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Michel Foucault

Geschichte der
Gouvernementalität II
Die Geburt der Biopolitik
Vorlesung am College de France
1978-1979
Herausgegeben von
Michel Sennelart
Aus dem Französischen
von Jürgen Schröder

Suhrkamp
Titel der Originalausgabe:
Naissance de la biopolitique
© 2004 Editions Gallimard / Editions du Seuil, Paris

Veröffentlicht mit freundlicher Unterstützung


des französischen Ministeriums für Kultur -
Centre national du livre
und der Maison des Sciences de l'homme, Paris

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek


Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
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Erste Auflage 2004


© der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 2004
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags
sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen,
auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form
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Satz und Druck:
Memminger MedienCentrum
Printed in Germany
Erste Auflage 2004
ISBN 3-518-58393-X

I 2 3 4 5 6 - 09 08 07 06 05 04
Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

Vorlesung 1
(Sitzung vom 10.Januar 1979) 13
, Vorlesung 2
· (Sitzung vom 17. Januar 1979) 49
Vorlesung 3
(Sitzung vom 24.Januar 1979) 81
Vorlesung 4
(Sitzung vom 3 r.Januar 1979) 112
Vorlesung 5
(Sitzung vom 7. Februar 1979)
Vorlesung 6
(Sitzung vom 14. Februar 1979)
Vorlesung 7
(Sitzung vom 21. Februar 1979) 225
Vorlesung 8
(Sitzung vom 7. März 1979) 260
Vorlesung 9
(Sitzung vom 14. März 1979) 300
Vorlesung ro
(Sitzung vom 21. März 1979) 331
Vorlesung 11
(Sitzung vom 28. März 1979)
Vorlesung 1 2
(Sitzung vom 4. April 1979) 399
Zusammenfassung der Vorlesungen 435
Situierung der Vorlesungen 445
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 490
Namenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 505
Detailliertes Inhaltsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5I1
Vorwort

Michel Foucault hat am College de France von Januar 1971 bis


zu seinem Tod im Juni 1984 gelehrt, mit Ausnahme des Jahres
1977, seinem Sabbatjahr. Sein Lehrstuhl trug den Titel: »Ge­
schichte der Denksysteme«.
Dieser wurde am 30. November 1969 auf Vorschlag von Jules
Vuillemin von der Generalversammlung der Professoren des
College de France an Stelle des Lehrstuhls der »Geschichte des
philosophischen Denkens« eingerichtet, den Jean Hippolyte
bis zu seinem Tod innehatte. Dieselbe Versammlung wählte
Michel Foucault am 12. April 1970 zum Lehrstuhlinhaber. 1 Er
war 4 3 Jahre alt.
Michel Foucault hielt seine Antrittsvorlesung am 2. Dezember
1970.2
Der Unterricht am College de France gehorcht besonderen Re­
geln: Die Professoren sind verpflichtet, pro Jahr 26 Unter­
richtsstunden abzuleisten (davon kann höchstens die Hälfte in
Form von Seminarsitzungen abgegolten werden). 3 Sie müssen
jedes Jahr ein neuartiges Forschungsvorhaben vorstellen, wo­
durch sie gezwungen werden sollen, jeweils einen neuen
Unterrichtsinhalt zu bieten. Es gibt keine Anwesenheitspflicht
für die Vorlesungen und Seminare; sie sJtzen weder ein Auf­
nahmeverfahren noch ein Diplom voraus. Und der Professor
stellt auch keines aus. 4 In der Terminologie des College de

1 Michel Foucault hatte für seine Kandidatur ein Plädoyer unter folgender
Formel abgefaßt: »Man müßte die Geschichte der Denksysteme unter­
nehmen« (»Titre et Travaux«, in: Dits et Ecrits, 1954-1988, hg. v. Daniel
Defert und Fran�ois Ewald unter Mitarbeit von J. Lagrange, Paris 1994,
Bd.I, 1964-1969, S.842-846, bes. S.846; dt. »Titel und Arbeiten«, in:
ders., Dits et Ecrits. Schriften, Bd.I, 1954-1969, Frankfurt/Main 2001,
S. 1069-1075, bes. S. 1074f.).
2 In der Editions Gallimard im März 1971unter dem Titel L'Ordre du dis­
cours (Die Ordnung des Diskurses) publiziert.
3 Was Michel Foucault bis Anfang der 8oer Jahre machte.
4 Im Rahmen des College de France.

7
France heißt das: Die Professoren haben keine Studenten, son­
dern Hörer.
Die Vorlesungen von Michel Foucault fanden immer mitt­
wochs statt, von Anfang Januar bis Ende März.Die zahlreiche
Hörerschaft aus Studenten, Dozenten, Forschern und Neugie­
rigen, darunter zahlreiche Ausländer, füllte zwei Amphitheater
im College de France. Michel Foucault hat sich häufig über die
Distanz zwischen sich und seinem Publikum und über den
mangelnden Austausch beschwert, die diese Form der Vorle­
sung mit sich brachte.5 Er träumte von Seminaren als dem Ort
echter gemeinsamer Arbeit. Er machte dazu verschiedene An­
läufe.In den letzten Jahren widmete er gegen Ende seiner Vor­
lesungen immer eine gewisse Zeit dem Beantworten von Hö­
rerfragen.
Ein Journalist des Nouvel Observateur, Gerard Petitjean, gab
die Atmosphäre 1975 mit folgenden Worten wieder: »Wenn
Foucault die Arena betritt, eiligen Schritts vorwärtspreschend,
wie jemand, der zu einem Kopfsprung ins Wasser ansetzt,
steigt er über die Sitzenden hinweg, um zu seinem Pult zu ge­
langen, schiebt die Tonbänder beiseite, um seine Papiere abzu­
legen, zieht sein Jackett aus, schaltet die Lampe an und legt los,
mit hundert Stundenkilometern. Mit fester und durchdringen­
der Stimme, die von Lautsprechern übertragen wird, als einzi­
gem Zugeständnis an die Modernität eines mit nur einer Lampe
erhellten Saals, die ihren Schein zum Stuck hochwirft. Auf
dreihundert Sitzplätze pferchen sich fünfhundert Leute, sau­
gen noch den letzten Freiraum auf ... Keinerlei rhetorische
Zugeständnisse. Alles transparent und unglaublich effizient.
Nicht das kleinste Zugeständnis an die Improvisation. Fou-
5 Michel Foucault verlegte 1976 in der - vergeblichen - Hoffnung, die
Hörerschaft zu reduzieren, den Vorlesungsbeginn von 17 Uhr 4 5 am
späten Nachmittag auf 9 Uhr morgens. V gl. den Anfang der ersten Vor­
lesung (am 7.Januar 1976) von »Il faut defendre la societe«. Cours au
College de France (1975-76), unter der Leitung von Fran�ois Ewald und
Alessandro Fontana hrsg. von Mauro Bertani und Alessandro Fontana,
Paris 1997 [dt. von M. Ott: In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesun­
gen am College de France (1975-76), Frankfurt/Main 1999).

8
cault hat pro Jahr zwölf Stunden, um in öffentlichem Vortrag
den Sinn seiner Forschung des zu Ende gehenden Jahres zu er­
klären. Daher drängt er alles maximal zusammen und füllt die
Randspalten, wie jene Korrespondenten, die noch immer aller­
hand zu sagen haben, wenn sie längst am Fuß der Seite ange­
kommen sind. 19 Uhr 15. Foucault hält inne. Die Studenten
stürzen zu seinem Pult. Nicht um mit ihm zu sprechen, son­
dern um die Kassettenrekorder abzuschalten. Niemand fragt
etwas. In dem Tohuwabohu ist Foucault allein. « Und Foucault
dazu: »Man müßte über das von mir Vorgestellte diskutieren.
Manchmal, wenn die Vorlesung nicht gut war, würde ein Weni­
ges genügen, eine Frage, um alles zurechtzurücken. Aber diese
Frage kommt nie. In Frankreich macht die Gruppenbindung
jede wirkliche Diskussion unmöglich. Und da es keine Rück­
koppelung gibt, wird die Vorlesung theatralisch. Ich habe zu
den anwesenden Personen eine Beziehung wie ein Schauspieler
oder Akrobat. Und wenn ich aufhöre zu sprechen, die Empfin­
dung totaler Einsamkeit. « 6
Michel Foucault ging seinen Unterricht wie ein Forscher an:
Erkundungen für ein zukünftiges Buch, auch Rodungen für zu
problematisierende Felder, die sich wie Einladungen an wer­
dende Forscher anhörten. Auf diese Weise verdoppeln die Vor­
lesungen im College nicht die veröffentlichten Bücher. Sie neh­
men diese nicht skizzenartig vorweg, auch wenn die Themen
der Vorlesungen und Bücher die gleichen sind. Sie haben ihren
eigenen Status und ergeben sich aus dem Einsatz eines be­
stimmten Diskurses im Gesamt der von Michel Foucault er­
stellten »philosophischen Akten « . Er breitet darin insbeson­
dere das Programm einer Genealogie der Beziehungen von
Wissen und Macht aus, im Hinblick auf welche er seine Ar­
beit - im Gegensatz zu der einer Archäologie der Diskursfor­
mationen, die sie bisher angeleitet hatte - reflektieren wird.7
6 Gerard Petitjean, »Les Grands Pr�tres de l'Universite fran1,aise«, le
Nouvel Observateur, 7. April 1975.
7 Vgl. insb. »Nietzsche, die Genealogie, die Historie«, in: ders., Dits et
Ecrits. Schriften, Bd.II, 1970-1975, Frankfurt/Main 2002, S. 166-191.

9
Die Vorlesungen hatten auch ihre Funktion innerhalb des Zeit­
geschehens. Der Hörer, der ihnen folgte, wurde nicht nur von
der Erzählung, die Woche für Woche weitergestrickt wurde,
eingenommen; er wurde nicht nur durch die Stringenz des Vor­
trags verführt; er fand darin auch eine Erhellung der Tageser­
eignisse. Die Kunst Michel Foucaults bestand in der Durch­
querung des Aktuellen mittels der Geschichte. Er konnte von
Nietzsche und Aristoteles sprechen, von psychiatrischen Gut­
achten des 19. Jahrhunderts oder der christlichen Pastoral, der
Hörer bezog daraus immer Einsichten in gegenwärtige und
zeitgenössische Ereignisse. Michel Foucaults Stärke lag bei die­
sen Vorlesungen in dieser subtilen Verbindung von Gelehrsam­
keit, persönlichem Engagement und einer Arbeit am Ereignis.

Die in den 7oer Jahren entwickelten und perfektionierten Kas­


settenrekorder haben das Pult von Michel Foucault in Windes­
eile erobert. Auf diese Weise wurden die Vorlesungen (und
gewisse Seminare) aufbewahrt.
Diese Ausgabe hat das öffentlich vorgetragene Wort von Mi­
chel Foucault zum Re(erenten. Sie bietet dessen möglichst
wortgetreue Nachschrift. 8 Wir hätten es gerne als solches
wiedergegeben. Aber die Umwandlung des Mündlichen ins
Schriftliche verlangt den Eingriff des Herausgebers: Zumindest
eine Zeichensetzung muß eingeführt und das Ganze in Para­
graphen unterteilt werden. Das Prinzip war indes, so nah wie
möglich an der tatsächlich vorgetragenen Vorlesung zu blei­
ben.
Wenn es unabdingbar erschien, wurden Wiederaufnahmen und
Wiederholungen weggelassen; unvollendete Sätze wurden zu
Ende geführt und unrichtige Konstruktionen berichtigt.
Auslassungspunkte zeigen an, daß die Aufzeichnung unver­
ständlich ist. Wenn der Satz unverständlich ist, haben wir in ek-
8 Insbesondere sind die von Gerard Burlet und Jacques Lagrange erstell-
ten Tonbandaufnahmen verwendet worden, die auch beim College de
France und beim IMEC (Institut Memoires de !'Edition contemporaine)
deponiert sind.

IO
kigen Klammern das vermutete Fehlende eingefügt oder er­
gänzt.
Ein Sternchen am Fuß der Seite gibt die signifikanten Abwei­
chungen der Aufzeichnungen Michel Foucaults vom Vorgetra­
genen wieder.
Die Zitate wurden überprüft und die verwendeten Textbezüge
angegeben. Der kritische Apparat beschränkt sich darauf,
dunkle Punkte zu erhellen, gewisse Anspielungen zu erläutern
und kritische Punkte zu präzisieren.
Um die Lektüre zu erleichtern, wurde jeder Vorlesung eine Zu­
sammenfassung vorangestellt, die die Schwerpunkte der Aus­
führungen angibt. 9
Dem Vorlesungstext folgt deren Zusammenfassung, wie sie im
Jahresbericht des College de France abgedruckt wurde. Michel
Foucault redigierte sie im allgemeinen im Juni, also einige Zeit
nach Beendigung der Vorlesung. Für ihn war das eine gute Ge­
legenheit, im nachhinein deren Intention und Ziele heraus­
zuarbeiten. Sie ist deren beste Präsentation.
Jeder Band wird mit einer »Situierung« abgerundet, für die der
Herausgeber verantwortlich zeichnet: Darin sollen dem Leser
Hinweise zum biographischen, ideologischen und politischen
Kontext geliefert, die Vorlesung in das veröffentlichte Werk
eingeordnet und Hinweise hinsichtlich ihrer Stellung inner­
halb des verwendeten Korpus gegeben werden, um sie leichter
verständlich zu machen und Mißverständnisse zu vermeiden,
die sich aus dem Vergessen der Umstände, unter welchen jede
der Vorlesungen erarbeitet und gehalten wurde, ergeben könn­
ten. Die Vorlesung des Jahres 1978/79 wird von Michel Senne­
lart herausgegeben.

Mit dieser Ausgabe der Vorlesungen des College de France


wird eine neue Seite des »Werks« von Michel Foucault publi­
ziert.
9 Am Ende des Bandes findet man in der »Situierung der Vorlesung« die
Kriterien und Entscheidungen dargelegt, nach denen die Herausgeber
der Vorlesung dieses Jahres vorgegangen sind.

II
Es geht im eigentlichen Sinn nicht um Unveröffentlichtes, da
diese Ausgabe das öffentlich von Michel Foucault vorgetra­
gene Wort wiedergibt und die Textstütze, auf die er zurückgriff
und die unter Umständen sehr ausgefeilt war, vernachlässigt.
Daniel Defert, der die Aufzeichnungen von Michel Foucault
besitzt, hat den Herausgebern Einsichtnahme in sie gewährt.
Wir sind ihm dafür zu großem Dank verpflichtet.
Diese Ausgabe der Vorlesungen am College de France wurde
von den Erben Michel Foucaults autorisiert, die der großen
Nachfrage in Frankreich wie anderswo entgegenzukommen
suchten. Und das unter unbestreitbar ernsthaften Vorausset­
zungen. Die Herausgeber suchten dem Vertrauen, das in sie ge­
setzt wurde, zu entsprechen.

Franfois Ewald und Alessandro Fontana

12
Vorlesung 1
(Sitzung vom I o. Januar I 979)

Methodenfragen. -Angenommen, es gibt keine Universalien. -


Zusammenfassung der Vorlesung des Vorjahrs: Das begrenzte Ziel
der Herrschaft der Staatsräson (Außenpolitik) und das unbegrenzte
Ziel des Polizeistaats (Innenpolitik). - Das Recht als Prinzip der
externen Begrenzung der Staatsräson. - Perspektive der diesjährigen
Vorlesung: Die politische Ökonomie als Prinzip der internen
Begrenzung der Vernunft der Regierung. - Worum es im
allgemeinen bei dieser Untersuchung geht: Die Koppelung einer
Reihe von Praktiken an das Regime der Wahrheit und ihre
Auswirkungen auf die Wirklichkeit. - Was ist der Liberalismus?

[Sie kennen] das Zitat von Freud: »Acheronta movebo«. 1 Nun,


ich möchte die diesjährige Vorlesung unter das Zeichen eines
anderen, weniger bekannten Zitats stellen, das von jemandem
stammt, der auf gewisse Weise weniger bekannt ist, nämlich
von dem englischen Staatsmann Walpole, 2 der in bezug auf
seine eigene Regierungsweise sagte: »Quieta non movere«:
»Was in Ruhe ist, soll man nicht stören«. 3 In einem bestimmten
Sinn ist das das Gegenteil von Freud. Ich möchte also dieses·
Jahr ein bißchen mit dem weitermachen, womit ich letztes Jahr
begonnen habe, nämlich die Geschichte dessen zurückverfol­
gen, was man die Kunst des Regierens nennen könnte. » Kunst
des Regierens«, Sie erinnern sich, in welch sehr engem Sinn ich
das verstanden hatte, d. h., in einem sehr engen Sinn, da ich das
Wort »regieren« so verwendet hatte, daß ich alle die vielen Wei­
sen, Modalitäten und Möglichkeiten der Leitung von Men­
schen, der Steuerung ihres Verhaltens, der Einschränkung ihrer
Handlungen und Reaktionen usw. beiseite ließ. Ich hatte also
alles beiseite gelassen, was man gewöhnlich als das Regieren
der Kinder, das Regieren der Familien, das Regieren eines
Haushalts, das Regieren der Seelen, das Regieren der Gemein­
den usw. versteht und lange Zeit verstanden hatte. Und ich
hatte nur die Regierung der Menschen in dem Sinne in Betracht

13
gezogen, und werde es auch dieses Jahr tun, in dem sie als Aus­
übung der politischen Souveränität erscheint.
Also »Regierung« im engen Sinne, aber »Kunst«, »Regierungs­
kunst« ebenfalls im engen Sinne, da ich unter »Regierungs­
kunst« nicht die Weise verstand, in der die Regierenden wirk­
lich regiert haben. Ich habe die wirkliche Regierungspraxis, wie
sie sich entwickelt hat, indem sie hier und dort die behandelte
Situation, die gestellten Probleme, die gewählten Taktiken, die
verwendeten, ersonnenen oder umgestalteten Mittel bestimmt,
nicht untersucht und will sie nicht untersuchen. Ich wollte die
Regierungskunst studieren, d. h. die reflektierte Weise, wie
man am besten regiert, und zugleich auch das Nachdenken
über die bestmögliche Regierungsweise. Das bedeutet, daß ich
versucht habe, die Instanz der Reflexion in der Regierungspra­
xis und auf die Regierungspraxis zu erfassen. In einem be­
stimmten Sinn, wenn Sie so wollen, ist es das Selbstbewußtseir.
des Regierens, das ich untersuchen wollte, und doch stört mich
dieses Wort des Selbstbewußtseins, und ich werde es deshalb
nicht verwenden, weil ich lieber sagen möchte, was ich zu er­
fassen versucht habe und was ich dieses Jahr noch zu erfassen
versuchen möchte, nämlich die Art und Weise, wie man inner­
halb und außerhalb der Regierung und jedenfalls in unmittel­
barer Nähe der Regierungspraxis versucht hat, diese Praxis, die
im Regieren besteht, begrifflich zu fassen. Ich möchte versu­
chen, die Weise zu bestimmen, wie man das Anwendungsfeld
der Regierungspraxis, seine verschiedenen Gegenstände, seine
allgemeinen Regeln, seine aufs Ganze gerichteten Ziele einge­
richtet hat, um auf die bestmögliche Weise zu regieren. Kurz
gesagt, es handelt sich, wenn Sie so wollen, um die Untersu­
chung der Rationalisierung der Regierungspraxis bei der Aus­
übung der politischen Souveränität.
Das impliziert unmittelbar eine bestimmte Wahl der Methode,
auf die ich jedenfalls bei Gelegenheit ausführlicher einzugehen
versuchen werde. Ich möchte Ihnen jedoch gleich sagen, daß
die Entscheidung, über die Regierungspraxis zu sprechen oder
von ihr auszugehen, natürlich eine ganz explizite Weise ist, eine

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bestimmte Anzahl von Begriffen beiseite zu lassen, wie zum
Beispiel Souverän, Souveränität, Volk, Untertanen, Staat, bür­
gerliche Gesellschaft, als erste, primitive oder gegebene Gegen­
stände: alle diese Universalien, die die soziologische und die
historische Analyse oder die der politischen Philosophie ver­
wenden, um die Regierungspraxis darzulegen. Ich möchte ge­
nau das Umgekehrte tun, d. h. von dieser Praxis ausgehen, wie
sie sich darstellt, aber zugleich wie sie sich reflektiert und sich
rationalisiert, um von da aus zu sehen, wie sich bestimmte
Dinge wirklich konstituieren können, über deren Status man
sich natürlich Fragen stellen muß: der Staat und die Gesell­
schaft, der Souverän und die Untertanen usw. Mit anderen
Worten, anstatt von Universalien auszugehen, um daraus kon­
krete Phänomene abzuleiten, oder vielmehr von Universalien
als notwendigem Raster für das Verstehen einer bestimmten
Zahl von konkreten Praktiken auszugehen, möchte ich von
diesen konkreten Praktiken ausgehen und gewissermaßen die
Universalien in das Raster dieser Praktiken einordnen. Es han­
delt sich hier nicht um das, was man historistische Reduktion
nennen könnte. Worin würde sie bestehen? Nun, gerade von
diesen Universalien auszugehen, so wie sie sich darstellen, und
zu sehen, wie die Geschichte sie beeinflußt oder verändert oder·
schließlich ihre Ungültigkeit feststellt. Der Historizismus geht
vom Universalen aus und bearbeitet es sozusagen mit der Ras­
pel det Geschichte. Mein Problem ist ganz entgegengesetzt.
Ich gehe von der zugleich theoretischen und methodologi­
schen Entscheidung aus, die in Folgendem besteht: Angenom­
men, es gibt keine Universalien, und ich stelle hier die Frage der
Geschichtswissenschaft und den Historikern: Wie können Sie
Geschichte schreiben, wenn Sie nicht a priori zugeben, daß
etwas wie der Staat, die Gesellschaft, der Souverän, die Unter­
tanen existieren? Das ist dieselbe Frage, die ich stellte, als ich
gerade nicht fragte: Gibt es den Wahnsinn? Ich werde untersu­
chen, ob die Geschichte mir so etwas wie den Wahnsinn gibt
oder mich darauf verweist. Nein, sie weist mich nicht auf so et­
was wie den Wahnsinn hin, also gibt es den Wahnsinn nicht.
Das war nicht die Schlußfolgerung, das war nicht die wirkliche
Methode. Die Methode bestand darin, zu sagen: Angenom­
men, der Wahnsinn existiert nicht. Was ist dann die Geschichte,
die man anhand dieser verschiedenen Ereignisse, dieser ver­
schiedenen Praktiken schreiben kann, die sich anscheinend um
diese unterstellte Sache, den Wahnsinn, gruppieren ? 4 Ich
möchte hier also genau das Gegenteil des Historizismus tun.
Also nicht die Universalien befragen, indem ich als kritische
Methode die Geschichte verwende, sondern von der Entschei­
dung der Nichtexistenz der Universalien ausgehen, um die
Frage zu stellen, was für eine Geschichte man schreiben
könnte. Ich werde darauf ausführlicher zurückkommen. 5
Letztes Jahr, Sie erinnern sich, habe ich versucht, eine jener, wie
ich meine, wichtigen Episoden in der Geschichte des Regierens
zu untersuchen. Diese Episode war, grob gesagt, die Erschei­
nung und die Einrichtung dessen, was man zu jener Zeit dit
Staatsräson nannte, und zwar in einem unendlich viel stärke­
ren, genaueren, strengeren und auch weiteren Sinn als demjeni­
gen, den man dem Begriff später gegeben hat. 6 Was ich versucht
hatte auszumachen, war das Auftauchen einer bestimmten Art
von Rationalität in der Regierungspraxis, einen bestimmten
Typ von Rationalität, der die Regelung der Art der Regierung
von etwas, das sich Staat nennt, gestatten würde und der gegen­
über dieser Regierungspraxis, gegenüber diesem Kalkül der
Regierungspraxis zugleich die Rolle von etwas Gegebenem
spielt, da man ja nur einen Staat regieren kann, der schon da ist,
nur im Rahmen eines Staats regieren kann, das ist richtig, aber
der Staat wird eben auch ein herzustellendes Ziel sein. Der
Staat ist zugleich das Bestehende, aber auch das, was noch nicht
genügend existiert. Und die Staatsräson ist gerade eine Praxis
oder vielmehr die Rationalisierung einer Praxis, die zwischen
dem Staat als Gegebenem und dem Staat als Herzustellendem
und zu Errichtendem angesiedelt ist. Die Regierungskunst
muß also ihre Regeln bestimmen und ihre Handlungsweisen
rationalisieren, indem sie sich sozusagen als Ziel vornimmt, das
Seinsollen des Staats in ein Sein zu verwandeln. Der Staat, wie

16
er gegeben ist, nun die Ratio des Regierens, erlaubt auf über­
legte, reflektierte, berechnete Weise, ihn zu seinem vollsten
Sein zu bringen. Was heißt Regieren? Regieren nach dem Prin­
zip der Staatsräson bedeutet, daß man es so einrichtet, daß der
Staat dauerhaft und stabil gemacht wird, daß er reich gemacht
werden kann, daß er stark gemacht werden kann angesichts all
dessen, was ihn zerstören könnte.
Einige Bemerkungen darüber, was ich also letztes Jahr zu tun
versucht habe, um die Vorlesungsreihe von letztem Jahr ein
wenig zusammenzufassen. Ich möchte zwei oder drei Punkte
betonen. Erstens, Sie erinnern sich, was diese neue Regierungs­
rationalität auszeichnete, die man Staatsräson nennt und die
sich grob gesagt im Laufe des I 6. Jahrhunderts konstituiert
hatte, war, daß der Staat dort als eine Wirklichkeit geschildert
und bestimmt wurde, die zugleich spezifisch und autonom
oder zumindest relativ autbnom ist. Das bedeutet, daß der Re­
gierende des Staats natürlich eine gewisse Zahl von Prinzipien
und Regeln respektieren muß, die den Staat überragen oder ihn
beherrschen und die ihm äußerlich sind. Der Regierende muß
die göttlichen, moralischen, natürlichen Gesetze beachten, Ge­
setze, die weder mit dem Staat homogen noch ihm wesentlich
sind. Aber während er diese Gesetze befolgt, hat der Regie-·
rende etwas ganz anderes zu tun, als das Heil seiner Untertanen
im Jenseits zu sichern, während man feststellt, daß im Mittelal­
ter die Rolle des Souveräns ständig so beschrieben wurde, daß
er seinen Untertanen dabei helfen soll, ihr Heil im Jenseits zu
finden. Künftig hat der Regierende sich nicht mehr mit dem
Heil seiner Untertanen im Jenseits zu beschäftigen, zumindest
nicht direkt. Er muß auch nicht mehr sein väterliches Wohl­
wollen auf seine Untertanen ausdehnen und zwischen sich und
ihnen eine Vater-Kind-Beziehung herstellen, während im Mit­
telalter die väterliche Rolle des Souveräns immer sehr hervor­
gehoben wurde und sehr deutlich war. Der Staat ist, mit ande­
ren Worten, weder ein Haus noch eine Kirche, noch ein Reich.
Der Staat ist eine spezifische und unzusammenhängende Wirk­
lichkeit. Der Staat existiert nur für sich selbst und in bezug auf
sich selbst, was auch immer das System des Gehorsams sei, das
er anderen Systemen wie der Natur oder Gott verdankt. Der
Staat existiert nur durch sich selbst und für sich selbst, und er
existiert nur im Plural, d. h., er muß sich in einem mehr oder
weniger nahen oder fernen geschichtlichen Horizont nicht auf
so etwas wie eine imperiale Struktur gründen oder sich ihr un­
terordnen, die sozusagen eine Erscheinung Gottes in der Welt
wäre, eine Erscheinung, die die Menschen in einer schließlich
vereinten Menschheit bis an den Rand des Endes der Welt füh­
ren würde. Es gibt also keine Integration des Staats in ein
Reich. Der Staat existiert nur als Staaten, im Plural.
Besonderheit und Pluralität des Staats. Ich habe Ihnen anderer­
seits zu zeigen versucht, daß diese plurale Besonderheit des
Staats in einer Reihe von besonderen Regierungsweisen Form
angenommen hatte, in diesen Regierungsweisen und zugleich
in den entsprechenden Institutionen. Zuerst war es auf de1
wirtschaftlichen Seite der Merkantilismus, d. h. eine Form des
Regierens. Der Merkantilismus ist keine ökonomische Lehre,
sondern viel mehr und anderes als eine ökonomische Lehre. Er
ist eine bestimmte Organisation der Produktion und der Han­
delswege nach dem Prinzip, daß erstens der Staat sich durch die
Akkumulation von Geld bereichern soll, zweitens daß er sich
durch das Wachstum der Bevölkerung stärken soll, drittens
daß er sich in einem Zustand der ständigen Konkurrenz mit
den fremden Mächten befinden und halten soll. Soviel zum
Merkantilismus. Die zweite Art, wie sich das Regieren nach
der Staatsräson in einer Praxis organisieren und wie es Form
annehmen kann, ist die innere Verwaltung, d.h. das, was man
seinerzeit Polizei nannte, nämlich die unbegrenzte Reglemen­
tierung des Landes nach dem Modell einer straffen städtischen
Organisation. Schließlich drittens die Einrichtung einer ständi­
gen Armee und einer ebenfalls ständigen Diplomatie. Die Or­
ganisation, wenn Sie so wollen, eines ständigen diplomatisch­
militärischen Apparats, der zum Ziel hat, die Pluralität der
Staaten außerhalb jeder imperialen Einverleibung aufrecht­
zuerhalten, so daß sich ein gewisses Gleichgewicht zwischen

r8
ihnen einstellen kann, ohne daß sich am Ende Vereinigungen
imperialen Typs in ganz Europa verwirklichen könnten.
Also Merkantilismus, Polizeistaat andererseits und europäi­
sches Gleichgewicht: All das war die konkrete Form dieser
neuen Regierungskunst, die sich um das Prinzip der Staatsrä­
son gruppierte. Das sind drei Weisen, die sich im übrigen ge­
genseitig verpflichtet sind, um gemäß einer Rationalität zu re­
gieren, die den Staat zum Prinzip und zum Anwendungsfeld
hat. Und in diesem Zusammenhang habe ich versucht, Ihnen
zu zeigen, daß der Staat weit davon entfernt ist, eine Art von
historisch-natürlicher Gegebenheit zu sein, die sich aus eigener
Kraft wie ein »seelenloses Ungeheuer« 7 entwickeln würde,
dessen Keim in einem bestimmten Augenblick der Geschichte
angelegt worden wäre und sie Schritt für Schritt auffressen
würde. Der Staat ist nicht so etwas, er ist kein seelenloses Un­
geheuer, sondern das Korrelat einer bestimmten Weise zu re­
gieren. Und die Frage ist, wie sich diese Regierungsweise ent­
wickelt, was ihre Geschichte ist, wie sie sich verbreitet, wie sie
sich wieder zurückzieht, wie sie sich auf dieses und jenes Ge­
biet ausdehnt, wie sie neue Praktiken erfindet, gestaltet und
entwickelt. Darin besteht das Problem und nicht darin, aus
[dem StaatY· auf der Bühne eines Kasperletheaters eine Art von·
Polizist zu machen, der die verschiedenen Gestalten der Ge­
schichte überwältigen würde.
Mehrere Bemerkungen zu diesem Thema. Zunächst Folgen­
des: In dieser Regierungskunst, die nach Maßgabe der Staatsrä­
son geordnet ist, gibt es einen Zug, der, wie ich meine, ganz
charakteristisch und wichtig für das Verständnis des Folgenden
ist. Er besteht darin: Der Staat, wie Sie sehen, oder vielmehr das
Regieren nach der Staatsräson, setzt sich in seiner Außenpoli­
tik, sagen wir: in seinen Beziehungen mit den anderen Staaten,
ein begrenztes Ziel, und zwar im Unterschied zu dem, was
schließlich der Horizont, das Vorhaben, sozusagen die Sehn­
sucht der meisten Regierenden und Souveräne des Mittelalters

,:- Offenbarer Fehler. Michel Foucault sagt: »der Geschichte«.


war, nämlich sich im Verhältnis zu den anderen Staaten in diese
imperiale Stellung zu bringen, die ihm sowohl in der Ge­
schichte als auch in der Theophanie eine entscheidende Rolle
verleihen würde. Dafür gesteht man mit der Staatsräson zu,
daß jeder Staat seine Interessen hat, daß er folglich seine Inter­
essen verteidigen, und zwar absolut verteidigen muß, daß je­
doch sein Ziel nicht sein soll, am Ende der Zeiten die verein­
heitlichende Stellung eines totalen und globalen Imperiums zu
erlangen. Er soll nicht davon träumen, eines Tages das Reich
des letzten Tages zu sein. Jeder Staat muß sich in seinen Zielen
selbst beschränken, seine Unabhängigkeit und einen gewissen
Zustand seiner Kräfte sichern, was ihm ermöglicht, niemals im
Zustand der Unterlegenheit gegenüber der Gesamtheit der an­
deren Länder oder gegenüber seinen Nachbarn oder gegenüber
dem stärksten aller anderen Länder zu sein (das sind verschie­
dene Theorien des europäischen Gleichgewichts aus jener Zeit,
darauf kommt es aber nicht so sehr an). Aber jedenfalls ist es
diese äußere Selbstbeschränkung, die die Staatsräson charakte­
risiert, wie sie sich in der Bildung der diplomatisch-militäri­
schen Apparate des 17.Jahrhunderts zeigt. Vom Westfälischen
Frieden bis zum Siebenjährigen Krieg - oder sagen wir: bis zu
den Revolutionskriegen, die ihrerseits eine ganz andere Dimen­
sion einführen werden-, wird sich diese diplomatisch-militäri­
sche Politik am Prinzip der Selbstbeschränkung orientieren,
am Prinzip der notwendigen und hinreichenden Konkurrenz
zwischen den verschiedenen Staaten.
Was impliziert dagegen innerhalb des Rahmens dessen, was
man heute Innenpolitik nennt, der Polizeistaat? Nun, er impli­
ziert gerade ein Ziel oder eine Reihe von Zielen, die man unbe­
grenzt nennen könnte, weil es sich innerhalb des Polizeistaats
für die Regierenden genau darum handelt, nicht nur die Hand­
lungen von Gruppen oder anderen Staaten, d. h. von verschie­
denen Arten von Individuen mit ihrem besonderen Status zu
berücksichtigen und sich um sie zu kümmern, nicht nur sich
um sie zu kümmern, sondern sich um die Handlungen der In­
dividuen bis in die kleinste Einzelheit zu kümmern. In den gro-

20
ßenAbhandlungen über die Polizei im 17. und 18.Jahrhundert
stimmen alle, die die verschiedenen Regelungen vergleichen
und sie zu systematisieren versuchen, in folgendem Punkt
überein und stellen ausdrücklich fest: Der Gegenstand der Po­
lizei ist ein gleichsam unendlicher Gegenstand. Das bedeutet,
daß derjenige, der nach der Staatsräson regiert, als unabhängige
Macht gegenüber anderen Mächten begrenzte Ziele hat. Inso­
fern er jedoch eine öffentliche Macht zu verwalten hat, die das
Verhalten der Individuen regelt, hat der Regierende ein unbe­
grenztes Ziel. Die Konkurrenz zwischen den Staaten ist genau
der Angelpunkt zwischen diesen begrenzten und unbegrenz­
ten Zielen, denn der Regierende muß seinen Untertanen, ihrem
wirtschaftlichen Handeln, ihrer Produktion, dem Warenver­
kaufspreis, dem Wareneinkaufspreis usw. [...] genau deshalb
[bestimmte Regeln auferlegen], um mit den anderen Staaten in
Konkurrenz zu treten, d. h�, sich in einem bestimmten Gleich­
gewichtszustand zu halten, der immer gestört wird, einem
Gleichgewicht der Konkurrenz mit den anderen Staaten. Auf­
grund dessen, aufgrund dieser Erfordernisse einer Konkur­
renz, die den Staat in einer bestimmten Zwangssituation gegen­
über den anderen Staaten halten muß, soll im Inneren des Staats
alles reglementiert werden. Die Begrenzung des internationa­
len Ziels des Regierens nach der Staatsräson, diese Begrenzung
in den internationalen Beziehungen hat die Unbegrenztheit in
der Ausübung des Polizeistaats zur Entsprechung.
Die zweite Bemerkung, die ich über die Funktion der Staatsrä­
son im 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts machen möchte,
ist folgende: Natürlich ist der innere Gegenstand, auf den sich
das Regieren gemäß der Staatsräson oder, wenn Sie so wollen,
der Räson des Polizeistaats richtet, in seinen Zielen unbe­
grenzt. Das bedeutet jedoch überhaupt nicht, daß es nicht eine
bestimmte Anzahl von Ausgleichsmechanismen oder vielmehr
eine bestimmte Anzahl von Positionen gibt, von denen aus
man versuchen wird, diesem unbegrenzten Ziel, das dem Poli­
zeistaat von der Staatsräson vorgeschrieben wird, eine Grenze
zu setzen. Es hat viele Weisen gegeben, die Grenzen der Staats-

2I
räson zu untersuchen, natürlich auch seitens der Theologie. Ich
möchte jedoch ein anderes Prinzip der Begrenzung der Staats­
räson in dieser Zeit hervorheben, nämlich das Recht.
In der Tat ist etwas Merkwürdiges geschehen. Wovon ging das
Wachstum der königlichen Macht während des ganzen Mittel­
alters aus? Natürlich von der Armee. Es ging auch von den
Institutionen der Rechtsprechung aus. Die Tatsache, daß der
König nach und nach das komplexe Spiel der feudalen Mächte
begrenzt und reduziert hatte, ist wie ein Schlußstein eines
Rechtsstaats, eines Rechtssystems, das natürlich von einem be­
waffneten System sekundiert wird. Die Praxis der Rechtspre­
chung war der Multiplikator der königlichen Macht während
des ganzen Mittelalters. Als sich nun seit dem 16. und vor allem
seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts diese neue Regierungsra­
tionalität zu entwickeln beginnt, dient das Recht dagegen je­
dermann als Angelpunkt, der auf die eine oder andere Weise
diese unbestimmte Ausdehnung einer Staatsräson begrenzen
möchte, die im Polizeistaat Gestalt annimmt. Die Theorie des
Rechts und die Institutionen der Rechtsprechung dienen jetzt
nicht mehr als Multiplikatoren, sondern im Gegenteil als Sub­
trahenden der königlichen Macht. Und deshalb sieht man seit
dem 16. und während des ganzen 17.Jahrhunderts die Ent­
wicklung einer ganzen Reihe von Problemen, Polemiken, poli­
tischen Kämpfen, die sich beispielsweise um die Grundgesetze
des Königreichs drehen, jene Grundgesetze des Königreichs,
die die Juristen in gewisser Weise der Staatsräson entgegenhal­
ten, indem sie sagen, daß keine Regierungspraxis und keine
Staatsräson ihre Infragestellung rechtfertigen kann. Sie gehen
in einem bestimmten Sinn dem Staat voraus, weil sie für ihn
konstitutiv sind, und eine Reihe von Juristen sagt, daß der Kö­
nig diese Grundgesetze nicht antasten darf, da sie genauso
absolut sind wie seine Macht. Das Recht, das durch diese
Grundgesetze konstituiert wird, erscheint so als außerhalb der
Staatsräson stehend und als Prinzip jener Begrenzung.
Es gibt auch die Theorie des Naturrechts und der Naturrechte,
die man als unantastbare Rechte geltend macht und die kein

22
Souverän in irgendeinem Fall überschreiten darf. Genauso gibt
es die Theorie des Vertrags, der unter den Einzelnen ausgehan­
delt wird, um einen Souverän zu konstituieren, ein Vertrag, der
eine bestimmte Anzahl von Klauseln enthält, denen sich der
Souverän wohl beugen muß, weil der Souverän nur durch die­
sen Vertrag und die in ihm formulierten Klauseln Souverän
wird. Es gibt auch, in England übrigens mehr als in Frankreich,
die Theorie der Übereinkunft, die zwischen dem Souverän und
den Untertanen hergestellt wird, um einen Staat zu gründen,
und durch die sich der Souverän verpflichtet, bestimmte Dinge
zu tun und zu lassen. Außerdem gibt es das Feld jener histo­
risch-juristischen Reflexion, von der ich Ihnen vor zwei oder
drei Jahren, ich erinnere mich nicht mehr genau, 8 erzählt habe
und mit.deren Hilfe man versuchte, geltend zu machen, daß die
königliche Macht, historisch gesehen, lange Zeit weit davon
entfernt war, eine absolute Regierung zu sein, daß die regie­
rende Vernunft, die sich zwischen dem Souverän und seinen
Untertanen eingestellt hatte, keineswegs die Staatsräson war,
sondern viel eher eine Art von Abkommen, beispielsweise zwi­
schen dem Adel und dem Oberbefehlshaber des Militärs, der
letzteren dazu verpflichtete, in Kriegszeiten und möglicher­
weise auch noch kurz danach die Aufgaben eines Oberbefehls­
habers anzunehmen. Diese Situation eines primitiven Rechts
habe der König verlassen und anschließend die Situation aus­
genutzt, um diese historisch ursprünglichen Gesetze, die man
nun wiedergewinnen muß, umzustoßen.
Kurz, es scheint jedenfalls so zu sein, daß diese Auseinanderset­
zungen um das Recht, die Lebhaftigkeit dieser Auseinanderset­
zungen, die im übrigen intensive Entwicklung aller Probleme
und Theorien dessen, was man öffentliches Recht nennen
könnte, das Wiedererscheinen dieser Themen des Naturrechts,
des ursprünglichen Rechts, des Vertrags usw., die im Mittelal­
ter in einem ganz anderen Zusammenhang formuliert wurden,
daß das alles auf gewisse Weise das Gegenstück und die Folge
ist - und die Reaktion gegen jene neue Regierungsweise, die
sich im Ausgang von der Staatsräson einstellte. Tatsächlich

23
werden das Recht und die Institutionen der Rechtsprechung,
die für die Entwicklung der königlichen Macht wesentlich wa­
ren, jetzt in gewisser Weise äußerlich und weichen im Verhält­
nis zur Ausübung einer Regierung nach der Staatsräson ab. Es
ist nicht erstaunlich, daß alle diese Rechtsprobleme immer von
jenen formuliert werden, zumindest in erster Instanz, die sich
gegen das neue System der Staatsräson auflehnen. In Frank­
reich sind das beispielsweise die Parlamentarier, die Protestan­
ten, die Adligen, die sich eher auf den historisch-juristischen
Aspekt beziehen. In England war es das Bürgertum gegenüber
der absoluten Monarchie der Stuarts, es waren die religiösen
Sektierer seit dem Beginn des 17.Jahrhunderts. Kurz, der Ein­
wand des Rechts gegenüber der Staatsräson geht immer von
der Opposition aus, und in der Folge macht man juristische
Überlegungen, Rechtsregeln und die Instanz des Rechts gegen­
über der Staatsräson geltend. Das öffentliche Recht ist, um �s
kurz zu sagen, im 17. und 18.Jahrhundert oppositionell/· auch
wenn natürlich eine bestimmte Anzahl von Theoretikern, die
der königlichen Macht gegenüber günstig eingestellt sind, das
Problem aufgreifen und Rechtsfragen, die Frage nach dem
Recht, in die Staatsräson und ihre Rechtfertigung zu integrie­
ren versuchen.Jedenfalls muß man, denke ich, eine Sache in Er­
innerung behalten. Selbst wenn es so ist, daß die formulierte
Staatsräson, die sich als Polizeistaat manifestiert bzw. in ihm
verkörpert ist, selbst wenn diese Staatsräson unbegrenzte Ziele
hat, gab es im 16. und 17.Jahrhundert einen ständigen Versuch,
sie zu begrenzen, und diese Begrenzung, dieses Prinzip, diesen
Grund der Begrenzung der Staatsräson findet man auf der Seite
der juristischen Vernunft. Sie sehen aber wohl, daß es sich da
um eine externe Begrenzung handelt. Übrigens wissen die Juri­
sten genau, daß ihre Frage nach dem Recht der Staatsräson
äußerlich ist, weil sie die Staatsräson gerade als das definieren,
was vom Recht abweicht.
* Michel Foucault präzisiert im Manuskript auf S. 10: »(außer in den deut­
schen Staaten, die sich rechtmäßig gegen das Kaiserreich konstituieren
müssen). «
Grenzen durch das Recht, die dem Staat, der Staatsräson
äußerlich sind, das bedeutet in erster Linie, daß die Grenzen,
die man der Staatsräson zu setzen versucht, Grenzen sind, die
von Gott kommen oder die ein für allemal am Anfang festge­
legt wurden, oder daß sie in einer fernen Vergangenheit formu­
liert wurden. Wenn man sagt, daß sie der Staatsräson äußerlich
sind, dann heißt das auch, daß sie gewissermaßen eine rein be­
grenzende, dramatische Funktion haben, da man ja im Grunde
nur dann das Recht gegen die Staatsräson geltend macht, wenn
die Staatsräson diese Grenzen des Rechts überschritten hat. In
diesem Augenblick kann das Recht die Regierung als illegitim
ausweisen, kann ihr ihre Usurpationen vorwerfen und im Ex­
tremfall sogar die Untertanen von ihrer Gehorsamspflicht ent­
binden.
Auf diese Weise hatte ich im Großen und Ganzen versucht,
jene Regierungsweise zu charakterisieren, die man die Staatsrä­
son nennt. Nun möchte ich ungefähr bis zur Mitte des 18.Jahr­
hunderts zurückgehen, etwa (unter einem Vorbehalt, den ich
Ihnen gleich nennen werde) zu der Zeit, wo Walpole sagte:
»Quieta non movere«, »Was in Ruhe ist, soll man nicht stören. «
Ich möchte ungefähr auf diese Zeit zurückgehen, und da,
glaube ich, kommt man nicht umhin, einen wichtigen Wandel
festzustellen, der meiner Meinung nach auf allgemeine Weise
das· charakterisiert, was man die moderne gouvernementale
Vernunft nennen könnte. Worin besteht dieser Wandel? Nun,
kurz gesagt, er besteht in der Einrichtung eines Prinzips zur
Begrenzung der Regierungskunst, das dieser nicht mehr äußer­
lich sein soll, wie es das Recht im 17.Jahrhundert war, [son­
dern] das ihr wesentlich sein soll. Eine interne Regelung der
gouvernementalen Vernunft. Was ist diese interne Regelung
allgemein und abstrakt betrachtet? Wie kann man sie vor jeder
historischen, genauen und konkreten Form verstehen? Was
kann eine interne-Begrenzung der gouvernementalen Vernunft
überhaupt sein?
Erstens wird diese Regelung eine Regelung sein, eine faktische
Begrenzung. Faktisch bedeutet, daß es keine rechtliche Be-
grenzung sein wird, selbst wenn das Recht in der Pflicht steht,
früher oder später diese Regelung in Form von Regeln umzu­
setzen, die nicht verletzt werden sollen. Jedenfalls soll eine fak­
tische Begrenzung bedeuten, daß, wenn die Regierung über
diese Begrenzung hinausgeht und die ihr gesteckten Grenzen
überschreitet, sie insofern nicht illegitim sein wird, sie ihr eige­
nes Wesen gewissermaßen nicht aufgegeben haben wird, sie
von ihren Grundrechten nicht abgefallen sein wird. Wenn man
sagt, daß es eine faktische Begrenzung der Regierungspraxis
gibt, dann bedeutet das, daß die Regierung, die diese Begren­
zung verkennt, einfach eine Regierung sein wird, die, um es
nochmals zu sagen, nicht illegitim oder usurpatorisch ist, son­
dern ungeschickt, unangepaßt, eine Regierung, die eben nicht
das Passende tut.
Zweitens bedeutet die innere Begrenzung der Regierungs­
kunst, daß es sich um eine Begrenzung handelt, die, obwohl si�
faktisch ist, um nichts weniger allgemein ist. Das heißt, daß es
sich nicht mehr einfach um verschiedene Arten von klugen
Ratschlägen handelt, die unter diesen oder jenen Umständen
anzeigen würden, was man besser nicht tun sollte, die einfach
anzeigen würden, daß es unter diesen oder jenen Umständen
besser sei, sich zurückzuhalten anstatt einzugreifen. Nein. Eine
interne Regelung bedeutet, daß es eine Begrenzung gibt, die,
obwohl faktisch, allgemein ist, d. h., die in jedem Fall einem re­
lativ einheitlichen Plan folgt, und zwar in Abhängigkeit von
Prinzipien, die immer für alle Umstände gelten. Und das Pro­
blem besteht gerade darin, diese allgemeine und faktische
Grenze festzulegen, die die Regierung sich selbst auferlegen
soll.
Drittens bedeutet innere Begrenzung, daß man ihren Ur­
sprung - da man ja gerade wissen muß, worauf sich diese All­
gemeinheit gründet - nicht in etwas suchen soll, was bei­
spielsweise die von Gott allen Menschen vorgeschriebenen
Naturrechte wären, nicht in einer geoffenbarten Schrift, nicht
einmal im Willen der Untertanen, die zu einem bestimmten
Zeitpunkt übereingekommen sind, eine Gesellschaft zu bilden.
Nein, der Ursprung dieser Begrenzung soll nicht in dem ge­
sucht werden, was der Regierung äußerlich ist, sondern in dem,
was der Regierungspraxis wesentlich ist, d. h., man muß den
Ursprung in den Zielen der Regierung suchen. Und diese Be­
grenzung wird sich dann als eines der Mittel darstellen, und
vielleicht als das grundlegendste Mittel, gerade diese Ziele zu
erreichen. Um diese Ziele zu erreichen, muß �öglicherweise
das Handeln der Regierung begrenzt werden. Die gouverne­
mentale Vernunft braucht diese Grenzen nicht zu beachten,
weil es irgendwo außerhalb von ihr, vor dem Staat und um den
Staat, eine bestimmte Anzahl von Grenzen gibt, die endgültig
festgelegt sind. Nein, keineswegs. Die gouvernementale Ver­
nunft soll vielmehr diese Grenzen in dem Maße respektieren,
in dem sie sie von sich aus in Abhängigkeit von ihren Zie­
len und als das beste Mittel zur Zielerreichung einschätzen
kann.
Viertens wird diese faktisch allgemeine Begrenzung, die sich
sogar in der Regierungspraxis zeigt, natürlich eine Aufteilung
zwischen dem Gebotenen und dem Verbotenen herstellen. Sie
wird die Grenze einer Regierungshandlung markieren, aber
diese Grenze wird nicht in den Untertanen, in den einzelnen
Untertanen, die die Regierung steuert, gezogen werden. Das
bedeutet, daß wir nicht versuchen werden zu bestimmen,
welches bei den Untertanen derjenige Anteil ist, der sich der
Regierungshandlung unterwerfen muß, und der Anteil von
Freiheit, der endgültig und ein für allemal geschützt ist. Mit
anderen Worten, diese gouvernementale Vernunft spaltet die
Untertanen nicht in einen Anteil von Freiheit auf, der absolut
unantastbar ist, und einen Anteil von erzwungener oder akzep­
tierter Unterwerfung. Tatsächlich vollzieht sich die Aufteilung
nicht in den Individuen, den Menschen, in den Untertanen; sie
vollzieht sich im Bereich der Regierungspraxis selbst oder viel­
mehr in der Regierungspraxis selbst, und zwar zwischen den
Operationen, die durchgeführt werden können, und denen, die
es nicht können, anders gesagt, zwischen den Dingen, die getan
werden sollen und den dazu anzuwendenden Mitteln einer-

27
seits, und den Dingen, die nicht getan werden sollen. Das Pro­
blem lautet also nicht: Wo liegen die Grundrechte, und wie
teilen die Grundrechte den Bereich der möglichen Gouverne­
memalität und den Bereich der Grundfreiheit auf? Die Grenz­
linie ergibt sich zwischen zwei Reihen von Dingen, die die
Theoretiker des 1 8. und des 19. Jahrhunderts festzustellen ver­
suchten, und zwar in Form einer Liste. Bentham hat übrigens
in einem seiner wichtigsten Texte, auf die ich zurückzukom­
men versuche, diese Liste aufgestellt. 9 Die Aufteilung vollzieht
sich zwischen den Agenda und den Nonagenda, den Dingen,
die getan werden sollen, und denen, die nicht getan werden sol­
len.
Fünftens, diese Begrenzung, die also eine faktische und allge­
meine Begrenzung ist, eine Begrenzung in Abhängigkeit von
den Zielen der Regierung, eine Begrenzung, die nicht die Un­
tertanen aufteilt, sondern die möglichen Handlungen, im Hin
blick auf diese interne Begrenzung ist es offensichtlich, daß es
nicht die Regierenden sind, die in voller Souveränität und mit
voller Vernunft selbst darüber entscheiden, was getan werden
soll und was nicht. Und in dem Maße, in dem die Regierung
der Menschen eine Praxis ist, die von den Regierenden den Re­
gierten nicht auferlegt wird, sondern eine Praxis, die die jewei­
lige Charakterisierung und Stellung der Regierten und der Re­
gierenden zueinander festlegt, bedeutet »interne« Regelung,
daß diese Begrenzung weder genau von der einen Seite noch
von der anderen auferlegt wird, oder jedenfalls nicht im Gan­
zen, endgültig und vollständig durch eine Transaktion, im wei­
testen Sinne von »Transaktion«, d.h. »Handlung zwischen«,
d. h. durch eine ganze Reihe von Konflikten, Übereinkünften,
Diskussionen und gegenseitigen Zugeständnissen: alles große
Ereignisse, die daratif hinwirken, in der Regierungspraxis
schließlich eine faktische, allgemeine und rationale Aufteilung
zwischen dem herzustellen, was zu tun, und dem, was zu lassen
ist.
Kurz, sagen wir, daß das Prinzip des Rechts, gleichgültig ob es
historisch oder theoretisch definiert wird, damals dem Souve-
rän gegenüber und dem, was er tun konnte, eine bestimmte
Grenze setzte: Du sollst diese Linie nicht überschreiten, du
sollst dieses Recht nicht überschreiten, du sollst diese Grund­
freiheit nicht verletzen. Das Prinzip des Rechts bot in dieser
Zeit ein Gegengewicht zur Staatsräson durch ein externes Prin­
zip. Sagen wir, daß man, wie Sie wohl sehen, in ein Zeitalter der
kritischen gouvernementalen Vernunft eintritt. Sie verstehen,
daß sich diese kritische gouvernementale Vernunft oder diese
interne Kritik der gouvernementalen Vernunft nicht mehr um
die Frage des Rechts und nicht mehr um die Frage der Usurpa­
tion und der Legitimität des Souveräns usw. drehen wird. Sie
wird nicht mehr diese Art von Strafcharakter haben, den das
öffentliche Recht noch im 16. und 17.Jahrhundert hatte, als es
festsetzte: Wenn der Souverän dieses Gesetz überschreitet,
dann muß er durch eine Sanktion für die Illegitimität bestraft
werden. Das ganze Problem der kritischen gouvernementalen
Vernunft wird sich um die Frage drehen, wie man es anstellt,
nicht zu viel zu regieren. 10 Man wendet sich nicht mehr gegen
den Mißbrauch der Souveränität, sondern gegen ein Übermaß
von Regierungstätigkeit,. Und am Übermaß der Regierungstä­
tigkeit oder zumindest an der Bestimmung dessen, was für eine
Regierung ein Übermaß wäre, wird man die Rationalität der
Regierungspraxis messen können.
Nun, bevor ich ihn abstrakt charakterisierte, habe ich Ihnen
gesagt, daß dieser grundlegende Wandel in den Verhältnissen
zwischen dem Recht und der Regierungspraxis in etwa um die
Mitte des 18. Jahrhunderts stattfand bzw. festgestellt werden
kann. Was hat sein Erscheinen ermöglicht, wie kam es dazu?
Gewiß sollte man, und ich werde im folgenden zumindest teil­
weise darauf zurückkommen, einen Wandel des Ganzen be­
rücksichtigen. Ich möchte heute an dieser Stelle einfach an­
geben, was das intellektuelle Mittel ist, worin die Form des
Kalküls und der Rationalität besteht, die die Selbstbegrenzung
einer gouvernementalen Vernunft als faktische und allgemeine
Selbstregulation ermöglichen konnte, die für die Regierungs­
operationen selbst wesentlich war und die der Gegenstand un-

29
bestimmter Transaktionen sein konnte. Nun, dieses intellektu­
elle Mittel, die Art von Kalkül, die Form der Rationalität, die
der gouvernementalen Vernunft gestattete, sich selbst zu be­
grenzen, ist wiederum nicht das Recht. Was ist es dann von der
Mitte des 18.Jahrhunderts an? Nun, es ist natürlich die politi­
sche Ökonomie.
»Politische Ökonomie«, die Äquivokationen des Wortes selbst
und seines Sinns in jener Zeit zeigen übrigens schon an, worum
es bei alldem ging, da, wie Sie wissen, der Ausdruck »politische
Ökonomie« zwischen 1750 und 1810-1820 zwischen verschie­
denen Bedeutungspolen hin und her schwankte. Manchmal
handelt es sich darum, mit diesem Ausdruck auf eine gewisse
strenge und begrenzte Analyse der Produktion und des Um­
laufs von Gütern abzuzielen. Unter »politischer Ökonomie«
versteht man aber auch im weiteren und, wenn Sie so wollen,
auch praktischeren Sinn jede Regierungsmethode, die geeigne:
ist, den Wohlstand einer Nation zu sichern. Und schließlich ist
politische Ökonomie übrigens auch der Begriff, der von Rous­
seau in seinem berühmten Artikel »politische Ökonomie« der
Enzyklopädie 11 verwendet wird-, die politische Ökonomie ist
eine Art von allgemeiner Reflexion auf die Organisation, die
Verteilung und die Begrenzung der Macht in einer Gesell­
schaft. Die politische Ökonomie ist, glaube ich, im Grunde
das, was die Selbstbegrenzung der gouvernementalen Vernunft
zu sichern ermöglicht hat.
Warum und wie hat die politische Ökonomie dies ermöglicht?
Auch hier - später komme ich auf einzelne Punkte noch ge­
nauer zu sprechen - möchte ich Ihnen einfach eine Reihe von
Punkten nennen, die, wie ich glaube, unabdingbar dafür sind,
die Gesamtheit dessen zu verstehen, was ich Ihnen dieses Jahr
sagen möchte. Nun, erstens hat sich die politische Ökonomie
gerade im Unterschied zum juristischen Denken des 16. und
17.Jahrhunderts nicht außerhalb der Staatsräson entwickelt.
Sie hat sich nicht entgegen der Staatsräson entwickelt, um sie
zumindest in erster Instanz zu begrenzen. Im Gegenteil hat sie
sich im selben Rahmen der Ziele gebildet, die die Staatsräson

30
der Regierungskunst verordnet hat, denn welche Ziele setzt
sich die politische Ökonomie am Ende? Nun, sie setzt sich die
Bereicherung des Staats zum Ziel. Sie setzt sich das gleichzei­
tige, entsprechende und auf geeignete Weise abgestimmte
Wachstum der Bevölkerung einerseits und ihres Unterhalts an­
dererseits zum Ziel. Was beabsichtigt die politische Ökono­
mie? Nun, den Wettstreit zwischen den Staaten auf geeignete,
angepaßte und immer erfolgreiche Weise zu sichern. Die politi­
sche Ökonomie beabsichtigt gerade die Aufrechterhaltung ei­
nes gewissen Gleichgewichts zwischen den Staaten, damit
haargenau dieser Wettstreit stattfinden kann, d. h., sie über­
nimmt ganz genau die Ziele der Staatsräson, die der Polizei­
staat, der Merkantilismus und das europäische Gleichgewicht
zu verwirklichen gesucht hatten. Die politische Ökonomie
wird also in erster Instanz im Inneren dieser gouvernementalen
Vernunft selbst ihren Platz finden, die vom 16. und 17.Jahr­
hundert definiert wurde, und insofern wird sie, wenn Sie so
wollen, überhaupt nicht mehr jene äußerliche Stellung einneh­
men, die das juristische Denken innehatte.
Zweitens stellt sich die politische Ökonomie überhaupt nicht
als externe Kritik gegenüber der Staatsräson und ihrer politi­
schen Autonomie dar, da die erste politische Konsequenz der
ersten ökonomischen Reflexion, die in der Geschichte des eu­
ropäischen Denkens existiert hat - und das ist ein Punkt, der
historisch von Bedeutung sein wird - gerade eine Konsequenz
sein wird, die dem völlig entgegengesetzt ist, was die Juristen
gewollt hatten. Es handelt sich um eine Konsequenz, die zur
Notwendigkeit eines totalen Despotismus führt. Die erste po­
litische Ökonomie ist selbstverständlich die der Physiokraten,
und Sie wissen, daß die Physiokraten - ich werde im folgenden
darauf zurückkommen - im Ausgang von ihrer ökonomischen
Analyse zu dem Schluß gelangt sind, daß die politische Macht
eine Macht ohne äußere Begrenzung sein sollte, ohne Grenze,
die von woanders als von ihr selbst herkommt, und das haben
sie Despotismus genannt. 12 Der Despotismus ist eine ökono­
mische Regierungsweise, die jedoch in ihren Grenzen von

31
nichts anderem als einer Ökonomie eingeschlossen bzw. ent­
worfen wird, die sie selbst bestimmt hat und die sie selbst völlig
kontrolliert. Ein absoluter Despotismus, und folglich sehen Sie
hier auch, daß insofern die Neigungslinie, die von der Staatsrä­
son gezeichnet wurde, von der politischen Ökonomie nicht
umgekehrt wird, zumindest in erster Instanz oder zumindest
auf dieser Ebene, und daß die politische Ökonomie so erschei­
nen kann, als würde sie auf einer Linie mit einer Staatsräson lie­
gen, die dem Monarchen eine totale und absolute Macht
gibt.
Drittens, worüber denkt denn die politische Ökonomie genau
nach? Was analysiert sie? Nicht so etwas wie die vorgängigen
Rechte, die entweder der menschlichen Natur oder der Ge­
schichte einer bestimmten Gesellschaft eingeschrieben sind.
Die politische Ökonomie denkt über Regierungspraktiken
nach, und sie befragt diese Praktiken nicht auf ihr Recht, un.
festzustellen, ob sie legitim sind oder nicht.* Sie betrachtet sie
nicht vom Gesichtspunkt ihres Ursprungs aus, sondern vom
Gesichtspunkt ihrer Wirkungen, indem sie sich beispielsweise
nicht fragt: Was berechtigt einen Souverän dazu, die Steuern zu
erhöhen?, sondern ganz einfach: Was wird geschehen, wenn
man eine Steuer erhöht, wenn man diese Steuer zu diesem be­
stimmten Augenblick, von dieser Kategorie von Personen oder
auf diese Kategorie von Waren erhebt? Es ist gleichgültig, ob
dieses Recht im rechtlichen Sinne legitim ist oder nicht, das
Problem besteht darin, welche Wirkungen es hat und ob diese
Wirkungen negativ sind. In diesem Moment wird man sagen,
daß die fragliche Steuer illegitim ist oder daß es jedenfalls kei­
nen Grund für ihre Existenz gibt. Die ökonomische Frage wird
aber auf jeden Fall immer innerhalb dieses Feldes der Regie­
rungspraxis und im Hinblick auf ihre Auswirkungen gestellt
und nicht im Hinblick darauf, was sie im Sinne des Rechts be­
gründen könnte: Was sind die tatsächlichen Wirkungen der
Gouvernementalität in ihrer Ausübung, und nicht: Was sind

0
' Foucault fü gt hinzu: »in Begriffen des Rechts«.

32
die ursprünglichen Rechte, die diese Gouvernementalität be­
gründen können? Das ist der dritte Grund, warum die politi­
sche Ökonomie in ihrer Reflexion, in ihrer neuen Rationalität
einen Ort, wenn Sie so wollen, innerhalb derjenigen Regie­
rungspraxis und -vernunft einnehmen konnte, die in der vor­
hergehenden Epoche begründet wurde.
Der vierte Grund liegt darin, daß die politische Ökonomie, in­
dem sie auf diese Art von Frage antwortete, die Existenz von
Phänomenen, Prozessen und Regelmäßigkeiten sichtbar ge­
macht hat, die folgende Eigenschaft gemein haben: Sie ergeben
sich notwendig aus nachvollziehbaren Mechanismen, und die­
sen nachvollziehbaren und notwendigen Mechanismen kann
natürlich durch bestimmte Formen der Gouvernementalität,
durch bestimmte Regierungspraktiken entgegengewirkt wer­
den. Man kann ihnen entgegenwirken, man kann sie stören,
man kann sie trüben, man wird aber jedenfalls nicht ohne sie
auskommen, man kann sie nicht völlig und endgültig aufhe­
ben. Sie würden auf jeden Fall einen Einfluß auf die Regie­
rungspraxis haben. Mit anderen Worten, die politische Öko­
nomie entdeckt nicht natürliche Rechte, die der Ausübung der
Gouvernementalität vorhergehen, sondern eine bestimmte
Natürlichkeit, die der Regierungspraxis selbst eigentümlich ist.
Es gibt eine Natur, die den Gegenständen des Regierungshan­
delns eigen ist. Es gibt eine Natur, die diesem Regierungshan­
deln selbst eignet, und die politische Ökonomie wird diese Na­
tur erforschen. Dieser'-· Begriff der Natur bewegt sich also
gänzlich um die Erscheinung der politischen Ökonomie. Die
Natur ist für die politische Ökonomie keine geschützte und
ursprüngliche Region, auf die die Gouvernementalität nicht
ausgeübt werden sollte, außer auf illegitime Weise. Die Natur
ist etwas, das unter, in und durch die Ausübung der Gouverne­
mentalität hindurch läuft. Sie ist, wenn Sie so wollen, die un­
verzichtbare Unterhaut. Sie ist die andere Seite von etwas, des­
sen sichtbare Seite, sichtbar für die Regierenden, ihr eigenes

* Foucault fügt hinzu: »natürliche Begriff und der«.

33
Handeln ist. Ihr eigenes Handeln hat eine Kehrseite oder viel­
mehr ein anderes Angesicht, und dieses andere Angesicht ist
nun genau das, was die politische Ökonomie in seiner eigen­
tümlichen Notwendigkeit erforscht. Es ist kein Hintergrund,
sondern ein ständiges Korrelat. So ist es beispielsweise ein Na­
turgesetz, erklären die Ökonomen, daß die Bevölkerung sich
beispielsweise zu den höchsten Löhnen hin bewegt; es ist ein
Naturgesetz, daß ein bestimmter Zolltarif, der die hohen Le­
benshaltungskosten schützt, auf verhängnisvolle Weise so et­
was wie einen Mangel oder Armut nach sich zieht.
Schließlich besteht der letzte Punkt, der erklärt, wie und
warum die politische Ökonomie sich als maßgebliche Form
dieser neuen selbstbegrenzenden gouvernementalen Vernunft
darstellen konnte, darin, daß, wenn es eine Natur gibt, die der
Gouvernementalität, ihren Gegenständen und Handlungen
eignet, dies zur Folge hat, daß die Regierungspraxis nur dam.
das tun können wird, was sie zu tun hat, wenn sie diese Natur
berücksichtigt. Wenn sie diese Natur durcheinanderbringen
sollte, wenn sie sie nicht berücksichtigen oder gegen die Ge­
setze handeln sollte, die durch jene Natürlichkeit der Gegen­
stände, die sie manipuliert, festgelegt wurden, wird das un­
verzüglich negative Auswirkungen für sie selbst haben, anders
gesagt, es wird Erfolg oder Mißedolg geben, Erfolg oder Miß­
erfolg, die nun das Kriterium des Regierungshandelns sind,
und nicht mehr Legitimität oder Illegitimität. Die Legitimität
wird also durch [den Edolg] ersetzt.* Wir rühren hier also an
das ganze Problem des Utilitarismus, von dem noch zu spre­
chen sein wird. Sie sehen hier, wie eine utilitaristische Philoso­
phie sich über diesen neuen Problemen der Gouvernementali­
tät unmittelbar verzweigen kann. Das soll uns aber nun nicht
beschäftigen. Wir werden später darauf zurückkommen.
Der Edolg oder Mißedolg ersetzt also die Unterscheidung
zwischen Legitimität/Illegitimität, aber das ist nicht alles. Was
veranlaßt eine Regierung, trotz ihrer Ziele die Natürlichkeit

* Michel Foucault sagt: »Mißerfolg«.


34
der von ihr manipulierten Gegenstände und ihrer eigenen
Handlungen zu stören? Was veranlaßt sie dazu, diese Natur
trotz des von ihr angestrebten Erfolgs so zu verletzen? Gewalt,
Ausschreitungen, Mißbrauch, ja, vielleicht, aber im Zentrum
dieser .Ausschreitungen, Gewalttätigkeiten und Mißbräuche
steht nicht einfach oder prinzipiell die Boshaftigkeit des Für­
sten in Frage. Was in Frage steht und was alles dies erklärt, ist
die Tatsache, daß die Regierung in dem Augenblick, in dem sie
diese Naturgesetze verletzt, sie ganz einfach mißachtet. Sie
mißachtet sie, weil sie von ihrer Existenz nichts weiß, ihre Me­
chanismen und Wirkungen nicht kennt. Mit anderen Worten,
die Regierungen können sich täuschen. Und das größte Übel
einer Regierung, das, was sie zu einer schlechten macht, besteht
nicht darin, daß der Fürst schlecht ist, sondern daß er unwis­
send ist. Kurz, über den Umweg der politischen Ökonomie ge­
hen in die Regierungskunst gleichzeitig erstens die Möglichkeit
der Selbstbegrenzung ein, d. h., daß das Regierungshandeln
sich selbst in Abhängigkeit von der Natur seiner eigenen
Handlungen und seiner Gegenstände begrenzt [und zweitens
die Frage nach der Wahrheit].•:- Die Möglichkeit der Begren­
zung und die Frage nach der Wahrheit, diese beiden Dinge
werden in die gouvernementale Vernunft über den Umweg der
politischen Ökonomie eingeführt.
Sie werden mir sagen, daß die Frage nach der Wahrheit und die
Frage nach der Selbstbegrenzung der Regierungspraxis sich
zweifellos nicht zum ersten Mal stellen. Was verstand man
denn schließlich in der Tradition unter der Weisheit des Für­
sten? Die Weisheit des Fürsten war etwas, das ihn dazu. veran­
laßte zu sagen: Ich kenne die Gesetze Gottes zu gut, ich kenne
die Schwäche des Menschen zu gut, ich kenne meine eigenen
Grenzen zu gut, um meine Macht nicht zu begrenzen, um nicht
das Recht meines Untertanen zu respektieren. Man sieht je-
,.. Michel Foucault läßt den Satz unvollständig. Manuskript, S.20: »Kurz,
über den Umweg der politischen Ökonomie gehen in die Regierungs­
kunst zugleich die Möglichkeit der Selbstbegrenzung und die Frage nach
der Wahrheit ein. «

35
doch, daß dieses Verhältnis zwischen dem Wahrheitsprinzip
und dem Prinzip der Selbstbegrenzung bei der Weisheit des
Fürsten etwas ganz anderes ist als bei dem, was nun aufzutau­
chen beginnt und wobei es sich um eine Regierungspraxis han­
delt, die sich um ein Wissen darüber sorgt, was bei den Gegen­
ständen, die sie behandelt und manipuliert, die natürlichen
Folgen ihrer Handlungen sind. Die klugen Berater, die zuvor
die Grenzen der Weisheit beim Dünkel des Fürsten zogen, ha­
ben nichts mehr mit jenen Wirtschaftsexperten gemein, die nun
auftreten und die ihrerseits die Aufgabe haben, einer Regierung
wahrheitsgemäß zu sagen, was die natürlichen Mechanismen
dessen sind, was sie manipuliert.
Mit der politischen Ökonomie treten wir also in ein Zeitalter
ein, dessen Prinzip folgendes sein könnte: Eine Regierung weiß
nie genug, so daß sie Gefahr läuft, stets zuviel zu regieren, oder
auch: Eine Regierung weiß nie gut genug, wie man gerade aus­
reichend regieren soll. Das Prinzip des Maximums .und Mini­
mums in der Regierungskunst ersetzt jene Vorstellung des an­
gemessenen Gleichgewichts, .der angemessenen Gerechtigkeit,
die früher die Weisheit des Fürsten leitete. In dieser Frage der
Selbstbegrenzung durch das Prinzip der Wahrheit ist das nun,
glaube ich, der ungeheure Keil, den die politische Ökonomie in
die grenzenlose Anmaßung des Polizeistaats eingeführt hat. Es
handelt sich um einen offensichtlich entscheidenden Moment,
weil sich in seinen wichtigsten Grundzügen zwar gewiß nicht
die Herrschaft des Wahren in der Politik, aber eine bestimmte
Herrschaft der Wahrheit durchsetzt, die gerade das charakteri­
siert, was man das Zeitalter der Politik nennen könnte und des­
sen Grundanlage in groben Zügen heute immer noch dieselbe
ist. Wenn ich von einer Herrschaft der Wahrheit spreche, meine
ich nicht, daß die Politik oder die Regierungskunst, wenn Sie
so wollen, zu jener Zeit rational wird. Ich meine nicht, daß man
in jenem Augenblick eine Art von Erkenntnisschwelle erreicht,
von der ab die Regierungskunst wissenschaftlich werden
könnte. Ich meine, daß dieser Moment, den ich gegenwärtig zu
bestimmen versuche, daß dieser Moment durch die Bildung ei-
nes bestimmten Diskurstyps über eine Reihe von Praktiken ge­
kennzeichnet ist, der ihn einerseits als eine Gesamtheit konsti­
tuiert, die durch ein nachvollziehbares Band zusammengehal­
ten wird, und andererseits auf diese Praktiken in Begriffen des
Wahren und Falschen gesetzgebend wirkt und gesetzgebend
wirken kann.
Konkret bedeutet das Folgendes. Im Grunde gab es im 16.,
I 7.Jahrhundert, übrigens auch schon davor, und noch bis zur
Mitte des 18.Jahrhunderts, in der ersten Hälfte des 18.Jahr­
hunderts eine ganze Reihe von Praktiken, nämlich die Steuer­
erhöhungen, die Zolltarife, die Produktionsregelungen, die Re­
gelungen der Getreidetarife, der Schutz und die Kodifizierung
der Marktpraktiken. Was war das alles, und als was galt es?
Nun, es wurde als Ausübung der souveränen Rechte, der Feu­
dalrechte aufgefaßt, als die Aufrechterhaltung der Bräuche, als
Verfahren zur wirksamen Auffüllung der Schatzkammer, als
Techniken, um städtische Revolten aus Unzufriedenheit zu
verhindern, die von dieser oder jener Kategorie von Unterta­
nen ausgehen konnten. All das waren natürlich durchdachte
Praktiken, aber sie waren durchdacht auf der Grundlage von
verschiedenen Ereignissen und Prinzipien der Rationalisie­
rung. Zwischen diesen verschiedenen Praktiken, die, wenn Sie
so wollen, vom Zolltarif bis zur Steuererhöhung, zur Regelung
des Marktes und der Produktion usw. reichten, zwischen die­
sen verschiedenen Praktiken wird man ab der Mitte des
18.Jahrhunderts einen überlegten, begründeten Zusammen­
hang herstellen können, einen Zusammenhang, der durch
nachvollziehbare Mechanismen hergestellt wird, die diese ver­
schiedenen Praktiken und die Wirkungen dieser Praktiken
miteinander verknüpfen und die es dadurch ermöglichen, diese
Praktiken als gut oder schlecht zu beurteilen, und zwar nicht
im Hinblick auf ein Gesetz oder ein moralisches Prinzip, son­
dern im Hinblick auf Aussagen, die selbst der Unterscheidung
zwischen dem Wahren und dem Falschen unterliegen. Es han­
delt sich also um ein ganzes Feld der Regierungsaktivität, das
auf diese Weise in eine neue Herrschaft der Wahrheit übergeht,

37
und diese Herrschaft der Wahrheit hat als grundsätzliche Wir­
kung, alle Fragen, die die Regierungskunst zuvor stellen
konnte, zu verdrängen. Diese Fragen waren zuvor: Regiere ich
in Übereinstimmung mit den moralischen, natürlichen, göttli­
chen Gesetzen? Es handelte sich also um die Frage nach der
Übereinstimmung der Regierung mit bestimmten Gesetzen.
Im Zusammenhang mit der Staatsräson war dann im 16. und
17. Jahrhundert die Frage: Regiere ich auch ausreichend, inten­
siv genug, tief genug, detailliert genug, um den Staat zu dem
Punkt zu bringen, der durch sein Seinsollen festgelegt ist, um
den Staat zu seiner höchsten Kraft zu führen? Und nun wird
das Problem sein: Regiere ich auf der Grenze dieses Zuviel und
dieses Zuwenig, zwischen diesem Maximum und diesem Mini­
mum, die mir durch die Natur der Dinge gegeben sind, ich
meine, durch die inneren Notwendigkeiten des Regierungs­
handelns? Hier taucht diese Herrschaft der Wahrheit als Prir. -
zip der Selbstbeschränkung der Regierung auf, die jedenfalls
der Gegenstand ist, den ich dieses Jahr behandein möchte.
Es war im Grunde dasselbe Problem, das ich mir hinsichtlich
des Wahnsinns, der Krankheit, der Delinquenz und der Sexua­
lität gestellt habe. Es handelt sich in allen diesen Fällen nicht
darum, zu zeigen, wie diese Dinge lange Zeit verborgen blie­
ben, bevor sie schließlich entdeckt wurden, es handelt sich
nicht darum, zu zeigen, inwiefern alle diese Dinge nur üble Il­
lusionen oder ideologische Produkte sind, die im [Lichte]* der
schließlich zu ihrem Höhepunkt aufgestiegenen Vernunft auf­
zulösen sind. Vielmehr handelt es sich darum, nachzuweisen,
durch welche Interferenzen eine ganze Reihe von Praktiken -
von dem Augenblick an, da sie mit einer Herrschaft der Wahr­
heit koordiniert werden -, durch welche Interferenzen diese
Reihe von Praktiken es schaffen konnte, daß das Nichtexistie­
rende (der Wahnsinn, die Krankheit, die Delinquenz, die Se­
xualität usw.) dennoch zu etwas wird, etwas, das jedoch weiter­
hin nicht existiert. Das ist kein Irrtum - wenn ich sage, daß das

* Ein offenbarer Fehler. Michel Foucault sagt »Nebel«.


Nichtexistierende zu etwas wird, dann heißt das nicht: Es geht
darum zu zeigen, wie ein Irrtum tatsächlich aufgebaut werden
konnte - nicht wie die Illusion entstehen konnte, sondern ich
möchte zeigen, inwiefern· es eine bestimmte Herrschaft der
Wahrheit und folglich kein Irrtum war, was dazu führte, daß
etwas Nichtexistierendes zu etwas werden konnte. Es handelt
sich nicht um eine Illusion, da es gerade eine Gesamtheit von
Praktiken, und zwar w1rklichen Praktiken war, die diese Herr­
schaft begründet hat und sie unabweislich in der Wirklichkeit
in Erscheinu�g treten läßt.
Worum es bei allen diesen Unternehmungen im Hinblick auf
den Wahnsinn, die Krankheit, die Delinquenz, die Sexualität
und bei dem geht, worüber ich jetzt zu Ihnen spreche, ist der
Nachweis, wie die Koppelung einer Reihe von Praktiken mit
der Herrschaft der Wahrheit ein Dispositiv des Wissens und
der Macht bildet, das das Nichtexistierende in der Wirklichkeit
tatsächlich in Erscheinung treten läßt und es auf legitime Weise
der Unterscheidung zwischen dem Wahren und dem Falschen
unterwirft.
Was nicht als wirklich existiert, was nicht so existiert, daß es für
eine legitime Herrschaft des Wahren und Falschen relevant ist,
das ist, glaube ich, der Moment in den Dingen, die mich gegen..:
wärtig beschäftigen, welcher die Entstehung jener asymmetri­
schen Zweipoligkeit der Politik und Ökonomie markiert. Die
Politik und die Ökonomie, die weder existierende Dinge sind
noch Irrtümer noch Illusionen noch Ideologien. Sie sind etwas
Nichtexistierendes und doch etwas, das an der Wirklichkeit
teilhat, das aus einer Herrschaft der Wahrheit hervorgeht, die
das Wahre vom Falschen unterscheidet.
Nun, dieser Moment, dessen Hauptkomponente ich zu identi­
fizieren versucht habe, ist also der Moment, der zwischen Wal­
pole, den ich Ihnen genannt hatte, und einem anderen Text
liegt. Walpole sagte: »quieta non movere«, »was in Ruhe ist,
soll man bloß nicht stören. « Das war zweifellos ein Rat der
Klugheit, und man befand sich noch in der Epoche der Weis­
heit des Fürsten, d. h. in dem Moment, da die Leute ruhig sind,

39
da sie nicht in Aufruhr sind, da es weder Unzufriedenheit noch
Aufstände gibt, sollen wir eben ruhig bleiben. Die Weisheit des
Fürsten. Er sagte das, glaube ich, in den r 74oer Jahren. r 7 5 r er­
schien ein anonymer Aufsatz im]ournal economique. Tatsäch­
lich wurde er vom Marquis d' Argenson 13 geschrieben, der zu
dieser Zeit gerade die Geschäfte in Frankreich aufgegeben
hatte, und der Marquis d' Argenson erinnerte daran, was der
Händler Le Gendre Colbert erwiderte, als Colbert zu ihm
sagte: »Was kann ich für Sie tun?«, Le Gendre hatte darauf ge­
antwortet: »Was Sie für uns tun können? Lassen Sie uns nur
machen [Laissez faire]. « 14 D' Argenson sagt in diesem Text, auf
den ich zurückkommen werde: 15 Ich möchte nun also dieses
Prinzip »Lassen Sie uns nur machen« 16 kommentieren, denn,
wie er zeigt, handelt es sich hier um das wesentliche Prinzip,
das jede Regierung in wirtschaftlichen Dingen beachten und
befolgen muß. 17 An dieser Stelle hat er sehr klar das Prinzip dt..:
Selbstbegrenzung der gouvernementalen Vernunft dargelegt.
Was soll das heißen »Selbstbegrenzung der gouvernementalen
Vernunft«? Worin besteht dieser neue Typ von Rationalität in
der Regierungskunst, dieser neue Typ von Kalkül, der darin
besteht, der Regierung zu sagen und sagen zu lassen: Ich gehe
davon aus, ich will, ich plane, ich rechne damit, daß man all das
in Ruhe läßt? Nun, ich meine, daß man das in groben Zügen
»Liberalismus« nennt.*

'-· Im Manuskript in Anführungsstrichen. Michel Foucault verzichtet hier


darauf, die letzten Seiten des Manuskripts zu lesen (S.25-32). Eine be­
stimmte Anzahl von Elementen dieser Schlußfolgerung werden in der
folgenden Vorlesung wiederaufgenommen und weiterentwickelt:
»Man muß dieses Wort [>Liberalismus,] in einem sehr weiten.Sinn ver­
stehen.
1. Anerkennung des Prinzips, daß es irgendwo eine Begrenzung der Re­
gierung geben muß, die nicht einfach ein äußerliches Recht sein darf.
2. Der Liberalismus ist auch eine Praxis: Wo genau soll man das Begren­
zungsprinzip der Regierung finden, und wie soll man die Auswirkun-
gen dieser Begrenzung berechnen?
3. Der Liberalismus ist in einem engeren Sinn die Lösung, die darin be­
steht, die Formen und Bereiche des Regierungshandelns maximal zu
begrenzen.
Ich hatte gedacht, dieses Jahr eine Vorlesung über die Biopoli­
tik halten zu können. Ich werde versuchen, Ihnen zu zeigen,
wie alle die Probleme, die ich hier gegenwärtig auszumachen
4. Schließlich ist der Liberalismus die Organisation der Transaktions­
verfahren, die geeignet sind, die Begrenzung der Regierungspraktiken
zu bestimmen:
- Verfassung, Parlament
- Meinung, Presse
- Kommissionen, Erhebungen
(S. 2 7) Eine c;ler Formen der modernen Gouvernementalität. Sie zeich­
net sich dadurch aus, daß sie sich selbst intrinsische Grenzen in Be­
griffen der Veridiktion [auferlegt], anstatt sich an Grenzen zu stoßen,
die durch die Rechtsprechung formal festgesetzt sind.
a. Natürlich handelt es sich hier nicht um zwei aufeinanderfolgende
Systeme oder etwa um solche, die in einen unüberwindlichen Kon­
flikt geraten. Heterogenität bedeutet nicht Widerspruch, sondern
Spannungen, Reibungen, wechselseitige Unvereinbarkeiten, ge­
lungene oder fehlgeschlagene Anpassungen, instabile Mischungen
usw. Das bedeutet auch die fortwährend neu begonnene, weil nie­
mals vollendete Aufgabe, entweder eine Übereinstimmung oder
zumindest eine gemeinsame Ordnung herzustellen. Diese Aufgabe
besteht darin, die Selbstbegrenzung, die das Wissen einer Regie­
rung vorschreibt, rechtlich zu fixieren.
(S.28) Diese Aufgabe nimmt seit dem 18.Jahrhundert bis heute
zwei Formen an:
- Entweder die gouvernementale Vernunft, die Notwendigkeit ih-·
rer eigenen Begrenzung einer Prüfung zu unterziehen, um an
dem, was man frei lassen soll, die Rechte abzulesen, die man in
der Regierungspraxis zugestehen und festsetzen kann. Sich also
die Frage nach den Zielen, Mitteln und Wegen einer aufgeklärten
und also selbstbegrenzten Regierung zu stellen: Kann sie das
Recht auf Eigentum, das Recht auf mögliche Subsistenz, auf Ar­
beit usw. zugestehen? Die liberale Verfahrensweise des juristi­
schen Überrests (der Regierung gegenüber ihrer Selbstregelung,
gegenüber den zu belassenden Freiheiten, gegenüber dem zuzu­
gestehenden Recht).
- Oder die Grundrechte einer Prüfung zu unterziehen, ihnen allen
und zugleich Geltung zu verschaffen. Und auf dieser Grundlage
eine Regierungsbildung nur unter der Bedingung 'zu erlauben,
daß ihre Selbstregelung alle Grundrechte verwirklicht.
Das [durchgestrichen: revolutionäre] Verfahren der Unterord­
nung der Regierung.
(S. 29) Das Verfahren des notwendigen und hinreichenden juri­
stischen Überrests ist die liberale Praxis. Das Verfahren der voll-

41
versuche, wie alle diese Probleme als zentralen Kern natürlich
etwas haben, das man die Bevölkerung nennt. Folglich wird
sich so etwas wie eine Biopolitik von hier aus entwickeln kön-
ständigen Bestimmung durch die Regierung ist die revolutionäre
Vorgehensweise.
b. Zweite Bemerkung: Diese Selbstbegrenzung der gouvernementa­
len Vernunft, die den ,Liberalismus< kennzeichnet, hat ihren Ort in
einem eigenartigen Verhältnis zum System der Staatsräson. - Diese
eröffnet der Regierungspraxis ein Feld unbestimmter Intervention,
andererseits setzt sie sich aber durch das Prinzip eines konkurrie­
renden Gleichgewichts zwischen den Staaten begrenzte internatio­
nale Ziele.
(S. 30) Die Staatsräson ging einher mit dem Verschwinden des im­
perialen Prinzips zugunsten des konkurrierenden Gleichgewichts
zwischen den Staaten. Die liberale Vernunft geht einher mit der
Aktivierung des imperialen Prinzips, nicht in Form des Kaiser­
reichs, sondern in Form des Imperialismus, und zwar in Verbin­
dung mit dem Prinzip des freien Wettbewerbs zwischen den Indi­
viduen und den Unternehmen.
Die Kluft zwischen begrenzten und unbegrenzten Zielen im Hin­
blick auf den Bereich der Intervention im Inneren und im Hinblick
auf den Bereich zwischenstaatlichen Handelns.
c. Dritte Bemerkung: Diese liberale Vernunft wird als Selbstbegren­
zung der Regierung im Ausgang von der ,Natürlichkeit< der Ge­
genstände und Praktiken begründet, die dieser Regierung eigen­
tümlich sind. Was ist diese Natürlichkeit?
- die der Reichtümer? Ja, aber einfach als Zahlungsmittel, die sich
vermehren oder vermindern, die stagnieren oder (S. 3 I) zirkulie­
ren. Aber eher die Güter, insofern sie produziert werden, nütz­
lich sind und genutzt werden, insofern sie zwischen Wirtschafts­
partnern ausgetauscht werden.
- Es handelt sich auch um die Natürlichkeit [der] Individuen. Je­
doch nicht als gehorsame oder ungehorsame Untertanen, son­
dern insofern sie selbst an diese wirtschaftliche Natürlichkeit
gebunden sind, insofern ihre Zahl, ihre Lebenserwartung, ihre
Gesundheit, ihre Verhaltensweisen sich in vielschichtigen und
verwickelten Beziehungen zu diesen Wirtschaftsprozessen be­
finden.
Mit dem Aufkommen der politischen Ökonomie, mit der Einfüh­
rung des begrenzenden Prinzips in die Regierungspraxis selbst,
vollzieht sich ein bedeutender Wandel oder vielmehr eine Verdop­
pelung, da die Rechtssubjekte, auf die sich die politische Souverä­
nität erstreckt, selbst wie eine Population erscheinen, die eine Re­
gierung leiten muß.

42
nen. Mir scheint jedoch, daß die Analyse der Biopolitik nur
dann durchgeführt werden kann, wenn man die allgemeine
Funktionsweise dieser gouvernementalen Vernunft verstanden
hat, über die ich spreche, diese allgemeine Funktionsweise, die
man die Frage nach der Wahrheit nennen könnte, zunächst
nach der wirtschaftlichen Wahrheit innerhalb der gouverne­
mentalen Vernunft, und dann, wenn man ein gutes Verständnis
davon gewonnen hat, worum es bei dieser Funktionsweise des
Liberalismus g�ht, der der Staatsräson entgegengesetzt ist oder
sie vielmehr grundlegend modifiziert, ohne vielleicht . die
Grundlagen in Frage zu stellen. Wenn man also verstanden hat,
was dieses Regierungssystem ist, das Liberalismus genannt
wird, dann, so scheint mir, wird man auch begreifen können,
was die Biopolitik ist.
Verzeihen Sie mir also, wenn ich einige Sitzungen lang, deren
Zahl ich Ihnen nicht im voraus angeben kann, vom Liberalis­
mus sprechen werde. Und damit das alles, damit der Einsatz
von all dem Ihnen ein wenig klarer wird - denn worin besteht
schließlich der Zweck, vom Liberalismus, von den Physiokra­
ten, von d' Argenson, Adam Smith, Bentham, den englischen
Utilitaristen zu sprechen, wenn nicht darin, daß dieses Pro­
blem des Liberalismus sich natürlich heute in unserer unmittel­
baren und konkreten Gegenwart stellt - worum handelt es
sich, wenn man vom Liberalismus spricht, wenn man heute
eine liberale Politik auf uns selbst anwendet, und welche Bezie­
hung kann das zu diesen Rechtsfragen haben, die man Freihei­
ten nennt? Worum geht es bei all dem, bei dieser heutigen De­
batte, in der eigenartigerweise die Wirtschaftsprinzipien von
Helmut Schmidt 18 ein sonderbares Echo der einen oder ande­
ren Stimme von Dissidenten aus dem Osten darstellen, bei die-

(S. 32) An dieser Stelle findet die Organisationslinie einer ,Biopolitik<


ihren Ausgangspunkt. Die jedoch nicht erkennt, daß es sich hier nur
um einen Teil von etwas viel Größerem handelt, das diese neue gou­
vernementale Vernunft [ist].
Den Liberalismus als allgemeinen Rahmen der Biopolitik untersu­
chen. «

43
sem ganzen Problem der Freiheit, des Liberalismus? Nun, es
handelt sich um ein zeitgenössisches Problem. Also, ·wenn Sie
so wollen, nachdem ich den geschichtlichen Ursprungsort von
alldem einigermaßen situiert habe, indem ich das herausarbeite,
was meiner Meinung nach die neue gouvernementale Vernunft
im Ausgang vom 18.Jahrhundert ist, werde ich einen Sprung
nach vorne machen und vom zeitgenössischen deutschen Libe­
ralismus sprechen, da, so paradox das auch sein mag, die Frei­
heit in dieser zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts, die Freiheit,
oder sagen wir genauer: der Liberalismus, ein Wort ist, das aus
Deutschland zu uns kommt.

Anmerkungen

1 Zitat aus Vergil, Aeneis, VII, 312, vorangestelltes Motto der Traumde1,, -
tung Freuds, Leipzig 1900, und im Text selbst wiederaufgenommen
(ebd., S. 516): »Flectere si nequeo Superos, Acheronta movebo« (»Kann
ich den Himmel nicht beugen, so hetz' ich die Hölle in Aufruhr « ). Der
Ausspruch wurde von Michel Foucault ohne ausdrücklichen Bezug auf
Freud schon in Der Wille zum Wissen, Frankfurt/M. 1977, S.99, zitiert
[frz.: La volonte de savoir, Paris 1976, 103; im folgenden zitiert als: VS]:
»In der Tat ist diese in unserer Epoche so oft wiederholte Frage nur die
jüngste Form einer gewaltigen Behauptung und einer jahrhundertealten
Vorschrift: dort unten liegt die Wahrheit, dort lauert ihr auf! Acheronta
movebo: eine alte Entscheidung. « Dieses Zitat wurde schon vor Freud
von Bismarck sehr geschätzt, der es in seinen Gedanken und Erinnerun­
gen wiederholt verwendet (vgl. Carl Schmitt, Theorie des Partisanen,
Berlin 1963, S.45).
2 Robert Walpole, erster Graf von Orford (1676-1745), Führer der Whig­
Partei, der von 1720 bis 1742 die Funktionen des »Premierministers«
ausübte (First Lord of the Treasury und Chancellor of the Exchequer);
seine Regierung war von einem Pragmatismus geprägt: Er bestach das
Parlament mit dem Ziel, die politische Ruhe zu wahren.
3 Vgl. die Präzisierung, die Foucault weiter unten gibt, S. 25: » Er hat das,
glaube ich, in den Jahren um 1740 gesagt. « Die Formel ist als Walpoles
Devise bekannt, wie es verschiedene Äußerungen seines Sohnes Horace
bezeugen: vgl. etwa Letters, Bd. VIII, London/New York, Lawrence and
Bullen, G.P. Putnam's Sons, 1903, S. 121. Vgl. auch L. Stephen, History
of English Thought in the Eighteenth Century, London, Smith & Eider,
1902 [Reprint: Thoemmes Antiquarian Books, Bristol 1991, Bd.2,

44
S. 168). Die Wendung stammt von Sallust, De conjuratione Catilinae,
21,1: »Postquam accepere ea homines, quibus mala abunde monia erant,
sed neque res neque spes bona ulla, tametsi illis quieta movere magna
merces videbantur« (»Als die Leute, die jedes Übel im Übermaß besa-·
ßen, aber weder jetzt noch künftig etwas Gutes erwarten konnten, diese
Parolen vernommen hatten, erschien ihnen zwar schon die Anstiftung
von Unruhen als großer Gewinn«, Die Verschwörung des Catilina, über­
setzt von Josef Lindauer, Reinbek 1973, S. 31). Sie illustriert die Regel,
die dem common law eigentümlich war, nach der man sich in rechtlichen
Angelegenheiten an das halten soll, was beschlossen wurde, und das Be­
stehende nicht verändern soll ( »stare decisis« und »quieta non movere«).
Sie wird ebenfalls von Friedrich A. von Hayek zitiert, The Constitution
of Liberty, London: Roucledge & Kegan Paul, 1960; Neuausg. 1976,
S. 410: »Quieta non movere mag zu Zeiten für den Staatsmann eine kluge
Maxime sein, aber sie kann den Sozialphilosophen nicht befriedigen«
(dt. Die Verfassung der Freiheit, Tübingen 1971, S.496).
4 Vgl. Paul Veyne, »Foucault revolutioniert die Geschichte«, in: Com­
ment on ecrit l'histoire, Paris, Seuil, »Points Histoire«, 1979 [Erweiterte
Fassung der Ausgabe Paris, Seuil, 1971), S. 227-230, über diesen metho­
dologischen Nominalismus im Hinblick auf die Formel »der Wahnsinn
existiert nicht«. Da der Text von P. Veyne 1978 geschrieben wurde,
scheint es, daß Michel Foucault hier den Dialog mit dem Autor von Brot
und Spiele fortsetzt, dem er seine Verehrung in der Vorlesungsreihe des
Vorjahrs erwiesen hat (vgl., Sicherheit, Territorium, Bevölkerung,
Frankfurt/M. 2004 [im folgenden zitiert als: STB], Vorlesung 9 vom 8.
März 1978, S. 348). Siehe auch die Bemerkungen von Michel Foucault
über dasselbe Thema in der fünften Vorlesung dieser Reihe (8. Februar_
1978), S. 196, Anm. 10. Die Kritik an den Universalien wird wieder be­
kräftigt in dem Aufsatz »Foucau!t«, der unter dem Pseudonym von
Maurice Florence im Dictionnaire des philosophes von Denis Huismans
1984 erschienen ist (abgedruckt in: M. Foucau!t, Dits et Ecrits, 4 Bde.,
Paris, Gallimard, 1984, Bd. 4, S. 634 [dieser Band, der in deutscher Über­
setzung noch nicht vorliegt, wird im folgenden zitiert als: DE. Auch
Hinweise auf die französische Ausgabe erfolgen mit diesem Kürzel]):
Die erste methodische Entscheidung, die von der »Frage nach den Be­
ziehungen zwischen Subjekt und Wahrheit« nahegelegt wurde, bestand
in »einem systematischen Skeptizismus gegenüber allen anthropologi­
schen Universalien. «
5 Michel Foucau!t kommt auf diese Frage in den folgenden Vorlesungen
dieser Reihe nicht zurück.
6 Vgl. M. Foucau!t, STB, Vorlesungen 9, 10 und 11.
7 Vgl. ebd., Vorlesung 4, S. 163.
8 Vgl. die Vorlesung des Jahres 1975-1976, »In Verteidigung der Gesell­
schaft«, Frankfurt/M. 1999.
9 Jeremy Bentham (1748-1832), Method and Leading Features of an Insti-

45
tute of Political Economy (including finance) considered not only as a
science but as an art ( 1800-1804), in:]eremy Bentham 's Economic Writ­
ings, hrsg. von W. Stark, London, G. Allen & Unwin, 1954, Bd.III,
S. 305-380. Im Abschnitt »Genesis of the Matter of Wealth« am Ende
des ersten Teils, der mit »The Science« überschrieben ist, führt Bent­
ham seine berühmte Unterscheidung von sponta acta, agenda und non
agenda ein, die die drei folgenden Kapitel (»Wealthe«, »Population«
und »Finance«) des folgenden Teils »The Art« strukturiert. Die sponta
acta sind die ökonomischen Aktivitäten, die die Mitglieder einer Ge­
meinschaft spontan entwickeln, ohne daß eine Regierung einzugreifen
hätte. Die agenda und non agenda bezeichnen die ökonomischen Tä­
tigkeiten der Regierung, die dazu führen oder eben nicht dazu führen,
daß das Glück (die Maximierung der Freuden und die Minimierung der
Leiden), das zugleich das Ziel einer jeden politischen Handlung ist, ver­
größert wird. Die Aufteilung der Bereiche zwischen diesen drei Klas­
sen variiert je nach Zeit und Ort, wobei die Ausweitung der sponte acta
abhängig von der ökonomischen Entwicklung des Landes ist. Michel
Foucault verweist in der 8. Vorlesung nochmals auf Benthams Liste der
agenda, kommt aber auf den zitierten Text nicht noch einmal zu spre­
chen (es sei denn in indirekter Weise am Ende der 3. Vorlesung im Zi..:­
sammenhang des Panoptismus als allgemeiner Formel der liberalen Re­
gierung). Vgl. Pierre Rosanvallon, La Crise de l'Etat-pr=idence, Paris,
Seuil, 1981, Neuausg. in der Reihe »Points Politique«, 1984, S.69-71.
10 Die Formel »nicht zu viel regieren« stammt vom Marquis d'Argenson.
Vgl. unten, Anm. 13 ff. Vgl. auch Benjamin Franklin, Principes du com­
merce, zitiert und übersetzt von E. Laboulaye in seiner Einführung zu
einem Band mit Texten Franklins: Essais de morale et d'economie politi­
que, Paris, Hachette, 5. Aufl. 1883, S. 8: » Ein trefflicher [französischer]
Schriftsteller sagt, daß jener in der Wissenschaft der Politik sehr fortge­
schritten sei, die ihre ganze Kraft aus der Maxime ,Regieren Sie nicht zu
viel, bezieht; eine Maxime, die vielleicht den Handel noch mehr betrifft
als jedes andere öffentliche Interesse. « (Laboulaye verweist in einer
Anmerkung auf Quesnay.)
11 Dieser Artikel wurde erstmals im Band V der Enzyklopädie, S. 337-
349, gedruckt, der im November 175 5 erschien. Vgl. Jean-Jacques
Rousseau, CEuvres completes, Paris, Gallimard, Pleiade, Bd. III, 1964,
S. 241-2 78; dt. »Abhandlung über die Politische Ökonomie«, übersetzt
von Heinz Hohenwald, in : Jean-Jacques Rousseau, Kulturkritische und
politische Schriften, 2 Bde., Bd. I, Berlin 1989, S, 335-380. Vgl. zu diesem
Text auch M. Foucault, STB, Vorlesung 4.
12 Vgl. P. P. F.J. H. Le Mercier de la Riviere, L'ordre nature! et essentiel des
societes politiques, London, bei Jean Nourse, und Paris, bei Desaint,
1767 (ohne Autorenname), Kap.24: »Über den legalen Despotismus«
(dieser Text wurde im 20.Jahrhundert zweimal wiederaufgelegt: Col­
lection des economistes et des reformateurs sociaux de la France, Paris
1910, und Corpus des ceuvres de philosophie en langue franraise, Paris
2000).
1 3 Rene-Louis de Voyer,Marquis d'Argenson ( r 694-1757), Staatssekretär
für Auslandsangelegenheiten von 1744-1747,AutorvonJournal et Me­
moire, herausgegeben von J. B. Rathery, Paris, Renouard,1862 (eine er­
ste; sehr unvollständige Ausgabe war 1835 in der Aufsatzsammlung
von Baudouin über die französische Revolution erschienen), und von
Considerations sur le gouvernement ancien et present de la France, Am­
sterdam 1764. Er war zusammen mit dem Abt von Saint-Pierre eines
der eifrigen Mitglieder des Club de l'Entresol, der 1720 auf Initiative
des Abts Alary gegründet wurde und den Kardinal Fleury 1731 schlie­
ßen ließ. Der Ausdruck »Laissez faire« taucht schon wiederholt in der
Skizze einer Abhandlung über die Handelsfreiheit auf,die vom 31. Juli
1742 datiert ist.
14 Vgl. L.-P. Abeille, Lettre d'un negociant sur le commerce des grains,
1763,S. 23 (Neuausg., Paris, P. Geuthner,S. 103): »Ich kann diesen Brief
nicht besser beenden als dadurch, daß ich auf den Weizenhandel im Be­
sonderen das anwende, was ein Händler aus Rouen zu Michel Colbert
im allgemeinen sagte: Lassen Sie uns nur machen. «
15 Michel Foucault bezieht sich im folgenden nicht mehr auf diesen Text.
16 D' Argenson, »Lettre a l'auteur du Journal economique au sujet de la
Dissertation sur le commerce de M. le Marquis Belloni«, in:Journal eco­
nomique, April 1751, S. 107-u7; wiederabgedruckt in: Gerard Klotz
(Hrsg.), Politique et Economie au temps des Lumii:res, Publications de
l'Universite de Saint-Etienne, Saint-Etienne 1995, S.41-44: »Man er­
zählt, daß Michel Colbert mehrere Handelsvertreter bei sich versam­
melte,um sie zu fragen, was er für den Handel tun könnte; der vernünf­
tigste und am wenigsten schmeichlerische unter ihnen sagte ihm diesen
einen Satz: Lassen Sie uns nur machen. Hat man jemals genügend über
den tiefen Sinn dieses Satzes nachgedacht. Das ist nur der Versuch eines
Kommentars« (S.42). Le Gendres Name wird im r 8. Jahrhundert zum
ersten Mal in L'eloge de Gournay von Turgot, geschrieben 1759, er­
wähnt (»Man kennt den von Le Gendre an Colbert gerichteten Aus­
spruch: Lassen Sie uns nur machen«, in: CEuvres de Turgot, Bd. I, Paris
1844,S. 288; Turgot, Formation et distribution des richesses, Paris, Gar­
nier Flammarion,1997,S.150-151). -D'Argenson ist auch der Urheber
der Maxime »nicht zu viel regieren«. Vgl. Georges Weulersse, Le mou­
vement physiocratique en France, 2 Bde., Paris, Felix Alcan 1910, S. 17-
18, der diesen Auszug aus der Würdigung zitiert, die in den Ephemeri­
des du citoyen, Juli 1768, S. r 56 erschien: » Er hatte ein Buch verfaßt,
dessen Gegenstand und Titel hervorragend waren: nicht zu viel regie­
ren«. Er selbst behauptet, eine Abhandlung mit dem Titel Pour gouver­
ner mieux, ilfaudrait gouvemer moins geschrieben zu haben (Memoires
et Journal, a. a. 0., Bd. V, S. 362; zitiert von August Oncken, Die Ma­
xime »Laissez faire et laissez passen,, Bern 1886, S. 58).

47
17 D'Argenson, »Lettre a l'auteur« a.a.O., S.44: »Ja, die geregelte und
aufgeklärte Freiheit wird für den Handel einer Nation immer mehr er­
reichen als die klügste Herrschaft. « Er verteidigt dieselbe Position im
Hinblick auf den Getreidehandel in einem anderen Artikel im Journal
economique aus dem Mai 1754 (S.64-79): »Argumente zugunsten der
Freiheit des Getreidehandels« (wiederabgedruckt in: Gerard • Klotz
(Hrsg.), Politique et Economie au temps des Lumieres, a. a. 0., s:4 5-54).
18 Helmut Schmidt (1918-): seit 1953 SPD-Abgeordneter im Bundestag.
Im Mai 1974 wurde er Kanzler nach dem Rücktritt von Willy Brandt.
Nach einem Mißtrauensvotum trat er 1982 seine Stelle an Helmut Kohl
ab.
Vorlesung 2
(Sitzung vom 17. Januar 1979)

Der Liberalismus und die Etnrichtung einer neuen Regierungskunst


im I 8. Jahrhundert. - Die spezifischen Merkmale der liberalen
Regierungskunst: (1) Die Konstitution des Marktes als Ort der
Wahrheitsbildung und nicht nur als Anwendungsfeld der
Rechtsprechung. - Methodenfragen. Worum es bei den
Untersuchungen geht, die im Umfeld des Wahnsinns, der Strafbarkeit
und der Sexualität vorgenommen wurden: Skizze einer Geschichte
der »Herrschaftsformen der wahren Aussage«. - Worin eine politische
Kritik des Wissens bestehen muß. - (2) Das Problem der Begrenzung
der Ausübung öffentlicher Gewalt. Die beiden Arten von Lösungen:
Der französische juridische Radikalismus und der englische
Utilitarismus. - Die Frage der »Nützlichkeit« und die Begrenzung
der Ausübung öffentlicher Gewalt. - Bemerkung über den Status des
Heterogenen in der Geschichte: Die Logik der Strategie gegenüber
der dialektischen Logik. - Der Begriff des »Interesses« als Operator
der neuen Regierungskunst.

Ich möchte gerne die Thesen oder Hypothesen etwas ausdiffe­


renzieren, die ich letztes Mal über die Regierungskunst vorge­
bracht habe, über das, was ich für eine neue Regierungskunst
halte, die sich ungefähr in der Mitte des r 8. Jahrhunderts zu
bilden, zu reflektieren und abzuzeichnen begann. Ich glaube,
daß diese neue Regierungskunst wesentlich durch die Einfüh­
rung von Mechanismen gekennzeichnet ist, die zugleich intern,
zahlreich und vielgestaltig sind, die jedoch zum Ziel haben -
darin, wenn Sie so wollen, liegt der Unterschied gegenüber der
Staatsräson - diese Mechanismen haben zum Ziel, nicht sosehr
das Wachstum des Staates an Kraft, Reichtum und Macht, also
[das] unbegrenzte Wachstum des Staates sicherzustellen, son�
dem von innen her die Ausübung der Regierungsmacht zu be­
grenzen.
Ich glaube, daß diese Regierungskunst im Hinblick auf ihre
Mechanismen, auf ihre Wirkungen und auf ihr Prinzip gewiß

49
neu ist. Sie ist es aber nur bis zu einem bestimmten Punkt, denn
man darf sich nicht vorstellen, daß diese Regierungskunst die
Unterdrückung, die Auslöschung, die Abschaffung, die Aufhe­
bung, wenn Sie so wollen, dieser Staatsräson darstellen würde,
von der ich letztes Mal zu sprechen versucht habe. In der Tat
darf man nicht vergessen, daß diese neue Regierungskunst oder
auch diese Kunst, sowenig wie möglich zu regieren, diese
Kunst, zwischen einem Maximum und einem Minimum zu re­
gieren, und zwar mehr in der Richtung des Minimums als in
der des Maximums, nun, man sollte wohl in Betracht ziehen,
daß diese Kunst eine Art von Verdoppelung oder, sagen wir,
eine innere Ausdifferenzierung der Staatsräson ist. Sie ist ein
Prinzip ihrer Erhaltung, ihrer vollständigeren Entwicklung,
ihrer Vervollkommnung. Sagen wir, daß sie nicht etwas anderes
als die Staatsräson ist, daß sie nicht ein äußerliches und vernei­
nendes Element gegenüber der Staatsräson ist, sondern vie!­
mehr der Wendepunkt der Staatsräson auf dem Weg ihrer Ent­
wicklung. Ich werde sagen, um einen Begriff zu prägen, der die
Sache nicht ganz trifft, daß sie die Vernunft des minimalen
Staats im Inneren ist und daß sie als Organisationsprinzip der
Staatsräson selbst wirkt, wir können auch sagen: Es ist die Ver­
nunft der minimalen Regierung als Organisationsprinzip der
Staatsräson selbst. Es gab jemanden - leider habe ich das in
meinen Aufzeichnungen nicht wiederfinden können, aber ich
werde es wiederfinden und Ihnen dann sagen - es gab jeman­
den, der am Ende des I 8. Jahrhunderts von einer »genügsamen
Regierung« sprach. 1 Nun, ich glaube, daß man in diesem Au­
genblick in eine Epoche eintritt, die man die Epoche der ge­
nügsamen Regierung nennen könnte, was natürlich notwendi­
gerweise eine gewisse Reihe von Paradoxien aufwirft, da sich
während dieser Periode der genügsamen Regierung, die im
18. Jahrhundert eingeleitet wurde und die wir wohl noch nicht
verlassen haben, eine ganze Regierungspraxis entwickeln wird,
die zugleich extensiv und intensiv ist, mit den negativen Aus­
wirkungen, mit den Widerständen, den Revolten usw., die man
gerade gegenüber den Übergriffen einer Regierung kennt, die
von sich sagt, sie sei genügsam, und sich auch so versteht. Sagen
wir Folgendes: Diese extensive und intensive Entwicklung der
Regierung, die sich dennoch als genügsam versteht, hat nicht
aufgehört - und in diesem Sinne kann man sagen, daß wir uns
im Zeitalter der genügsamen Regierung befinden -, sie hat
nicht aufgehört, von außen und von innen von der Frage des
Zuviel und des Zuwenig heimgesucht zu werden. Wenn ich den
Dingen ein wenig Gewalt antue und sie karikiere, würde ich
Folgendes sagen: Was auch immer die Ausdehnung und auch
die intensive Entwicklung dieser Regierung tatsächlich sein
mag, die Frage nach der Genügsamkeit stand im Zentrum der
Überlegungen.'' Die Frage nach der Genügsamkeit hat, auch
wenn sie eine andere Frage nicht ersetzt hat, sie doch zumin­
dest überholt und bis zu einem bestimmten Punkt zurück oder
an den Rand gedrängt, nämlich die, die im Gegensatz hierzu
das politische Denken des 16. und 17. und noch am Beginn des
18. Jahrhunderts heimgesucht hat und die die Frage nach der
Verfassung war. Die Monarchie, Aristokratie, Demokratie
usw., alle diese Fragen verschwinden deshalb natürlich nicht.
Aber sosehr das im 17. und 18.Jahrhundert die grundlegenden
Fragen waren, ich wollte gerade sagen, die Kardinalfragen, so­
sehr ist doch die Frage nach der Genügsamkeit der Regierung
seit dem Ende des 18., während des ganzen 19.Jahrhunderts
und natürlich heute mehr denn je wohl das Grundproblem.
[Die] Frage der Genügsamkeit der Regierung ist gerade die
Frage des Liberalismus. Nun möchte ich zwei oder drei Punkte
aufnehmen, die ich letztes Mal angesprochen hatte, um zu ver­
suchen, sie zu präzisieren und sie auszudifferenzieren.
Ich hatte versucht, Ihnen letztes Mal zu zeigen, daß diese Idee,
dieses Thema oder vielmehr dieses regulative Prinzip einer ge­
nügsamen Regierung sich im Ausgang davon gebildet hat, was
ich grob gesagt als Anschluß an die Staatsräson und den Kalkül
der Staatsräson, einer bestimmten Herrschaft der Wahrheit be­
zeichnet habe, die ihren Ausdruck und ihre theoretische For-

* Michel Foucault fügt hinzu: »und die man ihr aufgesetzt hat. «
mulierung in der politischen Ökonomie fand. Das Erscheinen
der politischen Ökonomie und das Problem der minimalen
Regierung waren, wie ich Ihnen zu zeigen versucht habe, mit­
einander verbunden. Ich glaube jedoch, daß man versuchen
sollte, den Charakter dieses Anschlusses etwas mehr zu präzi­
sieren. Wenn ich von einem Anschluß der politischen Ökono­
mie an die Staatsräson spreche, heißt das, daß die politische
Ökonomie ein bestimmtes Regierungsmodell vorgeschlagen
hat? Heißt das, daß die Staatsmänner im großen ganzen sich
mit der politischen Ökonomie vertraut gemacht haben oder
begannen, auf die Ökonomen zu hören? Ist das ökonomische
Modell zum Organisationsprinzip der Regierungspraxis ge­
worden? Offensichtlich ist es nicht das, was ich gemeint habe.
Was ich meinte, worauf ich hinzuweisen versuchte, ist etwas,
das von etwas anderer Natur ist und auf einer etwas anderen
Ebene liegt. Es handelt sich um Folgendes - das Prinzip dieses
Anschlusses, das ich zu bestimmen versuche, diese Verbindung
zwischen Regierungspraxis und der Herrschaft [regime] der
Wahrheit.[...] Was ich meine, wäre also, daß es etwas gab, das
innerhalb der Funktionsweise der Regierung, der Regierungs­
praxis des 16. und 17.Jahrhunderts und auch schon des Mittel­
alters einen bevorzugten Gegenstand der Intervention, der Re­
gelung durch die Regierung darstellte, etwas, das bevorzugter
Gegenstand der Wachsamkeit und der Interventionen der Re­
gierung war. Es ist dieser Ort selbst, und nicht die ökonomi­
sche Theorie, der ab dem 18. Jahrhundert ein Ort und ein Me­
chanismus zur Bildung von Wahrheit werden wird. Man wird
erkennen, daß man diesen Ort der Wahrheitsbildung, [anstatt]
ihn fortwährend mit einer unbestimmt reglementierenden
Gouvernementalität zu sättigen, einfach sich selbst überlassen
muß, mit sowenig Interventionen wie möglich, gerade damit er
sowohl seine Wahrheit formulieren und sie der Regierungspra­
xis als Regel und Norm vorschlagen kann. Dieser Ort der
Wahrheit ist wohlgemerkt nicht der Kopf der Ökonomen, son­
dern der Markt.
Sagen wir die Dinge deutlicher. Der Markt, in einem sehr allge-
meinen Sinn dieses Begriffs, war, so wie er im Mittelalter, im 16.
und 17. Jahrhundert funktioniert hat, im wesentlichen ein Ort
der Gerechtigkeit, um es in einem Wort auszudrücken. Ein Ort
der Gerechtigkeit in welchem Sinne? In mehreren Hinsichten.
Zunächst war er natürlich ein Ort, der mit einer äußerst stren­
gen und ausufernden Reglementierung belegt war: eine Regle­
mentierung bezüglich der Dinge, die zu den Märkten gebracht
wurden, bezüglich der Art der Herstellung dieser Dinge, be­
züglich des Ursprungs dieser Produkte, bezüglich der Abga­
ben, die man entrichten mußte, bezüglich der Verkaufsproze­
duren und natürlich auch bezüglich der festgesetzten Preise.
Der Markt war also ein mit Reglementierungen belegter Ort.
Er war auch ein Ort der Gerechtigkeit in dem Sinne, daß der
Verkaufspreis, der auf dem Markt festgesetzt wurde, übrigens
sowohl von den Theoretikern als auch von den Praktikern als
ein gerechter Preis oder jedenfalls als ein Preis, der gerecht2
sein sollte, angesehen wurde, d. h. als ein Preis, der in einem
bestimmten Verhältnis zur geleisteten Arbeit, zu den Bedürf­
nissen der Händler und natürlich zu den Bedürfnissen und
Möglichkeiten der Konsumenten stehen sollte. Ein Ort der
Gerechtigkeit in dem Maß, daß der Markt ein privilegierter Ort
der Verteilungsgerechtigkeit sein sollte, weil, wie Sie wissen;
die Regeln des Marktes, zumindest für den Markt einer Reihe
von Grundprodukten wie Nahrungsmittel, geboten, daß man
sich arrangierte, damit zumindest manche der ärmeren Leute,
wenn auch nicht die ganz Armen, genauso wie die ganz Rei­
chen Sachen kaufen könnten. Dieser Markt war also in diesem
Sinne ein Ort der Verteilungsgerechtigkeit. Schließlich war es
ein Ort der Gerechtigkeit insofern, als das, was auf dem Markt,
durch den Markt oder vielmehr durch die Regeln des Marktes
im wesentlichen gewährleistet werden sollte, worin bestand?
In der Wahrheit der Preise, wie wir heute sagen würden? Kei­
neswegs. Was sichergestellt werden sollte, war die Abwesen­
heit des Betrugs. Mit anderen Worten, der Schutz des Käufers.
Die Regelung des Marktes hatte also einerseits die soweit wie
möglich gerechte Verteilung der Güter zum Ziel und anderer-

53
seits die Vermeidung des Diebstahls, des Delikts. Anders ge­
sagt, der Markt wurde zu jener Zeit im Grunde als ein Risiko
angesehen, das der Händler möglicherweise auf der einen Seite
einging, aber ganz gewiß der Käufer auf der anderen Seite. Und
man mußte den Käufer vor der Gefahr schützen, die eine
schlechte Ware darstellte, und vor dem Betrug dessen, der sie
verkaufte. Man mußte also die Abwesenheit des Betrugs si­
cherstellen, und zwar im Hinblick auf den Charakter der
Waren, ihre Qualität usw. Dieses System - Reglementierung,
gerechter Preis, Bestrafung des Betrugs - stellte also sicher, daß
der Markt wesentlich ein Ort der Gerechtigkeit war und auch
wirklich so funktionierte, ein Ort, an dem im Tausch und im
Preis etwas erscheinen sollte, das die Gerechtigkeit war. Sagen
wir, daß der Markt ein Ort der Rechtsprechung war. Nun
vollzieht sich genau an dieser Stelle aus einer Reihe von
Gründen der Wandel, auf den ich gleich zu sprechen kommc.1
werde. Der Mark t erschien in der Mitte des 18.Jahrhunderts
so, als ob er kein Ort der Rechtsprechung mehr war, oder
vielmehr so, als ob er keiner mehr zu sein brauchte. Der Markt
erschien einerseits als etwas, das »natürlichen« >:- Mechanismen
gehorchte und gehorchen sollte, d. h. spontanen Mechanismen,
auch wenn man nicht in der Lage ist, sie in ihrer Komplexität
zu erfassen, die aber spontan sind, so spontan, daß, wenn man
sie modifizieren wollte, man sie nur verschlechtern und
verderben könnte. Andererseits - und in diesem zweiten Sinne
wird der Markt zu einem Ort der Wahrheit-läßt er nicht nur die
natürlichen Mechanismen in Erscheinung treten, sondern wenn
man diesen natürlichen Mechanismen über den Markt hinaus
freien Lauf läßt, dann ermöglichen diese Mechanismen die
Bildung eines bestimmten Preises, den Boisguilbert3 den
»natürlichen« Preis nennen wird, den die Physiokraten den
» angemessenen Preis«4 nennen werden und den man in der
Folge den »normalen Preis«5 nennen wird. Darauf kommt es
am Ende nicht so sehr an, also ein bestimmter natürlicher,
angemessener,
.,. Im Manuskript in Anführungszeichen.

54
normaler Preis, der das angemessene Verhältnis, ein bestimm­
tes angemessenes Verhältnis zwischen den Produktionskosten
und der Höhe der Nachfrage ausdrücken wird. Wenn man dem
Markt in seinem eigenen Wesen, in seiner natürlichen Wahr­
heit, wenn Sie so wollen, freien Lauf läßt, ermöglicht er,
daß sich ein bestimmter Preis bildet, den man metaphorisch
den wahren Preis nennen wird, den man manchmal immer
noch den gerechten Preis nennt, der jedoch überhaupt nicht
mehr jene Nebenbedeutung der Gerechtigkeit an sich hat. Es
wird ein Preis sein, der um den Wert des Produkts herum
schwankt.
Die Bedeutung der ökonomischen Theorie, ich meine der
Theorie, die im Diskurs der Ökonomen begründet wurde und
sich in ihren Köpfen gebildet hat, also die Bedeutung dieser
Theorie über das Verhältnis von Preis und Wert ergibt sich aus
der Tatsache, daß gerade sie der ökonomischen Theorie gestat­
tet, auf etwas hinzuweisen, das nun grundlegend sein wird,
nämlich daß der Markt so etwas wie eine Wahrheit enthüllen
soll. Natürlich nicht, daß die Preise im strengen Sinne wahr
sind, daß es wahre und falsche Preise gibt, das nicht. Sondern
was man in diesem Moment entdeckt, und zwar sowohl in der
Regierungspraxis als auch in der Reflexion auf diese Praxis, ist,
daß die Preise, insofern sie den natürlichen Mechanismen des
Markt�s entsprechen, einen Wahrheitssrandard bilden werden,
der es ermöglicht, bei den Regierungspraktiken die richtigen
von den falschen zu unterscheiden. Mit anderen Worten, der
natürliche Mechanismus des Marktes und die Bildung eines
natürlichen Preises werden gestatten - wenn man von ihnen
ausgebend die Regierungshandlungen, die ergriffenen
Maßnahmen, die erlassenen Regeln betrachtet -, die
Regierungspraxis zu falsifizieren und zu verifizieren. Insofern
der Markt durch den Tausch ermöglicht, die Produktion, den
Bedarf, das Angebot, die Nachfrage, den Wert, den Preis usw.
miteinander zu verknüpfen, stellt er in diesem Sinne einen
Ort der Entscheidung über die Wahrheit dar, ich meine einen
Ort der Verifikation und Falsifikation der Regierungspraxis. 6
Folglich ist es der
55
seits die Vermeidung des Diebstahls, des Delikts. Anders ge­
sagt, der Markt wurde zu jener Zeit im Grunde als ein Risiko
angesehen, das der Händler möglicherweise auf der einen Seite
einging, aber ganz gewiß der Käufer auf der anderen Seite. Und
man mußte den Käufer vor der Gefahr schützen, die eine
schlechte Ware darstellte, und vor dem Betrug dessen, der sie
verkaufte. Man mußte also die Abwesenheit des Betrugs si­
cherstellen, und zwar im Hinblick auf den Charakter der Wa­
ren, ihre Qualität usw. Dieses System - Reglementierung, ge­
rechter Preis, Bestrafung des Betrugs - stellte also sicher, daß
der Markt wesentlich ein Ort der Gerechtigkeit war und auch
wirklich so funktionierte, ein Ort, an dem im Tausch und im
Preis etwas erscheinen sollte, das die Gerechtigkeit war. Sagen
wir, daß der Markt ein Ort der Rechtsprechung war.
Nun vollzieht sich genau an dieser Stelle aus einer Reihe von
Gründen der Wandel, auf den ich gleich zu sprechen kommt..:1
werde. Der Markt erschien in der Mitte des 18.Jahrhunderts
so, als ob er kein Ort der Rechtsprechung mehr war, oder viel­
mehr so, als ob er keiner mehr zu sein brauchte. Der Markt er­
schien einerseits als etwas, das »natürlichen«* Mechanismen
gehorchte und gehorchen sollte, d. h. spontanen Mechanismen,
auch wenn man nicht in der Lage ist, sie in ihrer Komplexität
zu erfassen, die aber spontan sind, so spontan, daß, wenn man
sie modifizieren wollte, man sie nur verschlechtern und verder­
ben könnte. Andererseits - und in diesem zweiten Sinne wird
der Markt zu einem Ort der Wahrheit-läßt er nicht nur die na­
türlichen Mechanismen in Erscheinung treten, sondern wenn
maq diesen natürlichen Mechanismen über den Markt hinaus
freien Lauf läßt, dann ermöglichen diese Mechanismen die Bil­
dung eines bestimmten Preises, den Boisguilbert3 den »natürli­
chen« Preis nennen wird, den die Physiokraten den »angemes­
senen Preis«4 nennen werden und den man in der Folge den
»normalen Preis« 5 nennen wird. Darauf kommt es am Ende
nicht so sehr an, also ein bestimmter natürlicher, angemessener,

'' Im Manuskript in Anführungszeichen.

54
normaler Preis, der das angemessene Verhältnis, ein bestimm­
tes angemessenes Verhältnis zwischen den Produktionskosten
und der Höhe der Nachfrage ausdrücken wird. Wenn man dem
Markt in seinem eigenen Wesen, in seiner natürlichen Wahr­
heit, wenn Sie so wollen, freien Lauf läßt, ermöglicht er,
daß sich ein bestimmter Preis bildet, den man metaphorisch
den wahren Preis nennen wird, den man manchmal immer
noch den gerechten Preis nennt, der jedoch überhaupt nicht
mehr jene Nebenbedeutung der Gerechtigkeit an sich hat. Es
wird ein Pre1s sein, der um den Wert des Produkts herum
schwankt.
Die Bedeutung der ökonomischen Theorie, ich meine der
Theorie, die im Diskurs der Ökonomen begründet wurde und
sich in ihren Köpfen gebildet hat, also die Bedeutung dieser
Theorie über das Verhältnis von Preis und Wert ergibt sich aus
der Tatsache, daß gerade sie der ökonomischen Theorie gestat­
tet, auf etwas hinzuweisen, das nun grundlegend sein wird,
nämlich daß der Markt so etwas wie eine Wahrheit enthüllen
soll. Natürlich nicht, daß die Preise im strengen Sinne wahr
sind, daß es wahre und falsche Preise gibt, das nicht. Sondern
was man in diesem Moment entdeckt, und zwar sowohl in der
Regierungspraxis als auch in der Reflexion auf diese Praxis, ist,
daß die Preise, insofern sie den natürlichen Mechanismen des
Marktes entsprechen, einen Wahrheitsstandard bilden werden,
der es ermöglicht, bei den Regierungspraktiken die richtigen
von den falschen zu unterscheiden. Mit anderen Worten, der
natürliche Mechanismus des Marktes und die Bildung eines na­
türlichen Preises werden gestatten - wenn man von ihnen aus­
gehend die Regierungshandlungen, die ergriffenen Maßnah­
men, die erlassenen Regeln betrachtet -, die Regierungspraxis
zu falsifizieren und zu verifizieren. Insofern der Markt durch
den Tausch ermöglicht, die Produktion, den Bedarf, das Ange­
bot, die Nachfrage, den Wert, den Preis usw. miteinander zu
verknüpfen, stellt er in diesem Sinne einen Ort der Entschei­
dung über die Wahrheit dar, ich meine einen Ort der Verifika­
tion und Falsifikation der Regierungspraxis.6 Folglich ist es der

55
Markt, der bestimmen wird, daß eine gute Regierung nicht ein­
fach mehr nur eine Regierung ist, die sich nach der Gerechtig­
keit richtet. Der Markt wird bestimmen, daß die gute Regie­
rung nicht einfach mehr nur eine gerechte Regierung ist. Der
Markt wird bestimmen, daß die Regierung sich jetzt nach der
Wahrheit richten muß, um eine gute Regierung sein zu können.
Die politische Ökonomie verdankt also ihre privilegierte Rolle
in dieser ganzen Geschichte und bei der Bildung einer neuen
Regierungskunst nicht der Tatsache, daß sie der Regierung eine
angemessene Art des Verhaltens diktieren würde. Die politi­
sche Ökonomie war bis in ihre theoretische Formulierung hin­
ein in dem Maß von Bedeutung - zwar nur in dem Maß, aber
das ist beträchtlich -, wie sie angegeben hat, wo die Regierung
das Prinzip der Wahrheit ihrer eigenen Regierungspraxis fin­
den sollte. Sagen wir es in einfachen und groben Begriffen: Der
Markt wird von einem Ort der Rechtsprechung, der er noch
bis zum Beginn des I 8. Jahrhunderts war, durch alle jene Ver­
fahrensweisen, die ich übrigens letztes Jahr im Zusammenhang
mit der Knappheit, den Getreidemärkten usw. 7 angesprochen
habe, zu einem Ort, den ich den Ort des Wahrspruchs oder der
Veridiktion nennen werde. Der Markt soll die Wahrheit sagen,
er soll die Wahrheit im Hinblick auf die Regierungspraxis sa­
gen. Seine Rolle der Veridiktion wird künftig und auf einfach
sekundäre Weise die juristischen Mechanismen, zu denen der
Markt Stellung beziehen soll, anordnen, diktieren, vorschrei­
ben, oder die Abwesenheit dieser Mechanismen, über die er
sich zu äußern hat, bestimmen.
Als ich von der Kopplung sprach, die sich im 18.Jahrhundert
zwischen einer bestimmten Herrschaft der Wahrheit und einer
neuen gouvernementalen Vernunft vollzog, und zwar in Ver­
bindung mit der politischen Ökonomie, meinte ich also keines­
wegs, daß sich auf der einen Seite ein wissenschaftlicher und
theoretischer Diskurs gebildet hätte, der die politische Ökono­
mie gewesen wäre, und daß dann die Regierenden auf der ande­
ren Seite entweder von dieser politischen Ökonomie verführt
worden oder verpflichtet gewesen wären, sie aufgrund irgend-
eines Drucks dieser oder jener gesellschaftlichen Gruppe zu
berücksichtigen. Ich meinte, daß der Markt, der seit sehr langer
Zeit ein bevorzugter Gegenstand der Regierungspraxis war
und der im 16. und 17.Jahrhundert unter der Herrschaft einer
Staatsräson und eines Merkantilismus, der gerade aus dem
Handel eines der wichtigsten Instrumente der Staatsmacht
machte, noch mehr bevorzugt wurde, daß also der Markt sich
zu einem Ort der Veridiktion konstituiert hatte.Und dies nicht
nur bloß und nicht sosehr deshalb, weil man in das Zeitalter der
Handelswirtschaft eingetreten wäre - das stimmt zwar, aber es
besagt nichts Genaues -, nicht weil die Leute eine rationale
Theorie des Marktes entwerfen wollten - das haben sie zwar
getan, aber es reichte nicht aus. Um zu verstehen, wie der
Markt in seiner Wirklichkeit für die Regierungspraxis ein Ort
der Veridiktion geworden ist, müssen wir darlegen, was ich ge­
wissermaßen eine polygonale oder polyedrische Beziehung
zwischen folgenden Faktoren nennen würde: eine bestimmte
monetäre Situation im 18.Jahrhundert, ein neuer Zufluß von
Gold einerseits und eine verhältnismäßige Stabilität der Geld­
sorten [andererseits], ein kontinuierliches wirtschaftliches und
demographisches Wachstum zur selben Zeit, die Intensivie­
rung der landwirtschaftlichen Produktion, der Zugang, den
eine gewisse Anzahl von Technikern zur Regierungspraxis hat­
ten, die zugleich Träger von Methoden und Instrumenten der
Reflexion waren, und schließlich die theoretische Formulie­
rung einer Reihe von ökonomischen Problemen.
Mit anderen Worten, ich glaube nicht, daß man die Ursache::•
der Konstitution des Marktes als Instanz der Veridiktion su­
chen muß - und infolgedessen glaube ich auch nicht, daß man
sie finden kann. Was man tun mü.ßte, wenn man dieses Phäno­
men analysieren wollte, das ich in der Geschichte der westli­
chen Gouvernementalität für absolut grundlegend halte, dieses
Eindringen des Marktes als Prinzip der Veridiktion, [wäre] ein­
fach, diesen Prozeß verständlich8 zu machen, indem man diese

* Michel Foucault wiederholt »die Ursache«, indem er den Artikel betont.

57
verschiedenen Phänomene, die ich gerade genannt habe, zuein­
ander in Beziehung setzt. Zu zeigen, wie er möglich war, be­
deutet nicht, was in jedem Fall ein vergebliches Unterfangen
wäre, zu zeigen, daß er notwendig gewesen wäre, und auch
nicht, daß er eine Möglichkeit, eine von vielen Möglichkeiten
in einem bestimmten Feld von Möglichkeiten gewesen ist. Sa­
gen wir einfach, daß das, was es erlaubt, das Wirkliche ver­
ständlich zu machen, einfach in dem Nachweis besteht, daß es
möglich war. Zu zeigen, daß das Wirkliche möglich ist, darin
besteht sein Verständlichmachen. Sagen wir allgemein, daß wir
hier in dieser Geschichte des Marktes, der zuerst ein Markt der
Rechtsprechung und dann der Veridiktion war, eine jener un­
zähligen Überschneidungen zwischen Rechtsprechung und
Veridiktion haben, die wohl eines der Grundphänomene in der
Geschichte des modernen Abendlandes ist.
Um diese [Fragen] herum habe ich versucht, eine Reihe von
weiteren Problemen anzuordnen. Beispielsweise in bezug auf
den Wahnsinn. Das Problem bestand beispielsweise nicht darin
zu zeigen, daß sich in den Köpfen der Psychiater eine be­
stimmte Theorie oder Wissenschaft oder ein bestimmter Dis­
kurs mit Anspruch auf Wissenschaftlichkeit gebildet hätte, der
die Psychiatrie gewesen wäre und der sich konkretisiert oder
sein Anwendungsfeld innerhalb der psychiatrischen Kranken­
häuser gefunden hätte. Es ging auch nicht darum zu zeigen, wie
die Institutionen der Einsperrung, die schon lange existieren,
von einem bestimmten Moment an ihre eigene Theorie und
ihre eigene Rechtfertigung in so etwas wie dem Diskurs der
Psychiater abgesondert hätten. Es handelt sich darum, die Ge­
nese der Psychiatrie auf der Grundlage von und durch die
Institutionen der Einsperrung hindurch zu untersuchen, die
ursprünglich und wesentlich auf Mechanismen der Rechtspre­
chung im weitesten Sinne gegründet waren - da es hier um
Rechtsprechungen polizeilicher Art ging, aber das hat im Au­
genblick auf dieser Ebene keine so große Bedeutung - und die
von einem bestimmten Moment ab und unter Bedingungen,
um deren Untersuchung es gerade geht, durch Prozesse der
Veridiktion zugleich unterstützt, abgelöst, umgewandelt und
verschoben wurden.
Die Untersuchung der Strafinstitutionen bedeutete zunächst
natürlich ebenfalls, sie als Orte und Formen zu untersuchen, an
denen die Praxis der Rechtsprechung das Hauptgewicht hatte
und sozusagen autokratisch war. Wie hatte sich in diesen Straf­
institutionen, die im Grunde an eine Praxis der Rechtspre­
chung gebunden waren, eine bestimmte Praxis der Veridiktion
ausgebildet und entwickelt - natürlich in Begleitung der Kri­
minologie, der Psychologie usw., aber das ist nicht so wesent­
lich-, welche diese Frage der Veridiktion aufwarf, die im Zen­
trum des Problems der modernen Strafbarkeit steht, und zwar
bis zur Behinderung der Rechtsprechung selbst, und die die
Frage nach der Wahrheit war, die man dem Kriminellen stellte:
Wer bist du? Von dem Moment an, da die Strafpraxis die Frage:
Was hast du getan? durch die Frage: Wer bist du? ersetzt, sieht
man, daß die rechtsprechende Funktion der Strafbarkeit sich
verwandelt oder überholt wird oder schließlich untergraben
wird von der Frage nach der Veridiktion.
Die Untersuchung der Genealogie des Gegenstands »Sexuali­
tät« über eine Reihe von Institutionen hinweg bedeutete
gleichfalls, in solchen Dingen wie den Praktiken des Geständ:­
nisses, der Leitung des Gewissens, dem medizinischen Bericht
usw. den Moment auszumachen versuchen, wo sich der Aus­
tausch und die Überschneidung zwischen einer bestimmten
Rechtsprechung hinsichtlich der sexuellen Beziehungen - einer
Rechtsprechung, die festlegt, was erlaubt und verboten ist -
und der Veridiktion des Begehrens vollzieht, was dasjenige ist,
worin sich tatsächlich das Grundgerüst des Gegenstands »Se­
xualität« manifestiert.
Sie sehen, daß es bei all diesen Dingen - ob es sich nun um den
Markt, den Beichtstuhl, die Psychiatrie, das Gefängnis usw.
handelt-, jedenfalls in allen diesen Fällen darum geht, eine Ge­
schichte der Wahrheit unter verschiedenen Blickwinkeln anzu­
gehen oder vielmehr eine Geschichte der Wahrheit in Angriff
zu nehmen, die von Anfang an mit einer Geschichte des Rechts

59
gekoppelt ist. Während man häufig genug versucht, eine Ge­
schichte des Irrtums zu schreiben, die mit einer Geschichte von
Verboten verknüpft ist, ist das, was ich Ihnen vorschlagen
möchte, eine Geschichte der Wahrheit zu schreiben, die mit der
Rechtsgeschichte verbunden ist. Die Geschichte der Wahrheit
ist natürlich nicht in dem Sinne zu verstehen, daß es sich darum
handeln würde, die Genese des Wahren anhand der eliminier­
ten oder berichtigten Irrtümer zu rekonstruieren; eine Ge­
schichte der Wahrheit, die auch nicht bloß die Konstitution ei­
ner Reihe von historisch aufeinander folgenden Rationalitäten
wäre und die sich durch die Berichtigung oder Beseitigung von
Ideologien begründen würde. Diese Geschichte der Wahrheit
wäre auch nicht bloß die Beschreibung von isolierten und
autonomen Systemen der Wahrheit. Es würde sich um die Ge­
nealogie von Systemen der Veridiktion handeln, d. h., wenn Sie
so wollen, um die Analyse der Konstitution eines bestimmte,1
Rechts der Wahrheit im Ausgang von einer Rechtssituation,
wobei die Beziehung zwischen Recht und Wahrheit ihre be­
vorzugte Manifestation im Diskurs fände, in dem Diskurs, in
dem das Recht und das, was wahr und falsch sein kann, formu-
\ liert wird. Das System der Veridiktion ist allerdings nicht ein
bestimmtes Gesetz der Wahrheit, sondern die Gesamtheit der
· Regeln, die in bezug auf einen gegebenen Diskurs die Bescim­
'· mung dessen gestatten, welches die Aussagen sind, die darin als
wahr oder falsch charakterisiert werden können.
Die Geschichte der Systeme der Veridiktion, und nicht die Ge­
schichte der Wahrheit, nicht die Geschichte des Irrtums und
nicht die Geschichte der Ideologie zu schreiben, die Ge­
schichte der [VeridiktionY zu schreiben, bedeutet natürlich,
daß man ein weiteres Mal darauf verzichtet, jene berühmte Kri­
tik der europäischen Rationalität, jene berühmte Kritik des
Ausuferns der europäischen Rationalität zu unternehmen, die,
wie Sie wissen, seit dem Beginn des 19.Jahrhunderts und in
verschiedenen Formen immer wiederholt wurde. Von der Ro-

* Michel Foucau!t sagt »Rechtsprechung«.

60
mantik bis zur Frankfurter Schule9 wurde immer wieder die
Rationalität mit dem ihr eigentümlichen Gewicht der Macht in
Frage gestellt. Nun besteht die Kritik�· der Erkennmis, die ich
Ihnen vorlegen werde, nicht nur darin, das beständig - ich
wollte eigentlich »gleichförmig« sagen, aber das sagt man
nicht - unterdrückende Moment in der Vernunft anzupran­
gern, denn schließlich, glauben Sie mir, ist die Unvernunft ge­
nauso unterdrückend. Diese politische Kritik der Erkenntnis
besteht auch !licht bloß darin, die Anmaßung der Macht zu
vertreiben, die in jeder behaupteten Wahrheit steckt, denn,
glauben Sie mir nochmals, die Lüge oder der Irrtum sind
ebenso ein Mißbrauch der Macht. Die Kritik, die ich Ihnen
vorschlage, besteht darin zu bestimmen, unter welchen Bedin­
gungen und mit welchen Auswirkungen sich eine Veridiktion
vollzieht, d. h. abermals eine Art der Formulierung, die von be­
stimmten Regeln der Verifikation und Falsifikation abhängt.
Zum Beispiel, wenn ich sage, daß die Kritik darin besteht zu
bestimmen, unter welchen Bedingungen und mit welchen Aus­
wirkungen sich eine Veridiktion vollzieht, dann verstehen Sie
wohl, daß das Problem nicht darin liegt zu sagen: Sehen Sie nur,
wie unterdrückend die Psychiatrie ist, weil sie falsch ist. Es
liegt auch nicht darin, ein wenig raffinierter zu sein und zu sa­
gen: Sehen Sie nur, wie unterdrückend sie ist, weil sie wahr ist.
Das Problem besteht darin, die Bedingungen sichtbar zu ma­
chen, die erfüllt sein mußten, damit man über den Wahnsinn -
aber dasselbe gilt für die Delinquenz und für die Sexualität -
sprechen, Diskurse halten kann, die wahr oder falsch sein
können, und zwar nach den Regeln der Medizin oder ·der
Beichte oder der Psychologie oder, darauf kommt es nicht an,
der Psychoanalyse.
Mit anderen Worten, damit die Analyse eine politische Trag­
weite bekommt, muß sie sich nicht nur auf die Entstehung der
Wahrheiten oder die Erinnerung an die Irrtümer beziehen. Was
bedeutet schon das Wissen, wann diese oder jene Wissenschaft

* Im Manuskript steht der Zusatz »politische«.

61
damit begonnen hat, die Wahrheit zu sagen ? Wenn man alle
Irrtümer, die die Ärzte über das Geschlechtliche· oder den
Wahnsinn gesagt haben, in Erinnerung rufen wollte, würde uns
das nicht viel nützen. Was, denke ich, eine aktuelle politische
Bedeutung hat, ist die genaue Bestimmung des Systems der
Veridiktion, das zu einem bestimmten Moment eingeführt
wird und von dem aus man jetzt beispielsweise erkennen kann,
daß die Ärzte des 19.Jahrhunderts über die Sexualität so viele
Dummheiten gesagt haben. Die Erinnerung daran, daß die
Ärzte des 19. Jahrhunderts viele Dummheiten über die Sexuali­
tät gesagt haben, ist politisch bedeutungslos. Von Bedeutung
ist allein die Bestimmung des Systems der Veridiktion, das ih­
nen ermöglicht hat, eine Reihe von Dingen als wahr zu be­
haupten, von denen man nun zufällig weiß, daß sie es vielleicht
nicht waren. Das ist genau der Punkt, an dem die historische
Analyse eine politische Tragweite gewinnen kann. Es ist nic!1t
die Geschichte des Wahren und nicht die Geschichte des Fal­
schen, sondern die Geschichte der Veridiktion, die politische
Bedeutung hat. Das wollte ich Ihnen sagen anläßlich jener
Frage nach dem Markt oder, sagen wir, nach dem Anschluß ei­
nes Systems der Wahrheit an die Regierungspraxis.
Die zweite Frage, der zweite Punkt, worüber ich letztes Mal
gesprochen habe und den ich ein wenig präzisieren möchte, be­
trifft Folgendes: Ich habe Ihnen gesagt, Sie erinnern sich, daß
im System der reinen Staatsräson die Gouvernementalität oder
jedenfalls die Neigungslinie der Gouvernementalität ohne Be­
grenzung, ohne Ende war. Die Gouvernementalität war in ei­
nem bestimmten Sinne unbegrenzt. Genau dies kennzeichnete
das, was man zu jener Zeit die Polizei nannte und was man am
Ende des 18.Jahrhunderts, und zwar schon mit einem rück­
wärtsgerichteten Blick, den Polizeistaat nennen wird. Der Po­
lizeistaat ist im Grunde eine Regierung, die sich mit der Ver­
waltung vermischt, eine Regierung, die völlig administrativ ist,
und eine Verwaltung, die das gesamte Gewicht einer Gouver­
nementalität für und hinter sich hat.
Ich habe Ihnen zu zeigen versucht, wie diese ganze Gouverne-

62
mentalität, diese Gouvernementalität mit unbegrenzter Nei­
gungslinie faktisch nicht sosehr eine Grenze hatte, sondern ein
Gegengewicht in der Existenz von gerichtlichen Institutionen,
von Justizbeamten und juristischen Diskursen, die sich genau
auf die Frage bezogen, worin das Recht des Souveräns auf Aus­
übung seiner Macht besteht und bis zu welchen rechtlichen
Grenzen sich das Handeln des Souveräns erstrecken kann. Es
gab also innerhalb der Staatsräson keinen völlig unausgegliche­
nen und unbegrenzten Zustand, sondern ein System mit, wenn
Sie so wollen, zwei Parteien, die einander relativ äußerlich wa­
ren.
Ich habe Sie auch darauf hingewiesen, daß in dem neuen
System, in der neuen gouvernementalen Vernunft, die im
18.Jahrhundert begründet wurde, das System der genügsamen
Regierung oder das System des minimalen Staats etwas ganz
anderes implizierte. Einerseits eine Begrenzung und anderer­
seits eine innere Begrenzung. Eine innere Begrenzung, von der
man aber dennoch nicht glauben sollte, daß es sich um eine Be­
grenzung handelt, die von einer ganz anderen Beschaffenheit
als das Recht ist. Es ist eine Begrenzung, die trotz allem immer
auch eine juridische Begrenzung ist, wobei das Problem genau
darin besteht, zu erkennen, wie man innerhalb des Systems der
neuen gouvernementalen Vernunft, dieser selbstbegrenzten
gouvernementalen Vernunft, diese Begrenzung in Begriffen
des Rechts formulieren könnte. Sie verstehen, wie anders gear­
tet das Problem ist, weil es auf der einen Seite im System der
alten Staatsräson eine Gouvernementalität mit unbestimmter
Tendenz und ein Rechtssystem außerhalb gab, das Widerstand
leistete, das übrigens innerhalb konkreter und wohlbekannter
politischer Grenzen Widerstand leistete, zwischen der königli­
chen Macht [einerseits] und den Vertretern der gerichtlichen
Institutionen andererseits. Hier haben wir es mit einem ande­
ren Problem zu tun, das in Folgendem besteht: Wenn die Gou­
vernementalität sich selbst begrenzen soll, wie kann diese
Selbstbegrenzung rechtlich formuliert werden, ohne daß da­
durch die Regierung gelähmt wird und ohne daß jener Ort der
Wahrheit - und genau hier liegt das Problem - erstickt wird,
für den der Markt das bevorzugte Beispiel darstellte und den
man in dieser Hinsicht respektieren mußte? Deutlich ausge­
drückt, das Problem, das sich seit dem Ende des 18.Jahrhun­
derts stellt, ist folgendes: Wenn es eine politische Ökonomie
gibt, was ist dann mit dem öffentlichen Recht? Oder: Welche
Grundlagen lassen sich für das Recht finden, das die Ausübung
der öffentlichen Macht regeln wird, sobald es mindestens die
eine oder andere Region gibt, wo das Nichteingreifen der Re­
gierung absolut notwendig ist, und zwar nicht aus Rechts­
gründen, sondern aus Tatsachengründen oder vielmehr aus
Gründen, die die Wahrheit betreffen? Wenn die Macht aus
Achtung vor der Wahrheit begrenzt wird, wie kann dann diese
Macht, wie kann die Regierung diese Achtung vor der Wahr­
heit in Begriffen von einzuhaltenden Gesetzen formulieren?*
Schließlich ist die Tatsache, daß die juristischen Fakultäten m
Frankreich lange, bis in die letzten Jahre, zugleich Fakultäten
für politische Ökonomie waren, und zwar zum großen Unbe­
hagen der Ökonomen und Juristen, tatsächlich nur die aus ge­
schichtlicher Perspektive zweifellos irreführende Fortsetzung
einer ursprünglichen, grundlegenden Tatsache, die darin be­
stand, daß man sich die politische Ökonomie, d. h. die Freiheit
des Marktes, nicht vorstellen konnte, ohne gleichzeitig das
Problem des öffentlichen Rechts zu stellen, nämlich die Be­
grenzung der öffentlichen Macht.
Wir haben übrigens den Beweis dafür bei einer Reihe von
konkreten und präzisen Dingen. Schließlich waren die ersten
Ökonomen zugleich Juristen und Leute, die das Problem des
öffentlichen Rechts stellten. Beccaria zum Beispiel, ein Theore­
tiker des öffentlichen Rechts, das im wesentlichen die Form des
Strafrechts hatte, war auch Ökonom. 10 Adam Smith: 11 Es ge­
nügt, Der Wohlstand der Nationen zu lesen, man braucht nicht
einmal die anderen Texte von Adam Smith, um zu sehen, daß
'' Michel Foucault fügt hinzu: »Diese Kopplung zwischen der politischen
Ökonomie und dem öffentlichen Recht, die uns jetzt als sehr eigenartig
erscheint ... »(unvollständig gelassener Satz).
das Problem des öffentlichen Rechts sich durch seine ganze
Analyse hindurchzieht. Bentham, Theoretiker des öffentlichen
Rechts, war zugleich Ökonom und hat Bücher zur politischen
Ökonomie geschrieben. 12 Und außer diesen Tatsachen, die die
ursprüngliche Zugehörigkeit des Problems der politischen
Ökonomie [zu dem] Problem der Begrenzung der öffentlichen
Gewalt zeigen, findet man es ständig bei den Problemen, die
sich im Laufe des r 9. und 20. Jahrhunderts bezüglich der Wirt­
schaftsgesetzgebung, der Trennung von Regierung und Ver­
waltung, der Konstimtion eines Verwaltungsrechts, der Frage
nach der Notwendigkeit besonderer Verwalmngsgerichte 13
usw. stellten. Es handelt sich also nicht um das Verschwinden
des Rechts, was ich letztes Mal ansprach, als ich über die
Selbstbegrenzung der gouvernementalen Vernunft redete, son­
dern um das Problem, das durch die juridische Begrenzung der
Ausübung politischer Macht aufgeworfen wurde und dessen
Lösung die Probleme der Wahrheit erzwangen.
Es gab also eine Verschiebung des Schwerpunkts des öffent­
lichen Rechts. Das Grundproblem des öffentlichen Rechts ist
nicht mehr so sehr wie im r 7. oder im r 8. Jahrhundert das Pro­
blem: Wie läßt sich die Souveränität begründen, unter welchen
Bedingungen ist der Souverän legitim, unter welchen Bedin­
gungen kann er seine Rechte legitim ausüben, sondern: Wie las­
sen sich der Ausübung öffentlicher Macht juristische Grenzen
setzen? Etwas schematisch kann man sagen, daß man am Ende
des 18. und zu Beginn des 19.Jahrhunderts der Ausarbeitung
dieser Idee im wesentlichen zwei Formen gegeben hat: Die
eine werde ich den axiomatischen, juridisch-deduktiven Weg
nennen; er war bis zu einem bestimmten Punkt der Weg der
Französischen Revolution - man könnte ihn aber auch den
Rousseauschen Weg nennen.,:- Worin besteht er? Nun, er be­
steht darin, daß man gerade nicht von der Regierung und ihrer
notwendigen Begrenzung ausgeht, sondern vom Recht, vom
Recht in seiner klassischen Form, d. h., daß man versucht fest-
,, Der andere Weg wird im Manuskript (S. I 5) »der induktive und resi-
duelle Weg« genannt.
zulegen, was die natürlichen oder ursprünglichen Rechte sind,
die jedem einzelnen zukommen, und daß man anschließend
bestimmt, unter welchen Bedingungen, aufgrund wovon und
nach welchen idealen oder geschichtlichen Gepflogenheiten
man eine Begrenzung oder einen Austausch des Rechts akzep­
tiert hat. Er besteht außerdem darin, jene Rechte zu hestim­
men, deren Übertragung man akzeptiert hat, und jene, für die
im Gegensatz dazu keine Übertragung vereinbart wurde und
die folglich unter allen Umständen und unter jeder möglichen
Regierung unantastbar bleiben. Wenn die Aufteilung zwischen
Rechten, der Sphäre der Souveränität und den Grenzen des
Rechts der Souveränität einmal auf diese Weise festgelegt
wurde, kann man schließlich von hier aus und nur von hier aus
ableiten, aber nur ableiten, was man die Zuständigkeitsgrenzen
der Regierung nennen kann, jedoch nur in dem Rahmen, der
durch das Gerüst festgelegt ist, das die Souveränität selbst koü­
stituiert. Mit anderen Worten, dieser Ansatz besteht einfach
darin, von den Menschenrechten auszugehen, um über die
Konstitution des Souveräns zur Begrenzung der Gouverne­
mentalität zu gelangen. Ich meine, daß das, grob gesagt, der re­
volutionäre Weg ist. Es ist eine bestimmte Art, von vornherein
und durch eine Art von idealem oder wirklichem Neubeginn
der Gesellschaft, des Staats, des Souveräns und der Regierung
das Problem der Legitimität und der Nichtübertragbarkeit der
Rechte zu stellen. Sie sehen, daß dieser Ansatz, wenn er politisch
und historisch der Ansatz der Revolutionäre war, insofern ein
retroaktiver oder rückwirkender Ansatz ist, als er das Problem
des öffentlichen Rechts wiederaufgreift, das die Juristen im I 7.
und 18.Jahrhundert der Staatsräson stets entgegensetzten.
Und in diesem Punkt gibt es eine Kontinuität zwischen den
Theoretikern des Naturrechts im 17.Jahrhundert und denJU:�
risten und Gesetzgebern der Französischen Revolution.
Der andere Weg geht nicht etwa vom Recht aus, sondern von
der Regierungspraxis selbst. Man geht von dieser Regierungs­
praxis aus und versucht sie ZU analysieren. Im Hinblick wor­
auf? Im Hinblick auf die faktischen Grenzen, die dieser Gou-

66
vernementalität gesetzt werden können. Faktische Grenzen,
die von der Geschichte herkommen können, von der Tradition,
von einem historisch bestimmten Sachverhalt, die aber auch
bestimmt werden können und müssen als Grenzen, die gewis­
sermaßen erwünscht sind, als richtige Grenzen, die gerade in
Abhängigkeit von den Zielen der Gouvernementalität, den Ge­
genständen, mit denen sie zu tun hat, den Ressourcen des Lan­
des, seiner Bevölkerung, seiner Wirtschaft usw. festzulegen
sind - kurz, die Analyse der Regierung, ihrer Praxis, ihrer fak­
tischen Grenzen, ihrer erwünschten Grenzen - und von da aus
das zu enthüllen, dessen Antastung für die Regierung entweder
widersprücl:ilich oder absurd wäre. Besser und radikaler noch,
das zu bestimmen, dessen Antastung für die Regierung nutzlos
wäre. Nutzlos, d. h., daß das Zuständigkeitsgebiet der Regie­
rung jetzt, wenn man diesem Weg folgt, gerade im Ausgang von
solchen Handlungen bestimmt wird, die für die Regierung
nützlich und nutzlos wären. Die Grenze der Regierungskompe­
tenz wird durch die Grenzen der Nützlichkeit einer Regie­
rungsintervention bestimmt werden. Man stellt einer Regierung
zu jedem Zeitpunkt, zu jedem Augenblick ihres Handelns, bei
jeder ihrer Institutionen, ob sie alt oder jung sein mögen, die
Frage: Ist das nützlich, wofür ist das nützlich, in welchen
Grenzen ist es nützlich, aufgrund von was wird es nützlich,
aufgrund von was wird es schädlich? - Diese Frage ist nicht
die revolutionäre Frage: Welches sind meine ursprünglichen
Rechte, und wie kann ich sie gegenüber jedem Souverän gel­
tend machen? Sondern es ist die radikale Frage, es ist die Frage
des englischen Radikalismus. Das Problem des englischen Ra­
dikalismus ist das Problem der Nützlichkeit.
Man soll nicht glauben, daß der englische politische Radikalis­
mus nichts als die Projektion einer, sagen wir, utilitaristischen
Ideologie auf die politische Ebene ist. Im Gegenteil, im Aus­
gang von einer internen Entfaltung, die nichtsdestoweniger
eine vollkommen reflektierte Entfaltung ist, die nichtsdesto­
weniger eine ständig mit philosophischen, theoretischen, juri­
stischen Elementen usw. ausgestattete und durchsetzte Refle-
xion ist, ist zu bestimmen, was seine Kompetenzsphäre sein
soll, und zwar in Begriffen der Nützlichkeit. Von hier aus gese­
hen erscheint der Utilitarismus als etwas ganz anderes denn als
Philosophie oder als Ideologie. Der Utilitarismus ist eine Re­
gierungstechnik genauso, wie das öffentliche Recht in der Epo­
che der Staatsräson die Reflexionsform war oder, wenn Sie so
wollen, die juristische Technologie, mit der man versuchte, die
unbestimmte Neigungslinie der Staatsräson zu begrenzen.
Eine Bemerkung zum Wort »Radikalismus«, »radikal«. Der
Begriff »radikal« wurde in England verwendet (das Wort
stammt, glaube ich, vom Ende des r7. oder dem Beginn des
r8.Jahrhunderts her), um die Stellung jener zu bezeichnen -
und das ist ziemlich interessant -, die die ursprünglichen
Rechte angesichts wirklicher oder möglicher Mißbräuche sei­
tens des Souveräns geltend machen wollten, jene berühmten
ursprünglichen Rechte, die die angelsächsischen Völker vo,
der Invasion der Normannen hatten (ich habe darüber vor
zwei oder drei Jahren gesprochen). 14 Das ist der Radikalismus.
Er bestand also darin, die ursprünglichen Rechte in dem Sinne
geltend zu machen, in dem das öffentliche Recht in seinen ge­
schichtlichen Brechungen die Grundrechte ausmachen konnte.
Heute bedeutet der englische Radikalismus und das Wort »ra­
dikal« die Haltung, die darin besteht, der Regierung und der
Gouvernementalität im allgemeinen die Frage nach ihrer
Nützlichkeit oder Überflüssigkeit zu stellen.
Es gibt also zwei Wege: den revolutionären Weg, der sich we­
sentlich auf die traditionellen Positionen des öffentlichen
Rechts gründet, und den radikalen Weg, der sich wesentlich auf
die neue Ökonomie der gouvernementalen Vernunft gründet.
Zwei Wege, die zwei Konzeptionen des Gesetzes implizieren.
Denn als was wird einerseits das Recht innerhalb der axioma­
tischen revolutionären Perspektive aufgefaßt? Als Ausdruck
eines Willens. Wir haben also ein System Wille-Gesetz. Das
Problem des Willens finden Sie natürlich im Zentrum aller
Rechtsprobleme wieder, was noch einmal die Tatsache bekräf­
tigt, daß diese Problematik im Grunde eine juridische Proble-

68
matik ist:Das Gesetz wird also als Ausdruck eines Willens auf­
gefaßt, eines kollektiven Willens, der den Anteil des Rechts
darstellt, den die Individuen einzuräumen akzeptiert haben,
und den Anteil, den sie behalten wollen. In der anderen Proble­
matik, d. h. in der radikalen utilitaristischen Perspektive, wird
das Gesetz als Wirkung einer Transaktion aufgefaßt, die das In­
terventionsgebiet der öffentlichen Gewalt einerseits von der
Sphäre der Unabhängigkeit der Individuen andererseits trennt.
Und das führt tms zu einer anderen Unterscheidung, die eben­
falls sehr wichtig ist, nämlich daß man einerseits eine Vorstel­
lung von Freiheit hat, die eine juristische Vorstellung ist: Jedes
Individuum ist ursprünglich Träger einer bestimmten Freiheit,
von der es einen bestimmten Teil abtritt oder nicht. Anderer­
seits wird die Freiheit nicht als Ausübung einer Reihe von
Grundrechten aufgefaßt, sondern einfach als Unabhängigkeit
der Regierten gegenüber den Regierenden. Wir haben also
zwei absolut heterogene Vorstellungen von Freiheit, wobei die
eine im Ausgang von den Menschenrechten konzipiert wird
und die andere im Ausgang von der Unabhängigkeit der Re­
gierten. Das System der Menschenrechte und das System der
Unabhängigkeit der Regierten sind zwei Systeme, von denen
ich nicht behaupte, daß sie sich nicht durchdringen, die jedoch
einen verschiedenen geschichtlichen Ursprung haben und die
eine Heterogenität aufweisen, eine Diskrepanz, die ich für we­
sentlich halte. Im Hinblick auf das aktuelle Problem dessen,
was man Menschenrechte nennt, würde es genügen zu sehen,
wo, in welchem Land, wie, in welcher Form sie gefordert wer­
den, um zu sehen, daß es manchmal um die juristische Frage
nach den Menschenrechten geht und daß es im anderen Fall um
diese andere Sache geht, die in der Behauptung oder i� der For­
derung der Unabhängigkeit der Regierten gegenüber der Gou­
vernementalität besteht.
Zwei Wege, um die Regelung der öffentlichen Macht rechtlich·
zu konstituieren, zwei Auffassungen des Gesetzes, zwei Kon­
zeptionen der Freiheit. Diese Ambiguität charakterisiert etwa
den europäischen Liberalismus des 19.Jahrhunderts und noch
den des 20.Jahrhunderts. Und wenn ich von zwei Wegen, von
zwei Konzeptionen der Freiheit, des Rechts usw.· spreche,
meine ich nicht, daß es sich um zwei getrennte, einander
fremde, unvereinbare, widersprüchliche Systeme handelt, die
sich gegenseitig ausschließen, sondern ich meine, daß es hier
zwei Verfahrensweisen, zwei Zusammenhänge, zwei Hand­
lungsweisen gibt, die heterogen sind. Man sollte sich daran er­
innern, daß die Heterogenität niemals ein Ausschlußprinzip ist
oder, wenn Sie so wollen, daß die Heterogenität niemals die
Koexistenz, die Verbindung oder die Verknüpfung verhindert.
Sagen wir, daß man genau an dieser Stelle und bei dieser Art
von Analyse eine Logik, die keine dialektische Logik ist, gel­
tend macht und geltend machen muß, wenn man nicht in Ver­
einfachungen verfallen will. Denn was ist die dialektische
Logik? Nun, die dialektische Logik ist eine Logik, die wider­
sprüchliche Begriffe im Element des Homogenen spielen läßt.
Ich schlage vielmehr vor, diese Logik der Dialektik durch das
zu ersetzen, was ich eine Logik der Strategie nenne. Eine Logik
der Strategie macht nicht widersprüchliche Begriffe in einem
homogenen Element geltend, das ihre Auflösung in eine Ein­
heit verspricht . Die Logik der Strategie hat als Aufgabe, festzu­
stellen, welches die möglichen Verknüpfungen zwischen dis­
paraten Begriffen sind, die disparat bleiben. Die Logik der
Strategie ist die Logik der Verknüpfung des Heterogenen und
nicht die Logik der Homogenisierung des Widersprüchlichen.
Weisen wir also die Logik der Dialektik zurück, und versuchen
wir zu sehen - jedenfalls versuche ich Ihnen das in den Vorle­
sungen zu zeigen -, welches die Verbindungen sind, die die
grundlegende Axiomatik der Menschenrechte und den Nütz­
lichkeitskalkül der Unabhängigkeit der Regierten zusammen­
halten bzw. miteinander verknüpfen konnten.
Ich wollte dem noch etwas hinzufügen, aber ich glaube, daß
es zu lang werden würde. Ich werde also später darauf zu­
rückkommen.�· Ich möchte von hier aus•einfach einen Augen-
,, Michel Foucau!t geht an dieser Stelle rasch über die Seiten 18-20 des Ma-
nuskripts hinweg:
blick auf das zurückkommen, was ich Ihnen am Anfang im
Hinblick auf den Markt gesagt habe - nun, das ist ein Punkt,
auf den ich später zurückkommen werde. 15 Ich möchte je­
doch jetzt trotzdem betonen, daß zwischen diesen beiden
heterogenen Systemen - nämlich dem System der revolutio­
nären Axiomatik des öffentlichen Rechts und der Menschen­
rechte und dem empirischen und an der Nützlichkeit orien­
tierten Weg, der anhand der notwendigen Begrenzung der
Regierung die Sphäre der Unabhängigkeit der Regierten defi­
niert - natürlich eine Verbindung besteht, eine stetige Verbin­
dung, eine ganze Reihe von Brücken, Stegen, Gelenken usw.

»Man würde selbstverständlich viele Beispiele dafür im Diskurs der


amerikanischen Revolutionäre finden. Und vielleicht ist das gerade das
revolutionäre Denken: gleichzeitig die Nützlichkeit der Unabhängig­
keit und die Axiomatik der Rechte zu denken (amerikanische Revolu­
tion).
(S. r8f.) Diese Heterogenität wurde von den Zeitgenossen gewiß emp­
funden. Bentham, Dumont, die Menschenrechte. Und sie blieb seit
zweihundert Jahren spürbar, da man niemals eine wirkliche Kohärenz
und ein wirkliches Gleichgewicht zwischen diesen Verfahrensweisen
finden konnte. Auf durchschlagende Weise, und nicht ohne manche
Umschwünge, gewinnt die Regelung der öffentlichen Gewalt in Begrif­
fen der Nützlichkeit die Oberhand über die Axiomatik der Souveränität
in Begriffen von ursprünglichen Rechten. Die kollektive Nützlichkeit
(eher als der kollektive Wille) als allgemeine Achse der Regierungs­
kunst.
(S. 19) Eine allgemeine Neigungslinie, die die andere jedoch nicht aus­
löscht. Um so weniger, als sie ähnliche Wirkungen zeitigt, die jedoch
nicht übereinandergeschichtet werden können. Denn die Axiomatik der
Souveränität führt dazu, die unantastbaren Rechte so stark zu betonen,
daß es faktisch nicht möglich ist, in ihr einen Platz für eine Regierungs­
kunst und die Ausübung einer öffentlichen Gewalt zu finden, es sei
denn, man konstituiert den Souverän juristisch und auf eine so starke
Weise als kollektiven Willen, daß er die Ausübung der Grundrechte auf
die reine Idealität beschränkt. Der totalitäre Osten. Aber der Radikalis­
mus der Nützlichkeit führt im Ausgang von der Unterscheidung indivi­
duelle/kollektive Nützlichkeit selbst auch dazu, die allgemeine Nütz­
lichkeit gegenüber der individuellen Nützlichkeit geltend zu machen
und die Unabhängigkeit der Regierten auf ein Minimum zu beschr4l­
ken. (S. 20) Der Osten der unbestimmt ausgedehnten Gouvernem��i-
�«

7r
Betrachten Sie heispielsweise die Geschichte des Eigent��il
rechts.'·' Aher es ist oHensichtlich, daß -davon werde ich in der
Vorlesung sprechen - von den beiden Systemen eines sich be­
hauptet hat und stark war, während das andere im Gegensatz
dazu zurückgegangen ist. Dasjenige, das sich behauptet hat
und stark war, ist natürlich der radikale Weg, der in dem Ver­
such bestand, die juristische Begrenzung der öffentlichen
Macht in Begriffen der Nützlichkeit der Regierung zu definie­
ren. Und diese Neigungslinie charakterisiert nicht nur die
Geschichte des europäischen Liberalismus im eigentlichen
Sinne, sondern auch die Geschichte der öffentlichen Macht im
Abendland. Und deshalb wird am Ende dieses Problem der
Nützlichkeit, der individuellen und kollektiven Nützlichkeit,
der Nützlichkeit eines jeden einzelnen und aller, der Nützlich­
keit der Individuen und der allgemeinen Nützlichkeit, das
große Kriterium für die Ausarbeitung der Grenzen der öffent­
lichen Macht und für die Bildung eines öffentlichen Rechts und
eines Verwaltungsrechts sein. Mit dem Beginn des 19. Jahrhun­
derts ist man in ein Zeitalter eingetreten, wo das Problem der
Nützlichkeit immer mehr alle traditionellen Probleme des
Rechts abdeckt.
Auf dieser Grundlage möchte ich nun eine Bemerkung ma­
chen. Sie erinnern sich, daß wir vorhin im Hinblick auf den
Markt gefunden hatten, daß einer der Ankerpunkte der neuen
gouvernementalen Vernunft der Markt war, der Markt verstan­
den als Mechanismus des Tauschs und als Ort der Veridiktion,
was die Beziehung zwischen Wert und Preis angeht. Nun fin­
den wir einen zweiten Ankerpunkt der neuen gouvernemen­
talen Vernunft. Dieser Ankerpunkt ist die Entfaltung der öf­
fentlichen Gewalt und das Ausmaß ihrer Eingriffe, die nach
dem Nützlichkeitsprinzip bemessen werden. Tausch auf sei­
ten des Markts, Nützlichkeit auf seiten der öffentlichen Ge­
walt. Tauschwert und spontane Veridiktion der Wirtschafts-
* Michel Foucault setzt hinzu: »Sie sehen, wie es sehr gut in den beiden
(Wort nicht hörbar) funktioniert, und zwar auf eine (Wort nicht hörbar)
Weise. «

72
ffillö'�i�sse, Messung der Nützlichkeit und interne Rechtspre­
bhung der Handlungen der öffentlichen Gewalt. Tausch im
Hinblick auf die Güter, Nützlichkeit im Hinblick auf die öffent­
liche Gewalt: auf diese Weise artikuliert die gouvernementale
Vernunft die Grundprinzipien ihrer Selbstbegrenzung. Tausch
auf der einen Seite, Nützlichkeit auf der anderen.Um das Ganze
abzudecken oder als allgemeine Kategorie für dies alles -sowohl
den Tausch, den man im Markt beachten muß, da der Markt
Veridiktion ist, [als auch die] Nützlichkeit, um die öffentliche
Gewalt zu begrenzen, da diese nur dort ausgeübt werden soll,
wo sie wirklich und bestimmt nützlich ist - nun, die allgemeine
Kategorie, die den Tausch und die Nützlichkeit abdeckt, ist
selbstverständlich das Interesse, denn das Interesse ist das Prin­
zip des Tauschs und Kriterium der Nützlichkeit. Die gouver­
nementale Vernunft in ihrer modernen Form, in der Form, die
sich am Beginn des 1 8. Jahrhunderts bildet, diese gouverne­
mentale Vernunft, die als Grundmerkmal die Suche nach ihrem
Prinzip der Selbstbegrenzung aufweist, ist eine Vernunft, die
aufgrund des Interesses funktioniert. Aber dieses Interesse ist
natürlich nicht mehr das des Staats, der sich völlig auf sich
selbst bezieht und nur sein eigenes Wachstum, seinen Reich­
tum, seine Bevölkerung, seine Macht sucht, wie es bei der ·
Staatsräson der Fall war. Das Interesse, dessen Prinzip die gou­
vernementale Vernunft gehorchen muß, das sind jetzt die In­
teressen, ein komplexes Spiel zwischen individuellen und kol­
lektiven Interessen, zwischen dem sozialen Nutzen und dem
ökonomischen Profit, zwischen dem Gleichgewicht des Mark­
tes und der Herrschaft der öffentlichen Gewalt. Es ist ein kom­
plexes Spiel zwischen Grundrechten und der Unabhängigkeit
der Regierten usw. Die Regierung, jedenfalls die Regierung, die
sich diese neue gouvernementale Vernunft zu eigen macht, ist
etwas, das mit Interessen umgeht.
Genauer läßt sich folgendes sagen: Die Interessen sind im
Grunde dasjenige, wodurch die Regierung Gewalt über alle
diese Dinge ausüben kann, die für sie die Individuen, die
Handlungen, die Reden, die Reichtümer, die Ressourcen, das

73
Eigentum, die Rechte usw. sind. Noch deutlicher handelt es
sich, wenn Sie so wollen, um ein ganz einfaches Thema: Wor­
über hatte in einem System wie dem vorherigen der Souverän,
der Monarch, der Staat Gewalt, und worüber war seine Gewalt
legitim und begründet? Nun, über die Dinge, die Ländereien.
Der König wurde oft, aber nicht immer, als Eigentümer des
Königreichs angesehen. Aufgrund dieses Umstands konnte er
intervenieren. Oder er war jedenfalls Eigentümer einer Lände­
rei. Er konnte Gewalt über die Untertanen haben, weil sie als
Untertanen ein gewisses persönliches Verhältnis zum Souverän
hatten, das dafür verantwortlich war, daß der Souverän Gewalt
über alles haben konnte, was auch immer die Rechte der Unter­
tanen sein mochten. Mit anderen Worten, es gab eine direkte
Einflußmöglichkeit der Macht durch den Souverän, durch
seine Minister, eine direkte Einflußmöglichkeit der Regierung
auf die Dinge und die Menschen.
Im Ausgang von der neuen gouvernementalen Vernunft - und
hier ist der Punkt, an dem sich die alte von der neuen trennt, die
Staatsräson und die Vernunft des minimalen Staats - hat die
Regierung künftig nicht mehr zu intervenieren, sie hat keine
direkte Einflußmöglichkeit mehr auf die Dinge und Menschen.
Sie kann nur eine Einflußmöglichkeit haben, sie ist nur in dem
Maße rechtlich und vernunftgemäß legitimiert zu intervenie­
ren, wie das Interesse, die Interessen, das Spiel der Interessen
ein bestimmtes Individuum oder Ding, eine bestimmte Ware,
ein bestimmtes Vermögen oder ein bestimmtes Verfahren mit
einem bestimmten Interesse für die Individuen oder für die
Gesamtheit der Individuen oder für die Interessen eines be­
stimmten Individuums gegenüber dem Interesse aller usw. be­
legen. Die Regierung interessiert sich nur für die Interessen.
Die neue Regierung, die neue gouvernementale Vernunft hat
nichts mit dem zu schaffen, was ich die Dinge an sich der Gou­
vernementalität nennen würde, nämlich mit den Individuen,
den Dingen, den Reichtümern, den Ländereien. Sie hat mit die­
sen Dingen an sich nichts mehr zu tun. Sie hat mit jenen Phäno­
menen der Politik zu tun, die gerade die Politik und die Ein-

74
sätze der Politik ausmachen, mit jenen Phänomenen, die die
Interessen sind, oder mit jenen, durch die ein bestimmtes Indi­
viduum, Ding, Vermögen usw. zum Gegenstand des Interesses
der anderen Individuen oder der Gesamtheit wird.
Im Strafsystem haben wir, glaube ich, ein schlagendes Beispiel
dafür. Ich habe versucht Ihnen zu erklären, 16 wie im Strafwesen
des 17. und noch am Anfang des 18.Jahrhunderts, wenn der
Souverän bestrafte- das war der wahre Grund für die Todes­
strafe-, er selbst gewissermaßen als einzelner oder jedenfalls
als Souverän einschritt, daß sein Eingreifen sich jedoch phy­
sisch auf den Körper des Individuums richtete. Diese Tatsache
gab ihm das Recht der Todesstrafe und das Recht der öffent­
lichen Todesstrafe: die Manifestation des Souveräns selbst ge­
genüber jemandem, der ein Verbrechen begangen hatte und der
durch dieses Verbrechen natürlich eine Reihe von Leuten ge­
schädigt hatte, aber den Souverän in der Substanz seiner Macht
selbst getroffen hatte. Das war der Ort der Bildung, der Recht­
fertigung und der Begründung der Todesstrafe.
Vom 18. Jahrhundert an (man findet das sehr klar bei Becca­
ria), 17 dieses berühmte Prinzip der Milde der Strafe - ich
möchte noch einmal betonen, daß sich das nicht auf eine Verän­
derung der Empfindsamkeit der Menschen bezieht-, das Prin-·
zip der Milderung der Strafen, worauf beruht es im Grunde,
wenn man es genauer analysieren möchte, als ich es getan
habe? Nun, was hat sich zwischen das Verbrechen einerseits
und den Souverän andererseits, der das Recht hat, es zu bestra­
fen, oder die Autorität des Souveräns, die das Recht hat, es zu
bestrafen, eventuell sogar mit dem Tod, dazwischengescho­
ben? Das dünne phänomenale Häutchen der Interessen, die
künftig das einzige sind, worauf die gouvernementale Vernunft
Einfluß haben kann. Und mit einemmal erscheint die Bestra­
fung so, daß sie in Abhängigkeit von den Interessen der geschä­
digten Person, der Wiedergutmachung des Schadens berechnet
werden muß. Aber die Bestrafung soll nicht mehr nur im Spiel
der Interessen der anderen, der Umgebung, der Gesellschaft
usw. verankert werden. Ist die Bestrafung vorteilhaft, welchen

75
Nutzen bietet sie, welche Form muß die Bestrafung haben, da­
mit sie für die Gesellschaft von Vorteil ist? Ist die Todesstrafe
von Vorteil, oder ist eine Umerziehung günstiger, was für eine
Umerziehung, und wie weit soll sie gehen usw., und wieviel
wird das kosten? Die Einsetzung dieses phänomenalen Häut­
chens des Interesses als etwas, das die einzige Sphäre oder viel­
mehr die einzig mögliche Angriffsfläche der Regierung dar­
stellt, das erklärt diese Veränderungen, die, wie Sie sehen, alle
auf diese Neuordnung der gouvernementalen Vernunft bezo­
gen werden müssen.
Die Regierung in ihrer neuen Ordnung ist im Grunde etwas,
das sich nicht mehr auf die Untertanen und auf die diesen Un­
tertanen unterstehenden Dinge auszuwirken hat. Die Regie­
rung richtet sich nun auf das, was man die phänomenale Repu­
blik der Interessen nennen könnte. Und an dieser Stelle liegt
die Frage des Liberalismus. Die Grundfrage des Liberalismu�:
Was ist der Nutzwert der Regierung und aller Regierungs­
handlungen in einer Gesellschaft, in der der Tausch den wahren
Wert der Dinge bestimmt?'� Nun, ich glaube, daß sich an dieser
Stelle die Grundfragen des Liberalismus stellen. Hier hat der
Liberalismus die Grundfrage der Regierung gestellt, wobei das
Problem darin bestand, ob alle politischen, ökonomischen
usw. Formen, die man dem Liberalismus entgegensetzen
wollte, dieser Frage und der Formulierung dieser Frage nach
der Nützlichkeit einer Regierung innerhalb eines Systems, in
dem der Tausch den Wert der Dinge bestimmt, wirklich aus­
weichen können.

•· Foucault fügt hinzu: »Der Gebrauchswert der Regierung angesichts ei­


nes Systems, in dem der Tausch den wahren Wert der Dinge bestimmt.
Wie ist das möglich?«
Anmerkungen

1 In der Zusammenfassung der Vorlesung verweist Michel Foucault auf


Benjamin Franklin. Vgl. etwa den Brief Franklins an Charles de Weis­
senstein vom 1. Juli 1778 (Writings ofFranklin, hrsg. von Smyth, Bd.VII,
S. 168, zit. Nach D.R. McCoy, »Benjamin Franklin's Vision of a Repu­
blican Political Economy for America « , in: The William and Mary
Quarterly, 3.Serie, Bd. 35, 4 (Oktober 1978), S.617): »In einem republi­
kanischen System sollte ein tugendhafter und arbeitsamer Mann immer
nur >sparsam regiert< werden. «
2 Diesen gerechten Preis (justum pretium) hatte die mittelalterliche Scho­
lastik im Ausgang von der aristotelischen Lehre der ausgleichenden Ge­
rechtigkeit (Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch V) als ideales Mo­
dell von Tauschhandlungen festgesetzt. Vgl. Steven L. Kaplan, Bread,
Politics and Political Economy in the Reign of Louis XV, Den Haag 1976,
frz. Übers. von Marie-Alyx Revellat, Le pain, le peuple et le roi, Paris,
Perrin, »Pour l'Histoire«, 1986, S.55-56: »Der Generalleutnant der Poli­
zei, die Kommissare, die Leute, die das Getreide maßen, und die önli­
chen Beamten betonen stets den ,gerechten Preis,, zu dessen Gewährlei­
stung sie sich verpflichtet fühlen.(. .. ) Um angemessen zu sein, dürfen
die Preise weder die Händler ,aufwiegeln, noch die Konsumenten >schä­
digen,. Sie werden in Übereinstimmung mit einem Ideal der Mäßigung
festgesetzt, das je nach den Umständen variiert. Ein Preis wird als ge­
recht beuneilt, wenn die Händler einen gemäßigten Gewinn für sich
veranschlagen und die Masse der Bevölkerung, die in einem Zustand
dauernden Elends lebt, nicht übermäßig leidet, d. h. nicht mehr als ge­
wöhnlich. In normalen Zeiten ist der gerechte Preis ganz einfach der
gebräuchliche Preis (wie es die Theologen empfehlen), der durch eine
gemeinsame Einschätzung festgesetzt wird, anstatt durch die Machen­
schaften der Händler oder die Anordnungen der Regierung erlassen zu
werden. « Vgl.John W.Baldwin, The medieval Theories of the just Price,
Romanists, Canonists and Theologians in the Twelfth and Thirteenth
Centuries, Philadelphia 1959; Joseph A. Schumpeter, Geschichte der
ökonomischen Analyse, 2 Bde., Göttingen 1965, Bd.I, S.138-139. Ergän­
zende Bibliographie in Steven Kaplan, Le pain, le peuple et le ro� a.a. 0.,
S. 441-442, Anm.14 von Kap. II. Zu diesem Problem des Preises vgl.M.
Foucault, Die Ordnung der Dinge, Frankfurt/M. 1971, Kap. VI, Ab­
schnitt IV: »Pfand und Preis« (das Problem des Preises wird dort im we­
sentlichen im Verhältnis zur Funktion des Geldes behandelt).
3 Pierre Le Pesant, Seigneur de Boisguilbert (1646-1714), insbesondere
Autor von Detail de la France, 1695, und von Traite de la nature, com­
merce et interet des grains, 1707. Er gilt als Vorläufer der Physiokraten.
Vgl. Joseph A. Schumpeter, Geschichte der ökonomischen Analyse,
a.a. 0., Bd.I, S. 281, Anm. II, und vor allemPierre de Boisguilbert, ou La
naissance de l'economie politique, Paris, INED, 1966, 2 Bde. Es scheint,

77
als habe Boisguilbert den Begriff des »natürlichen Preises « nicht ver­
wendet. Er spricht, hinsichtlich der Produktionskosten als akzeptablem
Minimum, gelegentlich ohne präzise inhaltliche Bestimmung von einem
»verhältnismäßigen Preis« (»prix de proportion« oder »prix propor­
tionnel«) und von einem »strengen Preis« (»prix de rigueur«).
4 Vgl. E. Depitre, Einführung zu: Dupont de Nemours, De l'ex:portation
et de l'importation des grains (1764), Paris, Librairie P. Geuthner, »Col- -
lection des Economistes et des Reformateurs sociaux de la France«,
1911, S. XXIII-XXIV: » Im physiokratischen System ist nichts einfacher,
als den richtigen Preis zu bestimmen: das ist der verbreitete und wenig
variable Preis des allgemeinen Marktes, den die Konkurrenz zwischen
den Nationen, die frei miteinander Handel treiben, herstellt. « Vgl. M.
Foucault, STB, Vorlesung 13, S. 491 bzw. S.518, Anm. 24.
5 Vgl. A. Marshall, Principles of Economics, London, Macmillan & Co.,
1890 (vgl. Schumpeter, Geschichte der ökonomischen Analyse, Bd.I,
S. 250; Bd.II, S. 1215).
6 Zu dieser neuen Definition des Marktes als On der Entscheidung über
die Wahrheit oder der Wahrheit der Preise vgl. beispielsweise Condillac,
Le commerce et le gouvemement, Amsterdam/Paris 1976, erster Teil,
Kap. IV: »Märkte oder Orte, wo sich jene hinbegeben, die etwas tau­
schen wollen«. Vgl. vor allem S. 23 der Ausg. von 1795, Reprint Paris/
Genf 1980: »Die Preise können sich nur auf den Märkten regeln, weil
nur da die versammelten Bürger den Wert der Dinge im Verhältnis zu ih­
ren Bedürfnissen beurteilen können, indem sie das Interesse miteinander
vergleichen, das sie im Hinblick auf den Warentausch haben. Sie können
das nur dort tun, weil nur auf den Märkten alle zu tauschenden Dinge
sich vordrängen: Nur auf den Märkten kann man das Verhältnis des
Überflusses oder der Seltenheit beurteilen, das die Dinge zueinander ha­
ben; ein Verhältnis, das den jeweiligen Preis bestimmt. «
7 Vgl. M. Foucault, STB, Vorlesung 2 vom 18. r. 1978, S.67.
8 Dieser Ausdruck wurde von Foucault schon in der Vorlesung verwen­
det, die er im Mai 1978 vor der französischen Gesellschaft für Philoso­
phie gehalten hat,» Qu'est-ce que la critique ?, in: Bulletin de la Societe
franraise de Philosophie, 84. Jahrgang, Nr. 2 (April-Juni 1990), S. 5 r; dt.
Was ist Kritik?, Berlin 1992, im Hinblick auf den Unterschied zwischen
der Genealogie und den Verfahrensweisen einer erklärenden Ge­
schichtswissenschaft: »Sagen wir grob, daß es sich hier im Gegensatz zu
einer Genese, die sich an der Einheit einer ursprünglichen Ursache ori­
entiert, welche mit einer vielfältigen Nachkommenschaft schwanger
geht, um eine Genealogie handelt, d. h. um etwas, das die Bedingungen
für das Erscheinen eines besonderen Phänomens im Ausgang von vielen
bestimmenden Elementen zu rekonstruieren versucht, im Hinblick auf
welche dieses Phänomen nicht als Produkt, sondern als Wirkung er­
scheint. Ein Verständlichmachen also, bei dem man aber im Auge behal­
ten muß, daß es nicht nach einem Prinzip der Geschlossenheit funktio-
niert. « Foucault hatte dieses Problem der Verständlichkeit in der Ge­
schichtswissenschaft schon in der neunten Vorlesung der Vorlesungs­
reihe von 1977-1978, STB, S. 347, berücksichtigt. Zur Unterscheidung
zwischen Genese und Genealogie vgl. ebd., Vorlesung 5, S. 176.
9 Über die Beziehung Foucaults zur Frankfurter Schule vgl. M. Fou­
cault, »Qu'est-ce que Ja critique ?«, a.a. 0., S.42-43; dt. Was ist Kritik?,
a. a. 0.; vgl. auch »>Omnes et singulatim,: Vers une critique de la raison
politique«, in: DE, Bd. IV, S.135; »Espace, savoir, pouvoir « , in: DE,
Bd. IV, S. 279; »Structuralisme et poststructuralisme «, in:· DE, Bd. IV,
S.438-441.
10 Cesare Bonesana, Marquis von Beccaria (1738-1794), Autor der be­
rühmten Abhandlung Dei delitti e delle pene (Über Verbrechen und
Strafen), 1764 in Livorno erschienen, erhielt 1769 den Lehrstuhl für
Ökonomie in Mailand, den er für eine Stelle in der Milanesischen Ver­
waltung nach zwei Jahren Amtszeit verließ. Seine Vorlesungsaufzeich­
nungen wurden erstmals 1804 von P. Custodi unter dem Titel Elementi
di economia pubblica (Scrittori italiani di economia politica: Parte mo­
derna, Bd.XI und XII, Mailand) publiziert. Vgl. auch: »Discours de M.
Je marquis Cesare Beccaria Bonesana ... professeur royal de la chaire
nouvellement etablie par ordre de S. M. imperiale pour le commerce et
l'administration publique, prononce a son installation dans !es ecoles
Palatines«, übers. Von J.-A. Comparet, Lausanne 1769; frz. Überset­
zung von: »Prolusione letta da! regio professore Marchese Cesare Bec­
caria Bonesana nell'apertura della nuova cattedra di scienze camerali
ultimamente comendada da S. M. I. R. A. « , Florenz 1769; sowie Princi­
a
pes d'economie politique appliques l'agriculture par l'auteur du, Traite
des delits et des peines,, frz. Übersetzung von•'•·*, Paris V ve Bouchard,­
Huzard, 1852. »Das Wesentliche seiner ökonomischen Schriften stell­
ten seine Regierungsberichte dar « (vgl. Joseph A. Schumpeter, Ge­
schichte der ökonomischen Analyse, a.a. 0., Bd. r, S. 239, der Beccaria
als »Adam Smith Italiens « bezeichnet«). Vgl. auch seine Atti di go­
verno, die gegenwärtig in I7 Bänden publiziert werden. Fünf Bände -
die Bände VI-X - sind bereits erschienen. Diese Schriften behandeln
höchst vielfältige Fragen: Geld, Gewichte, Bergbau, Manufakturen und
Handel, Märkte und Jahrmärkte usw. Ich verdanke diesen Hinweis der
Dissertation von Ph. Audegean, Philosophie reformatrice. Cesare Bec­
caria et la critique des savoirs de son temps: droits, rhetorique, economie,
Universität Paris 1-Sorbonne, 2003. Vgl. auch M. Foucau!t, Überwa­
chen und Strafen, Frankfurt/M. r 977, Kap. II., r. »Die verallgemeinerte
Bestrafung « ; frz.: S. 79, Anm. 10.
r r Adam Smith (172 3- r790), An Inquiry into the Nature and Causes ofthe
Wealth of Nations, London, W. Straham und T. Cadell, 1776, (dt. Der
Wohlstand der Nationen: eine Untersuchung seiner Natur und Ursa­
chen, München 1974).
12 Vgl. Jeremy Bentham's Economic Writings, kritische Ausgabe, hrsg.

79
von Werner Stark, London, 3 Bde., 1952-1954. V gl. auch T. W. Hut­
chinson, » Bentham as an Economist«, in: Economic Journal; Bd.LXVI
(1956), s. 288-306.
13 Michel Foucault kommt auf diese Punkte in der siebten Vorlesung zu­
rück (unten, S.240).
14 Vgl. M. Foucault, »In Verteidigung der Gesellschaft«, Vorlesung vom 4.
Februar 1976, 105 ff. [frz. 11 faut defendre la societe, Paris, Ed. du Seuil
u. Ed. Gallimard, 1996, S. 84f.; im folgenden FDS} (das Wort »Radika­
lismus« wurde damals von Foucault nicht verwendet). Vgl. die Arbei­
ten von Ch. Hili, die Foucault sehr gut kannte; vgl. A. Fontana und M.
Bertani, »Situation du cours«, in der frz. Ausgabe, S. 262.
1 5 Vgl.unten, Vorlesung 11.
16 Vgl. M. Foucault, Üb erwachen und Strafen, S.63-72; frz.: Surveilleret
punir, Paris, Gallimard, 1975, S. 51-58. Siehe auch die Vorlesung von
1972-1973, La societe punitive (»Die Strafgesellschaft«). Eine Zusam­
menfassung findet sich in: Schriften, Bd.11, S. 568-585.
17 Cesare Beccaria, Über Verbrechen und Strafen, Leipzig 1905, § XV,
S.102ff.: »Milde der Strafen«; vgl. auch M. Foucault, Überwachen und
Strafen, a.a. 0. S. 133-170: »Die Milde der Strafen«; frz.: Surveiller et
punir,a.a.O., 106-134.

80
Vorlesung 3
(Sitzung vom 24. Januar 1979)

Die spezifischen Merkmale der liberalen Regierungskunst (Schluß):


Das Problem des europäischen Gleichgewichts und der
internationalen Beziehungen. - Der ökonomische und politische
Kalkül im Merkantilismus. Das Prinzip der Freiheit des Marktes
nach den Physiokraten und Adam Smith: Die Geburt eines
neuen europäischen Modells. - Die Erscheinung einer
Regierungsrationalität, die im globalen Maßstab ausgedehnt wird.
Beispiele: Die Frage des Seerechts; die Projekte des ewigen Friedens
im I 8. Jahrhundert. - Die Prinzipien der neuen liberalen
Regierungskunst: ein »Regierungsnaturalismus«; die Produktion
der Freiheit. - Das Problem der liberalen Schiedsgerichtsbarkeit.
Ihre Mittel: 1) Die Verwaltung von Risiken und die Einrichtung
von Sicherheitsmechanismen; 2) die Disziplinarkontrollen
(der Panoptismus Benthams); 3) die interventionistischen Politiken. -
Die Verwaltung der Freiheit und ihre Krisen.

Letztes Mal hatte ich versucht, einige der, wie mir scheint,
grundlegenden Merkmale der liberalen Regierungskunst ge­
nauer zu bestimmen. Zuerst hatte ich über das Problem der
ökonomischen Wahrheit und der Veridiktion des Marktes ge­
sprochen und dann über das Problem der Begrenzung der
Gouvernementalität durch den Nützlichkeitskalkül. Jetzt
möchte ich einen dritten Aspekt ansprechen, den ich gleichfalls
für grundlegend halte, nämlich den Aspekt des internationalen
Gleichgewichts, d.h. Europa und der internationale Raum im
Liberalismus.
Sie erinnern sich: Als wir letztes Jahr von der Staatsräson 1 ge­
sprochen hatten, versuchte ich Ihnen zu zeigen, daß es so etwas
wie ein Gleichgewicht, ein System von Gegengewichten zwi­
schen dem gibt, was man einerseits die unbegrenzten Ziele im
Inneren des Staates und andererseits die begrenzten Ziele
außerhalb des Staates nennen könnte. Unbegrenzte Ziele im
Inneren, deren Erreichung durch den Mechanismus des Poli-

8r
zeistaats sichergestellt werden sollte, d. h. eine Gouvernemen­
talität, die immer nachdrücklicher, immer deutlicher,-raffinier­
ter, subtiler wird, eine Reglementierung ohne im voraus fest­
gelegte Grenzen. Unbegrenzte Ziele also in dieser Hinsicht;
begrenzte Ziele nach außen in dem Maße, als man zur selben
Zeit, in der sich diese Staatsräson konstituiert und sich der Po­
lizeistaat ausbildet, die Suche nach und die wirkliche Ausbil­
dung von etwas findet, das man das europäische Gleichgewicht
nennt. Sein Prinzip besteht in Folgendem: Man soll es so ein­
richten, daß kein Staat so sehr die Oberhand über die anderen
Staaten gewinnt, daß die Einheit eines Kaiserreichs in Europa
wiederhergestellt werden könnt<::; man soll es folglich so ein­
richten, daß kein Staat alle anderen beherrscht, daß keiner so
sehr die Oberhand über die Gesamtheit seiner Nachbarn ge­
winnt, daß er seine Herrschaft über sie ausüben könnte usw.
Wenn man die Verbindung zwischen diesen beiden Mechanic­
men, dem Polizeistaat mit den unbegrenzten Zielen und dem
europäischen Gleichgewicht mit den begrenzten Zielen, be­
trachtet, erkennt man oder versteht man sehr leicht, daß der
Polizeistaat oder, wenn Sie so wollen, die inneren Mechanis­
men, die den Polizeistaat auf unbegrenzte Weise entwickeln
und ausbilden, als Seinsgrund, Ziel und Zweck die Stärkung
des Staates selbst haben. Jeder Staat hat also seine eigene gren­
zenlose Stärkung zum Ziel, d. h. eine unbegrenzte Steigerung
der Macht im Vergleich zu den anderen. Um es deutlich zu sa­
gen: Die Konkurrenz wird durch denjenigen Staat, der in die­
sem Konkurrenzspiel am geschicktesten agiert, in Europa eine
Reihe von Ungleichheiten einführen, Ungleichheiten, die sich
vergrößern werden, die von einem Ungleichgewicht in der Be­
völkerung bekräftigt werden, das sich folglich auch in den
Streitkräften ausdrückt, wodurch man schließlich zu jener
berüchtigten imperialen Situation gelangt, von der das europäi­
sche Gleichgewicht seit dem Westfälischen Frieden Europa be­
freien wollte. Um das zu vermeiden, richtet man ein Gleichge­
wicht ein.
Genauer gesagt, sieht man im merkantilistischen Kalkül und in
der Weise, in der der Merkantilismus den Kalkül der wirt­
schaftlich-politischen Kräfte ausbildet, wie sich in der Tat ein
europäisches Gleichgewicht nicht vermeiden läßt, zumindest
wenn man verhindern will, daß sich erneut eine imperiale Kon­
stellation verwirklicht. Für den Merkantilismus bedeutet die
Konkurrenz zwischen den Staaten tatsächlich, daß der Reich­
tum eines Staates vom Reichtum der anderen Staaten abgezo­
gen werden kann und muß. Was der eine erwirbt, muß einem
anderen weggenommen werden; man kann sich nur auf Kosten
der anderen bereichern. Mit anderen Worten, für die Merkanti­
listen - und das ist, glaube ich, ein wichtiger Punkt - ist das
Spiel der Wirtschaft ein Nullsummenspiel. Und es ist ganz ein­
fach aufgrund der monetaristischen Konzeption und Praxis des
Merkantilismus ein Nullsummenspiel. Es gibt eine bestimmte
Menge Gold in der Welt. Da das Geld den Reichtum eines
Staates bestimmt, mißt und ausmacht, versteht es sich von
selbst, daß jedesmal wenn sich einer der Staaten bereichert, er
von dem gemeinsamen Bestand an Gold etwas wegnimmt und
folglich die anderen ärmer macht. Der monetaristische Cha­
rakter der merkantilistischen Politik und ihres Kalküls impli­
ziert dann, daß man die Konkurrenz nur in Form eines Null­
summenspiels und deshalb die Bereicherung der einen nur auf
Kosten der anderen auffassen kann.2 Die Einrichtung von so
etwas wie einem Gleichgewicht, das gestatten wird, das Spiel in
gewisser Weise zu gegebener Zeit zu unterbrechen, ist gerade
deshalb notwendig, um zu vermeiden, daß es in diesem Null­
summenspiel nach strenger ökonomischer Logik nur einen
einzigen Gewinner gibt- um also dieses Phänomen, diese poli­
tische Konsequenz der auf solche Weise bestimmten Konkur­
renz zu vermeiden. D.h., wenn die Unterschiede zwischen den
einzelnen Spielern zu groß werden, hält man die Partie an, und
darin besteht gerade das europäische Gleichgewicht. Es han­
delt sich hier genau, zumindest bis zu einem bestimmten
Punkt, um das Problem Pascals:3 Was geschieht, wenn man ein
Nullsummenspiel unterbricht und die Gewinne unter den
Partnern verteilt? Das Spiel der Konkurrenz durch die Diplo-
matie des europäischen Gleichgewichts zu unterbrechen, das
ist eine notwendige Folge der monetaristischen Auffassung
und Praxis der Merkantilisten. Das ist der Ausgangspunkt.
Was geschieht nun in jener Mitte des r 8. Jahrhunderts, von der
ich spreche und in der ich die Bildung einer neuen gouverne­
mentalen Vernunft auszumachen versuche? Bei dieser neuen
Staatsräson oder der Räson des minimalen Staates, die ihre
grundsätzliche Veridiktion im Markt und ihre faktische Ve­
ridiktion in der Nützlichkeit findet, werden selbstverständlich
die Dinge ganz anders sein. In der Tat muß und kann die Frei­
heit des Marktes für die Physiokraten, aber im übrigen auch für
Adam Smith, auf eine solche Weise funktionieren, daß sich
durch und aufgrund dieser Freiheit des Marktes das einstellt,
was sie den natürlichen Preis oder die richtigen Preise usw.
nennen. Wem nützt dieser natürliche oder richtige Preis denn
am Ende immer? Dem Verkäufer, aber auch dem Käufer; dem
Käufer und Verkäufer zugleich. Das bedeutet, daß die günsti­
gen Wirkungen der Konkurrenz nicht notwendig ungleich auf
den einen und anderen verteilt sind, zugunsten des einen und
auf Kosten des anderen. Aber das rechtmäßige Spiel der natür­
lichen Konkurrenz, d. h. der Konkurrenz im Zustand der Frei­
heit, kann nur einen doppelten Gewinn einbringen. Das
Schwanken des Preises um den Wert, jene Schwankung, die,
wie ich Ihnen letztes Mal gezeigt habe, nach den Physiokraten
und Adam Smith durch die Freiheit des Marktes gewährleistet
wurde, setzt einen Mechanismus der gegenseitigen Bereiche­
rung in Gang. Ein Maximum an Gewinn für den Verkäufer, ein
Minimum an Ausgaben für die Käufer. Wir finden also jene
Idee, die nun ins Zentrum des ökonomischen Spiels rückt, wie
es von den Liberalen charakterisiert wird, daß tatsächlich die
Bereicherung eines Landes sich genauso wie die Bereicherung
eines Individuums langfristig nur durch gegenseitige Bereiche­
rung einstellen und aufrechterhalten läßt. Der Reichtum mei­
nes Nachbarn ist mir wegen meines eigenen Reichtums wich­
tig, und zwar nicht in dem Sinne, in dem die Merkantilisten
sagten, daß der Nachbar Gold haben muß, um meine Produkte
zu kaufen, was mir ermöglicht, ihn ärmer zu machen, indem
ich mich bereichere. Mein Nachbar soll reich sein, und mein
Nachbar wird in demselben Maße reich sein, in dem ich mich
durch meinen Handel und meinen gegenseitigen Handel mit
ihm bereichere. Es handelt sich folglich um eine wechselseitige
Bereicherung, eine gemeinsame Bereicherung, um die Berei­
cherung einer ganzen Region: Entweder wird ganz Europa
reich sein oder ganz Europa wird arm sein. Es gibt keinen Ku­
chen mehr auf:z;uteilen. Wir treten in das Zeitalter einer ökono­
mischen Geschichtlichkeit ein, die, wenn schon nicht von einer
unbegrenzten Bereicherung, so doch zumindest von der wech­
selseitigen Bereicherung durch das Spiel der Konkurrenz ange­
trieben wird.
Ich glaube, daß sich hier etwas sehr Wichtiges abzuzeichnen
beginnt, dessen Konsequenzen, wie Sie wohl wissen, bei wei­
tem nicht ausgeschöpft sirid. Es zeichnet sich hier eine neue
Vorstellung von Europa ab, von einem Europa, das keinesfalls
mehr das kaiserliche und karolingische Europa ist, das mehr
oder weniger der Erbe des Römischen Reiches war und sich an
partikularen politischen Strukturen orientiert. Es ist auch nicht
mehr, schon nicht mehr das klassische Europa des Gleichge­
wichts zwischen den Kräften, das auf solche Weise eingerichtet·
ist, daß niemals die Kraft des einen so sehr die Oberhand ge­
winnt, daß sie gegenüber dem anderen zu beherrschend wird.
Es handelt sich um ein Europa der kollektiven Bereicherung,
ein Europa als kollektives Wirtschaftssubjekt, das auf dem Weg
des unbegrenzten wirtschaftlichen Fortschritts vorankommen
muß, was auch immer die Konkurrenzsituation sei, die sich
zwischen den Staaten einstellt, oder vielmehr sogar durch die
Konkurrenz, die sich zwischen den Staaten ergibt.
Diese Idee eines europäischen Fortschritts ist, glaube ich, ein
grundlegendes Thema im Liberalismus, das, wie Sie sehen, die
Themen des europäischen Gleichgewichts völlig umstürzt,
auch wenn diese Themen nicht völlig verschwinden. Im Aus­
gang von dieser physiokratischen Vorstellung und von der
Konzeption Adam Smiths haben wir die Auffassung des öko-
nomischen Spiels als Nullsummenspiel verlassen. Damit je­
doch das ökonomische Spiel kein Nullsummenspiel mehr ist,
muß es ständige und kontinuierliche Inputs geben. Mit anderen
Worten, wenn diese Freiheit des Marktes, die die gegenseitige,
gemeinsame, mehr oder weniger gleichzeitige Bereicherung al­
ler Länder Europas gewährleisten soll, damit das geschehen
kann, damit diese Freiheit des Marktes sich auf eine solche
Weise manifestieren kann, die kein Nullsummenspiel ist, muß
man um Europa herum und für Europa einen immer weiter
ausgedehnten Markt schaffen und am Ende einen Weltmarkt.
Anders ausgedrückt, man findet sich zu einer Globalisierung
des Marktes veranlaßt, sobald man als Prinzip und auch als Ziel
festlegt, daß die Bereicherung Europas sich nicht durch die
Verarmung der einen und die Bereicherung der anderen voll­
ziehen soll, sondern als [eine] kollektive und unbegrenzte Be­
reicherung. Der unbegrenzte Charakter der wirtschaftlichen
Entwicklung Europas und die Existenz von etwas, das kein
Nullsummenspiel ist, hat natürlich zur Folge, daß die ganze
Welt um Europa herum zusammengerufen wird, um auf einem
Markt, der der europäische Markt sein wird, seine eigenen Pro­
dukte und die Produkte Europas auszutauschen.
Selbstverständlich meine ich damit nicht, daß Europa zum er­
sten Mal an die Welt denkt oder daß Europa sich zum ersten
Mal die Welt vorstellt. Ich meine nur, daß sich Europa zum er­
sten Mal als Wirtschaftseinheit, als Wirtschaftssubjekt der Welt
präsentiert oder sich die Welt so vorstellt, daß sie ihr Wirt­
schaftsgebiet sein kann und sein soll. Mir scheint, daß Europa
sich zum ersten Mal selbst so sieht, als müsse es die Welt als un­
begrenzten Markt haben. Europa ist nicht mehr einfach in ei­
nem Zustand der Begehrlichkeit gegenüber allen Reichtümern
der Welt, die in seinen Träumen oder Wahrnehmungen verlok­
kend aussehen. Europa befindet sich durch seine eigene Kon­
kurrenz nun in einem Zustand der ständigen und kollektiven
Bereicherung, vorausgesetzt, daß die ganze Welt sein Markt ist.
' Kurz, im Zeitalter des Merkantilismus, der Staatsräson, des Po­
lizeistaats usw. ermöglichte es der Kalkül eines europäischen

86
Gleichgewichts, die Folgen eines wirtschaftlichen Spiels zu
blockieren, das als endlich galt.'� Jetzt ermöglicht die Öffnung
eines globalen Marktes, daß das wirtschaftliche Spiel nicht
mehr endlich ist und daß daher die konfligierenden Wirkungen
eines endlichen Marktes vermieden werden. Aber diese Öff­
nung des Wirtschaftsspiels gegenüber der Welt zieht offen­
sichtlich einen Unterschied im Wesen und Status zwischen
Europa und der übrigen Welt nach sich. Einerseits werden
nämlich Europa und die Europäer die Spieler sein, und die Welt
wird der Einsatz sein. Das Spiel findet in Europa statt, aber der
Einsatz ist die Welt.
Mir scheint, daß wir hier einen der Grundzüge jener neuen Re­
gierungskunst vor uns haben, die sich an dem Problem des
Marktes und der Veridiktion des Marktes ausrichtet. Natürlich
liegt hier in dieser Organisation, in dieser Reflexion auf die ge­
genseitige Stellung der Welt und Europas nicht der Beginn der
Kolonialisierung. Diese hatte schon lange zuvor begonnen. Ich
glaube auch nicht, daß hier der Beginn des Imperialismus im
modernen oder zeitgenössischen Sinne des Begriffs liegt, denn
wahrscheinlich bildet sich dieser neue Imperialismus erst spä­
ter, im r 9. Jahrhundert. Wir können jedoch sagen, daß wir hier
den Beginn eines neuen Typs von planetarischem Kalkül in der·
europäischen Regierungspraxis vor uns haben. Ich glaube, daß
man für dieses Erscheinen einer neuen Form der weltumspan­
nenden Rationalität, für dieses Auftreten eines neuen Kalküls
mit globalen Dimensionen viele Anzeichen finden kann. Ich
werde nur einige nennen.
Betrachten Sie beispielsweise die Geschichte des Seerechts im
18.Jahrhundert, die Art und Weise, wie man versucht hat, sich
die Welt oder zumindest das Meer in Begriffen des internatio­
nalen Rechts, als einen Raum freier Konkurrenz, freien Ver­
kehrs und somit als eine der notwendigen Bedingungen für den
'' Im Manuskript steht der Zusatz: »indem man die Partie anhält, wenn die
Verluste und Gewinne der verschiedenen Partner sich zu sehr von der
Ausgangssituation entfernen (Pascals Problem der Unterbrechung der
Partie)«.
Aufbau eines Weltmarkts vorzustellen. Die ganze Geschichte
der Piraterie, die Art und Weise, wie sie zugleich eingesetzt, er­
mutigt, bekämpft, unterdrückt usw. wurde, könnte ebenfalls
als einer der Aspekte jener Entwicklung eines globalen Raums
in Abhängigkeit von einer Reihe von Rechtsprinzipien erschei­
nen. Wir können sagen, daß es eine Verrechtlichung der Welt
gab, die man sich in Begriffen der Organisation eines Marktes
zu denken hat.
Ein anderes Beispiel dieser Erscheinung einer Regierungsratio­
nalität, die den ganzen Planeten als Horizont hat, sind die Pro­
jekte des Friedens und der internationalen Organisation im
18.Jahrhundert. Wenn Sie die damals existierenden Projekte
betrachten - denn einige gab es schon seit dem 17.Jahrhun­
dert -, werden Sie bemerken, daß alle diese Friedensprojekte
wesentlich am europäischen Gleichgewicht ausgerichtet sind,
d. h. am genauen Gleichgewicht der wechselseitigen Kräf�e
zwischen den verschiedenen Staaten, zwischen den bedeuten­
den Staaten oder zwischen verschiedenen Koalitionen bedeu­
tender Staaten oder zwischen den bedeutenden Staaten und
einer Koalition kleiner Staaten usw. Vom 18.Jahrhundert an
hat die Idee des ewigen Friedens und die Idee einer internatio­
nalen Organisation, glaube ich, eine ganz andere Ausrichtung.
Man beruft sich nicht mehr sosehr auf die Begrenzung der in­
neren Kräfte jedes Staates als Garantie und Grundlage eines
ewigen Friedens, sondern vielmehr auf die Unbegrenztheit des
äußeren Marktes.Je größer der äußere Markt ist, desto weniger
Grenzen und Schranken gibt es und desto mehr haben wir hier
die Garantie des ewigen Friedens.
Wenn Sie beispielsweise Kants Text über das Projekt des ewi­
gen Friedens betrachten, der aus dem Jahre 1795 4 am äußersten
Ende des 18.Jahrhunderts stammt, dann finden Sie dort ein
Kapitel mit der Überschrift »Die Garantie des ewigen Frie­
dens«.5 Wie faßt Kant diese Garantie des ewigen Friedens auf?
Nun, er sagt: Was ist es, das im Grunde diesen ewigen Frieden
durch die Geschichte hindurch garantiert und uns verspricht,
daß er tatsächlich eines Tages innerhalb der Geschichte Form

88
und Gestalt annehmen kann? Der Wille der Menschen, ihr ge­
genseitiges Einverständnis, die politischen und diplomatischen
Kombinationen, die sie zustande gebracht haben werden, die
Organisation der Rechte, die sie unter sich vereinbart haben
werden? Keineswegs. Es ist die Natur,6 genau wie es bei den
Physiokraten die Natur war, die die richtige Regelung des
Marktes garantierte. Und wie garantiert die Natur den ewigen
Frieden? Nun, sagt Kant, ganz einfach. Die Natur hat immer­
hin absolut wundervolle Dinge zustande gebracht, da es ihr
beispielsweise nicht nur gelang, Tiere, sondern auch Menschen
in unmöglichen Ländern leben zu lassen, die vollkommen von
der Sonne verbrannt oder vom ewigen Eis gefroren sind.7 Nun,
es gibt Menschen, die trotz allem dort leben, was beweist, daß
es keinen einzigen Teil der Welt gibt, wo die Menschen nicht
leben können. 8 Damit die Menschen jedoch leben können,
müssen sie sich auch ernähren können, müssen sie auch ihre
Nahrung erzeugen können, müssen sie auch untereinander
eine soziale Organisation haben und auch untereinander oder
mit Menschen aus anderen Regionen ihre Produkte tauschen
können. Die Natur hat gewollt, daß die ganze Welt und ihre
ganze Oberfläche sich der wirtschaftlichen Aktivität ver­
schreibt, die in der Produktion und im Tausch besteht. Und·
von da aus hat die Natur dem Menschen eine Reihe von Ver­
pflichtungen vorgeschrieben, die für den Menschen zugleich
rechtliche Verpflichtungen9 sind, die ihm jedoch die Natur ge­
wissermaßen unter der Hand diktiert hat, die sie gewisserma­
ßen in der Disposition der Dinge, der Geographie, des Klimas
usw. selbst angelegt hat. Um welche Dispositionen handelt es
sich?
Erstens, daß die einzelnen Menschen aufgrund des Eigentums
usw. miteinander Tauschbeziehungen eingehen können. Diese
Vorschrift, dieses Gebot der Natur werden die Menschen als
rechtliche Verpflichtungen übernehmen, und das wird das
Staatsrecht sein. 10
Zweitens hat die Natur gewollt, daß die Menschen auf ver­
schiedene Regionen der Erde verteilt sind und daß sie in jeder
dieser Regionen miteinander privilegierte Beziehungen unter­
halten, die sie mit den Bewohnern der anderen Regionen nicht
unterhalten. Dieses Gebot der Natur haben die Menschen in
Begriffen des Rechts übernommen, indem sie Staaten gebildet
haben, die voneinander getrennt sind und die miteinander eine
Reihe von rechtlichen Beziehungen unterhalten. Das wird das
internationale Recht sein. 11 Darüber hinaus hat die Natur je­
doch gewollt, daß zwischen diesen Staaten nicht nur rechtliche
Beziehungen bestehen, die ihre Unabhängigkeit garantieren,
sondern auch Handelsbeziehungen, die die Staatsgrenzen
überschreiten und die dadurch die rechtlichen Unabhängigkei­
ten jedes Staats aufweichen. 12 Diese Handelsbeziehungen
durchziehen die Welt, ganz wie die Natur gewollt hat und in
dem Maße, wie sie gewollt hat, daß die ganze Welt bevölkert
sein soll. Und das wird das weltbürgerliche oder das Handels­
recht konstituieren. Dieses Gebäude: Staatsrecht, internation ..-
les Recht, weltbürgerliches Recht ist nichts anderes als die
Übernahme eines Gebots der Natur durch den Menschen in
Form von Verpflichtungen.13 Wir können [also] sagen, daß das
Recht, insofern es das Gebot der Natur übernimmt, etwas ver­
sprechen kann, was schon in gewisser Weise seit der ersten
Handlung der Natur vorgezeichnet war, als sie die ganze Welt
bevölkert hat\ so etwas wie den ewigen Frieden. Der ewige
Frieden wird von der Natur garantiert, und diese Garantie ma­
nifestiert sich in der Bevölkerung der ganzen Welt und im
Netzwerk der Handelsbeziehungen, die sich über die ganze
Welt erstrecken. Die Garantie des ewigen Friedens ist also tat­
sächlich die Globalisierung des Handels.
Man müßte wohl noch viele Dinge hinzufügen, zumindest aber
gleich auf einen Einwand antworten. Wenn ich Ihnen sage, daß
wir in diesen Gedanken der Physiokraten, von Adam Smith,
auch von Kant, der Juristen des 18.Jahrhunderts die Manife­
station einer neuen Form des politischen Kalküls im interna­
tionalen Maßstab vor uns haben, meine ich keineswegs, daß

"" Michel Foucault: »das verspricht schon«.


jede andere Form der Reflexion, des Kalküls und der Analyse,
jede andere Regierungspraxis deshalb verschwindet. Denn
wenn es richtig ist, daß in dieser Zeit so etwas wie ein umfas­
sender Weltmarkt entdeckt wird, wenn sich in diesem Augen­
blick die privilegierte Stellung Europas gegenüber diesem
Weltmarkt durchsetzt, wenn sich gleichfalls in dieser Zeit die
Idee Geltung verschafft, daß die Konkurrenz zwischen euro­
päischen Staaten ein Faktor der gemeinsamen Bereicherung
ist - die Gesch,ichte beweist das natürlich an allen Ecken und
Enden -, dann heißt das trotzdem nicht, daß wir in eine Zeit
des europäischen Friedens und der friedlichen Globalisierung
der Politik eintreten. Schließlich kommen wir mit dem
19.Jahrhundert in die schlimmste Zeit des Krieges, der Zollta­
rife, der wirtschaftlichen Protektionismen, der Volkswirtschaf­
ten, der politischen Nationalismen, der [größten] Kriege, die
die Welt erlebt hat usw. Ich glaube, und das wollte ich Ihnen
zeigen, daß in diesem Moment einfach eine bestimmte Form
der Reflexion, der Analyse und des Kalküls erscheint, eine be­
stimmte Form der Analyse und des Kalküls, die sich in gewis­
ser Weise in die politischen Praktiken integriert, wel<;he
durchaus auch einer anderen Art von Kalkül, einer anderen
Ökonomie des Denkens, einer anderen Praxis der Macht ge­
horchen können. Es würde beispielsweise genügen, wenn man
sieht, was zur Zeit des Wiener Kongresses von I 8 I 5 geschah. 14
Man kann sagen, daß wir hier die offenkundigste Manifestation
dessen haben, wonach man im 17. und I 8. Jahrhundert so lange
gesucht hatte, nämlich nach @inem europäischen Gleichge­
wicht. Worum handelte es sich dabei? Nun, es ging darum,
dem ein Ende zu bereiten, was mit Napoleon als die Wiederbe­
lebung der imperialen Idee erschienen war. Denn das ist wohl
das geschichtliche Paradox Napoieons: Wenn Napoleon auf
der Ebene seiner Innenpolitik - und das zeigt sich an seinen
Redebeiträgen im Staatsrat und an der Art und Weise, wie er
über seine eigene Regierungspraxis nachdachte 15 - der Idee
eines Polizeistaats offensichtlich vollkommen feindlich gegen­
über eingestellt ist und sein Problem wirklich darin besteht,

91
wie die Regierungspraxis begrenzt werden soll, 16 dann kann
man im Hinblick auf seine Außenpolitik sagen, daß Napoleon
vollkommen archaisch war, und zwar insofern er so etwas wie
die imperiale Konstellation wiederherstellen wollte, gegen die
sich ganz Europa seit dem I 7. Jahrhundert aufgelehnt hatte.
Eigentlich scheint es, daß die imperiale Idee Napoleons - wenn
man sie trotz des verblüffenden Schweigens der H istoriker zu
diesem Thema überhaupt rekonstruieren kann - drei Zielen
entsprach.
Erstens - und das habe ich Ihnen, glaube ich, letztes Jahr ge­
sagt 17 -das Reich [!'Empire] im Hinblick auf die Innenpolitik:
Wenn man sie danach beurteilt, was die Historiker und die Ju­
risten des 18.Jahrhunderts über das karolingische Reich 18 sag­
ten, dann war das Reich die Garantie der Freiheiten. Und das
Reich lehnte sich gegen die Monarchie auf, nicht als ein Mehr
an Macht, sondern im Gegenteil als ein Weniger an Macht unJ
eine minimale Gouvernementalität. Andererseits war das
Reich eine Form - wahrscheinlich auf der Grundlage dessen,
was die Unbegrenztheit der revolutionären Ziele ausmachte,
nämlich die ganze Welt zu revolutionieren-, dieses revolutio­
näre Projekt wiederzubeleben, das gerade in den Jahren 1792/
93 in Frankreich Einzug hielt, und es nach der Vorstellung-die
selbst archaisch ist - einer imperialen Herrschaft auszuführen,
die sich als Erbin der karolingischen Formen oder der Form
des Heiligen Reichs verstehen sollte. Diese Mischung zwischen
der Idee eines Reichs, das die Freiheiten im Innern garantiert,
eines Reichs, das die europäische Verwirklichung des unbe­
grenzten revolutionären Projekts wäre, und schließlich eines
Reichs, das die Rekonstruktion der karolingischen oder deut­
schen oder österreichischen Form des Reiches wäre, all das hat
zu der Art von Durcheinander geführt, das die imperiale Poli­
tik Napoleons darstellt.
Das Problem des Wiener Kongresses war natürlich, dieser im­
perialen Unbegrenztheit auf irgendeine Weise einen Riegel
vorzuschieben. Es ging offensichtlich darum, das europäische
Gleichgewicht wiederherzustellen, aber im Grunde mit zwei

92
anderen Zielen. Wir haben das österreichische und das engli­
sche Ziel. Worin besteht das österreichische? Nun, es bestand
in der Wiederherstellung des europäischen Gleichgewichts in
der alten Form: der des 17. und 18.Jahrhunderts. Es sollte so
eingerichtet werden, daß kein Land in Europa die Oberhand
über die anderen gewinnen kann. Und Österreich hatte ein ab­
solutes Interesse an einem solchen Projekt, insofern es nur eine
administrative Regierung hatte, da es selbst aus einer Reihe ver­
schiedener Staaten bestand und diese Staaten nur in der Form
des alten Polizetstaats organisierte. Diese Vielheit von Polizei­
staaten im Herzen Europas bedeutete, daß Europa im Grunde
selbst nach diesem alten Schema, das eine Vielheit von sich un­
tereinander im Gleichgewicht befindlichen Polizeistaaten war,
modelliert werden sollte. Europa sollte nach dem Vorbild
Österreichs geformt werden, damit Österreich selbst so blei­
ben konnte, wie es war. Und insofern kann man sagen, daß für
Metternich 19 der Kalkül des europäischen Gleichgewichts noch
immer der Kalkül des I 8. Jahrhunderts war. Was war im Gegen­
satz dazu das europäische Gleichgewicht, das England20x- an­
strebte und das es gemeinsam mit Österreich beim Wiener
Kongreß durchsetzte? Eine Weise der Regionalisierung Euro­
pas, der Beschränkung der Macht jedes europäischen Staats, so
daß jedoch England eine politische und wirtschaftliche Rolle
überlassen wurde, nämlich die Rolle des wirtschaftlichen Ver­
mittlers zwischen Europa und dem Weltmarkt mit dem Ziel,
die europäische Wirtschaft durch die Vermittlung der Wirt­
schaftsmacht Englands zu globalisieren. Hier haben wir einen
ganz anderen Kalkül des europäischen Gleichgewichts, der auf
jenes Prinzip eines Europas als besonderer Wirtschaftsregion
angesichts oder innerhalb einer Welt, die für es einen Markt
darstellen soll, gegründet ist. Der Kalkül des europäischen
Gleichgewichts im Sinne [Österreichs]'�x- war beim Wiener
Kongreß ganz anders. So erkennt man, daß man innerhalb ei­
ner einzigen historischen Wirklichkeit sehr wohl zwei ganz
* Im Manuskript findet sich die Präzisierung: »Castlereagh«.
'f* Michel Foucault sagt: »England«.

93
verschiedene Typen von Rationalität und politischem Kalkül
finden kann.
Ich schließe nun diese Spekulationen ab und möchte jetzt- be­
vor ich zur Analyse des gegenwärtigen Liberalismus in
Deutschland und Amerika übergehe - · ein wenig zusammen­
fassen, was ich Ihnen über jene Grundzüge des Liberalismus
sagte, des Liberalismus oder zumindest einer bestimmten Re­
gierungskunst, die sich im 18.Jahrhundert abzeichnet.
Ich habe also versucht, drei Züge anzugeben: die Veridiktion
des Marktes, die Begrenzung durch den Kalkül der Nützlich­
keit der Regierung und jetzt die Stellung Europas als unbe­
grenzte wirtschaftliche Entwicklungsregion gegenüber einem
Weltmarkt. Das habe ich Liberalismus genannt.
Warum soll man vom Liberalismus, von einer liberalen Regie­
rungskunst sprechen, wenn es doch offensichtlich ist, daß die
Dinge, die ich angesprochen habe, und die Merkmale, die ic�
hervorzuheben versucht habe, auf ein viel allgemeineres Phä­
nomen abzielen als einzig und allein auf die Wirtschafts- oder
die politische Doktrin oder die wirtschaftspolitische Entschei­
dung des Liberalismus im strengen Sinne? Im Grunde verhält
es sich so: Wenn man die Dinge nochmals aus etwas größerer
Entfernung betrachtet, wenn man sie in ihrem Ursprung be­
trachtet, erkennt man, daß das, was diese neue Regierungs­
kunst auszeichnet, von der ich gesprochen habe, viel eher ein
Naturalismus als ein Liberalismus ist, insofern jene Freiheit,
von der bei den Physiokraten, bei Adam Smith usw. die Rede
ist, viel mehr die Spontaneität, die innere und intrinsische Me­
chanik der Wirtschaftsprozesse ist als eine juridische Freiheit,
die als solche den Individuen zuerkannt wird. Und selbst noch
bei Kant, der trotzdem nicht sosehr Ökonom, sondern viel
mehr Jurist ist, haben Sie gesehen, daß der ewige Frieden nicht
vom Recht, sondern von der Natur garantiert wird. Tatsächlich
zeichnet sich so etwas wie ein Naturalismus der Regierung in
der Mitte des 18.Jahrhunderts ab. Und dennoch glaube ich,
daß man von einem Liberalismus sprechen kann. Ich könnte
Ihnen auch sagen - aber darauf werde ich noch zurückkom-

94
men21 -, daß dieser Naturalismus, den ich für fundamental
oder jedenfalls für ursprünglich in dieser Regierungskunst
halte, sehr deutlich in der physiokratischen Konzeption des
aufgeklärten Despotismus erscheint. Ich werde ausführlicher
darauf zurückkommen, möchte aber kurz Folgendes sagen:
Als die Physiokraten entdecken, daß es tatsächlich spontane
Wirtschaftsmechanismen gibt, die jede Regierung beachten
muß, wenn sie keine widrigen Wirkungen induzieren will, die
das Gegenteil ihrer Ziele sind, welche Konsequenzen ziehen sie
daraus? Daß man den Menschen so viel Handlungsfreiheit ge­
ben soll, wie sie wollen? Daß die Regierungen die fundamenta­
len und wesentlichen Naturrechte der Individuen anerkennen
sollen? Daß die Regierung so wenig autoritär wie möglich sein
soll? Keineswegs. Die Physiokraten leiten daraus ab, daß die
Regierung verpflichtet ist, diese Wirtschaftsmechanismen in
ihrer inneren und komplexen Natur zu erkennen. Wenn sie sie
erst einmal erkannt hat, soll sie natürlich danach streben, diese
Mechanismen zu beachten. Aber diese Mechanismen zu beach­
ten bedeutet nicht, daß sie sich ein rechtliches Regelwerk geben
wird, das die individuellen Freiheiten und die Grundrechte der
Individuen respektiert. Es soll einfach bedeuten, daß sie ihre
Politik mit einer genauen, ständigen, klaren und deutlichen
Kenntnis dessen ausrüsten wird, was in der Gesellschaft ge­
schieht, was im Markt geschieht, was in den Wirtschaftskreis­
läufen geschieht, so daß die Begrenzung ihrer Macht sich nicht
aufgrund des Respekts vor der Freiheit der Individuen voll­
zieht, sondern einfach durch die Gewißheit der Wirtschafts­
analyse, die sie zu achten weiß. 22 Sie begrenzt sich durch die
Gewißheit, sie begrenzt sich nicht durch die Freiheit der Indi­
viduen.
Es ist also viel eher ein Naturalismus als ein Liberalismus, der
in der Mitte des 18.Jahrhunderts in Erscheinung tritt. Ich
glaube aber dennoch, daß man den Begriff des Liberalismus in­
sofern anwenden kann, als die Freiheit durchaus im Zentrum
dieser Praxis oder der Probleme steht, die sich für diese Praxis
stellen. In der Tat glaube ich, daß man diesen Punkt genau ver-

95
stehen muß. Wenn man im Hinblick auf diese neue Regie­
rungskunst von Liberalismus spricht, dann bedeutet das nicht,
dann ist das nicht so zu verstehen, daß es einen Übergang gibt
von einer Regierung, die im 17. und zu Beginn des 18.Jahrhun­
derts autoritär war, zu einer Regierung, die toleranter, laxer
und lockerer wird. Ich meine nicht, daß das nicht auch der Fall
ist, aber ich meine auch nicht, daß es der Fall ist. Ich meine, daß
eine solche Aussage mir nicht viel geschichtlichen oder politi­
schen Sinn zu haben scheint. Ich habe nicht gemeint, daß das
Ausmaß der Freiheit zwischen dem Anfang des 18.Jahrhun­
derts und etwa dem 19.Jahrhundert zugenommen hat. Ich
habe das aus zwei Gründen nicht behauptet. Aus einem fakti­
schen und einem methodischen oder prinzipiellen Grund.
Der faktische Grund ist folgender: Hat es viel Sinn, zu sagen
oder sich einfach zu fragen, ob eine administrative Monarchie
wie beispielsweise jene, die Frankreich im 17. und 18. Jahrhur1-
dert kannte, mit all ihrer aufgeblähten, schwerfälligen, plum­
pen, ungeschmeidigen Maschinerie, mit den satzungsgemäßen
Privilegien, die sie anzuerkennen verpflichtet war, mit der
Willkürlichkeit der Entscheidungen, die sie den einen oder an­
deren überließ, mit allen Lücken ihrer Instrumente, hat es ei­
nen Sinn, zu sagen, daß diese administrative Monarchie mehr
oder weniger Freiheiten einräumte als etwa ein liberales Re­
gime, das sich jedoch zur Aufgabe macht, ständig und wir­
kungsvoll die Verantwortung für die Individuen zu überneh­
men, für ihr Wohlergehen, ihre Gesundheit, ihre Arbeit, ihre
Weise, zu sein, sich zu verhalten bis hin zu ihrer Weise, zu ster­
ben usw.? Das Ausmaß an Freiheit zwischen einem System
und einem anderen zu messen hat, glaube ich, faktisch nicht
viel Sinn. Und man erkennt nicht, welche Art von Beweis, wel­
che Art von Messung oder Maß man anwenden könnte.
Das führt uns zum zweiten Grund, der mir fundamentaler zu
sein scheint. Man darf sich die Freiheit nicht als ein Universale
vorstellen, das über die Zeit hinweg eine fortschreitende Ver­
vollkommnung oder quantitative Variationen oder mehr oder
weniger schwerwiegende Beschneidungen oder mehr oder we-
niger starke Verdunkelungen aufwiese. Es handelt sich nicht
um ein Universale, das sich mit der Zeit und der Geographie
besondern würde. Die Freiheit ist keine weiße Oberfläche, die
hier und da und von Zeit zu Zeit mit mehr oder weniger zahl­
reichen schwarzen Feldern bedeckt ist. Die Freiheit ist niemals
etwas anderes - aber das ist schon viel - als ein aktuelles Ver­
hältnis zwischen Regierenden und Regierten, ein Verhältnis,
bei dem das Maß des »zu wenig« >:· an bestehender Freiheit
durch das »noc;h mehr«** an geforderter Freiheit bestimmt
wird. Wenn ich also »liberal« >:·*'' sage, ziele ich folglich nicht auf
eine Form der Gouvernementalität ab, die der Freiheit mehr
weiße Felder überließe. Ich meine etwas anderes.
Wenn ich das Wort »liberal« verwende, dann zuerst deshalb,
weil diese Regierungspraxis, die im Begriff ist, sich durchzuset­
zen, sich nicht damit begnügt, diese oder jene Freiheit zu re­
spektieren oder zu garantieren. In einem tieferen Sinne voll­
zieht sie die Freiheit. Sie vollzieht die Freiheit insofern, als sie
nur in dem Maße möglich ist, in dem es tatsächlich eine be­
stimmte Anzahl von Freiheiten gibt: Freiheit des Marktes, Frei­
heit des Verkäufers und des Käufers, freie Ausübung des Eigen­
tumsrechts, Diskussionsfreiheit, eventuell Ausdrucksfreiheit
usw. Die neue gouvernementale Vernunft braucht also die Frei­
heit, die neue Regierungskunst vollzieht Freiheit. Sie vollzieht
Freiheit, d. h., sie ist verpflichtet, Freiheiten zu schaffen. Sie ist
verpflichtet, sie zu schaffen und sie zu organisieren. Die neue
Regierungskunst stellt sich also als Manager der Freiheit dar,
und zwar nicht im Sinne des Imperativs: »Sei frei«, was den un­
mittelbaren Widerspruch zur Folge hätte, die dieser Imperativ
in sich trägt. Es ist nicht das »Sei frei«, was der Liberalismus for­
muliert, sondern einfach Folgendes: »Ich werde dir die Mög­
lichkeit zur Freiheit bereitstellen. Ich werde es so einrichten,
daß du frei bist, frei zu sein«. Wenn dieser Liberalismus nicht so­
sehr der Imperativ der Freiheit, sondern die Einrichtung und
<· Im Manuskript in Anführungszeichen.
•><· Im Manuskript in Anführungszeichen.
*''"· Im Manuskript in Anführungszeichen.
97
Organisation der Bedingungen ist, unter denen man frei sein
kann, dann wird im selben Zug im Zentrum dieser libe.ralen Pra­
xis ein problematisches, ständig wechselndes Verhältnis zwi­
schen der Produktion der Freiheit und dem hergestellt, was, in­
dem es sie herstellt, sie auch zu begrenzen und zu zerstören
droht. Der Liberalismus in dem Sinne, in dem ich ihn verstehe,
dieser Liberalismus, den man als neue Regierungskunst charak­
terisieren kann, die sich im I 8. Jahrhundert gebildet hat, enthält
in seinem Zentrum ein Verhältnis der Herstellung/Zerstörung
[zur]�· Freiheit / .. P\ ein Verhältnis / .. ./ des Vollzugs/der
Aufhebung der Freiheit. Mit einer Hand muß die Freiheit her­
gestellt werden, aber dieselbe Handlung impliziert, daß man mit
der anderen Einschränkungen, Kontrollen, Zwänge, auf Dro­
hungen gestützte Verpflichtungen usw. einführt.
Dafür gibt es offensichtliche Beispiele. Man braucht natürlich
die Handelsfreiheit, aber wie kann man sie effektiv ausüben,
wenn man nicht eine ganze Reihe von Dingen, Maßnahmen,
Vorkehrungen usw. kontrolliert, einschränkt und organisiert,
die die Wirkungen der Hegemonie eines Landes gegenüber den
anderen vermeiden werden, eine Hegemonie, die als Wirkung
gerade die Einschränkung und Begrenzung der Handelsfrei­
heit hätte? Das ist das Paradox, dem alle europäischen Länder
und die Vereinigten Staaten seit dem Beginn des 19.Jahrhun­
derts begegnen, wenn die Regierenden, die von den Ökono­
men am Ende des 18.Jahrhunderts überzeugt wurden, die
Handelsfreiheit herrschen lassen wollen und mit der britischen
Hegemonie konfrontiert werden. Um die Handelsfreiheit zu
retten, haben beispielsweise die amerikanischen Regierungen,
die dieses Problem**'� benutzt haben, um sich gegen England zu
erheben, seit dem Beginn des 19.Jahrhunderts Schutzzolltarife
eingeführt, um eine Handelsfreiheit zu retten, die durch die
englische Hegemonie gefährdet worden wäre. Dasselbe gilt na­
türlich für die Freiheit des Binnenmarktes, aber damit ein
* Manuskript. Michel Foucault sagt »gegenüber der«.
''* Unverständliche Passage.
"'*'' Foucault fügt hinzu: »der Handelsfreiheit«.
Markt zustande kommt, braucht man nicht nur Verkäufer, son­
dern auch Käufer. Es besteht also die Notwendigkeit, je nach
Bedarf den Markt zu unterstützen und durch Hilfsmechanis­
men Käufer zu schaffen. Damit Freiheit des Binnenmarkts
herrscht, darf es keine monopolistischen Effekte geben. Es be­
steht also die Notwendigkeit einer anti-monopolistischen Ge­
setzgebung. Und die einer Freiheit des Arbeitsmarkts, für den
man aber Arbeiter, Arbeiter in genügend großer Zahl braucht,
Arbeiter, die ausreichend kompetent und qualifiziert sind, Ar­
beiter, die keine politischen Waffen besitzen, um keinen Druck
auf den Arbeitsmarkt auszuüben. Wir haben hier eine Art von
Luftzufuhr für eine gewaltige Gesetzgebung, für eine gewal­
tige Menge an Regierungsinterventionen, die die Garantie für
die Herstellung der Freiheit darstellen werden, welche man
eben zum Regieren braucht.
In groben Zügen ist also die Handlungsfreiheit im liberalen Sy­
stem, in der liberalen Regierungskunst eingeschlossen, sie ist
gefordert, man braucht sie, und sie dient als regulierender Fak­
tor, aber sie muß auch hergestellt und organisiert werden. Die
Freiheit ist im System des Liberalismus also nichts Gegebenes,
sie ist nicht ein vollkommen fertiges Gebiet, das man zu achten
hätte, oder wenn sie es ist, dann nur partiell, gebietsweise, in·
diesem oder jenem Fall usw. Die Freiheit ist etwas, das in jedem
Augenblick hergestellt wird. Der Liberalismus akzeptiert nicht
einfach die Freiheit. Der Liberalismus nimmt sich vor, sie in je­
dem Augenblick herzustellen, sie entstehen zu lassen und sie
zu produzieren mit der [GesamtheitY, von Zwängen, Proble­
men und Kosten, die diese Herstellung mit sich bringt.
Was wird nun das Prinzip dieser Kostenrechnung der Produk­
tion der Freiheit sein? Das Prinzip der Rechnung ist selbstver­
ständlich das, was man die Sicherheit nennt. Das bedeutet, daß
sich der Liberalismus, die liberale Regierungskunst gezwungen
sieht, genau zu bestimmen, in welchem Maß und bis zu wel­
chem Punkt das individuelle Interesse, die verschiedenen In-

•·Vermutung.Wörter unverständlich.

99
teressen, die insofern individuelle sind, als sie voneinander ab­
weichen und gelegentlich einander entgegengesetzt sind, keine
Gefahr für das Interesse aller darstellen. Das Problem der Si­
cherheit: das kollektive Interesse gegen die individuellen Inter­
essen zu schützen. Umgekehrt haben wir dieselbe Situation: Es
wird nötig sein, die individuellen Interessen gegen alles zu
schützen, was ihnen gegenüber als vom kollektiven Interesse
ausgehende Beeinträchtigung erscheinen könnte. Die Freiheit
der Wirtschaftsprozesse darf auch keine Gefahr sein, eine Ge­
fahr für die Unternehmen und die Arbeiter. Die Freiheit der
Arbeiter darf nicht zu einer Gefahr für das Unternehmen und
für die Produktion werden. Persönliches Unglück, alles, was
jemandem in seinem Leben zustoßen kann, ob es sich nun um
Krankheit oder um das handelt, was auf jeden Fall eintritt,
nämlich das Alter, darf weder eine Gefahr für die Individuen
noch für die Gesellschaft darstellen. Kurz, allen diesen Fordt::­
rungen - dafür sorgen, daß die Mechanik der Interessen keine
Gefahren für die Individuen und für die Gesamtheit erzeugt -
müssen Sicherheitsstrategien entsprechen, die gewissermaßen
die Kehrseite und die Bedingung des Liberalismus sind. Die
Freiheit und die Sicherheit, das Wechselspiel der Freiheit und
Sicherheit stehen im Zentrum jener neuen gouvernementalen
Vernunft, deren allgemeine Merkmale ich Ihnen genannt habe.
Freiheit und Sicherheit werden gewissermaßen von innen die
Probleme dessen antreiben, was ich die Ökonomie der Macht
nennen werde, die dem Liberalismus eigentümlich ist.
In groben Zügen läßt sich Folgendes sagen: Im alten politi­
schen System der Souveränität gab es zwischen dem Souverän
und dem Untertan eine ganze Reihe von rechtlichen und wirt­
schaftlichen Beziehungen, die den Souverän dazu veranlaßten,
ihn sogar dazu verpflichteten, den Untertanen zu beschützen.
Dieser Schutz war jedoch in gewissem Sinne ein äußerer. Der
Untertan konnte von seinem Souverän verlangen, gegen den
äußeren oder inneren Feind geschützt zu werden. Im Falle des
Liberalismus ist das ganz anders. Es ist nicht mehr einfach
diese Art von äußerem Schutz des Individuums, was gesichert

IOO
werden muß. Der Liberalismus läßt sich auf einen Mechanis­
mus ein, wo er in jedem Augenblick über die Freiheit und Si­
cherheit der Individuen im Hinblick auf jene Vorstellung von
Gefahr durch Schiedsspruch entscheiden soll. Wenn der Libe­
ralismus einerseits (das sagte ich letztes Mal) eine Regierungs­
kunst ist, die es im Grunde mit Interessen zu tun hat, kann er
keinen Einfluß- und das ist die Kehrseite der Medaille - auf die
Interessen haben, ohne gleichzeitig die Gefahren und Mecha­
nismen der Sic;herheit bzw. Freiheit zu beherrschen, die Me­
chanismen des Wechselspiels zwischen Freiheit und Sicherheit,
das gewährleisten soll, daß die Individuen oder die Gesamtheit
so wenig Gefahren wie möglich ausgesetzt sind.
Das hat natürlich eine Reihe von Konsequenzen. Man karin sa­
gen, daß die Devise des Liberalismus ist, »gefährlich zu leben«.
»Gefährlich zu leben«, das bedeutet, daß die Individuen fort­
während in eine Gefahrensituation gebracht werden oder daß
sie vielmehr darauf konditioniert werden, ihre Situation, ihr
Leben, ihre Gegenwart, ihre Zukunft usw. als Träger von Ge­
fahren zu empfinden. Und dieser Anreiz der Gefahr ist, glaube ,\
ich, eine der wichtigsten Implikationen des Liberalismus. Tat-
sächlich erscheint im 19.Jahrhundert eine ganze Erziehung,
eine ganze Kultur der Gefahr, die sich sehr von den großen·
Träumen oder den großen Bedrohungen der Apokalypse wie
Pest, Tod, Krieg usw. unterscheidet, aus denen sich die politi­
sche und kosmologische Vorstellungswelt des Mittelalters und
noch des 17.Jahrhunderts speiste. Die apokalyptischen Reiter
verschwanden, und statt dessen vollzog sich das Erscheinen,
das Auftauchen, die Invasion alltäglicher Gefahren, die ständig
von dem belebt, aktualisiert und in Umlauf gesetzt wurden,
was man die politische Kultur der Gefahr des 19.Jahrhunderts
nennen könnte und die eine ganze Reihe von Aspekten auf­
weist. Da ist beispielsweise die Kampagne am Anfang des
19.Jahrhunderts für die Sparkassen.23 Von der Mitte des
19.Jahrhunderts an tauchen Kriminalromane und das journali­
stische Interesse am Verbrechen auf. Es gibt alle Arten von
Kampagnen, die sich um Krankheit und Hygiene kümmern.

IOI
Achten Sie auch auf das, was um die Sexualität und um die
Angst vor der Entartung herum geschieht: 24 Entartung des In­
dividuums, der Familie, der Rasse, der Menschheit. überall
sieht man diese Aufstachelung der Angst vor der Gefahr, die
gewissermaßen die Bedingung, das psychologische und innere
kulturelle Korrelat des Liberalismus ist. Es gibt keinen Libera­
lismus ohne die Kultur der Gefahr.
Die zweite Konsequenz dieses Liberalismus und dieser libera­
len Regierungskunst ist natürlich die gewaltige Ausweitung
von Verfahren der Kontrolle, der Beschränkung, des Zwangs,
die das Gegenstück und Gegengewicht der Freiheiten bilden.
Ich habe die Tatsache hinreichend betont, daß diese berüchtig­
ten großen Disziplinartechniken, die täglich und bis ins klein­
ste Detail die Verantwortung für das Verhalten der Individuen
übernehmen, in ihrer Entwicklung, ihrer explosionsartigen
Verbreitung, ihrer Ausbreitung durch die ganze Gesellschait
hindurch völlig zeitgleich mit dem Zeitalter der Freiheiten
sind. 25 Wirtschaftliche Freiheit, Liberalismus im gerade vorge­
stellten Sinne und Disziplinartechniken, auch hier sind die bei­
den Dinge vollkommen miteinander verknüpft. Jenes be­
rühmte Panopticon, das Bentham zu Beginn seines Lebens,
d. h. 1792-1795, als das Verfahren vorstellte, durch das man in­
nerhalb bestimmter Institutionen wie Schulen, Werkstätten,
Gefängnissen usw. das Verhalten der Individuen überwachen
können sollte, wodurch man die Rentabilität und Produktivi­
tät ihrer Aktivität steigerte, 26 präsentierte Bentham am Ende
�eines Lebens in seinem Entwurf der allgemeinen Kodifizie­
rung der englischen Gesetzgebung27 so, daß es die Formel der
gesamten Regierung sein sollte, indem er sagte: Das Panopti­
con ist im Grunde die eigentliche Formel einer liberalen Regie­
rung, 28 denn was muß eine Regierung im Grunde tun ? Sie muß
selbstverständlich allem, was die natürliche Mechanik sowohl
des Verhaltens als auch der Produktion ist, einen Platz einräu­
men. Sie muß diesen Mechanismen Raum gewähren und darf
auf sie in keiner anderen Weise Einfluß ausüben-zumindest in
erster Instanz - als durch die Überwachung. Und nur dann,

102
wenn die Regierung, die zunächst auf ihre Funktion der Über­
wachung beschränkt ist, feststellt, daß etwas nicht so geschieht,
wie es nach der allgemeinen Mechanik des Verhaltens, des
Tauschs, des Wirtschaftslebens usw. geschehen sollte, hat sie
einzugreifen. Der Panoptismus ist keine regionale und auf In­
stitutionen beschränkte Mechanik. Der Panoptismus ist für
Bentham eine allgemeine politische Formel, die einen Regie­
rungstyp charakterisiert.
Die dritte Konsequenz (die zweite bestand in der Verbindung
zwischen den Disziplinarmaßnahmen und dem Liberalismus)
ist außerdem das Auftreten von Mechanismen innerhalb dieser
neuen Regierungskunst, die die Funktion haben, Freiheiten
herzustellen, einzuflößen und höher zu bewerten, ein Mehr an
Freiheit durch ein Mehr an Kontrolle und Intervention einzu­
führen. Das bedeutet, daß hier die Kontrolle nicht mehr ein­
fach wie beim Panoptismus, von dem ich gerade sprach, das
notwendige Gegengewicht zur Freiheit ist. Sie ist vielmehr das
treibende Prinzip. Auch hier würde man viele Beispiele finden,
und wäre es nur das, was beispielsweise in England und den
Vereinigten Staaten im Laufe des 20.Jahrhunderts geschah,
etwa in den dreißiger Jahren, während sich die Wirtschaftskrise
entfaltete, als man nicht nur die wirtschaftlichen Folgen unmit.:.
telbar wahrgenommen hat, sondern auch die politischen Kon­
sequenzen dieser Wirtschaftskrise. Man hat darin eine Gefahr
für eine Reihe von Freiheiten erkannt, die als grundlegend er­
achtet wurden. Die Politik des Welfare, die von Roosevelt zum
Beispiel von 1932 29 an umgesetzt wurde, war eine Form, in ei­
ner gefährlichen Situation der Arbeitslosigkeit mehr Freiheit
zu garantieren und herzustellen: Freiheit der Arbeit, Freiheit
des Konsums, politische Freiheit usw. Zu welchem Preis?
Eben zu dem Preis einer ganzen Reihe von Interventionen,
künstlichen, voluntaristischen Interventionen, direkter wirt­
schaftlicher Eingriffe in den Markt, die die grundlegenden
Maßnahmen des Welfare darstellten, die ab 1946 und die sogar
von Anfang an in sich als Bedrohungen durch den Despotis­
mus, als Bedrohungen durch einen neuen Despotismus charak-

103
terisiert sind. Man garantiert die demokratischen Freiheiten in
diesem Fall nur durch einen ökonomischen Interventionismus,
der als eine Bedrohung der Freiheiten angeprangert wird. Auf
diese Weise gelangt man, wenn Sie so wollen - und das ist auch
ein Punkt, den man im Auge behalten muß - zu jener Vorstel­
lung, daß diese liberale Regierungskunst von sich aus zu etwas
führt oder wesentliches Opfer [dessen] ist, was man die Krise
der Gouvernementalität nennen könnte. Es handelt sich um
Krisen, die auf die Erhöhung etwa der ökonomischen Kosten
der Ausübung der Freiheiten zurückgehen können. Betrachten
Sie zum Beispiel, wie man in den Texten der [Trilateralen] 30 ::­
der letzten Jahre versucht hat, die Komponenten der Wirkun­
gen der politischen Freiheit auf die ökonomische Ebene der
Kosten zu projizieren. Es gibt also ein Problem, eine Krise,
wenn Sie so wollen, oder ein Krisenbewußtsein im Ausgang
von der Festlegung der wirtschaftlichen Kosten, die die Aus­
übung der Freiheiten mit sich bringt.
Es kann eine andere Form der Krise geben, die auf eine Aufblä­
hung der Kompensationsmechanismen der Freiheit zurück­
geht. Das heißt, daß es für die Ausübung bestimmter Freiheiten,
wie beispielsweise die Freiheit des Marktes und die antimono­
polistische Gesetzgebung, die Bildung eines gesetzlichen
Zwanges geben kann, der von den Marktteilnehmern als ein
Übermaß von Interventionismus und ein Übermaß an Ein­
schränkungen und Zwängen empfunden wird. Dann gibt es auf
einer viel lokaleren Ebene all das, was als Aufstand oder als In­
toleranz gegenüber disziplinierenden Maßnahmen erscheinen
kann. Schließlich gibt es vor allem Prozesse der Übersättigung,
die zur Folge haben, daß die Mechanismen, die die Freiheit
produzieren, jene Prozesse, die man dazu berufen hat, diese
Freiheit zu sichern und herzustellen, in Wirklichkeit zerstöre­
rische Wir�ungen hervorbringen, die die Oberhand über das
gewinnen, was sie produzieren. Wenn Sie so wollen, ist das die
Zweischneidigkeit aller Dispositive, die man »freiheitserzeu-

'' Michel Foucault: »die Trikontinentale«.


gend«':- nennen könnte, aller Dispositive, die die Freiheit er­
zeugen sollen und die gegebenenfalls die Gefahr mit sich brin­
gen, genau das Gegenteil hervorzubringen.
Genau das ist die gegenwärtige Krise des Liberalismus, d. h.,
daß die Gesamtheit der Mechanismen, die ungefähr seit den
Jahren 1925, 1930 versucht haben, ökonomische und politi­
sche Formeln vorzuschlagen, die die Staaten vor dem Kom­
munismus, dem Sozialismus, dem Nationalsozialismus, dem
Faschismus b.ewahren sollen, daß diese Mechanismen, eine
Freiheitsgarantie, die eingerichtet wurde, um jenes Mehr an
Freiheit hervorzubringen oder um jedenfalls auf die Bedro­
hungen zu reagieren, die auf dieser Freiheit lasten, alle von der
Art wirtschaftlicher Interventionen waren, d. h. Zwangsmaß­
nahmen oder jedenfalls Zwangseingriffe in den Bereich des
Wirtschaftshandelns. Ob es sich um die deutschen Liberalen
der Freiburger Schule ab 1927-19303 1 oder um die gegenwärti­
gen amerikanischen Liberalen handelt, die man Libertarier32
nennt, im einen wie im anderen Fall ist das, wovon sie bei ihrer
Analyse ausgegangen sind, das, was als Ankerpunkt ihrer Fra­
gestellung gedient hat, Folgendes: Um jenes Weniger an Frei­
heit zu vermeiden, das der Übergang zum Sozialismus, zum
Faschismus, zum Nationalsozialismus mit sich brächte, hat
man Mechanismen der politischen Intervention eingerichtet.
Führen nun diese Mechanismen der wirtschaftlichen Interven­
tion nicht gerade unter der Hand Formen der Intervention ein,
führen sie nicht Handlungsweisen ein, die selbst der Freiheit
zumindest genauso abträglich sind wie jene sichtbaren und ma­
nifesten politischen Formen, die man vermeiden will? Mit an­
deren Worten, es sind die Interventionen vom Keynes'schen
Typ, die genau im Zentrum dieser verschiedenen Debatten ste­
hen werden. Man kann sagen, daß im Umkreis von Keynes,33
im Umkreis der interventionistischen Wirtschaftspolitik, die
zwischen 1930 und 1960 umgesetzt wurde, unmittelbar vor
dem Krieg und unmittelbar danach, alle diese Interventionen

'' Im Manuskript in Anführungszeichen.

105
etwas herbeigeführt haben, was man eine Krise des Liberalis­
mus nennen kann, und diese Krise des Liberalismus manife­
stiert sich in einer Reihe von Neubewertungen, Neueinschät­
zungen, in neuen Projekten der Regierungskunst, die in
Deutschland vor dem Krieg und unmittelbar danach formu­
liert wurden und die in Amerika gegenwärtig formuliert wer­
den.
Zusammenfassend oder abschließend möchte ich Folgendes
sagen. Wenn es wahr ist, daß die zeitgenössische Welt, d. h. die
moderne Welt seit dem r8.Jahrhundert, ständig von einer
Reihe von Phänomenen durchzogen war, die man Krisen des
Kapitalismus nennen kann, ließe sich dann nicht auch sagen,
daß es Krisen des Liberalismus gegeben hat, die wohlgemerkt
nicht unabhängig von diesen Krisen des Kapitalismus sind?
Das Problem der 3oer Jahre, das ich vorhin ansprach, ist wohl
ein Beweis dafür. Aber die Krise des Liberalismus ist nicht ein­
fach und allein die unmittelbare Projektion dieser Krisen des
Kapitalismus in die Sphäre der Politik. Man kann die Krisen
des Liberalismus im Zusammenhang mit den Wirtschaftskrisen
des Kapitalismus feststellen. Man kann sie auch in einer zeitli­
chen Verschiebung gegenüber jenen Krisen feststellen, und je­
denfalls ist die Art und Weise, wie diese Krisen sich manifestie­
ren, wie sie sich verhalten, wie sie Reaktionen hervorrufen, wie
.sie zu Neuordnungen führen, nicht direkt aus den Krisen des
:;Kapitalismus ableitbar. Wir haben es mit der Krise des allge­
i meinen Dispositivs der Gouvernementalität zu tun, und mir
{ scheint, daß man die Geschichte dieser Krisen des allgemeinen
Dispositivs der Gouvernementalität schreiben könnte, so wie
es im 18.Jahrhundert eingerichtet wurde.
Das werde ich dieses Jahr auszuführen versuchen, indem ich
die Dinge gewissermaßen aus der Rückschau betrachte, d. h. im
Ausgang von der Art und Weise, wie man die Elemente dieser
Krise des Dispositivs der Gouvernementalität im Laufe der
letzten dreißig Jahre bestimmt, betrachtet und formuliert hat,
und [indem ich versuche]* anschließend in der Geschichte des
•- Michel Foucault: »zu versuchen«.

106
19. Jahrhunderts einige der Elemente wiederzufinden, die es
gestatten, die Art und Weise zu erhellen, wie gegenwärtig die
Krise des Dispositivs der Gouvernementalität empfunden, er­
lebt, praktiziert und formulien wird.

Anmerkungen

1 Vgl. M. Foucault, STB, Vorlesung 11 (Sitzung vom 22. März 1978).


2 Vgl. jene Formulierung eines Sitzungsprotokolls von Law im Mercure
de France vom April 1720 bezüglich des Außenhandels: »Der eine kann
gewöhnlich nur dann gewinnen, wenn der andere verliert.« (Zitiert von
Catherine Larrere, L'invention de l'economie au Xllle siecle, Paris, PUF,
1992, S. 102, bezüglich der merkantilistischen Auffassung des Außen­
handels).
3 Michel Foucault spielt auf die Methode des rationalen Zufallskalküls an,
der von Blaise Pascal 1654 entwickelt wurde, genauer auf das Problem
des »Verhältnisses der letzten oder der ersten Partien«: »Welche Regel
gestattet in einem Spiel von n Partien, den Anteil des Geldes des anderen
zu bestimmen, der an den Spieler A ausgezahlt werden soll, wenn man
das Spiel unmittelbar vor seinem Ende anhält« oder »unmittelbar nach
der ersten gewonnenen Partie. « (Catherine Chevalley, Pascal, Contin­
gence et probabilites, Paris, PUF, 1995, S. 88.) Vgl. Blaise Pascal, Briefe an
Fermat vom 29.Juli und vom 24. August 1654, in: CEuvres completes,
hrsg. von Louis Lafuma, Paris, Seuil, 1963, S. 43-49.
4 Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden, Königsberg, Friedrich Nicolo­
vius, 179 5; Reprint im Verlag der Nation, Berlin 198 5; Projet de paix per­
petuelle, frz. Übers. von J. Gibelin, Paris, Vrin, 5.Aufl. 1984 (Michel
Foucault verwendete die erste Auflage dieser Übersetzung, die 1948 er­
schienen war.)
5 Ebd., S. 47, Zusatz: » Von der Garantie des ewigen Friedens«.
6 Ebd.: »Das, was diese Gewähr (Garantie) leistet, ist nichts Geringeres,
als die große Künstlerin, Natur (natura daedala rerum), aus deren me­
chanischem Laufe sichtbarlich Zweckmäßigkeit hervorleuchtet«.
7 Ebd., S. 52: »Daß in den kalten Wüsten am Eismeer noch das Moos
wächst, welches das Rennthier unter dem Schnee hervorscharrt, um
selbst die Nahrung, oder auch das Angespann des Ostiaken oder Samo­
jeden zu seyn; oder daß die salzigsten Sandwüsten doch noch dem Ca­
meel, welches zu Bereisung derselben gleichsam geschaffen zu seyn
scheint, um sie nicht unbenutzt zu lassen, enthalten, ist doch schon be­
wundernswürdig. «
8 Ebd.: »[Ihre provisorische Veranstaltung besteht darin:] daß sie r) für die
Menschen in allen Erdgegenden gesorgt hat, daselbst leben zu können. «

107
9 Ebd.: »[Die dritte provisorische Veranstaltung besteht darin], daß sie
[die Menschen] durch [den KriegJ. in mehr oder weniger gesetzliche
Verhältnisse zu treten genötigt hat.« Michel Foucault verschweigt das
Mittel, durch das Kant zufolge die Natur ihre Zwecke erreicht hat (so­
wohl was die Bevölkerung unwirtlicher Regionen angeht als auch die
Einrichtung rechtlicher Bindungen): der Krieg.
10 Ebd., S. 58-62.
11 Ebd., S. 62: »Die Idee des Völkerrechts setzt die Absonderung vieler
von einander unabhängiger benachbarter Staaten voraus(. ..). «
12 Ebd., S. 64: »So wie die Natur weislich die Völker trennt, welche der
Wille jedes Staats, und zwar selbst nach Gründen des Völkerrechts,
gern unter sich durch List oder Gewalt vereinigen möchte; so vereinigt
sie auch andererseits Völker, die der Begriff des Weltbürgerrechts gegen
Gewaltthätigkeit und Krieg nicht würde gesichert haben, durch den
wechselseitigen Eigennutz. Es ist der Handelsgeist, der mit dem Kriege
nicht zusammen bestehen kann, und der früher oder später sich jedes
Volks bemächtigt. «
13 Ebd., S. 58: »wie [die Natur] die Gewähr leiste, daß dasjenige, was der
Mensch nach Freyheitsgesetzen thun sollte, aber nicht tut, dieser Frey­
heit unbeschadet auch durch einen Zwang der Natur, daß er es thu,1
werde, gesichert sey, und zwar nach allen drey Verhältnissen des öf­
fentlichen Rechts: Staats-, Völker-, und weltbürgerlichen Rechts. «
14 Kongreß, der vom September 1814 bis Juni 1815 in Wien die Groß­
mächte versammelte, die sich gegen Frankreich verbündet hatten(Ruß­
land, Großbritannien, Österreich und Preußen). Es ging darum, nach
den Napoleonischen Kriegen einen dauerhaften Frieden zu begründen
und die politische Landkarte Europas neu zu gestalten. Vgl. Charles
Webster, The Congress ofVienna: 1814-1815, London/New York, Ox­
ford UP, 19u, Neuausg. London, Thames and Hudson, 1963.
15 Vgl. Alfred Marquiset, Nf$foleon stenographie au Conseil d'Etat, Paris,
H. Champion, 1913;]. Bourdon, Napoleon au Conseil d'Etat, Notes et
proces verbaux inedits de J.-G. Locre, secretaire general au Conseil
d'Etat [Notizen und unveröffentlichte Protokolle von Jean-Guillaume
Locre, Generalsekretär des Staatsrats], Paris, Berger-Levrault, 1963;
Charles Durand, Etudes sur le Conseil d'Etat napoleonien, Paris, PUF,
1947; ders., »Le fonctionnement du Conseil d'Etat napoleonien« , Bi­
bliotheque de l'universite d'Aix-Marseille, serie I, 1954; ders., »Napo­
leon et Je Conseil d'Etat pendant Ja seconde moitie de ]'Empire « , in:
Etudes et documents du Conseil d'Etat, Nr. XXII, 1969, S. 269-285.
16 Vgl. das Gespräch mit Michel Foucault von 1982 »Espace, savoir et
pouvoir«, aus dem Amerikanischen übersetzt (Erstdruck in: Skyline,
März, 1982), in: DE, Bd. IV, S. 272, worin Foucault erklärt, daß Napo­
leon sich »an der Bruchstelle zwischen der alten Organisation des Poli­
zeistaats des r8.Jahrhunderts ( ...) und den Formen des modernen
Staats [befindet), deren Urheber er war. « V gl. dagegen M. Foucau!t,

108
Überwachen und Strafen, S.XXXX, frz. 2x9. Vgl. auch das Zitat aus:
J. B.Treilhard, Expose des motifs des lois composant le code de proce­
dure criminelle, Paris I 808, S. x4.
x7 Michel Foucault spricht diesen Punkt nicht in der Vorlesung von x978
an, sondern in der von x976. »In Verteidigung der Gesellschaft«, 9. Vor­
lesung (Sitzung vom 3. März 1976), S. 221-222; frz.: Ilfaut defendre la
societe, S. x79-18x; (auf der Grundlage von Jean-Baptiste Dubos, Hi­
stoire critique de l'etablissement de la monarchie franfaise dans !es
Gaules, Paris x734).
x8 Vgl. beispielsweise Gabriel Bonnot de Mably, Observations sur l'hi­
stoire de France, Genf x765, Buch VIII, Kap. 7: » Wird aus unseren Rei­
hen ein neuer Karl der Große kommen? Man sollte es wünschen, aber
man kann es nicht hoffen. « (In: Mably, Sur la theorie du powvoir politi­
que, Textes choisis, Paris 1975, S. x94).
x9 Klemens Wenzel Nepomuk Lothar, Prinz von Metternich-Winneburg,
genannt Metternich ( I 773-x 859), österreichischer Außenminister wäh­
rend des Wiener Kongresses.
20 Henry Robert Stewart Castlereagh (1769-x 822), britischer Außenmini­
ster derTories von 1812 bis 1822, der eine wesentliche Rolle beim Wie­
ner Kongreß spielte, indem ei: die Ambitionen Rußlands und Preußens
bremste.
2x Michel Foucault kommt auf dieses Thema in den folgenden Vorlesun­
gen nicht mehr zurück.
22 Vgl. M. Foucault, STB, Vorlesung 13, S. 502, zu dieser Gewißheit als
Prinzip der Selbstbeschränkung der Regierung.
23 Die erste Sparkasse wurde 1818 in Paris gegründet und als Vorkehrung
gegen die Sorglosigkeit der unteren Klassen betrachtet. Vgl. Robert _
Castel, Les metamorphoses de la question sociale, Paris, Fayard, 1995;
Neuausg. Gallimard, »Folio essais«, 1999, S.402-403.
24 Vgl. die Vorlesung von 1975, Die Anormalen, Sitzung vom 19. März
1975, Frankfurt/M. 2003, S. 38off. Les anormaux, Paris, Gallimard,
Seuil, x999, S.297-300.
25 Man wird sich an die Art und Weise erinnern, mit der Foucault seine
vorhergehende Analyse der Beziehung zwischen Diszplinartechniken
und individueller Freiheit korrigiert hatte (vgl. STB, Vorlesung 2 vom
18.Januar x978). In Fortsetzung dieser Positionsbestimmung stehen
auch diese Ausführungen.
26 Es empfiehlt sich, daran zu erinnern, daß das Panopticon oder die Auf­
sichtsanstalt nicht einfach nur ein Modell der Straforganisation war,
sondern die » Idee eines neuen Konstruktionsprinzips«, die man auf alle
Arten von Einrichtungen anwenden konnte. Vgl. den vollständigenTi­
tel der ersten Ausgabe: Panopticon: or, the Inspection-House: Contai­
ning the idea of a new principle of construction applicable to any sort of
establishment, in which persons of any description are to be kept under
inspection; and in particular to penitentiary-houses, prisons, houses of

109
industry, work-houses, poor-houses, manufaaories, mad-houses, laza­
rettos, hospitals, and schools (Panopticon: oder die Aufsichtsanstalt: Es
enthält die Idee eines neuen Konstruktionsprinzips, das auf jede Art
von Einrichtung angewendet werden kann, in der Personen jeder Art
zur Aufsicht gehalten werden; insbesondere auf Strafanstalten, Ge­
fängnisse, Fabriken, Werkstätten, Armenhäuser, Manufakturen, Irren­
anstalten, Lazarette, Krankenhäuser und Schulen), Dublin r79r. Der
Titel der französischen Übersetzung von I 791 war weniger explizit:
Panoptique, Memoire sur un nouveau principe pour construire des mai­
sons d 'inspeaion, et nommement des maisons de force (Panopticon, Ab­
handlung über ein neues Konstruktionsprinzip für Aufsichtsanstalten,
insbesondere Zwangsanstalten) (Paris, Imprimerie nationale). Vgl. M.
Foucault, STB, Vorlesung 5, S. r76.
27 Michel Foucault bezieht sich hier zweifelsfrei auf: Constitutional
Code, in: Works, hrsg. von Bowring, 1849, Bd.IX (Neuausgabe hrsg.
von F. Rosen und J. H. Bums, Oxford 198 3 ), auch wenn es hierbei nicht
im engeren Sinne um eine Codifizierung der englischen Legislation
geht. In diesem Buch, dessen Entstehungsgeschichte bis in die Jahre
nach I 8 20 zurückreicht (vgl. Codification Proposal, adressed to All Na­
tions Professing Liberal Opinions, London,J. M'Creery, r822) und des­
sen erster Band 1830 erschien· (Constitutional Code for Use of All
Nations and Governments professing Liberal Opinions, London, R.
Heward), entwickelte Bentham seine Theorie einer liberalen Regie­
rung.
28 Dieser Satz ist wohl nicht von Bentham, sondern zeigt die recht freie
Übersetzung, die Foucault von Benthams ökonomisch-politischem
Denken nach 1811 gibt (dem Zeitpunkt, zu dem das Projekt des Panop­
ticons scheiterte). Es scheint, als wolle Foucault hier die Unterschei­
dung agenda / non agenda, auf die Foucault in den Vorlesungen 1, 6
und 8 zu sprechen kommt, mit dem Prinzip der »inspection«, d.h. der
Überwachung im Kontext der Regierung, zusammenbringen. Im Con­
stitutional Code hingegen ist die Regierung Gegenstand der Untersu­
chung, die von dem »Tribunal der öffentlichen Meinung« durchgeführt
wird. Vgl. bereits M. Foucault, Le pouvoir psychiatrique, Paris, Seuil,
2003, Vorlesung vom 28. November 1973, S. 78, bezüglich der Demo­
kratisierung der Ausübung der Macht gemäß des panoptischen Dispo­
sitivs. Betont wird die Sichtbarkeit, nicht aber die Kontrolle durch die
»Öffentlichkeit«. Es ist im übrigen keineswegs sicher, daß sich Bent­
ham in seinen ökonomischen Schriften, wie etwa dem Constitutional
Code, als Vertreter eines ökonomischen »laissez-faire« erweist, wie
Foucault dies hier nahelegt. Vgl. L.J. Hume, »Jeremy Bentham and the
Nineteenth-Century Revolution in Government«, in: The Historical
Journal,Bd. ro, 3 (1967), S. 361-375. Vgl. jedoch mit densponte aaa,die
in dem Text von 1801-1804 definiert werden.
29 Es handelt sich natürlich um das Wirtschafts- und Gesellschaftspro-

IIO
gramm zur Bekämpfung der Krise - den New Deal-, das von Franklin
Roosevelt gleich nach seiner Wahl zum Präsidenten der Vereinigten
Staaten im November 1932 ausgearbeitet wurde.
30 Die 1973 gegründete Trilateral Commission, die die Vertreter Nord­
amerikas (Vereinigte Staaten und Kanada), Europas und Japans ver­
sammelte, hatte sich zum Ziel gesetzt, angesichts der neuen Herausfor­
derungen am Ende des Jahrhunderts die Zusammenarbeit zwischen
diesen drei großen Zonen zu verstärken. Die »Trikontinentale« ist da­
gegen der Name der von Fidel Castro in Havanna einberufenen Konfe­
renz, die von Dezember 196 5 bis Januar 1966 dauerte und deren Ziel es
war, die Konfrontation der revolutionären Organisationen der alten
und der neuen Welt zu ermöglichen.
31 Vgl. unten, Vorlesungen 4 bis 7.
32 Vgl. unten, Vorlesungen 9 und ro.
33 Vgl. unten, Vorlesung 4, Anm. ro.

l II
Vorlesung 4
(Sitzung vom 3 1. Januar 1979)

Die Staatsphobie. - Methodenfragen: Sinn und Einsatz der


Aufnahme einer Staatstheorie in die Analyse der
Machtmechanismen. - Die neoliberalen Regierungspraktiken: der
deutsche Liberalismus der Jahre 1948-1962; der amerikanische
Neoliberalismus. - Der deutsche Neoliberalismus (1). - Sein politisch­
ökonomisches Umfeld. - Der wissenschaftliche Beirat, der 1947
von Erhard einberufen wurde. Sein Programm: Aufhebung der
Preisbindung und Begrenzung der Eingriffe durch die Regierung. -
Der von Erhard 1948 beschriebene mittlere Weg zwischen Anarchie
und » Termitenstaat«. - Seine zweifache Bedeutung: a) Die Achtung
der ökonomischen Freiheit als Bedingung der politischen
Repräsentationsfunktion des Staats. b) Die Einsetzung der
ökonomischen Freiheit als Anreiz zur Bildung einer politischen
Souveränität. - Der Grundcharakter der zeitgenö'ssischen deutschen
Gouvernementalität: die ökonomische Freiheit, Quelle der
juridischen Legitimität und des politischen Konsenses. - Das
Wirtschaftswachstum, Achse eines neuen Geschichtsbewußtseins, das
den Bruch mit der Vergangenheit ermöglicht. - Die Aussöhnung der
Christdemokratie und der SPD mit der liberalen Politik. -
Die liberalen Regierungsprinzipien und das Fehlen einer
sozialistischen Regierungsrationalität.

Sie kennen bestimmt Berenson, den Kunsthistoriker. 1 Er war


schon fast hundert Jahre alt, d. h. nicht mehr weit von seinem
Tod entfernt, als er etwa Folgendes sagte: »Gott weiß, wie sehr
ich die Zerstörung der Welt durch die Atombombe fürchte,
aber es gibt mindestens eine Sache, die ich ebenso fürchte, näm­
lich die Invasion der Menschheit durch den Staat. « 2 Ich glaube,
hier haben wir den reinsten, abgeklärtesten Ausdruck einer
Staatsphobie, deren Verbindung mit der Angst vor einem
Atomkrieg gewiß einer der konstantesten Züge ist. Der Staat
und das Atom, eher noch das Atom als der Staat oder der Staat,
der nicht besser ist als das Atom, oder der Staat, der das Atom
mit sich bringt, oder das Atom, das auf den Staat verweist und

II2
ihn notwendigerweise fordert. Diese ganze Thematik ist Ihnen
wohl bekannt. Sie verstehen, daß sie nicht erst aus der Gegen­
wart stammt, da Berenson sie in den Jahren 1950-1952 formu­
liert hat. Eine Staatsphobie, die sich durch viele zeitgenössische
Themen hindurchzieht und die sich sicherlich seit langem aus
, vielen Quellen gespeist hat, beispielsweise aus der sowjetischen
Edahrung seit den 192oer Jahren, aus der deutschen Erfahrung
mit dem Nazismus, aus der englischen Planung nach dem
Krieg usw. Eine Staatsphobie, deren tragende Kräfte auch sehr
zahlreich waren, weil sie von Professoren der politischen Öko­
nomie, die vom österreichischen Neoliberalismus3 inspiriert
waren, bis zu den politisch Verbannten reichte, die seit 1920,
192 5 bei der Bildung des politischen Bewußtseins der zeitge­
nössischen Welt sicherlich eine beträchtliche Rolle gespielt ha-
ben, welche vielleicht noch nie genau untersucht wurde. Man
könnte eine ganze politische Geschichte des Exils schreiben
oder eine Geschichte des politischen Exils, mit allen ideologi­
schen, theoretischen und praktischen Auswirkungen, die das
hatte. Das politische Exil am Ende des 19. Jahrhunderts war ge-
wiß einer der großen Verbreitungsfaktoren etwa des Sozialis-
mus. Nun, ich glaube, daß das politische Exil, das politische
Dissidententum des 20.Jahrhunderts seinerseits eine beträcht- · /
liehe Kraft für die Verbreitung dessen war, was man den Anti­
etatismus oder die Staatsphobie nennen könnte.
Eigentlich möchte ich von dieser Staatsphobie nicht direkt und
geradewegs sprechen, denn für mich scheint sie vor allem eines
der wichtigsten Zeichen jener Krisen der Gouvernementalität
zu sein, von denen ich letztes Mal gesprochen habe, jene Krisen
der Gouvernementalität, für die wir Beispiele im 16.Jahrhun­
dert gesehen haben - darüber habe ich letztes Jahr gespro­
chen4 -, Beispiele aus dem 18. Jahrhundert, jene ganze gewal­
tige, schwierige und verwickelte Kritik des Despotismus, der
Tyrannei, der Willkür - all das ließ in der zweiten Hälfte des
18.Jahrhunderts eine Krise der Gouvernementalität erkennen.
Nun, genau wie es eine Kritik und Phobie des Despotismus ge­
geben hat - d. h. eine zweideutige Despotismusphobie am

IIJ
Ende des r 8. Jahrhunderts -, gibt es gegenüber dem Staat heute
auch eine Phobie, die vielleicht ebenso zweideutig ist. Jeden­
falls möchte ich dieses Problem des Staats oder der Frage nach
dem Staat oder der Staatsphobie im Ausgang von der Analyse
der Gouvernementalität wiederaufnehmen, von der ich schon
gesprochen habe.
Sie werden mir natürlich die Frage stellen oder den Einwand
machen: Sie verzichten also abermals auf eine Staatstheorie.
Nun, ich werde Ihnen antworten, daß ich auf eine Staatstheorie
verzichte, verzichten will und muß, wie man auf eine schwer
verdauliche Speise verzichten kann und muß. Ich möchte Fol­
gendes sagen: Was heißt es, auf eine Theorie des Staats zu ver­
zichten? Wenn man mir sagt: Sie radieren in Ihren Analysen in
Wirklichkeit die Gegenwart und die Wirkung der staatlichen
Mechanismen aus, dann antworte ich: Irrtum, Sie täuschen sich
oder wollen sich täuschen, denn eigentlich habe ich nichts an­
deres gemacht als das Gegenteil dieses Ausradierens. Ob es sich
um den Wahnsinn handelt, um die Konstitution dieser Katego­
rie, dieses natürlichen Quasi-Objekts, das die Geisteskrankheit
ist, ob es sich auch um die Einrichtung einer klinischen Medi­
zin handelt, ob es um die Integration von disziplinarischen Me­
chanismen und Technologien innerhalb des Strafsystems geht,
das war jedenfalls immer die Standortbestimmung der fort­
schreitenden Verstaatlichung, die zwar sicher verstreut, aber
kontinuierlich war, einer Reihe von Praktiken, von Hand­
lungsweisen und, wenn Sie so wollen, der Gouvernementalität.
Das Problem der Staatsbildung liegt im Zentrum der Fragen,
die ich zu stellen versuchte.
Wenn dagegen »auf eine Staatstheorie verzichten« bedeutet,
daß man nicht mit der Analyse der an und für sich seienden
Natur, der Struktur und der Funktionen des Staats beginnt,
wenn auf eine Staatstheorie zu verzichten bedeutet, daß man
nicht versucht, Folgerungen zu ziehen auf der Grundlage des­
sen, was der Staat als politisches Universale ist und anschlie­
ßend auf der Grundlage des Status der Wahnsinnigen, der
Kranken, der Kinder, der Verbrecher usw. in einer Gesellschaft
wie der unseren, dann antworte ich: Ja, natürlich, ich bin ent­
schlossen, auf diese Art von Analyse zu verzichten. Es geht
nicht darum, diese ganze Gesamtheit von Praktiken von dem
abzuleiten, was das Wesen des Staates an und für sich selbst
wäre. Wir müssen zuallererst ganz einfach deshalb auf eine sol­
che Analyse verzichten, weil die Geschichte keine deduktive
Wissenschaft ist und zweitens wohl noch aus einem wichtige­
ren und schwerwiegenderen Grund, weil nämlich der Staat gar
kein Wesen hat. Der Staat ist kein Universale, der Staat ist an
sich keine autonome Machtquelle. Der Staat ist nichts anderes
als die Wirkung, das Profil, der bewegliche Ausschnitt einer
ständigen Staatsbildung oder ständiger Staatsbildungen, von
endlosen Transaktionen, die die Finanzierungsquellen, die In­
vestitionsmodalitäten, die Entscheidungszentren, die Formen
und Arten von Kontrolle, die Beziehungen zwischen den loka­
len Mächten und der Zentralautorität usw. verändern, verschie­
ben, umstürzen oder sich heimtückisch einschleichen lassen.
Kurz, der Staat hat keine Innereien - das ist bekannt -, nicht
nur in dem Sinne, daß er keine Gefühle hat, weder schlechte
noch gute, sondern er hat keine Innereien in dem Sinne, daß er
kein Inneres hat. Der Staat ist nichts anderes als der bewegliche
Effekt eines Systems von mehreren Gouvernementalitäten.
Deshalb schlage ich vor, diese Angst vor dem Staat zu analysie­
ren, diese Staatsphobie, die mir einer der charakteristischen
Züge von geläufigen T hematiken zu sein scheint. Oder vielmehr
möchte ich sie aufnehmen und sie prüfen, und zwar nicht, um
dem Staat das Geheimnis seines Seins zu entreißen, so wie Marx
versuchte, der Ware ihr Geheimnis zu entreißen. Es geht n�cht
darum, dem Staat sein Geheimnis zu entreißen, sondern sich auf
einen äußeren Standpunkt zu stellen und das Problem des Staats
zu untersuchen, das Problem des Staats im Ausgang der Prakti­
ken der Gouvernementalität zu erforschen.
Nachdem ich dies nun klargestellt habe, möchte ich in dieser
Perspektive, indem ich den Faden der Analyse der liberalen
Gouvernementalität weiterverfolge, ein wenig sehen, wie sie
sich darstellt, wie sie sich reflektiert, wie sie sich zugleich um-
setzt und sich selbst analysiert; kurz, was ihr gegenwärtiges
Programm ist. Ich habe Ihnen einige der Charaktere angege­
ben, die mir gewissermaßen am wichtigsten für die liberale
Gouvernementalität zu sein scheinen, wie sie in der Mitte des
I 8. Jahrhunderts auftritt. Ich werde also einen Sprung von zwei
Jahrhunderten machen, denn ich maße mir natürlich nicht an,
Ihnen eine umfassende, allgemeine und zusammenhängende
Geschichte des Liberalismus vom r 8. bis ins 20. Jahrhundert zu
liefern. Ich möchte einfach im Ausgang von der Art und Weise,
wie sich die liberale Gouvernementalität gegenwärtig pro­
grammatisch versteht, versuchen, eine Reihe von Problemen
zu identifizieren und zu erhellen, die vom I 8. bis zum 20. Jahr­
hundert immer wiederkehrten. Ich denke, ich hoffe, es ist
möglich, wenn Sie so wollen und unter dem Vorbehalt von Än­
derungen - denn, wie Sie wissen, bin ich wie ein Krebs, ich be­
wege mich seitwärts -, daß ich nacheinander das Problem vo11
Recht und Ordnung, Law and order, das Problem des Staats in
seiner Entgegensetzung zur bürgerlichen Gesellschaft untersu­
che, oder vielmehr die Analyse der Art und Weise, wie man
diesen Gegensatz ausgespielt hat und ihn sich ausspielen ließ.
Und dann, wenn das Glück mir lacht, werden wir zum Pro­
blem der Biopolitik kommen und zum Problem des Lebens.
Recht und Ordnung, Staat und bürgerliche Gesellschaft und
Lebenspolitik: Das sind die drei Themen, die ich in dieser brei­
ten und langen Geschichte auffinden möchte, d. h. in dieser
zweihundertjährigen Geschichte des Liberalismus. 5
. Betrachten wir also die Dinge auf der gegenwärtigen Entwick­
lungsstufe. Wie stellt sich die liberale oder, wie man auch sagt,
neoliberale Programmgestaltung in unserer Epoche dar? Sie
wissen, daß man sie in zwei Hauptformen erkennen kann, und
zwar mit einem Ankerpunkt und einem historischen Punkt,
die sich voneinander unterscheiden, nämlich die deutsche Ver­
ankerung, die mit der Weimarer Republik, mit der Krise von
1929, mit der Entwicklung des Nazismus, mit der Kritik des
Nazismus und schließlich mit dem Wiederaufbau nach dem
Krieg verknüpft ist. Der andere Ankerpunkt ist die amerikani-

II6
sehe Verankerung, d.h. ein Neoliberalismus, der sich auf die
Politik des New Deal bezieht, auf die Kritik der Politik Roose­
velts, 6 und der sich vor allem nach dem Krieg entwickeln und
gegen den föderalen Interventionismus richten wird, und dann
die Hilfsprogramme und anderen Programme, die von den
hauptsächlich demokratischen Administrationen unter Tru­
man,7 Kennedy, 8 Johnson9 usw. verwirklicht wurden. Zwi­
schen diesen beiden Formen des Neoliberalismus, die ich na­
türlich etwas willkürlich aufteile, gibt es eine ganze Menge von
Verbindungen, und wenn es zunächst nur der gemeinsame
Feind wäre, der theoretische Hauptgegner, der natürlich Key­
nes 10 ist. Diese Verbindungen haben zur Folge, daß Keynes'
Kritik von einem zum anderen dieser beiden Neoliberalismen
läuft; zweitens sind da dieselben Gegenstände des Widerwil­
lens, nämlich die gesteuerte Wirtschaft, die Planung, der Staats­
interventionismus, eben der lnterventionismus in bezug auf
globale Quantitäten, denen Keynes eine so große theoretische
und vor allem praktische Bedeutung beimaß; und schließlich
gibt es zwischen diesen beiden Formen des Neoliberalismus
eine ganze Reihe von Personen, Persönlichkeiten, Theorien,
Büchern usw., die in Umlauf waren und von denen die wichtig­
sten im großen Ganzen aus der österreichischen Schule, aus
dem österreichischen Neoliberalismus kommen, Leute wie
von Mises,11 Hayek 12 usw. Ich möchte übrigens hauptsächlich
vom ersten Neoliberalismus sprechen, den wir sehr grob den
deutschen nennen können, und zwar zum einen, weil er mir
theoretisch für das Problem der Gouvernementalität, das ich
behandeln möchte, wichtiger als die anderen zu sein scheint,
und zum anderen, weil ich nicht sicher bin, ob ich Zeit haben
werde, ausreichend über die Amerikaner zu sprechen.
Betrachten wir also das deutsche Beispiel, den deutschen Neo­
liberalismus.13 Im April 1948 - gut, ich rufe Ihnen zu meiner
Scham höchst bekannte Dinge in Erinnerung - herrschen in
ganz Europa nahezu unbestritten Wirtschaftspolitiken, die von
emer Reihe wohlbekannter Erfordernisse erzwungen wur­
den:

II7
Erstens, das Erfordernis des Wiederaufbaus, d.h. die Umstel­
lung einer Kriegswirtschaft auf eine Friedenswirtschaft, der
Wiederaufbau eines zerstörten Wirtschaftspotentials, ebenso
die Integration neuer technologischer Gegebenheiten, die wäh­
rend des Krieges auftauchten, neue demographische Umstände
und ebenso neue geopolitische Gegebenheiten.
Das Erfordernis des Wiederaufbaus, die Forderung nach Pla­
nung als Hauptinstrument dieses Wiederaufbaus, einer Pla­
nung, die zum einen wegen innerer Notwendigkeiten erforder­
lich ist und zum anderen wegen des Gewichts, das Amerika
und die amerikanische Politik und die Existenz des Marshall­
plans 14 darstellt, der praktisch eine Planung für jedes Land und
eine gewisse Koordination der verschiedenen Pläne bedeu­
tete - außer eben für Deutschland und Belgien, wir werden
gleich darauf zurückkommen.
Schließlich kommt die dritte Forderung in gesellschaftliche11
Zielen zum Ausdruck, die politisch als unverzichtbar betrach­
tet wurden, um zu vermeiden, daß das, was geschehen war, von
neuem beginnt, nämlich, grob gesagt, der Faschismus und der
Nazismus in Europa. Diese Forderungen wurden in Frank­
reich vom CNR formuliert. 1 5
Diese drei Forderungen - Wiederaufbau, Planung, Vergemein­
schaftung und gesellschaftliche Ziele, wenn Sie so wollen -, all
das bedeutete eine Interventionspolitik, Interventionen hin­
sichtlich der Verteilung der Ressourcen, hinsichtlich des
Gleichgewichts der Preise, hinsichtlich der Höhe der Sparein­
lagen, hinsichtlich der Investitionsentscheidungen und einer
Politik der Vollbeschäftigung, kurz, Verzeihung wegen all die­
ser Banalitäten, abermals befinden wir uns mitten in der Key­
nes'schen Politik. Nun reichte ein wissenschaftlicher Beirat,
der bei der deutschen Wirtschaftsverwaltung 16 gebildet wurde,
die in der sogenannten Bizone, d. h. der englisch-amerikani­
schen Zone, existierte, im April 1948 einen Bericht ein, und in
diesem Bericht wird folgendes Prinzip aufgestellt: »Der Rat ist
der Ansicht, daß die Steuerungsfunktion des Wirtschaftspro­
zesses so weit wie möglich durch den Mechanismus der Preise

u8
gewährleistet werden soll. « 17 Diese Entscheidung oder dieses
Prinzip wurde, wie später bekannt wurde, einstimmig be­
schlossen. Aus diesem Prinzip zieht man einfach aufgrund der
Stimmenmehrheit im Beirat folgende Folgerung: Man verlangt
die sofortige Freigabe der Preise, um eine tendenzielle Annähe­
rung an die Weltpreise zu erreichen. Wenn Sie so wollen, han­
delt es sich hier, grob gesagt, um das Prinzip der Ungebunden­
heit der Preise und die Forderung nach sofortiger Freigabe.
Wir befinden u,ns auf einer Ebene von Entscheidungen oder
zumindest von Forderungen, da dieser wissenschaftliche Bei­
rat nur eine beratende Stimme hat. Wir befinden uns auf einer
Ebene von Vorschlägen, die in ihrer elementaren Schlichtheit
durchaus an das erinnert, was die Physiokraten fordern konn­
ten oder was Turgot im Jahre 1774 beschließen konnte. 18 Das
geschah am 18. April 1948. Zehn Tage später, am 28., hält Lud­
wig Erhard 19 - der zwar nicht der Verantwortliche dieses wis­
senschaftlichen Beirats war, denn er hatte ihn um sich herum
versammelt, aber er war für die Wirtschaftsverwaltung der Bi­
zone verantwortlich - vor der Versammlung in Frankfurt2°
eine Rede, in der er die Folgerungen dieses Berichts aufgreift. 21
Er stellt das Prinzip der Freiheit der Preise auf und fordert ihre
schrittweise Freigabe, versieht jedoch dieses Prinzip und die
Folgerung, die er daraus zieht, mit eirier Reihe von wichtigen
Betrachtungen. Er sagt Folgendes: »Man muß die Wirtschaft
von staatlichen Einschränkungen befreien. « 22 »Man muß«,
sagt er weiter, »sowohl die Anarchie als auch den Termitenstaat
vermeiden«, denn, so Erhard, »nur ein Staat, der zugleich die
Freiheit und die Verantwortlichkeit der Bürger begründet,
kann berechtigterweise im Namen des Volkes sprechen. « 23 Sie
sehen, daß hier dieser Wirtschaftsliberalismus, dieses Prinzip
der Achtung der Marktwirtschaft, das vom wissenschaftlichen
Beirat formuliert wurde, sich in etwas viel Allgemeineres ein­
fügt, nämlich in ein Prinzip, dem zufolge man die staatlichen
Interventionen auf allgemeine Weise begrenzen sollte. Man
sollte die Grenzen der Staatsbildung genau festlegen und die
Beziehungen zwischen den Individuen und dem Staat regeln.
Ludwig Erhards Rede unterscheidet sehr deutlich diese libera­
len Wahlmöglichkeiten, die er sich anschickte der Versamm­
lung in Frankfurt vorzuschlagen, von einer Reihe anderer öko­
nomischer Experimente, die in dieser Zeit gemacht wurden
und die trotz des dirigistischen, interventionistischen und key­
nesianischen Umfelds in ganz Europa verwirklicht wurden.
Das geschah in Belgien, wo man sich tatsächlich auch für eine
liberale Politik entschieden hat. Das Gleiche geschah teilweise
in Italien, wo unter dem Drängen von Luigi Einaudi, 24 der zu
jener Zeit Direktor der Bank von Italien war, eine Reihe von li­
beralen Maßnahmen ergriffen wurden. In Belgien und Italien
handelte es sich aber um eigentliche Wirtschaftsinterventionen.
In Erhards Rede und in der Entscheidung, die er vorschlug, lag
in diesem Augenblick jedoch noch etwas ganz anderes. Es
ging - der Text sagt es selbst - um die Legitimität des Staats.
Wenn man diesen Satz betrachtet, in dem Ludwig Erhard sag(,
daß man die Wirtschaft von staatlichen Zwängen befreien und
die Anarchie und den Termitenstaat vermeiden müsse, weil
»nur ein Staat, der zugleich die Freiheit und die Verantwort­
lichkeit der Bürger begründet, berechtigterweise im Namen
des Volkes sprechen kann«, was bedeutet er? Tatsächlich ist er
recht zweideutig in dem Sinne, daß man ihn auf zwei Ebenen
verstehen kann und, wie ich glaube, auch muß. Auf einer
Ebene ist er einerseits trivial. Es geht ganz einfach darum, zu
sagen, daß ein Staat, der die Macht auf wirtschaftlichem Gebiet
und allgemein auf dem Gebiet des politischen Lebens miß­
braucht, der Grundrechte verletzt, daß dieser Staat folglich we­
sentliche Freiheiten beeinträchtigt und daß er dadurch gewis­
sermaßen all seiner Rechte verlustig geht. Ein Staat kann seine
Macht nicht legitim ausüben, wenn er die Freiheit der Indivi­
duen verletzt. Er hat seine Rechte verloren. Der Text sagt nicht,
daß er alle Rechte verliert. Er sagt nicht, daß er beispielsweise
seine Rechte der Souveränität verliert. Er sagt, daß er seine
Rechte der Volksvertretung verliert. Das bedeutet, daß ein
Staat, der die Grundfreiheiten verletzt, die wesentlichen
Rechte der Bürger, diese Bürger nicht mehr vertritt. Wir verste-

I20
hen, welchem taktischen Ziel ein Satz wie dieser in Wirklich­
keit entspricht. Es soll gesagt werden, daß der nationalsoziali­
stische Staat, der gerade alle diese Rechte usw. verletzte, im
Rückblick nicht als einer betrachtet wurde und nicht betrachtet
werden konnte, der seine Souveränität nicht auf legitime Weise
ausgeübt hat, d. h., daß, grob gesagt, die Anordnungen und Ge­
setze und Regelungen, die man den deutschen Bürgern aufer­
legte, sich nicht als ungültig erweisen, und somit kann man die
Deutschen nicht dafür verantwortlich machen, was innerhalb
des legislativen oder regelbezogenen Rahmens des Nazismus
getan wurde. Dafür hat er aber rückblickend seine Rechte auf
die Vertretung des Volkes verloren, d. h., was er getan hat, kann
nicht als im Namen des deutschen Volkes geschehen betrachtet
werden. Das ganze sehr schwierige Problem der Legitimität
und des juridischen Status, den man den nazistischen Maßnah­
men zuweisen soll, findet sich hier in diesem Satz.
i · E;· gibt aber auch einen Sinn, der zugleich weiter, umfassender
und auch subtiler ist. Wenn Ludwig Erhard sagt, daß allein ein
Staat, der die wirtschaftliche Freiheit anerkennt und der folg­
lich Platz läßt für die Freiheit und die Verantwortlichkeiten der
Individuen, im Namen des Volkes sprechen kann, meint er,
glaube ich, auch Folgendes. Erhard sagt im Grunde, daß im ge­
genwärtigen Zustand, d. h. I 948, bevor der deutsche Staat wie­
derhergestellt wurde, bevor die deutschen Staaten gebildet
wurden, es offensichtlich nicht möglich ist, für ein Deutsch­
land, das noch nicht wiederhergestellt ist, und für einen neu zu
bildenden deutschen Staat historische Rechte zu fordern, die
durch die Geschichte selbst ausgeschlossen wurden. Es ist
nicht möglich, eine juridische Legitimität zu fordern, insofern
es keinen Apparat, keinen Konsens, keinen kollektiven Willen
gibt, der sich in einer Situation manifestieren könnte, in der
Deutschland einerseits geteilt und andererseits besetzt ist. Also
gibt es keine historischen Rechte und keine juridische Legiti­
mität, um einen neuen deutschen Staat zu gründen.
Nehmen wir aber einen institutionellen Rahmen an - und das
wird in Erhards Text implizit gesagt -, dessen Beschaffenheit

121
oder Ursprung keine Rolle spielt, einen institutionellen Rah­
men X. Nehmen wir an, daß dieser institutionelle Rahmen X
nicht die Funktion hat, die Souveränität auszuüben, da ja im
gegenwärtigen Zustand nichts eine juridische Macht des
Zwangs begründen kann, sondern dessen Aufgabe einfach
wäre, die Freiheit zu sichern. Also nicht einzuschränken, son­
dern einfach einen Raum der Freiheit zu schaffen, eine Freiheit
zu sichern und sie gerade auf dem Gebiet der Wirtschaft zu si­
chern. Nehmen wir nun an, daß in dieser Institution X, deren
Funktion nicht darin besteht, eine einschränkende Macht sou­
verän auszuüben, sondern einfach nur einen Raum der Freiheit
herzustellen, die Individuen in irgendwelcher Zahl ihre freie
Zustimmung dazu geben, dieses Spiel der wirtschaftlichen
Freiheit zu spielen, das ihnen durch den institutionellen Rah­
men zugesichert ist. Was wird geschehen? Was bedeutet die
Ausübung dieser Freiheit durch Individuen, die nicht gezwun­
gen sind, sie auszuüben, sondern denen man einfach die Mög­
lichkeit gibt, sie auszuüben? Nun, es bedeutet die Zustimmung
zu diesem Rahmen, Zustimmung zu jeder Entscheidung, die
getroffen werden kann. Entscheidungen zu welchem Zweck?
Eben um diese wirtschaftliche Freiheit zu sichern oder um das
zu sichern, was diese wirtschaftliche Freiheit ermöglicht. Mit
anderen Worten, die Einrichtung wirtschaftlicher Freiheit soll
oder kann zumindest gewissermaßen wie ein Siphon, wie ein
Sprungbrett für die Bildung einer politischen Souveränität
funktionieren. Natürlich verknüpfe ich mit diesem anschei­
nend banalen Satz Ludwig Erhards eine ganze Reihe von im­
pliziten Bedeutungen, die ihren Wert und ihre Wirkung erst im
r
!1 folgenden bekommen. Ich füge eine ganze Menge Geschichte
' \ hinzu, die noch nicht gegenwärtig ist, aber ich glaube, daß- ich
1 werde versuchen, Ihnen zu erklären wie und warum - dieser
theoretische, politische und zugleich programmatische Sinn
wirklich im Kopf, wenn nicht von Ludwig Erhard, so zumin­
dest im Kopf derer war, die seine Rede für ihn geschrieben ha­
ben.
Diese Idee, daß man die Legitimität des Staats auf die garan-

122
tierte Ausübung einer wirtschaftlichen Freiheit gründen kann,
ist in der Tat, glaube ich, etwas Wichtiges. Natürlich muß man
diese Idee und ihre Formulierung im genauen Kontext betrach­
ten, in dem sie erscheint, und sofort erkennt man sehr leicht ei­
nen taktischen und strategischen Trick. Es handelt sich darum,
einen juridischen Notbehelf zu finden, um von einem Wirt­
schaftssystem zu verlangen, was man nicht direkt vom Verfas­
sungsrecht oder vom internationalen Recht oder einfach von
den politischen Partnern verlangen konnte. Um es noch ge­
nauer zu sagen, zeigte sich darin eine Gerissenheit sowohl ge­
genüber den Amerikanern als auch gegenüber Europa, da man
mit der Garantie wirtschaftlicher Freiheit für Deutschland, für
ein Deutschland, das im Begriff des Wiederaufbaus war, und
zwar vor jedem Staatsapparat, den Amerikanern und den ver­
schiedenen amerikanischen Lobbys die Sicherheit gab, daß sie
mit der deutschen Industrie und Wirtschaft die freien Bezie­
hungen ihrer Wahl unterhalten könnten. Und zweitens beru­
higte man natürlich Europa, das des Westens und das des
Ostens, indem man sicherstellte, daß der institutionelle Em­
bryo, der sich gerade bildete, überhaupt nicht mehr dieselben
Gefahren eines starken oder totalitären Staats aufwies, die man
in den vorhergehenden Jahren kannte. Aber jenseits dieser Im­
perative der unmittelbaren Taktik glaube ich, daß das, was in
dieser Rede, auf die ich anspiele, formuliert wurde, etwas war,
das schließlich über den Kontext und die unmittelbare Situa­
tion von 1948 hinaus einer der Grundzüge der deutschen zeit­
genössischen Gouvernementalität bleiben sollte. Denn hier ha­
ben wir, glaube ich, einen der wesentlichen Züge, über die wir
nachdenken müssen und deren programmatische Ausgestal­
tung mir [einer der Grundzüge] dieses deutschen Neoliberalis­
mus zu sein scheint: Im zeitgenössischen Deutschland seit 1948
bis heute, d. h. dreißig Jahre lang, war die Wirtschaftsaktivität
nicht nur einer der Zweige der Aktivität des Volkes. Man soll
nicht glauben, daß das richtige wirtschaftliche Management
keine andere Wirkung und keinen anderen vorgesehenen und
berechneten Zweck hatte, als den Wohlstand aller zu sichern.

123
Tatsächlich erzeugt im zeitgenössischen Deutschland die Wirt­
schaft, die Wirtschaftsentwicklung, das Wirtschaftswachstum
Souveränität, politische Souveränität durch die Institution und
das institutionelle Spiel, das diese Wirtschaft gerade in Gang
hält. Die Wirtschaft erzeugt Legitimität für den Staat, der ihr
Garant ist. Mit anderen Worten - und das ist ein äußerst inter­
essantes Phänomen, das in der Geschichte zwar nicht völlig
einzigartig ist, aber doch sehr erstaunlich, zumindest in unserer
Zeit - die Wirtschaft schafft das öffentliche Recht. Im zeitge­
nössischen Deutschland haben wir ständig eine Bewegung, die
von der Institution der Wirtschaft zum Staat führt; und wenn
es natürlich auch eine umgekehrte Bewegung gibt, die vom
Staat zur Institution der Wirtschaft geht, darf man doch nicht
vergessen, daß das erste Element dieser Art von Siphon in der
Institution der Wirtschaft besteht. Wir haben also eine Genese,
eine ständige Genealogie des Staats im Ausgang von der Insti­
tution der Wirtschaft. Und wenn ich dies sage, glaube ich, daß
das noch nicht genügt, denn es ist nicht nur eine juridische
Struktur oder eine Legitimation von Rechts wegen, die die
Wirtschaft dem deutschen Staat bringt, welche durch die Ge­
schichte gerade ausgeschlossen wurde. Diese Institution der
Wirtschaft, die wirtschaftliche Freiheit, die diese Institution
von Anfang an sichern und aufrechterhalten soll, erzeugt etwas
Wirklicheres, Konkreteres, etwas noch Unmittelbareres als
eine Legitimation von Rechts wegen. Sie erzeugt einen perma­
nenten Konsens, einen permanenten Konsens all derer, die als
Handelnde innerhalb der Wirtschaftsprozesse auftreten kön­
nen. Handelnde, die Investoren, Arbeiter, Arbeitgeber und Ge­
werkschaften sind. Alle diese Wirtschaftspartner erzeugen, in­
sofern sie dieses wirtschaftliche Spiel der Freiheit akzeptieren,
einen Konsens, der ein politischer Konsens ist.
Bemerken wir noch Folgendes: Was will die neoliberale deut-.
sehe Institution die Menschen sagen und tun lassen, und was
will sie ihnen zu verstehen geben, wenn sie sie zu einem großen
Teil sprechen und handeln läßt? Nun, sie will ihnen zu verste­
hen geben, daß man Recht hat, sie handeln zu lassen. Das be-
deutet, daß die Zustimmung zu diesem liberalen System als
Nebenprodukt neben der juridischen Legitimation den Kon­
sens, den permanenten Konsens erzeugt, und das Wirtschafts­
wachstum, die Produktion des Wohlstands durch dieses
Wachstum erzeugt als Spiegelbild zur Genealogie Wirtschafts­
institution/Staat eine Bewegung von der Institution der Wirt­
schaft zur globalen Zustimmung der Bevölkerung zu ihrer
Ordnung und ihrem System.
Wenn man den Historikern des 16. Jahrhunderts glaubt, Max
Weber25 usw., scheint es, daß die Bereicherung einer Privatper­
son im protestantischen Deutschland des 16.Jahrhunderts ein
Zeichen der willkürlichen Auserwähltheit dieses Individuums
durch Gott war. Der Reichtum galt als Zeichen, als Zeichen
wovon? Davon, daß Gott diesem Individuum seinen Schutz
gewährt hatte und daß er dadurch der Gewißheit des Heils
Ausdruck verlieh, das schließlich durch nichts in den konkre­
ten und wirklichen Werken des Individuums garantiert werden
konnte. Man wird nicht gerettet, weil man versucht, sich or­
dentlich zu bereichern, sondern, wenn man sich wirklich berei­
chert hat, dann hat Gott einem in diesem Moment ein Zeichen
auf die Erde geschickt, daß man sein Heil finden wird. Die
Bereicherung findet also im I 6. Jahrhundert in Deutschland·
Eingang in ein System von Zeichen. Im Deutschland des
20.Jahrhunderts ist nicht die Bereicherung einer Privatperson
das willkürliche Zeichen seiner Auserwähltheit durch Gott,
sondern die Bereicherung der Gesamtheit. Wofür ist sie ein
Zeichen? Natürlich nicht für die Auserwähltheit durch Gott,
[sondern] sie ist ein gewöhnliches Zeichen der Zustimmung
der Individuen zum Staat. Mit anderen Worten, die Wirtsch�t
ist immer ein Zeichen, jedoch keineswegs in dem Sinne, daß sie
ständig jene Zeichen der Äquivalenz und des Warenwerts der
Dinge hervorbrächte, der in seinen trügerischen Strukturen
oder den Strukturen des Scheins nichts mit dem Gebrauchs­
wert der Dinge zu tun hat. Die Wirtschaft erzeugt Zeichen, po­
litische Zeichen. Sie erzeugt politische Zeichen, die es gestat­
ten, die Strukturen, Mechanismen und Rechtfertigungen der

125
Macht aufrechtzuerhalten. Der wirtschaftlich freie Markt bin­
det in politischer Hinsicht und verleiht politischen Bindungen
Ausdruck. Eine stabile Deutsche Mark, eine zufriedenstellende
Wachstumsrate, eine steigende Kaufkraft, ein günstiges Gleich­
gewicht von Zahlungen, das sind im zeitgenössischen Deutsch­
land sicherlich die Wirkungen einer guten Regierung, aber es
ist auch- und bis zu einem bestimmten Punkt noch mehr - die
Art und Weise, in der sich ständig der staatsgründende Kon­
sens manifestiert und verstärkt, den die Geschichte oder die
Niederlage oder der Beschluß der Sieger außer Kraft gesetzt
hatte. Der Staat gewinnt sein Gesetz wieder, gewinnt sein juri­
disches Gesetz und seine wirkliche Grundlage in der Existenz
und der Praxis dieser wirtschaftlichen Freiheit. Die Geschichte
hatte den deutschen Staat verneint. Künftig wird die Wirtschaft
in der Lage sein, seine Selbstbehauptung zu ermöglichen. Das
kontinuierliche Wirtschaftswachstum wird eine erloschene;;
Geschichte ablösen. Die Unterbrechung der Geschichte wird
also als Unterbrechung der Erinnerung erlebt und akzeptiert
werden können, insofern in Deutschland eine neue Dimension
der Zeitlichkeit begründet wird, die nicht mehr die der Ge­
schichte sein wird, sondern die des Wirtschaftswachstums. Die
Umkehrung der Zeitachse, die Erlaubnis des Vergessens und
das Wirtschaftswachstum: All dies steht, glaube ich, im Zen­
trum der Art und Weise, wie das ökonomisch-politische deut­
sche System funktioniert. Die wirtschaftliche Freiheit als ge­
meinsames Produkt des Wachstums sowohl des Wohlstands als
auch des Staats als auch der Geschichtsvergessenheit.
Wir haben im zeitgenössischen Deutschland einen Staat, den
man einen radikal ökonomischen Staat nennen kann, wenn
man »radikal« im strengen Sinne des Begriffs versteht: Seine
Wurzel ist vollkommen ökonomisch. Fichte hatte, wie Sie wis­
sen - das ist im allgemeinen alles, was man über Fichte weiß -
von einem geschlossenen Handelsstaat gesprochen.26 Ich
werde darauf ein wenig später zurückkommen müssen.27 Um
ein wenig künstliche Analogien herzustellen, werde ich nur sa­
gen, daß wir hier das Gegenteil eines geschlossenen Handels-

126
staats haben. Wir haben eine staatliche Öffnung des Handels.
Ist das das erste Beispiel eines radikal ökonomischen Staats in
der Geschichte? Das müßte man die Historiker fragen, die die
Geschichte immer noch besser als ich verstehen. War aber Ve­
nedig denn nicht auch ein radikal ökonomischer Staat? Kann
man sagen, daß die Vereinigten Niederlande im 16. und noch
im 17. Jahrhundert ein ökonomischer Staat waren? Jedenfalls
scheint es mir, daß wir im Vergleich mit allem, was seit dem
18.Jahrhundert die Funktionsweise, die Rechtfertigung und
die Programmgestaltung der Gouvernementalität war, hier et­
was Neues haben. Und wenn es auch richtig ist, daß wir hier
innerhalb einer Gouvernementalität vom liberalen Typ blei­
ben, so erkennt man doch, welche Verschiebung im Vergleich
zu dem stattfand, was der von den Physiokraten, von Turgot,
von den Ökonomen des 18.Jahrhunderts entworfene Libera­
lismus war, dessen Problem genau in umgekehrter Richtung
lag, da sie im 18.Jahrhundert folgende Aufgabe zu lösen hat­
ten: Angenommen, es gibt einen Staat, der legitim ist und der
schon im Stil der Fülle, der administrativen Vollständigkeit in
Form eines Polizeistaats funktioniert. Das Problem bestand
dann in Folgendem: Angenommen, es gibt einen solchen Staat,
wie können wir ihn dann begrenzen und vor allem Raum für
die notwendige wirtschaftliche Freiheit innerhalb dieses beste­
henden Staats schaffen? Nun, die Deutschen mußten genau das
umgekehrte Problem lösen. Angenommen, es gibt keinen
Staat, wie sollen wir ihn im Ausgang von jenem nichtstaat­
lichen Raum der wirtschaftlichen Freiheit schaffen?
So, glaube ich, kann man den kleinen und scheinbar banalen
Satz des zukünftigen Kanzlers Erhard vom 28. April 1948
kommentieren - noch einmal mit einem großen Übergewicht
an Interpretation, aber ich werde versuchen, Ihnen zu zeigen,
inwiefern diese Interpretation nicht willkürlich ist. Natürlich
konnte diese Idee, diese Formulierung von 1948 die historische
Dichte, von der ich gesprochen habe, nur insofern gewinnen,
als sie sich unverzüglich in eine ganze Kette von Entscheidun­
gen und nachfolgenden Ereignissen eingliederte.

127
Am 18. April also der Bericht des wissenschaftlichen Beirats,
am 28. April die Rede Erhards, am 24.Juni 194828 die Freigabe
der Industriepreise, dann der Preise für Lebensmittel, schritt­
weise, aber ansonsten relativ langsame Freigabe aller Preise.
1952 dann die Freigabe der Preise für Kohle und Elektrizität,
die, glaube ich, eine der letzten Preisfreigaben in Deutschland
sein wird. Erst 1953 wurde der Warenaustausch für den
Außenhandel freigegeben, der eine Rate von ungefähr 80 bis
95 % erreicht. Die Freigabe ist also in den Jahren 1952-1953 so
gut wie vollzogen.
Eine andere wichtige Sache, die zu bemerken ist, besteht in
Folgendem: Diese Politik der Freigabe, die faktisch mehr oder
weniger ausdrücklich von den Amerikanern aus Gründen un­
terstützt wurde, die ich Ihnen vorhin genannt habe, hatte bei
den anderen Besatzern, im wesentlichen bei den Engländern,
die sich in einer vollen Periode des Labourismus, des Keynesia-­
nismus usw. 29 befanden, großes Mißtrauen erweckt. Sie hatte
auch in Deutschland selbst großen Widerstand hervorgerufen,
um so mehr, als die ersten Maßnahmen zur Preisfreigabe erst
dann ergriffen wurden, als die Preise natürlich schon zu steigen
begonnen hatten. Die deutschen Sozialisten verlangen die Ab­
setzung Erhards im August 1948. Im November 1948 kommt
es zu einem Generalstreik gegen die Wirtschaftspolitik Erhards
und für die Rückkehr zu einer gesteuerten Wirtschaft. Der
Streik scheiterte, und die Preise stabilisierten sich im Dezem­
ber 1948.30
Eine dritte Reihe von wichtigen Tatsachen, um die Art und
Weise zu bestimmen, wie dieses Programm, von dem ich ge­
rade sprach, verwirklicht wurde, bestand in einer Reihe von
Zusammenschlüssen: zuerst und verfrüht der Zusammen­
schluß der Christdemokratie trotz ihrer Bindungen an eine so­
ziale, christliche Wirtschaft, die nicht sosehr dem liberalen Typ
entsprach. Zusammenschluß mit der Christdemokratie, der
christlichen Theoretiker der Sozialwirtschaft und insbeson­
dere der Theoretiker aus München, beispielsweise der be­
rühmte Jesuit Oswald Nell-Breuning, 31 der in München politi-

128
sehe Ökonomie lehrte. 32 Es gab natürlich auch einen noch stär­
keren Zusammenschluß der Gewerkschaften. Die erste große
Annäherung, die offiziellste und sichtbarste, war die von
Theodor Blank,33 der Vizepräsident der Gewerkschaft der
Bergarbeiter war und der erklärte, daß die liberale Ordnung
eine annehmbare Alternative zum Kapitalismus und zur Plan­
wirtschaft sei. 34 Man kann sagen, daß dieser Satz vollkommen
heuchlerisch sei oder daß er viele Zweideutigkeiten ins Spiel
bringe, denn wenn man sagt, daß die liberale Ordnung eine
Alternative zum Kapitalismus und zur Planwirtschaft darstellt,
erkennt man doch alle die Asymmetrien, mit denen er spielt.
Denn einerseits hatte die liberale Ordnung niemals bean­
sprucht oder beanspruchte im Munde des zukünftigen Kanz­
lers Erhard gewiß nicht, eine Alternative zum Kapitalismus,
sondern vielmehr eine bestimmte Weise zu sein, den Kapitalis­
mus zu verwirklichen.Und wenn es auch richtig ist, daß er sich
gegen die Planwirtschaft wandte, konnte jemand wie Theodor
Blank in seiner Rolle als Gewerkschaftsvertreter einerseits, mit
seiner Herkunft, seiner christlichen Gesellschaftsideologie
usw. sie doch nicht sosehr direkt kritisieren. Und tatsächlich
meinte er, daß in diesem Neoliberalismus das schließlich er­
füllte Versprechen einer Synthese oder eines mittleren Weges
oder einer dritten Ordnung zwischen Kapitalismus und Sozia­
lismus lag. Ich betone noch einmal, daß es darum überhaupt
nicht ging. Der Satz hatte einfach den Zweck, die christlich in­
spirierten Gewerkschaften jener Zeit die bittere Pille schlucken
zu lassen.
Schließlich und vor allem, Zusammenschluß der SPD, Zusam­
menschluß der Sozialdemokratie, ein Zusammenschluß, der
sich offensichtlich viel langsamer als die anderen vollzog, da die
deutsche Sozialdemokratie praktisch bis 1950 den meisten der
allgemeinen Prinzipien treu bleibt, die ihre eigenen und die des
Sozialismus marxistischer Prägung seit dem r 9. Jahrhundert
waren. Auf dem Kongreß von Hannover35 und noch auf dem
Kongreß von Bad Dürkheim im Jahre 1949 erkannte die sozia­
listische Partei die historische und politische Gültigkeit des

129
Prinzips des Klassenkampfs an und setzte sich stets die Verge­
sellschaftung der Produktionsmittel zum Ziel.36 Nun gut, 1949
und 1950 ist man noch an diesem Punkt. Im Jahre 195 5 schreibt
Karl Schiller, 37 der später Wirtschafts- und Finanzminister in
der Bundesrepublik3 8 werden wird, ein Buch, das natürlich
große Resonanz haben sollte, da es den immerhin bezeichnen­
den Titel Sozialismus und Wettbewerb39 trug, d. h. eben nicht
Sozialismus oder Wettbewerb, sondern Sozialismus und Wett­
bewerb. In diesem Buch stellt er folgende Annahme auf - ich
weiß nicht, ob es das erste Mal ist, aber jedenfalls hat er dieser
Formel, die fortan die Formel des deutschen Sozialismus sein
wird, das größte Echo verschafft: »Soviel Wettbewerb wie
möglich und Planung im gerechten und notwendigen Maß«. 40
Das ist im Jahre 195 5. 1959 findet der Godesberger Kongreß41
statt, auf dem die deutsche Sozialdemokratie erstens auf das
Prinzip des Übergangs zur Vergesellschaftung der Produkti­
onsmittel verzichtet und zweitens und in Übereinstimmung
damit anerkennt, daß das Privateigentum an Produktionsmit­
teln nicht nur völlig legitim ist, sondern Anspruch auf Schutz
und Förderung durch den Staat hat. 42 Das bedeutet, daß eine
der wesentlichen und grundlegenden Aufgaben des Staats
darin besteht, nicht nur das Privateigentum im allgemeinen zu
schützen, sondern das Privateigentum an Produktionsmitteln,
unter dem Vorbehalt, so fügt der Kongreßantrag hinzu, daß es
mit einer »gerechten Gesellschaftsordnung« vereinbar ist.
Schließlich billigt der Godesberger Kongreß drittens überall
das Prinzip einer Marktwirtschaft - auch hier gibt es eine Ein­
schränkung -, überall dort, »wo zumindest die Bedingungen
eines echten Wettbewerbs herrschen. « 43
Offensichtlich ist für jemanden, der in marxistischen Begriffen
oder auf der Grundlage des Marxismus denkt oder der im Aus­
gang von der Tradition der deutschen Sozialisten denkt, die
Reihe dessen wichtig, was aufgegeben wird - Aufgabe, Ketze­
rei, Verrat, wie immer man es nennen mag-, nämlich der Klas­
senkampf, die gesellschaftliche Aneignung der Produktions­
mittel usw. Wichtig ist das, was aufgegeben wird, der Rest, jene

r30
vagen kleinen Einschränkungen von der Art: Man muß eine ge­
rechte Gesellschaftsordnung anvisieren, die Bedingungen eines
echten Wettbewerbs schaffen, das alles erscheint in der Per­
spektive eines Marxismus, der sich auf der Grundlage seiner ei­
genen Orthodoxie versteht, als genauso viele Heucheleien.
Aber für jemanden, der diese selben Sätze mit einem anderen
Ohr oder im Ausgang von einem anderen theoretischen Hin­
tergrund hört, haben diese Wörter - »gerechte Gesellschafts­
ordnung«, »Bedingung eines echten wirtschaftlichen Wettbe­
werbs« - einen ganz anderen Klang, weil sie die Annäherung
an eine Gesamtheit von Lehren und Programmen anzeigen -
und das ist noch etwas, das ich Ihnen nächstes Mal erklären
möchte-, die nicht einfach eine ökonomische Theorie über die
Wirksamkeit und die Nützlichkeit der Freiheit des Marktes ist.
Annäherung an etwas, das eine Art von Gouvernementalität
ist, die eben das Mittel war, durch welches die deutsche Wirt­
schaft dem legitimen Staat als Grundlage gedient hat.
Warum gab es diesen Zusammenschluß der deutschen Sozial­
demokratie und schließlich, obwohl etwas spät, diese allzu
leichte Anbindung an diese Thesen und Praktiken und die Pro­
gramme des Neoliberalismus? Dafür gibt es mindestens zwei
Gründe. Der eine hat natürlich mit einer notwendigen und un:..
umgänglichen politischen Taktik zu tun. Die SPD hielt unter
der Leitung des alten Schumacher44 usw. die traditionelle Ein­
stellung einer sozialistischen Partei aufrecht. Diese bestand ei­
nerseits darin, das sogenannte liberal-demokratische System
usw. zu [akzeptieren] - d. h. das System des Staats, die Verfas­
sung, die Rechtsstrukturen. Andererseits lehnte sie jedoch in
ihren Prinzipien das kapitalistische Wirtschaftssystem ab und
setzte sich in diesem rechtlichen Rahmen, der als ausreichend
betrachtet wurde, um dem grundlegenden Spiel der wichtig­
sten Freiheiten Geltung zu verschaffen, zur Aufgabe, das exi­
stierende System im Hinblick auf eine Reihe ferner Ziele ein­
fach zu korrigieren. In Anbetracht dessen versteht man, daß
die SPD keinen Platz in diesem neuen wirtschaftlich-politi­
schen Staat haben konnte, der im Entstehen begriffen war. Sie

131
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konnte keinen Platz darin finden, weil es sich gerade um:dl§f(;
Gegenteil handelte. Es ging nicht darum, sich [zuerst] einen beI''
stimmten rechtlichen oder historischen Rahmen zu geben und
anzunehmen, weil er somit durch den Staat oder einen be­
stimmten Konsens des Volkes gebildet worden wäre, und dann
innerhalb dieses Rahmens unter einigen Anpassungen wirt­
schaftlich zu arbeiten. Das genaue Gegenteil traf zu. Man be­
gann in diesem neuen deutschen wirtschaftlich-politischen Sy­
stem damit, eine bestimmte wirtschaftliche Funktionsweise
einzuführen, die die Grundlage sowohl der Existenz des Staats
als auch seiner internationalen Anerkennung darstellte. Man
gab sich diesen ökonomischen Rahmen, und erst danach er­
schien gewissermaßen die Legitimität des Staats. Wie soll eine
sozialistische Partei, deren zumindest ferneres Ziel ein ganz an­
deres Wirtschaftssystem war, in dieses politische Spiel hinein­
passen, da die Gegebenheiten in gewissem Sinne verkehrt wa­
ren, das ökonomische die Wurzel des Staats bildete, und nicht
der Staat dieser oder jener ökonomischen Entscheidung als hi­
storisch-rechtlicher Rahmen vorgeordnet war? Um sich an
diesem politischen Spiel um das neue Deutschland zu beteili­
gen, mußte sich folglich die SPD jenen Thesen des Neolibera­
lismus anschließen, wenn schon nicht den ökonomischen, wis­
senschaftlichen oder theoretischen Thesen, dann zumindest
der allgemeinen Praxis als Regierungspraxis dieses Neolibera­
lismus. Auf diese Weise war der Godesberger Kongreß, dieser
berühmte Kongreß des absoluten Verzichts auf die traditio­
nellsten Themen der Sozialdemokratie, natürlich der Bruch
mit der marxistischen Theorie, der Bruch mit dem marxisti­
schen Sozialismus, aber zugleich auch - und in diesem Punkt
handelte es sich nicht einfach um einen Verrat, ein solcher kann
es nur in allgemeinen historischen Begriffen sein - die An­
nahme dessen, was sich schon als wirtschaftlich-politischer
Konsens des deutschen Liberalismus vollzogen hatte. Es ging
weniger darum, auf diesen oder jenen Teil des gemeinsamen
Programms der meisten sozialistischen Parteien zu verzichten,
als darum, schließlich am Spiel der Gouvernementalität teilzu-

132
}:ß:r Sozi.a\uemokratie b\i.eb nur noch ei.n Schritt zu
, . Ü.brig, und zwar uen Bruch mit dem englischen Modell und
mit allen Bezügen auf die keynesianische Ökonomie zu voll­
ziehen. Dieser Schritt wurde 1963 noch einmal von Karl Schil­
ler vollzogen, weil er bei dieser Gelegenheit selbst die Formel
»soviel Wettbewerb wie möglich und sowenig Planung wie nö­
tig« aufgibt. 1963 stellt er das Prinzip auf, daß jede Planung,
auch wenn sie flexibel ist, für die liberale Wirtschaft gefährlich
ist. 45 Damit ist der Prozeß abgeschlossen. Die Sozialdemokra­
tie hat sich völlig demjenigen Typ von wirtschaftlich-politi­
scher Gouvernementalität verschrieben, den sich Deutschland
seit 1948 gegeben hat. Sie spielt das Spiel so gut, daß sechs Jahre
später Willy Brandt46 Kanzler der Bundesrepublik wird.
Das ist natürlich einer der Gründe, und zwar nicht der gering­
ste. Aber ich glaube, daß man dieses Problem der Beziehung
des deutschen Sozialismus zu jener neoliberalen Gouverne­
mentalität, die seit 1948 von Ludwig Erhard oder zumindest
von seinen ausgezeichneten Beratern definiert wurde, näher
untersuchen muß. Ich werde nächstes Mal versuchen, etwas
mehr darüber zu sagen. Man kann versuchen, die Ereignisse
und ihre Ursachen etwas besser zu verstehen. Es gibt wohl tat­
sächlich einen anderen Grund als diese Art von taktischer Ein­
schnürung, in der sich die deutsche sozialistische Partei seit
I 948 befand. Man sagt oft, daß es bei Marx - nun, die Leute, die
ihn kennen, sagen das - keine Analyse der Macht gibt, daß die
Theorie des Staats ungenügend ist usw. und daß es an der Zeit
sei, eine solche zu entwickeln. Aber ist es am Ende wirklich so
wichtig, daß man eine Staatstheorie hat? Die Engländer sind
schließlich gar nicht so schlecht dabei gefahren, und ihre Regie­
rung hat zumindest bis in die letzten Jahre einigermaßen gut
auch ohne Staatstheorie funktioniert. Jedenfalls findet man die
letzte Staatstheorie bei Hobbes,47 d.h. bei jemandem, der zu­
gleich Zeitgenosse und Anhänger einer Art von Monarchie
war, von der sich die Engländer gerade zu jener Zeit befreit ha­
ben. Und nach Hobbes haben wir Locke. 48 Locke entwickelt
nicht mehr eine Theorie des Staats, sondern der Regierung.

133
Man kann also sagen, daß das politische System Englands und
die liberale Doktrin nie im Ausgang oder auf der Grundlage
von einer Staatstheorie funktioniert haben. Statt dessen haben
sie Prinzipien der Regierung aufgestellt.
Ob man nun bei Marx eine Theorie des Staats findet oder nicht,
das sollen wieder die Marxisten entscheiden. Ich meine jedoch,
daß dem Sozialismus nicht sosehr eine Staatstheorie fehlt, son­
dern eine gouvernementale Vernunft, eine Definition dessen,
was innerhalb des Sozialismus eine Rationalität der Regierung
wäre, d.h. ein vernünftiges und berechenbares Maß des Um­
fangs der Modalitäten und der Ziele des Handelns der Regie­
rung. Der Sozialismus gibt sich eine historische Rationalität
oder schlägt zumindest eine solche vor. Sie kennen sie bereits,
deshalb ist es überflüssig, mehr darüber zu sagen. Er schlägt
eine ökonomische Rationalität vor. Gott weiß, ob man insbe­
sondere in den Jahren 1920-1930 darüber diskutiert hat, o!J
diese Rationalität standhält oder nicht. Jene Neoliberalen, von
denen ich gesprochen habe, wie von Mises, Hayek usw., haben
in diesen Jahren geleugnet - vor allem von Mises49 hat das ge­
tan -, daß es eine ökonomische Rationalität des Sozialismus
gibt. Darauf hat man geantwortet. Wir werden übrigens wieder
darauf zurückkommen. Wir können jedenfalls sagen, daß das
Problem der ökonomischen Rationalität des Sozialismus eine
Frage ist, über die man diskutieren kann. Er hat sich auf alle
Fälle eine ökonomische Rationalität zum Ziel gesetzt, genauso
wie er eine historische Rationalität vorgeschlagen hat. Man
kann auch sagen, daß er über rationale Techniken der Interven­
tion, der administrativen Intervention in Bereichen wie dem
der Gesundheit, der Sozialversicherung usw. verfügt. Jeden­
falls hat er gezeigt, daß er über solche Techniken verfügt. Man
kann alle diese Rationalitäten, die historische, ökonomische
und administrative Rationalität, dem Sozialismus zuerkennen,
oder sagen wir zumindest, daß die Frage diskutiert werden
kann und daß man nicht mit einem Schlag alle diese Formen
von Rationalität ausschließen kann. Ich glaube jedoch, daß es
keine autonome sozialistische Gouvernementalität gibt. Es

1 34
gibt keine Regierungsrationalität des Sozialismus. Der Sozia­
lismus kann in der Tat - und die Geschichte hat das gezeigt -
nur im Anschluß an verschiedene Typen von Gouvernementa­
lität umgesetzt werden. Eine liberale Gouvernementalität, und
in diesem Moment spielen der Sozialismus und seine Formen
der Rationalität die Rolle eines Gegengewichts, eines Korrek­
tivs, eines lindernden Mittels gegenüber inneren Gefahren.
Man kann ihm übrigens [vorwerfen, wie es die Liberalen tun],*
daß er selbst eine Gefahr ist, aber schließlich hat er existiert,
wurde er wirklich umgesetzt- und dafür haben wir Beispiele -
innerhalb von liberalen Gouvernementalitäten und im An­
schluß an sie. Er funktionierte und funktioniert immer noch in
Gouvernementalitäten, die wohl mehr auf dem beruhen, was
wir letztes Jahr, Sie erinnern sich, Polizeistaat genannt haben,50
d. h. ein hyperadministrativer Staat, in dem zwischen der Gou­
vernementalität und der Verwaltung gewissermaßen eine Ver­
schmelzung, Kontinuität, eine Verfaßtheit als massiver Block
herrscht. Vielleicht gibt es noch andere Gouvernementalitäten,
an die sich der Sozialismus angeschlossen hat. Das muß man
noch sehen. Ich glaube aber jedenfalls nicht, daß es im Augen­
blick eine autonome Gouvernementalität des Sozialismus
gibt.
Betrachten wir, wenn Sie so wollen, die Dinge unter einem an­
deren Blickwinkel, und sagen wir Folgendes: Wenn man die
Grenze überschreitet, die die beiden Teile Deutschlands trennt,
das Deutschland Helmut Schmidts51 und das von [Erich Ho­
necker52]';*, dann stellt sich jeder gute westliche Intellektuelle
folgende Frage: Wo ist der wahre Sozialismus? Dort, wo ich
herkomme, oder dort, wo ich hingehe? Ist er rechts oder links?
Ist er auf dieser Seite oder auf der anderen?�-,;�- Aber hat die Frage
» Wo ist der wahre Sozialismus?« überhaupt einen Sinn?
Müßte man im Grunde nicht sagen, daß der Sozialismus hier
* Michel Foucau!t sagt: »die Liberalen werfen ihm das vor«.
** Michel Foucau!t sagt: »ich weiß nicht mehr, wie er heißt, nun gut, dar­
auf kommt es nicht an«.
,;** Michel Foucault wiederholt: »Wo ist der wahre Sozialismus?«

135
nicht wahrer ist als dort, einfach deshalb, weil der Sozialismus
nicht wahr sein muß. Nun, ich meine Folgendes: Der"Sozialis­
mus ist immer ein Zweig einer Gouvernementalität. Hier
zweigt er von dieser Art von Gouvernementalität ab, dort von
einer anderen, so daß er hier und dort sehr verschiedene
Früchte hervorbringt und durch das zufällige Spiel eines mehr
oder weniger normalen oder abweichenden Zweiges dieselben
vergifteten Früchte.
Aber stellt man dem Liberalismus diese Frage, die man immer
innerhalb des Sozialismus und mit Bezug auf ihn stellt, näm­
lich: wahr oder falsch? Ein Liberalismus hat nicht wahr oder
falsch zu sein. Einern Liberalismus stellt man die Frage, ob er
rein, radikal, konsequent, gemildert usw. ist. Das heißt, daß
man ihn danach fragt, welche Regeln er sich selbst auferlegt
und wie er die Kompensationsmechanismen aufrechnet, wie er
die Kontrollmessungen vornimmt, die er innerhalb seim.r
Gouvernementalität festgesetzt hat. Ich glaube, daß, wenn man
im Gegensatz dazu einen so starken Hang hat, dem Sozialis­
mus diese indiskrete Frage nach der Wahrheit zu stellen, die
man dem Liberalismus nie stellt, nämlich »Bist du wahr oder
bist du falsch?«, dann deshalb, weil dem Sozialismus eine in­
trinsische Regierungsrationalität fehlt und man diese [Abwe­
senheit einer] Regierungsrationalität, die ihm wesentlich und,
wie ich meine, bis heute nicht überholt ist, daß man also dieses
Problem der inneren Regierungsrationalität durch die Bezie­
hung der Übereinstimmung mit einem Text ersetzt. Diese Be­
ziehung der Übereinstimmung mit einem Text oder einer
Reihe von Texten ist für die Verdeckung jener Abwesenheit der
Regierungsrationalität verantwortlich. Man schlägt eine Weise
der Lektüre und Interpretation vor, die den Sozialismus be­
gründen sol4 die aufzeigen sol4 wo die Grenzen seiner Mög­
lichkeiten und seines eventuellen Handelns liegen, während er
im Grunde eine Selbstbestimmung seiner Handlungs- und Re­
gierungsweise bräuchte. Die Bedeutung des Textes entspricht
im Sozialismus, glaube ich, der Lücke, die durch die Abwesen­
heit einer sozialistischen Regierungskunst entsteht. Jedem

136
wirklichen Sozialismus, der durch eine Politik umgesetzt wird,
muß man also nicht die Frage stellen: Auf welchen Text be­
ziehst du dich, verrätst du den Text oder nicht, stimmst du mit
dem Text überein oder nicht, bist du wahr oder falsch? Son­
dern man sollte ihn ganz einfach und immer fragen: Was ist
denn diese notwendigerweise äußerliche Gouvemementalität,
die dich in Gang hält und innerhalb welcher du allein existie­
ren kannst? Und wenn diese Art von Fragen schließlich zu
sehr nach einem Ressentiment riechen, wollen wir die Frage
allgemeiner, auf eine mehr zukunftsorientierte Weise stellen,
die folgende wäre: Was könnte die dem Sozialismus angemes­
sene Gouvernementalität sein? Gibt es eine dem Sozialismus
angemessene Gouvernementalität? Welche Gouvernementali­
tät ist als strenge, intrinsische und autonome sozialistische
Gouvernementalität möglich? Wenn man nur weiß, daß es
eine wirklich sozialistische Gouvemementalität gibt, dann ist
sie jedenfalls nicht im Innern des Sozialismus und seinen Tex­
ten verborgen. Man kann sie nicht daraus ableiten. Man muß
sie erfinden. 53 *
Das ist also der geschichtliche Rahmen, innerhalb dessen das,
was man den deutschen Neoliberalismus nennt, Gestalt ange­
nommen hat. Sie sehen jedenfalls, daß wir es mit einer ganzen
Menge von Dingen zu tun haben, die man, glaube ich, unmög­
lich auf den reinen Kalkül politischer Gruppen oder der politi­
schen Beamten Deutschlands am Vorabend der Niederlage zu­
rückführen kann, obwohl die Existenz, der Druck und die
möglichen Strategien, die durch diese Situation bestimmt wur­
den, in all dem absolut bestimmend waren. Es handelt sich um
etwas anderes als um einen politischen Kalkül, auch wenn es
vollständig von einem politischen Kalkül durchzogen ist. Es ist
auch keine Ideologie, obwohl wir hier natürlich eine ganze

* Michel Foucault fügt im Manuskript hinzu: »Der Sozialismus ist keine


Alternative zum Liberalismus. Sie liegen nicht auf derselben Ebene,
auch wenn es Ebenen gibt, auf denen sie in Widerstreit geraten, wo sie
sich nicht gut miteinander vertragen. Daher rührt die Möglichkeit ihrer
unglücklichen Symbiose. «

137
Menge von Ideen, Analyseprinzipien usw. haben, die völlig ko­
härent sind. Es handelt sich in Wirklichkeit um eine rieue Pro­
grammgestaltung der liberalen Gouvernementalität. Eine in­
terne Neuorganisation, die dem Staat wieder nicht die Frage
stellt: Welche Freiheit wirst du der Wirtschaft lassen? Sondern
die der Wirtschaft die Frage stellt: Wie kann deine Freiheit eine
Funktion für die Staatsbildung in dem Sinne haben, daß sie ge­
statten wird, die Legitimität eines Staats wirklich zu begrün­
den?
Nun, an diesem Punkt möchte ich schließen.�- Ich werde dann
das nächste Mal darüber sprechen, was die Natur dieser neoli­
beralen Doktrin seit den Jahren um 1925 war, die von 1952 an
umgesetzt wurde.
* Michel Foucault verzichtet darauf, die letzten Seiten des Manuskripts zu
lesen (S. 22-2 5 ):
(S. 22) »Rückkehr zum ,Liberalismus<, wie er von d'Argenson und Tur­
gor charakterisiert wurde.
- Angenommen, es gibt einen Staat: Wenn er sich bereichern will, darf
er nicht zuviel regieren. Also Freiheit des Marktes.
- Angenommen, es gibt keinen Staat. Wie stellt man es an, daß er gerade
genügend existiert? Also ein freier Markt.
Aus der Veridiktion des Marktes soll die Rechtsgültigkeit des Staats her­
vorgehen: das ist das Wunder Deutschlands.
(S. 23) Es gab einen Präzedenzfall, den Zollverein, der aber gerade ein
Mißerfolg war. Und der deutsche Nationalismus hat sich gegen den
wirtschaftlichen Liberalismus aufgebaut.
- Angenommen, man hätte sich gegen den französischen Imperialismus
verteidigen müssen: Fichte.
- Angenommen, die Solidarität zwischen wirtschaftlichem und politi­
schem Liberalismus hätte sich von 1840 an aufgelöst. Die liberale Wirt­
schaftspolitik, von der man erwartete, daß sie die Einheit Deutschlands
(gegen Österreich) ermöglichen würde, hat schließlich in Wirklichkeit
England gedient. Man hat gemerkt, daß man die Einheit nur durch eine
revolutionäre Politik herstellen konnte und daß die Wirtschaft sich in
den nationalistischen Rahmen fügen mußte. List: Nationalökonomie.
(S. 24) N.B.: Der Nationalismus wird darin nur als Instrument des zu­
künftigen Zeitalters des Liberalismus aufgefaßt.
- Von 1870 an wurde der durch den freien Wettbewerb geregelte wirt­
schafdiche Liberalismus bzw. die Marktwirtschaft abgelehnt.
- im Namen der Außenpolitik: Kampf gegen England; die Freiheit des
Marktes ist für England ein Herrschaftsinstrument;
Anmerkungen

1 Bernard Berenson (r865-r959), Sammler, amerikanischer Kunstexperte


und -kritiker litauischer Abstammung, Experte für italienische Renais­
sancemalerei. Autor von Drawings of the Florentine Painters, Chicago
r970, The ltalian Painters of the Renaissance, London, Phaidon Press,
1930 [dt. Die italienischen Maler der Renaissance, Zürich 1966] und eines
Buches mit Erinnerungen: Sketch for a Seif-Portrait, New York r 949 [dt.
Entwurf zu einem Selbstbildnis, Wiesbaden 1960].
2 Wie Michel Foucault erläutert, ist das Zitat ziemlich frei. Das Manu­
skript enthält einfach: »Berenson: atomare Zerstörung, Invasion durch
den Staat. «
3 Diese werden weiter unten in der Vorlesung genannt: von Mises, Hayek
(vgl. unten, Anm 11 und 24).
4 V gl. M. Foucault, STB, Vorlesung 8 (r. März 1978).
5 Michel Foucault behandelt schließlich nur die beiden ersten Punkte im

- im Namen der Innenpolitik: das Proletariat soll in die deutsche Ge­


sellschaft integriert werden;
- im Namen der historistischen Lehre, die die Voraussetzung der Natur,
des Naturgesetzes als begründendes Prinzip einer Wirtschaft ablehnte.
Die Wirtschaft stellt immer nur eine Dimension in den aufeinanderfol­
genden geschichtlichen Konstellationen dar.
- Schließlich wird der Liberalismus nach r918 verworfen
- durch die Fortsetzung einer Kriegswirtschaft und ihrer Planungsme-
thoden;
- durch die Entwicklung einer Welfare economy, die auf neuen Grund­
lagen die Bismarckschen Praktiken theoretisch erfaßte und rechtfertigte
(oder zumindest ihre/.. ./).
- (S. 25) schließlich durch die Entwicklung des Prinzips einer Politik
der Vollbeschäftigung und eines Staatsinterventionismus.
Kurz, eine Wirtschaft der Gleichgewichte/.. ./.
All das stellt eine gewaltige Last dar, die vom Sozialismus übernommen
wurde. Es hatte schon Versuche gegeben, sie zu bewältigen (Lujo Bren­
tano). Es gab auch theoretische (österreichische) Instrumente. Interes­
sant ist jedoch, daß die Freiburger Schule nicht einfach eine ökonomi­
sche Theorie und nicht einmal eine Lehre entwickelt hat. Sie hat die
ganze Beziehung zwischen Wirtschaft und Politik, die ganze Regie­
rungskunst neu gedacht. Und zwar aus gutem Grund: weil sie sich mit
einem beträchtlichen historischen Phänomen herumschlagen mußte.
Der Nazismus war in der Tat nicht einfach die Ansammlung und Kri­
stallisation aller Nationalismen, Dirigismen, Protektionismen, Planun­
gen, die den Liberalismus am Gängelband gehalten hatten ... « (Ende des
Manuskripts).

139
Verlauf dieser Vorlesung. Vgl. oben, Vorlesung 1, S. 42 f., die Gründe, auf
die er sich beruft, um die Analyse dieser Punkte als Bedingung für die
Verständlichkeit des dritten Punkts zu rechtfertigen (»Wenn man einmal
weiß, was dieses Regierungssystem, das man Liberalismus nennt, wirk­
lich ist, wird man, so scheint mir, in der Lage sein zu verstehen, was die
Biopolitik ist. « ) und seine Bemerkung zu Beginn der achten Vorlesung:
»Ich kann Ihnen trotz allem versichern, daß ich zu Beginn die Absicht
haue, über die Biopolitik zu sprechen, und dann geschah es, wie die
Dinge eben liegen, daß ich lange und vielleicht zu lange über den Neoli­
beralismus und auch über den Neoliberalismus in seiner deutschen Ge­
stalt gesprochen habe. «
6 Vgl. oben, S. 103.
7 HarryTruman (1884-1972),Präsident der Vereinigten Staaten von 1945
bis 1953.
8 John F. Kennedy (19x7-1963), Präsident der Vereinigten Staaten von
1961 bis 1963.
9 Lyndon B. Johnson ( I 908-197 3), Präsident der Vereinigten Staaten von
1963 bis 1969.
10 John Maynard Keynes (1863-1946), britischer Ökonom, Autor von A
Treatise on Money, London/New York, Harcourt, Brace & Co., 19:,0
[dt. Vom Gelde, Berlin 1983], und insbesondere von The General
Theory of Employment, lnterest and Money, London. Macmillan &
Co., 1936 (dt. Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des
Geldes, Berlin 1994). In diesem Werk, dessen Erscheinen ein wesentli­
ches Datum in der Geschichte des ökonomischen Denkens markiert
(»die Keynes'sche Revolution«), erklärte Keynes die aktuelle Krise des
Kapitalismus durch den ungenügenden Konsum, die Abnahme des
Grenznutzens des Kapitals und die zu hohe Zinsrate, die zu einem
Rückgang der Investitionen führte, indem er sich der Problematik der
Unterbeschäftigung zuwandte und insbesondere die Theorie der Ar­
beitslosigkeit von Arthur C. Pigou kritisierte (Theory of Unemploy­
ment, London 1933). Diese Analyse führte ihn dazu, die Intervention
der öffentlichen Gewalt im Hinblick auf die Sicherung der Vollbeschäf­
tigung durch komsumfördernde Maßnahmen zu befürworten (Auf­
gabe des Goldstandards, Erhöhung der privaten und öffentlichen Inve­
stitionen). Die traditionelle »mikroökonomische« Vision, die auf der
Wechselwirkung zwischen Preisen und Löhnen beruht, sollte somit
durch eine »makroökonomische« Vision ersetzt werden, die sich auf
die Beziehungen zwischen Aggregaten oder »globalen Quantitäten«
gründete, die von der Wirtschaftspolitik beeinflußt werden können,
wie zum Beispiel das Volkseinkommen, der Gesamtkonsum, die Um­
fänge der Spareinlagen und der Investitionen. Als er zum stellvertreten­
den Leiter der Bank von England ernannt wurde, nahm er 1944 an der
Konferenz von Bretton Woods teil, die zur Gründung des Internatio­
nalen Währungsfonds und der Internationalen Bank für Wiederaufbau
und Wirtschaftsentwicklung führte.
140
11 Ludwig von Mises (1881-1973). Nach demJurastudium an der Univer­
sität Wien wandte er sich unter dem Einfluß von Carl Menger und sei­
ner Schüler Friedrich von Wieser und Eugen von Böhm-Bawerk (die
»Österreichische Schule«) der politischen Ökonomie zu. Zusammen
mit von Hayek gründete er 1927 das österreichische Institut für Kon­
junkturforschung in Wien. Nachdem er 1934 einen Ruf an das Institut
Universitaire des Hautes Etudes Internationales in Genf erhielt, ging er
1940 nach New York. Er unterrichtete als »visiting professor« an der
Universität vonNewYork zwischen 1945 und 1973. Wichtigste Werke:
Die Gemeinwirtschaft, Untersuchungen über den Sozialismus, Jena
1922 (durchgesehene und erweiterte engl. Übers., Socialism: an econo­
mic and socwlogical analysis, London 195 1), wo er zeigt, »daß in Abwe­
senheit eines Marktes für Produktionsfaktoren diese nicht rationell auf
die industriellen Einrichtungen verteilt werden können und daß folg­
lich eine Planwirtschaft nicht funktionieren kann« (Michael Polanyi,
La logique de la liberte, Einführung und Übersetzung von Philippe
Nemo, Paris 1989, S. 161); Liberalismus, Jena 1927; Nationalökonomie,
Theorie des Handelns und Wirtschaftens, Genf 1940; Human Action, a
Treatise on Economics, Yale 1949: 3. überarb. und korr. Aufl. Chicago
1966.
1 2 Vgl. unten, Anm. 24.
13 Zu dieser Gedankenströmung vgl. insbesondere Pierre-Andre Kunz,
L'experience neo-liberale allemande dans le contexte international des
idees, Dissertation im Fachbereich Politikwissenschaft der Universität
Genf, Lausanne 1962, und vor allem Fran�ois Bilger, La pensee econo­
mique liberale de l'Allemagne contemporaine, Paris 1964, und Jean
Fran�ois-Poncet, La politique economique de l'Allemagne occidentale,
Paris 1970 - sämtlich Werke, die von Michel Foucault ausgiebig ver­
wendet wurden, wie seine vorbereitenden Aufzeichnungen belegen.
14 Programm zum Wiederaufbau Europas (European Recovery Program),
das 1947 vom amerikanischen Außenminister G. Marshall vorgeschla­
gen und 1948 von 16 Ländern Westeuropas angenommen wurde.
15 Der Conseil national de Ja Resistance ( CNR) hatte sich im Frühjahr
194 3 konstituiert, um die verschiedenen Bewegungen der Resistance zu
vereinigen, die politisch gespalten waren. Den Vorsitz führte erst Jean
Moulin, dann Georges Bidault. »Bei ihrer Vollversammlung am 15.
März 1944 einigten sich alle darauf, nach der Befreiung vereint zu blei­
ben. Die Charta der Resistance, die aus diesen Überlegungen hervor­
ging und von den verschiedenen Gruppierungen, aus denen sich der
CNR zusammensetzte, diskutiert und gebilligt wurde, enthielt ein küh­
nes gesellschaftliches und wirtschaftliches Programm. Unter anderen
Reformen forderte sie »einen vollständigen Plan sozialer Sicherheit,
der darauf abzielt, allen Bürgern die Mittel zur Existenz zu sichern in
Fällen, wo sie nicht in der Lage sind, sich diese Mittel durch Arbeit zu
verschaffen, wobei die Verwaltung den Vertretern der Bedürftigen und

141
dem Staat obliegt. « (Henry C. Galant, Histoire politique de la securite
sociale franfaise, 1945-1952, Cahiers de la fondation nationale des
sciences politiques, Paris 1955, S.24). Vgl. unten, Vorlesung 8, Anm.25
über den französischen Plan zur Sozialversicherung von 1945.
16 Dieser wissenschaftliche Beirat konstituierte sich am 19. Dezember
1947 und bestand zur einen Hälfte aus Venretern der Freiburger Schule
(Walter Eucken, Franz Böhm, Alfred Müller-Armack, Leonhard
Miksch, Adolf Lampe, Otto Veit usw.) und zur anderen aus Vertretern
der christlichen Soziallehre, wie beispielsweise Oswald von Nell-Breu­
ning, und sozialistisch inspirierten Lehren, wie Karl Schiller, Gerhard
Weisser, Hans Peter.
17 Zitiert von Franc;:ois Bilger, La pensee economique, a. a. 0., S.211. Vgl.
Der wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium, Göt­
tingen 1950-1961, 5 Bde.
18 Als allgemeiner Finanzprüfer von 1774 bis 1776 unter der Herrschaft
von Louis XVI hatte Turgot in Übereinstimmung mit der Lehre der
Ökonomen und der Physiokraten die Freiheit des Getreidehandels be­
schlossen (Verfügung vom September 1774). (Vgl. Georges Weulersse,
La Physiocratie sous Le ministere de Turgot et de Necker (1774-1781),
Poitiers 1925; Neuausg. Paris 1950). Vgl. Franc;:ois Bilger, La pemte
economique, a.a.O., S.215: »Wenn Erhard kein Mann einer Panei ge­
wesen ist, dann war er der Turgot einer Wirtschaftsdoktrin. «
19 Ludwig Erhard (1897-1977). Assistent und später Direktor des Insti­
tuts für die Beobachtung der Wirtschaft, das an die höhere Handels­
schule von Nürnberg angegliedert war. Während des Dritten Reichs
hielt er sich vom Nazismus fern und widmete sich seinen Winschafts­
studien. Er leitete die Wirtschaftsverwaltung der Bizone ab Februar
1948. Als christdemokratischer Abgeordneter trug er in großem Maße
dazu bei, daß die CDU den Prinzipien der »sozialen Marktwirtschaft«
zustimmte. Von 1948 an, anläßlich der 14. Vollversammlung des Wirt­
schaftsrats, hatte er die großen Leitlinien seiner zukünftigen Politik
gezogen (Primat der Geldpolitik und der Wachstumspolitik, Ausrich­
tung der Preise am Warenangebot, angemessene und schrittweise Ver­
teilung der Zunahme des Wohlstands). 1951 wurde er von Adenauer
zum Wirtschaftsminister gewählt und gilt als Vater des »deutschen
Wirtschaftswunders«. Vgl. J. Franc;:ois-Poncet, La politique economi­
que, a. a. 0., S. 74-75. Zu seinen neoliberalen Beratern vgl. Nicole Pietri,
L'Allemagne de l'ouest (1945-1969), SEDES, 1987, S. 44-45; Dennis L.
Bark und David R. Gress, Histoire de l'Allemagne depuis 1945, Paris
1992, S. 199-200. Vgl. sein Hauptwerk, Wohlstand für alle, Düsseldorf
1957, und Deutsche Wirtschaftspolitik, der Weg der sozialen Marktwirt­
schaft, Frankfurt/M. 1962.
20 Die 14. Vollversammlung des Wirtschaftsrates fand am 21. April und
nicht am 28. statt, wie Foucault sagt, nach F. Bilger, La pensee economi­
que, a.a.O., S.211.
21 Rede vor der 14. Vollversammlung des Wirtschaftsrates des Vereinigten
Wirtschaftsgebietes am 21. April in Frankfurt/M., abgedruckt in: Lud­
wig Erhard, Deutsche Wirtschaftspolitik, a. a. 0., (Eine Politik des Über­
flusses, a.a. 0.) und in Wolfgang Stütze! u.a. (Hrsg.), Grundtexte zur
Sozialen Marktwirtschaft. Zeugnisse aus zweihundert Jahren ordnungs­
politischer Diskussion, Bonn, Stuttgart und New York 1981, S. 39-42.
22 Ebd., S. 40: » Wenn auch nicht im Ziele völlig einig, so ist doch die Rich­
tung klar, die wir einzuschlagen haben - die Befreiung von der staatli­
chen Befehlswirtschaft, die alle Menschen in das entwürdigende Joch
einer alles Leben überwuchernden Bürokratie zwingt(... ). «
23 Ebd.: »Es sind aber weder die Anarchie noch der Termitenstaat als
menschliche Lebensformen geeignet. Nur wo Freiheit und Bindung
zum verpflichtenden Gesetz werden, findet der Staat die sittliche
Rechtfertigung, im Namen des Volkes zu sprechen und zu handeln. «
Der Ausdruck »Termitenstaat« wurde schon 1944 von Wilhelm Röpke
verwendet in Civitas Humana (vgl. unten, S. 166) mit Bezug auf die
»Gefahr des Kollektivismus«, S. 26: »Ebenso darf ich auf die allgemeine
Einsicht vertrauen, daß dieser Termitenstaat, der da heraufkommt,
nicht nur alle Werte und Einrichtungen vernichtet, die nach einer Ent­
wicklung von drei Jahrtausenden alles ausmachen, was wir mit Stolz
und mit dem Bewußtsein ihrer Unersetzlichkeit und Unübertrefflich­
keit die abendländische Zivilisation nennen, (... ) sondern vor allem
auch dem Leben des Individuums seinen nur in der Freiheit zu finden­
den eigentlichen Sinn nimmt(...). «
24 Luigi Einaudi ( 187 4-1961 ). Professor für politische Ökonomie in Turin
und Mailand. Seine Auflehnung gegen den Faschismus und seine Ver­
bundenheit mit dem Liberalismus zwangen ihn, in die Schweiz zu emi­
grieren(1936-1945). Direktor der Bank von Italien(1945), Abgeordne­
ter(1946), dann Finanzminister(1947); er wurde zum Präsidenten der
Republik gewählt( l 948-19 5 5). Vgl. seine Lezioni di politica economica,
Turin 1944.
25 Vgl. Max Weber, Die protestantische Ethik und der »Geist« des Kapita­
lismus, 1905 (Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. I, Tü­
bingen 1920; S. 17-206.)
26 Vgl. M. Foucault, STB, Vorlesung 1, S. 32 und S.47, Anm. 26.
27 Michel Foucault bezieht sich im Verlauf der Vorlesung nicht mehr auf
Fichte. Er erwähnt ihn jedoch auf den Seiten des Manuskripts, die dem
Ende dieser Vorlesung entsprechen, von ihm aber am 3r.Januar nicht
verwendet wurden, und zwar mit Bezug auf den Zollverein(vgl. unten,
Vorlesung 5, Anm. 32).
28 Dieses Datum des 24. Juni 1948, das in der Tat eine entscheidende
Wende in der Geschichte Nachkriegsdeutschlands markiert (Erhard,
gestärkt durch die Vollmacht des wissenschafclichen Beirats, hob jegli­
che Preiskontrolle auf, ohne zuvor um das Einverständnis der Militär­
regierungen zu bitten), muß im Zusammenhang mit dem 18. Juni gese-

143
hen werden, dem »Tag J«, der dank der Währungsreform (Schaffung
der Deutschen Mark) die erste Etappe - und die entscheidende Bedin­
gung- dieses Umgestaltungsprozesses darstellte(vgl. Dennis Bark und
David Gress, Histoire de l'Allemagne depuis 1945, a. a. 0., S. 19r-r94;
Nicole Pietri, L'Allemagne de l'ouest (1945-1969), a.a.O., S.46-48).
Wie Erhard schreibt, war die »große Chance Deutschlands« in der
Mitte des Jahres r948 »die Währungsreform, die von einer Winschafts­
reform begleitet werden sollte « (Wohlstand für alle, a. a. 0., S. 2r. Das
Gesetz vom 24. Juni 1948 trägt übrigens den Namen »Gesetz über die
Prinzipien der Geschäftsführung und die Preispolitik nach der Wäh­
rungsreform «(vgl. Gerard Schneilin und Horst Schumacher, Economie
de l'Allemagne depuis 1945, Paris 1992, S. 24; vgl. auch]. Franyois-Pon­
cec, La politique economique, a.a. 0., S. 71-73). Dieser Punkt ist um so
wichtiger, als die Währungsstabilität innerhalb des ordoliberalen Pro­
gramms nach dem Grundprinzip(»Verwirklichung eines Preissystems
vollkommenen Wettbewerbs«) das wichtigste Prinzip darstellt. Vgl.
unten, Vorlesung 6, S.197.
29 Auf Churchill, der die Wahlen von 1945 verlor, war C.R. Attlee ge­
folgt, der seit r9 35 Chef der Labourpartei war. Seine Regierung(1945-
195r) war durch einen starken Einfluß des Staats auf die Wirtschaft ge­
kennzeichnet (Verstaatlichungen, Sparmaßnahmen, soziale Sicherheit).
30 Über diesen Generalstreik vgl. Ludwig Erhard, Wohlstand für alle,
a.a.O., S.24-34.
3r Oswald von Nell-Breuning(r890-r99r), SJ, Mitglied des wissenschaft­
lichen Beirats beim Wirtschaftsministerium von 1948-1965. Theoreti­
ker eines »wahrhaft christlichen Sozialismus « , auf der Grundlage der
Sozialenzykliken der Päpste Leo XIII. und Pius XI.(Er war Redakteur
der Enzyklika Quadragesimo anno (15. Mai r93r): vgl. Oswald von
Nell-Breuning, Die soziale Enzyklika. Erläuterungen zum Weltrund­
schreiben Papst Pius' XI. über die gesellschaftliche Ordnung, Köln
r932). r947 hatte er gerade Gesellschaftsordnung. Wesensbüd und Ord­
nungsbild der menschlichen Gesellschaft, Nürnberg r947, und (in Zu­
sammenarbeit mit Hermann Sacher) »Zur christlichen Staatslehre«, in:
Beiträge zu einem Wörterbuch der Politik, Heft 2, Freiburg r948, veröf­
fentlicht sowie mehrere Aufsätze (über die Lohngerechtigkeit, den
Begriff des Proletariats usw.), die die Lehren der Enzyklika Quadrage­
simo anno weiterführten. » Überzeugt von der wesensmäßigen Gerech­
tigkeit des Sozialismus, behauptete [er], daß der moderne Mensch nur
dann ein erfülltes Leben führen könne, wenn er an der Leitung seines
Unternehmens teilhat, was nicht nur eine gemeinsame Betriebsführung
bedeutete, sondern kurzfristig auch die gewerkschaftliche Kontrolle
der ganzen Privatindustrie. « (Dennis Bark und David Gress, Histoire
de l'Allemagne depuis 1945, a.a.O., S.r45). Vgl. Franyois Bilger, La
pensee economique, a. a. 0., S. 248-2 5 3 (über die Kombination von
Konkurrenz und Unternehmensorganisation, die von Nell-Breuning

144
propagiert wurde). Seine (sehr relative) Annäherung kommt insbeson­
dere in dem Aufsatz »Neoliberalismus und katholische Soziallehre«,
in: Patrick M. Boarman (Hrsg.), Der Christ und die soziale Marktwirt­
schaft, Stuttgart 1955, S. 101-122, zum Ausdruck.
32 Oswald von Nell-Breuning hatte seit 1948 verschiedene Lehraufträge
an der Johann Wolfgang Goethe-Universität von Frankfurt, nicht aber
in München.
33 Theodor Blank (1905-1972), CDU-Abgeordneter, früherer katholi­
scher Gewerkschaftsführer. Am 26. Oktober 1950 vertraute ihm Ade­
nauer die Leitung dessen an, was schließlich das Verteidigungsministe­
rium werden sollte, und zwar mit dem Titel »Allgemeiner Berater des
Bundeskanzlers, der mit Angelegenheiten beauftragt ist, die mit der
Verstärkung der alliierten Kräfte verknüpft sind. «
34 Vgl. Frani;:ois Bilger, La pensee economique, a.a.O., S.2u: »Christli­
cher Gewerkschaftler, Vizepräsident der Bergbaugewerkschaft. Er
kannte die Werke der Freiburger Schule und räumte ein, daß die libe­
rale Ordnung eine annehmbare Alternative zum Kapitalismus und zur
Planwirtschaft sei, die er ebenfalls ablehnte. «
35 9. bis 11. Mai 1946: erster Kongreß der SPD. Schumachers Vorsitz
wurde dort bestätigt.
36 Siehe die von Bilger zitierten Texte, La pensee iconomique, a.a.O.,
S.271.
37 Karl Schiller (19u-1994), Ökonomieprofessor an der Universität
Hamburg. Er wurde SPD-Mitglied des Hamburger Parlaments (1949-
57), Rektor der Universität ( r 958-5 9), anschließend Wirtschaftssenator
in West-Berlin (1961-65), Bundestagsabgeordneter (1965-72)und Bun­
deswirtschaftsminister (siehe die folgende Anmerkung). Seit 1947 war.
er Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Wirtschaftsverwaltung,
der von Erhard einberufen wurde.
38 In der Regierung der »großen Koalition « , die die CDU/CSU und die
SPD vereinte und durch den christdemokratischen Kanzler Kiesinger
im Dezember 1966 gebildet wurde. Er übte diese Funktion bis 1972 aus
(von 1971 bis 1972 vertrat er den Geschäftsbereich der Wirtschaft und
der Finanzen gleichzeitig). Zu seiner Wirtschaftspolitik vgl. Dennis
Bark und David Gress, Histoire de l'Allemagne depuis 1945, a.a.O.,
s. 584-586.
39 Karl Schiller, Sozialismus und Wettbewerb, Hamburg 1955.
40 1953 hatte er mit Bezug auf die soziale Marktwirtschaft einen Aus­
druck geprägt, der die Änderungen begrenzte, die die Sozialdemo­
kraten anbringen konnten: »soviel Wettbewerb wie möglich, soviel
Planung wie nötig«. Vgl. dazu Körner et al., Wirtschaftspolitik, Wissen­
schaft und politische Aufgabe, Bern 1976, S. 86; Dennis Bark und David
Gress, Histoire de l'Allemagne depuis 194 5, a. a. 0., S. 428-429. Dieses
berühmte Schlagwort formulierte er im Laufe einer Sitzung der SPD
zur Wirtschaftspolitik, die im Februar 1953 in Bochum stattfand. Die

145
Formel wird noch im Programm der SPD von 1959 wiederaufgenom­
men; Dennis Bark und David Gress, Histoire de l'Allemagne depuis
1945, a.a.O., S.430. Vgl. Fran�ois Bilger, La pensee economique,
a.a.O., Vorwort von Daniel Villey, S.XIVund S.257-258.
41 Auf dem außerordentlichen Kongreß, der vom 13. bis 15. November
1959 in Bad Godesberg einberufen wurde, nahm die SPD mit einer
Mehrheit von 324 gegen 16 Stimmen das »Grundsatzprogramm« an,
das eine entscheidende Wendung in der Paneilinie markierte und mit
dem marxistischen Geist des Heidelberger Programms (1925) brach.
42 »Das Privateigentum an Produktionsmitteln verdient in dem Maße
Schutz und Förderung, in dem es nicht die Einrichtung einer gerechten
Gesellschaftsordnung behindert. Kleine und mittlere tüchtige Betriebe
verdienen es, gestärkt zu werden, damit sie sich auf der Ebene der Wirt­
schaft gegenüber den -großen Unternehmen behaupten können.«
(Grundsatzprogramm der sozialdemokratischen Partei Deutschlands).
Vgl. Bilger, La pensee economique, a.a. 0., S. 273, der hier auf den Arti­
kel von W. Kreiterling verweist, »La social-democratie revise sa doc­
trine«, in: Documents, Revue des questions allemandes, 1959, S.6pf.
43 »Eine totalitäre oder diktatorische Wirtschaft zerstört die Freiheit.
Deshalb stimmt die deutsche sozialdemokratische Panei einer freie11
Marktwirtschaft überall dort zu, wo Wettbewerb herrscht. Dennoch ist
es notwendig, wenn Märkte von Individuen oder Gruppen dominiert
werden, verschiedene Maßnahmen zu ergreifen, um die Freiheit der
Wirtschaft zu bewahren. Wettbewerb im vollen Umfang des Mögli­
chen - Planung soviel wie nötig. « (Grundsatzprogramm der sozialde­
mokratischen Partei Deutschlands, S. 11; D. Bark und D. Gress, Hi­
stoire de l'Allemagne depuis 1945, a.a. 0., S.430). Vgl. Bilger, La pensee
economique, a.a.O., S.273.
44 Kurt Schumacher ( 18 95-1952): Reichstagsabgeordneter zwischen 1930
und 1933 und Vorsitzender der SPD von 1932 bis zum Verbot der Panei
ein Jahr später. Er verbrachte unter dem Naziregime zehn Jahre im
Konzentrationslager. Ab 1945 richtet er in Hannover wieder den Sitz
der erneuerten SPD ein, indem er erklärte: »Entweder es gelingt uns,
aus Deutschland ein sozialistisches Land auf wirtschaftlichem Gebiet
und ein demokratisches auf politischem Gebiet zu machen, oder wir
werden nicht länger ein deutsches Volk sein. « (Zitiert bei D. Bark und
D. Gress, Histoire de l'Allemagne depuis 1945, a. a. 0., S. 188).
45 Vgl. Bilger, La pensee economique, a.a.O., S.275: »Ende 1961 wurde
Professor Schiller von Willy Brandt zum ,Wirtschaftssenator< in West­
Berlin ernannt, und man geht allgemein davon aus, daß er Wirtschafts­
minister in einer eventuellen sozialistischen Bundesregierung werden
würde. In seinem neuen Amt hat Schiller systematisch eine liberale
Politik verfolgt, und eine seiner letzten Reden anläßlich einer ,Wirt­
schaftssitzung, der SPD im Oktober 1963 in Essen hat in ganz Deutsch­
land eine wahre Sensation ausgelöst, weil er äußerst deutlich behaup-
tete, daß er die Marktwirtschaft befürwortet und die Planung, auch
wenn sie flexibel sein sollte, kategorisch ablehnt. «
46 Karl Herbert Frahm, genannt Willy Brandt (1913-1992). SPD-Ab­
geordneter im Bundestag von 1950 bis 1957, anschließend Bürgermei­
ster von West-Berlin von 1957 bis 1966. 1966 wird er Außenminister in
der Koalitionsregierung von Kiesinger und I 969 zum Kanzler gewählt.
47 Thomas Hobbes (1588-1679), Leviathan, r65r.
48 John Locke (1632-1704), Two Treatises of Government, geschrieben
um 1680-1683, veröffentlicht 1690 (de. Zwei Abhandlungen über die
Regierung, Frankfurt/M. r989).
49 Vgl. von Mises' Arbeit Die Gemeinwirtschaft ( I 922), siehe oben, Vorle-
sung 4, Anm. I 1.
50 V gl. M. Foucault, STB, Vorlesungen 12 und 13.
5I V gl. oben, Vorlesung r, Anm. r8.
52 Erich Honecker (1912-1994) wurde 1971 nach dem Rücktritt von Wal­
ter Ulbricht zum Generalsekretär ernannt.
53 In der Fortsetzung dieser Analysen entwarf Foucault 1983 das Projekt
eines »Weißbuchs« über die sozialistische Politik: » Haben die Soziali­
sten ein Problem mit der Regierung oder nur ein Problem mit dem
Staat?« (zitiert bei Daniel Defert, »Chronologie«, in: Schriften, Bd. I,
S. 102; frz.: S. 62.). Außer den Studien, die Foucault damals unternahm
(Jaures, Blum, Mitterand) scheint dieses Projekt nicht über ein Dossier
hinausgegangen zu sein, das eine Menge von Zeitungsausschnitten ver­
sammelt.

1 47
Vorlesung 5
(Sitzung vom 7. Februar r979)

Der deutsche Neoliberalismus (Fortsetzung). - Sein Problem:


Wie kann die ökonomische Freiheit den Staat zugleich begründen
und begrenzen? - Die neoliberalen Theoretiker: Walter Eucken,
Franz Böhm, Alfred Müller-Armack, Friedrich von Hayek. -
Max Weber und das Problem der irrationalen Rationalität
des Kapitalismus. Die Antworten der Frankfurter und der
Freiburger Schule. - Der Nazismus als notwendiges Widerstandsfeld
für die Definition des neoliberalen Ziels. -Die Hindernisse für
die liberale Politik in Deutschland seit dem 19.jahrhundert:
a) die protektionistische Wirtschaft nach List; b.) der Sozialismus des
Bismarckschen Staats; c) Die Einrichtung einer Planwirtschaft
während des Ersten Weltkriegs; d) der Dirigismus Keynes'scher Art;
e) die Wirtschaftspolitik des Nationalsozialismus - Die neoliberale
Kritik des Nationalsozialismus im Ausgang von diesen verschiedenen
Elementen der deutschen Geschichte. - Theoretische Konsequenzen:
Ausdehnung dieser Kritik auf den New Deal und auf die
Beveridge-Pläne; Dirigismus und Wachstum der Staatsmacht;
Vermassung und Vereinheitlichung, Wirkungen des Etatismus. -
Der Einsatz des Neoliberalismus: seine Neuheit im Vergleich mit
dem klassischen Liberalismus. Die Theorie der reinen Konkurrenz.

Ich will heute versuchen, das abzuschließen, was ich Ihnen


über den deutschen Liberalismus der Nachkriegszeit gesagt
habe, diesen Neoliberalismus, dessen Zeitgenossen wir sind
und in den wir faktisch verstrickt sind.
Sie erinnern sich, daß ich Ihnen zu zeigen versuchte, welches
Problem die Frage nach dem Markt im 18.Jahrhundert stellte.
Das Problem war nämlich: Wie konnte eine Freiheit des
Marktes, die historisch und auch rechtlich insofern neu war,
als die Freiheit im Polizeistaat des 18.Jahrhunderts sich kaum
als etwas anderes denn als Freiheit der Privilegien, bevorrech­
tigte Freiheit, an einen Status gebundene Freiheit, an einen
Beruf gebundene Freiheit, an ein Machtzugeständnis gebun­
dene Freiheit usw. bestimmen ließ, wie konnte also innerhalb
eines gegebenen Staats, dessen Legitimität selbstverständlich
nicht in Frage gestellt werden konnte, für eine Freiheit des
Marktes Raum geschaffen werden? Freiheit des Marktes als
Freiheit des Laissez-faire, wie war sie also innerhalb eines Po­
lizeistaats möglich? Das war das Problem, und Sie erinnern
sich, daß die Antwort, die das 18.Jahrhundert gab, schließlich
einfach war und in Folgendem bestand: Was Raum schaffen
wird, was es ermöglichen wird, der Staatsräson und der Ar­
beitsweise des Polizeistaats eine Marktfreiheit einzupflanzen,
nun das ist ganz einfach die Tatsache, daß dieser Markt, der
sich selbst überlassen bleibt und durch das Laissez-faire re­
giert wird, eine Quelle der Bereicherung, des Wachstums und
folglich der Macht für den Staat sein wird. Also mehr Staat
durch weniger Regierung: das war, grob gesagt, die Antwort
des 18.Jahrhunderts.
Das Problem, das sich 1945 für Deutschland stellte, d.h. ei­
gentlich 1948, wenn man sich auf jene Texte und Entscheidun­
gen bezieht, von denen ich letztes Mal gesprochen habe, war
offensichtlich ein gänzlich anderes und umgekehrtes Problem.
Das habe ich letztes Mal zu erklären versucht. Das Problem
war folgendes: Angenommen, wenn ich so sagen darf, es gibt
einen Staat, der nicht existiert. Die Aufgabe sei nun, einen Staat
zu schaffen. Wie kann man diesen zukünftigen Staat gewisser­
maßen im voraus legitimieren? Wie kann man ihn auf der
Grundlage einer wirtschaftlichen Freiheit akzeptierbar ma­
chen, die zugleich seine Begrenzung gewährleistet und seine
Existenz ermöglicht? Das war das Problem bzw. die Frage, die
ich letztes Mal einzukreisen versuchte und die, wenn Sie so
wollen, das historisch und politisch vorrangige Ziel des Neoli­
beralismus darstellt. Und nun wollen wir uns die Antwort et­
was genauer ansehen. Wie kann also die wirtschaftliche Frei­
heit zugleich eine begründende und begrenzende Rolle spielen,
wie kann sie Garantie und Unterpfand für einen Staat sein?
Das erfordert offensichtlich die Neuausarbeitung einer Reihe
von grundlegenden Elementen in der liberalen Doktrin - ich
meine nicht sosehr in der Wirtschaftstheorie des Liberalismus

149
als im Liberalismus als Regierungskunst oder, wenn Sie so wol­
len, als Regierungsdoktrin.
Ich werde also ein wenig mit meinen Gewohnheiten brechen,
d. h., ich werde Ihnen trotzdem einige Dinge über die Biogra­
phie dieser Leute sagen, die sich in der Nähe des Kanzlers Er­
hard befanden und die diese neue Wirtschaftspolitik gestaltet
haben, diese neue Weise, Wirtschaft und Politik zu organisie­
ren, die die zeitgenössische Bundesrepublik Deutschland
kennzeichnet. Wer waren diese Leute? In jenem wissenschaft­
lichen Beirat, von dem ich gesprochen habe und der 1948 von
Erhard einberufen wurde, gab es eine Reihe von Leuten, von
denen einer der wichtigsten ein gewisser Walter Eucken 1 war,
von Beruf Wirtschaftswissenschaftler, zu Beginn des 20. Jahr­
hunderts Schüler von Alfred Weber, dem Bruder Max Webers.
Eucken wurde 1927 in Freiburg zum Professor für politische
Ökonomie ernannt, begegnete dort Husserl,2 wurde mit der
Phänomenologie vertraut, hatte eine Reihe jener Juristen ken­
nengelernt, die schließlich im 20.Jahrhundert in Deutschland
für die Rechtstheorie so bedeutsam waren. Diese Juristen wa­
ren selbst mit der Phänomenologie vertraut und versuchten
eine Rechtstheorie auszuarbeiten, die sowohl frei von den Ein­
schränkungen des Historismus des 19. Jahrhunderts war als
auch von der formalistischen, axiomatischen und staatsbezoge­
nen Konzeption Kelsens. 3 Eucken hatte 1930 oder 1933, ich er­
innere mich nicht mehr genau an das Jahr, einen Aufsatz gegen
die mögliche Anwendung der keynesianischen Methoden in
Deutschland zur Lösung der Krise4 geschrieben, der zu jener
Zeit auf große Resonanz stieß. Die keynesianischen Methoden
wurden, wie Sie wissen, in Deutschland von Leuten wie Lau­
tenbach5 oder Dr. Schacht6 gepriesen. Eucken verhielt sich
während der Nazizeit schweigsam7 und war immer noch Pro­
fessor in Freiburg. 1936 gründete er eine Zeitschrift mit dem
Titel Ordo, 8 und 1940 veröffentlichte er ein Buch mit dem et­
was paradoxen Titel Grundlagen der Nationalökonomie, 9 wäh­
rend es tatsächlich in diesem Buch nicht um Nationalökono­
mie geht, sondern gerade um etwas, das, der Doktrin nach und
politisch, der Nationalökonomie grundlegend entgegengesetzt
ist. Und Eucken ist es, der im Umkreis dieser Zeitschrift Ordo,
die er herausgibt, jene Schule von Ökonomen gründet, die man
Freiburger Schule oder die »Ordoliberalen« nennt. Er ist also
einer der Berater- und zweifellos der wichtigste wissenschaft­
liche Berater-, die Erhard 10 r948 versammelt hatte. Eucken ist
also in diesem Ausschuß. Daneben gibt es Franz Böhm, 11 der
eben einer jener Freiburger Juristen ist, von Hause aus Phäno­
menologe oder zumindest bis zu einem gewissen Grad Schüler
von Busserl. Dieser Franz Böhm wurde später Bundestagsab­
geordneter und hatte bis in die 7oer Jahre einen entscheidenden
Einfluß auf die deutsche Wirtschaftspolitik. In diesem Aus­
schuß ist auch Müller-Armack, 12 ein Wirtschaftshistoriker, ich
glaube Professor in Freiburg, 13 aber ich bin mir dessen nicht
ganz sicher. r 94 r schrieb er ein sehr interessantes Buch mit dem
eigenartigen Titel Genealogie der Wirtschaftsstile, 14 in welchem
er außerhalb der reinen Wirtschaftstheorie und -politik etwas
zu definieren versucht, was gewissermaßen eine wirtschaftli­
che Regierungskunst ist, die er den Wirtschaftsstil nennt. 15
Müller-Armack wird Staatssekretär von Ludwig Erhard wer­
den, als dieser Wirtschaftsminister ist, und ist einer der Ver­
handlungspartner der Römischen Verträge. Das sind unter an.:.
deren einige der Persönlichkeiten dieses wissenschaftlichen
Beirats.
Neben ihm sollte man eine Reihe von anderen Leuten erwäh­
nen, die auch eine direkte Bedeutung für jene neue Definition
des Liberalismus, der liberalen Regierungskunst hatten. Sie
waren zwar nicht Mitglieder dieses Beirats, faktisch haben aber
zumindest einige von ihnen den Ausschuß inspiriert. Der be­
deutendste war natürlich Wilhelm Röpke,16 der Ökonom aus
der Weimarer Zeit und einer der Berater von Schleicher 17 war.
Er hätte Minister unter Schleicher werden sollen, wenn Schlei­
cher nicht Anfang 1933 zugunsten Hitlers entlassen worden
wäre. Röpke ist ebenfalls ein Anti-Keynesianer und muß 1933
ins Exil gehen. Er geht nach Istanbul 1 8 und läßt sich schließlich
in Genf1 9 nieder. Dort bleibt er übrigens bis zum Ende seiner

151
Laufbahn und veröffentlicht 1950 ein kleines Buch mit dem Ti­
tel Ist die deutsche Wirtschaftspolitik richtig ?20 und einem Vor­
wort von Adenauer, das gewissermaßen die klarste, einfachste
und entschiedenste Darstellung dieser neuen politischen Öko­
nomie enthält. Man müßte noch andere nennen. In bezug auf
Röpke möchte ich hinzufügen, daß er während der Kriegszeit
und noch kurz danach eine Art von großer Trilogie geschrie­
ben hat, die zusammen mit den Grundlagen der Nationalöko­
nomie in gewisser Weise die Bibel dieses Ordoliberalismus,
dieses Neoliberalismus ist. Es handelt sich um ein dreibändiges
Werk, wovon der erste Band den Titel trägt: Die Gesellschafts­
krisis der Gegenwart,2 1 ein Begriff, dessen trauriges Schicksal
im zeitgenössischen politischen Vokabular Sie kennen und der
sich natürlich ausdrücklich auf die Krisis der europäischen Wis­
senschaften von Husserl bezog. 22 Dann ist da noch Rüstow.23
Außerdem gibt es eine offensichtlich sehr wichtige Persönlich­
keit, die auch kein Mitglied des Ausschusses war, deren Lauf­
bahn jedoch am Ende für die Definition des zeitgenössischen
Liberalismus sehr wichtig war. Diese Person kommt aus
Österreich, nämlich von Hayek. 24 Er ist Österreicher und
kommt vom Neoliberalismus her. Er emigriert im Augenblick
des Anschlusses oder kurz davor. Er geht nach England und
auch in die Vereinigten Staaten. Er hat den zeitgenössischen
amerikanischen Liberalismus oder, wenn Sie so wollen, den
Anarcho-Kapitalismus sehr deutlich inspiriert. 1962 kehrt er
nach Deutschland zurück, wo er in Freiburg zum Professor er­
nannt wird. So schließt sich der Kreis.
Wenn ich diese kleinen biographischen Details anspreche, dann
aus mehreren Gründen. Zunächst wegen des Problems, mit
dem Deutschland 1948 konfrontiert war, nämlich: Wie läßt
sich die Legitimität eines Staates auf die Freiheit der Wirt­
schaftspartner aufbauen, wenn man davon ausgeht, daß letz­
tere erstere begründen oder als Unterpfand für sie dienen soll?
Es ist klar, daß diejenigen, die sich mit diesem Problem be­
schäftigt und in jener Zeit es zu lösen versucht haben, schon
eine lange Erfahrung damit hatten. Seit der Weimarer Repu-
blik,25 deren staatliche Legitimität fortwährend in Frage ge­
stellt wurde und die, wie Sie wissen, mit wirtschaftlichen Pro­
blemen zu kämpfen hatte; innerhalb und zur Zeit dieser Wei­
marer Republik hatte sich das Problem schon gestellt, und mit
ihm hatten sich Leute wie Eucken, Böhm, Röpke usw. schon
seit den Jahren 1925 bis 1930 auseinanderzusetzen.
Ich habe auch deshalb einige biographische Anhaltspunkte
erwähnt, um Ihnen etwas zu zeigen, das eine genauere Unter­
suchung verdienen würde (für jene, die sich für das zeitgenös­
sische Deuts�hland interessieren). Es handelt sich um die ei­
genartige Nachbarschaft bzw. den Parallelismus zwischen der
Freiburger Schule oder den Ordoliberalen und ihren Nachbarn
von der Frankfurter Schule. Ein Parallelismus der Daten und
auch des Schicksals, da zumindest ein Teil der Freiburger
Schule, wie die Frankfurter Schule, verstreut und gezwungen
war, ins Exil zu gehen. Die politische Erfahrung und der Aus­
gangspunkt waren von derselben Art, da, glaube ich, die einen
wie die anderen, die Freiburger wie die Frankfurter Schule, im
großen ganzen von einer, wie ich sagen würde, politisch-uni­
versitären Problematik ausgegangen waren, die. in Deutschland
seit Beginn des 20. Jahrhunderts vorherrschte und die man ge­
wissermaßen den Weberismi.ls nennen könnte. Nun, ich meine
Max Weber,26 der den Ausgangspunkt für die einen wie die an­
deren darstellt und von dem man sagen könnte, wenn man
seine Position drastisch schematisiert, daß er zu Beginn des
20.Jahrhunderts in Deutschland, grob gesprochen, als derje­
nige fungiert, der das Problem von Marx verschoben hat. 27
Wenn Marx versucht hat, das zu bestimmen und zu analysie­
ren, was man mit einem Wort die widersprüchliche Logik des
Kapitals nennen könnte, ist Max Webers Problem, das er zu­
gleich in die deutsche soziologische, ökonomische und politi­
sche Reflexion eingeführt hat, nicht sosehr das Problem einer
widersprüchlichen Logik des Kapitals als vielmehr das Pro­
blem der irrationalen Rationalität der kapitalistischen Gesell­
schaft. Dieser Übergang vom Kapital zum Kapitalismus, von
der Logik des Widerspruchs zur Teilhabe am Rationalen und

1 53
am Irrationalen kennzeichnet, glaube ich, nochmals auf sehr
schematische Weise Max Webers Problem. Grob läßt sich sa­
gen, daß sowohl die Frankfurter als auch die Freiburger Schule,
sowohl Horkheimer28 als auch Eucken dieses Problem einfach
in zwei verschiedenen Richtungen wiederaufgenommen ha­
ben. Denn, grob und auch hier wieder sehr schematisch ge­
sprochen, bestand das Problem der Frankfurter Schule darin,
die neue gesellschaftliche Rationalität zu bestimmen, die auf
eine solche Weise gestaltet werden könnte, daß die wirtschaftli­
che Irrationalität aufgehoben wäre. Dagegen werden Leute wie
Eucken, Röpke usw. das Problem der Entzifferung dieser irra­
tionalen Rationalität des Kapitalismus, das auch das Problem
der Freiburger Schule war, auf eine andere Weise lösen. Sie
wollten nicht die Form der gesellschaftlichen Rationalität wie­
derfinden, erfinden oder definieren, sondern die ökonomische
Rationalität definieren oder neu definieren oder wiederfinden,
die es gestattet, die gesellschaftliche Irrationalität des Kapitalis­
mus aufzuheben. Es gab also, wenn Sie so wollen, zwei entge­
gengesetzte Wege, um dasselbe Problem zu lösen. Gleichgültig,
ob Rationalität oder Irrationalität des Kapitalismus, das Ergeb­
nis war jedenfalls folgendes: Die einen wie die anderen sind,
wenn Sie so wollen, nach ihrem Exil in den Jahren 1945, 1947
nach Deutschland zurückgekehrt - nun, ich spreche natürlich
von denjenigen, die gezwungen waren, ins Exil zu gehen-, und
die Geschichte ergab, daß die letzten Schüler der Frankfurter
Schule 1968 mit der Polizei einer Regierung zusammenstießen,
die von der Freiburger Schule inspiriert war: Sie haben sich auf
beiden Seiten der Barrikaden verteilt, denn das war schließlich
das doppelte, zugleich parallele, überkreuzte und antagonisti­
sche Schicksal des Weberismus in Deutschland.
Wenn ich Einzelheiten der Laufbahn jener Leute erwähnt
habe, die die Programmgestaltung der neoliberalen Politik in
Deutschland inspiriert haben, dann auch aus einem dritten
Grund, der natürlich der wichtigste ist, nämlich daß die Erfah­
rung des Nazismus für sie im Zentrum ihres Nachdenkens
stand. Ich glaube jedoch, man kann sagen, daß der Nazismus
für die Freiburger Schule gewissermaßen der politische und er­
kenntnistheoretische »Weg nach Damaskus«,:- war; d. h., daß
der Nazismus für sie etwas war, das ihnen ermöglicht hat, das
zu bestimmen, was ich das Feld der Gegnerschaft nennen
werde. Sie mußten dieses Feld bestimmen, und sie mußten es
durchqueren, um ihr Ziel zu erreichen. Wenn wir eine einfach
strategische und keineswegs erschöpfende Analyse ihres Dis­
kurses unternehmen wollen, würde ich sagen, daß sie im
Grunde drei J\ufgaben hatten:
Erstens, ein Ziel zu bestimmen. Dieses Ziel, das wir letztes Mal
gesehen und analysiert haben,29 bestand darin, die Legitimität
eines Staats auf einen Raum der Freiheit der Wirtschaftspartner
zu gründen. Das ist das Ziel. Das war das Ziel von 1948. Das
war im Grunde schon das Ziel in den Jahren 1925, 1930, auch
wenn es weniger dringend, weniger klar und deutlich war.
Zweitens bestand ihre Aufgabe nicht nur darin, die Reihe von
Gegnern zu bestimmen, mit denen sie zusammenstoßen konn­
ten, wenn sie dieses Ziel erreichen wollten, sondern im Grunde
auch darin, zu sehen, was das allgemeine System war, mit dem
dieses Ziel und die Verwirklichung dieses Ziels in Konflikt
kommen konnte, d. h. die Gesamtheit, die von Hindernissen
bis zu Feinden reicht und die im großen ganzen das Feld der
Gegnerschaft ausmacht, mit dem sie zu tun hatten.
Und um dieses Feld der Gegnerschaft zu durchqueren und ihr
Ziel zu erreichen, konzentrierte sich die dritte Operation na­
türlich auf die Frage, wie sie die begrifflichen und technischen
Ressourcen verteilen oder neu verteilen sollten, die ihnen zur
Verfügung standen. Die beiden letzten Punkte dieser »strategi­
schen«*,:. Analyse möchte ich heute etwas näher beleuchten.
Wie haben sie ihr Feld der Gegnerschaft konstituiert, d. h., wie
haben sie die globale Logik der Gesamtheit der feindlichen
oder gegnerischen Hindernisse gefunden, mit denen sie zu tun
hatten? Hier ist, glaube ich, die Erfahrung des Nazismus sehr
wichtig gewesen. Natürlich wurde das deutsche liberale Den-
* Im Manuskript in Anführungszeichen.
•·* Michel Foucault gibt den Hinweis: »in Anführungszeichen«.

155
ken nicht mit der Freiburger Schule geboren, auch wenn dieses
Denken verhältnismäßig unauffällig war. Schon seit vielen Jah­
ren hatten Leute wie beispielsweise Lujo Brentano30 versucht,
die Themen des klassischen Liberalismus in einer Atmosphäre
zu unterstützen und zu behaupten, die gewiß nicht sehr gün­
stig für ihn war. Sehr schematisch kann man sagen, daß es prak­
tisch seit der Mitte des 19.Jahrhunderts in Deutschland eine
Reihe von größeren Hindernissen, von bedeutenderen Kriti­
ken am Liberalismus und an der liberalen Politik gab, die nach
und nach auf der Bühne der Geschichte erschienen. Auch hier
werde ich die Dinge sehr schematisch darstellen:
Erstens das Prinzip, das praktisch 1840 von List:3 1 formuliert
wurde, nämlich daß es keine Vereinbarkeit zwischen einer na­
tionalen Politik und einer liberalen Wirtschaft geben kann. Das
Scheitern des Zollvereins32 bei der Konstitution eines deut­
schen Staats auf der Grundlage eines ökonomischen Liberalis­
mus war gewissermaßen der Beweis dafür. List und seine
Nachfolger stellten das Prinzip auf, daß die liberale Wirt­
schaft-weit davon entfernt, eine allgemeine und auf jede Wirt­
schaftspolitik universell anwendbare Formel zu sein - immer
nur ein taktisches Instrument oder eine Strategie in den Hän­
den einer Reihe von Ländern sein konnte und es faktisch auch
war, um eine wirtschaftliche Vormachtstellung und politisch
eine imperialistische Position gegenüber dem Rest der Welt zu
erlangen. Klar und deutlich ausgedrückt: Der Liberalismus ist
nicht die allgemeine Form, die jede Wirtschaftspolitik anneh­
men muß. Der Liberalismus ist einfach die englische Politik,
die Politik der englischen Vorherrschaft. Es ist im allgemeinen
auch die für eine Seenation angemessene Politik. Insofern kann
sich Deutschland mit seiner Geschichte, seiner geographischen
Stellung, mit allen Einschränkungen, denen es unterliegt, keine
liberale Wirtschaftspolitik leisten. Es braucht eine protektioni­
stische Wirtschaftspolitik.
Zweitens, das zweite, zugleich theoretische und politische
Hindernis, dem der deutsche Liberalismus am Ende des
19.Jahrhunderts begegnete, war, grob gesagt, der Bismarck-
sehe Staatssozialismus. Damit die deutsche Nation in ihrer
Einheit existieren konnte, war es nicht nur nötig, daß sie nach
außen durch eine protektionistische Politik geschützt wurde.
Darüber hinaus mußte alles, was die nationale Einheit im In­
nern beeinträchtigen konnte, beherrscht und unterdrückt wer­
den, und allgemein mußte das Proletariat als Bedrohung der
nationalen und staatlichen Einheit auf wirksame Weise in den
gesellschaftlichen und politischen Konsens integriert werden.
Das ist, grob ·gesagt, das Thema des Bismarckschen Staatsso­
zialismus und folglich das zweite Hindernis für eine liberale
Politik.
Das dritte Hindernis war natürlich nach dem Krieg die Ent­
wicklung einer Planwirtschaft, d. h. jene Technik, zu der
Deutschland in der Situation während des Krieges gezwungen
war, nämlich eine zentralisierte Wirtschaft um einen Verwal­
tungsapparat aufzubauen, der die wichtigsten Entscheidungen
im Bereich der Wirtschaft traf, indem er knappe Ressourcen
zuwies, das Preisniveau festlegte und die Vollbeschäftigung
gewährleistete. Aus dieser Planwirtschaft kam Deutschland
auch am Ende des Krieges nicht heraus, da diese Planung an­
schließend entweder durch sozialistische Regierungen oder
durch nicht-sozialistische Regierungen weitergeführt wurde.·
Deutschland hatte praktisch seit Rathenau33 bis 1933 eine
Wirtschaft, die jedenfalls die Planung, die wirtschaftliche Zen­
tralisierung als, wenn schon nicht konstante, dann doch zu­
mindest wiederkehrende Form hatte.
Schließlich war das vierte und auf der historischen Bühne
Deutschlands jüngste Hindernis der Dirigismus Keynes'scher
Art. Seit ungefähr 1925 / .. ./ bis 1930 richten die deutschen
Keynesianer, wie etwa Lautenbach, 34 diejenige Art von Kritik
an den Liberalismus, die die Keynesianer im allgemeinen an ihn
richten, und sie schlagen eine Reihe von staatlichen Interventio­
nen bezüglich der allgemeinen Gleichgewichte der Wirtschaft
vor. Auf diese Weise gab es schon vor der Machtergreifung
durch die Nazis vier Elemente: eine geschützte Wirtschaft, ei­
nen Staatssozialismus, eine Planwirtschaft und Interventionen

157
Keynes'scher Art; vier Elemente, die ebenso viele Riegel vor
eine liberale Politik schoben. Um diese vier Riegel fand eine
ganze Reihe von Diskussionen seit dem Ende des r 9. Jahrhun­
derts statt, die von den wenigen in Deutschland existierenden
Parteigängern des Liberalismus geführt wurden. In gewisser
Weise ist es dieses verstreute Erbe, diese Reihe von Diskussio­
nen, was die deutschen Neoliberalen erben werden.
Ich weiß, daß ich die Situation karikiere und daß es zwischen
diesen verschiedenen Elementen in der Tat keine Diskontinui­
tät, sondern eine Art von kontinuierlichem Übergang, von
kontinuierlichem Netz gab. Man ging ganz selbstverständlich
von der protektionistischen Wirtschaft zur Subventionswirt­
schaft über. Die Planung vom Typ Rathenaus fand beispiels­
weise mehr oder weniger in einer keynesianischen Perspektive
am Ende der 2oer Jahre, in den 3oer Jahren usw. wieder Ver­
wendung. Das alles drückte zwar ein System aus, konstituierLe
es aber nicht. Der Nazismus hat nun schließlich dazu beigetra­
gen, daß diese verschiedenen Elemente miteinander verwuch­
sen, und zwar durch den Aufbau eines Wirtschaftssystems, in
dem die protektionistische Wirtschaft, die Subventionswirt­
schaft, die Planwirtschaft und die keynesianische Wirtschaft
ein Ganzes bildeten, ein fest gefügtes Ganzes, dessen verschie­
dene Teile durch die eingesetzte Wirtschaftsverwaltung fest
miteinander verbunden waren. Die keynesianische Politik von
Dr. Schacht35 wurde 1936* durch den Vierjahresplan abgelöst,
für den Göring verantwortlich36 und zu dessen Umsetzung er
von einer Reihe der ehemaligen Berater Rathenaus37 umgeben
war. Die Planung hatte ein doppeltes Ziel: einerseits die wirt­
schaftliche Autarkie Deutschlands zu sichern, d. h. ein absolu­
ter Protektionismus, und andererseits eine Subventionspolitik.
Das alles hatte natürlich inflationäre Auswirkungen, die die
Kriegsvorbereitung (es handelte sich, wenn Sie so wollen, um
eine militarisierte Wirtschaft) zu begleichen gestattete. Und all
das bildete ein Ganzes.

•' Michel Foucault sagt »1934«.


Ich würde sagen, daß der theoretische und spekulative Gewalt­
streich der deutschen Neoliberalen angesichts des Nazisystems
darin bestand, nicht wie die meisten Leute zu jener Zeit und
vor allem natürlich die Keynesianer zu sagen: Dieses Wirt­
schaftssystem, das die Nazis aufbauen, ist eine Ungeheuerlich­
keit. Sie kombinieren verschiedene Elemente miteinander, die
tatsächlich heterogen sind und die die deutsche Wirtschaft in
ein Korsett zwängen, dessen Bestandteile sich einander wider­
sprechen und nicht zueinander passen. Der Gewaltstreich der
Ordoliberalen bestand darin, nicht zu sagen: Der Nazismus ist
das Produkt eines extremen Krisenzustands, der äußerste
Punkt, an den sich eine Wirtschaft und eine Politik versetzt
fanden, die ihre Widersprüche nicht überwinden konnten. Der
Nazismus kann als extreme Lösung nicht als analytisches Mo­
dell für die allgemeine Geschichte dienen, oder zumindest für
die vergangene Geschichte des Kapitalismus und seiner Ge­
schichte in Europa. Die Ordoliberalen weigern sich, im Nazis­
mus diese Ungeheuerlichkeit zu sehen, diese ökonomische
Diskrepanz, diese Lösung des letzten Rückgriffs am äußersten
Punkt der Krise. Sie sagen: Der Nazismus ist eine Wahrheit;
oder vielmehr: Der Nazismus offenbart ganz einfach das Sy­
stem der notwendigen Beziehungen zwischen diesen verschie­
denen Elementen. Die Neoliberalen sagen: Man nehme irgend­
eines dieser Elemente: Man nehme eine protektionistische
Wirtschaft an oder eine Intervention Keynes'schen Typs. Das
sind natürlich verschiedene Dinge, aber man wird niemals das
eine entwickeln können, ohne auf die eine oder andere Weise
zum anderen zu gelangen. Das bedeutet, daß diese vier Ele­
mente, die die deutsche Wirtschafts- und Politikgeschichte
nacheinander auf der Bühne des Regierungshandelns erschei­
nen ließ, so sagen die Neoliberalen, wirtschaftlich miteinander
verbunden sind, und man entkommt den drei anderen nicht,
wenn man eines davon annimmt.
Indem sie dieses Schema und dieses Prinzip anwenden, unter­
suchen sie nach und nach verschiedene Wirtschaftstypen, bei­
spielsweise die sowjetische Planwirtschaft. Diejenigen unter

r5 9
ihnen, wie Hayek, die die Vereinigten Staaten gut kennen, ha­
ben das Beispiel des New Deal behandelt, andere das Beispiel
Englands und insbesondere die Beispiele der keynesianischen
Politik der großen Beveridge-Programme, die während des
Krieges umgesetzt wurden. 38 Sie haben das alles untersucht
und gesagt: Man sieht, daß jedenfalls erstens dieselben Prinzi­
pien im Spiel sind und zweitens jedes dieser Elemente die ande­
ren drei anziehen wird. Und so veröffentlichte Röpke - was
keinen Mangel an Kühnheit und Dreistigkeit zeigte - 1943
oder 1944, ich erinnere mich nicht mehr, eine Analyse des Be­
veridgeplans, der in England während des Krieges verwirklicht
wurde, und sagte den Engländern: Aber ihr bereitet mit eurem
Beveridge-Plan ganz einfach den Nazismus vor. Auf der einen
Seite kämpft ihr militärisch gegen Deutschland, aber wirt­
schaftlich, und folglich auch politisch, seid ihr im Begriff, ihre
Lektionen genau zu befolgen. Der englische Labourismu3
führt euch zum Nazismus des deutschen Typs. Der Beveridge­
Plan wird euch zum Göring-Plan führen, zum Vierjahresplan
von 1936. 39::- Daraufhin haben sie versucht, eine Art von wirt­
schaftlich-politischer Invariante auszumachen, die rilan in so
verschiedenen politischen Regimen wie dem Nazismus und
dem parlamentarischen England wiederfinden konnte, in der
Sowjetunion und dem Amerika des New Deal. Sie haben ver­
sucht, diese relationale Invariante in diesen verschiedenen Re­
gimen, in verschiedenen politischen Situationen zu erkennen,
und sie stellten das Prinzip auf, daß der wesentliche Unter­
schied nicht der zwischen Sozialismus und Kapitalismus sei,
der wesentliche Unterschied bestand auch nicht zwischen einer
bestimmten Verfassungsstruktur und einer anderen. Das wirk­
liche Problem betraf den Unterschied zwischen einer liberalen
Politik und jeder beliebigen anderen Form des ökonomischen
Interventionismus, ob er nun die relativ milde Form des Key­
nesianismus oder die drastische Form eines Autarkieplans wie
in Deutschland annimmt. Wir haben also eine bestimmte Inva-

'' Michel Foucault sagt noch einmal »I934«.

x6o
riante, die wir, wenn Sie so wollen, die antiliberale Invariante
nennen könnten und die ihre eigene Logik und innere Not­
wendigkeit hat. Das haben die Ordoliberalen aus der Erfah­
rung des Nazismus herausgelesen.
Die zweite Lehre, die sie aus dem Nazismus gezogen haben, ist
folgende. Was ist der Nazismus? Der Nazismus ist im wesent­
lichen und vor allem das unbeschränkte Wachstum einer
Staatsmacht. Das, was uns heute als ein Gemeinplatz erscheint,
stellte eigentlich ein gewisses Paradox und auch einen gewissen
theoretischen oder analytischen Gewaltstreich dar, denn wenn
man die Art und Weise betrachtet, wie das nationalsozialisti­
sche Deutschland funktioniert hat, kann man, glaube ich, zu­
mindest sagen, daß wenigstens in erster Näherung es der syste­
matischste Versuch war, den Staat verschwinden zu lassen. Der
Nazismus ist das Verschwinden des Staates aus verschiedenen
Gründen. Das geht erstens aus der rechtlichen Struktur des na­
tionalsozialistischen Deutschland hervor, da, wie Sie wissen,
der Staat im nationalsozialistischen Deutschland seinen Status
als Rechtsperson verloren hatte, insofern der Staat dem Recht
nach nicht als das Instrument von etwas definiert werden
konnte, das die wahrhafte Grundlage des Rechts war, nämlich
das Volk. 40 Das Volk in seiner Gemeinschaftsorganisation, das·
Volk als Gemeinschaft: Das ist zugleich das Rechtsprinzip und
das letzte Ziel jeder Organisation, jeder rechtlichen Institution,
einschließlich des Staats. Der Staat kann das Volk ausdrücken,
er kann die Gemeinschaft ausdrücken. Er kann die Form sein,
in der diese Gemeinschaft sich zugleich manifestiert und han­
delt. Aber der Staat wird nicht mehr als diese Form oder viel­
mehr dieses Instrument sein.
Zweitens wird der Staat im Nazismus gewissermaßen von in­
nen her herabgewürdigt, da, wie Sie wissen, im Nazismus das
innere Funktionsprinzip der Apparate, aller Apparate, keine
Hierarchie vom Verwaltungstyp war mit dem Spiel von Auto­
rität und Verantwortlichkeit, das die europäische Verwaltung
seit dem 19.Jahrhundert charakterisierte. Sondern es war das
Prinzip des Führertums, das Prinzip der Führung, dem Treue

161
und Gehorsam entsprechen sollten, d. h. in der Form der
Staatsstruktur sollte im Hinblick auf die vertikale Kommuni­
kation von oben nach unten und umgekehrt zwischen den ver­
schiedenen Elementen dieser Gemeinschaft, dieses Volkes
nichts erhalten bleiben.
Schließlich, drittens, die Existenz der Partei und die gesetzge­
bende Gesamtheit, die die Beziehungen zwischen dem Verwal­
tungsapparat einerseits und der Partei regelte, übertrug den
Hauptanteil der Autorität auf die Partei, und zwar auf Kosten
des Staates. Die systematische Zerstörung des Staats, jedenfalls
seine Herabsetzung zu einem reinen Instrument von etwas, das
die Gemeinschaft des Volkes war, das das Prinzip des Führers
war, das die Existenz der Partei war, diese Unterordnung des
Staats markiert die untergeordnete Position, die ihm zukam.
Als sie diese Situation durchschauen, antworten die Ordolibe­
ralen darauf: Täuscht euch nicht. Anscheinend verschwinde.:
der Staat tatsächlich, anscheinend ist er untergeordnet und
wird verleugnet. Trotzdem ist es so, daß, wenn der Staat auf
diese Weise untergeordnet ist, er es nur darum ist, weil die tra­
ditionellen Staatsformen des 19. Jahrhunderts dieser neuen
Forderung nach Staatsbildung nicht entgegenkommen kön­
nen, die die vom Dritten Reich gewählte Wirtschaftspolitik
eben erforderte. Wenn man jenes Wirtschaftssystem, von dem
ich vorhin gesprochen habe, wirklich einrichtet, braucht man,
um es in Gang zu halten, eine Art von Über-Staat, eine Ergän­
zung des Staats, die die organisationalen und institutionellen
Formen, die man jetzt kennt, nicht gewährleisten können. Ge­
nau daher rührt die Notwendigkeit für diesen neuen Staat, über
diese bekannten Formen hinauszugehen und jene Ergänzun­
gen und Verstärker der Staatsmacht zu schaffen, die das Thema
der Gemeinschaft, das Prinzip des Gehorsams gegenüber dem
Führer und die Existenz der Partei sind. Es sind also Ergän­
zungen des Staats, ein Staat, der gewissermaßen im Entstehen
begriffen ist, Institutionen, die auf dem Weg sind, einen Staat
zu bilden, die alle diese Dinge darstellen und die die Nazis im
Gegensatz dazu als die Zerstörung des bürgerlichen und kapi-
talistischen Staats vorstellen. Was ihnen schließlich erlaubt,
eine andere Schlußfolgerung zu ziehen, ist die Tatsache, daß es
zwischen der wirtschaftlichen Organisation, von der ich vor­
hin sprach, und dem Wachstum des Staats eine notwendige
Verbindung gibt, was dazu führt, daß keines der Elemente des
Wirtschaftssystems bestehen kann, ohne daß die anderen drei
nach und nach dazukommen und daß jedes dieser Elemente,
um verwirklicht zu werden und zu funktionieren, gerade das
Wachstum der Staatsmacht verlangt. Die wirtschaftliche Inva­
riante einerseits und das Wachstum der Staatsmacht anderer­
seits, und zwar sogar in Formen, die anscheinend gegenüber
dem klassischen Staat völlig abweichen, sind Dinge, die aufs
engste miteinander verknüpft sind.
Schließlich besteht der dritte Gewaltstreich, den der Nazismus
den Neoliberalen im Hinblick auf das Problem, das sie lösen
wollten, zu führen ermöglicht hat, in Folgendem: Jene Ana­
lyse, die die Nazis von der kapitalistischen, bürgerlichen, utili­
taristischen, individualistischen usw. Gesellschaft gaben, kann
man insofern mit Sombart41 in Verbindung bringen, als Som­
bart auf seinem Weg zwischen einem Quasi-Marxismus und ei­
nem Quasi-Nazismus zwischen 1900 und 1930 ... formuliert
und resümiert hat. Die beste Zusammenfassung findet sich in
seinem Buch Der deutsche Sozialismus.42 Was haben die Wirt­
schaft und der bürgerliche und kapitalistische Staat hervorge­
bracht? Sie haben eine Gesellschaft hervorgebracht, in der die
Individuen ihrer natürlichen Gemeinschaft entrissen und mit­
einander in einer gewissermaßen flachen und anonymen Form
vereint sind, die die Form der Masse ist. Der Kapitalismus
bringt die Masse hervor. Der Kapitalismus bringt folglich das
hervor, was Sombart zwar nicht Eindimensionalität43 nennt,
wofür er aber eine genaue Charakterisierung gibt. Der Kapita­
lismus und die bürgerliche Gesellschaft haben die Individuen
der direkten und unmittelbaren Kommunikation untereinan­
der beraubt, und sie haben sie gezwungen, nur noch durch
einen zentralisierten Verwaltungsapparat miteinander zu kom­
munizieren. [Sie haben] also die Individuen auf Atome redu-
ziert, Atome, die einer Autorität unterstehen, einer abstrakten
Autorität, in der sie sich nicht wiedererkennen. Die kapitalisti­
sche Gesellschaft hat die Individuen auch zu einer Art von
massivem Konsum genötigt, der den Zweck der Vereinheitli­
chung und der Standardisierung hat. Schließlich hat diese bür­
gerliche und kapitalistische Wirtschaft die Individuen dazu
verurteilt, miteinander im Grunde nur noch durch das Spiel
von Zeichen und Schauspiel zu kommunizieren. 44':· Man findet
bei Sombart schon um 190045 jene Kritik, die Sie gut kennen
und die heute einer der Gemeinplätze eines Denkens ist, dessen
Gliederung und Bau man nicht sehr genau kennt, eine Kritik
der Massengesellschaft, der Gesellschaft des eindimensionalen
Menschen, einer autoritären Gesellschaft, Konsumgesellschaft,
Gesellschaft (des Spektakels)46 usw. Das sagte also Sombart,
und das haben übrigens die Nazis ihrerseits übernommen. Die
Ziele der Nazis standen im Gegensatz zu jener Zerstörung de.­
Gesellschaft durch die [kapitalistische] Wirtschaft und den [ka­
pitalistischenJ Y--,:- Staat.
Aber, so sagen die Neoliberalen, wenn man sich die Nazis mit
ihrer Organisation, ihrer Partei, ihrem Prinzip des Führertums
usw. anschaut, was tun sie damit? In Wirklichkeit tun sie nichts
anderes, als jene Massengesellschaft noch zu verstärken, jene
Gesellschaft des vereinheitlichenden und standardisierenden
Konsums, die Gesellschaft der Zeichen und Schauspiele. Be­
trachten wir, was die Nazigesellschaft ist, wie sie wirklich
funktioniert. Man ist völlig im Bereich der Masse, die Masse
von Nürnberg, die Nürnberger Schauspiele, der einheitliche
Konsum für jedermann, die Idee des Volkswagens usw. All das
ist nur die Erneuerung, die Intensivierung all jener Züge der
bourgeoisen, kapitalistischen Gesellschaft, die Sombart ange­
prangert hatte und gegen die die Nazis vorgaben sich zu erhe­
ben. Warum ist das so? Warum erneuern sie nur das, was sie
vorgeben anzuprangern, wenn nicht gerade deshalb, weil alle
diese Elemente nicht die Wirkung und das Produkt der bour-
,,. Manuskript: »des Schauspiels«.
,.,, Michel Foucault sagt: »sozialistischen«.
geoisen, kapitalistischen Gesellschaft sind, wie Sombart meinte
und worin die Nazis ihm folgten. Es handelt sich im Gegenteil
um das Produkt und die Wirkung einer Gesellschaft, die den
Liberalismus wirtschaftlich nicht akzeptiert, einer Gesellschaft
oder vielmehr eines Staats, der eine protektionistische Politik
gewählt hat, eine Politik der Planung, eine Politik, in der der
Markt seine eigentliche Rolle gerade nicht spielt und wo die
Verwaltung, die staatliche oder para-staatliche Verwaltung die
Verantwortung für das Alltagsleben der Menschen übernimmt.
Diese Massenphänomene, diese Phänomene der Vereinheitli­
chung, die Phänomene der Großkundgebungen, all das ist mit
dem Etatismus und dem Antiliberalismus verbunden und nicht
mit einer Handelswirtschaft.
Um dies alles zusammenzufassen, läßt sich grob sagen, daß der
entscheidende Punkt der Nazierfahrung für die Liberalen von
Freiburg darin bestand, daß sie geglaubt haben, sie könnten die
These begründen - und darin liegt, wenn Sie so wollen, die
Wahl ihres Gegners, die Art und Weise, wie sie das Feld der
Gegnerschaft gegliedert haben, das für die Festlegung ihrer
Strategie notwendig war-, daß der Nazismus erstens auf einer
wirtschaftlichen Invariante beruht, die neutral und gleichsam
undurchlässig für den Gegensatz zwischen Sozialismus und
Kapitalismus und für den verfassungsmäßigen Aufbau der
Staaten ist; zweitens haben sie geglaubt feststellen zu können,
daß dieser Nationalsozialismus eine Invariante war, die aufs
engste mit dem unbeschränkten Wachstum einer Staatsmacht
verknüpft war, und zwar sowohl als Ursache als auch als Wir­
kung; drittens, daß diese Invariante, die mit dem Wachstum des
Staats verknüpft war, als wesentlichen und sichtbaren Haupt­
effekt die Zerstörung des Netzes bzw. des Gewebes der sozia­
len Gemeinschaft hatte, eine Zerstörung, die durch eine Art
von Ketten- oder Kreisreaktion gerade sowohl einen Protek­
tionismus als auch eine gesteuerte Wirtschaft als auch ein An­
wachsen der Staatsmacht auf den Plan ruft.
Grob gesagt, alles, was dem Liberalismus entgegengesetzt ist,
alles, was darauf aus ist, die Wirtschaft staatlich zu leiten, stellt
also eine Invariante dar, eine Invariante, deren Geschichte man
durch die ganze Entwicklung der europäischen Gesellschaften
hindurch seit dem Ende des 19.Jahrhunderts und genauer seit
dem Anfang des I 9. Jahrhunderts erkennen kann, d. h. seit dem
Augenblick, in dem es der liberalen Regierungskunst gewisser­
maßen vor ihren eigenen Konsequenzen bange wurde und wo
sie versucht hat, diese Konsequenzen zu begrenzen, die sie aus
ihrer eigenen Entwicklung hätte ziehen sollen. Wodurch hat sie
sie zu begrenzen versucht? Nun, durch eine Interventionstech­
nik, die darin bestand, auf die Gesellschaft und die Wirtschaft
einen Typ von Rationalität anzuwenden, den man innerhalb
der Naturwissenschaften für angemessen hielt. Kurz, durch
das, was man, grob gesagt, Technik nennt. Die Technisierung
der Staatsverwaltung, der Kontrolle der Wirtschaft, auch die
Technisierung der Analyse wirtschaftlicher Phänomene: Das
ist es, was die Ordoliberalen »den ewigen Saint-Simonismus« 47
nennen, und mit Saint-Simon48 lassen sie jene Art von Schwin­
del entstehen, der die liberale Regierungskunst ergriffen hat, ei­
nen Schwindel, der sie in der Anwendung des der Natur ange­
messenen Schemas von Rationalität auf die Gesellschaft ein Be­
grenzungsprinzip suchen läßt, ein Organisationsprinzip, das
schließlich zum Nationalsozialismus geführt hat. Von Saint-Si­
mon bis zum Nazismus haben wir also den Zyklus einer Ratio­
nalität, die Interventionen nach sich zieht, welche eine weitere
Vergrößerung des Staats nach sich ziehen, welches wiederum
die Einrichtung einer Verwaltung nach sich zieht, die selbst
nach bestimmten Mustern der technischen Rationalität funk­
tioniert, und durch diese Muster entsteht gerade der Nazismus
auf der Grundlage der ganzen Geschichte des Kapitalismus seit
zwei Jahrhunderten oder zumindest seit anderthalb Jahrhun­
derten.
Sie verstehen, daß die Ordoliberalen - ich schematisiere natür­
lich all das, was sie zwischen 1935 und 1945 oder 1950 gesagt
haben -, indem sie diese Art von Analyse bis zum äußersten
Ende der politischen Reflexion, der Wirtschaftsanalyse und der
Soziologie treiben, ein explosives Gemisch in die Welt gesetzt

166
haben, da diese Art von Analyse eine ganze Reihe von Diskur­
sen und Analysen entfesselt hat, die Sie gut kennen: die tradi­
tionellen Kritiken der bürgerlichen Gesellschaft, die Analysen
der Bürokratie, das Thema des Nazismus, das wir alle mit uns
herumtragen, das Thema des Nazismus als offenbarende Kraft
und äußerster Punkt einer Entwicklung des Kapitalismus, die
in gewisser Weise historisch natürlich war, die negative Theo­
logie des Staats als absolutes Übel, die Möglichkeit, in dersel­
ben Kritik auch das abzudecken, was in der Sowjetunion, in
den USA, in den Konzentrationslagern der Nazis und in den
Karteien der Sozialversicherung geschieht. All das ist Ihnen be­
kannt, und den Ursprung davon findet man, glaube ich, in die­
ser Reihe von theoretischen und analytischen Gewaltstrei­
chen.
Was ich für wesentlich halte und worüber ich sprechen möchte,
liegt jedoch nicht hier, sondern in der Schlußfolgerung, die die
Ordoliberalen aus dieser Reihe von Analysen gezogen haben,
nämlich: Da die Mangelhaftigkeit, die man der Marktwirt­
schaft vorgeworfen hat, da die zerstörerischen Wirkungen, die
man traditionell der Marktwirtschaft vorhielt, da der Nazis­
mus zeigt, daß man diese Wirkungen überhaupt nicht der
Marktwirtschaft zuschreiben darf, sondern daß man im Ge­
genteil die Verantwortung dem Staat zuweisen muß bzw. den
intrinsischen Mängeln des Staats und seiner eigentümlichen
Rationalität, nun, deshalb muß man diese Analysen gänzlich
aufgeben. Anstatt sich zu sagen: Angenommen, es gibt eine re­
lativ freie Marktwirtschaft, wie soll der Staat sie begrenzen, da­
mit ihre Wirkungen so wenig schädlich wie möglich sind?,
muß man ganz anders räsonieren. Man soll statt dessen sagen:
Nichts beweist, daß die Marktwirtschaft Mängel hat, nichts be­
weist, daß sie wesentlich mangelhaft ist, da man alles, was man
ihr als Mangel und als Wirkung ihrer Mangelhaftigkeit unter­
stellt, dem Staat zuschreiben muß. Nun, verfahren wir umge­
kehrt und verlangen wir von der Marktwirtschaft viel mehr, als
man im r 8. Jahrhundert von ihr verlangte. Denn was verlangte
man von der Marktwirtschaft im r 8. Jahrhundert? Daß sie dem
Staat zu verstehen gibt: Von dieser Grenze an, wenn es sich um
diese oder jene Frage handeln wird, ab den Grenzen dieses
oder jenes Bereichs sollst du nicht mehr intervenieren. Das ist
nicht genug, sagen die Ordoliberalen. Da es sich herausstellt,
daß der Staat auf jeden Fall wesentliche Mängel hat, und nichts
beweist, daß die Marktwirtschaft solche Mängel aufweist, kön­
nen wir von der Marktwirtschaft fordern, daß sie an sich nicht
das Prinzip der Begrenzung des Staats sein soll, sondern das
Prinzip der inneren Regelung seiner ganzen Existenz und sei­
nes ganzen Handelns. Mit anderen Worten, anstatt eine Frei­
heit des Marktes zu akzeptieren, die durch den Staat definiert
und in gewisser Weise unter staatlicher Aufsicht aufrechterhal­
ten wird - was gewissermaßen die Ursprungsformel des Libe­
ralismus war: Schaffen wir einen Raum wirtschaftlicher Frei­
heit, begrenzen wir ihn, und lassen wir ihn durch einen Staat
begrenzen, der ihn überwacht. Nun, sagen die Ordoliberalei1,
muß man die Formel umdrehen und die Freiheit des Marktes
als Organisations- und Regulationsprinzip einrichten, und
zwar vom Beginn seiner Existenz an bis zur letzten Form sei­
ner Interventionen. Anders ausgedrückt, es soll sich vielmehr
um einen Staat unter der Aufsicht des Marktes handeln als um
einen Markt unter der Aufsicht des Staats.
Ich glaube, daß anhand dieser Art von Umkehrung, die für die
Ordoliberalen erst im Ausgang von der Analyse des Nazismus
möglich war, die Ordoliberalen 1948 wirklich versuchen konn­
ten, das Problem zu lösen, das sie vor sich hatten, nämlich: ein
Staat der nicht existiert, ein Staat, den man legitimieren soll, ein
Staat, den man in den Augen jener akzeptierbar machen soll,
die ihm am meisten mißtrauen. Nun, richten wir die Freiheit
des Marktes ein, und wir werden einen Mechanismus haben,
der den Staat begründen wird und der zugleich, indem er ihn
kontrolliert, all jenen, die irgendeinen Grund zum Mißtrauen
haben, die Garantien geben wird, die sie verlangen. Darin be­
stand also, glaube ich, der Sinn dieser Umkehrung.
Und hier, denke ich, kann man das verorten, was im gegenwär­
tigen Neoliberalismus wichtig und entscheidend ist. Denn man

168
soll sich keine Illusionen machen, der gegenwärtige Neolibera­
lismus ist keineswegs, wie man allzuoft sagt, das Wiederaufle­
ben,::· die Wiederkehr der alten Formen liberaler Wirtschaft,
die im 18. und 19.Jahrhundert formuliert wurden und die der
Kapitalismus aus verschiedenen Gründen neu beleben würde,
die ebensowohl mit seiner Ohnmacht, mit seinen durchlebten
Krisen wie mit einer Reihe politischer Ziele zu tun haben, wel­
che entweder mehr oder weniger lokal und bestimmt sind. Was
beim gegenwärtigen Neoliberalismus in Frage steht, ob man
die deutsche Form, die ich jetzt gerade behandle, oder die ame­
rikanische Form des Anarcho-Liberalismus betrachtet, ist et­
was viel Wichtigeres. Was in Frage steht, ist, ob eine Markt­
wirtschaft wirklich als Prinzip, als Form und als Vorbild für ei­
nen Staat dienen kann, bezüglich dessen::-�- Mängel jedermann
hier und da aus dem einen oder anderen Grund gegenwärtig
Mißtrauen hegt. Jedermann ist einverstanden mit einer Kritik
des Staats und mit der Feststellung der zerstörerischen und
schädlichen Wirkungen des Staats. Kann der Liberalismus in­
nerhalb dieser allgemeinen und verworrenen Kritik - denn
man findet sie von Sombart bis Marcuse ohne große Unter­
schiede wieder-, kann er trotz und gewissermaßen im Schatten
dieser Kritik sein wirkliches Ziel durchsetzen, nämlich eine all­
gemeine Formalisierung der Staatsmacht und der Organisation
der Gesellschaft auf der Grundlage einer Marktwirtschaft?
Kann der Markt wirklich die Kraft der Formalisierung sowohl
für den Staat als auch für die Gesellschaft haben? Das ist das ei­
gentliche Hauptproblem des gegenwärtigen Liberalismus, und
in diesem Sinne weist er gegenüber den traditionellen liberali­
stischen Projekten, die im I 8. Jahrhundert entstanden, eine ab­
solut bedeutende Veränderung auf. Es geht nicht einfach
darum, der Wirtschaft Freiheit einzuräumen. Es geht darum,
zu erkennen, bis wohin sich die politische und soziale Informa­
tionsgewalt der Marktwirtschaft erstrecken kann. Das ist der
Einsatz. Nun, um diese Frage zu bejahen, nämlich daß die
* Michel Foucault sagt: »das Wiedererscheinen«.
>}* Michel Foucault sagt: »über dessen«.
Marktwirtschaft tatsächlich sowo�l den Staat informieren und
die Gesellschaft reformieren kann oder daß sie den Staat refor­
mieren und die Gesellschaft informieren kann, haben die Or­
doliberalen eine gewisse Anzahl von Verschiebungen, Verän­
derungen, Umkehrungen mit der traditionellen liberalen Lehre
vorgenommen, und diese Veränderungen möchte ich jetzt ein
wenig erklären.,:•
Nun, die erste Verschiebung betrifft den Tausch und geht vom
Tausch zum Wettbewerb als Prinzip des Marktes. Um auch
hier die Dinge sehr grob zu sagen: Wodurch war der Markt im
Liberalismus des 18. JahrhundertS bestimmt oder vielmehr, an­
hand wovon wurde er beschrieben? Er wurde auf der Grund­
lage des Tauschs bestimmt und beschrieben, des Tauschs zwi­
schen zwei Partnern, die durch ihren Tausch eine Äquivalenz
zwischen zwei Werten herstellen. Das Modell und das Prinzip
des Marktes war der Tausch, und die Freiheit des Marktes, da:.
Nichteingreifen eines Dritten, irgendeiner Autorität, a fortiori
einer Staatsautorität, war natürlich deshalb nötig, damit dieser
Markt annehmbar und die Äquivalenz wirklich eine Äquiva­
lenz ist. Allerhöchstens verlangte man vom Staat, das richtige
Funktionieren des Marktes zu überwachen, d. h., er sollte be­
werkstelligen, daß die Freiheit der am Tausch Beteiligten ge­
achtet wurde. Man verlangte dagegen vom Staat, daß er bei der
Produktion interveniere, und zwar in dem Sinne daß, so sagten
die liberalen Ökonomen um die Mitte des 18. Jahrhunderts, das,
was man braucht, wenn man etwas herstellt, d. h., wenn man in
etwas Arbeit investiert, die Achtung"',:- des individuellen Eigen­
tums der produzierten Sache ist. Und hinsichtlich dieser Not­
wendigkeit des individuellen Eigentums für die Produktion
verlangte man die Autorität des Staats. Aber der Markt selbst
sollte gewissermaßen ein freier und unbelasteter Ort sein.

,., Michel Foucault unterbricht hier, um Folgendes zu sagen: »Mir fällt ge­
rade auf, daß es schon spät ist, ich weiß nicht so recht, ob ich jetzt noch
damit anfangen soll ... Was möchten Sie denn?« (Im Saal sind Ja-Rufe
zu hören) »Fünf Minuten, aber nicht mehr. «
''* Michel Foucault: »Man soll achten«.
Nun besteht für die Neoliberalen das Wesen des Marktes nicht
im Tausch, in dieser Art von primitiver und fiktiver Situation,
die die liberalen Ökonomen des 18.Jahrhunderts sich vorstell­
ten. Es liegt anderswo. Das Wesen des Marktes besteht im
Wettbewerb. Darin folgen die Neoliberalen jedoch nur einer
Entwicklungslinie des liberalen Denkens, der liberalen Lehre
und Theorfe des 19.Jahrhunderts. Seit dem Ende des 19.Jahr­
hunderts nimmt man praktisch überall in der liberalen Theorie
an, daß das Wesen des Marktes im Wettbewerb liegt, d. h. nicht
in der Äquivalenz, sondern im Gegenteil in der Ungleichheit.49
Und das Problem des Wettbewerbs und der Monopolbildung ist
viel stärker als das Problem des Werts und der Äquivalenz das­
jenige, was das wesentliche Gerüst einer Theorie des Marktes
bilden wird. In diesem Punkt unterscheiden sich die Ordolibe­
ralen also überhaupt nicht von der historischen Entwicklung
des liberalen Denkens. Sie nehmen diese klassische Vorstellung
und das Prinzip wieder auf, daß der Wettbewerb und nur der
Wettbewerb die ökonomische Rationalität garantieren kann.
Wodurch wird diese ökonomische Rationalität gewährleistet?
Nun, durch die Bildung der Preise, die in der Lage sind, die
ökonomischen Größen zu messen und dadurch die Wahlmög­
lichkeiten zu regeln, insofern es einen vollständigen Wettbe­
werb gibt.
An dieser Stelle, mit Bezug auf den Liberalismus, der auf das
Problem des Wettbewerbs ausgerichtet ist, mit Bezug auf diese
Theorie des Marktes, die auf den Wettbewerb zentriert ist, füh­
ren die Ordoliberalen, glaube ich, etwas [für sie] Spezifisches
ein.'� Tatsächlich sagt man nach der marginalistischen und neo­
marginalistischen Vorstellung der Marktwirtschaft im 19. und
20. Jahrhundert Folgendes: Da der Markt nur durch freien und
vollständigen Wettbewerb funktionieren kann, muß der Staat
davon Abstand nehmen, den Zustand des Wettbewerbs zu ver­
ändern, und aufpassen, daß er nicht durch solche Erscheinun­
gen wie Monopole, Kontrollen usw. eine Reihe von Elementen

* Michel Foucaulc: »das, glaube ich, für sie spezifisch ist«.


einführt, die diesen Zustand des Wettbewerbs ändern würden.
Er darf allenfalls intervenieren, um zu verhindern, daß dieser
Wettbewerb durch diese oder jene Erscheinung, wie beispiels­
weise durch ein Monopol, geändert wird. Sie ziehen also wei­
terhin aus diesem Prinzip der Marktwirtschaft dieselbe Schluß­
folgerung, die schon im 18.Jahrhundert gezogen wurde, als
man die Marktwirtschaft durch den Tausch definierte, nämlich
das Laissez-faire. Mit anderen Worten, die Liberalen des
18.Jahrhunderts wie die Liberalen des 19.�· Jahrhunderts fol­
gern aus dem Prinzip der Marktwirtschaft die Notwendigkeit
des Laissez-faire. Die einen leiten es aus dem Tausch ab, die an­
deren aus dem Wettbewerb, aber auf jeden Fall ist die logische
und politische Konsequenz der Marktwirtschaft das Laissez­
faire.
Nun, an dieser Stelle brechen die Ordoliberalen mit der Tradi­
tion des Liberalismus des 18. und 19.Jahrhunderts. Sie sagen:
Aus dem Prinzip des Wettbewerbs als Organisationsform des
Marktes kann man nicht und [soll]** man nicht das Laissez­
faire ableiten. Warum? Weil, so sagen sie, wenn man aus der
Marktwirtschaft das Prinzip des Laissez-faire ableitet, man im
Grunde in etwas gefangen ist, das man »naturalistische Naivi­
tät« nennen könnte,**'' d. h., daß man der Meinung ist, daß der
Markt, ob man ihn nun durch den Tausch oder durch den
Wettbewerb definiert, auf jeden Fall eine natürliche Gegeben­
heit ist, etwas, das sich spontan ereignet und das der Staat inso­
weit achten muß, als es sich um eine solche natürliche Gege­
benheit handelt. Aber, so sagen die Ordoliberalen - an dieser
Stelle erkennt man sehr leicht den Einfluß Husserls50 -, da ha­
ben wir eine naturalistische Naivität. Denn was ist eigentlich
der Wettbewerb? Er ist keineswegs eine Naturgegebenheit.
Der Wettbewerb ist in seinem Spiel, in seinen Mechanismen
und seinen positiven Effekten, die man erkennt und schätzt,
überhaupt kein Naturphänomen. Er ist nicht das Ergebnis ei-
,, Michel Foucault: »20.«.
•·•· Michel Foucault wiederholt »kann«.
*** Im Manuskript in Anführungszeichen.
nes natürlichen Spiels des Verlangens, der Instinkte, des Ver­
haltens usw. In Wirklichkeit verdankt der Wettbewerb seine
Wirkungen nur seinem Wesen, das ihn charakterisiert und aus­
macht. Seine günstigen Wirkungen verdankt der Wettbewerb
nicht einer vorgängigen Natur, einer natürlichen Gegebenheit,
die er mit sich trüge. Er verdankt sie einem formalen Privileg.
Der Wettbewerb ist ein Wesen, er ist ein eidos. 51 Der Wettbe­
werb ist ein Prinzip der Abstraktion. 52 Der Wettbewerb hat
eine innere Logik, er hat seine eigene Struktur. Seine Wirkun­
gen stellen sich nur dann ein, wenn diese Logik beachtet wird.
Es handelt sich gewissermaßen um ein formales Spiel zwischen
Ungleichheiten, und nicht um ein natürliches Spiel zwischen
Individuen und Verhaltensweisen.
Da genau wie für Busserl eine formale Struktur sich nicht ohne
eine Reihe von Bedingungen in der Anschauung darstellt, so
erscheint und bringt der Wettbewerb seine Wirkungen als we­
sentliche Logik der Wirtschaft nur unter einer Reihe von Be­
dingungen hervor, die sorgfältig und künstlich hergestellt wer­
den müssen. Das bedeutet, daß der reine Wettbewerb also
keine elementare Gegebenheit ist. Er kann nur das Ergebnis ei­
ner langen Bemühung sein, und eigentlich wird der reine Wett­
bewerb niemals erreicht. Der reine Wettbewerb soll und kann
nur ein Ziel sein, ein Ziel, das folglich eine äußerst aktive Poli­
tik verlangt. Der Wettbewerb ist also ein geschichtliches Ziel
der Regierungskunst und keine Naturgegebenheit, die es zu
beachten gälte. Wir finden in dieser Art von Analyse natürlich
sowohl den Einfluß Busserls, was nicht gesagt zu werden
braucht, als auch die Möglichkeit, etwa nach der Art Webers,
die Geschichte auf die Wirtschaft zu gründen. 53 Und sie sagen:
Die Analyse dieses Wettbewerbs als formaler Mechanismus,
die Bestimmung seiner optimalen Effekte, nun, das ist die Auf­
gabe der Wirtschaftstheorie. Was jedoch tatsächlich in den Ge­
sellschaften geschieht, die wir kennen, das kann auf der Grund­
lage dieser Theorie des Wettbewerbs nicht analysiert':- werden.

,:- Focault sagt: »getan«.

17 3
Man kann sie nur analysieren, indem man die wirklichen histo­
rischen Systeme betrachtet, in denen sich diese wirtschaftli­
chen Prozesse vollziehen, in denen sie gebildet oder mißbildet
werden. Und folglich haben wir hier die Notwendigkeit einer
geschichtlichen Analyse von Systemen, die die formale Ana­
lyse der Wirtschaftsprozesse wie eine waagrechte Linie kreuzt.
Die Ökonomie analysiert die formalen Prozesse, die Ge­
schichte analysiert die Systeme, die das Funktionieren dieser
formalen Prozesse möglich oder unmöglich machen. 54
Aufgrund dessen - und das ist die dritte Konsequenz, die sie
daraus ziehen - kann die Beziehung zwischen einer Wettbe­
werbswirtschaft und einem Staat nicht mehr die Beziehung ei­
ner wechselseitigen Begrenzung verschiedener Bereiche sein.
Es wird kein Spiel des Marktes geben, das man unbeeinflußt
lassen soll, und dann einen Bereich, in dem der Staat zu interve­
nieren beginnen wird, weil eben der Markt oder der reine Wett­
bewerb, der das Wesen des Marktes ist, nur dann in Erschei­
nung treten kann, wenn er hergestellt wird, und zwar von einer
aktiven Gouvernementalität. Wir haben also eine Art vollstän­
diger Überschneidung der Marktmechanismen, die auf den
Wettbewerb und die Regierungspolitik abgestimmt sind. Die
Regierung muß die Marktwirtschaft von vorne bis hinten be­
gleiten. Die Marktwirtschaft nimmt der Regierung nichts weg.
Im Gegenteil zeigt sie an, sie stellt eine allgemeine Anzeige dar,
nach der man die Regel ausrichten soll, die alle Handlungen der
Regierung bestimmen wird. Man soll für den Markt regieren,
anstatt auf Veranlassung des Markts zu regieren. Und insofern
sehen Sie, daß die Beziehung, die durch den Liberalismus des
18.Jahrhunderts definiert wurde, sich nun völlig umgekehrt
hat. Das Problem ist dann: Was wird die Art der Begrenzung
sein oder vielmehr, was wird im Hinblick auf die Regierungs­
kunst die Wirkung dieses allgemeinen Prinzips sein, daß der
Markt etwas ist, das man durch die Regierung herstellen muß?
Und ganz wie in einem guten Fortsetzungsroman werde ich
Ihnen diese Dinge das nächste Mal zu erklären versuchen.

1 74
Anmerkungen

1 Walter Eucken (1891-1950), Oberhaupt der deutschen neoliberalen


Schule (Freiburger Schule), deren Positionen in der Zeitschrift Ordo
dargestellt wurden. In Bonn und Berlin studierte er Wirtschaftswissen­
schafcen. In Berlin war er Schüler von Heinrich Dietzel, einem Gegner
der Historischen Schule, und von einer der letzten Figuren dieser
Schule, nämlich Hermann Schuhmacher, dem Nachfolger von Gustav
Schmoller an der Universität Berlin. Nachdem er dessen Assistent ge­
worden war, brach Eucken 1923 mit ihm, als er die Unfähigkeit der Hi­
storischen Schule feststellte, eine Antwort auf das Problem der Inflation
zu geben. 192"5 wurde er zum Professor in Tübingen und dann 1927 in
Freiburg ernannt, wo er bis zu seinem Tode blieb. Vgl. Fran�ois Bilger,
La pensee economique, a. a. 0., S. 39-70.
2 Zu den Beziehungen von Eucken zu Busserl vgl. Bilger, La pensee eco­
nomique, a.a.O., S.47 (»Gleich nach seiner Ankunft in der Stadt
knüpfte Eucken eine tiefe Freundschaft zu Busserl, de:: Rudolf Eucken
geistig nahestand. Die beiden Männer pflegten häufigen Umgang mit­
einander, der unglücklicherweise bald durch den Tod des Philosophen
abgebrochen wurde. Walter Eucken erkennt in seinen Werken den Ein­
fluß des Begründers der Phänomenologie auf die Ausbildung seiner
ökonomischen Methode an. Insbesondere bezieht er sich oft auf Bus­
serls großes Werk Logische Untersuchungen, dessen kritischer und posi­
tiver Aspekt von ihm auf die politische Ökonomie übertragen wurde. « ).
Zu einer genaueren Analyse vgl. R. Klump, »On ehe phenomenological
roots of German ,Ordnungstheorie,: What Walter Eucken ows to Ed­
mund Busserl«, in: P. Commun (Hrsg.), Symposium: L'ordoliberalisme
allemand: aux sources de l'economie sociale de marche, Cergy-Pontoise,
2003, 149-16r.
3 Unter diesen Juristen befanden sich Hans Grossmann-Doerth und
Franz Böhm (zu letzterem vgl. unten, Anm. 11). Vgl. Bilger, La pensee
economique, a. a.O., S.47-48 und 71-74. Zu Kelsen vgl. M. Foucault,
STB, Vorlesung 3, S. 88 und S. 121, Anm. 1.
4 Walter Eucken, »Staatliche Strukturwandlungen und die Krise des Kapi­
talismus«, in: Weltwirtschaftliches Archiv, Bd. 36 (2), Jena 1932, S. 297-
32r.
5 Wilhelm Lautenbach (1891-1948); vgl. insbesondere seinen Aufsatz
»Auswirkungen der unmittelbaren ArDeitsbeschaffung«, in: Wirtschaft
und Statistik, Bd. 13, Nr. 21 (1933), wiederaufgelegt in: Gottfried Bom­
bach et al. (Hrsg.), Der Keynesianismus, Berlin 1981, S. 302-308, und die
posthum erschienene Arbeit Zins, Kredit und Produktion, Tübingen
1952·
6 Hjalmar Horace Greely Schacht (1877-1970) war zun:ichst von Novem-
ber 1923 bis März 1930 Präsident der Reichsbank, dann von Juli 1934 bis
November 1937 Wirtschaftsminister. Er widersetzte sich Göring und

1 75
den Rüstungsausgaben, behielt jedoch bis r943 den Titel eines Ministers
ohne Geschäftsbereich. Vgl. J. Franc,ois-Poncet, La politique economi­
que, a.a.O., S.21-22.
7 W. Eucken nahm - ganz im Gegenteil - ab Ende r933 an einem Seminar
teil, das der Ökonom Karl Diehl organisiert hatte und das die aus ver­
schiedenen Fakultäten stammenden Opponenten gegen den Nazismus
versammelte. Unter den Teilnehmern waren u. a. der Historiker Gerhard
Ritter und der Theologe Clemens Bauer. Eucken wandte sich nachdrück­
lich gegen die Politik Martin Heideggers während dessen Rektoratszeit.
Er war zusammen mit verschiedenen Katholiken und Protestanten Mit­
begründer des »Freiburger Konzils«, das die einzige universitäre Oppo­
sitionsgruppe nach den Pogromen von r938 darstellte. Während des
Krieges nahm er an den Gesprächen der Arbeitsgemeinschaft Volkswirt­
schaftslehre teil, die von Erwin von Beckerath innerhalb der Gruppe IV
(die mit Wirtschaftsfragen beauftragt war) der Akademie für Deutsches
Recht angeregt und von den Nazis 1933-34 gegründet wurde, um das
Recht zu germanisieren. Die Gruppe IV wurde im Januar 1940 gegrün­
det. Ihr Organisator, Jens Jessen, der ein leidenschaftlicher Gegner des
Nationalsozialismus war, wurde im November 1944 wegen seiner Teil­
nahme am Julikomplott gegen Hitler hingerichtet. Die Gruppe IV selbst,
die ein oppositionelles Forum im Untergrund war, wurde im März 1943
abgeschafft, aber die Debatten zwischen Ökonomen - insbesondere
über die Übergangswirtschaft in der Nachkriegszeit - wurden in priva­
tem Rahmen innerhalb des »Beckerathzirkels« fortgesetzt. In dieser Zeit
veröffentlichte Eucken mehrere Aufsätze. Vgl. H. Riether und M.
Schmolz, »The Ideas of German Ordoliberalism 1938-1945: pointing
the way to a new economic order«, in: The European Journal of the His­
tory of Economic Thought, Bd. I, 1 (Herbst 1993), S. 87-r14; vgl. auch R.
Klump, »On the phenomenological roots of German ,Ordnungstheo­
rie<«, a.a. 0., S. 158-16o.
8 Michel Foucault verwechselt hier das Datum der Veröffentlichung des
Vorworts, das gemeinsam von Franz Böhm, Walter Eucken und Hans
Grossmann-Doerth unterzeichnet wurde und den Titel »Unsere Auf­
gabe« trägt, im ersten Band der Reihe Die Ordnung der Wirtschaft, die
von den drei Autoren herausgegeben wurde (siehe die englische Über­
setzung dieses Textes mit dem Titel »The Ordo Manifesto of 1936«, in:
Alan Peacock und Hans Willgerodt (Hrsg.), Germany's Social Market
Economy: Origins and Evolution, London, Macmillan, 1989, S.15-26)
mit dem Datum der ersten Nummer der Zeitschrift Ordo im Jahre
1948. Diese Zeitschrift erschien jährlich von 1948 bis 1974 bei Helmut
Küpper in Düsseldorf und anschließend ab 1975 bei Gustav Fischer in
Stuttgart.
9 Walter Eucken, Die Grundlagen der Nationalökonomie, Jena 1940;
zweite Aufl. 1942; engl. Übersetzung The Foundations of Economics,
Edinburgh 1950.
ro Vgl. oben, Vorlesung 4, Anm. 28.
rr Franz Böhm (1895-r977) war von r925-r932 Rechtsberater im Wirt­
schaftsministerium. Er lehrte von r933 bis r93 8 Jura an den Universitä­
ten von Freiburg und Jena, mußte jedoch wegen seines Widerstands ge­
gen die antisemitische Politik zurücktreten. Nach dem Krieg wurde er
Kultusminister von Hessen ( I 94 5- I 946) und dann Professor für Zivil­
und Wirtschaftsrecht an der Universität Frankfurt. Er war Mitglied des
Bundestags (CDU) von r953 bis r965 und spielte von r948 bis r977 eine
aktive Rolle im wissenschaftlichen Beirat der Verwaltung für Wirt­
schaft des vereinigten Wirtschaftsgebietes in Frankfurt. r965 wurde er
erster deutscher Botschafter in Israel. Wichtigste Arbeiten: Wettbe­
werb und Monopolkampf, Berlin r933; Ordnung der Wirtschaft als ge­
schichtliche Aufgabe und rechtsschöpferische Leistung, Stuttgart/Berlin
r937; Wirtschaftsordnung und Staatsverfassung, Tübingen r950. Siehe
auch seine Reden und Schriften, Karlsruhe 1960. Er war mit Walter
Eucken und Hans Grossrnann-Doerth einer der Mitunterzeichner des
»ordoliberalen Manifests« von r936 (vgl. oben, Anm. 8).
r2 Alfred Müller-Armack (r9or-r978) war ab r926 wirtschaftswissen­
schaftlicher Assistent an der Universität Köln. r940 erhielt er einen
Lehrstuhl in Münster und dann noch einmal r950 in Köln. r933 ge­
hörte er der nationalsozialistischen Partei an, obwohl er ihre Rassen­
lehre verurteilte (vgl. sein Buch Staatsidee und Wirtschaftsordnung im
neuen Reich, Berlin r933). Später nimmt er immer mehr Abstand auf­
grund seiner religiösen Überzeugungen. Von 1952 bis r963 war er Mi­
nisterialdirektor im Wirtschaftsministerium und Staatssekretär für eu­
ropäische Probleme. In dieser Eigenschaft nahm er an der Abfassung
der Römischen Verträge teil. r963 gab er sein Amt auf, um Positionen
in den Verwaltungsräten mehrerer großer Unternehmen zu bekleiden.
Außerdem war er Mitglied der Gruppe von Mont-Pelerin, die r947 auf
Initiative von Friedrich von Hayek in der Schweiz gegründet wurde,
um das freie Unternehmen zu verteidigen. Zu dieser Gruppe gehörte
auch Ludwig von Mises, Wilhelm Röpke und Milton Friedman. Vgl.
Fran�ois Bilger, La pensee economique, a. a. 0., S. IIr-u 2. Wichtigste
Arbeiten außer seiner Genealogie der Wirtschaftsstile (unten, Anm. r4):
Wirtschaftslenkung und Markr--.oirtschaft, Düsseldorf r946, zweite
Aufl. 1948; Diagnose unserer Gegenwart. Zur Bestimmung unseres gei­
stesgeschichtlichen Standortes, Gütersloh r 949; Religion und Wirtschaft.
Geistesgeschichtliche Hintergründe unserer europäischen Lebens[orm,
Stuttgart r959.
r3 In Wirklichkeit handelt es sich um Köln (vgl. die vorangehende An­
merkung).
r4 Alfred Müller-Armack, Genealogie der Wirtschaftsstile: die geistesge­
schichtlichen Ursprünge der Staats- und Wirtschaftsformen bis zum
Ausgang des I8.Jahrhunderts, Stuttgart r94r; 3.Aufl. r944. Der Autor
»versuchte zu zeigen, daß die wirtschaftliche Organisation eines Zeital-

177
ters die ökonomische Übersetzung der herrschenden ,Weltanschau­
ung< ist«, und »leitete daraus die Notwendigkeit ab, nach dem Krieg
eine Wirtschaft aufzubauen, die mit dem neuen >Lebensstil< überein­
stimmt, den die Deutschen annehmen wollten.« (Bilger, La pensee eco­
nomique, 1. a.O., S. ro9-uo.)
1 5 Dieser Begriff des »Wirtschaftsstils«, der die globale sozio-ökonomi­
sche Form einer Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit bezeichnet,
wurde von Arthur Spiethoff geprägt (»Die allgemeine Volkswirt­
schaftslehre als geschichtliche Theorie. Die Wirtschaftsstile«, in:
Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Wirtschaft im
Deutschen Reich, 56, II. (r932)), um den Begriff des »Wirtschaftssy­
stems« genauer zu fassen, der von Werner Sombart in den r92oer Jah­
ren eingeführt worden war (Die Ordnung des Wirtschaftslebens, Berlin,
Ju!ius Springer, 1927; Die drei Nationalökonomien - Geschichte und
System der Lehre von der Wirtschaft, Berlin r930). Er verfolgte also
teilweise die Problematik der deutschen Schule des Historismus weiter,
obwohl er sich um eine strengere typologische Analyse sorgte. Dieser
Begriff ist Gegenstand einer kritischen Untersuchung von W. Eucken,
Die Grundlagen der Nationalökonomie, a. a.O., S.7r-74; vgl. Hans
Möller, »Wirtschaftsordnung, Wirtschaftssystem und Wirtschaftsstil:
ein Vergleich der Auffassungen von Walter Eucken, Werner Sombart
und Arthur Spiethoff«, in: Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Ver­
waltung und Volkswirtschaft, 64, Berlin 1940, S.75-98. In seinen Auf­
sätzen aus den 5oer und 6oer Jahren verwendet Müll�r-Armack häufig
den Begriff des Stils, um das Aktionsprogramm der sozialen Marktwirt­
schaft zu bestimmen (vgl. z.B. »Stil und Ordnung der sozialen Markt­
wirtschaft« (1952), in: Alfred Müller-Armack, Wirtschaftsordnung und
Wirtschaftspolitik, Freiburg/Brsg. r966, S. 23r-242). Vgl. auch S. Broyer,
»Ordnungstheorie et ordoliberalisme: !es lec,ons de la tradition«. In: P.
Commun (Hrsg.), L'ordoliberalisme allemand, a. a. 0 ., S. 90-9 5.
r6 Wilhelm Röpke (r899-t966) war bis zu seiner Absetzung aus politi­
schen Gründen Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Univer­
sität Marburg. Er war ein überzeugter Anhänger des Neomarginalismus
und wurde r930-r931 zum Mitglied eines offiziellen Ausschusses zur
Erforschung der Arbeitslosigkeit gewählt. Vgl. Bilger, La pensee econo­
mique, a. a. 0., S. 93-103; undJ. Franc,ois-Poncet, a.a.O., S. 56-57.
r7 Kurt von Schleicher (r882-1934): Minister der Reichswehr (Juni 1932).
Nach dem Rücktrin von Papens im Dezember 1932 wurde er Kanzler,
mußte aber im Januar 1933 das Amt an Hitler abgeben. Im folgenden
Jahr wurde er von den Nazis ermordet. Es scheint, daß Foucault hier
Röpke und Rüstow verwechselt (vgl. unten, Vorlesung 5, Anm. r6 und
23). Letzterem wollte Schleicher nämlich das Wirtschaftsministerium
im Januar r933 anvertrauen.
r8 Dort lernte er den Soziologen Alexander Rüstow kennen, der selbst
auch emigriert war (vgl. unten Anm. 23).
19 Im Jahre 1937. Er lehrte dort am Institut des Hautes Etudes Internatio­
nales. Außerdem führte er den Vorsitz der Societe du Mom-Pelerin
(vgl. oben, Anm. 12 zu Müller-Armack) von 1960 bis 1962.
20 Wilhelm Röpke, Ist die deutsche Wirtschaftspolitik richtig? Analyse und
Kritik, Stuttgart 1950 (vgl. Bilger, La pensee economique, a. a. 0., S. 97);
wieder erschienen in: Wolfgang Stützei u. a. (Hrsg.), Grundtexte zur
Sozialen Marktwirtschaft, a. a. 0., S. 49-62.
21 Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, Erlenbach/Zürich, vierte Aufl.
1945; das Werk wurde kurz nach seiner Veröffentlichung in Deutsch­
land verboten (vgl. Völkischer Beobachter vom Ir. Juli 1942); die ande­
ren Bände, die zu diesem Buch gehören, sind: Civitas Humana:
Grundfragen der Gesellschafts- und Wirtschaftsreform, Erlenbach/Zü­
rich 1944,und Internationale Ordnung, Erlenbach/Zürich 194 5. Röpke
publizierte ebenfalls 194 5 ein Buch über die »deutsche Frage« (Die deut­
sche Frage, Erlenbach/Zürich 194 �),in dem er die konstitutionelle Mon­
archie als Möglichkeit empfahl,den Rechtsstaat wiedereinzurichten.
22 Edmund Husserl, Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die
transzendentale Phänomenologie, Den Haag 1954. Wenn das Werk
auch in seiner endgültigen Version zu den posthum erschienenen
Schriften von Husserl gehört, so wurde doch der erste Teil, der 1935
Gegenstand zweier Vorträge in Wien und in Prag war, 1936 in Arthur
Lieberts Zeitschrift Philosophia in Belgrad veröffentlicht. Es ist also
möglich, daß Röpke den Text gekannt hat. Er bezieht sich jedoch nicht
ausdrücklich auf ihn. Seine Quelle oder sein impliziter Bezug ist eher
religiös als philosophisch. V gl. Civitas Humana, a.a.0., frz. Übers.,
S. 12: »ein aufmerksamer Leser der berühmten, aber vielverkanmen
Enzyklika Quadragesima Anno (1931) wird dort eine Gesellschafts­
und Wirtschaftsphilosophie finden, die im Grunde zum selben Ergeb­
nis kommt [wie Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart]«. Zu dieser En­
zyklika vgl. oben, Vorlesung 4, Anm. 3 r.
23 Alexander Rüstow (1885-1963), Sohn eines preußischen Generaloffi­
ziers. Er war Anhänger eines radikalen Sozialismus und gehörte der er­
sten Generation der Jugendbewegung an. Nach dem ersten Weltkrieg
war er beim Wirtschaftsministerium angestellt und wurde 1924 wis­
senschaftlicher Berater des Vereins deutscher Maschinenbauanstalten
(VDMA). Seine Stellungnahmen zugunsten eines sozialen Liberalismus
machten ihn zur Zielscheibe der Kommunisten und Nationalsoziali­
sten. Nach seinem Exil im Jahre 1933 erhielt er aufgrund der Unterstüt­
zung Röpkes eine Stelle als Professor für Wirtschafts- und Sozialge­
schichte in Istanbul, wo er bis 1947 blieb. 1950 wurde er Nachfolger
von Alfred Weber auf dem Lehrstuhl für Wirtschaftssoziologie. Seine
wichtigsten Arbeiten sind: Das Versagen des Wirtschaftsliberalismus als
religionsgeschichtliches Problem, Istanbul 1945, und seine monumen­
tale Trilogie Ortsbestimmung der Gegenwart, Bd. I: Ursprung der
Herrschaft, Erlenbach/Zürich 1950, Bd.II: Weg der Freiheit, Zürich

1 79
r952; Herrschaft oder Freiheit, Zürich 1955. Vgl. die Rezension von:
C.J. Friedrich, »The Political Thought of Neo-Liberalism«, in: The
American Political Science Review, Bd.49, 2 (Juni 1955), S. 514-525.
24 Friedrich von Hayek. Geboren in Wien am 8. Mai 1899. Er studierte
Jura und politische Wissenschaften in Wien, wo er die Vorlesungen zur
politischen Ökonomie von Friedrich von Wieser ( 18 5 1-1926) besuchte,
und nahm an den informellen Seminaren teil, die Ludwig von Mises in
seinem Büro veranstaltete, der damals Beamter der Handelskammer
war. Von Hayek, der noch zu einem am Sozialismus orientierten Den­
ken der Fabier neigt, wird bald zum Anhänger der ultra-liberalen The­
sen, die von Mises in seinem Buch Die Gemeinwirtschaft (1922, vgl.
oben, Vorlesung 4, Anm.11) verteidigt. Nachdem er Leiter des Wiener
Instituts für Wirtschaftsforschung geworden war (dessen stellvertre­
tender Leiter Mises ist), verließ er Osterreich, um 1931 nach London zu
gehen. Er wurde 19 5 2 zum Professor für Sozial- und Verhaltenswissen­
schaften an der Universität Chicago ernannt und kehrte 1962 nach
Deutschland zurück, um seine Laufbahn an der Universität Freiburg
zu beenden.
25 Ausgerufen am 9. November 1918 nach der Bekanntmachung der Ab­
dankung von Wilhelm II. Die Weimarer Republik (1919-1933), die
1919 eine Verfassung erhielt, mußte sich gegen beträchtliche wirt­
schaftliche Schwierigkeiten zur Wehr setzen, die insbesondere mit der
Inflation, welche durch die Reparationskosten verschlimmert wurde,
und mit dem Schock der Krise von 1929 zu tun hatten. Diese Umstände
begünstigten das Aufblühen extremistischer Bewegungen.
26 Max Weber (1864-1920). Es ist nicht sicher, daß Foucault sich hier auf
Webers großes Werk Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1922,.be­
zieht, sondern eher auf Die protestantische Ethik und der Geist des Ka­
pitalismus, was schon weiter oben angesprochen wurde (vgl. oben,
Vorlesung 4, Anm. 25).
27 Zur überbordenden Literatur, die die Beziehung von Weber zu Marx
behandelt und den sich widersprechenden Standpunkten, die dort an­
zutreffen sind, vgl. Catherine Colliot-Thelene, »Max Weber et l'heri­
tage de la conception materialiste de l'histoire«, in: Etudes weberiennes,
Paris 2001, S. ro3-132.
28 Max Horkheimer (1895-1973), Mitbegründer des Instituts für Sozial­
!orschung, das 1923 in Frankfurt gegründet wurde und das Horkheimer
ab 1931 neu organisierte. Nachdem er 1933 entlassen wurde, leitete er
die Genfer Filiale des Instituts und ließ sich 1934 in New York nieder.
Im April 1948 kehrte er nach Deutschland zurück.
29 Vgl. oben, Vorlesung 4, S. u7.
30 Ludwig Joseph {Lujo) Brentano (1844-1931). Mitglied der Jüngeren
Historischen Schule, die von Gustav von Schmoller (1838-1917) gelei­
tet wurde. Vgl. Joseph A. Schumpeter, Geschichte der ökonomischen
Analyse, a. a. 0., Bd. I, S. 7 r 2-7 r 3. Frani;:ois Bilger, La pensee economi-

180
que, a.a.O., S.25-26, stellt ihn als »Gründer des deutschen Liberalis­
mus« dar. »Er pries einen Liberalismus an, der sich vom englischen
Liberalismus nicht nur durch ein negatives, sondern auch durch ein po­
sitives Programm vor allem im sozialen Bereich unterscheiden sollte.
Der Staat sollte also interveriieren, und Brentano gehörte dem >Verein
für Sozialpolitik< an, der von den Staatssozialisten gegründet wurde; er
unterstützte die Sozialpolitik, die vom Reich verwirklicht wurde, und
billigte die Bildung von Arbeitergewerkschaften, die seiner Meinung
nach die Wiederherstellung eines Kräftegleichgewichts auf dem Ar­
beitsmarkt ermöglichte.«
31 Friedrich List (1789-1846), Das Nationale System der Politischen Öko­
nomie, Stuttgart und Tübingen 1841. Zur Rolle von List bei der Entste­
hung der » Lehre vom erzieherischen Protektionismus « vgl. Wilhelm
Röpke, Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart (vgl. unten, Anm. 21),
S.91-100.
32 Deutscher Zollverein: Eine Zollvereinigung deutscher Staaten, die im
19. Jahrhundert unter der Leitung von Preußen verwirklicht wurde. Sie
wurde 1818 initiiert und erstreckte sich 1854 fast auf das gesamte
Deutschland. Sie verwirklichte die wirtschaftliche und die Zolleinheit
des Landes und trug stark zu seiner Umwandlung in eine wirtschaftli­
che Großmacht bei. Siehe zu diesem Thema die Aufzeichnungen von
Foucault auf den letzten Seiten des Manuskripts der vorangehenden
Vorlesung (oben, S.138).
3 3 Walther Rathenau (1867-1922). Jüdischer Industrieller, der sich ab 1915
mit der Organisation der deutschen Kriegswirtschaft befaßte. Als er
1922 Außenminister war, wurde er von zwei rechtsextremen Nationa­
listen ermordet. Vgl. Wilhelm Röpke, Civitas Humana, S.136, und.
Anm.1 auf S.162: »Der ewige Saint-Simonismus, der von seinem Be­
gründer den Gedanken herrschsüchtiger Planung erbt, begegnet uns
auch in der tragisch zerrissenen und schließlich selbst einer zerrissenen
Zeit zum Opfer fallenden Figur von Walther Rathenau (...). Er ist zu­
gleich das gewesen, was man einige Zeit später als ,Technokrat< be­
zeichnet hat.« Vgl. auch Friedrich von Hayek, Der Weg zur Knecht­
schaft, Erlenbach/Zürich 1945, S.218, der den Einfluß seiner Ideen auf
die wirtschaftlichen Optionen des Naziregimes unterstreicht.
34 Vgl. Vorlesung 5, Anm. 5.
35 Vgl. Vorlesung 5, Anm. 6.
36 Der Vierjahresplan bestand auf der absoluten Priorität der Aufrüstung.
Über die Rolle und die Organisation des Planungsbüros des Vierjah­
resplans, das von Göring geleitet wurde, vgl. Franz Neumann, Behe­
moth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944, Frank­
furt/M. 1988, S.301-302. Zu einer Synthese der jüngsten Arbeiten über
diesen Augenblick der deutschen Wirtschaftspolitik vgl. lan Kershaw,
Qu'est-ce que le nazisme?, Problemes et perspectives d'interpretation,
frz. Übersetzung von J. Carnaud, Paris 1997, S. 113-115. Siehe auch
Harold James, The German Slump, Politics and Economics, 1924-1936,
Oxford 1986.
37 V gl. Friedrich von Hayek, Der Weg zur Knechtschaft, a.a.O., S.218:
»Wahrscheinlich hat er durch seine Schriften mehr als irgendein ande­
rer die Wirtschaftsanschauungen der Generation bestimmt, die in
Deutschland während des letzten Krieges und unmittelbar danach her­
anwuchs, und einige seiner engsten Mitarbeiter sollten später den
Stamm der Beamten bilden, die dann den Göringschen Vierjahresplan
durchfühnen.«
38 William Beveridge (1879-1963) wurde von Churchill 1940 zum Vorsit­
zenden eines interministeriellen Ausschusses ernannt, der die Aufgabe
hatte, Verbesserungen für das englische System der Sozialversicherung
vorzuschlagen. 1942 veröffentlichte er einen ersten Bericht, Social insu­
rance and allied services (New York 1969), in dem er die Schaffung ei­
nes Systems der verallgemeinerten, vereinheitlichten und zentralisier­
ten Sozialversicherung empfahl sowie die Schaffung eines kostenlosen
und allen zugänglichen Gesundheitsdienstes. 1944 schrieb er einen
zweiten Bericht, Full employment in a free society, der stark dazu bei­
trug, die keynesianischen Thesen zu popularisieren. Der erste Bericht
wurde niemals ganz ins Französische übersetzt (über die Synthes.:n,
Kommentare und Analysen, die in den 4oer Jahren auf französisch ver­
öffentlicht wurden, vgl. Nicole Kerschen, »L'influence du rapport
Beveridge sur Je plan fran�ais de securite sociale de 1945 « , in: Revue
franfaise de science politique, 45, 4 (August 1995), S. 571). V gl. auch R.
Servoise, Le premier plan Beveridge, le second plan Beveridge, Paris,
Domat-Monchrestien, 1945. Michel Foucault erwähnt den Beveridge­
Plan in verschiedenen Vorlesungen und Gesprächen. Vgl. insbeson­
dere: »Krise der Medizin oder Krise der Antimedizin? « (1976), in:
Schriften, Bd.III, S. 55-57; »Ein endliches System gegenüber einer un­
endlichen Forderung« (1983), in: DE, Bd. rv, S. 373.
39 Wilhelm Röpke, »Der Beveridgeplan«, in: Schweizerische Monatshefte
für Politik und Kultur, Juni-Juli 1943. Diese Kritik des Beveridge-Plans
faßt Röpke in Civitas Humana, a. a. 0., S. 247-263 zusammen (vgl. un­
ten, Vorlesung 8, Anm. 5). Wie Keith Tribe bemerkt, indem er sich auf
diese Passage der Vorlesung bezieht, in Strategies of Economic Order,
German Economic Discourse 1750-1950, Cambridge 1995, S.240: »Wir
haben es hier mit einer gewissen künstlerischen Freiheit zu tun, denn
Röpke scheint sich mit seinen Äußerungen nicht festgelegt zu haben. «
40 Über die rechtliche Struktur des nationalsozialistischen Staats hatte
Michel Foucault insbesondere die Arbeiten von Marcel Cot gelesen, La
conception hitlerienne du droit, juristische Dissenation, Toulouse 1938
und von Roger Bonnard, Le droit et /'Etat dans sa doctrine national-so­
cialiste, Paris 1936 (zweite Aufl. 1939).
41 Werner Sombart (1863-1941), mit Arthur Spiethoff und Max Weber ei­
ner der wichtigsten Vertreter der letzten Generation der deutschen Hi-
storischen Schule. Von 1917 an war er Professor für Ökonomie in Ber­
lin. Sein erstes großes Werk, Der moderne Kapitalismus (Leipzig 1902 ),
fügt sich in die Kontinuität der These von Marx ein und verschafft ihm
den Ruf eines Sozialisten. 1924 schließt er sich dem Programm der kon­
servativen Revolution an und wird 1933 Mitglied der Akademie für
deutsches Recht. Trotz seines Eintretens für das Fthrerprinzip billigt
er die nationalsozialistischen Rassentheorien nicht. Seine letzten Bü­
cher, darunter Der deutsche Sozialismus, werden vom Regime nicht
günstig aufgenommen.
42 Der deutsche Sozialismus, Berlin-Charlottenburg 1934.
43 Vgl. Herben Marcuse, One-dimensional Man. Studies in the Ideology
of Advanced lndustrial Societies, Boston 1964; dt. Der eindimensionale
Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesell­
schaft, München 1998.
44 Werner Sombart, Der deutsche Sozialismus, a.a.O., erster Teil: »Das
ökonomische Zeitalter«, Kap. 2 (»Der Umbau der Gesellschaft und des
Staats«) und 3 (»Das geistige Leben«), S.13-43.
45 Vgl. beispielsweise Sombart, Das Proletariat, Frankfurt/M. 1906, in
dem er schon die Einsamkeit und die Entwurzelung der Arbeiter durch
das »Zeitalter der Wirtschaft« anprangene. Vgl. auch Der Bourgeois,
München/Leipzig 1913, worauf sich Foucault weiter unten bezieht,
Vorlesung 6, S. 208.
46 Anspielung auf Guy Debords La societe du speaacle (Paris, Buchet­
Castel, 1967); dt. Die Gesellschaft des Spektakels, 1978. Die Bücher
von Marcuse und von Debord, auf die Foucault hier anspielt, waren seit
dem Ende der 6oer Jahre zentrale Referenzen der situationistischen
Gesellschaftskritik. Vgl. M. Foucault,STB, S.486 und S. p6, Anm.15.
47 Vgl. Wilhelm Röpke, Civitas Humana, a.a.O., S. 136: »Sein Erfolg be­
ruhte darauf, daß er aus dem Szientismus die letzte Konsequenz für das
Gesellschaftsleben und die Politik zog«.
48 Claude Henri de Rouvroy, Graf von Saint-Simon (1760-1825), Philo­
soph, Ökonom und französischer Gesellschaftsreformer. Um die
durch die Revolution begonnene Krise zu lindern, hatte er in Du sys­
teme industriel (1821, Neuausg. Paris 1966) einen Plan einer »allge­
meinen Umgestaltung des Gesellschaftssystems« (S. 11) vorgestellt, der
das alte »feudale und militärische System« (S.12) durch das »industri­
elle System« ersetzen sollte, welches auf der Herrschaft der Industriel­
len und der Wissenschaftler beruhen und die ganze Gesellschaft im
Hinblick auf ein »industrielles Ziel« (S..19) organisieren sollte. Vgl.
auch den Catechisme des industriels (Genf 1977), wovon Auguste
Comte einen Teil redigiene. Seine Schüler - Rodrigues, Enfantin, Ba­
zard - organisierten sich nach seinem Tcid in einer Gesellschaft, und
zwar im Umkreis d�r Zeitschrift Le Produaeur. Ihre Bewegung spielte
eine wichtige Rolle in der Kolonialpolitik der Julimonarchie, beim Bau
der ersten Eisenbahnen und für den Durchstich des Suezkanals.
49 Vgl. unten, Vorlesung 7, S.234, den expliziteren Bezug auf Walras,
Marshall und Wicksell.
50 Der Bezug auf die eidetische Reduktion Busserls findet sich bei Euk­
ken ab 1934 in seinem Essay »Was leistet die nationalökonomische
Theorie?«, der als Einleitung seiner Schrift Kapitaltheoretische Unter­
suchungen (Jena 1934) vorangestellt ist. Zum ersten Mal reflektiert er
darin seine Methode - ein Abstraktionsschritt, der sich durch die »Re­
duktion des tatsächlich Gegebenen auf reine Fälle« vollzieht.
51 Zur Anschauung des Wesens oder eidos im Gegensatz zur empirischen
Anschauung vgl. E. Busserl, Ideen zu einer reinen Phänomenologie
und phänomenologischen Philosop hie, Halle r9r3.
52 Vgl. Fran�ois Bilger, La pensee economique, a.a. 0., S. 155: »Die Theo­
rie des vollkommenen Wettbewerbs wird von den Liberalen nicht als
positive, sondern als normative Theorie angesehen, als ein Idealtypus,
den zu erreichen man sich anstrengen muß.«
53 Vgl. oben, Vorlesung 5, Anm. 50.
54 Vgl. Fran�ois Bilger, La pensee economique, a.a.O., S. 52: »Die ökono­
mische Formenlehre [d. h. die typologische Analyse der Wirtschaftssy­
steme) bietet Walter Eucken zufolge »eine enge Verbindung zwischen
der empirischen Sicht geschichtlicher Ereignisse und der allgemeinen
theoretischen Analyse, die für das Verständnis der Beziehungen not­
wendig ist. « Zum Aufbau der morphologischen Analyse des Rahmens
und der theoretischen Analyse der Wirtschaftsprozesse innerhalb die­
ses Rahmens vgl. ebd. S. 54-55.
Vorlesung 6
(Sitzung vom 14. Februar 1979)

Der deutsche Neoliberalismus (Fortsetzung). -


Nützlichkeit historischer Analysen in bezug auf die Gegenwart. -
Worin unterscheidet sich der Neoliberalismus vom klassischen
Liberalismus? - Sein besonderer Einsatz: Wie ist die globale
Ausübung politischer Macht im Hinblick auf die Prinzipien einer
Marktwirtschaft zu regeln, und die Veränderungen, die sich
daraus ergeben. - Die Entkoppelung der Marktwirtschaft von
der Politik des Laissez-faire -Die Walter-Lippmann-Konferenz
(26.-30. August 1938). -Das Problem des Stils der
Regierungshandlung. Drei Beispiele: a) das Problem der Monopole;
b) das Problem der »konformen Handlungen«. Die Grundlagen
der Wirtschaftspolitik nach Walter Eucken. Regulierende und
anordnende Handlungen; c) die Sozialpolitik. Die ordoliberale Kritik
an der Wohlfahrtsökonomie. - Die Gesellschaft als Ansatzpunkt
der Regierungsinterventionen. Die »Gesellschaftspolitik«. -
Wichtigster Aspekt dieser Politik: die Formalisierung der
Gesellschaft nach dem Modell des Unternehmens. -
Unternehmensgesellschaft und Rechtsgesellschaft, die beiden
Seiten ein und desselben Phänomens.

Ich hatte begonnen, über den deutschen Neoliberalismus zu


sprechen, und damit möchte ich heute fortfahren. Wenn man
vom Neoliberalismus spricht, ob es sich nun um den deutschen
handelt oder nicht, also vom zeitgenössischen Neoliberalis­
mus, bekommt man im allgemeinen drei Arten von Antwor­
ten.
Erstens: Was ist der Neoliberalismus vom ökonomischen Ge­
sichtspunkt aus gesehen? Nichts weiter als die Wiederbele­
bung alter, schon abgetragener ökonomischer Theorien.
Zweitens: Was ist der Neoliberalismus soziologisch betrach­
tet? Nichts weiter als das Medium, durch das sich in der Ge­
sellschaft ausschließlich Handelsbeziehungen einstellen.
Und schließlich ist der Neoliberalismus vom politischen
Standpunkt aus nichts weiter als ein Deckmantel für ein allge-
meines und administratives Eingreifen des Staats, ein Eingrei­
fen, das um so schwerer wiegt, als es heimtückischer ist und
sich unter dem Antlitz des Neoliberalismus verbirgt.
Man sieht, daß diese drei Arten von Antworten den Neolibera­
lismus so erscheinen lassen, als ob er schließlich überhaupt
nichts wäre oder jedenfalls nichts anderes als immer dasselbe,
und zwar immer dasselbe im schlechteren Sinne. Das bedeutet:
Der Neoliberalismus ist der kaum wiederbelebte Adam Smith;
zweitens bedeutet er eine Handelsgesellschaft, nämlich die, die
das erste Buch des Kapital dechiffriert und angeprangert hat;
drittens ist er die Verallgemeinerung der Staatsmacht, d. h. Sol­
schenizyn1 im globalen Maßstab.
Adam Smith, Marx, Solschenizyn, Laissez-faire, Handelsge­
sellschaft und Gesellschaft der Schauspiele, Welt der Konzen­
trationslager und Gulag: Hier haben wir, in groben Zügen, die
drei analytischen und kritischen Matrizen, anhand deren m....'1
das Problem des Neoliberalismus gewöhnlich angeht, was also
ermöglicht, praktisch überhaupt nichts zu tun, denselben Typ
von Kritik seit zweihundert, hundert, zehn Jahren mehrfach zu
wiederholen. Ich möchte Ihnen nun zeigen, daß der Neolibera­
lismus trotzdem etwas anderes ist. Ob etwas Besonderes oder
nicht, das weiß ich nicht, aber gewiß doch etwas. Und dieses
Etwas würde ich gern in seiner Einzigartigkeit zu fassen versu­
chen. Denn wenn es richtig ist, daß es eine Reihe wichtiger po­
litischer Auswirkungen haben kann, wenn man geschichtliche
Analysen unternimmt, die sich gerade als geschichtliche dar­
stellen und die versuchen, einen bestimmten Typ von Prakti­
ken, von lnstitutionsformen usw. festzustellen, die zu einer ge­
wissen Zeit und an gewissen Orten stattfanden und verbre�tet
waren, wenn es wichtig sein kann, zu zeigen, was zu einem be­
stimmten Augenblick beispielsweise ein Gefängnis[mechanis­
musY usw. war, und zu sehen, welche Wirkung diese Art von
historischer Analyse in der gegenwärtigen Situation hat, dann
keineswegs und niemals, um unausdrücklich oder erst recht

* Vermutung: unverständliches Wort.

186
nicht ausdrücklich zu sagen, daß das, was damals war, dasselbe
ist wie heute. Das Problem besteht darin, das Wissen über die
Vergangenheit für die Erfahrung und die Praxis der Gegenwart
in Anschlag zu bringen. Es geht keinesfalls darum, die Gegen­
wart in eine wiedererkennbare Form aus der Vergangenheit zu
pressen, die jedoch in der Gegenwart Geltung haben soll. Diese
Übertragung politischer Wirkungen von einer historischen
Analyse in Gestalt einer einfachen Wiederholung gilt es um je­
den Preis zu vermeiden. Deshalb insistiere ich auf dem Pro­
blem des Neoliberalismus, um zu versuchen, ihn von diesen
Kritiken zu befreien, die auf der Grundlage von einfach trans­
ponierten historischen Matrizen stehen. Der Neoliberalismus
ist nicht Adam Smith, nicht die Handelsgesellschaft, nicht der
Gulag im heimtückischen Maßstab des Kapitalismus.
Was ist der Neoliberalismus dann? Ich hatte letztes Mal ver­
sucht, zumindest sein theoretisches und politisches Prinzip an­
zugeben. Ich hatte zu zeigen versucht, daß das Problem für den
Neoliberalismus im Unterschied zum Liberalismus vom Typ
Adam Smiths, zum Liberalismus des 18.Jahrhunderts, keines­
wegs darin bestand, wie man innerhalb einer schon gegebenen
politischen Gesellschaft einen Freiraum des Marktes abgren­
zen und einrichten könnte. Das Problem des Neoliberalismus·
besteht im Gegenteil darin, wie man die globale Ausübung der
politischen Macht anhand von Prinzipien einer Marktwirt­
schaft regeln kann. Es geht also nicht darum, einen freien Raum
zu schaffen, sondern die formalen Prinzipien einer Marktwirt­
schaft auf die allgemeine Regierungskunst zu beziehen oder
abzubilden. Das ist, glaube ich, der Einsatz, und ich hatte ver­
sucht zu zeigen, daß die Neoliberalen gezwungen waren, dem
klassischen Liberalismus eine Reihe von Veränderungen auf­
zuerlegen, um diese Operation erfolgreich durchzuführen,
d. h. zu wissen, inwieweit und in welchem Maße die formalen
Prinzipien einer Marktwirtschaft auf eine allgemeine Regie­
rungskunst abgebildet werden können. Die erste dieser Verän­
derungen, die ich Ihnen letztes Mal zu zeigen versucht hatte,
bestand im wesentlichen in der Trennung der Marktwirtschaft,
des ökonomischen Prinzips des Marktes auf der einen Seite,
vom politischen Prinzip des Laissez-faire auf der anderen Seite.
Diese Entkoppelung zwischen der Marktwirtschaft und der
Politik des Laissez-faire wurde, glaube ich, von dem Augen­
blick an festgelegt und erreicht - jedenfalls wurde das Prinzip
festgesetzt-, als die Neoliberalen eine Theorie des.reinen Wett­
bewerbs vorgelegt hatten, die diesen Wettbewerb überhaupt
nicht als elementare und natürliche Gegebenheit erscheinen
läßt, die sich gewissermaßen am Ursprung, am Grund der Ge­
sellschaft befände und die man nur an die Oberfläche steigen
zu lassen und wieder zu entdecken bräuchte; daß der Wettbe­
werb, weit davon entfernt, eine natürliche Gegebenheit zu sein,
eine Struktur mit formalen Eigenschaften sei; daß diese forma­
len Eigenschaften der Wettbewerbsstruktur die Regelung der
Wirtschaft durch den Preismechanismus gewährleisten und
gewährleisten können. Und folglich, wenn der Wettbewe1 b
wirklich eine solche formale Struktur ist, die zugleich streng in
ihrer inneren Struktur, aber zerbrechlich in ihrer geschichtli­
chen und wirklichen Existenz wäre, bestand das Problem der
liberalen Politik gerade darin, einen konkreten und wirklichen
Raum einzurichten, in dem die formale Struktur des Wettbe­
werbs sich verwirklichen konnte. Eine Marktwirtschaft ohne
Laissez-faire, d.h. eine aktive Politik ohne Dirigismus. Der
Neoliberalismus stellt sich also nicht unter dasZeichendes Lais­
sez-faire, sondern im Gegenteil unter das Zeichen einer Wach­
samkeit, einer Aktivität, einer permanenten Intervention.
Das geht klar aus den meisten Texten der Neoliberalen hervor,*
und es gibt einen Text, auf den ich Sie hinweisen möchte, wenn
Sie ihn finden können, denn er ist nicht leicht zu finden. In der
Nationalbibliothek ist er merkwürdigerweise abhanden ge­
kommen, aber Sie werden ihn sicher im Musee social finden. 2
Dieser Text ist eine Zusammenfassung von Diskussionsbeiträ­
gen, die 1939 am Vorabend des Krieges anläßlich eines Sympo­
siums vorgetragen wurden, das Walter-Lippmann-Symposium

'' Michel Foucault sagt: »Neopositivisten«.

r88
hieß. 3 Dieses Symposium wurde in Frankreich4 auf die Veröf­
fentlichung von Lippmanns Buch hin einberufen, das gerade
unter dem Titel La cite [libre]5* ins Französische übersetzt
worden war. Ein merkwürdiges Buch, denn es nimmt einerseits
in Form einer einfachen Wiederbelebung die Themen des klassi­
schen Liberalismus wieder auf, bringt aber auch von verschiede­
nen Seiten Elemente, die dem Neoliberalismus angehören. Das
Buch war gerade in den Vereinigten Staaten erschienen, wurde
ins Französische übersetzt, und dann hat man in Paris ein Sym­
posium veranstaltet, bei dem Walter Lippmann selbst anwe­
send war, die alten Liberalen der klassischen Tradition, Fran­
zosen wie beispielsweise6 Baudin,7 und dann eine Reihe von
deutschen und österreichischen Neoliberalen, nämlich genau
diejenigen, die der Freiburger Schule angehörten, von denen
die einen aus Deutschland vertrieben wurden und die anderen
in Deutschland zum Schweigen gezwungen waren und die dort
Gelegenheit fanden, sich zu äußern. An diesem Symposium
nahmen Röpke,8 Rüstow, Hayek und von Mises9 teil. Und
dann gibt es die Mittelsmänner: Da ist Jacques Rueff, 10 da ist
Marjolin, 11 der immerhin eine bedeutende Rolle in der franzö­
sischen Wirtschaft der Nachkriegszeit spielt. Der Generalse­
kretär dieser Konferenz ist jemand, der das Wort nicht ergreift,
jedenfalls erscheint nichts davon in den Kongreßberichten,
nämlich Raymond Aron. 12 In der Folge dieses Symposiums -
nun, ich weise Sie darauf hin, weil es Leute gibt, die sich insbe­
sondere für die Strukturen der Signifikanten interessieren - be­
schließt man im Juli 1939, 13 ein ständiges Komitee zu bilden,
das sich Comite International d'Etude pour le Renouveau du
Liberalisme, C. I. E.R.L. 1 4 (Internationales Forschungskomitee
zur Erneuerung des Liberalismus) nennen wird. Im Verlauf
dieses Symposiums wurden damals die Lehren, die für den
Neoliberalismus spezifisch und eigentümlich sind, bestimmt -
all das finden Sie in der Zusammenfassung, in der auch andere
T hesen und Themen des klassischen Liberalismus verstreut

* Michel Foucault sagt »future« (zukünftige).


sind. Und an dieser Stelle schlägt einer der Diskussionsteilneh­
mer - ich weiß nicht mehr, wer es war1 5 - als Namen für diesen
Neoliberalismus, den man gerade zu formulieren versuchte,
den sehr bezeichnenden Ausdruck »positiver Liberalismus«
vor. Dieser positive Liberalismus ist also ein intervenierender
Liberalismus. Es ist ein Liberalismus, von dem Röpke in der
Gesellschaftskrisis, die er kurze Zeit nach dem Lippmann-Sym­
posium veröffentlichen wird, sagt: »Die Freiheit des Marktes
macht eine aktive und äußerst wachsame Politik notwendig. «16
Man findet in allen Texten der Neoliberalen dieselbe These, daß
die Regierung in einem liberalen System eine aktive, wachsame
und intervenierende Regierung ist, und zwar mit Formulierun­
gen, die weder der klassische Liberalismus des 19.Jahrhun­
derts noch der zeitgenössische amerikanische Anarcho-Kapi­
talismus akzeptieren könnten. Eucken sagt beispielsweise:
»Der Staat ist für das Ergebnis der Wirtschaftsaktivität verant­
wortlich. «1 7 Franz Böhm sagt: »Der Staat muß das wirtschaftli­
che Werden dominieren. «18 Miksch sagt: »Bei dieser liberalen
Politik « - hier ist der Ausdruck wichtig - »ist es möglich, daß
die Anzahl der wirtschaftlichen Interventionen genauso groß
ist wie in einer Planwirtschaft, ihr Wesen ist jedoch verschie­
den. «19 Nun, ich glaube, wir haben bei diesem Problem des
Wesens der Interventionen einen Punkt, von dem aus wir das
Spezifische in der neoliberalen Politik angehen können. Das
Problem des Liberalismus des 18. Jahrhunderts bis zum frühen
19.Jahrhundert war, wie Sie wissen, die Aufteilung der Hand­
lungen, die man tun sollte, und der Handlungen, die man un­
terlassen sollte, die Aufteilung zwischen Bereichen, wo man
intervenieren konnte, und Bereichen, wo man nicht intervenie­
ren konnte. Die Aufteilung zwischen Agenda und Non
agenda.20 Das ist in den Augen der Neoliberalen eine naive Po­
sition, denn ihr Problem ist nicht, zu wissen, ob es Dinge gibt,
die man nicht anrühren darf, und andere, die man anrühren
darf. Das Problem besteht darin, wie man sie anrührt. Das ist
das Problem der Handlungsweise, das Problem, wenn Sie so
wollen, des Regierungsstils.
Um in etwa zu erkennen, wie die Neoliberalen den Stil des Re­
gierungshandelns bestimmen, werde ich drei Beispiele geben.
Dabei werde ich zugleich schematisch, knapp, brutal sein.
Aber Sie werden sehen, daß Sie diese Dinge gewiß kennen, weil
wir uns ja mitten darin befinden. Ich möchte Ihnen einfach so
und ganz schematisch drei Dinge nennen: erstens die Frage des
Monopols; zweitens das Problem dessen, was die Neoliberalen
eine konforme Wirtschaftsaktion nennen; drittens das Problem
der Sozialpolitik. Und dann werde ich von da aus versuchen,
Ihnen einige der Züge anzugeben, die mir gerade für diesen
Neoliberalismus spezifisch erscheinen und die ihn absolut al­
lem entgegensetzen, was man im allgemeinen zu kritisieren
glaubt, wenn man die liberale Politik des Neoliberalismus kri­
tisiert.
Erstens also die Frage der Monopole. Verzeihen Sie mir bitte
nochmals, es ist sehr banal, aber ich glaube, daß man hier noch
einmal ansetzen muß, zumindest um einige Probleme wieder
zu vergegenwärtigen. Wir können sagen, daß in der Vorstel­
lung oder in einer der klassischen Vorstellungen der Wirtschaft
das Monopol als eine halb natürliche, halb notwendige Konse­
quenz des Wettbewerbs in einem kapitalistischen System be­
trachtet wird, d. h., daß man dem Wettbewerb nicht freien Lauf
lassen kann, ohne daß gleichzeitig monopolistische Phäno­
mene in Erscheinung treten, die sich gerade so auswirken, daß
der Wettbewerb begrenzt und verringert und im Grenzfall auf­
gehoben wird. Es würde also der historisch-ökonomischen
Logik des Wettbewerbs entsprechen, sich selbst aufzuheben,
wobei diese These natürlich impliziert, daß jeder Liberale, der
das Funktionieren des freien Wettbewerbs gewährleisten will,
innerhalb der wirtschaftlichen Mechanismen selbst intervenie­
ren muß. Er muß sich also auf diejenigen konzentrieren, die das
Phänomen der Monopolbildung erleichtern, bestimmen und in
sich tragen. Wenn man also den Wettbewerb vor seinen eigenen
Folgen retten will, muß man manchmal auf die Wirtschaftsme­
chanismen Einfluß nehmen. Darin besteht das Paradox des
Monopols für eine liberale Wirtschaft, die das Problem des
Wettbewerbs aufwirft und die gleichzeitig jene Idee akzeptiert,
daß das Monopol eigentlich zur Logik des Wettbewerbs ge­
hört. Sie können sich denken, daß die Position der Neolibera­
len natürlich davon ganz verschieden sein wird und daß ihr
Problem darin bestehen wird, zu zeigen, daß das Monopol und
die Tendenz zur Monopolbildung tatsächlich nicht zur ökono­
mischen und historischen Logik des Wettbewerbs gehört.
Röpke sagt in der Gesellschaftskrisis, daß das Monopol »ein
Fremdkörper im Wirtschaftsprozeß ist« und sich in ihm nicht
spontan bildet. 21 Um diese These zu stützen, bringen die Neo­
liberalen eine Reihe von Argumenten, die ich Ihnen einfach nur
nennen möchte.
Erstens Argumente historischer Natur, nämlich daß in Wirk­
lichkeit das Monopol, weit entfernt davon, eine irgendwie
letzte und endgültige Erscheinung in der liberalen Wirtschaft
zu sein, ein archaisches Phänomen ist, und zwar ein archaischts
Phänomen, dessen wesentliches Prinzip die Intervention der
öffentlichen Gewalt in die Wirtschaft ist. Schließlich gibt es
Monopole nur deshalb, weil die öffentliche Gewalt oder dieje­
nigen, die die Funktionen der öffentlichen Gewalt ausüben,
den Zünften und Werkstätten Privilegien zugestanden haben,
weil die Staaten und die Souveräne Individuen oder Familien
Monopole zugestanden haben, Monopole als Ausgleich für
eine Reihe von finanziellen Diensten in Form einer Art von ab­
geleiteter oder verdeckter Steuer. Das war beispielsweise das
Monopol der Fugger, das von Maximilian I. als Ausgleich für
Finanzdienste gewährt wurde. 22 Kurz, die Entwicklung eines
Steuerwesens im Mittelalter, die selbst eine Bedingung für das
Wachstum einer zentralisierten Macht darstellte, zog die Bil­
dung von Monopolen nach sich. Das Monopol ist ein archai­
sches Phänomen und eine Erscheinung, die auf Interventionen
zurückgeht.
Außerdem eine juridische Analyse der Funktionsbedingungen
des Rechts, die die Monopolbildung ermöglicht oder begün­
stigt haben. Inwiefern konnten die Erbschaftspraktiken, die
Existenz eines Rechts für Aktiengesellschaften und auch das
Problem der Patentrechte usw. die Erscheinungen der Mono­
polbildung hervorbringen, und zwar auf der Grundlage der
Rechtsprechung und keineswegs aus wirtschaftlichen Grün­
den? Hier haben die Neoliberalen eine ganze Reihe von Pro­
blemen aufgeworfen, die eher historisch und institutioneller
Natur sind als eigentlich wirtschaftlich, die jedoch den Weg für
eine ganze Reihe von sehr interessanten Untersuchungen über
den politisch-institutionellen Rahmen der Entwicklung des
Kapitalismus bereitet haben. Die Amerikaner, die amerikani­
schen Neoliberalen werden davon profitieren. Beispielsweise
liegen die Ideen von North23 über die Entwicklung des Kapita­
lismus genau auf dieser Linie, die von den Neoliberalen eröff­
net wurde und deren Problematik deutlich in mehreren Dis­
kussionsbeiträgen des Lippmann-Symposiums erscheint.
Ein anderes Argument, das zeigen soll, daß das Phänomen des
Monopolismus nicht völlig zu Recht und logischerweise zur
Wettbewerbswirtschaft gehört, ist folgendes: Es handelt sich
um die politischen Analysen der Beziehung zwischen der Exi­
stenz einer Volkswirtschaft, dem Protektionismus und der ·
Monopolbildung. Von Mises hat beispielsweise eine ganze
Reihe von Analysen dazu gemacht. 24 Er zeigt, daß es einerseits
eine Erleichterung der Monopolerscheinungen durch die Auf­
teilung in nationale Märkte gibt, die, indem sie die Wirtschafts­
einheiten auf relativ kleine Größen beschränkt, effektiv inner­
halb dieses Rahmens Monopolerscheinungen ermöglicht, die
in einer Weltwirtschaft nicht bestehen könnten.25 Auf eine
mehr positive und direkte Weise zeigt er, wie der Protektionis­
mus, der tatsächlich vom Staat beschlossen wurde, nur in dem
Maße wirksam sein kann, in dem man sich auf die Existenz von
Kartellen oder Monopolen beruft, die in der Lage sind, die
Produktion, den Verkauf ins Ausland, das Preisniveau usw. zu
kontrollieren.26 Das war in groben Zügen die Politik Bis­
marcks.
Drittens und in ökonomischer Hinsicht weisen die Neolibera­
len auf Folgendes hin. Sie sagen: Es ist richtig, was man in der
klassischen Analyse sagt, wenn man zeigt, daß im Kapitalismus

r93
die notwendige Erhöhung des fixen Kapitals eine unbestreit­
bare Stütze für die Tendenz zur Konzentration und zum Mo­
nopol darstellt. Aber, sagen sie, diese Tendenz zur Konzentra­
tion führt nicht unbedingt und unvermeidlich zum Monopol.
Es gibt natürlich ein Optimum an Konzentration, bei dem sich
das kapitalistische System der Tendenz nach im Gleichgewicht
befindet, aber zwischen diesem Optimum an Konzentration
und dem Maximum, das ein Monopol darstellt, gibt es eine
Schwelle, die nicht automatisch durch das direkte Spiel des
Wettbewerbs und der Wirtschaftsprozesse überschritten wer­
den kann. Es bedarf dessen, was Rüstow den »räuberischen
Neofeudalismus« 27 nennt und »Unterstützung durch den
Staat, die Gesetze, die Gerichte, die öffentliche Meinung« er­
hält. Es bedarf dieses räuberischen Neofeudalismus, um vom
Optimum der Konzentration zum monopolistischen Maxi­
mum überzugehen. Und außerdem, sagt Röpke, ist eine Mono­
polerscheinung jedenfalls nicht an sich stabil, auch wenn es sie
gibt. 28 Das bedeutet, daß es im Wirtschaftsprozeß mittelfristig,
wenn nicht gar kurzfristig, immer entweder Veränderungen
der Produktivkräfte oder technische Veränderungen oder neue
Märkte geben wird. Und alle diese Dinge bewirken, daß die
Entwicklung zum Monopol nur eine Variable unter mehreren
sein kann, die für eine bestimmte Zeit eine Rolle spielt, wäh­
rend die anderen Variablen zu anderen Zeiten vorherrschen
werden. In ihrer Gesamtdynamik umfaßt die Wettbewerbs­
wirtschaft eine ganze Reihe von Variablen, in welcher die Ten­
denz zur Konzentration immer durch andere Tendenzen be­
kämpft wird.
Was ist denn schließlich im Grunde am Phänomen der Mono­
polbildung so bedeutsam - vor allem von Mises argumentiert
auf diese Weise29 - oder vielmehr, was ist daran so beunruhi­
gend in bezug auf das Spiel der Wirtschaft? Ist es die Tatsache,
daß es nur einen Produzenten gibt? Keineswegs. Ist es die Tat­
sache, daß es nur ein Unternehmen gibt, das das Verkaufsrecht
besitzt? Keineswegs. Ein Monopol kann in dem Maße einen
störenden Effekt haben, in dem es die Preise beeinflußt, d. h.

1 94
insofern es den Regulationsmechanismus der Wirtschaft beein­
flußt. Nun kann man sich aber sehr wohl vorstellen - und tat­
sächlich geschieht das regelmäßig -, daß die Monopole einen
Monopolpreis, d. h. einen Preis, der steigen kann, ohne daß we­
der die Verkäufe noch die Gewinne fallen, gar nicht festsetzen
und auch gar nicht festsetzen können, weil, wenn sie es täten,
sie sofort mit einem Wettbewerbsphänomen konfrontiert wä­
ren, das von diesen überzogenen Monopolpreisen profitieren
und das Monqpol bekämpfen würde. Wenn ein Monopol seine
monopolistische Macht behalten möchte, wird es folglich kei­
nen Monopolpreis, sondern einen Preis festsetzen müssen, der
identisch mit dem Preis der Wettbewerber ist oder nahe bei
ihm liegt. Das bedeutet, daß das Monopol sich so verhalten
wird, als ob es einen Wettbewerb gäbe. Und deshalb stört es
den Markt nicht, es stört den Preismechanismus nicht, und in­
sofern ist es bedeutungslos. Indem es diese Politik des »Als
ob«-Wettbewerbs30 verfolgt, bringt das Monopol jene Struktur
ins Spiel, die von so großer Bedeutung ist und die den Wettbe­
werb bestimmt. Und insofern ist es im Grunde nicht relevant,
zu wissen, ob es ein Monopol gibt oder nicht.
All das hat einfach nur den Zweck, das Problem zu charakteri­
sieren, wie es die Neoliberalen stellen wollen. Sie sind gewis ..:
sermaßen vom Problem der Behinderung durch Monopole gar
nicht betroffen. Sie können sagen: Sie verstehen wohl, daß man
in den Wirtschaftsprozeß nicht direkt einzugreifen braucht,
weil der Wirtschaftsprozeß, der, wenn man ihm freien Lauf
läßt, die regelnde Struktur des Wettbewerbs in sich trägt, gar
nie in Unordnung geraten wird. Dem Wettbewerb ist die for­
male Strenge seines Prozesses eigentümlich. Die Garantie da­
für, daß dieser formale Prozeß nicht in Unordnung gerät, be­
steht jedoch darin, daß, wenn man ihm freien Lauf läßt, es
keinen Einfluß des Wettbewerbs oder des Wirtschaftsprozes­
ses selbst geben wird, der den Verlauf dieses Prozesses ändern
würde. Folglich ist auf dieser Ebene das Nichteingreifen not­
wendig. Nichteingreifen unter dem Vorbehalt, daß man natür­
lich einen institutionellen Rahmen einrichten muß, der zu ver-

195
hindern hätte, daß es Leute gibt, sei es individuelle oder öffent­
liche Mächte, die mit dem Ziel intervenieren, ein Monopol zu
schaffen. Und so findet man in der deutschen Gesetzgebung ei­
nen gewaltigen anti-monopolistischen Rahmen, der jedoch
keineswegs den Zweck erfüllt, in das wirtschaftliche Gesche­
hen einzugreifen, um die Wirtschaft selbst an der Schaffung
von Monopolen zu hindern. Der Zweck besteht darin, äußere
Prozesse daran zu hindern, Monopolerscheinungen hervorzu­
bringen.�•
Der zweite wichtige Punkt in diesem neoliberalen Programm
betrifft die Frage der konformen Handlungen.31 Diese Theorie
der konformen Handlungen, diese Planung der konformen
Handlungen findet man im wesentlichen in einem Text, der
faktisch eine der großen Grundlagentexte der zeitgenössischen
deutschen Politik war. Es ist ein posthum veröffentlichter Text
vonEucken, der 1951 oder 1952 erschien und den Titel Grund­
sätze der Wirtschaftspolitik trägt. 32 Er ist gewissermaßen die
praktische Seite des Textes mit dem Titel Grundlagen der Na­
tionalökonomie, der zehn Jahre früher veröffentlicht wurde
und die eigentlich theoretische Seite darstellt. 33 In diesen
Grundsätzen der Wirtschaftspolitik sagt uns Eucken, daß die li­
berale Regierung, die ständig wachsam und aktiv sein soll, auf
zwei Weisen zu intervenieren hat: erstens durch regulierende
Handlungen; zweitens durch anordnende Handlungen. 34
Zunächst zu den regulierenden Handlungen. Man darf nicht
vergessen, daß Eucken der Sohn jenes anderenEucken war, der
zu Beginn des 20. Jahrhunderts Neukantianer gewesen ist und
der überdies Nobelpreisträger war. 35''"· Eucken sagt als guter
Kantianer: Wie soll die Regierung intervenieren? In Form von
regulierenden Handlungen, d. h., sie soll die Wirtschaftspro­
zesse wirksam beeinflussen, wenn aus konjunkturellen Grün­
den eine solche Intervention angezeigt ist. Er sagt: »Der Wirt-
,,_ Michel Foucau!t übergeht hier die Seiten 8-ro des Manuskripts, die der
deutschen Anti-Kartell-Gesetzgebung von r957 gewidmet waren.
•·* Es folgt ein kurzer, teilweise unverständlicher Satz: »der Neukantianis­
mus/ .. ./ Literatur. «
schaftsprozeß führt immer zu bestimmten vorübergehenden
Reibungen, zu Modifikationen, die das Risiko beinhalten, zu
außergewöhnlichen Situationen zu führen, welche Anpas­
sungsschwierigkeiten und mehr oder weniger schwere Rück­
wirkungen auf die Gruppen mit sich bringen. « 36 Man muß
also, sagt er, nicht die Mechanismen der Marktwirtschaft be­
einflussen, sondern die Bedingungen des Marktes. 37 Die Be­
dingungen des Marktes zu beeinflussen bedeutet selbst nach
der Strenge der kantischen Vorstellung von Regulation, die drei
charakteristischen und grundlegenden Tendenzen innerhalb
des Marktes zu bestimmen und zuzulassen, aber� sie zu för­
dern und sie gewissermaßen bis zur Grenze und zur Fülle ihrer
Wirklichkeit zu treiben. Diese drei Tendenzen sind folgende:
Die Tendenz zur Senkung der Kosten, zweitens die Tendenz
zur Senkung des Unternehmensgewinns und schließlich die
einstweilige und punktuelle Tendenz zur Gewinnerhöhung, sei
es durch eine entschiedene und massive Senkung der Preise, sei
es durch die Verbesserung der Produktion. 38 Diese drei Ten­
denzen soll die Regulation des Marktes, das regulierende Han­
deln insofern berücksichtigen, als es sich dabei um diejenigen
Tendenzen handelt, die selbst den Markt regeln.
Das bedeutet im Klartext, daß im Hinblick auf die Ziele ein re.:.
gulierendes Handeln notgedrungen die Preisstabilität zum
Hauptziel haben wird, Preisstabilität nicht verstanden als Un­
veränderlichkeit, sondern als Inflationskontrolle. Folglich kön­
nen alle anderen Ziele außer dieser Preisstabilität nur zweitran­
gig und gewissermaßen untergeordnet sein. In keinem Fall
können sie ein vorrangiges Ziel darstellen. Insbesondere dür­
fen die Erhaltung der Kaufkraft, die Erhaltung der Vollbe­
schäftigung und selbst eine ausgeglichene Zahlungsbilanz keine
vorrangigen Ziele sein.
Was bedeutet das zweitens für die Wahl der Mittel? Es bedeu­
tet, daß man zunächst eine Kreditpolitik verfolgen wird, d. h.
die Schaffung eines Diskontsatzes. Man wird den Außenhan­
del durch die Senkung des Kreditsaldos ausnutzen, wenn man
den Anstieg der Außenhandelspreise eindämmen will. Man

197
wird auch eine gemäßigte Umordnung des Steuerwesens an­
streben, wenn man die Spar- oder die Investitionstätigkeit be­
einflussen will. Niemals wird man jedoch Mittel einsetzen wie
jene, die von den Planwirtschaften verwendet werden, näm­
lich: Festsetzung der Preise oder Unterstützung eines Markt­
segments oder systematische Schaffung von Arbeitsplätzen
oder öffentliche Investitionen. Alle diese Formen der Interven­
tion müssen streng zugunsten jener Mittel des reinen Marktes
verbannt werden, die ich erwähnt habe. Insbesondere ist die
neoliberale Politik mit Bezug auf die Arbeitslosigkeit vollkom­
men eindeutig. Man darf in einer Situation der Arbeitslosigkeit,
wie hoch auch immer die Arbeitslosenquote sein mag, keines­
wegs direkt oder in erster Linie die Arbeitslosigkeit beeinflus­
sen, als ob die Vollbeschäftigung ein politisches Ideal und ein
wirtschaftliches Prinzip wäre, das unter allen Umständen ge­
rettet werden müßte. Was zunächst und vor allem gerettet wer­
den muß, ist die Preisstabilität. Diese Preisstabilität wird gewiß
in der Folge sowohl die Erhaltung der Kaufkraft ermöglichen
als auch ein höheres Beschäftigungsniveau als in einer Krise der
Arbeitslosigkeit. Aber die Vollbeschäftigung ist kein Ziel, und
es kann sogar sein, daß ein bestimmter Prozentsatz von Ar­
beitslosigkeit für die Wirtschaft absolut notwendig ist. Wie
Röpke, glaube ich, sagt: Was ist der Arbeitslose? Er ist kein
wi.rtschaftlich Behinderter. Der Arbeitslose ist kein soziales
Opfer. Was ist also der Arbeitslose? Er ist ein Arbeiter im
Übergang. Er ist ein Arbeiter, der von einer nicht rentablen zu
einer rentableren Arbeit übergeht. 39 Soviel zu den regulieren­
den Handlungen.
Interessanter sind jedoch, wenn Sie so wollen, die anordnen­
den Handlungen, weil sie uns dem eigentlichen Gegenstand
näher bringen. Worin bestehen diese Handlungen? Nun, ihre
Funktion ist es, die Bedingungen des Marktes zu beeinflussen,
aber grundlegendere, strukturalere, allgemeinere Bedingungen
als jene, die ich gerade erwähnt habe. In der Tat darf man nie
das Prinzip vergessen, daß der Markt zwar eine allgemeine
wirtschaftliche und gesellschaftliche Regulierungsinstanz ist,
daß das aber nicht bedeutet, daß er eine Naturgegebenheit ist,
die man am Grund der Gesellschaft selbst auffinden könnte.
Im Gegenteil stellt er - verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen das
noch einmal sage-in der Spitze eine Art von feinem Mechanis­
mus dar, der sehr zuverlässig ist, aber nur unter der Bedingung,
daß er richtig funktioniert und daß er durch nichts gestört
wird. Daher muß sich die hauptsächliche und ständige Sorge
der Regierungsinterventionen, abgesehen von jenen Phasen
der Konjunktur, von denen ich vorhin gesprochen habe, auf die
Existenzbedingungen des Marktes richten, d. h. darauf, was die
Ordoliberalen den »Rahmen« nennen. 40
Was ist eine Rahmenpolitik? Ich glaube, daß das Beispiel dafür
klar wird, wenn man einen Text von Eucken betrachtet, der in
den Grundsätzen steht, und zwar einen Text von 1·952, in dem
er das Problem der deutschen Landwirtschaft behandelt, der
jedoch, wie er sagt, auch für die meisten anderen europäischen
Landwirtschaften Geltung beanspruchen kann. 41 Nun, sagt er,
diese Landwirtschaften sind im Grunde nie auf normale Weise,
vollständig und erschöpfend in die Marktwirtschaft integriert
worden. Sie wurden es deshalb nicht, weil es Schutzzölle gab,
die in ganz Europa die europäische Landwirtschaft und die eu­
ropäischen Landwirtschaftsräume begrenzt und voneinander
getrennt haben; Schutzzölle, die durch Unterschiede in der
Technik und allgemein durch den Mangel an Technik jeder die­
ser Landwirtschaften unerläßlich wurden. Diese Unterschiede
und Mängel waren alle mit einer Überbevölkerung verknüpft,
die das Eingreifen und die Einrichtung einer technischen Ver­
vollkommnung nutzlos und eigentlich nicht wünschenswert
machte. Wenn man also-der Text stammt aus dem Jahre 1952-
die europäische Landwirtschaft in eine Marktwirtschaft ein­
gliedern will, was muß man dann tun? Man muß auf Gege­
benheiten einwirken, die keine unmittelbaren wirtschaftlichen
Gegebenheiten sind, sondern Gegebenheiten, die Bedingungen
für eine eventuelle Marktwirtschaft darstellen. Worauf muß
sich also das Handeln richten? Nicht auf die Preise, nicht auf
diesen oder jenen Sektor, indem man die Unterstützung des

199
wenig rentablen Sektors sichert - all das sind schlechte Inter­
ventionen. Worauf richten sich die guten Interventionen?
Nun, auf den Rahmen. Das bedeutet erstens auf die Bevölke­
rung. Wenn die landwirtschaftliche Bevölkerung zu groß ist,
nun, dann muß man sie durch Interventionen verkleinern, die
eine Überführung der Bevölkerung, eine Abwanderung usw.
ermöglichen. Man wird auch auf der Ebene der Techniken in­
tervenieren müssen, indem man den Leuten eine Reihe von
Werkzeugen zur Verfügung stellt, indem man eine Reihe von
Elementen technisch perfektioniert, wie etwa die Düngemittel
usw.; man muß die Technik auch durch die Bildung der Land­
wirte und den Unterricht beeinflussen, den man ihnen erteilt
und der ihnen ermöglicht, die [landwirtschaftlichen] Techni­
ken zu verändern. Drittens muß man auch das rechtliche Sy­
stem der Bewirtschaftung anpassen, insbesondere die Erb­
schaftsgesetze und die Gesetze über die Verpachtung und di1::
Vermietung von Ländereien. Man muß versuchen, die Mittel
zu finden, um die Gesetzgebung, die Strukturen und die Insti­
tution von Aktiengesellschaften in die Landwirtschaft einzu­
führen. Viertens muß man, soweit es möglich ist, die Zuteilung
des Bodens und die Ausdehnung, die Natur und die Nutzung
verfügbarer Böden verändern. Schließlich sollte man im Grenz­
fall das Klima beeinflussen können. 42
Bevölkerung, Techniken, Lehre und Ausbildung, Rechts­
system, Verfügbarkeit von Böden, Klima: all das sind Ele­
mente, die, wie Sie sehen, keine unmittelbar ökonomischen
sind, die die Mechanismen des Marktes nicht selbst berühren,
die jedoch für Eucken diejenigen Bedingungen sind, unter de­
nen man die Landwirtschaft wie einen Markt behandeln bzw.
sie in einen Markt integrieren kann. Die Idee ist folgende: Man
soll sich nicht fragen: Wenn dieser oder jener Zustand gegeben
ist, wie findet man ein Wirtschaftssystem, das die grundlegen­
den Gegebenheiten berücksichtigt, die der europäischen Land­
wirtschaft eigentümlich sind? Vielmehr soll man die Frage
stellen: Angenommen, der wirtschaftlich-politische Regelungs­
prozeß ist der Markt und kann nur der Markt sein, wie kann

200
man die materiellen, kulturellen, technischen, rechtlichen
Grundlagen verändern, die in Europa gegeben sind? Wie kann
man diese Gegebenheiten verändern, wie kann man diesen
Rahmen verändern, damit die Marktwirtschaft sich durchset­
zen kann? Man sieht hier etwas, [worauf] ich gleich zurück­
kommen werde, nämlich daß schließlich, sosehr das Eingreifen
der Regierung aufder Ebene der wirtschaftlichen Prozesse zu­
rückhaltend sein soll, dieses Eingreifen im Gegensatz dazu
massiv sein soll, sobald es um diese Gesamtheit von techni­
schen, wissenschaftlichen, rechtlichen, demographischen, ver­
einfachend gesagt, gesellschaftlichen Gegebenheiten geht, die
nun immer mehr zum Gegenstand des Eingreifens der Regie­
rung werden. Sie sehen übrigens auch, daß dieser Text von 19 5 2
den gemeinsamen landwirtschaftlichen Markt des folgenden
Jahrzehnts programmiert, wenn auch nur auf ganz grobe
Weise. Das wurde 1952 gesagt. Der Mansholt-Plan43 findet sich
schon bei Eucken, d. h., er findet sich teilweise bei Eucken im
Jahre 1952. Soviel zu den konformen Handlungen, den Hand­
lungen, die die Konjunktur betreffen, und den anordnenden
Handlungen auf der Rahmenebene. Das nannten die Ordoli­
beralen die Organisation einer Marktordnung, einer Wettbe­
werbsordnun·g.44 In der Tat besteht die europäische Agrarpo­
litik in folgendem: Wie faßt sich eine Wettbewerbsordnung
herstellen, die auf die Wirtschaft regulierend wirkt?
Drittens, der dritte Aspekt ist die Sozialpolitik. Ich glaube, daß
ich auch hier mit Anspielungen operieren muß, weil ich sowohl
aus Zeitgründen als auch aus Kompetenzgründen nicht auf die
Einzelheiten eingehen kann; trotzdem sollte man eine Reihe
von Dingen berücksichtigen, die, wenn Sie so wollen, banal
und langweilig sind, die jedoch gestatten, einige wichtige Ele­
mente auszumachen. Was ist in einer Wohlfahrtsökonomie -
vereinfachend gesagt in jener, die Pigou45 entwarf und die die
keynesianischen Ökonomen, der New Deal, der Beveridge­
Plan und die europäischen Pläne der Nachkriegszeit anschlie­
ßend übernommen haben - eine Sozialpolitik? Eine Sozialpo­
litik, das ist, vereinfachend gesagt, eine Politik, die sich einen

20I
relativen Ausgleich im Zugang eines jeden zu den Konsumgü­
tern zum Ziel setzt.
Wie wird diese Sozialpolitik in einer Wohlfahnsökonomie auf­
gefaßt? Zunächst als ein Gegengewicht zu ungebändigten
Wirtschaftsprozessen, von denen man meint, daß sie zu Un­
gleichheit und allgemein zu zerstörerischen Wirkungen auf die
Gesellschaft führen werden. Die Sozialpolitik soll also gewis­
sermaßen eine kontrapunktische Natur gegenüber den Wirt­
schaftsprozessen haben. Zweitens, wie stellt man sich das
Hauptinstrument einer Sozialpolitik innerhalb einer Wohl­
fahrtsökonomie vor? Nun, es soll in der Vergesellschaftung be­
stimmter Elemente des Konsums bestehen: die Erscheinung ei­
ner Form dessen, was man den vergesellschafteten Konsum
oder den Kollektivkonsum nennt: der medizinische, kulturelle
usw. Konsum. Das zweite Mittel soll in einer Übertragung von
Einkommenselementen [vom] Typ der Familienbeihilfen be­
stehen/.../.::- Drittens ist schließlich eine Sozialpolitik inner­
halb einer Wohlfahrtsökonomie eine Politik, die annimmt, daß
bei zunehmendem Wachstum die Sozialpolitik gewissermaßen
als Ausgleich um so aktiver, intensiver [und] großzügiger sein
muß.
Das sind die drei Prinzipien, die der Ordoliberalismus sehr
früh in Zweifel gezogen hat. Zunächst, sagen die Ordolibera­
len, kann eine Sozialpolitik, wenn sie sich wirklich in eine
Wirtschaftspolitik einfügen und gegenüber dieser Wirtschafts­
politik nicht zerstörerisch sein will, ihr nicht als Gegengewicht
dienen und nicht als etwas bestimmt werden, was die Wirkun­
gen der Wirtschaftsprozesse ausgleicht.Insbesondere kann die
Egalisierung, die relative Egalisierung, der Ausgleich im Zu­
gang jedes Menschen zu den Konsumgütern in keinem Fall ein
Ziel darstellen. Sie kann kein Ziel darstellen in einem System, in
dem gerade die wirtschaftliche Regulation, d. h. der Preisme­
chanismus, sich keineswegs durch Phänomene der Egalisie­
rung vollzieht, sondern durch ein Spiel von Unterscheidungen,
* Eine Folge von unverständlichen Wörtern, die mit »bestimmte Katego­
rien usw. « endet.

202
das jedem Wettbewerbsmechanismus eigentümlich ist und das
sich durch die Schwankungen hindurch vollzieht, die ihre
Funktion und ihre regelnden Wirkungen natürlich nur unter
der Bedingung haben, daß man ihnen freies Spiel läßt, und
zwar durch Unterscheidungen. Man braucht, grob gesagt,
Leute, die arbeiten, und andere, die nicht arbeiten, oder man
braucht große und kleine Löhne, die Preise sollen steigen und
fallen, damit sich die Regulationen einstellen können. Daher
kann eine Sozialpolitik, die als vorrangiges Ziel eine Egalisie­
rung hätte, auch wenn sie relativ sein mag, nur anti-ökono­
misch sein. Eine Sozialpolitik kann sich die Gleichheit nicht
zum Ziel setzen. Sie muß im Gegenteil die Ungleichheit spielen
lassen - aber hier weiß ich nicht mehr, ob es Röpke war, der
sagte: Die Leute beklagen sich über die Ungleichheit. Aber was
heißt das? »Die Ungleichheit«, sagt er, »ist dieselbe für alle. « 46
Diese Formel mag natürlich rätselhaft erscheinen, wird aber in
dem Moment verständlich, da man in Betracht zieht, daß für
die Ordoliberalen das Spiel der Wirtschaft mit eben den unglei­
chen Wirkungen, die es mit sich bringt, eine Art von allge­
meinem Regelungsfaktor der Gesellschaft ist, dem offensicht­
lich jedermann nachgeben und sich fügen muß. Also keine
Egalisierung und folglich und genauer keine Übertragung der
Einkommen von den einen auf die anderen. [Eine Übertragung
von Einkommen ist insbesondere dann gefährlich, wenn sie
denjenigen Teil der Einkommen betrifft, der Spareinlagen und
Investitionen hervorbringt.Y- Und die Wegnahme dieses Teils
würde daher bedeuten, einen Teil der Einkommen den Investi­
tionen zu entziehen und ihn für den Konsum zu verwenden.
Das einzige, was man tun kann, ist, einen Teil von den höchsten
Einkommen wegzunehmen, der auf jeden Fall für den Konsum
bestimmt wäre, oder sagen wir: für den Mehrkonsum. Diesen
Teil des Mehrkonsums könnte man auf jene übertragen, die
sich in einem Zustand des Unterkonsums befinden, sei es we-
* Manuskript, S. r6. Unverständliche Passage bei der Aufnahme: »/ .. ./
ein Teil der Einkommen, der normalerweise für Spareinlagen oder Inve­
stitionen verwendet wird. «

203
gen einer bestimmten Behinderung, sei es wegen geteilter Risi­
ken. Aber nichts darüber hinaus. Sie sehen also, daß der Cha­
rakter der gesellschaftlichen Übertragungen sehr beschränkt
ist. Es handelt sich, allgemein gesagt, einfach darum, nicht etwa
die Kaufkraft zu erhalten, sondern ein Existenzminimum für
jene zu sichern, die entweder dauernd oder vorübergehend ihre
Existenz nicht selbst sichern können.'� Es geht um die Grenz­
übertragung eines Maximums auf ein Minimum und keines­
wegs um die Erzielung eines Mittelwerts.
Und zweitens wird das Instrument dieser Sozialpolitik, wenn
man das überhaupt eine Sozialpolitik nennen kann, nicht die
Vergesellschaftung des Konsums und der Einkommen sein.
Es kann sich im Gegenteil nur um eine Privatisierung han­
deln, d. h., man wird von der ganzen Gesellschaft nicht ver­
langen, die Individuen gegenüber Risiken abzusichern, sei es
gegenüber individuellen Risiken, wie Krankheit oder Unfali,
oder gegenüber kollektiven Risiken, wie Verluste usw.; man
wird von der Gesellschaft nicht verlangen, die Individuen ge­
genüber diesen Risiken abzusichern. Man wird von der Ge­
sellschaft oder vielmehr von der Wirtschaft einfach verlangen,
daß sie so funktioniert, daß jedes Individuum ein ausreichend
hohes Einkommen hat, so daß es entweder direkt und als In­
dividuum oder über den kollektiven Umweg von Kranken­
versicherungen usw. sich selbst gegenüber bestehenden Risi­
ken oder gegenüber Existenzrisiken oder gegenüber jener
Zwangsläufigkeit der Existenz, die das Alter und der Tod dar­
stellen, absichern kann, und zwar auf der Grundlage seiner ei­
genen privaten Rücklage. Das bedeutet, daß die Sozialpolitik
eine Politik sein muß, die als Instrument nicht die Übertra­
gung eines Teils der Einkommen auf andere einsetzt, sondern
die weitestmögliche Kapitalisierung für alle sozialen Klassen,
die individuelle und gegenseitige Versicherung und schließlich
das Privateigentum als Instrument verwendet. Das ist das,
,,. Das Manuskript fügt hinzu: » Da man [das Existenzminimum] aber nicht
bestimmen kann, wird es sich wohl um die Aufteilung der möglichen
Übertragung des Konsums handeln. «
was die Deutschen die »individuelle Sozialpolitik« im Ge­
gensatz zur sozialistischen Sozialpolitik nennen. 47 Es han­
delt sich um die Individualisierung der Sozialpolitik, eine In­
dividualisierung durch die Sozialpolitik statt um jene Kollek­
tivierung und Vergesellschaftung durch die und in der Sozial­
politik. Es geht insgesamt nicht darum, den Individuen eine
soziale Deckung von Risiken zu gewährleisten, sondern je­
dem eine Art von wirtschaftlichem Raum zuzugestehen, in­
nerhalb desse!). sie Risiken annehmen und ihnen die Stirn bie­
ten können.
Das führt uns natürlich zu der Schlußfolgerung, daß es nur eine
wahre und grundlegende Sozialpolitik gibt, nämlich das Wirt­
schaftswachstum. Die grundlegende Form der Sozialpolitik
darf nicht etwas sein, das der politischen Ökonomie entgegen­
steuert und sie ausgleicht; die Sozialpolitik darf auch nicht
großzügiger sein, als das Wirtschaftswachstum es zuläßt. Das
Wirtschaftswachstum allein sollte allen Individuen gestatten,
ein Einkommensniveau zu erreichen, das ihnen individuelle
Versicherungen, den Zugang zum Privateigentum, die indivi­
duelle oder familiäre Kapitalisierung erlaubt, womit sie die Ri­
siken neutralisieren können. Das hat Müller-Armack, der Be­
rater des Kanzlers Erhard, um die Jahre 1952-1953 »die soziale
Marktwirtschaft« 48 genannt - die Bezeichnung, unter die sich
die deutsche Sozialpolitik gestellt hat. Ich füge übrigens gleich
hinzu, daß dieses drastische sozialpolitische Programm, das
von den Neoliberalen beschrieben wurde, aus einer Vielzahl
von Gründen in Deutschland nicht streng angewendet wurde
und auch nicht angewendet werden konnte. Die deutsche Sozi­
alpolitik war durch eine Reihe von Elementen belastet, von
denen die einen aus dem Bismarckschen Staatssozialismus
stammten, während die anderen von der keynesianischen
Ökonomie herkamen, wieder andere gingen auf die Beveridge­
Pläne oder auf Versicherungspläne zurück, wie sie in Europa
an der Tagesordnung waren, so daß die deutschen Neoliberalen
bzw. die Ordoliberalen sich im Hinblick auf diesen Punkt
nicht ganz in der deutschen Politik wiedererkennen konnten.

205
Aber - und ich möchte diese beiden Punkte hervorheben - er­
stens wird sich der amerikanische Anarcho-Kapitalismus im
Ausgang von diesem Punkt und von dieser Ablehnung der So­
zialpolitik entwickeln, und zweitens ist es auch wichtig, zu se­
hen, daß trotz allem zumindest in den Ländern, die sich immer
mehr dem Neoliberalismus verschreiben, diese Sozialpolitik
immer mehr dazu tendiert, all dies zu verwirklichen. Die Idee
einer Privatisierung der Versicherungsmechanismen oder je­
denfalls die Idee, daß das Individuum durch die Gesamtheit der
Rücklagen, über die es vedügen kann, entweder individuell
oder über die Krankenkassen usw., [sich gegenüber den Risi­
ken schützen soll,] dieses Ziel ist genau das, was den neolibera­
len Politiken zugrunde liegt, wie beispielsweise derjenigen, die
wir gegenwärtig in Frankreich haben. 49 Darin besteht die Nei­
gungslinie: die privatisierte Sozialpolitik.
Ich bitte Sie um Entschuldigung dafür, daß ich lange und banal
über alle diese Geschichten geredet habe. Ich glaube jedoch,
daß das wichtig war, um jetzt eine Reihe von Dingen deutlich
zu machen, die mir das ursprüngliche Gerüst des Neoliberalis­
mus [zu bilden] scheinen. Der erste Punkt, den ich hervorhe­
ben möchte, ist folgender: Man sieht, daß das Eingreifen der
Regierung - und das haben die Neoliberalen immer gesagt -
nicht weniger dicht, weniger häufig, weniger aktiv oder weni­
ger kontinuierlich als in einem anderen System ist. Es kommt
jedoch darauf an, daß man sieht, was nun der Ansatzpunkt die­
ser Regierungsinterventionen ist. Die Regierung, das versteht
sich von selbst, da wir uns in einem liberalen System befinden,
soll die Wirkungen des Marktes nicht beeinflussen. Sie soll
auch nicht - und das unterscheidet den Neoliberalismus etwa
von den Wohlfahrtspolitiken oder ähnlichen Dingen, die von
r 920 bis r 960 im Sehwange waren - die zerstörerischen Wir­
kungen des Marktes auf die Gesellschaft korrigieren. Sie soll
gewissermaßen keinen Kontrapunkt oder eine Trennwand
zwischen der Gesellschaft und den Wirtschaftsprozessen dar­
stellen. Sie soll auf die Gesellschaft selbst einwirken, auf ihre
Struktur und Zusammensetzung. Im Grunde soll sie - und

206
hierdurch soll ihr Eingreifen ihrem Ziel näher kommen, d. h.
der Einrichtung eines Marktes, der allgemein die Gesellschaft
regelt - diese Gesellschaft beeinflussen, damit die Wettbe­
werbsmechanismen in jedein Augenblick und an jedem Punkt
des sozialen Dickichts die Rolle eines regulierenden Faktors
spielen können. Es wird sich also nicht um eine ökonomische
Regierung handeln wie jene, von der die Physiokraten50 träum­
ten, d. h., daß die Regierung nur die Gesetze der Wirtschaft zu
erkennen und .zu beachten braucht. Es wird keine ökonomi­
sche Regierung, sondern eine Regierung der Gesellschaft sein.
Übrigens sagte einer der Teilnehmer des Lippmann-Symposi­
ums I 9 3 9, als er immer noch nach der neuen Charakterisierung
des Liberalismus suchte: Kann man das nicht einen »soziologi­
schen Liberalismus« 51 nennen? Jedenfalls wollen die Neolibe­
ralen eine Regierung der Gesellschaft, eine Gesellschaftspoli­
tik. Übrigens hat Müller-Armack der Politik Erhards den
bezeichnenden Begriff der Gesellschaftspolitik gegeben. 52 Es
handelt sich um eine Politik, die auf die Gesellschaft gerichtet
ist. Der Begriff bedeutet jedoch, was er zu bedeuten vorgibt,*
und die Begriffsverknüpfung weist tatsächlich auf die mögli­
chen Prozesse hin. Als 1969-70 Chaban eine Wirtschafts- und
Sozialpolitik vorschlägt, stellt er sie als ein gesellschaftliches·
Projekt dar, d. h., er macht die Gesellschaft zum Ziel der Regie­
rungspraxis. 53 Und in diesem Moment sind wir von einem im
Prinzip keynesianischen System, das von der gaullistischen Po­
litik noch mehr oder weniger mitgeschleppt wurde, zu einer
neuen Regierungskunst übergegangen, die eigentlich von Gis­
card aufgenommen wird.54 Hier liegt die Bruchstelle: Der Ge­
genstand des Regierungshandelns ist das, was die Deutschen
»die soziale Umwelt« nennen.55
Was will nun eine soziologische Regierung im Hinblick auf die
Gesellschaft tun, die nun also selbst Gegenstand des Regie­
rungshandelns, der Regierungspraxis geworden ist? Sie will
natürlich so handeln, daß der Markt ermöglicht wird. Er muß

* Michel Foucault: »bedeutet«.


möglich sein, wenn man will, daß er seine Rolle als allgemeiner
Regulationsmechanismus und als Prinzip politischer Rationa­
lität spielt. Aber was heißt das: die Regelung des Marktes als re­
gulatives Prinzip der Gesellschaft einzuführen? Bedeutet das
die Einrichtung einer Handelsgesellschaft, d. h. einer Gesell­
schaft der Waren, des Konsums, in der der Tauschwert zugleich
Maß und allgemeines Kriterium der Elemente, Prinzip der
Kommunikation der Individuen untereinander, Prinzip des
Warenverkehrs sein würde? Mit anderen Worten, geht es bei
dieser neoliberalen Regierungskunst darum, die Gesellschaft
zu standardisieren und zu disziplinieren im Ausgang vom Wa­
renwert und der Warenform? Kehrt man auf diese Weise nicht
wieder zu jenem Modell der Massengesellschaft, der Konsum­
gesellschaft, der Warengesellschaft, der Unterhaltungsgesell­
schaft, der Gesellschaft des Scheins und der Geschwindigkeit
zurück, die Sombart 1903 erstmals beschrieben hatte ? 56 Ich
glaube gerade nicht. Es geht bei dieser neuen Regierungskunst
nicht um die Handelsgesellschaft. Nicht sie soll wiederherge­
stellt werden. Die Gesellschaft, die dem Markt entsprechend
geregelt werden soll und die die Neoliberalen vor Augen ha­
ben, ist eine Gesellschaft, in der das regulative Prinzip nicht so­
sehr im Austausch von Waren bestehen soll, sondern in Mecha­
nismen des Wettbewerbs. Diese Mechanismen sollen eine
größtmögliche Oberfläche und Dichte haben und außerdem
den größtmöglichen Raum in der Gesellschaft einnehmen. Was
man also zu erreichen sucht, ist nicht eine Gesellschaft, die dem
Wareneffekt unterliegt, sondern eine Gesellschaft, die der Dy­
namik des Wettbewerbs untersteht. Keine Gesellschaft von Su­
permärkten, sondern eine Unternehmensgesellschaft. Der
homo oeconomicus, den man wiederherstellen will, ist nicht der
Mensch des Tauschs, nicht der Mensch des Konsums, sondern
der Mensch des Unternehmens und der Produktion. Wir be­
finden uns hier also an einem wichtigen Punkt, auf den ich
nächstes Mal noch ein wenig zurückkommen will. Hier über­
schneiden sich eine ganze Reihe von Dingen.
Erstens natürlich die Unternehmensanalyse, die sich seit dem

208
19. Jahrhundert entwickelt hat: die historische, ökonomische
und moralische Analyse dessen, was ein Unternehmen ist, die
ganze Reihe der Arbeiten von Weber,57 Sombart,58 Schumpe­
ter59 über das Wesen des Unternehmens. Diese Autoren ver­
treten zum großen Teil die neoliberale Analyse bzw. das neo­
liberale Projekt. Wenn es so etwas wie eine Rückkehr in der
neoliberalen Politik gibt, dann ist es also gewiß nicht die Rück­
kehr zu einer Regierungspraxis des Laissez-faire, nicht die
Rückkehr zu e_iner Handelsgesellschaft von der Art, die Marx
am Anfang des ersten Buchs des Kapital anprangert. Zu was
man zurückzukehren versucht, ist eine soziale Ethik des Un­
ternehmens, deren politische, kulturelle, ökonomische usw.
Geschichte Weber, Sombart und Schumpeter zu schreiben ver­
sucht haben. Konkreter sieht das folgendermaßen aus: 1950
schreibt Röpke einen Text mit dem Titel Die Ausrichtung der
deutschen Wirtschaftspolitik, der mit einem Vorwort Ade­
nauers veröffentlicht wird. 60 Röpke sagt in diesem Text, in die­
ser Charta, daß der Gegenstand des Regierungshandelns, sein
letztes Ziel worin besteht? Nun, sagt er - und hier zähle ich
nun die verschiedenen Ziele auf, die festgesetzt wurden: er­
stens, jedermann soweit wie möglich Zugang zum Privateigen­
tum zu gestatten; zweitens, Verringerung der städtebaulichen
Riesenprojekte, Ersetzung der Politik der großen Vorstädte
durch eine Politik mittlerer Städte, Ersetzung einer Politik und
Wirtschaft großer Einheiten durch eine Politik und Wirtschaft
einzelner Häuser, Förderung der kleinen Bewirtschaftungsein­
heiten auf dem Land, Entwicklung dessen, was er nicht-prole­
tarische Industrien nennt, d. h. das Handwerk und der Klein­
handel; drittens, Dezentralisierung von Wohnung, Produktion
und Management, Korrektur der Auswirkung der Spezialisie­
rung und der Arbeitsteilung, organischer Wiederaufbau der
Gesellschaft auf der Grundlage natürlicher Gemeinschaften,
Familien und Nachbarschaften; schließlich allgemein Organi­
sation, Einrichtung und Kontrolle aller Wirkungen auf die
Umwelt, die durch das Zusammenleben der Menschen oder
durch die Entwicklung der Unternehmen und Produktions-
zentren hervorgerufen werden können. Im großen und ganzen
handelt es sich darum, sagt Röpke 1950, »den Schwerpunkt des
Regierungshandelns nach unten zu verlegen. «61
Nun, Sie erkennen diesen Text wieder. Er wurde in den letzten
2 5 Jahren 2 5 ooo Mal wiederholt. Er gibt die gegenwärtige The­
matik des Regierungshandelns an, und es wäre zweifellos
falsch, darin nur einen Deckmantel oder eine Rechtfertigung
und eine Trennwand zu sehen, hinter der etwas anderes ge­
schieht. Man sollte jedenfalls versuchen, ihn so zu verstehen,
wie er sich gibt, d. h. als ein Programm der Rationalisierung,
und zwar der wirtschaftlichen Rationalisierung. Worum han­
delt es sich dabei? Nun, wenn man etwas näher hinsieht, kann
man das natürlich als eine Art von mehr oder weniger Rous­
seauscher Rückkehr zur Natur verstehen, als etwas, was
Rüstow übrigens mit einem sehr doppeldeutigen Wort » Vital­
politik« nannte, die Politik des Lebens. 62 Aber was ist diese Vi­
talpolitik, von der Rüstow sprach und die hier ausgedrückt ist?
Es handelt sich tatsächlich nicht darum, ein soziales Geflecht
zu konstruieren, in dem das Individuum in direktem Kontakt
mit der Natur stände usw., sondern darum, ein soziales Ge­
bilde herzustellen, in dem die Basiseinheiten eben die Form
eines Unternehmens haben, denn was ist das Privateigentum
anderes als ein Unternehmen? Was ist ein einzelnes Haus an­
deres als ein Unternehmen? Was ist die Leitung der kleinen
Nachbarschaftsgemeinschaften / .. p· als andere Formen eines
Unternehmens? Mit anderen Worten, es geht darum, die
Unternehmensformen, die gerade nicht in Form entweder von
Großunternehmen im nationalen oder internationalen Maß­
stab oder von Großunternehmen vom Typ des Staats konzen­
triert sein sollen, zu verallgemeinern, indem man sie so weit
wie möglich verbreitet und vervielfacht. Es ist diese Vervielfa­
chung der Unternehmensform innerhalb des Gesellschaftskör­
pers, die, glaube ich, den Einsatz der neoliberalen Politik dar­
stellt. Es geht darum, aus dem Markt, dem Wettbewerb und

* Zwei oder drei unverständliche Wörter.

210
folglich dem Unternehmen etwas zu machen, das man die in­
formierende Kraft der Gesellschaft nennen könnte.
Und insofern sehen Sie wohl, daß wir uns hier an einem Schei­
deweg befinden, wo natürlich eine Reihe alter Themen bezüg­
lich des Familienlebens, des gemeinsamen Eigentums usw. wie­
derbelebt wird, und außerdem eine ganze Menge kritischer
Themen, die wir überall gegen die Handelsgesellschaft, gegen
die Vereinheitlichung durch den Konsum usw. gerichtet sehen.
Und auf diese Weise - ohne daß es so etwas wie ein Verhältnis
der Wiedergewinnung, ein Wort, das streng genommen nichts
bedeutet, zwischen der Kritik, die etwa im Stile Sombarts seit
ungefähr 1900 aufkam und gegen diese vereinheitlichende usw.
Handelsgesellschaft gerichtet war, und den Zielen der gegen­
wärtigen Regierungspolitik gäbe - haben wir eine sehr genaue
Konvergenz. Sie wollen dasselbe. Die Kritiker irren sich ein­
fach, wenn sie eine »Sombartsche« Gesellschaft in Anfüh­
rungsstrichen anprangern, ich meine, eine vereinheitlichende
Massen-, Konsum-, Unterhaltungsgesellschaft usw., sie irren
sich, wenn sie glauben, daß sie das kritisieren, was das gegen­
wärtige Ziel der Regierungspolitik ist. Sie kritisieren etwas an­
deres. Sie kritisieren etwas, das zweifellos, absichtlich oder
nicht, im ausdrücklichen oder unausdrücklichen Horizont der ·
Regierungskunst der Jahre zwischen 1920 und 1960 lag. Über
dieses Stadium sind wir jedoch hinaus. Wir befinden uns nicht
mehr dort. Die um die 193oer Jahre von den Ordoliberalen
programmatisch entworfene Regierungskunst, die jetzt für die
meisten Regierungen kapitalistischer Länder zum Programm
geworden ist, nun, dieser programmatische Entwurf strebt kei­
neswegs nach der Errichtung jener Art von Gesellschaft. Es
geht im Gegenteil darum, zu einer Gesellschaft zu gelangen,
die sich nicht an der Ware und an der Gleichförmigkeit der
Ware ausrichtet, sondern an der Vielzahl und der Differenzie­
rung der Unternehmen.
Das ist das erste, was ich Ihnen sagen wollte. Das zweite - aber
ich glaube, daß ich jetzt eigentlich keine Zeit mehr dazu habe-,
die zweite Konsequenz dieser liberalen Regierungskunst [sind]

2II
die tiefen Veränderungen im Gesetzessystem und der Institu­
tion des Rechts. Denn tatsächlich gibt es zwischen· einer Ge­
sellschaft, die sich an der Form des Unternehmens/.../"" aus­
richtet, und einer Gesellschaft, in der das wichtigste Element
der öffentlichen Dienstleistungen in der Institution der Recht­
sprechung besteht, eine bevorzugte Verbindung. Je mehr man
die Zahl der Unternehmen erhöht, desto mehr erhöht man die
Zahl der Zentren für die Bildung von so etwas wie Unterneh­
men, desto mehr zwingt man das Handeln der Regierung dazu,
diesen Unternehmen einen freien Spielraum zu lassen, desto
mehr erhöht man natürlich die Reibungsflächen zwischen je­
dem dieser Unternehmen und den anderen, desto mehr erhöht
man die Gelegenheiten von Streitigkeiten und desto mehr er­
höht man auch die Notwendigkeit einer juristischen Schlich­
tung. Eine Unternehmensgesellschaft und eine Gesellschaft der
Rechtsprechung, eine am Unternehmen ausgerichtete Geseil­
schaft und eine Gesellschaft, die von einer Vielzahl von Institu­
tionen der Rechtsprechung eingerahmt wird, sind zwei Seiten
desselben Phänomens.
Darauf möchte ich nächstes Mal ein wenig zu sprechen kom­
men, indem ich noch weitere Konsequenzen und andere Ge­
staltbildungen in der neoliberalen Regierungskunst entwickeln
werde.'',:.

* Einige Wörter sind schwer verständlich: »das zugleich (verdichtet?)


und (vervielfacht?) ist. «
>:·* Michel Foucault fügt hinzu: »Ach ja, warten Sie, ich wollte Ihnen noch
etwas sagen, verzeihen Sie. Das Seminar soll am Montag, den 26. an­
fangen. Sie wissen, nun diejenigen unter Ihnen, die regelmäßig kom­
men, wissen, daß dieses Seminar immer Schwierigkeiten aufwirft. Ein
Seminar ist normalerweise etwas, wo man zu zehn, zwanzig oder drei­
ßig Personen arbeiten kann. Es ändert sein Wesen und folglich seinen
Gegenstand und seine Form ab dem Moment, wo 80 oder roo Leute
kommen. Ich möchte also einen kleinen Hinweis für jene geben, die
sich nicht wirklich vom Thema angesprochen fühlen, nämlich daß sie
doch ... , gut. Zweitens, in diesem Seminar wird es im wesentlichen um
die Analyse des Wandels der rechtlichen Mechanismen und der Institu­
tionen der Rechtsprechung gehen und um das Rechtsdenken am Ende
des 19. Jahrhunderts. Das erste Seminar möchte ich jedoch einigen Me-

212
Anmerkungen

1 Alexander Issajewitsch Solschenizyn (1918-), russischer Schriftsteller,


Autor eines umfangreichen Werkes (u. a. Ein Tag im Leben des Iwan
Denissowitsch, 1962; Im ersten Kreis, 1968; Krebsstation, 1968). Das
Erscheinen von Archipel Gulag 1973 im Ausland, » Versuch einer lite­
rarischen Untersuchung«, die der detaillieqen Beschreibung der so­
wjetischen Welt der Konzentrationslager gewidmet war, führte dazu,
daß der Autor verhaftet wurde, seine sowjetische Staatsbürgerschaft
verlor und ausgewiesen wurde. Im Westen rief es eine breite Debatte
über die repressive Natur des Sowjetsystems hervor (vgl. insbesondere
das Buch von Andre Glucksmann, La cuisiniere et le mangeur d'hom­
mes. Essai sur !es rapports entre !'Etat, le marxisme et !es camps de con­
centration, Paris 1975 (dt. Köchin und Menschenfresser: über die Bezie­
hung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager, Berlin 1977),
worauf Foucault 1977 in seiner Rezension der Maitres penseurs (Paris,
Grasset, 1977; dt. Die Meisterdenker, Reinbek 1978) desselben Autors
hinweist: » Von Stalin stiegen die erschrockenen Gelehrten zu Marx als
zu ihrem Baum hinauf. Glucksmann hat die Stirn gehabt, wieder bis zu
Solschenizyn zurückzusteigen;« (Schriften, Bd, III, S. 366; frz.: S. 278.).
In der ersten Auflage von Überwachen und Strafen von 1975 verwen­
dete Foucault den Ausdruck »Kerkerarchipel« (S. 383-389) als Ehrenbe­
zeugung gegenüber Solschenizyn (vgl. »Fragen an Michel Foucau!t zur
Geographie « ( 1976), in: Schriften, Bd. III, S. 44; frz.: S. 3 2 ). Solschenizyns
Name beschwört hier metonymisch die Welt der Konzentrationslager
und den Gulag.
2 Das Musee social, das 1894 gegründet wurde, um Bücher, Broschüren
und Zeitschriften zu versammeln, die für die Erforschung der »sozialen
Frage« nützlich sind, enthält Sammlungen, die den Bereich der Gesell­
schaft im weitesten Sinne abdecken. Es liegt in der rue Las Cases Nr. 5,
im 7. Arrondissement von Paris. Diese Adresse hatte das Studienzen­
trum, das am Ende des Symposiums geschaffen wurde (vgl. unten, Vor­
lesung 6, Anm. 14) als Geschäftssitz gewählt.

thodenproblemen und eventuell Diskussionen über die Dinge widmen,


die ich gerade in der Vorlesung behandle. Ich möchte also denen, aber
nur denen, die Zeit haben und die das interessiert usw., vorschlagen,
daß sie mir im Laufe der Woche hierher schreiben, wenn sie mir Fragen
stellen wollen. Ich werde also die Briefe nächsten Mittwoch erhalten
und werde am Montag, den 26., versuchen, auf diejenigen unter Ihnen
zu antworten, die mir Fragen gestellt haben werden. Das war's. Und
dann am Montag darauf werden wir im Seminar über Themen der
Rechtsgeschichte sprechen. «

213
3 Compte-rendu des seances du colloque Walter Lippmann (26.-30. Au­
gust r938), Travaux du Centre International d'Etudes pouda Renova­
tion du Liberalisme, Heft Nr. r, Vorwort von Louis Rougier, Paris r939.
Vgl. Pierre-Andre Kun2., L'experience neo-liberale allemande, a.a.0.,
s. 32-33.
4 Auf Initiative von Louis Rougier (vgl. unten, Vorlesung 7, S. 227).
5 Walter Lippmann (r889-r974), An lnquiry into the Principles of the
Good Society, Boston r937; La cite libre, frz. Übers. von G. Blumberg,
Vorwort von Andre Maurois, Paris, Librairie de Medicis, r938. In einem
Aufsatz, der mehr als zwanzig Jahre nach dem Symposium erschien,
stellt Louis Rougier das Buch des »großen amerikanischen Kolumni­
sten « (er war dreißig Jahre lang für die Rubrik »Today and Tomorrow«
des Herald Tribune verantwortlich) auf folgende Weise vor: »Dieses
Werk weist die Identifikation zwischen dem Liberalismus und der phy­
siokratischen und der Manchester-Doktrin des laisser-faire, laisser-pas­
ser zurück. Er legte dar, daß die Marktwirtschaft nicht das spontane Er­
gebnis einer natürlichen Ordnung war, wie die klassischen Ökonomen
glaubten, sondern daß sie das Ergebnis einer Rechtsordnung war, die ei­
nen juridischen lnterventionismus des Staats fordert. « (»Le liberalisme
economique et politique « , in: Les essais, II (r96r), S.47). V gl. das Zitat
von Walter Lippmann, das von Karl Popper als Motto verwendet wurde,
Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (r957), Bd.2, Tübingen r992:
»Die Zerrüttung der liberalen Wissenschaft steht am Ursprung der mo­
ralischen Spaltung der modernen Welt, die auf so tragische Weise die
aufgeklärten Geister scheidet. « [In der deutschen Ausgabe von Poppers
»offener Gesellschaft« steht nicht dieses, sondern das folgende Zitat von
Lippmann: »Die Kollektivisten ... besitzen den Drang zum Fortschritt,
die Sympathie für die Armen, den brennenden Sinn für Unrecht, den
Impuls für große Taten, alles Dinge, die dem späteren Liberalismus fehl­
ten. Aber ihre Wissenschaft beruht auf einem grundlegenden Mißver­
ständnis .. . und daher sind ihre Handlungen zutiefst destruktiv und re­
aktionär. « (A. d.Ü.)]
6 Die anderen französischen Sympos:umsteilnehmer außer denen, die hier
zitiert werden, waren R. Aubouin, M. Bourgeois, A. Detceuf, B. Laver­
gne (Autor von Essor et decadence du capitalisme, Paris, Payot, r938; La
crise et ses remedes, Paris, Librairie de Medicis, r938), E. Mantoux, L.
Marlio (Autor von Le sort du capitalisme, Paris, Flammarion, r938),
Mercier und A. Piatier. W. Eucken, der eingeladen worden war, erhielt
nicht die Erlaubnis, Deutschland zu verlassen.
7 Louis Baudin (r887-r964), französischer Ökonom, Herausgeber der
Reihe »Grands economistes«, Autor von La monnaie. Ce que tout le
monde devrait en savoir, Paris, Librairie de Medicis, r938; La monnaie et
la formation des prix, 2. Aufl., Paris, Sirey, r947, und von Precis d'histoire
des doctrines economiques, Paris, F. Loviton, r947; L'aube d 'un nouveau
liberalisme, Paris, M.-T. Genin, r953.

214
8 Vgl. oben, Vorlesung 5, Anm. 16.
9 Vgl. oben, Vorlesung 4, Anm. 11. Die Übersetzung des Buchs von von
Mises, Le socialisme, war gerade bei der Librairie de Medicis erschienen
(Verleger des Buchs von W2.lter Lippmann).
10 Jacques Rueff (1896-1978), Absolvent der Ecole Polytechnique, Fi­
nanzinspektor, Leiter des Mouvement general des fonds (Vorgänger
der Leitung der Schatzkammer) zur Zeit der Volksfront. Liberaler
Ökonom, der die Verbindung zwischen Arbeitslosigkeit und überhöh­
ten Arbeitskosten empirisch nachwies (das »Rueff'sche Gesetz«). Er
meinte, daß ein stabiles und wirksames Preissystem der zentrale Be­
standteil einer entwickelten Wirtschaft sei und daß die politische Öko­
nomie zwei Haupthindernisse zu bekämpfen hätte, um dieses System
zu schützen, nämlich den Mangel an Wettbewerb und die Inflation. Ei­
nige Jahre vor dem Symposium hatte er La crise du capitalisme veröf­
fentlicht, Paris, Editions de la »Revue Bleue«, 193 5. L'Epitre aux dirigi­
stes, Paris, Gallimard, 1949, nimmt bestimmte Schlußfolgerungen des
Symposiums wieder auf und entwickelt sie weiter. Sein Hauptwerk ist
L'Ordre social, Paris, Librairie du Recueil Sirey, r 945. Vgl. seine Auto­
biographie, De l'aube au crepuscule, Paris 1977. Michel Foucault hat
ihn mehrmals getroffen.
rr Robert Marjolin (1911-1986), französischer Ökonom, Generalkom­
missar des Monnet-Plans für Modernisierung und Ausrüstung im Jahre
1947, anschließend von 1948 bis 1955 Generalsekretär der Organisa­
tion für wirtschaftliche Zusammenarbeit Europas (OEEC). Vgl. seine
Memoiren, Le travail d'une vie (in Zu:;ammenarbeit mit Philippe Bau­
chard), Paris 1986.
12 Raymond Aron (1905-1983), Philosoph und Soziologe, der sich nach
1945 als einer der engagiertesten Verteidiger des liberalen Denkens im
Namen seiner Ablehnung des Kommunismus erweisen sollte, hatte da­
mals erst La sociologie allemande contemporaine (Paris, Felix Alcan,
193 5) und seine beiden Dissertationen, lntroduction a la philosophie de
l'histoire (Paris, Gallimard, 1938) und La philosophie critique de l'hi­
stoire (Paris, Vrin, 1938) veröffentlicht.
13 Genau am 30. August 1938 (vgl. das Colloque Walter Lippmann,
a. a. 0., S. 107).
r 4 Genauer: Centre International d'Etudes pour la Renovation du Libera­
lisme (das Kürzel C.I.R.L. wurde am Ende des Symposiums angenom­
men (vgl. S. 1ro), aber der Bericht über letzteres wurde unter dem
Kürzel C.R.L. veröffentlicht). Vgl. den Auszug der Satzungen, der
im Kongreßbericht veröffentlicht wurde: »Das Centre International
d'Etudes pour la Renovation du Liberalisme hat zum Ziel, zu erfor­
schen, zu bestimmen und bekanntzugeben, inwiefern die Grundprin­
zipien des Liberalismus, und vor allem der Mechanismus der Preise, bei
gleichzeitiger Aufrechterhaltung einer vertraglichen Regelung der Pro­
duktion und des Warentauschs, welche Interventionen, die sich aus den

215
Pflichten der Staaten ergeben, nicht ausschließt, den Menschen die ma­
ximale Befriedigung ihrer Bedürfnisse und der Gesellschaft die not­
wendigen Bedingungen ihres Gleichgewichts und Fortbestands zu ga­
rantieren gestatten, und zwar im Gegensatz zu den Direktiven der
Planwirtschaften. « (n. p.) Dieses internationale Zentrum wurde am 8.
März 1939 im Musee soCYJ,l durch eine Ansprache seines Präsidenten,
Louis Marlio, Mitglied des Instituts für den Neoliberalismus, und
durch einen Vortrag von Louis Rougier über »Le planisme economi­
que, ses promesses, ses resultats« eingeweiht. Die Texte sind in der r2.
Nummer der Zeitschrift Les essais aus dem Jahr r96r, »Tendances mo­
dernes du liberalisme economique«, abgedruckt, zusammen mit steno­
graphischen Aufzeichnungen mehrerer Diskussionsbeiträge späterer
Sitzungen.
r 5 Es handelt sich um Louis Rougier, » Le planisme economique, ses pro­
messes, ses resultats « , a.a.O., S. r8: »Erst nachdem man diese beiden
vorgängigen Fragen voneinander getrennt hat [(r) Ist der Niedergang
des Liberalismus unabhängig von jeglicher Staatsintervention aufgru nd
der Gesetze seiner eigenen Entwicklung unvermeidlich und (2) kann
der wirtschaftliche Liberalismus die sozialen Erfordernisse der Massen
erfüllen?], werden wir die eigentlichen Aufgaben dessen in Angriff
nehmen können, was man positiven Liberalismus nennen kann. « Vgl.
auch Louis Marlio, ebd., S. ro2: »Ich stimme mit Herrn Rueff überein,
möchte jedoch nicht, daß man den Ausdruck ,Linksliberalismus< ver­
wendet [vgl. Jacques Rueff, S. ror: »[Der Text von Herrn Lippmann]
legt die Grundlagen für eine Politik, die ich meinerseits als liberale
linksgerichtete Politik bezeichne, weil sie dazu neigt, den ärmsten
Klassen soviel Wohlstand wie möglich zu verschaffen«], denn das
scheint mir nicht richtig zu sein, und ich glaube, daß es gegenwärtig in
etwa dieselben Ansichten auf der Seite der Linken wie auf der Seite der
Rechten gibt.( ... ) Ich würde diese Doktrin lieber •positiver Liberalis­
mus<, >sozialer Liberalismus< oder ,Neoliberalismus< nennen, aber
nicht das Wort ,links< verwenden, das eine politische Position anzeigt.«
r6 Wilhelm Röpke, Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, a. a. 0., 2. Teil,
Kap. 3, S. 3 5 8: »Gerade die Freiheit des Marktes erfordert also eine
äußerst wachsame Wirtschaftspolitik, freilich auch eine solche, die sich
dieses Zieles und der sich daraus ergebenden Beschränkungen ihres
Wirkungsfeldes wohl bewußt ist, mithin nicht die Grenzen überschrei­
tet, die einem konformen lnterventionismus gesetzt sind. «
r7 Zitiert ohne Quellenangabe bei Fran�ois Bilger, La pensee economique,
a.a.0., S. r82.
18 Franz Böhm, Die Ordnung der Wirtschaft als geschichtliche Aufgabe
und als rechtsschöpferische Leistung, Stuttgart r937, S. 10: »Das Haupt­
erfordernis jedes Wirtschaftssystems, das diesen Namen verdient, be­
steht darin, daß die politische Führung Herrscherin über die Wirtschaft
in ihrer Gesami:heit wie in allen ihren Teilen wird; es ist notwendig, daß

216
die Wirtschaftspolitik des Staats das ganze wirtschaftliche Werden gei­
stig und materiell beherrscht.« (übersetzt und zitiert bei Bilger, La pen­
see economique, a. a.0., S. 173.)
19 Foucault zitiert hier anscheinend ziemlich frei einen Satz von Leon­
hard Miksch, der aus einem Aufsatz von 1949 stammt (»Die Geld­
schöpfung in der Gleichgewichtstheorie«, in: Ordo, Bd. II, 1949, S.327 )
und den e r zitiert nach Bilger, L a pensee economique liberale d e l'Alle­
magne contemporaine, a.a.O., S.173: »Auch wenn die Zahl der auf
diese Weise als notwendig nachgewiesenen Lenkungskorrekturen so
groß sein sollte, daß in dieser Hinsicht gegenüber den Wünschen
grundsätzlicher Vertreter der Planwirtschaft kein quantitativer Unter­
schied bestünde, würde das Prinzip dadurch nichts von seinem Werte
verlieren.«
20 Vgl. oben, Vorlesung 1, S.28.
21 Wilhelm Röpke, Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, a. a. 0., 2. Teil,
Kap. 3, S.359: »[Das Monopol] ist nicht nur sozial unerträglich, son­
dern auch eine Störung des Wirtschaftsprozesses und ein Hemmschuh
der Gesamtproduktivität. «
22 Vgl. Röpke, Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, a.a.O., 2. Teil,
Kap. 3, S.361: »Um nun die Möglichkeiten der Monopolbekämpfung
ermessen zu können, haben wir uns daran zu erinnern, daß es in der
übergroßen Zahl der Fälle der Staat selbst gewesen ist, der durch ge­
setzgeberische, administrative, oder judiziale Tätigkeit überhaupt erst
die Bedingungen für die Monopolbildung geschaffen hat ( .. . ). Ganz
klar sind die Geburtshelferdienste des Staates in denjenigen Fällen, in
denen das Monopol durch eine besondere privilegierende Charter aus­
drücklich als solches verliehen worden ist, ein Verfahren, das gerade die
europäische Frühgeschichte der Monopole kennzeichnet. Schon da­
mals freilich erscheint die Monopolverleihung als Ausdruck der Staats­
schwächung, da sich der Staat dadurch vielfach aus seiner Schuldennot
zu befreien suchte, wie in Deutschland Maximilian I. durch seine Mo­
nopolverleihung an die Fugger. «
23 Douglass Cecil North (1920-), The Rise of the Western World (in Zu­
sammenarbeit mit R.-P. Thomas ), Cambridge 1973. Vgl. Henri Lepage,
Demain le capitalisme, Paris 1978; Neuausg. Paris 1983, und die Kap. 3
und 4 (dt. Der Kapitalismus von morgen, Frankfurt/M. 1979, S. 4 3. Die­
ses Buch stellt eine der Quellen dar, die von Foucault für die letzten
Vorlesungen dieser Reihe verwendet wurden.).
24 Vgl. Colloque W. Lippmann, a.a.O., S.36-37.
25 Ludwig von Mises, ebd., S. 36: »Der Protektionismus hat das Wirt­
schaftssystem in eine Vielzahl verschiedener Märkte aufgespalten und
die Schaffung von Kartellen hervorgerufen, indem er die Ausdehnung
der Wirtschaftseinheiten verkleinert hat. «
26 Ebd.: »Der Protektionismus kann für einen nationalen Markt, bei dem
die Produktion schon die Nachfrage übersteigt, nur durch die Bildung

217
eines Kartells, das in der Lage ist, die Produktion, den Verkauf ins Aus­
land und die Preise zu kontrollieren, wirksame Ergebnisse aufweisen. «
27 Alexander Rüstow, ebd., S.41: »Die Tendenz, das ökonomische Opti­
mum der Konzentration zu überschreiten, kann offensichtlich keine
ökonomische Tendenz im Sinne des Wettbewerbssystems sein. Es ist
vielmehr eine neofeudale, räuberische, monopolisierende Tendenz, die
ohne die Unterstützung durch den Staat, die Gesetze, die Gerichte, die
Verwaltungen, die öffentliche Meinung nicht erfol greich sein kann.«
28 Wilhelm Röpke, Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, a.a.O., 1. Teil,
Kap.3., S. 214ff., wo der Autor eine Reihe technischer Argumente ge­
gen die These anfühn, nach der »die technische Entwicklung(. ..) ein­
deutig zu immer größeren Betriebs- und Unternehmenseinheiten
führe. «
29 Colloque W. Lippmann, a.a.0., S. 41.
30 Vgl. Fran�ois Bilger, La pensee economique, a.a.0., S. 82, 155, und das
ganze Kap. 3 des zweiten Teils, » La politique economique«, S.170-206,
zu dieser Als- ob-Politik, die von einem der Schüler Euckens, nämlich
Leonhard Miksch, theoretisch beschrieben wurde (Wettbewerb als
Aufgabe, Stuttgan undBerlin 1937, 2..Aufl. 1947) und die das ordolibe­
rale Programm von der Forderung nach der Verwirklichung eines vol� •
kommenen Wettbewerbs zu unterscheiden gestattet. Vgl. auchJ. Fran­
�ois-Poncet, La politique economique, a. a.0., S.63.
31 Zur Unterscheidung zwischen »konformen Handlungen« und »nicht­
konformen Handlungen« vgl. Wilhelm Röpke, Die Gesellschaftskrisis
der Gegenwart, a.a.O. (5. Aufl 1948), S.252-258; Civitas Humana,
a. a.O., S 78. Vgl. F. Bilger, La pensee economique, a.a.O., S.190-192.
(»statische« und »dynamische « Konformität im Vergleich zu Röpkes
Modell).
32 Walter Eucken, Die Grundsätze der Wirtschaftspolitik, Bern und Tü­
bingen 1952.
33 Vgl. oben, Vorlesung 5, Anm.9. Vgl. Fran�ois Bilger, La pensee econo­
mique, a. a. 0., S. 62.: »So ist dieses Buch das genaue Pendant des ersten;
nach der politischen Ökonomie kommt die Wirtschaftspolitik.«
34 Diese Unterscheidung findet sich nicht ausdrücklich in Walter Euckens
Die Grundsätze der Wirtschaftspolitik, a. a.0. Zur Ordnungspolitik
vgl. dort S. 242 ff. Foucault bezieht sich hier auf: F. Bilger, La pensee
economique, a. a. 0., S. 174-188.
35 Rudolf Eucken (1846-1926). 1871 Professor an der Universität Basel,
dann 1874 in Jena, wo er bis zu seiner Emeritierung lehrte. Nobelpreis
für Literatur 1908. Unter seinen Hauptwerken finden sich folgende:
Geistige Strömungen der Gegenwart, Berlin 1904; Hauptprobleme der
Religionsphilosophie der Gegenwart, Berlin 1907; Der Sinn und Wert
des Lebens, Leipzig 1907. Das Attribut »Neukantianer«, das wohl der
Darstellung bei Bilger entnommen ist (La pensee economique, a. a. 0.,
S.41-42), charakterisiert seine Philosophie nur unvollkommen - näm-

2.18
lieh eine »Philosophie der Aktivität«-, die sich viel eher an die Strö­
mung des vitalistischen Spiritualismus anschließt, der religiös geprägt
war und der sich damals in Deutschland gegen den Intellektualismus
und den Szientismus richtete. Vgl. G. Campagnolo, »Les trois sources
philosophiques de la reflexion ordoliberale « , in: P. Commun (Hrsg.),
L'ordoliberalisme allemand, a. a.O., S.138-143. Die Nähe zum Neu­
kantianismus, die hier von Foucault mit Bezug auf »regulierende
Handlungen« nahegelegt wird, verweist wohl auf die Kantische Unter­
scheidung zwischen den »konstitutiven Prinzipien« und den »regulati­
ven Prinzipien « in der Kritik der reinen Vernunft, r. Abteilung, Buch
II, Kap.2, 3. Abschnitt, §3 (»Die Analogien der Erfahrung«).
36 Das Zitat stammt in Wirklichkeit von Röpke (wie übrigens auch aus
dem Manuskript hervorgeht), Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart,
a.a. 0., zweiter Teil, Kap. 2, S.294: »Daneben gibt es aber noch eine an­
dere nicht minder wichtige Aufgabe [als die Ausarbeitung und Festi­
gung des »dritten Weges«]. Innerhalb des rechtlich-institutionellen
Rahmens wird nämlich der Wirtschaftsprozeß immer wieder zu Rei­
bungen führen, die ihrer Natur nach vorübergehend sind, zu Verände­
rungen, die für einzelne Gruppen Härten mit sich bringen, zu Notstän­
den und Anpassungsschwierigkeiten. «
37 V gl. Walter Eucken, Grundsätze, a. a. 0., Buch V, Kap. 19, S. 336: »Die
wirtschaftspolitische Tätigkeit des Staates sollte auf die Gestaltung der
Ordnungsformen der Wirtschaft gerichtet sein, nicht auf die Lenkung
des Wirtschaftsprozesses. «
38 Es handelt sich hier um die »begrenzende Bestimmung der konfor­
men Intervention « nach Franz Böhm, »die mit drei grundlegenden
,Tendenzen< des Marktes nicht in Konflikt gerät: die Tendenz zur.
Senkung der Kosten, die Tendenz zur schrittweisen Senkung der
Unternehmensgewinne und die einstweilige Tenden� zum Ansteigen
dieser Gewinne im Fall einer entschiedenen Senkung der Kosten und
der Verbesserung der Produktivität. « (Fran�ois Bilger, La pensee eco­
nomique, a.a.O., S. 190-1).
39 Die Zuschreibung dieses Satzes scheint nicht zutreffend zu sein. Der
Satz findet sich weder in Bilgers Arbeit noch in dem Band des Lipp­
mann-Kolloquiums.
40 Zu dieser Vorstellung vgl. Fran�ois Bilger, La pensee economique,
a. a.O., S.180-181: »Sosehr die ,Ordoliberalen< auch versuchen, die
Eingriffe in den Prozeß [das Ziel der regulierenden Handlungen] zu
beschränken, so sind sie doch gegenüber der Ausweitung der Aktivität
des Staats auf den Rahmen günstig eingestellt. Denn der Prozeß funk­
tioniert mehr oder weniger gut, je nachdem wie gut der Rahmen einge­
richtet ist. (.. .) Der Rahmen ist das eigentümliche Gebiet des Staats,
der öffentliche Bereich, wo er seine >ordnende< Funktion voll ausüben
kann. Er umfaßt alles, was im wirtschaftlichen Leben nicht spontan
entsteht: Er enthält Wirklichkeiten, die kraft der allgemeinen wechsel-

219
seitigen Abhängigkeit gesellschaftlicher Tatsachen das Wirtschaftsle­
ben bestimmen, oder umgekehrt seinen Auswirkungen ausgesetzt sind:
die Menschen und ihre Bedürfnisse, die natürlichen Ressourcen, die
aktive und nicht-aktive Bevölkerung, das technische und wissenschaft­
liche Wissen, die politische und rechtliche Organisation der Gesell­
schaft, das geistige Leben, die geographischen Gegebenheiten, die ge­
sellschaftlichen Gruppen und Klassen, die geistigen Strukturen usw. «
41 Michel Foucault verweist in seinem Manuskript Bilger (La pensee eco­
nomique, a.a.O., S. 181) folgend auf Walter Eucken, Grundsätze der
Wirtschaftspolitik, a. a.0., S. 377-378. Dieser Bezug ist jedoch unrich­
tig, denn Eucken behandelt in diesem Abschnitt seines Werks nicht ei­
gens Fragen, die die Landwirtschaft betreffen.
42 Vgl. Frani;;ois Bilger, La pensee economique, a.a.0., S. 185: »Man muß
die Landwirtschaft auf den freien Markt vorbereiten, indem man dar­
über wacht, daß alle getroffenen Maßnahmen sie diesem Ziel annähern
und keine unmittelbaren unheilvollen Folgen für die anderen Märkte
entstehen. Um dieses Endziel zu erreichen, kann der Staat die zuvor
aufgezählten Gegebenheiten beeinflussen, die die landwirtschaftliche
Aktivität bestimmen: die mit der Landwirtschaft beschäftigte Bevölke­
rung, die verwendete Technik, das rechtliche System der Bewirtscha:­
tung, der verfügbare Boden, selbst das Klima usw.« Vgl. La pensee eco­
nomique, a. a.0., S. 181, das Zitat von Eucken, das den Grundsätzen
entnommen ist, a. a. 0., S. 378: »Freilich sind der Beeinflussung der ge­
samtwirtschaftlichen Daten durch die Wirtschaftspolitik Grenzen ge­
setzt. Aber keines dieser Daten ist völlig unbeeinflußbar. Um so mehr
andere Faktoren, wie die Zahl der Bevölkerung, ihre Kenntnis und Fä­
higkeiten usw. Das größte Betätigungsfeld für die Wirtschaftspolitik
bietet das sechste Datum, die Rechts- und Sozialordnung.«
43 Sicco Leendert Mansholt (1908-1995), holländischer Politiker, Vize­
präsident (1967-1972), anschließend Präsident der Europäischen Kom­
mission (1972-1973), hatte seit 1946 am Aufbau des Benelux und dann
des gemeinsamen Marktes gearbeitet. Er entwarf zwei Landwirt­
schaftspläne, den ersten 1953. Dieser zielte darauf ab, die nationalen
Politiken durch eine gemeinsame Landwirtschaftspolitik zu ersetzen.
Der zweite Plan wurde 1968 entworfen. In ihm schlug Mansholt ein
Programm zur Restrukturierung der gemeinschaftlichen Landwirt­
schaft vor (»Mansholt-Plan«). Vgl. Rapport de la Commission des
Communautes europeennes (Plan Mansholt), Paris, Secretariat general
de la CEE, 1968.
44 Zu diesem Begriff der Wettbewerbsordnung vgl. Walter Eucken, »Die
Wettbewerbsordnung und ihre Verwirklichung«, in: Ordo, Bd. 2, 1949,
und das 4. Buch der Grundsätze der Wirtschaftspolitik, a.a.0., S. 151-
190, das denselben Titel trägt.
45 Arthur Cecil Pigou (1877-1959), britischer Ökonom, der die Wohl­
fahrtsökonomie, die durch das maximale Anwachsen der Befriedigung

220
individueller Bedürfnisse gekennzeichnet ist, einer Wirtschaft des
Reichtums entgegensetzte. Er ist Autor von Wealth and Welfare, Lon­
don 1912. (Das Werk wurde 1920 mit starken Umarbeitungen in Lon­
don unter dem Titel Economics of Welfare wiederaufgelegt.) Vgl. Karl
Pribram, Geschichte des ökonomischen Denkens, Frankfun/M. 1998,
S. 867: »Als >realistische, positive Theorie verstanden, sollte der volks­
wirtschaftliche Wohlstand in Wertgrößen und ihrer Verteilung ausge­
drückt werden. Gewissermaßen als Axiom setzte Pigou voraus, daß -
von bestimmten Sonderfällen abgesehen - die Wohlfahrt zunimmt,
wenn der Gesamtumfang der Realeinkommen wächst, wenn die Ein­
kommensströme stetiger fließen, wenn die durch die Produktion be­
dingten Entbehrungen abnehmen und die Verteilung des Volksein­
kommens zugunsten der Armen verändert wird. «
46 Siehe Civitas humana, S. 338-344. Allerdings findet sich diese Formel
weder in den anderen Texten von Röpke noch bei Bilger.
47 Vgl. Franc;ois Bilger, La pensee economique, a. a. 0., S. 198: »Die ,Ordo­
liberalen< sind nicht der Auffassung, daß es weniger ,sozial< ist, eine in­
dividualistische Sozialpolitik vorzuschlagen als eine sozialistische So­
zialpolitik. «
48 Vgl. Alfred Müller-Armack, »Soziale Marktwirtschaft«, in: E. von Bek­
kerath et al. (Hrsg.), Handwörterbuch der Sozialwissenschaften, Bd. 9,
Stuttgart u.a. 1956 (wiederabgedruckt in: Alfred Müller-Armack,
Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik, a. a. 0., S. 243-248); engl.
übers., »The Meaning of the Social Market Economy«, in: Alan
Peacock und Hans Willgerodt, Germany's Social Market Economy:
Origins and Evolution, London 1989, S. 82-86. Müller-Armack ver­
wendet den Ausdruck 1947 zum ersten Mal in einem Bericht für die Inc
dustrie- und Handelskammer von Nordrhein-Westfalen (wiederabge­
druckt in seinem Buch Genealogie der sozialen Marktwirtschaft, Bern
1974, S.59-65). Er setzt sich tatsächlich durch, nachdem er in das Pro­
gramm der CDU für den ersten Bundestagswahlkampf aufgenommen
worden war (Düsseldorfer Leitsätze über Wirtschaftspolitik, Sozialpoli­
tik und Wohnungsbau vom 15.Juli 1949).
49 Zur neoliberalen Politik in Frankreich in den 7oer Jahren vgl. unten, 8.
Vorlesung.
50 Zum physiokratischen Begriff der »ökonomischen Regierung« vgl. M.
Foucault, STB, Vorlesung 3, S. 117 und S. 131, Anm.40, und Vorlesung
4, S.144.
5 r Dieser Ausdruck findet sich nicht in den Berichten über das Lipp­
mann-Symposium (Michel Foucault verwechselt ihn wohl mit dem,
der von Louis Marlio verwendet wurde, S. 102 (»sozialer Liberalis­
mus«, vgl. oben, Vorlesung 6, Anm. 15). Er wird dagegen von Wilhelm
Röpke verwendet, Civitas Humana, a. a. 0., S.51: »Der Liberalismus,
zu dem wir so gelangen, könnte als soziologischer gekennzeichnet wer­
den, und gegen ihn bleiben die Waffen stumpf, die gegen den alten, rein
wirtschaftlichen Liberalismus geschmiedet worden sind. «
221
52 Vgl. Fran�ois Bilger, La pensee economique, a.a.O., S.111 (ohne Quel­
lenangabe). Der Begriff Gesellschaftspolitik taucht anscheinend in den
Schriften von Alfred Müller-Armack erst ab 1960 auf. Vgl. »Die zweite
Phase der Sozialen Marktwirtschaft. Ihre Ergänzung durch das Leit­
bild einer neueren Gesellschaftspolitik« (1960), wiederabgedruckt in:
Müller-Armack, Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik, a. a. 0.,
S. 267-291, und Wolfgang Stütze! et al. (Hrsg.), Grundtexte zur Sozia­
len Marktwirtschaft, a.a.O., S.63-78; sowie »Das gesellschaftspoliti­
sche Leitbild der sozialen Marktwirtschaft« (1962), wiederabgedruckt
in: Müller-Armack, ebd., S. 293-317. Er charakterisiert dort auf der
Ebene der Innenpolitik das Programm der zweiten Phase der Errich­
tung einer sozialen Marktwirtschaft.
5 3 Jacques Chaban-Delmas ( I 9 r 5-2000 ), Premierminister unter der Präsi­
dentschaft von Georges Pompidou von 1969-1972. Sein Projekt einer
»neuen Gesellschaft«, das er in seiner Antrittsrede vom 16. September
1969 vorstellt und das von seinen beiden Mitarbeitern, Simon Nora
und Jacques Delors, inspiriert ist, rief zahlreichen Widerstand auf kon­
servativer Seite hervor. Indem er »die Schwäche unserer Industrie « an­
prangerte, erklärte er insbesondere: »Aber hier trifft die Wirtschaft mit
der Politik und dem Sozialwesen zusammen. In der Tat sind das maü­
gelhafte Funktionieren des Staats und unsere archaischen gesellschaft­
lichen Strukturen ebenso viele Hindernisse für die Wirtschaftsentwick­
lung, die wir nötig haben. (... ) Der neue Sauerteig der Jugend, der
schöpferischen Tätigkeit, der Erfindungsgabe, der unsere alte Gesell­
schaft erschüttert, kann den Teig neuer und reichhaltiger Formen von
Demokratie und Partizipation in allen sozialen Organisationen wie in
einem flexiblen, dezentralisierten Staat zum Gehen bringen. Wir kön­
nen also den Aufbau einer neuen Gesellschaft in Angriff nehmen. «
54 Valery Giscard d'Estaing (1926-). Im Mai 1974 zum Präsidenten der
Republik gewählt. Vgl. unten, Vorlesung 8, S.281 f.
5 5 Ein Ausdruck von Müller-Armack, zitiert bei Bilger, La pensee econo­
mique, a.a. 0., S.1 I 1. Vgl. »Die zweite Phase der Sozialen Marktwirt­
schaft « , a.a.0 ., in: Wolfgang Stütze! u. a. (Hrsg.), Grundtexte zur So­
zialen Marktwirtschaft, a.a.O., S. 72.
56 Diese Datierung Foucaults beruht wohl auf Hinweisen Sombarts auf
frühere Arbeiten. Vgl. etwa in der frz. Ausgabe, die Foucau!t verwen­
dete: Le socialisme allemand, a. a.0., S. 48, Anm. 1. Dort weist Sombart
auf die folgenden Arbeiten hin: Deutsche Volkswirtschaft im 19.Jahr­
hundert und im Anfang des 20.Jahrhunderts, Berlin 1903; Der Bour­
geois. Zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen, Mün­
chen/Leipzig 1913; Das Proletariat, a. a. 0. Vgl.auch Der moderne Ka­
pitalismus, Teil III, Kap. 53.
57 Vgl. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1922.
58 Vgl. Werner Sombart, Der moderne Kapitalismus, a.a.0., Teil I, Kap.1-
2; Gewerbewesen, 2 Bde ., Leipzig 1904 (Bd. 1: Organisation und Ge-

222
schichte des Gewerbes; Bd. 2: Das Gewerbe im Zeitalter des Hochkapi­
talismus); 2. durchgesehene Aufl. Berlin 1929; »Der kapitalistische Un­
ternehmer«, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. 29
(1909), s. 689-758.
59 Joseph Schumpeter (1883-1950). In der Theorie der wirtschaftlichen
Entwicklung, die 19 r r veröffentlicht wurde, stellt der Autor der monu­
mentalen History of Economic Analysis (Oxford 1954) zum ersten Mal
seine Auffassung des Unternehmensgründers vor, der durch seinen
Pioniergeist und seine innovative Fähigkeit die wirkliche Triebkraft der
Wirtschaftsentwicklung war. Vgl. auch seinen Artikel »Unternehmer«
in: Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Jena 1928, Bd. VIII.
Diese Theorie der unternehmerischen Kühnheit liegt der pessimisti­
schen Feststellung von 1942 in Capitalism, Socialism and Democrary
(New York/London, 1942; dt. Kapitalismus, Sozialismus und Demo­
kratie, Bern 1946) zugrunde: siehe vor allem S. 213-219: »Das Veralten
der Unternehmerfunktion«), wo er das Kommen der Planwirtschaft
voraussagt. Vgl. unten, Vorlesung 7, S. 249.
60 Wilhelm Röpke, Ist die deutsche Wirtschaftspolitik richtig?, a.a. 0. (vgl.
oben, Vorlesung 5, S. r 52).
61 Ebd., in: Wolfgang Stütze! u.a. (Hrsg.), Grundtexte zur Sozialen
Marktwirtschaft, a.a. 0., S. 59. Die Liste der Maßnahmen, die Röpke
vorschlägt, entspricht indessen nicht genau der Aufzählung Foucaults:
»Die Maßnahmen, die hier ins Auge zu fassen sind [für eine grundsätz­
liche Änderung soziologischer Grundlagen (Entmassung und Entpro­
letarisierung)], betreffen vor allem die Förderung der wirtschaftlichen
und sozialen Dezentralisation im Sinne einer die Gebote der Wirtschaft­
lichkeit beachtenden Streuung des kleinen und mittleren Betriebes, der
Bevölkerungsverteilung zwischen Stadt und Land und zwischen Indu­
strie und Landwirtschaft, einer Auflockerung der Großbetriebe und
einer Förderung des Kleineigentums der Massen und sonstiger Um­
stände, die die Verwurzelung des heutigen Großstadt- und Industrie­
nomaden begünstigen. Es ist anzustreben, das Proletariat im Sinne
einer freien Klasse von Beziehern kurzfristigen Lohneinkommens zu
beseitigen und eine neue Klasse von Arbeitern zu schaffen, die durch
Eigentum, Reserven, Einbettung in Natur und Gemeinschaft, Mitver­
antwortung und ihren Sinn in sich selbst tragende Arbeit zu vollwerti­
gen Bürgen einer Gesellschaft freier Menschen werden. « Vgl. den Aus­
zug aus Civitas Humana, der bei Fram;:oi� Bilger abgedruckt ist, La
pensee economique, a. a. 0., S. 103 (» Verlegung des sozialen Schwer­
punkts von oben nach unten«).
62 Rüstow beschreibt diese Vitalpolitik folgendermaßen: »eine Politik des
Lebens, die im wesentlichen nicht wie die traditionelle Sozialpolitik auf
die Erhöhung der Löhne und die Verkürzung der Arbeitszeit gerichtet
ist, sondern die sich die gesamte Lebenssituation des Arbeiters bewußt
macht, seine wirkliche, konkrete Situation, von morgens bis abends

223
und von abends bis morgens«. Die materielle und moralische Hygiene,
das Bewußtsein des Eigentums; das Gefühl einer sozialen Eingebun­
denheit usw. waren in seinen Augen genauso wichtig wie der Lohn und
die Arbeitszeit (zitiert bei Bilger, La pensee economique, a. a. 0., S. ro6,
der nur auf »einen Aufsatz in Wirtschaft ohne Wunder« hinweist. Es
handelt sich wohl um »Soziale Marktwirtschaft als Gegenprogramm
gegen Kommunismus und Bolschewismus « , in: Albert Hunold
(Hrsg.), Wirtschaft ohne Wunder, Erlenbach-Zürich 1953, S.97-ro8).
Vgl. auch vom selben Autor »Sozialpolitik oder Vitalpolicik« , in: Mit­
teilungen der Industrie- und Handelskammer zu Dortmund, r 1 (No­
vember 19p), S.453-459; »Vitalpolicik gegen Vermassung«, in: Albert
Hunold, (Hrsg.), Masse und Demokratie, Volkswirtschaftliche Studien
für das Schweizer Institut für Auslandsforschung, Erlenbach/Zürich
r957, S.215-238. Über den Unterschied von Vital- und Sozialpolitik
vgl. C. J. Friedrich, op.cit., S. p 3-5r4. Alfred Müller-Armack stellt die
auf die Gesamtheit der Umwelt gerichteten Maßnahmen in einen Zu­
sammenhang mit der Vitalpolitik: »Die hier erhobene Forderung
dürfte in etwa dem Wunsche nach einer Vitalpolicik im Sinne von Ale­
xander Rüstow entsprechen, einer Politik, die jenseits des Ökonomi­
schen auf die vitale Einheit des Menschen gerichtet ist.« (»Die zweit„
Phase der Sozialen Marktwirtschaft«, in: Wolfgang Stütze! et al.
(Hrsg.), Grundtexte zur Sozialen Marktwirtschaft., a. a. 0., S. 71 ).

224
Vorlesung 7
(Sitzung vom 21. Februar 1979)

Der zweite Aspekt der »Gesellschaftspolitik« nach den


Ordoliberalen: das Problem des Rechts in einer Gesellschaft,
die nach dem Modell der marktbezogenen Wettbewerbswirtschaft
geregelt ist. - Rückkehr zur Walter-Lippmann-Konferenz. -
Überlegungen auf der Grundlage eines Textes von Louis Rougier. -
(1) Die Idee einer juridisch-ökonomischen Ordnung.
Wechselseitigkeit der Beziehungen zwischen den Wirtschaftsprozessen
und dem institutionellen Rahmen. - Der politische Einsatz:
Das Problem des Überlebens des Kapitalismus. - Zwei zusätzliche
Probleme: die Theorie der Konkurrenz und die historische und
soziologische Analyse des Kapitalismus. -(2) Die Frage nach dem
juridischen /nterventionismus. - Historische Erinnerung: der
Rechtsstaat im 18. Jahrhundert im Gegensatz zum Despotentum und
zum Polizeistaat. Neufassung des Begriffs im 19. Jahrhundert:
die Frage nach der Schlichtung zwischen Bürgern und öffentlicher
Gewalt. Das Problem der Verwaltungsgerichte. - Das neoliberale
Projekt: die Einführung rechtsstaatlicher Prinzipien in die
Wirtschaftsordnung. - Rechtsstaat und Planung nach Hayek. -
(3) Der Anstieg der Rechtsnachfrage. -Allgemeine Schlußfolgerung:
Die Besonderheit der neoliberalen Regierungskunst in Deutschland.·
Der Ordoliberalismus gegenüber Schumpeters Pessimismus.

Letztes Mal hatte ich versucht Ihnen zu zeigen, wie sich aus
dem Ordoliberalismus die Notwendigkeit einer sogenannten
Gesellschaftspolitik ergibt, einer Politik der Gesellschaft und
eines sozialen Interventionismus, der zugleich aktiv, vielfältig,
wachsam und allgegenwärtig ist. Also Marktwirtschaft einer­
seits und aktive, intensive und interventionistische Sozialpoli­
tik andererseits. Man sollte aber sorgfältig betonen, daß diese
Sozialpolitik des Ordoliberalismus nicht die Aufgabe hat, wie
ein ausgleichender Mechanismus zu wirken, dessen Ziel es ist,
die zerstörerischen Wirkungen wegzuwischen oder aufzuhe­
ben, die die wirtschaftliche Freiheit auf die Gesellschaft, auf
das gesellschaftliche Gewebe oder Geflecht haben könnte.

225
Wenn es einen ständigen und vielgestaltigen sozialen Interven­
tionismus gibt, dann ist er nicht gegen die Marktwirtschaft ge­
richtet. Vielmehr soll dieser Interventionismus im Gegensatz
dazu die historische und gesellschaftliche Bedingung der Mög­
lichkeit für eine Marktwirtschaft darstellen. Er soll die Bedin­
gung dafür sein, daß der formale Mechanismus des Wettbe­
werbs greift und daß folglich die regulierende Wirkung, die der
Wettbewerbsmarkt garantieren soll, sich auch angemessen ein­
stellt und sich folglich keine negativen sozialen Wirkungen er­
geben, die auf die Abwesenheit des Wettbewerbs zurückgehen
würden. Die Gesellschaftspolitik soll also nicht die anti-sozia­
len Wirkungen des Wettbewerbs, sondern die dem Wettbewerb
entgegenstehenden Mechanismen aufheben, die die Gesell­
schaft hervorbringen könnte bzw. die jedenfalls in ihr entste­
hen könnten.
Das hatte ich letztes Mal hervorzuheben versucht. Um nur�
diesem Begriff der Gesellschaftspolitik einen Inhalt zu geben,
glaube ich, daß es zwei große Achsen gibt, auf denen die Ordo­
liberalen beharrt haben: einerseits die Gestaltung der Gesell­
schaft nach dem Modell des Unternehmens, ich habe Sie auf die
Bedeutung dieses Begriffs des Unternehmens hingewiesen, auf
die ich wieder zurückkommen werde 1 - es gäbe eine ganze
ökonomische, historische, soziale Geschichte des Unterneh­
mers und des Unternehmens zu schreiben mit allen Wechselbe­
ziehungen zwischen dem einen und dem anderen seit dem
Ende des 19. bis zur Mitte des 20.Jahrhunderts -, eine Gestal­
tung der Gesellschaft also nach dem Modell des Unterneh­
mens; und den zweiten Aspekt möchte ich heute behandeln,
nämlich die Neubeschreibung der Institution des Rechts und
der Rechtsregeln, die in einer geregelten Gesellschaft auf der
Grundlage und entsprechend der Wettbewerbswirtschaft des
Marktes notwendig sind: vereinfachend gesagt, das Problem
des Rechts.
Um den Kontext dieses Problems etwas darzustellen, möchte
ich auf das Walter-Lippmann-Symposium zurückkommen,
über das ich vor ein oder zwei Wochen, ich erinnere mich nicht
mehr, 2 gesprochen habe. Dieses Walter-Lippmann-Sympo­
sium ist in der Geschichte des modernen zeitgenössischen
Neoliberalismus ein relativ wichtiges Ereignis, weil sich dort
genau am Vorabend des Krieges von 1939 der alte, traditionelle
Liberalismus, Vertreter des deutschen Ordoliberalismus wie
Röpke, Rüstow usw. und Leute wie Hayek und von Mises be­
gegnen, die zwischen dem deutschen Ordoliberalismus und
dem amerikanischen Neoliberalismus vermitteln werden, wel­
cher zum Anarcho-Liberalismus der Chicagoer Schule,3 Mil­
ton Friedman4 usw. führt. Alle diese Leute sind also 1939 ver­
sammelt- Milton Friedman nicht, aber Hayek, Mises usw., die
gewissermaßen eine Übertragungsfunktion haben werden -,
und der Veranstalter und Conferencier dieses Symposiums
war, wie Sie wissen, Louis Rougier, 5 der einer der wenigen und
sehr guten französischen Erkenntnistheoretiker der Nach­
kriegszeit war und der in der Geschichte vor allem dadurch be­
kannt ist, daß er im Sommer 1940 6 Vermittler zwischen Petain
und Churchill war. Louis Rougier ist also Veranstalter dieses
Lippmann-Symposiums im Sommer 1939, im Mai oder Juni
1939, glaube ich. 7 Er stellt das gesamte Symposium und die
verschiedenen Beiträge, die dort gehalten wurden, dar, und ich
muß sagen, daß seine Darstellung recht bemerkenswert ist, was
die allgemeinen Prinzipien dieses Neoliberalismus angeht.
Über das juridische Problem sagt er Folgendes: »Das liberale
System ist nicht allein das Ergebnis einer natürlichen sponta­
nen Ordnung, wie die zahlreichen Autoren der Codes de la na­
ture im 18.Jahrhundert erklärten; es ist auch das Resultat einer
Gesetzesordnung, die auf einen juridischen Interventionismus
des Staats angewiesen ist. Das Wirtschaftsleben vollzieht sich
[tatsächlich]'� in einem rechtlichen Rahmen, der das System des
Eigentums, der Verträge, der Patente für Erfindungen, des
Konkurses, den Status von Berufsverbänden und von Handels­
gesellschaften, die Währung und die Bank bestimmt, alles
Dinge, die keine Naturgegebenheiten sind, wie etwa die Ge-

* Hinzufügu ng von Michel Foucault.

227
setze des wirtschaftlichen Gleichgewichts, sondern kontin­
gente Schöpfungen des Gesetzgebers. Deshalb gibt es keinen
Grund für die Annahme, daß die rechtlichen Institutionen, die
gegenwärtig existieren, auf endgültige und beständige Weise
am geeignetsten für den Schutz der Freiheit von wirtschaftli­
chen Transaktionen sind. Die Frage nach dem rechtlichen Rah­
men, der am besten für das flexibelste, wirksamste und pflicht­
getreuste Funktionieren des Marktes geeignet ist, wurde von
den klassischen Ökonomen vernachlässigt und würde es ver­
dienen, Gegenstand eines Internationalen Forschungszentrums
für die Erneuerung des Liberalismus zu werden. Liberal zu sein
bedeutet also keineswegs, konservativ in dem Sinne zu sein,
daß die faktischen Vorrechte, die sich aus den verabschiedeten
Gesetzen ergeben, aufrechterhalten werden. Im Gegenteil ist es
wesentlich, fortschrittlich zu sein im Sinne einer fortwähren­
den Anpassung der Rechtsordnung an wissenschaftliche En.­
deckungen, an den Fortschritt der wirtschaftlichen Organisa­
tion und Technik, an die strukturellen Veränderungen der
Gesellschaft, an die Erfordernisse des zeitgenössischen Be­
wußtseins. Liberal zu sein bedeutet nicht, wie der »Manche­
ster-Liberalist« die Autos zu ihrem eigenen Vergnügen in alle
Richtungen fahren zu lassen, wodurch sich Staus und endlose
Unfälle ergeben würden; es bedeutet nicht, wie der ,Planwirt­
schaftler< jedem Auto seine Fahrzeit und seinen Weg vor­
zuschreiben, sondern ein Verkehrsrecht durchzusetzen, auch
wenn man zugeben muß, daß dieses Recht nicht unbedingt
dasselbe ist in Zeiten schnellerer Transporte wie in Zeiten der
Sorgfalt. Wir begreifen heute besser als die großen Klassiker,
worin eine wirklich liberale Wirtschaft besteht. Es ist eine
Wirtschaft, die einem zweifachen Schiedsgericht unterliegt:
dem spontanen Schiedsgericht der Konsumenten, die durch ih­
ren Geschmack den Ausschlag bei den Gütern und Dienstlei­
stungen geben, die ihnen auf dem Markt angeboten werden,
und zwar durch den Volksentscheid der Preise, und [anderer­
seitsP dem vom Staat vorbereiteten Schiedsgericht, das die
'' Hinzufügung von Michel Foucault.
Freiheit, die Pflichttreue und die Effizienz des Marktes'� ge­
währleistet. « 8
Nun, ich glaube, daß man in diesem Text eine Reihe von Ele­
menten finden kann. Lassen wir gleich eine Reihe von Aus­
sagen beiseite, die die Ordoliberalen offensichtlich nicht zu­
gestehen würden. Alles, was den natürlichen Charakter der
Wettbewerbsmechanismen angeht. Wenn Rougier sagt, daß das
liberale System nicht allein das Ergebnis einer natürlichen
Ordnung ist, sondern auch das Resultat einer Rechtsordnung,
würden die Ordoliberalen offensichtlich sagen: Das ist nicht
wahr. Die natürliche Ordnung, was man unter der natürlichen
Ordnung versteht, was jedenfalls die klassischen Ökonomen
oder die Ökonomen des 18.Jahrhunderts unter einer natürli­
chen Ordnung verstanden, ist nichts anderes als die Wirkung
einer bestimmten Rechtsordnung. Lassen wir diese Elemente,
die an der Nahtstelle zwischen dem klassischen und dem Neo­
liberalismus oder dieser Form des Neoliberalismus liegen,
beiseite und gehen wir vielmehr zu den bedeutsameren, dem
Neoliberalismus eigentümlicheren Elementen über, die man in
diesem Text findet.
Erstens muß man, glaube ich, Folgendes feststellen. Für Rou­
gier, wie übrigens auch für die Ordoliberalen, gehört das ·
Rechtliche nicht zum Überbau. Das bedeutet, daß das Rechtli­
che von ihnen nicht so aufgefaßt wird, als ob es sich einzig und
allein in einer Ausdrucksbeziehung oder einer instrumentellen
Beziehung gegenüber der Wirtschaft befindet. Es ist nicht ein­
zig und allein die Wirtschaft, die eine rechtliche Ordnung be­
stimmt, welche zugleich in einer Beziehung des Dienstes und
der Knechtschaft gegenüber der Wirtschaft stände. Das Rechts­
wesen informiert das Wirtschaftswesen, welches ohne das
Rechtswesen nicht es selbst wäre. Was heißt das? Ich glaube,
daß man drei Bedeutungsebenen unterscheiden kann.
Erstens eine theoretische Bedeutung. Die theoretische Bedeu­
tung erkennen Sie sofort, ich schäme mich, das eigens zu beto-

* Louis Rougier sagt: »der Märkte«.

229
nen, sie besteht darin, daß man, anstatt ein Wirtschaftswesen,
das einer tieferen Ordnung angehört, einem rechtlich-politi­
schen Wesen, das einer höheren Ordnung angehört, entgegen­
zusetzen, in Wirklichkeit von einer wirtschaftlich-rechtlichen
Ordnung sprechen muß. Damit stellen sich Rougier und die
Ordoliberalen ganz genau in jene so bedeutsame Linie, die auf
Max Weber zurückgeht. Das heißt, daß sie sich wie Max Weber
gewissermaßen gleich zu Beginn nicht auf die Ebene der Pro­
duktionskräfte, sondern auf die Ebene der Produktionsver­
hältnisse begeben. Dort ergreifen sie gewissermaßen mit einer
Hand sowohl die Geschichte als auch die Wirtschaft, sowohl
das Recht als auch die Wirtschaft im eigentlichen Sinne, und in­
dem sie sich so auf die Ebene der Produktionsverhältnisse stel­
len, sind sie nicht der Meinung, daß das Wirtschaftswesen eine
Gesamtheit von Prozessen sei, zu denen ein Recht hinzukäme,
das diesen Prozessen gegenüber mehr oder weniger angepaJt
oder mehr oder weniger rückständig wäre. Tatsächlich soll das
Wirtschaftswesen von vornherein als eine Gesamtheit von ge­
regelten Aktivitäten verstanden werden. Eine Gesamtheit von
geregelten Aktivitäten, deren Regeln völlig verschiedene Ebe­
nen, Formen, Ursprünge, Daten und Chronologien haben.
Diese Regeln können ein gesellschaftlicher Habitus, eine reli­
giöse Vorschrift, eine Ethik, eine betriebliche Regelung oder
auch ein Gesetz sein. Jedenfalls ist das Wirtschaftswesen nicht
ein mechanischer oder natürlicher Prozeß, kein Prozeß, den
man ablösen könnte, außer durch eine Abstraktion a poste­
riori, durch eine formalisierende Abstraktion. 9 Das Wirt­
schaftswesen kann niemals nur als eine Gesamtheit von Aktivi­
täten verstanden werden, und wer Aktivität sagt, der sagt
zwangsläufig geregelte Aktivität. Es ist diese ökonomisch­
rechtliche Gesamtheit, diese Gesamtheit von geregelten Akti­
vitäten, die Eucken - hier in einer mehr phänomenologischen
als Weberschen Perspektive - das »System« nennt. 10 Worin be­
steht das System? Nun, es ist eine komplexe Gesamtheit, die
Wirtschaftsprozesse umfaßt, deren eigentliche ökonomische
Analyse auf einer reinen Theorie und auf einer Formalisierung

230
beruht, die beispielsweise die Formalisierung der Wettbe­
werbsmechanismen sein kann. Diese Wirtschaftsprozesse exi­
stieren jedoch in der Geschichte nur insofern wirklich, als ih­
nen durch einen institutionellen Rahmen und positive Regeln
ihre Bedingungen der Möglichkeit gegeben wurden.11 Das be­
deutet also historisch diese gemeinsame Analyse, d. h. diese
Analyse der Gesamtheit der Produktionsverhältnisse.
Was heißt historisch? Nun, es bedeutet, daß man sich davor
hüten s�llte, sich vorzustellen, daß es zu einem bestimmten
Zeitpunkt eine· eigentümliche und einfache Wahrheit des Kapi­
talismus oder des Kapitals und der Akkumulation des Kapitals
gegeben hat, die mit der ihr eigenen Notwendigkeit die frühe­
ren Rechtsregeln, wie etwa das Erstgeburtsrecht, das Feudal­
recht usw., überrumpelt hätte und die dann durch ihre Logik
und ihre eigenen Erfordernisse und gewissermaßen durch ihre
Schubkraft von unten neue, günstigere Rechtsregeln geschaf­
fen hätte, sei es das Eigentumsrecht, die Gesetzgebung für Ak­
tiengesellschaften, das Patentrecht usw. In Wirklichkeit darf
man die Dinge nicht so sehen. Man muß in Betracht ziehen,
daß man es historisch mit einer einzigartigen Gestalt zu tun
hat, innerhalb welcher sich die Wirtschaftsprozesse und der in­
stitutionelle Rahmen gegenseitig bedingen, sich aufeinander ·
stützen, sich gegenseitig verändern und sich unablässig gegen­
seitig formen. Schließlich war der Kapitalismus kein Prozeß
von unten, der etwa das Erstgeburtsrecht umgestoßen hat. Tat­
sächlich kann man die historische Gestalt des Kapitalismus nur
verstehen, wenn man die Rolle berücksichtigt, die beispiels­
weise das Erstgeburtsrecht bei seiner Bildung und Entstehung
wirklich gespielt hat. Die Geschichte des Kapitalismus kann
nur eine ökonomisch-institutionelle Geschichte sein. Daraus
leitet sich eine ganze Reihe von wirtschaftsgeschichtlichen und
juridisch-ökonomischen Untersuchungen ab, die für die ganze
theoretische Debatte sehr wichtig waren, die aber auch - und
darauf will ich hinaus - aus politischer Perspektive bedeutsam
waren, da offensichtlich das Problem dieser theoretischen und
historischen Analyse des Kapitalismus und der Rolle, die die
rechtlichen Institutionen darin spielen konnten, ein politischer
Einsatz ist.
Worin besteht dieser politische Einsatz? Nun, das ist ganz ein­
fach. Es handelt sich ganz einfach um das Problem des Über­
lebens des Kapitalismus, der Möglichkeit und des Möglich­
keitsraums, den der Kapitalismus noch hat. Denn wenn man
aus marxistischer Sicht im weitesten Sinne des Wortes behaup­
tet, daß dasjenige, was in der Geschichte des Kapitalismus be­
stimmend ist, die ökonomische Logik des Kapitals und seiner
Akkumulation ist, dann versteht man wohl, daß es in Wirklich­
keit nur einen Kapitalismus gibt, weil es nur eine Logik des Ka­
pitals gibt. Es gibt nur einen Kapitalismus, der genau durch die
einzigartige und notwendige Logik seiner Wirtschaft gekenn­
zeichnet ist, und im Hinblick auf diesen Kapitalismus kann
man einfach sagen, daß diese oder jene Institution ihn begün­
stigt hat oder daß diese oder jene ungünstig für ihn war. Wir
haben entweder einen entfalteten oder einen behinderten Kapi­
talismus, jedenfalls haben wir aber den Kapitalismus. Der Ka­
pitalismus, den wir im Westen kennen, ist der Kapitalismus
schlechthin, der nur von einigen günstigen oder ungünstigen
Faktoren moduliert wird. Folglich sind auch die gegenwärti­
gen Sackgassen des Kapitalismus, insofern sie in letzter Instanz
durch die Logik des Kapitals und seiner Akkumulation deter­
miniert sind, offensichtlich historisch endgültige Sackgassen.
Mit anderen Worten, sobald man alle historischen Gestalten
des Kapitalismus auf die Logik des Kapitals und seiner Akku­
mulation bezieht, ist das Ende des Kapitalismus durch die hi­
storischen Sackgassen gekennzeichnet, die er heute aufweist.
Wenn aber im Gegensatz dazu das, was die Ökonomen »das
Kapital«"- nennen, in Wirklichkeit nur ein Prozeß ist, der auf
einer rein ökonomischen Theorie beruht, wenn dieser Prozeß
aber nur historische Realität innerhalb eines Kapitalismus hat
und haben kann, der seinerseits ökonomisch-institutionell ist,
dann versteht man, daß der historische Kapitalismus, den wir

* Im Manuskript in Anführungszeichen.

232
kennen, nicht als einzig mögliche und notwendige Gestalt der
Logik des Kapitals ableitbar ist. Tatsächlich haben wir histo­
risch einen Kapitalismus, einen Kapitalismus, der einzigartig
ist, der jedoch durch diese Einzigartigkeit selbst Anlaß zu einer
Reihe von institutionellen und folglich wirtschaftlichen Verän­
derungen, einer Reihe ökonomisch-institutioneller Verände­
rungen geben kann, die ihm einen Raum von Möglichkeiten
eröffnen. Nach der ersten Art von Analyse, die sich ausschließ­
lich auf die Logik des Kapitals und seiner Akkumulation be­
zieht, gibt es nur einen einzigen Kapitalismus, und deshalb
bald überhaupt keinen Kapitalismus mehr. Nach der zweiten
Möglichkeit gibt es die historische Einzigartigkeit einer öko­
nomisch-institutionellen Gestalt, vor der sich folglich, wenn
man etwas historischen Abstand gewinnt und die ökonomi­
sche, politische und institutionelle Vorstellungskraft ein wenig
spielen läßt, ein Feld von Möglichkeiten eröffnet. Das heißt,
daß wir bei dieser Schlacht um die Geschichte des Kapitalis­
mus, der Geschichte der Rolle der Rechtsinstitutionen, der Re­
gel innerhalb des Kapitalismus tatsächlich einen politischen
Einsatz haben.
Wie stellten sich die Dinge für die Ordoliberalen dar, wenn
man sie aus einem anderen Blickwinkel betrachten will? Wenn
man die Sache etwas grob analysiert und sich sagt, daß ihr Pro­
blem darin bestand, zu zeigen, daß Kapitalismus noch möglich
war, daß der Kapitalismus unter der Bedingung überleben
konnte, daß man eine neue Form für ihn edindet, wenn man
annimmt, daß dies das Endziel der Ordoliberalen war, dann
kann man sagen, daß sie im Grunde zwei Dinge zu beweisen
hatten. Erstens mußten sie beweisen, daß die eigentlich ökono­
mische Logik des Kapitalismus, diese Logik des Wettbewerbs­
marktes möglich, und nicht widersprüchlich war. Das versuch­
ten sie auch zu tun. Diese Dinge habe ich Ihnen letztes Mal
erzählt. Und dann mußten sie zeigen, daß, wenn diese Logik an
sich nicht widersprüchlich und folglich zuverlässig war, es an­
dererseits in den konkreten, wirklichen, historischen Formen
des Kapitalismus eine Gesamtheit von juridisch-ökonomi-

233
sehen Beziehungen gab, die von einer solchen Art waren, daß
man, indem man eine neue institutionelle Funktionsweise er­
fand, die Wirkungen - die Widersprüche, Sackgassen, Irratio­
nalitäten - überwinden konnte, die für die kapitalistische Ge­
sellschaft charakteristisch waren und die nicht auf die Logik
des Kapitalismus zurückgingen, sondern einfach auf eine be­
stimmte und besondere Gestalt dieses ökonomisch-juridischen
Komplexes.
Sie sehen daher, daß diese beiden großen Probleme, die einer­
seits die Wirtschaftstheorie und andererseits die Wirtschaftsge­
schichte oder Wirtschaftssoziologie beherrscht haben, in
Deutschland gänzlich miteinander verbunden waren. Ein Pro­
blem stelit die Theorie des Wettbewerbs dar. Wenn die Ökono­
men jener Epoche, Walras, 12 Marshall 1 3 in England, Wicksell 14
in Schweden und alle ihre Nachfolger dieser Theorie des Wett­
bewerbs soviel Bedeutung beimaßen, dann deshalb, weil es
darum ging, zu bestimmen, ob der formale Mechanismus des
Wettbewerbsmarkts widersprüchlich war oder nicht. Außer­
dem ging es darum, festzustellen, in welchem Maße dieser
Wettbewerbsmarkt zu Erscheinungen führte, die in der Lage
waren, ihn aufzuheben, nämlich das Monopol. Und dann gibt
es das ganze Bündel von Weberschen Problemen der Wirt­
schaftsgeschichte und -soziologie, das tatsächlich nur der an­
dere Aspekt oder das Gegenstück zur ersten Frage ist und das
darin besteht, ob man in der Geschichte des Kapitalismus
wirklich eine ökonomisch-institutionelle Gesamtheit erken­
nen kann, die sowohl von der Einzigartigkeit des Kapitalismus
als auch von den Sackgassen, Widersprüchen, Schwierigkeiten
Rechenschaft ablegen kann, einer Mischung von Rational;tät
und Irrationalität, die man heute feststellt. Es geht also darum,
beispielsweise die Geschichte der Rolle der protestantischen
Ethik und der religiösen Vorschriften zu schreiben, die mit ihr
verbunden waren, einerseits die Geschichte der protestanti­
schen Ethik 15 und andererseits die reine Theorie des Wettbe­
werbs zu entwickeln. Das waren zwei verschiedene Aspekte
oder zwei sich jeweils ergänzende Weisen, das Problem zu stel-

23 4
len und es zu lösen zu versuchen, ob der Kapitalismus überle­
ben konnte oder nicht. Das ist, glaube ich, ein Aspekt der
Dinge und des Textes von Rougier, [all dieser] Behauptungen,
mit denen er zu zeigen versucht, daß der Wirtschaftsprozeß
nicht von einer Menge von Institutionen getrennt werden
kann, von einer juridischen Gesamtheit, die nicht einfach nur
die Wirkung oder der mehr oder weniger verzögerte oder mehr
oder weniger angepaßte Ausdruck dieses Prozesses ist, son­
dern die mit ihm innerhalb eines Wirtschaftssystems wirklich
eine Einheit bildet, d. h. kurz gesagt, innerhalb einer Menge
von geregelten wirtschaftlichen Praktiken.
Den anderen Aspekt des Textes, den ich Ihnen vorhin vorgele­
sen habe, könnte man den »juridischen Interventionismus«
nennen. Er ergibt sich aus dem ersten Aspekt. Wenn man wirk­
lich annimmt, daß man es nicht mit dem Kapitalismus zu tun
hat, der sich aus der Logik des Kapitals ergibt, sondern mit ei­
nem einzigartigen Kapitalismus, der durch eine ökonomisch­
institutionelle Gesamtheit konstituiert ist, nun, dann muß man
diese Gesamtheit beeinflussen können, und zwar so, daß man
einen anderen Kapitalismus erfindet. Aber wo und wodurch
wird dieser Einbruch von Innovation im Kapitalismus stattfin­
den? Offensichtlich nicht bei den Marktgesetzen, nicht im
Markt selbst, da, wie die ökonomische Theorie zeigt, der
Markt per definitionem sich auf eine solche Weise verhalten
muß, daß seine reinen Mechanismen an sich selbst das Ganze
regeln. Rühren wir also diese Marktgesetze nicht an, sondern
handeln wir so, daß die Institutionen eine solche Form anneh­
men, daß die Gesetze des Marktes, und sie allein, das Prinzip
der allgemeinen wirtschaftlichen Regulation darstellen und
folglich das Prinzip der gesellschaftlichen Regulation. Folglich
soll es überhaupt keinen wirtschaftlichen lnterventionismus
geben oder nur ein Minimum an wirtschaftlicher Intervention
und ein Maximum an juridischer Intervention. Man muß, sagt
Eucken in einer Formulierung, die, glaube ich, bezeichnend ist,
»zu einem bewußten Wirtschaftsrecht übergehen. « 16 Und ich
glaube, daß man diese Formulierung Wort für Wort dem entge-

2 35
gensetzen muß, was die gewöhnliche marxistische Formulie­
rung wäre. In der gewöhnlichen marxistischen Formulierung
hat sich das Wirtschaftswesen dem Bewußtsein der Historiker
entzogen, wenn sie ihre historischen Untersuchungen durch­
führten. Für Eucken ist das, was für die Historiker unbewußt
bleibt, nicht das Wirtschaftswesen, sondern das Institutions­
wesen, oder vielmehr bleibt es nicht sosehr den Historikern
unbewußt als den Ökonomen. Was der ökonomischen T heorie
entgeht, was den Ökonomen bei ihrer Analyse entgeht, ist die
Institution. Wir müssen zu einer Ebene des bewußten Wirt­
schaftsrechts übergehen, und zwar durch die historische Ana­
lyse, die zeigt, wie und inwiefern die Institution und die
Rechtsregeln und die Wirtschaft sich gegenseitig bedingen, und
von da aus müssen wir uns der möglichen Veränderungen be­
wußt werden, die an diesem ökonomisch-juridischen Komplex
vorgenommen werden sollen. Das Problem ist also: An we� -
eher Stelle kann man die Gesamtheit von institutionellen Kor­
rekturen und Innovationen einführen, die es schließlich ge­
statten werden, eine soziale Ordnung einzurichten, die sich
ökonomisch nach der Marktwirtschaft regelt, wie soll man zu
dem gelangen, was die Ordoliberalen die Wirtschaftsordnung
nennen ? 17 Die Antwort der Ordoliberalen - und diese Ant­
wort möchte ich jetzt verfolgen - besteht darin, zu sagen, nun,
ganz einfach: die institutionelle Innovation, die man jetzt ver­
wirklichen muß, ist die Anwendung von etwas auf die Wirt­
schaft, das man in der deutschen Tradition den Rechtsstaat
nennt und das die Engländer Rule of Law, das Herrschen des
Gesetzes, nennen. An dieser Stelle wird die ordoliberale Ana­
lyse sich überhaupt nicht mehr in die Tradition jener Wirt­
schaftstheorie des Wettbewerbs einfügen, wie sie von Walras,
Wicksell, Marshall usw., und jener soziologischen Geschichte
der Wirtschaft, wie sie von Max Weber beschrieben wurde; sie
wird sich in eine ganze Tradition der Rechtstheorie und der
Theorie des Staatsrechts einfügen, die in der Geschichte so­
wohl des deutschen Rechtsdenkens als auch der deutschen In­
stitutionen von großer Bedeutung war.
Darüber möchte ich kurz einige Dinge sagen. Was versteht
man unter Rechtsstaat, unter jenem Rechtsstaat, von dem Sie
zweifellos zumindest durch die Lektüre der Zeitungen vom
letzten Jahr oft gehört haben? 18 Der Rechtsstaat. Nun, ich
glaube, daß man hier sehr schematisch vorgehen muß. Hier
mögen Sie mir den völlig inhaltsarmen und dürftigen Charak­
ter meiner Ausführungen verzeihen. Im 18., am Ende des 18.
und zu Beginn des 19.Jahrhunderts erscheint dieser Begriff
des Rechtsstaats in der politischen Theorie und in der Theorie
des deutschen Rechts. 19 Was ist der Rechtsstaat? Nun, zu je­
ner Zeit bestimmte er sich durch den Gegensatz zu zwei Din­
gen.
Erstens durch den Gegensatz zum Despotismus, wobei der
Despotismus als ein System verstanden wurde, das den beson­
deren oder auch den allgemeinen Willen des Souveräns, auf
jeden Fall den Willen des Souveräns zum verpflichtenden Prin­
zip von jedermann im Hinblick auf die öffentliche Gewalt er­
hebt. Der Despotismus identifiziert den verpflichtenden Cha­
rakter der Befehle der öffentlichen Gewalt mit dem Willen des
Souveräns.
Zweitens steht der Rechtsstaat auch zu etwas anderem im Ge­
gensatz, das vom Despotismus verschieden ist, nämlich zum
Polizeistaat. Der Polizeistaat ist vom Despotismus verschie­
den, auch wenn er sich zufällig in einem konkreten Fall mit ihm
überschneiden kann- d. h., wenn bestimmte Aspekte des einen
sich mit bestimmten Aspekten des anderen überschneiden.
Was versteht man unter einem Polizeistaat? Der Polizeistaat ist
ein System, in dem es keinen Unterschied des Wesens, keinen
Unterschied des Ursprungs, keinen Unterschied der Geltung
und folglich auch keinen Unterschied der Wirkung zwischen
den allgemeinen und ständigen Vorschriften der öffentlichen
Gewalt einerseits - was man, grob gesagt, das Gesetz nennen
könnte -und andererseits den konjunkturellen, vorübergehen­
den, lokalen und individuellen Entscheidungen derselben öf­
fentlichen Gewalt gibt- auf der Ebene der Reglementierungen,
wenn Sie so wollen. Der Polizeistaat richtet ein Verwaltungs-

237
kontinuum ein, das vom allgemeinen Gesetz bis zur einzelnen
Maßnahme aus der öffentlichen Gewalt und den Anweisun­
gen, die sie erteilt, ein und denselben Typ von Prinzip macht
und diesem Prinzip ein und denselben zwingenden Wert ver­
leiht. Der Despotismus verlegt also alle Anweisungen der öf­
fentlichen Gewalt ausschließlich in den Willen des Souveräns.
Der Polizeistaat erzeugt, was immer auch der Ursprung des
Zwangscharakters der Anweisungen der öffentlichen Gewalt
sein mag, ein Kontinuum zwischen allen möglichen Formen
von Anweisungen dieser öffentlichen Gewalt.
Nun, sowohl gegenüber dem Despotismus als auch gegenüber
dem Polizeistaat stellt der Rechtsstaat eine positive Alternative
dar. Das heißt, daß erstens der Rechtsstaat als ein Staat be­
stimmt wird, in dem die Handlungen der öffentlichen Gewalt
keine Geltung haben können, wenn sie nicht in Gesetze einge­
bettet sind, die sie im voraus begrenzen. Die öffentliche Gew �t
handelt im Rahmen des Gesetzes und kann nur in diesem Rah­
men handeln. Der Souverän oder sein Wille wird also nicht das
Prinzip und der Ursprung des Zwangscharakters der öffent­
lichen Gewalt sein, sondern die Form des Gesetzes. Wo es eine
solche Form gibt, und in dem durch diese Form bestimmten
Raum, kann dann die öffentliche Gewalt legitimerweise Zwang
ausüben. Das ist die erste Bestimmung des Rechtsstaats. Und
zweitens gibt es im Rechtsstaat einen Unterschied des Wesens,
der Wirkung und des Ursprungs zwischen den Gesetzen, die
allgemeine, universell gültige Maßnahmen und die an sich Akte
der Souveränität sind, und andererseits den besonderen Ent­
scheidungen der öffentlichen Gewalt. Mit anderen Worten, ein
Rechtsstaat ist ein Staat, in dem einerseits die rechtlichen An­
ordnungen, die Ausdruck der Souveränität sind, in ihrem Prin­
zip, ihren Wirkungen und ihrer Geltung, von den Verwal­
tungsmaßnahmen andererseits unterschieden werden. Das ist
in groben Zügen die Theorie der öffentlichen Gewalt und des
Rechts der öffentlichen Gewalt, das, was am Ende des r8.Jahr­
hunderts und zu Beginn des 19.Jahrhunderts die Theorie des
Rechtsstaats gegen die Formen der Macht und des öffentlichen
Rechts, die im 18.Jahrhundert an der Tagesordnung waren, in
Anschlag gebracht hat.
Diese doppelte Theorie des Rechtsstaats oder jedenfalls die
beiden Aspekte des Rechtsstaats, der eine im Gegensatz zum
Despotismus, der andere im Gegensatz zum Polizeistaat, fin­
det man in einer ganzen Reihe von Texten zu Beginn des
I 9. Jahrhunderts. Der wichtigste und, wie ich glaube, der erste,
der eine Theorie des [Rechts]staats* unternommen hat, ist der
von Welcker, de_r den Titel trägt Die letzten Gründe von Recht,
Staat und Strafe aus dem Jahre 1813.20 Ich mache einen kleinen
Sprung nach vorn in die zweite Hälfte des 19.Jahrhunderts;
dort finden Sie eine andere Definition des Rechtsstaats, oder
vielmehr eine intensivere Ausarbeitung dieses Begriffs des
Rechtsstaats. Der Rechtsstaat erscheint zu dieser Zeit als Staat;
in dem es für jeden Bürger dieses Staats konkrete, institutiona­
lisierte und wirksame Berufungsmöglichkeiten gegen die öf­
fentliehe Gewalt gibt. Das heißt, daß der Rechtsstaat nicht
mehr einfach ein Staat ist, der nach dem Gesetz und im Rah­
men des Gesetzes handelt. Es ist ein Staat, in dem es ein Rechts­
system gibt, d. h. Gesetze, aber das heißt auch Instanzen der
Rechtsprechung, die die Beziehungen zwischen den Indivi­
duen einerseits, und der öffentlichen Gewalt andererseits
schlichten. Es handelt sich ganz einfach um das Problem der
Verwaltungsgerichte. Nun entwickelt sich in dieser ganzen
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Theorie und der
deutschen Politik eine ganze Reihe von Diskussionen über die
Frage, ob ein Rechtsstaat ein Staat ist, in dem die Bürger sich
gegen die öffentliche Gewalt auf bestimmte spezialisierte Ge­
richte berufen können und sollen, die Verwaltungsgerichte sein
werden, welche genau mit dieser Funktion der Schlichtung be­
traut sind, oder ob im Gegensatz dazu die Bürger vor den ge­
wöhnlichen Gerichten gegen die öffentliche Gewalt Zuflucht
nehmen können. Eine Reihe von Theoretikern wie beispiels­
weise Gneist21 sind der Auffassung, daß das Verwaltungsge-

* Michel Foucault sagt: »Polizei«.


239
richt als Schlichtungsinstanz zwischen Staat und Bürgern, zwi­
schen öffentlicher Gewalt und Bürgern für die Verfassung ei­
nes Rechtsstaats unverzichtbar ist. Wogegen eine Reihe ande­
rer Theoretiker, wie zum Beispiel Bähr,22�• einwenden, daß ein
Verwaltungsgericht, insofern es aus der öffentlichen Gewalt
hervorgeht und insofern im Grunde nur eine der Formen der
öffentlichen Gewalt ist, kein angemessener Schiedsrichter zwi­
schen Staat und Bürgern sein kann, sondern daß das nur die Ju­
stiz, der Justizapparat sein könnte, insofern er wirklich oder
fiktiv von der öffentlichen Gewalt unabhängig wäre, d. h. der
Apparat der gewöhnlichen Justiz, der zwischen Bürgern und
Staat schlichten könnte. Das ist jedenfalls die englische These,
und in allen Analysen, die die Engländer zur Rule of Law, zum
Staatsrecht in dieser Zeit, am Ende des 19. Jahrhunderts, unter­
nehmen, 23 definieren sie einen Rechtsstaat klarerweise als ei­
nen Staat, in dem nicht der Staat selbst die Verwaltungsgerid,te
bestellt, die zwischen der öffentlichen Gewalt und den Bür­
gern schlichten, sondern einen Rechtsstaat wird es dann geben,
wenn die Bürger vor der gewöhnlichen Justiz gegen die öffent­
liche Gewalt Rechtsmittel einsetzen können. Die Engländer
sagen: Sobald es Verwaltungsgerichte gibt, befinden wir uns
nicht mehr in einem Rechtsstaat. Und der Beweis, daß Frank­
reich kein Rechtsstaat ist, besteht für die Engländer darin, daß
es hier Verwaltungsgerichte und den Staatsrat gibt.24 Der
Staatsrat schließt in den Augen der englischen Theorie die
Möglichkeit und die Existenz eines Rechtsstaats aus.25 Kurz,
das ist die zweite Definition eines Rechtsstaats, die Möglich­
keit der gerichtlichen Schlichtung durch die eine oder andere
Institution zwischen Bürgern und öffentlicher Gewalt.
Von hier aus werden. die Liberalen zu definieren versuchen, auf
welche Weise der Kapitalismus erneuert werden soll.Und diese
Erneuerung des Kapitalismus würde in der Einführung von
allgemeinen rechtsstaatlichen Prinzipien in die Wirtschaftsge­
setzgebung bestehen. Diese Idee, die Prinzipien eines Rechts-

* Michel Foucault sagt: »von Bähr« (im Manuskript: »v. Bähr«).


Staats in der Wirtschaft geltend zu machen, war natürlich eine
bestimmte Weise, den Hitler-Staat zu verwerfen, obwohl es
wohl nicht der Hitler-Staat war, der bei dieser Suche nach ei­
nem wirtschaftlichen Rechtsstaat aufs Korn genommen wurde,
denn eigentlich ist es der ganze ökonomische Rechtsstaat des
Volkes,* der in Frage gestellt wurde und der durch die Hitler­
sehe Praxis faktisch schon in Frage gestellt wurde, da eben der
Staat aufgehört hatte, ein Rechtssubjekt zu sein, da der Ur­
sprung des Rechts das Volk und nicht der Staat war und da der
Staat nichts anderes sein konnte als das Instrument des Volks­
willens, wodurch es völlig ausgeschlossen war, daß der Staat ein
Rechtssubjekt sein konnte, verstanden als Rechtsprinzip oder
als juristische Person, die man vor irgendein Gericht laden
kann. Tatsächlich strebte diese Suche nach einem Rechtsstaat in
der Wirtschaftsordnung etwas ganz anderes an. Sie richtete sich
auf alle Formen der Intervention durch Gesetze in der Wirt­
schaftsordnung, die die demokratischen Staaten, und diese
mehr als die anderen, zu jener Zeit praktizierten, nämlich die
gesetzlich geregelte Wirtschaftsintervention des Staats beim
amerikanischen New Deal und in den folgenden Jahren bei der
ganzen Planung vom englischen Typ. Was bedeutet es nun, das
Prinzip des Rechtsstaats innerhalb der Wirtschaftsordnung
anzuwenden? Ich glaube, daß es, kurz gesagt, Folgendes be­
deutet: Rechtlich geregelte Eingriffe des Staats in die Wirt­
schaftsordnung kann es nur dann geben, wenn diese Eingriffe
ausschließlich die Form der Einführung formaler Prinzipien
annehmen. Es darf nur eine formale Wirtschaftsgesetzgebung
geben.
Was heißt das, daß die gesetzlich geregelten Eingriffe formal
sein sollen? Hayek hat, glaube ich, in seinem Buch Die Verfas­
sung der Freiheit26 am besten beschrieben, was man unter die­
ser Anwendung der Prinzipien des Rechtsstaats oder der Rufe
of Law in der Wirtschaftsordnung verstehen soll. Im Grunde,
sagt Hayek, ist das ganz einfach. Der Rechtsstaat, oder auch

;, Sie. Der Sinn dieses Ausdrucks bleibt recht dunkel.


eine formale Wirtschaftsgesetzgebung, ist ganz einfach das Ge­
genteil eines Plans.27 Er ist das Gegenteil der Planung. Was ist
überhaupt ein Plan? Ein Wirtschaftsplan ist etwas, das einen
bestimmten Zweck hat.28 Man strebt beispielsweise ausdrück­
lich das Wachstum an, oder man versucht einen bestimmten
Typ von Konsum oder von Investition zu fördern. Man ver­
sucht den Einkommensunterschied zwischen verschiedenen
sozialen Klassen zu verringern. Kurz, man setzt sich genaue
und bestimmte wirtschaftliche Zwecke. Zweitens eröffnet man
sich mit einem Plan immer die Möglichkeit, im Hinblick auf
diese Ziele zu einem geeigneten Moment Korrekturen, Berich­
tigungen, die Aufhebung von Maßnahmen und alternative
Maßnahmen einzuführen, je nachdem, ob die angestrebte Wir­
kung erreicht ist oder nicht. Drittens erscheint in einem Plan
die öffentliche Gewalt in der Rolle eines wirtschaftlichen Ent­
scheidungsträgers, indem sie sich entweder an die Stelle der fo­
dividuen als Entscheidungsprinzip setzt und daher die Indi­
viduen zu diesem oder jenem verpflichtet, beispielsweise ein
bestimmtes Lohnniveau nicht zu überschreiten; oder indem sie
insofern die Rolle eines Entscheidungsträgers spielt, als sie
selbst ein wirtschaftlicher Akteur ist, der beispielsweise in Bau­
arbeiten der öffentlichen Hand usw. investiert. Bei einem Plan
spielt die öffentliche Gewalt also die Rolle eines Entschei­
dungsträgers. 29 Schließlich nimmt man bei einem Plan an, daß
die öffentliche Gewalt ein Subjekt sein wird, das in der Lage ist,
die Gesamtheit wirtschaftlicher Prozesse zu beherrschen. Das
heißt, daß der große staatliche Entscheidungsträger gleichzei­
tig ein klares Bewußtsein oder jedenfalls ein möglichst klares
Bewußtsein von der Gesamtheit der Wirtschaftsprozesse ha­
ben muß. Er ist das universale Subjekt des Wissens auf dem Ge­
biet der Wirtschaft. 30 Das ist also ein Plan.
Nun, sagt Hayek, muß der Rechtsstaat, wenn wir ihn nach
wirtschaftlichen Maßstäben arbeiten lassen wollen, genau das
Gegenteil sein. Das heißt, daß der Rechtsstaat die Möglichkeit
haben wird, eine Reihe von allgemeinen Maßnahmen zu for­
mulieren, die jedoch vollkommen formal bleiben sollen, d. h.,
daß sie niemals einen besonderen Zweck anstreben sollen. Der
Staat soll nicht sagen: Die Einkommensunterschiede sollen
sich verringern. Er soll nicht sagen: Ich möchte, daß diese Art
von Konsum steigt. Ein Gesetz in der Wirtschaftsordnung
muß auf geeignete Weise formal bleiben, d. h., es muß den Leu­
ten sagen, was sie tun und was sie lassen sollen. Es darf sich
nicht auf eine globale ökonomische Entscheidung beziehen.
Zweitens muß ein Gesetz, wenn es in der Wirtschaftsordnung
die Prinzipien. des Rechtsstaats respektiert, a priori in Form fe­
ster Regeln entworfen werden und nie durch die hervorge­
brachten Wirkungen korrigierbar sein. Drittens muß es einen
Rahmen festlegen, innerhalb dessen jeder ökonomische Akteur
in voller Freiheit entscheiden kann, und zwar gerade insofern
jeder Akteur weiß, daß der gesetzliche Rahmen, der für sein
Handeln festgelegt ist, sich nicht ändern wird. Viertens ist ein
formales Gesetz ein Gesetz, das den Staat nicht weniger als die
anderen bindet, und dieses Gesetz soll folglich derart sein, daß
jeder genau weiß, wie die öffentliche Gewalt sich verhalten
wird. 31 Schließlich versteht man dadurch, daß diese Konzep­
tion des Rechtsstaats in der Wirtschaftsordnung im Grund aus­
schließt, daß es ein universales Subjekt des wirtschaftlichen
Wissens gibt, das gewissermaßen die Gesamtheit der Prozesse·
von oben überragen, ihnen Zwecke vorschreiben und sich an
die Stelle dieser oder jener Kategorie von Akteuren setzen
könnte, um diese oder jene Entscheidung zu treffen. Tatsäch­
lich muß der Staat den Wirtschaftsprozessen gegenüber blind
sein. Man soll nicht von ihm erwarten, daß er die ganzen Phä­
nomene kennt, die die Wirtschaft betreffen. 32 Kurz, die Wirt­
schaft soll für den Staat wie für die Individuen ein Spiel sein:
eine Gesamtheit von geregelten Aktivitäten - und wir kom­
men, wie Sie sehen, auf das zurück, was ich am Anfang sagte-,
für die die Regeln jedoch keine Entscheidungen sind, die von
jemandem für die anderen getroffen werden. Es handelt sich
um eine Menge von Regeln, die bestimmt, auf welche Weise je­
der ein Spiel spielen soll, dessen Ausgang am Ende niemand
kennt. Die Wirtschaft ist ein Spiel, und die Institution des

243
Rechts, die den Rahmen für die Wirtschaft bildet, soll als Spiel­
regel aufgefaßt werden. Die Rule of Law und der Rechtsstaat
formen das Handeln der Regierung als eine Instanz, die Regeln
für ein ökonomisches Spiel vorgibt, dessen einzige Teilnehmer
und einzig wirkliche Akteure die Individuen oder, sagen wir,
die U ntemehmen sein sollen. Ein Spiel der Unternehmen, das
innerhalb eines juridisch-institutionellen Rahmens geregelt ist,
der vom Staat garantiert wird: Das ist die allgemeine Form des­
sen, was der institutionelle Rahmen in einem erneuerten Kapi­
talismus sein soll. Die Regel des ökonomischen Spiels, und
nicht die gewollte ökonomisch-soziale Kontrolle. Diese Defi­
nition des Rechtsstaats in ökonomischer Hinsicht oder der
Rule of Law charakterisiert Hayek in einem Satz, der, glaube
ich, sehr deutlich ist. Der Plan, sagt er, der eben im Gegensatz
zum Rechtsstaat oder zur Rufe of Law steht, »der Plan zeigt,
wie die Ressourcen der Gesellschaft bewußt gesteuert werde,1
müssen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Die Rule of Law
besteht im Gegensatz dazu darin, den rationalsten Rahmen zu
bestimmen, innerhalb dessen die Individuen ihren Aktivitäten
in Übereinstimmung mit ihren persönlichen Plänen nachge­
hen. «33 Oder auch Polanyi, der in Logik der Freiheit schreibt:
»Die Hauptfunktion eines Systems der Rechtsprechung be­
steht darin, die spontane Ordnung des ökonomischen Lebens
zu beherrschen. Das Gesetzessystem soll die Regeln entwik­
keln und bekräftigen, nach denen sich der Wettbewerbsmecha­
nismus der Produktion und der Verteilung vollzieht. «34 Es
wird also ein Gesetzessystem als Spielregel und ein Spiel geben,
das durch die Spontaneität seiner ökonomischen Prozesse eine
bestimmte konkrete Ordnung verwirklichen wird. Recht und
Ordnung, law and order: diese beiden Begriffe, auf die ich
nächstes Mal zurückkommen werde und die, wie Sie wissen,
im Denken der amerikanischen Rechten eine große Rolle spie­
len, sind nicht einfach Schlagwörter für eine beschränkte ame­
rikanische, extreme Rechte des mittleren Westens.35 Law and
order hat ursprünglich einen sehr genauen Sinn, den man übri­
gens sehr wohl über jenen Liberalismus hinaus verfolgen kann,

2 44
von dem ich spreche.,:. Law and order bedeutet Folgendes: Der
Staat, die öffentliche Gewalt greifen immer nur in Form von
Gesetzen in die Wirtschaftsordnung ein, und innerhalb dieser
Gesetze wird eine Wirtschaftsordnung erscheinen können, die
ihrerseits zugleich die Wirkung und das Prinzip ihrer eigenen
Regelung sein wird, wenn sich die öffentliche Gewalt wirklich
auf diese gesetzlich geregelten Eingriffe beschränkt.
Das ist der andere Aspekt, den ich in bezug auf den vorhin
zitierten Text von Rougier hervorheben wollte. Es gibt also
erstens nicht den Kapitalismus mit seiner Logik, seinen Wi­
dersprüchen und seinen Sackgassen. Es gibt einen ökono­
misch-institutionellen, ökonomisch-juridischen Kapitalismus.
Zweitens ist es durchaus möglich, fortan einen anderen Kapita­
lismus zu erfinden oder sich vorzustellen, der vom ersten ver­
schieden ist, der von dem verschieden ist, den man gekannt hat,
dem im wesentlichen eine Neuorganisation des institutionellen
Rahmens in Abhängigkeit vom Prinzip des Rechtsstaats zu­
grunde läge und der folglich die Gesamtheit dieses administra­
tiven oder gesetzlich geregelten lnterventionismus hinweg­
fegen würde, zu dessen Durchsetzung die Staaten sich berech­
tigt fühlten, sei es in der protektionistischen Wirtschaft des I 9.
oder in der Planwirtschaft des 2.0. Jahrhunderts.
Der dritte Aspekt besteht zwangsläufig in dem, was man das
Wachstum der Nachfrage nach der Rechtsprechung nennen
könnte, weil in der Tat diese Idee eines Rechts, dessen allge­
meine Form die einer Spielregel wäre, die die öffentliche Ge­
walt den Spielern auferlegt, die jedoch selbst in ihrem Spiel frei
blieben, natürlich eine Neubewertung des Rechtlichen impli­
ziert, aber auch eine Neubewertung der Rechtsprechung. Wir
können sagen, daß noch im I 8. Jahrhundert, wie Sie wissen, ei­
nes der Probleme des Liberalismus darin bestand, einen recht­
lichen Rahmen in Form eines allgemeinen Systems von Geset­
zen, die für alle auf gleiche Weise gelten sollten, maximal zu
bekräftigen. Gleichzeitig implizierte diese Idee des Primats des
•· Michel Foucault fügt hinzu: »da schon im 19.Jahrhundert ... (unvoll-
ständiger Satz) Nun gut.«
Gesetzes, die im Denken des 18.Jahrhunderts so wichtig war,
eine beträchtliche Verringerung der Rechtsprechung·oder der
Jurisprudenz, insofern die Institution der Rechtsprechung im
Grunde nichts anderes tun konnte, als einfach nur das Gesetz
anzuwenden. Wenn es jetzt im Gegensatz dazu so ist, daß das
Gesetz nichts anderes als eine Spielregel für ein Spiel sein soll,
in dem jeder für sich unabhängig ist, dann wird in diesem Mo­
ment die Rechtsprechung eine neue Autonomie und Bedeu­
tung erlangen, anstatt auf die bloße Funktion der Anwendung
des Gesetzes verwiesen zu sein. Konkret bedeutet das, daß in
dieser liberalen Gesellschaft, in der das wahre Wirtschaftssub­
jekt nicht der tauschende Mensch oder der Konsument bzw.
der Produzent, sondern das Unternehmen ist, in diesem öko­
nomischen und sozialen System, in dem das Unternehmen
nicht bloß eine Institution ist, sondern eine bestimmte Weise,
sich im Feld der Wirtschaft zu verhalten -in Form des Wettbt.­
werbs in Abhängigkeit von Plänen und Projekten, mit be­
stimmten Zielen, Taktiken usw. - nun, in dieser Unterneh­
mensgesellschaft wird es so sein, daß, je mehr das Gesetz den
Individuen die Möglichkeit läßt, sich in Form des freien Unter­
nehmens nach ihrem Willen zu verhalten, jene vielgestaltigen
und dynamischen Formen, die für die Einheit »Unternehmen«
charakteristisch sind, sich desto mehr entwickeln werden. Zu­
gleich werden die Reibungsflächen zwischen diesen verschie­
denen Einheiten um so zahlreicher und größer und um so stär­
ker werden die Konfliktmöglichkeiten und die Gelegenheiten
für einen Rechtsstreit zunehmen. Während sich die ökonomi­
sche Regelung spontan durch die formalen Eigenschaften des
Wettbewerbs vollzieht, erfordert dagegen die Regelung der
Gesellschaft - die soziale Regelung von Konflikten, von Ver­
haltensunregelmäßigkeiten, von schädlichen Einwirkungen
der einen auf die anderen usw. -einen Interventionismus, einen
Interventionismus der Rechtsprechung, der innerhalb der
Spielregeln schlichtend wirkt. Wenn die Zahl der Unterneh­
men steigt, steigt die Zahl der Reibungen und die Zahl der Wir­
kungen auf die Umgebung, und folglich verlieren die Wirt-
schaftssubjekte um so mehr ihren Status als virtuelle Beamte,
den sie innerhalb eines Plans hatten, je freier sie werden und je
mehr sie ihr eigenes Spiel spielen dürfen. Außerdem steigt
zwangsläufig die Zahl der Richter. Weniger Beamte, oder viel­
mehr eine Reduktion der Steuerung des Wirtschaftshandelns
durch Beamte, die die Pläne mit sich brachten, Verstärkung der
Dynamik der Unternehmen und zugleich die Notwendigkeit
von gerichtlichen Instanzen oder zumindest von immer mehr
Schlichtungsinstanzen.
Nun stellt sich die Frage-das ist jedoch eine Frage der Organi­
sation -, ob diese Sehlichtungen tatsächlich innerhalb von
schon bestehenden Institutionen der Rechtsprechung stattfin­
den müssen oder ob man im Gegensatz dazu andere Institu­
tionen schaffen soll: Das ist eines der Grundprobleme, die
sich in den liberalen Gesellschaften stellen, in denen sich die
Rechtsprechung, die Instanzen und die Notwendigkeiten der
Schlichtung vermehren. Die Lösungen sind von Land zu Land
verschieden. Ich werde versuchen, nächstes Mal36 darüber am
Beispiel Frankreichs zu sprechen und über die Probleme, die
sich in der gegenwärtigen französischen Institution der Recht­
sprechung, der Vereinigung der Richterschaft37 usw. gestellt
haben. Jedenfalls möchte ich im Hinblick auf die Schaffung ei.:
ner intensivierten und vermehrten Nachfrage nach Rechtspre­
chung einfach jenen Text von Röpke zitieren, der sagte: »Es ist
nun angemessen, die Gerichte viel mehr als in der Vergangen­
heit zu Organen der Wirtschaft zu machen und ihrer Entschei­
dung Aufgaben anzuvertrauen, die bisher den Verwaltungsbe­
hörden anvertraut waren. « 38 Kurz, je formaler das Gesetz
wird, desto zahlreicher werden die gerichtlichen Interventio­
nen. Und in dem Maße, wie die Regierungsinterventionen der
öffentlichen Gewalt formaler werden, in dem Maße, wie die
Interventionen der Verwaltung zurückgehen, im selben Maße
tendiert die Justiz dazu, ein allgegenwärtiger öffentlicher
Dienst zu werden, und sie muß zu einem solchen Dienst wer­
den.
Ich werde hier bei dieser Beschreibung des ordoliberalen Pro-
gramms aufhören, das von den Deutschen seit 1930 bis zur
Gründung und Entwicklung der zeitgenössischen deutschen
Wirtschaft formuliert wurde. Dennoch möchte ich Sie noch
um eine halbe Minute bitten, d. h. um zwei zusätzliche Minu­
ten, damit ich Ihnen - wie soll ich sagen? - eine mögliche Les­
art dieser Probleme angeben kann. Der Ordoliberalismus ent­
wirft also eine Wettbewerbsmarktwirtschaft, die von einem
sozialen Interventionismus begleitet wird, der eine Erneue­
rung von Institutionen im Umfeld der Neubewertung der
Unternehmenseinheit als grundlegendem Wirtschaftsakteur
impliziert. Ich glaube, wir haben hier nicht bloß die reine Kon­
sequenz und die Projektion der gegenwärtigen Krisen des Ka­
pitalismus in eine Ideologie, in eine Wirtschaftstheorie oder in
eine politische Wahl. Mir scheint, daß man hier vielleicht für
eine kurze oder längere Periode so etwas wie eine neue Regie­
rungskunst entstehen sieht oder zumindest eine bestimmte Er
neuerung der liberalen Regierungskunst. Die Besonderheit
dieser Regierungskunst, die historischen und politischen Ein­
sätze, um die es geht, kann man, glaube ich, erfassen - und dar­
auf möchte ich ein paar Sekunden verwenden, und danach sind
Sie frei -, wenn man sie mit Schumpeter vergleicht. 39 Im
Grunde gehen alle diese Ökonomen, sei es Schumpeter, sei es
Röpke, Eucken usw., vom Weberschen Problem - das habe ich
betont, und ich werde darauf zurückkommen - der Rationali­
tät und Irrationalität der kapitalistischen Gesellschaft aus.
Schumpeter, die Ordoliberalen und Weber denken, daß Marx,
oder jedenfalls die Marxisten, sich irren, wenn sie den aus­
schließlichen und -grundlegenden Ursprung dieser Rationali­
tät/Irrationalität der kapitalistischen Gesellschaft in der wider­
sprüchlichen Logik des Kapitals und seiner Akkumulation
suchen. Schumpeter und die Ordoliberalen sind der Auffas­
sung, daß es in der Logik des Kapitals und seiner Akkumula­
tion keinen inneren Widerspruch gibt und daß folglich der Ka­
pitalismus von einem rein ökonomischen Gesichtspunkt aus
vollkommen durchführbar ist. Das sind, kurz gesagt, die The­
sen, die Schumpeter und die Ordoliberalen teilen.
An dieser Stelle fangen die Unterschiede an. Denn für Schum­
peter kann sich der Kapitalismus historisch und konkret nicht
von monopolistischen Tendenzen befreien, auch wenn [auf der
Ebene] des reinen ökonomischen Prozesses der Kapitalismus
überhaupt nicht widersprüchlich und daher die Wirtschaft in­
nerhalb des Kapitalismus immer überlebensfähig ist. Das rührt
nicht vom Wirtschaftsprozeß her, sondern von den gesell­
schaftlichen Folgen des Wettbewerbsprozesses, d. h., daß die
Organisation. des Wettbewerbs selbst und die Dynamik der
Konkurrenz eine immer stärker monopolistische Organisation
hervorrufen wird und notwendig hervorruft. Das Phänomen
des Monopols ist somit für Schumpeter ein soziales Phänomen,
das sich aus der Dynamik des Wettbewerbs ergibt, aber nicht
wesentlich zum ökonomischen Prozeß des Wettbewerbs ge­
hört. Es gibt eine Tendenz zur Zentralisierung, eine Tendenz
zur Einverleibung der Wirtschaft in Entscheidungszentren, die
immer näher bei der Verwaltung und beim Staat liegen. 40 Das
ist also die historische Verurteilung des Kapitalismus. Es ist
aber keine Verurteilung aufgrund eines Widerspruchs: eine
Verurteilung aufgrund historischer Zwangsläufigkeit. Nach
Schumpeter kann der Kapitalismus diese Konzentration nicht
vermeiden, d. h., er kann nicht vermeiden, daß sich innerhalb
seiner eigenen Entwicklung eine Art von Übergang zum Sozia­
lismus vollzieht, d. h. - weil das für Schumpeter die Definition
des Sozialismus ist - »ein System, in dem eine Zentralgewalt
die Produktionsmittel und die Produktion selbst kontrollieren
kann. « 41 Dieser Übergang zum Sozialismus gehört also zur hi­
storischen Notwendigkeit des Kapitalismus, und zwar nicht
durch einen Mangel an Logik oder eine Irrationalität, die der
kapitalistischen Wirtschaft eigentümlich wäre, sondern auf­
grund der organisationalen und sozialen Notwendigkeit, die
ein Wettbewerbsmarkt mit sich bringt. Wir gelangen also zum
Sozialismus mit gewissen politischen Kosten, von denen
Schumpeter sagt, daß sie zweifellos eine Last darstellen, von
denen er aber meint, daß sie nicht absolut unbezahlbar sind,
d. h., daß sie nicht absolut untragbar oder unkorrigierbar sind,

249
und daß man folglich zu einer sozialistischen Gesellschaft ge­
langt, deren politische Struktur offensichtlich stark überwacht
und entwickelt sein muß, um einen bestimmten Preis zu ver­
meiden, der, grob gesagt, im Totalitarismus besteht. 42 Das läßt
sich vermeiden, es läßt sich aber nicht ohne Mühe vermeiden.
Wir können sagen, daß für Schumpeter eine solche Situation
nicht angenehm wäre, aber daß sie sich einstellen wird. Sie wird
sich einstellen und, wenn man genau hinsieht, ist sie vielleicht
weniger schlimm, als man denkt.
Bezogen auf diese Analyse von Schumpeter - die zugleich
Analyse des Kapitalismus und historisch-politische Vorher­
sage ist-, auf diese Art von Pessimismus, die man Schumpeters
Pessimismus genannt hat, antworten die Ordoliberalen, indem
sie Schumpeters Analyse gewissermaßen weiterschrauben und
sagen: Erstens soll man von diesem Verlust an Freiheit, von
diesen politischen Kosten, von denen Schumpeter sagt, dah
man sie ab dem Augenblick zahlen muß, wo man sich in einem
sozialistischen System befindet, nicht glauben, daß sie akzepta­
bel seien. Warum sind sie nicht akzeptabel? Weil es sich nicht
einfach um Nachteile handelt, die eine Planwirtschaft mit sich
bringt. Tatsächlich kann eine Planwirtschaft nicht vermeiden,
politisch kostspielig zu sein, d. h., sich den Preis der Freiheit
zahlen zu lassen. Und folglich gibt es keine mögliche Korrek­
tur. Keiner möglichen Konstellation kann es gelingen, das zu
umgehen, was die politisch notwendige Folge der Planung ist,
nämlich den Verlust der Freiheit. Und warum ist dieser völlige
Verlust der Freiheit in einer Planwirtschaft unvermeidlich?
Ganz einfach deshalb, weil die Planung eine Reihe grundlegen­
der ökonomischer Irrtümer umfaßt und weil man diese Irrtü­
mer ständig nachbessern muß; und weil die Nachbesserung des
Irrtums oder der Irrationalität, die der Planung wesentlich ist,
nur durch die Unterdrückung der Grundfreiheiten erreicht
werden kann. Nun, sagen sie, wie kann man diesen Irrtum der
Planung vermeiden? Gerade dadurch, daß man diese Tendenz,
die Schtimpeter im Kapitalismus erkannt hat und von der er
eingesehen hat, daß sie nicht eine Tendenz des Wirtschaftspro-

250
zesses, sondern eine Tendenz der sozialen Folgen des Wirt­
schaftsprozesses war, daß man also diese Tendenz zur Organi­
sation, zur Zentralisierung und zur Einverleibung des Wirt­
schaftsprozesses in den Staat korrigiert, und zwar durch eine
soziale Intervention. In diesem Moment wird die soziale Inter­
vention, die Gesellschaftspolitik, dieser juridische Interventio­
nismus, diese Festlegung eines neuen institutionellen Rahmens
für die Wirtschaft, die durch eine angemessen formale Gesetz­
gebung wie die des Rechtsstaats oder der Rule of Law ge­
schützt wird, gestatten, die zentralistischen Tendenzen, die
in Wirklichkeit der kapitalistischen Gesellschaft innewohnen
und nicht der Logik des Kapitals, aufzuheben und zu bereini­
gen. Das wird also gestatten, an der Logik des Kapitals in ihrer
Reinheit festzuhalten. Das wird folglich auch gestatten, einen
eigentlichen Wettbewerbsmarkt zu unterhalten, der nicht Ge­
fahr läuft, in jene Phänomene des Monopols umzukippen, in
die Phänomene der Konzentration, die Phänomene der Zen­
tralisierung, die man in der modernen Gesellschaft feststellen
kann. Und auf diese Weise kann man infolgedessen eine Wett­
bewerbswirtschaft, wie sie jedenfalls die großen Theoretiker der
Wettbewerbswirtschaft beschrieben und problematisiert hat­
ten, an eine institutionelle Praxis anpassen, deren Bedeutung die
großen Arbeiten der Wirtschaftshistoriker und -soziologen,
wie Weber, aufgewiesen hatten. Das Recht, eine Institutions­
landschaft, die durch den eigentlich formalen Charakter der
Interventionen der öffentlichen Gewalt bestimmt wird, und
die Entwicklung einer Wirtschaft, deren Prozeß durch den rei­
nen Wettbewerb geregelt wird: das ist, vereinfachend gesagt, in
den Augen der Ordoliberalen die gegenwärtige historische
Chance des Liberalismus.
Nun, ich glaube, daß diese Analyse der Ordoliberalen, dieses
politische Projekt, diese historische Wette der Ordoliberalen
von großer Bedeutung war, da sie immerhin das Gerüst der
zeitgenössischen deutschen Politik ausgemacht hat. Und wenn
es stimmt, daß es ein deutsches Modell gibt, das unsere Lands­
leute erschreckt, dann ist dieses deutsche Modell nicht dasje-

251
nige des allmächtigen Staats, des Polizeistaats, das man oft be­
schwört. Das deutsche Modell, das sich ausbreitet, ist nicht der
Polizeistaat, sondern der Rechtsstaat. Und wenn ich alle diese
Analysen unternommen habe, dann nicht einfach aus dem
Vergnügen daran, ein wenig Zeitgeschichte zu betreiben, son­
dern weil ich versucht habe, Ihnen zu zeigen, wie dieses deut­
sche Modell sich einerseits in der zeitgenössischen französi­
schen Wirtschaftspolitik, und andererseits auch bei einer Reihe
von Problemen, Theorien und liberalen Utopien ausbreiten
konnte, wie sie sich in den Vereinigten Staaten entwickeln.
Nächstes Mal werde ich dann einerseits über bestimmte As­
pekte der Wirtschaftspolitik Giscards, und andererseits über
die amerikanischen liberalen Utopien sprechen.*

Anmerkungen

1 Vgl.unten, Vorlesung9,S.314.
2 Vgl. oben, Vorlesung 6.
3 Vgl.unten, Vorlesungen 9 und 10.
4 Milton Friedman (1912-), Begründer der amerikanischen neoliberalen
Strömung, Wirtschaftsnobelpreis 1976, wurde Ende der 5oer Jahre
durch seine Rehabilitierung der quantitativen Theorie des Geldes (die
sogenannte »monetaristische« Theorie) bekannt. Vertreter eines kom­
promißlosen Liberalismus und wichtigster Anreger der amerikanischen
Wirtschaftspolitik seit den 7oer Jahren (er war Wirtschaftsberater von
Nixon und Reagan, als sie für die Präsidentschaft kandidierten). Er ist
Autor zahlreicher Werke, darunter Capitalism and Freedom, 1962 (dt.
Kapitalismus und Freiheit, Stuttgart 1971), worin er behauptet, daß der
Marktmechanismus ausreicht, um die meisten wirtschaftlichen und so­
zialen Probleme unserer Zeit zu lösen.Vgl. Henri Lepage, Demain le ca­
pitalisme, a. a. 0.,S. 373-412: »Milton Friedman oder Keynes Tod«.
5 Louis Rougier (1889-1982), insbesondere Autor von La matiere et
l'energie, suivant la theorie de la relativite et la theorie des quanta, Paris

�- Michel Foucault fügt hinzu: »Also, ich werde meine Vorlesung nächsten
Mittwoch einfach ausfallen lassen, einfach aus Erschöpfungsgründen
und um ein wenig Atem zu holen. Ich werde also die Vorlesung in zwei
Wochen fortsetzen. Das Seminar findet nächsten Montag statt, aber die
Vorlesung erst in zwei Wochen. «

252
1919, 2. Aufl. 1920; Les paralogismes du rationalisme: essai sur la theorie
de la connaissance, Paris 1920; La philosophie geometrique de Henri
Poincare, Paris 1920; La structure des theories deductives, Paris 1921; La
Matiere et !'Energie, Paris, 2.Aufl. 1921. Als Vertreter des Wiener Krei­
ses in Frankreich wurde er mit der Organisation der großen internatio­
nalen Tagung der Wissenschaftlichen Philosophie beauftragt, die 193 5 in
Paris stattfand. Auf wirtschaftlicher und politischer Ebene hatte er La
mystique democratique: ses origines, ses illusions, Paris 1929; Neuausg.
Paris 1983 (Vorwort von Alain de Benoist), La mystique sovietique,
Brüssel 1934, geschrieben und hatte gerade Les mystiques economiques,
Paris 1938 veröffentlicht, worin er zeigen wollte, »wie sich die liberalen
Demokratien durch unüberlegte Gesellschaftsreformen und den Miß­
brauch der öffentlichen Gewalt in totalitäre Regime verwandeln, die von
den Theoretikern der gesteuerten Wirtschaft unterstützt werden. « Letz­
tere sei »die neue Mystik, die das intellektuelle Klima schafft, das für die
Errichtung von Diktaturen geeignet ist. « (S. 8-9). Vgl. Maurice Allais,
Louis Rougier, prince de la pensee, Lourmarin de Provence 1990 (Biblio­
graphie, S. 55-71), und F. Denord, »Aux origines du neo-liberalisme en
France. Louis Rougier et le Colloque Walter Lippmann de 1938«, in: Le
Mouvement Social, 195 (April�Juni 2001), S.9-34.
6 Zu dieser kontroversen Episode vgl. Robert 0. Paxton, La France de Vi­
chy, 1940-1944, frz. Übers. von Claude Bertrand, Paris 1973, S.92-93:
»Die französisch-britischen Verhandlungen, die vom September 1940
bis Februar 1941 in Madrid zwischen den Botschaftern Robert de la
Baume, auf den Franc;ois Pietri folgt, und Sir Samuel Hoare stattfinden,
stellen die wirkliche Verbindung zwischen Vichy und London dar. Es
gibt wenige Aspekte der Politik Petains, die nach dem Krieg zu so vielen
Mystifizierungsversuchen Anlaß gegeben haben. Zwei offizielle Ver­
mittler, Louis Rougier, Professor an der Universität Besanc;on, und Jac­
ques Chevalier, Bildungsminister und anschließend in den Jahren 1940
und 1941 Gesundheitsminister, brüsten sich damit, die Geheimverträge
zwischen Churchill und Petain ausgehandelt zu haben. Auch wenn es
richtig ist, daß Rougier im September 1940 in London war, stammen
doch die Anmerkungen des Dokuments, das er zurückbringt, nicht von
der Hand Winston Churchills, wie er vorgibt. « Vgl. auch Jean Lacou­
ture, De Gaulle, Bd.I, Paris 1984, S.453-455.
7 Das Symposium fand im internationalen Institut für intellektuelle Zu­
sammenarbeit vom 26. bis 30. August 1938 statt (vgl. oben, Vorlesung 6,
Anm.3).
8 Colloque Walter Lippmann, a.a.O., S.16-17.
9 Zur »isolierenden Abstraktion«, die nach Eucken eine Bedingung der
ökonomischen Morphologie ist und die sich von der »generalisierenden
Abstraktion « unterscheidet, welche von Weber bei der Bildung von
Idealtypen eingesetzt wurde, vgl. Bilger, La pensee economique, a. a. 0.,
S.52.
ro Vgl. ebd., S. 57-58.
II Vgl. ebd., S. 58: »Die Grundidee von Walter Eucken, die ihm ermög­
licht hat, die Antinomie [zwischen Geschichte und ökonomischer
Theorie] aufzulösen, ist [die] Unterscheidung des Rahmens, der zur
Geschichte gehört, und des Prozesses, der nach einem Ausdruck von
Leonhard Miksch •Nicht-Geschichte< ist. Der Prozeß ist ein ewiger
Neubeginn, der auch eine Zeit hat, eine innere Zeit in gewissem Sinne.
Der Rahmen, die Gesamtheit der Gegebenheiten, ist jedoch der wirkli­
chen, geschichtlichen Zeit unterworfen und entwickelt sich in einer be­
stimmten Richtung. «
12 Leon Walras (1834-r9ro), studierte an der Ecole des Mines von Paris.
Er wurde Journalist und anschließend Professor für politische Ökono­
mie in Lausanne ab 1870. Da er sich darum sorgte, den freien Wettbe­
werb mit der sozialen Gerechtigkeit zu versöhnen, entwickelte er zur
selben Zeit wie Jevons (Theory ofPolitical Economy, London, r871; dt.
Die Theorie der politischen Okonomie,Jena r924) und Menger (Grund­
sätze der Volkswirtschaftslehre, Wien r871), aber nach einer ihm eigen­
tümlichen Axiomatik eine neue Werttheorie, die auf dem Prinzip des
Grenznutzens beruhte (»die marginalistische Revolution« von r871-
1874). Er konstruierte ein mathematisches Modell, indem er ein vo:1-
kommen »rationales« Verhalten aller Marktteilnehmer postulierte,
welches die Bestimmung des allgemeinen Gleichgewichts der Preise
und des Austauschs in einem reinen Wettbewerbssystem ermöglichen
sollte. Hauptwerke: L'economie politique et La justice, Paris, Guillau­
min, 1860; Elements d'economie politique pure ou theorie de la richesse
sociale, Lausanne 1874-1887; Theorie mathematique de La richesse so­
ciale, Lausanne 1883.
r3 Alfred Marshall (1842-r924), britischer Ökonom, Professor in Cam­
bridge, Autor eines berühmten Lehrbuchs Principles of Economics,
London, Macmillan & Co., r890. Er strebte nach einer Synthese der
klassischen politischen Ökonomie und des Marginalismus und betonte
die Bedeutung der Zeit als wesentliches Element für die Funktion des
Gleichgewichtsprozesses (Unterscheidung zwischen kurzen und lan­
gen Perioden).
r4 Johan Gustav Knut Wicksell (r851-1926), schwedischer Ökonom,
Professor an der Universität Lund. Er bemühte sich, die Walrassche
Theorie des allgemeinen Gleichgewichts durch seine Arbeiten über die
Fluktuationen des durchschnittlichen Preisniveaus zu überwinden. Er
ist Autor von Über Wert, Kapital und Rente nach den neueren
nationalökonomischen Theorien, Jena 1893; Geldzins und Güterpreise,
Jena r898; Vorlesungen über Nationalökonomie auf Grundlage des
Marginalprinzips, Jena r9r3-r922.
15 Vgl. oben, Vorlesung 4, Anm. 25.
16 Der Ausdruck ist, wie es scheint, dem folgenden Satz von Bilger ent­
nommen (La pensee economique, a.a.O., S.65) und steht im Zusam-
menhang mit der wissenschaftlichen Politik, die von Eucken auf der
Grundlage seiner Wirtschaftsmorphologie angepriesen wurde: »Nach­
dem er die evolutionäre Philosophie widerlegt hat, erinnert Eucken
daran, daß die meisten Gruppen sich in der Geschichte nicht durch eine
technische Notwendigkeit gebildet haben, sondern dank der Abwesen­
heit eines wirklichen, bewußten Wirtschaftsrechts. «
17 Zum Begriff der Wirtschaftsordnung vgl. Walter Eucken, Die Grundla­
gen der Nationalökonomie, a. a. 0. (2.Aufl., 1941), S. 76-104. Vgl. auch
den Titel des Buchs von Müller-Armack, 1966, a. a. 0.
I 8 Anspielung auf die Polemiken, die durch die Ausweisung von Klaus
Croissant, dem Anwalt der Baader-Meinhof-Gruppe (Rote Armee
Fraktion), ausgelöst wurden. Zu den erheblichen Auswirkungen dieser
Ausweisung vgl. M. Foucault, STB, S. 407, Anm. 28; DE III, Nr. 213-214,
sowie die Erläuterungen am Ende dieses Bandes. Vgl. exempl. den Arti­
kel von 0. Wormser, der von 1974 bis 1977 französischer Botschafter in
Bonn war, in Le Monde vom 5. November 1977.
19 Vgl. Heinz Mohnhaupt; »L'Etat de droit en Allemagne: histoire, no­
tion, fonction«, in: Cahiers de philosophie politique et juridique, Nr. 24
(1993): »Der Rechtsstaat«, S.75-76: »Der Begriff des Rechtsstaats in
Deutschland war einerseits gegen den Polizeistaat, d.h. eine Verwal­
tung im Sinne eines Wohlfahrtsstaats, und andererseits gegen den Will­
kürstaat des Absolutismus gerichtet. Die Kombination der beiden
Wörter Recht und Staat erschien erstmals 1798 in Deutschland bei Jo­
hann Wilhelm Petersen, der unter dem Namen Placidus [Literatur der
Staats-Lehre. Ein Versuch, Bd. I, Straßburg 1798, S. 73] die philosophi­
sche Rechtslehre Kants durch diese Formulierung charakterisierte, die
er »die kritische oder die Schule der Rechts-Staats-Lehre« nannte. Vgl.
Michael Stolleis, »Rechtsstaat«, in: Handwörterbuch zur deutschen
Rechtsgeschichte, Bd. IV, Berlin 1990, Sp.367; ders., Geschichte des öf­
fentlichen Rechts in Deutschland, München 1992.
20 Carl Theodor Welcker, Die letzten Gründe von Recht, Staat und Strafe,
Gießen 1813, S. 13-26. Vgl. Heinz Mohnhaupt, »Der Rechtsstaat in
Deutschland«, a.a.O., S.78: »[Er stellte] die folgenden Etappen der
Staatsentwicklung dar: der Despotismus als Staat der Sinnlichkeit, die
Theokratie als Staat des Glaubens und als höchste Entwicklung ,der
Rechtsstaat< als >Staat der Vernunft<. « Das Manuskript enthält auf S. 12
die folgenden Angaben: >> Von Mohl, Untersuchungen über die Verei­
nigten Staaten und das Bundesstaatsrecht [= Das Bundes-Staatsrecht
der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika, Stuttgart 1824], Polizei­
wissenschaft nach den Grundsätzen des Rechtsstaates ([2 Bde., Tübin­
gen] 1832[-1833]); Friedrich Julius Stahl, Philosophie des Rechts[= Die
Philosophie des Rechts nach geschichtlicher Ansicht, 3 Bde., Heidelberg
1830-1837]. «
21 Rudolf von Gneise, Der Rechtsstaat, Berlin 1872; 2.Aufl. unter dem Ti­
tel Der Rechtsstaat und die Verwaltungsgerichte in Deutschland, Berlin

255
1879. Foucault stützt sich hier auf von Hayeks Werk, auf das er sich
weiter unten bezieht, Die Verfassung der Freiheit, a. a. 0., S.2 5 8
(Kap. 13: »Liberalismus und Verwaltung: Der Rechtsstaat«).
22 Otto Bähr, Der Rechtsstaat. Eine publizistische Skizze, Kassel 1864;
Neuausgabe Aalen 1961. Vgl. von Hayek, Die Verfassung der Freiheit,
a.a.O., S.258, zu dieser »justizialistischen Vorstellung« des Rechts­
staats. Vgl. zu diesem Punkt Michael Stolleis, Geschichte des öffent­
lichen Rechts in Deutschland, Bd. 2, München 1992, S. 387.
23 F.A. von Hayek, Die Verfassung der Freiheit, a.a.O., S. 261 f., verweist
hier auf das klassische Werk von Albert Venn Dicey, Lectures. lntro­
ductory to the Study of the Law of the Constitution, London, Macmil­
lan & Co., 1886, dem er »sein völliges Unverständnis der Verwendung
des Begriffs [rule of law/Staatsrecht] auf dem Kontinent« vorwirft
(ebd., S. 261, Anm. 35).
24 Als Erbe des ehemaligen Rats des Königs ist der Staatsrat, der durch die
Verfassung des Jahres VIII (15. Dezember 1799) gegründet wurde, das
höchste Organ der Rechtsprechung in Frankreich. »Seit der Reform
von 19 5 3 gab es für die Prozeßangelegenheiten drei Arten von Rechts­
mitteln: in erster Instanz gegen bestimmte bedeutsame Verwaltungs­
handlungen, wie etwa Verordnungen, als Berufungsinstanz für alle von
den Verwaltungsgerichten gefällten Urteile und als Aufhebungsinstanz
gegen die letztinstanzlichen Verwaltungsurteile. Die Verfügungen des
Staatsrats besitzen alle endgültige Autorität gegenüber dem beurteilten
Gegenstand« (Encyclopaedia Universalis, Thesaurus, Bd.18, 1974,
S.438)
25 Nachdem er bemerkt hat, daß Dicey, dem die deutsche Entwicklung
des Verwaltungsrechts unbekannt war, nur das französische System
kannte, stellt von Hayek fest, daß im Hinblick auf dieses System »seine
strenge Kritik einigermaßen berechtigt gewesen sein [mag], obwohl
eben zu dieser Zeit das Conseil d'Etat bereits eine Entwicklung einge­
leitet hatte, der es, wie ein moderner Beobachter meinte, »mit der Zeit
gelingen könnte, Ermessungsbefugnisse der Verwaltung (. ..) in den
Bereich der richterlichen Überprüfung zu bringen. « [Sieghart, Govem­
ment by Decree, London, Stevens, 1950, S.221]« (Die Verfassung der
Freiheit, a. a. 0., S. 262). Er fügt jedoch hinzu, daß Dicey später aner­
kannte, sich teilweise geirrt zu haben, und zwar in seinem Aufsatz
»Droit administratif in Modem French Law«, in: Law Quarterly Re­
view, Bd.XVII (1901).
26 von Hayek, Die Verfassung der Freiheit, a. a. O. In Wirklichkeit handelt
es sich nicht um dieses Buch, aus dem Foucault bestimmte Stellen ent­
lehnt, sondern um The Raad to Serfdom, London 1944 (dt. Der Weg
zur Knechtschaft, München 1971); siehe Kap. VI, S. 101-u8: »Planwirt­
schaft und Rechtsstaat«, das man mit dem Kap. 15 von Die Verfassung
der Freiheit vergleichen kann: » Wirtschaftspolitik im Rechtsstaat«.
27 Ebd., S.103: »Die Wirtschaftsplanung des Kollektivismus jedoch führt
mit Notwendigkeit zum genauen Gegenteil [gegenüber der rule of
law]. «
28 Ebd. S. 102: »Im [Falle des Plans] schreibt die Regierung die Verwen­
dung der Produktionskräfte für bestimmte Ziele vor. «
29 Ebd.: »[Die Autorität, die die Pläne entwirft,] muß unausgesetzt Fra­
gen entscheiden, die nicht nur nach formalen Grundsätzen beantwortet
werden können, und in diesen Entscheidungen muß sie den Bedürfnis­
sen verschiedener Menschen einen unterschiedlichen Wert beimessen. «
30 Ebd., S. 73: »(Den Anhängern der Planwirtschaft schwebt] im allge­
meinen [vor] (... ), daß die zunehmende Schwierigkeit, sich ein um­
fassendes Bild des gesamten Wirtschaftsprozesses zu machen, eine
Koordinierung der Einzelvorgänge durch eine zentrale Leitung un­
vermeidlich macht, wenn die Gesellschaftsordnung sich nicht im
Chaos auflösen will. «
31 Ebd., S. 101: »die Regierung [ist] in allen ihren Handlungen an Normen
gebunden, die im voraus festgelegt und bekanntgegeben sind - Nor­
men, nach denen man mit ziemlicher Sicherheit voraussehen kann, in
welcher Weise die Obrigkeit unter bestimmten Umständen von ihrer
Macht Gebrauch machen wird( ...). « ; und S. I02: »die Regierung [in ei­
nem Rechtsstaat] wird daran gehindert, die Bestrebungen der Indivi­
duen durch Maßnahmen zu durchkreuzen, die auf den betreffenden
Fall zugeschnitten sind. «
32 Ebd., S. 75 (die Unmöglichkeit »einer synoptischen Sicht « der Gesamt­
heit des Wirtschaftsprozesses): »Da die Dezentralisierung notwendig
geworden ist, weil niemand verstandesmäßig alle Faktoren abwägen
kann, die auf die Entscheidungen so vieler Individuen einwirken, liegt
es auf der Hand, daß die Koordinierung nicht durch >bewußte Über­
wachung< verwirklicht werden kann, sondern nur durch eine Einrich­
tung, die jedem Glied des Produktionsprozesses die Daten bekannt­
gibt, die es kennen muß, um seine Entscheidungen auf die anderen
abstimmen zu können. « Zu dieser notwendigen Blindheit des Staats
gegenüber dem Wirtschaftsprozeß vgl. die Interpretation, die Foucault
der »unsichtbaren Hand« Adam Smiths gibt, vgl. unten, S. 382.
33 Das Manuskript verweist hier auf Road to Serfdom, aber das Zitat ist
wohl eine ziemlich freie Wiedergabe des Textes. Vgl. die deutsche
Übersetzung, S. 59: »Im ersten Falle [der rule of law] beschränkt die
Regierung sich auf die Festsetzung von Richtlinien, die die Bedingun­
gen bestimmen, unter denen die vorhandenen Produktionskräfte ver­
wendet werden dürfen, wobei sie den Individuen die Entscheidung
darüber, für welche Zwecke sie sie verwenden wollen, überläßt. Im
zweiten Fall [der zentralisierten Planwirtschaft] schreibt die Regierung
die Verwendung der Produktionskräfte für bestimmte Ziele vor. «
34 Michael Polanyi (1891-1976), Chemiker, Ökonom und Philosoph un­
garischer Abstammung (Bruder des Historikers Karl Polanyi). Von
19 3 3 bis 1948 war er Professor für Chemie an der Universität Manche-

2 57
ster, danach Professor für Sozialwissenschaften an derselben Universi­
tät von r948 bis r9 58. Das Zitat ist The Logic ofLiberty: reftections and
rejoinders, London r9p, S. r85, entnommen »die Hauptfunktion der
existierenden spontanen Rechtsordnung besteht darin, die spontane
Ordnung des Wirtschaftslebens zu regulieren. Ein konsultatives
Rechtssystem entwickelt und garantiert die Regeln, nach denen das
kompetitive System der Produktion und Verteilung funktioniert. Es
kann kein Marktsystem ohne einen rechtlichen Rahmen geben, der die
Befugnisse garantiert, die dem Eigentum angemessen sind, und die Ein­
haltung der Verträge erzwingt. «
35 Vgl. M. Foucault, »Zitrone und Milch« (Oktober r978), in: Schriften,
Bd. III, S. 874; frz.: S. 698: »Law and Order ist nicht bloß die Devise des
amerikanischen Konservatismus, sondern eine monströse Kreuzung.
( ... ) Wie man ,Milch oder Zitrone, sagt, so muß man auch ,Gesetz oder
Ordnung< sagen. Es ist an uns, aus dieser Unverträglichkeit für die Zu­
kunft zu lernen. «
36 Michel Foucault kommt in der folgenden Vorlesung nicht auf dieses
Thema zurück.
37 Michel Foucault hatte im Mai r977 an den Gesprächstagen der Vereini­
gung der Richterschaft teilgenommen und das Werk Liberte, Libe1:es
(Paris, Gallimard, r976) diskutiert, das von Robert Badinter herausge­
geben wurde. Darin kritisierte er »die größere Rolle, die den Richtern
und der Judikative von der sozialistischen Partei bei der sozialen Regu­
lierung zugewiesen wurde.«(Daniel Defert, »Chronologie « , in : Schrif­
ten, Bd. I, S. 80; frz.: S. 5r .). Dieser Text erschien nach seinem Tod in der
Zeitschrift der Vereinigung.
38 Wilhelm Röpke, Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, a. a. 0., II. Teil,
Kap. 2, S. 306: »Die Gerichte eines Landes sind( ... ) die letzte Zitadelle
der Staatsautorität und des Vertrauens zum Staat, und kein Staat ist völ­
lig der Auflösung verfallen, in dem diese Zitadelle noch gehalten wird.
Daraus ergibt sich die sehr dringende Empfehlung, viel stärker als es
bisher geschehen ist, die Gerichte zu Organen der staatlichen Wirt­
schaftspolitik zu machen und ihren Entscheidungen Aufgaben zu
übertragen, die bisher in den Händen der Verwaltungsbehörden la­
gen. « In der amerikanischen Monopolrechtsprechung seit dem »Sher­
man Act « vom 2.Juli r890 sieht er das Vorbild, das ermöglicht, »sich
eine ähnliche, auf Rechtsprechung gegründete Wirtschaftspolitik vor­
zustellen« (ebd.).
39 Vgl. oben, Vorlesung 6, Anm. 59.
40 Vgl.Joseph Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, II.
Teil: »Kann der Kapitalismus weiterleben? « Siehe insbesondere S. 226-
230: »Die Zerstörung des institutionellen Rahmens der kapitalistischen
Gesellschaft. «
4r Ebd., S. 268: »Mit sozialistischer Gesellschaft wollen wir ein institutio­
nelles System bezeichnen, in dem die Kontrolle über die Produktions-
mittel und über die Produktion selbst einer Zentralbehörde zusteht, -
oder wie wir auch sagen können, in dem grundsätzlich die winschaftli­
chen Belange der Gesellschaft in die öffentliche und nicht in die private
Sphäre gehören. «
42 Vgl. ebd., IV. Teil, S.377-480: »Sozialismus und Demokratie«. Siehe
insbesondere die Schlußfolgerung, S. 4 5 r ff., über das Problem der De­
mokratie in einem sozialistischen System. »Kein Mensch mit Verant­
wortungsgefühl kann die Folgen einer Ausdehnung der demokratischen
Methode, das heißt der Sphäre der ,Politik<, auf alle wirtschaftlichen
Fragen gleichmütig ins Auge fassen. Im Glauben, daß der demokrati­
sche Sozialismus gerade das bedeutet, wird ein solcher Mensch natürlich
den Schluß ziehen, daß ein demokratischer Sozialismus fehlschlagen
muß. Doch dies folgt nicht notwendig daraus. Wie oben angeführt, ist
eine Erweiterung des Bereichs der öffentlichen Leitung nicht gleichbe­
deutend mit einer entsprechenden Erweiterung des Bereichs der politi­
schen Leitung. Es ist denkbar, daß jener erweitert wird, bis er die gan­
zen wirtschaftlichen Bezirke einer Nation absorbiert, während dieser
weiterhin innerhalb der Grenzen bleibt, die durch die Beschränkungen
der demokratischen Methode gesetzt sind. « (S. 474-475).

259
Vorlesung 8
(Sitzung vom 7. März 1979)

Allgemeine Bemerkungen: (1) Die methodologische Reichweite der


Analyse der Mikromächte. (2) Der Inflationismus der Staatsphobie.
Seine Beziehungen zur ordoliberalen Kritik. - Zwei Thesen über den
totalitären Staat und die Abnahme der Gouvemementalität des
Staats im 20. Jahrhundert. - Bemerkungen zur Verbreitung des
deutschen Modells in Frankreich und den Vereinigten Staaten. -
Das neoliberale deutsche Modell und das französische Projekt
einer »sozialen Marktwirtschaft«. - Das Umfeld des Übergangs
zu einer neoliberalen Wirtschaft in Frankreich. - Die französische
Sozialpolitik: Das Beispiel der sozialen Sicherheit. - Die Trennung
von Wirtschaftlichem und Sozialem nach Giscard d'Estaing. -
Das Projekt einer »negativen Steuer« und seine sozialen und
politischen Motive. »Relative« und »absolute« Armut.
Der Verzicht auf die Politik der Vollbeschäftigung.

Ich möchte Ihnen trotz allem versichern, daß ich zu Beginn die
Absicht hatte, über Biopolitik zu sprechen, und dann habe ich,
wie die Dinge sich eben entwickelten, am Ende lange, und viel­
leicht zu lange, über den Neoliberalismus gesprochen, und
noch dazu über den Neoliberalismus in seiner deutschen Ge­
stalt. Ich sollte mich aber doch ein wenig über diese Abwei­
chung von der Richtung erklären, die ich dieser Vorlesung ge­
ben wollte. Wenn ich so lange über den Neoliberalismus und,
schlimmer noch, über den Neoliberalismus in seiner deutschen
Gestalt gesprochen habe, dann selbstverständlich nicht des­
halb, weil ich den historischen oder theoretischen Hintergrund
der deutschen Christdemokratie schildern wollte. Ich habe es
auch nicht deshalb getan, um die nicht-sozialistischen Ele­
mente in der Regierung von Willy Brandt oder von Helmut
Schmidt anzuprangern. 1 Wenn ich mich ein bißchen lange bei
diesem Problem des deutschen Neoliberalismus aufgehalten
habe, dann zunächst aus methodischen Gründen, weil ich se­
hen wollte - indem ich das ein wenig weiterverfolgte, was ich
letztes Jahr begonnen hatte Ihnen zu sagen -, welchen kon­
kreten Inhalt man der Analyse der Machtverhältnisse geben
könnte - wobei es sich natürlich versteht, und ich wiederhole
es noch einmal, daß die Macht keinesfalls als ein Prinzip an
sich oder von Anfang an als eine erklärende Größe gelten
kann. Der Begriff der Macht selbst hat keine andere Funk­
tion, als einen [Bereich]�• von Beziehungen zu bezeichnen, die
alle analysiert werden sollen, und was ich vorgeschlagen habe
die Gouvernementalität zu nennen, d. h., die Art und Weise,
mit der man das Verhalten der Menschen steuert, ist nichts an­
deres als der Vorschlag eines Analyserasters für diese Macht­
verhältnisse.
Es handelte sich also darum, diesen Begriff der Gouvernemen­
talität zu erproben, und zweitens ging es darum, zu sehen, wie
dieses Raster der Gouvernementalität, von dem man anneh­
men kann, daß es angemessen ist, wenn es darum geht, die Art
und Weise zu analysieren, wie man das Verhalten der Wahnsin­
nigen, der Kranken, der Verbrecher, der Kinder steuert; wie
also dieses Raster der Gouvernementalität auch angemessen
sein kann, wenn es darum geht, Erscheinungen einer ganz an­
deren Größenordnung zu behandeln, wie beispielsweise die
Wirtschaftspolitik, die Leitung eines g�zen Gesellschaftskör­
pers usw. Ich wollte untersuchen - und darin ·besteht der Ein­
satz der Analyse -, inwiefern man annehmen konnte, daß die
Analyse der Mikromächte oder der Verfahrensweisen der
Gouvernementalität nicht per definitionem auf einen bestimm­
ten Bereich beschränkt ist, der durch einen bestimmten Ab­
schnitt der Größenskala bestimmt wäre, sondern wie diese
Analyse der Mikromächte als bloßer Gesichtspunkt, als eine
Methode der Entzifferung betrachtet werden muß, der für die
ganze Größenskala angemessen sein kann, was auch immer die
jeweilige Größe sei. Mit anderen Worten, die Analyse der
Mikromächte ist keine Frage der Größenordnung und keine
Frage eines Abschnitts dieser Größenordnung, sondern eine

'' Michel Foucault: »Begriff«.


Frage des Gesichtspunkts. Gut. Das war, wenn Sie so wollen,
der methodische Grund.
Es gibt einen zweiten Grund dafür, daß ich bei den Problemen
stehengeblieben bin. Es handelt sich um einen Grund, der, wie
ich sagen würde, kritischen Moralität. Wenn man die Wieder­
kehr [recurrence] der Themen betrachtet, könnte man tatsäch­
lich sagen, daß das, was gegenwärtig und in bezug auf zahlrei­
che Perspektiven in Frage steht, fast immer der Staat ist; der
Staat und sein unbestimmtes Wachstum, der Staat und seine
Allgegenwart, der Staat und seine bürokratische Entwicklung,
der Staat und die Keime des Faschismus, die er enthält, der
Staat und seine intrinsische Gewalttätigkeit unter seinem für­
sorglichen Paternalismus ... In dieser ganzen Thematik der
Staatskritik gibt es, glaube ich, zwei wichtige Elemente, die
man ziemlich beständig wiederfindet.
Erstens die Idee, daß der Staat in sich selbst und durch seine
eigene Dynamik eine Art von expansiver Kraft besitzt, eine
intrinsische Tendenz, zu wachsen, einen endogenen Imperia­
lismus, der ihn ständig dazu treibt, an Oberfläche, an Aus­
dehnung, an Tiefe, an Raffinesse zuzunehmen, so daß er dazu
gelangt, für dasjenige vollkommen die Verantwortung zu über­
nehmen, was für ihn zugleich sein Anderes, sein Außen, sein
Ziel und sein Gegenstand wäre, nämlich die bürgerliche Ge­
sellschaft. Das erste Element, das mir tatsächlich diese ganze
allgemeine Thematik der Staatsphobie zu durchziehen scheint,
ist also diese intrinsische Kraft des Staats gegenüber seinem
Zielgegenstand, nämlich der bürgerlichen Gesellschaft.
Zweitens, das zweite Element, das man, so scheint mir, in die­
sen allgemeinen Themen der Staatsphobie ständig wiederfindet,
besteht darin, daß es eine Verwandtschaft, eine Art von Konti­
nuität der Entstehung, eine Entwicklungsimplikation zwischen
verschiedenen Staatsformen gibt: Der Verwaltungsstaat, der
Wohlfahrtsstaat, der bürokratische Staat, der faschistische Staat,
der totalitäre Staat, all das sind nach den verschiedenen Analy­
sen aufeinanderfolgende Zweige ein und desselben Baumes,
der in seiner Kontinuität und Einheit wächst und der der große
Baum des Staats wäre. Diese beiden benachbarten Ideen, die
sich gegenseitig stützen - nämlich daß der Staat eine unbe­
grenzte Expansionskraft gegenüber dem Zielgegenstand der
bürgerlichen Gesellschaft hat, und zweitens, daß die Staatsfor­
men einander aufgrund einer dem Staat eigentümlichen Dyna­
mik hervorbringen-, diese beiden Ideen scheinen mir eine Art
von kritischem Gemeinplatz darzustellen, der heute sehr häu­
fig anzutreffen ist. Nun scheint es mir, daß diese Themen einen
bestimmten kritischen Wert, eine bestimmte kritische Wäh­
rung in Umlauf bringen, die man inflationär nennen könnte.
Warum inflationär?
Erstens, weil ich glaube, daß diese Thematik die Austauschbar­
keit der Analysen erhöht, und zwar immer schneller. Sobald
man tatsächlich annehmen kann, daß es zwischen den verschie­
denen Formen des Staates diese Kontinuität oder genetische
Verwandtschaft gibt, sobald man dem Staat eine konstante
Entwicklungsdynamik zuschreiben kann, wird es nicht nur
möglich, die Analysen aufeinander aufzubauen, sondern auch,
sie aufeinander zu verweisen, so daß jede das verliert, was ihr
eigentümlich sein sollte. Schließlich wird beispielsweise eine
Analyse der Sozialversicherung und des Verwaltungsapparats,
auf dem sie beruht, im Ausgang von einigen Verschiebungen
und aufgrund einiger Wörter, mit deren Bedeutung man spielt,
auf die Analyse der Konzentrationslager verweisen. Und die
Spezifizität, die man doch von der Analyse fordert, wird bei
diesem Übergang von der Sozialversicherung zu den Konzen­
trationslagern verwässert. 2 Es gibt also eine Inflation in diesem
Sinne, daß die Austauschbarkeit der Analysen steigt und sie
ihre Spezifizität verlieren.
Diese Kritik scheint mir auch aus einem zweiten Grund infla­
tionär zu sein. Der zweite Grund besteht darin, daß sie etwas
ermöglicht, was man eine allgemeine Disqualifikation durch
das Schlimmste nennen könnte, insofern man, was immer auch
der Analysegegenstand oder die Belanglosigkeit, die Geringfü­
gigkeit des Analysegegenstands, was immer auch das wirkliche
Verhalten des Analysegegenstands sein mag, ihn immer im Na-
men einer intrinsischen Dynamik des Staates und im Namen
der letztendlichen Formen, die dieser Analysegegeristand an­
nehmen kann, auf das Schlimmste verweisen kann. Man kann
das Geringste durch das Größte disqualifizieren, das Beste
durch das Schlimmste. Es ist natürlich nicht so, daß ich das Bei­
spiel des Besten nehme, aber stellen wir uns beispielsweise vor,
daß in einem System wie dem unseren ein unglücklicher
Mensch, der das Schaufenster eines Kinos eingeworfen hat, vor
Gericht kommt und daß er eine etwas schwere Strafe erhält; Sie
werden immer Leute finden, die sagen, daß diese Bestrafung
Zeichen für eine Entwicklung des Staates zum Faschismus-hin
ist, als ob es nicht schon lange vor jedem faschistischen Staat
Strafen dieser Art und noch schlimmere gegeben hätte.
Der dritte Faktor, der dritte inflationäre Mechanismus, der mir
diese Art von Analysen zu charakterisieren scheint, besteht
darin, daß sie gestatten, die Bezahlung des Preises für die WirK­
lichkeit der Gegenwart zu vermeiden, insofern man tatsächlich
im Namen dieser Dynamik des Staats immer so etwas wie eine
Verwandtschaft oder eine Gefahr finden kann, so etwas wie die
große Wahnvorstellung des paranoiden und alles verschlingen­
den Staates. In diesem Sinne kommt es auch nicht darauf an,
welche Gewalt man über die Wirklichkeit hat oder welches ge­
genwärtige Profil die Wirklichkeit aufweist. Es genügt, durch
den Verdacht und, wie Fran�ois Ewald sagen würde, durch die
»Anprangerung« 3 so etwas wie das imaginäre ProfiLdes Staats
zu finden, damit man die Gegenwart nicht mehr zu analysieren
braucht. Die Auslassung der Gegenwart scheint mir der dritte
inflationäre Mechanismus zu sein, den man in dieser Kritik fin­
det.
Schließlich würde ich sagen, daß diese Kritik am Staatsmecha­
nismus, an der Dynamik des Staates insofern inflationär ist,
als ich meine, daß sie nicht ihre eigene Kritik und ihre eigene
Analyse vorbringt. Das heißt, daß man nicht versucht heraus­
zubekommen, woher diese Art von antistaatlichem Verdacht
wirklich kommt, diese Staatsphobie, die zur Zeit in so vielen
verschiedenen Formen unseres Denkens verkehrt. Nun, mir
scheint, daß diese Art von Analyse - und deshalb habe ich
den Neoliberalismus der Jahre 1930-1950 hervorgehoben -,
diese Kritik des Staats, diese Kritik der intrinsischen und
gleichsam ununterdrückbaren Dynamik des Staats, diese Kri­
tik der Staatsformen, die ineinandergreifen, sich gegenseitig
fordern, sich gegenseitig stützen und sich wechselseitig erzeu­
gen, mir scheint, daß man diese Kritik schon wirklich, voll­
kommen und deutlich in den Jahren 1930-1945 findet, und
zwar ist sie dieses Mal präzise lokalisiert. Sie hatte zu jener Zeit
nicht denselben Verbreitungsgrad wie heute. Sie war innerhalb
der Wahlmöglichkeiten lokalisiert, die gerade zu jener Zeit for­
muliert wurden. Diese Kritik des polymorphen, allgegenwärti­
gen, allmächtigen usw. Staates finden Sie in jenen Jahren, als es
für den Liberalismus oder für den Neoliberalismus oder, noch
genauer, für den deutschen Ordoliberalismus darum ging, sich
einerseits von der Keynes'schen Kritik abzusetzen, die Kritik
der, sagen wir, dirigistischen und interventionistischen Politik
vom Typ des New Deal oder der Volksfront zu führen, die Kri­
tik der nationalsozialistischen Wirtschaft und Politik zu ent­
wickeln, die Kritik der politischen und wirtschaftlichen Wahl­
möglichkeiten der Sowjetunion auszuarbeiten, d. h. allgemein
gesprochen, die Kritik des Sozialismus zu unternehmen. Hier,
in diesem Klima und indem wir die Dinge in ihrer engsten oder
dürftigsten Form betrachten, finden wir in dieser deutschen
neoliberalen Schule diese Analyse sowohl der notwendigen
und gewissermaßen unvermeidlichen Verwandtschaften der
verschiedenen Staatsformen und die Idee, daß der Staat an sich
eine Eigendynamik hat, die bewirkt, daß er in seiner Vergröße­
rung und der Übernahme der Verantwortung für die ganze
bürgerliche Gesellschaft nie innehalten kann.
Ich möchte Ihnen bloß zwei Texte zitieren, die von der frühen
Entwicklung dieser beiden Ideen zeugen, die uns selbst so zeit­
genössisch, lebhaft und aktuell zu sein scheinen. Ich werde die
Reaktion von Röpke im Juni/Juli 1943 in einer Schweizer Zeit­
schrift4 zitieren, wo er den Beveridge-Plan kritisierte, der zu je­
ner Zeit gerade veröffentlicht wurde, und wo er Folgendes
sagt: Der Beveridge-Plan führt zu »noch mehr Sozialversiche­
rung, noch mehr Sozialbürokratie, noch mehr Hin- ·und Her­
schieben von Einkommen, noch mehr Kleben und Stempeln,
noch mehr Beiträgen, noch mehr Konzentration an Macht,
Nationaleinkommen und Verantwortung in den Händen des
ohnehin alles erfassenden, regulierenden, konzentrierenden
und kontrollierenden Staates, mit dem einzig sicheren Ergeb­
nis, ohne Lösung des Problems des Proletariats noch mehr
zentralisierend, mittelstandszerstörend, proletarisierend und
verstaatlichend zu wirken. « 5 Und genau zur selben Zeit, 1943,
schrieb Hayek, ebenfalls als Reaktion auf diese Pläne der
Nachkriegszeit, die die Anglo-Amerikaner und vor allem die
Engländer gerade entwickelten, Folgendes: »Wir müssen die
bittere Wahrheit aussprechen, daß sich das Schicksal Deutsch­
lands an uns zu wiederholen droht. « 6 Er sagte das nicht wegen
der Gefahr einer deutschen Invasion in England, die zu jem:r
Zeit definitiv beschworen wurde. Für Hayek bestand das Erle­
ben des deutschen Schicksals 1943 darin, in ein Beveridge-Sy­
stem einzutreten, in ein System der Vergesellschaftung, der ge­
steuerten Wirtschaft, der Planung und der Sozialversicherung.
Richtigstellend fügte er übrigens hinzu: Wir befinden uns nicht
genau in der Nähe Hitler-Deutschlands, sondern in der Nähe
Deutschlands zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Wie in diesem
will man »die Organisation, die im Hinblick auf die nationale
Verteidigung ausgearbeitet wurde, zu Produktionszwecken
[bewahren]. « 7 �' Man weigert sich, »anzuerkennen, daß der
Aufstieg des Faschismus und des Nazismus nicht eine Reak­
tion gegen die sozialistischen Bestrebungen der vorherigen Pe­
riode war, sondern ein unvermeidliches Resultat der sozialisti­
schen Bestrebungen. « 8 Also, sagte Hayek mit Bezug auf den
Beveridge-Plan, sind wir nicht weit von Deutschland entfernt­
das gilt, sagte er, für das Wilhelminische Deutschland, auf jeden
Fall für das Deutschland von 1914 -, aber dieses Deutschland
mit seinen dirigistischen Praktiken, seinen Planungstechniken,

* Michel Foucault: »betrachten«.


seinen sozialistischen Wahlmöglichkeiten hat in Wirklichkeit
den Nazismus hervorgebracht, und wenn wir uns dem Deutsch­
land von 1914-1918 annähern, nähern wir uns ebenfalls dem
Nazideutschland an. Die Gefahren einer deutschen Invasion
sind weit davon entfernt, definitiv beschworen zu werden. Die
englischen Sozialisten, die Labour-Partei, der Beveridge-Plan:
das werden die wirklichen Akteure der Nazifizierung Eng­
lands durch das weitere Wachstum der Verstaatlichung sein. Sie
sehen also, daß alle diese Themen schon alt sind und einen be­
stimmten hist�rischen Ort haben. Ich betrachte sie hier in ihrer
Formulierung von 1945. Man würde sie auch 1939 und 1933
und sogar noch früher finden. 9
Nun, gegen diese inflationäre Staatskritik, gegen diese Art vori
Laxheit möchte ich Ihnen, wenn Sie so wollen, einige Thesen
nahelegen, die in groben Zügen das durchziehen, was ich Ihnen
schon gesagt habe. Aber ich möchte es ein bißchen auf den
Punkt bringen. Erstens, die These, daß der Fürsorgestaat, der
Wohlfahrtsstaat natürlich weder dieselbe Form noch, wie mir
scheint, denselben Ursprung hat wie der totalitäre Staat, der Na­
zistaat, der faschistische oder stalinistische Staat. Ich möchte
Ihnen auch nahelegen, daß dieser Staat, den man totalitär nen­
nen kann, weit davon entfernt, durch die Intensivierung und·
endogene Ausdehnung der staatlichen Mechanismen charakte­
risiert zu sein, daß dieser sogenannte totalitäre Staat keines­
wegs eine Übersteigerung des Staates ist, sondern im Gegenteil
eine Begrenzung, eine Verringerung, eine Unterordnung der
Autonomie des Staates, seiner Besonderheit und seiner eigen­
tümlichen Funktionsweise darstellt. Und zwar im Verhältnis
wozu? Im Verhältnis zu etwas anderem: der Partei. Mit ande­
ren Worten, die Idee wäre, daß man den Ursprung der totalitä­
ren Regime nicht in einer intrinsischen Entwicklung des Staats
und seiner Mechanismen suchen soll; anders ausgedrückt, daß
der totalitäre Staat nicht der Verwaltungsstaat des 18. Jahrhun­
derts, der auf die Spitze getriebene Polizeistaat des 19. Jahrhun­
derts ist, daß er nicht der Verwaltungsstaat, der bis an seine
Grenzen getriebene bürokratisierte Staat des I 9. Jahrhunderts
ist. Der totalitäre Staat ist etwas anderes. Man muß seinen Ur­
sprung nicht in der verstaatlichenden oder verstaatlichten
Gouvernementalität suchen, die im 17. und im 18.Jahrhundert
entsteht. Man muß ihn gerade bei einer nicht-staatlichen Gou­
vernementalität suchen, nämlich bei dem, was man die Gou­
vernementalität der Partei nennen könnte. Es ist die Partei,
diese ganz außergewöhnliche, ganz eigenartige, ganz neue Or­
ganisation, es ist diese ganz neue Gouvernementalität der Par­
tei, die am Ende des �9.Jahrhunderts in Europa erscheint, die
wahrscheinlich- nun, das werde ich Ihnen jedenfalls vielleicht
nächstes Jahr zu zeigen versuchen, wenn ich dann immer noch
diese Ideen im Kopf habe 10 -, es ist diese Gouvernementalität
der Partei, die am geschichtlichen Ursprung von so etwas wie
den totalitären Regimen, von so etwas wie dem Nazismus, dem
Faschismus und dem Stalinismus steht.
Eine andere These, die ich aufstellen möchte, ist folgende (nm.,
sie ist das Gegenstück zu dem eben Gesagten): Was in unserer
Wirklichkeit gegenwärtig in Frage steht, ist nicht sosehr das
Wachstum des Staats und der Staatsräson, sondern vielmehr
seine Abnahme, die sich in unseren Gesellschaften des 20. Jahr­
hunderts in den beiden folgenden Formen vollzieht: Die eine
ist eben die Abnahme der Gouvernementalität des Staats durch
die Zunahme der Gouvernementalität der Partei, und die an­
dere Form der Abnahme ist diejenige, die man in Systemen wie
dem unseren feststellen kann, wo man eine liberale Gouverne­
mentalität anzustreben versucht. Wenn ich dies sage, füge ich
sogleich hinzu, daß ich versuche, kein Werturteil abzugeben.
Wenn ich von liberaler Gouvernementalität spreche, will ich
nicht von vornherein durch den Gebrauch des Wortes »liberal«
diese Art von Gouvernementalität als heilig verehren oder auf­
werten. Ich meine auch nicht, daß es nicht legitim wäre, wenn
man so will, den Staat zu hassen. Aber ich glaube, daß man sich
nicht vorstellen soll, daß man einen wirklichen, gegenwärtigen
und uns angehenden Prozeß beschreibt, wenn man die Ver­
staatlichung oder die Entwicklung zum Faschismus, die Ein­
setzung der Gewalt durch den Staat usw. anprangert. Alle die-

268
jenigen, die an der großen Staatsphobie teilhaben, sollen wis­
sen, daß sie sich gegen die Windrichtung bewegen und daß sich
überall seit vielen Jahren eine wirkliche Abnahme des Staats,
der Verstaatlichung und der verstaatlichenden und verstaat­
lichten Gouvernementalität ankündigt. Ich sage keineswegs,
daß man sich im Hinblick auf die Verdienste oder das Verschul­
den des Staats etwas vormacht, wenn man sagt »das ist sehr
schlimm« oder wenn man sagt »das ist sehr gut«. Darin besteht
nicht mein Problem. Ich sage, daß man sich nicht darüber täu­
schen soll, daß dem Staat ein Prozeß der Entwicklung zum Fa­
schismus eigentümlich ist, der ihm äußerlich 11 ist und der viel
eher auf der Abnahme und der Verschiebung des Staats beruht.
Ich meine auch, daß man sich nicht über die Natur des ge­
schichtlichen Prozesses täuschen soll, der den Staat gegenwär­
tig so unerträglich und so problematisch macht. Deshalb, aus
diesem Grunde wollte ich die Organisation dessen untersu­
chen, was man das deutsche Modell und seine Verbreitung nen­
nen könnte, wobei es natürlich klar ist, daß dieses deutsche
Modell, wie ich es zu beschreiben versucht habe und wovon
ich Ihnen nun einige Verbreitungsformen zeigen möchte, nicht
das so oft herabgewürdigte, verbannte, öffentlich bloßgestellte
und beschimpfte Modell des Bismarckschen Staates ist, der sich
zum Hitler-Staat entwickelt. Das deutsche Modell, das sich
ausbreitet und das in Frage steht, das deutsche Modell, das zu
unserer Gegenwart gehört, das ihr unter seinem wirklichen
Zuschnitt eine Struktur und ein Profil gibt, dieses deutsche
Modell ist die Möglichkeit einer neoliberalen Gouvernementa­
lität.
Diese Verbreitung des deutschen Modells könnte man auf
zweierlei Weisen verfolgen. Heute möchte ich das im Hinblick
auf Frankreich tun und vielleicht nächstes Mal, wenn ich bis
dahin meine Meinung nicht geändert habe, im Hinblick auf die
USA. Was man in Frankreich die Ausbreitung des deutschen
Modells nennen könnte, vollzog sich langsam, schleichend,
knirschend und wies drei Merkmale auf. Erstens darf man
nicht vergessen, daß diese Ausbreitung des neoliberalen deut-
sehen Modells sich in Frankreich im Ausgang von etwas voll­
zogen hat, das man eine stark verstaatlichte, stark dirigistische,
stark administrative Gouvernementalität nennen könnte, und
zwar mit allen Problemen, die so etwas mit sich bringt. Zwei­
tens versucht man dieses neoliberale deutsche Modell in
Frankreich in einem Krisenkontext einzuführen und zu ver­
wirklichen, einer Wirtschaftskrise, die zunächst relativ be­
grenzt war, sich jetzt aber zugespitzt hat. Diese Wirtschafts­
krise stellt zugleich das Motiv, den Vorwand und den Grund
für die Einführung und die Verwirklichung dieses deutschen
Modells dar, wirkt aber zugleich auch bremsend. Drittens ist es
schließlich so - aus Gründen übrigens, die ich gerade genannt
habe, darin besteht das dritte Merkmal -, daß die Akteure der
Verbreitung und der Verwirklichung dieses deutschen Modells
gerade diejenigen sind, die den Staat leiten und die ihn in die­
sem Krisenkontext leiten müssen. Aus diesen Gründen wirft
die Umsetzung des deutschen Modells in Frankreich eine
ganze Menge von Problemen auf und zeigt gleichsam eine Art
von Schwerfälligkeit gemischt mit Heuchelei, wovon wir eine
Reihe von Beispielen sehen werden.
In den Vereinigten Staaten nimmt die Ausbreitung des deut­
schen Modells ein ganz anderes Aussehen an. Aber zunächst,
kann man wirklich von der Ausbreitung des deutschen Mo­
dells sprechen? Denn schließlich war der Liberalismus, die li­
berale Tradition, die ewige Erneuerung der liberalen Politik
eine Konstante in den Vereinigten Staaten, die bewirkt, daß
das, was jetzt erscheint oder was als Reaktion auf den New
Deal erschien, nicht unbedingt die Verbreitung des deutschen
Modells ist. Man kann es auch als eine Erscheinung betrachten,
die den Vereinigten Staaten vollkommen endogen ist. Man
müßte eine ganze Reihe von genaueren Untersuchungen über
die Rolle anstellen, die die deutschen Auswanderer für die Ver­
einigten Staaten spielten, die Rolle, die beispielsweise jemand
wie Hayek spielte usw. Nun gut. Zwischen dem deutschen
neoliberalen Modell, das im wesentlichen im Umkreis der
Leute aus Freiburg gebildet wurde, und dem amerikanischen
Neoliberalismus gibt es eine ganze Menge historischer Bezie­
hungen, die zweifellos recht schwer zu entwirren sind.
Das zweite Merkmal der Ausbreitung des deutschen Modells
in den Vereinigten Staaten besteht darin, daß es sich ebenfalls in
einem Krisenkontext entwickelt, aber in einer Krise, die voll­
kommen verschieden von derjenigen ist, die man in Frankreich
kennt, da es sich um eine Wirtschaftskrise von ganz anderer
Form handelt, die zweifellos viel weniger zugespitzt ist als in
Frankreich. Dafür entwickelt es sich in einer politischen Krise,
wo sich das Problem des Einflusses, des Handelns, der Inter­
vention der Bundesregierung, ihrer politischen Glaubwürdig­
keit usw. schon seit dem New Deal stellte und stärker noch seit
Johnson, seit Nixon, 12 seit Carter 13 usw.
Schließlich ist das dritte Merkmal dieser Verbreitung des Neo­
liberalismus in den Vereinigten Staaten, daß die neoliberale
Gouvernementalität, anstatt gewissermaßen die fast ausschließ­
liche Eigenschaft des Regierungspersonals und seiner Berater
wie in Frankreich zu sein, sich zumindest teilweise als eine Art
von großer wirtschaftlich-politischer Alternative darstellt, die,
zu einem bestimmten Zeitpunkt jedenfalls, die Form einer gan­
zen Bewegung der politischen Opposition annimmt, die, wenn
sie schon keinen Massencharakter hat, doch zumindest sehr
weit in der amerikanischen Gesellschaft verbreitet ist. Aus all
diesen Gründen ist es ganz unmöglich, die Ausbreitung des
deutschen Modells in Frankreich und die amerikanische neoli­
berale Bewegung zugleich zu behandeln. Die beiden Erschei­
nungen überschneiden und überlagern sich nicht, auch wenn es
natürlich zwischen beiden ein ganzes System des Austauschs
und der Unterstützung gibt.
Heute möchte ich also ein wenig darüber sprechen, was man
den französischen Neoliberalismus und die Existenz des deut­
schen Modells nennen könnte. Offen gestanden war ich lange
etwas in Verlegenheit, weil es ;nicht möglich ist, wie ich ehrlich
glaube, die Reden, Schriften und Texte entweder von Giscard,
von Barre 14 oder von ihren Beratern zu lesen - denn man muß
sie lesen -, ohne deutlich, sondern bloß intuitiv zu erkennen,
daß zwischen dem, was sie sagen, und dem deutschen Modell
und dem deutschen Ordoliberalismus, den Ideen von Röpke,
Müller-Armack usw. eine Verwandtschaft in die Augen
springt. Nun ist es sehr schwierig, einfach einen Akt der Aner­
kennung zu finden, eine Erklärung, die gestatten würde zu sa­
gen: Sieh da, das tun sie also, und sie wissen, was sie tun. Es war
sehr schwierig bis vor ganz kurzem und quasi bis vor einigen
Wochen. Ganz am Ende von 1978, ich glaube im Dezember, er­
schien ein Buch von Christian Stoffaes mit dem Titel La grande
menace industrielle. 15 Stoffaes war einer der gefragtesten Rat­
geber der gegenwärtigen Regierung und auf Industriefragen
spezialisierter Wirtschaftsberater. 16 Ich sagte mir, daß ich viel­
leicht hier das Gesuchte finden würde, und ich wurde sofort
enttäuscht, denn auf dem Buchrücken, in der Präsentation, liest
man, daß der Autor, »nachdem er die Versuchung einer voreili­
gen Übertragung der deutschen und japanischen Modelle zu­
rückgewiesen hat, die Grundlagen für eine eigenständige Indu­
striepolitik legt. « 17 Also habe ich mir gesagt: Dieses Mal werde
ich wieder nicht finden, was ich suche. Was jedoch amüsant
ist und ziemlich bezeichnend für die offensichtlichen Gründe,
weshalb diese Dinge nicht gesagt werden können, das Merk­
würdige ist nämlich, daß, wenn das auf dem Buchrücken
steht, im Gegensatz dazu der letzte Absatz, glaube ich, oder
der vorletzte im Schlußkapitel, der die gesamte Analyse zu­
sammenfaßt, folgendermaßen beginnt und alles, was in dem
Buch behauptet wurde, resümiert: » Es handelt sich schließlich
in etwa um das Modell der sozialen Marktwirtschaft« - end­
lich wurde das Wort ausgesprochen - mit bloß, fügt der
Autor hinzu, »ein bißchen mehr revolutionärer Kühnheit als
jenseits des Rheins. « 18 Es geht einerseits darum, sagt er, eine
wirksame Marktwirtschaft einzurichten, die der Welt gegen­
über offen ist, und andererseits um ein fortschrittliches sozia­
les Projekt. 19
Es kommt nicht in Frage, Ihnen eine vollständige und umfas­
sende Analyse der Politik Giscards20 oder der Politik von Gis­
card-Barre zu geben, einerseits weil ich dazu nicht in der Lage
bin, und zweitens weil Sie das wohl nicht interessieren würde.
Ich möchte diese Politik einfach nur in einigen ihrer Aspekte
betrachten. Erstens, um die Dinge ein wenig in einen Kontext
zu stellen, möchte ich einige Hinweise darauf geben, was man
den ökonomischen Kontext nennen könnte, der im Laufe der
letzten Jahre in der Lage war, die Einführung und die Umset­
zung dieses Modells zu veranlassen. Betrachten wir, wenn Sie
so wollen, die Dinge ganz schematisch. Wir können sagen, daß
in der Folge der großen Krise der 193oer Jahre im Prinzip alle
Regierungen genau wußten, daß die ökonomischen Elemente,
die sie notwendig berücksichtigen mußten, was auch immer die
Natur dieser Optionen sein mag, die Vollbeschäftigung, die
Preisstabilität, eine ausgeglichene Zahlungsbilanz, das Wachs­
tum des Bruttosozialprodukts, die Neuverteilung der Einkom­
men und Vermögen und die Bereitstellung sozialer Güter
waren. Diese Liste ist in groben Zügen das, was Bentham in
seinem eigenen Vokabular die wirtschaftlichen Agenda der Re­
gierung genannt hätte, worum man sich also kümmern muß,
auf welche Weise man sich auch darum kümmern mag. 21 Wir
können sagen, daß in dieser Reihe von Zielen die deutsche neo­
oder ordoliberale Formel, von der ich gesprochen habe, Sie
erinnern sich, darin besteht, als vorrangiges Ziel die Stabilität
der Preise und die Zahlungsbilanz festzusetzen, während das
Wachstum und alle anderen Elemente gewissermaßen als Folge
dieser beiden ersten Ziele auftreten, die absolut sind. Die Ent­
scheidungen, die in England und Frankreich getroffen wur­
den - in Frankreich zur Zeit der Volksfront und dann nach der
Befreiung, in England gerade zur Zeit der Ausarbeitung des
Beveridge-Plans und des Sieges der Labour-Partei von 1945 -,
die englischen und französischen Entscheidungen bestanden
im Gegenteil darin, sich als erstes und absolutes Ziel nicht die
Stabilität der Preise zu setzen, sondern die Vollbeschäftigung,
nicht eine ausgeglichene Zahlungsbilanz, sondern die Bereit­
stellung sozialer Güter, was natürlich ein Wachstum impli­
zierte, ein absichtlich hergestelltes, hochgezüchtetes, starkes
und dauerhaftes Wachstum, damit diese beiden Dinge garan-
tiert werden konnten, nämlich die Bereitstellung sozialer Gü­
ter und die Vollbeschäftigung.
Lassen wir die Frage beiseite, warum diese Ziele, die in Eng­
land umgesetzt wurden, sämtlich gescheitert sind oder ihnen in
den Jahren 1955-1975 in drastischer Weise ihre Grenzen aufge­
zeigt wurden; warum im Gegensatz dazu in Frankreich die­
selbe Politik zu positiven Resultaten geführt hat. Das soll uns
jetzt nicht beschäftigen. Wir können sagen, daß das die Aus­
gangssituation war und der Grund, weshalb man selbst unter
der Regierung de Gaulles im großen und ganzen mit einer gan­
zen Menge liberaler Abschwächungen am Wesen dieser Ziele
festhielt, die man dirigistische Ziele nennen kann, diese dirigi­
stischen Methoden, diese Planungsverfahren, die auf die Voll­
beschäftigung und die Verteilung sozialer Güter gerichtet wa­
ren und die der V. Plan am deutlichsten darstellte.22 Wenn man
die Dinge sehr vereinfacht, kann man sagen, daß in denJahre,1
1970-75, auf jeden Fall in der Dekade, die nun zu Ende geht,
sich in Frankreich das Problem der endgültigen Aufgabe dieser
Ziele und Formen der wirtschaftlich-politischen Priorität
stellt. In diesem Jahrzehnt stellt sich das Problem des all­
gemeinen Übergangs zu einer neoliberalen Marktwirtschaft,
d. h., vereinfachend gesagt, das Problem des Aufholens und der
Einrichtung des deutschen Modells. Die Gründe, die wirt­
schaftlichen Vorwände, die unmittelbaren wirtschaftlichen
Anreize lagen natürlich in der Krise, wie sie sich damals dar­
stellte, d.h. in jener Vorkrise vor 1973, die seit 1969 durch ein
konstantes Wachstum der Arbeitslosigkeit, den Rückgang des
Habensaldos der Zahlungsbilanz und eine steigende Inflation
gekennzeichnet war: Alle diese Zeichen deuteten in den Augen
der Ökonomen nicht auf eine Keynes'sche Krisensituation hin,
d.h. auf eine Krise durch Unterkonsum, sondern auf eine
Krise, die in Wirklichkeit bei der Art und Weise der Investitio­
nen lag. Das heißt, daß man, vereinfacht gesagt, der Auffassung
war, daß die Gründe für diese Krise auf Fehler in der Investi­
tionspolitik zurückgingen, auf Investitionsentscheidungen, die
nicht genügend durchdacht und programmiert waren. Auf die-

2 74
sem Hintergrund der Vorkrise wird 1973 die Erdölkrise ausge­
löst, die in der Verteuerung der Energiepreise bestand, einer
Verteuerung, die keineswegs auf die Kartellbildung der Ver­
käufer zurückging, welche einen zu hohen Preis durchsetzten,
sondern im Gegenteil ganz einfach auf die Abnahme des wirt­
schaftlichen und politischen Einflusses des Kartells der Käufer
und auf die Bildung eines Marktpreises sowohl für das Erdöl
als auch allgemein für die Energie, oder jedenfalls auf die Ten­
denz der Ene_rgiepreise, sich den Marktpreisen anzugleichen.
Man sieht also in diesem Kontext sehr gut (entschuldigen Sie
bitte den völlig schematischen Charakter all dieser Bemerkun­
gen), wie der wirtschaftliche Liberalismus als einzig möglicher
Lösungsweg aus dieser Vorkrise und ihrer Beschleunigung
durch die Verteuerung der Energiepreise erscheinen könnte.
Der Liberalismus, d. h. die völlige, uneingeschränkte Integra­
tion der französischen Wirtschaft in eine innere, europäische
und globale Marktwirtschaft: diese Entscheidung erschien zu­
nächst als die einzige Korrekturmöglichkeit der fehlerhaften
Investitionsentscheidungen, die in der vorangegangenen Peri­
ode aufgrund einer Reihe von dirigistischen Zielen, Techniken
usw. getroffen worden waren; es war also das einzige Mittel,
diese Investitionsfehler zu korrigieren bei gleichzeitiger Be�
rücksichtigung jener neuen Tatsache, die in der Verteuerung
der Energie bestand und die in Wirklichkeit nur die Bildung ei­
nes Marktpreises für die Energie war. Die allgemeine Einfüh­
rung der französischen Wirtschaft in den Markt, um einerseits
die Investitionsfehler zu korrigieren und um die französische
Wirtschaft an die neuen Energiepreise anzupassen, schien aJso
die selbstverständliche Lösung zu sein.
Sie werden mir am Ende sagen, daß wir hier nur eine der Episo­
den in den regelmäßigen und manchmal schnellen Schwankun­
gen haben, die es in Frankreich seit dem Krieg gegeben hat,
sagen wir: seit 1920, und zwar zwischen einer eher interventio­
nistischen, dirigistischen, protektionistischen Politik, die an
globalen Gleichgewichten interessiert ist, sich um Vollbeschäf­
tigung bemüht usw., und einer liberalen Politik, die der äuße-

2 75
ren Welt gegenüber offener ist, die sich mehr um den Tausch,
um die Währung kümmert. Die Schwankungen, die die Regie­
rung von Pinay23 in den Jahren 1951/ 52 gekennzeichnet haben,
die Rueff-Reform von 1958 24 usw. stellen ebenfalls Abwei­
chungen in Richtung auf den Liberalismus dar. Nun glaube ich,
daß das, worum es jetzt geht und wofür die Wirtschaftskrise,
deren Aspekte ich sehr kurz zu beschreiben versucht habe, als
Vorwand gedient hat, nicht bloß eine dieser Schwankungen zu
ein wenig mehr Liberalismus hin und von ein wenig mehr Diri­
gismus weg ist. Tatsächlich geht es heute, wie mir scheint, um
den Einsatz einer Politik, die insgesamt neoliberal ist, und da
ich auch hier keinesfalls die Absicht habe, dies mit allen
Aspekten zu beschreiben, möchte ich bloß einen herausgreifen,
der nicht die eigentliche Wirtschaft oder den direkten und un­
mittelbaren Anschluß der französischen Wirtschaft an eine
Weltwirtschaft betrifft; ich möchte [diese Politik]�' unter einem
anderen Aspekt betrachten, nämlich unter dem der Sozialpoli­
tik. Was war, was könnte bei der gegenwärtigen Regierung, bei
der gegenwärtigen Gouvernementalität, die virtuell von der
Machtübernahme Giscards impliziert wurde, die Sozialpolitik
sein und worauf richtet sie sich? Darüber möchte ich also
heute sprechen.
Auch hier können wir sagen, um kurz und schematisch etwas
über die Geschichte zu bemerken, daß die Sozialpolitik, die
nach der Befreiung festgesetzt und die sogar während des Krie­
ges geplant wurde, daß diese Sozialpolitik in Frankreich und
Deutschland von zwei Problemen und einem Vorbild überragt
wurde. Die beiden Probleme waren das·Festhalten an der Voll­
beschäftigu ng als wirtschaftlich und sozial vorrangigem Ziel,
denn man schrieb die Wirtschaftskrise von 1929 der Nichtexi­
stenz der Vollbeschäftigung zu. Man schrieb ihr auch alle po­
litischen Konsequenzen zu, die sich in Deutschland und in
Europa im allgemeinen ergaben. Es galt also, an der Voll­
beschäftigu ng aus wirtschaftlichen, sozialen und politischen

* Michel Foucault sagt: »sie betrachten«.


Gründen festzuhalten. Zweitens galt es, die Wirkungen einer
Abwertung zu vermeiden, die durch eine Wachstumspolitik
notwendig geworden war. Um an der Vollbeschäftigung aus
wirtschaftlichen Gründen festzuhalten und um die Wirkungen
der Abwertung, die das Sparen, die individuelle Kapitalisie­
rung usw. unwirksam macht, zu mildern, hatte man gemeint,
eine Politik der sozialen Deckung von Risiken einzurichten.
Das anzuwendende Mittel, um diese beiden Ziele zu erreichen,
war das VorbiJd des Krieges, d.h. das Modell der nationalen
Solidarität, ein Modell, das darin besteht, daß man die Men­
schen weder danach fragt, warum ihnen zugestoßen ist, was ih­
nen zustieß, noch, zu welcher Wirtschaftskategorie sie gehö­
ren. Was einem Individuum zustößt im Fall eines Verlusts,
eines Unfalls, irgendeines Wagnisses, dafür soll auf jeden Fall
die ganze Gemeinschaft im Namen der nationalen Solidarität
die Verantwortung übernehmen. Diese beiden Ziele und dieses
Modell erklären, warum die englische und französische Politik
eine Politik des Kollektivkonsums war, die durch eine ständige
Neuverteilung der Einkommen, eine ständige Neuverteilung
und einen Kollektivkonsum abgesichert war, die die ganze Be­
völkerung betreffen, wobei es nur einige privilegierte Sektoren
gibt. In Frankreich wurde die Familie aus politischen Gründen
der Geburtenförderung als einer der Sektoren betrachtet, die
man besonders privilegieren sollte. Im allgemeinen glaubte
man jedoch, daß die ganze Gemeinschaft die Wagnisse der In­
dividuen abdecken sollte. Natürlich ist die Frage, die sich ab
dem Zeitpunkt stellt, wo man diese Ziele festgesetzt und dieses
Verfahrensmodell gewählt hat, [ob] eine Politik wie diese, die
sich als Sozialpolitik darstellt, nicht zugleich auch eine Wirt­
schaftspolitik sein wird. Mit anderen Worten, wird man nicht
absichtlich oder unabsichtlich eine ganze Reihe wirtschaftli­
cher Auswirkungen verursachen, die unerwartete Konsequen­
zen hervorbringen könnten, perverse Auswirkungen, wie man
sagt, auf die Wirtschaft selbst, die dann das Wirtschaftssystem
und das soziale System selbst in Unordnung bringen?
Auf diese Frage wurden mehrere Antworten gegeben. Ja, ha-

277
ben die einen geantwortet. Natürlich wird eine solche Politik
wirtschaftliche Auswirkungen haben, aber genau diese Wir­
kungen strebt man ja an. Das heißt zum Beispiel, daß man ja
gerade die Wirkung der Neuverteilung der Einkommen, den
Ausgleich der Einkommen und des Konsums erzielen will, und
die Sozialpolitik nur dann wirklich von Bedeutung ist, wenn
sie in das Wirtschaftssystem eine Reihe von Korrekturen ein­
bringt, eine Reihe von Angleichungen, die die liberale Politik
selbst und die Wirtschaftsmechanismen an sich nicht gewähr­
leisten können. Andere antworten: Ganz und gar nicht. Diese
Sozialpolitik, die wir umzusetzen versuchen oder die seit
1945 25 umgesetzt wurde, hat tatsächlich keine direkte Auswir­
kung auf die Wirtschaft, oder sie hat auf die Wirtschaft nur eine
Wirkung, die auf die Wirtschaftsmechanismen so abgestimmt
ist und mit ihnen so übereinstimmt, daß sie diese nicht stören
kann. Es ist sehr interessant zu sehen, daß der Mann, der zwar
nicht die Sozialversicherung in Frankreich begründet hat, der
aber ihre Organisation, ihren Mechanismus entworfen hat,
nämlich Laroque, 26 in einem Text von 1947 oder 1948,27 ich er­
innere mich nicht mehr, genau diese Erklärung, diese Rechtfer­
tigung der Sozialversicherung gegeben hat. Zur selben Zeit, als
man die Sozialversicherung einführte, sagte er: Seien Sie unbe­
sorgt, die Sozialversicherung ist nicht dazu da, um wirtschaftli­
che Wirkungen auszuüben, und sie kann auch, außer günsti­
gen, keine haben.28 Er charakterisierte die Sozialversicherung
folgendermaßen: Sie ist nichts anderes als eine Technik, die es
ermöglicht, so zu handeln, daß jeder »in die Lage versetzt wird,
unter allen Umständen seinen Lebensunterhalt und den der
von ihm abhängigen Personen zu sichern. « 29 Was bedeutet es,
den eigenen Lebensunterhalt und den der abhängigen Perso­
nen zu sichern? Es bedeutet einfach, daß man einen solchen
Mechanismus einrichten wird, daß man die Sozialkosten aus­
schließlich vom Lohn abzieht, d. h., daß man dem wirklich in
Geld ausbezahlten Lohn einen virtuellen Lohn hinzufügt; es
handelt sich eigentlich nicht um einen Zusatz, sondern es wird
in Wirklichkeit einen Gesamtlohn geben, von dem ein Teil als
eigentlicher Lohn betrachtet wird und der andere als Sozialab­
gaben. Mit anderen Worten, es ist der Lohn selbst, die Lohn­
masse, mit der die Sozialkosten bezahlt werden, und nichts an­
deres. Es handelt sich um eine Solidarität, die nicht denen, die
keinen Lohn empfangen, für die Lohnempfänger auferlegt
wird, sondern um eine »Solidarität, die der Masse der Lohn­
empfänger auferlegt wird«, und zwar zu ihren eigenen Gun­
sten, »zugunsten ihrer Kinder und Alten«, wie Laroque sagt. 30
Deshalb kann man keinesfalls sagen, daß diese Sozialversiche­
rung die Wirtschaft belasten wird, daß sie eine Last für sie sein
wird, daß sie den Selbstkostenpreis der Wirtschaft erhöhen
wird. Da in Wirklichkeit die Sozialversicherung nichts weiter
als eine bestimmte Weise ist, nichts anderes als einen Lohn aus­
zubezahlen, belastet sie die Wirtschaft nicht. Besser noch, sie
gestattet im Grunde, die Löhne nicht zu erhöhen, und folglich
bewirkt sie eher, daß die Kosten der Wirtschaft erleichtert wer­
den, indem sie die sozialen Konflikte mildert und ermöglicht,
daß die Lohnforderungen weniger einschneidend und aktuell
sind. Das sagte Laroque 1947, 1948, um die Funktionsweise der
Sozialversicherung zu erläutern, die er selbst geregelt hatte. 31
Dreißig Jahre später, nämlich 1976, erschien in der Revue fran­
raise des affaires sociales ein sehr interessanter Bericht, weil er ·
von den Studenten der ENA (Ecole Normale d'Administra­
tion) als Forschungsbilanz über dreißig Jahre Sozialversiche­
rung32 verfaßt wurde, und diese Studenten der ENA stellen
Folgendes fest: Erstens, sagen sie, hat die Sozialversicherung
beträchtliche wirtschaftliche Auswirkungen, und diese Aus­
wirkungen sind im übrigen mit der Art und Weise verknüpft,
wie man die Grundlage der Beitragszahlungen bestimmt hat.
Es gibt in der Tat eine Auswirkung auf die Arbeitskosten. We­
gen der Sozialversicherung wird die Arbeit kostspieliger. So­
bald die Arbeit kostspieliger ist, ist es klar, daß es eine ein­
schränkende Wirkung auf die Beschäftigung geben wird, also
einen Anstieg der Arbeitslosigkeit, der eine direkte Folge die­
ser Arbeitskosten sein wird. 33 Drittens gibt es [ebenfalls] eine
Wirkung auf den internationalen Wettbewerb, insofern die

2 79
Unterschiede von sozialen Sicherheitssystemen in den ver­
schiedenen Ländern bewirken werden, daß der internationale
Wettbewerb verfälscht wird und daß er zu Lasten der Länder
verfälscht werden wird, in denen die soziale Sicherheit am
vollständigsten ist, d. h., daß man auch hier ein Prinzip für die
Beschleunigung der Arbeitslosigkeit findet.34 Und schließlich
werden sich aufgrund dieser Erhöhung der Arbeitskosten die
industrielle Konzentration, die Entwicklung von Monopolen,
die Entwicklung multinationaler Unternehmen beschleunigen.
Also, sagen sie, hat die Politik der sozialen Sicherheit offen­
sichtliche wirtschaftliche Auswirkungen.
Zweitens treten diese wirtschaftlichen Konsequenzen nicht
nur in Abhängigkeit von den Arbeitskosten in Erscheinung
und führen zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit, sondern die
Art und Weise, wie die Beiträge nach oben begrenzt sind, d.h.,
wie sich die verschiedenen Prozentsätze der Beitragszahlung,m
unterscheiden, wird über den Markt hinaus Auswirkungen auf
die Verteilung der Einkommen mit sich bringen.35 Und indem
sie sich auf eine Menge von Erhebungen stützen, die schon
durchgeführt wurden, konnten sie zeigen [daß, anstatt daß die
Neuverteilungen bei gleichem EinkommenY sich von den Jun­
gen zu den Alten bewegen, von den Ledigen zu denen, die eine
Familie haben, von den Gesunden zu den Kranken, es in Wirk­
lichkeit wegen dieser Obergrenze der Beitragszahlungen eine
Öffnung der Skala der Realeinkommen gab, die den Reichsten
nützen und zu Lasten der Ärmsten gehen. Also, sagen sie,
bringt die Sozialversicherung, wie sie seit dreißig Jahren funk­
tioniert hat, eine Reihe von wirklich wirtschaftlichen Wirkun­
gen mit sich. Nun »ist das Ziel der Sozialversicherung aber
nicht wirtschaftlicher Natur und kann es nicht sein. Die Modali­
täten seiner Finanzierung sollten kein Element der politischen
Ökonomie darstellen, indem sie das Gesetz des Marktes verfäl­
schen. Die Sozialversicherung muß ökonomisch neutral blei­
ben.«36 Hier findet man fast Wort für Wort diejenigen Dinge
•- Michel Foucault sagt: »daß die Neuverteilungen, anstatt sich auf einen
gleichen Lohn hin zu bewegen«.
wieder, die ich Ihnen letztes Mal oder vor zwei Wochen, ich
weiß es nicht mehr, mit Bezug auf die Sozialpolitik erzählt habe,
wie sie von den deutschen Ordoliberalen aufgefaßt wurde. 37
Diese Idee einer Sozialpolitik, deren Wirkungen von einem
ökonomischen Gesichtspunkt völlig neutralisiert wären, fin­
det man schon sehr deutlich am Anfang jener Periode der
Einrichtung des neoliberalen Modells in Frankreich formu­
liert, d. h. 1972, und zwar vom damaligen Finanzminister Gis­
card d'Estaing. 38 In einer Mitteilung von 1972 (anläßlich einer
Tagung, die von Stoleru organisiert wurde) 39 sagt er Folgendes:
Was sind die wirtschaftlichen Funktionen des Staates, jedes
modernen Staates? Erstens eine relative Neuverteilung der
Einkommen, zweitens eine Zulage in Form der Herstellung
von Kollektivgütern, drittens eine Regulation der Wirtschafts­
prozesse, die einerseits das Wachstum, und andererseits die
Vollbeschäftigung sicherstellen. 40 Man findet hier die traditio­
nellen Ziele der französischen Wirtschaftspolitik wieder, die zu
jener Zeit auch nicht in Frage gestellt werden konnten. Was er
aber dagegen in Frage stellt, ist die Verbindung zwischen die­
sen drei wirtschaftlichen Funktionen des Staates: Neuvertei­
lung, Zulage und Regelung. Er gibt zu verstehen, daß das fran­
zösische Budget in Wirklichkeit so konstituiert ist, daß am
Ende dieselben Summen zum Bau einer Autobahn oder für
diese oder jene eigentlich soziale Zuwendung verwendet wer­
den können. 41 Nun, sagt er, ist das jedoch untragbar. In einer
vernünftigen Politik müßte man »dasjenige, was dem Bedarf
nach wirtschaftlicher Expansion entspricht, vollkommen von
dem trennen, was der Sorge um die Solidarität und die soziale
Gerechtigkeit entspricht. «42 Mit anderen Worten, man müßte
zwei Systeme haben, die sich gegenseitig so wenig wie möglich
durchdringen, zwei Systeme, denen zwei Arten von gänzlich
verschiedenen Steuern entsprächen, eine wirtschaftliche und
eine soziale Steuer. 43 In dieser prinzipiellen Behauptung findet
man jene Grundidee wieder, daß die Wirtschaft ihre eigenen Re­
geln und das Soziale seine eigenen Ziele haben muß, daß man sie
aber so entkoppeln soll, daß der Wirtschaftsprozeß durch die

281
sozialen Mechanismen nicht gestört oder beeinträchtigt wird
und daß der soziale Mechanismus eine Begrenzung; gewisser­
maßen eine Reinheit aufweisen soll, und zwar derart, daß er
niemals als Störung in den Wirtschaftsprozeß eingreift.
Das Problem ist nun: Wie läßt sich eine solche Trennung zwi­
schen dem Wirtschaftlichen und dem Sozialen durchführen?
Wie kann man diese Entkoppelung realisieren? Auch hier sieht
man deutlich, was er meint, wenn man diesem Text von Gis­
card folgt. Er beruft sich auf ein Prinzip, über das ich schon ge­
sprochen habe, das dem deutschen Ordoliberalismus und dem
amerikanischen Neoliberalismus gemein ist und das man im
französischen Neoliberalismus wiederfindet, nämlich daß die
Wirtschaft im wesentlichen ein Spiel ist, daß sich die Wirtschaft
wie ein Spiel zwischen Partnern entwickelt, daß die ganze Ge­
sellschaft von diesem ökonomischen Spiel durchzogen sein soll
und daß die wesentliche Aufgabe des Staates darin besteht, <lie
wirtschaftlichen Spielregeln festzulegen und sicherzustellen,
daß sie wirklich korrekt angewendet werden. Was sind diese
Regeln ? Sie sollen so sein, daß das wirtschaftliche Spiel so aktiv
wie möglich ist, daß es folglich so viele Leute wie möglich be­
günstigt, und zwar unter Berücksichtigung einer einzigen Re­
gel - und hier haben wir die Berührungsfläche zwischen dem
Wirtschaftlichen und dem Sozialen ohne wirkliche Durchdrin­
gung - eine Regel, die für das Spiel gewissermaßen zusätzlich
und bedingungslos ist, nämlich daß es unmöglich sein soll, daß
einer der Partner des Wirtschaftsspiels alles verliert und auf­
grund dessen nicht mehr weiterspielen kann. Das ist, wenn Sie
so wollen, eine Vorbehaltsklausel für den Spieler, eine Grenz­
fallregel, die am Ablauf des Spiels selbst nichts ändert, die je­
doch verhindert, daß jemand irgendwann völlig und endgültig
aus dem Spiel ausscheidet. Es handelt sich um eine Art von um­
gekehrtem Gesellschaftsvertrag, d. h., beim Gesellschaftsver­
trag gehören jene zur Gesellschaft, die dazugehören wollen
und die potentiell oder wirklich den Vertrag unterschrieben
haben, und zwar bis zu dem Zeitpunkt, wo sie sich davon aus­
schließen. Bei der Idee eines Wirtschaftsspiels kommt es nun
auf Folgendes an: Niemand hat ursprünglich Wert darauf ge­
legt, am Wirtschaftsspiel teilzunehmen, und folglich obliegt es
der Gesellschaft und der vom Staat auferlegten Spielregel, es so
einzurichten, daß niemand von diesem Spiel ausgeschlossen
wird, innerhalb dessen man sich gefangen findet, ohne jemals
ausdrücklich den Willen zur Teilnahme gehabt zu haben. Diese
Vorstellung, daß die Wirtschaft ein Spiel ist, daß es Spielregeln
gibt, die vom Staat garantiert werden, und daß der einzige Be­
rührungspunkt zwischen der Wirtschaft und dem Sozialen die
Sicherheitsregel ist, die bewirkt, daß kein Spieler ausgeschlos­
sen wird, diese Vorstellung findet man bei Giscard etwas impli­
zit, aber doch hinreichend deutlich formuliert, wenn er in die­
sem Text von 1972 sagt:»Was die Marktwirtschaft auszeichnet,
ist die Existenz von Spielregeln, die das Fällen dezentralisierter
Entscheidungen ermöglichen, und diese Regeln sind für alle
dieselben. « 44 Zwischen der Wettbewerbsregel der Produktion
und jener des Schutzes des Individuums muß ein »besonderes
Spiel« eingerichtet werden, damit kein Spieler Gefahr laufen
kann, alles zu verlieren45 - er sagt »besonderes Spiel « , man
sollte wohl besser sagen »besondere Regel « . Die Vorstellung,
daß es eine Regel des Nicht-Ausschlusses geben soll und daß
die Funktion der sozialen Regel, der sozialen Regelung, der so­
zialen Sicherheit im weitesten Sinne des Begriffs darin bestehen
soll, einzig und allein den Nicht-Ausschluß im Hinblick auf
ein Wirtschaftsspiel sicherzustellen, das ansonsten nach seinen
eigenen Regelmäßigkeiten ablaufen soll, diese Vorstellung
steht hinter einer ganzen Reihe von mehr oder weniger deutli­
chen Maßnahmen.*
,; Michel Foucault übergeht hier die Seiten 20 und 21 des Manuskripts:
»Diese Entkoppelung und dieses Wirtschaftsspiel mit der Schutzklausel
umfaßt zwei Aspekte: I. Einen rein ökonomischen: die Wiederherstel­
lung des Spiels des Marktes, ohne den Schutz der Individuen zu berück­
sichtigen. Und ohne daß man eine Winschaftspolitik verwirklichen
muß, die sich die Erhaltung der Beschäftigu ng [und] die Erhaltung der
Kaufkraft zum Ziel setzt(... ). 2. Der andere Aspekt umfaßt seinerseits
zwei Arten von Maßnahmen: a. die Wiederherstellung des »Humanka­
pitals « ( ... ), b. die negative Steuer(Chicago).«
Da die Zeit drängt und ich Sie nicht mit diesen Dingen langwei­
len möchte, will ich Ihnen bloß zeigen, was das bedeutet, und
zwar nicht sosehr im Hinblick auf die tatsächlich ergriffenen
Maßnahmen, die wegen der Krise und ihrer Heftigkeit nicht
zum Abschluß gebracht werden und kein kohärentes Ganzes
bilden konnten, [als vielmehr in bezug] auf das Beispiel eines
Projekts, das seit 1974 mehrmals in Angriff genommen wurde,
nämlich das Projekt der negativen Steuer. Tatsächlich hatte
Giscard, als er in diesem Text von 1972 [sagte], daß man es be­
werkstelligen müsse, daß niemals jemand alles verliert, die Vor­
stellung einer negativen Steuer im Kopf. Die negative Steuer ist
keine Idee des französischen Neoliberalismus, sie stammt aus
dem amerikanischen Neoliberalismus, über den ich vielleicht
nächstes Mal sprechen werde: Diese Idee wurde jedenfalls in
der Umgebung Giscards von Leuten wie Stoleru46 und Stoffaes
aufgenommen, von denen ich vorhin sprach, und in den vorbe­
reitenden Diskussionen über den VII. Plan,47 1974 oder 1975,
gab es einen ganzen Bericht von Stoffaes über die negative
Steuer. 48 Was ist die negative Steuer? Um die Dinge sehr, sehr
einfach zusammenzufassen, kann man sagen, daß die Idee der
negativen Steuer in Folgendem besteht: Eine soziale Leistung,
die sozial wirksam sein soll, ohne wirtschaftlich störend zu
sein, darf unter keinen möglichen Umständen sich in Form ei­
nes kollektiven Konsums darstellen, denn, sagen die Verfechter
der negativen Steuer, die Erfahrung zeigt, daß es schließlich die
Reichsten sind, die vom Kollektivkonsum profitieren und die
davon profitieren, während sie am wenigsten zu seiner Finan­
zierung beitragen. Wenn man also einen wirksamen sozialen
Schutz ohne negative wirtschaftliche Auswirkung haben will,
muß man einfach alle globalen Finanzierungen, alle mehr oder
weniger kategoriellen Beihilfen durch eine Beihilfe in Bargeld
ersetzen, die denjenigen, und nur denjenigen, zusätzliche Res­
sourcen zur Verfügung stellt, die eine ausreichende Schwelle
nicht erreichen, sei es endgültig oder vorläufig. Sehr deutlich
ausgedrückt heißt das, daß es sich nicht lohnt, den reichsten
Leuten die Möglichkeit zu geben, am Kollektivkonsum des
Gesundheitswesens teilzuhaben; sie können für ihre Gesund­
heit völlig alleine aufkommen. Auf der anderen Seite gibt es in
der Gesellschaft eine Kategorie von Individuen, die entweder
endgültig, weil sie alt oder behindert sind, oder vorläufig, weil
sie ihre Anstellung verloren haben, weil sie arbeitslos sind, eine
bestimmte Schwelle des Konsums nicht erreichen können, die
die Gesellschaft für angemessen hält. Nun, nur ihnen und zu
ihren Gunsten sollte man ausgleichende Beihilfen zuwenden,
die für eine Sozialpolitik charakteristisch sind. Unterhalb eines
bestimmten Einkommensniveaus wird man daher eine Ergän­
zung ausbezahlen, natürlich auf die Gefahr hin, daß man die
Vorstellung aufgibt, daß die gesamte Gesellschaft jedem ihrer
Mitglieder Dienstleistungen wie Gesundheitsfürsorge oder
Bildung schuldig ist, auch auf die Gefahr hin - und das ist wohl
das wichtigste Element-, eine neue Verzerrung zwischen den
Armen und den anderen, den Unterstützten und den Nicht­
Unterstützten einzuführen.
Dieses Projekt der negativen Steuer hat offensichtlich, vor al­
lem in seiner französischen Form, weder den drastischen
Aspekt, den ich gerade nannte, noch den vereinfachenden
Aspekt, den Sie sich ausmalen können. Tatsächlich wird die ne­
gative Steuer als Beihilfe für Menschen mit unzureichendem
Einkommen, die ein bestimmtes Niveau des Konsums garan­
tieren soll, von Stoleru und Stoffaes auf eine relativ differen­
zierte Weise aufgefaßt, insofern man es insbesondere so ein­
richten soll, daß die Menschen diese zusätzliche Beihilfe nicht
als eine Art von Lebensunterhalt verstehen, so daß sie vermei­
den würden, nach einer Arbeit zu suchen und wieder am Wirt­
schaftsspiel teilzunehmen. Eine ganze Reihe von Anpassun­
gen, Abstufungen bewirkt also, daß dem Individuum durch die
negative Steuer einerseits eine bestimmte Konsumschwelle ga­
rantiert wird, die jedoch mit genügend Anreizen oder, wenn
Sie so wollen, genügend Frustrationen verbunden ist, damit es
den Wunsch zu arbeiten nicht verliert, daß es also immer wün­
schenswerter ist zu arbeiten, als eine Beihilfe zu beziehen. 49
Lassen wir jedoch alle diese wichtigen Einzelheiten beiseite.
Ich möchte bloß eine Reihe von Dingen bemerken. Erstens,
was wird durch die Handlung, die die Vorstellung einer negati­
ven Steuer ausdrücklich anstrebt, eigentlich gemildert? Nur
die Auswirkungen der Armut. Das heißt, daß die negative
Steuer in keiner Weise eine Handlung sein will, die zum Ziel
hätte, diese oder jene Ursache der Armut zu verändern. Die ne­
gative Steuer setzt nie auf der Ebene der Bedingungen der Ar­
mut an, sondern nur auf der Ebene ihrer Wirkungen. Das sagt
Stoleru, wenn er schreibt: »Für die einen muß die Sozialhilfe
durch die Ursachen der Armut motiviert werden«, und daher
muß man sich um die Krankheit, die Unfälle, die Arbeitsunfä­
higkeit, die Unmöglichkeit, eine Stelle zu finden, kümmern.
Das heißt, daß man innerhalb dieser traditionellen Perspektive
jemandem keine Unterstützung gewähren kann, ohne sich zu
fragen, warum er diese Unterstützung braucht, und ohne die
Ursachen für dieses Bedürfnis zu ändern. »Für die anderen.:,
und das sind die Verfechter der negativen Steuer, »soll die So­
zialhilfe nur durch die Wirkungen der Armut motiviert wer­
den: Jeder Mensch,« sagt Stoleru, »hat Grundbedürfnisse, und
die Gesellschaft soll ihm helfen, sie abzudecken, wenn es ihm
nicht selbst gelingt. « 50 So daß am Ende jene berühmte Unter­
scheidung, die die abendländische Gouvernementalität so
lange zwischen den guten und den schlechten Armen ziehen
wollte, zwischen jenen, die absichtlich nicht arbeiten, und je­
nen, die aus unabsichtlichen Gründen ohne Arbeit sind, keine
große Rolle mehr spielt. Am Ende mokiert man sich darüber
und muß sich darüber mokieren, wenn man wissen will,
warum jemand unter das Niveau des sozialen Spiels fällt; ob er
drogenabhängig ist, ob er absichtlich arbeitslos ist, man mo­
kiert sich heftig darüber. Das einzige Problem besteht darin, ob
er über oder unter der Schwelle liegt, was auch immer die
Gründe dafür sein mögen. Was allein zählt, ist, daß die Person
unter ein bestimmtes Niveau gefallen ist, und das Problem be­
steht zu diesem Zeitpunkt darin - ohne weiter zu blicken und
daher auch ohne die ganzen bürokratischen, polizeilichen, in­
quisitorischen Untersuchungen durchführen zu müssen-, ihm

286
eine Unterstützung zu gewähren, so daß der Mechanismus,
durch den man [sie] ihm gewährt, noch dazu anreizt, wieder
das Schwellenniveau zu überschreiten, und daß er hinreichend
motiviert ist, wenn er die Unterstützung bekommt, um trotz
allem den Wunsch zu haben, diese Schwelle zu überschreiten.
Wenn er diesen Wunsch aber nicht hat, spielt das keine Rolle,
und er bekommt die Unterstützung weiterhin. Das ist der erste
Punkt, den ich für sehr wichtig halte im Verhältnis zu allem,
was seit Jahrhunderten von der Sozialpolitik im Abendland
ausgearbeitet wurde.
Zweitens ist diese negative Steuer, wie Sie sehen, eine Art und
Weise, unbedingt alles zu vermeiden, was in der Sozialpolitik
Auswirkungen einer allgemeinen Neuverteilung der Einkom­
men haben könnte, d. h., grob gesagt, alles, was man unter das
Zeichen einer sozialistischen Politik stellen könnte. Wenn man
eine Politik der »relativen«'� Armut sozialistisch nennt, d.h.
eine Politik, die danach strebt, die Abstände zwischen den ver­
schiedenen Einkommen zu verringern; wenn man unter sozia­
listischer Politik eine solche versteht, durch die man versucht,
die Wirkungen der relativen Armut, die auf den Abstand der
Einkommen zwischen den Ärmsten und den Reichsten zu­
rückgeht, zu mildern, dann ist es völlig klar, daß die Politik, die
von der negativen Steuer impliziert wird, das Gegenteil einer
sozialistischen Politik ist. Die relative Armut spielt für die
Ziele einer solchen Sozialpolitik überhaupt keine Rolle. Das
einzige Problem ist die »absolute«'�,:- Armut, d. h. jene Schwelle,
von der man meint, daß, wenn die Leute darunter liegen, sie
überhaupt kein anständiges Einkommen haben, das geeignet
wäre, ihnen einen hinreichenden Konsum zu garantieren. 51
Unter absoluter Armut - ich glaube, hierzu muß man ein paar
Bemerkungen machen - soll man natürlich nicht eine Art von
Schwelle verstehen, die für die ganze Menschheit gelten würde.
Diese absolute Armut ist relativ zu jeder Gesellschaft, und es
gibt Gesellschaften, für die die absolute Armutsschwelle relativ
* Im Manuskript in Anführungszeichen (S. 2 5 ).
** Im Manuskript in Anführungszeichen (S. 2 5 ).
hoch ist, und andere Gesellschaften, die insgesamt so arm sind,
daß die absolute Armutsschwelle viel tiefer liegt; Es handelt
sich also um eine relative Schwelle absoluter Armut. Zweitens
sehen Sie - und das ist eine wichtige Konsequenz -, daß man
diese Kategorie der Armen und der Armut wiedereinführt, die
schließlich jede Sozialpolitik, jedenfalls seit der Befreiung, aber
eigentlich seit jeder Wohlfahrtspolitik, seit jeder mehr oder we­
niger sozialisierenden oder sozialisierten Politik seit dem Ende
des 19. Jahrhunderts wegzuwischen versucht hat. Eine Politik
vom staatssozialistischen Typ deutscher Art, eine Wohlfahrts­
politik, wie sie Pigou52 geplant hatte, eine Politik des New
Deal, eine Sozialpolitik wie die Frankreichs oder Englands
nach der Befreiung: Alle diese Politiken wollten von der Kate­
gorie der Armen nichts wissen, wollten jedenfalls erreichen,
daß die wirtschaftlichen Interventionen derart seien, daß es in­
nerhalb der Bevölkerung keine Kluft zwischen den Armen und
den weniger Armen gibt. Die Politik war immer auf der Skala
der relativen Armut, in der Neuverteilung der Einkommen, im
Spielraum des Abstands zwischen den Reichsten und den
Ärmsten verortet. Hier haben wir dagegen eine Politik, die eine
bestimmte, abermals relative Schwelle festlegt, die jedoch für
die Gesellschaft absolut ist und die die Armen von den Nicht­
Armen, die Unterstützten von den Nicht-Unterstützten
trennt.
Das dritte Merkmal dieser negativen Steuer besteht darin, daß
sie auf gewisse Weise eine allgemeine Sicherheit garantiert, aber
von unten her, d. h., daß man in der ganzen übrigen Gesell­
schaft gerade den ökonomischen Mechanismen des Spiels
freien Lauf läßt, den Mechanismen des Wettbewerbs und des
Unternehmens. Oberhalb der Schwelle soll gewissermaßen je­
der für sich oder für seine Familie selbst ein Unternehmen sein.
Eine Gesellschaft, die nach dem Modell des Unternehmens,
und zwar des konkurrierenden Unternehmens gestaltet ist,
wird oberhalb der Schwelle möglich sein, und es gibt bloß eine
Sicherheit nach unten, d. h. die Aufhebung einer Reihe von Ri­
siken ab einer gewissen Schwelle von unten her. Es wird also

288
eine Bevölkerung geben, die sich im Hinblick auf die wirt­
schaftliche Untergrenze ständig zwischen einer Unterstüt­
zung, die gewährt wird, wenn bestimmte Wagnisse eintreten
und man unter die Schwelle fällt, und einer Unterstützung, die
im Gegensatz dazu eingesetzt wird und eingesetzt werden
kann, wenn die wirtschaftlichen Bedürfnisse es erfordern, be­
wegen wird, wenn die wirtschaftlichen Möglichkeiten die Ge­
legenheit dazu bieten. Es wird also eine Art von Bevölkerung
geben, die oberhalb und unterhalb der Schwelle schwebt, eine
Schwellenbevölkerung, die für eine Wirtschaft, welche gerade
auf das Ziel der Vollbeschäftigung verzichtet hat, eine ständige
Reserve der Handarbeit sein wird, aus der man schöpfen kann,
wenn es nötig ist, die man aber auch auf ihren unterstützten
Status verweisen kann, wenn man will.
Auf diese Weise hat man mit einem solchen System, das aus ei­
ner Reihe von Gründen noch nicht verwirklicht wurde, dessen
Umrisse man jedoch heute in der Konjunkturpolitik Giscards
und Barres sehr wohl erkennt, die Konstitution einer Wirt­
schaftspolitik, die nicht mehr an der Vollbeschäftigung ausge­
richtet ist und die sich in die allgemeine Marktwirtschaft nur _
dadurch integrieren läßt, daß man auf dieses Ziel der Vollbe­
schäftigung und sein wichtigstes Mittel, nämlich ein absichtlich
erzeugtes Wachstum, verzichtet. Man verzichtet also auf all
dies, um sich in eine Marktwirtschaft zu integrieren. Das impli­
ziert aber einen Bodensatz einer flottierenden Bevölkerung, ei­
nen Bodensatz einer Schwellenbevölkerung, die sich oberhalb
oder unterhalb der Schwelle befindet, innerhalb dessen Versi­
cherungsmechanismen jedem auf eine bestimmte Weise zu exi­
stieren gestatten, nämlich so, daß er immer ein Kandidat für
eine mögliche Anstellung ist, wenn die Bedingungen des Mark­
tes es verlangen. Das ist ein ganz anderes System als das, wo­
durch der Kapitalismus des I 8. oder des 19. Jahrhunderts sich
gebildet und entwickelt hat, als er es mit einer Landbevölke­
rung zu tun hatte, die ein ständiges Reservoir von Handarbeit
darstellte. Seitdem die Wirtschaft so funktioniert wie jetzt, seit­
dem die Landbevölkerung nicht mehr diese Art von ständigem
Bodensatz an Handarbeit garantieren kann, muß man ihn auf
ganz andere Weise sichern. Diese ganz andere Weise ist die der
unterstützten Bevölkerung, die auf eine tatsächlich sehr libe­
rale und viel weniger bürokratische und disziplinierende Weise
unterstützt wird, als in einem System, das sich an der Vollbe­
schäftigung ausrichten würde und das von Mechanismen wie
denen der sozialen Sicherheit Gebrauch machen würde. Am
Ende läßt man den Menschen die Möglichkeit zu arbeiten,
wenn sie wollen oder nicht. Man hält sich vor allem die Mög­
lichkeit offen, sie nicht zur Arbeit zu zwingen, wenn man kein
Interesse daran hat, sie arbeiten zu lassen. Man garantiert ihnen
einfach die Möglichkeit einer minimalen Existenz an einer be­
stimmten Schwelle, und auf diese Weise kann diese neoliberale
Politik funktionieren.
Nun ist ein Projekt wie dieses nichts anderes als die Radikali­
sierung jener allgemeinen Themen, von denen ich im Zusar.1-
menhang mit dem Ordoliberalismus gesprochen habe, als die
deutschen Ordoliberalen erklärt hatten, daß das Hauptziel
einer Sozialpolitik gewiß nicht darin bestehen könnte, alle
Wagnisse zu berücksichtigen, die der gesamten Masse der Be­
völkerung zustoßen können. Statt dessen sollte eine wahre
Sozialpolitik derart sein, daß man, ohne das Wirtschaftsspiel
anzutasten und indem man die Gesellschaft sich wie eine
Unternehmensgesellschaft entwickeln ließ, eine Reihe von In­
terventionsmechanismen einrichten würde, um diejenigen zu
unterstützen, die zu einer bestimmten Zeit Unterstützung nö­
tig haben, und sie nur für genau diese Zeit zu unterstützen.

Anmerkungen

I Vgl. oben, Vorlesung r, Anm. 18.


2 Michel Foucault hatte sich bereits in recht ähnlicher Weise im Novem­
ber r 977 in einem Interview mit R. Lefort hinsichtlich der Affaire Crois­
sant über dieses Thema geäußert, indem er dem Argument einer Faschi­
sierung des Staates die Analyse der realen Probleme gegenüberstellt, die
die »Absicherungsgesellschaften« stellen. Vgl. DE, Bd. III, S. 499.
3 Anspielung auf ein Gespräch, in dem Fran�ois Ewald, der damals Assi­
stent von Michel Foucault am College de France war, Anprangerung
und Anklage einander gegenüberstellte. Erstere vollzieht sich im Na­
men der Prinzipien selbst, die sie anprangert, und muß deshalb abstrakt
bleiben, während letztere, da sie sich insbesondere gegen eine Person
wendet, denjenigen, der sie ausübt, viel stärker verpflichtet. (Diese In­
formation stammt von Fran�ois Ewald.)
4 Wilhelm Röpke, »Der Beveridgeplan«, a. a. 0. (vgl. oben, Vorlesung 5,
Anm. r6, 38 und 39).
5 Dieser Satz ist Civitas Humana, a. a. 0., S. 259, entnommen. In seinen
Aufzeichnungen weist Foucault auf die »detailliertere Kritik « hin, die
in dem zitierten Artikel entwickelt wird, bezieht sich aber nicht direkt
darauf. Röpke widmet die Seiten 253-262 seines Buches dem Bever­
idge-Plan und präzisiert in einer Anmerkung auf S. 266: » Ich habe mich
darüber ausführlicher an anderer Stelle geäußert [es folgt die Stellenan­
gabe des Artikels »Der Beveridgeplan«]«. Er fügt hinzu: »Man ziehe
hierzu unter allen Umständen heran das vortreffliche Werk des frühe­
ren deutschen und jetzt in den Vereinigten Staaten wirkenden katholi­
schen Sozialpolitikers Goetz Briefs, The Proletariat, New York r937. «
6 Friedrich von Hayek, Der Weg zur Knechtschaft, a.a.O., Einleitung,
s. 19.
7 Ebd.: »Unser Land weist ganz gewiß noch keine Ähnlichkeit mit Hit­
lerdeutschland auf, mit dem Deutschland des jetzigen Krieges. Aber
wer sich mit den Gedankenströmungen beschäftigt, dem kann es kaum
entgehen, daß zwischen der geistigen Entwicklung in Deutschland
während des Ersten Weltkrieges und nach seiner Beendigung und den
gegenwärtigen geistigen Strömungen in England mehr als eine nur.
oberflächliche Ähnlichkeit besteht. Es existiert jetzt bei uns sicherlich
dieselbe Entschlossenheit, die für die Zwecke der Verteidigung durch­
geführte Organisierung der Nation für den friedlichen Aufbau beizu­
behalten. «
8 Ebd., S. 21: »Nur wenige wollen zugeben, daß der Aufstieg von Fa­
schismus und Nationalsozialismus nicht als Reaktion gegen die soziali­
stischen Tendenzen der voraufgegangenen Periode, sondern als die
zwangsläufige Folge jener Bestrebungen begriffen werden muß. «
9 Vgl. oben, Vorlesung 5, S. 160, die Vorstellung derselben Argumente
durch Röpke im Jahre 1943.
ro Michel Foucau!t orientiert sich 1980 tatsächlich in eine ganz andere
Richtung, da er seine Vorlesung »Du gouvernement des vivants«
(»Über die Regierung der Lebenden « ) dem Problem der Gewissens­
prüfung und dem Bekenntnis im frühen Christentum widmen wird, in­
dem er an die Thematik der Vorlesung von 1978 anknüpft. Vgl. die Zu­
sammenfassung der Vorlesung in: DE, Bd. IV, S. 125-129.
1 r Diese These ist die These der Linken der Gauche Proletarienne. V gl.
Les Temps Modemes, 310 Ergänzungsband (1972): »Nouveau fascisme,
nouvelle democratie« (»Neuer Faschismus, neue Demokratie«). Die
Behauptung ist jedoch vor allem mit den Debatten über Deutschland in
bezug auf den Terrorismus verknüpft. Die polizeiliche Verfolgung der
Rote Armee Fraktion wurde nach der Ermordung des Arbeitgeberprä­
sidenten H. M. Schleyer im Oktober r 977 intensiviert. Einige Tage spä­
ter wurden Andreas Baader und einige seiner Mitgefangenen tot in ih­
ren Zellen in Stammheim aufgefunden. Die offizielle Annahme, daß es
sich um Selbstmord handele, war in der Öffentlichkeit heftig umstrit­
ten. Foucault, der Klaus Croissant, den Anwalt der RAF, der aus Frank­
reich abgeschoben werden sollte, unterstützte (vgl. »Wird Klaus Crois­
sant ausgeliefert?«, in: DE, Bd.lII, S.468-474; frz.: S.361-365.), hatte
sich von denjenigen abgesetzt, die im Deutschland unter Helmut
Schmidt einen faschistoiden Staat sahen, der den terroristischen Kampf
bedinge. Zur Haltung Foucaults in der »deutschen Frage« vgl. auch die
Anmerkungen am Ende des Bandes.
12 Richard Nixon (1913-1994), Präsident der Vereinigten Staaten von
1968-1974.
13 James Earl (genanntJimmy) Carter (1924-), Präsident der Vereinigten
Staaten von 1976-1980.
14 Raymond Barre (1924-): Professor für Wirtschaftswissenschaften, eh-.:­
maliger Direktor des Kabinetts des Industrieministers Jean-Marcel
Jeannenay, dann Europakommissar in Brüssel, Vizepräsident der einzi­
gen Kommission der europäischen Gemeinschaften, verantwortlich für
Wirtschaftsangelegenheiten von Juli 1967 bis Dezember 1972. Von Au­
gust 1976 bis Mai 1981 war er Premierminister und parallel dazu Wirt­
schafts- und Finanzminister von August 1976 bis April 1978. Barre
schlug am 22. September 1976 einen Plan mit strengen Maßnahmen
vor, um die »Stagflation« (ein schwaches Wirtschaftswachstum bei
gleichzeitiger hoher Inflation) zu bekämpfen, die mit der Krise 1974
entstanden war. Über die Prinzipien, die diese Politik eines Kampfes
gegen die Inflation geprägt hatten, vgl. R. Barre, Une Politique pour
l'avenir, Paris, Plon, 1981, S. 24-27. Vgl. auch in diesem Band (auf S.98-
n4) den Abdruck eines Gesprächs mit J. Boissonnat, das erstmals in
L'Expansion vom September 1978 erschienen war und den Titel »Dia­
logue sur le liberalisme « trug. In diesem Interview erklärt Barre, nach­
dem er die Diagnose einer Krise des Liberalismus ebenso zurückgewie­
sen hat wie den in seinen Augen überkommenen Widerstand gegen die
Entgegensetzung von Liberalismus und Interventionismus: »Wenn Sie
unter ökonomischem Liberalismus die Doktrin des ,laisser faire - lais­
ser passer< verstehen, so bin ich sicherlich kein Liberaler. Wenn Sie un­
ter ökonomischem Liberalismus die dezentralisierte Organisation
einer modernen Ökonomie verstehen, die eine aus Verantwortung her­
vorgegangene Freiheit von privaten Entscheidungszentren und regula­
tiven Interventionen des Staates verbindet, so können Sie mich aller­
dings durchaus für einen Liberalen halten. « (S.105-I06). Indem er im
folgenden die Prinzipien benennt, denen seiner Ansicht nach eine mo­
derne Marktwirtschaft folgen sollte (freie Entscheidungen der ökono­
mischen Partner, Verantwortlichkeiten des Staates im Bereich der glo­
balen Regulierung der ökonomischen Aktivität, der Aufrechterhaltung
der Konkurrenz, der Korrektur von Markteffekten im Bereich der Be­
schäftigung und der ausgeglicheneren Verteilung der Einkommen)
schließt er: »Das ist mein Liberalismus. Er unterscheidet sich nicht sehr
von dem, was sozialdemokratische Regierungen denken und tun. «
(S. ro7) Er bezieht sich darüber hinaus explizit auf die »soziale Ökono­
mie des Marktes«, deren Resultate er gegenüber der Kritik der Chica­
goer Schule in Schutz nimmt. »der übertriebene Liberalismus der Chi­
cagoer Schule kann keine effektive Politik inspirieren« (S. ro8).
r 5 Christian Stoffaes (r947-). La grande menace industrielle, Paris, Cal­
mann-Levy, r978; erweiterte Neuausg. r979 (zitiert wird nach dieser
zweiten Auflage). Dieses Buch, das einen großen Widerhall hatte, setzt
die Arbeit von Lionel Stoleru fort, l'imperatif industriel, Paris, Senil,
r969 (»Nur ein neuer industrieller Imperativ, eine Nachbildung des
Imperativs der Industrialisierung von vor zehn Jahren wird es ge­
statten, dieser großen Bedrohung [der Entwicklungsländer der drit­
ten Welt und der überindustrialisierten Länder] entgegenzutreten. «
(S. 48)).
r6 Geboren r947, Absolvent der Ecole Polytechnique und Ingenieur der
Ecole des Mines mit einem Diplom von Harvard. Christian Stoffaes
war damals Professor für Industriewirtschaft am Institut d'Etudes Po­
litiques von Paris und seit r978 Direktor des Centre d'etudes et de pre­
vision (Zentrum für Forschung und Vorhersage), das von Andre Gi­
raud, Minister für Industrie, gegründet wurde.
r7 Stoffaes, La grande menace industrielle, a. a. 0., Buchrückseite: » Nach­
dem er die Versuchung zurückgewiesen hat, voreilig die deutschen und
japanischen Modelle zu übertragen, legt der Autor die Grundlagen ei­
ner eigenständigen Industriepolitik, die es gestattet, die große Heraus­
forderung anzunehmen, mit der unser Land konfrontiert ist. Auf dem
Spiel steht: Die Zukunft der französischen Wirtschaft. «
r8 Ebd., S. 742-743 (Hervorhebungen von Stoffaes).
r9 Ebd., S.743 (unmittelbar nach dem vorangehenden Zitat): »Wenn man
will, daß die Marktgesetze der winschaftlichen Sphäre wieder Kraft
verleihen, muß die Vorstellungskraft die Macht in der kollektiven
Sphäre übernehmen. Im Gegensatz zu dem, was man zu oft hört, gibt
es keine Unverträglichkeit zwischen einer wirksamen Marktwirtschaft,
die der Welt gegenüber offen ist, und einem fortschrittlichen sozialen
Projekt, das sich viel schneller entwickeln würde, um die Ungleichhei­
ten der Vermögen, der Einkommen und der Chancen zu verringern,
und vor allem um die Macht im Bereich der Unternehmen und im poli­
tischen Leben neu zu verteilen. «
20 Valery Giscard d'Estaing (r926-), Wirtschafts- und Finanzminister von

293
1962 bis 1966 unter derPräsidentschaft von General de Gaulle und von
1969 bis 1974 unter der Präsidentschaft von Georges Pompidou. Im
Mai 1974 wird er Staatspräsident.
21 V gl. oben, Vorlesung 1, S. 28.
22 Zum V. Plan (1965-1970) siehe den Rapport sur les options principales
du Ve Plan de developpement economique et social (Bericht über die
grundsätzlichen Wahlmöglichkeiten des V. Plans für Wirtschafts- und
Gesellschaftsentwicklung), Paris, La Documentation fran�aise, 1964.
Vgl. Andre Gauron, Histoire economique et sociale de la Ve Republi­
que, Bd. 1: Le temps des modernistes (I95 8-1969),Paris, La Decouverte,
1983, S. 85-94: »Der V. Plan oder das Gebot der Konzentration.« »In ei­
ner Marktwirtschaft, die sich nach dem Plan richtet « , so stellt der Be­
richt über den V. Plan fest, »liegt die Hauptverantwortung für die Indu­
strieentwicklung bei den Chefs der Unternehmen. Von ihrer Initiative
hängt der Erfolg der Politik ab, deren Ziele und Mittel im Plan festge­
legt sind. « Aber, so fügt derPlankommissar hinzu, es wäre »gegen bes­
seres Wissen, die Wirtschaft einem Laissez-faire auszusetzen, dessen
Folgen man nicht zu berechnen oder gegebenenfalls abzuwenden ver­
sucht hat.« (Rapport sur les options principales du Ve Plan, S. 72, zitiert
von Andre Gauron, Histoire economique, a.a.O., S. 87, der bemerh.t:
»Der allgemeine Plankommissar empfiehlt also keine neue Form einer
,Mischwinschafo: die Komplementarität zwischenPlan und Markt er­
kennt den Vorrang der Gesetze des Marktes gegenüber den Zielen des
Plans an und gestaltet ihn und damit auch die kapitalistischen Entschei­
dungen gegenüber der Regierungspolitik. Er legt unausdrücklich nahe,
daß das einen tiefen Wandel des staatlichen Interventionsmodus erfor­
dert« (ebd.)) Zu den wirtschaftlichen und sozialen Zielen der vier vor­
hergehenden Pläne seit dem Kriegsende vgl. beispielsweise Pierre
Masse, Le Plan, au L'Anti-hasard, Paris, Gallimard, 1965, S. 146-151;
Pierre Bauchet, La planification franr;aise du premier au sixieme plan,
Paris, Seuil, 1970.
23 AntoinePinay (1891-1994) hatte den Vorsitz im Ministerrat zusammen
mit dem Finanzressort von März bis Dezember 1952 inne. Er widmete
sich in dieser kurzen Zeit erfolgreich der Stabilisierung des Franc und
trat der sozialen Notlage mit verschiedenen Stabilisierungsmaßnahmen
entgegen.
24 Am 10.Juni 1958 richtete Jacques Rueff anAntoinePinay, der von Ge­
neral de Gaulle zum Finanz- und Wirtschaftsminister ernannt wurde,
ein Schreiben mit dem Titel »Elemente für ein Programm zur wirt­
schaftlichen und finanziellen Erneuerung«, in dem er »die Wiederher­
stellung einer französischen Währung « gemäß seiner Lehre von der Fi­
nanzordnung befürwortete, und zwar mit dem Ziel, die Inflation zu
bekämpfen. Dieses Schreiben diente trotz der Vorbehalte von Pinay als
Grundlage für die Schaffung eines Expertenausschusses, der sich von
September bis Dezember 1958 unter dem Vorsitz von Rueff versam-

294
melte und das Projekt eines sehr nüchternen Plans vorlegte, der von de
Gaulle unterstützt und Ende Dezember im Ministerrat angenommen
wurde.Dieser Plan umfaßte drei grundlegende Entscheidungen: »eine
energische Abwertung, eine Vergrößerung der Finanzabgaben, die Li­
beralisierung des Außenhandels« (Jean Lacouture, De Gaulle, Bd. 2,
Paris, Seuil, 1985, S.672).
25 Die Sozialversicherung, die von der provisorischen Regierung der fran­
zösischen Republik (Erlaß vom 4. Oktober 1945) in Übereinstimmung
mit der Stellungnahme des nationalen Rats der Resistance (der CNR,
dessen Mitglied Alexandre Parodi war, Arbeitsminister im Jahre 1945)
geschaffen wurde, hatte zum Ziel, »die Arbeiter von der Unsicherheit
der Zukunft-zu befreien«, welche ein »Minderwertigkeitsgefühl« er­
zeugt und die »wirkliche und tiefe Basis der Klassenunterschiede« ist.
Auf den Erlaß folgte bis zum Mai 1946 eine Reihe von Gesetzen. Über
die Entstehung des französischen Plans der Sozialversicherung vgl.
Henry C. Galant, Histoire politique de La Securite sociale: 1945-1952,
Vorwort von Pierre Laroque, a. a. 0.; Nicole Kerschen, »L'influence du
rapport Beveridge«, a. a. 0.Zum Sozialprogramm des CNR siehe oben,
Vorlesung 4, Anm. 15.
26 Pierre Laroque (1907-1997), Jurist, Experte für Arbeitsrecht, Mitglied
im Staatsrat, allgemeiner Direktor der Sozialversicherungen beim Ar­
beitsministerium. Im September 1944 wurde er von Parodi damit be­
auftragt, einen Plan der Sozialversicherung auszuarbeiten.Er war Prä­
sident des Komitees für die Geschichte der Sozialversicherung von
1973 bis 1989. Vgl. Revue franraise des affaires sociales, Sonderheft
»VierzigJahre Sozialversicherung« (Juli-September 198 5 ). Er haue den
Vorsitz der Sozialabteilung des Staatsrates von 1964 bis 1980 inne.
27 Pierre Laroque, »La Securite sociale dans l'economie fran<,;aise«, Con­
ference prononcee au Club »Echos« le samedi 6 novembre 1948, hrsg.
von der Federation Nationale des organismes de securite sociale, Paris
o. J., s. 3-22.
28 Ebd., S. 15-16: »Man spricht häufig von den Kosten und selten von dem
Beitrag, den die Sozialversicherung für die Wirtschaft leistet.Dieser
Beitrag ist jedoch keineswegs zu vernachlässigen. Jeder Industrielle
hält es für völlig normal, von seinen Rechnungen diejenigen unent­
behrlichen Beträge vorher abzuziehen, die für die Instandhaltung sei­
ner Materialien erforderlich sind. Nun stellt die Sozialversicherung in
großem Maßstab die Instandhaltung des menschlichen Kapitals des
Landes dar.(...) Unsere Wirtschaft bedarf seiner Hilfe mehr und mehr.
(...)Das ist eine der wesentlichen Aufgaben, der sich die Sozialversi­
cherung zu stellen hat: der französischen Wirtschaft Menschen zur
Verfügung zu stellen.Die Sozialversicherung ist so ein wesentlicher
Faktor der Bewahrung und der Entwicklung der Handwerkskraft: In
dieser Hinsicht hat sie eine unbezweifelbare Bedeutung für die Wirt­
schaft des Landes.«

295
29 Ebd., S. 6: »Die Sozialversicherung erscheint uns als diejenige Garantie,
die einem jeden und all denen, die er zu versorgen hat, unter allen Um­
ständen in bescheidenem Rahmen sein Auskommen sichert. « Dieses
Prinzip wurde von Laroque 1946 formuliert(»Le plan fran�ais de secu­
rite sociale«, in : Revue franr;aise du travail, 1(1946), S. 9) und in densel­
ben Begriffen 1948 wiederholt(»De l'assurance sociale a la securite so­
ciale: L'experience fran�aise«, in: Revue internationale du travail,
Bd. 56, 6 (1948), S. 621). Vgl. Nicole Kerschen, »L'influence du rap­
port«, a.a.O., S. 577.
30 Ders., »La securite sociale dans l'economie fran�aise«, a. a.O., S.17:
»Die erhöhten Sozialabgaben wurden gänzlich vorab von den Gehäl­
tern einbehalten und(... ) belasteten in keiner Weise die Selbstkosten
der Ökonomie. In Wirklichkeit beschränkt sich die Sozialversicherung
darauf, einen Teil der großen Masse der Einkommen der Beschäftigten
neu zu verteilen.( ... ) Wir haben es mit einer Solidarität zu tun, die der
Masse der Beschäftigten zugunsten ihrer Kinder und ihrer Alten abver­
langt wird.«
3 1 Ebd.: »Man kann sogar noch weiter gehen und ohne Paradox behaupten,
daß die Sozialversicherung eine Erleichterung der Belastungen gestat­
tete, die auf der Ökonomie eines Landes lasten, da sie Lohnerhöhung„:i
vermied, die ohne sie nur schwer zu vermeiden gewesen wären. «
32 Revue franraise des affaires sociales, 30(Juli-September 1976), Sonder­
ausgabe: »Perspectives de la securite sociale«. Es handelt sich um eine
Reihe von Berichten, die von Studenten der E.N.A. (Jahrgang GUER­
NICA) im Rahmen ihrer Seminare abgefaßt wurden (jedes dieser Semi­
nare wurde als »multidisziplinäre Untersuchung eines Verwaltungs­
problems mit Hinblick auf eine ,operationale, Lösung verstanden «
(Georges Dupuis, ebd., S.IV). Michel Foucault stützt sich in diesem
Absatz auf den ersten Bericht, »Le financement du regime general de
securite sociale « , von A. Bodon, B. Bonnet, J.-C. Bugeat, G. Chabost,
D. Demangel,J.-M. Grabarsky, P. Masseron, P. Pommies, D. Postel-Vi­
nay, E. Rigal und C. Vallet(S. 5-66).
33 Michel Foucault faßt hier, indem er sie ihres ganzen technischen Ge­
wandes entkleidet, die Analyse zusammen, die im zweiten Abschnitt
(»Der Modus der aktuellen Finanzierung des allgemeinen Systems ist
nicht neutral gegenüber der Wirtschaftsaktivität«) des ersten Teils
(»Die Notwendigkeit und die Prinzipien einer Reform«) des vorer­
wähnten Berichts entwickelt wird, S.21-27. Der Absatz 2.3 (»Die Aus­
wirkung der Beitragszahlungen auf die Beschäfti gung « ) schließt mit
folgenden Worten: »Die Lohngrundlage und die Obergrenze der Bei­
tragszahlungen haben soinit kurzfristig eine ungünstige Wirkung auf
die Beschäftigung. «
34 Ebd., Absatz 2.4, S.24-27: »Die Auswirkung der Beitragszahlungen auf
den internationalen Wettbewerb « . Der Bericht stellt jedenfalls klar,
auch wenn er unterstreicht, daß »die Verzerrungen, die durch verschie-
dene Finanzierungssysteme der sozialen Ausgaben hervorgebracht
werden, die Wettbewerbsfähigkeit der französischen Industrie gefähr­
den können « ($.26), daß »diese Verzerrungen durch zwei Elemente
mehr als ausgeglichen werden [das verhältnismäßig geringe Maß der
Sozialausgaben und des Lohnniveaus in Frankreich] « , und er schließt
folgendermaßen: »Am Ende scheint es also nicht so zu sein, daß die
Wettbewerbsfähigkeit der französischen Unternehmen durch die
Höhe der sozialen Kosten, die sie tragen, beeinträchtigt wird; und die
Beeinträchtigungen der Neutralität im internationalen Wettbewerb,
die aus dem gegenwärtigen Finanzierungssystem der sozialen Sicher­
heit erwachsen, werden im übrigen hinreichend ausgeglichen, so daß
sie allein keine Reform dieses Systems rechtfenigen.«
3 5 Ebd., Absatz 3, S. 28-34: »Die gegenwänige Finanzierungsweise des
allgemeinen Systems verschlimmert die Lohnungleichheiten zwischen
den verschiedenen Kategorien von Lohnempfängern. «
36 Ebd., S. 2r: »Der Abzug, der für die Finanzierung des allgemeinen Sy­
stems vorgesehen wurde, übersteigt I2 % des Bruttoinlandprodukts
und hat allein aufgrund dieser Tatsache winschaftliche Folgen. Nun ist
das Ziel der Sozialversicherung aber nicht winschaftlicher Natur, und
die Modalitäten ihrer Finanzierung sollten kein Bestandteil der politi­
schen Ökonomie sein, indem sie das Gesetz des Marktes verfälschen.
Die Sozialversicherung muß in dieser Hinsicht neutral bleiben. «
37 Vgl. oben, Vorlesung 6.
38 Vgl. oben, Vorlesung 8, Anm.20.
39 Economie et societe humaine. Rencontres internationales du Ministere
de l' Economie et des Finances (Paris, 20.-22.]uni 1972), Vorwon von
Valery Giscard d'Estaing; präsentiert von Lionel Stoleru, Paris, De:
noel, 1972. Lionel Stoleru, geboren r937, war damals technischer Bera­
ter im Kabinett von Valery Giscard d'Estaing. Michel Foucau!t hatte
ziemlich oft Gelegenheit, ihn zu treffen.
40 Ebd., S. 445: »die Verschiedenheit der Funktionen des Staats, die die
Ökonomen seit langem in drei Kategorien aufgeteilt haben: 5. Die
Funktion der Neuverteilung: Der Staat überträgt Einkommen von den
Reichsten auf die Ärmsten; 6. Die Funktion der Zulage: Der Staat pro­
duziert Kollektivgüter: Bildung, Gesundheit, Autobahnen; 7. Die
Funktion der Regulation: Der Staat regelt und unterstützt das Wachs­
tum und die Vollbeschäftigung durch seine Konjunkturpolitik. «
41 Ebd. (Fortsetzung des vorangehenden Zitats): »Wenn nun diese drei
Funktionen auf theoretischer Ebene auch verschieden sind, so sind sie
es doch nicht in der Praxis: Dieselbe Steuer finanziert in gleicher Weise
die Autobahnen und die Defizite der Sozialversicherung. Dieselbe
Ausgabe dient zugleich der Produktion, um das Netz der französi­
schen Eisenbahn zu vergrößern, und der Unterstützung von kinderrei­
chen Familien, die mit dem Zug reisen. «
42 Ebd. (Fortsetzung des vorangehenden Zitats): »Ich frage mich, ob diese

297
Vermischung verschiedener Gattungen mit der sozialen Gerechtigkeit
übereinstimmt, und möchte Ihnen eine persönliche Idee zu bedenken
geben: Müßte man nicht das, was den Bedürfnissen nach wirtschaftli­
cher Expansion entspricht, von dem trennen, was der Sorge um die So­
lidarität und die soziale Gerechtigkeit entspringt?«
43 Ebd. (Fortsetzung des vorangehenden Zitats): »Kann man sich ein Sy­
stem vorstellen, in dem jeder Bürger seine Steuern in zwei verschiede­
nen Kategorien bezahlen würde: eine Wirtschaftssteuer und eine So­
zialsteuer?«
44 Ebd., S.439: »Was die Marktwirtschaft auszeichnet, ist vor allem:
- daß es Spielregeln gibt, die das Fällen dezentralisierter Entscheidun­
gen ermöglichen,
- daß diese Regeln für alle dieselben sind. «
45 Ebd., S.444: »Es wird noch für viele Jahre einen Widerstreit zwischen
dem Produktionsmechanismus und den Mechanismen des Schutzes
des Individuums geben. Das bedeutet, daß allein der Staat die Schlich­
tung zwischen diesen beiden Mechanismen gewährleisten kann und
daß er immer mehr intervenieren muß, und zwar nicht auf bürokrati­
sche Weise, sondern um die Regeln eines etwas besonderen Spiels zu
bestimmen, da keiner der Spieler, keiner der Partner einen Verlust ri�­
kieren soll.«
46 Nachdem er von 1969 bis 1974 (vgl. oben, Anm. 15) technischer Berater
beim Wirtschafts- und Finanzministerium gewesen war, hatte Lionel
Stoleru von 1974 bis 1976 die Funktionen eines Wirtschaftsberaters im
Elyseepalast ausgeübt. Seit 1978 war er Staatssekretär beim Ministe­
rium für Arbeit und soziale Teilhabe, wo er mit den Angelegenheiten
der Handarbeiter und Einwanderer beauftragt war.
47 Der VII. Plan entspricht den Jahren 1976-1980.
48 Christian Stoffaes, Rapport du groupe d'etude de l'impot negatif. Com­
missariat du Plan, Paris 1973-1974; ders., »De l'impöt negatif sur Je re­
venu«, in: Contrepoint II (1973); Lionel Stoleru, »Cofü et efficacite de
l'impöt negatif« , in: Revue economique (Oktober 1974), S.746-761;
ders., Vaincre la pauvrete dans les pays riches, Paris 1977, 2. Teil, S.117-
209: »L'impöt negatif, simple remede ou panacee ?«. Zu diesem Thema
siehe Henri Lepage, Der Kapitalismus von morgen, a.a. 0., S.162: »Bei
der Theorie der negativen Einkommensteuer wird zunächst anhand
der Jahreseinkünfte und der Familiengröße eine Armutsschwelle defi­
niert, und die darunterliegenden Familien erhalten eine Unterstüt­
zungszahlung in Höhe der Differenz zu dem Schwellenbetrag. Es
handelt sich also um ein von der Gesamtheit finanziertes Mindestein­
kommen. « (S.243, Anm.67.) Die negative Steuer war erneut Gegen­
stand einer Debatte, die innerhalb der Linken unter der Regierung von
Lionel Jospin im Jahre 2000-2001 geführt wurde. Vgl. z.B. D. Cohen,
»Impöt negatif: Je mot et la chose « , in: Le Monde, 6. Februar 2001.
49 Vgl. Lionel Stoleru, Vaincre la pauvrete, a.a. 0., S.138-146: »Die An-
reize zu arbeiten: Wie läßt sich das Nichtstun verhindern?«, und S. 206:
»Unabhängig von jedem weiteren Verwaltungszusatz hat das System
der negativen Steuer zum Ziel, das Nichtstun durch ihren Veranla­
gungssatz zu verhindern. Der Anreiz besteht darin, darüber zu wa­
chen, daß jede Person immer ein Interesse daran hat, zu arbeiten und
mehr zu arbeiten, um ihr schließliches Einkommen zu verbessern, das
die Summe aus ihren Einnahmen und der erhaltenen Beihilfe ist. Dieser
Anreiz ist um so größer, als die Beihilfe sich langsamer verringert, wenn
die Einnahmen zunehmen, d. h. je tiefer der Veranlagungssatz liegt.«
50 Lionel Stoleru, Vaincre la pauvrete, a.a. 0., S. 242; vgl. auch S.205-206:
»Die negative Steuer ist(...) völlig unvereinbar mit sozialen Konzep­
tionen, die wissen wollen, warum es Armut gibt, bevor sie ihr zur Hilfe
kommen.( ... ) Die negative Steuer zu akzeptieren bedeutet also, eine
universalistische Auffassung von der Armut zu akzeptieren, die sich
auf die Notwendigkeit gründet, den Armen zu helfen, ohne festzustel­
len zu versuchen, wer daran schuld ist, d.h., die sich auf die Lage und
nicht auf ihren Ursprung gründet. «
p Vgl. Lionel Stoleru, ebd., S. 23-24: »Im ersten Fall [dem der absoluten
Armut] werden wir vom ,Lebensminimum,, von der Unterhalts­
schwelle, vom typischen Budget, von den Grundbedürfnissen spre­
chen( ...). Im zweiten Fall [dem der relativen Armut] werden wir vom
Abstand zwischen den Ärmsten und den Reichsten sprechen, von der
Offenheit des Einkommensspektrums, von der Hierarchie der Löhne,
von den Ungleichheiten im Zugang zu den Kollektivgütern, und wer­
den Koeffizienten der Ungleichheit bei der Verteilung der Einkommen
messen. « Vgl. auch S.24r-242 und 292: »Die Grenze zwischen absolu­
ter und relativer Armut ist die zwischen Kapitalismus und Sozialis�
mus. «
52 Vgl. oben, Vorlesung 6, S. 2or.

2 99
Vorlesung 9
(Sitzung vom 14. März 1979)

Der amerikanische Neoliberalismus. - Sein Umfeld. -


Unterschiede zwischen dem amerikanischen und dem europäischen
Neoliberalismus. - Der amerikanische Neoliberalismus als
globale Forderung, utopischer Mittelpunkt und Denkmethode. -
Aspekte dieses Neoliberalismus: (I) Die Theorie des
Humankapitals. - Die beiden Prozesse, die von ihr dargestellt
werden: A) Vorstoß der ökonomischen Analyse ins Innere ihres
eigenen Anwendungsfeldes: Kritik der klassischen Analyse der Arbeit
in Begriffen des Faktors Zeit. B) Ausweitung der ökonomischen
Analyse auf Gebiete, die bislang als nicht-ökonomisch galten. -
Die erkenntnistheoretische Veränderung, die sich aus der
neoliberalen Analyse ergibt: Von der Analyse der Wirtschaftsprozesse
zur Analyse der internen Rationalität menschlichen Verhaltens. -
Die Arbeit als Wirtschaftsverhalten. - Ihre Aufteilung in
Kapitalkompetenz und Einkommen. - Die Neufassung des
Homo oeconomicus als Unternehmer seiner selbst. - Der Begriff
des »Humankapitals«. Seine wesentlichen Bestandteile:
a) die angeborenen Elemente und die Frage nach der genetischen
Verbesserung des Humankapitals; b) die erworbenen Elemente und
das Problem der Bildung des Humankapitals (Erziehung,
Gesundheit usw.). - Zweck dieser Analysen: Wiederaufnahme des
Problems der sozialen und wirtschaftlichen Innovation (Schumpeter).
Eine neue Konzeption der Wachstumspolitik.

Heute* möchte ich damit beginnen, über etwas zu sprechen,


das im Begriff ist, in Frankreich ein ergiebiges Thema zu wer­
den: 1 Ich werde selbstverständlich nur einige Aspekte betrach­
ten, und zwar jene, die einige Relevanz für die Art von Analyse
haben könneri, die ich vorschlage. 2
Zu Beginn natürlich einige Banalitäten. Der amerikanische
Neoliberalismus hat sich in einem Umfeld entwickelt, das sich
nicht sehr stark von dem unterscheidet, in dem sich der deut-
•· Michel Foucault kündigt zu Beginn dieser Vorlesung an, daß er »um elf
Uhr gehen muß, weil [er] eine Sitzung [hat]. «

300
sehe Neoliberalismus und das, was man den französischen
Neoliberalismus nennen könnte, entwickelt haben. Das heißt,
daß die drei wichtigsten Elemente des Umfelds für diese Ent­
wicklung des amerikanischen Neoliberalismus folgende wa­
ren: Zunächst natürlich die Existenz des New Deal und die
Kritik am New Deal und an jener Politik, die man vereinfa­
chend keynesianisch nennen kann und die ab 1933-34 von
Roosevelt entwickelt wurde. Der wichtigste, grundlegende
Text dieses amerikanischen Neoliberalismus ist ein Aufsatz
von Simons,3 dem Vater der Chicagoer Schule, der aus dem
Jahre 1934 stammt und den Titel trägt »Ein positives Pro­
gramm für das Laissez-Faire«. 4
Das zweite Element des Umfelds ist selbstverständlich der Be­
veridge-Plan und alle die Projekte eines wirtschaftlichen und
sozialen lnterventionismus, die während des Krieges ausgear­
beitet wurden. 5 Alle diese so wichtigen Elemente, die man
Kriegspakte nennen könnte, Abkommen, bei deren Abschluß
die Regierungen - im wesentlichen die englische Regierung und
bis zu einem bestimmten Punkt die amerikanische Regierung­
den Menschen, die gerade eine sehr schwere wirtschaftliche
und soziale Krise durchgemacht hatten, sagten: Jetzt verlangen
wir von euch, daß ihr euch töten laßt, aber wir versprechen,
daß, wenn das vorbei ist, ihr eure Stellen bis ans Ende eurer
Tage behalten werdet. Es wäre sehr interessant, alle diese Do­
kumente, alle diese Analysen, Programme und Untersuchun­
gen nur für sich selbst zu studieren, weil mir scheint, natürlich
unter dem Vorbehalt des Irrtums, daß ganze Nationen zum er­
sten Mal auf der Grundlage eines Systems von Pakten Krieg ge­
führt haben, die nicht bloß internationale Bündnispakte zwi­
schen den Mächten waren, sondern [eine Art] sozialer Pakte,
bei deren Abschluß sie - denjenigen also, von denen sie ver­
langten, den Krieg zu führen und sich töten zu lassen - einen
bestimmten Typ von wirtschaftlicher und sozialer Organisa­
tion versprachen, bei dem die Sicherheit (Sicherheit des Ar­
beitsplatzes, Sicherheit bei Krankheiten und verschiedenen
Wagnissen, Sicherheit bezüglich der Rente) gewährleistet wäre.

301
Sicherheitspakte im selben Augenblick, in dem die Forderung
nach Krieg erhoben wurde. Die Forderung nach Krieg wurde
seitens der Regierungen kontinuierlich und sehr früh- ab 1940
in England, es gibt Texte zu diesem Thema - von dem Angebot
eines Sozial- und Sicherheitspaktes unterfüttert. Auch gegen
diese Gesamtheit von Sozialprogrammen hat Simons eine
Reihe von Texten und kritischen Aufsätzen verfaßt, und der in­
teressanteste ist wohl ein Aufsatz mit dem Titel: » The Beveridge
Program: An Unsympathetic Interpretation« 6 - eine Überset­
zung erübrigt sich, der Titel selbst weist ganz gut auf die Rich­
tung dieser Kritik hin.
Das dritte Element des Umfelds waren natürlich alle Pro­
gr;imme zur Armut, zur Bildung, zur Rassentrennung, die sich
in Amerika seit der Truman-Administration7 bis zur Johnson­
Administration8 entwickelt haben, und durch diese Pro­
gramme natürlich der Interventionismus des Staats, das Wach.;­
tum der Bundesverwaltung usw.
Ich glaube, daß diese drei Elemente, nämlich die keynesiani­
sche Politik, die sozialen Kriegspakte und das Wachstum der
Bundesverwaltung durch die Wirtschafts- und Sozialpro­
gramme, den Gegner, die Zielscheibe des liberalen Denkens ge­
bildet haben, daß dieses Denken sich daran angelehnt oder sich
in Gegensatz dazu gebracht hat, um sich auszubilden und zu
entwickeln. Sie sehen, daß dieses unmittelbare Umfeld offen­
bar von derselben Art ist wie das, das man beispielsweise in
Frankreich findet, wo sich der Neoliberalismus auch durch sei­
nen Gegensatz zur Volksfront, 9 zur keynesianischen Politik
der Nachkriegszeit [und] zur Planung definiert hat.
Ich glaube jedoch, daß es zwischen diesem Neoliberalismus
europäischer Art und dem Neoliberalismus amerikanischer
Prägung eine Reihe massiver Unterschiede gibt. Auch sie
springen in die Augen, denn sie sind bekannt. Ich möchte bloß
an sie erinnern. Zunächst hat sich der amerikanische Liberalis­
mus zu der Zeit, als er sich historisch bildete, d. h. sehr früh, seit
dem 18.Jahrhundert, nicht wie in Frankreich als mäßigendes
Prinzip gegenüber einer schon bestehenden Staatsräson darge-

302
stellt, da es gerade im Gegenteil liberale und im übrigen we­
sentlich ökonomische Forderungen sind, die der historische
Ausgangspunkt für die Schaffung der Unabhängigkeit der Ver­
einigten Staaten waren. 10 Das heißt, daß der Liberalismus in
den Vereinigten Staaten während der Zeit des Unabhängig­
keitskrieges ungefähr dieselbe oder eine verhältnismäßig ähn­
liche Rolle gespielt hat wie die, die der Liberalismus r 948 in
Deutschland spielte. Der Liberalismus wurde als staatsgrün­
dendes und -legitimierendes Prinzip bemüht. Nicht der Staat
begrenzt sich selbst durch den Liberalismus, sondern das Er­
fordernis des Liberalismus begründet den Staat. Das ist, denke
ich, einer der Züge des amerikanischen Liberalismus.
Zweitens stand der amerikanische Liberalismus natürlich über
zweihundert Jahre immer im Zentrum aller politischen Debat­
ten in Amerika, ob es um die Wirtschaftspolitik, um den Pro­
tektionismus, um das Problem von Gold und Silber, um den
Bimetallismus, das Problem der Sklaverei, das Problem des
Status und der Funktionsweise der Institution der Rechtspre­
chung, das Verhältnis zwischen den Individuen und den ver­
schiedenen Staaten, zwischen den verschiedenen Staaten und
dem Bundesstaat ging. Man kann sagen, daß die Frage nach
dem Liberalismus ein wiederkehrendes Element in der ganzen
Diskussion und bei allen politischen Entscheidungen der Ver­
einigten Staaten war. Während in Europa die wiederkehrenden
Elemente der politischen Debatte im 19.Jahrhundert die Ein­
heit der Nation oder ihre Unabhängigkeit oder der Rechtsstaat
waren, war es in den Vereinigten Staaten der Liberalismus.
Schließlich ist drittens der Nicht-Liberalismus -ich meine die
interventionistische Politik, sei es eine keynesianische Wirt­
schaft oder eine Planung in Form von Wirtschafts- und Sozial­
programmen - gegenüber diesem ständigen Hintergrund der
liberalen Debatte besonders seit der Mitte des 20.Jahrhunderts
als ein Verbindungsstück erschienen, als ein bedrohliches Ele­
ment, und zwar insofern es darum ging, im Inneren die Grund­
lagen eines imperialistischen und militärischen Staates zu le­
gen, so daß die Kritik an diesem Nicht-Liberalismus doppelt

3o3
verankert werden konnte: auf der Seite der Rechten im Namen
einer liberalen Tradition, die historisch und wirtschaftlich al­
lem gegenüber feindlich eingestellt war, was nach Sozialismus
klang, und dann auf der Seite der Linken, insofern es darum
ging, nicht nur die Entwicklung eines imperialistischen und
militärischen Staates zu kritisieren, sondern auch täglic:h dage­
gen zu kämpfen. Daher rührt das, was Ihnen als Zweideutig­
keit in diesem amerikanischen Liberalismus erscheint, weil er
von rechts wie von links umgesetzt wird.
Jedenfalls glaube ich, daß man Folgendes sagen kann: Aus allen
diesen genannten historischen Gründen, die völlig banal sind,
ist der amerikanische Liberalismus nicht, wie in Frankreich
heutzutage oder wie er es noch in Deutschland in der unmittel­
baren Nachkriegszeit war, eine wirtschaftliche und politische
Entscheidung, die von den Regierenden oder im Regierungs­
milieu getroffen und formuliert wird. Der Liberalismus An.e­
rikas ist statt dessen eine ganze Seins- und Denkweise. Er ist
viel eher eine Art von Beziehung zwischen Regierenden und
Regierten als eine Technik der Regierenden gegenüber den Re­
gierten. Wir können sagen, wenn Sie so wollen, daß, während
in einem Land wie Frankreich der Streitgegenstand zwischen
den Individuen und dem Staat sich um das Problem der Dienst­
leistungen und der öffentlichen Dienstleistungen dreht, der
Streitgegenstand in den [USA] zwischen Individuen und der
Regierung eher die Gestalt des Problems der Freiheiten an­
nimmt. Deshalb glaube ich, daß der amerikanische Liberalis­
mus sich gegenwärtig nicht nur allein und so sehr als eine poli­
tische Alternative darstellt, sondern sozusagen als eine Art von
globaler, vielgestaltiger, mehrdeutiger Forderung mit einer
Verankerung in der Linken und in der Rechten. Er ist auch eine
Art von utopischem Mittelpunkt, der immer wieder neu akti­
viert wird. Er ist außerdem eine Denkmethode, ein ökonomi­
sches und soziologisches Analyseraster. Ich beziehe mich auf
jemanden, der nicht gerade ein Amerikaner, sondern ein Öster­
reicher ist, von dem ich schon mehrmals gesprochen habe, 11
der jedoch später in England und den Vereinigten Staaten war,
bevor er nach Deutschland zurückkehrte. Es war Hayek, der
vor einigen Jahren sagte: » Was wir brauchen, ist ein Liberalis­
mus als lebendiger Gedanke. « Der Liberalismus hat immer den
Sozialisten die Bemühung zur Fabrikation von Utopien über­
lassen, und dieser utopischen oder utopienbildenden Aktivi­
tät hat der Sozialismus viel von seiner Kraft und seiner histo­
rischen Dynamik verdankt. Nun, der Liberalismus braucht
selbst auch eine Utopie. Es liegt an uns, liberale Utopien zu
schaffen und über die Art und Weise des Liberalismus nachzu­
denken, anstatt den Liberalismus als eine alternative Regie­
rungstechnik auszugeben. 12 Der Liberalismus als allgemeiner
Stil des Denkens, der Analyse und der Einbildungskraft.
Das sind, wenn Sie so wollen, einige allgemeine Züge, die es
vielleicht gestatten, in etwa den amerikanischen Neoliberalis­
mus von diesem Neoliberalismus zu unterscheiden, den wir in
Deutschland und Frankreich verwirklicht gesehen haben. Ge­
rade über diesen Umweg der Denkweise, des Analysestils, des
historischen und soziologischen Interpretationsrasters möchte
ich einige Aspekte des amerikanischen Neoliberalismus her­
vorheben, da ich keinesfalls die Absicht oder die Möglichkeit
habe, ihn in allen seinen Dimensionen zu untersuchen. Ich
möchte insbesondere zwei Elemente betrachten, die zugleich
Analysemethoden und Arten der Planung sind und die mir in
dieser amerikanischen neoliberalen Konzeption interessant er­
scheinen: erstens, die Theorie des Humankapitals, und zwei­
tens, aus Gründen, die Sie natürlich erraten können, das Pro­
blem der Analyse der Kriminalität und der Delinquenz.
Erstens, die Theorie des Humankapitals.13 Der Reiz dieser
Theorie des Humankapitals besteht, glaube ich, in Folgendem:
Diese Theorie stellt zwei Prozesse dar. Den einen könnte man
den Vorstoß der ökonomischen Analyse auf ein Gebiet nen­
nen, das bis dahin unerforscht war, und zweitens auf der
Grundlage dieses Vorstoßes die Möglichkeit, in streng ökono­
mischen Begriffen einen ganzen Bereich neu zu interpretieren,
der bis heute als nicht-ökonomisch betrachtet werden konnte
und tatsächlich so betrachtet wurde.
Dies ist ein Vorstoß der ökonomischen Analyse gewisserma­
ßen ins Innere ihres eigenen Gebiets, aber bei einem Punkt, an
dem sie gerade festgefahren oder zumindest in der Schwebe
war. Die amerikanischen Neoliberalen sagen nämlich Fol­
gendes: Es ist doch eigenartig, daß die klassische politische
Ökonomie immer und sehr feierlich darauf hinwies, daß die
Güterproduktion von drei Faktoren abhing - dem Land, dem
Kapital und der Arbeit. Nun, sagen sie, blieb die Arbeit immer
unerforscht. Sie blieb gewissermaßen das weiße Blatt, das die
Ökonomen nicht beschrieben haben. Natürlich kann man sa­
gen, daß die Ökonomie Adam Smiths mit dem Nachdenken
über die Arbeit beginnt, insofern die Arbeitsteilung und ihre
Spezialisierung für Adam Smith den Schlüssel darstellte, mit
dessen Hilfe er seine ökonomische Analyse ausbilden konnte. 14
Aber abgesehen von diesem ersten Vorstoß, von diesem ersten
Durchbruch und seit diesem Moment hat die klassische polit:­
sche Ökonomie niemals die Arbeit selbst analysiert, oder sie
hat sich eher bemüht, sie ständig zu neutralisieren, indem sie sie
ausschließlich auf den Faktor der Zeit reduzierte. Genau das
hat Ricardo getan, als er, da er den Anstieg der Arbeit, des Fak­
tors der Arbeit untersuchen wollte, diesen Anstieg immer nur
auf quantitative Weise und anhand der Variablen der Zeit be­
schrieben hat. Das heißt, daß er der Ansicht war, daß der An­
stieg der Arbeit oder die Veränderung, das Wachstum des Fak­
tors Arbeit nichts anderes sein konnte als das Vorkommen
einer zusätzlichen Zahl von Arbeitern auf dem Markt, d. h.
auch die Möglichkeit, mehr Arbeitsstunden zu verwenden, die
auf diese Weise dem Kapital zur Verfügung standen. 15 Es han­
delte sich folglich um eine Neutralisierung der Natur der Ar­
beit selbst zugunsten jener alleinigen quantitativen Variablen
der Arbeitsstunden und der Arbeitszeit, und von jener Ricar­
doschen Reduktion des Problems der Arbeit auf die bloße
Analyse der quantitativen Variablen der Zeit hat sich die klassi­
sche Ökonomie im Grunde niemals befreit. 16 Und schließlich
findet man bei Keynes eine Analyse der Arbeit oder vielmehr
eine Nicht-Analyse der Arbeit, die sich nicht so sehr von der
Nicht-Analyse Ricardos unterscheidet bzw. nicht viel weiter
a\s ll.\eo;;e en.twicke\t \.':>t. Den.n. was io;;t d.ie �r'oeit für Ke-yn.es !
Ein Produktionsfaktor, ein produzierender Faktor, der jedoch
an sich passiv ist, der nur aufgrund einer bestimmten Investi­
tionsrate Verwendung findet bzw. verwirklicht, vorausgesetzt,
diese ist hinreichend hoch. 17 Im Ausgang von der Kritik, die
die Neoliberalen an der klassischen Ökonomie und an der
Analyse der Arbeit in der klassischen Ökonomie üben, besteht
das Problem der Neoliberalen im Grunde darin, die Arbeit
wieder in den Bereich der Wirtschaftsanalyse einzuführen; das
hat eine Reihe von ihnen versucht, allen voran Theodore
Schultz, 18 der in den 195oer und 6oer Jahren einige Aufsätze
veröffentlicht hat, deren Bilanz man in einem 1971 veröffent­
lichten Buch mit dem Titel Investment in Human Capital fin­
det.19 Gary Becker2° hat ungefähr in denselbenJahren ein Buch
mit demselben Titel veröffentlicht, 21 und dann gibt es einen
dritten Text, der ziemlich grundlegend und konkreter und ge­
nauer als die anderen ist, nämlich den von Mincer22 über die
Schule und den Lohn, der 1975 erschienen ist. 23
Eigentlich mag der Vorwurf des Neoliberalismus gegenüber
der klassischen Ökonomie, daß sie die Arbeit vergessen und sie
nie durch den Filter der ökonomischen Analyse hat laufen las­
sen, merkwürdig erscheinen, wenn man schließlich daran
denkt, daß, selbst wenn Ricardo die Analyse der Arbeit wirk­
lich völlig auf die Analyse der quantitativen Variablen der Zeit
reduziert hat, es doch immerhin einen Marx gibt, der ... Nun
gut. Die Neoliberalen diskutieren Marx praktisch überhaupt
nicht, und zwar aus Gründen, die man vielleicht als ökonomi­
schen Snobismus betrachten kann. Darauf kommt es nicht an.
Aber ich glaube, daß man ganz gut sieht, was sie zu der Analyse
von Marx sagen könnten, wenn sie sich die Mühe machen wür­
den, Marx zu diskutieren. Sie würden sagen: Es ist richtig, daß
Marx die Arbeit zum Angelpunkt, zu einem der wesentlichen
Angelpunkte seiner Analyse macht. Was tut Marx aber, wenn
er die Arbeit analysiert? Was aber verkauft nach Marx der Ar­
beiter? Nicht seine Arbeit, sondern seine Arbeitskraft.Er ver-
kauft seine Arbeitskraft für eine bestimmte Zeit, und zwar ge­
gen einen Lohn, der auf der Grundlage einer bestimmten
Marktsituation festgesetzt wird, die dem Gleichgewicht zwi­
schen Angebot und Nachfrage in bezug auf die Arbeitskraft
entspricht. Und die Arbeit, die der Arbeiter leistet, schöpft ei­
nen Wert, von dem ihm ein Teil entrissen wird. In diesem Pro­
zeß sieht Marx natürlich die Mechanik oder die Logik des Ka­
pitalismus. Worin besteht diese Logik? Nun, in Folgendem:
Die Arbeit ist durch dies alles »abstrakt«,�- d. h., daß die in Ar­
beitskraft verwandelte konkrete Arbeit, die zeitlich gemessen,
auf den Markt gebracht und durch einen Lohn vergütet wird,
nicht die konkrete Arbeit ist. Es handelt sich vielmehr um eine
Arbeit, die ihrer ganzen menschlichen Wirklichkeit und all ih­
rer qualitativen Variablen entledigt ist, und die ökonomische
Mechanik des Kapitalismus - genau das zeigt Marx-, die Logik
des Kapitals behält von der Arbeit gerade nur die Kraft und �ie
Zeit zurück. Sie macht aus ihr ein Handelsprodukt und behält
von ihr nur die Wirkungen des produzierten Werts zurück.
Nun, sagen die Neoliberalen - und genau an diesem Punkt
würde ihre Analyse von der Marxschen Kritik abweichen-,
wodurch entsteht diese» Abstraktion«'�* für Marx? Oder durch
welchen Fehler entsteht sie? Sie ist der Fehler des Kapitalismus
selbst. Sie ist der Fehler der Logik des Kapitals und seiner hi­
storischen Wirklichkeit. Dagegen sagen die Neoliberalen:
Diese Abstraktion der Arbeit, die eigentlich nur durch die Va­
riable der Zeit erscheint, ist keine Tatsache des wirklichen Ka­
pitalismus, sondern eine Tatsache der ökonomischen Theorie,
die man über die kapitalistische Produktion aufgestellt hat. Die
Abstraktion geht nicht aus der wirklichen Mechanik der Wirt­
schaftsprozesse hervor, sondern aus der Art und Weise, wie
man über diese Mechanik in der klassischen Ökonomie nach­
gedacht hat. Und gerade weil die klassische Ökonomie nicht in
der Lage war, diese Analyse der Arbeit in ihrer konkreten Aus­
gestaltung und in ihren qualitativen Modulationen zu berück-
* Im Manuskript in Anführungszeichen.
*'' Im Manuskript in Anführungszeichen.
308
sichtigen, weil sie dieses Blatt unbeschrieben gelassen, weil sie
diese Lücke, diese Leerstelle in ihrer T heorie gelassen hat,
baute man auf der Arbeit in überstürzter Weise eine ganze Phi­
losophie, Anthropologie, Politik usw. auf, deren Vertreter eben
Marx ist. Man muß folglich keineswegs die gewissermaßen rea­
listische Kritik von Marx fortführen, die dem wirklichen Kapi­
talismus vorwirft, die Wirklichkeit von der Arbeit abstrahiert
zu haben. Man muß vielmehr eine theoretische Kritik über die
Art und Weise führen, wie die Arbeit im ökonomischen Dis­
kurs selbst abstrakt wurde. Und, so sagen die Neoliberalen,
wenn die Ökonomen die Arbeit auf eine so abstrakte Weise
verstehen, wenn sie die spezifische Ausgestaltung, die qualita­
tiven Modulationen und die wirtschaftlichen Wirkungen dieser
Modulationen außer acht lassen, dann im Grunde deshalb, weil
die klassischen Ökonomen den Gegenstand der Ökonomie
immer nur als Prozesse des Kapitals, der Investitionen, der Ma­
schinen und der Produkte auffassen.
Nun, ich glaube, daß man an diesem Punkt die neoliberalen
Analysen wieder in ihren allgemeinen Kontext stellen muß.
Die wesentliche erkenntnistheoretische Veränderung dieser
neoliberalen Analysen besteht darin, daß sie dasjenige verän­
dern wollen, was faktisch den Gegenstand, den Gegenstands­
bereich, den allgemeinen Bezugsrahmen der ökonomischen
Analyse ausmachte. Die ökonomische Analyse von Adam
Smith bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hatte, vereinfa­
chend gesagt, die Untersuchung der Produktionsmechanis­
men, der Tauschmechanismen und der Gegebenheiten des
Konsums innerhalb einer vorhandenen Sozialstruktur zum
Gegenstand, und außerdem die Wechselwirkungen dieser drei
Mechanismen. Für die Neoliberalen soll die ökonomische
Analyse nun nicht in der Untersuchung dieser Mechanismen
bestehen, sondern in der Untersuchung der Natur und der Fol­
gen dessen, was sie substituierbare Entscheidungen nennen,
d.h. die Untersuchung und Analyse der Art und Weise, wie
knappe Ressourcen auf konkurrierende Zwecke verteilt wer­
den, d. h. auf alternative Zwecke, die einander nicht überlagern
können.24 Mit anderen Worten, es gibt knappe Güter, es gibt
für die eventuelle Verwendung dieser knappen Ressourcen
nicht einen einzigen Zweck oder kumulative Zwecke, sondern
Zwecke, zwischen denen man wählen muß, und die ökonomi­
sche Analyse soll als Ausgangspunkt und als allgemeinen Be­
zugsrahmen die Untersuchung der Art und Weise haben, wie die
Individuen diese knappen Ressourcen auf alternative Zwecke
verteilen.
Sie treffen sich hier mit einer Definition des Gegenstands der
Ökonomie bzw. machen von ihr Gebrauch, die um 1930 oder
1932, ich erinnere mich nicht mehr, von Robbins25 vorgeschla­
gen wurde, der zumindest von diesem Standpunkt aus auch als
einer der Begründer der neoliberalen Wirtschaftslehre gelten
kann und der sagte: »Die Ökonomie ist die Wissenschaft des
menschlichen Verhaltens, die Wissenschaft menschlichen Ver­
haltens als eine Beziehung zwischen Zwecken und knappt.n
Mitteln, deren Verwendungen sich gegenseitig ausschließen.« 26
Sie sehen, daß diese Definition der Ökonomie nicht die Ana­
lyse eines relationalen Mechanismus zwischen Dingen oder
Prozessen, wie etwa zwischen Investition, Produktion usw., als
Aufgabe zuweist, wobei die Arbeit in der Tat nur als ein Zahn­
rad erscheinen würde; sie weist ihr als Aufgabe die Analyse
menschlichen Verhaltens und der inneren Rationalität dieses
Verhaltens zu. Die Analyse soll das Kalkül offenlegen, das üb­
rigens unvernünftig sein mag, das blind und unzureichend sein
kann, das aber unter der Voraussetzung knapper Ressourcen
den Entscheidungen eines oder mehrerer Individuen zugrunde
liegt, diese Ressourcen zu einem bestimmten Zweck und nicht
zu einem anderen einzusetzen. Es handelt sich also nicht mehr
um die Analyse der historischen Prozeßlogik, sondern um die
Analyse der internen Rationalität, der strategischen Planung
der Handlungen von Individuen.
Was bedeutet dann die ökonomische Analyse der Arbeit, was
bedeutet es, die Arbeit wieder in die ökonomische Analyse ein­
zuführen? Eben nicht, daß man sich fragt, welche Stellung die
Arbeit zwischen, sagen wir, dem Kapital und der Produktion

310
einnimmt. Das Problem der Wiedereinführung der Arbeit in
das Gebiet der Wirtschaftsanalyse besteht nicht darin, daß man
sich fragt, wieviel die Arbeit kostet oder was sie im technischen
Sinne produziert oder welchen Wert die Arbeit beisteuert. Das
grundlegende, wesentliche und jedenfalls vorrangige Problem,
das sich ab dem Moment stellt, wo man eine Analyse der Ar­
beit in ökonomischen Begriffen unternehmen will, wird darin
bestehen, daß man herausfindet, wie der Arbeiter die Ressour­
cen einsetzt, über die er verfügt. Das heißt, daß man sich auf
den Standpunkt des Arbeiters stellen muß, wenn man die Ar­
beit in das Gebiet der Wirtschaftsanalyse einführen will; man
wird die Arbeit als ökonomisches Verhalten untersuchen müs­
sen, als praktiziertes ökonomisches Verhalten, das vom Arbei­
ter eingesetzt, rationalisiert und berechnet wird. Was bedeutet
die Arbeit für den Arbeitenden? Und welchem System von
Wahlmöglichkeiten, welchem System der Rationalität ge­
horcht diese Arbeitsaktivität? Und dann wird man im Ausgang
von diesem Raster, das auf die Arbeitsaktivität ein Prinzip der
strategischen Rationalität projiziert, sehen können, wie und in­
wiefern die qualitativen Unterschiede der Arbeit eine ökono­
mische Wirkung haben können. Man stellt sich also auf den
Standpunkt des Arbeiters und geht zum ersten Mal davon aus,
daß der Arbeiter in der ökonomischen Analyse kein Objekt ist,
das Objekt eines Angebots und einer Nachfrage in Form von
Arbeitskraft, sondern ein aktives Wirtschaftssubjekt.
Nun, wie gehen sie auf der Basis dieser Aufgabe vor? Leute wie
Schultz oder Becker sagen: Warum arbeiten die Menschen ei­
gentlich? Sie arbeiten natürlich, um einen Lohn zu erhalten.
Was ist aber ein Lohn? Ein Lohn ist einfach ein Einkommen.
Vom Standpunkt des Arbeiters ist der Lohn nicht der Preis für
den Verkauf seiner Arbeitskraft, sondern ein Einkommen.
Und hier beziehen sich die amerikanischen Neoliberalen auf
die alte Definition von Irving Fisher,27 die ganz auf den Beginn
des 20.Jahrhunderts zurückgeht. Fisher sagte: Was ist ein Ein­
kommen? Wie kann man ein Einkommen definieren? Ein Ein­
kommen ist ganz einfach das Ergebnis oder der Ertrag eines

311
Kapitals. Und umgekehrt nennt man »Kapital« alles, was auf
die eine oder andere Weise eine Quelle von zukünftigem Ein­
kommen sein kann.28 Wenn man daher behauptet, daß der Lohn
ein Einkommen ist, dann ist der Lohn also das Einkommen ei­
nes Kapitals. Was ist nun das Kapital, dessen Einkommen der
Lohn ist? Nun, die Gesamtheit aller physischen, psychologi­
schen usw. Faktoren, die jemanden in die Lage versetzen, einen
bestimmten Lohn zu verdienen, so daß vom Standpunkt des
Arbeiters aus die Arbeit keine Ware ist, die sich durch Abstrak­
tion auf die Arbeitskraft und die gearbeitete Zeit reduziert.
Wenn man die Arbeit vom Standpunkt des Arbeiters aus in
ökonomische Begriffe aufteilt, umfaßt sie ein Kapital, d. h. eine
Fähigkeit, eine Kompetenz; man sagt auch: sie ist eine »Ma­
schine«.29 Und andererseits ist sie ein Einkommen, d.h. ein
Lohn oder vielmehr eine Gesamtheit von Löhnen; man sagt
auch: ein Lohnfluß. 30
Diese Aufteilung der Arbeit in Kapital und Einkommen zieht
natürlich eine Reihe von ziemlich wichtigen Konsequenzen
nach sich. Erstens, wenn das Kapital so definiert wird, daß es
ein zukünftiges Einkommen ermöglicht, welches der Lohn ist,
dann sieht man, daß es sich um ein Kapital handelt, das prak­
tisch untrennbar von der Person ist, die es besitzt. Und inso­
fern ist es nicht wie die anderen Arten von Kapital. Die Ar­
beitsfähigkeit, die Kompetenz, die Fähigkeit, etwas zu tun, all
das kann nicht von dem getrennt werden, der kompetent ist
und etwas tun kann. Mit anderen Worten, die Kompetenz des
Arbeiters ist zwar eine Maschine, aber eine Maschine, die man
nicht vom Arbeiter trennen kann. Das bedeutet gerade nicht,
daß der Kapitalismus den Arbeiter in eine Maschine verwan­
delt und ihn daher entfremdet usw., wie es die ökonomische
oder soziologische oder psychologische Kritik traditioneller­
weise sagte. Man muß berücksichtigen, daß die Kompetenz,
die mit dem Arbeiter eine Einheit bildet, gewissermaßen denje­
nigen Aspekt darstellt, durch den der Arbeiter eine Maschine
ist, aber eine Maschine im positiven Sinne, da es sich um eine
Maschine handelt, die etwas produziert, und zwar einen Ein-

312
kommensstrom. Einkommensstrom und nicht einfach Ein­
kommen, weil die Maschine, die in der Kompetenz des Arbei­
ters besteht, gewissermaßen nicht punktuell auf dem Arbeits­
markt gegen einen bestimmten Lohn verkauft wird. Tatsächlich
hat diese Maschine ihre eigene Lebensdauer, ihre Verwendbar­
keitsdauer, ihr Überholtsein, ihr Altern. Deshalb muß man in
Erwägung ziehen, daß die in der Kompetenz des Arbeiters be­
stehende Maschine, die Maschine, die, wenn Sie so wollen, in
der Kompetenz und im Arbeiter zusammen besteht, im Verlauf
einer bestimmten Zeitspanne durch eine Reihe von Löhnen
vergütet wird, die, um den einfachsten Fall zu nehmen, relativ
niedrig beginnen, wenn die Maschine zum ersten Mal verwen­
det wird, die dann ansteigen und anschließend mit dem Veral­
ten der Maschine oder dem Altern des Arbeiters, insofern er
eine Maschine ist, wieder fallen. Man muß also das Ganze als
einen Komplex betrachten, der aus einer Maschine und einem
Fluß besteht, sagen die Neoökonomen - das alles findet man
jedenfalls bei Schultz.31 Es handelt sich also um ein Ganzes aus
Maschine und Fluß, und Sie sehen, daß man sich hier ganz weit
von der Vorstellung der Arbeitskraft, die zum Marktpreis ver­
kauft werden sollte, entfernt hat und bei einem Kapital gelan­
det ist, das in ein Unternehmen investiert wird. Das ist keine
Vorstellung der Arbeitskraft, sondern eine Vorstellung der
Kompetenz als Kapital, das in Abhängigkeit von verschiede­
nen Variablen ein bestimmtes Einkommen einbringt, welches
ein Lohn ist, ein Lohneinkommen, so daß der Arbeiter selbst
sich als eine Art von Unternehmen erscheint. Und hier hat
man, wie Sie sehen, dieses Element, auf das ich Sie schon beim
deutschen Neoliberalismus und bis zu einem gewissen Punkt
beim französischen Neoliberalismus hingewiesen habe, auf die
Spitze getrieben, die Idee nämlich, daß die Wirtschaftsanalyse
als Grundelement dieser Interpretationen nicht sosehr das In­
dividuum, nicht so sehr Prozesse oder Mechanismen, sondern
Unternehmen anerkennen soll. Eine Wirtschaft, die aus Unter­
nehmenseinheiten besteht, eine Gesellschaft aus Unterneh­
menseinheiten: Das ist zugleich das mit dem Liberalismus ver-

313
bundene Interpretationsprinzip und seine Programmgestal­
tung für die Rationalisierung sowohl der Gesellschaft als auch
der Wirtschaft.
Ich meine, daß der Neoliberalismus in einem bestimmten
Sinne - traditionellerweise sagt man das - unter diesen Bedin­
gungen als Rückkehr zum Homo oeconomicus erscheint. Das
ist zwar richtig, aber, wie man sieht, mit einer beträchtlichen
Verschiebung. Denn was ist dieser ökonomische Mensch in der
klassischen Vorstellung des Homo oeconomicus? Nun, es ist
der tauschende Mensch, der Partner, einer der beiden Partner
im Tauschprozeß. Und dieser Homo oeconomicus als Tausch­
partner impliziert natürlich eine Analyse seines Wesens, eine
Zerlegung seines Verhaltens und seiner Handlungsweisen in
Begriffen des Nutzens, die sich natürlich auf die Problematik
der Bedürfnisse beziehen, da ein Nutzen, der zum Tauschpro­
zeß führen wird, im Ausgang von diesen Bedürfnissen char�­
terisiert oder beschrieben oder jedenfalls begründet werden
kann. Der Homo oeconomicus als Tauschpartner, die T heorie
des Nutzens auf der Grundlage der Problematik der Bedürf­
nisse: dadurch ist die klassische Vorstellung des Homo oecono­
micus charakterisiert.
Im Neoliberalismus - anstatt sie zu verbergen, spricht er diese
Idee offen aus - findet man ebenfalls eine Theorie des Homo
oeconomicus, aber der Homo oeconomicus erscheint hier über­
haupt nicht als Tauschpartner. Der Homo oeconomicus ist ein
Unternehmer, und zwar ein Unternehmer seiner selbst. Und
das ist so wahr, daß es praktisch der Einsatz aller Analysen der
Neoliberalen sein wird, nämlich den Homo oeconomi�us als
Tauschpartner immer durch einen Homo oeconomicus als Un­
ternehmer seiner selbst zu ersetzen, der für sich selbst sein ei­
genes Kapital ist, sein eigener Produzent, seine eigene Einkom­
mensquelle. An dieser Stelle werde ich nicht darüber sprechen,
weil das zu lange dauern würde, aber man findet gerade bei
Gary Becker eine sehr interessante Theorie des Konsums, 32 in
der Becker sagt: Man soll keinesfalls glauben, daß der Konsum
darin besteht, daß man in einem Tauschprozeß etwas kauft und
Geld dafür eintauscht, daß man eine Reihe von Produkten be­
kommt. Der konsumierende Mensch ist kein wesentlicher Be­
standteil des Tauschs. Der konsumierende Mensch ist, insofern
er konsumiert, ein Produzent. Was produziert er? Nun, er pro­
duziert ganz einfach seine eigene Befriedigung. 33 Man muß den
Konsum als eine Unternehmensaktivität betrachten, durch die
das Individuum eben auf der Grundlage des verfügbaren Kapi­
tals seine eigene Befriedigung produziert. Und daher ist die
klassische und hundertmal wiedergekäute Analyse und Theo­
rie des Konsumenten, der auch Produzent ist und der, insofern
er einerseits Produzent und andererseits Konsument ist, in sich
selbst gespalten ist, alle soziologischen (denn sie waren nie
ökonomisch) Analysen des Massenkonsums, der Konsumge­
sellschaft usw., das alles trifft die Sache nicht und ist wertlos ge­
genüber einer Analyse des Konsums in den neoliberalen Be­
griffen der Produktionsaktivität. Es findet also eine völlige
Veränderung in der Vorstellung des Homo oeconomicus statt,
selbst wenn es in der Tat eine Rückkehr zu dieser Idee des
Homo oeconomicus als Analyseraster der Wirtschaftsaktivität
gab.
Man gelangt also zu der Vorstellung, daß der Lohn nichts ande­
res ist als eine Vergütung, als ein Einkommen, das einem be-·
stimmten Kapital zugeteilt ist, einem Kapital, das man Human­
kapital nennen wird, insofern die Kompetenz/Maschine, deren
Einkommen es ist, nicht von der menschlichen Person als ih­
rem Träger getrennt werden kann.34 Woraus besteht dieses Ka­
pital? An dieser Stelle ermöglicht die Wiedereinführung der
Arbeit in das Gebiet der Wirtschaftsanalyse durch eine Art von
Beschleunigung oder Ausweitung, nun zur Wirtschaftsanalyse
von Elementen überzugehen, die ihr bis dahin völlig entgangen
waren. Mit anderen Worten, die Neoliberalen sagen: Die Ar­
beit ist vollkommen zu Recht Teil der Wirtschaftsanalyse, aber
die klassische Wirtschaftsanalyse war, so wie sie durchgeführt
wurde, nicht in der Lage, dieses Element der Arbeit zu berück­
sichtigen. Gut, wir berücksichtigen es aber. Und ab dem Mo­
ment, wo sie das tun - und sie tun es in den Begriffen, die ich
Ihnen gerade genannt habe-, werden sie veranlaßt, die Art und
Weise zu untersuchen, wie dieses Humankapital gebildet und
akkumuliert wird, und das gestattet ihnen, ökonomische Ana­
lysen auf Gebiete und Bereiche anzuwenden, die völlig neu
sind.
Woraus besteht dieses Humankapital? Nun, sagen sie, es be­
steht aus angeborenen und aus erworbenen Elementen. 35 Spre­
chen wir über die angeborenen Elemente. Es gibt diejenigen,
die man erblich nennen kann, und andere, die einfach angebo­
ren sind. Diese Unterschiede verstehen sich natürlich von
selbst für jeden, der nur die geringste Ahnung von Biologie hat.
Ich glaube nicht, daß es zu diesem Problem der erblichen Ele­
mente des Humankapitals wirklich Untersuchungen gibt, aber
man sieht sehr wohl, wie man sie durchführen könnte, und vor
allem sieht man anhand einer Reihe von Befürchtungen, Sor­
gen und Problemen sehr wohl, wie etwas im Begriff ist zu en�­
stehen, das, je nachdem, interessant oder beunruhigend sein
könnte. Tatsächlich wird in den, fast hätte ich gesagt: »klassi­
schen«, Analysen dieser Neoliberalen, in den Analysen von
Schultz oder beispielsweise denen von Becker gesagt, daß die
Bildung des Humankapitals für die Ökonomen nur insofern
interessant ist und relevant wird, als dieses Kapital sich durch
die Verwendung knapper Ressourcen bildet, und zwar knapper
Ressourcen, für deren Verwendung es alternative Zwecke gibt.
Nun ist es jedoch klar, daß wir nicht dafür zahlen müssen, daß
wir unseren Körper haben, oder daß wir für unsere genetische
Ausstattung nicht zahlen müssen. Das kostet nichts. Ja, das ko­
stet nichts - nun, das muß man noch sehen, und man kann sich
sehr gut vorstellen, daß so etwas passieren kann. (Hier betreibe
ich wohl kaum Science fiction, sondern es handelt sich um eine
Art von Problematik, die sich gegenwärtig entwickelt.)
Tatsächlich zeigt die heutige Genetik, daß eine viel beträchtli­
chere Anzahl von Elementen, als man sich bislang vorstellen
konnte, durch die genetische Ausstattung bedingt ist, die wir
von unseren Blutsverwandten geerbt haben. Insbesondere ge­
stattet sie, für ein beliebiges Individuum die Wahrscheinlich-

316
keit anzugeben, mit der es in einem bestimmten Alter diese
oder jene Krankheit zu einer bestimmten Zeit in seinem Leben
oder überhaupt bekommt. Mit anderen Worten, einer der
gegenwärtigen Reize der· Anwendung der Genetik auf die
menschliche Bevölkerung besteht darin, die Personen erken­
nen zu können, die ein Risiko tragen, und die Art von Risiko
zu bestimmen, das die Personen während ihres ganzen Lebens
aufweisen. Sie werden mir sagen: Dafür kann man auch nichts,
unsere Eltern haben uns so gemacht. Ja, natürlich, aber sobald
man bestimmen kann, welches die risikotragenden Personen
sind und welches die Risiken dafür sind, daß die Vereini gu ng
risikotragender Personen eine Person hervorbringt, die selbst
dieses oder jenes Merkmal hat, kann man sich im Hinblick auf
das Risiko, das sie trägt, Folgendes vorstellen: Die guten gene­
tischen Ausstattungen -d. h. die guten genetischen Ausstattun­
gen, die Individuen mit niedrigem Risiko hervorbringen kön­
nen oder deren Risikorate weder für sie selbst noch für ihre
Umgebung noch für die Gesellschaft schädlich ist -diese gene­
tischen Ausstattungen werden gewiß zu etwas Seltenem wer­
den. Und insofern sie selten sind, können sie durchaus in öko­
nomische Bahnen oder Berechnungen [Eingang finden] - und
es ist völlig normal, daß sie einen solchen Eingang finden -;
d. h. in Überlegungen, die alternative Entscheidungen betref­
fen. Im Klartext würde das bedeuten, daß, wenn ich unter der
Voraussetzung meiner eigenen genetischen Ausstattung einen
Nachkommen haben will, dessen genetische Ausstattung min­
destens so gut wie meine eigene sein soll oder möglichst noch
besser, ich erst noch jemanden zum Heiraten finde, dessen ge­
netische Ausstattung selbst gut ist. Und Sie sehen sehr wohl,
wie der Mechanismus der Produktion von Individuen, die Pro­
duktion von Kindern mit einer ganzen wirtschaftlichen und
sozialen Problematik im Ausgang von diesem Problem der Sel­
tenheit geeigneter genetischer Ausstattungen verknüpft sein
kann. Wenn Sie ein Kind haben wollen, dessen Humankapital
nur im Sinne angeborener und vererbter Elemente hoch ist,
dann müssen Sie eine Investition machen, d. h., Sie müssen ge-
nügend gearbeitet haben, ein ausreichend hohes Einkommen
haben, einen sozialen Status haben, der Ihnen erlaubt, als Gat­
ten oder Koproduzenten dieses zukünftigen Humankapitals
jemanden zu nehmen, dessen eigenes Kapital bedeutend ist. Ich
sage Ihnen das ganz und gar nicht zum Spaß; es handelt sich,
sagen wir einfach, um eine Art des Denkens oder eine Art von
Problematik, die sich gegenwärtig im Zustand der Gärung be­
findet.36
Ich meine Folgendes: Wenn die Frage der Genetik gegenwärtig
so viele Befürchtungen hervorruft, glaube ich nicht, daß es hilf­
reich oder vorteilhaft wäre, diese Befürchtungen im Hinblick
auf die Genetik in traditionellen Begriffen des Rassismus zu
fassen. Wenn man versuchen will, das zu erfassen, was an der
aktuellen Entwicklung der Genetik politisch relevant ist, dann
soll man versuchen, die Implikationen auf der Ebene der Ge­
genwart zu erfassen, und zwar mit den wirklichen Problemeri,
die dadurch aufgeworfen werden. Sobald eine Gesellschaft sich
selbst die Frage nach der Verbesserung ihres Humankapitals im
allgemeinen stellt, ist es unmöglich, daß das Problem der Kon­
trolle, der Auswahl, der Verbesserung des Humankapitals der
Individuen in Abhängigkeit natürlich von den Vereinigungen
und der anschließenden Fortpflanzung nicht aufgeworfen oder
zumindest nicht gefordert wird. Das politische Problem der
Verwendung der Genetik stellt sich also in Begriffen der Kon­
stitution, des Wachstums, der Akkumulation und der Verbes­
serung des Humankapitals. Die, sagen wir, rassistischen Aus­
wirkungen der Genetik sind sicher etwas Furchtbares und weit
davon entfernt, ausgemerzt zu sein. Das scheint mir aber ge­
genwärtig nicht die wichtigste politische Dimension zu sein.
Gut, lassen wir das, d. h. dieses Problem der Investition und der
kostspieligen Wahl der Bildung eines genetischen Humankapi­
tals. Natürlich stellen sich alle Probleme viel eher seitens des
Erworbenen, d. h. seitens der mehr oder weniger willkürlichen
Bildung eines Humankapitals im Laufe des Lebens der Indivi­
duen, und darauf beziehen sich auch die neuen Arten der Ana­
lyse der Neoliberalen. Was bedeutet es, menschliches Kapital
zu bilden, d. h. jene Arten von Kompetenzmaschinen, die Ein­
kommen produzieren werden bzw. die durch ein Einkommen
vergütet werden? Es bedeutet natürlich, daß man sogenannte
Bildungsinvestitionen macht. 37 Eigentlich hat man nicht auf
die Neoliberalen gewartet, um bestimmte Effekte dieser Bil­
dungsinvestitionen zu messen, ob es sich nun um den Unter­
richt im eigentlichen Sinne oder um die Berufsbildung usw.
handelt. Die Neoliberalen weisen jedoch darauf hin, daß das,
was Bildungsinvestition genannt werden soll oder jedenfalls
die Elemente, die in die Bildung des Humankapitals eingehen,
viel mehr umfassen als das bloße Lernen auf der Schule oder die
bloße Berufsausbildung. 38 Was macht diese Investition aus,
d. h. dasjenige, wodurch eine Kompetenzmaschine gebildet
wird? Man weiß aus Erfahrung, man weiß durch Beobachtun­
gen, daß sie beispielsweise in der Zeit besteht, die die Eltern ih­
ren Kindern außerhalb der bloßen Bildungsaktivitäten im ei­
gentlichen Sinne widmen. Man weiß genau, daß die Zahl von
Stunden, die eine Mutter mit ihrem Kind verbringt, wenn es
noch in der Wiege liegt, sehr wichtig für die Bildung einer
Kompetenzmaschine sein wird oder, wenn Sie so wollen, für
die Konstitution eines Humankapitals, und daß das Kind viel
besser angepaßt sein wird, wenn seine Eltern oder seine Mutte:r
ihm so viele Stunden gewidmet haben, als wenn sie ihm viel
weniger gewidmet hätten. Das bedeutet, daß die bloße Zeit der
Fütterung, die bloße Zeit der Zuwendung der Eltern zu ihren
Kindern als Investition betrachtet werden muß, die in der Lage
ist, ein Humankapital zu bilden. Die verbrachte Zeit, die aufge­
wendete Sorgfalt, auch das Bildungsniveau der Eltern - denn
man weiß, daß bei gleichviel verbrachter Zeit gebildete Eltern
für das Kind ein viel größeres Humankapital bilden werden, als
wenn sie nicht dasselbe Bildungsniveau haben -, die Gesamt­
heit der kulturellen Reize, die das Kind empfängt: all das sind
Elemente, die Humankapital bilden können. Auf diese Weise
gelangt man zu einer Analyse der Lebensumgebung des Kin­
des, wie die Amerikaner sagen, die man berechnen und bis zu
einem gewissen Grad in Zahlen ausdrücken kann, die man je-
denfalls in Begriffen von Investitionsmöglichkeiten in mensch­
liches Kapital messen kann. Wodurch wird Humankapital in
der Umgebung des Kindes produziert? Wodurch kann sich
dieser oder jener Typ von Reiz, diese oder jene Lebensform,
diese oder jene Beziehung zu den Eltern, den Erwachsenen,
den anderen in Humankapital kristallisieren? Gut, da wir ei­
nen weiten Weg zurückzulegen haben, werde ich das Tempo
beschleunigen. Man kann auf dieselbe Weise eine Analyse der
medizinischen Pflege durchführen und allgemein eine Ana­
lyse aller Aktivitäten, die die Gesundheit der Individuen
betreffen und die dann als Elemente erscheinen, auf deren
Grundlage das Humankapital erstens verbessert, zweitens
konserviert und drittens so lange wie möglich verwendet wer­
den kann. Man muß also alle Probleme noch einmal durchden­
ken, oder man kann jedenfalls alle Probleme des Schutzes der
Gesundheit, der öffentlichen Hygiene in Elemente auflösen,
die in der Lage sind, das Humankapital zu verbessern oder
nicht.
Zu den Elementen, die das Humankapital ausmachen, muß
man auch die Mobilität rechnen, d. h. die Bereitschaft eines In­
dividuums, umzuziehen, und insbesondere die Abwande­
rung. 39 Denn einerseits stellt die Abwanderung natürlich Ko­
sten dar, weil die umziehende Person während der Zeit ihres
Umzugs kein Geld verdienen wird. Es wird materielle, aber
auch psychologische Kosten der Einrichtung der Person in ih­
rer neuen Umgebung geben. Es wird auch zumindest einen
Mangelzustand zu überwinden geben, der in der Tatsache be­
steht, daß die Anpassungsperiode des Individuums ihm wohl
nicht gestatten wird, dasselbe Entgelt wie früher oder wie das,
was es haben wird, wenn es einmal angepaßt ist, zu bekommen.
Nun, alle diese negativen Elemente zeigen deutlich, daß die
Abwanderung einen Kostenfaktor darstellt. Welche Funktion
hat er? Den Status, die Bezahlung usw. zu verbessern, d. h., sie
ist eine Investition. Die Abwanderung ist eine Investition, die
abwandernde Person ist ein Investor. Sie ist ein Unternehmer
ihrer selbst, der eine bestimmte Zahl von Investitionen tätigt,

320
um eine bestimmte Verbesserung zu erreichen. Die Mobilität
einer Population und ihre Bereitschaft, Mobilitätsentscheidun­
gen zu treffen, die Investitionsentscheidungen sind, um eine
Verbesserung des Einkommens zu erreichen, all das gestattet,
jene Erscheinungen wiedereinzuführen, und zwar nicht als
bloße Effekte ökonomischer Mechanismen, die die Individuen
übersteigen und die sie gewissermaßen an eine riesige Ma­
schine knüpften, die sie nicht beherrschen würden; es gestattet,
alle diese Verhaltensweisen in Begriffen des individuellen Un­
ternehmens zu analysieren, eines Unternehmens seiner selbst
mit Investitionen und Einkommen.
Sie werden mir sagen: Worin besteht der Nutzen all dieser
Analysen? Sie ahnen die unmittelbaren politischen Implika­
tionen. Es ist wohl nicht nötig, ausführlicher darauf einzu­
gehen. Wenn es nur dieses politische Nebenprodukt gäbe,
könnte man diese Art von Analysen wohl mit einer Bewe­
gung beiseite schieben oder sie einfach anprangern. Ich glaube
jedoch, daß das zugleich falsch und gefährlich wäre. In der Tat
gestattet diese Art von Analysen zunächst, eine Reihe von Phä­
nomenen zu überprüfen, die seit geraumer Zeit, nämlich seit
dem Ende des 19.Jahrhunderts identifiziert wurden und denen
man keinen ausreichenden Stellenwert zugestanden hatte. Es
handelte sich um das Problem des technischen Fortschritts
oder um das, was Schumpeter die »Innovation« nannte. 40
Schumpeter - er war übrigens nicht der erste, aber wir wollen
die Dinge einfach um ihn herum zentrieren - hatte nämlich
beobachtet, daß im Gegensatz zu den Vorhersagen, die Marx
und allgemein die klassische Ökonomie formuliert hatten, das
tendenzielle Sinken der Profitrate tatsächlich und ständig kor­
rigiert wurde. Sie wissen, daß die Lehre vom Imperialismus
usw., wie beispielsweise die von Rosa Luxemburg, 41 dieser
Korrektur des tendenziellen Sinkens der Profitrate eine Inter­
pretation gab. Schumpeters Analyse besteht darin, zu sagen,
daß dieses Nicht-Sinken oder die Korrektur des Sinkens der
Profitrate nicht einfach auf die Erscheinung des Imperialis­
mus zurückgeht. Sie geht im allgemeinen [auf] die Innova-

32r
tion/ d. h. [auf] die Entdeckung, auf die Entdeckung neuer
Techniken, neuer Quellen, neuer Produktivitätsformen, auch
die Entdeckung neuer Märkte oder neuer Ressourcen der
Handarbeit42 zurück. Jedenfalls denkt Schumpeter über dieses
Neue und diese Innovation, daß sie für das Funktionieren des
Kapitalismus absolut wesentlich ist. Er sucht also von dieser
Seite her dieses Phänomen zu erklären.
[Die Neoliberalen nehmeny::• dieses Problem der Innovation,
d. h. schließlich des tendenziellen Sinkens der Profitrate wie­
der auf, aber sie betrachten es nicht als eine Art von ethisch­
psychologischem oder ethisch-ökonomisch-psychologischem
Merkmal des Kapitalismus in einer Problematik, die nicht sehr
weit von der Problematik Max Webers entfernt ist, wie bei
Schumpeter, sondern sie sagen: Man darf bei diesem Problem
der Innovation nicht stehenbleiben und sich gewissermaßen
auf die Kühnheit des Kapitalismus oder den ständigen Anrei.-:
des Wettbewerbs verlassen, um diese Erscheinung der Innova­
tion zu erklären. Wenn es Innovation gibt, d. h., wenn man
neue Dinge findet, wenn man neue Formen der Produktivität
entdeckt, wenn man technologische Erfindungen macht, dann
ist das alles nichts anderes als der Ertrag eines bestimmten Ka­
pitals, nämlich des Humankapitals, d. h. der Gesamtheit der
Investitionen, die man auf der Ebene des Menschen selbst ge­
macht hat. Und während sie das Problem der Innovation in­
nerhalb der allgemeinsten Theorie des Humankapitals wieder­
aufnehmen, versuchen sie, indem sie die Geschichte der westli­
chen und der japanischen Wirtschaft seit den 193oer Jahren
noch einmal durchmustern, ZU zeigen, daß man das zweifellos
beträchtliche Wachstum dieser Länder während dieser Zeit,
also während der letzten 40 oder 50 Jahre, keineswegs erklären
kann, wenn man bloß die Variablen der klassischen Analyse
berücksichtigt, d. h. Land, Kapital und Arbeit, verstanden als
Arbeitszeit, d. h. als Zahl der Arbeiter und Arbeitsstunden.
<· Michel Foucault fügt hinzu: »und er stellt (ein unverständliches Wort)
übrigens als eine Kategorie dieses allgemeineren Prozesses. «
''* Michel Foucault: »Die Analysen der Neoliberalen ordnen sich ein«.

322
Nur eine detaillierte Analyse der Zusammensetzung des Hu­
mankapitals, der Art und Weise, wie dieses Humankapital ge­
steigert wurde, der Sektoren, in denen es gesteigert wurde, und
der Elemente, die als Investitionen in dieses Humankapital ein­
flossen, nur eine solche Analyse kann das tatsächliche Wachs­
tum dieser Länder erklären. 43
Im Ausgang von dieser theoretischen und historischen Analyse
kann man also die Prinzipien einer Wachstumspolitik erken­
nen, die sich nicht mehr bloß am Problem der materiellen Inve­
stition des physischen Kapitals einerseits und an der Zahl der
Arbeiter [andererseits] orientiert, sondern einer Wachstums­
politik, die sich sehr genau auf eines derjenigen Dinge konzen­
triert, die der Westen gerade am leichtesten verändern kann,
und die in der Modifikation des Niveaus und der Investitions­
form in Humankapital besteht. Man sieht, daß die Wirtschafts­
politik, aber auch die Sozialpolitik, die Kulturpolitik und die
Bildungspolitik aller entwickelten Länder sich nach dieser
Seite hin orientieren. Auf der Grundlage dieses Problems des
Humankapitals kann man auch die Wirtschaftsprobleme der
Länder der Dritten Welt in gleicher Weise neu betrachten. Sie
wissen, daß man gegenwärtig versucht, das Nicht-Anspringen
der Wirtschaft der Dritten Welt zu überdenken, und zwar nicht
sosehr in Begriffen der Blockade von Wirtschaftsmechanis­
men, sondern in Begriffen der unzureichenden Investition von
Humankapital. Und auch hier nimmt man eine ganze Reihe hi­
storischer Analysen wieder auf. Jene berühmte Frage des wirt­
schaftlichen Aufstiegs des Westens im 16. und 17. Jahrhundert:
Worauf beruhte er? Beruhte er auf der Akkumulation physi­
schen Kapitals ? Die Historiker stehen dieser These immer
skeptischer gegenüber. Beruhte er nicht gerade auf der Exi­
stenz einer Akkumulation, und zwar einer beschleunigten Ak­
kumulation von Humankapital? Man ist also aufgefordert,
zugleich ein ganzes historisches Schema und ein ganzes politi­
sches Programm der Wirtschaftsentwicklung neu zu betrach­
ten, die sich an diesen neuen Wegen orientieren könnten und
sich tatsächlich daran orientieren. Es geht selbstverständlich
nicht darum, die politischen Elemente und Konnotationen,
von denen ich vorhin gesprochen habe, auszuschließen, son­
dern zu zeigen, wie diese politischen Konnotationen ihren
Ernst, ihre Dichte oder, wenn Sie so wollen, ihren Bedrohungs­
faktor der Wirksamkeit der Analyse und der Planung auf der
Ebene der Prozesse verdanken, von denen ich jetzt spreche.,:.

Anmerkungen

r Zur Rezeption der amerikanischen neoliberalen Gedanken in Frank­


reich am Ende der 7oer Jahre vgl. außer dem schon zitierten Buch von
Henri Lepage das von Jean-Jacques Rosa und Florin Aftalion herausge­
gebene Gemeinschaftswerk L'economique retrouvee. Vieilles critiques et
nouvelles analyses, Paris, Economica, 1977. Das Erscheinen der ersten
Auflage hatte zahlreiche Presseartikel hervorgerufen, darunter u. a. die
vonJean-Fran�ois Revel, »Le Roi est habille«, in: L'Express, 27. Februar
r 978 ; Georges Suffert, » Economistes: La nouvelle vague«, in : Le Point,

* Michel Foucault unterbricht hier die Vorlesung und verzichtet aus Zeit­
mangel darauf, die letzten Punkte des letzten Teils der Vorlesung(» Was
ist der Nutzen dieser Art von Analyse?«) zu entwickeln, die sich a) auf
die Löhne, b) auf eine ganze Reihe von Problemen bezüglich der Bil­
dung, c) auf die Möglichkeiten der Analyse des Verhaltens von Familien
beziehen. Das Manuskript endet mit den folgenden Zeilen:
»Alle Bereiche der Bildung, der Kultur, der Ausbildung, von denen die
Soziologie Besitz ergriffen hat, auf andere Weise problematisieren.
Nicht daß die Soziologie den ökonomischen Aspekt all dieser Dinge
vernachlässigt hätte, aber wenn man sich an Bourdieu hält,
- Reproduktion von Produktionsverhältnissen
- die Kultur als soziale Verfestigu ng wirtschaftlicher Unterschiede.
Während in der neoliberalen Analyse alle diese Elemente unmittelbar in
die Wirtschaft und ihr Wachstum in Form der Bildung eines produkti­
ven Kapitals integriert sind.
Alle Probleme des [Erbes?]- der Weitergabe-der Bildung-der Ausbil­
dung - der Ungleichheit des Niveaus, die von einem einzigen Gesichts­
punkt als homogenisierbare Elemente behandelt werden, die sich [ihrer­
seits?] ebenfalls nicht um eine Anthropologie oder eine Ethik oder eine
Arbeitspolitik herum anordnen, sondern um eine Ökonomie des Kapi­
tals. Und das Individuum als Unternehmen betrachtet, d.h. als eine In­
vestition und ein Investor [... ].
Seine Lebensbedingungen sind der Ertrag eines Kapitals. «
13. März 1978 ; RogerPriouret, »Vive lajungle!«, in : Nouvel Observa­
teur, 1 I. April 1978 (letzterer spricht die negative Steuer unter den
sozialen Korrektiven an, die im Rahmen des Marktes bleiben, und be­
zieht sich auf Lionel Stoleru; vgl. auch oben, Vorlesung 8), Bernard Ca­
zes, »Le desenchantement dti monde se poursuit ...«, in: La Quinzaine
litteraire, 16. Mai 1978, Pierre Drouin, »Feux croises sur !'Etat«, in: Le
Monde, 13. Mai 1978. Mehrere dieser Autoren stellen das Aufblühen
dieser Idee in Frankreich als eine Reaktion auf das Buch von Jacques
Attali und Marc Guillaume, L'Antieconomique, Paris 1972, dar, das ein
Echo der Thesen der amerikanischen New Left war (vgl. Henri Lepage,
Demain le capitalisme, a.a. 0., S. 9- 12). Vgl. auch das Gespr�ch »Que
veulent !es nouveaux economistes? L'Express va plus loin avec Jean­
Jacques Rosa«, in: L'Express, 5.Juni 1978.
2 Außer den Büchern und Aufsätzen, die in den folgenden Anmerkun­
gen zitiert werden, hatte Michel Foucault zu diesem Thema die Antho­
logie von Henry J. Silvermann (Hrsg.), American Radical Thought. The
Libertarians, Lexington 1970, und H. L. Miller, »On the Chicago
School of economics«, in: The Journal of Political Economy, Bd.70,
Nr.1 (Februar 1962), S. 64-69, gelesen.
3 Henry Calver Simons (1889-1946), Autor von Economic Policy for a
Free Society, Chicago 1948.
4 Es handelt sich um ein Buch: A Positive Program for Laissez-Faire:
Same proposals for a liberal economicpolicy, Chicago 1934; wiederabge­
druckt in: Economic Policy for a Free Society, a.a.0.
5 Vgl. oben, Vorlesung 5, S.160.
6 H. C. Simons, »The Beveridge Program: An Unsympathetic Interpre­
tation«, in: Journal of Political Economy, Bd. 53, Nr.3 (September.
1945), S. 212-233; wiederabgedruckt in: Economic Policy for a Free So­
ciety, a.a.O., Kap. 13.
7 Vgl. oben, Vorlesung 4, Anm. 7.
8 Ebd., Anm. 9.
9 Eine Koalition von Linksparteien, die von Juni 1936 bis April 1938 in
Frankreich an der Macht war. Unter der Präsidentschaft von Leon
Blum setzte diese Regierung mehrere Maßnahmen zur Sozialreform
durch (40-Srunden-Woche, bezahlter Urlaub, Verstaatlichung der Ei­
senbahn usw.).
10 Anspielung auf die Ereignisse, die den Unabhängigkeitskrieg (1775-
1783) ausgelöst haben, insbesondere die »Boston Tea Party« (16. De­
zember 1773), in deren Verlauf als Indianer verkleidete Siedler eine
Teeladung der »Compagnie des Indes«, der das englische Parlament ge­
rade die Tore zum amerikanischen Markt geöffnet hatte, ins Meer war­
fen. Die englische Regierung erließ daraufhin eine Reihe von Geset­
zen - die » Intolerable Acts« - die im September 1774 die Versammlung
des ersten Kontinental-Kongresses in Philadelphia zur Folge hatten.
11 Vgl. oben, Vorlesungen 4, 5, 7, 8.

32 5
12 Es handelt sich hier möglicherweise um die sehr freie, nicht wörtliche
Reformulierung von Überlegungen, die von Hayek im Nachwort von
Die Verfassung der Freiheit anstellt ( » Why I am not a Conservative«, in:
The Constitution of Liberty, S. 398-399, dt. »Konservativismus und Li­
beralismus « , S. 488- 489).
13 Vgl. Henri Lepage, Der Kapitalismus von morgen, a.a.O., S. 16-20 und
183-197 (über Gary Becker). Eine Reihe von Kapiteln dieses Buches ist
1977 in Realites erschienen. Der Autor verweist außerdem im Hinblick
auf das Kapitel über Becker auf die Vorlesung von Jean-Jacques Rosa,
Theorie micro-economique, Paris, IEP, 1976. Vgl. auch Michelle Riboud
und Feliciano Hernandez Iglesias, »La theorie du capital humain: un
retour aux classiques « , in: Jean-Jacques Rosa und Florin Aftalion
(Hrsg.), L'economique retrouvee, a.a. 0., S.226-249; Michelle Riboud,
Accumulation du capital humain, Paris, Economica, 1978 (diese beiden
Werke gehörten zu Michel Foucaults Bibliothek).
14 Vgl. Adam Smith (1723-1790), Der Wohlstand der Nationen, München
1974. Über Adam Smith vgl. auch M. Foucault, Les mots et /es choses,
S.233-238; dt. Die Ordnung der Dinge, S.274-279.
15 David Ricardo (1772-1823), Principles of political economy and tax,
London 1817, Kap.1, Abschnitt II. Vgl. Michelle Riboud und Feliciai.o
Hernandez Iglesias, » La theorie du capital humain: un retour aux classi­
ques « , in: Jean-Jacques Rosa und Florin Aftalion (Hrsg.), L'economique
retrouvee, a. a. 0., S. 227: »[Nach der Analyse der klassischen Ökono­
men] entsprach der Anstieg des Faktors Arbeit notwendigerweise einer
zusätzlichen Zahl von Arbeitern oder Arbeitsstunden pro Person, d. h.
einer quantitativen Steigerung. « Vgl. auch die Bemerkungen vonJacob
Mincer in seinem Vorwort zur Dissertation von Michelle Riboud, Ac­
cumulation du capital humain, a.a. 0., S. III: »Ricardos vereinfachende
Annahme der Homogenität des Faktors Arbeit schuf ein Vakuum, des­
sen Folge es war, die Untersuchung der Lohn- und Beschäftigungs­
struktur den Verfechtern des ,institutionalistischen, Ansatzes (Unter­
suchung der Arten von Beziehungen zwischen den Arbeitern und der
Unternehmensleitung), den Analytikern der Wirtschaftsschwankun­
gen und den Statistikern (deskriptive Statistik) zu überlassen. «
16 Zum Verhältnis zwischen Zeit und Arbeit bei Ricardo vgl. M. Foucault,
Les mots et les choses, S. 265-27o;Die Ordnung der Dinge, S. 310-314.
17 Vgl. Michelle Riboud und Feliciano Hernandez Iglesias, »La theorie du
capital humain « , a.a.0., S.231: »Was Keynes' Analyse betrifft, so ist sie
noch weiter von der Idee der Investition in Humankapital entfernt als
die der Klassiker. Für ihn ist der Faktor Arbeit im wesentlichen ein pas­
siver Produktionsfaktor, der nur dann Verwendung findet, wenn es
eine hinreichend hohe Investitionsrate hinsichtlich des physischen Ka­
pitals gibt. « (Der letzte Satz wurde von Foucault in seinem Exemplar
des Buches unterstrichen.)
18 Theodore Schultz (1902-1998). Professor für Ökonomie an der Uni-

326
versität Chicago von r946 bis r974. Wirtschaftsnobelpreis r979. Mit
seinem Aufsatz »The Emerging Economic Scene and its Relation to
High School Education« (in: Francis S. Chase und Harold A. Ander­
son (Hrsg.), The High School in a New Era, Chicago r958) eröffnete er
das Forschungsgebiet des Humankapitals. Vgl. Michel Beaud/Gilles
Dostaler, La pensee economique depuis Keynes, Paris, Seuil, »Points
Economie«, r996, S.387-390.
I 9 Th. Schultz, »Capital Formation by Education«, in: Journal of Political
Economy, Bd.68 (r960), S. 571-583; ders., »Investment in Human Capi­
tal«, in: American Economic Review, Bd. p (März r961), S. r-r7 (wie­
derabgedruckt in der gleichlautenden Arbeit (vgl. unten), S. 24-47);
ders., »Reflectiöns on Investment in Man«, in:]ournal ofPolitical Eco­
nomy, Bd.70, Nr. 5, 2. Teil (Oktober r962), S.1-8; ders., Investment in
Human Capital: The Role of Education and of Research, New York
r97r.
20 Gary Becker (r93 o-), r955 Promotion in Wirtschaftswissenschaften an
der Universität Chicago; lehrte bis r968 an der Columbia-Universität
und kehrte dann nach Chicago zurück. Vizepräsident der Societe du
Mont Pelerin r989. Nobelpreis r992. Vgl. Henri Lepage, Der Kapitalis­
mus von morgen, a.a.O., S. r83.
2r Gary Becker, »Investment in Human Capital: A Theoretical Analysis«,
in:]ournal of Political Economy, Bd.70, Nq, 2. Teil (Oktober r962),
S. 9-49; dieser Aufsatz wurde in beträchtlich erweiterter Form in: Hu­
man Capital: A Theoretical and Empirical Analysis with Special Refer­
ence to Education, New York r964, 3.Aufl. Chicago und London r993,
S.29-r58 (»Investment in Human Capital: Effect on Earnings«, S.29-
58, und »Investment in Human Capital: Rates of Return«, S.59-r58)
wiederabgedruckt.
22 Jacob Mincer ( r922-), geboren in Polen; Professor emer. an der Colum­
bia-Universität.
23 J. Mincer, Schooling, Experience and Earnings, New York r974 (vgl.
auch »Investment in Human Capital and Personal lncome Distribu­
tion«, in:]ournal of Political Economy, Bd.66 (August r958), S.28r-
302. Diesen Aufsatz bezeichnet Theodore Schultz als »pioneering
paper« (Investment in Human Capital, a. a. 0 ., S. 46, Anm. 33)). In die­
sem Aufsatz erscheint der Ausdruck »Humankapital« zum ersten Mal
(vgl. Michel Beaud/Gilles Dostaler, La pensee economique depuis Key­
nes, Paris I 996, S. r 84).
24 Vgl. Gary Becker, The Economic Approach to Human Behavior, Chi­
cago und London r976, S-4- Becker lehnt »die Definition der Ökono­
mie in Begriffen von materiellen Gütern« zugunsten der Definition »in
Begriffen von knappen Mitteln und konkurrierenden Zwecken« ab.
25 Lord Lionel C. Robbins (1898-r984), englischer Ökonom, Professor
an der London School of Economics, Autor von insbesondere einer
Arbeit über die Methodologie der Wirtschaftswissenschaft, Essay on

327
the Nature and Significance of Economic Science, London 1932; Neu­
ausg. London 1962. Zur Zeit der Wirtschaftskrise der 3oer Jahre war er
gegenüber den Positionen von Keynes feindlich eingestellt und änderte
seine Einstellung nach seiner Erfahrung als Berater der britischen Re­
gierung während des Krieges.
26 L. C. Robbins, Essay on the Nature and Significance of Economic
Science, a. a. 0., Neuausg. von 1962, S.16: »Die Ökonomie ist die Wis­
senschaft, die das menschliche Verhalten als eine Beziehung zwischen
Zwecken und knappen Mitteln untersucht, die alternative Verwendun­
gen haben.« (Zitiert von Gary Becker, The Economic Approach to Hu­
man Behavior, a.a.O., S.1, Anm.3.)
27 Irving Fisher (1867-1947), ausgebildeter Mathematiker, Professor an
der Yale-Universität von 1898 bis zum Ende seiner Laufbahn. Er ist
insbesondere Autor von The Nature of Capital and lncome, New York
und London 1906. Vgl. Schumpeter, Geschichte der ökonomischen
Analyse, a.a. 0., S. 1064-1065.
28 Formulierungen, die dem schon zitierten Aufsatz von M. Riboud und
F. Hernandez Iglesias entnommen sind, »La theorie du capital humain:
un retour aux classiques « , S.228: »Kapital soll hier gemäß der von Ir­
ving Fisher entwickelten Vorstellung des Marktes verstanden werd„n:
Jede Quelle zukünftigen Einkommens wird Kapital genannt, und um­
gekehrt ist das Einkommen (alle Einkommenskategorien) das Ergebnis
oder der Ertrag des Kapitals (verschiedener Formen von Kapital)«. Vgl.
Schumpeter, Geschichte der ökonomischen Analyse, a. a. 0., 1064-1065,
und Karl Pribram, a. a.O, S.614: »Er [Irving Fisher] verstand unter Ka­
pital die Gesamtheit der Dinge, die sich zu einem bestimmten Zeit­
punkt im Besitz von Individuen oder Gesellschaften befinden, Forde­
rungen beziehungsweise Kaufkraft darstellen und imstande sind, Zins
zu tragen.«
29 Das Wort »Maschine« scheint von Foucau!t selbst zu sein. (Oder doch
Anspielung oder Seitenblick auf Anti-CF,dipe, Paris, Minuit, 1972; dt.:
Anti-Ödipus, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1974, von Deleuze und
Guattari?) Zum Begriffspaar Maschine/Fluß vgl. dort S.47). Weder
Becker noch Schultz verwenden diesen Begriff mit Bezug auf die Ar­
beitsfähigkeit (ability). Schultz schlägt jedoch vor, die angeborenen
menschlichen Fähigkeiten (the innate abilities of man) in »einen allum­
fassenden Begriff der Technologie « zu integrieren. (a. a. 0., S.11).
30 »Earnings stream « oder »income stream«. Vgl. beispielsweise Theo­
dore W. Schultz, Investment in Human Capital, a.a.O., S. 75: »Nicht
alle Investitionen in Humankapital werden ausschließlich für künftige
Erträge gemacht. Manche sind für den zukünftigen Wohlstand be­
stimmt, und zwar in Formen, die vom Einkommensstrom der Person,
in die investiert wird, nicht erfaßt werden. «
31 Theodore W. Schultz, ebd.
32 Vgl. Gary Becker, »On the New Theory of Consumer Behavior « , in:
Swedish Journal of Economic5, Bd. 75 (1973), S. 378-395, wiederabge­
druckt in: The Economic Approach to Human Behavior, a. a. 0., S. 130-
149. Vgl. Henri L ep age, Der Kapitali5mu5 von morgen, a. a. 0., Kap.8:
»Die revolutionären Ideen von Gary Becker (Die Rolle der Zeit in der
neuen Konsumtheorie). «
33 Gary Becker, The Economic Approach to Human Behavior, a.a.O.,
S. 134: »dieser Ansatz betrachtet verschiedene Entitäten, die Ver­
brauchsgüter genannt werden, als die primären Gegenstände der Kon­
sumentenentscheidung. Aus diesen Gütern wird ein direkter Nutzen
gezogen. Diese Verbrauchsgüter werden von der Konsumenteneinheit
selbst durch die produktive Aktivität der Kombination von gekauften
Marktgütern und Dienstleistungen und mit einem Teil der Zeit , die
dem Haushalt zur Verfügung steht, produziert. « In seinem Aufsatz »A
Theory of the Allocation of Time « , in: Economic Journal, 75, Nr. 299
(September 1965), S. 493-5 I 7 (wiederabgedruckt in: The Economic Ap­
proach to Human Behavior, a.a. 0., S.90-114), stellte Becker erstmals
diese Analyse der Produktionsfunktionen der Konsumhandlungen vor
(vgl. Michelle Riboud und Feliciano Hernandez Iglesias, »La theorie
du capital humain « a. a.O., S.241-242). Vgl. Henri Lepage, a.a.O.,
S.185: »Aus dieser Sicht ist der Konsument mehr als nur Verbraucher;
er ist zugleich der ,Produzent< seiner Befriedi gungen. «
34 Vgl. Theodore W. Schultz, /nvestment in Human Capital, a. a. 0 ., S.48:
»Das besondere Kennzeichen des Humankapitals besteht darin, daß es
ein Teil des Menschen ist. Es ist human, weil es im Menschen verkör­
pert ist, und Kapital, weil es eine Quelle zukünftiger Befriedigung oder
zukünftiger Erträge oder eine Quelle von beidem ist. « (Dieser Satz er­
scheint noch einmal auf S.161 mit Bezug auf die Bildung als Form von
Humankapital.)
35 Vgl. Michelle Riboud und Feliciano Hernandez Iglesias, » La theorie du
capital humain«, a. a. 0., S. 2 3 5: » Wenn, wie die Theorie des Humanka­
pitals annimmt, die Produktivität eines Individuums teilweise von sei­
nen angeborenen Fähigkeiten und teilweise (zum größeren Teil) von
seinen durch Investitionen erworbenen Fähigkeiten abhängt, wird sein
Lohnniveau zu jeder Zeit seines Lebens direkt mit der Höhe des Vor­
rats an Humankapital variieren, über das er zu diesem Moment ver­
fügt.«
36 Zu diesen Fragen siehe den 6. Teil des Buches von Gary Becker, The
Economic Approach to Human Behavior, a.a.O., S. 169-250: »Ehe,
Fruchtbarkeit und die Familie« ; Theodore W. Schultz, »New Econo­
mic Approach to Fertility « , in: Journal of Political Economy, Bd. 82,
Nr.2, Teil II (März-April 1973); Arleen Leibowicz, »Horne Invest­
ments in Children«, in:Journal of Political Economy, Bd.81, Nr.2, Teil
II (März-April 1974). Vgl. Michelle Riboud und Feliciano Hernandez
Iglesias, »La theorie du capital humain« , a.a.O., S.240-241 (über die
Wahl zwischen »Quantität « und »Qualität « der Kinder in Abhängig-
keit vom Humankapital, das ihre Eltern an sie weitergeben wollen);
Henri Lepage, ebd., S. 344 (»Die ökonomische Theorie der Demogra­
phie « ).
37 Vgl. Lepage, ebd., S.190-193: »Humankapitalinvestitionen und Ein­
kommensunterschiede. «
38 Vgl. die Liste der Investitionsformen, die von Schultz aufgestellt
wurde: Investment in Human Capital, a. a.O., S.8: »In den letzten
zehn Jahren gab es bedeutsame Fortschritte im ökonomischen Denken
hinsichtlich des Humankapitals. Diese Menge von Investitionen ent­
hält folgende Elemente: Schule und höhere Bildung, Training während
der Arbeit, Veränderung des Wohnorts, Gesundheit und ökonomische
Information. «
39 Zu diesem Thema vgl. die Liste der von Schultz zitierten Arbeiten, In­
vestment in Human Capital, a.a. 0., S. 191.
40 Vgl. oben, Vorlesung 6, S. 209, Anm. 5 9.
41 Vgl.Rosa Luxemburg (1871-1919), Die Akkumulation des Kapitals, ein
Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus, Berlin 1913.
42 Als Motor der Entwicklung (im Gegensatz zum »Kreislauf « ) wird die
Innovation nach Schumpeter nicht dem bloßen Fortschritt des techni­
schen Wissens assimiliert. Man kann fünf Kategorien der Innovatie,.:i.
unterscheiden: 1) Die Herstellung eines neuen Produkts, 2) die Einfüh­
rung einer neuen Produktionsmethode, 3) die Öffnung eines neuen
Absatzmarktes, 4) die Erschließung einer neuen Quelle von Rohstof­
fen, 5) die Verwendung einer neuen Methode der Produktionsorgani­
sation. Vgl. Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, a. a.0., S. 137.
Es ist die Konzentration des Kapitals, wie wir uns erinnern, die dazu
neigt, die Innovation zu bürokratisieren, das Unternehmen so seiner
wesentlichen Rechtfertigung zu berauben und dadurch das Überleben
des Kapitalismus selbst in Frage zu stellen (vgl. oben, Vorlesung 7,
S.249f.).
43 Vgl. Schultz, Investment in Human Capital, a.a.O., S.z-4, zu den
Grenzen der dreiteiligen traditionellen Klassifikation - Land, Arbeit
und Kapital (land, Labor and capital)- bei der Analyse des Wirtschafts­
wachstums und ihre Unfähigkeit, das »Rätsel des modernen Überflus­
ses« aufzuklären.

33°
Vorlesung 10
(Sitzung vom 21. März 1979)

Der amerikanische Neoliberalismus (Fortsetzung). - Die Anwendung


des wirtschaftlichen Rasters auf gesellschaftliche Phänomene. -
Rückkehr zur ordoliberalen Problematik: die Zweideutigkeiten
der Gesellschaftspolitik. Die Verallgemeinerung der
» Unternehmensform« auf gesellschaftlichem Gebiet.
Wirtschaftspolitik und Vitalpolitik: eine Gesellschaft für und
gegen den Markt. - Die unbegrenzte Verallgemeinerung der
Wirtschaftsform des Marktes im amerikanischen Neoliberalismus:
das Prinzip der Verständlichkeit individueller Verhaltensweisen
und kritisches Prinzip der Regierungsinterventionen. -
Aspekte des amerikanischen Neoliberalismus: (2) die Delinquenz
und die Strafpolitik. - Historische Erinnerung: das Problem der
Reform des Strafrechts am Ende des 18. Jahrhunderts.
Wirtschaftskalkül und Gleichheitsprinzip. Der parasitäre Befall des
Gesetzes durch die Norm im 19.Jahrhundert und die Entstehung
einer Kriminalanthropologie. - Die neoliberale Analyse:
1) Die Definition des Verbrechens; 2) die Charakterisierung des
kriminellen Subjekts als Homo oeconomicus; 3) der Status der
Strafe als Mittel zur »Durchsetzung« des Gesetzes. Das Beispiel
des Drogenmarkts. - Konsequenzen dieser Analyse:
a) die anthropologische Ausmerzung des Kriminellen;
b) das Außerkraftsetzen des disziplinarischen Modells.

Heute möchte ich ein wenig über einen bestimmten Aspekt des
amerikanischen Neoliberalismus sprechen, nämlich über die
Art und Weise, wie [die amerikanischen Neoliberalen] ver­
sucht haben, die Marktwirtschaft und die Analysen, die für
eine Marktwirtschaft charakteristisch sind, für die Deutung
von Verhältnissen zu verwenden, die nichts mit dem Handel zu
tun haben, für die Deutung von Phänomenen, die keine wirt­
schaftlichen Phänomene im strengen und eigentlichen Sinne,
sondern, wenn Sie so wollen, soziale Phänomene sind.'� Mit
* Diese Vorlesung trägt im Manuskript den Titel: »Die Marktwirtschaft
und ihr Zusammenhang mit den nicht-kommerziellen Bereichen«.

33 1
anderen Worten, die Anwendung des ökonomischen Rasters
auf ein Gebiet, das im Grunde seit dem 19.Jahrhuridert, und
wahrscheinlich schon seit dem r8.Jahrhundert, im Kontrast
zur Wirtschaft oder zumindest als Ergänzung zur Wirtschaft
als etwas beschrieben wurde, das an sich, durch seine eigenen
Strukturen und durch seine eigenen Prozesse nicht auf der
Wirtschaft beruht, obwohl die Wirtschaft selbst innerhalb die­
ses Gebiets angesiedelt ist. Noch anders ausgedrückt, es han­
delt sich um das Problem der Umkehrung des Verhältnisses des
Sozialen zum Wirtschaftlichen, das, glaube ich, bei dieser Art
von Analyse im Spiel ist.
Betrachten wir noch einmal die Thematik des deutschen Libe­
ralismus bzw. des Ordoliberalismus. Sie erinnern sich, daß in
dieser Konzeption - der Konzeption von Eucken, Röpke,
Müller-Armack usw. -der Markt als ein Prinzip der ökonomi­
schen Regelung beschrieben wurde, das für die Preisbildur1g
und folglich für den übereinstimmenden Ablauf des Wirt­
schaftsprozesses unverzichtbar ist. Was war die Aufgabe der
Regierung gegenüber diesem Prinzip des Marktes als unver­
zichtbarer Regelungsfunktion der Wirtschaft? Sie bestand in
der Organisation einer Gesellschaft, in der Einrichtung einer
Gesellschaftspolitik, die so sein sollte, daß die empfindlichen
Mechanismen des Marktes, die empfindlichen Mechanismen
des Wettbewerbs sich völlig unbehindert und gemäß ihrer eige­
nen Struktur auswirken können. 1 Eine Gesellschaftspolitik war
also eine Gesellschaftspolitik, die sich an der Verfassung des
Marktes orientierte. Diese Politik sollte die sozialen Prozesse
berücksichtigen, um innerhalb dieser sozialen Prozesse Raum
für einen Marktmechanismus zu schaffen. Aber worin bestand
diese Gesellschaftspolitik, mit der man einen marktartigen
Raum schaffen wollte, in dem die Mechanismen des Wettbe­
werbs sich trotz ihrer wesenhaften Empfindlichkeit wirklich
auswirken konnten? In einer Reihe von Zielen, über die ich ge­
sprochen habe, nämlich beispielsweise das Vermeiden der Zen­
tralisierung, die Begünstigung mittlerer Unternehmen, die Un­
terstützung dessen, was man nicht-proletarische Unternehmen

332
nannte, d. h., kurz gesagt, das Handwerk, der Kleinhandel
usw., die Erleichterung des Zugangs zum Eigentum, der Ver­
such, die soziale Deckung von Risiken durch individuelle Ver­
sicherungen zu ersetzen, und auch die Regelung aller vielfälti­
gen Umweltprobleme.
Diese Gesellschaftspolitik bringt natürlich eine Reihe von
Zweideutigkeiten mit sich und wirft eine Reihe von Problemen
auf. Beispielsweise die Frage nach ihrem reinen Wunschcha­
rakter und nach ihrem »lockeren«* Charakter im Vergleich mit
den schwerfälligen und ansonsten wirklichen Wirtschaftspro­
zessen. Auch die Tatsache, daß sie eine Intervention bedeutet,
eine Last, ein Feld, eine außergewöhnlich große Zahl von In­
terventionen, bei denen man sich fragen kann, ob sie wirklich
dem Prinzip entsprechen, daß es sich dabei nicht um Eingriffe
in Wirtschaftsprozesse handeln darf, sondern um Interventio­
nen für den Wirtschaftsprozeß. Nun also, eine ganze Reihe
von Fragen und Zweideutigkeiten, aber es gibt eine, die ich
besonders hervorheben möchte, nämlich folgende: In dieser
Vorstellung einer Gesellschaftspolitik gibt es etwas, das ich eine
ökonomisch-ethische Zweideutigkeit bezüglich des Unterneh­
mensbegriffs nennen würde. Denn was bedeutet die Durch­
führung einer Gesellschaftspolitik im Sinne Röpkes, Rüstows,
Müller-Armacks? Sie bedeutet einerseits in der Tat eine Verall­
gemeinerung der Unternehmensform innerhalb des sozialen
Körpers oder Gewebes; sie bedeutet, sich dieses soziale Ge­
webe vorzunehmen und so zu handeln, daß es sich verteilen,
aufteilen und vervielfachen kann, und zwar nicht entsprechend
der Maßgabe der Individuen, sondern entsprechend der Maß­
gabe des Unternehmens. Das Leben des Individuums soll sich
nicht wie ein individuelles Leben in den Rahmen eines großen
Unternehmens einfügen, das die Firma oder am Ende der Staat
wäre, sondern das Leben des Individuums soll sich in den Rah­
men einer Vielheit verschiedener verschachtelter und miteinan­
der verschränkter Unternehmen einfügen können, von Unter-

'f Im Manuskript in Anführungszeichen.

333
nehmen, die für das Individuum gewissermaßen in Reichweite
sind und die in ihrer Größe hinreichend beschränkt sind, damit
die Handlungen des Individuums, seine Entscheidungen, seine
Wahlmöglichkeiten bedeutsame und wahrnehmbare Wirkun­
gen haben können, die auch hinreichend zahlreich sein können,
damit das Individuum nicht von einer Entscheidung allein ab­
hängt. Schließlich soll das Leben des Individuums selbst etwa
mit seinem Verhältnis zu seinem Privateigentum, seinem Ver­
hältnis zu seiner Familie, zu seinem Haushalt, seinem Verhält­
nis zu seinen Versicherungen, zu seiner Rente aus ihm [dem In­
dividuum] und seinem Leben so etwas wie ein ständiges und
vielgestaltiges Unternehmen machen. Diese Neuformierung
der Gesellschaft nach dem Modell des Unternehmens und der
Unternehmen, und zwar bis in die kleinste Einzelheit, ist also
ein Aspekt der Gesellschaftspolitik der deutschen Ordolibera­
len.2
Welche Funktion hat nun diese Verallgemeinerung der Form
des »Unternehmens«'f? Einerseits handelt es sich natürlich
darum, das ökonomische Modell im großen Maßstab zur An­
wendung zu bringen, das Modell von Angebot und Nachfrage,
das Modell von Investition-Kosten-Gewinn, um daraus ein
Modell für die sozialen Beziehungen zu machen, ein Modell
der Existenz selbst, eine Form der Beziehung des Individuums
zu sich selbst, zur Zeit, zu seiner Umgebung, zur Zukunft, zur
Gruppe, zur Familie. Das ökonomische Modell wirklich zu
vervielfachen. Und andererseits dient diese Idee der Ordolibe­
ralen, das Unternehmen auf diese Weise zum gesellschaftlich
universal verallgemeinerten Modell zu machen, in ihrer Ana­
lyse oder in ihrem Programm zu dem, was von ihnen als Wie­
derherstellung einer ganzen Reihe moralischer und kultureller
Werte bestimmt wird, die man »warme«':-,i- Werte nennen
könnteunddiesichgeradeantithetischzum»kalten« =f :r-:r·Mecha­
nismus des Wettbewerbs verhalten. Denn bei diesem Schema
'' Im Manuskript in Anführungszeichen.
*'' Im Manuskript in Anführungszeichen.
*''* Im Manuskript in Anführungszeichen.

334
des Unternehmens geht es darum, daß das Individuum - um
das Vokabular zu gebrauchen, das zur Zeit der Ordoliberalen
klassisch und in Mode war - seinem Arbeitsmilieu gegenüber,
seiner Lebenszeit, seinem Haushalt, seiner Familie, seiner na­
türlichen Umgebung nicht mehr entfremdet ist. Es geht darum,
um das Individuum herum wieder konkrete Ankerpunkte her­
zustellen. Diese Wiederherstellung von Ankerpunkten bildet
das, was Rüstow Vitalpolitik nannte. 3 Die Rückkehr zum Un­
ternehmen ist also zugleich eine Wirtschaftspolitik oder eine
Politik der Ökonomisierung des ganzen gesellschaftlichen Be­
reichs, eine Wendung des gesamten gesellschaftlichen Bereichs
zur Wirtschaft, zugleich aber auch eine Politik, die sich als Vi­
talpolitik präsentiert oder versteht, deren Funktion es ist, einen
Ausgleich zu bieten für alles Kalte, Gefühllose, Berechnende,
Rationale, Mechanische im Spiel des eigentlichen wirtschaftli­
chen Wettbewerbs.
Die Unternehmensgesellschaft, von der die Ordoliberalen träu­
men, ist also eine Gesellschaft für den Markt und eine Gesell­
schaft gegen den Markt, eine Gesellschaft, die sich am Markt
orientiert, und eine Gesellschaft, die derart ist, daß die Auswir­
kungen auf die Werte, die Auswirkungen auf die Existenz, die
durch den Markt hervorgerufen werden, durch sie selbst aus­
geglichen werden. Rüstow sagte auf dem Walter-Lippmann­
Symposium, über das ich vor einiger Zeit gesprochen habe, Fol­
gendes: 4 »Es soll eine Wirtschaft des Gesellschaftskörpers, der
nach den Regeln der Marktwirtschaft organisiert ist, angestrebt
werden, aber nichtsdestoweniger muß man auch neue und ver­
stärkte Bedürfnisse nach Integration befriedigen. « 5 Darin be­
steht die Vitalpolitik. Röpke sagte wenig später Folgendes:
»Der Wettbewerb ist ein Ordnungsprinzip auf dem Gebiet der
Marktwirtschaft, aber er ist kein Prinzip, auf dem man die
ganze Gesellschaft aufbauen könnte. In moralischer und ge­
sellschaftlicher Hinsicht ist der Wettbewerb eher ein auflösen­
des als ein vereinendes Prinzip. « Man muß also zur gleichen
Zeit, zu der man eine Politik umsetzt, so daß der Wettbewerb
sich wirtschaftlich vollziehen kann, einen »politischen und

335
moralischen Rahmen« einrichten, sagt Röpke, 6 einen politi­
schen und moralischen Rahmen. Was umfaßt dieser Rahmen?
Erstens einen Staat, der in der Lage ist, sich gegenüber den ver­
schiedenen konkurrierenden Gruppen und den verschiedenen
miteinander konkurrierenden Unternehmen zu behaupten.
Dieser politische und moralische Rahmen soll »den Zusam­
menhalt der Gemeinschaft« gewährleisten und schließlich eine
Kooperation zwischen den »natürlich verwurzelten und ge­
sellschaftlich integrierten« Menschen garantieren. 7 Gegenüber
dieser Ambiguität des deutschen Ordoliberalismus stellt sich
der amerikanische Neoliberalismus natürlich mit einer auf an­
dere Weise strengen oder vollständigen und erschöpfenden Ra­
dikalität dar. Im amerikanischen Neoliberalismus geht es in der
Tat immer darum, die ökonomische Form des Marktes zu ver­
allgemeinern. Es geht darum, sie im ganzen Gesellschaftskör­
per und im ganzen Sozialsystem, das sich gewöhnlich ni�ht
durch monetäre Tauschhandlungen vollzieht oder von ihnen
bestätigt wird, zu verallgemeinern. Diese gewissermaßen abso-
1 ute Verallgemeinerung, diese grenzenlose Verallgemeinerung
der Form des Marktes zieht eine Reihe von Konsequenzen
nach sich bzw. umfaßt eine Reihe von Aspekten, und auf zwei
dieser Aspekte möchte ich eingehen.
Erstens, die Verallgemeinerung der ökonomischen Form des
Marktes fungiert im amerikanischen Neoliberalismus jenseits
der monetären Tauschhandlungen als Prinzip der Verständ­
lichkeit, als Prinzip der Deutung sozialer Beziehungen und in­
dividueller Verhaltensweisen. Das bedeutet, daß die Analyse in
Begriffen der Marktwirtschaft, oder anders gesagt: in Begriffen
von Angebot und Nachfrage als Schema dienen wird, das man
auf nicht-wirtschaftliche Bereiche anwenden kann. Und auf­
grund dieses Analyseschemas, dieses Rasters der Verständlich­
keit wird man in den nicht-wirtschaftlichen Prozessen, in den
nicht-wirtschaftlichen Beziehungen, in den nicht-wirtschaftli­
chen Verhaltensweisen eine Reihe von verstehbaren Beziehun­
gen sichtbar machen können, die andernfalls nicht auf diese
Weise erschienen wären - eine Art ökonomischer Analyse des
Nicht-Ökonomischen. Eine solche Analyse führen die Neoli­
beralen auf verschiedenen Gebieten durch. Letztes Mal habe
ich im Zusammenhang mit der Investition in Humankapital ei­
nige dieser Probleme angesprochen. Sie erinnern sich, daß die
Neoliberalen bei ihrer Analyse des Humankapitals beispiels­
weise zu erklären versuchen, wie die Beziehung zwischen Mut­
ter und Kind, die konkret durch die Zeit charakterisiert ist, die
die Mutter mit ihrem Kind verbringt, die Qualität der Pflege,
die sie ihm angedeihen läßt, die Liebe, die sie ihm gibt, die
Wachsamkeit, mit der sie seine Entwicklung, seine Erziehung,
seine nicht nur schulischen, sondern auch körperlichen Fort­
schritte verfolgt, die Art und Weise, wie sie es nicht nur er­
nährt, sondern die Ernährung und die Ernährungsbeziehung
stilisiert, die sie mit ihm unterhält, wie all das eine Investition
darstellt, eine Investition, die man in Zeiteinheiten messen
kann. Was wird diese Investition begründen? Ein Humankapi­
tal, das Humankapital des Kindes, welches einen Ertrag produ­
zieren wird. 8 Worin wird dieser Ertrag bestehen? Im Lohn des
Kindes, wenn es erwachsen geworden ist. Und welchen Ertrag
bekommt die Mutter, die die Investition gemacht hat? Nun, sa­
gen die Neoliberalen, einen psychischen Ertrag. Er besteht in
der Befriedigung, die die Mutter daraus zieht, daß sie das Kind
pflegt und daß sie sieht, daß die Pflege tatsächlich erfolgreich
war. Man kann also diese Beziehung, die man in einem sehr
weiten Sinn bildende oder erzieherische Beziehung zwischen
Mutter und Kind nennen kann, in Begriffen der Investition,
der Kapitalkosten, des Gewinns aus dem investierten Kapital,
des wirtschaftlichen und psychologischen Nutzens analysie­
ren.
Auf dieselbe Weise versuchen die Neoliberalen, indem sie das
Problem der Geburtenrate und des deutlich stärker Malthus' -
sehen Charakters der reichen im Vergleich mit den armen Fa­
milien bzw. der reicheren im Verhältnis zu den ärmeren Fami­
lien untersuchen - d. h., je höher die Einkommen sind, desto
weniger kinderreich sind die Familien, dieses alte Gesetz kennt
jedermann -, dieses Problem neu zu betrachten und zu analy-

337
sieren, indem sie sagen: Aber das ist doch paradox, da in streng
Malthus'schen Begriffen ein größeres Einkommen ·mehr Kin­
der gestatten sollte. Darauf sagen sie: Aber ist das Malthus'sche
Verhalten dieser reichen Leute wirklich ein ökonomisches Pa­
radox, beruht es auf nicht-ökonomischen Faktoren morali­
scher, ethischer, kultureller Natur? Keineswegs. Es sind immer
noch ökonomische Faktoren, die hier eine Rolle spielen, und
zwar insofern die Leute mit hohem Einkommen diejenigen
sind, die über ein hohes Humankapital verfügen, was durch ihr
hohes Einkommen bewiesen wird. Ihr Problem besteht darin,
ihren Kindern nicht sosehr ein Erbe im klassischen Sinne dieses
Begriffs zu übertragen, als vielmehr jenes andere Element, das
die Generationen ebenfalls miteinander verbindet, aber auf
ganz andere Weise als das traditionelle Erbe, nämlich die Über­
tragung von Humankapital. Übertragung und Bildung von
Humankapital, was, wie wir gesehen haben, Zeitaufwand sei­
tens der Eltern, erzieherische Pflege usw. bedeutet. Eine reiche
Familie, d.h. eine Familie mit hohem Einkommen, also eine
Familie, die aus Bestandteilen mit hohem Humankapital zu­
sammengesetzt ist, wird also als unmittelbares und rationales
Projekt die Übertragung eines mindestens genauso hohen Hu­
mankapitals auf die Kinder haben. Und das impliziert eine
ganze Reihe von Investitionen: eine finanzielle Investition und
auch die Investition von Zeit seitens der Eltern. Diese Investi­
tionen sind nun aber nicht möglich, wenn die Familie kinder­
reich ist. Die Notwendigkeit der Übertragung von Humanka­
pital, das mindestens dem der Eltern gleicht, auf die Kinder,
diese Notwendigkeit erklärt den amerikanischen Neoliberalen
zufolge die geringere Größe der reichen gegenüber den armen
Familien.
Die Neoliberalen haben beispielsweise die Erscheinungen der
Ehe und dessen, was innerhalb eines Haushalts geschieht, d. h.
die eigentlich ökonomische Rationalisierung, die die Ehe im
Zusammenleben der Individuen darstellt, aus dieser Perspek­
tive zu analysieren versucht, und zwar immer noch innerhalb
desselben Projekts, in ökonomischen Begriffen Typen von Be-
ziehungen zu analysieren, die bis heute eher auf der Demogra­
phie, der Soziologie, der Psychologie und der Sozialpsycholo­
gie beruhen. Es gibt darüber eine Reihe von Arbeiten und Mit­
teilungen eines kanadischen Ökonomen, nämlich Jean-Luc
Migue, 9 der Folgendes schrieb, einen Text, der es jedenfalls ver­
dient, gelesen zu werden. 10 Ich werde nicht auf den restlichen
Teil der Analyse eingehen, er sagt jedoch Folgendes: »Einer der
großen Beiträge der Wirtschaftsanalyse aus jüngster Zeit [er
bezieht sich auf clie Analysen der Neoliberalen, M.F.] bestand
darin, den analytischen Rahmen, der traditionellerweise auf die
Firma und den Konsumenten beschränkt war, in seiner Ge­
samtheit auf den Haushaltssektor anzuwenden.( ... ) Es geht
darum, aus dem Haushalt eine Produktionseinheit in derselben
Hinsicht wie die klassische Firma zu machen. ( ... ) Was ist
denn der Haushalt eigentlich, wenn nicht die vertragliche Ver­
pflichtung zweier Parteien, spezifische Inputs bereitzustellen
und in bestimmten Verhältnissen den Nutzen des Outputs der
Haushalte zu teilen?« Welchen Sinn hat der langfristige Ver­
trag, der zwischen Leuten geschlossen wird, die in einem
Haushalt in Form der Ehe leben, was rechtfertigt ihn ökono­
misch, wodurch wird er begründet? Nun, dadurch, daß dieser
langfristige Vertrag zwischen Ehegatten es zu vermeiden ge­
stattet, in jedem Augenblick und dauernd die unzähligen Ver­
einbarungen neu auszuhandeln, die getroffen werden müßten,
damit das häusliche Leben funktioniert.11 Reich mir das Salz,
ich gebe dir den Pfeffer. Diese Art von Aushandlung wird ge­
wissermaßen von einem langfristigen Vertrag abgelöst, der der
Heiratsvertrag ist und der gestattet, das zu tun, was die Neoli­
beralen - nun, ich glaube, daß nicht nur sie das so nennen - eine
Einsparung auf der Ebene der Transaktionskosten nennen.
Wenn man für jede dieser Handlungen Transaktionskosten be­
zahlen müßte, gäbe es hier zeitliche Kosten, also wirtschaftli­
che Kosten, die für die Einzelnen absolut unüberwindlich wä­
ren. Dieses Problem wird durch den Ehevertrag gelöst.
Das könnte eigenartig erscheinen, aber diejenigen unter Ihnen,
die den Text kennen, den Pierre Riviere vor seinem Tod ge-

339
schrieben hat, in dem er beschreibt, wie seine Eltern lebten, 12
sind sich dessen bewußt, daß das Eheleben eines Bauernpaares
zu Beginn des r 9. Jahrhunderts ständig von einer ganzen Reihe
von Transaktionen durchzogen war. Ich werde dein Feld bear­
beiten, sagt der Mann zur Frau, aber nur unter der Bedingung,
daß ich mit dir schlafen kann. Und die Frau sagt: Du wirst
nicht mit mir schlafen, solange du meinen Hühnern kein Futter
gegeben hast usw. In einem solchen Prozeß erscheint eine Art
ständiger Transaktion, gegenüber der der Ehevertrag eine
Form von globaler Ökonomie darstellen sollte, die es ermög­
lichte, nicht jeden Augenblick etwas neu aushandeln zu müs­
sen. Und in einem gewissen Sinn war die Beziehung zwischen
dem Vater und der Mutter, zwischen dem Mann und der Frau
nichts anderes als der tägliche Vollzug dieser Art von vertragli­
cher Gestaltung des Zusammenlebens, und insofern waren alle
Konflikte nichts anderes als die Anwendu'ngsfälle des Vertrag:.;
aber zugleich spielte der Vertrag eben seine Rolle nicht, weil er
de facto die Einsparung der Transaktionskosten nicht [ermög­
lichtY· hat, die er eigentlich hätte garantieren sollen. Kurz, wir
können sagen, daß wir in diesen ökonomischen Analysen der
Neoliberalen einen Versuch haben, ein traditionellerweise
nicht-ökonomisches Sozialverhalten in ökonomischen Begrif­
fen zu interpretieren.
Die zweite interessante Verwendung dieser Analysen der Neo­
liberalen besteht darin, daß das ökonomische Raster die Prü­
fung des Regierungshandelns und die Bemessung seiner Gül­
tigkeit ermöglichen kann und soll, daß es ermöglicht, den
Handlungen der öffentlichen Macht ihren Mißbrauch, ihre
Überschreitungen, ihre Nutzlosigkeiten, ihre übermäßigen
Ausgaben vorzuhalten. Kurz, bei der Anwendung des ökono­
mischen Rasters geht es dieses Mal nicht mehr darum, soziale
Prozesse zu verstehen und sie verständlich zu machen; es geht
vielmehr darum, eine ständige politische Kritik des politischen
Handelns und des Regierungshandelns zu verankern und zu

,,- Michel Foucault sagt: »vermieden«.


rechtfertigen. Es geht darum, jede Handlung der öffentlichen
Gewalt in Begriffen des Spiels von Angebot und Nachfrage,
in Begriffen der Wirksamkeit bezüglich der Vorgaben dieses
Spiels, in Begriffen der Kosten, die ein bestimmter Eingriff der
öffentlichen Gewalt in das Gebiet des Marktes impliziert, zu
überprüfen. Es geht insgesamt darum, gegenüber der wirklich
ausgeübten Gouvernementalität eine Kritik aufzubauen, die
nicht einfach nur eine politische oder juridische Kritik ist, son­
dern eine Kri�ik aus der Perspektive des Handels, der Zynis­
mus einer Kritik aus der Perspektive des Handels gegenüber
dem Handeln der öffentlichen Gewalt. Das ist nicht nur ein
Luftschloß oder die Idee eines Theoretikers. In den Vereinig­
ten Staaten wird diese Art von Kritik ständig geübt. Sie wurde
vor allem in einer Institution entwickelt, die dazu übrigens
nicht auserkoren war, weil sie vor der Entwicklung der neoli­
beralen Schule geschaffen wurde, vor der Entwicklung der
Chicagoer Schule. Diese Institution nennt sich American Ent­
erprise Institute 13 und hat heute als wesentliche Funktion, alle
öffentlichen Aktivitäten in Begriffen von Kosten und Nutzen
einzuschätzen, ob es sich beispielsweise um jene berühmten
Sozialprogramme handelt, die die Bildung, die Gesundheit, die
Rassentrennung betreffen, die die Kennedy- und Johnson-Ad­
ministration im Laufe des Jahrzehnts zwischen r 960 und r 970
in Gang gebracht hatten. Es handelt sich bei dieser Art von
Kritik auch darum, die Aktivität zahlreicher Bundesbehörden
einzuschätzen, die seit dem New Deal und vor allem seit dem
Ende des Zweiten Weltkriegs eingerichtet wurden, wie bei­
spielsweise die Verwaltung für Ernährung und Gesundheit/
die Federal Trade Commission usw. 14 Also in Form dessen, was
man einen »ökonomischen Positivismus« nennen könnte, stän­
dig die Regierungspolitik zu kritisieren.
Wenn man die Ausübung dieser Art von Kritik betrachtet, ist
es unmöglich, nicht an eine Analogie zu denken, wobei ich ihr
die Form der Analogie lassen werde, nämlich an die positivisti-

'1 Im Manuskript: »Food and Health Administration«.

341
sehe Kritik der Alltagssprache. Wenn man die Art und Weise
betrachtet, wie die Amerikaner die Logik verwendet haben,
den logischen Positivismus des Wiener Kreises, um sie auf die
wissenschaftliche, die philosophische oder die Alltagssprache
anzuwenden, sieht man dort auch eine Art von Überprüfung,
eine Untersuchung jeder Aussage im Hinblick auf Widersprü­
che, mangelnde Konsistenz, Sinnlosigkeit usw. 15 Bis zu einem
gewissen Punkt kann man sagen, daß es bei der ökonomischen
Kritik, die die Neoliberalen auf die Regierungspolitik anzu­
wenden versuchen, ebenfalls darum geht, jede Handlung der
öffentlichen Gewalt im Hinblick auf Widersprüche, man­
gelnde Konsistenz, Sinnlosigkeit usw. zu überprüfen. Die all­
gemeine Form des Marktes wird zu einem Instrument, zu
einem Werkzeug der Unterscheidung in der Debatte mit der
Administration. Mit anderen Worten, im klassischen Liberalis­
mus verlangte man von der Regierung, die Form des Markt.:s
zu achten und die Marktteilnehmer handeln zu lassen. Hier
kehrt man nun das Laissez-faire in eine Beschränkung des Re­
gierungshandelns um, und zwar im Namen eines Marktgeset­
zes, das ermöglicht, jede Regierungshandlung einzuschätzen
und zu bewerten. Das Laissez-faire wird somit umgekehrt,
und der Markt ist nicht mehr ein Prinzip der Selbstbeschrän­
kung der Regierung, sondern ein Prinzip, das man nun gegen
sie wendet. Er ist eine Art von ständigem ökonomischen Tri­
bunal gegenüber der Regierung. Während das 19. Jahrhundert
versucht hatte, angesichts und gegenüber der Maßlosigkeit des
Regierungshandelns eine Art von administrativer Rechtspre­
chung einzurichten; die es gestattete, das Handeln der öffent­
lichen Gewalt in Begriffen des Rechts zu messen, haben wir
hier eine Art von ökonomischem Tribunal mit der Absicht, das
Handeln der Regierung in streng ökonomischen und marktbe­
zogenen Begriffen zu beurteilen.
Diese beiden Aspekte - die Analyse der nicht-ökonomischen
Verhaltensweisen anhand eines ökonomischen Rasters der Ver­
stehbarkeit, die Kritik und Einschätzung des Handelns der öf­
fentlichen Gewalt in Begriffen des Marktes - findet man in der

342
Analyse wieder, die manche Neoliberale im Hinblick auf die
Kriminalität, auf die Funktionsweise der Strafjustiz unter­
nommen haben, und jetzt möchte ich am Beispiel dieser bei­
den Verwendungen der Wirtschaftsanalyse, die ich vorhin an­
gesprochen habe, über die Art und Weise sprechen, wie einige
Neoliberale das Problem der Kriminalität in einer Reihe von
Aufsätzen von Ehrlich, 1 6 Stigler 1 7 und Gary Becker 18 aufge­
griffen haben. Ihre Analyse der Kriminalität erscheint zu­
nächst als eine höchst einfache Rückkehr zu den Reformern
des 18.Jahrh"linderts, zu Beccaria 19 und vor allem zu Bent­
ham. 20 Wenn man das Problem der Strafrechtsreform am Ende
des 18.Jahrhunderts betrachtet, stellt man schließlich fest, daß
die Frage, die von diesen Reformern gestellt wurde, eben eine
Frage der politischen Ökonomie war, und zwar in dem Sinne,
daß es sich um eine ökonomische Analyse oder zumindest um
eine Reflexion ökonomischen Stils auf die Politik und die Aus­
übung der Politik handelt. Es ging darum, die Funktionsweise
der Strafjustiz, wie man sie im r 8.Jahrhundert beobachten und
feststellen konnte, ökonomisch zu berechnen oder jedenfalls
im Namen einer Logik und einer ökonomischen Rationalität
zu kritisieren. Von hier stammen in einer Reihe von Texten
grobe quantitative Betrachtungen über die Kosten der Delin-'
quenz, die bei Bentham natürlich deutlicher sind als bei Becca­
ria, aber ebenfalls deutlich bei Leuten wie Colquhoun: 21 Wie­
viel es ein Land oder jedenfalls eine Stadt kostet, daß die Diebe
frei herumlaufen können; auch das Problem der gerichtlichen
Praxis _selbst und der tatsächlichen Institution der Rechtspre­
chung; auch die Kritik, die sich auf die geringe Wirksamkeit
des Strafsystems richtete: beispielsweise auf die Tatsache, daß
die Todesstrafen oder die Verbannungen keine spürbare Wir­
kung auf das Zurückgehen der Kriminalitätsrate hatten- inso­
fern man das zu jener Zeit messen konnte-, aber immerhin gab
es ein ökonomisches Raster, das den kritischen Überlegungen
der Reformer des 18.Jahrhunderts zugrunde lag. Ich habe dar­
über gesprochen22 und komme nicht mehr darauf zurück.
Indem sie auf diese Weise die Strafpraxis mit einem Nützlich-

343
keitskalkül überprüfen, suchen die Reformer nach einem �traf­
system, dessen Kosten in allen angesprochenen Hinsichten so
niedrig wie möglich sind. Und ich glaube, man kann sagen, daß
die von Beccaria skizzierte und von Bentham unterstützte Lö­
sung, die schließlich von den Gesetzgebern und Kodexgestal­
tern am Ende des 18. und zu Beginn des 19.Jahrhunderts ge­
wählt wurde, in Folgendem bestand: Es handelte sich um eine
legalistische Lösung. Die große Sorge um das Recht, das stän­
dig wiederholte Prinzip, daß man ein geeignetes Gesetz
braucht und daß ein solches Gesetz im Extremfall auch aus­
reicht, damit das Strafsystem richtig funktioniert, war nichts
anderes als der Wille, etwas anzustreben, was man in ökonomi­
schen Begriffen das Sinken der Transaktionskosten nennen
würde. Das Gesetz ist die billigste Lösung, um die Menschen
richtig zu bestrafen und um diese Bestrafung wirkungsvoll zu
machen. Erstens wird man das Verbrechen als eine Verletzun;
eines formulierten Gesetzes definieren; es gibt also niemals ein
Verbrechen, und es ist unmöglich, jemandem eine Handlung
zur Last zu legen, solange es kein Gesetz gibt. Zweitens müs­
sen die Strafen bestimmt werden, und zwar ein für allemal
durch das Gesetz. Drittens müssen diese Strafen durch das Ge­
setz selbst in einer Abstufung festgelegt werden, die der
Schwere des Verbrechens entspricht. Viertens hat das Strafge­
richt künftig nur noch eines zu tun, nämlich auf das festge­
stellte und erwiesene Verbrechen ein Gesetz anzuwenden, das
im voraus bestimmt, welche Strafe der Verbrecher in Abhän­
gigkeit von der Schwere seines Verbrechens erleiden muß. 23
Das ist eine absolut simple Mechanik, eine anscheinend voll­
kommen selbstverständliche Mechanik, die die ökonomischste
Form, d. h. die am wenigsten kostspielige und die sicherste
Form darstellt, um die Bestrafung und die Beseitigung von
Verhaltensweisen zu erreichen, die als schädlich für die Gesell­
schaft gelten. Das Gesetz, der Mechanismus des Gesetzes
wurde, glaube ich, am Ende des 18.Jahrhunderts als Prinzip
der Ökonomie, und zwar sowohl im weiten als auch im ge­
nauen Sinn des Wortes, im Strafwesen angenommen. Der

344
Homo penalis, der strafbare Mensch, der Mensch, der dem Ge­
setz unterstellt ist und der durch das Gesetz bestraft werden
kann, dieser Homo penalis ist im strengen Sinne ein Homo oe­
conomicus. Und gerade das Gesetz ermöglicht es, das Problem
der Strafbarkeit als ökonomisches Problem zu behandeln.
Im Laufe des 19.Jahrhunderts stellt es sich faktisch heraus, daß
diese Ökonomie zu einem paradoxen Effekt führt. Was ist der
Ursprung und der Grund für diesen paradoxen Effekt? Nun,
eine Zweideutigkeit, die auf der Tatsache beruht, daß das Gesetz
als Gesetz, als allgemeine Form der Strafökonomie natürlich an
Strafhandlungen ausgerichtet war. Das Gesetz sanktioniert na­
türlich nur Handlungen. Andererseits hatten die Existenzprin­
zipien des Strafgesetzes, mit anderen Worten die Notwendig­
keit der Bestrafung und auch die Abstufung der Strafe, die
wirksame Anwendung des Strafgesetzes, nur insofern einen
Sinn, als man nicht eine Handlung bestrafte - denn es hat kei­
nen Sinn, eine Handlung zu bestrafen. Diese Dinge hatten nur
einen Sinn, insofern man ein Individuum bestraft, ein straffällig
gewordenes Individuum, das es zu bestrafen, zu bessern, als
Beispiel für andere potentielle Straftäter darzustellen gilt. Man
sieht also, wie sich in diesem Zwiespalt zwischen einer Geset­
zesform, die eine Beziehung zur Handlung festlegt, und der
wirklichen Anwendung des Gesetzes, die sich nur auf ein Indi­
viduum richten kann, in diesem Zwiespalt zwischen dem Ver­
brechen und dem Verbrecher eine Neigungslinie abzeichnen
kann, die dem ganzen System immanent ist. Worauf zielt diese
dem ganzen System immanente Neigungslinie? Nun, auf eine
immer stärker individualisierte Abstimmung der Anwendung
des Gesetzes und folglich, wechselseitig bedingt, auf eine psy­
chologische, soziologische, anthropologische Problematisie­
rung der Person, auf die man das Gesetz anwendet. Das bedeu­
tet, daß der Homo penalis im Verlauf des 19.Jahrhunderts auf
etwas hinsteuert, was man den Homo criminalis nennen
könnte. Als sich die Kriminologie am Ende des 19.Jahrhun­
derts konstituiert, genau ein Jahrhundert nach der von Beccaria
empfohlenen und von Bentham schematisierten Reform, als

345
sich der Homo criminalis ein Jahrhundert später konstituiert,
ist man gewissermaßen am Ende des Zwiespalts angekommen,
und der Homo legalis, der Homo penalis wird Gegenstand ei­
ner ganzen Anthropologie, einer ganzen Anthropologie des
Verbrechens, die natürlich die strenge und sehr ökonomische
Mechanik des Gesetzes durch eine regelrechte Inflation ersetzt:
eine Inflation des Wissens, der Erkenntnisse, der Diskurse, eine
Vervielfachung der Instanzen, der Institutionen, der Entschei­
dungsorgane und der ganze parasitenartige Befall des Urteils
im Namen des Gesetzes durch individuelle Maßnahmen in Be­
griffen einer Norm. Auf diese Weise führte das ökonomische
Prinzip der Bezugnahme auf das Gesetz und der reinen Mecha­
nik des Gesetzes, diese strenge Ökonomie, zu einer ganzen In­
flation, in der sich das Strafsystem seit dem Ende des 19.Jahr­
hunderts ständig verstrickt hat. So jedenfalls würde ich die
Dinge sehen, wenn ich mich so eng wie möglich an das halte, was
die Neoliberalen über diese Entwicklung sagen könnten.
Die Analyse der Neoliberalen, die sich nicht um diese histori­
schen Probleme kümmern, die Analyse der Neoliberalen also,
beispielsweise die von Gary Becker - sie steht in einem Aufsatz
mit dem Titel »Verbrechen und Strafe«, der 1968 im]ournal of
Political Economy erschien24 - besteht im Grunde darin, diesen
utilitaristischen Filter von Beccaria, Bentham usw. wiederauf­
zugreifen und zu versuchen, diese Reihe von Verschiebungen,
die vom Homo oeconomicus zum Homo legalis zum Homo pe­
nalis und schließlich zum Homo criminalis führte, soweit wie
möglich [zu vermeiden]: :::- sich aufgrund einer rein ökonomi­
schen Analyse soweit wie möglich an den Homo oeconomicus
zu halten und zu sehen, wie das Verbrechen und vielleicht die
Kriminalität von hier aus analysiert werden können; mit ande­
ren Worten, man versucht alle diejenigen Wirkungen zu neu­
tralisieren, die von dem Augenblick herrühren, wo man - was
bei Beccaria und Bentham der Fall war - die ökonomischen
Probleme neu denken und ihnen eine Form innerhalb eines ju-

'� Vermutung; das Wort wurde von Michel Foucault ausgelassen.


ristischen Rahmens geben wollte, der vollkommen angemessen
wäre. Mit anderen Worten- auch hier sage ich nicht, was sie sa­
gen, da [die Geschichte nicht ihr Problem ist]*-, ich glaube,
daß diese Neoliberalen Folgendes sagen könnten, nämlich daß
der Fehler, der Ursprung der Verschiebung im Strafrecht des
18.Jahrhunderts diese Idee von Beccaria und Bentham war,
daß der Nutzenkalkül eine angemessene Form innerhalb einer
juristischen Struktur annehmen könnte. Und im Grunde war
das eine der Intentionen oder einer der Träume der ganzen po­
litischen Kritik und aller Projekte am Ende des 18.Jahrhun­
derts, wobei die Nützlichkeit im Recht Gestalt annahm und
das Recht völlig auf einem Nützlichkeitskalkül aufgebaut war.
Die Geschichte des Strafrechts hat gezeigt, daß diese Anpas­
sung nicht vollzogen werden konnte. Man muß also am Pro­
blem des Homo oeconomicus festhalten, ohne zu versuchen,
diese Problematik unmittelbar in die Begriffe und Formen ei­
ner juristischen Struktur zu übersetzen.
Wie gehen sie also vor, um an der Analyse dieses Problems des
Verbrechens innerhalb einer ökonomischen Fragestellung fest­
zuhalten? Der erste Punkt betrifft die Definition des Verbre­
chens. Becker gibt in seinem Aufsatz » Verbrechen und Strafe«
[sie] folgende Definition des Verbrechens: Ich nenne jede
Handlung ein Verbrechen, die ein Individuum Gefahr laufen
läßt, zu einer Strafe verurteilt zu werden.25 (Gelächter) Ich bin
überrascht, daß Sie lachen,. weil das immerhin fast genau die
Definition ist, die das französische Strafgesetzbuch und folg­
lich alle Gesetzbücher, die davon abgeleitet sind, vom Verbre­
chen geben. Denn Sie wissen doch, wie das Strafgesetzbuch ein
Vergehen definiert? Es sagt: Ein Vergehen ist dasjenige, was
mit Ordnungsstrafen bestraft wird. Was ist ein Verbrechen?
Das Strafgesetzbuch, Ihr eigenes Strafgesetzbuch sagt, daß ein
Verbrechen dasjenige ist, was mit Körper- und Ehrenstrafen
geahndet wird. Mit anderen Worten, das Strafgesetzbuch gibt
keinerlei substantielle Definition, keinerlei qualitative Defini-

* Eine Folge von schwer verständlichen Wörtern.


347
tion, keinerlei moralische Definition des Verbrechens. Ein Ver­
brechen ist dasjenige, was vom Gesetz bestraft wird, das ist al­
les. Sie sehen also, daß die Definition der Neoliberalen ganz
ähnlich ist: dasjenige, was ein Individuum Gefahr laufen läßt,
zu einer Strafe verurteilt zu werden. Das ist ganz ähnlich, wo­
bei es jedoch einen Unterschied gibt, einen Unterschied des
Standpunkts, da das Gesetzbuch, obwohl es vermeidet, eine
substantielle Definition des Verbrechens zu geben, sich auf den
Standpunkt der Handlung stellt und sich fragt, was diese
Handlung ist, d. h., wie man eine Handlung charakterisieren
soll, die als kriminelle bezeichnet werden kann, d. h. die eben
als Verbrechen bestraft wird. Das ist der Standpunkt der Hand­
lung, eine Art von operativer Charakterisierung, die gewisser­
maßen vom Richter verwendet werden kann. Man soll jede
Handlung als Verbrechen betrachten, die vom Gesetz bestraft
wird. Das ist eine objektive, operative Definition vom Stand­
punkt des Richters aus. Wenn die Neoliberalen sagen: Ein Ver­
brechen ist jede Handlung, die ein Individuum Gefahr laufen
läßt, zu einer Strafe verurteilt zu werden, dann sieht man bloß,
daß die Definition dieselbe ist. Aber der Standpunkt hat sich
verändert. Man stellt sich auf den Standpunkt dessen, der das
Verbrechen begeht oder begehen wird, indem man den Inhalt
der Definition beibehält. Man stellt sich die Frage: Was ist das
Verbrechen für ihn, d._ h. für das Subjekt einer Handlung, für
das Subjekt eines Verha:ltens? Nun, es ist dasjenige, was be­
wirkt, daß er Gefahr läuft, bestraft zu werden.
Sie sehen, daß diese Verschiebung des Standpunkts im Grunde
von derselben Art ist wie diejenige, die sich beim Humankapi­
tal und der Arbeit vollzog. Letztes Mal habe ich versucht, Ih­
nen zu zeigen, wie die Neoliberalen, als sie das Problem der
Arbeit aufgriffen, versuchten, nicht mehr vom Standpunkt des
Kapitals oder vom Standpunkt der Mechanik und des ökono­
mischen Prozesses aus zu denken, sondern vom Standpunkt
dessen, der sich entscheidet zu arbeiten. Auch hier geht man
also auf die Seite des individuellen Subjekts über, aber indem
man auf die Seite des individuellen Subjekts übergeht, stülpt
man ihm dennoch kein psychologisches Wissen oder einen an­
thropologischen Inhalt über, so wie man keine Anthropologie
der Arbeit betrieb, wenn man die Arbeit vom Standpunkt des
Arbeiters aus betrachtete. Man geht auf die Seite des Subjekts
nur insofern über - wir werden übrigens darauf zurückkom­
men, weil das sehr wichtig ist; ich sage Ihnen diese Sache hier
bloß wieder in sehr groben Zügen -, als man es von der Seite,
dem Aspekt des Erklärungsrasters seines Verhaltens aus erfas­
sen kann, unter dem es als ökonomisches Verhalten erscheint.
Man faßt das Subjekt nur insofern auf, als es ein Homo oecono­
micus ist, was nicht bedeutet, daß das ganze Subjekt als Homo
oeconomicus betrachtet wird. Mit anderen Worten, die Berück­
sichtigung des Subjekts als Homo oeconomicus impliziert keine
anthropologische Assimilierung jedes beliebigen Verhaltens an
ein ökonomisches Verhalten. Das bedeutet einfach, daß das Er­
klärungsraster, unter dem man das Verhalten eines neuen Indi­
viduums betrachtet, ebenjenes ist. Es bedeutet auch, daß das,
wodurch das Individuum gouvernementalisierbar* wird, das,
wodurch man einen Einfluß auf es nehmen können wird, nur
insofern der Fall ist, als es ein Homo oeconomicus ist. Das heißt,
daß die Kontaktfläche zwischen dem Individuum und der
Macht, die auf es ausgeübt wird, und folglich das Prinzip der
Regelung der Macht auf das Individuum nur dieses Raster des
Homo oeconomicus sein wird. Der Homo oeconomicus ist die
Schnittstelle zwischen der Regierung und dem Individuum.
Und das bedeutet keineswegs, daß jedes Individuum, jedes
Subjekt ein ökonomischer Mensch ist.
Man geht also dadurch auf die Seite des individuellen Subjekts
über, daß man es als Homo oeconomicus betrachtet, mit der
Konsequenz, daß, wenn man das Verbrechen auf solche Weise
als eine Handlung definiert, die ein Individuum vollzieht, in­
dem es das Risiko eingeht, durch das Gesetz bestraft zu wer­
den, es dann keinen Unterschied zwischen einem Vergehen ge­
gen die Straßenverkehrsordnung und einem geplanten Mord
* Michel Foucault stolpert etwas über dieses Wort und fügt hinzu: »oder
gouvernement ... , nun ja, gouvernementalisierbar. «

349
gibt. Das bedeutet auch, daß der Verbrecher in dieser Perspek­
tive in keiner Weise auf der Grundlage von moralischen oder
anthropologischen Merkmalen gekennzeichnet oder verhört
wird. Der Verbrecher ist nichts anderes als irgendein beliebiger
Mensch. Der Verbrecher, das ist jeder, d. h., er wird nur wie ir­
gendeine beliebige andere Person behandelt, die in eine Hand­
lung investiert, die sich einen Ertrag davon erhofft und die das
Risiko des Verlusts akzeptiert. Der Verbrecher ist von diesem
Standpunkt aus nichts anderes und soll auch nichts anderes
bleiben als das. Insofern sehen Sie, daß dasjenige, worum sich
das Strafsystem zu kümmern hat, nicht mehr diese verdoppelte
Wirklichkeit des Verbrechens und des Verbrechers ist. Ein Ver­
halten, eine Reihe von Verhaltensweisen konstituieren Hand­
lungen. Diese Handlungen, von denen die Handelnden einen
Gewinn erwarten, sind mit einem besonderen Risiko behaftet,
das nicht bloß das Risiko eines ökonomischen Verlusts ist, son­
dern das Risiko der Strafe oder auch das Risiko desjenigen
ökonomischen Verlusts, der durch ein Strafsystem auferlegt
wird. Das Strafsystem selbst hat es also nicht mit Verbrechern
zu tun, sondern mit Leuten, die diese Art von Handlung voll­
ziehen. Es muß, mit anderen Worten, auf ein Angebot an Ver­
brechen reagieren.
Worin wird dann unter diesen Umständen die Strafe bestehen?
Nun, die Strafe - auch hier beziehe ich mich auf Beckers Defi­
nition - ist das Mittel, das eingesetzt wird, um die negativen
Außenwirkungen26 bestimmter Handlungen zu begrenzen. 27
Auch hier sind wir ganz nahe bei Beccaria oder Bentham, bei
jener ganzen Problematik des 18.Jahrhunderts, innerhalb de­
ren, wie Sie wissen, die Bestrafung durch die Tatsache gerecht­
fertigt wurde, daß die bestrafte Handlung schädlich war und
daß man aus diesem Grund ein Gesetz gemacht hatte. Dasselbe
Prinzip der Nützlichkeit sollte auch auf die Strafmaßnahme
angewendet werden. Man sollte auf solche Weise strafen, daß
die schädlichen Wirkungen der Handlung entweder aufgeho­
ben oder vereitelt werden. Man ist also ganz nahe an der Pro­
blematik des 18. Jahrhunderts, aber auch hier mit einer wichti-
gen Veränderung. Während die klassische Theorie bloß ver­
suchte, die verschiedenen heterogenen Wirkungen, die man
von der Bestrafung erwartete, aufeinander zu beziehen, d. h.
das Problem der Wiedergutmachung, das ein zivilrechtliches
Problem ist, nämlich das Problem der Besserung des Individu­
ums, das Problem der Vorbeugung im Hinblick auf andere In­
dividuen usw., sehen die Neoliberalen in der Bestrafung eine
andere Gliederung. Sie unterscheiden zwei Dinge, d. h., sie
greifen im Gru,nde eine Problematik auf, die im angelsächsi­
schen Rechtsdenken geläufig ist. Sie sagen: Einerseits gibt es
das Gesetz, aber was ist das Gesetz? Das Gesetz ist nichts an­
deres als eine Wirklichkeit, eine institutionelle Wirklichkeit.
Wenn man sich auf einen anderen Problemkomplex bezieht,
könnte man sagen: Es ist ein Sprechakt, der eine Reihe von Wir­
kungen hat. 28 Dieser Akt kostet übrigens selbst etwas, da die
Formulierung des Gesetzes sowohl ein Parlament als auch eine
Diskussion als auch getroffene Entscheidungen voraussetzt. Es
ist tatsächlich eine Wirklichkeit, aber nicht nur diese Wirklich­
keit. Und dann gibt es andererseits die Gesamtheit der Mittel,
durch die man dem Verbot eine wirkliche »Kraft«'' verleiht.
Die Idee einer Kraft des Gesetzes drückt sich, wie Sie wissen, in
jenem so oft gebrauchten Begriff des enforcement aus, den man
oft mit Verstärkung [renforcement] des Gesetzes übersetzt.
Das enforcement of law ist aber etwas anderes. Es ist mehr als
die Anwendung des Gesetzes, da es sich uin eine ganze Reihe
wirklicher Mittel handelt, die man einzusetzen verpflichtet ist,
um das Gesetz anzuwenden. Aber es handelt sich nicht um die
Verstärkung des Gesetzes, es ist weniger als die Verstärkung
des Gesetzes, insofern Verstärkung bedeutet, daß es zu schwach
ist und man eine kleine Ergänzung hinzufügen muß oder es
strenger machen muß. Das enforcement of law ist die Gesamt­
heit der eingesetzten Mittel, um diesem Akt des Verbots, in
dem die Formulierung des Gesetzes besteht, gesellschaftliche
Wirklichkeit, politische Wirklichkeit usw. zu verleihen.

'' Im Manuskript in Anführungsstrichen.

35I
Was werden die Mittel zur Durchsetzung des Gesetzes sein?
Nun, das Strafmaß, das für jedes Verbrechen vorgesehen ist.
Die Bedeutung, die Aktivität, der Eifer, die Kompetenz des
Apparats, der mit der Entdeckung von Verbrechen beauftragt
ist. Die Bedeutung, die Qualität usw. des Apparats, der damit
beauftragt ist, die Verbrecher zu überführen und Beweise bei­
zubringen, daß sie das Verbrechen begangen haben. Außerdem
die größere oder geringere Geschwindigkeit der Richter, Ur­
teile zu fällen, die mehr oder weniger große Strenge der Richter
bezüglich der Spielräume, die ihnen vom Gesetz vorgeschrie­
ben sind. Auch die größere oder geringere Wirksamkeit der
Bestrafung, die mehr oder weniger starke Festgelegtheit der
angewendeten Strafe, nach der die Strafverwaltung die Strafe
verändern, mildern, eventuell erhöhen usw. kann. Diese ganze
Menge von Dingen konstituiert die Durchsetzung des Geset­
zes, alles, was also dem Angebot an Verbrechen als Verhalten,
wovon ich gesprochen habe, im Sinne dessen entspricht, was
man eine negative Nachfrage nennt. Die Durchsetzung des Ge­
setzes ist die Gesamtheit von Handlungsinstrumenten auf dem
Markt des Verbrechens, die dem Angebot an Verbrechen eine
negative Nachfrage entgegensetzt. Nun ist diese Durchsetzung
des Gesetzes natürlich weder neutral noch unbeschränkt aus­
weitbar, und zwar aus zwei Gründen, die miteinander ver­
knüpft sind.
Der erste Grund ist natürlich, daß das Angebot an Verbrechen
nicht unbegrenzt und einheitlich dehnbar ist, d. h., daß es nicht
auf dieselbe Weise allen Formen und jedem Ausmaß an negati­
ver Nachfrage entspricht, die ihm entgegensteht. Um die-Dinge
sehr einfach zu sagen: Es gibt bestimmte Formen des Verbre­
chens oder bestimmte Ausschnitte des kriminellen Verhaltens,
die sehr leicht auf eine Veränderung oder eine sehr leichte Er­
höhung der negativen Nachfrage reagieren. Um das geläufigste
Beispiel zu nehmen: Stellen wir uns einen Supermarkt vor, in
dem 20 % des Umsatzes, ich nehme diese Zahl vollkommen
willkürlich an, durch Diebstahl abgezweigt werden. Es ist
leicht, ohne große Kosten oder Überwachung oder übermä-

352
ßige Durchsetzung des Gesetzes 10 % davon zu reduzieren.
Zwischen 5 % und 10 % ist es immer noch relativ leicht. Die
Rate unter 5 % oder unter 2 % usw. zu senken, ist jedoch sehr
schwierig. Auf ähnliche Weise ist es gewiß, daß es einen bedeu­
tenden Anteil von im Affekt begangenen Verbrechen gibt, den
man zum Verschwinden bringen kann, indem man die Schei­
dung erleichtert. Und dann gibt es einen Kern von im Affekt
begangenen Verbrechen, den die Lockerheit der Scheidungs­
gesetze nicht ändern wird. Die Dehnbarkeit, d. h., die Verän­
derung des Angebots im Verhältnis zu den Wirkungen der
negativen Nachfrage ist also bei verschiedenen Anteilen oder
verschiedenen erwogenen Handlungstypen nicht gleich.
Zweitens - und das ist ein anderer Aspekt, der sehr eng mit
dem ersten verknüpft ist - hat die Durchsetzung selbst einen
Preis und negative Außenwirkungen. Sie hat einen Preis, d. h.,
sie verlangt einen alternativen Lohn. Alles, was man in den Ap­
parat für die Durchsetzung des Gesetzes investiert, kann man
nicht mehr für andere Zwecke verwenden. Es gibt einen
alternativen Lohn, das versteht sich von selbst. Und die Durch­
setzung hat einen Preis, d. h., sie bringt politische, soziale usw.
Unzuträglichkeiten mit sich. Eine Strafpolitik wird also nicht
zum Ziel oder Richtpunkt haben, was das Ziel oder der Richt­
punkt aller Reformatoren des 18. Jahrhunderts war, als sie ihr
System der universalen Rechtsgültigkeit errichteten, nämlich
das völlige Verschwinden des Verbrechens. Das Strafrecht und
die ganze Strafmechanik, von der Bentham träumte, sollte der­
art sein, daß es am Ende, selbst wenn das in Wirklichkeit nicht
möglich war, kein Verbrechen mehr gäbe. Und die Idee des
Panopticons, die Idee einer Transparenz, eines Blicks, der jedes
Individuum erfaßt, die Idee einer Abstufung von Strafen, die
hinreichend fein ist, damit jedes Individuum sich in seinen Be­
rechnungen, in seinem Innersten, in seinem ökonomischen
Kalkül sagen kann: Nein, wie dem auch sei, selbst wenn ich
dieses Verbrechen begehe, ist die Strafe, die ich mir zuziehe, zu
beträchtlich, und daher begehe ich es nicht. Diese Art von all­
gemeiner Auslöschung des Verbrechens, auf die abgezielt

353
wurde, war das Rationalitätsprinzip, das organisierende Prin­
zip des Strafkalküls im reformatorischen Geist des· 1 8. Jahr­
hunderts. Im Gegensatz dazu soll hier die Strafpolitik auf diese
Unterdrückung, diese vollkommene Auslöschung des Verbre­
chens als Ziel verzichtet haben. Die Strafpolitik hat als regulati­
ves Prinzip die bloße Intervention auf dem Markt des Verbre­
chens und im Hinblick auf das Angebot an Verbrechen. Diese
Intervention soll das Angebot an Verbrechen begrenzen, und
zwar nur durch eine negative Nachfrage, deren Kosten natür­
lich niemals die Kosten jener Kriminalität übersteigen dürfen,
deren Angebot begrenzt werden soll. Das ist die Definition, die
Stigler dem Ziel einer Strafpolitik gibt. »Die Durchsetzung«,
sagt er, »des Gesetzes hat zum Ziel, einen Grad von Überein­
stimmung mit der Regel des vorgeschriebenen Verhaltens zu
erreichen, von dem die Gesellschaft glaubt, daß sie ihn sich lei­
sten kann, und zwar unter Berücksichtigung der Tatsache, d...ß
die Durchsetzung mit Kosten verbunden ist. « Das schrieb er
1970 im Journal of Political Economy. 29 Sie sehen, daß die Ge­
sellschaft in diesem Moment als Konsumentin von konformen
Verhaltensweisen erscheint, d.h. nach der neoliberalen Kon­
sumtheorie als Produzentin von konformem Verhalten, das sie
mittels einer bestimmten Investition befriedigt. Daher zielt die
richtige Strafpolitik keineswegs auf die Auslöschung des Ver­
brechens, sondern auf ein Gleichgewicht zwischen den Kurven
des Angebots an Verbrechen und der negativen Nachfrage.
Oder auch: Die Gesellschaft hat kein unbegrenztes Bedürfnis
nach Konformität. Die Gesellschaft braucht sich keineswegs
einem erschöpfenden Disziplinarsystem zu unterwerfen. Einer
Gesellschaft geht es mit einer bestimmten Rate von Gesetzes­
verstößen gut, und es ginge ihr sehr schlecht, wenn sie diese
Rate unbegrenzt verringern wollte. Das läuft darauf hinaus, als
wesentliche Frage der Strafpolitik nicht die folgende zu stellen:
Wie soll man die Verbrechen bestrafen? Und nicht einmal:
Welche Handlungen soll man als Verbrechen ansehen? Son­
dern: Was soll man als Verbrechen dulden? Das ist die Defini­
tion Beckers in»Verbrechen und Strafe«. Zwei Fragen, sagt er:

354
» Wie viele Delikte sollen erlaubt werden? Zweitens, wie viele
Delinquenten sollen straflos bleiben ?« 30 Das ist die Frage der
Strafbarkeit.
Was ergibt sich daraus konkret? Es gibt nicht viele Analysen
dieses Stils. Es gibt eine Untersuchung von Ehrlich über die
Todesstrafe, in der ·er zu dem Schluß kommt, daß die Todes­
strafe schließlich doch recht nützlich ist. 31 Aber lassen wir das.
Diese Art von Untersuchung scheint mir weder die interessan­
teste noch die effektivste im Hinblick auf den behandelten Ge­
genstand zu sein. Dagegen ist es sicher, daß in bestimmten Be­
reichen, und zwar insbesondere dort, wo die Kriminalität am
meisten und stärksten mit dem Phänomen des Marktes zu tun
hat, die Ergebnisse doch etwas interessanter zu diskutieren
sind. Im wesentlichen ist es natürlich das Drogenproblem, das,
da es selbst ein Marktphänomen ist, der Zuständigkeit einer
ökonomischen Analyse bzw. einer viel zugänglicheren und viel
unmittelbareren Ökonomie der Kriminalität unterliegt. 32 Die
Drogen bilden also einen Markt, und wir können sagen, daß bis
ungefähr in die 197oer Jahre die Politik der Durchsetzung des
Gesetzes bei Drogen im wesentlichen darauf abzielte, das Dro­
genangebot zu verringern. Was bedeutet die Verringerung des
Drogenangebots, des Angebots von Drogenverbrechen, von
Drogenstraftaten? Die Netzwerke der Herstellung zu kontrol­
lieren und zu zerstören und zweitens die Verteilungsnetzwerke
zu kontrollieren und zu zerstören. Nun weiß man aber genau,
zu welchen Ergebnissen diese Politik der 6oer Jahre geführt
hat. Welche Folgen hatte - aus Gründen, über die man gewiß
diskutieren könnte - die teilweise, aber natürlich nie völlige
Zerstörung der Netzwerke der Herstellung und der Vertei­
lung? Erstens hat sie den Preis der Drogen erhöht. Zweitens
hat sie die Situation des Monopols oder Oligopols einer Reihe
von Großhändlern und von großen Netzen der Produktion
und Distribution der Drogen begünstigt und gestärkt, wobei es
durch eine monopolistische oder oligopolistische Wirkung zu
einem Anstieg der Preise kam, insofern man die Gesetze des
Marktes und des Wettbewerbs beachtet hatte. Und schließlich

355
gab es auf der Ebene der eigentlichen Kriminalität ein anderes,
noch bedeutsameres Phänomen, nämlich daß der Drogenkon­
sum und die Nachfrage zumindest für die ernsthaft Drogenab­
hängigen und für eine Reihe von Drogen völlig unflexibel ist,
d. h., daß der Drogenabhängige, gleichgültig wie hoch der Preis
ist, seine Ware haben möchte und bereit ist, jeden beliebigen
Preis dafür zu zahlen. Diese Unflexibilität eines ganzen Anteils
der Drogennachfrage bewirkt, daß die Kriminalität steigt. Das
heißt im Klartext, daß man jemanden auf der Straße umbringen
wird, um ihm zehn Dollar abzunehmen, womit man sich die
Drogen kaufen kann, die man braucht. Deshalb hat sich von
diesem Gesichtspunkt aus die Gesetzgebung, der Stil der Ge­
setzgebung oder vielmehr der Stil der Durchsetzung des Geset­
zes, der sich im Laufe der 6oer Jahre entwickelte, als gewaltiger
Mißerfolg herausgestellt.
Von hier ging die zweite Lösung aus, die von Eatherley m.d
Moore33 1973 in Begriffen der liberalen Ökonomie formuliert
wurde. Sie sagen: Es ist vollkommen verrückt, das Drogenan­
gebot begrenzen zu wollen. Man muß das Drogenangebot
nach links verschieben, d. h. sehr summarisch und sehr grob,
daß man die Drogen zugänglicher und billiger machen muß,
wobei jedoch folgende Einschränkungen und Präzisierungen
zu beachten sind. Was geschieht denn auf dem wirklichen Dro­
genmarkt? Es gibt im Grunde zwei Kategorien von Käufern
und Interessenten: diejenigen, die mit dem Drogenkonsum be­
ginnen und deren Nachfrage flexibel ist, d. h. die zu hohen
Preisen widerstehen und auf einen Konsum verzichten kön­
nen, von dem man ihnen eine große Befriedigung versprochen
hat, den sie aber nicht bezahlen können. Und dann gibt es die
unflexible Nachfrage, d.h. diejenigen, die auf jeden Fall und
unabhängig von der Höhe des Preises kaufen werden. Worin
besteht dann die Einstellung der Drogenhändler? Den Kon­
sumenten mit flexibler Nachfrage, d.h. den Anfängern, den
Kleinkonsumenten einen relativ niedrigen Marktpreis anzu­
bieten, und wenn sie einmal- aber erst dann- zu gewohnheits­
mäßigen Konsumenten geworden sind, d. h., wenn ihre Nach-
frage unflexibel geworden ist, in diesem Moment die Preise zu
erhöhen, und die Drogen, die man ihnen dann liefert, haben
jene extrem hohen monopolistischen Preise, die Erscheinun­
gen der Kriminalität induzieren. Was muß also die Einstellung
derjenigen sein, die die Politik der Durchsetzung des Gesetzes
ausrichten? Nun, man wird es im Gegensatz dazu bewerkstel­
ligen müssen, daß das, was man die Einstiegspreise nennt, d.h.
die Preise für die neuen Konsumenten, so hoch wie möglich
sind, so daß der Preis an sich eine Waffe der Abschreckung ist
und daß die Kleinkonsumenten, die potentiellen Konsumenten
aufgrund einer wirtschaftlichen Schwelle den Schritt zum
Konsum nicht tun können. Denjenigen dagegen, deren Nach­
frage unflexibel ist, d. h. die auf jeden Fall jeden Preis zahlen
werden, sollen die Drogen zum bestmöglichen Preis gegeben
werden, d. h. zum niedrigsten Preis, damit sie nicht gezwungen
sind, weil sie es auf jeden Fall tun würden, sich mit jedem belie­
bigen Mittel Geld zu beschaffen, um ihre Drogen zu kaufen.
Mit anderen Worten, ihr Drogenkonsum soll sowenig wie
möglich zu Verbrechen führen. Die Drogenabhängigen brau­
chen also billige Drogen und die Nicht-Abhängigen sollen
Drogen nur zu einem sehr hohen Preis bekommen. Es gibt eine
ganze Politik, die sich, wie Sie wohl wissen, darin ausgedrückt
hat, daß sie nicht sosehr versuchte, einen Unterschied zwischen
weichen und harten Drogen zu machen, sondern zwischen
Einstiegsdrogen und anderen Drogen unterschied. Vor allem
unterschied sie zwei Arten des Konsums, den flexiblen und den
unflexiblen Konsum. Von da aus entwickelte sich eine ganze
Politik der Durchsetzung des Gesetzes für die neuen Konsu­
menten, für die potentiellen Konsumenten, für die kleinen
Dealer, für den Kleinhandel, der an der Straßenecke stattfindet
usw., eine Politik der Durchsetzung des Gesetzes, die einer
ökonomischen Rationalität gehorcht, die die Rationalität eines
Marktes mit jenen verschiedenen Elementen war, von denen
ich gesprochen habe.
Welche Konsequenzen kann man aus all dem ziehen? Erstens,
die anthropologische Ausmerzung des Verbrechers. Eine an-

357
thropologische Ausmerzung des Verbrechers, von der man zu­
geben muß, daß es sich nicht um die Auslassung der Größen­
ordnung des Individuums�- handelt, sondern um das Postulat
eines Elements, einer Dimension, einer Ebene des Verhaltens,
das zugleich als ökonomisches Verhalten interpretiert und als
solches kontrolliert werden kann.�-* Ehrlich sagte in seinem
Aufsatz über die Todesstrafe: » Der entsetzliche, grausame oder
pathologische Charakter des Verbrechens hat überhaupt keine
Bedeutung. Es gibt keinen Grund, zu glauben, daß diejenigen,
die andere lieben oder hassen, weniger >responsive<, weniger
zugänglich sind und weniger leicht auf die Veränderungen in
den Gewinnen und den Verlusten reagieren, die mit ihrem Ver­
halten verbunden sind, als die Leute, denen das Wohlergehen
der anderen gleichgültig ist. « 34 Mit anderen Worten, alle Un­
terscheidungen, die man zwischen geborenen Verbrechern,
Gelegenheitsverbrechern, Perversen und Nicht-Perverse,1,
Rückfalltätern gezogen hat, haben keinerlei Bedeutung. Man
muß zugeben können, daß jedenfalls, gleichgültig wie patholo­
gisch das Subjekt auf einer bestimmten Ebene und unter einem
bestimmten Blickwinkel auch sein mag, dieses Subjekt bis zu
einem bestimmten Punkt, in einem gewissen Grad auf die Ver­
änderungen in den Gewinnen und Verlusten reagiert, d.h., daß
die Handlung der Bestrafung sich auf den Spielraum möglicher
Gewinne und Verluste richten soll, d. h., daß sie eine Handlung
sein soll, die in die Umwelt eingreift. Das Individuum macht
sein Angebot des Verbrechens im Milieu des Marktes und be­
gegnet einer positiven oder negativen Nachfrage, und die muß
man beeinflussen. Das wirft das Problem auf, über das ich
nächstes Mal sprechen werde, nämlich das Problem der Tech-
•· Michel Foucault fügt im Manuskript hinzu (S. 19): »nicht um die Auf­
hebung von Techniken, die das Verhalten der Individuen beeinflussen
sollen. «
** Ebd.: »Ein ökonomisches Subjekt ist ein Subjekt, das, streng genom­
men, unter allen Bedingungen seinen Profit zu maximieren, das Verhält­
nis zwischen Gewinn und Verlust zu optimieren versucht; im weiteren
Sinn: ein Subjekt, dessen Verhalten durch die Gewinne und Verluste
beeinflußt wird, die ihm entsprechen. «
nik und jener neuen Technologie, die, glaube ich, mit dem
Neoliberalismus verbunden ist und die in Amerika in der Um­
welttechnologie oder der Umweltpsychologie besteht.
Zweitens sehen Sie, aber auch darauf werde ich zurück­
kommen,35 daß das, was am Horizont einer solchen Analyse
erscheint, überhaupt nicht das Ideal oder das Projekt einer er­
schöpfend disziplinarischen Gesellschaft ist, in der das Netz­
werk der Gesetze, das die Individuen umschließt, von, sagen
wir, normativen Mechanismen fortgesetzt und verlängert
würde. Es ist auch keine Gesellschaft, in der ein Mechanismus
der allgemeinen Normalisierung und des Ausschlusses des
Nicht-Normalisierbaren erforderlich wäre. Im Gegenteil ha­
ben wir in diesem Horizont das Bild, die Idee oder das pro­
grammatische Thema einer Gesellschaft, in der es eine Opti­
mierung der Systeme von Unterschieden gäbe, in der man
Schwankungsprozessen freien Raum zugestehen würde, in der
es eine Toleranz gäbe, die man den Individuen und den Prakti­
ken von Minderheiten zugesteht, in der es keine Einflußnahme
auf die Spieler des Spiels, sondern auf die Spielregeln geben
würde und in der es schließlich eine Intervention gäbe, die die
Individuen nicht innerlich unterwerfen würde, sondern sich
auf ihre Umwelt bezöge. Das sind in etwa alle die Dinge, die
ich nächstes Mal zu entwickeln versuchen werde. 36 *

e.- Das Manuskript enthält hier sechs nicht-paginierte Blätter, die die bishe­
rige Entwicklung fortsetzen:
»Solche Analysen werfen eine Reihe von Problemen auf.
r. Hinsichtlich der Humantechnologie
Einerseits einen massiven Rückzug beim normativ-disziplinarischen
System. Die Gesamtheit, die durch eine kapitalistische Wirtschaft und
politische Institutionen gebildet wird, die sich am Gesetz orientieren,
hatte eine Technik des menschlichen Verhaltens als Korrelat, eine indivi­
dualisierende ,Gouvernementalität<, die Folgendes umfaßte: eine diszi­
plinarische Rasterung, eine unbegrenzte Reglementierung, die Unter­
ordnung/Klassifizierung, die Norm.
(Zweite Seite) Im ganzen betrachtet war die liberale Gouvernementali­
tät zugleich legalistisch und normalisierend, wobei die disziplinarische
Reglementierung zwischen den beiden Aspekten vermittelte. Das er-

359
zeugte natürlich eine ganze Reihe von Problemen, die Folgendes betref-
fen:
- die Autonomie, die /.. .lbildung (Sektorbildung?) in jenen Räumen
und /.. ./, die .Reglementierungen enthalten.
- die schließliche Unvereinbarkeit zwischen den Formen der Legalität
und denen der Normalisierung.
Diese Gesamtheit erscheint nun nicht mehr als unverzichtbar. Warum?
Weil sich die große Idee, daß das Gesetz das Prinzip der Genügsamkeit
der Regierung ist, als unangemessen herausstellt:
- weil das »Gesetz« nicht als (Prinzip?) existiert. Man (kann?) so viele
Gesetze (haben?), wie man will, das Überschwemmtwerden von Ge­
setzen gehört zum Rechtssystem.
- (dritte Seite) weil das Gesetz nur funktionieren kann, wenn es von et­
was beschwert wird, das sein Gegengewicht, seinen Zwischenraum,
seine Ergänzung darstellt TI Verbot.
Man müßte
die Konzeption des Gesetzes ändern oder wenigstens seine Funktion er­
hellen. Mit anderen Worten, seine Form (die immer im Verbieten oder
Zwingen besteht) und seine Funktion nicht zu verwechseln, die die einP.r
Spielregel sein soll. Das Gesetz ist dasjenige, was das Spiel begünstigen
soll, d. h. die/.. ./, die Unternehmen, die Initiativen, die Veränderungen,
und zwar indem es jedermann gestattet, ein rationales Subjekt zu sein,
d. h. diese Nutzenfunktionen zu maximieren.
- und in Betracht ziehen, daß man, anstatt das Gesetz durch eine Regle­
mentierung, Planung, Disziplin zu ergänzen, seine »Durchsetzung«
berechnen kann
- d. h. man soll es nicht noch mit etwas anderem beschweren, sondern
mit etwas, das ihm Kraft verleihen kann;
- (vierte Seite) indem man jedoch davon ausgeht, daß diese Durchset-
zung im Grunde das wichtigste Element ist,
- weil das Gesetz nicht ohne sie existierte,
- weil sie flexibel ist,
- weil man sie berechnen kann.
Wie kann man in der rule of law bleiben? Wie läßt sich diese Durchset­
zung rationalisieren, wenn man davon ausgeht, daß das Gesetz selbst
kein Prinzip der Rationalisierung sein kann?
- durch die Kostenrechnung
- den Nutzen des Gesetzes
- und die Kosten seiner Durchsetzung
- und durch die Tatsache, daß, wenn man das Gesetz nicht aufgeben
will und seine wahre Funktion einer Spielregel nicht verkehren will, es
nicht die Disziplin bzw. Normalisierung ist, sondern die Beeinflus­
sung der Umgebung. Die Gegebenheiten des Spiels sollen verändert
werden und nicht die Mentalität der Spieler.
(fünfte Seite) Wir haben hier eine Radikalisierung dessen, was die deut-
Anmerkungen

I Vgl. oben, Vorlesung 6, S. 187.


2 Vgl. Fran�ois Bilger, Lapensee economique, a.a. 0., S. 186: »Die Gesell­
schaftspolitik gliedert sich(...) in mehrere sehr verschiedenartige beson­
dere Politiken, von denen die wichtigsten für diese Autoren folgende
sind: die Aufteilung des Wirtschaftsraums, die Förderung kleiner und
mittlerer Unternehmen und vor allem die Entproletarisierung der Ge­
sellschaft durch die Entwicklung privater Sparguthaben und die weitest
mögliche Verteilung des Volkskapitals auf alle Bürger. Indern man aus al­
len Menschen Kapitalisten macht, indem man einen Volkskapitalismus
einrichtet, eliminiert man die sozialen Mängel des Kapitalismus, und
zwar unabhängig von der Tatsache der wachsenden >Lohnvergütung, in
der Wirtschaft. Ein Lohnempfänger, der zugleich Kapitalist ist, ist kein
Proletarier mehr. «
3 V gl. oben, Vorlesung 6, S. 210.
4 V gl. oben, Vorlesungen 6 und 7.
5 Alexander Rüstow, in: Colloque Walter Lippmann, a. a. 0., S. 8 3: »Wenn
man im Interesse der optimalen Produktivität der Gemeinschaft und der
maximalen Unabhängigkeit des Individuums die Wirtschaft dieses Ge­
sellschaftskörpers nach Regeln der Marktwirtschaft organisiert, bleiben
noch neue und verstärkte Bedürfnisse nach Integration zu befriedigen. «

sehen 0rdoliberalen schon mit Bezug auf das Regierungshandeln be­


schrieben hatten: das Spiel der Wirtschaft so frei wie möglich zu lassen
und eine Gesellschaftspolitik zu betreiben. Die amerikanischen Liberalen
sagen: Wenn man diese Gesellschaftspolitik innerhalb des Rahmens der
Gesetze halten will, dann muß sie jeden als einen Spieler betrachten und
nur in einer Umgebung intervenieren, in der er auch spielen kann. Diese
Umwelttechnik hat die folgenden Hauptaspekte:
- die Errichtung eines ziemlich lockeren Rahmens um das Individuum
herum, damit es überhaupt spielen kann;
- die Möglichkeit, daß das Individuum die Wirkungen selbst reguliert
und sich seinen eigenen Rahmen gestaltet;
- die Regelung von Umwelteffekten
- die Nicht-Schädigung
- die Nicht-Auslöschung
- die Autonomie dieser Umgebungsräume.
(sechste Seite) Keine vereinheitlichende, gleichmachende, hierarchisie­
rende Individualisierung, sondern eine Environmentalität, die Wagnis­
sen und Querschnittserscheinungen gegenüber offen ist. Lateralität.
Technologie der Umwelt, der Wagnisse, der Freiheiten der (Spiele?)
zwischen Nachfrage und Angebot.
- Aber bedeutet das, daß man es mit natürlichen Subjekten zu tun hat?«
(Ende des Manuskripts)
6 Wilhelm Röpke, Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, II. Teil, Kap. 2,
S. 292: »Schließlich ist mit allem Nachdruck zu betonen, daß wir nicht
daran denken, von der Konkurrenz mehr zu verlangen, als sie leisten
kann. Sie ist ein Ordnungs- und Steuerungsprinzip im engeren Berei­
che der arbeitsteiligen Marktwirtschaft, aber kein Prinzip, auf dem man
eine Gesellschaft als Ganzes aufbauen könnte. Soziologisch-moralisch
ist sie sogar ein gefährliches Prinzip, das eher auflöst als verbindet.
Wenn die Konkurrenz nicht als soziales Sprengmittel wirken und zu­
gleich nicht selbst entarten soll, setzt sie eine um so stärkere Integration
außerhalb der Wirtschaft, einen um so kräftigeren politisch-morali­
schen Rahmen voraus(.. .). «
7 Ebd.: »einen starken und über den hungrigen Interessentenhaufen ste­
henden Staat, eine hohe Wirtschaftsmoral, eine unzersetzte Gemein­
schaft kooperationsbereiter, natürlich verwurzelter und sozial einge­
betteter Menschen.«
8 Vgl. die vorangehende Vorlesung, S. 319.
9 Jean-Luc Migue war damals Professor an der Ecole nationale d'Admi­
nistration publique von Quebec.
10 »Methodologie economique et economie non marchande«, Mitteilung
auf dem Kongreß französischsprachiger Ökonomen (Quebec, Mai
1976), teilweise wiederabgedruckt in: Revue d'Economie Politique
(Juli-August 1977).(Vgl. Henri Lepage, Der Kapitalismus von morgen,
a.a.O., S. 133.)
11 J.-L. Migue, »Methodologie economique«, a.a.O., zitiert von Henri
Lepage, Der Kapitalismus von morgen, S. 195: »Ein wichtiger Beitrag
der ökonomischen Analyse bestand in der jüngsten Zeit in der Anwen­
dung des traditionellen analytischen Rahmens auf den häuslichen Be­
reich, indem man den Haushalt genau wie das klassische Unternehmen
als Produktionseinheit betrachtet. Dabei stellte sich heraus, daß er im
Grunde dieselbe analytische Struktur besitzt wie eine Firma; denn
beide Haushaltsparteien versuchen mit Hilfe ihres langjährigen Ehe­
vertrags Transaktionskosten sowie das Risiko zu vermeiden, plötzlich
der Inputs des Eheparmers sowie der gemeinsamen Outputs beraubt zu
sein. Denn im Grunde ist doch die Ehe nichts anderes als eine vertragli­
che Verpflichtung beider Parteien zur Lieferung bestimmter Inputs und
zur Aufteilung des Haushalts-Outputs. Um nun einen kostspieligen
Prozeß der ständigen Verhandlungen und Kontrollen des täglichen
häuslichen ,Tauschverkehrs< und seiner zahllosen Verträge zu vermei­
den, legen beide Parteien im vorhinein die allgemeinen Tauschbedin­
gungen langfristig fest. «
12 Vgl. Moi, Pierre Riviere, ayant egorge ma mere, ma saur et mon frere
... , herausgegeben von M. Foucault, Paris 1973 (dt. Der Fall Riviere:
Materialien zum Verhältnis von Psychiatrie und Strafjustiz, Frankfurt/
M. 1975.)
I 3 Das American Enterprise Institute for Public Policy Research (AEI)
wurde 1943 gegründet und hat seinen Sitz in Washington. Es ist eine
Speerspitze des Kampfes gegen Reglementierungen und stellt auch
heute noch durch seine Veröffentlichungen (Bücher, Aufsätze, Be­
richte) eine der wichtigsten»Ideenfabriken« (think tanks) des amerika­
nischen Neokonservatismus dar.
14 Einige dieser anderen »Behörden« sind: die Consumer Safety Product
Commission, die Occupational Safety and Health Commission, der Ci­
vil Aeronautics Board, die Federal Communications Commission, die
Security Exchange Commission (vgl. Henri Lepage, Der Kapitalismus
von morgen, a.a.O., S.132).
1 5 Foucau!t spielt hier auf Frege und Carnap an.
16 Isaac Ehrlich, »The Deterrent Effect of Capital Punishment: A Ques­
tion of Life and Death«, in: American Economic Review, Bd.65, Nr. 3
( Juni 1975), S. 397-417.
17 George J. Stigler (1911-1991), Professor an der Universität Chicago
von 1958 bis 1981, Forscher am National Bureau of Economic Re­
search von 1941 bis 1976. Von 1973 bis zu seinem Tod hat er das Journal
of Political Economy herausgegeben. Nobelpreis für Wirtschaftswis­
senschaften 1982. Foucault bezieht sich hier auf»The Optimum Enfor­
cement of Laws«, in:]ournal of Political Economy, Bd. 78, Nr. 3 (Mai­
juni 1970), S. 526-536.
18 Gary Becker, »Crime and Punishment: An Economic Approach«, in:
Journal of Political Economy, Bd.76, Nr.2 (März-April 1968), S. 196-
217; wiederabgedruckt in: Becker, The Economic Approach to Human
Behavior, Chicago und London 1976, S.39-85. Zu den drei genannten
Autoren vgl. Frederic Jenny, » La theorie economique du crime: une re­
vue de la litterature«, in: Jean-Jacques Rosa und Florin Aftalion
(Hrsg.), L'economique retrouvee, a. a. 0., S. 296-324 (diesem Aufsatz
entnimmt Foucau!t hier eine Reihe von Informationen). V gl. auch seit­
her Gerard Radnitzky und P. Bernholz (Hrsg.), Economic Imperialism:
The Economic Approach Applied Outside the Field of Economics, New
York 1987.
19 Vgl. oben, Vorlesung 2, S.75.
20 Jeremy Bentham (vgl. oben, Vorlesung 1, S. 28); vgl. insbesondere An
Introduction to the Principles of Morals and Legislation (London 1789),
herausgegeben von James H. Bums und Harold L. Hart, London 1970
(dt. Prinzipien der Gesetzgebung, Köln 1833). Die erste englische Aus­
gabe der Theory of legislation stammt von 1864 (übers. nach der frz.
Ausg. von R. Hildreth, London, Kegan Paul, Trench, Trübner), die von
The Rationale of Reward von 1825 (nach der frz. Ausgabe übersetzt
von R. Smith, London, J. & H. Hunt) und die von The Rationale ofPu­
nishment aus dem Jahr 1830 (nach der frz. Ausg. übers. von R. Smith,
London, R. Heward). Zur Editionsgeschichte vgl. Elie Halevy, La for­
mation du radicalisme philosophique, Neuausg. Paris 1995, Bd. I, An­
hang I, S. 281-299.
21 Vgl.Patrick Colquhoun, A Treatise on the police of the metropolis, Lon­
don, 5.Aufl. 1797 (dt. Ueber Londons Polizey besonders in bezug auf
Verbesserungen und Verhütungsmittel der Verbrechen, Leipzig 1800).
22 Vgl. M. Foucault, Überwachen und Strafen, S.101-117.
23 Zu diesen verschiedenen Punkten vgl. M. Foucau!t, »Die Wahrheit und
die juristischen Formen«, in: Schriften, Bd. II, S. 729-730; frz.: S. 5 89 f.
24 Vgl. Vorlesung 10, Anm. 30.
25 Dieser Satz kommt in Beckers Aufsatz nicht vor. Michel Foucau!t
stützt sich auf die Zusammenfassung der Arbeiten von Becker und Sti­
gler, die von FredericJenny gegeben wurde,(»La theorie economique
du crime « a. a. 0., S. 298): »Der Ökonom lehnt hier wie auf den anderen
Gebieten der Wirtschaftstheorie jedes moralische Urteil ab und unter­
scheidet die kriminellen von den rechtmäßigen Handlungen auf der
Grundlage des eingegangenen Risikos. Die kriminellen Handlungen
sind diejenigen, die das Individuum, das sie begeht, eine besondere Art
von Risiko eingehen lassen: nämlich das Risiko, ergriffen und zu einer
Strafe (Geldstrafe, Gefängnis, Todesstrafe) verurteilt zu werden. «
26 Zu diesem Begriff, der erstmals 1920 von Pigou in seinem Economics of
Welfare verwendet wurde, vgl. Pierre Rosanvallon, La crise de l'Etat­
providence, Paris, Seuil, 1981, Neuausg. 1984, S. 59-60; vgl. auch Y\·�s
Simon, »Le marche et l'allocation des ressources « , in: Jean-Jacques
Rosa et Florin Aftalion(Hrsg.), L'economique retrouvee, a. a. 0 ., S. 268:
»Außenwirkungen sind Kosten und monetäre oder nicht-monetäre
Vorteile, die sich aus Erscheinungen der gesellschaftlichen wechsel­
seitigen Abhängigkeit ergeben. (...) Für die Theoretiker der Wohl­
fahrtsökonomie( ...) spiegeln die Au