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Percy Ernst Schramm

KAISER
KONIGE UND
PAPSTE

Gesammelte Aufsätze
zur Geschichte
des Mittelalters

Band!

Anton Hiersemann Stuttgart


1968
Percy Ernst Schramm

BEITRÄGE
ZUR ALLGEMEINEN
GESCHICHTE

Erster Teil

Von der Spätantike


bis zum Tode
Karls des Großen (814)

Anton Hiersemarm Stuttgart


I968
Mit 8 Abbildungen im Text und I 5 Abbildungen auf IZ Tafeln

© 1968 Anton Hiersemann, Stuttgart


Alle Rechte, insbesondere des Nachdrucks und der Übersetzung,
vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es auch nicht
gestattet, das Werk oder Teile daraus auf photomechanischem oder sonstigem
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Schrift: Garamond-Antiqua 9/12 und 8/IO Punkt, Monotype


Satz und Druck: Großdruckerei Erich Spandel, Nürnberg
Klischees: Kunstanstalt Carl Ruck, Stuttgart
Einband: Großbuchbinderei C. H. Schwabe, Stuttgart
Einband- und Umschlagentwurf: Kurt Weidemann, Stuttgart
Umschlagdruck: Buchdruckerei Gottlieb Holoch, Stuttgart
CARL ERDMANN

(r898-r945)
und

HANS-WALTER KLEWITZ

(1907-1943)

Dem Andenkenzweier mir befreundeter Historiker,


die viel geleistet haben und noch
viel mehr erwarten ließen.
Sie stünden heute in der Kraft der Jahre,
wenn sie nicht - zusammen mit vielen Millionen
von Menschen - der Krieg dahingerafft hätte.
Vorwort

Diese Aufsatzsammlung erfordert vorweg eine Erläuterung, die deutlich macht, daß
sie - äußerlich buntgemischt- doch von einem roten Faden durchzogen wird.

Mir ist es in meiner wissenschaftlichen Entwicklung merkwürdig ergangen; denn


ich bin dazu gekommen, mich in drei verschiedenen Bereichen zu betätigen. In zwei
Fällen wurde ich >geschoben<, in einem war ich dagegen Herr meines Entschlusses.
Schon in meiner Schulzeit fesselte mich die Sozialgeschichte, zu der ich - stark
durch WERNER SaMBARTS Bücher angeregt- von genealogischen Forschungen aus
gekommen war. Ich behielt dieses Interesse bei, aber erst das Schimpfen auf den
>Bourgeois<, wie es unter Goebbels üblich wurde, gab mir den Anstoß, in einem
Buche darzustellen, was die >Bürger< alles geleistet haben. An dieses haben sich dann
weitere Bücher, Aufsätze und Vorträge angeschlossen.
Im Zweiten Weltkrieg ergab es sich durch einen nicht vorauszusehenden >Zufall<-
das vage Wort ist in diesem Falle einmal angemessen-, daß mir von Anfang 1943 an
die Aufgabe zufiel, das Kriegstagebuch unseres höchsten militärischen Stabes zu füh-
ren. Ich habe es hinübergerettet und mit Hilfe von jüngeren Gelehrten - einst Schü-
lern, jetzt Freunden- ediert. Auchdaranhingen sich wieder andere Bücher, Aufsätze
und Vorträge.
Daß ich mich mit dem Mittelalter befaßte, beruht dagegen ganz auf eigenem Wil-
len; und die Richtung meiner Forschungen wurde mir durch eine Miniatur gewiesen,
die mir niemand ausreichend erklären konnte, deren Deutung ich also selbst suchen
mußte.

Daß ich Professor für mittelalterliche Geschichte werden müßte, stand für mich
bereits als Gymnasiast fest. Dabei spielte mit, daß ich auf einer Wanderung durch
Thüringen in einer kleinen Buchhandlung zufällig KARL HAMPES >Kaisergeschichte<
entdeckte: ich verschlang sie und fühlte mich in meinem Entschluß bestärkt. Als
ich nach dem Ersten Weltkrieg in abgeänderter Uniform meine Studien wieder auf-
nahm, kam noch ein Argument hinzu, das meine Überlegungen abstützte: blickte
man auf unsere jüngste Vergangenheit zurück, war schlechthin alles in Frage gestellt;
das Mittelalter war jedoch vom Schwanken der Urteile nur mittelbar berührt, bot
also einen festen Boden. Dabei schwang der Gedanke mit, daß die Rückbesinnung
auf die frühere Vergangenheit uns vielleicht für die Zukunft Halt zu bieten vermöge.
In den ersten Semestern lenkten mich noch die politischen Vorgänge vom inten-
siven Studium ab. Zu Ostern 1920 wurde ich in München immatrikuliert und genoß
nun, daß unzählige Anregungen auf mich einstürmten und mit vielen Freunden
8 Vorwort

endlos diskutiert werden konnte. Hier hatte ich auch das >Erlebnis<, das meine
wissenschaftliche Tätigkeit als Privatdozent und Professor bestimmte: mich >ergriff<
die Darstellung des zwischen geistlichen und weltlichen Großen thronenden Kaisers
Otto III., dem die Nationen huldigen. Ich erhielt die Erlaubnis, in der Staatsbibliothek
sein in der Reicherrauer Schule gemaltes Evangeliar von Anfang bis Ende umblättern
zu dürfen: es war noch großartiger, als ich- zunächst auf Reproduktionen angewie-
sen - es erwartet hatte.
Die Widmungsminiatur ließ mich nun nicht mehr los. Von ABY WARBURG waren
mir schon früh die Augen für das Bild als Geschichtsdokument geöffnet, auch der Zu-
gang zu seinem Grundproblem >Nachleben der Antike< gebahnt. Ich spürte, daß dieses
Thronbild irgendwie mit dem alten Rom zusammenhing, daß auch Byzantinisches
irgendwie mit im Spiele war, daß die beiden Bildseiten jedoch ins Mittelalter gehörten.
Die durch das Kaiserbild aufgeworfenen Fragen ließen sich nicht ohne weiteres
beantworten. Ich mußte mich in die Geschichte und die Kunst des byzantinischen
Reiches einarbeiten und mich über die karolingische Zeit und die Völkerwanderung
zur Antike zurücktasten; andererseits bedurfte ich einer Vorstellung von der mittel-
alterlichen Religions- und Geistesgeschichte sowie einer Einsicht in den Wandel des
mittelalterlichen Reichsgedankens.
Hatte sich eine Antwort ergeben, so tauchten gleich neue Fragen auf. Auf diese
Weise kam ich von einem Bereich zum nächsten. Ich veröffentlichte die zeitgenössi-
schen Bilder der deutschen Könige und Kaiser; ich studierte die Herrschaftszeichen;
ich verfolgte die Idee der >Renovatio imperii Romanorum< von ihren Anfängen bis
in das hohe Mittelalter; ich mußte mich eingehend mit Karl dem Großen ausein-
andersetzen und sah mich veranlaßt- um das Besondere der deutschen Entwicklung
fassen zu können -, die Geschichte des Königtums in den anderen Ländern (vor-
nehmlich in England, Frankreich und Spanien) zu untersuchen.
Jenes Münchener >Erlebnis<, das in mir so lang fortwirkende Unruhe erzeugte, hat
sich also als sehr produktiv erwiesen. Rückschauend betrachte ich es daher als ein
großes >Glück< - ich muß immer wieder abgenutzte Wörter in Anführungsstriche
setzen, damit sie ihre Würde zurückerhalten. Denn wer als Forscher nicht das Glück
erfährt, von einem noch ungelösten Problem gepackt und dadurch in Unruhe ver-
setzt zu werden, bleibt ein Handwerker, der Material zusammensucht und es dann
geduldig aufarbeitet.

Meine Veröffentlichungen in eine sinngemäße Ordnung zu bringen, machte keine


besondere Mühe, da sie ja von einer Leitfrage beherrscht waren.
Vier Bände werden die Aufsätze umfassen, die die allgemeine Geschichte be-
treffen: I und II: Bis zum Ende der karolingischen Zeit; III: Vom Io.Jahrhundert
bis zum 13. Jahrhundert; IV: Das Reformpapsttum: II./12. Jahrhundert.- Längs-
schnitte- Zusammenfassende Betrachtungen.
Vorwort
9
Vielleicht ist es mir vergönnt, in weiteren Bänden zusammenzufassen, was ich zu
den Bereichen >Herrscherbilder< sowie >Herrschaftszeichen und Staatssymbolik<
veröffentlichte (vermehrt durch Nachträge zu meinen Büchern und durch Aufsätze,
die noch nicht gedruckt sind).
Ich habe meine bisherigen Veröffentlichungen - soweit es mir möglich war - auf
den jetzigen Stand der Forschung gebracht und sie aufeinander abgestimmt (Über-
schneidungen ließen sich nicht in allen Fällen vermeiden). Hinzu fügte ich bisher
ungedruckte Vorträge und Aufzeichnungen, die in den Rahmen paßten, sowie Auf-
sätze, für die ich das Material bereits gesammelt hatte, die niederzuschreiben ich je-
doch erst durch die Herausgabe dieser Bände veranlaßt wurde.
Ich war bemüht, alle Länder Europas einzubeziehen, und habe auch meinen Pro-
blemkreis bis in die beginnende Neuzeit1 hinein verfolgt. In diesen vier Bänden
wird das nicht zum Ausdruck kommen, da ich das späte Mittelalter vornehmlich in
Büchern behandelte.

Das frühe und hohe Mittelalter ist in dieser Sammlung durchweg nur von einer
Seite aus betrachtet. Alles, was ich zu seiner Erforschung beitrug, dreht sich im
wesentlichen um den Problemkreis >Kaiser, Könige und Päpste des Mittelalters<. Ich
habe mich in meinen Vorlesungen zwar bemüht, den anderen Seiten gleichfalls ge-
recht zu werden, auch den Plan hin- und hergewälzt, wie ich am besten eine große
Zusammenfassung gestalten könnte- aber ich habe nur >Beiträge< zu ihr anzubieten,
noch dazu solche, die bloß einen bestimmten Bereich behandeln.
Ich bin mir also des fragmentarischen Charakters meiner Forschungen bewußt
und mache mir den Satz zu eigen, den Leopold (von) Ranke I 8z 5 in ein Vorwort ein-
fügte: »Man bemüht sich, man strebt, am Ende hat man's nicht erreicht« (Werke
33/34 S. VIII)- es handelt sich bei ihm allerdings um sein erstes, eine Reihe von 54
Bänden eröffnendes Buch. Je älter ich werde, nimmt sich daher rückschauend die
Leistung L. RANKES, der in allen Zeiten von der Antike bis in die miterlebte Ge-
schichte zu Hause und mit vielen Ländergeschichten eng vertraut war, immer groß-
artiger aus. Aber den Abstand von ihm teile ich ja mehr oder minder mit allen aus
meiner Generation.
Der Leser lasse sich demnach durch Umfang und Inhalt dieser Sammlung nicht
täuschen: sie ist das Dokument einer Zeit, in der die Kräfte der Gelehrten - gemessen
an den großen Historikern des 19. Jahrhundert s- nur noch zu epigonalen Leistungen
reichen. Meine Generation kann zu ihrer Entlastung das Argument geltend machen,

1 In den Dreißiger Jahren verfolgte ich den nur noch hoffen, daß aus den von mir für Un-
Plan, mit Hilfe meiner Schüler alle Länder des garn, Böhmen und Polen gesammelten Mate-
Abendlandes zu bearbeiten. Aber sie sind ge- rialien einmal Bücher herauswachsen. Aber
fallen oder wurden mittlerweile durch andere selbst dann wird der ja weiter ausgreifende
Aufgaben in Anspruch genommen. Ich darf Plan ein Torso bleiben.
IO Vorwort

daß sie zweimal durch Kriege aus der Bahn geworfen wurde und zwischen ihnen eine
Zeit erlebte, die das wissenschaftliche Arbeiten immer von neuem erschwerte - ganz
zu schweigen von der Zunahme der amtlichen und pädagogischen Verpflichtungen.

Den Anstoß zu dieser Sammlung gab Herr ANTON HrERSEMANN, der den von
seinem Vater aufgebauten und zu großem Ansehen gebrachten Verlag infolge der
Katastrophe nach Stuttgart verlegen mußte, aber es verstand, diesem das alte An-
sehen zurückzugewinnen. Ja, mir scheint, daß >Anton Hiersemann, Stuttgart< dank
der Energie und Sachkunde des Inhabers heute zu einem Begriff geworden ist, den
die wissenschaftliche Welt noch besser kennt als vor 1 94 5.
Ich bin dem Verlag zu Dank verpflichtet, weil er die drei Bände >Herrschafts-
zeichen und Staatssymbolik< und das Buch >Sphaira- Globus- Reichsapfel< druckte.
Die Manuskripte fielen jedesmallänger als angekündigt aus, und bei der Fertigstel-
lung ergaben sich manche Wünsche, vornehmlich solche, die auf eine noch stärkere
Ausstattung mit Bildern abzielten. Herr A. HIERSEMANN, unterstützt durch seinen
langjährigen Verlagsleiter, Herrn Dr. WrLHELM ÜLBRICH, hat das alles-ich darf sagen:
>Ohne mit der Wimper zu zucken< - hingenommen, und so sind die vier Bände genau
in der Form veröffentlicht worden, die ich mir wünschte. Aus der sachlichen Ver-
bundenheit hat sich daher auch eine menschliche ergeben.
Im Zuge unserer - auch nach Abschluß der Drucklegung nicht abgerissenen - Be-
sprechungen überraschte mich Herr A. HrERSEMANN mit dem Vorschlag, er wolle
meine - ja weit verstreuten - Aufsätze gesammelt herausgeben. Ich griff natürlich zu
und habe ihm nun abermals zu danken: wiederum ging der Verlag auf alle meine
Wünsche ein und fand sich auch damit ab, daß die Manuskripte länger auf sich warten
ließen, als wir zunächst veranschlagten.

In dem Anhang, der den Band IV abschließen wird, ist - mit Anführung von
Gründen- klargestellt, welche Aufsätze (bzw. Abschnitte von Aufsätzen) in diese
Sammlung nicht aufgenommen worden sind. Aus meinen Rezensionen und Sammel-
berichten habe ich nur die Besprechungen wiederholt, die sich in den Rahmen dieser
Bände einfügen und als noch nicht überholt angesehen werden dürften.
Bei der Herrichtung dieser Bände tauchten- da ja auch Studien aus meinen früheren
Dozentenjahren aufgenommen sind- vor meinem geistigen Auge die Männer auf, die
als Lehrer, Anreger und Vorbilder auf meinen Lebensweg eingewirkt haben. Für
einige von ihnen habe ich Nachrufe verfaßt; ich drucke sie am Schluß der Reihe
als Zeichen meiner Dankbarkeit ab und würdige dort auch Weggenossen und Freunde,
denen ich verpflichtet bin und bleibe. Dieser Abschnitt soll zugleich deutlich machen,
wie sehr meine Forschungen, die dem einen oder anderen neuartig scheinen könnten,
in der wissenschaftlichen Tradition verankert sind.
Vorwort II

Ich war ferner darauf bedacht, die Druckanordnung und die Zitierweise zu
normalisieren; aber ganz genau ließ sich das nicht durchführen. Die seither er-
schienene Literatur ist nach Möglichkeit angeführt und auch im Text berücksichtigt
worden; aber auch das war nicht im vollen Umfang möglich. Denn das Schrifttum
ist inzwischen so umfangreich geworden, daß kein Gelehrter sich heute auf allen Ge-
bieten den vollen Überblick zu erhalten vermag.

Doch nun genug der Entschuldigungen! Jeder tut, was er kann.


Allen Verlegern, die sich mit dem Wiederabdruck einzelner Aufsätze in dieser
Sammlung einverstanden erklärten, schulde ich Dank für ihr Entgegenkommen.
Das Manuskript dieser und der folgenden Bände richtete für mich wiederum Frau
GRETE GÄRNER Ct 1967) her, die mir durch lange Jahrzehnte ihre Hilfe geliehen hat:
ihrer sei hier noch einmal in Dankbarkeit gedacht. Die Drucklegung überwachte
Herr Dr. REIMAR FucHs (Verlag A. Hiersemann).
Am Lesen der Korrekturen beteiligten sich mein Sohn Prof. Dr. GoTTFRIED
ScHRAMM, mein Assistent Herr LuTz TRIPPLER und Herr Dr. phil. REINHARD
ScHNEIDER (Berlin). Bei der Anfertigung des Registers unterstützte mich Herr
cand. phil. Bono RASCH. Vor allem aber schulde ich Dank Prof. Dr. RErNHARD ELZE,
der mir in manchen Einzelfragen seinen Rat lieh und die Korrekturfahnen nicht nur
kontrollierte, sondern mit wichtigen Hinweisen versah: eine Hilfe, die um so mehr
wiegt, weil der Freund sich mit ihr bereits bei den voraufgehenden Veröffentlichungen
belud.

Göttingen, rr.Januar 1968 PERCY ERNST SCHRAMM


Inhaltsverzeichnis

Ein vorgesetztes Sternchen * bezeichnet bisher ungedruckte sowie noch nicht in deutscher Sprache
bzw. im Ausland veröffentlichte Abschnitte; zwei Sternchen ** deuten an, daß der Text erweitert
bzw. stark umgearbeitet wurde.

EINLEITUNG

* 1. Zur wissenschaftlichen Terminologie: Vorschläge zu einer Bereinigung


der >Zunftsprache< I9

a) Die Aufgabe . . . I9
b) Bedenkliche Begriffe 20
1. >Quelle<; 2. >Einfluß<; 3· >Symbol<

c) Ein empfehlenswerter Begriff: >Zeichen< . 22


d) Weitere Hilfsmittel des Mittelalters, benutzt im Bereich der Staatssymbolik . . . . 24
1. Topoi 24; 2. Formeln und Model 24; 3· Metaphern 24; 4· Politische Schauspiele
25; 5· Devotions-, Lob- und Ehrenwörter 25
e) >Denkmale< der Vergangenheit . . . . . . . . . . . . . . ·. . . . . . . . . 26
f) Vorschläge zur Bezeichnung historischer Vorgänge . . . . . . . . . . . . . . 26
>Renaissance<, >Nachleben< und >Erbe< der Antike, >Renovatio imperii Romani< und
Karls d. Gr. >Correctio<

* z. Das Grundproblem dieser Sammlung: Die >Herrschaftszeichen<, die


>Staatssymbolik< und die >Staatspräsentation< des Mittelalters }0
Einleitung . . . . . . . }0
a) Gesten der Untertanen }2
b) Gesten der Herrscher . }2
c) Dinge, die den Herrscher zu vertreten vermögen J2
d) Bilder der Herrscher . . . . . . . }4
e) Titel . . . . . . . . . . . . . . }!
f) Namen sowie Lob- und Ehrenwörter }7
g) Herrschaftszeichen . . j8
h) Salbung und Krönung 40
i) Krönungseid . . . . . 4I
k) Laudes . . . . . . . 4I
1) Die Grenze zwischen weltlicher und geistlicher Gewalt 42
m) Die Staatspräsentation . . . . . . . . . . . • . . . 43
Inhaltsverzeichnis 13

Schluß . . • • . . . . . . . . . . . . . . . .
Verweise auf die wichtigste Literatur .................... .
Zur Einleitung 46; Abschnitt a-b 47; Abschnitt c 48; Abschnitt d-e 49; Abschnitt f JJ;
Abschnitt g JJ; Abschnitt h J6; Abschnitt i 11; Abschnitt k 11; Abschnitt 1-m J8;
Schluß J8

ABTEILUNG A:

VON DER SPATANTIKE BIS ZUM ENDE DER MEROWINGER (751)

I. Von der Spätantike: einerseits bis zum Ende des Byzantinischen Reiches,
andererseits bis zur fränkischen Zeit (Übersicht über die Buchbesprechun-
gen des Verfassers zu diesem Doppelthema) 6r

a) Das sakrale Herrscherturn . . . . . . . . . . 6I


b) Die östliche Welt. . . . . . . . . . . . . . 62
I. Allgemeines 62; 2. Byzantinische Geschichte 62; 3· Das Lateinische Kaisertum 6J;
4· Die spätbyzantinische Geschichte 6J; 5· Byzanz und seine Nachbarn [a) Die Hun-
nen; b) Der turk-ungarische Raum] 6J; 6. Byzantinische Bildungsgeschichte 63;
7· Spätantike, orientalische und byzantinische Kunstgeschichte 6J; 8. Urkunden der
byzantinischen Kaiser 64
c) Der Okzident . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
I. Die germanischen Stämme und ihr Glauben (besonders: die Angelsachsen) 64;

2. Der neue Glaube und die Kirche 6J; 3· Die Anfänge neuer Ordnung 6J

Anlage: Besprechung von P. H. FEIST >Untersuchungen zur Bedeutung orientalischer


Einflüsse auf die Kunst des frühen Mittelalters< . . . . . . . . . . . . . . . 6J

* z. >Mythos< des Königtums? Eine Einführung in das Problem: Monarchie


in Europa (Vortrag) . . • . . . . . . • . . . . . . . . . . . . . 68

** 3· >Mitherrschaft im Himmel<: Ein Topos des Herrscherkults in christlicher


Einkleidung (vom 4· Jahrhundert an festgehalten bis in das frühe Mittel-
~~ ...... n
a) Karolingische Zeit . Sr
b) Sächsisch-Salische Zeit Sj

4· Gregor d. Gr. und Bonifaz . .


A Papst Gregor der Große (um 54o--6o4) (Beitrag zu einem Sammelwerk) 86
B Der Heilige Bonifaz (672/3-754) (Buchbesprechungen) 90
*C Der Heilige Bonifaz ~s Mensch . . . . . . . • . . 93
a) Die erste Hälfte des Lebens, geborgen im Kloster: Lernen, Lehren, Schreiben . 9J
14 Inhaltsverzeichnis

b) Die zweite Hälfte des Lebens, unbehaust, schutzlos, schließlich ermordet; von
Angsten und Skrupeln gequält, trotzdem: Baumeister der Zukunft . . . . . . . . I 0J
I. Bonifaz der Christ IOJ; 2. Das Recht und der Papst in der Denkwelt des hl. Boni-
faz IIJ
c) Schluß • . . . . . . . . . . . . • • . . . • . . . . . . . . . . . . . . IIS

5. Der >Traktat über romanisch-fränkisches Ämterwesen<. Ein Text des


7· Jahrhunderts, betrachtet im Rahmen frühmittelalterlicher Aufzeichnun-
gen über den >Staat<, und seine Geistesverwandten aus den folgenden
Jahrhunderten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . I2o

a) Ein Rundblick auf die literarischen Genera, die sich Init dem Problem >Staat< befaßten I 2 0
** b) Der >Traktat über romanisch-fränkisches Amterwesen< . . . . . . . . . . . . I 22
c) Verwandte Texte aus dem 8. und 9· Jahrhundert: Paulus Diaconus und Walahfrid
Strabo . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . I27
d) Die ältere und jüngere Liste der römischen Pfalzrichter (9. oder 10. Jahrhundert und
I. Hälfte des I I . Jahrhunderts) . . . IJO
e) Die Kardinalsliste (12. Jahrhundert) I 44

ABTEILUNG B:

DIE ZEIT KARLS DES GROSSEN (751-814)

** I. Das Versprechen Pippins und Karls des Großen für die Römische Kirche
(754 und 774) · . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . I 49

a) Die bisherigen Auffassungen . . I 49


b) Die Promissio im Kaiserordo I . I JJ
c) Vergleich mit einer Eidformel des Winfrid (St. Bonifaz) IJl
d) Wandlungen des Begriffes >Protector< . . . . I62
e) Die Datierung der Promissio im Kaiserordo I I67
f) Die Proinissio Pippins (754) I70
g) Das Ergebnis . . . . . . 174
*Anhang I: Ging Pippin im Jahre 754 eine Schwurfreundschaft nach merowingischer
Artein? (StellungnahmezuWolfgangFritze) . . . . . . . . . . . . . . . . . . I76
Anhang TI: Der Krönungseid: zunächst >proinissio<, dann >iuramentum< (Buchbe-
sprechungen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . I79
Anhang III: Die weitere Verwendung des >Protector<-Begriffes und seiner Verwandten . I 84
a) In Deutschland (bis zum 12. Jahrhundert) . . . . . .
* b) In England und in den Vereinigten Staaten (bis heute).
Inhaltsverzeichnis

2. KARL DER GROSSE (768-8!4) . . . . . . I9J


** A Karl der Große als König (768-8oo) im Lichte der Staatssymbolik I9J

a) Der Regierungsantritt (768)- >Dei gratia<- Übernahme des Gesamtreiches (771) I94
b) König der Langobarden- Unterkönige-Unte rtaneneid . 200
c) Patricius Romanorum und Proteetor s. Romanae ecclesiae 204
d) Pfalz und Münster in Aachen- Steinthron und Davidsname 206
e) Rex imperatoris similis . . . . . . . 2I 2
Anlage: Zu Kar! dem Großen und David. 2I4

** B. Die Anerkennung Karls des Großen als Kaiser (bis 8oo). Ein Kapitel aus
der Geschichte der mittelalterlichen >Staatssymbolik < . . . . . . . . . 2I J

Zur Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2If


a) Die Vorrechte des Kaisers in Rom (bis zum Jahre 8oo) 220
1.Die Datierung nach dem Kaiser 223; z. Das Prägen der Kaisermünzen 22;; 3·
Kaiserbilder in den Kirchen 230; 4· Prozession, Akklamation, Kirchengebet, Laudes
234; 5· Das >Vexillum Romanae urbis< 239; 6. Die Kaisertracht 242
b) Papst und König in ihrer Stellung zum Kaisertum (bis 8oo) 2 46

c) Die Anerkennung Karls als Kaiser . . . . . . . . . . 2f f

** C Karl der Große als Kaiser (8oo-8 14) im Lichte der Staatssymbolik . . . . 264

a) Leos III. und Karls Einstellung zum >nomen imperatoris<. Karls Grundauffassung 264
b) Karls Kaisertitel: sein Sinn und seine Varianten. . . . . . . . . . . . . . . . 268
c) Neue Datierung und Invokation- Kaiserbulle- Legimus- Kaiserdenare-Adl er . 273
d) Kaiser Kar! und seine Untertanen: Neue Vereidigung- Kapitularien und Gesetze 284
e) Der abendländische und der byzantinische Kaisertitel . 290
f) Die Erheb~g des einzigen Sohnes zum Mitkaiser (813) 296
* Anlage: Stellungnahme zu J. DEER >Die Vorrechte des Kaisers in Rom< JOO

** D Karl der Große: Denkart und Grundauffassun gen. Die von ihm bewirkte
>Correctio< (nicht >Renaissance<) }02

a) Kar! ~Is König . JOJ


b) Kar! als Christ . J08
c) Die Bedeutung von Zahl und Winkel für Karls Denkart . JII
Inhaltsverzeichnis

d) Die Rolle des >richtigen< Wortes und des >wahren< Bildes in Karls Denkart. 327
e) Die von Karl bewirkte >Correctio< (nicht >Renaissance<) . . . . . . . . . 336
f) Karl als Gestalt der Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339
Anhang I. >Kar! der Große oder Charlemagne<?: Stellungnahme deutscher Historiker in
der Zeit des Nationalsozialismus (Buchbesprechung) . . . . . . . . . . . . . .
Anhang II. Das Nachleben Karls des Großen in Legende und Liturgie (Buchbespre-
chung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34!
Anhang Ill. Über Bücher zur karolingischen Zeit (Buchbesprechungen) 341
Verzeichnis und Nachweis der Abbildungen 3!7
Tafelanhang (Abbildungen 1-15) . 36I
Register 373
EINLEIT UNG
I

Zur wissenschaftlichen Terminologie:


Vorschläge zu einer Überprüfung der >Zunftsprache< *

a) Die Aufgabe

In der Geschichte der Sprache ringen ständig zwei sich widersprechende Tendenzen
miteinander: Trägheit und neues Greifen.
Neue Wörter und Wendungen werden gefunden, Begriffe werden eingeführt, mit
denen sich besser als bisher fassen läßt, was mit der Sprache >dingfest< zu machen ist.
Sie bürgern sich ein, werden Allerwehsgut und sind über kurz oder lang durch zu
häufigen Gebrauch so abgeschliffen, daß sie nichts Festes mehr bezeichnen: >man<
benutzt sie, ohne sich viel dabei zu denken. Dann kommen Neuerer, die an die
Stelle der abgenutzten Wörter prägnantere setzen, die Begriffe verfeinern und auf
diese Weise die Sprache wieder zu dem machen, was sie sein soll: ein exaktes Greif-
werkzeug. Die Frage ist, wann auch ihre Neuerungen der Trägheit der Sprechenden
und Schreibenden zum Opfer fallen.
Das gilt im besonderen für die wissenschaftliche Fachsprache. Man nehme als Bei-
spiel den von der Romantik aufgebrachten, nicht nur für die Geschichtsforschung,
sondern auch für die Rechts-, Religions- und Literaturgeschichte wichtig gewordenen
Begriff >Volksgeist<, der ein ganz neues Begreifen von meist bereits bekannten Tat-
sachen ermöglichte. Aber er schliff sich ab wie eine Münze, die durch viele Hände
geht; der Positivismus nahm ihn unter die Lupe sachlicher Kritik, und daher war er
bereits vor 1933 in Mißkredit gekommen; heute wird jeder das Wort >Volksgeist<
vermeiden, da schreckliche Folgerungen aus ihm gezogen werden konnten.
Es gibt noch viele andere Wörter und Begriffe, die von den Historikern benutzt wer-
den, weil es nun einmal üblich ist, weil sie zum wissenschaftlichen >Jargon< gehören.
Solcher sprachlicher >Schlendrian< ist jedoch gefährlich für die Forschung; denn
was nützt die Erschließung neuer Gebiete, das Aufwerfen neuer Fragen, wenn nicht
eine Fachsprache benutzt wird, die imstande ist, das Behandelte exakt zu greifen?1

* Ungedruckt. viele Blößen aufdeckte, zu erstatten hatte (ge-


r Dieser Sachverhalt trat in einer mich er- druckt: Treitschke, sein Welt- und Geschichts-
schreckenden Weise vor meine Augen, als ich bild, Göttingen 1952; Göttinger Bausteine zur
das Korreferat zu der von WALTER BussMANN Gesch.wiss. Heft 3-4; 479 S.). Vgl. hier bes.
meiner Fakultät eingereichten Habilitations- S. 153 ff. über: Herkunft und Wandlung des
schrift, die in Treitschkes Begriffsapparat Begriffs >Volksgeist<.

•*
20 Einleitung: I. Zur wissenschaftlichen Terminologie

Ein Historiker, der nicht darauf erpicht ist, seine Sprache zu überwachen und zu
verfeinern, gleicht einem Goldschmied, der mit beschlagener Brille und zu plumpen,
mittlerweile veralteten, womöglich verrosteten Werkzeugen an eine Arbeit geht, die
sich nur unter der Lupe mit eigens ersonnenen Zangen und Pinzetten durchführen
ließe.
Die Gefahr ist deshalb so groß, weil mit den nicht mehr zeitgemäßen Wörtern
und Begriffen Gedankenassoziationen verbunden bleiben, die in die Irre leiten oder -
was ebenso schlimm ist - gar nicht mehr gespürt werden, weil der Benutzer sich
selbst nicht mehr viel bei dem von ihm benutzten Wortschatz denkt. Wie bedenkenlos
werden in der Alltagssprache Begriffe wie >Idee<, >Werden<, >Fortschritt< verwandt,
obwohl an ihnen noch immer etwas von ihrer Geschichte hängt!

In meinen Büchern und Aufsätzen habe ich mich wiederholt gegen den Gebrauch
bestimmter Wörter und Begriffe gewandt, die nach meiner Meinung irreführend sind;
für sie habe ich andere vorgeschlagen, die dem Erfordernis besser entsprechen.
Ferner habe ich gewisse Bezeichnungen von historischen Vorgängen als verfehlt
bezeichnet und angeregt, sie durch andere, genau zutreffende zu ersetzen. Da diese
Ausführungen weit verstreut sind, sei es erlaubt, das Wichtigste aus ihnen hier zu-
sammenzufassen. Auf diese Weise ist dann auch der von mir in dieser Sammlung be-
folgte Sprachbrauch motiviert.

b) Bedenkliche Begriffe
1. In der Fachsprache stoße ich mich seit langem an der Bezeichnung >historische

Quelle<. Er ist so eingebürgert, daß ihr metaphorischer Charakter gar nicht mehr
empfunden wird: man spricht davon, daß es einem Forscher gelungen sei, eine Quelle
in zwei Teile zu >Zerlegen< oder daß sie auf Grund neuer Feststellungen aus dem 9·
in das Io. Jahrhundert zu >verschieben< sei. Ich benutzte statt dessen das nicht bild-
beladene, deshalb leicht zu handhabende Wort >Zeugnis<, was mir die Möglichkeit er-
öffnet, einerseits von >Wortzeugnissen<, andererseits von >Bildzeugnissen< zu spre-
chen. Das führt zu dem Nebengewinn, daß diese bisher vernachlässigte Art von
>Quellen< in unserer Forschung den ihr angemessenen Platz erhält. Auch bietet sich
die Möglichkeit, analog von >Fundzeugnissen<, >Ausgrabungszeugnissen<, >Zeug-
nissen der bildenden Kunst< usw. zu sprechen.
2. Womöglich noch länger stoße ich mich an dem Ausdruck >Einfluß<, der in Che-

mie und Medizin Vorgänge richtig bezeichnet, aber - auf den geistigen Bereich
angewandt - in ihn allzu leicht mechanische Vorstellungen hineinträgt, vor allem die
Tatsache zudeckt, daß es sich bei Entlehnungen ja immer um einen Vorgang handelt,
bei dem der >Beeinfiußte< eine aktive Rolle übernimmt, indem er das eine ablehnt,
das andere aufgreift und dieses dann noch so umgestaltet oder umdenkt, daß es in
Bedenkliche Begriffe 21

seine Welt paßt. Ich ziehe deshalb eine Aufzeichnun g wieder hervor, die ich in den
Jahren des Nationalsozialismus niederschrieb, angetrieben durch die verheerende
Wirkung dieses Ausdrucks in der von der Partei geförderten Literatur (>Einfluß<:
eine irreführende Metapher) und nehme sie in den IV. Band auf. Ich kann mich hier
deshalb mit diesem Verweis begnügen. (Dort auch Vorschläge, wie das Wort >Ein-
fluß< ersetzt werden kann).
3· Ein Wort, das ich sowohl in meinen Arbeiten als auch in denen meiner Schüler
völlig ausgemerzt habe, ist: Symbol2• Denn dieses ursprünglich tiefsinnige, von er-
habenen Geistern mit eigenem Inhalt erfüllte und dadurch zu neuem Leben erweckte
Wort3 ist durch dreisten und leichtfertigen Gebrauch so herabgewürd igt, daß man
heute alles und nichts darunter begreifen kann.
Für zulässig halte ich das mißhandelte Wort >Symbol< nur, wenn es durch ein
Vor-Wort so spezifiziert ist, daß Mißverständn isse nicht möglich sind: wer von
>Rechtssymbolik< spricht, kann voraussetzen, daß Hörer und Leser genau wissen,
was gemeint ist4. Deshalb halte ich auch das Wort >Staatssymbolik< für berechtigt, ja
sogar für geeignet, um einen - an sich sehr bunt zusammengesetzten - Inhalt zu-
sammenzuschließen.
Im folgenden Abschnitt ist dargelegt, was ich unter dieser Bezeichnung zusammen-
gefaßt sehen möchte. Dort ist auch das Erforderliche über den ergänzenden Begriff
>Staatspräsentation< gesagt .

.Bei solchem Sprachbrauch ist eine klare Grenze gezogen gegenüber den Personifi-
kationen einerseits, den allegorischen Deutungen andererseits, die vielfach in den Bereich
der >Symbolik< einbezogen werden, obwohl sie von ganz anderer Art sind.

2 Ich vermerke hier nur das Notwendigste, da Gegenstand identisch« (Weimarer Ausgabe,
in Bd. IV meine Einleitung zu der von mir I. Reihe 49, I S. 14If.).
angeregten Dissertation von BERENT ScHWI- 4 Für die kultisch-magis cheFrühzeitder Rechts-
NEKÖPER: >Der Handschuh im Recht, Ämter- symbolik habe ich empfohlen, von >Ding< (z.
wesen, Brauch und Volksglaube< wieder ab- B. Holzspan) und >Gerät< (z. B. Schwert,
gedruckt werden soll (Berlin I 93 8; Neue Topf) zu sprechen und die Prinzipien zu son-
Deutsche Forschungen, Abt. Mittelalter, Bd. dern, die in ihr wirksam waren: Teil für das
3): >Die Erforschung der mittelalterlichen Ganze (z. B. der Holzspan für die Tür des
Symbole, Wege und Methoden<. Hier habe übergebenen Hauses), Glied für das Ganze
ich mich zum erstenmal gegen die Verwendung (z. B. die Hand bzw. der Handschuh für den
des Symbolbegriffs gewandt und eine Tren- Menschen), Zubehör des Besitzers (z. B.
nungslinie gegenüber Personifikation en und Ring oder Kleider des Besitzers), Abbild für
Allegorese gezogen. den Dargestellten (Münz- und Siegelbild für
3 Vgl. das Goethe-Wort, das ich dem Bd. I der den König, Schandmal für den Verbrecher).
>Herrschaftszeichen< vorausstellte: »Das Sym- Wie sich aus >Ding< und >Gerät< Rechtszeichen
bol ist die Sache, ohne die Sache zu sein, und (s. den folgenden Abschnitt) gebildet haben,
doch die Sache, ein im geistigen Spiegel zu- ist ein anziehendes, meist jedoch schwer er-
sammengezogenes Bild und doch mit dem heilbares Problem.
22 Einleitung: r. Zur wissenschaftlichen Terminologie

Die Personifikationen, den Götterbildern ähnlich, stammen aus der Antike und sind
vom Mittelalter nicht nur übernommen, sondern auch noch durch Neuschöpfungen
von verwandter Art vermehrt worden; das Zeitalter des Barocks bediente sich ihrer
in vielfacher Weise; einzelnen (z. B. der Justitia mit Waage und verbundenen Au-
gen) kann man noch heute begegnen.
Die Allegorese5, zuerst erprobt am Texte des Homer, wurde von den Kirchenvätern
auf die Bibel übertragen, um das Alte und Neue Testament in Einklang zu bringen
und aus dem geoffenbarten Text die verhüllten Geheimnisse, die man in ihm ver-
mutete, hervorzukehren. Die mittelalterliche Kirche hat diese Tradition nicht nur
fortgesetzt, sondern auch ausgebaut; ja, sie war darauf bedacht, in ihren Bauten,
liturgischen Geräten und priesterlichen Gewändern solchen geheimen, aber dem
Kundigen erkennbaren Sinn einzuschließen.
Im mittelalterlichen Herrscherkult haben Personifikationen ihre Rolle gespielt,
und allegorische Deutungen haben in der Staatssymbolik Bedeutung gewonnen.
Aber diese sachliche Verschränkung der Bereiche darf nicht dazu verführen, alles
unter dem schwammig gewordenen Begriff >Symbolik< zusammenzufassen.

c) Ein empfehlenswerter Begriff: >Zeichen<

Von Einspruch und Warnung komme ich zu positiven Vorschlägen:


In den hier vereinigten Aufsätzen wird der Leser nie das abgegriffene Fremdwort
>Insignien< verwandt finden. An seine Stelle ist überall das Wort >Herrschajtszeichen<
gesetzts; denn in ihm kommt deren Funktion sinnfällig zum Ausdruck: sie mach-
ten deutlich, daß der ein Kaiser, der ein König, der ein Herzog, Fürst oder Graf war.
Handelt es sich um den Richter, den Boten, den Frohnvogt usw., ergibt sich die
Bezeichnung >Amtszeichen<. Ist der Träger nicht genau zu definieren, benütze man
das- wohl von A. HAUCK aufgebrachte- Wort: >Würdezeichen<; es hat vor allem in
der V orgeschichte7 seinen Platz, in der sich oft nicht entscheiden läßt, ob das Fund-
stück für einen Mann oder eine Frau, für einen Hochstehenden oder den Höchst-
stehenden angefertigt wurde. Was mit Standes- und Rangzeichen gemeint ist, braucht
nicht erläutert zu werden. Bei den Rechtszeichen (z. B. dem Handschuh und dem
Schwert des Scharfrichters) ist zu vermerken, daß die Grenze zwischen Amts- und
Rechtszeichen sich nicht scharf ziehen läßts.

5 V gl. dazu in Bd. IV: Die Rolle der Allegorese definierte 1941 H. ZErss) vgl. J. WERNER, Das
im Ma. und ihre geistesgeschichtliche Funk- Aufkommen von Bild und Schrift in Nord-
tion (1933; bisher ungedruckt). europa, München 1966 (Sitzungsberichte der
6 So bereits in der eben vermerkten Einleitung, Bayer. Akad. der Wiss., Phil.-Hist. Kl. 1966
die auch zu dem Folgenden heranzuziehen ist. Heft4).
7 Über >Heilszeichen< und >Heilsbild< in vor- 8 Vgl. dazu oben Anm. 2.
geschichtlicher Zeit (diesen Begriff prägte und
>Zeichen< z;
Daß das Wort >Zeichen< für unsere Zwecke geeignet ist, weil es das Wesentliche
hervorhebt, werden die folgenden Aufsätze beweisen. Hier ist zu vermerken, daß die
>Herrschaftszeichen< durch ihr Grundwort in den weiten Bereich eingegliedert sind,
in dem sie gesehen werden müssen. Denn das Mittelalter ist ja allgemein durch das
Bestreben gekennzeichnet, das Unsichtbare sichtbar zu machen; andererseits war es
darauf bedacht, das Sicht- und Greifbare so zu gestalten, daß ein tieferer Sinn hinein-
gelegt werden konnte. Man dürfte daher das Mittelalter geradezu das >Zeitalter der
Zeichen< nennen und als ein Symptom für dessen Ende ansehen, daß die Zeichen ihre
Bedeutung verlieren.
Nicht zu wiederholen brauche ich hier, was in den drei Bänden der >Herrschafts-
zeichen< an sonstigen >Zeichen< in die Betrachtung einbezogen wurde. Nur die
Nomenclatur, die sich ergab, ist hier anzuführen:

Abzeichen (Besitz-, Urheber-, Pilger-, Waren-, Schandzeichen)9,


Sinnzeichen (Cognizances, lmpresen, Emblemata, Signete)1°.

In meinem Buch über den Reichsapfel ergab sich zu >Sinnzeichen< der korrespon-
dierende Begriff >Sinnbild<11• Dort werden ferner Handels-, Wahr- und Kennzeichen be-
handelt12.
Das Wort >Zeichen< mit seinen vielen- hier noch gar nicht vollständig aufgezähl-
ten-Abwandlungsmöglichkeite n gleicht also einem Werkzeug, dessen Wirksamkeit
durch das Einschrauben von Zusatzteilen sich so abändern läßt, daß jeweils der ge-
~ünschte Effekt erzielt werden kann; mit dem richtigen Vor-Wort versehen, wird
sich >Zeichen< als ein allgemein nützliches Sprachwerkzeug von analoger Greif-
fähigkeit erweisen.
Noch viel ist zu tun, um die Einzelheiten zu klären; noch schwerer wird es sein,
die Ergebnisse zusammenzufassen. Das Endziel muß ein Buch sein über die >Zeichen-
sprache des Mittelalters<; aber es wird umfangreich ausfallen, da es so ziemlich alle
Bereiche des Lebens einzuschließen haben wird.

Im Rahmen dieser Aufsatzsammlung ist von Wichtigkeit die - in ihr wiederholt


zur Sprache kommende, dem uralten Prinzip: parspro toto entsprechende- Anführung
einzelner Herrschaftszeichen für das ganze, vom Träger desselben beherrschte
Land. Das gilt in besonderem Maße für corona, aber auch für sceptrum (bzw. sceptra).
In Deutschland ist auch thronus in diesem Sinne verw:wdt worden; ob dieses Vorbild
nachgeahmt wurde, bleibt noch zu klären; die Formel: der >Heilige Stuhl< hat eine
eigene, weit zurückreichende Geschichte.

9 Herrschaftszeichen III S. 977 ff. II Sphaira-Globus-Reichsapfel S. 163ff.


IO Ebd. s. 974ff. 12 Ebd. s. I]2ff.
Einleitung: r. Zur wissenschaftlichen Terminologie

d) Weitere Hilfsmittel des Mittelalters, benutzt im Bereich der Staatssymbolik

Welche >Hilfsmittel< wurden dem Mittelalter sonst noch von Sprache und Kunst ange-
boten, um das Problem >Staat< zu fassen?
1. Topoi. ERNST RoBERT CuRnus hat in seinem Buch >Europäische Literatur und
lateinisches 1-littelalter< (Bern 1948, inzwischen neuaufgelegt) gezeigt, welche große
Rolle das Tradieren fester Topoi im literarischen Bereich gehabt hat: vieles, was
individuell wirkt, erweist sich - wenn ein Kenner sich der Materie annimmt - als
altes, kaum varüertes Überlieferungsgut.
Da wir es im politischen Bereich gleichfalls mit vielen Topoi zu tun haben, ist
zu wünschen, daß deren Geschichte geklärt wird, damit sich das Überkommene, das
Abgewandel te und das tatsächlich Neue schärfer voneinander sondern lassen13•
2. Wir brauchen zusätzlich noch die Bezeichnung en: >Formeln< und >Model<.

In der Einleitung zu meinem Buch über die >Herrschaftszeichen< habe ich aus-
geführt14: »Wie die Literatur ihre Topoi, so tradiert die bildende Kunst ihre Sche-
mata, die irgendeinmal erfunden worden sind und nun weitergereicht werden, weil
sie überzeugend wirken. Mag ein Haus, ein Turm, eine Brücke so oder so aussehen,
es genügt für den Betrachter, wenn das Bild sie chiffrenmäßig als >Haus< usw. wieder-
gibt. Mag ein König jagen, sich beraten, tafeln, schlafen - er trägt eine Krone, da er
>König< ist.« Man muß also die traditionellen Bildschemata kennen, wenn man Bilder
als Zeugnisse auswerten will. Ich regte deshalb an, einerseits die Ausdrücke >Devo-
tions-< und >Mqjestätsformeln< zu verwenden, andererseits von >Bi!dmodeln< zu sprechen,
wenn es sich um feste Formeln handelt, »die- ohne Rücksicht darauf, ob sie der
Wirklichkeit entsprachen - weitergegeben werden, weil sie dem Inhalt nach noch
immer als passend empfunden v;rurden15«.
;. Eine eigene Art von >Greifwerkzeugen< bilden die Metaphern16 • Ich verweise hier
auf den- im nächsten Abschnitt erörterten- Vergleich des >Staates< mit dem Schiff,

13 Einen Beitrag zu diesem Forschungsbereich sen, daß auch der moderne Historiker sich
imAufsatz(unte n S. 79ff.), derdieAuswirk ung immer wieder prüfen sollte, ob die von ihm
einer paulinischen Wendung (Tim. 2, 12) verwandten Metaphern der Sacheangemessen
verfolgt: >Mitherrschaft im Himmel<, ein sind.
Topos des Herrscherkults in christlicher Ein- Nur ein Beispiel sei angeführt: Ich stoße
kleidung (vom 4· Jahrhundert an festgehal- mich immer wieder daran, wenn Gelehrten,
ten bis in das frühe Mittelalter). die eine neue These vorbringen, eine >mutige<
14 Bd. I, Stuttgart 1954, S. 15 ff. Haltung nachgerühmt und ihre Auseinander-
15 Ebd., S. 18. Ich schließe mich hier an A:IJY setzung mit anderen Auffassungen als ein
WARBURG an, der die Rückgriffe der Renais- >Kampf< dargestellt wird. Nach zwei Kriegen
sance auf die antiken Darstellungen gestei- wissen wir, wie es mit dem Mut jener, die an
gerter Effekte studierte und in diesem Zu- der Front eingesetzt waren, beschaffen ist,
sammenhang den Ausdruck >Pathosformel< kennen wir die Natur des Kampfes; wir
prägte. haben auch erfahren, wieviel Mut von den
16 Nur anmerkungsweise sei darauf hingewie- Männem und Frauen des Widerstandes -
Topoi, Model, Metaphern usw.

des Herrschers mit dem Steuermann, den laut Wipo Kaiser Konrad II. gezogen hat.
Für den >Staat< ist diese Metapher nicht festgehalten worden; dagegen wurde sie für
die Kirche vielfach benutzt. Es wäre eine lohnende Aufgabe, die Rolle der Metapher
im Mittelalter nicht nur im staatlichen Bereich, sondern ganz allgemein zu unter-
suchen. Dem zu erhoffenden Buche über die >Zeichensprache des Mittelalters< mit
der Grundformel >Zeichen für ... <, müßte ein zweites Werk über die Vergleiche
des Mittelalters gegenübergestellt werden, dessen Grundformel zu lauten hätte:
>Gleich oder ähnlich wie ... <.
4· Der im geschriebenen Text verwandten Metapher entspricht im Geschehen das
mit Augen und Ohren wahrzunehmende >politische Schauspiel<.
Im folgenden Abschnitt wird zu vermerken und später gerrauer auszuführen sein,
wie im Jahre 936 bei der Krönung Ottos I. zum König in Aachen die Herzöge agier-
ten, >als wenn< sie Hofbeamte eines senior seien, also den Verstehenden sinnfällig
>vorspielten<, daß der königliche Hof- nur in den Maßen viel größer - der curia
eines großen Herrn, eines dominus, entspreche. Man könnte daher auch - an die
Terminologie der Bibelallegorese anknüpfend - von einer >anagogischen Manifesta-
tion< sprechen.
Es gibt noch mehr Akte dieser Art17 ; aber vom hohen Mittelalter an verlieren sie
ihre hintergründige Art: sie werden zur reinen >Staatspräsentation<. Was dieser be-
reits angeführte Terminus bezeichnen will, wird der folgende Abschnitt klären;
Material zur Geschichte der >Staatspräsentation< wird ein späterer Band bringen.
'5· In bezug auf >Devotionswiirter<16 , >Lobwb'rter<19 und >Ehrenwörter< kann ich mich
hier gleichfalls kurz fassen, da im folgenden Abschnitt geklärt wird, was mit diesen
Bezeichnungen gemeint sein soll2 o. Es genügt daher, sie hier unter den Begriffen
aufzuzählen, deren Gebrauch sich empfiehlt; nur ist zu vermerken, daß neben solchen
>Devotionswörtern< wie munus divinum die mit Dei gratia zusammenhängenden, viel-
fach abgewandelten Wendungen so oft und stereotyp gebraucht worden sind, daß
man ein Recht hat, von >Devotionsformeln< zu sprechen.

insofern hinter den Opfern der Inquisition teidigung der eigenen Anschauungen zu
nicht zurückstehend - aufgebracht worden rühmen, spreche man von >Auseinander-
ist, und wollen deshalb solche Bewährungen setzungen<, vom >geistigen Ringen< mit den
nicht dadurch verkleinert sehen, daß wissen- Gegnern, aber nicht von >Kampf<.
schaftliche Fehden mit ihnen in Parallele 17 Vgl. P. E. S., Sphaira-Globus-Reichsapfel,
gestellt werden. Wenn Denker und Dichter Stuttgart 1958 S. 68ff., wo auf verwandte
wie Giordano Bruno ihr Leben aufs Spiel >mystagogische< Schauspiele der Byzantiner
gesetzt haben, gebührt ihnen selbstverständ- hingewiesen wird.
lich das Attribut >mutig<; wo höchstens die I 8 V gl. auch Band II über >munus<.
wissenschaftliche Geltung auf dem Spiele I 9 V gl. Band II über: decus imperii, Band III
steht, begnüge man sich, die Kühnheit der über: spes imperii.
neuen Gedanken, die Unerschrockenheit des zo Die karolingischen Ehrenwörter zähle ich
Vergehens, die Beharrlichkeit bei der Ver- auf in Band II (Titel der Karolinger).
Einleitung: r. Zur wissenschaftlichen Terminologie

Nach Würdigung des gesprochenen oder geschriebenen Wortes lenken wir das
Augenmer k des Lesers zurück zum Bereich der Kunst, der bereits kurz zur Sprache
gekommen ist. Hier handelt es sich jetzt darum, das Wort >Denkmal< wieder in un-
serer Sprache heimisch zu machen.

e) >Denkmale< der Vergangenheit


Die Humaniste n nannten das, was sich aus der Vergangenheit erhalten hatte, antiqui-
tates, und daher trägt auch noch eine Abteilung der >Monumenta Germaniae Histo-
rica< diesen Namen. Er war so unbestimm t, daß in dieser- gelegentlich einmal als
>Rumpelkammer< bezeichne ten- Sektion das untergebra cht wurde, was sich nicht
in die übrigen Abteilunge n einfügte.
Dieser Sprachbrauch ist bis heute unbefriedigend geblieben. In ERNST BERNHEIMS
>Lehrbuch der historischen Methode<, dessen Inhalt sich in meiner Jugend jeder
Student der Geschichte einverleiben mußte, gab es neben den >Quellen< und den
>Darstellungen< noch eine dritte Gruppe: die >Überreste<. In ihnen war vom Thron
bis zu frühgeschichtlichen Pflügen und Töpfen alles vereinigt, was dem >Zahn der
Zeit< nicht zum Opfer gefallen war. Mit dieser Bezeichnung ließ sich in dem Bereich,
der mich anzog, selbstverständlich nicht arbeiten.
Ich machte mich auf die Suche nach einem treffenden Wort für alle die Dinge, die
einmal zum Herrscher gehört oder sonstwie zu ihm in Beziehung gestanden haben,
und stieß dabei auf das seit einigen Generation en in Vergessenheit geratene, aber
durch eine ansehnliche Geschichte ausgezeichnete Wort: >Denkmal<21• An Beispielen
aus dem alten Sprachbrauch ließ sich zeigen, daß es bei ihm weder auf Form noch auf
Größe oder Wert ankommt, sondern nur darauf, daß ein solches >Denk-Mal< an den
einstigen Besitzer und die Welt, in der er lebte, denken läßt. Einem Buch, das alle
Dinge, die mit den einst in Deutschlan d Regierenden zusammenhängen, in Abbil-
dungen vorführt- über zoo Herrschaftszeichen, Manuskripte, Elfenbeinschnitzereien,
Gewänder usw. aus sehr verschiedenen Werkstoffen und von unterschiedlicher Qua-
lität-, gab ich daher den Titel: >Die Denkmale der deutschen Könige und Kaiser<22
und hoffe nun, daß das gute, alte Wort sich von neuem durchsetzt.

f) Vorschläge zur Bezeichnung historischer Vorgänge


Das Musterbeispiel für eine- den Zeitgenossen noch nicht geläufige, von einem hell-
sichtigen Forscher gefundene und dann allgemein angenommene - Benennung einer

21 Sie sind zu scheiden von den >Denkmälern< hat. Mit ihnen haben wir es hier nicht zu tun.
(monumenta}, die in der Antike errichtet und 22 Herausgegeben mitFLORENTINEMÜTHERICH,
vom 14. Jahrhundert an so zur Mode wurden, München 1963.
daß heute fast jedes Dorf sein >Denkmal<
>Denkmale< - >Renaissance<

Zeit, die ihren Sinn trifft, ist der >Name<: Renaissance, der zwar schon vorgeformt
war, als }ACOB BuRCKHARDT ihn sich zu eigen machte (daher das französische statt
des italienischen Wortes), aber erst durch ihn zu einem festen historischen Begriff
geworden ist.
Aber die fortschreitende Forschung hat den glücklich geprägten Eigennamen:
>Renaissance< wieder verwässert. Man sprach von Früh- oder Protorenaissance.
CH. H. HASKINS brachte den Ausdruck >Renaissance of the XII. Century< in Umlauf,
und man gewöhnte sich daran, auch von einer >karolingischen Renaissance< zu
sprechen, sah womöglich bereits in den - um 5oo wirksamen - Bestrebungen, für die
klassische Literatur die reine Form zurückzugewinnen, eine Frühform der >Renais-
sance<. So gesehen, nahm sich die Geschichte von der Antike zur Neuzeit schließlich
aus wie eine Folge von Renaissancen, deren Auswirkung von Mal zu Mal stärker
wurde, so daß es deshalb an der Schwelle unseres Zeitalters zu dem von JACOB
BuRCKHARDT >Renaissance< benannten Vorgang kam, der zu vollem Siege gelangen
konnte.
Ein solcher Aspekt, der der mittelalterlichen Geschichte eine gar nicht bestehende
Zielstrebigkeit oktroyierte, war nur möglich, wenn man sich gefangen nehmen ließ
durch die Begriffe >Nachleben der Antike< und >Erbe der Antike<. Daß es sich in beiden
Fällen um schiefe Formulierungen handelt, die den tatsächlichen Sachverhalt nicht
zu fassen vermögen, wird in Band IV dargelegt23 • Dort ist auch- ausgehend vom
Problemkreis >Sphaira-Globus-Reichsapfel< und anknüpfend an den Dialog des
Nicolaus Cusanus über den >Iudus globi< - das Wort >Spiel< herangezogen, um das
Verhalten des Mittelalters gegenüber dem, was es von der Antike übernahm, zu
kennzeichnen: mit Verständnis sich einfühlend, eigenwillig das Entlehnte fortbil-
dend, oftmals dieses geradezu mißverstehend oder willkürlich, doch an >Spielregeln<
gebunden.

In die offenkundige Begriffsverwirrung, die durch die übermäßige Dehnung des


>Renaissance<-Begriffs entstanden ist, habe ich versucht, wieder Übersichtlichkeit
hineinzubringen, indem ich zwei Ausdrücke wieder hervorzog, die dem Sprachbrauch
des Mittelalters entsprechen: >Renovatio< und >Correctio<.
Über >Renovatio< ist nicht viel zu sagen, da das von Karl dem Großen auf seine
Bulle gesetzte, in gleicher Art von Otto III. benutzte und auch in der Folgezeit noch
begegnende Wort nach dem Erscheinen meines Buches: >Kaiser, Rom und Reno-
vatio< (1929) bereits zu einer festen Vokabel der Wissenschaft geworden ist.
Unter >Renovatio< wurde verstanden und ist demnach zu verstehen das Bemühen,
einen früheren politischen Zustand wiederherzustellen. In Abteilung 2 D ist gezeigt,

23 Ich wiederhole dort meine Zusammenfas- zeichen< und über den >Reichsapfel<.
sungen zu den Bänden über die >Herrschafts-
28 Einleitun g: r. Zur wissenschaftlichen Terminol ogie

daß Karl bei der Annahm e der auf seine Bulle gesetzten Inschrif t: »Renovatio
imp( erii)
Rom(anorum)« die Zeit Konstantins des Großen ins Auge gefaßt hatte. Otto III.
dach-
te, als er diese Worte auf seine Bulle setzen ließ, sowohl an Karl, den ersten >renovator
<,
als auch an die versunk ene römische Kaiserherrlichkeit. In der Folgezeit
hat der
Inhalt der Renovatio-Vorstellung, deren letzter Vertrete r Cola di Rienzo
(t 1354)
gewesen ist, sich verände rt; aber allen, die sie sich zu eigen machten, blieb gemeins
am,
daß sie eine versunk ene Zeit erneuern wollten. >Renovatio< läuft also in jedem
Falle
auf eine Willensentscheidung gegenüb er der Vergangenheit hinaus.
Mit >Renovatio< ist jedoch nicht erfaßt, was unter Karl dem Großen im geistige
n
Bereich vor sich ging. Für die karolingische Zeit habe ich -an den Sprachb
rauch
Karls und seiner Umgebu ng anknüp fend- den Ausdruc k >correctio < vorgesch
lagen.
Denn dem großen Franken kam es im Geistigen nicht darauf an, die Antike
zu >er-
neuern<. In bestimm ten Fällen, in denen sie ihn zu heidnisch dünkte, lehnte
er sie
sogar scharf ab. Sein Problem war dies: Als er zu regieren anfing, fand er die
Schrift,
die Sprache, den Unterricht, die Liturgie , das Rechtswissen verwildert und
persön-
licher Willkür ausgeliefert vor; als er im Jahre 814 starb, war alles wohlgeo rdnet
und
gegen Entstell ung durch Unwissenheit und Sorglosigkeit abgesichert. Als
Lehr-
meister nahm er Paulus Diaconu s, den Langoba rden, Theodul f von Orleans,
den
Westgoten, Alcuin, den Angelsachsen, und Dungal, den Iren, weil sie ihm
Verläß-
liches, offenbar >Richtiges< zu vermitte ln hatten. Wäre Karl schon der- vom
hohen
1Y1ittelalter so intensiv benutzt e- Zugang zum Wissen der Moslime geöffnet
gewesen,
er hätte zweifellos auch ihn ausgenutzt.
Da Karls Bestreben, das kulturelle Niveau zu heben, nicht historisch ausgerichtet
war,
verbiete n sich dafür also alle Wörter, die mit re-begin nen. Im Unterricht,
bei der
Festlegu ng verläßlicher Texte, blickte Karl nicht zurück, er schaute vielmehr
um sich,
und jeder war ihm recht, der ihm zu helfen imstande war bei der in Schrift,
Text-
gestaltu ng und Unterric ht eingerissenen Verwilderung. In diesem Bereiche
wollte er
also nicht >erneuern<, sondern >Verbessern<: Das Wort >corrigere< ist im Zusamm
enhang
mit den zeitgenössischen Zeugnissen über seine Wirksamkeit belegt.
Deshalb spreche ich, wo es sich um politische Ziele handelt, von >Renovatio<
und
in bezug auf das, was sich im kulturellen Bereich auf Drängen Karls vollzog,
von
>Correctio<. Es wäre mir eine Genugtu ung, wenn dieser Begriff sich ebenso
durch-
setzte wie >Renovatio<. Denn dann verfügte n wir über zwei verschwisterte, aber
doch
voneina nder abgehob ene Bezeichnungen, die zugleich >Namen< sind, als solche
ge-
schützt gegen Begriffsverwirrung und -entstellung.
Denn ob Bezeichnungen richtig, d. h. nicht auswechselbar sind so wie ein Name,
der
einem Menschen einmal gegeben ist, zeigt sich daran, daß sie wie Namen >festsitze
n<.
Dringen meine V arschläge durch, ist damit angebah nt, daß die verwässerte
Be-
zeichnung >Renaissance< wieder den Charakter eines Namens im Sinne von
JACOB
BuRCKHARDT zurückerhält.
>Renovatio< - >Correctio<

Ich beschränke mich hier, wo es um adäquate Begriffe für die historische Wirk-
lichkeit, um >Namen< geht, auf das Mittelalter. Würde ich mich auch noch auf die
Neuzeit einlassen, so wäre so viel zu sagen, daß das den Rahmen sprengen würde.
Ich habe in einer öffentlichen Rede24 den heutigen Zustand auf die Formel gebracht:
Die Weltgeschichte ist uns davongelaufen, und wir bemühen uns, sie mit einem unzu-
länglichen, weil noch nicht ausreichend modernisierten Begriffsapparat wieder ein-
zufangen. Das gleiche Anliegen hat die Soziologie; aber ihr Hang zum Systema-
tisieren gefährdet ihre Fähigkeit, die Wirklichkeit mit adäquaten >Begriffswerkzeugen<
einzufangen. Sie und die Historiker müssen sich gemeinsam bemühen.

Dankbar bekenne ich mich am Schluß dieser Ausführungen zu den Anregungen, die ich in bezug
auf die Aussagekraft von Bildern von meinem Lehrer ABY WARBURG (r866-1929) empfing, sowie zu
dem Austausch der Gedanken mit dem uns vor der Zeit entrissenen HEINRICH MrTTEIS (r889-1952)
und meinem glücklicherweise noch zu den Lebenden gehörenden Altersgenossen ANDREAS ALFÖLDI.
In das Leben von HEINRICH MrTTEIS konnte ich zweimal eingreifen: Ich alarmierte nach seiner
Absetzung als Professor in Wien - ohne Erfolg - reichsdeutsche Stellen, und ich erstattete, als seine
Berufung nach Rostock zur Erörterung stand, dem Dekan der juristischen Fakultät (es war der
spätere Präsident der EWG Prof. DR. HALLSTEIN) ein Gutachten (wohl das einzige, zu dem ich in
den Jahren I 93 3-4 5 aufgefordert wurde), mit dem er- gegen den Willen der Parteiinstanzen- dessen
Ernennung zum Rostocker Professor durchsetzte.
ANDREAS ALFÖLDI räumte mir, als mich während des Krieges ein militärischer Auftrag nach Buda-
pest führte, die Benutzung seiner Bibliothek ein. Zu seiner internationalen Geltung konnte ich bei-
tragen, indem ich ihn der Göttinger Akademie der Wissenschaften als korrespondierendes Mitglied
vorschlug. Meine persönliche Verbundenheit dokumentierte ich, indem ich ihm und GEORG ÜSTRO-
GORSKY, einem Freund vom Beginn meiner Lehrtätigkeit an, mein Buch über >Sphaira-Globus-
Reichsapfel< widmete.
Was HEINRICH MrTTEIS uns als Verpflichtung auferlegte, sehe ich darin: das Mittelalter muß mit
Begriffen erfaßt werden, die ihm angemessen sind, nicht jedoch mit solchen, die erst von der moder-
nen Welt geprägt worden sind und- auf das Mittelalter bezogen- dieses vergewaltigen, indem es,
seine Eigenart verfälschend, modernisiert wird.
Die bleibende Bedeutung ANnREASALFÖLDIS liegt in meinenAugen darin, daß er- Wort- und
Bildzeugnisse souverän kombinierend - uns ein so deutliches Bild der Antike sowie der Spätantike
gezeichnet hat, daß wir jetzt festzustellen vermögen: Das wirkte im Mittelalter ungebrochen nach,
dies wurde von ihm umgestaltet, umgedacht.

2.4 Auszüge in der Deutschen Universitäts- derGeorgiaAugusta r Nr.4, Juni 1956 S. 3-5.
zeitung II Nr. II, 1926 S. 6-8 und in: Prisma
2

Das Grundproblem dieser Sammlung:


Die >Herrschaftszeichen<, die >Staatssymbolik< und
die >Staatspräsentation< des Mittelalters*
(Vgl. die Literaturangaben am Schluß des Abschnitts)

Einleitung
Ich bahne mir den Weg zu dem, was unter >Staatssymbolik< verstanden werden soll,
mit Hilfe einer Geschichte, die Wipo, der Biograph des Kaisers Konrad TI., berichtet:
Als im Jahre 1024 Heinrich TI. gestorben war, hatten sich die Einwohner von
Pavia der Pfalz bemächtigt, die der Kaiser in ihrer Stadt besaß, und sie zerstört. Als
Konrad, sein erst nach einigen Monaten gewählter und gekrönter Nachfolger, auf
seinem Zug nach Rom dies tadelte, entgegneten ihm die Pavesen, sie hätten doch
niemandes Recht verletzt, da es in der Zeit ihres gewaltsamen V orgehens gar keinen
Herrscher gegeben habe. Darauf entgegnete Konrad: »Wenn der Steuermann ausfällt,
bleibt das Schiff.«
Warum sagte der König nicht: »Nach dem Tode meines Vorgängers blieb der
Staat«? Er konnte das nicht, weil ihm dieses Wort noch nicht zur Verfügung stand.
Denn das lateinische Wortstatus =Zustand, das herhalten mußte, um die >Stände<
des Mittelalters zu benennen, hat erst schrittweise die Bedeutung >Staat< angenom-
men, die uns vertraut ist. Noch im 14. Jahrhundert schillert die Bedeutung des
Wortes status gemäß seiner Geschichte zwischen Zustand- Stand- Staat, und zwar gilt
dies in gleicher Weise für das italienische stato, für das kastilische estado, das franzö-
sische etat, das englische state und für das deutsche Staat.
Konrad II. konnte also nicht sagen: »Es blieb der Staat (romanisch: status).« Er
hätte von dominium sprechen oder - an den klassischen Sprachbrauch anknüpfend -
sagen können: »Es blieb die respublica«. Aber das wäre eine Ausdrucksweise, die zu
gelehrt gewesen wäre - dieses Wortes bediente sich in der voraufgehenden Generation

* Vortrag, gehalten in Rom, Dez. 1963. Die von Storia del diritto, ed. B. PARADISI, Florenz 1966
mir vorgetragene italienische Fassung unter S. 247-67. Die deutsche, noch nicht gedruckte
dem Titel: >Il simbolismo dello Stato nella Fassung, der ich die Vortragsform beließ,
storia del medievo<, ist gedruckt in: La storia wurde überarbeitet und ergänzt. Die am Schluß
del diritto nel quadro delle sdenze storiche: Atti zusammengefaßten Nachweise sind stark er-
del I congresso internaz. della Soc. ltal. di weitert worden.
Einleitung

z. B. Gerbert, der spätere Papst Silvester II. Außerdem hing respublica am antiken
Imperium Romanum, besaß also nicht jenen rationalen, abstrakten Charakter, der im
Laufe der Geschichte in langer Denkarbeit dem Worte status zuteil geworden ist.
Insofern hatte die Kirche von Anfang an einen Vorsprung vor dem weltlichen Be-
reich. Denn ecclesia konnte die einzelne Kirche sowie die Gesamtkirche bezeichnen,
konnte ganz konkret, aber auch abstrakt benutzt werden.
Konrad II. hat aus dem Dilemma, daß er etwas ausdrücken wollte, wofür das
schlüssige Wort noch nicht gefunden war, einen- so möchte man sagen- >eleganten<
Ausweg gefunden, indem er einen Vergleich, eine Metapher benutzte. Für das feh-
lende Wort >Staat< setzte er das Bild >Schiff<, wodurch sich die Gleichung: Herrscher
= Steuermann ergab. Der Vergleich der Kirche mit dem Schiff ist im Mittelalter oft
gezogen worden, wodurch sich dann der Vergleich Christi mit dem ergab, der das
Steuer führt oder die Segel spannt; aber nach Belegen für die Verwendung der
Metapher >Schiff< für den >Staat< habe ich mich vergeblich umgeschaut. Führte ein
EU1fall Konrad dazu, daß er sie benutzte? Hat sein Biograph Wipo, dem wir die
Nachricht verdanken, die Antwort des Königs in dieser prägnanten Weise zuge-
spitzt? Wir vermögen das nicht zu entscheiden, sondern müssen uns mit der Fest-
stellung begnügen, daß dieser Ausweg in den Vergleich dem Geist der Zeit entsprach.
Ich weise dafür auf das Mahl hin, das 936 nach der Krönung Ottos I. in der Aache-
ner Pfalz abgehalten wurde und von da an ein wichtiger Teil des deutschen Krö-
mmgszeremoniells blieb. Es handelte sich nämlich nicht einfach um ein >Staats-
bankett<, das nach kirchlichen und weltlichen Rechtsakten den Tag ausklingen ließ,
sondern diente dazu, in einem >politischen Schauspiel<- so dürfen wir diesen Teil
der Krönungshandlung bezeichnen - den Anwesenden deutlich zu machen, wie die
Herzöge zu ihrem Herrscher standen. Jeder übernahm für diesen Abend ehrenhalber
die Rolle eines Hofbeamten: der eine diente als Truchseß, der zweite als Mund-
schenk, der dritte als Marschall, der vierte als Kämmerer. Man gewahrte also, was an
der Curia großer Herren regelmäßig zu sehen war, wenn sie zur Tafel saßen: sie
ließen sich von ihren Hofbeamten bedienen, die sich das zur Ehre anrechneten und
trachteten, ihr Amt auf ihre Söhne zu vererben. Diese Hofbeamten übernahmen
solche Dienste, die am Alltag gewöhnliche Diener vollzogen haben werden, gern,
weil dadurch zum Ausdruck kam, wie sehr sie in der Gunst ihres dominus standen
und wie nötig sie waren, damit die curia - modern gesprochen - funktionierte.
Als bei Ottos Mahl die deutschen Herzöge agierten, als wenn sie Hofbeamte seien,
als sie den König bedienten, als wenn er nicht nur ihr Lehnsherr, sondern ihr dominus
sei, wurde also den Anwesenden vor Augen geführt, wie die Struktur des >Staates<,
in dem sie gleich hinter dem Herrscher rangierten, zu denken sei, nämlich so wie die
Struktur einer curia mit Hofbeamten.
Konrad hatte für das fehlende Wort >Staat< die Metapher >Schiff< benutzt; dem
Krönungsmahllag die Gleichung: Staat = Curia zugrunde. Doch fiel dieses Wort
Einleitung: z. Herrschaftszeichen, Staatssymbolik, -präsentation

nicht, da es ja nicht fallen konnte: es wurde vielmehr in jener Aachener Szene, die
wir also zu Recht ein >politisches Schauspiel< nannten und für die noch manche
weitere Parallele in dieser Zeit sich anführen ließe, >agiert<, >vorgespielt<.

Damit haben wir uns einen Zugang zu dem Bereich gebahnt, den ich als den der
Staatssymbolik bezeichnete. Über ihn liegen bereits viele Studien vor, aber es ist er-
forderlich, daß sie vervollständi gt und in Zusammenha ng gebracht werden. Denn
sehr vieles gehört zusammen, was heute noch disparat nebeneinander traktiert wird.
Ich zähle einiges auf und knüpfe daran jeweils methodische Bemerkungen:

a) Gesten der Untertanen

Es fehlt noch eine Untersuchun g, mit welchen Gesten die Herrscher des Mittelalters
im Laufe der Jahrhunderte begrüßt worden sind: Verneigung, Kniefall, Proskynese,
Küsse auf die Wange, auf die Hand, auf das Knie, den Fuß, ferner Reichen der Hand
oder Verschränke n der Arme auf der Brust usw. Welche Gesten waren im 9., im Io.,
im II. Jahrhundert usw. üblich? Welche Traditionen, welche Vorbilder waren maß-
gebend? Was war in Italien, in Deutschland usw. üblich? Welcher Hofstil gab für die
anderen Länder das Muster ab: der französische, der des Kaiserhofes?

b) Gesten der Herrscher

Entsprechen d zu untersuchen sind die Gesten, mit denen die Herrscher die Geistlichen,
die Großen, die schlichten Untertanen grüßten, mit denen sie Gnaden austeilten,
Belehnungen vollzogen, ferner die Gesten, mit denen sie fremde Fürsten oder deren
Gesandte empfingen. In dem lateinischen, in Verse gegossenen Roman >Ruodlieb<,
den wir jetzt in die Zeit Kaiser Heinrichs III., also in die Mitte des I I . Jahrhunderts
setzen, ist eingehend geschildert, wie der >große König< und der >kleine König<
sich begegnen: Alle Einzelheiten des Zeremoniells, der wechselseitigen Beschenkung,
der Gnadenerweise an das Gefolge des anderen werden von beiden Herrschern auf
das sorgfältigste bedacht, weil keiner von ihnen seiner Ehre etwas vergeben darf,
modern gesprochen: eine Minderung seiner >Staatsautorität< zu vermeiden hat.
Auch in diesem Bereich wären die Unterschiede der Länder und der Wandel der
Zeiten genau zu betrachten.

c) Dinge, die den Herrscher zu vertreten vermögen

Eine wichtige Rolle spielen im Bereich der >Staatssymbolik< die Dinge, die den Herr-
scher zu vertreten vermögen.
Gesten - Vertretende Dinge 33

In Kastilien wurde in jenen Zeiten, in denen der König nicht gesalbt und gekrönt
wurde, der Thronwechsel dadurch bekräftigt, daß sein Banner an erhöhter Stelle
aufgepflanzt und sein Königsname in die vier Richtungen der Windrose gerufen
wurde. Man darf sprechen von einer corroboratio des neuen Rechtszustandes durch
ein politisches >Schauspiel<, bei dem das Banner die Rolle des Königs übernahm.
Im kastilischen Recht ist entsprechend festgelegt, daß Verletzung oder Mißachtung
der Dinge, die den König zu vertreten vermögen, ebenso zu bestrafen seien wie
Beleidigungen, die ihm selbst zugefügt wurden.
Hier handelt es sich um Bräuche, die dem spanischen Reiche eigentümlich sind.
Aber eine Rolle hat die Königsfahne in allen Ländern gespielt. Eine Untersuchung,
die ihrer Geschichte nachgeht und die bestehenden Beziehungen einerseits, die
Unterschiede zwischen den Völkern Europas andererseits feststellt, wäre zu be-
grüßen. Sie müßte allerdings sowohl den byzantinischen als auch den moslimischen
Bereich mit in die Betrachtung einbeziehen, da auch in ihnen die Fahne zur Staats-
symbolik gehörte und Entlehnungen bzw. Austausch zu vermuten sind.
Vertreten wird der König ferner durch die Bilder auf seinen Münzen, Siegeln und
Bullen. Wir haben aus den meisten Ländern bereits Editionen, in denen die wichtigsten
Belege vereinigt sind- zum Teil mustergültige, zum Teil noch unbefriedigende-, und
es ist auch schon erkannt, wie wichtig hier Vorbilder gewesen sind. Daß Karl der
Große bereits in seiner Königszeit neben seinen Wachssiegeln auch Bleibullen be-
nutzte, läßt erkennen, daß er hinter dem byzantinischen Kaiser nicht zurückstehen
~ollte. Für die Münzen mit seinem Profilbild, die in der Kaiserzeit nach antikem
Vorbild geprägt wurden, konnte jetzt die Vorlage ermittelt werden, die die Münz-
meister benutzt haben. Es handelt sich um eine Münze Konstantins des Großen, und
damit ist jetzt die Frage beantwortet, was die Inschrift >Renovatio imperii Romano-
rum< besagen will, die Karl auf seine Kaiserbulle setzen ließ: unter >Erneuerung<
verstand er die Wiedererrichtung des von Konstantin ausgestalteten christlich-
römischen Reiches.
Aus der Folgezeit greife ich heraus, daß für die Münzen und Siegel des Königs
von Ungarn nach seiner Taufe und dem Eintritt in die europäische Fürstenfamilie
das deutsche Vorbild maßgeblich war, daß der König von Kroatien im elften, der
König von Kastilien im zwölften Jahrhundert sich gleichfalls nach dem Vorbild des
Kaiserhofes richteten.
Eine Bearbeitung sämtlicher Münz-, Siegel- und Bullenbilder, die sich auf alle
Länder Europas erstreckt, also auch den byzantinischen und byzantinisch-beeinfluß-
ten Bereich miteinbezieht, würde manche Beziehungen aufdecken, die für die
zwischenstaatlichen Beziehungen des Mittelalters aufschlußreich sind.
Kurz vermerke ich die Wappen, deren sich der abendländische Adel vom 12. Jahr-
hundert an bediente. Unter ihnen nehmen die Königswappen natürlich den ersten
Platz ein, die wir auch >Staatswappen <nennen könnten, da sie die Könige und diese

3 Sch=nm, Aufsätze I
34 Einleitung: .2. Herrschaftszeichen, Staatssymbolik, -präsentation

den Staat vertreten. Auch dieses Gebiet, gekennzeichnet durch Adler, Löwen,~'Leo­
parden, durch Kreuze und andere Wappenfiguren, ist ein Bereich, in dem die Herr-
scher darauf bedacht waren, nicht hinter ihren Nachbarn zurückzustehen. Daher
gibt uns das Wandern der Wappenfiguren gleichfalls manchen Aufschluß - ver-
wiesen sei auf den polnischen Adler, auf das Kreuz im dänischen )Danebrog<.

d) Bilder der Herrscher


Sachlich gehören die Bilder der Herrscher auf ihren Münzen, Siegeln und Bullen eng
mit denen zusammen, die sonst noch von ihnen geschaffen worden sind. Wenn man
von der Staatssymbolik ausgeht, sind die Bilder, die den Herrscher vertreten, jedoch
von denen zu scheiden, die nur zieren oder rühmen oder das Gedächtnis wachhalten
sollen.
Auf der Grenze stehen die einst römische Kirchen schmückenden, uns noch durch
Abzeichn ungen bzw. Nachbild ungen bekannte n Mosaiken, die Karl den Großen als
König neben dem Papst darstellten; denn sie machten dem Beschauer sinnfällig, wer
nun weltlicher Herr in Rom war: nicht mehr der byzantinische Kaiser, der früher
sein - an Stelle des Herrschers Anerkenn ung heischen des- Bild nach Rom übersand t
hatte, sondern fortan der fränkische König.
Die Grabplatten, Stein- und Elfenbeinreliefs, die Mosaiken, Wand- und Buch-
malereien, die sich vom mittelalterlichen Herrsche r erhalten haben, erweckten schon
das Interesse der Humanis ten; aber lange hat bei ihnen die Frage im Vordergr und
gestanden , ob sie auch ähnlich seien. Von dem Bestreben, den Dargestellten genau
so wiederzugeben, wie er wirklich aussah, kann jedoch erst von der zweiten Hälfte des
1;. Jahrhund erts an die Rede sein, und selbst von da an handelt es sich nicht um ein
konseque nt fortschreitendes Bemühen, die Bilder immer ähnlicher zu machen. In
der voraufge henden Zeit muß man sich daher damit begnügen , daß die Bilder besten-
falls erkennen lassen, ob die Herrsche r wie Karl der Große einen hängenden Schnurr-
bart trugen, ob sie wie Otto I. - was Widukind bezeugt - durch einen kräftigen
Vollbart gekennzeichnet waren oder ob sie- wie Otto III., der bereits im Alter von
22 Jahren starb- bartlos blieben.

So gesehen, geben die älteren Herrsche rbilder also wenig her. Um so mehr jedoch,
wenn man sie mit Augen betrachtet, die auf die Staatssymbolik eingestellt sind. Auf
diesen Bildern ist nämlich mit Hilfe von Begleitfiguren sinnfällig gemacht, wie das
Verhältnis der Herrsche r zu Christus und den Heiligen angesehen wurde, wie das
Zusamme nwirken von weltlicher und geistlicher Macht gedacht war, wie der
Herrsche r zu seinen Großen, zu seinen Rittern, zu seinen schlichten Untertane n
stand. Ferner bedeuten diese Herrscherbilder die besten Zeugnisse für das schon
behandelte Gebiet der Gesten und das noch zu betrachtende Gebiet der Herr-
scherzeichen.
Bilder - Titel 35

Ich habe die zeitgenössischen Bilder der deutschen Könige und Kaiser, die von
Karl dem Großen bis zum Regierungsantritt Friedrichs I. Barbarossa noch nach-
zuweisen sind, gesammelt und publiziert. Ein Nachtragsband und die Fortsetzung
bis zu Maximilian I. werden vorbereitet. Aber die deutsche Reihe müßte ergänzt
werden durch entsprechende Sammlungen aus allen anderen europäischen Ländern.
Von einigen liegen sie bereits vor; bei anderen kann man sich das noch Vorhandene
mit leichter oder größerer Mühe zusammensuchen; aber selbst für wichtige Länder
gibt es noch keine Publikation, die unsere Ansprüche auch nur einigermaßen be-
friedigt __: das gilt zum Beispiel für Frankreich und England.

e) Titel
Von den Dingen, die den Herrscher vertreten konnten, und von seinen Bildern
kommen wir zu seinem Titel.
Wie lauten die Titel, die die Herrscher im Laufe der Jahrhunderte auf ihren Mün-
zen, Siegeln und Bullen sowie in ihren Urkunden geführt haben? Auszugehen ist in
diesem Bereich von den Titeln in den Urkunden, weil sie hier vollständig aufgeführt
werden. Doch ist auch die durch den knappen Raum erforderliche Zusammenziehung
des Titels auf den Münzen, Siegeln und Bullen aufschlußreich, weil sie uns erkennen
lassen, was als das Wesentliche am Herrschertitel, als sein Kern angesehen wurde.
Viel beachtet ist bereits der Übergang von Titeln des Typs >rex Francorum< zu
dem im Hochmittelalter sich durchsetzenden Typ >rex Franciae<. Denn bei ihm
kommt - um die Bezeichnung, die sich eingebürgert hat, zu benutzen - die Um-
wandlung des >Personalverbandes< der Völkerwanderungszeit und des frühen Mittel-
alters in den >Flächenstaat<, d. h. in die auch noch unsere Zeit bestimmende Staats-
form, zum Ausdruck. Lohnen würde die Herstellung einer chronologischen Tabelle,
in die eingetragen ist, wann sich dieser Wechsel in den einzelnen Ländern Europas
vollzog. Man könnte dann erschließen, welche Länder bei dieser neuen Konzeption
des Staatsbegriffs führten und welche folgten.
Aber der Herrschertitel sagt noch viel mehr aus.
Als Karl der Große 774 den König der Langobarden vom Thron stieß, verleibte
er dessen Land nicht einfach seinem Frankenreich ein, wie er das mit anderen seiner
Eroberungen tat, sondern er hielt die Rechtsfiktion aufrecht: das Langobardenreich
bestehe weiter, es habe nur den Herrscher gewechselt. Das bezeugt der fortan von
ihm geführte Titel: >rex Franeorum et Langobardorum<, den Karl für so wichtig
erachtete, daß er ihn noch neben dem Kaisertitel festhielt. Er kombinierte also nur
zwei bisher getrennte Reiche, von denen keines in dem anderen aufgehen sollte.
Modern gesprochen: Karl vereinigte zwei Länder durch eine >Personalunion<.
Damit schuf der große Franke einen Modellfall, der für das Mittelalter die aller-
größte Bedeutung erlangt hat. Wir brauchen eine Geschichte der >Personalunion< im
Einleitung: z. Herrschaftszeichen, Staatssymbolik, -präsentation

Mittelalter und der Neuzeit mit Einfluß der >Matrimonialunion<, die oft deren Vor-
form bildet&. Die Vereinigung Polens mit Litauen kam z. B. dadurch zustande, daß
Jadwiga, die Erbin Polens, 1386 den Großfürsten Jagaila von Litauen heiratete;
erst in ihrem Sohn, in dem sich sowohl die polnischen als auch die litauischen An-
sprüche verkörperten- im wahren Sinne des Wortes: verkörperten-, war aus der
Matrimonialuni on eine Personalunion geworden.
Ahnliehe Vorgänge gibt es in großer Zahl; besonders im späten Mittelalter be-
gegnen sie oft. Wie haben die Zeitgenossen, wie haben die Herrscher selbst solche
Verkoppelung von Reichen rechtlich verstanden? Die deutlichste und schlüssigste
Antwort gibt immer der Herrschertitel, auf dessen Gestaltung in allen Zeiten und in
allen Ländern immer die größte Sorgfalt gelegt worden ist.
Zur Vergrößerung von Reichen kam es jetzt nicht nur durch Personalunionen ,
sondern auch durch Verträge und Eroberungen. Hier gilt wiederum, daß die Herr-
schertitel erkennen lassen, wie solche Eingliederungen verstanden werden sollten.
Doch ist hier Vorsicht geboten; denn bei der Gestaltung des Titels hat auch das
Ruhm- und Ehrbedürfnis der Herrscher eine Rolle gespielt. Der König von Kastilien
hat z. B. in seinen Namen alle Namen der kleinen Moslimeeiche aufgenommen, die
ihm im Zuge der Reconquista zufielen. Er nannte sich also auch König von Jaen und
Murcia, obwohl diesen Eroberungen kein Eigenleben belassen wurde. Auf diese
Weise kam im Laufe der Zeit ein sehr langer, sehr pompöser Titel zustande, in dem
auch Länder aufgeführt wurden, auf die der König einen Anspruch erhob, die er
aber de facto nicht besaß oder nicht mehr besaß. Anders der Titel des Königs von
Aragon, der sein Reich nur dadurch zusammenhalten konnte, daß die Rechte eines
jeden seiner Teile- der Königreiche Aragon und Valencia, der Grafschaft Barcelona
und zeitweise auch noch des Königreichs der Balearen - peinlich respektiert wurden.
Der daher gleichfalls lange Titel dieses Königs spiegelt also in wohlüberlegter Weise
die komplizierte Struktur dieses Reiches wider. "
In Schweden hat der König vom Mittelalter bis heute an dem Titel >König der
Schweden, Goten und Wenden< festgehalten, obwohl er bereits im hohen Mittelalter
antiquiert war. Der König von Frankreich hat sich nie auf solchen Pomp eingelassen:
er war und blieb der >rex Franciae<, der >roi de France<, der nur dann, wenn er zeit-
weise auch andere Länder in der Form einer Personalunion hinzugewann, sich außer-
dem noch König von Navarra oder König von Neapel titulierte.
In meinen Arbeiten bin ich gelegentlich bereits auf die Rolle des Königstitels ein-
gegangen, habe auch Schüler angeregt, seiner Geschichte nachzugehen. Ein Aufsatz
über den karolingischen Titel liegt bereits gedruckt vor; weitere Studien werden
folgen, erwünscht wäre auch eine Untersuchung, welche Titel in Italien auf der Stufe
unter dem König im Laufe der Zeit benutzt worden sind: dux, princeps, marebio usw.

I Eine Skizze wird Band III bringen.


Titel - Namen - Lob- und Ehrenwörter 37

Bei der systematischen Erforschung der Herrschertitel wird darauf zu achten sein,
von wann an die einzelnen Herrscher den Zusatz >Dei gratia<, den schon Karl der
Große mit dem Königstitel verbunden hat, aufnahmen. Bezeichnend ist in diesem
Zusammenhang, daß das auch in den Grafschaften an den Pyrenäen geschah: ein
deutliches Zeichen für das Selbstbewußtsein dieser Grafen, die in der Folgezeit -
einer nach dem anderen- ihren stärkeren Nachbarn erlegen sind.

f) Namen sowie Lob- und Ehrenwiirter

In die Nachbarschaft des Königstitels gehören die Namen sowie die Lob- und Ehren-
wörter der Herrscher.
Die Vererbung der Vornamen unterlag- wie HANs-W ALTER KLEWITZ gezeigt hat-
im frühen Mittelalter festen Regeln: der älteste Sohn wird getauft auf den Namen des
Vatersvaters, der nächste auf den des Großvaters von Mutterseite, der dritte nach dem
Urgroßvater oder dem Oheim usw. Aber es gibt doch sehr aufschlußreiche Ausnah-
men: Im karolingischen Hause wird der Stammname Arnulf verdrängt durch den
Namen Pippin, der aus der noch mächtigeren Familie stammte, in die Arnulfs Sohn
eingeheiratet hatte; erst einer der letzten Karolinger heißt wieder Arnulf und belegt,
daß die Familientradition nicht vergessen worden war. Höchst bezeichnend ist, daß
Karl der Große zwei seiner Söhne Lotbar und Ludwig benannte, ihnen also die Leit-
namen des Merowingergeschlechts (Chlothar und Chlodwig) verlieh, obwohl er nicht
von diesem abstammte. Wir sprechen jetzt in solchen Fällen von >Ansippung<: Karl
trachtete das Ansehen seines Geschlechts zu vermehren, indem er es namenmäßig
mit dem von seinem Vater entthronten und nicht mehr zu fürchtenden, aber einst
ruhmvollen Hauptgeschlecht der Franken verknüpfte.
In Karls Geschlecht blieb natürlich sein Name der bevorzugte. Aber überraschend
ist die Tatsache, daß im 1 I. Jahrhundert in keinem Land ein König noch den Karls-
namen getragen hat. Erst Philipp II. August von Frankreich, dessen Ziel es war, sein
Reich wieder so ansehnlich zu machen wie das Karls des Großen, gab einem illegiti-
men Sproß den Karlsnamen, und sein Enkel Karl von Anjou, der spätere König
von Sizilien, führte ihn wieder in die fürstliche Sphäre ein, aus der er bis heute nicht
wieder verdrängt worden ist.
Auch sonst läßt sich an den ausgewählten Namen manches ablesen: bei den Her-
zögen von Mecklenburg und Pommern z. B. am Übergang von slawischen zu abend-
ländischen Vornamen das Fortschreiten der Eindeutschung, am Wiederaufgreifen des
Namens Brich in Schweden, daß man sich im 16. Jahrhundert auf die Frühgeschichte
des Reiches besann und so fort.

In die Nähe der Namen der Herrscher gehören die Ehren- und Lobwö"rter: also rüh-
mende Bezeichnungen, die nicht offiziell wie Titel geführt wurden, zum Teil nur
Einleitung: 2. Herrschaftszeichen, Staatssymbolik, -präsentation

literarischen Charakter hatten, aber gelegentlich doch eine- sozusagen- >amtliche<


Rolle übernahmen. Ich bin der viel verwandten Bezeichnung >decus imperü <nach-
gegangen, die der Karolingerkaise r Ludwigii. auf seine Bulle setzen ließ 2, ferner der
Bezeichnung >spes imperii<, die Konradii. für seinen Sohn Heinrichlll. verwandte 3 •
In diesem Falle liegt das Motiv zutage: Da Konrad die Kaiserkrone noch nicht er-
langt hatte, konnte er den Sohn nicht zum Mitkönig wählen lassen, aber er mußte den
Erben so stattlich wie möglich herausstellen, da er für ihn um eine byzantinische
Prinzessin warb. Deshalb ließ er ihn auf seiner Bulle neben sich abbilden und jene
Bezeichnung, die gleichfalls ihre literarische Vorgeschichte hat, hinzufügen.
Erwünscht sind daher für das Mittelalter solche Zusammenstellungen, wie sie uns
ANDREAS ALFÖLDI auf Grund seiner stupenden Belesenheit für >parens patriae< und
andere Ehrennamen der antiken Kaiser vorgelegt hat. Für die Stadt Rom besitzen
wir seit 1918 die Studie von G. GERNENTZ mit dem gut gewählten Titel: >Laudes
Romae<. Der Verfasser verfolgt hier die Geschichte der Bezeichnungen: Roma
aeterna, Roma aurea, caput mundi usw. und vermittelt dadurch einen Eindruck von
der wechselnden, aber immer von Bewunderung getragenen Hochachtung für Rom.
Was ich hier anrege, läuft also hinaus auf eine Erweiterung der von ERNST RüBERT
CuRTIUS inaugurierten >Topos<-Forschung, die auch den politischen Bereich des
Mittelalters aufzuschließen hat.
Einen Sonderfall stellen die Ehrennamen dar, die die Römische Kirche einzelnen
Herrschern konzedierte und die dann in den internationalen Brauch übergingen:
>roi tres chretien< von Frankreich, >los reyes catolicos< von Spanien, >apostolischer
König von Ungarn< usw.

g) Herrschaftszeichen
Den Hauptbereich der mittelalterlichen Staatssymbolik nehmen die >Insignien< ein.
So nennt man sie herkömmlicherweise. Ich bevorzuge den von >signa< abgeleiteten
Ausdruck Herrschaftszeichen, da er prägnant zum Ausdruck bringt, was ihre Funktion
war: Sie zeigten, machten sinnfällig für Gebildete und Ungebildete, für Einheimische
und Fremde, daß der mit ihnen Geschmückte der Herrscher war.
Ich kann mich hier kurz fassen, da ich in drei dicken Bänden die Geschichte der
Herrschaftszeichen von der Völkerwanderu ng bis in die Neuzeit verfolgt und in
einem Band, der für sich erschienen ist, dann noch die Geschichte des Reichsapfels
behandelt habe. Die 48 Kapitel in den drei Bänden sind verschiedener Natur. Zum
Teil fassen sie die Ergebnisse anderer Forscher zusammen; einige stammen aus der
Feder von Fachkollegen, die in der gleichen Richtung wie ich arbeiten; weitere
beruhen auf eigener Forschung und erheben den Anspruch, Neues zu bringen. Mein

2 S.Bandii. 3 S. Band III.


Herrschaftszeichen 39

Anliegen war, möglichst alle Länder des Abendlandes einzubeziehen; ferner kam es
mir darauf an, zu demonstrieren, daß man mit scharfer Kritik und einer sauberen,
der jeweiligen Art der Objekte angepaßten Methode zu gesicherten Ergebnissen zu ge-
latrgen vermag. Denn bisher war das von mir behandelte Gebiet dadurch diskreditiert,
daß sich in ihm vielfach >Romantiker<, wenn nicht sogar Schwärmer betätigt haben,
die in die He:r:rschaftszeichen hineinlegten, was sie als deren Sinn für geeignet ansahen.
Es sind mehr Herrschaftszeichen erhalten, bzw. durch alte Zeichnungen, Stiche,
Beschreibungen usw. bekannt, als ich je anzunehmen gewagt hätte, und es werden
sich weitere anfinden, wenn sich ihnen das Interesse noch mehr zugewandt haben
wird - nicht zuletzt deshalb, weil Herrschaftszeichen oft Kirchen geschenkt wur-
den, die sie dann in umgearbeiteter Form für den Schmuck von Schreinen, liturgi-
schen Geräten und Handschriften benutzten. Nachdem die Augen für diese Mög-
lichkeit erst einmal geöffnet sind, tauchen immer neue Objekte auf, mit denen wir
bisher nicht rechnen durften.
Historisch gesehen sind die Herrschaftszeichen sehr uneinheitlich. Die Thronbank
ist germanischen Ursprungs, der Armreif gleichfalls; dieser aber wurde mit dem
Armreif des alttestamentlichen Königs zusammengebracht. Der Gedanke, daß der
Herrscher einen Reichsapfel in der Hand halten müsse, ist antiken Ursprungs, seine
Durchführung dagegen mittelalterlich. Das Lorum ist von Byzanz übernommen,
wurde aber mit der Binde des Diakons zusammengebracht und daher >Stola< genannt.
Wer sich mit der Frage befaßt, wie Antike und Mittelalter, Germanisches und
· Christliches, Byzantinisches und Abendländisches sich zueinander verhalten haben,
findet dafür im Bereich der Herrschaftszeichen schlagende Beispiele.
Ferner gilt hier in ganz besonderem Maße, was schon in den voraufgehenden Ab-
schnitten heraustrat: An den Herrschaftszeichen läßt sich ablesen, was der geheime
Ehrgeiz der Herrscher war. Die Bügelkrone der Karolinger dokumentiert ihr Be-
streben, nicht hinter dem byzantinischen Kaiser zurückzustehen. Die besondere
Krone, mit zwölf Steinen vorn, zwölf Steinen hinten und nur einem Bügel, die sich
Kaiser Otto I. machen ließ, wurde von Wilhelm I. nachgeahmt, nachdem er England
erobert hatte. Den Reichsapfel, den als erster Kaiser Heinrich II. in die Hand nahm,
haben ihm fast alle Herrscher des Abendlandes, vom 16. Jahrhundert an selbst der
Zar nachgemacht, für den vorher der byzantinische Kaiserbrauch maßgeblich ge-
wesen war.
Doch will ich hier auf die mannigfachen Einblicke, die die mittelalterlichen Herr-
schaftszeichen vermitteln, nicht eingehen, weil ich mich darüber bereits wiederholt
geäußert habe. Nur ein Aspekt muß hier noch gewürdigt werden:
Als Kaiser Konrad II., von dessen Vergleich: Staat= Schiff, Herrscher= Steuer-
mann wir ausgingen, im Sommer 1027 den Reichsbesitz in Bayern feststellen ließ,
faßte das darüber angefertigte Protokoll das Rechtsverhältnis in die Worte: es handle
sich um das, was >ad solium sui imperÜ<, d. h. was zum Thron seines Reiches gehöre.
Einleitu ng: z. Herrsch aftszeic hen, Staatssymbolik, -präsent
ation

Kurz vorher heißt es in gleichem Sinne, aber unanschaulich:


quae ad imperii sui statum
et utilitatem pertinere videbantur (Mon. Germ. , Const. I S. 645).
In Bayern wurde also
nicht wie in Pavia ein Vergleich gezogen, sonder n der konkre
te Thron für das Ab-
stractu m >Staat< gesetzt, das sich noch nicht präzise benenn en
ließ.
In Deutsc hland ergab sich die Verwe ndung von >thronus< als
>signum< (Zeichen)
für den >Staat<, da der Steinth ron Karls des Große n in Aachen
, gelegentlich >archi-
solium imperü <genann t, ein einzigartiges Anseh en genoß. In
anderen Lände rn war
es die Krone, die den ersten Platz unter den Herrschaftszeichen
einnahm. Daher ist
sowoh l in Englan d als auch in Frankr eich vom I I. zum I 2. Jahrhu
ndert das Wort >coro-
na< mehru ndmeh r benutz t worde n, um das zu benennen, was wir
mit >Staat< bezeichnen.
Das war so einleuchtend, daß dieser Wortg ebrauc h in andere
n Länder n nachge ahmt
wurde - ein von MANFRED HELLMANN redigierter, I96I heraus
gekommener Band
>Corona regni<, in dem sieben einschlägige, sowoh l West-
als auch Osteur opa be-
treffende Aufsätze verein igt sind, hat diesen Vorga ng umfass
end erhellt.
In Deutsc hland begegn et dieser Gebrau ch des Wortes >corona
< gleichfalls, aber
nicht in so ausgesprochener Weise, da hier die sowoh l konkre
t als auch abstrak t ver-
wendb aren Wörte r >regnum< und >imperium< zur Verfüg ung
standen. Bezeichnend
ist, daß um I 35o ein Autor die Insign ien schlechthin das
Reich nennen konnte :
insignia, que imperium dicuntur (Chron. Mathiae deNuw enburg
Cont. Cap. I35, ed. A.
HoFMEISTER; Script. rer. Germ. , N. S. IV, 2 S. 444). In dieserW
endung erkenn t man die
Schlüsselstellung, die die Herrschaftszeichen in der Staatssymboli
k gewonnen haben.

h) Salbung und Krönung


In sichtbarster Weise kamen die Herrschaftszeichen zur Geltun
g bei der Krönung:
Wir sprachen im Hinbli ck auf Ottos I. Krönu ngsma hl von
einem >politischen
Schauspiel<, in dem sinnfällig gemac ht wurde , wie das Verhäl
tnis der Herzög e zu
ihrem Herrsc her verstan den werden sollte. Diesen Ausdr uck
dürfen wir erst recht
auf die Krönu ng anwenden, da sie sichtbar machte, wie der
Klerus, die Große n, der
Adel, die Untert anen zu ihrem König stande n und wie dieser
sein Verhältnis zu Gott
ausgelegt wissen wollte. Beanspruchte er Anteil am geistlichen
Amt? Wurde ihm das
zugestanden? War seine Salbung der des Bischofs gleichwertig
oder geringer? Wer
Augen und Ohren öffnete, erhielt die Antwo rt bei der Krönu
ng.
Ich führe das nicht weiter aus. Denn ich habe der geschichtliche
n Krönu ng Büche r
und Aufsätze gewidm et und auf diesem Wege hochgeschätzte
Mitforscher gehabt : in
Frankr eich den leider verstor benen Monsi gnore MrcHEL ANDRI
EU, in Hollan d C. A.
BouMAN, in Deutsc hland den Profes sor REINHARn ELZE in
Berlin. Nicht vergessen
sei auch der verstor bene Münch ener Kirche nhistor iker EnuAR
D ErcHMANN, dessen
Büche r und Aufsätze mich auf dieses Gebiet aufmerksam
machten. Daher ist die
Geschichte der Krönu ng im wesentlichen geklär t; aber es bleibt
doch noch viel zu
Salbung - Krönung - Eid - Laudes 41

tun, um die einzelnen Länder voneinander abzusondern. Erforderlich sind vor allem
gediegene Ausgaben der >Ürdines< mit den bei den Krönungen gesprochenen Ge-
beten und mit den im Laufe der Zeit ausführlicher werdenden Angaben, wie im
einzelnen zu verfahren war. Eine modernen Ansprüchen entsprechende Edition
liegt bisher nur von den Kaiserordines vor: REINHARD ELZE hat sie im Auftrag der
Monumenta Germaniae Historica angefertigt und will die Edition der deutschen
Königsordines folgen lassen.
Bei der Abänderung der Ordines ist zwar mit der Eigenwilligkeit der Redaktoren
zu rechnen; meist aber handelt es sich um genau bedachte Retouchen, an denen sich
die Abwandlungen der Ansprüche des Königs, der Geistlichkeit, des Adels und des
Volks ablesen lassen. Denn sie wirkten ja alle- und wenn auch nur als >Statisten<-
bei der Krönung mit.

i) Krönungseid
Die Szene innerhalb der Krönungshandlung, die die größte Aufmerksamkeit ver-
dient, ist der Krönungseid.
Ursprünglich handelt es sich um Versprechen (promissiones) vager Art, die die
Wahrung des Rechts, den Schutz für Witwen und Waisen und Hilfe für die Kirche
betreffen, aber sie sind im Laufe der Zeit zu Eiden ( iuramenta) umgeformt worden,
die den Herrscher gegenüber seinen Untertanen banden. Diesem Vorgang hat Pro-
fessor MARCEL DAVID zwei aufschlußreiche Bücher gewidmet. Auch sonst ist in
diesem Bereich schon viel gearbeitet worden; denn letzthin führte ja die Vermehrung
der den Herrschern im Laufe der Zeit abgenötigten Zusagen zur Begründung des
konstitutionellen Systems. Insofern darf man den Krönungseid die Keimzelle der
modernen Verfassungen nennen.
Das reichste Material liegt in England bereit. Meine Absicht, es in einer für den
akademischen Unterricht geeigneten Form zusammenzufassen, habe ich aufgegeben
in der Hoffnung, daß ein englischer Forscher das tun würde; aber es ist leider noch
nicht dazu gekommen. In anderen Ländern ist das Eidproblem noch gar nicht fest
angepackt worden. Es bleibt also noch viel zu tun, wobei die Frage, wie die einzelnen
Länder aufeinander wirkten, besondere Aufmerksamkeit verdient.
Ein Sonderproblem wirft die vom König bei der Krönung übernommene Ver-
pflichtung auf, nichts vom Kronbesitz zu entfremden. Sie wurde öfters benutzt, um
leichtfertige Verleihungen schwacher Herrscher wieder rückgängig zu machen. Das
Prinzip der >Inalienabilite< lief also auf eine Bewahrung der Staatsrechte hinaus.

k) Laudes
Schließlich ist noch auf die- die Krönungen, aber auch sonstige Feiertage abschließen-
den- Laudes hinzuweisen, d. h. die im Wortlaut genau festgelegten Akklamationen, die
Einleitun g: 2. Herrschaftszeichen, Staatssymbolik, -präsentation

die Byzantiner von den alten Römern übernah men, die aber auch im Abendla nd
üblich
wurden. Die Geschichte dieser Laudes hat der uns 1963 durch den Tod entrissen
e
ERNST H. KANTOROWICZ in einem als Meisterleistung der Forschu ng anerkan
nten
Buch dargestellt: Laudes regiae (Berkeley 1946, inzwischen neugedruckt).
Die
Texte zu Ehren der abendländischen Kaiser und der deutschen Könige
hat der
Pfarrer Dr. BERNHARD OPFERMANN gesammelt und ediert. In diesem Bereich
ist also
nur noch mit Nachträ gen zu rechnen.

I) Die Grenze zwischen weltlicher und geistlicher Gewalt 4

Wichtig geworde n ist im Mittelalter vor allem die Frage, wo die Grenze
zwischen
weltlicher und geistlicher Gewalt zu ziehen sei:
Da die potestas regalis nicht ohne die auetorilas sacrata pontijicum vorstellbar war,
ge-
hörte zur >Staatssymbolik< vor allem jener Bezirk, in dem für Aug' und Ohr
zum
Ausdruc k kam, daß der Herrsch er beanspruchte, am geistlichen Amte teilzuha
ben:
seine Mitra, seine dem kirchlichen Ornat angeglichenen Gewänder, sein Ehrenpl
atz
unter den Kanonik ern, seine Vorrech te in der Weihnachtsmesse, die aus der
geistli-
chen Sphäre stammen den Ehrenna men wie protector ecclesiae und die juristisch
greif-
baren wie >Vogt der Kirche< - das und noch manches andere hat hier seinen
Platz.
Bei spiritualis ftlius, compater usw. bewegen wir uns schon im >privaten< Bereich
-
eine Grenzscheide gibt es hier nicht, kann es hier nicht geben, da ja im Mittelal
ter
private und öffentliche Sphäre genau so wenig präzise geschieden sind wie
die staat-
liche und die kirchliche.
Ganz allgemein gilt, daß eine scharfe Grenzlinie zwischen dem, was noch, und
dem,
was nicht mehr zur >Staatssymbolik< gehört, nicht existiert. Man mag z. B. die
Dich-
tungen für das Begräbnis eines Herrschers, die uns aus Sächsischer und
Salischer
Zeit erhalten sind, noch mit zur >Staatssymbolik< rechnen ; denn sie sind einmal
in
würdigs ter Form vor dem gesamten Hofe vorgetra gen worden und haben
in poeti-
scher Form verdichtet, was der V erstorbe ne darstellte. Man mag auch noch das
eine oder
andere Gedicht zu einem offiziellen Anlaß hinzunehmen, wird aber doch andere
nur
als >Hofpoesie< gelten lassen. Und so ist es auch mit anderem bestellt.
Die >Staatssymbolik< ähnelt einem Kreis, der zu seiner Peripherie hin lichter
und
lichter wird, so daß diese nicht genau bestimm bar ist, er selbst jedoch trotzdem
als
solcher erkennb ar bleibt.

.4 Ich füge hier neue Absätze ein und übernehm e Kaiser< in der Histor. Zeitschr. 172, 1951 S.
einige aus dem Abschluß abschnitt: >Die 5II-15, der nunmehr ersetzt ist durch die
Staatssymbolik des Mittelalters< meines Auf- nachfolgende ausführlichere Darlegun g.
satzes: >Die Anerkenn ung Karls d. Gr. als
Welt!. und geist!. Gewalt- Staatspräsentation 43

m) Die Staatspräsentation

Zu den Ausdrücken )Herrschaftszeichen< und )Staatssymbolik< rücke ich noch einen


dritten Begriff: )Staatspräsentation <.
Wie )präsentiert< sich der Menge die Obrigkeit, vor allem der Herrscher, der den
)Staat< )darstellt<? Genauer: Wie lange wurde die antike Quadriga benutzt? Wie lange
galt es - wie im Mittelalter - als selbstverständlich, sich der Menge zu Pferde darzu-
bieten? Wann kam die Staatskarosse der Neuzeit auf? Wie wurde der Herrscherjeweils
eingeholt, angesprochen, geehrt? Welche Rolle spielten Fahnen und Trompeten,
Teppiche und Baldachine, Triumphtore und Gedenkmünzen? Was beanspruchten
die Fürsten, was der Doge von Venedig und die Podesta, was die Bürgermeister der
freien Reichsstädte?
Die Einzelheiten waren in der Vergangenheit bis in alle Einzelheiten )ausgetüftelt<,
da sie allgemein für die Geltung in der Welt, d. h. für das Ansehen im eigenen Lande
sowie in der Fremde, für entscheidend angesehen wurden.
Es liegen bereits Studien zur Geschichte des antiken )adventus imperatoris <, der
mittelalterlichen )joyeuses entrees< und verwandter Zeremonien vor; aber das Thema
(mit dem wir uns in einem späteren Band dieser Sammlung noch beschäftigen wer-
den) ist noch nicht ausgeschöpft. Denn alle - kulturgeschichtlich oft reizvollen -
Details sind ja nur Ausdruck dafür, daß die Herrschenden das Bedürfnis hatten, den
Mächtigen sowie dem schlichten Volk, den Untertanen sowie fremden Besuchern
'vor Augen zu führen, daß sie den Staat verkörperten, daß er in ihnen )präsent< war.
Es handelt sich um ein Gebiet, das noch aktuelle Bedeutung besitzt, während die
Staatssymbolik mehr und mehr verkümmert ist und nur dort gelegentlich noch zum
)Schauspiel< wird, wo monarchische Ordnung sich erhalten hat. Die )Staatspräsenta-
tion< dagegen beschäftigt alle heute existierenden Staaten- mögen sie alt oder jung,
demokratisch oder kommunistisch, europäisch oder außereuropäisch sein. Denn es
gehört nun einmal zur Autorität jeglicher Regierung, daß sie sich )präsentiert<.

Schluß
Wir können nunmehr folgendes über die Aussagekraft der Staatssymbolik registrieren:
Der Historiker möchte wissen, was die Könige, Kaiser und Päpste des Mittelalters
erstrebten, was sie ganz persönlich wollten und veranlaßten. Aber selbst bei den
besten Annalen bleibt die Frage offen, ob ihr Verfasser die Absichten seines Herr-
schers richtig interpretierte, ob er auch in das ganz Geheime eingeweiht war - ganz
zu schweigen von der Frage, was er bewußt verschwieg oder im gewünschten Sinne
zurechtbog. Das gleiche gilt von allen Briefen; die Herrscher gaben zu ihnen ja nur
Anweisungen und überließen die Abfassung Männern, die für solchen Dienst ge-
schult waren; selbst bei der umfangreichen Korrespondenz des Kaisers Friedrich II.,
44 Einleitun g: 2. Herrschaftszeichen, Staatssymbolik, -präsentation

der sicherlich kontrollierte, was in seinem Namen hinausging, bleibt


der Zweifel,
ob jede Zeile genau seinen Intentio nen entsprach oder nur die Auffass
ung seines
Logoth eten Petrus de Vinea wiedergibt. ] edes Wort, das aus einer fürstlic
hen Kanzlei
herausdrang, war ja berechn et auf die, die es anging, war aus einer
einmaligen Situa-
tion heraus geboren , und um die Worte, die an einen Herrscher gericht
et oder über
ihn niedergeschrieben wurden , war es nicht anders bestellt. Sie sollten
wirken - wo-
möglich nur in den Tag hinein.
Selbst bei den Fürstenspiegeln, die ja das Bestreben hatten, den Angesp
rochene n
für ein ganzes Leben zu unterrichten, ist noch viel Einmaliges und
daher Besonderes
in Rechnu ng zu stellen.
Wo auch immer man in der schriftlichen Überlieferung einsetzen
mag, es bleibt
letztlich ein kleinerer oder größere r Zwisch enraum zwischen ihr und
den Herrschern.
Im Bereich der Staatssymbolik besteht er dagegen nicht. Läßt ein König
seine Krone
ändern, setzt er sich auf den Thron seiner Vorfah ren, läßt er sich
einen neuen her-
richten, paßt er seinen Ornat dem Vorbild des Nachba rn, des Hohenp
riesters, des
byzantinischen Kaisers an, dann handelt es sich um Willensentsche
idungen, die uns
ihn selbst erkenne n lassen: sein Selbstgefühl, sein Bejahen oder Vernein
en der Tra-
dition, sein Verhältnis zur Kirche, zum Adel, zum Volk. Die >Staatss
ymbolik< läßt
also nicht nur erkennen, was war, sondern auch, was sein sollte. Denn
die offenen
und geheimen Aspirationen, wie ein Fürst sich und wie sein Volk
ihn angesehen
haben wollte, offenbart sie ebenso wie das, was Rechtens war. Auch
davon steht
viel in den schriftlichen Zeugnissen, in den Proklamationen, die
im Namen der
Kaiser und Könige hinausgegangen, in den Briefen der leitenden Männer
- aber all
das war berechnet, auf augenblickliche Wirkun g abgestellt. Von der
>Staatssymbolik<
sind dagege n die Schlacken des Momen tanen abgefallen.
Am Beispiel Karls des Großen werden wir zeigen, wie aus der Staatssy
mbolik sich
neue Einsich ten ergeben, ,wie vor allem seine soviel erörterte >Anerk
ennung als
Kaiser< dadurch in ein schärferes, noch dazu verläßlicheres Licht
gerückt werden
kann.
In dieser Hinsicht darf man die Herrschaftszeichen, die Königsordines
usw. gerade-
zu als >Primärzeugnisse< bezeichnen, die den >Wortzeugnissen< dadurch
überlegen
sind, daß sie über die Herrsch er selbst zuverlässige Auskun ft zu erteilen
vermög en.
Allerdings - diese Warnun g dürfen wir am Schlusse nicht unterlas
sen - handelt
es sich hier um einen Bereich, in dem vorschnelle Schlüsse sehr leicht
fehlleiten kön-
nen. Wer ein Herrschaftszeichen nach Zeugnissen aus einer späteren
Zeit interpre tiert,
wer irgende ine Geste einfach mit dem matürlichen Menschenversta
nde< deutet, wer
irgende inen Ehrenn amen gleich für bezeichnend hält, ohne dessen
Traditi on zu
prüfen, wer ein Bild auslegt, wie es sich auf den ersten Anblick darbiete
t, ohne es
ikonog raphisc h zurückzuverfolgen, der kommt zu falschen oder schiefen
Auslegun-
gen und gewahr t das Eigentliche nicht. Da hilft nichts, als zunächst
nach Vorbild ern,
Schluß 45

nach Vorstufen und nach Parallelen zu suchen, um festzustellen, was traditionsgebun-


den, was entlehnt und was wirklich neu ist- als Beispiel nehme man da die Königsbulle
und die Kaiserbulle Karls des Großen, die erst dann zu sprechen anfangen, wenn sie
sowohl formal als auch ikonographisch in die Entwicklung eingeordnet sind. Dann
erst kann das Erfragen des Sinnes einsetzen- behutsam und Schritt für Schritt, damit
man nicht herausliest, was man geneigt ist hineinzudeuten. Nur so wird man gewahr,
was tatsächlich sinnfällig eingekleidet wurde. Eine Methodenlehre wird sich für dieses
Gebiet allerdings nie schreiben lassen, weil jedes Objekt nach seiner Weise wieder
zum Sprechen gebracht werden will.

Die Bedeutung des Bereiches >Herrschaftszeichen - Staatssymbolik - Staats-


präsentation< erschöpft sich nicht darin, daß er sich als nützlich und aufschlußreich
für das Verständnis der politischen Geschichte erweist. Von ihm aus ergeben sich
eine Fülle von Perspektiven, von denen hier nur die folgenden namhaft gemacht seien:
1. Das Wort >Staat< formt sich erst im 14. Jahrhundert. Aber den Staat selbst hat

es lange vorher gegeben. Wer seine Geschichte schreiben will, muß sich mit der
mittelalterlichen Staatssymbolik befassen. Sie leitet ihn zurück in Zeiten, in denen
schriftliche Zeugnisse spärlich sind, ja stellenweise sogar in solche, in denen sie über-
haupt fehlen.
z. Vertieft man sich in diesen Bereich, so gewinnt man exakte Anhalte, um zu
klären, wieweit einheimische Traditionen (keltische, germanische, slawische) fort-
wirkten, wieweit sie überdeckt oder abgewandelt wurden. Andererseits ergeben sich
Einsichten in die Bedeutung der Bibel sowie des römischen und des byzantinischen
Vorbilds beim Aufbau der mittelalterlichen Staatenwelt.
3· Die >Staatssymbolik< vermittelt ferner einen Einblick in das Verhältnis der
einzelnen Länder zueinander. Sie läßt z. B. erkennen, wieweit das Vorbild des
abendländischen Kaisers nach Norden und Osten ausstrahlte, welche Wirkung das
französische Königtum auf die Nachbarländer ausübte. Die Staatssymbolik macht
also deutlich, wo jeweils der Schwerpunkt der europäischen Geschichte lag.
4· Schließlich: in allen Bereichen der Staatssymbolik bilden sich im Laufe der
Jahrhunderte immer festere Formen aus: ein Vorgang, der auf schärferem Durch-
denken, Abgliedern, Unterscheiden beruhte, also auf einer fortschreitenden Rationali-
sierung, die dann mit der Formung der Wörter stato- estado- etat- state- Staat ihren
mittelalterlichen Höhepunkt erreichte.
Ich deutete an, daß in manchen der behandelten Bereiche bereits einigermaßen
Klarheit geschaffen ist, über anderen noch Nebel lastet. Außerdem bestehen große
Unterschiede in bezug auf die in Betracht kommenden Länder: es gibt solche, wo
bereits viel, andere, wo bisher nur wenig geleistet wurde.
Möchten die bestehenden Lücken geschlossen werden! Möchten viele Einzel-
untersuchungen dem bisherigen Gesamtbilde schärfere Konturen verleihen. Vor
Einleitung: 2. Herrschaftsz eichen, Staatssymbol ik, -präsentation

allem: Möchte unter dem Gesichtswi nkel der Staatssymbolik jedes einzelne Land des
Abendland es untersucht werden; denn ein jedes gehört mit zu dem Gesamtbild , muß
mitberücks ichtigt werden, wenn wir fragen:
Wie fand Buropa zu seinem staatlichen Dasein?

Verweise azif die wichtigste Literatur


Ich begnüge mich mit Hinweisen auf neuere Literatur und nenne auch diese nur in Auswahl. Doch
sei es mir erlaubt, an passender Stelle meine eigenen Studien anzuführen, da sie weit zerstreut
er-
schienen sind (Abkürzung: P. E. S.). Für den deutschen Abdruck wurden die Nachweise stark
er-
weitert, da es sich um ein schwer zu überschauend es Schrifttum handelt; aber auch in dieser Form
bleibt die folgende Bibliographi e fragmentarisc h.

Zur Einleitung

Wipo: Gesta Chuonradi cap. VII (Opera, ed. H. BRESSLAu, 3· Aufl. 1915 S. 30; Script. in us. schol.)
Das Widerspiel zwischen Regnum und Imperium zeigt die Marburger Rede von E. E. STENGEL (1930),
jetzt in: Abhandl. u. Untersuchun gen zur Gesch. des Kaisergedank ens im Ma., Köln-Graz 1965
S. 171-205; s. dort ferner S. 241ff.: Kaisertitel u. Souveränitäts idee. Vgl. hier auch H. BEUMANN,
Zur Entwicklung transpersona ler Staatsvorstel lungen, in: Vorträge u. Forschungen , hg. von TH.
MAYER, III, Lindau/Kons tanz 1956.
Zu respublica bringt viele Belege bei F. CROSARA: Respublica e Republicae. Cenni terminologic i
dell'et:l romana all' XI. secolo, in den Atti del Congresso Internaz. di diritto romano e di storia
del
diritto, Verona, 27.-29. Sett. 1948, vol. IV, Mailand 1951 S. 229-61.- Über respublica in der karolin-
gischen Zeit s. Bd. II: »Die Titel der Karolinger«. S. ferner A. MAGDELAIN, Auctoritas principis,
Paris 1947 (Co!!. d'etudes latines, Serie scient. 22; 120 S.).
Die Krönung in Aachen: P. E. S., Die Krönung in Deutschland bis zum Beginn des Salischen Hauses
(1028), in der Zeitschrift für Rechtsgesch. 55, Kanon. Abt. 24, 1935 S. 184-;;2, und: Die Kaiser aus
dem Sächsischen Hause im Lichte der Staatssymbolik. Zur Erinnerung an die Kaiserkrönu ng Ottos
I.
in Rom am 2. Febr. 962, in den Mitteil. des Inst. für Österr. Gesch.-Forsc hung, Ergänzungsb d. XX
Heft 1, Graz-Köln 1962 S. 31-52 (S. 34f. über das Mahl) (Beide Aufsätze in Band III wieder
ab-
gedruckt).
Zum Datum des Ordo zuletzt C. VoGEL, Precisions sur Ia date et l'ordonnance primitive du Ponti-
fical romano-germ anique, in: Ephemerides Liturgicae, 74, 1960 S. 145-62 (zw. 950 und 962[3
im
Kloster St. Alban in Mainz). Für den Text ist nunmehr maßgebend die Edition von C. VoGEL-R.
ELZE, Le Pontifical romano-germ anique du Xe siede. Le texte I, Citta del Vaticano 1963 (Studie
Testi 226) S. 246ff.
Über den großen Rahmen orientiert kenntnisreich C. VoGEL, Introducdon aux sources de l'hist.
du culte chretien au moyen äge, II, in den Studi medievali, 3· serie, III, 1962 S. 1-98 u. IV, 1964
S. 435-569, jetzt erweitert unter diesem Titel zu einem Band von 385 S. (Biblioteca degli »Studi
medievali« I, Spoleto 1966).

Für die folgenden Abschnitte beziehe ich mich auf acht Bände, die ich bei den folgenden Ab-
schnitten nur noch in einzelnen Fällen anführe:
1. Kaiser Friedrichs ll. Herrschaftszeichen. Göttingen 195 5 (Abhandl.
der Akad. der Wiss. in Göt-
tingen, Phil.-Hist. Kl., 3· Folge Nr. 36; 162 S. mit 98 Abb.).
Verweise auf Literatur 47

2. Herrschaftszeichen und Staatssymbolik. Beiträge zu ihrer Geschichte vom dritten bis zum sech-
zehnten Jahrhundert, mit Beiträgen verschiedener Verfasser, Stuttgart: Verlag Anton Hiersemann
(Schriften der Monumenta Germaniae Historica, Band I3): I, I954; II, I955; III, I956 (zusammen
n65 Seiten mit I20 Tafeln).
3· Sphaira- Globus- Reichsapfel, Wanderung und Wandlung eines Herrschaftszeichens von Caesar
bis zu Elisabeth II. Ein Beitrag zum >Nachleben der Antike<, Stuttgart: Verlag Anton Hiersemann,
1958 (2I9 S. in Quart mit 84 Tafeln).
4· (Zusammen mit Dr. phil. FLüRENTINE MüTHERICH): Denkmale der deutschen Könige und Kaiser.
Ein Beitrag zur Herrschergeschichte von Karl dem Großen bis Friedrich II. (768-I25o), München:
Prestel-Verlag I 962 (Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München, II);
darin (P. E. S.): Versuch der Rekonstruktion des Hortes und sonstigen beweglichen Herrscherbe-
sitzes - Dokumente - (FL. M.): Katalog - 244 Tafeln - Register (zusammen 484 Seiten in Quart).
Außerdem behandelte ich einzelne Länder in folgenden Büchern:
5· Imperium Romanum des Mittelalters: Kaiser, Rom und Renovatio, I-II,Lpz. I929 (Photomechan.
Neudruck von Bd. I mit Nachträgen: Darmstadt I957). Eine ital. Übersetzung wird vorbereitet.
6. England: Geschichte des englischen Königtums im Lichte der Krönung, Weimar I937 (Photo-
mechanischer Neudruck mit Nachträgen ist vorgesehen); Übersetzung von L. G. WrcKHAM
LEGG: A History of the English Coronation, Oxford I937·
7· Frankreich: Der König von Frankreich. Das Wesen der Monarchie vom 9· zum I6. Jahrh. Ein
Kapitel aus der Gesch. des abendländischen Staates, 1-II, Weimar I939 (Photomechan. Neudruck mit
Nachträgen: Darmstadt I96o).
8. Spanien: Eine Geschichte des Königtums in Spanien (Kastilien-Le6n, Navarra, Aragon) habe
ich vorbereitet; eine Reihe von Kapiteln ist bereits in Festschriften und Zeitschriften erschienen.
Übersetzt wurden: Eis primers comtes-reis: Rarnon Berenguer IV, Alfons el Cast, Pere el Catolic per
P. E. SCHRAMM, J.-F. CABESTANY, E. BAGuE, Barcelona I96o und (aus: Herrschaftszeichen aaO.):
Las Insignias de la Realeza en Ja Edad Media Espafiola, Traducci6n y Prologo de L. VASQUEZ DE
p ARGA, Madrid I 960.

Abschnitt a-b: Gesten der Untertanen und Gesten der Herrscher


Auf diesem Gebiet bleibt noch viel zu tun. Ich führe vornehmlich Arbeiten aus den letzten Jahren an:
Viele Perspektiven eröffnen die Studien von HERBERT FISCHER in Graz. Ich nenne hier: Die
offene Kreuzhaltung im Rechtsritual, in der Festschrift A. STEINWENTER (Grazer Rechts- u. Staats-
wiss. Studien III), Graz-Köln I958 S. 9-37; Das Wort im Nacken, in der Zeitschr. für Ganzheits-
forschung N. F. V, Wien I96I S. I25-33; Die eheliche Verantwortung u. das Schultersymbol, in:
Antaios, Zeitschr. für eine freie Welt I, Stuttgart I959[6o S. I86-2o8.
Zum Altertum vgl. C. SITTL, Die Gebärden der Griechen und Römer, Lpz. I89o (vornehmlich
auf Wortzeugnisse gestützt) und GERHARD NEUMANN, Gesten und Gebärden in der Griech. Kunst,
Berlin I965 (225 S. mit 77 Abb.), der von den Bildzeugnissen ausgeht und die spätklassische Zeit
einbezieht. Er scheidet die intentionalen >Gesten< von den emotionalen >Gebärden<; als dritten Be-
reich grenzt er die >Mimik< ab.
Über die verschränkten Hände als antike Geste des consensus vgl. KL. ÜEHLER, Der Consensus
Omnium, in: Antike u. Abendland X, I96I S. I03-29; über eine andere Handgeste BR. PARADISI,
Rito e retorica in un gesto della mano, in: Stud. in onore de A. C. jEMOLO, Varese 1962.
Für die Päpste s. G. B. LADNER, The Gestures of Prayer in Papal Iconography of the XIII. and
early XIV. Centuries, in: Didascaliae. Studies in Honor of A. M. ALBAREDA, ed. by S. PRETE, New
York I96r S. 245-75.
Über die Proskynese vgJ. FEODORA PRINZESSIN VON SACHSEN-MEININGEN, Proskynesis in Iran, in
FR. ALTHEIM, Gesch. der Hunnen II, Berlin I96c S. 125-66.
Einleitung: 2. Herrschaftszeichen, Staatssymbo!ik, -präsentation

Für die germanische und altdeutsche Zeit vgl. KLARA STROEBE, Altgerm. Grußformen , Diss.
Heidelberg, Halle I9II; W. BOLHÖFER, Gruß und Abschied in althochdeutscher und mittelhoch-
deutscher Zeit, Diss. Göttingen 1912.
Für das Mittelalter fehlt, was für das Romische Reich A. ALFÖLDI geleistet hat: Die Ausgestaltun g
des monarchisch en Zeremoniells am römischen Kaiserhof, in den Mitteil. des Deutschen Archäol.
Inst., Röm. Abt. 49, 1934 S. r-u8.
Bemerkensw ert ist, daß Otto I. von seinem Bruder Brun, der sich von ihm verabschiedet, den
Handkuß empfängt, obwohl dieser Erzbischof war; vgl. EKKEHARD: Casus s. Galli cap. 16 (Mon.
Germ., Script. II S. 147):jratre manu osculata discedente.
Die Lit. zu dem im Text angeführten> Ruodlieb< sowie Editionen bei P. E. S., Denkmale aaO. S. 99 ff.
S. auch W. HABICHT, Die Gebärde in englischen Dichtungen des Ma.s, in der Abhandl. der
Bayer. Akad., Phil.-hist.-Kl. N. F. 46, 1959 (r68 S.).

Abschnitt c: Dinge, die den Herrscher zu vertreten vermogen

r. Fahnen und Banner


P. E. S., Herrschaftszeichen II S. 643-84 (Kap. 27: Beiträge zur Gesch. der Fahnen und ihrer Ver-
wandten; Kap. 28: Signifer regis, Signifer sacri imperii, Signifer regni Italici).- Nachzutrage n sind
K. GoLDAMMER, Die heilige Fahne. Zur Gesch. u. Phänomolog ie eines religiösen Objektes, in:
Tribus, Zeitschr. für Ethnologie, N. F. IV/V. 1954/55, Stuttgart 1956 S. 13-55; PETER PAULSEN,
Feldzeichen der Normannen, im Archiv für Kulturgesch. 39, 1957 S. r-42; R. EGGER, Das Labarum,
die Kaiserstandarte der Spätantike, Wien 1960 (Österr. Akad. der Wiss., Sitzungsberichte, Phil.-
Hist. Kl. 234, r); H. HoRSTMANN, Die Rechtszeichen der europäischen Schiffe im Mittelalter, in:
rooo Jahre Bremer Kaufmann, Bremen 1965 (Bremisches Jahrbuch 50) S. 75-133.
Über die Rolle der Fahne (Pend6n) und des Fahnenträger s (Alferez) in Kastilien vgl. P. E. S.,
Das Kastilische Königtum und Kaisertum (II. Jahrh. bis 1252), in der Festschrift für G. RITTER,
Tübingen 1950 S. 105 und Herrschaftszeichen aaO. II S. 667f., 683. Im übrigen vgl. Band VI.

Der Stab des Alkalden


Mich berührte seltsam, daß ein indianischer Alkalde, den ich in einem Dorf in der Nähe von Cuzco
(Peru) beobachtete, vor dem Beginn der Sonntagsmesse seinen Stab mit silbernem Beschlag an die
Mauer der Kapelle lehnte, um seine Gewandung schicklich herzurichten, und ihn dann küßte, als er
ihn wieder in die Rechte nahm. Die von mir befragten ibero-amerikanischen Kollegen vermochten
mir keine Erklärung zu geben; so wage ich diese: diesen Stab empfingen die Alkalden einst durch
Vermittlung von Zwischenins tanzen vom spanischen Vizekönig, der dazu als Vertreter des Königs
befugt war: ihm gebührte ein Handkuß und daher auch dem Zeichen, das ihn vertrat. Inzwischen ist
Peru eine Republik geworden, aber der - einst sinngemäße - Brauch ist dort im Bergland der Cordil-
leren offensichtlich unverändert beibehalten worden.

2. Münzen, Siegel und Bullen


Die Lit. ist so umfangreich, daß sie hier nicht namhaft gemacht werden kann. Meine Beiträge zur
karolingischen Zeit werden im folgenden wieder abgedruckt: Die ZeitgenössischenBilder Karls d.
Gr., Lpz. 1928 (Beiträge zur Kulturgesch. 29) S. 20-29 über Karls Metallbullen, S. 6o-7o über die
übrigen Metallbullen des 9· Jahrhunderts ; Kar! d. Gr. im Lichte der Staatssymbolik, in: Karo!. u.
Otton. Kunst, Wiesbaden 1957 S. 37ff. über Karls Münzen (das Bildnis das des Kaisers Konstantirr
nachahmend).
c) Zu den Wappen (für die gleiches gilt) im Rahmen der >Zeichen< vgl. P. E. S., Herrschaftszeichen
III S. 963 ff.
Literatur zu Abschnitt c--e 49

Abschnitt d: Bilder der Herrscher


Die spätantiken Herrschaftsbilder hat RICHARD DELBRÜCK bearbeitet. Für das byzantinische Reich
ist maßgebend ANDRE GRABAR, L'empereur dans l'art byzantin, Paris 1936 (La Faculte des lettres de
l'Univ. de Strasbourg); zu der geplanten Neubearbeitung des seit langem vergriffenen Buches ist der
Verf. noch nicht gekommen.
Die wissenschaftliche Bearbeitung der Papstbildnisse hat G. B. LADNER eingeleitet, aber leider
noch nicht zu Ende führen können: I rittratti dei papii, Citta del Vaticano 1941 (Mon. di Antichita
Ctistiana II. serie 4), dazu Aufsätze (Papstbildnisse auf Münzen des 8. und ro. Jahrh., in der Numis-
mat. Zeitschr., N. F. 28, 1935 S. 46-50 usw.).
Seit langem vergriffen ist P. E. S., Die deutschen Kaiser u. Könige in Bildern ihrer Zeit I: 751-
I I 52, Lpz.-Berlin 1928 (Text- und Tafelband; dort sowie in: Die zeitgenöss. Bilder Karls d. Gr. aaü.

die Mosaikbilder). Später werde ich die von mir gesammelten Nachträge zusammenstellen; mit
C. A. WILLEMSEN bereite ich die Fortsetzung bis zum Ende des 15. Jahrh. vor, der dann hoffentlich
eine Neubearbeitung des I. Bandes folgen kann.

Abschnitt e: Titel

I. Die Königs- und Kaisertitel


Rom
Nachweise erübrigen sich, da viele Hand- und Nachschlagebücher Zugang bahnen.
Erforderlich ist eine Fortsetzung von L. BERLINGER, Beiträge zur inoffiziellen Titulatur der römi-
schen Kaiser, Diss. Breslau 1935.
Byzanz und Südosteuropa
Für Byzanz vgl. L. BREHIER, L'origine des titres imperiaux a Byzanz, in der Byzant. Zeitschr.
XIV, 1905 s. 161-78. V gl. E. STEIN, Postconsulat et avrouearoeta, im Annuaire de !'Institut de
Philologie et d'Histoire Orientales II, 1934 S. 869-912.
G. ÜSTROGORSKY, Avtokrator i Samodrzac, Belgrad 1935 (Glas der Kgl. Serb. Akad. CLXIV, n.
Serie, Phil.-Hist. Wiss. 84).
F. DöLGER, Das byzantinische Mitkaisertum in den Urkunden, in der Byz. Ztschr. 36, 1936, S.
123-145.
DERS., Besprechung von V. LAURENT (Notes de titulature byzantine, im Echo d'Orient 38, 1939
S. 355-37o); ebd. 40, 1940 S. 518-20.
DERS., Die Entwicklung der Byzantinischen Kaisertitulatur und die Datierung von Kaiserdar-
stellungen in der Byzantinischen Kleinkunst, in seinem Buch: Byzantinische Diplomatik, Ettal 1956
S. 130-161.
Über das Verhältnis des Basileus zu den anderen Herrschern, das sich vor allem an den Titulaturen
ablesen läßt, vgl. F. DöLGER, Die Familie der Könige im Mittelalter, im Hist. Jahrb. 6o, 1940 S.
397-420 (wieder abgedruckt in: Byzanz u. die europ. Staatenwelt, Darmstadt 1964 S. 34-69; s. auch
ebd. S. 14o-58: Bulgar. Zarturn u. Byzantin. Kaisertum und S. 183-96: Der Bulgarenherrscher als
geistlicher Sohn des byzant. Kaisers).
Ferner F. DöLGER, Die Kaiserurkunde der Byzantiner als Ausdruck ihrer politischen Anschauun-
gen, in der Histor. Zeitschr. 159, 1938/39, S. 229-50 (wieder abgedruckt in: Byzanz u. die europä-
ische Staatenwelt, Darmstadt 1964 S. 1-33).
Zu t-tiyar; ßamkvr;, einem nach H. GR:EGOIRE von Michael III. angenommenen Titel, um das
Übergewicht über den Westen zu dokumentieren, vgl. die ablehnende Rezension von F. DöLGER in
der Byzant. Zeitschr. 31, 1931 S. 170 und DERS., Byzanz u. die europ. Staatenwelt, Darmstadt z.
Aufl. 1964, S. 312 Anm. 54·

4 Schramm, Aufsätze I
50 Einleitun g: 2. Herrschaftszeichen, Staatssymbolik, -präsentation

Zu vergleichen ist auch noch G. ÜSTROGORSKY, Die byzantinische Staatenhie


rarchie, im Semina-
rium Kondako vianum vrrr, 1936 s. 41-61.
S. ferner W. ÜHNSORGE, Drei Deperdita der byzantinischen Kaiserkanzlei und
die Frankenadresse
des Konstanti nos Porphyro gennetos, in der Byzant. Zeitschr. 45, 1952 S. 331ff.
(Jetzt: Abendlan d u.
Byzanz, Darmstad t 1963, S. 227-54).
Seine Forschun gen kann nicht fortsetzen der uns durch den Krieg entrissene
0. TREITINGER, Die
oströmische Kaiser- und Reichsidee nach ihrer Gestaltun g im höfischen
Zeremoniell, Jena 1938
(neugedru ckt von der Wissensch. Buchgesellschaft, Darmstad t) und DERs.,
Vom oströmischen
Staats- und Reichsgedanken, in der Leipziger Vierteljahrschr. für Südosteur
opa IV, 1940 S. r-25.
Aufschlußreich ist auch H. HUNGER, Prooirnion. Elemente der byzant. Kaiseridee
in den Arengen
der Urkunden , Wien 1964 (Wiener Byzant. Studien I; 26o S.).

Über den bulgarisch-serbisch-russischen Zarentitel vgl. GY. MoRAvcsrK, Zur Gesch.


des Herrscher -
titels >Caesar = l(APb<, in: Melanges G. ÜSTROGORSKY l, Belgrad 1963 (Recueil
des travaux de l'Inst.
d'etudes byz. VIII) S. 229-32 (danach wohl schon im VI. Jahrh. aus dem Lateinisch
en übernomm en).
Vgl. Lit. über den byzantinischen Kaisertitel ebd. S. 232 Anm. 29.
Über Ungarns. die unten S. 51 angeführt e Diss. von J. BAK; über den für
Bela III. geschaffenen
Titel, der ihn als Erben des Basileus kennzeichnen sollte, vgl. G. ÜSTROGOR
SKY, Urum-Despotes.
Die Anfänge der Despotesw ürde in Byzanz, in der Byzant. Zeitschr. 44, 1951
S. 448-6o.
Über den Titel, der dem Kaiser Friedrich II. in der arabischen Welt eingeräum
t wurde, vgl. H. L.
GorrscHALK, Al-anbaratiir-/Imperator, in: Der Islam 33, 1957 S. 3off. (auch:
al-anbarür). Diese Be-
zeichnung wurde auch auf Friedrichs Söhne, Konrad IV. und Manfred, angewand
t.
Der abendländische Kaisertitel
Da die mit ihm zusammenhängenden Fragen in den folgenden Studien oft berührt
werden (vgl. bes.
im TI. Band: >Die Titel der .. Karolinger< und im III. Band: Personal- und
Matrimonialunionen),
begnüge ich mich für Deutschla nd zunächst mit dem Hinweis auf E. E. STENGEL,
Abhandl. u. Unter-
suchunge n zur Gesch. des Kaisergedankens im Ma., Köln-Gra z 1965 (vgl. bes.:
S. 1-170: Der Heer-
kaiser, zuerst Weimar 1910 unter dem Titel: >Den Kaiser macht das Heer<, und
S. 239-86: Kaisertitel
und Souveränitätsidee. Studien zur Vorgesch. des modernen Staatsbegriffs, zuerst
im Deutsche n Archiv
III, 1939 s. 1-5 6).
H. WoLFRAM, Intitulatio. I: Lateinische Königs- u. Fürstentitel bis zum
Ende des 8. Jahrh.s,
Graz-Wie n-Köln 1967 (Mitteil. des Inst.s f. Österreich. Gesch.forsch., Erg.bd.
XXI; 271 S.); dort
S. 206--44 über den karolingischen Königstit el vor 8oo.
Zu den von Kar! d. Gr. geführten Titeln vgl. P. E. S., Die Anerkenn ung Karls
d. Gr. als Kaiser, in
der Histor. Zeitschr. 172, 1951 S. 498ff. (auch gesondert : München 1952 S.
54ff.) und DERS., Kar! d.
Gr. im Lichte der Staatssymbolik aaO. S. 35 ff. (unten wieder abgedruckt).
Von mir angeregt wurde SrGURD GRAF v. PFEIL, Die Titel derfränkischen Könige
und Kaiser bis
911, Diss. Göttingen 1958 (nur in Masch.-Schrift vorliegend). Ein Abschnitt
erschien unter dem
Titel: Der Augustus -Titel der Karolinger, in: Die Welt als Geschichte XIX,
1959 S. 194-210. Vgl.
dazu in Bd. II mein Referat: >Die Titel der Karolinge r 813-9II<.
Die Frage, von wann an sich die deutschen Könige den Titel »König der Römer«
beilegten, hat
neu untersuch t R. BucHNER, Der Titel rex Romanorum in deutschen Königsur
kunden, im Deutsche n
Archiv 19, 1963, S. 326-38. Er zeigt, wie unsicher die Überlieferung ist: alle
Belege für die Zeit von
Konrad ll. bis Heinrich IV. sind Anzweifelungen ausgesetzt; jedenfalls ist
der Brauch damals noch
nicht kanzleimäßig. Von Heinrich V. an wird der Titel dagegen oft (auch in
der Kanzlei) gebraucht.
Über den von König Konrad lll. (II38-p) gelegentlich verwandt en Kaisertitel
, der ihm bei den
Byzantinern höheres Ansehen verschaffen sollte, vgl. W. ÜHNSORGE, >Kaiser<
K. III., in den Mitteil.
Literatur zu Abschnitt e

des Inst. f. österr. Geschforsch. 46, 1932 ,S. 343ff. (wieder abgedruckt in seiner Aufsatzsammlung:
Abendland u. Byzanz, Weimar-Darmstadt 1958, S. 364ff.).
Für den Reichstitel ist noch immer grundlegend K. ZEuMER, Heiliges römisches Reich deutscher
Nation. Eine Studie über den Reichstitel, Weimar 1910 (Quellen u. Studien zur Verfassungsgesch.
IV, 2),dazuA. DIEHL, HlgesRöm.Reich deutscher Nation, in der Histor. Zeitschr.r56, 1937,S·457-484
(weitere Beiträge s. DAHLMANN-WArTz Nr. 2398).
Reichs- unQ. Kaisernamen sowie -titel behandelt K. G. HuGELMANN, Nationalstaat u. Nationalitäten-
recht im deutschen Ma., I, Stuttgart 1955, S. 385-404.
Über die Einfügung von sacrum in den Reichstitel (vorübergehend auch: sacratissimum) auf Grund
alter Tradition durch Reinald von Dassei vgl. R. M. HERKENRATH, R. v. D. als Verfasser u. Schreiber
von Kaiserurkunden, in den Mitteil. des Inst. f. österr. Gesch.forsch. 72, 1964, S. 40f. (der Ge-
brauch von sacrum zusammen mit Romanumgehört erst dem 13. Jahrh. an). Über sacrum imperium
(Seit 115 7 von der .Kanzlei Friedrichs I. benutzt) s. H. APPELT, Die Kaiseridee Fr. Barbarossas,
Referat im Anzeiger der Oesterr. Akad. der Wiss. Phil.-Hist. Kl. 103, 1966 S. 131f. und ganz in den
»Sitzungsberichten« Phil.-Hist. Kl. 252, 4· Abh., 1967.

Hinweise auf andere Länder

Die Geschichte des - komplizierten - Titels der Könige von Aragon behandelten J. DELAVILLE LE
RouLx in den Nouvelles Archives des missions scient. et litt. IV, 1913, S. 259ff. (darauf gestützt:
P. E. ScHRAMM, Der König von Aragon, im Histor. Jahrb. 74, 1955, S. 109f.) und F. MATEU Y
LLOPIS in den Spanischen Forschungen der Görres-Gesellschaft, r. Reihe: Gesammelte Aufsätze zur
Kulturgesch. Spaniens IX, 1954.
Den kastilischen Königstitel, den ich in Aufsätzen bereits berührte, hoffe ich einmal in dem in Aus-
sicht gestellten Buch eingehend behandeln zu können.

Die im Laufe der Jahrhunderte erfolgten Abwandlungen des englischen Königstitels (>Style<) sind
wegen ihres staatsrechtlichen Charakters viel beachtet worden. V gl. die Zusammenstellung von H.
G. RrcHARDSON im Handbook of Chronology, London 1939 (R. Hist. Soc.).
Über die Frage des Titels imperator (bzw. basileus) bei den Angelsachsen vgl. R. DRÖGEREIT,
Kaiseridee und Kaisertitel bei den Angelsachsen, in der Zeitschr. für Rechtsgesch. 69, Germ. Abt.,
1952, S. 54ff., dagegen E. E. STENGEL, Imperator und Imperium bei den Angelsachsen. Eine wort-
und begriffsgeschichtliche Untersuchung, im Deutschen Archiv XVI, 1960, S. 15-72 (Wieder abge-
druckt in: Abhandl. u. Untersuchungen zur Gesch. des Kaisergedankens im Ma., Köln-Graz 1965,
s. 287-338).
Über den Titel der normannischen Herzöge vgl. MARIE FAuRoux, Recueil des actes des ducs de Not-
mandie (9rr-ro66), Caen 1961 (Mem. de Ja Soc. des Antiquaires deN., Bd. 36), S. nff. (s. die Zu-
sätze von W. KrENAST in der Histor. Zeitschr. 199, 1964, S. 47of.).

Der Bezeichnung Erzkönige, bezogen auf Dänemark, Frankreich und Ungarn, die in der spät-
mittelalterlichen Staatstheorie auftaucht, kommt keine offizielle Bedeutung zu; vgl. J. LIEDGREN,
Arkekonungen av Danemark och det tyskromerska rikets indelning, in der Finnischen Histor.
Tidskrift 40, 1955, S. 76f.; s. hierzu Deutsches Archiv XII, 1956, S. 269 (vgl. die Benennung des 1443
zum König der nordischen Reiche gekrönten Christoph von Bayern: Archirex Daniae).
Dr. JoH. M. BAK (z. Z. Delaware, USA), der in seiner von mir angeregten, noch unge-
druckten Dissertation (Das ungar. Königtum im späten Ma., Göttingen 1962) der Titelfrage in
Ungarn nachgegangen ist, steht vor dem Abschluß eines Buches, in dem er den Herrschertitel des
Mittelalters im europäischen Rahmen behandelt.
Einleitung: 2. Herrschaftszeichen, Staatssymbolik, -präsentation

2. Weitere Fürstentitel
Über die aus der Antike stammende Bezeichnung >princeps< (PAULY-W1SSOWA, Realencycl. 22, 2 1954,
S. 199Sf. und Suppl. S, 1956, S. 62Sff.) im Ma. s. H. KoLLER, Die Bedeutung des Titels >princeps< in
der Reichskanzlei unter den Saliern und Staufern, in den Mitteil. des Inst. f. Österreich.-Ges ch.for-
schung 4S, 196o, S. 63-So.
R. SPRANDEL, Dux und Comes in der Merowingerzei t, in der Zeitschr. f. Rechtsgesch. 74, German.
Abt., Weimar 1957, S. 41-S4 zeigte, daß es sich im 6./7. Jahrh. noch nicht um feste Amts- oder
Rangbezeichnu ngen handelte. Beide Titel hatten eine schillernde Bedeutung, bei der die Antike nur
durch die literarische Überlieferung mitsprach.
Vgl. ferner D. CLAUDE, Untersuchunge n zum frühfränkischen Cornitat, in der Zeitschr. für
Rechtsgesch. Sr, German. Abt., r964, S. r-79 (s. die Zusammenfassu ng S. 79: »Der Amtscharakter
des Dukats, den das Königshaus zu wahren suchte, schwindet im 7· Jh., so daß seine Inhaber vor
allem östlich des Rheins, aber später auch in Aquitanien faktisch zu selbständigen Herrschern werden.
Der Unterschied zwischen Amts- und Stammesherzögen besteht in der inneren Struktur ihrer Herr-
schaftsgebiete. Es gab keine Titularherzöge«).
W. KrENAST, Die Ursprünge des Herzogstitels in Frankreich, in: Etudes sur l'hist. des assemb!ees
d'etats, ed. FR. DuMONT, Paris 1966 (Travaux et Recherehes de Ia Fac. de droit etc., serie >Sciences
hist.< No. S), S. r3-35 (Resümee des Frankreich-Kap itels aus dem vom Verf. vorbereiteten Buch:
>Der Herzogstitel in Frankreich u. Deutschland<). Ein Aufsatz mit diesem Titel in der Histor.
Zeitschr. 203, r966, S. 532-So.
Über >Herzog und Fürst im deutschen Sprachbrauch< vgl. den Aufsatz von EDw. SeHRÖDER (mit
dieser Überschrift) in der Zeitschr. f. Rechtsgesch., Germ. Abt. 44, 1924, S. 1ff.
Über den Titel Erzherzog und die Titel, die der Herzog Rudolf IV. von Österreich vergeblich an-
strebte, vgl. URSULA BEGRICH, Die fürstl. Majestät Herzog Rudolfs IV. von Ö., Wien r965 (Wiener
Diss.en aus dem Gebiet der Gesch.; 166 S.).
Über die von den Welfen um die Mitte des I4. Jahrh. aufgegriffene, aus der Pfalzgrafenwürde ab-
geleitete Bezeichnung: Princeps Saxoniae vgl. W. ÜHNSORGE im Niedersächs. Jahrbuch 3I, 1959,
S. 127-54; dazu die Miszelle von G. ScHNATHin der Zeitschr. f. Rechtsgesch., Germ. Abt. 79, 1963,
s. 245·
Über den Titel Großherzog vgl. A. GRUNZWEIG, Le Grand Duc du Ponant, in: Le Moyen Age I 9 56,
S. II9-65.
H. H. HoFMANN, Serenissimus. Ein fürstliches Prädikat im I 5. Jahrhundert, im Histor. Jahrbuch So,
I961 S. 240-p.
E. HoLZMAIR, Maria Theresia als Trägerin >männlicher< Titel, in den Mitteil. des Inst. f. österr.
Gesch.forschun g 72, I964, S. I23-34 (behandelt: Imperatrix, Regina, Rex, Dux, Archidux, Magna
Dux, Princeps usw.).
Über den Titel der pommerseben Herzöge s. P. CzAPLEWSKI, Tytulatura ksiaz~t pomorskich, in:
Zapiski Towarzystwa Naukowego w Toruniu XV, 1949 S. 9-62 (hier S. 53ff. über: dux, princeps,
dominus, vicedominus, domicellus, rex, senior, satrapa).

J. Die Dei-gratia-Formel
Grundlegend bleibt K. ScHMITZ, Ursprung u. Gesch. der Devotionsform eln bis zu ihrer Aufnahme
in die fränkische Königsurkunde , Stuttgart I9I3 (Kirchenrecht!. Abhandl. Sr), dazu W. STAERK, Dei
Gratia. Zur Gesch. des Gottesgnadentu ms, in der Festschrift W. JuDEICH zum 70. Geburtstag,
Weimar I929 S. 160-72.
Für die Anfänge vgl. W. ENSSLIN, Gottkaiser und Kaiser von Gottes Gnaden, in den Sitz.-Be-
richten der Bayer. Akad., phil.-hist. Abt. 1943 Heft 6 (s. bes. S. 12off.: Dei Gratia. Ein Ausblick auf
die Entwicklung im Westen; s. auch WoLFRAM a. a. 0., S. 213.)
Literatur zu Abschnitt e-f

Über den herrscherliehen Bereich führt mit vielen Zeugnissen hinaus J. SCHWIETERING, Die
Demutsformel der mittelhochdeutschen Dichter, in den Abband!. der Gesellsch. d. Wiss. in Göttin-
gen, Phil.-hist. Kl. N. F. vn, 3, 1921; DERS. (in Abwehr von E. R. CURTIUS. Europ. Lit. u. latein.
Ma., Bem 1948 S. 4I3): The Origin of the Medieval Humility Formula, in PMLA (Pub!. of the
Modern Language Ass. of America) 69, I954 S. 1279-9I.
über die Frage, ob Kar! d. Gr. -als er 768 die Dei-gratia-Formel in seinen Titel übernahm- dem
Vorbild der Angelsachsen folgte, vgl. P. E. S., Kar! d. Gr. im Lichte der Staatssymbolik, in: Karo-
ling. u. Qttorr. Kunst. Werden - Wesen - Wirkung; Wiesbaden I 9 57 S. 20 (dort weitere Lit.) (s. jetzt
unten S. 198). Über seine Nachfolger vgl. die oben S. 50 angeführte Diss. von SIGURD GRAF PFEIL
und den in Bd. II folgenden Auszug.
Die Devotionsformel blieb nicht auf die Könige beschränkt: Boso, der spätere König von Burgund,
nannte sich in der Intitulatio einer 878 ausgestellten Urkunde: Ego, Boso, Dei gratia, id quod sum;
vgl. unten Bd. TI.- Die Herzöge Arnulf von B'!)'ern (t 937) und sein Bruder Bertold (t 947) fügten
ihrem Titel dux hinzu: divina ordinante providentia, bzw. divina favente clementia; s. K. REINDEL, Die
bayerischen Luitpoldinger 893-989, München 1953 (Quellen u. Erörterungen zur bayer. Gesch., N.
F. XI) S. 78 (a. 908) und S. I 57 (a. 937).
Die Gräfin Clementia von Flandern, die während der Teilnahme ihres Gatten Robert am Kreuzzug
ihn vertrat, urkundet 1097/8 als: Ego Clementia per manum (bzw. nutu) Dei Flandriae comitissa; vgl.
H. SPROEMBERG, 0., Gräfin von Fl., in der Revue beige de philol. et d'hist. 44, 1964 S. I2I3/4· In
dieser Zeit setzten auch die Grafen in den kleinen Grafschaften an den Pyrenäen ihrem Namen und
Titel bereits Dei gratia zu.
In Italien legten sich nicht nur die Podesta, sondern auch die Consules der Städte die Bezeichnung
>divina gratia< bei; vgl. für Viterbo NoRBERT KAMP, Istituzioni comunali in Viterbo nel medioevo I:
Consoli etc. nei sec. XII e XITI, Viterbo 1963 (Bibi. di Studi Viterbiensi I) S. 9, 14.- Erwünscht wäre
eine Zusammenstellung aller derjenigen, die sich im Laufe der Jahrhunderte die >Dei-gratia<-Formel
'angeeignet haben, und die Feststellung, wann das geschah.

Abschnitt f' Namen sowie Lob- und Ehrenwörter

I. Namen und Beinamen

Wichtig ist vor allem H.-W. KLEWITZ, Namengebung und Sippenbewußtsein in den deutschen
Königsfamilien des 10. bis 12. Jahrhs., im Archiv für Urkundenforschung XVIIT, 1944 S. 23ff. Über
die von Kar! d. Gr. für seine Söhne gewählten Namen vgl. P. E. S., Kar! d. Gr., Denkart und Grund-
auffassungen, ill der Histor. Zeitschr. 198, 1964 S. 311f. (unten wieder abgedruckt).
Über die Wiederaufnahme des Namens >Kar!< in Frankreich um 12.00 s. P. E. S., König von Frank-
reich a. a. 0. I S. 175 f.
Über Ansippung s. K. HAucK, Geblütsheiligkeit, in: Liber floridus, Festschrift für PAUL LEHMANN,
St. Ottilien 1950 S. I92f.
Über den Beinamen der Große vgl. FRIEDRICH PFISTER, Alexander d. Gr. Die Geschichte seines
Ruhms im Lichte seiner Beinamen, in: Historia xm, 1964 s. 37-79, bes. s. 55ff. und PETER P.
SPRANGER, Der Große. Untersuchungen zur Entstehung des historischen Beinamens in der Antike,
in: Saeculum IX, I958 S. 22-58.
Über Magnus als Beinamen Karls d. Gr. s. PAUL LEHMANN, Erforschung des Ma. I, Stuttgart
1959 (Neudruck von 194I) S. I2.9ff. (dazu auch unten).
Über die Rolle Konstantins des Großen vgl. H. WoLFRAM, Constantin als Vorbild für den Herrscher
des hochmaLen Reiches, in den Mitteil. des Inst. f. österr. Gesch.forsch. 68, 1960 S. 234ff. (dazu
auch unten).
54 Einleitung: 2. Herrschaftszeichen, Staatssymbolik, -präsentation

2. Ehren- und Lobwörter


Aus A. ALFÖLDIS Studien sei hier nur genannt die Aufsatzfolge: >Die Geburt der kaiserl. Bildsym-
bolik< (>Der neue Romulus<, Parens patriae usw.) im Museum Helveticum (VII, I95o S. Iff., VIIT,
1951 S. I90-215, IX, I952 S. 204-43, XI, I954 S. I33-69, XIV, I957 S. Io3-64). Für Roms. G.
GERN.ENTZ, Laudes Romae, Diss. Rostock I9I8.
Zu splendor imperii vgl. H. WoLFRMf, Sp. imp. Die Epiphanie von Tugend und Heil in Herrschaft
und Reich, Graz-Köln I963 (Mitteil. des Österr. Inst. f. Gesch.forsch., Ergänzungsbd. XX, Heft 3;
I99 S.).
Reiches Material zu: c!ementia, gloria, libera!itas, maiestas, respublica usw. bei H. v. FicHTENAU,
Arenga: Spätantike und Ma. im Spiegel von Urkundenformeln, Graz-Köln I957 (Mitteil. des Österr.
Inst. für Gesch.forsch., Erg.bd. XVIIT; 284 S.).
Über diese Begriffe in der Karolingischen Zeit vgl. in Bd. II: >Die Titel der Karolinger<.
In dem noch 799 verfaßten Gedicht KaroJus Magnus et Leo Papa (Mon. Germ., Poet. lat. I S. 366
bis 79) sind die Verse 6I-66 gefüllt mit ail den Lobwörtern und Ehrennahmen, die der unbekannte
Verfasser als angemessen für Kar! ansieht: diese Liste bildet einen guten Ausgangspunkt für weitere
Forschung im Mittelalter. - Neue Ausgabe von H. BEUMANN, F. BRUNHÖLZL, W. WINCKELMANN:
KaroJus M. etLeo papa, Münster I966 (Studien u. Quellen zur Westfäl. Gesch. 8).
Über invictissimus in der Kaiserzeit Ottos I. vgl. K.-U. JÄSCHKE, Königskanzlei und imperiales
Königtum im IO. Jahrh., im Histor. Jahrbuch 84, I964 S. 288-3;;.
V gl. ferner FR. BITTNER, Studien zum Herrscherlob in der mittellateinischen Dichtung, Würz-
burg/Volkac h 1962 (171 S.).

Über die Geschichte der Ehrenbezeic hnung >Majestät< vgl. URsuLA BEGRICH, Die fürstl. >Maje-
stät< Herzog Rudo!fs IV. von Österreich. Ein Beitrag zur Gesch. der fürstl. Herrschaftszeichen
im späten Ma., Wien 1965 (Wiener Diss.en aus dem Gebiete der Geschichte; I66 S. in Quart mit
Abb.).
Über den weiteren Gebrauch von >Majestät< informiert noch gut: H. G. ZEDLER, Universal-
Lexikon, 19. Bd., Halle u. Leipzig 1739; Sp. 534-550: Majestät. Der Kaiser, der diese Anrede als
sein Vorrecht ansah, stand sie I633 den Königen von England und Schweden, I641 auch dem von
Frankreich zu.
Über die >Lobwörter< decus imperii u. spes imperii vgl. den Anhang zu P. E. S., Die Bügelkrone,
ein karolingisches Herrschaftszeichen, in der Festschrift für K. G. HuGELMANN, II, Aalen I959
s. 573-78 Getzt in Band n und Ill).
Die ältere Lit. über das Wort >honor< bei P. KEHR, Die Belehnungen der süditalienischen Nor-
mannenfürsten, in den Sitzungsber. der Akad. der Wiss. zu Berlin I934, Phil.-Hist. Kl. Nr. I S. 4o;
dieneuere bei V. PFAFF, Die Gestalt Innocenz' III. u. das Testament Heinrichs VI., in der Zeitschr.
f. Rechtsgesch. 8I, Kan. Abt. 50, I964 S. 123 Anm. I48.
Zu der Formel bonor regtli (bzw. imperii) vgl. P. RAssow, Honor imperü. Die neue Politik Friedrich
Barbarossas, II 52-II 59, München I 940, Neudruck Darmstadt I 96I (über die Rechtsbedeutung vgl.
H. APPELT, Der Vorbehalt kaiserlicher Rechte in den Diplomen Friedrich Barbarossas, in den Mitteil.
des Inst. für Österr. Gesch.forsch. 68, I96o S. 8I-97); dazu HARTMUT HoFFMANN in der Festschrift
für HARALD KELLER, Darmstadt I963 S. 77ff.
Über sublimis (-issimus) vgl. Byzant. Zeitschr. XI, 1902 S. 6I 5. Instruktiv ist der Aufsatz von H. H.
HoFMANN, Serenissimus, im Histor. Jahrbuch So, I96I S. 24o-5 I; er müßte ergänzt werden durch
die Geschichte der Anreden: >Kgl. Hoheit<, >Durchlaucht<, >Erlaucht< usw. Bei den Ehrenbezeichnun-
gen rex cbristianissimus für den französischen, rex catbo!icus für den spanischen, rex ftdelissimus für den
portugiesischen König, >apostolischer König< für den ungarischen Herrscher erübrigt es sich, Litera-
tur anzuführen, da deren Rolle in der Geschichte der Staatssymbolik bekannt ist. Das gleiche gilt
Literatur zu Abschnitt f-g

für die Ehrenbezeichnungdefensor ftdei, die der Papst dem König Heinrich VITI. von England verlieh
und seine Nachfolger trotz des Bruches mit Rom festhielten.

Literatur über den päpstlichen Titel verzeichnen die Kirchenlexika. Ich vermerke hier nur: M.
MACCARONE, Vicarius Christi: Storia del titolo papale, Rom I952 (Lateranum, N. s. xvm, I4)·
Über den im Dictatus papae angemeldeten Anspruch, daß dem Papst die Bezeichnung sanctm zu-
komme, vgl. W. ULLMANN in den Studi GregorianiVl, Rom I959f6x S. 229-64; überpapavgl.Bd.IV.

Abschnitt g: Die Herrschaftszeichen


Für die Frage, wieweit die Antike für das Mittelalter maßgebend wurde, bietet eine feste Grundlage
A. ALFÖLDI, Insignien und Tracht der römischen Kaiser, in den Mitteil. des Deutschen Archäol.
Inst., Röm. Abt. 50, I935 S. I-I7I.
Für das Mittelalter verweise ich auf meine oben S. 46f. angeführten Bücher sowie auf den später
folgenden Band VI, der den Herrschaftszeichen gewidmet sein wird. Dort soll auch wieder ab-
gedruckt werden: Herrschaftszeichen: gestiftet, verschenkt, verkauft, verpfändet. Belege aus dem
Ma., Göttingen I957 (Nachrichten der Akad. der Wiss. in Göttingen, Phil.-Hist. Klasse I957 Nr. 5,
S. I6I-226).
Italienische Leser seien verwiesen auf meinen zusammenfassenden Vortrag: Lo stato post-caro-
lingio e i suoi simboli del potere, in: Settimaue di studio del Centro italiano di studi sull' alte medio-
evo II, Spoleto I95 5 S. I-53· (Einzelne Abschnitte werden in diese Sammlung übernommen).
Alle Monarchien bezieht ein der 707 Quartseiten starke, reich illustrierte Band des Lord TwiNING,
A History of the Crown Jewels of Europe, London I96o, der die vorhandene Literatur anführt und
sachkundig auswertet. Dieses Werk behandelt alle erhaltenen Herrschaftszeichen; vgl. HErnz BIEHN,
Die Kronen Europas und ihre Schicksale, Wiesbaden I957 (235 S. mit II4 Abb.), der gleichfalls auch
dieneuere Zeit behandelt (vgl. meine Besprechung in der Histor. Zeitschr. I95, I962 S. I83).
Die Geschichte der Krone, des Szepters, des Reichsapfels, des Schwerts und der »lesser ornaments«
behandelt Lord TWINING in einem gleichfalls vorzüglich illustrierten Quartband: European Regalia,
London 1967 (334 S.).
Über die Fibel, auf die ich im folgenden nicht zurückkomme, als Herrscher- und Amtszeichen vgl.
J. DE.ER, Der Kaiserornat Friedrichs II., Bern I952 (Diss. Bernenses, Ser. II, Fase. 2) S. 47ff. mit T.
XXIVf. und MARVIN C. Ross, Seme Longobard Insignies, in: Allen Memorial Art Museum, Bulle-
tin, Vol. XXI No. 3, Spring I964 S. 142-52 (mit I5 Abb.; byzant. und langob.); vgl. bes. S. I48 die
Folgerung »that the Longobard Kings, feeling that they had taken over the royal dignity, would take
over as weil the imperial trappings«.
Zur Vorgeschichte vgl. T. CAPELLE, Zur germanischen Fibeltracht in taciteischer Zeit, im Nieder-
sächs. Jahrbuch 37, Nachrichten aus Niedersachsens Vorgeschichte Nr. 34, 1965 S. I-I8.
Vgl. auch E. H. KANTOROWICZ, >The King's Two Bodies<, Princeton 1957 S. 4I6 über den von
der ftbula abzuleitenden >bouton d'or< der französischen Juristen (A. 341 Nachweise, die bis zur
Antike zurück;greifen).
über den >Thron< für >Staat< in Deutschland vgl. P. E. S., Herrschaftszeichen a. a. 0. I S. 336ff.
(S. 349 über archisolium); jetzt abgerundet durch P. CLASSEN, Corona imperii. Die Krone als Inbegriff
des Römisch-Deutschen Reiches im 12. Jahrh., in: Festschrift P. E. ScHRAMM I, Wiesbaden I964
S. 9o-101,
Für corona = >Staat< vgl. den vorzüglich redigierten Sammelband: Corona regni. Studien über die
Krone als Symbol des Staates im späteren Ma., hg. von M. HELLMANN, Darmstadt I961 (Wege der
Forschung II). Die sieben Aufsätze behandeln sowohl West- und Mitteleuropa als auch Ungarn,
Polen und die slawischen Monarchien im allgemeinen. V gl. ferner HARTMUT HoFFMANN, Die Krone im
hochmittelalterlichen Staatsdenken, in der Festschrift für HARALD KELLER, Darmstadt I 963 S. 7I-8 5.
Einleitung: 2. Herrschaftszeichen, Staatssymbolik, -präsentation

Über den He"scherornat ist in den angeführten Werken manches zu finden, und da sich Königs-
mäntel und andere Gewänder erhalten haben, beteiligen sich auch die Kunsthistorike r an der Er-
schließung dieses Bereichs, der u. a. - wie ich am Beispiel Deutschlands, Frankreichs und Englands
darlegte - wegen der Angleichung an die geistliche Bekleidung Aufmerksamkeit verdient. V gl. vor
allem J. DEER, Der Kaiserornat Friedrichs II., Bern I952 (Diss. Bernenses, Ser. II, Fase. 2).
Über die Hoftrachten des Mittelalters vgl. A. P ARDUCCI, Costumi Ornati. Studi sugli insegnamenti
di cortigiania medievale, Bologna I962.

Licht auf die Amtstrachten werfen die Kleiderordnung en, zu denen zu vergleichen sind LISELOTTE
CoNSTANZE EISENBART, Kl. der deutschen Städte zwischen I350 und noo, Göttingen I96Z (Göttin-
ger Bausteine 32) und GERTRAUD HAMPEL-KALLBRUNNER, Beiträge zur Gesch. der Kl. mit bes.
Berücksichtigung Österreichs, Wien I962 (85 S.).
Für die Amtstrachten liegen bisher zwei Bücher von W. N. HARGREAVES-MAWDSLEY vor: A Hist.
of Academical Dress in Europe until the End of the I 8th Century, Oxford I963 und: A Hist. of
Legal Dress in Buropa until the End of the I 8th Century, ebd. I963 (danach imitierte in England
und in Frankreich das Richterkostüm den königlichen Ornat).
Für die Neuzeit vgl.: Juuus BERNHARD VON RoHR, Einleitung zur Ceremonial-Wissenschaft der
Großen Herren, Neue Aufl. Berlin I 73 3 (8 So S.); DERS.: Einleitung zur Ceremonial-Wissenschaft der
Privat-Personen, Berlin I73o (678 S. und Reg.). Den Hinweis auf die Bücher verdanke ich meinem
polnischen Freund K. GoRSKI (Universität in Thorn). - Noch reichhaltiger ist (wie mir R. ELZE
nachweist) das Werk seines Zeitgenossen J. Ch. LÜNIG: Theatrum Ceremoniale- politicum.

Abschnitt h: Salbung und Krönung

Ich habe diesen Bereich so oft betreten, daß ich hier von Nachweisen absehe. V gl. noch EDUARD
EicHMANN, Die Kaiserkrönung im Abendland, I-II, Würzburg I942, dazu die kenntnisreiche Be-
sprechung von H.-W. KLEWITZ in der Zeitschrift für Rechtsgesch. 63, Kanon. Abt. p, I943 S.
509-26.
Für Konstantinopel vgl. W. SICKEL, Das byzant. Krönungsrecht bis zum Io. Jahrh., in der Byzant.
Zeitschr. VII, I 898 S. I I ff. Siehe auch W. ENSSLIN, Zur Frage nach der ersten Kaiserkrönung durch
den Patriarchen und zur Bedeutung dieses Aktes im Zeremoniell, in der Byzant. Zeitschr. 42, I942
S. IOI-II5•
Kenntnisreich und weiterführend ist das Buch von C. A. BouMAN, Sacring and Crowning. The
Development of the Latin Ritual for the Anointing of Kings and the Coronation of an Emperor be-
fore the XI. Century, Groningen I957 (Bijdragen van het Inst. voor middelleuwse Geschiedenes der
Rijks-Univ. te Utrecht 3o; I98 S.); dazu DERS., De oorsprong van de rituele zalving der koningen.
De stand van een problem, in: Dancwerc, opstellen aangeboden aan Prof. Dr. B. TH. ENTELAAR,
Groningen I959 S. 64-85.
Zur Geschichte der Salbung vgl. auc:_h_EvAMÜLLER, Die Anfänge der Königssalbung im Ma. u.
ihre hist.-politischen Auswirkungen , im Histor. Jahrb. 59, I938 S. 317-60; M. LINTZEL, Heinrich I.
und die fränk. Königssalbung, Berlin I955 (Berichte über die Verhandl. der Sächs. Akad. der Wiss.,
Phil.-Hist. Kl. I02 Heft 4, S. r8ff.; Kap. 3· Die K. im Karolingerreich), wieder abgedruckt in: Aus-
gewählte Schriften II, Berlin 1961 S. 583-612.

Ordines
Nur die der Kaiserkrönung liegen bisher in einer wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werdenden
Ausgabe vor: Ordines coronationis imperialis = Die Ordines für die Weihe und Krönung des
Kaisers und der Kaiserin, hg. von REINHARD ELZE, Hannover I96o (Fontes iuris german. antiqui
Literatur zu Abschnitt g-k 57

in us. schol. IX). Der Verf. hat die Edition der deutschen Ordines sowie ein Buch mit Ordines-
Studien vorbereitet.
Editionen der englischen sowie der französischen Ordines habe ich den Weg geöffnet durch
>Ürdines-Studien< II-III (im Archiv für Urkundenforschung XIV, 1938 S. 3-55 und XV, 1938 S.
305~1 mit Nachträgen zu II-III, ebd. XVI, 1939 S. 279-86). Hier habe ich die erhaltenen Fassungen
gesondert sowie datiert und die mir bekannten Handschriften angeführt. Diese Grundlage ist noch
zu überprüfen und auszubauen; aber es dürfte keine allzu großen Schwierigkeiten mehr machen, an
die Edition heranzugehen. Ein junger kanadischer Forscher hat sich an die der englischen Ordines
· herangewagt. Für die Edition der französischen, die ich gleichfalls immer wieder angeregt habe, be-
steht wohl noch keine Aussicht.
Festkrönungen (Coronamenta)
Über England und Frankreich vgl. P. E. S. in den Büchern über diese Länder (s. oben S. 47); dazu
H.-W. KLEW1TZ, Die Festkrönungen der deutschen Könige, in der Zeitschr. für Rechtsgesch. 59,
Kanon. Abt. 28, 1939 S. 48-96 und C. BRÜHL, Fränkischer Krönungsbrauch und das Problem der
>Festkrönungen<, in der Histor. Zeitschr. 194, 1962 S. 265-326.
Zeugnisse und Bilder zu dem in der Antike geübten und bis in die Neuzeit fortgesetzten Brauch,
beifestlichen Gelegenheiten Geld unter die Menge zu streuen (womöglich Münzen und Medaillen, die für
solche Anlässe geprägt wurden), stellt zusammen H. L. RAsMussoN, Auswurfsmünzen. Eine Skizze,
in: Congresso internazianale di Numismatica, Rom n.-16. Sept. 1961, vol. II: Atti, Rom 1965
S. 623-36 (mit 8 Abb.).

Abschnitt i: Krönungseid
Grundlegend ist jetzt M. DAvm, Le serment de sacre du !Xe au XVe siede. Contributions a l'etude
des limites juridiques de Ia souverainite, Straßburg 1951 (auch in der Revue du moyen äge latin VI,
· 1950) undDERS., La souverainete et !es limites juridiques du pouvoir monarchique du !Xe au XVe
siede, Paris 1954 (Annales de Ia Faculte de droit et des sciences polit. de Strasbourg I); vgl. meine
Anzeigen in der Zeitschr. für Rechtsgesch. 69, Germ. Abt., 1952 S. 542-47 und Deutsches Archiv XI,
1954 S. 298 (s. jetzt unten S. 179 ff.).
Zum englischen Eid vgl. P. E. S., Gesch. des eng!. Königtums a. a. 0. Kap. VII; dazu jetzt H. G.
R1CHARDSON, The Coronation in Medieval England. The Evolution of the Office and the Oath, in
Traditio XVI, 196o S. n1-2oz; s. auch R. S. HoYT, The Coronation Oath of 1308. The Background
of>Les Leys et !es custumes<, in: ebd. XI, 1955 S. 235-57.
Zur Vorgeschichte vgl. P. E. S., Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für die Römische Kirche,
in der Zeitschriftfür Rechtsgesch. 58, Kanon. Abt. 27, 1938 S. 18o--z17 (jetzt unten S. 149ff.).
Zur Inalienabiliti (Unentfremdbarkeit des Kronbesitzes), die ich in: >König von Frankreich< a. a. 0.
S. zoo, 238, 258, z64 berührte, jetzt ausführlicher und weiter ausgreifendE. H. KANTOROW1CZ, The
King's Two Bodies; Princeton (N. J.) 1957 passim (s. RegisterS. 543; vorher: Speculum 29, 1954
S. 468-502; dieser Aufsatz wiederholt in den >Selected Studies<, Locust Valley, New York 1965,
s. 138-150).
Zusammenfassend jetzt HARTMUT HoFFMANN, Die Unveräußerlichkeit der Kronrechte im Ma.,
im Deutschen Archiv XX, 1964 S. 389-474.
Die dänischen >Wahlhandfesten< sind gedruckt in: Aarsberetninger fra det Kongelige Geheimearchiv
ll; dazu P. J. }0RGENSEN, Dansk Retshistorie, z. Aufl. Kopenhagen 1947 S. 64ff.

Abschnitt k: >Laudes<
Grundlegend bleibt ERNsT H. KANTOROW1CZ, Laudes regiae. A Study in Liturgical Acelamadons
and Mediaeval Ruler Worship, Berkeley and Los Angeles 1946 (inzwischen neugedruckt) (vgl. dazu
Einleitun g: 2. Herrschaftszeichen, Staatssymbolik, -präsentation

H. GRUNDMANN in der Histor. Zeitschr. 188, 1959 S. n6ff.); vorher DERs.,Iv


oriesandL itanies,im
Journal of the Warburg and Courtauld Institutes V, 1942 S. 56-Sr (in die
>Selected Studies< nicht
übernommen).
Für Byzanz vgl. A. DIHLE, in der Festschrift F. LAMMERT, 1954 S. 6o-7o.
Die mittelalterlichen Texte druckte ab B. ÜPFERMANN, Die liturgischen Herrscher
akklamationen
im Sacrum Imperium des Ma., Weimar 1953 (226 S.); vgl. dazu R. ELZE, Die
Herrscherlaudes im
Ma., in der Zeitschr. f. Rechtsgesch. 71, Kanon. Abt. 40, 1954 S. 201-24.
Zur Melodie vgl. den Anhang von M. F. BuKoFZER zu KANTOROWICZ a. a.
0. S. 187ff. und H.
HucKE, Eine unbekann te Melodie zu den Laudes regiae, im Kirchenmusikalisch
en Jahrbuch 42,
1958 s. 32-38.

Abschnitt 1: Die Grenze zwischen weltlicher und geistlicher Gewalt


Da dieses Thema in den folgenden Untersuch ungen immer wieder zur Sprache
kommt, sehe ich hier
von Nachweisen ab.

Abschnitt m: Staatspräsentation
V gl. die für den Schluß dieser Sammlung vorgesehene Abhandlu ng >Der Herrscher
zu Pferd und im
Wagen< (noch ungedruckt).

Schluß
Die Fürstenspiegel vom 12. Jahrhund ert an hat W. BERGES, Die Fürstenspiegel
des hohen und späten
Ma., Lpz. 1938 (Schriften des Reichsinstituts für ältere deutsche Gesch. II,
neugedru ckt: Stuttgart
1952, bearbeitet; zu den karolingischen Texten vgl. JoACHIM ScHARF (Münster)
: Studien zu Smarag-
dus und Jonas, im Deutschen Archiv XVII, 1961 S. 333-84 (S. 333 Anm. I die
voraufgehende Lit.).
Der von mir zu diesem Aufsatz angeregte Verf. wurde uns vor der Zeit entrissen.
ABTEILUNG A:
VON DER SPATANTIKE
BIS ZUM ENDE DER MEROWINGER
(75 r)
I

Von der Spätantike: einerseits bis zum Ende


des Byzantinischen Reiches,
andererseits bis zur Fränkischen Zeit

Übersicht über die Buchbesprechungen des Verfassers zu diesem Doppelthema


Weggelassen sind im folgenden die Titel der Buchanzeigen, in denen ich nicht mehr
tun konnte, als die Leser mit dem Inhalt vertraut zu machen. Bei den übrigen be-
gnüge ich mich mit dem Nachweis des Erscheinungsortes. Denn ein Abdruck würde
sich nicht lohnen, weil die Forschung ja ständig weitereilt.
>G. W. U.< bezeichnet die Zeitschrift: >Geschichte in Wissenschaft und Unterricht<, für die ich
von ihrem Beginn an (1950) fast jährlich Samrodberichte über das Mittelalter verfaßte; sie ist die
Nachfolgerirr von >Vergangenheit und Gegenwart<, für die ich das gleiche in den Jahren 1932-37
tat (dann wurde ich von der inzwischen gleichgeschalteten Redaktion hinauskomplimentiert). Ich
bemühte mich, in diesen Übersichten über Neuerscheinungen jeweils deutlich zu machen, welcher
Platz ihnen im Fortgang der Forschung einzuräumen sei.

Bei den Rezensionen, die ich für diese und andere Zeitschriften verfaßte, wird dem
Leser auffallen, wie viele von ihnen sich mit Byzanz befassen. Das erklärt sich einer-
seits aus meinem Interesse an diesem Problemkreis, andererseits durch die Lage der
Forschung. Als ich in die Forschung eintrat, gab es für die Byzantinistik nur eine
Professur, die Münchener (besetzt mit AuGUST HEISENBERG, t 1930, an dessen Fest-
schrift ich mich beteiligte, dann mit FRANZ DöLGER, mit dem mich alte freund-
schaftliche Beziehungen verbinden). Bei Buchbesprechungen herrschte daher >Not am
Mann<, und ich habe Aufforderungen, Bücher zu rezensieren, gern entsprochen, um
das Meine zu der heute bereits besser, aber immer noch nicht ausreichend gewürdig-
ten Einsicht beizutragen: Die Geschichte des Abendlandes läßt sich bis in das späte
Mittelalter hinein nur begreifen, wenn man sich vor Augen hält, was gleichzeitig in
der anderen Hälfte der Christenheit vor sich ging, wenn man weiß, wie der byzantini-
sche Staat aufgebaut war und was Byzanz im Bereich der Kunst und der Kultur
hervorgebracht hat.

a) Das sakrale Herrschertum


The Sacral Kingship: Contributions to the Centtal Theme of the VIIIth Internat. Congress for
the Hist. of Religions (Rome, April 1955) = Studies in the Hist. of Religions (Supplement to
NVMEN) IV, London 1959.
6z. A I. Buchbesprec hungen

Vgl.: Comparative Studies in Society and Rist. V, The Hague April 1963 S. 357-59 (ins Englische
übersetzt).
FRITZ TAEGER, Charisma. Studien zur Gesch. des antiken Herrscherkultes, I-II, Stuttgart 1957-60.
Ebd. S. 359-60.
C. A. BouMAN, Sacring and Crowning. The Developmen t of the Latin Ritual for the Anointing
of Kingsand the Coronation of an Emperor before the XI. Century, Groningen 1957.
Vgl.: Vierteljahresschrift für Sozial- u. Wirtschaftsgesch. 45, 1959 S. 527-8.

b) Die östliche Welt


I. Allgemeines
FR. DöLGER- A. M. SCHNEIDER, Byzanz, Bem 1952 (Wissensch. Forschungsberichte, Geisteswiss.
Reihe V).
G.W.U. N, 1953 S. 584.
FR. DöLGER, Byzanz und die europ. Staatenwelt. Ausgewählte Vorträge u. Aufsätze, Ettal 1953·
G.W.U. N, 1953 S. 584.
FR. DöLGER, Ilaeaanoed. 30 Aufsätze zur Gesch., Kultur u. Sprache des Byzant. Reiches, Ettal 1961.
G.W.U. XIII, 1962 S. 597·
H. H. BAYNES u. H. ST. Moss, Byzanz. Gesch. u. Kultur des oströmischen Reiches, deutsch von A.
HoKLERY, München 1964.
G.W.U. XVI, 1965 S. 3II.
A. KASHDAN, Byzanz. Aufstieg u. Untergang des oströmischen Reiches (übersetzt aus dem Russi-
schen), Berlin 1964 (Lebendiges Altertum, Bd. r6).
G.W.U. XVI, 1965 S. 311.
Byzantium and Its Neighbours, ed. by J. M. HussEY, Part I, Cambridge 1966 (The Cambridge Medie-
val Hist. N.).
G.W.U. XVII, 1966 S. 628-9 (dort später über Part II, ebd. 1967).

2. Byzantinische Geschichte
CH. DmHL, History of the Byzantine Empire, translated from the French by G. B.IVEs, Princeton
1925.
Histor. Zeitschr. 133, 1926 S. 273-75.
CH. DIEHL, Choseset Gens de Byzance, Paris 1926 (Coll. d'Etudes d'hist. et d'archeol.).
Deutsche Lit.-Zeitung 1927 Sp. 2459-64.
ERNsT STEIN, Vom römischen zum byzant. Staate (284-476 n. Chr.), Wien 1928 (Gesch. des spät-
römischen Reiches I).
Theolog. Literaturzeit ung 56, 1931 Sp. 441-2.
ERNsT STEIN, Histoire du Bas-Empire (476-555) = Bd. II, Paris-Brüssel-Amsterdam 1949·
G.W.U. III, 1952 S. 36o.
P. E. HÜBINGER, Spätantike und frühes Ma. Ein Problem der histor. Periodenbildung, in der Deut-
schen Vierteljahrsschrift für Lit.wiss. u. Geistesgesch. 26, 1952, S. 1-48.
G.W.U. III, 1952 S. 36o.
P. GouBERT, S. J., Byzance avant l'Islam I, Paris 1951.
G.W.U. IV, 1953 S. 585.
R. GuARDAN, Himmel u. Hölle von Byzanz. Tausend Jahre eines Weltreiches (aus dem Französischen
übersetzt), München 1956.
G.W.U. IX, 1958 S. I73·
Zur byzantinischen Geschichte

H.-W. HAussrG, Kulturgesch. von Byzanz, ... (Kröner Taschenausgabe, Bd. 2.rr).
G.W.U. XII, I96I s. B·
E. E. LrPsrc, Byzanz und die Slawen. Beiträge zur byzant. Gesch. des 6.-9. Jahrh., aus dem Russi-
schen übersetzt von Dr. E. LANGER, Weimar I95I·
G.W.U. III, 19~2. S. 443·

J. Das Lateinische Kaisertum


Vgl. den von R. ELZE und mir verfaßten Abschnitt 37 in: Herrschaftszeichen u. Staatssymbolik Ill,
Stuttgart 19~6, S. 837-~8 (mit Anhängen über das Königreich Thessaloniki und den Dogen von
Venedig).

4· Die spätbyzantinische Geschichte


W. MrLLER, Trebizond. The Last Greek Empire, London 192.6.
Deutsche Lit.-Zeitung 192.7 Sp. 2.72.-4.

!· Byzanz und seine Nachbarn

a. Die Hunnen
JoACHIM WERNER, Beiträge zur Archäologie des Attila-Reiches, München 1956 (Bayer. Akad. der
Wiss., Phil.-Hist. Kl., Neue Folge Heft 38 A-B).
G.W.U. VII, 1957 S. 12.1.
FR. ALTHEIM, Gesch. der Hunnen, I-IV, Berlin 1959-62..
G.W.U. XIIT, 1962 S. 6orf. und XV, 1964 S. 2.40.

b. Der turk-ungarische Raum


GY. MoRAVCS1K, Byzantinoturcica, I: Die byzant. Quellen z. Gesch. der Turkvölker; TI: Sprachreste
der Turkvölker in den byzant. Quellen, 2. Aufl. Berlin 1958.
G.W.U. XII, I96I, s. 54·

6. Byzantinische Bildungsgeschichte
G. STADTMÜLLER, Michael Choniates, Metropolit von Athen (ca. II38-ca. 12.2.2), Rom 1934 (Orien-
talia Christiana, vol. 33,2 = Nr. 91).
Deutsche Lit.-Zeitung, 1936 Sp. 159-162.
H.-G. BEcK, Theodoros Metochites. Die Krise des byzant. Weltbildes im 14. Jahrh., München 1952.
G.W.U. IV, 1953 S. 642.
Correspondance de Nicephore Gregoras. Texte edite et traduit par R. GUILLAND, Paris 192.7 (Co!l.
Byzantine publ. sous le patronage de 1'Assoc. Guillaume Bude).
Histor. Zeitschr. 142, 1930 S. 345-6.

1· Spätantike, orientalische und byzantinische Kunstgeschichte


W. FR. VoLBACH, Elfenbeinarbeiten der Spätantike und des frühen Ma.s. 2.. Aufl. Mainz 1952,
(Röm.-German. Zentralmuseum, Katalog 7).
G.W.U. IV, 1953 S. 58rf.
P. H. FEIST, Untersuchungen zur Bedeutung orientalischer Einflüsse für die Kunst des frühen Ma. s.,
in der Wissensch. Zeitschr. der Martin-Luther-Univ. Halle-Wirtenberg II, 195 2/5 3 Heft 2. S. 27-79.
G.W.U. IV, 1953 S. 582.f. (am Schluß dieses Abschnitts im Wortlaut abgedruckt).
A I. Buchbesprechungen

E. DIEZ und 0. DEMUS, Byzantine Mosaics in Greece. Hosios Lucas and Daphni, Cambridge (Mass.)
1931.
Deutsche Lit.-Zeitung 1932 Sp. 1607-II.
REGINE DöLLING, Byzant. Elemente in der Kunst des 16. Jahrh.s. in: Aus der Byzant. Arbeit der
DDR II, Berlin, 1957 S. 148-86.
G.W.U. IX, 1958 S. 175.

8. Urkunden der Byzantinischen Kaiser


Facsimiles byz.er Kaiserurkunden, hg. von PRANz DöLGER, München 1931.
Deutsche Lit.-Zeitung 1932 Sp. 1514-19.
FR. DöLGER, Byzantinische Diplomatik. 20 Aufsätze zum Urkundenwesen der Byzantiner, Ettal 195 6.
G.W.U. IX, 1958 S. 154.
Corpus der Griechischen Urkunden des Ma.s u. der Neuzeit, A: Regesten, I. Regesten der Kaiser-
urkunden, Teil I: 965-1025, München 1924.
Neues Archiv 46, 1925 S. 325-7.
. . . Teil IV: 1282-1341, ebd. 1960.
G.W.U. XIII, 1962 S. 462-64.
. . . Teil V: 1341-1457, ebd. 1965.
G.W.U. XVII, 1966 S. 627f.

c) Der Okzident
I. Die germanischen Stämme und ihr Glauben (besonders: die Angelsachsen)
R. WENsKus, Stammesbildung und Verfassung. Das Werden der frühmittelalterlichen gentes, Köln
Graz 1961.
G.W.U. XIII, 1962, S. 599f.
0. HöFLER, Germanisches Sakralkönigtum. I: Der Runenstein von Rök u. die german. Individual-
weihe, Tübingen u. Münster-Köln 1952·
G.W.U. VII, 1957 S. 123.
W. BAETKE, Die Aufnahmedes Christentums durch die Germanen, Sonderausgabe, Darmstadt 1959·
G.W.U. XIII, 1965 S. 314f.
H. NAUMANN, Das Weltbild der Germanen, Lpz. 1935·
Vergangenheit u. Gegenwart 26, 1936 S. 543·
FR. GRAus, Volk, Herrscher u. Heilige im Reich der Merowinger, Frag 1965.
G.W.U. XVII, S. 629-30.
V gl. ebd. S. 695-701 meinen (die Kelten und Großmähren einschließenden, bes. die Augrabungen
jenseits des Eisernen Vorhangs würdigenden) Bericht: >Neue Fakten aus der Gesch. des Ma. s,
gewonnen durch Ausgrabungen<.

Die Angelsachsen
Celt and Saxon. Studies in the Early British Borderby Kenneth ]ACKSON etc. and Nora K. CHAD-
W1CK, Cambridge 1963.
G.W.U. XVI, 1964 S. 2pf.
P. H. BLArR, An Introducdon to Anglo-Saxon England, Cambridge 1956.
G.W.U. VII, 1957 S. 125.
J. GoDFREY, The Church in Anglo-Saxon England, Cambridge 1962.
G.W.U. XII, 1964 S. 253.
Zur frühen Geschichte des Okzidents

2. Der neue Glaube und die Kir&he

CHR. DAwsoN, Religion u. Kultur (Gifford Lectures I947), deutsch von N. E. BARING, Düsseldorf
I95I·
G.W.U. VI, I955 S. 769.
G. B. LADNER, The Idea of Reform: The Impact on Christian Thought and Action in the Age of the
Fathers, Cambridge (Mass.) I959·
G.W.U. XII, I961 s. 56.
J. DtcARREAUX, Die Mönche und die abendländische Zivilisation, aus dem Französischen von L.
VOELKER, Wiesbaden o. J. (um I963).
G.W. U.XVI, I965 S. 3II-2.
}OHANNES HALLER, Das Papsttum. Idee und Wirklichkeit I, Stuttgart-Berlin 1934.
Vergangenheit u. Gegenwart 25, I935 S. 282-3.

J. Die Anfänge neuer Ordnung


J. FISCHER, Oriens- Occidens- Europa. Begriff u. Gedanke >Europa< in der späten Antike u. im
frühen Ma., Wiesbaden I957 (Veröffentl. des Inst.s f. Europ. Gesch. 15).
G.W.U. IX, 1958 s. I83.
W. FREUND, Modemus und andere Zeitbegriffe des Ma.s, Köln-Graz I957 (Neue Münstersehe Bei-
träge zur Gesch.-Forschung 4).
G.W.U. IX, 1958 s. I83.
A. BoRsT, Der Turmbau von Babel. Gesch. der Meinungen über Ursprung und Vielfalt der Sprachen
und Völker II-IV, Stuttgart 1959·
G.W.U. XII, I961 s. 52-3 und xm, I962 s. 672-3·
J. BüHLER, Deutsche Geschichte, I, Berlin 1934.
Vergangenheit u. Gegenwart 25, I935 S. 2834.
'(Über seine »Kulturgeschichte« vgl. meine in Bd. IV wieder abgedruckte Besprechung in der Histor.
Zeitschr. I 55, 1937 S. 350-4, in der ich auch auf P. KLETTER, Deutsche Kultur, Potsdam I934.
eingegangen bin).

Anlage

Im Wortlaut drucke ich nur die oben unter >b7< angeführte Buchbesprechung ab,
da es sich bei ihr um eine grundsätzliche Auseinandersetzung handelt.
P. H. FEIST: Untersuchungen zur Bedeutung orientalischer Einflüsse für die Kunst des frühen
Mittelalters, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Martin-Luther-Univ. Halle-Wittenberg TI, 1952/53.
Heft 2, Seite 27-79 (mit 32 Abb.).
Besprochen in: Gesch. in Wissenschaft und Unterricht IV, I953 S. 582f.

Der Abbildungsteil stellt gleichsam das Herbarium dar, an Hand dessen man die
Abstammung der mittelalterlichen Kunst im Lichte der Thesen von PETER H.
FEIST nachprüfen kann. Es handelt sich bei dieser Studie des Hallischen kunst-
historischen Assistenten um eine gedankenreiche und von breitem Wissen Zeugnis
ablegende Studie, bei der man mit Beruhigung feststellt, wieviel ausländische Litera-
tur aus dem Westentrotz aller technischen Schwierigkeiten von unseren Fachgenossen
jenseits des Eisernen Vorhangs verarbeitet werden kann. Andrerseits stößt sich
unsereins an der im Text schon wie selbstverständlich in die Sprache der Wissen-

5 Schramm, Aufsätze I
66 A I. Buchbesprechungen

schaft eingegangenen marxistischen Terminologie (Urgemeinschaft, Klassengesell-


schaft mit Sklavenhaltung usw.). Das führt zu Schematismus und Vergröberung,
bringt auch in den Ablauf der Entwicklung eine innere, >dialektische< Zwangs-
läufigkeit hinein, die ihr Gewalt antut. Aber in diesem kunsthistorischen Aufsatz
spielt es letzthin keine große Rolle, ob man das späte Römerreich und die Herrschaft
Attilas nun so oder so bezeichnet. Das Ziel des Verfassers ist nämlich, die Bedeutung
orientalischer Einflüsse für die Kunst des frühen Mittelalters nachzuweisen.
Um nicht falsch rubriziert zu werden, setzt sich der Verfasser gleich anfangs von
]. STRZYGOWSKI ab, kommt aber dann doch auf anderen Wegen und mit anderer
Sehweise zu einem ähnlichen Ergebnis wie I90I Strzygowskis Buch >Orient oder
Rom<, das durch die Abwertung der Rolle >Roms<, d. h. der abendländischen Wurzel
unserer Kunst, zugunsten der orientalischen die Gemüter damals in eine lange nach-
zitternde Erregung versetzt hat.
Soweit es sich um die Abwehr der Überbewertung germanischer Leistung und
ihrer Eigenständigkeit handelt, stimmen wir dem Verfasser zu, können allerdings
die Bemerkung nicht unterdrücken, daß er damit meist bereits geöffnete Türen ein-
rennt. Andererseits ordnet er unter den Begriff >Orient< sowohl die Steppenkunst Süd-
rußlands als auch den Einschlag des Ostens in die spätantike Kunst ein, der seit dem
4· Jahrhundert n. Chr. handgreiflich wird, damals allerdings schon eine lange Vor-
geschichte hatte und sowohl in der Hochkunst als auch in der volkstümlichen festzu-
stellen ist, also sich auf ganz verschiedenen Ebenen auswirkt.
Betrachtet man FEISTS >Orient< genauer, dann gewahrt man, daß es sich dabei nur
um eine - die tiefgreifenden Unterschiede zwischen Persien, Mesopotamien, Syrien,
Ägypten usw. überspringende- Fiktion zugunsten wissenschaftlicher Greifbarkeit
handelt, hinter der keine historische Realität steht, sondern nur ein unendlich kom-
plizierter Vorgang, bei dem u. a. die >Entorientalisierung <des >Orients< durch helleni-
stische >Einflüsse< eine wichtige Rolle gespielt hat. Wiederum zeigt sich hier die von
mir immer wieder hervorgehobene Gefahr, die bei der Verwendung der unglück-
lichen Metapher >Einfluß< gegeben ist: angewandt auf geistige und künstlerische
Vorgänge, führt sie zwangsweise zu vergröbernden Vorstellungen (F. vermerkt
gelegentlich auch >Wellen< ,die vom Orient aus das Abendland überspülten, was die
Gefahr falscher Sicht noch vergrößert). Spricht man dagegen von >Einwirkung<,
>Auseinandersetzung<, >Übernahme< usw., dann entgeht man einerseits der Gefahr
mechanistischer Einengung des geistigen und künstlerischen Wandels und läßt
andererseits Raum für fortdauernde Eigenständigkeit und neue Schöpfung.
Bezeichnend ist FEISTS Frontstellung gegen die spätbürgerliche Ideologie mit
ihrem Kult der regellos ausgestreuten Künstlerindividuen, die alle den gleichen
oder keinen Gesetzen und Empfindungskonstanten unterworfen seien (S. 6z); denn
sie ist offensichtlich dadurch bedingt, daß auf diesem Wege der Einzelne sich all-
zusehr aus der Masse löst und dann nicht mehr in das Schema der >aufsteigenden und
Zur Kunst des frühen Mittelalters

der reaktionären Phasen jeder Gesellschaftsformation< (S. 63) hineinpaßt. Außerdem


trifft dieser Stoß nicht, da die westliche Kunstgeschichte heute die künstlerische
Schopfung im Geistigen verankert und nicht einfach bourgeois-geschmäcklerisch
auskostet.
Die Stärke des Verfassers liegt in der Verknüpfung von V argeschichte und Kunst-
geschichte. Er spricht gelegentlich davon, daß in diese >die V argeschichte zwischen
Spanien und Hoangho< einzubeziehen sei, wie es schon STRZYGOWSKI gefordert habe
(S. p), und manche Beobachtung, die er vorbringt, beweist es, wie förderlich solche
Sehweise ist. Aber dabei ist doch viel strenger, als er es tut, zwischen technischer
Nachahmung, ikonographischer Rezeption und stilistischem Einfühlen zu scheiden.
Es kann·ja gerade so sein, daß ein orientalisches Bildmotiv zwar übernommen wird,
aber derart, daß gerade dadurch der eigene Kunststil zur Selbstbesinnung und somit
zur Festigung gelangt.
Behutsamer verknüpft koptische und irische Kunst PETER P AULSEN\ der mit FEIST
das gemeinsam hat, daß er gleichfalls diesen künstlerischen Vorgang im historischen
Raum sieht. Ein solches V ergehen wünschte man allgemein der Kunstgeschichte,
und soweit sie über die Formanalyse alten Stils - als eine notwendige Durchgangs-
phase - hinausgewachsen ist, erfüllt sie ja diese Forderung schon im weiten Maße.
Doch zeigt gerade FEIST, wie sehr man ihr anraten muß, bei der Feststellung von
Entsprechungen oder sogar von Wechselwirkungen größte Vorsicht walten zu lassen .
. Seltsam bleibt, daß der Verfasser bei so weitem Ausgreifen dem Problem >Orient-
Abendland< im religiösen und kirchlichen Bereich sowenig Aufmerksamkeit schenkt. 2

I P. PAuLSEN: Koptische und irische Kunst und tor sieht.


ihre Ausstrahlungen auf altgermanische Kul- 2 Vgl. jetzt P. H. FEIST (nunmehr Ordinarius
turen, in Tribus, Jahrbuch des Lindenmu- für Kunstgeschichte an der Berliner Hum-
seums Stuttgart I952 und I953, Seiten I49 boldt-Universität), Byzanz u. die figurale
bis I87 mit uAbb. Auf diesen Aufsatz seien Kunst der Merowingerzeit, in: Byzantinische
die Kirchenhistoriker hingewiesen, da der Beiträge, hg. v. J. lRMSCHER, Berlin I964.
Verl. im Arianismus den verbindenden Fak-
2

>Mythos< des Königtums


Eine Einführung in das Problem: Monarchie in Europa*

Das Thema, das Sie mir, dem Ausländer, gestellt haben, bildet geradezu ein Schlüssel-
thema, um Buropa zu verstehen. Ich kann den Satz vorausstellen: Alle staatliche Ord-
nung Europas ist geschaffen worden durch monarchische Ordnrmg; sie war ein notwendiges
Durchgangsstadium für alle europäischen Viilker, auch wenn sie sich jetzt eine andere Staats-
form gewählt haben.
Im 13. Jahrhundert kam zum erstenmal ein römischer Legat nach Island. Als er
ans Land stieg, fragte er: >Wo ist hier ein König?< Man sagte ihm: >Auf der ganzen
Insel gibt es gar keinen<. Das wollte er nicht glauben, weil er sich das gar nicht vor-
stellen konnte. Denn wenn man durch Buropa reiste - nach Polen oder nach Bul-
garien oder nach Kastilien -, überall gab es Könige; oder es gab doch wenigstens
einen Dogen, der ja ursprünglich ein >Dux<, also ein sein Amt erbender Herzog
gewesen war.
Deshalb lohnt es wirklich, sich das Problem >Monarchie< zu vergegenwärtigen.
Allerdings habe ich als Historiker gleich festzustellen: unter den Königen gab es sehr
viele >Varianten<, und da in einzelnen Ländern noch heute Könige amtieren oder
zumindest bis vor kurzem die Staatsform bestimmt haben, gibt es noch viel mehr
>Varianten<. Das ist die große Schwierigkeit meines Themas.
Wo soll ich einsetzen? Ich führe Sie im Geiste durch die Champagne. Wenn Sie
von Norden auf Reims zufahren, dann kommen Sie an einem Dorf vorbei, das im
ersten Weltkrieg zerstört wurde; es ist wieder aufgebaut, und ein gelbes Schild nennt
Ihnen den Namen: Saint Marcoulf. Vielleicht wissen die dort Wohnenden gar nicht
mehr, daß dieser Name einmal einen Klang in ganz Frankreich hatte. Denn wenn

* Vortrag, gehalten auf einer Tagung nieder- L. J. RoGIER, E. H. KossMANN, J. C. DE


ländischer Studenten der Geschichte, Nim- MEYER, W. DREES SR., Amsterdam 1966
wegen 3I. 3.-2. 4· 1966 (hier nach einer Band- (Athenaeum Paperbacks) S. 21-36.
aufnahme, bei der die Leser in Rechnung Den Anlaß zu dieser Tagung hatte die Ver-
stellen mögen, daß ich auf die Sprachkennt- heiratung der Kronprinzessin gegeben: Es be-
nisse meiner Hörer Rücksicht nahm), ge- stand das Bedürfnis, sich grundsätzlich und
druckt in: De Monarchie. Referaten gehou- historisch über das Problem >Monarchie< klar
den of het historisch congres te Nijmegen zu werden.
1966 door P. H. WINKELMANN, P. E. ScHRAMM,
Der König heilt Skrofeln

der König in Reims gesalbt und gekrönt war, zog er nach diesem Dorf, um dort
die Skrofelkranken zu heilen (Skrofel ist eine Art Hauttuberkulose). Alle diese
Menschen waren gekommen in der Überzeugung, daß der König sie heilen
könne (weshalb dieser Glaube sich gerade an diesen Ort gehängt hatte, ist nicht
mehr zu klären).
Und der König hat in der Tat viele geheilt! Auch sonst ist es ja so, daß die erfolg-
reichen Akte solcher Art sich fortsprechen; daß keine Besserung unter dem Eindruck
dieser· Handlung eintrat, das wird dagegen vergessen. Immer wieder versammelten
sich daher in Saint Marcoulf die Kranken, und immer wieder heilte sie der König.
Wir kennen sogar die Zahlen derjenigen, denen der König die Hand auflegte; er
schenkte ihnen nämlich ein Geldstück, und darüber sind Aufzeichnungen gemacht
worden. Den König von England ließ das nicht ruhen: er tat es auch und- siehe da-,
auch in England gab es Geheilte. Shakespeare erwähnt das noch; als man jedoch
einen König geköpft hatte, war das Charisma des englischen Königtums zerstört.
Sie wollen, meine Zuhörer, nun ins Auge fassen, daß dies eine eminent unchristli-
che Vorstellung ist. Ein Heiliger kann Wunder tun, aber nur deshalb, weil er be-
gnadet ist von Gott auf Grund seiner Heiligkeit. Er mag früher böse gewesen, aber
er muß dann geläutert worden sein. Solche Gnade vererbt sich also nicht; in Saint
Marcoulf handelt es sich dagegen darum (die Zeugnisse setzen um noo ein), daß die
französischen Könige ihre Heilkraft vererben. Die Kirche hat sich damit abgefunden
:und eine Erklärung gefunden, die seit dem 12. Jahrhundert nachweisbar ist; sie
lautet: >Der französische König kann dieses, weil er vorher in Reims mit dem
heiligen Öl gesalbt wurde<.
Zugrunde liegt eine alte Legende: Als Remigius von Reims den Merowingerkönig
Chlodwig taufen wollte, fehlte Katechumenenöl, aber siehe da: aus den Wolken her-
unter kam eine Taube mit einem Kristallgefäß voll Öl, so daß Chlodwig so, wie der
Brauch es verlangte, getauft werden konnte. Dazu ist zu vermerken: Es bestand im
12. Jahrhundert eine Konkurrenz zwischen den Erz~ischöfen von Sens und Reims:
Wer darf den König salben und krönen? Da pochte die Kirche von Reims darauf,
Sens besitze kein heiliges Öl, Reims verfüge jedoch noch über das Himmelsöl. Von da
an wurde der König stets in Reims gesalbt und gekrönt. Im späten Mittelalter heißt
es dann rühmend: Wenn andere Könige sich salben lassen wollen, dann muß Öl beim
Apotheker geholt werden; beim König von Frankreich hat sich dagegen der Himmel
selbst bemüht. Daher konnte man auch folgern: Weil er dieses besondere Öl empfängt,
ist es nicht erstaunlich, daß er solche Heilkraft besitzt. Als dann jedoch auch dem
französischen König der Kopf abgetrennt und sein Charisma zerstört wurde, zer-
schlug ein Grobschmied die Reimser Ampulle mit dem heiligen ÖL Als aber 1825
der Graf von Artois, Karl X., nach Reims kam, um sich salben zu lassen, da hatte
man doch noch etwas heiliges Öl, weil angeblich ein Priester eine Scherbe mit einem
Tropfen Öl aufbewahrt hatte. Mit diesem wurde Karl gesalbt, dann ging er nach
A 2. >Mythos< des Königtums

Saint Marcoulf; da hatten sich wieder Skrofelkranke angesammelt; er legte ihnen die
Hand auf und heilte sie wie seine Vorgänger: wohlvermerkt im Jahre 1825.
Die Wappenfigur des Königs von Frankreich war nicht der Adler (wie beim
Kaiser) oder der Leopard (wie in England), sondern die Lilie. Sie wurde mit der
heiligen Jungfrau zusammengebra cht, und auf diese Weise ergibt sich noch ein
weiterer Bezug des französischen Königs zum Himmel.
So hat sich in Frankreich seltsamer alter Brauch (wovon gleich zu sprechen ist)
verbunden mit Legenden, Sagen, Erzählungen und um den König von Frankreich
einen >Mythos< gewebt. Dieser ist überzeugend gewesen nicht nur für die Intelligenz-
schicht, die es vielfach besser wußte, aber aus patriotischen Gründen keine Einwände
erhob, sondern auch herunter bis zum Dorfmädchen. Das zeigte sich im 15. Jahr-
hundert: Die Vierge d'Orleans hatte nicht viel gelernt, aber vom Königsmythos
wußte sie genug: sie war von ihm ergriffen. Als der schwache König Karl VI. - mit
dem Spottnamen >roi de Bourges <- nicht mehr an seine Mission glaubte, da glaubte
Jeanne d'Arc noch an sie. Den Etendard, die Standarte des Königs, nahm sie in die
Hand und führte Karl nach Reims. Bei der Krönung durfte sie neben dem Hochaltar
knien. Erst als der König gesalbt war, legte sie ihm den Titel >roi de France< bei;
denn bis dahin war er für sie konsequenterwe ise nur der Dauphin. In dieser Szene
offenbarte sich, welche ungeheure Kraft der Königsmythos für Frankreich gehabt hat.
Gab es ähnliches? Ich wies schon auf die Engländer hin; in Spanien sind Ansätze
zu vermerken- darüber haben wir das berühmte Werk von dem auf gemeine Weise
ermordeten Mare Bloch: >Les rois thaumaturges< (1924 erschienen in den Publika-
tionen der Universität Straßburg, in Paris 1961 neu gedruckt).

Es bleibt noch ein Rest zu erklären: wieso kann im hohen Mittelalter Wunder-
kraft von einem König auf den anderen übergehen? Denn die Legitimation durch
das Öl - das liegt zu Tage - war nur eine nachträgliche Rechtfertigung. Zu dieser
Frage haben die Kenner der nordischen Geschichte viel Material über das sogenannte
>Königsheil< angesammelt. Ich bemerke dazu, daß man seine Bedeutung zeitweise
(so z. B. GROENBECH und andere) übertrieben und es zu weit in die Vergangenheit
zurückprojiziert hat. Der Germanist KuHN in Kiel bereitet eine Studie vor, um zu zei-
gen, daß der Glaube an das Königsheilim wesentlichen erst in der Zeit der Völkerwande-
rungentstanden ist. Schon vorher hatte es natürlich eine Oberschicht gegeben mit An-
führern, Häuptlingen, ja Königen; ich verweise auf die großen Königshügel bei Uppsala
in Schweden; auch in der Lüneburger Heide gibt es viele alte Häuptlingsgräbe r, zusam-
mengesetzt aus großen Steinen, die noch viel älter sind. Der Glaube, daß ein König
mehr vermöge als andere Menschen, mag also ältere Ansätze gehabt haben, aber die ei-
gentliche Ausformung dieser Vorstellung erfolgte erst in der Völkerwanderun gszeit.
Wir können Einzelheiten jetzt archäologisch greifen: denn den Engländern ist
kurz vor dem letzten Kriege bei Sutton Hoo in der Nähe von Y ork die Aufdeckung
Die Funde von Sutton Hoo 71

eines Schiffsgrabes mit erstaunlichen Schätzen aus der Zeit um 65o n. Chr. gelungen.
Gefunden wurde ein angelsächsischer Hort mit zwei seltsamen Objekten, die uns
erwünschte Aufklärung vermitteln. Das eine Objekt hat eineLänge von etwa 4ocm;
es ist aus Stein, oben rot angestrichen und mit Bronze verziert, darunter ein Kopf
mit Bart und Halskette; an den Seiten und auf der Rückseite noch drei Köpfeund
dasselbe unten noch einmal, in der Mitte jedoch glatt, so daß man um den Stiel gerade
herumfassen kann. Man hat zuerst gesagt, das sei ein Wetzstein, um Messer zu
schärfen. Es gibt jedoch gar keine Schärfspuren, und es wäre auch sinnlos, eine solche
Alltagsutensilie so herzurichten. Die Erklärung gab Dr. phil. AnoLF GAUERT in Göt-
tingen, der viele Parallelen herangezogen hat. Die acht Köpfe sind verschieden; man
kann daher sagen: das sind die Ahnen des Königs, der diesen- jetzt können wir dem
seltsamen Objekt einen Namen geben- >Ahnenstab< in der Hand hielt. Aus der
angelsächsischen Überlieferung kennen wir die Gerrealogien der Königsdynastien:
sie führen alle hinauf zu dem göttlichen Ahnherrn, nämlich W otan. Der König, der
sich mit dem Ahnenstab zeigte, hielt also die Kraft seines Geschlechtes in der Hand.
Wenn die Welt jedoch in Unordnung geriet, dann sagten die Untertanen: die Ordnung
muß wiederhergestellt werden, dann wird der König den zürnenden Göttern geopfert,
das heißt: umgebracht. Wir haben solche Zeugnisse aus der nordischen Geschichte.
Das andere Objekt, das gefunden wurde, ist etwa 1 1 / 2 Meter lang: ein langer Metall-
stab, den man in den Boden einrammen kann. Es handelt sich um einen >Standard<:
die Standarte >stand<- füruns ungewohnt-ursprünglich fest (König Harald fiel 1066
bei Hastings neben seinem Standard). Oben trägt der Standard von Sutton Hoo eine
quadratische Fläche, gebildet wie ein Rost, mit Stierhörnern an den vier Ecken, und
darüber einen Reif, darüber noch einen Hirsch. Auch diese Einzelheiten lassen sich
erklären; denn Stier und Hirsch begegnen in bestimmten Mythologien. Wir können
nun auch die Nachricht Bedas verstehen, daß dem König eine >Tufa< vorausgeführt
wurde, die- wenn er irgendwo rastete und Gericht hielt- vor ihm eingepflanzt wurde.
Der Ausdruck >Tufa< hängt irgendwie mit Gestrüpp, kleiner Baum zusammen. Das
verstand man bisher nicht; aber es haben sich noch weitere >Standarten< nachweisen
lassen, z. B. in einem langobardischen Königsgrab des 6. Jahrhunderts in Böhmen.
Hier tritt heraus, was der ursprüngliche Sinn dieses Quadrats war: links und rechts
zweigen sich .Äste ab mit Blättern, die ursprünglich raschelten. Es handelt sich also
um einen Baum aus Metall, Abbild des >Weltenbaums<, der in der germanischen My-
thologie bekanntlich eine große Rolle gespielt hat.
Wir können nunmehr feststellen, daß in dem französischen Königsmythos, vor
allem in dem Anspruch, daß der König eine Heilkraft vererbe, noch etwas aus der
frühgermanisch-magischen Geschichte nachwirkt. Zeugnisse dafür gibt es auch in
anderen Ländern: Als Kaiser Heinrich IV. starb (uo6), kamen Bauern und legten
Getreide auf seinen Sarg in der Überzeugung, daß dieses Getreide bessere Frucht
bringen werde, weil das >Königsheil< sich auf die Körner übertragen habe.
A z. >Mythos< des Königtums

Eine weitere Feststellung: In der Zeit der Merowinger trugen die Könige - nur
noch sie -lange Haare. Ein Siegelstein aus merowingischer Zeit kommt uns zur Hilfe:
die Königsfrisur hat in der Mitte einen Scheitel und fällt auf beiden Seiten herunter bis
zur Schulter. Es handelt sich um eine Haartracht, die ursprünglich den ganzen Stamm
auszeichnete. Es gehörte dazu auch eine bestimmte Barttracht: bei den Franken war
es ein Schnauzbart, der herunterhing, bei den Ostgoten ein gestutzter Schnurrbart,
bei den Langobarden (wie der Name zeigt) ein langer Bart. Als die Franken dann
seßhaft wurden, trugen die gewöhnlichen Franken die Haare kurz; wenn man mit
langen Haaren pflügt, kann man ja nichts sehen. Die Könige behielten den alten
Brauch bei, und selbst wenn sie politisch schwach waren, sah man: Der dort ist der
König, denn er trägt lange Haare. Als dann ein neues Geschlecht mit Pippin, dem
Ahnherrn des karolingischen Hauses, zur Macht kam, tat er das, was man früher
schon in den Streitigkeiten zwischen den Merowingern getan hatte, um das Charisma
des Königs zu zerstören: man schor die Könige. Damit war dann ihre magische Kraft
gebrochen.

Pippin mit nur kurzen Haaren und dem fränkischen Schnauzbart brauchte einen
Ersatz; ihn fand er in der Salbung. Wie ist er auf diesen Gedanken gekommen? Er
lag gleichsam in der Luft, und bei den Westgoten war er schon früher realisiert
worden; denn man kannte ja das Alte Testament. Der König Pippin wurde also
gesalbt und seine beiden Söhne, Karl der Große und Karlmann, gleichfalls. Nunmehr
gab es wieder einen >Christus Domini<, einen Gesalbten des Herrn. Daß der Bischof
gesalbt wurde, ist eine weitere Folge.
Das bedeutet nun, daß die Könige sagen konnten: Die Bischöfe sind gesalbt, und wir
entsprechen ihnen dadurch, daß wir als einzige Laien gesalbt worden sind, daß auch
wir >Christi Domini< zu sein beanspruchen dürfen. Dieses Argument haben die
später nachfolgenden Herrscher übernommen, und die Herrscher neuer abend-
ländischer Reiche sind begreiflicherweise darauf erpicht gewesen, gleichfalls das An-
recht auf die Salbung zu erlangen. Sie haben es sich zunächst angeeignet, aber vom
hohen Mittelalter an mußte der Papst das Recht ausdrücklich verleihen. Daß der
König von Portugal es nicht dazu gebracht hat und der eine oder andere auch nicht,
das ist schon im Mittelalter aufgefallen.
Wir können nunmehr feststellen: Die alte, magische Kraft ist nicht mehr erforder-
lich, weil jetzt die sakramentale Kraft der Königssalbung hinzugekommen war.
Die Kirche hat begreiflicherweise alles getan, die Salbung in ihrer Kraft wieder
einzugrenzen. Als sie die Zahl der Sakramente auf sieben beschränkte, wurde die
Königssalbung zu einem >Sakramentale< degradiert. Auch wurde gesagt: Die Bischöfe
werden gesalbt mit Chrisma, die Könige mit Katechumenenöl; der Bischof wird auf
der Stirn gesalbt, der König nur auf den Schultern und zwischen den Schultern.
Selbstbewußte Könige haben das jedoch nicht anerkannt und haben immer wie<;ler
Salbung - Zweigewaltenlehre 73

dafür gesorgt, daß sie doch mit Chrisma, daß sie auch auf der Stirn gesalbt wurden.
Ich habe 1937 die Krönung des englischen Königs miterlebt, habe also einmal zu-
g,esehen, wie dieser Akt zelebriert wird: Der englische König muß ein Gewand mit
einem Schlitz auf dem Rücken anziehen, damit er zwischen den Schultern gesalbt
werden kann.

Hier gewahren wir einen großen Unterschied gegenüber dem byzantinischen


Kaiser, der erst vom späten Mittelalter an gesalbt wurde, und zwar in Nachahmung
des abendländischen - also, als der byzantinische Kaiser nicht mehr viel zu sagen
hatte. Der byzantinische Kaiser stand dagegen in seiner Glanzzeit seiner Kirche - auf
Grund des alten Herkommens -ganz anders gegenüber. Man hat vom >Cäsaropapis-
mus> d,er byzantinischen Kaiser gesprochen; dieser Ausdruck ist auf Einwände
gestoßen. Der Überlegene war und blieb im Byzantinischen Reich jedenfalls der
Kaiser und nicht der Patriarch von Konstantinopel. Im Abendlande hat sich dagegen
die sogenannte >Gelasianische Zweigewaltenlehre< durchgesetzt. Im Jahre 492 prägte
nämlich der Papst Gelasius I. eine immer wieder zitierte Wendung, die das Wesentli-
che festhielt. Er führte aus, es gebe duo potestates (zwei Gewalten), durch die diese
Zeit regiert werde: die sacrata auctoritas pontiftcum (die geheiligte Autorität der Priester)
und die potestas regalis. So war eine Balance zwischen weltlicher und geistlicher Macht
- jedoch mit einer Überlegenheit der Geistlichkeit - hergestellt, und man kann nun
die ganze weitere mittelalterliche Staatstheorie aufgliedern anband dieses Satzes, da
einmal die weltliche Gewalt versuchte, das Übergewicht über die geistliche zu be-
kommen, dann die geistliche über die weltliche.
Dieser Vorgang ist in den einzelnen Ländern ganz verschieden abgelaufen. Karl
der Große hatte auf Grund der tatsächlichen Lage das unbedingte Übergewicht: Er hat
dem Papst einmal sagen lassen, er wirke für die Kirche, und wie Aaron Moses unter-
stützt habe durch das Gebet, so solle der Papst den König bei der Verbreitung des
christlichen Glaubens und der Festigung der Kirche durch Gebet unterstützen. Aber
Karl ist nie so weit gegangen, daß er das Recht der Kirche, in staatlichen Dingen
mitzusprechen, in Frage stellte. Ich habe in einem Aufsatz1 zeigen können, wie Karls
ganze Wirkung dadurch geprägt ist, daß er die Ordnung sicherte - und zwar eine
richtige Ordnung, ausgerichtet auf die richtigen Zahlen und auf klare Winkel: drei-
vier- zwölf. Nach diesen Zahlen waren für Karl geordnet das Jahr, der einzelne Tag
mit seinen Stunden, sowie der Kompaß, und so hat Karl auch dann seine Hinter-
lassenschaft aufgeteilt. Er ist also gleichsam ein Bauer in ganz großem Maßstab; denn
so wie der Bauer sein Feld in klarer Ordnung bebaut, so überschaute und ordnete Karl
der Große sein Riesenreich. Dadurch hat er allen europäischen Herrschern nach ihm
ein Maß gesetzt (der Ausdruck >König< im Slawischen kommt ja von dem Namen

1 S. den letzten Abschnitt dieses Bandes (S. 302-41).


74 A 2. >Mythos< des Königtums

>Karl < her). An ihn hat sich die Legende gehängt, die lehrte: Karl war der gerechte,
der weise König, dem man nichts vormachen konnte. Die mittelalterlichen Könige
mußten sehen, dem Karlsideal irgendwie zu entsprechen.
Der große Franke hat seiner Auffassung vom Herrscheramt einen wunderbaren
Ausdruck verliehen in dem von ihm erbauten Aachener Münster. In ihm ließ er sich
einen Hochsitz einrichten auf der Empore gegenüber dem Altar, so daß er- das ist
ein Wort, das auf Otto I. angewandt worden ist, aber schon auf ihn paßt - von allen
gesehen werden und selbst alles sehen konnte. (Hier in Nijmegen können Sie ja in der
Kopie des Aachener Münsters eine deutliche Vorstellung gewinnen, wie das einmal
gewesen ist.) Karl der Große vollzog also keinen Einbruch in die geistliche Sphäre,
aber brachte zum Ausdruck: Ohne die Stütze der potestas regalis ist die Kirche nicht
imstande, die Ordnung der Welt aufzurichten.
Karl der Kahle, der Enkel, versuchte noch einmal, an die Gedanken des Groß-
vaters anzuknüpfen; aber er hatte es s,chwer, sich zu behaupten gegenüber den welt-
lichen Großen einerseits, gegenüber der Geistlichkeit andererseits, die auf die Zwei-
gewaltenlehre pochte im Sinne des Gelasius: Wir haben doch letzthin den Vorrang.
Es gab nur die Möglichkeit, das hinzunehmen oder das Ansehen der weltlichen
Herrschaft zu steigern, indem man das nachmachte, was die Byzantiner vormachten.
So war es bereits zu Beginn Karls des Großen; im Laufe der Zeit ist dann immer mehr
nachgeahmt worden gemäß der Überlegung: Die Byzantiner haben ja die alte Tradition
bewahrt, also alten Kaiserbrauch, zurückgehend bis auf die Zeit Konstantins des'
Großen - dieser hatte schon Karl dem Großen vorgeschwebt als Leitbild bei der
Annahme des Kaisertitels.
Vor kurzem wurde in Ellwangen (Württemberg) ein Kästchen mit Medaillons
gefunden, die ich bestimmen konnte: Es handelt sich um Bilder Karls des Kahlen und
seines Sohnes, die beide eine byzantinische Krone auf dem Haupt tragen 2 • Das über-
rascht nicht, weil wir wissen, daß dieser Karl tatsächlich abwechselnd in fränkischer
und byzantinischer Kaisertracht aufgetreten ist.

Wie entwickelte sich diese Beziehung zum Osten im 10. Jahrhundert weiter? Wie
ist in die Entwicklung, die ich hier schildere, das Kaisertum einzuordnen, das Otto I.
nach der Vakanz eines ganzen Menschenalters 962 wieder aufrichtete? Hier läßt
sich folgendes feststellen: Widukind von Corvey behauptet, daß unter dem Eindrucke
des Sieges auf dem Lechfelde ( 9 55) Otto I. zum Kaiser ausgerufen worden sei; wir
finden jedoch in den Urkunden davon keine Spuren. Aber wir können zeigen, wie
Otto sich gesteigert fühlte durch den Gedanken: Mir ist ein großer Sieg über die
Heiden gelungen, ich bin nicht nur ein König, gesalbt wie die anderen, sondern mir
steht offensichtlich die Gnade Gottes mehr zur Seite als anderen, ich bin von Gott

2 S. jetzt Band I I.
Kar! d. Gr. - Otto d. Gr. 75

auserwählt als sein im Augenblicke wichtigstes Werkzeug auf Erden. Diesem Selbst-
gefühl gab Otto Ausdruck in seinem mirus ornatus, den er 962 (das berichtet Luitprand)
in Rom trug.
Was können wir über seine Einzelheiten feststellen? Drei Nachrichten greifen in-
einander. Wir wissen, daß der König von Frankreich und Otto III. um Iooo einen
Weltenmantel um die Schultern getragen haben. Was ist unter einem solchen Mantel,
bestickt mit den Zeichen des Zodiacus und bestimmten Sternbildern, zu verstehen?
Ein solcher Mantel aus dem Nachlaß Heinrichs II. ist erhalten im Domschatz von
Bamberg. Wir wissen, daß bereits hellenistische Könige solche Mäntel getragen, also
bildlich das Himmelszelt um sich gebreitet haben, um ihre Ansprüche zu manifestie-
ren. Das paßt aber auf die Sprossen des Sächsischen Hauses nicht, auch nicht auf den
französischen König, der durch seine Großmutter aus diesem Hause stammte. Weiter:
wir haben einen alten Stich aus dem I8. Jahrhundert von einem Gürtel der Ottonen,
der verlorengegangen ist. An ihm hängen Glöckchen ( tintinnabu!a). Es liegen weitere
Nachrichten vor, daß der Herrscherornat des Ir. und I 2. Jahrhunderts mit Glöck-
chen benäht war. Wenn der Kaiser schritt, klingelte es also. Sehr seltsam! Woher
kommt dieser Gedanke? Im Alten Testament gab es jemanden, der einen Welten-
mantel um seine Schultern legte und dessen Gewand mit Tintinnabula versehen war:
den Hohenpriester. So darf ich nunmehr folgern: daß Otto I. 962 in Rom mit einem
so seltsamen Ornat antrat, war nicht auf Byzanz ausgerichtet, nicht an alten kaiser-
lichen Sitten orientiert, sondern augepaßt dem Ornate des Hohenpriesters im Alten
Testament.
Ich kann die letzten Bedenken beseitigen durch den Hinweis auf die Kaiserkrone
in Wien. Sie hat heute an der Stirnseite ein Kreuz, das dort erst in der Zeit Konrads II.
angebracht wurde; verloren sind Anhänger an der Seite, nur noch die Scharniere sind
zu sehen. Der Bügel stammt erst aus der Zeit Konrads, aber die Röhren, in die er
hineingesteckt ist, haben dasselbe Karat wie die Krone selbst. Dieser Bügel ist also
einmal zerbrochen und deshalb ersetzt worden, gehört demnach zur eigentlichen
Krone. Dieser Bügel ist sehr seltsam; denn die voraufgehenden Kronen bestanden
entweder aus einem Reif, oder sie hatten einen Doppelbügel, der sich auf dem Schei-
tel kreuzte. Der Wiener Bügel ist dagegen wie ein Hahnenkamm vom Scheitel bis zum
Nacken aufgerichtet. Weshalb? Weil der Kaiser unter der Krone eine Mitra trug!
Wir haben zu fragen: Wie sah die Mitra des IO. Jahrhunderts aus? Denn erst um
I050 wurde für die Geistlichen die Kopfhaube eingeführt; sie war also nicht das Vor-

bild. Aber wir wissen, daß die Kaiser schon vorher eine Mitra trugen- noch Karl IV.
hat auf sie den größten Wert gelegt. Wir haben nun eine Regensburger Miniatur,
die einen Bischof so abbildet, wie man sich im Io. Jahrhundert die Mitra vorstellte,
nämlich so, wie es im Alten Testamente steht: weiß und mit zwei cornua (Hörnern),
und zwar nicht so wie heute (vorn und hinten), sondern an den Seiten; wenn man
diese im rechten Maßstabe in die Wiener Krone einzeichnet, paßt alles zusammen,
A 2. >Mythos< des Königtums

und erklärt ist nun auch, weshalb bei dieser Krone ganz ausnahmsweise der Bügel
wie ein Hahnenkamm aufgerichtet sein mußte: sonst wäre kein Platz für die cornua
gewesen. Wie seltsam I Die Antwort bietet wieder das Alte Testament; denn da heißt
es vom Hohenpriester, daß er eine corona supra mitram trug. Der Hohepriester trat in
die Stiftshütte, dann in den Tempel Salomonis nicht nur mit dem Weltenmantel,
nicht nur mit den Tintinnabula, sondern auch mit einer Krone über der Mitra, und
Otto I. hat alles dieses nachgeahmt! Das heißt- historisch gesprochen- also: Be-
schwingt durch die Überzeugung, unter der besonderen Gnade Gottes zu stehen,
ging er so weit, in den geistlichen Bereich einzudringen. Er begnügte sich nicht damit,
nach dem Siege über die Ungarn seinen Platz wie bisher auf der Empore gegenüber
dem Hauptaltar einzunehmen, sondern kleidete sich hohenpriesterlich.

Einiges ist von diesem neuen Brauch beibehalten worden, aber alles ließ sich auf die
Dauer nicht aufrecht erhalten. Ottos Enkel, der jung gestorbene Otto III. (t Iooz),
ist lange belächelt oder sogar verspottet worden, weil er den Gedanken hegte, den
Brauch des Altertums zu erneuern, aber er muß ernst genommen werden. Doch
diese >Renovatio< konnte auf die Dauer nicht aufrechterhalten werden; auch ließ
sich nicht mehr nachahmen, was die Byzantiner taten, weil das Selbstbewußtsein des
Abendlandes viel zu stark geworden war. Jetzt hieß es: Ihr Byzantiner nennt euch
nach Rom und seid ja gar nicht mehr Römer! Ihr seid Griechen! Seit Otto II. lautete
der offizielle Titel: Imperator Romanorum. Das Schlagwort ist jetzt: Renovatio Imperii
Romanorum: diesen Ausdruck hatte Karl der Große schon benutzt (im Hinblick auf
Konstantin den Großen); er wurde wieder aufgegriffen von Otto III., und von da an
ist dieses Motto ein bewegendes Element für die mittelalterliche Staatstheorie, be-
sonders für den Kaisergedanken, geblieben.
In diesem Falle kann man nicht sprechen von einem >Kaisermythos<, weil ein
magischer Untergrund fehlt, auch weil die Legende nicht eine ähnliche Rolle spielte
wie in Frankreich. Zur >Kaiseridee< gehörte historisches Wissen, dazu die Auseinan-
dersetzung mit der kirchlichen Lehre.
Das I I. Jahrhundert hat die Situation in Deutschland und in Italien völlig ver-
schoben. Fassen wir angesichts dieser Tatsache genau ins Auge, daß der Investitur-
streit auch nach England und Frankreich übergriff, aber dort lange nicht die Schärfe
angenommen hat wie in Deutschland, obwohl die Kirche hier besser geordnet war und
auf einer moralisch höheren Ebene stand als in bestimmten Teilen von Italien
und Frankreich. Letztbin ging es in Deutschland eben darum, daß die Kurie nicht
binnehmen konnte, was sich im Io. Jahrhundert ergeben hatte: der König gegen-
über dem Hauptaltar mit der hohenpriesterliehen Gewandung. Er war zu mächtig,
er hatte sich zu weit vorgewagt in den geistlichen Bereich, er mußte deshalb buch-
stäblich herabsteigen, wenn er in der Kirche einen Platz einnehmen wollte, nur noch
links vom Altar gegenüber dem Bischof.
Die >Kaiseridee< - Die Krönung 77

Seit dem Investiturstreit bemühte sich die Kirche, ihrerseits auf den Papst weltliche
Rechte zu übertragen. Ansätze finden sich bereits in der Konstantinischen Schenkung,
also im 8. Jahrhundert; in ihr fällt auch das Kennwort für diese Bewegung: lmitatio
lmperii (Nachahmung des Reiches). Das, was Otto I. bewirkte, kann man entprechend
nennen: Imitatio Sacerdotii.
Der Papstpalast wird - um Beispiele zu nennen - palatium genannt, nachher curia;
das Kardinalskolleg wird aufgefaßt als der neue Senat; der Papst nimmt jetzt Platz
auf einem Thron, der wie ein weltlicher geformt ist, und eine Thronsetzung, wie sie
in Aachen stattfand, wird üblich - so könnte man lange fortfahren.
Es wäre nun ein interessantes Thema, zu zeigen, wie im Mittelalter auf der einen
Seite die >Imitatio Imperii< weitergeht; zu erwähnen wäre da das >Triregnum<, die
dreifach gekrönte Tiara, die der Papst vom 14. Jahrhundert bis in unsere Tage ge-
tragen hat. Auf der anderen Seite setzt sich gleichfalls die >Imitatio Sacerdotii< fort.
Die langen Kaisergewänder (ähnliche trugen der französische und der englische
König) wurden >Dalmatica<, >Tunica< usw. genannt, und noch im 15· Jahrhundert
haben die Könige sich darauf berufen, sie hätten eine Art geistlicher Tracht. Karl IV.
und Sigismund legten auch großen Wert darauf, daß sie wie ein Geistlicher in der
Weihnachtsmette den Text des Evangeliums verlesen durften, was sonst nur ein
Geistlicher tat.

Die christlich-sakramentale Weihe, eingefügt in die Krönungszeremonie, wurde reich


'entfaltet und immer weiter ausgebaut; bereits im xo. Jahrhundert haben wir einen
festen Brauch in England, in Frankreich und in Deutschland. Diese Länder tauschten
die Gebetsformeln und einzelne Akte aus; die übrigen Länder folgtenihren Vorbildern.
An Hand von Texten, die den Brauch festhielten, können wir jetzt z. B. zeigen: Der
König von Böhmen übernimmt dies und das aus Deutschland, dann greift er auf
England zurück; sein Zeremoniell wird weitergegeben an Polen; und Entsprechendes
vermögen wir in Spanien und auch in Schottland festzustellen. Wir können weiter
zeigen, wie die Könige immer aufeinander geschaut haben: Was tun die anderen, um
ihr Ansehen gegenüber den Nachbarn und gegenüber den Untertanen zu steigern?
Die Krone Wilhelms des Eroberers ist nicht erhalten, aber wir haben eine Schilderung,
und aus ihr ergibt sich, daß sie so geformt war wie die Ottos I. Wilhelm hat sich auch
bestimmte Ehrenrufe (Laudes) zugesprochen, die bisher ein Vorrecht der Kaiser
waren.
Deshalb ist es lohnend, das Gebiet der >Herrschaftszeichen< (so sage ich und nicht:
Insignien, weil das Wort prägnanter ist) zu untersuchen. Zugespitzt kann man sagen:
Zeige mir, was du in der Hand hältst, auf dem Kopfe trägst und worauf du sitzest,
und ich will dir sagen, was du bist: ein Kaiser, ein König oder nur ein Fürst; ja wenn
man diesen Bereich genau untersucht, dann kann man noch hinzufügen: dann will ich
dir auch sagen, was du sein möchtest 1Wer ist dein Vorbild, der Kaiser, der byzantini-
A 2. >Mythos< des Königtums

sehe Herrscher, der Hohepriester, der König von Frankreich? Deshalb habe ich viel
Zeit auf die Erforschung der Herrschaftszeichen verwandt und - so möchte ich
glauben- wichtige Ergebnisse zutage gefördert; doch ist dieses Gebiet noch lange
nicht bis in alle Winkel aufgeklärt.
Auf der anderen Seite ist es notwendig, daß man die >Fürstenspiegel< untersucht: Das
hat mein früherer Schüler und Freund, der Berliner Professor Wilhelm Berges, getan.
Dieses literarische Genus setzt ein im 12. Jahrhundert und zeigt, wie erfahrene, in
der Scholastik geschulte Männer die Könige hineinsetzten in die Ordnung des Kosmos :
das ist nicht Mythos, das hat mit Magie erst recht nichts zu tun. Das ist vielmehr
Gelehrsamkeit, eine >Königslehre< neben dem Königszeremoniell, dokumentiert in
Salbung, Krönung nach festem Brauch und dem Tragen von Herrschaftszeichen.
Herauszuheben ist aus diesem Bereich die Tatsache, daß seit dem 9· Jahrhundert
die Könige vor der Salbung gefragt wurden, ob sie das und das tun bzw. lassen woll-
ten. Aus den promissiones sind Eide geworden.
Die Eide, in den einzelnen Ländern verschieden stark erweitert, sind die Keim-
zellen für das konstitutionelle Regime. Durch sie wurde nämlich der König festgelegt;
er war nicht absolut, er hatte bestimmte Pflichten und nahm bestimmte Einschränkun-
gen seiner Rechte hin. Wir brauchten eine Geschichte des Königseides auf europä-
ischer Grundlage, um die Geschichte des konstitutionellen Regimes von seinen An-
fängen an zu verfolgen.
Dazu gehört ferner folgende Tatsache: Der Ausdruck >Staat<, im Englischen >state<,
französisch >etat<, >estado< spanisch, >stato< italienisch, in der Bedeutung, in der wir
das Wort heute anwenden, stammt erst aus dem 14. Jahrhundert. Denn für den Staat
stand vorher ja ganz selbstverständlich der König, und so sprach man von Regnum,
von Imperium, von Dominium, von >Herrschaft<. Deshalb war es nicht notwendig, den
abstrakten Begriff >Staat< einzuführen. Das ist erst in der reifen Scholastik geschehen.
Jetzt standen ja die Könige anderen Gewalten gegenüber, mit denen sie sich arrangie-
ren mußten: es entstand das ständische System. Die Reiche waren nicht mehr allein
durch die Könige regiert; diese mußten vielmehr die Stände befragen, manchmal
(wie in England) zwei Stände, aber auch drei oder vier Stände (FRITZ HARTUNG hat
das in einem Aufsatz analysiert, der ein Vorbild exakter Geschichtsanalyse darstellt).
Ich will nicht mehr sagen; denn den weiteren Vorträgen bleibt es vorbehalten,
darzustellen, wie in der Zeit des Absolutismus die Könige noch einmal die Stände-
herrschaft in verschiedener Form zurückgeworfen haben. Ich soll ja nur eine Ein-
leitung zu den nachfolgenden Vorträgen bieten, die nun das komplexe Problem
>Königtum< behandeln werden. Auch wenn man nicht mehr sprechen kann von
einem >Königsmythos<, ist es ein Faktum in der Praxis des Geschehens und auch in
den Grundkonzeptionen des geistigen Lebens geblieben.
3
>Mitherrschaft im Himmel<:
Ein Topos des Herrscherkults
in christlicher Einkleidung
(vom 4· Jahrhundert an festgehalten bis in das frühe Mittelalter)*

In einem Panegyricus, den ein unbekannter, noch heidnischer Redner auf Konstantirr
den Großen hielt, wird der verstorbene Vater des Kaisers als et imperator in terris et in
caelo Deus bezeichnet1 • Diese Vorstellung des Divus Augustus, die sich auch in der
lateinisch sprechenden Reichshälfte - von Kaisern geduldet oder gefördert - durch-
setzte, war den Christen seit langem ein Greuel gewesen, da sie mit ihrem Gottes-
begriff nicht vereinbar war.
Eine neue Situation ergab sich, als Konstantirr der Große zum Christentum über-
trat und der bisher verfolgte Glaube zur Reichsreligion wurde.
Auf das eingehendste ist untersucht worden, wie sich das Christentum einerseits
gegen das besiegte Heidentum wandte und wie andererseits vieles vom antiken
Herrscherkult in mehr oder minder überdeckender Hülle, in mehr oder minder ge-
waltsamer Umdeutung gelten gelassen wurde und dadurch noch dem Mittelalter
vertraut sein konnte2 •

Im Exkurs IV (Anm. 187) zu meinem Aufsatz >Das Herrscherbild in der Kunst des frühen Mittel-
alters< in den Vorträgen der Bibi. Warburg 1922-1923, I. Teil, Lpz. 1924, S. 222-224, stellte ich be-
reits einschlägige (hier wiederholte) Zitate zusammen. Sie sind hier ergänzt und neugeordnet; der
Text wurde abgerundet und vertieft. Zu Nutzen kamen mir die Notizen, die HERMANN DÖRR1ES, der
das Manuskript bereitwillig prüfte, beisteuerte. Ich wiederhole hier meinen ilim abgestatteten Dank.

* Zuerst in: Polychronion. Festschrift PRANZ Society and History V<, 1963, S. 357-36o); s.
DöLGER, Beideiberg: Winter I 966, S. 480-8 5. auch noch L. BREHIER et P. BATTIFOL, >Les
Inzwischen fand ich weitere Zeugnisse, die survivances du culte imperial romain<, Paris
ich hier eingefügt habe. 1920.
I XII panegyrici latini, ed. W. BAEHRENS, Teub- Der analoge Vorgang im Bereich der
ner 19II S. 203. Herrschaftszeichen wird im Bd. VI dieser Auf-
2 Ich begnüge mich mit dem Hinweis auf FRITZ satzsammlung vielfach berührt; das Haupt-
TAEGERT, >Charisma. Studien zur Geschichte thema bildet er in meinem Buch: Sphaira-Glo-
des antiken Herrscherkultes II <, Stuttgart bus-Reichsapfel. Wanderung und Wandlung
1960 S. 676ff.: Die Kirche; (vgl. meine Be- eines Herrschaftszeichens<, Stuttgart 195 8
sprechung in den >Comparative Studies in (219 S. in Quart mit 84 Tafeln).
So A 3· >Mitherrschaft im Himmel<

Ich freue mich, daß auf diese Weise Belege für einen Beitrag zusammengekommen sind, der
seinem Thema nach in eine FRANz DöLGER gewidmete Festschrift hineinpaßt. Denn mit dem Jubilar
verbinden mich seit Jahrzehnten freundschaftliche Beziehungen und fruchtbarer wissenschaftlicher
Austausch.

Zu diesem Vorgang wollen wir einen Beitrag liefern, indem wir eine Reihe von
Belegen aneinanderreihen, die in mehr oder minder fester Art mit einem Spruch des
Neuen Testaments zusammenhängen.
Im 2. Brief an Timotheus schreibt Paulus: »Hinfort ist mir beigelegt die Krone der
Gerechtigkeit, welche mir der Herr an jenem Tage, der gerechte Richter, geben wird,
nicht mir aber allein, sondern allen, die seine Erscheinung lieb haben« (4, 8). Zu-
sammen mit Apokalypse 2, 10 war hier für die Christen die Grundlage für die Vor-
stellung der allen Gläubigen winkenden >Krone des ewigen Lebens< gegeben. Es ist
bekannt, eine wie große Rolle sie im ganzen Mittelalter, für das sich der Unterschied
zwischen Kranz (m:eq;avor;) und corona verwischte, gespielt hat; als endeerter Topos
taucht sie ja noch heute in den Grabreden auf.
Durch diese Stelle erhält eine im Timotheus-Brief voraufgehende ihr Gewicht. Im
2. Kapitel fordert der Apostel den Empfänger auf, als guter Streiter Jesu Christi zu

leiden: »Und so jemand auch kämpfet, er wird doch nicht gekrönet, er kämpfe denn
recht« (2, 5). Dieses Leiden sei zu tragen mm der Auserwählten willen< zur Erlangung
der Seligkeit (2, 10):
»Das ist gewißlich wahr: Sterben wir mit, so werden wir mit leben (2, n); dulden
wir, so werden wir mit herrschen; verleugnen wir, so wird ER uns auch verleugnen
(2, 12)«.
Dieser Satz: Si sustinuerimus, et conregnabimus, der sich bei Paulus fest und logisch
in den Gedankengang des Briefes (s. auch Römer 5, 7, vgl. dazu Apost. 20, 4 und 6
sowie 22, 5) einfügt, ist im Mittelalteroftangefü hrt worden und hat dabei einen Ton
erhalten, der dem Apostel fern lag. Um die Herrlichkeit des ewigen Lebens meta-
phorisch zu verdeutlichen, hatte er von der >Mitherrschaft< der bewährten Christen
im Himmel und ihrer Krönung gesprochen; benutzt wurde dieser Satz jedoch, um die
Herrscher herauszuheben. Das heißt: DerVers II. Tim. 2, I 2 wurde ein locus classicus,
um das unterschwellige Fordeben des antiken Herrscherkultes zu rechtfertigen.

Dieser Vorgang setzt bereits bei Eusebios ein: er berichtet, Kaiser Konstantin habe
einen Bischof zurechtgewiesen, als dieser ihn pries, weil er in dieser Welt von Gott
zum Gebieter über alles gesetzt sei und auch im künftigen Leben mit Christus herr-
schen werde3 - das von ihm benutzte Wort >CJvf-lßaCJlAevetv< legt offen, daß Euse-

3 Vita Constantini 4, 48 (Griech. christl. Clemens, ed. 0. STÄHLIN III S. I8I, sowie
Schriftsteller VII: Eusebius I, Lpz. I 902, S. I 37). auf seine Ausgabe des Makarios des Großen
- H. DöRRIES verweist mich auf Clemens von (t um 390), in der avpßaatÄevew und ver-
Alexandria Ct 2I5), ebd. XVII, Lpz. I909: wandte Wendungen wiederholt begegnen.
Geschichte einer Paulus-Stelle 81

bios bei seiner Formulierung des Kaiserwortes die Timotheus-Stelle vor Augen
schwebte. Gleiches gilt auch von dem Übersetzer eines Briefes, den Papst Coelestin I.
(422-432) an den Kaiser Theodosius II. schrieb: er sei- so formulierte es der Grieche-
gewissermaßen »der Mitherrscher Christi, unseres Gottes, des selbstherrschenden
Königs«4 • Wiederum macht das Wort >CJVf.LßaatÄeVetV< deutlich, wer für diese
Wendung die Rechtfertigung lieferte5 - im lateinischen Original heißt es nur: vos, qui
Christo Deo nostro auctore regnatis.
Aus dem 6. Jahrhundert sei Corippus genannt, der Lobredner des Kaisers Justinus 11.
(565-578)6 • Dem Oheim, dem sterbenden Justinian, legte er die Worte in den Mund:
a regnis in regno vehor (IV 339). Verwandt sind die folgenden Verse: ... dum carne
relicta II spiritus ascendens claram penetravit arcem (IV 34 I f. ). Ein Christ brauchte sie nicht
zu beanstanden, aber man konnte auch anderes heraushören.
An anderer Stelle heißt es:
Nunc idem genitor laetus plenusque dierum
funere Jelici caelestia regna petivit (I I43 f.).
Wer die angeführte Paulus-Stelle im Sinne hat, ist über solche Wendungen nicht
erstaunt.
Fortan begnügen wir uns damit, die im Laufe der Jahre aufgestöberten Belege,
deren Zahl sich natürlich noch stark vermehren ließe, aneinander zu reihen; denn
eines Kommentars bedürfen sie nicht mehr. Nur darauf sei hingewiesen, daß mit der
Zeit der Grundgedanke sprachlich so varüert wird, daß die Timotheus-Stelle oft
nicht mehr durchscheint.

a) Karolingische Zeit

Ganz christlich gefaßt sind die Mahnworte des Hlg. Bonifaz an sein Gefolge, die
Willibald (t 787) in seiner Vita dem Märtyrer in den Mund legt: >> ViriJratres, ..•
(Deus . . . vobis) caelestis aulae sedem cum supernis angelorum civibus condonat • . . subite
mortis articulum, ut retJ~are cum Christo possitis in evum<<. (Vitae S. Bonifatii, ed. W. Levi-
son, I9o5 S. 50; Scrip!. in us. schol.).
In einem Sinn, der sich mit Paulus vereinbaren läßt, schrieb nach 737 der Bischof
Torfhelm von Leicester an den Hlg. Bonijaz (ed. M. TANGL, 1916; Mon. Germ., Epist. sel.
I S. 76 Nr. 47): (divina clementia) vos vestrosque omnes in omnibus bonis operibus auxiliare

4 ActaConciliorum oecum., ed. EDUARD ScHWARTZ tions to the Centtal Theme of the Vlll. Inter-
F, 7 S. 129, 12f. nat. Congress 1959 (Supplements to: NUMEN
Ich entnehme diese Zitate dem inhalts- IV) S. 56o.
reichen Vortrag von FR1EDRICH HEILER, 5 ScHWARTZ a. a. 0. I", 23 S. 88, 24.
>Fortleben und Wandlungen des antiken 6 In laudem ]ustini, ed. M. PETSCHENIG, Berlin
Gottkönigtums im Christentum<, in: The 1886 S. r69, 2r6.
Sacral Kingship (=La regalita sacra). Contribu-

6 Schramm, Aufsätze I
82 A 3· >Mitherrschaft im Himmel<

dignetur, ut ( vestra excellentia) cum Christo in futuro regnet secu!o; aber es kam doch wohl
der Gedanke hinzu, daß ein Mensch, der sich hier auf Erden. vor Gott ausgezeichnet
habe, dafür im Himmel mit einer besonderen Stellung belohnt werde: ein heiliger
Mann wie Bonifaz und - so ließ sich der Gedanke ja fortsetzen - auch ein Herrscher,
der für Gott gewirkt hatte.
Kar! der Große hat für sich diese Folgerung nicht gezogen: Die Libri Caro!ini I,
I (Mon. Germ., Conc. II, Suppt. S. I ff.) polemisieren gegen die Wendung im Briefe des
Kaisers Konstantin: Per eum, qui conregnat nobis Deus, da zwischen Gott und Kaiser
der Unterschied von ewig und sündig, zwischen einem Apostel wie Paulus und dem
Kaiser ein Unterschied persona, tempore und merito bestehe: Regnat ergo i!!e (Deus) in
nobis, non conregnat nobis, und zwar in uns Gläubigen, nicht als Herrschern; die Timo-
theus-Stelle beziehe sich erst auf die Zukunft. Daraus folgt: Nondum enim conregnamus
ei, quamdiu huius mortalitatis tunica induti sumus, quod tune nos facturos esse per misericordiam
speramus, cum . . . erit Deus omnia in omnibus. Diese Argumentation wird später noch
einmal kurz wieder aufgegriffen: IV, 5 S. 179ff.). -In dem Antwortschreiben des Papstes
Hadrian I. an König Kar! wünscht ihm dieser daher (christlich korrekt), ut una cum ...
regina vestraque ... pro!e !ongiori aevo in hoc regnantes mundo, in futuro sine jine vitam cum
regno in arce po!i habere mereamini (ebd. Ep. V S. 57).- Vgl. ähnlich Ders., MG. Epist.
III. Cod. Carol. Nr. 68 S. 98 Z. 28 ff.
Daran reihen sich folgende Zeugnisse:
A!cuin schrieb im Jahre 799 an Kar! den Großen (Mon. Germ., Epist. IV, S. 288):
>> ••• deprecor, quatinus qui tibi optima quaeque in terrena felicitate concessit, Ionge me!iora

aeternae beatudinis regna tibi aeterna!iter concedere dignetur<<.


Derselbe an Karl den Großen:
Post haec et teneas cae!estia regna beatus,
Cum sanctis pariter in arce poli. (Mon. Germ., Poet. !at. I S. 30I Nr. LXXXIII).
Smaragdus von St. Mihie!: Via regia (um 820/5 verfaßt für Pippin I. von Aquitanien;
vgl. dazu J. ScHARF, Studien zu S. und]onas, im Deutschen Archiv XVII, I96I S. 344ff.;
s. a. ANNELIESE SPRENGLER-RUPPENTHAL, Gebete für den Herrscher im frühmittelalter-
lichen Abendland und verwandte Anschauungen im gleichzeitigen Schrifttum. Theol. Diss.
Göttingen I 9 5o, Maschinenschrift, bes. S. I 69, I 3I): ... ut aeternum cum Christo feli-
citer perciperes regnum, misericorditer adhuc te parvu!um rex regum adoptavit in ji!ium. -
Constituit te rege!lJ popufi terrae, et proprii Filii sui in coe!o jieri iussit haeredem. - Tu ergo
cum sis rex in terra, ut sis ji!ius Regis in coelo. - Hic te terrenum evexit in regnum; i/!ic tibi
coe!este promisit imperium (Migne, Patro!. lat. I02 Sp. 933, 934, 948, 952).
Urkunde des Königs Pippinll. von Aquitanien für Trier, 25. 7· 847 (gedruckt bei
L. Levillain, Recueil des actes de Pepin rr et Pepin II rois d' Aquitaine, Paris I926
S. 2I4ff. Nr. 54): (wenn der König den Bitten der Geistlichen entspreche): non
tempora!iter tantum ad presens nostri (ein Wort fehlt wie: fastigium), sed etiam ad adipis-
cendatn eterne g!orie coronam pertinere non dijfidimus (benutzt im D. ZwENTIBOLD 13 vom
Zitate (75o-96o)

28. I. 897; gedruckt Mon. Germ., Dipl. Karol. IV, I 960 S. 4I; sowie in einem ge-
fälschten Diplom König Pippins, Vater Karls d. Gr., vom Ende des Io. Jahrh.; Mon.
Germ.; Dipl. Karol. I S. 50 Nr. ;6). (Aus den bei Levillain zusammengestellten Aren-
gen ergibt sich, daß die von Nr. 54 für sich steht); im Arengen-Formular Ludwigs
des Frommen fehlt dieser Gedanke, vgl. E. E. STENGEL, Diplomatik der deutschen
Immunitäts-Privilegien (9.-II. Jahrh.), Innsbruck I96o S. 88f. mit S. 607-10).
Papst Hadrian 11. wünschte 872- was theologisch nicht zu beanstanden war- dem
König Kar/ dem Kahlen, er möge sein in praesenti ecclesia defensorem et in aeterna cum om-
nibus sanctis participetn (Mon. Germ., Epist. VI S. 743).
In dem (von E. DüMMLER im Neuen Archiv f ältere deutsche Geschichtsforsch., XIII,
I888 S. I96 herausgegebenen) wohl dem Ende des 9· Jhs. angehörigen >Ermahnungs-
schreiben an einen Karolinger< ist der Gedanke in einer abgeschliffenen, für alle möglichen
Wendung vorgebracht: cupiens et optans vestram excellentiam ita in presenti seculo prospera-
ri, ut de caducis et de terrenis pervenire mereamini ad stabilia et ftrma in ce/is palatia.
Papst Stephan V. schickt Kaiser Kar/ 111. im März 887 Palmenzweige als Zeichen
des Triumphes: ut, qui vos ilz terris tribuit praeesse aliis, ipse vobis concedat in praesenti saeculo
triumphare de spiritualibus et de carna/ibus hostibus, quatinus duplici triumpho victoriae i/li
representari mereamini post jluctuvagi huius decursum temporis in caelesti gloria (Mon. Germ.,
Epist. V S. 340 Nr. I;,]ajje-L. Nr. 3427).
Der süditalienische Grammatiker Eugenius Vulgarius an den Papst Sergius 111.
(904-9II):
tua ne deneget diva potestas, quatinus /etus et liber in saeculum vadens /ongum tibi in terris
eternumque in ce/is regnare dictu felici perorem (Mon. Germ., Poet. lat. IV S. 4I 8 Z. 49).

b) Sächsisch-Salische Zeit

Das gewichtigste Zeugnis bietet der in Mainz um 96o dem >Pontificale Romano-
Germanicum< einverleibte >Deutsche Königsordo<.
In ihm begegnet unser Topos gleich fünfmal, und zwar in Formeln, die alle aus dem
>Ordo der sieben Formeln< (so C. ERDMANN) = >Ordo von Stavelot< (so C. A. BouMANN)
entlehnt sind (dessen Bezifferung in Klammer):
I 3 ( 2 ). Gebet: Deus, Dei ft /ius etc. nach der Salbung: ... quatinus ... aeternaliter cum

eo (sei/. Christo) regnare merearis (S. p6).


I4 (6). Formel für die Übergabe des Schwertes: Accipe gladium etc . ... , quatinus ...
cum mundi Sa/vatore, cuius typumgeris in nomine (d. h. >Christus domini<) sinefine
merearis regnare (S. 3 I7)·
I 5 (5 ). Formel für Übergabe von Armilla, Mantel und Ring: Accipe regiae dignitatis

anulum etc. ... , ut ... cum Rege regum glorieris (S. ; I 8).
I7 (3). Formel für die Krönung: Accipe coronam regni etc.: ... ut ... premio sempiter-
nae Jelicitatis coronatus, cum ... Jesu Christo ... sine ftne glorieris (S. 319).

6*
A 3· >Mitherrschaft im Himmel<

19 (7). Formel für die Einnahme des Thrones: Sta et retine !ocum etc. ... quatinus
(Christus) te ... in regno aeterno secum regnare faciat (S. 320).
Bei der Vorlage handelt es sich allem Anschein nach um einen westfränkischen
Text, der eine oder zwei Generationen älter gewesen sein mag. Erst durch die Ein-
gliederung seiner Formeln in den deutschen Ordo erhielten sie Resonanz und lange
Lebensdauer. Damit nicht genug: aus dem >Deutschen Ordo< wurden die angeführ-
ten Formeln in den Ordo für die Krönung des angelsächsischen Königs Edgar (973)
und aus dieser um 980 in den Ordo des Abtes Fulrad von Saint-V aast übernommen
(vgl. in Bd. II die Texte VII und IX, Anlagen zu dem Abschnitt: >Die Krönung bei
den Westfranken und Angelsachsen<). Aus diesen deutschen, englischen und französi-
schen Ordines sind die Formeln in weitere Ordines weitergewandert; sie blieben
daher durch das ganze Mittelalter bekannt.
Den >Ürdo der sieben Formeln< edierte C. ERDMANN, Forsch. z. polit. Ideenwelt
des Frühmas., Berlin 1951 S. 87-9. Die Ordines bei C. VoGEL- R. ELZE, Le Pontifi-
cal Romano-Germanique du xe siede, I, Citta del Vaticano (Studi e Testi 226) S.
246ff., 261. Vgl. dazu auch meinen (die Entlehnungen und Entsprechungen deutlich
machenden) Abdruck in der Zeitschrift f. Rechtsgesch. 55, Kanon. Abt. 24 S. 31o-24
(danach oben die Seitennachweise).

Ferner sind folgende Belege anzuführen:


Widmungsverse für Erzbischof Egbert von Trier im Fragment des Registrum
Gregorii von etwa 995 über Otto II. (Mon. Germ., Poet. !at. V S. 429 = Denkmale
a. a. 0. S. 47):
Decessit Romae tua ad atria, Petre, sepultus,
Vivat ut aetherii susceptus in atria regni.
Odi!o von C!utry an Otto III. oder Heinrich II. im Cod. Bamb. Bibi. 126 (Augustin-
kommentar zu den Paulusbriefen) .
. . . simu! exoptans sibi !ongum
Vivere post regnum cae!esti in sede paratum
(ebd. V S. 396f. = Denkmale a. a. 0. S. 162).
Leo von Verce/li in Anschluß an den Ordo als Verfasser einer Urkunde für Otto III.
vom Jahre 999 (Mon. Germ., Dip!.II S. 75 3; D. 0. Ill., 324): ut ... de huius vite carcere
honestius avo!are et cum domino honestissime mereamur regnare (dazu H. BLOCH im Neuen
Archiv XXII S. 61 f.).
Widmungfür Otto IIJ. in der Bamberger Apoka!Jpse (hg. von H. WöLFFLIN, München
1918, S. 20 =Mon. Germ., Poet. !at. V S. 432 =Denkmale Nr. 136): Utere terreno,
caelesti postea regno.
Leo von Verce!!i für Heinrich!!. zum Jahre 1002 (H. BLOCH im Neuen Archiv XXII,
S. 120 und Mon. Germ., Poet. !at. V. S. 48off.) über Otto III.:
Postquam terrae ma!itia adscendit ad sydera,
Zitate (xo.-II. Jahrhundert)

In ce/um raptus abiit, regem celi adiit


Viva habet palatia in eterna patria.

Petrus Damiani an Heinrich 111.: ... Deus, qui terreni imperii gubernacu!a tribuit ... et
post mortalis vitae decursum ad coelestia regna perducat (Ep. VII, I; Migne: Patr. lat. 144
Sp. 436).
Anof!Jmus von York (>Norman Anonymous<): De consecratione pontiftcum et regum
(um Iioo): >Sed christiani reges gentiles ab ecclesia reppulerunt, hereticos condempnaverunt et
eorum prava dogmata in sinu ecclesie penitus extinxerunt; Christo enim conregnabant, immo in
Christi regno christiana iura dispensabant> (Mon. Germ., Lib. de lite III S. 664 =Die Texte
des Normannischen Anonymus, hrsg. v. K. PELLENS, Wiesbaden 1966, Veröffentl.
des Inst. f. Europ. Gesch., Mainz, 42, S. 199; vgl. ebd. S. 132 die I. Fassung. Vgl. dazu
SPRENGLER-RUPPENTHAL a. a. 0.).

Aus der nachfolgenden Zeit sind mir keine einschlägigen Zitate, die auf der Timo-
theus-Stelle beruhen, mehr begegnet. Vielleicht gelingt es noch, solche herbei-
zuschaffen. Aber selbst wenn das möglich sein sollte, käme ihnen kein großes Ge-
wicht mehr zu; denn die Präzision des scholastischen Denkens ließ solche schimmern-
de, von christlichem Standpunkt aus nicht zu verantwortende, aber der antiken Vor-
stellung doch nahekommende Verherrlichung des Herrschers nicht mehr zu. Nur
in dem alle Gläubigen betreffenden Sinn, den die von uns behandelten Worte und die
Verheißung der >Krone des Ewigen Lebens< bei Paulus gehabt hatten, spielten sie
weiter eine Rolle.
4
Gregor der Große und Bonifaz

A. Papst Gregor der Große (um 540-604) 1


Aus der untergehenden Schicht des römischen Adels, der bis in die ostgotische
Zeit durch Kulturpflege, weitgespannte Politik und Verwaltung riesiger Latifundien
eine der Vergangenheit nicht unwürdige Rolle spielte, hebt sich eine imponierende
Gestalt heraus, die den Geist dieser in Herrschaft und Verwaltung erfahrenen Aristo-
kratie in neue Formen überzuleiten wußte: Gregor der Große, der >letzte Römer<
und der >erste mittelalterliche Papst<.
Gregors Aufstieg vollzog sich im Zeichen seiner Abstammung. Er, der Sproß
eines jener vornehmen, mit Landbesitz reich begüterten Geschlechter, war kaum
dreißigjährig schon Präfekt seiner Vaterstadt, das heißt: er stand bereits an der Spitze
ihrer weltlichen Amtsleiter. Aber welches Rom hatte er zu lenken! In dieser Zeit
vollzog sich gerade jener Raubzug der Langobarden, der den Byzantinern Stück für
Stück fast das ganze Gebiet entriß, das diese den Ostgoten abgenommen hatten.
Nochkonnte sich Rom, durch seineMauern geschützt, trotzdes Versagens kaiserlicher
Hilfe halten. Aber wie sollte sich die Stadt auf die Dauer in ihrer isolierten Lage be-
haupten?
Verzweiflung über diese Not, die Gregor in Amt und Blut zugleich treffen mußte,
mag mitgesprochen haben, daß er für sich den Kampf abbrach und die Stadtpräfektur
mit dem Kloster vertauschte. Die Motive dieses Schrittes sind im einzelnen nicht
mehr faßbar. Erkennbar ist nur noch das Allgemeine: den Anstoß gab Gregor die
Besinnung auf sein Selbst, das er in den Geschäften der Welt gefährdet sah. Ihm
genügten nicht mehr die Maximen der römischen Ethik, die den Römer Boethius
noch im Kerker des Theoderich aufrechtgehalten hatten; nicht nur dem Namen
nach, sondern im tiefsten Innern Christ, entschied sich Gregor für die radikale Lösung
von der Welt im Geiste des Hlg. Benedikt. Seinen sizilianischen Besitz verwandte er
für die Stiftung von Klöstern; er selbst wurde Mönch in seinem römischen Palast,

I Zuerst in: Männer, die Geschichte machten, Ostrogorsky; ich erfüllte sie gern. Denn nach-
hg. von P. R. ROHDEN und G. ÜSTROGORSKY, dem ich einmal Gregors Briefe gelesen hatte,
I, Wien 1931 S. 251-7 (den Anstoß zu diesem hat er mich immer wieder angezogen).
Beitrag gab die Bitte meines Freundes Georg
Gregors d. Gr. Anfänge

der nun geistlichen Zwecken diente. Ein Leben in Demut, Askese und Betrachtung
begann.
Es lag nicht an Gregor, daß sein Abtritt von der politischen Bühne nur von kurzer
Dauer war. Das Papsttum, durch seine überrömische Stellung noch gefährdeter als
Rom selbst, war es, das ihn in seiner Ruhe aufstörte. Es bedurfte der Helfer und
konnte daher einem befähigten Gliede der Kirche nicht erlauben, nur auf seine eigene
Rettung bedacht zu sein. Gregor mußte ein Amt in der städtischen Verwaltung der
Kirche, dann die Vertretung des Papstes am Kaiserhof in Konstantinopel, darauf die
Leitung seines römischen Klosters übernehmen. Schließlich wählten ihn trotz seines
Widerstrebens Klerus und Volk zum Papst. Im Jahre 590 begann der ehemalige
Stadtpräfekt seinen Pontifikat, den er bis zu seinem Tod im Jahre 6o4 mit gleich-
bleibender Kraft führte. Einen umsichtigeren Sachwalter, einen Seelenhirten von
gleicher Erfahrung hätte die Kirche nicht finden können.
Als Gregor sein Amt antrat, gab es keinen Sektor am politischen Horizont, an dem
sich nicht gefahrkündende Wolken türmten. Aber diese Zeit, in der die alten Ge-
walten gezwungen waren, sich mit den neuen einzulassen, und eine Machtkonstella-
tion die andere ablöste, schuf Situationen, in denen sich gerade ein Gregor entfalten
konnte. Seinem Charakter entsprach es, sich den Realitäten anzupassen, um sie in
seinem Sinne ausnützen zu können. Das jeweils Erreichbare herauszuholen und dabei
doch eine Verletzung römischer Grundsätze zu vermeiden, darin bestand des Papstes
politische Meisterschaft.
Gregors Vorgänger waren durch den Druck des byzantinischen Übergewichts auf
Konstantinopel ausgerichtet gewesen, von wo der Kaiser das Eigenleben der römi-
schen Kirche, der Patriarch ihren Primat bedrohte. Da nun der Kaiser im Osten
festgehalten war, machte sich Gregor ihm durch die Verteidigung Roms unentbehr-
lich und gewann dadurch die Möglichkeit, seine kirchenpolitischen Ansprüche mit
Nachdruck vertreten zu können, so daß die dem Primat drohende Bestreitung wieder
vertagt wurde.
In Italien selbst lag die Gefahr nicht nur bei den arianischen Langobarden in Mai-
land, Pavia und Benevent, sondern auch bei dem kaiserlichen Exarchen in Ravenna
und den katholischen Kirchen Oberitaliens, die sich der Herrschaft Roms zu ent-
ziehen suchten. Fast ein Jahrzehnt des Pontifikats ist ausgefüllt mit unaufhörlich
wechselnden politischen Gruppierungen, in denen Gregor nacheinander mit jeder
Partei zu operieren versuchte. Erst 598 drückte er einen Waffenstillstand mit den
Langobarden durch, den der Kaiser im Hinblick auf seine Ostpolitik stillschweigend
sanktionierte. Von hier an datiert die Gewinnung der barbarischen Eroberer, die vor
kurzem noch Gregor in Rom belagert hatten, für die Mittelmeerwelt: das folgende
Jahrhundert vollzog ihre Einordnung in Glauben, Sprache und Kultur der neuen
Heimat. Politisch bedeutet dieser Vertrag jedoch nur ein Hinausschieben des bis in
die Zeit Karls des Großen zwischen Rom und den Langobarden geführten Kampfes
88 A4: A. Gregor d. Gr. (t 6o4)

um die Hegemonie in Italien, in den der byzantinische Kaiser von jetzt an nur noch
sporadisch eingriff. Daß er vom Papsttum geführt werden konnte, beruht nicht zum
wenigsten darauf, daß Gregor die kirchlichen Prärogativen Roms in Norditalien im
vollen Umfang aufrechtzuerhalten wußte.
Dieser diplomatische und geistliche Behauptungskampf hatte sein Gegenstück in
einem wirtschaftlichen, in dem der ehemalige Herr großer Latifundien seine prakti-
sche Erfahrung zu Nutzen des gleichfalls riesigen päpstlichen Besitzes verwandte. Da-
durch gelang es ihm, aus diesem die Mittel herauszuwirtschaften, deren Rom in seiner
isolierten Lage bedurfte, und da er auch die Verwaltung bis in die Einzelheiten über-
wachte und straffte, so verschärfte er dadurch zugleich die Tendenz der Kirche, staat-
liche Kompetenzen zu übernehmen. Auch hier aus einer prekären Lage das Beste
herausholend, bereitete der Papst die Zukunft vor, in der aus dem Patrimonium S.
Petri ein eigener >Kirchenstaat< erwuchs.

Diese Erfolge bedingten, aber wurden andererseits auch wieder ermöglicht durch
das, was Gregor jenseits der italienischen Grenzen für die römische Kirche durch-
setzte. Er hatte die Genugtuung, daß durch den Übertritt der arianischen Westgoten
zum Katholizismus Spanien, eine der ältesten Kirchenprovinzen Roms, dem Papst-
tum zurückgewonnen wurde: ein Ereignis, das zwar nicht durch Gregor selbst,
sondern durch innerspanische Faktoren veranlaßt war, aber ihm sofort Anlaß gab,
Rom im Westen zur Geltung zu bringen.
Da nach der Vernichtung der arianischen Vandalen durch die Truppen Justinians
auch Nordafrika zum Papste hielt, so wäre der Ring um das westliche Mittelmeer
wieder geschlossen gewesen, wenn nicht Gregors Versuche, Einfluß auf die fränki-
sche Kirche zu gewinnen, ohne nennenswertes Ergebnis geblieben wären. Hier haben
seine Nachfolger erst Erfolge errungen, als Rom schon Nordafrika und fast ganz
Spanien an die Araber verloren hatte.
Zu diesen Gebieten, die seit alters im Gesichtswinkel der Kirche lagen, fügte
Gregor wieder Britannien, das Rom im 5. Jahrhundert entglitten war. Ihm gebührt
der Ruhm, daß er bei den neuen Herren der Insel, den Angelsachsen, die Mission
einleitete und damit die Kirche auf eine Aufgabe wies, die sie während der nächsten
Jahrhunderte in Atem gehalten und in immer neue Fernen geführt hat. Kaum eine
dieser Bekehrungen im Norden und Osten hat in der Folgezeit solche Auswirkung
gehabt wie gerade Gregors Mission unter den Angelsachsen; denn von ihnen aus voll-
zog sich wenige Menschenalter später die Wiederaufrichtung der fränkischen, die
Begründung der deutschen Kirche.
Langobarden und Westgoten, Franken und Angelsachsen: diese Namen sagen
schon, was Gregor- insgesamt gesehen- für die römische Kirche bedeutet. Er führte
sie aus dem Behauptungskampf gegen Kaiser und Barbaren, den er selbst und auch
seine Nachfolger noch in Italien weiterzuführen hatten, hinaus in die Welt, deren
Gregor d. Gr. als Regent und als Autor

westliche Hälfte durch die Völkerwanderung von Grund aus umgestaltet worden
war. Er, der selbst seine kirchliche Oberherrschaft nur mit Behutsamkeit anwenden
konnte, wies Rom auf seine neue Aufgabe, die geistliche Lenkung jener Völker zu
übernehmen, welche die Geschicke des Mittelalters bestimmt haben.

Wie Gregor der Kirche fast in anderthalb Jahrzehnten den Stempel seines Wesens
aufgedrückt hat, ist der Nachwelt bis in das Einzelne erkennbar, da sich das durch
das ganze Mittelalter als Vorbild wahren Regententurns und kirchlichen Rechts be-
wunderte Registrum Gregorü erhalten hat. In dieser Sammlung von über achthundert
Briefen hören wir Gregor unmittelbarer als irgendeinen Menschen dieser Zeit: den
Politiker, der in der glatten Sprache des Hofes und der Diplomatie zu locken, drängen,
abzuwarten weiß, den Kirchenfürsten voll Verantwortungs- und Rechtsbewußtsein,
der lobt, mahnt, tadelt oder Trost spendet, den Verwalter der Kirche, der Stadt und
des Patrimoniums, der in nüchternster Weise seine Anordnungen trifft, aber auch den
Seelenhirten, der alle Möglichkeiten der Menschenlenkung kennt, und den Gläubigen,
dertrotzaller weltlichen Geschäfte noch an seinem Mönchtum hängt- jeweils nach
Thema und Empfänger ein anderer und doch immer derselbe: der >Servus servorum
Dei<,· der sich notgedrungen mit der Welt einläßt und in ihr als ein Römer wirkt, der
immer noch Mittel weiß, um aus ihrer gestörten Ordnung das der Sache Dienliche
hervorzuziehen.
Neben dieser aktiven Leistung verschwindet die kontemplative. Seine zum Teil
umfangreichen Schriften, Sammlungen von Wunderberichten, allegorische Bibel-
erklärungen, Anleitungen für Seelsorger, Predigten u. a. m. stehen, wo sie sich über
die Mitteilung praktischer Erfahrungen erheben, tief unter Augustin, den Gregor als
theologischen Lehrmeister in Anspruch nahm, zeigen selbst weiten Abstand von der
Kultur, die noch unter der Ostgotenherrschaft in Rom geblüht hatte. Sowohl als
religiöse wie als geistige Erscheinung wird Gregor weit von Ambrosius, Augustin
und Hieronymus überragt, die ihm die katholische Kirche als Väter zugesellt hat. Das
aber trifft nur zum Teil ihn selbst, mehr seine naiv-wundergläubige Zeit, die philo-
sophische Spekulation abstreifte, da sie ihren Gott auf anderen Wegen suchte. Ihr ent-
sprachen besser Gregors einfachere, konkretere, stärker auf das Praktische abgezogene
Doktrinen. So ist er bis in das 11. Jahrhundert der geistliche Lehrer des Mittelalters ge-
blieben. Erst die Scholastik hat ihn wieder in den SchattenAugustins zurücktreten lassen.
Auf dem geistigen Gebiet ist die persönliche und zeitliche Begrenztheit Gregors
zu spüren; aber selbst hier darf man von Größe reden: der Mund, der die Sprache
des nächsten halben Jahrtausends zu reden wußte, war der Mund eines Römers, der
die Ideale seiner Vorfahren begraben hatte, aber Rom eine neue, geistliche Welt-
herrschaft sicherte, der ihr Ethos durch das christliche überwand, aber doch in Ge-
sinnung, Haltung und Menschenbehandlung soviel Römerturn in sich bewahrte,
daß etwas davon bis heute wirksam geblieben ist.
A4: B. Bonifaz (t 754) (Buchbesprechungen)

B. Der Heilige Bonifaz (672/3-754)


Buchbesprechungen

ScmEFFER, THEODOR: Angelsachsen und Franken. Zwei Studien zur Kirchengeschichte des 8·
Jahrhunderts (Akad. der Wiss. u. Lit., Abh. der geistes- u. sozialwiss. Kl., Jahrg. 1950 Nr. zo).
Mainz (Akademie, in Kommission bei FR. STEINER, Wiesbaden) 195 I. I 14 Seiten (Seite 1427-1450).
Aus: Gesch. in Wissenschaft u. Unterricht IV, 1953, S. 586.

Für das 8. Jahrhundert ist von entscheidender Bedeutung THEODOR SCHIEFFERS


Studie über >Angelsachsen und Franken<; denn sie richtet sich gegen die herrschende,
von A. HAUCK formulierte, von H. v. ScHUBERT, E. CASPAR, K. V OIGT u. a. aus-
gebaute Auffassung, daß die Päpste durch Bonifaz in Deutschland eine römische
Kirchenprovinz haben schaffen wollen, während Karlmann und Pippin einen staats-
kirchlichen Kurs verfolgt hätten und mit ihm zum Ziel gekommen seien. Der V erfass er
macht deutlich, daß diese Forscher - den Entwicklungsgedanken überspannend -
Vorstellungen, die erst für die Zeit des Investiturstreites passen, auf das 8. Jahr-
hundert zurückprojiziert haben und daß es unsere Aufgabe sein muß, diese Frühzeit-
losgelöst von dem, was sich später ergab - ganz aus sich selbst heraus zu verstehen.
ScHIEFFER geht von der Tatsache aus, daß die Päpste des frühen 8. Jahrhunderts
gar nicht in der Lage waren, die fränkische Kirchenhoheit zu schmälern. Bonifaz
wurde nicht als Sendling Roms bekämpft, sondern als unbequemer Mahner und
Ausländer, gegen den sich der fränkische Adel und die diesem eng verbundenen
Bischöfe wandten. Da unter diesen jedoch eine jüngere, reformfreundliche Gene-
ration heranwuchs, setzten sich die Gedanken des Angelsachsen doch noch durch.
Allerdings sahen er und seine Landsleute sich kaltgestellt oder doch eingeengt. Das
bekam besonders Bonifazens Nachfolger und >enterbter Jünger< Lull, der erste Erz-
bischof von Mainz, zu spüren, mit dem sich die zweite der beiden in ScHrEFFERS
Beitrag vereinigten Studien befaßt. Durch die Klärung schwieriger Fragen der
Datierung kann der Verfasser das Bild, das wir bisher vom V erhalten Karl Martells
gegenüber den Angelsachsen hatten, vereinfachen, und auch für die Charakteristik
Pippins und Karls des Großen, unter dem die Festlegung des Mainzer Sprengels
zu ihrem Abschluß kam, ergeben sich neue Einsichten. So zeigt diese Abhandlung
wieder einmal, wie durch verfeinerte Methoden und eine Revision der bisherigen
Fragestellung selbst aus Stoffen, die immer wieder bearbeitet worden sind, sich ganz
neue Einsichten gewinnen lassen 2 •

z Zu ScHIEFPERS Interpretation der kirchen- Jahrbuch für Fränkische Landesforschung


politischen Lage vgl. H. LöWE, Bonifatius und XV, 1955 Seite 85-127.
die bayerisch-fränkische Spannung. Ein Bei- V gl. dazu H. LöWE, Vom Bild des Bonifatius in
trag zur Gesch. der Beziehungen zwischen der neuerenDeutschen Geschichtsschreihung,
dem Papsttum und den Karolingern, im in: Gesch. in Wiss. u. Unterricht VI, 1955
Buchbesprechungen

ScHIEFFER, THEODOR: Winfried-Bonifatius und die christliche Grundlegung Europas. Freiburg


i. Br. (Herder) 1954 (326 Seiten). -Aus: Gesch. in Wissenschaftu. Unterricht V, 1954, S. 695f. 8 •

Zu Ehren des Jahres, in dem sich zum rzoo. Male der Märtyrertod des heiligen
Bonifatius jährte, ist eine Darstellung seines bewegten Lebens erschienen, die nichts
von einer erbaulichen oder erhebenden Jubiläumsschrift an sich hat, sich vielmehr
durch ihren soliden Unterbau über den äußeren Anlaß erhebt. Da sie auch die kon-
fessionellen Bindungen abstreift, wird sie fortan als das maßgebende Werk heranzu-
ziehen sein. Der Verfasser ist THEODOR ScHIEFFER, von dem bereits eine vorbereiten-
de, die These von der mltramontanen< Einstellung des großen Missionars als zeit-
gebunden beiseite schiebende Studie soeben hervorgehoben wurde. Sein Buch
zeichnet den zeitgeschichtlichen Hintergrund der Biographie auf das sorgfältigste.
Man könnte es daher geradezu als eine fränkische Geschichte in der ersten Hälfte des
8. Jahrhunderts mit Bonifaz als der Zentralfigur ansprechen. Die Darstellung ist
einerseits gut lesbar, andererseits beruht sie in jedem Abschnitt auf selbständiger Ver-
arbeitung der Überlieferung. W. LEVISON (t), dem als dem Lehrer des Verfassers
das Buch gewidmet ist, würde sicherlich stolz auf dieses Zeugnis für die Fortwirkung
seiner durch die sorgfältige Auswertung jeder Einzelheit gekennzeichneten Schule
sein.
Als Biograph hat ScHIEFPER das Prinzip verfolgt, daß er die Fakten sprechen läßt.
In seine Darstellung hat er an den entsprechenden Stellen Zitate aus den Briefen des
Heiligen eingefügt, so daß sich beim Leser von Kapitel zu Kapitel der Eindruck ver-
dichtet und schließlich alles über Bonifaz gesagt ist, was ein Biograph heute über
ihn niederschreiben kann. Eine andere Möglichkeit wäre gewesen, auf der Höhe seines
Lebenslaufes oder am Schluß ein Kapitel einzufügen, um dem Glaubensboten einer-
seits als Menschen seiner Zeit, andererseits als einmaliger Persönlichkeit gerecht zu
werden. Bei allen anderen Gestalten des 8. Jahrhunderts wäre von einem solchen
Unterfangen abzuraten. Aber in den Briefen des Bonifaz liegen so viele documents
humains vor, und seine Ausdrucksweise, sein Stil, seine Bilder sind so bezeichnend,
daß der Versuch gemacht werden könnte, die geistige Struktur des Heiligen zu
analysieren und ihn als eigenen Typ unter den Haupttypen der großen Vorkämpfer
des Glaubens einzuordnen'. Seine Ängstlichkeit in allen Rechtsangelegenheiten, seine
Nüchternheit in den Fragen dieser Erde, seine Wärme in den geistigen Freund-
schaften und die Beschwingtheit, sowie er auf die himmlischen Dinge zu sprechen
kommt, das Verhältnis von Wissen und Glauben, das Beiseiteschieben jeglichen

S. 539-5 5 sowie den Literatur- und For- in Wiss. u. Unterricht VI, 1955 S. 539-55,
schungsbericht von 0. GRossMANN, im Hes- indem er seinen Platz in der Forschung in
sischen Jahrbuch für Landesgesch. VI, Mar- der neueren deutschen Geschichtsschreibung
burg 1956, S. 232-53, der 16 Schriften (darun- bestimmte.
ter die angeführten) kritisch würdigt. 4 Einen Anlauf zu dem hier skizzierten Unter-
3 Dieses Buch würdigte H. LöwE in: Gesch. fangen unternimmt der folgende Abschnitt.
A4: B. Bonifaz (t 754) (Buchbesprechungen)

Aberglaubens - das und noch anderes gibt es im einzelnen wohl auch hier und dort,
ist aber in seiner Summe doch nur ihm eigen. Das würde heraustreten, wenn man
Bonifaz etwa mit Beda einerseits, Alcuin andererseits vergliche oder ihn mit den
irischen Missionaren konfrontierte; lehrreich wäre wohl vor allem, wenn seine und
Karls des Großen Einstellung zu den Fragen des Lebens gegeneinander abgewogen
würden.

Sankt Bonifatius. Gedankgabe zum zwölfhundertsten Todestag, hrsg. von der Stadt Fulda in Ver-
bindung mit den Diözesen Fulda und Mainz. I. sowie 2. durchgesehene Ausgabe, Fulda (Parzeller u.
Co.) I954 (686 Seiten in 4° mit 20 Tafeln, I Plan und 12 Abb. im Text). V gl.: Ebd. VI, I95 5, S. 764f.

THEODOR ScHIEFFERS Buch über Bonifaz hat durch eine sehr stattliche, von der
Stadt Fulda im Verein mit den Diözesen Fulda und Mainz herausgegebene >Gedenk-
gabe zum I2oo. Todestag< des Heiligen eine Abrundung erfahren. Ihr Inhalt kann
hier nicht ausgeschöpft werden, da sie 3I Beiträge mit verschiedenen Themen ver-
einigt. Wir greifen die Beiträge von D. HELLER über das Grab des Heiligen und von
H. HAHN über die Ausgrabungen am Fuldaer Domplatz heraus.
HELLER bestreitet die (I 94 5/5 I auch von H. BEuMANN vertretene) These des durch
jahrzehntelange Ausgrabungen um den Dom hochverdienten JosEPH VoNDERAU,
das in der Mitte der Kirche gefundene Felsengrab sei das ursprüngliche; da HELLER
die Schriftzeugnisse anders auslegt, vermutet er es vor dem Kreuzaltar in der Apsis.
Die Ausgrabungen, die I95; -begünstigt durch den freien Platz vor dem Dom-
eine Fülle weiterer Feststellungen erbrachten, bieten ein Musterbeispiel für die Art,
mit wie feiner Methode solche Untersuchungen heute durchgeführt werden. Es
ergaben sich Spuren von einem weltlichen Bau merowingischer Zeit, der an ältere
Besiedlungsspuren anschließt. Dann hat offensichtlich um 700 ein Sachseneinfall alles
Vorhandene zerstört, so daß Bonifaz und Lull in einer Einöde ansetzten. Wie dann
der Anfangsbau im 9· Jahrhundert durch eine riesige Kirche ersetzt und diese im Io.
Jahrhundert umgewandelt und ausgestattet wurde, ist jetzt im wesentlichen klar-
gestellt. Das Ergebnis vermittelt der Architekturgeschichte des frühen Mittelalters,
die ja ganz allgemein durch Ausgrabungen im Zuge des Wiederaufbaus zerstörter
Kirchen ein neues Gesicht bekommen hat, wichtige Einsichten.
Mit Stichworten sei wenigstens etwas von dem angedeutet, was in der >Gedenk-
gabe< sonst noch zu finden ist: das Verhältnis des Bonifaz zu Rom, zum Recht, zum
Staat und Gründung der mitteldeutschen Bistümer, die Art der adligen fränkischen
Bischöfe seiner Zeit, das Vordringen des Christentums zwischen Neckar und Main
sowie in Bayern, das Nachleben des Heiligen, die Ansprüche der Abtei Fulda, die
Bedeutung Pirmins, Willibrords und Hrabans usw.

LoRTZ, JosEPH: Bonifatius und die Grundlegung des Abendlandes (Institut für Europ. Geschichte,
Mainz: Vorträge). Wiesbaden (Fr. Steiner) I954· 78 Seiten. Vgl.: Gesch. in Wissenschaft u. Unter-
richt II, I955 S. 763.
Der Hl. Bonifaz als Mensch 93

Ganz knapp ist Bonifaz von J. LoRTZ dargestellt worden. Aber sein Vortrag ist
inhaltsreich. Es ist das Anliegen des Verfassers, das Wesentliche an dem Heiligen und
an seiner Leistung herauszuarbeiten, was ihm Anlaß gibt, weit zurück und weit vor-
aus zu blicken. J. L. schließt mit der Feststellung, daß auch die Protestanten dem Mär-
tyrer Hochachtung entgegen brächten, daß diese jedoch - verglichen mit der katholi-
schen - eingeschränkt bleibe. Er will die Protestanten nicht überzeugen, aber ihnen
doch Fragen vor Augen rücken, um sie mnter Berufung auf evangelische Urteile zu
erneuter Prüfung anzuregen<.

C. Der Heilige Bonifaz als Mensch*


JosEPH LoRTZ gewidmet zum achtzigsten Geburtstag (13. Dez. 1967)

Vorweg ist festzustellen, daß die aufgeworfene Frage sich nie in einer Weise wird
beantworten lassen, die einen mit den Problemen der modernen Anthropologie ver-
trauten Fragesteller befriedigen kann. Es fehlen die dafür erforderlichen Aussagen.
Das Mittelalter rezipierte die griechische Temperamentenlehre, die die Grund-
anlagen des Menschen: sanguinisch, cholerisch, phlegmatisch, melancholisch mit
der verschiedenen Mischung der Säfte im menschlichen Körper in Verbindung ge-
bracht hatte. In neuerer Zeit hat E. KRETSCHMER drei Körpertypen (leptosom,
pyknisch, athletisch) geschieden, die nach ihm mit bestimmten Verhaltensweisen ge-
koppelt sind. Doch kommen wir auf keinem der beiden Wege weiter, da keine Aus-
sage darüber vorliegt, welche Statur Bonifaz eigen war und welches >Temperament<
ihn beherrschte. Denn schon die erste Vita des Heidenapostels, erst in den sechziger
Jahren begonnen, mußte sich auf Mitteilungen aus dem Schülerkreis verlassen, da ihr
Verfasser, der Mainzer Presbyter Willibald, Bonifaz nicht mehr zu Gesicht bekommen
hatte. Die Vita führt daher nur an den Heiligen, aber nicht an den Menschen heran.
Erst recht fehlen in den Viten und Annalen Zeugnisse, die modernen Psychologen
auch nur Ansätze zu einer Diagnose liefern könnten. Hier bleibt also auf immer ein
Schleier, der uns von Bonifaz trennt.
Als einzig Festes halten wir nur die Briefe des Märtyrers in der Hand; zusammen
mit den empfangenen handelt es sich um über hundert. Wie weit lassen sie nicht nur
den Verlauf seines Wirkens erkennen, sondern ihn selbst?

* Ungedruckt; niedergeschrieben im Jahre 1967 wohl in theologischer als auch in philolo-


auf Grund langjähriger Beschäftigung mit den gischer Hinsicht meiner Grenzen bewußt, will
Briefen des Bonifaz. Versucht wird hier, zum hier also nur als Anreger wirken.
Schließen der Lücke beizutragen, die in der DiesenAbschnitttrug ich (in verkürzter Form)
voraufgehenden Anzeige des grundlegenden, vor im Rahmen der Vorfeier zum 8o. Geburts-
von THEODOR SCHIEFPER verfaßten Buches tag desBewidmeten (Mainz, AuditoriumMaxi-
gekennzeichnet wurde. Doch bin ich mir so- mum der Universität, 12. Dez. 1967).
94 A4: c. Der Hl. Bonifaz als Mensch

Es muß versucht werden, wenigstens Teilantworten zu erhalten. Doch muß man


diese Briefzeugnisse richtig befragen.
Zunächst hat man sich zu vergegenwärtigen, daß Bonifaz den Boten, die seine
Schreiben überbrachten, mündliche Aufträge mitgab und es ihnen überließ, den
Empfängern die äußeren Umstände seines Daseins zu erläutern1 : die Briefe enthalten
daher über seine Umwelt so gut wie gar nichts, und die Heiden sowie die bereits
Bekehrten, mit denen er es zu tun hatte, bleiben Schemen.
Diese Blässe ist nicht für Bonifaz bezeichnend, entsprach vielmehr dem Briefkanon,
der in seiner und auch noch in der nachfolgenden Zeit galt: der vom Ballast des All-
tags freigehaltene Brief hatte bestrebt zu sein, ein literarisches Kunstwerk darzustellen,
das eine hochentwickelte epistolographische Tradition fortsetzte und meist darauf
rechnete, von Zeit zu Zeit wieder hervorgeholt, von neuem genossen und womöglich
als lehrreiches Vorbild kultivierter Ausdrucksweise benutzt zu werden.
Die Briefe des Heidenapostels, die keine >documents humains< sein sollten, es nach
den Regeln des Genus nicht sein durften, lassen jedoch die Doppelfrage zu:
1. Was dünkte den hlg. Bonifaz so beachtlich, daß er in seinen Briefen davon

sprach?
2.. Wie stilisierte er das, was er mitzuteilen hatte? In welches Sprachkleid hüllte er

es ein? »Le style c'est l'homme«- das ist zwar erst ein neuzeitliches Dictum, trifft
aber bereits auf das frühe Mittelalter zu.
Nachdem wir unsere Augen so eingestellt haben, heben wir aus den Lebensfakten
einerseits, aus den Schriften des Heiligen andererseits das heraus, was uns aufschluß-
reich dünkt für: >Bonifaz als Mensch< 2 •

I König Aethelbert II. von Kent, dem Bonifaz LEVISON: Vitae s. Bonifatii archiepiscopi
durch die Init ihm gleichzeitig in Rom weilen- Moguntini, I905 (Mon. Germ., Script. in us.
de Äbtissin Bugga eine mündliche Mitteilung schol.; übersetzt von M. T ANGL in den Ge-
hatte zukommen lassen, schickte ihm darauf schichtsschreibern a. a. 0. I3, 3· Aufl. I92o);
ein Schreiben (Ep. 105), in dem er auf die vgl. dazu W. LEVISON, England and the Con-
mündlichen Mitteilungen seiner Boten ver- tinent in the VIIIth Century, Oxford I946.
weist. Für die Frühzeit s. A. RuPPEL, Der heilige
2 Die Briefe des Bonifaz und seines Schülers Bonifatius als Dichter, in: Universitas, Fest-
Lull hat l\.f. T ANGL in den >Epistolae selectae< schrift für Dr. A. STOHR II, Mainz I96o,
der Mon. Germ. Hist. herausgegeben (Bd. I s. 28-4I.
dieser Reihe; 19I6, neugedruckt I95 5; vor- Zur Grammatik des Winfrid-Bonifaz PAUL
her ediert von E. DüMMLER in Mon. Germ. LEHMANN, Erforschung des MAs. Ausge-
Hist. Epist. I, I9IZ, S. 2I5-433). Eine Aus- wählte Abband!. u. Aufsätze IV, Stuttgart
wahl hat M. T ANGL übersetzt und erläutert 1961, S. 148-71. Er ergänzt hier einen 1931/2
(Die Geschichtsschreiber der deutschen Vor- erschienenen Aufsatz, in dem er die Grammatik
zeit 92, Lpz. I9I2). Die Dichtungen: Mon. in die Zeit Aldhelms zurückdatierte, auf Grund
Germ., Poet. lat. I S. I-I 5. von N. FrcKERMANN, der im Neuen Archiv
Die Lebensbeschreibungen gab heraus W. 49, I932, S. 763 ff. auf Grund eines weiteren
Die erste Hälfte des Lebens 95

a) Die erste Hälfte des Lebens, geboren im Kloster: Lernen, Lehren, Schreiben

Winfrid (Bonifaz) erblickte 672{3 (spätestens 675) das Licht der Welt und wurde 754,
über So Jahre alt, von noch heidnischen Friesen ermordet, erreichte also ein für seine
Zeit ungewöhnlich hohes Alter.
Er war ein Angelsachse und hing noch als Greis an seiner Heimat, die er 7 I 8 auf
immer verließ. Aus den Jahren 746{7 stammt ein Brief (Ep. 74), in dem es heißt:
»Über Vorzüge und Ruhm unseres Volkes empfinden wir Lust und Freude, seine
Fehler aber und der Tadel, den sie finden, erfüllen uns mit Kummer und Betrübnis.«
Die Geburt der beiden Großväter muß in Jahre gefallen sein, die nicht weit von
der Begründung des Erzbistums Canterbury (597) entfernt waren. Wurden sie gleich
getauft oder erst im Laufe ihres Lebens für den neuen Glauben gewonnen? Jedenfalls
muß Winfrid in seiner Jugend noch Menschen gekannt haben, die als Heiden in die
Welt getreten waren. Die beiden Extreme werden ihm daher von Jugend auf ver-
traut gewesen sein: der gegen den ab geschworenen Glauben gerichtete Eifer der
Neubekehrten und die lässige Anpassung anderer, die das Christentum äußerlich
angenommen hatten, aber im Geheimen noch an den erprobten Praktiken heidni-
schen >Aberglaubens< festhielten.
Vergegenwärtigt man sich diese Grunderfahrung seines Lebens, dann versteht
man die Schärfe, mit der sich Bonifaz zeitlebens gegen das Heidentum wandte,
begreift man auch, wie besorgt ihn jedes Anzeichen von >Aberglauben< machte.
Erst im 2. Teil ist aufzudecken, wie das Heidentum für Bonifaz den Charakter
einer gefährlichen Krankheit behielt, gegen die viele bereits durch die Taufe >ge-
impft< waren, die aber rings noch herumschlich und auch die schon Geheilten von
neuem anzustecken imstande war.

Fundes Bonifaz als Autor ausfindig gemacht rischer Widersacher des Bonifatius, V. von
hatte. Salzburg, Wiesbaden 1951 (Akad. der Wiss.
Zur allgemeinen Orientierung vgl. M. u. d. Lit. in Mainz, Abhandl. Geistes- u.
MAN1TIUS, Gesch. der lateinischen Lit. des Sozialwiss. Kl. 1951 Nr. rr), bes. S. 952ff.
MA.s I, Lpz. 19rr (Neudruck: ebd. 1959) (= 44ff.).
S. 142-p. V gl. im übrigen die vorstehend Für den Vergleich sind lehrreich H. LöwE,
besprochene Literatur, der ich mich ver- Arbeo von Freising. Eine Studie zu Religiosi-
pflichtet fühle, auf die ich aber im folgenden tät und Bildung im 8. Jahrh., in den Rheini-
wieder Bezug zu nehmen nicht für erforderlich schen Vierteljahresblättern XV/XVI, 1950/r,
halte. S. 87-120 (der Unterschied tritt bes. S. rrof.
Über den Gegensatz zu dem Bischof Virgil heraus) und THEODOR MAYER, Bonifatius
von Salzburg, einem Iren, der unter dem und Pirmin, in der Gedenkgabe (s. S. 92), S.
Decknamen »Aethicus Ister« eine halb ge- 45o-64 (von diesem ist so wenig bekannt, daß
lehrte, halb phantastisch-ironische Kosmo- die Wirksamkeit der beiden sich nur äußerlich
graphie verfaßt hatte, s. H. LöWE, Ein Iitera- parallelisieren läßt).
A4: c. Der Hl. Bonifaz als Mensch

Über seine soziale Herkunft hat sich Winfrid-Bonifaz nie ausgesprochen3 • Mit den
Königssippen war er offensichtlich nicht verwandt. Eine vom übrigen Volk ab-
gesetzte Adelsschicht gab es unter den Angelsachsen nicht, sondern nur Gefolgs-
leute sowie Landbesitzer mit gelegentlich ansehnlichem Eigentum, die niemand als
einen der Kleinkönige über sich hatten und sich ihres Wertes bewußt waren. Zu
diesen rechneten wohl Winfrids Vorfahren. Jedenfalls fühlte er sich weltlichen Für-
sten gegenüber nie unsicher; er konzedierte ihnen, was die kuriale Form verlangte,
und ließ sich andererseits ehren, wie es einem Legaten der Römischen Kirche ge-
bührte. Verlegenheit wird ihm bei solchen Anlässen fremd gewesen sein. Ent-
sprechend korrekt, aber nie devot verkehrte er mit den Häuptern der angelsächsi-
schen und der fränkischen Kirche - bei seinem Verhältnis zu den Päpsten sprachen
noch andere Faktoren mit, von denen am Schlusse die Rede sein wird.
Die Kanzleien dieser Zeit waren froh, wenn sie sich Rat in Formelbüchern holen
konnten (der Römischen Kirche stand dafür der >liber diurnus< zur Verfügung). Die
Titulaturen und Anreden der Bonifizianischen Schreiben sind so variiert, daß man
schließen darf: er benutzte kein solches Hilfsmittel, wußte vielmehr, ohne nachzu-
schlagen, was sich jeweils >gehörte< 4 •
Man nehme hinzu, daß aus den Briefen des Heidenapostels nichts über die soziale
Herkunft seiner Mitarbeiter und Schüler zu entnehmen ist: die einzigen Maßstäbe,
die er an sie legte, waren korrekter, fester Glaube, Tüchtigkeit und einwandfreie
Moral. Natürlich kannte er die Unterschiede der Völker; in seinem Figurengedicht
ist der >Germanica tellus< gegenübergestellt:
»Rustica gens hominum Selaforum et Scythia dura«.
Aber so gebrandmarkt sind dieSlavenund Awaren doch nur, weil sie noch Heiden
waren: bekehrt hätte sie Bonifaz mit offenen Armen empfangen.
Ein moderner Psychologe könnte also von Bonifaz wenigstens dies aussagen: ein
beneidenswerter Mensch, weil ungehemmt durch Komplexe, Ressentiments, Ani-
mositäten, nationale V oreingenommenheiten.

Nicht angeführt werden kann hier, daß Win- devot; aber sie finden sich ebenso in Briefen,
frid sich im Prolog zu seiner grammatikali- die an Bonifaz gerichtet sind. Von sich selbst
schen Schrift nennt: »ignobili stirpe procrea- geringschätzig zu sprechen, galt immer und
tum« (LEHMANN, a. a. 0., S. 16o, Z. 43). Er in dieser Zeit ganz besonders als Zier des
spricht hier nämlich von den römischen Auto- Christen:
ritäten, denen er gegenüberstehe als »aus den Einem ehemaligen Schüler gegenüber bezeich-
äußersten Völkerschaften Germaniens« her- nete sichBonifaz als »parum doctus praeceptor(<
vorgegangen, insofern also aus »barbarischem« und »tusticus patet« (Ep. 34; vgl. ferner Ep.
Stamme d. h. »ignobili stirpe«. Es handelt sich 46: »mea parvitas«; Ep. 67: »ultimus et pessi-
hier also nur um eine rhetorische Zuspitzung. mus ... omnium legatorum«).
4 Manche Floskel klingt in unseren Ohren allzu
Wesen und Stil- Klosterdasein 97

Zum Kurialstil gehörte ferner die Anrede in der dritten Person singularis: sie war
allgemein üblich. In dieser Hinsicht war die Zeit erfinderisch (z. B.: tua almitas,
beatitudo, caritas, celsitudo, clementia, dilectio, fraternitas, sagacitas, sanctitas).
Höflichkeitsfloskeln darf man in keinem Zeitalter wörtlich nehmen. Aber die Tat-
sache, ob sie jeweils stark oder nur wenig entwickelt waren, gibt doch Anhalte. Wer
überrascht ist, sie in der Briefsammlung des Bonifaz so kunstvoll variiert zu finden,
werfe einen Blick auf den Gold- und Silberschmuck dieser Zeit: bei den Gold-
schmiedearbeiten, auch bei denen, die für Männer bestimmt waren, stößt man auf
einen raffinierten Geschmack, der gelegentlich eine Lupe erfordert, um aller Fein-
heiten gewahr zu werden.
Diese Fakten muß man mit hineinnehmen in das Bild, das wir uns von der ersten
Hälfte des 8. Jahrhunderts zu machen haben: mochten die Fürsten sich dem Trunk
ergeben und mit Nonnen in Klöstern Unzucht treiben (das hatte Bonifaz z. B. dem
König von Mercia vorzuwerfen), die weltliche und die geistliche Oberschicht ver-
kehrten untereinander in wohl ziselierten Formen, und mit am besten verstand sich
auf diese zeitlebens Bonifaz.

Nicht Winfrid selbst, sondern seine Eltern waren es, die über sein Schicksal ent-
schieden: er wurde- vermutlich erst sieben Jahre alt- dem Kloster Exeter als >puer
oblatus< übergeben. Zu einem nicht bestimmbaren Datum trat er in das Winchester
benachbarte Kloster Nursling (Wessex) über und verblieb hier bis in die Mitte seines
Lebens. Diese über seinen Kopf hinweg getroffene Entscheidung hat Winfrid-Boni-
faz - als er herangewachsen war - sich voll und ganz zu eigen gemacht. Der Kirche
zu dienen und zu ihrem Ansehen beizutragen, wurde ihm das Grundanliegen seines
Lebens. Nie hat er die Verlockung eigenen Besitzes, nie den Stachel, ihn zu vermehren,
erfahren.
Im Kloster wuchs der ihm willenlos übergebene Knabe zu einem Manne mit
eigenem Willen heran. Er erhielt - in den Jahren um 704 - die Priesterweihe und
betätigte sich als Lehrers.
Man muß die Gunst des Augenblicks beachten. Die auf heidnischem Boden be-
gründete Kirche Angelsachsens war jetzt ein Jahrhundert alt. Sie hatte im Laufe des
7· Jahrhunderts mancherlei von den Iren gelernt, war aber gefeit geblieben gegen die
eigenwilligen, vielfach kauzigen, dazu antirömischen Tendenzen, die sich in der
Nachbarkirche breit gemacht hatten, und blieb- ihrem Ursprung Rechnung tragend-
auf Rom ausgerichtet. Die Kirchenväter und die Päpste waren daher die maßgeben-

5 Über diese Tätigkeit haben wir das Zeugnis rum medullata facundiae modulatione, quam
des Willibald in: Vitae s. Bonifatii, ed. W. etiam historiae simplici expositione et spiri-
LEVISON, 1965, S. 9 (Script. in us. schol.): talis tripertita intelligentiae interpretatione
»Maxima denum scripturarum eruditione - inbutus - dictandique peritia laudabiliter ful-
tarn grammaticae artis eloquentia et metro- sit ... «.

7 Schramm, Aufsätze I
A4: c. Der ID. Bonifaz als Mensch

den Autoritäten. Bei den Angelsachsen gab es- im Gegensatz zu Irland, wo städtische
Siedlungen fehlten und die Bischöfe deshalb in Klöstern saßen - Erzbischöfe, unter
ihnen Bischöfe, unter diesen wieder Presbyter und Diakone. Die Klöster unterstütz-
ten das religiöse Leben, hatten aber neben der Kirche ihr festgefügtes Dasein. In
ihnen galt die Regula s. Benedicti, also Lenkung durch den Abt, Askese, Dienst, Humi-
litas, genaue Ordnung für Tag und Nacht, Arbeit von früh bis spät, abwechselnd
körperliche und geistige Betätigung, Verteilung der Aufgaben, so daß jeder sich nütz-
lich machte, und Gehorsam, vor allem Gehorsam, gefordert von den dazu Berufenen,
geleistet von den dazu Verpflichteten.
Das ist die Erfahrung, die Winfrid-Bonifaz in den ersten vier Jahrzehnten seines
Lebens machte und die er in den letzten vier festhielt: den riesigen Missionsraum,
in den er Ordnung hineinbrachte, trachtete er so zu regieren, wie er das in seiner
heimischen Kirche, besonders in seinem Kloster erlebt hatte.

In die Denkweise, die Winfrid im Kloster beigebracht wurde und die er sich so zu
eigen machte, daß sie ihn noch im Alter kennzeichnete, führen Prosatexte und Dich-
tungen aus der ersten Hälfte seines Lebens ein.
Winfrid kompilierte aus einem Dutzend römischer Autoritäten eine lateinische
Grammatik, ferner eine Metrik, die sich gleichfalls an erprobte Lehrer hielt, zwei
nützliche Kompilationen also, die klarstellten, wie ein Satz richtig zu formen war,
wie ein korrekter Vers auszusehen hatte. Daß alles richtig gehandhabt wurde, daß
jeder die geltenden Regeln genau innehielt, blieb (wie zu zeigen sein wird) das Haupt-
anliegen des Verfassers, als sein Wirken sich in die Weite gedehnt hatte- insofern
war er ein geistiger Vorläufer Karls des Großen.
Wie sich das für einen mit der Pflege der lateinischen Sprache befaßten Lehrer
schickte, verfaßte Winfrid auch Verse. In ihnen treten nach dem Vorbild des Pruden-
tius in personifizierter Gestalt die Tugenden und Laster auf. Der Inhalt ist - wie das
damals in der germanischen Welt beliebt war - verrätselt, aber doch so, daß die
gelehrt-erbauliche Lösung leicht zu finden war.
Die Anfangsbuchstaben der Verse ergeben - von oben nach unten gelesen - ein
Akrostichon, d. h. einen Namen oder eine Sentenz. Dieser Bindung vorn entspricht
gelegentlich eine Bindung hinten durch den Reim, der in der lateinischen Vulgär-
dichtung beheimatet war:
Vale,Jrater,ßorentibus.
luventutis cum viribus (und so fort bis zum Schluß).
In sich sind diese Verse gelegentlich durch Alliteration gebunden:
V ale, verae virgo vita ut et vivas angelicae
Recto rite et rumore regnes semper in aethere Christum.
Solche Häufung ging über die germanische Stabreimdichtung hinaus.
Dichtungen 99

Für die Verskunst dieser Art gab das Vorbild Aldhelm (um 64o-7o9), Abt in
Malmesbury, dann Bischof von Sherborne6 • Seine auf das Reale ausgerichteten,
gelegentlich sogar scherzhaften Muster vertiefte Winfrid jedoch in das Theologisch-
Didaktische: die menschliche Seele, eingespannt zwischen Tugenden und Lastern,
war sein Thema7.
Winfrid versuchte sich auch in der Kunst des Figurengedichts, für die der spät-
antikeDichter Porfyrius dasVorbild abgab( s. S. 100) : erfügte in das Rechteck, in das er
sein Gedicht einpaßte, einen Rhombus, in diesen ein Kreuz, und richtete seine Verse so
ein, daß die vorn und hinten an den Kanten stehenden sowie die von den beiden
Innenfiguren geschnittenen Buchstaben Namen oder Verse ergaben. Das bedeutete
natürlich einen jede echte Dichtung erstickenden Zwang; aber zu denken gibt, daß
solche Figurengedichte auch Karl dem Großen gefallen haben: sie richteten sich zu-
gleich an das Ohr und an das Auge, zwangen zu langsamem und wiederhohem Lesen
und bereiteten dem Verstande schließlich >Spaß<, wenn die Vernunft alle Bezüge und
Versüberschneidungen begriffen hatte.
Zu einem solchen Virtuosenstück waren natürlich nur solche befähigt, die das
Lateinische in Grammatik und Wortschatz so beherrschten, daß sie mit ihm zu
>jonglieren< vermochtens. In dieser Art der Dichtkunst- in unseren Augen das denk-
bar skurrilste Gegenstück wahrer Poesie 9 - unterrichtete Bonifaz noch im Alter seinen
Schüler Lull (Ep. 98; s. auch Ep. 103).
Die Frage, ob das besondere Latein, das sich Winfrid auf Grund der Schultradi-
tion zu eigen gemacht hatte und mit dessen Pflege und Weitergabe er die erste Hälfte
seines Lebens ausfüllte, über ihn als Mensch irgendwelche Auskünfte gibt, stellen
wir einstweilen zurück und bezeichnen nur noch, wo seine Interessen ihre Grenze
fanden.
Keine Rolle spielt bei Winfrid-Bonifaz die Allegorese, die in der karolingischen
Zeit wieder eine so große Bedeutung erlangen sollte - auch diese klare, nüchterne
Einstellung, die sich an den reinen Wortlaut der Bibel hielt und skeptisch gegen die
Aufdeckung tieferer Bedeutung blieb, teilte Bonifaz mit Karl dem Großen10 •

6 Seine Dichtungen sind abgedruckt in Mon. die Vollendung durch den Erlöser den >voll-
Germ., Auct. ant. XV. kommeneren< Hexameter.
7 Da das Akrostichon am Versende ein >g< 9 In dem Vers (Zeile 15):
erforderte, die lateinische Sprache aber über Regmina ut perdant pariter sub tartara trusi
keine auf >g< endenden Wörter verfügt, zog waren nicht nur Anfangs- und Endbuchstabe
Winfrid die hebräischen Namen Magog und festgelegt, sondern - durch den Rhombus -
Abisag heran. der fünfte sowie der viertletzte Buchstabe,
8 Um die Unvollkommenheit der Menschen ferner durch das Kreuz in der Mitte des e in
in dem Figurengedicht hör- und sichtbar zu pariter.
machen, benutzte Bonifaz in der ersten Hälfte 10 Vgl. unten: Kar! der Große: Denkart und
Distichen, in der zweiten im Hinblick auf Grundfassungen (S. 302-341).
IOO A4: c. Der Hl. Bonifaz als Mensch

Uersibus en iuuenis durant et earmina eantu


Ymnos namque de:l. ymniea dieta uiri
N i s i b u s e x im 11 s :r e ::n.ouantis carmina Ieetor
F Iu m i n a n a m q u e p :1. u s fra n g er e i u d i c if
Rem in a t empor i 'b u s t o :rquebit torribus & sub 5
Excelsi: fatu omnia. saeela diu
Tuta. tenent iuste pariter "tum tania scanctis
Hie dabitur reg:l aur ea l:l. a c q u e p 1 1
Per eae1i campos stipabunt paee tribanal
Regnantes 1audant limpida :regna simul1o
lmpia perpetuae ut damnentur gaud:la ui tae
Sordida :ln terris spernere gesta riiri
Caut.li est ut numquam defieat supplicia o a s s u
Omnes a e n t i 1es -,- m p i a o r i g o magog
Regm:lna ut perdantparit er sub tartara t:rusi 111
Unus nem p e d e u 8 saecula cuncta sui s
M :1. r i f i c o a b s o 1u e n s u i tim a t ra d i d i t ayn ni
Diues in arte 8 ua omnia sancta grad.u
Uictor nam I
J e 8 u 8 X er 18 tu 8 jaicque ordinatact"U.
Dapsilis in pastis be r nistua fata dieand.a 20
Deuotis concede tib I cum Iandibos iCLtu
0 m n :lpotens genitor fac no 8 tro in pectore p 0 n i
Ca s't a suumresonansree t orem nt lingua oantet
0 deus :ln solio i u dex regnator olimpi
N u m i ::n.a namque tuum mon 8 trant per saeeula ::n. o m e n 25
Gentib; in uastis e a e leb r a n t et saudia mira
Edite in t e :r r i s s a Iu a 8 t i 8 e e la r e d e m p t o r
Spiritus ae"thralem tibi laudem eplendidus aptet
Subiciens hominem et per 1ustran s lumina terrae
Egregium rege:n:1 gnatum ·praeconia fanstum so
Rnrico1ae iogiter dicant c u m c a :r m i n e c 1 a r a
A1moque feruens aremio signabat ab i s a g
Totum quadrad:lens eons"tat sapientia iusti
Architenen8 altor qui side r a clara gubernas
Ru ri gen a e praesta u 1i c e r tu s so1amina possit 85
Tradere per sacras sc:rip"turas gramwate tloctor
Excerptus -prisco puer o rum indaginis usu
Magna patri et proli eta::D. fiamine gratia dicam

Figurengedicht Winfrids
Dichtungen IOI

Ebenso bezeichnend ist, daß sich bei dem Heidenapostel nirgends Ansätze zu
theologischer Spekulation finden: er nahm Dogmen wie Rechtssätze hin, glaubte der
Offenbarung ohne eigne Spekulation und gab seine Gewißheit an seine Schüler weiter.
Ein Buch »über die Einheit des katholischen Glaubens und die Apostolische Lehre«,
das Bonifaz an alle Geweihten seines Sprengels verschickt hatte, wurde vom Papst
gelobt (Ep. So) - in solcher praktisch verwertbaren, ganz unspekulativen Unter-
weisung lag seine Stärke.
Winfrid konnte daher gar nicht auf den Gedanken verfallen, es seinem Alters-
genossen Beda gleichzutun, der sich in allen damals den Gebildeten geöffneten Spar-
ten betätigte und so viel schrieb, daß seine Werke in Mignes >Patrologie< sechs
Quartbände füllen. Der Missionar erbat sich Beda-Abschriften, und zwar von dem,
»was uns für die Glaubenspredigt willkommen, handlich und am nützlichsten
scheint«, also exegetische Texte (Ep. 91; s. auch Ep. 75). Das übrige sah er vermutlich
als verdienstvoll, jedoch als für ihn nicht verwertbar an. Er begehrte nur da ableh-
nend auf, wo es galt, Unvereinbares, womöglich Falsches zurückzuweisen und Irr-
wege zu versperren, welche die Gläubigen in Gefahr bringen konnten; deshalb
wandte er sich scharf gegen die kosmologischen Spekulationen des Bischofs Virgil
von Salzburg (Ep. 8o)11•

Das Seltsamste am Leben des Heiligen bleibt, daß er erst 716, endgültig erst 718
zum Missionar wurde, also als er schon über vierzig Jahre alt war. Ungefähr ebenso
lang hat er dann der Heidenbekehrung gedient.
Da wir aus der ersten Hälfte seines Lebens keine >documents humains< besitzen,
bleibt uns verborgen, wie Winfrids Entschluß zustande kam. Hatte er sich langsam
herauskristallisiert? Folgte Bonifaz einer Eingebung? Er selbst schweigt sieb darüber
aus. Aber einen Anhalt gibt vielleicht der zweite Brief, der von ihm erhalten ist
(Ep. 10: um 717).
In diesem Schreiben, das im Druck fünf Quartseiten lang ist, berichtet Winfrid der Abtissin Ead-
burg, was ihm von einem verstorbenen, aber nach wenigen Stunden in das Leben zurückgekehrten
Mönch über die grauenhaften Erlebnisse, die er in der Zwischenzeit durchlitten hatte, berichtet
worden war 12 • Der Tote war durch lodernde Feuer emporgetragen worden und hatte beobachtet,

I I S. oben 95 Anm. formiert< gewesen sein wird. Winfrid gibt


12 Den Medizinern bleibe die Frage überlassen, den Bericht zum Teil in dritter, zum Teil
wie die >Erlebnisse< des Mönches zustande aber auch - um seinen Wahrheitsgehalt zu
gekommen sind. Daß sie für Winfrid >wahr< steigern - in erster Person wieder, ohne sich
waren, steht außer Zweifel. Zu beachten ist dabei der ihm sonst so geläufigen biblischen
nur, daß sein Bericht darüber zweifach >stili- oder klassischen Wendungen zu bedienen,
siert< ist: durch ihn und schon durch den bleibt also so eng wie möglich beim Gehör-
Mönch, dessen >Erlebnisweise< natürlich ten.
bereits durch entsprechende Schilderungen M. TANGL (Übersetzung der Briefe S. 4)
und Kenntnis von Personifikationen >prae- glaubte hier, Winfrid als Kind seiner Zeit
I02. A4: c. Der Hl. Bonifaz als Mensch

wie Engel und Teufel um die Seelen der zum ewigen Gericht pilgernden Seelen gerungen hatten.
Bestürzt hört er, wie er selbst die Sünden bekennt, die er zu beichten verabsäumt hatte: Genußsucht,
Ruhmbegierde, Lüge, Widerspenstigkeit, Ungehorsam, im Laiendasein verübte Gewalttat usw. Die
Teufel wissen Einzelheiten, aber für ihn sprechen Gehorsam, Gebet, Fasten, Kasteiung, gute Werke-
eingeführt als Personifikationen. Sein herumschweifender Blick gewahrt das Fegefeuer und darunter
die noch schrecklichere Hölle. Ein Fluß mit feurig brodelndem Schwefel trennt das Gefilde der Seli-
gen ab mit den Mauern des himmlischen Jerusalem, zu dem die Auserwählten auf schmalem, schwan-
kendem Brett hinübergelangen. Der Tote erlebt, wie Teufel und Engel um Seelen Gestorbener strei-
ten, und muß mitansehen, wie der König Ceolred von Mercia den Teufeln überlassen wird. Der
Mönch erhält den Befehl, in seinen Leib zurückzufahren und den Menschen das Erlebte als Warnung
zu verkünden.

Aus der Zeit vor 7I8 sind nur zwei Briefe Winfrids erhalten; dies ist einer der
beiden: er muß ihm also besonderen Wert zugemessen haben. War ihm der Bericht
des Mönches zu einer Mahnung geworden, sich nicht mit seiner Tätigkeit als Lehrer
zufriedenzugeben? Fühlte er sich dadurch angetrieben, den Gefahren, denen auch
der Gerechte stets und ständig ausgesetzt blieb, durch den Übergang aus der Kloster-
schule in die Gott wohlgefälligere, größere Anstrengung verlangende Missions-
tätigkeit entgegenzuwirken? Trieb ihn die Angst vor Hölle und Fegefeuer auf den
Kontinent? Oder folgte Winfrid nur den Spuren anderer Angelsachsen, die sich vor
ihm der Heidenbekehrung gewidmet hatten? Bezog er, was Christus den Aposteln
aufgetragen hatte, auf sich: »Folget mir nach, und ich werde euch zu Menschen-
fischern machen«? (In Ep. 38 spricht er von Gott: »qui causa est peregrinationis
nostrae«). Sprach der Gedanke an die Vergänglichkeit alles Irdischen, den Winfrid
in dem ersten von ihm erhaltenen Schreiben (Ep. 9)- der Bibel folgend- ausmalt, bei
seinem Entschlusse mit?
Alles wird mitgewirkt haben; aber eindeutig läßt sich die Frage nicht beantworten,
weshalb Winfrid zum Missionar wurde.
Gewißheit gab dem sein Leben Umstellenden schließlich ein Traum: er erfuhr
durch ihn, daß er berufen sei, »die Ernte Gottes einzubringen und die Garben heiliger
Seelen in die Scheune des Himmelreiches einzusammeln« (so gibt Bugga wieder,
was Winfrid ihr mitgeteilt hatte; s. Ep. I 5; in einem späten Brief an sie sprach er von
»timor Christi et amor peregrinationis« als Anstößen zur Trennung von der
Heimat, Ep. 94; ein Lieblingsspruch des Heidenapostels- vgl. Ep. 38, 46- war I.
Tim. z, 4: »Gott will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der
Wahrheit gelangen«).
In diesem Zusammenhang ist noch ein Hinweis zu beachten, den der Heiden-
apostel nur einmal vorgebracht hat (Ep. 46), der aber eine Überzeugung bloßlegt,

abtun zu können, hingegeben »dem naiven Nicht erwähnt wird dieser Brief von A.
Glauben an die wilde Phantastik des Fieber- RüEGG, Die Jenseitsvorstellungen vor Dan-
kranken«. Aber diese rationalistische Aus- te ...!, Einsiedeln-Köln 1945 S. 292ff.
legung ist allzu billig.
Der Klosterlehrer wird Missionar

die sein ganzes Wirken überschattet haben muß: »Bedenkt, daß der Weltuntergang
nahe ist«. Religionsgeschichtlich heißt das, daß auch Bonifaz chiliastisch bestimmt
war; aber schaut man auf ihn als Menschen, dann bedeutet dieses Wort, daß ihn die
Erwartung, das Ende sei nahe, vorangetrieben haben muß, wie in der klassischen
Zeit den Bösen die Erinnyen gejagt hatten. »Wer Ohren hat zu hören, höre! Das
Ende ist nahe!« Der Christ, der zu solcher Überlegung gekommen war, wurde von
ihr von Morgen bis Abend angetrieben und wußte, was er zu tun hatte. Wer Bonifaz
bestaunt, weil er - ganz auf sich gestellt - nie auf den Gedanken kam, sich in Sicher-
heit zu bringen, findet einen Schlüssel für sein V erhalten in diesem Satz: »Bedenkt,
daß der Weltuntergang nahe ist.«

b) Die zweite Hälfte des Lebens, unbehaust, schutzlos, schließlich ermordet; vonA."ngsten
und Skrupeln gequält, trotzdem: Baumeister der Zukunft

Die beiden Lebenshälften: die im sicheren Kloster als Lehrer verbrachte und die
durch die >Vita activa< bestimmte zweite, von außen vielfach gefährdet und durch
innere >tribulationes< noch schwerer geworden: sie waren denkbar verschieden,
hängen aber doch wie die Glieder einer Kette zusammen. Denn es war ja nicht eine
Bekehrung wie im Falle eines Sünders, es war keine Erleuchtung erfolgt wie bei
Ignaz von Loyola; sondern ein sich gleichbleibender Mensch wandte sich größeren
·Aufgaben zu. Wie weit wandelte er sich dadurch? Wie entfaltete er, was bei ihm
schon vorher angelegt war?

I. Bonifaz der Christ

Wir beginnen mit dem, was am greifbarsten ist: mit der Sprache, derer sich Bonifaz -
fortan benutzen wir nur noch den ihm 719 in Rom zugeteilten Namen- auf dem
Kontinent bediente.
Daß Bonifaz lange Lehrer gewesen war, spürt man noch an seinen Altersbriefen:
er war und blieb in der lateinischen Sprache ein Meister, der manche seltene Vokabel
benutzte und die Stilmittel seiner Zeit sicher beherrschte (z. B. Doppelung: laetemur
et gaudemus, tribulamur et constrictamur; Koppelung von Wörtern gleichen Stammes;
gubernacula gubernare; Koppelung ähnlich klingender Wörter: jlorentem et proftcientem;
ftdeliter ac ftdualiter; Koppelung von Wörtern mit gleicher Endung: emendando et
corrigendo; viele Abstracta wie z. B. generositas, oft noch verbunden mit einem zweiten
Substantiv und so fort13). Sein Lehrmeister blieb dabei Aldhelm, dessen Dichtungen

13 Zahlreich sind die Verkleinerungsformen auf: ulus, -a, um; vgl. z. B.: epistiuncula, munusculum,
pauperculus, puerufus.
A4: c. Der Hl. Bonifaz als Mensch

Bonifaz mehr oder minder im Kopf gehabt haben muß; denn die Herausgeber konn-
ten bis in dieAltersbriefe des Apostels mancheAnklänge anAldhelmsche Wendungen
feststellen.
Diese Kunst steckte Bonifaz so in der Feder, daß er nicht lange über solche Stil-
mittel nachzusinnen brauchte. Mehrmals benutzte er den Vergleich seines Wirkens
mit einer gefährlichen Fahrt auf dem Germanischen Meer; aber er hatte es nicht nötig,
seine früheren Briefe auszuschreiben, sondern formulierte diesen Gedanken stets neu,
da ihm genügend flüssige Wendungen zu Gebote standen.
Gegen die Korrektheit des Bonifizianischen Lateins könnten klassische Philologen
nicht viel vorbringen- Vulgarismen und grammatische Fehler, wie sie anderthalb
Jahrhunderte vorher Gregor von Tours unterlaufen waren, finden sich bei Bonifaz
nicht, weil ihn nicht wie diesen das Gemenge von gelerntem Latein der klassischen
Zeit und von noch gesprochenem Spätlatein unsicher machte. Bonifaz hatte das
Hochlateinische als Fremdsprache gelernt, hatte es gründlich gelernt, so gründlich,
daß er sich in der Fremdsprache sicher klarer und wendiger au&zudrücken vermochte
als in seiner Muttersprache, die dem christlichen Ausdrucksbedürfnis ja noch gar
nicht gewachsen war.
Des Reizes, der dem Bonifizianischen Latein eigen ist, wird man inne, wenn man
seine Briefe laut vor sich hin liest.
Durch das Umstellen der grammatisch zusammenhängenden Wörter erhalten seine
- stets mit Kraft geladenen- Sätze, gegliedert durch Zäsuren und zusammengehalten
durch einen eigentümlichen Wohlklang, eine schwingende Spannung. Vgl. z. B.
Bonifaz an die Äbtissin Eadburg, Ep. 65; Dilectionis vestrae clementian /1 intimis im-
ploramus precibus, II ut pro nobis incMere II apud auctorem omnium dignemini (viermal
Dactylus, dafür einmal Umstellung), II ut non ignoretis causam hUius precis, II sciatis, II
quia nostris peccatis exigentibus II conversatio peregrinationis nostrae II variis tempestatibus
inltiditur (Wechsel von Trochäen und Dactylen). 1/ tindique ltibor, /1 tindique meror
(zweimal Hexameterschluß).
Durch den Wechsel der Kadenzen sowie der Zäsuren, einmal nach parallelen
Gliedern, dann auch bei singulären, entgeht diese Sprache der Gefahr der Monotonie.
Also ein Satzfluß, der bei aller formalen Abhängigkeit von Aldhelm und anderen
doch Bonifaz eigen ist.
Versucht man den Stilcharakter dieses Lateins zu erfas&en, drängt sich noch ein-
mal ein V ergleich mit der germanischen Ed !lmetallkunst auf, die wir in einem anderen
Zusammenhang schon einmal herangezogen haben. Hier legen wir jetzt den Finger
darauf, daß sie die ganze Grundfläche mit einem Gewirr von Schlingen überdeckt,
das sich bei genauer Betrachtung als raffiniertes, die Teile wiederholendes Muster
erweist; aufgesetzt sind - gleichfalls in wohlüberlegter Ordnung - Halbedelsteine
und bunte Glasflüsse, die das Auge so erfreuen, wie das Ohr bei den seltenen V oka-
beln und besonderen Klängen Genuß empfindet.
Briefstil - Bibel - Lebenspraxis

In der zweiten Lebensphase des Heidenapostels ist seine Sprache durch und durch
geprägt durch die Sprache der Bibel, sei es, daß er einzelne Sprüche als wörtliche
Zitate vorbringt, sei es, daß er bei seinen Mahnungen und Trostworten wie von
selbst in ihre Ausdrucksweise hineingleitet. Zweifellos waren ihm immer biblische
Texte zur Hand, und sie werden auf dem Kontinent seine wichtigste Lektüre darge-
stellt haben. Aber auch ohne sie hätte er so zu schreiben vermocht, da er sicherlich
alle wichtigen Stellen auf Grund jahrelangen Lesens im Kopfe hatte.
Die zweite Hälfte des an Kar! Martells Sohn Gripo gerichteten Mahnschreibens (Ep. 48) besteht
aus einer Psalmenstelle und vier Zitaten aus dem Neuen Testament; ein Trostschreiben an die
Äbtissin Bugga enthält ein Dutzend Bibelstellen, die durch einen kurzen, nur erläuternden Text ver-
bunden sind (Ep. 94; ähnlich Ep. 30: nur 81 / 2 Zeilen im Druck mit einem Paulus-Zitat und vier
Anklängen an die Psalmen).

Was ihm die Bibel bedeutete, hat Bonifaz in einem Brief an die Äbtissin Badburg-
Psalmworte benutzend - so ausgedrückt: »er, der die finsteren Winkel der Völker
Germaniens durchwandert, würde in die Schlingen des Teufels fallen, wenn er nicht
das Wort des Herrn als Leuchte für seine Füße und als Licht auf seinen Pfaden hätte«
(Ep. 3o).
Bezeichnend für Bonifaz ist, daß er in Bayern eine Taufe wiederholte, weil der des Lateinischen
kaum kundige Priester die Formel verunstaltet hatte zu: »in nomine patria et filia et spiritus sancti«.
Nach seiner Auffassung konnte nur das richtige Wort die rechte Wirkung ausüben. Der Papst Zacha-
rias dachte in diesem Falle nüchtern über die Magie des Wortes: er hielt sich nicht an die Vokabel,
sondern an den Vorgang und ordnete deshalb an: da es sich bei dem Taufenden weder um Irrtum
'noch um Ketzerei gehandelt habe, sondern um ein Radebrechen, solle Bonifaz fortan Zweittaufen, die
er aus diesem Grunde vornehmen wolle, unterlassen (Ep. 68).

Auf die sozial gehobene Abstammung des Apostels wird man zurückführen
dürfen, daß er sich im praktischen Leben auskannte, zu verwalten verstand und mit
Menschen jeglicher Art umzugehen wußte. Man nehme dafür als Beleg den Brief,
mit dem er- als er 736/7 Rom aufsuchte- die durch einen Todesfall erforderlich
gewordenen Bestimmungen traf, wie im Kloster Fritzlar die Ämter neu zu verteilen
seien (Ep. 46): Der Priester Wigbert und der Diakon Megingauz sollten die geist-
liche Leitung haben; »Hiedde soll Propst sein und unsere Diener zum Rechten weisen,
Hunfrid ihn unterstützen, wo es not tut; Sturm walte in der Küche; Bernhard sei der
Werkmeister und baue, wenn Bedarf ist, unsere Wohnstätten«. Notfalls ist der Abt
Taterin um seinen Rat zu bitten. Beleg dafür ist auch dies: dem König Aethelstan
schickte Bonifaz einen Habicht, zwei Falken, zwei Schilde und zwei Lanzen (Ep. 69),
und dieser wandte sich noch einmal an ihn mit der Bitte, ihm zwei gute Falken für
die Kranichjagd zu senden, weil es solche in Kent nicht gebe (Ep. 105)- ein Händler
hätte den Fürsten wohl nicht besser bedienen können.
Daß Bonifaz mit den Großen dieser Erde nicht nur diplomatisch geschickt um-
zugehen verstand, sondern ihnen notfalls als Seelenführer unverhohlen ihr sündiges
xo6 A4: c. Der Hl. Bonifaz als Mensch

Leben vorhielt, zeigt sein Brief an Aethelstan von Mercia (Ep. 73: 746/7): zunächst
lobt er ausführlich dessen gute Regierung, dann hält er dem König vor, was er über
seinen Lebenswandel gehört hatte, und beschwört ihn, sich zu ändern.
Kompliment und Tadel richtig zu mischen, hatte auch Gregor der Große ver-
standen. Bonifaz erbat sich aus Rom eine Abschrift des >Registrum GregorÜ< (Ep.
54); er war sich also bewußt, daß ihn mit dem großen Papst eine Verwandtschaft
verband und er von ihm lernen konnte.

Ein Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Lebenshälfte scheint insofern
zu bestehen, als Bonifaz erst nach der Aufnahme seiner Missionstätigkeit es mit
wirklichen Heiden zu tun bekam; aber er besteht nur an der Oberfläche. Eingangs
wurde ja bereits ausgeführt, daß für einen um 672/3 geborenen Angelsachsen das
Heidentum eine eben erst zurückgedrängt e Gefahr war. Auch drohte sie sich überall
wieder zu regen; denn es gab genug Christen, die sich mit dem Munde zu Gottvater,
Sohn und Heiligem Geist bekannten, aber sich trotzdem heidnischen Praktiken hin-
gaben.
In den Briefen des Bonifaz bleibt die Ausmalung der »gentilitas« in der traditionel-
len Schablone stecken. Es ist die Rede von den »paganae, barbarae, erroneae, ferae,
ignavae gentes« mit ihren »superstitiones«, ihren »absurdae opiniones«, ihren »nefarü
ritus ct fabulae«, von ihrer »vanitas«, ihrem »error«, ihren »idola«, ihrer Niedertracht,
von »den bisher steinigen und unfruchtbaren Herzen der Heiden«. Dieser Acker des
Herrn, der bisher brach lag und von stachligen Dornen starrte, war von Schmutz
und Schuld des Heidentums zu säubern und durch die Pflugschar der christlichen
Lehre umzubrechen und zu reicher Ernte zu bringen (Ep. 26: Gregor II. ).
Nur ein einziges Mal zeichnete Bonifaz Einzelzüge auf, die den Rahmen der Schablone sprengen
(Ep. 73): er mahnte, der unvermählte und mit Nonnen Unzucht treibende König von Mercia solle
dieses Treiben aufgeben, das nicht nur die christlichen Gebote verletze, sondern auch von den heid-
nischen Sachsen und Wenden mit schweren Strafen belegt werde: hier sind die Angaben des Apostels
einmal so konkret und so detailliert, daß die Sitten- und Rechtsgeschichte sie auszuwerten vermag.
Sonst ist nur noch hervorzuheben, daß Bonifaz vor Trunkenheit warnte mit dem Hinweis, dieses
»den Heiden und unserem Volk eigentümliche Laster« finde man weder bei den Franken, noch
Galliern, noch Langobarden, noch Römern, noch Griechen (Ep. 28).

So traditionsgebun den das sich aus den Briefen ergebende Bild nun auch ist, so
läßt es doch das Überlegenheitsgefühl erkennen, das die Missionare und ihre Auftrag-
geber beflügelte. Sie bringen- so Papst Gregor III. (Ep. 45, ähnlich schon Ep. 24)-
den Unwissenden die Erleuchtung; sie verkörpern die Kultur gegenüber der Un-
kultur, die überlegene Vernunft gegen einen Glauben, der in sich Widersprüche auf-
weist und nicht bis zum letzten durchdacht ist. Das Bewußtsein, einen überlegenen
Glauben zu vertreten, tritt vor allem aus den Ratschlägen heraus, die Daniel von
Willchester Bonifaz erteilte (Ep. 23): die heidnische Mythologie wußte auf manche
Fragen keine Antwort, gegen die Göttergenealogi e ließ sich dies und das einwenden;
Bonifaz und die Heiden - >Aberglaube<

die christliche, auf eine schriftliche Offenbarung gestützte Lehre von der Weltschöp-
fung konnte dagegen in allen Fällen sagen: so ist es gewesen, so ist es bezeugt. Boni-
faz selbst spricht von den »Blinden, welche die eigene Finsternis nicht kennen und
nicht sehen wollen« (Ep. 32) von den >mngeschlachteren Menschen, den Alamannen,
Bajuvaren und Franken« (Ep. 5o). Man mußte diese Heiden aufrütteln, bis auch sie
imstande waren, sich die »salutiferae doctrinae« des christlichen Glaubens zu eigen
zu machen (Ep. 64: Daniel von Winchester).
Aufhorchen läßt in diesem Zusammenha ng eine Mahnung, die Bonifaz den mit
der Mission unter den Sachsen befaßten Angelsachsen zukommen ließ (Ep. 63):
»Erbarmt euch ihrer, die ja selbst zu sagen pflegen: >Wir sind mit Euch von gleichem
Blut und gleichem Bein<«- die Kluft der >gentilitas< wurde in diesem Falle gemildert
durch die gemeinsame >germanitas<.

Die unterschwellige Gefahr für den christlichen Status war für Bonifaz der >Aber-
glaube<, d. h. die Wahnvorstel lung, daß nicht Gottes Wille das Geschehen lenke,
sondern magische Praktiken es so zu dirigieren vermöchten, wie die Menschen sich
das wünschten.
Auf Mitteilungen des Apostels muß zurückgehen , was Papst Gregor Ill. im Jahre
737/8 an den Thüringern zu tadeln hatte: die Getauften sollten sich fernhalten von
jeglichem Götzendienst , von »Wahrsagen und Losdeuten, Totenopfern , von Aus-
spähen in Hainen und bei Quellen, von Amuletten, Beschwörern , Zauberern und
, Hexen und allen gotteslästerlichen Gebräuchen, die bei euch im Schwange sind«
(Ep. 43; Verbot der Totenopfer betr. Baiern und Alamannen in Ep. 44). Zehn Jahre
später konnte Bonifaz dem Erzbischof von Canterbury berichten, eine Synode habe
beschlossen, daß jeder Bischof jährlich seine Diözese bereisen und unterdrücken
solle: »Zauberei, Losdeuterei, Wahrsagerei, Amulette, Beschwörung en und alle
Greuel des Heidentums« (Ep. 78: paganas observationes, divinos vel sortilegos,
14
auguria, filacteria, incantationes vel omnes spurcitias gentilium) •
Das Schlimme war, daß Bonifaz in seinem Sprengel Bischöfe und Priester antraf,
die noch den Heidengötter n Stiere und Böcke opferten und an Totenmahlen , d. h.
dem >Erbbier<, teilnahmen. Er stieß auf Geistliche, die keine kanonische Weihe emp-
fangen hatten, vom rechten Glauben weniger wußten als Katechumen en, und daher
zur Unterrichtun g der Bekehrten völlig ungeeignet waren, sittlich Zügellose, ent-
laufene Hörige, oder mit sonstigem Makel Behaftete (Ep. So).
Noch schlimmer war, daß selbst in Rom der Aberglaube es wagen konnte, dreist

14 Ahnlieh Ep. 56: die von Karlmann bestätig- heidnischem Brauch bei Kirchen unter dem
ten Synodalbeschlüsse von 742/3: Verbot Namen von heiligen Märtyrern und Be-
von »Totenopfern, Losdeuterei, Zauberei. kennern vornehmen«, ferner »jenes gottes-
Amulette, Wahrsagerei, Beschwörungen der lästerliche Feuer, das sie niedfyor nennen«.
Schlachtopfer, die einfältige Menschen nach
I08 A4: c. Der Hl. Bonifaz als Mensch

sein Haupt zu erheben. Augenzeugen hatten Bonifaz berichtet, daß in der Stadt des
Apostel Petrus am Neujahrstag »nach Heidenart die Straßen auf und ab Reigen auf-
geführt und Feste unter heidnischen Zurufen und gotteslästerlichen Gesängen be-
gangen« wurden, wobei sich Weiber, nach Heidenart mit Amuletten und Bändern
um Arme und Beine geschmückt, feilboten (Ep. 50). Bonifaz beschwor den
Papst, solche heidnischen Gebräuche abzustellen, und in seiner Antwort (Ep. 51)
beteuerte Papst Zacharias, daß ihm und allen Christen abscheulich und verderblich
vorkomme, was in Rom an »Wahrsagerei, Amuletten, Zaubereien und verschiedenen
Bräuchen« geschehe; er habe deshalb solchen Aberglauben gleich nach Antritt seines
Amtes abgestellt.
Wir wissen, daß die Kirche bis heute mit dem >Aberglauben< nicht fertig geworden
ist, daß sie ihn nur zu verharmlosen vermochte, indem sie ibm ein christliches Mäntel-
chen lieh. Für Bonifaz, den Sprossen von Heiden, bedeutete der >Aberglaube< da-
gegen noch eine unmittelbare Gefahr: tilgte ihn das Christentum nicht bis zur Wurzel
aus, dann erhob eines Tages von neuem das Heidentum sein freches Haupt.

Die Verstockthei t der Heiden, der sie beherrschend e und bei den Christen noch
nicht ertötete Aberglaube, dazu die Sünde, die die ganze Welt durchwaltete und
selbst die Besten bedrohte, das hing im Grunde alles zusammen, war Werk des Diabo-
lus, des Satanas. Mit seinen Stricken hielt er die Heiden gefesselt; sie zu zerreißen
und die Bekehrten der Mutter Kirche zuzugesellen, war die Aufgabe (Ep. 46). Der
>Feind< war schlau, war gewandt, hielt sich im Verborgenen und ließ sich daher
schlecht packen- mit solchen traditionellen, bereits in der Bibel vorbereiteten Wen-
dungen ist vom Teufel die Rede. Im Gesamt bleibt sein Bild jedoch blaß; man wird
annehmen dürfen, daß Bonifaz zu >aufgeklärt< war, um in so leichtgläubiger Weise,
wie sie selbst Gregor dem Großen eigen gewesen war, hinter allem und jedem, das
sich nicht glatt erklären ließ, das Wirken des Teufels zu spüren.
Beängstigend war, daß der schlaue Feind selbst heiligen Männem etwas anzuhaben
vermochte.
Das Gefühl eigener Sündhaftigkeit verließ den Heidenapostel daher nie (Ep. 27
an Bugga vor 738: »für meine Sünden von vielen Widerwärtigkeiten heimgesucht
und mehr noch durch geistige Anfechtung und Bekümmernis als durch leibliche
Mühsal bedrängt«; Ep. ;o an Eadburg, 735/6: Bitte um Gebet für ihn, »der ich um
meiner Sündenwille n durch die Stürme des gefahrdrohen den Meeres umhergewor fen
werde«; usw.). Man kann solche Äußerungen nicht damit abtun, daß es sich um
Topoi der christlich-aszetischen Literatur handele; das Motiv klingt so oft an, wird
auch so nachdrücklich vorgebracht, daß man- bei aller Stilisierung in herkömmlicher
Weise- an seinem Wahrheitsgehalt nicht zweifeln darf.
Ob Bonifaz von den >tribulationes<, die sein Herz heimsuchten, seinen Mitarbeitern
- sie waren immer nur wenige und stets jünger als er - etwas mitgeteilt hat, läßt sich
Angst vor der Sünde - Bitten um Gebetshilfe 109

nicht erkennen. Zu rechnen ist damit, daß er ihnen seine inneren Kämpfe nicht offen
legte, da er ja ihr gdstlicher Vater zu sein hatte. So bedurfte er der Hilfe von außen,
bedurfte er des Gebetes vieler anderer, um seinen Kampf bestehen zu können und
nicht zu erlahmen. Inständig bat er - dies ein Beispiel für viele-, »weil es uns, dem
von Gefahr Umdrehten not tut, uns durch ... Gebet zu unterstützen, damit wir ...
ans Gestade ewiger Ruhe gelangen und nicht . . . von der Finsternis der eigenen
Sünden eingehüllt werden«.
Viele Briefe, die nach England gingen, hatten nur den einen Inhalt, neue Gebets-
freunde zu gewinnen und alte zu mahnen, daß sie nicht nachließen; aber auch viele
Briefe mit sachlichem Anliegen münden in Bitten um Gebetshilfe.
Solches Ansinnen entsprach ganz der christlichen Anschauung von der Kraft des
Gebets und beherrschte nicht nur die Zeitgenossen, sondern ebenso die anschließen-
den Jahrhunderte- auch ein Karl der Große hat seine Macht ausgenutzt, um sich in
seinem ganzen Reiche Gebetshilfe zu sichern15• Aber Bonifaz brachte seine Bitte so
ständig und so intensiv vor, daß wir ihn hier einmal ganz persönlich fassen: er mußte
sich in eine solche >communio< von Mitchristen eingebettet fühlen, um der überall
wirksamen, offen oder verdeckt hervorbrechenden Gegenkraft des Teufels gewachsen
zu bleiben. Er hätte daher seine Bitten genauso begründen können, wie das der König
Aethelbert II. von Kent dem Heidenapostel gegenüber tat: »Die Zeiten sind bös, und
täglich mehren sich verschiedenartige und unvermutete Anfechtungen in dieser von
Ärgernis erfüllten Welt« (Ep. 105).
Diese Not läuterte die Beziehungen, die Bonifaz mit Landsleuten und anderen ver-
banden, zu >Seelenfreundschaften< -wir scheuen diesen Ausdruck nicht, obwohl er
eine völlig falsche Assoziation zu pietistischem Gedankenaustausch zwischen Gleich-
gestimmten wachrufen könnte. Diese Bezeichnung ist nämlich berechtigt, weil sie
dem Sprachgebrauch der Briefe entnommen ist. Sie besagt, daß zwei Menschen, die
sich von Gott gelenkt fühlen, - mögen sie noch so weit voneinander entfernt sein -
gewiß sind, daß der andere seiner in Freundschaft und Gebet gedenkt und auf diese
Weise dem verzagenden Gemüt Kraft zuleitet.
Im Jahre 745 hatte der Römir.che Diakon Gernmulus dem Heidenapostel ge-
schrieben: »Ich bin mir bewußt, daß ich durch eure Gebetshilfe den Nachstellungen
des bösen Feindes entrissen wurde und daß der Herr in seinem Erbarmen seinem
Diener Heilung zuteil werden ließ« (Ep. 6z). Er hatte Bonifaz inständig um weitere
Gebetshilfe gebeten. Dieser schrieb darauf dem Römer: oft verbinde geistig die Liebe
(Ep. 104: >Sepe spiritaliter amicitia jungit<16) die körperlich Weitgetrennten; aber
nahe seien die Feinde! »Ü, könnte ich dich, Bruder, auf dieser Wanderfahrt als

I5 V gl. unten: Kar! der Große: Denkart und von Canterbury: »Spiritalis adfinitatis neces-
Grundanschauungen (S. 302.-341). situdine copulando fratri«.
16 Vgl. auch Ep. 78, gesandt dem Erzbischof
IIO A4: c. Der Hl. Bonifaz als Mensch

Tröster zur Seite haben, deinen heiligen Rat genießen, deines Trostes mich erfreuen,
am Anblick deines lieben Antlitzes mich erheitern, an deiner heiligen Ermahnung
mich erquicken«. Das könne nicht sein, aber im Geiste des Gebots, daß die Menschen
einander lieben sollen (Joh. 15, 12), herrsche zwischen beiden wahre Liebe (vera
caritas). »Möge jeder den Abwesenden wahrhaft in Gott lieben, den er körperlich
nicht um sich haben kann« (Amet in Deo veraciter absentem, quem corporaliter
presentem tenere nequit). Man würde diese Art der Gottesgemeinschaft völlig ver-
kennen, wenn man sie mit irgendeiner Art von Mystik sehen wollte: jeder der in
schrecklicher Vereinzelung Dahinlebenden, aber aus ihr durch wechselseitige Ge-
betshilfe Heraustretenden war für sich seines Gottes gewiß und gemeinsam noch
gewisser.
Unsere Teilnahme wecken noch heute die Briefe, die Bonifaz mit .Äbtissinnen und
Nonnen in seiner Heimat ausgetauscht hat, obwohl uns zwölf Jahrhunderte von
ihnen trennen. Ob sie bereits Matronen waren oder noch jung, ist ganz unwesentlich;
denn >castitas< war - selbst in den letzten Gedanken- für beide Seiten die selbst-
verständliche Voraussetzung.
Die Forschung hat nachgewiesen, welche Wendungen auf die Bibel, auf die
Kirchenväter, auf Aldhelm zurückgehen: Empfänger und Empfängerinnen, sie
schreiben alle gepflegtes, gelerntes Latein. Aber das schließt ja nicht aus, daß es zu
einem solchen Klingen gebracht wurde, daß man die Stimme der Herzen noch heraus-
hört.
Man nehme als Beispiele die Anrede von Bp. 27 an seine liebste Schwester die Abtissin Bugga,
seine Herrin, die in der Liebe zu Christus allen anderen Frauen vorzuziehen sei, oder an die Abtissin
Badburg (Bp. 65): Bonifaz fühlt sich ihr verbunden durch die goldene Fessel göttlicher Liebe und
berührt sie mit dem göttlichen, jungfräulichen Kuß der Liebe. Bugga nennt er im Text >matrem ac
dominam dulcissimam<; von Badburg heißt es in einem anderen Brief (Bp. 30) außer >Schwester<
noch: »iam dudurn spiritalis clientelae propinquatite conexae.« Seinen Worten entsprechen die An-
reden der Frauen: »Abbati sancto veroque amico« (Bp. 13), »Benedicto in Deo ... Wynfritho ...
virginalis castimoniae floribus velud liliarum sertis coronato ... « (Bp. 14), »Venerando Dei famulo
et plurimis spiritalium carismatum ornamentis predito« (Bp. 15). Für sich steht der Brief der mit
Bonifaz versippten, naher männlicher Verwandten jedoch entbehrenden Leobgyth, die Bonifaz bittet,
ihn als Bruder ansehen zu dürfen (Bp. 29) - in dem nicht erhaltenen Antwortbrief muß Bonifaz ja
einmal aus der sonst von ihm beobachteten Zurückhaltung herausgetreten sein.

Von bleibender Würde sind diese Briefe, weil die Frauen- wie immer ihre Stellung
im weltlichen und kirchlichen Recht sein mochte - im Zentralbereich des mensch-
lichen Lebens, dem des Glaubens, als völlig auf gleicher Stufe stehend behandelt
wurden. Auch hier mag man wieder darauf hinweisen, daß das nichts Neues war,
daß sowohl die christliche als auch die germanische Tradition dafür Voraussetzungen
geschaffen hatte; aber diese Ebenbürtigkeit bleibt trotzdem für Bonifaz bezeichnend-
das gewahrt man, wenn man auf die Folgezeit blickt, in der die religiöse Gleich-
berechtigung der Frau ja immer wieder von neuem zurückgewonnen werden mußte.
>Seelenfreundschaften<- Himmelsvorstellungen III

Solche >Seelenfreundschaften< bedingten den Austausch von >Pfändern<: »dilec-


tionis ligaturae« und zugleich ständiges Mahnzeichen an die in der Ferne Gebetshilfe
Leistenden17 - von Gaben solcher Art ist in den Briefen des Bonifaz oft die Rede,
empfangenen und abgesandten. Von den vielen Zellen, in denen Bonifaz die zweite
Hälfte seines Lebens verbrachte, erfahren wir nichts: waren sie aus Holz oder Stein,
geräumig oder eng, warm oder zugig, für Bonifaz war das so unwichtig, daß er
darauf nicht ein Wort verwandt hat. Nur das wi&sen wir, daß ihn- wo immer er
weilte - außer Büchern die Pfänder vielfacher Seelenfreundschaften umgaben.
Läßt sich darüber hinaus noch etwas über die Frömmigkeit aussagen, die nicht nur
die Zeit dieses großen Mannes, sondern ihn persönlich kennzeichnet?
Das Bild der Dreieinigkeit, das uns die Briefe vermitteln, ist das christlich-korrekte,
aber es entbehrt der besonderen Züge. Nirgends ein Hinweis, Gott in seiner Güte
habe da und da einmal geholfen, womöglich persönlich eingegriffen, der Erlöser
habe dem Legaten in besonderer Not Trost gespendet. Auch fallen nicht die Namen
von Heiligen und Märtyrern, denen sich Bonifaz verbunden gefühlt und auf deren
Fürsprache er sich besonders verlassen hätte. Von Reliquien, selbst den kleinsten
Partikeln, ist nicht die Rede, obwohl so viele Geschenke vermerkt werden18 •
Wir finden hier das genaue Gegenbild zu der Teufelsvorstellung des Bonifaz: eine
böse Kraft durchzieht und bedroht die ganze Welt; die göttliche, dreieinige Kraft
hält sie jedoch in Schach und wird eines Tages Sieger sein. Unbeirrt muß der Christ-
trotz aller Versuchungen, trotz aller Bedrohungen - dieser göttlichen Kraft dienen
in der Erwartung, einmal den Himmel betreten zu dürfen.
Von ihm ist die Rede, aber es ergibt sich nur ein leuchtendes, ganz durch die
Tradition bestimmtes Bild ohne feste Konturen und ohne Einzelzüge (caelestes man-
siones et aeterna tabernacula, superna curia angelorum; ad ethera, in alto caelorum culmine,
in regno cae!orum etc.).
Auch hier zeigt sich wieder, daß Bonifaz ein Mensch mit einem >aufgeklärten<,
vom Verstande gelenkten Glauben war.

Für sein Wirken hier auf Erden, von außen oft bedroht und durch innere Zweifel
heimgesucht, benutzt Bonifaz eine ganze Reihe von Bildern. Bibelstellen ausspinnend,

17 Ep. 29: Leobgyth an Bonifaz: »Hoc parvum bei Bonifaz nicht die Rede sein; auch spürt
munusculum mittere curavi, non ut dignum man nichts von einer Übertragung des ger-
esset tuae almitatis aspectui, sed ut memo- manischen Gefolgschaftsgedankens in den
riam parvitatis meae retines, ne longa loco- religiösen Bereich und von einem Aufrech-
rum intercapidine oblivioni tradas, quin nen guter Werke gegen die begangenen
immo vere dilectionis ligatura reliquum no- Sünden.
detur in aevum.« Die Vulgärlegende hat Bonifaz offensichtlich
1 8 Von dem Petruskult der Germanen, den unberührt gelassen; über seine Distanz zum
TH. ZwöLFER herausgearbeitet hat, kann Wunderglaubens. bereits oben S. 107 f.
IIZ A4: c. Der Hl. Bonifaz als Mensch

sprach er von sich als dem Hirten, der seine Herde zu lenken und gegen Wölfe mit
dem Mut eines Soldaten zu schützen habe, als dem Gärtner, dem die Aufgabe obliege,
brachliegenden Boden fruchtbar zu machen, Disteln und Unkraut auszujäten. Ein-
mal verglich er sich im Hinblick auf die fränkischen Bischöfe, gegen die er sich nicht
durchzusetzen vermochte, mit dem Wachhund, der das Eindringen der Räuber nicht
verhindern kann und »nur knurrend und winselnd trauert« (Ep. 78).
Wiederholt beschrieb Bonifaz sein Wirken als eine Fahrt in gebrechlichem Schiff
auf stürmischem Meer, für die er der Gebetshilfe der im Hafen Gebliebenen bedürfe:
das Ziel ist die Landung an den Gestaden ewiger Ruhe. Andererseits betrachtete er
die Missionare- an Paulus anknüpfend- als >milites Christi<, die mit den Tugenden
des Soldaten ihren Kampf zu bestehen haben und dafür Lohn im Himmel erwarten
dürfen19 • An anderen Stellen spricht er von seiner Pilgerschaft im Dienste Gottes.
Einen persönlichen Klang hat es, wenn Bonifaz sich >exul Germanicus< nannte: im
Geiste blieb er -wir sahen das bereits - mit seiner Heimat bis zum Tod verbunden.

Von den verschiedensten Seiten haben wir jetzt den,zum Missionar gewordenen
Klosterlehrer gemustert, diesen gewaltigen Mann, dessen Gestalt heute ohne Heiligen-
schein nicht mehr vorstellbar ist, der aber als Mensch nicht so eindeutig war, wie die
Nachwelt das wahrhaben wollte. Zum Teil erklärt sich das aus den Gegebenheiten
seiner angelsächsischen Umwelt und deren eigentümlicher Kultur; das Wesentliche
bleibt jedoch unerklärbar, weil Bonifaz unter seinen Zeitgenossen ein Mensch eigenen
Schlages war und blieb.
Bietet sich irgendein Oberbegriff an, unter dem sich unsere Einzelfeststellungen
zusammenschließen? Wir sagen ja und geben die Antwort: >vernünftig<. Bonifaz hatte
nichts mit Mystik zu tun, belastete seine Lehre nicht mit allegorischem, bei allem
Scharfsinn doch fragwürdig bleibendem Tiefsinn, haßte den Aberglauben, schaute
im Bewußtsein geistiger Überlegenheit auf das Heidentum herab, war vom Wunder-
glauben, vom Reliquienkult seiner Zeit kaum berührt. Er wußte mehr als andere von
der Gefährlichkeit des Teufels, verharmloste aber den großen Gegenspieler nicht,
indem er ihn hinter jeder Kleinigkeit wirksam wähnte; er achtete Heilige und Märty-
rer, klammerte sich aber nicht an sie, indem er sich mit ihren Reliquien als Schutz-
wall umgab.
Bonifaz war >vernünftig<, d. h. er war >aufgeklärt<. Aber wir meiden diese Be-
zeichnung, die früher einmal auf die karolingische Zeit angewandt worden ist 20 , weil
sie falsche Vorstellungen wachruft. Bonifaz war zu >aufgeklärt<, um magische Prak-
tiken gelten zu lassen, aber er war kein >Aufklärer<- diese Bezeichnung reserviere
man für das 18. Jahrhundert.

19 Über den Gedanken der >militia Christi< in 20 H. REUTER, Geschichte der religiösen Auf-
dieser Zeit s. die Nachweise bei LöwE, Arbeo klärung im MA. vom Ende des 8. bis zum
a. a. 0., S. nof. Anfang des 14. Jahrhunderts, I-II, 1875{7.
Bonifaz, der >Vernünftige< 113

Bonifaz, der> Vernünftige<! In welche Tradition gehört er als solcher? Es ließe sich
für ihn innerhalb der christlichen Tradition eine Spur nachweisen, die zu ihm hin-
führt, ebenso aber auch in der germanischen. Denn die heidnische Welt, in der Born-
fazens Vorfahren zu Hause gewesen waren, ist ja nicht nur durch die Mythologie mit
ihren Göttern und Göttinnen und die Niederreligion mit ihrem >abergläubischen<
Tun gekennzeichnet, sondern auch - hier und da greifbar - durch eine >aufkläreri-
sche< Skepsis, die selbst vor den Göttern nicht Halt machte und im Nichtsglauben
endete.
Geistesgeschichtlich besteht die Bedeutung des großen Angelsachsen darin, daß
er die >vernünftige< Haltung seiner Vorfahren in die christliche Welt einbrachte.
Unter seinen Landsleuten hatte er allerdings wenig Gefolgsleute: Alcuin, der Pfleger
der Allegorese, gehörte in eine andere Gedankenwelt. Der wahre Schüler des >ver-
nünftigen< Bonifaz war- ohne daß dieser sich dessen je bewußt geworden sein wird-
Karl der Große: in einem Abschnitt dieses Bandes werden wir ihn als einen gleichfalls
>Vernünftigen< darzustellen haben 21 •
Verfolgte man diese Linie weiter, dann wäre aus der folgenden Generation, d. h.
aus der Ludwigs des Frommen und Benedikts von Aniane, die von ganz anderen
Tendenzen beherrscht waren, etwa der Erzbischof Agobard von Lyon (816-40) zu
nennen. Dann aber fehlt es ihr an weithin sichtbaren Repräsentanten. Aber unter-
schwellig hat die >Vernünftigkeit< des Bonifaz fortgewirkt: so konnte sie letzthin zu
einer der konstitutiven Kräfte der modernen Welt werden.

2. Das Recht und der Papst in der Denkwelt des hl. Bonifaz

Es gibt noch einen zweiten Weg, der an den Menschen Bonifaz heranführt.
Ein Thema, das in seinen Briefen wohl ebenso oft angeschnitten wird wie die Sorge
um seine Seele und die ihr zu gewährende Gebetshilfe, betrifft die Frage: Was ist
rechtens? Ist der und der Fall im kanonischen Recht bereits geklärt? Wenn nein, wie
ist zu entscheiden 22 ? Um die konkrete Bedeutung zu ermessen, die diese Frage-
stellungen für Bonifaz hatten, muß man sich die anstößigen Rechtsverhältnisse, mit
denen er in seinem Amtsbereich sich auseinanderzusetzen hatte, vor Augen halten.
Auf seine Klagen ging die Mahnung zurück, die Papst Gregor III. im Jahre 737/8
an die Bischöfe Bayerns und Alemanniens richtete: »Brauch und Lehre des Heiden-
tums oder umherziehender Briten oder falscher, irrgläubiger oder ehebrecherischer
oder sonst umherschweifender Priester sollt ihr zurückweisen, verfolgen, ablegen«

2I V gl. unten: Karl d. Gr. : Denkart und kirchlichen Rechtsdenkens bei Bonifatius,
Grundanschauungen. in der Quart-Festschrift (s. S. 92) S.
I 73-96

22 H. NoTTARP, Sachkomplex und Geist des hält sich an die konkreten Vorgänge.

8 Schramm, Aufsätze I
114 A4: c. Der Hl. Bonifaz als Mensch

(Ep. 49). Anfang 742. berichtete Bonifaz dem Papste Zacharias, es gebe in seinem
Sprengel »Bischöfe, die behaupten, keine Hurer und Ehebrecher zu sein, die aber
Trinker, Zänker und Jäger sind, gewappnet im Aufgebot zu Felde ziehen und mit
eigener Hand Menschenblut, gleichgültig ob von Heiden oder Christen, vergießen«
(Ep. 50). Im Jahre 744 hatte der Legat sich in Rom zu beschweren über die Irrlehren
zweier falscher Propheten; der Gallier Aldebert und der Schotte Clemens wurden
darauf von einer römischen Synode verurteilt (Ep. 57, 59, 6o). Aldebert, ein religiöser
Ekstatiker, bei dem die Grenze zwischen übersteigerter Erregbarkeit und Betrug
nicht deutlich ist (TH. ScHIEFFER), hatte Zulauf bei Bauern und Frauen gefunden,
weil er behauptete, ein Engel habe ihm Reliquien von unfaßbarer Heiligkeit ge-
bracht; er hatte sich die Weihe erschlichen und stellte sich den Aposteln gleich: »Er
errichtete Kreuze und Bethäuser auf Feldern, an Quellen und wo es ihm gut dünkte,
und ließ dort öffentliche Gebete abhalten ... auch gab er seine Nägel und Haare hin,
daß man sie verehre und zusammen mit den Reliquien des heiligen Petrus trage«.
Er trieb also Magie nach dem Prinzippars pro toto. Die Beichte erklärte dieser Anführer
für unnötig, da er behauptete, die Sünde auch ohne Bekenntnis zu erkennen; er
absolvierte daher seine Zuhörer ohne Beichte. Gegen Clemens, einen »theologischen
Eigenbrödler« (TH. ScHIEFFER), der sich Bischof nannte, lagen ähnliche, gleichfalls
schwerwiegende Anklagen vor23 •
Um sich inmitten solcher Widersacher zu behaupten, die die Kirche immer von
neuem in Mißkredit brachten und dadurch unterhöhlten, gab es nur eins: der Schnur
des Rechts so konsequent zu folgen, daß seine Richtigkeit nicht in Frage gestellt
werden konnte.
Am Anfang seiner Tätigkeit hatte Papst Gregor II. Bonifaz eine Abschrift des
Gesetzbuches ausgehändigt, das in Rom gültig war: der Canones des Dionysius Exi-
guus. Es war wohl nicht nötig, daß ihn 745 der Papst Zacharias mahnte, es im Recht
auf das genaueste so zu halten, wie man nach den Vorschriften der heiligen Väter und
den Ratschlägen der heiligen Satzungen vorzugehen habe (Ep. 6o). Vermutlich hatte
der Heidenapostel auch noch den einen oder anderen kanonistischen Text zur Hand,
aber manche Frage konnte er nicht von sich aus entscheiden, und er wandte sich des-
halb an angelsächsische Landsleute, die rechtserfahren waren. Dem Erzbischof Ekbert
von Y ork schrieb er (Ep. 7 5): »Werde mir zum Berater und Helfer in der Auffindung
und Erforschung der kirchlichen Bestimmungen über die Gesetze Gottes«. Dem
Bericht über einen ungewöhnlichen Fall setzte er hinzu: »Diese Art der Sünde ...
kannte ich bisher nicht«. Er bat deshalb einen schottischen Bischof, in den einschlägi-
gen Texten nachzuschlagen und - falls sie die Frage nicht entschieden- ihm seine

2.3 Über den fränkischen Episkopat in der Zeit S. 412.-40 (es handelt sich um den in Ep. 51
des Bonifaz vgl. E. EwrG, >Milo et eiusmodi genannten Bischof Milo von Trier und
sinriles<, in der Quart-Festschrift a. a. 0., Reims).
Bonifaz und das Recht 115

eigene Meinung mitzuteilen (Ep. 32). Ferner ergaben sich Fälle, bei denen die strikte
Befolgung des Rechts der Kirche zu schaden drohte:
Ein Priester, der in Unzucht gefallen war, aber gebüßt hatte, übte wieder sein Amt aus. Setzte
man ihn im Einklang mit dem kanonischen Recht ab, konnten die Kinder nicht getauft werden, da
in seiner Gegend niemand anders zur Verfügung stand. Bonifaz war geneigt, ihn zu dulden, weil
das das kleinere Übel sei, erbat sich aber dringend Rat beim Erzbischof Ekbert von York (Ep. 91).
Zu einem Kompromiß wollte sich Bonifaz auch in einer anderen Frage entschließen:
Er konnte den Schutz des fränkischen Königs nicht entbehren, war dadurch aber gezwungen, mit
unmoralischen Menschen zu verkehren. Damit verstieß er gegen den Eid, den er einst dem Papst
geleistet hatte; aber noch größeren Nachteil für seine >legatio< befürchtete er, wenn er den fränkischen
Hof mied. Bonifaz neigte zu der Lösung, daß er sich soweit angängig von jenen fernhielt, fragte aber
bei Daniel von Winchester an, was dieser von solchem Vorgehen halte (Ep. 63).
Von den Vorschriften abzuweichen, war Bonifaz ferner in diesen Fällen geneigt:
Darf man- wenn Mangel besteht- Priester (entgegen dem Grundsatz des Kirchenrechts) bereits
vor dem 30. Lebensjahr weihen?
Darf man - wenn die Lage es erforderlich macht - Weihen auch an Tagen vollziehen, die im
Kirchenrecht nicht vorgesehen sind?

Bonifaz war also einerseits peinlich auf das Befolgen der kirchlichen Satzungen be-
dacht, und ließ sich, wenn sein kanonistisches Wissen nicht ausreichte, beraten.
Aber er war doch nicht so starr, daß er den Grundsatz befolgte: »Fiat iustitia, pereat
mundus«. Er wog vielmehr gegebenenfalls ab, was das kleinere Übel sel: striktes
Befolgen der Satzung oder Entscheidung gemäß dem eigenen Verstande, der ge-
wissenhaft Vor- und Nachteile solchen Vorgehens für das Wohl der Kirche gegen-
einander abwog. Also auch hier tritt seine >Vernünftigkeit< heraus.
Einen zwiespältigen Eindruck erhält man, wenn man - ohne Vollständigkeit an-
zustreben- die Fragen, die Bonifaz sich nicht allein zu entscheiden getraute, in eine
sachliche Ordnung zu bringen versucht (die eine oder andere ließe sich auch in einer
voraufgehenden oder nachfolgenden Rubrik unterbringen):
Abendmahl:
Dürfen solche, die nahe Verwandte ermordet haben, das Abendmahl empfangen?
Sind auf dem Altar mehrere Kelche statthaft oder nur einer?
Dürfen Aussätzige am Abendmahl teilnehmen?
Darf man Opferspeisen essen, wenn schon das Kreuz über ihnen geschlagen ist?

Taufe:
Ist die Taufe zu wiederholen, wenn sie gespendet wurde:
a) von ehebrecherischen oder unwürdigen Priestern?
b) von solchen, die noch Wodan opfern und Opferfleisch essen?
Ist eine Taufe gültig, die ein Gerechter gespendet hat, jedoch ohne die trinitarische Formel?
(Nach Kirchenrecht galt die von einem Ketzer oder Verbrecher vollzogene Taufe, wenn die Formel
richtig gesprochen war).
Galt eine Taufe, bei der sich nicht mehr feststellen ließ, ob der (inzwischen verstorbene) Priester
die Formel gesprochen hatte?

8*
116 A4: c. Der Hl. Bonifaz als Mensch

Ehe:
Weiche Verwandtschaftsgrade stehen einer Eheschließung entgegen?
Darf man dreimal heiraten?
Wie soll ein Mann handeln, dessen Frau so krank ist, daß sie zum Beischlaf unfähig ist?
Dürfen Mönche, die bereits als Kinder in ein Kloster gebracht wurden, dies verlassen und hei-
raten?
Darf jemand eine Witwe heiraten, bei deren Kind er Pate stand (also >pater spiritualis< war)?
Darf jemand die Witwe seines Oheims ehelichen, die in erster Ehe mit dem Vetter vermählt ge-
wesen, von diesem aber verlassen worden war und dann den Schleier genommen hatte?

Kirchenzucht:
Darf man mit unwürdigen Priestern Tischgemeinschaft halten?
Was soll mit einem Priester geschehen, der beschuldigt wird, dem man aber seine Schuld nicht
nachzuweisen vermag?
Dürfen sich Nonnen (ebenso wie die Männer) am Gründonnerstag gegenseitig die Füße waschen?
(d. h. gemäß Christi Vorbild).

Kirchenpraxis:
Dürfen Priester einer von der Pest befallenen Kirche, Mönche eines solchen Klosters dieses verlassen,
um sich vor der Gefahr der Ansteckung in Sicherheit zu bringen?
Was soll geschehen mit: a) aussätzigen Menschen? b) mit kranken oder tollwütigen Tieren?

Fragen, die mit dem Heidentum zusammenhängen:


Ist der Genuß von Pferdefleisch: a) von wilden, b) von zahmen, zulässig?
Darf man essen: a) Dohlen, Krähen und Störche, b) Biber, Hasen und wilde Pferde (Ep. 87)?
Wieviel Zeit muß nach der Herrichtung von Speck verstreichen, bis man ihn ißt?
Dürfen von Christen Sklaven verkauft werden, die dann von Heiden geopfert werden?
Darf man von Sklaven, die von Christen Land gepachtet haben, Zins annehmen?
Darf man für Verstorbene Opfer bringen?
Zwiespältig ist der Eindruck dieser Liste deshalb, weil es sich einerseits um Fragen
von grundsätzlicher Bedeutung handelt, von denen manche im Kirchenrecht eine
große Rolle gespielt haben, andererseits um Quisquilien, die klein bleiben, selbst
wenn man die rechtlich noch so unbefestigte Lage im heidnisch-christlichen Grenz-
raum in Betracht zieht.
In seinem Rechtsdenken erweist sich also Bonifaz, der im praktischen Leben so
Tapfere, als überwach in seinem Gewissen, geradezu als überängstlich-skrupulös.

Hier ist wieder eine Stelle, wo wir Bonifaz als Mensch fassen. Denn mögen seine
Zeitgenossen auch noch so sehr auf die Bewahrung des Rechts bedacht gewesen sein,
bei keinem spüren wir ein solches überpenibles Nachsinnen bis in die letzten Kleinig-
keiten über das, was rechtens sei. Zu Grunde liegt bei Bonifaz die Überzeugung, daß
das Recht ein Ganzes darstelle und daher in Gefahr gerate, wenn auch nur in einer
Ecke Rechtsunsicherheit, womöglich Rechtsverfälschung eintrete. Bonifaz witterte
daher stets und ständig die Gefahr, daß »scandala et scismata vel novi errores« (Ep. 5o)
auftreten und das Erreichte wieder in Frage stellen könnten.
Der Papst als Rechtsautorität

Mit der Sittlichkeit war es ja nicht anders bestellt. Sie glich der körperlichen Ge-
sundheit: war sie gefestigt, drohte keine Ansteckung; war sie angekränkelt, war das
Schlimmste zu befürchten. Völker, die sich der Unsittlichkeit hingaben, gehen zu
Grunde - darauf führte Bonifaz das Schicksal der Germanen in Spanien, in Burgund
und in der Provence zurück; als Strafe habe ihnen Gott jetzt die Sarazenen geschickt.
Diese Beispiele hielt er mahnend dem König von Mercia vor, damit nicht auch die
Angelsachsen einem solchen Schicksal verfielen (Ep. 73). Gleicher Auffassung war
de;r Papst Zacharias. Er mahnte die Franken, anrüchige Priester auszumerzen;
hätten sie nur einwandfreie Geistliche, wie ihnen das Bonifaz mahnend empfahl,
werde es ihnen gut gehen: »Dann wird kein Volk vor eurem Anblick bestehen kön-
nen, sondern die Heidenscharen werden vor eurem Angesicht zu Boden sinken, und
ihr werdet Sieger sein, überdies aber durch rechtes Handeln das ewige Leben ge-
winnen« (Ep. 61).

Die Instanz, die Bonifaz bei seinen Rechtsskrupeln noch besser als die angelsächsi-
schen Rechtskenner zu helfen vermochte, war der Papst. Als Haupt der Kirche
kannte er am besten ihr Recht, und wenn sich Lücken herausstellten, durfte er sie
kraft seines Amtes schließen.
So erklären sich die- selbst im Rahmen des üblichen Briefstils- betont demütigen Wendungen in
den von Bonifaz nach Rom gesandten Briefen (Ep. 50: »ante vestigia vestra geniculantes«, d. h. die
Proskynese erweisend); entsprechend kennzeichnete er sich als »subditi sub iure canonico, ...
,catholicam fidem et unitatem Romane ecclesiae servando« (ebd.). Wenn er die verwahrloste fränki-
sche Kirche wieder herstellen solle, müsse er - so heißt es in diesem Brief an den Papst Zacharias
weiter- »Vorschrift und Entscheidung des apostolischen Stuhls nebst den kirchlichen Satzungen
zur Hand haben«. In einem weiteren Brief an diesen Papst (Ep. 86) beteuerte er ihm, er erhoffe Ver-
zeihung, wenn diesem irgendetwas an den getroffenen Maßnahmen mißfalle; er wolle gegebenenfalls
angemessene Buße leisten.
In dem vorletzten Brief, der von Bonifaz erhalten ist (Ep. 108), bat er StephaniT., den vierten Papst,
den er in den 36 Jahren seiner >legatio< erlebte, als dessen getreuer und ergebener Knecht, daß er ihn
ebenso wie seine Vorgänger durch Belehrung und Machtwort unterstützen möge: »Wenn ich aber
in Wort oder Tat einer Unbesonnenheit oder eines Unrechts überführt werde, dann gelobe ich, dies
nach dem Urteil der Römischen Kirche bereitwillig und in Ergebenheit wieder gutmachen zu wollen.«

Hier handelt es sich nicht um Phrasen der Höflichkeit im kurialen Stil, an denen
die Briefsammlung sonst so reich ist, sondern um Bitten, bei denen es Bonifaz
bitter ernst war: überängstlich im Gewissen brauchte er Rechts gewißheit, um sich
behaupten zu können, und letzte Gewißheit vermochte ihm nur das Oberhaupt der
christlichen Kirche zu geben.
In diese Anerkennung des römischen Lehrprimats darf -wie schon betont wurde 24
- nichts von dem universalen Jurisdiktionsprimat hineingetragen werden, der im
Laufe des Mittelalters den Päpsten eingeräumt wurde. Für Bonifaz waren die fränki-

24 S. oben S. 90f.
II8 A4: c. Der Hl. Bonifaz als Mensch

sehe Landeskirche und die >ecclesia Romana< noch keine Gegensätze, und auf den
Gedanken, den Papst gegen Pippin und seine Bischöfe auszuspielen, konnte er bei
der bestehenden Machtlage gar nicht kommen.

Schluß
Als Bonifaz die Siebzig überschritten hatte, begann er in seinen Briefen seine die
Mühen seines Daseins noch vermehrenden Alterserscheinungen zu erwähnen. (Nr.
63: Greisenalter und schwach werdende Augen, die das Lesen kleiner Buchstaben
nicht mehr erlauben, dazu »fessae mentis angustiae«, Nr. 86 »fessum senectute corpus«,
Ep. 108: »senectutem meam atque infirmitatem«).
Das Paulus-Wort: »Außen Kampf und innen Furcht« (II. Kor. 7, 5) steigerte Boni-
faz für sich zu: »auch innen Kampf und Furcht«, weil falsche Priester und Heuchler
sein Werk gefährdeten (Ep. 63; ähnlich Ep. 63, vor dem Spruch noch: »Überall
Mühe und Kummer«). >Tribulatio< wird zu einem Wort, was wiederkehrt.
Dazu kam äußere Not. An Pippin schrieb Bonifaz, seine an den Grenzen der Heiden
wirkenden Priester vermöchten sich zwar noch Brot für den Lebensunterhalt ver-
schaffen, »aber Kleidung können sie doch nicht bekommen« (Ep. 93). Ja, so war es:
»ein Leben unter Hunger, Durst und Kälte und unter der Anfeindung der Heiden« -
dieser Satz stammt aus einem der letzten Briefe des Apostels (Ep. 101).
Der Papst Gregor III. hatte Bonifaz 739 gemahnt: »Laß es dich nicht verdrießen,
gellebtestet Bruder, beschwerliche und vielfache Reisen zu unternehmen, auf daß
der christliche Glaube durch dein Bemühen weit und breit sich erstrecke« (Ep. 4 5).
Danach hatte der Legat gehandelt. Seine letzte Bleibe wurde das 744 von ihm
begründete Kloster Fulda.

Im Alter von rund 8o Jahren -ein Alter, das (wie abermals betont werden
muß) in dieser Zeit nur selten erreicht wurde- suchte Bonifaz im Frühjahr 75 3 noch
einmal den fränkischen Hof auf und erhielt hier gemäß seinem Wunsche das Bistum
Utrecht zugesprochen. Auch erlangte er die Erlaubnis, die Friesenmission wieder
aufzunehmen, die nach dem Tode des hlg. Willibrord (t 739) steckengeblieben war.
Zu Schiff fuhr der Erzbischof - versehen mit Büchern und einem Leichentuch für
den Fall, daß den Greis der Tod vor der Heimkehr bei der Hand nahm- von Mainz
den Rhein herunter, verbrachte den Winter in oder bei Utrecht und nahm, als die
Jahreszeit es erlaubte, die Mission unter den Ostfriesen auf. Sein Werk ließ sich gut
an: am Mittwoch der Pfingstoktav (4. Juni) 754 strömten Neubekehrteam Flusse
Doorn zusammen, um sich firmen zu lassen.
Da erschienen Heiden und erschlugen Bonifaz und seine Begleiter - anscheinend
nicht, weil sie den Vorkämpfer eines fremden Glaubens unschädlich machen wollten,
sondern wohl nur, weil sie sich Beute versprachen.
Schluß 119

Sicherlich wäre Bonifaz immer bereit gewesen, den Märtyrertod zu sterben - aber
in diesem Augenblick erwartete er ihn nicht, und was geschah, war nicht Glaubens-
kampf, sondern Mord, Mord aus niedrigen Instinkten. Es kam so, aber es mußte
nicht so kommen.
Schon die Zeitgenossen nahmen das nicht hin, sondern sahen in dem Tod des
Heidenapostels das sinngemäße Ende seines Wirkens: Gott hatte ihm vier Jahrzehnte
lang die Möglichkeit gegeben, in seinem Dienste den rechten Glauben zu verbreiten,
hatte ihm nun noch die Märtyrerkrone verliehen.
Der Leib des Toten wurde nach Fulda gebracht, das fortan von dem Ruhme zehrte,
die Gebeine eines Heiligen zu bergen.

In der Zwischenzeit war es zum Bund des fränkischen Königs mit dem Römischen
Papst gekommen- ein Bund, der die Geschichte der folgenden Jahrhunderte be-
stimmte, an dessen Zustandekommen Bonifaz aber nicht mitgewirkt hat. Der Aufbau
der deutschen Kirche vollzog sich nicht so, wie ihr Begründer das geplant hatte, aber
er war es, der ganz auf sich Gestellte, der die Voraussetzungen geschaffen hatte.

Wir wüßten gern noch viel mehr von Bonifaz, dem Heidenapostel, der zu vollem
Recht unter den Heiligen der Katholischen Kirche seinen unbestrittenen Platz hat.
Aber bei einer noch so intensiven Befragung seiner Briefe und Viten wird nicht viel
mehr herauskommen als das, was in den voraufgehenden Seiten zusammengestellt
· wurde. Als eine nicht nur in den Gang der Geschichte eingreifende, sondern auch als
Mensch faßbare Gestalt folgt auf Bonifaz erst wieder Karl der Große, von dem in
einem späteren Abschnitt25 die Rede sein wird- wir überlassen es dem Leser, die
angestellten V ergleiehe zwischen dem Heidenapostel und dem Kaiser, zwischen dem
Angelsachsen und dem Franken zu vermehren und festzustellen, wo sie sich sonst
noch ähnelten, wo sie sich unterschieden.

25 Vgl. unten: Karl d. Gr.: Denkart und Grundanschauungen (S. 302-341).


5
Der >Traktat über romanisch-fränkisches lünterwesen<
Ein Text des 7· Jahrhunderts, betrachtet im Rahmen
frühmittelalterlicher Aufzeichnungen über den >Staat<, und seine
Geistesverwandten aus folgenden Jahrhunderten*

a) Ein Rundblick auf die literarischen Genera, die sich mit dem
Problem >Staat< befaßten1

Die antike Tradition der >Fürstenspiegel< ist im Byzantinischen Reich erhalten geblie-
ben und im Abendland erneuert worden. Fast aus allen Jahrhunderten lassen sich
Schriften dieser Gattung anführen, wenn man den Begriff nicht zu eng faßt und den
selbständigen Texten noch die Mahnschreiben in Briefform, die Gesetzesprologe mit
dem Idealbild eines Fürsten und Ähnliches mehr angliedert. Aber wenn diese beliebte
Gattung der mittelalterlichen Literatur auch zu allen Zeiten gepflegt worden ist, dann
muß doch gleich gesagt werden, daß sie im Abendland bis zum hohen Mittelalter hin
in der moralisch-erbaulichen Sphäre bleibt, daß sie also nur den >Rex iustus <und seinen
idealen Staat beleuchtet2, aber nicht den Fürsten, so wie er leibt und lebt, sich seiner
Feinde und Rivalen erwehrt und allen möglichen konkreten Schwierigkeiten die
Stirn zu bieten hat- Aufgaben also, wie sie einzelne byzantinische >Fürstenspiegel<,
z. B. der Liber de administrando imperio des Kaisers Konstantirr VII. Ct 959) oder
die Schriften des Kekaumenos aus dem Ir. Jahrhundert3, z. T. drastisch beleuchten.

* Zuerst (unter dem Titel: >Studien zu früh- frühen Mittelalter von >Staat< zu sprechen, ist ja
mittelalterlichen Aufzeichnungen über Staat einHauptanliegen meiner Bücher undA ufsätze.
und Verfassung<, in der Zeitschrift für Rechts- 2 Von mir wurden angeregt;
geschichte 49, Germ. Abt. 1929 S. r67-232 J OACHIM SCHARF (Professor der Byzantinistik
(Abschnitt II: >Das Polypticum des Bischofs in Münster, t 1965), Studien zu Smaragdus
Atto von Vercellidolgt in Bd.III Abschnitt I; und Jonas, im Deutschen Archiv XVII, r96r
Abschnitt lll-IV über die beiden Listen S. 333-3 84 (Teil seiner Habilitations·schrift)
der Römischen Pfalzrichter werden hier in behandelte die karolingischen Fürstenspiegel;
stark verkürzter Form wiederholt). WrLHELM BERGES (Professor der Geschich-
I Um deutlich zu machen, daß dem Verfasser te an der Freien Universität Berlin) >Die Für-
der Unterschied bewußt ist, der zwischen dem stenspiegel des hohen und späten Mittelalters<
modernen und dem mittelalterlichen Staat Leipzig 1938 (Neudruck: I952) (Schriften
besteht, ist dieses Wort hier und in den folgen- der Monumenta Germaniae II; 364 Seiten).
den AbschnittenirrAnführungszeichen gesetzt. 3 Über Druck und Übersetzung s. unten in
Deutlich zu machen, wieso es berechtigt ist, Bd. III: Kaiser, Basileus u. Papst in der Zeit
trotzder offenkundigen Unterschiede bereits im der Ottonen, Anhang 2.
Literarische Genera, mit dem Problem }Staat< befaßt (S. 167-169) 12!

Anders liegen die Dinge bei der Gattung der Staatshandbücher, in denen die Beamten
nach Amt und Würde zusammengestellt sind. Mit dem Zusammenbruch des antiken
Beamtenstaates im Westen war Werken wie der <Notitia dignitatum> der Boden ent-
zogen. Nur in Rom selbst und im Schoße der Römischen Kirche ist es im frühen
Mittelalter noch zu solchen Aufzeichnungen gekommen; denn hier, wo sich ja Reste
des antiken Beamtenstaates erhalten haben und wo sich ein neuer kirchlicher Be-
amtenstaat entwickeln konnte, blieb der Anlaß zu solchen Aufzeichnungen bestehen.
Drei von ihnen sind im folgenden herangezogen. Wie bescheiden nehmen sie sich
aus, wenn man sie - um von antiken Staatsdenkmälern ganz zu schweigen - neben
die byzantinischen Parallelwerke wie etwa das Kletorologion des Philotheos legt!
Denn dort im Osten, wo der Staat dauernd auf einem komplizierten Beamtenturn
begründet geblieben ist, riß auch die Tradition der >Notitia dignitatum< nicht ab.
Es gibt kaum ein einprägsameres Zeichen für den Unterschied zwischen Antike
und frühem Mittelalter, zwischen Byzanz und Abendland als die dürftigen Usten,
. die hier behandelt werden.
Die Gattung der Lehrbücher der staatlichen Verwaltung hat im karolingischen Reich
eine Neubelebung erfahren. Die verlorene Schrift des Adalhard von Corbie und der
>Ubellus de ordine palatii<, den Hinkmar von Reims unter Zugrundelegung dieses
dadurch im wesentlichen geretteten Werkes verfaßte, sind wichtige Zeugnisse für den
Ausbau der Verwaltung in dem neuen Großreich. Aber mit dessen Zusammenbruch
war für das erste auch wieder der Anlaß verschwunden, solche Lehrbücher zusammen-
' zustellen. Nur die Kirche hat ihrer fortlaufend bedurft, und wenn man sich z. B. ein
Werk wie die später noch zu nennende Schrift des WALAHFRID STRABO ansieht, dann
wird man zugeben, daß das Bedürfnis nach Orientierung in den vielgestaltigen Ein-
richtungen der Kirche zu sehr respektablen Leistungen geführt hat.
Eine Sondergattung bilden in dieser dem Staat gewidmeten Literatur die Auf-
zeichnungen, in denen die öffentlichen Handlungen fixiert sind: die Ordines, wie sie
im Mittelalter genannt werden. Die abendländischen Texte können sich nicht im
entferntesten an Reichtum und Ausführlichkeit mit den byzantinischen Aufzeichnun-
gen messen, die- in Jahrhunderten gewachsen- in der Riesenkompilation des >Uber
de cerimoniis aulae Byzantinae< aus dem 10. Jahrhundert vorliegen. Vor allem be-
steht ein Unterschied darin, daß im frühen Mittelalter für den abendländischen
Herrscher zunächst nur kirchliche Akte festgelegt worden sind; seit den Karolingern
ist in allen Jahrhunderten aufgezeichnet worden, wie die Krönung des Kaisers und •
des Königs zu veranstalten sei, wie man den Herrscher in der Kirche empfangen
müsse, und welche Akklamationen, Utaneien und Gebete ihm gebührten. Aber es ist
nicht fixiert worden, welche Feierlichkeiten auf einem Hoftag üblich waren, unter
welchen Formen sich die Belehnung eines weltlichen Großen, die Anstellung eines
Hofbeamten u. a. m. vollzog. Wiederum ist hier das kirchliche, besonders das päpst-
liche Schrifttum viel reicher und ausführlicher.
122 A 5. Der >Traktat über romanisch-fränkisches Amterwesen<

Außer diesen feststehenden Gattungen gibt es noch eine reiche Fülle von diploma-
tischen Schreiben, Urkunden, Festgedichten, Streitschriften usw., insbesondere die
Behandlung des speziellen Themas, wie sich die beiden Gewalten, die weltliche und
die geistliche, zueinander verhalten, daneben dann noch das große Gebiet der Rechts-
aufzeichnungen mit ihren Glossen, Exzerpten, Kommentare n, die alle über den be-
stimmten Zweck ihrer Niederschrift hinaus Wesen und Aufbau des frühmittel-
alterlichen >Staates< erkennen lassen. Aber da dies nicht der unmittelbare Anlaß ist,
der zu ihrer Entstehung geführt hat, wird man sagen dürfen, daß die eigentliche,
dem >Staate< gewidmete Literatur des frühen Mittelalters nur auf einigen Sonder-
gebieten größeren Reichtum zeigt. Die wenigen Texte, die es aus diesem Schrifttum
gibt, verdienen deshalb besondere Aufmerksamkeit, die sich allerdings weniger auf
ihren tatsächlichen, meist durch andere Quellenzeugnisse schon bekannten Inhalt als
auf den geistesgeschichtlichen Hintergrund richten wird. In diesem Sinne soll auch
der Text behandelt werden, der den ersten Gegenstand dieses Abschnittes bildet.

b) Der >Traktat über romanisch-fränkisches Amterwesen<


Im Jahre 1908 hat MAX CoNRAT (Cohn) in der Z. f. Rechtsgesch. 4 eine merkwürdige
Aufzeichnun g veröffentlicht, der er zur Charakterisierung des Inhalts die Überschrift
>Ein Traktat über romanisch-fränkisches .Ämterwesen< gab, während der eigentliche
Titel Decursio de gradibus lautet5 • Er hatte ihn in dem um das Jahr rooo geschriebenen
Cod. Vat.lat. Reg. 1050 (f. I 57b-r 58•) gefunden und durfte ihn für unbekannt halten;
denn ein früherer Abdruck, auf den mich nur der Zufall geführt hat, findet sich an
allerdings leicht übersehbarer Stelle. Schon im Jahre r8p hat nämlich FRIEDRICH
BLUHME (Blume) in einer Reihe von Miszellen >ein Bruchstück über römisch-germani-
sche Stadt- und Reichsverfassung~ nach einer modernen Abschrift publiziert, über
deren Herkunft er selbst nichts Näheres anzugeben wußte. Er hatte den Oberamtrat
SPANGENBERG als Entdecker genaont, der sich dann unmittelbar darauf als Besitzer
des Originals öffentlich vorstellte und den von BLUHME nicht genau edierten Text
noch einmal buchstabeng etreu abdruckte7 • Er teilte mit, daß es sich um ein aus einem

4 XXIX (XLII) Germ. Abt. S. 239f., bes. S. Statt dieser gezwungenen Erklärung liegt es im
246-6o; der Nachtrag in : ebd. XXX S. 326 Hinblick auf die sehr schlechte Überlieferung
bezieht sich nicht auf den Traktat, der bei in der Vatikanischen Hs. (s. dazu unten)
R. SCHRÖDER, Lehrbuch der deutschen Rechts- näher, >Decursio de gradibus< zu lesen; denn
gesch. 16 (Leipzig 1919) S. 295 mit verwand- dadurch ist der Inhalt des Traktats tatsächlich
ten Aufzeichnunge n zitiert ist. charakterisiert; vgl. dazu Thesaurus ling. lat.
C. will S. 247 die Worte >de gradibus< auf die V p. 234: Decursio.
danebenstehenden Auszüge aus Isidors Ver- 6 Neues Rheinisches Museum für Jurisprudenz
wandschaftsbezeichnungen beziehen und >De- I ( = Rhein. Mus. f. J. V), 1833, S. 138-40.
curio< in Verbindung mit Decanus und Centu- 7 Rezension von F. BLUHME in: Göttingisehe
rio bringen, die amAnfang des Traktats stehen. Gelehrte Anzeigen III, 1832, S. 1661-3.
Überlieferung des Traktats (S. r69-172) 123

gedruckten Buche herausgelöstes Vorsatzblatt in Folioformat handelt, dessen Ver-


bleib nicht bekannt ist (beim Binden wurde die untere Hälfte weggeschnitten); die
Rückseite bietet einen noch nicht bestimmten theologischen Text8 • Da der Verbleib
dieses Fragments nicht bekannt zu sein scheint, sind wir also auf SPANGENBERGS
Druck angewiesen, wenn wir diese von CoNRAT übersehene Überlieferung (S) des
Traktats mit der Vatikanischen (V) vergleichen.
Das Fragment S liefert durch sein Alter einen festen Terminus ante, der bisher
fehlte; denn nach SPANGENBERG, der sich dafür auf einen >sehr geübten Kenner<
beruft, stammt es aus dem Anfang des 9· Jahrhunderts, es ist also ungefähr zwei
Jahrhunderte älter als V. Außerdem stammt es aus einem ganz andern Überlieferungs-
bereich; es ist nämlich in angelsächsischer Schrift aufgezeichnet, während der Haupt-
teil der Vatikanischen Handschrift, dem auch der >Traktat< angehört, >einem ur-
sprünglichen, gewiß auf ehedem gallo-römischem Boden geschriebenen Kodex ent-
lehnt< sein muß 9 • Der Text hat also über seine Heimat hinaus Interesse und Ver-
breitung gefunden.
Für die Interpretation des Traktats gibt S gleichfalls neue Aufschlüsse - wenn
auch nicht in dem Umfang, den man wünschen möchte. Der Text ist in V so über-
liefert, daß CoNRAT sich zu einem doppelten Abdruck, einem buchstabengetreuen
und einem durch zahlreiche Konjekturen verständlich gemachten, entschließen
mußte. S bestätigt nun, daß er bei seinen Verbesserungen eine glückliche Hand ge-
habt hatlO. Dagegen wird die Frage bei dem >rei dominus< und dem >Agis< (Plural:
· Agites), die CoNRAT zu vicedominus und agens (Pl.: agentes) verbesserte, nur kom-
plizierter; denn S schreibt hier an der ersten Stelle einfach >dominus<, was dem Sinne
nach unmöglich ist, und an der zweiten gleichfalls >Agis<, aber im Plural >Ages<.
Dazu muß man noch den Passus aus § 2 heranziehen, der angibt, daß die Konsuln
>dona regis consulant<, wofür CoNRAT >consulunt< lesen will. Hier heißt es in S:
consul dicitur, quia domina11 regis consulat. Man wird kaum an einen Konjunktiv, son-
dern wie auch an der andern Stelle an eine ungrammatikalische Form zu denken haben,
die wohl in der Urhandschrift selbst gestanden hat12 und deren Latein charakterisiert.
Die übrigen Konjekturen CoNRATS, bei denen auf Grund dieser Feststellung z. T.
vorsichtiger zu verfahren sein wird, lassen sich mit Hilfe von S nicht nachprüfen;
aenn hier ist der Text ja stark beschnitten: er umfaßt nurTeile von§ 2, sowie§§ 3-4.
Innerhalb dieser in beiden Überlieferungen vorhandenen Abschnitte ist die Reihen-
folge der Sätze mehrfach verschieden, aber in diesen Fällen verdient V immer den

8 Abgedruckt ebd. S. r662f. II Von BLUHME zu >dominio< verbessert.


9 CoNRAT a. a. 0. S. 240. 12 Oder diese Formen müßten erst in eineS und
ro Als richtig erweisen sich z. B. S. 248 preses; V gemeinsame Stammhandschrift hineinge-
S. 249 qui precellit; que; malos; dominatur; kommen sein.
S. 250 ville.
124 A 5. Der >Traktat über romanisch-fränkisches Amterwesen <

Vorzug vor S, wo der klar erkennbare Gedankengang des Traktats offensichtlich


gestört ist. Deshalb liegt auch kein Grund vor, aus dem Fehlen einzelner Sätze des
§ 2 in S, wo dieser Absatz auseinandergerissen ist, zu schließen, daß diese in V zu-
gesetzt seien. Nur bei der Stelle >sicut iaconimus sub abbate<, die CoNRAT zu >sicut
oeconomus (oder: vice dorninus) sub abbate< 13 verbessert hat, ist zu überlegen, ob sie
nicht ein Zusatz sein kann; denn die sie umrahmenden Sätze sind in Svorhanden, und
sonst entbehrt der Traktat der Parallelen aus der K.losterfassung. Auf der anderen
Seite bestätigt S, daß der in V von einer >etwas späteren Hand<14 nachgetragene Satz
in § 3 : >Ipse- agitur< keine Zufügung dieses Schreibers ist, sondern dem Urtext an-
gehört. So darf - den Textvergleich abschließend - gesagt werden, daß das wieder
an das Licht gezogene Fragment SPANGENBERGS trotz seiner Unvollständigkeit und
seines Reichtums an offensichtlichen Abschreibefehlern in einer ganzen Reihe von
Fällen geeignet ist, den Wortlaut des merkwürdigen Schriftstückes sicherzustellen.

In seiner Veröffentlichung hat CoNRAT ausdrücklich erklärt, kein abschließendes


Urteil geben zu wollen15 • Er hat sich darauf beschränkt, durch den Vergleich der
einzelnen Angaben des Traktats mit dem, was uns sonst bekannt ist, festzustellen,
welcher Quellenwert dieser Aufzeichnung zukommt. Er gelangte zu dem Schluß, daß
das Stück weithin Fakten enthalte, >die auch durch unsere bisherigen Quellen eine
Bestätigung erfahren<, und daß es in manchen sonstigen Äußerungen >keine Bean-
standung verdienen< dürftet6 • Er hat dann allerdings eine Reihe bedenklich scheinen-
der Angaben aufgezählt, aber die Verdächtigung dieser Notizen doch auch wieder
aus anderen Gründen für nicht einwandfrei erklärt. Hier ist nun ein Bedenken zu
äußern, das die Interpretation des Traktats weiterzuführen geeignet ist.
CoNRAT hat genauere Angaben über die Umgebung gemacht, in der uns der Trak-
tat in der Vatikanischen Handschrift erhalten ist17 • Danach geht ihr eine zehn Seiten
lange Kompilation von Worterklärungen verschiedener Herkunft voraus. Neben
Isidors Etymologien, der unerschöpflichen Quelle des Mittelalters für solche Fragen,
sind auch seine >Libri de differentÜs< ausgebeutet. Außerdem hat CoNRAT die Be-
nutzung des >Liber glossarum< und der Interpretation des Breviars festgestellt. Dieser
Liste ist schließlich noch Isidors Schrift >de ecclesiasticis officüs< anzufügen18 • Eine

I3 A. a. 0. S. 248, auch S. 255 (nichtS. 256, wie Initiale auf f. 148 a col. I mitten in einem
S. 248 Anm. b angegeben ist). Satz, den ich deshalb nicht zu bestimmen
14 A. a. 0. S. 247 und 249 Anm. c. vermag. Es folgt: garrire = Isidor, Diff. I
I5 A. a. 0. S. 26o. 267; gener = Is., Etym. IX, 6, 19; greges =
I6 A. a. 0. S. 259 ebd. XII, I, 8; grues = eb. xn 7, I4; usw.
17 A. a. 0. S. 239f. und 246f. entsprechend dem Alphabet, das auf 150b
I 8 Aus einer Abschrift charakteristischer Stel- col. 2 noch einmal von vorn beginnt und bis
len, die ich der bereitwillig gewährten Hilfe uxores läuft. Die Erklärung zu diesem
des Prof. Dr. theol. A. MICHEL (t) verdankte, Wort stammt aus Is., Etym. IX 7, I2 und
ersehe ich folgendes: Der Text beginnt ohne 27-30; das folgende dann aus Is., de eccl.
Deutungen des Traktats (S. 172-I74) !25

"Analyse des merkwürdigen Textes bis ins einzelne ist Aufgabe der Glossenforschung,
die, soviel ich sehe, die Aufzeichnung noch nicht analysiert hat19 • Für unsere Zwecke
genügt schon, was CoNRAT über diese Kompilation bekanntgemacht hat. Es handelt
sich um eines jener Exzerpte aus Isidor, von denen wir eine ganze Anzahl kennen20 ,
und .aus deren Reihe hier besonders ein juristisch orientierter Auszug anzuführen ist.
Außerdem kann noch ein Traktat in Dialogform genannt werden, der auf Grund von
Isidor in Frage und Antwort gleichfalls Rechtsprobleme behandelt. Von beiden
Texten gibt es eine ganze Anzahl von Handschriften, die ihre Verbreitung bezeugen.
Da siez. T. schon aus dem 9· Jahrhundert stammen, ist damit eine untere Grenze für
ihre Entstehungszeit gegeben. Beider Heimat wird auf französischem Boden zu
suchen sein21 •
In diese Tradition gehören also die Exzerpte der vatikanischen Handschrift hinein,
die nur durch die Hinzuziehung von weiteren Schriften und vielleicht noch durch den
Zusatz eigener Bemerkungen eine etwas selbständigere Stellung einnehmen22 •

Dem Germanisten GEORG BAESECKE, der durch meinen Aufsatz auf den Traktat auf-
merksam geworden war, gelang es, dessen handschriftliche Grundlage zu verbreitern: er fand ihn
in dem Cod. Sangallensis 9IJ, der um 790 in Murbach geschrieben wurde23, und machte außer-
dem noch einen - von B. BrscHOFF entdeckten - Auszug bekannt, der in fünf Handschriften

offic. II 20, IO (Migne, Patrollat. 83 S. 8I2), gen Satzes zu lesen ist; über diesen Codex,
aus unbestimmter Quelle und schließlich aus der den Liber Glossarum (Glossarium Ansi-
Is., Etym. V 25, 20 (betr. pignus). Darauf leubi) in einer besonderen, auch von Salo-
folgt die Amterliste (Decur[s]io de gradibus, mon von Konstanz benutzten Fassung ent-
dies in Rot geschrieben, während sonst nur hält, vgl. auch Corp. Gloss. Lat. ed. G.
der erste Buchstabe so herausgehoben zu GoETZ I p. 169, V P. XXIII.
sein pflegt), die von f. I 57 b col. 2 unten bis 20 CH. H. BEESON, Isidorstudien in: Quellen u.
f. I 58 a col. 2 unten reicht. Auf f. I 58 b be- Untersuch. z. lat. Philol. des MA.s IV, 2
ginnen wieder Auszüge aus Isidor, die mit (München 1913), S. 12off.
einem unvollständigen Satz aus Etym. IX 6, 2I J. TARDIF, Un abrege juridique des etymolo-
I7 einsetzen. Das Folgende stammt aus den gies d'Isidore de Seville in: Melanges Julien
Kap. 6-7 desselben Buches. Das Blatt I 59 Havet (Paris 1895) p. 659-81, der das Ex-
ist zur Hälfte abgeschnitten und rückwärts zerpt im Süden, den Dialog im Norden loka-
unbeschrieben. Der Text selbst ist gut les- lisiert; vgl. auch M. CoNRAT, Gesch. der·
bar, aber durch Fehler stark entstellt. Quellen u. Lit. des röm. Rechts im MA.I
19 Von den zwei bei CONRAT a. a. 0. S. 246f. A. (Leipzig 1889), S. 15off., 314ff.
5 als unbestimmbar aufgeführten Stellen ist 22 BEESON a. a. 0., der auf S. 99 andere Aus-
die zweite im Cod. Mon.lat. 14429, einer teils züge aus dem IX. Buch zusammenstellt,
in Irischer, teils in Regensburger Schrift ver- kennt weder die Hs. noch einen ähnlichen
faßten Handschrift vom Ende des 9· Jahr- Text.
hunderts, nachweisbar; vgl. Glossaria Latina 23 De Gradus Romanorum, in: Kritische Bei-
iussu acad. Brit. edita I (Paris 1926) S. 492, träge zur Gesch. des MA.s Festschrift für
wo auch der Schluß des bei C. unvollständi- RoBERT HoLTZMANN (Berlin 1933) S. 1-8.
A 5· Der >Traktat über romanisch-fränkisches Ärnterwesen<

des g.-I I. Jahrhunderts überliefert ist und irrtümlicherweise unter dem Namen des hf.
Hierof!Jmus weitergetragen wurde24 • Die Lesarten Iaufon so weit auseinander, daß die Stamm-
tafel der bekannten Abschriften des Traktatsjetzt eine komplizierte Form angenommen hat;
seine Struktur wird dadurch jedoch nicht berührt.
F. BEYERLE, der in dem Traktat ein Schulheft sah, wollte I9 J 2 einen ostgotischen Kern aus
der Zeit Athalarichs ( J26-;4) und etwas jüngere merowingische Zusätze trennen25 • K. A.
EcKHARDT schied I9J9 zwei merowingische Textschichten: eine ältere (um !44/8) und eine
jüngere ( 64;/ 6z ) 26 • Beide lassen also mein Argument, daß der Traktat in die Nachfolge
lsidors (f 6;6) gehb'rt, unbeachtet!
Maßgebend ist nunmehr der Paralleldruck der vorliegenden Fassungen, der G. BAESECKE
verdankt wird. Den Stand unseres Wissens hat jetzt- ohne sich auf das Datum festzulegen-
H. SCHLOSSER übersichtlich zusammengefaßt'lfl.
Hier kommt es nicht darauf an, die Einzelangaben des Traktats a~f ihre Richtigkeit zu über-
prüfen. Unser Anliegen soll nur sein, ihngeistesgeschichtlich einzuordnen. Dafür können wir auf
die Erstfassung dieses Aufsatzes zurückgreifen.

Form und Inhalt des Ämtertraktat s lassen klar erkennen, daß er in die angeführte,
Isidor fortsetzende Literatur hineingehört , wenn auch- soviel ich sehe- kein Wort-
gut des Sevillaners übernommen ist28 • Damit ist zugleich über den geschichtlichen
Wert des Traktats ein Urteil gefällt. Er ist nicht einfach eine Aufzeichnun g über
heimische Rechts- und V erfassungszustände, sondern er stellt eine Gelehrtenarb eit
dar; er steht seiner Umwelt nicht unbefangen gegenüber, sondern er gehört in eine
bestimmte literarische Tradition hinein. Man darf in seinen Angaben deshalb nicht
einfach das Bild einer bestimmten Zeit suchen, sondern muß sondern, was durch die

24 Ein Auszug aus dem >Traktat über rorn.- Vgl. auch R. BucHNER, Die Rechtsquellen.
fränk. Ärnterwesen<, in der Zeitschrift für Beiheft zu: Wattenbach-Levison, Deutsch-
Rechtsgesch. 55, Germ. Abt. 1935, S. 23o-2. lands Geschichtsquel!en im MA. Vorzeit u.
2 5 Das frührnittelalterl. Schulheft vorn Ämter- Karolinger (Weimar 1953) S. 6o und H.
wesen, in der Zeitschrift für Rechtsgesch. 69, CoNRAD, Deutsche Rechtsgesch. I, 2. Aufl.
Germ. Abt. 69 (1952) S. 1-23. (Karlsruhe 1962) S. I 36 (beide nur referie-
26 Gerrnanenrechte, N. F., Westgermanisches rend).
Recht: Lex Ribvaria, I. Austrasisches Recht Da im >Traktat< der merowingische, im 6.
im 7· Jahrh. (Göttingen 1959) S. 73-9 (kurz Jahrh. verschwindend e Thunginus nicht mehr
auch: Germanisches Recht, von K. v. erwähnt ist, hat ihn vermerkt R. WENSKUS,
AMIRA, 4· Aufl. bearbeitet von K. A. EcK- Bemerkungen zum Thunginus der Lex Sali-
HARDT I, Berlin r96o, S. 54). ca, in: Festschrift P. E. ScHRAMM I (Wies-
27 Artikel: >Ämtertraktat< im Handwörterbu ch baden 1964) S. 217ff. (sein Ergebnis bildet
zur deutschen Rechtsgesch., hg. von A. ein Argument gegen die Frühdatierung des
ERLER u. C. KAUFMANN (Berlin-Bielefeld- Traktats).
München 1964) S. 154f. (verwiesen ist im 28 Man lese neben dem Traktat vor allem Etym.
Text auf einen erst später zu erwartenden IX 3-4, in dem die Ämter behandelt werden.
Artikel: >Traktatliteratur<).
Wert und Alter des Traktats (S. 174-176) 127

Tradition der >Etymologien< bestimmt ist und was über sie hinausführt. Es ist also
z. B. nicht nötig, sich mit CoNRAT29 darüber Gedanken zu machen, ob mit dem
Patricius ein fränkischer oder ein römisch-byzantinischer Beamter gemeint sei; denn
bei den ihn betreffenden Angaben handelt es sich offensichtlich um die antiquarische
Gelehrsamkeit eines Glossators. Dabei ist der konstruktive, in den neuen Unter-
suchungen nicht ausreichend gewürdigte Zug zu beachten, der durch den ganzen
Traktat hindurchgeht. Er kann den Verfasser gleichfalls davon abgebracht haben,
die Zustände, die er um sich sah, unbefangen wiederzugeben30• Demgegenüber
stehen aber andere Angaben, die zweifellos unmittelbar aus dem Rechtsleben der
Abfassungszeit geschöpft sind31• Es wäre eine Arbeit für sich, die einzelnen Angaben
des Traktats mit Hilfe glossographischen und etymologischen Schrifttums einerseits,
der geschichtlichen Zeugnisse andererseits in Gelehrtenwerk und Beschreibung tat-
sächlicher Zustände aufzuteilen. Auf diesem Wege wird sich vielleicht auch eine
genauere Datierung und Lokalisierung finden lassen. Bis dahin wird der >Traktat<
durch die Abfassungszeit der Etymologien Isidors (nach dessen Tod im Jahre 636 ab-
geschlossen) bzw. des Liber glossarum (die jedoch nicht weiterführt, da man zwi-
schen dem 7· und 8. Jahrhundert schwankt) und durch das Alter des Fragments (An-
fang des 9· Jahrhunderts) zeitlich eingegrenzt. Da nach dem Latein die Zeit der
karolingischen >CoRRECTIO< wohl kaum mehr in Betracht kommt, wird wohl an
das 8., eher wohl noch an das 7· Jahrhundert zu denken sein.
Durch eine solche Sonderung des Traktats in zwei Elemente, deren Notwendigkeit
der Entdecker des Traktats wohl erwogen, aber doch nicht genügend scharf ins
Auge gefaßt hat, werden sich wohl eine ganze Anzahl erwünschter Zeugnisse zur
frühmittelalterlichen Rechts- und Verfassungsgeschichte gewinnen lassen. Der eigent-
liche Wert des Traktats dürfte aber doch auf anderem Gebiete liegen. Er ist ein Ver-
such, mit alten literarischen Mitteln ein neues Thema, die eigenen Rechts- und V er-
fassungszustände, zu fixieren. So dokumentiert er, wie sich die Behandlung staat-
licher Probleme aus den Fesseln der Glossen, Differentien und Etymologien befreit.

c) Verwandte Texte aus dem 8. und g.jahrhundert:


Paulus Diaconus und Wa!ahfrid Strabo

Damit entsteht eine neue Art schriftlicher Aufzeichnung, die hier zwar erst im
Keim vorhanden, aber zur Entfaltung bestimmt ist. Zum Vergleich kann die Be-

29 A. a. 0. S. 25rf., 26o. hervorgehobene Angabe, daß ein Herzog


30 Das trifft z. B. auf die Art zu, wie Rex, Impe- über zwölf Civitates gesetzt sei, die durch die
rator, Caesar und Augustus in Relation ge- Ann. q. d. Einh. ad a. 748 (Mon. Germ. SS. I
setzt sind. S. 137) gestützt wird: [Pippinus} Griphonem
31 Z. B. die schon von CoNRAT a. a. 0., S. 251 more ducum duodecim comitatibus donavit.
!28 A 5· Der >Traktat über romanisch-fränkisches Amterwesen<

arbeitung der lexikographischen Schrift des Festus durch P AULUS DrACONUS 32 aus
den achtziger Jahren des 8. Jahrhunderts dienen; denn nach dem Widmungsbrief an
Karl d. Gr. hat der gelehrte Italiener sein antiquarisches Opus als Nachschlagebuch
für aktuelle Zwecke, insbesondere für die Kenntnis der Zustände in Rom gedacht,
das ja gerade damals in den Gesichtskreis des Frankenkönigs getreten war. Hier
handelt es sich weniger um eine selbständige Fortsetzung, als um ein Lebendigmachen
der alten Tradition für die eigene Zeit, das gleichfalls in die Zukunft weist.
Man darf diese Entstehung eigenen Schrifttums aus der etymologisch-glossatori-
schen Literatur der Antike, die hier auf einem Spezialgebiet beobachtet wurde, nicht
isoliert sehen. Aus der philosophischen und philologischen Produktion dieser Zeit
ließen sich ähnliche Beispiele anführen33• Als reifste und selbständigste Leistung, die
die karolingische Zeit aus dem glossatorischen Erbe gestaltet hat, darf man wohl den
>Libellus de exordiis et incrementis quarundam in observationibus ecclesiasticis
rerum< bezeichnen34 , den WALAHFRID STRABO, der berühmte Abt der Reichenau, in
den Jahren 84o--2 verfaßte. Diese Schrift gehört zu der großen Literatur über den
Kultus, die gerade im 9· Jahrhundert bedeutende Werke aufzuweisen hat. Unter
ihren Produkten zeichnet sich W ALAHFRIDS Buch durch das starke Interesse an der
Wort- und Sachgeschichte aus. Wo kommen die mit dem Kult zusammenhängenden
Dinge her und was sagt ihr Name aus? Diese Fragen beschäftigen ihn und führen
ihn naturgemäß auf Isidor zurück, dessen Etymologien und Differentien auch in
diesem Buch wieder die Hauptquelle der Erklärungen bilden. Was es im Kap. 6:

32 Sexti Pompei Festide verb. signif. cum Pauli HüLSEN, Die angebliche mittelalterliche Be-
Epitome ed. W. M. LINDSAY (Leipzig 1913) schreibung des Palatins, in: Mitt. des K.
p. r: hoc . . . conpendium optuli. In cuius Deutschen Archäol. Inst., Röm. Abt. XVII
serie ... quaedam ... invenietis, et praecipue (Rom 1902), S. 255-68. Zu der dort ange-
civitatis vestrae Romuleae portarum, via- führten älteren Lit. ist der durch HüLSEN
rum, montium, locorum tribuumque voca- überholte Aufsatz von J. v. ScHLOSSER, Bei-
bula diserta repperietis, ritus praeterea genti- träge z. Kunstgesch. aus den Schriftquellen
lium et consuetudines varias ... ; vgl. dazu des frühen MA.s II in: Wiener Sitz.-Ber.,
M. MANrTius, Gesch. der lat. Lit. des MA.s I Phil.-hist. Kl. CXXIII Nr z (r89o), S. 41-64
(München 19rr, Neudruck 1959) S. 264ff. nachzutragen. P. LAUER, Le Palais de Latran
über den Umfang der eignen Zusätze des (Paris r9rr) p. 122-4 hat den alten Irrtum
Paulus. weitergeschleppt. Danach hat FEDOR
33 Ich erwähne hier einen von den Kunsthisto- ScHNEIDER, Rom und Romgedanke im MA.
rikern und Archäologen viel beachteten (München 1926), S. qr den Text erwähnt,
Text, der ursprünglich gleichfalls als histori- dazu S. 267 mit weiterer Lit.
sche Quelle angesprochen worden ist, sich 34 Abgedruckt Mon. Germ. Capit. II S. 473ff.;
dann aber als rein glossatorisches Mach- vgl. dazu MANITIUS a. a. 0., S. 305 f., 3r2f. ;·
werk erwies, zu dem später einzelne Zusätze K. KÜNSTLE, Die Theologie der Reicherrau
aus eigenem Wissen bzw. Unwissender Ab- in: Die Kultur der Abtei R. II (München
schreiber hinzugekommen sind; vgl. CH. 1925), s. 707ff.
Paulus Diaconus und Walahfrid Strabo (S. 176-179)

>Expositio nominum quorundam sacris rebus adiacentium<36 mitzuteilen hat, stammt


von den Bezeichnungen für das Kirchengebäude (domus, templum, tabernaculum, aedes
usw.) bis zu den Namen der einzelnen Gebäudeteile (ianua, camera, lacunaria usw.)
. aus Isidor. Diese >Kirchenbeschreibung< ist nach ihrem inneren Wert ein rechtes
Parallelstück zu der >Palastbeschreibung<, von der anmerkungsweise die Rede war.
Zu dem >Traktat über das Ämterwesen< finden wir in WALAHFRIDS Libellus gleich-
falls ein in manchem vergleichbares Kapitel. Nach Erschöpfung der rein kultischen
Dinge leitet er dazu über, daß es zwar viele Unterschiede von Land, Leuten und
Zeiten gebe, daß er aber doch einen V ergleich zwischen weltlichen und geistlichen
Würden36 einfügen wolle37 : placet inserere quandam saecularium atque ecclesiasticarum
comparationem dignitatum . . . Er bezeichnet genau die dabei verfolgte Absicht: ...
comparemus, ut ostendamus ordinationes mundanae sapientiae in spiritalem ecclesiae universa/is
rem pub/icam sacris distinctionibus commutatas. Wie die Juden die Schätze der Ägypter
für die Stiftshütte benutzt hätten- das ist das seit den Kirchenvätern ständig benutzte
Musterbeispiel-, so habe auch die geistliche Respublica den Aufbau der weltlichen
nachgeahmt: eine Auffassung, in der ja ein sehr richtiger Kern steckt.
Es kommt hier nicht darauf an, den Vergleich selbst, der für das Selbstbewußtsein
der karolingischen Kirche ungemein bezeichnend ist, zu analysieren. An dieser Stelle
brauchen wir allein die weltliche Amtsleiter zu beachten. In ihr finden wir fränkische
und römische Ämter auf Grund einer Namensgleichheit nebeneinandergerückt wie
. Decuriones und Decani, Centuriones und Centenarii. Ferner werden Ämter wie
Praetores und Comites palatii miteinander verbunden sein, weil WALAHFRID ihre
Aufgaben für verwandt hielt. Er hat also keine bestimmten historischen Zustände
vor Augen, sondern er versucht - wie er ja selbst in seinen einleitenden Worten
erkennen läßt -, die allgemeine Norm einer Ämterleiter zu konstruieren. Daß er
dabei sein Wissen über die römischen Beamten gleichfalls Isidor entnommen hat,
läßt sich mangels wörtlicher Übereinstimmungen nicht mit Bestimmtheit behaupten;

35 Ebd. S. 474, 479-81, wo die Entlehnungen P. E. S. u. FL. MüTHERICH, München 1962


kenntlich gemacht sind. S. 105 mit Abb. 105: der Aachener Weih-
36 Die Reihenfolge der geistlichen Amterist in wasserkessel. Die Ansätze zu einer entspre-
der Mitte des 9· Jahrhunderts bildlich darge- chenden bildliehen Darstellung der welt-
stellt im Sakramentar von Autun, vgl. L. lichen Stufenleiter sind in den Illustrationen
DELISLE, Le sacramentaire d' Autun (Paris der karolingischen Rechtshandschriften zu
1884) PI. 20 u. p. 7, dazu H. V. SAUERLAND suchen, vgl. Ders., Die zeitgenöss. Bilder
und A. HASELOFF, Der Psalter Egberts v. Karls d. Gr. (ebd. 1928), S. 53·
Trier (Trier 1901), S. 51; über ein späteres 37 c. 32, a. a. 0., S. 514-6, für die Darstellung
Beispiel von etwa 1ooo s. P. E. ScHRAMM, der >altkatholischen< Kirchenverfassung be-
Die deutschen Kaiser und Könige in Bildern nutzt von R. SoHM, Das altkatholische Kir-
ihrer Zeit, 751-1152 (Leipzig 1928, Das chenrecht und das Dekret Gradans (Mün-
Bildnis l), S. 98,195; s. jetzt: Denkmale der chen und Leipzig 1918), S. 6pf.
deutschen Könige u. Kaiser, I, hrsg. von

9 Schramm, Aufsätze x
A 5· Der >Traktat über romanisch-fränkisches Ämterwesen<

aber da der größte Teil der von ihm gebrachten lateinischen und griechischen Be-
zeichnungen bei Isidor in Buch IX Kap. 3 beisammensteht, ist diese Abhängigkeit
doch sehr wahrscheinlich38 • Jedenfalls ist klar, daß WALAHFRID gleichfalls aus der
etymologisch-glossatorischen Tradition entstammt, aber es ist bemerkenswert, wie
selbständig er mit ihr schaltet. Das, was er bei Isidor gefunden oder auf irgendeine
andere Weise in Erfahrung gebracht hat, ist bei ihm zu einer ganz eigenen Leistung
vereinigt, die in ihrer konstruktiven Art, ihrer Verschmelzung von Vergangenern
und Gegenwärtigem und vor allem in ihrer Gegenüberstellung von Weltlichem und
Geistlichem echt mittelalterlich genannt werden darf. Was sie durch ihre Anlage und
das Hineinziehen antiquarischen Wissens an historischem Quellenwert einbüßt,
steigert ihre Bedeutung als ein Dokument für die Tatsache, daß man von neuem
beginnt, das Problem des >Staates< und seines Aufbaus spekulativ und deskriptiv zu
ergreifen.
W ALAHFRID STRABO bringt zuletzt die alten, aber von ihm mit sicherer Hand zu-
sammengefaßten und genau ausgeführten V ergleiehe des Staates sowie der christ-
lichen Gemeinschaft mit dem Organismus des menschlichen Körpers. Er schließt mit
den W orten39 : Ceterum ex utriusque ordinis confunctione et dilectione una domus Dei con-
struitur, unum corpus Christi efjicitur membris cunctis officiorum suorum fructus mutuae
utilitati conferentibus4o.

d) Die ältere undjüngere Liste der rijmischen Pfalzrichter


(9. oder IO. Jahrhundert und I. Hälfte des II. Jahrhunderts)

Der zweite und dritte Text müssen zusammen behandelt werden, da sie ein gemein-
sames Thema haben: sie behandeln die Namen und Kompetenzen der sieben römi-
schen Pfalzrichter ( Iudices de clero, i. ordinarii, i. sacri palatii Lateranensis, i. palatini}, die
im frühen Mittelalter als päpstliche Beamte die römische Verwaltung in Händen
hatten41 • Durch den noch eine Erklärung fordernden Umstand, daß diese .Ämter zum

38 Ein Teil der Amter steht auch im Traktat, HIRSCHFELD, Über das Gerichtswesen der
dessen Reihenfolge jedoch eine wesentlich Stadt Rom vom 8.-12. Jahrhundert (Diss.
andere ist. Berlin 1912, auch: Arch. f. Urkundenforsch.
39 A. a. 0., S. 516, S. r6 ff. IV); R. L. PooLE, Lectures on the history of
40 Die S. I So-98 meines Aufsatzes folgen in Bd. the papal chancery (Cambridge 1915) p.
III s. I ff. r8oss.; dadurch ist überholt S. KELLER, Die
41 Vgl. über sie L. HALPHEN, Etudes sur l'ad- sieben römischen Pfalzrichter im byz. Zeit-
ministration de Rome au m. a. (Paris 1907, alter (Stuttgart 1904, Kirchenrecht!. Abh.
Bibi. de l'ecole des hautes etudes r66) p. H. 12) und ders., in: Zeitschr. f. Kirchen-
nff., Sr ff.; H. BRESSLAU, Handb. d. Ur- recht 3· Folge, IX-X, 19oo-r, vgl. dazu
kundenlehre I" (Leipzig 1912; Neudruck: BRESSLAU a. a. 0., S. 200 Anm. 2.
Berlin 1958), S. zooff. Vergleiche ferner TH.
Die beiden Listen der Pfalzrichter (S. 179-180, 198-199)

Kaiser in Beziehung gesetzt werden, kommt den Aufzeichnungen eine Bedeutung


zu, die weit über die Stadt Rom hinausgreift.
Beide Listen, die mehrfach gedruckt und oft für die stadtrömische und päpstliche
Verwaltungsgeschichte herangezogen worden sind, hat man mangels fester Anhalts-
punkte - dazu noch durch eine falsche V erknüpfung der Listen mit der Otto III. zu-
geschriebenen >Graphia aureae urbis Romae<42 irregeleitet- gleichfall5 in die Zeit dieses
Kaisers gesetzt, da dessen Reformabsichten die mit der Wirklichkeit nicht verein-
baren Nachrichten der Listen noch am ehesten zu erklären schienen. Im folgenden
wird sich zeigen, daß die eine Liste, die sog. >Notitia<, mit der Überschrift >Quot sunt
genera iudicum< um etwa ro8 5 durch Zusätze entstellt wurde und daß ihr Kern wohl
erst in nachottonischer Zeit verfaßt ist. Sie soll deshalb als >jüngere Richterliste< be-
zeichnet und an vorletzter Stelle behandelt werden. Aber auch die andere Liste ist
falsch datiert.
Daß diese, hier >ältere Richterliste<43 genannte Aufzeichnung zu spät angesetzt ist,
ergibt sich einfach daraus, daß eine der schon für den Abdruck der Mon. Germ. Hist.
benutzten Handschriften, ein Codex der Laurentiana (L), bereits aus den Jahren
962-67 stammt.
In dieser Datierung stimmen die verschiedenen Forscher, die sich mit L befaßt haben, überein44 ,
so daß an ihr kaum mehr gerüttelt werden kann. Die Beurteilung der älteren Liste muß sich nun
noch weiter dadurch verschieben, daß eine mit L ungefähr gleichzeitige Abschrift bisher übersehen
worden ist. Sie findet sich in einer von Rechtshistorikern viel behandelten Institutionen-Handschrift
der Bamberger Bibliothek (Bg), die allem Anschein nach von einem der Ottonen nach Deutschland
gebracht wurde und dann durch Heinrich II. an die Bamberger Kirche gelangte. Das bedeutet für die
Liste, daß man auch am kaiserlichen Hof von ihr Kenntnis gehabt haben mag. Hier ist Bg deshalb
wichtig, weil die Liste an dieser Stelle in der ältesten Fassung bewahrt ist, die allein den Aufschluß
über die bei der Aufzeichnung maßgebenden Absichten bietet. Außerdem ist die Liste noch in der
>Graphia aureae urbis Romae< (um 1030) und im >Liber polypticus< des Benedikt (um n4o) erhalten,
aus dem sie wieder die >Gesta pauperis scholaris< des Albinus (um n88) und der >Liber censuum< des
Cencius (n92) übernommen haben. Bei Benedikt ist die Liste mit den vermutlich von ihm selbst auf
Grund älterer Aufzeichnungen verfaßten >Mirabilia urbis Romae< kombiniert worden. Mit diesen
wurde sie dann im 13. Jahrhundert in das Italienische übersetzt<•.

42 Über diese Schrift s. Bd. III. voraus, also: Otto I. und Otto II., auf die
43 Über sie SCHNEIDER, Romgedanke im MA. allein dies zutrifft). R. ELZE erhebt gegen
a. a. 0. S. 172 (die ältere Lit. S. 267), der die vier meiner Argumente für die Datierung
Liste für kaum älter als das 10. Jahrhundert Einwände, läßt aber ein fünftes gelten: »So
hält und in der Fassung des Benedikt die muß dahingestellt bleiben, ob die Liste 867/
bessere Überlieferung sehen will. 77 oder um 962 verfaßt ist« (S. p).
Maßgeblich jetzt R. ELZE, Das >sacrum Pa- 44 Aufgezählt im Erstabdruck S. 200, Annr. 4·
latium Lateranense<, in: S~di Gregoriani 45 Im folgenden ist der- die gesamte Überliefe-
IV, Rom 1952 S. 29ff. (In einem Gebet der rung berücksichtigende - Abdruck der
Florentiner Handschrift wird gebetet für >Älteren Richterliste< (S. 199-204) wegge-
Otto I. und seinen Sohn als rex; die Bam- lassen.
berger Handschrift setzt zwei imperatores

9*
A 5· Der >Traktat über romanisch-fränkisches Amterwesen<

Auf die Datierung dieses merkwürdigen Textes, die im groben schon durch die
erste urkundliche Erwähnung des Protoscriniars (861)46 und das Alter der Hand-
schriften (zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts) gegeben ist, führt uns sein Schluß, der
in der Überlieferung von Schicht zu Schicht umgestaltet und entstellt worden ist.

In der ursprünglichen, allein sinnvollen Fassung steht der Protoscriniar als der zuletzt eingesetzte
Beamte noch an letzter Stelle, also hinter dem Bibliothekar, der ihm im Laufe der Überlieferung
seinen Platz hat einräumen müssen47 • Das spricht schon dafür, daß wir uns an die obere Grenze der
eben festgelegten Zeitspanne zu halten haben; die Aufführung des Bibliothekars unter den sieben
Iudices gibt die Gewißheit, denn tatsächlich hat dieser nie dem Kollegium der Richter angehört48 •
Die Liste kann also nur einen ganz vorübergehenden, für uns nicht mehr feststellbaren Zustand im
Auge haben, oder sie verttitt bloß eine Tendenz, den Bibliothekar unter die Iudices einzureihen. Wir
können nun nicht nur wahrscheinlich machen, daß diese Tendenz wirklich einmal bestanden hat,
sondern für die gleiche Zeit auch nachweisen, daß man in ihr den Bibliothekar tatsächlich mit einem
byzantinischen Beamten vergleichen durfte, der debet renuntiare omnem scriptionem ad imperatorem.
Das Bibliothekarsamt haben seit 829 nur Bischöfe innegehabt, während kaum einer der ludices,
unter denen ein Laie noch im 10. Jahrhundert nachgewiesen werden kann 49, diese Würde erreichte.
Eine Ausnahme unter den bischöflichen Bibliothekaren bildet der bekannte Anastasius Bibliothe-
carius (gest. nach Mai 877) 50 • Achten wir nun auf den Vergleich, wonach aller Schriftverkehr durch
die Hände des Logotheten und des Referendarius, d. h. also des mit ihnen gleichgestellten Bibliothe-
kars gehen soll. Die Entwicklung dieses Amtes zu einer so umfassenden Bedeutung trat erst nach der
Mitte des 10. Jahrhunderts5' , also nach dem hier in Betracht kommenden Zeitraum ein. Vorher er-
scheinen die Bibliothekare wohl auch schon als Datare, aber doch nicht in der späteren, führenden
Stellung. Hier bildet wiederum Anastasius die einzige Ausnahme, da er ja einen hervorragenden An-
teil an dem Briefwechsel des Papstes Nikolaus I. und seines Nachfolgers gehabt hat52 •
Besonders auffällig ist, daß Anastasius selbst sein Bibliothekaramt in einer Note zu seiner Über-
setzung der Akten des VIII. Konzils53 in Parallele zu der byzantinischen Würde des Chartophylax,
eines Beamten des Patriarchen in Konstantinopel54, gestellt hat, den er als chartarum custos interpretiert.
Wie die Liste, die den Referendarius des Patriarchen neben dem kaiserlichen Logotheten als Ver-
gleich zum Bibliothekar heranzieht, von jenem sagt: debet renuntiare omnem scriptionem ad imperalorem,
so heißt es hier u. a. vom Chartophylax: nu!lius episto!a patriarchae 111issa recipitur .. . , nisi iste hunc

46 Vgl. BRESSLAU, Handbuch der Urkunden- 49 Ebd. S. 206.


lehre a. a. 0. I", S. zo6, Anm. I. 50 Über ihn s. E. PERELS, Papst Nikolaus I. und
4 7 In Y sind die beiden letzten Sätze wegge- Anast. Bibi. (Berlin 1920).
fallen, außerdem ist in Z der Protoscriniar, 5I BRESSLAU a, a. 0., S. 212,
dessen griechische Bezeichnung durch eine 52 V gl. den umfangreichen Nachweis bei
einfache Etymologie ersetzt ist, vor den PERELS a. a. 0.
Bibliothekar gerückt. Der mit ihm ver- 53 Zu Actio II (Migne, Patrol. lat. 12.9 Sp. 47f.
glichene Referendar erscheint hier durch Anm. b); vgl. dazu G. LAEHR in: Neues
Mißverständnis als ein neunter Beamter. (Y Archiv 47 (192.8), S. 427.
und Z sind von mir erschlossene Zwischen- 54 ComNus Curop. : de officialibus pal. Cpol. ed.
glieder des Hss.-Stammes; s. den Erstab- J. BEKKER (Bonn 1839) p. 12.6ff.; A. ScHRö-
druck S. 199f.). DER, Entwickl. d. Archidiakonats bis zum
V gl. zum Folgenden die Einwände von R. 11. Jahrhundert (Diss. München 1890), S.
ELZE. noff.
48 Über ihn vgl. BRESSLAU a. a. 0., S. 2II ff.
Die >ältere Richterliste< (S. 205-207)

approbet . . . Dazu weiß Anastasius noch von weiteren Rechten seines byzantinischen Kollegen zu
berichten, der neben geistlichen Befugnissen die Ankommenden beim Patriarchen einführt, sie den
kirchlichen Versammlungen vorstellt und die kirchlichen Beförderungen überwacht. Da sein Kom-
mentar zu den Akten des achten Konzils sonst nicht überreich ist, ersieht man daraus sein besonderes
Interesse an den mancherlei Rechten des ihm entsprechenden byzantinischen Beamten und wohl auch
den Wunsch, diese reichen Befugnisse für sich selbst zu erlangen. Hier wie in der Liste wird man dem-
nach auf dieselbe Tendenz gestoßen: Nur in der Zeit des Anastasius kann ein Interesse bestanden
haben, den Bibliothekar zu den sieben Richtern zu zählen und deshalb den jüngsten der Sieben an
eine achte Stelle zu schieben.

Diese Argumente führen dazu, die Abfassung der Liste in die Zeit des Anastasius
Bibliothecarius zu setzen, der wahrscheinlich zu Anfang des Jahres 86z nach be-
wegtem Vorleben und einer schnell gescheiterten Usurpation des päpstlichen Stuhles
wieder in den Dienst der Kurie trat, von Hadrian II. 867 zum Bibliothekar erhoben
wurde und im Mai 877 zuletzt genannt wird55 • Ob wir die Liste in eine persönliche
Beziehung zu ihm rücken dürfen, muß natürlich dahingestellt bleiben. Bei seinem
Ehrgeiz, den er bei seiner Papstkandidatur zeigte, ist es nicht unwahrscheinlich, daß
er- da ihm der Kardinalstitel seiner Kirche Santa Maria in Trastevere vorenthalten
blieb56 und er auch nicht den üblichen Bischofsrang der Bibliothekare besaß - sich
durch die Einordnung in das Kollegium der sieben Iudices de clero zu entschädigen
versucht hat. Außerdem setzt die Liste wegen ihrer mehr oder minder richtigen
Kenntnis von byzantinischen Beamten einen Verfasser voraus, der in diesen Dingen
. Bescheid wußte. Viele Männer dieser Art gab es damals kaum in Rom, wo ja die
Kenntnis des Griechischen nur spärlich verbreitet war. Der beste Kenner des Griechi-
schen und durch seine Gesandtschaften nach Konstantinopel auch der beste Kenner
der byzantinischen Verhältnisse war aber wiederum Anastasius. Jedenfalls wird man
das Recht haben, die Entstehung der >älteren Richterliste< in den Umkreis des Ana-
stasius Bibliothecarius zurückzuverlegen (es besteht andererseits - wie R. ELZE
dargelegt hat - die Möglichkeit, die Liste um 962 anzusetzen).

Auf die weitere Frage, warum denn in der Liste trotz der acht Beamten an der Siebenzahl so streng
festgehalten wurde, die ja in ihrer Überschrift ausdrücklich genannt wird, antworten wir mit der Be-
gründung, die ein Römer- allerdings nicht Johannes Diaconus gen. Hymmonides, der Freund des
Anastasius und Biograph Gregors des Großen, wie man früher meinte - für die sieben Osteraltäre in
Rom gegeben hat67 : »Üb unsere Vorfahren es im Geiste der siebenförmigen Gnade zu tun bestimm-
ten oder deswegen, weil bei uns die geistliche Mannschaft in sieben Regionen ... zusammengefaßt
ist ... , oder weil die Sieben eine mystische und geheiligte Zahl ist - da ja der ganze Erdkreis, der in
seinen vier Teilen von der Schrift oft beschrieben wird, seinen Glauben auf die Trinität baut und
durch die Verbindung der Dreizahl mit der Vierzahl die Siebenzahl zum Ausdruck bringt, die gleich-

55 PERELS a. a. Ü., bes. S. 215, 231, 239· MABILLON, Museum Italicum I 2, Paris 1687,
56 Ebd. s. z1 3. p. 74); vgl. M. MANITIUS, Gesch. der lat. Lit.
57 Epist. ad Senarium . . . de variis ritibus ad des MA.s I, (München I 9 II ; Neudruck:
baptismum pertinentibus etc. cap. XI (]. ebd. 1959) S. 694.
1 34 A 5· Der >Traktat über romanisch-fränkisches Amterwesen<

samunter jenen geheiligten Geheimnissen das Bild der ganzen Welt darstellt-, oder aber ob irgendein
anderer Grund bei der Einrichtung (dieser Altäre) maßgebend war, das ist mir wahrlich unbekannt.«
Ebenso wird auch kein bestimmter Grund ausschlaggebend gewesen sein, daß man sich bei dem
Richterkolleg an die Siebenzahl klammerte. Sie war eben eine heilige Zahl5 8 , auf die man in den ge-
offenbarten Texten, aber auch in der Struktur der Welt immer wieder stieß. Was Wunder, daß man
dann auch die menschlichen Einrichtungen durch diese Zahl bestimmt sein ließ und dadurch die
eigenen Schöpfungen in Proportion zu denen Gottes brachte. So hat man es in Rom während des
9· Jahrhunderts, aber auch noch viel später59 gehandhabt, so ist man auch außerhalb Roms vorgegangen.
Man muß sich dabei vor Augen halten, daß für die mittelalterliche Philosophie die Zahl die größte
Bedeutung hat, und daß - um mit Isidor zu reden - alles zugrunde geht, wenn man die Zahl aus den
Dingen nimmt.

Um nun den Wert der Liste für die Römische Verwaltungsgeschichte und die bei
ihrer Abfassung maßgebende Absicht feststellen zu können, ist eine Nachprüfung
des Vergleichs der Iudices de clero mit byzantinischen Beamten, der in den jüngeren
Handschriften schon ganz entstellt ist, auf die Richtigkeit und sachlichen Gehalt hin
nötig.

In den beiden Handschriften des ro. Jahrhunderts ist bei sechs Amtern der Vergleich mit den an-
geblich entsprechenden byzantinischen Würden durchgeführt. Der dem Primicerius60 gleichgestellte
Papias (o nanlac; rov p,ey6).ov naÄarlov) und der dem Secundicerius gleichgestellte Deuteros (o ßev-
reeoc; rov p,ey6.Äov naÄarlov) standen sich in der byzantinischen Beamtenhierarchie ganz nahe, so daß
der erste Vergleich den zweiten bedingte; sie gehörten zu den &d )..6yov ernannten, nicht mit einer
Amtsinsignie, dem ßeaßeiov, beliehenen Eunuchen61 • In der Angabe, daß sie beim Kaiser >honorabi-
les< sein sollen, ist möglicherweise versucht, die Bezeichnung oluetau6c; wiederzugeben, womit ge-
genüber dem weiteren Begriff ßaatÄtu6c; der persönliche Dienst beim Kaiser ausgedrückt wird62 • Daß
beide ständig im Palast quartiert gewesen sind, stimmt ebenfalls63 • Auch entspricht es den byzantini-
schen Verhältnissen, daß der Papias die Schlüssel des ganzen Palastes verwahrte, für dessen Ordnung
und Sicherheit er zu sorgen hatte64 • Daß der Deuteros für die Krone und die kaiserliche Festgewan-
dung verpflichtet war, ist gleichfalls richtig6 5 • Von dem mit dem Nomenculator verglichenen Quae-

58 Vgl. darüber 0. WEINREICH, Triskaidekadi- folgenden außerdem J. EBERSOLT, Melanges


sche Studien (Gießen 1916, Religionsge- d'hist. et d' arch. byzantines (Paris r 9 I7,
schichtliche Versuche und Vorarbeiten XVI, Extrait de la Revue de l'Hist. des Religions
r), S. 95 f., weitere Lit. zur Siebenzahl S. 96, LXXVI).
Anm.3. 6r BuRY a. a. 0. p. r26s.
59 J. ScHNACK, Richard v. Cluny (Berlin 1921, 62 Ebd. p. 12os.
Histor. Studien q6), S. ro2ff. 63 ]. J. RErsKE im Kommentar zu Const.
6o Iletp,tui}ewc; als byzant. Titels. J. B. BuRY, Porphyr. Libri de cerimoniis aulae byzantinae
The imperial administrative system in the (Bonn 1829f.) II p. 3rf.; vgl. auch Theoph.
ninth century (The British Acad., Suppt. Cont. III c. 43 (Bonn 1838 p. 144).
Papers I, London 19II, S. 122f.), dessen 64 BuRY a. a. 0. p. 126.
Feststellungen auf dem von ihm neu edierten 65 Ebd. p. 127.- Die Form depteros usw. der
Kletorologion des Philotheos, einer aus der Hss. wird durch die byzant. Aussprache des
zweiten Hälfte des 9· Jahrhunderts stammen- >v< bedingt sein; vgl. auch die Formen logo-
den und demnach der Richterliste ungefähr thetis und proto a sicritis (i statt rJ !).
gleichzeitigen Amterliste, beruhen. V gl. zum
Die angeführten Richter (S. 208-211) 135

stor (6 -xvaün:we), der nach der Liste für Witwen, Waisen und Fremdenhäuser sorgen soll, wird, was in
Konstantinopel tatsächlich seine Richtigkeit hatte66, ausgesagt, daß vor ihm über die Testamente ver-
handelt werden soll. Auch hatte der Quaester die Aufsicht über Hinterlassene und Minderjährige,
für die er Vormünder bestellte und die Vermögensverwaltung beaufsichtigte67 • Ungenau ist dagegen
die ihm zugeschriebene Kompetenz über die Fremdenhäuser, deren Aufsicht einem anderen Ressort
unterstand68 • Anlaß zum Vergleich wird hier die Aufgabe des römischen Nomenculators, für Bitt-
steller und Hilfsbedürftige zu sorgen, geliefert haben69 • Der nun folgende Primus defensor wird -
was auf der Hand liegen mußte - neben den Protekdikos (Ilew-r:e-x&-xor;) gestellt, der angeblich mit
seinen Untergebenen den Thron, sobald der Kaiser in der Kirche weilt, verteidigen soll. Darin
steckt der richtige Kern, daß die byzantinischen Defensores nur noch kirchliche Beamte waren70 •
Daß ihnen dann eine verteidigende Tätigkeit zugeschrieben wird, ist eine etymologische Konstruk-
tion, welche den ursprünglich weltlichen und gar nicht auf den Kaiser zugeschnittenen Charakter des
Amtes völlig verkannte. Für den Protoscriniar hat der Verfasser einen Vergleich in dem Proto a
secretis (6 7l(!W7:oal1'Y)'X(!f}7:'Y)r;) gefunden, der für die den kaiserlieben Schreiben beigesetzten Siegel sor-
gen soll. Dieser Beamte war der Chef der >a secretis<, welche seit der Mitte des 6. Jahrhunderts als
kaiserliche Sekretäre die Referendarü ersetzten71 • Die Funktionen des Proto a secretis sind im ein-
zelnen nicht ganz klar, doch scheint er mit dem Aufsetzen der kaiserlichen Urkunden, der xevaoßovÄ-
Äa, beschäftigt gewesen zu sein, so daß er auch die Bullierung gehabt haben kann.
Komplizierter hat sich der Verfasser den Vergleich beim Bibliotlrekar gemacht, den er gleich mit
zwei byzantinischen Beamten in eine Reihe stellt, nämlich mit dem Logotlreten (6 ÄoyofJh'Y)!,; -r:ov
fle6pov) 72 und dem Referendar (6 (!BqJB(!8'1Jflaew~,;) 78 , von denen der erste kaiserliche, der zweite seit

66 Ebd. p. 73SS. 13of.; HErsENBERG a. a. 0. S. 52; DucANGE,


67 Ebd. p. 73 ss. Gloss. Graec. I (Lugd. r688) p. 300-2; G.
68 Ebd. p. 94, ror, 104 betr. xaeTOvÄaewr; -r:ov SCHLUMBERGER, Sigillographie de J'empire
aa-xeÄÄ{ov und peya~,; -xovea-r:we. Byz. (Paris I 884) p. 392 s., 492 s.
69 BRESSLAU a. a. 0., S. 205. Aus W. ScHÖN- 71 BuRY a. a. 0. p. 97ss.; E. STEIN, Untersuch.
FELD, Die Xenodochien in Italien und Frank- über das Officium der Prätorianerpräfektur
reich im frühen Mittelalter in: Zeitschr. f. (Wien 1922), S. 48ff.
Rechtsgesch., Kan. Abt. XII, 1922, S. IIff. 72 BuRY a. a. 0. p. 91 ss.; E. STEIN, Studien zur
geht nicht viel über die Beamten hervor, die Gesch. des byz. Reiches (Stuttgart 1919), S.
in Rom für die Fremdenhäuser zuständig 144ff.; DERS., Untersuch. zur spätbyzant.Ver-
waren (vgl. S. r3f., 21, 50). An der letzten fass. u. Verwaltungsgesch. in: Mitt. zur
Stelle ist aus dem J. 598 für sie der Titel osman. Gesch. II (1923-5), S. 34ff. Der Auf-
amministrator nachgewiesen, der später mit satz von A. SEMENOV, Über Ursprung und
dem des Nomenculators zu den bei BRESSLAU Amt des Logotlreten in Byzanz in: Byzant.
a.a. 0., S. 204,Anm. 4aufgezählten,durchdie Zeitschr. XIX, 1910, S. 44o-9 ist unbefriedi-
Lesarten der älteren Richterliste noch zu er- gend; G. MrLLET, L'origine du logothete
weiternden Formen wie amminiculator u. ä. general in: Melanges d'hist. du m. a. offerts a
verschmolzen wird. Über die Annahme der M. Ferd. Lot (Paris 1925) p. 5ooss. behandelt
Bittschriften durch den Nomenculator s. den einen andern Logotheten. Die ungedruckte
Römischen Ordo bei MAB1LLON und bei H. Münchener Diss. von A. MüLLER über das
GRISAR, Analeeta Romana I (Rom 1899), Amt des L. ist mir nur durch das Urteil von
S. 2 I 8; über die gleiche, aber spätere Ein- F. DÖLGER, Beitr. z. Gesch. der byzant.
richtung in Byzanz s. A. HErSENBERG in: Finanzverwaltung (Leipzig 1927; Byzant.
Münchener Sitz.-Ber. Phil.-Hist. Kl. 1920 Archiv IX), S. 10 Anm. 2 bekannt.
Nr. ro, S. 6of. 73 STEIN a. a. 0. S. 51, wonach die kais. R.
70 REISKE a. a. 0. p. 133f.; Codinus a. a. 0. p. zwischen 552-5 beseitigt wurden; auch J. B.
A 5· Der >Traktat über romanisch-fränkisches Ämterwesen<

dem 6. Jahrhundert nur noch patriarchaler Beamter war. Der Logothet war einer der wichtigsten
Würdenträger, der die Korrespondenz mit fremden Mächten und den Empfang ihrer Gesandten zu
leiten hatte. Die Angabe der Liste, wonach er dem Kaiser den ganzen Schriftverkehr vorlegt, ent-
hält also einen richtigen Kern. Die Anziehung eines patriarchalen Beamten dagegen, die bei einem
Vergleich von päpstlichen Würdenträgem natürlich am nächsten lag und hier wohl auch sachlich be-
rechtigt war, ist uns schon beim Primus defensor begegnet.
Die jüngeren Handschriften bringen auch für den Arcarius, bei dem in den beiden alten Codices
o
trotzdes auehirnByzantinischen Reich vorkommendenArcarius ( dexaewc;) 74 kein Vergleich gezogen,
sondern nur die von ihm in Rom tatsächlich geleitete Finanzverw:altung angeführt wird75, durch eine
schiefe etymologische Deutung eine Ausfüllung dieser Lücke und dann noch durch den Zusatz >de
provinciis< eine antikisierende Erklärung, die nicht zu den historischen Rechtsverhältnissen paßt.
Auch für den Saccellarius ist kein entsprechender byzantinischer Beamter angeführt, obwohl die
Nennung des byzantinischen Saccellarius (o aaxeÄÄd(!toc;)76 sehr nahe hätte liegen müssen. Vielleicht
hielt der Autor die Gleichstellung für so selbstverständlich, daß er sie nicht besonders erwähnte.
Dem Saccellar wird die Fürsorge für die Nonnenklöster sowie die Einführung der Würdenträger vor
dem Herrscher an Festtagen zugeschrieben. Bei der ersten Pflicht könnte an den gleichfalls nach dem
Sakellion, dem kaiserlichen Schatz, genannten byzantinischen Beamten für die staatlich unterstützten
o
Wohltätigkeitsanstalten, den Toii aaxeÄÄlov (sc. 1:. a. XaeTovÄd(!tac;) gedacht sein77 • Aber weder ihm
noch dem byzantinischen Saccellarius stand die Einführung bei Hofe zu78 • Da ja kein Vergleich ge-
zogen wird, ist an dieser Stelle vermutlich an die für uns nicht ganz klaren römischen Verhältnisse ge-
dacht; denn dort hatte ja der Saccellarius zusammen mit dem Nomenculator die Aufgabe, bei den
Prozessionen des Papstes auf die Bittsteller einzugehen79 •

Wenn man berücksichtigt, daß durch die Titelgleichheit bei Saccellar und Arcarius
besondere Verhältnisse vorliegen, so zeigt sich in der ursprünglichen Fassung der
Liste ein klar durchgeführtes Prinzip: so wie der Titel: de nominibus septem graduum,
quomodo aput Grecos et Latinos nominantur es in Aussicht stellt, sind für die römischen
Pfalzrichter aus der gleichzeitigen byzantinischen Ämterhierarchie die durch Namen,
Kompetenzen usw. anscheinend entsprechenden Beamten herausgesucht, bei denen
dann - mehr oder minder richtig - ihre Obliegenheiten angegeben sind. In dieser
Aufstellung verrät der Verfasser eine bei einem Römer immerhin überraschende
Kenntnis byzantinischer Institutionen. Wenn man sich über deren Umfang klar ist
und auch die durch falsche Etymologien und V ergleiehe gegebenen Gefahren be-
rücksichtigt, dann findet man in der Liste doch noch Angab~n, die über die Römische
Verwaltungsgeschichte des 9·/ro. Jahrhunderts Aufschluß geben können.

BuRY in: Harvard Studies in Classical Philo- Rechtsgesch. LIV (XLI Rom. Abt.), 1920,
logy XXI, 1910, p. 23~; BRESSLAU a. a. 0. S. 239ff.; ders., Studien z. Gesch. des byzant.
S. 189f., 742 (R. als kais. Beamte); R.ErsKE Reiches (Stuttgart 1919), S. 146f., 184f.;
a. a. 0. p. Gof., II5 (R. als Beamte des BuRY a. a. 0. p. 8os., 84s.
Patriarchen). 77 BuRY a. a. 0. p. 94, 104; R.ErsKE a. a. 0. p.
74 BuRY, System a. a. 0. p. 105. 156,498.
75 BRESSLAU a. a. 0. S. 202. 78 Über die hierfür zuständigen Beamten BuRY
76 E. STEIN, Untersuch. zum Staatsrecht des a. a. 0. p. n8.
Bas-Empire II: Sacellarius in: Zeitschr. f. 79 Vgl. oben Anm. 69.
Deutung der älteren Richterliste (S. 2I I-2 I4)

Solche Vergleiche anzustellen war schon damals beliebt, wie die oben genannte
secularium atque ecclesiasticarum comparatio dignitatum des im Jahre 849 gestorbenen
W ALAHFRID STRAB080 zeigt, aber die viel engere Auswahl der Beamten in der Liste,
das Gezwungene des Vergleiches und der Umstand, daß der römische, eines Ver-
gleichsmannes entbehrende Saccellar auf die Stufe eines kaiserlichen Beamten ge-
hoben scheint, gibt den Hinweis, daß es sich bei der Liste nicht nur um eine beliebige
Spielerei handelt, sondern daß der Liste eine ganz bestimmte Tendenz zugrunde
·liegt.

Wir haben die Erklärung in der Konstantinischen Schenkung, in der der Kaiser
Konstantin dem Papste unter vielem anderen folgendes verleiht: ... clericis diversis
ordinibus eidem sacrosanctae Romanae ecclesiae servientibus illud culmen, singularitatem, poten-
tiam et praecellentiam habere sancimus, cuius amplissimus noster senatus videtur gloria adornari,
id est patricios atque consules ef!ici, nec non et ceteris dignitatibus imperialibus eos promulgantes
decorari ... s1• Im 8. Jahrhundert, als die Fälschung hergestellt wurde, herrschte also
an der römischen Kirche der Ehrgeiz, ihre Beamten als denen des Kaisers an Ehren
nicht nachstehend und die Kurie selbst als mit dem Glanze eines Kaiserhofes ge-
schmückt erscheinen zu lassen. Einem solchen Streben nach Rang und Ansehen mußte
das Andenken des großen Konstantin Vorschub leisten. Dieser Ehrgeiz ist nun, wie
die Liste zeigt, auch im folgenden Jahrhundert lebendig geblieben; denn diese ist
einfach eine Ausführung zu dem kühnen Anspruch der Fälschung, indem sie die
· Hauptstützen des Papstes mit hervortretenden Beamten am Hofe der Nachfolger
Konstantins auf eine Stufe stellt. Manche haben die Aufzählung der verschiedenen
höfischen Rechte in der Kaustantinischen Schenkung als seltsam empfunden. Schon
deren Anordnung in der Urkunde vor den Festlegungen der territorialen Rechte des
Papstes sowie ihre bis ins einzelne gehende Behandlung zeigt jedoch, welchen Wert
man ihnen beigemessen hat. Die Liste ist ein Beweis dafür, daß die römische Kirche
auch in der Folgezeit sehr wohl etwas mit dieser Klasse von Konstantins Verleihungen
anzufangen wußte, und daß nicht erst die >Graphia aureae urbis Romae< (um 1030)
und Gregor VII. in seinem >Dictatus papae< (1075) ihren Wert erkannt haben. 82
Der Zusammenhang der >älteren Richterliste< mit der Konstantinischen Schenkung
wird noch durch den nur in der Handschrift Bg erhaltenen, allerdings beschädigten,
aber in seinem Sinne klaren Schlußsatz deutlich. Nach der Aufzählung heißt es: Quia

So S. oben Anm. 34· bereitet.


SI § IJ, vgl. C. MIRBT, Quellen z. Gesch. des 8z Vgl. zur Graphia Bd. III sowie: Kaiser,
Papsttums (4. Aufl., Tübingen I924), S. III Rom u. Renovario (Lpz. 1929; Neudruck:
und E. EICHMANN, Quellensammlung zur Darmstadt 1957) S. 193ff.; zu Gregor VII.
kirchlichen Rechtsgeschichte I (Paderborn Bd. IV: Sacerdotium u. Regnum im Aus-
1912) S. II5. H. FuHRMANN hat eine kriti- tausch ihrer Vorrechte.
sche Ausgabe für die Mon. Germ. Rist. vor-
A 5. Der >Traktat über romanisch-fränkisches Ämterwesen<

ab imperatore processerint, esse autem hon(ora)bi(les debent)83• Nur die Fälschung


läßt die Würden der römischen Kleriker aus kaiserlicher Verleihung hervorgehen I

Diese Feststellung ist deshalb wichtig, weil es bisher an einem sicheren Nachweis84 aus dem 9·
Jahrhundert für die Verwendung der Kaustantinischen Schenkung in Rom selbst fehlt"•. Wohl war
anzunehmen, daß man sie dort kannte, seitdem man die Pseudoisidorische Dekretalensammlu ng in
Händen hielt. Aber Nikolaus I., der sich zuerst dies Werk zunutze machte, hat sich nie auf die Schen-
kung berufen, so nahe seine Forderungen auch ihrem Geist gekommen sind. Nachdem nun die Be-
nutzung im Umkreis seines einflußreichen Bibliothekars nachgewiesen ist, verstärkt sich die von G.
LAEHR näher ausgeführte Vermutung, daß auch Nikolaus I. das Constitutum Constantini zwar ge-
kannt, aber sich gehütet habe, von ihm Gebrauch zu machen, weil dadurch die von ihm verteidigte
Ableitung der geistlichen Gewalt unmittelbar aus Gott in Gefahr hätte kommen können. (Für R.
ELZE ist das ein Argument für die Datierung der Liste um 962).

Dem Papste Nikolaus ist schon von seinen Zeitgenossen nachgesagt worden, daß
er sich wie ein Kaiser aufgeführt habe. Die Liste läßt erkennen, daß in seiner Beamten-
schaft ähnliche Tendenzen lebendig waren. Nach ihr beruhen die Ämter der römi-
schen Richter auf kaiserlicher Verleihung an den Papst und stehen an Ehre und Rang
nicht hinter den Beamten zurück, die in Konstantinopel die Geschäfte des byzantini-
schen Kaisers besorgten. Es verdient unterstrichen zu werden, daß es Byzanz ist, das
zum Vergleich herangezogen wird. Es zeigt sich darin, daß der Kaiserhof am Bospo-
rus als Bewahrer der altrömischen Tradition noch immer die Maßstäbe liefert, wenn
es sich darum handelt, das wahrhaft Kaiserliche zu bestimmen. So war es ja auch bei
der Konstantirrischen Fälschung gewesen, so ist es auch noch bei der >älteren Richter-
liste<, die nicht auf den fränkischen, sondern auf den byzantinischen Hof blickt.

Diese Orientierung nach Osten fällt um so mehr auf, als sich unter den Nachfolgern
des Papstes Nikolaus I. die ersten Anzeichen einer Rückwendung zur römischen V er-
gangenheit bemerkbar machen. In den folgenden Generationen ist die Stadt Rom
immer mehr auf sich selbst gestellt worden. Als einer der italienischen Kleinstaaten
hatte sie sich unter vielen anderen zu behaupten. An der Erinnerung an die große
Vergangenheit hat man sich damals aufgerichtet, ja wohl auch berauscht. Diese Ver-
knüpfung von Gegenwart und Vergangenheit zeigt sich nun nicht nur in der Be-

83 Ähnlich wird vom Papias gesagt: lpse debet bend H. FuHRMANN, Konst. Schenkung u.
... esse ibi honorabilis aput imperatorem und abendländisches Kaisertum, im Deutschen
vom Deuteros: In palatio honorabilis est. Archiv 22, 1966 S. 63-178 (der S. 66ff. über
84 Die Vermutung eines noch früheren Nach- den Stand der Forschung berichtet und S.
weises bei P. E. ScHRAMM in: Histor. Zeit- 103ff. die Grundlage der Thesen von W.
sehr. CXXXV, 1927, S. 46zf. (Besprechung ÜHNSORGE erschüttert: Das Constitutum
von G. LAEHR, s. Anm. 85). Constantini und s. Entstehung, in seinem
85 Zum folgenden vgl. G. LAEHR, Die Kon- neuen Sammelband: Konstantinopel u. der
stantinische Schenkung (Berlin 1926, Histor. Okzident, Darmstadt 1966 S. 92-162.
Studien 166), S. 14ff., 181ff.; jetzt maßge-
Die Liste als Dokument ihrer Zeit (S. 2I4-217)

nutzung alter Floskeln und Titel, im Nacherzählen sagenhaft ausgestalteter Vor-


geschichte, sondern auch in einer Umwandlung der städtischen Amter, ja zum Teil
sogar in ihrer Neuschaffung nach antikem Muster, von dem man natürlich nur noch
die dürftigste Kunde hatte86 •
In diese Entwicklung ist auch das Kolleg der sieben Pfalzrichter mit hinein-
gezogen worden. Wenn für sie seit dem 10. Jahrhundert die Bezeichnung Iudices
ordinarii auftaucht87 , so wird diese Wandlung dadurch zu erklären sein, daß dieser
Titel sich im Corpus iuris findet und man es nun für notwendig hält, die Pfalzrichter
mit ihrem für alt und >korrekt< gehaltenen Titel zu belegen88 • Diese neue Auffassung
ist bis in die Überlieferung der >älteren Richterliste< hinein zu verfolgen.

Es ist schon erwähnt worden, daß eine Abschrift sogar in den Besitz des kaiserlichen Hofes ge-
langt ist. Ihre Abweichungen vom Urtext berühren den Inhalt noch nicht wesentlich, anders aber
liegen die Verhältnisse schon bei der Fassung, die bereits in der >Graphia<, also um I03o, benutzt ist.
Vielleicht darf man als ihre obere Zeitgtenze die Zeit Ottos III. annehmen, da diese den römischen
Erinnerungen einen neuen und starken Auftrieb gegeben hatte. Denn diese sind es, die - außer ein-
fachen Fehlern aus Unverständnis und mangelnder Sorgfalt- den Urtext in eine neue Form gebracht
haben. Hier ist folgendes zu vermerken: Hinter dem den Zensus einsammelnden Arcarius ist de
provinciis eingeschoben, was für sich allein zeigt, wie der Text nun unter dem Eindruck antiker
Erinnerungen interpretiert wird. Außerdem heißt es jetzt vom Arcarius auf Grund einer solchen
Etymologie, daß er die geheimen Pläne des Kaisers wissen müsse. Durchgehend ist auch der V er-
gleich zwischen römisch-päpstlichen und byzantinisch-kaiserlichen .Beamten, dessen Kenntlich-
machung in der Überschrift nunmehr wegfällt, ins Wanken geraten. Die ursprünglich durchgefühtte
· Scheidung dieser beiden Beamtenkörper ist verwischt, und die päpstlichen Beamten stehen jetzt wie
kaiserliche da- d. h. als ehemalig kaiserliche und nun im Laufe der Jahrhunderte in den Dienst des
Papstes übergegangene Beamte. Der Hinweis auf die Konstantirrische Schenkung ist weggefallen,
aber die Erklärung durch eine besondere Verleihung war ja auch nicht mehr nötig, da die Römer des
I o. und I I. Jahrhunderts nunmehr von der Kontinuität ihrer Verfassungszustände überzeugt waren.

Diese Vorstellungen der Römer über die Herkunft des Richterkollegiums sind bis-
her nur aus Textvarianten erschlossen; daß tatsächlich nicht zu viel in sie hinein-
interpretiert worden ist, zeigt eine stadtrömische Urkunde, der dieselbe Auffassung
zugrunde liegt, und die uns außerdem den V orteil eines festen chronologischen An-
halts bietet, da sie vom 22. November 1034 datiertistB 9 • Hierwird ein Curator genannt:

86 Diese Entwicklung habe ich in meinem nicht in Italien entstandenen Brachylogus


in Anm. 82 zitierten Buch näher ausgeführt. ganz deutlich, der definiert: Qui propriam
87 Nachweise bei L. HALPHEN, Etudes sur iurisdictionem habent, iudices ordinarii di-
l'administration de Rome au m. a. (Paris cuntur; vgl. J. FICKER, Über die Zeit und
I907, Bibi. de l'ecole des hautes etudes I66) den Ort des B. in: Wiener Sitz.-Ber. Phil.-
p. 36 n. 2; damit wird auch zusammenhängen, hist. Kl. LXXIII, I87I, S. 6o3.
daß Benedikt von S. Andrea von iudices 89 L. M. HARTMANN, Eccl. s. Mariae in Via
preordinati im Lateranpalast spricht (Mon. Lata Tabulatium I (I895) Nr. 63 p. SI, auch
Germ. SS. III p. 7I2). zitiert bei BRESSLAU a. a. 0. I, S. 205, Anm. 8.
88 Dieser Anschluß an die Antike ist bei dem ja
A 5· Der >Traktat über romanisch-fränkisches Amterwesen<

auctoritate domni Crescentii d. m. c. nomenclatoris s. apostolicae sedis, qui curam et diligentiam


pupillorum et orfanorum sibi traditam ab imperatoribus legumque datoribus habere dinoscitur.
Man müßte dem Schreiber der Urkunde, einem noch mehrfach nachweisbaren lohannes
scriniarius s. Romanae ecclesiae90 , vorwerfen, daß er sich selbst widersprochen habe, als er
den Nomenkolator in einem Atem als Beamten des apostolischen Stuhls und als vom
Kaiser eingesetzt bezeichnete. Aber die geistige Verwandtschaft mit der >älteren
Richterliste< geht ja bis zu wörtlichen Anklängen; denn in ihr heißt es vom Nomen-
kolator: debet habere curam de viduis et orfanis et omnibus xenodochiis.
Sowie man nun erkannt hat, daß die Liste zu einer vermeintlichen Aufzeichnung
über die altrömischen Vorgänger der sieben Pfalzrichter geworden ist, dann versteht
man auch, daß man an dem durch Mißverständnis zu einem Richter gewordenen
Referendar keinen Anstoß nahm, sondern ihn als angeblichen altrömischen Beamten
weiter mitschleppte - dann versteht man aber auch, warum die Liste im I I. Jahr-
hundert mit der >Graphia<, im I2. Jahrhundert mit den >Mirabilia< verschmolzen wor-
den ist. DerenVerfasser gingen ja darauf aus, die erreichbaren Tatsachen über dieVer-
gangenheit zusammenzustellen, der eine über den römischen Kaiser und seinen Hof,
der andere über die Bauten der Stadt Rom. Was konnte es da für sie geeigneteres geben
als jene Liste, die man nun als ein antiquarisches Dokument wertete und mit be-
sonderem Interesse las, weil man in ihr einen besonderen Beleg für die immer nach-
drücklicher behauptete Kontinuität vom antiken zum mittelalterlichen Rom zu finden
glauben durfte. Man muß sich vor Augen halten, daß sich in der >Graphia< das Bünd-
nis des Römerturns mit dem Kaisertum in der Zeit Ottos III. spiegelt, und daß die
>Mirabilia< die literarische Begleiterscheinung der >Wiedereinsetzung< des römischen
Senats vom Jahre I I44 sind.

In diesem Zusammenhang gehört nun auch die >;ungere Richterliste<, die in der
Literatur auch kurz als >Notitia< zitiert wird 91 • Sie ist mehrfach überliefert: Bonizo
von Sutri (c. 1045-I09o) bringt sie in seinem während der achtziger Jahre des I I.
Jahrh.s zusammengestellten >Liber de vita Christiana<; dann findet sie sich in der
>Descriptio Sanctuarü Lateranensis Ecclesiae<, die vermutlich um II23 abgefaßt und
gegen II6o von Johannes Diaconus unter dem Titel >Liber de ecclesia Lateranensi<
überarbeitet worden ist; als dritter benutzt den Text dann Gottfried von Viterbo in
seinem um I I 90 geschriebenen >Pantheon<. Durch Bonizo ergibt sich die Zeit vor rund
Io8 5 als Datum der Liste in der vorliegenden Form. Sachlich gliedert sie sich in drei
Teile: Anfang und Schluß ordnen dieArten der Richterklassen. Diese beidenAbschnitte
sind als Zusätze Bonizos auszuscheiden; denn in ihnen haben Anschauungen ihren
Niederschlag gefunden, die uns aus seinen Schriften bekannt sind.

90 Vgl. das Register bei HARTMANN a. a. 0. Werk der römischen Rechtsschule von Ra-
91 Über sie ScHNEIDER, Romgedanke, a. a. 0. venna auffassen will.
S. 172. (die ältere Lit. S. 2.67), der sie als
Die >jüngere Richterliste< (S. ZI7-21.7)

Das Mittelstück bildet die >jüngere Richterliste<, die Bonizo fertig vorfand und nur
noch durch einige - sich deutlich abhebende -Zusätze für seine Zwecke zurecht-
stutzte92.
Die erste Frage ist naturgemäß: Stehen ältere und jüngere Richterliste in einem
Abhängigkeitsverhältnis zueinander? Wörtliche Endehnungen fehlen, aber in der
äußerlichen Nachahmung geht die jüngere Aufzeichnung so weit, daß über Primi-
cerius und Secundicerius am ausführlichsten gehandelt wird. Beachten wir dann die
Verschiedenheit der einzelnen Angaben, so können wir den Grund mutmaßen, der
zur Abfassung eines nach Thema und Form gleichen, nach dem Inhalt aber selb-
ständigen Textes führte. Die ältere Liste war zu einem historischen Dokument ge-
worden. Dieses durch einen neuen, der Wirklichkeit Rechnung tragenden Text zu
ersetzen, mußte eine dankbare Aufgabe sein. Als einen solchen werden wir die
>jüngere Richterliste< ansehen dürfen. Ihre inhaltliche Verschiedenheit rührt eben
daher, daß sie sich unausgesprochenermaßen gegen ihre Vorlage wendet. Daß dabei
ein paarmal verwandte Angaben gemacht werden, ist darin begründet, daß beide
Listen dieselbe Institution behandelten.

Die Reihenfolge der fünf letzten Richter ist gegenüber der ersten Liste geändert. Zusa=enge-
halten mit den übrigen Quellenstellen, in denen mehrere Iudice.r de dero aufgezählt werden, spricht
alles für die Richtigkeit von H. BRESSLAUS Annahme98, daß sie unter sich gleichgestellt waren und
daß im einzelnen Lebens- oder Dienstalter die Reihenfolge bestimmt haben wird. Das meiste hat die
Liste über die beiden Hauptrichter, Primicerius und Secundicerius zu sagen, die historisch richtig in
ihrer Bedeutung für das römische Prozessionswesen und - zusa=en mit ihren Kollegen - als
Mitwähler des Papstes gekennzeichnet werden. Der Angabe, daß sie rechts und links den Kaiser um-
geben, mag der Umstand zugrunde liegen, daß sie bei der Krönung dem Kaiser und der Kaiserin zur
Seite gingen"'· Die weitere, an sich mögliche Bemerkung, daß sie vor allen Bischöfen bei größeren
95
Feierlichkeiten die Oktavlektion lesen, kann durch Belege anscheinend nicht gestützt werden • Die
Behauptungen dagegen, daß sie gewissermaßen mit dem Kaiser regieren, der ohne sie nichts Wichti-
ges beschließen könne, daß alle sieben Richter den Kaiser ordinieren, und daß sie nicht nur für die
römische Kirche, sondern auch für das Römische Reich beansprucht werden, sind historisch falsch,
aber uns jetzt wohlverständlich, da wir die Auffassung schon kennen, wonach die Iudices sich als
Nachfolger altrömisch-kaiserlicher Beamten fühlten, die Kompetenzen im Dienste des Kaisers ausge-
übt hatten.

Die in der Liste vertretene Ansicht, daß die Iudices den Kaiser einsetzen, findet

92. Weggelassen sind hier die S. zi8-zz5 mit 94 V gl. den Ordo Cencius II in: Le Liber cen-
einem kritischen Abdruck der Liste und der suum ed. Fahre et Duchesne p. I*. Der Ordo
Analyse der Zusätze Bonizos, dessen »Liber« sta=t zwar erst aus dem Iz. Jahr-
I930 herausgegeben wurde von E. PERELS. hundert, aber wie manches andere wird auch
R. ELZE weist mir außerdem noch ein Pon- diese Angabe auf altem Brauch beruhen;
tifikale des I z. J ahrh.s mit einer Abschrift vgl. jetzt Ordines coronationis imperalis, ed.
der Liste nach: Cod. Troyes (Tresor de la R. ELZE (Mon. Germ., Fontes iuris germ.
Cathedrale) I f. I 2.7 f. antiqui IX, I96o) S. 3 5ff.
93 A. a. 0. I S. zoo, Anm. I. 95 KELLER a. a. 0.
A 5· Der >Traktat über romanisch-fränkisches Amterwesen<

ihren historischen Rückhalt in dem Anspruch der mittelalterlichen Römer, daß sie auch
jetzt noch zur Wahl des Kaisers berechtigt seien. Sie findet sich im I I. Jahrhundert gerade
bei römischen und römisch denkenden Autoren und steht in deutlichem Zusammen-
hang mit klassischen Erinnerungen. Ihr haben auch die Kaiser und unter ihnen be-
sonders Heinrich IV. dadurch Rechnung getragen, daß sie der Mitwirkung der
Römer bei ihrer Krönung gedachten96 • Nach der römischen Auffassung ist der Kaiser
der von römischen Würdenträgern oder vom Senat Erwählte. In dem Krönungs-
bericht beim Josippon, einem der Liste ungefähr gleichzeitigen, in hebräischer Spra-
che vorliegenden Text, heißt es von den >Königen und Räten in Rom<, daß sie den
Kaiser >hier auf Erden krönen< 97 • Im 12. Jahrhundert läßt Petrus Diaconus von Monte
Cassino den Kaiser Lotbar von >consules, praefecti, dictatores, duces et principes <
wählen98 • Daß der Wahlmodus der alten römischen Kaiser, wie ihn sich Petrus
dachte, seine Phantasie bestimmte, erkennt man an anderer Stelle, wo er von Justinian
berichtet, daß er in Rom von Senat und Volk empfangen, auf den kaiserlichen Thron
gesetzt, vom römischen Senat gekrönt und zum Monoetator eingesetzt worden sei 99 •
Diese Auffassung der Kaiserwürde sprachen im Jahre I I49 die Römer selbst in ihrem
Schreiben an König Konrad III. aus. Sie stellten ihm Konstantin und J ustinian als Vor-
bild hin, die >kraft des römischen Senats und Volks< geherrscht hätten100 • Noch
schärfer kommt das in dem Briefe Wezels an Friedrich I. zum Ausdruck, der fragend
ausruft: >Welches Gesetz, welcher Vernunftsgrund hindert Senat und Volk, einen
Kaiser zu wählen?<101• Deshalb konnte Helmold den Römern auch eine Rede an
Friedrich I. in den Mund legen, in der sie hohe Forderungen stellten, >damit dadurch
die Stimmung des Senats zum Wohlwollen gelenkt würde und er ihm (dem Kaiser)
die Ehre des Triumphes gewähre, und damit er, den die Wahl der Fürsten zum Könige
machte, durch Beschluß des Senats schließlich zum Kaiser erhoben würde<102 • Das
sind Ideen, die in der Zeit Ludwigs des Bayern ihre höchste Auswirkung erzielt haben.

96 E. ScHOEN1AN, Die Idee der Volkssouveräni- navit imperatorem.


tät im mittelalterlichen Rom (Frankf. Hist. 97 Vgl. über Josippon Bd. ill.
Forsch. N. F. 2, 1919), bes. S. 44, daß Hein- · 98 Chron. IV c. 87 (Mon. Germ. SS. VII S. 8o5),
rich IV. »außergewöhnlich« stark die römi- dazu E. CAsPAR, Petrus Diaconus und die
sche Beteiligung erwähnt. Er schreibt im Monte Cassineser Fälschungen (Berl. 1909),
Jahre ro81 den Römern, daß er kommen S. 155 Anm. 4· - Über ihn s. auch H.-W
will, ut . . . dignitatem communi omnium KLEW1TZ, P. Diaconus u. . . . Leo von
vestrum assensu et favore a vobis accipiamus Ostia, im Archiv f. Urkundenforsch. XIV
(Cod. Udalr. Nr. 66; PH. }AFFE, Bibi. rer. (1936) s. 414-53·
Germ. V S. 139). Dieselbe Auffassung auch 99 Ebd. S. II4 Anm. 7.
bei deutschen Geschichtsschreibern, z. B. 100 Ono VON FRE1S1NG, Gesta I 29 (Script. rer.
Wipo, Gesta Chuonr. c. 16: a Romanis ad Germ.• 1912, S. 45), vgl. auch li 29 (S. 136),
imperatorem electus (Script. rer. Germ.• S. 101 WIBALD Nr. 404 (Ph. }AFFE, Bibi. rer.
36); Ann. Corbeiens. (MG. SS. III p. 6) über Germ. I S. 542).
Heinrich III.: Papa ... domnum Heinricum 102 I 8o (Script. rer. Germ.• 1937, S. rpf.}.
voto et favore maximo populi Romani coro-
Die >jüngere Richterliste< (S. 227-229) I43

Nachdem die >jüngere Richterliste< nunmehr in die Entwicklung der römischen Theorien hinein-
gestellt ist, fragt es sich, ob sich für sie noch eine genauere Datierung als >vor 1085< feststellen läßt.
Als untere Grenze ist wohl das Jahr 1059 gegeben, in dem die Papstwahl den Kardinälen vorbehalten
wurde. Aber schon durch die Einsetzung der Reformpäpste war die Bedeutung der Pfalzrichter ge-
schmälert worden, so daß noch an die Zeit vor 1046 zu denken sein wird. Andererseits möchte man
auch hier die Zeit Ottos III. mit ihrer starken Wirkung auf die römische Vorstellungswelt als vor-
ausgegangen annehmen. Wir dürfen die Liste daher in die erste Hälfte des II. Jahrhunderts rücken,
also in die Nähe der Rezension Z der älteren Liste, der Urkunde von 1034, der Graphia aureae urbis
Romae und des Krönungsberichts in dem Geschichtswerk des Josippon (R. ELZE grenzt die Ent-
stehungszeit auf die Jahre 1002-32 ein).

Die Geschichte der beiden Richterlisten ist mit dem I I. Jahrhundert nicht ab-
geschlossen. Von der Fortwirkung des älteren Textes ist schon gesprochen worden.
Wenn man die zahlreichen Redaktionen und Abschriften der Mirabilia, die ja auch
in das Italienische übersetzt worden sind, mitrechnet, wird man bis in das I 3. Jahr-
hundert geführt. An dem Umstand, daß in der Übersetzung die letzten Richter weg-
gefallen sind, hat man ein Zeichen, daß diese Angaben immer unverständlicher ge-
worden sind - war doch seit der Konstantinischen Schenkung damals schon ein
halbes Jahrtausend vergangen!
Auch der jüngeren Liste war noch eine Weiterwirkung beschieden. Sie wurde
-wie schon angemerkt worden ist- im Iz. Jahrhundert für die Lateranbeschreibung
sowie für das Pantheon des Gottfried von Viterbo herangezogen. Schon in dieser
Zeit hatten die Kardinäle die Pfalzrichter in ihrer Bedeutung abgelöst1 o3 • Nur von

103 M. BuCHNER, Die Entstehung des trier. Diesen bisher unveröffentlichten Aufsatz
Erzkanzleramtes in: Histor. Jahrb. d. Gör- hat mir der Verfasser noch zu seinen Leb-
resgesellschaft XXXII, 19II, S. 8-15 und: zeiten zugänglich gemacht. Hiernach ist die
Die Entstehung u. Ausbildung d. Kurfür- Umstellung gegenüber den bekannten,
stenfabel in: ebd. XXXIII, 1912, S. 69-71 auch von Martin angegebenen Versen über
hat die auffällige Reihenfolge der Kurfür- die Kurfürsten »sehr einfach zu erklären.
sten in der Chronik des Martin von Trop- Martin war bekanntlich päpstlicher Kaplan
pau (Mon. Germ. SS. XXII S. 466) damit und Poenitentiarius; am päpstlichen Hofe
motivieren wollen, daß dieser die >jüngere aber nahm zu seiner Zeit der Kardinal-
Richterliste< gekannt und wegen des Satzes kämmerer unter allen Beamten in Rang,
>... qui ordinant imperatorem ... < in den Ansehen und Bedeutung den ersten Platz
Iudices Vorläufer der Kurfürsten gesehen ein; so ist es leicht begreiflich, daß der
habe. Deshalb soll er deren Reihenfolge Schriftsteller auch unter den officiales
der Liste angepaßt haben, indem er die imperii den Kämmerer allen anderen voran-
Erzämter mit den Römischen Amtern nach stellte. Abgesehen von dieser Umstellung
der Namensähnlichkeit zur Deckung zu hat Martin die Reihenfolge der Kurfürsten,
bringen suchte. Den umständlichen Erwä- wie sie die Verse geben, beibehalten ... «.
gungen, die diesen Zusammenhang bewei- Damit fällt die These BucHNERS über die
sen sollen, wird der Boden entzogen durch Fortwirkung der >jüngeren Richterliste<
H. BRESSLAU, D. ältesten Zeugnisse für das bis nach Deutschland in sich zusammen.
Erzkanzleramt der Erzbischöfe von Trier.
DA 5· Der >Traktat über romanisch-fränkisches Amterwesen<

ihrer Stellung aus kam den von ihnen verdrängten Beamten des Papstes später noch
Bedeutung zu. In diesem Sinne verwandte sie im r6. Jahrhundert Onofrio Panvinio,
der die schrittweise Einengung der zur Papstwahl Berechtigten schildert und unter
diesen auch die sieben Hauptbeamten der Kirche nennt. Er zählt sie auf und erwähnt
-der zweiten Richterliste folgend- ihre Kompetenzen. Nach ihm sind ihre Ämter
entweder völlig veraltet oder unter anderem Namen in das Kardinalskolleg einge-
schlossen worden1M.

Dalnit haben die Richterlisten ihren den Zeittendenzen entrückten Platz gefunden. Nun stand nur
noch ihr historischer Wert zur Debatte, der mehr oder minder kritisch angesehen wurde, der aber
bis heute nie ganz geleugnet worden ist. PAuL FABRE hat von der seltsamen Liste gesprochen, die
so viel Probleme aufgebe, deren Lösung allein etwas Licht in das Dunkel bringen könne, das über
der römischen Geschichte im Io. und I I. Jahrhundert liegt105• Diese Aufgabe sollte hier weitergeführt
werden. Die Prüfung hat gezeigt, daß die Verwertung der beiden Listen für die römische Verfassungs-
geschichte mit größerer Vorsicht vorzunehmen ist, als vielfach geschehen ist, daß sieb dann aber aus
ihnen einige sichere Fakten ergeben. Ungleich wichtiger sind sie dagegen für die in Rom entwickelten
Theorien, deren Fortbildung durch die verschiedenen Redaktionen und Verwendungen der Listen
illustriert wird.
Die festgestellten Abhängigkeitsverhältnisse mögen der größeren Deutlichkeit wegen noch in
folgendem Schema veranschaulicht werden:

Konstantinische Schenkung (8. Jahrh.),


I
Altere Richterliste (9. Jahrh. zweite Hälfte, nach R. ELZE: um 96z)
A
Benutzer, Jüngere Richterliste (II. Jahrh. erste Hälfte),
I
Bonizo: Lib. de vita christ. (um 1085),
I
Benutzer.

e) Die Kardinalsliste ( I2. Jahrhundert)

Die Richterlisten danken ihr Fortleben über das 12. Jahrhundert hinaus dem Interesse
an den Institutionen, die man mit den alten römischen Kaisern in Zusammenhang
brachte. Die Richter selbst aber traten in ihrer Bedeutung immer mehr zurück, um
langsam einer nach dem andern zu verschwinden. Der Erbe der sieben Richter war
das Kardinalskolleg, dessen Macht durch das Papstwahldekret vom Jahre 1059 fest
verankert worden war, und das seitdem ständig an Bedeutung gewann. Kein Wunder

I04 Der Passus ist gedruckt bei SÄGMÜLLER Geschichtsschreibung der Reformation und
a. a. 0. S. 27 Anm. I; über P. selbst vgl. P. Gegenreformation (Leipzig I9IZ), S. 96ff.
KEHR in: Götting. Nachr. Phil.-hist. Kl. I05 Etude sur Je Liber censuum (Paris I 892,
I90I, S. z und E. MENKE-GLÜCKERT, Die Bibi. des ecoles frans:. 6z) p. I 53 n. I.
Die Kardinalsliste (S. 229-232) 145

daher, daß bald darauf eine Kardinalsliste auftaucht- das den Zeitverhältnissen ent-
sprechende Gegenstück zu den beiden Richterlisten, das ganz wie diese immer wieder
abgeschrieben und in andere Werke übernommen worden ist106 • Ja, es sind auch
Richter- und Kardinalsliste in einem Werk - ungeachtet des historischen Nach-
einanders - zusammengefügt worden. Zuerst begegnet die Kardinalsliste in der
>Descriptio sanctuarü Lateranensis ecclesiae<, die vermutlich um I I 2 3 abgefaßt ist.
Hieraus übernahm sie nicht nur der um II56/63 schreibende Richard von Cluny in
seine Chronik, indem er ihr damit in den nordalpinen Ländern Eingang verschaffte;
auch Johannes Diaconus behielt sie um II 59-65 (?) in seinem >Liber de ecclesia
Lateranensi<, der Neubearbeitung der >Descriptio<, bei, in der die zweite Richterliste
gleichfalls eingefügt ist. Unmittelbar darauf, um II65/7, verfaßte Petrus Mallius für
die St.-Peters-Kirche, die Rivalin des Laterans, im Anschluß an Johanns Buch die-
I I92 noch einmal neu bearbeitete - >Historia basilicae Vaticanae<, in die er die Liste
ebenfalls aufnahm. Diese wanderte - vermutlich aus der Lateranbeschreibung - auch
noch in die um I I 88 verfaßten >Gesta< des Albinus, der außerdem im Zusammenhang
der >Mirabilia< die erste Richterliste brachte, und weiter dann in das Rituale aus der
ersten Hälfte des I 3. Jahrhunderts. Richard von Clunys Liste wurde andererseits
1267 die Quelle für Martin von Troppau, der gleichfalls die Mirabilia mit der älteren
Liste aufnahm. Von ihm gelangte das Kardinalsverzeichnis dann zu Bernhard Gui,
der um I 3 I 7 seine Chronik verfaßte.
Ungeachtet aller Umwandlungen in Stellung, Zahl und Bedeutung der Kardinäle
während der Zwischenzeit folgen die Autoren getreu durch die Jahrhunderte dem
vorgefundenen Texte, indem der eine als Anhänger, der andere als Gegner, der dritte
aus historischem Interesse der Liste der Kardinäle einen Platz einräumt. Das Kardinals-
verzeichnis bildet also gleichsam die Fortsetzung der beiden Richterlisten, die dem
großen Wandel des I I. Jahrhunderts Rechnung trägt, dann aber demselben Schicksal
verfällt: zu veralten, da keiner der Benutzer sich die Mühe macht, den Wortlaut der
Zeit entsprechend zu ändern. So bilden die drei Listen lehrreiche Dokumente aus der
vielfach gewandelten Verfassungsgeschichte Roms und des Papsttums, aber auch
Zeugen für den wechselnden Charakter der Stadt, den byzantinischen, den antikischen,
den päpstlichen.

106 Eingehend behandelt von ScHNACK a. a. 0., der ich mich im folgenden anschließe (vgl. dazu
jetzt ELZE a. a. 0. S. 41 f.).

1o Schramm, Aufsätze I
ABTEILUNG B:
DIE ZEIT KARLS DES GROSSEN
(75 r-8 14)

.•.......•.................•. canemll.!,
unde sit imperii linea, norma, genus.
GOTTFRIED VON VITERBO: Speculum regum
(Mon. Germ., Script. XXII S. 31)

xo*
I

Das Versprechen Pippins und Karls des Großen


für die Römische Kirche (7 54 und 774) *

Ich glaube bereits beim Niederschreiben zu spüren, wie der Jubilar (ULRICH STUTZ)
beim Lesen der Überschrift die Stirne runzelt: >Wieder einmal der so viel umstrittene
Eid von Ponthion, und zu vielen Thesen nun als Festgabe noch eine neue<1 • Ich bitte
ihn - und zugleich auch die anderen Leser -, mir trotzdem zu folgen und sich davon
zu überzeugen, daß ich nicht einfach die bekannten und nun oft genug hin- und her-
gewendeten Zeugnisse - diesmal in meinem Sinne - auslegen will, sondern ver-
suchen werde, ein abseits gelegenes und bisher noch nicht in diesen Zusammenhang
hineingezogenes Zeugnis für die Frage von Ponthion auszuwerten - ein Zeugnis be-
sonderer Art; denn es handelt sich nicht um eine Aussage über das Geschehene, son-
dern um den Wortlaut eines Versprechens, bei dem sich die Frage erhebt, ob und
wieweit in ihm der in Ponthion gewählte Wortlaut festgehalten ist.

a) Die bisherigen Auffassungen

Den Stand der Forschung im vollen Umfang zu kennzeichnen, wäre ein hoffnungs-
loses Bemühen; denn es gibt eine Unzahl von Meinungen, die sich zum Teil schroff
gegenüberstehen, zum Teil nur die Akzente anders setzen2 • Wir begnügen uns des-

* Zuerst in der Zeitschrift für Rechtsgeschichte geschichte< abgedruckt und dabei große Ge-
58, Kanon. Abt. 27, 1938, S. 18o--217 (vgl. duld geübt, da er ein bestimmtes Drucksystem
dazu das Referat von J. GAuDEMET in der von allen Autoren beachtet haben wollte. leb
Revue bist. de droit 1944, S. 93). leb trug den bekam daher manche mahnende, doch im
Inhalt am 22.. IV. 1938 in der Göttingiseben Grunde gütige Postkarte, und als ich ihn in
Akad. der Wiss. vor (vgl. den Kurzbericht in Berlin aufsuchte, empfing er mich mit einem
den Göttingisehen Gelehrten Anzeigen, 200. Wohlwollen, für das ich ihm noch heute dank-
Jahrg. 1938, S. 183). bar bin.
1 Außer diesem Aufsatz widmete ich (neben 2 Vgl. DAHLMANN-WAITZ, 9· Aufl. Nr. 5386.
KARL BRANm) dem noch im Jahre 1938 ver- L. LEVILLAIN, L'avenement de Ia dynastie
storbenen ULRICH STuTZ mein 1939 erschie- Carolingienne et !es origines de I'etat pontifi-
nenes Buch >Der König von Frankreich< als cal, in der Bibi. de l'ecole des chartes 94, 1933,
Zeichen dankbarer Erinnerung. Er hatte näm- S. 2.48 f. behandelt die Ereignisse von Pon-
lich von mir eine Reihe von Aufsätzen in der thion nur ganz kurz, da es ihm vor allem auf
von ihm redigierten >Zeitschrift für Rechts- die Frage ankommt, wie die Ereignisse auf-
B 1. Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für d. Röm. Kirche

halb damit, dem Leser die auseinanderlaufenden Auffassungen BRICH CASPARS 3 und
J OHANNES HALLERS4 in das Gedächtnis zu rufen.
Wir beginnen mit CASPARS Buch über Pippin (I914), in dem er zu HALLERsAufsatz
in der Historischen Zeitschrift (I 9 I 2) Stellung nahm- daß wir nicht den dritten Band
seiner Geschichte des Papsttums• als Grundlage nehmen können, mahnt uns wieder
einmal daran, welchen Verlust durch seinen Tod die Wissenschaft im allgemeinen
und seine Freunde im besonderen erfahren haben.
Im Anschluß an WrLHELM SrcKEL, der einer von WrLHELM MARTENS gewiesenen
Spur gefolgt war, schied BRICH CASPAR scharf zwischen
I. einem Schutzvertrag, der am 7· Jan. 754 in Ponthion die Antwort auf die Kom-

mendation Stephans in den fränkischen Schutz bildete, die Form eines dem Hlg.
Petrus geleisteten Eides hatte, die Worte >iustitia< (im Sinne von Gerechtsame) und
>defensio< enthielt, also Pippin einseitig gegenüber dem Papste band, sowie
2. einem wechselseitigen Bündnis, das den König und den Papst in gleicher Weise

verpflichtete. Wann und wo es innerhalb des Jahres 754 abgeschlossen wurde, wagte
CAsPAR mangels näherer Anhalte nicht zu bestimmen. Für seinen Inhalt nahm er im
Anschluß an seine Vorgänger die Begriffe >voluntas< und >fides< sowie die Formel
>amicis amici, inimicis inimici< in Anspruch, die er auf eine germanische Wurzel
zurückführte. Daraus ergab sich ihm, daß es sich um den Abschluß eines Schutz-
und Trutzbündnisses gehandelt habe.
Pippin hat nach dieser Auslegung zwei Eide geleistet, einen für den Schutzvertrag
und einen für das Bündnis, der Papst dagegen nur einen, nämlich für das Bützdnis.
>Insbesondere<, so meinte CASPAR, »machte der Schutzvertrag von Ponthion Epoche.
Ohne daß die Kurie das autonome Reichsgebiet von der Souveränität des Kaisers

einander folgten (vgl. dazu Histor. Zeitschr. jetzt neugedruckt (mit gleicher Paginierung)
Ip, I935, S. 626). in Rowohlts Deutscher Enzyclopädie Nr.
Nachzutragen sind M. LINTZEL, Der Codex 22I/2. (Vgl. dazu H. v. CAMPENHAUSEN, Zu
Carolinus u. die Motive von Pippins Italien- Hallers Papsttum, in den Theologischen
pol., in der Hist. Zeitschr. I6I, I940 S. 33-41 Blättern I6, 1937 Sp. 2zr-8, der weitere Ge-
(wiederabgedruckt in: Ausgewählte Schrif- genäußerungen verzeichnet). Hallers Darstel-
ten II, Berlin I961 S. I-9) und L. SALTET, La lung beruht auf seinem Aufsatz: Die Karo-
lecture d'un texte et Ia critique contemporaine. linger und das Papsttum, in der Hist. Zeitschr.
Les pretendues promesses de Quierzy (754) Io8, I9I2, S. 38-76. Auf Hallers Aufsatz
et de Rome (774) dans Je »Liber pontificalis«, baute weiter TH. ZwöLFER, Sankt Peter,
im Bulletin de litt. ecch!s. pupl. p. l'Inst. Apostelfürst und Himmelspförtner, Stuttgart
cathol. de Toulouse I940 S. q6-2o6, I94I I929, S. 85ff., bes. I34ff.; auf ihn stützt sich
S.6I-85. dann wieder Haller in seinem Buche.
3 Pippin und die Römische Kirche. Kritische Fragmente erschienen als: Das Papsttum un-
Untersuchungen zum fränkisch-päpstlichen ter fränkischer Herrschaft, in der Zeitschr. für
Bunde im 8. Jahrhundert, Berlin I9I4. Kirchengesch., Dritte Folge 5 (54), I935. S.
4 Das Papsttum, Idee und Wirklichkeit I, Stutt- I 32-264; doch fehlen hier die uns angehenden
gart und Berlin 1934, S. 39I ff. mit S. 507f., Abschnitte.
Die bisherigen Auffassungen (S. 181-183) 151

löste, schuf sie ihm doch gleichzeitig in dem fränkischen Schutzpatron noch einen
zweiten Oberherrn«6 •
JoHANNES HALLER hat seine Auffassung in seinem >Papsttum< noch einmal dar-
gelegt und dabei seinerseits zu CASPAR Stellung genommen. Er liest aus den Zeugnis-
sen nicht zwei Eide Pippins und einen Bündniseid des Papstes, sondern zwei reziproke
Handlungen heraus, die sich in Ponthion unmittelbar aneinander schlossen:
z. die auch von CASPAR angenommene Kommendation des Papstes in den fränki-
schen Königsschutz, für die HALLER als Parallele auf die heutige Vormundschaft ver-
weist, sowie
z. einen von Pippin dem Hlg. Petrus geleisteten Vasalleneid, der gleichfalls den
fränkischen Rechtsformen entsprach und ihn zum Gefolgsmann des Apostelfürsten
machte.
»Ein doppelter Vertrag also wurde in Ponthion am 7· Januar 754 geschlossen, in
dem gegenseitige Rechte und Pflichten einander entsprachen: Pippin als Mann des
heiligen Petrus in dessen Schutz und ihm verpflichtet, die Kirche als Eigentum des
Apostels dem Schutz des Königs anvertraut und seinerVormundschaftunterworfen-
das war der Inhalt des >Bündnisses gegenseitiger Liebe<, wie es im gesalbten Stil der
päpstlichen Kanzlei fortan hieß«7 • Vorausgesetzt ist dabei, daß Pippin ein Mensch
war, >der durchaus primitiv in allen Dingen, auch in Religion und Politik, empfand<8 ;
hell hebt sich davon die - allerdings skrupellose und selbst das Religiöse geschickt als
Mittel ausspielende - Überlegenheit der päpstlichen Politik ab.
CASPAR hat dieser Einschätzung der beiden Vertragspartner nicht widersprochen,
hat sie allerdings eingeschränkt. Nach seiner Meinung ist Pippin der politisch Unter-
legene, der die Absichten des Gegners nicht durchschaut, der in der Defensive ver-
harrt und seinen Vorteil durch zurückhaltende Vorsicht wahrt9 •
Im übrigen aber weichen beide Forscher - wie HALLER selbst in seiner neueren
Darstellung unterstrichen hat - weit auseinander. HALLER hat eine Auseinander-
setzung im einzelnen mit dem Hinweis abgelehnt, daß der der Wahrheit am nächsten
komme, dem »es gelingt, das Bild der Dinge im Zusammenhang glaubhaft und an-
schaulich zu zeichnen«10 • Gerade hierin scheint mir allerdings eine Schwäche seiner
These zu liegen. Es ist hier nicht der Ort, das Bild, das HALLER von der religiösen
und kirchenpolitischen Lage des 8. Jahrhunderts entwirft, unter die Lupe zu nehmen;
wir halten uns hier nur an seinen Bericht, wie der Papst den König überrumpelt,
indem er ihn unter Benutzung einer fränkischen Rechtsinstitution zu seinem Schutz

6 A. a. 0. S. 181. S. 499 ff. kam dagegen auf der von CASPAR ge-
7 s. 393f. legten Grundlage zu der Überzeugung, daß
8 s. 40j. man den König nun »als ganz ausgezeichneten
9 S. zoz-8. P. RAssow, Pippin und Stephanll., Politiker« erkenne.
in der Zeitschr. für Kirchengesch. 36, 1916, 10 A. a. 0. S. 507f.
B I. Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für d. Röm. Kirche

verpflichtet, wie der König dann, schnell gefaßt, die Kommendarion nicht nur an-
nimmt, sondern nun seinerseits ein Vasallenverhältnis gegenüber dem Hlg. Petrus
daraufsetzt - alles das ist von vornherein im Rahmen der Zeit und zumal der äußeren
Umstände verblüffend. Zwar nicht im Handumdrehen, wohl aber im Handreichen
soll, ohne daß eine Beratung erkennbar ist, ein so verschachteltes, gleich dreiseitiges
Rechtsverhältnis zwischen Papst, König und Apostelfürsten, das den Stellvertreter
Petri einerseits unter, andererseits über den König rückte, geschaffen sein?11 Glaub-
haft und anschaulich ist dies Bild sicherlich nicht. Nur wenn es Strich für Strich durch
Zeugnisse belegt werden kann, dürfen wir es hinnehmen. Wie aber steht es damit?
Auf die Kommendationstheorie, die auf W. GUNDLACH zurückgeht, brauchen wir
nicht mehr im einzelnen einzugehen. Alle Quellenstellen, die für sie angeführt worden
sind oder angeführt werden könnten, hat K. HELDMANN kritisch gemustert und ist
dabei zu dem Ergebnis gekommen, daß sie nicht in diesem Sinne gedeutet werden
können: wo >commendare< und entsprechende Verben benutzt werden, geschieht es
im untechnischen Sinne12 • Von anderen Gelehrten sind gleichfalls Einwände gemacht
worden; im Jahre 1933 hat sieH. MrTTEIS erneuert13 • Er legt den Nachdruck darauf,
daß der bei einer Kommendarion unentbehrliche Treueid des Papstes fehlt und auch
nicht von einem Einlegen seiner Hände in die des Königs die Rede ist. Der Papst
bittet dringend um Hilfe und läßt sich, um sein Werben so sinnfällig wie nur möglich
zu machen, mit flehend erhobener Hand zu Boden gleiten; Pippin ergreift sie und
hebt ihn auf- das sollte nach Stephans Worten das Zeichen der Hilfsbereitschaft sein
und ist als solches von Pippin gewährt worden. Zwei allgemein geübte Gesten, durch
die ein politischer Vorgang in die Sphäre des Moralischen gehoben wurde, nicht
Teilakte eines Rechtsvorgangs, dessen übrige Vorgänge die Geschichtsschreiber fest-
zuhalten unterließen-wer mehr zu gewahren glaubt, dem fällt dieLast des Beweisens
zu; da er sich mit den bisher bekannten Zeugnissen nicht führen läßt, müßte er also
schon einen noch nicht beachteten Beleg ans Licht ziehen! Und damit ist nicht zu
rechnen.
Wir wenden uns den übrigen Akten zu, die in Ponthion vollzogen sein sollen: Wenn
zwei Forscher, die gerade in der Interpretation geschichtlicher Zeugnisse als Meister
anerkannt sind, nach einer Erörterung von Jahrzehnten zu so verschiedenen Ergeb-
nissen kommen, dann muß es an der Dürftigkeit und Unbestimmtheit der zur Ver-

Ir Ablehnend auch Cl. FRHR. v. ScHWERIN in Mitt. d. Österr. Inst. f. Geschichtsforsch. 38,
seiner Neubearbeitung von H. BRUNNER, 1920, s. 541-70.
Deutsche Rechtsgesch. II, 2. Aufl., München 13 Lehnrecht und Staatsgewalt, Weimar 1933,
undLpz. 1928, (Neudruck: 1958) S. u8Anm. S. 75 ff. (S. 77 Anm. 2II weitere ablehnende
15: »Daß der Schutzherr seinerseits >Mann< Stimmen). W. FRITZE (s. Anh. I) hat außer-
des Schützlings wird, ist eine contradictio in dem nachgewiesen, daß es sich bei der Schil-
adiecto«. derung dieser Szene zum Teil um biblische
r 2 Kommendation und Königsschutz, in den Wendungen handelt.
Die Promissio im Kaiserordo I (S. r83-r86)

fügung stehenden Zeugnisse liegen. Es hätte also keinen Sinn, sie noch einmal hin
und her zu wenden, um für oder gegen den einen der beiden oder womöglich gegen
alle zwei Stellung zu nehmen.

b) Die Promissio im Kaiserordo I

Es muß ein neuer Ausgangspunkt gesucht werden. Da drängt sich die Frage auf: Hat
denn die Kurie, die selbst aus dieser frühen Zeit so vieles treu bewahrt hat, den Eid
bzw. die EidePippins, die doch alles andere an Wichtigkeit übertrafen, weniger sorg-
fältig aufgehoben?
Wir erfahren zufällig, daß dies die ersten vier Menschenalter lang jedenfalls noch
der Fall war. Denn als Papst Johann VIII. sich 878 im Frankenreich einfand, um nach
dem Tode Karls des Kahlen die Hilfe des Sohnes, Ludwigs II. des Stammlers, zu
gewinnen, da brachte er auf der Synode von Troyes vor der fränkischen Geistlichkeit
die Verpflichtungen des 8. Jahrhunderts vor, um zu beweisen, daß auch der nun-
mehrige Träger der Krone ihm beistehen müsse: »Deinde promissio regum lecta
est, et sacramenta, quae Pippinus et Carolus obtulerunt b. Petro apostolo, lecta
sunt«14 -das Wort promissio, das (wie sich noch ergeben wird) korrekter ist als >Eid<,
wird von uns nunmehr bevorzugt werden.
Die angeführten Worte sind verschieden ausgelegt worden: E. CASPAR bezog
'}sacramenta< auf die Eide15, C. RoDENBERG auf die Schenkungen Pippins und Karls16 •
Hat CASPAR Recht, so handelte es sich um Formeln des 8. Jahrhunderts, und es erhebt
sich die Frage, ob der Papst wirklich zwei Formeln verlesen ließ oder ob man ein-
fach annahm, daß Vater und Sohn sich derselben Formel nacheinander bedient hätten.
In dem anderen Fall bezeichnete >sacramenta< die Pakten Pippins und Karls; >promis-
sio regum< ist dann auf jene allgemein gefaßte Zusage zu beziehen, deren Rechts-
natur so umstritten ist17 - da von Königen und nicht von Kaisern gesprochen wird,
muß man auch hier des Glaubens gewesen sein, ein altes Dokument in der Hand zu
halten.
Wie dem auch sei - zur Zeit J ohanns VIII. kannte die Kurie noch die alten Schen-
kungen und Zusagen. Wir müssen uns also umblicken, ob wir in dem mit diesem
Papst zusammenhängenden Schrifttum nicht die Formel einer >promissio< bzw. eines
>sacramentum< finden. Wir brauchen nicht lange zu suchen; denn der Eid im ältesten
der Ordines für die Kaiserkrönung I (früher >B< bzw. >Cencius I<) gehört- wie eine
frühere und von unseren nunmehrigen Feststellungen ganz unabhängige Unter-

14 Acta conc. Trecen. cap. 4 (J. D. MANS1, 16 Pippin, Karlmann und Papst Stephan II.
Conciliorum collectio q, Venedig 1772, S. (Histor. Studien 152), Berlin 1923, S. 33
347)· Anm. 20.

15 A. a. 0. S. 19. 17 Dies stellt sich unten als das Richtige heraus.


154 B r. Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für d. Röm. Kirche

suchung ergab18 - in die Jahre um oder kurz vor 88o--9o. Dieser dem Ordo voran-
gehende Eid lautet:
In nomine Christi promitto, spondeo atque polliceor ego N. imperator coram Deo et beato
Petro apostolo, me protectorem ac defensorem esse huius sanctae Romanae ecclesiae in omnibus
utilitatibus, in quantum divino fultus fuero adiutorio, secundum scire meum ac posse.
EnuARD ErcHMANN hat schon einmal bemerkt, daß es sich wohl um die Formel
Pippins handel& 9 • Aber wir wollen uns von schnellen Schlüssen zurückhalten und
erst einmal feststellen: aus der zweiten Hälfte des 9· Jahrhunderts kann der Eid nicht
stammen. Denn wir kennen den Eidstil dieser Jahrzehnte aus mancherlei Belegen und
wissen daher, daß so einfache und knappe Formeln in dieser Zeit nicht mehr als
ausreichend angesehen wurden: die allgemeine Rechtsunsicherheit der Epoche hatte
dazu geführt, die Eide mit mancherlei Sicherungen gegen ihren Bruch zu behängen
und möglichst viele Einwände gegen die Erfüllung von vornherein auszuschließen.
Diese Erscheinung ist so augenfällig, daß die in den Capitularia vereinigten Belege
gar nicht im einzelnen vorgeführt zu werden brauchen2o.
Also ist dem Kaiserordo eine ältere Promissio einverleibt worden. Diese Annahme
liegt ja von vornherein nahe; denn der Redaktor arbeitete nicht nach eigenem Gut-
dünken, sondern hielt sich auch bei den übrigen Teilen an das Herkommen: bei den
sachlichen Angaben an den ältesten Papstordo und bei den Gebeten an die Sakra-
mentare21.
Bevor wir uns an den V ersuch machen, das Alter der Promissio aus inneren Grün-
den zu erschließen, müssen wir erst einmal feststellen, daß sie in doppelter Weise mit
Schriftstücken zusammenhängt, die kurz vor und kurz nach der Kaiserkrönung
Karls des Kahlen (875) entstanden sind22 •

I 8 Die Ordines der mittelalterlichen Kaiser- Aufsatz.


krönung, im Arch. f. Untersuchungsforsch. 21 Kenntlich gemacht in dem angeführten
XI. I93o,S. 354 (ebd. S.37I f. einAbdruck des Druck.
Ordo). Maßgebend ist jetzt die Edition von 22 Zu beachten ist, daß zwei Gebete des Ordo I
R. ELZE: Die Ordines für die Weihe und sich auch in dem Ordo finden, der mit einem
Krönung des Kaisers u. der Kaiserin, Hanno- von Johann VIII. bei der Krönung Ludwigs
ver 1960 (Mon. Germ., Fontes iuris Germ. II. gesprochenen Gebet abschließt. Diese
Antiqui IX) S. 2f., nach dessen Untersu- bildete den Ausklang der Synode von Troyes,
chungen dieser Ordo - wohl in Mainz - vor und es ist zu vermuten, daß damals auch die
960 entstand (S. X f., ebd. S. I). In bezugauf mit diesem Gebet verbundenen Formeln be-
den Eid hat sich R. ELZE meiner Auffassung nutzt wurden. Vgl. P. E. ScHRAMM, Die
angeschlossen, daß es sich um die 875 be- Krönung bei den Westfranken und Angel-
nutzte Formel handelt (S. XXXII). sachsen von 878 bis um woo, in der Zeitschr.
19 Die römischen Eide der deutschen Könige, f. Rechtsgesch. 54, 1934 Kan. Abt. 23 S. 192
in der Zeitschr. f. Kirchengesch. 37, I916 bis I95, dazu S. I24ff. (wiederabgedruckt in
Kan. Abt. 6 S. 15 2. Bd. II).
20 Näheres in meinem gleich zu nennenden
Analyse der Prornissio (S. 186-189) I 55

Diese Krönung wurde auf Grund einer >Wahl< durch den Papst und die Römer
vollzogen, die im Februar 876 zu Pavia durch das Vollwort der lombardischen
Großen bekräftigt wurde. In dem Schriftstück über diesen Vorgang heißt es: »nos
unanimiter vos protectorem, dominum ac defensorem omnium nostrum eligimus«23,
und diese Worte wiederholt kurz darauf das entsprechende Schriftstück der fränki-
schen Geistlichkeit: »elegerunt sibi protectorem ac defensorem esse«24 • Hier kehren
die Kernworte der Promissio wieder : »protectorem ac defensorem«, die - wie wir
im Anhang 3 a sehen werden- in dieser Zeit ganz ungewöhnlich sind.
Andererseits ist eine entsprechende Abhängigkeit des Ordo von der westfränki-
schen Rechtssprache dieser Zeit festzustellen bei der Schlußwendung: »secundum
scire meum ac passe«. Die folgende Zusammenstellung läßt ihre Geschichte
deutlich erkennenl!ö:

S. Bonifaz 716-7 (s. unten S. 158, früher S. 192.): »in quantum vires subpeditent«.
Eine Vermischung mit der in der Prornissio vorausgehenden Formel: >in quantum- adiutorio<
findet sich in den Petitiones et promissiones monachorum (Mon. Germ., Formulae S. 568ff.),
die zu Anfang des 9· Jahrhunderts nachgewiesen, aber wohl älter sind: (Nr. 33 = Mon. Germ., Epp.
IV S. 514 (hier Ende des 8. Jahrhunderts), Nr. 2.9: »in quantum mihi ipse Deus dederit adiutorium
... et in quo possum«, Nr. 2.8: »in quantum vires nostrae suppetuntet Dominus dederit nobis adiuto-
rium ... in quantum possumus«.
Untertaneneid von 8oz (Mon. Germ., Capit.IS.1o1): »in quantum mihi Deus intelleeturn dederit«
bzw. »in quantum ego scio et intelligo«; dazu Kapitular von 8oz § 3 (ebd. S. 92): »secundum intellec-
tum et vires suas« (im Eid von 789 fehlt noch eine entsprechende Wendung, ebd. S. 63).
Eid der Römer von 82.4 (ebd. S. 32.4): »iuxta bzw. secundum vires et intelleeturn meum« (zweimal).
Straßburger Eide von 842 (ebd. II S. 172.): »in quant Deus savir et podir me dunat« (entsprechend
in der deutschen Formel).

23 Mon. Germ. Capit. II, S. 99 (so ist der Text Ders., The Concept of Royal Power in Caro-
richtig zu stellen). lingian Oaths of Fidelity, ebd. 20, 1945
24 Ebd. S. 348. Ich fasse mich hier kurz, da ich S. 2. 79-89; dazu sein Buch: Vassi and Fideles
auf diese Akte der Jahre 875-6 und ihre in the Carolingian Empire, Harvard Univ.
rechtliche Bedeutung in der Buchausgabe Press 1945 (Harvard Hist. Monographs
meines >Königs von Frankreich< näher zu XIX; 166 S.).
sprechen komme (Weimar 1939, Neudruck Über Amtseide vgl. jetzt R. ScHEYHING,
Darmstadt 196o, S. 62ff.). Eide, Amtsgewalt und Bannleihe. Eine Unter-
2 5 Auf die Eidsprache dieser Zeit, allerdings suchung zur Bannleihe im hohen und späten
nicht im einzelnen auf die angeführte Wen- Ma., Köln-Graz 196o (Forsch. z. deutschen
dung, gingen ein A. DuMAS, Le serment de Rechtsgesch. II). S. auch REINHARn ScHNEI-
fidelite du I<r au IX< siede, in der Revue DER, Brüdergemeine und Schwurfreund-
histor. de droit franc;ais et etranger 4e Serie IO, schaft. Der Auflösungsprozeß des Karlinger-
1931 bes. S. 304-21 sowie MITTElS a. a. 0. S. reiches im Spiegel der caritas-Terminologie in
53ff. Weitere Lit. s. unten Anm. II5. den Verträgen der karlingischen Teilkönige
V gl. ferner E. ÜDEGAARD, Carolingian Oaths des 9· Jahrhs., Lübeck-Hamburg 1964
of Fidelity, in: Speculum 16, 1941 S. 284-96; (Eherings Histor. Studien 388).
B 1. Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für d. Röm. Kirche

Nithard, Historiarum lib. IV cap. r, (SS. rer. Germ., 3· ed. E. MüLLER. Hannover 1907 S. 40):
»in quantum nasse ac passe Deus illis concederet«.
Synode von Beauvais 845 (Cap. II S. 387): »iuxta quod sciri poterit et Deus vobis passe dederit«;
vgl. Eid König Odos von 888 (ebd. S. 376).
Eid der Missi von 8 54 (ebd. S. 278): »secundum meum savirum«.
Adnuntiatio Lotharii von 857 (ebd. S. 294): »quantum Deus mihi scire et passe donaverit«.
Eide von Quierzy 858 (ebd. S. 296): »quantum sciero et potuero, ... quantum Deus rnihi intellec-
tum et possibilitatem donaverit (so die Fideles); quantum sciero et rationabiliter potuero«, dann wie
die Fideles der König, danach die Bischofs- und Laieneide von 872 (ebd. S. 342).
Libellus proclamationis Karls d. Kahlen von 862, verfaßt von Hinkmar von Reims: »quantum mihi
Dominus scire et passe donaverit« (ebd. S. r6r Z. 37).
Kapitular von Pitres 869 (ebd. S. 333 § 3; vgl. zu 858): »quantum sciero et iuste ac rationabiliter
potuero«; wiederholt, jedoch in die Pluralform übersetzt, im Kapitular von Quierzy 877 (ebd. S. 362;
auch: »secundum suum scire et passe«), danach Eid Karlmanns von 882 (ebd. S. 370, ohne: >suum<).
Eid Karls des Kahlen in Metz 869 (ebd. S. 339): »iuxta meum scire et passe.«
Professio des Bischofs Adalbert von Terouane von 870 (?) für Hinkmar von Reims als Metro-
politen (Harduini Acta conciliorum V, Paris 1714 S. 1445; zum Datum H. ScHRÖRS, Hinkmar Erz-
bischof von Reims, Freiburg i. B. r 884 S. 567 Anm. 42): »pro scire et passe.«
872 S, ZU 858.
Treueid von Ponthion 876 (Cap. II S. 348): »quantumcumque plus et melius sciero et potuero«;
Gegenvorschlag Hinkmars von Reims (Migne, Patr. lat. 125 S. II27): »secundum meum scire et
posse« 26 •
Bischofseid von 877 (Capit. I S. 365): »secundum meum scire et passe et meum ministerium«.
877 s. zu 869; 882 s. zu 869.
Eid König Odos von 888 (ebd. S. 376): »prout scire et passe rnihi Deus racionabiliter dederit
et tempus dictaverit«; vgl. oben zu 845.

Die Entwicklung der Wendung verläuft nicht gradlinig, da ältere Vorlagen von
neuem zu Rate gezogen werden; aber es ist doch deutlich zu beobachten, wie herum-
probiert wird, um eine schlüssige Fassung zu gewinnen - einmal, indem man sie
breiter, das andere Mal, indem man sie kürzer gestaltet. Dann wird 869 die scharf-
kantige Form geschliffen: »secundum suum scire et posse«- sie entspricht in ihrer
Knappheit und Begriffsschärfe dem Geiste des damals einflußreichen Hinkmar von
Reims, der sie dann auch 876 forderte, als wieder eine längere Fassung eingeführt
werden sollte. Diese Wendung nun, die vorher noch nicht gefunden war und bald
darauf ver5chwand, schließt auch die >Promissio imperatoris< ab. Die auffallende

26 Hinkmars Worte sind so bezeichnend, daß >Diligis me plus his? (Joh. 21, 15)<, quia
sie im vollen Wortlaut angeführt werden merninit, imminente eius passione, plus sibi
müssen: constantiae tribuisse quam haberet, cautius
»Quod hic scripturn est: >quantocunque plus sua infirrnitate eruditus non respondit:
et melius sciero et potuero<, non convenit >Plus his amo te< sed: >Quia amo te (ib.)<.
Apostolo dicenti: >Non plus sapere, quam Reetins igitur dieturn est: >secundum meum
oportet sapere, sed sapere ad sobrietatem scire et passe< quam: >Quantocunque plus.et
(Rom. 12, 3)<, id est: ad temperantiam. Et melius sciero et potuero<.«
sanctus Petrus interraganti se Domino:
Analyse der Promissio (S. 189-191) I 57

Tatsache läßt sich genau so wie das fast gleichzeitige, aber nur zweimalige Auftauchen
des Ausdrucks »protectorem ac defensorem« in italienischen und fränkischen Auf-
zeichnungen nur so erklären, daß Karl der Kahle diese Promissio bei seiner Kaiser-
krönung im Jahre 875 geleistet hat. Dabei muß dann - natürlich von fränkischer
Seite - die vor kurzem aufgetauchte, eingrenzende Schlußwendung angehängt
worden sein. Gleichzeitig wird man wohl auch, wie wir hinzufügen können, den
Königs- in den Kaisertitel umgeändert haben.

Hier entsteht der Verdacht: ist etwa die ganze Formel erst damals aufgesetzt?
Und hat Johann VIII. ihr dann ein Ansehen verschafft, indem er sie als alt ausgab?
Wir können diesen Gedanken gleich wieder zurückdrängen. Man würde - zumal
ein kritischer Sinn gerade Hinkmar und seine Zeitgenossen in überraschendem Maße
auszeichnete27 - die Leichtgläubigkeit der in Troyes versammelten Geistlichkeit über-
schätzen. Andererseits kann die Promissio nicht erst damals aufgesetzt sein. Auf die
Gründe, die sich aus der Form ergeben, wiesen wir bereits hin, und die Wortge-
schichte wird das noch im einzelnen belegen; hier dürfen wir darauf hinweisen, daß
in der Zeit Karls des Kahlen die Kurie nicht mehr bereit war, den Kaiser als >Protec-
tor< anzuerkennen: gerade Johann VIII., der Nachfolger eines Nikolaus I., dachte
den fränkischen Herrschern eine ganz andere Stellung zu28 •
So schließen sich die Zeugnisse von 875 bzw. 876 und 878 mit den Eigentümlich-
keiten der >Promissio imperatoris< und ihrer Überlieferungsgeschichte zusammen:
. die Kurie besaß noch in der Zeit Johanns VIII. das Königsversprechen des 8. Jahr-
hunderts, und dieses liegt - auf einen Kaiser abgestellt, am Schluß durch eine fränki-
sche Eidklausel erweitert und in dieser Form 875 von Karl dem Kahlen bei seiner
Kaiserkrönung geleistet- im Kaiserordo I (Cencius I) in seinem Wortlaut vor.

c) Vergleich mit einer Eidformel des Win:frid (St. Bonifaz)

Eine zweite Ausschau auf sonstige Zeugnisse ist nötig. Bevor wir nach der geschicht-
lichen Lage suchen, aus der diese Formel hervorgegangen sein kann, müssen wir
fragen, wie sie rechtsgeschichtlich einzuordnen ist. Ein Rückblick in die Zeit der
Merowinger hilft nicht weiter, da keiner der Eide, mit denen deren Verträge be-

2.7 P. RA:ßBOW, Zur Gesch. des urkundlichen Zusagen für die Römische Kirche noch er-
Sinns, in der Hist. Zeitschr. 126, 1922., S. halten; vgl. z. B. den Sicherheitseid Ottos I.
58 ff., bes. S. 68 ff. (Mon. Germ., Const. I S. 21), andererseits
2.8 Näheres im »König von Frankreich« a. a. 0. das Ottonianum von 962., das gegenüber der
S. 37ff. - Das Singular der Formel weist Vorlage die Pluralform herstellt (vgl. bes.
nicht unbedingt auf das 8. Jahrhundert; ebd. S. 2.6 Z. II, woOttoi. sichnebenseinem
denn, wenn es auch dem Plurale maiestatis Sohne im Plural nennt).
durchweg Platz macht, so bleibt es doch bei
BI. Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für d. Röm. Kirche

kräftigt wurden, im Wortlaut vorliegt29, und unter den Parallelen, die man bisher für
den Eid von Ponthion herangezogen hat, Mannschaftseiden u. ä., findet sich keine
auch nur ungefähr entsprechende Formel. Aber wir können eine andere anführen,
die noch dazu den auf jene Auslegungen nicht zutreffenden Vorteil hat, nachweislich
älter als der Eid von Ponthion zu sein. Sie findet sich, wo man sie nicht erwartet,
nämlich in einem Jugendbrief des Hlg. Bonifaz. Er richtete ihn, als er noch Winfrid
hieß, an einen uns nicht näher bekannten Freundnamens Nithard3 o. Es handelt sich
anscheinend um die Jahre 716-717, als der Missionar nach seinem ersten Zug zu den
Friesen den zweiten erwoga1 • In dieser Lage verspricht er seinem Freunde in der Ferne
für den Fall der Wiedervereinigung Freundschaft und Hilfe. Gegenüber dem Haupt-
teil des Briefes, der in jenem dunklen und bilderreichen Stil abgefaßt ist, dessen Vor-
bild Aldhelm bot, ist dieser Schlußsatz klar und knapp gehalten. Man gewinnt den
Eindruck, daß Winfrid sich hier einer ihm geläufigen festen Formel bediente, die für
solche Freundschaftsbünde üblich war. Stellen wir sie dem Eid des Kaiserordo gegen-
über, so ergeben sich im Aufbau und selbst in der Wortwahl auffallende Entsprechun-
gena2:
Winfrid: Promissio regis :
In nomine Christi promitto, spondeo atque
..••. spondeo, polliceor ego N. [ imperator] coranr Deo et
me tibi in his omnibusforefidelem amicum et beato Petro apostolo, me protectorem ac
in studio divinarum scripturarum, in quantum defensorem esse huius sanctae Romanae ecclesiae
vires subpeditent, devotissimum adiutorem. in omnibus utilitatibus, inquantumdivino
fultus fuero adiutorio [ secundum scire meum
ac posse].

Man sieht: nicht nur der Aufbau und der Grundgedanke, sondern selbst einzelne
Worte entsprechen sich. Durch den Parallelfall wird nunmehr vollends gewiß, daß
Winfrid die Worte nicht beliebig wählte, sondern aus der Rechtssprache entnahm.

2.9 Die Verträge der Merowinger hat F. L. (s. unten Anhang I).
GANSHOF untersucht: Les traites des rois 30 Die Briefe des Hl. Bonifatius und Lullus,
Merovingiens, in der Tydschrift voor Rechts- hg. vonM. TANGL, Berlin I9I6 (Mon. Germ.,
geschiedenis = Revue d'hist. du droit 32., Epp. selectae I) S. 6 Nr. 9 = ed. E. DÜMMLER
I964, S. I63-92.: sie wurden schriftlich fest- I892. (Mon. Germ., Epp. III S. 2.5I).
gehalten (S. I8zff.) und durch Eide bekräf- 3I Er spricht im Briefe davon, es sei Gottes
tigt; doch ist über deren Fassung nichts Wille, daß er wieder nach jenen Gegenden
Wesentliches bekannt (S. I87ff.). Über die gelange.
Formel:jidem et &aritatem vgl. S. I68, I84; B. 32 Sperrdruck macht wörtliche Entsprechung
PARADISI, Storia del diritto intemaz. nel kenntlich; spätere Veränderungen bzw. Zu-
medio evo. L'eta di transizione, 2.. Auf!. sätze stehen in Klammern.
Neapel I956, S. I02f. und jetzt W. FRITZE
Vergleich mit der Eidformel Winfrids (7I6/7) (S. I9I-I94) 159

Andererseits ergibt sich für die >Promissio regis<, daß sie eine Abart der im 8. Jahr-
hundert üblichen Freundschaftsversprechen darstellt.
Eine Abart- damit ist bereits angedeutet, daß sich im einzelnen auch bezeichnende
Unterschiede feststellen lassen. Wir gehen sie nacheinander durch; dabei werden sich
einige wichtige Fingerzeige ergeben, die uns später weiterleiten werden. Das all-
gemeine Ergebnis dürfen wir jedoch bereits hier vorwegnehmen: der Vergleich mit
anderen Belegen des 8. Jahrhunderts beweist, daß nicht nur das Grundschema,
sondern auch alle einzelnen Wendungen und Ausdrücke bereits in diesem Jahrhun-
dert nachzuweisen sind. Andererseits finden sich einige, die nach dem 8. Jahrhundert
wieder verschwanden. Die Folgerung aus den geschichtlichen Umständen läßt sich also
auch philologisch sichern: die Promissio des Kaiserordo stammt tatsächlich aus dem
8. Jahrhundert- ja, auf diesem Wege werden wir sogar zu einer noch genaueren
Datierung gelangen.

Aus dem angeführten Grunde müssen wir selbst jene Unterschiede zwischen der
Promissio und Winfrids Formel ins Auge fassen, die sachlich ohne Bedeutung sind:
I. Die Invokation >In Christi nomine< ist bei einem so feierlichen Versprechen
das Naturgemäße. Sie findet sich daher gleichfalls in dem Bischofseid des Liber
diurnus33 und in einem Mönchseid, der am Ende des 8. Jahrhunderts nachgewiesen
werden kann, aber vermutlich noch älter istM.
2.. In diesem Mönchseid findet sich auch die Beteuerung: »coram Deo et sanctis

angelis eius.« In dem Bischofseid heißt es dagegen: »per Patrem et Filium etc. et hoc
sacratissimum corpus tu um.« Warum die >Coram<-Formel gewählt wurde und weshalb
hier Petrus für die Engel eingesetzt ist, wird später zu erörtern sein.
3· Winfrid sagt >fore<, wie es der Lage seines Briefes entspricht; die Promissio und
der Bischofseid haben >esse<. Die Eidsprache des 8. und 9· Jahrhunderts hat dafür
keine feste Regel ausgebildet; im Untertaneneid von 789 heißt es sogar: »fidelis sum
et ero.«36
4· Die Beteuerungsformcl, die den Abschluß bildet, lautet bei Winfrid: »in quan-
tum vires subpeditent«. Wir wissen bereits, wie diese Formel sich bis zum Ende des
9· Jahrhunderts weiter entwickelt hat. In der Promissio ist an dieser Stelle ein anderer
Gedanke ausgedrückt: nicht auf die eigenen Kräfte, sondern auf die Hilfe Gottes
bezieht sich der das Versprechen Ablegende (»in quantum divino fultus fuero adiu-

33 Ed. TH. E. v. SICKEL, Wien I889 Nr. 75 taneneide 8oz, >fore< in dem Versprechen,
S. 79, danach Mon. Germ., Epp. III S. z65 das Lotbar I. 823 neu zugunsten seines
Anm. I zu S. Bonifatii ep. I6: dem gleichlau- Bruders Karl eingeht, >ero< in der Formel,
tenden Eid des Hl. Bonifaz als Bischof. die 854 einer Vereidigung auf den Namen
34 Mon. Germ., Epp. IV S. 514, auch ebd., Karls des Kahlen zu Grunde gelegt werden
Formulae S. 570 (hier vom Anfang des 9• sollte, im Eid von Ponthion 876 und dem
Jahrhunderts). Gegenvorschlag Hinkmars; vgl. die Nach-
35 >Sum< heißt es in der Erneuerung der Unter- weise oben S. I 55 f. (S. I 89).
x6o B I. Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für d. Röm. Kirche

torio«). Wir finden fast die gleichen Worte in zwei klösterlichen Formeln wieder, die
zu Anfang des 9· Jahrhunderts nachgewiesen, aber offenbar älter sind36• Das eine
Mal heißt es: »in quantum mihi ipse Deus dederit adiutorium«; das andere Mal ist
diese Fassung mit der von Winfrid benutzten verbunden: »in quantum vires nostrae
suppetunt et Dominus dederit nobis adiutorium.« In der verkürzten Form »cum Dei
adiutorio« findet sich die Wendung noch gelegentlich in der Eidsprache des 9· Jahr-
hunderts37; aber sie hat doch nunmehr einer Reihe von anderen Formulierungen
Platz gemacht.
5. Die Steigerung von >spondeo< bei Winfrid zu dem Dreiklang >promitto, spondeo
atque polliceor< des Königversprechens paßt zu dem Sprachgebrauch der Papstbriefe
im Codex Carolinus38 ; denn in ihnen begegnen die drei V erben unzählige Male. Einige
bezeichnende Beispiele genügen als Beleg: >pollicentes spopondistis< (S. 534 Z. z6),
>promissione amoris, quam ... polliciti estis< (S. 559 Z. 23f.), >ab eadem ... pro-
missione, quod ... spopondistis< (ebd. Z. z8f.). Daß die drei Verben in völlig glei-
chem Sinn angewandt werden, zeigt ein Brief aus dem Jahre 761 39, in dem es nach-
einander heißt: »polliciti estis, spopondere studuistis, promissa sunt«. Auch die
Reihung bzw. Verknüpfung dieser und anderer Ausdrücke ist ein übliches Mittel
des Kurialstils: »ea ipsa spopondens confirmasti eidemque Dei apostolo ... eandem
offeruisti promissionem (S. 579 Z. 6); peto itaque et deprecor te ... atque ... coniuro
et ... deposco«. Aber es liegt näher, hierfür auf die Urkundensprache mit Formeln
wie >habeant, teneant et possideant< zu verweisen40 •
Es fehlt das Verbum >iuro< oder ein entsprechender Ausdruck, der das Ablegen
eines Schwurs bezeichnet41 • Aber auch in den Papstbriefen beherrschen die Verben
des Versprechens das Feld. Dagegen sagt der Liber pontificalis, daß Pippin >iureiuran-
do< die Bitte des Papstes erfüllt und Karl sich mit Hadrian >per sacramenta< verbunden
habe. Wir stoßen hier auf eine Frage, die nur am Rand unserer Untersuchung liegt,
die jedoch einmal im größeren Zusammenhang behandelt werden müßte: es handelte
sich demnach nur um ein Gelöbnis und nicht um einen Eid. Das überrascht nicht
mehr, nachdem MARCEL DAVID - dem Hinweis im Erstabdruck dieses Aufsatzes
gerrauer nachgehend - geklärt hat, daß es sich auch noch bei den nachfolgenden
Krönungseiden um promissiones handelt; erst im xz. Jahrhundert nehmen sie die
Natur des >iuramentum< an42 • Es bleibt die Frage: Wurden damals schon Gelöbnisse
durch Eidformeln und Schwurformeln noch verstärkt?43 Ich kann darauf hinweisen,

36 Formulae S. 569 Z. 10 und 33· 429ff. Vgl. auch das Ludovicianum 817
37 Cap. II S. 294 und 295: 857. (wohl nach älterer Vorlage): >statuo et con-
38 Eo. W. GUNDLACH in Mon. Germ., Epp. cedo<, im Ottonianum von 962 ersetzt durch:
m s. 469-6 57 . >spondemus et proinittimus<. - Daß die Er-
39 A. a. 0. S. 523· weiterung erst 875 geschah, bleibt denkbar.
40 E. E. STENGEL, Diplomatik der deutschen 41 Z. B. im Eid der Römer von 896 (Mon.
Immunitäts-Privilegien, Innsbruck 1910 S. Germ., Capit. II S. 123).
Vergleich mit der Eidformel Winfrids (7r6/7) (S. 194-197)

daß die Untertanen Karls des Großen, die schwören, geschieden werden von den
Mönchen, die in verbum tantum et in veritate promittant44 - dann wird aber auch wieder
unter dem Lemma De sacramento von denen gesprochen, qui antea ... ftdelitatem non
promiserunf40. Die Begriffe werden also einerseits geschieden, andererseits auch wieder
vermischt. Wir müssen also sprechen von einem dem Papste gernachten Versprechen,
von einer >prornissio<, wie der Kaiserordo sagt, halten aber die Möglichkeit offen,
daß sie beim Ablegen noch eidlich bekräftigt wurde - das geschah, wie wir noch
sehen werden, im Jahre 774 bei der Neuausfertigung des Pakturns und bei einem
zweiten Akt, der uns noch mehr angeht.
6. Deutlicher liegen die Verhältnisse wieder bei der Erweiterung von in omnibus zu
in onmibus utilitatibus. Das zugesetzte Wort ist der fränkischen Rechtssprache nicht
frernd46 , aber bezeichnend ist es vor allem für den kurialen Sprachgebrauch, der sich-
wie ERICH CASPAR bereits nachgewiesen hat47 - seiner seit langem bediente. Im 8.
Jahrhundert wurde es gebraucht wie iustitia =Gerechtsame, soz.B. im Bischofseid:
tibi utilitatibusque ecclesiae tuae. Der Prornissio kommen solche Stellen in den Papst-
briefen nahe wie diese: pro perftcien vdutilitate fautoris vestri beati Petri (Stephan II.,
S. 488 Z. I7, auch Z. 8), pro utilitatibus s. nostrae ecclesiae (Paul I.; S. 549 Z. 27). Später
bediente man sich anderer Ausdrücke. Natürlich ist ein einzelnes Wort ein zu schwa-

42 V gl. im Anhang 2 zu diesem Kapitel über die den Einzelhandlungen der Eidesleistung und
(an diese Ausführungen anschließenden) der Ausfertigung bzw. Überreichung der
Bücher von Marcel David, in denen die Um- Vertragsurkunden zusammengesetzt«) mit
wandlung der königlichen promissio in ein Belegen, die bis in die karolingische Zeit zu-
iuramentum an Hand der Ordines und anderer rückgreifen. Über die Merowinger vgl. die
Zeugnisse in erschöpfender Weise darge- oben S. 15 8 Anrn. 29 angeführte Unter-
stellt ist. suchung von FR. L. GANSHOF. R. HELM,
43 V gl. »sub iureiurando promissionibus« im Untersuchungen über den auswärtigen diplo-
Pakturn von 8 17· Der bekannte Rechtssatz, matischen Verkehr des römischen Reiches
daß der König außer bei seiner Krönung im Zeitalter der Spätantike, ebd. 12, 1932, S.
nicht selbst schwört, hat sich erst im Laufe 393 f. streift die Frage nur. - Auf die Profeß
der Zeit herausgebildet und kommt daher der Mönche, für die Zeugnisse vorliegen, sei
als Erklärung nicht in Betracht. Hinweisen nur am Rande verwiesen.
kann man dagegen darauf, daß Pippin und 44 Mon. Germ., Capit. I S. 66, dazu SIEGEL
der byzantinische Kaiser ihren Freundschafts- (s. Anm. I I 5) S. 55 nach dem Kapitular von
bund auch durch Gelöbnisse sicherten: 8o5 c. ro, daß der Eidschwur ursprünglich
amicitias, quas inter se mutuo promisserant, s. als das stärkere der Bänder betrachtet wurde.
Fredeg. Cont. cap. 40 (Mon. Germ., SS. rer. 45 Ebd. s. 131, ähnlich s. 92 c. 2, s. IOO c. I
Merov. II S. r86). usw.; vgl. auch: »cum iuramento, quale d.
Über zwischenstaatliche Verträge vgl. W. Eugenius papa . . . factum habet per scrip-
HEINEMEYER, Studien zur Diplomatik mittel- turn« im Römereid von 824.
alterlicher Verträge vornehmlich des I 3. 46 Vgl. das Register zu Mon. Germ., Forrnulae
Jahrhunderts, im Arch. f. Urk.forsch. 14, s. 780.
1936 S. p1-413, bes. S. 345 über die un- 47 S. 17 mit Anm. 5; vgl. auch DuMAS a. a. 0.
mittelbare Vertragschließung (»aus den bei- s. 303·

11 Schramm, Aufsätze I
BI. Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für d. Röm. Kirche

eher Anhalt für die Behauptung, daß demnach die Kurie auf die Formulierung der
Promissio Einfluß gehabt haben muß. Aber als Gedanke darf sie einmal aufgeworfen
werden48 • Denn dadurch wird unser Augenmerk für den folgenden Punkt geschärft.
Den wichtigsten Unterschied zwischen Winfrids Formel und der Promissio haben
wir nämlich bis zuletzt zurückgestellt, da wir bei ihm einen Einsatzpunkt für weitere
Schlüsse finden werden:
7· Winfrid, der einen Freundschaftsbund bekräftigt, bekennt, dem Nithard amicum
et . . . devotissimum adiutorem sein zu wollen. Diese Doppelung bleibt der Rechts-
sprache bis in das 9· Jahrhundert eigen, in dem sich noch drei- und vierteilige Formeln
hinzugesellen. Es findet sich auch das in mannigfacher Weise verwandte Wort adiutor,
das u. a. auch von der liturgischen Sprache benutzt wird, als Rechtsausdruck: nach
dem Vertrage von Meersen (8 5I) sollen die Getreuen der Könige sein: fideles et oboe-
dientes ac veri adiutores atque cooperatores49 , nach der Formel von 8 58 haben sie zu schwö-
ren: jide!is vobis adiutor err/> 0 , und ähnlich heißt es 876 im Bischofseid: jide!is et obediens et
adiutor.

d) Wandlungen des Begriffes >Protector<

Der Eid des Ordo weist noch die alte Doppelung auf, benutzt aber zwei andere Aus-
drücke: >me proteetotem ac defensorem esse<. Seit wann werden sie auf das V er-
hältnis des fränkischen Königs zur Römischen Kirche bezogen? Und seit wann
werden sie in dieser Weise miteinander verbunden? Das reiche Material des Codex
Carolinus mit etwa hundert päpstlichen Schreiben aus den Jahren 739 bis 79I erlaubt
uns, eine ganz genaue Antwort zu geben - doch müssen wir den Leser bitten, einen
begriffsgeschichtlichen Exkurs in Kauf zu nehmen.
Wir legen ihm das Wort protector zugrunde; denn die Gruppe >defensor-defensio-
defendere< schillert nicht nur in den Papstbriefen, sondern auch sonst so sehr in einer
bald rechtlichen, bald erbaulichen, einmal konkret gemeinten, dann wieder ganz un-
scharfen Verwendung, so daß sich daraus keine sicheren Schlüsse ergeben- außerdem
wird der fränkische König bereits in der Zeit Chlodwigs non so/um praedicator jidei
catho!icae, sed defensor genannt51 ; die Promissio steht also in einer sehr alten Tradition,

48 W. FRITZE (s. Anh. I) weist auf den ähnlichen im rr. Jahrhundert belegten Ausdruck rector
Bau des Bischofseides (7. Jahrh.) und anderer et defensor vgl. 0.-H. KosT, Das östliche
Formeln aus dem kirchlichen Bereich hin. Niedersachsen im Investiturstreit, Göttingen
49 Cap. II S. 73 § 6. I962, s. 5rf.
50 Ebd. S. 296; vgl. auch S. 368 Z. 25: König 5r Brief des Remigius von Reims (Mon. Germ.,
Boso von Burgund als domni Karoli defensor et Epp. III s. I 14).
adiutor necessarius in der voraufgehenden Zeit Über die päpstliche Auslegung des Dejensio-
bezeichnet. Begriffes vgl. E. EwiG, Zum christl. Königs-
Über den von Alcuin verwandten und noch gedanken, in: Vorträge u. Forsch., hg. vom
Wandlungen des Begriffs >Protector< (S. I97-I99)

wenn sie das Wortdefensor gebrauchJ:52 • Ganz anders liegen die Dinge dagegen bei dem
Ausdruck >protector<.

>Protector< findet sich gegen zwei dutzendmal in der Vulgata, besonders in den Psalmen, die die
Verbindung: »adiutor et protector« lieben. Das Wort spielt daher eine an Bedeutung gewinnende
Rolle in den Gebetsformeln der Römischen und der Fränkischen Kirche:
Sacr. Leonianum58 S. 5, 46, I35: »Protector in te sperantium Deus« dreimal als Gebetsanfang;
S. I44: »dexteram tuae protectionis ostende«; S. 59: »ab omni mortalitatis incursu continuata misera-
tione nos protegas, quia tune defensionem tuam non diffidimus«; S. 73: >qui te protectore confidunt<
usw.usw.
Sacr. Gelasianum54 LVII 3 ( = LX 3): »Romanorum regnum tibi subditum protege principatum«;
ebd. 4: »in tuae protectionis securitate«; ebd. LIX 2 = Leon. S. I44; ebd. 3: »qui tua expectant
protectione defendi«; ebd. 5 = Leon. S. 73; LX 3 s. oben; ebd. 5: »Protege, Domine, famulos tuos«;
LXI 2: »in tua protectione fidentium«; ebd. 7: »Protector noster, aspice, Deus«; LXII I: »Deus,
regnorum omnium et Romanimaxime protector imperü«; ebd. 4: »maiestatis tuae protectione con-
fidens«, usw. usw.
Während für diese beiden Sakramentare mangels eines Wortindex nur Stichproben gegeben werden
können, weist das Wörterverzeichnis, das für das ursprüngliche Sacr. Gregorianum vorliegt55 nach,
daß »protector, protectio, protego« in dieser Sammlung 28mal vorkommen: durchweg bezogen auf
Gott, einen Heiligen usw.
Miss. Gothicum56 Nr. 226: »maiestatis suae protectione«.

Inst. f. geschieht!. Landesforschung in Kon- 3· Serie III, I, I962, S. 48ff. (danach: Rom
stanz, geleitet von TH. MAYER III: Das zw. 628-7I 5).
Königtum, Konstanz I954, S. 47· Dadurch sind überholt A. BAuMSTARK,
52 Belege bei G. TELLENBACH, Röm. u. christl. Missale Romanum, Nijmwegen I929; TH.
Reichsgedanke in der Liturgie des frühen KLAusER, Die liturg. Austauschbeziehungen
MA.s, in den Sitzungsber. der Heidelberger zw. der röm. u. der fränkisch-deutschen
Akad., Phil.-Hist. Kl. 25, I934/5, S. 42; ]. Kirche vom 8. bis zum Ir. Jahrhundert, im
FLECKENSTE1N, Die Bildungsreform KarJs d. Histor. Jahrh. 53, I933, S. I84ff.; weitere
Gr., Prigge-Ruhr I953, S. 67 mit S. II8 Lit. bei TELLENBACH a. a. 0.
(Anm. I48). 55 H. LrnTZMANN, Das Sacramentarium Grego-
Die Geschichte des kirchlichen Defensor- rianum nach dem Aachener Urexemplar,
Amtes behandelte Ono KAMPE, Die >defen- Münster I92I, S. I64; zum Datum VoGEL
sores ecclesiae< der Spätantike in Rom, Diss. a. a. 0. S. 67ff.
Göttingen 1949 (ungedruckt). 56 Missale Gothicum. Das Gallikanische Sakra-
53 Ed. CH. L. FELTOE, Cambridge 1896 und mentar (Cod. Vat. Reg. lat. 317) des 7.-8.
K. MoHLBERG, Rom 1956. Vgl. dazu VoGEL Jahrhunderts. Eingeleitet von C. MeHLBERG
(Anm. 54) S. 3I ff. (Die Benennung istfalsch; (Cod. Iiturg. e Vaticanis praes. delecti I),
der Text liegt vor in einer Hs. vom Anfang Augsburg I929; neue Ausgabe von DEMS.,
des 7· Jahrh.; im Text ist Material aus dem Rom I96I; auch hg. von H. M. BANNISTER
5. oder 6. Jahrh. verarbeitet). 2. Druck, London 1917-I9 (Henry Bradshaw
54 The Gelasian Sacramentary, ed. H. A. W1L- Society Fund 54).
SON, Oxford I894 und K. MoHLBERG, Rom Hinzu kommt noch eine neue These: Nach
I96o. Zur Datierung vgl. C. VOGEL, Intro- K. GAMBER, Il sacramentario di Paolo Dia-
ducdon aux sources de !'bist. du culte chre- cono. La redazione del Gelasiano s. VIII in
tien au moyen äge, in den Studi medievali, Pavia, in: Rivista di storia della Chiesa in

II*
BI. Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für d. Röm. Kirche

Sakramentar von Gellone (77o-78o)67. »(Gott möge dem König sein) in protectione clipeum sem-
pitemum; dum fidellissime christiane fidei Franeorum gentem protegis; protegas eos, ne ab impiis
contaminentur; quia Tu es protector et defensor omnium in te sperantium.«
Sakramentar von Angouleme (um 8oo) 58 Nr. 1857: »Tribue ei, omnip. Deus, ut sit fortissimus
protector patriae et consolator (S. zoo) ecclesiarum atque cenobiorum«; Nr. 2307: »protegente dex-
tera tua«; Nr. 2309: »mitte angulum tuum sanctum protectorem«; Nr. 2316: »sub tua protectione ...
ab omni mortalitatis incursu continuata rniseratione nos protegas (vgl. Sacr. Leon. S. 59) atque ab
hostium forrnitudine defendas«; Nr. 2317 »(reges) sint tuo clipeo protecti cum proceribus«; Nr. 2329
= Sacr. Leon. S. 59·
Entsprechend heißt es in dem Brief eines englischen Bischofs an den Hlg. Bonifaz (nach 737):
>habetis protectorem humanum generis redemptorem ... Jesum Christum 59 <.
Überall ist, wie man sieht, im Sinne der Bibel >protector< auf Gott bezogen oder doch auf Gottes
Engel und seine Heiligen. Aus dieser Reihe springt nur das Sakramentar von Gellone insofern heraus,
als es in die Psalmworte »protector omnium in te sperantium« (Ps. 17, 31), die bereits das Sacr. Leonia-
num aufgegriffen hatte, noch >et defensor< einschiebt, so daß sich die von uns gesuchte Formel (pro-
tectorem ac defensorem) ergibt. Doch ist zu beachten, daß sie hier von Gott und nicht vom König
gebraucht wird. Leider liegt von dieser wichtigen Handschrift, die heute in der Pariser Bibliothek
geborgen ist, noch keine Ausgabe vor, jedoch darf als geklärt angesehen werden, daß sie bereits den
Anfangsjahren Karls des Großen angehört.
Durch diese liturgische Sprache ist auch die der Papstbriefe bestimmt: Gott ist der Proteetor des
Königs60, beweist ihm seine protectio81 ; Pippin ist der »a Deo protectus rex« oder >filius<- eine viel-
fach abgewandelte Formel••, die dem griechischen ffeoq!'vAaxroc; entspricht. Und nicht nur Gott,
sondern auch seine Heiligen sind Schützer, so z. B. der Hl. Chrysogon63, vor allem natürlich S.
Petrus selbst, der als >fautor, nutritor< usw., aber auch als >protector< des Königs bezeichnet wird.
Ein Schritt weiter, und auch die Geistlichen nennen sich gegenüber dem Christenvolk »protectores
in orationibus suis«64 •
Bezeichnend für den religiösen Sonderklang" 5, der >protegere< mit seinen Nebenformen anhaftet,
ist der Brief, in dem 756 Stephan II. in höchster Not den Frankenkönig beschwört: »Ne elonges a

Italia XVI, 196z, S. 412-438 handelt es sich 59 Ed. M. TANGL, I916 (Mon. Germ., Epist.
um das amtliche Missale des Langobarden- sei. I) S. 76 (Nr. 47).
reichs, das Paulus Diaconus in Pavia redi- 6o Z. B. Mon. Germ., Epp. III S. 544 Z. 3I.
gierte und in das Frankenreich mitnahm, wo 6I Z. B. S. 567 Z. r6f.
es vermutlich von Alkuin überarbeitet wurde. 6z Z. B.: »a Deo protecta excellentia, potentia«
57 Cod. Paris lat. 12 048, noch ungedruckt; der usw.
folgende Abschnitt bei G. TELLENBACH, 63 Epp. III s. 5Z9 z. I I.
Römischer und christlicher Reichsgedanke in 64 Mon. Germ., Conc. II, I S. 51 Z. 34s.: Baye-
der Liturgie des frühen Mittela., SB. Beidei- rische Synode von 74o-5o.
berg I934/5 I. Abh. S. 71. Zum Datum D. A. 65 Ich verweise hier nur auf die Widmung der
WILMART in der Revue Benedictine 42, I93o, Collectio Dionysio-Hadriana: Karl wünscht
S. zzz und VoGEL a. a. 0. S. 58, 6I, 66; zur »iustitias almi Petri sui protectoris tueri«;
Verwandtschaft mit dem Sacr. Gelas. saec. angeführt im Liber Pontificalis, ed. L.
VIII vgl. P. DE PUNIET in den Ephemerid. Duchesne I, Paris I886, S. p6. Vgl. auch
Iiturg. 51, I937, S. 38-56. Paulus Diaconus: Gedicht Nr. XLIII v. I9:
58 Ed. P. CAGIN, Le sacramentaire Gelasien sit tibi protector centri regnator et orbis (Mon.
d'Angouleme, ebd. I9I8; dazuVoGEL a. a. 0. Germ., Poet. lat. I S. 76).
s. 58.
Wandlungen des Begriffs >Protector< (S. 199-202)

nobis auxilium ... : sie non elonget Dominus auxilium suum et protectionem a te tuaque gente.« 66
Doch deutet sich der Wandel gerade in diesem Schreiben an; denn an späterer Stelle erklärt der Papst,
daß er dem Könige, seinen Söhnen und den Franken übertragen habe »sanctam Dei ecclesiam et
nostrum Rarnanorum rei publice populum ... protegendum«67 . Wie allgemein dieser Ausdruck hier
noch zu nehmen ist, zeigt der berühmte gleichzeitige Brief, der im Namen S. Petri ausgestellt ist und
die Aufgabe Pippins immer wieder- und zwar ausschließlich- als >defendere< und >liberare< auslegt.
Die Zeit Pauls I., der von 757-67 amtiert, bringt nicht nur den Höhepunkt in der Entwicklung
kurialen Reichtums an Floskeln, Dankeswendungen und Beteuerungen, sondern zeichnet sich auch
durch das Bemühen aus, das Verhältnis der fränkischen Herrscher zur Römischen Kirche sprachlich
deutlicher zu fassen. >Auxiliator et defensor<, >defensor et liberator<, auch >tutor< heißt es gleich am
Anfang seines Pontifikats, in Fortsetzung der Tradition, aber doch durch Prägnanz über sie hinaus-
führend68. Etwa zwei Jahre später schreibt Paul I.- gleichsam als Zusammenfassung der vorbereite-
ten Möglichkeiten-, daß Pippin >defensor ac liberator< der Kirche und dazu >auxiliator et protector<
des Papstes sei. Es ist deutlich, wie hier der Wunsch nach Wandlung des Ausdruckes das Wort
>protector< auf dieselbe Ebene wie >defensor< herabgezogen hat. In einem weiteren Schreiben, das
nur ungefähr, nämlich zwischen 761 und 766, eingeordnet werden kann69, finden wir dann zuerst die
gesuchte Formel: hier bittet der Papst den König, »ut sis nobis post Deum firmus proteetot ac defen-
sor«7o.
Von Papst Konstantin II. (767) liegen nur zwei Schreiben vor, die sich an den unter Paul I. aus-
gebildeten Sprachgebrauch anschließen: Pippin der >defensor<, der >liberator ac defensor< zwecks
>exaltatio< und >defensio< der Kirche, aber auch des orthodoxen Glaubens, ferner zwecks >liberatio<
des römischen Gebietes; vor allem der Papst hat sich übergeben »in vestro solito auxilio et pro-
tectione«71.
Es folgt die Zeit, in der Kar! in die Alleinherrschaft hineinwächst und erst Stephan III. (768-72),
dann Hadrian I. (772-95) gegenübersteht. Der Stil der päpstlichen Schreiben wandelt sich; er wird
, sachlicher und kürzt die bisher üblichen Floskeln und Beteuerungen. Dem entspricht es, daß die
unter Paul I. ausgebildete Terminologie für das Verhältnis des fränkischen Herrschers zur Römischen
Kirche wieder vereinfacht wird. Defensio, exaltatio, liberatio, augmentum und die zugehörigen Formen
bleiben;protectio verschwindet so gut wie ganz aus dieser Sphäre, während es in der Fassung »a Deo
protectus«, »Petrus protector vester« u. ä. wie bisher weiter verwendet wird. Nur noch einmal taucht

66 Epp. a. a. 0. S. 496 Z. I I ff. war 70I zum erstenmal der Ausdruck tuitio
67 Ebd. s. 497 z. IZf. getreten; daß er in einer für ein angelsächsi-
68 V gl. hier auch die Konstantinische Schen- sches Kloster (Malmesbury) ausgestellten
kung § II, die angibt, Konstantin habe sich Urkunde erscheint, wird kein Zufall sein, da
Petrus und seine Nachfolger gewählt als ja in der germanischen Rechtswelt Schutz-
»firmos apud Deum patronos et defensores«. verhältnisse eine große Rolle spielten. Der
69 Ebd. S. 539 Z. 6. Zu >firmus< im Kurialstil Ausdruck, abgewandelt in: protectio apostolica,
vgl. P. SCHEFFER-BOICHORST, Gesammelte findet sich ganz isoliert in einer Bulle Ste-
Schriften I, Berlin I 90 3 (Histor. Studien 42) phans IV. vom 26. Febr. 757; mit ihr wurde
S. 15f., vorher: Mitt. des Österr. Inst. f. der von Pippin in den wichtigsten Ange-
Gesch. forsch. Io, I889, S. 3 I2. legenheiten benutzte Abt Pulrad von St.
70 Den Hintergrund für diese Begriffsverschie- Denis belohnt; vgl. dazu H. APPELT, Die
bung bildet die Wandlung der päpstlichen Anfänge des päpstlichen Schutzes, Mitt. 62,
Schutzverleihungen. In ihnen bildete anfangs 1954, S. IOI-II, bes. S, I06 und III.
der dem römischen Recht entnommene Aus- 71 Epp. a. a. 0. S. 651 Z. 10.
druck iurisdktio den Angelbegriff. Zu ihm
r66 BI. Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für d. Röm. Kirche

die gesuchte Formel auf: Ein Jahr nach Karls erstem Besuch in Rom nennt ihn Hadrian I.: >>noster
cum Deo defensor et protector«72 • Dann wird - so weit ich sehe - dieser Ausdruck in der kurialen
Sprache fallengelassen. Kein Wunder, denn durch die Gebete des Kirchenjahres behielt er seine
ursprüngliche Weihe, und manchem mochte es unpassend scheinen, diesen nun einmal Gott und
seinen Heiligen zukommenden Ausdruck auf den weltlichen Herrscher herabzuziehen. Auch sonst
mußte der Ausdruck unpassend anmuten: der König Helfer, Verteidiger der Kirche- ja, aber: Be-
schützer - das barg Konsequenzen in sich, die dem Papsttum nicht erwünscht sein konnten.

Und die königliche Seite? Dem Königstitel wurde bald nach dem Regierungsantritt Karls in den
Kapitularien der Zusatz beigefügt: »et devotus sanctae ecclesiae defensor atque adiutor in omnibus«73 •
In der >Admonitio generalis< von 7S9 lautet Karls Titel entsprechend: »rex et rector regni Franeorum
et devotus s. aecclesiae defensor humilisque adiutor74 •
Aber es begegnen auch schon protegere - protector:
Noch nicht bestimmtist dasAlter des vom IO. Jahrhundert an zum festen Bestand der Kaiserin- und
Königinordines gehörenden, aber wohl viel älteren Gebets: Omnipotens sempiterne Deus, fons etc.; in
ihm heißt es: ad decorem totius regni statumque s. eccl. Dei ecclesiae regendum necnon protegendum75 •
Um die Jahrhundertwende, vielleicht noch etwas früher, ist das bereits genannte Gebet von An-
gouleme anzusetzen, das von Gott erfleht, der König möge der »fortissimus protector patriae et con-
solator ecclesiarum atque cenobiorum« sein76 - hier ist der Ausdruck also verweltlicht. In dieser Form
findet er sich bei Alcuin wieder, der in einem für Karl aufgesetzten Brief an den König von Mercia
diesen (im Pluralis maiestatis) als patriae ... protectores, ... ftdei defensores bezeichnet"'. In einem an-
deren Brief, den Alcuin im Jahre 799 an seinen König richtete, heißt es dann (der untersuchten
Formel sehr nahe kommend): tanta devotione ... , quam forinsecus a vastatione defendere vel protegere cona-
ris'a. Anders der Abt Theodemar von Monte Cassino, der zwischen 7S7-97 Karl dem Großen als
»propagatori ac deftnsori christianae religionis« einen Brief sendet, also ein ähnlich klingendes Wort
einfügt79 • Diesen Brief hatte Paulus Diaconus aufgesetzt, der an anderer Stelle Karl als »defensorem-
que patremque« preist80 •
Der älteste Beleg für die Verwendung des Wortes protector durch Karl selbst stammt- wenn ich
recht sehe- erst aus dem Jahre Soa, also aus der Zeit nach Karls drittem Besuch in Rom, bei dem es
zur Erhebung Karls zum Kaiser kam. Diese muß ja die 774 aufgeworfene Frage, wie der nunmehrige
Kaiser zur Kirche stehen solle, wieder aufgerührt haben. Es handelt sich um einen Text von großer
Bedeutung, nämlich das Capitulare missarum generale, das nicht nur die neue Vereidigung der Untertanen
regelt, sondern auch die Grundsätze verkündet, die durch die Missi im ganzen Reich zur Befolgung
gebracht werden sollen. Hier heißt es im Absatz 581 : »Ut sanctis ecclesiis Dei neque viduis neque or-
phanis neque peregrinis fraude vel rapinam vel aliquit iniuriae quis facere presumat; quia ipse domnus
imperator, post Domini et sanctis eius( !), eorum et protector et defensor esse constitutus est.« Man be-
achte die Einschränkung, daß Karl sich nur nach Gott und seinen Heiligen als Beschützer bezeichnet;

72.Ebd. S. 577 Z. 9· angelsächsischen Großen: Proteetores sitis


73 Die Beleges. unten S. I73 (S. 2.I3). patriae.
74 Mon. Germ., Capit. I S. 53· 7S Ebd. S. aS9 (ähnlich S. aSa: defendere vel
75 Die Ordines für die Weihe und Krönung des propagare).
Kaisers und der Kaiserin, hg. von R. ELZE, 79 Ebd. S. 5Io.
Hannover 1960 (Mon. Germ., Fontes iuris So H. LILIENFEIN, Die Anschauungen von
Germ. antiqui IX) S. S, 4I usw. Staat und Kirche im Reich der Karolinger
76 S. oben S. I64. (Heidelb. Abh. zur mittl. u. neueren Gesch.
77 Mon. Germ., Epp. IV S. I45 Nr. IOO vom I), Beideiberg I 902., S. I o f.
J. 796; vgl. auch S. ISo Nr. I2.2. an einen SI Mon. Germ., Capit. I S. 93·
Wandlungen des Begriffs >Protector< (S. 202-204)

wann aber war er als solcher eingesetzt? Die Antwort drängt sich auf: als er die von uns untersuchte
Promissio »vor Gott und dem Hl. Petrus« abgelegt hatte, Beschützer und Verteidiger der Kirche sein
zu wollen. Die in Karls Sprache ungewöhnliche Wendung wird also ein Nachklang seines eigenen
Versprechens sein, auf das er sich besann, als er von seinen Untertanen einen neuen Eid verlangte.
Sehr bezeichnend ist, daß indem Kapitularüberdie Reichsteilung (8o6) Kar! der Großeseinen Söhnen
auferlegt: ut ip.ri tre.r fratru curam et defen.rionem eccle.riae .r. Petri .ru.rcipiant .rimul, .ricut quondam ab avo
no.rtro Karolo et b. m. genitore no.rtro Pippino rege et a nobü po.rtea .ru.rcepta e.rt, ut eam cum Dei adiutorio ab
ho.rtibu.r defendere nitantur et iu.rtitiam .ruam, quantum ad ip.ro.r pertinet et ratio po.rtulaverit, habere faciant 82 •
Denn obwohl sich der Kaiser hier auf die Eide von 754 und 774 bezieht, umgeht er das Wort protectio
- wie er dessen Sinn verstand, ist deutlich: Aufrechterhalten der iu.rtitia, was die Kirche aus eigener
Kraft nicht vermag.
In der Folgezeit hat sich kein fester Wortbrauch gebildet. Neben den angeführten Begriffen be-
gegnet auch Proteetor immer wieder- da dieses Wort in der dem Kaiserordo I vorgesetzten Promü.rio
vorkam, konnte es ja nicht vergessen werden.
Belege für diese Entwicklung sind im Anhang :Ja zusammengestellt.

e) Die Datierung der Promissio im Kaiserordo I

Die Folgerung für die Promissio tritt jetzt zutage: Da sie die Formel >protectorem ac
defensorem< bereits auf den weltlichen Herrscher bezieht, kann sie nicht vor den
sechziger Jahren des 8. Jahrhunderts aufgesetzt sein. Ihr Wiederauftauchen im Jahre
8o2 deuteten wir bereits als Anspielung auf die von Karl abgelegte Promissio - so
bleibt als sicherer Beleg für die untere Grenze der Brief Hadrians vom Jahre 775, in
dem er Karl als Beschützer und Verteidiger bezeichnet.
Hier ist nun der Augenblick gekommen, wo wir einer Betrachtung genauer nach-
gehen müssen, die wir im Voraufgehenden einstweilen beiseitegeschoben haben83 •
Wir stellten fest, daß die Promissio des Ordo >coram Deo et Petro apostolo< beteuert
wird, während es im Bischofseid des Liber diurnus an der entsprechenden Stelle
heißt: »per Patrem et Filium et Spiritum sanctum, Trinitatem inseparabilem, et hoc
sacratissimum corpus tuum.« Dies ist nicht nur ein formaler, sondern auch ein sach-
licher Unterschied, denn die >Per<-Formel bezieht sich auf einen Eid, bei dem der
Schwörende das Corpus Christi - in anderen Fällen das Evangelium, das Kreuz oder
Heiligenreliquien- mit den Fingern berührt84 • Sie ist allgemein verbreitet. Ich nenne
als Beispiele die Eide der Gottesurteile85, der Römer86, der Juden87, daneben als
Sonderform die Untertaneneide und andere Formeln aus der Mitte des 9. Jahrhunderts,

82 Mon. Germ., Capit. I S. 129 Nr. 45 § 15. Ieistung beachtet wurden (S. 14ff. Eid auf
83 S. oben S. 159 (S. 194). Reliquien, S. 3of. auf Evangelien).
84 Vgl. zum Folgenden jetzt PH. HoFMEISTER, 85 Form. a. a. 0. S. 618-n, darunter Beispiele
Die christlichen Eidesformen. Eine liturgie- mit langen Reihen hinter >per<.
und rechtsgeschichtl. Untersuchung (Mün- 86 Capit. I, S. 324 Nr. 161.
chen 1957), der sich vornehmlich mit den 87 Ebd. S. 259 Nr. 131.
äußeren Formen befaßt, die bei der Eides-
J68 B r. Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für d. Röm. Kirche

da sie die Beteuerung in die Worte fassen: »Sie me adiuvet Deus et ista sanetarum
patrocinia, quae in hoc loco sunt« u. ä.
Die >Per<-Formel findet sich auch in der gesteigerten Sprache. So beschwört Paul I.
Pippin »per Deum ... et corpus b. Petri«88 ; so hat Hadrian den Herzog von Spoleto
gemahnt »per Deum omnipotentem et vitam ... domni Caroli, magni regis«89 • Dies
Schwören beim Namen des Königs nahm so überhand, daß es ausdrücklich verboten
wurde 90 •
Die >Coram<-Formel findet sich gleichfalls in den Briefen Hadrians: >peto te coram
Deo<, >coram Deo dicimus puriter et fideliter< 91 • Auch sie ist hier nur ein Nachklang
aus der Eidsprache. So heißt es in verschiedenen Klosterformeln 92 und der Professio
eines Erzbischofs 93 »coram Deo et angelis eius«, im Reinigungseid Leos III. »coram
Deo et angelis eius, qui conscientiam meam novit, et b. Petro ... , in cuius basilica
consistimus« 93 •. Daß diese Art der Beteuerung als die höhere angesehen wurde, ergibt
sich aus der Anweisung der Frankfurter Synode von 794, wie der Bischof Peter von
Verdun seinen Reinigungseid ablegen soll: »absque reliquiis et absque s. evangellis,
solummodo coram Deo.« 94 Hier muß die Vorstellung zugrunde liegen, daß Gott
unmittelbar gegenübertreten mehr besagt als das Berühren heiliger Gegenstände.
In der Promissio des Ordo wird nun nicht nur Gott, sondern auch der Hlg. Petrus
als gegenwärtiger Zeuge angerufen. Das setzt voraus, daß das Versprechen in einer
Peterskirche geleistet wird. Ist etwa die Peterskirche in Rom gemeint, in der sich
auch Leo III. im Jahre 8oo auf den Apostelfürsten berief? In der Tat ist die Formel
nur so zu verstehen; denn es heißt ja gleich danach: >huius s. Romanae ecclesiae<-
dieser, also der Peterskirche in Rom.
Damit ist zugleich gesagt, um welches Versprechen es sich handelt; denn nur eins
hat ein fränkischer König an dieser Stelle abgelegt, nämlich Karl der Große bei
seinem ersten Besuch in Rom (Ostern 774 95). Nachdem er vom Papste Hadrian an der
Treppe vor St. Peter empfangen worden war und dem Gottesdienst beigewohnt
hatte, erbat er sich von seinem Gastgeber die Erlaubnis, die Stadt betreten und hier
in den verschiedenen Kirchen seine Gebete verrichten zu dürfen. »Et descendentes
pariter ad corpus s. Petri tam ipse ... papa quamque ... rex cum iudicibus Romano-

88 Mon. Germ., Epp. III S. 528 Z. 32f. 93a Mon. Germ., Conc. I S. 227 Nr. 26.- über die
89 Ebd. S. 581 Z. 8f. Formel im Bischofseid des ro. und n. Jahrh.
90 Ansegis 3 c. 42 (Mon. Germ., Capit. I, S. s. TH. GoTTLOB, Der kirchliche Amtseid der
430). Bischöfe (Kanonist. Studien u. Texte, hrsg.
91 Mon. Germ., Epp.III S. 572 Z. I, S. 577 Z. + v. A. M. KoENIGER 9), Bonn 1936, S. 153.
92 Form. a. a. 0. S. 569 Nr. 29, S. 570 Nr. 31 u. 94 Ebd., Capit. I S. 75 = Conc.l S. 167 Nr. 19
32, S. 571 Nr. 33, nachweisbar 826, aber § 9·
sicherlich älter; vgl. z. B. die Mönchspro- 95 Vgl. hierzu den Liber Pontificalis I S. 497:
missio in einem Brief zw. 787 und 797, Epp. Vita Hadriani c. 35, dazu (ganz kurz) CASPAR
IV S. 514· in den Fragmenten des Ill. Bandes (a. a. 0.
93 Form. a. a. 0. S. 556 Z. 6. S. I p).
Die Datierung der Promissio im Kaiserordo I (S. 204-207)

rum et Francorum, seseque mutuo per sacramenta munientes, ingressus est continuo
Romam cum . . . pontifice . . . rex cum suis iudicibus et populo. In eodem sabbato
sancto etc«. Diese Schilderung des Liber Pontificalis wird bestätigt durch die Briefe
Hadrians aus dem folgenden Jahre; er bezieht sich in ihnen auf »ea, quae inter nos
mutuo coram ... corpus . b. Petri confirmavimus atque stabilivimus«96 , auf die
sponsio, »quam in invicem ante sacram eiusdem Dei apostoli confessionem adnexi
sumus«97 • Hier muß man das >coram ... corpus ... b. Petri< ebenso beachten wie
die bereits angeführte Angabe in einem weiteren Briefe dieses Jahres: »Tu enim ...
noster cum Deo defensor et protector existis, quia per te s. Dei ecclesia . . . exaltata
magno exultat gaudio« 98 ; denn in diesen Stellen schimmert noch der Wortlaut des
nun wiedergefundenen Versprechens wieder, das Karl ein Jahr vorher an der Con-
fessio b. Petri abgelegt hatte.
Und nicht nur gesprochen und beschworen hat der Frankenkönig sein Versprechen,
sondern- so dürfen wir jetzt hinzufügen- er hat es damals auch schriftlich an dieser
Stelle niedergelegt. Das war der damals bei wichtigen Dokumenten übliche Brauch,
geschah sogar mit auslaufenden Briefen der Päpste, die dadurch ein besonderes An-
sehen bekommen sollten. Karl hat daher auch seine Neuausfertigung des Paktums
auf der Confessio dargebracht und sich dabei mit seinen Großen >sub terribile( I) sacra-
mento< verpflichtet, den Inhalt auszuführen99 • Die beiden Akte dieses Besuches
entsprachen sich also formal: mündliche, durch Eide bekräftigte Zusagen sowie
schriftliche, auf dem Grabe Petri hinterlegte Ausfertigungen.
Nur darin bestand ein Unterschied, daß der Papst an jenem Sonnabend einen
Gegeneid leistete. War auch dieser schriftlich festgehalten? Wir wissen es nicht, und
es liegt kein konkreter Anlaß zu dieser Annahme vor. Von seinem Inhalt enthalten
Hadrians Briefe einen Nachklang: Im Folgejahr weist er es z. B. von sich, »ab ea, quae
vobis polliciti sumus, declinari«, vielmehr ist sein V arsatz: »firmi et stabiles in vestra
permanemus caritate.«100 Es handelt sich demnach um eine Zusage ständiger Liebe,

96 Mon. Germ., Epp. III S. 571 Z. 32· Wortlaut von der Kurie- man darf wohl,
97 Ebd. S. 574 Z. 14. annehmen: von Hadrian selbst - festgelegt
98 Ebd. S. 577 Z. 8 ff. Auch darin darf man das wurde. Es wird auf die Nachricht hin, daß
Versprechen und die Briefe in Beziehung Kar! von Pavia nach Rom komme, geschehen
setzen, daß der Begriff >s. Dei ecclesia< sein. Die damalige Lage des Papstes einer-
stärker als bisher in den Vordergrund tritt; seits, des Königs andrerseits erklärt auch
vgl. S. 572 z. 12, S. 573 z. 32f., S. 575 z. 15 ausreichend, weshalb damals noch kein An-
usw. Denn sonst wäre es auffallend, daß die stand an dem Ausdruck »protector« genom-
Promissio nicht dem Hlg. Petrus, dem Papst men wurde.
sowie seinen Nachfolgern geleistet wurde - 99 Liber Pontificalis I S. 498.
diese nennt z. B. das an dieser Stelle zweifel- roo Mon. Germ., Epp. III S. 571 Z. 30; ähn-
los von seinen älteren Vorlagen abhängige Iicl! Z. 3 5 : »qui et vos in nostra caritate
Pakturn Ludwigs des Frommen. Auch das firmiter esse permansuros«.
weist wieder darauf hin, daß der genaue
B I. Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für d. Röm. Kirche

wie sie schon früher gegeben worden war - nur wurde eine besonders feierliche
Form gewählt.

f) Die Promissio Pippins (7!4)

Vielleicht empfindet der Leser ein Bedauern, daß sich nur die Römische Promissio von
77 4, nicht aber der Eid von Ponthion aus dem Jahre 7 54 wiedergefunden hat. Aber
sicherlich erwägt er bereits den Gedanken, ob es nicht möglich sein sollte, aus dem V er-
sprechen des Sohnes das des Vaters zurückzugewinnenl01 • Wir wollen gleich erklären,
daß diese Hoffnung sich nur zum Teil erfüllen wird, können aber sogleich hinzufügen,
daß sich über den Inhalt doch sicherere Angaben als bisher werden machen lassen.
Zu diesem Eingeständnis zwingt uns eine Tatsache, die bisher über Gebühr ver-
nachlässigt worden ist. Wir stießen bereits auf den Gegensatz zwischen dem münd-
lich geleisteten >Sacramentum< und der schriftlich ausgefertigten >Promissio<. Wir
müssen also fragen: Hat Pippin sein Sacramentum durch eine Promissio begleitet oder
sie etwa nachträglich ausgestellt? Die erste Möglichkeit kann ausgeschaltet werden:
Denn im Gegensatz zu Karls Besuch in Rom, bei dem die Vorverhandlungen über
den Besuch durch solche über die wechselseitige Sicherung begleitet gewesen sein
werden, überraschte der Papst Pippin in Ponthion durch seine bereits am Tage nach
der Ankunft vorgebrachte Bitte. Aber auch die andere scheidet aus, daß Stephan sich
den Wortlaut nachher schriftlich übergeben ließ, so daß er ihn zusammen mit dem
Pakturn nach Rom mitnehmen konnte. Denn Paul I. bezieht sich 76 I einerseits auf
das, »quod ex vestro mellifluo ore prolata et b. Petro promissa sunt«, also auf den
gesprochenen Eid, andererseits auf das, was Pippin ihm »et per litteras et vestros
sedulae destinatos missos« anvertraut habe, nicht aber auf ein Versprechen, das
schriftlich vorlag102 • Die an Floskeln reiche Sprache dieser Schreiben gibt keine
festen Umrisse; der Leser mag daher zweifeln, ob diese Auslegung auch stichhaltig
ist. In diesem Falle lese er den Rückblick nach, den Stephan III. 770 oder 771 in
einem Briefe an Karl und seinen Bruder Karlmann von den Verhandlungen der
letzten anderthalb J abtzehnte gegeben hat1 02:

101 RODENBERG (Arun. 16) S.34-8 geht in seiner meine Zusage beriefen, will er durch
Kritik gegenüber CASPAR und HALLER ZU »formelliafte Worte in der Einleitung der
weit, wenn er nicht nur Bündnis, Liebes- Schenkungsurkunden nach den Kriegen
bund und Schutzvertrag ablehnt, sondern von 754 und 756« erklären (S. 36). Der
feststellt: »Was Stephan II. 754 erlangte, Wahrheit kam näher BRUNNER-V. ScHWERIN
war allein das beschworene Versprechen Deutsche Rechtsgesch. a. a. 0. II S. II5,
Pippins, die verlorene Gerechtsame des Hlg. Anm.9.
Petrus von Aistulf zu erwerben und der 102 Mon. Germ., Epp. III S. 523 Z. 7ff., bes. Z.
römischen Kirche zu schenken; seine Ge- 15 f., 22,
genleistung war die Salbung« (S. 37). Daß 103 Ebd. S. 562.
die Päpste sich immer wieder auf eine allge-
Die Promissio Pippins (754) (S. 207-2ro)

Er weist zurück auf Pippin »promittens in vestris animabus Deo et b. Petro atque eius vicario ...
Stephano papae firmiter debere vos permanere erga s. ecclesiae fidelitatem et omnium apostolicae
sedis pontificum oboedientiam et inlibatam caritatem; et postmodum ... domno Paulo papae eadem
vos una cum eodem vestro genitore certurn et plerumque per missos et scripta promisisse; et post
decessum . . . patris vestri et vos ipsi sepius tarn per vestros missos quamque per litteras simulque
et per Sergium . . . nostrum nomenculatorem et per alios nostros missos nobis spopondistis, in
eadem vos vestra promissione sicut genitor vester circa s. Dei ecclaesiam et nostram fidelitatem esse
perseveraturos.«

Dieser Brief beschwört die beiden Brüder, die geplante V ersippung mit dem lango-
bardischen Königshaus nicht einzugehen, und führt deshalb an, was nur irgend an-
zuführen war, um Stephans Recht zum Einspruch zu begründen- weitere Argumente,
die er hätte ausspielen können, besaß er eben nicht. Es handelt sich um drei:
r. Bereits Pippin hat in seinen Eid seine beiden Söhne miteinbezogen - diese An-
gabe wird ergänzt durch ein geschichtliches Zeugnis104, das berichtet, Stephan habe in
Ponthion sich nicht eher wieder erheben wollen, »quam sibi praedictus rex Pippinus
cum filiis suis et optimatibus Franeorum manum porrigerent et ipsum pro indicio
suffragü futuri et liberationis de terra levarent. Tune rex Pippinus omnem pontificis
voluntatem adimplens etc.«. Das Sacramentum schloß also gleich von Anfang an die
beiden Erben des Königs ein.
2. Zu diesem Sacramentum hat sich Pippin - wiederum zugleich im Namen seiner

Söhne- wiederholt bekannt, nachdem 757 auf Stephan Papst Paul I. gefolgt war-
pnd zwar schriftlich in seinen Briefen wie auch mündlich durch seine Gesandten. Ein
vielfach gebrochenes Echo dieser Erklärungen tönt aus den Papstbriefen dieser Jahre
heraus: In Pippins Schreiben und erst recht in den Reden seiner Gesandten war sein
Sacramentum natürlich nicht wörtlich angeführt, sondern paraphrasiert, in den ge-
künstelten Briefstil der Zeit übersetzt oder nur mit Hinweis bedacht, da der Empfänger
den Eid ja kannte und nur hören wollte, daß der König noch zu ihm stand. Diese
Angaben, abermals umgepreßt in den salbungsvollen, gestelzten Stil der Kurie und
mindestens ebenso mit Anspielungen arbeitend, da der König sein Sacramentum ja
erst recht kannte, ergeben naturgemäß, wenn man sie zu sammeln sucht, keinen
klaren Klang- wobei wir ganz von dem Verstimmen des ursprünglichen Tons durch
eine nachträglich umgeänderte Auslegung absehen wollen.
Erst in diesem Hin und Her ist die Formel >amicus amicis, inimicus inimicis< auf-
getaucht, die so lange im Vordergrund der Erörterungen gestanden hat, da sie als
ursprünglicher Bestandteil der Abreden von Ponthion angesehen wurde. Besonders
für J. HALLERS These war sie von Bedeutung, da er sie als Formel des Mannschafts-

104 Annales Mettenses priores, rec. B. de Sim- Script. I S. 293), vgl. auch den Brief Had-
son (Script. rer. Germ.), Hannover 1905, rians von 775 (Mon. Germ., Epp. 111 S. 579
S. 45; Chron. Moissiacense (Mon. Germ., Z. 3 ff.): >Una vobiscum<.
BI. Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für d. Röm. Kirche

eides ansah und daraus auf den Rechtscharakter der eingegangenen Bindung schloß105 •
Was noch an sonstigen Begriffen und Hilfskonstruktionen herangezogen worden ist,
um das einzigartige Verhältnis von König und Papst zu erläutern, Begriffe des
Kirchenrechts wie >compaternitas<, der erbaulich-moralischen Sphäre wie >Liebes-
bund<, des zwischenstaatlichen Verkehrs wie >sponsio<, ist in seinem Schillern und
politisch bedingten Schwanken bereits durch CASPARS Untersuchungen weitgehend
klargelegt worden.
;. Nach dem Tode Pippins (768) haben sich seine Söhne, die nun für sich selbst
sprachen, wiederum zu dem Eid des Vaters, in den er sie ja bereits eingeschlossen
hatte, bekannt: und zwar geschah dies abermals einerseits brieflich, andererseits
mündlich. Übermittler solcher Erklärungen waren nicht nur fränkische Gesandte,
sondern auch päpstliche, die nach Rom zurückkehrten. Für die Papstbriefe dieser
Jahre gilt deshalb das für den voraufgehenden Zeitabschnitt Ausgeführte in noch
verstärktem Maße: Es mußte gegenüber dem Berg der inzwischen ausgetauschten
Versicherungen und Mahnungen mittlerweile schwer geworden sein zu scheiden,
was Pippin ursprünglich beschworen, was er später auf Grund seines Eides versichert,
was die Kirche aus seinen Worten gefolgert und er dann angenommen oder wiederum
in seiner Weise ausgelegt hatte und was schließlich durch die nächste Generation
sowohl in Rom wie im Frankenreich, die durch eine neue Lage und durch neue Ab-
sichten bestimmt war, formuliert wurde.
Ein fester Halt in diesem Gewoge wurde eben erst 77 4 erreicht, als auf Grund
dieser Tradition die Promissio Karls des Großen schriftlich festgelegt wurde. Denn
das ist wesentlich: Sie sollte nichts Neues darstellen, sondern nur das Band bestätigen
und festmachen, das zwischen König und Papst durch Pippins Sacramentum ge-

105 So noch Papsttum a. a. 0. S. 507, wo er die CAsPARS hin (Göttinger Gelehrte Anzeigen
Worte als die den Franken des 8. Jahrhun- 180, 1918, S. 4o8f.), und L. WALLACH,
derts geläufige Formel des Mannschafts- Amicus amicis, inimicus inimicis, in Zeit-
eides bezeichnet. In seinem Aufsatz (S. 69) sehr. f. Kirchengesch. 52 ( = 3· Folge 3),
hatte er sogar behauptet, daß der germani- 1933, S. 614 hat Belege aus dem 11./12.
sche Krieger sie >seit grauer Vorzeit< zu Jahrhundert beigebracht. In der Zeit
sprechen pflegte. Wir wollen uns nicht da- Pippins kann man aus den Worten- wenn
mit aufhalten, daß seine Belege erst dem man sie nimmt, wie sie dastehen - nur ent-
angelsächsischen Recht des 10. Jahrhun- nehmen, daß der Papst die Beziehung des
derts entnommen sind und die Struktur der fränkischen Königs zu ihm als ein Bündnis
uns bekannten älteren Formeln eine ganz ansah, und zwar nicht von Anfang an; erst
andere ist; vgl. dazu MITTElS (Anm. 13) seit der Zeit Pauls I. stellte sich die Auf-
S. 43 ff. Denn hier genügt der Hinweis, daß es fassung, die mit der eines wechselseitigen
sich um eine Wendung handelt, die sowohl in Liebesbundes verschwistert ist, ein. RoDEN-
der Bibel als auch in der klassischen Litera- BERG a. a. 0. S. 35 glaubt aus den Briefen
tur begegnet und im Mittelalter an ver- herauslesen zu können, daß Pippin sich
schiedenen Stellen auftaucht. Darauf wies dieser Auslegung gegenüber ablehnend
bereits A. BRACKMANN in seiner Anzeige verhalten habe.
Die Promissio Pippins (754) (S. 210-213) 173

schlungen war: »ea, quae inter nos mutuo . . . confirmavimus atque stabilivimus«,
sagt Hadrian rückschauend in dem bereits angeführten Brief des Jahres 775· Der
Wortlaut dieser Promissio ist also auch ein Echo des Sacramentum von 7 54, möglicher-
weise gebrochen durch das, was die beiden letzten Jahrzehnte aufgetürmt hatten,
aber doch von klarerem Klang, weil in ihr Wort für Wort abgewogen und eine her-
kömmliche Rechtsformel zugrunde gelegt ist.
Stellen wir zuerst fest, worin sich die Promissio Karls vom Sacramentum Pippins
unterschieden haben muß! Nicht auf den mündlichen Eid Pippins kann - wie wir
sahen - die erst nachträglich gefundene Formel: >protectorem ac defensorem< zu-
rückgehen. Auch das wird der Promissio Karls eigen sein, daß sie allein der Römi-
schen Kirche ausgestellt wird; denn darin ist sich die frühere Forschung einig, daß
· Pippin-dem Zeitstil entsprechend-sein Sacramentum dem Hlg.Petrus, dem Papste
Stephan und seinen Nachfolgern leistete1 os.
Ob Pippin sich einer Invokation, einer Beteuerung, einer Schlußformel bedient hat,
ist unwesentlich. Auf den Bau der Promissio kommt es an, und von ihm haben wir
bereits festgestellt, daß er dem Schema der Freundschaftsversprechen entspricht, das
bereits gegen Anfang des 8. Jahrhunderts in dem Briefe Winfrids faßbar ist. Alles
spricht dagegen, daß es erst 774 zugrunde gelegt wurde; wir dürfen es deshalb für
Pippins Sacramentum in Anspruch nehmen. Es ergibt sich demnach, daß der König
im J. 754 sich nicht- wie CASPAR wollte- durch einen Schutzvertrag band, noch-
wie HALLER behauptet-sich zugunsten des Hlg.Petrus durch einen Vasalleneidein-
fangen ließ, sondern einen Eid leistete, der in die allgemeine Gattung der Freund-
schaftseide gehörte.
Läßt sich innerhalb dieser Gattung der Eid von Ponthion noch genauer absondern?
Winfrid hatte versichert, »fidelem amieuro et . . . devotissimum adiutorem« sein zu
wollen. Als Freund des Hlg. Petrus oder der Hlg. Kirche konnte sich niemand be-
zeichnen; das wäre ein unziemlicher Ausdruck gewesen. Anders lag es bei dem
Worte >adiutor<, das sich daher wohl in dieser Verbindung verwenden ließ und daher
auch in beiden Lagern so benutzt worden ist. Nun hat E. CAsPAR bereits darauf hin-
gewiesen, daß Stephan bei seinen Berufungen auf die Ereignisse im Frankenreich ein
Jahr später vor allem den Ausdruck >defendere<, bzw. >defensio< heranzieht. Der
Gedanke drängt sich auf, daß Pippin zusagte, >defensorem et adiutorem< sein zu
wollen107• Er erhält eine Stütze durch den Titel, den Karl der Große in einem
Kapitular (angeblich aus dem Jahre 769 oder wenig später) führt: »Karolus gratia
Dei rex regnique Franeorum rector et devotus s. ecclesiae defensor atque adiutor in

106 Über den Wechsel oben S. 169 Anm. 98 107 Im J. 761 entnimmt der Papst einem Schrei-
(S. 206 Anm. 4). - Ich sehe hier von der ben Pippins: »vos paratos adesse in adiuto-
Formel >in omnibus (utilitatibus)< ab, die rium et defensionem s. Dei ecclesiae.«
oben S. 161 (S. 197) besprochen wurde.
174 B r. Das Versprechen Pippins u. Kar! d. Gr. für d. Röm Kirche

omnibus.«108 Dieser Titel, der noch ein paarmal erscheint109, dann aber nach der Er-
oberung des Langobardenreiches durch einen neuen in den Hintergrund gedrängt
wird, weist nicht nur jene beiden vermuteten Worte auf, sondern entspricht der
Formel Winfrids auch noch durch die Ausdrücke )devotus< und )in omnibus<.
Wir sind uns bewußt, daß diese Vermutungen - so gut sie auch ineinandergreifen
mögen - sich nicht zu einem strikten Beweise verdichten lassen. Aber an Hand der
Papstbriefe, die wir jetzt wieder mit unvoreingenommenen Augen lesen können,
läßt sich wenigstens feststellen, daß der Inhalt des Eides tatsächlich in den Bereich
gehörte, den wir eingegrenzt haben. Denn welche Ausdrücke finden sich bei Paul I.?
Amicitia, amor, caritas, dilectio, jides (im religiösen Sinne gebraucht), daneben auch
pax und concordia. Als Konsequenz des Eides ergibt sich für den Papst: defensio, adiu-
torium, auxilium, protectio, exaltatio. Dazu gehört, daß der König abwechselnd als
defensor, adiutor, patronus, tutor bezeichnet wird. Gelegentlich heißt er auch auxiliator,
liberator, cooperator, opitu!ator und propugnator, daneben noch peculiaris s. Petri; doch sind
das alles Wendungen, die der Bibel entlehnt sind.

g) Das Ergebnis

Das Echo ist während der ersten Dutzend Jahre noch klar und einheitlich genug, so
daß wir es als Bestätigung unserer Annahmen anführen können: Mag die Eidformel.
so wie vermutet oder etwas anders gelautet haben, jedenfalls muß ihr Inhalt richtig
eingegrenzt sein :
Ein nach dem Schema des Freundschaftseides gestalteter, dem Hlg.
Petrus, dem Papst und seinen Nachfolgern vom König in seinem und
seiner Söhne Namen geleisteter Eid für Verteidigung und Hilfe -
eine >defensionis firmitas<, wie es der Bearbeiter der Reichsannalen
ausdrückt110 - so können wir nunmehr den Charakter des Eides von
Ponthion bestimmen.
Im Banne seiner Kommendationstheorie hatteERICH CASPAR von einem einseitig

108 Mon. Germ., Capit. I S. 44 (Nr. 19). 789 (Capit. I S. 53 Nr. 22) = Praefatio domni
Hinzuweisen ist hier auf einen von Alcuin Karoli zum Capitularium Ansegisi (ebd. S.
verfaßten Brief aus dem Jahr 791, in dem 397), danach ein Mandat Karls von 799
Kar! seine Gemahlin auffordert zu beten, oder 8oo (Mon. Germ., Conc. II S. 213
daß Gott nobis adiutor et consi!iator atque Nr. 24B); vgl. auch die Mainzer Synode
defensor in omnibus angustiis nostris exsistat - von 8 1 3 : »imperatori . . . verae religionis
hier sind also die beiden Begriffe wieder auf rectori ac defensori s. Dei ecclesiae« (ebd.
Gott bezogen (Mon. Germ., Epp. IV S. 528 II S. 259 Nr. 36).
z.31). IIO Ann. q. d. Einhardi, rec. F. KuRZE, (SS.
109 Mit >humilisque< statt >atque< und ohne rer. Germ.) Hannover 1895, S. 44f.
>in omnibus< s. Admonitio Generalis von
Das Ergebnis (S. 213-216) 1 75

durchPippin geleisteten Schutzeid gesprochen; nach unserer Darlegung ist er also einen
Schritt zu weit gegangen. Da er den Inhalt des Eides aber nun einmal in dieser Weise
gefaßt hatte, war er gezwungen, noch ein wechselseitiges Bündnis anzunehmen, da
eine ganze Reihe von Zeugnissen über einen Schutzeid hinaus wiesen. Die Sachlage
erweist sich jetzt als viel einfacher: Alles, was CASPAR einerseits auf den Schutzeid,
andererseits auf Pippins Bündniseid zurückführen wollte, bezieht sich auf das von
uns festgestellte Verteidigungsversprechen vom 7. Januar 7 54· Damit erübrigt sich
auch die Frage, die CASPAR offenlassen mußte, wo und wann dieser zweite Eid ge-
leistet worden sei.
Ähnlich liegt es mit dem von ihm vorausgesetzten Gegeneid des Papstes. Er mußte
selbst einräumen, daß >von einem Eide des Papstes aus Anlaß des Bündnisses mit
direkten Worten nichts gesagt< sei und daß >in Ermangelung direkter Zeugnisse< nur
auf indirektem Wegefestgestellt werden könne, >ob diese Verpflichtungvon StephaniT.
durch einen Eid beschworen worden ist<111• Die von ihm geltend gemachten
Wendungen aus den Briefen sind jedoch entweder so allgemein gefaßt oder durch
so viele Jahre von der Reise Stephans getrennt, daß wir sie nicht als Beweis annehmen
können.
Wir streichen deshalb diesen päpstlichen Eid aus der Geschichte und setzen an
seinen Platz jene ständig wiederholten, durch Briefe und Gesandte übermittelten,
zum Teil noch im Wortlaut vorliegenden Zusicherungen der Päpste, daß sie Gleiches
mit Gleichem vergelten, also nicht zurückstehen wollten, wenn der fränkische König
ihnen seinen Arm lieh - ihre Reihe wird mit mündlichen Versicherungen dieser
Art, die Stephan II. im Gefühl des Dankes bereits im Frankenreich gab, begonnen
haben.
Damit vereinfacht sich nun auch wieder das rechtsgeschichtliche Bild; denn, wenn
es eine solche wechselseitige Abmachung in aller Form gegeben hätte, so würde es
sich- worauf H. MITTElS hingewiesen hat112 - um einen der frühesten völkerrecht-
lichen Verträge, die uns aus dem Mittelalter bekannt sind, gehandelt haben. Pippin
und Stephan griffen der Entwicklung nicht vor, sind vielmehr ganz in dem Rahmen
ihrer Zeit geblieben.
Ähnlich liegt es im Falle J OHANNES HALLERS: Nicht nur die Kommendation des
Papstes in den fränkischen Königsschutz, sondern auch der von Pippin dem hl.
Petrus geleistete Vasalleneid ist eine gelehrte Konstruktion, die den Blick auf die
Wirklichkeit versperrt. Es erübrigt sich, sie nun noch Stein für Stein auseinander-
zunehmen. Wir berufen uns statt dessen auf die bereits angeführten Worte HALLERS,
daß der der Wahrheit am nächsten kommen wird, dem >es gelingt, das Bild der Dinge
im Zusammenhang glaubhaft und anschaulich zu zeichnen<. Das in diesem Aufsatz
Entworfene darf beanspruchen, einfacher und plausibler zu sein, im Rahmen der Zeit

III S. 30. II2 A. a. 0. S. 78f.


BI. Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für d. Röm. Kirche

zu bleiben und auch den besonderen Umständen gerecht zu werden, unter denen
Pippin seine Zusicherungen gewährte. 113

Damit will ich schließen; denn ich möchte bei dem Jubilar, der meine jedesmal zu
lang gewordenen Beiträge doch immer wieder mit gütigem Verständnis in seine
Zeitschrift aufnahm, nicht auch diesmal Anstoß erregen. Die Aufgabe, die von CAs-
PAR und HALLER entworfene Charakteristiken zu überprüfen, sei deshalb vertagt. Wer
sich ihr zuwendet, wird erst einmal die Stadien genauer als bisher scheiden müssen,
die die Auslegung des Eides von Ponthion bis 774 durchgemacht hat. Hierfür behält
die bisherige Forschung, die die Geschichte der einzelnen Begriffe in diesem Jahr-
zehnte zusammenstellte, ihren Wert- nur daß man jetzt nicht mehr von ihnen auf die
Urabmachung zurückzuschließen braucht, sondern sie als Versuche, sie zu erläutern
oder ihren Inhalt zu dehnen, verstehen kann. War bisher die Nähe der Verwandt-
schaft zum Eide von Ponthion das Entscheidende, so rückt nun in unser Blickfeld
die Frage, wie schnell und aus welchen Gründen die nachfolgenden Aussagen über
den- nunmehr in seinen Grundlinien bekannten- Eid des Jahres 7 54 hinausgegangen
sind.
Bei der Überprüfung der bisherigen Feststellungen ist im Auge zu behalten, daß
in diesen Jahrzehnten nicht nur das Bedürfnis, sondern auch das Vermögen, das
bestehende Rechtsverhältnis auf klare Begriffe zu bringen, sich entfaltete: In der Zeit
Pippins und Karls des Großen beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte des >Staats-
rechts<.

ANHÄNGE

I. GING PIPPIN IM JAHRE 754 EINE SCHWURFREUNDSCHAFT


NACH MEROWINGISCHER ART EIN?

Stellungnahme zu Wolfgang Fritze*

Im Jahre 1954 hat W. FRITZE einen ausgiebig auf Belege gestützten Aufsatz über
>Die fränkische Schwurfreundschaft der Merowingerzeit< veröffentlicht114 • Am
Schluß erklärt er, daß »das bedeutendste Beispiel einer mittelalterlichen Schwur-

I I~ Meiner Deutung des Ablaufs hat sich jetzt Iis< über 774 als einige Zeit später verfälscht
angeschlossen P. CLASSEN, Karl d. Gr., das zu erweisen.)
Papsttum und Byzanz, in: Kar! d. Gr. Le- * Bisher ungedruckt.
benswerk u. Nachleben I, Düsseldorf I965, II4 Untertitel: »Ihr Wesen und ihre politische
S. 55of. (Ebd. S. 551, Anm. 50 gegen den Funktion«, erschienen in der Zeitschr. für
Versuch, den Bericht des >Liber pontifica- Rechtsgesch. 71, I954, S. 74-125.
754: eine >Schwurfreundschaft<? 1 77

freundschaft ... ohne Zweifel der sogen. Vertrag von Ponthion (754) zwischen dem
Frankenkönig Pippin und Papst Stephan Il.« bilde. Doch solle dessen erneute Ana-
lyse einer gesonderten Untersuchung vorbehalten bleiben (S. 125). Ich habe mich
nach Erscheinen dieses Aufsatzes sogleich mit dem Verfasser in Verbindung gesetzt,
der mir brieflich und mündlich skizzierte, wie seine Argumentation weiterlaufen
solle. Zu großem Dank bin ich ihm verpflichtet, weil er mir jetzt noch das
Manuskript seines Aufsatzes auslieh und das Manuskript dieser Seiten daraufhin
kontrollierte, ob ich seine Auffassung auch in allen Einzelheiten genau wiederge-
geben habe115 •
Bevor ich mich mit dem Einwand des Berliner Kollegen auseinandersetze, sei -
um einen festen Ausgangspunkt zu gewinnen- das Ergebnis seiner bereits gedruckten
Untersuchung wiedergegeben: Bei den Römern und daher auch bei den Byzantinern
war amicitia »ein Terminus von sehr allgemeiner Bedeutung, ein völkerrechtlicher
Oberbegriff, der eine ganze Skala der so vielfältig abgestützten zwischenstaatlichen
Beziehungsformen der Römer umfaßt« (S. 78). Auch bei den Franken und ihren
Verwandten konnte amicitia verschiedene Beziehungsformen bezeichnen, darunter
die >Schwurfreundschaft<: Wer sie gelobte, verpflichtete sich zur Treue und daher zu
Rat und Hilfe sowie zu Beweisen der >Liebe<.
Auf dieser Grundlage wurden Rechtsverhältnisse zwischen Gleichgestellten ge-
schaffen, die beide Partner zu wechselseitiger atnicitia verpflichteten, zu einer >ge-
machten< Freundschaft, die der natürlichen, innerhalb der Sippe bestehenden ent-
sprach und eidlich bekräftigt wurde. Das heißt: hier handelte es sich um einen Rechts-
vorgang. Bei den Chronisten und in der Urkundensprache begegnen daher Wendun-
gen wie amicitiam constringere, jidem et caritatem promittere usw. Diese fränkische
,Schwurfreundschaft< lief also darauf hinaus, daß die sich zu amicitia verpflichtenden
Partner bereit waren, sich wechselseitig beim Aufrechterhalten des Friedens zu
helfen. Angewandt wurde dieses Rechtsverhältnis sowohl auf Franken untereinander
als auch auf Verträge zwischen den Merowingern und fremden Fürsten.

In der neuen, sehr gelehrten und sorgfältig auf vielen Zeugnissen aufgebauten
Studie schlägt der Verfasser einen Brückenbogen von 817 nach rückwärts, um auf
diese Weise die Kluft zu überwölben.

II5 Zur Geschichte des Eides vermerkte ich im VoGT, Fluch, Eid, Götter - altnordisches
Erstabdruck (S. 195 f., Arun. 5) folgende Recht, in der Zeitschr. f. Rechtsgesch. 57,
Literatur: I937 Germ. Abt. S. I-57 geht wiederum
H. SIEGEL, Der Handschlag und Eid nebst auf die nachfolgende Zeit nicht ein. Einige
den verwandten Sicherheiten für ein Ver- Belege bei A. DuMAS in der Revue histor. de
sprechen im deutschen Rechtsleben, in den droit fran<;ais et etranger, 4e Serie IO, 193 I
Sitzungsber. der Wiener Akad. der Wiss. S. 301 f. Anm. 3· Nur die Profeß ist bisher
I3o, I894 Nr. 6 (122 S.) greift nur gelegent- genauer behandelt.
lleb auf die älteren Zeiten zurück. W. H.

I2 Schramm~ Aufsätze I
BI. Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für d. Röm. Kirche

So überzeugend diese Darlegung ist und so viele Belege der Verfasser auch vor-
gebracht hat, eine Schwäche weist sein Aufsatz auf: Er vermag aus dem 8. Jahrhundert
nur eine Formel namhaft zu machen, die beim Abschluß eines solchen Rechtsaktes
benutzt wurde (a. a. 0. S. 102 nach Cont. Fred. zu 757: promissioftdei zwischenPippin
d. J. und Kaiser Konstantin IV.), sonst nur Erwähnungen und Hinweise auf das ein-
gegangene Rechtsverhältnis.
I. Das Factum Ludovicianum (817) erwähnt amicitiam et caritatem ac pacem, wie sie

bereits Karl Martell, Pippin d. J. und Karl mit dem Papsttum verbunden hatte. Darin
sieht W. FRITZE die alte, wechselseitige Schwurfreundschaft fränkischen Rechts, der
die voraufgehende Studie gegolten hatte. Außerdem leistete Ludwig der Fromme -
einseitig- eine promissio defensionis (auch für die Reimser Verhandlungen mit Ste-
phan IV. im Jahre 8r6 nimmt der Verf. eine solche wechselseitige Schwurfreund-
schaft an).
2. Im Jahre 79 6 bezieht sich Leo III. gegenüber Karl d. Gr. auf ftdei et caritatis in-

violabilis foedus, das diesen mit Papst Hadrian I. verbunden habe.


3· Im fahre 774 scheidet der Verfasser:
a) die am Ostersamstag wechselseitig eingegangene >Schwurfreundschaft< ( seseque
mutuo per sacrammtutn t11unientes);
b) die am Mittwoch mit dem Pactum gekoppelte, einseitig angelegte promissio
(nach dem Wortlaut der dem Kaiserordo I. einverleibten Formel).
4· Aus den Nachrichten über den Besuch des Papstes Stephan bei Pippin (754/5)
folgert W. FRITZE:
a) eine promissio d~fensionis s. Romanae ecclesiae (mit dem von mir erschlossenen In-
halt) und
b) eine promissio ftdei et caritatis nach dem Modell der fränkischen Schwurfreund-
schaft. (Ich nahm nur einen nach dem Schema des Freundschaftseides gestalteten
>Eid für Verteidigung und Hilfe< und eine mündlich abgegebene Promissio des
Papstes an, Gleiches mit Gleichem vergelten zu wollen).
Dieser Brückenschlag nach rückwärts bis in eine Zeit, in der sich das Fortbestehen
der fränkischen Schwurfreundschaft noch in einem Falle nachweisen läßt, hat etwas
Bestechendes. Aber nach sorgfältigem Abwägen der von dem V erf. vorgebrachten
Belege kann ich seiner Auffassung doch nicht beipflichten. Zweifellos hat er sich
ein großes Verdienst erworben, indem er die Eigenart und vielseitige Benutzung der
fränkischen Schwurfreundschaft herausarbeitete: das von mir ans Licht gezogene
Bonifaz-Formular steht jetzt nicht mehr isoliert da, erweist sich vielmehr als Glied
einer langen Kette. W. FRITZE setzt jedoch eine Starrheit des Eidwesens voraus, die
mich unwahrscheinlich dünkt im Hinblick auf die jeweils veränderte Lage, der sich
die Karolinger anpassen mußten: an der Abwandlung des bei Bonifaz greifbaren
Wortlauts durch Pippin sowie an der abermaligen Abwandlung durch Karl d. Gr.
ließ sich diese Tatsache ja offenlegen.
754: eine >Schwu.rfreundschaft<? 1 79
Für 774 nehme auch ich eine Gegenzusage des Papstes an, mit einer »Zusage ständi-
ger Liebe, wie sie schon früher gegeben worden war« (oben S. 169f.). Wir dürfen jetzt
- W. FRITZE folgend- sagen, daß es sich um ein alterprobtes Zusage-Mod ell handelte.

In bezugauf 754/5 habe ich mich nicht festgelegt, da die Aussagen der Papstbriefe
zu sehr schillern. Daß der Papst seine Freundschaft beteuert hat, versteht sich nach
Lage der Dinge von selbst; aber tat er das in der Form des Rechtes, ein altes Eidmodell
benutzend? Band Pippin sich - über die von mir erschlossene promissio hinaus -
seinerseits zu jides und amicitia? Kam es also außerdem noch zu einer wechselseitigen
Bindung nach Art der >fränkischen Schwurfreundschaft<? Eine bestimmte Antwort
läßt sich- wie W. FRITZES Manuskript mir erneut evident machte- nicht geben, da
sich alle angeführten Zeugnisse auch anders, d. h. einfacher auslegen lassen.
Aber - gesetzt den Fall, daß sich das mit Hilfe eines bisher übersehenen Zeugnisses
doch noch stringent nachweisen ließe - geschichtsträ chtig blieb m. E., daß sich
Pippin als adiutor et defensor, Karl als protector et dejmsor gegenüber der s. Romana
ecclesia band. Das bedeutete sowohl Verpflichtun g als auch die Möglichkeit des Ein-
greifens - dadurch ist die weitere Geschichte bis in die Zeit des Investiturstre ites
gekennzeichnet geblieben.

Dieser Ausblick zeigt, wie begrüßenswe rt es ist, daß ein geschulter Kenner die von
mir erneut zur Erörterung gestellte Frage, was 754 und 774 geschah- teils zustim-
. mend, teils widerspreche nd - erneut überprüfte. Ich maße mir nicht an, das letzte
Wort gesprochen zu haben.

II. DER KRÖNUNGSE ID: ZUNÄCHST >PROMISSIO<, DANN >IURAMENTU M<

MARCEL DAVID, Le serment du sacre du IXe au XVe siede. Contribution a l'etude


des limites
juridiques de Ia souverainete. Straßburg 195 r (Palais de l'Universite, mit Hilfe des Centre National
de Ia recherche scientifique; abgedruckt vorher in der Revue du moyen age latin VI, 1950) 230 S. 118

Der Verf., Professor in der Juristischen Fakultät der Universität Straßburg, hat
sich mit großer Energie nicht nur in die Geschichte der Krönung, sondern auch in
die ja mittlerweile recht verwickelt gewordene Ordines-Fors chung eingearbeitet. Die
einschlägige Literatur in deutscher Sprache kennt er so genau, daß kaum etwas nach-
zutragen bleibt- und nun hat er ein Buch geschrieben, das fortan jeder zu konsultieren
haben wird, der sich mit der Geschichte der mittelalterlichen Krönung befaßt.
Ich nehme ein Verdienst des Verf. vorweg, das der Titel nicht erkennen läßt. In
meinem in der Kanonist. Abt. 27, 1938 abgedruckten Aufsatz über >Das Versprechen
Pippins und Karls d. Gr. <habe ich darauf hingewiesen, daß eine Studie über die Ge-

rr6 Abgedruckt in der Zeitschr. für Rechtsgesch. 82 Germ., Abt. 1952 S. 542-7.

u*
ISO BI. Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für d. Röm. Kirche

schichte von Eid und Gelöbnis in der merowingisch-karolingischen Zeit fehle und
daß dieser Unterschied einmal im großen Zusammenhang behandelt werden müsse
(S. I95)· Dieser Wunsch ist jetzt von D. im ganzen Umfang erfüllt: die von ihm ge-
sammelten und sehr sorgfältig abgewogenen Zeugnisse ergeben eine feste Grundlage.
Denn die vom Verf. gemusterten kanonistischen Sammlungen und die sie ergän-
zenden Quellenstellen lassen erkennen, daß bis in das I 2. Jh. der Unterschied zwi-
schen der nur mündlich abgelegten und der Berufung auf Gott, die Heiligen usw.
sowie einer Beteuerungsformel normalerweise entbehrenden promissio und dem
iuramentum (iusiurandum, sacramentum) festgehalten wird. Denn beim Eid muß eine
res sacra (Kreuz, Evangelien, Altar, Reliquie) berührt oder der Eid in die Hand eines
Geistlichen abgelegt werden, damit Gott zum Zeugen gemacht ist. Neben dem sacra-
mentum corporatiter prestitunt spielt der aus der kirchlichen Tradition stammende rein
mündlich abgelegte Eid (in communi !oquela) keine Rolle, oder er wird sogar offen ab-
gelehnt. Hier wirkt sich der heidnische Untergrund aus, auf den D. nicht eingeht:
Beim Eid auf das Schwert tritt das besonders deutlich heraus (Lit. bei K. v. AMIRA-CL.
FRHR. v. ScHWERIN, Rechtsarchäologie I, Berlin-Dahlem 1943 S. Io6, dazu S. 74
über das Berühren beim Eid als ursprüngliche Zauberhandlung und S. I7I über Lit.
zum germanischen Eid; über die in den Fragenkreis von Waffenmagie und Runen-
zauber gehörenden Runeninschrift auf Schwertern vgl. auch H. ]ANKUHN in der
Festschrift Gustav Schwantes, Neumünster I95I S. 3f.).
Eine Sonderstellung nimmt die den Eid vertretende professio der Geistlichen ein,
die mit den Wein und Brot verwandelnden Händen- so lautet eine Erklärung aus
dem 9· Jh.- nicht schwören sollen (S. 79 ff.). Die professio ist also nicht mit dem Be-
rühren einer res sacra verbunden, führt daher eine Sonderexistenz neben dem Eid
und bleibtinsofern auchnicht» une exception veritable ala regle qu'al' epoque carolingi-
enne tout serment doit comporter un element materiel« (S. 89). Es bleibt noch zu
untersuchen, ob diese Auffassung, der Geistliche dürfe nicht schwören, zur Er-
klärung der im Sachsenspiegel so prägnant formulierten Ansicht, auch der König
dürfe das nur in ganz bestimmten Ausnahmefällen, heranzuziehen ist. Die formale
Verwandtschaft zwischen königlichen promissiones und geistlichen professiones, die
ich nachgewiesen habe, will in diesem Zusammenhang beobachtet sein.
Bei der Durchsicht der zeitlich anschließenden Kanonessammlungen ergab sich,
daß diese Lehre noch bis zu Gratian unerschüttert bleibt. Der erste von D. aufgeführte
Autor, der neben dem auf einer res sacra abgelegten Eid auch noch - an jene kirch-
liche Tradition wieder anknüpfend - einen solo sermone geleisteten gelten läßt, ist
Rufin in seiner I I 57/9 abgefaßten Summa decretorum (ed. H. SrNGER I 902, vgl. dazu
S. 168ff). Durch Huguccio, Johannes Teutonicus und andere wird diese neue Auf-
fassung verfeinert und zur allgemein gültigen Lehre gemacht. Sie führte dazu, daß
der bisher so deutliche formale Unterschied zwischen promissio und iuramentum ver-
wischt wird. Andererseits ist zu beobachten, daß die promtssio jetzt auch schon ihrer-
Zunächst >promissio<, dann >iuramentum<

seits durch Anruf Gottes oder der Heiligen oder den Zusatz einer Beteuerungsformel
eidähnlich ausgestattet ist und die Chronisten von >schwören< sprechen, wo es sich
tatsächlich nur um >versprechen< handelt, weil eben der Unterschied verunklärt ist.
Dafür bringt D. viele Zeugnisse; doch sucht er die Begriffstrennung bis in das 12. Jh.
aufrechtzuerhalten - das scheint mir allzu juristisch ausgelegt; ich möchte viel-
mehr in der Ausbildung der Übergangsformen und der Begriffserweiterung eine
wesentliche Voraussetzung für den im 12. Jh. greifbar werdenden Wandel sehen.

Von dieser durch D. gesicherten Grundlage aus ergibt sich eine eindeutige Ein-
ordnung jener Zusagen, die von den Herrschern im Zusammenhang mit der Kirche
gemacht worden sind. Der Verf., der in seine Untersuchung England, Frankreich,
Italien und Deutschland einbezogen hat, kommt zu dem Ergebnis, daß es sich in
allen Fällen bis zum 12. Jh. um promissiones und nicht um iuramenta handelt. Daß die
Könige nicht weiter gingen, lag in ihrem Interesse; aber es klingt plausibel, daß der
Verf. in diesem Zusammenhang auf die entscheidende Rolle hinweist, welche die
Geistlichkeit bei der Festlegung der Ordines spielte, die gegen den nur allzuleicht
den Meineid bergenden Eid war und ihr Interesse daran hatte, daß durch Zusagen
zwar für ein gutes Regiment gesorgt, aber der König, auf den sie gegen die Großen
angewiesen blieb, nicht zu stark gebunden wurde.
Im vorausgeschickten Abschnitte hat D. die Zusagen der westgotischen und der
alttestamentlichen Könige daraufhin geprüft, ob sie imstande sind, die Ausbildung
der promissiones zu erklären: sie können höchstens als Vorbilder angesehen werden,
die als Bestätigung einer bereits im Gange befindlichen Entwicklung genommen
wurden. Wer ihrer Entstehung nachgeht, braucht nur die Bände der Concilia und
der Capitularia durchzugehen: Am Anfang stehen kirchliche Mahnungen, die sich
dann die Karolinger zu eigen machen und in der Form einer formal und inhaltlich
den promissiones schon sehr nahekommenden adnuntiatio verkünden. Als besonders
bezeichnend hebt D. das auf dem Hoftag von Coulaines (843) erlassene Kapitular
hervor (Cap. II S. 253-5). Daneben sind die zahlreichen, zwischen den Königen ab-
geschlossenen Facta, Teilungsverträge und Abkommen mit den Großen von Belang:
hier seien die Verträge von Meersen (8 5I) und die Zusage Karls d. Kahlen von 8 58,
mit der er die der Großen erwiderte, angeführt. Die erste nachweisbare und wohl
auch in der Tat erste promissio, die im Rahmen der Weihe abgelegt wurde, ist dann
die von Karl bei seiner Krönung in Metz (869) geleistete.
Formal geht diese Ableitung restlos auf; materiell scheint mir geboten, auch noch
die eidlich oder sonstwie bekräftigten Wechselverhältnisse, wie sie in der germani-
schen Welt überall zwischen den Herrschenden und Beherrschten, Führenden und
Folgenden bestanden, als grundlegend einzubeziehen.
Bei der Erörterung des 10. und II. Jh.s folgt D. der Filiation der Ordines, wie
M. ANDRIEU und ich sie entworfen haben. Die Berichtigungen für die deutsche Ent-
182 BI. Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für d. Röm. Kirche

wicklung im 10. Jh., die C. ERDMANN in seinem nachgelassenen Werk >Forschungen


zur politischen Ideenwelt des Frühmittelalters<, Berlin 1951 Kap. 2 bietet, konnte er
noch nicht kennen; manches wird sich noch präzisieren lassen oder auch ändern
durch die Nachforschungen, die R. ELZE inzwischen angestellt hat und die Inhalt
eines für die Monumenta bestimmten Buches bilden werden. Von weiteren
Einzelheiten sei hier abgesehen; es genügt die Feststellung, daß man in allen Ordines
aus allen vier Ländern bis zum 12. Jahrhundert nur promissiones findet (mit der oben
erwähnten Einschränkung, daß jetzt auch Übergangsformen zu beobachten sind).
Doch muß man neben dieser allgemeinen Entwicklung zwei Sonderstränge ins Auge
fassen, denen auch D. die ihnen gebührende Aufmerksamkeit geschenkt hat.
Bei dem einen handelt es sich um die Verpflichtung, die die Frankenkönige und
dann die Kaiser gegenüber dem Papst auf sich genommen haben. Über sie haben
H. GÜNTER und E. EICHMANN Aufsätze geschrieben, und D. hat zu dem Thema -
anscheinend ohne vollen Einblick in die Vorarbeiten- Neues beigetragen. Trotzdem
kann es noch nicht als ausgeschöpft angesehen werden. Hier läßt sich - was auch
D.s Vorgänger noch nicht straff genug durchgeführt haben - nur weiterkommen,
wenn jeder Eid als Glied eines bestimmten genus begriffen und in dessen Rahmen be-
handelt wird. Meine These, daß der von Pippin geleistete (754) und von Karl er-
neuerte (774) Eid ein Freundschaftseid war, hatD. sich zu eigen gemacht. Auf einem
ganz anderen Blatt stehen die Sicherheitseide, die dem Papst Leib und Leben ver-
bürgen und zu einem zweifellos gleichfalls alten, aber auch noch im hohen Mittel-
alter nachweisbaren genus gehören. Das ist z. B. auf der Iberischen Halbinsel bei
zwischenstaatlichen Verträgen der Fall, deren Geschichte der V erf. streift, aber nicht
verfolgt. Hier liegen Vorarbeiten von MrTTEIS, BrTTNER, HELM, HEINEMEYER u. a.
vor, mit deren Hilfe die Frage zu prüfen wäre, welche Eidformen sich im zwischen-
staatlichen V er kehr ausgebildet haben und wie weit die zwischen Kaiser und Papst
ausgetauschten - denn auch dieser bindet sich ja eidlich - sich hier einordnen lassen.
Wer sich mit diesem Problemkreis abgibt, wird nicht umhin können, einerseits
in die Spätantike, andererseits in die germanische Welt zurückzublicken. D. hatte
keinen Anlaß, sich dieser Aufgabe zu unterziehen, da er ja den >serment du sacre<
behandelt, und da kann er zeigen, daß bis zum Ordo Cencius II, den er- mir folgend
und gestützt auf die mündliche Zustimmung von M. ANDRIEU- Ende des 12. Jh.s
ansetzt (der aber wohl etwas früher zu datieren ist), es sich bei der innerhalb der
Kaiserkrönung gegebenen Zusage auch nur um eine promissio handelt.
Wiederum anders liegen die Dinge in England. Die Charters, deren Reihe mit der
Heinrichs I. anhebt (uoo), sind eidlich bekräftigt worden, und dazu kommen noch
>Voreide<, die von einzelnen Herrschern vor der Weihe geleistet wurden, um sich
den Weg zum Thron zu öffnen. Das hat auf die promissio bei der Krönung abgefärbt:
1189 hat Richard I. die promissio, die formal nicht verändert wurde, noch eidlich be-
kräftigt. Die weitere, unter dem Gesichtspunkt der Vorbereitung des konstitutio-
Zunächst >prornissio<, dann >iuramentum<

nellen Regimes sehr instruktive Ausgestaltung liegt ja dank der reichen Überlieferung
deutlicher als in anderen Ländern offen, und ich hatte deshalb bei der Niederschrift
meines Buches über die englische Krönung (1937) ein für Seminarübungen be-
stimmtes Heft mit allen einschlägigen Texten und Quellenstellen vorbereitet; da der
Krieg dazwischenkam, habe ich das Manuskript H. G. RrcHARDSON, der inzwischen
seine verdienstvollen Studien auf diesem Gebiet durch weitere Aufsätze vermehrt
hat, in der (bisher nicht verwirklichten) Hoffnung ausgehändigt, daß ein englischer
Forscher es druckfertig macht. Davids Ausführungen tun erneut kund, wie lohnend
es ist, die Entwicklung bis in ihre Einzelheiten zu verfolgen.
Vermerkt sei hier noch, daß der >kirchliche Amtseid der Bischöfe<, dessen Ge-
schichte THEODOR GoTTLOB 1936 dargestellt hat, bei der Erhebung eines neuen
Papstes keinen Platz fand, da dieser sich in Fragen der Kirchenzucht niemand gegen-
über binden konnte (E. ErcHMANN, Weihe und Krönung des Papstes im Ma., Mün-
chen I95 I S. 7).
Wir dürfen von D. noch einen zweiten Band erwarten, in dem das im Untertitel
umschriebene Thema, die gesetzliche Einschränkung der königlichen Souveränität,
im Vordergrund stehen soll. Zweifellos wird er einen wichtigen Beitrag zur Vor-
geschichte des neuzeitlichen Staatsrechts liefern. Zu wünschen wäre es, daß die
Untersuchung sich auf die übrigen Länder ausdehnt. Aragon, dessen Stände angeb-
lich dem die Fueros und Privilegien bestätigenden Könige ihr >Si no, no!< entgegen-
riefen (wenn er ihren Willen tue, sei er ihr König, wenn nicht- nicht), tatsächlich
ihre Huldigung vom Herrschereid abhängig machten (das erfuhr noch Karl V.),
verdient in diesem Zusammenhang besonderes Interesse. Über Kastilien, wo die
Krönung gleichfalls wegfiel und die grundlegenden Zusagen genauso wie in Aragon
vom neuen König auf der ersten Versammlung der Cortes beeidet wurden, habe ich
einiges in der Festschrift für G. Ritter (1950 S. I21 fl) gesagt; aber das ist noch nicht
das letzte Wort. Der Norden, der Osten Europas bieten wiederum ganz andere Bil-
der. Hier ist ein Thema gegeben, das die ganze christliche Welt beschäftigt hat, das
aber in jedem Staate verschieden gelöst worden ist und daher Einblicke einerseits in
die Eigenart eines jeden Landes, andererseits in die von ihnen inmitten der europä-
ischen Staatengemeinschaft eingenommene Stellung vermittelt.

Den II. Band des jetzt in Paris wirkenden Autors, bei dem der juristische Inhalt
überwiegt, besprach ich kurz im Deutschen Archiv XI, I954 S. 298:
Als MARCEL DAVID I95o sein Buch über den Krönungseid als Beitrag zum Stu-
dium der rechtlichen Eingrenzung der Souveränität vorlegte (vgl. meine Anzeige
in der ZRG. Germ. Abt. 69, I 9 52, 542 ff. ), stellte er noch einen 2. Band in Aussicht.
Dieser liegt jetzt vor: La souverainete et !es limites juridiques du pouvoir monarchique du
!Xe au XVe siede (Annales de la faculte du droit et des sciences politiques de Stras-
bourg I) Paris 1954 (286 S.). Der Inhalt hat sich, wie bereits der Titel erkennen
B r. Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für d. Röm. Kirche

läßt, mehr zum Juristischen hin verschoben; es geht dem Verf. um die grundsätz-
liche Frage, ob sich Souveränität wirksam beschränken läßt, so daß sie nicht miß-
braucht werden kann. Trotzdem kann der Historiker auch dem neuen Bande viel
entnehmen. Die Ausdrücke >Souveränität< und >Souverän< kommen erst im letzten
Drittel des 13. Jahrhunderts in Umlauf; vorher bediente man sich für die Sache der
Wörter auetorilas und potestas, die ja bereits Papst Gelasius I. auf die geistliche und
weltliche >Gewalt< bezogen hat. Der Krönungseid hat einerseits die Handhabe ge-
geben, gegen den König als Eidbrecher vorzugehen; andererseits haben die Herr-
scher sich immer wieder auf ihre Krönungseide berufen, wenn sie Forderungen- sei
es des Papstes, sei es ihrer Untertanen - ablehnten. Eine besondere Rolle hat er bei
der Verteidigung des Kronbesitzes ( inalienabilite) gespielt.
Der Verf. verfolgt die Entwicklung in Deutschland, Frankreich und England,
bietet also einen Beitrag zur vergleichenden V erfassungsgeschichte. Instruktiv ist,
wie die Bedrohung der königlichen >Souveränität< durch den Papst im späten Mittel-
alter mehr und mehr an Bedeutung verliert.

III. DIE WEITERE VERWENDUNG DES >PROTECTOR<-BEGRIFFES


UND SEINER VERWANDTEN 116•

a) In Deutschland (bis zum I2.]ahrhundert)

Wir reihen hier Belege aneinander, auf die wir gestoßen sind, ohne systematisch
nach ihnen zu suchen. Wie bereits auf S. 167 vermerkt wurde, hat sich kein fester
Wortbrauch ergeben; vielmehr finden sich bis zum hohen Mittelalter fast alle jene
Termini, die wir im 8. Jahrhundert vorgefunden haben- darunter auch die Proteetor-
FormeL Das bildet die Voraussetzung, daß sie im angelsächsischen Bereich noch
eine verblüffende (im folgenden Teil dieserAnhänge behandelte) Fortwirkung hatte:

9· Jahrhundert
Ego KaroJus . . . rex et rector regni Franeorum et devotus s. Dei
ecclesiae defensor humilisque adiutor
(Mon. Germ., Concil. I S. 213).

In der 8o7j1o verfaßten Historia Langob. cod. Gothani wird Karl der Große-
rückschauend auf 774- genannt: adiutor et dejensor domni Petri principis apostolorum
(Mon. Germ., Script. Langob. S. 10).
Statt protector wählt Smaragdus das Wort rector: Via regia (um 820/25 für Pippin
von Aquitanien) . . . omniumque secundum regale ministerium defensor et rector (Migne,
Patrol. Lat. 102 Sp. 958).

n6a Teil des vorstehend (S. 149ff.) abgedruckten Aufsatzes (hier vermehrt durch weitere Belege).
>Protector<-Begriff weiter verwandt

In der Mitte dieses Jahrhunderts nennt Sedulius Scottus den König >magni regis
dispensatorum adiutor et protector<, d. h. den Arbeiter Gottes im Weinberge117 • Aber die
Zeit bezeichnet besser die Eingabe der Bischöfe an Ludwig den Frommen von 829,
die sich mit dieser Wendung begnügt: »lpse enim debet primo defensoresse ecclesiarum et
servorum Deill8«. Denn vergeblich sucht man in den Kapitularien, den (bis 843 her-
ausgegebenen) Synodalakten, den Schreiben der Päpste Nikolaus I., Hadrian II. und
J ohann VIII.: nirgends findet sich >protector< noch auf das Verhältnis des Königs zur
Kirche bezogen. Da die Wortverzeichnisse der betreffenden Monumenta-Bände meist
sehr genau sind, ist diese Tatsache deutlich zu fassen. Bezeichnend ist ein Schreiben
des Papstes Johann VIII. an Karl III. (88o); denn in ihm heißt es: vos pre omnibus
eligere et inclitum patronum ac defensorem habere omnino curavimus - also nicht protector,
sondern patronusn9.
Es gibt nur zwei Ausnahmen: Einmal läßt sich Karl der Kahle 8 53 in verklausu-
lierter Form >protector< nennen ( ut non so/um devotione ecclesiae se Ji!ium esse ostenderet,
verum etiam, sicubi opus esset, protectorem regia potestate monstraret)120, und dann taucht
die Formel >protector ac dejensor< in den bereits angezogenen Protokollen des Jahres
876 auf. Wir erkannten darin bereits einen Nachklang der 875 von Karl als Kaiser
abgelegten Promissio, die diesen Ausdruck enthielt, weil ihr der W ordaut des 8. Jahr-
hunderts zugrunde lag121 •
Auf die gleiche Weise wird sich erklären, daß diese Formel im Jahre 898 vom
Kaiser Lambert und dem Papst J ohann IX. auf der Synode von Ravenna benutzt
wurde122 • Dagegen nannte die Forchheimer Synode (89o) Arnulf devotissimus adiutor
und pius ecclesiarum defensor123 , und in einer Urkunde heißt es am 2. Juli 892 : rex, ecclesiae
catholicae ft!ius et defensor 124 - der Ausdruck protector, der ja auch hier nahegelegen
hätte, ist also vermieden.

II7 Lib. de rectoribus christianis c. II, bei S. regis Christi.


HELLMANN, Sedulius Scottus (Quellen u. II9 Mon. Germ., Epist. VII S. 225 Z.27; vgl.
Untersuch. z. lat. Philol. des MAs I, I), auch S. 5I (Mai 877): adiutor clemens, defensor
München I9o6, S. 50. potens et salvator.
n8 Mon. Germ., Capit. II S. 47 Z. 2of. (Nr. uo Mon. Germ., Capit. II S. 263 Z. 8 5 f.
I96). Vgl. auch das Protokoll(§ 6) einer im I2I Vgl. oben S. I55 (S. I88).
Okt. 847 unter dem Vorsitz von Hrabanus I22 MANsi, Conciliorum Collectio I8, Venedig
Maurus abgehaltenen Provinzialsynode über 1773, S. 231, cap. 3 und S. 233.
Ludwig den Deutschen: Divinarum rerum 123 Mon. Germ., Capit. II Nr. 252 (S. 210, 214).
defensor et custos divinitus statutus (Mon. 124 Mon.Germ.,Dipl.Karol.III:D.Arnulfro3.
Germ., Capit. II S. q8); vgl. auch: verae Vgl. auch NonrnR voN ST. GALLEN I cap.
religionis . .. rectori ac defensori s. Dei ecclesiae, 26 (Mon. Germ., Script. rer. Germ., N. S.
Capit. II S. 173: Nr. 248). Hraban nennt 834 XII S. 36): der Papst machte Kar! den
Ludwig den Deutschen im Prolog seines Großen zum imperatorem defensoremque ecc-
Kommentars in Paralipomena (MIGNE, Iesie Romane.
Patr. lat. I09 Sp. 279): rector membrorum veri
r86 B 1. Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für d. Röm. Kirche

IO.ji I. Jahrhundert
Nach dem >Mainzer Ordo< für die Königskrönung wird der Herrscher gefragt:
Vis sanctis aecclesiis aecclesiarumque ministris tutor et defensor esse?
Die Kaiserordines hielten jetzt den Ausdruck >Protector< fest:
In dem alten Gebet: Deus, pater aeternae gloriae, sit adiutor tuus, das schon zum
Kaiserordo II (vor 96o) gehört, ist im Ordo VIII (um rooo) der Text erweitert zu
adiutor tuus et protector (Die Ordines für die Weihe und Krönung des Kaisers und der
Kaiserin, hg. von R. ELZE, S. 5 und r 9; Mon. Germ., Fontes iuris German. ant. IX).
In dem Consecrationsgebet: >Prospice, omn. Deus, serenis obtutibus< (Ordo II: S. 4)
heißt es: » Tribue ei, omn. Deus, ut sit jortissi11Jus protector patriae et consolator ecclesiarum
atque coenobiorum sanctorum (in den weiteren Ordines beibehalten).
Daneben bewahrt das alte Gebet: >Deus regnorum omnium et Christiani maxime pro-
tector imperii< die Verwendung der Proteetor-Bezeichnung für Gott.
Kölner Traditionsurkun de von 9 58 (verfälscht, aber in der Datierungszeile echt):
»a. ... DCCCCL VIII . .. Ottone ... tenente ius regium tocius ecclesie rectore et defensore
iustissimo« (TH. ]. LACOMBLET, U. B. für die Gesch. des Niederrheins I, 1840 S. 6o
Nr. ro4); dazu H. KELLER im Deutschen Archiv XX, 1964 S. 346f.
THIETMAR VON MERSEBURG sagt anläßlich der Kaiserkrönung Ottos I.: »ac patronus
Romanae effectus aecclesiae« und nennt ihn bei seinem Tode: »patriae rector atque defen-
sor«. Den Papst läßt er 10I4 Heinrich II. bei seiner Krönung zum Kaiser fragen:
»Si jidelis vellet Romanae patronus et defensoresse ecclesiae (II I 3, II 44, VII, I ; ed. R. HoLTZ-
MANN, I935 S. 52, 92f., 396; Mon. Germ., Script. N. S. IX).
Nach WrPO cap. 2 wurde Konrad II. durch seine Wahl gemacht zum >rector et defensor<
(ed. H. BRESSLAU, I9I5; Script. in us. schol., S. I9 mit Anm. 1).
Humbert von Silva Candida gebraucht die Wendung: >advocator ecclesiarum vel et
dejensores< (Adversus Simoniacos III, Io; Mon. Germ., Lib. de lit. I S. 2rof.).
Der >Anoi!Jmus von York< (besser: Normannischer A.) spricht vom >rex defensor ...
sanctae ecclesiae< (Tract. IV; ebd. III S. 679 = K. PELLENZ, Die Texte des Norm. Anon.,
Wiesbaden I966 S. r6I).

I 2. Jahrhundert
Encyclica Lothars III. gegen den Gegenpapst Anaklet (I I 33): >(Deo) placuit, nos
patronum ac defensorem s. ecclesiae Romanae statuere< (Mon. Germ., Const. I S. I67).
Wahlanzeige Friedrichs I. (I I 52), Z. 6. >debitam iusticiam ac defensionem exhibeamus ... <;
Z. I9: >•• • defensionem suscepimus< (ebd. S. I29).
Bericht Wiba/ds von S tablo über diesen Vorgang: >ut declaretis eum in regem ac defen-
soretn Romanae ecclesiae< (ebd. S. 193).
Einladung Friedrichs I. an Papst Alexander III. (1159): >ipsius (sei!. s. Rom. eccl.)
mra et defensio a divina providentia creditur esse commissa nobis specialius< (ebd. S. 2 55).
>Protector<-Begriff weiter verwandt

Antwort des Papstes (n 59): >Nos recognoscimus domnum imperatorem ... advocatum ac
specialem ss. Romane ecclesie defensorem< (ebd. S. 2 56).
Im >Ludus de Antichristo< (nach K. HAUCK verfaßt für Friedrichs Königskrö-
nung, I I 52) bitten die Gesandten des Königs von J erusalem den Kaiser: >Defensor
ecclesie- nostri miserere<, worauf er ihnen >auxilium< verspricht (Vers I 2 9, I 36; H. KuscH,
Einführung in das latein. Ma., I, Darmstadt I957 S. 48o).
Diese Stellen ließen sich zweifellos noch vermehren; sie genügen aber als Beleg,
daß der Ausdruck >Protector< aus dem offiziellen und offiziösen Sprachgebrauch
verschwindet.
Er blieb nur im Krönungsbrauch benutzt, bei dem auch die päpstliche Seite
am Herkommen in einer geradezu verblüffenden Weise festhielt125• Daher findet sich
die alte Eidformel mit >Protector< und >Defensor< auch noch im Ordo XVIII, der an der
Kurie zu Anfang des 13. Jahrhunderts redigiert wurde, und da dieser Ordo am Ende
des I 3. Jahrh.s in die kurialen Zeremonienbücher übernommen wurde, behielt er
bis in das 15. Jahrhundert offizielle Geltung. Aber auch die übrigen Ordines aus dem
I 3., I4. und I 5. Jahrhundert enthalten die alte EidformeL Selbst in dem Ordo, der

I 529 für die Bologneser Krönung Karls V. zum Kaiser redigiert wurde, findet sie

sich noch- obwohl der Ausdruck >Protector< nun vollends unzeitgemäß geworden war.

b) Die weitere Verwendung des >Protector<-Begriffes in England


und in den Vereinigten Staaten (bis heute) *

Der Eid, den der Präsident der USA bei seinem Amtsantritt vor dem Kapitol
abzulegen hat, schließt: »(I) will tothebest of my ability preserve, protect and defend
the Constitution of the United States.« Der Wortlaut ist verankert in der Verfassung,
die I787 in Philadelphia beschlossen und 1789 - nach der Annahme durch zwei
Drittel der die Union bildenden Staaten - in Kraft getreten war (Art. 2 sect. I,
Schluß).
Die Wendung >to the best of my ability< ließe sich - in das Lateinische übersetzt- mit
>Secundum scire ac posse< wiedergeben (d. h. mit der Wendung, die nach unserer Darle-

125 Vgl. wiederum: Die Ordines für die Weihe 1359 (XXIII); S. 146: Kuriale Neufassung
und Krönung des Kaisers und der Kaiserin, aus der Mitte des 15. Jahrh.s. (XXIV); S.
hg. von R. ELZE, Hannover 1960, (Mon. 169: Kar! V., 1529 (XXVII). 1; vgl. dazu
Germ., Fontes iuris Germ. antiqui IX), S. S. XXIX f.
63: Staufischer Ordo vom Ende des 12. * Niedergeschrieben für eine Festschrift,
Jahrh.s. (XVII); S. 73: Ordo der Römi- durch die mein Kollege HERBERT JANKUHN,
schen Kurie vom Anfang des 13. Jahrh.s. mir durch jahrzehntelangen wissenschaft-
(XVIII); S. 90: Neuer Ordo der Kurie aus lichen Austausch und lange Gespräche in
der Mitte des 13. Jahrh.s. (XIX); S. 106: der Kriegsgefangenschaft verbunden, ge-
Durandus, 1292/6 (XX); S. 134: Kar! IV., ehrt werden soll (in Druck).
188 BI. Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für d. Röm. Kirche

gung bei der Kaiserkrönung Karls des Kahlen im Jahre 875 der >Promissio< Karls
des Großen von 774 angehängt wurde). Aber wir wollen daraus keine Folgerungen
ziehen; denn in Eiden von Staatsoberhäuptern war und ist eine solche Klausel an-
gemessen. Wie aber gelangte die Formel >protect and defend< - auf lateinisch: >me
protectorem ac defensorem esse ( Romanae ecclesiae)- in den Präsidenteneid? Das Verbum
>defend< mag man als in diesem Zusammenhang für gegeben ansehen; für das V erbum
>protect< trifft das nicht zu und erst recht nicht für die Verbindung beider Wörter.
Gibt es dafür ältere Vorbilder?
Im angelsächsisch-normannischen Bereich läßt sich die Formel in der Tat schon
früh nachweisen, nämlich im u. Jahrhundert; in seiner 1136/37 abgeschlossenen
>Historia ecclesiastica< nennt Ordericus Vitalis, Sohn eines aus Orleans stammenden
Priesters und einer Engländerin, den König Heinrich I. von England anläßtich seines
Todes (1135) >inermis populi protector aecclesiaeque sanctae fervidus defensor< 126 • Dieser
Mönch lebte von 1085 bis II42 in dem normannischen Kloster Saint-Evroul127 , also
am Rande des Bereiches, in dem jene Formel seit alters bekannt war.
Aber von Ordericus führt kein Weg in die Folgezeit. In der Zeit von Heinrich I!.
bis zum 13. Jahrhundert trug der Vertreter des im Ausland weilenden Königs den
Titel >Justiciarius<128 • Der Earl Marshall William von Pembroke, der 1216 die Regent-
schaft für den noch im Kindesalter stehenden Heinrich IIL übernahm, führte diese
unter dem Titel >rector regis et regni< 129 und im 14. Jahrhundert wurde in den Fällen der
Minderjährigkeit die Regierung wohlweislich nicht einem einzelnen, sondern einem
Gremium von Räten überantwortet13o.
Die >offizielle< Geschichte des englischen Protector-Titels beginnt daher erst im
I5 . Jahrhundert:
Als der König Heinrich V., in England vertreten durch seinen Bruder als >custos
Anglie<, am 2. Aug. 1422 vor der Zeit im Bois de Vincennes starb, hatte er in einem

126 Mon. Germ., Script. XX S. 53· of Regency unter dem Vorsitz des Herzogs
127 Über ihn und sein Kloster vgl. H. WoLTERS, von Lancaster. Für dessen Enkel Richard
Ordericus Vitalis. Ein Beitrag zur Klunia- II., der 1377 mit zehn Jahren zur Regierung
zensischen Geschichtsschreibung, Wiesba- kam, führten neun Räte (Council/ors), die
den 1955 (Veröffentl. des Instituts f. Europ. nur ein Jahr lang im Amt bleiben durften,
Gesch., Bd. 7). die Geschäfte: diese Maßnahme wurde er-
128 Über ihn vgl. J. FRANcrs WEST, The Justi- griffen, um die Rivalität zwischen den
tiarship in England 1066-1232, Cambridge Oheimen auszubalancieren und das Über-
1966 (Cambridge Studies in Medieval Life gewicht irgendeiner Partei zu verhindern.
und Thought, New Series, vol. XII). Im ganzen 14. Jahrhundert kam es deshalb
129 Vgl. ebd. S. 224f. usw. und SrR MAuRICE nicht dazu, für den Stellvertreter des Königs
Pow1cKE, The Thirteenth Century (1216- einen neuen Titel zu schaffen; vgl. MAY
1307), Oxford 2 1962, S. 2. McKrsAcK, The Fourteenth Century
130 Für Edward III., der 1327 im Alter von 14 (1307-1399), Oxford 1959, S. 96 und 402.
Jahren gekrönt wurde, regierte ein Council
>Protector< in England und den USA

Kodizill zu seinem Testament für seinen erst einjährigen Sohn, den nunmehrigen
König Heinrich VI., eine Vormundschaft vorgesehen131• Dagegen erhoben sich je-
doch Einwände, weil die >tutela< aus dem Römischen Rechte stammte132• Der Titel
>Governor< kam auch nicht in Frage, da ihn die englische Tradition nicht kannte133 •
Einen schlüssigen Präzedenzfall bot die heimische Geschichte nicht134•
Die Regierungsgeschäfte übernahm der Bruder des toten Königs, der Herzog
Humphrey von Gloucester. Unter welchem Titel sollte er sie führen? Der Herzog
wollte begreiflicherweise viel Macht zugesprochen erhalten; die Lords widersetzten
sich natürlich seinem Bestreben. >Custos< wurde nicht als angemessen angesehen; der
Ausdruck >defensor< war den Engländern zwar vertraut, aber er besagte nicht genug135 ;
man besann sich auch darauf, daß r 2 r 6 ein >rector regis et regni Ang!ie< eingesetzt worden
war136 • Schließlich einigte man sich auf den Titel: >Protector and defender of the realm
and church in England and principa! councillor of the King.< Einige Jahre später (1428)
wurde die rechtliche Bedeutung dieses Titels von den Lords dahin ausgelegt, daß er
nur >emporteth a personell duetee of entendance to the actuell defense of the land, as weil against
thenemy utward,yf cas required, as q_yenst Rebelies inward,yf any were, that God forbede<l31.
Der Zusatz protector machte den Titel also nur voller, fügte aber zu defensor rechtlich
nichts hinzu, wie tutor, regens, governor usw. das getan hätten138 •
Herzog Humphrey mußte sich außerdem damit abfinden, daß dieser Titel seinem
älteren Bruder, dem Herzog von Bedford, für den Fall vorbehalten wurde, daß die-
ser aus Frankreich nach England zurückkehrte. Auch wurde weder auf das Kodizill
des toten Königs noch auf die agnatischen Anrechte der Herzöge Bezug genommen;
der Titel beruhte vielmehr auf dem Entschluß beider Häuser des Parlaments139 • Welche
Rechte er einschloß, wurde auch in den folgenden Jahren nicht festgelegt- vermut-
lich hatten weder der Herzog noch der Council ein Interesse daran, diese Frage grund-
sätzlich zu klären.
Als Heinrich VI. im November 1429, noch immer minderjährig, gekrönt wurde,
mußte Gloucester sein Protectoramt niederlegen; ihm blieb nur das des >Principil coun-
cillor<.
Entsprechend heißt es von dem jungen König >Protectionem et Defensionem Regni et

I 3 I V gl. zum Folgenden J. S. RosKELL, The zen zu (ebd. S. 2oo).


Office and Dignity of Proteetor of Eng- I32 Ebd. S. 2o6f., 2I4f.
land, with special Reference to its Origins, I33 Ebd. S. 2Io, 2I3.
in der English Hist. Review 68, I953, S. I34 Ebd. s. 2IOf.
I93-233. -Der Herzog von Burgund sollte I35 Ebd. s. 2I2ff.
Regens Regis et regni Francie, der Herzog von I36 Ebd. s. 2I3f.
Bedford, Heinrichs V. Bruder, custos Duca- I37 Ebd. S. 2I5.
lus Normannie werden. Da der Herzog von I38 Ebd. S. 216.
Burgund das ihm zugedachte Amt nicht an- I39 s. 220f.
nahm, fiel auch dieses dem englischen Prin-
BI. Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für d. Röm. Kirche

Ecclcsie. . suscepit atque ad eadem ... protegenda et defendenda . . . sacramentum prestitit


corporalem< 140•
Nachdem im voraufgehenden Abschnitt festgestellt worden ist, daß sowohl das
Römische Pontificale als auch Durandus im Rahmen der Kaiserordines die alte >Pro-
missio< mit der Wendung: >me protectorem ac defensorem esse< festhielten141, ist es nicht
mehr überraschend, einem analogen Titel in England zu begegnen. Denn diese
Texte waren natürlich auch auf der Insel bekannt - daß der Doppeltitel einst mehr
bedeutet hatte, konnte man freilich nicht mehr wissen.

Als Heinrich VI., inzwischen zum Manne herangereift, wahnsinnig wurde, mußte
abermals eine Lösung gefunden werden, um die Regierungsgeschäfte weiterzuführen.
Am 2.7. März 1454 wurde der Herzog Richard von York zum >Protector et Defender<
bestimmt. Er führte dieses Amt mit Unterbrechunge n, die sich aus dem Gesundheitszu-
stand des Königs ergaben, bis zu seinem Tode auf dem Schlachtfelde (; o. Dez. 1460) 1!12.
Im Jahre 1461 konnte Eduard IV., Heinrichs Gegenspieler aus dem Hause York,
die Herrschaft über England erringen.
Seine Gegner, die noch einmal Heinrich VI. auf den Thron setzten, gewannen
1470 die Oberhand. Am 2.6. Nov. machte das Parlament den Earl of Warwick, den
>Königsmacher<, zum Protector; aber er fiel bereits im April des folgenden Jahres,
als Eduard IV. den Kampf um seine Krone wieder aufnahm143• Als dieser sein Ende
kommen sah, bestimmte er testamentarisch - da seine Söhne noch minderjährig
waren - seinen Bruder Richard nach dem nun schon fest gewordenen Brauch zum
>protectour and defensour of this our rqyalme< 144• Richard III. achtete bekanntlich den Wil-
len des Toten nicht und machte sich zum König (ob er amTodeder Söhne Edwards
schuldig war, ist noch heute eine Streitfrage); er verlor 148; in der Schlacht bei
Bosworth sein Leben.
Eine Folge dieser Ereignisse war, daß der Protector-Titel Gewicht bekam und der
Defensor-Titel hinter ihm zunächst in den Schatten trat145 • Die historische Entwick-

I40 s. 221. nachdem ihn das Parlament I)44 für ver-


I4I s. oben S. I87. erblich erklärt hatte.
142 Ebd. S. 226f. In Böhmen wurden von 15 3 I an von den
143 Y ear Books of Edward IV, ed. by Nellie Ständen >Defensoren< gewählt, denen die
Neilson, London I93 I, (The Publications of weltliche Vertretung der Utraquistischen
the Seiden Society for I93o: vol. 47) S. Kirche oblag. I; 34 beanspruchte Perdirrand I.
XI-XV. dieses Recht; 1575 wurde es wieder den
144 RosKELL a. a. 0. S. 227. Ständen zurückgegeben. Nach dem Abfall
I45 Nicht zu behandeln ist hier die Rolle des vom Kaiser (1619) wurden 30 Defensores
Titels: >Defensor of the Faith< (defensor jidei eingesetzt; vgl.H. V. PRERADOVICH ln:
ftdei), der Heinrich VIII. I)2I vom Papste Deutscher Adel I555-174o, hg. von H.
verliehen und von seinen Nachfolgern trotz RössLER, Darmstadt I965 S. zo4f.
der Trennung von Rom beibehalten wurde,
>Protector< in England und den USA

lung hatte also einen ganz anderen Gang genommen , als die Lords das 1422 iin
Sinne gehabt hatten.

Im Hause Tudor wurde das Problem der Vormunds chaft erst I 547 dringlich, als
auf Heinrich VIII. sein erst zehn Jahre alter Sohn Edward VI. folgte. Der Vater
hatte testamentarisch festgelegt, daß die Regierung durch einen Regentscha ftsrat
geführt werden sollte, dessen I 6 Mitglieder er namentlich bestellt hatte. Aber gleich
nach dessen Zusammen tritt setzte es der Graf von Hartford als Oheim des jungen
Königs durch, daß ihm der Vorsitz mit dem Titel >Proteetor of all the realmes and domi-
nians of the Kinges Mrgestie ... and . . . the Governour of bis moste rqyal personaliry< nebst
der Vormundsc haft über Eduard übertragen wurde146 •
Hartford, der sich den Titel eines Herzogs von Somerset zuschanzte , stieß auf die
Gegnersch aft seines Bruders Lord Seymour, der für sich die Vormunds chaft an-
strebte. Dieser wurde vom Regentscha ftsrat zum Tode verurteilt und 1549 hinge-
richtet. Aber der Proteetor konnte nicht verhindern , daß sich gegen ihn eine Koali-
tion bildete, an der sich nicht nur der Adel, sondern auch der- wegen der Minderung
seiner Macht erboste - Regentscha ftsrat beteiligte. Er wurde gefangenge setzt und
konnte sein Leben nur durch den Verzicht auf die Protector-W ürde erkaufen. Als er
versuchte, noch einmal an die Macht zu gelangen, zog er den kürzeren: I 5 52 folgte
er dem Bruder auf das Schafott. Sein erfolgreich er Rivale, der Herzog von Northum-
berland, sah davon ab, sich dem diskreditie rten Protector-T itel zuzuwende n; da aber
sein Versuch, Jane Grey auf den Thron zu setzen, scheiterte, wurde auch er hinge-
richtet.
Da die beiden Königinne n, die diesem Halbbrude r folgten, beim Regierungs -
antritt bereits volljährig waren und auch Karl I. bereits 25 Jahre alt war, als er
seinen Vater beerbte, wurde das Proteetor-P roblem fast hundert Jahre nicht aktuell.
In nicht vorauszuse hender Weise hat der alte Titel dann in Englands Geschichte
doch noch einmal eine Rolle gespielt: Am I6. Dez. 1653 wurde Oliver Cromwell auf
Grund eines Beschlusses seiner Anhänger in Westminst erhall feierlich als >Lord-
Protector of the Commonwealth of England, Scotland, and Ireland and the dominians thereto
belonging< installiert147 - das geschah in bewußter Anknüpfun g an die Tatsache, daß
früher in Zeiten, in denen der König nicht imstande war, zu regieren, ein Proteetor
eingesetzt worden war. Dieses Amt erbte 1658 nach dem Tode des Vaters sein
schwacher Sohn, aber er vermochte es nur ein Jahr lang festzuhalten.
Nach der royalistischen Restauratio n war der Protector-T itel so diskreditie rt, daß
er von da an in der englischen Geschichte nie mehr eine Rolle gespielt hat.

Noch klafft eine Lücke zwischen dem Ende des englischen Protector-Titels und der
nordamerikanischen Verfassung von 1787, die in den Eid des neuen Präsidenten die

146 RosKELL a. a. 0. S. 228 f. 147 Ebd. S. zz9f.


BI. Das Versprechen Pippins u. Karls d. Gr. für d. Röm. Kirche

alte Formel >fo protect and to defend< aufnahm. Kennern der anglo-amerikanischen
Rechts- und Verfassungsgeschichte wird es nicht schwerfallen, sie auszufüllen. Zu-
nächst müßte das Augenmerk gerichtet werden auf die Eide, die in der Kolonialzeit
von den Vertretern Englands zu leisten waren14B.

148 In den »Documents of American History, •.• öfters (Z. B. S. 49, 103, 107, 108; S. IIS
ed. by H. Sr. CoMMAGER, New York 1934 Gott als protector); aber ich fand keinen Be..
(hier nach der Ausg. von 1949) begegnen leg für >protect and defend<.
die Ausdrücke protection, protected, proteefing
2

Karl der Große (768-8 r4)

A. Karl der Große als König ( 76 8-8 oo) im Lichte der Staatssymbolik*

Karl der Große ist der erste Laie des Mittelalters, der einen Biographen gefunden hat.
Die von EINHARD verfaßte Vita Karoli Magni ist als Neubeginn zu verstehen; denn
es handelt sich bei ihr nicht um eine säkularisierte Form jener Heiligenviten, für die
aus den voraufgehend en Jahrhunderte n unzählige Beispiele vorliegen. Sie ist viel-
mehr durch Inhalt und Darstellungs art den zeitgenössischen Annalen verwandt und
erhält ihre - auf eine Persönlichkeit ausgerichtete - Form durch das Vorbild der
Kaiserviten Suetons. Wenn WmuKIND seiner Sachsengeschichte ein ähnlich ge-
zeichnetes Bild Ottos I. eingefügt hat, dann erklärt sich das dadurch, daß er die Karls-
vita kannte; diese und WmuKIND zugleich haben dann wieder anderen Autoren als
Vorbild gedient.
EINHARD hat also Schule gemacht, aber er ist bis zur Vita Heinrici IV. nicht über-
troffen worden. Er führt uns an einen Laien heran, wie das im frühen Mittelalter
höchstens noch in Assers Vita des Angelsachsenkönigs Alfred (t 899) der Fall ist,
schafft also für das wissenschaftliche Verständnis einmalig günstige Voraussetzungen.
Sie werden dadurch noch verbessert, daß in Karls Zeit die Annalistik formal und
inhaltlich eine Höhe erreicht, von der sie kurz vorher noch weit entfernt gewesen
war - wenn sie in der Folgezeit gehalten wird, dann gleichfalls deshalb, weil die in
der Zeit Karls aufgezeichneten Annalen das Vorbild für die nachrückend en Gene-
rationen abgaben.
Außerdem stehen für die Zeit des Frankenkaisers Hunderte von Kapitularien,
Briefen und Gedichten zur Verfügung, so daß wir uns - verglichen mit der Zeit nur
fünfzig Jahre vorher - einem geradezu überwältigen den Reichtum an Zeugnissen
gegenüber sehen.
Trotz dieser Fülle ist unser Verlangen nach Einsicht in die Gründe des Geschehens
noch nicht befriedigt. EINHARn und die Verfasser der Hofannalen, nicht Karl selbst
führten die Feder, und sie haben nicht alles niedergeschrieben, was sie wußten, da sie

* Zuerst in: Karolingische und ottonische III) Wiesbaden 1957, S. 16-42 (die Seiten
Kunst. Werden-Wesen -Wirkung (Forsch. p.-42 sind eingearbeitet in den übernächsten
zur Kunstgeschicht e u. christl. Archäologie Abschnitt; s. unten S. z64ff.).

I 3 Schramm, Aufsätze I
194 B2: A. Kar! d. Gr. als König (768-Soo)

Rücksichten zu nehmen hatten. Von allen Urkunden, Briefen, Gesetzen usw., über
denen Karls Name steht, gilt gleichfalls, daß zwischen ihnen und uns das Medium
dessen steht, der den Text abfaßte, daß wir also keine letzte Gewißheit besitzen, wie
weit die von Karl Beauftragten wirklich ganz genau wiedergaben, was er dachte und
wollte. Dieser Zweifel verstärkt sich angesichts des teils biblischen, teils antikisieren-
den Faltenwurfs, den die Zeitgenossen entsprechend der Stilmode ihrer Zeit dem
Sprachgewand ihrer Texte gegeben haben.
Wie Karl der Große von seinen Zeitgenossen gesehen wurde, was er im einzelnen
anordnete- darüber geben also alle diese Zeugnisse gerraue Auskunft. Aber- das ist die
uns angehende Frage- was dachte er selbst? Was wollte er? Wohin zielte er? An
welchen Anschauungen hielt er zeitlebens fest? Welche paßte er den Zeitumständen
an? Welche machte er sich im Laufe der Jahre neu zu eigen?
Es gibt einen Bereich, der uns diese Fragen zu beantworten vermag: den der
Staats.rymbolik 1 • Wir müssen- um hier zunächst nur das Wichtigste zu nennen- seine
Siegel, Bullen und Bilder, die von ihm benutzten Herrschaftszeichen und Titel, die
Rechtsakte, durch die Neuerungen in Kraft gesetzt wurden, die ihm und die von ihm
geleisteten Eide ansehen und sie daraufhin befragen, was sie aussagen sollten. Denn
wenn Karl auch hier und da durch andere auf neue Gedanken gebracht oder sich
auf den Rat eines Dritten verlassen haben mag, so steht er doch überall persönlich
hinter allem, was zur Staatssymbolik gehört - mag er es selbst erdacht oder sich zu
eigen gemacht haben.
Wir vergegenwärtigen uns zunächst das Leben Karls bis zu dem Augenblick, von
dem an er sich mit dem Kaisergedanken auseinandersetzen mußte, im Lichte der
>Staatssymbolik< 1 • Wir fragen, was sie - über die Annalen, Urkunden und Briefe,
selbst noch über ErNHARDS Vita hinaus - von seinen Gedanken und Absichten er-
kennen läßt.

a) Der Regierungsantritt(768)- >Deigratia<-Übernahmedes Gesamtreiches (77I)

Man muß sich vor Augen halten, daß Karl in seiner Jugend noch den letzten der
langgelockten Merowinger erlebt hat, daß er bereits neun Jahre war, als sein Vater
die fränkische Königswürde erlangte.

I Über diesen Begriffvgl. P. E. ScHRAMM, Die Ergebnisse. Auch habe ich die Gelegenheit
Anerkennung Karls d. Gr. als Kaiser, in benutzt, einzubauen, was ich an anderen
Histor. Zeitschr. 172, 1951 S. 449-515, bes. Stellen festgestellt zu haben glaube. Man ent-
511ff. (gesondert: München 1952, S. 67ff.; schuldige deshalb, daß mein Name so oft in
im folgenden wieder abgedruckt). Da in die- den Anmerkungen erscheint.
sem Aufsatz die wichtigste Lit. angefügt ist, Zum Begriff der Staatssymbolik vgl. jetzt
gebe ich hier nur die notwendigsten Nach- auch den ersten Abschnitt dieses Bandes.
weise. Ich verwerte hier die dort erzielten
Der Regierungsantritt (S. r6-r8)

Von dem Augenblick an, in dem Pippin in Soissons >gewählt< und gesalbt war
(Ende 751) 2 , ging sein Bestreben dahin, seinem Geschlecht die Herrschaft auf Dauer
zu sichern. Er ließ sich deshalb von dem 754 ins Frankenreich geflüchteten Papst
noch einmal salben, und erwirkte dessen Verbot an die Franken, jemals irgendeinen
aus einem anderen Geschlecht zum König zu wählen. Er sorgte auch dafür, daß diese
sakramentale, die magische Kraft der langen Haare ersetzende Stärkung gleichzeitig
auch seinen beiden Söhnen, Karl und dessen Bruder Karlmann, zuteil wurde - wo-
durch sie (wenn auch zunächst nur nominell) Anteil an der Herrschaft des Vaters
erhielten.
Durch ihren Spruch zugunsten seines Königsamtes war für Pippin die Römische
Kirche zu einem entscheidenden Faktor geworden, dessen Wohlwollen er nicht nur
sich, sondern auch seinen beiden Söhnen dauernd zu sichern bemüht war. Er legte
sie deshalb auf die von ihm eingeschlagene Politik fest: er gab das Freundschafts-
versprechen3, das Stephan II. erhielt, zugleich in ihrem Namen ab und machte sie
auch zu Mitausstellern der sogenannten >Schenkung<, die dem Papst die von ihm in
Italien beanspruchten Gebiete zusicherte. Der Papst tat seinerseits dafür außer der
Salbung noch ein übriges: er machte Pippin zum Patricius und sprach diese Würde
auch gleich den Söhnen zu 4 •
Karl war also, als sein Vater im September 768 starb, bereits gesalbt, bereits be-
teiligt an der Herrschaft, bereits Patricius, aber auch bereits doppelt gegenüber der
Römischen Kirche gebunden.
Pippin wurde in St. Denis cum magno honore beigesetzt. Wenn wir Angaben Sugers
von St. Denis, Verse des Iren Dungal und den neuerdings durch Grabungen in

2 Erst die Reichsannalen sagen, Bonifaz habe wahl, in der Zeitschr. f. Rechtsgesch. 66,
die Salbung durchgeführt. Da er sich in die- Germ. Abt., I948, S. 381-440 (jetzt: ebd.,
sen Jahren von der Politik zurückhielt, ist S. I 39-92 und: Die Entstehung des deutschen
die Richtigkeit dieser Angabe zweifelhaft; Reiches, hg. von H. KÄMPF, Darmstadt 1956,
vgl. TH. ScHIEFFER, Winfried-Bonifatius u. S. 313-85); zur älteren Lit. vgl. S. 89, Anm. I,
die christliche Grundlegung Europas, Frei- V gl. meinen Aufsatz: Das Versprechen Pip-
burgi. B. 1954 S. 259. Vgl. dazu H. BüTTNER, pins und Karls d. Gr. für die Römische Kir-
Aus den Anfängen des abendl. Staatsgedan- che, in der Zeitschr. f. Rechtsgesch. 58,
kens. Die Königserhebung Pippins, im Kanon. Abt. 27, 1938, S. I8o-227. (jetzt oben
Histor. Jahrbuch 7I, I952 S. 77-90. S. I49ff.).
Die Thronfolge von 751 bis in das IO. Jahr- 4 Vg!. unten S. 2qf. die Aufsätze von FR. L.
hundert unter verfassungsgeschichtlichem GANSHOF, J. DliliR und W. ÜHNSORGE über
Winkel stellte dar W. ScHLESINGER, Karo- diesen Titel; s. jetzt P. CLASSEN, Karld. Gr.,
lingische Königswahlen, in: Zur Gesch. u. das Papsttum u. Byzanz, in: Kar! d. Gr.,
Problematik der Demokratie: Festgabe für Lebenswerk u. Nachleben I, Düsseldorf 1965,
H. HERZFELD, Berlin I958, S. 207-64 (jetzt: S. 552 (mit Nachweisen; s. DERS. schon in:
Beiträge zur deutschen Verfassungsgesch. Gnomon 32, I96o, S. 484f.). - Vgl. ferner
des Ma.s I, Göttingen I963, S. 88-138) und WoLFRAM (Korrekturnachtrag zu S. 50) S.
DERS., Die Anfänge der deutschen Königs- 206-44.

IJ*
B2: A. Kar! d. Gr. als König (768-8oo)

der Klosterkirche festgestellten Baubefund miteinander verknüpfen•, ergibt sich,


daß der tote König entsprechend seiner Anordnung vor dem Westeingang der
Klosterkirche so begraben wurde, daß jeder, der sie aufsuchte, über seinen Leichnam
hinwegschritt: eine Selbstdemütigung im Tode, wie sie sinnfälliger nicht gedacht
werden kann. Ja, sie war dadurch noch verstärkt, daß der König mit dem Gesicht
zur Erde begraben wurde 6 •
Die Söhne haben den Willen des Vaters verwirklicht; aber Karl hat es sich in
seinem Alter bezeichnenderweise angelegen sein lassen, der Grabstätte seines Vaters
doch noch die für einen König angemessene Würde zu geben. Er ließ vor dem West-
eingang über dem Toten eine Vorhalle aufführen, die erst im 12. Jahrhundert einem
Umbau zum Opfer gefallen ist. In ihr wurden Bilder Pippins und Karls angebracht;
die Beischrift, die der als Mönch im Kloster lebende Dungal verfaßte, hat sich erhalten
-sie bezeichnete Karl bereits als Kaiser, wodurch die Vorhalle in die Jahre 8o1-14
datiert ist 7 •
Hier greift man den Gegensatz, der zwischen seiner und seines Vaters Religiosität
bestand: Pippin hatte sich beim Scheiden aus dieser Welt seiner guten Taten nicht
sicher gefühlt; Karl, Sproß einer jüngeren Generation, die in kirchlich bereits ge-
festigte Zustände hineingewachsen war, konnte darauf vertrauen, daß er auf Erden
so viel Gutes bewirkt hatte, wie es in der Kraft eines Christen lag, und erwartete

Genaueres in den Nachträgen zu meiner sten im Westen der Kirchen. Über die Bau-
Ausgabe der Kaiserbildnisse (Bd. V dieser lichkeiten ebd. S. 89ff. (mit Hinweis auf
Sammlung). weitere Speziallit.).
6 Berichtet in der »Chronique de Saint-Denis« Der Brauch, die Toten mit dem Gesicht
(Dom Bouquet, Historiens de la Gaule V, nach unten zu begraben, ist auch sonst be-
S. 224); vgl. dazu E. SALIN, La civilisation legt: einer Pressenachricht vom r. IV. 1965
merovingienne II, Paris 1952, S. 22off. Der entnehme ich, daß bei Ausgrabungen in der
Sinn solcher Begräbnisart erhellt aus folgen- um IIoo erbauten Stiftskirche in Hechelten
der Nachricht: nach Hariulfi Chron. Centu- (8 km nördlich von Emmerich) die Skelette
lenseii cap. 7 (Migne, Patr.lat. 174Sp. 1253 f.) des Grafen Wichmann, der hier im xo. Jahrh.
wollte Angilbert, Karls Schwiegersohn, in sei- eine Burg besessen hatte, und seiner Familie
nem Kloster Centula so begraben sein: ut a ne- gefunden wurden: seine Frau war auf dem
mine basilica ingredipossit, qui nonsanctam corporis Bauche liegend begraben worden.
eius tumbam calcaret. 7 Man halte daneben, daß Kar! für das Grab
Dadurch erledigt sich eine andere Deutung, des Papstes Hadrian I. (t 795) eine Marmor-
die E. BALDWIN SMITH, Architectural Sym- tafel mit einer - in seinem Namen von Alcuin
bolism of Imperial Rome and the Middle gedichteten - Inschrift in Goldbuchstaben
Ages, Princeton (N. J.) 1956, S. 78 mit Anm. anfertigen ließ; vgl. H. FrcHTENAU, Kar! der
12 vorbrachte. Er wollte in Pippins Begräb- Große und das Kaisertum, in den Mitteil.
nis im Westen nicht ein Bekenntnis seiner des Inst. für Österr. Geschichtsforschung 6r,
Sündhaftigkeit, sondern die Beisetzung an 1953, S. 300 und P. E. S.-FLORENTINE
einem Platz »at the triumphal Gateway MüTHERICH, Denkmale der deutschen Köni-
to the Celestiat Jerusalem« sehen. Er beruft ge und Kaiser, München 1962, S. II8 (hier
sich dafür auf andere Beisetzungen von Für- Lit.) mit Abb. 12.
Die Reichsteilung (768) (S. r6-r9)

deshalb gefaßt die Gnade Gottes. Für sich ordnete er daher auch keine solche Selbst-
demütigung an; ja er traf überhaupt keine Bestimmung über seine Grabstätte. Aber
es war sicher in seinem Sinne, wenn seine Getreuen ihn im Aachener Münster be-
gruben und diese Stätte durch sein Bild sowie durch eine Namen und Verdienst fest-
haltende Inschrift auszeichneten, wie es seit dem frühen Christentum bei Arcosol-
gräbern üblich war.

Nach Pippins Tod trat die Reichsteilung in Kraft, die der Vater- dem germanisch-
fränkischen Herkommen entsprechend8 - vorgesehen und durch die Salbung beider
Söhne auch schon angebahnt hatte. Mit ihrer Einweisung in die Herrschaft wurde
anderthalb Monate gezögert- zweifellos, um möglichst vielen Männern von Ansehen
die Möglichkeit zu geben, an diesem Rechtsakt teilzunehmen. Der Karl betreffende
wurde in Soissons, der andere in Noyon vollzogen. Bezeichnenderweise fanden beide
am gleichen Tage (9. Nov. 768) statt: keiner der Brüder sollte also einen Vorsprung
haben.
Die Angaben der ältesten Annalen sind farblos. Beim Continuator Fredegarii9 heißt
es: Pariter unodie a proceribus eorum (scil. Francorum) et consecratione sacerdotum sublimati
sunt in regno; die Lorscher Annalen vermerken kurz: elevati sunt in regnum1o. Es handelt
sich also nur um Zuruf der Laien und den Segen der Geistlichkeit11•
Der von dem Continuator schon auf Pippin bezogene Ausdruck consecratio wurde
auch für die Weihe eines Bischofs benutzt12 • Entsprechende Gebetsformeln für die
Weihe des Königs standen bereits zur Verfügung13 ; denn zu den seit altersher für
Herrscher und Reich gesprochenen Gebeten14 waren seit der Mitte des 8. Jahr-

8 H.-W. KLEWITZ, Germanisches Erbe im I 3 Durch die falsche Datierung der entscheiden-
fränkischen und deutschen Königtum, in: den Handschrift verleitet, habe ich in: Die
Die Welt als Gesch. VII, I94I, S. 204ff. Ordines der ma.lichen Kaiserkrönung, im
9 CoNT. FRED. ad a. 768 (Mon. Germ., Script. Archiv für Urkundenforschung. XI, I93o,
rer. Merov. II, S. I93). S. 358ff., eine Benedictio ad ordinandum regem
10 Ann. Lauriss. ad a. 768 (Annales regni Franc., vermutungsweise mit dem Jahr 768 in Ver-
ed. FR. KuRZE, I895, Neudruck I95o, S. 28; bindung gebracht, habe das aber bereits in
Script. in us. Schal.). - P. CLASSEN (s. oben der Zeitschr. für Rechtsgesch., Kanon. Abt.
Anm. 4) S. 584 nimmt an, daß Karl754, 768 24, I935. S. I84f., Anm. I, richtiggestellt.
und auch 77I gesalbt wurde, was mir unwahr- Den Zugang zu den Formeln des 8. Jahr-
scheinlich dünkt. hunderts eröffnen meine Aufsätze: Die Krö-
I I In den Ann. q. d. Einhardi heißt es: insignia nung bei den Westfranken und Angelsachsen,
regni susceperunt, in den Ann. s. Amandi und ebd. 54, Kanon. Abt. 23, 1934, S. I17-242
den Ann. Petaviani: Ad reges uncti sunt (vgl. (in Bd. II wiedergedruckt), sowie Ordines-
BöHMER-MÜHLBACHER, Reg. Imp. I, 2. Aufl., Studien II-III, im Archiv für Urkundenforsch.
Innsbruck I9o8, Nr. 115d = I3od). Diese I4, 1937, S. 3-55 und 15, 1938, S. 305-91.
Akte sah man also sehr bald als erforderlich 14 G. TELLENBACH, Römischer und christlicher
an und setzte deshalb voraus, daß sie auch im Reichsgedanke in der Liturgie des frühen
Jahre 768 stattgefunden haben müßten. Mittelalters, in den Sitzungsberichten der
I2 FrcHTENAu a. a. 0., S. 324, Anm. 46. Heidelb. Akad., Phil.-hist. Kl. 1934/5, Nr. r.
B2: A. Kar! d. Gr. als König (768-Soo)

hunderts noch weitere, umfangreichere und durch Hinweise auf die Gestalten des
Alten Testaments gekennzeichnete Formeln gekommen - die eine oder andere mag
für die Feiern in Soissons oder Noyon aufgesetzt sein. Beweisen läßt sich das nicht;
aber zusammengefaßt, legen sie Zeugnis dafür ab, wie die neue Dynastie sich um
den Segen des Himmels bemühte und die Kirche sie dabei unterstützte: König und
Klerus waren wechselseitig aufeinander angewiesen, und das Gedeihen des einen
war der V orteil des anderen.
Auf die Königsauffassung der zweiten Generation fällt ein Licht durch den fortan
einen festen Bestandteil des Titels bildenden Zusatz: Dei gratia 15 • Diese Formel hatte
eine lange Vorgeschichte, war auch schon vor 768 dem angelsächsischen Königs-
titel beigesetzt worden. Damit ist jedoch der Entschluß, sie fortan ständig zu ver-
wenden, nur motiviert, aber nicht geklärt. Ihre Bedeutung läßt sich auch nicht da-
durch verkleinern, daß die Leiter der >Kanzlei< für ihn verantwortlich gemacht
werden. Angenommen werden konnte die Formel nur deshalb, weil die Brüder ihr
Einverständnis gegeben hatten und ihr weiterhin Wert beimaßen16 •
War Karl der Treibende? Das ist wahrscheinlich; auch ist gewiß, daß es ihm zeit-
lebens ernst blieb mit der Auffassung, die sich in jener Formel ausdrückt. Deutlich
kommt das in den neunziger Jahren zum Ausdruck am Anfang der Libri Carolini,
also an hervorgehobener Stelle und in einer zweifellos von Karl ausdrücklich ge-
billigten Fassung 17 • Hier heißt es, man sage von den Königen, daß sie herrschten;
das sei jedoch ein mißbräuchlicher und die Sache nicht treffender Ausdruck: »Denn

I 5 K. ScHMITZ, Ursprung und Gesch. der De- Synodalbeschlüsse desselben Jahres Alcuin
votionsformeln, Stuttgart I9I3 (Kirchen- zuweist und auf Grund von Entsprechungen
recht!. Abh. 8 I) ; dazu FR. KERN, Gottes- zwischen diesen Texten und den Libri Caro-
gnadentum und Widerstandsrecht, Lpz. I 9 I 5, lini deren Schlußredaktion auf diesen zurück-
S. 304ff.; über England vgl. F. L1EBERMANN, führt. W. LEV1SON (t)- H. LöwE haben in:
Gesetze der Angelsachsen II, Halle I9o6, S. WATTENBACH-LEV1SON, Deutschlands Ge-
479· Daß es nicht gerade das angelsächsische schichtsquellen im Ma.: Vorzeit u. Karo-
Vorbild gewesen sein muß, das die Franken linger, 2. Heft, Weimar 1953, S. 201, an der
bestimmte, zeigte W. LEVISON, England and herkömmlichen Anschauung festgehalten,
the CoPtinent in the 8th Century, Oxford daß Theodulf der Hauptverfasser war. Durch
I946 (Ford Lectures I943), S. II9ff. neue Feststellungen ist diese Annahme in-
I6 Die Urkunden beider Brüder setzen im Ja- zwischen ausgebaut worden; vgl. ANN
nuar 769 ein; die Karls weisen gleich Dei FREEMAN, Th. of 0. and the Libri Carolini, in
gratia auf, die Kar!manns erst von März an Speculum 32, I957 S. 663-705 (dagegen
(Mon. Germ., DD. Karo!. I). L. WALLACH, The Unknown Author of the
I7 Über die Verfasserfrage L. WALLACH, Char- L. C., in: Didascaliae. Studies in Honor of
lemagne and Alcuin: Diplomatie Studies in A.A.ALBAREDA, I96I S.471-515. SeineAuf-
Carolingian Epistolography, in Traditio IX, sätze faßte er zusammen: Alcuin and Charle-
I953, S. 127-54, der mit Hilfe des Stilver- magne, 1959; Cornell Studies in Class.
gleichs Karls Brief an Elipand über den Philology 32).
Adoptianismus (794) sowie die Frankfurter
>Dei Gratia<- Kar! Herrscher im Gesamtreich (771) (S. 19-21)

herrschen, unsterblich und wahrhaftig sein ist nur seiner (Christi) Natur eigen; allen aber, die
dies erreichen, ist das allein durch das Geschenk dessen zugeteilt, der in Wirklichkeit regiert,
allein unsterblich und wahrhaftig ist« 18 • Als Unterpfand der ihn nicht verlassenden Gnade
des Himmels trug Karl an einer Kette um den Hals ein goldenes Brustreliquiar,
dessen Heilturn unter einer durchsichtigen Kapsel aus Bergkristall geborgen war -
da es sich um eine frühkarolingische Arbeit handelt, die bis in die Zeit Napoleons I.
im Domschatz von Aachen verwahrt wurde, liegt in diesem Falle kein Anlaß vor,
der Tradition zu mißtrauen und den sogenannten >Talisman Karls des Großen< dem
Frankenkönig abzusprechen ( Abb. 4)1 9 •
Die 768 vorgenommene Teilung erledigte sich, als Karlmann im Dezember 771
starb. Karl schob die Ansprüche der Karlmann'schen Kinder beiseite und übernahm
die Herrschaft im Gesamtreich. Über die Rechtsform, in der das geschah, geben
die Annalen wiederum nur unzulängliche Auskunft. Auch in diesem Falle ist - was
vermerkt zu werden verdient- weder die Aushändigung eines Herrschaftszeichens
noch das Platznehmen auf einem Thron vermerkt 20 •
Nach ErNHARn wurde Karl consensu omnium Franeorum zum König des Gesamt-
reiches eingesetzt. Nur mit solchem consensus, der auch bei schon vorher üblich ge-
wesenen Bekräftigung der >Wahl< eines Königs (d. h. der corroboratio seines Erb-
rechts), ließ sich die offenkundige Tatsache überdecken, daß Karlmanns Rechte auf
dessen Sohn Pippin übergegangen waren. Die Witwe gab den Kampf noch nicht
verloren und suchte mit Hilfe ihres Vaters, des Langobardenkönigs Desiderius, an
dessen Hof sie mit Sohn und Tochter geflohen war, die Krönung Pippins durch den
Papst zu erreichen. Doch das Haupt der Kirche versagte sich diesem Wunsche und
fügte dadurch zu den Streitfragen, die Rom und die Langobarden auseinandertrieben,
noch eine neue. Auf diese Weise ergab sich sowohl für den Papst als auch für Karl

r8 Liber Carol. I cap. I (ed. H. BASTGEN, 1924, Karo/um gloriosissimum regem, et obtinuit feliciter
S. 10; Mon. Germ., Concilia II Suppl.): monarchiam totius regni Francorum. (Diesen
Dicimur enim et nos regnare, sed abusive, non Satz bringen auch die Ann. Mettenses; vgl.
proprie, nam regnare, immortalem et veracem esse BöHMER-MÜHLBACHER Nr. 142a). Dann
illi est naturale; ceteris vero, qui haec consecuntur, müßte Kar! zweimal - oder wenn die (s. in
illius largitione est adtributum, qui vere regnat, Anm. 11) zitierten Annalen recht hätten, so-
solus inmortalis et verax est. gar dreinlal- gesalbt worden sein. Bei seinem
19 P. E. SCHRAMM, Herrschaftszeichen u. Staats- Vater war es dazu gekommen, weil der Papst
symbolik I, Stuttgart 19 54 (Schriften der selbst die Salbung wiederholte. Bei seinem
Mon. Germ. Hist. XIII), S. 309ff. mit Abb. Sohne Ludwig sollte es wiederum dazu kom-
32a-c, DERs.-FL. MüTHER1CH a. a. 0., S. 120 men, weil er als Kaiser noch einmal gesalbt
mit Abb. 17 und: Kar! d. Gr., Ausstellungs- wurde. Solche Sonderbedingungen bestan-
katalog, Aachen 1965, Nr. 557 mit Abb. 109. den aber im Jahre 771 nicht; daher muß 771
20 Eine Ausnahme macht nur das in den For- (ebenso wie 774; s. unten) gegolten haben,
schungen zur Deutschen Geschichte XIII, daß eine sakramentale Weilie nicht wieder-
1873 S. 6z8 abgedruckte Fragment ( = Mon. holbar sei.
Germ., SS. XIII, S. 28): et unxerunt super se
200 Bz: A. Kar! d. Gr. als König (768-8oo)

die Notwendigke it, zusammenzu gehen- von den Folgen wird noch zu sprechen sein.
Wegen seines Neffen brauchte Karl keine Besorgnis mehr zu hegen; man hört
nichts mehr von ihm - vermutlich ist er jung gestorben. Daß Karl seine Söhne so-
bald wie möglich salben ließ, ist nach den Erfahrungen , die er bisher gemacht hatte,
verständlich.

b) König der Langobarden - Unterkönige - Untertaneneid

Auch Karl der Große hatte eine Tochter des Königs Desiderius geheiratet; aber er
hatte sie 771 dem Vater zurückgeschickt und die Alemannin Hildegard geehelicht.
Darin drückte sich der Bruch mit seiner anfangs den Langobarden freundlichen
Politik aus. Im Jahre 774 kam es zur Auseinandersetzung mit den Waffen, und diese
entschieden zugunsten der Franken. Von Desiderius weiß man nicht einmal, wo der
Tod seine Verbannung beendete, und aus seiner Sippe gab es niemanden mehr, der
den Kampf noch einmal hätte aufnehmen können.
Karl war also in der Lage, zu entscheiden, wie es ihm gut dünkte. Die Art, wie er
vorging, ist aufschlußreichn.
Wir hören, daß der Frankenköni g cum hymnis et laudibus in das eroberte Pavia einzog,
daß er den Schatz des Besiegten an sich nahm; aber nichts verlautet davon, daß er
sich erneut salben ließ: er muß also die ihm zuteil gewordene sakramentale Weihe
auf sein Königsamt bezogen und sie als unabhängig von dem beherrschten Raume
angesehen haben 22• Auch hört man nichts davon, daß Karl sich mit irgendeinem
Herrschaftszeichen investieren ließ - insofern entsprach sein Vorgehen dem 768 und
771 befolgten. Damit hatte die Lanze der Langobarden könige, die oben mit einem
Vogel verziert war, ihre Rolle ausgespielt2 3 •
Aber es war doch nicht so, daß der Frankenköni g sich einfach auf den Standpunkt
des Siegers stellte, der seinen Besitz durch Beute vermehrt hatte. Karl schuf vielmehr
ein Novum, das in dem fortan geführten Titel zum Ausdruck kam: Dei gratia rex
Franeorum et Langobardorum.
Mehr als ein Volk hatten schon andere Germanenfür sten im Titel angeführt, und

21 Die Zeugnisse aufgezählt und kritisch ge- Krone« stammt erst aus dem 9· Jahrhundert;
sondert bei BöHMER-MüHLBACHER Nr. 163 b. vgl. ebd. rr, s. 45D-79 (R. ELZE).
22 Anders Kar! der Kahle, der sich 869 als Kö- Auf den von Kar! im Langobardenreich ge-
nig von Lothringen noch einmal salben und prägten Münzen ist seinem Namen nur der
krönen ließ; vgl. P. E. S., Der König von Titel REX FR{ancorum) beigesetzt; das gilt
Frankreich I, Weimar 1939 (Neudruck Darm- selbst für die Münzstätte Pavia. Über die
stadt I 960), S. z6 ff. einzige Ausnahme s. unten S. 2.2.9 (dort auch
23 P. E. S., Herrschaftszeichen, a. a. 0. I, S. Lit.).
2.41f.; IT, edb. 1955, S. 497ff. Die »Eiserne
König der Langobarden (774)- Unterkönige (S. 21-23) 201

auf der britischen Insel lautete der Titel der siegreichen Königssippe, nachdem sie
die übrigen Teilreiche beseitigt hatte: rex Anglorum et Saxonum. Aber in allen diesen
Fällen handelte es sich um Völkerschaften, die unter einem Herrschergeschlecht
zusammengewachsen waren oder im Begriffe standen, es zu tun. Karls neuer Titel
bezeichnet dagegen die erste >Personalunion< des Mittelalters und eröffnet somit ein
neues Kapitel in der Geschichte des Staatsrechts, das bis in die Neuzeit von un-
zähligen- gelungenen und mißlungenen- Völkervereinigungen zu berichten hat 2' .
Denn wenn auch Karls Gesetze für das ganze Reich einschließlich Italiens galten,
wenn auch die fränkische Grafschaftsverfassung auf das Langobardenreich über-
tragen wurde, wenn Karl auch durch die Verpflanzung fränkischer Adliger dafür
sorgte, daß die Ausführung seines Willens in Italien gesichert war, so blieb doch das
Langobardenreich-wir benutzen nochmals einen modernen Ausdruck- als >Rechts-
persönlichkeit< erhalten.
Daß dies die Absicht des Siegers war, machte Karl im Jahre 7 8 1 der Welt deutlich :
er setzte seinen erst achtjährigen Sohn Pippin zum Unterkönig von Italien ein. Und
zwar ging er so vor, daß er ihn zugleich mit dem nächstfolgenden Sohn, dem erst
dreijährigen Ludwig, in Rom vom Papst ad regem salben ließ 25 • Damit hatten sie An-
spruch erworben, eine Krone zu tragen, und daher klingt die Nachricht wahr-
scheinlich, daß der Papst sie ihnen am Schluß der Weihehandlung aufsetzte 26 • Wenn
man diesen Akt auch noch nicht als konstitutiv für die Herrschaft oder - mittel-
alterlich ausgedrückt - als Verleihung der Gewere ( investitura) ansehen darf, so be-
ginnt mit ihm doch die eigentliche Geschichte der mittelalterlichen >Krönung< durch
den Papst.
Die Einrichtung von Unterkönigtümern hatten bereits die Merowinger erprobt 27 ,
und daß Karls Reich einmal geteilt werden mußte, da Gott ihm mehrere Söhne ge-
schenkt hatte, stand für ihn und seine Zeitgenossen gleichfalls fest, da dies ja der

24 H. TR1EPEL, Die Hegemonie. Ein Buch von et fratrem eius Ludowigum super Aquitaniam.
führenden Staaten, Stuttgart, 2. Aufl., 1943, 27 Über das Unterkönigtum vgl. G. ErTEN, Das
S. 49off. (vgl. jetzt in Bd. IV ein Abschnitt U. im Reiche der Merowinger und Karo-
über Personal- und Matrimonialunionen. linger, Beideiberg 1907 (Heidelb. Abh. 18);
2~ Ann. Lauriss. ad a. 781 (Mon. Germ., SS. I, H. ZATSCHEK, Die Reichsteilungen unter
S. 16o). Kaiser Ludwig dem Frommen, in den Mitteil.
26 So berichten die Ann. q. d. Einhardi (ed. des Inst. für österr. Geschichtsforsch. 49,
KuRZE a. a. 0. S. 57): quibus et coronam impo- 193~. S. 185ff.; E. EwiG, Die fränkischen
suit; vgl. auch die Vita Hludowici cap. 4 Teilungen und Teilreiche (511-613) = Akad.
(Mon. Germ., SS. II, S. 6o8). S. dazu BöH- der Wiss. u. d. Lit., Abh. der Geistes- u.
MER-MüHLBACHER Nr. 23 ~ b. Die Ann. Mosel- Sozialwiss. Kl. 1952, Nr. 96, Mainz 1952 und
lani (Mon. Germ., SS. XVI, S. 497) haben die DERS., Die fränkischen Teilreiche im 7· Jh.
beiden Akte (Einsetzung als Unterkönige (613-714), in der Trierer Zeitschr. 22, 1954,
und Salbung) in eins zusammengezogen: S. 85-144 (bes. S. 1o7ff.).
{papa) unxit { Pippinum) in regem super ltaliam
202 B2: A. Karl d. Gr. als König (768-8oo)

herkömmlichen Rechtsauffassung entsprach. Das Neue war also nur, daß ein italieni-
sches Unterkönigtum in die >Personalunion< eingebaut wurde, sie aber- wie der von
Karl beibehaltene Titel ausweist - nicht aufhob.
Zu den Merowingern hatte Karl nach der Eroberung des Langobardenreiches eine
Beziehung hergestellt, indem er vorübergehend den von ihnen geführten Titel vir
i Iuster seinem Königstitel zusetzen ließ 27a. Eine feste Brücke zu ihnen bestand seit dem
Jahre 778: als ihm Zwillinge geboren wurden, hatte er sie auf die Namen Ludwig
(Chlodwig) und Lotbar (Chlothar) taufen lassen. Das ist sehr auffällig; denn nach-
dem der erste (nicht-vollbürtige) Sohn- wie herkömmlich- den Namen des Vaters
(Pippin), der nächste den des Großvaters (Karl) und der dritte den Namen des
Bruders (Karlmann, 781 umgeändert bei der Salbung in: Pippin) erhalten hatte,
wären nach der Tradition der Name des mütterlichen Großvaters oder eines Stamm-
vaters- also etwa Arnulf- in Betracht gekommen 28 • Statt dessen wurden auf dem
Wege der Namengebung die- jetzt ungefährlich gewordenen- Merowinger in die
Ahnschaft des neuen Königsgeschlechts hineingeholt.

Bei seinem ältesten vollbürtigen Sohn, der für die Nachfolge im Frankenreich
vorgesehen war, hielt der Vater die Salbung noch nicht für vordringlich: er trug
seit 788 den Königstitel, erhielt 789 einen Teil von Neustrien, wurde aber erst 8oo
gesalbt. Dagegen erhielt der erst dreijährige Ludwig Aquitanien 2 sa.
In diesem Reich bestand seit der Beseitigung des einheimischen Herzogs (769) ein
Schwebezustand, der auch durch die Übertragung der Verwaltung an Männer frän-
kischer Herkunft kein Ende gefunden hatte. Im Gegensatz zu dem in Italien befolgten
Vorgehen wurde Ludwigs Amtsantritt durch einen sinnfälligen Rechtsakt bekräftigt:
Ludwig wurde auf ein Pferd gesetzt und ritt, in Landestracht eingekleidet, in sein
Reich ein. Er wurde also durch seine Gewänder zu einem Aquitanier gemacht, so
wie der Sachse Otto I. tunica stricta tnore Franeorum zu seiner Krönung auf fränkischem
Boden erschien und sich dadurch zum Franken machte 29 • Auch der >Einritt< ist im
Rechtsbrauch erhalten geblieben, wenn er auch in den Schatten der >Thronsetzung<
geraten ist.
Die Neuordnung in Aquitanien gab dem König der Franken und Langobarden
nicht den Anstoß, seinen Titel abermals zu erweitern. Auch die Beseitigung des

27a SIGURT GRAF PFEIL: Die Titel der fränki- Unterscheidung von dem ältesten voll-
schen Könige und Kaiser bis 9II, Diss. Göt- bürtigen Sohne, dem inzwischen neun Jahre
tingen I958 (Masch.-Schrift), daraus ein Aus- alt gewordenen Karl (t Sn).
zug in Bd. II. 28a Zum geschichtlichen Hintergrund vgl.
28 H.-W. KLEWITZ, Namengebung und Sippen- PHILIPPE WoLFF, L'Aquitaine et ses marges,
bewußtsein, im Archiv für Urkundenfor- in: Karl d. Gr. Lebenswerk u. Nachleben I,
schung XVIII, I944, S. 23-37. Schon vor 78I Düsseldorf I965, S. 273 f.
begegnet Karls Name mit dem Zusatz »mag- 29 Widukind Il cap. I (ed. P. HIRSCH-H. F.
nus«, aber er dient zunächst wohl nur der LoHMANN, 6 /1935, S. 65; Script. in us. schal.)
Unterkönige-Untertanen eid (S. 23-25)

bayerischen Herzogshauses (787) 30 und die Unterwerfung der Sachsen haben in


seinem Titel keinen Ausdruck gefunden. Die volle Konsequenz aus der 774 an-
gebahnten Entwicklung haben nur die in den neunziger Jahren abgeschlossenen
>Libri Carolini< 31 gezogen: sie bezeichnen sich als opus ... Caroli nutu Dei regis Fran-
corum, Gallias Germaniam Italiamque sive harum jinitimas provintias Domino opitulante
regentis. Auffallend ist, daß hier Völker- und Ländernamen aneinandergerückt sind-
darauf wird zurückzukommen sein.

Den Zusammenhalt dieses aus so verschiedenen Bestandteilen zusammengefügten


Reiches hat Karl dadurch zu stärken getrachtet, daß er sich 789 von allen Untertanen
einen Eid schwören ließ 32. Den Anstoß gaben eine 786 aufgedeckte Verschwörung
und die 787 durchgeführte Unterwerfung der Beneventaner, die nun fest an ihren
neuen Herrn zu ketten waren. Ungewiß ist, ob man sich noch darauf besann, daß be-
reits in merowingischer Zeit Eide nicht nur der Königsgefolgschaft abverlangt wor-
den waren, sondern möglichst vielen Untertanen. Der Theorie nach sollten jetzt alle
Karl den Eid leisten; aber nach der Empörung des Bastards Pippin (792) ergab sich,
daß selbst Grafen nicht vereidigt worden waren. Das gab den Anlaß, den Eid noch-
mals einzufordern.
Der Inhalt war sowohl negativ als auch positiv gewendet: 1) die Untertanen ver-
pflichteten sich, dem König gegenüber sich zeitlebens sine fraude et malo ingenio zu
verhalten; z) sie mußten versprechen, ihm und seinen Söhnentreu zu sein und zu
bleiben. Man hat aus dem für das Lehnswesen bezeichnenden Ausdruck jidelis schließen
wollen, daß Karl seineUntertanen auf sich als senior verpflichtet habe; das würde letzthin
darauf hinauslaufen, daß das Reichsvolk den Charakter eines riesigen Lehnsverbandes
bekommen hätte. Was Karl tatsächlich im Sinne hatte, zeigt die erweiterte Form dieses
Eides, die 8oz beschworen werden mußte und an ihrem Ort geprüft werden wird.
Für seine Franken tat Karl noch etwas Besonderes. Er ließ - vermutlich durch
Erkanbald, der seiner Kanzlei vorstand - 798 die in der Zeit seines Vaters neu-
gegliederte Lex Salica in abermals überarbeiteter Fassung herausgeben. Dadurch
bannte er die Gefahr, daß dieser aus Chlodwigs Zeiten stammende, also schon sehr
alte Text unverständlich wurde und Unsicherheit in bezug auf das angestammte
Recht entstand3 3,

30 Über den >Ahnenstab<, den Tassilo Karl aus- 32 F. L. GANsHOF, Charlemagne et Je serment, in
händigen mußte, vgl. ScHRAMM, Herrschafts- den Melanges d'hist. du moyen äge, dedies
zeichen a. a. 0. I, S. 209, 286; über den Grab- a Ia memoire de L. Halphen, Paris I95J, S.
hügel, über dem seine Verurteilung vollzo- 2 59-70, der die vorausgehende Lit. verzeich-

gen wurde, vgl. ebd. Bd. II, S. 688, net.


3I BASTGEN, a. a. 0., S. 500, - Vgl. auch den 33 Fassung E; zur Datierung vgl. K. A. EcK-
Brief Alcuins an Karl aus dem J. 796 mit der HARDT, Lex Salica. IOO Titel-Text, Weimar
Adresse: Carlo regi Germaniae, Gal/iae atque I953 (Germanenrechte, Neue Folge, Abt.:
ltaliae (Mon. Germ., Epp. IV, S. I 57 Nr. I I c). Westgerm. Rechte), S. 55 ff.
B2: A. Kar! d. Gr. als König (768-Soo)

cJ Patricius Romanorum und Proteetor s. Romanae ecclesiae

Wir kehren noch einmal zu dem im Jahre 774 erweiterten Königstitel zurück. Denn
er wurde nicht nur im Hinblick auf das Langobarden reich umgeändert, sondern
brachte auch noch zum Ausdruck, daß Karl im gleichen Jahre seinem Verhältnis zur
Römischen Kirche eine neue Rechtsform gab.
Noch während der Belagerung Pavias macht sich Karl zu einem Besuche Roms auf.
Obwohl die Kurie über seine ihr wohlgeneigte Einstellung im Bilde war, ließ sie sich
von ihm vor Betreten der Stadt die eidliche Zusage geben, daß er wirklich nichts
Übles im Schilde führe. Wer will ihr das verdenken, da sie so schlechte Erfahrungen
mit den Langobarden gemacht hattel Dadurch war jedoch ein Präzedenzfall ge-
schaffen, der für die folgenden Jahrhunderte maßgebend blieb.
Daß Karl es wirklich gut mit der Kirche des Hlg. Petrus meinte, brachte er sofort
zum Ausdruck, als er vom Papst an dessen Grab geleitet worden war. Hier banden
sie sich nicht nur durch wechselseitige Eide, sondern Karl tat noch ein übriges: er
hinterlegte den von ihm geleisteten, schriftlich aufgezeichnet, auf der Confessio s.
Petri.
Es läßt sich erschließen, daß Karl 774 nichts anderes tat, als daß er den Freund-
schaftseid erneuerte, den sein Vater 754 mündlich- auf Grund einer feststehenden
Rechtsforme l- in seinem und seiner Söhne Namen geleistet hatte. Der Unterschied
bestand nur darin, daß Pippin sich als defensor et adiutor der Römischen Kirche be-
zeichnet hatte, Karl sich dagegen protector et defensor nannte. Die Steigerung von
adiutor zu protector sei hier nicht erläutert, ebenso, daß Karl sein ganzes weiteres Leben
lang der Kirche nicht nur geholfen, sondern sie wirklich >protegiert< hat. Jedoch
muß man im Auge behalten, daß das Wort protector bisher vornehmlich in der geist-
lichen Sphäre verwandt worden war: fortissimus protector patriae et consolator omnium
ecclesiarum heißt es in einer Gebetsformel, die in Karls Zeit aufgezeichnet und wohl
auch verfaßt wurde: gemeint ist hier GottvaterM.
In seinen Titel hat Karl nicht das Wort protector aufgenommen, sondern jene Be-
zeichnung, die ihm bereits zusammen mit seinem Vater und seinem Bruder im Jahre
754 zugesprochen worden war: patricius Romanorum. Bisher war sie nicht viel mehr
als ein Ehrenname in der Korresponde nz zwischen der Kurie und dem fränkischen
Hofe gewesen, auf den des öfteren angespielt worden war; jetzt wurde sie zu einem
festen, an den Doppelkönig stitel angehängten dritten Titelm mit einem ganz konkre-
ten Inhalt, nämlich protectio et defensio s. Romanae ecclesiae.

34 Sakramentar von Angouleme Nr. 1857; vgl. wieder ständig benutzt; s. GRAF PFEIL
ScHRAMM, Versprechen Pippins und Karls d. a. a. 0. F. L. GANSHOF, Titre »Patricius«
Gr. (vorstehend abgedruckt). a. a. 0. (oben Anm. 4), S. z63, Anm. 2. und
34a Der Pattidus-Titel fehlt in den nächsten WoLFRAM (s. S. 195 Anm. 4) S. 225 ff.
Monaten. Erst vom Sommer 776 an wird er
Patricius und Proteetor (S. 2 5-2.6)

Karl hat während seines ersten Aufenthalts in Rom noch ein übriges getan und die
von seinem Vater 754 ausgefertigte Schenkung erneuert. Der Text seiner Urkunde,
die verloren gegangen ist, läßt sich bekanntlich mit Hilfe der Angaben im Liber
pontificalis und der Neuausfertigung Ludwigs des Frommen rekonstruieren. Wir
können daher erschließen, daß er von den Zusagen seines Vaters nicht abwich. Aber
es steht andererseits fest, daß Karl in der Folgezeit dort zu Gericht saß oder andere
auf sein Königsamt begründete Maßnahmen ergriff, wo laut seiner Bestätigung diese
Rechte dem Papste gebührten. Hat er sich nicht an sie gehalten? Hat er ihren Inhalt
eingeschränkt?
In diese Unklarheit hat die Numismatik Licht gebracht. Es gibt nämlich Münzen
mit Karls vollem Titel: rex Franeorum et Langobardorum atque patricius Romanorum, die
in den Jahren 79oj8oo geschlagen worden sind, und diese konnten nunmehr- mit
großer Wahrscheinlichkeit - in Ravenna lokalisiert werden 35 , Mit Karls Namen
wurde also in einer Stadt gemünzt, die unter den dem Papste zugesicherten an erster
Stelle stand. Aus den Briefen der Kurie ersehen wir, daß sie es peinlich empfand,
trotz der gegebenen Versprechen nicht Herr in Ravenna zu sein, und auf den Dena-
ren, die die Päpste nach der Beendigung der kaiserlichen Münzprägung (775) in
Rom herstellen ließen36, ist so etwas wie eine Antwort auf den von Karl in Ravenna
herbeigeführten Zustand zu lesen: Hadrian I. ließ seinen Namen und dann sogar
sein Bild auf die Denare setzen, Leo III. begnügte sich mit dem Bilde des Hlg. Petrus
auf derVorder-und seinem Namen auf der Rückseite; aber auf die Tatsache, daß es
dnen Patricius Romanorum gab, weist auch auf seinen Prägungen nicht das kleinste
Zeichen hin. Das hieß unmißverständlich: in Rom ist Herr allein der Papst36a.
Damit ist die durch Karls V erhalten aufgeworfene Frage jedoch nicht erledigt.
Aus seinem ganzen Leben ergibt sich, daß für ihn Recht Recht blieb und sich durch
Gewalt nicht beugen ließ. Er kann sich also nicht auf den Standpunkt der Macht ge-
stellt und dem Papst bedeutet haben, daß er nicht gesonnen sei, seine promissio buch-
stabengetreu zu erfüllen. Wie sich in Karls Augen die Rechtslage darstellte, läßt die

35 Dazu vgl. jetzt H. H. VöLCKERS, Karoling. Über den 751 noch benutzten, dann ver-
Münzfunde der Frühzeit, Göttingen 1965 fallenden und seiner Ausschmückung be-
(Abhandl. der Akad. der Wiss. in G., Phil.- raubten Palast in Ravenna und den wohl
Hist. Kl., III. Folge Nr. 61) s. nf., 144f., schon vorher zugrunde gegangenen Palast
185 f. mit Tafel Q. Das Monogramm besteht in Rom vgl. P. VERZONE in: Kunsthistor.
aus den Buchstaben R, A, V, A und zwei Studien. Festschrift FR. GERKE, Baden-
kleinen, nicht identifizierbaren Buchstaben, Baden 1962. S. 77-9·
die auf den bekannten Prägungen varüeren. 36 ScHRAMM, Herrschaftszeichen S. 2.94ff. mit
Diese gehören den Jahren 79o-8oo an; daß Abb. 31 e-f; auch unten: »Anerkennung
sie in Italien geschlagen wurden, ist gewiß. Karls« S. 2.25 ff. (S.456ff.).Dazu jetzt CLASSEN
Völckers stellt die Auflösung: RA V ( ennJA (Anm. 4) S. 558.
in Frage und denkt an ein Christus-Mono- 36a Ebd. S. 292ff. mit Abb. 31 g-k.
gramm.
zo6 Bz: A. Karl d. Gr. als König (768-8oo)

Einrichtung der Unterkönigreiche ahnen: die Söhne waren innerhalb von deren
Grenzen gesalbte Herrscher mit eigenen Beamten, eigenen Einnahmen, eigener
Rechtsprechung usw., aber sie hatten es hinzunehmen, daß der Vater für das ganze
Reich Gesetze erließ, einzelne Rechtsfälle vor sein Hofgericht zog, durch Missi nach
dem Rechten sehen ließ usw. Ähnlich wird sich für Karlauch das Ineinandergreifen
seiner und des Papstes Kompetenzen in Ravenna und dem ehemaligen Exarchat dar-
gestellt haben.
Karl war also patricius Romanorum = protector et defensor s. Romanae ecclesiae und
>Oberköttig< in den dem Papst von Pippin geschenkten und von ihm bestätigten Ge-
bieten; der Papst war in diesen auf eine quasi->unterkiinigliche< Stellung herabgedrückt
und im übrigen durch den Frankenkönig >protegiert<. So war Karls Stellung zur
Römischen Kirche. Wie stand er zur fränkischen?

d) Pfalz und Münster in Aachen- S Ieinthron und Davidsname

Auf diese Frage sind in den Urkunden und Briefen, den Kapitularien und Konzilbe-
schlüssen vielfältige Antworten zu finden. Die bündigste gibt das Münster in Aachen
mit Karls Steinthron auf der Empore.
Ausgrabungen haben dort, wo der Dom steht, Spuren einer frühchristlichen, an
römische Badeanlagen anschließenden Kirche nachgewiesen, die wohl in der Zeit
Pippins wieder aufgebaut wurde37 • Der benachbarte Königshof ist erst 765 bezeugt.

37 H. CHRIST in seinem Vortrag: Neue Unter- Portikus der Aachener Pfalz (S. 463-5 33);
suchungen zur Aachener Kaiserpfalz, gehal- L. HuGOT, Die Pfalz Karls d. Gr. in Aachen
ten auf dem VI. Internationalen Kongreß für (S. 534-72); S. ferner L. FALKENSTEIN, Der
Frühmittelalterforschung (Aachen I 95 4) und: Lateran der Karol. Pfalz zu Aachen, Köln I 966
Karl d. Gr., Ausstellungskatalog, Aachen (Kölner Histor. Abhandl. 32). - Nicht ge-
I965, S. 395-400 (mit der neuesten Lit.) so- sehen habe ich R. E. SuLLIVAN, Aix-la-
wie Abb. 119-zr. Grundlegend ist fortan: Chapelle in the Age of Charlemagne, Okla-
>Karl d. Gr. Lebenswerk und Nachleben<. homa 1963.
Siehe hier I, Düsseldorf I965, S. 322-48: W. Dazu S. 283 f. über den Adler als Wahr-
KAEMMERER, Die Aachener Pfalz Karls d. Gr. zeichen in der Zeit Karls d. Gr.
in Anlage und Überlieferung, und III: Karo- B. THORDEMAN (Stockholm), Die karol.
ling. Kunst, hg. von W. BRAUNFELS u. H. Palastanlage zu Aachen, in: Acta Archaeolo-
ScHNITZLER, ebd. 1965; s. bes. E. LEHMANN, gica 35, Kopenhagen I964, S. qi-I87 be-
Die Architektur zur Zeit Karls d. Gr. (S. handelt vor allem die (verschwundenen)
303 ff. über das Aachener Münster); A. MANN, basikalen Gebäude rechts und links vom
Großbauten vorkarolingischer Zeit u. aus d. Münster (als >Lateran<, d. h. geistlicher Ver-
Epoche von Karl d. Gr. bis zu Lothar I. sammlungsraum, sowie als weltlicher Raum
(S. 324ff. über die Pfalz); G. BANDMANN, angesprochen), ferner die ursprüngliche
Die Vorbilder der Aachener Pfalzkapelle Form der >au!a regia< (jetzt Rathaus). Er
(S. 424-62); F. KREUSCH, Kirche, Atrium u. folgert, »daß die I<:aiserkrönung zu einem
Die Pfalz in Aachen (S. 27-28) 207

Durch Grabungen geklärt ist jetzt, daß die arx, wie es in den Quellen heißt, durch
eine Wehrmauer mit Türmen umgeben war. Wo die zum Wohnen bestimmten Bau-
lichkeiten lagen, ist noch nicht ermittelt; vom eigentlichen Palast sind im heutigen
Rathaus bekanntlich noch die Grundmauern erhalten. Er bildete zusammen mit dem
Münster, das Karl an die Stelle der pippinischen Kirche setzte, ein festes architekto-
nisches Gefüge.
Karl verbrachte gleich das erste Weihnachtsfest nach dem Tode seines Vaters in
Aachen; aber erst vom Ende der achtziger Jahre an kann es als seine >Residenz< ange-
sprochen werden, in der er verweilte, wenn die Umstände es nur irgend erlaubten.
Damals wird der Bau des Münsters auch bereits gut vorangekommen sein; denn be-
reits 786 hatte der Papst Karl zugestanden, daß er aus Ravenna Marmor, Mosaiken
und sonstige Verkleidungen von Wänden und Fußböden zur inneren Ausschmük-
kung seines Baues abtransportieren lassen durfte.
Die Pfalz erhielt dadurch eine ungewöhnliche Zier, daß Karl im Jahre 8or noch
ein Reiterdenkmal Theoderichs des Großen aus Ravenna nach Aachen schaffen ließ.
An diesem Faktum ist viel herumgedeutelt worden 38 • Lust an der Statue als techni-
scher Leistung und als Kunstwerk mag - wie bei der gleichfalls nach Aachen über-
führten bronzenen Bärin, einem hellenistischen, durch Naturnähe frappierenden
Guß - mitgesprochen haben, reicht aber in diesem Fall als Erklärung nicht aus. So
wird man, wie bei der Auswahl der Namen für die jüngeren Söhne, wiederum an
eine >Ansippung< 39 denken müssen: nachdem Karl die Merowinger durch ihre wieder
aufgenommenen Namen in die Ahnschaft seiner Nachkommen eingegliedert hatte,
tat er das jetzt kraft des Bildes mit dem großen Ostgoten, in dem er seinen V orbe-
reiter erkannt haben mochte.
Unsicher ist, ob der die Schwingen hebende, nach Westen blickende Bronzeadler
auf dem First der Pfalz, den der König Lothar von Frankreich bei seinem Überfall
(978) umdrehen ließ 40 , bereits zur ursprünglichen Ausstattung gehörte oder dort erst

neuen Bauplan führen mußte ... , daß die derichstatue, in: Das I. Jahrtausend, Text-
große Aula, der Porticus und der Torbau wie band, hg. von V. H. ELBERN, Düsseldorf/
auch das Westwerk der Kapella Palatina 1962, S. 318-35. Über den Standort HuGOT
erst nach dem Jahre 8oo hinzugefügt worden a. a. 0. S. 572.
sind« (S. I 86). Falls sich diese These durch- 39 über diesen Begriff vgl. K. HAucK, Geblüts-
setzt, ergibt sich ein neues Argument für heiligkeit, in: Liber Floridus. Festschrift
die in Text gezeichnete Linie. Paul Lehmann, St. Ottilien 1950, S. 187-240.
38 Vgl. H. LöwE, Von Theoderich d. Gr. zu 40 Richerlllcap. 70 (ed.G.WA1TZ 1877 S. 1II;
Kar! d. Gr., im Deutschen Archiv IX, 1952, Script. in us. schol.): Aeream, aquilam, quae in
S. 392 ff. (dort die voraufgehende Lit; er- vertice palatii a Karolo Magno acsi vo!ans ftxa
weitert: Von Theod. d. Gr. zu Karl d. erat, in vulturnum converterunt; vgl. auch
Großen. Darmstadt 1956; Libelli 29) und Thietmar III cap. 8: Haec (aquila) stat in
HARTMUT HoFFMANN, Die Aachener Theo- orientali parte domus, morisque juit omnium hunc
2.08 B2: A. Kar! d. Gr. als König (768-8oo)

in der nachfolgenden Zeit seinen Platz fand. Vielleicht handelte es sich auch bei ihm
um ein nach Aachen verschlepptes Spolium; doch beweisen die Türen und Gitterdes
Münsters sowie der fälschlich nach dem König Dagobert benannte Thron 4 1, daß den
karolingischen Meistern der Guß eines solchen Vogels sehr wohl möglich gewesen
ist 42 •
Auf dem Giebel des Palastes darf ein Adler wohl als herrscherliebes Zeichen43 an-
gesprochen werden und nicht einfach als Zierfigur wie etwa die Adler auf der Stepha-
nus-Bursa im Aachener Domschatz 44 und auf dem Gürtel, den die Königin Hemma,
die Gemahlin Ludwigs des Deutschen, der Regensburger Kirche schenkte. Denn
dank der antiken Wort- und Bildtradition muß auch für die karolingische Zeit der
Adler mit dem Herrscher verknüpft gewesen sein.
Von der inneren Ausstattung der Pfalz ist möglicherweise noch ein Kunstwerk er-
halten. Denn jener sogenannte Dagobert-Stuhl im Pariser Cabinet des Medailles
( Abb.2), der mit dem Merowingerkön ig Dagobert (t 639) gar nichts zu tun hat, ist
kein spätantikes Gußwerk, wie man bisher meinte, sondern ein frühkarolingisches 45 •
Da Lotbar I. auf einem ebenso geformten Thron in einer Handschrift abgebildet ist
( Abb. 3), die im Raume Aachen-Lüttich entstand46 , liegt der Schluß nahe, daß der
Künstler den sogenannten Dagobert-Thro n zu Gesicht bekommen hatte. Stimmt
diese Annahme, dann hat der Thron damals in Aachen gestanden.
Der Bronzestuhl war ursprünglich zum Zusammenklapp en eingerichtet, konnte.
also auf Reisen mitgeführt werden. Aber wenn er technisch auch als >Faltstuhl<

locum possidentiu1n ad sua eam vertere regna (hg. Wien, N. F. 1, 1926, S. 1-9; über den Adler
von R. HoLTZMANN, 1935; Mon. Germ., in der christlichen Tradition vgl. TH. SCHNEI-
SS. N. S. IX, S. w6). DER im Reallex. für Antike und Christentum
41 S. unten mit Anm. 45· I, 1941, S. 91-4.
42 Ich sehe hier von dem malum aureum auf der 44 H. FrLLITZ, Die Insignien und Kleinodien
Kuppel des Münsters ab (Einhard cap. 32; des Heiligen Römischen Reiches, Wien-
ed. G. WA1TZ, 1911 in den Script.rer. Germ. München 1954, Abb. 70 sowie: Kar! d. Gr.,
in us. schol., inzw. neugedruckt, S. 37), den Ausstellungskatalo g Aachen 1965, S. 373f.
H. FrcHTENAU, Byzanz und die Pfalz in (im Empirestil ersetzt unter Berücksichtigung
Aachen, in den Mitteil. des Inst. f. österr. des beschädigten Originals), vgl. FrLL1TZ S.
Geschichtsforsch. 59, 1951, S. 8, als Welt- 66f. (Köpfe ursprünglich nicht nach links,
kugel und damit als »Symbol der universalen sondern nach rechts gewendet). Einen klei-
Weltherrschaft« angesprochen hat, da mich nen Adler von unbekannter Bestimmung in
diese Gleichsetzung nicht überzeugt hat. Bronze aus karolingischer Zeit besitzt das
Ich halte ihn für eine Bauzier und nicht Rheinische Landesmuseum in Bonn.
mehr (Sphaira-Globus-R eichsapfel, Stutt- 45 Zum folgenden ScHRAMM, Herrschaftszei-
gart 1958, S. 34). chen I, a. a. 0., S. 326ff. mit Abb. 36-7 und
43 Über den Adler in der antiken Kunst und P. E. S. - FLORENTINE MüTHER1CH, Denk-
seine religiöse und politische Bedeutung vgl. male der deutschen Könige und Kaiser,
FR. ErCHLER, Der Adler-Cameo in Wien, im München 1963, S. 137 mit Abb. 57·
Jahrbuch der Kunsthist. Sammlungen in 46 Ebd. Abb. 35.
>Dagobert<-Thron - Das Münster (S. 28-29)

(fa!distorium) anzusprechen ist, so ordnet ihn seine kunstvoll verzierte Form doch in
die Gattung der sellae ein, auf denen bereits die römischen Kaiser und ihre hohen Be-
amten gesessen, die sich aber auch die Germanenkönige angeeignet hatten. Karls sella
stellte also nichts Neues dar; von ihren Vorgängern unterschied sie sich höchstens
durch die Güte des Bronzegusses und die Qualität der Ornamentik.

Das unmittelbar neben der Pfalz gelegene Münster ist zwar erst im Jahre 805 ge-
weiht worden, als Papst Leo III. Aachen besuchte. Aber Anzeichen deuten darauf
hin, daß der Bau bereits in den neunziger Jahren im wesentlichen fertiggestellt war.
Man muß wissen, daß das Münster- wenn der ganze Raum und auch die Emporen
mit Menschen, dicht gedrängt, gefüllt sind- 7ooo Gläubige zu fassen vermag 47 , daß
Karl also einen Bau errichten ließ, der für seine Zeit geradezu unwahrscheinliche,
nördlich der Alpen noch nirgends erreichte Dimensionen besaß; denn erst dann be-
kommt man das richtige Maß für die Gesinnung des Bauherrn. Man muß aber auch
einmal die unvergleichliche Akustik dieses Architekturwunders mit dem Ohre aufge-
nommen haben und in den heutigen Eindruck die Wirkung einbeziehen, die einmal
von den nördlich der Alpen ebenfalls ihresgleichen suchenden Mosaiken ausging, um
zu ahnen, welchen Eindruck auf die Zeitgenossen der zu Ehren des Salvators und
der Hlg. Maria aufgeführte Bau gemacht haben muß- ihnen zur Ehre und zugleich
zum Ruhme dessen, der den Auftrag gegeben und die Dimensionen gebilligt oder
sogar gefordert hatte.
Wir brauchen uns nicht auf die Frage einzulassen, ob der voraufgehende Zentral-
bau den Gedanken eingab, wieder einen Zentralbau - wenn auch in vervielfachtem
Maßstab - zu errichten, ob in Frankreich bereits Vorstufen nachzuweisen sind, ob
S. Vitale in Ravenna maßgebend war und ob auch noch mit Bauten in Konstantinopel
als Vorbildern zu rechnen istm. Denn wie die Antwort auch gegeben wird, erklären
kann sie nicht die >Königslaube< auf der Empore gegenüber dem Hauptaltar. Gab es
Vergleichbares im byzantinischen Bereich, dann wohl nur in der Form, daß ein Thron
an diese Stelle gerückt, aber auch wieder weggenommen werden konnte47b. Die
>Königslaube< mit festem Thron ist also eine nicht ableitbare Schöpfung des Bau-
meisters Odo, der in diesem Falle erst recht als Vollstrecker des Willens seines Kö-
nigs anzusehen ist. So wollte Karl der Große thronen, so wollte er - um die auf
Otto I. gemünzten Worte WmuKINDS zu benutzen - von allen gesehen werden und
alle sehen. Von der Höhe herab konnte er den Gottesdienst genau verfolgen, konnte
er seine Seele zu Gott erheben, aber auch kontrollieren, ob der Klerus alles nach Recht

47 Nach Mitteilung des hochw. Ehrendom- 1961, s. 97-148.


herrn Mons. STEPHANY. V gl. zum Bau jetzt 47a Vgl. jetzt die genaue Analyse von G.
W. ScHÖNE, Die künstlerische und liturgi- BANDMANN a. a. 0.
sche Gestalt der Pfalzkapelle Karls d. Gr. in 47b Ebd. S. 45 I f. u. KREUSCH a. a. 0., S. 502 f.
Aachen, in der Zeitschr. für Kunstwiss. XV,

14 Schramm, Aufsätze I
ZIO B2: A. Karl d. Gr. als König (768-8oo)

und Fug vollzog und die Menge mit schicklichem Ernst am Gottesdienst teilnahm.
Im Münster thronte Karl als protector et defensorder Kirche. Aber soweit die Aus-
wirkung dieses Anspruches auch gehen mochte, er führte nicht zu einer Verwischung
zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt.
Das zeigt auch noch ein anderer Bau: die aller Wahrscheinlichkeit nach schon in
Karls Königszeit errichtete Lorscher Königshalle, deren Lage innerhalb der Kloster-
mauer durch Ausgrabungen jetzt gesichert ist und die also zu Unrecht ihren Namen
>Torhalle< trägt48 , steht im Klostergelände für sich.
Daß Karl nicht beanspruchte, Anteil am Priestertum zu haben, wie das in der Zeit
Ottos des Großen geschehen ist, lassen auch die auf ihn zurückgehenden Zeugnisse
erkennen49 •
Am deutlichsten spricht in Aachen Karls schlichter Steinthron ( Abb. I); genauer:
er tut es erst wieder, nachdem der verdiente Domarchitekt J. BucHKREMER die ur-
sprüngliche Form wiederhergestellt hat ( 19 38) 60 • Zum Thron führen sechs Stufen hin-

48 Ausgegraben von F. BEHN. Die Lit. stellte Thronsockel (3,50 m lang, 1,50 m breit) auf
F1CHTENAU, Karl d. Gr. a. a. 0., S. 305, einem schildförmigen Hügel in der Mitte
Anm. 51, zusammen; vgl. jetzt Karl d. Gr., eines freien Platzes. Erhalten sind vier Stu-
Ausstellungskatalog Aachen 1965, S. 427f. fen; eine fünfte zeichnet sich ab. Aus Lö-
(mit der neuesten Lit.). chern in der Querfläche wird auf einen Balda-
49 Wenn Theodulf von Orleans Karl gelegent- chin geschlossen. Dieser Thron gehört zu
lich als neuen Melchisedek, als rex et sacerdos den Resten einer Pfalz (9 X 30m), die 1964{5
zugleich, gefeiert hat, dann fand er vermut- entdeckt wurde; er wird zusammengebracht
lich nicht Karls Zustimmung, obwohlleben- mit der Begegnung Karls und Leos III., die
de Herrscher schon vorher mit dem Priester- 799 in Paderborn stattfand.
könig des Alten Testaments in Beziehung ge- Die Ausgrabung wird verdankt W1LHELM
bracht worden waren. In den Libri Carolini WINKELMANN, wissenschaftlichem Referen-
findet sich trotz ihrer Ausführlichkeit jeden- ten am Landesmuseum für Vor- und Früh-
falls nichts, was in diese Richtung wiese. geschichte in Münster. Bis zum Erscheinen
50 ScHRAMM, Herrschaftszeichen a. a. 0. I, S. eines Fundberichts sind die Außenstehenden
336ff. mit Abb. 44 und Denkmale a. a. 0., gezwungen, sich zurückzuhalten, da - wie
S. II4 mit Abb. I. S. jetzt auch H. APPUHN, ich häre - auch Einwände gegen die bisher
Zum Thron Karls d. Gr., in den Aachener bekanntgegebenen Thesen vorgebracht wer-
Kunstblättern 24{25, 1962{3 S. 127-35. den.
In der Erstfassung hatte ich auch die runde Bisher liegt nur vor: W. WrNKELMANN, Der
Rückwand auf den Salomonsthron bezogen; Schauplatz (vorläufiger Fundbericht mit
doch beweisen neuerdings aufgefundene 2 Abb. u. 2 Plänen) in: KaroJus Magnus et
Zeichnungen, daß sie früher oben gerade Leo Papa, mit Beiträgen von H. BEUMAN:-<
und an den Ecken schräg abgeschnitten war. usw. Paderborn 1966 (Studien u. Quellen zu
Bisher sind wir nur durch Pressemeldungen Westfäl. Gesch. VIII) S. 101-7 und G. RoE-
(Aug. 1965) informiert über das Ergebnis DER, Die Pfalz u. die früheren Kirchen in
von Ausgrabungen an der Nordseite des Paderborn nach den schriftl. Quellen, in:
Paderborner Doms. Aufgedeckt wurde ein Westfäl. Forsch. 19, 1966 S. 137-60.
Der Steinthron im Münster (S. 29-31) 211

auf. Diese Eigenart hatte laut der Bibel bereits den Thron Salomons ausgezeichnet, und
es kann kein Zweifel sein, daß sich dadurch die Sechszahl der Aachener Stufen erklärt.
Aber Salomons Thron war mit Gold und Elfenbein verziert gewesen, während Karls
Sitz aus schlichten Marmorplatten zusammengesetzt ist. Von den erzenen Löwen,
die Salomons Thron geschirmt hatten, ist in Aachen erst recht nichts zu sehen. Dafür
hat der Steinsitz Eigenarten, die Erklärung verlangen: die Sitzplatte war nicht aus
Stein, sondern aus Holz; die Rückwand reicht nicht bis zum Boden, so daß der Hohl-
raum unter dem Sitz von hinten zugänglich war, und die Pfosten, die die Grundplatte
des Thrones tragen und ein Durchkriechen unter ihm möglich machen, sind am
oberen Ende mehrere Zentimeter weit abgewetzt. Die einleuchtende Erklärung für
die drei zunächst rätselhaften Eigenschaften des Thrones hat uns bereits ]. BucH-
KREMER gegeben: im Hohlraum muß eine Reliquie eingefügt gewesen sein, die den

Thronenden schirmte und die Gläubigen anlockte, sich ihr zu nähern, indem sie sich
unter dem Throne hindurchzwängten.
Die Anbringung von Reliquien in Herrschaftszeichen, der die Verzierung der
Helme und Waffen erst mit heidnischen Heilszeichen, dann mit dem Kreuz entspricht,
läßt sich weit zurück verfolgen5°•; der Gedanke, den Thron auf diese Weise zu schir-
men, läßt sich dagegen vor Karl nicht nachweisen.
Als Stuhl mit Rück- und Seitenlehnen und einem Kastensitz entsprach Karls
Thron dem so!ium der römischen und byzantinischen Kaiser. Aber für die Herrscher-
sitze wurde sonst Gold, Bronze, Elfenbein genommen, und der germanische >Hoch-
sitz< war aus Holz. Steinerne Sessel waren dagegen in der Kirche üblich. Der Schluß,
durch die Benutzung von Marmor habe Karls Steinsitz der geistlichen cathedra ange-
nähert werden sollen, wäre jedoch verfehlt. Denn der Bischofsstuhl hatte seinen Platz
hinter und dann neben dem Altar. So gilt auch für Karls Thron dasselbe wie für die
Königslaube. Karl verwischte die Grenzen zwischen den beiden Gewalten nicht; er
ließ sich vielmehr in der für ihn vorgesehenen Laube einen Sitz errichten, der weder
se!la oder so!ium nach römischer Art noch Bischofscathedra war: einen ganz schlich-
ten Sitz, der an den Salomonsthron gemahnte, aber dessen glänzende Pracht durch
die von einer Reliquie ausstrahlende Wirkung ersetzte.
Von Karls Steinthron mit den sechs Stufen fällt ein Licht auf den dem König von
787 an so oft beigelegten Ehrennamen >David< und auf die zahlreichen Anführungen
alttestamentarischer Könige in den Gebetsformeln sowie in der Literatur dieser
Jahrzehnte. Karl als gleichfalls Gesalbter, als Dei gratia, der überzeugt war, wie
David und seine Nachfolger mit einem besonderen Auftrag Gottes bedacht zu sein,
hatte in der Tat ein Recht, in ihnen nicht nur Vorbilder, sondern Vorläufer zu sehen.
Insofern handelt es sich hier abermals um einen Fall der >Ansippung<, erleichtert durch
die zeitgenössische Allegorese, für die die Herstellung typologischer Beziehungen

5oa Herrschaftszeichen I. S. 309 ff.


212 Bz: A. Kar! d. Gr. als König (768-8oo)

zwischen Gestalten aus der Zeit vor und nach Christus eine Selbstverständlichkeit
warsob.
Als Werkzeug Gottes durfte sich Karl ansehen, da Gott ihm ja nicht nur die Herr-
schaft über das Frankenreich, sondern auch noch über Italien, über Aquitanien, über
Bayern, über Sachsen geschenkt hatte. Karl war daher nicht mehr ein König wie
andere, die gleichfalls diesen Titel trugen, sondern ein Großkönig, ein summus rex,
neben dem sich die übrigen wie Zaunkönige neben dem Adler ausnahmen.

e) Rex imperatoris similis

An die Doppelfrage, wie Karl zur römischen und wie zur fränkischen Kirche stand,
schließt sich die weitere an, wie er seine Stellung im V er gleich mit der des Kaisers in
Konstantinopel verstanden haben wollte. Auch hier lassen sich aus dem Bereich der
Staatssymbolik Zeugnisse heranziehen, die eine Antwort ermöglichen.
Zunächst ist festzustellen, daß in Karls Königszeit wieder mit der Prägung von
Goldmünzen bzw. -medaillen begonnen wurde. Das geschah - vermutlich ohne
seine ausdrückliche Genehmigung - in Duurstede am Niederrhein. Es ist nicht zu
übersehen, daß das gegen ein Vorrecht verstieß, das seit langem ausschließlich vom
byzantinischen Kaiser ausgeübt wurde5°c.
Noch deutlicher ist das bei der Bleibulle aus Karls Königszeit ( Abb. J ), die leider
nur in einem- noch dazu fast zerstörten- Exemplar erhalten ist, aber in ihren Einzel-
heiten nachkontrolliert werden kann, da Otto III. sie zum Vorbild für seine Bulle
erkor 51 • Denn die Franken hatten sich bisher wie die übrigen germanischen Fürsten
mit Wachssiegeln begnügt, während die Basileis Gold- und Bleibullen an ihre Ur-
kunden hängten.
Die Rückseite dieser Bulle ziert das Karlsmonogram m, das auch auf den Münzen
sich findet und gleichfalls den Byzantinern nachgeahmt war. Das gilt jedoch nicht für
den Kopf auf der Vorderseite; denn dieser schaut nicht geradeaus, wie das bei den
Byzantinern üblich war, sondern zur Seite: das Vorbild für ihn muß eine ältere

5ob Vgl. dazu die Anlage zu diesen Abschnitt: nahm, an der er noch heute steht. (Ebd. 20.
Zu Kar! d. Gr. und David (S. 214). Mai 1967 ein Gegenartikel von Leo HuGoT,
5oc ScHRAMM, Herrschaftszeichen a. a. 0. I, S. der einzelne Feststellungen in Z weife! zieht
288-90 mit Abb. 31a-b. - Vgl. dazu jetzt und für das ro. Jahrhundert eintritt).
Dombaumeister H. KREUSCH, Vom Karls- 51 SCHRAMM, Anerkennung a. a. 0., S. 476f.
thron zum Reichsitz, in der Aachener Volks- (anschließend wieder abgedruckt).
zeitung, 28. Jan. 1967, der auf Grund neuer 51 a V gl. PH. GRIERSON, in: Kar! d. Gr. Lebens-
Feststellungen sichert, daß der Thron karo- werk Bd. I, Düsseldorf 1965 S. 5 r6ff.
lingisch ist und von Anfang an die Stelle ein-
Rex imperatoris similis (S. 31-32)

Münze abgegeben haben. Von der Kroneö 2 ist mit Sicherheit nur der mit Steinen ver-
zierte Reif mit einigen den oberen Rand überragenden Ornamenten zu erkennen.
Unklar bleibt, ob die Krone geschlossen war wie die des byzantinischen Kaisers und
der germanische Goldhelm, mit dem geschmückt Karl im Jahre 799 den Papst in
Faderborn begrüßte- wir vermuten eine >Bügelkrone< mit einer Stoffkappe53.
Wie Karls Krone nun auch ausgesehen haben mag - jedenfalls zierte er sein Haupt
in weithin sichtbarer und stärker als bisher in die Augen fallender Weise: auch dies
sinnfälliger Ausdruck für das Bestreben, nicht hinter demBasileus zurückzustehen53a.
Wir wollen die weiteren, weniger gewichtigen Fakten nicht aufzählen, die Karls
Wille, ein rex imperatoris similis zu sein, dokumentieren, und uns gleich dem wichtig-
sten zuwenden:
Bei einem der Besuche, die Karl dem Papste Hadrian I. in Rom abstattete - in Be-
tracht kommen die Jahre 774, 781, vor allem 787 -,legte er nicht nur einen Kaiser-
mantel an, sondern er trug auch >römische< Stiefel, die als das besondere Vorrecht
des Basileus angesehen wurden64 • Er war bei diesem Anlaß dem Kaiser nicht nur
ähnlich, sondern geradezu >wie ein Kaiser< anzusehen. Man denke daran, wie 78 I Lud-
wig als König von Aquitanien >eingekleidet< worden war.
Das Erstaunlichste ist, daß der Frankenkönig diese Tracht- wie ErNHARn zu be-
richten weiß - auf Drängen des Papstes hin anlegte.
Wie stand Karl zum Papst? Diesem Thema sei ein eigener Abschnitt gewidmet, da
diese Frage es erforderlich macht, noch einmal auf die voraufgehende Zeit zurück-
zugreifen.

52 Vgl. im folgenden: Herrschaftszeichen a.a.O. lang im Rechtsprofil mit noch angedeuteter


Il, s. 389ff. Schulter - natürlich durchweg mit dem
53 Einhard (cap. 23, S. 28) läßt uns hier im Kranz - abgebildet worden sind.
Stich, da er nur vermerkt, daß Karls Krone 53a Die Anrede »Flavius Anicius Carlus«, die
aus Gold und Edelsteinen bestanden habe. Alkuin dreimal gebraucht, erklärt DrETER
Daß er sie mit diadema bezeichnet, erlaubt ScHALLER so: die Benutzung von »Flavius«
keinen Rückschluß, da diadema und corona in ergab sich, da die Langobardenkönige sich
dieser Zeit durcheinander gebraucht wurden. diesen Namen bis 774 zugelegt hatten; bei
Auch Karls Mosaikbilder versagen, da wir dem Ehrennamen »Anicius« ist zu beachten,
von ihnen nur noch schlechte Skizzen be- daß Boetius zu dieser Familie gehört hatte
sitzen, die in dieser Einzelheit voneinander und wie Kar! Patricius gewesen war. ScHAL-
abweichen. S. in Bd. II den Abschnitt: »Die LER stellt fest, daß diese Anrede nicht mit der
Bügelkrone, ein karolingisches Herrschafts- Kaiserkrönung zusammenzubringen sei, son-
zeichen«. dern daß die Titel rex Langobardorum und
Alle V ersuche, eine bestimmte Münze oder Patricius Romanorum, die Kar! seit 774 führte,
Gemme namhaft zu machen, die dem Stem- als Grundlage genügen, vgl. : Die karoling.
pelschneider der Bulle als Vorbild gedient Figurengedichte des Cod. Bern. 212, in:
hat, scheitern einerseits an deren schlechtem Medium Aevum Vivum. Festschrift für W.
Erhaltungszustand, andererseits an der Tat- BuLST, Heldeiberg 1960, s. nf.
sache, daß die römischen Kaiser jahrhunderte- 54 Genaueres im folgenden Abschnitt.
214 Bz: A. Kar! d. Gr. als König (768-Soo)

Anlage: Zu Kar! dem Großen und David (s. S. 2n).

Hier ist folgendes Buch zu verzeichnen* :

STEGBR, HuGo: David Rex et Propheta. KönigDavid als vorbildliche Verkörperung des Herrschers
und Dichters im Ma., nach Bilddarstellungen des 8.-12. Jahrhunderts (Erlanger Beiträge zur Sprach-
und Kunstwiss. Bd. VI). Nürnberg (HA..."ls CARL) 1961. XII + 328 S. mit 69 Abb. auf 36 Tafeln.

Sowohl die Historiker als auch die Kunsthistoriker haben Nutzen von dem um-
fangreichen und mit drei Dutzend Tafeln ausgestatteten Bande, in dem HuGo STEGER
die Gestalt des >David Rex et Propheta< von der karolingischen bis zur staufiseben
Zeit verfolgt. Es handelt sich um eine ungemein genaue, manchem Benutzer wohl
bereits zu sehr in die Einzelheiten gehende ikonographische Untersuchung der in
großer Zahl erhaltenen David-Darstellungen, die - alten Bildtypen folgend - den
König einerseits als König und Präfiguration Christi, andererseits als den königlichen
Psalmensänger mit der Leier inmitten von Musikanten wiedergeben. Nützlich sind
die Beobachtungen, die die Formen der Kronen und der Musikinstrumente betreffen;
auch für den Waffentanz fällt etwas ab. Ferner bietet der Band Beiträge zur Frage
der Inspiration und der Geschichte der Herrscherdarstellung. Für den Historiker
sind im besonderen wichtig die Belege für die V erknüpfung des karolingischen
Herrschertums mit dem König-David-Ideal, die bereits unter Pippin einsetzt und
durch das 9· Jh. festgehalten, aber auch in den folgenden Jahrhunderten gelegentlich
wieder aufgegriffen wird (S. 126ff.). Da der Band straff gegliedert und die Einzel-
feststellungen jeweils am Schluß eines jeden Abschnittes zusammengefaßt sind,
findet sich der Leser leicht zurecht. Dankenswert sind die beigefügten Tafeln, auf
denen die wichtigsten Typen der David-Darstellung vereinigt sind. Der Band er-
härtet also die Tatsache, daß die Ikonographie eine wichtige Hilfswissenschaft für
die Geschichte der mittelalterlichen Herrscherauffassung bildet.

* Zuerst gedruckt in: Gesch. in Wiss. u. Unter- MAYBR III, Lindau-Konstanz 1956 passim.
richt XV, 1964 S. z6z; dazu ausführlicher Vgl. jetzt auch W. MoHR, Christlich-alt-
mein in Bd. lV wieder abgedruckter Aufsatz: testamentarisches Gedankengut in der Ent-
Das Alte und das Neue Testament in der wicklung des karolingischen Kaisertums, in:
Staatslehre u. Staatssymbolik des MA.s, 1963 Miscellanea Mediaevalia IV; Judentum im
(im Abschnitt d über David); ferner E. EwrG, MA., hg. von P. WrLBERT, Berlin 1966 S.
Zum christlichen Königsgedanken im Früh- 382-409·
ma., in: V mträge u. Forsch., hg. von TH.
B. Die Anerkennung Karls des Großen als Kaiser (bis 8oo)

Ein Kapitel aus der Geschichte der mittelalterlichen »Staatssymbolik«*

Sollte es möglich sein, dem umstrittenen Akt am Weihnachtstage des Jahres 8oo noch
eine neue Seite abzugewinnen, wenn nicht ein neu entdecktes Zeugnis herangezogen
werden kann? Das vermag ich leider nicht in Aussicht zu stellen. Ich werde vielmehr
so vorgehen, daß ich bei den Angaben über ein viel älteres Ereignis einsetze, die er-
lauben, die Vorrechte, die der Kaiser noch während des 8. Jahrhunderts in Rom ge-
naß, festzulegen; dann frage ich, ob und wann sie auf Karl den Großen über-
gegangen sind. Ich führe den Leser also auf den Weg der >Staatssymbolik<. An
einem Beispiel soll gezeigt werden, was ihre Geschichte auszusagen hat, wenn die
Wortzeugnisse keine eindeutige Antwort geben.
Die Dornenhecke, die durch mannigfache Thesen vor der Kaiserfrage aufgerichtet
und mittlerweile so dicht geworden ist, daß die Tatsachen selbst nur noch schwer zu
erkennen sind, soll also umgangen werden. Es wird sich zeigen, daß die Wirklichkeit
einfacher aussah, als moderne Gelehrsamkeit sie dargestellt hat. Auch wollen wir uns
nicht durch das, was dieser und jener Zeitgenosse Karls gedacht und erhofft hat, ab-
lenken lassen; nur das, was geschah und was Papst und König wollten, wird uns be-
schäftigen.

Zur Literatur

Ich berücksichtigte - soweit es mir möglich war- beim Erstabdruck alle einschlägige Literatur. In-
zwischen ist viel hinzugekommen, was ich gleichfalls auszunutzen versucht habe, ohne natürlich alles
berücksichtigen zu können.
Um den Text zu entlasten, stelle ich hier die wichtigsten Veröffentlichungen in chronologischer An-
ordnung zusammen (ein alphabetischer Schlüssel folgt).

* Zuerst gedruckt in der Histor. Zeitschrift 172., angestellt hatte, damals aber zurückstellen
1951 S. 449-515 (auch gesondert-mit eigener mußte. Was ich im Laufe der Jahre zu den
Paginierung - vom Verlag R. Oldenbourg mit Karl d. Gr. verknüpften Problemen ver-
als Heft herausgegeben; München 1952., 72. öffentlichte, rückt jetzt dieser Band zusammen.
Seiten); hier aufgeteilt in die Abschnitte B Wegen Christianum statt Romanum in den Sa-
und C. Der Text ist teils verkürzt, teils er- kramentaren korrespondierteichmit E. RosEN-
weitert, und in den Anmerkungen wurde STOCK-HUESSY, der 1930 meine Hinweise
Stellung zu der inzwischen erschienenen Li- verwerten konnte (s. unten), und wegen des
teratur genommen. Kaisertitels mit Ernst STEIN, der meine Fest-
Der im Jahre 1951 veröffentlichte Aufsatz stellungen berichtigte und ergänzte (s. den
beruhte auf Untersuchungen, die ich für mein nächsten Abschnitt).
Buch: »Kaiser, Rom und Renovatio« (192.9)
216 B2: B. Die Anerkennung Kar! d. Gr. als Kaiser

Die Wortzeugnisse brachte geschlossen H. DANNENBAUER, Die Quellen zur Gesch. der Kaiserkrö-
nung Karls d. Gr., Berlin I93I (H. Lietzrnanns Kleine Texte I6I); vgl. jetzt: Die Kaiserkrönung
Karls d. Gr., eingeleitet und zusammengestellt von K. REINDEL, Klecken über Harnburg I966
(Histor. Texte: Ma. 4; So S.) Vgl. im übrigen die Jahrbücher von S. ABEL-B. SIMSON (I883-8) und die
Regesten des Kaiserreiches 75 I-9I8 von J. FR. BöHMER- E. MüHLBACHER (I9o8) (jetzt neue Auf!.
mit Ergänzungen von C. BRüHL).
Grundlegend bleibt trotz Einwänden gegen die Grundauffassung K. HELDMANN, Das Kaiserturn
Karls d. Großen. Theorien und Wirklichkeit, Weimar I928 (Quellen u. Studien z. Verfassungsgesch.
d. Deutschen Reiches VI, I); vgl. dazu die Kontroverse desselben mit E. RosENSTOCK in der Zeitschr.
f. Rechtsgesch. 49, Germ. Abt., I929, S. 50~24, und 50, I930, S. 625-67.
Elisabeth PFEIL, Die fränkische und deutsche Romidee des frühen Ma.s, München I 929 (Forsch. zur
rna.en u. neueren Gesch. III), S. 97ff.
E. EICHMANN, Die Kaiserproklamation vorn 25. Dez. 8oo, in: Theologie u. Glaube 24, I932, S.
I5-26.
L. LEVILLAIN, Le couronnernent imperial de Charlernagne, in der Revue d'hist. de l'Eglise de
France XVIII, I932, S. 5 ff.
A. KLEINCLAusz, Charlernagne, Paris I934, S. 287ff.
c. BARBAGALLO, n colpo di Stato del Natale 8oo, in der Nuova Rivista Storica XVII, I933, s.
84-95 (ohne wissensch. Bedeutung).
E. CASPAR, Das Papstturn unter fränk. Herrschaft, in der Zeitschr. für Kirchengesch. 54, I935,
S. I32-263, bes. S. 23off.
K. JÄNTERE, Die römische Weltreichsidee u. die Entstehung der weit!. Macht des Papstes, Turku
(Abo) I936, S. 33Iff.
H. LöWE, Die karoling. Reichsgründung u. der Südosten, Stuttgart I937 (Forsch. zur Kirchen- u.
Geistesgesch. XIII), S. I3off.
J. HALLER, Das Papsttum. Idee u. Wirklichkeit, li, I, Stattgart I937, S. I7ff., dazu die Anrn. in II,
2, I939, S. 45off. (Neue Aufl. I962, danach Ro-Ro-Ro-Druck I965, S. I8ff., 373f.).
M. LINTZEL, Das abendl. Kaisertum im 9· und IO. Jahrhundert, in: Die Welt als Gesch. IV, I938,
S. 429-47 (jetzt: Ausgewählte Schriften li, Berlin I96I, S. I22-46).
E. AMANN, L'epoque carolingienne, Paris I937 (Hist. de l'Eglise, ed. A. Fliehe et V. Martin VI)
s. I07 ff.
Ettore RoTA, La consacrazione imperiale di Carlo Magno. L'orientazione anti-romana della
rnonarchia carolingia, in den Studi di storia e diritto in onore di ENRICO BEsTA IV, Mailand I939,
s. I85-209·
G. OsTROGORSKY, Gesch. des byzant. Staates, München I940 (Handbuch der Altertumswiss., Abt.
IZ: I, 2; 3· Aufl. I963), S. u6ff.
F. Lot, c. PFISTER, F. L. GANSHOF, Les destinees de !'Empire en Occident de 395-888, Paris 2. ed.
1940/I, Kap. I8.
A. BRACKMANN, Die Erneuerung der Kaiserwürde im J. 8oo (vorher in den Geschieht!. Studien
für A. HAucK, Lpz. I9I6) und: Die Anfänge der Slavenrnission u. die Renovario irnperii des J. 8oo
(vorher in den Sitzungsberichten der Preuß. Akad., I93J, Nr. 9), in dessen Gesammelten Aufsätzen,
Weimar I94I, S. 4I-55, 56-75.
E. EICHMANN, Die Kaiserkrönung im Abendland I, Würzburg I942, S. 23-34.
FR. DöLGER, Europas Gestaltung im Spiegel der fränkisch-byzant. Auseinandersetzung des 9·
Jahrhunderts, in: Der Vertrag von Verdun 843, hg. von TH. MAYER, Lpz. I943, S. 203-73 (bes.
S. 2I3ff.), wiederabgedruckt in dessen Band: Byzanz und die europäische Staatenwelt, Ettal I953,
S. 282-369 (bes. S. 295 ff. mit Stellungnahme zu meinem Aufsatz in nachgetragenen Anmer-
kungen).
Zur Literatur

A. SOLM1, Il Senato Romano 757-r143, in den Miscellanea della R. Deputazione Romana di


Storia patria, No. 15, Rom 1944, S. 273ff.
J. CALMETTE, Charlemagne. La vie et son ceuvre, Paris 1945, S. 131ff. (deutsch von THESA DIEz-
RösiNG: Kar! d. Gr., Innsbruck-Wien 1948).
W. ÜHNSORGE, Das Zweikaiserproblem im früheren Ma., Hildesheim 1947, S. 21 ff. (vgl. G.
BARRACLOUGH in der Eng!. Histor. Review 64, 1949, S. 96ff. u. GANSHOF, s. unten, auch- mir zu-
stimmend- G. ÜsTROGORSKY in der Byzant. Zeitschr. 46, 1953, S. 153f.)
L. HALPHEN, Charlemagne et l'empire carolingien, Paris 1947 (Bibi. de synthese hist., L'evolution
de l'humanite 33), S. 12off.
FR. L. GANSHOF, The Imperial Coronation of Charlemagne. Theories and F?cts, Glasgow 1949
(16. Lecture of the David Murray Found9tion in the Univ. of GI., 23. XI. 1948) mit nützlicher
Gliederung der bestehenden Meinungsunterschiede; Ders., Charlemagne, in Speculum XXIV, 1949,
S. po--8; Ders., Anzeige von W. ÜHNSORGE (s. o.), in Le Moyen Age 1949, S. 164-73; Ders., La fin
du regne de Charlemagne, une decomposition, in der Zeitschr. f. schweizerische Gesch. 28, 1948,
S. 433-52; Ders., Het falen van Kare! de Grote, in Verslag van de Alg. V ergadering der Leden van
het Hist. Gen., gehouden te Utrecht 15. 5· 1948, S. 26-46; Ders., Note surles origines byzantines du
titre >Patr. Rom.<, im Annuaire de l'Inst. de philol. et d'hist. orientales et slaves X (Melanges H.
Gregoire II), Brüssel 1950, S. 261-82. S. auch Ders., L'eglise et le pouvoir royal dans la monarchie
franque sous Pepin III et Charlemagne, in: Le Chiese nei regni dell' Buropa Occidentale e i loro
rapporti con Roma sino all' 8oo, I, Spoleto 1960 (Settimane di Studio del Centro ltaliano di studi
sull' alto medievo VII).
A. Kleinclausz, Alcuin, Paris 1948.
H. LöwE, Eine Kölner Notiz zum Kaisertum Karls d. Gr., in den Rhein. Vierteljahrsblättern XIV,
I 949, S. 7-34 zog aus einer Kölner Handschrift eine Notiz zum Jahre 79 8 ans Licht, in der es u. a. heißt:

quando missi uenerunt de Grecia, ut traderent ei (sei/. Karolo) imperium. Diesem Satz käme größte Bedeu-
tung zu, doch fügt er sich nicht in den Ablauf der Ereignisse ein und muß deshalb auf ein Mißver-
ständnis zurückgeführt werden; dazu unten S. 290 Anm. 78.
H. FrcHTENAU, Das karoling. Imperium. Soziale und geistige Problematik eines Großreiches,
Zürich 1949, Kap. II: Der Sinn des Kaisertums.- S. auch S. 266 Anm. ro: 1953 und S. 347ff.
H. KÄMPF, Reich und Mission zur Zeit Karls d. Gr., in: Gesch. in Wiss. u. Unterricht I, 1950,
s. 409-17.
W. ÜHNSORGE, Orthodoxus imperator. Vom religiösen Motiv für das Kaisertum Karls d. Gr., im
Jahrbuch der Gesellsch. f. Niedersächs. Kirchengesch. 48, 1950, S. 17-28; Ders., Renovatio regni
Francorum, in der Festschrift des Haus-, Hof- und Staatsarchivs zu Wien II, ebd. 1952, S. 303-13;
kurz auch Ders., Das Mitkaisertum in der abendländ. Gesch. des früheren Ma.s, in der Zeitschr. f.
Rechtsgesch. 67, Germ. Abt., 1950, S. 301-35 (beide Aufsätze wiederholt ins. gesammelten Auf-
sätzen: Abendland u. Byzanz, Darmstadt 1958).
H. LöWE, Von Theoderich d. Gr. zu Kar! d. Gr. Das Werden des Abendlands im Gesch.bild
des frühen Ma.s, im Deutschen Archiv IX, 1952, S. 353-410 (mit einigen Zusätzen und Berichti-
gungen neugedruckt: Darmstadt 1956; Wiss. Buchgemeinschaft, Libelli Bd. 29; 72 S.); Ders., Von
den Grenzen des Kaisergedankens in der Karolingerzeit, im Deutschen Archiv XIV, 1958, S. 345-74.
H. FrcHTENAu, Il concetto imperiale di Carlo Magno, in: I problemi della civilta carolingia,
Spoleto 1954 (Settimane di Studio del Centro ital. di studi sull' alto medioevo I: 1953), S. 249-306.
J. DEER, Die Vorrechte des Kaisers in Rom (772-8oo), in den Schweizer Beiträgen zur Allg.
Gesch. XV, 1957, S. r-63; dazu H. LöwE in der Hist. Zeitschr. 185, 1958, S. 677f.
W. SCHLESINGER, Kaisertum u. Reichsteilung. Zur Divisio regnorum von 8o6, in: Forschungen
zu Staat u. Verfassung. Festgabe für Fritz HARTUNG, Berlin 1957 (jetzt: Beiträge zur deutschen Ver-
218 B2: B. Die Anerkennung Kar! d. Gr. als Kaiser

fassungsgesch. I, Göttingen 1963, S. 193-232) behandelt in Abschnitt II Karls Stellung zum Kaiser-
tum 799 und 8o6 und greift auch sonst über das engere Thema hinaus.
W. GoEZ, Translatio Imperii, Tübingen 1958 stellt fest, daß dieser Terminus in Bezug auf 8oo
von den Zeitgenossen nicht gebraucht worden ist (in diesem Sinne könne auch nicht die Angabe der
>Ann. Laureshamenses< gedeutet werden: tune cessabat aparte Graecorum nomen imperator's etc.). Das
erste Zeugnis stammt aus der Zeit um 850, S. 73·
H. DANNENBAUER, Grundlagen der ma.lichen Welt, Stuttgart 1958, (S. 44-93: ein bisher nicht ge-
druckter Aufsatz: Das Röm. Reich u. der Westen ... bis zum Tode Karls d. Gr.), dazu kritisch P.
CLASSEN in: Gnomon, I96o, S. 484f.
W. 0HNSORGE, Der Patricius-Titel Karls d. Gr., in der Byzant. Zeitschr. 53, 1960, S. 300-2I;
Dcrs., Das Kaisertum der Eirene u. die Kaiserkrönung Kads d. Gr., in: Saeculum I4, 1963, S. 22I-47
(beide Aufsätze jetzt in: Konstantinopel u. d. Okzident, Darmstadt I966, S. I-28 u. S. 49-92).
]. FLECKENSTEIN, Kar! d. Gr., Göttingen I962 (Persönlichkeit u. Gesch. 28), bes. S. 54-66.
F. L. GANSHOF, Kar! d. Gr. in seiner Aachener Pfalz während der Jahre 802 und 803, in der
Schriftenreihe des Rhein. Heimatbundes Heft 8, Neuß I96I, S. 3-8; DERS., Le programme de gouver-
nementimperial de Chademagne, in: Renovatio Imperii. Atti de Ia Giornata Internaz. di Studioper
il Millenarie (Ravenna, 4./5. Nov. I961), Florenz 1963, S. 93-96.
H. BEUMANN, Die Kaiserfrage bei den Paderborner Verhandlungen von 779, in: Das erste Jahr-
tausend, hg. von V. H. ELBERN, Textband I, Düsseldorf I962, S. 295-3 q. Der Verf. engt die bereits
von C. ERDMANN eingegrenzte Entstehungszeit des Epos noch weiter ein (bald nach der Ankunft
Leos) und stellt zur Tendenz fest: »Der Dichter plädiert vor Kar! zugunsten des Papstes« (S. 299), und
zwar als Sprachrohr Alcuins und Arns von Salzburg. Er liest aus dem Zeugnis heraus, daß Karls und
Alcuins Auffassungen in diesen Monaten auseinanderliefen. Zum Inhalt dieses Aufsatzes s. ferner
S. 249, Anm. I02.
G. BoRsT, Kaisertum und Namentheorie im Jahre 8oo, in der Festschrift P. E. ScHRAMM, I, Wies-
baden 1964, S. 36-57.
R. FoLz, Le couronnement imperial de Chademagne, Paris I964 (bei S. q8-97). Diese rühmens-
werte, da flüssig lesbare und auf der Höhe der Forschung stehende Zusammenfassung unseres Wis-
sens ist gekennzeichnet durch die Zurückhaltung gegenüber allen vagen Thesen (S. 146: >Il faut etre
tres prudent<). Der Verf. geht auf meine Thesen ein, bewahrt aber seine Selbständigkeit. Ich habe
keinen Anlaß, gegen ihn zu polemisieren, und zitiere ihn daher nur dort, wo seine Formulierung mir
treffender zu sein scheint als die anderer Autoren.
PETER CLASSEN, Kar! d. Gr., das Papsttum und Byzanz, in: Kar! d. Gr. Lebenswerk u. Nachleben I,
Düsseldorf I965, S. 537-608. Für den Beitrag gilt gerrau das gleiche, was eben zuR. FoLZ vermerkt
wurde. (Die sonst noch einschlägigen Beiträge des vierbändigen, nunmehr grundlegenden Werkes
werden an den passenden Stellen vermerkt.)
J. DEER, Zum Patricius-Romanor um-Titel Karls d. Gr., im Archivum Historiae Pontificale III,
I965, s. 34-86. '
W. HEIL, Der konstantinische Patriziat, Basel-Stuttgart I 966 (Basler Studien zur Rechtswiss. 78;
ursprünglich: Diss. Basel 1954), S. I45-62 (über Pippin und Kar! d. Gr.).
W. 0IL"!SORGE, Konstantinopel und der Okzident, Darmstadt I966, faßt I3 Aufsätze zusammen,
von denen eine Reihe erst in Bd. II zu berücksichtigen sind, andere in diesem Band an geeigneter
Stelle vermerkt werden. Unbeachtet lasse ich den Aufsatz: Der griechische Papstpapyrus aus Erfurt,
(S. 29-48), in dem der Verf. diesen mit viel Scharfsinn und noch größerer Kombinationsfreud igkeit
auf Papst Leo III. zurückzuführen versucht: ein Autor mit gleich kühner Phantasie könnte sicher-
] ich zu ganz anderen Hypothesen gelangen. Mit solchen überkühnen Konstruktionen ist der For-
schung nicht gedient: sie verwirren und halten auf.
Zur Literatur 219

Geplant ist ein Wiederabdruck der wichtigsten Aufsätze zur >Frage 8oo< in einem Band der Samm-
lung >Wege der Forschung< (Darmstadt).
Die Literatur würdigte FR1EDR1CH ScHNEIDER, Die Darstellung und Beurteilung der Kaiserkrönung
oder der Anerkennung Karls d. Gr. als Kaiser am 2 5. Dez. 8oo bei den neueren Geschichtsschreibern,
in der Wiss. Zeitschr. der Friedrich-Schiller-Univ. Jena 1952/3, S. 39-45.

Keinen Anklang oder sogar Widerspruch erfahren haben die Studien von W. MoHR, die ich hier
deshalb summarisch verzeichne: Studien zur Charakteristik des Karo!. Königtums im 8. Jahrh.,
Saarlouis 195 5 (96 S.) behandelten die politische Einstellung Hadrians I. und forderten zum Beweis
seiner These Umstellungen im Text des >Liber pontificalis< (dagegen H. LöWE, Zur Vita Hadriani,
im Deutschen Archiv XII, 1956, S. 493-8); Ders., Die kirchl. Einheitspartei u. d. Durchführung der
Reichsordnung von 817, in der Zeitschr. f. Kirchengesch. 4, Folge X (72), 1961, S. r-45. Über das
Jahr 799 s.: Archivum latinitatis medii aevi 90, 1960, S. 39-98, über die karoling. Reichsidee, Mün-
ster 1962 (Aevum christianum. Salzburger Beiträge zur Relig.- u. Geistesgesch., 243 Seiten (vgl.
H. GRUNDMANN im Deutschen Archiv XIX, 1963, S. 524f., H. v. F1CHTENAU in den Mitteil. des Österr.
Inst.s für Gesch.forsch. 72, 1964, S. r6, K. F. MoRRISON, in: Speculum 38, 1963, S. 648ff., R. FOLZ in
der Revue historique 231, 1964, S. 202ff. und H. SPROEMBERG in der Zeitschrift für Religions- und
Geistesgeschichte I 8, I 966, S. 370-76); ferner zur Reichsteilung (8o6) im Arch. latin.-medii aevi 29,
1959, S. 91-109, zu 813 und 8r6 in: Die Welt als Gesch. 20, 196o, S. r68-86 (vgl. Deutsches Archiv
17, 1961, S. 583; K. SPRIGADE in der Zeitschr. f. Rechtsgesch. Sr, German. Abt. 1964, S. 305-17 betr.
8o6.- Zu W. MoHR nahm ich- ablehnend- Stellung in: Gesch. in Wiss. u. Unterricht VII, 1957,
s. 127.
A. RECK, Das >Staatskirchentum< Karls d. Gr. in der deutschsprachigen Forschung seit r87o,
Diss. Freiburg i. B. r 948, Innsbruck 195 2 kann hier gleichfalls unberücksichtigt bleiben, da der Verf.
nicht auf die Quellen zurückgeht und das (von ihm bestrittene) >Staatskirchtum< ein moderner Be-
griff ist, der an die Verhältnisse des 9· Jahrhunderts nicht heranfuhrt.
Zu warnen ist vor zwei - >modern< im schlechten Sinne des Wortes aufgemachten- Karlsbio-
graphien: R. WAHL, Kar! d. Gr. Der Vater Europas. Eine Historie, Frkf.-Hbg. 1954 (246 Seiten;
Fischer Bücherei; zuerst 1934) und R. WINSTON, Charlemagne- from the Hammer to the Cross;
deutsch: Kar! d. Gr., Stuttgart 1956 (442 Seiten); ablehnend derVerf. in: Gesch. in Wiss. u. Unter-
richt V, 1954, S. 696 und VII, 1957, S. 127.
Der Leser möge es in Kauf nehmen, daß dieseAngaben so breit ausgefallen sind: Ich fühlte mich
verpflichtet, alles nachzutragen, was m. E. der Sache irgendwie förderlich ist, andererseits vor den
Thesen zu warnen, die falsch oder überspitzt sind und den Blick auf das wirkliche Geschehen ver-
sperren. Vielfach kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß sich die Erörterung im Kreise
dreht, wobei immer dieselben Belege vorgebracht werden und ein Autor die voraufgehenden gegen-
einander ausspielt.

Alphabetischer Verfasserschlüssel (ohne die im folgenden noch angeführten Autoren; Wiederab-


dmcke in Klammern):
A. AMANN: 1939.- A. BRACKMANN: 1941.- H. BEUMANN: 1952, 1958, 1962.- A. BoRsT: 1964.- C.
BARBAGALLO: 1933·- J. CALMETTE: 1945 (1948).- E. CASPAR: 1935·- P. CLASSEN: 1951. 1960, 1965.
- H. DANNENBAUER: 1931, 1958.- J. DEER: 1957, 1965.- FR. DöLGER: 1943 (1953).- E. ErcH-
MAI'.'N: 1932, 1942. - H. V. FICHTENAU: 1949 (1953), 1953· - J. FLECKENSTEIN; 1962. - R. FoLZ:
1964.- FR. L. GANSHOF: 1948, 1949 (viermal), 1950, 1961, 1963 (zweimal), 1963.- W. GoEZ: 1958.-
J. HALLER: 1937 (1965).- L. HALPHEN: 1947·- w. HEIL: 1966.- K. HELDMANN: 1928.- K. JÄN-
TERE: 1936.- H. KÄMPF: 1950.- A. KLEINCLAUSZ: 1934. 1948.- L. LEV1LLAIN: 1932.- M. LINTZEL:
220 B2: B. Die Anerkennung Kar! d. Gr. als Kaiser

1938 (I96I).- H. LöWE: I937, I949, I952 (I956), I958 (zweirnal).-F. LoTete.: I940/41.- W.MOHR:
I956ff. (am Schluß).- W. ÜHNSORGE: I947, I950, I952 (I958), I96o, I963 (I966), I966.- G. ÜSTRO-
GORSKY: I940 (I963).- ELis. PFEIL: 1928.- A. REcK: I952 (am Schluß).- E. RosENSTOCK: I929.-
E. RoTA: I939·- W. ScHLESINGER: I958.- FR. ScHNEIDER (I952) (am Schluß).- R. SoLMI: I944·-
R. WAHL: I934 (I954) (am Schluß).- R. WINSTON: I956 (am Schluß).

a) Die Vorrechte des Kaisers in Rom (bis zum Jahre 8oo)

Als der Papst Constantinus (708-15) den Kaiser Philippikos Barclanes (Ende 7II-
Pfingsten 713) 1 für häretisch erklärte, schloß sich das Römische Volk seinem Vor-
gehen an. Der Liber pontificalis 2 , dem Paulus Diaconus hier wörtlich gefolgt ist 3 ,
vermerkt, auf welche Weise die Römer zum Ausdruck brachten, daß sie Philippikos
nicht als Kaiser anerkannten: cum statuisset populus Romanus, ne quaquam heretici impera-
toris nomen auf chartas auf figuram solidi susciperent, unde nec eius effigies in ecclesia introducta
est, nec suum nomen ad missarum sollemnia proferebatur. Die Römer gehen also in vier-
faeher Weise vor :
sie datieren nicht mehr nach Kaimjahren,
sie prägen in der römischen Münzstätte keine Kaisermünzen mehr,
sie bringen in den römischen Kirchen keine Kaiserbilder mehr an,
sie erwähnen den Kaiser nicht mehr im Gottesdienst.
Dieser Konflikt erledigte sich beim nächsten Thronwechsel, und den weiteren Kai-
sern sind - wie hätte es anders sein können? - diese vier Vorrechte wieder einge-
räumt worden. Wie lange sind sie ihnen aber gewährt geblieben? Und von wann an
werden sie auf den Frankenkönig übertragen? Vor oder nach seiner Erhebung zum
Kaiser?
Die Untersuchung dieser Doppelfrage ist dadurch erleichtert, daß das so lange
umstrittene Rechtsverhältnis, das zwischen dem Papsttum und den Frankenkönigen
bestand, jetzt als geklärt angesehen werden kann: keine Kommendation des Papstes
in den Schutz Pippins, kein bilaterales Bündnis, sondern im Januar 754 als erstes ein

I Daß dieser Kaiser, der I Jahr und 7 Monate VI. Konzils s. J. D. MANSI, Concil. Co!!. XII
regierte, Pfingsten 7I 3 und nicht 7I4 gestürzt S. I89ff.; vgl. dazu L. M. HARTMANN, Gesch.
wurde, zeigte G. ÜSTROGORSKY in der Byzant. Italiens im Ma. II, 2, Gotha I902 (Gesch. der
Zeitschr. 3I, I93I, S. 383, Anm. I, wo er europ. Staaten), S. 82ff.
seine frühere Stellungnahme zugunsten des 2 Ed. DucHESNE I, S. 392 = ed. MoMMSEN
Jahres 7I4 berichtigte (Byzant.Neugriech. (Mon. Germ.), S. 226; kurz gestreift von
Jahrbücher VII, I930, S. 33ff.). Zustimmend HELDMANN a. a. 0. S. I88, Anm. 3 und 274,
FR. DöLGER, Das Kaiserjahr der Byzantiner, Anm.I.
in Sitzungsberichten der Bayer. Akad. der 3 VI c. 34 (Mon. Germ., Script. in us. schol.,
Wiss., Phii.-Hist. KI. I949, Heft 1, S. 44ff. I878, s. 226f.).
Über den Kaiser und seine Behandlung des
Die Vorrechte des Kaisers in Rom (S. 452-453) 221

nach dem Schema des Freundschaftseides gestalteter, demHlg. Petrus, demPapstund


seinen Nachfolgern vom König in seinem und seiner Söhne Namen mündlich ge-
leisteter Eid für Verteidigung und Hilfe, und dann kurz danach in schriftlicher Form
die Schenkungsurkunde, die die lange Reihe der karolingischen Pacta einleitete'.
Darauf beim ersten, überraschend unternommenen Besuch König Karls in Rom
(774) 6 als erstes in der Confessio S. Petri eine Erneuerung des Eides, diesmal jedoch
in schriftlicher Form und in einer Fassung, in der die Wendung: me protectorem ac
defensorem esse an die Stelle von adiutor und defensor trat, am 6. April dann eine Neuaus-
fertigung der Schenkung, die gleichfalls in der Confessio niedergelegt wurde6 •
Von diesem Besuche an führte Karl, der nunmehrige König der Franken und
Langobarden, in seinen Urkunden bis Soo den Patricius-Titel, der ihm ja schon vor-
her zugekommen, aber erst jetzt eine politische Realität geworden war 7 •

Was das Papsttum darüber hinaus erstrebte, welcher Ehrgeiz die kurialen Kreise
bewegte, das läßt die Konstantirrische Schenkung erkennen, die zwar neuerdings
wieder in den Anfang des 9· Jahrhunderts datiert worden ist 8 , aber wohl nach wie
vor in die fünfzigerJahredes 8. Jahrhunderts gesetzt werden muß.
Diese berühmte Urkunde ist nicht mit den Augen einer späteren Zeit zu lesen,

4 Über die Langobarden und Rom 752/3 s. = I966), J. DriR (I965), W. HEIL (I966);
0. BERTOLINI in den Miscellanea G. MERCATI vgl. dazu den voraufgehenden Abschnitt.
V, Citta del Vaticano I946 (Studie Testi 126), 8 Diese These hat W. ÜHNSORGE bereits in der
S. 160-205; über die Streitigkeiten in Rom Zeitschr. f. Rechtsgesch. 68, Germ. Abt.,
77I /2. Ders. in der Rivista di storia della I95 I, S. 78-Io9 vorgebracht. Jetzt hat er sie
Chiesa in Italia I, 1947, S. 227-62, 349-78; s. auf Grund eingehender Textanalyse, über A.
vor allem dessen Beitrag zur >Storia di Roma<. GAUDENZIS Argumente (I9I9) hinausführend,
Karls Eile sehe ich anders begründet als W. genauer begründet: Das Constitutum Con-
HARTKE, Römische Kinderkaiser, Berlin 195 I stantini u. s. Entstehung, in: Konstantinopel
S. 3I2f. Anm. I, nämlich durch die Lage vor u. Byzanz, Darmstadt Ig66, S. 93-162 (S. 93f.
Pavia und nicht kultisch. Anm. 5 die voraufgehende Lit., darunter die
6 SCHRAMM, Versprechen (vorstehend neu kenntnisreichen Aufsätze, in denen W. GE-
gedruckt). Literatur über das >Pactum< anzu- RICKE verschiedene Textschichten zu sondern
führen, erübrigt sich. - Meine ursprüngliche versuchte, und die Ablehnung dieser These
These, daß der Königsordo in einer Mailänder durch H. FuHRMANN).
Handschrift, an deren falsche Datierung ich Eine neue Grundlage schuf jetzt H. FuHR-
mich hielt, auf Karls Krönung im J. 768 zu MANN, Konst. Schenkung u. abendländisches
beziehen sei (Archiv für Urkundenforschung Kaisertum, im Deutschen Archiv 22, 1966 S.
XI, I930, S. 358ff.), habe ich nach Erlangung 63-178, der das Verhältnis der verschiedenen
gerrauerer Angaben widerrufen (Zeitschr. f. Fassungen zueinander klarstellt und dadurch
Rechtsgesch. 55, Kanonist. Abt. 24, I935, W. ÜHNSORGES Thesen erschüttert. H. FuHR-
S. I85, Anm.). MANN hat für die Mon. Germ. Hist. eine neue
7 Die Lit. über Karls Patriziat oben S. 204: Ausgabe des Textes mit allen Varianten vor-
F. L. GANSHOF (I950), W. ÜHNSORGE (1960 bereitet.
222 B2: B. Die Anerkennun g Kar! d. Gr. als Kaiser

sondern - wie uns das bereits L. M. Hartmann gelehrt hat 9 - mit denen der Zeitge-
nossen: für diese stand im Vordergru nd des Interesses die Angleichun g des päpst-
lichen Hofes an den kaiserlichen oder, um einen in der Fälschung benutzten Aus-
druck zu benutzen, die imitatio imperii, die von nun an als roter Faden die weitere
Geschichte des Papsttums durchzieht10 • Denn einen größeren Raum als die territoria-
len Verleihung en nimmt in der Fälschung die Aufzählun g aller jener Vorrechte ein,
die bisher den Kaiser auszeichne ten und die nun auch dem Papst und seinem Hofe zu-
stehen sollen. Eine greifbare Folge ist, daß das Patriarchium Lateranense vom Anfang
des 9· Jahrhunde rts an als Palatium Lateranense bezeichnet wird11 • Doch haben auch
jene Bestimmun gen, die den Herrschaft sbereich des Papstes betrafen, schon sehr
bald ihre Dienste tun müssen: als Hadrian I. im Jahre 778 Karl an seine Verspreche n
erinnerte, hielt er ihm das Vorbild Konstantin s vor Augen, der die Kirche erhöht
und ihr die potestas in his Hesperiae partibus geschenkt habe- eine Wendung, die ohne
die Fälschung völlig unverständ lich bleibt12 •
Inzwischen war bereits das alte Recht der Kaiser, daß ein neugewähl ter Papst von
ihnen bestätigt werden mußte, beseitigt worden. Gregor III. (73 1-41) ist der letzte,
von dem wir wissen, daß er darum einkam. Paul I. (757-67) ging dazu über, daß er
dem Frankenkö nig seine Wahl mitteilte. Er knüpfte dabei an die Formulare an, die
der >Liber diurnus< für solche Fälle bereit hielt; aber es war nicht wie bisher die Bitte
um Bestätigun g, die er aussprach, sondern die Mitteilung an einen ihm eng ver-
bundenen Fürsten. Das tritt deutlich in dem gleichfalls erhaltenen Schreiben seines
Nachfolger s, des Papstes Constantin II., heraus, der von einem debitum honoris spricht.
Von Leo III. ist bekannt, daß er Karl das Wahldekre t mit einem entspreche nden An-
schreiben übersandte . Das lief auf die Aufforderu ng hinaus, sich von der Rechtmäßi g-
keitdes Wahlvorga nges zu überzeugen . In seine Zeit, vielleicht bereits in die Had-
rians I. gehört das Formular im >Liber diurnus< mit der Überschrif t: Decretum pontifi-
cis, ein Protokoll über die Wahl mit Zeugenunt erschriften13 •
Daß durch die Salbung, die 78 I der Papst den Söhnen Karls erteilte, sich eine
compaternitas zwischen Hadrian und Karl ergab, bedeutete staatsrechtl ich nichts,

9 A. a. 0. S. zzoff. Rom 1952, S. 27-54.


10 Ich gehe darauf nicht näher ein, da ich auf 12 Cod. Carol. Nr. Go (Mon. Germ., Epp. ill,
einen Aufsatz: >Sacerdotium und Regnum im S. 587; J.-L. Nr. 2423); dazu G. LAEHR, Die
Austausch ihrer Vorrechte< verweisen kann Konst. Schenkung in der abendländ. Lit. des
(Studi Gregoriani II, Rom 1947, S. 403-57, Ma.s, Berlin 1926 (Histor. Studien 166),
bes. S. 412ff., 421; wieder abgedruckt in s. 8ff.
Bd. IV). 13 F. GUTMANN, Die Wahlanzeige n der Päpste
II K. JoRDAN, Die Entstehung der röm. Kurie, bis zum Ende der avignonesisc hen Zeit,
in der Zeitschr. f. Rechtsgesch. 59, Kanonist. Marburg 1931 (Marburger Studien zur älte-
Abt. 28, 1939, S. 96-131 und R. ELZE, Das ren Gesch. li, 3), S. 13 ff.; dazu: Liber diur-
>Sacrum Palatium Lateranense< im 10. und nus, ed. TH. E. v. SICKEL, Wien 1889, Nr.
I I . Jahrhundert, in den Studi Gregoriani IV, 58-63 und 82, sowie J.-L. Nr. 2336 und 2374.
Die Kaiser-Vorrechte- Datierung (S. 454-455) 223

stellte aber doch nicht nur zwischen den beiden, sondern auch zwischen ihren Ämtern
eine so enge Beziehung her, wie sie bisher noch nicht bestanden hatte, sicherte Karl
vor allem die ständige Fürbitte des Papstes bei Gott14 • Sie hob die geistige Sohnschaft
nicht auf, die sich durch die geistliche Stellung Hadrians ergab; daher nannte sich
Karl 791 in einem Brief an ihn: compater idemque in Christo ftlius 15 •
Das ist die feste Grundlage, von der aus wir nun der Reihe nach prüfen, was sich
über die Geschichte jener vier kaiserlichen Vorrechte feststellen läßt, die von den
Römern dem Kaiser Philippikos vorenthalten wurden.

I. Die Datierung nach dem Kaiser*

Hier betreten wir einen Pfad, den A. Menzer bereits ausreichend gesichert hat16 •
Noch im 8. Jahrhundert hieß es in den päpstlichen Urkunden gemäß dem von
Justinian im Jahre 537 erlassenen und in Rom wohl seit 550 befolgten Gesetze:
imperante domino piissitno augusto N. a Deo coronato magno imperatore 17 •
Die letzte Datierung dieser Art auf Schriftstücken aus der päpstlichen Kanzlei ist
im April 772 zu finden. Gleichzeitig verschwindet die Anführung des Konsulats.

I4 LöWE, Reichsgründung (I937) S. 77· verdienten Autor trennt, führe ich in dem
15 So im: Königsbrief Karls d. Gr. an Papst Anhang hinter dem übernächsten Abschnitt
Hadrian über Abt-Bischof .Waldo von Rei- aus.
chenau-Pavia. Palimpsest-Urkunde aus Cod. I6 Die Jahresmerkmale in den Datierungen der
lat. Monac. 6333, hg. v. P. EMMANUEL MoN- Papsturkunden bis zum Ausgang des I I.
DING, Lpz. I92o (Texte und Arbeiten, hg. Jahrhunderts, in der Römischen Quartal-
durch die Erzabtei Beuron I, 6), S. 3·- Über schrift 40, 1932, S. 27-103; über die Prokon-
Karls Nachfolger als filii des Papstes s. sulatsjahre DöLGER (Anm. I) S. 34f. Vgl.
unten Band II. auch HELDMANN a. a. 0. S. 86, Anm. 5, und
* In den Unterabschnitten 1-6 gehe ich auf S. I65 f., Anm. 2, sowie H. BRESSLAU, Hand-
die Einwände ein, die gegen die Erstfassung buch der Urkundenlehre II, 2, 2. AufL, hg.
J. DEER erhoben hat: Die Vorrechte des von H.-W. KLEWITZ, Lpz. I93I, S. 4I9f.
Kaisers in Rom (772-8oo), in den Schweizer (jetzt anast. neugedruckt).
Beiträgen zur Allg. Gesch. XV, I957, S. 5-63 I7 Das dem griechischen Deocrr:enr6c; entspre-
(Einwände gegen ihn machte wieder H. chende, im 8. Jahrhundert in die Datierungs-
LöwE in seiner Anzeige, Histor. Zeitschr. zeile eindringende a Deo coronatus gehört
185, 1958, S. 677f.). Ich berichtige hier und nicht zur offiziellen byzantinischen Titulatur
da meine Ausführungen und verteidige sie, dieser und der voraufgehenden Zeit; über
wo mir das geboten scheint, indem ich auf diese K. BRANDI, Ausgewählte Aufsätze,
alle Gegenargumente eingehe, damit meine Oldenburg-Berlin I938, S. II2ff. (vorher im
Ausgangsthese gegen alle weiteren Zweifel Arch. für Urkundenforsch. I, 1908); über:
abgesichert ist. a Deo coronatus W. ÜHNSORGE in den Mitteil.
Inwieweit mich eine andere Sehweise und des Österr. Inst. f. Gesch.forsch. 46, 1932,
- durch sie bedingt- eine andere Forschungs- S. 348.
methode von diesem so kenntnisreichen und
2.2.4 B2: B. Die Anerkennung Karl d. Gr. als Kaiser

Eine besondere Lage ergab sich im Jahre 769: in Rom trat eine - auch von fränki-
schen und langobardischen Bischöfen besuchte - Synode im Lateran zusammen, um
Stephan III. gegen einen Gegenpapst zu bestätigen und die Bilderfeindlichkeit des
Kaisers zu verdammen. Deshalb wurde in der Datierungszeile sein Name wegge-
lassen und dafür gesetzt: regnante domino Jesu Christo 18 •
Aus den nächsten Jahren, in denen Karl Rom 774 zum ersten und Ostern 781 zum
zweiten Male aufsuchte, fehlen leider Belege. Dann heißt es am I. Dezember 781 im
Anschluß an die 769 benutzte Formel: regnante Domino et salvatore nostro jesu Christo,
qui vivit et regnat cum Deo patre omnipotente et spiritu sancto per immortalia secula, anno
pontiftcatus ( domini) nostri ( Hadriani) in sacratissima ( sede) beati apostoli Petri sub die, Deo
propitio, decimo, indictione quinta. Außerdem ist noch eine Datierung vom 1. November
782. bewahrt, die es ermöglicht, die in beiden Fassungen dieser Zeile eingetretenen
Fehler zu verbessern19 •
Der seit 772 amtierende Papst Hadrian I. hat also in einem nicht mehr feststell-
baren Augenblick20 , liturgische Formeln benutzend, an die Stelle des Kaisers Jesus
Christus selbst gesetzt und- wie ein Landesherr - seine Pontifikatsjahre hinzugefügt.
(Entsprechend ließ Karl ja von 774 an in seinen italienischen Urkunden seine Jahre
seit der Zerstörung des Langobardenreiches zählen: anno x, a quo coepit ltaliam bzw.
a quo capta est ltalia). In der kurialen Datierung wurden also aus Karls Römischem
Patriziat keine Konsequenzen gezogen; der Papst brachte vielmehr seine Unabhän-
gigkeit sowohl vom Kaiser als auch vom Frankenherrscher zum Ausdruck.
Das Muster seines Vorgängers hatLeoiii., der zu Weihnachten 795 den StuhlPetri
bestieg, weiter abgewandelt; doch sehen wir- da zunächst Belege dazu fehlen- erst 798
in die weitere Entwicklung hinein. Nun heißt es nach der Pontifikatszahl in unver-
kennbarer Anlehnung an Karls Urkunden: atque domni Caroli excellentissimi regis
Franeorum et Langobardorum et patricii Romanorum, a quo coepit ltaliam anno XXV.
Dieser Papst räumte also Karl eines der vier Vorrechte ein, das die Römer dem Kaiser
Philippikos verweigert hatten 21 •

18 Mon. Germ., Concilia II S. 79, dazu CLAS- >jedenfalls in den auf 774 folgenden Jahren<.
SEN, Kar! d. Gr., Das Papsttum a. a. 0. S. 545 21 DriR a. a. 0. S. 12 will das nicht wahrhaben.
mit Anm. 25 (da DiillR diesen Beleg über- Daß Kar! an zweiter Stelle genannt wurde
sehen hat, muß seine Darlegung korrigiert (entsprechend auf dem Lateranmosaik - s.
werden; vgl. ferner CLASSEN a. a. 0. S. 554, unten - links kniend), war nicht nur für die
Anm. 62). Römer, sondern auch für die Franken - s.
19 Mein Text hier verbessert nach DEER a. a. 0. unten über die >Laudes< - selbstverständlich.
S. 8-15 : I. Die Datierung nach dem Kaiser. (Über die alleinige Nennung Karls nach
20 Nach DEER a. a. 0. S. 10 >spätestens seit 774<, Weihn. 8oo s. den folgenden Abschnitt). Ge-
da 774-96 in Tuszien nach dem Papst datiert wichtig, weil bisher ungewohnt, war da-
wird, >was ohne das Vorbild der päpstlichen gegen, daß Kar! an dieser Stelle genannt
Kanzleipraxis kaum denkbar wäre<. - CLAS- wurde (vgl. unten über sein Verlangen, daß
SEN a. a. 0. S. 554f.: leider nicht datierbar, sein Name auf die Münzen von Benevent
Datierung- Münzprägung (S. 456-457) 225

Nach der Kaiserkrönung verzichtet die päpstliche Kanzlei auf die Pontifikatsjahre
und zählt nur die Kaiserjahre; außerdem erwähnt sie wieder den- ja schon längst zur
Fiktion gewordenen- Konsulat. Sie verzichtet also von Karls Erhebung zum Kaiser an
auf den Anteil, den sich die Päpste inzwischen gesichert hatten, und räumt fortan dem
Franken das kaiserliche Datierungsvorrecht im vollen Umfang ein, wie es in der
Zeit der byzantinischen Kaiser üblich gewesen war.

2. Das Prägen der Kaisermünzen

Das Prägen ist im Mittelalter von einer doppelten Tendenz beherrscht: einmallegen
die Herrscher den größten Wert darauf, daß dort, wo sie anerkannt sind, ihr Name
oder Bild auf den Münzen erscheint; andererseits halten sich die Münzstätten, auch
wenn sie einer neuen politischen Lage Rechnung tragen, an die vorausgehenden
Prägungen - schon um den neuen die Vertrauenswürdigkeit im Umlauf zu sichern.
Aus Prokop ist bekannt, mit welchem Unwillen die Byzantiner zur Kenntnis
nahmen, daß die Franken nicht mehr das Kaiserbild auf ihre Münzen setzten. Aber
der Kopf des Merowingerkönigs, der an dessen Stelle rückte, und ebenso Umschrift
und Reversbild hielten sich aus dem angegebenen Grunde zunächst doch an den her-
gebrachten Typ. So war die Lage auch noch im 8. Jahrhundert: als Karl der Große
sich 788 den Herzog von Benevent botmäßig gemacht hatte, forderte er, daß sein
Name sowohl in die Datierungszeile eingefügt als auch auf die vom Herzog geprägten

gesetzt wurde, um seine Oberherrschaft mein hielt und erst ab 801 auf ihn die Kaiser-
sichtbar zu machen). Nichts besagt in diesem formulare des >Liber diurnus< bezog. Es ver-
Zusammenhang, daß vor langen Jahrzehnten steht sich von selbst, daß die Kanzlei - wie
der Exarch-Patricius in seinem Amtsbezirk das alle Kanzleien tun - sich an irgendein
(nicht in Rom!) hinter dem Kaiser angeführt Modell hielt, und sie besaß ja den Vorteil,
worden war. Es fragt sich, ob das der Kanz- daß ihr der (an sich durch die Zeit überholte)
lei des Papstes noch bekannt war; wenn das >Liber diurnus< Auskunft über das Her-
doch der Fall gewesen sein sollte, dann führte kommen gab - das war eine Sache der >Rou-
sie Karl nicht wegen des >Protokolls< an, tine< und nicht mehr. Wäre die päpstliche
sandem weil der Papst jetzt stärker auf den Kanzlei wirklich so protokoll-besessen ge-
Schutz des Frankenherrschers gegenüber wesen, wie DEER sich das vorstellt, dann
dem Basileus angewiesen war, als das je nach hätte sie niemals auf den Gedanken verfallen
Justinian I. der Fall gewesen war. können, Karl in der Datierungszeile anzu-
DEER legt ferner Gewicht darauf, daß die führen; denn dafür bot der >Liber diurnus<
Kurie 78 5 in den Schreiben an Konstantin keinen Anhalt. Hier wirkten sich eben die
VI. und Irene- dem >Liber diurnus< folgend politischen Fakten aus, denen die Kanzlei
- noch die für den Kaiser herkömmliche trotz >Protokoll< Rechnung trug - tragen
>Superscriptio< anwandte, sie aber für Karl mußte (genau so wie der Herzog von Bene-
nicht benutzte, sondern sich in seinem Fall vent).
an die einst für den Exarchen üblichen For-

1S Schramm, Aufsätze I
zz6 B2: B. Die Anerkennung Kar! d. Gr. als Kaiser

Münzen gesetzt werde - in der Tat haben wir beneventanische Prägungen solcher
Art ( Abb. 6 d-f)22.

Wenn wir uns nun den in Rom selbst geprägten Münzen zuwenden, bewegen wir
uns dank der Vorarbeit der Numismatiker wiederum auf bereits gesichertem Boden23 •

22 Erchempert, Rist. Langob. c. 4 (M. G., 43; H. H. VöLCKERS, Karo!. Münzfunde der
Script. rer. Langob. S. 236): (Carolus) cum Frühzeit (751-8oo), Göttingen 1965 (Ab-
sacramento huius modi vinxit, ut Langobardorum hand!. der Akad. der Wiss. in Göttingen,
mentum tonderi Jaceret, cartas vero nummosque Phil.-Hist. Kl., 3· Folge Nr. 6r) S. ro9, r86
sui nominis characteribus superscribi semper mit Tafel Q: XLII 45-6. Eine Abb. jetzt
iuberet; vgl. dazu M. CAGIATr, La zecca di auch bei Ch. PrsCHON, Les papes, Zürich-
Benevento, in der Rivista italiana di numis- Paris I966.
matica 29, r9r6 und R. GAETTENS, Münzen Ich wiederhole auch noch die ältere Lite-
Karls d. Gr. sowie der Päpste Hadrian II. ratur: W. WROTH, Catalogue of the Imperial
und Leo III., im Jahrbuch für Numismatik Byzantine Coins I-II, London I9o8 (vgl.
II, I950/I S. I9f. bes. I, S. CII); C. SERAFrNr, Le monete e le
Abbildungen bei P. E. S., Herrschafts- bolle plumbee pontificie del Medagliere
zeichen I Abb. pc; PH. GRIERSON, The Vaticano I (6r5-1572), Rom I9IO (Colle-
Coronation of Charlemagne and the Coirrage zioni arch., artist. e numism. dei Palazzi
of Pope Leo III, in der Revue Beige de Apost. III) und vor allem das Corpus num-
philol. et d'hist. 30, I952 PI. IV Nr. 40, I; morum Italicorum XV: Roma, Parte r, Rom
DERS., Money and Coinage under Charle- I934; vgl. auch noch A. ENGELet R. SERRU-
magne, in: Kar! d. Gr., Lebenswerk und RE, Traite de numismatique du moyen äge I,
Nachleben I, Düsseldorf I965 PI. IV, 40-42 Paris I89I, S. 284ff.; A. v. SALLET, Münzen
(dazu S. 507); Ausstellungskatalog Aachen und Medaillen, Berlin r898 (Handb. der Kgl.
I965 S. I63 f. (3 Expl.: Nr. 288-90) mit Abb. Museen zu Berlin), S. rr6f. (hier Abb. des
3 r. Zum geschichtlichen Hintergrund vgl. zweitgenannten Denars nach dem Berliner
H. BELTING, Studien zum beneventanischen Exemplar; hier ist nur HADR erkennbar);
Hof im 8. Jahrh., in: Dumbarton Oaks Pa- J. v. PFLUGK-HARTTUNG, Über Münzen und
pers XVI, I962, S. I4I-93 und 0. BERTOLINI, Siegel der älteren Päpste, in Quellen u.
Carlomagno e Benevento, in: Kar! d. Gr. Forsch. aus ital. Archiven und Bibi. V, Rom
Lebenswerk u. Nachleben I, Düsseldorf I 96 5, I902, S. r-r8; J. MENADIER, Die Schau-
S. 6o9-7r. sammlung des Münzkabinetts im Kaiser-
Das Bild des mit einer Krone gezierten Friedrich-Museum. Eine Münzgesch. der
Herzogs Ariehis in dem Altarraum der Kir- europ. Staaten, Berlin I9I9 (Führer durch
che von Capua ließ Kar! zerstören, vgl. die staatl. Museen zu Berlin), S. I 22 (vorher
Chron. Salern. cap. I I (Mon. Germ., Script. in: Amtliche Berichte aus den Kgl. Kunst-
XI S. 478f. und ed. WESTENBERGH in den sammlungen 32, Berlin I9II, S. 266f. mit
Studia latina Stockholminensia III, Stock- Abt. r4a); U. MoNNERET DE VrLLARD, La
holm I956, S. 17); dazu H. BELTING a. a. 0. monetazione dell'Italia barbarica, in der
s. I54· Rivista italiana di numismatica anno 33 =
23 Vgl. jetzt P. E. S. a. a. 0., Abb. pi-k mit Sec. ser. III, 1920, S. 2o8-I3, 223-30, 34 =
S. 29I ff.: Münzen des Papstes Leo III. u. Sec. ser. IV, I92I, S. 209ff.; G. LADNER,
Karls d. Gr. vor 8oo (soweit es sich um Die Papstbildnisse auf den Münzen des 8.
neue Ergebnisse handelt, jetzt in den Text u. 9· Jahrhunderts, in der Numism. Zeitschr.
eingefügt); GRIERSON, Money a. a. 0. PI. IV, N. F. 28, 1935, S. 48ff.; Ders., Die Papst-
Das Prägen der Kaisermünzen (S. 457-458)

Die kaiserliche Münzstätte in Rom ist von Justin I. bis Herakleios ohne große
Bedeutung: sie prägt nur kleine Münzen in Bronze. Von Konstans bis Konstantin V.
(t 775) gibt sie dagegen auch Stücke in anderen Metallen aus, sogar Goldmünzen.
Danach sind keine weiteren Prägungen der römischen Münzstätte nachweisbar -
sicherlich kein Zufall, denn gleichzeitig fällt ja auch der Kaisername in der Datierung
weg. Unter Hadrian I. ist dem Kaiser also auch noch ein weiteres Vorrecht ent-
zogen worden33 •
Päpstliche Münzprägung ist bereits in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts nach-
weisbar; aber die Stücke, um die es sich hier handelt, sind noch so bescheiden und
primitiv, daß man gemutmaßt hat, sie seien nicht für den allgemeinen Umlauf, son-
dern nur für Wohlfahrtszwecke geprägt worden 25 • Auch das wird-genauso wie die
Datierungszeile - unter Hadrian I. anders.
Es sind zwei, in verschiedenen Typen geprägte Sorten von Silberdenaren (18 mm)
nachweisbar, die den Namen dieses Papstes aufweisen: auf der einen trägt die Vor-
derseite - durch ein langschaftiges Kreuz getrennt und auf drei Linien verteilt - die
Worte: HA-DRiffAN-VSffPA-PA, während auf der Rückseite zwischen zwei Quer-
wulsten die Inschrift: S(an)CTI PET-RI untergebracht ist ( Abb. 6 g). Die andere
Sorte hält sich vielleicht an das beneventanische, jedenfalls letzthin an das byzantini-
sche Vorbild, entspricht aber im Gewichte bereits der - gleich anzuführenden -
Münze seines Nachfolgers, ist also als die jüngere der beiden Prägungen anzusehen
( Abb. 6 h). Sie zeigt auf der Vorderseite Hadrians Bild- Tonsur und Pallium sind
deutlich zu erkennen - mit der Umschrift: >D(ominus) N(oster) ADRIANVS
P(a)P(a)< 26 • Der Papst nimmt also den Platz ein, der bisher dem Kaiserbild zukam.

bildnissedes Altertums und des Ma.s, I: Bis IV, Mailand 1928, S. rr. Dazu jetzt DEER
zum Ende des Investiturstreits, Citta del Va- a. a. 0. S. 15-18 und CLASSEN a. a. 0. S. 554,
ticano 1941 (Mon. di antiquita cristiana II, v. der auf Benevent als Vorbild hinweist.
4), S. 1rrf. mit T. XXVa. 25 Corpus a. a. 0. S. 58ff. mit Tafel III, 25-30.
Die erste Grundlage schufen D. PROM1S, 26 DN nicht bei LADNER a. a. 0. S. 111 ver-
Monete dei Romani Pontifici avanti il mille, merkt, aber bei anderen Typen: vgl. Corpus
Turin 1858, und J. CHARVET, Origines du numm. Ital. S. 62-4 mit Tafel IV, 1-3. Das
pouvoir temporal des papes precisees par la der kaiserlichen Titulatur entlehnte DN
numismatique, Melle 1865 = Neudruck von findet sich auch auf dem Lateranmosaik (s.
F. LE BLANC, Diss. hist. sur quelques mon- unten) neben Kar! und neben Leo (hier außer-
noyes de Charlemagne . . . frappees dans dem noch - wie etwa früher auf Papstbildern,
Rome, Paris 1689 (42), mit neuer Einleitung. s. LADNER a. a. 0. -sanctissimus), ferner vor
24 V gl. die Abb. im Corpus num. Ital. a. a. 0.; beider Namen auf den Münzen nach Soo (s.
hier S. 48 mit Tafel III, 10, die Münzen des unten). Über DN in der Datierungszeile s.
Philippikos Bardanes, die trotz dem Wider- MENZER a. a. 0. S. 45f., auf den Königs-
spruch der Römer von ihm in Rom geprägt münzen Karls und den Herzogsmünzen von
wurden. Benevent s. F. }ECHLIN in den Mitteil. der
S. auch C. SERAF1N1, Le monete e le balle Bayer. Numism. Gesellsch. 25, 1906, S. 40ff.
plumbee pontificie del Medagliere Vaticano
B2: B. Die Anerkennung Kar! d. Gr. als Kaiser

Die Rückseite weist - gleichfalls in Anlehnung an Kaisermünzen - ein Kruckenkreuz auf Stufen
zwischen den Buchstaben R(O)M(A) auf. Dieses und die Umschrift VICTORIA DN N CONOB
(d. h. domininostri Constantilwpolis obryzum 21, d.h. feines Gold) sind von den älteren Prägungen über-
nommen, wie das ja oft auf Münzen vorkommt - Ausdruck jener zweiten, beharrenden Tendenz in
der Münzgeschichte, von der wir ausgingen. Unklar bleibt nur die Auflösung der Buchstaben I und
B rechts und links vom Papstkopf, denen formal auf anderen Münzen des 8. Jahrhunderts Buch-
staben entsprechen, die man als Emissionszeichen deutet. Man hat sie aufgelöst: lrene Basilissa••. Das
stößt sachlich auf Bedenken; vielleicht handelt es sich um das Zahlzeichen 12. Beachtlich ist der Vor-
schlag von PH. GRIERSON,jesus Basileuszu lesen••. Aber wie dem auch sei, soviel ist klar, daß Hadrian,
der in der Datierung an die Stelle des Kaisernamens Jesus Christus setzte, das zweite Vorrecht des
Kaisers sich selbst zuwandte.

Zu beachten ist, daß diese päpstlichen Denare die fränkische Münzreform voraus-
setzen, die zur Prägung von Silberdenaren geführt hatte. An ihnen läßt sich also ab-
lesen, wie die Abhängigkeit vom Norden zunimmt 30 •

Die bisher klaffende Lücke, nämlich die Jahre nach der Wahl Leos III. (Ende 796)
und Weihnachten 8oo, konnte neuerdings geschlossen werden. Denn es hat sich er-
geben, daß Denare, die bisher Leo VIII. (96 3-6 5) zugesprochen waren, bereits von
Leo III. stammen und zwar aus Karls Königszeit, da wir Leos Prägungen aus den
Kaiserjahren kennen 3 1.
Die Prägung des neuen Papstes ist in bezeichnender Weise abgeändert: an die Stelle, die Hadrians
Kopf eingenommen hatte, ließ Leo den des Hlg. Petrus setzen (Beischrift: SCS PETRVS), und auf der
Reverszeile steht (ähnlich verteilt wie die Petrus-Zeile auf der Reversseite): D(omini) N(ostri)
LEONI PAPAE- diese Formel entspricht der auf der jüngeren Hadriansmünze; nur ist sie in den
Genitiv gesetzt (Abb. 6 i).

Hadrian hat also zunächst seinen Namen, dann seinen Kopf an die Stelle des
Kaiserkopfes setzen lassen; Leo ist wieder einen Schritt zurückgewichen : er hat sich
mit dem Petruskopf und seinem Namen auf der Reversseite begnügt.
Nachdem sich die Lücke geschlossen hat, ist geklärt, daß die Päpste bis zur Erhe-
bung Karls zum Kaiser das erloschene Münzrecht in Rom festhielten und der Fran-
kenkönig an diesem in keiner Weise beteiligt wurde.
Im folgenden Abschnitt wird zu zeigen sein, wie Kar! nach 8oo voll und ganz in das Münzrecht
einrückte, das einmal der byzantinische Kaiser in Rom ausgeübt hatte ( Abb. 6 k-1).

27 Danach ebenso die langobardischen Münzen. 29 The Coronation of Charlemagne and the
28 So löst LADNER a. a. 0. auf statt: dominorum Coinage of Pope Leo III, in der Revue Beige
nostrorum. Die Annahme, dies sei auf Kar! de philol. et d'hist. 30, 1952, S. 833, Anm. I.
und Hadrian zu beziehen, entbehrt jedoch 30 LADNER a. a. 0.
weiteren Anhaltes. Auf den beneventanischen 31 PH. GRIERSON, Coinage a. a. 0. S. 82 5-33;
Münzen steht neben dem Kreuz G-R danach bereits: Herrschaftszeichen a. a. 0.
(imoaldus); vgl. hier auch CALMETTE a. a. 0. S. 292f. und nun hier eingefügt. Sonstige
s. !28. Abbildungen s. oben Anm. 22.
Das Prägen der Kaisermünzen (S, 4 59-460)

Wie stand es mit dem Patrimonium St. Petri?


Von Karl steht fest, daß für ihn Münzen mit der Umschrift: (Avers) + CARLUS
REX FR(ancorum)- (Revers) +
ET LANG(obardorum) AC PAT(ricius) ROM
(anorum) geprägt wurden, die auf der Vorder- und auf der Rückseite Monogramme
aufweisen (Abb. 6 a-c)3 2 • Steckt darin ein Chrismon, 33 der Name Ravennas? 34 Keine
Deutung hat bisher allgemein überzeugen können. Die Annahme, daß Karl als König
in Rom geprägt habe, ist preisgegeben.
Der Titel macht gewiß, daß es sich um italienische Prägungen handelt, und wegen
des Patricius-Titels ist ein Zusammenhang mit dem Patrimoniums. Petri anzunehmen 35 •
Die Annahme, daß diese Münzen, die längere Zeit umliefen und bis nach Friesland gelangten, in
Ravenna geprägt wurden, ist immer noch die wahrscheinlichste. Doch weisen die erhaltenen Stücke
Varianten auf, so daß möglicherweise mit mehr als einer Münzstätte gerechnet werden muß. Gewiß
ist, daß die Münzen erst in der sogenannten II. Periode, also den Jahren 79o-8oo, geschlagen worden
sind, also nicht unmittelbar - wie man früher wollte - mit der Einnahme des Langobardenreiches
(774) und der Annahme des vollen Königstitels in Verbindung gebracht werden können.

Diese Prägungen gehören in die Auseinandersetzunge n über das Exarchat, dessen


Besitz dem Papst im Jahre 774 bestätigt worden war, in dem Karl jedoch- wie aus
den Beschwerden in den Briefen der Päpste zu entnehmen ist - Herrschaftsrechte
ausübte: darunter (wie diese Münzen beweisen) sogar das wichtigste: das ius monetae 36 •

32 ENGEL-SERRUREa. a. 0. I, S. 2I3. EineAbb. 35 DEJ'lR a. a. 0. S. nf. erwähnt diesen Ver-


in J. v. PFLUGK-HARTTUNGS Weltgesch., stoß gegen das >Protokoll<, schiebt ihn je-
Bd. Mittelalter, Berlin I909, S. 86, Nr. 3· doch - wie auch sonst die politischen Fakten
Vgl. jetzt: H. VöLCKERS a. a. 0. S. 56-8 - beiseite. Da ich (wie von ihm zitiert) fest-
(danach im Monogramm ein Christogramm), stellte, daß Kar! vor 8oo in Rom kein Münz-
ferner S. I09, II2f. usw.; PH. GRIERSON, recht ausgeübt hat und DEER zu den von mir
Money and Coinage a. a. 0. S. 5I7 mit PI. angeführten Fakten keine neuen beizubrin-
IX no. I8 (>Italian origin ... fairly certain- gen hatte, baut er eine Scheinfront zwischen
precise mint and purpese remain a mystery<; uns auf.
das Monogramm, früher von ihm auf Raven- 36 Früher galt als in Rom geprägt ein Denar mit
na bezogen, ohne >satisfactory explanation<). KA(rolus) R(e)X F(rancorum) auf der Vor-
33 Über A und Q auf Münzen vgl. F. FRIEDfu'!S- derseite und einem Kreuz auf der Rückseite,
BURG, Münzkunde u. Geldgesch., München- in dessen Winkel die Buchstaben R, 0, A
Berlin I9I6 (Handbuch der ma.lichen u. (oder: V) und M so hineingeschoben sind,
neuen Gesch.) S. 59f. (hier II, S. 23 über daß nicht erkennbar ist, welcher der erste
Hadrians Denare); über A und Q in Bene- sein soll. Außer ENGEL-SERRURE a. a. 0. I,
vent s. ENGEL-SERRURE a. a. 0. I, S. 288. S. 213, hat auch M. PRou, Les monnaies
34 ENGEL-SERRURE a. a. 0. wollten das schon fran.;aises, Paris I 896 (Catal. des monnaies
aus dem Patricius-Titel allein folgern. ME- fran.;aises de Ia Bibi. Nat.), S. I3Z, Nr. 941
NADIER a. a. 0. S. II5 f.las AIIAD; ebenso mit Abb. T. XXI, 94I: ROtviA gelesen, ob-
das Corp. numm. Ital. S. 64 mit T. IV, 4; wohl die Buchstaben nicht nach der Reihe
SALLET a. a. 0. S. I I4f. äußert sich zurück- folgen. MONNERET DE VrLLARD a. a. 0. IV,
haltend. Das Corpus führt diese Münze unter S. 207/f. hat gezeigt, daß es sich um einen
den in Rom geprägten auf. nördlich der Alpen verbreiteten Münztyp
B2: B. Die Anerkennung Kar! d. Gr. als Kaiser

J. Kaiserbilder in den Kirchen

Als der Ostgotenkönig Theodahad versucht hatte, sich durch die Anlehnung an den
Kaiser zu halten, da hatte er ihm außer einer jährlichen Tributzahlung angeboten, den
Kaisernamen bei den Akklamationen zuerst nennen zu lassen und seine Bildsäule
rechts neben seiner eigenen aufzustellen37 • Als die Römer in der Zeit des Papstes
Agatho (678-81) sich gegen die byzantinischen Patriarchen ereifert hatten, da hatten
sie deren Namen auf den Dyptichen ausgelöscht und ihre Bilder an den Kirchen und
auf den Märkten, wo sie sie nur finden konnten, vernichtet 38 • Das Bild des wie ein
König mit einer Krone geschmückten Herzogs Ariehis von Benevent (t 787) in dem
Altarraum der Kirche von Capua ließ Karl der Große zerstören, und seinen Sohn
zwang er dazu, daß der Karlsname auf dessenMünzen gesetzt wurde 39 • Die Existenz und
ebenso die Nichtexistenz eines Bildes sprachen in dieser Zeit eine unmißverständ-
liche Sprache.
Das galt in besonderem Maße für das Kaiserbild. Nach altem Brauch übersandte
jeder neue Herrscher nach Rom sein Bildnis, das nach der ihm in Stellvertretung des
Kaisers gebührenden Ehrung in der Kirche S. Cesario (auf dem Palatin 40) verwahrt
wurde.
Dieses Recht verweigerten - wie wir sahen - die Römer dem Kaiser Philippikos;
daß es dem Kaiser Leo III. wieder zugestanden wurde, geht aus einem Briefe des
Papstes Gregor II. hervor 41 •
Wie lange dieses Vorrecht den Nachfolgern gewährt wurde, bleibt im Dunkeln;
es wird die Mitte des 8. Jahrhunderts nicht lange überstanden haben.

handelt, der auch nach Lucca und Parma S. 274, Anm. I; aufschlußreich bes. Gregor
vordringt und - im Sinne des Uhrzeigers - der Große, Registrum XIII, I (a. 603), s.
>VORM(ATIA)< zu lesen ist. GAETTENS a. Mon. Germ., Epp. II, S. 365.
a. 0. S. I2-I4 schließt sich dieser Lesung an, 38 Lib. pontificalis, ed. DucHESNE I, S. 354:
will sie jedoch nicht auf Worms beziehen, Deinde abstollerunt de 4Jpticis ecclesiarum nomina
sondern auf eine unbekannte Prägstätte patriarcharum vel de picturis ecclesiae ftguras auf
zwischen Marseille und Narbonne, da sie in foribus, ubiubi esse poterant, auftrentes, id est
den dort geprägten Münzen näher stehe. Cyri, Sergii ( etc. J, per quos error iste orthodoxe
VöLCKERS a. a. 0. S. 78f., I62f. weist auf ftdei usque nunc pullulavit. Entsprechend gingen
Verwandtschaft mit einer Münze von Poi- Konstantinopel und Rom im Jahre 7I2 vor
tiers hin. (s. oben).
37 L. M. HARTMANN, Gesch. Italiens im Ma. 39 S. oben Anm. 22.
I, Gotha 2. Auf!. I923, S. 248, nach Prokop, 40 Über diese Kirche, die ich in der Erstfassung
Bell. Goth. I, 6; dazu die Briefe bei Cassio- falsch identifiziert habe, jetzt DEER a. a. 0.
dor, Variae X, 2ff. (M. G., Auct. ant. XII, s. 24f.
S. 309ff.). - Für die Kaiser selbst vgl. H. 4I J.-L. Nr. 2180 (MrGNE, Patr. lat. 89, Sp.
KRUSE, Studien zur offiziellen Geltung des p8), dazu HELDMANN a. a. 0. S. 274, Anm.
Kaiserbildes im römischen Reich, Paderborn I, und zur Frage, ob dies Schreiben inter-
I934 (Studien z. Gesch. u. Kultur des Alter- poliert ist, OsTROGORSKY a. a. 0. S. XX, 99,
tums XIX,· 3); s. ferner Hm.oMANN a. a. 0. 109 sowie DE:ER a. a. 0. S. 26, Anm. 81.
Kaiserbilder in den Kirchen (S. 46o-462)

Daneben gab es an den Mauern der römischen Kirchen und Klöster noch mancher-
lei Bildnisse von Päpsten und frommen Stiftern, die sich auf diese Weise ein Anden-
ken bei den Gläubigen sicherten42 • In Ravenna haben sich bis heute Bilder byzantini-
scher Kaiser erhalten. Für sie machen wir uns die Bestimmung ihrer Funktion, die
JosEF DEER gegeben hat, zu eigen: »Auch diese Bilder haben bestimmt einen politi-
schen Sinn und verbreiten auch in ihrer Art eine monarchische Propaganda, ohne
jedoch im staatsrechtlichen Sinne des Wortes als Herrscherbilder, die Huldigung und
Adoration verlangen, zu gelten«43 •

In dieser Weise ist Karl der Große zweimal vor seiner Erhebung zum Kaiser an
den Kirchenwänden Roms dargestellt worden. Diese Mosaikbilder sind seit langem
untergegangen, aber wir kennen sie noch durch mehr oder minder genaue Skizzen
von Antiquaren des 16. und 17. Jahrhunderts 44 •
Das eine, 1595 zerstört, befand sich in St. Susanna; da keine Beischrift überliefert
ist, wissen wir nicht sicher, ob es bereits der Königszeit entstammt: der >Liber ponti-
ficalis< reiht diesen Bau Leos III. beim Jahre 799 ein. Daß Karls Bild in die Apsis
selbst, die bisher in Rom als geistlicher Bereich respektiert worden war, aufgenom-
men wurde, ist- wie G. Ladner bemerkt hat- außergewöhnlich ( Abb. IO ).
Bei dem anderen, dem berühmten Bild, das einstmals das Tric!inium des Laterans
zierte und heute noch in einer Rekonstruktion des 18. Jahrhunderts an der Piazza
S. Giovanni zu sehen ist, steht die Königszeit fest ( Abb. 8-9) 46 • Denn links war zu
lesen: S(an)c(ti)ssimus D(ominus) n(oster) Leo p(a)pa, rechts: t D(ominus) n(oster)
Carulus rex- dabei ist zu beachten, daß das uns bereits begegnete DN ein Teil der
traditionellen kaiserlichen Titulatur ist 46 • Darunter stand: Beate Petre, donas vitam

42 Im folgenden trage ich den Einwänden gesch. 29, 1966 und G. MATTH1AE, Mosaici
Rechnung, die DEER a. a. 0. S. 23-42: >4. medioevali delle chiese di Roma, Rom 1967,
Kaiserbilder in Kirchen< vorgebracht hat. s. 225 ff.
43 Ebd. S. 28. Die Verfasserin, die bereits ebd. 28, 1965.
44 ScHRAMM, a. a. 0. (Abb. 5a: Leo in St. Su- S. r89f. die Mosaiken von St. Susanna be-
sanna nach de Winghe, dann auch bei W. handelt hat, setzt (S. II5, 128f.) diese erst
ScHAMON1, Das wahre Gesicht der Heiligen, nach 8oo an, weil sie eine Ähnlichkeit der
Lpz. 1938, S. 30f.); im wesentlichen zustim- Kronendarstellung mit der Karlsbulle zu er-
mend und für das Triklinium-Bild noch eine kennen glaubt (ein nicht stichhaltiges Argu-
ältere Skizze beibringend, G. LADNER, ment) und datiert im Gegensatz zu CH.
Papstbildnisse a. a. 0. S. 112ff. mit T. Xlll HUELSEN, der das Mosaik ein Triclinium
a-b und Fig. 94-104 sowie S. 126ff. mit Fig. erst um 799 ansetzte, dieses mit beachtlichen
106-8 (St. Susanna). Einwände machte A. Gründen bereits in die Jahre 796-8 (S. 214f.).
HELDMANN in der Zeitschr. f. Rechtsgesch. 45 Im >Liber Pontificalis< ist dieser Bau gleich-
50, Germ. Abt. 1930, S. 636f. - S. dazu jetzt falls bei 799 vermerkt.
CLASSEN (s. S. 218) S. 575· 46 DEE:R a. a. 0. S. 41 macht geltend, daß auch
Ferner: CAEC1LIE DAv1s-MEYER, Die dem Exarchen das >D.N.< von der Kirche
Mosaiken Leos lll., in der Zeitschr. f. Kunst- eingeräumt wurde.
B2: B. Die Anerkennung Karl d. Gr. als Kaiser

Leoni p(a)p(ae), et bictoriam Carulo regi donas - daß es sich hier um eine verkürzte
Laudesformel, d. h. um die Aneignung eines kaiserlichen Vorrechts handelt, wird
erst im folgenden Unterabschnitt zu erörtern sein (b = v damals in Rom auch sonst).
Daß dem Papst die rechte Seite vorbehalten wurde, versteht sich von selbst. Das war im byzanti-
nischen Kulturbereich zwar früher anders gehandhabt worden; aber er lag entfernt von Rom, erst
recht vom Frankenreich und galt nicht mehr als verbindlich47 •

Neu war, daß ein gekrönter Laie, in der knieenden Haltung dem Papst ähnlich wie
sein Spiegelbild, auf Geheiß Leos III. an einer allen sichtbaren Stelle im Lateran an-
gebracht wurde; das war eine Bildersprache, die in unmißverständlicher Weise er-
kennen ließ, welche Stellung vom Oberhaupt der Kirche dem Frankenkönig einzu-
räumen war.
Hier wäre es nun von großer Wichtigkeit, zu wissen, ob Hadrian I. auch in diesem Falle derjenige
war, der die alte Bindung zerriß. Bilder sind aus seiner Zeit nicht erhalten, aber Verse, die einstmals
an der wichtigsten Stelle Roms Hadrians und Karls Namen zusammen anführten: dieser Papst ließ
nämlich über dem Grab des heiligen Petrus eine Weihekrone aufhängen, deren Inschrift überliefert

47 Auch in der Zeit nach 8oo blieb es selbst- ten Schutz ging. Das ist formal natürlich
verständlich, daß dem Papst der Vorrang richtig; beide Arten gingen aber in der
vor dem Kaiser gebührte: vgl. die >Laudes< Wirklichkeit- zurnal im 8. Jahrhundert und
(s. unten S. 235) und dieAdressender an sie jenseits der byzantinischen Grenzen - in-
gerichteten Briefe (s. Bd. II: Titel der Karo- einander über. Das zeigt besonders deutlich
linger). der von DE:ER vorher zitierte Brief (Cod.
Leider sind die Bilder Ludwigs d. Fr. in Carol. Nr. 6o) des Papstes an Kar! aus dem
Reims und Lothars I. auf dem Antependium Jahre 778, in dem er ihm wünscht, a!Iegentes
in St. Peter, auf denen sie mit den Päpsten möchten ihn als novus christianissimus Con-
ihrer Zeit dargestellt waren, untergegangen; stantinus imperator begrüßen: hier stellte der
aber wir brauchen nicht zu zweifeln, daß Papst die beiden Wohltäter und Schützer der
auch in diesen Fällen, in denen es sich um Kirche zusammen, glitt also (wenn man
Kaiser handelte, sie sich mit dem linken DEERS Betrachtungsweise akzeptiert) in das
Platz begnügten; vgl. die Nachträge zu den >Staatsrechtliche< aus: er hoffte ja, daß Kar!
Herrscherbildern in Band V. Dort auch über >international< das >staatsrechtlich< so be-
das Fresko im Oratorium auf dem Monte deutsame Vorrecht der Kaiser-Laudes zu-
Celio, das den Papst Formosus links, einen fallen möge!
bärtigen Laien (wohl Arnulf) rechts darstellt; Hier wäre es von Wichtigkeit zu wissen,
es stellt eine seltsame Ausnahme dar, kann wie auf dem Mosaik des Triclinium die rech-
also nicht (so DEER a. a. 0. S. 42) als Beleg te- schon in der Mitte des I6. Jahrhunderts
dafür angeführt werden, daß nach 8oo wieder zerstörte - Gegenseite ausgestaltet war, ob
das byzantinische Bildprotokoll gegolten hier also Silvester und Konstantin d. Gr.
habe. ihren Platz gefunden hatten, wie ein Stich von
Nützlich sind die von DE:ER a. a. 0. S. I 62 5 und die Rekonstruktion des Mosaiks am
39f. zusammengestellten Belege über den Lateranplatz es behaupten. Die Wahrschein-
Konstantinskult; doch führt er eine Schei- lichkeit spricht dafür, aber es bleiben Zwei-
dung durch zwischen Bildern des Kaisers mit fel; vgl. ScHRAMM, Bildnisse Karls d. Gr.
staatsrechtlicher Bedeutung und solchen, bei a. a. 0. S. I 5 f.
denen es nur um seinen der Kirche gewähr-
Kaiserbilder in den Kirchen (S. 462-463) 233

ist. In ihr ist die Rede von Christus aus dem Stamm der Könige und Priester, der dafür sorge, daß
dieser Welt beide Gewalten gezeigt werden. Die Schafe des Glaubens habe er Petrus übergeben, der
sie an seiner Statt Hadrian anvertraut habe. Den >Patriziat< in der treuen Stadt- daß hier imperium,
vexillum, principatum oder noch ein anderes \1Vort stand, ist möglich- habe er dagegen Dienern, die
ihm wohlgefielen, übergeben; diese Würde habe Kar! übernommen, der vorzüglichste König, wobei
die Rechte des Petrus ihm Ruhm spendete. Für dessen Leben und Triumph - abermals ein Anklang
an die Laudesformel- habe Hadrian die Krone gestiftet'".

Die Zweigewaltenlehre, die das Lateranmosaik so sinnfällig dargestellt hat, ist auf
Hadrians Weihekrone über dem Grabe St. Petri in Worten nicht minder deutlich
zum Ausdruck gebracht. Ja, die schon früher vorgebrachte Vermutung49 , eine dem
Lateranmosaik ähnliche Darstellung habe den Sinn der Verse auch denen klargelegt,
die nicht zu lesen verstanden, hat etwas Bestrickendes. So mag es bereits Hadrian I.
und nicht erst Leo III. gewesen sein, der Karl in römischen Kirchen abbilden ließ 50 •

48 DE Rossr, Inscript. christianae urbis Romae S. 551 und HELDMANN a. a. 0. S. 445·


II, I, Rom r888 = Liber pont. ed. DucHESNE 49 A. a. 0. S. 30.
I, S. 516, N. 31 =Mon. Germ., Poet. lat. I 50 Ebd. S. 29. J. DE.ER geht in seinem Eifer, den
(E. DüMMLER), S. 106, Nr. r 3 = H. GRrSAR, Unterschied zwischen den laureata, den über-
Analeeta Romana I, Rom r899, S. 85 = sandten >offiziellen< Bildnissen, und den Bild-
FEDOR ScHNEIDER, Die Epitaphien der Päp- zeugnissen der Frömmigkeit so groß zu
ste usw., Rom 1933 (Texte zur Kulturgesch. machen wie nur möglich, so weit, daß er die
des Ma.s II), S. 24, Nr. 29 (hier wiederholt): vollständige staatsrechtliche Bedeutungs-
Caelorum dominus, qui cum patre condidit losigkeit von Kaiserbildern in den Kirchen
orbem, behauptet (S. 30). In den voraufgehenden
disponit terras virgine natus homo, Jahrhunderten hätten die Päpste keinen An-
utque sacerdotum regumque est stirpe creatus, laß gehabt, irgendwelche Herrscher ab-
providus huic mundo curat utrumque geri. bilden zu lassen, da alle Rom feindlich ge-
tradit oves fidei Petro pastore regendas, wesen seien. Aber DEER hätte dann stutzen
quas vice Hadriano crederet i/Je sua. müssen angesichts der Tatsache, daß viel-
quin et Romanum largitur in Urbe fideli leicht bereits Hadrian I., sicherlich Lee III.
pontificatum") famuli( s), qui placuere sibi. den Frankenkönig im Bilde vor die Augen
quod Carolus ( merito) praecel!entissimus der Römer rückte- wohlvermerkt freiwillig;
(hic )rex denn es liegt nicht das geringste Anzeichen
ro suscipiet dextra glorificante Petri. dafür vor, daß Karl das - wie im Falle der
pro cuius vita triumphisque haec munera regno Münzen von Benevent - verlangt hatte.
obtulit antistes congrua rite sibi. Im >protokollarischen< oder >staatsrecht-
a) so Hs.; DüMMLER (Poetae) emend.: impe- lichen< Sinne (einem dieser Zeit wesens-
rium; PAGI und GREGOROVIDS, Gesch. d. fremden Begriff) knüpften jene Bildnisse an
Stadt Rom 3Il, S. 38 5f.: vexillum; Rossr und die abgerissene Tradition der laureata selbst-
DuCHESNE: patriciatum und (v. 9): quem. verständlich nicht an; aber sie traten an deren
Vielleicht: principatum, vgl. das Gebet: Deus, Stelle, bedeuteten sogar noch mehr, weil sie
cuius regnum etc., in dem es heißt: Romanorum nicht nur einmal gezeigt und dann in einer
regnum tibi subditum prolege principatum. V gl. Palatinkirche abgestellt wurden, sondern
dazu E. RosENSTOCK, Die Furt der Franken den Gläubigen Tag für Tag vor Augen
und das Schisma, in E. RosENSTOCK - J. blieben.
WrTTIG, Das Alter der Kirche, Berlin 1928,
B2: B. Die Anerkennung Karl d. Gr. als Kaiser

Karl trat also nicht im strikten Sinne ein bisher kaiserliches Vorrecht an; aber die
Päpste räumten ihm im Bildbereich etwas ein, was sogar noch über das hinausging,
was sie einst den byzantinischen Kaisern zu erweisen schuldig gewesen waren, und
die Betrachter werden sich in der Mehrzahl keine Gedanken darüber gemacht haben,
ob der Franke als Protector, als Patricius, als schützender Rex dargestellt war; sie
werden sich vielmehr schlicht und einfach gesagt haben: einstmals halfen uns Kon-
stantin und seine Nachfolger, jetzt tut es der Frankenkönig Karl.

4· Prozession, Akklamation, Kirchengebet, Laudes

Für diesen Bereich können wir abermals Vorarbeiten heranziehen, die uns den Weg
bereits gebahnt haben. Mit den Kaisergebeten haben sich verschiedene Forscher
befaßt, und für die Laudes haben wir das grundlegende Buch von ERNST H. KANTO-
Rowrcz51.
Seit alters sprach zu den Sinnen die >Staatssymbolik< am deutlichsten, wenn der
Kaiser oder sein Stellvertreter in eine Stadt einzog 52 • Denn da vereinigte sich der
Prunk der Waffen und Gewänder mit der Vielzahl der Fahnen und Zeichen, mit
Lichterglanz, mit Weihrauchduft und mit dem Gedröhn rhythmisch wiederholtet
Zurufe, die dem feierlich Eingeholten viele Jahre, Leben und Sieg, sowie den Segen
der Heiligen wünschten und Ehrennamen für ihn aneinanderreihte n. Die Byzantiner
hatten aus diesen Akklamationen geradezu eine Kunst gemacht.

In Rom war davon zum mindesten ein starker Abglanz zu erleben; doch fehlen Zeugnisse über
den genauen Wortlaut, der am Tiber üblich war.
Mit Rufen dieser Art werden in Rom die Bilder begrüßt worden sein, die ein neuer Kaiser von
sich übersandte. Solche Akklamationen empfing auch der Papst53 ; und von Laudes ist auch bei dem
Empfang des Exarchen und solcher Würdenträger, die ihm gleichstanden, die Rede. Kein Wunder,

5r Laudes regiae. A Study in Liturgical Accla- liturgischen Herrscherakklamat ionen im Sac-


mations and Mediaeval Ruler Worship, Ber- rum Imperium des Ma.s, Weimar 1953 (226
keley-Los Angeles 1946 (Univ. of California S.); dazu R. ELZE, Die Herrscherlaudes im
Publ. in Hist. 33; 2. Aufl. 1958); s. auch Ma., in der Zeitschr. f. Rechtsgesch. 71,
noch HELDMANN a. a. 0. S. 258ff. Vgl. Kanon. Abt. 40, S. 201-24.
ferner L. BrEHL, Das liturg. Gebet für Kaiser 52 Die Literatur über die antiken und spät-
u. Reich. Ein Beitrag z. Gesch. des Ver- antiken Akklamationen bei KANTOROWICZ
hältnisses von Kirche u. Staat, Faderborn a. a. 0. S. 65, A. z und 68, A. 13.
1937 (Görres-Gesellsch., Sektion für Rechts- 53 Z. B. Liber pontificalis ed. L. DucHESNE I,
u. Staatswiss. 75); auch G. TELLENBACH, S. 368 zum Jahre 686: in eius !aude omnes simul
Röm. u. christl. Reichsgedanke in der Litur- adc!amaverunt; vgl. ferner S. 354, 371, 440,
gie des früheren Ma.s, Beideiberg 1934 47of. (hier auch der Wortlaut: Phi!ippum
(Sitzungsber. der Heidelberger Akad., Phil.- papam sanctus Petrus e!egit). Dort auch: Iaudes
Hist. Kl. 1934/5, Nr. r). et victorias piissimorum imperatorum. Vgl. den-
Die Texte edierte B. 0PFERMANN, Die geistig verwandten - Gruß Konstantins am
daß die kaiserliche processio daher auch zu den Vorrechten gehört, die die Konstantinis che Fälschung
den Päpsten zuzuwenden sich bemüht.

Ganz anderen Ursprungs sind die eigentliche n >Laudes<, von denen uns zahlreiche
Formulare - das älteste aus den Jahren 782/7- überkomm en sind. Sie weisen einzelne
Elemente aus der Welt der Akklamati onen auf, bilden aber in ihrer Grundstru ktur
einen Nebenzwei g am vielästigen Stamm der Litaneien, in denen Christus, Maria und
die Heiligen um Schutz angefleht werden.
Nach anglo-irische m Vorbild schwellen im Frankenreich ihre Namen zu langen Reihen an. Man
darf wohl mit ERNST K.ANTOROWICZ annehmen, daß die Laudes erst in der Zeit Pippins die Form
er-
halten haben, die für uns in den ältesten Formularen greifbar ist: sie entspricht durch: tu il!um (bzw.:
lo) adiuva den Litaneien, durch die Formel: vita et victoria den Akklamation en, mit denen sie auch das
gemeinsam hat, daß der Formel: Christus vincit jeweils ein Ehrenname Christi (Rex regum, Rex noster,
Spes nostra etc.) vorausgeht, nur daß dies in den Akklamation en beim Kaiser der Fall ist. Verwandt
damit ist die Umschrift um den von Kar! seit 772 geführten Siegelstempel; Chr( ist Je, profege Carolum
54
regem Francorum, deren Form sich im Griechischen bis in das 6. Jahrhundert zurückverfol gen läßt •

Diese Laudes, die vom Klerus vorgetrage n werden, sollen dem Geschlecht der
bisherigen Hausmeier , das das magische Heil der Merowing er zerstört hatte, das
himmlische Heil sichern; aber sie gehören doch auch in die >Staatssymbolik<: wo sie
erschallen, ist klargestellt, wer der Herr ist und wer nicht •. Das gleiche gilt auch von
54

den Gebeten: sie steigen auf zum Himmel und erweisen zugleich dort, wo sie ge-
sprochen werden, wer die von Gott gesetzte Obrigkeit hier auf Erden inne hat. Ihren
Höhepunk t erreichte diese Entwicklu ng im Frankenrei ch auf dem Konzil von Frank-
furt (794): eine Aufzeichnu ng über dieses ehrt an seinem Schluß Karl mit dem Wun-
sche: ... Sitdominus et pater! (Maleach. 1,6) Sit rex et sacerdos! (Gen. 14, r8 etc.) Sit
omnium christianorum moderantissimus gubernator! (Prov. u, 14) •
55

Schluß der Fälschung auf seinen Namen: auch nur quasi imperator sein. Solche gelehrten
Divinitas vos conservet per multos annos, sanctissi- Unterscheidu ngen moderner Wissenschaft
mi et beatissimi patres, der formal der Sub- waren sicherlich den Franken und wohl
scriptio der byzantinisch en Kaiserurkun de aucb der Mehrheit in Rom fremd. DEE.R setzt
entspricht; vgl. ferner Kar! an Hadrian im hier eine Starrheit des >Protokolls< voraus,
Jahre 791 (E. MUNDING, Königsbrief Karls die- wie im Anhang hinter dem übernächsten
d. Gr. an Papst Hadrian, Lpz. 1920; Texte Abschnitt genauer begründet wird - gar
der Erzabtei Beuron I, 6): er wünscht ihm nicht bestanden haben kann. Die >macht-
in longevis temporibus regi atque fulciri (Parallel- politischen Tatsachen< waren stärker und
stellen ebd. S. 13ff.). führten zu einer abgewandelt en >Staatssym-
54 ScHRAMM, Kaiser in Bildern!, S. r67,Abb. za. bolik<.
54a DEER a. a. 0. S. 57 warnt hier allzu bedenk- 55 M. G., Concilia II, S. 142; dazu KANTORO-
lich vor solcher Gleichsetzun g machtpoli- wrcz a. a. 0, S. 70, aber auch K. HELDMANN
tischer Tatsachen mit >staatssymbolischen; in der Zeitschr. f. Rechtsgesch. 50, Germ.
Herr sein bedeute noch nicbt Kaiser oder Abt., 1930, S. 6p.
B2: B. Die Anerkennu ng Kar! d. Gr. als Kaiser

Wie es in Rom mit den Kirchengebeten seit alters gehandha bt wurde, läßt das Grego-
rianische Sakramen tar erkennen , von dem auf Karls Bitte Papst Hadrian eine Fassung
übersandte. Es entsprich t einem bereits zurücklie genden Zustand 56 und ist daher
dadurch gekennzeichnet, daß es noch eine ganze Reihe von Gebeten und Fürbitten
für Kaiser und Reich enthält. Dabei ist - wie hätte es anders sein können? - der
Zusatz: Romanorum bzw. Romanum konseque nt beibehalten. Die >staatssymbolische<
Bedeutun g dieser Gebete kommt in der Anzeige zum Ausdruck , die ein neuer Papst
über seine Wahl dem Exarchen zu machen hatte: nach dem im >Li her diurnus< er-
haltenen Formular versicherte er, für das Leben, die Unverletzlichkeit der Kaiser
bitten zu wollen, damit Gott ihnen vielfachen Sieg verleihe und die christiana respublica
über alle Völker triumphie ren lasse 57 •
Aus den zahlreichen Papstbriefen, die der >Codex Carolinus< enthält, klingt dann
wie ein wiederkehrendes Motiv heraus, daß die Päpste nunmehr für die Franken-
könige beten; es verstärkt sich seit Karls erstem Besuch in Rom (774) und gipfelt
78 5 in der Versicher ung Hadrians , daß er Gott für Karls Sieg über die Sachsen Dank-
gebete abgestatt et habe 58 • In dem einzigen Briefe, der von Karl aus diesen Jahren
erhalten ist, dem an Hadrian im Jahre 791, steht dann auch die Bitte um Gebet pro
incolomitate nostra atque stabi!itate regni59 •
Damit ist zwar noch nicht bewiesen, daß gleichzeitig die Gebete für den Kaiser
aufgehör t hätten - geschah es noch, waren sie zu leerem Schall geworden : eine Zere-
monie, die ohne innere Anteilnah me vollzogen wurde. Dagegen wissen wir, daß
Hadrian I. für Karl noch mehr getan hat. Im >Ürdo Romanus I< 60 ist bei den An-

56 Zum Datum vgl. C. VoGEL, Introducdo n Carolo rege, in den Melanges en l'honneur
aux sources de l'hist. du culte ehreden au m. de Mons. MICHEL ANDRIEU, Straßburg I956
ä., Spoleto I966 (Bibi. degli Studi medievali (Revue des sciences religieuses; Vol. hors
I) S. 68ff.: Stammfass ung in der Zeit Gre- serie) S. 2I9-28, der die liturgischen Detail-
gors I., der erhaltene Text vom Ende des fragen klärt.
7· Jahrh., dieser für Kar! hergerichte t und 59 MuNDINGa. a. 0. S. 3, dazu Parallelen S. I3f.
ergänzt. 6o Gedruckt bei J. MABILLON, Iter Italicum II,
57 Liber diurnus ed. TH. E. v. SICKEL, Wien Paris I687/9und I724, s. n: temporeHadria-
I 889, Nr. 6o (S. 54); preces effundere pro vita ni institutum est, ut jlecteretur pro Caro!o rege;
atque inco!omitate perfettisque victoriis . . . et i!!. ante vero 11011 fuit consuetudo (vgl. jetzt M.
magnis victoribus imperatoribus, ut rega!ibus ANDRIEU, Les Ordines Romain du haut
eorum virtutibus misericors Deus mu!tip!ices con- moyen äge III S. 26of.: XXII Nr. I3); s.
cedat victorias et de subiectione(m) om11ium gm- ferner MABILLON S. I9 (jetzt: ANDRIEU S.
tium christia11am rempub!icam faciat triumphare, 288: XXIV Nr. 3 und S. 392: Var. I zu
de qu(aJe restituta p!enius Romani imperii prisca XXVIII, 4; dazu R. ELZE im Deutschen
ditio11e !etitiam cordes impertiat. V gl. auch in Archiv X S. 223). Dazu DEER a. a. 0. S. 5I f.,
Nr. 58 das Angebot, für den Kais