendentale
Ph€anomenologie (1936) propagiert er eine nicht-transzendentale, eidetische Psy-
chologie, die sich weitgehend mit der eidetischen Phänomenologie deckt. Hier wird
das transzendental-phänomenologische Grundlegungsprojekt lediglich um seine
transzendentale Dimension verkürzt, zu Gunsten einer eidetischen Psychologie,
die auf deskriptiven Analysen der selbst erfahrenen Bewusstseinserlebnisse beruht.
Aber auch diese eidetische Phänomenologie hat noch den Anspruch, eine –
allerdings relative – Grundlegungsdisziplin zu sein, und meiner Meinung nach liegt
darin auch ein Teil ihrer Berechtigung. Sie erhebt ebenfalls den Anspruch, „ganz
unten“ anzusetzen und die Fundamente anderer Wissenschaften zu bilden, vor
allem die der Geisteswissenschaften. Sowohl die transzendental-eidetische wie
auch die eidetische Phänomenologie haben ihren Wert und ihr Ziel daher in einem
vertikal gedachten Grundlegungsprogramm, in dem sie jeweils eine tiefste Ebene
2.7 Zum Verhältnis von Phänomenologie und empirischen Wissenschaften. . . 53

bilden. Es scheint daher nicht nur so, als ob es „unter“ ihnen jeweils keine anderen
Disziplinen geben könnte, sondern auch so, als ob es „neben“ ihnen keine gleich-
berechtigten Disziplinen geben könnte.
Dieses Bild ist aber, zumindest für die eidetische Phänomenologie, nicht ganz
zutreffend, denn sie ist faktisch bereits in viele empirisch arbeitende Nachbardiszi-
plinen eingegangen. Es gibt also ein „Ausströmen“ der eidetischen Phänomenolo-
gie in der horizontalen Dimension.69 Dies trifft vorwiegend auf solche Disziplinen
zu, die sich der Erforschung des menschlichen Bewusstseinslebens und seiner
geistigen Produkte widmen: alle Geisteswissenschaften, die Soziologie, die Päda-
gogik, die Religionswissenschaften, Literaturwissenschaften, die Biographiefor-
schung, die Psychoanalyse, Psychiatrie usw.70 Hierbei tritt meistens die eidetische
Psychologie aus der konsequenten Innenperspektive als vermittelnde Disziplin in
den Vordergrund. Und diese Bewegung der Ausbreitung der Phänomenologie in
horizontaler Richtung wird sicher zukünftig noch weiter gehen.
So zeigt sich, dass eine Unterscheidung der verschiedenen Projekte innerhalb
der Phänomenologie sinnvoll ist, und dass damit der Weg für eine Zusammenarbeit
von empirischen Wissenschaften und der eidetischen Phänomenologie frei ist.

69
An dieser Stelle möchte ich mich für die Diskussionen und Anregungen von Jagna Brudzinska
bedanken, die diese Darstellung beeinflusst haben.
70
Es gibt viele weitere angewandte Disziplinen, wie z. B. die schon relativ weit verbreitete
Phänomenologie des Pflegens (nursing). Der Vorzug der Phänomenologie für solche angewandten
Wissenschaften liegt in der Etablierung einer ‚subjektiven Sicht‘ der Welt, meiner selbst, meines
Leibes und meiner Krankheit. Diese Perspektive wird von den objektivierenden Wissenschaften
nicht ernst genug genommen, und sie kann daher eine wertvolle und wirksame Ergänzung bieten.
Kapitel 3
Argumente für die reale Existenz nicht-
sprachlicher Repräsentationssysteme

Nehmen wir an, dass Sie der festen Überzeugung sind, dass man nur mit Hilfe der
Sprache denken k€onne. Welche realen Dinge, Zusammenhänge, Ereignisse und
Argumente auf dieser Basis k€onnten Sie hinsichtlich Ihrer Überzeugung unsicher
machen? Die folgenden Argumente sollen also nicht mehr die prinzipielle
M€oglichkeit, sondern die reale Existenz von nicht-sprachlichen Repräsentations-
Systemen (NSRS) belegen. Ich gehe dazu von Erkenntnissen anderer Wissenschaf-
ten über den Menschen oder verwandte Spezies aus, die für die meisten von uns als
bestätigt gelten. Hierbei wird allgemein von einer empirisch gut belegten Erkennt-
nis auf die reale Existenz eines nicht-sprachlichen Repräsentationssystems in die-
ser Spezies geschlossen. Dieses Argument gilt z. B. (3.1) für die Spezies der
Hominiden, aus denen sich die heutigen Menschen entwickelt haben. Dieses nicht-
sprachliche System des Denkens muss dazu geeignet sein, die besonderen Probleme
zu l€osen, die diese Spezies meistern mussten, und die sie ohne Sprache be-
wältigt haben. Dann (3.2) geht es darum, zu erklären, warum Primaten
bestimmte hochstufige intellektuelle Leistungen ohne den Gebrauch der Sprache
bewältigen k€ onnen. Auch diese Tatsache weist auf die Verwendung eines nicht-
sprachlichen Systems des Denkens zurück. Dann soll ein Blick auf die geistigen
Leistungen sprachloser Menschen geworfen werden (3.3), die offenbar dieselbe
H€ohe intellektueller Leistungen erreichen wie sprechende Menschen. Dies erlaubt
ebenfalls den Rückschluss auf die Verwendung eines nicht-sprachlichen Systems
des Denkens.
Es wäre ein merkwürdiges Vorhaben beweisen zu wollen, dass es etwas geben
muss, das es gibt, das ich selbst aus eigener Anschauung kenne und dessen Funktion
und Leistung ich zu einem großen Teil auch verstehe. Die Argumente in diesem
Kapitel sind also nicht die Gründe, die für mich selbst ausschlaggebend waren, um
an das Vorliegen des Denkens ohne Sprache zu glauben. Diese Erfahrungsgründe
werde ich erst im darauf folgenden Kap. 4 darlegen. Die hier diskutierten

© Springer International Publishing Switzerland 2016 55


D. Lohmar, Denken ohne Sprache, Phaenomenologica 219,
DOI 10.1007/978-3-319-25757-0_3
56 3 Argumente für die reale Existenz nicht-sprachlicher Repräsentationssysteme

Argumente für die reale Existenz von nicht-sprachlichen Repräsentationssystemen


richten sich vor allem an diejenigen, die dazu neigen, der Auskunft der Wissen-
schaften, der Theologie oder einer überspannten Philosophie eher zu glauben als
ihrer eigenen Erfahrung. Es sind alles aposteriorische Argumente, die von der
realen Existenz einer Sache oder einer Fähigkeit auf deren Erm€oglichungsgründe
schließen.

3.1 Das Argument aus der Evolutionsgeschichte


des Menschen

Aus der Sicht der heute bekannten Evolutionsgeschichte des Menschen muss es
nicht-sprachliche Repräsentations-Systeme gegeben haben, die (fast) ebenso leis-
tungsfähig waren wie die von uns verwendeten sprachlichen Repräsentationen. Die
ersten Hominiden (australopithecus afarensis und a. africanus) wechselten ihren
Lebensraum, d. h. sie verließen den Regenwald bzw. Galeriewald und wurden zu
Bewohnern der Savanne. Außerdem erweiterten sie ihr Nahrungsspektrum auf
Insekten und wasserhaltige Wurzeln. Schon dies war nur mit umfangreichem,
tradiertem Expertenwissen und Werkzeugtraditionen m€oglich (beides finden wir
auch schon bei Schimpansen). Homo habilis jagte bereits geplant und koordiniert
große Tiere. Spätestens homo ergaster bzw. homo erectus, der vor 2,5–1,8 Mio.
Jahren als erster Hominide begann, die ganze Erde zu besiedeln, muss über leis-
tungsfähige Formen der innerlichen Repräsentation von Einsichten, Vorstellun-
gen von der Zukunft und auch über Mittel zur Kommunikation verfügt haben.
Insbesondere die Besiedelung lebensfeindlicher Regionen mit starken Klima-
schwankungen setzt vorausschauendes Denken, umfangreiche Kooperation, soziale
Institutionen sowie die Tradierung und kommunikative Weitergabe von Experten-
wissen voraus. Homo erectus ist zudem der erste Hominide, der keine Ganz-
k€orperbehaarung mehr hatte. Dieser Verlust des Haarkleides stellt vor allem für
die Mütter junger (und zudem noch ungew€ohnlich unreifer) Babys ein echtes
Handicap dar, da sich diese nicht mehr an der Mutter festhalten konnten. Dieses
Handicap verlangt zu seiner Kompensation soziale Werkzeuge wie z. B. Frauen-
bünde u. a. All das ist aber offensichtlich ohne den Gebrauch einer leistungsfähigen
Lautsprache m€ oglich gewesen, denn diese erscheint erst relativ spät mit dem
modernen Menschen homo sapiens sapiens vor 120–150.000 Jahren. Das Leitfossil
für die artikulierte Lautsprache ist das große Zungenbein, von dem man bisher
keine Exemplare gefunden hat, die älter als 120.000 Jahre sind. Der Schluss ist
unabweisbar, dass unsere Vorfahren nicht-sprachliche Repräsentations-Systeme
gehabt haben müssen, und zwar sowohl solche, die zur inneren Repräsentation,
d. h. zum Denken brauchbar sind, als auch solche, die zur äußeren Kommunikation
verwendbar waren. Eine einflussreiche Forschungsrichtung der Evolutionstheorie
3.1 Das Argument aus der Evolutionsgeschichte des Menschen 57

vermutet, dass es für die äußere Kommunikation die Gestensprache war, die dies
erm€oglicht hat.1 Es liegt daher nahe, dass diese nicht-sprachlichen Systeme auch
heute noch im Menschen arbeiten und mit der Sprache weitgehend harmonisch
kooperieren.2 Vielleicht erm€oglichen sie auch einzelne Leistungen der Sprache
erst, indem sie unauffällig Leistungslücken des sprachlichen Systems füllen.
Es geht hier um eine Reflexion auf die notwendigen geistigen Mittel, die
Hominiden haben müssen, wenn sie bestimmte Leistungen vollziehen k€onnen.
Die Frage ist also: Welche geistigen Leistungen muss ein Lebewesen erbringen,
damit gewisse andere Leistungen, z. B. intelligente Handlungen, m€oglich sind,
deren Vorliegen uns die Entwicklung der Hominiden und ihr jeweiliger Lebensstil
zeigt. Natürlich ist diese Argumentation von der Fundlage und der aktuellen
Theoriebildung der Paläoanthropologie abhängig. Darüber hinaus ist die ganze
Argumentation regressiv, also auf geistige Leistungen gerichtet, die eine ‚intelli-
gente‘ Verhaltensweise erm€oglichen. Regressive Argumente weisen allgemein das
Problem auf, dass es oft alternative Erklärungen für das Zustandekommen eines
intelligenten Verhaltens gibt, und darunter sind häufig ‚einfache‘ Erklärungen, die
eine deflationäre Strategie verfolgen und willentlich wesentlich einfachere geistige
Prozesse als M€ oglichkeitsgrund annehmen.
Einige entscheidende Leistungsstufen in der Evolution des Menschen bedürfen
einer Erklärung bzw. eines besseren Verständnisses. Ich werde mich auf die Tat-
sche der Verbreitung des homo erectus vor etwa 2,3 bis 1,8 Millionen Jahren
über die ganze Erde beschränken. Er verteilte sich langsam über fast alle Regionen
der Erde, zunächst über solche, die seiner heimatlichen Steppe am ähnlichsten
waren, dann aber auch auf eher lebensfeindliche Gegenden, deren Besiedelung
wahrscheinlich nur mit Hilfe von langfristigen Planungen m€oglich ist, und die evtl.
auch eine €offentliche Kommunikation mit Gesten verlangt.
Schon vor etwa 400.000 Jahren verbreitete sich eine Unterart des Menschen
auch in die n€ ordlichen Gebiete der Halbkugel, in denen es starke jahreszeitliche
Schwankungen des Klimas gibt, z. B. in Nordeuropa. Die erste Anforderung, die
sich daraus ergibt, ist die Fähigkeit der Planung über längere Zeiträume hinweg,
aber auch gemeinschaftliches und soziales Handeln ist hiermit gefordert. Meiner
Ansicht nach müssen diese Gemeinschaften zumindest in der Lage gewesen sein,
eine Vorstellung von der kommenden, kalten Jahreszeit zu haben. Hierdurch wird
es notwendig, ausreichenden Schutz vor der Kälte und ein Minimum an Vorräten
(Sammlung von haltbaren Nahrungsmitteln, z. B. Wurzeln, K€ornern, Nüssen, ge-
trockneten Früchten, getrocknetes Fleisch) zu besitzen, damit die Gemeinschaft
nicht durch Hunger und Kälte lebensgefährdend bedroht wird. In einem gewissen
Umfang kann man die klimatisch bedingten Schwankungen des Nahrungsangebots

1
Vgl. Corballis 1999. Diese These wurde im 17. Jahrhundert von Condillac aufgestellt und nach
1970 von Gorden W. Hewes vertreten. Hierzu sollte auch Tomasello 2009, erwähnt werden.
2
Gestensprachen-Dolmetscher berichten, dass sie, wenn sie ein paar Tage in der Gegenwart nur
taubstummer Menschen ausschließlich gestisch kommunizieren, beginnen, auch in diesen Gesten
zu denken.
58 3 Argumente für die reale Existenz nicht-sprachlicher Repräsentationssysteme

auch durch einen Wechsel der Ernährung ausgleichen, d. h. im Sommer eher


pflanzliche Nahrung, im Winter eher Fleisch.
Große Jagdtiere wurden bereits vom homo habilis gejagt, aber für den homo
heidelbergensis und die Neandertaler in n€ordlichen Breiten wird die Jagd von
großen und überwinternden Tieren, wie Mammut, Auerochsen, Wisent, Wild-
schwein, Rotwild, Büffel, zum entscheidenden Faktor für das Überleben. Das Auf-
stellen von Fallen und gemeinschaftliches Jagen sind hier die Voraussetzungen des
Überlebens. Die Fähigkeit zum gemeinschaftlichen Handeln und zur Planung kom-
plexer Strategien wurde notwendig. Auch die Verlässlichkeit von Handlungen
innerhalb der Gruppe wird zu einem entscheidenden Faktor des Überlebens. Das
bedeutet, dass entweder Kommunikation über die jeweiligen und sich eventuell
auch verändernden Aufgaben einer Person notwendig wird, oder dass eine ausge-
dehnte Jagdtradition gepflegt wird, die es den Jüngeren erlaubt, am Vorbild zu
lernen.
Auch die Erhaltung derjenigen Gruppenmitglieder, die zeitweilig nur einen
relativ geringen Nutzen für die Gemeinschaft erbringen, gewinnt an Bedeutung,
denn das gesammelte und tradierte Expertenwissen der Alten wird zunehmend
wichtiger. Auch Wissen zur Beurteilung der gefundenen Nahrung (Pilze, Beeren
usw.), zur Bestimmung der Lage von Fundstellen, der medizinischen Nutzpflanzen,
der Beurteilung und Behandlung von Krankheiten usw. fordert Experten, die sich
durch gute Auffassungsgabe und gutes Gedächtnis auszeichnen, weil das Überleben
der ganzen Gruppe von ihrer Leistung abhängt. Intelligenz, Wissen, schlussfol-
gerndes Denken und die Fähigkeit, gemeinschaftlich zu handeln, werden so zum
Zentrum der lebenserhaltenden Leistungen, dass sie ein symbolisches Repräsenta-
tionssystem verlangen. Dies kann aber nicht die Sprache gewesen sein, denn diese
entstand erst vor frühestens 120.000 Jahren.3

3.2 Das Argument aus den kognitiven Leistungen


hochzerebralisierter Tiere

3.2.1 Intelligentes Verhalten bei Tieren

Wir neigen dazu, eine geistige Leistung, die wir bei uns kennen und schätzen, als
eine unteilbare Gesamtleistung anzusehen, d. h. wir bemerken oft nicht, dass diese
Gesamtleistung aus vielen Teilleistungen besteht, die auch ohne die Gesamtleistung
bestehen k€onnen. Die Fragen, ob Tiere Vernunft besitzen oder Selbstbewusstsein,
ob sie denken k€onnen usw., sind oft nicht sinnvoll, denn wir sollten zunächst die
Teilleistungen erkennen und finden, die zu diesen Gesamtleistungen geh€oren. Die

3
Ein weiterer wichtiger Zeitpunkt in der Menschheitsentwicklung ist die Verbesserung der Werk-
zeugkultur (‚technologische Revolution‘), die erst vor ca. 12.000 Jahren begann und den Anfang
der Agrartechnik und weiterer Werktechniken markiert.
3.2 Das Argument aus den kognitiven Leistungen hochzerebralisierter Tiere 59

Einsicht in das Zusammenwirken vieler Teilleistungen vermittelt uns besonders die


Beschäftigung mit den kognitiven Leistungen der Tiere.
Viele der kognitiven Leistungen hochzerebralisierter Tiere, insbesondere von
Primaten und Rabenv€ogeln, lassen sich ohne die Annahme einfacher Formen
des Denkens kaum erklären. Dennoch finden wir oft Ansätze, die, der Regel von
Morgan folgend, komplexes Verhalten bei Tieren mit m€oglichst einfachen geisti-
gen Leistungen zu erklären versuchen. Diese ‚einfachen‘ Erklärungen kann man
auch dort geben, wo wir zunächst, durch naheliegende Übertragung der menschli-
chen Probleml€ osung, ‚intelligente‘ geistige Leistungen vermuten (d. h. solche ‚wie
bei uns‘). Die deflationäre Strategie der ‚einfachen‘ L€osungen wird in der ver-
gleichenden Verhaltensforschung oft unter Berufung auf Morgans Regel verfolgt,
die eine bewusste Minimalisierung geistiger Fähigkeiten bei Tieren vorschreibt.
Dies ist jedoch nicht immer angemessen.
Man kann gegenüber allen hier dargestellten Einsichten hinsichtlich der geisti-
gen Fähigkeiten von Tieren also skeptische Einwände geltend machen. Bei jeder
dieser Leistungen kann man versuchen, ‚einfachere‘ Erklärungen zu finden, die
ohne die Voraussetzung intelligenter Leistungen auskommen oder lediglich ganz
einfache Leistungen voraussetzen. So kann man bezweifeln, dass bei der Pantomi-
me des „verletzten Vogels“, die Fressfeinde von dem Gelege eines Bodenbrüters
weglocken soll, wirklich die Manipulation des Wissens beabsichtigt ist, und anneh-
men, dass es hier lediglich um eine erfolgreiche Manipulation des Verhaltens geht.
Morgans Regel schreibt aber immer eine m€oglichst einfache Interpretation vor, und
dies ist auch heute noch eine akzeptierte Vorgehensweise bei der Interpretation der
kognitiven Leistungen und des Verhaltens von Tieren. Sie ist eine Anweisung zur
Reduktion h€ oherstufiger Leistungen auf niedrigstufige, aber sie wird lediglich auf
Tiere bezogen, d. h. sie wird nicht auf Menschen angewandt. Diese Regel lebt in
trivialen und wissenschaftlichen Formen weiter, und zwar sowohl in der zeitge-
n€ossischen Philosophie des Geistes als auch in der konkreten Interpretation von
experimentellen Befunden oder solchen der Freilandbeobachtung. Damit soll nicht
gesagt sein, dass Morgans Regel keinen rechten Sinn hat, sondern nur, dass sie,
wenn sie überhaupt angewandt werden sollte, auf alle Spezies in gleicher Weise
angewandt werden sollte. Da wir sie nicht auf Menschen anwenden wollen, und
zwar weil wir aus eigener Erfahrung wissen, dass es eine geistige Seite unseres
komplexen Verhaltens gibt, sollten wir sie auch nicht auf alle Tiere anwenden,
sondern danach suchen, welche Formen der Repräsentation und welche Teilleistun-
gen dessen, was wir bei uns Denken nennen, auch bei ihnen vorliegen müssen, um
ihr komplexes Verhalten verständlich zu machen.
Es geht hier also lediglich darum, die unübersehbare Aufgabe zu formulieren,
die durch viele Intelligenzleistungen für die Theorie des tierischen Denkens gestellt
wird: Wie k€ onnen hoch entwickelte Tiere alle diese Leistungen vollbringen?
Welche Repräsentations-Systeme verwenden sie dafür? In einem Punkt k€onnen
wir sicher sein: Die Sprache ist es nicht. Wir werden jedoch sehen, dass es alter-
native Repräsentations-Systeme beim Menschen gibt, und welchen verständlichen
Grund kann es geben, diese oder ähnliche Fähigkeiten den hochzerebralisierten
Primatenspezies nicht zuzuschreiben?
60 3 Argumente für die reale Existenz nicht-sprachlicher Repräsentationssysteme

Allerdings kann man für fast jedes Verhalten eine solche reduktive Interpreta-
tion finden. Häufig sind dagegen Erklärungen, die h€ohere geistige Leistungen
annehmen, viel einfacher und angemessener. Wenden wir Morgans Regel jedoch
auf das Verhalten von Menschen an, z. B. auf Philosophen, dann k€onnen wir das
Erzählen lehrreicher oder interessanter philosophischer Geschichten als Versuch
interpretieren, den Status eines gut gefütterten Hofnarren zu erlangen. Es ist also
lediglich eine Konditionierung der Anderen im Rahmen unseres Strebens nach
Ernährung, und nicht mehr.
Unser Wissen über die geistigen Fähigkeiten von Tieren ist immer noch rudi-
mentär, das Interesse daran ist erst seit einigen Jahrzehnten langsam gewachsen. Ich
werde nicht versuchen, eine m€oglichst vollständige Liste aller kognitiven Fähigkei-
ten zu präsentieren, sondern beschränke mich nur auf wenige. Danach werde ich
kurz auf die Implikationen der Fähigkeiten zu moralähnlichem Verhalten, Selbst-
bewusstsein und taktischen Täuschungen (Lügen) eingehen.
Wir wissen heute, dass viele Tiere die Leistung der Objektpermanenz erbringen
k€onnen, d. h. sie haben eine Vorstellung davon, dass ein Objekt auch noch dann
existiert, wenn es eine Zeitlang von einem Hindernis verdeckt wird. Dazu kommt
noch die Fähigkeit, einfache Kategorien von Gegenständen, Materialien und Ereig-
nissen zu bilden (z. B. von Früchten oder anderen Tierspezies). Bei Primaten und
den lungenatmenden Meeresbewohnern kann man sogar komplexe kooperative
Aktionen nachweisen, z. B. Hilfeleistungen und gemeinsame Jagd.
Ein weiteres Feld geistiger Leistungen ist das Erfassen der Einsichten, Absich-
ten, Erinnerungen usw. von Anderen. Die Fähigkeit, die Absichten Anderer zu
verstehen und sich dementsprechend sinngemäß zu verhalten, ist bei Primaten nicht
so stark ausgeprägt wie beim Menschen, aber sie ist vorhanden.4
Bei den hochzerebralisierten Primaten lassen sich Werkzeugkulturen belegen,
die zum Teil erstaunlich lange existiert haben. So gelang es, eine Fundstelle bei den
Nüsse knackenden Schimpansen im Tai-Nationalpark für eine Zeit von 4300 Jahren
nachzuweisen.5 Neben der gruppenspezifischen Hierarchie bei Männchen und
Weibchen gibt es gelegentlich auch neu gestiftete Institutionen, die durch Tradition
aufrechterhalten werden, z. B. hinsichtlich des Grüßens, der Bearbeitung von Nah-
rungsmitteln usw.
Zudem haben wir in den letzten Jahrzehnten immer mehr Hinweise dafür
erhalten, dass Teilleistungen dessen, was wir beim Menschen als Moral bzw.
Moralverhalten bezeichnen, auch bei vielen in Gruppen lebenden Tieren zu finden
ist. Insbesondere richtet sich die Aufmerksamkeit dabei wieder auf die Primaten. Es
gibt Teilleistungen der komplexen Gesamtleistung „Moral“ auch bei Tieren. Aber
nicht alle Elemente, die für menschliche Moralität charakteristisch sind, lassen sich

4
Vgl. die Untersuchungen von Tomasello und Carpenter 2007; Tomasello 1995; Tomasello
et al. 2005.
5
Zu den Schimpansen des Tai-Nationalparks, die Palmnüsse mit Hilfe von Steinen knacken und
diese Fähigkeit auch an ihre Nachkommen weitergeben, vgl. Boesch und Boesch 1984; Boesch
1991; Boesch-Achermann und Boesch 1993; Matsuzawa 1994. Dass sich diese Tradition über
4300 Jahre nachweisen lässt vgl. Mercader et al. 2007.
3.2 Das Argument aus den kognitiven Leistungen hochzerebralisierter Tiere 61

hier aufweisen. So gibt es nur in wenigen Aspekten der Moralorientierung bei


Menschenaffen so etwas wie eine Allgemeingültigkeit der moralischen Regeln,
d. h. die meisten Regeln sind an der Hierarchie orientiert und fordern entsprechend
von denjenigen, die in der Hierarchie unten stehen, Anderes als von den h€oher
stehenden Individuen.6
Nun ist gerade diese Einschränkung vielleicht nicht so gravierend, wie es
zunächst scheinen mag. Denken wir an Platons Bestimmung der Gerechtigkeit in
seinem Idealstaat: Hier gilt für alle Mitglieder der Gemeinschaft zwar dieselbe
Generalregel, dass nämlich Gerechtigkeit das „Tun des Seinen“ sei, aber der kon-
krete Inhalt dessen, was jeweils die spezifische Aufgabe eines Standes ist, ist von
Stand zu Stand verschieden. Der Nährstand soll arbeiten und der Obrigkeit gehor-
chen, der Kriegerstand soll wehrhaft nach außen und friedlich nach innen sein. Der
Herrscherstand muss weise sein, damit er herrschen kann, und er darf hierbei auch
lügen, was den unteren Ständen verboten ist. Wir sollten also nicht darauf beharren,
dass Moral nur Regeln mit allgemein gleicher Geltung enthalten darf. Diese
Forderung ist selbst normativ und eher typisch für die am Gleichheitsideal der
Aufklärung orientierten Moralvorstellungen.
Ein charakteristisches Beispiel für Moralregeln bei Primaten ist die Regel, dass
gefundenes Futter der ganzen Gruppe zu melden ist. Sie gilt für alle Mitglieder von
Primatengruppen, und sie wird auch von rangniederen Tieren meistens befolgt,
obwohl für diese damit ein Nachteil verbunden ist. Denn es gibt eine weitere Regel,
die besagt, dass zuerst die Rangh€oheren fressen dürfen. Die Regeln sind also für die
Schichten innerhalb der Gruppe sehr verschieden, und sie werden immer auch
durch gemeinschaftliche Sanktionen aufrecht erhalten.
Zudem kommen Regeln vor, die von Einzelnen oder von Teilen der Gruppe
aufgestellt und auch nur von diesen sanktioniert werden. Dies trifft z. B. auf die so
genannten Mutter-Regeln zu, deren wichtigste ist, dass Kinder nicht zu eigenen
Zwecken instrumentalisiert werden dürfen. Dies geschieht relativ oft, weil z. B.
rangniedrige Männchen versuchen, über die Kinder Zugang zu den Müttern zu
erhalten, oder weil rangniedrigere Weibchen sich an den Kindern (oder auch an den
Freundinnen) der hochrangigen Rivalinnen für erlittene Zurücksetzungen zu rächen
versuchen. Erfolgt dies dennoch, dann wird die Verletzung der Regel von der
Mutter und zum Teil auch von weiteren Weibchen (Freundinnen der Mutter)
sanktioniert.7
Hochzerebralisierte Affen besitzen ein Gefühl für Gerechtigkeit, und sie richten
ihr Verhalten auch danach, dies zeigt ein Experiment von Frans de Waal und Sarah
Brosnan.8 Eine Maschine tauschte Spielsteine gegen zwei verschiedene Arten von
Gütern: Trauben, die sehr beliebt waren, und weniger begehrte Gurkenstücke. Die

6
Vgl. hierzu die Darstellungen bei Waal 1997, Kap. 3.
7
Vgl. Waal 1997, S. 114 ff.
8
Vgl. Waal und Brosnan 2003.
62 3 Argumente für die reale Existenz nicht-sprachlicher Repräsentationssysteme

Maschine konnte dann so manipuliert werden, dass sie gezielt einzelne Mitglieder
der Gruppe bevorzugte und demnach nicht mehr „gerecht“ belohnte. Nach dieser
Manipulation wandten sich die meisten Kapuzineraffen von dem bis dahin attrakti-
ven Spielzeug ab.
Es spricht für ein gewisses Maß an intrinsischer Motivation, dass die meisten
Gruppenmitglieder sich auch dann an die Regel halten, nach der gefundenes
Fressen der Gruppe gemeldet werden muss, wenn sie nicht beobachtet werden.
Primaten besitzen also offensichtlich die Fähigkeit, diese Regel in ihrer Allgemein-
heit vorzustellen. Die Personen richten sich sogar dann nach der Regel, wenn dies
bedeutet, dass sie von dem gefundenen Futter selbst nichts essen dürfen, weil sich
zuerst die Rangh€ oheren bedienen dürfen. Wir wissen nicht, ob bei dem regelge-
mäßen Verhalten eine intrinsische Sanktion im Spiel ist, d. h. ob die Affen von
ihrem gefühlten ‚schlechten Gewissen‘ dazu getrieben werden, sich an der Regel zu
orientieren, oder ob es die assoziativ vorschwebenden Bilder wütender hochrangi-
ger Mitglieder der Gruppe sind, die ihr Verhalten beeinflussen. Werden diese
Regeln aber nicht eingehalten, dann erfolgen Sanktionen durch die Gruppe. Es
lässt sich also ‚gerechter Zorn‘ bei Primaten beobachten, wenn sich Einzelne nicht
der Gruppenregel fügen, gefundene Nahrung zu melden: Die Betrüger werden
verprügelt.9
Es gibt dazu noch eine Regel der Wahrhaftigkeit in der €offentlichen Kommuni-
kation. Eine Verletzung dieser Regel kommt gelegentlich bei der taktischen Täu-
schung unter Verwendung von Warnrufen vor. Dieser Typ von Täuschungen wird
meistens mit der Absicht begangen, sich einen Vorteil, z. B. den durch H€o-
herrangige behinderten Zugang zu hochwertiger Nahrung, zu beschaffen. Ist es
ein jugendliches Tier, das diese falsche Verwendung eines Warnrufes begangen
hat, so erfährt es oft Nachsicht und eher milde Sanktionen, erfahrene Tiere werden
für Lügen streng sanktioniert.
Hinsichtlich der M€oglichkeit eines Vorhandenseins von Moral bei Primaten sind
wir normalerweise eher skeptisch. Bezogen auf dieselben Leistungen bei Menschen
oder Hominiden sind wir dagegen eher optimistisch. Das zeigt sich darin, dass wir
den gleichen Befund bei beiden Spezies ganz verschieden beurteilen: Findet man
Fundstücke früher Hominiden, die den Schluss nahe legen, dass ein stark behinder-
tes Gruppenmitglied längere Zeit durch die Hilfe der Gruppe überlebt hat, so hält
man dies für ein sicheres Zeichen von Moralität. Findet sich jedoch in einer Gruppe
von Primaten ein behindertes Mitglied, das durch die Mithilfe der Anderen über-
lebt, z€ ogert man und bevorzugt ‚einfachere Erklärungen‘, vor allem solche, die
keine geistigen Leistungen bei Primaten voraussetzen. 10

9
Vgl. Hauser 1992.
10
Das Beispiel stammt von Frans de Waal, der auf den behinderten Japanmakaken Mozu auf-
merksam macht, vgl. Waal 1997, Kap. 1.
3.2 Das Argument aus den kognitiven Leistungen hochzerebralisierter Tiere 63

3.2.2 Selbstbewusstsein

Ich komme nun zu einem geeigneten Beispiel für die Zusammensetzung einer
geistigen Leistung aus Teilleistungen: Das Selbstbewusstsein ist seit Anfang der
Neuzeit ein zentrales Thema der Philosophie, und es wird in der philosophischen
Diskussion entsprechend hoch bewertet. Kant sieht das Selbstbewusstsein in der
Form des bewussten Ich-denke als h€ochsten Punkt aller intellektueller Leistungen
an. Alle anderen geistigen Fähigkeiten, wie die Fähigkeit der Objektkonstitution,
die Beherrschung der Logik usw., hängen von dieser transzendentalen Apperzep-
tion ab. Gemeint ist ein unmittelbares Bewusstsein, dass ich es bin, der jetzt
wahrnimmt oder denkt. Es fragt sich jedoch, ob diese Hochschätzung des Selbst-
bewusstseins im Tiervergleich berechtigt ist.
Das Sich-im-Spiegel-Wiedererkennen scheint ein wichtiges Indiz für das Selbst-
bewusstsein eines Lebewesens zu sein. Dies gelingt dem Menschen, dem Schim-
pansen, einigen Rabenv€ogeln, manchen klugen Tauben und einigen sprachtrainier-
ten (akkulturierten) Gorillas. Alle anderen Lebewesen behandeln das Spiegelbild
wie einen Feind oder ignorieren es.
Die Aussagekraft des so genannten Gallup-Tests ist seit langem ein Streitthema der
Ethologie. Bei dem Gallup-Test wird ein Versuchstier betäubt, dann bringt man
unbemerkt einen Farbfleck auf seiner Stirn an. Gelingt es dem Tier, diesen Fleck im
Spiegel zu entdecken, und bemüht es sich, diesen zu entfernen, dann kann man dies als
Beleg für das Selbstbewusstsein deuten. Allerdings ist dieser Schluss nicht zwingend.
Es ist nämlich keineswegs klar, was überhaupt mit diesem Test erwiesen wird.
Es gibt jedoch viele Formen von vor-reflexivem Selbstbezug. Ich beginne
zunächst mit etwas, was jedem Lebewesen m€oglich ist, das einen sensiblen Leib
besitzt, nämlich sich selbst zu fühlen. Schon das Anspannen der Muskel, um eine
bestimmte Leibesbewegung auszuführen, wird von diesen Muskeln gleichsam
zurückgemeldet. Wir empfinden nicht nur den Gegenstand, den wir bewegen
wollen, der diesem Versuch einen Widerstand entgegensetzt, sondern wir spüren
zur gleichen Zeit auch die Anstrengung unserer Muskeln (nisus). Diese Rückmel-
dung sagt uns, ob unsere Anstrengungen schon erfolgreich sind, oder ob wir unser
Bemühen verstärken müssen. Diese einfache Rückmeldung bildet also bereits einen
wichtigen Aspekt allen und somit auch unseres Selbstbewusstseins. Dazu kommt
noch ein gelegentlich auftretendes Sich-selbst-Fühlen in verschiedenen Modi
zwischen den Extremen des Sich-krank-Fühlens und des Sich-gesund-und-stark-
Fühlens.
Es gibt zudem noch weitere niedrigstufige Formen des Selbstbewusstseins, die
damit zusammenhängen, dass sich die Modi der Rückmeldung meines Leibes in
verschiedene Sinnesdimensionen aufteilen k€onnen. So kann ich, wenn ich mit einer
Hand meine andere berühre, eine Doppelempfindung des Berührtwerdens und
gleichzeitig Berührens eines Leibes erfahren, der mein eigener ist. Zudem kann
ich die Aktion meines Leibes zugleich sehen und taktuell fühlen, auch hierin liegt
ein empfindungsmäßiges, vorreflexives und vorsprachliches Sich-seiner-selbst-
bewusst-Sein.
64 3 Argumente für die reale Existenz nicht-sprachlicher Repräsentationssysteme

Eine weitere und schon etwas h€oherstufige Form des Selbstbewusstseins ist die
Identifikation meiner Außenansicht und einer von innen gefühlten unmittelbareren
taktuellen Gegebenheit. Ich sehe, dass sich meine Hände bewegen, und ich spüre
zugleich mit der sichtbaren Berührung auch die taktuelle Berührung, die sich dabei
sozusagen gegenseitig bestätigen. Fühlend und sehend kann ich die Kenntnis
meiner Außenansicht auch auf Teile meines Gesichts erweitern, so sehe und taste
ich z. B. meine Nase und meine Zunge. Meine tastenden Hände sagen mir zugleich,
dass es meine Haut ist, die mein Gesicht bedeckt. Daher scheint die Erweiterung
dieser Identifikation auf die erst im Spiegel gesehenen Teile meines Gesichts keine
besondere intellektuelle Leistung zu sein, zumindest nicht für Lebewesen, die ihr
Gesicht tasten k€ onnen, und dies gilt für alle Affen und Primaten. Dennoch zeigen
sich in der Auswertung des Gallup-Tests Unterschiede zwischen Menschen, Raben-
v€ogeln und Schimpansen, die diesen Test bestehen, und fast allen anderen Prima-
ten, die ihn nicht bestehen. Im Ganzen befindet sich diese Leistung aber eher auf der
Ebene der Identifikation meiner sichtbaren Außenansicht mit meinem ge-
tasteten Leib.
Es gibt aber Selbstverhältnisse, die auf einer deutlich h€oheren Ebene der Er-
kenntnis liegen, und zwar nicht nur bei Menschen. Bei Lebewesen, die sich ihrer
Handlungen und ihres Erleidens im Modus der Empfindung bewusst sind, bildet
sich eine Geschichte dieses Leidens und Handelns aus. Wenn sie dann noch um ihre
Stellung in einer Gemeinschaft wissen, z. B. im Modus des In-einer-Hierarchie-
Stehens oder des Verwandt-Seins-mit-Anderen, dann entsteht ein differenziertes
Wissen der eigenen Geschichte.
Beim Menschen finden wir gesehene, erzählte und auch bildhaft vorgestellte
Geschichte. Gibt es dies auch bei Tieren? Um diese Frage zu beantworten hilft auch
ein kurzer Vorblick auf das szenisch-phantasmatische System des nicht-sprach-
lichen Denkens. Gehen wir nämlich davon aus, dass der Modus dieses Sich-seiner-
Geschichte-bewusst-Seins ein szenisches Vorstellen der Interaktionen ist, dann
versteht man sofort, dass hiermit nicht nur die Vergangenheit im Blick bleibt,
sondern auch eine m€ogliche Zukunft mit vorgestellt wird: Ich weiß, dass mich
dieser Kerl schon einmal verprügelt hat, und mein ängstliches Gefühl sagt mir:
Wenn ich nicht aufpasse, dann kann das wieder passieren. So kann ich mir selbst
auch ohne Sprache als ein Subjekt m€oglicher Handlungen und m€oglichen Leidens
bewusst sein. Auf dem Hintergrund der Vorgeschichte von mir und Anderen kenne
ich ebenfalls die Tendenzen ihrer Handlungen. – Auf einem vergleichbaren Niveau
scheint auch das Wissen darum zu liegen, was andere Mitglieder einer Gruppe von
mir denken, und was sie planen.
Ich weiß zudem, dass Andere aus meinen Gesten und Verhaltensweisen Schlüsse
hinsichtlich meiner Absichten und meines Selbstvertrauens ziehen. Wenn ich ihnen
gegenüber zu sicher auftrete, werden sie mir vielleicht schon allein deshalb zeigen
wollen, wer hier der Stärkere ist. Dieses Wissen um meine äußere Erscheinung und
die Schlüsse, die Andere daraus ziehen werden, ist oft so gut ausgebildet, dass ich
meine äußere Erscheinung bewusst manipulieren kann, um das Verhalten des Ande-
ren zu beeinflussen. Ich benutze dabei meine äußere Erscheinung, die normalerweise
ganz unwillkürlich sich ausprägt, zum Zweck der taktischen Täuschung Anderer.
3.2 Das Argument aus den kognitiven Leistungen hochzerebralisierter Tiere 65

Es gibt für dieses Verhalten auch Beispiele bei Primaten. Frans de Waal be-
richtet, dass manchmal ein unterlegener Schimpanse einem überlegenen Rivalen
den falschen Eindruck einer Verletzung vermittelt, indem er absichtlich humpelt.11
Schimpansen sind sich der Wirkung mimischer Anzeichen von Emotionen bewusst,
und sie manipulieren sie, um Anderen ein falsches Bild ihrer Gefühle zu geben. –
De Waal berichtet, dass nach einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen
rivalisierenden Männchen der zeitweilige Sieger Luit dem unterlegenen, aber star-
ken Nikkie den Rücken zuwendete. Auf erneute Provokationen von Nikkie hin
bildete Luit das charakteristische nerv€ose Angstgrinsen aus (welches einen Rück-
zug einleiten kann und Unterwerfungsbereitschaft anzeigt), aber ohne dass Nikkie
dies sehen konnte. Daraufhin presste Luit mit den Fingern seine Lippen so lange
zusammen, bis das verräterische Grinsen verschwunden war und er sich dann
wieder Nikkie zuwandte, um zu imponieren.12
In Bezug auf diese komplexe Täuschungshandlung lässt sich jedoch prinzipiell
wieder mit Morgans Regel eine reduktive Strategie verfolgen. Zunächst wird schlicht
geleugnet, dass es selbst niedrigstufige Formen des Selbstbewusstseins bei Tieren
geben kann, dann erklärt man das komplexe Verhalten, das uns wie ein Täuschungs-
verhalten vorkommen kann, für einen relativ einfachen Versuch der Verhaltens-
manipulation: Das Tier verhält sich z. B. so, als sei es verletzt. Es besitzt aber kein
Wissen darüber, wie es Anderen erscheint, und es weiß auch nichts über die Deutun-
gen, die es mit seinem Verhalten bei Anderen initiiert. Es benutzt dieses Verhalten
lediglich zur Manipulation des Verhaltens Anderer, und es wählt dieses Verhalten auf
der Grundlage von Versuch und Irrtum aus. Wir sehen, dass solche vermeintlich
‚einfacheren‘ Erklärungen oft umwegig und extrem künstlich sind, zudem sind sie oft
komplizierter als eine Erklärung, die h€ohere geistige Leistungen voraussetzt.13 Sol-
che reduktiven Erklärungen lassen zudem die Flexibilität im Verhalten der Tiere und
ihre augenfälligen Emotionen nicht verständlich werden. Man sollte daher solche
Reduktionen auf vermeintlich einfachere Mechanismen eher vermeiden.
Das entscheidende Argument gegen die Interpretation eines hochkomplexen
Täuschungsverhaltens als ein durch Versuch und Irrtum erlerntes Verhalten besteht
darin, dass es in Primatengemeinschaften nur sehr selten vorkommt, und wenn es

ofter vorkommt, dann wird es als Täuschungsversuch sanktioniert.14 Täuschungs-
verhalten verringert seine Chance auf Erfolg in verstehenden, erinnernden und
denkenden Spezies mit jedem weiteren Versuch und es kann daher nicht als ver-
lässliche Erfahrung der Folge einer Handlung zur Grundlage der Ausprägung eines
durch Versuch und Irrtum erlernten Verhaltens werden.

11
Dies berichtet Frans de Waal vgl. Bryne und Whiten 1990, Episode 238.
12
Vgl. Waal 1983, S. 134.
13
Solche Erklärungen erinnern an Hobbes umwegige Erklärung für moralisches Verhalten: Moral
folgt immer dem Muster des „ehrbaren“ Kaufmannes, dessen Motiv für Ehrlichkeit nie Menschen-
liebe ist, sondern lediglich sein Egoismus und der Wunsch nach einem guten Ansehen in der
Öffentlichkeit, das gute Geschäfte nach sich zieht.
14
Vgl. hierzu Hauser 1992.
66 3 Argumente für die reale Existenz nicht-sprachlicher Repräsentationssysteme

Beim Menschen kommen zu den einfachen Formen des Selbstbezugs noch


verschiedene sprach- und begriffsbasierte Selbstbezüge hinzu, die keineswegs
immer den Begriff ‚Ich‘ verwenden müssen. Ein Beispiel dafür ist, dass Sie Ihre
Stimme h€ oren k€
onnen, wenn Sie sprechen, so dass sich dieser Klang als charakte-
ristisches Erkennungszeichen Ihrer selbst einprägt. Sie h€oren bereits: Ich bin es, der
hier redet! Wenn dann im ‚innerlichen Reden‘ während meines Denkens auch
meine Stimme phantasmatisch erklingt (und diese klingt genau so wie meine
Stimme, wenn ich sie im Sprechen h€ore), dann weiß ich: Ich bin es, der da denkt!
Dass ich es bin, der denkt, ‚h€ore‘ ich so unmittelbar, wie ich Spinat am Geschmack
erkenne, also auf der Basis der sinnlichen Qualität des Phantasma meiner inneren
Stimme. Zudem gibt es beim Menschen auch noch über diese sinnlich vermittelten
Weisen des Selbstbewusstseins hinaus ein begriffsbasiertes Selbstverhältnis.

3.2.3 Wissen um die Sozialstruktur und Hierarchie

Ich komme nun zu den geistigen Leistungen von Tieren, die sich im Sozialleben
zeigen. Es gibt unter den Tierverhaltensforschern einen gewissen Konsens, dass
eine der großen kognitiven Stärken der Primaten ihre soziale Intelligenz ist. Dies ist
nicht unmittelbar einsichtig, deshalb nenne ich einige der Gesichtspunkte, unter
denen diese Einschätzung verständlich wird.
Das Wissen um die Sozialstruktur der eigenen Gruppe ist für Lebewesen, die in
einer Gruppe leben, und deren Überlebenschancen auch an die Gesamtfitness dieser
Gruppe gebunden ist, viel wichtiger als bei solitär oder überwiegend solitär le-
benden Spezies. Bei den meisten Säugetieren, die in Gruppen leben, findet sich
auch eine Hierarchie innerhalb dieser Gruppen, meistens sogar zwei, d. h. eine
Hierarchie zwischen den Männchen und eine solche zwischen den Weibchen. In
Schimpansengruppen ist es zudem nicht nur wichtig, in der Hierarchie der starken
Männchen einen Führungsplatz einzunehmen, sondern es ist ebenso wichtig, wel-
chen sozialen Rang die Mutter dieses Männchens hat.15
Die Mitglieder der Gruppe sind über diese Hierarchie informiert, denn sie
verhalten sich entsprechend den Erwartungen, die an sie als Mitglieder dieser
Ordnung gestellt werden. Neben dem Wissen um die Hierarchie in der eigenen
Gruppe wissen Affen auch oft über die Hierarchie der Nachbargruppe sehr gut
Bescheid.16 Dazu kommt noch das Wissen über die pers€onlichen freundschaft-
lichen oder feindlichen Beziehungen einzelner Gruppenmitglieder untereinander,

15
Frans de Waal schildert auch das Beispiel des Männchens, das aus der Gruppe vertrieben wurde
und auf Grund des hohen Ranges seiner Mutter nach kurzer Zeit wieder seine alte Stellung zurück
gewann.
16
Bei grünen Meerkatzen konnte sogar nachgewiesen werden, dass sie nicht nur die beiden
Hierarchien der eigenen Gruppe überschauten, sondern auch die Hierarchie einer Nachbargruppe
kannten. Vgl. Cheney und Seyfarth: Wie Affen die Welt sehen. Das Denken einer anderen Art.
Kap. 3 („Soziales Wissen“).
3.2 Das Argument aus den kognitiven Leistungen hochzerebralisierter Tiere 67

das gelegentlich zu dem Zweck gefahrloser Revanche genutzt wird. So kann ein
rangniedriges Tier eine Zurücksetzung durch ein h€oherrangiges Tier zwar nicht
direkt erwidern, da es sonst seinerseits sanktioniert würde, es kann aber seinen Zorn
an einem rangniederen Verwandten, Freund oder Freundin des H€oherrangigen
auslassen.17
Diese Beschreibung ist bisher sehr abstrakt, und die soziale Hierarchie wird oft
von weiteren Faktoren überlagert. So gibt es z. B. hinsichtlich ihres Sozialstils bei
den verschiedenen Primatenspezies große Unterschiede. Schimpansen konkurrie-
ren sehr stark und sie kooperieren nur selten, d. h. nur für h€ochstwertige Güter, wie
z. B. die Beherrschung der Gruppe, zudem sind ihre Kooperationen selten auf
Dauer angelegt. Kapuziner konkurrieren ebenfalls sehr stark. Menschen kooperie-
ren dagegen ausgeprägt und nicht nur, wenn es um h€ochstwertige Güter geht. –
Dazu kommt, dass die Sexualstrategien der genannten Spezies sehr verschieden
sind: Gorillas leben in Haremsgruppen, Schimpansen in einem promiskuitiven
System, beim Orang-Utan dominiert ein Männchen eine Gruppe von bis zu fünf
Weibchen, die aber jedes für sich mit ihren Kindern in einem eigenen Revier leben.
Menschen leben gemäßigt monogam.
Ein weiterer Faktor für die soziale Intelligenz ist die Nahrung und die Ökologie
der Lebensumwelt: Schimpansen, Gorilla und Orang-Utan leben noch weitgehend
im Regen- oder Galeriewald und sind überwiegend Pflanzenfresser. Sie brauchen
sich um das Futter nur selten vorausschauend zu kümmern, denn es genügt, ein
abgefressenes Gebiet zu verlassen und ein noch wenig genutztes Gebiet aufzu-
suchen. Daher haben diese Spezies keinen so ausgeprägten selektiven Umwelt-
druck wie Spezies, die in der Savanne leben, wie z. B. Paviane und Hominiden.
Diese sind darauf angewiesen, Pflanzen zu kennen, die Wasser speichern und
nahrhafte Wurzeln haben, sowie zu wissen, wie man diese Wurzeln mit geeigneten
Grabst€ocken ausgräbt, sie müssen wissen, wo Wasserquellen sind usw. Man k€onnte
daher sagen, dass z. B. Schimpansen Lebewesen sind, die in einem naturgegebenen
Überfluss leben. Sie kämpfen daher weniger um das Überleben und eher um
gruppeninterne Ressourcen wie Führungspositionen, die die Weitergabe der eige-
nen genetischen Ausstattung innerhalb der Gruppe bestimmen. Man k€onnte sie also
Spezialisten der konkurrierenden Sozial- und Sexualstrategien nennen. Dagegen
sind die Bewohner der Savannen, zu denen auch die Vorläufer des heutigen
Menschen geh€ oren, eher Orts-, Material-, und Werkzeug-Spezialisten, für die die
Kooperation und das Expertenwissen viel h€oher auf der Rangliste der Tugenden
stehen, als bei Spezies, die im relativen Überfluss leben. Für jene drängt sich die
Notwendigkeit zur Kooperation eher auf als bei einem Überfluss-Lebewesen in den
h€
oheren Etagen des Regenwaldes. Es gibt daher für den einfachen Vergleich
zwischen Primaten und Menschen immer wieder Hindernisse, obwohl sie biolo-
gisch sehr nahe verwandt sind.
Aus dem Gesichtspunkt unserer engen genetischen Verwandtschaft mit Schim-
pansen (und einer scheinbar ähnlichen Lebensweise) liegt die Annahme nahe, dass

17
Vgl. die Berichte über umgeleitete Aggression bei Cheney und Seyfarth 1994, Kap. 3, S. 107 ff.
68 3 Argumente für die reale Existenz nicht-sprachlicher Repräsentationssysteme

die besonderen Merkmale der menschlichen Intelligenz sich am ehesten bei diesen
Primaten wieder finden. Dies ist zwar nahe liegend, aber wegen der großen Unter-
schiede, die es in wichtigen anderen Hinsichten gibt, nicht unbedingt richtig. Unser
umfangreicher Werkzeuggebrauch und das ausgebreitete Expertenwissen weisen
darauf hin, dass Menschen hinsichtlich der Kenntnisse über die materielle Welt und
die kausalen Beziehungen zwischen Dingen sehr viel leistungsfähiger sind als die
meisten Primaten, deren Lebensumwelt der Urwald ist. Die Kenntnisse der mate-
riellen Welt und der Dingeigenschaften sind bei Schimpansen zwar vorhanden, und
es gibt auch einen ansehnlichen Bereich des sich daraus ergebenden Werkzeugge-
brauchs, aber sie antworten damit nicht auf eine so tief liegende evolutionäre
Forderung wie z. B. bei Pavianen, Hominiden und Menschen. Die eindrucksvolls-
ten Intelligenzleistungen der Schimpansen liegen daher eher auf sozialem Gebiet.
Schimpansen müssen sich auf Grund des reichen Nahrungsangebots im Regen-
wald zur Erhaltung ihres Lebens durch Nahrungssuche und Jagd weniger als andere
Spezies anstrengen. Sie verhalten sich daher innerhalb der Gruppe stark konkurrie-
rend. In der Regel sind es Koalitionen aus 2–3 Männchen, die dazu in der Lage sind,
die Gruppe zu dominieren. Das wichtigste Gut, um das sie konkurrieren, ist der
erste Zugang zu den €ostrischen Weibchen.18
Die starke Konkurrenz führt ebenfalls dazu, dass es eher selten eine Kooperation
zur Erlangung von attraktiver Nahrung gibt. Die Art der Kooperation, zu der sich
Gruppen männlicher Schimpansen regelmäßig zusammentun, ist die Jagd auf kleine-
re Affen, z. B. rote Stummelaffen. Hierbei geht die Gruppe wie auf ein geheimes
Signal hin schweigend los und bleibt auch fast v€ollig ruhig, bis ein geeignetes
Jagdopfer gefunden ist. Dann wird mit verteilten Rollen das gejagte Tier in den
Bäumen gehetzt, während gleichzeitig auf dem Boden andere Gruppenmitglieder die
Fluchtwege blockieren. Diese kooperative Jagd ist oft erfolgreich. Beim Teilen
erhalten dann bevorzugt die Mithelfer und besonders begünstigte Weibchen Teile
der Beute.19 Das Problem bei dieser Kooperation ist, dass nicht erkennbar ist, ob die
Organisation der Aktivität durch kommunikative Signale gesteuert wird, und wie die
Funktionen verteilt werden.20 Hierüber wissen wir noch wenig, weil es nur wenige
Beobachtungen und Untersuchungen dieses Verhaltens gibt.21
Aber auch für ein so offensichtlich kooperatives Verhalten kann man eine
vermeintlich einfachere reduktive Erklärung finden. So vertritt Michael Tomasello
die These, dass sich dieses Verhalten auch aus dem Streben der einzelnen Indivi-
duen erklären lasse: Der eine glaubt, den Stummelaffen am ehesten zu erwischen,
wenn er auf diesen Baum klettert, der andere glaubt dies vom nächsten Baum,

18
Da es bei Schimpansen eine ausgeprägte Spermienkonkurrenz gibt, ist selbst bei der ausge-
prägten Promiskuität der Schimpansen der erste Zugang zu einem Weibchen die sicherste Option,
seine Gene an die Nachkommen weiterzugeben, auch wenn das € ostrische Weibchen danach noch
mit den meisten männlichen Mitgliedern der Gruppe verkehrt.
19
Vgl. Gomes und Boesch 2009.
20
Vgl. hier (über Fußball-Intelligenz), Abschn. 5.3.
21
Zum Jagdverhalten und seiner Deutung vgl. auch hier Abschn. 5.3.
3.2 Das Argument aus den kognitiven Leistungen hochzerebralisierter Tiere 69

wieder andere hoffen, dass das Opfer an einem anderen Baum herunter klettern
werde usw.22 Was also scheinbar so koordiniert wirkt, wird als zufälliges Zusam-
menwirken einzelner egoistischer Strebungen interpretiert. Dabei bleibt jedoch die
Funktion des Aufteilens der Beute unklar. Eine solche reduktive Erklärung ist so
lange m€
oglich (wenn auch nicht sehr viel für sie spricht), solange man die Art des
Denkens nicht kennt, die der kooperativen Jagd zugrunde liegt.

3.2.4 Taktische T€
auschungen – L€
ugen

Ein weiteres und meiner Ansicht nach außerordentlich wichtiges Beispielsfeld für
die kognitiven Fähigkeiten von Schimpansen, die in sozialen Kontexten eingesetzt
werden, sind taktische Täuschungen. Täuschungen bei Primaten werden seit
ca. 30 Jahren dokumentiert. Die erste ver€offentlichte Datensammlung „The St.
Andrews Catalogue of Tactical Deceptions in Primates“ erschien 1986 mit
104 Berichten und ist seitdem kontinuierlich angewachsen (1990 gab es bereits
253 Berichte).23 Dieser Katalog ist in insgesamt 7 Kategorien eingeteilt, die zum
Teil auch die geistigen Leistungen spiegeln, die notwendig sind, um solche Täu-
schungen auszuführen. Die Kategorien sind: 1. Verbergen (concealment), 2. Ablen-
ken (distraction), 3. Hinlocken (attraction), 4. einen falschen Eindruck erwecken
(creating an image), 5. Ablenken auf Dritte (deflection), 6. Verwendung eines
sozialen Werkzeugs (using a social tool) und 7. Kontern einer Täuschung (coun-
terdeception).24
Eine Täuschung kann schon darin bestehen, dass die Verpflichtung, gefundenes
Essen der Gruppe mitzuteilen, nicht erfüllt wird. Dies tun gelegentlich rangniedere
Gruppenmitglieder, die andernfalls die gefundene Nahrung an Rangh€ohere abgeben
müssten. Diese Form der Täuschung kann man dadurch provozieren, dass Futter,
z. B. eine Banane, so versteckt wird, dass es von den kleineren und rangniedrigeren
Gruppenmitgliedern leicht entdeckt werden kann, von den gr€oßeren aber nicht. Oft
benehmen sich die rangniedrigeren Tiere dann bewusst ‚unauffällig‘, d. h. sie
versuchen, sich nicht durch ihre Aufregung zu verraten (creating an image), und
verlassen sogar manchmal die Stelle des Fundes, um sich scheinbar anderen Dingen
zuzuwenden (distraction). Schon das Verbergen oder Verschweigen als einfache
Form der Täuschung macht deutlich, dass Primaten eine Vorstellung von der
Zukunft besitzen, denn sie wissen, welche Folgen die Mitteilung des Fundes haben
würde. Außerdem k€onnen sie sich gegenüber der Verpflichtung, gefundenes Fres-

22
Vgl. Tomasello 2009, S. 187–197.
23
Vgl. Bryne und Whiten 1985, 1988, 1990 und Sommer 1992, S. 72–96.
24
Diese Liste findet sich bei Sommer 1992, S. 75, der die Einteilung von Byrne und Whiten (Bryne
und Whiten 1990, bes. S. 6–9) leicht abwandelt.
70 3 Argumente für die reale Existenz nicht-sprachlicher Repräsentationssysteme

sen mitzuteilen, frei verhalten und ihre eigenen Interessen vorziehen (obwohl sie
dies nicht oft tun).
Verbergen kann auch in der unauffälligen Form des einfachen Stillseins vor-
kommen, bei dem unwillkürliche Laute unterdrückt werden, z. B. bei der Kopula-
tion.25 Bei den normalerweise recht lärmigen Schimpansen wurde die Taktik des
Stillseins vor allem bei so genannten Patrouillengängen durch Jane Goodall einge-
hend beschrieben.26 Bei diesen Streifgängen am Rande des gruppeneigenen Ter-
ritoriums geht es darum, eindringende Mitglieder von Nachbargruppen aufzuspü-
ren. Diese werden dann meistens verprügelt, oft schwer verletzt und gelegentlich
get€otet. In dieser Situation k€onnen sich Schimpansen bis zu drei Stunden v€ollig still
verhalten, und dieses Verhalten wird sanktioniert, z. B. werden unerfahrene Teil-
nehmer zur Ordnung gerufen und bestraft, wenn sie dennoch Laute von sich geben.
Auch das Sich-Verstecken geh€ort zu dieser einfachsten Klasse von Täuschun-
gen, die lediglich darin besteht, etwas, was man sonst tut, zu unterlassen.27 Kom-
pliziertere Methoden sind das Ignorieren der (drohenden) Handlungen Anderer und
das Mimen von Desinteresse, denn hierin k€onnte auch ein differenziertes Bewusst-
sein der Außenerscheinung des Subjekts, seines Leibes und seiner Mimik und ihrer
m€ oglichen Deutung durch Andere enthalten sein, die zu kontrollieren versucht
wird.28
Ebenso sind Ablenkungsman€over Täuschungen, aber bereits etwas aufwendiger.
Denn dasjenige, was als Ablenkung dient, ist oft eine Bedrohung der Gruppe von
außen, die aber real nicht besteht, die also irgendwie durch ein anzeigendes Verhalten
mitgeteilt wird. Bei Spezies wie Languren oder Meerkatzen ist dies meistens mit dem
Gebrauch einer der für Boden- oder Luftfeinde spezifischen Warnrufe verbunden, die
in diesem Fall aber eingesetzt werden, um Einzelnen einen Vorteil zu verschaffen.29
Gelegentlich genügt auch das bloße ängstliche Hinstarren auf ein fern liegendes
Gebüsch, um dieselbe Reaktion zu bewirken. Hier ist offensichtlich die Manipulation
der Vorstellungen Anderer das Ziel der Handlung.
Die absichtsvolle Verwicklung des Anderen in eine Interaktion zählt ebenfalls
zu den Ablenkungs-Täuschungen, hierbei wird nicht in täuschender Weise eine
Gefahr für die Gruppe mitgeteilt, sondern eine positive soziale Interaktion, z. B.
Fellpflege, dient dazu, das Vertrauen eines misstrauischen Gruppenmitgliedes zu
erschleichen. Wähnt dieses sich durch das Groomen in Sicherheit, wird die eigent-
lich geplante Handlung ausgeführt, z. B. die Wegnahme einer attraktiven Nah-
rung.30 Auch mit dem Hinlocken Anderer zu einem bestimmten Ort wird oft bereits
das Ziel erreicht.31

25
Vgl. Sommer 1992, S. 76.
26
Vgl. Sommer 1992, S. 76 f.
27
Vgl. Sommer 1992, S. 78–81.
28
Vgl. Sommer 1992, S. 81.
29
Vgl. Sommer 1992, S. 82 f.
30
Vgl. Sommer 1992, S. 85.
31
Vgl. Sommer 1992, S. 86 ff.
3.2 Das Argument aus den kognitiven Leistungen hochzerebralisierter Tiere 71

Das Herstellen eines falschen, ‚unauffälligen‘ Eindrucks (creating an image)


zeigt, dass Primaten sich bewusst sind, welches Wissen von ihren Erkenntnissen
und Absichten andere Mitglieder der Gruppe haben. Diese Einsicht setzt voraus,
dass das Subjekt ein Bewusstsein von seiner äußeren Erscheinung hat und ihre
Wirkung auf Andere einschätzen kann, d. h. deren Vermutungen hinsichtlich seiner
Emotionen und seines Wissens abschätzen kann. Dies ist ein wichtiger Teilaspekt
des Selbstbewusstseins. Wie bereits genannt, gibt es auch Fälle, in denen Anderen,
z. B. einem überlegenen Rivalen, der falsche Eindruck einer Verletzung vermittelt
wird, indem der Unterlegene absichtlich humpelt. Auch der Wirkung mimischer
Anzeichen von Emotionen sind sich Schimpansen bewusst, und sie manipulieren
sie auch, um Anderen ein falsches Bild über ihre Gefühle zu vermitteln.32
Die Ablenkung (deflection) gibt es in verschiedenen Varianten. Das Umlenken
einer Drohung wurde relativ häufig von Makaken, Berberaffen und Pavianen be-
richtet. Wird ein Individuum bedroht, dann wendet dieses sich gegen ein drittes,
unbeteiligtes Individuum, welches meistens einen niedrigeren Rang hat. Auf diese
Weise entsteht ein Durcheinander, das den ursprünglichen Aggressor ablenkt.33
Komplexere Formen sozialer Manipulation schließen die Mithilfe von anderen
Individuen der Gruppe ein, die so als soziales Werkzeug instrumentalisiert werden.
So begann z. B. der jugendliche Pavian Paul so zu schreien, als ob er angegriffen
würde, und veranlasste damit seine Mutter, ihm zu Hilfe zu kommen. Sie vertrieb
dann ein anderes Weibchen, dessen Fehler nur darin bestand, dass Paul genau das
essen wollte, was sie ausgegraben hatte.34 Ebenso wird oft eine gezielte Aggression
gegen Gruppenmitglieder ausgeübt, die mit der Zielperson befreundet sind. Diese
wird dadurch zur Hilfe motiviert und lässt deswegen z. B. attraktive Nahrung
unbeobachtet.35 Hierbei ist ein Wissen um die Freundschaftsbeziehungen der zu
manipulierenden Person notwendig und eine zutreffende Kalkulation ihres Ver-
haltens in bestimmten Gefahrensituationen.
Es gibt auch Fälle, in denen es uns so scheint, als ob ein Individuum einer
Gruppe die täuschende Absicht des Anderen erfasst und verstanden hat und diese
Täuschung dann entweder durch Öffentlich-Machen verhindern oder sie sogar
seinerseits mit einer Täuschung kontern will (counterdeception). De Waal schildert
die Situation, in der der Schimpansenmann Dandy bemerkte, dass sich das Weib-
chen Spin an einer abgelegenen Stelle des Geländes mit einem anderen Männchen
versteckt hatte. Dandy rannte dann unter lautem Bellen zu dem rangh€ochsten
Männchen der Gruppe und führte es zu dem Versteck der beiden, die sich bereits
paarten.36
Besonders eindrucksvoll sind die Experimente von Emil Menzel, bei denen eine
Gruppe von sechs Schimpansen in ein Gehege hineingeführt wurde, in dem Futter

32
Vgl. Yerons Manipulation des Angstgrinsens bei Waal 1983, S. 134 f.
33
Vgl. Sommer 1992, S. 90 f.
34
Vgl. Sommer 1992, S. 91.
35
Vgl. Sommer 1992, S. 94.
36
Vgl. Sommer 1992, S. 95.
72 3 Argumente für die reale Existenz nicht-sprachlicher Repräsentationssysteme

versteckt war. Dessen Platz war aber nur einem Mitglied der Gruppe vorher gezeigt
worden, meistens dem Weibchen Belle. Zu Anfang führte Belle die Gruppe zuver-
lässig zu dem Futterversteck, und es wurde meistens redlich geteilt. Bald veränderte
Belle jedoch ihr Verhalten, und zwar, als das dominante Männchen Rock anfing,
das Futter mit Gewalt ganz für sich zu beanspruchen, nachdem Belle es der Gruppe
gezeigt hatte. Zwischen Belle und Rock entwickelte sich dann eine Geschichte von
Täuschung und Gegentäuschung, die immer raffiniertere Formen annahm.37 Dabei
waren es vor allem die psychologisch anmutenden Mittel der Deutung von Belles
Blicken und ihres übrigen Verhaltens, die zeigen, dass Rock sorgfältig auf die
Täuschungsman€ over von Belle reagierte. Sie wiederum bemühte sich, die verrä-
terischen Anzeichen ihres Wissens zu verbergen.
Man kann natürlich versuchen, alle diese komplexen Täuschungsmethoden –
Morgans Regel folgend – reduktiv auf einen einfachen Mechanismus zurückführen:
Die Tiere entwickeln, und zwar auf der Basis von Versuch und Irrtum, ein be-
stimmtes Verhalten, um dadurch das Verhalten Anderer zu beeinflussen, so dass das
Ziel erreicht wird. Dabei sieht ihr Verhalten für uns auf den ersten Blick jedoch so
aus wie der Versuch, Andere in die Irre zu führen, indem man ihre Wahrnehmung
oder ihr Wissen manipuliert, z. B. indem man ihnen gezielt falsche oder irrefüh-
rende Informationen zukommen lässt. Aber diese ‚intelligente‘ Deutung impliziert,
dass Primaten eine Vorstellung von der Wahrnehmung oder dem Wissen Anderer
haben. Und dies ist eine Annahme h€oherstufiger geistiger Leistungen, die sich
scheinbar auf einfache Weise vermeiden lässt. Als ‚einfachere‘, reduktive Erklä-
rung bietet sich an: Das vermeintlich täuschende Verhalten der Primaten ist ein
durch Versuch und Irrtum erlerntes Verhalten – und nicht mehr. Dieses besondere
Verhalten ist in dieser Situation dazu geeignet, ein angestrebtes Ziel, z. B. Nahrung,
Zugang zu den Weibchen oder Dominanz, zu erreichen. Dass dieses Verhalten zum
Ziel führt, wissen die Primaten nicht durch besondere kognitive Leistungen, son-
dern lediglich durch Versuch und Irrtum.
Diese Erklärung ist ‚einfacher‘ als alle Erklärungen, die eine bewusste Manipu-
lation des Wahrnehmens und des Wissens Anderer einschließen, d. h. sie benutzt
nur intellektuell ‚schwächere‘ Leistungen. Aber allein dies macht diese reduktive
Erklärung nicht schon richtig oder besser als eine solche, die Intelligenz konzediert.
Wir werden deshalb die einzelnen Typen der Täuschungen noch einmal mit Blick
auf die darin enthaltenen geistigen Leistungen diskutieren und dabei auch fragen,
ob alle diese Leistungen durch einfache, reduktive Erklärungen wirklich verständ-
lich werden k€ onnen. Für einige Fälle werden Zweifel bleiben, aber für die meisten
lässt sich zeigen, dass die ‚einfache‘ Erklärung nicht nur falsch, sondern auch noch
komplizierter ist als die ‚intelligente‘.
Es gibt Beispiele für die taktische Verwendung falscher Warnrufe, und zwar
sowohl bei jüngeren Affen als auch bei Erwachsenen. Diese taktische Verwendung
eines spezifischen Warnrufs für Luft- oder Bodenfeinde zur Täuschung Anderer ist
wirksam, sie wird aber nur sehr selten eingesetzt, weil die so Getäuschten schnell

37
Vgl. Sommer 1992, S. 95 f.
3.2 Das Argument aus den kognitiven Leistungen hochzerebralisierter Tiere 73

gegenüber den Täuschenden misstrauisch werden und die falschen Warnungen


dann nicht mehr beachten. Es kann sich daher nicht um ein durch Versuch und
Irrtum erlerntes und auf dieser Basis als verlässlich erkanntes Verhalten handeln.
Nun k€ onnte man aber die reduktive Erklärung noch verstärken wollen und
behaupten: Es ist gerade das, was sie gelernt haben, nämlich, dass man diese Art
der Täuschung nicht zu oft einsetzen darf. Aber ich frage mich, wie man dieses
Argument ernst nehmen kann, denn das Lernen durch Versuch und Irrtum fordert
für ein erfolgreiches Verhalten ja gerade, dass es in den meisten Fällen auch
funktioniert, und dass ein Wissen darüber zurückbleibt. Hier führt die reduktive
Interpretation also in die Irre.
Wie sollte man ein komplexes Zusammenspiel von Täuschungsversuchen und
Gegentäuschungen reduktiv als erlerntes Verhalten interpretieren? Wenn Rock die
verräterischen Blick- und K€orpersignale von Belle deutet, wie z. B. Nervosität oder
ein flüchtiges Hinsehen zu der Stelle, an der das Futter versteckt ist, so agiert er als
Psychologe mit einer anpassungsfähigen Strategie, die immer wieder neue Anzei-
chen als Hinweisgeber aufnimmt. Deutlichere und unreduzierbarere Hinweise auf
das Vorliegen einer Vorstellung des Seelenlebens Anderer kann man sich kaum
wünschen.
Wenn Rock die nerv€osen Blicke von Belle als Hinweise auf die Stelle deutet, wo
das Futter versteckt ist, so kann er ihre Perspektive zu seiner machen.38 Hinsichtlich
der Perspektive kann er sich also in sie hinein versetzen. Schon ein relativ einfaches
Täuschungsverhalten wie das Verbergen enthält oft das Element einer Umstellung
in die Perspektive des Anderen. Der Verhaltensforscher Hans Kummer schildert ein
Ereignis in einer Gruppe Mantelpaviane. Diese leben in strengen Haremsgruppen,
d. h. das rangh€ ochste Männchen achtet strikt darauf, dass seine Weibchen keinen
Kontakt mit anderen Männchen haben, andernfalls werden sie durch Bisse bestraft.
Eines der Weibchen rückte einmal in einem Zeitraum von zwanzig Minuten Stück
für Stück zu einer Stelle, wo der Haremshalter wohl ihren Oberk€orper sehen konnte,
aber nicht ihre Hände, die einem hinter einem Felsen verborgenen Männchen das
Fell pflegten.39 Die Umstellung in die Perspektive des Anderen ist hier die ent-
scheidende Grundlage der Täuschung.
Ein weiterer Aspekt der Vorstellungen Anderer kommt zum Vorschein, wenn
man die Fälle betrachtet, in denen ein falscher Eindruck erweckt wird, der etwa ein
nachsichtigeres Verhalten hervorruft oder zur Vers€ohnung auffordert, z. B. wenn
Yeroen gegenüber Nikki durch falsches Humpeln eine Verletzung vortäuscht.40
Dieses Verhalten hat zudem den Vorteil, dass es dem überlegenen Rivalen signa-
lisiert, dass ein weiteres Kräftemessen in naher Zukunft nicht zu erwarten ist, es

38
Vgl. auch die Experimente von J. Call über das Wissen von Schimpansen hinsichtlich dessen,
was andere sehen, Call et al. 1998, 2000; Hare et al. 2000, 2001; Kaminski et al. 2008.
39
Vgl. Sommer 1992, S. 80.
40
Vgl. de Waals Bericht über Yeroens falsches Humpeln (Waal 1983, S. 45), auch bei Sommer
1992, S. 88.
74 3 Argumente für die reale Existenz nicht-sprachlicher Repräsentationssysteme

gewährt dem Unterlegenen also einen Aufschub. Wird diese Täuschungsmethode


aber zu oft verwendet, verliert sie ihre Wirkung. Sie kann also nicht auf Grund
des verlässlichen Erfolges erlernt worden sein, sondern sie wird nur verständlich,
wenn man hierin den Versuch einer Manipulation des Kenntnisstandes Anderer
erblickt.
Auch in der Verwendung anderer Gruppenmitglieder als sozialer Werkzeuge
k€onnte man ein erlerntes Verhalten sehen, aber auch hier gibt es meistens subjek-
tive Tiefendimensionen des Wissens. So werden oft Fälle von Konflikten zwischen
Weibchen geschildert, in denen die rangniedrigere B sich gegen die rangh€ohere A
nicht zur Wehr setzt oder sich nicht wehren kann. Oft wird dann eine Aggression
gegen eine Freundin oder eine nahe Verwandte der rangh€oheren A begangen, die
im Rang niedriger steht als B. Hierin spiegelt sich ein Wissen um die Vorlieben,
Beziehungen und Gefühle der Rangh€oheren, das dann zur Revanche genutzt wird.41
In manchen Fällen von Täuschung durch Verschweigen scheint aber die reduk-
tive Erklärung als erlerntes Verhalten durchaus anwendbar zu sein. So schafften es
die Schimpansen Sherman und Austin im Yerkes-Primatenzentrum einige Male,
aus ihren Käfigen auszubrechen, indem sie mit einem Kunststoff-Würfel die Wände
aus gehärtetem Kunststoff aufbrachen. Oft war das intensive Hämmern von außen
zu h€oren, aber wenn jemand im Käfig nachsah, machten die Beiden ein v€ollig
unbeteiligtes Gesicht. Offenbar hatten sie gelernt, dass Ausbruchsversuche in der
Gegenwart von Aufsehern keinen Erfolg haben. Auch hier spielt das Wissen um das
Wissen Anderer eine wichtige Rolle. In solchen Fällen kann Lernen durch Versuch
und Irrtum als Erklärungs- und Verständnisgrundlage hinreichen, zugleich zeigt
sich aber, dass die so gelernten Strategien nicht wirklich intelligent sind.
In diesem Beispiel k€onnte man auch einen Hinweis darauf sehen, dass das
szenisch-phantasmatische System eine gewisse Präferenz für visuelle Darstellun-
gen aufweist. Sollte dies so sein, dann werden akustische Elemente, wie das laute
Hämmern, welches auch außerhalb des Käfigs zu h€oren ist, eher selten zur Darstel-
lung des Wissens Anderer verwendet.
Aber selbst in solchen Fällen ist die Reduktion auf bloß erlerntes Verhalten nicht
zwingend. Auch eine Handlung, die lediglich darin besteht, ein unbeteiligtes
Gesicht zur Schau zu stellen, kann eine subjektive Tiefendimension haben. Dies
zeigt eine vergleichbare Situation, in der Roger Fouts ein in der Gestensprache ASL
trainiertes Weibchen Lucy zur Rede stellt, nachdem er einen Haufen Fäkalien im
Wohnraum entdeckt hat und sie ein teilnahmsloses Gesicht zur Schau stellt. Roger:
„Was ist das?“ – Lucy: „Lucy nicht wissen“ – Roger: „Du wissen. Was das?“ –
Lucy: „Schmutzig, schmutzig.“ – Roger: „Wessen schmutzig, schmutzig?“ – Lucy:
„Sues“ (Sue ist eine andere Trainerin) – Roger: „Das ist nicht Sues. Wessen ist
das?“ – Lucy: „Lucy schmutzig, schmutzig. Tut leid Lucy.“42

41
Vgl. Sommer 1992, S. 94.
42
Vgl. Sommer 1992, S. 90.
3.2 Das Argument aus den kognitiven Leistungen hochzerebralisierter Tiere 75

3.2.5 Welche geistigen Werkzeuge m€


ussen wir f€
ur diese
Leistungen annehmen?

Wenn wir uns fragen, welche geistigen Leistungen für diese zum Teil sehr kom-
plexen Täuschungsman€over notwendig sind, dann kommen wir also mit dem
Hinweis auf Lernen durch Versuch und Irrtum nicht aus. Insbesondere im Hinblick
auf taktische Täuschungen müssen wir neben dem Wissen über die Einfügung in
verschiedene Hierarchien auch ein Wissen um die Wahrnehmungsperspektive des
Anderen sowie um dessen Empfindungen, Gefühle und Absichten annehmen. Dazu
kommt noch ein Wissen um das Verwandtschafts- und Beziehungsgeflecht Anderer
sowie ein Wissen um die wahrscheinlichen Folgen meines Handelns und um die
Schlüsse, die Andere aus meinem mimischen und leiblichen Ausdrucksgebaren
ziehen werden. Bei dem handelnden Individuum müssen wir ein zielgerichtetes
Handeln anerkennen, das auch eine längerfristige Perspektive einschließt. Zudem
entfaltet sich in dem Ineinander von Täuschung und Gegentäuschung ein Bild
raffinierter ‚psychologischer‘ Interpretation.
Eine Leugnung dieser Einsichten im Namen der vermeintlichen wissenschaft-
licheren, auf ‚einfachere‘ Leistungen reduzierenden Interpretation erscheint heute
mehr und mehr dogmatisch motiviert. Insbesondere gibt es immer wieder Vertreter
der analytischen philosophy of mind, die am Dogma des ausschließlich sprachlichen
und propositionalen Denkens festhalten, zudem eine strikte Orientierung an kausal-
theoretischen Verständnismodellen propagieren und deshalb auch reduzierenden
Interpretationen bereitwillig zustimmen.43 Dies erscheint immer mehr wie ein
Versuch, einer sich deutlich abzeichnenden Konsequenz zu entgehen, die die
Anerkennung tierischen Denkens mit sich bringt: Tiere k€onnen komplexe kognitive
Aufgaben bewältigen. Sie denken, und sie tun dies ohne Sprache und ohne eine
propositionale Struktur dieses Denkens. Wenn sich zeigen lässt, dass auch Men-
schen – neben dem sprachlichen Denken – einen nicht-sprachlichen Modus des
Denkens verwenden, dann wird die dogmatisch angenommene Grundlage der
Sprachanalytiker noch fraglicher.
Für die Fähigkeit zu nicht-sprachlichem Denken bei Primaten spricht ihre große
Intelligenz, die man in den letzten Jahrzehnten langsam zu erkennen begann.
Irgendwie gelingt es hochzerebralisierten Lebewesen, intelligentes Verhalten zu
zeigen und Leistungen zu vollbringen, die auf die M€oglichkeit der Erkenntnis
komplexer Zusammenhänge und von schlussfolgerndem Denken hinweisen. Wir
wissen nur nicht, wie dieses Denken funktioniert.
Es ist vor allem die Philosophie selbst, die immer wieder gegen die M€oglichkeit
nicht-sprachlicher Repräsentations-Systeme spricht: Denken scheint so exklusiv
mit dem Gebrauch der Sprache zusammenzuhängen, dass es kaum einer Diskussion
bedarf, um die M€ oglichkeit einer Alternative abzuweisen. Man weiß sich in diesem
Punkt in seltener Einigkeit: Der Gebrauch von Sprache und Begriffen ist mit dem

43
Vgl. die Diskussion von Davidsons Argumenten hier Abschn. 2.6.
76 3 Argumente für die reale Existenz nicht-sprachlicher Repräsentationssysteme

Denken unl€ osbar verbunden. Von der Antike bis zur Gegenwart findet sich nie-
mand, der eine Alternative erwägen wollte. Die großen Dichter und Denker singen
allesamt ein Lob auf die Sprache. Manches klingt etwas ungeduldig und rechtha-
berisch, wenn z. B. etwas dem Begriff nicht gemäß sei, so falle es eben aus dem
vernünftigen Ganzen heraus und k€onne vernachlässigt werden (Hegel). Gelegent-
lich h€ort man sogar ein Raunen, dass die Sprache geradezu das Haus des Seins sei
(Heidegger). Auch die analytische Philosophie stimmt hier mit ein, so meint z. B.
Davidson, dass man den Begriff Überzeugung und sogar über die Sprache im
Ganzen verfügen müsse, um Überzeugungen haben zu k€onnen.
Was hat die Frage nach nicht-sprachlichen Formen der Repräsentation kom-
plexer kognitiver Inhalte noch mit Phänomenologie im Sinne der Analyse der
wesentlichen Strukturen des Bewusstseins zu tun? Meiner Ansicht nach ist Phäno-
menologie eine sehr effektive Weise der Beobachtung und Beschreibung unserer
Bewusstseinsleistungen. Ihr großer Vorzug besteht darin, dass sie die Leistungs-
stufen und die Strukturen von Wahrnehmung, Erinnerung, Erkennen, Werten, Ent-
scheiden usw. auf der Basis der selbst erlebten Erfahrung analysiert und deren
Wesensstrukturen jeweils feingliedrig darstellen kann. Aber das bedeutet auch, dass
man dasjenige ernst nimmt, was sich in unserem Bewusstsein zeigt, d. h. dass man
es als Anzeige einer eigenständigen Leistung betrachtet, die es zu verstehen gilt.
Mit Verstehen ist hier die phänomenologische Untersuchung ihres Sinnes und ihrer
Konstitution gemeint, keine kausale Erklärung.
Ich meine daher: Wenn es eine Wissenschaft gibt, die das Rätsel der tierischen
Intelligenz aus dem Gesichtspunkt der erlebten Innenperspektive erhellen kann,
dann ist es die Phänomenologie. Der Weg dazu ist die Beachtung all der Bewusst-
seinsereignisse, die in unserem Bewusstsein vorkommen und die – ohne die
Verwendung von Sprache – doch auf eine Bearbeitung, einen Umgang und eine
Manipulation von Ereignissen oder Kenntnissen hinauslaufen. Denn Denken ist
meiner Ansicht nach nicht so sehr ein bloßes Wiederaufrufen von Erkenntnissen,
sondern vor allem der handelnde Umgang mit meinem Wissen, meinen Plänen und
Befürchtungen.
Der Optimismus hinsichtlich der Fähigkeit, ohne Sprache denken zu k€onnen,
darf aber nicht dazu führen, wichtige Unterschiede zu übersehen. Denn manche
Erkenntnisleistungen beruhen bei Tieren auf erstaunlich einfachen Methoden. In
der Tierpsychologie gibt es seit Langem Untersuchungsrichtungen, die die kogniti-
ven Fähigkeiten von Tieren mit solchen beim Menschen vergleichen. Beliebte
Testprobanden sind dabei natürlich Primaten, aber auch V€ogel und besonders
Tauben, weil diese Tiere leicht zu dressieren sind und zudem eine große Bereit-
schaft haben, bei Versuchen mitzuarbeiten.44 Getestet werden dann hochstufige
Erkenntnisleistungen, wie z. B. das Erkennen von menschlichen Gesichtern, von
bestimmten Bäumen, von Bildern bestimmter Maler usw.

44
Dies ist nicht trivial oder gar zynisch gemeint, denn bei Primaten gibt es immer wieder das
Problem, dass bestimmte Arten nur sehr schwer zur Zusammenarbeit zu motivieren sind, das gilt
für Schimpansen, aber auch für Orang-Utans.
3.2 Das Argument aus den kognitiven Leistungen hochzerebralisierter Tiere 77

Die Ergebnisse solcher Experimente sind oft überraschend, denn manchmal


gelingt es den scheinbar so einfachen Geistern der Tiere, Vergleichsgruppen von
Studenten zu übertreffen. So erkennen Studenten und Tauben die Fotos, auf denen
Gesichter von Menschen zu sehen sind, zwischen anderen Fotos etwa gleich
zuverlässig, wobei die Tauben meist etwas schneller sind.45 Wenn sie sich sicher
sind, dass es ein menschliches Gesicht auf dem Bildschirm gibt, dann drücken sie eine
bestimmte Taste. Interessanterweise bleibt die Verlässlichkeit und Geschwindigkeit
der Tauben aber auch auf demselben Niveau, wenn die Fotos „verwürfelt“ werden. Das
heißt: Zuerst teilt man das Foto in vier Sektoren, die dann zufällig vertauscht werden,
dann in acht, sechzehn usw. Die Studenten ließen mit jedem Schritt der Verwürfelung
jedoch immer weiter nach, bis sie schließlich nicht mehr in der Lage waren, Gesichter
zu erkennen, wo die Tauben noch keinen Abfall in der Erkennungsleistung zeigten. Das
zeigt deutlich, dass in diesem Fall Tauben etwas anderes tun als Menschen, und zwar
auch dann, wenn es sich scheinbar um dieselbe Erkenntnisleistung handelt. In diesem
Fall stellte sich heraus, dass die Tauben lediglich auf das Vorliegen einer bestimmten
Farbe, d. h. der Hautfarbe von Mitteleuropäern, reagierten, wogegen die Studenten
menschliche Gesichter mit komplizierteren Verfahren identifizierten, die auch den
normalen Umriss eines Gesichts, die normalen Proportionen zwischen Mund, Nase
und Augen einschließen. Man k€onnte also vermuten, dass Menschen hierbei eine
konzeptuelle Methode der Erkenntnis verwendeten. Dennoch ist nicht sicher, dass hier
Sprache im Spiel war oder lediglich so etwas wie sedimentiertes Wissen über die
normale Erscheinungsweise eines menschlichen Gesichts in der Form eines Typus.
Es drängt sich also die Einsicht auf, dass dieselben Leistungen gelegentlich bei
Tieren auf einfache und zuverlässige Weise mit einer Low-level-Methode gel€ost
werden, die im einfachsten Fall lediglich sinnlicher Empfindungen als Grundlage
bedarf. Solche Low-level-Prozesse sind in der Regel schnell, resultieren in einer
großen Sicherheit für das Handeln, sind für St€orungen wenig anfällig, aber nicht
immer verlässlich. Menschen dagegen benutzen außerdem oft ein High-level-Ver-
fahren, das vielleicht noch nicht mit sprachlichen Begriffen gleichgesetzt werden
darf und so etwas wie Konzepte oder Gestalten z. B. ‚menschliches Gesicht‘ ver-
wendet. Diese Prozesse sind langsamer und verlässlich, dafür aber manchmal durch
Kleinigkeiten leicht zu irritieren.
Für unser Vorhaben, die nicht-sprachlichen Repräsentationssysteme im Men-
schen zu entdecken, bietet die Alternative von Low-level- und High-level-Prozessen
die Gelegenheit, unser Vorgehen in einer Hinsicht klarer zu konturieren. Man kann
sich fragen, ob es überhaupt sinnvoll ist, eine alte Form des Denkens in einem
Bewusstsein zu suchen, das eine viel bessere, „neuere“ Methode des Denkens
besitzt. Die hierfür leitende Einsicht k€onnte lauten, dass die alten Low-level-Pro-
zesse in der Regel nicht einfach verschwinden, sondern dass sie oft als ein
Redundanz-System bestehen bleiben. Dazu k€onnte man vermuten, dass sie von
den High-level-Prozessen dominiert werden, d. h. sie kommen im normalen Fall
besonnener Entscheidungen nicht zum Einsatz. Das menschliche Bewusstsein, so

45
Vgl. hierzu Aust und Huber 2001, 2002.
78 3 Argumente für die reale Existenz nicht-sprachlicher Repräsentationssysteme

k€onnte man diese Immer-high-level-Hypothese (1) zusammenfassen, bevorzugt die


verlässlichen, aber langsamen High-level-Methoden. Aber es gibt immer Situatio-
nen, in denen wir gezwungen sind, sehr schnell zu handeln, so dass diese langsame-
ren Methoden nicht zum Einsatz kommen k€onnen. Dann greifen wir auf die Low-
level-Prozesse zurück. Diese werden durch das Vorhandensein einer High-level-
Alternative nicht einfach unwirksam, fallen nicht aus, sondern ihre Leistung wird
nur in besonderen Situationen verwendet. Das k€onnte man eine Sowohl-als-auch-je-
nach-Situation-Hypothese (2) nennen. Eine noch weiter gehende These k€onnte man
als Fundierung-Hypothese bzw. als Immer-dabei-Hypothese (3) hinsichtlich der
Low-level-Prozesse bezeichnen. Sie würde besagen, dass die Low-level-Prozesse
immer fungieren, und dass vieles, was uns in sprachlicher Form bewusst wird, vom
nicht-sprachlichen Denken fundiert wird und daher schon zuvor auf einem einfache-
ren Niveau gedacht worden ist. Diese letzte Variante des Verhältnisses hoch- und
niedrigstufiger Prozesse wird im Folgenden noch weiter ausgearbeitet werden.
Was müssen wir also suchen, wenn wir nach einem Low-level-Prozess des
Denkens suchen, der Erkenntnisse wieder aufrufen und auch manipulieren kann,
aber keine Sprache verwendet? Wir müssen etwas suchen, was scheinbar gar keine
Funktion in unserem normalen Seelenleben hat, was aber dennoch da ist, sich
gelegentlich auch prominent in den Vordergrund rückt und zugleich mit drängen-
den Problemen, Bedrohungen und Ängsten, aber auch mit unstillbaren zentralen
Wünschen zu tun hat – etwas, in dem sich die Erfahrungen meiner Vergangenheit,
das Denken in der Gegenwart und geplante Zukunft irgendwie begegnen.

3.3 Das Argument aus den geistigen Leistungen


von sprachlosen Menschen

Es gibt natürlich auch Argumente, die für die Sprache als unentbehrliches Werk-
zeug des Denkens sprechen k€onnten. Wenn sich z. B. entscheidende Differenzen in
den Erkenntnisfähigkeiten verschiedener Lebewesen finden lassen, und zwar sol-
che, die durch das Vorkommen und den Gebrauch der Sprache bedingt sind, dann
wäre dies ein starkes Argument für die Verbindung von Sprache und Denken. Aber
dies k€
onnte auch umgekehrt ein Argument werden: Lassen sich solche Differenzen
z. B. zwischen Menschen, die sprechen, und solchen, die dies nicht tun, nicht
aufweisen, so ist dies ein Argument für die reale Existenz eines nicht-sprachlichen
Repräsentationssystems im menschlichen Bewusstsein, das ganz unabhängig von
der Sprache arbeitet. Und: Es k€onnte sich sogar herausstellen, dass die nicht-
sprachlichen Systeme der Repräsentation in einigen wichtigen Hinsichten für das
Funktionieren der Sprache eine notwendige Voraussetzung darstellen. Vielleicht
gibt es sogar geistige Leistungen, die sich mit nicht-sprachlichen Systemen besser
ausführen lassen als mit der Sprache.46

46
Vgl. hier Kap. 6.
3.3 Das Argument aus den geistigen Leistungen von sprachlosen Menschen 79

Es sind verschiedene Untersuchungsrichtungen denkbar: Man k€onnte (1) die


Intelligenzleistungen von Kindern vor und nach dem Erwerb der Sprache untersu-
chen und vergleichen, man k€onnte (2) die geistigen Leistungen von taubstummen
und deshalb nicht-sprechenden Kindern untersuchen und mit sprechenden Kindern
derselben Altersgruppe vergleichen und (3) k€onnte man auch die Intelligenzleistun-
gen von Personen nach dem Verlust der Sprache untersuchen (z. B. bei Aphasie
nach einem Schlaganfall). Diese Liste erhebt nicht den Anspruch auf Vollständig-
keit der m€oglichen Zugänge.
Gegen die zweite Untersuchungsrichtung sprechen einige systematisch begrün-
dete Einwände, deren Schlüssigkeit jedoch schwer zu beurteilen ist. Ein Problem
bei dem Argument auf der Basis der Untersuchungen taub-stummer Menschen liegt
darin, dass viele nicht-h€orende und nicht-sprechende Menschen in der Therapie
Ersatzfunktionen angeboten bekommen, wie z. B. die nationalen Gestensprachen.
Diese konventionalisierten Gestensprachen tragen aber hinsichtlich der h€oheren
Stufen der Abstraktion weitgehend dieselbe Prägung wie die nationalen Sprachen.
Sie führen Zeichen per Konvention ein und k€onnen auch Zeichen für hochstufige
Allgemeinvorstellungen bilden und verwenden. Dazu kommt, dass auch der im
Ganzen erfolglose Versuch, Sprache als Kommunikationsmittel zu etablieren, den-
noch dazu führen kann, dass die Patienten teilweise Funktionen der sprachlichen
Begriffe aufnehmen. Schon die Mitteilung und Einübung eines sprachlichen
(oder nicht-sprachlichen) Zeichens kann die Menge der geistigen Werkzeuge ent-
scheidend bereichern. Manchmal gibt es auch Stufen der Abstraktion, die sprach-
lich induziert werden, z. B. Gegensatzpaare, wie heiß-kalt, groß-klein, dick-dünn
usw., die sich zunächst sinnlich aufdrängen. Aber erst, wenn ein brauchbares
Zeichen, z. B. eine konventionelle Geste oder ein Begriff für eine abstrakte Vor-
stellung wie Temperatur oder Gr€oße, hinzutritt, erhält die abstraktere Dimension
die Funktion eines Mittels für die geistige Bewältigung der Realität. In welchem
Maße dies jeweils vorliegt, ist schwer abzuschätzen. Daher kann man nicht leicht
entscheiden, ob die Betroffenen, wenn sie denken und erkennen (und dies k€onnen
sie), wirklich ganz ohne Hilfe von sprachlichen Begriffen denken.
Dasselbe Argument gilt für die Begründung auf der Basis der unterschiedlichen
Leistungen von Personen, die z. B. durch einen Gehirninfarkt ihr Verm€ogen zu
sprechen verloren haben (3). Hier kann man bezweifeln, ob der Unterschied
wirklich das Denken betrifft, denn dieses k€onnte weiterhin die Verständniskatego-
rien benutzen, die sich durch die langjährige Benutzung von gesprochener Sprache
eingeübt und verfestigt haben. Man k€onnte zudem vermuten, dass es vielleicht nur
die Funktion des Ausdrucks des Denkens ist, die wirklich gest€ort ist. Dazu kommt
noch, dass wir über den Umfang und die Art von Intelligenzverlusten nach Hirn-
infarkten noch viel zu wenig wissen. Zudem sind Infarkte meistens nicht so lokal
beschränkt, dass sie lediglich eine einzige Funktion st€oren, meistens sind mehrere
Funktionen betroffen, die z. B. Motorik, Wahrnehmung, Erinnerung usw. st€oren
oder beeinträchtigen.
Die Bedenken gegen die Brauchbarkeit von Untersuchungen der Differenzen
von Intelligenz und Lernfähigkeit sprechender und taub-stummer Kindern sind aber
hinsichtlich des ersten Einwandes – d. h. der m€oglicherweise teilweisen Verwen-
80 3 Argumente für die reale Existenz nicht-sprachlicher Repräsentationssysteme

dung von sprachinduzierten Kategorien – nicht so gravierend wie bei Infarktpatien-


ten, die ihr ganzes Leben mit Hilfe der Sprache gedacht haben.
Die Untersuchungen von H.G. Furth47 verwendeten sprachfreie Tests für die
Untersuchung, inwieweit die Fähigkeiten zum Bemerken von Identität/Gleichheit,
Verschiedenheit/Opposition (in derselben Erlebnisdimension) und Symmetrie bei
nicht-sprechenden (geh€orlosen) Kindern und bei sprechenden Kindern in gleichen
Altersklassen voneinander abweichen.48 Die Ausgangslage war bei diesen drei
Aufgaben wie folgt: Die erste Aufgabe hinsichtlich der Gleichheit/Identität schätzte
man als ungefähr gleich schwer für sprechende und nicht-sprechende Schüler ein,
weil auch die Geh€ orlosenlehrer berichteten, dass jedes der von ihnen unterrichteten
Kinder ein Zeichen für die Vorstellung der Gleichheit hat. Hinsichtlich der Sym-
metrie-Aufgabe ging man davon aus, dass auch die sprechenden Schüler der
beobachteten Altersgruppe über diesen Begriff noch nicht verfügten, demnach
musste diese Aufgabe etwa gleich schwer für beide Gruppen sein. Hinsichtlich
der Opposition erwartete man einen Unterschied von sprechenden und taubstum-
men Schülern, weil in der normalen Alltagssprache viele Gegensatzpaare enthalten
sind und damit bei sprechenden Schülern bereits eine wichtige Hilfe und Transfer-
Grundlage für Oppositions-Aufgaben vorhanden war. Zusätzlich wurden noch
sprachorientierte Tests für die sprechenden Kinder, außerdem gelegentlich noch
retardierte und behinderte Kinder mit einbezogen. Im Großen und Ganzen wurden
die Erwartungen erfüllt. Auch die erwartete Differenz bei der Oppositions-Aufgabe
konnte nachgewiesen werden. Hier waren Entwicklungsverz€ogerungen in einigen
Altersgruppen taubstummer Kinder zu beobachten, die jedoch in späterem Lebens-
alter alle wieder kompensiert wurden. In älteren Vergleichsgruppen wichen die
sprachfrei gemessenen Intelligenzleistungen bei taubstummen und sprechenden
Kindern nicht mehr voneinander ab.49 Furth führte noch ein weiteres Experiment
mit geh€orlosen und sprechenden Schülern im Alter von 8 und 16 Jahren durch, bei
dem es um die Entdeckung von Ähnlichkeiten im Hinblick auf die Funktion, das
Material oder die Form von Gegenständen sowie um die Ähnlichkeit bestimmter
Situationen ging.50 Hier sollte Ähnliches jeweils zusammengeordnet werden. Es
ergab sich ein weitgehend vergleichbares Resultat wie bei dem ersten Experiment.
Hierbei waren die taubstummen Schüler im Alter von 8 Jahren den sprechenden
Schülern zunächst unterlegen, der Rückstand wurde von den Taubstummen bis zum
Alter von 16 Jahren jedoch wieder vollständig aufgeholt.
Weitere Experimente, z. B. hinsichtlich der Erfassung und der Anwendung von
Gestaltprinzipien, folgten. Hier ließen sich ebenfalls keine signifikanten Unter-
schiede sprachfrei gemessener Intelligenz zwischen Sprechenden und Taubstum-

47
Zur Übersicht vgl. Furth 1972, 1977.
48
Vgl. Furth 1961.
49
Ähnliche Untersuchungen wurden dann noch einmal unter Einbeziehung von retardierten
Kindern wiederholt, vgl. Milgram und Furth 1963.
50
Furth und Milgram 1965.
3.3 Das Argument aus den geistigen Leistungen von sprachlosen Menschen 81

men aufweisen.51 Auch Aufgaben, die durch die Entwicklungspsychologie von


J. Piaget inspiriert waren, wurden zu nichtverbalen Vergleichstests herangezogen.
Hierbei zeigten sich einerseits methodische Schwierigkeiten, die sich z. B. in sehr
unterschiedlichen Ergebnissen widerspiegelten, und zwar je nachdem, ob es gelang,
die Fragen (z. B. nach Erhaltung des Gewichts oder der Menge eines Materials bei
veränderter Gestalt) in einer Weise zu stellen, die konventionell geprägte Symbole
(wie z. B. eine Waage) vermied und anstelle dieser unmittelbare, natürliche und
leibbezogene Gesten zu verwenden.52 Es wurde auch hier zunächst die verlang-
samte Entwicklung der Taubstummen bei späterer Erreichung der vollen Leistungs-
fähigkeit von H€orenden bemerkt.53 Ebenfalls wurden Zwillingsforschungen für den
Vergleich der Intelligenzleistungen von h€orenden und nicht-h€orenden Kindern
herangezogen. Auch hier stellte sich heraus, dass die Intelligenz von Geh€orlosen
in ausgereiftem Stadium sich nicht von der H€orender unterschied.54 Es ist also nicht
mehr die Frage, ob taubstumme Personen denken k€onnen, sondern nur, wie sie es
tun, wenn sie nicht die Sprache benutzen.55
Nach Piaget gibt es zentrale Strukturen dieser nicht-sprachlichen Intelligenz.
Die grundlegendste Fähigkeit ist die der Objekt-Konstanz, die Fähigkeit, sich einen
Gegenstand auch ohne dessen aktuelle, sinnliche Wahrnehmbarkeit vorzustellen.56
Hierzu muss man eine innere Repräsentation des Objekts voraussetzen. Dieser
Beständigkeit des Objekts entspricht nach Piaget eine ebenfalls beständige subjek-
tive Seite, die des dauernden Ich. Piagets dritter Punkt ist, dass Denken zunächst
eine Art Ersatz für Handlungen sein soll, die aber nicht selbst, sondern in einem
symbolischen Medium ausgeführt werden. Solche symbolischen Funktionen sind in
der Weise der Nachahmung, Vorstellung, Spiel, Kunst, Traum und Sprache m€og-
lich. Die erste symbolische Tätigkeit ist daher die verz€ogerte Nachahmung
eines vergangenen Geschehens oder einer Handlung. Die Vorstellung einer Hand-
lung (oder von Wissen) ist dann eine Art verkleinerter Nachahmung, die einerseits
eine ähnliche Funktion hat wie die reale Nachahmung, die aber andererseits zu-
gleich freier und leichter verfügbar ist, da sie nicht an reale Muskelbewegungen
gebunden ist. Im Spiel verwenden Kinder oft Dinge, die gerade zur Hand sind, als
Surrogate für andere Dinge, z. B. einen Bauklotz als Auto (zusammen mit dem
charakteristischen Geräusch: Brumm, Brumm). Spielen ist daher oft eine symboli-

51
Vgl. Furth und Mendez 1963.
52
Vgl. Furth 1972, S. 127 ff.
53
Vgl. Furth 1964, 1972, S. 129–137.
54
Vgl. Furth 1972, S. 176–179, basierend auf Rainer et al. 1963. Diese Ergebnisse widersprachen
den Ergebnissen von Lurija und Judowitsch 1970, die den Einfluss der Sprache auf die Entwick-
lung des Denkens stark hervorheben.
55
Vgl. Furth 1972, S. 179.
56
Man kann daran zweifeln, ob diese Leistung exklusiv menschlich ist. Fast alle Tiere, inklusive
der V€ogel, sind in der Lage, sich bleibende Gegenstände auch dann vorzustellen, wenn sie
unmittelbar sinnlich nicht mehr sichtbar sind. Vgl. z. B. Hauser 2001, Kap. 2. Die Testmethode
Piagets war an motorische Reaktionen gebunden, diese sind bei sehr kleinen Kindern oft noch
nicht nachzuweisen. Deshalb verwendet man heute vermehrt Eyetracking-Verfahren.
82 3 Argumente für die reale Existenz nicht-sprachlicher Repräsentationssysteme

sche Tätigkeit, in der die Funktion der Bedeutungs-Zuweisung deutlich bemerkbar


ist.57 Susanne Langer hat in der Ausarbeitung dieses Zugangs das Bedürfnis nach
Wissen und Symbolisierung als ein Spezifikum des menschlichen Bewusstseins
charakterisiert, das sich nicht nur im Denken, Spiel und Tanz, sondern auch im
Ritual, der Kunst und in Ersatzhandlungen findet.58
Diese Richtung der Interpretation nicht-sprachlichen Denkens mag vielen
Lesern zu poetisch oder zu spielerisch erscheinen: Spiel, Traum, Ritus, Tanz und
Kunst lesen wir als nüchterne Alltagsmenschen eher als Hinweise auf den nicht-
ernsthaften Charakter der Handlungen, um die es geht. Sie erscheinen uns eher als
Mittel, um da zu handeln oder den Anschein des Handeln-K€onnens aufrecht zu
erhalten, wo wir mit unseren realen Handlungen doch nichts mehr erreichen
k€onnen. Das bedeutet aber nicht, dass diese Zugangsweise deshalb schon falsch
ist. Was uns an diesem Zugang fehlt, ist vielleicht am besten dadurch zu bezeich-
nen, dass er nicht „alltagsorientiert“ erscheint. Das heißt, er zeigt nicht, wie ein-
fache Menschen oder intelligente Tiere ihr Leben und Denken im Alltag ohne den
Gebrauch von Sprache organisieren. Zudem sollte die L€osung des Rätsels des nicht-
sprachlichen Denkens für jedermann verständlich sein, und zwar auch in dem
Sinne, dass wir zustimmen, weil wir aus eigener Erfahrung wissen, dass wir selbst
tatsächlich auch so denken. Dies zu leisten, ist das Ziel des folgenden Kapitels.

57
Vgl. die Darstellung hier Kap. 2.
58
Vgl. Langer 1984.
Kapitel 4
Die konkrete Ausformung der nicht-
sprachlichen Repräsentations-Systeme und
ihre wichtigsten Teilsysteme. Das szenisch-
phantasmatische System

In ersten Teil dieses Kapitels soll die reale, konkrete Ausformung des nicht-sprach-
lichen Repr€asentations-Systems (NSRS) dargestellt werden, das sich mit Hilfe der
Phänomenologie in unserem Bewusstsein aufweisen lässt. Im Zentrum dieser
Analyse steht das basale, szenisch-phantasmatische System (SPS), das im Modus
der Phantasmen einzelne Bilder, bewegte Szenen oder Folgen von visuellen An-
sichten wie wirklich gesehen verwendet, d. h. so, wie wir sie z. B. aus unseren
Tagträumen kennen. Der erste Schritt muss die Abweisung einer Reihe von abwe-
gigen Vermutungen sein, die sich an einen solchen Ansatz sofort anschließen
(4.1.1). Danach k€onnen die konkreten Formen und Modi der Darstellung im SPS
diskutiert werden (4.1.2). Dabei treten auch ergänzende Teilsysteme hervor, die
nicht unabhängig fungieren k€onnen (wie z. B. die Bedeutsamkeitsdimension der
Gefühle in Abschn. 4.1.3). Dieses basale nicht-sprachliche System ist unabhängig
von konventionalisierten Repräsentationssystemen, wie z. B. der gesprochenen
Sprache.
Um den ganzen Umfang nicht-sprachlichen Denkens zu erfassen, müssen wir
aber auch Elemente des vollen nicht-sprachlichen Systems in den Blick nehmen,
welches beim Menschen, aber auch bei Tieren verschiedene elementare Formen
nicht-sprachlicher Kommunikation mit aufgenommen hat (4.2). Hierbei geht es um
die Blick-Kommunikation, die Handlungs-Kommunikation und um verschiedene
Varianten von Gestensprachen sowie um das, was ich die Hand&Fuß-Kom-
munikation (H&F) nenne, die sofort einspringt, wenn alle uns bekannten Sprachen
als Verständigungsmittel versagen. Dann folgt eine allgemeine Charakterisierung
des Gegensatzes von Sprache und nicht-sprachlichen Repräsentationssystemen
(und zugleich auch von basalem und vollem nicht-sprachlichen System) durch die
Gegenüberstellung von Konventions-Semantik und Ähnlichkeits-Semantik (4.3).
Da ein großer Teil des basalen und des vollen nicht-sprachlichen Systems wohl von
vielen Tieren ebenfalls geleistet werden kann, folgt ein nahe liegender Seitenblick
auf h€
ohere Tiere, der einem experimentellen Nachweis dafür gewidmet ist, dass das
SPS auch bei ihnen fungiert (4.4).

© Springer International Publishing Switzerland 2016 83


D. Lohmar, Denken ohne Sprache, Phaenomenologica 219,
DOI 10.1007/978-3-319-25757-0_4
84 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

4.1 Das basale szenisch-phantasmatische Repräsentations-


System beim Menschen. Der Tagtraum als „alter
Modus“ des Denkens

4.1.1 Was ist das SPS und was ist es nicht? Abweisung
naheliegender Missverst€
andnisse

Wir verwenden oft phantasmatische Bilder, Folgen von Bildern und Szenen als
Ausdruck von Wünschen und Befürchtungen. In szenischen Phantasmen, z. B. in
unseren Tagträumen, durchleben wir intensiv und mit starkem Gefühlsanteil, was
wir wünschen oder befürchten. Es sind aber nicht nur lang ausgedehnte Tagträume,
die dieses System kennzeichnen, sondern es gibt auch kurz aufscheinende Phan-
tasmen bzw. Folgen von „Bildern“, die für uns komplexe Vorstellungen und
ihre Bedeutsamkeit darstellen k€onnen. Ich nenne dies das basale szenisch-
phantasmatische System (basales SPS). Das basale SPS ist ein grundlegender
Teil des nicht-sprachlichen Repräsentations-Systems (NSRS). Es verwendet eine
sehr einfache Ähnlichkeits-Semantik, die es klar von dem vollen NSRS abgrenzt.1
Das volle nicht-sprachliche System nimmt auch Elemente von Repräsentations-
systemen auf, die zur Kommunikation geeignet sind, aber ohne den Ge-
brauch gesprochener Sprache. Um mit dieser kurzen und vorgreifenden
Charakterisierung keine falschen Vorstellungen zu wecken, muss ich zuerst einige
nahe liegende Konnotationen und Interpretationen diskutieren, die die Nennung
von Tagtraum und Bilderfolgen veranlassen k€onnte. Erst danach kann ich
auf die Details der Darstellungsmodi im szenisch-phantasmatischen System
eingehen.
Hinsichtlich der Tagträume k€onnte man z. B. vermuten, dass diese nur ein
folgenloses, allenfalls kathartisches Durchleben sind. Aber dies scheint nicht alles
zu sein, was sie leisten, denn unsere h€ochstrelevanten Wünsche und Befürchtungen
finden auf diese Weise zumindest einen Ausdruck und gelegentlich auch unsere
bewusste Beachtung. Dann k€onnen wir uns fragen, ob dieses Durchleben in Tag-
träumen nur eine regressive Phase unseres Bewusstseinslebens darstellt, in der wir
ohne Kontrolle den Inhalten freien Lauf lassen, oder ob damit vielleicht doch etwas
Sinnvolles geleistet wird. Für die zweite M€oglichkeit spricht, dass Bilderfolgen und
Tagträume einen erstaunlich großen Teil unseres bewussten Lebens ausmachen. Es
wäre verwunderlich, wenn sie neben Ausdruck und Katharsis keine Funktion
hätten. Allerdings trifft es zu, dass wir in den Phasen des Tagträumens nicht
handeln. Das allein reicht aber nicht aus, um den Tagträumen einen nur passiven,
regressiven Status zuzuschreiben, denn dasselbe gilt ebenso vom Denken und
Überlegen.

1
Vgl. hier Abschn. 4.3.
4.1 Das basale szenisch-phantasmatische Repräsentations-System beim. . . 85

Viele von Freud inspirierte Psychoanalytiker meinen, dass solche Tagträume


lediglich der regressiven Wunscherfüllung dienen. Wir hätten uns dann einem
Problem hinsichtlich der Motivation zu stellen: Dass wunscherfüllende, angenehme
Tagträume vorkommen und sich auch im Verlauf erhalten, ließe sich aus dem
positiven Lustgewinn verständlich machen, den sie mit sich bringen. Aber wie
steht es mit den Furcht- und Wut-Träumen, die wir ebenfalls haben und die sich
immer wieder in unser Bewusstsein drängen? Ihre Dynamik kann nicht auf wunsch-
erfüllender Lust beruhen. Wir würden sie beenden, wenn wir k€onnten. Nun greift
hier eine Freudianische Erklärung ein und erklärt kurzerhand auch alle diese
Träume zu ‚eigentlich‘ wunscherfüllenden. Es mag sein, dass es solche Fälle
gelegentlich gibt, aber in der Mehrzahl der Fälle ist diese Umdeutung meiner
Meinung nach eine Verdeutung.
Tagträume sind viel „rationaler“ als diese Interpretation annimmt: Meiner
Ansicht nach stellen sie meistens einen handelnden Umgang mit Problemen dar,
allerdings in einem nicht-sprachlichen Medium. Sie bilden sozusagen einen
alten Modus unseres Denkens, der aber immer noch fungiert, und zwar in
harmonischem Zusammenspiel mit unserem sprachlichen Denken. Um dies einzu-
sehen, braucht man nur zu verstehen, wie das SPS funktioniert, d. h. wie dieser
Modus des Denkens arbeitet. Ein wichtiges Indiz für eine eher rationale Funktion
ist bereits die Bewusstheit dieser Tagträume. Aber es gibt noch mehr Indizien
hierfür: Tagträume respektieren – anders als die nächtlichen Träume – meistens
die Kausalität, die Identität von vorgestellten Dingen und die Zeitordnung von
Ereignissen. All dies sind grundlegende Voraussetzungen für die Konstitution von
Realität.
Die Elemente der szenischen Phantasmen sind auch nicht immer Tagträume,
sondern sie k€ onnen aus mehr oder weniger flüchtigen Folgen von ‚Ansichten‘
bestehen, die uns erlauben, eine bestimmte Einsicht, eine Folgerung oder einen
Sachverhalt vorzustellen. Ich vermeide es, hier von ‚Bildern‘ zu sprechen, denn
die Elemente des SPS sind nie Bilder, auch dann nicht, wenn sich Tagträume als
Folgen von statischen Bildern oder Szenen beschreiben lassen. Ein Bild als
Grundlage einer Vorstellung verlangt, dass auch die bildhafte Darstellung
selbst als eigenständiger Gegenstand gegeben ist. Ein Bild, wie z. B. ein
Foto, ein Druck oder ein gemaltes Bild, hat eine eigene K€orperlichkeit und Mate-
rialität, eine eigene Perspektive, eine Gr€oße. Mit einem Wort: Es ist selbst ein
Ding. Das gilt nicht für die Ansichten, in denen sich das szenisch-phan-
tasmatische System bewegt, denn sie stellen die gesehenen Dinge und Personen
so dar, wie sie mir erscheinen würden, wenn ich sie aus einer bestimmten
Perspektive sehe. Sie haben nicht die eigenständige Materialität, die Bilder aus-
zeichnet, sondern sie sind sozusagen selbst immaterielle Medien, die genau so wie
die Sinnlichkeit in der Wahrnehmung fungieren, aber nicht selbst als Gegenstände
konstituiert werden.
Man k€ onnte ferner einwenden, dass Tagträume durch unsere Phantasie v€ollig
frei und willkürlich gestaltet werden k€onnen, und dass sie deswegen auch nicht an
86 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

den Ernst der Realität und der realen Probleme gebunden sind. Einige Selbstbeob-
achtung zeigt jedoch, dass dies meistens nicht der Fall ist, irgendwie sind wir in der
Gestaltung unserer Tagträume gebunden.2 Es ist auch nicht so, dass wir nur die
Tagträume, die unsere Wünsche verbildlichen, frei gestalten k€onnen und die Tag-
träume, die unsere Ängste verbildlichen, nur passiv erleben. Beide Arten von
Tagträumen sind irgendwie gebunden. Es fragt sich nur, wie diese Bindung zu
verstehen ist.
Es ist deutlich geworden, dass Tagträume oft inhaltlich an die h€ochstrelevanten
Ereignisse unseres Lebens gebunden sind, d. h. an das, was unbedingt passieren
soll, oder am das, was nicht passieren darf. Da wir handelnde Lebewesen sind,
k€onnte man vermuten, dass wir in diesen phantasmatischen Szenen gleichsam
unsere m€ oglichen Handlungsoptionen erproben. Wir „spielen sie durch“, d. h. wir
erproben, welche Wege zur Erreichung eines Zieles oder zur Vermeidung der
drängenden Probleme brauchbar sind. Dieses szenisch-phantasmatische und
zugleich stark gefühlsgefärbte Leben nimmt einen großen Teil unseres wachen
Bewusstseinslebens ein.
Ich nenne einige Beispiele: Das schlaflose Sich-Sorgen-Machen angesichts
drängender Herausforderungen oder Ungewissheiten ist eine bekannte Form dieses
szenisch-phantasmatischen Bewusstseinslebens. Oftmals malen diese Tagträume
dann den denkbar schlimmsten Verlauf der Ereignisse aus: Meine Kinder geraten in
schlechte Gesellschaft und bringen sich dann noch in gr€oßere Schwierigkeiten, die
Polizei klingelt an der Haustür und will von mir wissen, was los ist usw. Diese
schlimmsten m€ oglichen Fälle sind aber nicht willkürliche Erfindungen, sondern
meistens stellen wir Ereignisverläufe dar, die wirklich (d. h. wahrscheinlich) so
oder ähnlich geschehen k€onnten. Sie verbildlichen daher reale M€oglichkeiten und
unsere auf vermeintlich realistischen Annahmen beruhenden Ängste für die Zu-
kunft.
Angstvorstellungen haben oft eine schwer zu begrenzende Eigendynamik, ihr
„Sog“ führt auch zu unrealistischen Befürchtungen. Gefahren k€onnen aufscheinen,
die m€ oglich sind, aber deren Eintreten unwahrscheinlich ist. Dennoch k€onnen sie
uns genauso in Angst versetzen wie wirkliche und realistischerweise zu erwartende
Folgen. Wir sind alle zu einem großen Grad leichtgläubig, weil wir über Vieles
nichts oder wenig wissen. Wir alle sehen zu viele schlechte amerikanische Filme,
und wenn es im Auto etwas brenzlig riecht, dann stehen uns sofort Bilder von Autos
vor Augen, die Sekunden später in einem riesigen Feuerball explodieren. Wenn wir
falsch parken, dann spüren wir den stechenden Blick der Augen der Spionage-
satelliten aller Geheimdienste dieser Welt, die fast physisch auf uns lasten. Der
kalte Schweiß bricht aus, und wir „sehen“ fast schon eine vermummte Hundert-
schaft Polizisten auf uns zulaufen, begleitet vom Geratter ihrer Maschinengewehre.
– Und es sind nicht nur amerikanische Filme, sondern auch ehrwürdiges Glaubens-
gut, das uns als nichtswürdiges Opfer zermalmender Rache erscheinen lässt. Die

2
Dies k€onnte ein vergleichbarer Effekt sein wie der, der „Richtigkeit“ anzeigt, nämlich die
Anmessung des Ausdrucks an das Auszudrückende.
4.1 Das basale szenisch-phantasmatische Repräsentations-System beim. . . 87

Satelliten des universellen Staatsschutzes sind in dieser Hinsicht nur späte Erben
der Augen Gottes, die alles sehen und schwer auf uns lasten.
Viele ältere Menschen und auch unerfahrene Kinder haben mit der verbildlich-
ten Angst vor der Zukunft schwerer zu kämpfen als diejenigen Menschen, die – wie
man sagt – mitten im Leben stehen. Sie wissen oft nicht, was für Geschehnisse
welche Folgen haben. Jeder v€ollig belanglose, aber eben durch die juristische
Sprache missverständliche Brief einer beliebigen staatlichen Institution, sei es das
Sozialamt, die Rentenversicherung, das Wohnungsamt usw., kann ältere Menschen
in heillose Panik versetzen. Sie sehen vor ihrem inneren Auge schon einen kalt-
herzigen Rechtsanwalt mit einem Aktenk€offerchen ihnen die Räumungsklage über-
reichen, knapp gefolgt von einigen schlecht rasierten M€obelpackern, die ihre gan-
zen M€ obel und sie selbst kurzerhand auf die Straße werfen. Die naheliegende
Konsequenz ist: Da bringe ich mich doch lieber gleich selbst um!
Aber ich m€ ochte auch nicht behaupten, dass alle Angst-Tagträume in solchen
rasenden H€ ollenfahrten kulminieren müssen. Sie k€onnen auch relativ gut weiter-
gehen, indem ich mich pl€otzlich neben dem Obdachlosen Peter unter der Auto-
bahnbrücke „sehe“, ebenso wie dieser mit mehreren Mänteln übereinander ge-
kleidet. Unser Geruch ist etwas streng, aber als Ausgleich dafür sind wir den
ganzen Tag an der frischen Luft. Hier weist der Verlauf der Überlegung auf
realistischen Wegen auf einen wichtigen Punkt hin: Für die meisten Schreckens-
träume gibt es gewissermaßen einen Boden. Wenn wir diesen erreicht haben,
wissen wir, dass es ab hier nicht mehr schlimmer werden kann, und dass es
vielleicht auch hier zeitweise erträglich ist. Auch die Angst-Tagträume führen oft
zu so etwas wie „L€osungen“.
Sie werden sagen wollen: Ist das nicht etwas übertrieben? Sind das nicht über-
zogene Produkte einer überhitzten Phantasie? Ich meine nicht, denn ich versuche,
mich im Bereich dessen zu halten, das ich selbst kenne oder von Anderen berichtet
bekommen habe. Zudem glaube ich, dass meine eigene Phantasie in dieser Hinsicht
eher durchschnittlich entwickelt ist. Zugleich hoffe ich, dass für jeden von Ihnen
eine ‚passende‘ Angstvorstellung dabei war, d. h. eine, die sie an einen ähnlichen
Tagtraum erinnert, den Sie schon einmal durchlebt haben. Es gibt hier Gründe,
Wahrscheinlichkeiten und realistische Beziehungen, und es herrscht keineswegs
Willkür.
Ebenso gibt es vielfältige positive Tagträume, und diese Erfolgsphantasien sind
nicht nur Phantasien des Erfolgs selbst, sondern sie stellen zugleich auch einen
realistisch vorgestellten Weg zu der Erreichung dieses Erfolgs dar. Ich verweise
hierzu auch auf empirisch-psychologische Untersuchungen, denen zufolge erwach-
sene Männer regelmäßig an Sex denken, und der Modus dieses Denkens ist kei-
neswegs begrifflich. In diesen szenischen Episoden unseres Bewusstseinslebens
treten die sprachlichen Ausdrücke in den Hintergrund zu Gunsten von bildhaften
Elementen.3 Natürlich k€onnen wir auch über unsere Wünsche und Probleme

3
Vgl. Cameron und Biber (1973); Hicks und Leitenberg (2001) und Symons 1993.
88 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

sprachlich nachdenken, und beides vermischt sich im Tagtraum oft. Menschen


benutzen also mehrere Systeme der Repräsentation zugleich.
Gestatten wir uns einen Seitenblick auf unsere Verwandten im Tierreich: Die
meisten h€ oher entwickelten Säugetiere k€onnen träumen. Sie zeigen Handlungsan-
sätze und Emotionen in diesen Phasen ihres Schlafs, die wir interpretierend mit
wachen Vorhaben und Emotionen verbinden. Wir dürfen deshalb auf der Basis
empirischer Belege vermuten, dass das szenisch-phantasmatische System der
Repräsentation auch bei vielen Säugetieren und bei Primaten arbeitet, und zwar
weitgehend genau so wie beim Menschen.4
Zurück zum szenisch-phantasmatischen System beim Menschen: Das, was wir
oft Tagträume nennen, leistet also in eigenartiger Weise eine konsistente Darstel-
lung der Wünsche und Ängste, in denen wir alltäglich leben. Daher sind sie ein
Spiegel der eigentümlichen Relevanzordnung von Ereignissen, die sich zwischen
den Polen dessen befindet, was unbedingt passieren soll, und dem, was auf keinen
Fall passieren darf. Man ist geneigt, diese beiden Extreme den Angst-Tagträumen
und den Erfolgs-Tagträumen zuzuordnen. Anders als nächtliche Träume verlangen
die Tagträume zu ihrem Verständnis keine aufwendige psychoanalytische Herme-
neutik. Außerdem respektieren sie meistens – anders als nächtliche Träume – die
Prinzipien der Realitätskonstitution: Identität, Kausalität und Zeitordnung von Er-
eignissen. Auch deshalb k€onnen sie als ein denkender Umgang mit der Realität
gelten.
Wegen des weiterhin bestehenden, alltäglichen Relevanzrahmens der Wünsche
und N€ ote scheint auch der bemerkbare Zwang verständlich zu sein, der uns oft
immer wieder dieselben Tagträume träumen lässt. In Begriffen der Psychoanalyse
würden wir hier fast schon eine Art Wiederholungszwang sehen. Aber hier ist
Folgendes zu beachten: Der Tagtraum wird zwar immer wiederholt, aber es gibt
bei jeder scheinbar identischen Wiederholung stets kleine Modifikationen an ihm.
Und diese Modifikationen stellen sozusagen meine Handlungsoptionen dar.5
Betrachten wir ein Beispiel aus dem Alltag: Wenn ich im Straßenverkehr von
einer unverschämten und aggressiven Person bedrängt werde und ich ihrem Drän-
gen wider besseres Wissen nachgegeben habe, dann werde ich diese Situation in
szenischen Phantasmen immer wieder wütend rekapitulieren. Wenn ich aufmerk-
sam bin, werde ich dabei aber auch bemerken k€onnen, dass sich in jeder Wieder-
holung immer wieder kleine Variationen finden, die z. B. allmählich mein Verhal-
ten verändern und mir nach ein paar Durchgängen zeigen: So hättest Du dich ver-
halten müssen, dann wäre der unverschämte Kerl damit nicht durchgekommen!
Oder: So hättest du diese Situation ganz vermeiden k€onnen! Es handelt sich also um
einen denkenden Umgang mit der problematischen Situation. Das Resultat der

4
Vgl. die Diskussion hier in Abschn. 4.4.
5
Dieser „Wiederholungszwang“ kann mit der n€ otigen Anmessung des Ausdrucks an ein wirklich
bestehendes Problem zusammenhängen, das wir nicht verfälschen dürfen. Er kann aber auch auf
eine Leistungsbeschränkung des Tagtraums als Repräsentations-System hinweisen: Er erlaubt
keine endgültige Erledigung und Fixierung der L€
osung bzw. Entscheidung in einem rein symboli-
schen Medium.
4.1 Das basale szenisch-phantasmatische Repräsentations-System beim. . . 89

langsamen Modifikationen kann zugleich als Plan für künftige, ähnliche Situatio-
nen verwendet werden, er erm€oglicht mir beim nächsten Mal, mich erfolgreich zur
Wehr zu setzen.6
Dasselbe gilt auch für erwartete Ereignisse. Wir finden dieselbe Methode lang-
samer Modifikation auch hinsichtlich der Vorstellungen von zukünftigen Ereignis-
sen, die uns z. B. Angst machen. Diese Methode des nicht-sprachlichen Denkens ist
vor allem für komplexe Probleme charakteristisch, die mein eigenes Verhalten,
ungenau vorgestellte Wahrscheinlichkeiten des Erfolgs, schwankende Bewertun-
gen usw. enthalten.7 Im Durchlaufen der verschiedenen Szenarien, die wir uns in
unserer Unwissenheit ausmalen, wird unsere Vorstellung immer ‚realistischer‘.
Indem wir über die Motive der beteiligten Personen nachdenken, über die Arbeits-
weise von Beh€ orden und Firmen usw., wird uns immer klarer, was uns eigentlich
erwartet, so dass sich im günstigen Fall auch die Angst verringert. Wo wir jedoch
im Bezug auf den Ausgang unsicher bleiben, da divergieren auch die Szenarien
weiterhin. Alle diese Ausmalungen der Zukunft sind aber hierbei nicht willkürlich,
sondern oft an realistischen Vorbildern oder auch am H€orensagen orientiert.
Da es sich jedoch um eine langsame Modifikation der erwarteten Szenen han-
delt, die auch zu einer gewissen L€osung hinführt, lassen sich solche Tagträume
durchaus als „alter Modus“ des Denkens interpretieren. Mache ich mir z. B. Sorgen
im Modus des Tagtraums, dann kommen die dazu geh€origen Sachen und Personen
darin in bildlicher Darstellung vor. Der szenisch vorgestellte Inhalt der Sorgen wird
präsent, er wird immer wieder wiederholt, aber jedes Mal mit kleinen Variationen.
Dabei stellen sich gelegentlich auch m€ogliche L€osungen der Probleme in glück-
haften Wendungen der Szenen dar. Dies zeigt die Funktion der szenischen Phantas-
men (z. B. im Tagtraum) als ein nicht-sprachlicher Modus des Denkens. Hierin
k€onnen alle Fragen, Einsichten und Probleme gedanklich sozusagen bewegt wer-
den, und eventuell finden wir eine L€osung, manchmal sogar mehrere L€osungen mit
unterschiedlichen Chancen der Realisierung. Habe ich z. B. drückende Geldsorgen,
dann kann mich ein Gewinn in der Lotterie leicht und schnell davon befreien, aber
es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass dieser Glücksgewinn eintritt. Wenn ich einige
Zeit lang hart arbeite und wenig Geld ausgebe, so wird sich das Ziel ebenfalls
erreichen lassen, und sehr viel sicherer. Natürlich wendet sich der Modus des
Denkens bei uns Menschen immer wieder auch zum Sprachlichen hin, doch dieses
Denken in Sprache wiederholt oft nur, was zuvor schon szenisch bedacht wurde.
Für diesen Modus der langsamen Modifikation einer realen oder sinnvoll ver-
änderten Situation ist charakteristisch, dass es bei den hiermit „durchdachten“
Problemen um wirklich komplexe Probleme und Aufgabenstellungen geht, bei
denen viele Faktoren zu einer m€oglichen L€osung zusammenwirken müssen. Diese

6
Das Resultat dieses handelnden Umgangs mit einem Problem ist sozusagen das Idealbild der
L€osung des Problems unter den gegebenen Umständen, wird dann aber oft als scheinbar wahrheits-
getreuer Bericht Anderen mitgeteilt. So „lügen“ oft Kinder.
7
Zum Unterschied der Methode der langsamen Modifikation in mehreren Wiederholungen zur
L€osung komplexer Probleme und der eher an einen Schluss erinnernden schnellen Methode des
nicht-sprachlichen Denkens vgl. hier Abschn. 6.2.5 und 6.2.6.
90 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

Faktoren sind zudem noch nach Wahrscheinlichkeit zu gewichten und normaler-


weise spielt das Handeln Anderer sowie unser eigenes künftiges Handeln dabei
ebenso eine wichtige Rolle, wie unsere Präferenzen und Werthaltungen, die uns
ebenfalls als veränderlich bewusst sind. Solche Probleme stellen sich sehr oft im
sozialen Zusammenlegen in gr€oßeren oder kleineren Gruppen. – Wir werden später
sehen, dass es im nicht-sprachlichen Denken auch L€osungswege gibt, die schneller
zu einem Resultat führen, aber die hier genannten wirklich komplexen Probleme
lassen sich nur mit der Methode der langsamen Modifikation in mehreren Wieder-
holungen l€ osen.8
Welchen Status hat das Resultat der langsamen Modifikation in der phantasma-
tischen Wiederholung? Denn irgendwann ist eine Version der vielfachen Umwäl-
zung der Probleme in immer neuen Modifikationen erreicht, bei der wir uns
„beruhigen“, d. h. die rastlose Wiederholung und das Durchspielen enden, weil
das Ergebnis für unsere gefühlte Bewertung akzeptabel ist. Dieses Resultat ist
jedoch keineswegs eine treue Kopie der Vergangenheit, d. h. der ursprünglichen
Probleme erzeugenden Situation, sondern diese ist irgendwie verändert. Ist es
deshalb nur eine psychologisch hilfreiche Fälschung der Vergangenheit oder unse-
rer Erinnerungen? Eine gefälschte Erinnerung, mit der wir – wie man sagt – besser
leben k€ onnen? So einfach liegt die Sache nicht, denn das Resultat ist nicht einfach
eine Fälschung der Vergangenheit. Es hat einen schwer bestimmbaren Zwischen-
status, den man am besten als einen geeigneten Plan für zukünftige, ähnliche
Situationen versteht. Dies zeigt die Funktion des Tagtraums als ein nicht-
sprachlicher alter Modus des Denkens, in dem alle Fragen, Einsichten und Proble-
me gedanklich sozusagen bewegt werden k€onnen.
Damit soll auch nicht geleugnet werden, dass der so konzipierte Plan gelegent-
lich auch als eine geeignete Reparatur für die Vergangenheit verwendet wird. Denn
eine auf diese Weise erfolgreich für die Zukunft vorbereitete Handlungsweise kann
durchaus auch als brauchbare Lüge dienen. Stellen Sie sich vor, dass ein Ange-
stellter die Anweisung seines Chefs vergessen hat und dafür von diesem gerügt
wird. Abends wird er seiner Frau vielleicht erzählen, dass sein Chef ihm wieder
einmal so unklare Anweisungen gegeben hat, dass er nicht wusste, was er eigentlich
tun sollte. Jugendliche Diebe präsentieren z. B. oft mit großer Überzeugungskraft
eine plausible Geschichte, wie Diebesgut ohne ihr Zutun in ihre Hände geraten
ist usw.

4.1.2 Notwendige Themen des nicht-sprachlichen Denkens

Worüber denken wir in solchen szenisch-phantasmatischen Modi nach, und worü-


ber müssen wir nachdenken k€onnen? Diese Frage kann man auch allgemeiner

8
Vgl. hier Abschn 6.2.2, 6.2.3, 6.2.4 und 6.2.5. Auch das sprachliche Denken muss für komplexe
Probleme auf diese nicht-sprachlichen L€ osungsstrategien zurückgreifen. Vgl. Abschn. 6.2.3.
4.1 Das basale szenisch-phantasmatische Repräsentations-System beim. . . 91

stellen, denn es gibt nur eine begrenzte Zahl von Themen, über die Menschen und in
Gruppen lebende Säugetiere nachdenken k€onnen müssen: 1. Gegenstände, ihr
jeweiliger Zustand, ihr Nutzen, ihre übliche Verwendung (z. B. als Werkzeug),
ihr individuell erfahrener und auch gefühlter Nutzwert sowie der durch Gruppen-
wertung und Tradierung festgelegte, kulturelle Wert. 2. Ereignisse und Handlungen
Anderer in der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, mit ihrem gefühlten Wert
für mich und ihren wahrscheinlichen Folgen. 3. Andere Personen mit ihren Emp-
findungen, Gefühlen, Überzeugungen und ihre praktischen Absichten im Hinblick
auf mich oder andere Gruppenmitglieder.
Wir haben bereits einige Beispiele für Ereignisse und Handlungen Anderer in
der Vergangenheit und Zukunft kennen gelernt, und es dürfte dem Leser auch nicht
schwer fallen, weitere und eigene Beispiele zu finden. Es ist leicht, Beispiele für
Gegenstände und ihren Nutzen oder Unnutzen zu bieten: Haben wir z. B. Hunger,
dann schweben uns schnell alle m€oglichen schmackhaften Speisen vor Augen, die
unseren Hunger stillen k€onnten. Besitzen wir ein Auto, das ganz neu ist oder gerade
repariert wurde, dann sind wir hinsichtlich seines künftigen Nutzens sicher. Unsere
verbildlichten Gedanken daran sind angenehm gestimmt und kreisen um den künf-
tigen Gebrauch.
Es scheint schwierig zu sein, sich den Charakter von Personen und ihre wahr-
scheinlichen Absichten im Zusammenspiel m€oglicher Koalitionen mit anderen
Personen bildlich vorzustellen. Aber die szenisch-phantasmatische Darstellung
bietet eine einfache L€osung: Ich erinnere mich z. B. an einen besonders unange-
nehmen und brutalen ehemaligen Mitschüler. Dabei habe ich sein Gesicht vor mir,
mit finsterer Miene auf mich schauend, die Fäuste geballt und bereit zuzuschlagen.
Aber dieses „Bild“ ist kein einfaches Erinnerungsbild, d. h. es ersch€opft sich nicht
in einem Anblick dieser unangenehmen Person. Ich stelle dabei eine vollständige
Szene vor, in der auch ich vorkomme, mit Schmerzen von seinen Schlägen und
Angst vor weiteren. Zudem sind im Hintergrund weitere Personen mit vorgestellt,
und zwar vage als ‚Freunde‘, die mir nicht helfen. Diese Szene stellt einen zentralen
Teilaspekt seines Charakters und seines künftigen Verhaltens dar.
Die szenische Darstellung der Haltung und des Verhaltens einer Person muss
aber nicht so eindimensional sein wie in diesem Fall, denn in der Regel gibt es
zahlreiche Facetten im Charakter anderer Personen, die auch alle irgendwie dar-
stellbar sein müssen. Wie ist diese Vielfalt von m€oglichen Haltungen darstellbar?
Denken Sie dazu an einen Kollegen, mit dem Sie €ofters gut zusammenarbeiten, der
aber auch gelegentlich mit besserwisserischem Hochmut auftritt. Beide „Gesich-
ter“, d. h. beide Teilaspekte seines Charakters, tauchen nacheinander oder auch
ineinander changierend vor meinem inneren Blick auf und lassen mich meinen Plan
überdenken. Der M€oglichkeitscharakter des Vorgestellten ist dabei in dem Inein-
ander zweier changierender „Gesichter“ des Anderen enthalten. Man k€ onnte hierin
auch eine nicht-sprachliche Form der logischen Operation des „oder“ sehen.9

9
Analytisch geschulte Leser m€
ogen hier eine allgemeine Diskussion der nichtsprachlichen For-
men der logischen Junktoren vermissen. Diese Werkzeuge des Denkens geh€ oren zu der zweiten
92 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

Auch die Haltung einer Person zu anderen Personen und die m€oglichen Koali-
tionen unter bestimmten Konstellationen lassen sich durch Erweiterung der cha-
rakteristischen Szenen darstellen. In der kompletten Szene sind oft Andere mit
vorgestellt. So in dem Beispiel des Kollegen, der manchmal entgegenkommend und
kooperativ ist, sich manchmal aber hochnäsig und herablassend verhält. Beide
„Gesichter“ changieren, sie verwandeln sich fließend ineinander. Aber die Anderen
k€onnen auch hier eine wichtige Rolle spielen. Nehmen sie an, dass im Hintergrund
noch andere Kollegen vorgestellt sind, und mein Kollege wirft einen fast unbe-
merkbaren, sich vergewissernden Seitenblick auf einen anderen Kollegen, so sig-
nalisiert mir dies, dass er sich mit diesem nun im Einverständnis befindet. Es zeigt
sich für mich auf diese Weise, dass er, wenn ich nicht seine Wünsche erfülle, mit
diesen Anderen eine Koalition plant (wenn-dann).
Einer Mitarbeiterin passierte Folgendes: Sie kam abends nach Hause und wollte
ihr Fahrrad unten ins Treppenhaus stellen. Dann wurde sie pl€otzlich von einer
visuellen Vorstellung so bewegt, dass sie das Fahrrad wieder nach draußen brachte
und es dort an eine Laterne anschloss. Sie hatte beim Abstellen des Rades im Flur
kurzfristig eine visuelle Vorstellung eines der jungen Sportstudenten aus dem
dritten Stock, der mit einem Grinsen auf dem Gesicht die Luft aus ihrem Fahrrad
heraus lässt. Diese Studenten hatten ihr die Unterbrechung ihrer lauten Party um
vier Uhr nachts übel genommen, vor allem derjenige, den sie als Phantasma sah.
Diese visuelle Szene verbindet eine Reihe von Einsichten, die sie in den letzten
Tagen hatte, mit der Vorstellung einer motivationalen Folge: Da der Student es ihr
übel nahm, dass sie die Party unter Androhung der Polizei auf Zimmerlautstärke
zurückdrehte, er sich aber zugleich nicht traut, ihr deswegen offen entgegen zu
treten, versucht er nun, sich durch das Herauslassen der Luft aus ihrem Reifen zu
rächen. Dies ist in den vergangenen Tagen schon mehrfach vorgekommen, ohne
dass sie ihn erwischt hat, aber ihr Verdacht war gut begründet. Ihre „Vorhersicht“
enthält seinen hämischen Blick, der über sein Motiv der pers€onlichen Rachsucht
Auskunft gibt.
Die kurze Szene enthält den Fall einer motivational verknüpften Folge von
Ereignissen. Es ist ebenfalls ein Wenn-Dann-Verhältnis: Wenn er morgen früh
die Treppe herunter geht, dann wird er diese billige Rache üben. Die Bedeutung
dieser Szene ist also formal eine Art Schluss. Die Wahrheit der Prämissen, d. h. sein
Wunsch nach Rache, zeigt sich in dem hämischen Blick des Studenten. Es ist daher
wahrscheinlich, dass auch die vorhergesehene Ereignisfolge wirklich stattfinden

Gruppe von Themen, über die gruppenlebende, hochzerebralisierte Primaten nachdenken k€ onnen
müssen: Ereignisse in der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, mit ihrem gefühlten Wert für
mich und ihren wahrscheinlichen Folgen. Zur Erläuterung der kausal oder motivational inter-
pretierten Folgerungsbeziehung m€ ochte ich nur ein Beispiel nennen, in dem zusammen mit einem
vorliegenden Ereignis ein oder mehrere andere als sicher eintretend erwartet werden: Ein Kind,
das auf Grund wilden Spiels mit verletzten Knien und einer zerrissenen Hose sich die Zukunft in
szenischen Phantasmen vorstellt, befürchtet oder erhofft verschiedene, mit unterschiedlicher
Wahrscheinlichkeit eintretende Ereignisse: Die Mutter wird mit ihm schimpfen und/oder es
tr€osten. Auch hier changieren die M€oglichkeiten und die jeweilige emotionale Färbung.
4.1 Das basale szenisch-phantasmatische Repräsentations-System beim. . . 93

wird. Deshalb handelt sie vernünftig, denn sie entfernt den Gegenstand, an dem er
seine Rache ausüben will, aus seinem Weg. Nur so kommt Gelegenheit und
Wunsch nicht zusammen, und die motivationale Folge führt nicht zur befürchteten
Handlung. Da die Prämisse (Gelegenheit und Wunsch) nur gegeben ist, wenn
beides vorliegt, genügt es, eines von beiden zu verhindern. Das dabei zum Ge-
brauch kommende „und“ bedeutet: Sowohl dies als auch jenes liegt in derselben
Situation vor. Natürlich kann man dasselbe auch für ein kausales Folgeverhältnis
ausführen. Dies sind charakteristische Fälle des schnellen, symbolischen Modus
des nicht-sprachlichen Denkens.10
Der Nutzwert von Gegenständen und auch die Pläne von Personen k€onnen sich
positiv oder negativ verändern und auch bereichern. Auch dies schlägt sich in der
charakteristischen Szene nieder. Besitze ich z. B. ein Auto, das €ofter defekt ist, dann
modifiziert sich, meinen Erfahrungen entsprechend, die es darstellende charakte-
ristische Szene. Vor allem im Gefühl werden die schlechten Erfahrungen gespie-
gelt: Ich stelle das Auto nicht mehr in der frohen Erwartung zuverlässigen Nutzens
vor, sondern mit der freudlosen Erwartung des Schadens und zusätzlicher Proble-
me.
Bisher habe ich mit dem szenischen Denken in unserem eigenen Erleben einen
grundlegenden alten Modus des Denkens in einer Reihe von Beispielen aufgezeigt.
Die konkrete Ausgestaltung dieses nicht-sprachlichen Denkens ist jedoch in vielen
Hinsichten noch genauer zu klären. Auf die Teilsysteme und die Darstellungs-
formen des szenisch-phantasmatischen Systems gehe ich deshalb im Folgenden
noch näher ein. Die Sprache ist nicht das einzig m€ogliche, und sie ist auch nicht das
einzige tatsächlich fungierende Repräsentations-System im menschlichen Bewusst-
sein. Es ist daher wahrscheinlich, dass die grundlegenden Leistungen des Denkens
auf tiefer liegenden, nicht-sprachlichen Systemen beruhen, die auch heute noch
diese Leistung erbringen. Zudem scheint es mir eine wichtige Aufgabe der künfti-
gen Phänomenologie zu sein, diese alternativen Modi des Denkens zu untersuchen.
Die €offentliche Sprache mit ihren allgemeinen Begriffen ist in dieser Sichtweise nur
ein sehr oberflächennahes Phänomen.

4.1.3 Teilsysteme und Darstellungsformen des szenisch-


phantasmatischen Systems

Die Behandlung der konkreten Ausgestaltung des nicht-sprachlichen Repräsenta-


tionssystems führt auf nahe liegende Elemente, z. B. haben die Gefühle im basalen
szenisch-phantasmatischen System eine zentrale Funktion. Das volle szenisch-
phantasmatische System nimmt außerdem noch Formen der Darstellung auf, die
mit etablierten, aber nicht-sprachlichen Weisen der Kommunikation zusammen-

10
Vgl. hier Abschn. 5.5 und 6.2.5.
94 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

hängen: mit Handlungen, mit Blicken, mit Gesten und pantomimischen Darstellun-
gen.
Zudem drängen sich einige Merkwürdigkeiten des szenisch-phantasmatischen
Systems auf: Warum ‚sehe‘ ich z. B. mich selbst nicht oder nur ganz selten, obwohl
ich ein zentraler Akteur bin? Eigentlich müsste ich selbst, mein Wohl und die
Gefahren für mich immer wiederkehrende, zentrale Themen meines Denkens sein,
aber, zumindest auf den ersten Blick betrachtet, trete ich darin gar nicht auf. Dies ist
eine der Besonderheiten des szenisch-phantasmatischen Systems, die sich bei den
Untersuchungen zentraler Themen des nicht-sprachlichen Systems (in Abschn. 5.1)
aufklären werden.

4.1.3.1 Visuelle Vagheit als Darstellung der Allgemeinheit und die


Funktion der phantasmatischen Deviationen

Wie lassen sich im szenisch-phantasmatischen System Allgemeinvorstellungen


darstellen? Ein Beispiel, das Selbstbezug, Bewertung und die Vorstellung allge-
meiner Gegenstände in sich vereinigt, ist literarischen Ursprungs. Ein junger Mann,
Jim Chee, in der Tradition der Navajo erzogen, macht Pläne für eine Handlung, die
für ihn aus beruflichen Gründen wichtig ist, die aber aus der Sicht seiner Gemein-
schaft problematisch erscheint. Während er noch über seine Pläne nachdenkt,
„sieht“ er sich kurzzeitig in einer Szene, in der sein Onkel und seine Tante ihn
besorgt anschauen, während im Hintergrund undeutlich irgendwelche Mitglieder
seines Clans stehen. – Nun zur Deutung: Die nicht individuell vorgestellten „ande-
ren Stammesmitglieder“ sind visuell vage, und deshalb k€onnen sie allgemeine
Gegenstände, d. h. irgendwelche Stammesmitglieder darstellen. Dass es Stammes-
mitglieder sind, und nicht nur irgendwelche unbekannten Menschen, wird aus
Bekanntheitscharakteren wie Erscheinungsbild, K€orperhaltung, Kleidung und
natürlich aus der emotionalen Anmutungsqualität „bekannt“ klar. Ich fühle, dass
ich sie kenne und sie eine gewisse Nähe zu mir haben.
Natürlich werden die Grenzen der nicht-sprachlichen Vorstellbarkeit von All-
gemeinvorstellungen in der Form visueller Phantasmen schnell erreicht. Mit Hilfe
der visuellen Vagheit k€onnen wir sinnlichkeitsnahe Allgemeinvorstellungen, d. h.
so etwas wie Baum, Kuh, Schaf, Mann, Frau, Mensch, phantasmatisch vorstellen.
Aber schon die allgemeine Vorstellung Lebewesen ist in nicht-sprachlicher Form
schwierig visuell darzustellen, h€oherstufige, abstrakte Vorstellungen noch schwie-
riger: Kraft, Macht, Kausalität, Gerechtigkeit, Fairness, Form, Zeit, Raum usw.
Es gibt daher typische Schwächen der nicht-sprachlichen Systeme bei nicht-
sichtbaren Gegenständen wie z. B. Institutionen, der allgemeinen Vorstellung von
Kausalität, Gott usw. Aber hier wie bei anderen Gegenständen ist zu beachten, dass
wir sie durchaus in der eidetischen Variation anschaulich gegeben haben k€onnen,
auch wenn wir sie nicht in einer visuellen Form denken k€onnen. Ihre Darstellung
mit einfachen visuellen Phantasmen, die ähnliche Dinge vorstellen, ist im szenisch-
phantasmatischen System also nicht m€oglich.
4.1 Das basale szenisch-phantasmatische Repräsentations-System beim. . . 95

Daher k€ onnten wir hier nur auf konventionell gewählte bildliche Symbole oder
Metaphern ausweichen (Gleichheit ¼ gleiche Gr€oße, Gerechtigkeit ¼ Waage usw.).
Diese Symbole k€ onnen selbst willkürlich gewählt sein, aber meistens schließen wir
uns an kulturell geprägte Symbole an. Die konventionell bestimmten Symbole
geh€ oren aber der Sphäre von Symbolen an, deren Bedeutung in der Kommunikation
einer Gemeinschaft festgelegt wurde. Sie geh€oren daher nicht zum basalen
szenisch-phantasmatischen System. Interessanter Weise gibt es jedoch auch für
diese Allgemeingegenstände im einsamen, szenisch-phantasmatischen Denken
Darstellungsmodi, auf die ich hier nur kurz eingehen kann: Die phantasmatischen
Deviationen. Ich habe sie so genannt, weil sie scheinbar überhaupt nichts mit den
vorgestellten Gegenständen zu tun haben.
Es gibt immer wieder Vorstellungen von Allgemeinem, wie z. B. die Allgemein-
vorstellung des Lebewesens, der Gerechtigkeit, der Fairness, der uneigennützigen
Güte usw., die wir zwar an einer Reihe von selbst erlebten Beispielen anschaulich-
eidetisch erfassen k€onnen, die sich aber nicht mit der Ähnlichkeitssemantik des
szenisch-phantasmatischen Systems darstellen lassen. Es handelt sich dabei jedoch
oft um hoch relevante Vorstellungen für die Interaktion mit Anderen und mit
Dingen, d. h. es sind Vorstellungen, die in unserem alltäglichen Leben eine wich-
tige Rolle spielen. Dennoch sind sie so hochstufig und gleichsam abstrakt, dass wir
sie in dem analogischen System nicht vorstellen k€onnen, weil sie keine für alle
Fälle gültige visuelle oder anders geartete sinnliche Seite haben, die zur analogi-
schen Repräsentation verwendet werden kann.
Andererseits sind uns diese Allgemeinvorstellungen anschaulich gegeben, weil
wir die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Beispiele, z. B. einer „gerechten“,
„fairen“ oder „gütigen“ Entscheidung an einzelnen, aber in wichtigen Hinsichten
gleichartigen Beispielen anschaulich erfahren k€onnen. Allerdings ist die Art dieser
Anschauung nicht nur sinnlich, sondern, da sie sich auf das richtet, was in ver-
schiedenen Fällen gleich bleibt, eine eidetische Anschauung. Die alltägliche Vari-
ante der eidetischen Anschauung durchläuft dazu mehrere Fälle von gerechten oder
ungerechten Situationen und wir bemerken dabei das, was bei aller Verschiedenheit
doch invariant bleibt. Dies ist dann die eidetisch-anschauliche Gegebenheit dieser
Allgemeinvorstellung. Aber dennoch k€onnen wir das, was auf diese Weise
anschaulich gegeben wurde, nicht einfach in einem nicht-sprachlichen Repräsenta-
tionssystem auf der Basis einer Ähnlichkeitssemantik darstellen.11
Aus diesem Grund müssen wir ein Symbol dafür „wählen“. Aber so einfach, wie
diese Wahl eines Symbols für kommunizierende Gemeinschaften ist (denn hier
stehen immer Herkommen, Tradition und bereitwillig akzeptierte Normierung zur
Verfügung), ist sie keineswegs auch für einsame Denker. Die Initiation eines neuen

11
Man kann die Darstellung eines einzelnen Gegenstandes, z. B. eines einzelnen Dreiecks für die
Repräsentation des gemeinten Allgemeinen nutzen, vorausgesetzt, dass dieser Einzelgegenstand
beliebig variiert werden darf und muss. Vgl. hier Abschn. 8.3.
96 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

Symbols sollte für einsame Denker einerseits ganz zentral an ihrer jeweils eigenen
Erfahrung orientiert sein, und zugleich in dem als Symbol gewählten Einzelfall
auch die Charakteristika, z. B. einer gerechten Entscheidung so deutlich wie
m€oglich aufweisen. Daher wählen einsame Denker – allerdings ohne, dass ihnen
diese Wahl als Wahl bewusst ist –, meistens in nahe liegender Weise einen ihnen
wohlbekannten exemplarischen Fall als Repräsentant dieser nur durch Denken zu
erfassenden Gemeinsamkeit vieler Fälle, also einen Fall, an dem dieser Denker
selbst die gemeinsame Eigenschaft besonders deutlich ersehen kann. Daher kann
uns, wenn wir an wichtige Eigenschaften wie z. B. wohlmeinende Sorge oder Güte
denken, gelegentlich kurzfristig das Gesicht unseres Großvaters oder eine seiner
charakteristischen Handlungen erscheinen, die scheinbar mit der jetzt bedachten
Sache gar nichts zu tun hat. Diese Episode unseres szenischen Denkens kann uns
jedoch leicht wie eine unn€otige und wenig sinnvolle Vorstellung, d. h. wie eine bloß
subjektive Deviation vorkommen. Aber sie hat hier die Funktion eines exemplari-
schen Falles zur Darstellung einer anschaulich erfassten und dann im weiteren
Denken wieder vorgestellten allgemeinen Eigenschaft. Ich nenne diese szenischen
Vorstellungen phantasmatische Deviationen, und sie dienen der Darstellung
h€
oherstufiger Allgemeinheiten durch exemplarische Fälle, man k€onnte hier auch
von Elementen einer exemplarischen Semantik sprechen.
Bevor ich das Thema der Darstellung der Allgemeinvorstellungen abschließen
kann, muss ich noch einmal auf die von mir gewählten Beispiele zurückkommen,
die eine analogisch basierte Darstellung von Allgemeinvorstellungen erlauben (also
nicht das Mittel der phantasmatischen Deviation verwenden). Hier hatten wir
bereits die Mithilfe des Gefühls bei der genauen Bestimmung des Allgemein-
heitsgrades von Vorstellungen bemerken k€onnen: In szenischen Phantasmen kom-
men im Hintergrund oft Personen oder Dinge vor, von denen man nicht genau sagen
kann, wer oder was sie sind. Dass sie nicht individuell bekannte Personen sind,
bedeutet aber nicht, dass man von ihnen gar nichts ‚weiß‘. Mein Gefühl kann mir
„sagen“, dass sie z. B. mir bekannte Personen sind. Das Gefühl der Vertrautheit
oder Bekanntheit, das ihre Vorstellung begleitet, sagt mir: Ich kenne sie, und sie
kennen mich. Es sind eigentümliche Vertrautheitsqualitäten, die sich bei dieser
Gelegenheit melden. Die Gesichter dieser Personen sind dabei nicht voll indivi-
dualisiert. Denken Sie z. B. an die phantasmatische Wiederholung einer peinlichen
Szene, für die es zudem Zeugen gab. In der phantasmatischen Wiederholung
erhalten diese Personen meistens keine präzise Individualität, sondern nur eine
gewisse, gefühlte Bekanntheit. Ich will damit nicht ausschließen, dass sie die volle
Individualität erhalten k€onnen, es k€onnte z. B. Herr Müller von gegenüber sein,
dessen Gesicht ich phantasmatisch sehe, aber es gibt Fälle, in denen wir nur
‚bekannte Personen‘, als Nachbarn, Arbeitskollegen oder auch ‚unbekannte Perso-
nen‘ vorstellen.
Worauf es mir hier ankommt, ist Folgendes: Bei der Entindividualisierung von
Gegenständen und Personen durch visuelle Vagheit haben wir es nur mit einer der
vielen M€ oglichkeiten zu tun, in der man visuell-phantasmatisch die verschiedenen
Grade der Allgemeinheit einer Vorstellung repräsentieren kann. Aber auch Gefühle
4.1 Das basale szenisch-phantasmatische Repräsentations-System beim. . . 97

k€
onnen Grade der Allgemeinheit ausdrücken, z. B. k€onnen durch die besondere
Gefühlsfärbung diejenigen ausgezeichnet sein, die ich sehr oft sehe, oder solche,
die ich in einem bestimmten Kontext €ofters gesehen habe. Ich k€onnte z. B. so etwas
wie ‚Kollegen‘ sehen, indem ich ihnen charakteristische Merkmale ihres Berufs
gebe, ohne sie damit bereits voll zu individuieren, z. B. wirken sie irgendwie ernst
und professoral; der Ort, Gerüche oder Geräusche k€onnen sie ebenfalls charakteri-
sieren, sie tragen blaue Arbeitskleidung, und ich h€ore Arbeitsgeräusche, sie riechen
nach Holzkleber usw. Die Modulation der Repräsentation in der phantasmatischen
Darstellung ist also sehr vielfältig und kann Phantasmen aus allen Sinnesfeldern
enthalten. Sie füllt die volle Bandbreite der Stufen und Grade der Allgemeinheit
aus, die zwischen der Vorstellung dieses bestimmten Menschen, den ich gut kenne,
und eines Menschen überhaupt liegen.
Das Gefühl der Bekanntheit oder Unbekanntheit, das ich bei dem Anblick von
anderen Personen habe, entscheidet oft auch über deren Identität in wechselnden
Situationen, d. h. ob es sich um meinen Bruder, um unbekannte Menschen, um
bekannte Personen, um Mitglieder meiner Gemeinschaft, um Personen, die ich
kenne, handelt. Entscheidend ist hierbei eine abgestufte gefühlte Bekanntheit
bzw. Vertrautheit. Bei meinem Bruder kommt dann noch Zuneigung hinzu usw.

4.1.3.2 Blending – Sinnvermischung

Nächtliche Träume zeigen oft eine merkwürdige Tendenz, die Vorstellungen von
Personen oder Dingen, zwanglos ineinander übergehen zu lassen. Diese Episoden
haben dann gelegentlich die Eigenart, dass individuiert vorgestellte Personen
pl€
otzlich zu anderen Personen werden. Das Prinzip der Identität scheint hierbei
verletzt zu sein.12 In szenischen Phantasmen und Tagträumen kommen solche
Identitätswechsel fast nicht vor, auch dies zeichnet sie als realitätsorientierten
Umgang mit Problemen aus.
Es gibt jedoch bei szenischen Phantasmen ein Darstellungsmittel, das man
vielleicht eine Sinnvermischung bzw. blending nennen k€onnte. Dies soll die
Mischung oder Verbindung von Gegenstandssinnen in meiner Vorstellung bezeich-
nen. Was damit gemeint ist, zeigt sich schnell an einem Beispiel: Ein unange-
nehmer, aufdringlicher und gelegentlich auch gewalttätiger Mann k€onnte von mir
mit einem Tiercharakter verbunden oder vermengt vorgestellt werden. Gelegentlich
werden wir diese bildhaften Verbindungen sogar sprachlich formulieren: eine
falsche Schlange, ein wilder Kerl, ein w€olfischer Charakter usw. Dagegen erscheint
ein kriecherischer Typ, der sich bei jeder Gelegenheit anbiedert, aber zugleich

12
Dadurch k€onnte jedoch nur deutlich werden, dass die Forderung nach Identität lediglich eine
Regel der Intersubjektivität ist, die für Kommunikation mit Anderen verpflichtend ist. Solange ich
ein einsamer Denker bin, brauche ich diese Regeln nicht zu beachten. Vgl. hier Abschn. 7.1.
98 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

Anzeichen von Heimtücke zeigt, mit den Attributen einer falschen Schlange oder
miesen Ratte. Es k€onnen Überzeichnungen von Teilen seiner Erscheinung sein oder
kurz aufblitzende Assoziationen, die diesen Tiersinn und damit auch die Bewertung
und Charakterisierung mit ihm verbinden. Wir ‚charakterisieren‘ diese Person auf
diese Weise, d. h. wir ‚bedeuten‘ so ihren Charakter und ihre Haltung Anderen
gegenüber.
Natürlich gründen alle diese Sinnverbindungen in gemeinschaftlichen Konven-
tionen, dennoch erscheinen sie in unseren sinnlichen Phantasmen und präzisieren so
den Sinn des Gesehenen. – Auch Materialqualitäten lassen sich auf diese Weise mit
Personen mischen. Wer hätte keine klare Vorstellung von einem „Holzkopf“, bei
dem die Vorstellung des kurzen blonden Haars, des stumpfen Blicks und des halb
offen stehenden Mundes kurzfristig, in aufblitzenden Assoziationen, Material- und
Farbcharakteristika des Holzes annehmen? Oder die Vorstellung einer „blenden-
den“ Erscheinung mit strahlendem Lächeln und lockigem Haar, bei der die positi-
ven Eigenschaften wie Diamanten aufblitzen, oder eine Person, deren Integrität so
fest ‚wie aus Stein gehauen‘ erscheint? Hier mischt sich der phantasmatische
Anblick einer Person mit Materialeigenschaften, die, phantasmatisch eingezeich-
net, Eigenschaften an ihr oder Erfahrungen mit ihr ‚bedeuten‘. Ich kann eine Person
sehen und ihre von der Gartenarbeit harten Hände gleichsam schon bei ihrem
bloßen Anblick phantasmatisch ‚fühlen‘. Ebenso kann ich Charaktereigenschaften
wie die Heimtücke im Blick auf diese Weise ‚sehen‘.13
Auch die Gefühlseinmischungen in mein phantasmatisches Leben spiegeln
Erfahrungen, Werte und Wünsche wider, die ich mit Dingen oder Personen ver-
binde. Hier gibt es einen großen Anteil an gemeinschaftlich konstituierten Gefühls-
bewertungen. Ich sehe z. B. einen luxuri€osen Wagen und denke: Es wäre sicher
sch€on, einen solchen Wagen zu besitzen, dann wäre mir die Bewunderung aller
sicher. Indem ich das Auto aus meiner eigenen Sicht ‚sehe‘, d. h. vorstelle und
werte, mischt sich zugleich die mit Anderen geteilte Bewunderung und die auf den
Eigentümer übertragene Bewunderung – d. h. in diesem Fall für mich – in mein
Erlebnis hinein. Ich übertrage oder mische meine Bewunderung für das Ding mit
der Bewunderung Anderer, und indem ich mich selbst als Eigentümer sehe, erlebe
ich die Hochschätzung meiner Person durch die Anderen.14
Der von mir durch eine Tier- oder Materialcharakteristik vorgestellte Zug einer
Person, z. B. eine gewisse Rigidität der Mimik und der Reaktion wie bei dem
begriffsstutzigen Holzkopf, der falschen Schlange oder dem begriffslastigen Eier-
kopf usw., kann auch als Stilisierung der Person verstanden werden. Ihr Charakter
wird dabei auf einen einzigen Zug verengt und ihre Komplexität auf den hier
entscheidenden Zug reduziert.

13
Vgl. Kant 1798, S. 179.
14
Hier geraten wir auf das Feld der wunscherfüllenden Tagträume. Vgl. hierzu James Thurbers
The Secret Life of Walter Mitty (Thurber 1939).
4.1 Das basale szenisch-phantasmatische Repräsentations-System beim. . . 99

4.1.3.3 Zeitschrumpfung und -dehnung, Verdichtung und Entdichtung


in szenischen Phantasmen

Die Darstellung der scheinbar nur wiederholten phantasmatischen Szenen unter-


liegt aber noch anderen Modifikationen, z. B. kann sich auch eine Schrumpfung der
Zeiterstreckung ereignen (Kompression). Wenn ich mir z. B. ein vergangenes
Ereignis oder eine Ereignisfolge ins Bewusstsein rufen will, dann muss ich es vor
meinem geistigen Auge gleichsam ‚noch einmal ablaufen lassen‘. Dies sollte dabei
aus Gründen der Ökonomie nicht im Originaltempo geschehen, sondern schneller,
denn meistens geht es doch darum, dass wir uns eine Tatsache, ein Geschehen
wieder wachrufen wollen, um damit weitere Konsequenzen zu verbinden. Daher
sind wir in der Lage, uns ein Geschehen, das in der objektiven Zeit einige Stunden,
Tage oder Wochen in Anspruch genommen hat, relativ schnell wieder ins Ge-
dächtnis zu rufen. Dabei wird nicht einfach wie in einem Zeitraffer alles beschleu-
nigt, d. h. das ganze Geschehen, sondern nur die entscheidenden „wichtigen“
Phasen des Geschehens blitzen kurz auf, wie in manchen erzählenden Videoclips
zu populärer Musik. Im Extremfall k€onnte es genügen, einige charakteristische
Szenen mit einer starken Gefühlsstimmung zur Darstellung meines ganzen Lebens
innerhalb weniger Sekunden zu verbinden.15
Dasselbe trifft auch auf die imaginativ vorgestellte, m€ogliche zukünftige Wei-
terentwicklung zu.16 Auch hier ist nicht jedes Teilereignis so wichtig, dass es als
eigene szenische Vorstellung selbst mit aufgenommen werden muss. Es muss aus
‚denk€ okonomischen‘ Gründen ausreichen, wenn mir die wichtigsten Teile eines
Gesamtereignisses deutlich vor Augen stehen. Die darstellungs€okonomisch opti-
male Darstellungsdynamik eines Ereignisses müsste demnach wie eine Perlenkette
aussehen, bei denen sich entdichtete Passagen ohne wichtigen Inhalt mit dichteren,
zentralen Passagen abwechseln. Laufen wir durch den Wald zum See hinunter,
dann wäre die Folge in etwa so: von „hier“ (Blick auf das Haus) durch Wiesen und
Bäume zu der ersten wichtigen Wegmarke, diesem bestimmten Baum, dessen
charakteristische Merkmale ich kurz fixiere, dann durch Unterholz bis zum See.
Komplexe Sachverhalte erfordern es oft, viele Ereignisse zu verlebendigen, z. B.
um den Charakter eines Verräters, Hochstaplers oder Angebers darzustellen. Diese
Ereignisse k€ onnen in verschiedenen Zeitverhältnissen zueinander stehen, sie
k€onnen z. B. nacheinander oder gleichzeitig stattfinden oder stattgefunden haben.
Schon die große Zahl der verschiedenen Ereignisse, die hierfür alle dargestellt
werden müssen, verlangt eine Verdichtung der Darstellung.17 Die wichtigste dieser

15
Es gibt bei den sogenannten near death experiences gelegentlich Berichte über solche extrem
verkürzte Darstellungen großer Zeiträume.
16
one Beispiele in dem Film Lola rennt (R: Tom Tykwer 1998).
Hierfür gibt es sch€
17
Vgl. hierzu die Probleme, die Temple Grandin schildert: Sie muss immer die „Videobänder“
vor- und zurückspulen. Ich vermute aber, dass das Verständnismodell sich hier etwas selbstständig
macht und Schwierigkeiten vorspiegelt, die in der wirklichen geistigen Vergegenwärtigung gar
nicht so relevant sind, weil eine Zeitverdichtung m€ oglich ist, also sozusagen ein „schneller
Vorlauf“. Vgl. hier Kap. 8.
100 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

Verdichtungsmethoden ist die Zeitschrumpfung. Aber auch die Überfülle der von
der Erinnerung angebotenen unwichtigen Ereignisse, die zwischen zwei relevanten
Ereignissen stattfinden, muss reduziert werden.

4.1.3.4 Bedeutung tragende Phantasmen in allen Sinnesfeldern:


Gesicht, Geh€or, Geruch, Getast und Geschmack

Bevor ich zu den Gefühlen komme, m€ochte ich erwähnen, dass es Darstellungs-
mittel in allen Sinnesfeldern gibt, die phantasmatisch produziert werden k€onnen,
und die daher im vollen szenisch-phantasmatischen System auch eine wichtige
Funktion übernehmen k€onnen. Nachdem wir bereits die visuellen Phantasmen und
die Leistungsbreite der Repräsentation auf dieser Basis eingehend studiert haben,
betrachten wir die Funktion von szenischen Phantasmen auf einer etwas verallge-
meinerten Stufe: Wir verwenden die Reproduktion bzw. phantasmatische Produk-
tion von Gegebenheiten aus allen Sinnesfeldern, um eine Vorstellung von Sach-
verhalten oder deren Bewertung zu denken.
Wir k€onnen sehen, h€oren, tasten, riechen und schmecken, daneben gibt es noch
Bewegungs- und Bewegtheitsempfindungen. Die akustische Sphäre ist z. B. meis-
tens nur wenig „besetzt“. K€onnte man diese Sphäre auch zur Bedeutungspräsenta-
tion verwenden? Kann man in T€onen und Melodien denken? Der Verlaufscharakter
von Melodien bietet sich zur analogischen Repräsentation von Ereignisverläufen
geradezu an. Das zeigen uns die musikalischen Phantasmen. Wir reproduzieren im
Alltag oft Musik und sprechen dann von einem Ohrwurm, der uns eine Zeit lang
begleitet, und den wir nicht loswerden k€onnen. Oft haben sich solche Melodien aber
nicht einfach mechanisch festgesetzt, wie es das Modell des Ohrwurms andeutet,
sondern sie bedeuten etwas, sie drücken z. B. eine Stimmung aus, die in gewisser
Weise eine Haltung gegenüber der Welt spiegelt, z. B. Optimismus, Aufregung,
freudige Erwartung oder Pessimismus. Man kann mit Melodien gleichsam Ge-
schichten erzählen und zugleich die Stimmung spiegeln, die sich an diese Ge-
schichten knüpft. Zum Beispiel: Der lange Weg zum Erfolg, der über viele drama-
tische Rückschläge dennoch mit einem durchgehaltenen Thema signalisiert, dass
das Ziel stets lebendig bleibt, und nach kleinen Anfangserfolgen schließlich zum
Ziel führt. Es k€
onnen auch andere Inhalte in der Musik ihren Ausdruck finden. Die
enge Verbindung von Musik und Gefühl ist sehr geläufig. Man k€onnte sogar von
einer Analogie sprechen: Die temporale Gestalthaftigkeit ist die Analogie zum
Geschehen, so dass Melodien als Bedeutungsträger attraktiv sind. Zudem ist unser
Gefühlsleben immer „polyphon“, sozusagen „vielstimmig“, Niedergeschlagenheit
in einer Hinsicht verträgt sich durchaus mit Zuversicht in einer anderen. Dies kann
man mit Melodien gleichsam zu Zwecken der Darstellung imitieren.
Ich denke hier weniger an die Ikonographie und die konventionalisierte Bedeu-
tungsgebung, die sich innerhalb der Geschichte der Musik findet. Die musikalische
Ikonographie besagt, dass die Trompete das Instrument des K€onigs ist, dass H€orner
mit Jagd zu tun haben, dass dumpfe Trommeln Gewalt andeuten, dass Märsche eine
Anzeige des Militärs sind usw. Alle diese konventionellen Verbindungen, die
4.1 Das basale szenisch-phantasmatische Repräsentations-System beim. . . 101

vielen ausdrücklich oder implizit geläufig sind und auch immer wieder neu nor-
miert werden, sind nicht mein primäres Thema. Dieselben konventionellen
Bedeutungsfestlegungen gibt es auch in der Malerei: Dass Trauben Fruchtbarkeit
anzeigen, die Rose die Liebe, Efeu Treue usw. Diese konventionellen Bedeutungs-
festlegungen sind das Produkt einer kommunizierenden und regional beschränkten
Gemeinschaft, einer ikonographischen Gemeinschaft. In kommunizierenden Ge-
meinschaften wird alles normiert, was man glauben, sagen und tun kann. Aber diese
Normierung schafft dieselbe Art von Konventionen wie im Falle der Bedeutungs-
bestimmung in nationalen Sprachen.
Wir wollen uns hier aber auf die unmittelbaren Analogien konzentrieren, die
keine Konvention brauchen. Wir haben es im Falle der Musik meistens mit einer
Mischung von konventionellen symbolisch fungierenden Formen, deren Semantik
auf Konventionen beruht, und anderen zu tun, die auf Ähnlichkeit basieren. Dass es
auch unmittelbare Analogien gibt, zeigt die Tatsache, dass die meisten Menschen
einerseits in der Musik-Ikonographie nicht gebildet sind, aber dennoch ihre Sehn-
süchte und Hoffnungen in der Musik ausgedrückt finden. Die Grundlage dieser
Verständlichkeit muss also in dem Anteil der Formensprache liegen, der einer
analogischen Semantik folgt.18 Was da inhaltlich ausgedrückt ist, was passiert,
und woran sich solche Hoffnungen, Sehnsüchte und Wünsche knüpfen, ist dagegen
schwerer zu erklären. Die Programmmusik kann hierzu einen Hinweis geben: Das
lustige Plätschern des kleinen Bachs, das Rauschen des Flusses, das ruhige Fließen
des Stroms, das majestätische Einmünden bei Smetanas Moldau usw., hier leisten
Analogien die Vermittlung von Zeichen und Bedeutung.
Auch der Rhythmus kann Bedeutungen tragen: Das Gehen, hektisches Laufen,
Treppensteigen, schweres Atmen, Liebe und Hass, vielfältige Maschinenrhythmen
usw. Alles Lebendige, viele Handlungen und die meisten Ereignisse haben charak-
teristische Rhythmen, die Teil ihrer typischen Erscheinungsweise sind. Hier gibt es
viele Analogien, die Bedeutung tragen k€onnen und auf das hinweisen, was
gemeint ist.
Wie steht es mit dem Riechen? Auch das olfaktorische Feld ist oft nur wenig
besetzt. Daher bietet es sich als Bedeutungsträger an. Auch hier kann es Verände-
rungen geben, die in Analogie zu Ereignissen stehen, auch Mischungen sind
m€ oglich. Es gibt charakteristische Bedeutungsträger, die per Geruch analogisch
assoziiert sind: der Fäkaliengeruch als Abwertungsindikator, Fruchtgeruch als
Verlockung, Essensgerüche als Attraktionen, der individuell charakteristische
Geruch als Teilvorstellung bestimmter Gegenstände (Sandelholz, Messing), der
Geruch von Personen usw.
Eine Besonderheit olfaktorischer Empfindungen besteht darin, dass sie bevor-
zugt sehr alte Erinnerungen der eigenen Geschichte einer Person wecken k€onnen.19

18
Vgl. hier Abschn. 4.3.
19
Empirische Untersuchungen zeigen, dass besonders Geruchsempfindungen geeignet sind, lange
zurückliegende Erinnerungen zu aktivieren. Vgl. Martin und Scharfetter 1993, S. 294; Engen und
Ross 1973; Lawless und Engen 1977.
102 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

Diese frühen Erinnerungen werden durch Gerüche sofort lebendig, wie z. B. durch
Zigarrenrauch. Auch Orte wie Küchen, Keller, Schlafzimmer, Badezimmer, Schul-
zimmer haben ihre charakteristische Gerüche. Die Bedeutungsfestlegungen von
Gerüchen sind stark individualgeschichtlich bedingt.
Das Tanzen ist ein komplexes Ausdrucksphänomen, das eng mit Melodien
verbunden ist. Hier wie auch in der Pantomime finden wir die prinzipielle M€og-
lichkeit polyphoner Ausdrucksaktionen: Das Gesicht spiegelt eine traurige
Stimmung, während die Beine einer lustigen Weise folgen, die Arme Sehnsucht
ausdrücken, während die Gestalt die Hinfälligkeit preisgibt. Vieles geschieht auf
der Basis von Analogien mit spontanen, natürlichen Ausdrucksphänomenen. Aber
auch hier gibt es viele konventionelle Zeichen: für Liebe, für koketten Flirt, für
Angst, für Hochmut usw. Um es noch einmal klar zu sagen: Es geht bei den
Melodien, Rhythmen, Gerüchen und beim leiblichen Ausdruck des Tanzens nicht
um diese Dinge und Handlungen selbst, sondern ausschließlich um ihre symboli-
sche Verwendung im Rahmen eines szenisch-phantasmatischen, nicht-sprachlichen
Systems des Denkens, dessen Semantik nicht nur auf Konventionen, sondern auch
auf Ähnlichkeit beruht.

4.1.4 Gef€
uhle im szenisch-phantasmatischen System

4.1.4.1 Gefühl als multi-modales Teilsystem der nicht-sprachlichen


Repräsentation

Gefühle sind ausgesprochen multimodal in ihrer Funktion. Sie k€onnen in erster


Linie Bedeutsamkeiten (wichtig/unwichtig, erfreulich/unerfreulich usw.) darstel-
len, aber sie dienen auch als Surrogat der Gewissheit von Erfahrungen, der Wahr-
scheinlichkeit, mit der ein erwartetes Ereignis eintritt, und sie k€onnen auch als
Surrogat der Modalität einer Vorstellung dienen. Gefühle geh€oren zum basalen
szenisch-phantasmatischen System, aber es wäre m€oglich, dass sie auch als ein
eigenständiges System von Repräsentationen interpretiert werden k€onnten. Ein
Argument spricht jedoch dafür, dass sie nicht eigenständig sind, sondern nur ein
wichtiger Teil anderer Repräsentations-Systeme sein k€onnen. Sie sind normaler-
weise Teil des szenischen Systems, und es scheint so, als ob Gefühle immer an
Gegenstände oder Ereignisse gebunden sind, die bereits in anderen Modi (visuell,
aktuell, akustisch, olfaktorisch usw.) gegeben sein müssen, damit sie die Funktion
der Repräsentation von Gegenständen oder Ereignissen übernehmen, an die dann
Gefühle als Dimension der Bedeutsamkeit geknüpft werden.20

20
Die hiermit scheinbar verbundene Zentralstellung des visuellen Systems als Gegenstandsbezug
erm€oglichendes System ist sicher für uns Menschen zutreffend, aber selbst dies gilt nicht für
Blinde. Daher müssen wir hier auch taktuelle, akustische oder sogar olfaktorische Systeme für den
Gegenstandsbezug mit berücksichtigen. Dies trifft in noch gr€
oßerem Maß auf einfach organisierte
Tiere zu.
4.1 Das basale szenisch-phantasmatische Repräsentations-System beim. . . 103

Wir hatten schon herausgestellt, dass die grundlegende Voraussetzung für die
Funktion von Gefühlen als Teil eines Repräsentations-Systems ist, dass sie sowohl
in einer Situation origin€ ar empfunden werden k€onnen und wir sie auch in Abwe-
senheit der originären Anschauung jederzeit reproduzieren k€onnen. Das Gefühl der
Wut erfasst mich mit Urkraft in einer bestimmten Situation, und ich kann es in einer
abgeschwächten Form auch empfinden, wenn ich an diese Situation nur denke. In
beiden Fällen „sagt“ das Gefühl etwas über den Wert des Ereignisses und der darin
vorkommenden Dinge. In einem angenehmen Erlebnis „bedeutet“ das Gefühl des
Angenehmen das Erstrebenswerte des Erlebnisses. Die Dimension der Bedeutsam-
keit enthält daher auch eine wichtige Funktion für die Motivation von künftigen
Handlungen. – Ein weiterer Aspekt, der zum Teil durch Gefühle dargestellt werden
kann, ist die Zeitdimension: Furcht weist auf ein zukünftiges Ereignis hin, Bedau-
ern auf die Vergangenheit usw.
Das Gefühl ist für alle nicht-sprachlichen Systeme von großer Bedeutung, denn
es stellt vorwiegend und zentral Aspekte der Bedeutsamkeit von Gegenständen und
Ereignissen dar. Auch die meisten Tiere haben Gefühle, dies wird schon aus der
Tatsache einsichtig, dass das limbische System, welches die Gefühlsaspekte des
Bewusstseins verarbeitet, in einer Schicht zwischen dem Kleinhirn und dem Groß-
hirn liegt. Aus der Sicht der Gehirnphysiologie k€onnte man etwas vergr€obernd
sagen, dass das Gefühl eines der basalen Repräsentations-Systeme sein muss.
Primaten und die meisten Säugetiere besitzen also ebenfalls dieses Repräsenta-
tionssystem. Seine basale Funktion teilt es sich mit den Systemen, die Gegenstände
und Ereignisse darstellen. Und umgekehrt macht die Darstellung eines Gegen-
standes wenig Sinn, wenn man nicht damit zugleich Anmutungen und Handlungs-
motivationen verbinden k€onnte. Die gefühlsvermittelten Bedeutsamkeitsaspekte
von Ereignissen und Gegenständen müssen sich auch verändern k€onnen, andern-
falls k€
onnte man nicht aus Erfahrungen lernen. Die Vorstellung von Gegenständen
und Ereignissen sowie deren sich aus vorangegangener Erfahrung ergebende ge-
fühlte Bedeutsamkeit und die sich daraus motivierenden Handlungen geh€oren in
dieser basalen Leistungsschicht eng zusammen.

4.1.4.2 Gefühle als Surrogat der Gewissheit eines Wissens

Gefühle k€onnen auch als ein Surrogat der Gewissheit fungieren, mit der wir die
Existenz eines Gegenstands, eines Ereignisses oder eine Verbindung von Ereignis-
sen usw. vorstellen. In der phänomenologischen Theorie des Wahrnehmens und
Erkennens gibt es Untersuchungen zu den Graden der Gewissheit unter dem Titel
„Evidenz“. Aber: Ist Evidenz ein Gefühl? Husserl sagt an vielen Stellen, dass dies
nicht der Fall ist.21 Generell ist Evidenz die Erfüllung eines geforderten und vor-
gezeichneten Stils der Erfüllung einer Intention bestimmter Art durch die Sinnlich-
keit oder durch die kategoriale Anschauung, sofern es um Erkenntnis geht. Evidenz

21
Vgl. z. B. Heffernan 1999.
104 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

bezeichnet also immer mindestens drei Elemente: die Art des Gegenstandes, die
zugeh€ orige Form der Erfüllung (den Evidenzstil) und den Grad der Erfüllung der
Intention in ihrem besonderen Evidenzstil. Was für Husserl dabei immer besonders
interessant zu sein schien, waren diejenigen Geltungsansprüche, die weit über das
hinausgehen, was uns die Sinnlichkeit wirklich anschaulich zu geben vermochte.
Damit ist auch der prinzipielle Sinnüberschuss der intentionalen Beziehung
gemeint, der sich z. B. in jeder Wahrnehmung findet. Evidenz ist also immer eine
intentionale Leistung, und nicht nur hinsichtlich des Inhalts, der konstituiert wird,
sondern auch hinsichtlich der Erfüllung in dem besonderen, zum jeweiligen Gegen-
stand geh€ origen Evidenzstil.
Evidenz gibt es bei allen Arten von Intentionen, in der Wahrnehmung, im
Erkennen, in der Erinnerung usw. Uns interessiert hier, wie die Sicherheit einer
Erkenntnis in den folgenden Schritten weiterer Erkenntnis erhalten bleibt. Hierfür
muss es eine Darstellungsform geben, ansonsten müsste man jede zu einer neuen
Erkenntnis beitragende fundierende Erkenntnis immer wieder voll aktualisieren,
um einen Schritt weiter zu einer h€oherstufigen Erkenntnis zu kommen. Diese
Funktion übernimmt zum Teil das Gefühl.
Mit dem Problem, wie Evidenz von Erkenntnissen zu bestimmen ist, hat sich vor
Husserl auch schon David Hume in seinem Treatise beschäftigt. Hume bezieht sich
vorwiegend auf Erkenntnisintentionen, deren besonderen Geltungsmodus er als
belief bezeichnet, d. h. als eine Art von Überzeugt-Sein (belief hat hier nichts mit
dem religi€ osen Glauben zu tun). Aber was ist dieser belief genau? Hume beginnt
mit der Vermutung, belief k€onnte ein Gefühl sein, das die Vorstellung dieses
Sachverhalts begleitet. Doch Gefühle sind zu irregulär und zu unzuverlässig, um
in dem Kontext von Erkenntnis Geltung charakterisieren zu k€onnen. Anschließend
versucht Hume eine andere L€osung: Belief k€onnte eine besondere Stärke und
Lebhaftigkeit der Vorstellung sein. Jedoch: Stärke und Lebhaftigkeit sind eher
Kennzeichnungen der zugrunde liegenden Impressionen. Dann prüft er die
M€ oglichkeit, ob belief eventuell eine besondere, zusätzliche Vorstellung sein
k€onnte, die die Vorstellung des Sachverhalts begleitet. Dies ist auch nicht die
richtige L€ osung, denn dann müsste es m€oglich sein, dass wir an das Vorliegen
eines beliebigen Sachverhalts glauben, indem wir diese Vorstellung in der Phanta-
sie hinzusetzen. Schließlich nimmt Hume zu der L€osung Zuflucht, dass belief eine
besondere Weise der Vorstellung sei (die er aber nicht näher erklären kann). Eine
indirekte Weise der Charakterisierung liegt in seinem Hinweis, dass das, an das wir
in der Weise des belief glauben, unser Handeln bestimmt. Am Ende und fast
resignativ bemerkt er, dass belief wohl „felt by the mind“ sei, also ein Gefühl,
das der Geist allein auf der Grundlage der Betrachtung von Vorstellungen erzeugt.
Er ist sozusagen ein vernunftgewirktes Gefühl.22 Mit dieser paradoxen Charakteri-
sierung lässt Hume den Leser allein zurück und klärt nicht, ob es ein Gefühl oder
eine Einsicht sei, was Grundlage unseres Handelns wird.

22
Vgl. Hume (1967). Kant greift diese hybride L€ osung auf, indem er sie in der praktischen
Philosophie als Quelle der Achtung, d. h. als vernunftgewirktes Gefühl zitiert.
4.1 Das basale szenisch-phantasmatische Repräsentations-System beim. . . 105

Das Problem der Abgrenzung und Beziehung von Evidenz und Gefühl entsteht
dadurch, dass die in unseren Anschauungshandlungen erreichte Evidenz von Sach-
verhalten in dem basalen szenisch-phantasmatischen System als Gef€ uhl der Sicher-
heit repräsentiert wird. Dieses Gefühl fungiert demnach als ein Zeichen für die
durch uns schon erreichte Sicherheit hinsichtlich der Richtigkeit einer Sachver-
haltsintention. Sie ist als solches Gefühl auch für den weiteren denkenden Umgang
mit dieser Überzeugung entscheidend. Evidenz ist also kein Gefühl, sie wird aber in
dem basalen Repräsentations-System unseres Denkens als Gef€ uhl dargestellt. Ein
solches Surrogat für Evidenz ist in gewisser Hinsicht notwendig, denn die Evidenz
bleibt nach ihrer Gegebenheit, z. B. in der kategorialen Anschauung, nicht länger
erhalten (es sei denn, sie würde wieder aktualisiert werden). Wir müssen aber
dennoch in der Lage sein, die Grade der Gewissheit einer Einsicht auch nach dem
Vergehen der unmittelbaren Anschauung im Denken mit zu denken, daher müssen
wir sie durch ein Symbol ersetzen, d. h. surrogieren. Das Gefühl der Sicherheit, das
wir hinsichtlich des Bestehens eines Sachverhalts haben, dient also im nicht-
sprachlichen Denken als ein Symbol der zuvor anschaulich gehabten Evidenz der
Erkenntnis und ihres Gewissheitsgrades.
Hinzu kommt, dass Gefühle eine Dimension unseres Erlebens sind, die –
evolutionär betrachtet – vor allem die Handlungsf€ ahigkeit des Subjekts gewährleis-
ten soll.23 Das beinhaltet auch die Fähigkeit, Gefühle, die aus ganz unterschiedli-
chen Quellen stammen, untereinander zu „verrechnen“.24 Sie müssen verrechnet
werden k€ onnen, denn ansonsten kann ich in hochkomplexen Situationen (als ein
lediglich auf begrifflicher Basis rational erwägendes Lebewesen) nicht mehr zu
einer Entscheidung kommen. Denken wir z. B. an Situationen, in denen es eine
große Unsicherheit hinsichtlich der Chancen des Gelingens einer Handlung gibt,
die zugleich mit einem überwältigenden Wunsch nach dem Gelingen dieser Hand-
lung verbunden sind. Um das Risiko des Misslingens einer solchen hochrelevanten
Handlung eingehen zu k€onnen, müssen die beiden paradoxen Motive irgendwie
miteinander verrechnet werden (wenn auch nicht buchstäblich mit Rechenverfah-
ren, so doch irgendwie nach der nach Wahrscheinlichkeit und Bedeutsamkeit ge-
wichteten Stärke). Das antizipierte Glück des erreichten Zieles lockt uns, das große
Risiko einzugehen. Der Mensch bleibt daher in hochkomplexen und zugleich un-
überschaubaren Situationen deshalb handlungsfähig, weil er begrifflich Unverre-
chenbares dennoch im Gefühl in Relation setzen kann.
Prinzipiell ist dies für ein handelndes Lebewesen akzeptabel, aber die Fähigkeit
zur Verrechnung auf der Ebene des Gefühls führt auch gelegentlich in die Irre. So
kann meine vermutete Sicherheit hinsichtlich des Täters bei dem platten Reifen
meines Fahrrades auch auf falsch und tendenzi€os gedeuteten Anzeichen beruhen.
Das Grinsen des Spaßvogels Peter beim Betreten des Raumes kann für mich v€ollig

23
Vgl. die Ausführungen über die Vorteile des Gefühls als Handlungsgrundlage, hier
Abschn. 6.2.3.
24
Damit soll nicht geleugnet werden, dass wir mit der Hilfe von Reflexion auch die verschiedenen
Gefühle qualitativ und ihrer Quelle nach unterscheiden k€onnen. Vgl. Lohmar 1997.
106 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

ausreichend ‚beweisen‘, dass er es war, der mir die Luft aus dem Reifen gelassen
hat, obwohl es nur seine Schadenfreude ausdrückt. Auch Gegen-Evidenzen kom-
men hierbei zum Zug, denn es k€onnte sein, dass die Luft durch einfache Material-
ermüdung entwichen ist. Ich k€onnte mich z. B. an eine andere Gelegenheit erinnern,
bei der die Luft langsam ohne äußere Einwirkung entwichen war. Aber diese
Motive k€ onnen sich nicht gegen meinen Zorn auf Peter durchsetzen. Evidenz ist
also kein Gefühl, aber sie wird in dem basalen, szenisch-phantasmatischen System
als Gefühl dargestellt, und sie konkurriert, mischt sich und koaliert mit Gefühlen,
die zum Teil ganz anderer Art sind, wie z. B. Wut auf meinen Feind, und die aus
anderen Quellen stammen.25

4.1.4.3 Gefühle als Darstellung von Modalitäten

Begleitende Gefühle stellen auch oft eine wichtige Ergänzung des vorgestellten
Sinnes dar, sie k€onnen nämlich auch Modalitäten – wie z. B. m€oglich, notwendig,
wirklich, imaginiert – anzeigen. Nehmen wir an, ich sehe in einer phantasmatischen
Szene eine Party vor mir, an der ich teilgenommen habe, und ich sehe ein volles
Glas, das auf einem Verstärker steht. Vielleicht habe ich dies selbst gesehen, als ich
da war, aber ich habe nicht darauf reagiert. Jetzt habe ich ein unbestimmtes Gefühl
der Schuld, d. h. ich habe das Gefühl, dass ich etwas hätte tun sollen, als ich das
Glas entdeckte, das doch jederzeit hätte umfallen k€onnen und dabei großen Schaden
angerichtet hätte. Schon die sprachliche Beschreibung zeigt uns, dass es hierbei um
ein Handeln im Konjunktiv geht, also ich hätte handeln k€onnen, aber faktisch habe
ich es nicht getan, obwohl ich mich sogar noch jetzt dazu verpflichtet fühle. Mein
Handeln ist hier also einerseits als m€oglich und darüber hinaus auch als moralisch
verpflichtend gefühlt.26
Glaube ich, dass ein Ereignis die kausal notwendige Folge eines anderen Ereig-
nisses ist, dann kann ich dies auch in dem Verlauf einer Szene mit Hilfe meines
Gefühls bedeuten. Hier gibt das Gefühl den Hinweis darauf, dass die Ereignisfolge
unaufhaltsam abläuft, dass sie notwendig geschieht, und dass ich keine M€oglichkeit
und Mittel habe, um den Lauf der Dinge aufzuhalten. Ich sehe beispielsweise, dass
das Glas umgestoßen wird, und hinsichtlich der danach vorgestellten, folgenden
Ereignisse ergreift mich ein merkwürdiges Gefühl der Hilflosigkeit, das besagt:
Hier kannst du nichts mehr tun, du kommst zu spät, die Ereignisse sind nicht mehr
aufzuhalten. Fühle ich dagegen, dass es für mich leicht gewesen wäre, mit einem
Handgriff die Ereignisse aufzuhalten, so stelle ich damit vor, dass ein Eingreifen
m€oglich gewesen wäre (oder zukünftig m€oglich ist). Auch die Grade der Wahr-
scheinlichkeit des Eintretens eines erfreulichen oder unerfreulichen Ereignisses

25
Hierbei kann es auch zu Konflikten kommen, vgl. hier Kap. 7.
26
Verpflichtung scheint eine der vielen Varianten zu sein, in denen die Modalität der Notwendig-
keit in nicht-sprachlichen Szenen dargestellt werden kann.
4.1 Das basale szenisch-phantasmatische Repräsentations-System beim. . . 107

lassen sich so darstellen. In der Form solcher gefühlter Modalitäten erscheint mir
meine Handlungsfreiheit.

4.1.4.4 Das Gefühl als ein Bereich der „unfreien“ Darstellung in nicht-
sprachlichen Repräsentationssystemen

Dass Evidenzen immer im Modus des Gefühls dargestellt werden, ist einerseits eine
Quelle von m€ oglichen Irrtümern. Diese Tatsache weist aber auch darauf hin, dass
wir hinsichtlich dieser darstellenden Gefühlselemente des szenisch-phan-
tasmatischen Systems nicht in gleicher Weise ‚frei‘ sind wie bei den visuellen
Phantasmen. Phantasmatische Szenen und Gefühle sind beides grundlegende Dar-
stellungsmittel im nicht-sprachlichen Denken, aber es gibt Unterschiede: Der
Spielraum der Freiheit in der Wahl der darstellenden Elemente ist im Bereich der
visuellen Phantasmen viel gr€oßer als im Gefühl.27 Man k€onnte sogar vermuten,
dass es im Darstellungsmittel des Gefühls gar keine Freiheit gibt. Ich kann z. B.
einen bestimmten, relativ niedrigen Grad der Sicherheit hinsichtlich des Eintretens
eines zukünftigen Ereignisses nicht mit dem Gefühl der absoluten Sicherheit
repräsentieren. Das Gefühl folgt hierbei sozusagen der graduellen Abstufung der
Sicherheit in einer festen analogischen Ordnung.
Insbesondere bei den im eigentlichen Sinne nicht sinnlich darstellbaren Elemen-
ten unseres Denkens (Institutionen, Fairness, Gott . . .) sind wir hinsichtlich der
darstellenden Elemente, die wir in der Sinnlichkeit dazu nutzen (wählen) k€onnen,
relativ frei. Wir werden später hierfür Beispiele finden.28 So k€onnen wir im Bereich
der Abstrakta, für die wir nur anschaulich gegebene Beispiele kennen, sehr oft frei
entscheiden, welche Veranschaulichung man nimmt. Hier kann und muss man
Symbole wählen, die mit dem Symbolisierten oft nur eine periphere Ähnlichkeit
haben.
So k€ onnte man Geborgenheit und Zuverlässigkeit durch den Geruch des Eltern-
hauses vorstellen, aber auch durch den Gesichtsausdruck eines mir bekannten
zuverlässigen Menschen. Feste Überzeugung eines Handelnden k€onnen durch die
Sicherheit seiner Bewegungen, aber auch durch die Mimik der Entschlossenheit
ausgedrückt werden. Unsicherheit kann durch das Z€ogern der Bewegungen ange-
zeigt werden, aber auch durch ein nachträgliches Zittern. Dasselbe lässt sich durch
einen Gesichtsausdruck darstellen, der diese Sicherheit bzw. Unsicherheit spiegelt.
Glaubwürdigkeit kann ich durch eine sichere Stimme oder den Gesichtsausdruck
eines verlässlichen Menschen, aber auch durch ein gutes sicheres Gefühl beim
H€oren einer mitgeteilten Information. Dunkle, heimtückische Hintergedanken ei-
nes Handelnden k€onnen durch einen heimtückischen Gesichtsausdruck darge-

27
Vgl. hierzu auch die Diskussion über Freiheit und Unfreiheit von Repräsentationssystemen im
Vergleich mit dem System der Sprache, hier in Kap. 6.
28
Denken Sie an Temple Grandin, die sich den Begriff „Prüfung“ durch eine Tür, die
Abschlussprüfung durch eine Dachluke verbildlicht (vgl. hier Abschn. 9.2).
108 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

stellt werden, oder durch seine Hände, die sich vor Wut oder Gier zusammenballen
usw. Die unvermeidliche Notwendigkeit eines Ereignisses kann man durch ein
Gefühl der Hilflosigkeit angesichts des Geschehens darstellen, aber auch durch
Analogie mit anderen unvermeidlichen Ereignissen.29 – Diese Freiheit haben wir
gegenüber den Bedeutsamkeitsqualitäten, die Gefühle anzeigen, kaum. Man kann
über die Gründe hierfür nur spekulieren. Ein Grund mag sein, dass es, weil die
Bedeutsamkeit zugleich zur Handlung aufruft und diese zur Erhaltung der Hand-
lungsfähigkeit eindeutig sein muss, bei dem bewertenden Gefühl nur wenig
Variationsm€ oglichkeiten gibt.
Es gibt auch Gefühle, die Meta-Kognitionen darstellen. Diese zeigen sich z. B.
deutlich in Einschätzungen der Wahrscheinlichkeit bzw. der Sicherheit oder Unsi-
cherheit meines Wissens.30 Unsicherheit wird sich dann auch in einer vorsichtigen
Handlungsweise oder der Suche nach weiteren Belegen für meine Überzeugung
auswirken. Misstrauen gegenüber Anderen oder auch gegenüber meinem eigenen
Wissen stellt eine Meta-Haltung dar, die als Gefühl auch Handlungen motiviert.
Wir neigen dazu, Eigenschaften der Sprache auf andere Repräsentationssysteme
zu übertragen. Hierzu geh€ort auch die M€oglichkeit der relativ freien Wahl des
symbolischen Repräsentanten. Das ist aber voreilig. Ebenso k€onnte man Iteration,
Rekursivität sowie die vermeintliche Produktivität der immer wieder m€oglichen
sprachlichen Neukombination als Merkmal des Denkens verallgemeinern: Aus
einer endlichen Zahl von sprachlichen Grundelementen k€onnen wir z. B. durch
Kombination und Hintereinanderausführung immer wieder neue Bedeutungen
zusammensetzen. Aber Rekursivität und mechanische, aber leere Produktivität sind
lediglich in den Augen von logikverliebten Ansätzen eine positive Auszeichnung.
Betrachtet man z. B. die Menge der m€oglichen Kombinationen von 1.400.000
Zeichen des Alphabets, so ist damit noch nichts Produktives geleistet, kein neues
Buch geschrieben, nichts Neues gedacht. Die eigentliche Leistung liegt jetzt darin,
in dieser ungestalten „Bibliothek“ die Kritik der reinen Vernunft zu finden.
In der Sprache wählen wir in der Regel die Darstellung aus, und zwar relativ frei,
aber doch abhängig von dem Gesprächspartner, Sprachkenntnissen usw. Mit Kin-
dern reden wir anders als mit Kollegen, Freunden, Vorgesetzten usw. Und wenn wir
bemerken, dass wir nicht verstanden werden, variieren wir die Darstellung so lange,
bis wir den Eindruck haben, dass der Andere uns verstanden hat (Dies tun auch
Primaten mit den von ihnen verwendeten Gesten). Diese Entscheidungen werden
oft nicht bewusst getroffen, sondern sie geschehen ohne große Überlegung, abhän-
gig davon, ob wir glauben verstanden zu werden oder nicht.
Im Gebrauch von Fremdsprachen sind wir uns der Wahl, die wir hinsichtlich der
gewählten Repräsentation bzw. Worte haben, noch deutlicher bewusst. Wir
„umschiffen“ bewusst bekannte Schwierigkeiten. Die Ausdrücke, die uns nicht

29
Wir werdenan anderer Stelle sehen, dass wir uns auch die Darstellungsmittel in der H&F-
Kommunikation im Rahmen des Wohlanständigen relativ frei wählen, solange die Verständlich-
keit garantiert bleibt. Vgl. hier Abschn. 4.2.3.
30
Vgl. hierzu auch hier Abschn. 6.2.3.
4.1 Das basale szenisch-phantasmatische Repräsentations-System beim. . . 109

spontan einfallen, umschreiben wir mit anderen, die uns gerade einfallen. In der
Sprache haben wir bemerkbar die Wahl hinsichtlich der Worte, und wir wissen
auch, dass wir diese Wahl haben. Dieses Wissen um Handlungsoptionen steht aber
nicht immer begrifflich im Vordergrund des Bewusstseins, sondern jene sind uns
eher so bewusst, wie unsere Bewegungsm€oglichkeiten uns bewusst sind. Wir
k€onnen uns immer anders bewegen, um eine Handlung zu vollbringen, ohne dass
uns diese Alternativen ausdrücklich bewusst sind. In der Hand&Fuss-Kommunika-
tion ist die N€ otigung zu einer Wahl der darstellenden Symbole ebenfalls deutlich
spürbar.
Im szenisch-phantasmatischen System ist uns die konkrete Repräsentation (Bild,
Handlung, Bewegung, Geräusch, . . .) und ihre Ähnlichkeit mit dem Gemeinten
meistens zwanglos geläufig. Die Notwendigkeit, eine alternative symbolische Dar-
stellung zu suchen und die damit verbundene Erfahrung der Freiheit der Wahl,
haben wir jedoch selten. Wir benutzen das Symbol sozusagen nur für den eigenen
Gebrauch, und seine Brauchbarkeit zur Symbolisierung hängt nicht davon ab, ob
auch Andere mich verstehen (der Fall der einsamen Denker). Voraussetzung ist
lediglich eine anschauliche Bekanntheit mit dem Gegenstand und weiterhin, dass er
nicht zu hochstufig-abstrakt ist. Nur in solchen hochstufigen Fällen, die kein
visuelles oder anderes Analogon haben, müssen wir ein Bild als Symbol wählen,
z. B. bei „erledigt“, das viele Handlungen umfassen kann, oder bei „fair“, „gleich“
„nicht lange her“. Für viele dieser hochstufigen Gegenstände des Denkens haben
wir keine passenden visuellen Analoga, so dass wir uns mit phantasmatischen
Deviationen behelfen müssen.
So sehen wir zwar viele Ereignisse, die „schnell“ vor sich gehen, aber keines
dieser Ereignisse verk€orpert nur diesen Sinn „schnell“ im Gegensatz zu „langsam“.
Natürlich habe ich in der Modulation der konkreten Darstellung die M€oglichkeit,
die Szene und das Geschehen schnell oder langsam ablaufen zu lassen und im
Vergleich das Gemeinte dabei, d. h. das „Schnell-Sein“, zu erfassen. Die allge-
meine Vorstellung „schnell“, k€onnen wir in ihrem Sinn anschaulich erfassen, und
sie erhält z. B. durch einen Mann der schneller als Andere geht, eine Darstellung,
aber das „schnell verstehen“, intelligent sein, ein komplexes Geschehen zu erfas-
sen, wird in dem Bild des Gehens nicht umfasst. Ein m€oglicher Weg zur passenden
Symbolisierung (aber nur für mich) ist hier, wenn man Personen kennt, die die
entsprechende Eigenschaft in besonders ausgeprägter Weise besitzen. Das Bild
dieser klugen Person verschwimmt dann mit oder zeichnet sich über die, die ich
gerade als „intelligent“ denken will. Hier ist es die eigene Erfahrung, die sich in der
Darstellung durchsetzt, die daher eine private, nicht konventionalisierte Darstellung
durch Deviation wählt. Es gibt daher auch im szenisch-phantasmatischen System
prinzipiell auch die Freiheit der Wahl bei den darstellenden Symbolen, aber wir
bemerken diese Freiheit selten.31

31
Vgl. die sehr ‚private‘ Wahl der Symbole für die Darstellung von „Glück“ durch french toast
oder „gut“ durch T€ uren im Denken von Jessy Park (vgl. Park und Youderian 1974).
110 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

Die Erfahrung der fehlenden Wahl wird erst bei den Gefühlen im Rahmen des
szenisch-phantasmatischen Systems deutlich, denn gegenüber diesen darstellenden
Gefühlen haben wir keine Wahl. Das Gefühl der Sicherheit im Hinblick auf das
Bestehen eines Sachverhalts (Peter hat wirklich x getan) kann ich nicht auf andere
Weise bedeuten oder symbolisieren. Die Unsicherheit, ob ein Ereignis stattgefun-
den hat oder nicht, ist auf einen ganz anderen Sachverhalt gerichtet, und sie ist
selbst wieder nicht in der Darstellung ersetzbar und übersetzbar in ein anderes
Gefühl. Die Scham über mein Versagen gegenüber Anderen und der Gemeinschaft
ist nicht in ein anderes Gefühl zu übersetzen. Auch die Gewissheit der Ver-
pflichtung, etwas tun oder lassen zu sollen, ist fühlbar, und ich kann sie nicht durch
andere Gefühle surrogieren: Vorher schäme ich mich bei dem Gedanken, es zu tun,
nachher ist es Scham oder das Gefühl versagt zu haben.
Ist es für ein Repräsentationssystem notwendig, dass es für die Darstellung von
Inhalten eine Wahl gibt? Ich glaube nicht.32

4.1.5 Mit Anderen Mit-F€


uhlen und Mit-Wollen

Ein weiteres zentrales Thema für Säugetiere, die in Gruppen leben, ist die Vor-
stellung von den Empfindungen, den Gefühlen und dem Wollen Anderer. Wie
sollen wir uns ohne den Gebrauch von Sprache das seelische Innenleben anderer
Personen vorstellen? Es geht dabei um die Empfindungen, auch um die kinästheti-
schen Empfindungen, das Gefühl, das Wissen und die Absichten der Anderen.
Dieses Problem haben nicht nur Personen, die über Andere nachdenken, sondern
auch alle, die einem Anderen leibhaft gegenüberstehen, denn alle diese Inhalte sind
nicht direkt zugänglich. Wir k€onnen sie nicht wirklich genauso erleben, wie der
Andere sie selbst erlebt.
Und auch die Sprache st€oßt hier auf ein schwer überwindbares Hindernis: Wie
soll man sich sprachlich vorstellen, dass jemand beim ersten Rendezvous ein aus
Vorfreude und etwas Angst gemischtes Gefühl hat? Wie dies ist, besagen auch die
Worte nicht genau, selbst wenn sie treffend gewählt sind. Analogien wie „Schmet-
terlinge im Bauch“ klingen gut und sprechen Teilaspekte auch mit der Hilfe einer
Analogie an. Wir k€onnen uns mit dem Gebrauch von Worten aber nur an Konven-
tionen orientieren. Das gilt auch, wenn sie literarisch konventionalisiert sind. Die

32
Man k€onnte vielleicht die Hypothese aufstellen, dass sich die Repräsentationssysteme nach
ihrem „phylogenetischen Alter“ unterscheiden, und zwar je nachdem, ob sie eine solche Wahl
zulassen oder nicht. Wenn nicht, dann kann man vermuten, dass sie „älter“ und „einfacher“ sind.
Da das Gefühl wahrscheinlich in dieser Hinsicht das älteste Repräsentationssystem ist, wäre es
verständlich, dass es keine Wahl zulässt. Da das Gefühl zugleich sehr multimodal ist, also sehr
viele verschiedene Bedeutsamkeitsdimensionen bewertet, k€ onnte hier auch eine gewisse Span-
nung liegen. Gegenüber dem gefühlten Sicher, Unwahrscheinlich, Wichtig, weniger Wichtig,
Gewollt, Gesollt usw. habe ich wenig Spielraum. Daher kann ein Gefühl der Sicherheit – je nach
Gegenstand oder Kontext – Vieles bedeuten.
4.1 Das basale szenisch-phantasmatische Repräsentations-System beim. . . 111

Worte k€ onnen letztlich nicht mehr sagen als: Es fühlt sich so an, wie du Dich
gefühlt hast, als . . . Dennoch haben Menschen meistens eine genaue Vorstellung,
wie sich dieser Mensch in dieser Situation fühlt, und zwar, weil wir auf rätselhafte
Weise mit ihm f€ uhlen k€onnen. Dieses Mitgef€uhl ist bei leiblichen Empfindungen
inhaltlich meistens spezifisch, z. B. ein Schmerz, vielleicht noch genauer unter-
scheidbar als Schneide-, Stech- oder Brennschmerz, zudem ist es ungefähr loka-
lisiert, d. h. in der Hand und nicht am Fuß oder auf dem Rücken. Unser Mitfühlen ist
ebenfalls eine phantasmatische Leistung, die in ungefährer Analogie zu früheren,
von uns selbst erlebten Empfindungen uns das phantasmatisch fühlen lässt, was ich
dem Anderen zustoßen sehe. Indem ich phantasmatisch so etwas Ähnliches wie
dieser Mensch da empfinde, stelle ich mir sein subjektives Innenleben vor, und
zwar in einem Modus, wie ich es bei mir bereits erlebt habe (natürlich muss meine
so dargestellte Vermutung nicht unbedingt zutreffen). Mitfühlen ist eine phantas-
matische Repräsentation dessen, was der Andere jetzt empfindet oder empfunden
hat. Wir verwenden also phantasmatische Darstellungsmodi des Nachfühlens bzw.
Mitfühlens in der leibhaften Gegebenheit des Anderen und auch im Darüber-
Nachdenken, wenn der Andere nicht leibhaft da ist.
Wie stellen wir uns nicht-sprachlich vor, dass ein Anderer etwas will? Manch-
mal sind die Ziele gefühlt und zugleich bewusst gewollt (Hass, Liebe). In den
meisten Fällen k€ onnen wir bis zu einem gewissen Grad mitfühlen, was Andere
fühlen, und auch „mitwollen“, was Andere wollen. Eine natürliche Grenze scheinen
Gefühle zu sein, die ein Wollen zum Inhalt haben, das gegen uns gerichtet ist. Wenn
mich z. B. jemand hasserfüllt anschaut, so kann ich seinen Hass vielleicht fast
fühlen, aber nicht mitfühlen und auch nicht mitwollen.33
Ebenso wie es eine enge Verbindung von Wollen und Gefühl gibt, so finden wir
auch eine enge Verbindung von kinästhetischen Empfindungen und Wollen vor.
Kinästhesen sind die Empfindungen, die unsere leiblichen Bewegungen begleiten.
Es gibt diese enge Verbindung von Wollen und k€orperlicher Anstrengung (nisus)
in unserer eigenen Erfahrung regelmäßig und sie ist verlässlich. Sehr oft sind es
die Hände, die diese Anstrengung vollziehen. Und da wir mit Hilfe des
Spiegelneuronen-Systems des Motor Cortex die Anstrengung und die kinästheti-
schen Phantasmen, die Andere haben, wie selbst erfahrene produzieren k€onnen
(natürlich in phantasmatischer Form und abgeschwächt), k€onnen wir auch das
Wollen als regelmäßige Begleitung phantasmatisch hinzufügen (Apperzipieren),
d. h. es drängt sich uns in phantasmatisch aufgefüllten Assoziationen auf.
Unser Mit-Erleben der kinästhetischen Empfindungen und der Wollens-Aspekte
von leiblichem Handeln anderer Personen ist weitgehend unspektakulär. Dabei ist
die Verbindung zwischen dem Mit-Handeln und dem Mit-Wollen noch näher zu
untersuchen. Auch das Mit-Handeln bei der Beobachtung leiblicher Bewegungen
ist kein wirkliches Handeln. Normalerweise bewegen wir unseren eigenen Leib

33
Man k€onnte hier einwenden: Aber es gibt doch Fälle von Selbsthass. Jedoch: Ich bin es dann, der
sich selbst aus guten Gründen hasst. Ich kann in diesem Fall also die Hassgefühle des Anderen
teilen, aber nur, wenn ich auch für mich hassenswert bin.
112 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

nicht, wenn wir den Bewegungen Anderer zusehen, und das Mit-Tun beschränkt
sich daher auf die Kinästhesen, die phantasmatisch produziert werden, sowie auf
die mit ihnen assoziativ verknüpften Vorstellungen. Besonders das Mit-Wollen
scheint ein Problem zu sein: K€onnen wir wirklich behaupten, dass wir das Wollen
einer anderen Person mit-wollen, ohne dass wir in der Folge auch wirklich mit-ihr-
handeln? Wir müssen also untersuchen, was wir empfinden, wenn wir ein Handeln
und Wollen mit-vollziehen. Ist es die bloße Empfindung der leiblichen Bewegung
oder auch die der k€orperlichen Anstrengung, die sich mit den zugeh€origen Kinäs-
thesen darstellt, oder geht der Mit-Vollzug weiter? Insbesondere interessiert uns
natürlich, wie der Mit-Vollzug des Handelns mit dem Mit-Wollen verknüpft ist und
auf welche Weise. K€onnen wir dieses Mit-Wollen, das kein Mit-Handeln wird,
phänomenologisch nachweisen?
Ich m€ ochte nicht den Eindruck erwecken, als ob ich alle diese Fragen beant-
worten k€ onnte. Dennoch will ich einige Argumente für die M€oglichkeit dieser Art
des Mit-Wollens angeben. Die erste Schwierigkeit scheint zu sein, dass ich die
Hypothese aufstellen muss, dass es ein Mit-Wollen gibt, das aber nicht zu einem
wirklichen Handeln wird. Dies läuft darauf hinaus, dass es in unserem Erleben
Formen des Wollens gibt, die uns nicht wirklich zum Handeln bewegen, die aber
dennoch schon als ein auf eine Handlung abzielendes Erlebnis, d. h. als ein Wollen,
von uns erfahren werden. Und diese sind nicht ein bloßes Wünschen, das um seine
Unrealisierbarkeit weiß.
Ich will mich zur Bestätigung dieser M€oglichkeit auf folgendes Phänomen
beziehen: Es kann im Rahmen des Mit-Erlebens durchaus „angedeutete Handlun-
gen“ geben, die aber nicht zu ausgeführten Handlungen werden. Jeder kennt die
Filmszene, in der Harold Lloyd am Zeiger der Uhr eines Hochhauses hängt und
sich verzweifelt an diesem festklammert. Auch der Cliffhanger ist ein beliebtes
Motiv des Actionfilms. Was wir bei uns beim Zusehen feststellen, ist die bemerk-
bare Neigung, mit unseren eigenen Händen zuzugreifen. Diese zucken
manchmal so, als wollten sie gleich zugreifen. Wir erleben nämlich nicht nur
seine Angst mit und bemerken das Schwitzen unserer Hände, darüber hinaus
erleben wir in den mit-erlebten leiblichen Handlungen des Anderen das verzwei-
felte Festhalten-Wollen im phantasmatischen Mit-Vollzug mit. Das Mit-Festhalten
(als Phantasma einer leiblichen Handlung) und das Mit-Festhalten-Wollen
stellen sich zugleich in dem Phantasma des Festhaltens dar, das ich produziere,
obwohl ich bequem im Kino sitze. Das Beispiel des Spielfilms zeigt uns aber
wieder deutlich, dass die Leistung des Mit-Empfindens, Mit-Handelns und
Mit-Wollens eine intentionale Leistung ist, und deshalb ist sie auch für Irrtum
anfällig. Jeder gute Schauspieler kann sie in uns erwecken, ohne dass er selbst
wirklich Angst hat. Mit-Gefühl und auch die weitergehenden Akte des Mit-Wollens
sind nicht einfach ein kausaler Effekt des Anblicks von Leid oder einer Notsitu-
ation. Mit-Erleben ist intentional, d. h. es ist eine Deutung der Empfindungen des
Anderen, die wir mittels eigener, selbst empfundener Phantasmata (in der Funktion
der Repräsentation des Empfindens des Anderen) intendieren – wenn zugleich
Sympathie vorhanden ist – und zugleich als Wollen verlebendigen, ohne jedoch
wirklich zu handeln.
4.1 Das basale szenisch-phantasmatische Repräsentations-System beim. . . 113

Eine weitere charakteristische Situation, in der man diese merkwürdigen, im


Mit-Erleben motivierten ‚Handlungsansätze‘ beobachten kann, ist eine Filmszene
aus Jurassic Park, wo der Hauptdarsteller verletzt auf der Ladefläche eines Jeeps
liegt und dieser Jeep von einem riesigen Tyrannosaurus Rex verfolgt wird. Dieser
Saurier schnappt während einer Verfolgungsjagd immer wieder nach den Beinen
des Hauptdarstellers. Diese Szene ist natürlich auf der Leinwand besonders span-
nend anzusehen – doch vielleicht ist es noch spannender zu beobachten, was die
Zuschauer während dieser Szene tun: Jedes mal, wenn der Saurier nach den Beinen
des Schauspielers schnappt, ziehen sie im gleichen Rhythmus ihre eigenen Beine
zurück. Das heißt, die Zuschauer verhalten sich so, als ob die Bedrohung ihren
eigenen Beinen gelten würde, und „beginnen damit“ sinngemäß zu wollen und zu
handeln, ohne aber wirklich als sie selbst zu handeln und aus dem Kino zu fliehen.
Ich interpretiere dies als leiblich-phantasmatisches Mit-Handeln und Mit-Wollen,
ohne dass es zum wirklichen Handeln kommt.
Natürlich k€
onnte man an dieser Stelle von bloß psychologischen Effekten oder
einer rätselhaften ‚Identifikation‘ mit dieser Person sprechen. Doch was hier vor
sich geht, hat einen guten Sinn, dem wir in einer Beschreibung auf die Spur
kommen k€ onnen: Wir erleben die Angst und das Sich-selbst-schützen-Wollen der
gefährdeten Person so intensiv mit, dass die Grenze zwischen dem bloßen inten-
tionalen Handlungs-Ansatz und der wirklichen, meinen Leib bewegenden Hand-
lung fast überschritten wird. Das bedeutet, dass aus dem bloßen Mit-Erleben des
Wollens ein niedrigstufiges Mit-Wollen geworden ist, das wir als abgeschwächte
Form des phantasmatischen Mit-Wollens und -Handelns erleben. Allerdings ist
dieser Modus des Mit-Wollens nicht so stark, dass er uns zu wirklichem Handeln
bewegen würde.
Mitgefühl ist ein Modus der Vorstellung der sensorischen, emotiven, volitiven
und motorischen Empfindungen Anderer. Unser Mitfühlen leiblicher Empfindun-
gen ist inhaltlich spezifisch, es erscheint auch für uns lokalisiert, und es ist deutlich
schw€ acher als unser entsprechendes eigenes Fühlen. Aus diesem letzten Grund lässt
es sich für uns auch von unseren eigenen Empfindungen leicht unterscheiden.
Berichtet mir z. B. eine Person mit einem deutlichen Ausdruck des Schmerzemp-
findens, dass sie sich mit ihrer Hand an einem zerbrochenen Glas geschnitten hat, so
ist mein Mitfühlen anders, als wenn sie über den Tod eines ihr nahen Menschen
spricht. Vielleicht erinnert mich ihre Darstellung des Unfalls mit einem zerbroche-
nen Glas an eigene Erfahrungen, die sich in mir verlebendigen. Einer der bemer-
kenswerten Punkte ist, dass bei der Schilderung ihres Unfalls mit dem Glas meine
Mit-Empfindungen irgendwie „in meinen Händen“ lokalisiert zu sein scheinen.
Anders verhält es sich bei der Trauer um einen Verstorbenen, hier scheint mehr
der ganze K€ orper, vielleicht mit einem Zentrum in der Brust, mit der berichtenden
Person „mitzutrauern“. Mein Mitfühlen ist aber in keinem Fall so intensiv wie eine
entsprechende eigene Empfindung.
Gegen solche Theorien der Sympathie und des leiblichen Mitfühlens k€onnte
man natürlich Einwände erheben. So k€onnte etwa jemand sagen: Ich empfinde das
nicht. Ich erlebe kein Mitfühlen mit Anderen. Diese Skepsis lässt sich heute durch
die Ergebnisse der Neurologie entkräften. Ich meine die Forschungen zu den
114 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

Spiegelneuronen, und ich glaube, dass ihre Entdeckung von großer Bedeutung für
die phänomenologische Theorie des Zugangs zu Anderen und des Denkens über sie
ist.34
Wie stellen wir uns den wahrscheinlichen Verlauf von Handlungen und auch ihr
– eventuell davon abweichendes – Ziel vor? Im szenisch-phantasmatischen System
stellen wir ein Ziel meistens als eine Handlung vor, die erfolgreich an ihr Ziel
gelangt, und folgen dabei der Regie des Zieles. Bei dieser szenischen Darstellung
des Zieles gibt es aber gelegentlich auch Übertreibungen, die auf die Unwirklich-
keit des Vorgestellten hinweisen. In der Verbildlichung des Ziels gelingt die
Handlung, aber sie ist auf verräterische Weise manchmal zu gut gelungen, sie ist,
wie man sagt, „zu sch€on, um wahr zu sein“. Diese Übertreibungen kann man mit
phantasmatischen Darstellungen von pers€onlichen Erfolgen erläutern. Gelegentlich
gleiten wir in Erfolgs-Tagträume ab, in denen das erhoffte Ziel auf groteske Weise
übererfüllt wird. Wenn Walter Mitty ein Kind aus den Flammen rettet, so findet er
auf dem Heimweg noch das herrenlose Los für den Hauptgewinn im Lotto. Jeder
weiß, dass dies in dieser Welt nie passieren wird, dass es also unwirklich ist,
genauer: dass es auf eine unwirklich perfekte Art vorgestellt ist.
Bei der Vorstellung der Ziele Anderer wird zudem oft das Motiv mit verbild-
licht, und auch dies geschieht gelegentlich auf eine etwas überzeichnete Weise.
Denken Sie noch einmal an die Situation, die mir eine Kollegin mitgeteilt hat. Sie
wollte ihr Fahrrad in dem großen Flur im Eingangsbereich des Wohnhauses abstel-
len, und dann stellte sich ein kurzfristiges Phantasma ein: Einer der Sportstudenten
aus der dritten Etage schraubt mit hämischem Grinsen das Ventil ihres Fahrrades
heraus.35 Das Phantasma stellt die vermutlich geplante Handlung des Sportstudenten
dar, mit der kleinen Übertreibung des hämischen Grinsens, das die Darstellung
unwirklich erscheinen lässt, aber seine Motive spiegelt.
Man muss fragen, ob auch Primaten eine Vorstellung von dem Ziel einer von
ihnen beobachteten Handlung haben. Von der Fähigkeit der Primaten, die Absich-
ten anderer Gruppenmitglieder zu erfassen, überzeugen am leichtesten die ein-
drucksvollen Nachweise von strategischen Täuschungen verschiedener „Tiefe“,
zu denen diese Tiere fähig sind. Zudem gibt es viele Fallstudien, die es im Hinblick
auf die komplexen Sozialstrategien erlauben, geradezu von einem politischen
Verhalten bei Primaten zu sprechen.36
Aus der Forschung an Spiegelneuronen lässt sich ebenfalls ein Argument für die
Fähigkeit zur Erfassung eines Handlungsziels entnehmen. Spiegelneuronen haben
eine Besonderheit, die für das Verständnis ihrer Funktion wichtig ist: Die wohl
erstaunlichste Eigenheit ist die Tatsache, dass Spiegelneuronen nur dann aktiv
werden, wenn das Versuchstier (meistens Makaken) eine zielgerichtete Handlung
sieht. Das „sichtbare Ziel“ (in der Beschreibung als visual aim state bezeichnet)

34
Vgl. Lohmar 2008a, Kap. 10 („Spiegelneuronen und der Zugang zum Anderen“).
35
Vgl. das Beispiel hier Abschn. 6.2.4.
36
Vgl. Waal 1983, 1991 und Sommer 1992, Kap. 5. Zu der Fähigkeit taktischer Täuschung vgl.
auch hier Abschn. 3.2.
4.1 Das basale szenisch-phantasmatische Repräsentations-System beim. . . 115

scheint ein entscheidender Faktor für die Aktivierung von Spiegel-Systemen zu


sein. Eine bloße Pantomime (mimicking) der betreffenden Handbewegung, ohne
dass das Ziel dabei sichtbar ist, l€ost keine Aktivität dieser Neuronen aus.37
Natürlich lassen sich gegen die einfache Psychologie des „sichtbaren Ziels“ oder
des „nicht sichtbaren Ziels“ Einwände formulieren. Hier wird die Interpretation der
Versuchsergebnisse der Neurologie durch eine implizite, alltagspsychologische
Deutung mitbestimmt. Ein Ziel ist niemals rein visuell sichtbar. Das bedeutet:
Selbst wenn wir sehen, dass sich die Hand des Affen zur Banane hin bewegt,
„sehen“ wir dieses Ziel nicht in demselben Sinn, wie wir die Banane oder seine
Hand sehen. Die Erfassung des Ziels, also unsere Vorstellung, dass der Affe die
Banane ergreifen will, ist ein Ergebnis unserer Interpretation, und zwar auf Grund
unserer Vorstellung von einem sinnvoll handelnden Subjekt. Wir k€onnen uns ein
Ziel denken, und wenn wir die Versuchsanordnung mit unseren Augen sehen, dann
interpretieren wir dieselbe Fähigkeit in die Makaken hinein. Allerdings glaube ich
nicht, dass diese Diagnose falsch ist, denn der deutliche Unterschied der neuronalen
Reaktion gibt unserer Interpretation Recht.
Die Frage bleibt, mit welchem Recht diese Übertragung erfolgt. Unabhängig
davon, wie man diese Frage beantwortet, wäre in jedem Fall zu kritisieren, dass es
sich hier um eine Übertragung von Fähigkeiten und Vorstellungen handelt, die im
Rahmen einer intentionalen Psychologie stattfindet, welche in meiner Sicht nicht
falsch ist, aber unformuliert bleibt. In der Tierpsychologie ist zudem umstritten, ob
außer dem Menschen auch andere Primaten überhaupt dazu in der Lage sind, die
Zielgerichtetheit von Handlungen zu erfassen. Der bekannte Verhaltensforscher
Michael Tomasello hält die Belege hierfür nicht für ausreichend, obwohl Affen, die
in Menschengemeinschaften aufgewachsen sind, diese Fähigkeit offenbar besit-
zen.38 Ich pers€ onlich teile seine Skepsis nicht, sie scheint mir an verarmenden,
vermeintlich „ontologisch sparsamen“ Vorstellungen des Bewusstseins von Tieren
orientiert oder von der Vorstellung abzuhängen, dass h€ohere intellektuelle Leistun-
gen von dem Gebrauch der Sprache abhängen.
Dass Primaten das Ziel einer Handlung auch dann erfassen k€onnen, wenn der
eigentliche Zielpunkt der Handlung gar nicht sichtbar ist, und dass die Art der
Vorstellung dieses Zieles in diesem Fall ganz anders geschieht als im Fall der
Wahrnehmung, zeigen meiner Meinung nach diejenigen Experimente zum Verhal-
ten von Spiegelneuronen, in denen das Ziel der Handlung bzw. der abschließende
Teil einer motorischen Handlung absichtlich verdeckt wurde. Eine im Jahr 2001
ver€offentlichte Studie an Makaken ergab, dass es eine Untergruppe der Spiegel-
neuronen im Motor Cortex gibt, die in der Lage sind, leibliche Handlungen zu

37
Vgl. Gallese et al. 1996; Rizzolatti et al. 1996; für einen Überblick vgl. Gallese 2001. Auch der
Gebrauch von Werkzeugen zum Vollzug der Handlung und zur Erreichung des Handlungsziels
führte zu deutlich geringeren Aktivitäten in den Spiegelneuronen.
38
Nach Tomasello gilt: „[. . .] there is no solid evidence that nonhuman primates understand the
intentionality or mental states of others“, vgl. Tomasello und Call 1997, S. 340.
116 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

vervollständigen, die eine Versuchsperson nur zum Teil gesehen hat.39 Dies betrifft
leibliche Handlungen, bei denen der entscheidende letzte Teil des Ablaufs – d. h.
das Ergebnis, das Ziel oder der abschließende Teil der Handlung – nicht zu sehen ist
und daher nur erschlossen oder phantasiert werden kann. Sie verlaufen aus dem
Gesichtspunkt der dokumentierten Aktivität des Motor Cortex (single neuron
tracing) genauso wie die vollständig gesehenen Handlungen. Es ist daher nahe
liegend, und die Autoren der Studie kommen ebenfalls zu diesem Schluss, dass es
eine Art ‚interne Ergänzung‘ des Nicht-Gesehenen geben muss. Diese Ergänzung
ist aber nur dann m€oglich, wenn das Versuchstier aus vorangegangenen Fällen,
sozusagen aus Erfahrung wusste, was wahrscheinlich passieren würde, z. B. das
Ergreifen des Apfels oder das Hineinbeißen. Erfahrung mit dem normalen Verlauf
der Ereignisse ist somit die Voraussetzung für die Fähigkeit zur Vervollständigung.
Bei der genaueren Analyse der Aktivität der einzelnen Neuronen in dem eng
begrenzten Areal mit Spiegelneuronen stellte sich dann heraus, dass, im Vergleich
zur ungest€ orten Beobachtung, nur etwa die Hälfte der Neuronen positiv reagierte.
Weiterhin konnte man einen untypischen und unerwarteten Verlauf des Erregungs-
potentials feststellen, d. h. der Aktivität der Neuronen. Die Aktivität der Spiegel-
neuronen nahm bis zum Ende der nur zum Teil wirklich beobachteten Episode bis
zu einem Maximum zu. Das heißt: Es ergab sich ein weiterer Anstieg der Aktivität
in der Phase, in der der abschließende, nicht wahrgenommene Teil des Ereignisses
liegen musste. Es kann sich also hierbei nicht um eine Aktivität der Neuronen
handeln, die einfach von einem beobachteten Ereignis ausgel€ost worden ist (ge-
triggert). Die getriggerten Reaktionen l€osen zwar eine Aktivität aus, diese steigert
sich aber nicht mehr.40 Das Ziel der Handlung kann in diesem Experiment offenbar nur
in der Phantasie vorgestellt worden sein, und diese Art der Vorstellung zeigt auch
auf der neuronalen Ebene eine andere Dynamik.

4.2 Formen der nicht-sprachlichen Kommunikation,


die ebenfalls in das nicht-sprachliche
Repräsentationssystem einfließen (das volle SPS)

Der begriffliche Unterschied zwischen dem basalen und dem vollen szenisch-
phantasmatischen System, der hier gemacht wird, ist in erster Linie eine abstrakte
und reflexive Trennung in dem nicht-sprachlichen System, das im menschlichen
Bewusstsein arbeitet. Diese Begriffsunterscheidung versucht, verschiedene Ele-
mente im szenisch-phantasmatischen System voneinander abzugrenzen, die fak-
tisch immer zusammen vorkommen: die im basalen szenisch-phantasmatischen
System vorkommenden Bilder und Szenen und die dazu geh€origen Gefühle, die

39
Vgl. M. A. Umita, E. Kohler, V. Gallese, L. Fogassi, L. Fadiga, C. Keysers, G. Rizzolatti: I know
what you are Doing: A neurophysiological Study. In: Neuron 31 (2001), 155–165.
40
Vgl. Umita et al. 2001, S. 160.
4.2 Formen der nicht-sprachlichen Kommunikation, die ebenfalls in das nicht. . . 117

das Vorgestellte bewerten. – Im Gegensatz zu diesen Darstellungsmitteln enthält


das volle szenisch-phantasmatische System auch elementare Formen der nicht-
sprachlichen Kommunikation. Ich werde hier vor allem die Blick-Kommunikation,
die Handlungs-Kommunikation und das Hand&Fuß-System pantomimisch-
mimisch-onomatopoetischer Kommunikation analysieren.41 Beides – basales und
volles szenisch-phantasmatisches System – arbeitet beim Menschen immer zusam-
men, und zudem parallel zum sprachlichen System des Denkens. Das basale System

ist weitgehend durch eine Ahnlichkeits-Semantik gekennzeichnet, die Erweiterun-
gen, die auf der Grundlage von Interaktion und Kommunikation beruhen, enthalten
zwar zum Teil auch analogische Formen der Bedeutungszuweisung (wie im H&F-
System), aber da sie Formen von Kommunikation sind, finden sich in ihnen immer
auch konventionell bestimmte Sinnbestimmungen von Symbolen. Alle kommuni-
zierenden Gemeinschaften normieren die Handlungen ihrer Mitglieder, und dies
trifft auch auf den Gebrauch von Zeichen jeder Art zu, die zur Verständigung
gebraucht werden. Also: Semantik und Herkunftsort unterscheiden die beiden
Typen von Repräsentationssystemen, die im vollen szenisch-phantasmatischen
System zusammenarbeiten.42
In diesem Teilkapitel werde ich einige Formen der nicht-sprachlichen Kommu-
nikation er€ortern. Durch die feinschichtige Darstellung der einzelnen Systeme wird
deutlich werden, dass es wahrscheinlich ist, dass die meisten in Gruppen lebenden
Säugetiere ähnliche Formen der Kommunikation leisten k€onnen. Es geht hier
jedoch nicht um Kommunikation als eigenes Thema, sondern um das Denken.
Wichtig ist daher, dass man einsieht, dass alle diese Systeme der nicht-sprachlichen
Kommunikation in das volle SPS aufgenommen werden k€onnen. Das nicht-
sprachliche Denken benutzt die Elemente der nicht-sprachlichen Kommunikation
in großem Umfang. Daher muss auch nicht die ganze Bandbreite der Darstellungs-
m€ oglichkeiten der jeweiligen nicht-sprachlichen Form der Kommunikation ausge-
führt werden. Es genügen meistens einige charakteristische Elemente, damit man
die Herkunft und die weiteren M€oglichkeiten eines solchen Systems erfassen kann.
Weiterhin ist zu bemerken, dass wir es mit Formen der Kommunikation in Gruppen
zu tun haben, dass also durch die gegenseitige Normierung des Handelns in
Gruppen in allen diesen Systemen auch Konventionen errichtet werden, und dass
sich bei Vergr€ oßerung oder bei Verschmelzung von Gruppen diese Konventionen
auch wieder neu organisieren.

41
Vgl. hier Abschn. 4.2.3.
42
Es gibt eventuell noch eine weitere Richtung der Betrachtung: Es k€ onnte sich in beiden
Systemen eine phylogenetische Ordnung widerspiegeln, die besagt, dass es z. B. das basale SPS
schon in sehr einfachen Lebewesen geben kann, auch bei solchen, die solitär leben und daher keine
ausgeprägten Systeme zur Kommunikation besitzen. Da sich die Untersuchung nicht-sprachlicher
Kommunikation bei Tieren aber noch in den ersten Anfängen befindet, ist diese Hypothese noch zu
gewagt. Die nächste Stufe „über“ dem Zusammen von phantasmatischen Bildern mit Gefühlen ist
die Handlungs-Kommunikation, die für die in Gruppen lebenden Tiere typisch ist. Erst darüber
steht die Blick-Kommunikation, und dann kommt erst die Fähigkeit, Pantomime als Ausdrucks-
mittel meines K€orpers zu nutzen (im H&F-System).
118 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

4.2.1 Die Sprache des Blicks nach D. Stern

Daniel Sterns Untersuchungen über die Kommunikation im frühesten Kindesalter


von einigen Monaten bis zum Alter von einem Jahr zeigen, dass bereits in diesem
frühen Alter in der sozialen Interaktion von Kind und Mutter die Grundlagen für die
Interaktionsformen in h€oherem Alter gelegt werden. Mutter und Kind üben in den
einfachen sozialen Spielen die nicht-sprachlichen Verständigungsmuster ein, die es
dem Kind später erm€oglichen, ohne den Gebrauch von Sprache eine soziale Inter-
aktion mit anderen Partnern einzuleiten, aufrechtzuerhalten, zu verändern, aber
auch zu beenden oder zu vermeiden.43
Diese frühe Blick-Kommunikation ist einerseits sehr elementar, aber sie hat auch
einige Sonderbarkeiten, und zwar vor allem auf der Seite der erwachsenen Dialog-
partner. Sie zeigen sich zum Teil auch noch in der so genannten Babysprache, mit
der Erwachsene mit Kleinkindern sprechen. Mit Hilfe eines übertriebenen Mienen-
spiels, der Modulation der Stimme und K€orperbewegungen werden Formen und
Inhalte der Kommunikation eingeübt, die Aufforderung, Aufmunterung, Zustim-
mung, Kritik, Skepsis, Zuneigung usw. besagen k€onnen.
Diese grundlegenden Form der Kommunikation weist einige basale Ausdrucks-

formen auf: die gespielte Uberraschung 44
als einleitendes Element einer sozialen
Interaktion und auf der anderen Seite das besorgte Stirnrunzeln, das zusammen mit
dem Abwenden des Kopfes eine Interaktion beenden soll. Daneben gibt es auch das
zustimmende und bekr€ aftigende L€
acheln, der Ausdruck des Mitgef€ uhls und schließ-
lich ein neutrales oder ein ausdrucksloses Gesicht, das dazu dient, soziale Inter-
aktionen zu vermeiden, wo sie nicht gewünscht sind (z. B. bei aufdringlichen
Tanten). Dieses grundlegende Alphabet der sozialen Interaktion ist über alle Kul-
turgrenzen hinaus weitgehend gleich.45 Wir Menschen erlernen diese frühe Sprache
des Blicks in einem vor-sprachlichen Milieu.
In einer späteren Phase wird dann die intime soziale Interaktion zwischen Mutter
und Kind um weitere Elemente erweitert, nämlich um Gegenstände (Triangulari-
sation). Das Kind schaut z. B. auf ein Spielzeug und blickt zur Mutter, um anhand
von deren Blick zu prüfen, ob sie die Aufmerksamkeit des Kindes bemerkt hat.
Dabei kann ihr Blick ihm Erschrecken, Vorsicht, aber auch eine Aufmunterung
signalisieren, es einmal mit diesem Spielzeug zu versuchen. Es kann aber auch
anders kommen. Die Mutter zieht die Augenbrauen zusammen, und die Nasenflügel
spannen sich: „Achtung, Gefahr!“ Vielleicht mimt sie aber auch Anzeichen des
erfreuten Erstaunens, sie zieht die Augenbrauen hoch und €offnet die Augen weit, sie
lacht oder sie €offnet den Mund wie im Erstaunen. Oder: Der Blick der Mutter zeigt
strenge Anspannung und Besorgnis, welche bedeutet: Nimm dieses Ding lieber

43
Vgl Stern 1977, 1990.
44
Es handelt sich wohl um eine Variante des so genannten „Spielgesichts“ bzw. Mund-offen-
Gesichts, das auch den Unernst der Situation signalisiert. Diese Ausdrucksform finden wir auch
bei Primaten. Vgl. auch Eibl-Eibesfeld 1995, S. 191–194.
45
Vgl. D. Stern 1977 (dt.), S. 21.
4.2 Formen der nicht-sprachlichen Kommunikation, die ebenfalls in das nicht. . . 119

nicht, damit kannst Du noch nicht richtig umgehen, du k€onntest Dir weh tun! Diese
auf drei Bezugspunkten (Kind, Objekt, Mutter) basierte Kommunikation über Ge-
genstände (Triangularisation) wird bereits in der frühesten Kindheit eingeübt und
etabliert.
Dabei werden immer neue Bedeutungselemente der sozialen Interaktion mit
einbezogen, z. B. auch wertende Reaktionen der Gemeinschaft. Schaut sich die
Mutter nerv€ os um und prüft, ob Andere die Aktion ihres Kindes bemerkt haben, das
z. B. in der Nase bohrt, so spiegelt bereits diese Aktion, und zwar vor aller sprach-
lichen Kritik, die Wertung, die die Gemeinschaft dieser Aktion gibt. Die Triangula-
risation und die Bewertung von Aktionen beruht auf den bedeutunggebenden
Elementen der frühen Blick-Kommunikation. Sie beruht aber auch darauf, dass
Menschen schon im ersten Lebensjahr durch die ausgeprägte Übung in sozialen
Spielen trainiert werden, eine gemeinsame Aufmerksamkeit auf geteilte Absichten
(z. B. im Spiel) und auch auf geteilte Ansichten zu leisten.
Michael Tomasello hat die Fähigkeit von menschlichen Kindern und Primaten
untersucht, mit anderen Spielkameraden oder mit dem Versuchsleiter eine gemein-
same Aufmerksamkeit aufzubauen ( joint attention). Die Besonderheit besteht beim
Menschen darin, dass das Kind und der Spielkamerad sich in großem Maß –
eventuell mit dem Gebrauch von Zeigegesten – gegenseitig darüber informieren,
wann etwas Interessantes passiert oder ein Ding auftaucht, das von Interesse ist. Es
geht also um eine Situation, in der zwei Personen auf dieselbe Sache gerichtet sind
und dies auch voneinander wissen. Tomasello kommt bei seinen Untersuchungen
zur joint attention immer wieder zu Ergebnissen, die zeigen, dass diese Art der
Kommunikation bei Menschen nicht nur besonders stark ausgebildet ist, sondern
dass joint attention eine fast exklusive Leistung des Menschen ist, dass also
Primaten diese (wenn überhaupt) nur in einem kleinen Umfang erbringen k€onnen.46
Es fragt sich natürlich, ob dieser außerordentliche Unterschied nicht vor dem
Hintergrund des intensiven Trainings einer Sprache des Blicks im ersten Lebens-
jahr des Menschen zu relativieren wäre, und es fragt sich auch, wie akkulturierte
Affen bei diesem Vergleich abschneiden würden.
Auch zu einer Zeit, in der die Sprache in der frühen Blick-Kommunikation
zwischen Mutter und Kind noch nicht als Bedeutungsträger (bzw. noch nicht voll)
funktioniert, ist die Stimme doch als gestimmter und individualisierter Klang eine
wichtige Begleitung dieser nicht-sprachlichen Kommunikation. Durch Klang und
Färbung trägt die Stimme weitere Bedeutungen, die eng mit denen der Blick-
Kommunikation zusammenhängen. Einerseits ist die Stimme durch ihren Klang
individualisiert, d. h. sie ist immer eindeutig die Stimme der Mutter, des Vaters
usw. An ihrem Klang kann man unmittelbar erkennen, wer es ist, der da spricht,
jammert oder schreit. Die Stimme ist auch in ihrer jeweiligen Stimmung ein
wichtiger Bedeutungsträger in dieser frühen Kommunikation, denn sie kann laut
und zornig, leise und bittend, verzweifelt und flehend, drohend und autoritativ usw.
sein. In der jeweils anderen Klangfärbung der Stimme schwingt auch die Botschaft

46
Vgl. Tomasello und Carpenter 2007; Tomasello 1995; Tomasello et al. 2005, S. 721–727.
120 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

der Zuneigung oder Abneigung, der Beängstigung der Mutter oder des Kindes mit,
aber auch das Sich-im-Recht-Fühlen kann hier durchklingen. Sie ist also einerseits
Mitteilung eigener Stimmung, eigenen Für-Wahr-Haltens, aber auch Mitteilung der
Bewertung des Gegenüber, z. B. des Kindes oder auch der Mutter. Es k€onnen also
alle beteiligten Subjekte in diesem gefärbten Klang mit gemeint sein: das Kind, die
Mutter, der Vater, die Ansichten der Gemeinschaft über das, was man tun soll oder
nicht tun darf usw. All diese Funktionen sind auch von nicht sprechenden Spezies
ausfüllbar.
Es wäre also denkbar, dass diese Verbindung von individualisierendem Klang
und Färbung der Stimme im frühen sprachlosen inneren Denken phantasmatisch als
Darstellungsmittel verwendet wird, und zwar ohne dass die Bedeutung der Worte
eine Rolle spielt. Auch das unartikulierte Grunzen eines Primaten kann die Identität
der sich äußernden Person anzeigen und zugleich eine Beziehungsmitteilung ent-
halten, z. B. Zuneigung oder Abneigung ausdrücken. Es kann auch eine Bewertung
meines Handelns beinhalten. Durch diese eher subjektiv klingende Botschaft hin-
durch k€ onnen zudem Bewertungen objektiver Agenten anklingen, z. B. wenn der-
jenige, der grunzt, dies mit „rechthaberischer“ Miene tut, also so, als ob er sich im
Einklang mit der wertenden Gemeinschaft fühlt oder weiß. Diese Verlautbarung
geschieht sozusagen bemerkbar ‚im Namen der Gemeinschaft‘ und spricht nicht
nur subjektives Für-wahr-Halten oder Wünschen aus.
Die Frage stellt sich, ob auch Primaten eine Blick-Kommunikation nutzen.
Hierzu gibt es leider fast keine Untersuchungen. Es gibt aber viele Berichte aus
Freilandbeobachtungen, nach denen Koalitionen, Verabredungen, Drohungen und
gegenseitige Vergewisserungen mittels Blickwechseln kommuniziert werden.47
Auch Vers€ ohnungsgesten akzeptieren Schimpansen nur dann, wenn sie dabei an-
geschaut werden.48 – Gegen die Vermutung, dass Primaten die Blick-Kom-
munikation im vollen Umfange (d. h. wie bei Menschen) ausprägen k€onnen,
k€
onnte man einwenden, dass Primaten eine weniger ausgeprägte Mimik besitzen.
Dies ist zumindest ein weit verbreitetes Vorurteil, denn wir glauben, dass die
Gesichter von Primaten eher „starr“ sind, sie weniger Gesichtsmuskeln hätten
und ihre Mimik es deshalb nicht erlaube, inhaltlich spezifische nicht-sprachliche
Botschaften auszudrücken. Dies ist aber nicht der Fall, denn vielmehr ist nur der
ungeübte Zuschauer nicht in der Lage, die feinen Veränderungen zu erfassen, die
die jeweilige Stimmung und den Gemütszustand mitteilen. Die stumme Drohung

47
Vgl. de Waal 1983, S. 36, 68, 93, 95 f., 116, 188 u. €
o.
48
Vgl. de Waal 1991, S. 49 und de Waal 1983, S. 114: „In Augenblicken der Spannung, Her-
ausforderung und Drohung dagegen meiden Schimpansenmänner jeglichen Blickwechsel. Kommt
es dann zur Vers€ohnung, sucht jeder den Blick des Anderen zu erhaschen, bis sie einander direkt
und tief in die Augen schauen. Die Versuche k€ onnen oft über eine Viertelstunde dauern. Ist dieser
Blickkontakt, bei dem die ehemaligen Opponenten einander zunächst z€ ogernd, dann aber immer
fester ansehen, erst einmal hergestellt, lässt auch die Auss€ ohnung nicht mehr lange auf sich
warten.“
4.2 Formen der nicht-sprachlichen Kommunikation, die ebenfalls in das nicht. . . 121

(Zuneigung, Aufforderung zur Kooperation usw.), die in manchem grimmigen


Blick liegt, ist für Artgenossen aber deutlich zu erfassen. 49
Nun wieder zurück zum Menschen. Es gibt Blicke des Anderen, die ein Aus-
druck seiner Seelenlage sind, Andeutungen auf die Haltung Anderer enthalten,
Wissen mitteilen, Motive erkennen lassen usw. Zu den Mitteln dieser erweiterten
Blick-Kommunikation geh€oren auch Mimik, K€orperhaltung und Gestik. Blicke
k€onnen z. B. konkrete Pläne, eine bestimmte Stimmungslage oder auch die Unsi-
cherheit hinsichtlich einer Entscheidung vermitteln. Sie k€onnen aber in der Kombi-
nation mit anders gerichteten Blicken ganze Geschichten erzählen oder sogar
komplexe motivationale Wenn-Dann-Verhältnisse andeuten, z. B. Erpressungen
mitteilen.
Ein Blick kann z. B. einladend oder drohend sein. Er kann auch konditional sein:
Wenn Du nicht tust, was ich von Dir verlange, dann werde ich Dich verprügeln!
Auf dem Hintergrund einer langen Vorgeschichte der Interaktionen zwischen
Personen kann schon ein Blick genügen, um diese Geschichte wieder „lebendig“
werden zu lassen. „Offene Rechnungen“ ziehen vor dem geistigen Auge vorüber.
Blicke k€onnen auch ein geheimes Einverständnis signalisieren, sie k€onnen soviel
sagen wie: Lass sie reden, wir werden nicht €offentlich widersprechen, aber wir
werden nachher das tun, was wir wollen.
Die Interaktion und Kommunikation mit Blicken ist in der Regel so intensiv,
dass auch das Ausbleiben eines Blicks Bedeutung trägt, wenn z. B. jemand traurig
vor sich hin blickt und uns dabei nicht ansieht. Steht dieses Vor-sich-hin-Blicken
aber in einem anderen Handlungskontext, d. h. hat er mich z. B. vorher noch
angesehen, und ich bemerke in seinem Blick eine Wendung von froher Erwartung
zur Traurigkeit, und wendet er sich dann von mir ab, so bin ich gemeint. Ich bin
derjenige, dessen Verhalten ihn traurig macht und leiden lässt. Ein stiller Vorwurf
wird auf diese Weise an mich gerichtet: Wie konntest Du mir das antun!
Auf diese Weise k€onnen auch Handlungsalternativen mitgeteilt werden. Stellen
Sie sich vor, dass der traurige Blick des Anderen zu einer anderen Person wandert,
von der er nun die Erfüllung seiner Wünsche erwartet, und bei deren Anblick sich
seine Miene hoffnungsvoll aufhellt. Aber die Geschichte ist damit noch nicht zu
Ende, denn er kann dann wieder zu mir zurückblicken und ein sp€ottisches Grinsen
zeigen. So wird die Botschaft klarer: Wenn Du nicht das tust, was ich will, werde
ich mich von Dir abwenden und mit dem Anderen meine Pläne verwirklichen. Eine
Erpressung in kleinem Maßstab wird so mit drei Blickwendungen mitgeteilt.

49
Ich erinnere hier noch einmal an die Experimente von Emil Menzel, bei denen eine Gruppe von
sechs Schimpansen in ein Gehege hineingeführt wurden, in dem sorgfältig verstecktes Futter
vergraben war, dessen Platz aber nur einem Mitglied der Gruppe vorher gezeigt worden war,
meistens dem Weibchen Belle. Am Anfang führte Belle die Gruppe zuverlässig zu dem Futter-
versteck, und es wurde meistens redlich geteilt. Später fing das dominante Männchen Rock an, das
Futter mit Gewalt ganz für sich zu beanspruchen, nachdem Belle es der Gruppe gezeigt hatte.
Dann entwickelte sich zwischen Belle und Rock eine Geschichte von Täuschung und Gegen-
täuschung, bei der vor allem Rocks Deutung von Belles Blicken raffinierte psychologische Formen
annahm. Vgl. Sommer 1992, S. 95 f.
122 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

Es geht hier nicht darum, spezielle Episoden der Blick-Kommunikation zu


schildern, sondern vor allem darum, dass wir deren szenisch-phantasmatische
Reproduktion im nicht-sprachlichen Denken zum Ausdruck komplexer Zusammen-
hänge verwenden k€onnen. D. h. all dies kann sich auch in meinen szenischen
Phantasmen abspielen, die sich mit den Ereignissen des vergangenen Tages und
den Plänen für die Zukunft beschäftigen. So zeigt sich, dass die Blick-
Kommunikation nicht nur ein mächtiges Instrument der €offentlichen Kommunika-
tion ist, sondern auch, dass wir dieses Instrument ebenso in der inneren Zwiespra-
che des nicht-sprachlichen Denkens nutzen.50
Zur Blick-Kommunikation bei Primaten gibt es, soweit ich weiß, noch keine
eigenständigen Untersuchungen. Die Kommunikation mit drohenden Blicken, ver-
sprechenden und ängstlichen Blicken und die Frage, ob diese Blicke auch empfangen,
verstanden und erwidert werden, wird bislang nicht als eigenes Thema der Verhal-
tensforschung betrachtet. Die auffälligen Warnrufe von Affen sowie ihre Gesten sind
vereinzelt schon untersucht worden.51 Es gibt zudem viele Berichte von drohendem
Anstarren, von intensiven Blickwechseln zwischen befreundeten oder koalierenden
Individuen, wenn eine aggressive Auseinandersetzung bevorsteht usw.52

50
Es gibt aber experimentelle Ergebnisse, die dafür sprechen, dass die Blick-Kommunikation bei
Primaten nicht so stark ausgeprägt ist wie beim Menschen. Michael Tomasello konnte durch
Experimente zur so genannten joined attention zeigen, dass junge Schimpansen im Vergleich mit
Kindern in demselben Alter die M€ oglichkeiten der Blick-Kommunikation mit ihrer Mutter nur in
geringem Umfang nutzen. Vgl. Tomasellos Experimente zur shared intentionality und zur joint
attention (Tomasello und Carpenter 2007; Tomasello 1995 und Tomasello et al. 2005). Bedeutet
dies aber bereits, dass auch erwachsene Tiere die Blick-Kommunikation und ihre spezielle
Semantik nicht nutzen k€ onnen? Es lohnt sich sicher, diesen Punkt nachzuprüfen.
Gegen Tomasellos Befunde lässt sich aber auch ein methodischer Einwand erheben. Er geht von
der Voraussetzung aus, dass man Lebewesen in der Weise vergleichen sollte, wie es ihrer „natür-
lichen“ Lebensweise entspricht. Das bedeutet für ihn, dass Menschen als soziale, kommunizie-
rende oder mit den ersten Erwerben solcher ‚artgemäßen‘ Kommunikation vertraute und von der
Gemeinschaft erzogene Lebewesen auf der einen Seite mit Affen verglichen werden, die, so weit
wie m€oglich, nicht mit Menschen in Kontakt gekommen sind. Dabei weiß auch Tomasello, dass
man bei diesen „akkulturierten“ Affen, die von Menschen groß gezogen wurden, viele Leistungen
nachweisen kann, die bei denselben Spezies ‚in the wild‘ nicht nachzuweisen sind (vgl. Tomasello
und Call 1997, S. 78, 271 f., 292–296, 302 f. und Call und Tomasello 1996). Dabei geht es auch um
den Gebrauch von Zeichen, den akkulturierte Affen beherrschen (Kanzi), wilde dagegen nicht.
Daher k€onnen die Beschränkungen auf „artgerechte“ Versuchspersonen uns eventuell von wich-
tigen Einsichten hinsichtlich der prinzipiellen Leistungsm€ oglichkeiten von Primaten abhalten,
denn akkulturierte Affen sind erwiesenermaßen viel besser in der echten Imitation, im Zeichen-
gebrauch, im Nachverstehen der Ziele und Absichten Anderer usw. Die Vorentscheidung über die
gewählten Versuchspersonen entscheidet also in großem Maß über den Ausgang des Vergleichs.
Was uns im Hinblick auf den Vergleich Mensch–Tier interessiert, sind die prinzipiellen
M€oglichkeiten einer Spezies und nicht die durch faktische Lebensumstände jetzt vorhandenen
Fähigkeiten. Die spektakulären Ergebnisse der vergleichenden Psychologie werden aber meistens
fälschlich als Auskunft über diese prinzipiellen Fähigkeiten gelesen und so interpretiert in die
Diskussion eingebracht.
51
Vgl. z. B. Cheney und Seyfarth 1994.
52
Vgl. z. B. de Waal 1983, S. 46 ff.
4.2 Formen der nicht-sprachlichen Kommunikation, die ebenfalls in das nicht. . . 123

Dass es solche „stummen“ und doch inhaltsreichen Botschaften durch das ge-
genseitige Ansehen geben kann, scheint uns Menschen auf Grund eigener Erfah-
rung nahe liegend. Es gibt bei Menschen drohende Blicke, offene oder versteckte,
auffordernde und zurückweisende Blicke usw. Wir sind in der Lage, die darin
enthaltenen Botschaften zu empfangen und richtig zu interpretieren. Und es handelt
sich dabei um eine gelegentlich offene oder auch verborgene Kommunikation, z. B.
Blicke des Einverständnisses blitzen manchmal nur ganz kurz auf, damit sie nicht
von Anderen bemerkt werden.
Diese bedeutungsgeladenen Blicke sind nicht mit den Elementen der elementa-
ren Blick-Kommunikation gleichzusetzen, welche D. Stern beschreibt, sie gehen
deutlich darüber hinaus. Wir lernen erst aus eigener Erfahrung, in der Interaktion
oder sogar in der Kommunikation mit Anderen, wie man zornig blickt, wie ein
auffordernder, abschätziger oder zurückweisender Blick aussieht. Ein ver-
schw€ orerischer Blick setzt Erfahrungen mit Verschw€orungen oder geheimen Koa-
litionen voraus, die Botschaften sexueller Attraktion, von Anerkennung, Einver-
ständnis, Abscheu oder Hass und viele weitere Inhalte setzen Erfahrungen in diesen
Feldern voraus, die wir alle erlernen müssen. – All dies k€onnen noch nicht Themen
der ersten Phase der Blick-Kommunikation im ersten Lebensjahr sein, die Stern
beschreibt. Die späteren, bedeutungsgeladenen Blicke bauen auf den elementaren
Formen auf, aber sie füllen diese Formen mit neuen Inhalten, die eine Erfahrung des
kommunikativen Austauschs in einer Gemeinschaft und auch die Beherrschung
gewisser Konventionen bezüglich der Kommunikation voraussetzen. Die Inhalte
der bedeutungstragenden Blicke dieser h€oheren Stufe sind immer intersubjektive
Inhalte, die ich nur mit Anderen zusammen konstituieren kann. Das Sich-gegen-
seitig-Anblicken, das Bemerken des Angeblickt-Werdens und das Zurück-Sehen
sind zugleich Handlungen, die daher auch in den komplexen Bereich der Hand-
lungs-Kommunikation geh€oren.53
Wenn wir uns gegenseitig ansehen, dann beinhaltet dies zugleich oft ein Wie-
dererkennen des Anderen, und es bedeutet weiterhin, dass wir auch wissen, dass der
Andere mich wiedererkennt. Wir wissen dabei auch um die gemeinsame
Geschichte unserer Interaktionen. So k€onnte es sein, dass ich von einer Person
weiß, dass sie jähzornig ist, oft Streit sucht, dass sie neidisch oder missgünstig ist
usw. Mit manchen Personen verbindet uns eine konfliktvolle Geschichte, manch-
mal ist noch eine „alte Rechnung“ offen, ein Konflikt, der nicht ausgetragen wurde
usw. In solchen Begegnungen kann ein Blick schon eine Drohung bedeuten: Jetzt
wird abgerechnet! Schon die Dauer von Blicken ist ein Signal, aber das kurze
Ansehen ist selten schon ausreichend für eine Drohung. Es muss eine Verletzung
der „guten Sitten“ des Einander-Ansehens vorliegen, ein ungebührliches Anstarren,
das über die durch Konvention festgelegte Dauer des schicklichen Einander-
Ansehens hinausgeht.

53
Vgl. zur Handlungs-Kommunikation hier Abschn. 4.2.2.
124 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

4.2.2 Handlungskommunikation

4.2.2.1 Handlungskommunikation beim Menschen

Wir haben in den bisherigen Analysen bemerkt, dass das nicht-sprachliche System
des Denkens auch Gebrauch von nicht-sprachlichen Systemen der Kommunikation
macht. Dies trifft auf die Blick-Kommunikation, aber auch auf ein weiteres nicht-
sprachliches System zu, das der Handlungs-Kommunikation. Dieses System ist weit
verbreitet und bildet für alle in Gruppen lebenden Tiere eine wichtige Grundlage
ihrer Kommunikationsfähigkeit. Auch für die Menschen ist das Handeln einer der
zentralen Träger von kommunikativem Ausdruck und Verstehen ohne Sprache.
Viele Handlungen dienen dazu, eine bestimmte Veränderung der Außenwelt zu
erreichen, aber ebenso oft sind leibliche Aktionen und Bewegungen Ausdrucks-
handlungen, die Anderen etwas zu verstehen geben m€ochten. Sie m€ochten sozusa-
gen bei dem Anderen eine Einsicht bewirken. Die Mittel dazu k€onnen ein unge-
haltenes Grunzen, ein zorniger Blick oder eine ungehaltene Bewegung sein, die z.
B. ein Bärenjunges veranlasst, mit seinem wilden Spiel von der Mutter abzulassen.
All das geh€ ort eher auf die Ausdrucks-Seite. Aber jeder Ausdruck bewirkt auch eine
Veränderung (und wenn sich nur die Richtung des Blicks verändert). Beide Arten
von Handlungen lassen sich daher nicht eindeutig voneinander trennen.
Die Ausdrucksseite der leiblichen Handlungen spielt sich im handelnden Miteinan-
der von zwei Individuen oder einer ganzen Gruppe schnell ein, so dass sich auch hier
Konventionen etablieren. Aber es gibt ein Kontinuum zwischen Ausdruckshandlung
und zielgerichtetem Handeln, welches man sorgfältig untersuchen muss, wenn man
daran interessiert ist zu erfahren, wie die Elemente der Handlungs-Kommunikation im
szenisch-phantasmatischen System eingesetzt werden. Alle Ausdruckshandlungen wie
z. B. Gesten, Warnrufe, Grimassen, Mimik, Drohgebärden usw. sind auch leibliche
Handlungen, aber nicht alle leiblichen Handlungen werden ausgeführt, um einen
Anderen über meine Wünsche oder meine Haltungen zu informieren.
Generell gilt für die Analyse der Handlungskommunikation, dass beim Sehen einer
Handlung deren Realisierung meistens als Zeichen dafür verstanden wird, dass diese
Handlung auch genau das Ziel erreichen sollte, welches sie faktisch erreicht hat, dass
also genau dieses Ziel beabsichtigt war. Also gilt oft: Das Handlungsresultat ist das
beabsichtigte Ziel. Dabei sind aber nicht die Fälle berücksichtigt, in denen Handlungen
misslingen oder absichtlich falsch, zum Schein, stilisiert (Gesten) oder täuschend
ausgeführt werden. Experimentelle Untersuchungen weisen darauf hin, dass die ge-
nannte Gleichsetzung für Menschen nicht uneingeschränkt gilt, da sie in der Lage sind,
ab einem bestimmten Alter zwischen dem Resultat einer eventuell ungeschickt ausge-
führten und daher misslungenen Handlung und der „eigentlichen Absicht“ des Akteurs
zu unterscheiden. Das Wissen um die eigentliche Absicht muss in solchen Fällen aus
einer Konzeption der m€oglichen Absichten und der m€oglichen Versagensgründe
herrühren, also auf der Erfahrung des Misslingens eigener Handlungen beruhen.54

54
Vgl. Tomasello und Call 1997, S. 324–330.
4.2 Formen der nicht-sprachlichen Kommunikation, die ebenfalls in das nicht. . . 125

Ausdruckshandlungen zu verstehen, ist nicht immer einfach, denn diese Hand-


lungen sind meistens stark konventionalisiert, und zwar deswegen, weil sie in der
Interaktion zwischen Individuen regelmäßig und oft vorkommen. Auch bei Tieren
wird ein wütender Blick, ein Knurren, ein Fauchen oder die lässige Bewegung einer
Bärentatze oft als Zeichen für Unmut gehalten oder von Anderen sogar als Andro-
hung weiterer Aktionen interpretiert: „Das sollst Du nicht tun, denn sonst werde ich
dich beißen!“ Ausdruckshandlungen sind also, genau wie konventionelle Zeichen,
mit einem Sinn beladen, den wir nur kennen k€onnen, wenn wir die Geschichte
dieser Interaktionen und Kommunikationen kennen und die Regeln des Ausdrucks
verstehen, die sich hier in Konventionen eingespielt haben. Weil es ein Kontinuum
zwischen äußerlichem Handeln, Ausdruckshandlungen und Gesten gibt, muss man
bei der Handlungskommunikation immer beachten, dass es verborgene Konventio-
nen des Ausdrucks geben kann, die wir im einfachen und hermeneutisch naiven
Sehen einer Aktion nicht bemerken und daher auch nicht verstehen k€onnen.
Ausdruckshandlungen haben bei Menschen und Tieren sehr oft einen stark
wirksamen Kontext, wie z. B. den der Hierarchie in einer Gruppe, der zugleich
eine Reihe von Regeln beinhaltet, die durch gemeinschaftliche Sanktionen ge-
sichert sind.55 Es gibt aber auch Kontexte, wie z. B. das Spiel, die ein gebrochenes
Verhältnis von Ziel und Handlung aufweisen. Auch in der verabredenden Koalition
zwischen Artgenossen sind viele der Aktionen in dem Medium anderer Subjekti-
vität eigentümlich gebrochen, denn hier spiegelt die Aktion oft einen gemeinschaft-
lichen Willen oder sogar den Willen eines Anderen wider.
Handlungen, die die Außenwelt verändern sollen, verstehen wir zunächst über
ihr Resultat, d. h. über das, was tatsächlich als Wirkung einer Aktion eintritt. Aber
dies ist nicht der einzige Weg zu einem Verständnis: Die „leibhafte Übersetzung in
Sinn“ verlebendigt phantasmatisch dasjenige, was der Andere mit seinem Leib
macht (z. B. um äußere Objekte zu manipulieren), in meinen eigenen Kinästhesen
und Empfindungen. Das heißt, dass ich phantasmatisch schon die Anstrengung
spüre, die es fordert, etwas Schweres anzuheben, eine fest zugedrehte Flasche zu

offnen usw., wenn ich jemand Anderen dies tun sehe. Und diese ‚Übersetzung‘ in
meine eigenen leiblichen Betätigungen bewirkt zugleich ein Erkennen der ver-
schiedenen m€ oglichen Absichten einer leiblichen Handlung des Anderen.
Damit ist Folgendes gemeint: Nehmen wir an, ich sehe, dass jemand versucht,
eine Flasche durch Drehen des Verschlusses zu €offnen, es aber nicht schafft. Ver-
stünde ich seine Ziele nur nach dem Resultat seiner Handlung, dann würde ich
vermuten, dass er eine Zeitlang auf unterschiedliche Weise seine rechte Hand um
den Verschluss der Kappe legen, diese etwas hin und her drehen wollte, schließlich
einen roten Kopf bekommen und die Flasche in die Ecke werfen wollte. Aber dies
tun wir nicht, denn wir wissen aus eigener Erfahrung, dass es manchmal schwer
sein kann, eine solche Flasche zu €offnen, und wir sehen ein, dass sein erfolgloser
Versuch von dem Ziel geleitet war, die Flasche zu €offnen. Die Zuschreibung der

55
Vgl. hierzu de Waal 1997, Kap. 3.
126 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

über das wirkliche Resultat hinausgehenden Ziele einer Aktion geschieht auf der
Basis eigener Erfahrungen des Ge- und Misslingens von leiblichen Handlungen.
Aus der Sicht der genetischen Phänomenologie würde man hier darauf hinwei-
sen, dass der Typus des Eine-Flasche-Öffnens sich in meiner Erfahrung gebildet
hat. Im Gebrauch dieses erfahrungsbasierten Typus ist die M€oglichkeit, dass es
nicht beim ersten Mal klappt, mir zugleich bewusst, ebenso wie die vergebliche
Anstrengung, eventuell die Schmerzen an meiner Hand und die Enttäuschung. Ich
gehe also bei der Interpretation der äußeren Handlung eines Anderen immer schon
über die faktischen Resultate hinaus – oder ich bleibe dahinter zurück (wenn z. B.
jemand eine andere Person mit einem Schulterklopfen begrüßt, vermute ich nicht,
dass er wirklich beabsichtigte, dass dessen Brille dabei auf den Boden fällt und
zerbricht).
Die Mittel der Darstellung in der Handlungskommunikation sind voll ausge-
führte Handlungen oder stilisierte, symbolisierte bzw. verkürzte Handlungen, z. B.
Gesten und Drohungen. Daher geh€oren auch Schubse, Klapse, Umarmungen, Hin-
und Herziehen, Festhalten, der Austausch von Zärtlichkeiten usw. zu den Aus-
drucksmitteln der Handlungs-Kommunikation. Allgemein scheinen in erster Linie
diejenigen Handlungen zur Funktion des Ausdrucks und der Mitteilung geeignet zu
sein, die den Leib des Anderen betreffen.56 Alle diese Aktionen k€onnen bedeu-
tungstragend sein, d. h. in kommunikativer Absicht vorgenommen sein, aber sie
k€onnen auch lediglich einfache Handlungen sein, die nur ein bestimmtes Ziel
realisieren wollen. Diese Doppeldeutigkeit hat die Handlungskommunikation mit
der Blick-Kommunikation gemeinsam, die auch nicht immer bedeutungstragend
ist, dies aber immer sein kann. Handlungen k€onnen aber auch kommunikative
Funktionen enthalten, wenn sie nicht direkt den Leib des Anderen betreffen,
sondern lediglich in dem Radius des Bemerkens des Anderen stattfinden, d. h.
von diesem gesehen oder geh€ort werden k€onnen. Es gibt natürlich auch kollektive
Handlungen, z. B. Sanktionen, die von einer ganzen Gruppe ausgeführt oder von
ihrem Einverständnis getragen werden.

4.2.2.2 Handlungs-Kommunikation und bedeutungstragende


Handlungen bei Primaten

Die Handlungs-Kommunikation ist ein Teilbereich nicht-sprachlicher Kommuni-


kation, der wahrscheinlich ebenso elementar ist wie die Blick-Kommunikation.
Ebenso wie diese kann und muss sie erlernt werden, und sie wird auch von
gemeinschaftlich akzeptierten Normen geregelt, die sich im Gebrauch und Kom-
munikation in der Gemeinschaft ausprägen.
Klapse, Schulterklopfen usw. sind Berührungen oder Schläge, die den Leib des
Anderen treffen, ihn aber nicht verletzen sollen. Hier gibt es beim Menschen eine

56
Kommunikative Handlungen, die Dinge betreffen, setzen voraus, dass es eine Beziehung der
Anderen zu den Gegenständen gibt, wie z. B. Gebrauch oder Besitz.
4.2 Formen der nicht-sprachlichen Kommunikation, die ebenfalls in das nicht. . . 127

reichhaltige Vielfalt von Bedeutungen. Wie steht es aber bei den Primaten in dieser
Hinsicht? Ein Schlag kann eine einfache oder eine konditionale Warnung sein:
Komm mir nicht zu nahe! Wenn zugleich drohend die Zähne gefletscht werden,
aber ohne dass die Aggression direkt beginnt, scheint eine letzte Warnung wie eine
konditionale Drohung ausgesprochen: Noch ein Schritt näher und ich werde dich
verprügeln! In einem Klaps kann eine einfache Begrüßung liegen: Hallo! In einem
anerkennenden Klaps kann eine verk€ orperte Bewertung enthalten sein: Gut
gemacht!
Aber bei der anerkennenden Bewertung kommen sofort Bedenken: Es k€onnte so
erscheinen, als ob insbesondere der anerkennende Klaps zu hochstufig ist, um von
Primaten verwendet zu werden. Er k€onnte spezifisch menschlich sein, weil er hoch
konventionalisiert ist, und weil er Wertungen enthält, die vielleicht nur sprachlich
vermittelt werden k€onnen. Aber auch hier gibt es Argumente, die dafür sprechen,
dass solche Bewertungen noch im Rahmen der Leistungsfähigkeit von Primaten
liegen. Man kennt Fälle, in denen Primatengruppen einfache Begrüßungsgewohn-
heiten angenommen haben, z. B. das Abklatschen mit erhobenen Händen, die
zugleich zur Abgrenzung der eigenen Gruppe dienten.57 In dieser Funktion besagt
das Abklatschen soviel wie: Du geh€orst zu uns!
In der Drohung (konditionale Warnung) beziehe ich mich oft auf die bloße
Anwesenheit, eine Aktion oder eine handelnde Unterlassung eines Anderen, die
unmittelbar zuvor stattgefunden hat. Wenn dieser Kontext nicht klar ist, weil einige
Zeit verstrichen ist, verliert sich der Bezug auf die Handlung des Anderen. Meine
Aktion kommentiert oder bewertet die Handlung des Anderen dann.58 Diese han-
delnde Re-Aktion kann die Aktion rückgängig machen wollen oder sie mit einer
neuen Aktion kommentieren. Sie kann z. B. eine kleine Aggression ebenso erwi-
dern oder Ungehorsam mit einem Schubser sanktionieren. Der handelnde Kom-
mentar kann auch anerkennend ausfallen oder kritisch, und eine Entschädigung
fordern. Die Reaktion kann aber auch „rechthaberisch“ und ohne erkennbaren Zorn
sanktionierend sein, so dass hier nicht nur die Ansicht des Einzelnen im Spiel ist,
sondern die Ansicht der Gemeinschaft zu dieser Verfehlung gleichsam mitgeteilt
wird. Bei der von der Gemeinschaft akzeptierten Sanktion handelt der Einzelne
sozusagen im Namen der Gemeinschaft.59 Innerhalb der Handlungen sind diese
bedeutungstragenden Aktionen besonders wichtig und zugleich beredt.
Andere kommunikative Aktionen betreffen ebenfalls den Leib des Anderen, der
geschoben, gedreht oder gezogen wird. Entweder geschieht dies, um dem Anderen

57
Das besagt soviel wie: „So begrüßt man sich bei uns!“ Vgl. de Waal 1997, Abbildung vor S. 97.
Die Frage nach der M€ oglichkeit zur Bewertung in stilisierten Handlungen verweist uns wieder auf
die Moralregeln der Primaten. Wir werden sie noch einmal bei den sanktionierenden Handlungen
diskutieren müssen.
58
Man kann wahrscheinlich auch diesen Handlungskontext für einige Zeit aktuell erhalten, sei es
durch einen zornigen Blick, oder dadurch, dass ich die Beziehung auf die Aktion wieder neu
herstelle, indem ich auf das Resultat demonstrativ hinschaue, sei dies der Rest einer gegessenen
Frucht oder ein anderes Resultat der Handlung.
59
Vgl. dazu Hauser 1992.
128 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

etwas zu zeigen, seine Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken oder um ihn zu einer
Aktion aufzufordern, z. B. dazu, wegzugehen. Manchmal realisiert die Aufforde-
rung, etwas Bestimmtes zu tun, dieses Handeln bereits zum Teil, z. B. durch Weg-
schubsen, und teilt so den Wunsch inhaltlich präzise mit.60
Die Grenze zwischen einer vollen Handlung und einer stilisierten bzw. einer
durch Abkürzung symbolisierten Handlung, welche eigentlich schon ein Zeichen
oder eine Geste ist, ist schwer festzulegen. Stilisierte Handlungen k€onnen den
Bedeutungsgehalt einer vollen Handlung tragen, ohne dass diese ganz ausgeführt
werden muss. Stilisierte Handlungen oder Handlungsteile k€onnen aber auch cha-
rakteristische Teile der Handlungen herausgreifen und nur deren spezifischen
Bedeutungsgehalt symbolisieren. Der Sinn von Handlungen ist meist durch die
Handlung selbst schon hinreichend bestimmt. Stilisierte und symbolisierte Hand-
lungen sowie Gesten unterliegen in kommunizierenden Gruppen immer auch
Konventionen. Diese Konventionen sind aber nicht ausdrücklich vereinbart, son-
dern sie werden im Gebrauch fixiert. Sie werden von den Jungtieren als bedeutungs-
tragende Handlungen gelernt und dann nach dem bekannten Vorbild verwendet. Im
Fall des Menschen: Ich schiebe jemanden bei Tisch einen Teller hin und bedeute
ihm damit, dass er dies essen darf. Eine Person schiebt eine andere weg und
bedeutet damit: Geh weg!
Wenn wir die Bedeutung von Handlungen oder verkürzten, stilisierten oder
sogar symbolisierten Handlungen untersuchen, dann deuten wir sie fast unvermeid-
lich vor dem Hintergrund unserer eigenen menschlichen Kontexte als Gesten.61 Ist
das Anthropomorphismus? Ich denke nicht, denn auch bei Schimpansen gibt es z.
B. die nach oben ge€offnete Hand, die um eine Gefälligkeit bettelt mit dem Sinn:
Bitte erlaube mir dies! Oder: Bitte gib mir dies!62 Gelegentlich wird diese Geste
auch zur Einleitung einer Vers€ohnung eingesetzt oder als Bitte um die Erlaubnis,
etwas tun zu dürfen.63
Aber diese für uns so nahe liegende Deutung begünstigt auch nahe liegende
Missverständnisse: Denn man k€onnte meinen, dass die Bedeutung der Geste selbst
genau mit dieser sprachlichen Interpretation identisch ist, und wenn das Lebewe-
sen, das diese Geste verwendet, nicht sprechen kann, dann kann die Geste auch
nicht diese Bedeutung haben. In dieser dogmatischen Sichtweise kann sie eigent-
lich nie eine Bedeutung haben. Diese kurzschlüssige Überlegung setzt schlicht
voraus, dass das einzige Medium der Bedeutunggebung die Sprache ist. Dies ist

60
Kommunikative Handlungen richten sich aber nicht immer auf den Leib des Anderen. So
werden bei Schimpansen viele aggressive Drohungen durch Schlagen gegen Bäume, Steine und
andere Dinge vollzogen. Dabei kann natürlich gelegentlich auch ein drohender Blick in der
Richtung des Bedrohten geworfen werden.
61
Gesten bei Affen und Primaten werden erst seit kurzer Zeit untersucht, und die Begriffe und
Methoden dieser Untersuchungen sind noch nicht sehr gefestigt. Ich kann hier auf den vollen
Umfang dieser Pionierarbeiten nicht eingehen und konzentriere mich auf einige Beispiele, die
hauptsächlich aus der Freilandbeobachtung stammen.
62
Vgl. de Waal 2006, S. 165.
63
Vgl. zur Bitte um Erlaubnis de Waal 1991, S. 84 und ders., 1983, S. 33 ff., 116 f.
4.2 Formen der nicht-sprachlichen Kommunikation, die ebenfalls in das nicht. . . 129

aber nicht der Fall. Für die meisten Säugetiere müssen wir mit dem Vorhandensein
des szenisch-phantasmatischen Systems rechnen, das eigene Mittel hat, um den
Inhalt einer Bitte zu denken und evtl. auch kommunikativ zu bedeuten. Wenn die
Geste konventionell bestimmt ist, weil sie als Teil der €offentlichen Kommunikation
verwendet wird, dann wissen Sender und Empfänger um ihre Bedeutung.
Um das Argument abzuschließen: Es liegt kein irreführender Anthropomorphis-
mus in der sprachlichen Deutung der Gesten nicht-sprechender Lebewesen. Die
Bedeutung dieser Gesten kann ebenso in nicht-sprachlichen Mitteln, z. B. im
szenisch-phantasmatischen System, vorgestellt und gedacht werden, nur für unse-
ren menschlichen Diskurs ist eine sprachliche Darstellung viel praktischer. Natür-
lich muss man aufmerksam auf die Inhalte dieser Interpretation bzw. sprachlichen
Darstellung sein. Es k€onnte nämlich durchaus vorkommen, dass wir Inhalte, die nur
in sprachlicher Kommunikation vorgestellt werden k€onnen, mit in die Formulie-
rung einbauen. Das wäre eine ungerechtfertigte Einlegung, die wir vermeiden
müssen.
Die Geste, mit der Schimpansen um etwas bitten, die nach oben ge€offnete Hand,
ist ein kleiner Teil einer Interaktion, die, neben dem Annehmen des Gegebenen,
noch aus der freiwilligen Gabe von Nahrung oder anderen Gütern besteht.64 Die
nach oben ge€ offnete Hand ist hierbei nicht immer der Anfang der Handlungsfolge,
sondern sie wird oft erst geformt, wenn der Andere durch seine angedeuteten
Handlungsansätze schon angezeigt hat, dass er mir etwas geben will. Aber die
verletzlichste Phase der ganzen Handlung ist die Zeit, in der ich durch meine Hand
anzeige, dass ich eine Gabe m€ochte und erbitte und sie auch annehmen will, d. h.
dass ich dasjenige wirklich zu erhalten wünsche, dessen Übergabe der Andere
ernsthaft oder im Scherz angedeutet hat. Es gibt auch in der unaufwendigsten
Handlungsfolge des Bettelns und Gebens diese verletzliche und emotional belegte
Phase des Wunsch-Ausdrucks.
Schimpansen bestätigen oft die Hierarchie, indem die Unterwerfungsgesten des
Verbeugens, des Hechelgrunzens oder die gegenseitige Anerkennungshandlung des
Groomens ausgeführt werden. Gelegentlich stecken auch die hierarchisch niedriger
stehenden Individuen den dominanten Gruppenmitgliedern die Finger oder den
Handrücken in den Mund, um ihre Unterwerfung zu signalisieren.65
Hierarchien werden aber auch immer wieder auf die Probe gestellt oder durch
Herausforderung des jeweils Rangh€oheren ausgetestet. Wird das Alphamännchen
von einem stärkeren und jüngeren Männchen provoziert, dann gibt es ein charak-
teristisches Handlungsmuster, das in Drohgebärden des Jüngeren gegen den Älteren
besteht.66 Zum Beispiel wirft er Äste oder St€ocke in dessen Richtung. Geht der Äl-
tere der Konfrontation aus dem Weg, verliert er mit jedem Mal einen Teil der

64
Es ist wohl deutlich, dass ich mich hier nicht an krypto-theologische Diskurse über das ‚Geben‘
in der zeitgen€ossischen franz€ osischen Philosophie, z. B. bei Derrida, Marion, Henry usw., an-
schließe.
65
Vgl. de Waal 1991, S. 82 f.
66
Vgl. de Waal 1991, S. 50 f., 66 f. u. €
o.
130 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

Unterstützung seiner Koalitionspartner. Diese Koalition (im Sinne zu erwartender


Hilfe) wird umgekehrt durch Gewährung von Teilen der Privilegien der Macht
aufrechterhalten.
Die Drohung ist aber nicht einfach das Vorspiel zum Kampf, denn der Ausgang
bleibt bis zum Ende konditional. Wenn der Herausgeforderte sich dazu entschließt,
angesichts der offensichtlichen Stärke des Herausforderers oder der schwindenden
Mithilfe anderer Männchen seinen Anspruch auf die Führungsrolle aufzugeben und
die Unterwerfungsgesten auszuführen, dann passiert nichts, d. h. der Kampf und die
Verletzung wird vermieden. Drohungen haben also den Charakter von alternativen
Wenn-Dann Angeboten: Wenn du dich unterwirfst, werde ich dir nicht wehtun!
Wenn du dich aber weiter weigerst, dann werde ich dir wehtun!
Die Provokationen rücken dann bei jeder Gelegenheit etwas näher, bis der
Herausgeforderte reagieren muss und die Rangfolge durch Nachgeben oder einen
Kampf entschieden wird. Aber erst wenn der Unterlegene eine Unterwerfungsgeste
in Richtung auf den Sieger macht, endet der Konflikt. Die Unterwerfungsgeste
besteht bei Schimpansen meist in einer Reihe von Verbeugungen und sogenannten
Hechelgrunzern in der Richtung des Überlegenen.67 Diese Unterwerfungsgesten
werden regelmäßig von Hochrangigen gefordert, und sollten sie einmal von einem
niederrangigen Tier ausbleiben, wird dieses sanktioniert, z. B. durch Bisse.
Bei Schimpansen ist es eher die Ausnahme, dass ein einziges Männchen die
ganze Gruppe dominiert. Meist ist es so, dass eine Koalition von zwei oder drei
Männchen gemeinsam die Führungsrolle übernimmt. Bei Konflikten kommen dann
die anderen Mitglieder der Koalition dem Alphamännchen zu Hilfe, und es gelingt
ihnen so, die Hierarchie aufrechtzuerhalten. Allerdings muss der nominelle Herr-
scher von den Privilegien der Macht etwas an seine Koalitionspartner abgeben (z.
B. Nahrungs- oder Kopulationsprivilegien). Im engen zeitlichen Zusammenhang
mit der Erprobung der neuen Koalition werden dann auch die mit dieser Hilfeleis-
tung verbundenen Machtprivilegien eingefordert, und wenn sie nicht gewährt
werden, bricht die Koalition wieder auseinander. Es gibt also Regeln oder ‚übliche
Verfahren‘ bei Koalitionen, deren Verletzung die Aufkündigung nach sich zieht.
Man k€ onnte natürlich daran zweifeln, ob es bei Primaten so viel Wissen,
Absichtlichkeit und Regeln hinter einer sehr kargen Lautkommunikation und einer
noch weitgehend unerforschten Handlungs- und Blickkommunikation gibt. Hier
k€
onnte doch eine überschwängliche anthropologisierende Zuweisung von Intenti-
onalität, Erkennen und Absichten vorliegen, der nichts im Geist der Primaten
entspricht. Solche Zweifel liegen aber nur nahe, wenn man (fälschlicherweise)
davon ausgeht, dass Primaten kein System der Repräsentation zur Verfügung
haben, welches in der Lage ist, Einsichten, Überzeugungen, Wenn-Dann-Verhält-
nisse usw. zu repräsentieren, d. h. wenn man annimmt, dass sie nicht denken
k€
onnen. Bei dieser Sichtweise gäbe es hier nur physisches Verhalten, aber keine
Intentionalität, kein Wissen und keine Absicht, die den Handlungen einen Sinn gibt.

67
Vgl. de Waal 2006, S. 86, und über das unterwürfige Grüßen zur Bestätigung der Hierarchie de
Waal 1983, S. 89–93 u. €
o.
4.2 Formen der nicht-sprachlichen Kommunikation, die ebenfalls in das nicht. . . 131

Wenn man z. B. in der Tradition Kant, Hamann, Herder, Humboldt die sprachlichen
Begriffe als Bedingung für das Denken ansieht oder mit Davidson den Begriff der
Überzeugung als Voraussetzung für das Haben von Überzeugungen, dann kann
man hier keinen denkenden Geist am Werk sehen.
Die Erklärungen für das komplexe und an klaren Regeln orientierte Handeln
müssen dann auf eine komplexe, aber bloß instinktive oder automatische Verhal-
tensdisposition hinauslaufen. Die Regeln dieser Folgen von Verhalten müssten
dann auch der Komplexität des Verhaltens angemessen sein, so dass die reduktiven
Erklärungen für komplexes Verhalten, wenn man sie als bloß erfolgreiche Ver-
haltensmanipulation interpretiert, auch immer komplexer werden müssen. Sie
werden schließlich so komplex, dass sich die Einsicht aufdrängt, dass ein Ver-
ständnis auf der Basis von Intentionalität und Denken die sinnvollste und unauf-
wendigste Interpretation dieser Leistung ist. Die vermeintlich ‚einfachere‘ Erklä-
rung, die kein Denken annimmt, ist tatsächlich viel komplizierter als eine
Erklärung, die von einem Denken ausgeht.
Die meisten Konflikte in Primatengruppen enden vers€ohnlich, d. h. auch die
heftigsten Aggressionen werden durch vers€ohnende Handlungen besänftigt. Umar-
men, gegenseitiges Groomen, Küssen usw. sind hierzu geeignet. Die Einleitung
solcher Vers€ ohnungsphasen ist ebenfalls ein kommunikativer Prozess, in dem
kleine Gesten den Fortgang der Verhandlungen anzeigen: Eine zum Rivalen aus-
gestreckte Hand wird nicht zurückgestoßen oder geschlagen, die Berührung wird
zugelassen usw. 68

4.2.2.3 Leibliche Kommunikation

Eine wichtige und im Rahmen der Handlungskommunikation bisher nur am Rande


behandelte Form der nicht-sprachlichen Kommunikation ist die leibliche Kommu-
nikation. Es gibt sie bei Menschen, Primaten und vielen weiteren Tieren. Dabei
geht es um den Austausch von leiblichen Zärtlichkeiten, um K€orperpflege, um
Hilfeleistungen, Sexualität und alles, was irgendwo in der Mitte dieses so nur
ungefähr abgegrenzten Bereichs liegt. Auch sie ist eine elementare bedeutung-
tragende Kommunikation, deren Funktion vor allem in der Pflege der gegenseitigen
Beziehungen liegt. Hierbei ist die Direktheit und die unvermittelte Reziprozität
dieser Kommunikationsform zu beachten. – Und wieder erinnere ich an den
besonderen Gesichtspunkt, unter dem für uns solche nicht-sprachlichen Formen

68
Vgl. de Waal 2006, S. 201. Manchmal erlangen sogar Handlungen den Charakter von Mittei-
lungen, die als Handlungen selbst am Rande des Bewussten liegen. De Waal berichtet über das
Sich-Kratzen bei Primaten, das gehäuft in Unsicherheitssituationen vorkommt, oder wenn ein
Kampf bei den Gruppenmitgliedern Ängste schürt. Das Sich-Kratzen h€ ort auf, sobald beide Seiten
des Streits beginnen, sich zu vers€ ohnen und gegenseitig zu groomen (soziale K€ orperpflege). Es
scheint so, als ob das Sich-Kratzen eine versteckte Botschaft enthält: Das, was ich jetzt am liebsten
hätte, wäre ein Friedensangebot, das die Situation entschärft!
132 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

der Kommunikation nur interessant sind: Sie k€onnen sich nämlich in der Form von
Phantasmen auch im nicht-sprachlichen Denken wiederfinden.
Der Austausch von Zärtlichkeiten in einer breiten Palette ist für alle Tiere
typisch, die in Gruppen leben. Das Groomen, die gegenseitige Fellpflege bei
Primaten, ist eine sehr bekannte Form, der Sex der Bonobo ebenfalls. Beim Men-
schen scheint diese Art der Kommunikation auf Paare oder enge Familienange-
h€orige beschränkt zu sein. Tatsächlich ist dies aber nicht der Fall, denn die Hand-
lungskommunikation enthält auch immer Elemente dieser unmittelbaren leiblichen
Kommunikation, indem z. B. ein Schulterklopfen oder das vertrauliche Ruhen einer
Hand auf der Schulter durchaus eine Beziehungsbotschaft enthalten kann: Ich fühle
mit Dir, ich mag Dich so, wie Du bist. Natürlich ist die Ausprägung dieser lei-
blichen Kommunikation zwischen Gruppenmitgliedern sehr verschieden, und
Grad, Art und Umfang des Anfassens, die einzuhaltende Nähe und Ferne usw. ist
von „Nation“ zu „Nation“ verschieden. Mit Nation (natio) ist hier die Gemeinschaft
gemeint, in die ich hinein geboren bin, und die mich sozialisiert hat. Auch die Dauer
des erlaubten und schicklichen Anblickens ist regional verschieden geregelt.
Die Unmittelbarkeit des Durchdringens und die besondere Mutualität ist in
diesem Bereich ebenfalls eindrucksvoll: Ich gebe z. B. die Zärtlichkeiten nur dann
gerne, ohne Z€ ogern und mit „nachgehender Aufmerksamkeit“ (d. h. mit Aufmerk-
samkeit auf den Effekt, das Ankommen der Botschaft und der Wohltaten usw.),
wenn Zuneigung besteht. Das soll nicht heißen, dass ich mit meinem Leib nicht
lügen kann, natürlich geht dies auch bei leiblicher Kommunikation, aber das Lügen
ist oft leichter merklich als bei anderen Formen der Kommunikation. Zärtlich-
keiten, die bloß mechanisch ausgeführt werden oder mit merklichem Z€ogern,
werden auch als „nicht von Herzen kommend“, „nicht ernst gemeint“, „nicht echt“
verstanden, obwohl sie der reinen Handlung nach so erscheinen. Hier spielt es eine
Rolle, ob ihnen eine Aufforderung vorausging, ob das Handeln ohne Z€ogern
geschieht, ob es „nachgehende“ Zärtlichkeit ist usw. In der leiblichen Kommuni-
kation ist nicht nur das Meinen direkter, denn es verwendet keine Symbole, sondern
auch das Verstehen.
Wenn wir leibhaftig kommunizieren, d. h. uns gegenseitig anfassen und liebko-
sen, dies als Kommunikation auffassend, dann stellt sich die Frage, ob und wie man
in dieser Art der Kommunikation auch lügen kann. Wie groß ist hier die N€otigung
zur Wahrhaftigkeit? Für Menschen ist die gegenseitige Liebkosung eher ein Ele-
ment der intimen Beziehung innerhalb der Familie oder bei einem Liebespaar. Im
letzten Fall ist auch die Grenze von Zärtlichkeiten zu sexuellen Wohltaten schnell
überschritten und fließend. Auch hier gibt es Regeln und Grenzen, aber diese
spielen sich in der intimen Interaktion der Liebenden schnell ein. Diese Regeln
sind auch regional konventionalisiert, zwar oft nur zwischen zwei Personen, aber
auch in gr€ oßeren Gemeinschaften. Die Regeln für die Schicklichkeit bzw. Zulas-
sung von leiblichen Berührungen und Liebkosungen in Gruppen sind daher sehr
unterschiedlich. In Italien oder in den USA fasst man einander mehr an und das
Abstandsminimum ist viel geringer als in Nordeuropa.
Ein interessanter Punkt ist auch die Semantik dieser nicht-sprachlichen Kom-
munikation, wenn sie in Gemeinschaften gepflegt wird. Man k€onnte vermuten, dass
4.2 Formen der nicht-sprachlichen Kommunikation, die ebenfalls in das nicht. . . 133

es hier keine Konventionen gibt, weil jede zärtliche Berührung sozusagen „selbst-
erklärend“ ist. Das ist aber nicht so. Die €offentliche Kommunikation f€ordert und
fordert Regeln, sie fordert eine konventionelle Semantik, und – wo das nicht n€otig
ist, um den Sinn festzulegen – da gibt es zumindest Regeln für den Gebrauch, für
die Orte der Liebkosung, die Intensität und die erwartete und dem Sinn entspre-
chende Dauer. Ich denke hier natürlich in erster Linie an Primatengemeinschaften,
in denen sich die Personen gegenseitig groomen, aber dabei an der Hierarchie und
an dem jeweiligen Zustand der individuellen Beziehung orientiert sind. Dies kann
auch bedeuten, dass die Zulassung der sozialen Fellpflege verweigert wird, solange
der Rangh€ ohere noch „grollt“. Die Inhalte der Botschaften sind aber auch von der
Konstellation abhängig: Ich mag Dich. Oder: Ich mag Dich wieder leiden, z. B.
nach einem Konflikt. Du bist mir immer die Liebste usw. Der Grad des strategi-
schen Lügens in solchen speziellen Situationen ist relativ groß, so dass eine solche
Erklärung der Zuneigung auch lediglich als Erklärung der Unterwerfung verstanden
werden kann und oft ungern oder nur gezwungen gegeben wird. Wie soll dies aber
der Empfänger bemerken? Wie gibt es der Sender der Botschaft zu verstehen? Ist
die Botschaft für den Sender v€ollig durchsichtig? Wenn z. B. nach einer Auseinan-
dersetzung die Zärtlichkeit der Liebkosung eingefordert wird und der Sender diese
Liebkosung rauh und oberflächlich, rüde und nicht „nachgehend“ ausführt, dann
weiß der Empfänger, dass dies nicht ehrliche Zuneigung und Anerkennung ist. Aber
auch der Sender weiß dies und drückt diesen Aspekt der Botschaft so aus, dass ihn
der Andere versteht.
Natürlich kann dieser Anteil der Botschaft unter Umständen unbewusst sein.
Dies gilt für Primaten und auch für menschliche Paare. Wie mein Z€ogern ihm oder
ihr zeigt, dass ich es nicht will und nur gezwungen tue, was von mir gefordert wird,
ebenso versteht der Andere dieses Z€ogern, die unwillige Rohheit, das Nicht-
Nachgehen usw. als Unaufrichtigkeit, und ich als Sender verstehe dies auch, wenn
ich mir es bewusst mache und unter die Oberflächenschicht meines mir selbst offen
eingestandenen Denkens und Wollens gehe. – Aber alle diese Durchsichtigkeit des
Ausdrucks in der leiblichen Kommunikation verhindert nicht die M€oglichkeit der
strategischen Täuschung. Äußerungen des Z€ogerns und des Unwillens bleiben kon-
trollierbar und in meiner Gewalt. Sie sind nicht so durchsichtig wie das un-
willkürliche Rotwerden (beim Menschen und auch bei manchen Primaten), das
meine Unaufrichtigkeit sofort verrät.
Die Bedeutung der einseitigen oder gegenseitigen Berührungen und Zärtlich-
keiten erscheint auf den ersten Blick weitgehend unmittelbar klar und transparent.
Wir interpretieren sie als Ausdruck der Zuneigung und des Wohlwollens. Das ist
aber – besonders im Fall des Groomens und der gegenseitigen Pflege zur Bestäti-
gung der Hierarchie – sicher zu simpel gedacht. Wir dürfen nicht einfach das, was
wir selbst (als Angeh€orige einer hochkooperativen Spezies) empfinden und mit
einer solchen Handlung ausdrücken würden, mit dem gleichsetzen, was andere
Spezies damit verbinden. Hier gibt es ein großes Maß an Konvention und auch an
Unaufrichtigkeit. Nicht jeder kann den neuen Chef so lieben, dass er ihm auch den
Rücken kraulen m€ ochte, er muss es dennoch tun, denn sonst drohen Sanktionen. In
Primatengesellschaften handelt es sich um Rituale zur Bestätigung der Hierarchie,
134 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

die als künstliche und kulturell getragene Institutionen Rituale verlangen. Darin
sind auch konventionalisierte Unterwerfungsgesten enthalten, z. B. dass die Nied-
rigstehenden den H€oherstehenden ihre Finger in den Mund stecken.69 Natürlich ha-
ben auch Menschen Rituale zur Begrüßung wie das Händeschütteln, den Hand-
kuss, den mehrfachen Wangenkuss usw. Aber wir k€onnen nicht die in einer
menschlichen Familie üblichen Zärtlichkeiten und ihre Bedeutung auf die Semantik
des Groomens übertragen, die doch überwiegend im Dienst der Hierarchie und des
Einforderns von Gefallen steht.
Es gibt noch einen weiteren Unterschied zwischen Menschen und Primaten, der
eventuell hier eine wichtige Rolle spielt: das Fell. Beim Menschen ist die Berüh-
rung von Fingern direkt auf der Haut zu spüren. Beim Groomen ist dagegen das
Wohltun oft nur indirekt, da es auch auf die vorausschauende Entfernung st€orender
Bewohner des Fells gerichtet ist, das Lausen soll die Parasiten entfernen und die
Wohltat ist daher gar nicht so unmittelbar fühlbar, sondern sie zahlt sich erst nach
einiger Zeit aus.
Groomen wird auch gelegentlich als eine Art Universalwährung für die Gewäh-
rung von Privilegien, die Überlassung von Nahrung oder die Erlaubnis von Hand-
lungen gegeben. Der Rangh€ohere wird dann so mit zuvorkommendem Groomen
überschüttet, dass er schließlich der Bitte oder dem Wunsch nachgibt.
Leibliche Berührungen k€onnen auch von Anderen und Dritten gesehen und
interpretiert werden. Weiterhin kommen zu der leiblichen Kommunikation noch
andere Kanäle der Gegebenheit des Anderen hinzu, der Geruch des Atems, Geruch
und Wärme des K€orpers usw. Alle diese Formen der €offentlichen oder partiell

offentlichen Kommunikation k€onnen auch zur Darstellung von Wünschen, Ein-
sichten usw. im szenisch-phantasmatischen System eingesetzt werden.

4.2.2.4 Die Verwendung von Handlungsphantasmen im szenisch-


phantasmatischen System

Wie werden die in der Handlungs- und der leiblichen Kommunikation gelernten
Verbindungen und Ausdrucksweisen in der Darstellung von Handlungen und
Wünschen im Denken in szenischen Phantasmen verwendet? In szenischen Phan-
tasmen wird eine Absicht oft als ausgeführte Handlung dargestellt und von mir im
szenisch-phantasmatischen Modus „gesehen“. Das, was ich wünsche oder befürch-
te, geschieht phantasmatisch ‚vor meinen Augen‘. Insofern ist auch der Tagtraum
gelegentlich eine Wunscherfüllung, aber das trifft nicht immer zu.70 Denn es ist zu
beachten, dass die Handlung, obgleich ich sie ‚wie wirklich geschehend‘ sehe, nicht

69
Z. B. die ritualisierte Geste, dass die Niedrigstehenden den H€
oherstehenden ihre Finger in den
Mund stecken oder ihr Handgelenk zum Beißen anbieten, vgl. de Waal, 1997, S. 132.
70
In dieser Hinsicht unterscheiden sich Traum und phantasmatischer Tagtraum sehr. Freud war
der Ansicht, dass die Darstellung im Traum immer zugleich den Charakter der Wun-
scherfüllung hat.
4.2 Formen der nicht-sprachlichen Kommunikation, die ebenfalls in das nicht. . . 135

wirklich ist, denn sie ist nur phantasmatisch vorgestellt und nicht wirklich gesehen.
Zudem hat eine so vorgestellte Handlung manchmal zusätzliche Sinnelemente, die
eine von mir wirklich gesehene Handlung gar nicht haben kann. Ich benutze die
phantasmatisch produzierte Szene also als ein Darstellungsmittel von Inhalten, die
die beabsichtigten Handlungen eines Anderen sind, aber auch seine Absichten
darstellen k€onnen. Schauen wir zurück auf das Verhalten von Peter, der sich in
der Absicht, mir einen Streich zu spielen, meinem Fahrrad nähert. Ich sehe ihn ‚wie
wirklich‘ in meinem Phantasma: Er schaut sich vorsichtig um, aber merkwürdiger-
weise sieht er mich nicht, obwohl er mich sehen müsste, wenn ich ihm so nahe bin.
Aber warum sieht er mich nicht? Nun, weil ich nicht wirklich dabei bin, und weil
diese Handlung nicht real ist, sondern von mir nur vorgestellt wird.
Ich nutze außerdem gelegentlich in der Verbildlichung seiner Absichten über-
zeichnete Elemente seines Handelns, die nur selten bei wirklichem Handeln vor-
kommen. Dies trifft z. B. auf das auffällige Anschleichen an das Fahrrad zu, mit
großen Schritten und gleichzeitigem Sich-Umsehen. Nun bemerke ich sogar: Es
mutet eher wie ein Stummfilm an: Peter mit weit aufgerissenen, dämonischen
Augen und einem hämischen Grinsen. Niemand würde sich in Wirklichkeit so
verhalten, wenn er eine solche Handlung beabsichtigt. Außerdem kann er mich –
der ich ja ‚eigentlich‘ gar nicht dabei bin – provozierend anschauen und grinsen,
wie um zu sagen: Siehst Du, was ich mit deinem Fahrrad mache? All diese
Elemente stammen aus der Semantik des Blicks und des Handelns, aber sie werden
zum Zweck der Darstellung überzeichnet und tragen so zur Charakteristik seiner
Absichten und Haltungen bei. Lassen sie aber nicht damit zugleich die Unwirk-
lichkeit des gesehenen Handelns hervortreten? Dies ist der Fall, aber es ist nicht
alles als unwirklich vorgestellt, denn stelle ich mir auf diese Weise vor: Er hat es
wirklich getan, und sein Grinsen in meine Richtung zeigt mir sein wirkliches Motiv
an, nämlich mich zu ärgern. Die überzogene Weise meiner Darstellung betrifft also
sein wirkliches Motiv und stellt nicht den Unernst meiner Überzeugung bezüglich
seiner wirklichen Täterschaft dar.
Die Semantik des Handelns bietet einerseits eine präzise Information über das,
was der Andere tun will, und auch darüber (durch Ausdruckshandlungen), was er
bei Anderen billigt und was nicht. In der phantasmatischen Dimension steht sie
sprechenden und nicht-sprechenden Lebewesen zur Verfügung, d. h., alles, was ich
beschreibe, gilt wohl auch für Primaten und ihr Denken (vielleicht gilt es sogar für
die meisten Säugetiere).
In Handlungen und symbolisch fungierenden, verkürzten Handlungen k€onnen
auch Aufforderungen liegen, z. B. nach bestimmten Regeln zu handeln. Diese
Regeln k€ onnen durch den einzelnen Anderen, dank seiner Kraft, seinem Rang oder
seiner Macht, aufgestellt sein, sie k€onnen aber auch Regeln sein, die nur von einem
Teil der Gruppe (z. B. Mutterregeln) oder von der ganzen Gruppe akzeptiert und
getragen werden (z. B. Hierarchieregeln). Dabei kann man sogar die allgemeine
Gültigkeit einer solchen Regel mit pantomimischen Mitteln nicht-sprachlich anzei-
gen. Wenn ich mich z. B. wie Hilfe suchend nach Anderen umsehe, die Augen nach
oben drehe und ein Gesicht mache, das bedeuten soll: Alle anderen wissen
Bescheid, nur Du nicht! Natürlich kann dies nur jemand verstehen, der in unserer
136 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

Gruppe lebt und diese konventionellen Hinweise auf Meta-Eigenschaften von


Regeln oder Sachverhalten zu verstehen weiß.
Über die Erfassung des Ziels und des Sinnes von expliziten Ausdruckshandlun-
gen hinaus gibt es auch das Erfassen eines lediglich impliziten Ausdruckssinnes,
den es auch in Handlungen gibt, die scheinbar nur auf die Veränderung der Außen-
welt gerichtet sind. Ich kann z. B. erfassen, dass jemand mit großer Sicherheit
handelt, und auch, ob er z€ogert, dass er sich nicht ganz sicher ist, ob das, was er
tut, wirklich zum Ziel führt, oder ob es nicht Regeln zuwiderläuft, die er und
Andere akzeptieren. So kann ein nur gerade noch wahrnehmbares Verz€ogern der
leiblichen Handlung eine solche Unsicherheit ausdrücken, ebenso wie ein Abwen-
den des Blicks. Auch den Sinn dieser eher unwillkürlichen Ausdrucksm€oglichkei-
ten erfasse ich in der ‚Übersetzung‘ in mein eigenes Handeln und meine eigenen
Erfahrungen mit meinem Handeln, die im Typus solcher Handlungen sedimentiert
sind.71 Ich erfasse die Modi im Agieren des Anderen und in seinem Ausdruck als
Sicherheit, Unsicherheit im Z€ogern, Zurückhalten der Aktion, seine Wut, das
Erschrecken im Über-das-Handlungsziel-hinaus-Schießen, seine Ungeschicklich-
keit usw. Alle diese Ausdruckselemente kann ich daher auch in der szenisch-
phantasmatischen Darstellung verwenden.

4.2.3 Elementare pantomimische Hand- und


Fuß-Kommunikation

Nun soll es um eine weitere Form der Kommunikation gehen, die ebenfalls ohne
den Gebrauch der Sprache funktioniert, ich nenne sie das pantomimische
Hand&Fuß-System (H&F) der Kommunikation. Wenn alle Versuche der Kommu-
nikation mit der Hilfe von Sprache vergeblich sind, dann verwenden wir nämlich
spontan leibbezogene oder konventionell überformte Gesten, Lautmalerei, Panto-
mime und mimische Darstellungen von Gefühlen und Wünschen, um uns ver-
ständlich zu machen.
Wir sprechen zwar normalerweise in unserer Muttersprache oder in erlernten
Sprachen. Wenn wir aber in einem fremden Land einer Person, deren Sprache wir
nicht sprechen, etwas verständlich machen wollen, z. B. einem Taxifahrer mitteilen
wollen, dass wir zum Flughafen gefahren werden m€ochten, so beginnen wir sofort
damit, in pantomimischer Darstellung, leibbezogener Gestik und Lautmalerei un-
seren Wunsch mitzuteilen. Wir zeigen auf ihn und machen die Pantomime des
Lenkens, bilden dabei das Brummen des Motors nach, dann weisen wir auf uns
selbst und vollziehen die Pantomime des Laufens mit getragenen Koffern, dabei
hecheln wir ein wenig, um die Anstrengung, die Dringlichkeit und die Eile zu
betonen, in der wir sind, und schließlich ahmen wir mit der Hand den Start eines
Flugzeugs nach, begleitet von einer lautmalerischen Nachahmung eines startenden

71
Zur Funktion des Typus vgl. Lohmar 2008a, Kap. 6, 7 und 8.
4.2 Formen der nicht-sprachlichen Kommunikation, die ebenfalls in das nicht. . . 137

Flugzeuges. Dies ist ein sehr aufschlussreiches Verhalten: Die Schnelligkeit, die
große Sicherheit in der Wahl der Darstellung und die fraglose Selbstverständlich-
keit, mit der wir dies tun, zeigen nämlich, dass dieser Modus der Repräsentation
eine tiefere Schicht unserer Kommunikationsfähigkeit darstellt. Die verwendete
Semantik ist universell verständlich, denn sie beruht fast nur auf Analogien.72 Man kann
vielleicht sogar behaupten, dass dieser gestisch-pantomimische Modus der Reprä-
sentation immer in uns fungiert, metaphorisch gesprochen, „schläft“ er nie. Das
heißt, er muss nicht erst mühsam ‚erweckt‘, geplant oder erinnert werden, denn er
springt sozusagen sofort an die Stelle der Sprache ein und füllt deren Funktion in
der €
offentlichen Kommunikation aus.
Wir haben am Beispiel des Taxifahrers, dem wir unseren Wunsch verständlich
machen wollten, schnell zum Flughafen gebracht zu werden, gesehen, dass wir
dazu in der Lage sind, nicht-sprachliche Kommunikationsmittel zu nutzen, die aus
Pantomime, Lautmalerei und unkonventionalisierten, leibbezogenen Gesten beste-
hen. Aber ist das, was da geschah, wirklich Kommunikation?
Woran stellen wir fest, dass eine Methode, sich zu verständigen, ein echtes
System der Kommunikation ist? Wir bemerken, dass wir uns mit Anderen über
Gegenstände in der Welt verständigen wollen, und zwar mit Anderen, die die
Sprachen, die wir beherrschen, nicht verstehen (oder die aus verschiedenen Grün-
den nicht sprechen k€onnen oder wollen, z. B. bei Jägern oder Soldaten). Der
motivationale Hintergrund eines solchen bemerkbaren Wollens kann unterschied-
lich sein: Wir wollen jemanden über einen Sachverhalt informieren (Es brennt), wir
wollen schnell zum Flughafen, wir haben Hunger oder Durst, wir wollen wissen,
warum jemand etwas getan hat, was die Bedeutung eines Artefakts ist usw. Schon
Neugier kann also ein ausreichendes Motiv dafür sein, um unsere nicht-sprach-
lichen Kommunikationsfähigkeiten auszuprobieren. – Aber wie sagt man im
H&F System „Was“ und „Warum“? Der Ausdruck des „Was“ k€onnte durch die
Darstellung von Alternativen gelingen, die alle mit der Mimik und der Gestik des
Nicht-Wissens verbunden werden.73 Wir haben diese konventionellen Gesten, wie
z. B. das Hochziehen der Schultern, der Augenbrauen, das Herabziehen der Mund-
winkel usw., in einer kommunizierenden Gemeinschaft gelernt.
Was bemerken wir bei dieser Reflexion auf unsere nicht-sprachliche Kommu-
nikation? Wir sehen, dass die Verständigung nicht einfach ist, dass wir keine Übung
darin haben, die richtigen Gesten und Pantomimen, Geräusche usw. auszuwählen.
Aber dennoch gelingt es uns, denn es gibt einen Grundbestand an analogischen
pantomimischen Ausdrucksm€oglichkeiten, die wir zur Verfügung haben. Natürlich
kann das, was wir pantomimisch bedeuten, auch missverstanden werden. Aber wir
wissen auch, dass solche Missverständnisse mit Hilfe von besser gewählten Analo-

72
Vgl. zur Analogiesemantik hier Abschn. 4.3.
73
Ich denke hier z. B. an die Portugiesin Aurelia, die von dem englischen Schriftsteller Jamie, der
aber nur Englisch spricht, wissen will, was er denn überhaupt für Bücher schreibt: Liebesromane,
theologische Werke oder Kriminalromane? All dies k€ onnen beide leicht mittels Pantomime
achlich Liebe, Regisseur: Richard Curtis, GB 2003).
ausdrücken. (Tats€
138 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

gien – sozusagen in nicht-sprachlicher Rede und Gegenrede – wieder aufgel€ost


werden k€ onnen.
Wir bemerken zudem, dass der Gebrauch unserer Pantomimen und Lautmale-
reien noch weiteren Maßstäben unterliegen, z. B. denen der guten Sitten, die wir
über die Sprachgrenzen hinweg akzeptieren. Um die Grenzen des guten Anstands
zu wahren, muss ich bei der Auswahl meiner Darstellungsmittel vorsichtig sein,
und diese Rücksichtnahme beschränkt die Effektivität der Kommunikation. Ein
Kollege mit romanischer Muttersprache erzählte mir eine Geschichte, die er selbst
erlebt hatte: Auf einer Konferenz in einem Land, dessen Sprache er nicht mächtig
war, musste er einem dringenden leiblichen Bedürfnis nachgehen, er musste uri-
nieren. Aber es stellte sich heraus, dass alle Versuche, mit anderen Personen über
die genaue Lage der Toiletten zu kommunizieren, vergeblich blieben. Er benutzte
ihm bekannte Symbole wie z. B. das Zeichen OO und WC, die im deutschen
Sprachbereich als Bezeichnungen gängig sind. Vergeblich. Auch andere Versuche,
mit Hilfe von Pantomime sein dringliches Bedürfnis mitzuteilen, hatten keinen
Erfolg.74 Schließlich half nur eine volle pantomimische und lautmalende Darstel-
lung der Tätigkeit, die er anstrebte, und sofort wurde ihm der richtige Weg
gewiesen. Aber vor dieser deutlichen Form der Darstellung schreckte er solange
zurück, bis ihm die Not keinen anderen Ausweg mehr ließ. Das Den-richtigen-
Ausdruck-suchen-Müssen ist also nicht auf sprachliche Kontexte beschränkt.
Wir müssen also die schicklichen Ausdrücke auch in der nicht-sprachlichen
Kommunikation wählen und dabei die Regeln des Anstands wahren. Wir ringen
gelegentlich um den richtigen Ausdruck, und dies gilt auch in nationalen Sprachen,
die wir gut kennen. Und die Ausdrücke müssen nicht nur schicklich, sondern auch
dem Zweck entsprechend, d. h. Erfolg versprechend, sein. Habe ich z. B. einer
jungen Dame gegenüber amour€ose Absichten, so wäre eine pantomimisch-
lautmalende Darstellung der gewünschten Interaktion sicher wenig Erfolg verspre-
chend, mehr Aussicht auf Erfolg haben hier ein verliebter Blick und ein Gespräch
über ihre sch€onen Augen. Die Regeln des Anstands, der Situation usw. in den
nationalen Sprachen entsprechen zum Teil denen der nicht-sprachlichen Kommu-
nikation.75
Wie leistungsfähig ist dieses nicht-sprachliche System der Kommunikation?
Kann man im H&F-System z. B. über die Vergangenheit oder die Zukunft spre-
chen? Ich m€ ochte dazu ein Beispiel aus einem klassischen Genre geben: Jagdge-
schichten. Stellen Sie sich vor, dass mehrere Jäger sich am Abend begegnen und
ihre Jagderfolge mitteilen wollen. Der eine will über das Erlegen eines Tieres am
gestrigen Morgen berichten. Hierzu weist er mit seinem Finger auf die unterge-
hende Sonne im Westen, dreht dann aber den Arm, dem vergangenen Tageslauf der

74
Wahrscheinlich hätte eine pantomimische Darstellung des Händewaschens – „Where can I wash
my hands?“ – sofort weitergeholfen, aber um dieses Bild zu kennen, hätte er die spezifisch
englische Formel kennen müssen.
75
Dies zeigen auch die Darstellungen begabter Pantomimen, vgl. Simon 1960 und Soubey-
ran 1963.
4.3 Konventions-Semantik und Ähnlichkeits-Semantik 139

Sonne folgend, zurück nach Osten („heute morgen“) und beschreibt anschließend
noch einmal einen halben Kreis von Westen nach Osten („noch einen Tag zurück“),
jetzt wieder auf den Platz der aufgehenden Sonne weisend („gestern morgen“).
Dann, nachdem er auf sich selbst gewiesen hat, stellt er sich pantomimisch als Jäger
dar, lauernd und leise sich bewegend, aufmerksam schauend. Ein Ruck geht durch
seinen K€ orper, seine Augen €offnen sich weit, er weist auf das Wild hin, das er
gesehen hat. Das Wild wird durch eine kleine Pantomime mit den Händen als Hase,
als kleines Reh, als großer Hirsch, als Bär usw. gekennzeichnet. Dann folgt die
pantomimische Darstellung des Anschleichens, leisen Anpirschens und Wartens,
die Aufnahme der Waffe, die Darstellung des Erlegens oder Verfehlens usw. Das
H&F-System ist sehr leistungsfähig und passt sich flexibel seinen Themen
an. Zudem scheint es auf beeindruckende Weise wach und vital zu sein, denn es
springt sozusagen sofort an die Stelle der sprachlichen Kommunikation auf der
Basis der Konventions-Semantik ein. Es ist jederzeit bereit und fähig, diese Funk-
tion auszufüllen.
Weiterhin drängt sich die Frage auf, warum das H&F-System noch nicht kon-
ventionalisiert worden ist, denn dies wäre für Systeme der €offentlichen Kommuni-
kation eigentlich natürlich und nahe liegend. Hierzu Folgendes: Das H&F-System
ist ein System €offentlicher Kommunikation, das sozusagen immer im Zustand des
Anfangs bleibt. Es ist daher noch nicht zu einem Standard der Kommunikation
geworden. Wenn es dies werden würde, dann würde sofort eine Normierung der
Verwendung seiner Zeichen einsetzen, die in kurzer Zeit schon ein konventionali-
siertes, nationalsprachliches H&F-System aus ihm machen würde. Diesen Fall
kennen wir auch, denn die nationalen Gestensprachen sind zwar zu einem großen
Teil noch an ursprünglichen, leibbezogenen Gesten und Ähnlichkeiten orientiert,
aber sie unterscheiden sich doch erheblich. Man muss sie daher lernen, weil sie zu
einem ebenso großen Teil auf Konventionen beruhen, im Gegensatz zum „über-
nationalen“ H&F-System, das eine Ähnlichkeits-Semantik zur Grundlage hat, die
jeder beherrscht, der entsprechende Erfahrungen hat.

4.3 Konventions-Semantik und Ähnlichkeits-Semantik

In dieser Darstellung haben wir bereits mehrere nicht-sprachliche Repräsentations-


Systeme kennen gelernt: Das basale szenisch-phantasmatische System, die Blick-
Kommunikation, die Handlungs-Kommunikation und zuletzt das Hand&Fuß-Sys-
tem der Kommunikation mit pantomimischer, gestischer, onomatopoetischer und
mimischer Darstellung. Ich glaube, dass alle Menschen diese nicht-sprachlichen
Repräsentationssysteme beherrschen, hierfür habe ich Argumente und Belege vor-
gebracht. Aber nun müssen wir uns fragen: Warum beherrschen wir diese Reprä-
sentationssysteme? Haben wir sie irgendwann gelernt, oder sind es angeborene
Fähigkeiten?
Meiner Ansicht nach ist keine der beiden Alternativen ‚gelernt‘ oder ‚angeboren‘
wirklich zutreffend. Ich betrachte zunächst den Fall der €offentlichen Kommunikation
140 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

mit dem H&F-System. Nehmen wir zuerst an, dass das Hand&Fuß-System erlernt
sei, dann muss uns diese Sprache irgendwie durch Vertreter der Gemeinschaft, z. B.
Mutter und Vater, beigebracht worden sein. Das Problem dabei ist, dass alle unsere
Erfahrungen über das Erlernen, die Verwendung und die Verbreitung von Sprachen
sagen, dass eine „Sprache“, also ein System €offentlicher Kommunikation, in jeder
Gemeinschaft normierend überformt wird. Eine menschliche Gemeinschaft lebt in
der Ausprägung von Normen, Regeln, die alle m€oglichen Handlungen betreffen,
und natürlich auch die Sprache und die Kommunikation. Ein System der Kommu-
nikation, das €offentlich funktioniert, wird deshalb schnell von regionalen Verwen-
dungsregeln geprägt sein. Daher wird es auch nicht mehr universal verständlich
sein, weil sich die Konventionen von Gemeinschaften regional unterscheiden.
Nicht nur die sich spontan ausprägenden regionalen Gestensysteme, sondern auch
die standardisierten nationalen Gestensprachen (ASL, deutsche Gestensprache, . . .)
sind sehr verschieden. Lernen von der Gemeinschaft und ihren Vertretern kann also
nicht der Grund für unsere Fähigkeit sein, das universal verständliche H&F-System
zu verwenden. – Man k€onnte nun annehmen, dass die beiden nicht-sprachlichen
Repräsentations-Systeme (SPS und H&F) irgendwie angeboren seien, d. h. dass wir
sie schon von Geburt an beherrschten. Aber das mutet der Ausstattung unserer
Subjektivität wiederum zu viel zu, denn ich muss alle Kenntnisse über Ähnlich-
keiten erwerben, weil dies die Grundlage der analogischen Semantik ist, bevor ich
sie als Basis einer szenischen oder pantomimischen Darstellung nutzen kann.
Viel wichtiger ist, dass beide Systeme (SPS und H&F) die gleiche Semantik
gebrauchen, nämlich die Ähnlichkeits-Semantik. Das bedeutet, dass alle Darstel-
lungsmittel, die diese beiden Repräsentationssysteme verwenden, auf einer Ähn-
lichkeit zwischen dem Darstellenden und dem Dargestellten bzw. zwischen Symbol
und Symbolisiertem beruhen. So ahme ich z. B. den Klang eines startenden Flug-
zeuges mit meiner Stimme nach, und mit meiner Hand pantomime ich koordiniert
die Bewegung des startenden Flugzeugs. Die bewegten Bilder und Szenen sind den
gemeinten Verhältnissen und Ereignissen ähnlich. Der Peter, den ich phantasma-
tisch sehe, ist dem wirklichen Peter ähnlich, das phantasmatisch vorgestellte
Geschehen ist dem wirklichen ähnlich usw.
Diese Charakteristik der Ähnlichkeits-Semantik steht im striktesten Gegensatz
zu der normalen Semantik von Nationalsprachen, die alle auf Konventionen beru-
hen und vom einzelnen Subjekt erlernt werden müssen. Aus diesem Grund nenne
ich die normale Semantik eine Konventions-Semantik, denn die Worte einer Nati-
onalsprache haben in der Regel keinerlei Ähnlichkeit mit dem, was sie bezeichnen
(von wenigen lautmalerischen Ausnahmen abgesehen: Wau-Wau, Muh-Kuh,
Kuckuck usw.).
Konventionen setzen eine normierende und erziehende, vor allem aber eine
bereits kommunizierende Gemeinschaft voraus. Sie bestimmt in ihrer laufenden
Kommunikation die Bedeutung von Elementen der Sprache aufs Genaueste und
überwacht deren regelgerechte Verwendung. Kommunizierende Gemeinschaften
normieren jedes Element des Verhaltens und natürlich auch die Weise der Kom-
munikation. Man kann hier von Konventionen mit nicht-ausdrücklicher Einstim-
mung sprechen, denn tatsächlich gibt es wenige Gelegenheiten, bei denen sich
4.3 Konventions-Semantik und Ähnlichkeits-Semantik 141

gleichberechtigte Subjekte explizit auf eine gemeinsame sprachliche Konvention


einigen. Meistens genügt das widerspruchslose Einstimmen in eine Regel, die
schon vorweg besteht. Hierbei gibt es eigentlich keine freien Konventionsakte,
sondern meistens herrscht eine bereitwillige Annahme vorliegender Konventionen
vor. Der Einzelne – insbesondere das Kind – strebt von sich aus nach m€oglichst
perfekter Anpassung, damit seiner Anerkennung durch die Gruppe nichts mehr im
Weg steht. Deswegen ist das Erlernen einer Nationalsprache für ein Kind auch nicht
nur an das regelmäßige Zusammen-Vorkommen von bestimmten Gegenständen
und entsprechenden Lautäußerungen seiner Eltern (im Sinne der Kontiguitätsasso-
ziation) gebunden, sondern die Bedeutung und die Verwendung von sprachlichen
Ausdrücken werden von Anfang an von der Gemeinschaft als Norm und mit
Sanktionen durchgesetzt. Eltern korrigieren den korrekten Wortgebrauch ihres
Kindes.
Man k€ onnte den Kontrast beider Typen von Semantik zuspitzen, indem man von
einer nat€ urlichen Ähnlichkeits-Semantik und einer k€ unstlichen Konventions-
Semantik spricht. Aber diese Charakterisierung trifft eigentlich nicht recht zu, denn
für kommunizierende Gemeinschaften ist die Ausarbeitung von solchen Konven-
tionen etwas ganz Natürliches. Was wir in diesem Fall mit ‚künstlich‘ meinen, ist,
dass das Resultat der Konventionalisierung auf unvorhersehbare Weise regional
verschieden ist und es deshalb auf sich selbst erhaltende, regionale Normen und
Traditionen zurückweist.
Die Verbindung von Zeichen und Bezeichnetem wird in Nationalsprachen nor-
miert, und sie muss daher von jedem Subjekt neu erlernt werden, aber wir empfin-
den die konventionellen Verbindungen als „normal“, und die richtige Verwendung
zur Bezeichnung von Gegenständen, Handlungen und Ereignissen wird von uns
mehr gef€ uhlt als aus Gründen verstanden und gewusst.76 Die Bedeutungszuweisung
ist so, „wie wir hier sprechen“. Aber wegen der Regulierung durch gemeinschaft-
liche Normen ist die Semantik dieses Repräsentations-Systems immer auch künst-
lich, weil es regional orientiert ist. Sie beruht auf regionalen Konventionen.
David Hume hat den Begriff Kontiguität eingeführt, um damit eine assoziative
Verbindung zu bezeichnen, die sich auf Grund von regelmäßigem und wieder-
holtem Zusammen-Vorkommen zweier Dinge in Raum und Zeit einstellt (z. B.
zwischen den Zimmern eines Hauses). Natürlich geht es beim Lernen einer Sprache
nicht nur um Berührungen in Raum und Zeit, denn dabei ist immer ein starkes
Element der Normierung wirksam. Nationalsprachen mit normativer Regelung
beruhen also auf einer Konventions-Semantik, die Zeichen und Bezeichnetes nach
gemeinschaftlich akzeptierten Regeln miteinander verbindet. Wir müssen sie ler-
nen, aber wir lernen sie gerne, einschließlich des regionalen Dialekts, denn wir
erreichen auf diese Weise den Status eines akzeptierten Mitgliedes unserer Gemein-
schaft. Wir werden mit Anerkennung belohnt, wenn wir die Regeln richtig anwen-
den sowie bestraft, wenn wir dies nicht tun.

76
Vgl. hierzu Husserls 1. Logische Untersuchung, wo er schreibt, dass sich die Bedeutung eines
Ausdrucks diesem durch Assoziation „fühlbar“ auflegt. Vgl. Hua XIX/1, S. 36 f., 191.
142 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

Nun zeigt sich sowohl bei dem Hand&Fuß-System (H&F) der Kommunikation
wie auch bei dem System der szenischen Phantasmen (SPS) für das nicht-
sprachliche Denken eine wichtige Gemeinsamkeit: Beide unterstehen nicht einer
Konventions-Semantik, sondern sie beruhen im Gegensatz dazu beide auf einer

Ahnlichkeits-Semantik, d. h. alle Zeichen und Darstellungsformen, die sie verwen-
den, sind dem Dargestellten ähnlich. Meine phantasmatischen Vorstellungen sind
dem Gegenstand und dem Ereignis, das ich denke, ähnlich. Und dies trifft auch auf
das H&F-System zu: Wenn ich das Geräusch eines Flugzeugs oder eines Autos
nachahme, so gut ich kann, so ist dieses Darstellungsmittel dem Dargestellten
weitgehend ähnlich. Aus diesem Grund müssen wir die Darstellungsweisen nicht
von anderen Mitgliedern der Gruppe lernen. Andererseits beherrschen wir sie nicht
von Kindheit an, denn die Ähnlichkeits-Assoziationen müssen durch eigene Erfah-
rung erst etabliert werden. Wir müssen erst ein startendes Flugzeug geh€ort und
gesehen haben, damit wir dieses Geräusch und die Bewegung als analogisches
Symbol für ein Flugzeug verwenden k€onnen.
Nun haben wir so viel über Semantik geh€ort, wie steht es denn mit der Syntax in
diesen beiden nicht-sprachlichen Repräsentations-Systemen? Denn auch die Erfor-
dernisse der Syntax sind in beiden Systemen erfüllt. Die Regeln der Syntax – so wie
wir sie für Sprachen kennen und von da aus verallgemeinern k€onnen – sollen vor
allem klar machen, wer die handelnde Person ist, mit welchen Gegenständen sie
handelt, und wer die leidende Person ist, in welcher zeitlichen Reihenfolge die
Phasen eines Ereignisses zueinander stehen usw. Und sie sollen eine Verkettung
und Kombination von Teilen regeln, die jeweils eigenständige Themen haben. Dies
leistet in beiden nicht-sprachlichen Systemen (SPS und H&F) eine narrative
Syntax, indem nämlich die Reihenfolge der Darstellungen der Reihenfolge des
Erzählten entspricht. Die szenischen Phantasmen sind immer in eine kleine
Geschichte eingebunden, die eine interne Ordnung der Zeit mit sich bringt.
Im szenisch-phantasmatischen System „sieht“ man zudem, wer handelt (wenn
ich es selbst bin, weist nur die visuelle Perspektive auf mich hin), was getan wird,
wer leidet, und in welcher Reihenfolge die Geschehnisse ablaufen. Im H&F-System
werden diese Personen durch Pantomime oder hinweisende Gesten (auf mich oder
Andere) präzisiert, ebenso wie die Handlungen und ihre Reihenfolge. Beide Sys-

teme nutzen Ahnlichkeits-Semantik und eine narrative Syntax.
Diese Verbindung wirft ein Licht auf die Frage, wie denn das H&F-System der
Kommunikation, die universelle Ur-Sprache der nicht-normierten Gesten, Lautma-
lerei und Pantomimen auf der Basis analogischer Semantik überhaupt bis heute
„überleben“ konnte. Denn sie hat nicht nur überlebt, sondern ist so leistungsfähig
und flexibel wie zu allen Zeiten. Warum wurde sie nicht, wie fast alle anderen
Kommunikations-Systeme durch Konventionen nationalisiert und regionalisiert?
Warum ist sie nicht von den leistungsfähigeren Systemen der Sprache mit
Konventions-Semantik endgültig verdrängt worden?
Es k€
onnte natürlich sein, dass die Ur-Sprache des H&F-Systems als ein bloßer
nicht-schädlicher Atavismus überlebt hat. Das k€onnte aber nicht ihre Vitalität und
unser waches Bewusstsein ihrer Brauchbarkeit erklären. Andererseits hat sie einen
4.4 Gibt es das szenisch-phantasmatische System auch bei Tieren? –. . . 143

großen evolutionären Nutzen, denn sie unterläuft sozusagen die Grenzen der
Nationalsprachen, die sich überall regionalisiert verfestigen. Sie erm€oglicht näm-
lich Kommunikation auch noch dort, wo sie auf der Basis der Sprache nicht
m€oglich wäre. – Die Vitalität, Flexibilität und Selbstverständlichkeit des Gebrauchs
des H&F-Systems der Kommunikation fordert aber noch eine andere Erklärung:
Der wichtigste M€oglichkeitsgrund für die Vitalität des H&F-Systems der Kommu-
nikation ist das immer noch arbeitende szenisch-phantasmatische System des
Denkens, in dem alle die analogischen Modi der Repräsentation stets lebendig
vollzogen werden. Diese dauernde Einübung analogischer Modi der Darstellung
verleiht dem H&F-System seine bleibende Vitalität: Weil wir immer noch ohne
Sprache denken k€ onnen, k€onnen wir auch ohne sie kommunizieren.

4.4 Gibt es das szenisch-phantasmatische System auch bei


Tieren? – Tagträume bei Ratten

Die ganze Vielfalt von nicht-sprachlichen Systemen der Kommunikation kann auch
im vollen szenisch-phantasmatischen System zum nicht-sprachlichen Denken ver-
wendet werden. Zudem liegt nahe, dass wir mit dem SPS eventuell auch einen
Modus des Denkens bei Tieren entdeckt haben. Ob Tiere nun wirklich auf diese
Weise denken oder nicht, ist eine empirische Frage, die andere Wissenschaften
untersuchen k€onnen, z. B. die vergleichende und experimentelle Psychologie, die
Neurologie usw. Bislang habe ich mich mit den Mitteln der phänomenologischen
Empirie nur mit dem menschlichen Bewusstsein beschäftigt. Hier gibt es das nicht-
sprachliche neben und gleichzeitig mit dem sprachlichen System, aber es ist sehr
wahrscheinlich, dass das szenisch-phantasmatische System auch ein Redundanz-
system ist, welches wir mit h€oher entwickelten Tieren gemeinsam haben. In diesem
Kapitel sollen deshalb empirisch-naturwissenschaftliche Forschungen diskutiert
werden, die zeigen, dass auch hochzerebralisierte Säugetiere das szenisch-
phantasmatische System oder Teilsysteme davon verwenden.
Auf diese Weise wird klar, was die Tagträume von Ratten mit unserem Thema
zu tun haben. Wenn unsere bisherigen Analysen der subjektiven Erscheinungsweise
des nicht-sprachlichen Denkens beim Menschen auch auf Tiere zutreffen, dann
fragt sich, wie die empirischen Befunde dafür aussehen müssten, damit sie uns
überzeugen k€onnen. Ein deutliches Indiz für die Fähigkeit zu einem szenisch-
phantasmatischen Modus des Denkens dürfte die Fähigkeit zu komplexen Träumen
sein, die mit motorischen Phantasmen sowie visuell und emotional ausgestaltet
sind. Ferner wären für Tiere mit großer Wahrscheinlichkeit auch außerhalb des
Traums wiederkehrende szenische Phantasmen als Grundlage des alten, nicht-
sprachlichen Systems des Denkens zu erwarten, also so etwas wie unsere Tag-
träume. Diese Szenen müssten ferner auch dann vorkommen k€onnen, wenn die
144 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

Tiere gerade nicht aktiv in Handlungen einbezogen sind, sondern wenn sie in
Ruhephasen über die m€oglichen erfolgreichen Varianten ihres Handelns „nachden-
ken“. Diese variierenden Wiederholungen sollten außerdem unabhängig von der
jeweiligen Situation und unabhängig von einem sinnlichen Anreiz sein. Es sollte
dazu eine nachvollziehbare und statistisch zuverlässige Methode für die Identifika-
tion der gerade gedachten Inhalte geben. Außerdem müssten die wiederholten
Szenen gelegentlich Variationen aufweisen und darüber hinaus manchmal ganz
neue Vorstellungen bieten (Pläne für Handlungen), und im idealen Fall sollten sich
auch Veränderungen im Verhalten aufzeigen lassen, die diesen gedanklich erprob-
ten Modifikationen entsprechen.
Auch bei den Vorstellungen einsamer (also mit ihrem Denksystem nicht kom-
munizierender) Denker gibt es die M€oglichkeit von Variationen der Reihenfolge
der Vorstellungen. Betrachten wir z. B. eine Reihe von Vorstellungen, die das
Durchlaufen eines Labyrinths darstellen, dann muss es z. B. die Darstellung dieses
Weges geben (Wiederholung). Am Ende angekommen, muss es aber auch die
M€oglichkeit der Umordnung der Vorstellungen für den „Rückweg“ geben (einfache
Umkehrung). Dies ist eine Weise des Lernens aus Erfahrung.77 Vielleicht lassen sich
aber auch Vorstellungssequenzen nachweisen, die neue Wege aus bereits bekann-
ten Wegen kombinieren, dies würde für ein Denken auf der Basis der Erfahrung
sprechen.
All dies würde voraussetzen, dass sich jemand mit dem Thema Traum und
Tagträumen bei Tieren beschäftigt und dass er eine Methode benutzt, die es erm€og-
licht, mit statistisch verlässlicher Wahrscheinlichkeit auf den Inhalt der Tagträume
zu schließen. Erstaunlicherweise gibt es solche Untersuchungen in verschiedenen
Arbeitsgruppen von Matthew Wilson. Er wies im Jahr 2001 nach, dass Ratten
komplexe Träume haben, die – so die erste Arbeitshypothese – in gewisser Weise
die Erfahrungen wiederholen, die sie tagsüber in dem zu experimentellen Zwecken
angelegten Labyrinth machen.
Mittlerweile gibt es ein großes Interesse an dem Thema des hippocampal
Replay. Es gibt darüber hinaus bereits Deutungen dieser Ergebnisse, die in eine
ähnliche Richtung gehen wie unsere Untersuchungshypothesen über die Funktion
von Tagträumen für das Denken von Tieren. James J. Knierim schreibt: „It is hard
to resist the speculation that these reactivation events are a correlate of the rat’s
thinking (to the extent that rats can think) about other parts of the track and about its
recent experiences at locations other than its current position“.78
Das Interesse an den Aktivitäten des Hippocampus beruht auf dem Wissen, dass
dieses relativ kleine Areal des Gehirns wesentlich mit Gedächtnisleistungen verbun-
den ist. Personen, denen man dieses Areal aus Krankheitsgründen entfernen musste,

77
Denkbar wäre auch die Vertauschung einzelner Elemente mit ähnlichen Schwierigkeiten aus
anderen Labyrinthen, damit das dort erfolgreich Gelernte auf den aktuell geplanten Fall „über-
tragen“ werden kann. So kann in die Folge der Schwierigkeiten (charakteristischen Stellen)
durchaus einmal eine Stelle aus einem anderen Labyrinth eingefügt werden, in dem es z. B. eine
andere L€osung für einen Engpass gab (etwa nach oben auszuweichen).
78
Knierim 2009.
4.4 Gibt es das szenisch-phantasmatische System auch bei Tieren? –. . . 145

erlitten oft einen vollständigen Verlust des Langzeitgedächtnisses. Daher stehen die
meisten Untersuchungen der Aktivitäten des Hippocampus im Kontext von Hypo-
thesen über dessen Funktion bei der Verfestigung kurzzeitiger Erinnerungen. Eine
der Forschungshypothesen war, dass der Hippocampus für die Kompression und
Verfestigung der relevanten Inhalte des Kurzzeitgedächtnisses im Langzeitgedächt-
nis verantwortlich sei. Einen m€oglichen Mechanismus für diese Leistung sah man in
der Wiederholung von wirklich erlebten Sequenzen (replay).79 Was man jedoch bei
der Untersuchung der neurologischen Aktivität des Hippocampus entdeckte, war in
vielen Hinsichten etwas Anderes als das, was man auf Grund der Anfangshypothesen
erwartet hatte. – Meiner Ansicht nach stellt es einen wichtigen Teil eines einfachen
Denk-Systems auf der Basis von szenischen Phantasmen dar.
Bei Ratten fand man bei der Untersuchung des Hippocampus Replays erlebter
Sequenzen der Orientierung in einem Labyrinth, und zwar zunächst bei schlafenden
Ratten.80 Eine weitere Vermutung, die eng mit der Idee der Gedächtniskonsolidie-
rung zusammenhängt, war die Vorstellung, dass es im Hippocampus so etwas wie
Ortszellen (place cells) gibt, die nach einem induzierenden Durchlaufen des Laby-
rinths dazu tendieren, in derselben Reihenfolge zu feuern. Dies verband die Ar-
beitshypothese der Konsolidierung des episodischen Kurzzeitgedächtnisses mit der
Vorstellung, dass sich durch Erfahrung, Übung (und Wiederholung) eine Art
Landkarte (cognitive map) im Hippocampus ausbildet, die man sich als ein neuro-
nales Analogon räumlicher Verhältnisse dachte.
Später konnte man zeigen, dass es auch in entspannten Wachzuständen bei
Ratten Replays gab.81 Interessanterweise erwiesen sich dann bei weiteren Unter-
suchungen die Wiederholungen im Wachzustand als wesentlich flexibler als die im
Schlafzustand. So ließen sich im wachen Zustand sowohl Vorwärts-Replays als
auch Rückwärts-Replays nachweisen,82 die man an charakteristischen neuronalen
Aktivitätsmustern festmachen konnte, die sich an markanten Punkten des Laby-
rinths ergaben. War die durchlaufene Strecke mit bestimmten markanten Schwie-
rigkeiten z. B. als A, B, C charakterisiert, die anhand ihres Aktivitätsmusters
sowohl im aktiven Durchlaufen als auch im Replay identifizierbar waren, so stellte
man fest, dass auch eine Umordnung C, B, A vorkommen konnte. Es gab also eine
gewisse Unabhängigkeit des Replay von dem ursprünglichen Erlebnis und dessen
Reihenfolge. Außerdem ließ sich eine synchrone neuronale Aktivität in visuellen
Zentren des Gehirns nachweisen, so dass wir die Replays durchaus als eine Art
visueller Wiederholungen interpretieren dürfen, also als eine Art Tagtraum.83 Diese
Einsicht wurde noch durch die Beobachtung verstärkt, dass die Häufigkeit der
Replays im wachen Zustand nicht einfach von der zeitlichen oder räumlichen Nähe

79
Vgl. Wilson und McNaughton 1994 und Derdikman und Moser 2010.
80
Vgl. Skaggs und McNaughton 1996; Lee und Wilson (2002); Louie und Wilson (2001) und
Wilson und McNaughton 1994.
81
Vgl. Foster und Wilson 2006.
82
Vgl. Davidson et al. 2009; Diba und Buzsáki 2007; Foster und Wilson 2006.
83
Vgl. Ji und Wilson 2007.
146 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

zu dem ursprünglichen Labyrinth abhing, also nicht durch Bahnung und Triggern
ausgel€ost wurden.84 Dennoch ließen sich alle diese Ergebnisse noch mit der ur-
sprünglichen Hypothese vereinbaren, dass die Funktion der Replays im Hippocam-
pus ein Mechanismus zur Konsolidierung und Verfestigung von episodischem
Gedächtnis sei.
Werfen wir nun auch einen Blick auf die Methoden, die zu den entscheidenden
Einsichten geführt haben. Die Frage ist: Wie kann man in kleinen Gehirnarealen die
Aktivität von Neuronen so aufzeichnen, dass sich ein charakteristisches Muster der
neuronalen Aktivität zeigt, das einer „Stelle“ oder einer „Schwierigkeit“ in einer
komplexen Handlung, z. B. dem Durchlaufen eines Labyrinths, statistisch verläss-
lich zugeordnet werden kann? Die Methode, die dies leistet, ist das single neuron
recording. Hierzu muss ich kurz auf die Forschung über Spiegelneuronen eingehen,
bei der dieses Verfahren verwendet und verfeinert wurde. Bei dem single neuron
recording wird die Aktivität von einzelnen Neuronen in einer kleinen Region des
Gehirns eines Versuchstiers beobachtet. Die Methode ist „sehr invasiv“, d. h. es
werden hunderte Mikroelektroden ins Gehirn des Versuchstiers eingepflanzt. Aus
diesem Grund ist das Verfahren wohl auch noch nicht auf Menschen angewandt
worden. Mittlerweile kann man mit dieser Methode die elektrischen Potentiale
mehrerer hundert Neuronen gleichzeitig präzise aufzeichnen, ihre Aktivität doku-
mentieren und danach statistisch auswerten.
Ich beziehe mich nun zur Erläuterung dieser Methode auf Untersuchungen von
G. Rizzolatti und V. Gallese, die diese auf die Spur der Spiegelneuronen im Motor
Cortex geführt haben. Der Motor Cortex ist für die Steuerung unserer Bewegungen
zuständig. Die Methode des single neuron recording ist so genau, dass man z. B. bei
einer Beobachtung eines sehr kleinen spezialisierten Areals des Motor Cortex jedem
einzelnen Typ von kleinen Handbewegungen (precision grip) jeweils ein einzigartiges
Muster der neuronalen Aktivität zuordnen kann. Dieses Muster kann bei der gleichen
Bewegung immer statistisch zuverl€ assig als dasselbe identifiziert werden. Das heißt:
Wenn eine Versuchsperson einen kleinen Gegenstand mit der rechten Hand ergreift
und dann im Gelenk nach rechts dreht, um den Gegenstand von der anderen Seite zu
sehen, entsteht ein charakteristisches Muster der neuronalen Aktivität, das in allen
weiteren Fällen statistisch zuverlässig identifiziert werden kann. Es unterscheidet sich
z. B. deutlich von dem entsprechenden Aktivitätsmuster der gleichen Drehung der
Hand nach links (und von allen anderen Bewegungen). Hiermit konnte also wenigs-
tens in einem sehr kleinen Bereich die statistisch zuverlässige Identifikation eines
neuronalen Aktivitätsmusters mit einem Inhalt des Bewusstseins geleistet werden.85
Vergleichbare Fragestellungen an Menschen wurden mit einer anderen Methode
versucht, die mit berührungslosen, computergestützten Verfahren das Niveau der

84
Vgl. Davidson et al. 2009 und Karlsson und Frank 2009.
85
Man k€onnte einwenden, dass eine so unbedeutende leibliche Bewegung eigentlich kein voll-
wertiger Inhalt des Bewusstseins ist. Manche unserer Bewegungen sind ganz unwillkürlich, viele
sind so unbedeutend, dass ihre Regelung sozusagen „untergeordneten“ leiblichen Instanzen
überlassen werden kann, die gar nicht bewusst werden.
4.4 Gibt es das szenisch-phantasmatische System auch bei Tieren? –. . . 147

Erregbarkeit (level of arousal) einer Hirnregion untersuchen, und diese sind weni-
ger präzise.86 Dennoch sieht man hier die Richtung der experimentellen Unter-
suchungen schon klar vorgezeichnet. Das Interesse an der Identifikation von Be-
wusstseinsinhalten ist geweckt, und die Methoden müssen diesem Interesse noch
angepasst und weiter verbessert werden.87
Eine Reihe von neuen Einsichten zu den Replays im Hippocampus sind einer
rezenten Untersuchung von Gupta et al. (2010) zu verdanken, die die bisher leitende
Forschungshypothese der Gedächtniskonsolidierung durch Replays in Frage stell-
ten.88 Gupta et al. untersuchten 2010 die neuronalen Aktivitäten im Hippocampus
von Ratten, die in dem experimentell zugrunde liegenden Labyrinth zwei alter-
native Wege zur Auswahl hatten, welche sich stückweise überlappen. Dabei wurde,
basierend auf der gemessenen neuronalen Aktivität, auch die jeweilige Route
rekonstruiert, die dieser Aktivität entspricht. Man k€onnte sagen, dass auf diese
Weise die Folge der Orte bestimmt wird, an die die Ratte jeweils „denkt“ bzw. die
sie sich „vorstellt“, während sie sich physisch an einer anderen Stelle befindet.
Beobachtet wurde nicht nur die Wiederholung von bekannten, bereits selbst began-
genen Wegen ( forward replay) und noch nicht begangenen Rückwärts-Wegen
(backward replay), sondern beachtenswerterweise trat auch eine starke Tendenz
zur Erweckung von Wegvorstellungen der alternativen 2. Route auf (opposite side
replay), und zwar unabhängig von dem Ort, an dem sich die Ratten jeweils befan-
den. Zudem wurde bei einer Ratte die Konstruktion eines neuen Weges nachge-
wiesen, den sie in dieser Weise bisher nachweislich nicht begangen hatte, obwohl
sie deren Teile jeweils kannte (constructed route replay).
Es ging Gupta et al. auch darum, die bisher leitende Forschungshypothese der
Konsolidierung des Gedächtnisses kritisch zu befragen, d. h. die Ansicht, dass das
Replay (oder backward replay) lediglich vorher selbst erfahrene Routen wiederholen
kann, um diese zu verfestigen. Gupta et al. gingen von folgenden empirisch prüfbaren
Konsequenzen dieser Hypothese aus: 1. Je mehr Erfahrung eine Ratte mit einer der
beiden Routen hat, umso mehr Replay-Ereignisse mit dieser Spur müssten vorkom-
men. 2. Die Replays müssten stärker mit kurz zurückliegenden Erinnerungen ver-
bunden sein als mit zeitlich ferner liegenden. 3. Replays k€onnen nur solche Routen
wiederholen, die die Ratten bereits selbst beschritten haben. Alle drei nahe liegenden
Konsequenzen erwiesen sich als falsch. Das bedeutet auch, dass die Interpretation als
eine simple kausale Verursachung oder ein bloßes Ausl€osen einer durch Bahnung
vorgeprägten Reaktion für diese Leistung nicht zutreffen kann.

86
Vgl. Fadiga et al. 1995.
87
Man fragt sich natürlich, wie diese Entwicklung weitergehen wird. Es k€ onnte daher
m€oglicherweise der Tag kommen, an dem es eine Art Geistlese-Maschine (mindreading machine)
gibt, die mit großer statistischer Wahrscheinlichkeit darüber Auskunft geben kann, was eine
Person jetzt gerade denkt, will und fühlt. Dies ist keineswegs Science Fiction, sondern nur eine
einfache Interpolation von länger etablierten Forschungsinteressen. Bereits die Erfindung des
Lügendetektors zielte auf die Erforschung des Inhalts unserer Gedanken ab.
88
Vgl. Gupta et al. 2010. Zur Darstellung verwende ich auch die Interpretation dieser Ergebnisse
bei Derdikman und Moser 2010.
148 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

Alle diese Ergebnisse sind kein Beweis dafür, dass Säugetiere wirklich in
szenischen Phantasmen denken, aber sie stützen unsere Hypothese und bieten auch
einen Zugang zu weiteren empirischen Untersuchungen an, die diese Hypothese
prüfen k€
onnen. Deshalb dürfen wir die Behauptung aufstellen, dass das szenisch-
phantasmatische System auch in h€oher zerebralisierten Säugetieren arbeitet, und
zwar ähnlich wie beim Menschen. Diese Hypothese über die Art, wie Tiere denken,
ist keine willkürliche Erfindung, denn die phänomenologische Analyse zeigt, dass
das szenisch-phantasmatische System eine wichtige Dimension unseres eigenen
Denkens bildet.

4.5 Warum müssen wir zum Denken von Sachverhalten


phantasmatische Szenen und Folgen von Szenen
vorstellen?

Am Ende soll noch eine Frage gestellt werden, die sich dem Leser vielleicht schon
einige Zeit aufdrängt: Warum müssen im szenisch-phantasmatischen System im-
mer ganze Szenen oder Folgen von Situationen die Gegenstände meiner Ängste
und Wünsche darstellen? Bei der Durchsicht der bisherigen Beispiele scheint es so,
als ob erst die Abfolge mehrerer Szenen einen Sachverhalt darstellen kann, sie
scheint für die Konstitution des Inhalts der Sachverhaltsmeinung notwendig zu
sein. Es ist auch aus systematischen Erwägungen heraus nicht zu erwarten, dass
sich ein Sachverhalt (ohne den Gebrauch konventioneller Symbole) mit einem
einzigen Bild darstellen lässt. Der Grund hierfür ist einfach, zumindest aus der
Sicht der phänomenologischen Theorie der Erkenntnis: 89 Für die kategoriale An-
schauung ist eine Folge von fundierenden Akten notwendig, damit die Intention auf
einen Sachverhalt intuitiv anschaulich werden kann, und dasselbe gilt für den
Vollzug einer leeren Intention auf den Sachverhalt. Bei den szenisch-
phantasmatischen Vorstellungen geht es nicht um die Erfüllung, denn Erfüllung
wird hier nicht geboten. In ihnen ist lediglich die inhaltlich präzise Darstellung des
Sachverhalts beabsichtigt.90 Ein Beispiel: Ich „sehe“ und „h€ore“ phantasmatisch, wie
Peter auf mein Fahrrad zugeht, er sieht sich kurz um, ob ihn jemand beobachtet,
dann dreht er das Ventil auf, so dass die Luft zischend aus dem Reifen entweicht.
Der damit vorgestellte Gedanke ist, sprachlich gefasst: Peter hat mir die Luft aus
dem Reifen herausgelassen. Diese Folge von vorgestellten Szenen bildet genau den

89
Vgl. hier Abschn. 2.2.
90
Die Sprache ist kein Bild des Gemeinten. Wittgenstein suggeriert oft, dass die Sprache eine Art
„Bild“ der Wirklichkeit ist, dies ist eigentlich eine h€
oherstufige Metapher für die Sprache, die aber
nicht auf die sprachlichen Ausdrücke selbst passt. Wir sagen z. B. „Wir machen uns ein Bild von
der Lage“. Weder die Sprache noch die Schrift sind systematisch als Abbildungen des Gemeinten
gedacht, vgl. hier Abschn. 4.3. Allenfalls in wenigen lautmalerischen Ausdrücken erscheint
dies so.
4.5 Warum müssen wir zum Denken von Sachverhalten phantasmatische Szenen. . . 149

Bestand an Wahrnehmungen nach, die ich in genau dieser Reihenfolge hätte


wirklich erleben müssen, um anschaulich zu erkennen, dass es Peter getan hat.
Tatsächlich ist es aber nur anschauungsloses Denken im Medium phantasmatischer
Szenen.
Man k€onnte hier einwenden, dass ich z. B. den Sieg meiner liebsten Fußball-
mannschaft gegen eine konkurrierende Mannschaft in einem einzelnen Bild vor-
stellen kann: Ich „sehe“ den Kapitän meiner Mannschaft triumphierend den Pokal
hochhalten, umringt von strahlenden Spielern, während einige der bekanntesten
Spieler des Gegners mit niedergeschlagenem Ausdruck im Hintergrund zu sehen
sind. Hierbei spielt jedoch der Pokal, der ein intersubjektiv geteiltes Symbol des
Sieges ist, eine wichtige Rolle. Wäre es eine reife Banane, die der Kapitän der
Mannschaft mit strahlendem Gesicht in die H€ohe hielte, k€onnte man es als eine
Momentaufnahme des Tages vor seiner Einlieferung in eine psychiatrische Anstalt
verstehen. Um ihn herum stehen die mit ihm sympathisierenden Spieler, denen
noch nicht ganz klar ist, was geschehen ist, die auch im Moment des manifesten
Wahnsinns mit ihm noch sympathisieren wollen. Aber ihre Begeisterung ist schon
von Zweifeln angenagt, im Hintergrund sehen wir verlegene Gesichter.
Auch das Beispiel, in dem Onkel und Tante mich besorgt ansehen, scheint auf
den ersten Blick doch nur ein Bild zu sein. Dies ist aber nicht so, denn die volle
Szene, die hier lebendig wird, beginnt ja damit, dass ich meine problematischen
Pläne erwäge, woraufhin sich erst der besorgte Blick von gut meinenden Freunden
oder Verwandten einstellt, die gerade diese Pläne bedenklich finden. Es ist die
Verbindung ihrer Bewertung mit meinen Vorhaben, die insgesamt bedeutet wird,
und diese Verbindung lässt sich im szenisch-phantasmatischen System nicht in
einem einzelnen Bild darstellen, es sei denn, wir verwenden konventionell be-
stimmte Symbole.
Zudem gibt es noch ein wichtiges Element, das wir noch behandeln müssen: die
phantasmatischen Deviationen, die den Sinn von einzelnen Elementen mitbestim-
men. Manchmal scheint es uns so, als ob gelegentlich doch ganz vereinzelte Bilder
in unserem Bewusstseinsleben vorkommen, oft verbunden mit vergangenen Erfah-
rungen, so dass sie nun auf den ersten Blick wie Erinnerungsfragmente oder wie ein
flashback erscheinen. Dennoch tragen sie einen kategorialen Inhalt, meinen also
einen Sachverhalt oder eine Bewertung. Solche vereinzelten phantasmatischen
Bilder kommen vor, sie sind aber – und hier muss man deskriptiv sehr aufmerksam
sein – immer von weiteren Vorstellungen begleitet, die den vollen Sinn mitbestim-
men. Diese weiteren, sinn-mitbestimmenden phantasmatischen Vorstellungen, die
erscheinen wie lebhafte Assoziationen, nenne ich phantasmatische Deviationen.
Nehmen wir als Beispiel das Phantasma, das erscheint, wenn ich meinen proble-
matischen Plan durchdenke. Ich sehe dabei kurzfristig als szenisches Phantasma das
Gesicht eines guten Freundes oder meines Großvaters, der mich besorgt ansieht.
Aber er ist nicht allein, denn im Hintergrund sind weitere Personen unserer Familie
und unserer Gemeinschaft. Dies scheint auf den ersten Blick ein sehr einfacher,
elementarer Gedanke zu sein: „Mein Plan wird sicher nicht die Zustimmung aller
Personen meiner Gemeinschaft finden, mein Großvater würde sicher besorgt sein
und dagegen sprechen.“ Der Blick kann auch auf die Personen im Hintergrund
150 4 Die konkrete Ausformung der nicht-sprachlichen Repräsentations-. . .

abschweifen, und deren grimmige Mienen zeigen mir Feindschaft und Unverständ-
nis. Hiermit wird sozusagen eine Sinnergänzung zu dem schon formulierten Inhalt
geboten: „Andere werden dies nicht tolerieren, und sie werden versuchen, dein
Handeln zu verhindern, und wenn sie dies nicht schaffen, werden sie Dich nachher
sanktionieren.“
Ähnliches gilt für die „Sorge“ in dem Blick meines Großvaters. Auch hier
müssen wir genauer hinsehen und nach dem „Wie“ fragen: Wie kann ich in seinem
Blick seine Zuneigung, seine Bereitschaft zur Unterstützung meiner Pläne und
zugleich seine Besorgnis erfassen? Wie kann ich wissen, welche Sorge ihn bewegt?
Diese Frage ist einfach zu beantworten. Auch hier kommen phantasmatische
Deviationen ins Spiel, die sich der Fähigkeit des Bewusstseins verdanken, die
Geschichte meiner Erfahrungen so aufzubewahren, dass sie in Phantasmen wieder
verlebendigt werden kann und sinn-mitbestimmend in einen aktuellen Kontext von
Vorstellungen eingefügt werden kann. Der Blick meines Großvaters ist phantasma-
tisch produziert, und ich weiß damit zugleich genau, was ich meine: Seiner Zunei-
gung kann ich ganz sicher sein, und seine Sorge betrifft meine jetzigen Pläne. Dabei
mischen sich in unsere Vorstellungen Erinnerungsfragmente ein. Sein Blick ist so
a€hnlich wie der, den er mir vor langen Jahren zuwarf, als ich auf unserem Angel-
ausflug zum ersten Mal mit einem scharfen Fischmesser Forellen ausgenommen
habe, während der beißende Geruch des Feuers, auf dem schon einige Forellen
geräuchert wurden, mir in die Augen stach. Mehrfach hat er mir gezeigt, wie ich das
Messer halten soll, damit ich mich nicht verletze usw. – Sie wissen: Es geht hier
nicht um Erinnerungen ans Angeln, sondern nur um die Art und Weise, wie ich um
den Sinn seiner Sorge weiß und wie ich es schaffe, diesen Sinn auch im nicht-
sprachlichen Denken vorzustellen.
Solche sinn-mitbestimmenden Deviationen charakterisieren das lebendige
szenisch-phantasmatische Denken jedes Menschen, denn der volle Sinn von Besorg-
nis und jeder anderen Vorstellung erfassen wir nur, indem wir auf unsere eigenen
Erfahrungen zurückgreifen. Das Denken des Menschen ist durch und durch mit
solchen historiographischen Elementen von (wirklichen oder phantasierten) Ereignis-
sen durchsetzt. Diese Vorstellungen bestimmen den Sinn von phantasmatischen
Bildern und auch von sprachlichen Ausdrücken ständig mit. Dabei ist es nicht
notwendig, dass dies wirklich geschehene Ereignisse sind, auf die sich unsere Sinn-
gestaltung bezieht, es k€onnen auch nie verwirklichte Ängste oder Wünsche, oder
Phantasien sein, auf die sich die sinn-mitbestimmenden Deviationen beziehen. Es ist
also auch hier keine Kausalität im Spiel, die sich zwischen einem wirklich erlebten
Geschehen und den dann wirksam bleibenden „Erinnerungen“ abspielt. Das erlebende
Subjekt ist zugleich immer auch ein Subjekt weitgehend freier Konstitution seiner
besonderen Sicht auf die Welt. Sinn-F€ ullen individuell erworbener Bedeutung hängen
daher an jeder phantasmatischen Vorstellung (und auch an jedem zum Ausdruck
verwendeten Wort). Diese Sinn-Füllen tauchen oft spontan assoziativ auf, aber oft
erst bei dem Versuch, in den Sinn des aktuellen Phantasmas einzudringen.
Diese Sinn-Füllen k€onnen nur nach und nach in eine sprachliche Form gebracht
werden, und jede dieser Versprachlichungen ist zugleich notwendigerweise eine
einschneidende Verkürzung des erlebten lebendigen Sinnes. Daher kann eine ge-
4.5 Warum müssen wir zum Denken von Sachverhalten phantasmatische Szenen. . . 151

naue sprachliche Darstellung solcher kurzer Blicke oder vermeintlicher Erinne-


rungsbilder eine recht lange sprachliche Darstellung erfordern, vielleicht sogar
einen Roman. Und selbst wenn wir uns dieser Mühe unterziehen, so ist der Erfolg
doch immer nur begrenzt, denn sprachliche Sätze sind notwendigerweise rigide
Verkürzungen des lebendigen Gedankens. Diese Verkürzungen sind oft mindestens
so eingreifend, wie wenn ich den dramatischen Verlauf eines Fußballspiels mit
seinem Ergebnis gleichsetzen würde „0:1“. Man kann daher nicht behaupten, dass
es „derselbe“ Gedanke ist, der sprachlich ausgedrückt wird, denn die Ausfüllung
des gemeinten Sinns fordert immer wieder neue sinn-mitbestimmende Deviationen.
Man kann sich darüber freuen oder es bedauern, dass das nicht-sprachliche Denken
so vor sich geht, aber deskriptiv muss man es akzeptieren.
Fassen wir zusammen: Das Verhältnis von Erkennen, Denken und Sprache ist in
der phänomenologischen Theorie der Erkenntnis so, dass wir nur einen Sachverhalt
meinen k€ onnen, wenn wir die drei Schritte der kategorialen Synthesis vollzogen
haben. Dies gilt für den Fall der leeren Meinung ebenso wie für die erfüllte
kategoriale Anschauung. Daher brauchen wir für die nicht-sprachliche Darstellung
der Intention auf einen Sachverhalt immer Folgen von Bildern und Szenen. Die
Einsicht in die prinzipielle Unabhängigkeit der Erkenntnis von der Sprache (und
ihrer Vorgängigkeit) wirft auch ein helles Licht auf die Normalgestalt der anschau-
lichen Einsicht, und damit auch auf die Vorstellung eines Sachverhalts: Es sind
auch die sinnlich gegebenen Füllen, die in der wahrnehmenden Auffassung eine
darstellende Funktion für den Inhalt bekommen. Auch die Wahrnehmung hat einen
noematischen Gehalt, und dieser ist lediglich in der reflexiven Einstellung an Worte
und Begriffe gebunden, aber weder in der unmittelbaren Erwerbung noch in der
darauf folgenden leeren Vorstellung muss der Begriff als das Medium der symboli-
schen Darstellung dabei sein.
Stellen wir uns einen Sachverhalt wie „Das Buch ist grün“ phantasmatisch vor,
dann müssen wir uns das Buch als Ganzes vorstellen und dann auf seine besondere
Farbe gleichsam erneut konzentriert hinblicken, um die kategoriale Intention wie-
der vollziehen zu k€onnen. Die Deckungssynthesen stellen sich auch hier ein. Sie
beruhen dieses Mal aber nicht auf der passiven Gegebenheit im wahrnehmenden
Übergang, sondern auf einer willentlich inszenierten Folge vorgestellter Szenen.
Dieses Mal wird derselbe Sachverhalt aber leer vorgestellt, d. h. ohne die wirkliche
Wahrnehmung als Garant der „Wirklichkeit“. Die phantasmatischen Vorstellungen
des konkreten Dinges und seiner Farbe sind hier nicht nur schwache Nachbilder der
Wahrnehmung, sondern sie stehen jetzt in einer symbolischen Funktion, die sie am
Anfang der Wahrnehmungsreihe noch nicht hatten und die sie erst in der kategoria-
len Formung erhalten haben.
Kapitel 5
Weitere zentrale Themen des nicht-
sprachlichen Denkens

Wir haben in der Analyse der konkreten Ausführung des nicht-sprachlichen Den-
kens schon einige Themen anhand von Beispielen er€ortert: Ereignisse (vergangene,
gegenwärtige, künftige), Handlungen (wirkliche, vermutete, geplante), den Cha-
rakter einer Person, ihre Pläne usw. Nun gilt es noch, einige zentrale Themen dieses
Denkens darzustellen und zu verstehen, die aus verschiedenen Gründen bisher nicht
berücksichtigt wurden: Selbstbewusstsein, soziale Intelligenz, kollektives Handeln
und Moral. Hierzu kommt die M€oglichkeit von kausalen Schlüssen bei Primaten. In
vielen Bereichen werden so die beiden wichtigsten Modi nicht-sprachlichen Den-
kens vorgestellt: schnelle Schlüssen und L€osungen eines Problems auf der Basis
szenischer Darstellungen im Gegensatz zu der langsamen Modifikation einer kom-
plexen problematischen Situation in mehreren Wiederholungen, deren Resultat
durch unser Gefühl bewertet wird und die sich erst nach einigen modifizierenden
Wiederholungen zu einem brauchbaren Plan für die Zukunft fügen und als solcher
gefühlsmäßig anerkannt werden.

5.1 Selbstbezug und Selbstbewusstsein in nicht-


sprachlichen Modi

Wie erscheine ich selbst im szenisch-phantasmatischen System? Es scheint so, als


ob ich selbst nicht oder nur ganz selten darin auftrete, obwohl ich doch ein zentraler
Akteur bin. Eigentlich müssten ich selbst, mein Wohl und die Gefahren für mich
immer wiederkehrende zentrale Themen meines Denkens sein, aber, zumindest auf
den ersten Blick betrachtet, komme ich darin gar nicht vor. Deskriptiv ist dies nicht
zu leugnen, aber warum ist dies so? Ein Grund dafür k€onnte darin liegen, dass wir
normalerweise unsere Außenansicht nicht so gut kennen, dass wir uns ohne Pro-

© Springer International Publishing Switzerland 2016 153


D. Lohmar, Denken ohne Sprache, Phaenomenologica 219,
DOI 10.1007/978-3-319-25757-0_5
154 5 Weitere zentrale Themen des nicht-sprachlichen Denkens

bleme phantasmatisch darstellen k€onnten.1 Natürlich gibt es Spiegel, und in dem


Maß, in dem wir sie benutzen, haben wir zumindest von unserer Vorderseite eine
Vorstellung, die auf Erfahrung beruht. Doch das szenisch-phantasmatische System
ist „phylogenetisch alt“, wir teilen es wahrscheinlich mit vielen anderen Tieren. Es
kann nicht auf Spiegel angewiesen sein, um zentrale Themen darstellen zu k€onnen.
Ein weiterer Grund, warum unsere Außenansicht nicht oft vorkommt, ist, dass
dabei nur wenige der innerlich bewegenden Elemente, wie Absichten, Fühlen und
Empfindung, wirklich dargestellt werden.
Die originäre Form der Gegebenheit unserer selbst in szenischen Phantasmen ist
daher die des ‚subjektiven Beobachters‘: im wie jetzt erlebten Empfinden, in meiner
unverwechselbaren Perspektive, im kinästhetischen leiblichen Erleben, in meinen
Gefühlen, in meinem Mitfühlen mit Anderen, meinem Wünschen, meinem Wollen,
im Erleben meiner leiblichen Anstrengung, im Angefasst-Werden, im k€orperlichen
Leiden, im Angeschaut-Werden usw. Mit einem Wort: Ich erscheine mir so ‚wie
sonst auch‘, allerdings im Modus des Phantasmas. Wir sind also in den vorge-
stellten Szenen dabei, aber nur in der Form einer ‚subjektiven Kamera‘, d. h. des
subjektiv durch seine visuelle Perspektive und seine Leibempfindungen sich selbst
fühlenden Akteurs und Beobachters.
Das seltene Erscheinen meiner selbst k€onnte aber auch damit zusammenhängen,
dass der Mensch ein soziales Wesen und das Ich ein durch und durch gesellschaftli-
ches Objekt ist. Ich bin lediglich „ich“ in Abgrenzung gegen Andere, mit Anderen
und gegenüber diesen Anderen. Ich erscheine daher in phantasmatischen Szenen oft
buchstäblich „in den Augen der Anderen“, d. h. durch die Blicke Anderer, die mich
ansehen. Dieses Mich-Ansehen ist Ausdruck eines Anderen, der gleichsam zu mir
sagt: Du bist eine Person, ein Ich, du kannst handeln, du kannst entscheiden, du hast
eine eigene Sicht der Dinge usw. Aber auch: Du kannst schuldig werden. Die
Zentralität des Mich-Ansehens im szenisch-phantasmatischen System k€onnte auch
mit der Zentralität der frühkindlichen Blick-Kommunikation zusammenhängen, in
der ich zum ersten Mal als ein handelndes Subjekt anerkannt werde.2 Das Sich-
gegenseitig-Ansehen ist eine bedeutungsvolle Kommunikations-Handlung, und es ist
oft von starken sozialen Gefühlen wie Scham oder Stolz begleitet, die ebenfalls einen
deutlichen Bezug auf meine Person haben.3
Man kann sich nun fragen, ob der Selbstbezug, den wir in der Weise der
„subjektiven Perspektive“ und des von Gefühlen begleiteten Sich-angeschaut-Den-
kens in einem nicht-sprachlichen Repräsentationssystem haben, schon ein reflekti-
ver Selbstbezug ist. Wenn dem so wäre, dann müsste mein Selbst, meine Pläne,
mein Ansehen vor Anderen usw. zentrales Thema dieser Intention sein. Was aber

1
Hierbei sind aber weitere Faktoren zu beachten. So k€onnte die gegenwärtige Umgestaltung der
medialen Situation zu einer viel besseren Bekanntheit meiner Außenansicht führen, z. B. dadurch,
dass heute viele Fotos und Videoaufnahmen mit dem Handy zum alltäglichen Umgang mit diesem
Medium geh€oren. Auch wären Unterschiede in der Bekanntheit meiner Außenansicht in Abhän-
gigkeit vom Geschlecht denkbar.
2
Vgl. hier Abschn. 4.2.1. über Blick-Kommunikation.
3
Vgl. hierzu Lohmar 2014.
5.1 Selbstbezug und Selbstbewusstsein in nicht-sprachlichen Modi 155

konkret vorliegt, ist ein Ich-fühle-Mich, aber nicht im Sinne einer expliziten inten-
tionalen Beziehung auf mich. Es ist ein Ich-Fühle, aber so, dass ich es noch nicht
bewusst auf mich als ein Objekt beziehe. Das Ich, mein Selbst ist noch nicht
objektiviert, sondern lediglich in einer subjektiven Form wie im unreflektierten
Dahinleben erlebt.
Wir haben damit schon eine erste Vorstellung, wie ich selbst im szenisch-
phantasmatischen System erscheinen kann, aber systematisch betrachtet gibt es
bislang noch ungenannte Alternativen. Ich werde die M€oglichkeiten des Selbst-
bezugs daher kurz diskutieren und dabei ihre jeweilige besondere Leistung heraus-
stellen. Es sind im Wesentlichen folgende m€ogliche Weisen des Selbstbezugs in
phantasmatischen Modi m€oglich: Ich erscheine mir wie von außen gesehen (1), im
subjektiven Blick von innen (2), im Blick der Anderen (3) oder in sozialen Gef€ uhlen
(4). Ich beginne mit der Außenansicht, denn, obschon sie aus den genannten
Gründen eher selten vorkommt, wird sie doch gelegentlich bevorzugt.
Es gibt Gelegenheiten, in denen ich mich als handelnde Person in phantasma-
tisch vorgestellten Szenen von außen sehe (1), mit meinem charakteristischen
Äußeren, meinem Gehabe, meiner Gestik, Mimik usw., aber auf Grund fehlender
Erfahrung von meiner eigenen Außenseite bleibt dies weitgehend vage. Dies hieße
aber, dass ich mich so sehe, wie ich normalerweise andere Personen sehe. In diesem
Modus des Sich-selbst-Vorstellens kann vielleicht sogar eine Aktion mit enthalten
sein, ich tue oder erleide etwas, aber dieses Agieren ist merkwürdig distanziert. Es
erscheint mir eher wie ein neutraler Bericht, der auch über Andere informieren
k€onnte. Dennoch ist dieser Bericht im Ganzen irgendwie kühl und distanziert, z. B.
werden meine Empfindungen und Gefühle nicht mit dargestellt. Ich bin zwar dabei,
aber nicht als jemand, der leidenschaftlich engagiert ist, der sich entscheiden muss,
von Empfindungen gepeinigt und von Gefühlen heftig bewegt wird.
Der distanzierte Blick-von-Außen spiegelt auch nicht so sehr meine individuelle
Besonderheit als Subjekt wider. Vorgestellt ist oft nur „irgend jemand“, von dem
ich mehr oder weniger zufällig weiß, dass ich es war, der diese Handlung ausgeführt
hat. Man kann sogar behaupten, dass ich mich nur in seltenen Ausnahmen phan-
tasmatisch so „sehe“, wie ich Andere sehe oder h€ore. Dies liegt vor allem daran,
dass ich mich selbst selten aus der Außenperspektive wahrnehme, und daher besitze
ich gar nicht den vollen Typus meines K€orpers.4 Mein charakteristisches Gehabe,
die Art, wie ich meinen K€orper bewege, sehe ich nie (außer im Spiegel und auf
Video-Aufnahmen), ebenso h€ore ich meine Stimme selten so, wie Andere sie h€oren,
meine Mimik und Gestik sehe ich nur ganz selten im Spiegel, die Rückseite meines
K€orpers bleibt mir oft ganz unbekannt usw. Wir k€onnen uns daher selbst nur
mühsam so vorstellen, wie uns Andere sehen. Eine voll individualisierte Darstel-
lung meiner selbst in der Außenansicht kommt selten vor.
Dennoch gibt es szenisch-phantasmatische Darstellungen, in denen die eigene
Person aus der Sicht der Anderen auftritt. Sehr oft sind dies traumatische Ereignis-
se, die mit eigener Hilflosigkeit, mit Demütigungen, mit der Zufügung von

4
Zur Funktion des Typus vgl. Lohmar 2008a, Kap. 6, 7 und 8.
156 5 Weitere zentrale Themen des nicht-sprachlichen Denkens

Schmerzen usw. verbunden sind. Es ist aus der Sicht der leidenden Person sehr
verständlich, dass die Psyche sich einer einfachen Wiederholung aus der subjekti-
ven Sicht des erlebenden Subjekts widersetzt. Denn die ganze subjektive Seite der
Hilflosigkeit und des Erleidens würde dabei wiederholt werden. Vergewaltigungen
und Foltererlebnisse werden daher oft nur in diesem Blick-von-außen-auf-Mich
wieder präsent. Hierin liegt zugleich ein gangbarer Weg der Leidens€okonomie, der
gewählt wird, um die subjektive Seite des Erlebten nicht wieder erleben zu müssen
und das Ereignis dennoch (aber nicht-sprachlich) denken zu k€onnen. Der Blick ist
dabei auch von seiner Perspektive her verändert, d. h. er nimmt nicht die subjektive
Perspektive eines Zuschauers ein, der nur bei dem Ereignis dabei ist, sondern oft so
etwas wie eine distanzierte Vogelperspektive.
Man k€ onnte diese Sicht-von-Außen und ebenso die Vogelperspektive als Darstel-
lung einer reflexiven Einstellung zum Geschehen interpretieren. In einem gewissen
Maß nehmen wir diese reflektierende und distanzierte Stellung zu uns selbst, zu
unseren Handlungen und auch zu unserem Leiden usw. gelegentlich ein.
Also scheint das Vorkommen einer Außenansicht auf mich selbst zwar m€oglich zu
sein, aber sie stellt mich nicht so dar, wie ich mich selbst aktiv agierend und fühlend
erfahre. Auf welche Weise bin ich also in szenischen Phantasmen und Tagträumen
normalerweise repräsentiert? Wenn wir aus den Schwierigkeiten der Darstellung in
dem Blick-von-außen-auf-Mich lernen wollen, dann müsste die normalste und ein-
fachste Weise der Selbst-Darstellung die sein, dass ich ein Ereignis aus meiner
eigenen Perspektive sehe, meine Empfindungen phantasmatisch fühle und ich mich
dabei im Ganzen wie mich selbst fühle (2). Dies wäre in der Sprache des Films so
etwas wie der Blick der „subjektiven Kamera“, allerdings ist auch mein Leibgefühl,
meine Emotionen und mein Wissen um meine Ziele dabei phantasmatisch mit
vorgestellt. Auch das Anfassen Anderer und das Angefasst-Werden erlebe ich phan-
tasmatisch genau so, als ob es wirklich geschieht, nur eben schwächer. Das Sich-
selbst-als-sich-selbst-Fühlen ist dabei unaufgeregt und undramatisch. Wenn ich mich
phantasmatisch selbst vorstelle, fühle ich mich so ‚wie immer‘. Es ist nichts Beson-
deres dabei. Sogar meine (von meiner Gr€oße abhängige) perspektivische Sicht auf
Andere und meine Kinästhesen sind genau so wie immer. Es ist eigentlich alles so
wie immer, nur in einem phantasmatischen Modus, und deshalb ist diese Form des
Sich-selbst-Meinens unauff€ allig und dennoch charakteristisch.
Dieses Sich-selbst-wie-immer-Fühlen ist zugleich ein emotionaler Modus, der
eine bestimmte Bedeutung trägt. Auch bei der szenisch-phantasmatischen
Vorstellung von anderen Personen gibt es ein Gefühl der Vertrautheit, das diese
Personen und ihre Nähe oder Ferne zu mir betrifft. Und die Gestimmtheit der
jeweiligen Umgebung sagt mir ebenfalls etwas über die Bekanntheit oder Unbe-
kanntheit des Ortes, an dem ich bin. Die, die mir am nächsten stehen, erscheinen im
Modus des ‚sehr vertraut‘, und auch hier gibt es noch Abstufungen zwischen
meinem Onkel und meinem Bruder. Ich selbst bin mir ebenfalls vertraut.5

5
Diese gestimmte Gegebenheit gilt auch in dem Fall des Sich-von-außen-Sehens, in der Abstu-
fung der Bekanntheit vertraut–unvertraut erfasse ich, dass ich es bin, den ich da sehe.
5.1 Selbstbezug und Selbstbewusstsein in nicht-sprachlichen Modi 157

Die Abstufungen der Bekanntheit von Personen und Orten im szenisch-phan-


tasmatischen Modus werden also im emotionalen Modus der abgestuften Vertraut-
heit erlebt. Ich bemerke eine Person, die in meinen Tagträumen vorkommt, z. B. als
Beobachter in einer peinlichen Situation, eine Situation, bei der ich keine
Zuschauer haben m€ochte. Ich meine diese Person, aber ich meine sie vage und
nicht voll individuiert, und zugleich fühle ich, dass es jemand ist, den ich kenne,
und der mich kennt, es ist „ein Bekannter“. Es kann aber auch in der Dimension der
szenischen Bilder ein bestimmter Hintergrund gegeben sein, z. B. die kühlen Gänge
und Räume der Universität, dann ist eine Person, die ich kenne, und die mich kennt,
im emotionalen Modus der Bekanntheit, ein Kollege. Die Emotion kann mir aber
auch etwas über die Umgebung bedeuten, z. B. der Ort, den ich vorstelle, ist
unbestimmt, es ist nur ‚irgendwo‘. Die Person selbst ist mir ebenfalls unbekannt,
es ist ein Mann, eine Frau oder nur „irgend jemand“ usw. Die Emotion differenziert
also zwischen vertraut und unvertraut des Ortes wie der Personen im Vordergrund.
Aber auch im Hintergrund kann es eine Vielheit von Personen und Gegenständen
mit unterschiedlicher emotional bedeuteter Nähe geben. Die Abstufung der emo-
tionalen Gestimmtheit kann auch in der anderen Richtung auf eine immer gr€oßere
Vertrautheit weiter gehen: Es ist jemand aus meiner Familie, meine Eltern, mein
Bruder, meine Frau usw. Am Ende der Reihe der Vertrautheit stehe ich selbst, der
ich mir im leiblichen Selbstempfinden am besten vertraut bin. Das Sich-selbst-
Fühlen ist ein spezifisches Fühlen.6
Das Selbstbewusstsein war lange Zeit eine der vielen ‚heiligen Kühe‘ der Philo-
sophie. Man traute dieser Leistung viel zu. Sie soll darin bestehen, dass ich beim
Vollzug eines Bewusstseinsaktes diesen Vollzug zugleich erlebe und als meinen
erfahre, so dass ich mich als den Autor meiner Dingbezüge jederzeit selbst weiß
und als solchen identifizieren kann. Wie Kant es formuliert: Das „Ich denke“ muss
alle meine Vorstellungen begleiten k€onnen.7 Für Leibniz und Kant ist hiermit
zugleich das innerste Zentrum, der tiefste Punkt bezeichnet, auf den alle spezifi-
schen kognitiven Leistungen des Menschen zurückgehen, und es ist zugleich die
Quelle der Gegenstandshabe und aller weiteren intellektuellen Fähigkeiten des
Menschen.
Aus einer empirischen Perspektive erscheint das Selbstbewusstsein zunächst
einmal nicht so monolithisch und auch eher als Resultat des Zusammenwirkens
verschiedener Leistungen, und weniger als Grund aller meiner intellektuellen
Leistungen. Sowohl die Ausfallforschung in der Neurologie als auch die Untersu-
chung der Formen des Selbstbewusstseins bei Primaten zeigen, dass dasjenige, was
wir mit Selbstbewusstsein meinen, keineswegs eine einzige Leistung ist, sondern

6
Es gibt aber auch ein spezifisches Sich-selbst-H€oren, das in dem Klang der „inneren Stimme“
liegt, die mit meiner Sprachfärbung spricht (d. h. so wie ich sie h€
ore, wenn ich spreche). Diese
innere Stimme verlautbart beim Menschen oft das innerliche Denken, das daher unmittelbar als
mein Denken erfasst wird, da es meine Stimme hat. Schon die sinnliche Qualität sagt mir, dass es
meine Vorstellungen sind, die ich da h€ore oder denkend innerlich ausspreche (vgl. dazu Lohmar
2008a, Abschn. 3.2).
7
Vgl. Kant 1781, § 16, S. 108.
158 5 Weitere zentrale Themen des nicht-sprachlichen Denkens

aus vielen Teilleistungen besteht. So zeigt beispielsweise der bekannte Gallup-Test


lediglich, dass es Lebewesen gibt, die eine Vorstellung von ihrer Außenseite haben
und von den ihnen anschaulich bekannten Partien ihrer Außenseite auf die nicht
(oder nie) gesehenen Partien interpolieren k€onnen. Daher k€onnen sie einen ohne ihr
Wissen angebrachten Fleck auch als ‚auf ihrem Gesicht‘ identifizieren und versu-
chen, ihn zu entfernen. Diesen Test bestehen nicht alle Primaten: Menschen erst ab
einem bestimmten Alter, Schimpansen, Bonobos, Orang-Utan, einige Rabenv€ogel
und manche Tauben.
Aus dem Gesichtspunkt der phänomenologischen Empirie gibt es ebenfalls viele
Formen des präreflexiven Selbstbezugs, angefangen bei den Kinästhesen, den Emp-
findungen und der Retention der gerade vergangenen Empfindungen, die noch in
den folgenden Phasen des Zeitbewusstseins präsent bleiben. Die meisten Lebewe-
sen k€ onnen in taktuellen und kinästhetischen Rückmeldungen ihren bewegten Leib
spüren. Das Sich-selbst-H€oren mit der (eigenen) inneren Stimme, die das sprach-
liche Denken oft verlautbart, trägt ebenfalls einen Teil zur Sicherheit bei, dass es
mein Denken ist, das ich erlebe. Das Selbstgefühl galt einigen Erben der Kantischen
Transzendentalphilosophie zeitweise ebenfalls als eine Form des nicht-reflektiven
Selbstbezugs. In vielen sozialen Gefühlen (Stolz, Scham) gibt es einen Bezug auf
Andere, aber auch auf mich selbst.8 Alle diese Formen des Bezuges auf mich selbst
(oder Aspekte dieses Selbst) k€onnen auch in phantasmatischen Modi zur Darstel-
lung verwendet werden.
Doch kehren wir wieder zurück zu den Formen des Selbstbezugs im phantasma-
tischen Bewusstsein, denn es fehlt noch eine dritte, ebenfalls zentrale Weise
(3) dieses Selbstbezuges: Der Blick des Anderen auf mich, den ich ebenfalls in ei-
nem szenischen Phantasma vorstellen kann, impliziert auch mich selbst. Dies ist
kein volles Äquivalent des „Ich“-Sagens, denn wir stellen uns ja jemand Anderen
vor. Es ist aber doch eine wichtige Weise des Selbstbezugs, die außerdem eine
bewertende Differenzierung zulässt. Metaphorisch gesprochen erscheine ich in
diesem Modus „in“ den Augen der Anderen. Es gibt in dem Ein-Anderer-schaut-
mich-An den impliziten Verweis auf mich selbst. Und in dem Blick des Anderen
kann viel Weiteres enthalten sein: einfaches Erkennen, Wiedererkennen mit einer
Revitalisierung unserer gemeinsamen Geschichte, eine Aufmunterung, eine Dro-
hung usw. Sogar Wertungen vergangener und zukünftiger Ereignisse, also auch die
meiner Pläne, k€ onnen leicht in einem gesehenen Blick Anderer mitbedeutet wer-
den.
So findet sich in einem Roman die schon erwähnte Darstellung eines jungen
Mannes, der über seine problematischen Pläne nachdenkt und dann bemerkt, dass er
fast wie wirklich die nachdenklichen Gesichter seiner Onkel und Tanten sah. Dies
ist ein szenisches Phantasma, das einen beachtlichen Reichtum an Inhalten in sich
trägt: Ich bedenke auf diese Weise, wie sich mein Plan in den Augen der Gemein-
schaft darstellen wird, d. h. wie die verschiedenen Fraktionen meiner Gemeinschaft
meine Pläne bewerten werden. Diejenigen, die mich m€ogen und die meine Pläne im

8
Vgl. über soziale Gefühle hier Abschn. 5.2.
5.1 Selbstbezug und Selbstbewusstsein in nicht-sprachlichen Modi 159

Allgemeinen unterstützen werden, schauen mich bedenklich an, als ob sie sagen
wollten: Tu das nicht, du wirst dadurch ernste Probleme bekommen. – Hierdurch
wird der Blick auf die im Hintergrund stehenden Mitglieder der Gemeinschaft
gelenkt. Was werden erst diejenigen Gemeinschaftsmitglieder denken und werten,
die mir nicht wohlgesonnen sind? Sie werden mich offen kritisieren und sanktio-
nieren.
In diesem bewertenden Angeblickt-Werden erlebe ich mich zugleich als ein
handlungsf€ ahiger Akteur. Denn ich kann etwas tun oder lassen. Ich bin es, der die
Entscheidung treffen muss. Der wertende Blick des Anderen lässt mich in viel
deutlicherer Weise als Akteur und Subjekt erscheinen als die gew€ohnliche, subjek-
tive Sicht „von innen“, die im subjektiven wandernden Blick die verschiedenen
Objekte als m€ ogliche Ziele meines Handelns durchläuft. Manche dieser Ziele
ziehen mich mehr an als andere, sie motivieren mich zum Handeln, das ich dann
auch schon im Modus der Ausführung phantasmatisch vorstelle. Zum Beispiel rollt
ein Ball in meinen Weg, und ich fühle, wie meine Beine schon zutreten wollen, um
ihn wegzuschießen, aber hier bin ich nicht das Thema. Erst im Angesehen-Werden
trete ich, gleichsam im Blick der Anderen gespiegelt, als ein Subjekt für eine von
mir zu gestaltende Welt und im Kontext einer wertenden Gemeinschaft auf, einer
Gemeinschaft, auf deren Anerkennung ich Wert lege. In diesem Darstellungsmodus
nehmen wir die Semantik der frühkindlichen Blick-Sprache auf, in der wir zum
ersten Mal als Subjekt von Aktionen und Reaktionen aufgetreten sind. Der Mich-
anblickende-Blick und die Wertung darin erkennt mich als Akteur und als Subjekt
für die Welt an, dies spiegelt sich auch in einer emotionalen Wendung wider.
Neben den visuellen und taktuellen Elementen und dem Angesehen-Werden im
SPS gibt es noch ein weiteres wichtiges Teilsystem, das zu der Darstellung des Ich
im vollen szenisch-phantasmatischen System (SPS) etwas beiträgt: das Gefühl (4).
Schon David Hume entdeckte, dass soziale Gef€ uhle wie Stolz und Niedergeschla-
genheit (Scham, Bedrücktheit, Betroffenheit usw.) implizit in ihrem Sinn auf
andere Subjekte verweisen, aber auch auf mich selbst. So k€onnte man Stolz als
gehobenes, besonderes Gefühl interpretieren, das einerseits auf mich selbst ver-
weist, denn ich bin auf etwas stolz, das ich geleistet habe (oder auf jemanden, der zu
meiner Person in enger Beziehung steht). Zudem ist darin eine Sinnbeziehung auf
Andere mit vorgestellt, denn ich bin immer auf etwas stolz sozusagen „im Ange-
sicht einer Gemeinschaft“, die anerkennend auf mich blickt, in der ich deswegen
„hoch angesehen“ bin, die mich beachtet, auf mich schaut.
Die geläufigen sprachlichen Metaphern für soziale Gefühle greifen hier sehr
deutlich auf das Feld des Angesehen-Werdens über, und die Sinnanalogien zwi-
schen diesen sozialen Gefühlen und einem buchstäblichen (oder phantasmatisch
vorgestellten) Angesehen-Werden in wertender Weise, z. B. kritisch oder anerken-
nend, sind offensichtlich. Hier berühren sich das Gefühls-System und das System
auf der Basis der Sprache des Blicks in ihrer gemeinsamen Leistung, die in einem
qualifizierten Selbstbezug besteht, der die mich beachtende Gemeinschaft im
Hintergrund mit vorstellt.
Hume glaubte im zweiten Buch seines Treatise, dass die sozialen Gefühle wie
Stolz und Scham bereits der Eindruck eines konstanten und identischen Ich bilden
160 5 Weitere zentrale Themen des nicht-sprachlichen Denkens

bzw. diese mit sich führen.9 Es handelt sich bei den sozialen Gefühlen um im-
pressions of reflection, d. h. um Eindrücke, die zwar lebendig und stark sind, wie
z. B. Wut, die aber auf Grund der inhaltlichen Beziehungen und der denkenden
Bewegung im Reich der ideas entstehen. Hume hat diese zweite Quelle der Ein-
drücke als gleichwertig mit den impressions of sensations anerkannt, so dass er im
zweiten Buch des Treatise in dem Bereich der impressions of reflection den
Eindruck eines bleibenden Ich finden konnte. – Aus der Sicht unserer Betrachtung
sind Stolz und Scham nicht einfache Gefühls-Eindrücke, sondern Mittel zur Dar-
stellung des Ich in einer wertenden Gemeinschaft im Repräsentationssystem der
Gefühle.

5.2 Soziale Intelligenz und Absichten Anderer

Das volle szenisch-phantasmatische System ist weiterhin ein hervorragendes Medi-


um, um die Themen denken zu k€onnen, die der besonderen sozialen Intelligenz von
Menschen entsprechen. Dasselbe gilt sehr wahrscheinlich für viele Tiere, die in
Gruppen leben. Im szenisch-phantasmatischen System kann ich mir alle Charakter-
züge der Individuen einer Gruppe vorstellen, ihre Absichten, ihr jeweiliges Wissen,
ihre Präferenzen usw.
Einfache Selbstbeobachtung zeigt uns, dass wir die verborgenen Absichten und
die verborgenen Taten Anderer sehr oft in kurzen szenischen Phantasmen „sehen“.
Das bedeutet aber zunächst nichts anderes, als dass wir sie uns so vorstellen. Dies
zeigt, dass wir Menschen diese älteren Formen des Denkens weiterhin benutzen,
obwohl wir durchaus in sprachlichen Begriffen darüber nachdenken k€onnten. Das
szenisch-phantasmatische System bildet auch in dieser thematischen Hinsicht eine
grundlegende Schicht unseres Denkens, die wir nachträglich auch begrifflich fassen
k€onnen, und über die wir dann auch sprechen k€onnen. Wir stellen die spezifischen
Themen dieser Sphäre in Analogie zu unseren eigenen Erfahrungen vor. Das
bedeutet bei einsamen Denkern aber auch, dass ihre Vorstellungen keineswegs
„objektiv“ sein müssen, und das heißt nicht nur, dass sie eventuell nicht zutreffend
sind, sondern auch scheinbar widersprüchlich sein k€onnen, indem sie widerstrei-
tende Facetten derselben Pers€onlichkeit darstellen.
Sprachliche Denker werden zur Charakterisierung solcher Personen eher künst-
lich harmonisierte Bezeichnungen h€oherer Abstraktionsstufe wählen: widersprüch-
lich, schwankend, unstet, changierend usw., aber das ist nicht unser Thema. Bei-
spiele hierfür gibt es viele – erinnern Sie sich an den bereits erwähnten Kollegen
von mir –, doch manchmal sind sie so unscheinbar, dass sie sich nur als schwache
und kurzfristige Phantasmen zeigen, über die wir uns im Alltag kaum Rechenschaft
ablegen. Bemerken wir z. B. einen abschätzigen oder boshaften Blick eines Ande-
ren, einen abschätzigen Ton in der ansonsten objektiven Darstellung, so enthalten

9
Vgl. Hume 1973.
5.2 Soziale Intelligenz und Absichten Anderer 161

diese Vorstellungen in ihrer begrifflichen Version meistens schon inhaltsreiche


Deutungen in sich, obwohl sie auf ganz unspezifischen Anzeichen beruhen k€onnen,
vielleicht nur einem kurzfristigen, spontanen Impuls des Anderen entsprechen und
daher gar nicht seinem Charakter zuzurechnen sind.
Aber es gibt viel wichtigere Themen des sozialen Lebens: Wie stellen wir z. B.
die Absichten und Ansichten, das Wissen und Wollen Anderer ohne Sprache vor?
Wenn wir etwa die Heimtücke im Blick des Anderen10 „sehen“, dann ist diese
Vorstellung keineswegs statisch, denn unsere Phantasie geht mit Hilfe von Phantas-
men über das hinaus, was uns die Sinnlichkeit zeigt. Die phantasmatischen Devia-
tionen spinnen gleichsam die Geschichte weiter aus: Die Züge des Anderen ver-
zerren sich zu einer Grimasse des Hasses, die direkt die Absicht ausdrückt, mich zu
schädigen. Die eventuell sich anschließende Ausformulierung seiner Absichten mit
Hilfe von phantasmatischen Einzeichnungen ist nur eine nicht-sprachliche Darstel-
lung meiner Meinung über das, was ich für seine Absichten halte. Meine vorge-
stellte Meinung über seine Absichten kann falsch sein, und einzelne Elemente, wie
seine hassverzerrte Grimasse, weisen auch auf die Irrealität des Vorgestellten hin.
Aber dennoch ist das Medium des Denkens nicht ganz neutral hinsichtlich der
Entscheidung bezüglich der Wahrheit oder Falschheit meiner Befürchtungen:
Meine Phantasmen überzeichnen zugleich das Bild, das ich wirklich sehe. Auf
diese Weise kann ich die Heimtücke in seinem Blick und seine weiteren Absichten
fast wie wirklich „sehen“. Dasselbe gilt auch für andere Haltungen wie Gier oder
Missgunst. Auf diese phantasmatischen Vorstellungen kann dann eine schnelle
Entscheidung zur angemessenen Handlung erfolgen. Ich brauche die Situation nicht
weiter abzuwägen, ich „sehe“ doch seine üblen Motive und kann sofort darauf
reagieren und entsprechend handeln, ohne die Situation durch langsame Modifika-
tion umzuwälzen.
Man k€ onnte hierin eine gewisse gefährliche Tendenz zur Selbsterfüllung meiner
im szenisch-phantasmatischen Modus vorgestellten Ansichten erblicken. Diese
Tendenz zeigt sich vor allem bei den Anteilen unserer Beziehungen zu Anderen
und zu den Faktoren in der Welt, die sich nicht direkt anschaulich geben: die sub-
jektive Innerlichkeit anderer Personen, das Wirken unsichtbarer Agenten und
Mächte wie die G€otter, das Schicksal usw.
Die Tendenz zur Selbsterfüllung meiner phantasmatisch vorgestellten Meinungen
über das Wissen und die Absichten anderer Personen, die ich in meinem nicht-
sprachlichen Denken vorstelle (und vorstellen k€onnen muss), kann man schon in
dem marginalen Fall der bodenlosen Verliebtheit sehen. Hierbei kann jeder zornige
Blick der Angebeteten – wie auch jedes andere normale Verhalten – als Anzeichen
der nur schwer beherrschten Leidenschaft „gesehen“ werden. Jede Zurückweisung,
so deutlich sie auch ausfallen mag, wird als scheues Zurückweichen vor der eigent-
lichen, leidenschaftlichen Zuneigung gedeutet, und diese wird zugleich schon „gese-
hen“. Nur durch ein solches phantasmatisches „Sehen“ kann ich die „eigentlichen“
Gefühle des Anderen darstellen. Es geht dabei wie in einem schlechten Liebesfilm

10
Dies ist ein Beispiel Kants, vgl. Kant 1798, S. 179.
162 5 Weitere zentrale Themen des nicht-sprachlichen Denkens

zu: Ich sehe die Angebetete nach ihrem zornigen Wutausbruch den Geliebten (mich)
traurig ansehen, und zwar beschämt wegen der Heftigkeit und der Missverständlich-
keit ihres Verhaltens. Im nächsten Moment sinkt sie zu einem hingebungsvollen
Kuss in meine Arme. Das klingt ein wenig kitschig, aber nur auf diese Weise, d. h. in
einer szenischen Ausformulierung ihrer künftigen Aktionen, kann ich ihre wahren
Gefühle und Absichten phantasmatisch „sehen“ und damit vorstellen und denken,
und zwar, ohne die Sprache zu gebrauchen, die das Medium der Öffentlichkeit ist,
einer Öffentlichkeit, die vielleicht ganz anderer Ansicht ist als ich.
Dennoch scheint hierbei ein gewisses Maß an bereitwilligem Selbstbetrug vo-
rausgesetzt zu sein. Dabei fragt es sich natürlich: Wie kann das gehen, wie kann ich
mich selbst betrügen? Selbsttäuschung muss nicht unbedingt so absichtsvoll vor-
gestellt werden, dass man für ihre M€oglichkeit einen Widerstreit in Kauf nehmen
muss, als ob ich mich bewusst dazu entscheide, mich selbst zu täuschen.11 Oft ist
Selbsttäuschung nur ein Zurückweichen vor den Gelegenheiten, in denen z. B. eine
Frau Gewissheit über die Untreue ihres Ehemannes erlangen k€onnte. Dabei geht es
lediglich um die Vermeidung eines wirklichen Wissens über etwas, das ich bereits –
aber auf andere Weise – ahne. Nicht-sprachlich „sehe“ ich bereits meinen Mann in
den Armen dieser anderen Frau in leidenschaftlicher Umarmung – aber ich „glaube“
nicht an dieses aufdringliche Phantasma, ich bleibe „resistent“. Hier finden wir eine
Art Gegenbewegung gegen die Kraft der verführerisch realen Elemente der phan-
tasmatischen Darstellung der Untreue. Selbst wenn diese Vorstellung durch ein
blondes Haar auf seinem Pullover hervorgerufen wurde, bleibt der Widerstand
lebendig, denn sie weiß, und zwar nicht nur begrifflich: Sie stellt sich die Untreue
nur vor, sie bildet sie sich nur ein (um es vorstellen zu k€onnen). Um die Unwirk-
lichkeit zu betonen, schaut die blonde Frau sie während der vorgestellten Umar-
mung provozierend an und lacht sie an, so dass die ganze Szene weiter an Wirk-
lichkeit verliert. Je mehr dieser irrealisierenden Elemente hinzukommen, umso
leichter fällt es, die aufdringliche Einsicht zu leugnen. Das Subjekt wehrt sich
gleichsam dagegen, den phantasmatisch ausformulierten Inhalt seiner Befürchtun-
gen zu glauben. Wir sind also der selbsttäuschenden Kraft der phantasmatischen
Darstellungsform nicht v€ollig ausgeliefert. Dies ist auch im Fall des bereitwilligen
Selbstbetruges eines bodenlos Verliebten nicht anders. Man kann angesichts der
darstellenden Phantasmen, die die Intentionen, Erlebnisse, Absichten und das
Wissen Anderer für uns darstellen, sehr verschieden agieren: Glaube oder Un-
glaube, und dann erfolgt eine Modifikation der Darstellung.
Weitere bedeutungtragende Gefühle, die soziale Gegenstände darstellen, sind
z. B. Scham, Stolz, Verlegenheit, Selbstsicherheit usw. In ihnen wird ein Verhältnis
bedeutet, d. h. zwischen mir und einem Anderen oder einer Gruppe von Personen,
die auch die ganze Gemeinschaft sein kann, der ich mich zugeh€orig fühle. Das
Gefühl des Stolzes hebt mich gegenüber den Anderen heraus, meine Leistung, mein
Eigentum wird von ihnen anerkannt, und ich stehe in ihrer Schätzung hoch.

11
Vgl. hierzu Rinofner-Kreidl 2012a.
5.2 Soziale Intelligenz und Absichten Anderer 163

Betrachten wir versuchsweise die Welt mit den Augen eines Primaten, der in
einer Hierarchie lebt. Um die Hierarchie darzustellen, ist wahrscheinlich ein ähn-
liches Gefühl wie Stolz mit im Spiel, wir sollten es eher Überlegenheitsgefühl
nennen. Und diese Überlegenheit ist nicht nur dem einzelnen Anderen gegenüber,
sondern hinsichtlich der ganzen Gemeinschaft geregelt und inhaltlich gefüllt: Ich
darf, und zwar gleichsam „vor“ einer Gemeinschaft und mit ihrem Willen, von den
Anderen Unterwerfungsgesten und -handlungen fordern, die meine H€oherstellung
bestätigen. Ich darf meine Privilegien einfordern.
Auch Scham ist ein soziales Gefühl, das ich ‚für mich allein‘ nicht haben kann.
Immer müssen Andere mit dabei vorgestellt werden, unabhängig davon, ob sie
wirklich da sind oder nicht, und zwar solche Andere, vor denen ich mich schäme,
aber manchmal auch solche Andere, f€ ur die ich mich schäme. Wenn z. B. mein
Freund oder ein Verwandter, z. B. mein Kind, etwas tut, das von unserer Gemein-
schaft als schlecht angesehen wird, dann schäme ich mich f€ ur mein Kind vor der
Gemeinschaft. Scham zeigt nicht nur, dass ich um die Werte der Gemeinschaft
irgendwie theoretisch weiß und dann in dem Fall einer beschämenden Situation mir
sage: Dafür solltest Du Dich schämen! Man k€onnte meinen: Solange es real niemand
sieht, ist es doch noch kein Problem für mich. Aber selbst dann, wenn mich faktisch
niemand sieht, kann ich mich für etwas schämen, indem ich den Standpunkt der
Gemeinschaft einnehme. Scham ohne reale Beobachter zeigt also, dass es sich bei
den Maßstäben, die ich an mein Verhalten anlege, auch um meine eigenen Standards
handelt, die ich von der Gemeinschaft bereitwillig übernommen habe.
In der bisherigen Darstellung haben wir den Bereich der m€oglichen und notwen-
digen Gegenstände des nicht-sprachlichen Denkens auf Gegenstände, Ereignisse
und Personen (ihre Motive und Charaktere) begrenzt. Diese Begrenzung ist aber der
Gesamtleistung, d. h. der Orientierung des Menschen in der Welt und in seiner
Gemeinschaft, noch nicht vollkommen angemessen. Es gibt weitere h€oher- und
niedrigstufige Gegenstände, die ebenfalls in nicht-sprachlichen Repräsentationen
vorgestellt werden k€ onnen müssen. Die hauptsächlichen Themen des Weltbezugs
sind komplexe Situationen mit historischer bzw. biographischer Dimension, die
Einschätzung meiner selbst (Verm€ogen, Pläne, Fähigkeiten, Neigungen usw.) und
schließlich unserer Intention auf die Welt im Ganzen, wobei es zwischen kom-
plexen Situationen und dieser umfassenden Intention viele Zwischenschichten gibt.
Meine k€ orperlichen und geistigen Fähigkeiten geh€oren ebenfalls zu meiner Selbst-
konzeption. Es geht um meine Fähigkeiten, z. B. eine Mauer zu erklettern, mich
einer unfairen Kritik zu stellen, zu tanzen oder in einer fremden Sprache zu
sprechen usw. Die Vorstellung des Inhalts dieser Selbstkonzeption geschieht
zunächst in phantasmatischen Modi. Wenn ich über eine Mauer klettern will, dann
habe ich leibliche Phantasmen aus meiner Innenperspektive, und zugleich auch
solche, die eher der Außenperspektive zuzurechnen sind und dabei sozusagen die
Analogie zu anderen Personen verwenden, die über eine Mauer klettern. Die Ers-
teren sind Phantasmen des Ich-stemme-mich-mit-den-Füßen-vom-Boden-Ab, und
die leibliche Ausprägung wandert zu den Händen und Armen. Alle diese Phantas-
men erscheinen im Modus den Wie-früher-Getan. Ich spüre mich gleichsam wie ein
Junge oder wie ein junger Mann, und die Zuversicht hinsichtlich meiner Fähigkei-
164 5 Weitere zentrale Themen des nicht-sprachlichen Denkens

ten ist groß (aber nicht immer berechtigt). Auch die schmerzhaften, aber wahr-
scheinlichen M€ oglichkeiten werfen hier ein weiteres Licht auf meine k€orperlichen
Fähigkeiten. Ich erinnere mich mit Hilfe von Phantasmen, dass ich mir einmal beim
Klettern das Bein aufgeschrammt habe usw. Auch die Ereignisse des Ich-schaffe-
es-Nicht mit konkreten Reminiszenzen an eine bestimmte Kletteraufgabe scheinen
auf. Hierdurch wird meine Zuversicht schwächer, gleichsam angekränkelt. Alter-
native Phantasmen, in denen meine Arme zu schwach waren, meine Beine nicht
mehr den n€ otigen Schwung haben, drängen sich in den Vordergrund. Ich fühle
meinen Leib dann als schwerfällig, h€olzern, schwunglos usw. Diese Selbstkonzep-
tion ist, obwohl sie im Modus phantasmatischer Szenen und dazugeh€origer Gefühle
stattfindet, auf die reale Welt und auf mich als realen Menschen gerichtet, und zwar
auf meine Fähigkeiten, so wie ich sie selbst erlebt habe, in einer Mischung von
Erfolg und Misserfolg, die sich in meiner relativen Zuversicht spiegelt. Ebenso
kann ich mich auf meine geistigen (kognitiven, charakterlichen . . .) Eigenschaften
beziehen, z. B. einem schwierigen Vortrag folgen zu k€onnen, einem ungerechtfer-
tigten Verlangen zu widerstehen, eine Demütigung ertragen zu k€onnen usw.
Ich stelle mich ‚in meiner Gemeinschaft‘ auch im Modus des Gefühls vor. Wir
haben viele und sehr differenzierte soziale Gefühle: Scham, Stolz, Eifersucht, Hass,
Bedauern, Schadenfreude, Kleinmut usw., und diese k€onnen sich mischen. Sie
haben einen unerwarteten Bedeutungsreichtum, der bei genauer intentionaler Ana-
lyse ihres Sinnes offenbar wird. Es gibt in ihnen meistens eine Selbstthematisie-
rung, die aber zugleich auf Andere bezogen ist. Auf der Seite des Gefühls verfügen
wir ebenfalls über eine große Vielfalt: Ich neide einer Person einen sch€onen und
wertvollen Gegenstand; ich sch€ ame mich für eine Handlung, die evtl. auch auf
meine bleibende Haltung hinweist; ich hasse Personen für etwas, was sie getan
haben; ich bedauere jemanden, der in einer misslichen Lage ist usw. Der Gegen-
stand des Neids kann unbedeutend sein, z. B. kann ich auch jemanden darum
beneiden, dass er in einer Lotterie eine Flasche Sekt gewonnen hat. Neid kann sich
aber auch auf bleibende Fähigkeiten, Erfolge in einer Situation oder in Ketten von
Situationen bis hin zum ganzen Leben richten.
Diesen „Gegenstand“, also Fähigkeiten, Erfolge oder Misserfolge und auch ein
erfolgloses Leben als Ganzes, müssen wir dafür aber zumindest vorstellen k€ onnen, ihn
uns z. B. in einer kurzen phantasmatischen Szene vor Augen führen, damit das Objekt,
an das sich das Gefühl heftet, auch vorgestellt ist. In dieser Hinsicht gilt immer noch,
dass Gefühle in objektivierenden Akten fundiert sind.12 Man k€onnte meinen, dass dies
unsere Fähigkeiten zur szenischen Vorstellung überschreitet, dem ist aber nicht so.13
Außerdem k€ onnen komplexe soziale Geflechte durchaus in symbolischen Formen,
z. B. in einer charakteristischen Szene, gleichsam „verdichtet“ dargestellt werden.

12
Vgl. hierzu Husserl, Logische Untersuchungen, Hua XIX/1, S. 418.
13
Die Mittel der Darstellung sind Verdichtung und Zeitraffung. Hiervon geben viele überzeugen-
de Schilderungen Zeugnis, die von Personen berichtet werden, die sich für einen kurzen Zeitraum
im Gefühl des kurz bevorstehenden Todes wähnten: Das ganze Leben kann in Sekunden vor dem
geistigen Auge in Szenen „vorbeiziehen“, von heftigen Gefühlen begleitet.
5.2 Soziale Intelligenz und Absichten Anderer 165

Schäme ich mich, so schäme ich mich f€ ur eine Handlung und vor jemandem oder
einer Gemeinschaft. In der Scham sehe ich mich, wie schon gesagt, „in den Augen
der Anderen“. In Schelers Analyse der Gefühle findet sich ein Hinweis auf den
leichten Übergang von Schamgefühlen in Bedauern oder Reue.14 Während das Be-
dauern der Vergangenheit gegenüber eine passive Haltung einnimmt, d. h. gleichsam
so tut, als ob nichts mehr zu ändern sei, ist das Gefühl der Reue eines, das tätig
werden will und das – scheinbar paradox – danach strebt, die Vergangenheit zu
ändern, z. B. das von mir getane Unrecht oder eine Ungeschicklichkeit ungeschehen
zu machen, vielleicht durch eine ausgleichende Handlung.
Solche paradoxen Zeitstrukturen sind auch in anderen Gefühlen impliziert.
Wenn wir uns als Realisten verstehen (alltägliche oder wissenschaftsorientierte),
neigen wir dazu, solche inhaltlichen Implikationen zu leugnen oder sie der ver-
meintlichen Irrationalität der Gefühle zurechnen zu wollen. Das ist aber falsch,
denn auch solche Strebungen k€onnen rational sein.
Ein sehr charakteristisches soziales Gefühl ist der Neid.15 Man beneidet nie sich
selbst, sondern immer einen Anderen, der z. B. eine bessere soziale Stellung erlangt hat
oder einen wertvollen Gegenstand besitzt, den ich auch gern besitzen m€ochte, weil dies
die Hochschätzung der Gemeinschaft mit sich bringt. Im Neid ist also nicht nur der
Bezug auf einen Anderen enthalten, sondern auch ich selbst bin mit dabei in dem
Geflecht der Intentionen, die dieses scheinbar so einfache Gefühl umfassen. Wir
vergleichen uns aber meistens nur mit Personen, die eine vergleichbare soziale Stel-
lung, vergleichbare Chancen usw. haben oder gehabt haben. Wenn ich einen Anderen
beneide, dann zeigt dies zugleich, dass wir beide gemeinsame Werte teilen, z. B.
soziale Normen. Aber verglichen mit mir hat der Andere einen sozialen oder materiel-
len Aufstieg erreicht, der mir nicht gelungen ist. Ich beneide ihn um seinen Erfolg.
Gefühle k€onnen sich vielfältig überlagern und auch bei nur leicht geändertem
intentionalen Gehalt ineinander übergehen, sich sozusagen ineinander „transformie-
ren“. Denken Sie dabei an folgende Fälle: Es gibt manchmal noch ein Element der
Verachtung in meiner Haltung gegenüber dem beneideten Anderen, wenn ich z. B.
weiß, dass sein Aufstieg nicht nur durch Fähigkeiten, Glück und Zufall, sondern auch
durch Betrug und Verrat m€oglich geworden ist. Aus Neid wird dann verachtender
Neid oder sogar Neid-Hass. Allerdings ist die moralische Komponente dieser Wen-
dung nicht wesentlich für Neid. Aber hier sollte man betonen, dass die Diskussion
sich bereits weit von dem normalen Fall des Neids auf Gegenstände abgewendet hat,
die der Andere besitzt, ob nun zu Recht oder nicht. Man muss daher Gegenstands-
Neid und Existenzial-Neid (auf sein erfolgreiches Leben) unterscheiden.16

14
Vgl. Scheler 1954.
15
Ich beziehe mich bei meiner Darstellung auf die ausgezeichneten Analysen von Sonja Rinofner-
Kreidl in dem Vortrag „Neid und Ressentiment, eine phänomenologische Analyse“ gehalten auf
den Husserl-Arbeitstagen 2012 in L€ owen (Rinofner-Kreidl 2012b).
16
Der Neid hat auch eine Äußerung in charakteristischen mimischen Ausdrücken, auch die K€or-
perhaltung geh€ort hierzu. Vgl. hierzu Rinofner-Kreidl 2012b.
166 5 Weitere zentrale Themen des nicht-sprachlichen Denkens

Der Erfolg des Anderen führt mir aber auch vor Augen, was ich hätte erreichen
k€
onnen, und was ich nun nicht mehr erreichen kann. Daher gibt mein Neid auf sein
erfolgreiches Leben auch Auskunft über meine künftigen Chancen, dasselbe errei-
chen zu k€ onnen. Wenn ich hinsichtlich meiner Zukunft zuversichtlicher bin, wan-
delt sich der Neid in ein positives Gefühl, das Neidobjekt in ein Ziel meines
Strebens: Das werde ich auch noch erreichen! Aber diese Wandlung hängt von
der Einschätzung meiner selbst ab, und zwar meiner Lebenschancen. Ist diese
Selbsteinschätzung ungünstig, dann wird aus Neid Neid-Scham, und zwar darüber,
dass ich nicht so weit gekommen bin wie er, obwohl ich so weit hätte kommen
k€
onnen. In diesem Ineinander von Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit erblicke
ich in seinem Erfolg zugleich meine verfehlte Zukunft, und zwar meine Zukunft –
h€
ochst paradox – als schon vergangen: Das werde ich nicht mehr erreichen k€onnen!
Interessanterweise gibt es aber neben dem Leben im Neid in seinen verschiedenen
Formen auch die M€oglichkeit einer radikalen Umwertung in abwertenden Neid: Der
positive Wert dessen, was der Andere erreicht hat oder besitzt, wird geleugnet, ein
Gegenwert tritt an seine Stelle. Wie in der Fabel vom Fuchs und dem Raben heißt es
dann: „Die Trauben sind sicher viel zu sauer, ich will sie gar nicht mehr haben“.
Neid kann sich, wie schon erwähnt, leicht in hassenden oder abwertenden Neid
verwandeln, und wenn diese Wandlung nicht auf der Basis einer bekannten Lebens-
geschichte des Anderen beruht, so kann sie immer noch auf einer erfundenen
Geschichte beruhen, die jedoch in meiner Gemeinschaft für wahr gehalten wird.
Hiermit sind wir zu dem Bereich des habituell gewordenen Neides auf Gruppen von
Anderen gelangt, die vielleicht noch durch ihre Religion, ihre Volkszugeh€origkeit,
historische Zufälle mit gr€oßerer Macht und Reichtum ausgestattet sind usw. ‚Wir‘
bleiben arm, weil diese Anderen uns die Arbeit, die guten Jobs usw. wegnehmen,
weil sie als Volksgruppe betrügerische Neigungen haben usw. Sie k€onnten sagen:
Das ist doch etwas übertrieben! Aber in dieser Hinsicht braucht man leider nichts zu
erfinden, die Geschichte der letzten zweihundert Jahre oder die Lektüre einer
Tageszeitung k€ onnen uns hierüber jederzeit ausreichend belehren. Der soziale
Neid, vom Gefühl der Ohnmacht begleitet, wandelt sich in dauerhafte und tradierte
Ressentiments. – Soziale Gefühle erweisen sich also als sehr gehaltreiche, bedeu-
tungtragende Elemente im nicht-sprachlichen Denken.

5.3 Koordinierte und kollektive Kooperation

Ein weiteres zentrales Thema des nicht-sprachlichen Denkens ist die Kooperation
bei Menschen und Tieren. Wenn man über koordinierte Formen der Kooperation
bei Primaten nachdenkt, dann besteht immer die Gefahr, dass man als Bedingung
komplexer Kooperation – analog zu menschlichen Verhältnissen – Kommunikation
in der Form sprachlicher Verabredungen voraussetzt. Man schließt dann weiter: Da
Primaten nicht mit Begriffen kommunizieren, sondern allenfalls Warnrufe verwen-
den, muss komplexe Kooperation für sie unm€oglich sein. Diese Argumentation
beruht jedoch auf einer problematischen Übertragung der für Menschen üblichen
5.3 Koordinierte und kollektive Kooperation 167

Weise der Vorbereitung komplexer Kooperation durch sprachliche Kommunika-


tion auf Primaten. Tiere k€onnten zudem andere Weisen der Kommunikation ver-
wenden, solche, die wir noch nicht kennen und verstehen. Zudem gibt es ein
weiteres Bedenken, welches mit der Voraussetzung ansetzt, dass auch für Men-
schen sprachliche Verabredungen notwendig sind, um komplexe, koordinierte Ge-
meinschaftsaktionen ausführen zu k€onnen. Das ist für unsere Analyse ein interes-
santer Punkt, denn bereits hiergegen sprechen gute Gründe: Man muss Ver-
abredungen nicht voraussetzen, weil es ein mächtiges Werkzeug gibt, das uns auch
komplexe Handlungen einüben lässt: die Tradition.
Eine weitere implizite Annahme, die wir ebenfalls vom Menschen auf Tiere
übertragen, ist, dass es einen zentralen planenden Kopf der Aktion geben muss,
sozusagen einen Chef bzw. master mind, der seinen Plan den Anderen mitteilt und
auch die Autorität hat, Anweisungen zu geben. Diese Annahme ist für viele hoch
koordinierte Aktionen im Tierreich falsch. So weiß man, dass es nur ein paar
einfache Regeln sind, die Tausende Fische (und V€ogel) befolgen, um gigantische
gestalthafte und sehr bewegliche Schwärme zu erzeugen: Halte die gleiche Rich-
tung und den gleichen Abstand zu allen Nachbarn ein, und wenn ein Feind auf-
taucht, schwimme von ihm weg. Im Ganzen wirkt die Handlung dann koordiniert
und gestalthaft.
Schimpansen k€onnen auch auf anderen Gebieten kooperieren, allerdings tun sie
dies nur dann, wenn es um hochwertige Güter geht, die nicht auf andere Weise zu
erlangen sind, z. B. eine hohe Position in der Gruppenhierarchie. Hierfür gehen sie
Koalitionen ein, die bereits als kollektive Handlung gelten k€onnen. Dasselbe gilt für
die Verteidigung der Gruppe oder eines Teils der Gruppe gegen Fressfeinde und für
die Jagd zur Erlangung hochwertigen Futters (Fleisch). Koalitionen k€onnen auf
vielfältige Weise wechseln, aber sie werden eingehalten, solange sie von gegen-
seitigem Nutzen sind. Auch Hierarchien lassen sich als ein kooperatives und
koordiniertes Handlungsgeflecht betrachten. Besonders eindrucksvoll sind jedoch
die Berichte über koordinierte Jagd.
Betrachten wir einige bekannte Fälle für die Kooperation bei Primaten. Es gibt
mittlerweile viele Berichte und auch eindrucksvolle Filmdokumente über die ge-
meinschaftliche Jagd kleinerer Affen durch Schimpansen.17 Ob dahinter auch ein
kollektiver Wille steht, ist aber umstritten. Michael Tomasello interpretiert die
geistige Seite dieser kollektiven Aktivitäten so, dass es bei den einzelnen Mitwir-
kenden kein Verständnis von den Intentionen der anderen Gruppenmitglieder gibt

17
Vgl. Boesch und Boesch 1989; Boesch 1994b (sowie die dort diskutierte Literatur); Boesch
2005 und Boesch und Boesch-Achermann 2000. Aufschlussreich ist auch der Verteilungsschlüssel
bei erfolgreicher Jagd, dazu vgl. Boesch 1994a.
Zu den Einzelheiten der eindrucksvollen Jagd, die zum Teil mit Infrarotkameras gefilmt wurde,
ist aufschlussreich: Chimpanzees team up to attack a monkey in the wild – aus einer Dokumen-
tation des BBC wildlife: http://youtu.be/A1WBs74W4ik. Vgl. weiterhin Watts und Mitani 2002.
168 5 Weitere zentrale Themen des nicht-sprachlichen Denkens

und kein Wissen um deren Wissen oder ihre Absichten: Es gibt keine kollektive
Absicht bei dieser Aktivität.18
Das scheint mir eine verständliche, aber auch bewusst ‚minimalistisch‘ gehal-
tene Interpretation der geistigen Seite dieser Aktivitäten zu sein. Nimmt man
jedoch die Filmdokumente hinzu, die mit Hilfe von Beobachtungsballons mit
Infrarotkameras gemacht wurden, erscheint diese Deutung kontraintuitiv. In den
Aufnahmen gewinnt man sofort den Eindruck, dass diese Jagd eine gemeinsame,
fast wie geplant wirkende Aktivität mit verteilten Aufgaben ist. So scheinen z. B.
alle m€oglichen Auswege durch einzelne Schimpansen blockiert zu werden: Ein
Baum, ein Mann. Wie kann dies so effektiv gelingen, wenn es keinen gemeinsamen
Plan gibt? Es finden sich auch andere Aufgaben als die dieser ‚Wächter‘ (blocker).
Die Aufgabe der so genannten ‚Treiber‘ (driver) ist es, die gejagten Tiere vor sich
her entweder in die Arme der Wächter am Fuß der Bäume oder in die der ‚Lauerer‘
(ambusher) zu treiben, die an bestimmten wichtigen Wegkreuzungen den Opfern
auflauern. – Was aber auch deutlich wird, ist, dass es zu Beginn keine Kommuni-
kation über diesen gemeinsamen Plan gibt. Alle Mitglieder der Jagdgruppe verhal-
ten sich auf einmal so, als ob sie schon wüssten, was sie zu tun haben, sie ver-
stummen z. B. alle gemeinsam – und dies ist bei den üblicherweise sehr lärmigen
Schimpansen schon außergew€ohnlich – und beginnen mit der Jagd.
Die Suche nach einer vorangegangenen Kommunikation über die gemeinsamen
Ziele und die Wege, wie sie am besten zu erreichen sind, ist aber wahrscheinlich
bereits eine fehlerhafte Übertragung von h€oherstufigen Gemeinschaftsaktivitäten
des Menschen (und zwar solchen, die eine vorherige Absprache verlangen) auf die
kollektiven Aktivitäten bei Primaten. Und selbst beim Menschen gibt es viele
gemeinschaftliche Aktivitäten, die einer solchen Absprache ebenfalls nicht bedür-
fen. – Wenn die gemeinschaftliche Aktivität in Form einer Tradition erworben
wurde, wissen alle, was sie zu tun haben, denn sie haben dasselbe schon €ofter getan.
Neue Mitglieder wachsen in diese Traditionen hinein und müssen gelegentlich aber
auch sanktioniert werden, wenn sie etwas tun, das nicht mit der Aktivität zusam-
menpasst. Wenn jüngere Mitglieder bei der gemeinsamen Jagd z. B. beginnen, laut
zu lärmen, werden sie sanktioniert.19 Man sollte aber die drohenden Sanktionen
nicht als den eigentlichen Motor des Erwerbs einer Tradition ansehen. Der Modus
des In-eine-Tradition-hinein-Wachsens ist nicht als ein mühsamer Erziehungspro-
zess zu denken, sondern er verläuft meistens freiwillig, und die Neulinge versuchen
mit großer Anstrengung, alles richtig zu machen, damit sie von der Gruppe aner-
kannt werden. Dies ist bei allen Lebewesen, die in Gruppen leben, vergleichbar. Die
Vorstellung der jeweiligen Aufgabenverteilung und des Zusammenwirkens vieler
verschiedener Aktivitäten lässt sich zudem durchaus in szenischen Phantasmen
leisten, in denen sich jedes Mitglied der Gruppe gleichsam erinnert, wie es beim
letzten Mal war und davor usw. Auf die gleiche Weise kann man sich vorstellen,
welche ‚Fehler‘ zum Entwischen des gejagten Tieres geführt haben k€onnen.

18
Vgl. Tomasello 2009, S. 186–199.
19
Vgl. Boesch und Boesch 1989.
5.3 Koordinierte und kollektive Kooperation 169

Tomasello interpretiert die gemeinschaftliche Jagd jedoch so (minimalistisch),


dass keine Vorstellung eines gemeinsamen Plans notwendig ist. Die einzelnen
Schimpansen handeln immer nur nach ihrem eigenen, singulären Plan. Jeder von
ihnen hofft, dass er den Affen gerade dort erwischen wird, wo er ist, z. B. an dem
Baum, den er bewacht, und dass er ihn dann auch allein behalten darf. Dies ist
einerseits sinnvoll, und zwar vor dem Hintergrund des Wissens, dass Schimpansen
außerordentlich kompetitiv sind, d. h. um Nahrung normalerweise konkurrieren.
Aber Tomasellos Jeder-für-Sich-Theorie der gemeinschaftlichen Jagd erklärt nicht,
warum die Jagdbeute nachher geteilt wird. Die Annahme einer Jagdtradition ist
auch in einer anderen Hinsicht naheliegend, denn wir wissen, dass Schimpansen
ausgeprägte Werkzeugtraditionen haben.
Wenn man aus dem Fehlen einer €offentlichen Kommunikation über die gemein-
schaftliche Absicht schließt, dass es keinen gemeinschaftlichen Plan gibt, dann
verabsolutiert man das Sprachparadigma des Denkens, das besagt, dass Denken
und Planen nur im Medium der Sprache m€oglich ist, und dass gemeinschaftliches
Planen und Handeln nach einem solchen Plan nur m€oglich ist, wenn man das Mittel
der €
offentlichen Kommunikation zur Verfügung hat. Von diesem Paradigma sind
wir aber schon weit abgerückt.
Natürlich drängen sich die Fragen auf, wie denn die komplexen, koordinierten
Aktionen „vereinbart“ werden, ob es ein Surrogat für die Verabredung gibt, wie
kommuniziert wird, wann die gemeinsame Aktion beginnt usw. Vielleicht ist es
aber auch gar nicht richtig, eine solche Kommunikation zu erwarten, denn dies
k€onnte eine fehlerhafte Übertragung der menschlichen Sichtweise sein. Da dies bei
Primaten und auch bei anderen in Gruppen jagenden Tieren nicht durch ausdrück-
liche, sprachliche Verabredung geschehen kann, muss man nach Alternativen
suchen. Die aussichtsreichsten Kandidaten sind hierfür Gewohnheit und Tradition.
Traditionen werden durch Mitmachen und Nachahmen bei gleichzeitiger Sanktion
von abweichendem Verhalten erlernt. Dies sind alles Elemente, die innerhalb der
Handlungskommunikation geleistet werden k€onnen. Im Fall der Jagd oder Vertei-
digung handelt es sich um ein komplexes Gefüge von zusammenwirkenden Ab-
sichten, die koordiniert realisiert werden müssen, damit die Gesamtleistung erreicht
werden kann. Eine weitere aussichtsreiche Alternative ist, dass es kollektive Ge-
wohnheiten gibt, die bei jeder wiederkehrenden Gelegenheit weiter eingeübt wer-
den.
Es gibt viele Berichte über gemeinschaftliche Aktivitäten bei Schimpansen, die
der Verteidigung der Gruppe gegen Fressfeinde dienen, die bis hin zum Anlegen
eines Vorrats an Steinen und anderen Wurfwerkzeugen führen.20 – Hochkooperati-
ves Verhalten zeigen auch Paviane in der Savanne bei der Verteidigung gegen
Feinde: Es gibt eine regelrechte Kampfaufstellung mit den starken Männchen in der
ersten Reihe, den kräftigen Weibchen in der zweiten und den alten und ganz jungen
in der dritten Reihe. Auch hier werden tradierte Regeln und Sanktionen bei der

20
Vgl. Balter 2012 und die Berichte über Zukunftsplanung bei Schimpansen durch Osvath und
Karvonen 2012.
170 5 Weitere zentrale Themen des nicht-sprachlichen Denkens

Verletzung dieser Regeln vorliegen müssen. – Moschusochsen verteidigen ihre


Kälber gegen den Angriff von Wolfsrudeln durch Bildung einer Art Burg, indem
sie sich im Kreis schützend um die Kälber stellen. – Es gibt auch koordinierte
Hilfeleistungen: Wale helfen verletzten Gruppenmitgliedern, indem sie sie gemein-
sam zum Atmen an die Oberfläche heben (die so genannte Margerite). – Viele Tiere
jagen koordiniert in Gruppen und mit verschiedenen Funktionen, z. B. W€olfe,
L€owen, Delphine usw. Das komplexe und koordinierte Jagdverhalten von Schim-
pansen folgt demselben Muster und blieb nur wegen des schwer zugänglichen
Lebensraums lange unbekannt.
Komplexe Aktivitäten einer ganzen Gruppe von Individuen finden wir oft bei
Verteidigung und Jagd. K€onnte man hier aufweisen, dass diese Aktivitäten des
Kollektivs sich von Gruppe zu Gruppe in wichtigen Punkten unterscheiden (wie es
z. B. bei Werkzeugtraditionen von Primaten in der Regel der Fall ist), dann muss es
ein deutliches Element der Tradition geben, aber nicht unbedingt eine Methode der

offentlichen und kommunikativen Repräsentation solcher komplexen Aktionen.
Und auch bei relativ einfachen Spezies zeigt sich, dass Traditionen bzw. einge-
übtes kollektives Verhalten zusammen mit Sanktionen sehr leistungsfähige Instru-
mente sind. Kooperation finden wir nicht nur bei hochzerebralisierten Primaten. Bei
den Stichlingen gibt es eine Methode der Fortbewegung der gesamten Gruppe in
kleinen Bächen und Flüssen, die darauf beruht, dass zwei Späher vorangeschickt
werden. Diese Späher gehen ein gr€oßeres Risiko ein als die langsam folgende
Gruppe, denn sie werden von Raubfischen zuerst entdeckt. Daher kommt es vor,
dass einzelne dieser Späher sich ihrer Aufgabe entziehen. Wenn einer der beiden
sich einmal als feige erweist und seine Aufgabe nicht erfüllen will, verweigert der
andere anschließend jede Zusammenarbeit mit diesem.21 Mut im Dienst der Gruppe
gilt sozusagen als unbedingte Pflicht. Was aber der Unterstützung durch Sanktionen
bedarf und fähig ist, kann nicht nur instinktgegründet sein.
Aber es gibt auch Fragen, die hinsichtlich des nicht-sprachlichen Denkens
gestellt werden müssen, selbst wenn keine €offentliche Kommunikation in Form
einer Verabredung stattfindet und stattfinden kann: Wie stellen nicht-sprechende
Individuen komplexe und zusammenwirkende Aktivitäten verschiedener Subjekte
im einsamen Denken vor? Und man darf natürlich auch fragen, ob Menschen ihre
komplexen koordinierten Aktionen wirklich durch Kommunikation und sprach-
liches Denken über einen Plan vorbereiten müssen, oder ob es nicht auch hier
Anzeichen dafür gibt, dass einfachere Denkwege m€oglich sind. Es gibt beim
Menschen viele Bereiche des Lebens, in denen koordinierte Handlungen von vielen
Handelnden erforderlich sind. Deren Komplexität ist jedoch sprachlich nur schwer
zu beschreiben, denn Sätze haben nur wenige Relationsglieder, und komplexere
Relationen k€ onnen immer nur nacheinander dargestellt und abgearbeitet werden.
Hier haben Repräsentationssysteme auf der Basis von Ähnlichkeits-Semantik einen
Vorteil. Die Gesamtleistung, d. h. die eigenen Aktionen und die aller Anderen

21
Vgl. Milinski et al. 1990.
5.3 Koordinierte und kollektive Kooperation 171

zusammen zu denken, ist in bildhaften Vorstellungen viel einfacher und schneller


zu bewältigen als in sprachlichen Systemen.
Es gibt auch beim Menschen hochkollektive Aktivitäten, und natürlich auch
gelegentlich einen Masterplan, der durch sprachliche Kommunikation mitgeteilt
wird und allen bekannt ist. Dies ist aber nicht immer der Fall, denn ebenso
kommen gemeinschaftliche Aktivitäten vor, denen keine ausführliche kommuni-
kative Konsultation über die genaue Strategie vorausgeht, und die dennoch so
aussehen, als ob alle genau wüssten, was sie an ihrer jeweiligen Stelle zu tun
haben. Ein gutes Beispiel dafür sind Fußball und andere komplexe Gruppenspiele,
die Angriff und Verteidigung verbinden, die also Jagd und Verteidigung strukturell
ähnlich sind.
Dies verweist auf eine Form der Intelligenz, die man laterale Intelligenz nennen
k€onnte. Sie kommt bei der Verteidigung, der gemeinschaftlichen Jagd, der koordi-
nierten Hilfe und bei komplexen Gruppenspielen vor, z. B. beim Fußball. Viele
Ballspiele verbinden Angriff, Jagd und Verteidigung in Gruppen auf spielerische
Weise.
Es ist aber einsichtig, dass es sich hierbei um eine geistige Leistung handelt, die
nicht in erster Linie auf dem Gebrauch von Begriffen beruht. Hiervon zeugen die
oft nichtssagenden verbalen Erklärungen vieler Fußballer für die Gründe ihres Er-
folgs oder Misserfolgs. Es fällt zudem auf, dass die meisten der sehr guten Spieler
nicht oder nur sehr rudimentär über die genaue Strategie des Spielverlaufs Auskunft
geben k€ onnen, und dies, obwohl sie im Spiel perfekt koordiniert agieren. Ich denke
nicht, dass sie zu dumm sind, um solche strategischen Überlegungen bieten zu
k€onnen, denn sie haben eine perfekte motorische oder bildliche (besser: szenisch-
phantasmatische) Idee davon, wie sie handeln müssen, und zwar auch in hochkom-
plexen Aktionsgefügen. Meine Vermutung ist daher auch hier, dass die Vorstellung
davon, was zu tun ist, nicht begrifflich-propositional gefasst ist, sondern in der
analogischen Semantik des szenisch-phantasmatischen Systems. Das bedeutet
nicht, dass die intensive Beratung durch Trainer nutzlos wäre, denn diese richtet
sich oftmals auf die Verbesserung von Details der Handlungsabläufe, und das be-
deutet auch nicht, dass die jeweilige ‚Strategie‘ nicht zuvor vom Trainer ausgedacht
werden kann, aber die Vermittlung dieser Strategie erfolgt weitgehend über Tafel-
bilder, die aus der Draufsicht gezeichnet werden. Hier zeigt sich die besondere
Funktion der erfahrenen Spielmacher, die die Bälle aus dem Mittelfeld heraus
verteilen, weil sie eine gute Chance für die schnellen und jungen Stürmer im Voraus
‚gesehen‘ haben.22 Die Spielmacher haben aus langer Erfahrung die Fähigkeit
erworben, aus der ‚Sicht‘ eines auf dem Feld laufenden Spielers heraus, diese
sozusagen in die Draufsicht ‚übersetzen‘ zu k€onnen und die aussichtsreicheren
Chancen zu ‚sehen‘. Diese ad hoc-Planung beruht auf analogischer Semantik.

22
Die Anführungszeichen bei ‚gesehen‘ sollen andeuten, dass es sich hier nicht nur um Wahrneh-
mung handelt, sondern bereits um nicht-sprachliches Denken in analogischen Repräsentations-
formen.
172 5 Weitere zentrale Themen des nicht-sprachlichen Denkens

Auch Worte wie Strategie, Aufstellung oder System helfen hier oft nicht, denn
die Erfassung einer Veränderung, der m€oglichen Folgen und die Umsetzung in
Aktion muss so schnell erfolgen, dass sprachliche Begriffe hier nicht als Leistungs-
träger in Frage kommen. Dennoch gibt es – aber nur vorher oder nachher – be-
griffliche M€ oglichkeiten, dieses komplexe Zusammenwirken von Faktoren zu
beschreiben. Zumindest gelingt es den Trainern oft, auf diese Weise Fehler zu
korrigieren und Chancen aufzuzeigen. Aber auch die bildhafte Vorstellung der
wirklichen und m€oglichen Spielverläufe ist eine Intelligenzleistung. Denn einer-
seits ist es offensichtlich, dass die meisten guten Spieler nicht in der Lage sind,
begrifflich einsichtig über die Besonderheiten ihrer Strategie zu sprechen, anderer-
seits sind sie doch nicht dumm. D. h. es liegt hier eine andere Methode des Denkens
zugrunde, die nichts mit einem Wenn-Dann Satz über begrifflich hochstufige
Situationsbeschreibungen zu tun hat.
Diejenigen Sätze, die überhaupt etwas über die gemeinschaftliche Aktion erfolg-
reich mitteilen k€onnen, gebrauchen oft räumliche oder zeitliche Metaphern sowie
Metaphern aus dem Alltag: die Räume eng machen, das Tempo erh€ohen, druckvoll
spielen und die Aktionen zeitlich und räumlich koordinieren. Immer wieder werden
bildhafte und metaphorische Ausdrücke herangezogen: Gibt es einen schnellen,
starken, gefährlichen Spieler in der anderen Mannschaft, dann gilt es, die Effekte
dieser Person auf die gegnerische Mannschaft im Auge zu behalten. Er bindet die
Verteidiger, d. h. er zieht sie wie ein Magnet an, die Anderen müssen sich derweil
freispielen oder die Verteidiger ihrerseits auf sich ziehen oder binden, sie müssen
versuchen, das Spiel aufzubauen und im entscheidenden Moment eine Vorlage zu
geben. Ein unerwarteter Gegenstoß reißt die Linien der Verteidigung auf, ein
langsamer Mittelfeldspieler schwächt die Verteidigung usw. Wenn der Trainer
die Spielzüge erklärt (z. B. auf einer Tafel), dann ist es ein bildhaftes Analogon
zu dem, was die Spieler schon einmal gesehen haben. Das Medium, in dem
koordiniertes Handeln vorgestellt wird, ist überwiegend bildhaft organisiert. Es
stellt bildhaft bekannte praktische Vorgänge dar, die eingeübt und modifiziert
werden.
Die Fähigkeit, koordiniert und gemeinschaftlich zu handeln, ist jedoch kein
Spezifikum des Fußball spielenden Lebewesens. Offensichtlich k€onnen viele Tiere
ebenfalls zusammen agieren, und wir dürfen vermuten, dass sie diese Aktionen in
ähnlicher Weise vorstellen wie Menschen.
Manchmal scheint es bei koordinierten Aktionen einen Anführer geben zu
müssen, einen, der Entscheidungen trifft oder zumindest sagt, wann es losgeht,
oder der das Zeichen für eine Änderung der Strategie gibt. Aber was ist, wenn die
Kommunikation schwer ist, weil die Entfernung oder der Lärm zu groß, oder weil
eine offene oder unverschlüsselte Kommunikation zu verräterisch wäre (wie bei der
Jagd)? Dann muss jeder Einzelne wissen, worauf es im Ganzen und für jeden
Einzelnen ankommt.
Das Erstaunlichste ist aber, dass komplexe koordinierte Aktionen von Menschen
und Tieren ohne detaillierte Verabredung vollzogen werden k€onnen, hierfür muss
man komplexe Handlungen zumindest vorstellen k€onnen. Der entscheidende Fak-
tor scheint hierbei zu sein, dass man das koordinierte Agieren von Vielen schon
5.4 Verpflichtungen und moralisches Empfinden 173

einmal gesehen hat und diese Vorbilder nachahmen will. Der Wunsch, das zu
k€
onnen und zu tun, was die Vorbilder tun, bewegt alle Mitglieder der Gruppe.
Die Vorstellung der gemeinsamen Aktion ist dann bildhaft auf der Basis zuvor
bereits erlebter gemeinsamer Aktionen m€oglich, natürlich unter Abwandlung der
Personen und der Situationen.

5.4 Verpflichtungen und moralisches Empfinden

Ein wichtiges und zugleich sehr schwieriges Thema des nicht-sprachlichen Den-
kens sind die Moralregeln und die vielfältigen anderen Weisen, in denen wir uns zu
einem Handeln oder zur Beachtung bestimmter Handlungsregeln verpflichtet füh-
len. Es gibt relativ allgemeine Regeln, die aber immer wieder von eigenständigen
Prinzipien überlagert werden. Der Nutzen für die Gemeinschaft scheint ein wich-
tiger Orientierungspunkt zu sein, aber auch dazu nicht gleichlaufende Prinzipien,
wie Würde und das Recht des Einzelnen auf Unversehrtheit und Selbstbestimmung,
ordnen sich nicht dem Nutzenprinzip unter. Welcher der richtige Weg ist, lässt sich
noch nicht abschätzen: ob Kants kategorischer Imperativ oder Rawls Theorie der
Gerechtigkeit. Auch die Gefühlsethik und die Wertethik sind immer noch attraktive
Alternativen. Dies ist jedoch nicht unser Thema, hier geht es nicht um die letztlich
„richtige“ Ethik und die Argumente, die sie für jedermann einsichtig machen
k€onnen. Der Bereich der Handlungen leitenden Verpflichtungen und Loyalitäten
ist viel weiter als der der Moral.
In unserem Kontext geht es um die Art und Weise, in der wir auf eine nicht-
sprachliche Weise die Regeln und Verpflichtungen vorstellen, die wir für gültig
halten oder deren Geltung wir unbefragt als die unsere akzeptiert haben. Es handelt
sich also nicht um eine Begründung der Ethik, sondern lediglich um die Methode
der nicht-sprachlichen Vorstellung von Verpflichtungen, die wir, auf welche Art
auch immer begründet, zu haben glauben.
Diese gefühlte Verpflichtung richtet sich dabei nach Anweisungen, die aus ganz
verschiedenen Quellen stammen k€onnen. Die gefühlte Verpflichtung der verwandt-
schaftlichen Bindung ist gew€ohnlich stark und wird als unbedingt empfunden. Die
Soziobiologie lehrt uns, dass dies ein Erbe der Evolution und Resultat der Konkur-
renz unter verschiedenen Genpoolen in einer Spezies ist. Der stark ausgeprägte
Altruismus unter Verwandten sowie die Neigung des Menschen zur uneigennützi-
gen Kooperation (die gelegentlich auch nicht auf Wiedergabe der Hilfe besteht)
werden durch die besonders exponierte Situation der Spezies verständlich (d. h.
wenige Nachkommen, lange Hilflosigkeit der Kinder, lange Jugendzeit usw.).
Altruismus und Neigung zur Kooperation sind für den Menschen eine sehr effektive
Überlebensstrategie. Wir lieben unsere Kinder und handeln danach. Unsere Bereit-
schaft, zu handeln und auch Nachteile in Kauf zu nehmen, ist ein untrügliches
Kennzeichen dieser Zuneigung. Übersetzt in Freude und Leid, k€onnte man sagen,
dass uns nichts so schmerzt wie das Leid unserer Kinder, und ihr Nutzen ist unsere
gr€oßte Freude. Die Regelung unserer Handlungen erfolgt in dieser Hinsicht also
174 5 Weitere zentrale Themen des nicht-sprachlichen Denkens

direkt über die Emotionen, die an Vor- und Nachteile bestimmter Personen ge-
knüpft sind. Dies ist auch bildhaft und emotional leicht vorzustellen.23
Unser Fühlen und Handeln richtet sich aber auch auf unser eigenes Wohlerge-
hen, auch dieses egoistische Streben ist eine Quelle gefühlter Verpflichtung, die wir
mit den anderen Quellen irgendwie in ein Verhältnis setzen müssen. Unser eigenes
Wohlergehen liegt uns sehr am Herzen, so dass eine Abwägung gegenüber dem
Wohlergehen Anderer meist zu deren Ungunsten ausgeht. Ausnahmen gibt es
hierbei selten und meistens nur im Bezug auf nahe Verwandte. Was fühlen wir,
wenn wir egoistisch sind? Wir stellen uns unser künftiges Wohl oder Leid in
alltäglichen Handlungen und in bekannten Situationen vor, und diese Vorstellungen
sind von einer starken gefühlten Zu- oder Abneigung begleitet.
Es gibt weitere Quellen der gefühlten Verpflichtung, wie z. B. die Gew€ohnung
an die Standards unserer Gemeinschaft. Hier lernen wir die Gebote und Verbote,
was ‚man‘ tun oder nicht tun sollte. Diese Gebote durchdringen unser ganzes
alltägliches Leben, obwohl wir ihnen niemals bewusst zugestimmt haben. Die
unbefragte Einstimmung im Tun ist der Modus ihres Erwerbs. Wir wachsen in
einer Gemeinschaft auf, in der Vorbilder und die von Anderen geäußerte Anerken-
nung bestimmter Personen und Verhaltensweisen angeben, was der Standard dieser
Gemeinschaft ist. So wissen wir, was ‚man‘ tut und was wir tun müssen, damit wir
die Anerkennung der Anderen erhalten, nach der wir streben. Dabei mischt sich der
Wunsch, zu den ‚Erwachsenen‘ zu geh€oren, mit dem Wunsch, anerkannt zu
werden.
Die jeweils in einer Gemeinschaft entstandenen Formen des Ethos, des Wissens
darum, was man schicklicherweise tut oder nicht tut, sind stark regionalisiert. Die
Normen des Verhaltens werden in kommunizierenden Gemeinschaften geformt, so
dass sich diese Normen meistens von denen der Nachbargemeinschaften unter-
scheiden. Dies liegt zum Teil daran, dass Menschen, wie andere Spezies auch, um
Ressourcen konkurrieren, aber dass sie dies auf ihre unverwechselbare Weise tun,
nämlich durch Vergemeinschaftung und Kooperation innerhalb der Gemeinschaft.
Daher sind für uns als kooperative und altruistische Spezies nicht die uns nahen
Mitbürger, sondern die Nachbargemeinschaften die gefühlten Konkurrenten im
Kampf ums Überleben und Wohlergehen. Nimmt der Kampf die harte Gestalt eines
„Er oder Ich“ an, so heißt es für Menschen daher eher „Sie oder Wir“. In diesem
Kampf muss es unterscheidende Kriterien und Berechtigungsgründe geben, die
gerne in den Unterschieden der Sprache, der Religion und des gelebten Ethos
gesucht werden. Ein großer Teil der an eine Heimwelt gebundenen Verpflichtungen
und Verbote steht im Einklang mit den ebenso regionalisierten religi€osen Vor-
stellungen und zugeh€origen moralischen und rituellen Regeln.
Zu allen diesen gefühlten Verpflichtungen kommen noch die gefühlten Ver-
pflichtungen, die wir einzelnen Anderen gegenüber oder auch Gruppen von Ande-
ren gegenüber empfinden, und zwar unabhängig davon, ob deren Forderungen

23
Woher wissen wir um das Bestehen der Verwandtschaft? Da wir alle keine Genetiker sind, muss
die Quelle dieser Verbundenheit eine lange gemeinsame Geschichte sein.
5.4 Verpflichtungen und moralisches Empfinden 175

einen moralischen Grund haben oder lediglich auf Freundschaft oder Macht beru-
hen.
Neben allen diesen gefühlten Verpflichtungen und Regeln, die der alltäglichen
Lebensbewältigung dienen, behaupteten die Vertreter der Gefühlsmoral, dass es
noch ein von allen diesen Einflüssen unabhängiges moralisches Gefühl gebe.24
Dieses Gefühl ist z. B. nach Hume im Vergleich mit den anderen Quellen der
gefühlten Verpflichtung durch zwei bemerkenswerte Besonderheiten ausgezeich-
net: Sein gefühlter Einfluss ist schwächer als derjenige aller anderen Quellen
(Egoismus, Kinderliebe, heimweltliches Ethos und religi€ose Gefühle), und zudem
hat es nicht deren Parteilichkeit. Durch die Aufdeckung dieser anderen Quellen
gefühlter Verpflichtung k€onnen wir daher eventuell lernen, unparteilich und unvor-
eingenommen zu urteilen.
Andere Positionen der Ethik gehen davon aus, dass es auch vernünftige Gründe
für die moralische Bestimmung unseres Handelns gibt. Damit diese aber wirksam
werden k€ onnen, müssen auch sie die Form gefühlter Motive annehmen. Alle diese
gefühlten Verpflichtungen müssen im und durch das Gefühl geregelt und in einen
gewissen Ausgleich gebracht werden. Das Handlungen motivierende Gefühl ist
jeweils an phantasmatische Szenen gebunden, in denen die Ziele unseres Handelns
vorgestellt und dann als erstrebenswert oder verpflichtend gefühlt werden.
Diese phantasmatischen Bilder und ihre im Gefühl vermittelten und repräsen-
tierten Forderungen wechseln einander ab und streiten in der Dimension der Stärke
des jeweiligen Gefühlsimpulses um die Vorherrschaft über unser Handeln. Die
unnachgiebige Haltung des Finanzamtes kann dann mit dem Blick meines quen-
gelnden Kindes, das ein teures Spielzeug wünscht, in eine oszillierende Auseinan-
dersetzung treten. Die jeweiligen Ansprüche ruhen nicht und melden sich immer
wieder in einem Konzert der gefühlten Verpflichtungen. In diesem Hin und Her
muss dann entschieden werden, auch unter gelegentlicher Einrede und Einspruch
von anderen Autoritäten. Deshalb k€onnen auch sehr vernünftig wirkende Personen
scheinbar sehr irrational handeln. Dennoch ist diese unterschiedslose Verrechnung
der gefühlten Verpflichtungen oder Hemmnisse ein entscheidender Vorteil des
nicht-sprachlichen Systems, denn es erm€oglicht uns zumindest, auch in sehr kom-
plexen Situationen mit vielen schwer zu gewichtenden und kaum zu vergleichenden
Antrieben dennoch handlungsfähig zu bleiben.25
Diese und andere komplexe Probleme werden vom nicht-sprachlichen Denken
durch die Methode der langsamen Modifikation gel€ost, wobei meine Optionen alle
durchgespielt werden, und ich diesen m€oglichen L€osungen sozusagen zunächst wie
ein Zuschauer gegenüberstehe. Erst nach einigen Wiederholungen kann ich einer
bestimmten L€ osung gegenüber f€
uhlen, dass ich sie auch für die Zukunft akzeptieren
kann. Sie wird so zu einem akzeptierten Plan für mein künftiges Handeln. Aber

24
Vgl. hierzu etwa Hume 1984.
25
Vgl. auch hier Abschn. 6.2.
176 5 Weitere zentrale Themen des nicht-sprachlichen Denkens

nicht alle Alltagsfragen haben einen so komplexen Charakter, und für einfache
Probleme bietet das nicht-sprachliche System auch schnelle L€osungen.26
Der Blick auf unsere nächsten tierischen Verwandten in der Primatengruppe
weckt unsere Neugier darauf, ob auch sie solche Regelungen durch gefühlte Ver-
pflichtungen in ihrem Verhalten zeigen. Wir haben bereits im vorigen Kapitel
gesehen, dass sie sehr wahrscheinlich einen großen Teil der nicht-sprachlichen
Formen der Kommunikation und des Denkens mit uns teilen. Ihre Kommunikation,
auch wenn sie gegenüber unseren menschlichen M€oglichkeiten sehr beschränkt
erscheint, führt ebenfalls zu gemeinschaftlich anerkannten Normen auf unter-
schiedlichen Gebieten. Und wir wissen aus eigener Erfahrung, dass Kommunika-
tion in Gruppen, die sich gegenüber anderen Gruppen abgrenzen und mit diesen
konkurrieren, nicht nur die Werkzeugtraditionen regionalisiert, sondern auch den
Sozialstil, die Regeln des Miteinander und die Moral. Dies ist jedoch eine weitge-
hende These, und die beste Methode, für solche weitgehenden Thesen zu argumen-
tieren, besteht darin, mit kleinen Schritten anzufangen.
Man k€onnte auch fragen, in welchem Maß es reziproke Verpflichtungen bei
Primaten gibt. Schimpansen sind sehr kompetitiv, sie kooperieren aber auch. Es
gibt z. B. gemeinsame Jagd bei Schimpansen, bei der das erjagte Fleisch anschlie-
ßend geteilt wird, und nicht nur unter den an der Jagd beteiligten Männchen verteilt,
sondern auch an Jungtiere und Weibchen.27 Jede Kooperation verlangt aber, dass
die Erwiderung der Hilfeleistung entweder direkt, verz€ogert oder sogar indirekt
erfolgt, sie impliziert daher, dass altruistisches Handeln zeitweilig ohne Erwide-
rung bleibt. Insbesondere die indirekte Reziprozität, die auf einer verz€ogerten
Rückzahlung durch Andere beruht, verlangt daher internalisierte Normen, die das
Verhalten des Subjekts auch dann beeinflussen, wenn die Erwiderung des Gefallens
nicht direkt geschieht.28
Männliche Schimpansen müssen mit anderen Männchen koalieren, um die
Gruppe dominieren zu k€onnen. Dabei ergeben sich raffinierte Intrigen und viel-
fältige Abhängigkeitsverhältnisse, die auf der Gewährung gegenseitiger Hilfe beru-
hen. Hilfe beim Machterhalt wird mit Zuwendung, Teilen von Nahrung und mit der
Gewährung von Fortpflanzungsprivilegien belohnt. Dies sind komplexe Formen
von Tausch, die auf beiden Seiten das Bewusstsein eines Gefallens und der Ver-
pflichtung zur Erwiderung dieses Gefallens voraussetzen. Da dieser zeitversetzte
reziproke Tausch funktioniert, muss es auch eine symbolische Repräsentation
geben, die wahrscheinlich von einem szenisch-phantasmatischen System geleis-
tet wird.
Aber kommen unter Primaten auch nicht-reziproke Verpflichtungen vor, oder
sogar so etwas wie moralische Regeln, die für alle verpflichtend sind? Von Mora-
lität und allgemein verpflichtenden Regeln sozialen Verhaltens bei Primaten zu

26
Vgl. hier Abschn. 6.2.4, 6.2.5, 6.2.6, 6.2.7 und 6.2.8.
27
Vgl. Boesch 1994a; Boesch 2005 und Boesch und Boesch-Achermann 2000. Zur Diskussion
dieser Berichte vgl. auch Tomasello 2009, S. 187–199.
28
Vgl. de Waal 1997, S. 48 ff.
5.4 Verpflichtungen und moralisches Empfinden 177

sprechen, scheint heute immer noch zu gewagt zu sein. Die Feldforschung zeigt
uns, dass die meisten praktischen Verhaltensregeln an die Hierarchie der Gruppe
gebunden sind, d. h. sie sind lediglich „gültig für alle rangniederen Gruppenmit-
glieder“. Daher heißen sie wohl besser Hierarchieregeln. Auf den ersten Blick
scheinen sie unsere Vorstellungen von moralischen Regeln, die in unseren mensch-
lichen Augen immer für „alle“ Personen gelten müssen, nicht zu erfüllen. Aller-
dings wird die Verletzung solcher Regeln mit Strafen sanktioniert, die jeweils die
ganze Gruppe oder ein Teil von ihr mitträgt. Auch dies weist auf den für alle
verpflichtenden Charakter dieser Regeln hin.
Wir finden bei Primaten Regeln, deren Forderung und Sanktion von einzelnen
Personen oder Teilgruppen ausgeht, z. B. die so genannten Mutterregeln, die ver-
bieten, Kinder zu instrumentalisieren.29 Es gibt Verwandtschaftsregeln, die daher
nicht allen Gruppenmitgliedern zugute kommen. Für den direkten Austausch von
Hilfeleistungen, z. B. das Teilen von Laub, die Beaufsichtigung von Kindern und
Zuwendungen gibt es Wechselseitigkeitsregeln.
Ebenso kommen auch allgemeingültige Regeln bei Primaten vor, die von der
ganzen Gemeinschaft sanktioniert werden. So erwartet man z. B. von den Anfüh-
rern der Gruppe, dass sie gejagte Nahrung teilen, dass sie Frieden zwischen den
Gruppenmitgliedern stiften, dass sie in einem Streit vermitteln und nicht für
Unfrieden sorgen.30 Es gibt aber charakteristische Unterschiede zwischen Spezies:
Während Makaken normalerweise nie teilen, ist dies bei Schimpansen eher eine
Pflicht, die durch intensives Betteln von Anderen eingefordert wird. Wenn dieser
Forderung nicht entsprochen wird, kann es bei dem Bettelnden schon einmal zu
einem Wutanfall kommen. Geteilt werden bei Schimpansen aber weniger die
bevorzugten Futterpflanzen wie z. B. Bananen, wohl aber Fleisch, wahrscheinlich,
weil dies nur gemeinschaftlich zu erlangen ist. Hilfe und Trost bei Verletzungen
und Behinderungen geh€oren ebenfalls zu den Verhaltensweisen, die von vielen
Gruppenmitgliedern erwartet werden.31 Auch die Vers€ohnung nach einem Streit ist
eine Forderung, der sich auf Dauer kein Mitglied der Gruppe entziehen kann.32
Es scheint auch so, dass Affen eine Art Gefühl für Gerechtigkeit besitzen, dies
konnte durch ein Experiment von Frans de Waal und Sarah Brosnan aufgewiesen
werden.33 Hier tauschte eine Maschine Spielsteine gegen zwei verschiedene Arten
von Gütern: Trauben, die sehr beliebt waren, und nicht so begehrte Gurkenstücke.
Allerdings konnte die Maschine von den Versuchsleitern so manipuliert werden,
dass sie gezielt einzelne Mitglieder der Gruppe bevorzugte und demnach nicht
„gerecht“ belohnte. Nach dieser Manipulation wandten sich die meisten Kapuziner-
affen von dem bis dahin sehr beliebten Spielzeug ab. Es gibt auch „gerechten Zorn“

29
Vgl. de Waal 1997, S. 114 ff.
30
Vgl. de Waal 1997, S. 43 ff., 116–124.
31
Vgl. de Waal 1997, S. 56–81, 102 ff.
32
Vgl. de Waal 1997, Kap. 3. und de Waal 1991, S. 43–52.
33
Vgl. de Waal und Brosnan 2003.
178 5 Weitere zentrale Themen des nicht-sprachlichen Denkens

bei Primaten, wenn sich Einzelne nicht den Gruppenregeln fügen, z. B. der Pflicht,
gefundene Nahrung zu melden: Die Betrüger werden verprügelt.34
Wenn man Fundstücke früher Hominiden findet, die den Schluss nahe legen,
dass ein stark behindertes Gruppenmitglied längere Zeit in der Gruppe überlebt hat,
so nimmt man dies bereitwillig als sicheres Zeichen von Moral.35 Entdeckt man
jedoch in Gruppen von Primaten ein behindertes Mitglied, das ebenso durch die
Mithilfe der Anderen überlebt, z€ogert man, denselben Schluss zu ziehen, und
bevorzugt so genannte „einfachere Erklärungen“, d. h. vor allem solche, die nicht
mentale Leistungen oder gar Moral bei Primaten voraussetzen. De Waal erwähnt
den verkrüppelten Japan-Makaken „Mozu“, der ohne Hände und Füße geboren
wurde und mit Hilfe der Gruppe doch fast 20 Jahre alt wurde.36
Es gibt noch weiter gehende Analogien zwischen Menschen und Primaten: Jane
Goodall beobachtete im Gombe Nationalpark über viele Jahre verschiedene Schim-
pansengruppen. Sie beschreibt z. B., wie eine Gruppe von Schimpansen, die sich
von der großen Gruppe abgespalten hatte, über einen Zeitraum von 4 Jahren von
ihrer früheren Gruppe bekämpft wurde, bis schließlich alle Mitglieder der abge-
spaltenen Gruppe get€otet waren. Dies kann man durchaus als Krieg bezeichnen.
Schimpansen leben normalerweise in Gruppen von bis zu 100 Tieren. Für die
Nahrungssuche teilen sie sich in kleine (fission-fusion) Gruppen auf, die aber in
der Regel in den Grenzen des Streifgebiets bleiben. Regelmäßig machen Gruppen
von jüngeren Männchen eine Art „Grenzpatrouille“ in den Bereichen, die an andere
Gruppenterritorien angrenzen. Wenn sie dabei auf einzelne Mitglieder anderer
Gruppen treffen, dann greifen sie diese an, allerdings nur, wenn sie zahlenmäßig
überlegen sind.37 Dabei geht es nicht nur darum, die Anderen zu vertreiben oder zu
verletzen, denn die Angriffe sind äußerst brutal, und der Feind wird oft schwer
verletzt oder sogar get€otet.
Die Gründe für dieses Verhalten sind noch nicht ganz aufgedeckt. Eine wichtige
Rolle spielt die patrilokale Sozialstruktur von Schimpansen, d. h. die Männchen
bleiben in ihrer Geburtsgruppe, die Weibchen wandern aus, wenn sie geschlechts-
reif sind. So sind die Männchen einer Gruppe untereinander oft verwandt und von
klein auf miteinander bekannt.38 Der evolutionäre Vorteil des Krieges gegen die
Nachbarn liegt im Gewinn eines neuen Territoriums und der Weibchen. Goodall
beschreibt eine Auseinandersetzung in den Mahale-Bergen, bei der sich alle Weib-
chen der besiegten Gruppe, die noch Kinder bekommen konnten, den Siegern
anschlossen.
Diese Beispiele sollen nicht dazu dienen, das Verhalten von Menschen zu
entschuldigen oder das Verhalten von Tieren zu bestialisieren. Es ging hier ledig-
lich darum zu zeigen, dass auch Primaten moralanaloges Verhalten haben. Die

34
Vgl. Hauser 1992.
35
Vgl. de Waal 1997, S. 15–18.
36
Vgl. de Waal 1997, Kap. 1.
37
Vgl. für das Folgende Goodall 1989.
38
Morin et al. 1994.
5.5 Kausales Schließen im szenisch-phantasmatischen System 179

vielschichtigen Verpflichtungsgründe und die komplex verwobenen Strukturen


dieser Verpflichtungen n€otigen uns dazu, auch auf der Seite der geistigen Reprä-
sentation eine solche Vielfalt gefühlter Verpflichtungen und ein System der Ver-
rechnung dieser Verpflichtungen anzunehmen, und dieses nicht-sprachliche System
der Darstellung ist wahrscheinlich dem menschlichen sehr ähnlich.

5.5 Kausales Schließen im szenisch-phantasmatischen


System

Es gibt inzwischen auch Experimente mit Primaten, die deren Fähigkeit zu kausa-
len Schlüssen untersuchen. Ich werde mich auf einige Experimente von Josep Call
beschränken.39 Es geht auch hier um Denken, das aber nicht auf sprachlichen
Begriffen beruhen kann. Kausales Schließen wird hier die Fähigkeit genannt, auf
Grund von äußeren Anzeichen auf das Vorhandensein von Gegenständen schließen
zu k€onnen, die visuell nicht sichtbar sind. Unsere Frage ist hier: Wie sieht die Seite
der phantasmatischen Repräsentation bei diesen Schlüssen aus? Die Gegenstände
der Versuchsanordnung stammen aus dem Alltag der Schimpansen.
Die hier diskutierten kausalen Schlüsse sind allerdings Beispiele für „schnelle“
nicht-sprachliche Denkvorgänge, und zwar in dem Sinne, dass die phantasmatisch
vorgestellten Elemente (die eigentlich nicht sichtbar, h€orbar, tastbar usw. sind) in
einer symbolischen Weise fungieren, die ebenso wie in der Sprache fungiert und
direkte Einsicht und Probleml€osungen erm€oglicht. Wie später noch deutlich werden
wird, gibt es hier einen großen Unterschied zu dem Vorgehen des nicht-sprach-
lichen Denkens bei komplexen Problemstellungen, die viele Faktoren in gegen-
seitiger Beeinflussung darstellen und auch mein eigenes Verhalten sowie das
Anderer enthalten. Diese Probleme werden durch die langsame Modifikation der
vorgestellten Situation in mehreren Wiederholungen „gel€ost“ bzw. in die Form
eines Plans für die Zukunft gebracht. Kausale Schlüsse sind einfacher.
Die erste Versuchsanordnung von Call besteht aus zwei Brettern und einer
Traube. Eines der Bretter wird so über die Traube gelegt, dass es schräg steht,
das andere Brett liegt dagegen flach auf dem Tisch. Wie sieht nun die Seite der
Repräsentation im nicht-sprachlichen Denken aus? Um diese Frage zu beantworten,
brauche ich nicht die Primaten zu fragen, sondern ich richte mich auf mein eigenes
nicht-sprachliches Denken, in dem ich phantasmatisch die Traube unter dem
schrägen Brett sehen kann. Zugleich sehe ich die k€orperliche „Ursache“ dafür, dass
das Brett schräg liegt, und hierfür ben€otige ich nicht den sprachlichen Begriff der
Ursache, denn ich „sehe“ doch, wie die Traube das Brett wirksam hochhält. Unter
dem anderen Brett sehe ich dagegen nichts, und aus diesem Grund liegt es auch
flach auf. Die Versuchspersonen wählen daher die Seite mit dem schrägen Brett in
fast 80 % der Versuche.

39
Vgl. Call 2007, 2010.
180 5 Weitere zentrale Themen des nicht-sprachlichen Denkens

Es k€onnte natürlich sein, dass es allein die auffällige Schräglage des einen
Brettes ist, die rein auf visueller Ebene, im Sinne eines Reizes, der kausal eine
Reaktion verursacht, die Wahl der Versuchspersonen beeinflusst. Um diese
M€ oglichkeit auszuschalten, wird der 1. Versuch jetzt modifiziert, und zwar so, dass
rein auf Grund der sichtbaren Anzeichen keine Unterschiede gemacht werden
k€onnen und nur noch eine willkürliche Wahl zwischen den Alternativen m€oglich
ist (arbitrary case). Dies wird dadurch erreicht, dass das eine der beiden Bretter
ganz flach ist und das andere Brett selbst schräg ist, wie eine Art Keil, so dass es
auch auf flachem Grund schon so aussieht, als ob etwas darunter läge. Eine weitere
Modifikation betrifft die Unterlage, die zwei Vertiefungen hat. Die Traube wird
jetzt jeweils in eine der zwei Vertiefungen des Tisches gelegt, so dass keine
Wirkung mehr auf die Bretter ausgeübt wird, die die Vertiefung dann verdecken.
Das alles sehen die Versuchspersonen vorher, und sie wissen damit auch um die
veränderten Wirkungszusammenhänge.
Das Resultat der Versuchsanordnung ist dann visuell genau dasselbe, wie im
unveränderten ersten Versuch: Ein Brett liegt flach, das andere schräg. Die Unter-
schiede der Entscheidungen der Versuchspersonen k€onnen also nur in ihrem ver-
änderten Wissen ihren Ursprung haben. Das Verhalten der Schimpansen weist bei
diesem Versuch aber eindeutig darauf hin, dass sie über die nun nicht mehr
erkennbaren kausalen Verhältnisse etwas wissen. Sie wählen nämlich jetzt zufällig,
d. h. einmal rechts und einmal links, insgesamt in einer fast 50 %-Verteilung. Die
richtige Wahl in der ersten Aufgabenstellung kann also nicht allein auf die visuellen
Hinweise des schrägen Brettes zurückgehen, sondern sie muss mit dem Wissen um
die kausalen Verhältnisse und der Vorstellung der Wirkung von Dingen unter
Brettern zusammenhängen. Denn: Im zweiten Fall ist der visuelle Reiz vollkom-
men gleich, die Antwort aber eine v€ollig andere. Also auch in diesem arbitrary
condition-Fall gibt es ein Wissen um die kausalen Folgen, die sich hier anders
zeigen bzw. genauer: sich nicht zeigen k€onnen.
Es gibt weitere Versuche, bei denen es ebenfalls um die Frage nach dem Wissen
um kausale Beziehungen geht. Einmal handelt es sich um das gr€oßere Gewicht
einer undurchsichtigen Box, in der eine Traube ist, das andere Mal um ein Ge-
räusch, das man h€ort, wenn die Box geschüttelt wird. Interessanterweise konnten
die Primaten nicht nur verlässlich aus einem positiven Anzeichen auf das Vorhan-
densein der Ursache schließen, d. h. wenn eine der beiden undurchsichtigen Plastik-
boxen beim Schütteln ein Geräusch machte, wussten sie, dass darin die Belohnung
enthalten war. Sie konnten auch aus dem Ausbleiben eines positiven Anzeichens in
der einen Box auf das Vorhandensein der Traube in der anderen, nicht geschüttelten
Box schließen.
Dieser Versuch stellt jedoch andere Anforderungen an die Interpretation der
Seite der Repräsentationen im szenisch-phantasmatischen System. Bei der Aufstel-
lung des Versuchs sieht der Affe nur, dass es in einer der beiden Boxen eine
Belohnung gibt (dass es also auch deren kausale Wirkungen geben muss). Es gibt
also eine große Sicherheit hinsichtlich der Existenz dieser Traube, doch ‚verteilt‘
sie sich gewissermaßen auf zwei undurchsichtige Boxen. Und wie wir in dem
Versuch mit dem schrägen Brett gesehen haben, k€onnen sich Primaten auch eine
5.5 Kausales Schließen im szenisch-phantasmatischen System 181

50 %-Chance vorstellen. Stellt sich dann heraus, dass die Traube nicht in der ersten
Box ist, weil sie beim Schütteln kein Geräusch macht, dann verschiebt sich das
Erwartungsgewicht der ersten Box sozusagen auf die andere Box. Sie wird jetzt mit
einer fast 100 %-Zuversicht als die angesehen, in der die Traube ist. Dieses
Verschieben der Erwartungssicherheit kennen wir in unserem Alltag ebenfalls.
Sind wir z. B. mit dem Auto gefahren und bemerken, dass der Autoschlüssel nicht
in der rechten Tasche ist, in die ich ihn meistens hineinstecke, suche ich ‚automa-
tisch‘ in der linken Tasche, denn dort, da bin ich nun sicher, wird er sein. Die
Unterschiede zahlen sich sozusagen in der unterschiedlichen Zuversicht aus, die
sich in der Leitung meiner Handlungen zeigt.
Kapitel 6
Leistungsvergleich von szenisch-
phantasmatischem und sprachlichem Denken

6.1 Gesichtspunkte des Vergleichs: Umfang, Leistungstiefe


und Fundierungsverhältnis

Ein Vergleich der sprachbasierten und der nicht-sprachlichen, analogischen Syste-


me des Denkens geht nicht so eindeutig zu Gunsten des sprachlichen Systems aus,
wie man erwarten k€onnte. Dennoch erweisen sich einige der nahe liegenden Ver-
mutungen als belegbar: Das szenisch-phantasmatische System erreicht nicht die-
selbe H€ ohe der Abstraktion wie das sprachliche System. Es ist in analogischer Se-
mantik schwierig, sich negative Überzeugungen – insbesondere bei anderen
Personen – vorzustellen ( false belief). Dasselbe gilt für imaginäre oder nicht-
sichtbare Entitäten wie z. B. Gott, Kausalität usw., sie lassen sich in einem analogi-
schen System nicht so leicht denken wie in einem sprachlichen. Es ist jedoch
fraglich, ob man die H€ohe der Abstraktion oder spezielle Leistungen wie den false
belief als einziges Maß für das Vorliegen der eigentümlichen Leistung des Denkens
ansehen sollte. Hier muss man wesentlich differenzierter vorgehen.
Es gibt nämlich auch Bereiche des Denkens, in dem analogische Systeme Vor-
teile aufweisen, z. B. wenn viele Vorstellungen zugleich in einer kurzen Zeit voll-
zogen werden müssen. Dies ist sprachlich nicht so leicht zu realisieren, denn die
Sprache stellt in ihren Propositionen jeweils nur wenige Relationsglieder vor, und
eine gr€oßere Komplexion fordert, dass die dazu geh€origen Einzelheiten nachein-
ander gedacht werden. Alle sozialen Beziehungen sind solche komplexen Gefüge,
sie finden sich aber auch in gemeinschaftlichen Aktivitäten, wie Jagd, Angriff,
Verteidigung und Fußball, die zudem Erkenntnisleistungen fordern, die sehr schnell
ausgeführt werden müssen. Solche Aufgaben sind ebenfalls in begrifflichen Syste-
men mit Propositionsstruktur schwerer l€osbar und ben€otigen mehr Zeit.
Eine besonders schwierige Aufgabe für sprachbasiertes Denken sind komplexe
Aufgaben mit Kategorienüberkreuzungen, die z. B. bei den meisten multifaktoriel-
len Entscheidungen eine Rolle spielen (die meisten unserer Entscheidungen sind
multifaktoriell). In dieser Hinsicht bleibt das sprachliche Denken dauerhaft auf das

© Springer International Publishing Switzerland 2016 183


D. Lohmar, Denken ohne Sprache, Phaenomenologica 219,
DOI 10.1007/978-3-319-25757-0_6
184 6 Leistungsvergleich von szenisch-phantasmatischem und sprachlichem Denken

Mitfungieren analogischer Repräsentationssysteme angewiesen. Das alles muss


aber noch genauer ausgeführt werden.
Komplexe Probleme und Aufgaben werden von sprachbasiertem Denken im
Modus des Eins-nach-dem-Anderen abgearbeitet. Dies entspricht der Struktur
sprachlichen Denkens. Kein einzelner Satz kann eine Vielzahl von Objekten und
deren Eigenschaften und Aktionen differenziert adressieren. Aber dennoch gibt es
komplexe Themen, die gedacht werden müssen, und hier zeigen sich die Schwä-
chen des sprachbasierten Systems: Komplexe soziale Konstellationen k€onnen nur
schlecht (gleichzeitig) gedacht werden, und das betrifft auch komplexe Interaktio-
nen vieler Akteure, die gleichzeitig stattfinden (Jagd, Verteidigung, Fußball usw.).
Für solche Themen eignen sich bildbasierte und szenisch-phantasmatische Reprä-
sentationen sehr viel besser. Die H€ohe der Abstraktion kann daher nicht das einzige
Kriterium des Vergleichs von Repräsentations-Systemen sein, es kommt auch auf
die differenzierte Darstellung vieler Gegenstände an.
Ein weiterer Gesichtspunkt für den Vergleich ist die Geschwindigkeit, mit der
diese komplexen Zusammenhänge gedacht werden k€onnen. Eine Tatsache sprach-
lich zu denken, d. h. in der Form eines Satzes oder einer komplexen Folge von
Sätzen, nimmt immer eine gewisse Zeit in Anspruch. Wir bemerken aber: Während
wir den Satz oder die Satzfolge denkend formen, wissen wir bereits genau (aber auf
eine andere Weise, mit einem analogischen Repräsentationssystem), was wir
eigentlich meinen, d. h. was wir formulieren wollen. Andernfalls k€onnten wir
z. B. nicht den angemessenen Wortlaut korrigieren, wenn er nicht genau das trifft,
was wir meinen. (Das kommt nicht nur beim €offentlichen Aussprechen vor.) Wir
richten uns in der Anformung des Ausdrucks an das, was wir sagen wollen, schon
nach einer präzisen, aber nicht-sprachlichen Vorstellung des Gemeinten.
Die Schnelligkeit, mit der das sprachliche System bei der Weiterverarbeitung
z. B. in Schlüssen funktioniert, erreicht das szenisch-phantasmatische System des
Denkens nur bei einfachen Schlüssen.1 Bei den sehr komplexen Problemen mit
Kategorienüberkreuzung funktioniert es jedoch in der langsamen und manchmal
schwer bemerkbaren Modifikation, die in der Wiederholung der szenischen Phan-
tasmen liegt. Ausgehend von einer problematischen Situation, wandeln sich unsere
phantasmatischen Rekapitulationen dieser Situation, die wir als Tagträume oder
Reminiszenzen erleben, über mehrere Zwischenstadien langsam zu einer neuen
charakteristischen Szene, die die erlebte Vergangenheit verändert und ihr den
Status eines geeigneten Plans für die Zukunft verleiht. Aber dies braucht seine Zeit.
Dennoch hat das Resultat seine Vorzüge, denn wir gelangen immer wieder zu
demselben Resultat, das dann unsere Handlung bestimmt. Aus diesem Grund
müssen wir uns für wichtige Entscheidungen viel Zeit nehmen. Wir sagen oft, dass
wir „noch einmal darüber schlafen“ wollen.
Ein besonderes Problem für die sprachliche Darstellung stellen die relativen
oder graduellen Attributionen mit sich „kreuzenden“ Kategorien dar: Wie gut ist der
Vorschlag A im Vergleich mit dem Vorschlag B? Wie gut schmeckt mir das Essen

1
Vgl. hier Abschn. 6.2.5.
6.1 Gesichtspunkte des Vergleichs: Umfang, Leistungstiefe und Fundierungsverhältnis 185

mit dem Blick auf seinen hohen Preis? Alle graduellen Unterschiede sind sprach-
lich nur sehr rudimentär so ausdrückbar, dass auch ihr Verhältnis untereinander
zugleich deutlich ausgedrückt wird. Auch Bewertungen sind im Allgemeinen
sprachlich nur in roher Ungenauigkeit zu thematisieren. Besonders der Vergleich
und die Präferenz im Verhältnis zu sich „kreuzenden“ Bewertungen, die z. B. aus
einem ganz anderen Bereich stammen, sind nur schwer auszudrücken. Wir sagen
manchmal, dass das Essen für den Preis akzeptabel war, oder dass es in Anbetracht
seiner mäßigen Qualität zu teuer war, dass die Begegnung mit einer unangenehmen
Person angesichts der anderen Geschichten, die wir über eine Person geh€ort haben,
ganz gut verlaufen ist usw. Wir vergleichen also Bereiche mit Kategorien, die sich
kreuzen, d. h. die eigentlich nicht miteinander in einem berechenbaren oder begriff-
lich bestimmbaren Verhältnis stehen. Was etwas kostet, verbinden wir mit seinem
Geschmack, die angenehme Qualität eines Ereignisses mit der Wahrscheinlichkeit
seines Eintretens usw. Aber gerade das ist eine der Stärken der gefühlten Bewer-
tung, nur so bleiben wir in komplexen Situationen überhaupt entscheidungsfähig.2
Und wenn wir darüber sprechen, dann richten wir unsere Aussagen nach diesen
seltsam gemischten und grenzüberschreitenden Bewertungsmaßstäben, die unser
Handeln dennoch tragen.
Auch der Aspekt der subjektiven Relevanz im Sinne von erworbenen Maßstäben
gerät hier mit in den Blick, aber er ist nicht so schwer einl€osbar wie in den zuvor
diskutierten Beispielen. Wenn z. B. ein Wein, der 8 Euro kostet, als „noch trinkbar“
bezeichnet wird, dann ist dies als auf die subjektiven Kriterien des Angenehmen
und der Gew€ ohnung der Person an eine bestimmte Qualität bezogen zu denken.
Auch einen Wein, der 2 Euro kostet, kann man trinken, wenn die Mechanik des
Trinkens gemeint ist, ob dies auch ein Vergnügen bereitet, das hängt von den je
eigenen Maßstäben ab.
Die m€ oglichen Verhältnisse des nicht-sprachlichen Systems und des sprach-
lichen Systems des Denkens k€onnte man auch hinsichtlich des Umfangs untersu-
chen. Welche Themen kann das eine und das andere System überhaupt behandeln?
Kann z. B. das nicht-sprachliche System prinzipiell alle Themen darstellen, die wir
auch mit Hilfe der Sprache behandeln k€onnen? Das ist unwahrscheinlich, denn mit
Hilfe der Sprache kann man hochstufige Allgemeinvorstellungen wie z. B. Lebe-
wesen oder „Etwas“ denken, die in den sinnlichkeitsnahen Darstellungen des SPS
nicht gut repräsentiert werden k€onnen (Gott, Elektronen, Gerechtigkeit . . .).
Die nahe liegende Vermutung ist, dass das nicht-sprachliche System der Reprä-
sentation von den Leistungen der Sprache umfasst wird (1). Das hieße: Mit Hilfe
der Sprache k€ onnen wir alle Themen behandeln, die wir auch mit Hilfe nicht-
sprachlicher Repräsentationssysteme behandeln k€onnen, das Umgekehrte gilt nicht.
Gegen diese Ansicht lassen sich jedoch gute Argumente anführen, denn es gibt
viele Themen, über die wir nicht oder nur sehr mühsam mit Hilfe der Sprache
nachdenken k€ onnen. So lassen sich die in langjährigen Erfahrungen gewachsenen
Beziehungen zwischen einander nahe stehenden Menschen mit Hilfe der Sprache

2
Vgl. hier Abschn. 6.2.3.
186 6 Leistungsvergleich von szenisch-phantasmatischem und sprachlichem Denken

nur schwer präzise darstellen, und wenn es gelingt, dann dauert eine zutreffende
Beschreibung sehr lange. Dazu kommt noch die Voraussetzung, dass man über-
haupt in der Lage ist, diese Themen hinsichtlich ihrer Qualität, Quantität und
Relativität auf die Einbeziehung dritter Personen richtig und verständlich darzu-
stellen. Das k€onnen normalerweise aber nur speziell dafür ausgebildete Personen.3
Natürlich wäre auch denkbar, dass der Umfang des nicht-sprachlichen Systems
des Vorstellens und Denkens den des sprachlichen Vorstellens umfasst. Aber diese
M€oglichkeit ist wegen der hochstufig-abstrakten Themen der Sprache eher unwahr-
scheinlich. Ebenso unwahrscheinlich wäre eine vollkommene Identität der Themen,
die sprachlich und nicht-sprachlich im szenisch-phantasmatischen System darstellbar

sind (3). Daher scheint die wahrscheinlichste These die einer Uberschneidung (Über-
lappung) beider Systeme mit einem sehr großen Bereich der Deckung von Themen zu
sein (2). Es gibt Themen, die nur sprachlich zu behandeln sind, und auch solche, die
eher mit nicht-sprachlichen Mitteln zu denken sind.

Umfassung (1) Überschneidung (2) Identität (3)


Es finden sich im Folgenden einige Untersuchungen zu den speziellen Formen, in
denen nicht-sprachliche Repräsentations-Systeme dasselbe denken wie Sprache in
ihren Begriffen. Dies k€onnte man als Kasuistik empfinden, die an die Stelle eines
klaren und einfachen Arguments tritt, das uns doch eher von der vertretenen These
überzeugen k€onnte. Hier scheiden sich jedoch die philosophischen Temperamente.
Mir geht es um den deskriptiven Nachweis, dass wir Menschen (und sehr wahrschein-
lich auch viele andere Lebewesen) nicht-sprachliche Modi des Denkens beherrschen
und diese tagtäglich als ein System des Überlegens und Denkens nutzen, die, in dem
konventionellen Blick auf unser Bewusstseinsleben, oft in den Bereich irrationaler
Bilder und Regungen abgeschoben werden. Man k€onnte diese konventionelle Sicht-
weise auch so charakterisieren: Gefühle und pl€otzlich in unser Bewusstsein herein-
brechende Bilder sind nicht rational. Sie sind lediglich irreführende aber nichts-
bedeutende Begleiterscheinungen des ansonsten rationalen Bewusstseinslebens.
Worauf unsere Untersuchung der vielgestaltigen Denkinhalte und Denkmetho-
den hinausläuft, ist die These, dass das szenisch-phantasmatische System im We-
sentlichen (d. h. im Sinne der überwiegenden Deckung) genau dasselbe bedenken
kann, was wir auch mit der Hilfe sprachlicher Mittel bedenken k€onnen. Das schließt
jedoch nicht aus, dass es besondere Themen gibt, für die das eine oder andere
System der Repräsentation jeweils besser geeignet ist. Unsere Analyse soll klar

3
Vgl. zu diesem Thema hier Abschn. 8.1.
6.2 Vergleich der Leistungsfähigkeit nicht-sprachlicher und sprachlicher Denksysteme 187

machen, dass man abgestufte Formen von Allgemeinvorstellungen, Kausalverhält-


nissen, Ableitungen, Modalitäten, die Motivationslagen von Personen, eigene und
fremde Empfindungen, vergangene, künftige, graduell wahrscheinliche oder nur
gewünschte Ereignisse, Metakognition, Vorstellungen des Wissens Anderer, Grade
der Sicherheit usw. im szenisch-phantasmatischen System darstellen kann, und dass
wir dies auch alltäglich tun. Fast alle Arten von Gegenständen mit allen nur denk-
baren Eigenschaften k€onnen nicht-sprachlich vorgestellt werden. Aber es gibt auch
Themen, bei denen dies nicht m€oglich ist und die Sprache den einzigen Weg zu
einer Vorstellung bietet. Alle Arten des Denkens erweisen ihre eigentümliche
Produktivität aber vor allem dadurch, dass sie erworbene Erfahrung für zukünftige
Handlungen nutzbar machen.

6.2 Vergleich der Leistungsfähigkeit nicht-sprachlicher


und sprachlicher Denksysteme

6.2.1 Gegenst€ ande, u€ber die wir im szenisch-


phantasmatischen System nicht gut nachdenken
k€
onnen (Allgemeinvorstellungen, Gerechtigkeit, G€ ute,
nicht sichtbare Gegenst€ ande, Gott, Kausalit€
at usw.)

Es gibt leicht einsehbare Grenzen für die Denkbarkeit in einem analogischen Re-
präsentationssystem wie dem szenisch-phantasmatischen System, sie zeigen sich
z. B. bei Allgemeinvorstellungen. Mit Hilfe der visuellen Vagheit k€onnen wir zwar
so etwas wie Baum, Kuh, Schaf, Mann, Frau, Mensch (und Eingrenzungen davon)
vorstellen, aber schon die Vorstellung „Lebewesen“ ist in visuellen Analoga
schwierig darzustellen, dafür sind Lebewesen morphologisch zu vielgestaltig. Noch
abstraktere und h€ oherstufigere Vorstellungen sind dann noch schwieriger in analo-
gischer Symbolik darzustellen, wie z. B. Gerechtigkeit, Fairness, Form, Zeit, Raum
usw. Da wir aber andererseits die Gemeinsamkeiten z. B. zwischen morphologisch
sehr verschiedenen Lebewesen (z. B. ihre spontanen und reaktiven Bewegungen)
durchaus intuitiv in der eidetischen Variation erkennen k€onnen, haben wir diese
Allgemeinvorstellung doch anschaulich gegeben. Aus diesem Grund k€onnen wir
hier bei den bedeutunggebenden Akten auch auf unähnliche bildliche Symbole oder
auf Metaphern ausweichen, z. B. k€onnen wir die Vorstellung der Gerechtigkeit mit
dem Symbol einer Waage vorstellen. Diese gewählten Symbole k€onnen – für
kommunizierende Denker – kulturell geprägt und durch Kommunikation bestimmt
sein oder – für einsame Denker – selbst gewählte Symbole.4

4
Diese selbst gewählten Symbole sind keine Privatsprache, denn: Sie sind überhaupt keine
Sprache, weil sie keine kommunikative Funktion haben, sondern nur im einsamen Denken fungie-
ren. Vgl. zu den selbst gewählten Symbolen für die Vorstellung „gut“ hier Abschn. 9.3.
188 6 Leistungsvergleich von szenisch-phantasmatischem und sprachlichem Denken

Eine der grundlegenden Überzeugungen von Husserls Analysen des menschli-


chen Erkennens und Denkens besteht darin, dass die Erkenntnisleistung niedriger
Stufe der Ebene der sprachlichen Bedeutungen vorangeht und von dieser unabhän-
gig ist. Erst auf dem Boden der erfüllenden Anschauung bauen sich dann die
bedeutunggebenden Akte auf, die, z. B. orientiert an sprachlichen Konventionen
(oder in analogischer Symbolik), das bedeuten, was wir zuvor anschaulich erkannt
haben. Wir k€ onnen daher unter Umständen auch Gegenstände intuitiv-anschaulich
haben, über die wir dennoch nicht nachdenken k€onnen, weil etwa das Repräsenta-
tionssystem, das wir verwenden, diese nicht gut darstellen kann und sie mit selbst-
gewählten Symbolen vorstellt. Diesen Fall finden wir z. B. bei hochstufigen Allge-
meingegenständen in der analogischen Repräsentation im szenisch-phantasmatischen
System.5
Es gibt aber jene von allem Bedeuten unabhängige und basale Schicht der
Gegebenheit der einfachen kognitiven Themen unseres Lebens in den für sie
spezifischen Modi der Anschauung (d. h. kategoriale Anschauung). Aber der
Modus der anschaulichen Erkenntnis ist nicht so dauerhaft, dass wir ihn auch
zum Nachdenken über dieselben Themen verwenden k€onnen. Wir k€onnen die
intuitiv gegebene, einfache Erkenntnis nicht selbst als Medium unseres Planens
und Überlegens gebrauchen. Um dies tun zu k€onnen, müssen wir symbolische
Repräsentationssysteme nutzen, z. B. die Sprache oder das szenisch-phan-
tasmatische System. Die zentrale These dieses Buchs ist, dass wir nicht nur die
Sprache nutzen, sondern auch nicht-sprachliche Systeme des Denkens verwenden.
Damit diese These uns überzeugen kann, ist es notwendig, die Leistungsfähigkeit
dieser nicht-sprachlichen Repräsentationssysteme ausführlich zu demonstrieren. Es
muss also gezeigt werden, dass die f€ ur unsere allt€
agliche Lebensf€
uhrung zentralen
Themen auch in einem nicht sprachlichen Modus ausgedrückt werden k€onnen.
Wir haben gesehen, dass es bei den Allgemeinvorstellungen Gegenstände des
Erkennens geben kann, wie z. B. die Allgemeinvorstellung des Lebewesens, die wir
zwar anschaulich-eidetisch erfassen, aber in der Ähnlichkeitssemantik des sze-
nisch-phantasmatischen Systems nur schwer darstellen k€onnen. Dasselbe gilt auch
für viele zentrale Vorstellungen unseres alltäglichen Lebens, die h€oherstufig und
abstrakt sind, und die wir ebenfalls an einzelnen, aber in wichtigen Hinsichten
gleichartigen Beispielen (eidetisch) anschaulich erfahren k€onnen, wie z. B. unsere
Vorstellungen von Gerechtigkeit, Güte, wohlmeinender Sorge usw. Zudem k€onnen
wir diese Allgemeinvorstellungen in eidetischer Anschauung anschaulich haben.
Die alltägliche Variante der eidetischen Anschauung durchläuft dazu mehrere Fälle
von gerechten oder ungerechten Situationen, und wir bemerken dabei das, was
invariant bleibt. Dies ist dann die anschauliche Gegebenheit dieser Allgemeinvor-
stellung. Aber dennoch k€onnen wir das, was auf diese Weise anschaulich gegeben

5
Hier greifen auch Menschen zu den sogenannten phantasmatischen Deviationen, die meistens
eine exemplarische Repräsentation des gemeinten Allgemeinen durch einen besonders charakte-
ristischen Einzelfall sind, den ich zudem aus eigener Erfahrung kenne (das sind Elemente
exemplarischer Semantik). Vgl. hier Abschn. 4.1.3.1.
6.2 Vergleich der Leistungsfähigkeit nicht-sprachlicher und sprachlicher Denksysteme 189

wurde, nicht einfach in einem Repräsentationssystem auf der Basis einer Ähnlich-
keitssemantik darstellen. Wir müssen daher ein Symbol dafür wählen, meistens
dient hierzu in nahe liegender Weise ein exemplarischer Fall, an dem man die
gemeinsame Eigenschaft besonders deutlich sehen kann.6 Dass die Fähigkeit zur
Erfassung dieses Allgemeinen dennoch eine Wirkung auf unser Verhalten haben
kann, ist aber einsichtig, auch wenn wir diese Eigenschaften im Modus des exem-
plarischen Falles vorstellen (und dazu eventuell auch eine phantasmatische Devi-
ation vollziehen müssen). Auch für Primaten gilt zumindest, dass sie ein „Gefühl“
für Fairness haben,7 dass sie Moralregeln haben und Fehlverhalten sanktionieren.8
Es gibt in der Welt, die wir uns heute vorstellen, aber auch Themen, die zwar
alltäglich erscheinen, aber nicht alltäglich sind, wie z. B. die Vorstellungen der
Physik, der G€ otter usw. Wenn ich den Lichtschalter betätige, dann denke ich z. B.
an die rasenden Elektronen im Kupferdraht oder an die Gesetze der Kausalität, und
zwar deswegen, weil wir die Denkwege und Idealisierungen der Physik schon von
Jugend auf lernen, und wir halten diese für mindestens ebenso wahr wie das
Aufleuchten des Lichtes oder das Herabfallen des Apfels. Und wenn ich ein religi€os
gebundener Mensch bin, dann k€onnen auch die nicht-sichtbaren G€otter, ihre Wün-
sche und ihre Handlungen in meinem Alltag eine Rolle spielen. In beiden Fällen
handelt es sich um nicht-sichtbare Gegenstände, an deren Existenz und verborgene
Wirkungen wir glauben.
Sie werden einwenden, dass man doch Physik und Religion nicht einfach in die
gleiche Schublade stecken dürfe. Dennoch ist die Struktur unseres Glaubens an
diese Agenten und Faktoren vergleichbar: Wir erlernen die Eigenschaften und
Wirkungen der verborgenen Faktoren beiderseits aus den Mitteilungen und den
Theorien Anderer, weil wir die vorgestellten Faktoren und ihr Wirken nicht direkt
sehen und erleben k€onnen. Da die Erscheinungsformen dieser Wirkungen zudem
sehr verschieden sein k€onnen, kann ich sie auch nicht mit der Ähnlichkeitssemantik
des szenisch-phantasmatischen Systems darstellen. Dies mag einer der Gründe
dafür sein, warum beide Arten von Vorstellungen nur bei sprechenden Lebewesen
vorkommen, obwohl auch Primaten ausgeprägte soziale und Werkzeugtraditionen
haben und sich kausale Beziehungen vorstellen k€onnen, soweit diese eine visuelle
Darstellung erlauben. Man kann daher die Fähigkeit, über solche numinosen Ge-
genstände nachzudenken, nicht einfach als Kriterium des Denkens festsetzen.
Weiterhin sollte man ebenfalls nahe liegende Überschätzungen des szenisch-
phantasmatischen Systems vermeiden, nur halb verstehbare Schwärmereien gibt es
in der Geschichte der Philosophie bereits zu viele. Auch das nicht-sprachliche
szenisch-phantasmatische System ist ein symbolischer Umgang mit den zunächst

6
Man kann natürlich auch die Darstellung eines einzelnen Gegenstandes, z. B. eines einzelnen
Dreiecks, für die Repräsentation des eigentlich gemeinten Allgemeinen nutzen, aber das setzt
voraus, dass man eine akzeptierte Konvention mitdenkt, dass dieser Einzelgegenstand beliebig
variiert gedacht werden muss. Vgl. hier Abschn. 8.3.
7
Vgl. hierzu den Versuch mit einer Maschine, die Gewinne unfair verteilt, bei de Waal und
Brosnan 2003.
8
Vgl. Hauser 1992.
190 6 Leistungsvergleich von szenisch-phantasmatischem und sprachlichem Denken

anschaulich gegebenen Inhalten unseres Erkennens, Planens und Wollens, d. h.


auch das szenisch-phantasmatische System ist nicht identisch mit dieser ursprün-
glichen, anschaulichen Weise des Zugangs zu den Inhalten des Erkennens und
Denkens.
Wir haben uns bisher vor allem auf das szenisch-phantasmatische System im
Zusammenspiel mit Gefühlen konzentriert, und ich glaube, dass dieses System in
dem Bereich der denkenden, aber nicht-menschlichen Lebewesen weit verbreitet
ist. Wenn wir es verstehen, dann verstehen wir zugleich, wie viele andere Lebewe-
sen ihre Erfahrungen bewahren und diese in brauchbare Lektionen für zukünftige
Handlungen und Situationen umwandeln.9 Der Vergleich der Leistungsfähigkeit
von Sprache und szenisch-phantasmatischem System wird in diesem Kapitel noch
in einer Reihe von Hinsichten und Aufgabenfeldern diskutiert werden. Auch die
Frage, ob Sprache und nicht-sprachliche Systeme der Repräsentation in einem
Verhältnis der Fundierung stehen (und hinsichtlich welcher Leistungen), ist von
besonderem Interesse.

6.2.2 Die St€


arken des szenisch-phantasmatischen Systems:
komplexe Konstellationen und soziale Interaktionen

Es gibt auch Bereiche des Denkens, in dem analogische Systeme große Vorteile
gegenüber der Sprache aufweisen, z. B. wenn viele komplexe Relationen zugleich
vorgestellt werden müssen. Dies ist sprachlich nicht so leicht zu realisieren, weil
Sätze jeweils nur wenige Relationsglieder vorstellen, und eine h€ohere Zahl von
Relationen oder Elementen der Relation lässt sich nur nacheinander denken. Und
solche Themen sind keinesfalls marginal, denn alle unsere sozialen Beziehungen
sind derartig komplexe Relationsgefüge, auf die wir in der Folge noch ausführlich
eingehen werden.
Sie finden sich weiterhin in gemeinschaftlichen Aktivitäten wie Jagd, Angriff,
Verteidigung und natürlich auch in den Spielen, die diese Aktivitäten üben und
spiegeln, wie z. B. im Fußball. Dies haben wir in Abschn. 5.3. bereits ausführlich
diskutiert. Zudem fordern diese Aktivitäten schnelle Erkenntnisse und sichere Ent-
scheidungen, und das, obwohl sie vielgliedrige Relationsgefüge in verschiedenen
Modalitäten (sicher, m€oglich, wahrscheinlich . . .) als Erkenntnisgrundlage haben.
Solche Aufgaben sind in begrifflichen Systemen mit Propositionsstruktur
schwer l€ osbar, denn Sätze enthalten nur wenige Relationsglieder, und komplexere
Gefüge müssen Schritt für Schritt dargestellt und durchdacht werden. Daher weist
bereits die Tatsache, dass Menschen komplexe gemeinschaftliche Aktivitäten und

9
Es gibt wahrscheinlich noch andere Systeme der Repräsentation, die ich hier nicht behandle.
Gute Kandidaten dafür wären Rhythmus, Musik, Tanz, Ritus usw., aber vieles davon geh€
ort in die
Sphäre des kommunizierenden Menschen und der breiten Diversität des lokal geprägten Symbol-
gebrauchs. Vgl. hierzu etwa die Darstellung von Langer 1984.
6.2 Vergleich der Leistungsfähigkeit nicht-sprachlicher und sprachlicher Denksysteme 191

soziale Beziehungen überhaupt vorstellen k€onnen, auf die Existenz eines nicht-
sprachlichen, analogischen Repräsentation-Systems in ihrem Denken hin. Auch
hochzerebralisierte Tiere sind zu gemeinschaftlichen Aktivitäten in der Lage, wie
die gemeinschaftliche Jagd bei Schimpansen ohne die Hilfe von vorhergehender
Kommunikation und die schnelle, koordinierte Kooperation bei Menschen (Ball-
spiele) zeigen. Hier zeigt sich die wichtige Rolle, die gemeinschaftliche Übung und
der Erwerb einer Tradition für die Erm€oglichung solcher Leistungen haben. Der
Erwerb solcher tradierten Formen gemeinschaftlicher Aktionen ist weitgehend
unauffällig, weil er durch bereitwillige Annahme gekennzeichnet ist. Sanktionen
sind hierbei nur selten n€otig. All dies haben wir bereits im vorigen Kapitel
(Abschn. 5.3) ausführlich dargestellt. Die Sprache und sprachliche Begriffe spielen
bei diesen Leistungen entweder keine oder nur eine marginale Rolle.

6.2.3 Entscheidungen in komplexen Situationen

Dass es in unserem Bewusstsein ein funktionierendes nicht-sprachliches System


des Denkens und Entscheidens gibt, kann natürlich auch ein Zufall sein. Und es
wäre auch denkbar, dass dieses System zwar eine wichtige Funktion für das Denken
früherer Hominiden hatte, dass es jedoch heute weitgehend funktionslos ist. Wir
wissen von anderen Fällen so genannter „Atavismen“, dass Instinkte und Reflexe
erhalten bleiben k€onnen, auch wenn sie heute nicht mehr von Nutzen für das
Überleben sind. Dies gelingt aber nur dann, wenn sie in der geänderten Lebens-
situation zumindest kein ernstes Handicap darstellen, z. B. für die Chancen der
Fortpflanzung. Der Fellschüttel-Reflex (der bei vielen Menschen durch leichtes
Kitzeln im Nacken oder etwas unterhalb des Nackens ausgel€ost werden kann) ist
ein solcher Atavismus, denn er ist ein Reflex, der dazu hilfreich war, sein Fell
trocken zu schütteln. Er hat bei Hunden und Katzen und vielen anderen Säugetieren
mit Fell einen guten Sinn, aber bei dem unbehaarten Menschen ist er überflüssig.
Dennoch ist er erhalten geblieben, aber wahrscheinlich nur, weil er weiter nicht
st€ort.
Warum ist aber das nicht-sprachliche, szenische System des Denkens so gut
erhalten geblieben? Dieselbe Frage betrifft das Hand&Fuß-System der Kommuni-
kation. Wir haben bereits gesehen, dass das szenisch-phantasmatische System auch
Beschränkungen und Nachteile hat. Es weist auch charakteristische Eigenarten auf
(z. B. die Nicht-Orientierung an der intersubjektiven Wahrheit, die so genannte
neurotische Verschiebung, die gelegentliche Ignoranz hinsichtlich Widersprüchen
usw.), die durchaus ein Hindernis für das vollkommen „rationale“ Funktionieren
des Subjekts sein k€onnen.10 Das nicht-sprachliche, phantasmatische System st€ort
gelegentlich die „Rationalität“, und daher muss es einen evolutionären Nutzen

10
Dazu vgl. hier Abschn. 7.1 über neurotische Verschiebung und andere m€
ogliche Konflikte von
sprachlichem System und nicht-sprachlichen Systemen.
192 6 Leistungsvergleich von szenisch-phantasmatischem und sprachlichem Denken

haben, der diese St€orungen kompensiert. Ich sehe einen dieser Vorteile in der
M€ oglichkeit, auch in komplexen Situationen eine Entscheidung treffen zu k€onnen,
die in dem auf Begriffe gestützten System allein nicht m€oglich gewesen wäre. Wir
besitzen ein gut funktionierendes sprachliches System des Denkens, Entscheidens
und Kommunizierens. Dennoch ist das szenisch-phantasmatische System unver-
zichtbar, denn es verfügt über eine entscheidende Leistung, die das sprachliche
System nicht angemessen übernehmen kann, und dies hat mit der Art zu tun, wie
wir Entscheidungen hinsichtlich komplexer Probleme treffen. Nehmen wir als
Beispiel einen Hauskauf. In diese Entscheidung gehen viele Faktoren ein, die alle
ein gemeinsames Merkmal haben: Die relative Bedeutsamkeit aller Faktoren ist
allein mit sprachlichen Mitteln nicht in ein sinnvolles Verhältnis zu setzen. Wir
k€onnen sie nicht allein mit sprachlich ausformulierbaren Gründen gegeneinander
‚abwägen‘.
Es gibt bei dem Kauf eines Hauses viele verschiedene Motive: 1. Dafür spricht
der Wunsch, in einer sch€onen Umgebung zu wohnen; 2. dafür spricht auch der
Wunsch, von dem erfreulichen oder unerfreulichen Verhalten von Nachbarn weit-
gehend unabhängig zu sein (in dieser Hinsicht kann es aber auch bei Häusern
Probleme geben); 3. dagegen spricht der Wunsch, jederzeit finanziell unabhängig
zu sein und sich einen kleineren oder gr€oßeren Luxus leisten zu k€onnen; 4. dagegen
spricht die Last der Schuldenabzahlung, den ich für lange Zeit mit dem Erwerb
eines Hauses übernehme; 5. dagegen spricht auch der Verlust an Mobilität, denn
mit einem Haus ist es schwieriger, den Wohnort zu wechseln, wenn es eine bessere
Arbeitsm€ oglichkeit an einem anderen Ort gibt. 6. Allgemein gelten Immobilien als
wertstabil, aber es besteht immer die Gefahr, dass sich das erworbene Haus oder die
Nachbarschaft als nicht erfreulich herausstellt, oder dass sich das Haus selbst nicht
als wertstabil erweist. Zum Beispiel kommt die Nachbarschaft mehr und mehr
herunter, die Terrasse sackt ab, eine Fabrik siedelt sich an usw. 7. Weitere Faktoren
k€onnen dazu kommen, wie z. B., ob man Kinder hat, wie alt man ist usw.
Man k€ onnte nun versuchen, auf der Basis von Begriffen und Zahlen diese
komplexe Entscheidung etwas übersichtlicher und rationaler zu machen. Man
k€onnte z. B. alle Faktoren arithmetisch bewerten, etwa auf einer Skale von 1–10.
Dann verrechnet man die Pluspunkte mit den Punkten für die Nachteile, und wenn
die Bilanz eindeutig positiv ist, dann entscheidet dies für den Kauf dieses Hauses.
Aber: Wie bestimmen wir das Verhältnis der Bedeutsamkeit (und auch mit der
jeweiligen Wahrscheinlichkeit) dieser Ereignisse untereinander? Zählen die 5 ne-
gativen Punkte für einen hypothetischen Wertverlust wirklich genauso viel wie die
positiven 5 Punkte für die gr€oßere Unabhängigkeit von dem Verhalten der Nach-
barn? Wiegen die 9 positiven Punkte für die sch€onere Umgebung wirklich die
4 negativen Punkte der drückenden Schuldenabzahlung auf? Was ist, wenn ich
wegen einer drohenden Veränderung des Hypothekenzinses jahrelang nicht gut
schlafen kann?
Ich will hier nicht weiter ins Detail gehen, denn das Argument ist bereits deutlich
geworden: Die Fragen des Verhältnisses der Bedeutsamkeit der verschiedenen
Faktoren für mein Handeln lassen sich – solange wir uns nur auf der begrifflichen
Ebene bewegen – nicht rational bestimmen. ‚Rational‘ bedeutet hier: Allein auf der
6.2 Vergleich der Leistungsfähigkeit nicht-sprachlicher und sprachlicher Denksysteme 193

Grundlage von Begriffen und einem begrifflich-rechnerischen Kalkül k€onnen wir


diese Entscheidung nicht rational treffen. Damit will ich nicht sagen, dass die
Aufstellung einer Liste mit Faktoren und einer solchen zahlenmäßigen Bewertung
nicht einigen Personen helfen kann, zu einer Entscheidung zu gelangen. Aber
dadurch wird das wirklich tragende Verfahren noch nicht zu einem begrifflich-
rationalen. Die Bestimmung des Verhältnisses in der Wertigkeit dieser Faktoren
zueinander lässt sich letztlich nicht wieder mit einem begrifflichen Verfahren
leisten, weil es dabei meistens um ganz subjektive Befindlichkeiten, Präferenzen
und Gefühle geht. Wir k€onnten versuchen, wenn wir nur auf der Basis von Begrif-
fen in dieser Entscheidung weiter kommen wollen, sozusagen wie ein Buchhalter
die Verhältnisse der Bedeutsamkeit der Faktoren für unser Handeln in Zahlen-
werten zu bestimmen, z. B. für die Wahrscheinlichkeit des Eintretens von Proble-
men (unfreundliche Nachbarn, Erh€ohung der Zinsen, Defekte am Haus, Verände-
rung der Wirtschaftslage usw.). Diese Zahlenwerte selbst sind aber nicht rational zu
begründen. Warum „zählt“ eine angenehme Umgebung, Behaglichkeit und Gemüt-
lichkeit „mehr“ als ein weiterer Weg zur Arbeit? Man kann solche Fragen nicht
allein auf der Basis von Begriffen und willkürlich festgelegten Zahlenwerten
„rational“ beantworten. Durch die Verwendung von Zahlen wird das Verfahren
selbst nicht rationaler. Und wenn ich auf diesem Wege doch zu immer verschiede-
nen Zahlenwerten für die Relation zwischen verschiedenen Faktoren komme, dann
kann ich überhaupt nicht entscheiden. Mein Handeln wird paralysiert. Natürlich
k€onnte man seine Hoffnung auch auf eine psychologisch-soziale, statistisch abge-
sicherte Untersuchung setzen, die „wissenschaftlich“ feststellt, welche der Faktoren
für die meisten Menschen entscheidend sind – aber l€ost das auch das Problem
meiner eigenen Entscheidung auf der Basis meiner eigenen Präferenzen? Nein.
Die Elemente meiner Entscheidung müssen zudem nicht nur nach der Bedeut-
samkeit gewertet werden, sondern auch nach Faktoren, die eher einer begrifflichen
Bestimmung zugänglich zu sein scheinen, wie z. B. nach der Wahrscheinlichkeit
ihres Eintreffens. In dieser Hinsicht scheint eine rational-kalkulatorische Abwä-
gung eher sinnvoll und m€oglich zu sein. Indem man den Wahrscheinlichkeitsfaktor
z. B. als Multiplikator einsetzt, wirkt das Verfahren rationaler: 5 negative Punkte
für eine m€oglicherweise später sich einstellende üble Nachbarschaft werden mit
ihrer relativ geringen Wahrscheinlichkeit von 10 % als 0,1 multipliziert und er-
geben dann nur noch 0,5 negative Punkte. Dieses Verfahren sieht zwar rational-
kalkulatorisch aus, ist es aber keineswegs, weil es auf vorangehenden, nicht wieder
rational-begrifflich begründbaren Entscheidungen über die jeweilige Wertigkeit
und das Verrechnungsverfahren beruht.
Selbst die Wahrscheinlichkeit ist nicht der letzte Faktor, der zu berücksichtigen
ist. Es ist auch noch von meiner individuellen Pers€onlichkeit abhängig, welche
Faktoren f€ ur mich schwerer wiegen als andere. Es erübrigt sich, darauf hinzu-
weisen, dass die Bestimmung des eigenen Charakters und der eigenen Neigungen
ebenfalls nicht rational-begrifflich m€oglich ist. Es mag sein, dass ich einige Erfah-
rungen mit mir selbst gemacht habe, z. B. dass ich es nicht gut ertragen kann,
wenn mein Handlungsspielraum durch den Erwerb eines großen Wertobjekts
eingeschränkt wird. Dann werde ich eher ein Haus mieten als kaufen. Wenn ich
194 6 Leistungsvergleich von szenisch-phantasmatischem und sprachlichem Denken

die Erfahrung gemacht habe, dass ich nur schwer mit problematischen Nachbarn
auskomme, werde ich versuchen, solche unangenehmen Überraschungen auszu-
schließen und ein freistehendes Haus kaufen usw.
Nur mein Gef€ uhl, das an Situationen, Ereignisse und deren Wahrscheinlichkeit
geknüpft ist, kann bei diesen Fragen, bei denen das begrifflich-rationale Verfahren
nicht weiter führt, noch zu einer Entscheidung führen. Ehrlicherweise sollte man
daher auch diesem gefühlsbasierten Entscheiden nicht das Adverb „rational“
absprechen. Diese gefühlte Basis für die Entscheidung ist zudem relativ zuverläs-
sig, denn sie gelangt nach einer gewissen Zeit des Durchdenkens meistens immer
wieder zu demselben Resultat. Es hat also keinen guten Sinn zu sagen, dass eine
begriffsbasierte Entscheidung rational sei, weil wir Regeln und Zahlenverhältnisse
angeben k€ onnen, und eine gefühlsbasierte Entscheidung nicht rational sei, weil dies
hier nicht m€oglich ist. Denn die zu bestimmenden Zahlenverhältnisse zwischen den
Bedeutsamkeiten verschiedener Faktoren sind selbst nicht wieder rational-
begrifflich begründbar. Die letztlich gefühlsbasierte Entscheidung hat dagegen
den Vorteil, dass beliebig viele Faktoren im Spiel sein dürfen, dass die personen-
bezogenen Faktoren sowie die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen, die
m€oglicherweise Probleme verursachen k€onnten, ohne weitere Überlegung gefühls-
mäßig mit „eingerechnet“ werden k€onnen. Zudem ist das Verfahren relativ sicher,
d. h. solange sich keiner der wichtigen Faktoren verändert, komme ich immer
wieder zu dem gleichen Entschluss. Daher kann ich, wie man gelegentlich sagt,
„mit diesen Entscheidungen leben“, und ich komme zu diesem Schluss, weil ich mir
die Situation dieses Lebens oft genug phantasmatisch vorgestellt habe und dabei
auf meine Gefühle geachtet habe. Wenn ich mir dieselbe Frage noch einmal stelle,
stimme ich mit Befriedigung wieder zu.
Aus evolutionärer Sicht ist es aber – ganz abgesehen von der Methode, wie ich
zu meinen Entscheidungen komme – von zentraler Bedeutung, bei komplexen
Entscheidungen überhaupt handlungsf€ ahig zu bleiben. In dieser Hinsicht hat das
begrifflich-rechnerische Verfahren einen wesentlichen Nachteil, denn normaler-
weise komme ich gar nicht zu einer eindeutigen Entscheidung zu Gunsten der
einen oder anderen Option. Hier liegt der große Vorteil der gefühlsbasierten
Entscheidung: Indem ich mir die m€oglichen und wahrscheinlichen Faktoren alle
kurz vor Augen führe, verrechnet das Gefühl verlässlich und ohne z€ogerliches
Räsonieren die relevanten Faktoren zu einer eindeutigen Antwort.11

11
Man k€onnte hierzu auch ein Argument aus der Gehirnphysiologie ins Feld führen: Das Limbi-
sche System, welches für die Verarbeitung von Gefühlen zuständig ist, liegt auf mehrere Zentren
verteilt, räumlich unterhalb der Hirnrinde, aber oberhalb des Hirnstammes. Das Gefühl ist in dieser
Hinsicht das basalste Repräsentationssystem. Man k€ onnte daraus auch eine funktionale Abhän-
gigkeit ableiten wollen: Wenn meine Gefühle nicht meinen Argumenten zustimmen, dann k€ onnen
auch diese Argumente nicht handlungswirksam werden. Dies harmoniert mit einer tiefen anthro-
pologischen Einsicht der schottischen Aufklärung: Der Verstand ist der Diener der Leidenschaf-
ten.
6.2 Vergleich der Leistungsfähigkeit nicht-sprachlicher und sprachlicher Denksysteme 195

6.2.4 Die Geschwindigkeit des Denkens im szenisch-


phantasmatischen System

Wir haben bereits den besonderen Modus des Nachdenkens über sehr komplexe
Probleme in szenischen Phantasmen beschrieben. Diese Episoden unseres Bewusst-
seinslebens halten wir oft für Tagträume, die z. B. ausdrücken, was wir wünschen
oder befürchten. Wir haben aber bereits festgestellt, dass szenische Phantasmen
nicht nur Ausdruck, Wiederholung und Darstellung von vergangenen Einsichten
sind, sondern zugleich ein handelnder Umgang mit den dargestellten Wünschen
und Problemen.12
Denn durch die langsame Veränderung und Manipulation der nur scheinbar
unverändert vorgestellten Szenen werden Tagträume zu einem Mittel des Denkens,
das uns hilft, die Lehren der Vergangenheit für die Gestaltung der Zukunft einzu-
setzen. Das Thema unserer Tagträume sind Wünsche und Befürchtungen hinsicht-
lich der h€ ochstrelevanten Ereignisse unseres Lebens. Man k€onnte daher auch
vermuten, dass sie sich nur mit der Zukunft beschäftigen. Das ist aber nicht der
Fall, denn die Wünsche und Befürchtungen sind meistens anhand von Erlebnissen
verbildlicht, die wir aus eigener Erfahrung kennen. Tagträume bleiben aber auch
dieser Vergangenheit nicht immer ganz treu. Tagträume werden oft ‚wiederholt‘
und dabei jedes Mal ein wenig verändert, denn in den scheinbaren Wiederholungen
der phantasmatischen Szenen erproben wir unsere m€oglichen Handlungsoptionen
auf der Basis bisheriger Erfahrung. Wir „spielen sie durch“ und prüfen so, welche
Wege zur Erreichung eines Zieles oder zur Vermeidung drängender Probleme
brauchbar sind. In diesem Durchspielen meiner Optionen liegt bereits ein handeln-
der Umgang mit dem jeweiligen Problem. Dieses szenisch-phantasmatische und
zugleich stark gefühlsgefärbte Leben nimmt einen großen Teil unseres wachen
Bewusstseinslebens ein. Ich nenne hierfür einige Beispiele: das schlaflose Sich-
Sorgen-Machen angesichts drängender Herausforderungen oder Ungewissheiten.
Ebenso gibt es vielfältige Formen der Erfolgsphantasien. Natürlich k€onnen wir über
unsere Wünsche und Probleme auch sprachlich nachdenken, denn Menschen
benutzen mehrere Systeme der Repräsentation zugleich.
Man k€ onnte gegen die These des Denkens in wiederholten Tagträumen und
Bilderfolgen einwenden, dass diese durch unsere Phantasie v€ollig frei gestaltet und
deswegen auch nicht an den Ernst der Realität gebunden seien. Dies ist aber nicht
der Fall, irgendwie sind wir in der Gestaltung unserer Tagträume gebunden. In jeder
Wiederholung gibt es aber kleine Modifikationen, die vor allem das betreffen, was
in meiner Macht steht, d. h. mein Verhalten. Diese Modifikationen stellen meine
Handlungsoptionen dar.13

12
Vgl. dazu hier Abschn. 4.1.1.
13
Dieser „Wiederholungszwang“ kann mit der n€ otigen Anmessung des Ausdrucks an ein wirklich
bestehendes Problem zusammenhängen, das wir nicht verfälschen dürfen. Er kann aber auch auf eine
Leistungsbeschränkung des Tagtraums als Repräsentationssystem hinweisen: Er erlaubt keine end-
gültige Erledigung und Fixierung der L€
osung bzw. Entscheidung in einem rein symbolischen Medium.
196 6 Leistungsvergleich von szenisch-phantasmatischem und sprachlichem Denken

Wenn Sie im Autoverkehr von einem aggressiven Fahrer bedrängt werden und
seinem Drängeln nachgeben, werden sie diese Situation immer wieder in Tagträu-
men wütend rekapitulieren. Schon dies zeigt, dass es sich um ein komplexes
Problem handelt, das sich nicht mit einer einfachen Entscheidung l€osen lässt. Wenn
wir auf den szenisch-phantasmatischen Modus des Denkens achten, bemerken wir,
dass sich in jeder Wiederholung kleine Variationen finden, die allmählich z. B. Ihr
Verhalten verändern und variieren. Nach einigen variierenden Durchgängen bemer-
ken Sie: So hättest du dich verhalten müssen! Es handelt sich also um einen
denkenden Umgang mit der problematischen Situation, der mir es eventuell beim
nächsten Mal erm€oglicht, mich erfolgreicher zur Wehr zu setzen. Das Resultat ist
ein geeigneter Plan meines Verhaltens für zukünftige ähnliche Situationen. Der
Tagtraum ist ein nicht-sprachlicher, phylogenetisch alter Modus des Denkens, in
dem vor allem komplexe Probleme gedanklich bewegt werden k€onnen. Man sieht
aber auch, warum das in Wiederholungen doch modifizierende Verfahren des
Umdenkens langsamer ist als das schlussfolgernde Verfahren – sei es im
szenisch-phantasmatischen Modus oder im sprachlichen Nachdenken –, denn erst
nach einigen Wiederholungen gelange ich im szenisch-phantasmatischen System
der langsamen Modifikation zu einem Ergebnis.

6.2.5 Logische Operatoren und die Geschwindigkeit


einfacher Entscheidungen im szenisch-
phantasmatischen System

Bei einem Vergleich der Leistungen von Sprache und szenisch-phantasmatischem


System darf die Logik nicht fehlen. Wie lässt sich ein logischer Operator, z. B.
nicht, und, oder, wenn-dann im szenisch-phantasmatischen System darstellen?
Hierfür haben wir bereits einige Beispiele genannt, auf die ich mich jetzt wieder
beziehe.14 Wichtig ist aber auch, dass wir uns von dieser Fragestellung und der
positiven Antwort nicht zu der falschen Vermutung bewegen lassen, dass es
untergründig die Logik selbst und ihre Operatoren seien, die das nicht-sprachliche
Denken bewegen. Dies ist nicht der Fall, denn umgekehrt sind die Denkbewegun-
gen des nicht-sprachlichen Denkens die Grundlage der Abstraktion, die zur Vor-
stellung logischer Operatoren und Regeln führt.
Wie ist z. B. die Vielfalt m€oglicher Haltungen und Handlungen einer Person
darstellbar? Auch hierfür haben wir (in Abschn. 4.1.1) Beispiele gefunden: Denken
Sie an meinen Kollegen, mit dem ich €ofters gut zusammenarbeite, der aber gele-
gentlich mir gegenüber mit besserwisserischem Hochmut auftritt. Beide ‚Gesich-
ter‘, d. h. beide Teilaspekte seines Charakters, die zugleich M€oglichkeiten seines

14
Vgl. hier Abschn. 4.1.2.
6.2 Vergleich der Leistungsfähigkeit nicht-sprachlicher und sprachlicher Denksysteme 197

Handelns sind, tauchen ineinander changierend vor meinem inneren Blick auf und
lassen mich den Plan überdenken. Der M€oglichkeitscharakter des Vorgestellten,
das ‚Vielleicht‘, ist in dem verschwimmenden Ineinander zweier ‚Gesichter‘ des
Anderen enthalten. Man kann hierin auch eine nicht-sprachliche Repräsentation
dessen erblicken, was wir als logische Operation des ‚oder‘ betrachten.15
Auch für das ‚wenn-dann‘ motivationaler Folge haben wir Beispiele im sze-
nisch-phantasmatischen Denken gefunden: Wenn meine Kollegin auf ihrem Heim-
weg im Treppenhaus ihr Fahrrad abstellt, kann sie von der szenisch-phan-
tasmatischen Vorstellung des Sportstudenten aus dem dritten Stock, den sie
gleichsam sieht, wie er am Morgen das Ventil des Reifens aufdreht, dazu bewegt
werden, das Fahrrad draußen auf die Straße zu bringen und dort festzuschließen.16
Die Szene enthält einen Fall der motivational verknüpften Folge von Ereignissen, in
sprachlich-logischer Interpretation ein Wenn-dann: Wenn er morgen früh die
Treppe heruntergeht, dann wird er diese billige Rache an ihr nehmen. Deshalb
handelt sie vernünftig, denn sie entfernt ihr Rad aus seinem Weg. Nur so kommen
Gelegenheit und Wunsch nicht zusammen, und die motivationale Folgerung ergibt
sich nicht. Da die Prämisse (Gelegenheit und Wunsch) nur dann gegeben ist, wenn
beides vorliegt, genügt es, eines von beiden zu verhindern. Das ‚und‘ wird durch
das Vorkommen von beidem in derselben Situation szenisch dargestellt.
Man kann aber auch Beispiele für kausale Zusammenhänge hier anführen.
Denken Sie an die folgende einfache Aufgabe: Ein Experimentator zeigt uns auf
dem Tisch zwei Brettchen und eine Traube. Dann arrangiert er die beiden Brettchen
nebeneinander auf dem Tisch so, dass eines davon flach aufliegt, das andere
irgendwie hochsteht (so dass wir vermuten, es liege etwas darunter, das es hochhält)
– und die Traube nicht mehr zu sehen ist. Nun werfen Sie einen Blick auf die
phantasmatische Seite dieses Arrangements in Ihrem eigenen Bewusstsein:
Wir bemerken sofort, dass diese phantasmatische Seite sehr produktiv und
informativ ist, weil sie unsere früheren Erfahrungen mit ins Spiel bringen kann.
Vieles, was in unserer Erfahrung verborgen ist, zeigt sich oft spontan in der
Dimension der Phantasmen. Stellen sie sich z. B. vor, dass Sie eine Zitrone sehen,
in die jemand hineinbeißt, dann bemerken Sie sofort ein Phantasma einer sauren
Empfindung, das in ihrem Mund lokalisiert ist. Diese Produktion eines Phantasmas
informiert sie über die „kausalen“ Folgen des Hineinbeißens auf der Basis ihrer
eigenen Erfahrung. Ein unerfahrenes Kind wird dieses Phantasma nicht haben. –
Dasselbe gilt für die kausalen Effekte eines K€orpers auf einen anderen K€orper, und
ebenso für wahrscheinliche Ursachen einer k€orperlichen Veränderung. Selbst wenn
die Ursache der Veränderung – wie im Fall des schief liegenden Brettchens – nicht
wirklich visuell gesehen werden kann, zeigen uns unsere Phantasmen dennoch
diese Ursache: Es ist die Traube, die das Brettchen hochhält. Sie lag zuvor dort
auf dem Tisch und ist jetzt nicht mehr zu sehen, daher ist es sehr wahrscheinlich,

15
Auch die Haltung zu anderen Personen und m€ ogliche Koalitionen mit Anderen lassen sich so
darstellen, z. B. durch einen verräterischen Seitenblick auf Konkurrenten.
16
Vgl. hier Abschn. 4.1.2.
198 6 Leistungsvergleich von szenisch-phantasmatischem und sprachlichem Denken

dass sie unter dem schiefen Brettchen liegt, und genau diese Überzeugung verbild-
lichen uns unsere Phantasmen: Wir „sehen“, dass die Traube das Brettchen hoch-
hält.
Unsere Erfahrungen mit dünnen Holzbrettchen und Trauben sagen uns, dass eine
Traube durchaus so stabil ist, dass sie das leichte Brettchen hochhalten kann.
Natürlich gibt es auch m€ogliche Alternativen, sich die Ursache der schiefen Lage
vorzustellen: Es k€onnten andere Gegenstände darunter liegen, der Experimentator
ist ein Witzbold und hat uns gezielt in die Irre geführt oder es handelt sich um ein
Brettchen, das schweben kann usw. Dennoch haben diese Alternativen alle eine
durch meine bisherige Erfahrung schon gewichtete Wahrscheinlichkeit. Und daher
führt mich meine bisherige Erfahrung doch insgesamt immer wieder dazu, zu
glauben, die Traube sei die Ursache der Schräglage des Brettchens. Ich glaube an
diese M€ oglichkeit, denn sie zeigt sich immer wieder in der phantasmatischen
Darstellung, und dass es dieses Phantasma ist – und keines, das eine Alternative
zeigt – erweist, dass es gleichbedeutend mit meiner Überzeugung ist. Aus experi-
mentellen Untersuchungen wissen wir, dass andere Mitglieder der Primatengruppe
(Schimpansen) sehr schnell und mit einer 80-prozentigen Wahrscheinlichkeit das
schiefe Brettchen als den Aufenthaltsort der nicht mehr sichtbaren Traube wählen,
für menschliche Beobachter habe ich hierzu keine Ergebnisse.17
Nun k€onnte man meinen, dass eine Entscheidung, die auf zwei durch ‚und‘
verbundenen Prämissen und einer motivationalen oder kausalen ‚wenn-dann‘ Ver-
knüpfung beruht, schon komplex ist, und dass sie deshalb mit dem langsamen
Modus des nicht-sprachlichen Denkens entschieden werden müsste. Diese Ein-
schätzung muss man aber nicht teilen, vor allem mit Blick auf die große Differenz
zwischen diesen und den wirklich komplexen Lebensentscheidungen, die immer
die Haltung Anderer, meine Entscheidungen, schwer abschätzbare Wahrscheinlich-
keiten und Kategorienüberkreuzungen enthalten.
Das Beispiel zeigt uns jedenfalls, dass die Schlussfolgerungen im szenisch-
phantasmatischen System des Denkens nicht generell langsamer vor sich gehen
als im sprachlichen System. Da das nicht-sprachliche System des Denkens auch ein
symbolischer Modus des Umgangs mit Problemen ist, kann es hier ebenso relativ
schnelle Entscheidungen auf der Basis einfacher Schlüsse aus relativ wenigen
Prämissen geben wie im sprachlichen System. Lediglich die szenische Darstellung
der einzelnen Elemente einer solchen Schlussfolgerung, der m€oglichen und wahr-
scheinlichen Folgen sowie der Alternativen usw., verlangt ein wenig mehr Zeit als
im sprachlichen System. Dagegen zeigt sich die eigentliche Leistungstiefe des
szenisch-phantasmatischen Systems des Denkens erst in den wahrhaft komplexen
und lebensbestimmenden Entscheidungen mit Kategorienüberkreuzungen, und
diese Entscheidungen gehen sehr langsam im Modus der Wiederholungen mit
kleinen Modifikationen vor sich. Aber diese komplexen Entscheidungen des Le-
bens kann das sprachliche System, wie wir sahen, gar nicht allein, sondern nur mit
Unterstützung des nicht-sprachlichen Systems leisten.

17
Vgl. dazu die Darstellung der Experimente von Josep Call, hier Abschn. 5.5.
6.2 Vergleich der Leistungsfähigkeit nicht-sprachlicher und sprachlicher Denksysteme 199

6.2.6 Das nicht-symbolische, vorpr€


adikative System der
Modifikation unserer Typen

Wir haben aber noch nicht alle logischen Operatoren im nicht-sprachlichen System
wiedergefunden. Wie wird z. B. die Negation analogisch repräsentiert? Ist es
überhaupt m€ oglich, etwas, was nicht der Fall ist, analogisch darzustellen? Das
hieße ja fast, dass man etwas, was man nicht sehen kann, sichtbar machen soll.
Aber ehe wir die Aufgabe den Worten nach zu unm€oglich erscheinen lassen, lohnt
es sich, einen Blick auf die Art der Erfüllung bei der vorprädikativen Form der
Negation zu werfen. Husserl analysiert die vorprädikative Form der Negation in §
21 von Erfahrung und Urteil (1939) und kommt dabei der Funktion der Wissens-
sedimentation im Typus auf die Spur. Der Typus sammelt sozusagen unser Wissen
über den Zustand des Gegenstandes, dessen Typus er ist, so dass wir in jede
Begegnung mit dem Gegenstand mit einem bestimmten Wissen über den Gegen-
stand gehen. So habe ich mich mit meinem Freund Peter verabredet, ohne zu
wissen, dass er sich seinen schwarzen Bart in der Zwischenzeit abrasiert hat. Daher
bin ich in einer sehr spezifischen Weise enttäuscht, wenn ich ihn schließlich doch
wiedererkenne und der angemessene prädikative Ausdruck hierfür wäre: Peter hat
keinen Bart mehr! Noch hierin ist deutlich spürbar, was ich eigentlich erwartet
hatte, nämlich dass Peter einen schwarzen Bart hat, und auch, dass diese Erwartung
enttäuscht wurde. (Das betrifft aber die sprachlich-prädikative Ebene.)
In dem entsprechenden Erlebnis selbst spielt jedoch die Erwartung in der Form
einer phantasmatischen Einzeichnung des Erwarteten in das visuelle Feld auch eine
wichtige Rolle, denn im vorprädikativen Erlebnis der Negation wird diese Intention
im Modus der Erwartung (Peter mit Bart) von der sinnlichen Erfüllung einer
anderen Intention (Peter ohne Bart) überlagert und überzeichnet, so dass die
Erwartung nicht einfach enttäuscht und durchgestrichen wird und damit verschwin-
det, sondern sie ist weiterhin da und in einem besonderen Modus auch noch
sichtbar, denn sie scheint wie bei durchsichtigen Folien noch durch die sinnlich
erfüllte Intention hindurch (oder sie changiert, wie im Beispiel meines Kollegen,
aber die Intentionen erscheinen mit deutlich unterschiedlicher Stärke). Die Inten-
tion im Modus der Erwartung und die andere Intention im Modus der sinnlichen
Erfüllung sind verschieden stark, das heißt jedoch nicht, dass die durchstrichene
Intention einfach verschwindet. Sie darf auch nicht einfach verschwinden, denn nur
so kann die Negation noch Negation von einer inhaltlich bestimmten Erwartung
sein, beides ist noch da und muss noch intendiert sein. In diesem Modus der
Mischung zwischen einer halb durchsichtigen Sinnlichkeit und der überlagerten
und noch schwach durchscheinenden, aber durchstrichenen Erwartung lässt sich
auch die denkende Vorstellung einer negierten Intention im szenisch-phantas-
matischen System darstellen. Noch deutlicher wird die Vorstellung eines negativen
Sachverhalts („Die Schokolade ist nicht mehr in der Schublade“), wenn die erneut
geweckte Vorstellung der M€oglichkeit des positiven Sachverhalts („Die Schoko-
lade ist in der Schublade“) auf der Grundlage wiederholter, gleichartiger Enttäu-
schungserfahrungen von der sicheren Gewissheit der kommenden Entt€ auschung
200 6 Leistungsvergleich von szenisch-phantasmatischem und sprachlichem Denken

unserer Erwartung begleitet wird. Es gibt also eine nahe liegende analogische
Darstellung der Negation, die aber an bestimmte Fälle und Gegenstände gebunden
bleibt. Das ‚Nicht‘ ohne einen konkreten, visuell oder taktuell vorstellbaren Bezug
kann nicht gedacht werden.18
Wir haben mit dem sprachlichen und dem szenisch-phantasmatischen System
bisher nur einen Teil unserer Denk- und Erfahrungssysteme betrachtet, nämlich den
Teil, der Symbole verwendet. Es gibt jedoch auch noch einen Teil unseres Denkens
und Erfahrens, der nicht auf der Basis von Symbolen funktioniert. Dabei handelt es
sich insbesondere um die Weise der vorprädikativen Gewinnung von Erfahrung,
durch die lediglich unser Typus eines bestimmten Gegenstandes oder Ereignisses
langsam verändert wird.19 Man k€onnte daher daran zweifeln, ob man hier überhaupt
von Denken sprechen sollte. Es handelt sich streng genommen um ein System der
Aufbewahrung von Kenntnissen hinsichtlich von Gegenständen und deren Eigen-
schaften, das auch keine Manipulation dieser Kenntnisse erlaubt, also kein Denken
in dem Sinn, in dem wir den Begriff hier verwenden. Aber dennoch macht das
System der Modifikation unserer Typen die Sedimente unserer Erfahrungen für
künftiges Handeln nutzbar.
Wir haben schon bemerkt, dass die Aufl€osung wahrhaft komplexer Probleme im
szenisch-phantasmatischen System langsam vor sich geht, weil diese in den kleinen
Modifikationen der szenisch-phantasmatisch wiederholten Szenen voranschreitet.
Die Veränderung der Typen in der Erfahrung (im vorprädikativen System) ist
diesem System gegenüber noch langsamer. Zudem geschieht diese Veränderung
nicht in Symbolen denkend, denn die Veränderung der Typen wird nicht durch
Bilder oder Szenen symbolisiert bzw. dargestellt. Die allmähliche Erfahrungsan-
messung in unseren Typen stellen wir nur gelegentlich in der sozusagen unbe-
wussten Beeinflussung unserer praktischen Aktionen fest, z. B. in den veränderten
Werkeigenschaften der Dinge. Denken Sie an das Beispiel der defekten Herdplatte:
Wenn wir am nächsten Morgen unseren Kaffee wieder auf dieser defekten Platte
kochen wollen, dann bemerken wir, dass sich unser alltägliches Handeln über weite
Strecken an den Sinninhalten des Typus orientiert, die wir von den Dingen erwor-

18
Allerdings bemerkt man bei der Negation, dass es gelegentlich verführerisch einfache ikonische
Elemente geben kann, die Inhalte darstellen k€ onnen, die aber aus einem Bereich unserer durch
Konventionen geprägten Lebenswelt stammen. Dies trifft auch auf einige andere Formen des
Denkens im szenisch-phantasmatischen Denkens zu. Im Fall der Negation, insbesondere im Fall
des negativen Urteils über das Nicht-mehr-Vorhandensein einer Sache, kennen wir nämlich
kanonisierte Stilmittel, die die Funktion von Symbolen in der Sprache der Comics haben. Wenn
angedeutet werden soll, dass eine wichtige Sache nicht mehr da ist, wo sie eigentlich sein sollte,
wird oft um die Stelle, an der sie sein sollte, ein Strahlenkranz gezeichnet, der die Aufmerksamkeit
auf das Fehlen richtet und überdeutlich das Nicht-mehr-da-Sein anzeigt. Aber das ist ein konven-
tionelles Zeichen, das wir natürlich auch in unserem nicht-sprachlichen Denken verwenden
k€onnen – ebenso, wie wir Elemente aus anderen Kommunikationssystemen aufnehmen: Hand-
lung, Blick, . . . – aber es ist nicht mehr naturwüchsig und analogisch an dem Verlauf unserer
Erfahrung orientiert.
19
Vgl. hierzu hier Abschn. 7.4. Zur vorprädikativen Erfahrung vgl. Husserl 1939 (Erfahrung und
Urteil), Abschn. I, und Lohmar 1998, Abschn. III.
6.2 Vergleich der Leistungsfähigkeit nicht-sprachlicher und sprachlicher Denksysteme 201

ben haben. Diese Typen verändern sich nur durch Erfahrungen (d. h. nicht durch
Denken), und sie tun dies zudem sehr langsam. Der Fortschritt der Erkenntnis-
bewahrung dieses Systems geht vor sich, indem sich unser Typus erst in weiteren,
gleichartigen Erfahrungen auf den neuen Zustand ‚defekt‘ (unbrauchbar) gleichsam
umstellen muss. Wird dann die Herdplatte repariert, dauert es ebenso lange, bis der
Gebrauchssinn dieser Platte langsam wieder auf ‚intakt‘ (brauchbar) umschwenkt.
Und unser symbolisches Wissen und Denken, sei es sprachlich oder in szenischen
Phantasmen, nützt uns hier wenig, denn wir müssen unsere inkarnierten, gleichsam
eingefleischten Gewohnheiten ändern.20
Dieser Teil unseres nicht-sprachlichen Erfahrungssystems ist im Hinblick auf
die Geschwindigkeit also noch langsamer als das szenisch-phantasmatische System
der Modifikationen, das immerhin symbolisch arbeitet, und es ist natürlich auch
langsamer als das sprachliche System. Wenn wir die Veränderung der vorprädikati-
ven Überzeugungen betrachten, die in den Typen sedimentiert sind, wird deutlich,
dass dieses System dazu in der Lage ist, Einsichten zu bewahren und aus Erfah-
rungen zu lernen. Aber die Modifikationen der Typen, die einer Veränderung der
Eigenschaften, vermittelt durch gleichartige Erfahrungen, folgen, geht sehr lang-
sam vor sich. Und dennoch regiert dieses System einen großen Teil unserer alltäg-
lichen Verrichtungen, nämlich diejenigen, über die wir uns „keine besonderen
Gedanken machen“, wie Kochen, Zähneputzen, die Tür abschließen, uns in der
Straßenbahn einen Sitzplatz suchen usw. Es ist nicht nur ein phylogenetisch altes
System, ein Redundanzsystem, das auch dann noch funktioniert, wenn die h€oheren
Systeme des Denkens ausfallen, sondern es arbeitet an prominenter Stelle immer
noch in unserem Bewusstsein, weil es eine enorme Entlastung für unsere Orientie-
rung in der Welt bedeutet. Man hat es auch Gewohnheit genannt.
Das sprachliche System erscheint im Vergleich zu der Modifikation unserer
Typen in gleichartigen Erfahrungen viel effektiver im Sinne der schnellen Reprä-
sentation der neuen Einsichten. Aber auch das szenisch-phantasmatische System
repräsentiert symbolisch und kann, ebenso wie die Sprache, die Veränderung der
Eigenschaften der Herdplatte schnell weiterverarbeiten. Die Differenz besteht
lediglich darin, dass wir beim szenisch-phantasmatischen System einen Sachver-
halt, um ihn zu denken, wieder ganz inszenieren müssen.21 Hierdurch ben€otigt jeder
Gedanke zur Darstellung etwas mehr Zeit als in einem sprachlichen Darstellungs-
system, und wenn es ein wirklich komplexer Zusammenhang ist, der nur in der
langsamen Modifikation bedacht werden kann, dauert die Weiterverarbeitung noch
länger.22

20
Vgl. dazu die Er€orterung von Typus und Habitualitäten in Lohmar 2008a, Kap. 6, 7 und 8.
21
Vgl. hierzu die Darstellung von Grandin 1995; vgl. hier Kap. 8.
22
Betrachten wir die Vorstellung „Peter hat mir die Luft aus dem Reifen gelassen!“. Ich stelle mir
dazu mein Fahrrad an einem unbeobachteten Platz vor, dass Peter zu meinem Fahrrad geht, das
Ventil aufdreht und die Luft zischend entweicht. Auch meine m€ oglichen Reaktionen auf diesen
Streich muss ich in vielen Alternativen szenisch vorstellen, damit ich zu einer L€
osung komme. Ich
k€onnte die Ventile mit einer Zange ganz fest zudrehen, so dass Peter ohne Werkzeug nichts
ausrichten kann, oder das Fahrrad an einer gut beobachtbaren Stelle abstellen usw.
202 6 Leistungsvergleich von szenisch-phantasmatischem und sprachlichem Denken

Die erste, rohe Unterscheidung der Leistungsfähigkeit von Repräsentationssys-


temen in der Dimension schnell/langsam trifft durchaus einige wichtige Differen-
zen. Es ist aber sehr fraglich, ob mit so einfachen Kategorien die generelle Frage
nach der Leistungsfähigkeit von verschiedenen Repräsentationssystemen entschie-
den werden kann. Vor diesem Irrtum warnt uns schon die Tatsache, dass die nicht-
sprachlichen Systeme so prominent in unserem Alltag auftreten. Grundsätzlich
k€
onnte es nämlich auch sein, dass bei der ‚Umschreibung‘ von Problemen und
m€oglichen L€ osungen von einem nicht-sprachlichen System in das sprachliche
System etwas verloren gehen kann, z. B. Aspekte der Bedeutsamkeit, die eventuell
besser in nicht-sprachlichen Modi darstellbar wären.23

6.2.7 Reflexion, Metakognition und false belief

Gibt es im szenisch-phantasmatischen System die M€oglichkeit der Darstellung


meiner eigenen Erkenntnisse und ihrer relativen Sicherheit, der Ansichten anderer
Personen und vielleicht sogar solcher Überzeugungen, von denen wir glauben, dass
sie nicht zutreffen ( false belief)? Lassen sich Themen der Metakognition darstel-
len, und wie weit geht die M€oglichkeit der Iteration von Bedeutungsoperationen
und bei der Reflexion? Wenn man das menschliche (und tierische) Denken ohne
den Beitrag der Sprache zu verstehen versucht, dann kann man sich diesen Fragen
heute nicht mehr entziehen. Damit ist das Problem allerdings weder berührt noch
entschieden, ob einige oder alle dieser Fähigkeiten eine Voraussetzung dafür sind,
dass wir von Denken sprechen k€onnen. Wir wollen bei einem minimalistischen,
alltagsorientierten Begriff des Denkens als Wieder-Aufrufen, Darstellen und Mani-
pulieren einmal gemachter einfacher Erkenntnisse bleiben (ohne dass wir Themen
wie Wissenschaft, Kunst und Religion als notwendige Kriterien für das Denken
ansehen wollen).
Bei den Meinungen Anderer geht es nicht mehr nur um das einsame Denken mit
Hilfe eines szenisch-phantasmatischen Systems, auch die Anderen und deren Über-
zeugungen kommen im Alltag als Gegenstand des Denkens vor. Über die bloße
Vorstellung des Denkens Anderer hinaus gibt es bei nicht-sprachlichen Denkern
auch nicht-sprachliche Kommunikation, z. B. mit dem Hand&Fuß-System, nämlich

23
Einige Vorzüge der Sprache finden sich in Gebieten, in denen der tradierende und erhaltende
Effekt €offentlicher sprachlicher Kommunikation besonders wichtig ist. Ein Repräsentationssystem,
das für die Kommunikation verwendet werden kann, hat z. B. für die Verbesserung kultureller und
technischer Erfindungen einen sehr großen Nutzen. Michael Tomasello weist darauf hin, dass
Kommunikation die Weitergabe und vor allem die Erhaltung des Wissens um technische und soziale
Werkzeuge in einem unvergleichlichen Maße verbessern kann. Jede unserer technischen oder
sozialen Erfindungen hat eine lange Geschichte ihrer Schritt-für-Schritt-Verbesserungen, die nicht
verlorengehen dürfen (rachet effect). Der unvergleichlich gr€oßere Erfolg der menschlichen Spezies,
z. B. auf dem Gebiet technischer Erfindungen und sozialer Institutionen, beruht daher auf dem
mnemotechnischen Effekt, der durch € offentliche Kommunikation geleistet wird. Vgl. hierzu
Michael Tomasello: Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Frankfurt a. M. 2002.
6.2 Vergleich der Leistungsfähigkeit nicht-sprachlicher und sprachlicher Denksysteme 203

mit Handlungen und mit Blicken. Wir finden auch bei Affen ein Wissen um die
verschiedenen Kenntnisse, Präferenzen und Fähigkeiten Anderer (z. B. Stärke, Stel-
lung in der Hierarchie usw.) sowie um deren Beziehungen zu anderen Gruppen-
mitgliedern und um die Erinnerung an die Geschichte der Interaktionen usw.24
Meine eigene Überzeugung lässt sich im szenisch-phantasmatischen System
darstellen, und der jeweilige Grad der Sicherheit ist in der Dimension des Gefühls
darstellbar. Dies ist bereits Metakognition, denn ich habe eine Einsicht, und außer-
dem ‚weiß‘ ich im Modus des graduellen Gefühls der Sicherheit oder Unsicherheit
noch etwas über diese Überzeugung. Aber wie k€onnte angezeigt werden, dass es
nicht meine Überzeugung ist, sondern die eines Anderen? Hier zeigt sich wieder
eine Grenze der Leistungsfähigkeit des szenisch-phantasmatischen Systems. Ein
Indiz dafür, dass z. B. false belief ohne Gebrauch der Sprache schwierig sein dürfte,
liegt bereits in der Tatsache, dass menschliche Kinder erst im Alter von 3–4 Jahren
solche false belief Aufgaben l€osen k€onnen. Ein weiterer Hinweis dafür liegt in den
vielfältigen Bemühungen der vergleichenden Verhaltensforschung, eine solche
mentale Leistung auch bei Primaten nachzuweisen. Bislang ist dies, soviel ich
weiß, noch nicht überzeugend gelungen.25 Einsames Denken kann sich durchaus
mit Personen beschäftigen, die unterschiedliche Kenntnisse hinsichtlich derselben
Sache besitzen.26 Wenn eine andere Person z. B. etwas ‚von mir‘ weiß, dann
verhalte ich mich ihr gegenüber anders als anderen, unwissenden Personen gegen-
über. Und dieser Unterschied muss irgendwie auch mental repräsentiert werden.
Die Frage ist nur: Wie?
Was Andere ‚wissen‘, kann ich vielleicht mit dem, was sie sehen, gleichsetzen,
aber dies muss noch nicht mit dem, was sie denken, gleichgesetzt werden. Ich kann
im szenisch-phantasmatischen Modus durchaus darstellen, was andere sehen,
indem ich genau dieses Sehen szenisch darstelle. Ich stelle mir vor, was der Andere
jetzt gerade sieht. Das Ereignis findet phantasmatisch statt, und ich ‚sehe‘ auf
dieselbe Weise, dass dies auch der Andere sieht.27 In dieser Hinsicht wäre es
wichtig zu wissen, inwieweit und wie Primaten und Affen die Informationen be-
rücksichtigen, die in der Blickrichtung eines Anderen liegen.28
Kann auch Reflexion in szenischen Phantasmen dargestellt werden? Ist sie ein
besonderer Modus des nicht-sprachlichen Denkens oder benutzt sie nur andere
Darstellungsmittel? Auf den ersten Blick scheint es fast aussichtslos zu sein,
szenische Darstellungen meiner eigenen Bewusstseinsakte ohne Sprache zu den-
ken, und zwar deswegen, weil meine Akte und Denkvollzüge auch im szenisch-
phantasmatischen System keine direkt zugängliche, äußere sinnliche Seite zu

24
Vgl. Cheney und Seyfarth 1994, Kap. 3.
25
Call und Tomasello 1999; Hare et al. 2001; Kaminski et al. 2008; Krachun et al. 2009.
26
Vgl. hierzu die Diskussion der Experimente von Povinelli bei Tomasello und Call 1997,
S. 314 f., 320 ff., 325–329.
27
Hare et al. 2000.
28
Hierzu gibt es bereits einige experimentelle Untersuchungen: Call et al. 1998; Call et al. 2000;
Emery et al. 1997; Hare et al. 2000; Itakura 1996; Povinelli und Eddy 1996.
204 6 Leistungsvergleich von szenisch-phantasmatischem und sprachlichem Denken

besitzen scheinen, die ich dazu vorstellen k€onnte. Müsste ich mich dann nicht
gleichsam von außen sehen, um mit Blick auf meinen Ausdruck (z. B. der Wut,
der Scham, des Erstaunens usw.) meinen Bewusstseinsvollzug zum Thema machen
zu k€ onnen? Das erscheint unn€otig kompliziert, und wir haben schon bei der
Behandlung des Selbstbewusstseins bemerkt, dass der Blick von außen auf mich
eher ein marginales Darstellungsmittel ist.29
Ähnlich wie im Fall des Selbstbewusstseins k€onnte ein Zugang zu der Darstel-
lung der Reflexion in der Besinnung auf den selbst erlebten Modus liegen, eventuell
zeigt er sich hier in einer veränderten Rolle der Gefühle oder einer Veränderung der
Gefühle selbst. Wenn ich z. B. daran denke, dass ich wütend war, so kann ich dies
im Modus der einfachen Erinnerung tun, dabei steigt die Wut (leiblich empfunden)
wieder auf. Aber es ist eine durch den Zeitabstand und die Thematisierung ge-
milderte, gleichsam gebrochene Wut. Aber sie kann auch als echte, erinnerte Wut
leiblich empfunden werden. Sie wird vielleicht sogar bei dieser Erinnerung wieder
‚erneuert‘, dann ist sie ist jedoch nicht nur erinnerte, sondern ‚neu aufwallende‘
Wut über denselben Vorgang, der die Distanz der Reflexion fehlt. Liegt hierin
schon der Unterschied zwischen einer willentlich inszenierten Reflexion auf eine
Erinnerung und der einfachen, unreflektierten Erinnerung?
Aber wie steht es mit meinem Gefühl der Wut, wenn ich z. B. über meine
falschen Gründe, wütend gewesen zu sein, aufgeklärt werde und dann an meine
frühere Wut zurückdenke? Nehmen wir an, mein Auto war gerade in der Werkstatt,
und es bleibt nach einigen Kilometern wieder stehen. Dann bin ich zuerst auf den
unfähigen Monteur wütend. Bemerke ich aber dann, dass der Tank leer ist, und es
fällt mir ein, dass ich dies sogar schon vorher wusste, dann verfliegt meine Wut auf
den Monteur. Jetzt erscheint meine Wut nicht mehr aus der subjektiven, innerlichen
Sicht der im Bauch aufsteigenden und wieder erneuerten Wut. Ich betrachte mich
gleichsam von außen und sehe mich in meiner Wut gegen das defekte Auto treten
und den Monteur beschimpfen. Zugleich erscheint mir dieses Verhalten jetzt als
lächerlich. Ich empfinde die Wut nicht mehr, sondern eher ein distanziertes Ver-
gnügen über mein eigenes, dummes und emotionales Verhalten. Auffallend ist
dabei, dass ich hier die subjektive Innensicht verlasse und zur Außensicht30 wech-
sele, mich schäme und gefühlt bewerte: Was für ein albernes Verhalten war das und
welche heftigen Emotionen bewegten mich!
Reflexion versetzt uns hier in die Außensicht, weil ich meine lebendigen Ge-
fühle nicht gut zum Thema machen kann, wohl aber mein äußeres Verhalten. Es
kann zudem sein, dass es nur eine kleine Modifikation in der Art der Gefühls-
vollzüge ist, die hier den Unterschied ausmacht. Die Besonderheit der nicht-
sprachlichen Reflexivität k€onnte auch in der Beimischung selbstbezüglicher Ge-
fühle liegen, wie z. B. Lächerlichkeit, Scham, Stolz oder Peinlichkeit. Es k€onnte
auch ein Hin und Her zwischen beiden Perspektiven geben. M€oglicherweise wech-

29
Vgl. hier Abschn. 4.2.1.
30
Dies ist aber bekanntlich eher ein seltener Modus der Bezogenheit auf mich selbst, vgl. hier
Abschn. 5.1.
6.2 Vergleich der Leistungsfähigkeit nicht-sprachlicher und sprachlicher Denksysteme 205

sele ich in den Modus des Angesehenwerdens, d. h. ich fühle, dass ich wütend bin,
und zugleich habe ich ein Phantasma, dass mich jemand belustigt anschaut, dann
mischt sich in meine Wut Scham, und ich erlebe meine Emotion als peinlich und
fehlgeleitet.
Die Reflexion kann auch eine zeitliche Dimension haben: „Immer wieder“, so
sehe ich in der vergleichenden Überschau verschiedener Gelegenheiten ein, „falle
ich auf denselben Trick herein.“ Dann sehe ich Peter, der wieder einmal das Institut
betritt und fragt: „Wem geh€ort das Fahrrad, das draußen steht, das mit dem platten
Reifen?“ Ich sehe gleichsam im Voraus sein breites Grinsen, wenn ich wieder
einmal vorschnell aufbrause und ihm Vorwürfe mache. Aber: Es war nur derselbe
alte Spaß, dennoch bin ich wieder darauf hereingefallen, das ist mir jetzt peinlich. –
Es gibt im nicht-sprachlichen System die M€oglichkeit der Reflexion also nicht als
eine generelle M€ oglichkeit für jeden Akt und auf die gleiche Weise, aber doch in
vielen Fällen und auf unterschiedliche Weisen.
Manche Formen von Metakognition werden in der Semantik des Angeschaut-
werdens dargestellt. So spiegeln sich meine Unwissenheit und mein Zweifel hin-
sichtlich eines wichtigen Faktors für meine Bewertung und mein Handeln gele-
gentlich auch in den Augen der phantasmatisch vorgestellten Anderen. Sie k€onnen
mich z. B. zweifelnd anschauen, so, als ob sie sagen wollten: Woher willst Du das
wissen? In diesem phantasmatisch vorgestellten Blick eines Anderen bedeute ich:
Ich weiß es nicht sicher, und vielleicht kann es niemand so genau wissen. Es ist
mein eigener Zweifel und mein Gefühl der Unsicherheit, die mir da, in dem
zweifelnden Blick der Anderen objektiviert, gegenübertreten. Die Inhalte der
Reflexion und der Metakognition liegen also manchmal sehr nahe beieinander.
Metakognition zu besitzen, kann heißen, (1) dass ich nicht nur einen Sachverhalt
kenne, sondern auch weiß, dass ich ihn kenne, manchmal (2) auch, dass ich weiß,
warum ich etwas weiß, z. B. wenn ich mich an den Erwerb dieser Kenntnis erinnere,
(3) dass ich um meine relative Sicherheit weiß, mit der ich eine Vermutung oder
eine Überzeugung habe, oder (4), dass ich mir zugleich der M€oglichkeit (oder
Unm€ oglichkeit) der Veränderung dieses Sachverhalts bewusst bin, z. B. einer Ver-
änderung, die durch mein eigenes Handeln herbeigeführt werden k€onnte.
Es gibt Fälle von Erkenntnissen, die zugleich mit dem Metawissen auftreten,
dass ich dies weiß. Ich denke an den Sachverhalt A und weiß zugleich, dass der
Sachverhalt A besteht. Zum Beispiel k€onnten wir genau dieselbe Frage hinsichtlich
des Sachverhalts gestern bereits diskutiert haben, und ich erinnere mich an die
bereits erfolgte Überprüfung. Dieses Wissen hinsichtlich meines Wissens kann
auch szenisch-phantasmatisch vorgestellt werden: Nachdem wir die Wohnung
verlassen hatten, um zu einer Reise aufzubrechen, bin ich zurückgegangen und
habe noch einmal nachgesehen, ob der Herd in der Küche wirklich ausgeschaltet ist.
Es ist nicht nur ein sicheres Wissen, sondern ein durch den Zweifel und die
Erneuerung des Wissens aktiv bekr€ aftigtes Wissen. Ähnlich verhält es sich in
dem Fall, dass ich mit dem Wissen zugleich erinnere, wie ich dieses Wissen
erworben habe.
Ein Wissen um die relative Sicherheit meines Wissens gibt es z. B. beim
H€orensagen, bei dem ich einen Sachverhalt aus einer nicht selbst geprüften Quelle
206 6 Leistungsvergleich von szenisch-phantasmatischem und sprachlichem Denken

weiß, ihn von Anderen geh€ort habe oder ihn aus anderem Wissen erschließe. Aber
Schlüsse k€onnen auch in die Irre führen: Da der Sachverhalt B besteht, ist es sehr
wahrscheinlich, aber eben nicht sicher, dass auch der Sachverhalt A besteht. Ich
sehe z. B. Rauch als ein Anzeichen für Feuer an, habe aber zugleich alternative
M€oglichkeiten im Sinn, wie der Rauch oder das was ich dafür halte, entstanden sein
kann, die mir phantasmatisch vorschweben. Ich sehe den Rauch, stelle mir Feuer
vor, aber stelle mir zugleich Staubwirbel oder Dampfwolken vor, deren Erschei-
nungsbild gleich sein k€onnte. Hier stammt die Unsicherheit aus der gleichzeitigen
szenisch-phantasmatischen Vorstellung der Alternativen.
Wenn Eltern sich nicht sicher sind, wo sich ihr Kind aufhält, erscheinen ihnen
vielfache Phantasmen von m€oglichen, gefährlichen Aufenthaltsorten ihres Kindes.
Sie verbildlichen ängstlich die unerfreulichsten Alternativen. Aber die ebenfalls
m€ oglichen, harmlosen Varianten verbildlichen sich auch. Die harmlosen konkur-
rieren dann gleichsam mit den gefährlichen Varianten, weil ebenfalls Gründe für sie
sprechen. Am Ende verbleiben die Eltern mit gemischten Gefühlen, unsicher auch
hinsichtlich ihrer Befürchtungen.
Auch das gefühlte Bewusstsein der Tatkraft, z. B. einen Zustand verändern zu
k€onnen, ist eine Metakognition (ebenso wie das Sich-hilflos-Fühlen angesichts der
Unentrinnbarkeit der drohenden Gefahr). Wenn ich schon in der Betrachtung
einer Situation bemerke, an welcher Stelle ich handelnd eingreifen kann, bin ich
als m€ oglicherweise zukünftig Handelnder mit in der szenischen Vorstellung
des Sachverhalts enthalten. – Wir k€onnen zusammenfassen: Einige Formen von
Metakognition kann das szenisch-phantasmatische System zwanglos darstellen,
aber die genaue Bestimmung der Leistungsgrenzen erfordert noch weitere Unter-
suchungen.

6.2.8 €
Uber Erkennen ohne Begriffe sowie das denkende
Erkennen mit und ohne Sprache

Es ist sinnvoll, dass wir noch einmal, und zwar um die Klarheit unserer Theorie zu
sichern, auf die Erkenntnisse der niedrigsten Stufe zurückgehen und diese von den
Erkenntnissen h€ oherer Stufe abgrenzen, d. h. von denjenigen, die eine symbolische
Repräsentation voraussetzen, sei sie nicht-sprachlich oder sprachlich basiert.
Die einfachsten und niedrigsten Formen von Erkenntnis werden von Husserl bei
seinen Analysen in der 6. Logischen Untersuchung zunächst bevorzugt. Dass ein
Gegenstand die Eigenschaft hat, rot zu sein, oder gelb, dass es ein ganz bestimmtes
gelb ist, dass diese Banane also reif ist, dass es eine Klinke an dieser Türe gibt, dass
einer der Gegenstände, die ich jetzt sehe, gr€oßer als der andere ist. All das sind Fälle
von Erkenntnissen, die sich in der Sinnlichkeit mit Hilfe einfacher Aktvollzüge
erfüllen lassen, und zwar geschieht dies auf der Grundlage vorangegangener Erfah-
rung gleichartiger Gegenstände und der Sedimentation dieser Erfahrungen in dem
sogenannten Typus eines Gegenstandes.
6.2 Vergleich der Leistungsfähigkeit nicht-sprachlicher und sprachlicher Denksysteme 207

Diese niedrigstufigen Erkenntnisse lassen sich ohne die spezifische Mitleistung


von sprachlichen Begriffen vollziehen. Hier k€onnte man einwenden, dass wir bei
der Beschreibung des Inhalts dieser Erkenntnisse doch sprachliche Begriffe ver-
wenden müssen, aber dies alleine zeigt noch nicht, dass ich auch in der Erkenntnis
die spezifische Sinnleistung eines sprachlichen Begriffs verwende.
Husserl besaß in den Logischen Untersuchungen noch keinen für die Phänome-
nologie entwickelten eigenen Begriff von Begriff, der sich von dem sprachlichen
Begriff klar abgrenzen ließ. Die Ausarbeitung eines solchen genetisch-phänome-
nologischen Begriffs von Begriff gelang ihm erst im Rahmen seiner Spätphäno-
menologie: Er nennt ihn den Typus eines Gegenstandes. Der entscheidende Unter-
schied zu der Vorstellung eines empirischen Begriffs ist, dass der Typus sich auf
der Basis der jeweiligen eigenen Erfahrung eines bestimmten Subjekts ausprägt und
weitgehend darauf beruht.31 Typen sind also nicht von vornherein bei allen Perso-
nen gleich ausgeprägt, sondern sie entstehen und modifizieren sich in der eigenen
Erfahrungsgeschichte. Zudem hat der Typus nicht den Sinn einer Vorstellung, die
für unbegrenzt viele Gegenstände gelten oder nicht gelten kann, sondern er ent-
spricht den Gemeinsamkeiten einer beschränkten Gruppe von ähnlichen Gegen-
ständen, nämlich denen, die das Subjekt in seinem Erfahrungsleben bereits einmal
als einen Gegenstand dieses Typus aufgefasst hat. Die gemeinsamen Merkmale der
Elemente dieser Ähnlichkeitsgruppe erwarte ich auch von dem nächsten Gegen-
stand, wenn ich versuche, ihn mit Hilfe dieses Typus wahrzunehmen.
Die Funktion des Typus zeigt sich vor allem innerhalb des Prozesses der
Wahrnehmung. Der Typus enthält diejenigen Sinnelemente, die ich von einem
Gegenstand dieses Typus auf der Basis meiner bisherigen Erfahrung (d. h. mit
Erfahrungsrecht) erwarten kann, so dass ich weiß, was ich in der Sinnlichkeit
gleichsam „suchen“ muss, damit ich einen Gegenstand mit Hilfe dieses Typus
wahrnehmen kann. Auf dieser Grundlage weiß ich auch, was in der gegebenen
Sinnlichkeit nicht zu diesem Gegenstand geh€oren kann. So geh€ort zu einer Zitrone
deren charakteristische Form, die gelbe oder grünliche Farbe, ihr Geruch und
eventuell auch ihr Geschmack (wenn ich sie probieren kann), aber nicht der Tisch,
auf dem sie liegt, nicht die Hand, die sie hält oder der Baum, an dem sie hängt.
Der Typus nimmt während meines Erfahrungslebens immer wieder neue Ele-
mente auf, aber es kommt auch gelegentlich zu einer Aufspaltung der zu ihm
geh€ origen Ähnlichkeitsgruppe in zwei Ähnlichkeitsgruppen bzw. zu einer Aufspal-
tung in zwei Typen.32 Die Aufspaltung von Typen ist ein alltägliches Ereignis, denn
oft lerne ich das, was ich zunächst für gleichartig in allen wichtigen Hinsichten
hielt, anhand spezieller Merkmale zu unterscheiden. So lernen Kinder irgendwann,
dass Kühe keine „Wau-Wau“ sind, dass Hunde und Katzen unterschieden werden
k€onnen usw.33

31
Zum Typus vgl. Lohmar 2008a, Kap. 6, 7 und 8, Lohmar 2010a, 2013b.
32
Vgl. Lohmar 2008a, Abschn. 7.1.
33
Vgl. hierzu die Erfahrungen, die Temple Grandin bezüglich der Unterscheidung von Hunden
und Katzen schildert, hier in Abschn. 9.1. Das Beispiel zeigt auch, dass es eine wichtige Beziehung
208 6 Leistungsvergleich von szenisch-phantasmatischem und sprachlichem Denken

Die meisten h€ oherstufigen Erkenntnisse, z. B. solche, die den Zusammenhang


von Sachverhalten oder Ereignissen betreffen, werden auf der Basis symbolischer
Repräsentationen von Sachverhalten gewonnen.34 Aber wir wissen bereits, dass die
symbolische Repräsentation nicht in Sprache geschehen muss, sondern auch auf der
Basis von szenisch-phantasmatischen Vorstellungen erfolgen kann. Da die ein-
fachen kategorialen Anschauungen nur im Vollzug des erkennenden Aktes selbst
intuitiv gegeben sind und ihr Inhalt und ihre Evidenz nicht weiter „konserviert“
werden k€ onnen, k€onnen Erkenntnisse h€oherer Stufe nur mit der Hilfe von symboli-
schen Repräsentanten gemacht werden, die sich auf Inhalt und Evidenz der ein-
fachen Erkenntnisse aufbauen. Hierbei muss also auch die jeweilige Gewissheit der
grundlegenden Erkenntnis irgendwie symbolisch bedeutet werden, z. B. in der
Dimension des begleitenden Gefühls.
Wir bemerken also: Die „Schlussfolgerungen“ bzw. unsere Ansichten bezüglich
geregelter Folgen und des Zusammenbestehens von Einsichten und bemerkten

zwischen dem Typus und empirischen Begriffen gibt. Der Typus eines bestimmten Gegenstandes
entsteht zuerst ganz naturwüchsig in dem Bestreben des Subjekts, seine Wahrnehmungen zu
leisten. Dabei dienen die im Typus eines Dinges enthaltenen Sinnelemente als Leitfaden der
Konstitution des Wahrnehmungsgegenstandes. Sie tun dies in der Form konkreter Erwartungen
von bestimmten sinnlichen Gegebenheiten, z. B. ein bestimmter Geruch, eine Farbe, eine Gestalt
usw. und helfen uns so dabei, in der Sinnlichkeit alles zu finden, was den Gegenstand darstellt.
Aber der Typus reagiert auch auf neue Erfahrungen. Typen sind außerordentlich beweglich und
müssen dies auch sein, denn in der Zeit der Erkenntniserweiterung eines Kindes verändern sie sich
fast täglich – sei es, wie erwähnt, durch die normierende Einwirkung von Erwachsenen oder durch
eigene neue Erfahrungen, die z. B. eine Spaltung der Ähnlichkeitsgruppe des Typus und damit eine
Differenzierung in zwei verschiedene Typen erforderlich machen. Vgl. Lohmar 2008a,
Abschn. 7.1. und 7.2.
Das Verhältnis von Typen und empirischen Begriffen ist nicht einfach zu bestimmen. Man
k€onnte vermuten, dass die Entwicklung des Typus weitgehend unabhängig von dem Gebrauch des
empirischen Begriffs ist, aber es gibt eine untergründige Beziehung zwischen beidem. Wenn ein
Kind vor einer Herde Kühe steht und „Wau-Wau“ ruft, dann greifen die Eltern ein und informieren
es, dass dies keine Hunde, sondern Kühe (Muh-Kuh) sind. Dieser normierende Eingriff soll in
erster Linie seinen Sprachgebrauch regulieren, aber zugleich wird hiermit eine Aufspaltung seines
bisherigen Typus für vierbeinige Tiere mit bestimmten K€ orperproportionen induziert: Trenne
künftig Kühe und Hunde. Auf diese Weise nähern sich durch Einübung des Sprachgebrauchs
bei einem erfahrenen Subjekt nach und nach der Umfang der Gegenstände, die bisher mit der Hilfe
eines Typus wahrgenommen wurden und derer, die unter einen bestimmten empirischen Begriff
fallen, langsam an. Daher hat – wenn man allein auf den Gebrauch in einem erwachsenen Subjekt
achtet – beides wieder annähernd denselben Umfang.
34
Eine wichtige Ausnahme bilden z. B. die Erfahrungen von kontinuierlichen Ereignisfolgen, die
doch deutlich unterscheidbare Zustände kontinuierlich verbinden, z. B. beim Verbrennen von
Papier oder Holz, beim Entweichen der Luft aus einem Luftballon usw. Hier prägt sich durch
die wiederholte gleichartige Wahrnehmung ein eigenständiger Typus einer Ereignisfolge aus.
Weiterhin spielen die Folge und das Zusammen-Vorkommen von Ereignissen, die in gleicher
Weise oft wahrgenommen werden, für die Entstehung von sehr einfachen, ‚elementaren‘ Typen
von Ereignis-Verbindungen eine Rolle. Solche elementaren Ereignistypen stehen ganz am Anfang
der Entwicklung von Typen in der Erfahrungsgeschichte eines Subjekts, z. B. das regelmäßige
Zusammen-Vorkommen von Geschmack und Wärme der Muttermilch. Vgl. hierzu Lohmar
2008a, Abschn. 7.1.
6.2 Vergleich der Leistungsfähigkeit nicht-sprachlicher und sprachlicher Denksysteme 209

Ereignissen k€ onnen wohl in einer sprachlichen Form vollzogen werden, sie müssen
dies aber nicht, denn es gibt leistungsfähige nicht-sprachliche Alternativen. Es gibt
viele Verbindungen von Einsichten in niedrigstufige Sachverhalte, die mit dem
szenisch-phantasmatischen System repräsentiert werden k€onnen und dann schnell
zu neuen Einsichten, d. h. zu den gesuchten Erkenntnissen h€oherstufiger Art führen.
Die Methode der schnellen Schlüsse im szenisch-phantasmatischen System ersieht
man z. B. aus den Beispielen motivationaler und kausaler Verbindungen, die wir
eben diskutiert haben.
Es drängt sich aber eine wichtige Frage auf: Wie „hoch“ kommen wir – bildlich
gesprochen – in der H€ohe der Allgemeinheit mit den szenisch-phantasmatisch
repräsentierten Sachverhalten und den neuen Einsichten über deren Zusammen-
hang? Hier gibt es natürliche Grenzen, die mit der Begrenzung des Grades an
Allgemeinheit der im szenisch-phantasmatischen System m€oglichen Darstellungen
von Allgemeinvorstellungen zusammenhängen. Auf der Basis der Ähnlichkeits-
semantik und mit den Mitteln der visuellen Vagheit kommt man immer nur bis zu
einer gewissen H€ohe der Allgemeinvorstellungen, die an manchen Stellen noch
durch die Verwendung der phantasmatischen Deviationen etwas erweitert werden
kann.35 Aber wir werden mit diesem System nicht über so hochstufige Zusammen-
hänge wie den von Freiheit, Gleichbehandlung und Gerechtigkeit in einer Gemein-
schaft, über Konflikte der Finanz-, Wirtschafts- und Staatspolitik usw. nachdenken
k€onnen. Erst hier, d. h. in der h€oheren Stufe der Allgemeinheit, die nicht mehr –
oder nur rudimentär – durch die Mittel des szenisch-phantasmatischen Systems
dargestellt werden kann, beginnt die eigentliche Domäne der sprachlichen Begriffe.
Nur hier führt das sprachliche System der Repräsentation zu neuen Einsichten, die
man auf der Basis der nicht-sprachlichen Systeme nicht erlangen kann. Es ist aber
überheblich und der Sache nicht angemessen, mit dem Blick auf diese Art der
Erkenntnisse die grundlegende Fähigkeit des Denkens für sprachliche Wesen zu
monopolisieren. Das wäre schlichte Definitionsgewalt, die eine Zeit lang erfolg-
reich durchgehalten werden kann, jedoch bereits von Anfang an falsch ist.
Mit Hilfe des nicht-sprachlichen Systems der Repräsentation k€onnen wir unser
Leben führen, wir k€onnen uns selbst sogar als gerecht oder ungerecht, als fair oder
unfair erkennen, doch z. B. die Stufe der Reflexion über unser Leben im Ganzen
k€onnen wir ohne Sprache nicht erreichen. Aber: Sehr viele Menschen erreichen
diese Stufe auch mit Hilfe der sprachlichen Begriffe nicht. Wir k€onnen ohne
Sprache z. B. auch nicht über die abstrakten Regelungsmechanismen einer Gemein-
schaft nachdenken, keine Theorie der Erkenntnis entwerfen, keine Formalwissen-
schaft auf h€oherem Abstraktionsniveau betreiben (aber Geometrie geht auch ohne
Sprache). Ich schätze diese Leistungen nicht gering, dennoch glaube ich, dass wir in
der Lage sind, ohne Sprache die wichtigsten Probleme des Alltags zu l€osen und zu
bedenken, so dass wir die Zukunft auf der Grundlage der eigenen Erfahrung planen
k€onnen. Aus diesem Grund dürfen wir den Begriff des Denkens nicht ausschließlich
an den hochstufigen Leistungen orientieren.

35
Vgl. hier Abschn. 6.2.1.
210 6 Leistungsvergleich von szenisch-phantasmatischem und sprachlichem Denken

6.3 Weitere Hinweise auf die Fundierung des sprachlichen


Systems im szenisch-phantasmatischen System des
Denkens

6.3.1 €
Uber die Bewegung vom Allgemeinen zum Einzelnen
in der Sprache und im szenisch-phantasmatischen
System. Der scheinbare Gegensatz in der „Dynamik“
der Darstellung im Vergleich

Ich m€ ochte jetzt noch einen ganz anderen Gesichtspunkt im Vergleich sprachlicher
und nicht-sprachlicher Systeme ansprechen: Es scheint zunächst so, als ob es bei
den beiden dominierenden Repräsentationssystemen kognitiver Inhalte einen
Unterschied ‚in der Bewegung vom Allgemeinen zum Einzelnen‘ bei der Vor-
stellung von Dingen des Alltags gibt. Gemeint ist damit Folgendes: Die analogische
Semantik des szenisch-phantasmatischen Systems ‚beginnt‘ scheinbar bei dem
Einzelnen, d. h. bei dem szenisch konkret vorgestellten, individuellen Ding oder
der einzelnen Person, die ich phantasmatisch sehe, spüre, fühle usw. Um zu der
Vorstellung eines Allgemeinen zu gelangen, muss ich dann dasselbe in einer vagen
Weise vorstellen. Ich werde in dieser Hinsicht von der ‚Dynamik‘ der Darstellung
sprechen, die im szenisch-phantasmatischen System – so scheint es auf den ersten
Blick – immer ‚vom Einzelnen zum Allgemeinen‘ vor sich geht.
Dagegen scheint die Sprache mit ihrer Konventions-Semantik eine umgekehrte
Dynamik der Darstellung zu haben. Wir intendieren immer zuerst eine allgemeine
Vorstellung, d. h. ist, gehen, Mensch, ich, heute, Arbeit, dann erst wird diese Vor-
stellung durch den Kontext (weitere Bestimmungen, beteiligte Personen, konkrete
Inhalte der Wahrnehmung, Ort und Zeit usw.) auf ein bestimmtes Einzelnes bezogen
und spezialisiert. Dasselbe gilt auch von Eigennamen wie Peter oder Herrn Müller,
denn ohne den besondernden und individualisierenden Kontext bleiben auch diese
Elemente der Sprache allgemein. Betrachten wir den Satz: „Peter fährt zur Arbeit“,
dann ist weder bestimmt, welcher Peter es ist, noch, welcher Arbeit er nachgeht oder
welchen Weg er wählt usw., dies alles bestimmt erst der Kontext.
Es geht hier um die Funktion von Elementen (hier: Ausdrücken) eines Reprä-
sentationssystems. Es wäre natürlich wünschenswert, wenn es Ausdrücke gäbe, die
nur einen Gegenstand bezeichnen k€onnen. Unsere Sprache bietet diese M€oglichkeit
jedoch nicht. Und sollten wir dies dennoch glauben, z. B. weil wir es in getreuer
Nachfolge der Gründungsväter der analytischen Philosophie (Frege, Russell, Qui-
ne, . . .) für wahr halten, dann sind wir bereits auf die Versprechen einer Ideal-
sprache hereingefallen und halten Wunsch für Wirklichkeit. Auch der Eigenname
Peter bezeichnet noch keinen einzelnen Menschen, sondern nur ein Lebewesen, das
diesen Namen trägt, von denen es aber viele geben kann. Wir verwenden diese
Ausdrücke im Alltag so, als ob sie tatsächlich genau einen Gegenstand bezeichnen,
aber erst weitere, genauere Umstände und unser vorhergehendes (überwiegend
nicht-sprachliches) Wissen kreisen ein, welcher Peter gemeint ist. Die Dynamik
6.3 Weitere Hinweise auf die Fundierung des sprachlichen Systems im szenisch. . . 211

der Darstellung geht also bei der Sprache ‚vom Allgemeinen zum Einzelnen‘, sie
erreicht dieses Einzelne aber erst mit Hilfe von nicht-sprachlichen Bedeutungs-
elementen, z. B. mit der bildhaften Vorstellung eines bestimmten Gesichts, eines
Ortes oder eines anderen unverwechselbaren Kontextes.
Selbst in den nur ungefähren Begriffen der ‚Dynamik‘ vom Einzelnen zum All-
gemeinen oder umgekehrt scheint hier ein gewisser Gegensatz zwischen der Sprache
und dem szenisch-phantasmatischen System zu bestehen. Doch dieser Schein trügt.
Denn auch im szenisch-phantasmatischen System beginne ich meistens mit der
Vorstellung von etwas Allgemeinem. Dieses Allgemeine kann ich z. B. in vagen
Bildern denken: Heute morgen waren da ein paar Jugendliche, die mit irgendetwas
beschäftigt waren, wobei ich mir ihre Gesichter oder Kleidung nur sehr vage vor-
stelle: Haben sie mir vielleicht die Luft aus dem Reifen gelassen? Es wird dabei aber
deutlich, dass die Allgemeinheit dieser Vorstellungen in der Regel eher niedrigstufig
ist. D. h., die analogischen Darstellungen k€onnen nicht die hochabstrakten Vorstel-
lungen wie Sein, Gerechtigkeit, Lebewesen, Kirche, Mensch, Arbeit usw. darstellen.
In der visuell-phantasmatischen Darstellung z. B. von Personen ist eine Bandbreite
von „irgend jemand“ bis zu „jemand, den ich kenne“, aber auch „ein Nachbar“ oder
„mein Bruder“ m€ oglich.36 Die Vagheit der Darstellung kann variieren, und die Nähe
zu mir oder die Art der Beziehung zu mir wird oft nur im begleitenden Gefühl
angezeigt. Auch sinnliche Empfindungen, wie z. B. das Berührtwerden oder Ange-
fasstwerden, sind im szenisch-phantasmatischen System meist seltsam allgemein.
Jemand klopft mir auf die Schulter, aber es bleibt unbestimmt, wer oder wie genau.
Auch wenn ich eine andere Person berühre, bleibt die zugeh€orige Empfindung
merkwürdig unkonkret. Sogar Stimmen k€onnen vage bleiben, und nur das beglei-
tende Gefühl sagt mir, dass es eine bestimmte Person ist, dass sie mir bekannt ist, dass
ich sie fürchte oder mag usw. Auch eigene Gefühle, wie z. B. Ekel oder Unsicherheit,
bleiben im szenisch-phantasmatischen System in vielen Hinsichten unbestimmt,
obwohl sie ihre Funktion bei der Repräsentation von etwas konkret Individuellem
durchaus ausfüllen. Soziale Gefühle wie Scham oder Stolz setzen mich in der
Betrachtung und Hoch- oder Niedrigschätzung einer unbestimmten Gemeinschaft
von Personen, die mich kennen, und die ich kenne. Aber alle diese Vorstellungen
bleiben auf einem mittleren Niveau der Allgemeinheit, d. h. sie sind noch konkret
szenisch-bildhaft oder im Gefühl darstellbar, aber noch nicht abstrakt.
Erst der nächste Schritt der Darstellung zeigt dann konkrete Individuen, ich
denke z. B. an meine Kinder im Kontakt mit bestimmten üblen Gesellen, oder an
mich selbst, von einem bestimmten Kerl mit wütendem Gesicht und drohender
Leibgebärde bedroht, so dass ich schon präzise voraussehe, wo es mir gleich weh
tun wird usw. Die vage Furcht oder das Unbehagen präzisiert sich zur konkreten
Furcht vor diesem Gegenstand hier und jetzt. Es gibt also auch im szenisch-
phantasmatischen System eine Bewegung von allgemeinen Vorstellungen hin zu
konkreten, einzelnen Vorstellungen. Aber immerhin gelangen wir im szenisch-

36
Vgl. die Darstellung der Vagheit als Darstellungsmittel des SPS hier Abschn. 4.1.3.1.
212 6 Leistungsvergleich von szenisch-phantasmatischem und sprachlichem Denken

phantasmatischen System zu einem konkreten, individuellen Ding, zu einem Ein-


zelnen, das keine weiteren Bestimmungen ben€otigt, anders als in der Sprache.
Das Teilsystem der Gefühle ist für die Frage nach der Dynamik der szenisch-
phantasmatischen Darstellung ebenfalls ein charakteristischer Fall. Auch hier muss
man feststellen, dass Gef€ uhle zun€achst etwas Allgemeines vorstellen. Dies trifft zu,
selbst wenn man einwenden k€onnte, dass mein Gefühl doch etwas sehr Subjektives
sei, etwas Individuelles, das nur hier, in mir und jetzt vorkommt, das ich auch nicht
mit Anderen teilen kann usw. Gefühle sind jedoch ihrer Semantik nach zunächst
Vorstellungen, die auf Vieles passen (wie Kant über die Begriffe gesagt hat): Ein
Wohlgefühl der Freude kann sich auf vieles beziehen, besonders dann, wenn es
zunächst in der Weise einer allgemein ungerichteten Stimmung eines gehobenen
Gefühls, des Gut-gestimmt-Seins auftritt. Natürlich richtet sich das Gefühl dann im
weiteren Verlauf der Erfahrung genauer aus, es wird zu einem Wohlgefühl an einer
bestimmten Sache, einem Ereignis oder einem Sachverhalt, der mir gefällt. Auch
phantasmatisch reproduzierte sinnliche Empfindungen, wie Wärme oder Kühle,
k€onnen sich, als Analogon von Gefühlen verwendet, auf vieles richten, z. B. auf
ein bevorstehendes oder vergangenes Ereignis, das Verhalten einer Person usw.
Das furchtsame Gefühl folgt manchmal dem Erkennen eines Gegenstandes,
einer Situation oder einer Person, und dann bedeutet es, zunächst unbestimmt,
etwas über m€ ogliche unangenehme Folgen. Selbst hier ist noch ein Schritt zur
Konkretion notwendig. Die Person oder die Situation macht mir irgendwie Angst,
ich erkenne oder erinnere aber erst später, warum sich dieses Gefühl bei mir meldet,
und was seine präzise Bedeutung ist. Die Bedeutung von Gefühlen kann erst
inhaltlich voll bestimmt werden, wenn wir den konkreten Gegenstand kennen, auf
den sie sich richten. Ansonsten bleiben sie, und zwar auch in der ihnen spezifischen
Gefühlsqualität, vage und allgemein. Erst wenn ich genau weiß, worauf sich das
unspezifische Unbehagen richtet, stellt es sich z. B. als unbedeutende Furcht vor
einem Ereignis, als Scham oder Unsicherheit heraus.
Auch in dieser Hinsicht sind Gefühle ein abhängiges, sekund€ ares System der Re-
pr€asentation, das von einer inhaltlichen Präzisierung seiner Richtung abhängt, d. h. von
der genauen Bestimmung des Gegenstandes oder des Ereignisses, auf das es gerichtet
ist.37 Das Gefühl selbst kann diese individuellen Gegenstände nicht vorstellen, auch in
dieser Hinsicht bekundet sich der Allgemeinheitscharakter von Gefühlen. Das Gefühl
bleibt also immer auf ein primäres, Gegenstände vorstellendes Repräsentationssystem
angewiesen. Zudem kann das Gefühl auch in seiner eigenen, gefühlten Qualität erst voll
bestimmt sein, wenn seine inhaltliche Richtung bestimmt ist.
Der erste Anschein einer unaufhebbaren Differenz in der Dynamik der Darstellungs-
systeme der Sprache und des szenisch-phantasmatischen Systems täuschte demnach.
Die Dynamik der beiden prominenten Darstellungssysteme ist ähnlich. Alle Beispiele
weisen jedoch auch darauf hin, dass das begriffliche Darstellungssystem der Sprache
nicht bis zur Darstellung eines individuell-einzelnen Gegenstandes kommen kann. Dies

37
Diese Einsicht steht übrigens nicht im Gegensatz zu Heideggers Diktum des primär gestimmten
Weltbezuges.
6.3 Weitere Hinweise auf die Fundierung des sprachlichen Systems im szenisch. . . 213

leistet nur das szenisch-phantasmatische System, und so werden wir im folgenden


Kapitel genauer sehen, dass die Sprache faktisch nie allein fungiert und für unsere
alltäglichen Erkenntnisaufgaben auch nicht allein fungieren kann.

6.3.2 Die Abh€angigkeit der Sprache vom szenisch-



phantasmatischen System. Uber Eigennamen und
eindeutige Kennzeichnungen

Wir haben in dem bisherigen Leistungsvergleich von Sprache und nicht-sprach-


lichem System gesehen, dass ohne Sprache sowohl einfache als auch komplexe
Entscheidungen auf der Grundlage vorangegangener Erfahrung m€oglich sind, und
dass ebenfalls komplexe koordinierte Kooperationen geleistet werden k€onnen.
Weiterhin hat sich herausgestellt, dass komplexe Probleme mit Kategorienüber-
kreuzung allein mit sprachlichen Mitteln nicht gel€ost werden k€onnen, und dass es in
dieser Hinsicht eine bleibende Abhängigkeit der Sprache vom szenisch-phantas-
matischen System gibt. In den vorangegangenen Überlegungen über die Darstel-
lung von Einzelgegenständen fanden wir einen weiteren Punkt, in dem eine
bleibende Abhängigkeit des sprachlichen vom nicht-sprachlichen System des
Denkens vorliegt. Es scheint so, als ob zwischen beiden Systemen ein bleibendes
Verhältnis einseitiger und notwendiger Fundierung besteht.
Nun soll das schon angesprochene Problem vermeintlicher Eigennamen und der
eindeutigen Kennzeichnungen wieder aufgenommen werden. In der weiteren Dis-
kussion wird sich zeigen, dass es mehrere zentrale Formen der sprachlichen Bezug-
nahme auf Gegenstände gibt, deren Ansprüche nur mit Hilfe des szenisch-phan-
tasmatischen Systems erfüllt werden k€onnen. Wir haben in dem vorangegangenen
Kapitel gesehen, dass die Methode der Bedeutungszuweisung in der Sprache und
im szenisch-phantasmatischen System gar nicht so verschieden ist. In beiden
Systemen beginnen wir mit allgemeinen Vorstellungen, die dann im jeweiligen
Kontext weiter konkretisiert und individualisiert werden. Man k€onnte daher ver-
muten, dass es in beiden Systemen des Denkens darauf ankommt, dieses Zusam-
menspiel von Allgemeinvorstellungen und Individuatoren zu verstehen.
Es gibt eine weit verbreitete Hoffnung, dass manche sprachliche Ausdrücke, die
Eigennamen, sich auf Individuelles beziehen. Zumindest gehen Frege, Russell und
Quine davon aus, dass die „Referenz“ von Eigennamen eindeutig ist. Wir haben
diese Annahme bereits kurz kritisch beleuchtet und verworfen, denn ich kann mit
dem Ausdruck „Peter“ allein gar nicht ein einzelnes Ding bezeichnen. Ich nenne so
alles, was von einer Gruppe von Menschen jemals Peter genannt wurde. Der Glaube
an die eindeutige Referenz von Eigennamen geht aber im Rahmen des Programms
einer Idealsprache allzu schnell von dem berechtigten Wunsch, es m€oge so etwas
geben, zu der Überzeugung über, es sei auch so. Aber auch ein Eigenname wird erst
zu der Bezeichnung für ein Einzelnes, wenn sich aus dem Kontext des Gebrauchs
genügend individuierende Faktoren ergeben, die die genaue Beziehung des Wortes
214 6 Leistungsvergleich von szenisch-phantasmatischem und sprachlichem Denken

auf nur ein einzelnes Ding regeln. Wenn ich sage „Peter sitzt hier am Tisch“, so
geh€ort zu den Individuatoren das unverwechselbare Gesicht und die Gestalt von
Peter, meine eigene Person, die dies sagt, der H€orer, der dies h€ort, der Ort, die Zeit,
der Tisch usw. Der Ausdruck Peter ist nur dann der Name für ein Einzelding, wenn
er in einem Kontext gebraucht wird, der genügend solcher Individuatoren bietet.
Wenn ich in den Garten auf einen Baum sehe und zu meinem Gast sage „Dieser
Baum dort ist kahl“, ist dasselbe für eine Kennzeichnung geleistet. Das bedeutet:
Erst wenn Allgemeinvorstellungen mit ausreichend vielen Individuatoren verbun-
den sind, leisten sie die Beziehung auf ein Einzelnes.
Bei einem Eigennamen wie Peter glauben wir, dass er nur ein einziges Lebewesen
bezeichnet. Es ist jedoch absurd, dies zu glauben, ohne die Mitleistung des Kontextes
anzuerkennen. Die Allgemeinheit dieses Namens ist auch durch eine beliebig lange
Erweiterung nicht zu beheben. Auch „Peter Müller“ gibt es in einer großen deutschen
Stadt immer noch viele. Die Ansicht, dass es monovalente Eigennamen oder ein-
deutige Kennzeichnungen gibt, kann man vertreten, aber nur unter der fiktiven
Voraussetzung, dass wir die Welt, so wie sie jetzt ist und wie sie war, im Ganzen
kennen. Hier steht also der fiktive Standpunkt des allwissenden Subjekts im Hinter-
grund. Früher hätte man hier von Gott gesprochen, heute ist es die Forschergemein-
schaft, die so gedacht wird, als ob sie an ihrem idealen Zielpunkt, der Omnikognition,
angelangt sei. In jedem Fall ist es ein idealisierter Standpunkt, den wir niemals
wirklich erreichen werden. Für den normalen Erkennenden gibt es aber immer nur
die beschränkte Erkenntnis in Form seiner eigenen Erfahrungen und seiner m€og-
lichen Aktionen. Nehmen wir an, es gäbe nur zwei verschiedene Personen mit diesem
Namen, die ich kenne und auf die ich mich beziehen k€onnte, so muss ich doch
irgendwie genau den einen von beiden meinen k€onnen. Dies kann ich nur mit
zusätzlichen individualisierenden Vorstellungen, die meine sprachliche Verwendung
seines Namens auf eine Weise begleiten, dass der Name dadurch eindeutig wird. Wir
denken an Peter, und implizit meinen wir natürlich den Peter, der bei mir gegenüber
wohnt, dessen Geschichte ich kenne, dessen Gesicht ich mir vorstellen kann. Auf
diese Weise kommen die begleitenden Phantasmen wieder ins Spiel.
Den Peter Müller, den ich gleichsam schon „sehe“, wenn ich „Peter Müller“ sage
oder denke, stelle ich also zugleich phantasmatisch vor. Der Gebrauch einer Vor-
stellung, die nur einen einzigen Gegenstand meint, impliziert auch die Geschichte
seiner Bewegungen und Veränderungen, bei Personen auch die ihrer Taten und
Unterlassungen. Daher durchlaufe ich schnell, nur in Andeutungen, ein paar Statio-
nen seines Lebens, so z. B. das unvergessliche Bild, auf dem zu sehen ist, wie Peter
Müller den Schiedsrichter im Boxring bewusstlos schlägt. Ich sehe sein markantes
Gesicht mit der fliehenden Stirn und der mehrfach gebrochenen Nase usw. Dies
zeigt, dass ich nur dann eine einzelne Person meinen kann, wenn ich sie mit
szenischen Phantasmen genauer bestimme, die seine Geschichte mit enthalten.38

38
Man k€onnte auch hier Einwände fingieren, z. B. dass es viele Personen mit diesem Gesicht und
dieser Geschichte in parallelen oder logisch m€oglichen Universen gebe, dies sind jedoch Fiktio-
nen, für die keine unserer wirklichen Erfahrungen spricht.
6.3 Weitere Hinweise auf die Fundierung des sprachlichen Systems im szenisch. . . 215

Ähnliche Bedenken richten sich auf die Bedeutungen der einfachen Ausdrücke,
die sinnliche Qualitäten bezeichnen. Ich kann nur präzise wissen, was ich meine,
wenn der Gebrauch des Ausdrucks ‚rot‘ von einem kurzfristigen reproduzierten
Phantasma begleitet wird, das mir das rot gleichsam in einer m€oglichen Variante
‚vor Augen stellt‘. Auch hier gilt also, dass ich das Intendierte nur präzise meinen
kann, wenn ich ein szenisches Phantasma zu Hilfe nehme. – Und dies gilt für viele
weitere sprachliche Ausdrücke, wenn nicht sogar für die meisten.
Gehen wir diese Fragen des Verhältnisses von sprachlichen Ausdrücken und
szenischen Phantasmen noch einmal deskriptiv an: Wir bemerken zum Beispiel,
dass die meisten Allgemeinbegriffe in uns Phantasmen hervorrufen, die dasjenige
konkretisieren, an was wir denken. Ich erinnere Sie an den bekannten Psycholo-
genwitz: Denken Sie jetzt nicht an ein Krokodil! Kaum jemand kann diese Bedeu-
tung vollziehen, ohne dass sich kurzzeitig das etwas vage Phantasma eines Kroko-
dils einstellt. Dieses Phantasma ‚senkt‘ sozusagen das Niveau der Allgemeinheit
der sprachlichen Allgemeinvorstellung.39 Wir befinden uns jetzt im Bereich der
assoziativ erweckten Vorstellungen, die an sprachliche Ausdrücke geknüpft sind.
Hierbei spielen Erziehung und Erfahrung eine wichtige Rolle. Zudem gibt es viele
Faktoren, die die bildhaften Vorstellungen, welche beim Gebrauch eines sprach-
lichen Begriffs auftauchen, von Mensch zu Mensch verschieden sein lassen. Auch
Vorurteile spielen hier eine Rolle. Wenn wir z. B. h€oren, dass eine Person eine
andere schlägt, dann stellen wir uns sofort vor, es sei ein Mann, obwohl dies nicht
immer die richtige Sachlage trifft.
Selbst das Bild, das sich aufdrängt, wenn der Begriff Krokodil geäußert wird,
kann sehr verschieden sein. Sicher werden die meisten an ein Krokodil denken, das
sie einmal in der Realität, auf einem Bild oder in einem Film gesehen haben. Aber
einige werden auch an eine Handpuppe aus dem Puppenspiel denken, oder an ein
Spielzeug, einige werden auch an die charakteristische Gestalt einer sechsachsigen,
schweizerischen Elektrolokomotive denken usw.40 In allen diesen Fällen wird die
Synonymie (Vieldeutigkeit) aufgel€ost und zugleich die Allgemeinheit der sprach-
lichen Vorstellung durch das Phantasma konkretisiert. Man kann dies für proble-
matisch halten, aber man kann auch den Nutzen und die Unentbehrlichkeit solcher
hinzukommenden, phantasmatischen Vorstellungen betonen: Durch sie bestimmt
der sprachlich Denkende erst genau dasjenige, was er selbst meint. Und das ist eine
unentbehrliche Teilleistung des Denkens. Die Elemente des szenisch-phan-
tasmatischen Systems kommen also notwendig zu den sprachlichen Begriffen
hinzu, ansonsten wüssten wir buchstäblich nicht, was wir meinen. Dies trifft nicht
nur auf Begriffe zu, sondern auch auf die so genannten eindeutigen Kennzeichnun-
gen, von denen wir hoffen, dass sie eine eindeutig bestimmte Referenz haben, und
es gilt ebenso für Eigennamen.

39
Dies ist aber nicht die einzige Funktion dieser Phantasmen, vgl. dazu Lohmar 2008a.
40
Natürlich gibt es auch Kontexte, in denen wir z. B. über das Krokodil als Unterspezies amphi-
bisch lebender Reptilien nachdenken; hier würde die Einengung auf bestimmte einzelne Fälle von
Krokodilen eher st€oren.
216 6 Leistungsvergleich von szenisch-phantasmatischem und sprachlichem Denken

Dies wird deutlich, wenn wir uns auf die Seite des ‚Senders‘ einer sprachlichen
Mitteilung stellen. Hier zeigt sich ebenfalls die konkretisierende Funktion, die das
SPS für das sprachliche System des Vorstellens und Mitteilens hat. Wenn ich über
ein Ereignis berichte, dann weiß ich selbst in der Regel genau, wovon ich spreche,
d. h. ich habe auch Erinnerungen an Wahrnehmungen und Handlungen, die mit
diesem Ereignis verbunden sind. Diese fügen sich fast unbemerkt, aber wirkungs-
voll an die sprachliche Darstellung an, und nur deshalb funktioniert das sprachliche
Denken. Spreche ich den Satz aus: „Peter geht zum Angeln an den Fluss“, dann hat
er nur deshalb für mich eine präzise inhaltliche Bestimmung, weil ich ein be-
stimmtes phantasmatisch auftauchendes Bild von Peter vor mir habe, das ihn von
allen anderen Personen unterscheidbar macht, die auch Peter heißen. Zudem weiß
ich auf dieselbe Weise, welcher Fluss gemeint ist, und vielleicht auch, mit welchem
Hilfsmittel Peter angelt, wen er dort zu treffen hofft, welchen Weg er dorthin nimmt
usw. All dies weiß ich aus eigener Erfahrung oder vom H€orensagen, und die
inhaltliche Treffsicherheit der sprachlichen Mitteilung oder auch nur eines viel-
sagenden gestischen Hinweises mit Kopf und Augen ruhen in ihrem Sinn auf
diesem, mit Anderen geteilten Wissen um alltägliche Kontexte.41 Die phantasmati-
schen Darstellungen dieses alltäglichen Wissens begleiten die sprachliche Formu-
lierung auf der Seite des Senders und des Empfängers einer Geste oder einer
sprachlichen Mitteilung. Und wenn der Alltagskontext der gleiche ist, dann verste-
hen sie sich, d. h. der eine denkt, was auch der andere denkt. Natürlich kann es auch
hier Fälle geben, in denen wir uns nur vermeintlich auf denselben Gegenstand
beziehen. Aber die Korrektur solcher falschen Identitätshypothesen geh€ort mit zum
alltäglichen Wissen. Wichtig ist, sich von der Fiktion der Omnikognition fern zu
halten, die die vermeintlich eindeutigen Kennzeichnungen eindeutig machen
würde. – Somit kann man folgern, dass die Sprache nur deshalb „funktioniert“,
d. h. sich eindeutig auf ein bestimmtes Ereignis oder einen bestimmten Gegenstand
richten kann, weil das szenisch-phantasmatische System immer noch und immer
schon mit fungiert und die vieldeutigen und zu allgemeinen sprachlichen Intentio-
nen konkretisiert.
Dies gilt nicht nur für den Sender, sondern auch für den Empfänger einer
sprachlichen Botschaft. Denn wenn jemand diesen Satz h€ort, dann wird er vielleicht
an den falschen Peter denken, aber er kann nur an einen bestimmten Peter denken,
wenn er eine Funktion zur Verfügung hat, die die unvermeidbare Allgemeinheit der
sprachlichen Begriffe und Eigennamen herabsetzt und einen bestimmten Peter
vorzustellen erlaubt. Und diese Funktion wird vom szenisch-phantasmatischen
System ausgefüllt.
Es k€onnte nun jemand der Ansicht sein, dass man einen Teil des Problems der
fehlenden Konkretion der Sprache, nämlich die Vieldeutigkeit ihrer Begriffe, auch

41
Für das Beispiel des einfachen gestischen Hinweises bzw. der Zeigegeste vgl. die Diskussion bei
Tomasello 2009, Kap. 1.
6.3 Weitere Hinweise auf die Fundierung des sprachlichen Systems im szenisch. . . 217

auf andere Weise l€osen k€onnte, z. B. mit eindeutigen sprachlichen Kennzeichnun-


gen. Man k€ onnte etwa hoffen, dass ‚der gegenwärtige K€onig von Frankreich‘ oder
‚der Mann, der an der nächsten Straßenecke steht‘, solche eindeutigen Kennzeich-
nungen seien.42 Über den gegenwärtigen K€onig von Frankreich wird man Ver-
schiedenes zu wissen glauben, zunächst, dass es ihn nicht gibt, zumindest, soweit
wir zur Zeit wissen. Gäbe es jedoch einen, so hätten wir eine Vorstellung von
seinem Gesicht und seiner Geschichte. Außerdem wird man aus praktisch-prag-
matischen Gründen annehmen, dass es, wenn es überhaupt einen gibt, nur einen gibt
und nicht mehrere. Denn wir wissen aus der Geschichte, dass es zwar gelegentlich
mehrere Personen gab, die diesen oder einen ähnlichen Anspruch hatten (Päpste),
dass sich aber mit der Zeit immer einer zu Ungunsten der Anderen durchgesetzt hat.
Aber gibt es wirklich keinen ‚K€onig von Frankreich‘? Es gibt doch ein Lied von
Heinz Ehrhardt, der singt: „In meiner Badewanne bin ich Kapitän, . . .“, warum
sollte es kein Lied geben, „In meiner Badewanne bin ich der K€onig von Frankreich,
. . .“, oder ein Kinderspiel, bei dem man denselben Titel erwerben kann? Damit
wäre der Titel ‚K€onig von Frankreich‘ mehrdeutig. Und dies gilt nicht nur für dieses
Beispiel, sondern auch für den Mann, der an der nächsten Straßenecke steht, denn:
Ist es die nächste Ecke nach rechts oder nach links? Und: welcher der Männer, die
dort stehen, soll es sein? Jede scheinbar eindeutige Kennzeichnung verdankt diese
Eindeutigkeit entweder der Fiktion der Omnikognition oder der Mitleistung des
szenisch-phantasmatischen Systems.
Natürlich bedarf es zu der Konkretisierung in alltäglichen Situationen nicht
unbedingt immer phantasmatischer Mittel, z. B. wenn wir beide gerade eine Person
sehen, von der wir wissen, dass sie Peter heißt, die mit einer Angel auf ein Fahrrad
steigt, dann werden wir auch vermuten, dass der genannte Peter dieser Peter dort ist.
Aber für das Denken ist es das szenisch-phantasmatische System, das diese unent-
behrliche Funktion übernimmt.
Die Sprache funktioniert also in den meisten Fällen nur auf der Basis des mit-
fungierenden szenisch-phantasmatischen Systems oder anderer konkretisierender
Hilfsmittel wie Wahrnehmung, unser Wissen um den Kontext, die Geschichte usw.
Sie ist daher kein selbständiges Repräsentationssystem, sondern sie ben€otigt
bereits, um etwas Bestimmtes meinen zu k€onnen, andere, individualisierende und
konkretisierende Mittel, die sie selber nicht bieten kann.
Auch aus diesem Grund k€onnen beide Systeme, das der Sprache und das sze-
nisch-phantasmatische System, relativ reibungslos zusammenarbeiten. Das eine
st€ort das andere in aller Regel nicht, die Dynamik in der Bewegung der Darstel-
lungsmittel (vom Allgemeinen zum Einzelnen) ist weitgehend gleich, und sie
k€onnen deshalb auch füreinander eintreten, sobald es das Thema oder die Situation
erfordert. Die Semantik ist auf beiden Seiten dagegen ganz verschieden (Ähnlich-
keits-Semantik und Konventions-Semantik), so dass sie sich meistens nicht beein-

42
Vgl. Russell 1905.
218 6 Leistungsvergleich von szenisch-phantasmatischem und sprachlichem Denken

trächtigen oder eine ‚Übersetzung‘ verlangen. Dass wir die Sprache bevorzugen,
hängt eher davon ab, dass wir nicht nur einsame Denker sind, sondern dass wir
immer schon in kommunikative Kontexte und Gemeinschaften eingebunden sind,
deren Normen wir einhalten wollen. Zu diesen Normen geh€oren z. B. die Forde-
rungen der Widerspruchsfreiheit, der allgemeinen Verständlichkeit unseres sprach-
lichen Denkens und unserer Mitteilungen. Diese speziellen Forderungen sollte man
aber nicht auf das Denken überhaupt ausdehnen.
Kapitel 7
Probleme im szenisch-phantasmatischen
System und Konflikte des szenisch-
phantasmatischen mit dem sprachlichen
System

In diesem Kapitel geht es um einige problematische und schwer verständliche


Besonderheiten des szenisch-phantasmatischen Systems. Eine der sehr auffälligen
Besonderheiten ist, dass sich dieses Denken nicht immer an alle Regeln der Logik
halten muss. Dies ist eine Folge der Tatsache, dass das szenisch-phantasmatische
System überwiegend von einsamen Denkern verwendet wird, die sich auch nicht an
die Standards halten müssen, die die €offentliche Kommunikation von Repräsenta-
tionssystemen fordert. Nicht-sprachliche Systeme des Denkens müssen aber den-
noch Maßstäbe beachten, die z. B. darin bestehen, dass sie die Erfahrungen eines
Subjekts bewahren, und zwar in einer für die weitere Anwendung geeigneten Form.
Ein weiteres Problem des szenisch-phantasmatischen Systems liegt in der Über-
lagerung von Gefühlen, die aus verschiedenen Quellen stammen. So kann die
gefühlte Sicherheit hinsichtlich des Bestehens eines Sachverhalts durchaus von
der Stärke des Wunsches, mit der wir einen bestimmten Zustand herbeisehnen,
überlagert und so verstärkt werden oder im Gegenfall geschwächt werden. Das
wirkt nicht rational – zumindest nicht im üblichen Sinn des Wortes –, aber hier zeigt
sich zugleich einer der großen Vorzüge des szenisch-phantasmatischen Systems,
nämlich gerade solche gefühlten Faktoren der Bedeutsamkeit in Entscheidungen
mit einfließen zu lassen. Denn nur auf diese Weise bleiben wir in multifaktoriell
beeinflussten Entscheidungen noch handlungsfähig.
Ähnliche Überlagerungen und Antagonismen kommen zwischen der gefühlten
Sicherheit, dass ich etwas wirklich erlebt habe, sodass wir von einer Erinnerung
sprechen, und den szenisch-phantasmatischen Elementen unseres Bewusstseinsle-
bens vor, die zur Repräsentation dieser Sachverhalte erzeugt werden. In einer
suggestiven Befragung werden auch nur gefragte oder sogar gefälschte Sinnele-
mente in szenisch-phantasmatischer Darstellung vorgestellt (nicht nur begrifflich),

© Springer International Publishing Switzerland 2016 219


D. Lohmar, Denken ohne Sprache, Phaenomenologica 219,
DOI 10.1007/978-3-319-25757-0_7
220 7 Probleme im szenisch-phantasmatischen System und Konflikte des szenisch. . .

und hierdurch kann es zur Beeinflussung unserer Erinnerung kommen, denn das
phantasmatisch Vorgestellte kann in unsere Erinnerungen einfließen und zu Er-
innerungstäuschungen führen.
Ferner gibt es interessante antagonistische Effekte zwischen dem langsamen,
nicht-sprachlichen und nicht-symbolischen System der vorprädikativen Erfahrung
(in Typen) und den ihm gegenüber schnelleren Systemen, die symbolische Dar-
stellungen verwenden, also das szenisch-phantasmatische System und die Sprache.
Dies zeigt, dass wir es wenigstens mit drei Schichten von Erfahrung konservie-
renden und verarbeitenden Systemen im menschlichen Bewusstsein zu tun haben,
und dies weist auch darauf hin, dass wir zumindest mit zwei Stufen der Erfahrungs-
verarbeitung im tierischen Bewusstsein zu rechnen haben.

7.1 Das Rätsel der neurotischen Verschiebung (Negation,


Inversion, Übertragung usw.)

Die Psychoanalyse Freuds deckt eine Verschiebungsarbeit des Bewusstseins auf,


die die erlebten Inhalte verschlüsselt und mit vielfältigen Werkzeugen scheinbar
vollkommen unkenntlich macht, wobei die verschlüsselten Inhalte dennoch wirk-
sam bleiben, d. h. unser Verhalten beeinflussen. Diese Verschiebungsarbeit nimmt
viele Formen an: Verschiebung, Negation/Leugnung, Inversion und Verdichtung
setzen an den Inhalten des Bewusstseins an, und sie kann nur durch eine auf-
wändige psychoanalytische Hermeneutik teilweise rückgängig gemacht werden.
Auf diese Weise werden die ursprünglichen Inhalte wieder verständlich. Dasjenige,
was uns davon überzeugt, dass diese eingreifende psychoanalytische Hermeneutik
nicht ohne Grund in der Erfahrung ist, ist der Heilungserfolg der Analyse – und
auch die Einsicht der analysierten Person, die die verdeckte, oft schmerzhafte
Erinnerung und Erfahrung bestätigt.
Wenn man sie philosophisch ernst nimmt, verk€orpert die Psychoanalyse die
äußerst beunruhigende Einsicht, dass das Bewusstsein nicht nur sich selbst nicht
v€ollig durchsichtig ist, sondern dass es auch in seiner Selbstverdunklung noch
Regeln unterworfen ist. Aber es sind Regeln, die wir nicht ganz verstehen, deren
ganzer Sinn und Zweck uns entgeht. Aus der Sicht eines Subjekts, das sich als
‚vernünftig‘ erachtet, ist dieses Rätsel eine schmerzhafte Einsicht, sozusagen ein
Stachel im Fleisch der Vernunft.
Ich werde versuchen, mit dem Blick auf einige Besonderheiten des nicht-sprach-
lichen Denkens, dieses rätselhafte Tun des Bewusstseins zumindest zu einem Teil
verständlich werden zu lassen. Mein Ausgangspunkt dafür ist die bisherige Analyse
des nicht-sprachlichen Denkens und eine hieraus erwachsene Aufmerksamkeit
gegenüber m€ oglichen Konflikten mit dem sprachlichen System des Denkens.
Ich kann hier keine ersch€opfende Theorie der psychischen Ereignisse bieten, die
mit Tagträumen in Verbindung stehen. Bisher konnte ich nur eine Diskussion von
Folgen phantasmatischer Szenen und Tagträumen unter der Hypothese entfalten,
7.1 Das Rätsel der neurotischen Verschiebung (Negation, Inversion, Übertragung usw.) 221

dass sie eine wichtige Form des nicht-sprachlichen Denkens darstellen. Unter dieser
Ausgangshypothese lassen sich einige Rätsel und Eigenheiten des szenisch-
phantasmatischen Systems verständlich machen. Es geht dabei natürlich auch darum,
die Rationalität des nicht-sprachlichen Denkens derjenigen des sprachlichen Den-
kens gegenüberzustellen und ihre Gemeinsamkeiten und Differenzen klarer heraus-
zuarbeiten. Die Wandelbarkeit der szenischen Phantasmen zeigt, dass sie ein
Medium des Nachdenkens über unsere M€oglichkeiten sind, das gute oder schlechte
Erfahrungen in einer Probleme l€osenden Aktivität in brauchbare Pläne für die Zu-
kunft umwandelt. Meine These ist: Die ungew€ohnliche Wandelbarkeit der Themen
im szenisch-phantasmatischen System zeigt sogar in neurotischen Formen wie der
Negation, Inversion und Verschiebung auf andere Personen, dass es darum geht,
meine frühere Erfahrung für die Zukunft nutzbar zu machen. Auf diese Weise bietet
sich auch ein Weg zur erkenntnistheoretischen Begründung der Psychoanalyse an.1
Wir haben das nicht-sprachliche Denken bereits in seiner Eigenart und Leistung
beschrieben und verstehen bereits, dass und wie es fast dasselbe leistet wie das
sprachliche Denken. Es hat aber zugleich seine eigenen Regeln und auch seine
spezifischen Begrenzungen sowie typische Abweichungen vom sprachlichen Den-
ken. Die wichtigste Einsicht dabei ist, dass nicht-sprachliches Denken dazu in der
Lage ist, unsere selbst gemachten, angenehmen oder leidvollen Erfahrungen zu
bewahren, sie wieder aufzurufen, sie aber auch so zu verändern, dass sie für meine
künftigen Handlungen nutzbar werden k€onnen. Dieses denkende Behalten, Modi-
fizieren und Nutzbarmachen meiner Erfahrungen geschieht oft im Modus von
phantasmatischen Szenen, diese werden €ofter wiederholt und bei jeder Wiederho-
lung leicht modifiziert. Dabei kann es aber auch zu eingreifenden Veränderungen
kommen: Die Umstände und gegebenenfalls auch die handelnden oder leidenden
Personen werden verändert. Das Resultat dieser ‚Denkarbeit‘ ist dann ein szeni-
sches Phantasma, das man als einen für die Zukunft brauchbaren Plan von erfah-
rungsorientiertem Handeln betrachten kann.2
Jenes aus vielen modifizierenden Wiederholungen resultierende szenische Phan-
tasma braucht auch nicht in allen Punkten meiner wirklichen Erfahrung gegenüber
in einem buchstäblichen Sinn wahrhaftig zu sein. Seine zentrale Funktion ist, die
‚entscheidende Lehre‘ aus der gemachten Erfahrung so zu behalten, dass sie eine
erinnerbare und wieder anwendbare Form hat. Nicht-sprachliches Denken ist ledig-
lich für das einsame, innerliche Nachdenken von Personen geeignet. Es muss sich
daher auch nicht an den äußerlichen, an der Gemeinschaft orientierten Forderungen
orientieren, zu denen Wahrhaftigkeit und Widerspruchsfreiheit geh€oren. Die Wahr-
haftigkeitsforderung hat in erster Linie für die €offentliche Kommunikation einen
guten und unentbehrlichen Sinn, für einsame Denker ist sie eher sekundär.
Im nicht-sprachlichen Denken haben wir ein Medium der Erfahrungsbewahrung,
in dem es sogar sinnvoll und richtig sein kann, wenn einzelne Elemente der vollen

1
Vgl. Lohmar 2012a. Für alle Teile der folgenden Diskussion, die die Psychoanalyse Freuds
betreffen, m€ochte ich mich für die Hinweise und Anregungen von Jagna Brudzinska bedanken.
2
Vgl. hier Abschn. 4.1.
222 7 Probleme im szenisch-phantasmatischen System und Konflikte des szenisch. . .

Erfahrung verändert werden. Es k€onnte sich z. B. um eine Erfahrung handeln, die


mit starken schmerzhaften Emotionen (Verletzungen, Folter, Vergewaltigung, De-
mütigung, Hilflosigkeit usw.) verbunden ist oder mit heftigen Abwehrreaktionen
wie Angst, Ekel usw. In solchen Fällen kann es wichtig sein, einzelne Elemente zu
verändern, und zwar, damit die zentrale Lehre der bereits gemachten Erfahrung
überhaupt noch genutzt werden kann.
All dies hat nichts mit Lüge oder Täuschung zu tun, denn im nicht-sprachlichen
Denken sind wir nicht in einem kommunikativen Kontext, in dem diese Begriffe
einen guten Sinn haben. Man k€onnte immer noch vermuten, es sei eine Art der
Selbsttäuschung, aber dabei muss man darauf achten, dass der Sinn, den wir der
‚Täuschung‘ unterlegen, hier schon ein sozialer und kommunikativer Sinn ist. Das
heißt, andere Personen k€onnten mir nachweisen, dass meine Erinnerung nicht
vollkommen wahrheitsgetreu ist, sondern dass sie irgendwie verbessert und gleich-
sam besch€ onigt wurde.3
Ich nenne hierfür einige Beispiele: Ich muss nicht die unerträglich schmerzhafte
Szene der eigenen Vergewaltigung in Erinnerung behalten, um die dadurch erhal-
tene, wichtige Lehre für die Zukunft besitzen und anwenden zu k€onnen. Auch die
Bedrohung meines Lebens durch einen Räuber, ein gefährliches Tier, durch einen
Strudel im Wasser usw. muss nicht in ihrer gesamten Angstfülle bewahrt bleiben.
Es reicht aus, mich daran zu erinnern, dass ‚Derartiges‘ anderen Personen schon
passiert ist, um Gegenden, Personen oder Situationen zu meiden, die diese Gefahr
in sich bergen. Ich darf also, und zwar, um die wesentliche ‚Lehre der Erfahrung‘
behalten zu k€ onnen, einiges vergessen und verändern, ich darf sogar vergessen,
dass ich es war, der diese unerträgliche Demütigung, Panik und Gewalt erlitten hat.
Es ist sogar hilfreich, dies zu vergessen, damit ich die gemachte Erfahrung über-
haupt, und zwar ohne von Angst gelähmt zu sein, nutzbringend in neuen Situatio-
nen anwenden kann. Eine solche denkende Modifikation meiner Erinnerung im
nicht-sprachlichen Medium macht mich also wieder handlungsfähig.4

3
Das philosophische Rätsel eines Subjekts, das sich selbst täuschen will und kann, brauchen wir
also nicht zu l€osen. Vgl. dazu Rinofner-Kreidl 2012a.
4
Es gibt aber auch unerträglich schmerzhafte Erinnerungen, traumatische Erfahrungen von
Gewalt, Mord und Verletzung, die als Erinnerung in der Form von szenischen Phantasmen regel-
mäßig und ungewollt als Reminiszenzen erscheinen (Flashback), als Albträume wiederkehren,
manchmal auch als Halluzinationen. Dies geschieht, weil diese Erinnerung nicht nur gefürchtet
wird, sondern auch immer wieder geträumt werden muss. Ihr Inhalt kann wegen der mit ihr
verbundenen übergroßen Emotion nicht wie bei Alltäglichem vergessen werden. Das traumatische
Ereignis lässt sich daher nicht in eine Reihe mit gleichartigen (und gleich bedeutsamen) Ereignis-
sen stellen. Also schon auf einer vor-begrifflichen Ebene kann es nicht als eines unter mehreren
Gleichartigen verstanden werden. Auf einer sprachlich-begrifflichen Ebene würden wir daher
sagen, es kann nicht richtig „begriffen“ werden. Es ist in diesem Sinne kein Ereignis unter anderen,
es ist einzigartig, und es bleibt auch meines. Oder genauer: Solange es meines bleibt, ist es
überwältigend schmerzhaft und unmitteilbar. Also kann eine Verbesserung der Erinnerung schon
darin bestehen, dass es schlichtweg „nicht mehr ich bin“, dem dieses Unrecht von dieser Person
angetan wurde, sondern ein Anderer. Für die Funktion in alltäglichen Kontexten, also als anschau-
liche, überzeugende und handlungswirksame Bestimmung meines künftigen Handelns ist die
Vorstellung, dass es ein Anderer war, den dieses Unrecht traf, ebenso wirksam.
7.1 Das Rätsel der neurotischen Verschiebung (Negation, Inversion, Übertragung usw.) 223

Es gibt im Hinblick auf die wesentliche Lehre der Erfahrung immer eine Reihe
von sozusagen gleich-gültigen Erinnerungen (besser: charakteristischen Szenen).
Gleich-gültig sind charakteristische Szenen, die zwar verschieden sind, die aber den
nützlichen Kern der Erfahrung bewahren, und die dafür sorgen, dass wir diese
Erfahrung ohne Angst in weiteren Situationen anwenden k€onnen. Wenn wir also
sagen: „Ich darf einiges vergessen und verändern, um die wichtigste Lehre der
Erfahrung behalten zu k€onnen“, klingt dies zwar paradox, aber es hat im Kontext
einsamen Denkens einen guten Sinn.5
Wenn man diesen Verständnisansatz für die neurotische Verschiebung aufgrei-
fen will, dann zeigt sich ein Vorteil des Ansatzes beim nicht-sprachlichen Denken
darin, dass diese Theorie von einem psychologisch und physiologisch weitgehend
gesunden Subjekt ausgeht, um den guten Sinn von irritierenden Phänomenen wie
Negation, Inversion, Verschiebung usw. verständlich zu machen. Die Besonder-
heiten des nicht-sprachlichen Denkens k€onnen mithilfe der phänomenologischen
Methode der Selbstbeobachtung und Reflexion gefunden werden. Aus den Eigen-
arten nicht-sprachlichen Denkens wird dann bereits bei der Analyse alltäglicher
Beispiele verständlich, warum es neurotische Verschiebung, Inversion, Negation
usw. in ihren verschiedenen Formen geben kann, warum diese Veränderung den-
noch zentrale Erfahrungen bewahrt und warum sie deshalb auch evolutionär sinn-
voll ist. Aber: Neben dieser positiven Funktion er€offnet der besondere Modus nicht-
sprachlichen Denkens zugleich auch M€oglichkeiten, die selbst aus der Sicht der
Erfahrungsbewahrung über die Grenzen des guten Sinnes und der geistigen
Gesundheit hinausgehen. Dies ist bei ernsten psychischen Krankheiten der Fall,
die auf diesen geistigen Leistungen aufbauen.
Uns interessiert jedoch eher die normale, alltägliche Version dieser Leistungen,
die anzeigt, dass wir uns in unseren Phantasmen und Tagträumen nicht nur vor der
Realität in eine Phantasiewelt flüchten, sondern dass wir mit den Mitteln der
Phantasie unsere M€oglichkeiten erproben und m€ogliche Alternativen und ihre
Folgen überdenken. Freud selbst hat Tagträume oft als eine regressive Flucht be-
schrieben, z. B. als eine Kompensation von erniedrigenden Erfahrungen durch
Machtphantasien usw. Aber es gibt bei Freud auch die deutliche Einsicht, dass
szenische Phantasien ebenfalls als wirksame Mittel eines imaginativen Nachden-
kens über meine M€oglichkeiten, über unausweichliche Probleme usw. betrachtet
werden k€ onnen.6

5
Es ist offensichtlich, dass die Konzeption nicht-sprachlichen Denkens auch geeignet ist, um das
Denken von Tieren verständlich zu machen, die nicht oder nur wenig € offentlich kommunizieren.
Vgl. Lohmar 2008c. Dieser Gegenfall ist nämlich der des Menschen, da wir in der Regel in
Sprache denken und auch kommunizieren. Aber der entscheidende Punkt zum Verständnis der
Verschiebung liegt darin, dass wir Menschen nicht nur in Sprache denken, sondern auch noch in
den älteren, nicht-sprachlichen Modi. Und hierin liegt der Grund der M€oglichkeit solcher Inhalts-
veränderung unserer Erinnerungen, die dennoch den wesentlichen Kern der Erfahrung bewahren.
6
Vgl. hierzu die eindrucksvolle Analyse der drei Phasen der Modifikation der charakteristischen
Szene in: „Ein Kind wird geschlagen“ (Freud 1919) und die erhellende Diskussion dieses Textes
durch Bernet 2012.
224 7 Probleme im szenisch-phantasmatischen System und Konflikte des szenisch. . .

Ich bin kein Experte in der Theorie der Psychoanalyse, allenfalls ein informierter
Laie, es kann also durchaus vorkommen, dass ich einige Fragen etwas zu sehr
vereinfache. Zunächst versuche ich, die Schwierigkeit zu konturieren: Es gibt
einige logische Regeln des Denkens, von denen wir glauben, dass sie universal
gültig sind, die aber bei der neurotischen Verschiebung, Negation und Inversion
vernachlässigt oder verletzt werden. So fordern wir z. B., dass die Gegenstände des
Denkens identisch bleiben, dass die Subjekte und Objekte des Handelns (und der
Richtungssinn des Handelns) dieselben bleiben, dass eine Aussage oder eine Er-
kenntnis im Fortgang des Denkens gültig bleibt usw. Alle diese Regeln werden
durch die neurotische Verschiebung gelegentlich verletzt. Die Verleugnung negiert
dasjenige, was geschehen ist. Die Verschiebung weist eine Handlung einer anderen
Person zu: Nicht ich war es, sondern jemand anderes. Die Inversion kehrt den
Handlungssinn um, z. B. indem nicht mehr eine andere Person mich schlecht
behandelte, sondern ich nun glaube, dass ich meinerseits eine Person schlecht
behandelt habe usw.
Hier muss man sich fragen, ob dies schon eine Fälschung der Wirklichkeit
darstellt, zumindest aber eine Art Unwahrhaftigkeit gegenüber mir selbst (Selbst-
täuschung). Aber wem nützt diese Verfälschung überhaupt, und wem kann sie in
dieser Form noch nützen? Wenn hierbei eine Art Selbstbetrug vorliegt, fragt sich,
ob und wie so etwas überhaupt in einem einheitlichen ‚vernünftigen‘ Denken
m€ oglich ist. Ist es ein ‚falsches Denken‘? Darf es so etwas überhaupt geben? Unter
welchen Gesichtspunkten k€onnte es m€oglicherweise doch sinnvoll sein?
Legen wir hier nur die Maßstäbe der diskursiven Logik zu Grunde, dann ist
hiermit das Prinzip der Identität verletzt, und zwar in fast allen Fällen von Ver-
schiebung. Die Verleugnung verletzt das Prinzip vom Widerspruch, da doch ‚A‘
vorliegt, wir aber ‚nicht-A‘ glauben. Wenn wir den Gesichtspunkt der Logik
absolut setzten, dann müssten wir verbieten, was der menschliche Geist scheinbar
in sehr vielen Fällen tut, und zwar, ohne das Gefühl des Widersinns zu haben. Diese
Problemkonstellation lässt die Vermutung aufkommen, dass mit der neurotischen
Verschiebung ein guter Sinn verbunden sein k€onnte, den wir nur noch nicht ver-
standen haben. Oft sind es die funktionalen Analysen unter dem Gesichtspunkt der
Erfahrungsbewahrung, die aus solchen scheinbar aporetischen Situationen heraus-
führen.
Warum sind für unser Bewusstsein diese schwerwiegenden Verletzungen der
‚Logik‘ des Denkens so einfach zu vollbringen? Um dies zu verstehen, muss man
zuerst einsehen, dass die als universal betrachtete Logik keineswegs für alle Typen
des Denkens grundlegend ist, sondern nur für ein sprachlich geformtes Denken, das
zugleich auch für die €offentliche Kommunikation geeignet ist. Unterhalb des
sprachlichen Denkens liegt aber eine leistungsfähige Schicht nicht-sprachlichen
Denkens, die zum Teil ganz anderen Regeln folgt. Und diese Regeln müssen wir
erst kennen lernen.
Meine These lautet: Nicht-sprachliches und damit nicht-€offentliches Denken
muss nicht die Identität der Personen oder der genauen Umstände respektieren
(denn dies sind Forderungen der Wahrhaftigkeit in €offentlicher Kommunikation),
um die Leistung der Erfahrungsbewahrung effektiv erbringen zu k€onnen. Entschei-
7.1 Das Rätsel der neurotischen Verschiebung (Negation, Inversion, Übertragung usw.) 225

dend ist, dass bei der langsamen Modifikation der Rekapitulation der Erfahrungs-
szenen der wesentliche Erfahrungsgehalt bewahrt wird, d. h. die zentralen Lehren
dieser Erfahrung für die Zukunft.
Damit ist gemeint, dass die langsame Modifikation der ursprünglichen Erfah-
rung zu einer neuen charakteristischen Szene sehr eingreifend sein kann, und dabei
dennoch die zentrale Lehre für die Zukunft nicht verloren geht. Ehrenrettende,
Angst und Schmerz ersparende Veränderungen sind de facto ein Kennzeichen für
eine denkende Veränderung der eigenen Erfahrung. Sie sind für das Überleben der
Person hilfreich und daher sinnvoll, denn sie erlauben ihr, bei der nächsten ver-
gleichbaren Situation auch den Ertrag der Erfahrung mit einzubringen, und dies in
einer Weise, die nicht schmerzhaft, angstvoll oder lähmend ist. Die Anwendung der
Erfahrung wird dann nicht von unüberwindlichen emotionalen Hürden verhindert.
Unter dem Gesichtspunkt der Erhaltung der wesentlichen Lehre der Erfahrung ist es
daher nicht dysfunktional, wenn ich eine andere Person an meine Stelle setze. Nicht
einmal die Leugnung meiner eigenen Erfahrung muss dies sein, solange sie in der
Form „dies passierte nicht mir, wohl aber anderen Personen“ die Lehren der eige-
nen Erfahrung bewahrt, weil sie mein Verhalten sinnvoll ändert.
Wenn wir von der denkenden Veränderung ‚derselben‘ Erfahrung mit demsel-
ben Kern der Erfahrung, derselben ‚Lehre der Erfahrung‘ sprechen, obwohl sie aus
dem Gesichtspunkt der Logik etwas ganz anderes vorstellt, dann wird damit ein
pragmatischer Gesichtspunkt eingenommen. Der Gesichtspunkt, unter dem eine
erinnerte Erfahrung, z. B. „mein Leben wurde bedroht, weil ich in einer üblen
Gegend der Stadt nach Mitternacht unterwegs war“ und die ganz andere Erfahrung
„in dieser Gegend ist schon einmal jemand nachts überfallen worden“ identisch
sind, ist die Beeinflussung meiner Handlungen.7 In beiden Fällen werde ich mich
aufgrund meiner Erfahrung dieser besonderen Situation gegenüber vorsichtig ver-
halten. Ein angstvolles Gefühl der Fluchtbereitschaft begleitet mich bereits dann,
wenn ich an diese Gegend in bildhaften Vorstellungen denke. Ich werde mich
dorthin nur in Begleitung einer wehrhaften Gruppe wagen. Aber auch die Identität
der künftigen Handlungsweise erfasst noch nicht den vollen Sinn der Identität der
Lehren der Erfahrung bei inhaltlich eingreifenden Veränderungen, die man als
neurotische Verschiebung interpretiert: Es ist erst der pragmatische und evolu-
tion€
are Gesichtspunkt der Erfahrungsbewahrung, der die Identität des Resultats
eines an die besonderen, gefährlichen Umstände angepassten Verhaltens sinnvoll
und verständlich werden lässt.
Es sind noch zwei Einwände zu diskutieren: Der erste betrifft die Inversion, denn
es ist nicht einfach zu sehen, warum die Umkehrung der Handlungsrichtung auch
die ursprüngliche Lehre der Erfahrung bewahren kann. Der zweite Einwand bezieht
sich auf die überschießende neurotische Verschiebung, die das Verhalten so weit
verändert, dass es mit der ursprünglichen Erfahrung fast nichts mehr zu tun hat,
unsere Handlungsfähigkeit lähmt oder mehr Probleme erzeugt als l€ost. Denken Sie

7
Die Engführung von Pragmatismus und Logik ist also keineswegs zwingend. Man k€
onnte hier
einen pragmatischen Gesichtspunkt im Sinne von W. James sehen.
226 7 Probleme im szenisch-phantasmatischen System und Konflikte des szenisch. . .

z. B. an Freuds Analyse des kleinen Hans, der die Angst vor der durch die Mutter
angedrohten Kastration auf ein Pferd übertrug (aber auch hier wäre das ganze
System von Gewinn und Verlust dieser Modifikation zu prüfen).
Beginnen wir mit der Inversion: Auch sie bewahrt noch die Lehre der Erfahrung,
aber wir müssen hierzu die Besonderheit der menschlichen Konstitution beachten,
denn der Mensch ist nicht nur gejagtes Opfer, sondern auch Jäger. Was er also aus der
Erfahrung lernen k€onnen muss, sind Regeln für Täter und Opfer. Menschen sind
nicht nur reine Fluchttiere, denen andere B€oses tun wollen und die deshalb gut
fliehen k€onnen müssen. Sie sind ebenso effektive Raubtiere, die Andere verletzen
oder t€oten wollen, und sie sollten darauf auf der Basis eigener Erfahrung vorbereitet
sein. Aus diesem Grund geh€ort auch die Inversion zu den Erfahrung bewahrenden
Modifikationen. Es ist nicht nur sinnvoll, die Erinnerung an eine Gefährdung meines
Lebens durch Räuber zu behalten, sondern auch daran zu denken, dass ich auch
einmal in der Rolle des Täters sein k€onnte. Wenn ich einen Überfall plane, dann wird
diese dunkle Gegend am besten dafür geeignet sein, und noch besser ist es, wenn wir,
d. h. die Täter, in der Überzahl sind. Auch hier gilt: Ein lähmendes angstvolles Erin-
nern an die von mir dort einmal erlittene Bedrohung meines Lebens wäre eine eher
hinderliche Form der Bewahrung des nützlichen Kerns dieser Erfahrung.
Wo liegen aber die Grenzen, die die Verschiebung nicht überschreiten sollte,
weil dies zu einem Verhalten führt, das weder in der Sicht des Lernens aus Er-
fahrung noch aus der breiteren Perspektive der evolutionären Funktion sinnvoll ist?
Warum geht die Verschiebung oft über diese Grenze hinaus, z. B. zu pathologi-
schen Neurosen oder zu einer Blockade des Handelns? Die Gründe hierfür sind
schwer zu bestimmen. Der Prozess der Verschiebung kommt meistens erst dann zu
einem Ende, wenn das jeweilige Subjekt mit den Ängsten gerade noch zurecht-
kommt, den Ängsten, die sich immer noch an die bereits verschobenen Inhalte
haften. Und schon damit kann die Grenze des pragmatischen guten Sinns über-
schritten sein. Die Grenze des individuell Erträglichen ist aber sehr verschieden, sie
hängt von der Stärke der Person und ihrer Toleranz gegen ängstigende Faktoren ab.
Wir haben die neurotische Verschiebung, Negation, Inversion, Verdichtung und
ihre Kombinationen unter dem Gesichtspunkt des nicht-sprachlichen Denkens be-
trachtet. Dieses Denken unterliegt nicht den Normen der €offentlichen Kommuni-
kation, es ist daher auch nicht in erster Linie an der für alle geltenden, inter-
subjektiven Wahrheit orientiert. Nicht-sprachliches Denken ist der Erfah-
rungsbewahrung und der Erhaltung der Handlungsfähigkeit verpflichtet, nicht so
sehr der Wahrheit. Die Bewahrung der Erfahrung und die Umformung der Erfah-
rung in eine Form, die für das weitere Handeln verfügbar ist, dies sind die Auf-
gaben, die dem nicht-sprachlichen Denken aus Sicht der Erfahrungsbewahrung
zukommen.8

8
Man fragt sich, ob die neurotische Verschiebung spezifisch menschlich ist: Unterscheiden wir
uns durch unsere Neurosen vom Tier? Meiner Meinung nach nicht, denn wenn sie Leistungen auf
dem Boden des nicht-sprachlichen Denkens sind, müssten sie für alle Spezies m€
oglich sein, die
diese Art des Denkens beherrschen.
7.2 Täuschende Überlagerung in Evidenz darstellenden Gefühlen 227

7.2 Täuschende Überlagerung in Evidenz darstellenden


Gefühlen

Das Gefühlssystem ist ein ausgeprägt multimodales Darstellungssystem, das zum


szenisch-phantasmatischen System geh€ort. Gefühle haben darstellende Funktio-
nen in vielen verschiedenen Bereichen, z. B. in der Dimension der Erkenntnis und
ihrer Sicherheit (Dass etwas der Fall ist, das ich zuvor erkannt habe), in der
Dimension der handlungsbestimmenden, gef€ uhlten Motivation (Dass ich etwas
unbedingt tun sollte oder nicht) und auch in der Anzeige der Erledigung von
Handlungen (Dass ich etwas noch tun muss oder bereits getan habe). Diese
Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, denn es ist zu vermuten,
dass das Gefühl noch mehr Funktionen umfasst, die wir lediglich noch nicht
verstanden haben.
Evidenz ist in der Phänomenologie der Name für den Grad der Erfüllung einer
Intention. Hiermit wird zugleich klar, dass Evidenz keine absolute Garantie für
Wahrheit sein kann. Wenn Intentionen auf Wahrnehmungsgegenstände gerichtet
sind, dann ist die Sinnlichkeit die wesentliche Quelle der Anschaulichkeit.
H€oherstufige Intentionen, z. B. die Intention auf Erkenntnis, haben einen anderen,
komplexeren Erfüllungsstil und k€onnen nur in einer Aktfolge erfüllt werden. Wie
dies genau vor sich geht, kann ich hier nicht im Detail darstellen.9 Nur so viel sei
gesagt: Die phänomenologische Analyse der Erkenntniserfüllung führt auf so ge-
nannte Deckungssynthesen, die sich im Übergang der einzelnen Akte im Aktverlauf
der kategorialen Anschauung einstellen. Die Erfüllung kann also nur durch den
Vollzug dieser Erkenntnisakte gegeben werden. Unser Erkenntnisleben beruht
jedoch im Ganzen auf einem komplexen Geflecht von aufeinander aufbauenden
Erkenntnissen, und wenn die anschauenden Akte abgelaufen sind, bleibt die Evi-
denz nicht lange erhalten. Deshalb brauchen wir eine Art symbolischen Ersatz für
den Grad der Evidenz, damit wir in der Folge der weiteren Erkenntnisse die
Tatsache der einmal gegebenen Anschauung repräsentieren k€onnen, die uns der
Gültigkeit der Erkenntnisintention versichert. Hier kommt das Gefühl der ‚Sicher-
heit‘ ins Spiel, das sich an Erkenntnisintentionen anheften kann. Da Geltung kein
idealisiertes Ein-für-allemal-gültig-Sein bedeutet, sondern jeweils dem Grad und
der Art der Evidenz angemessen ist, kann diese graduelle Form der Geltung auch
nur durch eine graduelle gefühlte Sicherheit wirklich angemessen repräsentiert
werden. Das Gefühl der Sicherheit, das eine Erkenntnisintention auch nach dem
Vollzug eines anschauenden Erkenntnisaktes begleitet und mit dieser Intention
auch immer wieder entsteht, repräsentiert die Gültigkeit dieser Intention im nicht-
sprachlichen Denken.
Evidenz selbst ist also kein Gefühl, sie wird aber im szenisch-phantasmatischen
System durch ein Gefühl repräsentiert (symbolisiert). Auch im sprachlichen Den-
ken spielt das Gefühl diese Rolle. Wenn wir überlegen, ob der Teppich im Wohn-

9
Vgl. zur Theorie der kategorialen Anschauung bei Husserl: Lohmar 2008d, und die kurzen
Andeutungen hier Abschn. 2.2.
228 7 Probleme im szenisch-phantasmatischen System und Konflikte des szenisch. . .

zimmer meines Freundes rot oder blau ist, kommen wir immer wieder auf blau, und
das Gefühl der Sicherheit, mit dem dieses Wissen auftritt, versichert uns der
Richtigkeit dieser Erkenntnis. Sollten wir hier auf eine begleitende Bestätigung in
sprachlicher Form hoffen, z. B. den Zusatz „Das ist richtig“, den wir mit der
Einsicht selbst memorieren, ist ein Regress unvermeidlich, denn wie sollten wir
wissen, dass diese Bestätigung zutrifft? Das Gefühl der Sicherheit fungiert also
auch im prädikativen Denken als das Surrogat der einmal gehabten Evidenz einer
Einsicht.
Da die Darstellungsdimension des Gefühls im szenisch-phantasmatischen Sys-
tem auch noch für viele andere Funktionen herangezogen werden kann, kommt es
gelegentlich zu einer Verzerrung unserer symbolisch repräsentierten Vorstellungen
der Sicherheit einer Überzeugung (oder zur Überlagerung mit Gefühlen, die aus
anderen Quellen stammen). So gilt allgemein die Sinnlichkeit als die letzte und
verlässlichste Quelle der Sicherheit unserer Überzeugungen. Dennoch kommt es
vor, dass vernünftige und verständige Personen die Hierarchie von sinnlicher
Anschauung und Überzeugung aus anderen Quellen nicht respektieren wollen.
David Hume diskutiert im 10. Abschnitt („Über Wunder“) seines Enquiry of
Human Understanding die These der „leibhaftigen Gegenwart“ des Blutes und
Fle