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Franz Schultz

Klassik und Romantik


der Deutschen
Wesen und Form der
Klassisch-Romantischen Literatur
3. Auflage
GESCHICHTLICHE DARSTELLUNGEN

BAND IV / ZWEITER TEIL


KLASSIK UND ROMANTIK
DER DEUTSCHEN

II. TEIL

WESEN UND FORM DER KLASSISCH-

ROMANTISCHEN LITERATUR

VON

PROF.DR.FRANZ SCHULTZ

Dritte,

unveränderte Auflage

MCMLIX

J.B.METZLERSCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG

STUTTGART
ISBN 978-3-476-99370-0
ISBN 978-3-476-99369-4 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-476-99369-4

© 1952 Springer-Verlag GmbH Deutschland


Ursprünglich erschienen bei J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung
und Carl Ernst Poeschel Verlag G.m.b.H. Stuttgart-O, Kernerstraße 43 1952
VORWORT ZUR ERSTEN AUFLAGE

Für den zweiten Band der «Klassik und Romantik der Deutschen» gilt,
was ich im Vorwort und in der Einleitung zum ersten Band bemerkt habe.
Aufbau und Methode des zweiten Bandes müssen sich danach durch sich
selber rechtfertigen. Wenn man dieses und jenes vermißt, so gedenke man
des Satzes, den Gervinus in der Einleitung zum ersten Bande seiner «Ge-
schichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen» 1835 nieder-
schrieb: «Ich weiß nicht, warum ich es nicht geradezu sagen soll, daß ich
die hergebrachte kompendiarische Form unserer Literaturgeschichten ... ,
wenn sie nicht ihren Zweck als erschöpfende Hilfsmittel in sich selbst haben,
für einen unserer Bildung ganz unwürdigen Rest alter Pedanterie ansehe,
hinter dem sich nur allzu oft Seichtigkeit und Mangel an aller Einsicht klug
versteckt.» Ein verständnisvoller Kritiker des ersten Bandes hat die Absicht
des Werkes getroffen, wenn er sagte, es gehöre zu den Büchern über deut-
sche Literaturgeschichte, die nicht Wissen, sondern Wesen vermitteln wol-
len. Immerhin glaube ich nicht unter Mangel, sondern unter Überfülle des
verarbeiteten Stoffes gelitten zu haben.

Frankfurt (Main),Januar 1940 Franz Schultz

ZUR ZWEITEN AUFLAGE

Bei der Durchsicht für die zweite Auflage wurde nach den Grundsätzen
verfahren, die sich aus den Korrekturen des Verfassers zum ersten Band
ableiten ließen. Um dem Kenner die Stellung des Verfassers zu seinem
Thema auch noch ganz unmittelbar zu vermitteln, wurde der Vortrag an-
gefügt, den ProfessorSchultz kurz vor seinem Tode am 15. September 1950
während der Germanistentagung in München gehalten hat.

Stuttgart, imJuli 1952 J.B.Metzlersche Perlagsbuchhandlung

V
INHALT

DAS «ZEITALTER.» UND DIE KLASSISCH-ROMANTISCHE


GEGENWIRKUNG/ DER. ROMANTISCHE TIEFENRAUM

Seite 1-106

« Zeitstimmung »und« Zeitklage »- « Lebensstimmung »-Schichtungen und Span-


nungen seit 1800-Morphologie des literarischen Lebens- Sicht um die Jahrhundert-
wende - Generationen und Standorte - Der klassisch-romantische Schicksalsraum
-Schillers und Goethes «Zeitklage>>- Goethes politische Haltung - Goethes An-
teilnahme an der Wiedergeburt - Urgegebenheiten - Persönlichkeit Humboldts -
Frühromantik und Zeitkrise - Frühromantik und Zeitgeschehen - Kämpferische
Haltung - Einfügung Schillers - Mitstreiter gegen den «Zeitgeist>>- Friedrich
Schlegel als Repräsentant - Seine Wendung zum Konservatismus - Schlegels System
einer nationalen Ethik - Haltung der romantischen Spätzeit - Der archimedische
Punkt - Das Wendejahr 1806 - Der Weg der romantischen Dichtung - August
Wilhelm Schlegels Meinung - Seine Forderung an die Poesie - Nichtigkeit bis-
heriger Bildung- Neuwertung der Gesamtromantik- Politische Haltung der Früh-
romantik - Deutschtum der Frühromantik - Ein deutscher Burke - Caroline, No-
valis, Schleiermacher- Die «romantische» Wirklichkeit-« Volksgeist» und« Volks-
tum»- Görres und Creuzer- Ihr Zusammenhang mit Schelling- Naturphilosophie
und Einzelwissenschaften - Der Lebensbegriff - « Zeitklage >> und Mythenforschung
-«Mythe» und Volkstum- Creuzer und Caroline von Günderode- Arnim und die
Brüder Grimm - Eichendorff- Neue Lebensvorstellung- Zwang zum Handeln-
Stein, Clausewitz - Gneisenau - Ausbreitung der Romantik - «Gesellenjahre» -
Adelsbegriff der Romantik - Männlichkeit der jüngeren Romantik - Fichte - Der
deutsche Idealismus -Die Beredsamkeit -Adam Müller, G. H. Schubert -Tiecks
Standpunkt - Gegen die Trivialliteratur - Literatur und Organismus - Politische
und schöngeistige Literatur - Der Einzelne und die Zeit - Das Einsamkeitsmotiv
- Dr. Schlegels« Von der Seele>>- August Ludwig Hülsen- Henrik Steffens -Die
romantische «Sehnsucht».

II

«DEUTSCHE KLASSIK» / SCHILLERS AUFSTIEG UND


DER. WEG ZU KLASSIK UND ROMANTIK

Seite 107-211

Klassik als Begriff- Das Wort «Klassik>> - Der klassische Kanon - Sinn der «Deut-
schen Klassik>>- «Klassisch-Romantische Phantasmagorie»- Die bildende Kunst-
Die Musik - Historiker und Ästhetiker - Hegel-«Klassik» in der Ästhetik des
19. Jahrhunderts- Goethe und Schiller als «Klassiker»- Selbstdeutung der «Klas-
sik»- «Literarischer Sansculottismus»- Goethe als Deutscher- Goethes Bestim-

VI
mung des «Klassischen» - Schillers Definition des Künstlers - Das Gattungsmäßige
als Klassizität- Das «Dauernde»- Schillers erzieherische Aufgabe -<<An die Freude»
- Der Erzähler Schiller - Schiller und Kleist -«Moralische Erzählung»- Anti-
kantisches - Katholisches, Kriminelles, Übersinnliches - Die Linie zur Romantik -
Das Geheimnisvolle - Vorahnung der Revolution - Der Prosastilist Schiller - Ge-
schichtsschreibung - Geschichte und Drama - Geschichte und Dichtung - Klas-
sische und Romantische <<Phantasie» - Schiller als Historiker - Schillers Sprache -
Johannes von Müller, Rousseau -Schiller und das Mittelalter -<<Jungfrau von Or-
leans»- «Maria Stuart»- Romantischer Kunstkatholizismus - Schiller und der
romantische Geschichtssinn - Geschichte oder Philosophie - Schiller und Herder
-Schiller und das Epos - Durchbruch des Nationalen -Spätere Spekulationen über
das Epos - Wilhelm von Humboldt - Das Epos der Romantik - Schillers Grie-
chennacheiferung - Schiller und Goethes <<lphigenie»- Griechische Tragödien -
Französisches Drama - Shakespeares Schatten - Griechentum und Franzosenturn -
«Die Götter Griechenlands»- «Die Antike an den nordischen Wanderer»- Todes-
problem - Antik und Christlich - Hölderlin - «Klassisch-Romantisches Zwischen-
spiel»- Schillers Begriff des« Volkes»-« Volksdichter>> und« Volkserzieher»- Volks-
nähe und Volksferne -Öffentlichkeit als Atemraum der Klassik -Die« Horen».

III

BILD UND LEISTUNG DER HOCHKLASSIK GOETHES UND


SCHILLERS / DAS ROMANTISCHE SEITENSTÜCK

Seite 212-552

Sichfinden Goethes mit Schiller - Haltung des Briefwechsels - Bewußtsein der


Gegensätzlichkeiten - Verschiedenheit der Briefschreiber - Der Briefwechsel als
Dokument der «Klassik» - Kurven des Briefwechsels - Goethe und das «Denke-
rische Weltalter» - Neue Angleichung an das Nordische - Goethes Metaphysik -
Denkendes Anschauen - «Klassik» als Erwachen zum systematischen Denken- Be-
ziehungen zum kritischen Idealismus- Goethes Erkenntnismethode- Kants Sitten-
lehre und die Klassik- Goethe und Fichte - Goethe und SeheHing- Übereinstim-
mung und Gegensatz - Philosophie und Dichtung - Dichtung und Naturkunde -
Morphologie der Dichtung Goethes - Goethes Revolutionsdichtungen - Goethes
«Märchen»- Das <<Märchen» als <<Hochklassik»- Die «Unterhaltungen deutscher
Ausgewanderter>>- Das «Märchen» und die Romantik- Novalis' Märchen- Goe-
the-Klassik und Novalis-Romantik- Der «Bürgergeneral»- «Die natürliche Toch-
ter»- Form und Stil- Nachbarschaft zur Antike- Goethes Epik- <<Reineke Fuchs»
- « Hermann und Dorothea » - « Achilleis » - Friedrich Schlegel über Achill - Goe-
thes antikisierende Dichtung nach Italien - Die Elegien - Sinnlichkeit und Ge-
bild - Die nachitalienischen Dichtungen als Einheit - << Wilhelm Meister» - Das
« Inkalkulable » - «Bildungsroman» - « Lebensroman » - «Schöne Seele>> - Führung
und Geleit - Klassische tmd frühromantische Bildungsidee - Der Bau der «Lehr-
jahre»- <<Wilhelm Meister» und die Romantik- Klassisch-Romantisches im <<Of-
terdingen»- Görres und ""Vilhelm Meister» -«Die Kunst>> und das «Dichterische»
-«Bildung» und «Geist»- «Organisation» zwischen Goethe und Schiller -«Xe-
nien>>-« Venetianische Epigramme» - Polernische Totalität - Geschlossenheit deut-
scher «Klassik» - Die Balladendichtung als «Klassik» - Schillerprobleme - Schi!-

VII
lerdeutung - Schillers dramatischer Stil - Der Jambus- Stilwandel in<< Don Car-
los » -Von der Prosa zum Vers -Die Griechen und Shakespeare - Kant- Stilgesetz
der deutschen Klassik - Schillers <<Idealismus» - «Idealismus» und «Realismus» -
Schicksalsbegriff- Der «politische» Schiller- Theater- Einheitlichkeit des klas-
sischen Systems - Schillers philosophische Schriften -Schiller und Kaut - Ausbrei-
tung der Kautischen Lehre - Schillers Schönheitsbegriff - <<Über das Erhabene» -
Das «Ästhetische»- »Naiv>> und «sentimentalisch»- Vortritt der Dichtung.

IV

«DEUTSCHE ROMANTIK» /INHALTE UND AUSDRUCKSWILLE


AUFSCHLIESSUNGEN UND BEGEGNUNGEN

Seite 553-428

Klassisch-Romantische <<Renaissance»- Herder gegen die<< Klassik»- Herder


und Jean Paul -Kampf gegen vVeimar - Georg Forster-Romantische Lebensstim-
mung - Der «Romantische Charakter» - Gegensätze in der Romantik - <<Deutsche
Renaissance»- Romantik und Griechentum- Die Romantik als <<Gestalt>>- Das
Wort «Romantik>>- Ludwig Tieck - August Wilhelm Schlegel - Bedeutung des
<<Romantischen>>- Novalis und Friedrich Schlegel- Die Frühromantik als <<Sekte»
-Literarhistorische Begriffsbildung- Das <<Athenäum»-<< Athenäum» und <<Horen»
-<<Kritische Jahrbücher>>- <<Ironie»- ,,Transzendentalpoesie>>- «Objektiv» und
«interessant»- <<Griechheit» und <<Deutschheit»- <<Poetisches Journal»- <<Musen-
almanach» -Romantische << Aufschließung » -Romantik, Renaissance, Humanismus
-August Wilhelm Schlegels «Verstehen»- Moralismus der Brüder Schlegel- Prosastil
rler Brüder Schlegel -Erbschaft des französischen Skeptizismus- Aufstieg der Reli-
gion - Schleiermacher, Fr. Schlegel, Novalis -Das Unendliche -Romantische Na-
turwissenschaft- Naturphilosophisches- Novalis und Schelling- Abschattungen des
«Romantischen Charakters» - Die «unendliche Landschaft» - << Aufschließung » bei
Tieck - Tieck als Landschafter - Archaismus - Entrückung durch das <<Alte» -
Von Tieck zu E.T.A.Hoffmann- <<Chronika»- Tieck und Runge- Runges roman-
tische Kunst - Lichtsymbolik-Tiecks Gesamterscheinung - «Geist der Tieckzeit>>
- «Wund er» und <<Liebe» - Tieck und N ovalis - Frühromantik und Judentum -
Novalis- Die Fragmente des Novalis- Macht des «Gemüts>>- Der Novalismythus
- Romantische Wende - Entdeckung des Rheins - Schatzhebungen - Arnim und
Brentano - Der<< Philister»- Die Universitäten-Mischungen und Übergänge - Za-
charias Werner - Jungromantische Empfänglichkeit.

ANHANG:

DER GEGENWÄRTIGE STAND DER ROMANTIKFORSCHUNG


Vortrag, gehalten auf der Germanistentagung in München am 15. September 1950
Seite 429-439

ANMERKUNGEN Seite 440-457 NAMENVERZEICHNIS Seite 458

VIII
I

DAS «ZEITALTER» UND DIE


KLASSISCH-ROMANTISCHE GEGENWIRKUNG.
DER ROMANTISCHE TIEFENRAUM.

Die deutsche Geistesgeschichte kennt Stationen, an denen ein ver-


haltenes Beben, ein wartendes Erzittern der Gemüter die Begleit-
erscheinung einer allmählich ins Bewußtsein tretenden inneren Um-
bildung und das Zeichen der Bereitschaft für ein Kommendes ist. Es
sind Zeiten des Abschlusses und der Ernte, aber auch der Wende und
neuen Trächtigkeit, und sie liegen am Schicksalswege der politischen
Geschichte Deutschlands. So war es um 1200, als der Aufstieg der
Staufer die äußere und innere Kraft des Reiches zum Durchbruch hatte
kommen lassen und mit der Festigung der Staatsidee und dem Aufbau
einer neuen Gesellschaft der Aufstieg der Dichtung Schritt hielt. So um
1500, als ein der Erneuerung zustrebendes Christentum und eine wie-
dererstandene Antike mit der deutschen Volkskraft einen vielverhei-
ßenden Bund einzugehen schienen und die kommende religiöse, so-
ziale und politische Erschütterung in der Luft lag. So um 1800, als
das alte Europa wankte, «Klassik» und «Romantik» nebeneinander
standen, Kautische und Nachkautische Philosophie die Entscheidungs-
fähigkeit und das Verantwortungsbewußtsein des Menschengeistes in
den letzten Fragen seines Daseins bis zu früher nie erreichten Punkten
vorangetrieben hatten.
Dies Jahr 1800 mit seinen Umlagerungen muß zunächst die Achse
der folgenden Schilderungen sein.
Wenn die Entwicklung des deutschen Geistes und der deutschen
Dichtung immer noch gerne eingefangen wird als etwas Fürsich-
bestehendes, neben dem allgemeinen Schicksal Hergehendes, gleich-
sam in Sonderbehältnissen zu Hegendes und Aufzubewahrendes, so

1 Schultz, Klassik und Romantik, Bd.II 1


« ZEITSTIMMUNG» UND « ZEITKLAGE»

bringt sich eine solche Bescheidung um die besten und eigentlichen


Möglichkeiten und Früchte der Erkenntnis nationaler Ganzheit. Wie
die Kunst ist das Schrifttum, auch auf seinen scheinbar abgelegenen
Pfaden, bedingt durch die «Zeitstimmung».Mehr als die eines jeden
anderen Volkes ist die deutsche Literatur von dieser «Zeitstimmung»
getragen, von jeher, so lange es eine Bekundung unseres Wesens in
Denkmälern der Sprache gibt. Es läßt sich verstehen, warum das bei
uns so ist. Wir haben immer neu erwerben müssen, weil uns ein er-
reichter Besitz niemals um seiner selbst willen genügte; er war uns
nur Antrieb, über ihn hinauszustreben. Wir spürten in unserem
Lande der Mitte immer die Erschütterungen der übrigen Welt und
meinten, ihnen folgen zu müssen, weil wir zu feinhörig waren, um
uns nicht aus ihnen einen selbstkritischen Stachel zu spitzen. Wir
waren beständig mit unserer inneren Ausbildung beschäftigt, oft un-
zufrieden mit ihr, und alles, was sie drinnen und draußen in Frage zu
stellen oder fördern zu können schien, war uns Sache unserer eigent-
lichen Existenz. Und kehrten dabei immer zu uns selbst zurück. Wir
fühlten uns so als Seismographen aller Tiefenvorgänge des Weltgeistes.
So standen wir zu der «Zeit» als einem Elemente, das wir gerne über-
wunden hätten, aber nicht lassen konnten. Daher bei uns die «Zeit-
klage». Wenn sie in allen Epochen der deutschen Geschichte ertönt, so
war sie zweimal besonders unüberhörbar: in den Jahrhunderten vor
der Reformation und innerhalb der «Deutschen Bewegung» im letzten
Drittel des 18.und ersten Drittel des 19.Jahrhunderts.
Die «Zeitklage» ist die in Worte gefaßte Stimmung der durch
Erschütterungen geistig-seelischer, politischer, gesellschaftlicher, wirt-
schaftlicher Art lebensunsicher Gewordenen und sich bedroht Fühlen-
den. In mannigfacher Abwandlung wird sie vom Beginn der Französi-
schen Revolution bis zum Ausbruch der Befreiungskriege aus dem La-
ger der geistig Schaffenden vernehmbar. «Klassik» und «Romantik»
wollen auf ihrem Hintergrunde und durch sie verstanden werden ...
Wer möchte sich der obersten Aufgabe jeder Geistes- und Dichtungs-
geschichte entschlagen: die Inhalte und Formen nur aus ihnen selber
und nach ihren eigenen Gesetzen zu verstehen! Indem wir diese zu-
nächst aus sich selbst gedeuteten Inhalte und Formen aber unter einer

2
« LEBENSSTIMMUNG»

anderen Ordnung des Geschehens als Notwendigkeiten erkennen, die


an einem Allgemeingeschick ausgerichtet sind, verlassen wir nicht nur
den Bereich des «Ästhetischen», sondern auch die Geleise einer sich
allzusehr selbst genügenden und sich selbst beschränkenden Einzel-
wissenschaft und gewinnen den Anschluß an die Einsicht in den un-
teilbaren Gesamtverlauf unserer Geschichte.
Die «Zeitstimmung» mit ihrem Ausfluß der «Zeitklage» ist eine
Form der «Lebensstimmung». Wenn hier von solcher «Lebensstim-
mung» ausgegangen wird, so geschieht es aus der von philosophischer
wie historischer Seite längst festgestellten Erkenntnis heraus, daß, so
sehr die Ideen und Formen, die der Mensch hervorgebracht hat, nach
seinem Vergehen fortleben, und, vom individuellen Boden losgelöst,
ein selbständiges Dasein führen, sie nunmehr doch keine unbestimm-
ten Gebilde sind, «in die jeder beliebige Lebensinhalt sich betten kann».
Vielmehr «tragen die Ideen ein Muttermal, und jeder, der sie sich an-
eignet, muß einmal davor Farbe bekennen». In jede Idee, ja in jeden
Begriff, der auf das Geistes- und Kulturleben Bezug nimmt, drückt sich
die seelische Situation des Urhebers wie ein unvertilgbares Siegel ein-
diese Feststellung wird für den hier zu gewinnendenAusatz richtung-
gebend. Man möge ihn sich auch von Ranke mit den Worten bestätigen
lassen: «Nicht in völliger Unbedingtheit treten die Ideen in die Welt
ein, der Moment ihres Hervortretens beherrscht ihr Dasein auf immer:
so leben sie fort, wie sie zum Dasein gelangten.»
« Lebensstimmung» - man nehme das nicht als ein abgegriffenes
Wort. Und man verwechsele «Zeitstimmung» nicht mit dem Gemein-
platz, daß jede geistige Persönlichkeit von «ihrer Zeit» bestimmt wer-
de oder die Kennzeichen «ihrer Epoche» trage. «Zeitstimmung» ist
ein schwer sichtbar und greifbar zu machendes, alles durchdringendes
Fluidum, das nicht nur, ja nicht einmal vornehmlich aus direkten und
ausdrücklichen Bekundungen geschöpft werden kann. Es gilt von ihr
das Wort Friedrich Schlegels, daß eben «das Wichtigste ein Etwas» ist,
«was sich dem leisesten Gefühl beinah entzieht». Sieht man, besser
fühlt man, wie die einzelnen Persönlichkeiten von solcher «Zeitstim-
mung» irgendwie berührt oder angesteckt werden, so hat man dann
erst das Recht, über den immer wieder zu beobachtenden Teilvor-

S. 24.
« ZEITSTIMMUNG» - «LEBENS STIMMUNG»

gängen auch einen Gesamtvorgang anzusetzen. Offen bleibt dabei zu-


nächst die Frage, welche von innen erfolgenden Rückwirkungen auf
die aus der Zeit kommenden Erfahrungen die einzelnen Menschen zu
dem Ausdruck einer « Zeitstimmung» und zu einer aus ihr folgenden
Haltung gebracht haben: hier sind mannigfache Abstufungen indivi-
duell-seelischer oder gruppenseelischer Art möglich je nach Schichtung
und Bau der Empfänger. Aber, ob Hammer oder Amboß sein, ob
dumpfes Getriebenwerden, ob Beherrschen, Überwinden, Übertönen
der Zeiteindrücke, nicht das Wie dieser Auseinandersetzung mit den
die ganze Masse der Denkenden und Fühlenden der Nation berühren-
den Zeiterlebnissen erscheint zunächst so wesentlich wie die von daher
kommende Triebkraft an sich.
« Zeitstimmung» und« Lebensstimmung» stehen in unaufhörlicher
vVechselwirkung. Die «Zeitstimmung» aber ist gegenständlicher um-
grenzt, näher herangerückt an die unabweisbare und bedrängende
Wirklichkeit. In sie ist alles eingegangen, was aus dem abgelösten
Bereiche des Geistes stammt. Der Gehalt, die Deutungen und Selbst-
deutungen der geistigen Bekundungen, ihre Bezüge zu einer für sich be-
stehenden Entwicklung der Weltanschauung und des philosophischen,
religiösen, sozialen Denkens ebenso wie die Selbständigkeit und Schwer-
kraft aller Entfaltungen auf dem Gebiete der schriftstellerischen und
dichterischen Form - durch all dies führt der Weg, den das Verständ-
nis einer «Zeitstimmung» zurücklegen muß. Ein Weiteres aber kommt
hinzu, damit die «Zeitstimmung» sich bilde. Das ist die Summe der
Umstände und Eindrücke daseinsunmittelbarer Art, die den Menschen
als Menschen berühren und auf die Inhalte seiner Bildung, seines
Denkens und auf sein selbsteigenes schöpferisches Vermögen treffen.
Auch der in sich abgeschlossenste Denker und Schöpfer kann sich ihnen
nicht entziehen, sei es auch nur so, daß ihnen gegenüber sein Aufsich-
gestelltsein sich stärkt. Es gibt die Möglichkeit, daß die Eigenständig-
keit des Denkens und Dichtens gegenüber den Eindrücken daseins-
unmittelbarer Art sich behauptet und sie abwehrt. Es gibt die andere
Möglichkeit, daß eigenständige Weltanschauung und Formkraft in sich
selbst Gärstoffe tragen, die sich in der «Zeitstimmung» und «Zeit-
klage» ablagern. Es gibt die dritte Möglichkeit, daß Kunst und Denken

4
SCHICHTUNGEN UND SPANNUNGEN UM 1800

sich mit den öffentlichen und privaten Zeiteindrücken zu einem Neuen


zusammenfinden, d. h. zu einem eigentümlichen, geist- und form-
bestimmten Ausdruck dieser Zeit. Diese Schichtungen und Spannun-
gen mit ihren Übergängen sind es, die dem Ende des 18. Jahrhunderts
in Deutschland die ungewöhnliche Trächtigkeit und die Vielfalt des
Nebeneinanders innerhalb seines geistigen und literarischen Lebens
sicherten.
So ist denn die sich selbst genügende Geistigkeit, wie sie sich in
Deutschland bis dahin entwickelt hatte, mitsamt den zugehörigen For-
men und kulturellen Auswirkungen die Voraussetzung für die «Zeit-
stimmung» amAusgang desJahrhunderts.Aber sie hatte in sich eben
noch anderes aufgenommen: sie wurde bedingt durch die besondere
Stellung, in der sich der Einzelne innerhalb der Wirklichkeit von Staat,
Volk, Geschichte, Gesellschaft auf Grund von Vorgängen versetzt fühlte,
die seiner Beherrschung entzogen waren, trotzdem sie seinen Atem-
raum bestimmten und dem gesamten Dasein um ihn herum ein neues
Zeitmaß, eine mit aufwachendem Erschrecken wahrgenommene Be-
drohung verliehen. Welcher Art diese Vorgänge waren, wie sie sich in
Literatur und Dichtung niederschlugen, ist eine Frage, die ganz all-
gemein und grundsätzlich den Zusammenhang von Literatur und
öffentlichem Leben zu erhellen vermag. Um ihrer Beantwortung für
den geschichtlichen Moment näherzukommen, um den es sich hier
handelt, gilt es, einen Punkt zu gewinnen, von dem aus sich eine erste
Sicht auf die voraufliegende und auf die kommende Wegstrecke er-
öffnet. Der so einzunehmende Standort wird um so aufschlußreicher
sein, wenn er bezeichnet wird durch eine Selbstdeutung, die die Zeit
sich zu geben versuchte. Das ist geschehen durch jene Äußerungen
zur Wende des 18. und 19.Jahrhunderts, die, in Prosa oder Vers, in
Lyrik, Drama, Epigramm, schon durch ihre bloße Fülle und Mannig-
faltigkeit erkennen lassen, wie sehr in Deutschland das Schicksalhafte
des Augenblicks in das allgemeine Bewußtsein getreten war, so sehr
wie noch bei keinem anderen Übergang eines Jahrhunderts in das fol-
gende. Recht deutlich wird hier die Richtigkeit der These Wilamowitz-
Moellendorffs, daß derJahrhundertbegriff als Zusammenfassung von drei
Menschenaltern mehr bedeutet als eine nur zufällige Größenklasse im

5
MORPHOLOGIE DES LITERARISCHEN LEBENS

Dezimalsystem unserer Zeitrechnung. Weit entfernt, nur eine Zusam-


menhäufung mehr oder minder gezwungener Äußerungen bei ge-
hobenem oder nachdenklichem Anlaß zu sein, zeigt dieser Chor die
Großen, die Mittleren und die Kleinen beieinander in vielstimmiger,
aber ernsthaftester Besinnlichkeit. Doch dieser Chor ist nicht von Har-
monien getragen. Die Wirrnis der Meinungen über das, was war, was
ist, was sein soll, scheint zunächst vollständig zu sein und läßt die Not-
wendigkeit erkennen, daß diese Zeit maßgebliche Ausrichtungen ge-
wann, mochten sie nun von der gestaltenden und ordnenden Macht
der «Klassik» oder von dem sichtenden, fordernden und aufschließen-
den neuen Lebenswillen der «Romantik» ausgehen, deren dem Goe-
theschen «Märchen» entnommenes Stichwort «Es ist an der Zeit»
den Aufbruch zu neuen Ufern gerade jetzt zum Ausdruck brachte.
Doch der Querschnitt durch das halbwegs vollständige Gesamt der
dichterischen und literarischen Stimmen um die Jahrhundertwende
weist der Literaturgeschichte noch einen anderen Weg als den, zu
einem Hintergrunde für die großen Spieler der geistesgeschichtlichen
Bühne zu gelangen. Goethe schrieb am 2. März 1797 aus Jena an sei-
nen Freund Knebel: «Es ist übrigens hier meist in allen Fächern ein
so schnelles literarisches Treiben, daß einem der Kopf ganz drehend
wird, wenn man darauf horcht. Es ist aber sehr merkwürdig zu sehen,
wie in unserer Zeit nichts, auch nur einen Augenblick, an seiner Stelle
bleiben kann und alles sich, wo nicht verbessert, doch immer verän-
dert. Die literarische Welt hat das Eigene, daß in ihr nichts zerstört
wird, ohne daß etwas Neues daraus entsteht, und zwar etwas Neues
derselben Art. Es bleibt in ihr dadurch ein ewiges Leben, sie ist immer
Greis, Mann, Jüngling und Kind zugleich, und da, wo nicht alles, doch
das meiste bei der Zerstörung auch noch erhalten wird, so kommt ihr
kein anderer Zustand gleich. Das macht auch, daß alle, die rein
darinne leben, eine Art von Seligkeit und Selbstgenügsamkeit genie-
ßen, von der man auswärts keinen Begriff hat.» Als er diese Sätze aus
dem damaligen Mittelpunkte des literarischen und wissenschaftlichen
Lebens in Deutschland niederschrieb, scheint er gefühlt zu haben, daß
er mit ihnen auf dem Wege zu einer entdeckenden und befreienden
Lösung war. Er hätte sonst nicht hinzugefügt:» Diese Bemerkung,

6
SICHT UM DIE JAHRHUNDERTWENDE

die sich mir aufdringt und die ich nur so hinwerfe, verdiente besser
gesagt und abgehandelt zu werden.» In der Tat enthalten diese Sätze
im Grunde nicht mehr und nicht weniger als eine Morphologie des
literarischen Lebens. Daß sich ihm eine solche nahelegte gerade in
dem Zeitpunkte des Zusammenstandes so vielfältiger geistiger Re-
gungen, wie sie das Ende des 18.Jahrhunderts in Deutschland in sich
begreift, von Regungen, die mit den später in Anwendung gekom-
menen Einordnungen in «Klassik» und «Romantik» längst nicht er-
schöpft werden können, verdient angemerkt zu werden. Die Litera-
tur- und Geistesgeschichte aber möge einmal ernst machen mit einer
Betrachtung nach Querschnitten, wie sie der nach Längsschnitten ver-
fahrenden zur Seite gehen sollte. Solche Betrachtung vermöchte an
·einer besonders hervorstechenden Grenzscheide das Generationspro-
blem mit allen seinen Folgeerscheinungen und Verknüpfungen aufzu-
zeigen, aber ebenso alle Abschattungen der Denkweise und Philosophie
der Lebens- und Zeiteindrücke, des die eigene Gegenwart geschicht-
lich erfassenden Rückblicks, der Schau in die Zukunft, der Befürch-
tungen und Hoffnungen, denen sich der deutsche Geist um 1800 hin-
gab. Der Eindruck der Französischen Revolution wie die revolutionäre
Gärung, die Deutschland aus eigenem seit dem Durchbruch der dy-
namisch-vitalistischen Weltanschauung durchgemacht hatte, die Reste
und Ausläufer des Aufklärerischen wie die universalistische, gleicher-
weise geschichtlich wie lebenskundlieh bedingte Schau Herders, wie
das neue Verhältnis zu Wissen und Leben, das die Kantische und Fich-
tesche Philosophie einzunehmen befahlen, die veränderte politische
und wirtschaftliche Daseinsform und Daseinsmöglichkeit, die Auf-
gaben, die der Kunst nunmehr zugewiesen wurden, wie die unge-
messeneAusbreitungdes literarischen Betriebes- es sammelt sich alles
in jenem Brennpunkt der Jahrhundertwende, die die übervollen und
gespannten Geister und Herzen überfließen ließ. Verhältnismäßig sel-
ten erscheint vor den Blicken der Deutschen, damals den Sinn ihrer
eigenen Existenz zu finden suchen, das 18.Jahrhundert in seiner ge-
schichtlichen Ganzheit. Die gewaltige Stauung in Philosophie, Dich-
tung, Politik, die das Ende des 18. Jahrhunderts bezeichnet, die Zeit
des Erscheinens der Kantischen Hauptwerke, die Zeit nach dem Aus-

7
GENERATIONEN UND STANDORTE

bruche der Französischen Revolution und Goethes Rückkehr aus Ita-


lien sind es, die die Geister an sich ziehen und wieder von sich stoßen.
Es ist das «Zeitalter» schlechthin, um das es sich immer wieder
handelt, als hätte es nie ein anderes gegeben, das gleich gewaltig,
lockend, aber auch drohend über den Zeitgenossen gestanden hätte;
das deutsche «Zeitalter», dessen gestaltende Mächte und dessen vul-
kanischen Boden Friedrich Schlegel in dem berühmten, nur von den
Engsichtigen bespöttelten und unverstandenen Athenäumsfragment
1798 seherisch mit den drei stellvertretenden Einzelereignissen der
Französischen Revolution, der FichteschenWissenschaftslehre und dem
Goetheschen WilhelmMeister, also drei Geschehnissen des politischen,
des philosophischen und des dichterischen Lebens der neunziger Jahre
bezeichnet.
Nur solche «Zeichendeutung» der damaligen Gegenwart kann wei-
terführen auf dem Wege, der hier beschritten wird. Was immer dem
18. Jahrhundert im Guten und Bösen nachgesagt wurde, was es für
Aufklärung und Fortschritt, für sittliche, wirtschaftliche, kulturelle
und gesundheitliche Hebung der Menschheit getan habe, was ihm
vorgeworfen wurde, ob man es das «große» und «kühne», «einzige»,
«tatenvolle», «vielumwälzende», «lichtbringende» und «philosophi-
sche» oder das «schreckliche», «furchtbare», «unglücksvolle», «un-
stete», das «Herrliches mit Bösem mischende» nannte, ob man in sei-
nem Ausgang eine Verleugnung seiner Wesenheit und den Rückfall in
Schwärmerei, Mystizismus, Unsittlichkeit und Unkunst beklagte oder
auf Grund seiner Leistungen überall die Anzeichen neuen Werdens
und einer glücklicheren Zukunft zu erblicken meinte - es berührt
nicht eigentlich die tiefer gebetteten und symptomatischen Kräfte und
Stimmungen, die der Geschichte des Geistes und der Dichtung wich-
tig sein müssen. Denn diese Wertungen sind nur die Anzeichen eines
weder geschichtlich noch philosophisch genügend unterbauten «Plu-
ralismus» der geistig-sittlichen Haltungen um die Jahrhundertwende,
an denen freilich die Generationen und die Gebundenheiten des Stand-
ortes, wenn nicht gar nur eingeengte persönliche Erfahrungen abge-
lesen werden können. Unter jener «Zeichendeutung», die das letzte
Zeitalter im Auge hat, kann dagegen fast das ganze ungeheure geistige

8
AUSSICHTEN IN EIN IDEALREICH

Aufgebot gesehen werden, das den deutschen Idealismus und Klassik


und Romantik ausmacht. Wer möchte bestreiten, daß die Erregungen
und Aufgewühltheiten der zwei Jahrzehnte, die durch die Jahrhun-
dertwende geschieden wurden, sich eben dadurch kennzeichneten, daß
die bedeutenden Menschen, die da wußten, worauf es jetzt ankam und
was geistig-kulturell gespielt werde, von der Lage ihres Zeitalters aus
die erreichte Station der Menschheitsentwicklung zu begreifen und,
sei es kritisch, sei es gläubig, sei es theoretisch, sei es dichterisch, die
Aussichten in ein kommendes Idealreich zu gewinnen suchten? Wer
wollte leugnen, daß sich hierin am eindringlichsten die Entwicklung
des Geistes und der Kultur mit den Erschütterungen des politischen,
staatlichen und sozialen Daseins die Hand reicht ? Hiermit betritt man
eine Zone des Denkens und Dichtens, die von ihrer Mitte bis zu ihren
Randgebieten die Einordnung für viele Bekundungen zu ergeben ver-
mag, die in ihrer Ausgestaltung freilich nicht mit dieser Unterbrin-
gung erschöpft werden können, aber ihren bewegenden Antrieb doch
aus diesem Kraftfelde empfangen haben, das dem Bewußtsein viel-
fach ebenso entzogen gewesen sein mag, wie es sich vor dem ober-
flächlichen Blicke der Späteren verborgen gehalten hat. Die Entwürfe
jener Krisenzeit um das Idealreich erstrecken sich von den Höhen ab-
gezogener, scheinbar an den Vorgängen der Wirklichkeit nicht un-
mittelbar interessierter, geschichtsphilosophischer Gedankenbild ungen,
von den nicht zur Ruhe kommenden Rousseaufragen nach Natur oder
Kultur, nach Gut oder Böse bis zu den Rückwirkungen, die ein Ergeb-
nis der nicht mehr zu übersehenden Erfahrungen des täglichen Da-
seins waren. Ein Trennungsstrich zieht sich zwischen ihnen und jenen
apokalyptischen und chiliastischen Prophezeiungen und Visionen, die
das abklingende Jahrhundert aller Arten des geheimen Bündler- und
Schwärmerwesens und aller Schattierungen mystischer oder neuplato-
nisch eingefärbter Weltanschauung hervortrieb. Was auf der Linie
Kants und des deutschen Idealismus über die Einrichtung einer bes-
seren Zukunft der Menschen und Staaten gedacht wird, hat gewiß
die Lessingsche Forderung und Zuversicht am Schlusse der « Erzie-
hung des Menschengeschlechts» zur Voraussetzung, in dem das Ver-
trauen auf die sittlich-intellektuelle Höherentwicklung mit einer im

9
KANTS SCHRIFTEN DER NEUNZIGER JAHRE

höchsten Sinne aufklärerischen Gläubigkeit an die göttliche Führung,


an die immanente Vernunft und an die Güte des Menschen vereinigt
ist. Dennoch ist nun ein neuer Einsatz zu verspüren, an dem Revo-
lution und Krieg nicht unbeteiligt waren. Auf dem Felde des streng
prüfenden Denkens stellt er in Deutschland einen Parallelvorgang dar
zu dem Versprechen einer neuen, idealen Ausbildung der Menschheit,
das in der Französischen Revolution enthalten zu sein schien. Kaum
ein anderer war in Deutschland von der Utopie oder der bloß schwär-
menden Parteinahme entfernter als Kant. Als der Verleger Spener ihn
am 9.März 1795 aufforderte, in «der jetzigen höchsten Spannung des
Antagonism» belehrend und besänftigend Stellung zu nehmen, denn
seine Weisheit zeige ihm den Weg, <<auf welchem dies mit der Behut-
samkeit geschehen könne, ohne daß dabei dem Interesse und der
Wichtigkeit des Zeitpunktes etwas vergeben werde», da lehnte er
zwar - gedrückt durch den Geist der Wöllner-Ära - ab, weil, «wenn
die Starken in der Welt im Zustande eines Rausches sind, er mag nun
von einem Hauche der Götter oder einer Mufette herrühren», es
«einem Pigmäen, dem seine Haut lieb ist, zu raten» sei, «daß er
sich ja nicht in ihren Streit mische». Aber seine Schriften der neun-
ziger Jahre lassen doch, zum mindesten gelegentlich, erkennen, daß
sein Denken damals immer wieder zu seiner Zeit zurückkehrte und
zu den Hoffnungen oder Befürchtungen, die aus ihr im Hinblick auf
die sittlich-religiöse oder staatsrechtlich-politische Zukunft der Men-
schen gezogen wurden. Behauptete er nicht in dem «Streit der Fa-
kultäten» ( 179 8 ), «nach den Aspekten und Vorzeichen unserer
Tage» dem Menschengeschlecht «das von da an nicht mehr gänzlich
rückgängig werdende Fortschreiten . . . zum Besseren, auch ohne
Sehergeist» voraussagen zu können? Aber dies war nach seinen Wor-
ten eine «philosophische Voraussagung». Sie rückte ebenso von dem
Schwärmerturn wie von dem politischen Umsturz der Französischen
Revolution ab und war ein Akt der kritischen Selbstbesinnung, mit
dem die Philosophie und Literatur in Deutschland die Zeitereig-
nisse begleitete. Diese Selbstbesinnung war gegründet auf sittlich-
vernunftmäßigen und vernunftrechtlichen Erkenntnissen. So trat
in seiner ursprünglich für Schillers «Horen » bestimmten Schrift

10
FICHTE

«Zum ewigen Frieden» ( 1795f96) der «Philosoph» dem «praktischen


Politiker» gegenüber. Ohne den politischen, den sittlichen, den theo-
logischen Chiliasmus zu verlachen, erkennt er in ihnen die Grund-
züge einer naturrechtlich gegebenen Ordnung, deren Ziel freilich
in einer unendlichen Ferne liege; aber die Annäherung an dies Ziel
ist eine Setzung der Vernunft, ist eine Idee, deren Vorhandensein
die notwendige Entsprechung zu ihrer Undurchführbarkeit in dem
gegenwärtigen Zeitpunkte bildet.
Unmittelbarer war aus der Zeit und den Aufgaben, die sie dem
staatsphilosophischen und sittlichen Denken stellte, alles gesprochen,
was Fichte vorn Jahre 1792 an, von der «Zurückforderung der Denk-
freiheit» und dem «Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publi-
kums über die Französische Revolution» bis zu den «Reden an die
deutsche Nation» (1808) kundgab; in der Mitte dieser Bahn, genau
an der Jahrhundertscheide, liegt der «Geschlossene Handelsstaat»
(1800), dessen Gedanken längst nicht mehr als utopistisch ange-
sprochen werden können. Fichtes Fähigkeit, die großen Einrichtun-
gen und Ordnungen der menschlichen Gesellschaft in ihrem sitt-
lichen Werte zu begreifen und vernunftmäßige Forderungen an sie
zu richten, geht über Kant hinaus. Dazu kommt sein leicht beweg-
liches, ja stürmisches, aber sich dennoch stets im Bewußtsein der
sittlichen Weltordnung haltendes Temperament, seine vor keinen
Folgerungen haltmachende Rücksichtslosigkeit, um diese Forderungen
bis zum äußersten vorzutreiben. Das Ganze seiner aus dem Sturm
und Drang aufgestiegenen Persönlichkeit steht immer in unmittel-
barer Beziehung zu dem Ganzen des Lebens um ihn. Wie er unter
den Eindrücken der Zeit, aber ohne die ursprünglichen Ansatz-
punkte seines Denkens um Freiheit und Volk preiszugeben, vom
Weltbürgertum zu der Erkenntnis der gottgewollten Bestimmung
einer einzigen Nation gelangte, eben der deutschen, die im Gesamt-
plan der menschlichen Entwicklung allein zur Erfüllung des Ideals
der Menschheit berufen sei; wie sich in dieser Konzeption das Selbst-
gefühl des Volkes ausspricht, das in seinen großen Dichtungen die-
sem Ideal soeben bereits nahegekommen war; wie er die Selbst-
befreiung des deutschen Geistes, d. h. die Findung auch der poli-

11
DER KLASSISCH-ROMANTISCHE SCHICKSALSRAUM

tischenForm für ihn, als eine Pflicht ansah, welche die Nation im
Hinblick auf ihre Bestimmung zu erfüllen habe - das berührt bereits
in vollem Maße die Inhalte des geistigen Raumes, der um 1800
Klassik, Romantik und deutschen Idealismus umschließt. Doch nicht
um diese Inhalte und die entwicklungsgeschichtlichen Voraussetzun-
gen und Folgen, die mit ihnen als «Problemen» auf der Ebene des
reinen Geistes gegeben sind, handelt es sich ja zunächst hier: sie
sollen, welcher Ausgangspunkt, welche Abwandlung und welches
Endziel dem Fragen, Denken, Hoffen, dem Träumen und Dichten
um ein Idealreich auch immer eigen sein mochten, einstweilen nur
gewertet werden als die Ausstrahlungen eines Zustandes der Auf-
gewühltheit, den damals gerade die am empfindlichsten verspürten,
die, im Besitze der prüfenden und zeugenden Kraft des Geistes, sich
für den Weg der allgemeinmenschlichen wie der deutschen Kultur
verantwortlich fühlten. Es ist also in diesem Zusammenhange eine
Sache für sich, wieweit Rousseau, Hemsterhuis oder Herder hier
vorgedacht haben oder mit welchen bereits vorhandenen Bestands-
stücken staats- und geschichtsphilosophischer Art innerhalb dieses
großen Anlaufes zur Formung der menschlichen Zukunft und zur
Enthebung aus der Gegenwart gewirtschaftet wurde. Es bleibe einst-
weilen auch dahingestellt die persönliche Abschattung dieser Idee
der «Kunst» und des Versuches, der unheildrohenden Wirklichkeit
einen Überbau und Ausweg zu finden und die Selbstgewißheit des
deutschen Geistes zu bekunden, der sich zutraute, die Wirklichkeit
von sich aus so oder so zu meistern und zu heilen. Doch Schiller und
Wilhelm von Humboldt, Schelling, Hölderlin und Regel, Novalis und
Schleiermacher, Friedrich Schlegel und Tieck, Jean Paul, Arnim und
Eichendorff, Görres und Arndt und nicht zuletzt Herder und Goethe,
der weniger Beachteten nicht zu gedenken :___ worin anders ist in
diesen Jahrzehnten vom Ausbruch der Revolution bis zu den Be-
freiungskriegen für sie die Mitte zu finden, nach der die Linien ihrer
geistigen Existenz hinführen, als in der durch die Zeit gestellten Auf-
gabe und Sendung, durch die eine schönere und bessere Heimat des
deutschen und des Menschengeistes gefunden werden soll? Das Ge-
setz der verschiedenen Persönlichkeiten, ihre entwicklungs- und

12
HERDER

bildungsgeschichtlichen Mitgaben lassen das sie umschlingende Band


des Zeitantriebes nicht immer sogleich in die Augen fallen. Aber in
allen wühlt dies Denken um das «Was nun?», dies Wirkenwollen
durch Dichtung, Schrift, Rede oder Tat im Sinne eines Kommenden;
manchmal auch der momentbedingte Pessimismus im Hinblick auf
die sich anbahnende Entwicklung. In diesem Umkreis sind die Ideen
des ewigen Friedens und des goldenen Zeitalters und alle ähn-
lichen erträumten Fernziele nur die Kehrseite des Ungenügens an
den herrschenden geistigen und politischen Zuständen. Man suchte
Heilung und Heiltum. Daß Klassik und Romantik hier unterhalb
ihrer Erscheinungsformen eine letzte, gemeinsame Ebene haben,
wird kaum einem Widerspruch begegnen. Aber etwas anderes ist es,
dies zuzugeben, etwas anderes, zu staunen über die sinnliche Wirk-
lichkeit der hier tätigen einheitlichen Kraft; etwas anderes, ein
«Problem» zu erkennen oder die Stimmen aus dem Schicksalsraum
um 1800 als lebengeborene zu vernehmen. Es verlohnt sich, dieser
Melodie durch etwa zwei Jahrzehnte nachzugehen.
Wie sehr aus ihm beständig das Geheimnis des Weltgeistes raunte,
wie sehr die tausendjährigen geschichtlichen Gestaltungen der
menschlichen Seele ihm auch hier mit dem in seiner Zeit vorhande-
nen Bedürfnis der menschlichen Natur zusammenfielen, bekundet
wiederum Herder. Zugleich aber knüpft sich ihm die Frage nach
Wiederkunft und höherer Vollendung an Schicksal und Anliegen des
deutschen Volkes. Die Einleitung zu seiner geplanten Zeitschrift
«Aurora», an deren Stelle seit 1801 die «Adrastea» trat, wägt- wie-
der einmal in Gesprächsform und eindrucksamer als die schwächliche
Allegorie zur Jahrhundertwende, die sich «Aeon und Aeonis» nennt
( «Adrastea» 1801)- Vergaugenes und Zukünftiges im Tone und in
der Haltung des rückwärtsgewandten Propheten. Dem düsteren Pes-
simismus tritt die hoffnungsvolle Morgenröte einer neuen Zeit ent-
gegen: «,Ach der endlohnen Hoffnungen! Welch Jahrhundert glaubte
man, daß mit der neuen Zahl aufgehen werde, aufgehen müsse!
Das letzte Gut der Sterblichen in Pandarens Büchse ist also auch
dahin!' , \Ver glaubte, wer hoffte dies? Und warum hoffte man?
Und warum hofft man nicht mehr?' ,Endlose Fragen! Jedermann

15
HERDER

hoffte. Wir Menschen sind so geneigt, uns über einen neuen Tag,
über ein neues Jahr zu freuen, geschweige nach solchen Zubereitun-
gen über ein neu es Jahrhundert.'» Die Gründe für die pessimistische
Haltung des einen Gesprächspartners? Es ist die Hast und die Eile,
die nun in Deutschland ihren Einzug gehalten haben; denn «seit
1789 geschahen Dinge, die sonst in Jahrhunderten nicht geschahen;
in Wochen, Tagen, Stunden geschahen Dinge---». Weil die kurze
Zeitspanne seit dem Ausbruch der Revolution so unheilschwanger
angifüllt war, entstand den Menschen die Vorstellung von dem un-
ablässigen Weitergehen solcher Veränderungen, das Gefühl des Ge-
hetzt- und Gedrängtwerdens und des Zwanges, die Zeit nützen zu
müssen. Herders Zukunftsreich ist kein märchenhaftes Niemands-
land. Es ist der Raum des Ausgleiches zwischen einer trostlosen und
einer hoffnungsfrohen Aussicht in einem höheren Dritten, dessen
Wesen in dem Vorherbestimmtsein des geschichtlichen Flusses be-
steht; seinem rollenden Ablauf kann sich niemand und nichts ent-
ziehen. Ihm gegenüber bleibt der Mensch Zuschauer. Herders Auf-
gabe liegt immer noch - um 1800 - im Faustisch-Funktionellen:
«Leben und Streben sollt ihr Menschen; nicht aber erleben, erstreben
wollen, was nie ganz erlebt, erstrebt werden kann. Im Streben ist
Genuß; im Nichterleben liegt deines Geschlechts Art, auf ihm be-
ruht seine edelste Wirkung ... Geh zu deinem Geschäft; und statt
zu grübeln, arbeite!» Wie aber steht es um Deutschland inmitten
dieses geforderten neuen Aufbruchs zur Arbeit? Auch seine Aufgabe
beruht im Ausgleich aller Gegensätze, und dabei stelle es sich ganz
auf sich, auf seine Kraft und seinen Charakter. Vorüber ist die Zeit
der Nachahmung der Franzosen: sie haben in den letzten zehnJahren
«Euch soviel an ihnen zu lernen gegeben, daß, was ihr von ihnen
ungeschickt gelernt hattet, ihr wohl vergessen möget». Noch immer
ist Herder der verständig-mahnende Erzieher, dem Geist und prak-
tische Lebensanforderung zusammenfallen. Deutlich wird die Mit-
gabe, die er vom englischen Common Sense bezogen hat und den
Deutschen gewinnen möchte. Wohl verleugnet er die «Zeitklage»
nicht; sein Zukunftsreich aber wächst aus dem Glauben an die fort-
schreitende Vervollkommnung, der sich die weitere Geschichte des

14
ORDNUNGSSINN DER KLASSIK

Menschengeschlechts - unbewußt waltend - nicht wird versagen


können.
Aufgabe gesonderter Darlegungen ist es, die deutsche «Klassik»,
die Goethe, Schiller und die ihnen nahestanden, aus der « Zeitklage »
und Zeitlage, insbesondere den Rückwirkungen der Französischen
Revolution zu verstehen und in ihr den Willen zu einem neuen,
geistig-gesellschaftlichen Gebäude zu erkennen, das zur Aufnahme
der «Elite» bestimmt war. Es ruht auf zwei Grundpfeilern: auf dem
soeben erst während des 18.Jahrhunderts, wenn auch nicht politisch
und sozial, so doch als Träger des geistig-künstlerischen Lebens ge-
festigten Bürgertum und seiner Denkweise, sodann auf den neuen
Kunstbegriffen, die von der Entwicklung dieses Bürgertums im
18. Jahrhundert nicht zu trennen sind, es sich aber zugleich zur
Aufgabe stellten, das Bürgertum aus der niederen Wirklichkeit zu ent-
rücken. Hier öffnet sich eine weite Sicht, in vielverzweigte Wege auf-
geteilt. Handelte die deutsche Klassik nach den Worten in «Her-
mann und Dorothea»: «Denn gelöst sind die Bande der Welt- wer
knüpfet sie wieder?», so glaubte sie doch mit ihren Mitteln und An-
sätzen die neue Ordnung im Umkreis der deutschen Wirklichkeit
und der bestehenden Zustände erhalten oder herstellen zu können.
Ein in der Ferne liegendes Gebilde trat zunächst kaum vor ihr Auge.
Denn «wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich»
und «nicht dem Deutschen geziemt es, die fürchterliche Bewegung
fortzuleiten, und auch zu wanken hierhin und dorthin». Dem Den-
ken und Träumen um eine sich selbst gebärende, neue idealische
Welt suchen, während ungefähr gleichzeitig die «Xenien» die Idee
des goldenen Zeitalters und des ewigen Friedens verspotten, Schillers
Briefe «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» (1795) ohne
Zukunftsutopien so zu begegnen, daß sie zu dem Schlusse gelangen,
ein «Staat des schönen Scheins» existiere nur dem «Bedürfnis nach
... in jeder feingestimmten Seele»; der Tat nach möchte man ihn
einstweilen wohl nur «wie die reine Kirche und die reine Republik
in einigen wenigen auserlesenen Zirkeln finden». Um das politische
Problem in der Erfahrung zu lösen, müsse man durch das «ästhe-
tische» denWeg nehmen, «weil es die Schönheit ist, durch welche

15
KLASSIK UND «ZEIT CHARAKTER»

man zu der Freiheit wandert». Das «jetzige Zeitalter, weit entfernt,


uns diejenige Form der Menschheit aufzuweisen, welche als not-
wendige Bedingung einer moralisierenden Staatsverbesserung er-
kannt worden ist,» zeige vielmehr das direkte Gegenteil davon. Jeder
Versuch einer solchen Staatsveränderung müsse so lange für unzeitig
«und jede darauf gegründete Hoffnung so lange für schimärisch»
erklärt werden, «bis die Trennung in dem inneren Menschen wieder
aufgehoben und seine Natur vollständig genug entwickelt ist, um
selbst die Künstlerin zu sein und der politischen Schöpfung der Ver-
nunft ihre Realität zu verbürgen». Der «Charakter der Zeit» müsse
sich also von seiner tiefen Entwürdigung erst aufrichten, dort der
blinden Gewalt der Natur sich entziehen und hier zu ihrer Einfalt,
Wahrheit und Fülle zurückkehren- «eine Aufgabe für mehr als ein
Jahrhundert». Ist in dieser wichtigsten Bekundung des Schillersehen
Erziehungsstrebens alles durch schärfstes Denken hindurchgegangen,
unerbittliche, moralisch-ideelle Forderung, von einer letzten «Wirk-
lichkeit» im Sinne des erhöhten und wahren Seins, das jedem Ver-
nunftgebilde zukommt, ohne Rücksicht auf die Möglichkeiten einer
empirischen Bestätigung, so gerät jedoch über dem gedanklichen In-
halte und den durch die Begriffe führenden Wegen der Briefe über die
ästhetische Erziehung leicht außer Sicht, daß ihr Ansatz aus der gleichen
«Zeitklage» herrührt, unter der Klassik und Romantik, jede in ihrer
Weise, überhaupt ihre Aufgaben sich stellten. Die Briefe sind ge-
schrieben in stetem Bezug auf den «Zeitcharakter» - sie, die so oft
als der Inbegriff einer rein «ästhetischen», den Menschen verein-
zelnden und nur nach innen gerichteten Denkweise galten. Nicht
nur aus ihnen selber, sondern aus Schillers Gesamthaltung ergibt
sich, daß der «ästhetische Zustand» niemals eine Abseitigkeit bedeu-
ten konnte.
Schillers «Zeitklage» steigerte und verschärfte sich um die Jahr-
hundertwende. Das Gedicht «Der Antritt des neuen Jahrhunderts»·
aus dem Frühling 1801 hat zwar die gleiche, wenn auch verkürzte
Thematik wie die Briefe «Über die ästhetische Erziehung des Men-
schen», aber machtvoll und helltönend erklingt die Threnodie auf
das im Sturme geschiedene alte, das mit Mord sich öffnende neue

16
SCHILLERS UND GüETHES «ZEIT KLAGE»

Säkulum, und unbeirrbar ist hier wie in dem Gedichtentwurf


«Deutsche Größe» ( 1797) der realpolitische Blick des späten Schiller
für das Welt- und Völkergeschehen. Schon ringt sich im Gefolge der
um sich greifenden allgemeinen Wandlung der deutsch-vaterlän-
dische Gedanke und der Glaube an die Sendung des eigenen Volkes
aus der weltbürgerlichen Verstrickung heraus, und der «Prolog» zu
« Wallenstein » vom Oktober 1798 knüpft in feierlicher Stimmfüh-
rung das Band zwischen der neuen heroisch-dramatischen Kunst und
dem erhabenen Moment der den tiefen Grund der Menschheit auf-
wühlenden Zeit: in maßgeblichen und ehernen Worten wird die
Summe aus der Verpflichtung gezogen, die die Zeitsituation dem
deutschen Geiste und der deutschen Kunst stellte.
Auch das Bild Goethes muß schärfer, als bisher geschehen ist, un-
ter das Licht der « Zeitstimmung » gerückt werden. Er war nach
Italien für mehr als zwei Jahrzehnte so gut wie völlig- man lasse
es gelten! - von den Eindrücken besessen, die ihm der Zusammen-
bruch altüberlieferter Einrichtungen und Vorstellungen, die Auf-
hebung der «Stetigkeit» und die Ausstrahlungen dessen bereiteten,
was er mit vielfach wiederholten Ausdrücken die «weltgeschichtliche
Gegenwart», den «Zeitgeist», das «Zeitalter», die «Zeichen der
Zeit», das «Zeitfieber» nannte. Stützen und Gegengewichte suchte
er nicht nur für sich persönlich, nein, auch für die deutsche und
menschliche Allgemeinheit zu gewinnen. Unter diesem Zeichen
steht seine geistig-dichterische Entwicklung und Betätigung bis zu
den Freiheitskriegen und über sie hinaus, nicht nur die Erzeugnisse
in Vers und Prosa, die bis zur Jahrhundertwende aus dem Wider-
stand gegen die Französische Revolution und gegen das Übergreifen
ihrer Gesinnungen nach Deutschland hervorgingen. Auch seiner
bemächtigte sich zu jener Zeit in einer tiefen seelischen Schicht die
Lebensunsicherheit, auch er wollte und konnte nach dem Erwachen
in einer politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich veränderten Welt
zunächst nicht begreifen und verschrieb sich zwei Jahrzehnte lang
ein Tonikum, das in Bewegung und Tätigkeit - gleichviel ob dich-
terischer, wissenschaftlicher oder praktischer Art - bestand, bis nach
dem Ende der Freiheitskriege die «Genugsamkeit» und «Stille» wie-

2 Schultz II, Klassik und Romantik, Bd. II 17


GüETHES POLITISCHE HALTUNG

derum ihren Einzug hielten, in der Abwandlung, die dem Gealter-


ten, aber immer weiter um sich Greifenden und nicht zu Ersätti-
genden ziemte. Denn in welcher anderen Periode als in dieser vom
Ende des 18. und beginnenden 19,Jahrhunderts bildete oder zum
mindesten festigte sich sein Evangelium des tätigen Lebens im Dies-
seits, der Erfüllung der Tagesforderung und der Gemeinschafts-
ansprüche? Zunächst war darin ein gut Teil aufgezwungenen Ver-
zichts, eingegeben durch die vermeintliche Ohnmacht gegenüber
den unaufhaltsamen und zerstörenden Schritten des Weltgeschehens.
Herauszutreten aus dem geistigen Bereiche in den des handelnden
und gestaltenden Lebens, tätig einzugreifen in die Begebenheiten,
dazu konnte er anfangs nicht vermocht werden. Eine vielsagende
Sprache redet jener Briefentwurf aus der Mitte der neunziger Jahre
an einen Unbekannten, der ihn aufgefordert zu haben scheint, mit
dem ganzen Gewicht seines Namens und seiner Persönlichkeit öf-
fentlich seine Stimme zu erheben, um die politischen Gesinnungen
in Deutschland zu einigen und gegenüber dem revolutionären Fieber
zu festigen. Merkwürdig nahe tritt diese Urkunde zu dem Schreiben
Kants vom 9.März 1795. Auch Goethe lehnt ab: «Nicht ohne schmerz-
liche Teilnehmung habe ich bisher dem Laufe der Sache zugesehen,
als Schriftsteller wenig, und als Privatmann das Mögliche getan,
um durch Klarheit und Mäßigung den Parteigeist wenigstens in
einem kleinen Zirkel zu mindern und ins Gleichgewicht zu bringen.
Nichts wünschenswerter wäre für einen Schriftsteller, der sich
schmeicheln darf, ein geneigtes Gehör bei seiner Nation zu finden,
denn als Organ des tätigen, anführenden, rettenden Teils der Nation
aufzutreten.» Doch er glaubt nicht, daß ein deutscher Schriftsteller
bei der «gebietenden Klasse Deutschlands» das notwendige Gehör
und Zutrauen in Dingen des öffentlichen Lebens finden werde:
«Leider muß man nur meistenteils verstummen, um nicht, wie
Cassandra, für wahnsinnig gehalten zu werden, wenn man das weis-
sagt, was schon vor der Tür ist.» Der Gründe für diese Haltung
Goethes ließe sich auch unabhängig von der Erfolglosigkeit, die er
selber einem Schritte, wie er gewünscht wurde, voraussagt, ein gan-
zes Bündel zusammenstellen: Gründe persönlicher, situationsbeding-

18
GüETHES ANTEILNAHME AN DER WIEDERGEBURT

ter, entwicklungs- und geistesgeschichtlicher Art. Für die Zeit der


Klassik aber und noch für das 18. Jahrhundert bleibt bezeichnend,
daß der Dichter und Schriftsteller, so sehr er in seinem Kreise aus
den äußeren Begebenheiten die Folgerungen zu ziehen bereit ist,
nicht zum Publizisten großen politischen Stils werden kann und
will. EinJahrzehnt und die Dinge haben sich auch in dieser Beziehung
in Deutschland völlig geändert: die romantische Epoche und das be-
ginnende 19.Jahrhundert kennen eine Reihe glänzender Persönlich-
keiten, die dem Sinn und den Aufgaben der Zeit entsprechen, wenn
sie den Dichter und schöngeistigen Schriftsteller und den politisch-
diplomatischen Geschäftsmann und Publizisten in sich zur Deckung
bringen.
Auch aus Goethes dichterischem Beitrag zur Jahrhundertwende
«Paläophron und Neoterpe» sprach kaum die vernehmliche Stimme
eines in die Zeit Rufenden, die aus Schillersehen Dichtungen tönte.
Doch über der allzu schematisch nach den Gesetzen der Polarität
aufgebauten Allegorie dieses Stückes, das die Generationen und Zeit-
alter mitsamt ihren seelischen Zugehörigkeiten festspielmäßig zu
versöhnen bestrebt ist, sollte nicht die Rede des Paläophron vergessen
werden, der den «Griesgram» zur Flucht zwingt durch die Verkün-
digung der reinen Tätigkeit, der Tätigkeit an sich, die immer neue
Pläne ersinnt, immer neue :Mittel erdenkt: «So weydet ihr, und
wenn aus ihren Fugen selbst die Welt geschoben in sich selbst zer-
trümmerte, sie wieder bauen, einer Ewigkeit zur Lust.» Schon kün-
digt sich in Paläophrons Worten an den krittelnden und grübelnden
«Griesgram» der Prometheus der «Pandora» in seiner Stellung zu
dem Bruder Epimetheus an: «Drum auf bei Zeiten morgens!» Und
nun tritt mit der «Pandora» ( 1808), mit «Des Epimenides Erwachen»
(1814) sein Sorgen und Hoffen um die Wiedergeburt aus dem Strudel
der soeben erlebten, ungeheuren kriegerisch-politischen und gesell-
schaftlichen Verwirrung in die Epoche einer mythologisch gestalteten
Jahrtausendferne. In diesen Schöpfungen und Bekenntnissen geht es
nicht bloß um die Rettung und Aufrechterhaltung von Kunst und
Wissenschaft, ja nicht einmal bloß um die Erhaltung der Kultur-
güter. Das wäre zu wenig. Es geht in einem allgemeinsten Sinne

2* 19
«PANDORA» UND «EPIMENIDES»

um die menschliche Zukunft. Gewaltig war in ihm die (in den beiden
Brüdern der «Pandora » auseinandergelegte) Spannung geworden
zwischen jener «Tätigkeit», Tagesforderung und StrengenBetonung
des Beharrenden auf der einen Seite und dem tiefgelagerten Be-
dürfnis, die Lösungen für den verwirrten Zustand der Umwelt und
Innenwelt im Losgebundenen des Geistes und im Unwirklichen zu
finden. Diese Spannung sucht ihren Ausweg in jenen Gebilden der
Jahrtausendferne, deren Stil - auf der Fortsetzungslinie mancher
früheren Ansätze - nur der einer im wesentlichen freigeschaffenen
mythischen Allegorie und einer hohen, feierlich- verhüllenden
Sprache sein konnte. Es ist die Zeit, da die Romantik sich vom Boden
bürgerlicher Weltanschauung und bürgerlich- realistischen Stils ge-
löst hatte und die reinste und stärkste «Wirklichkeit» im stoff-
lichen und stilistischen In-die-Ferne-Rücken fand, damit, nach No-
valis, die eigentliche Aufgabe des « Romantisierens » erfüllend: es
strebte nicht von der Wirklichkeit weg, sondern verlieh ihr eine
«qualitative Potenzierung», indem es «dem Gemeinen einen hohen
Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Be-
kannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unend-
lichen Sinn» gab. So sind «Pandora » und «Des Epimenides Er-
wachen» aus dem Antrieb der Weltwende und Weltgegenwart her-
aus dichterisch-romantisierende Werke der allegorisch-mythologisch
und prophetisch gefaßten «Kunst» geworden; der antikisierende
Illusionismus von Sprache, Vers und Motivschatz kann daran nichts
ändern. Daß sich dieses in «Des Epimenides Erwachen» mit dem
vergangene Irrtümer freimütig zurücknehmenden, sittlich- politi-
schen Bekenntnis zum erretteten deutschen Vaterland und seiner
Größe und mit den Sorgen und Wünschen um dies verbindet, zeigt,
auf welcher höchsten und allgemeinsten Ebene Goethes deutsch-
vaterländisches Denken und Fühlen errichtet war. Und nun erst
wird dieses Werk, unmittelbar veranlaßt durch die Erwartungen und
Wünsche nach dem Pariser Frieden, richtig verstanden. Was diese
bessere Erkenntnis von ihm auszusagen weiß, gilt aber auch schon
von der « Pandora »: daß es, wie dann der «Westöstliche Divan»
auch, ein Werk in dem poetischen Stil ist, der mit innerer Notwen-

20
URGEGEBENHEITEN

digkeit dem Suchen des alten Goethe nach den Urtypen des Lebens
entsprach, und daß die ihm zugrunde liegende Auffassung der gei-
stigen wie der physischen Erscheinungen als eine Biologie des Geistes
der Menschheit bezeichnet werden muß. Der aus der Zeitlage schöp-
fende Sehergeist des Dichters wirkte sich nach der Leipziger Schlacht
nicht in dem großen deutschen Nationalepos aus, das man hier und
da von ihm erwartete. Aber daß er « Hermann und Dorothea» für
das Volk damals zu einem wohlfeilen Preise wieder abdrucken ließ,
dies Werk, das man das «hohe Vermächtnis seiner praktischen Poli-
tik» genannt hat, einer Politik, die das Heil in der Statik und, wenn
nötig, auch in der kriegerischen Verteidigung engster Gemeinschafts-
bindungen suchte- dieser Umstand bezeugt neben anderem, daß er
die Bahn von dort bis zu «Des Epimenides Erwachen» überschaute.
Sie führte aus der breiten episch-realistischen Zuständlichkeit des
Bürgerlebens, die den Stürmen standhalten sollte, zu einer in äußerste
Fernen weisenden, hoffenden und warnenden, mythischen Schau:
Diese vermag die menschlichen, geselligen und staatlichen Verhält-
nisse nur noch in ihrer Bezogenheit auf großformig-tiefsinnige Ur-
gegebenheiten zu sehen. Höher hinauf ging es nicht, und der von
der deutschen Klassik eingeschlagene Weg, auf dem sie sich mit der
Epoche des Umsturzes, der Krise und des Neuwerdens auseinander-
setzte, war abgeschlossen. Standen über ihm die Sterne des Glau-
bens und Vertrauens auf die Zukunft von Menschheit, Volk und Va-
terland? Man sollte es bejahen, ohne unmutig-pessimistischen, per-
sönlich gereizten und eng-situationsgebundenen Äußerungen ein
maßgebliches Gewicht beizulegen.
Wie die vielverästelten Bekundungen im klassisch-romantischen
Geistes- und Dichtungsraum hervorgetrieben wurden durch das
heiße Zentralfeuer der Zeit - das ist eine Erscheinung, deren inne-
zuwerden ein Erlebnis beinahe ergreifender Art bedeutet. Und man
gestatte dem Ergriffenen, auch auf die Gefahr der Wiederholung,
dies Erlebnis, das sich an die großen Menschen um 1800 knüpft,
nochmals zu verdeutlichen. Keine Formel erschöpft, worum es sich
handelt, die, vereinfachend und Zerstreutes im Begriffe sammelnd,
das Wesentliche auslöscht. Es ist ein lebens- und kulturgesetzlicher

21
WILHELM VON HUMBOLDT

und damit Geschichte erzeugender «Vorgang», der hier abläuft. Er


verliert nichts von der Mächtigkeit eines Gesamt- und Gemein-
schaftsereignisses, wenn er an den individuellen Erscheinungen die
Probe machen will. Selbst wo man es kaum erwartet hätte, zeigt sich
dem umschauenden Blick irgendwo der Punkt, an dem dieser Vor-
gang eingreift, - nicht erwartet hätte: denn man war in dem Glau-
ben befangen, als hätte. man es mit einer selbstgesetzlichen Welt zu
tun, wie sie sich nach eingewurzelten und verblasenen Vorstellungen
in Literatur und Dichtung darstellt, einer Welt, die die schneidende
Zugluft von außen abzuwehren verstehe; und was darin mit der
großgeschichtlichen Gesamtlage zu tun habe, gehöre in Außen-
gebiete dieser sich an sich selber erfreuenden Welt, die wie Sankt
Diogenes ihr Faß wälze. Gewiß, man wird vielleicht bei Wilhelm von
Humboldt, dessen schwierige Persönlichkeit in alle Farbenabstu-
fungen des geistigen Spektrums aufgeteilt werden kann, von vorn-
herein geneigt sein, die Wechselbeziehungen zuzugeben, die da be-
stehen zwischen seiner «klassischen Humanitätsidee » (ein Begriff,
der für ihn längst zu eng und unscharf geworden ist) oder seiner
Menschenkunde und seinem staatlich-organisatorischen Aktivismus.
Denn Humboldts mehrwertige Gestalt ist letztlich nur zu verstehen
aus dem Sichkreuzen und Sichstauen zweier Strömungen: der einen,
die sich aus der deutschen Bildungsbewegung seit Wirrekelmann und
dem Sturm und Drang und aus dem durch sie angesammelten Ideen-
vorrat ergießt; der anderen, die der Aufrüttelung durch die staatlich-
politische Umwälzung verdankt wird, und der Notwendigkeit, zu
ihr Stellung zu nehmen. Wie wandlungsfähig sein Verhältnis zur
Französischen Revolution gewesen sein mag: der Antrieb, der von
dorther kam, ist schon dem Fünfundzwanzigjährigen bewußt, wenn
er schreibt, es seien «doch endlich einmal andere Dinge als die Nei-
gungen und eingeschränkten Gesichtspunkte einiger einzelnen»,
Dinge, «welche eine ganze Nation beschäftigen, und die Energie
überhaupt muß dadurch unendlich gewinnen». Dies vorausgesetzt,
erkennt man nicht ohne einige Überraschung auch bei ihm, wie der
Grundriß seines gesamtgeistigen Verhaltens letzten Endes an der
Rückschau und Vorschau abgelesen werden kann, die er in dem

22
HUMBOLDTS SCHRIFT ÜBER DAS 18. JAHRHUNDERT

schicksalsschweren und belasteten Augenblick der Jahrhundertwende


anstellte, in der sich die Kulturkrise Deutschlands, die politische Krise
Europas und ein Ablauf menschlicher Zeitrechnung begegneten. Es
ist jene unvollendete Schrift über das 18. Jahrhundert gemeint,
deren Bedeutung innerhalb der Humboldtschen Entwicklung kaum
überschätzt werden kann. Ihre Grundgedanken finden sich zuerst in
dem Briefe an Schiller vom 2. Februar 1796. Diese Schrift oder viel-
mehr dieser Ansatz zu einem gewaltigen Unternehmen, vollständig
bekannt erst seit 1904, liegt auf der Mitte des durch die politische
Ideenbildung der Zeit führenden Weges, der den nach seiner Lebens-
aufgabe noch suchenden jungen Preußen von der individualistischen
Ablehnung des Staates zu jener Wendung hinführte, innerhalb deren
er das bloße «Hinrinnen des Lebens» vertauschte mit der Erkenntnis
von der «Wichtigkeit des Handeins », mit der Gleichsetzung von
«Idee» und «Wirklichkeit», mit der tätigen Teilnahme an der Ge-
staltung der geistpolitischen Gegenwart. Schon Haym, ohne diese
Arbeit Humboldts im Wortlaut zu kennen, fühlte, daß er «mit der
Idee dieser Schrift bis zu dem untersten Grunde aller seiner Ideen,
bis zu dem Punkte» hinabstieg, «in welchem alle seine Strebungen
und die ganze Welt seiner Vorstellungen sich individuell zusammen-
knüpften»; Spranger nennt den Aufsatz «unsere wichtigste Quelle
für Humboldts Psychologie, ja vielleicht das wichtigste der neu-
erschlossenen Dokumente überhaupt». Und der Zusammenfall von
geistesgeschichtlicher mit lebensgeschichtlicher und charakterologi-
scher Entwicklung wird auch in diesem Fall wiederum deutlich,
wenn man in Rechnung stellt, daß dieser Aufsatz kurz vor der Hum-
boldtschen Lebenskrise des Jahres 1797 und dem Beginn seiner ruhe-
losen Wanderjahre liegt. Die Humboldtsche Schrift über das 18. Jahr-
hundert hat, wie er selbst in jenem Briefe an Schiller vom 2. Februar
1796 schreibt, der am klarsten und kürzesten den Sinn dieses Ent-
wurfes wiedergibt, zwei Dimensionen: Wenn er aus der ganzen Ge-
schichte der Menschheit ein Bild des menschlichen Geistes und Cha-
rakters ziehen will, «das keinem einzelnen Jahrhundert und keiner
einzelnen Nation ganz und gar gleicht, zu welchem aber alle mit-
gewirkt haben», so beabsichtigt er dies Bild einmal nach der Länge

23
HuMBOLDTS ScHRIFT ÜBER DAs 18. JAHRHUNDERT

zu betrachten, «nach der intensiven Größe, welche die Menschheit


erreicht, dann nach der extensiven Mannigfaltigkeit, die sie gezeigt
hat»; «dies Bild», so schreibt er weiterhin, «nun ist es, was eigentlich
allein den Menschen, insofern er ein denkendes und freihandelndes
Wesen ist, interessiert, es ist das letzte Resultat, zu welchem alles Übrige,
was er lernt und treibt, ihn führen soll, und wenn man sich einen
Menschen denkt, der bloß seiner Bildung lebt, so muß sich seine in-
tellektuelle Tätigkeit am Ende ganz darauf reduzieren: 1. a priori
das Ideal der Menschheit, 2. a posteriori das Bild der wirklichen
Menschheit, beide recht rein und vollständig aufzufinden, mitein-
ander zu vergleichen und aus der Vergleichung praktische Vorschrif-
ten und Maximen zu ziehen». Gewiß, dies ist das Programm, das
Humboldts gesamte, wissenschaftlich -literarische wie praktisch-
politische Leistung deckt. Ebenso gewiß ist, daß in diesem Zusam-
menhang der Name Herders schmerzlich vermißt wird: es ist ein
eigenartiges Schauspiel, wie die enge, örtliche und zeitliche Nachbar-
schaft zu Herder mit allen Trübungen und Vergeßlichkeiten, die
eine solche Tagesnähe und zugleich Menschenferne mit sich bringt,
in Humboldt die Verpflichtung gegenüber dem Verfasser der «<deen»
nicht zum Bewußtsein kommen läßt. Aber steht es mit Herder und
der Frühromantik viel anders? Gewiß ist endlich, daß Körner mit
seinem Urteil über das Humboldtsche Unternehmen recht hatte,
wenn er an Schiller schrieb: in Humboldts Ideen sei viel Richtiges
und Fruchtbares, aber noch wolle sich kein klares Resultat bilden,
was ja aber auch nur im Moment des Sieges über den Stoff möglich
sei. Und wennNovalisFriedrichSchlegel gegenüber Zweifel äußerte, ob
«der schwerfällige Humboldt» bei dem Versuche einer Charakteristik
des Zeitalters diesen «unendlichen Proteus » werde zu fassen ver-
mögen, so wird ersichtlich, daß - abgesehen von der Berechtigung
des persönlichen Urteils - die Größe und Dringlichkeit der hier ge-
wählten Aufgabe ihn selber wie die ganze Frühromantik in Atem
hielt.
Von dem vielsagenden, fruchtbaren und zeugenden Augenblick
also, von dem «Situationsverstehen» her empfängt der Humboldtsche
Anlauf seine Bedeutung: «An dem Schlusse eines vollendeten Jahr-

24
HUMBOLDTS SITUATIONSVERSTEHEN

hunderts bietet sich unserm Nachdenken sehr natürlich die Frage


dar: wo stehen wir? welchen Teil ihres langen und mühevollen We-
ges hat die Menschheit zurückgelegt? befindet sie sich in der Rich-
tung, welche zum letzten Ziel hinführt? und wieweit ist es ihr ge-
lungen, in dieser Richtung bereits fortzuschreiten?» Zeiterkenntnis
und Menschheitserkenntnis werden Humboldt aber zur Selbsterkennt-
nis des einzelnen. In diesem Zusammenfallen der drei methodischen
Möglichkeiten und Sachbereiche liegt die monumentale und doku-
mentarische Zeugungskraft dieses Aufsatzes für den klassisch-roman-
tischen Geist um 1800 und für seine Situationsgebundenheit: «Nicht
bloß der einzelne Mensch in seinem Privatleben, auch die ganze
Menschheit in ihrem weiten und verwickelten Lauf muß von Zeit
zu Zeit süllstehen und sich orientieren. Das erste und notwendige
Geschäft für alle, die sich zu hohen Standpunkten zu erheben fähig
sind, ist daher, ihr Zeitalter zugleich vollständig und genau, beson-
ders aber in Vergleichung und im Zusammenhang mit den vorher-
gehenden zu studieren; das zweite, für jeden einzelnen insbesondere
den Platz aufzusuchen, auf welchem er in seinem Zeitalter steht.
Das einzige Mittel, diesem Endzweck näherzukommen, und die erste
Hand an einen so weit umfassenden Plan zu legen, ist ein Versuch
einer Charakterisierung des Zeitalters, in welchem man lebt.»
Daß Humboldts große Abhandlung mit ihrer zwischen Geschichte,
Philosophie, Charakterkunde, Anthropologie und Sprachwissenschaft
den Weg suchenden Methode, mit dem aus ihr ertönenden Glocken-
werke der Zeitwende bis heute nicht als eine Bekundung erster
Ordnung gilt, wenn sich die Aufgabe stellt, den geistigen Angelpunkt
des Vielumstrittenen zu gewinnen, liegt an den Unbilligkeiten, die
manchmal aus der Macht des Gedruckten hervorgehen. Daß es neben
dem Gedruckten (das immer eine mannigfach bedingte Auslese dar-
stellt) ein nicht für die Öffentlichkeit zugerichtetes Sichausdrücken
des persönlichen und zeitmäßigen Geistes gibt - diese Erkenntnis
des Historikers und Philologen -, vermag den verfestigten Eindruck
längst veröffentlichter Schriften nicht immer zu überwinden. So kam
es, daß Humboldts «Ästhetische Versuche über Hermann und Do-
rothea» von 1799 ein Jahrhundert lang dem, der nach der Einord-

25
EINORDNUNG DER PERSÖNLICHKEIT HUMBOLDTS

nung des Mannes in die Geistesgeschichte um 1800 fragte, allein


entgegentraten. Zwar erkennt auch diese Arbeit als ihre Aufgabe,
beizutragen zur «Charakteristik des menschlichen Gemütes» nach
seinen Anlagen und seinen geschichtlichen Ausbildungsformen, zwar
ist auch hier der Faden sichtbar, der zu dem großen Humboldtschen
Entwurf einer allgemeinen Menschenkunde hinüberleitet, zu der
auch die Goethesche Dichtung beiträgt. Aber indem diese Abhand-
lung ohne die Kraft, Einfachheit und denkerische Klarheit Winckel-
manns, Herders, Kants, Schillers oder Goethes von allen Seiten die
Fragen umspielt, die die Ästhetik des ausgehenden 18. Jahrhunderts
beschäftigten, blieb sie durchaus im Bereiche einer nach außen ab-
gedichteten und sich selbst genügenden Kunstlehre und das Muster-
stück unserer sogenannten « klassischen Ästhetik ». Es handelt sich
in ihr um die allseitige Behandlung der Fragen nach Natur und
Ideal, nach Antik und Modern, nach dem Gesetze der Stetigkeit, Ein-
heit, GleichgeV\ichtigkeit und Ganzheit, nach den Gattungsbegriffen
von Epos, Tragödie, Idylle. Kein Fingerzeig jedoch auf die Recht-
fertigung, die eine so umschriebene Kunst durch die Notwendigkeit
findet, angesichts der Zusammenbrüche bis dahin gültiger kultureller
Ordnungen die Stützen für die menschliche Zukunft in einer eigenen
Wirklichkeit zu suchen. Für den Ästhetiker Humboldt scheint die
Beziehung, die das Goethesche Gedicht zur Zeitsituation hat, nur im
Stofflichen zu bestehen, in dem «Bilde der Begebenheiten» und
den aus ihm zu ziehenden Lehren. In diesem Zusammenhang wird
allerdings Nachdruck darauf gelegt, wie in «Hermann und Doro-
thea» das Außerordentliche dieser Zeit erscheint und ausgesprochen
wird, zumal wenn man sie mit früheren Zeiten vergleicht. Hum-
boldt umschreibt und erweitert, was Goethe im 5. Buche des Ge-
dichtes im Flusse der Hexameter andeutend und bündig eingefangen
hatte, und bezeugt damit auch unabhängig von dieser Dichtung der
Klassik sein Bewußtsein von der Krise, in die auch er sich hinein-
gezogen fühlte: «Unsere Zeit, heißt es, vergleicht sich den selten-
sten Zeiten; in der heiligen und in der gemeinen Geschichte findet
sich nichts, was ihr ähnlich wäre; wer in diesen Tagen gelebt hat,
hat schon Jahre gelebt; so drängen sich alle Geschichten. Die Ver-

26
HUMBOLDTS MEHRWERTIGKEIT

hältnisse der Gesellschaft sind so umgekehrt, die Stützen, auf denen


eines jeden sicheres Dasein ruhte, so umgestürzt worden, daß ein-
zelne Menschen, mitten in unsern gebildeten und kultivierten Staa-
ten, ganzeScharen ohneHeimat undWohnortherumführen und da-
durch an jene frühesten Zeiten erinnern, wo ganze Nationen durch
Wüsten und Irren herumwanderten. Und wo ist das Ende dieses Un-
heils zu sehen?Man täusche sich nicht mit betrüglicher Hoffnung!»
Führt auch von diesem Punkt der Weg zu der Frage, ob Wilhelm
von Humboldt als Typus der «Klassik» oder der «Romantik» zuzu-
ordnen ist? Diese Frage, die mit Hilfe vorwegnehmender Setzungen
für die Begriffe «Klassik» und «Romantik» zu lösen versucht wurde,
erscheint ebenso in sich verschlungen und reich an Widerhaken wie
die andere auf Grund eines gleichen Verfahrens erhobene: welche
Wesenszüge des «Faustischen» Menschen sich an Humboldt wahr-
nehmen lassen. Daß sich seine Persönlichkeit als Ganzes schwer in
den Maschen eines Begriffsnetzes fängt, liegt an Stoff und Form der
ein solches Netz sprengenden Figur. Humboldt lagert sich breit und
scheinbar geruhsam über das klassisch-romantische Zeitalter. Seine
Erscheinung, im Inbesitz der gesamten Bildung dieser Epoche, ist
nicht in der Zelle des «Ästhetischen» und Literarischen festzuhalten,
sondern gehorcht in großer Form den Anforderungen, die das öffent-
liche und staatliche Leben an den zur Verantwortung Berufenen
stellten. Erfahrener Weltmann und strenger Gelehrter, Mitgenießer
aller Kostbarkeiten des künstlerischen und geistigen Lebens und
planender Ordner der zur Tat hinausdrängenden Ideen, Vertrauter
und Künder zartester Beziehungen von Herzen zu Herzen und vor
der Öffentlichkeit stehender « homme d 'affaires » besten Stils, der
ästhetisch-literarischen Kultur des 18.Jahrhunderts schmiegsam ver-
pflichtet und durch die weitgeöffneten Pforten hindurchgehend, die
zu dem staatspolitischen und sozialen Raume des 19. Jahrhunderts
führen, der umständliche, diplomatisierende Erwäger in seinen Aus-
arbeitungen wissenschaftlicher, ästhetischer, administrativer Art und
doch nicht immer Herr über die Zwiespältigkeiten und Abgründe
seiner friedlosen und spannungsreichen Seele, nur selten ihr Letztes
verratend, - so zeigt auch er, daß es in diesem Zeitalter vieltönige

27
FRÜHROMANTIK UND ZEITKRISE

und mehrseitige Einzelerscheinungen gab, die mit den Ausklam-


merungen aus dem geistig-sittlich-politischen Gesamtvorgang nicht
erfaßt werden, die man der Ordnung und Einprägsamkeit zuliebe
später «Klassik» und «Romantik» nannte. Die Ergriffenheit ange-
sichts der menschlichen Gesamtsituation an jener Zeitenwende und
der deutschen Situation insbesondere, das Ausschauen nach retten-
den Wegen, Heilungen, künftigen Erfüllungen - dies war Humboldt
mit Klassik und Romantik gemeinsam.
Denn auch die Romantik, vor allem die Frühromantik, trug die
Merkmale ihrer Herkunft aus Zeitkrise und Zeitklage an der Stirn.
Ein solcher Leitsatz stellt sich freilich in Widerspruch zu mancher
hergebrachten Meinung. Sagt man nicht, daß «Deutsche Romantik»
lebensfremd, eingesponnen und abseitig, entweder in die Vergangen-
heit flüchtet oder sich dem Lärm des Tages in einen höchstpersön-
lichen und innerlichen Bereich des Dichtens und Denkens ent-
ziehe?War und ist sie nicht Heimstätte und Zuflucht für solche, die
in der verschwiegenen Grotte eines Dunkel-Traumhaften, in dem
kindlichen Spiel mit den bunten Glaskugeln der Erscheinungswelt
oder in dem Gefühle einer geheimen Verbindung mit dem Un-
begreiflichen eine selige Entrückung und Enthobenheit genießen?
Ward sie nicht aus dem politisch und wirtschaftlich aufstrebenden
19. Jahrhundert heraus, als sie vom Schauplatz abtrat, von einem Ur-
teile getroffen, das ihr jede Zukunftsträchtigkeit und Augenoffenheit
absprach? War nicht die Frühromantik in Jena und Berlin um 1800
in einem Literaten- und Ästhete:ntum verhaftet, das in das abgelau-
fene Jahrhundert zurückschaut und weder die dem großen öffent-
lichen Geschehen angehörenden Probleme der Folgezeit noch den
mit der «Jüngeren Romantik» sichtbar werdenden Bodenaufbruch
einer menschlich-mythischen· Urtiefe ahnt? Und wenn schon nicht
geleugnet werden kann, daß die deutsche Romantik, im weitesten
Sinne genommen, aus der Entwicklung der politischen und geschicht-
lichen Vernunft nicht wegzudenken ist - war ihre wie immer be-
schaffene Verbindung mit der Welt der Taten und Ereignisse jener
Zeit nicht ein «Okkasionalismus», das heißt: nur das Aufgreifen
eines Anlasses, um die eigene Subjektivität spielen zu lassen? Es will

28
EINSICHTIGE STIMMEN

scheinen, als müßten liebgewordene Ansichten nach allen diesen


Richtungen überprüft werden, damit man die Frühromantik in
rechtem Zusammenhange mit dem Aufruhr der Epoche sieht, inner-
halb derer die Literatur, die Dichtung, die Philosophie nur ein Zu-
gehöriges, bestenfalls ein Ventil für weit umfassendere, moralisch-
soziale Allgemeinvorgänge des deutschen und europäischen Völker-
daseins bedeuten, wie sie sich aus der Französischen Revolution zu
ergeben schienen. Aber auch sie war letztlich nur ein Symbol, an
welchem in einer den französischen Verhältnissen und dem franzö-
sischen Geist entsprechenden Sonderform eine neue Stellung der die
Menschheit weisenden Gestirne abgelesen werden kann.
So müssen auch die Zusammenhänge der frühromantischen Dich-
tung und Kritik mit dem Zeitgeschehen in den untersten Lagerungen
geschichtlicher Vorgänge gesucht werden. «Romantische» und « un-
romantische » Zeitgenossen und Nachfahren haben das Aufkommen
der Frühromantik, ja die philosophische Entwicklung von Kant bis
Regel in Beziehung zu den weltgeschichtlichen Ereignissen gesetzt.
Schon \Vieland, mit einem scharfen Blick für die innere Gesetz-
mäßigkeit der öffentlichen und staatlichen Vorgänge begabt, die Wir-
kung der Französischen Revolution auf Deutschland mit kluger po-
litischer Einsicht begleitend, schreibt 1801 an seinen Schwiegersohn,
den Kantianer Reinhold, der selber einen Aufsatz verfaßt hatte,
«worin er die philosophische und politische Revolution, spaßhaft
zwar, aber doch ganz durchgeführt, miteinander vergleicht»: «Un-
sere Literatur wie unsere Philosophie hat eine fatale Revolutions-
periode erreicht; diese wird aber, wie die französische, vorübergehen;
das Alte, was gut war, wird bleiben, und manches Neue, das auch
gut ist, wird aus den Trümmern, die der dermalen wütende und
grassierende liber spiritus auf allen Seiten aufhäuft, hervorgehen,
das ohne diese Revolution nicht erschienen wäre. Aber es wird eines
philosophischen und literarischen Bonaparte bedürfen, und wollte
der Himmel, daß diese so bald und unverhofft unter uns auftreten
möchten als der militärisch-politische unter den Gallofranken! »Schon
1793 hatte übrigens Wieland in seinen «Betrachtungen über die ge-
genwärtige Lage des Vaterlandes» sich dahin ausgesprochen, daß die

29
EINSICHTIGE STIMMEN

Kultur und Ausbildung der Menschheit, die seit dreihundert Jahren


in dem größeren Teile von Europa von einer Stufe zur anderen em-
porgestiegen sei, endlich unvermerkt eine beinahe gänzliche Umän-
derung der alten Vorstellungsarten, Meinungen und Gesinnungen
hervorgebracht habe; «eine Art von allgemeiner intellektueller und
moralischer Revolution, deren natürliche Folgen mit Gewalt auf-
halten zu wollen, vergeblich ... wäre». Schon er erblickt also in dem
geistig-literarischen Zustand Deutschlands und Europas am Ende des
Jahrhunderts das Ergebnis einer tieferliegenden allgemeinen Ent-
wicklung, innerhalb deren die Französische Revolution ihm nur ein
nach außen wirkendes explosives Ereignis ist. Solche Auffassung ist
auch bei der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts verschiedentlich an-
zutreffen. Gervinus, der erste Geschichtsschreiber der deutschen
Dichtung nach ihrem die Ganzheit des nationalen Lebens berühren-
den Zuge, war ein genügend politischer Mensch, um sich einen sol-
chen wirklichen oder vermeintlichen Parallelismus des literarischen
und des öffentlichen Lebens nicht entgehen zu lassen. Weit entfernt
von der in neuerer Zeit aufgestellten Behauptung, er habe die Ro-
mantik insgesamt als « gegenwartsunfroh » gekennzeichnet, war er
zwar der Meinung, daß die staatlichen Zustände am Ende des 18. Jahr-
hunderts die Deutschen einer politischen Teilnahme entfremdeten
und sie vor den Gefahren einer politischen Revolution sicherstellten;
aber es findet sich bei ihm der Satz, daß «die neuerwachte Philosophie
eine moralische Gärung in Deutschland hervorzubringen» schien,
«die der politischen im Nachbarland die Waage halten könnte».
Dilthey hat 1870 eine weltgeschichtliche Fügung darin gesehen, daß
sich der Idealismus in der Krisis des Vaterlandes erproben sollte. Er
stellte- übrigens war ihm mit dieser Formulierung Friedrich Schlegel
vorangegangen - die tiefgreifende Verschiedenheit zwischen dieser
Generation und der vorangegangenen im Hinblick auf eine politische
Haltung fest und prägte die treffsicheren Worte: «Der reformatori-
sehe Zug in ihr verwies sie auf das handelnde Leben.» Haym schrieb
um die gleiche Zeit, daß die «Romantische Schule» sich «in mehr
als einer Beziehung . . . der großen politischen Umwälzung ver-
gleicht, die sich ungefähr gleichzeitig in Frankreich vollzog. Auch

50
FRÜHROMANTIK UND ZEITGESCHEHEN

die Deutschen hatten ihre Revolution. Die Geschichte der romanti-


schen Schule ist die Geschichte einer Literaturrevolution, die eben-
sowohl als solche gemeint war, wie sie als solche gewirkt hat». Frei-
lich hat gegenüber solchen aus dem Historismus des 19.Jahrhunderts
kommenden Stimmen eine philosophisch-ästhetizistische Auffassung
danach die Frühromantik wieder aus der Verknüpfung mit dem Zeit-
geschehen gelöst und in einen rein geistigen Raum verwiesen. Ver-
einzelte Stimmen, die sich gegen eine solche Vereinseitigung des ge-
schichtlichen Blickes erhoben, drangen nicht durch. Scharf setzte sich
die Frühromantik gegen jede eigentlich politische Haltung ab, und
Friedrich Schlegels Worte, die Französische Revolution, Fichtes Wis-
senschaftslehre und Goethes Wilhelm Meister seien die größten Ten-
denzen des Jahrhunderts oder, man könne die Französische Revolu-
tion als das größte und merkwürdigste Phänomen der Staaten-
geschichte betrachten, wurden in ihrer politischen Bedeutung ebenso
bewertet, «wie zahlreiche andere Sympathiekundgebungen deut-
scher Bürger, die in der sichern Ruhe des Polizeistaats die Ereignisse
auf sich wirken ließen und grobe Realisierung abstrakter Ideen, die
sich in Frankreich abspielte, wieder in die Region des Idealischen
zurückführten». Ja, man ging so weit, die Frühromantik «eine ver-
spätete Blume in der abendlichen Windstille des ancien regime » zu
heißen. Sie hätte in die untergehende Sonne gesehen und geglaubt,
es wäre Morgen. Sie wäre nicht gesonnen gewesen, in der handgreif-
lichen Realität, die ihr das in den letzten Zügen liegende Deutsche
Reich zu bieten vermochte, ihren Wohnsitz aufzuschlagen.
Wiederum und gerade hier geht es um die letzten und allgemein-
sten Lebenszusammenhänge, aus denen schließlich eine « literari-
sche» Bewegung heraufsteigt. Es handelt sich also nicht darum, daß
die «Romantik» seit dem Beginne des neuen Jahrhunderts nun für
Jahrzehnte in Deutschland den politischen, nationalen, gesellschaft-
lichen Geist bestimmte und auf dem Gebiete der Wissenschaften für
die Bekundungen volkstums- und geschichtsbedingter Art das Ver-
stehen eröffnete; nicht um die vielen Auswirkungen eines neuen
Geistes in allen Bereichen auch des nach außen gewandten Lebens
handelt es sich, das man mit einer so oder so zu umschreibenden «Ro-

31
WESENSBEDINGUNGEN DER FRÜHROMANTIK

mantik » in Verbindung bringt. Es handelt sich weder um die Inhalte


noch um die Methoden des politischen Denkens der «Romantik»,
nicht um die Stellung von rechts oder links zu den staatlich-politi-
schen Begebenheiten und Zuständen. Auch nicht bloß um die schwer-
wiegende und folgenreiche Auseinandersetzung des deutschen Geistes
mit der Französischen Revolution oder um die noch niemals geprüfte
Möglichkeit, daß die gesamte «Deutsche Bewegung» mit ihrer Auf-
gipfelung in der Romantik eine aus dem deutschen Geiste und den
Lagerungen des Lebens in Deutschland kommende Sonderrevolution
ist, die durch eine geschichtliche Fügung parallel zu den Vorgängen
in Frankreich ablief, so, daß gewisse Querverbindungen nicht aus-
bleiben konnten und den Blicken späterer Historiker sich dies Neben-
einander in ein Gegeneinander verwandelte. Es handelt sich über-
haupt nicht um Substanzen und deren Wandlungen, nicht um Ab-
läufe, sondern um Anstöße, um bodentiefe Erschütterungen gesamt-
heitlieber Art, ohne die die Romantik, genauer die «Frühromantik»,
im Ganzen ihres geschichtlichen Werdens und in ihrer geschichtlichen
Gestalt wie in ihren individuellen Erscheinungsträgern nicht mög-
lich wäre. Eben die spätere, über die Jenaer oder die Berliner Ver-
gesellschaftung hinausführende Entwicklung der einzelnen Früh-
romantiker vermag den Blick auf ihre in der gesamten Zeitkrise zu
suchenden Wesensbedingungen hinzulenken.
Da erscheint zunächst die Gestalt Friedrich Schlegels und läßt in
solchen, denen die Geschichte und die Eigenform deutschen Gei-
stes Herzensangelegenheiten und Wunderdinge sind, neben allem
Staunen vor der die Zeit überragenden Einmaligkeit dieses Mannes,
eine ganze chromatische Tonfolge ihn angehenderVerdammnisse,Miß-
verständnisse, Betroffenheiten wach werden. Er, der vermeintlich
Wandlungsreiche, hat es weder den Mitlebenden noch den Nachfah-
ren leicht gemacht, Einheit und Folgerichtigkeit seines Wesens zu er-
kennen, noch den Historikern, dieses Wesen bei seinen Ursprüngen
zu fassen. Zu allen Ärgernissen, zu denen er als Schriftsteller wie als
Mensch Anlaß gab infolge seiner Unbekümmertheit um die Wirkung
seiner schriftstellerischen und persönlichen Kundgebungen, trat die
Formel, die im Jahre 1828 sein Bruder Wilhelm, der ihn doch kennen

32
«POLITISCHE» GRUNDLEGUNG DER FRÜHROMANTIK

mußte, denen an die Hand gegeben hatte, die eine leichte und glatte
Lösung für die scheinbaren Rätsel seines Wesens finden wollten: «Die
Bahn seines Geistes war von jeher mehr als kometenhaft. » Grund
genug, daß das Feld, das dieser Geist umschrieb, zum Tummelplatz
schier unbegrenzter Möglichkeiten einer abgezogenen und spekula-
tiven Denkspielerei Späterer wurde. Allmählich aber deuten sich nun
die früheren Unbegreiflichkeiten und scheinbaren Sprünge und
Brüche seiner Entwicklung in geordnete, notwendige, ja gesetz-
mäßige Verläufe und Zusammenhänge um. So geschieht es mit seiner
Philosophie, so mit der religiösen Entfaltung des im Jahre 1808 zum
Katholizismus Übergetretenen. Man kann sein Leben und Schaffen
nicht mehr in zwei Hälften auseinanderfallen lassen, in deren erste
der kühne, geistvolle, freidenkende, intellektuell und moralisch
fessellose Friedrich Schlegel unter tönenden Fanfaren eingewiesen
wird, während die zweite Hälfte dem zahmen, sich und seine Ver-
gangenheit verleugnenden, sich selber blendenden, geistig und kör-
perlich eingedickten Popularschriftsteller, dem Rückwärtsgewand-
ten, dem kirchlichen und politischen Reaktionär, dem man jede Ehr-
lichkeit abspricht, vorbehalten bleibt. Dabei war es schon immer zwei-
felhaft, mit welchem Jahre man den Umschwung anzusetzen hätte:
ob mit 1800, 1802, 1806 oder 1808. Die sinnerfüllte Einheit seines Le-
bens und Denkens von seinerJugendbis zu seinem allzu frühen Tode
(1829) kann nun erst gesucht und gefunden werden. AuchPhilosophie
und Religion sind bei ihm nur die abhängigen Wertbereiche, über
denen der seine Zeit mit ihren Notwendigkeiten und Forderungen
in sich hinein- und aus sich herauserlebende, ganze Friedrich Schle-
gel steht. Und der Mystagoge der deutschen Romantik verwandelt
sich in den um die Schäden eben dieser Zeit in Staat, Gesellschaft,
Literatur wie kein zweiter wissenden und ihr helfen wollenden
Sendling.
Von Friedrich wie von August Wilhelm Schlegel und von der ge-
samten Frühromantik gilt, daß sie der Summe der inneren Bildung,
die das abgelaufene Jahrhundert aufgehäuft hatte, eine nach außen
wirkende Form zu verleihen suchten, in der Gedanke, Poesie und
Religion sittliche Mächte wurden. So gesehen, erhält ihre ·wirksam-

5 Schultz, Klassik und Romantik, Bd.II 33


GEMEINSAMER WILLE

keit eine in gewissem Sinne «politische» Grundlegung. Hatte die


Philosophie Kants und Fichtes die Welt aus dem Bewußtsein zu er-
klären unternommen und sich damit auf sich selbst gestellt, hatte die
Dichtung ebenfalls ihr Genügen in dem ihr zugehörigen Reiche des
Schönen und der dort möglichen Vollendung gefunden, so fehlte nun-
mehr die Brücke zwischen zwei Ufern: dem Leben des Handeins und
Leidens,. der menschlichen, gesellschaftlichen, staatlichen und volk-
lichen Wirklichkeit auf der einen Seite und der Zone des Reingeisti-
gen und Künstlerischen auf der anderen. Hier setzte der gemeinsame
Wille von Klassik und Romantik an. Unter dieser Voraussetzung war
ihr Unterschied weder der eines anderen Ausgangspunktes noch
eines anderen Zieles, noch schließlich eines anderen Inhaltes, sondern
der einer anderen Atmosphäre und Temperatur, eines anderen
Rhythmus und einer anderen Gebärde. Klassik und Frühromantik
fanden in der Mitte der neunziger Jahre dieselben geistigen, künst-
lerischen und gesellschaftlichen Notwendigkeiten vor: sie mußten
in Philosophie, Dichtung, Gesellschaftslehre und Kritik auf dem
gleichen Grunde bauen, dem nämlich, der bis in ihre Zeit hinein,
zumal seit der Geniezeit, durch die Entwicklung auf diesen Feldern
gelegt worden war. Aber die Zeitkrise traf in ihnen auf zwei ver-
schiedene Generationen, und aus den Verschiedenheiten des Ge-
nerationserlebnisses bestimmten sich Form und Haltung, die die eine
wie die andere literarische Macht nunmehr einnahm. Klärende und
befreiende Lösungen, feste Stellung zu Mittelpunkten, übersicht-
licher Stufenbau ergeben sich, sobald man Friedrich Schlegel auf dem
Wege folgt, den er in seinen 1812 in Wien gehaltenen, 1815 zuerst
gedruckten Vorlesungen über die «Geschichte der alten und neuen
Literatur» weist- hier, wo er als breitepischer und räsonnierender
Historiker zum erstenmal die Literatur und Dichtung als den Aus-
druck des nationalen und politischen Lebens der Völker erfaßt und
darstellt. Diese 1815 gedruckten, für die Ausgabe seiner Werke von
1822 überarbeiteten Ausführungen sollten von jeder Betrachtung der
klassisch-romantischen Zeit in ihr goldenes Buch eingetragen wer-
den; sie sollten eine Magna Charta klassisch-romantischer Literatur-
geschichte bilden. Friedrich Schlegel ist hier der erste, der mit dem

34
KÄMPFERISCHE HALTUNG

Begriffe der Generation arbeitet; denn «den allgemeinen Charakter


dieser verschiedenen Generationen in der neuen deutschen Literatur
sich deutlich vor Augen zu stellen, das ist das sicherste Mittel, manche
sonst störenden ..Widersprüche zu lösen und manche streitenden Mei-
nungen in Übereinstimmung zu bringen».Der Aufstieg der deutschen
Literatur neuerer Zeit beruht für ihn auf drei Generationen: die
dritte, deren Entwicklung und Bildung in die letzten achtziger oder
in die neunzigerJahre fällt, ist die, der er selbst angehört. Die äußeren
Begebenheiten und der herrschende Zeitgeist hätten hier auf die
deutsche Literatur einen sehr merklichen und entscheidenden Ein-
fluß gehabt. Und «sollte ich», sagte er, «diese Epoche im allgemeinen
mit einem Worte bezeichnen, ohne daß ich fürchten müßte, mißver-
standen zu werden, so würde ich sie die revolutionäre nennen, wenn
es anders erlaubt ist, ein solches Wort in einem zwar gültigen, aber doch
etwas eigenen und von dem ungewöhnlichen abweichenden Sinn zu
nehmen ... Ich nehme jene Bezeichnung ... in dem Sinne, wie man
treffend gesagt hat, Burke habe ein revolutionäres Buch gegen die
Revolution geschrieben. Dies ist so zu verstehen, daß er darum die
Erschütterungen des Zeitalters mit so hinreißender Beredsamkeit ge-
schildert hat, weil er die Gefahr ganz kannte und die Größe des be-
vorstehenden Kampfes, und ergriffen davon, selbst in einen Zustand
des Kampfs und der inneren Erschütterung geriet. Dieser Zustand des
äußern nicht blc!fJ, sondern auch vielmehr des inneren Kampfs ist, was
ich als das Unterscheidende und Charakteristische der Dichter und
Schriftsteller dieser Generation betrachte». Und Friedrich Schlegel, der
sich früher kaum hatte genug tun können, über Schillers vermeint-
liche bürgerliche Unkunst den Stab zu brechen, nennt ihn hier als den
Dichter, der für die Kampfhaltung dieser dritten Generation das spre-
chendste Beispielliefere: «Wir sehen Schillern in seinen ersten leiden-
schaftlichen Jugendwerken durchgehends in dem gewaltsamstell Zu-
stand eines solchen innern Kampfs; wir sehen ihn sogar erfüllt von je-
nen schwärmerischen Hoffnungen, von jener kühnen Opposition gegen
alles Bestehende, welche der Revolution vorangingen ... Welche ge-
waltsamen Übergänge sehen wir später in Schillers reifer Laufbahn;
welchen steten Kampf mit sich und der Welt, mit der Philosophie des

3. 55
EINFÜGUNG SCHILLERS

Zeitalters und mit seiner eigenen Kunst! Rastlos in sich und unruhig
umhergeschleudert, sehen wir ihn aber auch hier und da von der
äußern großen Erschütterung des Zeitalters ganz ergriffen und sie mit-
empfindend.» Die gängige Literaturgeschichte pflegt Friedrich Schle-
gel unter dem Bilde des zügellosen und ästhetisch versessenen Schiller-
gegners zu sehen. Hatte er, als er sich 1812 so anders über Schiller ver-
nehmen ließ, aus Nützlichkeitserwägungen einen kläglichen Rückzug
angetreten? Friedrich Schlegels Angriffe gegen Schiller in der Zeit des
«Athenäums» und in der« vorathenäischen »Zeit sind bestimmt durch
zeitliche und örtliche Nähe, durch ehrgeizige Rivalität auf seiner Seite,
durch persönliche Einflüsse Carolinens und Reichardts, durch jugend-
lich- draufgängerischesAusspielen einer Größe gegen eine andere (Goe-
thes gegen Schiller), durch abweichende Haltung gegenüber Kant,
durch Friedrich Schlegels eigene philosophische, ästhetisch-ethische
«Progressivität »,durch geschmackliche Ablehnung der Eigenschaften
des lyrischen, epischen und didaktischen Dichters und seines Stils, end-
lich durch den Gegensatz einer liberti'nistischen Entwicklungsphase
bei ihm gegen die vermeintliche starre Bürgerlichkeit Schillers. Sie
fallen vornehmlich in die Jahre, in denen der Dramatiker Schiller für
die Öffentlichkeit verstummt war. Und nimmt man noch hinzu, was
vom Boden begrifflicher Setzungen über das Verhältnis «der» Roman-
tik oder Frühromantik zu Schiller gesagt worden ist, so hält man ein
Knäuel sehr durcheinandergewirrter Fäden in der Hand, die man auf-
lösen und nebeneinanderlegen kann, die sich aber schwerlich wieder
zu Bündeln von reiner und einheitlicher Beschaffenheit zusammen-
fügen lassen; d. h.: es wird sich nicht leicht ein Genügen und eine
Grenze finden lassen bei dem Versuche, hier eine klare, deutlich fest-
zuhaltende und einfache Sicht zu gewinnen, sei es in bezug auf die
Gegensätze zwischen Schiller und der Romantik, sei es in bezug auf
Annäherungen und Gemeinsamkeiten. Es sei denn, es würde auch hier
das reiche Farbenspiel in harte Schwarz-Weiß-Zeichnung verwandelt.
Es scheint manches für die geistige Grundstruktur des Mannes gewon-
nen, der so häufig und mit Recht für die Frühromantik als stellver-
tretend eingesetzt wird, wenn auch hinsichtlich der vielberedeten
Schillerfrage das Zufällige, Private, das atmosphärisch Bedingte, das

56
MITSTREITER GEGEN DEN «ZEITGEIST»

rechthabenwollende intellektuelle Spiel ausgesondert wird aus der in


sich ruhenden Wirklichkeit von Friedrich Schlegels Wesen, das letzt-
lich keiner Änderung, sondern nur einer Entfaltung unterworfen war.
Zugegeben, daß die Kurve des Verhältnisses der Brüder Schlegel zu
Schiller - auch in der späteren gerechten Würdigung Schillers, ja in
dem Rühmen des dramatischen Spätwerks und der Gesamtpersönlich-
keit des zu früh Geschiedenen ist Friedrich mit seinem Bruder August
Wilhelm, dem Verfasser der «Vorlesungen über dramatische Literatur
und Kunst», einig- nicht ganz ohne eine Verlagerung der Waagschale
Goethes verläuft, so liegen doch auch hier wieder die Gründe tiefer
als in geschmacklichen und persönlichen Rückempfindungen. Es be-
stätigt sich auch hier das Wort von Gervinus, daß je nach der geringe-
ren oder stärkeren äußeren Bewegtheit der Zeit der eine oder andere
der beiden Dichter Geist und Gemüt derer einnehmen werde, die sich
für das deutsche Gesamtschicksal verantwortlich fühlen. Die Gegen-
wirkung gegen den «Zeitgeist» aber, den die jung- und spätroman-
tische Epoche aufbrachte, führte mit Notwendigkeit auf Schiller -wie
er war oder wie er schon damals erschien. Nun wurde er in den kampf-
geladenen Atemraum der Generation hineingenommen, der die wei-
terentwickelte Frühromantik sich zugehörig fühlte. Nun wird hinweg-
gesehen über die Widersprüche und Sprünge in seinem Wesen, Denken
und Schaffen, die früher für Friedrich Schlegel, nachdem bei ihm eine
erste jugendliche Periode der Verehrung Schillers vorüber war, die An-
satzpunkte der Kritik hergegeben hatten. Auch strebte die spätere Ro-
mantik ganz allgemein von der Verwirklichung des eigentlich Künst-
lerischen (trotz Künstlerdrama und Künstlerroman) hinweg. Darum
war nun von geringerem Belang die Tatsache, daß der Künstler Schil-
ler auf Friedrich Schlegel niemals Eindruck gemacht hatte. Aber liegt
nicht schon die mit so manchen bösartigen Spitzen ausgestattete und
für das persönliche Verhältnis Schlegel-Schiller so verhängnisvolle Re-
zension des Musenalmanachs für 1796 auf dem Wege einer aufs Ganze
gehenden Anerkennung von Schillers Persönlichkeit und Wirkung?
Kaum lassen sich weitsichtigere Worte für ihn finden als die, die hier,
zu wenig beachtet, nebenher einfließen: «Schillers Unvollendung ent-
springt zum Teil aus der Unendlichkeit seines Ziels. Es ist ihm un-

57
FRIEDRICH SCHLEGEL ALS REPRÄSENTANT

möglich, sich selbst zu beschränken und unverrückt einem end-


lichen Ziele zu nähern. Mit einer, ich möchte fast sagen, erhabenen
Unmäßigkeit, drängt sich sein rastlos kämpfender Geist immer vor-
wärts. Er kann nie vollenden, aber er ist auch in seinen Abweichungen
groß.»
So erscheint es an der Zeit, die Persönlichkeit und Entwicklung
Friedrich Schlegels und damit ein Hauptstück deutscher Romantik von
rückwärts aufzubauen, statt daß man sich beinahe ausschließlich an
das Sprossende und Treibende einer in ihrer Art verhältnismäßig kur-
zen frühen Zeit wendet. Denn daß die Gedankenwelt des jungen
Friedrich Schlegel bereits ein philosophisches System biete, das es nur
ans Licht zu stellen gilt, ist eine Auffassung, die dem idealistischen
Willen zur Ergründung des frühromantischen Protagonisten alle Ehre
macht, aber vor der Ganzheit des seine Züge tragenden Geschichts-
bildes nicht standhält. Von dem Erreichten, von dem vollzogenen und
weithin für die Öffentlichkeit wirksamen Durchbruch aus wird Fried-
rich Schlegels Erscheinung erst rund, durchsichtig und in der ihr als
Erbteil der Zeit überkommenen Sendung faßbar. Erst als ihm im
ersten Jahrzehnt des 19.Jahrhunderts infolge der politischen und ge-
sellschaftlichen Erschütterung die unlösliche Verflechtung unter allen
geistig-geschichtlichen Ausstrahlungen und Einrichtungen Deutsch-
lands aufgegangen war, erst als die Rückkehr zu den alten tragenden
Haltungen und Kräften in Staat, Gesellschaft, Religion und Dichtung
ihm als das Gebot der Stunde und der Zukunft erschien, begriff er
seine und seiner Generation eigentümliche, ja weltgeschichtliche Stel-
lung amAusgange des 18.Jahrhunderts ganz- jenes Jahrhunderts, das
am meisten und bis zuletzt dazu beigetragen hatte, die alten Säulen
umzulegen, auf denen Deutschland geruht, aber zugleich die stärksten
Waffen geschmiedet hatte, um noch zuletzt diesem Umsturz zu be-
gegnen. Diese Mächte- es waren die einer organisch- bodenständigen,
national bedingten, fortschritt- und großstadtfeindlichen, konservativ-
monarchistischen, feudalistischen und christlich-germanischen Gesin-
nung, die auf die Auslese der nach Herkunft und Befähigung Besten
und Wertvollsten gerichtet war. Sie stand ihm nunmehr über jedem
bloßen «Geist». Der Spruch «Adels Sitte», den mit anderen seines-

58
SEINE WENDUNG ZUM KONSERVATISMUS

gleichen schon Rostorfs (Karl von Hardenbergs) « Dichtergarten » von


1807, den dann die Sammlung seiner Gedichte von 1809 enthält, faßt
solche Gesinnung in monumental-inschrifthafter Form zusammen:

Mit dem Schwerte sei dem Feind gewehrt,


Mit dem Pflug der Erde Frucht gemehrt,
Frei im Walde grüne seine Lust,
Schlichte Ehre wohn' in treuer Brust,
Das Geschwätz der Städte soll er flieh'n,
Ohne Not von seinem Herd nicht zieh'n,
So gedeiht sein wachsendes Geschlecht;
Das ist Adels alte Sitt' und Recht.

Es ist ein Vorgang von eigentümlicher Fügung und Schicksalsträch-


tigkeit, daß dieser Spruch mit textlichen Änderungen, wie sie sich bei
mündlichem Umlauf einstellen, in den Kreisen der preußischen Kon-
servativen und des protestantischen Landadels «volkstümlich» wurde.
Erschien er sogar als Schloßinschrift, so entsprach das ganz der epi-
grammatischen Haltung, in der er entworfen war. Sein Verfasser war
längst vergessen oder in jenen Kreisen niemals bekanntgeworden, je-
denfalls wird seiner als Urheber dieser Verse nicht mehr gedacht. Ge-
wiß hätte der Name des Autors der «Lucinde »,des zum Katholizismus
übergetretenen, ehemaligen romantischen Strudelkopfes und Bilder-
stürmers in sittlichen Dingen, desselben, der die Österreichische Wen-
dung der deutschen Romantik vornehmlich hatte heraufführen helfen
und die rechte Hand Metternichs geworden war, schwerlich dazu bei-
getragen, die Verbreitung dieser Verse zu fördern. Schönstes Beispiel
aber, daß bei den großen Gedankenbildungen, die aus den Völkern
aufwachsen oder, von außen an sie herangebracht, in ihnen verar-
beitet werden, die Substanz und der Wert einer Gesinnung über alles
Peinlich-Persönliche oder Private triumphieren und im läuternden
Feuer echten Wollens für Volk und Vaterland wirkliche oder
liehe Flecken und peinliche Erdenreste des einstmals Rufenden in der
Wüste ausgetilgt werden! So ging es mit Friedrich Schlegel und die-
sem Spruch: diese Zeilen wurden zum gesammelten, gleichsam ge-
meißelten Ausdruck der feudalkonservativen, preußischen Gesinnung

59
SCHLEGELS SYSTEM EINER NATIONALEN ETHIK

des 19.Jahrhunderts. Sie drückten auch das Bekenntnis der «ganzen


adlig-patrimonialen Richtung der Thadden und Bismarck stolz be-
zeichnend» aus. Man könnte sie, meint Erich Marcks (ohne Friedrich
Schlegels zu gedenken), über Bismarcks Jahre als Landedelmann, in
gewissem Sinne über sein ganzes Leben schreiben.
Der Spruch «Adels Sitte» wird in Friedrich Schlegels Gedichten um-
rahmt von anderen «Sittensprüchen» ähnlichen Inhaltes, wie «An-
dacht», «Geistes Licht» ,«Treue»,« Deutschland», «Gesinnung des
Königs», «Frauentugend», «Deutscher Sinn», «Würde der Dicht-
kunst», «Das Alte und das Neue», «Liebes Leben», «Das Ewige».
Sie enthalten den Extrakt des Staats-, Lebens- und Sittlichkeitsideals,
zu dem ihr Dichter schließlich gelangte, und das «System einer na-
tionalen Ethik»: Unterordnung des Wissens unter den Glauben, Bin-
dung des Geistes und der Wissenschaft an die Macht des - religiösen -
Gefühls, Verehrung der stillen Wahrheitskraft des Herzens, das in sich
die Welt der Liebe stets neu erschafft, Ehre, Demut, sich selbst be-
zwingende Strenge, Hoffnung auf den Aufstieg der deutschen Nation,
der König als Behüter des Rechts und der alten Satzung, die Frau nur
dem Würdigsten sich gebend, den Gatten :und die Söhne dem Vaterland
zuführend, Aufgeschlossenheit des deutschen Geistes für alles,
Was in Kunst und Wissenschaft
Fremder Himmel hohes schafft.
Eines aber bringt diesem deutschen Sinne Verderben:
Wenn ihn fremde Sitte zwingt;
Eins empöret sein Gifühl:
Fremder Rechte loses Spiel;
Ewig bleiben die uns fern,
Ehr' und Frezheit unserm Stern.
Doch Wie steht inmitten dieser festgeschlossenen Überzeugungen
die Dichtkunst? Weit und doch folgerecht, weil aus einem Grund-
gesetze der Persönlichkeit kommend und dazu eingebettet in das
große Zeitgeschehen, ist der vVeg Friedrich Schlegels von dem geist-
sprühenden, scheinbar um alles Neue flackernd bemühten Geschmäck-
lertum seiner Jugend bis zu dem Sinnspruch:

40
DAS ALTE UND DAS NEUE

Weil so schnöde sich zum Spott gemacht


Jene Weisheit, die ihr selbst erdacht,
So vergtlj]t der hohlen Worte Schwall,
Nehmt zu Herzen alter Lieder Schall;
Was verworren ward im trüben Streit,
Wird zur lindenKlarheithier erneut.
Aus der Dichtkunst Wogen friedlich mild
Steiget sanft empor des Himmels Bild.
Jetzt gilt in der Poesie nur das Einfache, Sinnige, Friedenstiftende,
das, was die Grundfesten stark und schlicht zu stützen vermag, das
Alte und Liedhafte, und es scheint, als wäre die gesamte neuere Kunst-
poesie für ihn versunken. Was ist ihm überhaupt der Unterschied von
Alt und Neu («Das Alte und das Neue»)? Alt und Neu fließen zusam-
men in dem ewigen Sein dessen, was stark und gefühlsmäßig ist:
Immer neu wächst die Gewalt,
Und quillt dennoch ewig alt.
Nicht, daß die alte Zeit eben die alte und daß sie Zeit war, sondern
daß sie war und, einmal gewesen, ist, daß sie in einer bleibenden
Wesenheit für den Menschen erfaßt wird, erscheint ihm wichtig. Un-
vergänglich wie die Zeit ist ihm auch das Wesen der Liebe, weil auch
sie das durchgehende Element der Zeugung und Weiterwirkung in der
Geschlechterkette ist. Auch die Liebe trägt die Kennzeichen des Ewi-
gen, nämlich der inneren Wahrheit, und daß diese Wahrheit uner-
schütterlich ist, weil sie von Gott stammt, dieser Glaube ist die Wirkung
des religiösen Zentralfeuers, aus dem dies ganze System einer mensch-
lichen, sittlichen, politischen Verhaltenslehre Kraft, Wärme und Licht
bekommt. Es ist letztlich aus dem Boden der Organismus- und Volks-
geistlehre entstanden, aber dazu an den mittelalterlichen «Ürdo» ange-
lehnt. Diese schließliehe Welt- und Lebensansicht Friedrich Schlegels
konnteTöne aufbringen, die Herz und Mut der Zeitgenossen kriegerisch
zu stärken geeignet waren, Lieder, die der Lyrik der Befreiungskriege
vorauseilen. Da war nicht nur, wie in dieser, auf den Motivschatz und
die Sprachgewalt von Bibel und Kirchenlied zurückgegriffen: das 1809
von der Zensur beanstandete Gedicht «Gelübde» mit dem Schluß:

41
«ZEITALTER» UND «ZEITGEIST»

So spotte jeder der Gifahr,


Die Freiheit ruft uns allen;
So wills das Recht und es bleibt wahr,
Wie auch die Lose fallen.
Ja, sinken wir der Vbermacht,
So woll'n wir doch zur Todesnacht
Glorreich hinüber wallen.

Dies vielberufene Kampflied ist - wer will es aus dem Ganzen über-
hören? - mit gewissen Tönen der volkstümlichen Markigkeit von
Huttens Trutzgesang «Ich habs gewagt» von 1521 verpflichtet, der
1802 in Friedrich David Gräters «Bragur» abgedruckt war. Oder
Schlegels Dichtung gab in Versen, was sich in Schrift und Rede bei
ihm von jeher zu Worte gemeldet hatte: Zeit-, Gesellschafts- und
Literaturkritik. Nun aber war das nicht mehr Sache geistreicher Skep-
sis, witziger Zuspitzung, tiefsinniger Spekulation; er erscheint jetzt,
den Fichte, Arndt, Görres zur Seite tretend, als der strafende, war-
nende, prophezeiende oder hoffende Bußprediger. Mag es der Dich-
tung gelten, wie in dem schon dem Jahre 1807 zugehörigen Gedichte
«An die Dichter» oder «Unserer Zeit» (1820), aus der ihm die Feuer-
zeichen des beginnenden Umsturzes schreckhaft entgegenleuchteten -
es ist, nachdem er durch diese Jahre eines «Stirb und Werde» im
ersten Dezennium des neuen Jahrhunderts, seit der Auflösung der
Frühromantik, hindurchgegangen war, im Grunde überall die gleiche
Haltung, aufgeteilt auf einen negativen und einen positiven Pol. Der
negative - er wirkt in der Bekämpfung des «Zeitgeistes». Das Wort
«Zeitgeist» hat nun über Fichte undArndt bei der jüngeren und spä-
teren Romantik seinen von Hause aus neutralen Sinn verloren und
eine stets und entschieden abschätzige Bedeutung angenommen. Übri-
gens wird Friedrich Schlegel die schöne und wegweisende Unterschei-
dung von «Zeitalter» und «Zeitgeist» verdankt. Er trug sie in den
«Heidelbergischen Jahrbüchern der Literatur» 1808 bei Gelegenheit
der Fichteschen «Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters» vor. «Das
Zeitalter», so heißt es da, «ist in einem gewissen Sinne von Gott und
man sollte nicht anders als mit Achtung davon reden ... Der Zeit-

42
HALTUNG DER ROMANTISCHEN SPÄTZEIT

geist aber ist, größtenteils wenigstens, Menschenwerk, kann sogar ge-


leitet werden von der Willkür herrschender Naturen, oder wird als
Resultat allgemeiner Schwäche und Torheit zum Spiel der Mode.»
Wie nahe tritt diese Unterscheidung dem berühmten Worte Rankes,
daß jedes Zeitalter «unmittelbar zu Gott» sei! Welche tiefe Verehrung
des Organisch-Gesetzlichen ist in diesem Glauben an die Göttlichkeit
eines jeden Zeitalters enthalten! In dem «Zeitgeist» spürt man jedoch
für dies Geschlecht die unheilvollen Wirkungen der alle organischen
Verhältnisse aufhebenden französischen Revolution.
In dieser Auseinandersetzung mit den immer noch wirkenden Mäch-
ten und Ideen der Revolution sind in der Tat die geistigen und sitt-
lichen Begriffe Deutschlands im tiefsten umgestaltet oder wiederge-
boren worden. Friedrich Schlegels Kassandrarufe tönen von 1809 bis
zu seinem Tode 1829 als sich gleichbleibende Melodie. Es ist Unter-
gangsstimmung in manchen Sätzen der 1810 zu Wien gehaltenen
«Vorlesungen über die neuere Geschichte»: «Wie wenn», so heißt es
in den Schlußvorlesungen, die dem 18.Jahrhundert gewidmet sind,
«trübe Wolken plötzlich den heitern Himmel verdunkeln, oder wie
bei der drohenden Stille vor dem Ungewitter, so erfüllt sich die Brust
mit ängstlicher Erwartung, wenn wir sehen, wie die alten Bande im-
mer mehr sich lösen, und unter dem täuschenden Scheine von einer
neuen Bildung und Freiheit, von Schonung und Frieden, im Innern
etwas Furchtbares sich vorbereitet, alle Begebenheiten in unsichtbarer
Verkettung immer mehr sich einem großen, gefahrvollen und unver-
meidlichen Verhängnisse entgegendrängen, welches unaufhaltsam
alles in seinem Schwunge mit sich fortreißt.Wenn auch einzelne große
Menschen oder Taten uns mit einem Gefühle der Bewunderung erfül-
len, wenn jenes dem Menschengeschlechte herannahende Verhängnis
selbst uns mit erhabenem Staunen erfüllt; so ist es doch mehr nur
eine Belebung des Mutes zum schweren Kampfe, ein starkes Gefühl
von dem, was Pflicht, was die große Bestimmung eines verhängnis-
vollen Zeitalters ist, als reine ungetrübte Freude.» Solche Sätze sind,
auch abgesehen von ihrer zeitkritischen Schärfe, aufschlußreich für
die Gesamthaltung der romantischen Spätzeit, die Friedrich Schlegel
von allem Anfang an am folgerechtesten vorbereitet hat. Und dies ist

45
ZEIT DER ERNTE

die positive Seite seiner Stellung: Ihm wie allen jenen Männern, die
auf dem Gebiete der Geschichte, der Rechts- und Sozialwissenschaft,
der Politik, der Literatur, der Religion, Religionsphilosophie und Reli-
gionswissenschaft, der Philologie und Sprachwissenschaft, der National-
ökonomie in den ersten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts den
Zeitgeist zu bekämpfen suchten, indem sie ihm mit völlig entgegen-
gesetzten Ansichten und Forderungen gegenübertraten -ihm war dies
Zeitalter ein Ganzes und lag in der inneren Einheit und Verflochten-
heit seiner Äußerungen und Kennzeichen vor seinen Augen. Für den
Historiker bestand und besteht die Berechtigung, es mitsamt der Na-
poleonischen Ära und über sie hinaus als «Zeitalter der Revolution»
zu bezeichnen, wie es wohl zuerst Niebuhr in seinen 1829 gehaltenen,
1845 gedruckten Vorlesungen tat. Wenn man sich dabei von 'der inne-
ren Geschichte des deutschen Geistes aus nur immer bewußt bleibt,
daß der Französischen Revolution und ihren äußeren Folgen in
Deutschland die geschichtliche Aufgabe zufiel, eigentlich deutsche Ge-
dankenbildungen, Wertrichtungen und Lebensgefühle heraufzufüh-
ren, die die jüngere und Spätromantik und die durch sie bezeichneten
Entwicklungsstadien ihrer bedeutenden Träger zu der Epoche der
eigentlichen Ernte machen; sie ging hervor aus den Saaten, die durch
Hochklassik und Frühromantik am Ende des 18. Jahrhunderts ausge-
streut waren. Aber damals war die Aussicht noch verhängt. Man spürte
bereits Unheil und Niedergang, doch die Gegenwirkung gab sich noch
zu wenig unmittelbar und suchte zunächst Ansätze, die sich aus dem
enger umschlossenen Bereich der Literatur und Dichtung herschrie-
ben.Auch die Entwicklung der Klassik lag auf diesem Wege, wenn man
an Goethe als ihren übriggebliebenen repräsentativen Vertreter denkt.
Schon wurde darauf hingedeutet, daß sein « Pandynamismus », seine
Ehrfurcht vor den heiligen Urmächten von Natur und Leben, seine
Fähigkeit letzter Einsicht in die die menschliche Gesellschaft zusam-
menhaltenden moralischen Kräfte, seine Forderung der Unterordnung
des Individuums unter die großen Gesetzlichkeiten überpersönlicher
Art, ja überhaupt der Pyramidenbau seines Geistes nicht denkbar
sind als ein Erzeugnis nur der Selbstbildung, entstanden gleichsam
in einem luftleeren Raume, ohne die Erfahrungen und Erkenntnisse

44
EINORDNUNG DER PERSÖNLICHKEIT

von seiten der Epoche, die die europäische Menschheit auf so harte
Proben stellte.
Unterordnung, stillschweigende oder programmatisch erfüllte, des
Individuums unter die großen Gesetzlichkeiten - das ist, unbeschadet
mancher Abwandlungen im einzelnen, das Gesamtbild der Regungen,
in deren Zeichen Spätklassik und Spätromantik stehen. Damit geben
sie sich selber die Erfüllung eines frühen, vielfach überdeckt gewe-
senen Wollens. Wo immer man in diese Jahrzehnte vom Aufgang des
neuen Jahrhunderts bis zu Friedrich Schlegels Tode hineinschaut, be-
gegnet man dem gleichen allgemeinen Bestreben, den «objektiven
Geist» individueller Willkür zu entziehen. Jetzt erst entfaltet sich in
den bedeutenden wissenschaftlichen oder halbwissenschaftliehen Lei-
stungen der Organismusgedanke im einzelnen und eigentlichen.Jetzt
erst wird im Zusammenhang mit ihm das Bewußtsein wahrhaft hi7
storisiert - auch in Goethe. Ein unvergleichlicher Vorgang diese nun
in Deutschland aufkommende geschichtliche Weltanschauung mit ihrer
Verteilung in die feinsten Rinnsale, mit der neuen Ansiedlung, die sie
dem nun sich selbst recht begreifenden Einzelmenschen in Zeiten,
Räumen, Völkern, Staaten, Systemen gab - beinahe ein Vorgang, der
nur dem Werden einer neuen Erdperiode verglichen werden kann,
aber vieldeutiger, geheimnisvoller, schwerer enträtseibar und fast als
ein Wunder immer wieder Geist und Sinne der Nachfolgenden auf sich
ziehend. Daß die schweren Zeiten, die man durchgemacht hatte, der
Zusammenbruch Europas und Deutschlands und die Neuordnung so-
wohl für diese Historisierung des Bewußtseins wie für die Überwin-
dung eines humanistischen Ideals des Aufsiehgestelltseins von zwin-
gender Gewalt waren - niemand wird es ableugnen, niemand aber
darf gerade diese Umstände als bekannt und problemleer beiseite legen
wollen. Die großen Institutionen der menschlichen Gesellschaft waren
in dieser geschichtlichen Periode mit den Sinnen und nicht schmerzlos
erlebt worden. Sie waren im Dasein eines jeden irgendwie hart spür-
bar geworden. Sie schwebten nicht mehr bloß im Begriffe vor dem
inneren Auge des Menschen. Sie waren betasdich geworden in der Be-
gegnung eines jeden Menschen mit seinem Mitmenschen. Ihre über-
individuelle Funktion wurde nicht zu einem abgezogenen Allgemein-

45
DER ARCHIMEDISCHE PUNKT

begriff, sondern sinnlich greifbar. Wer in diesen Bildungen staatlicher,


wissenschaftlicher, wirtschaftlicher, genossenschaftlicher Art oder in
ihrer Erkenntnis stand, bedurfte nicht mehr eines archimedischen
Punktes außerhalb der Erde, wie ihn die Kantische Vernunftkritik,
Ethik oder Religionsphilosophie dem kurz vorangegangenen Geschlecht
geliefert hatte. «Die mit dem Sollen anfangen und endigen, haben
den Punkt außer der Erde gefunden, aber die Erde selbst verloren»,
sagt Schleiermacher gegen die Kantianer. Adam Müller, der für die
hier in Rede stehenden Zusammenhänge als ein vermittelnder, zu-
sammenschauender und fordernder Geist in immer helleres Licht
rückt, trotz den Schatten, die auf den Menschen fallen können, Adam
Müller meint am Beginn der zweiten Vorlesung über die «Elemente
der Staatskunst» (1809), seine Zeitgenossen müßten sehr oft zurück-
kehren ZU den berühmten vVorten des' Arehirnedes: «Gib mir eine
Stelle außerhalb der Erde, so will ich die Erde aus ihren Angeln he-
ben», fügt aber hinzu: «Nicht leicht läßt sich irgendein falsches Be-
streben im Leben, im Staate, in der Wissenschaft denken, das nicht
durch die erhabene Paradoxie jenes großen Wortes bestätigt wÜrde.»
Die unmittelbarste Anwendung aber findet die Widersinnigkeit dieses
Satzes nach ihm auf die Ereignisse und Ideen, unter deren Eindruck
das Zeitalter noch immer stand. Er will erkennen, daß alle unglück-
lichen Irrtümer der Französischen Revolution in dem Wahne überein-
stimmen, der einzelne könne wirklich heraustreten aus der gesell-
schaftlichen Verbindung und von außen umwerfen und zerstören, was
ihm nicht anstehe; der einzelne könne gegen das Werk der Jahrtau-
sende protestieren; er brauche von allen Einrichtungen, die er vor-
findet, nichts anzuerkennen; «kurz, es sei wirklich eine Stelle außer-
halb des Staates da, auf die sich jeder hinbegeben und wo er dem gro-
ßen Staatskörper neue Bahnen vorzeichnen ... könne». Zwischen
einem archimedischen Punkt, den er bei Kant suchte, und einem an-
deren, den Umsturz und Neugeburt aus der Französischen Revolution
heraus herzugeben oder zu stützen schienen, sah sich der «romantische
Charakter» auf der Suche nach dem ihm gemäßen Standort und nach
einer Möglichkeit des Zugreifens, ohne das eine oder das andere zu
finden. Grillparzer hat aus dem sicheren Neste einer Genugsamkeit

46
DER «OBJEKTIVE GEIST»

und eines Sichbescheidens, die sich gegen eine romantische Unersätt-


lichkeit des Strebens richteten, in den Versen von 1825 auf Zacharias
Werners Tod hierfür halb selbstgerecht-mitleidige, halb überlegen-
verstehende Worte gefunden:

Dem Gleichgewicht entrückt durch eignes Schwanken,


Durchliifst du jeden Punkt des großen Hebels
Und suchtest nur den Ort, um fest zu stehn:
Umsonst! die Ruhe stellt sich ein, sobald man ruhig!
Im Sinnenrausch, im Rausch des innern Sinns
Ward er von dir gesucht und nicht gifunden -
Des geist'gen Archimed c56q flot :n:ov m:w,
Der heut und gestern immer gleiche Punkt,
Der ew'ge Mittelpunkt. Schlaf wohl, duArmer,
Nun hast du ihn!

Die jüngere und die Spätromantik konnte das Streben nach diesem
archimedischen Punkt hin auf sich beruhen lassen. Doch die Früh-
romantik wurde an diesem Streben erkannt, das, indem es auf diesen
Punkt zielte, ins Unendliche traf. Der Reichtum und die Vielfalt der
geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit- das hatte die bewegte
Zeit gelehrt- waren mit dünnfädigen begrifflichen Netzen nicht ein-
zufangen, wie sie sich boten, solange der von idealistischer Philosophie
und frühromantischer (oder der Romantik verwandter) Spekulation
umgebene geistige Mensch nur im Reiche der Gedanken und Ideen
auf den Weg seiner Bestimmung geführt zu werden hoffte. Es war et-
was anderes und etwas, was dem Gange und der Entwicklung der Zeit
im tiefsten entsprach, wenn Hegel den «objektiven Geist» als die Ver-
nunft im menschlichen Gattungsleben erkennt und alle Bildungen
menschlicher Lebensgemeinschaft, wie sie sich geschichtlich verwirk-
licht haben, mit Hilfe einer umfassenden großartigen Systematisie-
rung als den Inbegriff des Gedankenstoffes der menschlichen Ge-
schichte erfaßt, wobei dem Staat als lebendig gewordener Gattungs-
vernunft die höchste Funktion zukommt. Die Historisierung des Be-
wußtseins, die Gewichtsverlagerung vom Individuum auf die über

47
DAS WENDEJAHR 1806

ihm und vor ihm vorhandenen Gemeinschaftsbildungen, die Gegen-


standslosigkeit der Scheidung zwischen Ich und Außenwelt- diese drei
Züge kennzeichnen die Regelsehe Geschichts-, Rechts- und Staats-
philosophie als die Kodifikation der romantischen Spätzeit. Die neue
Stufe, die die romantische Bewegung in Deutschland erreichte, war -
wenn es auch hier eines genauen Datums für das menschliche Ge-
dächtnis bedarf, das den Fluß der Zeiten gebändigt und gegliedert in
sich aufnehmen möchte -im Jahre 1806 nach allen Seiten sichtbar.
Aber sie hatte sich schon einige Jahre früher, seit der Jahrhundert-
wende, immer deutlicher abgezeichnet. Was war vorgegangen? Deut-
lich zeigt sich nun, daß die ehemaligenFrühromantiker, der engeKreis
in Jena und Berlin, soweit sie nicht in der Wissenschaft und Religion
wirksam wurden, soweit sie sich auf das engere Gebiet von Dichtung
und literarischer Kritik oder auf das allgemeinere der Weltanschauung
zurückzogen, sich selber als eine Durchgangserscheinung betrachteten.
Sie hatten ihre, ebenfalls zeitbedingte, Notwendigkeit und Berech-
tigung gehabt. Auf ihrem weiteren Wege aber lag nun- im schneiden-
den Widerspruch zu den Anforderungen, die die gewaltig aufgewühlte
und aufwühlende Epoche an die äußere und innere Lage der Deut-
schen stellte - nur noch das Sichvergnügen an der eigenen, einmal
gefundenen Melodie oder der lockende Abgrund, der das eigene Ich
zu umfangen bestimmt war. Es lag auf diesem Wege das immer wei-
ter getriebene formalistische und doch zugleich in die Tiefe deuten
sollende «Spiel», nicht im streng begrifflichen Schillerschen, sondern
in einem lockeren arabeskenhaften Sinne, die Entleerung der Seins-
gehalte selbst bei Verwendung der Stilmittel, die sich aus sinnlicher
Erfahrung entwickelt hatten, wie der Farben und Klänge, das Dünner-
und Längerwerden der einmal angesponnenen Fäden, das Sichver-
lieren in ein undurchdringliches Dickicht von Gedankengängen, in
denen die durch die philosophische Bewegung geschulte begriffliche
Fähigkeit sich Selbstzweck geworden war. Bestenfalls bleibt manchen
aus der vagen Musik eines ins Elementare weisenden Dynamismus nur
ein Schmerz und' Freude lösender Ausweg in die vorausgesetzte Auf-
nahmebereitschaft der göttlichen Gnade und der katholischen Reli-
gion. Gewiß, gerade die jungromantische Dichtung - von den großen

48
DER WEG DER ROMANTISCHEN DICHTUNG

Einsamen und Einzelgängern wie Kleist und Hölderlin soll dabei nicht
die Rede sein - zeigt so oft das Süßlockende, zur seelischen Heimat
und Einkehr Leitende, welches aller Dichtung eigen ist, die aus einer
inneren Notwendigkeit im Gegensatz zu der Welt der Zwecke, der
Handlungen, der Ereignisse, der rohen Erschütterungen entstanden
ist. Doch die soeben angedeuteten Symptome finden sich auch bei sol-
chen, der weiteren romantischen Entwicklung zugehörigen Dichter-
naturen, die daneben durch andere Wertbekundungen entschädigen:
durch die sprachlichen Versinnlichungen, wie sie eine originale und
schöpferische Begabung bietet, durch ein Erschüttertsein im Erlebnis
der eigenen unaussprechlichen Seele, durch das Sagen des Abgrün-
digen, durch die kindlich-gläubige Hingabe an alle Schlichtheit des
zum eigenen inneren Besitz gewordenen Volksmäßigen und Altertüm-
lichen, durch eine mannhafte und blickoffene Anteilnahme an den
politischen Angelegenheiten ihrer Tage. Für den einen und anderen
dieser Züge stellen sich die Beispiele mit Brentano, Arnim, Eichendorff,
den Schwaben, Fouque, Chamisso, E. T. A. Hoffmann ein. Aber dies
alles, weil nie bestritten, zugegeben, führt der Weg der eigentlichen
Dichtung und der ihr zugeordneten «Literatur» in der jung- und
spätromantischen Zeit abwärts und abseits, nicht nur in die bieder-
meierische Herberge der Almanache und Taschenbücher, nicht nur in
die Regionen der sogenannten Pseudoromantik und Afterromantik,
sondern in eine «stille» Selbstgenügsamkeit des Dichterischen und
Literarischen, in einen Bezirk, in dem Dichtung und Literatur ihre
Kräfte und Formen in einem eigenständigen Prozeß aus den ihnen
überkommenen Möglichkeiten der klassisch- romantischen Epoche
weiterentwickelten, ausschmolzen, verflüchtigten.
Gegen diesen schon sichtbaren oder vorauszusehenden Abstieg der
Poesie in die nach außen abgedichtete Grotte einer Zwiesprache mit
sich selber richteten sich um die Mitte des ersten Jahrzehnts im
19. Jahrhundert die Mahn- und Scheltrufe derer, denen die literari-
sche Entfesselung einer spezifischen «Romantik» verdankt wird, der
Brüder Schlegel. August Wilhelm Schlegel schreibt in dem berühmten,
in seine «Sämtlichen Werke» aufgenommenen Brief an seinen jungen
Freund Fouque vom 12.März 1806, in diesem Pronunciamento aus

4o Schultz, Klassik und Romantik, Bd.II 49


AUGUST WILHELM SCHLEGELS MEINUNG

einer Zeit, da das einstige Haupt der Frühromantik seinem öffent-


lichen Hervortreten in literarisch-kritischenDingen bereits die Form
literardiplomatischer Noten gab: «Unsere Zeit krankt ... an Schlaff-
heit, Unbestimmtheit, Gleichgültigkeit, Zerstückelung des Lebens in
kleinliche Zerstreuungen und an Unfähigkeit zu großen Bedürfnissen,
an einem allgemeinen Mit-dem-Strom-Schwimmen , in welche Sümpfe
des Elends und der Schande er auch hinuntertreiben mag. Wir be-
dürften also einer durchaus nicht träumerischen, sondern wachen, un-
mittelbaren, energischen und besonders einer patriotischen Poesie.
Dies ist eine gewaltsame, hartprüfende, entweder aus langem unsäg-
lichem Unglück eine neue Gestalt der Dinge hervorzurufen oder auch
die ganze europäische Bildung unter einem einförmigen Joch zu ver-
nichten bestimmte Zeit. Vielleicht sollte, solange unsere nationale
Selbständigkeit, ja die Fortdauer des deutschen Namens so dringend
bedroht sind, die Poesie bei uns ganz der Beredsamkeit weichen ... »
Und dem Schlußaufruf der 1808 zu Wien gehaltenen «Vorlesungen
über dramatische Literatur und Kunst», die einen europäischen Wider-
hall und eine europäische Wirkung um so mehr fanden und finden
sollten, je mehr sie aus einer vaterländisch zutiefst erregten Situation
entstanden sind, arbeitet er hier vor, wenn er fragt: «Wer wird uns
Epochen der deutschen Geschichte, wo gleiche Gefahren uns drohten,
und durch Biedersinn und Heldenmut überwunden wurden, in einer
Reihe Schauspiele, wie die historischen von Shakespeare, allgemein
verständlich und für die Bühne aufführbar darstellen? Tieck hatte
ehemals diesen Plan mit dem Dreißigjährigen Kriege, hat ihn aber
leider nicht ausgeführt. Viele andere Zeiträume, z. B. die Regierungen
Heinrich des Vierten, der Hohenstaufen usw. würden ebenso reich-
haltigen Stoff darbieten. Warum unternimmst Du nicht dies und etwas
Ähnliches?» Wie sehr hat dieser Ansporn über die durch Friedrich
von Raumers Werk (1823/25) befruchtete Hohenstaufendramatik und
das sonstige historische Drama des 19. Jahrhunderts bis auf unsere
Tage gewirkt! Auch August Wilhelm Schlegels Besprechung des 1807
erschienenen « Dichtergartens » von Rastorf verfolgt den Zweck, die
neuen, durch die Zeit aufgegebenen Forderungen an die Poesie anzu-
melden. Man liest dort, daß seit einigen Jahren die Dichtung in

50
SEINE FoRDERUNG AN DIE PoESIE

Deutschland den kühnsten und VerlorenstenAhnungen nachgegangen,


daß oft mehr eine ätherische Melodie der Gefühle leise. angeschlagen
worden sei, als daß man sie in ihrer ganzen Kraft und Gediegenheit
ausgeführt hätte. Die Sprache - und hier schaut der Kritiker auf sich
selbst und seine eigenen Verdienste zurück - habe man zu entfesseln
gesucht, dadurch, daß man die künstlichsten Gedichtformen und Sil-
benmaße aus anderen Sprachen einführte oder daß man neue ersann.
Die Poesie habe sich vornehmlich in den zarten, oft auch eigensinnigen
Spielen eines phantastischen Witzes erschöpft. Man könnte meinen,
August Wilhelm Schlegel habe nun die Geister los zu werden gesucht,
die er kaum zehn Jahre früher mit der Verkündigung der Poesie Lud-
wig Tiecks im «Athenäum» gerufen hatte. Aber diese Dichtungen,
diese «luftigeren Gebilde der Phantasie» waren in der Athenäums-
zeit ebenso ein zeitbedingtes Bedürfnis gewesen, weil ein notwendiges
Korrektiv der platten Natürlichkeit, die in den Unterhaltungsromanen
Lafontaines und anderer herrschte, wie es jetzt eine Forderung der
Stunde war, den Einfluß dieser feinfädigen Poesie zurückzudrängen.
«Andere Umstände schaffen andere Bedürfnisse: denn der Sinn der
Menschen wechselt, wie Homer sagt, mit den Tagen, welche die wal-
tende Gottheit heraufführt.»
Durch diesen Satz August Wilhelm Schlegels von 1808 fällt ein
plötzliches. und rücksichtslos erhellendes Licht auf die Stellung der
Frühromantik zur «Zeit». Nicht ihr zu dienen und ihr sich anzu-
passen war ihre Aufgabe, nicht die Ausmessung eines geistig-seelischen
Raumes abseits und über den Ausstrahlungen der «Zeit» war ihr
Wille, sondern die Stärkung der Kräfte, die geeignet waren, einem
unfruchtbaren und zukunftsleeren Zeit- und Modegeist der Mehrheit
- wie sie ihn sah - einen Gegenpart zu bieten. So beschaffen waren
die Folgerungen, die die Romantik jeweils aus der «Zeit» zu ziehen
vermochte, so beschaffen ihr «Verhältnis» zu der Zeit. Jetzt, meint der
einstige Führer der Frühromantik, würde in der Poesie jenes luftige
Streben, «das wohl der Erschlaffung dumpfer Behaglichkeit mit Glück
entgegenarbeiten mochte», nicht mehr angebracht sein. Nur eine
Poesie sei noch am Platze: die «in ungekünstelten Weisen ans Herz
greift, und, ihrer selbst vergessen, Gegenständen huldigt, um welche

.p 51
NICHTIGKEIT BISHERIGER BILDUNG

Liebe und Verehrung eine unsichtbare Gemeinschaft aller edler Men-


schen versammelt». Und nun wird Bezug genommen auf jene Ge-
dichte des Bruders, die der « Dichtergarten » enthält, auf jene Sprüche,
auf jenen Mahnruf «An die Dichter», der mit der warnenden und
strafenden Zeile beginnt: «Buhlt länger nicht mit eitlem Wort-
geklinge! » Im gleichen Jahrgang 1808 der « Heidelbergischen Jahr-
bücher », deren kultur-, Iiteratur- und wissenschaftspolitische Haltung
sich in den Zusammenhang neuer, aus der Zeit geborener Notwendig-
keiten und Absichten fügte, schrieb dieser Bruder über Fichte, über
des Graferi Friedrich Leopold Stolberg «Geschichte der Religion Jesu
Christi», über Büschings und von der Hagens Sammlung deutscher
Volkslieder, über die neue, bei Cotta erschienene Ausgabe von Goethes
Werken, über Adam Müllers «Vorlesungen über deutsche Wissenschaft
und Literatur». Alles das beruht auf einem weiträumigen Zusammen-
hang und einer entwicklungsgeschichtlich und umweltbedingten Ver-
strickung. Es kommt alles aus einem mit Absicht wählenden, verwer-
fenden, bekennenden und rühmenden Bewußtsein davon, daß der
öffentliche, literarische, wissenschaftliche und religiöse Geist in Deutsch-
land durch die Mittel einer hochausgebildeten, überlegenen, auf die
entscheidenden Punkte hindrängenden, von innen nachgestaltenden
Kritik in eine neue Richtung gelenkt werden müsse, wie «die Zeit»
es befiehlt. Es ist ein neuer Anlauf mit anderem Inhalt und anderen
Absichten, aber mit der gleichen zeitbestimmten Dynamik wie in der
Athenäumszeit. Es ist jene betonte «Reaktion gegen die bisherige Bil-
dung, über deren Richtigkeit die Weltbegebenheiten die furchtbarsten
Aufschlüsse gegeben haben» -wie August Wilhelm Schlegel an Schel-
ling so bedeutsam und programmatisch am 19.August 1809 schreibt.
Namentlich Friedrich Schlegels Anzeige der Vorträge von Adam Müller
kennzeichnet sich nicht nur als Vorspiel der oben herangezogenen
Schlußabschnitte wie der Grundabsicht, die in der «Geschichte der
alten und neuen Literatur» herrscht, sondern als· das Programm sei-
ner gesamten späteren Geisteshaltung. Es ist bezeichnend, wenn er
schon hier - im Gegensatz zu dem wie immer beschaffenen Einfluß,
der auf Deutschland von der Französischen Revolution ausging- fragt:
«Sollte die große deutsche Revolution, die jetzt begonnen, nicht noch

52
DIE GROSSE DEUTSCHE REVOLUTION

ganz anders wirken müssen?» Es ist grundsätzlich, wenn auch mit


geänderten Vorzeichen, nun der gleiche Ansatz wie in seiner Jugend,
wenn es heißt: «Es muß von jetzt an eine neue Epoche der deutschen
Literatur beginnen; nicht stürmisch und in chaotischem Kampf, son-
dern in ernster Würde, kraftvoll durchgreifend, und aus dem alten
Traum endlich erwacht ... In den tüchtigern und strengern Lebens-
verhältnissen wird die müßige Vielschreiberei und Spielerei zum Teil
aufhören, oder doch minder werden, aber auch in dem Geiste des
Ganzen muß eine wesentliche Reform vorgehen.» Beseitigt werden
muß «eine bloß ästhetische Ansicht der Dinge». Die ästhetische An-
sicht sei zwar in dem Geiste des Menschen wesentlich begründet.Aber
ausschließend und allein herrschend werde sie «spielende Träumerei».
«Diese ästhetische Träumerei», so heißt es,« dieser unmännliche pan-
theistische Schwindel, diese Formenspielerei müssen aufhören; sie
sind der großen Zeit unwürdig und nicht mehr angemessen. Die Er-
kenntnis der Kunst und das Gefühl der Natur werden uns wohl blei-
ben, solange wir Deutsche sind; aber die Kraft und der Ernst der
Wahrheit, die feste Rücksicht auf Gott und auf unsern Beruf muß die
erste Stelle behaupten, und wieder in seine alten Rechte eintreten, wie
es dem deutschen Charakter gemäß ist.» Und dann: Fort mit dem
Namen und Begriff der «Neuen Schule» (eine Bezeichnung, unter der
in diesem Jahrzehnt die Frühromantik, die später sogenannte « Ro-
mantische Schule» verstanden wurde). Das ist- und die Wiener Vor-
lesungen sechs Jahre später schlagen hier wieder in die gleiche Kerbe -
nur eine Erfindung gleich bequem für den Gebrauch bei den Nach-
ahmern wie nützlich für die Gegner, um «die Verschiedenheit der
originellen Kräfte, durch deren gleichzeitiges Zusammenwirken jener
fruchtbare Moment entstanden war, auf einen Schlag zu vernichten,
und die heterogenstell Geister ... wie in einem Bündelleicht zusam-
menzufassen».

Was die romantische Epoche als ganz eigentümliche und einmalige


Bekundung unseres Geistes war und noch ist, was sie an Kraft, Ge-
ladenheit, Fülle, Weite, Mitte, an Substanz und Form in ständig sich
fortpflanzender und immer mehr erkennbarer Wirkung nicht nur für

53
NEUWERTUNG DER GESAMTROMANTIK

die Literatur zu vergeben hat - alles dies wird durch die an diesem
Punkte zu findenden und herausgeforderten Entscheidungen getrof-
fen. Diese Entscheidungen beruhen auf der Frage, ob eine spätere Ro-
mantik in schwer zu überbrückendem Gegensatz zur «Frühroman-
tik» steht, derart, daß die «literarische» Romantik von Jena und Berlin
am Ende des 18.Jahrhunderts eine Auseinandersetzung mit diesem
Jahrhundert gewesen wäre, die spätere (also «Hochromantik» und
«Spätromantik»- doch !llan gliedere nicht zu haarfein!) aufkommen-
des 19. Jahrhundert in einem vorläuferhaften, zukunftweisenden
Sinne; auf der Frage, ob die ältere Romantik vornehmlich «ästhetisch»,
die jüngere in weiter Beziehung religiös gerichtet war; ob sich inner-
halb der Romantik eine Entwicklung von schroffstem Individualismus
zum Gemeinschaftsempfinden feststellen läßt, ja geradezu eine «Um-
kehr», derart, daß der auf die Spitze getriebene Individualismus von
seinen eigenen Vertretern als zerstörerisch empfunden worden sei -
wohin neben anderen die angeführten Äußerungen der Brüder Schle-
gel deuten könnten. Oder waren von allem Anfang an in der roman-
tischen Bewegung höchste Wertung der Persönlichkeit und der Zug
zur Gemeinschaft eng miteinander verbunden, so daß von einer Ent-
wicklung nur insofern die Rede sein kann, als die Gemeinschafts-
tendenz späterhin stärker, allgemeiner und nach außen sichtbarer be-
tont wurde und die Institutionen und Gemeinbindungen zu neuen
Individualitäten wurden? Denn dies hätte entsprochen jenem der ro-
mantischen Bewegung zugeschriebenen Streben nach «Synthese»,
d. h. scheinbare Gegensätze zu umfassen und in einer höheren Einheit
aufzuheben. Solchen und anderen Fragen, denen ein Entweder-Oder
zugrunde liegt, muß eine Neuwertung der deutschen Romantik ant-
worten. Sie fühlt sich auf ihrem Wege beflügelt durch die Tatsache,
daß sich allmählich die Wertakzente für die «Romantik», wenn nicht
allein auf die Epoche seit dem Anbruch des neuen Jahrhunderts bis
in sein drittes Jahrzehnt, so doch auf die gesamte Zeitspanne vom
Beginne der neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts verlegen. Dabei
bleiben die noch zu erörternde Dehnbarkeit und Mehrdeutigkeit des
Begriffes «Romantik», seine vielfach schwankende Verwendung m
dieser Epoche und seine Vorgeschichte immer vorausgesetzt.

54
PoLITISCHE HALTUNG DER FRÜHROMANTIK

Die spätere Ausbildungsform der Deutschen Romantik und ihre


dem gesamten öffentlichen Geschehen zugewandte Haltung wäre nicht
möglich gewesen, wenn sie sich nicht in der Entwicklungsgeschichte
ihrer einzelnen Träger schon in der Frühzeit vorbereitet hätte. Kaum
ist einer von den « Frühromantikern » schon durch seine ersten Le-
bensschicksale in so nahe Berührung mit den politischen Vorgängen
gebracht worden wie der gebürtige Hannoveraner und englische Un-
tertan August Wilhelm Schlegel; kaum einer von ihnen so früh und
laut als Gegner der Französischen Revolution aufgetreten wie er. Um
dieJahrhundertwende ist auch er unter demEindrucke der Bedrohung
und Auflösung Deutschlands und in einer zwangsläufigen Weiterbil-
dung seines kultur- und bildungspolitischen Denkens von der Forde-
rung der geistigen Erneuerung zu der einer nationalstaatliehen Wie-
deraufrichtung Deutschlands weitergeschritten. Seine Berliner «Vor-
lesungen über schöne Literatur und Kunst» ( 1801/04), seine im Som-
mer 1803 gehaltenen Vorlesungen über «Enzyklopädie» deuten diesen
Weg an manchen Stellen an. Schon ist ihm am Anfange des Jahrhun-
derts die Voraussetzung für eine neue politische Größe eine gewan-
delte Verfassungsform. Das drücken die Vorlesungen über «Enzyklo-
pädie» so aus: «So unrühmlich die Rolle ist, welche die Deutschen
jetzt in den Welthändeln gespielt haben, so ist dennoch schwerlich zu
kühn, von ihnen die Rettung Europas zu hoffen. Dazu muß freilich
die Nation selbst zuvor wieder auferstehen, und dies kann, da die alte
Verfassung, dem Geiste der Zeit nicht mehr angemessen, zerfallen
mußte, zuvörderst nur durch die Anhäufung großer politischer Massen
vorbereitet werden.» Die Verbindung mit Frau von Stael, die Bekämp-
fung Napoleons, die geistige Gemeinschaft mit dem Bruder haben diese
Entwicklung, mit der von August Wilhelm Schlegel die Literatur und
Wissenschaft in das Gefüge des nationaldeutschen und des euro-
päischen Gesamtlebens einbezogen wurden, zu Ende geführt. Über-
prüft man seine Stellung an der Hand einer vollständigen Sammlung
von Zeugnissen, so erscheint er, das kritische Oberhaupt der Früh-
romantik, der noch am ehesten den Anschein des ausschließlich Li-
teratenhaft-Ästhetischen haben könnte, schon in seiner Jugend (und
wie sehr erst während seiner im politisch-diplomatischenDien st ver-

55
DEUTSCHTUM DER FRÜHROMANTIK

brachten Spätzeit) als Ausgeburt einer vom Gesamtschicksal Deutsch-


lands durchwalteten Lage - wie alle seine Genossen, deren aufsehen-
erregende Wirkung und Stoßkraft als Gruppe eben deswegen so stark
waren, weil man hinter ihrem Auftreten den Willen zu einer Umge-
staltung Deutschlands in Richtung aller seiner Lebensäußerungen
spürte.
Bei dem jungen Friedrich Schlegel umspannte der eindrucksvoll-
weite Rahmen, in dem alle seine frühen Studien, Entwürfe, Schriften
und Äußerungen stehen, die gesamte staatlich-politische und gesell-
schaftliche Wirklichkeit des Altertums und der Neuzeit. In diesen Be-
reich führte ihn das ethische Interesse, das, wie schon Haym erkannte,
bei ihm mindestens ebenso ursprünglich war wie das ästhetische. Was
ihn zuerst zur Metaphysik getrieben habe, sei, so sagt er in einem
BriefevomJahre 1792, «das Denken über moralische Gegenstände und
vielleicht auch die Kunst». Auf dem Wege dieses sittlichen Interesses
kam er zur Geschichte und zur Politik. Seine Beschäftigung mit den
Griechen und ihrem Geist ging von allem Anfang auf die «Geschichte
des sittlichen Menschen bei ihnen». Dazu treten seine frühen Pro-
jekte auf eine Geschichte der Nation und des deutschen National-
charakters. In den «Ideen» im dritten Bande des «Athenäums» tau-
chen seine Erkenntnisse vom Wesen des deutschen Geistes wieder auf:
«Der Geist unserer alten Helden deutscher Kunst und Wissenschaft
muß der unsrige bleiben, solange wir Deutsche bleiben. Der deutsche
Künstler hat keinen Charakter oder den eines Albrecht Dürer, Kepler,
Hans Sachs, eines Luther und Jacob Böhme. Rechtlich, treuherzig,
gründlich, genau und tiefsinnig ist dieser Charakter, dabei unschuldig
und etwas ungeschickt. Nur bei den Deutschen ist es eine National-
eigenheit, die Kunst und Wissenschaft bloß um der Kunst und der
Wissenschaft willen göttlich zu verehren. » «Geschichte und Staats-
wissenschaft sind keine unbedeutende Aussicht in dem Entwurf mei-
nes künftigen Lebens», schreibt er 1795. «Seit einigen Monaten ...
ist es meine liebste Erholung geworden, dem mächtigen rätselhaften
Gange der Zeitbegebenheiten zu folgen; und davon fängt sich eine
Denkart in mir zu bilden [an], die es tollkühn wäre, nicht zu ver-
schließen.» Immer beschäftigten ihn schon in der Frühzeit - mit dem

56
EIN DEUTSCHER BURKE

Ausgang vom Griechentum -Begriff und Wesen des Volkes. Die Fran-
zösische Revolution wirft ihn hin und her, erschüttert sein Denken
und Wesen bis ins Letzte, ehe er den festen Standpunkt seiner späteren
Zeit ihr gegenüber zu beziehen vermag. Nicht ein zweiter Winckel-
mann zu werden ist sein höchster Wunsch: ein deutscher Burke möchte
er sein und damit ein rechter «gesellschaftlicher Schriftsteller». «Es
würgt mich lange innerlich, einmal recht was Furioses zu schreiben
etwa so wie Burke », heißt es zu Anfang 1799. Die feierlichen Ter-
zinen zur Jahrhundertwende «An die Deutschen» im dritten Bande
des «Athenäums» ( 1800) verbinden sein frühesUmwerben der deut-
schen Geschichte und der deutschen Geisteskraft mit den wenige Jahre
später festausgebildeten und verkündeten Anschauungen und Forde-
rungen einer auf der Geschichte, der Überlieferung, dem Heldensinne
der Väter und der Gotteserkenntnis gegründeten Deutschheit. Nur
spielt in diese Verse noch eine mystische Naturreligion hinein. Eine
Folgerung aus seiner Geschiehtsansicht in Richtung auf die Gültigkeit
des Katholizismus wird hier noch nicht gezogen. Die Reise nach Paris
im Jahre 1802 mit ihren in der «Europa» 1803 niedergelegten Ein-
drücken von den Denkmälern deutscher Vergangenheit, der Blick nun
von außen auf dies Deutschland - das hat im Bunde mit der Friedrich
Schlegelurbildhaft mitgegebenen geistigen «Progressivität» den end-
gültigenDurchbruch zu der neuen, vaterländisch-religiösen, geschicht-
lich-politischenHaltungseines Geistes zuwege gebracht, nachdem das
Gedicht «Herkules Musagates » (1801) die Summe seines Denkens um
die Kunst, ihren Gehalt, ihre Form, ihre Wirkung, noch einmal vor-
gelegt hatte, vom Persönlichen zum Allgemeinen fortschreitend und
die frühromantische Mission nochmals rechtfertigend ... Wahrlich,
Haym hat recht, wenn er sagt: «Die Überraschung, die wir empfin-
den, wenn wir Schlegel in der zweiten Hälfte seines literarischen
Lebens mit historischen Vorlesungen und politischen Denkschriften
auftreten sehen, mindert sich beträchtlich, wenn wir den Keim zu
diesen ... Bestrebungen schon in seiner allerfrühstell Zeit gewahr
werden.»
Möglich, daß der Einfluß Carolines auf ihn auch in dieser Beziehung
nicht gering angeschlagen werden muß. Sie war eine durch und durch

57
CAROLINE, NOVALIS, SCHLEIERMACHER

«politische» Frau, von leidenschaftlichem Interesse an allen Vorgängen


des großen Welttheaters und an den Rückwirkungen, die sie auf die
Gesellschaft nahmen. Sie war das zumal, nachdem das politisch-revo-
lutionäre Geschehen mit den Ereignissen in Mainz und mit Georg
Forster in ihr Leben eingegriffen hatte. Aber sie hatte diesen Sinn für
die Vorgänge politisch-gesellschaftlicher Art von allem Anfang und be-
währte ihn in der bewegten Zeit bis an ihr Ende. Nicht ihre «Ästhe-
tik» ist so reizvoll wie ihr untrüglicher und durchglühter Blick in die
Zusammenhänge des Zeitgeschehens, wie seine ernsten und graziösen
Spiegelungen, die es in ihrem Geist und an ihrer Stellung inmitten
ihres jeweiligen geselligen Kreises findet.
Das Denken von Novalis und Schleiermacher ist durchtränkt von
dem Blutstrom einer Staats-, Zeit- und Geschichtsanschauung. Viel-
leicht könnte der frühe Tieck - mit und ohne Beziehung zu der
schmelzenden Innigkeit seines vor der Kunst sich neigenden Freundes
Wackemoder - im Rahmen der « Frühromantik» als ein abseitiger
Subjektivist gelten. Schärferes Zusehen läßt ihn jedoch schon damals
als den Dichter und Schriftsteller erkennen, der mit seinen Produk-
tionen die kulturelle Breite seiner Zeit bestreichen möchte; und im-
mer ist in ihm ein Geschichtsbild lebendig, wie sehr er es auch seiner
spielenden Phantasie anpassen mochte. Auch er hat 1800 in enthusia-
stischen und hoffnungsfrohen Terzinen die «Neue Zeit» begrüßt.
Dann aber setzte jene Geistes- und Stilentwicklung bei ihm ein, die
zum scheinbar objektivierenden Realismus, zu der « biedermeieri-
schen » Resignation, zur räsonnierenden Psychologie seiner Spätzeit
führte. «Abwendung von der Romantik»? Jawohl, aber mit dem Be-
ding, daß eine solche Formel keine grobe Aufspaltung von Tiecks We-
sen undWerk bedeutet, deren Ganzheit später hier zu erörtern sein wird.
Es läßt sich also, wenn man der deutschenRomantikden umfassen-
den Inhalt und Sinn gibt, die der Realität und Breite dieser Bewegung
entsprechen, nicht mehr Aufenthalt nehmen in der dünnen Luft der
Abgezogenheiten und in dem verstaubten Raume des Papierreiches,
ebensowenig aber in der Abgeschlossenheit der dichterischen oder
kunsttheoretischen bloßen Versuche und sich selbst genügenden Spiele.
Man steige hinab zu den «Müttern», in deren Reich die romantischen

58
DIE ROMANTISCHE «WIRKLICHKEIT»

Vorstellungen des Lebens, der Religion, des Rechtes, des Staates, der
Kunst, Geschichte und Gesellschaft als Urphänomene zu Hause sind,
als ein brauender Grund, jeder Gestaltung und Umgestaltung zu Ein-
zelerscheinungen 'fähig. Was schließt dieser allgemeine Zusammen-
hang der romantischen Phänomene in sich, wenn man nicht die
Symptome, die Variabilitäten, die persönlichen und gruppenmäßigen
Stellvertretungen sprechen läßt, sondern den lebensmäßigen Willen,
die lebensgeborene Kraft und «sinnliche Existenz» erfassen möchte,
die hinter der ganzen Fülle und Abschattung der geschichtlichen Ein-
zelerscheinungen stehen? Es handelt sich im Raume dieses roman-
tischen Gesamt um die Erkenntnis oder um die Hervorbringung einer
« N euen Wirklichkeit». Sie spaltet sich in eine philosophische, poli-
tische, geschichtliche, dichterische «Wirklichkeit». Sie kann ausgefüllt
werden durch Handeln, Erkennen und Denken, künstlerisches Schaf-
fen. Sie findet sich dort am reinsten ausgedrückt, wo sie dem unge-
teilten und überdauernden Seinsgrunde und Beharrungszustand alles
Lebens am nächsten kommt. Wahrlich, «Deutsche Romantik» ist, so
gesehen, nichts weniger als lebensflüchtig und abseitig. Aber Leben
und Wirklichkeit fallen ihr nicht zusammen mit den empirischen Le-
bens- und Wirklichkeitserscheinungen ihrer Tage. Diese glaubt sie be-
seitigen und überwinden zu müssen, damit das wahre «Leben» und
die wahre «Wirklichkeit» aufsteigen können. Auch die Gegebenheiten
der Geschichte, insbesondere der älteren deutschen Geschichte, können
dieser Gewinnung einer neuen und wahren \i'Virklichkeit zwar Sinn-
bilder sein, aber auch die Bilder, die die Geschichte liefert, sind jener
Seinsgrund alles Lebens noch nicht, in welchem Geist und Natur un-
getrennt ruhen. « Historisierung des Bewußtseins» - das heißt mit
Savigny: sich selber als in der Geschichte lebend betrachten, unter den
mannigfachen Einflüssen der Vorzeit und Gegenwart stehend und in
der Zukunft nach denselben Gesetzen verfließend, wie wir rückwärts
alle Vorzeit können verfließen sehen, immer selber einen weiter-
schwemmenden Teil des Lebensstromes ausmachend. Suchte man die
Geschichte, die «Vorzeit», so lieh sie doch die Farben und Konturen
eines Wunschbildes, welches über die bloße geschichtliche Bildfülle,
über geschichtsphilosophische Besinnlichkeit und Reflexion hinaus auf

59
SEINSGRUND DER ROMANTIK

einen tiefer und dauernder gründenden Bestand des menschlichen und


des Volksdaseins deutete. Daß sich bei einem so beschaffenen Standort
gegenüber all dem, was deutsche Romantik im Ablauf unserer gei-
stigen und politischen Entwicklung und als überzeitliche Zielsetzung
ist, ihr Raum sehr weit über das hinausdehnt, was von ihr an Namen
und Sachen in dem gängigen Vokabular der Literaturgeschichte steht,
liegt auf der Hand. Es gibt geometrische Punkte, deren Linienver-
bindung das Gebilde der deutschen Romantik sich konturenhaft ab-
zeichnen läßt. Diese Eckpunkte liegen soweit auseinander, daß der
Einwand berechtigt erscheinen würde, bei ihnen könne von dem Be-
griffe und der Bezeichnung «Deutsche Romantik» nicht mehr die
Rede sein. Aber schon läßt sich die Zeit voraussehen, in der inner-
halb der Wissenschaft und Volkserziehung eine andere Bezeichnung
notwendig sein wird, um die Vielfalt der Regungen und die gärende
Riesenkraft dieses Zeitalters an ihrem tiefsten Quell zu fassen und
ihnen eip.e gesammelte und wegweisende Bedeutung zu geben. Noch
wird - und das ist aus der gegenwärtigen Situation des Romantik-
verstehens und der Entwicklung dieses Verstehens begreiflich - das
Trennende oder das beziehungslos Nebeneinanderstehende mehr ge-
sehen als das Gemeinsame und Verbindende. Noch werden die Gedan-
kenbildungen und wissenschaftlichen oder literarischenTaten der «Ro-
mantik» und die hinter ihnen stehenden Persönlichkeiten gerne von-
einander abgehoben, ja gegeneinander ausgespielt, jedenfalls, was die
«jüngere Romantik» angeht. Und die reizvolle Eigentümlichkeitalles
Individuellen verlockt zu einem solchen Verfahren und scheint es zu
rechtfertigen. Wer hinter diesen hohen und Menschen eine gei-
stesgeschichtliche und gleichzeitig strukturelle Gemeinsamkeit sehen
möchte, kommt jedoch bald zu der Erkenntnis, daß ihre geistigen Hal-
tungen und Dokumentationen nur die verschieden gestalteten Äste
eines weitausgebreiteten Baumes sind, der sehr tiefe und zähe Wur-
zeln in das Erdreich des Gesamtgeistes der Epoche senkt. Wer diesem
Baum, seiner Art und seinem Wachstum als einem Gebilde der nähren-
den Erde und Natur beikommen möchte, wird sich von seinen Zwei-
gen zu seinem Stamme und zu seinen Wurzeln wenden - ein scheinbar
banales Bild, aber es ist mit Bewußtheit gewählt. Dies Vegetative ist

60
«VOLKSGEIST» UND «VOLKSTUM»

etwas anderes, als wenn der «Geist» oder das «Wesen» der Romantik
in Denkspielen erschöpft werden. Es ist ferner etwas anderes, als wenn
man von dem denkerischen, literarischen und dichterischen Reichtum
der auftrumpfenden und vorstoßenden Frühromantik Berliner und
Jenenser Herkunft die Linien konstruktiv weiterzieht. Es liegt auf
dem Wege der Aufgabe, die Ideen und die dichterischen Bekundungen
«nach vital-geschichtlichen und absichtslosen Gegebenheiten mit al-
lem Einmal-Unergründlichen, Wechselnd-Farbigen und doch wieder
Sinnvollen des Lebens selber zu erfassen».
Da ist die Anschauung, alsdann die Theorie von «Volksgeist» und
«Volkstum» ,wie Möser und Herder sie vorbereitet haben, wie sie bei
Fichte in spekulativem Lichte, bei Jahn als ins Erzieherische und Tä-
tige umgesetzte Urkraft, bei Arndt als das «nährende Gewese irdi-
schen Zusammenlebens», als ein Gefüge erscheint, «das vom elemen-
taren bis zum geistigen Leben in alle Schichten reicht». Aber diese
Entstehung und verschiedenfarbige Brechung tritt in die zweite Linie
vor der Tatsache, daß unter dieser Vorstellung vom «Volksgeist » die
gesamte «Historische Schule» steht, mag man sie in dem Rechts-
historiker Savigny, dem persönlich eng mit den jungromantischen
Männern und Frauen des Heidelberger Kreises Verknüpften, oder in
dem ebenfalls aus der Heidelberger Romantik nicht herauszudenken-
den Jacob Grimm oder in dem jungen Ranke oder in Niebuhr sich
darstellen lassen - nachdem der romantische Herkunftsschein auch
bei diesen beiden großen Historikern gesucht und gefunden worden
ist. «Volksgeist» - das ist die vor allem und in allem Geschichtlichen
vorhandene, organisch-natürliche und nicht weiter zu zerlegende Le-
benskraft, die sich letztlich unter allen Veränderungen ihres äußer-
lichen Bildes gleichbleibt.
Görres und Creuzer sind untereinander nach Entwicklung, Wesen,
Temperament und Wirkung gewiß sehr verschieden. Und doch stehen
sie auf ein und demselben Grund. Görres ist in seinen hierher ge-
hörenden Schriften seit dem Buche «Glauben und Wissen» (1805)
über den Aufsatz «Religion in der Geschichte» (1807) bis zur «My-
thengeschichte der asiatischen Welt» (1810) der scheinbar Unmittel-
barste und Ergriffenste (oder der sich selber rauschhaft Steigernde).

61
GöRRES UND CREUZER

Er scheint dem gesuchten, geheimnisvoll spendenden Erdmittelpunkte


am nächsten zu kommen. Seine Rede holt am tiefsten Atem und klingt
im geheimnisvollsten Orgelton. Die innere Erschütterung, die ihm der
Umsturz der unmittelbaren Gegenwart, der Zusammenbruch des al-
ten Europa mit allen Folgeerscheinungen gebracht hat, die Jesaias-
rufe, die dem Geschlecht seiner Tage gelten, durchdringen sich mit
dem Ertasten jener uralten Weisheit und Göttlichkeit, die aus dem
Mutterschoße der Erde aufsteigt. Creuzer ist rationalistischer, nüchter-
ner, philologischer, gelehrter in seiner« Symbolik und Mythologie der
alten Völker, besonders der Griechen» (1810/12). Er unterliegt der
wissenschaftlichen Auseinandersetzung und Kritik, weil er aus dem
Fachlichen und der philologischen Tradition nicht heraustritt. Bei bei-
den handelt es sich hier nicht darum, wie spätere und heutige For-
schung ihre mythengeschichtlichen Arbeiten beurteilt oder wie diese
in die Geschichte der Wissenschaft eingegriffen haben. Aber auf beide
hat die Bewegung der Frühromantik gewirkt, beide stehen sie in engen
persönlichen und geistigen Beziehungen zu dem Kreise der Beidei-
herger Romantik, insbesondere zu der Brentanoschen Familie. Geistige
und wesensmäßige, wenn auch nicht äußerlich sichtbare Wahlver-
wandtschaft zog sie zueinander. Für Creuzer wurde zudem der ihm
seit 1798 eng befreundete Savigny von Einfluß. Es konnte nicht aus-
bleiben, daß dessen werdende Konzeption des «Volksgeistes »,wie sie
in der Programmschrift von 1814 «Über den Beruf unserer Zeit zur
Gesetzgebung» ausgebildet erscheint, auch ihn befruchtete. Aber die-
ser «Volksgeist» war ihm längst in greifbarer Erscheinung nahege-
treten. Denn er hatte «als Kind sehr aufmerksam zugehört, wenn eine
neunzigjährige Großmuhme manchmal aus den Erzählungen ihrer
Eltern vom Dreißigjährigen Kriege sprach». Die « Hauptzüge waren
in Strophen aus Volksliedern aufbehalten», und er habe eine davon
später «den Herrn von Arnim und Clemens Brentano mitgeteilt,
welche sie in des ,Knaben Wunderhorn' aufgenommen haben». Der
Zusammenhang seiner Anschauung vom Mythus mit Gedanken der
SchellingschenNaturphilosophie wird von ihm selber erkannt. Und wo
wäre ein solcher Zusammenhang mit Schelling gerade innerhalb der
jüngeren Romantik einschließlich der frühen Bekundungen aus der

62
IHR ZusAMMENHANG MIT SCHELLING

«Historischen Schule» nicht zu verspüren? Bei Görres ist er stärker


und wesentlicher als man gemeinhin gelten lassen möchte. Doch ge-
wiß: SeheHing ist für Görres nur einer der Exponenten der ganzen
Epoche. Ist SeheHing «der formal überlegene und kritischere Geist, so
Görres der inhaltsreichere und vielseitigere.Schellingschaut, dem Reich
der Abstrakta mehr zugewandt, mehr in die große Weite, Görres mehr
nach unten zu den Konkreta hinab». Auch an Görres' Anschauung von
Mythus, Religion und Geschichte in ihren wechselseitigen Beziehun-
gen ließe sich leicht zeigen, daß sein Eigentum das lebendige Ergrei-
fen, das Feurig- und Glühendmachen der naturphilosophischen Ideen-
masse und ihr Guß in eine neue «Form» ist. Creuzer, von seiner
frühen Entwicklung sprechend, nimmt ausdrücklich Bezug auf Schel-
lings «Weltseele» (1798) und nennt sie «ein mit Bewußtsein und
Sinnen ausgerüstetes Wesen».Wie ein unmittelbares Lebens- und Na-
turgefühl in dieser Epoche durch den deutschen Idealismus seine be-
griffliche Aufhellung erfährt, zeigt sich an,diesem Punkte auch bei
Creuzer: «Schon früh», gesteht er, «waren mir, wenn ich in den an-
mutigen Umgehungen meiner Vaterstadt einsam wanderte, die wech-
selnden Erscheinungen der Natur als Lebensmomente eines beseelten,
fühlendenWesens erschienen, und in dem Flügelschlage des ängstlichen
Zwiefalters sah ich die Pulse des ewig sich wandelnden Demiurgen ...
Jederzeit sind mir die Mythen als ewig perennierende Pflanzen er-
schienen, die jedes Jahr wiederkommen und nur eines Gärtners be-
dürfen, der sie wartet und zu einem Kranze flicht ... Im allgemeinen
sei hier noch bemerkt, daß, wenn man die Mythologie eine historische
Wissenschaft neuerlich genannt, und damit die Methode ausgespro-
chen zu haben glaubt, ich dieses nur insoweit zugebe, als in betreff der
alten Völker ihr Stoff ein gegebener ist, und man sich dessen auf dem
Wege historischer Untersuchungen und Beweise bemächtigen muß.
Das Hauptgeschäft, welches denMythologen macht, beruhet auf einer
ganz anderen geistigen Tätigkeit, als die jener geschichtlichen Opera-
tion - auf einer Apperzeption, die man weder lehren, noch ersetzen
kann; sondern die von einem geistigen Organismus bedingt ist, nicht
unähnlich dem, welcher den Dichter schafft.» Creuzer ist der Verwal-
ter eines gelehrten und notizenhaften Apparates. Kaum schaut man

63
NATURPHILOSOPHIE UND EINZELWISSENSCHAFTEN

durch das philologische Außenwerk seiner «Symbolik und Mytho-


logie» jemals hinunter in einen dämonischen Abgrund seiner Seele
und in jene brodelnde Masse, aus der Görres stets zu schöpfen scheint.
Creuzers Rede ist gemessen und geordnet. Er sucht stets durch Belege
und Evidenzen zu wirken. Aber, so ist es in der Epoche bei allen denen,
die im Bereiche eines einzelwissenschaftlichen Verfahrens blieben und
doch aufs tiefste von dem heißen Atem aus zweifacher Richtung, der
weltgeschichtlich-politischen und der deutsch-philosophischen, ideen-
und dichtungsgeschichtlichen Welt berührt worden waren: Sie lösen
sich, was die äußere Methode und die Darstellungsformen betrifft nicht
von einer Haltung, die die Aufklärung allen Wissenschaften als festes
und unverlierbaresErbe gegeben hatte; irgendwo aber innerhalb ihrer
individuellen Entwicklung ist die Stelle zu finden, an der die Gedan-
kenbildungen der neuen Zeit, naturphilosophische, theosophische, ge-
schichtsphilosophische, organistische Ideen einsetzen und den hellen
Lichtschein entzünden, in dem der bisher dumpf Getriebene oder
nur Ahnende und Fühlende sich selbst versteht und seine wissenschaft-
liche Aufgabe von neuen Grundvoraussetzungen her ergreift. Wahr-
lich, Alexander von Humboldt hat Recht, wenn er über SeheHing
schrieb: «Das Empirische durch Ideen zu beherrschen, war ein Ehr-
geiz der Zeit.» Doch kann es sich bei solchen Einwirkungen der Natur-
philosophie Schellings und ihm verwandter Geister auf die neu wer-
denden Einzelwissenschaften immer nur um letzte und allgemeinste
Denkantriebe handeln, die wieder zu Lebensantrieben wurden. Streng
begriffliche Abtönungen, das volle dialektische Spiel, das der deutsche
Idealismus zu handhaben wußte, kommen dabei nicht zu ihrem
Rechte. Und die Scheidung dessen, was aus SeheHing oder aus an-
deren Quellen des organischen Vitalismus, aus Hamann, Herder, Goe-
the, aus Novalis, aus Franz von Baader oder aus den Vertretern der
romantischen Medizin und Naturwissenschaft und damit von popu-
larisierenden Geistern zweiten Ranges gewonnen wurde, war ebenso-
wenig Sache der ergriffenen und ergreifenden Persönlichkeit dieser
Epoche, wie der späteren geschichtlichen Forschung solche Scheidun-
gen reinlich gelingen können. Insbesondere die eindeutige Definition
des Lebensbegriffes, die nicht minder schwierige der «Entwicklung»

64
DER LEBENSBEGRIFF

oder «Verwandlung» innerhalb dieses Lebensbegriffes muß die Lite-


raturgeschichte der Philosophie und ihrer Geschichte überlassen.
Durch solche Punkte gehen die Trennungslinien der beiden Betrach-
tungsarten. Die Literaturgeschichte kann die Denkarbeit des deut-
schen Idealismus nur soweit einbeziehen, als sie sich in die Formung
der Menschen, der Persönlichkeiten und in die von ihnen ausgehen-
den, allgemeingeistigen, gültigen Entscheidungen, in die die eigen-
gesetzlichen Bahnen des Denkerischen verlassenden literarischen Be-
kundungen umsetzt. Die spekulativen Ausgestaltungen und Stufen-
folgen der nachkantischenSystembildungen übersteigen die Aufgaben,
die die Literaturgeschichte sich setzen kann und darf. So muß der
Zusammenhang der Mythendeutung von Görres und Creuzer mit
Schellings Naturphilosophie der Zeit um 1800 darin gefunden werden,
daß hier wie dort der Organismus der Natur als der Organismus des
in sich selbst lebendigen Geistes gefaßt wird; daß die Dinge nicht
Prinzipien des Organismus sind, sondern der Organismus das Prin-
zipium der Dinge ist; daß die «Weltseele» die «allgemeine Kontinui-
tät aller Naturursachen », das die ganze Natur durchziehende allge-
meine Band ist. Von dem, was der frühe SeheHing für die jüngere Ro-
mantik bedeutet, scheidet sich dann seine eigene spätere Philosophie
der Mythologie und Offenbarung, deren Ableger die von Goethe wegen
ihrer kühnen, ja abstrusen Ausdeutung der Kabiren-Mysterien in der
«Klassischen Walpurgisnacht» verspottete, auf den Bahnen der Creu-
zerschen «Symbolik und Mythologie» wandelnde Schrift «Über die
Gottheiten von Samothrake» (1815) war. Jetzt faßte Schelling die alte
Mythologie als die in mannigfachen Erscheinungsformen abgewan-
delte, einheitliche göttliche Offenbarung auf und, sagt Nicolai Hart-
mann, «wie die Naturphilosophie lehrte, daß ein göttliches Alleben
sich durch das ganze Universum hinzieht, so jetzt die Religionsphilo-
sophie, daß eine göttliche Offenbarung durch alle Naturreligion hin-
durchgeht».
Görres hat die Mythen als Zeugung der «inneren Natur» der Vor-
welt und Urwelt gefaßt, als eine göttliche Schöpfung, die den noch
ganz in unmittelbarer Fühlung mit der Erde lebenden Menschen zum
Gefäß gewählt hat. Selbst ein Natursymbol, konnte dieser Mensch sich

5 Schultz, Klassik und Romantik, Bd.II 65


«ZEITKLAGE» UND MYTHENFORSCHUNG

nur in Symbolen ausdrücken und auch den Mythen nur Symbolcha-


rakter geben; d. h. jede logische Auseinanderziehung mythischer Vor-
stellungen bleibt außer Betracht. Die naturphilosophische Begriffswelt
und Terminologie brechen bei Görres überall durch. Aber nicht um
deswillen, überhaupt nicht um seiner selbstwillenwird der Mythologe
Görres in diesem Zusammenhange festgehalten. Er dient dazu, die
verschiedenen Ausstrahlungen, die von ihm in die Zeit trafen, als Zer-
legungen aus dem Lichte eines einheitlichen Erlebnisses erkennen zu
lassen. Dies Erlebnis ist gerade bei ihm zeitgebunden, aber wie jedes
große aus einer Zeit _herauswachsende Erlebnis damit auch gleichzeitig
von einer beispielgebenden Einmaligkeit. Kaum einer der Männer, die
man «Romantiker» heißt, hat wohl so sehr die Prägung empfangen
durch den Zusammenbruch seiner zunächst auf die Französische Revo-
lution gehenden idealistischen Erwartungen als dieser Rheinländer,
der in seiner Jugend dem Scheinbilde der cisrhenanischen Republik
und der jacobinischen Tonart verschrieben war; keiner hat so wort-
mächtig seit dem Anbruche des neuenJahrhunderts den Gedanken der
Wiedergeburt der Völker, insbesondere des deutschen vertreten, selbst
nicht Fichte oder Arndt; keiner war von der Verkommenheit seiner
Zeit so im letzten überzeugt und von der verdienten Geißelung, die
Napoleon für sie bedeutete; keiner war in solchen Ausmaßen Buß-
prediger, Seher, visionärer und rückwärtsgewandter Prophet grollend-
stell Tones. An dem Faden der « Zeitklage » und Zeiterneuerung läßt
sich alles aufreihen, was seit den «Resultaten meiner Sendung nach
Paris» (1800) von ihm geschrieben wurde- über die naturphilosophi-
schen Schriften der folgenden Jahre, die vielberufenen Aufsätze der
Münchener «Aurora» von 1804 und 1805, die Heidelberger Bemühun-
gen um die deutschen Volksbücher, um Volkslied und altdeutsche Dich-
tung, über die «Religion in der Geschichte» (1807) und den «Fall
Deutschlands und die Bedingungen seiner Wiedergeburt» (1810) bis
zum «Rheinischen Merkur», der den schärfsten und glücklichsten
Kampf gegen Napoleon führte. Ja über einige Zwischenglieder muß
auch seine spätere Stellung als Vorkämpfer der katholischen Kirche in
Deutschland, muß selbst die «Christliche Mystik» mit dem übrigens
auch in der Spätzeit immer wieder durchbrechenden Ausgangserlebnis

66
FORTLEBEN DER «MYTHE»

seiner Krise um 1800 in Verbindung gebracht werden. Die Abkehr von


der Französischen Revolution, der Zusammenbruch Deutschlands und
Europas ließen ihn einen neuen idealistischen Halt suchen und finden.
In der nachkantischen Philosophie, in den Regungen der Romantik
begrüßte er nun die Herabkunft der Ideen auf das Zeitalter, die sich,
unabhängig von dem in Despotie entarteten französischen Umsturz,
als eine Begnadung in Deutschlands auserwählten Geistern vollzog.
Diese Gedanken finden sich bereits in den Aurora-Aufsätzen («Drei
Revolutionen» oder «Die Herabkunft der Ideen und das Zeitalter»)
von 1804. «Das ist», so heißt es dort, «die große Begebenheit dieser
Zeit, daß die Ideen, die seit lange sich in sich selbst zurückgezogen
hatten und nur von Zeit zu Zeit als Fremdlinge, von wenigen gesehen,
auf die Erde herabgestiegen waren, jetzt mit Macht vom hohen Äther
niederkamen, in der Kunst, der Wissenschaft und überall ihr Erbe ...
zurückforderten von denen, die sich in dasselbe eingedrungen hat-
ten ... Da kamen die stolzen Fremdlinge herangezogen ... und for-
derten ihr Recht ... Und dieser Kampf des Himmels mit der Hölle
um das Irdische, er dauert noch fort und wird alle die anderen wich-
tigen Kämpfe, die die Menschen bisher umgetrieben haben, verschlin-
gen.» In der Urzeit, in der Jugendzeit der Menschheit aber ward zum
ersten Male die bräutliche Erde durch den himmlischen Geist befruch-
tet, «da wurden die göttlichen Mysterien zum ersten Male gefeiert».
Aber die «Kinder der Sonne» mußten scheiden, die Erde zog sich in
sich selbst zurück, und «nur in der hohen Mythe lebten die Göttlichen
fort und wandelten unter den Sterblichen». Das Geheimnis des Alls,
die Rätsel der Schöpfung sind in den Mythen beschlossen. Doch das
liegt begraben in den Tiefen der Vergangenheit, unter den Trümmern
der Jahrhunderte. Bisweilen regt sich der «Riesengeist», daß die Ker-
kerwände zittern und das Werk von Jahrtausenden in seinen Grund-
festen wankt. Dann zagen die Nationen, daß der alte Riese sich erhebe
und das hochmütige Geschlecht zertrete.
Es bleibe dahingestellt, wieweit Neuplatonisches, Gnostisches, mit-
telalterliche Visionsvorstellungen auf Görres' mythenschaffenden Geist
von Einfluß gewesen sind. Seine allegorisch-paramythische Phantasie
stellt das kleine und ihm verhaßte Geschlecht seiner Gegenwart jenem

67 67
«MYTHE» UND VOLKSTUM

« Riesengeist » gegenüber und wünscht die Wiederkehr urzeitlieber


Gewalten. Die «Schriftproben von Peter Hammer» (1808) haben im
Stile visionären Rausches und priesterlicher Dunkelheit dies «Verder-
ben der Zeit» an den urweltlichen Grundkräften gemessen, indem sie
eine versteckspielende äußere Form wählten, die den gefährlichen In-
halt durch harmlos erscheinende, wechselnde Druckschriftarten gleich-
sam in den Bereich des täglichen geschäftlichen Lebens zog und so
verschleierte. Nicht nur die Vergangenheit, auch die Zukunft ist für
Görres in der «Mythe» aufbewahrt, die Zukunft eines jeden Volkes;
alles, was selbst bei einem einzelnen Volke durch seine ganze Geschichte
sich entfalten soll, ist schon darin angedeutet. So schließen sich
bei ihm an die Mythenforschung die indischen, die altdeutschen und
volkskundlichen Studien an. Sie tragen bei zur Erkenntnis des großen
mythischen Zusammenhanges, in dem sein eigenes Volk steht. Sie
dienen dazu, den schneidenden Widerspruch erkennen zu lassen, in
dem sich auf allen Gebieten seiner Zeit diese mythischen Wahrzeichen
zu der geistigen und kulturellen Entartung der Gegenwart befinden.
Geburt der Mythen, Urweltgeheimnis, Wiederkehr und Wiedergeburt,
Beziehung zum eigenen Volke, Beziehung zu der unmittelbaren Situa-
tion der Gegenwart - es sind bei Görres die Glieder einer Gleichung.
Wenn Creuzers Beziehungen zur Mythe nicht so sein ganzes Wesen
durchwalteten, wie es bis in die Sprach- und Stilform bei Görres ge-
schieht, wenn seine Mythenforschung auf dem Wege gelehrter Mate-
rialsammlung die Symbolik der Mythe in priesterlichen Vermittlungen
zu erkennen sucht und die Kraft eines mythischen Bewußtseins durch
diese Hypothesen für ihn selber und alle, die sein Werk aufnahmen,
von vornherein geschwächt wurde, so gibt es doch auch bei ihm den
Punkt, an dem sein theoretisches Verhältnis zur Mythe sich mit seinem
Lebensgefühl berührt. Seine Beziehungen zu Caroline von Günderode,
jenes Trauerspiel im örtlichen und geistigen Raume der Heidelberger
Romantik, das selber in der Folgezeit so etwas wie eine mythische
Funktion erfüllte, waren nur möglich, weil zwischen ihm und ihr der
gemeinsame Besitz einer naturphilosophischen, mystisch-mythisieren-
den Daseinshaltung bestand, in die Caroline früh eingegangen war
und aus der sie das Wesentliche ihrer Dichtungen schöpfte, immer mit

68
CREUZER UND CAROLINE VON GüNDERODE

dem Gedanken und der Hoffnung spielend, daß sie sich bald mit dem
Allgrund und Urgrund alles Lebens vereinigen werde und könne.
Nachdem dies Ereignis 1806 von ihr selber vollzogen worden als
der «Hohe Mut» geflohen, das Elend eines deutschen Professoren-
daseins jener Zeit kleingläubig und schwach gemacht, hatte Caroline
nicht nur den Geliebten und Freund, sondern als Jüngerin auch ihren
Mystagogen verlassen. Creuzer war ja überzeugt, daß ihre Poesie sich
ganz hinneige zur Darstellung oder zur Andeutung und Symbolisie-
rung des Ewigen. «Siehe du bringst die alte große Zeit zurück, einmal
durch den einfältigen Sinn deiner tiefen Poesie - sodann durch deinen
Ernst für die Philosophie.» Ausdrücklich deutet Creuzer dabei auf
SeheHing zurück. Carolines ganze Poesie ist für ihn Andeutung, Sym-
bolisierung des Ewigen. Sie ist, diese Poesie, «mystisch offenbarend»:
«Auch bist Du unübertrefflich, wenn du den geheimen Sinn des Rät-
sels singst, das wir Leben nennen.»
Daß «Volksgeist», mythisch sich offenbarender Seinsgrund des Vol-
kes, mit der «Zeitklage» und Zeitkritik zusammenflossen und eine
einzige Wertrichtung von gegenwärtiger Bedeutung wurden, zeigt
sich in dem geistigen und dichterischen Bereich, den wir innerhalb der
jüngeren Romantik als «Heidelberg» bezeichnen, auch noch an an-
dern. Achim von Arnim, der unentwegte Befehder des «Zeitgeistes»,
Arnim, dessen Programm in der Zeile des Nachrufs auf Fichte enthal-
ten ist: «Bekämpft die Zeit in euch aus heiligem Willen!» - er spricht
als Dichter wie als Mensch bisweilen aus dieser geheimnisvollen Tiefe
zu seiner Gegenwart: oft nur springend, andeutend, umwölkt, auf-
blitzend, helldunkel, wie es seine Art und sein Stil war, aber immer
ergriffen von dem Zusammenfall des uralten, immer gleichen, ver-
schütteten Fernseins mit den unmittelbaren Forderungen an seine
entgötterte Zeit. Was ihn bei der Sammlung der Lieder des «Wunder-
horns» leitete, verriet sich als eine solche Durchdringung des Einst
mit dem Heute. «Das Grabmal der Vorzeit, das frohe Mal der Gegen-
wart, der Zukunft ein Merkmal in der Rennbahn des Lebens» - so
bezeichnet er die Aufgabe, die er sich setzt, in dem Aufsatz «Von Volks-
liedern», der 1805 das «Wunderhorn» vorbereitete: «Was da lebt und
wird, und worin das Leben haftet, das ist doch weder von heute noch

69
ARNIM UND DIE BRÜDER GRIMM

von gestern, es war und wird sein, verlieren kann es sich nie, denn es
ist, aber entfallen kann es für lange Zeit.» Das ist der Ton von Görres,
ehe siebeidevoneinander wußten. Die herrliche, «Dichtung und Ge-
schichte» überschriebene Einleitung zu den «Kronenwächtern» ( «Bert-
holds erstes und zweites Leben», 1817) spricht es aus: «Es gab zu
allen Zeiten eine Heimlichkeit der Welt, die mehr wert in Höhe und
Tiefe der Weisheit und Lust, als alles was in der Geschichte laut ge-
worden. Sie liegt der Eigenheit des Menschen zu nahe, als daß sie den
Zeitgenossen deutlich würde, aber die Geschichte in ihrer höchsten
Wahrheit gibt den Nachkommen ahnungsreiche Bilder.» Wie auch
seine Ansichten über Natur- und Kunstpoesie von denen der Brüder
Grimm abweichen mochten, in der Erahnung und Ansetzung eines
mythischen und göttlichen Urgrundes für alle in der Geschichte zu-
tage getretenen Wesensoffenbarungen eines Volkes waren sie sich letzt-
lich einig. Nur dieser Glaube ließ die drei die Wirrnisse und Nieder-
lagen des deutschen Volkes zur Napoleonischen Zeit überdauern und
stärkte sie in dem Vertrauen an die deutsche Menschheit, wie sehr
diese jetzt auch von dem Bilde verschieden war, das aus dem Spiegel
der «Vorzeit» zurückstrahlte. Wie kindlich-tiefsinnig und gläubig die
Worte, mit denen Jacob Grimm 1811 Arnim gegenüber die Grundposi-
tionen rechtfertigt, von denen aus er die altdeutsche Poesie betrach-
tet! Er holt dabei weit aus. Auch er sieht, wie Görres und Creuzer, die
Völker und Menschen der Vorzeit und Urzeit näher bei Gott: «Ich
glaube, spüre und traue, daß etwas Göttliches in uns ist, das von Gott
ausgegangen ist und uns wieder zu ihm führt. Dieses bleibt und lebt
immer im Menschen und wächst wie ein Feuer aus sich selber groß,
aber historisch, d. h. in unsern Zeitbegriffen aufgefaßt, offenbart es
sich sehr verschieden, im Verhältnis zu dem Irdischen, Menschlichen.»
Die alten Menschen sind größer, reiner und heiliger gewesen, ebenso
die alte epische Poesie, die ja für ihn immer Sagen- und Mythen-
geschichte ist, wie denn alle seine Arbeiten zur älteren deutschen Dich-
tung für ihn Darstellungen aus der Geschichte der «Sage » waren;
seine Auffassung der Tierdichtung ist das sprechendste Beispiel. Die
neuere Poesie aber hat wie die neuere Sprache ihre «Unschuld» ver-
loren. Ja, er erfindet gewissermaßen einen Mythus aus der naturphilo-

70
EICHENDORFF

sophischen Ahnung ursprünglicher alter Einheit von Natur und Geist;


um zu verdeutlichen, was er meine: «Zuerst haben die Menschen
durch bloßes Anblicken Kinder erzeugt (Gott wirkt mit bloßen Ge-
danken); hernach aber Küsse dazu gebraucht, endlich Umarmung und
leibliche Vermischung.»
Von «1-Ieidelberg» auch geht ein Dichter aus, in dem man geneigt
ist, das reinste Abbild des romantischen Lyrikers zu sehen. Sein lyri-
scher Motivschatz ist gespeist von den Stimmungen der wandernden
Studenten und «Taugenichtse», die, «der Zeit» und ihrer Bürgerlich-
keit überdrüssig, sie unter sich und hinter sich lassen möchten; von
der schneidenden Wehmut und Sehnsucht der so doch nur noch mehr
Verlassenen. Seine Landschaft zeigt Wald, Strom, Höhe, alles, was der
Blick «von oben» bietet, aber auch tiefgrünes Dunkel mit dem gei-
sterhaften Leuchten der Marmorbilder, Zwielichtbeleuchtung, das
Dämmern und Lauschen am Morgen und Abend. Der Wald ist seine
seelische Heimat, der Wald, der bei Tieck der Inbegriff des Geheimnis-
voll-Poetischen ist, wird bei ihm das schlechthin Unvergängliche und
Ewige. Seine Form ist in seinen tiefsten lyrischen Offenbarungen je-
nes zwischen den Zeilen und Worten Schwingende, jene untergrün-
dige, im Leser vorsichgehende Verknüpfung der Vorstellungen, wie
man meint, daß sie auch dem Volksliede eigentümlich sei. Aber dieses
Vokabular der Literaturgescliichte enthält nicht den ganzen Inbegriff
der Lyrik Joseph von Eichendorffs. Es ist in ihr, wo sie überirdisch auf-
leuchtet, noch etwas anderes enthalten: eine Geisterhand aus Vorhang
und Hintergrund scheint nach uns zu greifen. Etwas, was in den Wor-
ten und Tonfolgen solcher Gedichte nicht ausgesprochen ist, aber diese
Worte und Tonfolgen überhaupt erst möglich macht. Ihre Vordergrün-
digkeit läßt sich manchmal nur fassen als Formung aus einer dunklen
Schicht des Fernen, Unbestimmten, aber Mächtigen. Es steht nur da-
hinter. Es wittert nur hie und da durch den sprachlichen Ausdruck
hindurch. Es ist gebannt und beschworen. Aber manchmal weht ein
unbestimmter Schauer aus den Zeilen des Gedichtes, auch aus Eichen-
dorffs Prosa. Er ist dann greifbarer, wenn Eichendorff ausdrücklich von
der «Vorzeit» spricht, von der «alten schönen Zeit» und im fragenden
Stehen inmitten der fremden Gegenwart seiner selbst inne wird.

71
«KLAGE»

Kräftig weht dieser Schauer, wenn es dem Dichter nicht um sein Ein-
zelschicksal, sondern um Völkerdasein geht. So sprechen die «Zeichen»
(1812):
So Wunderbares hat sich zugetragen:
Was aus uralten Sagen
Mit tiif verworrener Gewalt cifi sang
Von Liebe, Freiheit, was das Herz erlabe,
Mit heller Waffen Klang
Es richtet sich geharnischt auf vom Grabe,
Und an den alten Heerschild hat' s geschlagen,
Daß Schauer jede Brust durchdrang.

So singt die- Naturgeheimnis, Urzeit, Ritterlichkeit, Gegenwart so er-


greifend in eine Tonart fassende- «Klage» (1809):

0 könnt' ich mich niederlegen


Weit in den tiifsten Wald,
Zu Häupten den guten Degen,
Der noch von den Vätern alt,

Und düift' von allem nichts spüren


In dieser dummen Zeit,
Was sie da unten hantieren,
Von Gott verlassen, zerstreut;

Denn eine Zeit wird kommen,


Da macht der Herr ein End',
Da wird den Falschen genommen
Ihr unechtes Regiment.

Da wird Aurora tagen


Hoch über den Wald hinauf,
Da gibt's was zu singen und schlagen,
Da wacht, ihr Getreuen, auf

72
VERGANGENHEIT UND ZUKUNFT BEI EICHENDORFF

Nirgends sonst in der Epoche ist die « Zeitklage » so Dichtung gewor-


den wie hier. Was Eichendorff seit 1807 seinem Heidelberger Lehrer
Görres verdankt, erhellt sich nach und nach. Eichendorffs Lyrik bietet
Bilder von einer expressiven Art vertauschter Sinneneindrücke, die
sich ähnlich. bei Görres finden oder bei ihm vorgebildet sind. Eine
Grundvorstellung der Mythenschau von Görres: der die bräutliche
Erde liebend umfangende Himmel könnte mit Eichendorffs «Es war,
als hätt' der Himmel/ Die Erde still geküßt» in Beziehung gebracht
werden, wenn nicht Magie und Mysterium des schlechthin Dich-
terischen in diesem sinnlich-übersinnlichen Bilde jede Verknüpfung
mit einem «Motiv» aus wissenschaftlicher Dimension verbieten wür-
den. Görres' Heidelberger Vorlesungen über Ästhetik scheinen auf
Eichendorffs Roman «Ahnung und Gegenwart» (1815) gewirkt zu ha-
ben. In diesem erzählenden Erstlingswerke geistert hin und wieder
etwas von Görres' naturphilosophisch-mythisch en Vorstellungen und
Bildern: «Das Leben», sagt Graf Friedrich zu dem Dichterling Faber,
« ... mit seinen bunten Bildern verhält sich zum Dichter, wie ein un-
übersehbar weitläufiges Hieroglyphenbuch von einer unbekannten,
lange untergegangenen Ursprache zum Leser ... Die alten wunderbaren
Worte der Zeichen sind unbekannt und der Wind weht die Blätter des
großen Buches so schnell und verworren durcheinander, daß einem die
Augen übergehen.» Wichtiger als manches einzelne ist, daß die Kampf-
haltung Eichendorffs gegen die verrottete, zum Untergang reife Zeit,
die Erwartung ihrer Wiedergeburt, den Ton der Görres, Arnim, Fichte,
Arndt, Friedrich Schlegel, Adam Müller nachklingen läßt; daß ein ge-
lebter Glaube an eine neue, durch den Streit der Geister zu erringende
ZukunftdenMenschen undDichter durchseelt; daß sich diese Zukunft
dem Wissenden und Schauenden bereits apokalyptisch ankündigt. Sin-
gen Eichendorffs Lieder und Sonette auch quellend und freudig von
dem Kriege, der die Deutschen gegen Napoleon rief, so steht ihm hin-
ter diesem Aufbruch der unmittelbaren Gegenwart, wie andere Verse
bezeugen, immer noch ein Weiteres und Tieferweisendes. Und endlich:
Heimkehren, Sehnsuchtstillen, Zurruhekommen des Verlassenen in
Eichendorffs Liedern - muß diese, seine ergreifendste Melodie be-
dingende Seelenverfassung nicht als die Flucht eines Unbehausten ge-

73
WIRKUNG DER AHNENFOLGE

deutet werden? Vielleicht nicht nur des innerlich Vereinzelten und


Vereinsamten, der an sich selbst zehrt, sondern dessen, der als ein
Glied der Allgemeinheit wieder auf einen festen Grund treten möchte?
Jedenfalls hat das eine wie das andere an diesemHeimats- und Sehn-
suchtsmotiv Anteil. Eichendorffs Dichtung- und nicht nur die Gruppe
der eigentlichen« Zeitlieder» -steht, auch ohne daß es ausgesprochen
wird, im Bewußtsein oder Unterbewußtsein der besseren und stär-
keren Zukunft, aber ebenso der Vergangenheit und ihrer in die Gegen-
wart hineinragenden Macht. Auch für Eichendorffist die Geschichte
«Ahnendienst». Auch von dem Zeit- und Geschichtssinn, von dem
untergründigen Erdensinn Eichendorffscher Gedichte könnte gesagt
werden, was in Görres' Nachwort zu seinen «Teutschen Volksbüchern»
(1807) zu lesen steht: «Es geht ein rascher,'wunder- und zaubervoller
Othem durch die Zeiten durch, gleich den unterirdischen Windes-
zügen, die kühl und frisch und immer wach aus dunkeln Höhlen bre-
chen.» Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vereinigen sich im
Geiste der Romantik auch bei Eichendorff in dem, was ihnen über-
geordnet, was unwandelbar ist und die Zeiten überdauert: in dem aus
einem immer vorhanden gewesenen und bleibenden Sein kommenden
Lebensstrom.DarumsagteAdamMüller: «Für sich aus sich allein und
absolut neu und ursprünglich soll der Mensch nicht handeln, nur fort-
setzen sollen seine Taten die Taten der Vorfahren - herleiten soll er
das Blut seiner Winke, den Geist seiner Entschlüsse von älteren, immer
älteren Ahnherrn. » Heilung für die kranke Zeit war nur zu hoffen,
wenn man in dieAhnenfolge zurücktauchte, in welchen Einrichtungen,
Gefühls- und Geisteslagen man sie auch als wirksam erkennen mochte.
Daß diese Anschauung zu einer irgendwie beschaffenen religiösen
Haltung führen mußte, ergibt sich mit Notwendigkeit. Vom katholi-
schen Boden stellt Eichendorff den Zusammenhang her, wenn er in
seiner Schrift «Über die ethische und religiöse Bedeutung der neueren
romantischen Poesie in Deutschland» ( 184 7) auf eine schlagende
Äußerung Friedrich Schlegels aus dem Jahre 1800 verweist: «Nichts
ist mehr Bedürfnis der Zeit, als ein geistiges Gegengewicht gegen die
Revolution und den Despotismus, den sie durch die Zusammendrän-
gung des höchsten menschlichen Interesses über die Geister ausübt. -

74
NEUE LEBENSVORSTELLUNG

Laßt die Religion frei, und es wird eine neue Menschheit beginnen.»
Oder wenn er darin die Formel findet: «Die Romantik wollte das
ganze Leben religiös heiligen.» Wo aber wäre das Werk der Heiligung
alles Lebens - für ihn und seinen Meister Friedrich Schlegel - bereits
seit länger als einem Jahrtausend gründlicher und schöner vollzogen
worden als in der alten Kirche?
Es gibt, man wird sehen, noch andere Blickpunkte, von denen aus
man der Romantik gerecht werden muß, als es ihre Stellung gegen die
Krise der deutschen und europäischen Menschheit und Geschichte ist,
die sich in ihrer Epoche entrollte, ohne zu einem Abschluß und Ziele
zu gelangen. Es muß auch einmal gesagt werden, daß das Bild einer
kranken, dunkeln und unheilvollen Zeit natürlich aus einer subjek-
tiven Spiegelung in den Menschen dieser wie jeder Epoche, den großen
und kleinen, entsteht. Die anderen Ausgangspositionen sind - es sei,
um keine Unklarheit zu lassen, nochmals betont- rein seelen-, geistes-,
bildungs-, dichtungs- und kunstgeschichtlicher Art. Aber in dem einen
wie dem anderen Falle behält das Wort Geltung, daß die Romantik eine
Lebensstimmung von ganz eigentümlicher Beschaffenheit ist, und daß
hinter allen ihren Äußerungen und Wollungen ein neuer Sinn und
Gehalt des Lebens, ja ein Leben selbst in neuem Sinne durchleuchtet.
Nur gewinnt das alles an Tiefatmigkeit, wenn es mit der Mitte der
sinnlichen Existenz dieser Generation in Verbindung tritt. Und auch
die der Romantik vorschwebende Lösung der ewigen Welträtsel er-
weist sich für sie als ein um so dringenderes Anliegen, wenn diese
Rätselfragen von einem unmittelbar gegenwärtigen Dasein aufgewor-
fen werden, dessen Sinn und Wert für den einzelnen Menschen wie
für das Ganze fragwürdig geworden waren und zu neuen Lösungen
und Entscheidungen drängten. Nicht bloß in Dichtung und Philo-
sophie, in Wissenschaft und Literatur, im Denken über Persönlichkeit
und Gemeinschaft, über Weltbürgertum und Nationalstaat und in der
übrigen staats- und rechtsphilosophischen Theorie darf die Romantik
gefunden werden: auch in dem Verhalten zum Leben als solchem, in
dem bloßen Stehen im Dasein, und mehr noch: in dem Bereich der
Taten und Handlungen praktischer, politischer, Volk und Wirklichkeit
gestaltender Art. Hier - an den letztbezeichneten Gegebenheiten - ist

75
ZWANG ZUM HANDELN

wieder ein Eckpunkt, an dem eine den romantischen Raum umschrei-


bende Linie ausläuft.
So müssen die Stein, Clausewitz, Gneisenau, Scharnhorst, Ludwig
von der Marwitz und andere Männer der deutschen Erhebungszeit in
den lebendigen Ablauf der Romantik mit einbezogen werden. Ihre
romantische Gemeinsamkeit ist nicht nur zu finden in dem Widerstand
gegen die Ideen von 1789, dem Edmund Burkes «Betrachtungen über
die französische Revolution» die schärfsten Waffen zu liefern vermoch-
ten; sie ist enthalten in einer Lebensvorstellung, die eine neue Idee
des Volkes und Staates, gestützt auf alte, bewährte und verschüttete
Überlieferung, nach sich zog. Freilich Burke hätte es nicht vermocht,
Adam Müller, Gentz und so vielen anderen jener Generation die Zunge
zu lösen, wenn nicht die «Deutsche Bewegung» selber nun an der
politischen, geistigen und geballten menschlichen Situation den stärk-
sten Brandstoff gefunden hätte. Burke lehrte, wie Meinecke schön sagt,
«Achtung und Selbstliebe für dieses ganze Geflecht des natürlich und
halb wild Gewachsenen, das sich durch das Privatdasein des Einzelnen
ebenso sichtbar-unsichtbar hindurchschlingt, wie durch die Gesell-
schaft und den Staat im Großen, das eine wohlige Hülle zugleich für
alle bildet». Was von Adam Müller, dem glühendsten Verehrer Burkes
gilt, gilt auch von jenen durch den Geist vornehmlich der «Roman-
tik» befruchteten Staatsmännern und Militärs: daß in ihrem Bewußt-
sein und Gefühl der deutsche Mensch, Volk und Staat gebunden sind
an das Erbe der Vergangenheit und der Geschlechter; daß sie darüber
hinaus aber in einem Naturzusammenhang stehen, dessen größte
Widersacher die Mechanisierung und eine die organische Stetigkeit
zerreißende Herrschaft der Vernunft seien. Damit hängt für diese
Männer zusammen der Einblick in eine «Kräftelehre», die jetzt aus
dem Herdersehen Pandynamismus unter dem Eindruck der durch die
Revolution in Bewegung geratenen Zeit sich von neuem rührt und
praktisch- politische, organisatorische oder militärische Formen an-
nimmt. Denn das Handeln ist einer so verstandenen Romantik nicht
wesensfremd. Es ist in gewissem Sinne ihr gemäßer als alle bloßen
Bekundungen theoretischer und weltanschaulicher Art und alle philo-
sophischen Spekulationen. Das Handeln kommt aus jenem Gefühle

76
STEIN- CLAUSEWITZ

und Zwange eines unaufhörlichen Lebensstromes und äußert sich in


den Formen einer Lebensstimmung, die in aller deutscher Romantik
amAnfange stehen. Leben ist für die Romantik unendliche Bewegung.
Und mit Bedacht müssen die Worte «Strom» und «Stimmung» ge-
wertet werden. Das Bild des Flüssigen und Strömenden gehört zu der
in älterer und jüngerer Romantik herrschenden Vorstellung des Le-
bens und durchsetzt ihre Sprache. Das Flüssige ist ein Symbol des
Lebensprozesses bei Herder, Goethe,Novalis,Schelling und nach ihnen.
«Stimmung» ist zwar kein von der Romantik selber mit Bewußtsein
oder Absicht gebrauchter Ausdruck. Aber die Sprache der Romantik
ist die Sprache des Geheimnisses, wenigstens dort, wo sie charak-
teristisch ist. Das Erregen der Stimmung durch die Sprache aber, mit
welchen Mitteln auch immer (die hier nicht zur Erörterung stehen),
ist der Durchgang, der zu dem Geheimnis hinführt ...
Wie sehr die reformatorische Tätigkeit des Freiherrn vom Stein aus
der Entdeckung des Volkstums und Volksgeistes herauswächst, wird nun
deutlicher als früher erkannt. Er rückt für eine neuere, nicht eng
literarhistorische Betrachtung der Romantik in eine Linie mit den
Friedrich Schlegel, Novalis, Schelling, Schleiermacher, Baader, Steffens,
Eichendorff, Arndt, Runge, Caspar David Friedrich, Clausewitz und an-
deren, weil auch für ihn wie für jene «der ganze Aufbau des Alls nicht
ein logischer, nicht ein formaler, nicht ein statischer, sondern ein bio-
logischer und organischer ist»; weil ferner der Volksgeist von ihm wie
von der Romantik als lebendige Kraft in der Zweiseitigkeit und Identi-
tät von Leiblichem und Geistigem erkannt wird. Gilt das gleiche für
den Verfasser des Werkes «Vom Kriege», so unterhält Clausewitz noch
besondere Beziehungen zum philosophischen Denken seiner Zeit; wenn
auch nicht mit Kant und Regel, so verbindet ihn doch mit Schleier-
macher - dem späteren «systematischen» Schleiermacher, dem der
«gewaltige geschichtlich-politische Anschauungsunterricht, den die
Französische Revolution und die Napoleonischen Kriege der Mitwelt
gaben,» die Augen geöffnet hatte -so manches in Methode und Gehalt
seines Denkens. Vor allem die organisch-dialektische Volks- und Ge-
sellschaftsauffassung, dergemäß Begriff und Wirklichkeit, Tätigkeit
der Totalität und des Einzelnen in beständigem Wechselspiel stehen,

77
GNEISENAU

sodann der «Blick auf den handelnden Menschen» ist ihnen beiden
eigen. Hielt man sich lange an die Formel, daß sich in der Erhebungs-
zeit der Geist des deutschen Idealismus mit dem Preußenturn ver-
mählt habe, so erscheint uns jetzt das romantische Gefühl des Lebens-
zusammenhanges mit seinen vielfältigen Auswirkungsmöglichkeiten
und Folgerungen, die aus diesem Gefühle sich ergebende Denk-Tat-
richtung auf Volkstum und Nation als der Nährboden der Wieder-
geburt. In den Menschen dieser Zeit gewinnt jene Erahnung eines
allfähigen und ursprünglichen Lebensgrundes, der zum Täglichen,
zum Trägbürgerlichen, zum materialistisch-mechanistisch-rationalisti-
schen Denken in Urfeindschaft lebt, gewinnt jene neuentdeckte Kräfte-
lehre eine Beziehung zu der schöpferischen Fähigkeit, die auch in der
Dichtung wirkt. Denn hieß diese seit Hamann nicht die «Mutter-
sprache des menschlichen Geschlechts»? So findet Gneisenau das Dich-
terische nicht nur in der literarischen Leistung: es zeigt sich für ihn
in allen Regungen, die - auch nicht in Papier und Schrift verfestigt -
aus einem erhobenen Gemüt kommen. Das besagt sein berühmtes
Wort an den König im Jahre 1811 : «Religion, Gebet, Liebe zum Re-
genten, zum Vaterland, zur Tugend sind nichts anderes als Poesie,
keine Herzenserhebung ohne poetische Stimmung.» Es bedeutet den
Zusammenfall einer notwendigen und schicksalsmäßigen geschicht-
lichen Entwicklung mit einer Zuspitzung zum Symbol, daß Gneisenau
1815 als kommandierender General in die dem preußischen Staate
neugewonnenen Rheinlande kam. Denn diese Lande und dieser Strom
waren seit Friedrich Schlegels Weck- und Mahnrufen von 1803 und
seit dem allgemeinen Durchbruch des Sinnes für das Alte, Bleibende,
Ahnenhaft-Lebendige gleichsam die Bürgschaft dervViedergeburt und
der deutschen Zukunft geworden; gleichsam der Raum für die solche
Haltung und Gesinnung schützenden Geister; gleichsam - mit dem
Wiederauftauchen und der Neuwürdigung der alten Denkmäler rhei-
nischer Kunst und Geschichte- ein von Natur, Kunst, religiöser und
profaner Tradition geschaffener geistiger Schutzwall gegen die Be-
drohung von Westen her. Gneisenau traf dort in Koblenz auf den aus
dem Osten kommenden Schenkendorf. Dem hatten es rheinischer
Lebenssinn und rheinisches Geschichtsbewußtsein und die ins Sagen-

78
AUSBREITUNG DER ROMANTIK

hafte und Mythische zurückdeutende rheinische Landschaft angetan.


Seine formal und rhythmisch so eingängliche, die Linie Friedrich
Schlegels fortführende Lyrik bringt die ganze romantisch-nationale
Gedankenbildung und Gefühlslage zum faßlichen, enthusiastisch
durchglühten, stark vergeistigten Ausdruck. Sein Gedicht «Die Tafel
am Rhein, Koblenz 1816», das die Begegnung des Feldherrn Gnei-
senau mit des Dichters rheinischem Erlebnis besiegelt, steigt am
Schlusse in mythisch verhangene und spendende Gründe:

0 komm aus tiifer Nacht und Kühle,


Du Sonnenkind, komm edler Wein!

Wenn Lebensform und Gesinnung auch ohne literarischen Ausdruck


für die «sinnliche Existenz» der Romantik wichtiger sein können als
die der Nachwelt verbliebenen Schriften, dann erweitert sich das Per-
sonal der romantischen Bewegung beträchtlich. Die bekannten Träger
der « Frühromantik», der «jüngeren» und « Spätromantik» nebst
denen, die ihnen nahestanden, spielen dann nur die Rolle der hör-
baren und sichtbaren Wortführer. Neben ihnen kommen alle die we-
niger Bekannten oder die Unbekannten in langem Zuge, jene, die von
der «Genesis des Ruhmes» nicht am Schopfe gefaßt wurden. Alle jene,
die von Berlin (der Mitte des literarischen Verkehrs der romantischen
Zeit), Jena, Heidelberg, Halle als Sendlinge ausgehend, die roman-
tische Lebens- und Denkform allenthalben in Deutschland Fuß fassen
ließen, auch in kleinen und unbedeutenden Gemeinwesen. Nicht nur
etwa in der bei der Frühromantik so beliebten Kunststadt Dresden,
wo im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts die Schubert, VVetzel,
Adam Müller, Kleist, die «Dresdner Abendzeitung» und der« Phöbus »
den vorbereiteten Boden mit romantischer Saat bestellten; nicht nur
(um 1810) in Bamberg, dem Aufenthalt Hegels, Wetzels, E.T.A. Hoff-
manns, nicht nur in München, das unter der Führung des 1806 dort-
hin übergesiedelten SeheHing und später als neuer Ausgang für Görres
unter Ludwig I. in eine romantische Nachblüte eintrat, nicht nur in
Nürnberg, Würzburg, Landshut, den Stützpunkten der romantisch-
naturphilosophischen Medizin; nicht nur in Ost- undWestpreußen, Po-

79
«GESELLENJAHRE»

len, Schwaben, am Mittel- und Niederrhein und - nach der Öster-


reichischen Wendung der Romantik - im Kaiserstaat an der Donau.
Es ziehen auf alle jene, die von der stürmisch bewegten Zeitgeschichte
hin- und hergeworfen, fortgerissen, durchgeschüttelt und gehämmert,
die gehoben oder zernichtet wurden, weil oder obwohl sie den Hafen
der Literatur mieden. Varnhagen von Ense hat das Epos solcher « un-
zünftiger» romantischer Neben- und Außenseiter in seinen zahlreichen
biographischen Beiträgen geschrieben. Jedenfalls scheint es, als habe
ihm eine solche Aufgabe vorgeschwebt. Wie fragwürdig seine Gesin-
nung und sein Charakter sein mögen, wie absichts- und anspruchsvoll
die Rolle, der er im literarischen und diplomatischen Leben zu spielen
bestrebt war, wie offenkundig seine Bosheiten, Klatschereien und Fäl-
schungen sind, wenn es sich um Menschen handelt, die aus rassischen,
weltanschaulichen, politischen oder persönlichen Gründen sein Miß-
fallen erregt hatten - es ist sein Verdienst, der Zeit- und Geistes-
geschichte in seinen Schriften und seinem Nachlaß ein riesiges Ma-
terial überantwortet zu haben, das bisher nur zu einem geringen Teil
ausgewertet wurde. Er selber hat sich unter den Anregungen der
Frühromantik zum Schöngeist und dichterisch dilettierenden Schrift-
steller entwickelt und war am meisten dem Vorbild des diplomatischen
Großmeisters der Literatur, August Wilhelm Schlegel, verpflichtet. So
hat er der Entwicklung des romantischen Lebens, Denkens und Füh-
lens für die Jahre vor allem seine Aufmerksamkeit geschenkt, in denen
er, der Freund Chamissos, selber reif wurde : zwischen der Jahr hundert-
wende und den Freiheitskriegen. Es waren nach den Lehrjahren die
rechten Gesellenjahre der Romantik (denn «Krisenjahre» sie zu nen-
nen, ist insofern mißlich, als in ihnen erst eigentlich die positiven und
aufbauenden wissenschaftlich-literarischen Bekundungen und derTat-
wille der Romantik wirksam werden). Diese Jahre zeigen Persönlich-
keiten, die, in ihren Grundfesten durch die politisch-kriegerische Um-
gestaltung Europas und Deutschlands, durch den Wirtschaftswandel
und auch durch die neuen Bildungsmächte erschüttert, den Feuer-
atem dieser Epoche ein- und ausziehen und sich darin erfüllen. Varn-
hagens Biographien werden durch keinen Zeithintergrund und durch
kein geistiges Band zusammengehalten. Die Einheit im Zerstreuten ist

80
DER ADEL

dennoch an ihnen erkennbar, unbeschadet der persönlichen oder pri-


vaten Beziehungen, durch die diese Menschen mit ihm und seiner
Gattin verknüpft waren, und der freundschaftlichen Vorurteile, die er
ihnen entgegenbrachte. So sind Prinz Louis Ferdinand, Alexander von
der Marwitz, Karl von Nostiz, Karl Gustav von Brinkman, Wilhelm
von Burgsdorf, \Vilhelm Neumann, Oelsner, Koreff von ihm in die
romantisch-nationale Zeitgeschichte und Lebenstypologie eingefügt
worden. Aber auch der <<Unbekannte Soldat» der romantischen kämpfe-
rischen Zeitbewegung und ihrer Interessen hat durch seine Findigkeit
und Bewahrsamkeit ein Denkmal erhalten. Es sind das jene «Briefe
von der Universität in die Heimat», die aus Varnhagens Nachlaß 1874
erschienen. Ein früh ( 1811) verstorbener Studiosus Adolf Müller aus
Bremen schrieb sie während seiner Hallenser Studienzeit um 1805.
Wie diese um 1785 geborene Generation von der romantischen Strö-
mung erfaßt und von den neuen Denk- und Gefühlserregungen durch-
wühlt wurde - dieser Vorgang zeigt besser, als es spekulative Erörte-
rungen vermögen, daß die Romantik damals bereits eine Zeit- und
Lebensmacht sehr dringlicher Art geworden war und sich mit der
Gewalt eines Naturvorganges ausbreitete.
Im übrigen aber war es vornehmlich der Adel, bei dem sich jetzt die
Rückkehr zu den Urformen des Volksdaseins (im Gegensatz zu den
klassischen «Urformen des Menschengeschlechts») mit dem Willen zur
vaterländischen Aktivität gegen die ruchlose Zeit reibungslos und un-
konventionell zusammenschloß. War der Adel seit der vorklassischen
Zeit, vor dem Sturm und Drang, über die Ewald von Kleist, Gersten-
berg, Stolberg, Humboldt, Knebel und andere zu jener Eliteschicht
eingeschmolzen worden, in der die Stände sich an dem neuen Bil-
dungsbegriff ausglichen, so wuchs er nun aus dieser Schicht auch
wieder heraus zu neuer Kraftentfaltung. Der romantische Lebenssinn,
verbunden mit den Anforderungen der weltgeschichtlichen Epoche an
Tat, Würde, Überlieferung und Haltung, scheint beim Adel eine na-
türliche Bereitschaft gefunden zu haben. Und was bei Friedrich Schle-
gels und Adam Müllers Verherrlichung des Adels theoretische Folge-
rung aus romantisch-organischen Voraussetzungen oder aus Burke,was
Widerspiegelung der deutschen Zeitwirklichkeit war, wird sich schwer

6 Schultz, Klassik und Romantik, Bd. l i 81


ADELSBEGRIFF DER ROMANTIK

entscheiden lassen.« Der Adel» -natürlich nur der idealtypische, sei-


ner Verpflichtungen und Aufgaben sich bewußte Adel -, so begründet
es AdamMüller in der neuntenVorlesung seiner «Elemente der Staats-
kunst» (1808/09) mit großer rhetorischer Eindringlichkeit, «ist die
erste und einzig notwendige staatsrechtliche Institution im Staate: er
repräsentiert den einzelnen Menschen und ihrer augenblicklichen
Macht gegenüber die Macht und die Freiheit der unsichtbaren und der
abwesenden Glieder der bürgerlichen Gesellschaft». Das Problem der
allgemeinen Freiheit ist nach AdamMüller in der Bildung der neueren
Staaten «von der Natur selbst» auf das herrlichste gelöst worden, da-
durch, daß mit dem Adel « Familienfreiheiten den Freiheiten der Ein-
zelnen, Familienrechte den Rechten der Einzelnen entgegengesetzt
worden sind». So ist der Adel für die Romantik der dauernde Bestand
eines naturhaften Gestaltwerdens organisch gegebener Staats- und
Volksgesetzlichkeit. Aber er ist für sie noch anderes. Die Zeit, die
kriegerischer, unruhiger und abenteuerlicher LebensführungVorschub
leistete, ließ die ritterlichen Eigenschaften des Adels wiedererkennen.
In adliger Haltung bekundeten sich jene selbstverständliche Sicherheit
und jene Charakterfestigkeit, die die jüngere Romantik im übrigen
in der gesunkenen Epoche der Revolution und der napoleonischen Ära
vermißte. Der Adel war gleichsam das Widerspiel der bestgehaßten
Französischen Revolution, die mit ihm hatte aufräumen wollen. Er
war der lebendige Triumph über sie. Er war- zusammen mit allem,
was freies und kühnes adliges Leben ausmacht - ein Stück Natur-
wuchs, er war etwas «Wildes». So war auch noch ein Stück heimlicher
Poesie in der bloßen Existenz des Adels. Arnim und Eichendorff spie-
geln das innerlich Dichterische des romantischen Adels in ihrer Per-
sönlichkeit, ihrem Auftreten, ihrer Dichtweise am gewinnendsten
wider. Die Arnimsche Dichtung zeigt die adlige Herrenweise in jener
Unbekümmertheit um das große Publikum, um die Kritik und die
«Literatur». Und Eichendorff konnte nicht begreifen, daß man sein
Leben lediglich auf das Dichten und Schriftstellern ausrichten könne.
Gerade so hatte bereits Novalis gedacht. Die «heimliche Poesie», die
dem Adel und seiner Art, das Leben zu nehmen und zu führen, inne-
wohnt, war es, die Jacob Grimm sagen ließ, wenn man den Adel aus-

82
MÄNNLICHKEIT DER JÜNGEREN ROMANTIK

rotte, werde man den letzten Rest von Poesie aus der Welt ver-
treiben ... Da sind nun die im Lichte der Geistes- und Dichtungs-
geschichte stehenden adligen Romantiker: Hardenberg, Arnim, Eichen-
dorff, Loeben, Wilhelm von Schütz, Fouque, Heinrich von Kleist, Ernst
von der Malsburg, Leo von Seckendorff, Chamisso, Savigny, Caroline
von Günderode. Und jene adligen Lieblinge Varnhagens, der selbst
dem Adel zugehörte, bilden um die schöpferische romantische Mitte
den weiteren Kreis. Die Fäden zwischen allen laufen hin und her. Die
«Christlich Deutsche Tischgesellschaft» in Berlin, deren Ton und Geist
den letzten, steilen Aufschwung Heinrich von Kleists seit 1810 be-
stimmten, besteht neben Fichte, Adam Müller, Arnim, Brentano, Sa-
vigny, Clausewitz und einigen Vertretern der bürgerlichen Aristokratie
aus nichtliterarischen Männern von Adel. Aus Männern - denn der
adlige Sektor der deutschen Romantik ist wie der gesamte von ihr voll-
zogene Durchbruch zur Erfassung und Verwirklichung einer ursprüng-
lichen Volks-, Staats- und Wirklichkeitsordnung vor allem männlich.
So überhaupt die politischen und religiösen Ergebnisse, Erscheinungen
und Vorgänge, die mit dem organistisch und vital geladenen Kraftfelde
der Romantik in Verbindung gebracht werden müssen. Das ist freilich
eine Feststellung, die zu einer Auffassung im Widerspruch steht, die
in der «Romantik» eine frauenhafte oder verweiblichte Epoche sehen
möchte.
Doch der die Epoche durchwaltende deutsche Idealismus ? Steht
jener Aufschwung des reinen begrifflichen Denkens der nachkantischen
Philosophie etwa auch in einem Zusammenhang mit der Gegenwir-
kung auf die in ihren Banden gelöste Zeit ? Für Fichte braucht dieses
nach früher Gesagtem kaum nochmals bejaht zu werden. Die Diagnose
des Zeitalters ist von keinem schärfer und unerbittlicher gestellt wor-
den als von ihm, mehr noch in den «Grundzügen des gegenwärtigen
Zeitalters» (erschienen 1806), als in den «Reden an die deutsche
Nation» (erschienen 1808). Diese beiden Bekundungen verhalten sich
zueinander wie der Aufbau eines neuen Gebäudes zu dem Abbruch
des alten. Die« Reden» stellen den aus ihrer Geschichte und Wesen-
heit abgeleiteten Erziehungsplan für die Deutschen der Zukunft auf,
die «Grundzüge» bieten ein «philosophisches Gemälde» des gegen-

6* 85
FICHTE

wärtigen Zeitalters. Philosophisch aber kann nach Fichte «nur die-


jenige Ansicht genannt werden, welche ein vorliegendes Mannigfal-
tiges der Erfahrung auf die Einheit des einen gemeinschaftlichen Prin-
zips zurückführt, und wiederum aus dieser Einheit jedes Mannig-
faltige erschöpfend erklärt und ableitet».ln den «Grundzügen» findet
Fichte diese Einheit des Zeitalters in drei Punkten: darin, daß seine
Zeit in dem dritten Hauptabschnitte der gesamten Weltzeit stehe,
welcher Abschnitt den bloßen SinnlichenEigennutz zumAntriebe aller
lebendigen Regungen und Bewegungen habe; darin, daß seine Zeit
sich in dieser Ausschließlichkeit des Eigennutzes vollkommen verstehe,
und, drittens, durch diese klare Einsicht in ihr Wesen tief begründet
und unerschütterlich dastehe. Aber in den «Reden», nach drei wei-
teren Jahren, ist mit den «Riesenschritten» der Weltgeschichte jenes
Zeitalter, dem die «Grundzüge» galten, abgelaufen; denn die Selbst-
sucht hat durch ihre vollständige Entwicklung sich selbst vernichtet.
Wer es aber einmal unternommen hat, seine Zeit zu deuten, der muß
mit seiner Deutung auch ihren Fortgang begleiten, falls sie einen
solchen Fortgang gewinnt. «Und so wird es mir denn zur Pflicht, vor
demselben Publikum, vor welchem ich etwas als Gegenwart bezeich-
nete, dasselbe als vergangen anzuerkennen, nachdem es aufgehört hat,
die Gegenwart zu sein.» So sind die «Grundzüge» der unmittelbarste
und schärfste Angriff des deutschen Idealismus gegen das Zeitalter.
Heraufgeführt durch den Drang des Geschehens, suchen sie mit der
ganzen Kraft begriffsbildnerischer Fähigkeiten, die in Deutschland seit
Kant aufgekommen war, und- was vielleicht noch wichtiger ist- von
dem Publikum erfaßt wurde, die « Zeitklage » in die reine und lösende
Luft des philosophischen Erkennens zu heben, überzeugt davon, daß
die Tat in einer zwangsläufigen Abhängigkeit von dem klar erfaßten
Gedanken oder in einem Wechselverhältnis zu ihm stehe.
Aber auch der übrige deutsche Idealismus, abgesehen von der Früh-
romantik, die ihm zur Seite geht, darf als Ganzes - nicht im Gehalt
und in der Form seines Denkens, nicht in seinen Denkmotiven, nicht
in den Weiterführungen der Probleme über Kant hinaus, sondern als
Gesamterscheinung, als dynamischer Vorgang - unter einem einheit-
lichen Ansatz gegen die «Zeit» gesehen werden, unbeschadet der

84
DER DEUTSCHE IDEALISMUS

Spannungen innerhalb der geleisteten Denkarbeit, unbeschadet der


Verschiedenheit unter den einzelnen Denkern. Schon daß die ganze
Bewegung im Zeichen «eines jugendstarken und schaffensfreudigen
philosophischen Optimismus» steht, läßt erkennen, daß sie die Forde-
rung der Zeit verstanden hat. Gewiß, die Philosophie folgt in ihrem
geschichtlichen Entwicklungsgange noch anderen Gesetzen als denen
des kühn vorwärtsstürmenden Zeitgeistes.Aber kennzeichnend für den
Idealismus ist, daß er den Anspruch erhob, unmittelbar auf die Ge-
staltung der menschlichen Gegenwart und Zukunft einzuwirken. Er
empfand sich in seiner Sendung und Erziehungsaufgabe. Er bestätigt
die Goethesche Erkenntnis, daß vor der Französischen Revolution alles
«Bestreben» gewesen sei, was sich nachher als «Forderung» zur
Geltung brachte. In der Aufklärung vermochte die Philosophie keine
aktiven Kräfte zu entfesseln: sie «bleibt der Gefangene der bestehenden
Mächte, sie ist eine bloß theoretische Haltung, die sich darauf be-
schränken muß, das Gegebene zu Begriff zu bringen, und nicht den
Anspruch erheben wird, durch den Impuls des Denkens die Wirklich-
keit in Bewegung zu setzen». Die kantische Kritik brachte ein revolu-
lutionäres Element in diese statische Haltung. Ihre entwicklungs-
geschichtliche Bedeutung liegt auch hinsichtlich ihrer Wirkung nach
außen nicht im Negativen und Auflösenden. Sie enthielt die Forde-
rung an sich selber und an die, die den von ihr gelockerten Boden
weiterbestellten, daß das Denken nun die Führung übernehmen müsse,
wenn es gelte, die Wirklichkeit und die Geschichte zu gestalten. So
kann man die Bedeutung des deutschen Idealismus in einer Erwei-
terung und inneren Ausfüllung des historischen Wirkungsbereiches
sehen. Man kann sie auch sehen in dem Verantwortlichkeitsbewußt-
sein des denkenden Geistes vor sich selber, gleichsam in der Gewissens-
pflicht, die dies Denken in sich barg. Vielleicht besteht hierin - nicht
in Motiven, Lehrsätzen und inhaltlichen Entscheidungen - der wich-
tigste Zusammenhang des Idealismus mit dem Protestantismus. Die
drei Jugendfreunde aus den im Tübinger Stift verbrachten theologi-
schen Studienjahren (1790/93): Schelling, Regel und Hölderlin rücken
in dieser aus der Zeit geborenen und wiederum auf sie rückwirkenden
Haltung noch näher zusammen. Sieht man sie von ihrer gemeinsamen

85
IDEALISMUS UND «ZEITKLAGE»

Ausgangsstellung her, dann wird der Aufruhr noch deutlicher, der in


ihnen durch die Französische Revolution und die Kautische Philo-
sophie erregt wurde, und nicht zuletzt durch die eigentümlich deut-
schen revolutionären Kraftströme seit der Geniezeit. Was die Zeit in
diesem Momente um 1790 in sich barg, einigte sie in dem Willen, ein
neues volkserziehlich-religiöses Programm aufzustellen, das den Wider-
stand der stumpfen Welt besiegen und die Morgenröte eines besseren
Tages der Menschheit heraufführen sollte. Hölderlins gesamte Dich-
tung läßt sich ihrem Ansatz und Gehalt nach als der höchste Ausdruck
der «deutschen Zeitklage » der Epoche auffassen.
Da der Idealismus den Anspruch erhob, vom Denken aus die Wirk-
lichkeit und den Menschen zu gestalten, bedurfte er anderer Formen
der Übermittlung, als es das literarische und papierene Getriebe war,
das sich allgemach totgelaufen hatte. Er brauchte die Form der leben-
digen Rede, des unmittelbar eingreifenden Vortrages vor einer auf-
nahmebereiten, vorgebildeten und erlesenen Öffentlichkeit. Er be-
durfte vor allem des akademischen Hörsaals, um mit derWucht der den
Gedanken aussprechenden Persönlichkeit die Jugend zu prägen. So ist
es bei Fichte, SeheHing und Regel. Der deutsche philosophische Idealis-
mus fühlte sich als die Krönung einer Nationalerziehung, deren Ge-
danke in den neunzigerJahren des 18.Jahrhunderts am Horizont auf-
taucht. Etwas lebt in ihm von dem Glauben an ein Mysterium, das
dem Wissenden das Geheimnis des Universums erschließt. Schelling,
der der Romantik früh wie spät, innerlich und äußerlich am nächsten
stand, ist am sichtbarsten der Überzeugung verschrieben, daß die
idealistische Philosophie ein verschleiertes Bild von Sa'is sei. Als der
aus dem Goethe-Schillerschen Briefwechsel bekannte Jenenser Theo-
soph Jacob Hermann Obereit, der alte Sonderling, für den die beiden
Weimaraner so rührend sorgten, da er- ein rechter cynischer Philo-
soph- mit dem «Werkzeug» Geld, wie Goethe schreibt, nie umzu-
gehen lernte, an den jungen aufsteigenden SeheHing schrieb und die
Besorgnis äußerte, daß das «absolute Ich in der Sprach-Mode jedem
Narren popolar würde», da antwortete ihm Schelling noch aus Stutt-
gart am 12. März 1796: «Ihr Wunsch, die neue Philosophie nur nicht
zur Sprachmode werden zu lassen, ist völlig begründet. Ich glaube, daß

86
IDEALISMUS UND MENSCHENPRÄGUNG

zu einer Nationalerziehung Mysterien gehören, in welche der Jüngling


stufenweise eingeweiht wird. In diesen sollte die neue Philosophie ge-
lehrt werden. Sie sollte die letzte Enthüllung sein, die man dem er-
probten Schüler der Weisheit widerfahren ließe (wenn sie anders etwas
ist, das man von anderen empfangen kann und nicht sich selbst ver-
schaffen muß). Dies ist aber bei der Flut unserer Literatur, durch die
alles ins weite Publikum getrieben wird, unmöglich, und die besseren
Schriftsteller können daher nichts tun, als ihrer Darstellung so viel
Würde, Strenge und Erhabenheit des Vortrags geben, daß jedes Blatt
dem Profanen zuruft: procul, procul esto! »
In diesen Bedürfnissen des philosophischen Idealismus nach einer
Menschenprägung, die sich durch die aufgerüttelte denkerische Selbst-
gestaltung zu vollziehen habe, lag die eine Ursache dafür, daß die
Literatur in der Zeit nach der Französischen Revolution bis weit in die
Spätromantik hinein ihre Rolle als Träger des geistigen Lebens an die
Beredsamkeit abtrat. Was da vor sich ging, war in gewissem Sinne
eine Säkularisierung der Kanzelberedsamkeit. Aber Idealismus und
Romantik strebten in diesemWillen zum gesprochenen Wort über den
«zünftigen» Raum, sei er Kirche oder Hörsaal, hinaus. Wenn es eines
Beleges bedürfte, wie sehr die deutsche Literatur um 1800 und später
den öffentlichen Bereich und die öffentliche Wirkung suchte, so wäre
das die Tatsache, daß sie ihre Ideen und ihren Gehalt in der Form von
Vorträgen einem breiten Publikum nahebringen wollte. Die durch die
Französische Revolution entzündende Rhetorik und die englische Par-
lamentsberedsamkeit machten nun auch den Deutschen Mut, die Enge
des sein Leben am Schreibtisch VerbringendenMagisters zu sprengen
und durch das Medium einer sich jetzt fühlenden, lebendigen Persön-
lichkeit werbende Kraft für Ideen und Forderungen zu entwickeln.
Ein anderes Verhältnis zum Publikum war dabei die Voraussetzung.
DiesPublikum bestandjetzt nicht mehr aus bestimmten geschmäckler-
haften Zirkeln. Es war eine in gewissen Anliegen und Sorgen, wie sie
die Zeit heraufgeführt hatte, einige und von einem im wesentlichen
gleichen Bildungsgärstoff durchsetzte Gemeinschaft, die der Orien-
tierung bedurfte über das, was nottat; eine Gemeinschaft, die nach
einer Zeit der stärksten Stauung geistigen und dichterischen Lebens

87
DIE BEREDSAMKEIT

zu wissen begehrte, wie sich der Schatz der zutage geförderten Bildung
verwenden, welche Anwendung sich aus ihm machen ließ. Nicht
Barock, nicht Vorklassik, aber auch nicht die Weimarer Klassik haben
öffentlich auf mündlichem Wege ihre Welt- und Kunstanschauung zu
vertreten und zu verbreiten gesucht; die Klassik deswegen nicht, weil
runde künstlerische Werke und die ihrem Wesen und Gesetz nach
improvisatorische Vermittlung durch das gesprochene Wort sich aus-
schließen. Soviel man sieht, war August vVilhelm Schlegel der erste,
der sich mit dem Bewußtsein, an der Spitze einer vielbeachteten lite-
rarischen Gruppe zu stehen, mit Privatvorträgen unmittelbar an das
Publikum wandte und damit die Entscheidung einer urteilsfähigen
Instanz suchte. Das geschah in seinen Berliner «Vorlesungen über
schöne Literatur und Kunst», die in den drei aufeinanderfolgenden
Wintern von 1801/02 ab stattfanden. Sie beanspruchten freilich, mehr
zu sein als die Kundgebung einer literarischen Partei. Das Forum einer
mit rednerischen Mitteln zu bearbeitenden Öffentlichkeit würden sie
nie gesucht haben, wenn sie nicht den Charakter einer großen, auf
die Zeitsituation bezogenen Aktion angestrebt hätten. Sie nutzten mit
Bedacht den Moment der Jahrhundertwende. Wohl waren Kunst und
Literatur ihre Gegenstände. Aber hinter ihnen erhoben sich weiter-
gehende Feststellungen und Ansprüche: der Mensch der Epoche soll
sich die Frage vorlegen, wie er zur Geschichte und Gegenwart des ge-
samten geistig-künstlerischen Lebens seit dem Altertum steht, welche
Werte ihm daraus bleiben, welche neuen Werte in den Bestand seiner
Bildung aufgenommen werden müssen, welcher Scheinbesitz zu ver-
werfen ist. Mehr noch: die « Zeitklage » ist aus der Romantik nirgends
wortwörtlicher als solche, wirksamer und begründet-ausführlicher laut
geworden als in jener «Allgemeinen Übersicht des gegenwärtigenZu-
staudes der deutschen Literatur», die den zweiten Kursus der Schlegel-
sehenVorlesungen eröffnete und im Gegensatz zu den ungedruckt blei-
benden übrigen Partien der Vorlesungen 1803 in Friedrich Schlegels
« Europa» veröffentlicht wurde. Aus Literaturgeschichte und Literatur-
kritik wird eine vernichtende Abrechnung mit dem Geiste des Zeit-
alters im ganzen. Dessen Überzeugung, die Welt sei, seit sie steht, noch
nie so verständig und gebildet, so gesittet und sittlich gewesen als

88
A.W. SCHLEGELS BERLINER VORLESUNGEN

jetzt, wird als ein «optischer Betrug» erwiesen; Die Aufklärung und
die Nützlichkeitslehre mit allen ihren Auswirkungen und Verzwei-
gungen sind dabei sehr wesentliche Zielscheiben. Aber sie bedeuten
nur eine Seite des allgemeinen Niederganges. Der herrschende Cha-
rakter der Zeit besteht in dem durchgehenden Verkennen der Ideen.
Ideen sind nach Schlegel «etwas, worauf der menschliche Geist mit
einem unendlichen Bestreben gerichtet ist»; oder («wie mein Bru-
der ... sie im Athenäum treffend ... beschrieben» hat): «Ideen sind
unendliche, selbständige, immer in sich bewegliche, göttliche Gedan-
ken.» Schlegel möchte sie «organische Gedanken» nennen, nach deren
Hinwegnahme nur ein toter Mechanismus zwischen den ihnen unter-
geordneten Begriffen übrigbleibe. Nennt sich die neuere Philosophie
Idealismus, so wird sie nichts dagegen haben, meint er mit einiger
Boshaftigkeit, daß echter Idealismus diejenige Philosophie genannt
werde, «in welcher die Ideen anerkannt und dargestellt werden». So
ist es nur verhältnismäßig wenig, was als Regung des wiederaufleben-
den Geistes neuerer Zeit vorbehaltlose Geltung beanspruchen darf:
Winckelmann, Lessing, Hemsterhuis, Goethe. Wir aber, wir, die wir
uns zusammengeschlossen haben und denen man die Ehre erwiesen
hat, als eine maßgebende Partei in der Literatur angesehen zu werden,
wir bilden uns nicht ein, einige philosophische und poetische Werke
würden unmittelbar auf die gegenwärtige äußere Verfassung der
menschlichen Angelegenheiten wirken. Aber wir behaupten, es seien
von uns Keime des neuen Werdens ausgestreut. Und wir sind berech-
tigt, zu sagen, es fange eine neue Zeit an: «Denn aus dem höheren
Gesichtspunkt angesehen, ist die Zeit eine Hervorbringung des freien
Menschen, und es hängt von ihm ab, was er für sich in den Schoß der
Vergangenheit versenken, und was er als Gegenwart festhalten will,
um seine Zukunft daraus zu entwickeln.» Diese zeitkritische Überschau
August Wilhelm Schlegels hat auf die nächste Folgezeit eine weit- und
tiefgehende Wirkung ausgeübt. Es waren die Ausführungen seiner Ber-
liner Vorlesungen, die des allgemeinsten Verständnisses und Interesses
und der stärksten Aktualität sicher waren. Mit Bedacht wurden sie des-
wegen auch im Druck der Öffentlichkeit vorgelegt. Einmal müßte im
einzelnen untersucht werden, ·wie diese Zeitkritik des frühroman-

89
UMSICHGREIFEN DES VORLESUNGSWESENS

tischen Oberhauptes, die an einem entscheidenden Wendepunkte eine


wohlüberlegte Zusammenschau übte, sich in persönlichen und sach-
lichen Bekundungen der folgenden Jahre widerspiegelt. Auch hier ist
wichtig, daß in der glänzenden Zuhörerschaft, die zu den Füßen des
Redners saß, der Adel stark und angesehen vertreten war. Die Kon-
kurrenz und Nachahmung, die das Schlegelsehe Rednerunternehmen
allein in Berlin fand, war symptomatisch für die Bedürfnisse, die die
Zeit in ihrem Schoße hegte. Im Sommersemester 1804 verzeichnet die
«Neue Allgemeine Deutsche Bibliothek» bereits acht ähnliche Privat-
vorlesungen über die verschiedensten Gegenstände. Im Wintersemester
1804/05 füllen die Ankündigungen bereits zwei Seiten dieser Zeit-
schrift.
Die Brüder Schlegel haben bis an ihr Lebensende immer wieder
ähnliche Vorlesungen abgehalten. Diese Art, vor das Publikum zu tre-
ten, befriedigte bei dem älteren Bruder seinen Sinn für glanzvolle und
eindrückliche Repräsentation; bei dem jüngeren scheint dieser Hang
zum Mündlichen einem strukturellen Bedürfnis (oder Mangel) seiner
Natur entsprungen zu sein. Die mehr improvisatorische Art des für den
mündlichen Vortrag zu Formulierenden scheint ihm ebensosehr über
ein qualvolles Ringen mit dem Gedanken und der Form hinweggehol-
fen zu haben, wie die Gattung des Fragments, des Aphorismus ihm
zeitweilig den gleichen Dienst leistete. Andere, die des gegen die Zeit
stehenden Geistes voll waren oder zu sein glaubten, folgten dem früh-
romantischen Wegbereiter. Die verschiedenen Vorlesungszyklen Adam
Müllers, zuvörderst die «Vorlesungen über die deutsche Wissenschaft
und Literatur» (erschienen 1806) und die «Elemente der Staats-
kunst» (gedruckt 1809), dürfen in diesem Gefolge den Anspruch er-
heben, aus derZeit nehmend und ihr gebend, an Bedeutung und nach-
haltiger Wirkung den Kundgebungen der Brüder Schlegel gleichzu-
kommen. Noch ist freilich nicht mit Sicherheit festgestellt, was ihn von
den Brüdern Schlegel, insbesondere von Friedrich, trennt, und was sie
verbindet - « am wenigsten innerhalb des Bereichs der Kunstlehre,
eher noch auf politischem und nationalökonomischem Gebiet». Soviel
aber steht fest: daß Adam Müller und Friedrich Schlegel in ihrer lite-
rarischen Kritik und ihrem literarhistorischen Verfahren die Literatur

90
ADAM MüLLER- G. H. SCHUBERT
in Beziehung zum Leben, zu den großen Zeitbegebenheiten und dem
«Zeitgeist» setzen. Adam Müller und der spätere Friedrich Schlegel
stellen jenen neuen Typ des literarisch-wissenschaftlichen Kritikers
dar, den Müller fordert: «der dem Leben und der Zeitgeschichte nicht
fremd, das Allgemeine der Geschichte wohl noch besser inne hat als
der denkende Staats- und Geschäftsmann, dabei aber die Kenntnis und
Fähigkeit besitzt, durch jenen gemeinschaftlichen Berührungspunkt
ihm auch die unbekanntern Regionen der Kunst, besonders aber der
Philosophie zu eröffnen.» Für diese neue Art des Kritikers und seine
Beziehungen zu Geschichte, Politik, Gesellschaft war die öffentliche
Vorlesung das gegebene VerständigungsmitteL Neben Müllers Vorle-
sungen haben für das innere Reich, das des Seelischen, für die Ab-
gründe des Unbewußten, für die tastenden Erkenntnisse einer aus der
Romantik herauskommenden, an Hamann, Herd er, Goethe anknüpfen-
denneueren Seelenkunde die «Ansichten von der Nachtseite der Na-
turwissenschaft» Gotthilf Heinrich Schuberts eine entlarvende und
bannende ·wirkung gehabt. Diese in Dresden im Winter 1807/08 ge-
haltenen Vorlesungen über die Phänomene des Fernfühlens, Hell-
sehens, Traumschauens, des Lebensmagnetismus erstrecken ihren Ein-
fluß über Carl Gustav Carus und sein seelenkundliches Hauptwerk
«Psyche» bis in neuere und neueste Zeit, weil schon sie von der Über-
zeugung ausgehen, daß der Schlüssel zur Erkenntnis vom Wesen des
bewußten Seelenlebens in der Region des Unbewußten liege.
Die Vorlesungen, die aus dem romantischen Raume heraus gehalten
wurden, hatten neben der glänzenden Schauseite noch einen anderen
Aspekt. Die Gefallsucht und die Sensationslust in allen Formen konn-
ten sich bei ihnen auswirken, nicht nur beim Redner, vor allem auch
beim Publikum, zu dem nunmehr auch das begierig zu den deut-
schen Bildungsgütern greifende jüdische Element gehörte. Die Stimme
eines klarblickenden und kritischen Zeitgenossen der älteren Gene-
ration faßt alles zusammen, was sich nach dieser Richtung sagen läßt:
es ist der Staatsmann und staatswissenschaftliche Schriftsteller August
VVilhelm Rehberg, der nie mit dem Strome Schwimmende und von
allem Geschmäcklerwesen Freie, der sich in einer Besprechung Adam
Müllers 1810 folgendermaßen äußert: «Vornehme Personen suchen

91
DIE KEHRSEITE

eine Zerstreuung und Erholung ... und wollen sich einmal etwas vor-
klimpern lassen, damit der unsterbliche Geist doch nicht vollends ein-
schlafe. Damit ist nun auch der Haufen zufrieden, der den Saal füllen
hilft und sich eingefunden hat, teils um mit vornehmen Leuten in
Gesellschaft gewesen zu sein, teils um sich als Genossen der höheren
Kultur darzustellen. Um diese Zuhörer zu unterhalten, muß alles Ge-
meine und Bekannte den Anschein des Neuen und Höheren, verbor-
gener kundgemachter vVeisheit erhalten. Es müssen neue Worte und
überraschende Zusammenstellungen, Anspielungen, Deutungen ge-
sucht werden. Der überlegte klare Vortrag des verständigen Mannes
reicht nicht zu und muß Seiltänzerkünsten Platz machen . . . alle
Werke, die auf jene Art entstanden sind, tragen mehr oder weniger
Spuren davon an sich - falschen Schmuck, blendenden Schein über-
triebener Behauptungen, unpassende Ausdrücke, schreienden Kontrast
erzwungener Ansichten mit den gewöhnlichen Vorstellungen. Zu allem
diesem kommt noch eine andere Inkonvenienz. Der Ton einer Vor-
lesung, nicht für Schüler, sondern für Zuhörer, die die Ehre erzeigen,
zu erscheinen, verleitet zu einer pedantischen Eleganz. Der Redner
steckt in einer Schnürbrust, dergleichen weder Demosthenes, Fox,
Burke, noch auch Bossuet getragen haben, soviel Rücksicht auch diese
insgesamt auf die Personen nehmen mußten, vor denen sie standen.»
Noch unliebenswürdiger heißt es 1816 in einem Aktenstück aus der
Zeit, als Friedrich Schlegel österreichischer Legationsrat in Frankfurt
am Main war: «Alle diese wandernden Vorleser und Deklamatoren,
welche lange vorher, unter der Mißbilligung vernünftiger Menschen
in dem auswärtigen Deutschland ihr lächerliches Wesen trieben, be-
geben sich auch hier [in Wien J unter den wirksamen Schutz der
Weiber, welche die Eintrittskarten an die bei ihnen einsprechenden
Männer und vVeiber mit unwiderstehlicher Zudringlichkeit ZU ver-
trödeln pflegen.» Solchen Beurteilern war es nicht gegeben, das Vor-
lesungswesen der Zeit in seinen Zusammenhängen und Ursachen zu
sehen.
Der Zug ZU unmittelbaren vVirkungen durch das gesprochene Wort
hängt auch mit dem durch die Jahrhunderte gesteigerten Überdruß an
der zivilisatorischen Funktion des Lesens, Schreibens, Druckenlassens

92
VIELSCHREIBEREI UND VIELLESEREI

zusammen. Diese Abwehr gegen die Überflutung durch das Gedruckte,


gegen die Folgen eines hemmungslosen und unkoutrollierten Lesens,
gegen die Suggestion, die von dem Büchermarkt und der Papierwelt
ausgeht, ist von Klassik und Romantik in gleicher Weise geübt worden.
Beide wollen in manchem verstanden werden von der Reaktion her
gegen die massenpsychologisch so gefährliche Welle des Gedruckten,
das in seiner Menge nichts anderes bringen konnte als Mittelmäßig-
keit oder den Fanatismus und Okkultismus zu fördern vermochte.
Dies Letzte fürchtet Kant, wenn er im März 1790 schreibt, daß die
«allgemein ausgebreitete Lesesucht» nicht bloß das Leitzeug (Vehikel)
sei, die Krankheit der «Schwärmerei» zu verbreiten, sondern auch der
Giftstoff, sie zu erzeugen. Denn unbegreifliche Dinge würden so dem
Publikum als Tatsachen dargebracht. Schiller sagt 1801: «Der Geist
des Zeitalters ist am deutlichsten an Kindern zu bemerken, wenn wir
aufmerksam genug sind, darauf Achtung zu geben; z. B. fragt jetzt
Ernst im fünften Jahre, wenn er ein Buch liegen sieht, wer es geschrie-
ben habe. Vor dreißig Jahren dachte man kaum im elften daran, genug
das Buch war da und man glaubte, es müßte so sein. Jetzt gibt sich
jeder Bediente mit Lecture ab, und schreibt am Ende wohl auch selbst,
natürlich werden die Kinder hierauf aufmerksam.» Diese Äußerung
stellt sich zu den Versen der «Xenien» :

Einen Bedienten wünscht man zu haben, der leserlich schreibet


Und orthographisch,jedoch nichts in Bell'-Lettres getan.

Solche Klagen sind um 1800 allgemein. Die reizvollste Erörterung,


wenn auch freilich nicht Lösung, der in der Vielleserei und Vielschrei-
berei am Ende des 18. Jahrhunderts liegenden Probleme verdankt man
LudwigTieck.Aus verstecktem Orte, der Vorrede zu seiner Neuausgabe
der «Insel Felsenburg» ( 1828), mag sie als bleibend wertvoll hervor-
geholt werden. Er selber hatte zu denen gehört, die Bücher wahllos
verschlangen. Er hatte als junger begabter und leichthändiger Autor
schriftstellerische Lohndienste geleistet und die Unterhaltungs-, Tri-
vial- und Schundliteratur vermehren helfen. Er stand auch von früh
an in unmittelbarer Beziehung zu der Zeitseele, das heißt zu der Er-
scheinung einer seelischen Struktur, die sich so und nicht anders unter

93
TIECKS STANDPUNKT

den Umwelteindrücken und unter dem geistigen Erbe bei bestimmten


Generationstypen herausbilden mußte. Er hatte aber auch den Vor-
gang mitgemacht und zum großen Teil an ihm mitgearbeitet, in dessen
Verlauf die aufklärerische zivilisatorische Decke durchbrochen wurde
durch den Wiederaufstieg eines geistigen Besitzes, der, bei den höheren
Ständen verschollen, aus der älteren und volkstümlichen Schicht des
Deutschtums herstammte. So war er berufen, sich bei Gelegenheit
eines weitgeliebten Buches, wie es jene Robinsonade aus dem Anfange
des 18.Jahrhunderts ist, in dialogischer Form (die den späteren No-
vellendichter verrät) mit der vielgeschmähten Unterhaltungsliteratur
rückblickend auseinanderzusetzen. Er ist dabei wohl der einzige aus
dem gesamten Bereich der Klassik und Romantik, der in dieser Litera-
tur nicht nur eine abzulehnende Zeiterscheinung sieht, sondern ihrer
sozialen und kulturellen Notwendigkeit und Gesetzlichkeit nachgeht.
Er verkennt nicht, daß die Menge des Lesestoffes und das beinahe
krankhafte Umsichgreifen der Lesegier auf Charakter, Gesinnung,
Empfindung und Verstand nachteilig einwirken, daß sie vor allem die
«Frische und Unschuld» beeinträchtigen, ohne welche auch der Be-
gabte ohnmächtig erscheine. Aber wonach sollen wir werten, welchen
Maßstab anlegen, wie das Gute vom Schlechten, das Nützliche vom
Schädlichen sondern bei der Masse dessen, was gelesen wird ? Alles
befriedigt ja nur ein Bedürfnis der Zeit. Lehrreich aber möchte es sein,
diesen wechselnden Bedürfnissen durch die Geschichte des deutschen
Volkes nachzugehen. Und sei dieser Lesedurst nicht immer noch eine
Erhebung zu nennen gegenüber der traurigen Enge, Leere oder Roheit
des bürgerlichen Zeitvertreibs der Vergangenheit? Man urteile des-
halb nicht zu strenge über diese Unterhaltungsromane! «So wie diese
Schriften manchen schadenden Stoff ableiten und mildern, so erregen
und verbreiten sie auch wieder Krankheit oder Gesundheit, wie wir es
nennen wollen, die sich aber immer wieder gelind zu Boden setzen und
in der Masse unschädlich werden; dies aber, ist ein Volk erst fanatisiert
und der verständigen Regierung Ordnung und Zügel aus den Händen
gerissen, kann man von Libellen, politischen Flugschriften, Tage-
blättern oder religiösen Schwärmer-Büchern gewiß nicht behaupten.»
Man sieht, Tieck unterhandelt verständig und verstehend vom Boden

94
GEGEN DIE TRIVIALLITERATUR

geschichtlicher und sozialer Einsicht und mit dem Blick für die kollek-
tive Bedeutung der Produktion und Konsumtion dieser Bücher mit den
Fragen, die sie aufwerfen. Er kennt auch hier keine humanistische
Strenge und aristokratisierende Abgegrenztheit. Er war selber als Dich-
ter groß geworden gegen diese Literatur. Gegen sie hatte ihn vor
dreißig Jahren das «Athenäum» auf den Schild gehoben. Aber der
Sinn für das Volksmäßige in Dichtung und Schriftstellertum, den die
jüngere Romantik zum Teil von ihm übernahm, hatte ihn nicht ver-
lassen. Wie ist daneben August Wilhelm Schlegel im «Athenäum» und
in der «Jenaer Allgemeinen Literaturzeitung» gegen den Trivial- und
Moderoman zu Felde gezogen - mit tödlicher Schärfe oder vernich-
tend trockenem Hohn! Und wie dachten die Weimarer Klassiker inner-
halb und außerhalb der «Xenien» über diese Büchermache! Wie streng
urteilt Schiller - auch hier ganz geistiger Aristokrat - über solche, die
sich sogenannter leichter Lektüre nicht versagen. «Daß», heißt es in
dem Briefe an Goethe vom 17. Dezember 1795, «in Weimar jetzt die
Hundsposttage grassieren, ist mir ordentlich psychologisch merkwür-
dig; denn man sollte sich nicht träumen lassen, daß derselbe Ge-
schmack so ganz heterogene Massen vertragen könnte, als diese Pro-
duktion und Clara du Plessis ist. Nicht leicht ist mir ein solches Bei-
spiel von Charakterlosigkeit bei einer ganzen Sozietät vorgekommen.»
Jean Paul und August Lafontaine nebeneinander! Schillers Natur
scheint eine Erklärung für dies Phänomen nur finden zu können, wenn
ein Mangel moralischer Art, ein sträfliches Geltenlassen und Sich-
gehenlassen dabei vorausgesetzt werden dürfen.
Neben der politischen Zeitkrise ist im übrigen die Massenverbrei-
tung und Massenaufnahme der Trivialliteratur für Klassik und Roman-
tik ein beängstigendes und herausforderndes Zeichen der Epoche ge-
wesen. Aber auch hier fragt es sich, ob der objektive Tatbestand, zum
mindesten was die Quantität der literarischen Machwerke betrifft, den
subjektiven Vorstellungen der klassisch-romantischen Zeitgenossen
recht gibt. Dies scheint der Fall zu sein. Man schätzt die Zahl der deut-
schen um das Jahr 1773 auf 3000; 1787 sollen es etwa
6000 gewesen sein. Und diese Zahl hat sich bis zum Ende des Jahrhun-
derts noch bedeutend erhöht. Die Zahl der insgesamt in Deutschland

95
LITERATUR DES ORGANISMUS

erschienenen Druckwerke stieg in der Zeit von 1771 bis 1800 von 1144
auf 2569, hat sich also verdoppelt. Bemerkenswert für den Prozeß der
Säkularisierung, dem die Literatur unterlag, ist der Rückgang der pro-
testantisch-theologischen Literatur: 1770 erscheinen 244 selbständige
theologische Schriften, 1800 bei der mehr als verdoppelten Gesamt-
bücherproduktion nur 559. Anfang der neunziger Jahre erscheinen in
Deutschland jährlich etwa 500 Romane, deutsche und übersetzte;
eine Verhältniszahl, die groß genug ist, um die Äußerungen über eine
Massenproduktion auf diesem Felde zu rechtfertigen. Die nackten
Zahlen der Neuerscheinungen besagen freilich längst nicht alles, um
den Eindruck der Vielschreiberei und Vielleserei sachlich begründet
erscheinen zu lassen. Nicht die Zahlen der Veröffentlichungen (ganz
abgesehen von der Höhe der Auflagen) sprachen zu den Zeitgenossen:
auf sie wirkte die Stärke der hervorbringenden oder empfangenden
Anteilnahme an dem Getriebe der Literatur, die beherrschende Stel-
lung, die das Schrifttum und alles, was mit ihm zusammenhing, im
gesellschaftlichen, öffentlichen und intimen Leben der Deutschen ge-
wonnen hatte. Wohl sind die verhältnismäßig wenigen literarischen
Erscheinungen, die in den Kanon der normalen Literaturgeschichte
eingegangen sind, nur die Spitze einer Pyramide, deren breite Grund-
lage von einer Masse kleiner Leute gebildet wird; wohl war nun in
Deutschland neben der klassisch-romantischen Literatur etwas ent-
standen, was einem intellektuellen Proletariat sehr ähnlich sah. Aber
zugleich hatte sich damit die Literatur überhaupt als ein lebender
Organismus gefestigt, wie sie es in England und Frankreich schon
längst war. Die Literatur war nun ein gegliedertes Ganzes geworden,
ein Gebilde, dessen Bewegungen, dessen Veränderungen, dessen Auf
und Ab, dessen Gesetze im Zusammenhange der übrigen Vorgänge des
Nationalkörpers wie des Systems der Weltliteratur beobachtet, verstan-
den, gewertet werden konnten. Das tat der nachitalienische Goethe,
und er krönte sein Verständnis für die Literatur als einen Lebens-
vorgang in« Dichtung und Wahrheit». Er war darum stets nachsichtig
gegen die Vielzuvielen, die in den literarischen Niederungen siedelten.
Wo es in den neunzigerJahren bei ihm anders zu sein scheint, war er
der von Schiller Geführte oder der den Mitstreiter Geltenlassende?

96
POLITISCHE UND SCHÖNGEISTIGE LITERATUR

Friedrich Schlegel im Jahre 1812 und Friedrich Gentz bereits 1795


in seiner Übersetzung von Burkes «Betrachtungen über die fran-
zösische Revolution» haben die Zunahme des Lesens und Schreibens
auch für Deutschland mit den Folgen der Französischen Revolution
in Verbindung gebracht. Vom politischen Gebiete habe sich diese Seuche
auf das philosophische und jedes andere verbreitet. «Diese politische
Bücherwut zieht schon von Land zu Land und von einer Klasse der
Gesellschaft zur anderen fort», sagt Gentz. Gewiß trifft es nicht zu, daß
die politische Schriftstellerei erst die schöngeistige literarische Massen-
produktion am Ende des Jahrhunderts zur Folge gehabt habe. Aber
auch hier ist der Eindruck auf die Zeitgenossen maßgebend (mag er
auch, objektiv genommen, eine Täuschung sein), die nach einer Selbst-
deutung im Umkreis ihrer Gegenwart strebten. Es schien so, als über-
wuchere das politische Interesse alle übrigen. Hiergegen fand die
Klassik die besonderen Gründe für ihre Existenznotwendigkeit und
Selbstbehauptung -in Kampf und Eigenleistung: in der Leitidee eines
Menschenbildes, das keinerlei Einseitigkeit zur Schau stelle und so
auch dem großen öffentlichen Leben am besten diene; in der Feststel-
lung der unabdingbaren Aufgabe und Verantwortung, die der Kunst für
den maßgeblichen Ganzheitszustand des Menschen und der Mensch-
heit zufalle.

Klassik und Romantik sind unter der Sicht der deutschen Geistes-
geschichte nach ihrem gesamten Ablauf der ragende Höhenzug, auf
dem jeder schweifende Blick verweilend stillhalten muß, sei es, daß er
sich von denVorhöhen zu ihm erhebt, sei es, daß er das dahinterliegende
Gefälle mustert. Die Werte, die geschaffen wurden, die Probleme, mit
denen diese Epoche rang, die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten,
die sie hervorgebracht hat, wurden von ihr dem 19. und 20. Jahrhun-
dert überantwortet und tauchten in dieser Folgezeit, mannigfach
durchsetzt, durchkreuzt, entstellt, verfälscht oder bekämpft, abgewan-
delt oder anders gewendet, wieder auf. Sie in ihrer ersten Reinheit
und bei den Bedingungen ihrer Entstehung zu suchen und zu finden,
muß dem genügen, der diese Epoche als Historiker durchwandert. Was
später aus ihnen wurde, wird begreiflicherweise den Wanderer weniger

7 Schultz, Klassik und Romantik, Bd.II 97


DER EINZELNE UND DIE ZEIT

kümmern, der diesen Boden und seine geistige Vegetation zum Gegen-
stand forschender Aufmerksamkeit gewählt hat. So steht es auch um
die Fragen der für die Literatur bedeutsamen Zeitkrise, der Gegen-
wirkung gegen die Zeit, der « Zeitklage » und Zeitflucht, des Volks-
geistes und der Wiedergeburt, des gesuchten Lebensgrundes und des
Geschichtskultes, wovon in diesem Kapitel mit dem Augenmerk auf
die literarischen Rückwirkungen die Rede war. Die Umwälzung, die
die Revolutionszeit und die Napoleonische Ära brachten, hatten zu
tiefe Lagerungen damaligen Menschheit berührt, als daß sie nach
den Notlösungen durch Wiener Kongreß und Heilige Allianz hätten
ausgeglichen sein können. Die Jahre 1830 und 1848 haben manche,
ja die besten, die Stellungen wieder beziehen lassen, die gegenüber
einer alles in Frage stellenden Zeit zuerst von Klassik und Romantik
eingenommen worden waren. Diese Stellungen zu halten, war nun
schwieriger, weil die Gegenwirkungen sich vertieft, verstärkt, gewei-
tet hatten. Ein gegennationaler «Zeitgeist» trat im 19. Jahrhundert
dem Volksgeist gegenüber. Die organische Tiefenverbindung des deut-
schen Menschen mit Überlieferung und Wurzelboden wurde bestritten
durch eine Querverbindung der Menschen und Völker, die, indem sie
neuen Forderungen von Vernunft, Theorie, Abstraktion oder Wissen-
schaft zu entsprechen meinte, aufklärerische Fäden weiterspann, aber
nicht mehr in die Lebensvorstellung eingebettet war, unter der Klassik
und Romantik- als Doppelergebnis des dynamischen Vitalismus-ge-
standen hatten. Die Frage nach dem Verhältnis des Einzelnen zur Ge-
sellschaft und Gemeinschaft war in der Wirklichkeit wie als Thema
der Dichtung für das 19. und 20. Jahrhundert ein schicksalschweres
Anliegen- diese so viele J\!Iischungen und Übergänge zulassende Frage,
die in Deutschland seit dem Sturm und Drang unüberhörbar geworden
war. Zog sich der Einzelne, Dichter oder nicht, in sich selbst zurück,
war er der Einsamkeit und Stille zugewendet, der Welt und der Zeit
abgekehrt, so stellt sich schon für die Epoche, die auf diesen Blättern
in Rede steht, eine Wahllösung. Es fragt sich, ob ein solcher Widerstand
gegen Zeit, Umwelt, Öffentlichkeit und Gemeinsamkeit und sein dich-
terisch-literarischer Ausdruck durch die besondere, herausfordernde
oder verletzende Situation von Zeit und Gesellschaft veranlaßt worden

98
KLASSIK UND EINSAMKEIT

waren, wie schon Friedrich Schlegel 1812 will, wenn er, die Summe
seiner Generation ziehend, schreibt: «Andere wandten sich weg von
dem unmittelbaren Anblick dieses chaotischen Zustandes der jetzigen
Menschheit, sich in das Gebiet der Phantasie flüchtend, und in ihren
Spielen sich ergötzend, oder sich in die Arme der Natur werfend, und
der von dem Zustande des Menschen ganz getrennten Betrachtung und
Wissenschaft derselben.» Doch die andere Möglichkeit ist die, daß ein
von der Zeit unabhängiger, individualpsychologisch oder gruppen-
psychologisch erfaßbarer Kulturpessimismus Rousseauschen oder Wer-
thersehen Gepräges, ja ein degenerativ bedingter Widerwille gegen
das Leben die Zeitklage und Zeitkritik als ein Untergeordnetes in sich
aufnahmen. Hier stehen Klassik und Romantik verschieden da. Die
Goethe-Schillersche Klassik hat das Thema des einsamen und indivi-
dualistisch sich abschließenden oder aufbegehrenden Menschen nur
noch im größeren menschlichen und gesellschaftlichen Zusammen-
hange oder theoretisch ergriffen. Das Goethesche Sichverschließen vor
der Welt gehörte einer abgelaufenen Phase seiner Selbstgestaltung an.
Prometheus und Epimetheus seiner « Pandora» finden ihren Ausgleich
in einer Synthese, die durch die ihnen folgende Generation hergestellt
wird. Alle Goetheschen Werke nach seiner Rückkehr aus Italien sind
als Ganzheiten bejahend der offenen und großen Welt zugekehrt, der
Fülle ihrer Erscheinungen aus Gesellschaft, Erdraum, Geschichte und
Gegenwart. Dieser «großen Welt» wollen sie sich bemächtigen, die
«kleine Welt» haben sie hinter sich gelassen so, wie es mit dem Faust-
werk seiner Jugend auch geschah.

Zu zu beschlü:ßen,
Bleibe, Künstler, oft allein;
Deines Wl'rkens zu genießen,
Eile freudig zum Verein!
Hier im Ganzen schau, erfahre
Deinen eigenen Lebenslauf,
Und die Taten mancher Jahre
Gehn dir in dem Nachbar auf.

7* 99
DAS EINSAMKEITSMOTIV

So erschallt es aus der «Pädagogischen Provinz» der «Wanderjahre».


Nicht weniger unmittelbar ist der Ejndruck einer Begegnung mit
vVelt, Gemeinschaft, Geschichte und mit der außerindividuellen
Menschheit bei der reifenDichtungSchillers nachjenem großen Durch-
bruch, den das « Lied an die Freude» versinnbildlicht. Anders die
Romantik, soweit ihre Dichtung in Betracht kommt. Die Poesie na-
mentlich eines Novalis und Tieck - dessen, der für die folgende Ro-
mantik das Einsamkeitsmotiv vor allem ausgegeben hat - erzielt ihre
eingreifendstell Wirkungen dort, wo die Abgegrenztheit des einsamen
Menschen, ja des isolierten oder verlassenen, Ausdruck findet. Aber
auch Friedrich Schlegels « Lucinde » schwelgt in Stimmungen der
Einsamkeit, des Selbstgenusses und der Selbstgenügsamkeit, der Ab-
wehr aller sonstigen «Welt» außer der Geliebten. Brentano, Eichen-
dorff, Hölderlin, Uhland, l\1örike, E. T. A. Hoffmann, Fouque, Cha-
misso, Bettina und alle jene, die die Füllstimmen machen, schöpfen
aus dem Grunde des Fürsichseins und der Besonderheit Stimmungen
der Entrückung, des Glückes, der Trauer und Verlassenheit, der Un-
heimlichkeit oder Ekstase, des Allumfassungs- und Ausdehnungsstre-
bens. Jean Paul hat mit dem Problem des einzelnen und einmaligen
Menschen, seiner Herzens- und Geistesrechte gerungen im Hinblick
auf die naturgesetzliche Notwendigkeit für ein jedes Individuum, in
eine Vergesellschaftung einzugehen; doch nirgends hat seine Dichtung
für diesen Zwiespalt glatte und reine Lösungen bieten können oder
wollen. Der Roquairol seines «Titan» (1800/03) und Tiecks William
Lovell in seinem gleichnamigen Roman ( 1795 j96) sind in manchem
übereinstimmende Aufgipfelungen aus der seelischen und geistigen
Lage um 1800. Welche Züge eines dämonischen Getriebenseins vom
Sturm und Drang her ihnen auch anhaften mögen und ob Kants
Erkenntniskritik oder Fichtes « Wissenschaftslehre » von 1794 ihrem
Aufsichgestelltsein, das die vVelt neu hervorbringen möchte, Vorschub
geleistet haben; ob sie als Lebensgenießer und Geschmäckler auf den
von vornherein zur Vereinzelung neigenden Typus des «ästhetischen
Menschen» zurückgeführt werden können oder ob die charakterliche
Mischung dieser Romanfiguren mehr dem Wesen des in der Folgezeit
so beliebten «Zerrissenen» entspricht - es führt von ihnen kein Weg

100
DER WEG NACH AUSSEN UND DER NACH INNEN

zu den Sorgen, Bedürfnissen undAufgaben einer Zeit, die unter einem


Gemeinschaftsschicksal stand und durch Zusammenbrüche ihres Staats-
und Kulturbildes erschüttert war.
Kein Zweifel, daß die aus dem späten 18. Jahrhundert und der
Romantik herrührenden subjektivistischen Haltungen und Ausdrucks-
fähigkeiten im 19. und 20.Jahrhundert die Dichtung stärker in ihren
Bann gezogen haben, als es die Erfassung und Verkündigung der gro-
ßen Natur-, Geschichts- und Gesellschaftsgegebenheiten durch die
Romantik und seit Herder vermochten. Auch hier erwies sich als am
mächtigsten und anziehendsten, was den Menschen nur als Menschen
erfüllt und beschäftigt und seinen übersinnlichen Bedürfnissen genügt.
Davon wird vor allem die Frömmigkeit und Religiosität berührt. Auch
in diesem Bereiche gab es auf der Linie des 18. Jahrhunderts für die
Romantik eine doppelte Möglichkeit: die überdogmatische, überkon-
fessionelle, philosophisch-weltanschaulich oder rein gefühlsmäßig dem
Individuum zugehörige Bindung an ein Göttliches; oder den Rückzug
auf den sicheren und allgemeingültigen Boden der bestehenden und
geschichtlich gefestigten Konfessionen, vor allem des durch höhere
Altertümlichkeit und stärkere Beziehungen zu Volk und Geschichte
empfohlenen Katholizismus. Es ist die geschichtlicheTat der Religions-
philosophie Schleiermachers, daß sie - über diesem Entweder-Oder -
vom Boden eines erneuerten und verinnerlichten Protestantismus der
Religion ihren Anteil an der Entwicklung des Zeitgeistes sicherte.
Es war das durch Bildungsmächte und durch geistig-seelische Höher-
züchtung bedingte Schicksal der Romantik, daß in den aus ihr herauf-
steigenden Persönlichkeiten die Möglichkeit zweier Wege vorgebildet
lag: des Weges zur Wirksamkeit nach außen, auf die Gesellschaft und
ihre Einrichtungen, oder zur Erfüllung und Befriedigung nur des
eigenen inneren Menschen. Friedrich Schlegel, Tieck, Novalis, Bren-
tano, Arnim, Eichendorff, Uhland, um nur wenige, aber entscheidende
Beispiele anzuführen, lassen immer irgendwie diese Doppeltheit er-
kennen - auch der Friedrich Schlegel der Spätzeit. Denn in ihr stehen
neben seinem «Deutschen Museum» ( 1812/15) mit seinem nationalen,
historischen, germanistischen und bodenständig-nationalökonomischen
Inhalt, neben seiner «Concordia» (1820/25) mit ihrer Tendenz zur

101
FR. SCHLEGELS <NON DER SEELE»

Erneuerung einer katholischen Theologie, die sich mit der konservativ-


feudalistischen Staatshaushaltslehre zu verbinden vermochte, neben
seinen auf Staat und Volk gerichteten Vorlesungen Literatur und
Geschichte - es stehen neben all diesem seine philosophischen Nieder-
schriften ·und Vorträge zu einer «Philosophie des Lebens». Sie tragen
ebensosehr den Charakter des Werdenden und Nievollendeten wie die
von ihm im 116. Athenäumsfragment geforderte romantische Poesie
sich im beständigen Werden erfüllen sollte. Seine Absichten in der
Spätzeit gehen da auf eine neue und intime Darstellung, die sich
«Entwicklung des inneren Lebens» überschreiben sollte; der in der
«Concordia» abgedruckte Aufsatz «Von der Seele» ist ein Teil davon.
Vor allem aber zeugen seine Briefe der Spätzeit, zumal die Schreiben
an Frau Christine von Stransky, von seinen unaufhörlichen Lotungen
in der Tiefsee einer von der christlich-katholischen Heilslehre und
Gläubigkeit erfüllten « Ichheit», in die alle Kräfte des Lebens, unter
dem Zeichen göttlichen Glaubens selbsttätig regsam, eingehen sollten.
Kurz, die Stellung nach außen, zu den Gegebenheiten des Staatlich-
Politischen,Volksgebundenen und Geschichtlichen wird bei ihm immer
wieder überschnitten von der Schau nach innen, in die Einzelseele,
seine eigene und die der anderen, worin er seit seiner Jugend er-
fahren war.
Das am weitesten vorgeschobene Beispiel aus der Gruppe der Früh-
romantik für einen fessellosen Subjektivismus und das Widerspiel zu
allen Bestrebungen auf traditionell gegebene Gemeinschaftsbindungen
hin ist, zum mindesten in seiner späteren Zeit, August Ludwig Hülsen
(1765-1810). Als einen mit zwei Beiträgen im «Athenäum» Vertre-
tenen rechnete die Frühromantik ihn zu den ihrigen, diesen nie zu
einem klaren Ausdruck vorgestoßenen, dem Allgemeinverständnis so
schwer zugänglichen Geist. Novalis und Hölderlin ist er verwandt
durch seine Stellung zwischen philosophischer Spekulation, Religion
und Poesie. Von Fichte ward er zunächst geprägt, um dann an Schel-
ling und Schleiermacher heranzurücken. Immer mehr gibt er sich
einem verschwimmenden, mystisch-ethischen Naturpantheismus hin
und verbindet ihn endlich mit einer Rousseauistischen Idyllik, in der
er «frei und unabhängig . . . für das Semestrum kein anderes Lehr-

102
AUGUST LUDWIG HüLSEN

buch als das der Natur und der lebendigen Menschen brauchte».
Menschlich von starker Eindrucksfähigkeit, so ungezwungen und sicher
im geselligen Verkehr jeder Art wie Novalis, ausgiebiger und wirk-
samer als Persönlichkeit denn in seinen Schriften, war auch er wie
Hardenberg ein unmittelbar aufnehmender und weitergebender Trans-
formator des romantischen Lebensprozesses, für den Schreiben, Fixie-
ren des Gedachten und Gefühlten auf dem Papier nur eine bisweilen
notwendige, aber untergeordnete Unterbrechung des ruhelosen inne-
ren Strömens bedeutete. Für ihn existiert nur ein Beziehungspunkt:
der Mensch: «Es gibt ... kein Vor und kein Nach und kein Mehr und
kein Weniger, als nur in Beziehung auf unsere eigene Tätigkeit 1 und
folglich nur in der Vergleichung eines jeden mit sich selber. Ein jeder
vergleicht sich aber nur in seinem Verhältnisse zum Menschen, d. h.
er denkt die eigene Beziehung als notwendig in einem jeden, und so
ist der Mensch ihm ein freihandelndes Wesen, und jede Erscheinung
des Lebens eine Berührung ihrer gleichen und ewigen Geister, die
fortgeführt wird höher und inniger durch alle Räume des Himmels.»
So heißt es im «Athenäum» in HülsensAufsatz «Über die natürliche
Gleichheit der Menschen». Er lehnte in seinen aufschlußreichen, übri-
gens von reiner Hingabe getragenen Briefen an August Wilhelm Schle-
gel den Rückzug auf die christliche Religion und «Mythologie» als
auf die feste Insel im Strome des Geistes und der Zeit entschieden ab.
Das innerste Wesen der christlichen Religion vertrage sich, so schreibt
er am 18. Dezember 1803, mit der Freiheit des Menschen <mnd allem
Großen und Wahren, was aus dieser hervorgehen soll, durchaus nicht».
«Hast Du», so fährt er fort, «den Brief nicht gelesen, den ich vor
einigen Jahren Schleiermacher über seine Reden geschrieben? Ich
wunderte mich, daß Schleiermacher mir wirklich zugestand, die Reli-
gion sei in ihrem innersten Wesen auch nur ein inneres Verhältnis des
Menschen. Denn wer mir dies zugibt, muß billig auch gestehen, daß
nur Christus allein eine christliche Religion haben konnte. Sollte er
ein Zentrum, ein Beziehungspunkt für andere sein, so ist dies gegen
die ·wahrheit, und die Annahme einer solchen Religion - wie wohl sie
eigentlich unmöglich bleibt - muß doch als bloße Meinung von den
nachteiligsten Folgen sein.» Bis zu dieser Linie einer religiösen Ver-

103
HENRIK STEFFENS

einzelung wirkte sich noch um 1800 in der Romantik der gegen die
Aufklärung hochgekommene Subjektivismus aus, der als eine, wenn
auch nicht als die einzig notwendige Begleiterscheinung der organisch-
dynamischen Weltansicht erstarkt und längst vom Pietismus genährt
worden war.
Dieser Subjektivismus mit seinen mannigfachen Geltungsbereichen
und Abstufungen, seien sie nun in Liebe, Freundschaft, Natur, Poesie,
Lebensführung zu finden, verknüpfte sich um 1800 mit der Idee und
Erwartung einer aus dem europäischen Chaos neu aufsteigenden Ge-
sellschaft, ohne daß eine Lösung einstweilen absehbar erschien. «Ob-
gleich», sagt Henrik Steffens in seinen Lebenserinnerungen, «in un-
serer allseitigen Richtung die Politik uns nicht fremd blieb, so hatte
sie doch nur ein sekundäres Interesse für uns, und was wir gemein-
schaftlich suchten und hoffnungsvoll von der Zukunft erwarteten,
hatte eine tiefere geistige Bedeutung ... der innere Kampf, der in der
deutschen Literatur stattfand und nach allen Richtungen der Wissen-
schaft und Kunst eine neue Zeit vorbereitete, ward mir jetzt erst völlig
klar. Ich sah ein altes, in hergebrachten Formen Erstarrtes sich mir
abschälen, vertrocknet und verwelkt hinfallen, um einer neuen Ge-
staltung Platz zu machen; und es war mir eine wichtige Aufgabe, mich
in diesen neuen Verhältnissen geistig zu orientieren und zu erfahren,
ob die Aufgaben, die mich beschäftigten, und die sich von meiner
frühesten Kindheit an in der Einsamkeit ausgebildet hatten, aufirgend-
eine Weise einen selbständigen Platz in dieser neuen Geburt der Zeit
erhalten konnten.» Man ersieht aus diesem Bekenntnis des tief auf-
gewühlten und aufwühlenden dänischen Fackelträgers der deutschen
Romantik, wie sehr der überkommene Subjektivismus zunächst Mühe
hatte, sich in die aufs Weite gerichtete Haltung des deutschen Geistes-
lebens um 1800 einzufügen.
In den Umkreis solcher Fragen: der nach Vereinbarkeit oder Un-
vereinbarkeit von Zeitbekämpfung und neuem öffentlichen Schöp-
fungswillen einerseits und individualistischem Sichzurückziehen auf
sich selbst andererseits, gehören auch die Probleme und Motive jener
«Sehnsucht», die so oft mit dem innersten Wesen der deutschen Ro-
mantik in Verbindung gebracht worden ist. Die große dramatische

104
DIE ROMANTISCHE «SEHNSUCHT»

Dichtung Tiecks, «Kaiser Oktavian » ( 1804), ist -wie ein Inbegriff des
romantisch-dichterischen Willens überhaupt- so auch ein Sammel-
becken, in dem sich alle Ströme der romantischen Sehnsucht fan-
gen und von wo sie mit der sonstigen Nachwirkung dieses Werkes auf
die Folgezeit weitergeleitet wurden, um auf neue, aufnahmebereite,
individuelle Empfänger zu treffen. Die romantische Sehnsucht kann
ein Durchstoß vom Endlichen zum Absoluten sein und so eine meta-
physische oder religiöse Wertrichtung haben. Die Sehnsucht nach dem
Unendlichen, die auch das romantische Naturgefühl bestimmt, kann
eine Form des Willens zur ziellosen Enthebung aus einer drohenden
und einschnürenden, individuell-seelischen Situation sein. Sie kann,
wie bei Tieck, die vermeintliche Aufhebung einer strukturellen inne-
ren Zerrissenheit in sich schließen mit dem Ziele auf Ganzheit und
Erfüllung in Gott, Natur oder Liebe. Romantische Sehnsucht, wie
immer sie bestimmt werden mag, wird stets zwei Pole haben. Der eine
ist der einer schaffenden Kraft: aus der Sehnsucht des Dichters, der
das Unsagbare in Worte fassen will, entsteht eine neue Welt, eine blei-
bende und seiende, die nicht mehr dem Gesetze des Wandels und Ver-
gehens unterliegt, nicht mehr von dem Rückfall in das Chaos bedroht
wird. Aber romantische Sehnsucht kann auch Flucht sein: Flucht aus
dem vom Schrecken durchschütterten Dasein, Verlangen nach Erlösung
aus bedrohter Existenz; Flucht aber auch aus der Pein der Indivi-
duation, aus der Selbstqual der seelischen Analyse (wie bei Tieck),
Flucht in ein All (oder Nichts), in dem die persönliche Existenz ver-
löscht und ihre Last vergeht. So oder so: unbeschadet ihrer psycho-
logischen oder existentiellen Bedingnisse braucht doch auch die roman-
tische Sehnsucht nicht abgelöst von einer ursächlichen und dinglichen
Wirklichkeit genommen zu werden. Das Hinweg und Dahin dieser
Sehnsucht kann zum mindesten verstärkt oder in der Schicht des Un-
bewußten mitbestimmt werden durch Zeit- und Umwelteindrücke.
Es besteht jedenfalls die Möglichkeit, auch die romantische Sehnsucht,
wenn man sie alles Ornamentalen und aller motivischen Ausgestaltung
entkleidet, als einen Aufnahmebereich erkennen zu lassen für Rück-
wirkungen, die durch das reale Schwinden äußerer und innerer Lebens-
sicherheit des deutschen Menschen um 1800 hervorgerufen wurden.

105
DIE ROMANTISCHE «SEHNSUCHT»

Die deutsche Klassik Goethes und Schillers hat in Dichtung, Denken


und Leben einer Sehnsuchtshaltung nicht Ausdruck gegeben. «Sehn-
sucht» wurde von ihr hingenommen als eine naturgegebene Trieb-
kraft des Künstlers und Dichters nach letzter Erfüllung in dem ihm
vorschwebenden Werke, ohne daß diese Sehnsucht ihm Selbstzweck
war; sie wurde nur der Ausgang für eine Gestaltung von Leben und
Kunstgebilden, in der die Regungen des Ungenügens, aus dem die
Sehnsucht herstammt, einer höheren Ordnung menschlich-sittlicher
Verhältnisse Platz machen müssen. In dem Nebeneinander von Sehn-
suchtsbejahung und Sehnsuchtsbändigung erschließt sich nicht nur
das wundersame geheime Kräftespiel des Lebens überhaupt: der Sinn
gerade der deutschen Seelengeschichte prägt sich darin aus, die sich
niemals, zu welcher Epoche auch immer, nur in einer Möglichkeit,
sondern stets in der Spannung, in scheinbarem Widerspruch erschöpfte.

106
II

«DEUTSCHE KLASSIK».
SCHILLERS AUFSTIEG UND DER WEG
ZU KLASSIK UND ROMANTIK

Später als andere Völker sind die Deutschen dazu gelangt, eme
Summe und einen Inbegriff literarischer und dichterischer Werke zu
erhalten, die für sie geschmackliches Vorbild, Regel, Quelle der Er-
bauung und Erhebung, Fundgrube für erziehliche Werte und der Kitt
für die geistige Gemeinschaft aller wurden, die sich an ihnen erkann-
ten. Das, was man die «Deutsche Klassik» nennt, leistete diese Dienste.
Ob sie sie weiter leisten kann, hängt davon ab, daß es neuerer und ge-
wandelter Einsicht gelingt, das scheinbar Abgeschlossene, Fertige, Er-
starrte und Unlebendige dieser «Klassik» wieder in ein Lebendiges,
Strebendes, Allseitig-Offenes und Nimmermüdes zu verwandeln und
damit dem Grundcharakter des deutschen Volkes und der deutschen
Geschichte Rechnung zu tragen. Eine solche Aufgabe wäre aussichtslos,
wenn nicht die rechte geschichtliche Erkenntnis der deutschen Klassik
aus ihrer Wirklichkeit, nachdem sie durch mehr als ein Jahrhundert im
wesentlichen einem bloßen Symbolwerte gewichen war, auf solche Er-
gebnisse hinführte. Freilich muß man sich vorher darüber einigen, was
unter «Deutscher Klassik» zu verstehen ist. Der Weg dazu führt über
die Worte «klassisch», «Klassik», «Klassiker», «Klassizismus», «Klas-
sizität». Ihr Aufkommen innerhalb der deutschen Sprach- und Geistes-
geschichte, ihre bedeutungsgeschichtliche Entwicklung bedürfen noch
der Erhellung. Es steht mit ihnen gerade so wie mit den freilich viel-
deutigeren und verschwommeneren Worten «Romantik», «roman-
tisch», «Romantiker», mit denen sie so vielfach verkoppelt sind.
Auf der Ebene eines weitverbreiteten, geläufigen und unbekümmer-
ten Wortgebrauches ist ein «deutscher Klassiker» einer jener Dichter

107
«KLASSIK» ALS BEGRIFF

oder Schriftsteller, die von der Bühne oder durch «Gesammelte Wer-
ke» zu uns sprechen als die wertbeständigen, dem Meinungsstreite
enthobenen Mitschöpfer an einem geistig-künstlerischen Bestande un-
serer Literatur, der einen abgeschlossenen und ererbten Besitz dar-
stellt. Nicht, in welchen geschichtlichen Zusammenhängen dieser Be-
sitz steht, noch welche Wertung im ganzen oder im einzelnen ihm zu-
kommt, tritt dabei zunächst in unser Bewußtsein. Maßgebend ist eine
Bewährung durch die Zeit und durch eine gewisse Übereinkunft, die
diesen Besitz zu einem scheinbar unumgänglichen Bildungsgut haben
werden lassen - gleichviel, ob es als solches wirklich erworben worden
ist oder erworben wird. Maßgebend ist also nicht das Ansichsein dieser
geistig-dichterischen Erbschaft, ihrer Form- und Ideenwelt, sondern
die Beziehung zu uns, die wir durch die Anteilnahme an diesem
Schatze das Recht erwerben, in die geistige Gütergemeinschaft unseres
Volkes einzugehen. Diesem Recht kann auch durch den äußeren Eigen-
tumserwerb an jenen zu einer weitverbreiteten Ware gewordenen
Büchern Ausdruck gegeben werden, die als «Klassiker», in ihrer Auf-
stellung mehr oder minder ungestört, uns als ein Teil unserer häus-
lichen Atmosphäre umgeben. Auf dieser Ebene des Besitzes der « Klas-
siker» kann es sich ebensogut um Klopstock, Lessing,Wieland, Goethe
oder Schiller, um Jean Paul, Kleist, Hölderlin, Grillparzer, Hebbel oder
Gottfried Keller wie um den deutschen Shakespeare handeln. Wieviel
Lippendienst und Mitläufertum sich auf dieser Ebene der Begegnung
mit den« Klassikern» auch einstellen mögen- es steht dahinter die un-
bestimmte oderunbewußte Vorstellung, daß es um das Jasagenmüssen
zu einer erlesenen und unantastbaren geistigen Macht geht.
Die ursprüngliche Bedeutung und Quelle des Wortes «Klassik», das
vom Altertum über die Renaissance, die französische «klassische» Lite-
ratur des 17.Jahrhunderts im 18.Jahrhundert wohl nach dem fran-
zösischen «auteur classique» bei uns Eingang fand, ist im militäri-
schen und politisch-sozialen Bereiche des römischen Staates zu suchen.
Schon von Cicero und Gellius wurde das Wort «classicus» auf die
Literatur übertragen, so daß die in ihm ursprünglich liegende Vor-
stellung einer Bewertung und Einstufung auf Grund einer «Zensur»
erhalten blieb. Im Mittelalter nicht belegt, erscheint das Wort wieder

108
DAS WORT «KLASSIK»

im Humanismus des 16.Jahrhunderts mit einer bereits abgeschwäch-


ten und verbreiterten Bedeutung des Mustergültigen und Vollkom-
menen überhaupt, freilich auf Grund der Zugehörigkeit der mit ihm
bezeichneten Sache oder Person zur Antike. Den Humanisten wird
auch die Verwendung des Ausdrucks «klassisch» für die gesamte Lite-
ratur des Altertums _verdankt. Dieser Bedeutungsraum weitete sich
und nahm alles auf, was als vollkommen, meisterlich und muster-
gültig, wo und wie nur immer, angesehen werden·konnte. So war der
Weg zur Trivialisierung des Begriffes in den modernen Umgangs-
sprachen eröffnet. Aber bei der volkstümlichen Vorstellung des « Klas-
sikers», das heißt eines Autors von letztem Bildungs- und Kunstwerte,
handelt es sich nicht um die häufig gedankenlose und lässige Über-
nahme eines alten Wortes. Heimlich wirkt darin nach die ursprüng-
liche, einmalige, aber dann allgemeingültig gewordene Lage, aus der
der Begriff des «Klassischen» in der Literatur entstand oder besser ge-
schaffen wurde. Man steht da vor einem Beispiel dafür, wie sich ein
einzelner geschichtlicher Vorgang zu Wertverhältnissen umgestaltet
hat, die von Zeit und Raum unabhängig sind. Eine wertende Auswahl
aus den Literaturwerken des Altertums, die als mustergültig empfoh-
len und der Nachwelt als Vorbilder überliefert werden sollten, rührt
nach geltender Annahme der Altertumswissenschaft von den alexan-
drinischen Gelehrten der hellenistischen Zeit her. Es ist vielleicht nicht
ohne tieferen Zusammenhang mit einer in Deutschland sich über den
Horizont erhebenden Klassik geschehen, daß der große Philologe, der
diesem klassischen Neuhumanismus persönlich und geistig am näch-
sten stand, der Goethe befreundete und von ihm verehrte Friedrich
August Wolf die Auffassung des Problems eines antiken «klassischen»
Schriftstellerkanons für lange Zeit festgelegt und durch seine Autorität
bestimmt hat. Seine Meinung war, daß nicht der Zufall, sondern eine
«absichtliche Veranstaltung» im Spiele gewesen sei bei der Erhaltung
der Werke des Altertums, die der Folgezeit als maßgeblich galten.
Diese Auswahl und Zensur gehe eben auf die alexandrinischen Gram-
matiker zurück, die, wie er in seiner «Darstellung der Altertumswis-
senschaft» (1807) erklärt, «aus der übermäßigenAnzahl von Büchern,
dielesenswürdig sind, die in Materie und Form klassischesten» heraus-

109
DER KLASSISCHE KANON

hoben: «von den Urteilen dieser Kunstrichter hing späterhin das ganze
gelehrte und ungelehrte Altertum ab».
Es ist für die deutsche Klassik nicht von Interesse, wie die Philologie
sich im 19. und 20.Jahrhundert weiterhin zu der Frage des antiken
Schriftstellerkanons gestellt hat. Für die Geschichte der strengeren
Begriffsbildung vom «Klassischem> auch bei denneueren Völkern und
insbesondere bei dem deutschen bleibt festzuhalten, daß sich inner-
halb der Auffassung vom Altertum im 18. und 19.Jahrhundert die Er-
kenntnis bildete, daß der Begriff des Klassischen durch ein bewußtes
Verfahren zu einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkte gewonnen
wurde. Dieser konnte nur gegeben sein in einer Epoche, die eine reiche
literarische Erbschaft rückblickend, sichtend, wertend zu verwalten
hatte, ja angesichts einer wahllosen Überfülle der Überlieferung ge-
zwungen war, eine Auslese vorzunehmen mit dem Ziele, dem Wissen
und der Bildung von Mitwelt und Nachwelt zu dienen und durch eine
solche Auswahl einen überzeitlichen Schatz weiterzugeben, um das
Übrige mit desto besserem Gewissen in den Hintergrund drängen zu
können. Was in neuerer Zeit Sache des Geschmackes, der Bildung, des
Instinktes, der weltanschaulichen Umbildungen einer ihrer selbst sich
bewußten und als literarische Erbin auftretenden Zeit war, ist im
Hellenismus von den Trägern einer wissenschaftlich geschulten, kri-
tisch-zünftigen Institution geordnet worden; sie suchten ein subjektiv-
wertendes Verhalten zur literarischen Überlieferung nach Möglichkeit
in ein nach objektiven Maßstäben verfahrendes zu verwandeln. Aber
für den einen wie für den anderen Fall kann man sich die bündige
Formulierung gefallen lassen, daß das «Klassische» durch eine innere
Auseinandersetzung mit den geschichtlich überkommenen Kultur-
gehalten entstehe, die aus ihnen das Ausgezeichnete und vermeintlich
Vollkommene herauszuheben suche. Nur bliebe dabei zu beachten, daß
diese Formulierung auf die erziehlichen Werte Bezug nimmt, die in
einer «Klassik» beschlossen sind, und daß sie zum anderen einer all-
gemeinen verwendbaren Meinung vom «Klassischen» Genüge tut,
nicht aber oder nur zu einem geringen Teil dem geschichtlich ge-
gebenen besonderen Falle, den die «Deutsche Klassik» darstellt. Ge-
rade sie kann nie mit einer solchen allgemeingültigen, übernationalen

110
SINN DER «DEUTSCHEN KLASSIK»

Wesensbestimmung erschöpft werden. Schon ist in früheren Erörte-


rungen über die Grundlage des klassisch-romantischen Zeitalters ent-
wickelt worden, welche geistesgeschichtlichen Strömungen aus den
Quelladern eines lange vorbereiteten Bodens jene gewaltige Stauung
der geistigen Kräfte in Deutschland am Ende des 18. und am Anfang
des 19.Jahrhunderts bewirkt haben: daß Renaissance und Protestantis-
mus, Mystik und pietistische Seelenlage, die Entdeckung des Griechen-
tums als des Idealbildes menschlicher Lebensform und als des Ur-
phänomens der Kunst, die organisch-dynamische Weltansicht mit allen
ihren Begleiterscheinungen, zumal mit der Forderung und Verwirk-
lichung der Persönlichkeit als einer Kraftquelle und mit dem auf die
charakteristische Erscheinung des einzelnen Volkes übertragenen Ent-
wicklungsgedanken bei Herder; daß die ihm und Goethe gemeinsame
Vorstellung von der Stetigkeit und dem Zusammenhange im Aufbau
der Natur, endlich das an Goethe sichtbar gewordene Ereignis einer
Kunst und Dichtung, deren Form den Bildungsgesetzen der Natur
nachstrebte (unter welchen Bildungsgesetzen auch das sittliche und
gesellschaftliche Leben stand) - wie das alles vorausgesetzt werden
muß, um jene letzte Steigerung und Klärung, bewußte Festigung und
wehrhafte Vertretung nach außen entstehen zu lassen, die sich in der
«Deutschen Klassik» ausprägen. Dazu kamen nun die Willensimpulse,
die sittlich-ästhetische Besinnlichkeit, die eine ewig und überall gül-
tige Weltordnung berührenden Fragestellungen Schillers, sein zwi-
schen allem Bisherigen den Weg suchender dramatischer Stil, die durch
ewig-unverbrüchliches inneres Gesetz von ihm aus seinem eigenen
lnnern heraus geformten Gestalten dieser Dramatik - alles unter dem
Anhauche einer Philosophie, die, weil sie eine solche der Scheidelinie
zwischen Wissen und Glauben, zwischen Sein und Sollen, zwischen
Alltag und Kunst war, seiner« Klassik» die Richtung in den Welten-
raum zu weisen vermochte. Hiermit ist schon gesagt, daß diese «Deut-
sche Klassik» nicht mit jener Periodenbildung gleichzusetzen ist, die
den gesamten dichterischenAufstieg des 18.Jahrhunderts umfaßt, und
daß sie sich auch nicht mit der Ausbreitung des Begriffes auf den ge-
samten philosophischen Idealismus deckt, der der klassisch-roman-
tischen Entwicklung zur Seite geht, nicht aber sie selber ist. So han-

111
«KLASSISCH-ROMANTISCHE PHANTASMAGORIE»

delt es sich hier um den Schiller seit «Don Carlos» bis zu seinemTode,
um den Goethe nach Italien bis zu der Wegscheide, die Schillers Hin-
gang für ihn bedeutete, und um die wenigen, die ihnen in dieser
Epoche mehr oder minder ausschließlich in Willen undWerk anhingen.
«Deutsche Klassik» in dieser zeitlichen Begrenzung hat nach Schillers
Tode keine Triebkraft mehr aus der lebendigen Mitte empfangen, die
allemal durch die geschlossene geistige Gemeinschaft von werbenden
und handelnden Menschen gebildet wird. Die Nachwirkungen waren
übertragener Art. Der spätere Goethe steht zu einem Teil auf der Linie
jener Ausbildungsformen, die sich seine Persönlichkeit und Dichtung
innerhalb dieser «klassischen» Epoche gegeben hatten. Aber- wenn
man nicht überhaup:t davor zurückschreckt, das Übergreifende seines
Seins und seiner Kunst in ein beinahe schulmäßiges Fächerwerk ein-
zufügen - er ist in der späteren Zeit auch von dem Ausdehnungs-
streben, den Grenzbeseitigungen, den ins Universale gehenden Flügen
berührt, wie sie der Romantik zuerkannt werden. Sehr verwickelte
Fäden persönlicher und dinglicher Art laufen zwischen ihm und dem
romantischen Zeitgeist hin und her, Fäden, bald fester gespannt, bald
mit plötzlichem Rucke losgelassen und fortgeschnellt, bald von ihm
als solche erkannt, die er selber in seiner früheren Zeit gesponnen
hatte. Immer blieben ihm die Grundsätze ästhetisch-sittlich-gesell-
schaftlicher Art, die sich in der «klassischen» Steigerungsstufe seines
Daseins festgestellt hatten, ein Ordnungsprinzip und die feste Mitte
der Umschau in Dingen der Kunst und menschlichen Gesellschaft.
Aber eine «klassisch-romantische Phantasmagorie» -freilich nicht im
literarhistorischen Sinne- war mit der 1827 selbständig erschienenen
Helenadichtung die Krönung seiner Poesie. So kann man nur, wenn
man Klassik und Romantik als die durch ein leichtgeschwungenes Joch
verbundenen Doppelgipfel unserer geistigen Entwicklung begreift,
auch jenes Grundmassiv unserer neueren Geistigkeit, das sich im Ge-
bilde des reifen Goethe darstellt, unter die Morphologie der Epoche
stellen.
Vielleicht erscheint die inhaltliche, formale und zeitliche Beschrän-
kung der deutschen «Klassik» auf die Goethe-Schillersche Hochblüte
und ihre Ausstrahlungen manchem zu eng. Vielleicht aber ist es ande-

112
DIE BILDENDE KUNST

rerseits an der Zeit, diese «Klassik» von einer ins Vage führenden Aus-
weitung und einer Vermengung ihrer historischen Wirklichkeit mit
normativen Zielsetzungen zurückzuführen auf das geschichtlich ge-
gebene Kerngebiet. Erst dann, von einem festen Eiland aus, kann in
den Geltungsbereichen von «Klassik», «Klassizismus», «klassisch»
wieder Ordnung geschaffen werden - auch für die Kunst-, Musik- und
allgemeine Kulturgeschichte, die in Anlehnung an die Literatur sich
dieser Worte zur Bezeichnung von Grundbegriffen oder Struktur-
zusammenhängen bedient haben. \Vas «Deutsche Klassik» von der
europäischen Stilrichtung des unterscheidet, bedarf
nach früher Gesagtem nur noch der Erwähnung: daß sie in ihrem
Wesen geschieden werden müssen, daß aber, weil sie in Außenberei-
chen zusammenfallen oder weil der «Klassik» ein «Klassizismus» ein-
geordnet ist, Grenzverwischungen zu ihrer Zeit und später oft nicht
wahrgenommen wurden. Es versteht sich nun auch, daß in Dichtung
und bildender Kunst nicht jede Anlehnung inhaltlicher oder formaler
Art an schlecht und recht verstandene antike Muster «deutsche
Klassik» ist, ja nicht einmal «Klassizismus» zu sein braucht. Literatur
einerseits und bildende Kunst sowie Architektur andererseits dürfen
auch hier nicht ohne große Vorsicht zueinander in Beziehung gesetzt
werden. Gewiß strebte seit Winckelmann die Kunst wie ihre Theorie,
strebte auch, in der Entwicklung Goethes seit Weimar vorbildlich, die
Dichtung in einer Andacht zum «Reinen» einem linearen Stile und
der gestalthaften Umgrenzung zu, deren bevorzugter Gegenstand die
einzelne menschliche Form war. Aber wieviel Vorbehalte muß die
Kunstwissenschaft machen, wenn sie die von ihr gewonnenen Seh-
vorstellungen, etwa Wölfflins berühmte fünf Kategorien, für die Ent-
wicklungsgeschichte der Kunst auswerten oder in einen geistigen Zu-
sammenhang einordnen will, der über die bloße Feststellung und Aus-
deutung dieser Sehformen hinausgreift! Wie sehr hat da die eigen-
mächtige innere Entwicklung der Kunst und ihrer Technik, haben
Tradition und Zweckbewußtsein des künstlerischen Schaffens mitzu-
sprechen! Wie schwer ist es für die Kunstgeschichte, einen Stilwandel
wirklich als eine neue Wertung des Seins auf allen Gebieten aufzu-
zeigen! Das Verstehen der Dichtung aber kann sich überhaupt nie bei

8 Schultz, Klassik und Romantik, Bd.II 115


DIE MUSIK

der sinnlichen Seite der Poesie, das heißt bei ihren Ausdrucksformen,
ihrem Stil bescheiden. Auch wenn die Annahme als sicher gilt, daß ein
«Stil» tief eingebettete Seinsverhältnisse persönlicher und zugleich
zeitbedingter Art wiedergebe, so ist diese Sicherheit für die Dichtung
vielleicht trügerischer als für die Kunst, bei der der Weg vom gestal-
tenden Schöpfer zur sinnlichen Wirklichkeit des Werkes aus Gründen
der Technik und der Darstellungsmittel direkter und - dem inneren
Vorgang nach gesehen - unkomplizierter ist. Manche ideellen Mo-
mente, manche Motive der übersinnlichen Existenz des Menschen sind
notwendigerweise in dem Entwurf des Dichtwerks enthalten, ehe es
sich zum Ausdruck ringt. Zerdehnter und weniger geschlossen ist -
selbst bei einem lyrischen Gedichte - das Gegenständliche und Stoff-
liche. Das in der Zeitfolge wirksame Ausdrucksmittel der Sprache und
aller ihrer Beziehungen ist von Hause aus nicht in erster Linie dazu
bestimmt, in sich geschlossene Stilgebilde hervorzubringen, und selten
pflegt ihr das restlos und befriedigend zu gelingen. Wohl läßt sich
zur Not der bildenden Kunst eine für sich bestehende Wirklichkeit und
daraus folgende Entwicklung zuerkennen. Aber der Dichtung? Ist sie
nicht weit mehr an die Unausdrückbarkeit stets widersprüchlichen
Menschentums gebunden? Ist ihr Charakter als eigentliche «Kunst»
nicht immer nur annäherungsweise erzielbar oder erfaßbar? Muß
nicht alle Theorie des Sammelbegriffes «Kunst» sie immer wieder in
einen Sonderbereich verweisen?
Auch für die Geschichte der Musik besteht die von der Literatur und
Dichtung herkommende Vorstellung der «Klassik», auch für siewurde
der Begriff in einen Gegensatz zu der darauf in Deutschland folgen-
den musikalischen «Romantik» gebracht. Und gewiß vermögen bei
ihr die Kategorien der «Tektonik» und «Atektonik», der «geschlos-
senen» und der «offenen» Form, die für die Dichtung von der Malerei
entlehnt worden waren, den Stilgegensatz zwischen Haydn, Mozart
und teilweise Beethoven zu Schumann und Weber als «vollgültigen»
musikalischen «Romantikern» zunächst scheinbar sehr einleuchtend
zu machen. Aber auch auf diesem Gebiete führt der Versuch, die Ent-
wicklung mit der der Dichtung in Gleichschritt zu setzen und auf
einen einheitlichen Nenner für das «Klassische» und «Romantische»

114
HISTORIKER UND ÄSTHETIKER

zu bringen, jedenfalls innerhalb der deutschen Bewegung von 1770


bis 1850, in mannigfache Wirrnisse undWidersprüche; und zwar, weil
weder für das eine noch für das andere Feld das «Klassische» und das
«Romantische» reine Wesenheiten geschichtlich gegebener Art dar-
stellen. Größen aber, die in sich keine Einheit darstellen, vertragen
keine Gleichsetzung. Es bleibt ein unbefriedigendes Spiel, wenn die
Geistesgeschichte mit diesen sehr gemischten Posten wirtschaftet. Auch
die Ordnungsbegriffe von «Vollendung» und «Unendlichkeit» führen
bei der Vergleichung von Dichtung und Musik auf dem klassisch-
romantischen Gebiete nicht zu rein gefugten Querverbindungen. Ganz
abgesehen von der unsicheren oder willkürlichen Zuteilung des zum
Beweise dienenden Materials an die «klassische» oder «romantische»
Seite, sind diese Begriffe für jede Festlegung historischer oder syste-
matisch-theoretischer Natur unzulänglich, weil die Fraglichkeit ihrer
Beziehung zu den Sachen, die mit ihnen bezeichnet werden, bei den
Worten selber beginnt, und weil ferner sowohl in «klassischer» wie
in «romantischer»Dichtung und Musik unserer Epoche «Vollendung»
und «Unendlichkeit» nicht zwei sich ausschließendeWertbereiche sind.
Es würde der ausgesprochenen und unausgesprochenen Absicht die-
ser Darstellung widersprechen, wollte sie sich an die Bestimmung von
Wesensbegriffen und normativen Aufstellungen verlieren. Dagegen
wäre es für das Geschichtsbild, um das es sich hier ja handelt, von
vorgängiger Wichtigkeit, zu wissen, wie denn die Weimarer Hochblüte
unserer Literatur dazu kam, als «Deutsche Klassik» zu gelten, oder
auf welchem Wege Goethe und Schiller zu den deutschen Normal-
klassikern wurden, mit welcher Berechtigung oder Begründung ihnen
«Klassizität» zugesprochen wurde. Dieser Vorgang ist einstweilen nur
in sehr allgemeinen, vielfach nur vermutungsweise nachziehbaren
Linien erkennbar. Sie kreuzen und verschlingen sich; sie führen teils
über die Niederungen und Gedankenlosigkeiten des alltäglichen Sprach-
gebrauches, teils über die Höhen konstruktiver Begriffsbestimmungen,
die den Philosophen, Ästhetikern und Theoretikern verdankt werden.
Die großen aufbauenden Historiker und Literarhistoriker des 19.Jahr-
hunderts: Gervinus, Julian Schmidt, Hettner, Treitschke, Scherer, Dil-
they, Haym, sie alle haben kaum oder nur sehr zurückhaltend die

s• 115
HE GEL

Weimar-Jenaer Hochkultur zur Zeit Goethes und Schillers als eine


«klassische» etikettiert. Aber sie haben in ihr ein vorläufiges Ziel der
literarisch-ästhetischen Entwicklung Deutschlands gesehen und eine
Vollernte des auf dichterischem Felde für die Deutschen einstweilen
erreichbaren Besitzes. Vorher hatten die Ästhetiker und Systematiker
der Dichtung und Kunst seit Herder, Schiller, der Frühromantik und
ihren Seitengängern, Schelling, Jean Paul bis zu Friedrich Theodor
Vischer, Regel und seinen Nachfolgern, die Weltdichtung und -kunst
unter gegensätzliche Begriffe gestellt. Ihre Bezeichnungen lauteten
verschieden, ihre Begrenzungen und Wertbestimmungen unterlagen
mannigfachen Abwandlungen, aber sie liefen im wesentlichen darauf
hinaus, daß die antike Kunst und Dichtung in ihrer Gesamterschei-
nung der neueren, mittelalterlichen und neuzeitlichen, die man sich
als «romantisch » zu bezeichnen gewöhnt hatte, als ein Block von
durch die Zeiten strahlender Wesensart und Gesetzlichkeit vorauflag.
Wenn nun schon die Weimaraner selber, vor allem Schiller in seiner
Abhandlung «Über naive und sentimentalische Dichtung» (1795),
über diese Grundunterschiede der Poesie nachdachten, wenn sie ihr
Denken und Dichten um das Hellenenturn kreisen ließen und sich
an ihm orientierten; wenn auf der anderen Seite eine neben ihnen
hochkommende Bewegung die Unterschiede zwischen antiker und
neuerer Poesie ebenfalls wieder und wieder erwog und in geschicht-
licher Schau durchprüfte, dabei aber sich selber dem Neuen, Sub-
jektiven, Sentimentalischen, Interessanten, Romantischen zugeordnet
fühlte -was lag da für eine spätere Zeit näher, als auch die von der
einen oder der anderen Gruppe vertretenen Gehalte und Formgebun-
gen unter die gleichen Bezeichnungen zu bringen? Wenn man so vor-
ging, schritt man ganz folgerichtig vom Willentlichen zum Seienden
weiter und schloß von einem auf das andere. Aber lange hat es den-
noch gedauert, bis die Kunstlehre und Dichtung Schillers und Goethes
durch dies hohe Siegestor des «Klassischen» einzogen und vollgültig
neben den Mustern des Altertums erscheinen durften. Die Regelsehe
Ästhetik etwa, die - obwohl frühzeitig bekämpft - für so viele im
19. und 20.Jahrhundert eine Art Gesetzbuch wurde, aus dem sie sich
ihre ästhetischen Aufteilungen und deren philosophische Begründun-

116
«KLASSIK» IN DER ÄSTHETIK DES 19. JAHRHUNDERTS

gen holten, hat in ihren Kapiteln über das «Klassische» Goethe und
Schiller dies Prädikat nicht zuerkannt. Die klassische Kunst ist ihr
«die zu freier Totalität in sich abgeschlossene Einigung des Inhaltes
und der ihm schlechthin angemessenen Gestalt». Die klassische Schön-
heit «hat zu ihrem Inneren die freie, selbständige Bedeutung, das ist
nicht eine Bedeutung von irgend etwas, sondern das sich selbst Be-
deutende, und damit auch sich selber Deutende. Dies ist das Geistige,
welches überhaupt sich zum Gegenstande seiner selbst macht. An die-
ser Gegenständlichkeit seiner selbst hat es dann die Form der Äußer-
lichkeit, welche, als mit ihrem Inneren identisch, dadurch auch ihrer-
seits unmittelbar die Bedeutung ihrer selbst ist, und indem sie sich
weiß, sich weist». Diese schwierigen Merkmale des Klassischen hat
Regel bei Goethe und Schiller glücklicherweise nicht gefunden. «Was
die historische Verwirklichung des Klassischen angeht», sagt er, «so
ist kaum zu bemerken nötig, daß wir sie bei den Griechen aufzu-
suchen haben. Die klassische Schönheit mit ihrem unendlichen Um-
fange des Gehalts, Stoffes und der Form ist das dem griechischen Volke
zugeteilte Geschenk gewesen, und wir müssen dies Volk dafür ehren,
daß es die Kunst in ihrer höchsten Lebendigkeit hervorgebracht hat.»
Schiller hat nach Regel von der «Periode des aufgeklärten Verstandes»
seinen Ausgang genommen; er hat «dann aber im Bedürfnis der
durch den Verstand nicht mehr befriedigten Vernunft, Phantasie und
Leidenschaft die lebendige Sehnsucht nach Kunst überhaupt, und
näher nach der klassischen Kunst der Griechen und ihrer Götter und
Weltanschauung empfunden». So wahr und tief gedacht Schillers Pa-
thos auch immer sei: er ist weit entfernt, dem Hegeischen Begriffe des
Klassischen zu entsprechen. Aber auch von Goethe ist mit Beziehung
auf die klassische Kunstform nicht die Rede. Friedrich Theodor Vi-
schers «Ästhetik» (1848) nennt zwar in ihrem zweiten Teil Goethe
und Schiller «Klassiker des modernen Ideals». Das «moderne Ideal»
ist ihm die «Phantasie der wahrhaft freien und mit der Objektivität
versöhnten Subjektivität». Aber beide haben sie in der Richtung des
«modernen Ideals» eine große Aufgabe zu lösen übriggelassen, weil
Goethe subjektive Stoffe rein objektiv, Schiller objektive Stoffe zu sub-
jektiv behandelt habe. Auch bei Vischer gewinnt das Klassische eine

117
LEGENDE DER «KLASSIK»

schärfere Begriffsbestimmung nur für das Altertum. Es deckt sich da


für ihn mit dem «Musterhaften». Musterhaft aber ist die Lösung,
die die griechische Phantasie der restlosen Umsetzung des «Ideals» in
«das Ganze der Gestalt» gegeben hat. Wir schauen dabei auf den
Winckelmannschen Idealbegriff und seine Anschauung von der grie-
chischen Kunst zurück. Für eine deutsche Klassik Goethes und Schillers
ist mehr aus Vischer nicht zu gewinnen.
Erst gegen Ausgang des 19. Jahrhunderts, als die geschichtlichen
Wissenschaften von der Einzelforschung wieder zu Ganzheitsanschau-
ungen hinstrebten und neben einem echten philosophischen Bedürfnis
auch dem bequemen Schalten mit Ismen entgegenkamen, und als aus
weiterer geschichtlicher Sicht die Einzelheiten sich zu Gebilden zu-
sammenschlossen, gewann der Begriff des «Klassizismus» für Goethes
und Schillers Wirksamkeit die Umlaufsgültigkeit einer festen, epochal
und strukturell bestimmten Werteinheit. Noch jüngeren Datums ist
dafür die Verwendung des Ausdrucks «Klassik». Er hat den Vorzug,
durch seine Bildung sofort als ein Gegenstück zur «Romantik» kennt-
lich zu sein, zudem auch den Abstand zum «Klassizismus» einzuhalten,
der als eine europäische Erscheinung in der allgemeinen Literatur-
geschichte eine Rolle spielt, aber wenig dazu beiträgt, die Sonderart
der deutschen Klassik erkennen zu lassen. Von der bleibt- Wort hin,
Wort her- bestehen, daß sie im Bewußtsein der Nation ein Höchstes
unserer geistig-literarischen Entwicklung, oft aber auch Eisig-Fernes
und Unverrückbares bedeutet- von dem Lebensgefühl und den poli-
tisch-gesellschaftlichen Anliegen jüngerer und jüngster Generationen
anscheinend durch ein weites Zwischenland geschieden. Daß es sich so
anlassen konnte, geht auf Rechnung des 19.Jahrhunderts.Teils fand
seine Literatur in derWeimarer Klassik Normen, nach denen jede wei-
tere dichterische Entwicklung sich richten müsse, teils wollten das
19. und 20.Jahrhundert durch die Zertrümmerung eines Idols der
Klassik Raum für eigenes Wollen und Leisten schaffen, wie das Junge
Deutschland, wie der von Nietzsche angegeistete Naturalismus und die
folgenden Generationen unserer Literatur außer einigen wenigen
Einzelgängern, die dem bewiesenen und erlesenen Kunstwollen, dem
in Dichtung und menschlicher Haltung unverbrüchlich Verpflichten-

118
GOETHE UND SCHILLER ALS «KLASSIKER»

den unter dem Leitstern der Weimarer Klassik treublieben. Ist es so,
wie es vielfach scheinen könnte, daß sie in unserem geistigen Leben
nur noch einem Denkmal gliche, wie sie es in Ritschels Doppelstand-
bild Goethes und Schillers in Weimar erhalten hat, auf dem die beiden
durch den einen Kranz,_ den sie halten, verbunden werden? Keine stär-
kere Verfestigung konnte die Legende der Klassik erfahren als durch
dies Monument. Die Literaturgeschichte ist schwächlich gegenüber der
sprechenden Wucht des geformten, schaubaren Erzes. Die fruchtbare
Legende der Klassik zerstören zu wollen, kann nie unsere Absicht sein.
Ebensowenig, durch Beseitigung von Worten, die nun einmal ihr Bür-
gerrecht erworben haben und an denen wir uns verstehen, Errungen-
schaften in Frage zu stellen, die ihr Vorhandensein einem bildungs-
geschichtlichen Ablauf und einem Bedürfnis nach Schlüssigkeit ver-
danken. Etwas anderes aber ist es, mit neuem Ansatz in die Lebens-
zusammenhänge eingehen zu wollen und eingehen zu lassen, denen
Dichtung und Weltanschauung der Klassik verdankt werden.
Während die Nachwelt ihr Bildsäulen in monumentaler Größe und
Beispielhaftigkeit aufrichtete, haben die «Klassiker» Goethe und Schil-
ler selber von sich niemals die Vorstellung gehabt, ihre Wirkung und
Leistung könne an die Vollkommenheit eines «Klassischen» heran-
reichen. Wie hätten sie es auch vermocht! Beide waren sie in den
neunzigerJahren (auch der nachitalienische Goethe, den man so gerne
als den Fertigen und in sich Gefestigten dem immer ringenden und
werdenden Schiller gegenüberstellt) von dem Unvollkommenen und
Bruchstückhaften ihres Schaffens und Denkens überz_eugt. An der
menschlichen Erscheinung beider, des Älteren wie des um zehn Jahre
Jüngeren, ist vielleicht am ergreifendsten, daß sie stets in einer Selbst-
prüfung begriffen waren, deren schönstes Ergebnis in einer
denheit bestand, die sich bei verantwortlicher Gelegenheit in dem un-
überhörbaren Tone innerer Wahrhaftigkeit ausdrückte. Schiller hat vori
Jugend an Momente ehrgeizigen Selbstgefühls, eines leidenschaftlich
gespannten Strebens nach dem Ziele und jener stolzen Überzeugung
von sich gekannt, die durch ein Wollen, mehr noch durch ein Können
hervorgerufen wird. Auch wo nicht notwendige Berechnung imDienste
der Selbstbehauptung sie ihm nahelegte, kommt sie zum Ausdruck.

119
DER «UNKLASSISCHE» SCHILLER

Aber ebensosehr übte er ja an sich herbe und zernichtende Kritik, war


er bis in seine späteste Zeit durchdrungen von der Ohnmacht auch des
eisernen Willens gegenüber der von oben kommenden Begnadung und
der natürlichen und freien inneren Sicherheit, die ein Geschenk der
ungestörten Entwicklung und eines von allem Anfang an frei ausgrei-
fenden natürlichen Wachstums ist. Etwas Scheues und Unsicheres blieb
dem vom Dasein so lange bedrängt Gewesenen auch noch, als seine
äußere Lage sich bereits gefestigt hatte. Das stellten verehrende
Besucher fest, die auf den persönlichen Eindruck des so gewaltig aus-
langenden Dichters gespannt gewesen waren. Kaum ein anderer Be-
richt ist hierfür sprechender als der, den sein junger Landsmann
Schelling über die erste Begegnung mit ihm entwirft. Schelling, ker-
nig, ungebrochen, kraftgeladen, ein «Granit», wie ihn Caroline Schle-
gel nannte, sicher im Besitze der Geist und Welt durchdringenden
neuenFähigkeiten des nachkantischen spekulativenDenkens, zukunfts-
offen, ein scharfer Kritiker und Beobachter, soeben nach dem «welt-
berühmten Jena» berufen, meldet am 29.April 1796 an seine Eltern,
er habe Schillern gesehen und viel mit ihm gesprochen. Aber er findet
denselben Mann, der, wenn er schreibt, mit der Sprache despotisch
schaltet und waltet, beim Sprechen mit niedergeschlagenen Augen oft
um das geringste Wort verlegen; durch seine Schüchternheit macht er
auch den Besucher, der sich ihm zagend genaht hat, scheu. Doch
manchmal schlägt er die Augen auf; dann war etwas Durchdringendes,
Vernichtendes in seinem Blick, «das ich noch bei niemandem sonst be-
merkt habe». Dies alles ist nicht das bannende Insichruhen, das
zu allen Lebenszeiten, jedwedem Besucher gegenüber, Goethes Teil
war. Schiller ist oft gehemmt und unsicher.In ihm arbeitete in solchen
Augenblicken die Fülle der selbstkritischen und ihrer selbst überbe-
wußten Rückempfindungen, wie sie Menschen mit einer Schönheits-
fehler zurücklassenden Entwicklung eigen sind. Aber gerade in jener
Zeit des Bundes mit Goethe tauchte oftmals auch die ausgewogene
Klarheit über das eigene Sein, das unabhängig sei von Leistung und
Wirkung, bei ihm auf. Gerade damals war er sich als «edle Natur»,
wenn er bei sich selber war, dessen bewußt, daß er mit diesem Sein,
dem unverlierbaren, durch das Urgesetz seiner Persönlichkeit ihm be-

120
GoETHE UND DAS «KLASSISCHE»

stimmten, noch besser zu zahlen imstande wäre, als mit allem, was er
hervorbringe. Schillers Gestalt wird durch solche Erkenntnisse mit
nichten psychologistisch zerfasert und entwertet. Es gehört das alles zu
dem Inbilde, das er darstellt. Aber -wenn es nicht schon sein abge-
brochenes, letztlich unausgetragenes, im Weiterstreben und ständigen
Anderssein zum Einhalten gezwungenes Gesamtwerk aussagte -: ein
«Klassiker»?
Der Ästhetiker Schiller hat die Kategorie des «Klassischen» oder der
«Klassizität» nie verwertet wie Regel oder Friedrich Theodor Vischer.
Wo man es am ehesten erwartet, spielt ein Begriff des «Klassischen»
keine Rolle: in der Abhandlung «Über naive und sentimentalische
Dichtung» (1795). Das «Naive» erscheint bei Schiller an keine ge-
schichtlichen Gegebenheiten ausschließlich gebunden und deckt sich
nicht mit einer Verallgemeinerung, die darunter die Dichtung der
Alten begreifen würde. Es ist, wie das «Sentimentalische», eine Dich-
tungsart und, wenn auch bei den Alten durch glückliche Umstände
von Natur und Kultur besonders gefördert, doch nicht auf sie be-
schränkt. In einer und derselben Dichtung, wie etwa in Goethes «Lei-
den des jungen Werthers», kann es naive und sentimentale Schichten
geben. Und nur einmal spricht Schiller in dieser Abhandlung leichthin
von «klassischen Werken» der poetischen Literatur, aber lediglich in
der üblichen abgeschliffenen Bedeutung des Wortes, das in der Um-
gangssprache das Anerkannte und Hervorragend-Gültige meint.
In die Sicht eines weiten Horizontes tritt man, wenn nun von
Goethes Auffassung des «Klassischen» und seiner Auseinandersetzung
mit ihm die Rede sein muß. Hier stößt man auf sein Denken um das
deutsche Schicksal, um die Eigentümlichkeit der deutschen Geistes-
geschichte und des deutschen Charakters. Zwar ist auch ihm das Klassi-
sche gleichbedeutend mit demVortrefflichen, Gesunden und Tüchtigen,
«zu welcher Gattung es auch gehöre». Aber auch hier gewinnt ein
umlaufendes Wort, wie so oft bei ihm, seine erfüllte Prägung wieder.
«Männlicher Ernst und Klarheit walten stets zusammen, und wir mö-
gen daher seine Arbeit gerne klassisch nennen», sagt er 1820 von
Manzonis Trauerspiel «Carmagnola». Den Schulgegensatz zwischen
Klassikern und Romantikern, wie er sich im neuen Jahrhundert vor

121
SELBSTDEUTUNG DER «KLASSIK»

allem in der französischen und italienischen Literatur herausgebildet


hatte, lehnte er ab, ebenso, im Zusammenhange damit, jene durch die
Frühromantik auf der Bahn Wielands und Herders durchgeführte ge-
schichtliche Einteilung der Weltliteratur nach klassischer (antiker) und
romantischer (mittelalterlicher und neuerer) Poesie. Das Klassische
unterlag für ihn weder ästhetischen noch geschichtlichen, sondern sitt-
lichen Kategorien. Immer zieht ja bei ihm das Sittliche alle anderen
Wertungen an sich. Hierin besteht seine tiefste Verbindung mit Schil-
ler. Aber dies Sittliche, das im «Klassischen» beschlossen ist, kann für
ihn nur das Ergebnis eines Wachstums und günstiger, organisch ge-
wordener Umstände sein. So wird das «Klassische», wo es erscheint,
ganzheitlicher Ausdruck eines Volkskörpers. Wir stehen vor der bedeut-
samen Auslegung, die das «Klassische» durch ihn um die Mitte der
neunziger Jahre kurz nach dem Zusammenschluß mit Schiller in dessen
«Horen» erfuhr. Diese Aussprüche sind für die «Deutsche Klassik»
Goethes und Schillers richtunggebend. Sie führen durch Abwehr und
Selbstdeutung in die Mitte der Situation hinein, in der die beiden sich
empfanden. Sie bezeichnen die Grenzen, von denen sie sich umgeben
fühlten.- Grenzen, die für sie das Aufkommen eines «Klassischen»,
wie sie es verstanden, im damaligen Deutschland unmöglich machten.
Sie beweisen zugleich, wie sehr Goethe damals bereits seine und des
Genossen Stellung im Zusammenhange der gesamten geistigen, kul-
turellen, politischen Situation Deutschlands begriff. Der Aufklärer
Daniel Jenisch aus Ostpreußen, Prediger an der Nicolaikirche in Ber-
lin, als Schriftsteller geschäftig und vielseitig, zu literarischen und
persönlichen Händeln geneigt, Erzähler, Satiriker und Theologe, Ver-
fasser eines von preußischem Patriotismus triefenden Epos «Borussia»
in zwölf Gesängen, einer lyrisch-epischen «Threnodie auf die Fran-
zösische Revolution», war gleicherweise ein Stichblatt für die Früh-
romantik in ihren Fehden_ mit dem abgestandenen, seichten und
schmähsüchtigen Berliner Rationalismus wie für Goethe und Schiller
in den «Xenien». Er ist ein Teilstück jenes literatenhaften, durch die
Revolution in Gang gesetzten Getriebes, gegen das Klassik und Früh-
romantik, «Xenien» und «Athenäum» sich gemeinsam stellten. Ob
man ihn mit Haym «elend» und «schamlos» heißen soll, ob nicht in

122
«LITERARISCHER SANSCULOTTISMUS»

diesem Ostpreußen mehrere Geister miteinander rangen, bleibe dahin-


gestellt. In seinem dreibändigen Werk « Geist und Charakter des
18. Jahrhunderts politisch, moralisch, ästhetisch und wissenschaftlich
betrachtet» ( 1800) überschlägt sich das selbstkluge Säkulum in seiner
Absicht, zu zeigen, wie herrlich weit man es gebracht habe. Nach sei-
nem selbstgewählten Tode in der Spree kam das Gerücht auf, er sei
in ein Kloster gegangen: man könnte in dieser Legende einen Finger-
zeig darauf sehen, daß die in sich vollendete Gesinnung der Berlini-
schen Aufklärung nur durch einen Saho in den «Abgrund der gött-
lichen Barmherzigkeit» meinte, über sich hinausgelangen zu können.
Und Rationalismus und Mystik liegen bei den Ostpreußen der neueren
deutschen Geistesgeschichte nebeneinander und in ständigem Kampfe.
Wie immer die Person beschaffen gewesen sein mag, mit der Goethe
es hier zu tun hatte: sein von Jenisch ausgehender Aufsatz über den
«Literarischen Sansculottismus » kann als programmatische Kund-
gebung erster Ordnung angesehen werden und ist für die Eigendeu-
tung der deutschen Klassik längst nicht genügend gewürdigt. Jenisch
hatte im« BerlinischenArchiv der Zeit und ihres Geschmacks» in einer
Überschau über die Literatur seiner Zeit die Armseligkeit der Deut-
schen «an vortrefflich klassisch prosaischen Werken» bedauert. Goethe
tritt, ihn züchtigend, nicht für sich und für Schiller, sondern für alle
besseren deutschen Schriftsteller seiner Zeit ein, bei denen man das,
«was ihnen gelungen ist, mit Ehrfurcht bewundern» und das, «was
ihnen mißlang, anständig bedauern» soll. Sie sind in Fehlern und Vor-
zügen zu verstehen aus der Eigentümlichkeit ihres Vaterlandes. Ein
Opfer sind sie der deutschen Zerstückelung und des Mangels an einem
gesellschaftlichen Mittelpunkte. Die Sätze Goethes haben für seine
Gegenwart, für Vergangenheit und Zukunft, ein solches Gewicht, daß
man sie nur für sich selber sprechen lassen möchte: «Zerstreut ge-
boren, höchst verschieden erzogen, meist nur sich selbst und den Ein-
drücken ganz verschiedener Verhältnisse überlassen, von der Vorliebe
für dieses oder jenes Beispiel einheimischer oder fremder Literatur
hingerissen; zu allerlei Versuchen, ja Pfuschereien genötigt, um ohne
eine Anleitung seine eigenen Kräfte zu prüfen; erst nach und nach
durch Nachdenken von dem überzeugt, was man machen soll; durch

123
GüETHE ALS DEUTSCHER

Praktik unterrichtet, was man machen kann; immer wieder irre ge-
macht durch ein großes Publikum ohne Geschmack, das das Schlechte
nach dem Guten mit eben demselben Vergnügen verschlingt; dann
wieder ermuntert durch Bekanntschaft mit der gebildeten, aber durch
alle Teile des großen Reiches zerstreuten Menge; gestärkt durch mit-
arbeitende strebende Zeitgenossen- so findet sich der deutsche Schrift-
steller endlich in dem männlichen Alter, wo ihn Sorge für seinen
Unterhalt, Sorge für eine Familie sich nach außen umzusehen zwingt,
und wo er oft mit dem traurigsten Gefühl durch Arbeiten, die er selbst
nicht achtet, sich die Mittel verschaffen muß, dasjenige hervorbringen
zu dürfen, womit sein ausgebildeter Geist sich allein zu beschäftigen
strebt. Welcher deutsche geschätzte Schriftsteller wird sich nicht in
diesem Bilde erkennen, und welcher wird nicht mit bescheidener
Trauer gestehen, daß er oft genug nach Gelegenheit geseufzt habe,
früher die Eigenheiten seines originellen Genius einer allgemeinen
Nationalkultur, die er leider nicht vorfand, zu unterwerfen? Denn die
Bildung der höheren Klassen durch fremde Sitten und ausländische
Literatur, so viel Vorteil sie uns auch gebracht hat, hinderte doch den
Deutschen, als Deutschen sich früher zu entwickeln.» Eine solche
Klage ist übrigens bei Goethe weder einmalig noch ungewöhnlich. Sie
gehört in den Zusammenhang seiner seit der Rückkehr aus Italien und
dem einsetzenden Wandel der Zeiten ihn nie mehr loslassenden Sorge
um das deutsche Volk und die deutsche Nation. Er beklagte die poli-
tische und kulturelle Not, der entgegenzuwirken er sich ohnmächtig
fühlte. Dieses sein Leiden an der damaligen inneren und äußeren
Situation Deutschlands, wie sie sich ihm darstellte, ist das Gegen-
teil von Anteillosigkeit, Sichfernhalten oder VaterlandsfremdheiL
Immer wird sein großes Gespräch mit dem Jenenser Historiker Luden
vom 15. September 1815 das am schwersten wiegende Dokument blei-
ben, wenn es gilt, seine Stellung zu Vaterland und Volk ins rechte Licht
zu rücken. «Glauben Sie ja nicht», sagte er damals bekanntlich, «daß
ich gleichgültig wäre gegen die großen Ideen Freiheit, Volk, Vaterland.
Nein; diese Ideen sind in uns; sie sind ein Teil unseres vVesens, und
niemand vermag sie von sich zu werfen. Auch liegt mir Deutschland
warm am Herzen. Ich habe oft einen bitteren Schmerz empfunden bei

124
GOETHE «KLASSISCHER NATIONALAUTOR»

dem Gedanken an das deutsche Volk, das so achtbar im einzelnen und


so miserabel im ganzen ist. Eine Vergleichung des deutschen Volkes mit
andern Völkern erregt uns peinliche Gefühle, über welche ich auf jeg-
liche Weise hinwegzukommen suche; und in der Wissenschaft und in
der Kunst habe ich die Schwingen gefunden, durch welche man sich
darüber hinwegzuheben vermag: denn Wissenschaft und Kunst ge-
hören der Welt an und vor ihnen verschwinden die Schranken der
Nationalität; aber der Trost, den sie gewähren, ist doch nur ein leidiger
Trost und ersetzt das stolze Bewußtsein nicht, einem großen, starken,
geachteten und gefürchteten Volke anzugehören.» Kaum kann ergrei-
fender das Gefühl der Wurzellosigkeit ausgedrückt werden, das die
klassische und die folgende deutsche Literatur noch in sich trugen -
dies Gefühl, daß ihr ein Bestes und Letztes fehle: nämlich der Aus-
druck einer nationalstaatliehen Einheit und eines Volkszusammen-
hanges. Goethe hat in den. folgenden Sätzen seiner Unterredung mit
Luden als seinen Trost den Gedanken an Deutschlands Zukunft und
den Glauben an sie bezeichnet. Er war auch in dieser Richtung des
Blicks auf das Kommende und Werdende in Deutschland mit dem
Schiller der «Klassik» einig. Doch für die Literatur seiner Zeit, auch
für seine eigene und seines Genossen Leistung, wenn er sie in weitem
Zusammenhange sah, ergaben sich ihm Grenzen der Wachstums-
möglichkeiten und die Einsicht in Unvollkommenheiten, die sich an
einem Gebilde zeigen müssen, dessen Wurzeln der Festigkeit und eigen-
tümlich nährenden Bodentiefe entraten. Hier setzt die Frage nach dem
«Klassischen» in seiner Zeit wieder ein. Er glaubte die deutsche Lite-
ratur seiner Epoche, natürlich auch sein eigenes Werk und das Schil-
lers, von diesem Ziel noch weit entfernt- wenn man mit den Worten,
deren man sich im Sprechen oder Schreiben bedient, «bestimmte Be-
griffe zu verbinden für eine unerläßliche Pflicht hält». Auf die Frage
in dem Aufsatz über den «Literarischen Sansculottismus »,wann und
wo ein «klassischer Nationalautor » entsteht, lautet die Antwort:
«Wenn er in der Geschichte seiner Nation große Begebenheiten und
ihre Folgen in einer glücklichen und bedeutenden Einheit vorfindet;
wenn er in den Gesinnungen seiner Landsleute Größe, in ihren Emp-
findungen Tiefe und in ihren Handlungen Stärke und Konsequenz

125
GOETHES BESTIMMUNG DES «KLASSISCHEN»

nicht vermißt; wenn er selbst, vom Nationalgeiste durchdrungen,


durch ein einwohnendes Genie sich fähig fühlt, mit dem Vergangenen
wie mit dem Gegenwärtigen zu sympathisieren; wenn er seine Na-
tion auf einem hohen Grade der Kultur findet, so daß ihm seine eigene
Bildung leicht wird; wenn er viele Materialien gesammelt, vollkom-
mene oder unvollkommene Versuche seiner Vorgänger vor sich sieht
und so viel äußere und innere Umstände zusammentreffen, daß er
kein schweres Lehrgeld zu zahlen braucht, daß er in den besten Jahren
seines Lebens ein großes Werk zu übersehen, zu ordnen und in einem
Sinne auszuführen fähig ist.» Hier ist das Wesen des «Klassischen»
aller begrifflichen Spekulation entrückt. Es ist auf den Grund des Or-
ganischen und Geschichtlichen gestellt und aus dem Werden von Kul-
tur, Staat und Volkstum, aus den Rückwirkungen dieser Mächte auf
den Einzelnen verstanden. Gewiß gab es für Goethe in der Geschichte
der Menschheit bereits die Erfahrungstatsache «klassischer» Epochen,
von denen er die hier von ihm entwickelten Voraussetzungen eines
«klassischen» Autors und eines «klassischen» Werkes ablas. Das Alter-
tum lieferte dies oberste Beispiel. Welche anderen Zeiten von ihm als
Nährboden eines «Klassischen» betrachtet werden, ob etwa die Zeit
Shakespeares oderLudwigXIV., sagt er uns nicht; auch nicht, wo man
es sonst vielleicht erwarten würde: in der «Geschichte der Farben-
lehre» (1810). Fest steht ihm im Jahre 1795 die epigrammatisch zu-
gespitzte Erkenntnis: «Einen vortrefflichen Nationalschriftsteller kann
man nur von der Nation fordern.» Beinahe deckt sich dieser Satz mit
der ähnlichen Zuspitzung, die Lessing am Schlusse der « Harnburgi-
schen Dramaturgie» der gleichen Einsicht in die für die Literatur ver-
hängnisvolle nationale Notlage gegeben hatte, als er schrieb: «Über
den gutherzigen Einfall, den Deutschen ein Nationaltheater zu ver-
schaffen, da wir Deutsche noch keine Nation sind!» Goethes realisti-
sche Bestimmung des «Klassischen» steht scheinbar in einer bemer-
kenswerten Spannung zu den Forderungen, die Schiller zur gleichen
Zeit im neunten Brief «Über die ästhetische Erziehung des Menschen»
für die Erscheinung des wahren Künstlers aufstellte, wobei freilich
das Wort «klassisch» nicht fällt. Die Bedingungen Schillers für die
Existenz der Künstler haben nichts von der Wirklichkeitsnähe, die

126
SCHILLERS DEFINITION DES KÜNSTLERS

Goethe ihnen gibt. Schiller zielt ins Zeitlose und Unbedingte: «Der
Künstler ist zwar der Sohn seiner Zeit, aber schlimm für ihn, wenn
er zugleich ihr Zögling oder gar noch ihr Günstling ist ... Den Stoff
zwar wird er von der Gegenwart nehmen, aber die Form von einer
edleren Zeit, ja, jenseits aller Zeit, von der absoluten unwandelbaren
Einheit seines Wesens entlehnen. Hier aus dem reinen Äther seiner
dämonischen Natur rinnt die Quelle der Schönheit herab, unangesteckt
von der Verderbnis der Geschlechter und Zeiten, welche tief unter ihr
in trüben Strudeln sich wälzen.» Es besteht dennoch im tiefsten eine
Übereinstimmung zwischen Goethes Herleitung des «Klassischen» und
Schillers Definition des Künstlers. Beide sagen sie nur allgemeines über
den InhaltdesWerkes aus; beiden schwebt ein Idealbegriff vor, dersich
dem einen geschichtlich-organisch, dem anderen philosophisch-wesen-
haft darstellt. Bei beiden handelt es sich um Erfüllung und Erfülltheit.
Aber beiden liegt diese Erfüllung in der Zukunft. Denn auch Schiller
fordert von dem Künstler: er «strebe, aus dem Bunde des Möglichen
mit dem Notwendigen das Ideal zu erzeugen. Dieses präge er aus ...
und werfe es schweigend in die unendliche Zeit». Aber nicht jedem
wurden die schöpferische Ruhe und der große geduldige Sinn ver-
liehen, diesem Ideal der Zeit zu vertrauen. «Viel zu ungestüm, um
durch dieses ruhige Mittel zu wandern, stürzt sich der göttliche Bil-
dungstrieb oft unmittelbar auf die Gegenwart und auf das handelnde
Leben.» Willst du aber wissen, junger Freund, wie du dem edlen Trieb
in deiner Brust bei allem Widerstande des Jahrhunderts Genüge tun
kannst, so gib der Welt, auf die du wirkst, die Richtung zum Guten,
«so wird der ruhige Rhythmus der Zeit die Entwicklung bringen».
Hier berührt sich Goethes organistisch-dynamische und entwicklungs-
geschichtliche Vorstellung vom Werden eines «Klassischen» mit Schil-
lers idealistischer, ins Unendliche vorschauenden Haltung zu dem Pro-
blem der künstlerischen Vollkommenheit. Schiller sieht Zeit und Idee
sich gespannt gegenüberstehen, Goethe - dem Geiste Herders ver-
wandt -betrachtet die charakteristisch-individuelle Ausbildung der
einzelnen Nation als Hemmnis oder Förderung. Dabei kehren seine
Gedanken zu Deutschland und seiner besonderen geographischen und
geschichtlichen Lage zurück. Sie ist wie sie ist. Und dann fällt der viel

127
DEUTSCHLAND UND «KLASSIK»

erörterte Satz: «Wir wollen die Umwälzungen nicht wünschen, die in


Deutschland klassische Werke vorbereiten könnten.» Liegt hierin nicht
ein unbegreiflicher Verzicht auf eine mit der nationalstaatliehen Auf-
wärtsentwicklung Hand in Hand gehende Höherbildung von Dichtung
und Kunst? Goethes Zuversicht auf die politische und kulturelle Ent-
wicklung Deutschlands kommt anderwärts zu oft zu Worte, als daß
man diese Sätze aus dem «Literarischen Sansculottismus» nicht als
situationsgebundene Befürchtungen und Bedrückungen, entstanden
aus dem bestimmten Zeitpunkte um 1795, ansehen müßte, damals als
die «ruhige Bildung» durch einen allgemeinen Umsturz gefährdet zu
sein schien, der im Gefolge der Französischen Revolution drohte. An-
statt der sehr fragwürdigen Erwartung eines «klassischen Zeitalters»
zu opfern, «systolisiert» er sich auch hier und will sich bei der lite-
rarisch-dichterischen Gegenwart bescheiden, die ihm immerhin aner-
kennenswert und achtungswürdig erschien. Er ist auch hier «dies-
seitig». Ihm, und übrigens auch Schiller, ist jene höchst gespannte
Kritik fern, die Hölderlin am Schlusse des «Hyperion» aus plötzlich
aufbrechender Bitternis gegen sein Volk richtete. Die Deutschen der
Nachwelt haben das Urteil berichtigt, das Schiller und Goethe in Be-
ziehung auf die Möglichkeit hegten, ein «Klassisches » in ihrer Zeit
zu verwirklichen. Sie nahmen das nie aussetzende Streben undWerden
der Weimaraner für das Erreichte des Erreichbaren un<l: hatten damit
recht, weil in der Nachantike das «Klassische» immer nur eine An-
näherung und Verheißung, immer nur ein dynamisch-idealistisches
Grundgesetz, keine verfestigte Wirklichkeit sein konnte. Bei Goethe
entfaltete sich dies Grundgesetz als immanenter, unablässig immer
weiter wirkender Gestaltungs- und Bildungstrieb seiner Natur, bei
Schiller als ein bewußtes, intellektuell erfaßtes schöpferisches Bestre-
ben. Wohin und über welche Meilensteine dieser Weg bei ihm führt,
wird durch eine Äußerung in einem Briefe an Körner vom 10.März
1789 deutlich, wobei es sich um seinen Plan eines Epos über Friedrich
den Großen handelt: «Ich möchte und muß auch alle Forderungen,
die man an den epischen Dichter von seiten der Form macht, haar-
scharf erfüllen. Man ist einmal so eigensinnig, und vielleicht hat man
nicht unrecht, einem Kunstwerk Klassizität abzusprechen, wenn seine

128
DAS GATTUNGSMÄSSIGE ALS KLASSIZITÄT

Gattung nicht auf das bestimmteste entschieden ist.» Das soll sagen,
Schiller strebt nun nach dem Geschlossenen, Gerundeten und Erfüll-
ten, das sich ihm in dem bestimmten, selbstwirksamen Gebilde einer
ästhetisch und historisch bedingten Gattung ausspricht, die einen be-
stimmten Gestaltungswillen mit Notwendigkeit in Erscheinung treten
läßt. Gelänge es ihm, den Anforderungen von seiten des Idealtypus,
den für ihn eine dichterische Gattung darstellt, zu genügen, so hätte
er in seinen eigenen Augen «Klassizität» erreicht. Von hier überschaut
man die Bahn der späteren Dramatik Schillers seit « Wallenstein ».
«Wenn ich mich mit einem alten oder neuenTragiker jemals messen
soll», heißt es wieder in einem Briefe an Körner vom 26. November
1790, «so müssen die Umstände gleich sein, und nichts muß der tragi-
schen Kunst entgegenarbeiten, wie es mir bisher immer begegnete.
Das Arbeiten im dramatischen Fache dürfte überhaupt noch auf eine
ziemlich lange Zeit hinausgerückt werden. Ehe ich der griechischen
Tragödie durchaus mächtig bin und meine dunklen Ahnungen von
Regel und Kunst in klare Begriffe verwandelt habe, lasse ich mich auf
keine dramatische Ausarbeitung ein.» In der Tat: er will die Gattung
des Dramas in ihrer inneren Notwendigkeit erkennen und um ihre
objektiveForm ringen.Aber eben ringen. Nur diese objektive Gattungs-
form des Dramas, die er bis an sein Ende suchte, die er aus einer
idealen Forderung in die Wirklichkeit und Gegenwärtigkeit umzu-
setzen sich bemühte, enthielt für ihn jene «Klassizität», die für ihn
gleichbedeutend mit «dauerndem Gehalt» ist. Und so schreibt er in
dem Momente einer Wegbiegung seiner dichterischen Bahn ( 1786):
«Ich glaube überzeugt zu sein, daß ein Dichter, dem die Bühne, für
die er schreibt, immer gegenwärtig ist, sehr leicht versucht werden
kann, der augenblicklichen Wirkung den dauernden Gehalt aufzu-
opfern, Klassizität dem Glanze. » Diese «Klassizität» als «dauernder
Gehalt» war für Schiller kein Begriff eines ästhetischen Systems: sie
war das Ziel seines strebenden Sichbemühens, auf das die Ganzheit
seiner Persönlichkeit willentlich- und das heißt sittlich- gestellt war.
«Dauernder Gehalt» und «dauernde Gedanken» sind die Glieder einer
Gleichung, in die sich Schiller und Goethe teilen. Die Richtung auf
das «Dauernde» umschließt den Sinn der «Deutschen Klassik» der

9 Schultz, Klassik und Romantik, Bd.II 129


DAS «DAUERNDE»

bei den. Man weiß, welche Wichtigkeit dem Begriff des «Dauernden»
mit seinen ethischen und ästhetischen Entsprechungen in Goethes
Weltanschauung und Sprache zukommt. Das Vordringen zu den letzten
Seinsgründen alles Lebens, dem die deutsche Romantik in ihrer ent-
scheidenden Ausbildungsform verschrieben war, ist zwar auch auf
etwas «Dauerndes» gerichtet. Aber das bleibt magisch wirkendes Ge-
heimnis, nicht nach Grundlagen und Folgen greifbarer Besitz. Das
«klassische» Bemühen um Reinheit und Reinerhaltung der dichteri-
schen Gattungsformen ist eine ins Formale reichende Auswirkung die-
ses Willens zum «Dauernden» - eine Abspaltung auf der künstleri-
schen Ebene. Daß der Kampf um das «Dauernde» das Schicksal des
nordischen Künstlers und Menschen und sein eigenes war, wußte
Schiller; auch daß bei seiner eigenen Anlage dazu die philosophische
Gesinnung und die begriffliche Klärung gehörten. Den Griechen war,
so erkannte er, mit der «ersten Anschauung der Dinge die Form des
Notwendigen» offenbar geworden, und mit der ersten Erfahrung
konnte sich bei ihnen der große Stil entwickeln. Dem nordischen Künst-
ler aber mußte «eine Nachhilfe der Denkkraft» ersetzen, was ihm die
Wirklichkeit vorenthält, er mußte «gleichsam von innen heraus und
auf rationalem Wege ein Griechenland gebären».Wie Schiller als Den-
ker und als Dichter über alle immer neuen Ansätze, die ihm sein be-
wegliches Genie abforderte, über alle kühnen Entdeckerfahrten des
Geistes, über alle selbstkritischen Hemmungen, über alles wechselnde,
hochfliegende oder verzagende Planen und Versuchen, über alle unter-
schiedlichen Stoffe und Gestaltungsformen, über alle in seiner Natur
angelegten und durch seine Entwicklung und Bildung noch weiter her-
ausgetriebenen Gegensätzlichkeiten, die heute so verschiedenartigen
Deutungen Vorschub leisten, wie er diesen Weg zu den «Müttern», die
das Dauernde hüten, beschritt - das ist das Kapitel der «Deutschen
Klassik», das ihm gehört.

Es ist nicht abzusehen, welche Folgen für Schiller und sein Schaffen
ein Heraustreten aus dem deutschen Raume gehabt hätte, etwa eine
Fahrt nach Italien. So kann man sich ihn heute nicht anders denken,
als nur dem Boden der Deutschheit verhaftet, die seine Erscheinung

130
SCHILLERS ENTGEGENGESETZTREITEN

zusammenschließt. Sein endgültiger Übergang nachMitteldeutschland,


der sich mit der Übersiedlung nach Leipzig und Dresden in den Kreis
Körners im Frühling 1785 vollzog, wirkte auf ihn ähnlich, wie es Her-
der von sich im Jahre 1777 geschrieben hatte: «Seitdem ich in Sachsen
bin, mehr Menschen kenne und von mehreren gekannt werde, ge-
prüfter, reifer und stärker werde, soll hoffentlich jetzt ein zweites
Mannesalter meines Lebens beginnen.» Dieser Übergang nach Leip-
zig und Dresden, dann nach Weimar und Jena war die weiteste räum-
liche Verlagerung im Leben des Schwaben. So verhältnismäßig eng
der äußere Raum war, in dem sein weltweiter Geist festgehalten
wurde, um so stärker zeichnete sich eine Polaritätserscheinung an die-
sem Geiste ab: der Flug in ein freies Reich der zeitlich und räumlich
unbeschränkten Pläne und Entwürfe, die Bereitschaft, einem jeden
Gedankenantrieb, auf welchem Gebiete auch immer, zu folgen in den
Umkreis gestaltenschaffender Möglichkeiten, die Fähigkeit, Dichtung,
Geschichte, Philosophie unter ein Gesetz zu stellen, nämlich des Stoßes
in das Weltall. Solche Polarität zwischen materieller Enge und gei-
stiger Unbegrenztheit gehört zu dem Urbildhaften in Schillers Natur.
Es steht in Beziehung zu dem Schwäbischen seiner Herkunft. Eine
schwäbische « Doppelnatur» wird in der ganzen schwäbischen Geistes-
geschichte sichtbar: auf der einen Seite ein geistiges, und so oft ja auch
ein leibliches Wanderer- und Abenteurertum, auf der anderen Seite
eine seßhafte Weltfremdheit, ein manchmallinkisches und unbehol-
fenes Pfahlbürgertum mit Enge und Eingesponnenheit. Beides er-
scheint auch an dem späteren Schiller, wenn man sein Geistiges mit
seinem Menschlich-Allzumenschlichen zusammenhält. Sein Freiheits-
drang und seine Freiheitsvorstellung stehen auch nicht außer Bezie-
hung zu dieser schwäbischen Doppeltheit. Hat in den Schwaben der
Drang zu persönlicher Freiheit und Unabhängigkeit «eine verbissne
Neigung zur Auswanderung» erzeugt oder, wenn sie im Lande blie-
ben, das unabweisbare Bedürfnis, schroffe Gipfel geistiger Selbständig-
keit und menschlicher Entrücktheit zu ersteigen, so hatte bei Schiller
dieser Trieb seine besonderen Auswirkungsmöglichkeiten an der per-
sönlichen, mit der Landesgeschichte zusammenhängenden Lage, in die
der junge Mensch sich hineingestellt fühlte, an der Gedrücktheit und

9* 131
SCHILLERS BEDROHTREITEN

Bedrohtheit eines von früh an nicht auf die Sonnenseite gestellten Da-
seins, an der Gebundenheit durch absolutistische Gnade und 'Willkür
wie späterhin durch den Zwang, sich vor der Starrheit und dem Nütz-
lichkeitssinn des hochmögenden Mannheimer Theaterleiters Dalberg
beugen und demütigen zu müssen. Das «Lebe gefährlich!» konnte
von früh an sein Wahlspruch sein. Erst spät durfte er dies Gefährdet-
sein der äußeren Existenz für überwunden halten. Manche Zeitge-
nossen - nicht zuletzt einzelne Stimmen aus der antibürgerlichen
Frühromantik- haben das Bürgerlich-Hausbackene in seiner späteren
Dichtung vermerkt, manche haben ihn darob einer rückläufigen
Selbstbeschränkung geziehen. Aber solche Teile seiner Dichtung oder
seiner Briefe sind noch mehr als die Wunschträume und die Rück-
empfindungen eines von Jugend an unbehaust Gewesenen. Sie sind
nichts weniger als das Sichbescheiden eines Spätgesättigten. Einmal
erschließt sich in ihnen jener andere Baustoff, aus dem seine schwä-
bische Natur bestand: die Anlage zum ruhig sich Gleichbleibenden,
eng und sicher Umschlossenen. Zum anderen wirken jetzt in dieser
Richtung auf ihn Bildungs- und Umweltserlebnisse. Die Ausbrüche aus
vulkanischem Boden, die sich in seiner Jugenddichtung eingestellt
hatten, die großen Empörer und Übertreter des Gesetzes in seinen
frühen oder späten Dramen oder Dramenentwürfen - sie zerschlagen
die sittliche Weltordnung, weil diese in ihrer von dem Dichter am
eigenen Leibe erfahrenen Gebrechlichkeit es nicht besser zu verdienen
scheint. Immer jedoch gewinnt die in ihrer Reinheit geforderte Welt-
ordnung wieder Macht über ihn, immer stellt er sie wieder her. Dies er-
scheint als jenes «Urerlebnis» einer religiös-sittlichen Bindung in der
Innerlichkeit des Gewissens, das seinem Idealismus und seiner «Klassik»
religiöse Haltung verleiht, und diese Unbedingtheit der sittlichen Idee
bei ihm läßt Schiller in derTat als den stärkstenTräger der Verbindung
zwischen protestantischem Kirchenturn und deutschem Idealismus er-
scheinen. Von diesem Mittelpunkt sind manche anderen Haltungen des
späteren Schiller abhängig. Von ihm aus konnte er sich in der Zeit der
französischen Umwälzung mit Goethe in gemeinsamer Abwehr der
revolutionären Rückwirkungen auf den deutschen Geist zusammen-
finden. Was bei Goethe die biologische Forderung nach «Stetigkeit»

152
SCHILLERS «RÜCKVERBINDUNGEN»

vermochte, tat bei ihm die religiöse und sittliche Idee der «Rück-
bindung». So sind «Das Lied von der Glocke», «Die Würde der
Frauen», «Der Spaziergang» usw. Hohelieder des ruhigen Bürger-
tums und seiner bewährten Tugenden geworden, die ja übrigens
schon der Präsident Walter in dem dumpf grollenden Stücke seiner
Jugend erkannte und in Rechnung stellte. Die «freundliche Schrift
des Gesetzes», von der «Der Spaziergang» singt, war nicht ein von
außen an die menschliche Gesellschaft herangetragener Notbehelf: sie
war ihm auf Natur und Wahrheit gegründet, sie war ein Ausdruck der
«Naturformen» des ackerbauenden Menschengeschlechtes. Ihre Ver-
letzung war widernatürlich, und sie zu ahnden war Aufgabe des Dich-
ters. Dabei kann nicht die Rede sein von einem Verzicht des späteren
Schiller auf hochgespannte Forderungen an die menschliche Gesell-
schaft.Aber die im Bürgerlich-GesetzlichenAusdruck findende sittliche
Weltordnung war diesem geknechteten und gequälten Abkömmling
des kleinstaatlichen-württembergischen Bürgertums eben das, worum
es ging. Auch bei ihm tauchen in seiner Spätzeit Haltungen auf, die,
in seiner Natur und Erziehungsgeschichte begründet, innerhalb der
urbildhaften Gegensätzlichkeit seiner geistigen Struktur wohl durch
andere Wertbetonungen bestritten, aber nicht völlig beseitigt werden
konnten. So wie der Wallensteinsehe Offizier Max Piccolomini den Tag
preist, an dem der Soldat «ins Leben heimkehrt, in die Menschlich-
keit», so dient seinem Dichter Kampf und Zerstörung zum neuen
Werke des Friedens - demselben, der auf der anderen Seite nicht min-
der wahrhaftig den Willen zur Größe um ihrer selbst willen bekundet,
«den Wesensdrang zum Starken, Gewaltigen und Ungemeinen als sol-
chen, jenseits aller ethischen Maßstäbe, zum Wirklichkeitsbejahenden,
Kriegerischen, Titanischen, ,Dorisch'-Harten, ja Grausamen, Herr-
scherlich-Gewalttätigen, zum Schicksalhaft-Tragischen undFlammend-
U nendlichkeitssüchtigen, Sichselbstverzehrenden »; es war dieses an-
dere Grundmotiv der Schillersehen Geisteswelt, in dem Jean Paul den
Ausdruck eines geradezu Dämonisch-Luziferischen erkannte. Die Sor-
genlosigkeit und sichere Begründung des äußeren Daseins, seine Fe-
stigung in Ehe und Familie stehen auf dem anderen, dem « bürger-
lichen» Blatte des großen Schicksalsbuches der Schillersehen Natur,

153
SCHILLERS URSPANNUNG

das von dem heißen Atem eines immoralistischen, heroisch-tragischen


Urgefühls durchweht wurde. Man berührt damit Entscheidungen, um
die es bei der Aufstellung des heutigen Schillerbildes geht. Man er-
kennt heute, daß in der wachgebliebenen, ungelösten, weil immer
neu zu lösenden Urspannung zwischen der Idee und ihrer Realisierung
in der Zeit, zwischen Dort und Hier, zwischen Göttlichem und Welt-
lichem die Schillersehe «Klassik» zu suchen sei, und daß diese Span-
nung nicht nur Theorie, sondern gelebtes Leben war. Man erkennt,
daß es gilt, «den Blick nicht 1änger wie gebannt nur auf Schiller, dem
Klassiker [im üblichen Sinn'eJ, ruhen zu lassen, sondern die unfrucht-
bare und vereinfachende Einseitigkeit dieses Aspekts zu überwinden,
indem das statische Schillerbild aufgelöst wird in die mächtige und
ruhelose Dynamik, die diesen Geist unaufhörlich und leidenschaftlich
vorwärtstrieb. Die sich zutiefst ausschließenden Urelernente des Sitt-
lichen und des Schönen und des Tragischen stehen bei ihm unlöslich
miteinander verflochten in immerwährendem Kampfe, lösen jede er-
rungene Synthese alsbald wieder auf und ringen nach einer besseren,
höheren, echten».
Die in Schillers Natur beschlossene Gegensätzlichkeit spiegelte sich
auch in seiner «klassischen» Epoche in dem Nebeneinander einer zorn-
mütigen Unerbittlichkeit, eines fordernden, rücksichtslosen gedank-
lichen Ungestüms seiner Werke und seiner Persönlichkeit und eines
abwägenden und rechnenden, ja berechnenden, um die Dinge herum-
gehenden Beredens und Verhandelns, beinahe einer geschäftskundigen
württembergischen Gemütlichkeit. Ja bisweilen war in der späteren
Zeit seines Lebens bei ihm jene gewisse Verkrustung und Verknorpe-
lung zu verspüren, wie sie Vischers «Auch Einer» seinen Landsleuten
zuschrieb. Gegensätzlichkeit bestand auch zwischen seiner denkeri-
schen Anlage, seiner Fähigkeit, strenge Begriffe zu bauen und seinem
geheimen «romantischen» Hange, sich freischwebend im blauenRaum
zu verlieren - ohne solchem Fluge die Bleigewichte einer auf den
Denkgesetzen begründeten Vernunft anzuhängen. Er konnte nach
maßgeblichen Stoffen der Geschichte greifen, die folgerechte sittliche
Vertretung und die Verantwortung der Entscheidung suchen und doch
dem scheinbar blindwaltenden Schicksal, der unsichtbaren Führung

134
SCHILLERS ERZIEHERISCHE AUFGABE

und dem Unbegreiflichen des Menschenlebens und der Geschichte in


geheimer Verbundenheit sich zuneigen. Von der Auseinandersetzung
zwischen diesen beiden Möglichkeiten weiß die Entwicklung seiner
neuen Dramatik seit dem «Wallenstein» auszusagen. Er konnte alle
Absonderlichkeiten und Abweichungen des menschlichen Lebens als
Sammler merkwürdiger Rechtsfälle wie als nimmermüder Sucher nach
dramatischen Stoffen sich zu eigen machen. Er konnte - wiederum
einem «romantischen» Hange folgend - die Wunder- und Märchen-
welt des Mittelalters ebenso in den Umkreis seiner Stoffe einbeziehen,
wie noch in seiner spätesten Zeit Märchen und Rittergeschichten für
ihn als Leser die Summe alles Schönen und Ergötzlichen enthielten.
Wir Deutsche aber sollten ob dieser Mischung - gleichviel, ob sie in
Sonderheit bei ihm schwäbisch oder allgemeindeutsch oder allgemein-
menschlich ist- ihn nur noch mehr erkennen als ein Spiegelbild deut-
scher Art auf der bestimmten Stufe ihrer geschichtlich-seelischenAus-
bildung am Ende des 18. Jahrhunderts. Als Ganzes wird Schiller einem
Nichtdeutschen immer schwer verständlich sein. Nur der dem deut-
schen Stammesgenossen eigene Besitz gleicher oder ähnlicher Ver-
flechtungen läßt uns seiner ganz innewerden. Die Mischung der Ele-
mente in ihm bildet für ihn wie für die Folgenden zugleich die Voraus-
setzung für die erzieherische Aufgabe, die er sich und seiner Zeit
stellte: Zusammenfassung und Aufbau auf dem Wege einer vorbild-
haften dichterischen Wirklichkeit, in der Gedanke und Handeln sich
wechselseitig befruchten und in ausgewogenem Verhältnis zueinander
stehen. Natur und Geist, Freiheit und Notwendigkeit, Wollen und Sein
liegen in einer Auseinandersetzung, die eine spätere Ausgleichung
voraussehen und erhoffen läßt. Wie aber die Gesetze des Seins und
Sollens ·auch gefunden werden mögen: immer stehen sie in Beziehung
zu dem, was als ein unverrückbares, nicht auszulöschendes und dauern-
des Urgebot in den Sternen geschrieben ist oder als Forderung von den
Sternen heruntergeholt werden muß.
Die Schillersehe Erscheinung, die nun der Epoche der «Klassik»
zustrebt, wird jetzt noch eindrücklicher als früher durchwaltet von
einem seiner selbst bewußten «Energismus». Das kämpferische Sich-
aufbäumen seiner Jugend war eine Sache der die Welt und die Um-

155
«AN DIE FREUDE»

stände bezwingen wollenden Schillersehen Individualität. Der neue


Energismus ist ein Dienst an der Gesamtheit und der Menschheit. Er
konnte, was die Empfindungen des Einzelwesens angeht, im Zeichen
einer «Versöhnung» stehen. Als eine Bekräftigung dieser versöhnten
und versöhnenden energetischen Haltung erscheint das Lied «An die
Freude». An früherer Stelle ist erörtert worden, wie das Symbol der
«Göttin Freude» aus der von Shaftesbury und Leibniz gespeisten Glück-
seligkeitslehre des 18. Jahrhunderts herauswächst. Schillers Hymne
ist nicht umsonst kurz vor der Wende des die schön-gute, «lächelnde»
Freude feiernden Rokokos zu dem durchglühten und durchwogten,
alle früheren Werte in Frage stellenden Zeitalter der Revolution ent-
standen. Sie ist ein kreisendes Feuerrad vor dem dunklen Himmel der
Unheil und Zerstörung bringenden Zukunft. Sie ruft zum Zusammen-
schluß aller derer auf, die. guten Willens sind und das Weltgefühl,
unter dem die damals führenden Deutschen standen - einen unbe-
greiflichen Kräften gehorchenden Lebensdrang und ein durch die
Kraft der Liebe zusammenbindendes Gemeinschaftsgefühl-, zu letzten
und tätigen Auswirkungen anspornen wollen. Sie nähert sich der Form
einer Gemeinschaftsdichtung, wie sie von Schiller an Hölderlin weiter-
gegeben wurde. Dämonische Triebkraft und sittliche unbedingte For-
derung durchdringen sich in dieser Hymne, die mit oder ohne Beet-
hovens Töne von der folgenden deutschenMenschheit als verpflichten-
der Aufschwung zu ihren letzten Höhen erkannt wurde. Wenn der
Dichter selber später über seine Dichtung abgesprochen hat, wenn sie
ihm (an Körner, 21.0ktober 1800) eine Stufe der Bildung bezeichnet,
«die ich durchaus hinter mir lassen mußte, um etwas Ordentliches
hervorzubringen», so ist begreiflich, daß das Zeugnis eines ekstati-
schen Durchbruches seiner letzten und wesenhaften Existenz in spä-
teren nüchternen Stunden, die der systematisch geregelten, fortschrei-
tenden Arbeit und der Forderung des Tages galten, ihm befremdlich
und wie ihm nicht zugehörig erscheinen konnte, zumal er damals
einem «Realismus» zustrebte, dessen Art und Auswirkung noch zu
beachten sein werden. Er hat aber dem Gedichte unrecht getan, wenn
er es mehr als eine einmalige, rasch verschwindende Explosion denn
als eine weit und langhin verbreitete leuchtende Glut angesehen ha-

136
ENTWICKLUNGSWENDE

ben sollte. Schiller überschreitet mit dem Lied «An die Freude» die
Schwelle der Zeiten in jeder Weise, aber in einem, wenn auch gewal-
tig ausgreifenden, so doch entwicklungsgesetzlich geregelten Takt-
schritt: eine Stufe seines persönlichen Daseins, eine Stufe des Zeit-
alters zu einem neuen Zeit-Raume, in dem mehr als bislang die
Forderung unabweisbar wurde, trennende Unterschiede, Einrichtun-
gen und Konventionen zu beseitigen, die die Geschichte der Mensch-
heit zu einer Geschichte ihrer Qualformen machten. So trat neben den
persönlich- sittlichen der soziale Gehalt, der der Zukunft vorgreift.
Schon bewegt sich dieses Lied mit immer neuen Ansätzen des Themas
in den gebändigten Rhythmen, in dem stählernen Taktschritt, der
nunmehr nach seiten der Form den gewaltigen Ernst und die fordernde
Eindringlichkeit seiner die Menschheit anrufenden philosophischen
Lyrik kennzeichnet. Weist die Hymne voraus, so weist sie auch zurück
und steht, was Gehalt und Form seiner dichterischen Entwicklung be-
trifft, ebenso an der Wende und im Zwielicht der Epoche wie «Don
Carlos». Seine Jugendphilosophie klang in dem Lied «An die Freude»
von 1785 aus. Oder ist er vielleicht hier noch einmal in seine Jugend-
philosophie zurückgefallen, nachdem er bereits in jene Selbstkritik
eingetreten war, die seine neue philosophische und dichterische Ent-
wicklung vorbereitete? Noch einmal trug er in das Weltall seine
enthusiastische Liebeslehre, die in seinen philosophischen Jugend-
schriften bis zu den «Philosophischen Briefen» von 1786 und in den
Anthologiegedichten immer wiederkehrt. Noch einmal rang sich aus
ihm in jenem Momente, da seine Vereinsamung durch die beglückende
freundschaftliche Verbindung im Körnersehen Kreise aufgehoben war,
das große Bejahen dieser Welt heraus. Noch einmal war er hier rest-
loser und nicht durch einen pessimistisch durchsetzten Realismus be-
einträchtigter Optimist, wenn Optimismus den sieghaften Durchbruch
des Wzllens ausmacht, unsere Existenz ins Gute und Feierliche zu
deuten.
Genie, Arbeit und Glück gingen nun einen Bund ein, um Schillers
«Versöhnung» mit Leben und Menschheit zu fördern auf dem Boden
eines wohlerwogenen Verhältnisses zur Wirklichkeit. Die erreichte Le-
benssicherheit mit dem Abbau der äußeren Sorgen, mit Stellung und

137
ORGANISATION DES GEISTES UND DER KUNST

Titel, mit dem Gefühl der Gleichberechtigung unter ebenfalls Berech-


tigten - alles steht bei ihm in Wechselwirkung mit jener großartigen
Ausweitung seines Charakters und Geistes, unter deren Zeichen ihn
die Nachweit empfing. Dieser Vorgang ist das Gegenteil eines dumpfen
Getriebenwerdens und einer unverdienten Schicksalswendung. Dies
Ergebnis wurde - und das ist die erzieherische Bedeutung, die es hat -
durch unablässige, selbstprüferische Tätigkeit erreicht und durch den
Willen, alles ihm körperlich und geistig Widerstrebende unter sich zu
bringen. Aber wer möchte leugnen, daß zu der Helle des Bewußtseins
und des Zielstrebens, mit der Schiller seine Arbeit jetzt lenkte, auch
ein gesetzlicher und urgesetzlicher, metaphysischer Zusammenhang
getreten sein muß, der, in seinem Wesen und seiner Gestalt von allem
Anfang an festgelegt, ihm im geheimen jetzt wie früher den Glauben
an sich stärkte. Die biologische Stufe, die mit dem dreißigsten Jahre
des Menschen erstiegen war, samt ihren vorwärts- und rückwärts-
weisenden Folgeerscheinungen im Geistigen bewährte auch an ihm
ihre wendende Kraft. Nun überlegte er jeden Schritt, den er tat, auf
seine Wirkungen hin. Er wurde ein unermüdlicher Raffer der Arbeit,
für den kein Tag ohne Schrift verging. Er erntete mit der Hast des
Gezeichneten. Nun wurde der Mensch kühler und härter. Der Schwabe
rückte nun dem Preußenturn auch geistig um soviel näher. Er ent-
wickelt eine früher nur keimhaftvorhandene Gabe des nüchternen
und reinen Durchschauens der Dinge. Mehr und mehr geht es ihm
darum, sich des literarischen, philosophischen, historischen, politischen
Horizontes der Zeit zu bemächtigen und ihre einzelnen Erscheinungen
sich zuzueignen. Ausmerzung des Schädlichen oder Wertlosen, Förde-
rung der verheißungsvollen Triebkräfte, Leitung der deutschen Selbst-
besinnung - das waren die Anliegen des Schiller, der zugleich mit
seiner eigenen, unablässig fragenden, schöpferischen Weiterbildung in
seinen letzten anderthalb Jahrzehnten den Versuch zu einer nach außen
gerichteten Organisation des Geistes und der Kunst in Deutschland
unternahm. Der Grundriß dieser Organisation zeichnete sich deutlich
ab, aber nur bei einer längeren Lebensdauer ihres Urhebers hätten
ihr sichtbarere und unmittelbarere Erfolge beschieden sein können.
Seine persönliche Entwicklung ging nun mehr und mehr in die Auf-

138
DER ERZÄHLER SCHILLER

gaben ein, die die Zeit als von außen bewegende und bewegte Macht
stellte. Und dies ist, was man nicht aufhören sollte, aus der Betrach-
tung Schillers als ein einmaliges Ereignis deutscher Geschichte heraus-
zuheben: wie sich ganz persönliche und unaussprechlich individuelle,
aus dem Innern kommende Schöpferkraft reibungslos und selbstver-
ständlich zusammenfügte mit allem Aufnahmewürdigen, was Umwelt
und Epoche boten, aber auch mit allen Forderungen, die sie an den
verantwortungsbewußten Einzelgeist richteten; wie innere Stimme
und von außen kommender Ruf zu einem großen Appell wurden. Das
ist mitnichten eine gemeinplätzliehe Erkenntnis. Es ist ein erster und
beispielhafter Vorgang dieser Art in Deutschland und wird immer
wieder den befriedigen, der sonst zwischen dem autonomen Verhalten
des bedeutenden Individuums und den Bindungen und Forderungen,
die die Gesamtheit und das Außenleben berühren, nur Widersprüche
und U nvereinbarkeiten zu erblicken vermag.DasZusammenfallen inne-
renMüssens und von außen kommender Gebote bei Schiller-sie brau-
chen gar nicht einmal durch Nützlichkeit diktiert zu sein-führte auch
alles mit sich, was die Tätigkeit des Journalisten, des Herausgebers,
des Sammlers, des Tagesschriftstellers bestimmte. Der Begriff der
«Nebenarbeit» ist für den Schriftsteller Schiller in keiner Zeit seines
Daseins zulänglich. Mag etwas seiner eigenenMeinungnach als solche
Neben- und Erwerbsarbeit begonnen werden, so gerät es alsbald in
die um sich fressenden Flammen seiner inneren Persönlichkeit und
ihrer moralischen Gesinnung. Das gilt in dieser Übergangs- und Reife-
zeit auch von dem Erzähler Schiller.
Der Dramatiker und der Ästhetiker haben an ihm von jeher den
erzählenden Schriftsteller in den Hintergrund treten lassen. Die Min-
derbewertung oder Minderbeachtung seiner erzählenden oder besser:
berichtenden Prosa in ihrer der «Klassik» zustrebenden Form gegen-
über der empfindungs- oder kraftgeladenen, subjektiv durchglühten
Genieprosa seiner Frühdramen oder der Jambeninstrumentation seines
späteren Stils sind nicht nur übliches und typisches Schicksal eines
Dichters, der von der Nachzeit als in einer Gattung maßgeblich auf-
genommen und verarbeitet wurde: sie sind auch eine Folge der Akzent-
verteilung und Akzentbewertung im Rhythmus der Schillersehen Ent-

159
DER ERZÄHLER SCHILLER

wicklung, ja eine Sache der bloß quantitativen Abwägung des dra-


matischen und des erzählenden Werkes. Zwischen die beiden Entwick-
lungsphasen des Dramatikers, die jugendliche und die «klassische»,
gestellt, mochten seine drei durch ihre Vorgeschichte und ihre Nach-
wirkung bedeutsamen Erzählungen «Der Verbrecher aus verlorener
Ehre» («Der Verbrecher aus Infamie», wie die Geschichte bei ihrem
ersten Erscheinen in der «Thalia» zu Anfang des Jahres 1786 hieß),
das «Spiel des Schicksals» (in Wielands « Teutschem Merkur» 1789 ),
«Der Geisterseher» (in der «Thalia» 1787 und 1788, in Buchform
1789) dem Blicke der Späteren als ein Füllsel erscheinen, das nicht das
Schauspiel einer aus der alten neu sich gebärenden dichterischen
Masse bietet, wie es «Don Carlos » tut - dies innerhalb der Entwick-
lungsgeschichte seines Urhebers und zugleich auch in sich selbst nach
Gehalt und Form die Bezeichnung eines Übergangs- und Läuterungs-
dramas verdienende Werk. Wieviel Stoffliches ihm bei den Erzählungen
von außen zugeflossen ist, wie sehr sie ihm als Herausgeber einer Zeit-
schrift und als Mitarbeiter willkommene Gelegenheitsarbeit boten, so
sind doch auch sie gespeist aus dem vollen Vorrat seines aus alten
Wegen in neue einbiegenden Geistes.Auch hier schwebt er grübelnd
und richtend über dem Abgrund der moralischen Natur des Menschen.
Selbst von der kleinen Erzählung «Spiel des Schicksals», einer «selt-
samen Begebenheit», wie sie das 18. Jahrhundert gerne las, wenn es
sich von der aufklärerischen Diät auf den unbegreiflich verschlun-
genen, aber der Beglaubigung nicht entbehrenden Wegen der Vor-
sehung erholte, führen die Linien nach Kern- und nach Randgebieten
der Schillersehen Existenz. Ein Schicksal wie das des württembergi-
schen Obersten Rieger, seines Taufpaten, des nach seinem Tode in
einem aufgedonnerten Poem von ihm gefeierten Kommandanten von
Hohenasperg, sein Sturz durch den intriganten Rivalen, seine grausige
Gefangenschaft, die diese Ereignisse ermöglichende fürstlicheWillkür-
herrschaftund Günstlingswirtschaft- dieser ganze hier nochmals auf-
tauchendeJugendalpdruck, der nun durch verändernde, verschiebende
und mäßigende Formung in einem den Dichter befreienden Bericht
verabschiedet wurde, gehörte mit allem Drum und Dran zu den von
seiner frühen Phantasie umworbenen Mitgaben aus der düsteren hei-

140
SCHILLER EIN «PSYCHOLOGE»?

matlichen Umwelt. In einem Winkel der Seele des «Räuber»-Dichters


hauste jener beinahe ungesunde Hang zum Lichtlosen und Dumpfig-
Schrecklichen, der Riegers Kerker und den Zustand des Gefangenen
ausmalt. Man darf Schiller nicht zutrauen, daß derlei eine Spekulation
auf die Nerven des Publikums, daß es nicht ein Bedürfnis seiner
eigenen, sich auch hier ausgebenden Natur sei. Aber der Schluß ver-
meidet das «Ende gut, Alles gut» in den nun wiederhergestellten Be-
ziehungen zum Fürsten, dessen Opfer Rieger war und der ihn rehabili-
tiert: «Der Fürst ruhte mit einem nachdenkenden Blick auf dem Ge-
sichte, das ihm so wohl bekannt und doch wieder so fremd war; es war,
als zählte er die Furchen, die er selbst darein gegraben hatte. For-
schend suchte er in des Greisen Gesicht die geliebten Züge des Jüng-
lings wieder zusammen, aber was er suchte, fand er nicht mehr. Man
zwang sich zu einer frostigen Vertraulichkeit. »Auch hie.r ist der ganze
Schiller, der gemischte Schiller, der weit absteht von einer Schwarz-
weiß-Zeichnung im Bereiche der seelischen und moralischen Welt, wie
sie manche späteren Verflacher und Verwässerer seines Meinens ihm
zuschreiben möchten. Ein «Psychologe»? Die vordringliche und zu-
tappende psychologische Neugier der zu seiner Zeit sich bildenden
«Erfahrungsseelenkunde» war ihm ebenso fremd, wie es ein zweifel-
haftes Beginnen wäre, sein Verfahren von den Positionen einer der aus
dem 19. und 20. Jahrhundert herkommenden psychologischen Hal-
tungen und Methoden her zu messen. Was bei ihm psychologische Ab-
wägung und auf der Beobachtung des Lebens fußende Erkenntnis
seelischer Vorgänge zu sein scheint, ist im stärkeren Maße immer sitt-
liche Forderung und von der Würde und dem Wesen «Mensch» er-
füllte Überwirklichkeit, für die der einzelne Fall nur die sich gerade
bietende Beispielgebung enthält. Die ausführliche allgemeine Betrach-
tung moralisierender Art am Anfang von «Der Verbrecher aus ver-
lorener Ehre» ist dafür noch aufschlußreicher als die Erzählung sel-
ber - dies Mittelglied in der Kette Schillerscher Stoffe, die dem merk-
würdigen Verbrecher gehören. Schiller steht hier erzähltechnisch und
stilistisch der Volkserzählung und dem zur religiös-sittlichen Besserung
und Abschreckung verfaßten Traktat so nahe wie sonst nirgends. Die
Spannung zum «Michael Kohlhaas» Heinrichs von Kleist kann, wenn

141
SCHILLER UND KLEIST

auch der Sonnenwirt wie der Roßkamm durch einmal erlittenes Un-
recht und Diffamierung auf der Bahn des Verbrechers weitergetrieben
werden und beide einen eigenrechtlichen Ausgleich suchen, nicht wohl
größer sein, als sie ist. Beide beginnen sie nicht als weltfremde Idea-
listen, die von einer absoluten Gerechtigkeit träumen: ihr Gefühl für
Gerechtigkeit, wie sie sie auffassen, wird durch den Zwang der Um-
stände hervorgetrieben. Beide leben sie der «Rache», weil die Brücken
zu einer staatsbürgerlichen Genugtuung oder - bei Schiller -Wieder-
aufnahme in die bürgerliche Ordnung sich ihnen versagt haben. Beide
nehmen sie schließlich, nachdem sie sich an der menschlichen Gesell-
schaft für die vermeintliche Schutzlosigkeit gerächt haben, der sie aus-
gesetzt waren, willig die «irdische Gerechtigkeit» auf sich. Aber Schil-
ler ist in jedem Augenblick seiner Erzählung «unmittelbar zu Gott».
Er ruft gewissermaßen in jedem wichtigen Satz zwischen den Worten
den gestirnten Himmel über uns zum Helfer an gegenüber einer un-
vernünftigen und verbesserungsbedürftigen Weltordnung. Der breit
räsonierende Eingang der Erzählung erweist sie deutlich genug als der
Absicht dienstbar, daß «die Leichenöffnung seines Lasters ... viel-
leicht die Menschheit und - es ist möglich, auch die Gerechtigkeit»
belehren möge. Ihm ist es ja auch hier noch um die Antriebe und den
Mechanismus des Lasters zu tun. Er wird weiterhin, durch die Schule
der Griechischen Tragödie und des Kantischen Denkens hindurch-
gegangen, den Bedingungen und Auswirkungen in der Organisation
des großen Verbrechers nachspüren und sie mit seinen Vorstellungen
von der Tragödie in Übereinstimmung zu bringen suchen. Aber immer
ist es nicht die psychologische, sondern die metaphysisch-moralische
Ebene, die ihm Rätselfragen aufgibt: «Man hat das Erdreich des
Vesuvs untersucht, sich die Entstehung seines Brandes zu erklären;
warum schenkt man einer moralischen Erscheinung weniger Aufmerk-
samkeit als einer physischen? ... Den Träumer, der das Wunderbare
liebt, reizt eben das Seltsame und Abenteuerliche einer solchen Er-
scheinung; der Freund der Wahrheit sucht eine Mutter zu diesen ver-
lorenen Kindern.» Anders Kleist in «Michael Kohlhaas ». Die allgemei-
nen und überirdischen Bezüge, die stillschweigenden Anrufungen der
göttlichen Leitung fehlen dem Kleistschen Werk, das man zutreffend

142
«MORALISCHE ERZÄHLUNG»

bezeichnet als den «einfachen Gang eines hartnäckigen Roßhändlers


durchMauern hindurch, der sein Recht und dann seine Rache sucht» -
diese gegenüber dem stoßweise berichteten, gleichsam hervorgekeuch-
ten «Verbrecher» so breit ausladendeund umständlicheErzählung, die
man das « allerwirklichste Werk Kleists » heißt, «das sich allen Fragen
so spröde und schweigsam widersetzt wie die Wirklichkeit selber».
Schillers novellistische Werke gehören in die Gattung der «Morali-
schen Erzählung». Französische Schriftsteller hatten sie im 18.Jahr-
hundert geschaffen und ihr weite Wirksamkeit gegeben, besonders
Jean Francois J\!Iarmontel durch die 1761 erschienene erste Gesamt-
ausgabe seiner «Contes moraux ». Seit den siebziger Jahren lief in
Deutschland diese Prosaerzählung der alten Reimerzählung in der Art
Hagedorns und Gellerts den Rang ab. Helferich Peter Sturz, Gottlieb
Meisner, Johann Jacob Engel wurden als Erzähler beliebt. Auch Schiller
steht im Zuge der Entwicklung der «Moralischen Erzählung» in
Deutschland bis in die Romantik hinein und über sie hinaus ins
«Biedermeier». Aber das «Moralische» bei Schiller nimmt auch in
der Erzählung einen vertieften Sinn an, wie er der organistisch-vita-
listischen Weltanschauung und der Persönlichkeitsauffassung seit der
Geniezeit entspricht. Das Moralische ist nicht mehr unverrückbare,
aufklärerisch-religiöse Tugendlehre wie bei Marmontel und seinen
deutschen Nachahmern. Es ist Gegenstand des Nachdenkens und des
Infragestellens, und die Lösungen, die ihm gegeben werden können,
spielen in wechselndem Licht. «Es ist etwas so Einförmiges und doch
wieder so Zusammengesetztes, das menschliche Herz», heißt es im
«Verbrecher aus verlorener Ehre». «Eine und eben dieselbe Fertigkeit
oder Begierde kann in tausenderlei Formen und Richtungen spielen,
kann tausend widersprechende Phänomene bewirken, kann in tausend
Charakteren anders gemischt erscheinen, und tausend ungleiche Cha-
raktere und Handlungen können wieder aus einerlei Neigung gespon-
nen sein, wenn auch der Mensch, von welchem die Rede ist, nichts
weniger denn eine solche Verwandtschaft ahnet.» Damit war eine
gleichmessende moralische Elle beiseite gelegt, die Unaussprechlich-
keit des soseienden sittlichen Individuums in ihre Rechte eingesetzt.
Es wurde nun in Ernst und in Humor der eigentlich würdige Gegen-

143
«MORALISCHE ERZÄHLUNG»

stand der Behandlung im erzählenden Dichtwerk - in den Niederun-


gen der Literatur vvie bei den großen Moralisten Jean Paul, Friedrich
HeinrichJacobi, LudwigTieck (bei dem frühen, vor seiner im eigent-
lichen Sinne «romantischen» Mittel periode, und bei dem späteren
Novellisten). Unabhängig von Marmontel wurde die «Moralische Er-
zählung» eine beliebte Gattung der Literatur um 1800 und trug sehr
wesentlich zur Vermehrung jener Flut bei, der die Abwehr von Klassik
und Romantik galt. Besonders Nicolais «Allgemeine Deutsche Biblio-
thek» gewährte ihr mitsamt ihrem ganzen Anhang Unterkunft. Das
Wort« moralisch» auf dem Titelblatt wurde seit den siebziger Jahren
des 18.Jahrhunderts genauso ein Lockmittel für das Publikum wie
das ihm polar entgegenstehende «romantisch» (in der allgemein ver-
breiteten Bedeutung des Seltsamen, Sonderbaren, Ungewöhnlichen).
Der im «Athenäum» mit seinen «Moralischen Erzählungen» von
1799, mitseiner flachenKunstphilosophie in den «Xenien» abgestrafte,
aber einflußreiche Friedrich Wilhelm Basilius von Ramdohr - Zeich-
ner, Maler, Gesandter- wurde eine Art Theoretiker der Gattung. Die
«Moralische Erzählung» ist ihm das Widerspiel zu einem Werke der
Kunst und der ästhetischen Gesinnung. «Ganz prosaisch und mit sorg-
fältiger Vermeidung aller blühenden oder gar glühenden Phantasie,
gegen welche Jugendsünde der Verfasser nicht genug zu warnen weiß,
begnügen sie sich ,gebildeten Menschen in verwickelten und seltenen
Lagen eindringenden Rat zu erteilen' ,und einen anschaulichen und
sehr speziellen Unterricht zur bessern Einrichtung der Denk- und
Handlungsweise im gemeinsamen Leben zu geben'. Neben der Beleh-
rung sollen sie auch beiläufig unterhalten, so wie ,die Poesie beilätifig
zur Veredlung der Sitten mitwirkt'.» So kennzeichnete das «Athe-
näum» Ramdohrs Programm und erzählerische Leistung.
Zwei Große aber wandten sich gegen die Kümmerlichkeit, Flachheit
und Leere dieser die wahre «Moral» entwürdigenden Gattung und
suchten ihr einen vertieften Sinn zu geben: Goethe und Heinrich
von Kleist. Goethe tat das in einer bewußten Kundgebung im Rahmen
der 1795 in Schillers «Horen» erschienenen «Unterhaltungen deut-
scher Ausgewanderten», diesem klar spiegelnden Sammelbecken sei-
ner erzählenden Kleinkunst und der Ansichten, die er von den Gat-

144
ANTIKANTISCHES

tungen und Möglichkeiten der deutschen Erzählung, der Novelle und


des Märchens in einem Zeitpunkt hegte, als die Prosaerzählung - ein
Organ der Kunst, Phantasie und Erziehung - die Angelegenheit des
Tages und imstande war, über die drohende politische Wirklichkeit
einigermaßen hinwegzuhelfen. DieAuseinandersetzung in den« Unter-
haltungen» knüpft an die von dem alten Geistlichen erzählte Novelle
vom «Prokurator» an. Die Baronesse, der Mittelpunkt und das aus-
gleichende Element der unter dem Zeichen und Schrecken der Revo-
lution versammelten, durch Radikalismen undParteiungenzerrissenen
Gesellschaft, lobt dies erzählende Meisterstück: «Wirklich», sagt sie,
«verdient dieErzählupg vor vielen anderen den Ehrentitel einer mora-
lischen Erzählung. Geben Sie uns mehrere von dieser Art, und unsere Ge-
sellschaft wird sich deren gewiß erfreuen.» Der «Alte» kehrt sich gegen
eine solche abgehrauchte und gedankenlose Einordnung und stellt fest:
«Nur diejenige Erzählung verdient moralisch genannt zu werden, die
uns zeigt, daß der Mensch in sich eine Kraft habe, aus Überzeugung
eines Besseren selbst gegen seine Neigung zu handeln. Dieses lehrt uns
diese Geschichte, und keine moralische Geschichte kann etwas anderes
lehren.» Dieser Einbau der sittlichen Triebfeder Kants (dessen Name
natürlich nicht fällt) in die Gattung der «Moralischen Erzählung))
kann aber den Damen nicht zusagen. Und die Baronesse gibt jene,
Neigung und Pflicht versöhnende Goethesche Auffassung wieder, die
dem Kautischen Rigorismus und Purismus seine Einseitigkeit und
Schärfe nimmt: «Gewiß))' sagt sie, «ein Gemüt, das Neigung zum
Guten hat, muß uns, wenn wir es gewahr werden, schon höchlich er-
freuen; aber Schöneres ist nichts in der Welt als Neigung durch Ver-
nunft und Gewissen geleitet.)) In dieser Stellung gegen die von Kants
Sittenlehre drohende Gefahr: daß nämlich nur dort wahre Moralität
eingeräumt wird, wo aus Grundsatz den Neigungen entgegen gehan-
delt werde, war Goethe mit Schiller einig. Man vernimmt einen Vor-
klang der graziösen Abwehr des «Alten))' wie sie die Baronesse in den
-:<Unterhaltungen)) versucht, wenn Schiller in der Abhandlung «Über
Anmut und Würde)) sagt: «In der Kautischen Moralphilosophie ist die
Idee der Pflicht mit einer Härte vorgetragen, die alle Grazien davon zu-
rückschreckt, und einen schwachen Verstand leicht versuchen könnte,

10 Schultz, Klassik und Romantik, Bd. l i 145


KLEISTS «MORALISCHE ERZÄHLUNGEN»

auf dem Wege einer finsteren und mönchischen Asketik die mora-
lische Vollkommenheit zu suchen.» Und ironisch tönt es im gleichen
Sinne aus den «Xenien» :

Gerne dien' ich den Freunden, doch tu' ich es leider mit Neigung,
Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.

Da ist kein anderer Rat, du mußt suchen, sie zu verachten,


Und mit Abscheu alsdann tun, wie die Pflicht dir geheut.

Es widerspricht der üblichen Auffassung, wenn man auch Heinrich


von Kleist mit seinen 1810 und 1811 erschienenen «Erzählungen» zur
Gattung der «Moralischen Erzählung» in Beziehung bringt. Wenn er
im August 1810 in einem Briefe an seinen Verleger Reimer den Titel
«Moralische Erzählungen» für seine Novellen bestimmte, so sieht man
darin eine Anlehnung an die « Novelas ejemplares » des Cervantes.
Ohne daß Beziehungen auf die Beispielgebungen in den Novellen des
großen Spaniers von der Hand gewiesen werden können - ganz abge-
sehen von der formalen Anregung, die Kleist von ihnen bezogen ha-
ben mag -, hat er doch mit dem ursprünglichen Vorschlag für den
Titel seiner Novellen, wie es scheint, noch eine Hintergründigkeit ver-
bunden, erklärlich aus den Absichten, die er mit seinen Erzählungen
verfolgte. Auch Kleist gehört in einem weitgefaßten Sinne zu den gro-
ßen Moralisten des Zeitalters. Wieweit er von der Aufklärung, von
Kant, Goethe, Schiller aus auf dem Wege zu Nietzsche und dem Nach-
weis der Immoralität aller Moral war, ist noch eine offene Frage. Seine
«Moralischen Erzählungen» aber müssen - jedenfalls in den Mei-
sterleistungen «Michael Kohlhaas», «Die Marquise von 0.», «Das
Erdbeben in Chili»., «Die Verlobung in St. Domingo» - erkannt
werden als Darstellungen von merkwürdigen «Fällen» des Lebens,
in denen sich der Austrag zwischen gängigem Sittengesetz und
Seinsnotwendigkeit spiegelt. Daneben bedeutet natürlich der von
ihm vorgeschlagene Titel «Moralische Novellen» auch ein Zuge-
ständnis an das große Publikum. Aber es würde, eine ihm liebge-
wordene Lektüre erwartend, neuen Wein in alten Schläuchen ge-
funden haben.

146
SCHILLERS «GEISTERSEHER»

Stärker noch als «Der Verbrecher aus verlorener Ehre» ist Schillers
«Geisterseher» mit den Erregungen der Zeit seiner Entstehung um
die Mitte der achtziger Jahre des 18.Jahrhunderts geladen. Noch mehr
hat dieses erzählende Werk mit seiner Fülle von Auflagen, Überset-
zungen, Fortsetzungen und Nachahmungen die klassisch-romantische
Epoche durchsetzt und seinem Autor Geltung undMaßgeblichkeit ver-
schafft. Nicht nur insofern, als die Nachfolge dieser Erzählung für das
Sensationsbedürfnis und den Nervenkitzel eines stoffhungrigen Publi-
kums sorgte: auch die höhere, jung- und spätromantische Novellistik
trägt manche Spuren des Eindruckes, den «Der Geisterseher» hinter-
lassen hat. Manches aus dem Werke E. T. A. Hoffmanns weist zurück
auf den geistig-seelischen Zusammenhang, aus dem Schillers «Geister-
seher>> als Schau in den Abgrund gewonnen wurde, der unter dem
Alltäglichen besteht. Ein ganzes Bündel von sich kreuzenden Ten-
denzen der bereits aufgewühlten und beunruhigten Zeit ist hier in
schriftstellerischenAusdruck gefaßt worden. Wie sehr der weltanschau-
liche Boden, den «Der Geisterseher» voraussetzt, durch die Entwick-
lung vom Sturm und Drang zur Romantik vorbereitet war, geht aus
früheren Ausführungen dieser Darstellung von «Klassik und Roman-
tik» hervor. Die Flucht in die «Geheimen Gesellschaften», die Orden
und Logen, als eine Folge des Wissenwollens um das «Geheimnis»,
das der aufklärerische Verstand dem Menschen vorenthielt, die Kehr-
seite dieses Triebes und seine Befriedigung in der Ausbreitung des
Schwärmer- und Schwindlerwesens, die Ausbeutung des menschlichen
Verlangens nach dem Übersinnlichen durch den Jesuitismus und die
aufklärerische Reaktion gerade gegen ihn, die Sehnsucht nach einer
Führung und Überwachung des in der dunklen, rätselhaften Wirrnis
des Lebens auf sich selbst gestellten Menschen und die ehrliche oder
täuschende Inanspruchnahme solcher Führung durch eine Geheim-
organisation - alles hat Schiller mit dem sicheren Instinkte des Schrift-
stellers erfaßt, der die Regungen seiner Zeit in sich fühlt und ihnen
mit spannender und fesselnder Fabulierkunst entgegenkommt, ihnen
aber auch durch das Medium seiner Persönlichkeit die kritische und
erziehliche Wendung gibt. Ohne die in dieser seiner Persönlichkeit be-
schlossenen und vereinigten Elemente hätte er auch diesen Stoff des

1o• 147
KATHOLISCHES, KRIMINELLES, ÜBERSINNLICHES

von der jesuitischen Propaganda durch geheimnisvolle und diabolische


Künste für den Übertritt zur katholischen Kirche reif gemachten deut-
schen Prinzen nie ergreifen und entwickeln können. Von seinen mütter-
lichen Vorfahren her besaß er einen Zusatz katholisch eingefärbten
Blutes. Da ist es verlockend, an den geistigen Bekundungen des Dich-
ters und Denkers dem religiösen und glaubensmäßigen Erbgut über
urkundliche Feststellungen hinaus nachzutasten. Ist die Rolle, die der
ihn zugleich anziehende und zur Abwehr aufrufende Katholizismus
im «Geisterseher» spielt, auf die religiöse, bildungs- und geistes-
geschichtliche Rückwirkung und Gegensatzstimmung eines urschwä-
bischen Protestantenturns zurückzuführen? Oder rührt sich hier wie in
der Beschäftigung mit dem Katholizismus im «Don Carlos »,in «Maria
Stuart», der «Jungfrau von Orleans», den «Malthesern», dem Ge-
dichtentwurf «Deutsche Größe», der «Geschichte des Dreißigjährigen
Krieges» vielleicht eine alte Nebenquelle seiner Herkunft, von der ihn
freilich bereits eine lange Reihe geistig anders bestimmter Ahnen
trennte? Auch im «Geisterseher» reizt ihn so dann der kriminelle
Fall im Bereiche des bürgerlichen Lebens, wie dies Interesse ihn die
Übersetzung der «Merkwürdigen Rechtsfälle» des Pitaval 1792 mit
einer Vorrede versehen ließ, und wie es an den Entwürfen zur «Braut
in Trauer», zur «Polizei» und den «Kindern des Hauses» beteiligt
war. Man hat von Schiller gesagt, er habe «ungesättigt durch die
eigenen schönen Jambendramen ... den ungeschriebenen großen
Kriminalroman im Herzen getragen>>. Aber das gelte immer nur mit
der Auflage, daß er «Vorgänge und Mächte übersinnlicher Ordnung
zu verdinglichen und die Dinge einer bis ins kleine getreuen Umwelt
zum Spiel höherer Geister zurechtzurücken» suche. Das gleiche trifft
schon für den «Geisterseher» zu. Nur daß das Fehlen der Fortsetzung
oder des Schlusses hier manches einstweilen auf der bloßen Dinglich-
keit beruhen läßt. So bleibt es jetzt bei der Unbegreiflichkeit der
Vorgänge. Rationalistische Erklärungen werden uns erspart, wie sie
doch selbst E.T.A. Hoffmann oft nicht entbehren kann. Aber die welt-
anschauliche Entwicklung des Prinzen, durch die Schillers Interesse
an dieser Arbeit in späteren Verlaufe so sehr festgehalten wurde,
nimmt einen verhältnismäßig weiten Raum ein, in der Thaliaver-

148
DIE LINIE ZUR ROMANTIK

öffentlichung einen noch größeren als in der Buchform. Die philo-


sophischen Ansichten des Prinzen, die vor allem in dem «Vierten
Briefe» des Barons von F ... an den Grafen von 0 ... niedergelegt
sind, gehen den zwischen « Juli us » und « Raphael » gewechselten
«Philosophischen Briefen» (1786/89) zur Seite und führen sie weiter.
Der Widerstreit zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden, zwischen
Zweifel an einer künftigen vVelt und Hoffnung auf sie, zwischen Qual
des Nichtwissens um Sinn, Zweck und Aufgabe des menschlichen Da-
seins und eudämonistischen Zukunftsträumen erscheint hier noch ein-
mal ohne den Ausgleich, den Schiller später diesen metaphysisch-
moralischen Gegensätzlichkeiten zu geben vermochte. Wie in «Don
Carlos » vermittelst des großen Gespräches zwischen König Philipp und
dem Marquis Posa oberhalb aller geschichtlichen und menschlichen
Dinglichkeit im Weltenraum der Ideen gefochten wird, wie das fertige
Drama nur um dieser Szene willen geschaffen zu sein scheint, so ver-
sinkt im «Geisterseher» der ganze von dem Dichter geheimnisvoll-
sensationell in Bewegung gesetzte Apparat von Sinnentäuschung, Ver-
führung und Proselytenmacherei vor der großen Reinheit der gei-
stigen Qual und einer Auseinandersetzung des Menschen mit sich sel-
ber, von denen dieser Brief den Prinzen reden läßt: «Zukunft! Ewige
Ordnung! -Nehmen wir hinweg, was der Mensch aus seiner eigenen
Brust genommen und seiner eingebildeten Gottheit als Zweck, der Na-
tur als Gesetz untergeschoben hat -was bleibt uns dann übrig? -Was
mir vorherging und was mir folgen wird, sehe ich als zwei schwarze
undurchdringliche Decken an, die an beiden Grenzen des mensch-
lichen Lebens herunterhangen und welche noch kein Lebender auf-
gezogen hat. Schon viele hundert Generationen stehen mit der Fackel
davor und raten und raten, was etwa dahinter sein möchte. Viele sehen
ihren eigenen Schatten, die Gestalten ihrer Leidenschaft, vergrößert
auf der Decke der Zukunft sich bewegen und fahren schaudernd vor
ihrem eigenen Bilde zusammen. Dichter, Philosophen und Staaten-
stifter haben sie mit ihren Träumen bemalt, lachender oder finstrer,
wie der Himmel über ihnen trüber oder heiterer war; und von wei-
tem täuschte die Perspektive. Auch manche Gaukler nützten diese all-
gemeine Neugier und setzten durch seltsame Vermummungen die ge-

149
DAS GEHEIMNISVOLLE

spannten Phantasien in Erstaunen. Eine tiefe Stille herrscht hinter


dieser Decke; keiner, der einmal dahinter ist, antwortet hinter ihr her-
vor; alles, was man hörte, war ein hohler Widm'6chall der Frage, als ob
man in eine Gruft gerufen hätte. Hinter diese Decke müssen alle, und
mit Schaudern fassen sie sie an, ungewiß, wer wohl dahinter stehe und
sie in Empfang nehmen werde; quid sit id, quod tauturn perituri
vident. Freilich gab es auch Ungläubige darunter, die behaupteten,
daß diese Decke die Menschen nur narre und daß man nichts beob-
achtet hätte, weil auch nichts dahinter sei; aber um sie zu überweisen,
schickte man sie eilig dahinter.» Könnte dies nach Inhalt und Ton
nicht derjungeTieck, nicht der Verfasser der «Nachtwachen vonBona-
ventura », nicht E. T. A. Hoffmann geschrieben haben? Diese Anwand-
lungen eines selbstzersetzenden Skeptizismus und Nihilismus, dieses
Grauen vor dem eigenen Ich und vor der dunklen Pforte, die das Drü-
ben verschließt, diese schreckhaften Visionen eines Doppel-Ichs, dieses
Gaukeln auf der Grenze zwischen Narrheit und Verzweiflung? Der
Mensch, der solche Sätze aussprach, konnte für Schiller nicht nur
Gegenstand der Verführung sein, es mußte auf sein Schicksal der Fin-
ger der Gottheit weisen. vVäre «Der Geisterseher» weitergeführt, so
wäre anderes aus ihm geworden, als die unbefugten Fortsetzer und
Nachahmer in ihm sahen, die, wie Grosses vielberufener «Genius»
(1790/94), nur die von undurchdringlichem Geheimnis umwobenen
und auf die Folter spannenden Schauer einer aus dem Dunkel wirken-
den Führung und Gängelung durch maurerische Gesellschaften spielen
ließen. Auch «Der Geisterseher» hätte schließlich das den Menschen
erhebende und zermalmende große, gewaltige Schicksal versinnlichen
müssen, statt, wie jetzt, nur der Ansammlung pseudoromantischer Ab-
lagerungen der erzählenden Literatur Vorschub zu leisten. Der rasche
Aufstieg Schillers vom «Geisterseher» bis zur Hochklassik spiegelt
sich bei Gelegenheit seiner Kritik von «Wilhelm Meisters Lehrjahre»
in den Briefen an Goethe aus den Jahren 1795-1797. Seine kritischen
Erörterungen gehen ganz von der sittlichen Grundidee dieses Werkes
aus und von der Bestimmtheit der einzelnen Teile des Romans aus
dieser Mitte. Vom Boden der klassischen Ästhetik mit ihrer Forderung
strenger Scheidung der Gattungen weist er jetzt Elemente, wie sie

150
VENEDIG

seinem «Geisterseher» doch zum Erfolge verholfen hatten, aus dem


Bereiche eines Romanwerkes hinaus. «Es ist offenbar zu viel von der
Tragödie im Meister; ich meine das Ahndungsvolle,- das Unbegreif-
liche, das subjektiv Wunderbare, welches zwar mit der poetischen
Tiefe und Dunkelheit, aber nicht mit der Klarheit sich verträgt, die
im Roman herrschen muß und in diesem auch so vorzüglich herrscht»
(20. Oktober 1797). Damit ist von Schiller eigentlich die Führung Wil-
helms durch die Gesellschaft des Turmes preisgegeben. Diese dem
rationalen Zugriff entzogenen Schichten des «Wilhelm Meister», die
für Friedrich Schlegel das Werk zum Musterstück eines Romanes und
des Romantischen machten, werden von Schiller jetzt dem Wunsch-
bild «klassischer» Anforderungen an das Gattungsmäßige geopfert.
Er traf, was das Wesen eines Romanes angeht, damit weder den Sinn
Goethes noch der Romantik. Er zwang sich damit selber unter ein
Gesetz, das seiner Natur und auch seiner eigenen vorangegangenen
Geistersehererzählung widersprach. Aber müßig wäre die Frage, wel-
chen Schiller wir besäßen, hätte nicht nach dem «Geisterseher» den
Dichter das «klassische» Drama ganz in seinen Bann geschlagen;
müßig auch die Prüfung, um wieviel sein Abstand von so manchen er-
zählenden Dichtungen der Romantik sich allenfalls noch verringert
hätte. Übrigens kommt er uns im «Geisterseher» noch in einem va-
geren, nicht literarhistorischen Sinne «romantisch»: Der Herrscher im
Phantasieland, der er war, bemächtigt sich als erster deutscher Dichter
hier Venedigs als der Casanovastadt, der Stadt einzigartiger Sitten, Ge-
setze und Zustände, der Stadt der verschwiegenen Abenteuer, der im
Dunkel gesponnenen Anschläge, der Verbrechen hinter Masken be-
gangen, des Lebenswirbels, der Überwirklichkeit, und schuf damit bis
weit ins 20.Jahrhundert hinein den gegebenen Hintergrund für phan-
tastische, abenteuerliche, dämonisierende und zugleich artistische Er-
zählung und Dramatik. Schillers inneres Auge drang durch Bücher und
Berichte, so wie es in «Fiesco» das herrliche Halbrund des Hafens von
Genua, wie es in «Wilhelm Tell» den Vierwaldstättersee schaute. Und
es gilt von solchem Vorgang das Wort Hölderlins: «Was bleibt aber,
stiften die Dichter.» Goethe hielt sich nicht im Venedig des Traum-
weltreiches und geheimen Schreckens, sondern in der auf dieser Erde

151
VORAHNUNG DER REVOLUTION

und ihrer Geschichte so und nicht anders gewachsenen, dem Auge


offenen Dogenstadt auf. Durch anderes aber rückt Schillers «Geister-
seher» in die Linie, die der künftige Freund und Mitstreiter gegen die
Zügellosigkeit der revolutionären Epoche einhielt. Die Kunde von dem
Treiben des Abenteurers und Schwindlers Cagliostro hat zum «Gei-
sterseher» beigesteuert. Es ist etwa um die gleiche Zeit, daß Goethe
in «Der Groß-Cophta» diesen längst mit Interesse von ihm beobach-
teten Wundermann als eine ebenso verabscheuungswürdige wie fes-
selnde Ausgeburt der Zeit und der menschlichen Gesellschaft zum
Mittelpunkte eines Stückes macht, dessen Hintergrund die Halsband-
affäre am französischen Hof hergab, in die Cagliostro verwickelt war.
Goethe will, wie er in den «Annalen» zum Jahre 1789 berichtet, durch
jene Vorgänge am französischen Hofe einen unaussprechlichen Ein-
druck empfangen haben. Sein mit allen vergangenen, gegenwärtigen
und künftigen Geschehnissen des Lebens in unterirdischer und un-
sichtbarer Verbindung stehender Geist erahnte aus ihnen den Berg-
sturz der Französischen Revolution: «In dem unsittlichen Stadt-, Hof-
und Staatsabgrunde, der sich hier eröffnete, erschienen mir die greu-
lichsten Folgen gespensterhaft.» Aber es war seine Art, dies Erschrek-
ken auszugleichen und die Scheu vor dem Nichtzuberührenden heilig
zu halten dadurch, daß er das «Tremendum» in die polare Dimension
des dichterischen «Spieles» auflöste oder eingehen ließ. So entstand
das Lustspiel «Der Groß-Cophta», das so oft als seiner und des Gegen-
standes unwürdig verurteilt wurde. Auch durch Schillers «Geister-
seher>> spürt man das Beben des Bodens, der bald einstürzen sollte.
Ohne noch zusammengeschlossen zu sein, waren die beiden Glieder
der künftigen «Klassik» einig in der Vorausahnung jener Zeitkrise, die
einige Jahre später ihre Haltung bestimmen sollte.
Von einer neuen Seite zeigt sich in dem Werke der Prosastüist
Schiller. Charakteristisch bleibt für Sprache und Technik des «Geister-
seher>> die epische Zurückhaltung und die Gewinnung eines Abstan-
des von den Begebenheiten. Dem dient die Technik der Wiedergabe
aus einer bereits schriftlich fixierten Vorlage, «aus den Papieren des
Grafen von 0 ... », die Vertiefung dieser Technik, als sie dem Leser
aus dem Gedächtnis zu geraten oder unwirksam zu werden droht,

152
DER PROSASTILIST SCHILLER

durch den Übergang zu dem Briefwechsel derer, die glaubwürdige


Zeugen der Begebenheiten waren. Es gibt Partien im «Geisterseher»,
die sich der strengen und verhaltenen Sprachsachlichkeit der vom
Romanischen herkommenden, durch Goethe, die Romantik, Hein-
rich von Kleist der deutschen Literatur gewonnenen «Novelle»
vergleichen. Das Nachdenkliche ist ebenso auf das geringste Maß
beschränkt, wie Umgebung, Landschaft, Stimmung nur mit den
sparsamsten und allgemeinsten Ausdrücken wiedergegeben werden.
Keine Ausbrüche subjektiver Anteilnahme; bei allem Spannung-
erregenden im Aufbau und in der Dialogführung beabsichtigt Schil-
ler, durch scheinbar kalte Vergegenständlichung eines. wirklich Ge-
schehenen Eindruck zu machen. Darauf, daß ihm dies gelang, be-
ruht der Erfolg des Werkes. Man merkt: der sich dergestalt zur
Objektivität und zum «Realismus» gegenüber den Zeugnissen und
der Überlieferung erzog, ist auf einem der Wege begriffen, die zur
Geschichtsschreibung führen.
Am Anfang und am Ende aller eindringenden Beschäftigung mit
Schiller steht das Staunen. Es rührt sich im besonderen, wenn man
sich Umfang, Art, Zusammenhänge der gewaltigen Schreibarbeit ver-
gegenwärtigt, die von ihm in den Jahren 1787-1792 als Historiker ge-
leistet wurde. Dies Staunen gilt nicht der äußeren Leistung. Es regt
sich um so stärker, je näher man an die Tatsache seiner Beschäftigung
mit der Geschichte herantritt. Schreitet man von seinenJugendwerken
zu seinen geschichtlichen Schriften vor oder dringt man von dem Schil-
ler der Hochklassik zu ihnen zurück - immer bleibt diese mittlere
Zone in der fortschreitenden Entwicklung seines Geistes gleich merk-
würdig. Von zwei Seiten her wird seine Arbeit als Geschichtsdarsteller
beschattet. Einmal von seiten des «Historischen Zeitalters», das erst
nach ihm einsetzte: Er scheint ohne Verbindung zu sein zu der Welt-
anschauung, die die «Historische Schule» aus der Haltung Herders
und der Romantik heraus zu einer Deuterin der in der Geschichte
wirksamen, der werdenden, wachsenden und zusammenhängenden
Lebenskräfte und eines sie gebärenden Urgrundes werden ließ. Er
tritt ebenso zurück angesichts der kritisch-exakten Geschichtsforschung
fachlicher Art, die zugleich mit der Ausbreitung der historischen Schule

153
GESCHICHTSSCHREIBUNG

erstarkte, ihre Voraussetzung und Komplementärerscheinung war. In


diesem Punkte blieb ihm keine Unklarheit: «Ich werde immer eine
schlechte Quelle für einen künftigen Geschichtsforscher sein, der das
Unglück hat, sich an mich zu wenden.» Die andere Belastung, an der
der Geschichtsschreiber Schiller trägt, besteht in der Art, wie er ver-
meintlich diese Arbeit im Rahmen seiner Lebensverwirklichung auf-
gefaßt und ausgeübt habe. Sie erschien und erscheint bisweilen als ein
literarischer Frondienst, bestimmt, ihm über die äußeren Sorgen des
Daseins hinweg- und zu einem Amte als Professor zu verhelfen. Hier
handelt es sich um die grundsätzliche Verkennung eines schöpferisch-
literarischen Vorganges. Kein Schriftsteller oder Gelehrter (es braucht
nicht Schiller zu sein), der sich über die Ebene eines bloßen Schreib-
pflichtigen erhebt, ist- willentlich oder nicht- imstande, eine so um-
fangreiche und großartige geistige Leistung, wie es etwa die «Ge-
schichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande» ( 1788) und die «Ge-
schichte des Dreißigjährigen Krieges» ( 1790/93) sind, zu vollbringen
ohne einen beständig aus der Mitte und Ganzheit des eigenen Wesens
sich erneuernden Antrieb. Und es ist eine Fehlmeinung, daß die Arbeit
für bestimmte Zwecke und unter bestimmten, notwendigerweise zu
berücksichtigenden Umständen des äußeren und inneren Daseins die
schöpferische Qualität ausschließe. Am allerwenigsten ist es so bei
Schiller. Nur von einem einseitig idealisierten Schillerbilde her konnte
sich die Auffassung bilden, als sei bei ihm zielstrebige und zweckhafte
literarische Arbeit mit einer schöpferischen Betätigung höchster Ord-
nung und völliger Freiheit des Geistes unvereinbar. Auch hier ist die
Deutung Schillerscher Selbstdeutung aufschlußreich: für die Nähe, in
der er sich immer zu den Dingen hält, und für die Wirklichkeitsfreude
der deutschen Klassik. Wie Schillers Bekenntnisbriefe an Körner, in
denen er die tiefsten und geheimsten Falten seines Wesens durchsucht
und ausbreitet, auch sonst noch längst nicht genügend fruchtbar ge-
macht worden sind, so auch diejenigen, in denen er gegenüber dem
Freunde, der die Beschäftigung mit der Geschichte als einen Abstieg
ansah, diese seine literarische Arbeit als sachlich und persönlich not-
wendig und gesetzlich rechtfertigt. «Deine Geringschätzung der Ge-
schichte», heißt es in dem großen Briefe aus Weimar vom 7.Januar

154
GESCHICHTE UND DRAMA

1788, «kommt mir unbillig vor. Allerdings ist sie willkürlich, voll
Lücken und sehr oft unfruchtbar, aber eben das \Villkürliche in ihr
könnte einen philosophischen Geist reizen, sie zu beherrschen; das
Leere und Unfruchtbare einen schöpferischen Kopf herausfordern, sie
zu befruchten und auf dieses Gerippe Nerven und Muskeln zu tragen.»
Der herrscherliehe Zug, der an Schiller hervortritt, was immer er an-
greift, ist das erste, was auch sein Verhalten zur Geschichte kenn-
zeichnet. Dann aber läßt er uns Einblick gewinnen in die Auseinander-
setzung, die sich in ihm zwischen dem Dramatiker und Historiker ab-
gespielt hat: «Glaube nicht, daß es viel leichter sei, einen Stoff aus-
zuführen, den man sich selbst gegeben hat, als einen, davon gewisse
Bedingungen vorgeschrieben sind. Im Gegenteil habe ich aus eigenen
Erfahrungen, daß die Uneingeschränkteste Freiheit, in Ansehung des
Stoffs die Wahl schwerer und verwickelter macht, daß die Erfindungen
unserer Imagination bei weitem nicht die Autorität und den Kredit bei
uns gewinnen, um einen dauerhaften Grundstein zu einem solchen
Gebäude abzugeben, welche uns Fakta geben, die eine höhere Hand
uns gleichsam ehrwürdig gemacht hat, d. h. an denen sich unser Eigen-
wille nicht vergreifen kann. Die philosophische innere Notwendigkeit
ist bei beiden gleich; wenn eine Geschichte, wäre sie auch auf die
glaubwürdigsten Chroniken gegründet, nicht geschehen sein kann,
d. h. wenn der Verstand den Zusammenhang nicht einsehen kann, so
ist sie ein Unding; wenn eine Tragödie nicht geschehen sein muß, so-
bald ihre VoraussetzungenRealität enthalten, so ist sie wieder ein Un-
ding.» Man hält mit diesen Worten den Schlüssel in der Hand, der den
Zugang zur Einheit des Dramatikers, des Philosophen, des Historikers
Schiller eröffnet. Drama und Geschichte sind sich darin gleich, daß
beide im Grunde immer nur die Darstellung eines und desselben
Willens und Gesetzes innerhalb der Welt des Geschehenen sein können.
Sie zu finden, nicht zu erji'nden ist Aufgabe des schöpferischen Men-
schengeistes. Sein Werkzeug aber ist das vernünftige Denken; es be-
herrscht die Wirklichkeit, die ohne das in sie durch Drama und
Geschichte hineingetragene Licht chaotisch und gestaltlos wäre. Die
Möglichkeiten der schaffenden Phantasie werden durch diese « philo-
sophische Notwendigkeit» bestimmt.

155
GESCHICHTE UND DICHTUNG

Die immer stärkere Verlegung des Nachdruckes auf die im vernunft-


mäßigen Denken als der Entsprechung göttlicher Gesetzlichkeit liegen-
den Wirklichkeitsverhältnisse kennzeichnet den «Realisten» Schiller.
Hiermit fügt sich auch die Geschichtsschreibung jenem Oberbegriff
des «Dauernden» und «Notwendigen», unter dem die deutsche Klassik
steht. Nichts anderes verkündet programmatisch Schillers Rede beim
Antritt der Jenaer Professur «Was heißt und zu welchem Ende stu-
diert man Universalgeschichte?», die in Wielands «Teutschem Mer-
kur» im November 1789 gedruckt erschien: «Nicht lange kann sich
der philosophische Geist bei dem Stoffe der Weltgeschichte verweilen,
so wird ein neuer Trieb in ihm geschäftig werden, der nach Überein-
stimmung strebt - der ihn unwiderstehlich reizt, alles um sich herum
seiner eigenen vernünftigen Natur zu assimilieren und jede ihm vor-
kommende Erscheinung zu der höchsten Wirkung, die er erkannt, zum
Gedanken zu erheben.» Freilich könnte, wie Schiller ebendort weiß,
eine vorschnelle Anwendung dieses großen Maßes den Geschichts-
forscher leicht in Versuchung bringen, den Begebenheiten Gewalt an-
zutun. Aber «schon der stille Hinblick auf dieses, wenn auch nur mög-
liche Ziel muß dem Fleiß des Forschers einen belebenden Sporn und
eine süße Erholung geben» - dies Ziel, das darin besteht, «das Pro-
blem der Weltordnung aufzulösen und dem höchsten Geist in seiner
schönsten Wirkung zu begegnen». Aber stellt sich die Aufgabe für den
Dramatiker etwa anders? Ist nicht auch jedes Schillersehe Drama ein
Teilbeitrag zu dieser «Auflösung der Weltordnung», ein aus dem Um-
kreis des sichtbaren, farbigen, handelnden Lebens herausgeschnittener
Sektor der Transparenz des höchsten Geistes? Gegenüber der Gemein-
samkeit, in der sich innerhalb der Gestalt Schillers sein Drama und die
Geschichte begegnen, erscheinen die Unterschiede, die von außen zwi-
schen ihnen wahrgenommen werden können, so wenig sie einfach zu
überspringen sind, als nachgeordneten Ranges und äußerlicheren Wer-
tes. Sicher: auch er weiß, daß der Unterschied zwischen historischer
Dichtung und Geschichtswissenschaft der ist, daß in der Geschichte
nur in den allerseltensten Fällen ein sinnvoller Plan den Menschen so-
gleich erkennbar ist und ihr für den ersten Blick in Ausschnitten weder
Einheit noch Zusammenhalt zukommt; daß die Dichtung hingegen

156
KLASSISCHE UND ROMANTISCHE «PHANTASIE»

diese Momente in jeder ihrer geschlossenen Formen mit Nachdruck


fordert. Sicher: das Verhältnis von Dichtung und Geschichte in seiner
eigenen Dramatik hat sich erst allmählich geklärt. In « Fiesco » bot
sich ihm ein geschichtlicher Ausschnitt engen Maßes für den Austrag
zwischen Gesetz und Trieb, und von einer philosophischen Konzeption
des geschichtlichen Stoffes erscheint der Dichter noch weit entfernt.
In «Don Carlos » stehen - nicht nur quellengeschichtlich gesehen -
Geschichte und Dichtung hart nebeneinander, ohne daß die gewollte
innere Übereinstimmung erreicht wäre. Und erst seit «Wallenstein»
tritt Schillers Drama unter die Einheit der aus Geschichte und Dich-
tung mit verschiedenen darstellerischen Mitteln zu gewinnenden Er-
kenntnis eines in den Sternen geschriebenen und zugleich im Busen
empfundenen göttlichen Gesetzes. Das war eine Frucht seiner ge-
schichtlichen Studien und Ausarbeitungen. Erst seit «Wallenstein»
decken sich für ihn historische und philosophische Wahrheit im Sinne
seines vVortes an Caroline von Beulwitz vom 10. September 1788: «Die
Geschichte ist überhaupt nur ein Magazin für meine Phantasie, und
die Gegenstände müssen sich gefallenlassen, was sie unter meinen
Händen werden.» Fast ist man versucht zu fragen, ob gleiches nicht
auch von der Dichtung der Romantik gesagt werden könnte, soweit sie
die Geschichte aufgesucht hat. Doch sowohl in der Stoffwahl und Stoff-
benutzung als in dem, was hier und dort «Phantasie» heißt, liegt das
Unterscheidende. Geschichtliche Stoffe romantischer Dramatik- man
denke an LudwigTieck, an Arnim, an Brentano, an Zacharias Werner-
werden erst dann für den Dichter brauchbar, wenn sie durch das Me-
dium der Sage hindurchgegangen oder so beschaffen sind, daß sich der
Dichter an die Stelle der wachstumshaft gestaltenden Kraft der Sage
zu setzen weiß und ihr einzelmenschlicher Sprecher wird. «Phanta-
sie» aber ist bei jenen romantischen Dichtern frei von den Hem-
mungen eines auf die Vernunftgesetze bezogenen Gewissens und einer
moralistischen Verantwortlichkeit, von denen der Protestant Schiller
sich weder lösen kann noch will.
Die für das Ganze seines Geistes so aufschlußreiche und bedeutungs-
volle historische Schriftstellerei Schillers liegt zwischen «Don Carlos »
und «Wallenstein». Von den geschichtlichen Studien, die «Fiesco», die

157
SCHILLER ALS HISTORIKER

«Don Carlos», die «Maria Stuart» notwendig machten, wurde er auf


die Geschichte geführt. Der philosophische Gehalt, den er in der Ge-
schichte fand, leistete dem Übergang zur strengen philosophischen
Denkarbeit Vorschub, die im Zeichen Kants steht. In der « neuen Dich-
tung» überschnitten sich seit « Wallenstein » sodann Geschichte, Philo-
sophie, nach schöpferischer Pause weiterentwickelter Kunstverstand,
gesteigerte Lebensreife und Lebenssicherheit. Es liegt eine großartige
Gesetzlichkeit in diesem Vorgang, der eine Grundvoraussetzung des
«Klassischen» bei ihm ergibt. Alle drei Funktionen seines Geistes, die
dichterische, die geschichtliche, die philosophische, stehen in Ausge-
wogenheit zueinander. Das erkannte schon Wilhelm von Humboldt, als
er schrieb: «Wer, wie Schiller, durch seine innerste Natur aufgefor-
dert war, die Beherrschung und freiwillige Übereinstimmung des Sin-
nenstoffes durch und mit der Idee aufzusuchen, konnte nicht da zu-
rücktreten, wo sich gerade die reichste Mannigfaltigkeit eines unge-
heuren Gebietes eröffnet; wessen beständiges Geschäft es war, dich-.
tend den von der Phantasie gebildeten Stoff in eine Notwendigkeit
atmende Form zu gießen, der mußte begierig sein zu versuchen, wel-
che Form, da das Darstellbare es doch nur durch irgendeine Form ist,
ein durch die Wirklichkeit gegebener Stoff erlaubt und verlangt. Das
Talent des Geschichtsschreibers ist dem poetischen und philosophi-
schen nahe verwandt ... » Daß die Forderung des Tages mit dieser
geistigen Notwendigkeit einen stillen Bund einging, ist das erhebende
und tröstende Schauspiel, das auch hier der Mensch Schiller bietet. In
sieben Artikeln formulierte er in dem Briefe an Körner vom 18. Ja-
nuar 1788 diese Übereinstimmung seiner historischen Schriftstellerei
mit seiner damaligen äußeren und inneren Lage: «Du wirst es für
keine stolze Demut halten, wenn ich Dir sage, daß ich zu erschöpfen
bin. Meiner Kenntnisse sind wenig. Was ich bin, bin ich durch eine
oft unnatürliche Spannung meiner Kraft. Täglich arbeite ich schwerer
-weil ich viel schreibe. Was ich von mir gebe, steht nicht in Propor-
tion mit dem, was ich empfange. Ich bin in Gefahr, mich auf diesem
Wege auszuschreiben ... Zu einem Schauspiel brauche ich kein Buch,
aber meine ganze Seele und alle meine Zeit. Zu einer historischen Ar-
beit tragen mir die Bücher die Hälfte bei. Die Zeit, welche ich für

158
«GRÖSSE» UND STOFF

beide verwende, ist ungefähr gleich groß. Aber am Ende eines histo-
rischen Buches habe ich Ideen erweitert, neue empfangen; am Ende
eines verfertigten Schauspiels viel mehr verloren ... Bei einem großen
Kopf ist jeder Gegenstand der Grtfße fähig. Bin ich einer, so werde ich
Grtfße in mein historisches Fach legen.» So brachte denn die ange-
strengte Betätigung auf dem Gebiete der Geschichte seinem Geiste
Enthemmung und Entspannung, Beruhigung (auch äußere, durch das
Gefühl des Geborgenseins in einer ihren Lohn tragenden Tätigkeit),
Ausdehnung seines Gesichtskreises, Bereicherung mit Gegenständ-
lichem, eine Annäherung an die «Dinge», einen Zwang, sich mit Tat-
sachen auseinanderzusetzen. Grtfße aber gewann Schiller als Histori-
ker, insofern seit seinen Geschichtsdarstellungen die Forderung, daß
der Historiker ein Gestalter, ein geheimer Künstler und Dichter sein
müsse, als selbstverständlich erscheint. Grtfße hat er, insofern für ihn
die Geschichte nicht die Kunde von einem Gewesenen ist, sondern da-
zu dienen soll, die Wege der Vorsehung - oder wenn man es profan
ausdrückt - den Zusammenhang von Ursache und Wirkung bis zur
unmittelbaren Gegenwart des Schreibenden aufzuhellen, den Men-
schen mit Hilfe der Weltgeschichte in die Mitte des «Geschehenen» zu
stellen und dies als ein überall Gegenwärtiges und Seiendes erkennen
zu lassen. Freilich nicht immer war im breiten Flusse seiner beiden
geschichtlichen Hauptwerke oder in seinen unter dem Druck der
Stunde hergestellten Vorlesungen, auch nicht in seinen kleinen histo-
rjschen Schriften, der Zusammenhang mit der Situation seiner Ge-
genwart unmittelbar deutlich. Oft hat das Stoffliche die Herrschaft,
die Abhängigkeit von den Quellen siegt über den freien Flug des
Geistes, die Feder bewegt sich durch einen gewissen Mechanismus, wie
ihn alle Geschichtserzählung mit sich bringt, zwangsläufig weiter.
Nicht immer werden dem Leser tote Strecken erspart. Hinter allem
aber steht der im höchsten und schönsten Sinne «politische Mensch»,
der Schiller war- der, in dessen Natur «der Fortschritt aus der ästhe-
tischen in die historische und philosophische Welt vorgeschrieben lag».
Er findet in der Historie den Raum für Kräfte, die bisher in ihm brach-
gelegen hatten. Der philosophisch-pragmatische Historiker, der von
Hause aus in ihm steckte, wäre den Deutschen in noch helleremLicht

159
SCHILLER UND DIE «HANDELNDE WELT»

erschienen, wenn er seinen Plan eines «Deutschen Plutarch» wahr-


gemacht hätte oder wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, im Alter,
wenn die Jugendkräfte des Dichters schwänden, eine Geschichte Roms
zu schreiben. Gewisse seiner Klagen über seinen Mangel an engeren
Beziehungen zu den großen politischen Ereignissen, über die Arm-
seligkeit der damaligen bürgerlichen Verhältnisse in Deutschland, Kla-
gen darüber, daß sein Sinn für «die große politische Gesellschaft»
nicht geübt und nicht entwickelt sei, können nicht darüber hinweg-
sehen lassen, daß ohne einen ursprünglichen Sinn für die «handelnde
Welt» weder seine Dramatik noch seine Geschichtsschreibung möglich
gewesen wäre. In seinen geschichtlichen Arbeiten wie in seinen Dra-
men warf er, wie Gervinus sagt, «den Ereignissen des Tages das
Ähnliche aus der Vergangenheit wie einen Spiegel entgegen». Weil das
so ist, hatte weder der Dramatiker noch der Historiker Schiller es nötig,
einen in der Mitte der eigentlich deutschen Geschichte stehenden Stoff
oder Helden zu behandeln, um von der deutschen Mit- und Nachwelt
verstanden zu werden. «Konradin», «Heinrich der Löwe», «Luther»
blieben Pläne. Die Stoffe seiner ausgeführten historischen dramati-
schen Werke, soweit es heimische Stoffe sind, liegen in Randgebieten
der deutschen Geschichte und des deutschen Volkstums. Die «Ge-
schichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande» wurde geschrieben,
weil er es des Versuches nicht unwert erachtete, «dieses schöne Denk-
mal bilrgerlicher Stärke vor der Welt aufzustellen, in der Brust meines
Lesers ein fröhliches Gefühl seiner selbst zu erwecken und ein neues
unverwerfliches Beispiel zu geben, was Menschen wagen dürfen für
die gute Sache und ausrichten mögen nach Vereinigung». Ja, der Hi-
storiker lehnt es (an Körner, 15. Oktober 1789) ab, nur für eine Nation
zu schreiben- oder will es nur insofern tun, als ihm diese Nation oder
Nationalbegebenheit als Bedingung für den Fortschritt der Gattung
wichtig ist. «Ist eine Geschichte (von welcher Nation und Zeit sie auch
sei) dieser Anwendung fähig, kann sie an die Gattung angeschlossen
werden, so hat sie alle Requisite, unter der Hand des Philosophen
interessant zu werden, und dieses Interesse kann jeder Verzierung ent-
behren.» Nicht die eigentlichen deutschen Fachhistoriker des aus-
gehenden 18. Jahrhunderts- von dem einzigen Johannes von Müller

160
SCHILLERS ART DER DARSTELLUNG

und seiner Schweizergeschichte abgesehen - haben in Deutschland die


Begeisterung für geschichtliche Gegenstände, für geschichtliche Arbeit
und die geschichtliche Anteilnahme entfacht, sondern Schiller. Er hat
damit dem besten Teile der Geschichte gedient, der nach Goethe die
Begeisterung ist, die sie erregt. Es besteht ein innerer Zusammenhang
zwischen dem Wollen des Historikers Schiller und den in seiner An-
trittsrede formulierten allgemeinen Anforderungen an die Lehrenden
und Lernenden auf den deutschen Universitäten: der Unterschied
zwischen dem « Brotgelehrten » und dem «philosophischen Kopf»
wurde am Beginne einer geschichtlichen Lehrtätigkeit festgestellt. Die
Deutschen tragen bis jetzt nicht schwer an Erlebnissen geschichtlicher
Dichtungen und Darstellungen, durch die ihnen bestimmte Vorgänge,
Persönlichkeiten und Epochen der Historie ein allgemeiner, dauern-
der und stets lebendiger Besitz geworden wären. Mit der Schillersehen
Dichtung und Geschichtsschreibung, mit der aufschlußreichen Nach-
barschaft der «Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande»
zu «Don Carlos», der «Geschichte des Dreißigjährigen Krieges» zu
«Wallenstein» ist es ihnen so ergangen: diese Vorgänge sind in die
Helligkeit eines allgemeinen geschichtlichen Bewußtseins gerückt.
Was den beiden historischen Hauptwerken die Eingänglichkeit we-
nigstens in großen Zügen sichert und weiterhin sichern kann, unbe-
schadet neuerer und letzter Fragestellungen und Ergebnisse der ge-
schichtlichen Fachwissenschaft, ist die «Haltung» des geschichtlichen
Erzählers Schiller. Er liebt es, in die Seele seiner historischen Helden
hineinzuschauen und ihre Entwürfe zu belauschen, gleichsam, als hiel-
ten sie vor ihm einen dramatischen Monolog. Er weiß sie nach seinen
Quellen äußerlich und innerlich zu malen. Er unterbricht den Tat-
sachenbericht durch sentenziöse Lebensweisheiten, die denen seiner
späteren Dramen nicht nachstehen. Und die Einheitlichkeit, Gleich-
mäßigkeit und Ruhe, nach denen die Darstellung seiner geschicht-
lichen Werke im übrigen strebt, sind bestimmt worden von dem Wun-
sche nach größtmöglicher Allgemeinverständlichkeit und breitester
Wirkung, ohne daß durch ein solches Bestreben die ideelle Höhe des
Standpunktes beeinträchtigt würde. Hierin zeigt sich die «Klassizität»
des Historikers Schiller. Sein Stil weist kaum Stöße und Gegenstöße,

11 Schultz, Klassik und Romantik, Bd. II 161


SPRACHE

kaum Erschütterungen auf, die seine Einheitlichkeit stören würden,


wenig Wechsel des Tempos und des Rhythmus, keine Abweichungen
in Wortwahl und Satzbau von einem sich sachlich gebenden Erzähler-
deutsch, keine blendenden und effektvollen Besonderheiten. Er er-
reicht die stärkste Spannung und Unterhaltsamkeit dort, wo er sich
novellistisch oder anekdotisch kühl zu geben weiß, wie auch in den
beiden selbständig in Wielands «Merkur» 1788 erschienenen Stücken
«Jesuitenregierung in Paraguay» und «Herzog von Alba bei einem
Frühstück auf dem Schlosse zu Rudolstadt im Jahre 1547», die -in
der Absichtlichkeit ihrer Quellentreue -in Kleists «Berliner Abend-
blättern» stehen könnten. Es fehlt dieser Sprache das sich immer
Neugebärende des Herdersehen Stils oder die gesättigte Tiefenschau in
den lebenzeugenden Seinsgrund, die Goethe eigen ist, wo er über ge-
schichtliche Dinge spricht. Doch trotz manchem Papierenen, Gleich-
förmigen, Eingefahrenen des Schillersehen historischen Prosastils, trotz
einigen Einfärbungen durch den Stil seiner Quellen und hoher Muster
wie Gibbon und Robertson - es ist hinter diesem Mechanismus seiner
Sprache genau so die motorische Kraft jener beherrschenden Ideen
tätig, die nach Dilthey allein die Geschichtsschreibung als Kunst herauf-
führen halfen, wie hinter der manchmal monotonen Apparatur seiner
späteren Jambendramen immer der das Wesen der Erscheinungen
durchdringende Gedanke leuchtet. Diese historische Prosa Schillers ist
trotz der Mischung von Traditions-, Individual- und Zeitstil ein genau
so einheitliches und als Ganzes oft spielend funktionierendesAusdrucks-
mittel, wie sein «Jambeninstrument» es ist. Dieser Stil strebt viel mehr
zu der Erfüllung einer ihm vorschwebenden, klassisch-gattungshaften
Aufgabe angesichts des geschichtlichen Stoffes als die sich bald platt
zum Leben herablassende, bald in französischer Art deklamierende
Sprache August Ludwig Schlözers, als die gefällige, bildergeschmückte,
erzählerische Manier Spittlers, als die bald kurze und spruchreiche,
bald ml).ntere und blendende, von Herder charakterisierte Art Thomas
Abbts, der Tacitus und Voltaire in seinem Stil zu vereinigen strebte,
als die tatsachenreiche, kernige, archaische Schreibweise Mösers oder
der dem Monumentalen der antiken Historiker nachstrebende, aber in
seiner gewollt altertümelnden und neologischen Art oft eigenwillige

162
JoHANNEs voN MüLLER- RoussEAU

und uneinheitliche Stil Johannes von Müllers. Zu Müller aber stellt


sich Schiller insofern, als bei beiden der Geist Rousseaus nachwirkt,
durch den ein neues Pathos in die Geschichte gekommen war und der
da gemeint hatte, wir würden auch noch in der neueren Zeit Ge-
schichtsschreiber von Ausmaß haben, wenn es nur auch noch Taten
von klassischer Größe gäbe. Solche Taten galt es zu suchen. Ein unklar-
rousseauisches Freiheitsideal, verbunden mit einer gewissen Vorstel-
lung natürlich-patriarchalischer Zeiten, wirkt in Schiller wie in dem
Schweizer Historiker, wenn sich der eine das Thema des Abfalls der
Niederlande, der andere das des Freiheitskampfes der alten Schweizer
wählt. Und auch der Kampf der deutschen Protestanten für ihre Glau-
bensfreiheit steht unter der Sicht eines solchen aus ele-
mentaren Schichten heraus und aus der Vorstellung des «guten alten
Rechts». Schillers und Müllers Geschichtsdarstellungen sind keine
pragmatisch-aufklärerischen Lehrbücher für den Staatsmann mehr;
sie sind bestimmt, auf die Seelen ganzer Völker zu wirken und sie mit-
zureißen, dadurch daß Taten vorgestellt, nicht Reden gehalten wer-
den. Und weil Schiller der Dichter des tätigen und handelnden Daseins
ist, findet er in seiner Historie solcher Art ein Feld, auf dem er als ganze
Persönlichkeit ausschreiten konnte. Rousseau jedoch einen stärkeren
Einfluß auf Schiller einzuräumen als diesen allgemeinen und in letzten
Wellenschlägen nachwirkenden, erscheint auch hier nicht angängig.
Von Rousseau hebt er sich immer als der stärkere Verehrer der «Ver-
nunft» ab.
In Schillers Geschichtswerken wird gestritten für «Vernunftidole ».
Das ist das, was sie als Ausgeburten des 18.Jahrhunderts erscheinen
läßt und sie unterscheidet von einem romantischen «Eingehen» oder
Sichhineinträumen in bestimmte geschichtliche Lebenszustände. Noch
ist ihm das Mittelalter in aufklärerischer Weise (und wohl zunächst un-
ter dem Einfluß Voltaires) der Inbegriff « finsterer Jahrhunderte». Noch
wirkt sich in einer solchen traditionell-verfestigten Verwerfung des
Mittelalters die Abneigung gegen Kirche und Pfaffenturn aus, die bei
dem Carlos-Dichter nicht befremdet. Doch Schiller ist auch, was sein
Verhältnis zum Mittelalter angeht, auf einem Wege, der ihn am Ende
des 18.Jahrhunderts der von Herder auf die Romantik zuführenden

11* 165
SCHILLER UND DAS MITTELALTER

Linie nähert. Die Vorrede zu Niethammers Bearbeitung der «Ge-


schichte des Malteserordens» von Vertot (erschienen 1792/95) ist ge-
willt, bei der Beurteilung des Mittelalters den Aufklärer hinter den
«Moralphilosophen» zurücktreten zu lassen, den «mitten unter allen
Greueln, welche ein verfinsterter Glaubenseifer begünstigt und hei-
ligt, unter den abgeschmackten Verirrungen der Superstition» das «er-
habene Schauspiel einer über alle Sinnenreize siegenden Überzeugung
einer feurig-beherzigten Vernunftidee » entzückt. Zwar seien die Zei-
ten der Kreuzzüge «sogar ein Rückfall in die vorige VVildheit», aber
dennoch sei die Menschheit ihrer höchsten Würde nie vorher so nahe
gewesen, wie sie es damals war- «wenn es anders entschieden ist, daß
nur die Herrschaft seiner Ideen über seine Gifühle dem Menschen
Würde verleiht», wenn anders der bloße Entschluß, unter der Fahne
des Kreuzes zu streiten, zu der höchsten sittlichen Würde des Menschen
in naher Beziehung steht und ihm darob gern «abenteuerliche Mittel»
und ein «schimärischer Gegenstand» verziehen werden. Hier über-
trägt sich der Kantianer Schiller in den Geist des Mittelalters. Aber von
dieser Anwendung Kantischer Kategorien auf die mittelalterliche Dy-
namik, von dieser Erkenntnis der «VVilligkeit des Gemüts, sich von
übersinnlichen Triebfedern leiten zu lassen», mußte der nächste Schritt
zur Anerkennung des Universalismus, der Ordnung und Einheit, der
Bewegtheit und des Gemeinschaftssinnes - dieser Herder und der
Romantik gemeinsamen Erkenntnisse - führen, gleichviel, welchen
modern-sittlichen Wertungen solche Feststellungen unterlagen. Die
Schillersehe Bereitschaft gegenüber dem Mittelalter ist es, die ihn -
auch hier - trotz aufklärerischer Bodensätze über die Aufklärung
hinauskommen läßt. Seine herkunfts- und bildungsmäßig bedingte
jugendliche Abneigung gegen den Katholizismus läßt es noch nicht zu,
daß der mittelalterliche Ordo als Heil auch für die Gegenwart in An-
spruch genommen werde oder daß man das Verschwinden der letzten
Reste dieses Ordo beklagte, wie Burke es tat, und ebenso trennt ihn
von der Haltung der Novalis, Görres, Adam Müller, Friedrich Schlegel
noch der Umstand, daß gegenüber den Gemeinschaftskategorien und
dem von Herder bezogenen Organisationsbegriff, unter denen das
Mittelalter von jenen gesehen wurde, Schiller den Blick auf die sitt-

164
HISTORIKER UND KANTIANER

lieh handelnde Einzelpersönlichkeit gerichtet hat. Über die sittlichen


·werte jedoch, die das Mittelalter für den durch die Schule Kants ge-
gangenen Protestanten hervorgebracht habe, führte der weitere Weg
des Dichters in die mittelalterliche VVelt. Das ist merkwürdig genug,
aber kaum ZU leugnen. Diese sittlichen vVerte findet er in den ritter-
lichen Orden am beweiskräftigsten ausgeprägt. Dabei fällt uns ein, daß
auch Marquis Posa von ihm zu einem Malteserritter gemacht worden
war. Dessen grenzenlose sittliche Idealität findet nun gleichsam eine
Rechtfertigung aus dem Sinn und Geiste Kantischer Ethik. Das Gedicht
«Die Johanniter» von 1795/96 kehrt zu Gedanken zurück, die drei
Jahre vorher die Vorrede zu Vertat-Niethammer in hochtönenden An-
läufen seiner Prosa verkündet hatte. Selbst die Griechen und Römer
hatten hier - eine Folgerung aus der Karrtischen Entgegensetzung von
«Legalität» und «Moralität»- hinter die Ritterorden des Mittelalters
zurücktreten müssen. Denn der Grieche, der Römer «kämpfte für seine
Existenz, für zeitliche Güter, für das begeisternde Phantom der Welt-
herrschaft und der Ehre, kämpfte vor denAugeneines dankbaren Vater-
lands, das ihm den Lorbeer für sein Verdienst schon von ferne zeigte. -
Der Mut jener christlichen Helden entbehrte diese Hilfe und hatte
keine andere Nahrung als sein eigenes unerschöpfliches Feuer». Die
Stelle, an der der Historiker Schiller ins Mittelalter einbrach, erwei-
terte sich mehr und mehr. Schon in der Vorrede zu Vertat-Niethammer
wird der Malteserorden als eine ideale und vorbildliche Gemeinschaft
gerühmt, als eine Form der politischen Organisation, an der «die
Wirksamkeit gewisser Bedingungen entweder für einen eigentüm-
lichen Zweck oder für den gemeinschaftlichen Zweck aller Verbin-
ßungen überhaupt» erprobt werden könne. Damit ist das Thema des
großen dramatischen Entwurfes der «Malteser» angeschlagen. Die
dramatische Fruchtbarkeit dieses Stoffes ging dem werdenden Kan-
tianer Schiller auf. Denn, so heißt es in den frühen Aufzeichnungen zu
den «Maltesern», «der Großmeister hat ... überwiegende Gründe,
einen Teil seiner Ritter ... der Wohlfahrt des Ganzen aufzuopfern ...
Zu einer blinden Unterwerfung unter ein so grausames Gesetz gehört
der reine Geist des Ordens, weil die Unterwerfung von innen heraus
geschehen muß» ... Aber die Ritter «lieben noch andere Dinge als

165
<<JUNGFRAU VON ORLEANS»

ihre Pflicht, sie haben ein Interesse gegen die Pflicht des Augenblicks».
« Wallenstein », später «Die Braut von Messina » haben die immer
mel.r sich verwickelnden Fäden, die Schiller aus diesem Stoffe heraus-
spann, nicht zum fertigen Gewebe werden lassen. «Die Braut von
Messina» lief den «Maltesern» den Rang ab, insofern die strenge grie-
chische Form und die Einführung des Chores nun ihr zugute kamen
und in ihr jene der gleichzeitigen Romantik genehme Verschmelzung
des Antiken und des Mittelalterlichen nach Form, Gesittung, Welt-
anschauung auf einem geschichtlichen Boden vollzogen wurde, der
von beiden zeugte. Das jede «Neigung» von sich weisende, unbesieg-
liche, innere - von Gott eingegebene - Pflichtgebot, das Schillers
Interesse an den fortreißenden Taten und massenbewegenden Erschei-
nungen des Mittelalters wachgerufen hatte, wirkte sich in der 1801
abgeschlossenen «Jungfrau von Orleans» aus. Der Ansatz zu diesem
Sprunge Schillers ins Wunder war die Verwandtschaft des in seiner
Jungfrau wirksamen Geistes mit dem der Streiterschaftell von Mal-
tesern und Johannitern: «Geh hin! Du sollst auf Erden für mich zeu-
gen!» Johanna wird für Schiller das willkommene Gefäß für den tra-
gischen Sieg des lauteren Pflichtgesetzes über die Neigung. Unter dem
Zeichen dieses modern gesehenen Konfliktes fand Schiller im Mittel-
alter die Möglichkeit eines tragischen Stoffes - einem Urgesetz seiner
Natur gehorchend, die von allem Anfang sich an diesem Gegensatz
erregt hatte, jetzt aber durch Kant über die Vernunftmäßigkeit dieses
Gegensatzes zur Klarheit kam. Der von der Sinnlichkeit bestrittene
«kategorische Imperativ» findet an dem legendarisch-geschichtlichen
Stoff des Mädchens von Orleans die Formulierung:

... Ein blindes Werkzeug fordert Gott,


MitblindenAugen mußtest du's vollbringen.
Sobald du sahst, verlitifJ dich Gottes Schild,
Ergriffen dich der Hölle Schlingen!

Und wenn die «Schuld» der Jungfrau als «tragische Schuld» bis-
lang immer schwer begreiflich war, so gewinnt sie nun von dem Schil-
ler her ihre Erhellung, der die Glaubensbewegung des Mittelalters

166
KATHOLIZITÄT

und ihre Auswirkungen aus dem Kantischen Sittengesetz verstand und


damit an einem im übrigen im Bereiche des Wunders belassenen Stoff
das sittliche Problem behandelt, dessen abstrakte Überspannungen in
den «Xenien» seinen Spott herausgefordert hatten. Unter diesem sitt-
lichen Blickpunkt wurde «Die Jungfrau von Orleans» «zur Tendenz-
poesie im höchsten Sinn», bestimmt nach Schillers eigenen Worten
«mit der Ohnmacht, der Schlaffheit, der Charakterlosigkeit des Zeit-
geistes und mit einer gemeinen Denkart zu ringen». Darum konnte,
ja mußte der Gestalt Johannas im Gegensatz zu Voltaire jene höchst-
gesteigerte Idealisierung zuteil werden. Darum auch wird Johanna
entgegen der Geschichte nicht verbrannt: Schiller konnte das, was er
am Mittelalter als «abgeschmackte Verirrungen der Superstition» be-
trachtete, nicht brauchen, sondern nur «das erhabene Schauspiel einer
über alle Sinnenreize siegenden Vernunftidee », die in der «Jungfrau
von Orleans» mit der von Gott gewollten Befreiung des Vaterlandes
gleichgesetzt wird.
Es ist eigenartig, zu sehen, wie Schillers gesamtes Verhältnis zum
mittelalterlichen Katholizismus in der späteren Zeit eine Wandlung
erfährt durch die dem Kantisch befruchteten Historiker aufgegangene
Erkenntnis, daß in den mittelalterlichen Institutionen und ihren per-
sönlichen Trägern eine reine Idee wirke, die die Massen in Bewegung
zu setzen imstande war. Es herrscht eine innere Folgerichtigkeit in
diesem Vorgange, im Verlaufe dessen die mit strengster Selbstverant-
wortlichkeit sittlich urteilende protestantische Persönlichkeit schließ-
lich sogar zu einer Verherrlichung des katholischen Rituals und seiner
Mächtigkeit gelangte. Der «Zeitgeist» war insofern dabei im Spiele,
als die beginnende Auflösung aller bestehenden Verhältnisse diesen
Rückzug auf überlieferte und immer noch wirksame Bindungen ge-
bot; insofern auch, als die aufklärerische Zersetzung des deutschen
Geistes als Heilmittel der auf das Gemüt und die Sinne wirkenden
Symbolkraft alter, festgegründeter religiöser Formen bedurfte, inso-
fern endlich, als Schiller die geistige Bewegung um ihn herum in die
gleiche Richtung weisen sah. Sein Wille, sich der Zeitvorgänge in jeder
Weise zu bemächtigen, wirkte auch hier. In solchen Zusammenhängen
muß schon die 1800 beendete «Maria Stuart » gesehen werden. Sie sei,

167
«MARIA STUART»

hat man gesagt, «katholisch gedacht, so katholisch wie damals nur


irgendein Romantiker denken konnte». Maria Stuart, die katholische
Dulderin, ihrer protestantischen Feindin Elisabeth so gegenüberzu-
stellen, wie Schiller es tut, sei nur in einer Zeit möglich gewesen, in
der für den Katholizismus neues regesInteresse erwacht war. Gewiß,
Mortimers Erzählung vor Maria von seiner Romreise ist mehr als ein
bloß aus dem aufschäumenden, sinnenhaften Temperamente des jun-
gen Schwärmers zu erklärender Ausbruch: es fehlt ihr in ihrer Gehoben-
heit und werbenden Kraft nicht der persönliche Anteil des Dichters:

Ich hatte nie der Künste Macht gefühlt:


Es haßt die Kirche, die mich auferzog,
Der Sz'nne Reiz, keinAbbild duldet sie,
Allein das körperlose Wort verehrend.
Wie wurde mir, als i'ch ins Innre nun
Der Kirchen trat und die Musi'k der Himmel
Herunterstieg und der Gestalten Fülle
Verschwenderisch aus "Wand und Decke quoll,
Das Herrli'chste und Höchste, gegenwärtig,
Vor den entzückten Sinnen sich bewegte,
Als ich sie selbst nun sah, die Göttlichen,
Den Gruß des Engels, di'e Geburt des Herrn,
Die heil'ge Mutter, die herabgesti'egne
Dreifalti'gkei't, die leuchtende Verklärung-
Als ich den Papst drauf sah in seiner Pracht
Das Hochamt halten und di'e Völker segnen.

Es liegt nahe, diese Verse, die in die ehrfurchtgebietende Szene aus-


münden, in der auch Stefan Georges «Leo XIII.» im «Siebenten
Ring» die höchste Würde und Bewiesenheit einer auf Erden wirk-
samen Ordnung feiert, in die Nähe jener katholisierenden Kunst-
empfindungen zu rücken, die aus der Frühromantik laut werden: in
Wackenroders und Tiecks «Herzensergießungen eines kunstliebenden
Klosterbruders» und «Phantasien über die Kunst», in dem Schlegel-
sehen Kreise nach Betrachtung der Kunstwerke der Dresdener Galerie.
Ist in dieser Schillersehen Rede der «Bund der Kirche mit den Kün-

168
ROMANTISCHER KUNSTKATHOLIZISMUS

sten» ebenso programmatisch gefeiert worden wie in August Wilhelm


Schlegels gleichnamigem Gedicht aus demJahre 1800? Aber von diesen
gekünstelten Stanzen oder den Gemäldegesprächen und -gedichten des
«Athenäums» von 1799 führt bei genauerem Zusehen kein unmittel-
barer Weg zu Schillers Versen, die aus dem Zusammenhange des Dra-
mas und dem Geiste des Dichters nicht gelöst werden dürfen. Mor-
timers «Herzensergießung» fließt nicht, wie doch im wesentlichen die
frühromantischen Bekundungen, aus dem Erlebnis der christkatholi-
schen Kunst und aus der spiegelnden in die Seele und in das
Verfahren des die Kunst als Religion frommen Künstlers.
Schiller geht es um den geschichtlich-kulturellen und bildungsmäßi-
gen Horizont, dem der Katholizismus eingefügt ist, und um die von da
aus auf den einzelnen Menschen treffende und ihn formende Wirkung
der katholischen Kirche als der in der Geschichte sichtbar gewordenen
Göttlichkeit. Es geht ihm um die gesamte erprobte und durch die
Überlieferung geheiligte Zurüstung des Katholizismus und um die
seelischen Schauer, die von da ausströmen. Deutlicher noch als aus den
Worten Mortimers wird Schillers späteres geschichtliches und psycho-
logisches Verständnis für den Katholizismus aus der Beicht- und Abend-
mahlsszene des fünften Aufzuges der «Maria Stuart» und den Worten
der Heidin über die Kirche, «die allgemeine, die kathol'sche »:

Denn nur der Glaube aller stärkt den Glauben.


Wo Tausende anbeten und verehren,
Da wird die Glut zur Flamme, und beflügelt
Schwingt sich der Geist in alle Himmel auf

Diese Universalistische und vereinigende Idee des Katholizismus hätte


schärfer nicht von dem späteren Friedrich Schlegel, von Adam Müller,
Görres und anderen gefaßt werden können. Der Ehrfurcht aber vor
den Bräuchen und dem Kultus der Kirche gaben ja auch «Der Gang
nach dem Eisenhammer» und «Der Graf von Habsburg» Ausdruck._
Bleibt die Frage, ob solche Haltung der Schillersehen Dichtung auf
eine geheime Gläubigkeit des etwa zum Katholizismus neigenden spä-
teren Dichters hindeute oder ob sie sich den stofflich bedingten und
eigengesetzlichen Notwendigkeiten dieser Dichtungen ein- und unter-

169
EINBAU DES KATHOLISCHEN

ordne. Diese Frage beantwortet sich unschwer. Es kann nicht die Rede
davon sein, daß der spätere Schiller, der sich gleichzeitig ebenso in den
Geist der Antike wie in die geschichtlichen Kämpfe des Protestantis-
mus hineinzuversetzen vermag, der den Ursprung und Werdegang
aller menschlichen Kultur («Das Eleusische Fest», «Der Spaziergang»)
feiert und die Sozialformen des bürgerlichen Daseins seiner Zeit («Das
Lied von der Glocke») preist; der sich der Ergründung einer auf ihre
letzten Werte bezogenen, übergeschichtlich gesehenen Kunst und Sitt-
lichkeit widmete; der zur Versinnlichung seiner Idee vom Tragischen
dramatische Stoffe aus al!en Bereichen der alten und neuen Geschichte,
aber ebenso solche aus dem kriminellen Leben seiner Tage hervor-
zog-, daß er, bestrebt aller entgegengesetzten Erscheinungen seiner
Zeit Herr zu werden und sie in sich anzusammeln, vor dieser Zeit und
seinem eigenen stets kampfbereiten Ich kapituliert habe durch eine
Flucht in den sicheren und süßlockenden Schutzraum des Katholizis-
mus. Die der katholischen Kirche gerecht werdenden Anwandlungen
seiner späteren Poesie gehörten zu den Forderungen, die gewisse Stoffe
an den der Vergegenständlichung zustrebenden «Realisten» Schiller
stellten. Sie waren keine Werbung für die Kirche und keine Versel-
bigung des Menschen Schiller mit ihr, sie waren auch kein Bereich, in
dem sich der Künstler aus ästhetischer Neigung angesiedelt hätte,
aber sie waren auch nicht ein Etwas, das der Dichter und Mensch ganz
von sich hätte entfernt halten können. Sie waren durch Stoff, Gehalt
und Form im Rahmen jener Werke und durch den der bloßen Selbst-
darstellung nun abgeneigten schöpferischen Willen des Dichters ge-
fordert. Doch daß diese Forderungen sich anmelden konnten, ohne ab-
gewiesen zu werden, beruht auf der Weiterentwicklung, die Schiller
seit seinen geschichtlichen Studien und nicht unbeeindruckt von der
in seiner Zeit sich vollziehenden Sinnesänderung gegenüber Mittel-
alter und Katholizismus nach «Don Carlos » durchgemacht hatte. Das
schloß nicht aus, daß gelegentlich die alte antikatholische und refor-
matorische Gesinnung durchbrach, wo es sich um das Verhältnis der
Kirche zu der nationalen Gesamtentwicklung Deutschlands handelte.
So in der « Universalhistorischen Übersicht» über die Kreuzzüge und
über die Zeit Friedrichs I. in der «Allgemeinen Sammlung historischer

170
WECHSELNDE SICHT

Memoires vom zwölften Jahrhundert bis auf die neuesten Zeiten»


(1790ff.), so in dem Gedichtentwurf «Deutsche Größe», der der ersten
Zeit nach der Jahrhundertwende angehört:

Schwere Ketten drückten alle


Völker auf dem Erdenballe,
Als der Deutsche sie zerbrach,
Fehde bot dem Vatikane,
Krieg ankündigte dem Wahne,
Der die ganze Welt bestach.

Es kam eben auf den durch Stoff und Fragestellung gegebenen Stand-
ort des Dichters an. In solcher wechselnden Art seines Sehens lag keine
mit moralischem Urteil treffbare Unsicherheit, Halbheit oder Berech-
nung. Sie war das Gegenteil jeder Pedanterie und Starrheit. Sie war
eine Folge der ursprünglichen Mischungen seines Charakters und der
durch seinen Entwicklungsgang nicht beseitigten, sondern eher er-
höhtenßeeindruckbarkeit seiner Seele. Zeitgenossen wollten denKampf,
den «Schwärmerei, Vernunft, Einbildungskraft» in ihm führten, auch
in seinen Gesichtszügen mit der «sonderbaren Mischung von Schwer-
mut, Freundlichkeit, Ernst und Zerstreuung» erkennen. Er war ja
längst kein Fertiger. «Er hatte», sagt Goethe 1830 von ihm, «ein
furchtbares Fortschreiten, wenn man ihn nach acht Tagen wiedersah,
so fand man ihn anders und staunte und wußte nicht, wo man ihn
anfassen könnte. So ging's immer vorwärts bis sechsundvierzig Jahre,
da war es dann weit genug.» Es war das freilich ein anderes bestän-
diges Werden als das der romantischen Naturen, die nun neben ihm
aufkamen. Es war kein Werden, dem der Mensch zuschaute und sich
fügte als einem aus geheimer Quelle des nie ruhenden Lebens ge-
speisten Vorganges. Mochte sich im Grunde dieser Vorgang auch beiihm
abspielen und seiner Willkür entzogen sein, so war doch nicht dies für
ihn selber das Entscheidende, sondern die tätige Richtung des Willens
und des Bewußtseins auf ein ständiges Weiterschreiten und Neusein
und Versuchen und Abtasten.
Die Frage, wieweit Schiller dem Geschichtssinn der « Romnatik »
seiner Zeit entgegenkam und wieweit er sich im Grunde von ihm

171
SCHILLER UND DER ROMANTISCHE GESCHICHTSSINN

unterschied, muß nochmals an «Die Jungfrau von Orleans» anknüpfen.


Sie führt den Untertitel «Eine romantische Tragödie». Schiller ge-
brauchte hier den Ausdruck «romantisch» im üblichen Sinne des
18. Jahrhunderts als Bezeichnung für das Phantastische, Seltsame,
Außergewöhnliche, Wunderbare mit dem Beigeschmack des Mittel-
alterlich-RitterlichEm und Damit aber ein Pro-
gramm aufzustellen im Sinne der neben ihm wirkenden literarischen
Gruppe, der Frühromantik oder «Romantischen Schule», die mit dem
Worte spielte, um einen Teil ihres Wollens, sei es in bezug auf die
Dichtung, sei es in bezug auf den geschichtlichen Zusammenhang
zu bezeichnen, in dem sie sich empfanP- - das war nicht entfernt
seine Absicht. Doch in der Zeit, da die Luft mit dem Streite um das
sogenannte «Romantische» und die «Romantiker» erfüllt war und
die Wertungen historischer, ästhetischer, ethischer Art durcheinander-
wirbelten, hat der Untertitel des Dramas zu einem lebhaften Mei-
nungsstreit in der Öffentlichkeit geführt, aus deren Prüfung sich auch
für Schillers eigentliche Stellung in diesem Werke manches ergibt.
Die literarhistorisch so genannten Romantiker haben das Drama nicht
als zu ihnen gehörig ansehen können. So schreibt Friedrich Schlegel
am 15. September 1802, der Mystizismus in SeheHing sei in seinen
Augen gerade so lächerlich, wie «das Romantische in Schillers Jo-
hanna ».August Wilhelm Schlegel nennt 1806 das Werk «eine roman-
tische Fratze». In der siebenunddreißigsten der Wiener Vorlesungen
über dramatische Kunst und Literatur, in der er die Werke Schillers
mustert, wird über das Wort «romantisch» in Verbindung mit der
«Jungfrau von Orleans» nichts geäußert. Es heißt nur, Schiller habe
geglaubt, «an einem wunderbaren Stoff, wie die Geschichte der ,Jung-
frau von Orleans' ist ... sich mehr Freiheiten erlauben zu dürfen».
Dann aber wird ihm die Zuständigkeit, sich mit dem «Wunder» zu
befassen, bestritten: «Das Wunder konnte der Dichter dahingestellt
sein lassen, wenn ihn der Zweifelgeist seiner Zeitgenossen davon ab-
lenkte, es für wahr zu geben; und das wahre schmachvolle Märtyrer-
tum der verratneu und verlassneu Heidin würde uns tiefer erschüttert
haben, als das rosenfarb erheiterte, welches Schiller in Widerspruch
mit der Geschichte ihr andichtet.» Das deckt sich im wesentlichen mit

172
EINE «ROMANTISCH.E TRAGÖDIE»

dem Urteil Carolines, die ihm schon im Jahre 1801 geschrieben hatte:
«Was denkst Du nun vom Mädchen von Orleans? ... Es ist doch nichts
als eine sentimentale J eanne d' Are. Sie ist tugendhaft und verliebt, sie
glaubt sich wirklich inspiriert (nun das wär gut) und es gehen auch
Zaubereien vor. Allein denke Dir den Gräuel, sie wird nicht verbrannt,
sie stirbt an ihren Wunden auf dem Bette der Ehren.» August Wilhelm
Schlegel hat, wie so oft auch hier, die eigentliche Substanz eines lite-
rarischen Urteils von seiner Gattin und «geschickten Freundin» emp-
fangen, es aber der schalkhaften Grazie entkleidet und in einen stren-
gen Schulspruch verwandelt. Die Frühromantik verspürte in dem
Werke die an den historischen Stoff von außen herangetretene dich-
terische Persönlichkeit, die ihn unter bestimmten sittlichen und tra-
gisch sein sollenden Begriffen und im Hinblick auf die in der eigenen
Zeit liegenden Erfordernisse meisterte und das Übersinnliche als not-
wendigerweise zu ihm gehörig hinnahm. Ihr fehlte hier das Sich-
selbstsetzen der Geschichte als einer Lebensoffenbarung und Über-
vernünftigkeit. Karl Solger, der 1780 geborene Freund Tiecks, der tiefe
und feinfühlige Philosoph, Ästhetiker, Kritiker und Mythologe des ro-
mantischen Zeitalters, auch einer der zu früh (1819) verstorbenen Un-
vollendeten aus der romantischen Generation, sagt wie so manchmal
auch hier vom Standpunkt der Romantik das Weiseste: «Seine Jung-
frau von Orleans führt eben aus dieser Neigung zu einem ganz un-
dramatischen und unpraktischen Idealisieren der Geschichte. Seine
Absicht war hier das sogenannte Romantische, wie es ihm in den un-
bestimmten Bildern, welche die neuaufgeweckte Neigungdazuskizziert
hatte, dunkel vorschweben mochte. Dieses Stück schwebt daher selbst
großenteils in der Luft, besonders schadet ihm die ganz willkürliche
Annahme des Wunders, die ohne Zweifel niemand durch die Kraft der
Darstellung überzeugt. Aber eben dieses Spiel mit demhalbWahren und
halb Unwahren reizt die Menge, weshalb das Stück viel Glück machte,
und doch muß es sich leider heutzutage auch durch den bis zum Un-
sinn ausgeputzten Krönungszug in der allgemeinen Gunst erhalten.»

Ob Schillers der Philosophie oder seine der Geschichte gewidmete


Arbeit für das Reifen seines Geistes und das Inbild seiner Gestalt wich-

173
GESCHICHTE ODER PHILOSOPHIE?

tiger sei, solche Frage wäre müßig. Geschichte und Philosophie sind
fortan bei ihm unzerreißlich miteinander verwoben. Sie waren beide
in gleichem Maße an der Gewinnung seiner späteren grenzenlosen
Schau «von oben» beteiligt. Sie umschlossen, sich die Hand reichend,
beide den in ihrer Mitte stehenden Künstler und Dichter. Überall hat
bei dem späteren Schiller der Historiker dem Philosophen Vorschub
geleistet. Die Beispielgebungen aus dem Umkreise der menschlichen
Geschichte und Kultur, die seine philosophisch-ästhetischen Abhand-
lungen heranziehen, wären ohne das vorangegangene Ausgreifen des
Historikers Schiller kaum zur Hand gewesen. Der philosophisch-didak-
tische Lyriker Schiller, der Dichter des « Spazierganges», der «Vier
Weltalter», des «Eleusischen Festes», der «Künstler» entwickelt sich
aus den phantasievollen, moral-und kulturgeschichtlichen Überlegun-
gen, die er in seiner Jenaer Antrittsrede und in der Vorlesung «Etwas
über die ersteMenschengesellschaft» (in der «Thalia)) 1790) über die
Entwicklung des Menschengeschlechtes aus dem Urzustande anstellte.
Nicht Rousseau hat bei dieser Paraphrase der «Ältesten Urkunde des
Menschengeschlechtes)) Pate gestanden; die Anregung gab wohl Kant
mit seinem Aufsatz über den «Mutmaßlichen Anfang der Menschen-
geschichte)) ( 1786) und - zumal für den dichterisch erhöhten, nach-
drucksvollen und dialektischen Stil - Herder. Die späteren Gedichte
instrumentieren in Versen das Thema, das hier in Prosa bereits mit
allen Abwandlungen und Aufteilungen ertönte: wie der Mensch vom
Instinkt zur Vernunft, zur Freiheit und Humanität gelangte, wie er
«aus einem Sklaven des Naturtriebes ein freihandelndes Geschöpf, aus
einem Automat ein sittliches Wesen wurde)) und wie bei diesem Über-
gang die gesellschaftlichen Ordnungen und die Werke der Kultur ent-
standen. Zusammengeschaut stellt sich Schillers Geschichtsphilosophie
näher zu Herder als zu Kants älteren Gedankenreihen. Zwar sieht
Schiller wie Kant in der Weltgeschichte die Entwicklung aller der An-
lagen des Menschen, die auf den Gebrauch seiner Vernunft abzielen.
Aber tiefer ausgeprägt und umfassender ist sein Glaube an die mensch-
liche Vollendbarkeit. Damit und mit der Einweisung des Menschen in
den Mittelpunkt von Natur und Geschichte, die immer wieder auf ihn
zurückweisen, tritt er zu Herder. Mit ihm, im Gegensatz zu Kant, der

174
SCHILLER UND HERDER

die ganze Bestimmung des Menschen in der Erfüllung des Sitten-


gesetzes erschöpft sah, ist er davon überzeugt, daß «die stille Hand
der Natur schon seit dem Anfang der Welt die Kräfte des Menschen
planvoll entwickelt» habe. Ganz Herder nach Sinn und Form sind Sätze
wie diese: «Was die Natur in seiner Wiegenzeit für ihn übernommen
hatte, sollte er jetzt selbst für sich übernehmen, sobald er mündig war.
Er selbst sollte der Schöpfer seiner Glückseligkeit werden, und nur der
Anteil, den er daran hätte, sollte den Grund dieser Glückseligkeit be-
stimmen.» Für Kant war allein der in der Erfüllung des reinen Sitten-
gesetzes sich verwirklichende Wert derjenige, «worauf allein der Wert
der Person ankommt» und deshalb «die ganze Bestimmung des Men-
schen». Für Schiller gehtes-trotzdem sein Standpunkt weniger klar
ist als der Herders -,konnte es bei der Vielfalt seiner eigenen Natur
nur gehen um «den organisierenden Mittelpunkt jener gestalthaften
Einheit ... , in der sich sämtliche Seiten und Richtungen der Men-
schennatur zusammenschließen». Kants Wertung der in der mensch-
lichen Natur wirkenden Entwicklungskräfte hat einen pessimistischen
Bodensatz, Herder und Schiller sind glühende Optimisten, was den
Grund und Ausgang der menschlichen Vollendbarkeit angeht.
In jenen von der Geschichte durchwalteten Jahren erwog Schiller
Pläne, die auf ein Epos gingen, und traute sich, wie immer ehrgeizig
und hochfliegend in seinen Entwürfen, zu, auch hier letzte Forde-
rungen zu erfüllen, die er an sich selbst stellte. Dieses Epos sollte durch-
aus dem Umkreise der nationalen Geschichte entnommen sein. Erst
sollte Friedrich der Große, dann Gustav Adolf der Held dieses Werkes
werden. Die Übersetzung zwei er Gesänge der « Aeneis » des Vergil,
diese Fingerübung, die aus den epischen Anläufen als einzig Greif-
bares heraussprang, stimmt angesichts der VVeite und Ausschau der
Pläne Schillers eher traurig. Diese seine Gedanken um ein deut-
sches episches Gedicht lassen jene Erörterungen um so schärfer, ja viel-
leicht um so vereinseitigter sich abgrenzen, die von der deutschen
Klassik hernach über das Wesen und die Aufgaben der dichterischen
Gattungen gepflogen wurden. Auch wird aus diesen Erwägungen deut-
lich, wie er sich in den Jahren seiner geschichtlichen Arbeiten seiner
inneren Pflicht als Künstler und Schöpfer in den großen dichterischen

175
SCHILLER UND DAS EPOS

Gattungen stets bewußt war, und wie er sie nur zurückgestellt hatte,
um sie mit einem durch Geschichte und Philosophie geweiteten, aus-
gebildeteten und gestärkten Geiste von neuem anzugreifen.
Schillers theoretische Forderungen an ein Epos aus seiner Zeit be-
rühren die epische Situation der neueren deutschen Dichtung über-
haupt und weisen damit über ihn wie über die deutsche «Klassik» hin-
aus. Auch hier ist er in seinem Wollen und Planen weiter vorwärts-
gedrungen, als in seinem Erdenpensum zu leisten ihm gegeben war.
Ein episches Gedicht im 18. Jahrhundert, so meint er in jenem Briefe
an Körner vom 10. März 1789, in dem er diese Fragen zuerst angreift,
müsse ein ganz anderes Ding sein als eines in der Kindheit der Welt;
es müsse ein Spiegelbild des geistigen, kulturellen, politischen Lebens
seiner Tage sein, aber gleichzeitig die strengen Anforderungen an
die Gattung des Epos nicht unerfüllt lassen. Wohl solle für diese Gat-
tung die «Ilias» vorbildlich sein, was die schöne harmonische Ein-
heit und manche epischen Kunstgriffe betrifft. Aber die strenge gat-
tungsmäßige Klassizität soll nicht durch das Vorbild erschöpft
werden können. Er will diese epische Klassizität für die deutsche
Gegenwart neu begründen und ein selbständiges Muster für sie auf-
stellen mitHilfe einer «Maschinerie»,die er sich dazu erfinden möchte.
«Diese Maschinerie aber, die bei einem so modernen Stoffe in einem
so prosaischen Zeitalter die größte Schwierigkeit zu haben scheint,
kann das Interesse in einem hohen Grade erhöhen, wenn sie eben die-
sem modernen Geiste augepaßt wird.» Über die Art dieser Maschinerie
ist er sich freilich noch nicht klar. Aber der Einsatz an einer bestimm-
ten unglücklichen Situation im Leben des Preußenkönigs, eine ein-
fache Haupthandlung trotz reichlicher Episoden und hinter allem
immer das ganze Leben Friedrichs und sein Jahrhundert- das sind die
Forderungen, die er an sich selber richtet. Sie klingen an ähnliche weit-
räumige Planungen Herders aus innerlich Augenblicken an,
etwa im Tagebuch von Herders Reise nach Nantes: «Wie interessant»,
ruft Schiller aus, «müßte es sein, die europäischen Hauptnationen,
ihr Nationalgepräge, ihre Verfassungen, und in sechs bis acht Versen
ihre Geschichte anschaulich darzustellen! Welches Interesse für die
jetzige Zeit! Statistik, Handel, Landeskultur, Religion, Gesetzgebung:

176
NEUE ART EINES EPOS

alles dies könnte oft mit drei Worten lebendig dargestellt werden. Der
deutsche Reichstag, das Parlament in England, das Conclave in Rom
usw. » Vor allem aber volkstümlich soll ein solches Epos aus der Zeit
sein oder ins Volk soll es eingehen. Singen muß man es können, «wie
die griechischen Bauern die Iliade »,wie die Gondolieri in Venedig die
Stanzen aus dem «Befreiten J erusalem » singen. Kein anderes Versmaß
bietet sich ihm auch im Deutschen für ein solches Epos als die Otta-
verime. So hat Schiller schon damals eine im Deutschen noch nicht
dagewesene Art des Epos im Sinne: nationaler Gehalt, größtmögliche
Volkstümlichkeit, weitester panoramischer Horizont, Eingänglichkeit,
ja Sangbarkeit der Form sollten seine Kennzeichen sein. Aber erst nach
jenem Versuche an Vergil, erst gegen Ende des Jahres 1791 kommt er,
und wieder war es Körner, der ihn zu einem Epos angetrieben hatte,
auf seine Absichten zurück, mit stärkerer Entschiedenheit, klarerem
Wollen und unbestechlicher Einsicht in seine Fähigkeiten: «Und ge-
wiß, erhalte ich meine Gesundheit wieder und kann zu meinem Leben
Vertrauen fassen, so unternehme ich es gewiß.» Er schreibt sich alle
Eigenschaften zu, die den epischen Dichter machen: «Darstellung,
Schwung, Fülle, philosophischen Geist und Anordnung.» Nur eines
fehle ihm: «die Kenntnisse ... , die ein homerisierender Dichter not-
wendig brauchte, ein lebendiges Ganze seiner Zeit zu unifassen und
darzustellen, der allgemeine, über alles sich verbreitende Blick des
Beobachters. Der epische Dichter reicht mit der Welt, die er in sich
hat, nicht aus, er muß in keinem gemeinen Grad mit der Welt außer
ihm bekannt und bewandert sein». Stärker noch als früher betont er
nun die Notwendigkeit eines nationalen Stoffes und einer nationalen
Haltung für den epischen Dichter, der ihm vorschwebt. Man darf sagen:
diese epischen Pläne bedeuten um 1790 den entschiedenen Durch-
bruch des Nationalen in Schiller. Deswegen sind sie so wichtig. Was
er über diesen Punkt am 28. November 1791 an Körner schreibt, muß
aus der Vergessenheit gezogen werden: «Könnt ich es mit dem übri-
gen vereinigen, so würde ein nationaler Gegenstand doch den Vor-
zug erhalten. Kein Schriftsteller, so sehr er auch an Gesinnung Welt-
bürger sein mag, wird in. der Vorstellungsart seinem Vaterland ent-
fliehen. Wäre es auch nur die Sprache, was ihn stempelt, so wäre diese

12 Schultz, Klassik und Romantik, Bd.II 177


DURCHBRUCH DES NATIONALEN

allein genug, ihn in eine gewisse Form einzuschränken und seinem


Produkt eine nationeile Eigentümlichkeit zu geben. Wählte er aber
nun einen auswärtigen Gegenstand, so würde der Stoff mit der Dar-
stellung immer in einem gewissen Widerspruche stehen, da im Gegen-
teil bei einem vaterländischen Stoffe Inhalt und Form schon in einer
natürlichen Verwandtschaft stehen. Das Interesse der Nation an einem
nationeilen Heldengedichte würde dann doch immer auch in Betrach-
tung kommen, und die Leichtigkeit, dem Gegenstand durch das Lo-
cale mehr Wahrheit und Leben zu geben.» Jetzt aber hat Gustav Adolf
als Held eines solchen epischen Planes dem preußischen König den
Rang abgelaufen: er könne diesen Charakter nicht lieb gewinnen, er
begeistere ihn nicht genug, die Riesenarbeit der Idealisierung an ihm
vorzunehmen. War es die zeitliche Nähe, war es eine gewisse Fremd-
heit des Süddeutschen gegen das Preußenturn - kurz, ein Helden-
gedicht um die Gestalt Gustav Adolfs, das von der Schlacht bei Leipzig
bis zur Schlacht bei Lützen führen würde, erscheint ihm nun fähig, das
poetische, das nationale und politische Interesse vereinigen und gleich-
zeitig seine «Lieblingsideen» aufnehmen zu können. Denn auch hier
sollte es nicht bei dem historisch-handlungsreichen Stoff sein Bewen-
den haben: er ging aus auf eine «Menschheitsgeschichte». Seine Ab-
sicht richtete sich auch hier auf jene philosophische Durchdringung,
in deren Dienst der Universalhistoriker stand. Die Möglichkeit, diese
Menschheitsgeschichte philosophisch aufzurollen, glaubte er in der
Reformation gegeben, <<Und diese ist mit dem Dreißigjährigen Krieg
unzertrennlich verbunden». Noch aber ist er auch für diesen Stoff
nicht endgültig entschieden: «Es ist möglich, daß mir das vierte Jahr-
hundert oder das fünfte einen noch interessanteren darbietet.»
Daß Schillers Absichten auf ein Epos, so, wie es ihm damals vor-
schwebte, nicht zur Ausführung kamen, kann nicht tief genug beklagt
werden. Hätte er ihnen eine Folge gegeben, wenn ihm wie Goethe ein
längeres Leben und nach dem Durchlaufen der Epoche der eigentlichen
«Klassik» neue dichterische Fruchtansätze beschieden gewesen wären?
Die neuere deutsche Dichtung wäre mit einem solchen Werke, in
dem das Vaterländisch-Geschichtliche mit weitester philosophischer
Einsicht in die Wesenheit des Allgemeinmenschlichen vereinigt wer-

178
EPOS UND DRAMA

den sollte, an emem Herzpunkte berührt worden. War diese so


viel in sich schließende Aufgabe für ihn trotz der inneren Sicherheit,
mit der er sich als Epiker fühlte, doch zu groß, so daß er die Ver-
einigung breitester Verständlichkeit in menschlichem und vaterländi-
schem Sinne mit dem in Sonderheit Dichterischen weiterhin auf dem
vertrauten Gebiete des Dramas suchen mußte? Gewiß würde die Dich-
tung als solche bei einem Schillersehen Epos dieser Art mehr davon-
getragen haben, als sie bei seiner Dramatik davonträgt; denn das
Drama ist immer gezwungen, mit der Bühne und allem, was mit ihr
zwangsläufig zusammenhängt, Vereinbarungen zu schließen, und ver-
rät gerade bei Schiller diese Abhängigkeiten. Und dann vermag ja das
Epos den eigentümlichen und nationalen Geist eines Volkes zu sam-
meln, aufzubewahren und weiterzugeben. Hätten wir das neuere deut-
sche Nationalepos- etwa mit einem Stoffe aus der Völkerwanderungs-
zeit - von ihm empfangen, das zugleich als Menschheitsgedicht mit
Dantes Werk hätte wetteifern können? So entbehrt die neuere deutsche
Dichtung bis heute eines großen weltlichen, heroischen Epos' aus
eigenem Geiste und Stile. Die Hellsichtigkeit, der Reichtum, die kühn
ausgreifende Beweglichkeit des vorklassischen Schiller- sie erschauten
ein solches Werk. Doch als er sich zuletzt über seinen Plan äußerte,
im November 1791, hatte bereits « Wallenstein » begonnen, den
weltgeschichtlichen und menschheitsgeschichtlichen Gehalt des Gu-
stav-Adolf-Stoffes, das heißt des Dreißigjährigen Krieges, an sich zu
ziehen. Und schon wurde er durch die Kautische «Kritik der Urteils-
kraft» auf einen Weg geführt, der allen seinen Vorstellungen über
Kunst und Dichtung ein gewandeltes, maßgeblich sein sollendes, be-
grifflich unterbautes Gepräge gab, sie aber vielleicht auch von man-
chen Urquellen seines dichterischen und persönlichen Wesens abführte.
Diesen Schluß möchte man ziehen angesichts der späteren Erörte-
rungen über das Epos in seinem Gedankenaustausch mit Goethe in
den Jahren 1797 und 1798. Sie verraten nirgends, daß Schiller daran
gedacht hatte, mit dem Beispiel einer neuen, zeitgemäßen und na-
tionalen epischen Gattung hervorzutreten. Seine und Goethes Speku-
lationen über die epische und dramatische Dichtung sind ebstimmt
durch die Kantische Lehre von der Zweckfreiheit des Kunstwerkes und

12. 179
SPÄTERE SPEKULATIONEN ÜBER DAS EPOS

durch die sich daraus ergebende Zuordnung von Stoff und Haltung an
die dichterischen Gattungen mit dem Ziel, daß jeder von ihnen eine
Mustergültigkeit für die Darstellung bestimmter menschlicher Verhal-
tungsarten zukäme: daß sie würden « Naturformen der Dichtung».
Wie für die «Naturformen des Menschen», so war auf dervonWinckel-
mann ausgehenden Linie auch für die «Naturformen der Dichtung»
das Griechentum verbindlich, wenn es galt, die ein für allemal gül-
tigen Merkmale der dichterischen Gattungen abzuleiten. Allerdings
fiel im Rahmen der «Klassischen Ästhetik» die theoretische Begrün-
dung und Formulierung des Wesens und der Aufgabe der epischen
Dichtung vornehmlich Goethe zu. Schillers Ringen um die Vermitt-
lung der neagewonnenen Kunstphilosophie mit der Kunstübung ging
auf das Drama. Auch hier wurde es ihm bis zu seinem Ende schwer
genug, seine philosophisch-ästhetische Forderung mit der sinnlichen
Erscheinungsform seiner Schöpfungen zu vereinigen. Vollends an ein
Epos hat er, durch die neuen Kraftanstrengungen und neuen Anläufe
auf dem Gebiete des Dramas in Anspruch genommen, nicht mehr ge-
dacht. Ein solches Epos hätte sich jetzt mit seinen Aufstellungen decken
müssen, denen zufolge der epische Dichter uns bloß das ruhige Dasein
und Wirken der Dinge «nach ihren Naturen» schildert. Sein Zweck
liegt nach Schiller jetzt «schon in jedem Punkte seiner Bewegung;
darum eilen wir nicht ungeduldig zum Ziele, sondern verweilen mit
Liebe bei jedem Schritte». Alle Spannung und Unruhe sollten einem
solchen epischen Werke fern sein. Denn der dramatische Dichter «steht
unter der Kategorie der Kausalität, der Epiker unter der der Substan-
tialität; dort kann und darf etwas als Ursache von etwas Anderem
dasein, hier muß sich alles selbst um seiner selbst willen geltend
machen».
Derlei Abgezogenheiten und ebenso die Ausführungen über die
naive und sentimentalische Empfindungsweise, welche die Dichtungs-
arten und Dichtungsgattungen überwölbte, wie sie die Abhandlung
«Über naive und sentimentalische Dichtung» (1795) bot, waren nicht
geeignet, die epische Schöpferkraft im Sinne seiner früheren Pläne in
Bewegung zu setzen. Schiller hatte die Betätigung in der epischen
Dichtung an Goethe abgetreten. Die dramatische Bearbeitung des

180
WILHELM VON HUMBOLDT

Tellstoffes und der nebenherlauf-ende Plan Goethes, ihn episch zu


bewältigen, sind ein Beispiel dieser dichterischen «Arbeitsteilung».
Schiller konnte, ja mußte auf alle epischen Bemühungen nun ver-
zichten, als Goethe das Muster des epischen Gedichtes geschaffen hatte,
an dem die von der klassischen Ästhetik geforderten Merkmale des
Epos verwirklicht worden waren: «Hermann und Dorothea» (1797).
Es war eine «bürgerliche Epopöe», wie Wilhelm von Humboldt
dies Werk in seinen im Gedankenaustausch mit Schiller entstan-
denen «Ästhetischen Versuchen» nennt. Für Humboldt hat sich das
heroische Epos überlebt, und «es bleibt daher nichts anderes übrig,
als alle epischen Stoffe immer nur aus dem Privatleben, und zwar aus
derjenigen Menschenklasse zu nehmen, die wirklich auch jetzt noch
natürlicher, einfacher und antiker lebt». Das epische Gedicht verlangt
nach Humboldts Meinung «einen Zustand ruhiger, aber lebendiger
Beschauung, dessen Hauptmerkmale sich als Objektivität, Parteilosig-
keit und Totalität kennzeichnen lassen». «Hermann und Dorothea»
entsprach diesen Merkmalen. Das Werk war aus zwei Strömen ge-
speist: der bürgerlichen Weltanschauung, auf der die Klassik ruhte, und
der Maßgeblichkeit des griechischen Musters. An diesem, das heißt an
Homer, wurden von der Gruppe Goethe-Schiller-Humboldt die Züge
vornehmlich festgehalten, die dem klassischen Wunschbilde griechi-
scher Natürlichkeit und Einfalt, reiner Menschlichkeit und patriarcha-
lischer Sitte entsprachen. Es war eine Griechenvorstellung, die, von
Winckelmann ausgehend, durch die Odysseeübersetzung und die nie-
derdeutsche Idyllendichtung vonJohann Heinrich Voß ihren Durchzug
genommen hatte. Das Idyllische war für Goethe und Humboldt ein
unerläßlicher Bestandteil eines Epos, das den wohlverstandenen Ge-
setzen der epischen Gattung entsprach. Das große Welttheater der stür-
mischen Zeit brauchte dabei nicht ausgeschaltet zu werden, aber man
durfte es nur von ferne wittern. Es erschien in seiner Beherrschung
durch die unverrückbaren Mächte der bürgerlichen Stetigkeit und
Ordnung in Deutschland. In wohlabgewogener Formung faßt Goethe
dies bei seinem Epos befolgte Credo in die Sätze zusammen: «Ich habe
das rein Menschliche der Existenz einer kleinen deutschen Stadt in
dem epischen Tiegel von seinen Schlacken abzuscheiden gesucht und

181
EIN EPOS MENSCHLICHER URZUSTÄNDE?

zugleich die großen Bewegungen und Veränderungen des Welttheaters


aus einem kleinen Spiegel zurückzuwerfen getrachtet.» Mit dieser bür-
gerlichen Epopöe, mit dieser Stellvertretung des Naturhaft-Mensch-
lichen durch das Bürgerlich-Beharrende im Sinne des Goetheschen
Typusgedankens war für die Theorie der Klassik die eine Möglichkeit
epischer Darstellung aus ihrer Zeit erschöpft. Es bestand noch eine an-
dere: das Epos anzusiedeln in menschlichen Urepochen und es mit der
Entstehung und den Anfängen des Mythus und mythischer Haltung
überhaupt in Verbindung zu bringen. Damit wäre in anderer Weise ein
«dauernder Seinsgrund » für die epische Darstellung gefunden wor-
den. Goethe hat mit epischer Dichtung diesen Bereich nicht betreten.
Vielleicht, daß sein geplantes Tellepos menschlichen Urzuständen un-
ter dem Bilde eines fast Gotthelfisch erfaßten schweizerischen Bauern-
tums nähergekommen wäre. Er hat diesen Bereich des im Ursprung
Beharrenden freilich in anderer Weise gesucht, etwa in den «Noten
und Abhandlungen zu besserem Verständnis desWestöstlichenDivans ».
Auch die Romantik, die wir allenthalben in die Urtiefen mythischer
Verhaltungsweise hinabsteigen sahen, hat solchem Geist in epischer
Dichtung keinenAusdruck gegeben. Goethe schritt von der als idyllen-
haft angesehenen «Odyssee» zur kriegerisch-heldenhaften «Ilias>>, von
« Hermann und Dorothea » zu seinem Bruchstück der « Achilleis »
(1798/99) weiter .

. . . klinget nicht immer im hohen Palaste,


In des Königes Zelt, die Ilias herrlich dem Helden?
Hört nicht aber dagegen Ulyssens wandernde Klugheit
Auf dem Markte sich besser, da wo sich der Bürger versammelt?

Wenn so die erste der Goetheschen «Episteln» in Schillers «Horen»


die Verschiedenheit beider Werke festhielt, so ist doch fraglich, ob, wie
man gesagt hat, die bewegte Gegenwart und der heroische Geist einer
kriegerischen vVeltepoche auf diese Wendung vom Idyll zum Ansatz
eines heroischen Epos in der « Achilleis » von Einfluß gewesen sind.
Der Damm, den er ein für allemal der Sturmflut der Zeit entgegen-
setzte, war nach Gehalt und Form mit« Hermann und Dorothea» ge-
geben. Sonst hätte er wohl nicht an Stelle des von ihm nach der Leip-

182
DAs EPos DER RoMANTIK

ziger Schlacht erwarteten großen deutschen Nationalepos dies Werk


für das Volk zu einem wohlfeilen Preise wieder abdrucken lassen.
Schiller, beeindruckbar, ungemein beweglich, in den Jahren der
Klassik von allen Seiten Anregungen aufnehmend, neue Möglichkeiten
prüfend und hin- und herwendend, um sie der geistigen Organisation
und unmittelbaren Zwecken seiner Kulturpolitik dienstbar zu machen,
ist also nun mit seinen Gedanken über das Epos auf seinem früheren
eigentümlichen Wege nicht weitergegangen. Manches aber nach Stoff
und Haltung aus dem «Lied von der Glocke», der «Würde der
Frauen», dem «Spaziergang» gehörte nach klassischer Auffassung dem
Raum des idyllisch-homerischen Epos zu. Auf der anderen Seite darf ein
kulturhistorisch-didaktisches Gedicht wie das «Eleusische Fest» ein
mythologisierendes Kleinepos von den Anfängen menschlicher Kultur
genannt werden. Das Heroische aber wurde jetzt vom Drama, von
« Wallenstein » aufgezehrt. Als dessen Prolog verkündete, daß nun der
Dichter, kühn die alte Bahn verlassend, sein Publikum «aus des Bür-
gerlebens engem Kreis» auf einen höheren Schauplatz zu versetzen
unternehme, «nicht unwert des erhabenen Moments Der Zeit, in dem
wir strebend uns bewegen» -da waren die Entwürfe Schillers, die ein
Jahrzehnt vorher auf epischem Felde in die gleiche Richtung gewiesen
hatten, begraben. Dem Bürgerlichen sagte um die gleiche Zeit die Ro-
mantik den Krieg an. Sie sprengte die Bindungen des bürgerlich in
seiner Zeit verfestigten Menschen in sittlicher und sozialer Hinsicht
durch das Beispiel derer, die ihrem Kreise zugehörten. Aber sie wollte
den deutschen Menschen auch entbürgerlichen, indem sie dichtend
und denkend, ihn ins «Abenteuer» führte, in das durch stoffliche Ent-
ferntheit, den Mangel alltäglicher Beglaubigung und das Geranke
einer fremden Formensprache überwirklich Erscheinende. Aus diesem
Sinne flossen ihre Bemühungen um das Epos. August Wilhelm Schlegel
griff auf das romantische Epos der Gotik und Renaissance zurück. Seine
bruchstückhaften Übersetzungen ausDante, Ariost, Tasso, Montemayor,
Camoens waren eher dem romantisch-universellen Streben, aber doch
nur äußerlich verpflichtete, formale Probestücke in deutscher Sprache,
als daß sie einen bestimmtenWillen in gattungsmäßiger epischer Rich-
tung bekundet und für die deutsche epische Dichtung hätten vorbild-

183
SCHILLERS GRIECHENNACHEIFERUNG

lieh sein können. Größere Erwartungen in diesem Sinne erregte im


romantischen Kreise seine um 1800 begonnene Bearbeitung des «Tri-
stan » nach Gottfried von Straßburg, Heinrich von Freiberg und dem
Lanzelot-Romane. «Damals, im schönen Frühlingswetter, dichtetest
du den Tristan, der leider nicht vollendet ward, und uns ein National-
epos hätte werden können», schreibt Tieck in der Vorrede zum zweiten
Bande seines « Phantasus ». Ein Nationalepos? Welche liebenswürdige
Überschätzung dieser artistischen Bemühung, erklärlich aus der ersten
leidenschaftlichen Hinneigung zur damals auftauchenden altdeutschen
Poesie und aus den neuen Eindrücken von Dichtung, die sie der Ro-
mantik vermittelte.Ein Nationalepos würde weder dieses Werk gewor-
den sein, noch vermochte die Aneignung der spanischen Form der
Romanzendichtung durch die jüngere Romantik in Deutschland auf
den Weg einer nationalen epischen Poesie zu führen.
So ist es nicht das Epos gewesen, woran Schillers Griechenverehrung
und Griechennacheiferung sich letztlich dartun sollte. «Schiller und
die Antike» aber- das bedeutet für die deutsche Klassik ein Stück ihrer
Substanz, wenn auch keineswegs ihren ganzen Inhalt, geschweige ihre
ganze Form. In seinem Verhalten zur Antike (wobei man dieses Wort
als vorläufige allgemeinste Erkenntnisstütze nehmen möge) wird die
Grundform seines Geistes im Vergleich mit Winckelmann und Goethe
scharf erkennbar. Das Antikische bei dem reifen Schiller besteht nicht
im Ergreifen eines sein ganzes Wesen durchsetzenden Wunschbildes
vom Griechentum, nicht in einem persönlichen Nachlebenwollen zu
dem Ziele des einmal erschauten und erfaßten Griechentums hin und
nur auf fragwürdige Weise in der Befolgung von Kunstgesetzen und
Kunstgriffen, die er den Griechen absah. Keine wissenschaftliche Be-
mühung um dies Griechentum bei ihm, kein bohrendes Eindringen
in die ursprünglichen Quellen griechischer Weisheit, Dichtung und
Kunst - schon seine ungenügende Kenntnis der griechischen Sprache
hätte dies verboten - wie bei Friedrich Schlegel oder Nietzsche, keine
Methode der historischen Vergleichung, wie sie Herder im Hinblick
auf die Antike anzuwenden nicht müde wird; kein gesättigtes sinn-
liches Behagen und keine genugsame «Stille», keine beruhigende
tramontane Seligkeit fließen in den Menschen, in sein Erleben und

184
DAS HEROISCH-STOISCHE

seine Dichtung vom Altertum her ein, es sei denn, daß er in der Zeit
des Zusammenwirkens mit Goethe von dieser ihm greifbaren antiki-
schen Erscheinung manches auch in seine Dichtung von der Hellig-
keit, dem Maße, dem Geordnet-Naturformigen eingehen ließ, was die
deutsche Klassik unter dem antiken Zeichen sehen und anwenden zu
sollen glaubte. Schillers nach allen Seiten offene, aber das deutsche
Nord-Süd-Problem nicht am eigenen Leibe erlebende, auf das Groß-
formig-Gebärdete angelegte Natur, der es in der Epoche der Klassik
darauf ankam,_sich inmitten des Zusammenstromes so vieler auf die
Zeit eindringender oder von ihr abzuwehrender Kräfte und Nöte zu
behaupten, ergreift auch den Griechenglauben nicht nur aus einem
Gesetze seiner persönlichen Anlage heraus, sondern auch auf Grund
der Hochspannung der Geister am Ausgang des 18.Jahrhunderts und
der kulturpolitischen Situation, in die sein durch Ehrgeiz, Leiden und
Selbstprüfung geschärftes Auge hellsichtig und weitschauend eindrang.
Das Leidenschaftlich- Unruhvolle, Stoßhafte seines Geistes, die auf
Kampf, Sieg oder Unterliegen gestimmte Note seines Lebens, der sitt-
liche Grundtrieb seiner Daseinsanlage, das stete Übergewicht des Gei-
stig-Gedanklichen - all dies wird von ihm in den Raum seiner Be-
ziehungen zum Griechentum mit hineingetragen. So kann es leicht
geschehen, daß noch zu seiner Spätzeit dem gedanklich oder ge-
schichtlich weniger wachen Beschauer das Heroisch-Stoische in Schil-
lers Auffassung und Verwertung des Altertums mehr in die Augen fällt
als die schließliehe Zusammenfassung der geistigen, sittlichen und
sinnlichen Kräfte in einem menschheitlichen Totalitätsideal, das seine
an der Goetheschen Erscheinung sich aufrankende spätere Ästhetik
aus den Griechen ableitete. Es kann geschehen, daß man ihn trotz
seiner «sentimentalischen» Empfindung für den Widerspruch zwi-
schen der vergangenen schönen Griechenwelt und der bitteren Not-
wendigkeit des Tages manchmal als Ganzes in nächster bejahender
Nachbarschaft zu dem Römisch-Pathetischen sehen muß, dem seine
Jugenddramatik gehuldigt hatte. Aber dennoch mag es richtig sein,
daß ein «wirklich durchgreifendes selbständiges Erlebnis der griechi-
schen Kunst» Schiller nicht geschenkt, ihm auch ein solches «bei sei-
ner unsinnlichen, auf das Gedankliche gestellten Art nicht unmittel-

185
STUFEN DES GRIECFiENERLEBNISSES

bares Bedürfnis» war - kein anderer hat so sehr wie er in seinen


didaktisch-philosophischen Gedichten der späteren Zeit die deutsche
Phantasie bis heute mit Bildern und Beispielen aus der Welt antiker
Sage und Götterlehre erfüllt und damit allgemeine und ewig gültige
Muster der Sittenlehre, der Bürgertugend, der Vaterlands- und Ehr-
liebe auch für den einfachen Geist auf dichterisch eingäugliche und
einprägsame Weise vor uns hingestellt. Vielleicht wurde durch den viel
nachgeahmten und leicht nachahmbaren Stilmechanismus der Schil-
lersehen Dichtung aus den Gestalten des Altertums auf diese Weise
bisweilen so etwas wie eine des Geheimnisses und der Unmittelbarkeit
entleerte und der tiefen Bezogenheit entbehrende Schul- und Ge-
brauchsapparatur. Aber einer dichterisch erhöhten Gemeinverständ-
lichkeit der Sagen- und Götterwelt des Altertums, der Erkenntnis ihrer
auch auf die Forderung des Tages zu beziehenden Sinnhaltigkeit hat
keiner so Vorschub geleistet wie er.
Auf mehreren übereinanderliegenden Ebenen und nacheinander in
der Zeit spielt sich im übrigen Schillers Griechenerlebnis oder besser
die Nutzbarmachung des Griechentums im Zuge seiner denkerischen
und dichterischen Entwicklung ab, seitdem er zuerst 1785 in dem
«Briefe eines reisenden Dänen» über die Antikensammlung zu Mann-
heim aufWinckelmanns Spuren antike Kunstwerke nach einem ersten
Eindruck enthusiastisch beschrieben hatte. Die nähere Berü4rung mit
dem Griechentum ist dann offensichtlich eine Folge jenes Strebens
nach Ausweitung des Geistes,· das ihn zur Zeit seiner Übersiedlung
nach Weimar ganz durchdrang, der selbstprüfensehen Zeit des Über-
ganges in die schöpferischen Mannesjahre, in der mit der Erkenntnis
einer gewissen geistigen Sprödigkeit und Zurückgebliebenheit auch
eine gierige Hast ihn ergriff, Versäumtes nachzuholen und von allem
zu kosten, was die Epoche als lockendes und begehrenswertes Gut in
sich barg oder darbot. Es ist bei ihm mit dem Vorstoß ins Griechische
nicht anders als mit dem Griff nach der Kautischen Philosophie : beide
sind Notwendigkeiten, die ihm das, mit Goethe zu sprechen, «furcht-
bare Fortschreiten» seines Geistes auferlegte; beide sind sie Folge-
rungen aus der rücksichtslosen wie stolzen Selbsterkenntnis, die sich
in seinem Briefe aus Weimar vom 28.August 1787 (Goethes Geburts-

186
SCHILLER UND GüETHES «IPHIGENIE»

tag!) ausspricht: «Das Resultat aller meiner hiesigen Erfahrungen ist,


daß ich meine Armut erkenne, aber meinen Geist höher anschlage als
bisher geschehen war. Dem Mangel, den ich in Vergleichung mit an-
deren in mir fühle, kann ich mit Fleiß und Applikation begegnen und
dann werde ich das glückliche Selbstgefühl meines Wesens rein und
vollständig haben.» Es ist, als hätte das Ereignis «Weimar» ihm die
innere Verpflichtung auferlegt, nun auch in das Element des Griechen-
tums einzutauchen. Die Luft, in die er sich jetzt verpflanzte, war ja
erfüllt von der Bemühung der in ihr lebenden Menschen, die grie-
chische Welt zu verstehen und sich anzueignen. Stellvertretend für das
Griechische erschienen dort nach Winckelmanns Vorgang Italien und
Rom. In dem Namen Goethes schloß sich das alles zusammen. Zwi-
schen zwei Daten läßt sich ein innerer Zusammenhang herstellen: Ende
Juni 1787 bestellt Schiller bei Goeschen aus Goethes Schriften neben
« Werther » und « Götz » die soeben erschienene « Iphigenie », am
21. Juli desselben Jahres siedelt er nach Weimar über. Die 1788/89
verfaßte, 1789 erschienene Besprechung der «Iphigenie» und das im
Märzheft 1788 von Wielands «TeutschemMerkur» veröffentlichte Ge-
dicht «Die Götter Griechenlands» legen von der Berührung mit dem
neuen Kraftfelde Zeugnis ab. Die unvollendete, abgebrochene Be-
sprechung der «Iphigenie» trägt alle Kennzeichen eines ersten, bei-
nahe erstaunten Sichbegegnens mit einer für ihn ungewohnten Er-
scheinung, deren tastendes Verständnis er sich selber abgewinnt. Aber
wieviel einfühlendes und in die Entwicklung seines eigenen Geistes
vorwärtsweisendes Verständnis! Freilich, die entscheidende Frage nach
der Stellung der Griechen zu seiner Zeit wird noch nicht anders als
oberflächlich und mehrdeutig angerührt, diese für den besonderen
Gegenstand, um den es sich hier handelte, scharf gegensätzlich dahin
zu wendende Frage, ob die «Iphigenie» «griechisch» oder «deutsch-
goethesch» sei. Von Winckelmann her hat ihn ein Hauch angeweht,
wenn er in ihr «die imponierende große Ruhe» findet, «die jede
Antike so unerreichbar macht, die Würde, den schönen Ernst, auch in
den höchstenAus brüchen der Leidenschaft». Aber schon wird von ihm
angesichts des Monologes: «Noch einen! Reiche mir aus Lethes Flu-
ten ... » die moderne Erweichung und «Humanität» ins Licht ge-

187
GRIECHISCHE TRAGÖDIEN

rückt. «Hier hat», heißt es, «das Genie eines Dichters, der die Ver-
gleichung mit keinem alten Tragiker fürchten darf, durch den Fort-
schritt der sittlichen Kultur und den mildern Geist unsrer Zeiten unter-
stützt, die feinste edelste Blüte moralischer Verfeinerung mit der schön-
sten Blüte der Dichtkunst zu vereinigen gewußt und ein Gemälde
entworfen, das mit dem entschiedensten Kunstsiege auch den weit
schönern Sieg der Gesinnungen verbindet und den Leser mit der
höheren Art von Wollust durchströmt, an der der ganze Mensch teil-
nimmt, deren sanfterwohltätiger Nachklang ihn lange noch im Leben
begleitet.» Kein Zweifel, daß in solchen Worten schon der Ansatz ge-
geben ist zu einem Weg, auf dem Schiller - zu weit schärferen und
umfassenderen Einsichten in die deutsche Griechenauffassung und in
einen streng begrifflich durchzuführenden Gegensatz von« antik» und
«modern» gelangt- die «lphigenie» zur «sentimentalischen» Dicht-
weise stellen mußte. Die Abhandlung des Jahres 1795 gedenkt ihrer
allerdings nicht, wo sie die Mischung des «Naiven» und «Sentimen-
talischen» im «Werther», im «Tasso», im «Faust» erwähnt. Die
überscharfe, beinahe grausame Klassifizierung unter den beiden be-
rühmten Kategorien scheint - wenn es sich um eine verantwortliche
öffentliche Äußerung handeln sollte - an der ganz für sich bestehen-
den, unter kein Schema zu bringenden dichterischen Eigentümlich-
keit der «lphigenie» zu Schanden geworden zu sein. Aber an Körner
vermochte er am 21.Januar 1802 zu schreiben (was sich zu Goethes
Äußerung gegenüber Eckermann vom 21.März 1830 stellt), daß sie
«erstaunlich ungriechisch und modern» sei, damit heutiger Auf-
fassung sich nähernd.
Aus der Vergleichung der Goetheschen «lphigenie» mit derj'enigen
des Euripides und auf dieser ersten Ebene seiner Auseinandersetzung
mit den Griechen folgte für Schiller zunächst seine Tätigkeit als Über-
setzer griechischer Tragödien, der «Iphigenie in Aulis » und der ersten
Hälfte der «Phoenizierinnen» des Euripides. Wie er hier- nicht nur
August Wilhelm Schlegels Spott hat es ihm eingetränkt-, unfähig, sich
der griechischen Originale zu bemächtigen, zu älteren lateinischen,
französischen und deutschen Übertragungen greifen mußte, den Tri-
meter durch den fünffüßigen Jambus ersetzte, die Freiheit gegenüber

188
FRANZÖSISCHES DRAMA

dem griechischen Original so weit zu treiben gezwungen war, daß er


sein Übersetzungsverfahren eher als ein «Erraten» bezeichnete oder
daß, nach den vorsichtigen und schonenden Worten Wilhelm von Hum-
boldts, der antike Geist «wie ein Schatten durch das ihm geliehene
Gewand blickte» ; wie er Sinn und Form der griechischen Dramen er-
weiterte und verbreiterte und ins Rhetorische wendete, das Metrum
der Chorlieder nicht verstand und durch Anbringung des Reimes die
Chöre trivialisierte- dies und anderes ihm aufzurechnen, bleibt müßig.
Denn es ist gewiß, daß aus diesen Paraphrasen griechischer Stücke
sich für sein eigentliches späteres Verhältnis zum griechischen Drama
so gut wie nichts ergibt. Dies Verhältnis stellte sich auf einer höheren
Ebene für ihn ein. Diese Übertragungen aber fügten sich in sein ste-
tiges Streben nach einem Ziele, das in einem gewissen unbestimmten,
idealistischen V mriß vor ihm lag. Auch sie förderten sein Bemühen,
«mehr Simplizität in Plan und Stil . . . zu lernen», «das Wahre,
Schöne und Wirkende daraus zu abstrahieren und mir mit Weglassung
des Mangelhaften ein gewisses Ideal» daraus zu bilden. Es ist der ganze
Schiller, der da will, daß das griechische Original so sei, wie seine un-
geheure, die Materie zwingende Idealität möchte, daß es sei: «Ich
mußte mein Original erraten, oder vielmehr, ich mußte mir eins
erschaffen.»
Noch in eine andere Richtung weisen diese frühen Versuche am
griechischen Drama: sie halfen, sein Verhältnis zum pseudoantiken,
klassizistischen Drama der Franzosen, zu Corneille, Racine, Voltaire zu
klären und die Überlegenheit der wahren griechischen Kunst über sie zu
erkennen. Wurde er in der letzten Periode seiner dramatischen Ent-
wicklung, jedenfalls, was die dichterisch-theatralische Praxis betrifft,
auch wieder duldsamer gegen die klassizistische Tragödie Frankreichs,
machte der Typus, dem sein eigenes Drama seit «Wallenstein » zu-
strebte - ein Höheres über Shakespeare, der Antike, der französischen
Tragödie suchend - ihrer Technik auch gewisse Zugeständnisse: jetzt
sollte mit Hilfe dieser Übersetzungen aus Euripides vermeintlich echtes
Griechentum sein Wesen läutern und erziehen. Wie nachdrücklich
richtet sich nicht alsbald der Aufsatz «Über das Pathetische» (1795)
gegen die Franzosen, «wo wir höchst selten oder nie die leidende Na-

189
SHAKESPEARES SCHATTEN

tur zu Gesicht bekommen, sondern meistens nur den kalten deklama-


torischen Poeten oder auch den auf Stelzen gehenden Komödianten
sehen». Der frostige Ton der Deklamation, fährt er fort, «erstickt alle
wahre Natur, und den französischen Tragikern macht es ihre ange-
betete Dezenz vollends ganz unmöglich, die Menschheit in ihrer Wahr-
heit zu zeichnen. Die Dezenz verfälscht überall, auch wenn sie an ihrer
rechten Stelle ist, den Ausdruck der Natur, und doch fordert diesen die
Kunst unerläßlich. Kaum können wir es einem französischen Trauer-
spielhelden glauben, daß er leidet, denn er läßt sich über seinen Ge-
mütszustand heraus wie der ruhigste Mensch, und die unaufhörliche
Rücksicht auf den Eindruck, den er auf andere macht, erlaubt ihm nie,
der Natur in sich ihre Freiheit zu lassen. Die Könige, Prinzessinnen
und Helden eines Corneille und Voltaire vergessen ihren Rang auch
im heftigsten Leiden nie und ziehen weit eher ihre Menschheit als
ihre Würde aus. Sie gleichen den Königen und Kaisern in den alten
Bilderbüchern, die sich mitsamt der Krone zu Bett legen». Wie anders
die Griechen! «Nie schämt sich der Grieche der leidenden Natur, er
läßt der Sinnlichkeit ihre vollen Rechte und ist dennoch sicher, daß
er nie von ihr unterjocht wird.» Gerade die leidende Natur sei Gegen-
stand der griechischen Tragödie, und sie spreche wahr, aufrichtig und
tief eindringend zu unseren Herzen auch in der homerischen Dich-
tung. Die Abhandlung «Über naive und sentimentalische Dichtung»
setzt diesen Kampf gegen die pseudoantike Art der Franzosen fort, sie,
die es in der Unnatur und der Reflexion darüber am weitesten ge-
bracht haben, mußten zuerst und am stärksten von dem Phänomen
des Naiven gerührt werden, und sie erfanden ihm den Namen. Jetzt
wird Shakespeare den Franzosen als ein wahrhaft naiver Dichter ent-
gegengestellt, und sein Schatten reckt sich in den «Xenien» gegen sie
auf, die die Poesie mit dem «Witze» verwechseln. Noch der Brief an
Goethe vom 51. Mai 1799 fällt ein vernichtendes Urteil über Corneille
und zugleich, wenn auch in gewissem Abstande, über Racine.Von Cor-
neille aber ist ihm ausgemacht, daß «Handlung, dramatische Organi-
sation, Charaktere, Sitten, Sprache, alles, selbst die Verse ... die höch-
sten Blößen bieten».Armut der Empfindung, Magerkeit und Trocken-
heit in Behandlung der Charaktere, Kälte in der Leidenschaft, Lahm-

190
GRIECHENTUM UND FRANZOSENTUM

heit und Steifigkeit im Gang der Handlung, Mangel an Interesse sind


sein Teil. Wenn Schiller auch in den folgenden Jahren durch den Ein-
fluß des Weimarischen Theaterleiters Goethe und des Weimarischen
Hofes eine stärkere Anteilnahme an den Werken der französischen
Klassik nahegelegt wurde - es verdient festgehalten zu werden, daß
der eigentliche «klassische» Schiller wesenhafte Grundunterschiede
zwischen sich und dem Geiste der französischen Tragödie empfand und
in Worte faßte. Das bleibt merkwürdig angesichts der Merkmale seiner
späteren dramatischen Dichtungen, die, nicht zu ihrem Vorteil, in
einigem die von den Franzosen herkommende dramatische Linie ver-
raten. Schillers theoretische Ablehnung erklärt sich aus dem an der
Antike genährten Begriffe der idealen «Natur», der in der deutschen
Klassik wirksam war. Zieht doch auch das Gedicht «Die Antiken zu
Paris» einen Trennungsstrich zwischen Griechentum und Franzosen-
turn. Und es bestätigt sich, daß es die den Deutschen wahlverwandte
und eingegeistete Antike war, die die ideelle Grundlegung in dem viel-
fach unbewußten Gegensatz gegen den französischen Geist hergab und
somit auch für den politischen Kampf den instinktiven oder ideologi-
schen Ausgangspunkt bot. Derselben kritischen Einsichten, aus denen
heraus sich Schiller gegen die klassizistische Tragödie Frankreichs
wandte, bediente sich die Romantik, als es im ersten Jahrzehnt des
19.Jahrhunderts galt, Frankreich politisch niederzuringen, indem man
zugleich seinen kulturell-literarischen Anspruch auf eine Vormacht-
stellung bekämpfte. August Wilhelm Schlegels «Comparaison entre la
Phedre de Racine et celle d'Euripide » (Paris 1807) und seine vom
vaterländisch-heißen Boden zu Wien 1808 gehaltenen «Vorlesungen
über dramatische Kunst und Literatur» legen in eindringlichen Ana-
lysen dar, was bereits Schiller in schlagender Zusammenfassung über
die französische klassizistische Tragödie und ihren Unterschied von der
antiken mit negativer Wertung auszusagen hatte.
Wie immer läßt die erste Begegnung mit einer neuen, ihn im
innerstentreffenden Erscheinung bei Schiller einen Rausch entstehen:
eine unbedingte, ausschließliche Bejahung, ein allen Überlegungen
vorauseilendes, leidenschaftliches und zärtliches Umfangen, ein Über-
fliegen aller Grenzen und Bedingtheiten, eine Übersteigerung seiner

191
«DIE GöTTER GRIECHENLANDS»

selbst, in der sich kühne gedankliche Vorwegnahme mit seliger Emp-


findung mischt. So in dem Lied «An die Freude», so in dem Gedicht
«Die Götter Griechenlands». Beide Gebilde sind Siegel, aufgedrückt
auf den Inbegriff eines Geistes, der als heilige Gestalt die Nachwelt
durchwandelt, weil er der Ausdruck der letzten Übersinnlichkeit und
Überwirklichkeit seines Volkes ist. Die vergleichende Deutung der
Form, in der das Gedicht 1788 im «Teutschen Merkur» erschien, und
der, in der Schiller es in die Sammlung seiner Gedichte von 1803 auf-
nahm, liefert Handhaben, mit deren Hilfe sich auch an diesem ein-
zelnen dichterischen Gebilde der «Klassiker» Schiller fassen läßt. In
jener ersten rasch entstandenenForm wird das Gedicht gekennzeichnet
durch eine gehäuftere Fülle der Bilder und Gestalten und der Beispiel-
gebungen aus der griechischen Sagen- und Götterwelt, durch eine
stärkere Versinnlichung der das griechische Leben vergöttlichenden
Urkraft, durch eine erhöhte dithyrambische Haltung und einen um so
schneidender sich ergebenden Gegensatz zu dem Jetzt und zum Chri-
stentum. Denn dies ist ja der für den religiösen Denker Schiller be-
zeichnende Ansatz des Gedichtes überhaupt: während in dem Lied
«An die Freude» die das Weltall durchwaltende Urkraft ohne Seiten-
blick auf irgendwelche historischen Religionsformen und ohne Gegen-
satzempfindungenvon einem unbedingten Optimisten als gegenwär-
tig und zukünftig wirksam gepriesen wird - hier ist jener Augenblick
des ungetrübten Jasagens vorüber, und der alte, tief in Schillers Natur
begründete Gegensatz zwischen Geistigkeit auf der einen, Sinn und
Seele auf der anderen Seite, zwischen Gott-Natur und menschlicher
Persönlichkeit, zwischen wunschlosem Gelöstsein oder Gelöstseinwollen
und strenger befehlender Anspannung seines anderen Ichs, zwischen
heiterer und lächelnder Gelassenheit und finsterer Stirnfalte, zwischen
der Empfindung eines die Menschen unter sich und mit den Göttern
umschlingenden Rosenbandes und den unnachsichtlichen Ordnungen,
die durch die gesellschaftliche, geschichtliche und kulturelle Entwick-
lung heraufgeführt wurden - alles dieses flüchtet sich hier in den
Gegensatz zwischen griechischem Götterglauben, griechischer Götter-
nähe und unerbittlichem Richteramt, strafendem, zürnendem, den
Menschen vereinzelndem Walten des Christengottes, zwischen sinn-

192
DIE BEIDEN FASSUNGEN

licher Genugsamkeit und nie ablassendem Verbieten oder Fordern. Ge-


wiß zeigt die spätere Fassung von 1805 bezeichnende Weiterentwick-
lungen, nicht nur eine Straffung und Verkürzung, eine einheitlichere
Linienführung.Weggeblieben sind die Strophen, die dreimal von dem
Bilde griechischer Freude und Glückseligkeit sich abwenden und zu
dem von seinem christlichen Schöpfer abgetrennten, im All verlorenen
Ich des Dichters zurückkehren; die das Einigsein des Gottes mit den
Geschöpfen in der griechischen Zeit zu der Ratlosigkeit des jetzt Gott
Suchenden, die Wonne jenes gelösten Aufgehens in Gott-Natur zu dem
von dieser Beglückung jetzt ausgestoßenen Menschen in Gegensatz
stellen. Die jetzige strenge Polarität von Gott und Menschen beklagt
auch der Schluß des Gedichts in den drei Strophen der Urform. Aber
die grauenvolle innere Einsamkeit des Menschen und Dichters ist dort
auch das Schicksal des einen Christengottes. Er muß jener liebenden
und schmelzenden Vergesellschaftung der griechischen Götter ent-
behren. Welche eigene unsägliche Not Schillers, welches Versinken in
einen Abgrund von Verlassenheit und Bedrängnis spricht hier! So
fühlte auch Heinrich von Kleist und seinJupiter im «Amphitryon» ...
Jetzt ist der Mensch nur der «Würmer» erster, edelster: «Da die
Götter menschlicher noch waren, Waren Menschen göttlicher.» So
sagte schon jener Aufsatz über dieAntiken zu Mannheim (1785): «Die
Griechen malten ihre Götter nur als edlere Menschen und näherten
ihre Menschen den Göttern. Es waren Kinder einer Familie.» Die letzte
Strophe der Urfassung aber fleht den, der zugleich «Werk und Schöpfer
des Verstandes» ist, an, dem Dichter die Fähigkeit zu geben, ihn ganz
zu verstehen und durch die Kraft des Menschengeistes sich ihm anzu-
gleichen, oder aber auf dieser Welt die strenge Verpflichtung von Sitte,
Gesetz und Verstand ihn eintauschen zu lassen gegen jene «sanftere
Schwester», die Götter und Menschen in der alten Zeit regierte.
Man sieht: es wühlt noch der gleiche unausgetragene Kampf in Schil-
ler, von dem die «Freigeisterei der Leidenschaft» und die «Resigna-
tion» zeugten. Nur geben jetzt nicht die Tröstungen und Verheißungen
der Philosophie und des christlichen Dogmas den Widerpart her zu der
zweifelnden Aufgewühltheit des mit sich selber ringenden Menschen.
An ihre Stelle ist mit dem Eintauchen in die VVelt des Griechentums

13 Schultz, Klassik und Romantik, Bd.II 195


«DIE GöTTER GRIECHENLANDS»

dessen Einheit von «Sinnenglück und Seelenfrieden» als idealische


Heimat getreten. Noch «Das Ideal und das Leben» von 1795, schon
einer Stufe seines Denkens angehörig, auf der von ihm für den Wider-
spruch die Lösung gefunden war, erkennt den «vermählten Strahl»
von beiden nur auf der Stirn des «hohen Uraniden». «Die Götter
Griechenlands» aber empfingen 1805 statt der früheren drei End-
strophen einen Schluß, der den ausweglosen Dualismus der ersten
Form mit Hilfe eines bergenden Notdaches in ein bloßes Elegisches
verwandelte und die griechischen Götter in eine mythisch-symbolische
Ferne und Entrückung verwies, wo sie nur noch Gegenstand der Dich-
tung sein sollen, aber unmittelbar zu wirken aufgehört haben. Nun
sind sie als Gegenstand der Kunst und Dichtung im Sinne der Klassik
«Schein» geworden, «kein trügerischer, sondern ein ,aufrichtiger
Schein', der sich weder an die Stelle des Denkens, noch an die der
Wirklichkeit setzen will, sondern dem geradezu daran liegt, sich von
vornherein von beiden als bloßer Schein zu unterscheiden».
Daß Schillers «Die Götter Griechenlands» Ansätze und Vorausset-
zungen für die Herstellung der menschlichen Totalität bieten, wie
sie dem Kautisch geschulten und geklärten Denker alsbald gelang,
ist offensichtlich. «Die entgötterte Natur»,

Fühllos selbst für ihres Künstlers Ehre,


Gleich dem toten Schlag der Pendeluhr,

Morgen wieder neu sich zu entbinden,


Wühlt sie heute sich ihr eignes Grab,
Und an ewig gleicher Spindel winden
Sich von selbst die Monde auf und ab.

- das ist schon der Hintergrund, vor dem die Briefe «Über die
ästhetische Erziehung des Menschen» die Ganzheit und Harmonie des
Menschen fordern im Gegensatz zu dem auf ein Teilgebiet des Da-
seins eingeengten Verwalter des «Faches», des «Berufes», des täg-
lichen Geschäfts. Doch der Weg Schillers führte zur Ausgleichung von
Sinnlichkeit und Sittlichkeit, von wandellosem Sein und nie aussetzen-
dem Sollen. Sittlichkeit und Sollen- das war Schillers nordisch-deutsche

194
«DIE ANTIKE AN DEN NORDISCHEN WANDERER»

und christlich-protestantische Mitgabe. Der Weg führte nicht in em


Griechentum und - leiblich oder seelisch - in einen das Griechentum
ersetzenden Süden, wo sich die fordernde und sich und der Welt stets
gebietende Natur Schillers hätte lösen, auflösen, zur Ruhe setzen
können, wie es doch Winckelmann und wenigstens zeitweilig auch
Goethe geschah. Schiller war auch zeit seines Daseins zu sehr in sich
selbst belastet und zu unerlöst, um eine solche Erfüllung finden zu
können. Was kann wohl aufschlußreicher sein, als der nicht nur den
vielen unberufen nach dem Süden Ziehenden, sondern auch ihm sel-
ber geltende Zuruf der «Antike an den nordischen Wanderer», der
sich in der charakteristischen Urform in den «Horen» von 1795 findet:

Über Ströme hast du gesetzt und Meere durchschwommen,


Über der Alpen Gebirg trug dich der schwindlichte Steg,
Mich in der Nähe zu schaun und meine Schöne zu preisen,
Die der begeisterte Ruf rühmt durch die staunende Welt;
Und nun stehst du vor mir, du darfst mich Heil'ge berühren.•
Aber bist du mir jetzt näher, und bin ich es dir?
Hinter dir liegt zwar dein neblichter Pol und dein eiserner Himmel,
Deine arkturische Nacht flieht vor Ausoniens Tag;
Aber hast du dieAlpenwand des Jahrhunderts gespalten,
Die zwischen dir und mir finster und traurig sich türmt?
Hast du von deinem Herzen gewälzt die Wolke des Nebels,
Die von dem wunderndenAug' wälzte der fröhliche Strahl?
Ewig umsonst umstrahlt dich in mir I oniens Sonne:
Den verdüsterten Sinn bindet der nordiSche Fluch.

Man kann das hiermit an Schiller sichtbar werdende Problem bio-


logisch, charakterlich-urbildhaft, geschichtlich-national, ästhetisch oder
umweltbestimmt oder unter welchen Ordnungsbegriffen sonst sehen:
am ergreifendsten bleibt die Beziehung zu dem Sinne seiner letztlich
religiös erfüllten Persönlichkeit.
Zwischen «Die Götter Griechenlands», zwischen den Worten, die
«die Antike an den nordischen Wanderer» richtet, zwischen dem rüh-
renden, bekenntnishaften Gedicht «Das Glück» von 1799 laufen die
Fäden hin und her. Auch in das Griechentum selber und seine Götter-

13* 195
TODESPROBLEM

weh hat er, mindestens gelegentlich, eine Gegensätzlichkeit hineinge-


tragen, ohne die nun einmal sein Denken und seine Anschauung, wo
immer sie sich rührten, nicht auskommen konnten. Dies ist es, was uns
verbietet, die Stellung der «Deutschen Klassik>> zum Griechentum, sei es
auch nur in Beziehung auf Schiller allein, als geschlossen und wider-
spruchslos zu sehen. Das soll sagen: ohne der Abgründigkeit und Ab-
seitigkeit des im Polaren sich erschöpfenden Denkers und Dichters das
ihr gebührende Schwergewicht zu lassen. Um einen Pessimismus und
Dualismus im Verhältnis des Griechen zu seinen Göttern wird auch
Schiller gewußt haben. Daß der Mensch zu den seligen Göttern empor-
blickt, die das Erdenleid nicht kennen - dies wäre für ihn ein Gemein-
platz. Daß auch der Grieche sein Los in vollem Gegensatz zur Heiter-
keit des Olymps sehen konnte und daß ein solcher Zwiespalt sich ge-
rade in seiner bildenden Kunst gelegentlich spiegelt, ist ihm nicht ent-
gangen, und keine neuere wissenschaftliche Erkenntnis braucht somit
gegen ihn aufgerufen zu werden.Wohl vermochte er in den «Xenien»
dem damals so widerchristliehen Freunde zu sekundieren, wenn es galt,
Friedrich Stolbergs christlich-dogmatische und asketisch-eifervolle An-
griffe gegen das Neuheidentum des Gedichtes abzuwehren; wohl wird
in ihm dem Schreckbild des «gräßlichen Gerippes» das antike Abbild
des die Fackeln senkenden Genius und in den «Xenien», wieder in
Übereinstimmung mit Goethe, der «menschliche» Grieche, der in das
Grab hinein nochLeben pflanzte, von dem «törichten Geschlecht» ab-
gehoben, das «in das Leben den Tod stellt». Doch in den gleichen
«Xenien» zweifelt derselbe Schiller, ob die den Griechen zugeschriebene
ästhetische Lösung des Todesproblems nicht ihre Kehrseite habe:

Lieblich sieht er zwar aus mit seiner erloschenen Fackel;


Aber, ihr Herren, der Tod ist so ästhetisch doch nicht.

Vollends seine eigene spätere Lösung des Todesproblems ließ beide


Erscheinungsbilder hinter sich und vereinigte sie in einem höheren
Dritten. Die Abhandlung «Über das Erhabene» (1801) lehrt die Über-
windung desTodes dadurch, daß der Mensch eine Gewalt, die er derTat
nach erleiden muß, dem Begriffe nach vernichtet. «Eine Gewalt dem
Begriffe nach vernichten, heißt aber nichts anderes, als sich derselben

196
NACHGESCHICHTE DER «GÖTTER GRIECHENLANDS»

freiwillig unterwerfen. Die Kultur, die ihn dazu geschickt macht,


heißt die moralische.» Diese moralische Kultur aber hat ihren Grund
nicht bloß in einer moralischen Anlage der rationalen Natur des Men-
schen: auch in seiner sinnlich-vernünftigen, d. h. menschlichen Na-
tur ist eine Tendenz dazu vorhanden, die man eine ästhetische nen-
nen muß.
Von der Aussage, die «Die Götter Griechenlands» für die Wirklich-
keit von Schillers Geist enthalten, scheidet sich für die Geschichte und
Nachgeschichte der deutschen Klassik die Frage, in welcher vVeise das
Gedicht selber wieder «vermythisiert» wurde. Friedrich Leopold Stol-
bergs in den «Xenien» abgewehrte Kundgebung darf nicht, wie es in
einer durch gewisse Vorurteile bestimmten literarhistorischen Beurtei-
lung geschieht, lediglich als die zelotische Äußerung eines eifernden
Frömmlers abgetan werden. Sie hätte zwei Jahrzehnte später ähnlich,
ja genau so, aus dem Lager der Romantik, etwa von Friedrich Schlegel,
kommen können. Läßt man Stolbergs Auffassung von Weltanschauung
und Religion der Griechen, die nach ihm keinen Urheber der Dinge
und keine Vorsehung kannten und unter dem eisernen Szepter eines
blinden Schicksals zitterten, weswegen sie, wenn sie nicht verzagen
wollten, ihre Zuflucht zu blühenden Fiktionen nehmen mußten und,
unvermögend, das traurige System ihrer Schicksalslehre zu erheitern,
nur den Leidenschaften des flüchtigen Lebens zu schmeicheln ver-
mochten - läßt man dies auf sich beruhen, so verrät der Vorwurf, daß
unbeschadet seines poetischen Verdienstes das Gedicht nicht den letzten
Zweck wahrer Poesie erfülle, eine jetzt aufkommende, aus katholischer
Lehre fließende und typisch werdende Haltung, eben jene bei dem
späteren Friedrich Schlegel oder bei Eichendorff wiederkehrende. Auch
ihnen war, wie dem Grafen Stolberg, im mittelalterlich-scholastischen
Sinne, «der wahren Poesie letzter Zweck ... nicht sie selbst»; und
wenn Stolberg das Lied «An die Freude», das ihn «bis zu Wonne-
tränen» gerührt habe (denn es stand dem Totalitätsgefühl des Sturm
und Drang näher), den «Göttern Griechenlands» entgegenhält, wenn
er fragt: «Hat der Dichter zwei Seelen, ... bläst er aus einem Munde
kalt und warm?», so legt er den Finger auf eine wunde Stelle. Er
deutet damit auf die mangelnde welt- und kunstanschauliche Einheit-

197
ANTIK UND CHRISTLICH

lichkeit und Ausgeglichenheit des hin- und hergerissenen Schiller die-


ser seiner durcherschütterten Krisen- und Übergangszeit. Endlich
scheint der gehobene Schlußappell der Stolbergschen Kundgebung mit
dem Lobpreis der Vorstellungen und Segnungen der christlichen Reli-
gion und mit dem Vorwurf der Gotteslästerung auf Schiller trotz allem
nicht ohne Eindruck geblieben zu sein, so daß er später, als er diesem
Erzeugnis einer früheren Phase seiner Entwicklung frei gegenüber-
stand, manche Anstöße abschwächte, die das Gedicht den Gläubigen
gab. Waren doch seine Verteidiger wenig glücklich gewesen! Georg
Forster mit seiner Bekämpfung Stolbergs in dem «Fragment eines
Briefes an einen deutschen Schriftsteller über Schillers Götter Grie-
chenlands» ( 1789) war hier zu wenig treffsicher, um Schiller einen
Dienst zu leisten. Forster brauchte, offenen Auges, wie er der bewegten
Welt gegenüberstand, immer die erregende Anschaulichkeit und Sinn-
fälligkeit eines einzelnen Kunstwerkes, um eindringlich zu sein und
zu wirken. Wo er sich in Abstraktionen über Kunst und Dichtung ver-
liert wie hier, ist er, trotz seines Enthusiasmus, der den Einfluß
Winckelmanns nicht verleugnen kann, nicht auf der Höhe seines über-
ragenden schriftstellerischen Könnens; so auch in den Aufsätzen über
«Die Kunst und das Zeitalter» und «Über die Humanität des Künst-
lers», die Schillers «Thalia » 1789 und 1790 brachte. Andere folgten
auf dem Wege der Auseinandersetzung mit Schillers Gedicht, unter
ihnen Goethes Freund Karl Ludwig von Knebel. Die parodistischen
und ernsthaften, bis weit ins 19. Jahrhundert reichenden Erwide-
rungen, die Anklänge in der romantischen Lyrik und Erzählung, bei
Novalis, Eichendorff, Gotthilf Heinrich Schubert und anderen neben
ihnen und über sie hinaus begleiten die Wandlung des wissenschaft-
lichen Problems der griechischen Religion. Schiller hat es als erster
aufgerollt. Denn er, nicht Winckelmann, gab ihm die ganze Schwere
für seine und die folgende Zeit eben durch die schroffe Entgegen-
setzung des Antiken und Christlichen. Und er sicherte ihm die Wir-
kung durch die tiefe und leidenschaftliche Glut seinerTraumphantasie,
durch sein schmelzendes Eingehenkönnen in ein göttlich-griechisches
Idealreich, aber auch durch den hämmernden Taktschritt seiner sich
nicht genugtun könnenden Verse. In der deutschen Menschheit kam

198
HöLDERLIN

nun, was Schiller hier aufgerührt hatte, nicht zur Ruhe. Die Götter
Griechenlands, wie viele sich in denDienst ihrer immer abgründigeren
Erkenntnis stellen mochten, wurden nun bei den großen Dichtern und
Denkern unseres Volkes mehr als ein Gegenstand der intellektuellen
Bemühungoder als ein Bestandteil eines sogenannten «Bildungsgutes».
Sie waren fortan immer hinter der deutschen Geistigkeit zu verspüren,
auch wo ihre Namen nicht fielen. Ihr Eingriff in unser Wesen und
unsere Religiosität war um so nachhaltiger, als er am Ende des 18. Jahr-
hunderts in eine Zeit fiel, in der das dogmatische Christentum sich
nicht nur offene Bestreitungen gefallen lassen mußte, sondern sich
auch leise und innerlich in einem Flusse befand, innerhalb dessen es
durch eine Beseelung und Vergöttlichung des Alls, durch eine Im-
manenz des Göttlichen und der es versinnlichenden Kräfte oder durch
eine vom Geist her vollzogene idealistische Überbauung gewandelt,
umgedeutet, wenn nicht aufgehoben zu werden begann. Und welche
Bedeutung Mythenschau und Mythendeutung nach Schiller gewannen
- sie konnten in dieser oder jener Weise der Griechen nicht entraten,
wenn man auch über sie hinausdrang und ihren Göttererscheinungen
die Rätsel eines Urseins abfragte.
Hölderlin wurde durch «Die Götter Griechenlands» erweckt; neben
der übrigen Schillersehen Gedankenlyrik löste dies Gedicht ihm die
Zunge und gab für seine verehrende und bewußte früheAbhängigkeit
von dem großen schwäbischen Landsmann ein Unterpfand her, das
durch seine gesamte Entwicklung keimfähig und wandlungsfähig blieb.
Dies zu behaupten, ist keine philologische Grille.Alle auf eine Wesens-
schau ausgehende Betrachtung vermag nicht, mit der Wirklichkeit
und Mächtigkeit eines Vorganges zu wetteifern, auf dessen durch
ein einmal «Gesagtes» ein bis dahin schlummerndes, aber existenz-
haft vorhandenes, geistig-seelisches Seinsverhältnis seinerseits zum
«Sagen» und Sichauswirken gebracht wird. Doch schon in Hölderlins
Frühzeit ist es so, daß,wo bei ihm Schillers «Götter Griechenlands»
anklingen, die Schillersehe Zweiheit zwischen Griechentum und Chri-
stentum fehlt. Die Elegie «Griechenland» ( 1793 ), so nahe sie sich
inhaltlich und rhythmisch-stilistisch mit dem Schillersehen Gedichte
berührt, kennt nicht ein schreckhaftes Erwachen aus dem Einst zum

199
HöLDERLIN

Jetzt, sondern nur den einen Ton des seligen Hinüberwalleus ins Einst.
Es herrscht beiHölderlin von allemAnfang an die einheitlich-elegische
Haltung, und es geht bei ihm nicht nur um die griechischen Götter,
derenVerschwindenSchiller aus seinemHineingestelltsein in das christ-
liche Erlebnis beklagt hatte: bei Hölderlin ist die selige Ferne be-
stimmt durch ein «Hellas» als Gesamtvorstellung oder durch ein dies
Ganze vertretendes «Attika». Eine andere Frage ist, worin Hölderlins
späteres «mythisches Erleben» bestand und wie es sich bekundete. Ob
in diesem Vorgang dem Dichter oder dem Deuter das erste Wort ge-
bühre, ob er das Ich immer mehr verblassen mache, um gleichsam nur
noch Stimme mythischen Sagens aus einem überpersönlichen Reich
in der Form des Hymnus zu sein oder ob er individueller «Gestalter»
solcher Mythen sei, in denen Natur und Liebe, Vaterland und Volk,
Antike und Christentum, Ost und West aufgehen - diese Aporien aus
dem Umkreis einerneuen Hölderlin-Scholastik, der die Substanz «Höl-
derlin » schließlich ganz verlorenzugehen droht, berühren den Weg,
auf dem die von Schillers Gedicht unmittelbar ausgehende Ent-
wicklung sich vollzieht, nicht mehr. Doch soviel mag auch hier fest-
zustellen am Platze sein: daß der von Schillers «Klassik» erzielte
idealische Ausgleich vonich und Gott-Welt (nicht das monistische Auf-
gehen in einem All) auch der Sinn der Aussage Hölderlins ist und daß
die großen Gegensätze von Einst und Jetzt, von Natur und Mensch,
von Ichheit und Allheit, von Schicksal und Heldentum, von Freude
und Schmerz nicht als ungelöste Mißklänge, sondern als harmonis<;he
Akkorde in seiner Dichtung stehen. So wird später von ihm auch die
griechische Götterwelt mit dem christlichen Himmel in jener wunder-
samen Doppelwertigkeit verselbigt, die die geheimnisvollste Offen-
barung der Hölderlinschen Spätdichtung ist. Möglich war das nur, weil
die Götter Griechenlands ihm von vornherein nicht ferne Traumbilder
waren wie Schiller. Immer schon wollte er in sie «eingehen» als in
eine unmittelbar gegebene Wirklichkeit. Sie waren immer um ihn
vorhandene Gegenwart, und um ihrer Nähe gewiß, ihrer gewahr zu
werden, bedarf es nur eines Aktes - nicht mystischer Selbstaufgabe,
sondern eben jener mythischen Erlebnisweise, bei der der griechische
und der Christengott sich die Hände reichen können.

200
DIE FORM DER «GÖTTER GRIECHENLANDS»

Die Nachgeschichte von Schillers Gedicht ist auch eine Nachge-


schichte seiner Form, der achtzeiligen Strophe und ihrer trochäischen
fünfhebigen Andringlichkeit und Gespanntheit. Es ist das Maß, das
Hölderlins strophische Frühlyrik von Schiller übernahm. Das Wort
«übernahm» droht freilich ein Geschehen zu veräußerlichen, das sich
in einem noch nicht durchforschten Zwischenreiche vollzog: dem der
Ingangsetzung eines einmal gefundenen rhythmischen Ablaufes mit-
samt seiner Sprachgebung durch eine bestimmte zugehörige Gedan-
ken- und Gefühlslage, eine bestimmte Sinnhaltigkeit, für die sich, wo
sie auftritt, als Ausdruck der einmal geprägte Rhythmus immer wie-
der einstellt, weil er gleichsam ein bleibendes Maßverhältnis für die
in ihm geprägte geistige Situation geschaffen hat. So hat auch Goethes
«Braut von Korinth» den Stoff, der auf das Thema der «Götter Grie-
chenlands» die Anwendung machte, in einer Strophe behandelt, die
aus der Schillersehen herausentwickelt war. Und sonst: wie sollte den
nachitalienischen Goethe in seiner damaligen antikisch eingeschwo-
renen, widerchristliehen Verfassung nicht gerade dies Schillersehe Ge-
bilde als verwandten Geistes ansprechen! Es war eines der zeichen-
haften Bildwerke, die an dem Wege aufgerichtet sind, der - Goethe
und Schiller unbewußt und noch durch manche bewußte, aus un-
maßgeblicher Umwelt und vorübergehenden Situationen herrühren-
den Empfindungen versperrt- mit Notwendigkeit zu ihrer Vereinigung
führen mußte, die sich nach einem nur in solchen einzelnen Stationen
sichtbaren Gesetz vollzog. Daß dennoch - auch gegenüber der aus
dem Gesamtbereich der «Antike» ablösbaren Thematik der «Götter
Griechenlands» - der Ort, den die beiden «Klassiker» einnahmen,
nicht der gleiche war, ergibt sich schon aus der Überwölbung der
beiden getrennt bestehenden Strebepfeiler, worin die Front der deut-
schen «Klassik» besteht. Diese Zweiheit in Einem war durch Winckel-
manns Feststellungzweier Spielarten des «Klassischen» vorgezeichnet.
Er hatte von dem hohen Stil, in dem die Idee, den Stil,
in dem die Natur überwiegt, geschieden und jenen bei Phidias,
Aischylos, Michelangelo, diesen bei Lysipp, Sophokles, Raffael gefun-
den. In der deutschen Klassik ordnet sich Schiller der ersten, Goethe
der zweiten Reihe zu. Das ist an sich keine aufschlußreiche Erkenntnis

201
«KLASSISCH-ROMANTISCHES ZWISCHENSPIEL»

mehr. Sie reizt aber zu immer erneuten Abwandlungen der Formu-


lierung, so auch zu der, daß, wenn Schiller «die Gottheit im Pathos
seiner lauteren Seele» erfuhr, wenn sie ihm eine Offenbarung der
Transzendenz war, Goethe das Göttliche «in dem absichtslosen Schauen
einer adligen Sinnlichkeit» erlebt und es ihm eine Gegebenheit der
Immanenz ist. Goethe faßt den Gegensatz von heidnisch und christlich
als mögliche Grundhaltungen des Menschen naturhaft auf, Schiller,
durch eine historische Betrachtungsweise hindurchgegangen, mit der
christlichen Lehre durch niemals bei ihm abreißende Fäden verbun-
den, begreift sich selbst als einem geschichtlich heraufgekommenen
Zeitalter zugehörig, das die unbewußte Unschuld des Naturhaften ver-
loren hatte und sie nur ersetzen konnte durch eine gedankliche Selbst-
besinnung, in deren Zeichen sein Vorwärtsschreiten in eine neue
Menschheitsepoche bis zum Zusammengehen mit Goethe und weit
darüber hinaus steht.
Nicht nur die Gefilde der Geschichte und der durch Kant herauf-
geführten philosophischen Denkarbeit, nicht nur die Bemühung um
erzählende und epische Dichtung oder die ersten Berührungen mit den
Griechen liegen an dem Wege Schillers zur «Hochklassik». Manches
einzelne, scheinbar zusammenhanglos, strebt zur Mitte seines Wesens
und strahlt auf Zeit und Volk und auf die klassisch-romantische Ge-
samtbewegung aus. Der weltanschauliche, ästhetische und sittliche
Austrag, der um die Jahrhundertwende zwischen Klassik und Roman-
tik stattfand trotz ihrer Einheit im Zerstreuten (wenn man sie unter
den Kriterien der Zeitsituation und der nationalen
betrachtet), ebenso aber die weitgehende Übereinstimmung zwischen
Klassik und Frühromantik im Hinblick auf die Bildungsidee findet an
Schillers Besprechung von Bürgers Gedichten ( 1791) und in den an sie
sich anschließenden Auseinandersetzungen eine Verdeutlichung. Diese
Besprechung ist ein wahres «klassisch-romantisches Zwischenspiel».
Wenn Goethe erklärt haben soll, «er wünschte, Verfasser davon zu
sein», so muß sie seine Auffassung getroffen haben. Sehr begreiflich:
denn um die Verteidigung einer «Klassizität», auch bei dem Volks-
dichter, geht es hier.Jedes der Worte muß gewogen werden, mit denen
Schiller dem Talente Bürgers wünscht, daß es «die Krone der Klassizi-

202
SCHILLERS BEGRIFF DES «VOLKES»

tät» erringe : «immer gleiche ästhetische und sittliche Grazie», « männ-


liche Würde », « Gedankengehalt », «hohe und stille Größe». Daß es
gleichzeitig die Forderungen sind, die der Rezensent sich selber stellt,
weiß man nun zur Genüge. Wie aber steht es mit dem Begriff des
«Volks» und der «Volkstümlichkeit», von denen aus Bürgers Vertei-
digung geführt wurde und wird? Wie um die «<ndividualität», die
uns der Dichter vermitteln soll? Um mit dem zweiten zu beginnen:
nicht jede Individualität ist es nach Schiller wert, sich in der Dichtung
auszuprägen, sondern nur die, die sich bemüht, sich so sehr als mög-
lich zu veredeln und zur «reinsten herrlichsten Menschlichkeit» hin-
aufzuläutern. Die Klassik beurteilt die ästhetische wie die sittliche In-
dividualität also nicht als einen einzelnen, sich setzenden, die Recht-
fertigung in sich selbst tragenden Fall, sondern als das von der All-
gemeingültigkeit einer ästhetisch-sittlichen Norm bestimmte, immer
im Dienste dieser Norm stehende Glied und ausführende Organ eines
sittlich-ästhetischen Kosmos ... Und dann Schillers Festlegungen des
Begriffes «Volk». Er wolle Herrn Bürger nicht mit dem «schwanken-
den Wort» «Volk» schikanieren. Dann aber folgen doch strenge Grenz-
ziehungen. Mit ihnen hat er eine Frage aufgeworfen, die das ganze
romantische Zeitalter in Atem hielt und als ein Hauptanliegen des neu
heraufgekommenen Geistes einen kaum zu erschöpfenden Gegenstand
der Auseinandersetzung hergab: für die Schlegel wie für Arnim, Bren-
tano und die Brüder Grimm, für Görres und Adam Müller, für Arndt
und Jahn und für die vielen anderen, die es als eine Pflicht und Auf-
gabe der allgemeinen und persönlichen Situation ansahen, zu diesem
Thema zu sprechen. Es ist im 19.Jahrhundert und bis heute nicht zur
Ruhe gekommen. Ausgehend von Herder und Bürger, ihnen gegen-
über seine unerschütterliche Ansicht scharf und klar entwickelnd,
scheidet Schiller zwischen der Auswahl der Nation und der Masse der-
selben. Die klassische Grundanschauung von der «Elite» als Trägerin
des Bildungsbegriffes ist damit festgelegt. Ihr Unterschied zur Masse
ergibt sich aus «Kultur» und «Konvenienz», «welche die Glieder der
Nation in der Empfindungsart und im Ausdruck der Empfindung ein-
ander so äußerst unähnlich macht». Der Volksdichter hätte die Wahl,
entweder sich ausschließlich der Fassungskraft des großen Haufens zu

203
«VOLKSDICHTER» UND «VOLKSERZIEHER»

bequemen und auf den Beifall der gebildeten Klasse Verzicht zu tun,
oder den «ungeheuren Abstand», der zwischen beiden sich befindet,
durch die Größe seiner Kunst aufzuheben und beideZwecke vereinigt
zu verfolgen. Und nun legt er in längst nicht genügend gewürdigten
Ausführungen dar, wie er sich die Aufgabe des echten Volksdichters
denke.Man müßte sie ihrervollen Ausdehnung nach durchgehen und
bis in alle Einzelheiten beleuchten dürfen, um ihnen im Zusammen-
hange dieses schwerwiegenden Problems gerecht zu werden.Mit einem
Worte: das schillerisch-klassische Bildungsideal ist hier mit der Auf-
gabe einer wahren Volkserziehung in Verbindung gebracht. Sie er-
streckt sich auf Geist und Herz, auf Trieb und Denken, auf Sprache
und Affekte des Volkes. Überall werde der Volksdichter, der nach Schiller
(«man messe ihn nach den Fähigkeiten, die bei ihm vorausgesetzt
werden, oder nach seinem Wirkungskreis») einen solchen hohen Rang
verdient, das Sinnliche und Sittliche reinigen, veredeln, ohne ihnen
an Allgemeingültigkeit, Faßlichkeit und Eingänglichkeit etwas zu neh-
men. Aus diesen Gedanken Schillers ergibt sich eine Reihe geistes-
geschichtlicher wie erzieherischer Folgerungen. Es besteht erstens ein
weiter Abstand zwischen ihnen und den Versuchen der Aufklärung,
das Volk mit ihm fremdem geistigem Gut auf rationalistischem Weg zu
überschwemmen. Denn auf die Ausgewogenheit aller menschlichen
Anlagen richten sich diese Gedanken. Kaum kann ein gültigeres Ziel
der Volksbildung aufgestellt werden, als wenn Schiller die Aufgabe da-
mit umschreibt, daß «selbst die erhabenste Philosophie des Lebens ...
ein solcher Dichter in die einfachsten Gefühle der Natur auflösen, die
Resultate des mühsamsten Forschens der Einbildungskraft überliefern
und die Geheimnisse des Denkens in leicht zu entziffernder Bilder-
sprache dem Kindersinne zu erraten geben» würde. Merkwürdiger-
weise gehören diese Sätze zu den am wenigsten aufgegriffenen Wahr-
heiten Schillerscher Herkunft. Aber man möge ihre Verwirklichung
von der Zukunft erwart-en: «Ein Vorläufer der hellen Erkenntnis,
brächte er die gewagtesten Vernunftwahrheiten, in reizender und ver-
dachtloser Hülle, lange vorher unter das Volk, ehe der Philosoph und
Gesetzgeber sich erkühnen dürfen, sie in ihrem vollen Glanze herauf-
zuführen. Ehe sie ein Eigentum der Überzeugung geworden, hätten

204
VOLKSNÄHE UND VOLKSFERNE

sie durch ihn schon ihre stille Macht an dem Herzen bewiesen, und ein
ungeduldiges einstimmiges Verlangen würde sie endlich von selbst der
Vernunft abfordern.» So erhellt sich dann zweitens von hier aus wieder
einmal die Fadenscheinigkeit der Behauptung, deutsche Klassik sei
volksfremd gewesen. Gerade das Gegenteil zu sein, sah sie als ihre
Sendung an, überzeugt von der Notwendigkeit und durchdrungen von
den Aufgaben einer geistigen Führerschicht. Drittens räumen die Sätze
Schillers mit der Meinung auf, als erstrebe die deutsche Klassik, auch
wo es sich um Volksdichtung und Volksbildung handele, eine bloße
Idealisierung und eine unwahre, schönfärbende Aufhöhung. Schiller
wünschte die im Volke wirksamen Naturkräfte geweckt zu sehen. Vier-
tens: die Schillersehen Ideen gehen auf eine Volkserziehung von oben
aus. Sie stehen im Gegensatz zu dem Bestreben der jüngeren Roman-
tik, die eine Infiltrierung der oberschichtliehen Bildung durch das so-
genannte «primitive», unterschichtliehe Volksgut herbeizuführen sich
bemühte. Zum mindesten aber gilt von Schillersehen Gedanken über
das «Volk», daß sie Klüfte und Scheidungen beseitigen wollen durch
die Anerkennung und Festigung einer Grundkraft des Volksdaseins.
Denn, so sagt er, der Volksdichter müsse sich alles untersagen, was man
nur in «künstlichen Verhältnissen» erlangt, er müsse gleichsam den
verlorenen Zustand der Natur zurückrufen. Ähnlich meint Goethe
1806 in der Besprechung von Arnim-Brentanos Sammlung «Des Kna-
ben Wunderhorn», daß diese Lieder «so etwas Stämmiges in sich haben
und begreifen, daß der kern-und stammhafte Teil der Nationen der-
gleichen Dinge faßt, behält, sich zueignet und mitunter fortpflanzt».
Damit ist ihnen das Kriterium einer inwendigen Naturhaftigkeit ge-
wonnen ... Als August Wilhelm Schlegel seinem einstigen Lehrer und
Musageten Gottfried August Bürger 1801 jene ihn rehabilitierende,
erschöpfende, Gehalt und Form gleichmäßig berücksichtigende Cha-
rakteristik widmete, die Philologie mit Ästhetik und Kritik vor-
bildhaft vereinigte und noch unüberholt ist, schrieb auch er gegen-
über der Bürgersehen Auffassung des «Volkes», es lasse sich nicht ein-
sehen,« warum die Poesie, der es gegeben ist, das Höchste im Menschen
auszusprechen, sich irgend nach der Mittelmäßigkeit bequemen sollte,
statt sich an die vortrefflichsten und von der Natur am meisten begab-

205
VOLKSTUMSBEGRIFF DER FRÜHROMANTIK

ten Geister zu wenden und die übrigen sorgen zu lassen, wie sie mit
ihr fertig werden möchten». War das nicht sehr « unromantisch », sehr
vom Standpunkt jener klassischen «Elite »-Vorstellung gesagt? Der aus
dem Organismusgedanken erwachsende romantische Volkstumsbegriff
hätte sich mit einer solchen Forderung und auch mit den übrigen an
der klassischen Bildungsidee orientierten, literarhistorischen Ausfüh-
rungen Schlegels über «Volk» und «Volkspoesie» nicht vereinigen
lassen. Wo die Gewachsenheit und Ursprünglichkeit das Merkmal ab-
gaben und jede Äußerung des Volkes u1.1d Volksmäßigen mit «Andacht
vor dem Unbedeutenden», mit Ehrfurcht vor einerunbewußt walten-
den Lebenskraft verehrt wurde, hörten die Wertungen nach den Be-
griffen von Vollkommenheit und Unvollkommenheit, von Bildung und
Kunst auf. August Wilhelm Schlegel blieb bei seiner von der Klassik
her bezogenen Auffassung: «-Alle Poesie beruht auf einem Zusammen-
wirken der Natur und Kunst. Ohne Kunst kann sie keine dauernde Ge-
stalt gewinnen; ohne Natur erlischt ihr inneres Leben. Wie unschuldig
jene frühe Kunst auch sein mochte, so mußte sie dennoch nach .den
ersten Fortschritten bald aufhören, unabsichtlich zu sein.» Das wurde
von ihm 1815 gegen die «Altdeutschen Wälder» der Brüder Grimm
gesagt, und zwar von ästhetischer Ebene. Wie die Brüder Grimm die
wahrhaft «reinsten» Vertreter einer Meinung wurden, die die Kunst-
poesie von Naturpoesie scharf abhebt - historisch und zugleich ästhe-
tisch-, wie Naturpoesie ihnen überhaupt nicht Erdichtung ist, son-
dern auf dem lebendigen Grunde der «Sage» ruht, wie sie glaubten,
daß «die alte Poesie und ihre Formen, die Quelle des Reims und der
Alliteration ebenso in einem Ganzen ausgegangen ist, und gar keine
Werkstätten oder Überlegungen einzelner Dichter in Betracht kommen
können» - all dieses betrifft Grundstrukturen der jüngeren und spä-
teren Romantik. Dies darf gültig festgehalten werden: die Früh-
romantik, zusammengefaßt in August Wilhelm Schlegel, steht auch
in dieser Frage der klassischen Bildungsidee nahe. Auch der Früh-
romantik wie der Klassik beruht die Dichtung auf der freien, wert-
erfüllten menschlichen Persönlichkeit und ihrem Handeln, denJungen
ist sie ein an den Einzelnen nicht gebundenes, gleichsam nur der
Durchzug durch ihn nehmendes Volks- und Allgemeingeschehen. Der

206
ÖFFENTLICHKEIT ALS ATEMRAUM DER KLASSIK

Zeitwandel mit allen seinen Motiven und Auswirkungen bekundete


sich auch in dieser Entgegensetzung.
Der Klassik kam es, indem sie der Forderung von Zeit und Stunde
gehorchte, auf Setzung und Satzung, auf Mittelpunkt und Muster, auf
Sammlung und Zusammenfassung an, wenn sie vor die Öffentlichkeit
trat, nicht auf anschmiegsames Verstehen, das immer einen gewissen
Relativismus in sich schließt. Die Öffentlichkeit aber war der Atem-
raum der deutschen Klassik. Ihr lag wenig oder nichts an der Dämonie
des sich selber genugtuenden Literaten und Künstlers: es handelte
sich für sie um die Bestimmung und Leitung der zu weckenden Kräfte
geistigen und künstlerischen Lebens, die ein Gesamtbild und eine Ge-
samtfunktion wahrer Kultur darzustellen fähig waren. Für das Gebiet
der bildenden Kunst kann dies, soweit Goethe in Betracht kommt,
einem Widerspruch nicht begegnen. Die von ihm herausgegebenen
«Propyläen» (1798/1800), das Organ der «Weimarer Kunstfreunde»,
und die Zeitschrift «Über Kunst und Altertum» (1816/52) sind ge-
tragen von der Verpflichtung, auf alle Künstler und Kunstfreunde er-
ziehend zu wirken, denen Kunst und Bildung Angelegenheiten von
überpersönlicher, von einer die «Gesellschaft» in Deutschland um-
fassenden Bedeutung sind. «Was man irgend allgemeines denkt oder
leistet», so lautet ein Kernsatz von Goethes Einleitung in «Die Pro-
pyläen», «gehört der Welt an, und das, was sie von den Bemühungen
der einzelnen nutzen kann, bringt sie auch selbst zur Reife». Und der
Schluß dieses Aufsatzes ruft die Deutschen auf, «die mannigfaltigen
Kunstschätze, die bei ihnen zerstreut niedergelegt sind, allgemein
brauchbar zu machen und einen idealen Kunstkörper bilden zu helfen,
der uns mit der Zeit für das, was uns der gegenwärtige Augenblick
zerreißt, wo nicht entreißt, vielleicht glücklich zu entschädigen ver-
niag».
Schillers frühe Zeitschriften und zuletzt noch die «Thalia» (1787/91)
und die «Neue Thalia » ( 1792/95) waren Unternehmungen eines streb-
samen Literaten, der dem Publikum und damit sich selber dienen
wollte. Die «Horen» ( 1795/97) aber dienen einem übergreifenden Ge-
danken. Nicht daß dieser Gedanke in den Beiträgen durchweg und
folgerecht in Erscheinung träte. Bunte Fülle des Inhaltes mußte auch

207
DIE «HOREN»

hier dem Leser zugestanden werden.Aber Programm, Absicht und der


entscheidende Inhalt stehen unter dem Sterne dessen, was man das
klassische « Bildungsideal » nennt. Der Gedanke dieser Zeitschrift, die
seit 1792 von Schiller erwogen, während des Aufenthaltes in seiner
schwäbischen Heimat vom August 1793 bis zum Mai 1794 durch den
Abschluß mit Cotta der Verwirklichung entgegengeführt wurde, reifte
in der Zeit der angespanntesten Selbsterziehung Schillers. Er trat unter
ein Gesetz der Notwendigkeit durch zwei von außen zur Auseinander-
setzung aufrufende Mächte: die Kantische Philosophie und die Fran-
zösische Revolution. Der Mißerfolg der «Horen» hat dann die Sorgen
der beiden «Klassiker» um Gegenwart und Zukunft der deutschen
Kulturnation und noch mehr der deutschen Staatsnation vertieft und
zu warnenden und strafenden Worten, aber auch zu literarisch-dich-
terischen Taten Anlaß gegeben, die zum mindesten immer auch aus
diesen Erfahrungen verstanden werden müssen. Schiller stand der
Politik des Tages sachlich und persönlich fern, weit ferner, als ihr
Goethe während seines Lebens gestanden hat, der von früher Zeit an
in einen Staatsorganismus eingefügt war. Der durch geschichtliche
Beispiele und dramatische Spiegelungen an revolutionäre Vorgänge
gleichsam Gewöhnte und sie immer in idealistischer Überhöhung
Sehende hat zunächst von den französischen Ereignissen, wie es
scheint, eine stärkere und unmittelbare Rückwirkung nicht erfahren.
Wie man ihn drüben ansah und durch das französische Bürgerrecht
ehrte, konnte ihn kalt lassen. Der Prozeß gegen den König hätte den
forensischen Schriftsteller Schiller, der so vielfach der Anwalt einer
Sache ist, deren Idee ihn bewegt, zu einer öffentlich-literarischen Ver-
teidigung reizen können. Aber diese geplante Schrift wurde nicht
fertiggestellt. Als dann 1793 der zweite Stoß der Revolution einen all-
gemeinen Umschlag der Stimmung in Deutschland herbeiführte und
Abscheu, Empörung, Befürchtung an die Stelle ideologischer Sym-
pathien traten, war auch Schiller auf der Seite der Tieferschütterten.
Mehr und mehr erkannte er nun das französische Geschehen, wie
Goethe von allem Anfang an getan hatte, als einen Vorgang von zeiten-
und kulturwendender Folgenschwere. Beobachtungen des literarischen
Getriebes um ihn herum kamen hinzu, um das Programm der «Ho-

208
DAS «POLITISCHE» DER «HOREN»

ren » reifen und auf diese Zeitschrift als auf eine rettende Insel hoffen
zu lassen: beängstigend stieg die Flut der nurpolitischen Schriftstellerei,
gefährlich für Dichtung und jede geistig-innere Kultur erschien das
Überhandnehmen der politischen Interessen. Hier wollen die «Ho-
ren» den Menschen sacht seine Straße führen. Dabei sind sie nicht un-
politisch. Zwar sagt die «öffentliche Ankündigung» des U nterneh-
mens (die abgekürzte, und ähnlich die längere) : «Je mehr die allge-
meine Aufmerksamkeit durch die lebhafteste Teilnahme an den poli-
tischen Begebenheiten des Tages und den Kampf entgegengesetzter
Meinungen und Parteien jetzt auf die Gegenwart gerichtet ist, desto
dringender wird das Bedürfnis, die dadurch eingeengten Gemüter
durch ein allgemeines und höheres Interesse an allem, was rein
menschlich und über den Einfluß der Zeiten erhaben ist, wiederum in
Freiheit zu setzen und dem durch den Anblick der Zeitbegebenheiten
ermüdeten Leser eine fröhliche Zerstreuung zu verschaffen. Diesem
Endzweck widmet man die gegenwärtige Zeitschrift.» Das klingt sehr
widerpolitisch. Aber es war ein Teil Berechnung auf die seelischen
Reaktionen des Publikums darin. In einem umfassenden, überwölben-
den Sinne sind gerade die «Horen» ohne den Hintergrund der welt-
politischen Vorgänge und der deutschen Allgemeinsituation inmitten
des kreißenden Zeitalters nicht zu denken. Indem sie «an dem stillen
Bau besserer Begriffe, reinerer Grundsätze und edlerer Sitten, von dem
zuletzt alle wahre Verbesserung des gesellschaftlichen Zustandes ab-
hängt, nach Vermögen geschäftig sein» wollen, wie die Ankündigung
sagt, dienen sie diesem «Zeitalter». Den gleichen Beweis führt der
Inhalt. Und in den Ankündigungen wie in der Einladung an die Mit-
arbeiter erscheint der Hinweis auf die «Deutschen» und auf die «Na-
tion» immer wieder.Wie später in den «Propyläen» für die bildende
Kunst handelte es sich auch hier um die Bestimmung dieser Nation
durch eine in sich zusammengeschlossene oder zum Zusammenschluß
bereite Auslesegruppe geistiger Menschen. Einer freilich fehlte unter
den Mitarbeitern, den Schiller vor anderen gerne in diesem Kreise ge-
sehen hätte: Kaut. Sein Brief vom 30.März 1795 lehnte ab.
Die Eingrenzung des Gebiets, auf das die «Horen» sich beschränken
wollten, und damit die Verengung des klassischen deutschen Bildungs-

14 Schultz, Klassik und Romantik, Bd.II 209


DIE «HOREN» KLASSISCH-ROMANTISCHER DREHPUNKT

ideals, ergab sich durch die Stichworte «Geschmack» und «Philoso-


phischer Geist»; dem Gegenstande nach durch die Beschränkung auf
Philosophie, Geschichte, Dichtung, gemäß den Richtungen, auf denen
sich Schillers eigener Geist bisher bewegt hatte. Eine weitere Aufgabe
sollte der Zeitschrift dadurch zufallen, daß sie sich bestreben würde,
alle Wissenschaften dem Gehalte nach zu erweitern, von ihrer « scho-
lastischen Form» zu befreien und damit «in einer reizenden, wenig-
stens einfachenHülle dem Gemeinsinn verständlich» zu machen. Eines
unterscheidet bezeichnenderweise dieAufforderung an dieMitar.beiter
von den «Ankündigungen» : waren dort «Staatsreligion » und « poli-
tische Verfassung» ausgeschlossen worden, so ist hier von der Religion
nicht mehr die Rede. Äußere und innere Erwägungen mögen zu dieser
Weglassang beigetragen haben.
Die «Horen» sind nicht nur ihrem Willen und ihrem Gehalte nach
der zusammengefaßte Ausdruck der Goethe-Schillerschen Klassik: sie
sind der Drehpunkt der gesamten klassisch-romantischen Geistesbewe-
gung. Sie waren das erregende Ereignis und der mit hochgerichteten
Blicken betrachtete Gipfel der Epoche der «Deutschen Bewegung».
Zahlreich sind die Ströme stofflicher, motivischer, dichterischer, ge-
danklicher Art, die von ihm in den weiteren Ablauf des geistigen Ge-
schehens der romantischen Zeit und des 19. Jahrhunderts hineinflie-
ßen. Nicht nur das Programm des «Athenäums» schließt sich offen-
sichtlich an sie an. Nicht nur der Satz aus der «Vorerinnerung» zu die-
sem ein für allemal der deutschen «Romantik» Anstoß, Richtung,
Stoff und Geist gebenden Journal ist den Grundsätzen der «Horen»
nachgebildet, der Satz nämlich: «Was in keiner Beziehung auf Kunst
und Philosophie, beidein ihrem ganzen Umfange genommen, steht,
bleibt ausgeschlossen.» Aber die Lockerung und Enthemmung eines
neuenGeschlechtes prägt sich gegenüber der klassischen Gebunden-
heit des Horenprogrammes in den Formgrundsätzen aus, von denen
das «Athenäum» getragen sein will: bunter Wechsel der Einkleidung,
rhapsodische Betrachtung und aphoristische Bruchstücke. Die ins Uni-
verselle zielende Ausweitung des Inhaltes aber, die die Frühromantik
den «Horen» entgegensetzen zu können meinte, sollte sich im «Athe-
näum» kundtun in den «Ansichten der vielseitigenStrebungen unseres

210
FORTWIRKUNG DER «HOREN»

Volks und Zeitalters mit Blicken auf das Ausland und die Vergangen-
heit, vorzüglich auf das klassische Altertum». Aber dies alles bringen
auch die «Horen», und auf den Giebel, den Klassik und Frühromantik
gemeinsam haben, fällt auch durch diese frühromantischen Forde-
rungen ein Licht. Ja, noch Heinrich von Kleists und Adam Müllers An-
zeige des «Phöbus » ( 1808) will dies «Kunstjournal» nach dem «etwas
modifizierten und erweiterten Plane der ,Horen'» beginnen lassen.
Unmittelbar haben die «Horen» den äußeren Anlaß zur Profilierung
von Gehalt und Form des Geistgebildes abgegeben, das wir die «Hoch-
klassik» nennen.

14* 211
III

BILD UND LEISTUNG DER HOCHKLASSIK


GOETHES UND SCHILLERS.
DAS ROMANTISCHE SEITENSTÜCK

Goethes Ausreise nach Italien war ein Ereignis, das als persönlicher
und einmaliger Vorgang «eintrat» für ein im Gange der geschicht-
lichen Entwicklung offenkundig werdendes Seinsverhältnis unseres
Geistes. Als ein Zufall, bestenfalls als eine Fügung glücklicher Um-
stände muß dieser Vorgang einer Betrachtungsweise erscheinen, die
um so eher auf Vereinzelung und auf Ausnahmegeschehnisse bedacht
sein wird, als es sich um Goethe handelt. Denn eine Gestaltmystik ver-
setzt ihn gerne in einen Raum, für den die Maße, die Geschichte
und Umwelt herleihen, vermeintlich einer niederen, auf ihn nicht an-
wendbaren Ordnung angehören. Ja es kann geschehen, daß, wer sich
bestrebt, die großen Männer unserer Vergangenheit zu ergründen und
zu verstehen, statt von ihrer Überalltäglichkeit nur zu reden, als un-
berufen angesehen wird, sich ihnen überhaupt zu nahen. Was für
Goethes Italienreise gilt, trifft ähnlich für seinen Zusammenschluß
mit Schiller zu. Auch hier kann es sich nicht mehr darum handeln,
immer wieder das staunende Auge auf dem unvergleichlichen Schau-
spiel ihres Bundes ruhen zu lassen. Die Ganzheit und der Fluß der
deutschen Geistesgeschichte gebieten nun auch hier eine Einordnung,
die keineswegs mit einer Verringerung von Größenmaßen verbunden
zu sein braucht.
Auch für seinen Zusammenschluß mit Schiller im Jahre 1794 ver-
wendet Goethe im späten Alter, als sich ihm der wundersame Gang
seines Lebens immer ergreifender enthüllte, den Begriff des «Dämo-
nischen». Das «Dämonische» steht weit ab von jedem Zufall. Es ist
das Unbegreiflich-Selbsttätig-Lebendige, das unabhängig von dem ein-

212
SICHFINDEN GOETHES MIT SCHILLER

zeinen Menschen vorhanden ist und sich gerne auf bedeutende Indi-
viduen wirft. Das «Dämonische» ist ein Gesetzliches, wenn sich mit
diesem Worte nicht so leicht die Vorstellung eines Rational-Erkenn-
baren verbinden würde. Bei seiner Bekanntschaft mit Schiller, so meint
er zu Eckermann am 24.März 1829, habe etwas Dämonisches inso-
fern obgewaltet, als sie beide erst zu dem Zeitpunkt zusammengeführt
worden seien, da ihre geistige Entwicklung jene ganz bestimmte Stufe
erreicht hatte, auf der ein gemeinsames Fortschreiten möglich war.
Diese Stufe war durch Schillers ruhelose Tätigkeit, durch Goethes ln-
sichruhen und das Sichsetzen seines Geistes gewonnen worden. Was
besagen jene Stimmungen und Mißstimmungen auf beiden Seiten,
die in unmaßgeblichen und belasteten Augenblicken dem Papiere oder
den Freunden anvertraut wurden! Die innere und äußere Not des
sozial Schwächeren, dessen Ehrgeiz und dessen Gefühl der Ebenbürtig-
keit an dem in Weimar Gefeierten und Gebetteten einen Schrittmacher
hatten, dem nicht nur Kraft und Können, sondern auch das Getragen-
werden durch eine Erbschaft körperlicher, gesellschaftlicher, materiel-
ler, temperamentmäßiger Art, wie sie ihm versagt war, zu dem Auf-
bau eines Daseins verholfen hatte, das in der inneren und äußeren
Folgerichtigkeit reiner und geordneter Architektur in Deutschland
noch nicht seinesgleichen gehabt hatte! Und was besagt auf Goethes
Seite das Übersehen Schillers und der in der mißlaunigen und unbe-
haglichen Verfassung nach der Rückkehr aus Italien auf tiefgelegener
Reizschwelle festgehaltene Eindruck der Unausgegorenheit Schiller-
scher Werke! In kleinen und kleinsten Schritten, die nur feststellbar
wären, w.enn die Geschichte und Geistesgeschichte über ein Verfahren
verfügte, das ein Gegenstück zur Differential- und Integral-Rechnung
wäre, näherten sich beide einander. Aber «dem Bedürfnis kommt die
Erfüllung entgegen, Kairos entscheidet aufs glücklichste im Wider-
spiel von Dämon und Tyche».Was man von Goethes Begegnung mit
Kant gesagt hat, gilt auch für das Sichfinden Goethes und Schillers
nach jenem denkwürdigen Gespräche vom Juli 1794, bei dem «Idee»
und «Erfahrung» im Hinblick auf das Phänomen der Urpflanze den
Ausgang bildeten. Es trafen sich, wohl gemerkt, die Geister, nicht die
Naturen. Darum geht jenes berüchtigte Epigramm August Wilhelm

215
HALTUNG DES BRIEFWECHSELS

Schlegels so fehl, das behauptet: «Sie dachten die Naturen auszuwech-


seln und wechselten nur fruchtlos manchen Brief.» Mehrfach ist von
Goethe in späterer Zeit nach Schillers Tode betont worden, worauf es
bei diesem Bündnis eigentlich ankam. Bei aller unendlichen Dankbar-
keit, die aus solchen Goetheschen Worten hervorblickt, Worten, die aus
verklärender Rückschau auf diese Vereinigung und aus dem Gefühl
des späterenMangels an einem Genossen gleichen Ausmaßes, wie jener
es war, gesprochen wurden: die Verschiedenheit ihrer Naturen wird
immer wieder betont, ja sie gibt in Goethes Augen jener Gemeinschaft
erst die rechte Tiefendimension. Eine dauernde Anstrengung- und der
Briefwechsel bestätigt das -war nötig, um das Zusammengehen in
steter Bewegung zu halten. Es sei zu bedenken, so läßt Goethe sich
später vernehmen, « daß ich so wenig als Schiller einer vollendeten
Reife genoß, wie sie der Mann wohl wünschen sollte; deshalb denn zu
der Differenz unserer Individualitäten die Gärung sich gesellte, die ein
jeder mit sich selbst zu verarbeiten hatte; weswegen große Liebe und
Zutrauen, Bedürfnis und Treue im hohen Grad gefordert wurde, um
ein freundschaftliches Verhältnis ohne Störung immerfort zusammen-
wirken zu lassen».
Will man die Goethe-Schillersche Gemeinschaft und den Briefwech-
sel beider in der Bezogenheit auf ein« Wirkliches» erkennen- und nur
durch eine solche Auswertung kann der in dieser Verbindung beschlos-
sene Schatz für nachfolgende Geschlechter auf die Dauer einen Ertrag
liefern -, so gilt es, dies Gewebe mit behutsamen und bedachtsamen
Händen anzufassen. Zu unterscheiden ist nicht nur zwischen der Tat-
sache und dem Inhalte dieses Bundes einerseits, den schiefen, falschen,
hämischen, neidischen Beurteilungen, den Betroffenheiten der Zeit-
genossen undSpäterer andererseits. Auch dieser Bund als solcher fordert
zu Sondierungen auf, die im wesentlichen auf das Ergebnis hinaus-
laufen, daß auf beiden Seiten die Grenzen des einem jeden Eigen-
tümlichen und Zukommenden immer erkannt und gewahrt wurden.
Goethe hatte es vor der Nachwelt leichter, seine Stellung als Partner
in dieser Vergesellschaftung erkennen zu lassen. Ihm waren nach
Schillers Tode noch siebenundzwanzig Jahre beschieden, reich an Be-
kenntnissen über diesen, ihn immer wieder zu Erörterungen anregen-

214
BEWUSSTSEIN DER GEGENSÄTZLICHKElTEN

den wundersamen Abschnitt seines Lebens. Eines wird aus allen diesen
Goetheschen Bekundungen klar, und der Briefwechsel selber wie an-
dere Zeugnisse bestätigen es: daß, gemäß Goethes Worten vom 11.April
1827, das Verhältnis zu Schiller so einzig war,« weil wir das herrlichste
Bindungsmittel in unseren gemeinsamen Bestrebungen fanden und
es für uns keiner besonderen Freundschaft weiter bedurfte». Hierin
aber liegt eben die «Klassizität» dieses Bundes, das heißt seine vom
Unwesentlichen und Zufälligen, vom Lässigen und vom Getrieben-
werden entfernte «musterhafte» und normative Gültigkeit. Wie die
Klassik keine Grenzverwischungen auf ästhetischem, sittlichem und
politischem Gebiete kannte, wie insbesondere die Gattungen, Arten
und Formen der Poesie «rein» erhalten werden sollten, so wurden in
dieser Begegnung die Konturen beider Persönlichkeiten und die bei-
derseitigen Geistes- und Lebensbereiche gewahrt. Erst diese Wahrung
und die mit ihr gegebene Polarität, wie immer man in mehr oder
minder abgehrauchten begrifflichen Entgegensetzungen sie fassen
möge, ergaben eine wiederum «klassische» Ganzheit, Geschlossenheit
und Harmonie. Es gilt das zunächst nicht von dem Gesamtbild der
literarischen Leistungen und der denkerischen Ergebnisse, sondern
vön dem Vorgang, der, unabhängig von dem, was er zeitigte, sich ein-
zig auf das menschlich-geistige Phänomen als solches und aufWesen
und Formen der zwischen den beiden Männern waltenden « Sym-
pathiegefühle » und ihre vergesellschaftende Kraft bezieht.
Das Bewußtsein der durch ihre verschiedenen Naturen gegebenen
Gegensätzlichkeit hat sie nie verlassen. Der Briefwechsel selber zeigt
allenthalben die Grenzen, bis zu denen sie zu gehen und sich entgegen-
zukommen vermochten. Goethe ist stets zurückhaltender. Seinen Brie-
fen fehlt das leidenschaftliche Ergreifen der gebotenen Hand, fehlt
das nie aussetzende, beinahe restlose Eingehen auf alles, was von der
anderen Seite gesagt oder angeregt wurde, wie es Schiller zeigt. Ein
gewisses Unterwerfungsbedürfnis, eine gewisse Diensteifrigkeit ist
Schillers Teil in diesem Bunde, freilich nur in der ersten Zeit. Denn
auch diese Vereinigung und dieser Austausch unterlagen den Gesetzen
der Entwicklung, und manches Mißurteil ist daraus entstanden, daß
Eindrücke verallgemeinert wurden, die nur für einen bestimmten Ab-

215
VERSCHIEDENHEIT DER BRIEFSCHREIBER

schnitt dieser Verbindung gelten können. Der Briefwechsel, em so


großes und heiliges Gut er darstellt, ist keine vollständige und lücken-
lose Grundlage, um die Haltung beider zueinander bestimmen zu kön-
nen; er ist kein stetiger und gleichmäßiger Gedanken- und Nach-
richtenaustausch: er verläuft ruckweise und unregelmäßig, mit Unter-
brechungen, die durch persönliche Berührungen und Besprechungen
ausgefüllt sind. Man hat richtig beobachtet, daß, da die einzelnen
Briefgruppen, die zwischen den mündlichen Aussprachen liegen, fast
stets nur die Brücken zwischen dem Gedankenaustausch von Mensch
zu Mensch sind, keines der behandelten Themen in den Briefen wirk-
lich zum Abschluß gebracht ist, sondern die Erörterungen, wenn sie
einen bestimmten Punkt erreicht haben, unterbrochen und in Be-
sprechungen fortgeführt werden. Durch diesen Umstand bestimmt
sich auch die innere Form des Einzelbriefes. So sehr der Briefwechsel
als Ganzes seinem «intelligiblen Charakter» nach eine vollständige
und vollendete Weltordnung aus dem Geiste der Schreiber und Emp-
fänger widerspiegelt, so wenig eignet dem Einzelbriefe der ganzen
Kette -von wenigen Ausnahmen abgesehen- runde Ausgestaltung
und Geschlossenheit in sich. Beide sind gegen die innere Form ihrer
Briefe gleichgültig, beide unbekümmert um den Umstand, daß ihre
Schreiben bruchstückhaft und abgerissen erscheinen könnten. Die sorg-
lose Mannigfaltigkeit, ja Buntheit des Inhaltes macht eben den Brief-
wechsel zum Spiegel des geistigen Gesamts der Hochklassik und ihres
Raumes. Persönliches, Gedankliches, Literarisches, Dichterisches, Sach-
liches, Zweckdienliches, dem Neuigkeitsbedürfnis Frönendes wechselt
miteinander. Dabei aber bleiben beide im Grunde in der «Haltung»,
die ihnen auch sonst, wenn sie sich als Temperamente im Briefe aus-
drücken, eigentümlich ist. Diese Haltung Goethes, wie sie sich in den
Korrespondenzen mit anderen ihm nahestehenden Männern, etwa mit
Karl August oder mit Zelter abzeichnet, besteht in der gleichmäßigen,
nie ermattenden, wenn auch mit den Jahren und mit dem Alter sich
wandelnden und abklingenden Führung der Korrespondenz als einer
Forderung des Tages, sodann in der bewußten und unbewußten Rück-
sicht auf den Empfänger. Schillers Briefe dagegen sind, abgesehen von
allem Sachlichen und Berichtenden, abgesehen von den Gefühlen der

216
DER BRIEFWECHSEL ALS DOKUMENT DER «KLASSIK»

Dankbarkeit oder der aufflammenden Freundschaft, immer Darstel-


lung seiner selbst. Sie heben die Entfernung zu dem Empfänger auf,
sie suchen und finden in ihm nur den Anreger oder das Wesen, das ihm
Widerhall der eigenen Brust gibt, und immer erkennen wir die Be-
deutung, die der Empfänger im Augenblick für Schillers Dasein be-
sitzt. Jawohl zeigen Schillersehe Briefe ihn stets in seiner raschen Ent-
flammtheit und Hingabebereitschaft, aber ihr Ton bleibt derselbe, ob
sie an den Freund, die Braut oder deren Schwester gerichtet sind. Er
selbst bezeichnet seine Briefe gerne als «Abhandlungen». Das sind sie,
mag ihr Inhalt literarischer, wissenschaftlicher oder persönlicher Art
sein. Es fehlt den Schillersehen Briefwechseln die Individualität und
Einmaligkeit der Goetheschen. Die « Hingabebereitschaft » Schillers
wird auch im Austausch mit Goethe an den Stellen erkennbar, an
denen er sich - bewußt oder unbewußt - dem Goetheschen Stil an-
paßt, wie etwa hie und da in den Auseinandersetzungen über den
«WilhelmMeister». «Freundschaft», so sagt Goethe später in «Kunst
und Altertum» über ihre Korrespondenz,« kann sich bloß praktisch er·
zeugen, praktisch Dauer gewinnen. Neigung, ja sogar Liebe hilft alles
nichts zur Freundschaft. Die wahre, tätige, produktive besteht darin,
daß wir gleichen Schritt im Leben halten, daß er meine Zwecke billigt,
ich die seinigen, und daß wir so unverrückt zusammengehen, wie
auch sonst die Differenz unserer Denk- und Lebensweise sein möge».
Im Sinne dieser Sätze sind alle seine späteren Äußerungen über die
Gemeinschaft mit Schiller gehalten. Wo es sich um Schillers Wesen in
seiner Ganzheit, um seine Überlegenheit gegenüber den Zeitgenossen
handelt, also um eine objektiv und bereits geschichtlich gerichtete
Wertung, gibt es bei Goethe nur restlose Bejahung und freudige Zu-
stimmung. Anders klingt es, wenn Schillers intime Beziehung zu sei-
nem eigenen Wesen in Betracht kommt. Dann verteidigt er diese seine
innere Persönlichkeit und ihre Auswirkungen gegen jedes Verschieben
der Grenzen. Der Goethe-Schillersche Bund wurde in völliger geistiger
Freiheit geschlossen mit dem Blick auf Zeit und Umwelt, aus der Er-
kenntnis selbständig erworbener, sich berührender und überschnei-
dender Ideenbildungen, aber auch mit dem Bewußtsein einer Über-
einkunft, innerhalb deren einem jedem klar war, warum man sie

217
DIE ROMANTISCHEN BRIEFWECHSEL

einging. Er war eine Werkgemeinschaft, innerhalb deren Stoffe und


Formen ausgetauscht werden konnten. Er war eine Bejahung der bei-
derseitigen Ideale, nicht der beiderseitigen Existenzen.
Auch bei den zahlreichen, unter geistigen, dichterischen, literari-
schen Sternen vollzogenen Freundschaften und Vergesellschaftungen
der Romantik ist es die Übereinstimmung in den geistigen Interessen
und Bestrebungen und das Bewußtsein, gegen eine untergeordnete
Umwelt und Mitwelt zu stehen, was den verbindenden Kitt hergibt.
Auch dort «vergesellschaftet» das Bewußtsein des Andersseins, auch
dort geben ebenso wie im Goethe-Schillerschen Briefwechsel kritische
und polemischeAusfälle die auf beiden Seiten gern geschmeckteWürze.
Daneben aber herrscht in allen romantischen Verbindungen, von denen
die Briefwechsel Zeugnis ablegen, eine grundverschiedene Haltung,
und Frühromantik und jüngere Romantik unteTI!cheiden sich in dieser
Beziehung nicht (man nehme als Beispiele die Briefe Friedrich Schle-
gels an seinen Bruder August Wilhelm oder die Korrespondenz Arnims
mit Brentano). Diese andere «Haltung», wenn man sie noch eine Hal-
tung nennen kann, besteht in einer fließenden und zerfließenden
Aufgeschlossenheit- nicht etwa nur im Hinblick auf das eigene Innere,
sondern im Hinblick auf Ideen, Menschen, Werke, Tatsachen, die in
den Umkreis des eigenen Lebensraumes irgendwie einbezogen werden.
Hemmungen, wie sie durch die Erkenntnis von Grenzen, gegeben
durch die eigene Persönlichkeit oder durch die Selbstberechtigung des
Sachlichen entstehen und bei Goethe und Schiller erkennbar werden,
sind in den brieflichen Begegnungen der Romantik nie oder selten zu
spüren. Es fehlt die zuchtvolle Gefühls- und Blickrichtung auf den
Empfänger, oder sie setzt sich nicht durch. Die «romantische» Indivi-
dualität gibt sich selbst, meinend, der andere werde aus eigener «Sym-
patheia » verstehen, ergänzen, erweitern oder auch abziehen, wie man
es selber jenem gegenüber tut. Es fehlt die «Dignitäb> des in sich ge-
festigten und ruhenden Einzelnen, die Dignität auch des Gegenständ-
lichen. Damit ist nicht gesagt, daß den romantischen Äußerungen
über Leben, Kunst und Dichtung an sich die Ehrfurcht mangele. Nur
strahlt sie nicht nach außen und auf das Du über. Und ganz und gar
fehlt solchen romantischen Zwiesprachen die stille Voraussetzung, daß

218
KURVEN DES BRIEFWECHSELS

der Briefwechsel gleichsam immer verantwortungsbewußt vor der


Öffentlichkeit geführt werde, ja daß seine Veröffentlichung ein in nicht
allzu weiter Ferne liegendes Ziel sei, womit seine denkmalhafte Funk-
tion für Menschheit und Vaterland sich recht erfüllen werde. Dies aber
ist eine Gebärde, die, auch unausgesprochenermaßen, dem von Goe-
the 1829 publizierten Briefwechsel mit Schiller schon bei seiner Ent-
stehung eigen zu sein scheint.
Er verläuft in einer ansteigenden und absteigenden Linie. Das Jahr
1794, in dem die Korrespondenz nach jenem berühmten Momente
des plötzlichen Sichfindens einsetzt, zeigt die Ausgangs- und Ansatz-
punkte der folgenden Zusammenarbeit. Die Sondierungen, auch die
große Analyse von Goethes Wesen durch Schiller am 25.August 1794,
dienen einem bestimmten Zwecke: dieMöglichkeit einer zielstrebigen
Zusammenarbeit festzustellen. Noch das Jahr 1795 steht im Zeichen
der Geschäftigkeit für die «Horen». Dann entfaltet mit dem folgenden
Jahre der Bund seine ganze dichterische Triebkraft, und von 1796 und
179 7 gilt, was Goethe in den «Annalen» für 1794 ganz allgemein
seiner Vereinigung mit Schiller nachrühmt: jenes Wort von dem neuen
«Frühling, in welchem alles froh nebeneinander keimte und aus auf-
geschlossenen Samen und Zweigen hervorging». DieseJahre bedeuten
für beide eine nach außen sich bekundende Rückkehr zur Dichtung.
Dem einzelnen Menschengeiste, der diese Tatsache rückschauend nach
Ursachen und Folgen und unter dem Geheimnis, das in aller Kunst
beschlossen ist, ergründen will, bleibt sie letztlich ein Rätsel. Und nur
in Vergleichen mit Vorgängen und Kräften der Natur läßt sich viel-
leicht dies große und magische Leuchten, das hier aus der Berührung
zweier Pole entstand, versinnbildlichen, ohne daß man hoffen darf,
einem hier zweifellos wirksamen geistigen Gesetze auch nur einen
Schritt erkennend nähergekommen zu sein. Denn das ausdrückliche
gegenseitige Sichanspornen ist nur die äußerliche Geste eines tiefer
begründeten Verhaltens. Das Jahr 1798 erfüllt Schillers Hoffnungen
auf ein Weiterwirken der Goetheschen Produktivität so, wie er sie
wünschte, nicht. Goethes Natur beginnt in diesem Jahre, für Schillers
Euergismus und Willensvorherrschaft schwer begreiflich, wiederum
sich selber zuzusehen. Wohl vernimmt man seine Klagen über die Un-

219
ZWEITER ABSCHNITT VON 1799

möglichkeit dichterischer Arbeit, über Störungen und Abhaltungen


und über sein Vielerlei an «Beschäftigungen». Schließlich kommt ihm
auch dieses Aussetzen des Dichterischen «wunderlich» vor (16. Mai
1798), das heißt in seinem Sprachgebrauch: es ist ihm eine Lebens-
erscheinung, wie eine jede andere auch, der man mit beobachtendem
und staunendem Blicke folgt, ohne sie ändern zu können und ändern
zu wollen. Die von Schiller in Beziehung auf den Dichter Goethe (so
sehr er sich eine Anteilnahme auch an diesen Arbeiten abgewann und
sie in Übereinstimmung mit seiner Gedankenwelt zu bringen suchte)
bestgehaßten Naturwissenschaften drängen wieder vor und werden
nicht abgewiesen. Warum auch? Der Wille hatte bei ihm im Gegen-
satze zu Schiller keine Macht über den dichterischen Trieb. Eine «den
Musen abgetrotzte Arbeit», wie die im Frühjahr 1799 vorgenommene
«Achilleis », gedieh bei ihm niemals weit. In seinen Augen ist das
weder Unvermögen noch Mangel oder gar sittlicher Mangel. Denn der
Weimarer Schloßbau ist ebenso wichtig, weil «in dem Falle, in wel-
chem ich mich gegenwärtig befinde, ... die Überzeugung das beste»
ist, «daß das, was gegenwärtig geschehen muß, durch meine Gegen-
wart gefördert wird». Auch im Zusammenhang dieser Äußerung ha-
ben die Worte «gegenwärtig» und «Gegenwart» den für Goethes
Weltanschauung bedeutsamen Sinn nicht etwa eines «zufälligen
Augenblicksausschnittes aus der umgebenden Welt», sondern «eines
gewachsenen Reifezustandes », der «Frucht eines von lange her be-
dingten Werdens».
Mit Schillers Übersiedlung nach Weimar im Dezember 1799 be-
ginnt ein zweiter Abschnitt ihrer Beziehungen und ihres Briefwechsels.
Er führt aber nicht zu neuer Aufhöhung der dichterischen Gemein-
schaftsarbeit, sondern eher zu einem immer weiteren Auseinander-
biegen ihrer persönlichen Wege, wenn auch die gemeinsame kulturelle
Haltung nach außen bestehen bleibt und der von ihnen geschaffene
geistige Besitzstand sich stärkt, ja beinahe selbstverständlich wird.
Immer mehr wird der Dichter Goethe Schillers Schmerzenskind, trotz
Goethes stets erneuten Versuchen, in Jena die zum dichterischen Schaf-
fen nötige Ruhe und Abgeschlossenheit zu finden, und trotz der im
Jahre 1800 Schiller mit neuen Hoffnungen erfüllenden Arbeit Goethes

220
GRENZEN

an der Helenadichtung. Welch ein wohlgefälliges Geständnis Goethes


aus Jena vom 25.Juli 1800: «In Betrachtung der Kürze und Vergäng-
lichkeit des menschlichen Lebens . . . und in Ermangelung des Ge-
fühls eigener Produktion habe ich ... den Tauered zu übersetzen an-
gefangen. Jeden Morgen wird etwas gearbeitet und der übrige Tag
verschleudert.» So hätten auch sogenannte «romantische» Naturen
schreiben können, so auch Gottfried Keller, wenn der «romantische»
Einschlag im Gewebe seines Wesens die Überhand gewann. Hier drückt
sich eine Auffassung aus, die die Poesie als Lebensfunktion abhängig
sein läßt von allen das Dasein selber vegetativ bestimmenden Vor-
gängen. Das war weiterentwickeltes Erbe der Geniezeit ... Nicht nur
durch häufiges Kranksein beider unterbrochen, droht der Briefwechsel
in der Folgezeit manchmal zu versiegen. Sein Inhalt wird immer stich-
wortartiger und beschränkt sich immer mehr auf rein sachliche Mit-
teilungen. Vergebens sucht Schiller den anderen aus seiner Eingespon-
nenheit herauszulocken. Schließlich verzagt er: Man erkennt aus man-
cher Äußerung der Jahre 1801 und 1802 deutlich, wie sehr jene be-
rühmte Analyse des Goetheschen Wesens vom Jahre 1794 von einer
ästhetischen Ebene her gegeben war. Auch wird der Gegensatz der
Persönlichkeit später wieder deutlicher, die ehemals ein magischer
Kreis geistigen VVerdens umschlossen hatte; die sich gebraucht und
gefunden hatten, um in einer Sternenstunde unseres Schicksals Gehalt
und Form, wie sie aus einer langen Entwicklung unseres Wesens her-
vorgingen, in abgeschlossener, der Weiterverwertung und auch des
Angriffs würdiger Ausgestaltung sichtbar werden zu lassen.
Für Goethe war der Bund der deutschen «Klassik» nur eine der
Möglichkeiten, in diesen Jahren nach der Rückkehr aus Italien bis
zum Ende der Befreiungskriege, um sich dem Leben und der Umwelt
gegenüber zu behaupten und weiterzuwachsen. Ein Stimmungsreflex
aus dem Jahre 1796, dem Jahre der stärksten gegenseitigen Befruch-
tung und der Beflügelung im Dichterischen, läßt einen Blick in die
über die Werkgemeinschaft mit Schiller hinaus bestehenden Bedürf-
nisse seines Wesens tun. Es war damals, als die geplante neue Italien-
reise aufgegeben werden mußte. Was er aus dem Schmerze des Ver-
zichtens, aber auch aus der unbefriedigten Sehnsucht nach Erneue-

221
GRENZEN

rung und Wechsel an Schiller schreibt, mußte auch diesen die Schran-
ken der Bereitschaft, sich ihm ganz und gar zu verschreiben, empfin-
den lassen: «Sie werden, mein Lieber, noch manchmal in diesen
Tagen zur Geduld aufgefordert werden, denn jetzt, da die Zeit herbei-
kommt, in welcher ich abreisen sollte, fühle ich, nur zu sehr, was ich
verliere, indem mir eine so nahe Hoffnung aufgeschoben wird, wel-
ches in meinem Alter so gut als vernichtet heißt. Was ich noch von
Kultur bedarf, konnte ich nur auf jenem Wege finden ... Eine große
Reise und viele von allen Seiten zudringende Gegenstände waren mir
nötiger als jemals» (2. August 1796). Seine von ihm selber ja mehrmals
betonte Vereinsamung in denJahren, als er Schiller fand, darf gepriesen
werden, weil sie dieVoraussetzung und den Boden schuf für den Zusam-
menschluß in einer dichterisch-denkerischen und zum Hervortreten
nach außen drängenden Symbiose mit dem Manne, der nach Anlage
und Entwicklung ihn wieder ganz auf das Heimische, Deutsche und auf
die hohe Würde einer abgezogenen Geistigkeit verweisen konnte.

Jedes Wort, jeder Vers, jeder Gedanke von Goethe sind, früher wie
später, immer gesagt aus einer alleMöglichkeiten oder Abwandlungen
bereits vorwegnehmenden und in sich schließenden Mitte. Das ist das
Geheimnis seines Sagens. Es liegt selbsttätig in Gehalt und Form des
Ausgedrückten, und es ist gewiß nicht die Willkür des über ein grö-
ßeres Wissen um ihn gebietenden Aufnehmenden, die das ·einzelne
auf eine solche Mitte zurückführt. Darum vermag die gestaltbildende
Gesamtanschauung seines Wesens nicht zu leiden unter Zuordnungen
gewisser Entwicklungsstufen dieses Wesens zu den geschichtsbedingten
Abläufen seiner Zeit.
Die Goethesche Entwicklungsform seit der Rückkehr aus Italien bis
zu Schillers Tod, Klassik und Frühromantik und die Blütezeit des
deutschen Idealismus umspannend, läßt alle vereinfachenden und ab-
kürzenden Formeln an sich zunichte werden. Weder der Gegensatz
eines «Naturidealismus» zu einem «Vernunftidealismus» oder andere
typologische Fassungen, weder die Unterstellung unter die Gegensätze
von «Idee» und «Erfahrung», von «Subjekt» und «Objekt», von
Plato und Aristoteles, weder das Verhältnis zu Kant noch die Bezie-

222
GüETHE UND DAS «DENKERISCHE WELTALTER»

hungen zum Griechentum (dies als eine deutsche Gesamtidee ver-


standen), nicht das eine noch das andere Entweder-Oder erschöpft den
Vorgang, der sich in dieser mittleren Bauperiode der erhabenen Kathe-
drale seiner Erscheinung als wachsende und zugleich selbstschöpferische
Entfaltung aus der Urform bei ihm vollzieht. Gerade diese Zeit des
ausgehenden 18. Jahrhunderts wirkt sich bei ihm aus in unerhörtem
Ringen um sein Eigenes, als bald nehmende, manchmal nachgebende,
bald von sich weisende, immer wieder zu seiner Persönlichkeit zurück-
kehrende Verarbeitung der Gedankeninhalte und der Denkmethoden
dieser Zeit der kantischen und nachkantischen Philosophie, des deut-
schen denkerischen Weltalters, das seinesgleichen in der Geschichte der
Menschheit noch nicht gehabt hatte. Was während dieser Zeit in der
Auseinandersetzung mit den gedanklichen Zeitgewalten und -mächtig-
keiten in ihm vorging, zeigt, daß der nach der Rückkehr aus Italien
Vierzigjährige die Faustfragen auf einer Klärungsstufe in sich erlebte,
weit entfernt, ein Ziel und ein beruhigtes Sichbescheiden vor sich zu
sehen, aber seines Strebens und des dunklen Dranges (d. h. seiner
letzten Einheit) stets gewiß. Goethe ist auch in dieser Periode und be-
sonders in ihr, allerseits offen und aufnahmebereit. Doch alles ist nur
ein Kreisen um seine naturgesetzlich festgelegte, tief in ihn einge-
bettete Achse. Dies nochmals festzuhalten, erscheint nicht überflüssig,
weil die Achse gerade in dieser Zeit nicht immer zutage liegt und
manche Irrtümer, ja manches Irrewerden an ihm aus dieser Entwick-
lungsperiode entstanden sind. Oft überdeckt es ihn, wie rasch wech-
selnde Wolkenschatten über eine helle Landschaft ziehen und ihr ein
verändertes Aussehen geben. Aber diese Nachgiebigkeit, diese Schwan-
kungen und die Vielfalt seines sichtbaren Wesens in dieser Zeit ent-
sprachen dem Lebensgefühl der Generation, die damals in ihn hinein-
wuchs, namentlich der romantischen. Sie lehnte demgegenüber das
scheinbar auf einer Linie sich haltende, streng Willensmäßige Schillers
jetzt ab. Sie liebte, unter der Führung Caroline Schlegels, das Ge-
lockerte und Gelöste dieses Goethe, seine weiche Reizsamkeit und ge-
fällige Anmut, das scheinbar Kunstlose und Ungewollte seines Wesens
und seiner Schöpfungen -im Gegensatze zu «in die Höhe geschraub-
ten Posas». In der ersten berauschenden Werdezeit ihres nach außen

223
NEUE ANGLEICHUNG AN DAS NORDISCHE

wie auf den inneren Menschen sich erstreckenden Universalismus ent-


sprach der romantischen Generation nur die Goethesche Unaussprech-
lichkeit und Vielgestaltigkeit, die immer neue Überraschungen, immer
neue Geheimnisse bereitzuhalten schien. Dennoch sah diese Genera-
tion nicht vorüber an dem Natürlich-Geordneten und Entwicklungs-
mäßig-Bestimmten seines Wesens, wenn sie sich ihrem kritischen Be-
streben gemäß um die Erkenntnis von Stilabläufen bemühte. An dem
Goethe dieser Stufe ergab sich für sie die Möglichkeit, Entwicklungs-
perioden im Sinne Winckelmanns und Herders als an einem leben-
digen und gegenwärtigen Objekte zu studieren.
Goethes Rückkehr in die deutsche Heimat, in den kleinen weimari-
schen Staat und in den gesellschaftlichen Alltag dort hatten zunächst
eine biologische und umweltbedingte Rückwirkung. Das Nordische
mußte der zwei Jahre lang im Süden beheimatet Gewesene sich erst
wieder angleichen. Frösteln, ja Kälte, Lichtmangel, physisch und see-
lisch, vermeintliches Einsam- und Alleinsein, zerrissene Bande un-
mittelbarer, menschlicher und geistiger Gemeinschaft mit den in Rom
zurückgebliebenen Freunden und Künstlern, im Süden freigewordene
Sinnenlust und dort geübter seinsethischer Relativismus - alles dies
bedingte eine kühle Entferntheit zu der alten Umgebung und wurde
als die gewollte Hinausgehobenheit eines stolz und abweisend Gewor-
denen mißdeutet. Wäre er nach dem helleren, südlich-freudigeren
und bürgerlich-behaglicheren Frankfurt statt nach Weimar heimge-
kehrt, vielleicht wäre es ihm leichter geworden, sich in Deutschland
wieder zurechtzufinden. Aber hatte sich diese deutsche Heimat nicht
selber verändert? Einmal, weil er sie nun mit weiter geöffneten Augen
sah, zum anderen, weil sie die Erdstöße vorempfinden ließ und bald ver-
spüren sollte, die sie von der politisch-sozialen Umwelt aus trafen?
Vielleicht hätte die Unterbrechung der «Stetigkeit» durch die Fran-
zösische Revolution und ihre Folgen an ihm nicht so rütteln können,
wie sie es tat, wenn sie nicht zusammengefallen wäre mit dem Über-
gang in die neue Lebensphase, der an sich schwierig genug war. Die
Ereignisse der äußeren Welt hätten ihn vielleicht ruhiger gelassen,
wenn nicht bei diesem empfindlichsten aller Menschen ein so grober
Zusammenbruch, wie es für ihn die Vorgänge in der ihn umgebenden

224·
GOETHES METAPHYSIK

staatlich-gesellschaftlichen Welt waren, die Störungen seines inneren


Instrumentes hätten vollenden müssen. Da galt es Selbstverteidigung
und Verteidigung des errungenen Besitzes, der vor allem die erwor-
benen Einsichten in Natur und Kunst umfaßte.
Von der in Natur und Kunst gleichermaßen waltenden Gesetzlich-
keit seit Italien endgültig überzeugt, beginnt er bei dem Unverrück-
barsten wieder, bei der Natur, die, das im Wechsel «Dauernde», seit
der ersten Weimarer Zeit, von seinem Forschen und Sinnen als Aus-
dehnungsmöglichkeit und Verfestigung für die eigene eingeschränkte
und berührsamemenschliche Existenz ergriffen worden war, nachdem
sie vorher ebenso in seiner Empfindung gelebt hatte. Seine «Morpho-
logie» nimmt in den neunziger Jahren aus ihren ersten tastenden An-
fängen und nach der ersten Veröffentlichung über die «Metamorphose
der Pflanze» ( 1790) umfassende und demonstrierend-allgemeingültige
Form an. Aber aus diesem naturwissenschaftlichen Beobachten und
Zusammendenken erhebt sich eine Goethesche «Metaphysik». Ihr Er-
trag ist es, der für «deutsche Klassik» Gültigkeit beanspruchen darf.
Hiermit betritt man einen umkämpften, an vielen Einzel- und Seiten-
wegen, auch an engsten Schlängelpfaden reichen Boden. Dabei geht
es auch um Goethes Verhältnis zuKant und zum deutschen Idealismus,
also um Fragen, deren Verantwortungsschwere und Entscheidungslast
einen jeden trifft, der die heiligsten Hallen deutscher Geistigkeit be-
tritt. Zugleich liegen hier die Denkmotive beschlossen, die die ideelle
Übereinstimmung mit Schiller und die Auseinandersetzung mit ihm
begründen und damit die Geburtsstunde der Hochklassik einläuten.
Es war an der Zeit, daß einer weitverbreiteten Auffassung, die
dem Goetheschen Denken eine systematisch-philosophische Bedeutung
nicht beimaß, aus dem « Goethejahre » 1952 heraus eine feingliedrige
und umfassender ausgebaute Einsicht gegenübergestellt wurde (wenn
man will: von neuem gegenübergestellt wurde), nach der Goethe «der
große Methodiker und Systematiker eines ganzheitlichen und gegen-
ständlichen Denkens » ist, das wegen der zentralen Stellung seines
Lebensbegriffes und wegen der von ihm vollzogenen Durchdringung
der Erscheinungswelt durch die Welt der Idee berechtigtermaßen als
«Metaphysik» bezeichnet werden darf. Hatte er zu Beginn des Auf-

15 Schultz, Klassik und Romantik, Bd.II 225


DENKENDES ANSCHAUEN

satzes «Einwirkung der neuern Philosophie», allen späteren Mißver-


ständnissen damit Vorschub leistend, behauptet, für Philosophie «im
eigentlichen Sinne» kein Organ zu besitzen, so liegt die Entscheidung
auf dieser Zusatzbestimmung. Was schließt sie ein und was schließt sie
aus? Der Mangel eines Organs für Philosophie «im eigentlichen Sinne»
bedeutet nicht ein Unvermögen zum begrifflichen oder abstrakten
Denken. Nicht länger ist es angängig, sich -im Sinne einer typischen
Goethephilisterei- mit der Goetheschen «Betastlichkeit» und «Dies-
seitigkeit » zufriedenzuge ben. Die Geschichte des deutschen Philo-
sophierens muß in seinem Denken, wenn man es aus dem in Einzel-
bemerkungen lose Hingeschütteten oder in kurzen, gedrängten Ab-
rissen und «Schematen» Niedergelegten in systematischen Zusammen-
hang gestellt sieht, schwierigere, ein stärkeres und ungewohnteres
Vermögen der Abstraktion erfordernde Problemlagen finden als in
Schillers ausgedehnten philosophischen Abhandlungen. Aber die Ab-
straktion mit ihrem begrifflich trennenden Verfahren war für Goethe
weder Ziel noch Aufgabe, sie war nur der eine, denknotwendige VVeg
zur Erfassung von Natur und Welt in ihrer gestalthaften Ganzheit.
Die andere, dem Denken beigeordnete, ja übergeordnete Funktion
war für ihn die der «Anschauung». Denkendes Anschauen und an-
schauendes Denken, untrennbar voneinander, das war die vor ihm
niemals so folgerecht vertretene, seit ihm durch sein Beispiel dem
neueren Menschen vor Augen gestellte Lösung des Zwiespaltes zwi-
schen Geist und Seele, eines Zwiespaltes, der aber als solcher auch wie-
der nur dem trennenden Verstande erscheint. Diese Verselbigung von
Denken undAnschauen bei ihm zu begreifen, ihrer «innezuwerden»-
darin liegt noch immer die Schwierigkeit für den durch Jahrtausende
festgefahrenen menschlichen Geist, der bis dahin gezwungen gewesen
war, sich der Wirklichkeit auf dem Wege des Trennens und Auflösens
zu bemächtigen. Mit diesem Einbau des Denkens in die Lebens-
betätigung, mit dieser Beseitigung des bloßen «Geistes» als eines von
dem gesamten menschlichen Lebensbereich gesonderten Überbaues
hatte die Vergottung des Verstandes aufgehört; sie hatte der Gottähn-
lichkeit des in seiner Lebensbetätigung ungeteilten Menschen Platz
gemacht. Nach der langen Vorbereitung, die die Kette der dynamisch-

226
«KLASSIK» ALS ERWACHEN ZUM SYSTEMATISCHEN DENKEN

vitalistischen Denker für den Durchbruch einer solchen Seinshaltung


geleistet hatte, vollzog Goethes sich selbst setzende Natur den letzten
und radikalen Schritt. Nicht besser und eindeutiger kann seine Mei-
nung getroffen werden als von ihm selber in dem Briefe anJacobi vom
25. November 1801, worin es heißt: «Wie ich mich zur Philosophie
verhalte, kannst Du leicht ... denken. Wenn sie sich vorzüglich aufs
Trennen legt, so kann ich mit ihr nicht zurechte kommen, und ich
kann wohl sagen: sie hat mir mitunter geschadet, indem sie mich in
meinem natürlichen Gang störte; wenn sie aber vereint, oder viel-
mehr wenn sie unsere ursprüngliche Empfindung, als seien wir mit
der Natur eins, erhöht, sichert und in ein tiefes ruhiges Anschauen
verwandelt, in dessen immerwährender und wir
ein göttliches Leben fühlen, wenn uns ein solches zu führen auch
nicht erlaubt ist, dann ist sie mir willkommen ... » Seit der Geniezeit,
seit Straßburg und Herder hatte die geistige Mitwelt nicht so stark in
Goethes Weiterbildung eingegriffen, als sie es jetzt tat. Während die
Luft erfüllt war von einer Philosophie, die das Erkenntnisvermögen
des Menschen mit der schärfsten Methode der Begriffsbildung absteckte
und das menschliche Bewußtsein sich umzustellen zwang, und das in
einer Zeit, in der die Fragen des menschlichen Geistes innerhalb eines
letzten, steilen Aufstieges als allein der Anteilnahme würdig betrachtet
wurden, damals hat Goethe seinen Beitrag gestiftet zur Klärung des
großen Aufruhrs der denkenden Menschheit. Aber auch hier -wie im
politischen Leben- nicht, indem er öffentlich und ausdrücklich in die
Auseinandersetzung eingriff, sondern dadurch, daß er sein eigenes bis-
heriges unbewußtes Verhalten zu Natur und Wirklichkeit an den neuen
Denkforderungen maß. Was bei ihm bisher ein auf das Einzelne ge-
richtetes Vorgehen der Erfahrung und nur erahnter oder geforderter
Zusammenhang war, suchte er nun unter eine Rechtfertigung und
Folgerichtigkeit zu bringen, die der Unerbittlichkeit des logischen
Denkens parallel lief. Die «Klassik» steht bei ihm im Zeichen dieses
Erwachens zum systematischen Denken. Indem er die ihn fördern-
den Denker, in erster Linie Schiller, erwähnt, nennt er 1820 das letzte
Jahrzehnt des vergangenenJahrhunderts «jene für mich so bedeutende
Epoche».

15* 227
BEZIEHUNGEN ZUM KRITISCHEN IDEALISMUS

Kaut ist im Verhältnis zu Goethe kein einheitlicher Begriff. Ihre


Gegenüberstellung unter der Entgegensetzung typologischer Denk-
formen- etwa einer « logozentrischen » oder « biozentrischen », einer
« naturidealistischen » oder « vernunftidealistischen » -, die ebenso
typologisch einzufangenden Wesensverschiedenheiten entsprächen, löst
die Schwierigkeiten dieser Wechselbeziehungen auf zu einfache und
zu summarische Weise, ganz abgesehen davon, daß solche trennenden,
einander ausschließenden begrifflichenAbstraktionendem «denkenden
Leben» Goethes überhaupt nicht angemessen sind. Diese Schwierig-
keiten können nur durch eine einläßliche und vorsichtig sondernde
Interpretation, die das Goethesche Wort und den Zusammenhang, in
dem es steht, genau berücksichtigt, wenn nicht behoben, so doch
verringert werden. Die Verwendung von Allgemeinbegriffen, von
gängigen Bezeichnungen ist gerade hier kraftlos, so auch die Auswer-
tung des Begriffes «Idealismus», wenn darunter über die Denkäuße-
rungen Kants und seiner Nachfolger hinaus eine übergreifende Denk-
weise der Philosophie überhaupt verstanden werden soll. Setzt man
voraus, daß Goethe auf der Linie Herderscher Gedanken und eines
aus der Geniezeit heraus entwickelten vVeltfühlens von vornherein
gegen Kant stehen müßte, so mußte auf der anderen Seite der bio-
logische und anthropologische Zug in dessen Denken ihm gemäß sein.
Ja, amEndeseines Lebens, 1831, spricht er allgemein von dem «un-
geheuren Gewinn», den er der und idealistischen Philo-
sophie zu verdanken habe. Wohlgemerkt aber dadurch zu verdanken
habe, «daß sie mich auf mich selbst aufmerksam gemacht hat». «Sie
kommt», fügt er hinzu, « ... nie zum Objekt, dieses müssen wir so
gut wie der gemeine Menschenverstand zugeben, um am unwandel-
baren Verhältnis zu ihm die Freude des Lebens genießen zu können.»
Es hat bis in die neueste Zeit nicht an Versuchen gefehlt, ihn in den
späteren neunziger Jahren als einen Gefolgsmann der Kautischen Er-
kenntniskritik zu erweisen. Der Widerspruch, der sich gegen eine
solche Auffassung regte, hat die Art der Goetheschen Erkenntnis im
Gegensatz zur Karrtischen immer tiefer und allseitiger zu durchschauen
gelehrt. Das gültige Ergebnis aus den Erörterungen, die Goethes Be-
ziehungen zum kritischen Idealismus betrafen, ist, daß er, wenn er

228
GOETHES ERKENNTNISMETHODE

sich auch in einzelnen Äußerungen ihm zu nähern scheint, doch «ein


rechtes, wirkliches innerliches Verhältnis» zu ihm nicht gewinnen
konnte. «<m letzten Augenblick sind immer irgendwelche Hemmun-
gen da, seinen Vorrat an Phänomenen sich durch eine Idee zu ver-
kümmern; steht etwas auf in ihm, das ihn hindert, sich völlig damit
zu identifizieren, wandelt sich ihm das Idee-Erfahrungs-Problem in
den Konflikt der Denkkraft mit der Anschauung.» Lag es doch in sei-
ner Natur, wie Humboldt es noch als letzten Schluß GoethescherWeis-
heit in seinem Briefe vom 6. Januar 1832 aussprach, «nichts durch
Dialektik für abgemacht zu halten».
Seinem Verhältnis zu Kant nähert man sich am ehesten von seiten
des Problems der «Idee» und der «Erfahrung», des «Objekts» und
«Subjekts» und der Vermittlung zwischen beiden. Der Ausgangspunkt
Kants ist die von ihm vorausgesetzte Tatsache, daß unsere Erkenntnis
sich nicht nach den Gegenständen, sondern die Gegenstände sich nach
unserer Erkenntnis richten. Seine Methode beschäftigt sich nicht so-
wohl mit den Gegenständen als mit der Art unserer Erkenntnis von
Gegenständen, insofern diese a priori möglich sein soll. Die Goethesche
Erkenntnismethode ist mit der Kautischen kaum vergleichbar. Die
Goethesche Methode wird nicht durch logisches Verfahren wie die Kau-
tische gekennzeichnet, sondern sie entwickelt sich durch Beobachtung
und Vergleichung von Gegenständlichem und wuchs zunächst heraus
aus seinen anatomischen, osteologischen und botanischen Forschungen.
Die «morphologische» Methode hat zur Voraussetzung die Ähnlich-
keit und Verwandtschaft unter «Gestalten». Die Abwandlung, die
«Metamorphose», bildet nach Goethe den Grund alles Gestaltwerdens,
und aus einer naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise wird diese
Anschauung zu einer Weltansicht. Die Lehre vom «Gestalthaften» und
von der «Gestalt» ist der Grundpfeiler dieser Goetheschen Philosophie.
Die «Gestalt» setzt die verbindende Einheit ebenso voraus wie das
durch sie verbundene Mannigfaltige. «Gestaltete Ganzheiten sind das
erscheinungsmäßig Letzte, worauf wir im Sinne Goethes stoßen kön-
nen» - ein solcher Satz enthält abschließende Einsicht. Auch Ideen,
auch Gedanken, auch die Meinungen der Philosophen können wir
fassen nur als «Gestalten», das ist das «anschauliche Erfassen der ihnen

229
GOETHES ERKENNTNISMETHODE

zugrunde liegenden, sie organisierenden Schemata von Mensch und


Welt, Welt und Leben». Denn das ist eine unumgängliche Zugehörig-
keit des Gestalthaften, daß es nicht abstrakt und begrifflich, sondern
anschauend und anschaulicherfaßt wird. Die Erkenntnis der «Meta-
morphose», die morphologische Methode bedingt, daß es für Goethe
ein Kautisches «Ding an sich» nicht gibt und geben kann. Der Brief
an Schiller vom 6. Januar 1798 reicht den brauchbarsten Schlüssel,
um in diesem Punkte Goethes Meinung klarzustellen. Sie kommt dar-
auf hinaus, daß für ihn nicht, wie für Kaut, unser Bewußtsein eine
Dingvorstellung schafft, jenseits der ein solches Ding an sich läge,
sondern daß er, wie es in jenem Briefe heißt, «von seiner ungetrenn-
ten Existenz den besten möglichen Gebrauch» machend, zugleich Be-
wußtsein und Körper, Subjekt und Objekt, Ich und Gegenstände in
ihre Rechte einsetze als die « Polaritäten », die unsere ungetrennte
Existenz ausmachen und sich an ihr unterscheiden lassen. Gibt es für
Goethe im Gegensatz zu Kant und den Kantianern kein transzendentes,
also unerkennbares « Ding an sich», ebensowenig das Ding als bloße
Vorstellungsart, so gibt es doch unendlich viele Beziehungen der Dinge
zu uns; nicht also Dinge als Erzeugnisse dieser Vorstellungsart, nicht
Dinge außer unserer Vorstellungsart, sondern Dinge in unserer Vor-
stellung. Dies ist der Sinn des zunächst schwer zu fassenden Gedankens
der Übereinstimmung von Innerem und Äußerem, den er in den Ge-
sprächen mit Eckermann vom 1. Februar 1827 bei Gelegenheit der
«Farbenlehre» entwickelt: «Sie sehen», sagt er, «es ist nichts außer
uns, was nicht zugleich in uns wäre, und wie die äußere Welt ihre
Farben hat, so hat sie auch das Auge». Die Goethesche Naturlehre ist
eine solche nicht der «Quantitäten» und «Substanzen», sondern der
«Qualitäten» und «Relationen». Diese «Relationen» aber sind un-
endlich. «Man entdeckt», so sagte er am 2. August 1807 zu Riemer,
«täglich mehr Relationen der Dinge zu uns, empfindet ihnen immer
noch etwas ab», das heißt: das letzte Wesen der Dinge verliert sich ins
Unendliche. So mündet die Goethesche Erkenntnis- und Wissenschafts-
lehre, nur von der Ganzheit der «Gestalten» und ihrem gesetzlichen
Wandel ausgehend und das letztlich unbegreifliche Leben an die Stelle
des «Dinges an sich» setzend, in die große Ehrfurcht und Frömmig-

230
«DER VERSUCH ALS VERMITTLER»

keit seines Gottschauens aus. Aber sie bedeutet zugleich für die Er-
kenntnisvorstellung des neueren Menschen eine Umlagerung, deren
theoretische und praktische Auswirkung der Zukunft vorbehalten ist-
auch für den Bereich der eigentlichen Naturwissenschaften, von dem
aus er zuerst diese Einsichten gewann.
Die Goethesche Wissenschaftslehre, in der seine Weltanschauung
ihre methodische Verfestigung fand, wurde von ihm in einer Reihe
von Aufsätzen erläutert und verteidigt («Erfahrung und Wissen-
schaft» 1798, «Einwirkung der neueren Philosophie», «Anschauende
Urteilskraft», «Bedenken und Ergebung», «Vorschlag zur Güte», alles
1820, «Analyse und Synthese» 1829, u. a.), von denen einer, nieder-
geschrieben 1792, veröffentlicht zuerst 1823, aufschlußreich am Ein-
gang seiner neuen Entwicklung der neunziger Jahre steht: die Ab-
handlung «Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt». Ab-
gesehen von ihren kritischen Ausführungen überträgt sie die Lehre
von der Metamorphose auf das naturwissenschaftliche Erkenntnis-
verfahren. «In der lebendigen Natur», so lesen wir, «geschieht nichts,
was nicht in einer Verbindung mit dem Ganzen stehe, und wenn uns
die Erfahrungen nur isoliert erscheinen, wenn wir die Versuche nur als
isolierte Fakta anzusehen haben, so wird dadurch nicht gesagt, daß
sie isoliert seien; es ist nur die Frage: wie finden wir die Verbindung
dieser Phänomene, dieser Begebenheiten?» Die Antwort lautet, daß
nur die Vermannigfaltigung jedes einzelnen Versuches weiterführe,
weil jedes der Phänomene mit unzähligen anderen in Verbindung
stehe, «wie wir von einem frei schwebenden leuchtenden Punkte sa-
gen, daß er seine Strahlen nach allen Seiten aussende». So wird hier
die Methode der Metamorphose von dem erkennenden Subjekte gefor-
dert. Nur dann «vermittelt» der Versuch zwischen Subjekt und Objekt,
·wenn das Versuchsverfahren den im Objekt gegebenen Verbindungen
und Abwandlungen nahezukommen sucht. Aber soweit auch diese Ver-
mannigfachung gehen möge, «die Disproportion unseres Verstandes zu
der Natur der Dinge» erinnert uns, wie es in dem Aufsatz heißt, zeitig
genug dar an, «daß kein Mensch in irgendeiner Sache abzuschließen»
vermöge. Also die «Vermittlung», die Erkenntnis sind immer nur an-
näherungsweise gegeben, der Rest muß gläubig verehrt werden.

231
«ERFAHRUNG» UND «IDEE»

Auch die Lösung zwischen «Erfahrung» und «Idee» liegt m der


«Vermittlung» durch die Metamorphose. Das berühmte erste Gespräch
mit Schiller, über das Goethe in dem Aufsatz «Glückliches Ereignis»
berichtet, bezog sich, wie man weiß, auf den Gegensatz ihrer Auf-
fassung hinsichtlich der « Urpflanze », die Schiller für eine «Idee»,
Goethe für eine «Erfahrung» erklärte. Goethe, nachdem er den Ge-
danken der Metamorphose der Pflanze vorgetragen hatte, ließ «mit
manchen charakteristischen Federstrichen eine symbolische Pflanze
vor seinen Augen entstehen».Mit der Antwort: «Das ist keine Erfah-
rung, das ist eine Idee» war der «Punkt, der uns trennte ... aufs
strengste bezeichnet». Sätze wie folgende, heißt es, «machten mich
ganz unglücklich: ,Wie kann jemals Erfahrung gegeben werden, die
einer Idee angemessen sein sollte? Denn darin besteht eben das Eigen-
tümliche der letzten, daß ihr niemals eine Erfahrung kongruieren
könne'». Der von Goethe zitierte Satz ist Kantisch, wie denn Schiller
«als gebildeter Kantianer» geredet habe. Er enthält die Kantische Auf-
fassung, wonach der Idee ein Gegenstand in der Erfahrung überhaupt
nicht entsprec.he. Goethe aber ist überzeugt, daß irgend etwas Ver-
mittelndes, Bezügliches zwischen Idee und Erfahrung obwalten müsse.
Dies Vermittelnde fließt aus dem Sinne seiner Ideenlehre. Für ihn ist
der Gegensatz oder der «Hiatus» zwischen «Idee» und «Erfahrung»
der zwischen «Einheit» und «Mannigfaltigkeit». Diese Einheit ist das
ei"ne, allgegenwärtige, identische, alles durchwaltende, göttliche Le-
ben, das Göttliche selber. Die Gegenstände aber, deren wir in der Er-
fahrung gewahr werden, sind Erscheinungen der Idee, «Metamor-
phosen», die uns als Anschauung gegeben sind. Ein «Urphänomen»,
wie die Urpflanze, um die sich die Unterhaltung mit Schiller drehte,
offenbart sich, wie es 1810 in der «Farbenlehre» heißt, «nicht durch
Hypothesen dem Verstande, sondern gleichfalls durch Phänomene dem
Anschauen». Die Urpflanze war die in der Anschauung gegebene, in
der Anschauung mögliche Zusammenlegung aller Abwandlungen des
Pflanzenlebens, die übergreifende Einheit im Mannigfaltigen.
Wenn der Kautischen Erkenntniskritik für Goethe das Verdienst zu-
kommt, daß sie seine eigene Weltanschauung sich schärfer abzeichnen
und klären ließ, so entspricht es einer geltenden Meinung, daß die

232
KANTS ÄSTHETIK

Kautische Schönheitslehre, die «Kritik der Urteilskraft» mit der Goe-


theschen Ästhetik nahe zusammengebracht werden müsse. Sie ver-
halte sich zu Goethe wie der Gedanke und sein existentieller Ausdruck,
sie sei die erkenntnistheoretische «Legitimation» und «Limitation»
der Goetheschen Weltanschauung durch die Kautische Philosophie, und
die Tatsache, daß er gesteht, der «Kritik der Urteilskraft» «eine höchst
frohe Epoche seines Lebens» schuldig zu sein, und sich in dem Werke
wie im Spiegel erblickt haben will, bezeichne die endlich erreichte
Synthese der Goethe-Herdersehen und der KautischenWeltanschauung.
Mit ihrer Philosophie des Organischen, mit ihrem heimlichen meta-
physischen Auftrieb begegne die «Kritik der Urteilskraft» dem Goe-
theschen Bedürfnis nach geschlossener Einheit des Weltbildes ... Dies
alles als weite geistesgeschichtliche Ausblicke hingenommen, werden
nun die Wesensverschiedenheiten auch der Goetheschen Kunstauffas-
sung in ihrer klassischen Periode von der Kautischen (und Schiller-
sehen) Ästhetik sichtbarer. Grundlegend ist auch hier der andere
Ideenbegriff Goethes. Auch hier wirkt sich der Umstand aus, daß die
Goethesche «Idee» nicht außerhalb der Erscheinungswelt besteht.
Auch hier orientiert er sich an den Phänomenen selber, statt, wie Kant,
die die Kunsterkenntnis begründende Idee der Einheit und Zusammen-
stimmung desMannigfaltigen frei im Begriffsraum schweben zu lassen.
Auch hier ist es die Vergleichung der ästhetischen Bildungen, auf die
er ausgeht, auch hier das unbegreifliche und schöpferische Leben «in»
den Erscheinungen, dessen er gewahr wird. So ist auch seine Ästhetik
nur. ein Teil seines allgemeinen Lebensverständnisses. Die in Brief-
form gehaltene Schrift «Der Sammler und die Seinigen» (1798/99),
die·ser Gesamtausdruck der Goetheschen Kunstlehre jener Zeit, macht
deutlich, daß er seine morphologische Grundvorstellung nicht auf «die
Kunst» als Abstraktum, sondern auf die Erscheinung« des Kunstwerks»
überträgt. So kann man seine Ästhetik eine «Physiognomik des Kunst-
werks» nennen. Doch zugleich ist sie nur eine besondere Anwendung der
seine Weltschau beherrschenden Vorstellung vom «Symbol». Das «Sym-
bol» - das ist für ihn das Allgemeine, wenn es im Besonderen geschaut
wird, das im Grunde unbegreifliche Leben, das wir einzig in der Er-
scheinung, am «farbigen Abglanz» mit den Sinnen ergreifen können.

255
KANTS SITTENLEHRE UND DIE KLASSIK

Daß endlich die Kautische Ethik, wie sie vor allem in der «Kritik
der praktischen Vernunft» niedergelegt ist, von der deutschen Klassik,
von Goethe, aber auch von Schiller in ihrer apriorischen Begründung
und ihren absurden praktischen Folgerungen nicht angenommen wer-
den konnte, wurde in anderem Zusammenhange erwähnt. Damit war
aber keineswegs das kategorische Sollen überhaupt für die Klassik
außer Kraft gesetzt. Dies beherrscht Schillers Leben und Dichten in
weitem Maße, und die Goethesche Entwicklung aus der Hochklassik
heraus hat sich ihm in der Zeit der Befreiungskriege und der politisch-
sittlichen Erneuerung als einem Gebot der Stunde mehr und mehr
angenähert. Eine Entscheidung zwischen sittlichem Sollen und sitt-
lichem Sein sucht seine gesamte Dichtung. Wie sehr auch seine Ethik
im Grunde mit seinem biologischen und morphologischen Denken und
mit seinen Ganzheitsvorstellungen zusammenhängt, wird seit der
italienischen Reise immer klarer. Das Tätigsein, diese Zugehörigkeit
der sittlichen Persönlichkeit, ist eine Funktion der durch Metamor-
phose und morphologische «Bildung» gekennzeichneten Entelechie
und hat weder seinen Anfang noch sein Ende in dieser Welt. Auch die
Goethesche Sittenlehre reicht mit ihrer Verlängerung in seine Ideen-
lehre hinein. Die Gegensätze zwischen Sein und Sollen treffen sich
als Polantäten in einem Letzten, Allgemeinen, Identischen. Das ist
der Sinn des gewaltigen sittlichen Austrages, den die «Wahlverwandt-
schaften» enthalten.
Goethe hat den weiteren Weg der idealistischen Philosophie mit
einer Anteilnahme begleitet, die mehr war als ein bloß theoretisches
Interesse, die einen Schutz oder eine Erweiterung des eigenen Lebens-
bereiches anzeigte. Fichte hat unter den drei nachkantischen idealisti-
schen Denkern am wenigsten vermocht, ihn in ein rechtes Verhältnis
zu sich zu bringen. Die unerbittliche Zuspitzung und Schärfe seines
kritischen Denkens, die bis zu äußersten Folgerungen getriebene Denk-
weise der spekulativen Entgegensetzung und wechselseitigen Bezüg-
lichkeil in einem Ich und Nichtich, dieser entschiedenste, über Kant
hinaus gesteigerte Idealismus, hat, bei aller Hochachtung für Fichtes
Persönlichkeit, Goethes Verständnis nicht finden können. Eine Reihe
bisweilen ironischer Äußerungen bezeugt, daß er sich gegenüber der

234
GoETHE UND FICHTE

Fichteschen «Wissenschaftslehre» stärker als gegenüber Kant selber


auf die Wirklichkeit in den Dingen zurückzog. Aber es kam bei Fichte
noch eine besondere Verflechtung hinzu, um ihn und seine Lehre für
Goethe nicht nur «intelligibel», sondern auch praktisch mit seinem
eigenen geistigen Besitzstand und dessen Vergegenständlichungen
schwer vereinbar erscheinen zu lassen. Das war Fichtes Wirkung an
der Jenaer Universität, die nicht nur ein Gebilde war, dem Goethes
Fürsorge und Anhänglichkeit als einer bloßen Liebhaberei gehörten:
diese Universität -wie jede andere -war für ihn eine Einrichtung, in
der sich die Goethesche Wissenschaftslehre als eine empirische Ge-
gebenheit bekunden sollte. Das Fichtesche Ungestüm, seine Entschie-
denheit und Rücksichtslosigkeit nach allen Seiten, seine schneidende
ideologische Schärfe führten mehr und mehr zu Konflikten, die sich
für die Ruhe, die Weiterentwicklung, ja den Bestand der
Jenaer Hochschule höchst gefährlich auszuwachsen drohten, bis der
« Atheismusstreit » schließlich, obwohl Goethe dem Philosophen so-
lange wie möglich die Stange hielt, zu Fichtes Weggang von Jena und
in der Folge zu dem sichtbaren Rückgang der Universität als der ton-
angebenden deutschen Hochschule führte. Sie war eben mit der Kau-
tischen Philosophie und dem deutschen Idealismus auf Gedeih und
Verderb verbunden gewesen. Goethes folgenschweres Verhalten in der
Fichteschen Angelegenheit ergab sich letztlich aus einem weltanschau-
lichen Unvermögen, mit diesem Idealismus zu gehen. Bestimmt wurde
freilich seine Haltung auch durch die politisch-revolutionäre Zeitkrise,
die auf die Universitäten übergriff. Die Auswirkungen eines die orga-
nische «Stetigkeit» gefährdenden revolutionären Geistes meinte er
nun in seiner nächsten Nähe an den akademischen Lehrern wie der
akademischen Jugend zu verspüren, nicht zuletzt in der Kühnheit und
dem Radikalismus der Geister, die von der spekulativ-idealistischen
und der frühromantischen Bewegung ergriffen waren. Ja, als noch im
Jahre 1816 der Gedanke auftauchte,Schelling zum zweitenMale nach
Jena zu berufen, widerriet er aufs entschiedenste. Man heißt es
ironisch-bezeichnend, sorglich in Bedacht nehmen, daß eine Idee, «die
wir zu realisieren gedenken, sogleich empirisch wird, daß die Akademie
Jena etwas Wirkliches und der Mann, den wir berufen, auch ein wirk-

235
GüETHE UND SCHELLING

licher Mann ist». So wirkte sich in dieser kulturpolitischen Frage der


Gegensatz seiner Ideenlehre zum transzendentalen Idealismus aus,
dessen Folgen für ihn damals freilich noch spürbarer waren als zwan-
zig Jahre früher. Und dabei handelte es sich um den Philosophen, mit
dem ihn die stärksten geistigen und persönlichen Fäden verbunden
hatten und noch verbanden.
Das Verhältnis Goethes zu SeheHing unterliegt einer geltenden Mei-
nung, dahingehend, daß bei der gegenseitigen Befruchtung im ein-
zelnen nicht mehr unterschieden werden könne, wer der Ge-
bende, wer der Nehmende gewesen sei. Ja die SeheHingsehe Natur-
philosophie gilt geradezu als die « Systematisierung der Goetheschen
Weltanschauung» oder als ein Versuch, Goethes Naturanschauung mit
den Mitteln der Fichteschen «Wissenschaftslehre» zu rechtfertigen.
Da auf der andern Seite die SeheHingsehe Philosophie als eine Durch-
bildung und Festigung des Geistes der angesprochen
wird, wäre eine neue Gleichung des Goetheschen Geistes mit dem
frühromantischen gewonnen, und um 1800 wäre die Synthese Goethe-
Schelling an die Stelle der mit Schiller getreten. Doch neben der in
einer Endwirkung zweifellos vorhandenen, von beiden empfundenen
und von den Späteren immer wieder betonten Gemeinsamkeit lassen
sich die anderen Voraussetzungen und Methoden, auf Grund deren
SeheHing und Goethe zu ihren Weltbildern kommen, nicht mehr über-
sehen. Gewiß, auch für SeheHing liegen die Ausgangspunkte bei dem
Neuplatonismus, bei Leibniz, bei dem organischen Vitalismus, beson-
ders Herders. Auch SeheHing suchte in allen mannigfaltigen Erschei-
nungen der Natur die lebendig-waltende Einheit, auch er ist von dem
Gedanken eines durchgehenden einheitlichen Weltaufbaues erfüllt.
Auch er fand die Idee «in» den Dingen, auch für ihn gab es keine
Grenze zwischen Naturerkenntnis und Metaphysik. Auch für die Schel-
lingsche Naturphilosophie wird neben dem Organismusgedanken die
Polarität ein Weltgesetz, auf das jede Individuation wie jede Iden-
tität zurückzuführen ist. Seine Kunstlehre deckt sich mit der Goethes
und der Klassik nahezu vollkommen, indem für sie wie für die Klassik
auf Wirrekelmanns Bahnen die menschliche Gestalt das verbindliche
Maß der Kunst, die Idee ihr Gegenstand und jeder künstlerisch be-

256
ÜBEREINSTIMMUNG UND GEGENSATZ

wältigte Einzelfall Symbol eines Höchsten und Allgemeinen wird, fest-


gehalten in der geheimen «Chiffernschrift der Natur». Dennoch ist
der kritisch-idealistische Ansatz Schellings im Vergleich mit Goethes
Weltanschauung und Forschungsmethode entscheidend. Auch hier steht
das anschauende Denken und denkende Anschauen Goethes in letztem
Widerspruch zur Spekulation (wenn man es auf seine philosophische
Bezogenheit bringt). Auch hier macht der Sinn der Zeilen «Nichts ist
drinnen, nichts ist draußen; Denn was innen, das ist außen» die Blut-
probe für das Denken beider aus. Auch hier ist es die kritische Besin-
nung auf die Bedingungen apriorischer Erkenntnis, was Goethes Ver-
fahren von dem Schellings scheidet. Denn die Erben Kants, zu denen
Schelling gehört, meinten zu wissen, «daß der Aufbau der Natur nur
unter der Voraussetzung seiner apriorischen Funktion deutbar wird».
So verschiebt sich bei erneuter Prüfung ihr Verhältnis im Gegensatz
zu früherer summarischer Hervorhebung ihrer philosophischen Über-
einstimmung bis zu dem Ergebnis, daß verwandte Ziele von ihnen
durchaus unter anderen Voraussetzungen und auf anderen Wegen er-
reicht wurden, ja daß sie letztlich Vertreter gegensätzlicher Welthal-
tungen seien. Dort der Sinnenmensch, der vom einzelnen Erlebnis zur
symbolischen Erkenntnis vordringt, hier der denkende Systematiker,
der von allgültigen, auf spekulativem Wege gewonnenen Grundsätzen
zu ihrer Anwendung in den besonderen Fällen vorschreitet. «Der
Klassiker wahrt den Blick für das besondere Phänomen, der Roman-
tiker, der von Haus aus spekulativer Theologe ist, nützt jede unmerk-
liche Analogie und schreitet auf von Ding zu
Ding ... Die klassische Ehrfurcht vor der Natur steht gegen die roman-
tische Vergewaltigung ihrer, die im magischen Idealismus des Novalis
gipfelt.» Und wie Goethe «in der Fülle symbolhafter Erlebnisse» be-
wegt sich SeheHing «in einer Allegorienwelt erdachter Begriffe». Ge-
eint in dem Bestreben, die Welt als harmonische Ganzheit zu fassen
und zu durchdringen, zeigen sie wiederum, daß «Klassik» und «Ro-
mantik» wie das Blatt des von Goethe im «Westöstlichen Divan» be-
sungenen Gingobiloba-Baumes, «eins und doppelt» sind.
Als Goethe am 27. September 1800 SeheHing gegenüber den Wunsch
nach einer Vereinigung aussprach, ist seine Selbstbewahrung die glei-

257
DAS DICHTERISCHE

ehe wie bei der Anbahnung des Verhältnisses zu Schiller; denn, so


meint er, diese Vereinigung müsse «desto reiner werden, .. , je lang-
samer ich zu verfahren, je treuer ich meiner eigenen Denkart dabei
zu bleiben genötigt bin». Auch Schelling hat so die Rückbesinnung
Goethes auf sich selber gefördert. Die Verschiedenheit der beidenMän-
ner hat Schiller klar durchschaut und Goethe gegenüber zum Aus-
druck gebracht. Er hatte damals nicht mehr nötig, ein Ressentiment
persönlicher Eifersucht walten zu lassen oder Schelling mißliebig zu
beurteilen, weil er der ihm feindlichen frühromantischen Vergesell-
schaftung angehörte. Aber welch ein wundersam gesetzlicher Vorgang
liegt darin, daß Goethe auf dem Wege seiner Selbstentwicklung den
Herder, Schiller, Schelling begegnete! Und wieviel befriedigender,
«reiner», das heißt nach seinem Sprachgebrauch intellektuell red-
licher, wirken Grenzziehungen zwischen ihm und diesen Anregern
und Mitstrebenden, als wenn ihre geistigen Gütergemeinschaften mit
ihm sich unter einem vagen Sammelbegriff verflüchtigen lassen müs-
sen. Wieweit «Klassik» und «Romantik» morphologische Gestalt-
haftigkeiten sind, auch wieweit ihre übergreifende Zusammengehörig-
keit geht, kann um so deutlicher werden, je unbefangener die sie ver-
tretenden Einzelerscheinungen gegeneinander abgehoben werden.
Goethes Begegnung mit Schiller wie die mit Schelling vollzog sich,
allen philosophischen Auseinandersetzungen zum Trotz, unter dem
Sterne des Dichterischen. Auch die mit Schelling. Denn einmal ist er
derjenige Vertreter der idealistischen Philosophie, der seine spekulative
Veranlagung mit einer dichterischen Befähigung paart und auch für
die dichterische Technik ein der Übung und Ausbildung würdiges
Talent besaß. Naturphilosophische Gedanken werden von ihm in der
Form der Dichtung behandelt: in dem « Epikurischen Glaubens-
bekenntnis Heinz Widerporstens »,in kleineren Gedichten, die von ihm
der Schlegel-Tiecksche Musenalmanach für 1802 brachte. Nicht jedoch
ist es so, daß seine philosophischen Werke in die Dichtung hinüber-
reichten. Aber seine Fähigkeit des Ineinsschauens und Miteinsschauens,
sein schauendes Allgefühl in ihrer aller gedanklichen Ausgestaltung
voraufliegenden Schicht müssen mit dem dichterischen Vermögen ver-
selbigt werden. Schelling wollte die Bereiche seiner Philosophie und

238
PHILOSOPHIE UND DICHTUNG

Wissenschaft einerseits, seiner dichterischen Übungen - von denen er


sehr gering dachte- andererseits getrennt halten. SeineAnforderungen
an die Poesie (wie seine Kunstlehre) stehen unter strengen Gesetzen
und waren weit davon entfernt, einer improvisatorischen Zerflossen-
heit und einem sorglosen, sichgehenlassenden «Dilettantismus» Raum
zu geben. Aber in einem mittleren Felde berührten sich bei ihm Philo-
sophie und Dichtung doch, nicht nur so, daß seine Philosophie eine
weltanschauliche oder motivische Unterlegung für Poesie hergab oder
hergeben konnte, sondern so, daß es sich bei ihm, der Struktur seiner
Persönlichkeit nach, um ein und dasselbe Sensorium und Organon
handelte, mittels dessen er die «Weltseele» erschaute. Unter dieser
Strahlung war ein Zusammengehen mit Goethe möglich. Welches auch
immer der philosophische Gehalt des geplanten Goethe-Schellingschen
Lehrgedichtes über die Natur gewesen sein würde und wie sie sich
auch darin verständigt und abgegrenzt hätten - daß es ein Gedicht
sein sollte, wiegt schwerer als jeder Gedanke, der darin zum Ausdruck
gekommen wäre. Der intuitiv von ihm erfaßten dichterischen Grund-
schicht wegen fiel Goethe eine «Anverwandlung» an Schellings Philo-
sophie und Persönlichkeit leichter als an andere kritisch-idealistische
und spekulative Geister seiner Zeit. So konnte er von Schelling her
ihm bekannte naturphilosophischeMotive in das unzerreißlicheGewirk
der «Wahlverwandtschaften» einflechten, er konnte in dem Gedicht
«Weltseele» Schellings abgezogen-begriffliche Welten gleichsam ver-
dinglichen und in die späteren Phasen der Faustdichtung immer wie-
der Schellingsche Gedanken hineinspielen lassen.
Auch Goethes eigene Wissenschaftslehre und Philosophie ist, wie
sich immer mehr enthüllt, von seiner Dichtung in keiner Beziehung
zu lösen. Es war ein aus mangelnder Zusammenschau hervorgegan-
gener Irrtum Schillers und Späterer, anzunehmen, daß Goethes Be-
schäftigung mit den Naturwissenschaften sich mit seiner Dichtung
nicht vertrage, ihr im Wege sei oder ihn von ihr ablenke. Gerade das
Gegenteil ist der Fall. Nur darf die greifbare Hervorbringung auf dem
Papiere oder im Drucke, wie sie Schiller wünschte, nicht für das eigent-
liche Weben und Wesen des Poetischen genommen werden. Wenn
Goethe gelegentlich der «Kritik der Urteilskraft» seine Freude darüber

239
DICHTUNG UND NATURKUNDE

bezeugt, daß nach Kant «Dichtkunst und vergleichende Naturkunde


so nah miteinander verwandt seien, indem beide sich derselben Ur-
teilskraft unterwerfen», so erhält eine solche Äußerung ihren Sinn
erst aus dem Ganzen seiner Denk- und Ideenlehre und aus seiner
Ineinssetzung des Gegenständlichen mit dem Geistigen. Erst in der
Sprache der Poesie «durchdringt» sich beides, erst die Sprache der
Poesie «vermittelt» die «Anschauung», erst die Poesie ist die wahre
Heimat der bewegten «Gestalten». In der Sprache der Poesie sind
Geist und Natur, Subjekt und Objekt, Inneres und Äußeres zur Dek-
kung gebracht und erfüllt sich die Symbolik der hinter allen Erschei-
nungen stehenden «Idee». «Die Poesie», so sagt er in den «Materia-
lien zur Geschichte der Farbenlehre», «hat in Absicht auf Gleichnis-
reden und uneigentlichen Ausdruck sehr große Vorteile vor allen übri-
gen Sprechweisen, denn sie kann sich eines jeden Bildes, eines jeden
Verhältnisses nach ihrer Art und Bequemlichkeit bedienen. Sie ver-
gleicht Geistiges mit Körperlichem und umgekehrt; den Gedanken
mit dem Blitz, den Blitz mit dem Gedanken, und dadurch wird das
Wechselleben der Weltgegenstände am besten ausgedrückt.» Für die
Goethesche Dichtung gilt bislang als maßgeblich das persönliche «Er-
lebnis» und die an dies «Erlebnis» ansetzende dichterische Phantasie.
Seine Poesie ist von solcher Erfassung her in gewissem Sinne für die
neuere Erlebnis- und Bekenntnisdichtung individueller Art muster-
gültig geworden. Dilthey hat diese mit den Begriffen von «Erlebnis»
und «Phantasie» arbeitende Anschauungsweise ausgebaut. Aber mit
dem Wandel des Goethebildes vom Reinpersönlichen, Intimen, Nur-
sichselbstdienenden zum Allgemeingesetzlichen, Urbildhaften, Boden-
tiefen müssen sich auch für die Wertung seiner Poesie die Akzente
verlagern. Nicht gerade so, daß der «erlebende», intim-persönliche
und bekennende Goethe nun einem systematisierten, für die großen
Vergegenständlichungen und Einrichtungen der Natur und Gesell-
schaft eintretenden Goethe völlig weichen müßte. Aber jener soll er-
kannt werden als ein morphologisch zu deutendes Gestaltwerden des
« Urgoethe », dessen Dichterisches mit dem Persönlich-Bekennenden
und mit der Wertung eines auf das Individuelle gestellten künst-
lerischen Vermögens allein nicht erschöpft werden kann. Nachdem

240
MORPHOLOGIE DER DICHTUNG GoETHES

durch Spranger die Gesetze der Morphologie auf Goethes Lebensent-


wicklung angewendet und eine identische organische Grundform, ver-
bunden mit einem kontinuierlichen Formenwandel, als « Metamor-
phose» des Menschen Goethe, namentlich in Beziehung auf die
italienische Reise, erkannt wurde; nachdem der Sinn der Goetheschen
Metaphysik, seiner Ideen- undWissenschaftslehre in alle Rinnsale ver-
folgt worden ist, steht nichts mehr im Wege, daß mit einer Erfassung
der Goetheschen Poesie als einer morphologischen Entfaltung ebenfalls
Ernst gemacht wird. Und so wenig die «Metamorphose der Pflanze»
den Reiz der Blume ertötet, ebensowenig wird die «Metamorphose
der Dichtung» dem Genuß und der Wirkung seiner Poesie abträg-
lich sein. «Morphologie der Goetheschen Dichtung» soll nicht bloß
heißen, daß ihre «Entwicklung» unter morphologischen Gesetzen
an dem Gange seines gesamten Daseins abgelesen werde. Auch die
einzelnen, aus einem Stamme schießenden Gestalten dieser Dich-
tung, auch die einzelnen Werke bis in ihren Aufbau und ihren Sprach-
bau hinein müssen unter die Sicht seines naturwissenschaftlich-welt-
anschaulichen Metamorphose-Gedankens und seiner Gestaltlehre, sei-
ner Anschauung von der in den symbolhaften Einzelerscheinungen
vermannigfaltigten «Idee» als dem gesetzlich und göttlich beharren-
den Allgrunde gestellt werden. (Das ist dann freilich eine andere
«Idee», als sie der flache Sprachgebrauch ihm als Dichter im Gegen-
satz zu Schiller abspricht.) Wenn die Goethesche Kunstlehre von dem
Safte seines bis ins einzelne wirksamen Weltfühlens getränkt ist, so
muß es auch seine eigene Kunst selber sein. Eine Trennung der Le-
bensfunktionen gibt es bei ihm nicht, auch bei ihm selber muß («Ein-
leitung zu einer Morphologie», etwa 1795) von einer «Identität der
Teile in den verschiedensten Gestalten» gesprochen werden. Was Er-
lebnis und befreiendes Umsetzen dieses Erlebnisses in Bekenntnis ge-
nannt wurde, wird, unter die Vorzeichen seiner Natur- und Lebens-
lehre tretend, ein Akt der Einigung des Entzweiten. Das außer ihm
Stehende oder scheinbar außer ihm Stehende wird mit Hilfe der
dichterischen Lebensfunktion zu einer «Gestalt» anverwandelt, die
mit der inneren und äußeren Form einer Dichtung in Erscheinung
tritt. « Das Geeinte zu entzweien, das Entzweite zu einigen, ist das

16 Schultz, Klassik und Romantik, Bd.II 241


MORPHOLOGIE UND METAMORPHOSE

Leben der Natur; dies ist die ewige Systole und Diastole, die ewige
Synkrisis und Diakrisis, das Ein- und Ausatmen der Welt, in der wir
leben, weben und sind», heißt es im Paragraphen 759 der «Farben-
lehre». Von diesem Ansatz aus kann seine gesamte Poesie unter den
von seiner Naturwissenschaft her bekannten Begriff der «Vermitt-
lung» gestellt werden. So, wie nur eine dem Metamorphosen-Charak-
ter des Objekts entsprechende Vermannigfaltigung des «Versuchs»,
also wiederum eine Metamorphose, annäherungsweise dem Objekt ge-
recht wird, so ist seine gesamte Dichtung ein verschieden abgewan-
delter Versuch, der Wirklichkeit Herr zu werden. Dieser von ihm im
Rahmen seiner naturwissenschaftlichen Forschungen aus den Erschei-
nungen herausgelesene Begriff der «Vermittlung» hatte ja von Jugend
auf, ihm selber unbewußt, sein Wesen, Denken und Dichten durch-
waltet und in zahlreichen Gestalten seiner Dichtung früher und später
sinnfällige Verkörperung gefunden.
Mit dem Festhalten solcher Beziehungen der Goetheschen Natur-
lehre zu seiner Dichtung wird im besonderen das Wesen der deutschen
klassischen Poesie getroffen, deren Entstehung in der nachitalienischen
Zeit der naturwissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen Begriffs-
bildung zur Seite ging. Und wenn die von ihm jetzt erkannten Ge-
setze der Morphologie und Metamorphose in seinem Lebensaufbau und
seiner Poesie schon immer wirksam waren - nun bestimmten sie mit
Erkenntnisklarheit das Wesen seiner Dichtung und strahlten auf Ge-
halt und Form der Klassik aus. Welche greifbare Versinnlichung findet
in der klassischen Poesie nicht der von der Goetheschen Naturlehre
her wirksame Vorgang der «Polarität» und «Steigerung»! Wiederum
treffen in der Verwirklichung dieser beiden Gesetze Goethe und Schil-
ler, von verschiedenen Seiten kommend, zusammen. Was für jenen
wirkende Bestimmtheit der bildenden Natur war, ist für diesen ein
Bedürfnis seines von jeher gespaltenen und zur Einheit strebenden
Geistes, des dynamischen Charakters seines Daseins und seiner einer
steigernden Triebkraft unterliegenden Dichtung.
An keiner anderen Begegnung der Goetheschen Dichtung mit einem
«Stoffe» wird ihre morphologische Haltung so augenfällig als in jenen
Werken, die im näheren und entfernten Abstand die Erscheinung der

242
GOETHES REVOLUTIONSDICHTUNGEN

Französischen Revolution zu bewältigen suchen. Gerade hier hat er


den Zusammenhang zwischen seiner Naturwissenschaft und seiner
Dichtung selber hergestellt in jenem aufschlußreichen Bekenntnis,
das sich betitelt «Bedeutende Förderung durch ein einzelnes geist-
reiches Wort» (1825). Über Goethes Erschrecken, sein Grauen vor der
Französischen Revolution, seinen Widerstand gegen sie braucht nach
früher Gesagtem kein Wort mehr verloren zu werden. Es handelt sich
hier um eine «Existenzentzweiung», welches immer ihre seelischen,
bildungsgeschichtlichen, gesellschaftlichen, politischen, umweltbeding-
ten Symptome gewesen sein müssen. Die «Gewältigung» dieser Ent-
zweiung schloß die durch Anwandlung und Abwandlung zu bewir-
kende «Vermittlung» in sich. Am Schlusse der «Kampagne in Frank-
reich» wird ausdrücklich dieses beherrschende Grund- und Weltgesetz
in Beziehung gebracht zu dem Dichter, der das Urphänomen der
Französischen Revolution behandeln will. Die Goethesche «Existenz-
entzweiung» war für ihn gleichzeitig eine solche der Menschheit und
aller organisch entstandenen Verhältnisse des privaten und öffentlichen
Lebens. Doch «was drinnen ist, ist draußen», und so deckt sich die
objektive mit der subjektiven Entzweiung, die die Revolution für ihn
bedeutete. Sie war zunächst für ihn ein Urphänomen mit negativen
Vorzeichen. Sie erschien ihm als ein Ereignis, das, gestaltlos, nur das
Getrennte und Trennende auf allen Gebieten, kein innerlich wirken-
des Bildungsgesetz und keine Einheit in der Mannigfaltigkeit, keine
«Dauer» und «Gegenwart» erkennen ließ. Sie erschien nicht als ein
positives Grundverhältnis, wie es allgemein und unter den verschie-
densten Umständen anders und doch identisch, überall in der Welt,
im Innern und Äußern, im Großen und Kleinen wiederkehrt und alles
Einzelne bestimmt. Verwirrung, Verdüsterung, Trennung waren für
ihn die Kennzeichen und Wirkungen der Revolution. In dem phan-
tastisch-märchenhaften Reiseroman, den er- der alten Gattung der
« voyages imaginaires » folgend - zwischen 1789 und 1792 entwarf
und nur in geringen Bruchstücken und Schematen hinterließ, ge-
nannt «Die Reise der Söhne Megaprazons», spaltet sich die paradie-
sische Insel der Monarchomanen, an deren Gestalt Natur und Kunst
in gleicher Weise teilgehabt haben, in drei Stücke. Ob es gelingt, ihr

16* 243
GoETHES «MÄRCHEN»

die verlorene Einheit und Gestalt wiederzugewinnen, steht dahin. Es


wäre eine zu rohe Allegorie, unter dieser Insel das vorrevolutionäre
Frankreich verstehen zu wollen. Ein Allgemeineres ist mit ihr ge-
meint. Auch über die Ordnung und Gliederung der Stände als eines
gestalthaften Phänomens reicht dies hier zu verstehende Allgemeine
hinaus und muß genommen werden als das «Ganze» an sich und in
der Erscheinung.
Als zugleich «bedeutend» und doch «deutungslos» tritt der «Reise
der SöhneMegaprazons» das am Schlusse der «Unterhaltungen deut-
scher Ausgewanderten» 1795 in den «Horen» veröffentlichte «Mär-
chen» zur Seite. Die deutsche Literatur, ja vielleicht die Literatur aller
Völker hat diesem Stück Poesie nichts Vergleichbares an die Seite zu
setzen. Diese zwei Druckbogen Prosa sind ein vieltöniges Glockenwerk
für den das Natürliche natürlich Verstehenden und ein beglückendes
Eiland für den ruhige Landung, dauernde Habe oder zukunftsfrohe
Weiterfahrt Begehrenden. Sie sind auf der anderen Seite ein Beweis da-
für, wie gerne sich der Mensch die Unruhe eines «Wissenwollens »
schafft, statt Heimatlichkeit bei einer Dichtung zu erkennen, die von
ihm nichts anderes verlangt als die Gelöstheit seiner Aufnahmeorgane
und die unverbaute Ungezwungenheit der Begegnung. Drei Räume
hat die Bemühung um das «Märchen» durchlaufen. Keine andere
Goethesche Dichtung hat in ähnlicher Weise schwankender Deutung
unterlegen. Auf einer ersten Stufe feierte eine die Allegorie suchende
Auslegung, derart, daß bestimmte sachliche oder persönliche Bezogen-
heiten unter den Märchenfiguren oder Märchenvorgängen verstanden
wurden, feierte also die betastliche, von außen an die Dichtung heran-
tretende Vernünftelei, die in dem «Märchen» eine Schlüsseldichtung
sah, wahre Orgien, die sich schon durch die Verschiedenheit ihrer Er-
gebnisse widerlegten. Auf einer zweiten Stufe des Verstehens wurde
das «Märchen» ohne biographische oder geistesgeschichtliche Alle-
gorisierung erfaßt vom Boden der Goetheschen Naturphilosophie und
Weltanschauung als die Zusammenbindung von Kräften- kosmischen,
vitalen, gesellschaftlichen, sittlichen Kräften -, durch die sich ein
kleines «Drama» bildet. Diese Kräfte haben ein dynamisches Zen-
trum: das ist die «Idee», um die es sich hier handelt. Hat doch Goethe

244
DEUTUNGEN DES «MÄRCHENS»

diese «Idee» Schiller gegenüber ausgelegt als «das gegenseitige Hilfe-


leisten der Kräfte und das Zurückweisen aufeinander». Im Verfolg
dieser «Idee» wird das «Märchen» zur Darstellung des Vorganges, der
dem Urphänomen aller Gestaltenbildung zugrunde liegt. So lebt im
«Märchen» das «Allgemeine», das, in eine bestimmte Erscheinung
verwandelt, «Gleichnis» wird. Den dritten Ring hat die Goethe-
deutung um das «Märchen» gelegt, indem sie in seinen Figuren und
Vorgängen aufschließende Symbole gemäß der Goetheschen Meta-
physik und Ideenlehre erblickt. Dies ist keine Auslegung im Sinne von
«Begriffen»: die Deutung wird zum Verstehen des «Bedeutenden»,
das heißt des lebendigen Bildes. Ein solches ist ja für ihn immer etwas
«zahllos Metamorphosierbares, eine Gestalt, eine Physiognomie ».Jetzt
erst erschließt sich auch für das «Märchen» das Sinnlich-Übersinn-
liche, jene Doppelwertigkeit oder Zweiseitigkeit, unter deren Herr-
schaft die gesamte spätere Dichtung Goethes steht, jenes zwanglose
Sichdurchdringen, ja Verseibigen des Dichterischen und Gedanklichen,
ohne daß dem einen wie dem anderen Gewalt geschähe. Und es kommt
auf den Leser an, ob seine Organe mehr dem einen oder dem anderen
offen sind. Aber hat der Dichter nicht selber einem «Hineingeheim-
nissen» auch in dies Werk zum mindesten durch schalkhaftes Gewäh-
renlassen Tür und Tor geöffnet? Trifft das hier und anderwärts für ihn
zu, so hat es seinen tieferen Grund in dem Wesen seiner und jeder
Dichtung, die für ihn immer nur annäherungsweise der «Idee» nahe-
kommt und durch Vermannigfaltigung der Deutung dem Dinglich-
Ideellen immer mehr anverwandelt werden konnte. Dazu gehört frei-
lich, daß man ihr sinnliches Element nicht zu kurz kommen läßt. So
auch für das «Märchen». Ein Fluß, eine Brücke, ein Fährmann, Irr-
lichter, eine Schlange, ein Mann mit einer Lampe, eine Lilie, eine
Alte, ein Mops, ein Habicht, Gold, Silber, Erz und ihre Mischung, ein
schöner Jüngling haben ihre bestimmte Sinnenwirkung, ihren An-
schauungs- und Gefühlsgehalt, der ihnen ihre festen Bezüge zum sicht-
baren und greifbaren Leben sichert. Der «geheime Sinn» aber, der
«den Wissenden erbaut», ist in der empfindenden Anschauung sofort
mitgegeben. Das ist die wahre Funktion aller Poesie, der Goetheschen
zumal. Der «Mann mit der Lampe» etwa bedarf nicht einer Erläu-

245
DIE GATTUNG

terung, m der dies Lampenattribut als allegorisches Emblem eine


Rolle spielte: aber er bedarf der Assoziationen, die sich in dem Erlebnis
und dem Gefühl des Dichters mit einer Lampe und dem Lampenlicht
verbunden haben. Es ist das Umfriedete und Umfriedende, das Hei-
lende und Beruhigende, das Schlichtende und Stiftende der « Stim-
mung» des Lampenbereiches, von der aus der Weg zum Charakter und
zu der Rolle des Lampenmannes führt. Es ist die Atmosphäre der
Faustischen Zeilen: «Ach, wenn in unsrer engen Zelle Die Lampe
freundlich wieder brennt usw.», aus der sich seine sinnliche Existenz
im «Märchen» herleitet. Die Irrlichter aber sind Wesen, denen ein
Zeichner aus täglicher Beobachtung menschliche Gestalt, menschliches
Gesicht, menschliches Gebahren und menschliche Ausdrucksbewegung
zu geben vermöchte. Die schöne Lilie muß nur innerlich angeschaut
werden inmitten des Blumengartens, um Ferne und Kühle, Unbe-
rührsamkeit und stille Majestät auszuströmen und dem Begehrenden
als höchster Preis zu gelten. So ist die Goethesche Poesie bei aller Bo-
dentiefe hier wie immer durchaus naiv und deckt sich mit dem, was
man « volksmäßig » nennen könnte dadurch, daß in ihr und an ihr
Urverhältnisse des Lebens, der Natur und der Gesellschaft sinnlich und
greifbar werden. Ganz reibungslos stimmt dies zusammen mit der Ab-
sicht des Dichters, in seinem «Märchen» das Gattunghafte rein und
vorbildlich sich darstellen zu lassen, so, wie es die bald nach dem
«Märchen» konzipierte «Novelle» ebenfalls schon in dem program-
matischen Titel tut, und wie die eingelegten Erzählungen in den
«Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten» solche idealtypischen
Novellen sind. Reiner Darstellung des Wesens einer Kunstgattung gilt
nach Programm und Ausführung bekanntlich die Absicht der Goethe-
Schillerschen Klassik; das wurde von Schiller bereits auf einer frühen
Stufe seiner Entwicklung verkündet. Die gewollte Durchdringung und
Vermischung der Gattungen innerhalb der frühen und späten Roman-
tik ist je und je dazu in Gegensatz gestellt worden. Für Schillers Schaf-
fen war die Klarheit, die er durch seine Theorie über die dichterischen
Gattungen gewann, äußerst förderlich; für Goethe, so hat man ge-
meint, sei dieselbe, im Gedankenaustausch mit Schiller gewonnene
Klarheit ein Hemmnis seiner Produktion geworden. Ganz gewiß nicht:

246
DAS «MÄRCHEN» ALS «HOCHKLASSIK»

Er wußte (an Schiller, 50. Dezember 1797): «Ganz anders arbeitet


man aus Grundsätzen als aus Instinkt.» Zum anderen aber war der
Wille nach strenger Ausprägung des Gattungsmäßigen wiederum eine
Folge seiner morphologischen Haltung - freilich nicht nur des Gat-
tungsmäßigen im Rahmen eines schulbedingten Fächerwerkes, son-
dern einer Hervorbringung, die dem Verfahren der Natur zur Seite
geht. Immer strenger wurde er im Alter in Beziehung auf das Gat-
tunghafte. Nur die Jugend, so sagte er arn 4.April1814 zu Rierner,
habe die Varietät und Spezifikation, das Alter aber die Genera und
Farnilias, und erwies das an sich und Tizian, «der zuletzt den Sarnrnt
nur symbolisch malte». Er selber sei «in seiner Natürlichen Tochter,
in der Pandora ins Generische gegangen; im Meister sei noch die Varie-
tät das Naturgernäße daran! Die Natur sei streng in generibus und
farniliis und nur in der species erlaube sie sich Varietäten». So wird
dem klassischen Goethe auch die Erkenntnis undVerbeispielung «der»
«Novelle» und «des» «Märchens» verdankt-und dies, ohne daß das
Alterturn mustergültige Vorforrnungen hergegeben hätte.
Auch Goethes «Märchen» ist in jeder Beziehung deutsche Hoch-
klassik. Reinste, farbigste, bewegteste, ins Unendliche sich verlierende
Poesie auf der einen, ist es auf der anderen Seite Formulierung all-
gemeingültiger gesetzmäßiger Gehalte und typische Gestalthaftigkeit.
Wie weit ist scheinbar die Spannung zwischen ihm und der Schiller-
sehen Dramatik! Nach Inhalt und Form scheinen zwischen beiden Be-
reichen weltweite Entfernungen zu liegen. Dringt man aber vorn Bilde
zum Wesen vor, so erscheint das Verbindende: Handlung undTat hier
wie dort, hier wie dort Vorverkündigung einer besseren und höheren
Menschheit und Zukunft und der Glaube an sie. Denn im Goetheschen
«Märchen» werden arn Schlusse der «Tempel» und die «Brücke» er-
baut: <mnd bis auf den heutigen Tag wimmelt die Brücke von Wan-
derern, und der Tempel ist der besuchteste Ort der ganzen Erde». Das
«Märchen» steht in der Reihe jener festspielartigen Dichtungen, die,
mit den Weimarer «Maskenzügen» der ersten achtziger Jahre begin-
nend, über die «Vorspiele» und Festspiele des ausgehenden 18. und be-
ginnenden 19.Jahrhunderts bis zu «Pandora», bis zu «Des Epirnenides
Erwachen» und darüber hinaus reichen. In ihrer Gesamtheit vereinigen

247
DIE «UNTERHALTUNGEN DEUTSCHER AUSGEWANDERTER»

sie die beiden Pole des Symbolischen und Allegorischen, das heißt: sie
lassen sowohl inneren «Sinn» erraten als auch verkörpern sie oft diesen
Sinngehalt in Personifikationen, die der Schaulust und Verständigkeit zu
dienen vermögen. Solche Dichtungwar für Goethe nicht zweckhafte und
gefällige Mache. Ein «Fest» hatte für ihn allemal eine« Bedeutung»,
der nur die Dichtung, und zwar die Dichtung symbolischen, rätsel-
haften und zugleich enträtselnden Charakters näherzukommen ver-
mochte. In solchen Dichtungen flossen Vergangenes, jetziger Moment,
Zukunftshoffnung und Zukunftswunsch zur Ausschöpfung der «Gegen-
wart» zusammen und suchte dieBedrohtheit inmitten der realen Um-
welt den Ausgleich durch die Kraft der verkündenden und auf das
Kommende hoffenden Poesie zu finden. Nicht umsonst stehen diese
Dichtungen im Raume der für die europäische Menschheit so bela-
steten Jahrzehnte. So ist es auch mit dem «Märchen». Auch das
«Märchen» ist eine Art Festspieldichtung. Der magische Ruf: «Es ist
an der Zeit» bezeichnet ebenso den enthüllenden und erfüllenden
Tag, wie dieser Tag in der «Pandora» heraufzieht. Aber noch näher,
weniger allgemein, tritt das «Märchen» zu den Erschütterungen der
Revolutionsepoche. Wie die beiden anderen Märchen Goethes «Der
neue Paris» und «Die neueMelusine» steht es bedeutend im Zusam-
menhange einer umfassenden erzählerischen Konzeption. Die «Unter-
haltungen deutscher Ausgewanderten» werden mit ihm nach dem
Gesetze der Polarität und Steigerung abgeschlossen und über sich selbst
hinausgeführt. Einmal wollte er sie, die sowohl in den Rahmengesprä-
chen wie in den eingelegten Novellen realistisch gebunden sind,
«durch ein Produkt der Einbildungskraft gleichsam ins Unendliche»
auslaufen lassen. Zum anderen: die typisch aufgeteilte Gesellschaft der
Rahmengespräche zeigt die nun schreckhaft deutlich werdende Ent-
zweiung der Menschen und die Unüberbrückbarkeit ihrer Partei-
meinungen. Die «gegenseitige Hilfeleistung der Kräfte» im « Mär-
chen» ist das gerade Gegenteil solchen Auseinanderstrebens. Endlich
sind die «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten» bis zu der Über-
höhung durch das «Märchen» auf das sich steigernde Thema gestellt,
das vor dem Beginne der Novelleneinlagen angeschlagen wird: «die
entschiedene Neigung unserer Natur, das Wunderbare zu glauben».

248
DAS «MÄRCHEN» UND DIE ROMANTIK

In jeder Weise sind die «Unterhaltungen» mit ihren Rahmen-


gesprächen und Einlagen und mit dem sie krönenden «Märchen» ein
Vorspiel der Romantik. Mehr noch: sie sind ein Hintergrund, auf dem
sich ein gut Teil des dichterischen Wollens der Romantik durch drei
Jahrzehnte hindurch auswirkt. Dabei steht die technische Anregung
voran, und wer vermöchte zu sagen, ob wir ohne sie den «Phan-
tasus» LudwigTiecks und die «Serapionsbrüder» E. T. A. Hoffmanns
besäßen! Und hat nicht vielleicht die Novelle von der « Sängerin An-
tonelli » mit den gespenstischen Zeichengebungen eines Revenants
auch auf Heinrich von Kleists «Bettelweib von Locarno» gewirkt? Je-
doch über allen einzelnen Erregungen, die sich von den «Unterhal-
tungen deutscher Ausgewanderten» auf die Romantik übertrugen,
steht der Aufbruch zu neuen Ufern, dessen Ruf man aus dem «Mär-
chen» vernahm:
Es ist an der Zeit
Glänzend steht nun die Brücke, der mächtige Schatten erinnert
Nur an die Zeit noch, es ruht ewig der Tempel nun hier,
Götzen von Stein und Metall mitfurchtbaren Zeichen der Willkür
Sind gestürzt und wir sehn dort nur ein liebendes Paar -
An der Umarmung erkennt ein jeder die alten Dynasten,
Kennt den Steuermann, kennt wieder die glückliche Zeit.

Novalis, der diese Zeilen in den «Blumen» (1798) dem jungen preu-
ßischen Königspaar als dem idealen Menschenpaare darbrachte, ist im
Märchen von «Hyazinth und Rosenblütchen», das den Kern der «Lehr-
linge von Sais» bildet, dem Goetheschen «Märchen» nach Inhalt,
schlichtem Erzählerstil und naivem Ton sehr nahe. Und der Sinn der
Erzählung von Hyazinth, der durch die Welt irrend Isis, die Göttin
der Natur, sucht und, als er den Schleier von ihrem endlich gefun-
denen Bilde hebt, sich seiner geliebten, ehedem verlassenen Braut
gegenüberfindet-diese Verselbigung der Natur, der Geliebten und der
aus dem eigenen Inneren kommenden Wahrheit und Weisheit wäre
unter der geistigen Rundsicht Goethe-Schellings leicht unterzubringen,
ließe sich das alles bei Novalis nicht so jünglingshaft, so sehr als eigene
Findung und Prägung an, daß man Scheu trägt, es in strenge geistes-

249
BLUMENSYMBOLIK

geschichtliche Verbindungen zu bringen. Im übrigen ist die Blumen-


sehnsucht und Blumenmystik der deutschen Romantik gewiß nicht
unmittelbar abhängig von Goethes Lilienmärchen. Eher ließen sie sich
mit emblematischen Symbolen älterer mystischer Geistigkeit, beson-
ders mit Jac0b Böhme zusammenbringen. Die Blumen gehörten für die
Romantik zu den «Hieroglyphen». Das heißt, sie waren Ausdrucks-
mittel jener Symbolsprache, die das hinter den sinnlichen Erscheinun-
gen ruhende Geheimnis andeutete. Novalis, Tieck, Zacharias Werner,
E. T. A. Hoffmann haben in dieser Weise Blumen als Gestalt, Farbe,
Duft gewordene mystische Erscheinungsformen eines durch ein Wort
oder ein anderes Bild nicht Ausdrückbaren verwendet. Aber fällt nicht
ein bleicher Glanz auch von der schönen, stillen, rätselhaften Lilie
des Goetheschen «Märchens» aufalldies? Undist es nicht auch hier der
«Schatten des Riesen» (um mit dem «Märchen» zu sprechen), der der
Romantik die Brücke zu ihrer übersinnlichen Welt hin bauen hilft?
Philipp Otto Runges im persönlichen und gedanklichen Zusammen-
leben mit Tieck entstandene berühmte «Tageszeiten» von 1804
sind, auch ohne daß ihre Ausdrucksmittel, die Blumenfigürlichkeiten,
mit der Goetheschen Lilie in Verbindung gebracht würden, im ganzen
der Konzeption und des Kunstwillens das zeichnerische Gegenstück der
Romantik zu Goethes «Märchen». Auch sie sind nicht im einzelnen
deutbar, aber sie haben einen symbolischen Sinn im großen, haben
eine indirekte Wirkung wie die Musik (so auch das Märchen) und
können ebenfalls für den unbefangenen Blick als ein Spiel der anschau-
lichen Phantasie gelten. Aber sie müssen, um den Aufnehmenden in
der Mitte zu treffen, gewisse Assoziationen in ihm voraussetzen. Das
verlangt das «Märchen» ebenfalls.
Doch nicht nur die gezeichnete « Märchenheit» bei Runge ist auf
Goethes Spuren Weltanschauung in Märchenform. Das Weltanschau-
ungsmärchen ist - mit dem Ausgang von Goethe - der Romantik
eigentümlich. Trotz dem greifbaren Ansatz bei der Hochklassik zeigt
die Kette der romantischen Kunstmärchen oder Märchendichtungen
von Novalis und Tieck bis zu E.T.A.Hoffmanns «Goldenem Topf»
und dem Ophioch-Liristraum in seiner «Prinzessin Brambilla>>, wie
sehr von ihr «geprägte Form» überwunden wurde und das «Elemen-

250
N OVALIS' MÄRCHEN

tarische» (wie Goethe den romantischen Kunstwillen nannte) sich in


seine Rechte setzte. Das Märchen des Novalis von Eros und Fabel, das
Klingsohr am Schluß des ersten Teils im «Heinrich von Ofterdingen»
erzählt, ist entwicklungsgeschichtlich ohne den Vorgang von Goethes
Lilienmärchen nicht zu denken. Aber nicht so, daß es in notwendiger,
in einer als gesetzlich zu erkennenden Steigerung oder Weiterbildung
aus dem Goetheschen Märchen herausgewachsen wäre. Alle gewollte
Verwandtschaft des Grundrisses und der Apparatur bei Novalis soll den
Unterschied der weltanschaulichen Haltung um so deutlicher machen,
so, wie der ganze Ofterdingenroman sich bis auf die Äußerlichkeiten
des Formates und Druckes an den «WilhelmMeister» anlehnte, jedoch
nur, um das von jenem gänzlich abweichende 'Veltbild als um so auf-
fallender erkennen zu lassen. Und der Zusammenhang von Klassik und
Romantik einerseits, ihre Polarität andererseits läßt sich an den beiden
Märchen wie an einem Schulbeispiel erläutern. Verwandt sind Sprache
und Stil: jene unverbundenen Sätze oder Satzreihen, überwiegend
kurze Hauptsätze ohne Anknüpfung, ohne Unterordnung, ohne aus-
drückliche syntaktische Beziehung aufeinander, ohne logische Ver-
knüpfung oder Entgegensetzung. Goethe hat mit diesem Stil und sei-
ner Tendenz zur alogischen Musikalisierung der Sprache in den Raum
des Überwirklichen getroffen und den Ton geschaffen, der, für ein
«Zwischen» geeignet, unter und über seinen Aussagen noch vieles
Ungesagte vermuten läßt. Novalis erkannte und verwertete diesen Ton
im Sinne seiner Theorie eines in Sonderheit «romantischen» Stiles
in «Erzählungen ohne Zusammenhang, jedoch mit Assoziation wie
Träume». Tieck hat in seinen Jugendmärchen diesen Ton auch: Ri-
carda Ruch sagt vom «Blonden Eckbert »: «Die Begebenheit an sich
wäre nichts ohne die liebliche Sprechweise, die wie ein Geläut aus der
Ferne an unser Ohr dringt.» Verwandt aber sind bei Goethe und No-
valis auch die Wesen der Märchenhandlung, insofern sie jene Doppelt-
heit von Altbekanntem, Selbstverständlichem auf der einen, Wunder
und Ferne auf der anderen Seite besitzen und sich wie die Gestalten
in einer Zauberlaterne anlassen. Offensichtlich folgen der Goetheschen
Spur dunkel deutende Zwiegespräche wie dies: «,Was suchst du?'
sagte die Sphinx.- ,Mein Eigentum', erwiderte Fabel.- ,Wo kommst

251
GORTHE-KLASSIK UND NOVALIS-ROMANTIK

du her?'- ,Aus alten Zeiten.'- ,Du bist noch ein Kind'- ,Und werde
ewig ein Kind sein.' - ... ,Kennst du mich?' - ,Noch nicht.' - ,Wo
ist die Liebe?'- ,In der Einbildung'» usw. Der König bei Goethe aber
hatte die Schlange gefragt: «;No kommst du her?'- ,Aus den Klüf-
ten', versetzte die Schlange, ,in denen das Gold wohnt.' -,Was ist
herrlicher als Gold?' fragte der König. - , Das Licht', antwortete die
Schlange.- ;Nas ist erquicklicher als Licht?' fragte jener.- ,Das Ge-
spräch' antwortete diese» usw. Diese Wechselrede ist im Goetheschen
«Märchen» nicht die einzige Art ... Verwandt sind beide Märchen
endlich in dem Ziele: der Steigerung zu einer allbeglückenden Zu-
kunftsschau, die durch die Verbindung des liebenden Paares besiegelt
wird. Doch was besagt schließlich dieses und anderes gegen die ganz
bewußte Abkehr des Novalis von der Funktion, die das Goethesche
«Märchen» ausübt. Goethe sieht auch hier die Idee «in» den Dingen
und läßt sie durch die nach den Gesetzen des Möglichen geregelte
Wirklichkeit hindurchscheinen. Novalis begründet sein Märchen nicht
auf Vorgängen diesseitiger, der Erfahrung zugänglicher Art, um, wie
Goethe es tat, beherrscht und geschlossen, ein in sich folgerechtes
«kleines Drama» zu bilden. Die Grundlage des NovalisschenMärchens
ist nicht die gestalthafte Wirklichkeit und das ideellfolgerechte Ab-
rollen von Natur- und Lebensvorgängen. Sein Märchen beruht auf
dem naturphilosophischen Willen zu einer Entschleierung, die gleich-
zeitig wieder eine «hieroglyphische» Verhüllung ist und - dadurch
gerechtfertigt - auf der seltsamen Verschlingung von Vorgängen der
Phantasie und des Traumes, deren Aufeinanderfolge keinen empirisch
möglichen Gesetzen untersteht. «Ein Märchen», sagte er ja, «ist
wie ein Traumbild, ohne Zusammenhang. Ein Ensemble wunderbarer
Dinge und Begebenheiten, z. B. eine musikalische Phantasie, die har-
monischen Folgen einer Äolsharfe, die Natur selbst.» Auch hier ist der
Unterschied zwischen Goethe-Klassik und Novalis-Romantik der, daß
im ersten Falle überall der die Fäden festhaltende Gestalter erscheint,
im zweiten Falle der Dichter sich tragen und führen läßt von einem
durch ihn hindurchziehenden, auf den Saiten seines Inneren spielen-
den, gleichsam seinem Zutun entzogenen Gewoge. Auch hier ließe
sich das schöne Wort aus den nachgelassenen Tagebuchaufzeichnungen

252
DER «BÜRGERGENERAL»

Eduard von Bauernfelds anwenden: «Von den Klassikern kann man


sagen: Gott war in ihnen; von den Romantikern: Sie sind in Gott.»
Mit den von den «Märchen» überhöhten «Unterhaltungen deut-
scher Ausgewanderten» befindet man sich in der Mitte der «Revolu-
tionsdichtung» des «Klassikers» Goethe. Wie in Goethes Aufsatz über
den «Versuch als Vermittler» die Vermannigfaltigung eines jeden ein-
zelnen Versuches Pflicht des Naturforschers ist, da «alles in der Natur,
besonders aber die allgemeineren Kräfte und Elemente in einer ewigen
Wirkung und Gegenwirkung sind», so war also eine solche Vermannig-
faltigung das mehr oder minder ihm bewußte Gesetz seiner Dichtung
seit der klassischen Zeit. Bei diesem Grundtrieb blieb Raum genug für
alles, was Gelegenheit, Umstände, Umgebung,« Quellen», Anregungen,
Stimmungen und Verstimmungen ihm an Förderung oder Hemmung
zubringen konnten. Für die vermannigfaltigte « Gewältigung » der
Französischen Revolution bildete zuvörderst das Drama das Gefäß, wie
von Jugend an, wenn es ihm galt, die Einheit seiner selbst wieder-
zufinden. Der mit den Bühnentypen des Lustspieldichters Anton Wall
arbeitende « Bürgergeneral » ( 1795), dieses erste Glied in der Kette
der den Gesetzen der Metamorphose und Steigerung unterliegenden
Versuche, ist, psychologisch gesehen, eine «Flucht» und «Abreaktion»
der erschütternden französischen Ereignisse von Januar 1795 auf dem
Wege der über so vieles hinweghelfenden Bühnenillusion; wesens-
mäßig betrachtet eine Polarität sowohl gegenüber dem französischen
Schrecken wie den deutschen Sympathien mit der Französischen Re-
volution. In seiner hohlspiegelartigen Verkleinerung, Verzerrung und
Verlächerlichung revolutionärer Rückwirkungen auf deutschem Bo-
den, in der engherzigen Verkündigung eines politischen Quietismus,
in der Festgefahrenheit seiner Auffassung von den ständischen Ver-
pflichtungen und von der autoritären Gewalt des Edelmannes war das
Werkchen schon zu seiner Zeit für manchen schwer genießbar, und
die Goetheforschung des 19.Jahrhunderts hat es wiederholt als seiner
unwürdig gebrandmarkt. Wohl empfand er selber, daß «die Urbilder
dieser lustigen Gespenster zu furchtbar wären, als daß nicht selbst die
Scheinbilder hätten beängstigen sollen>), Doch aus dem Gesamt seiner
Weltanschauung heraus erscheint es uns heute nicht bloß als das Er-

255
«DIE AUFGEREGTEN»

zeugniseines «ärgerlich-guten Humors», auch nicht mehr als bloßes


Tendenzstück; sondern die bewußt zeitlose Behandlung des Revolu-
tionsmotivs läßt hinter dem Verhalten habgieriger und eigensüchtiger
Revoluzzer und der Aufrechterhaltung der Autorität den Willen des
Dichters zu allgemeingültigen Folgerungen aus den beobachteten oder
möglichen Einzelvorgängen erkennen.
Stärker im Dienste einer abwandelnden «Vermittlung» steht das
dem Jahre 1793 angehörige, des fünften Aufzuges entbehrende «poli-
tische Drama» «Die Aufgeregten». Auch hier fehlt nicht die gegen
die Umstürzler gerichtete Parodie, gesammelt auf die Figur des Breme
von Bremenfeld; auch hier bedarf es noch der Anlehnung an ein
literarisches Vorbild, an Holbergs «Politischen Kannegießer»; auch hier
wird die Revolution nur erst mit ihren Wellenschlägen auf deutschem
Grunde abgedämmt. Schon aber ist die Gesellschaft vielfältiger und
weniger schematisch nach ständischen Vertretern gegliedert. Stehen
sich deren Anschauungen gegenüber, so wird doch von der Gräfin und
dem Hofrat «Vermittlung» gesucht vom Boden der sittlichen Ver-
pflichtungen, die über ständischen Vorurteilen und ständischer Eigen-
sucht erhaben sein sollen. Die Familienähnlichkeit zwischen der Ba-
ronin der «Aufgeregten» und der verwitweten Baronesse in der Rah-
menerzählung der« Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten» ist
nie verkannt worden. Ob diese Figur ein wirklicher «Mittler» sei oder
ob sie als ausgleichendes Element nur durch die Führung des Ge-
spräches eingreife, ganz im Gesellschaftlichen befangen bleibe und
damit dem ursprünglich dem spanischen Drama angehörigen Typus
des «Grazioso » am nächsten komme, ist wenig von Belang angesichts
der weltanschaulichen Zwangsläufigkeit, aus der sich bei Goethe die
Konstruktion einer solchen Gestalt als Notwendigkeit ergibt - gewiß
nicht, ohne ihre Rechtfertigung in Figuren der damaligen gesellschaft-
lichen Wirklichkeit zu finden. Gleicher Systemzwang, wenn auch schon
abgeschwächt, wirkt noch in dem merkwürdigen Bruchstück des in
Straßburg spielenden «Mädchens von Oberkirch» ( 1795j96 entstanden).
Auch hier fehlt nicht die Beglaubigung durch das Umweltgeschehen.
Um den stofflichen Kern, den von dem Revolutionsalmanach 1795 ge-
brachten Bericht über «Ein schönes Bauernmädchen, das so viel deut-

254
«DAS MÄDCHEN VON ÜBERKIRCH»

sehe Vernunft hatte, sich zu weigern, die französische [ d. h. die Göttin


der Vernunft] darzustellen» und auf Befehl der Nationalkommission
enthauptet wurde - um dies Ereignis zog sich in diesem dramatischen
Entwurf der Ring des typischen Personals, das der «bürgerlichen»
Revolutionsdichtung Goethes in den neunziger Jahren unentbehrlich
zu sein scheint. Schon ist es eine Frau und ihr tragisches Schicksal,
worauf sich Goethes Gedanken um die FranzösischeRevolution zurück-
ziehen. Diese Marie, dem Bauernstande angehörig, ist zudem die Ver-
körperung des Goetheschen Begriffes vom Volke als dem stammhaften,
kernigen und tüchtigen Elemente der menschlichen Gesellschaft im
Gegensatze zum Pöbel: «Die Masse des Volks, nicht des Volks, des
Pöbels gewinnt das Übergewicht», sagt der Baron, der Marie heiraten
und sich damit dem wahren Volke verbinden will. Als die Vertreterin
einer kernhaften Mitte der menschlichen Gesellschaft wird die Figur
des Mädchens dem Dichter zur Quelle einer nach allen Seiten gehen-
den Ausstrahlung. Wie bei dieser Mittlerstellung für sie der befrie-
digende und befreiende tragische Ausgang hätte gefunden werden
können, so, daß sie nicht bloß ein Opfer der Zügellosigkeit und wilder
Rachsucht geworden wäre - dieser Schwierigkeit ist der Dichter an-
scheinend nicht Herr geworden, und das Schema der fünf geplanten
Akte läßt darüber im Dunkeln.
Um Grundverhältnisse der Gesellschaft ging es ihm in diesen-mehr
oder minder stoßkräftigen, mehr oder minder fruchtbaren Stunden
entsprungenen- dramatischen Ansätzen. Sie sind nicht frei von Zwang
und Krampf, sie haben nicht die Gelöstheit, die ein Kennzeichen der
aus letzter innerer Freiheit erwachsenen Goetheschen Dichtung ist und
sich auf den Leser oder Hörer überträgt. Die nicht immer unver-
krampfte Gespanntheit dieser Versuche verrät sich in ihrem Stil: im
«Bürgergeneral» in dem silbenstecherischen, schärfste Aufmerksam-
keit des Gegenübers verlangenden, in die Gegenrede einspringenden
Dialog. Schon werden die Sätze zerhackt, die Worte aufgefangen und
weitergegeben wie in der Gesprächsführung Heinrich von Kleists. Das
war mehr als eine beabsichtigte, zur Aufmerksamkeit anstachelnde
Bühnentechnik, das war der Ausdruck eines Mißverhältnisses zwischen
dem Gegenstand und dem Willen zu seiner Bewältigung. Die Prosa-

255
«DIE NATÜRLICHE TocHTER»

spracheder «Aufgeregten» und des «Mädchens von Oberkirch» aber


arbeitet mit Parallelismus und Antithese der Worte, Sätze und Satz-
teile, der Wiederaufnahme desselben Wortes zum Zwecke der Ent-
gegensetzung und Steigerung, mit verstärkenderZweigliedrigkeit und
Dreigliedrigkeit des Ausdrucks. Man empfindet: dies in seiner Sprache
zum kommende quälende Spannungsverhältnis bedurfte
einer Lösung. In «Die natürliche Tochter», deren Ausarbeitung in die
Zeit vom Oktober 1801 bis in den April 1805 fällt, ist diese Lösung,
soweit die Französische Revolution für ihn ein persönliches und zu-
gleich ein sachliches und dichterisches Problem war, vollzogen. Das
fünfaktige Drama ist nur das erste Stück eines umfassenderen Ent-
wurfes, dessen Züge sich aus dem Schema und Szenar der geplanten
Fortsetzung nicht mit voller Deutlichkeit gewinnen lassen. Man er-
kennt jedoch, daß es ihm schließlich auch hier um die «Genera» zu
tun war: um eine großformige dichterische Versinnlichung gestalt-
hafter Vorgänge politisch- sozialen Lebens. Das verrät jenes fünf-
fach gestufte Schema, das die gegeneinanderstrebenden Kräfte und
Mächte des politischen Lebens seiner Tage des Umsturzes stichwort-
artig unter Ordnungen und Gesetze faßt - ähnlich wie das mit der
«NatürlichenTochter» ungefähr gleichzeitig niedergeschriebene, viel-
umstrittene erste Paralipomenon zum «Faust» den Sinn und Willen
der Faustdichtung unter allgemeinste, polare Kategorien stellt. Und
wie der «Faust» war ihm auch die «Natürliche Tochter» «von vorn-
herein», d. h. in den Anfangspartien, klar; das Weitere aber verlief
sich damals, um 1800, für beide Dichtungen noch im brauenden Nebel
gestaltenschaffender Möglichkeiten. Wie der «Faust» den Menschen
als Menschen in die Auseinandersetzung mit der übersinnlichen Welt
hineinstellt und ihn sich mit den Erscheinungsformen der Geschichte
und des öffentlichen Lebens nur um seinetwillen, nicht um ihrer selbst
willen berühren läßt, so hätte «Die natürliche Tochter», wenn das
Stück vollendet worden wäre, die «Objektivationen» der mensch-
lichen Gesellschaft und der Geschichte als solche genommen und in
das schreckhaft-vorbildhafte Zeitgeschehen einen einzelnen Menschen
als einen - freilich nicht nur leidenden, sondern auch handelnden -
Empfänger der Wellen dieses Zeitgeschehens hineingestellt. Aber be-

256
FORM UND STIL

achtliches Schauspiel: die' deutsche Klassik, im Gegensatz zu den Ver-


gegenständlichungen des geschichtlichen, sozialen und volkhaften Le-
bens, die dem romantischen Zeitalter im Vordergrunde standen, kommt
vom Einzelmenschen nicht los und kehrt immer zu ihm zurück. So ist
das, was der Klassiker Goethe in der «Natürlichen Tochter», in dieser
«Familientragödie», zu bewältigen vermochte, das Einzelschicksal in-
mitten eines schreckhaft sich ankündigenden, allgemeinen Umsturzes.
Und zwar ein Frauenschicksal, ein «Frauenopfer». Damit bricht auch
aus dem Geröll seiner in die Französische Revolution verfangeneu
Dichtungen die alte und bleibende Goldader seiner eigentlichen Poesie
auf. Die Frau, um die es sich hier handelt, ist wie Gretchen, Klärchen,
Iphigenie, die Prinzessin in «Torquato Tasso», Natalie, die Marie des
«Mädchens von Oberkirch», Ottilie, Pandora Sühnerin und Opfer zu-
gleich. Sie ist «wesentlicher» als ihre gesamte Umgebung: sie ist allem
Sein und allem Geschehen näher mit ihrer instinkthaften Sicherheit,
die der klugen Überlegung nicht zu ermangeln braucht. Aber sie ist
jetzt nicht mehr ein Mädchen aus dem Volke; sie ist Eugenie, die
Hochgeborene, ist von edlem Stamme und Blute. Das Bewußtsein ihrer
hohen Abstammung verläßt sie nicht und gibt ihr jede Haltung. Und
diese ihre Zugehörigkeit zum Ständisch-Hohen, zum Adligen war nun
für den Dichter, der die Ordnungen der Stände unterwühlt und den
Adel mit aller ihm eigentümlichen Stetigkeit bedroht sah, der rechte
- zeitgegebene -Anlaß, diese Frauengestalt mit der ganzen Glut und
dem ganzen Schmelze seiner Dichtung zu umfangen, ja alles Schmerz-
hafte, zu dessen Empfindung er fähig war, auf sie zu übertragen. Doch
nicht nur dem Gehalte nach ist in der «Natürlichen Tochter» die
«Existenzentzweiung», die die Französische Revolution heraufgeführt
hatte, durch das Eigengesetz der deutschen Klassik überwunden. Das
geschah durch Form und Stil - beides in einem folgenschweren Sinne
genommen. Es ist ein wundersamer Vorgang, wie sich in diesem auf-
gewühlten dichterischen Meere alle sprachlichen und stilistischen
Ströme der Klassik fangen und stauen. Überwunden ist die realistische
Prosa, in der Goethe bisher mit den Problemen der Revolution ver-
handelt hatte. Nur der Vers konnte jetzt noch den Dienst am Werke
der Überwindung des Zeitfiebers erfüllen. Doch was für ein Vers, was

17 Schultz, Klassik und Romantik, Bd.II 25 7


STILRAUM

für eine Sprache! Alle Geister, die auf der Höhe einer idealistischen
Formgebung in unserer Literatur miteinander rangen, sind darin zu-
gleich entfesselt und gebändigt. Die Grundkomponente dieses Stils
wird gebildet durch die formale Haltung, die sich für «lphigenie» und
«Torquato Tasso» festgestellt hatte. Aber wieviel großformiger, küh-
ner, geschwungener, auseinandergezogener ist der Stil dieses Stückes,
das aus dem Zeitgeschehen erwuchs und auf das Zeitgeschehen ab-
zielte! Der Stilraum der «Natürlichen Tochter» ist erfüllt von Be-
wegung und kennzeichnet sich dadurch als barockverwandt. Aber er
empfängt sein Gesicht nicht nur durch den Blick von einem Standort
aus: sein Wesen ist die zusammengefaßte Mehrheit von Verwandt-
schaften, die hier zu einem Neuen von nicht leicht zu erschöpfender
Einmaligkeit zusammengefügt worden sind. An den Grenzen dieses
Stiles wartet ebenso die Rhetorik und Sententiosität der klassischen
Tragödie Frankreichs, die dem Dichter um die gleiche Zeit durch die
Bearbeitungen von Voltaires «Mahomet» und « Tankred » und durch
die Bemühungen der Weimarischen Bühne wieder nähergerückt war,
wie die Geistes- und Arbeitsgemeinschaft mit Schiller, der ihn auf den
Stoff verwiesen hatte - mit Schiller, dessen Ton aus mehr als einer
Stelle des Werkes herauszuhören ist. Warum hat Schiller den Stoff nicht
selber bearbeitet, wo doch ihm im Weimarischen Arbeitskreise die Für-
sorge für Drama und Theater und ihre zeitgegebenen Aufgaben ob-
lagen? Die Scheu vor der Gestaltung eines «romantischen» Frauen-
schicksals konnte dabei schwerlich im Spiele sein: denn in den dra-
matischen Bruchstücken der «Prinzessin von Celle», der «Elfriede»,
der «Gräfin von Flandern» stellte er sich ähnliche Aufgaben. Eher der
Umstand, daß das eigentliche dramatische oder tragische Problem an
dem Stoffe der «Natürlichen Tochter» dem Theatraliker Schiller nicht
sogleich einleuchten mochte. Er leitete die Memoiren der Stephanie-
Louise de Bourbon-Conti, diese unschätzbare Quelle für die Kenntnis
der französischen Zustände, also an Goethe weiter. Was unter dessen
Händen daraus wurde, war nicht eigentlich ein Werk dramatischen
Gehaltes und bühnenmäßiger Wirkung. Es wurde in seinem vollen-
deten ersten Teil, wie er selber fand, «eine Kette von lauter Motiven»-
was auf der Bühne kein Glück machen könne. Aber es wurde die Dich-

258
NACHBARSCHAFT ZUR ANTIKE

tung emer monumentalen, schicksalsbewußten Gestik, die nach Ge-


halt und Form die Nähe der Antike suchte. Denn dies ist eine letzte
und entscheidende Nachbarschaft des Stils der «Natürlichen Tochter»:
die zu dem um 1800 entstandenen Bruchstück der später- ausgeführt-
den Höhepunkt des zweiten Faustteiles bildenden Helenadichtung.
Die Helenadichtung war wie das epische Bruchstück der «Achilleis»
und wie andere Vorstöße der gleichen Zeit ein «vermannigfaltigter
Versuch», Wesen und Stil antiker Dichtung dem deutschen Geiste an-
zuverwandeln. In der «Natürlichen Tochter» sind freilich die stilisti-
schen und motivischen Anklänge an die Antike leiser und diskreter.
So scheint der deutsch-hellenische oder der hellenisch-deutsche Stil der
Klassik in diesem gewollten Zeit- und Revolutionsdrama zur Nach-
folge der Antike in einem gewissen Gegensatz zu stehen. Aber wer
genau hinhört, vernimmt, wie der fünffüßige Jambus der «Natür-
lichen Tochter» mit seinen sprachlichen Zugehörigkeiten sich gleich-
sam nach dem antiken jambischen Trimeter und dem Stile der Helena-
dichtung hinübersehnt, ohne daß man sich zu der Behauptung ver-
steigen müßte, Wieland habe seine Griechinnen zu Französinnen,
Goethe die Französin Stephanie (die Urgestalt der Eugenie) zur Grie-
chin gemacht. Doch gewiß ist auch Eugenie gleichsam Goethes eigene,
liebend umfangene Tochter, so gewiß er in sie alles Griechisch-Ita-
lienische goß, was in ihm war. Für die Zeitlosigkeit und Raumlosig-
keit, für die typisierende Personenbezeichnung war neben dem Willen
zur gestalthaften Verallgemeinerung eines Zeitgeschehens auch die un-
ausgesprochene, wenn nicht unbewußte Absicht maßgebend, das Werk
nicht auf moderne Zustände festzulegen, sondern ihm auch durch dies
Verfahren etwas von der Urbildhaftigkeit der Antike zu geben.
Die gewaltige Gespanntheit und Erschütterung, von denen dies
überzeitliche Zeitdrama durchwaltet wird, haben auch auf die Roman-
tik Wirkung gehabt. Um so mehr, als das Urbild von Goethes unglück-
licher Eugenie, die Prinzessin Stephanie-Louise, Madame de Gachet,
wie sie später hieß, auf Friedrich Schlegel in Paris und auf den Eren-
tanosehen Kreis bei persönlicher Bekanntschaft einen starken Eindruck
machte. Die Gräfin G. in Clemens Brentanos Roman «Godwi», sein
Lustspiel «Ponce de Leon», der «Frühlingskranz» der Geschwister

17" 259
GoETHES EPIK

Clemens und Bettina zeugen von dem erregenden Wesen dieser Frau.
So las die Romantik Goethes Werk noch unter Eindrücken, die ihr
wesentlicher waren als der einer rein künstlerischen Bekundung. Sie
las es unter dem Eindruck menschlicher Faszination und menschlichen
Schicksals. Für den späteren Betrachter aber steht «Die natürliche
Tochter» bei aller Unvollendung der großen Konzeption, deren Be-
ginn das Stück ausmacht, an einem Schnittpunkte da, in dem sich
trübes Zeitgeschehen und seine Überwindung durch den Geist und die
Form einer deutschen Klassik ebenso treffen, wie sich an ihm Klassik
und Romantik infolge des ihnen zugrunde liegenden gemeinsamen
Zeit- und Geschichtserlebnisses und der Verflochtenheit der Menschen
in den Gang der fortreißenden Ereignisse zusammenfinden.
Auch «Die natürliche Tochter» zeigt Goethes Begrenztheit, wenn
es sich um einen tragischen Aufbau und eine tragische Lösung han-
delt. Auch sie, die in der Exposition steckengeblieben ist und der Melo-
dramatik des Helenaspiels zur Seite ging, rückt der «epischen Kultur»
Goethes näher als dem Gattungs begriffe einer Tragödie. Es ist ein miß-
liches Unterfangen, Goethe auf Gattungsbegriffe der Dichtung fest-
legen zu wollen. Zum mindesten ist es so seit seiner italienischen Zeit.
Das erscheint zunächst als eine Widersinnigkeit. Doch so sehr die Klassik
Goethes und Schillers über die Grundgesetze und Wesenheiten der
Gattungen theoretisierte und aus solchen Erörterungen Forderungen
ableitete oder an sich selbst stellte, so wenig will namentlich die Goethe-
sche Ganzheit und sein übergreifend-gestalthaftesDenken und Dich-
ten sich in dem Fächerwerk poetischer Gattungen unterbringen lassen.
Die Gebilde seiner Dichtung waren neue Orientierungen auch auf
dem Gebiete der Gattungsbegriffe, wenn man schon mit Gattungs-
begriffen überhaupt tiefer in die Erkenntnis des schlechthin Dichte-
rischen eindringen zu können meint. Die Durchbrechung bestehender
oder geforderterGattungsformen, ihre Überwindung durch das Poetische
an sich in der Romantik war aus dem richtigen Verstehen der Goethe-
schen Poesie abgeleitet, wie denn die gesamte dichterische Erzeugung
innerhalb der Romantik und ihre Auffassung von Dichtung, ja ihre
Forderungen an sie nur so werden konnten, wie sie wurden, weil dies
"\Vollen in Goethes Erscheinung bereits «empirisch» geworden war.

260
DEUTSCHE FORM DES «REINEKE FUCHS»

So führt «Die natürliche Tochter» mitten hinein in das Gewoge, in


das Herüber und Hinüber innerhalb der (im ganzen Umfange) ein-
heitlichen Stilmasse seiner Poesie, seit diese in die Ausbildung zu einem
Deutsch-Klassischen eingetreten war. Die scheinbaren Gegensätzlich-
keiten in der Dichtung des nachitalienischen Goethe treten in die
zweite Linie angesichts der überall durchscheinenden und sich gleich-
bleibenden Grundhaltungen, wo immer auch die Stoffe, die Gegen-
stände, die Räume und die Himmelsgegenden dieser Poesie von ihm
gefunden wurden. Das wird deutlich an den Werken, in denen der
Dichter, dessen staunender Blick jetzt mehr noch denn je an dem
Homerischen hing, auf dem Altar epischer Dichtung opferte.Was bleibt
etwa von letzter Wichtigkeit an «Reineke Fuchs», dieser verdichteten
hexametrischen Bearbeitung von Gottscheds zopfiger und schwer-
fälliger, hochdeutscher Prosaübertragung des alten niederdeutschen
« Reinke de Vos »? Gewiß, wir begegnen ihm gerne auf diesem Wege
der Erneuerung alter germanisierter und volkstümlich gewordener
Dichtung, deren moderne Eindeutschung manchen verwandten ro-
mantischen Bestrebungen vorausging. Wir stellen fest die eigentüm-
liche Verbrämung des mittelalterlichen und deutschen Stoffes durch
eine homerisierende Technik, erkennen die Befreiung und Entfesse-
lung dieses Stoffes durch den tänzerischen Rhythmus des Hexameters,
vvie er ihn anwandte. Wir erkennen in der Behandlung dieses Vers-
maßes einen dem Bewußtsein entzogenen Vorgang der Germanisierung
und glauben auch von hier aus auf die tief gelagerte, dem Versdichter
Klopstock verpflichtete Deutschheit klassischer Kunst schließen zu
sollen: denn der von der metrischen Schulmeisterei vermeintlich streng
antiker Observanz - Johann Heinrich Voß, August Wilhelm Schlegel,
VVilhelm von Humboldt- getadelte und korrigierte Goethesche Hexa-
meter wurde von ihm gemäß einem deutsch-nordischenFormempfin-
den nicht aus quantitativen, gemessenen Einheiten, sondern aus dyna-
misch verschiedenen, wechselnden Akzentgruppen zusammengesetzt,
nicht durch einen zweiteiligen (wie der antike Hexameter es ist),
sondern durch einen beweglichen, mannigfacher gegliederten Takt
nach altem germanischem und deutschem Versprinzip natürlich ge-
regelt. Ist man sich doch darüber einig, daß der « Reineke Fuchs»,

261
GoETHES EPIK

diese erste unter den drei epischen Dichtungen, sie, die den deutsche-
sten Stoff behandelt, auch die deutschesten Hexameter enthält. Schon
bei« Hermann und Dorothea» begab sich Goethe unter das «Joch der
Prosodiken>, eben Vossens, Humboldts, Schlegels, mit dem Ergebnis,
daß die natürliche deutsche Rhythmik nach dem Gehör einer Metrik
auf dem Papier und nach den schulmeisterlichen Regeln antiken Vers-
messens Platz machte. Und in der «Achilleis» ist dieser Weg, der ins-
besondere die Frage der deutschen Spondeen anging, bis zum Ende
beschritten. Später hat er dann diesJochwieder abgeschüttelt und den
Dünkel der Herren Metriker höchst lächerlich gefunden:

Allerlieblichste Trochäen
Aus der Zeile zu vertreiben
Und schwerfälligste Spondeen
An die Stelle zu verleihen,
Bis zuletzt ein Vers entsteht,
Wzrd mich immerfort verdritJlen.
Laß die Reime lieblich flitJlen,
Laß mich des Gesangs genitJlen
Und des Blicks, der mich versteht!

So heißt es in den «Zahmen Xenien». Doch dies vorübergehende Sich-


beugen unter das Gebot formaler Nachahmung der Alten gehört mit
zu den Übersteigerungen unserer Hochklassik um 1800 und war ein
Gegenstück etwa zu den Vorschriften, die «Die Propyläen» und die
Weimarer Kunstfreunde als Grundsätze der Kunsterziehung angewen-
det wissen wollten. Wenn schon in einer Zeit, in der Bildung und Ge-
sellschaft wankten und das Chaos hereinzubrechen schien, Sicherung,
Ordnung und Maß auf den Säulen der Antike neubegründet werden
sollten, so konnte die Wirkung eines solchen Verfahrens um so gewisser
erscheinen, je mehr man das Rezept bis ins letzte befolgte. Sollten
sie wirken, so schien es, daß die Beschwörungsformeln, die man von
dorther entnahm, mit allem Drum und Dran angewendet werden
müßten.
Doch dies alles berührt nicht den Kern der Goetheschen Versepik
klassischer Zeit und ihres Auftakts, des « Reineke Fuchs». Diese Epik

262
«REINEKE FUCHS»

interessiert keineswegs mehr als Probestück gut angeschlagener Un-


terrichtung in den alten Sprachen und Literaturen, als die sie so
manche in den Alten bewanderten Erläuterer und Beckmesser gefun-
den hat. Abgesehen von allem, was in dieser Epik an reinem Gold sinn-
lich und herzergreifend schaffender, gemüts- und humorvoller Dich-
tung aufgespeichert ist, wird die Frage nach der deutschen Klassik in
ihnen nur berührt durch das Urbildhafte, das ihnen der Dichter ge-
geben hat: durch die dichterischen Bildhaftigkeiten von Ordnungen
immer und überall gültiger, beharrender Art in der Natur, in der Ge-
sellschaft, in dem menschlichen Herzen und durch die Einkleidung
solcher Findungen in symbolische Gewänder und Formen mitallihrem
farbigen Abglanz, der eben Sache des verdinglichenden Dichters war.
So bot sich ihm 1792, nach der Rückkehr von der «Campagne in Frank-
reich», mit dem « Reineke Fuchs», dieser « unheiligen Weltbibel»,
das begierig ergriffene, gleichsam vollständige Hilfssystem, mit dem
sich alles einfangen ließ, wovon sein Denken und Fühlen, verletzt
durch die allgemeine Auflösung und moralische Verwirrung der ersten
Revolutionsjahre, sich befreien mußte. Darüber hinaus wurden die
Geschöpfe der Tierfabel für ihn «Gestalten», deren Handeln, deren
Eigenschaften und Möglichkeiten das Wesen und Treiben in Staat und
Gesellschaft ebenso in nie veraltender Allgemeingültigkeit spiegelten,
wie die Geschöpfe seines «Märchens» eine solche stellvertretende Be-
fugnis besaßen. Die Tiere wurden für ihn «musterhaft», das heißt
«typisch». Aber sie vermochten auch seinen Pessimismus oder zum
mindesten Skeptizismus durch die Atmosphäre des Komischen und
Humorvollen, in der sie durch die Sage von allem Anfang an standen
und von ihm belassen wurden, zu mildern. Ja, die verstärkende Cha-
rakteristik und Drastik in dieser Beziehung ist ein wesentliches Kenn-
zeichen seiner Bearbeitung und diente dichterisch einer deutlicheren
Vergegenständlichung von seiten des Physiognomischen, seelisch, der
Möglichkeit einer um so kräftigeren «Abreaktion». Vom großen Welt-
theater schritt er dann in die mit Bedacht erfundene bürgerliche Enge
von «Hermann und Dorothea» hinüber. In seinen (bereits oben im
Zusammenhange der epischen Theorie der Klassik zitierten) program-
matischen Sätzen, die mit allen tieferen Beziehungen seines Wort-

263
«HERMANN UND DOROTHEA»

gebrauchesgelesen und gewogen werden müssen, ist letztlich alles ge-


sagt, was der Erklärer dieses Werkes herauszuholen vermag, wenn er
den zeitbedingten und überzeitlichen Ort bestimmen will, an dem es
steht: «Ich habe das reine Menschliche der Existenz einer kleinen
deutschen Stadt in dem epischen Tiegel von seinen Schlacken abzu-
scheiden gesucht, und zugleich die großen Bewegungen und Verände-
rungen des Welttheaters aus einem kleinen Spiegel zurückzuwerfen
getrachtet.» So kennzeichnet sich denn dies Werk durch die Stellver-
tretung, die in ihm der einzelne Fall für die allgemeinen gesellschaft-
lichen und menschlichen Ordnungen, ein kleiner Raum für die Welt-
weite, eine zeitliche Festlegung auf den «prägnanten Moment» für
die Zeitlosigkeit übernommen hat. Aber da es sich in ihm um das
«reine» Menschliche handelt, steht das «Unreine», das in Störungen
und Trübungen, in Verwischungen der Konturen menschlicher Existenz
beruht, dazu im Gegensatz. Und das Beharrende, Dauernde, Bleibende,
Gesetzmäßige, innerlich Wirkende stellt sich gegen das von außen
Umstürzende, Verändernde, Unterbrechende, und auch diese Ent-
gegensetzung wird zu einer ins Weite zielenden Beispielhaftigkeit.
Doch war es nötig, solche Polarität, die wieder dem Grundrhythmus
der Goetheschen Weltschau entspricht, an den Menschen und den Vor-
gängen, den sehr alltäglichen Menschen und sehr alltäglichen Vor-
gängen einer eingeschränkten bürgerlichen Umgebung zu versinn-
fälligen? Wieder stellt sich hier die Frage nach dem Verhältnis der
deutschen Klassik zum Wesen des «Bürgerlichen» ein. Hochklassik und
Bürgerlichkeit - mit allem Zubehör -- bedangen sich gegenseitig. Die
Hochklassik fand «in des Bürgerlebens engem Kreis» die für das Ding-
liche der Umwelt überhaupt gültigen Gegenstände der Beobachtung.
Sie erkannte in der geregelten Lebensführung des Bürgertums, in der
Innehaltung und Auswirkung von Gesetz und Sitte die in der mo-
dernen VVelt mögliche Vergegenständlichung und Festlegung der von
ihr erstrebten «Naturformen» der Menschheit. Die Ausschau auf die
Stürme der politischen Welt gewann eine um so urteilsfestere Sicher-
heit, je mehr sie von einem beschränkten, aber in sich soliden Eiland
aus vorgenommen werden konnte. Das brauchte - die Menschen und
die Gesinnungen von « Hermann und Dorothea » bezeugen es - keine

264
«BÜRGERLICHES» UND «DICHTERISCHES»

kleingeistige Ängstlichkeit und kein Verzicht auf selbstbewußte Hal-


tung inmitten des drohenden Umsturzes zu sein. Aber eine optimisti-
sche Gläubigkeit und Idealisierung gingen notwendig damit Hand in
Hand und sind, wie immer, von der Klassik unzertrennlich. Alles dies
jedoch bliebe unkräftig, mitsamt der in « Hermann und Dorothea »
durchgeführten oder an dem Werke abzulesenden Theorie der « bür-
gerlichen Epopöe» oder der in ihm angeblich vorwaltenden Empfin-
dungsweise der «Idylle», wenn nicht in ihm ein Dichterisches schwin-
gen würde, das mit dem Sittlichen und Zeitbewegten einen reinen und
vollkommenen Bund eingegangen ist. Und alle «Bürgerlichkeit» des
Werkes tritt gegenüber diesem schlechthin Dichterischen in die zweite
Reihe. Oder vielmehr: die «Bürgerlichkeit» wird zu dem das Dich-
terische angemessen, ja köstlich umschließenden Gefäß. Diese in sich
ruhende episch-dichterische Sicherheit ist von allem romantischen
Willen ins Grenzenlose respektvoll umgangen worden, während sich
der Spott der Frühromantik gegen Schillers ähnliche Verherrlichung
der Bürgertugenden im «Lied von der Glocke» und in «Würde der
Frauen» nicht genug tun konnte. Doch war nicht vielleicht dieser
Spott ebenso wie die alldichterische Ablehnung der vermeintlich allein-
herrschenden wirtschaftlich- bürgerlichen Weltanschauung in « Wil-
helmMeister» durch Novalis und der jungromantische Hohn der Bren-
tano, Görres, Eichendorff, Kerner und anderer gegen bürgerliche Phi-
listerei und gegen das Hocken hinter dem warmen Ofen - war darin
neben einer standortbedingten Polaritätsempfindung nicht auch der
Tropfen einer geheimen Liebe zu bürgerlicher Enge und Idyllik, einer
Liebe, die den geliebten Gegenstand sich nicht -zu nahe kommen
lassen möchte?
Über allen homerischen Illusionismus, über alle Theorien von Gat-
tungen und Arten der Poesie hinaus beruht und beruhte die Wirkung
von «Hermann und Dorothea» auf einer eben nur bei Goethe so an-
zutreffenden Fähigkeit, in seiner Sprache mit dem Einzelnen ein Gan-
zes auszusagen, und solcheAussagewar um so allgemeinverständlicher,
als sie ein leicht faßbares Sittliches mit dem Dichterischen zusammen-
band. «Lebendiges Gefühl der Zustände» und «Fähigkeit es auszu-
drücken», so sagte er später zu Eckermann, machen den Dichter.

265
ART DES SAGENS

«Zustände» sind nicht äußerlicher, sie sind auch innerlicher Art. Was
sich seit seiner Jugend an Gefühl für «Zustand» in ihm angesammelt
hatte, fand hier Ausdruck. «Zustände» sind in diesem Goetheschen
Sinne auch nicht lediglich ein Beruhendes, Festes, Währendes. Sie sind
ein Schwebendes und Schwingendes, auch ein Unausgesprochenes der
Menschen und Dinge. Und es ist kein Widerspruch, daß der enge und
in sich gefestigte bürgerliche Kreis die rechte Möglichkeit gab, solche
«Zustände» (und nicht nur die «Zuständlichkeit» ), zum faßlichen und
allgemeingültigen, aber niemals unedlen und platten Ausdruck zu er-
heben. Aber zum Ausdruck. Denn die Art des Sagens in« Hermann
und Dorothea» ist der vielleicht wesentlichste Teil des Werkes. Dieses
Sagen besteht in Fülle mit Umrandung, Gelöstheit in Begrenzung,
Behagen ohne Verzicht, sinnenhafter Einzelheit unter gedanklicher
Einordnung, sprachlicher Durchdringung der erscheinenden und sicht-
baren Welt in erklärender Tonart. So bekam das Ganze jene klingende
und helle, aber zugleich gütig unterweisende und beratende Stimme.
Man muß sie im Ohre haben als ein Erzeugnis des «Gut- Schönen»
der Klassik, um den Unterschied zur Vossischen «Luise» zu empfinden
und wiederum zu wissen, wieweit die Klassik von jeder bloßen «Dies-
seitigkeit» entfernt ist.
Hier bürgerlich, dort heroisch, hier die Gegenwart des Zeitalters
der Französischen Revolution, dort Achills Trauer um Patroklus, seine
aufflammende Leidenschaft für Polyxena, sein Ende als der Unter-
gang des Schönen und Hohen - das sind die scheinbar so entgegen-
gesetzten Welten, durch die « Hermann und Dorothea» und das so viel
mißkannte und schief beurteilte, 1799 entstandene epische Bruch-
stück «Achilleis » getrennt werden - sein volkstümlichstes Werk und
sein vielleicht unpopulärstes, weil immer noch zu sehr von außen ge-
sehenes. Goethes vorübergehender Glaube an die These Friedrich
August Wolfs, wonach die Homerischen Gedichte das Erzeugnis einer
ganzen epischen Schule seien, hatte die Wirkung, daß die Last des
einen Homer von ihm genommen wurde und er sich, wie die Elegie
« Hermann und Dorothea» es ausdrückt, als ein der Schar der «Home-
riden» Zugehöriger betrachtete. Welch ein Traum! Und welch eine
Selbstbescheidung liegt in diesem beinahe rührenden Sichbergen unter

266
«ACHILLEIS»

die Hülle des alles in sich ausgleichenden, alles heilenden und reini-
genden Griechentums! War es eine Tragik, insofern die deutsche Hoch-
klassik sich damit auf einem Wege befand, der von den nährenden
Wurzeln ihres eigenen Volkes immer weiter wegwies? War es eine
tatenabgewandte Flucht in einen so viel schöneren, mit idolhaften
Standbildern verzierten Bereich? Es war weder das eine noch das an-
dere, weil ein Eigentümlich-Deutsches, wie es als Erbschaft Winckel-
manns in aller deutschen Hingabe an die Antike weiterwirkte, sich
auch in der «Achilleis » durch die antikisierenden Gewolltheiten des
Stils, durch alle Attribute und Ornamente des Werkes hindurchringt -
vielleicht dem Dichter unbewußt oder gar wider seine Absicht. Schon
er selber sprach es aus, daß dieser Stoff vom Tode des Achill durchaus
«sentimental» sei. Neuere Forschung betont mit Recht, daß sich die
«Achilleis» aller homerischen Theorie zum Trotz infolge der zentralen
Bedeutung des Liebesmotivs als eine «Romantisierung» der griechi-
schen Heldensage auffassen lasse und daß Goethes Hauptquellen die
gleichen sind, die durch das ganze Mittelalter die Darstellung der Er-
eignisse und Gestalten des Troischen Krieges in Chroniken und Epen
bestimmt haben, von Benoit de Sainte-Mores «Roman de Troie» bis
Chaucer und bis in die Renaissance hinein. Aber nicht, daß die «Achil-
leis » die «romantische Überlieferung» der Trojasage widerspiegelt -
«romantisch» in jener geschichtlichen Bedeutung des Wortes für das
Nachantike, Mittelalterliche, die nach Herder und Wieland sich auch
die Brüder Schlegel und ihre Nachfolger als Literarhistoriker zu eigen
machten -, nicht dies nimmt ihr die klassizistische Starrheit, sondern
jene schmelzende Darstellung der Menschen und Götter, jene ver-
ständnisvoll gütige «Humanität», jene in ihr erkennbare seelische Er-
weichung, die ein Erbteil des optimistischen, eudämonistischen und
pietistischen Geistes des 18. Jahrhunderts ist. In die Goethesche Vor-
stellung vom Helden Achill mündet eine Linie aus, die auch über
Lessingsche «Humanität», insbesondere über seinen «Philotas» führt.
Der Heldentod ist in diesem Raume nicht das unberührsame und un-
erschütterliche Sichhingeben für eine selbstgesetzte oder vom Schicksal
gestellte Aufgabe, er wird nicht begleitet von einer germanischen
«Untergangsstimmung», die das Schicksal in freudiger Hoffnung auf

267
DER HELD

eine heldische Götterdämmerung hinnimmt: der Heldentod wird zum


Zeichen der Vergänglichkeit des persönlichen Gebildes und wird vom
Mitleid aller Kreatur getragen. Um so mehr greift der Untergang ans
Herz, wenn der Held ein junger Held ist: die gebrochene Knospe
nimmt alle Möglichkeiten künftiger mit sich fort und
erscheint so als vernichteter Selbstzweck cler Natur, nicht als das Durch-
gangsstadium, zu dem sie bei normalem Ablaufe bestimmt ist. Der
Mythus von den «Frühgeschiedenen» sieht diese in schön-guter Ver-
klärung, weil die reinigende Kraft des Todes einen Optimismus der
Nachlebenden erzeugt, der nur das Vorhandensein solcher schön-guten
Eigenschaften gelten lassen möchte. Schillers mehr erzene Auffassung
des Helden - und sein Gegensatz zu der Gestalt des Goetheschen
Egmont, seine spätere Balladendichtung («Die Bürgschaft», «Der
Handschuh», «RitterToggenburg», «Der Kampf mit dem Drachen»,
«Der Taucher»), seine Dramatik zeigen diesen Heroismus der sitt-
lichen Pflicht und der gegen sich und andere harten Überwindung -
hat auf der Höhe der Klassik auch hier zeitweilig einen an Goethe, an
dessen «Achilleis», an die Frauentotenklage «Euphrosyne» (1797)
heranführenden Schritt zu tun vermocht, wenn er in «Nänie» ( 1800
veröffentlicht) um Achill die Klage erheben läßt, «daß das Schöne
vergeht, daß das Vollkommene stirbt». So war er immer fähig und
geneigt, sich in die Haltungen und Stimmungen des großen Freundes
einzufühlen und den «hohen Stil» seiner Griechenauffassung dem
«schönen Stil» des anderen anzugleichen. Dem romantischen Men-
schentypus und der romantischen Seelenlage aber hätte ein Standort, von
dem aus im Helden mehr das Vegetative, das Zerstörbare oder Zer-
störte als der bewußt pflichtmäßig und zielstrebig Handelnde sichtbar
wurde, entsprechen müssen, wenn die Romantik nicht überhaupt das
Wort und den Begriff des Helden und des Heldischen im Munde zu
führen vermieden hätte. Doch die außerhalb ihres eigentlichen Rau-
mes stehenden beiden Eckpfeiler Hölderlin undKleist liegen mit ihrem
Denken und Dichten um den Helden im wesentlichen auf der Bahn
Goethes. Sehr schön hat bereits 179 7 der junge Friedrich Schlegel aus
seiner Fähigkeit heraus, die Zusammengesetztheit des menschlichen
Wesens in abgetönte Worte zu fassen, in dem Aufsatz «Über das Stu-

268
FRIEDRICH SCHLEGEL ÜBER ACHILL

dium der griechischen Poesie» die Art der Helden Homers geschildert
und damit geradezu ein Seitenstück zur Goetheschen Auffassung ge-
liefert. «In den Sitten seiner [HomersJ Helden», sagt er, «sind Kraft
und Anmut im Gleichgewicht. Sie sind stark, aber nicht roh, milde,
ohne schlaff zu sein, und geistreich ohne Kälte. Achilles, obgleich im
Zorn furchtbarer wie ein kämpfender Löwe, kennt dennoch die Tränen
des zärtlichen Schmerzes am treuen Busen einer liebenden Mutter;
er zerstreut seine Einsamkeit durch die milde Lust süßer Gesänge. Mit
einem rührenden Seufzer blickt er auf seine eigenen Fehler zurück,
auf das ungeheure Unheil, welches die starrsinnige Anmaßung eines
stolzen Königs und der rasche Zorn eines jungen Helden veranlaßt
haben. Mit hinreißender Wehmut weiht er die Locke an dem Grabe
des geliebten Freundes. Im Arm eines ehrwürdigen Alten, des durch
ihn unglücklichen Vaters seines verhaßten Feindes kann er in Tränen
der Rührung zerfließen.» «Nur der Grieche», so meint Friedrich Schle-
gel, «konnte diese brennbare Reizbarkeit, diese furchtbare Schnell-
kraft wie eines jungen Löwen mit so viel Geist, Sitten, Gemüt ver-
einigen und verschmelzen»; und er kommt zu dem Schluß, daß die
Homerischen Helden durch eine «freiere Menschlichkeit von allen
nichtgriechischen Heroen und Barden» unterschieden seien, daß der
Dichter nach einer «sittlichen Schönheit» strebe, «deren das kind-
liche Zeitalter unverdorbener Sinnlichkeit fähig ist». Und aus dem
Sinne für «sittliche Schönheit» dieser Art ergibt sich anderes: «der
bescheidene Reiz stiller Häuslichkeit vorzüglich in der Odyssee, die
Anfänge des Bürgersinns, und die ersten Regungen schöner Gesellig-
keit» - dies alles nicht die kleinsten Vorzüge der Griechen. Liest sich
dies nicht wie eine Anwendung aus der dem Homer nacheifern wollen-
den Epik Goethes? Und wo liegt das «wahre» Wesen des Griechen-
tums? Ist es vielleicht auch «in Wirklichkeit» zu suchen innerhalb
dieser von Herder und Goethe angewendeten Erkenntnis, die der
Antike alles Strenge und Ferne nahm und sie in holder, menschlicher
und mütterlicher Nähe sah? Die deutsche Geistesgeschichte muß sich
hier an den Spiegelungen genügen lassen und immer wieder dar-
auf verzichten, feststellen zu wollen, wie die Antike trotz ihrer Rück-
strahlung aus deutschem Geiste und deutscher Dichtung «eigent-

269
GOETHES ANTIKISIERENDE DICHTUNG NACH ITALIEN

lieh» gewesen sei, ja sie täte gut, den Sammelbegriff «die Antike»
oder selbst «Griechentum» für ihre Zwecke einige Zeit beiseite zu
lassen.
Von hier aus nun fällt ein um so wärmerer Strahl auf die gesamte
antikisierende Dichtung, die der nachitalienischen Zeit Goethes ver-
dankt wird. In diesen Lichtkegel rücken die «Römischen Elegien».
Die Fragen, die die Literaturgeschichte an sie richtete, gingen auf ihre
im wesentlichen in die Jahre 1788-1790 zu verlegende Entstehung,
auf die mögliche Scheidung älterer und jüngerer Schichten in ihnen,
auf die Wiedererstehung und Fortsetzung des italienischen Sinnen-
erlebnisses in dem jungen Weimarischen Liebesleben mit Christiane,
auf Goethes Verhältnis zur Gattung der Elegie, zumal zu den römischen
Elegikern Catull, Tibull, Properz und das Maß seiner Abhängigkeit von
ihnen, auf andere Einflüsse wie die des Neulateiners Johannes Secun-
dus und seiner «Basia», auf den zyklischen Zusammenhang der gan-
zen Reihe, auf die Verschmelzung des Lyrisch-Elegischen mit dem
Epischen, auf den Zusammenklang der verschiedenen Töne: des hym-
nischen, des erotisch-frommen, des schalkhaften in einem Melos. Inner-
halb der Geschichte der deutschen Klassik kommen auch hinsichtlich
der «Römischen Elegien» nur die Haltungen und Entscheidungen in
Frage, die auf das sinnlich-sittliche Ganze und seinen Ausdruck in die-
sen «Erotica Romana » hinauslaufen. Und zurücktreten muß alles,
was über das kreatürliche Behagen der biographisch- biologischen Ein-
heit Goethe und ihre Enthemmung im Süden wiederum gesagt wer-
den könnte. Auch die vielgerühmte «Bändigung heißer Sinnlichkeit»
in den römischen Elegien durch die angeblich marmorne, klassisch-
antikisierende Form erweist sich bei näherem Zusehen als eine Ver-
legenheits- und Übereinkunftsformel. Es dürfte ferner auch schwer
sein, diese Dichtung auf die Linie einer ästhetischen Theorie von
Shaftesbury-Winckelmann bis Herder und Karl Philipp Moritz fest-
zulegen. Und die in ihnen waltende «sittliche Schönheit» ist von der
«sittlichen Grazie» oder «moralischen Schönheit» der Art Wielands,
Hemsterhuis' oder Friedrich Heinrich Jacobis zu unterscheiden, weil
nicht gleichzusetzen mit der platonisierenden Vergeistigung des Be-
griffes bei jenen. Die hier herrschende sittliche Schönheit ist ein dem

270
DIE ELEGIEN

sinnlichen Naturzustande selbsttätig und selbstgesetzt Innewohnendes;


sie ist, wie es schon Friedrich Schlegel bei den Griechen überhaupt er-
kannt haben wollte, «ein glückliches Erzeugnis der bildenden Natur».
Diese sittliche Schönheit schafft, wie schon bei Gelegenheit von «Her-
mann und Dorothea » hervorgehoben wurde, ihr schlechthin Gültiges
in der Wiedergabe von «Zuständen», in denen sich die ewig-natur-
gegebenen menschlichen Triebe und Empfindungen mit wechselnden
äußeren Situationen begegnen. So wäre denn die Goethesche Klassik
überhaupt nur die Weiterentwicklung der Fähigkeit zur Wiedergabe
solcher «Zustände», einer Fähigkeit, die er von früh an bewährt hat.
Nur daß sich jetzt zu ihr die «Reinheit» der Form gesellte - ein Aus-
druck, der über dem Zufälligen, Einzelnen und Verwirrenden die
sprachliche Verleiblichung eines Ganzen und Wesentlichen bezeichnet.
Den eigentlichen Zugehörigkeiten und Mitteln solchen sprachlichen
Ausdruckes ist man noch kaum in größerem Zusammenhange nach-
gegangen. Für die Goethesche «klassische» Prosa lassen «Wilhelm
Meisters Lehrjahre» im Vergleiche mit dem« Urmeister» denAbschluß
dieser Entwicklung erkennen. Für die Epen, die Elegien und Epi-
gramme dürfen die Hexameter und die Distichen an sich das Verdienst
einer solchen «Läuterung der Form» nicht beanspruchen. Die Er-
innerung an «klassischen» Schulunterricht erzeugt über oder unter
der Schwelle des Bewußtseins oft die Vorstellung, als sei durch hexa-
metrisches und elegischesMaß eine «Strenge» und «Kühle» der Form
erreicht, die den «sentimentalischsten» Inhalt niederzuzwingen ver-
möge. Solcher Eindruck dürfte schärferer Prüfung und Selbstprüfung
nicht standhalten. Es bleibt demgegenüber bei dem gefühlten Bilde,
das Herder gelegentlich seiner Timdichtungen aus der griechischen
Anthologie verwandte: «Hexameter und Pentameter winden einen
Kranz in Worten, wie sie dem Ohre in Silben einen vollendeten Rund-
tanz geben.» Auch bei den «Römischen Elegien» läßt sich eine rhyth-
misch freiere und beweglichere Urgestalt von der unter der Einwir-
kung Wilhelm Schlegels zustande gekommenen lehrgläubigen Ängst-
lichkeit der letzten Fassung abheben. Aber auch die rhythmische Form
überhaupt zeigt jene «eigentümlich freie und doch in sich gebun-
dene Behandlung des Vers- und Sprachstoffes», die die «Gattung» der

271
SINNLICHKEIT UND GEBILD

Goetheschen Elegie zu einem unwiederholbaren, der einmal erreich-


ten deutschen Seelen- und Geisteslage entsprechenden Gebilde wer-
den läßt.
«Kranz» und «Tanz» - diese beiden Herdersehen Findungen blei-
ben wirksam auch für die übrigen Goetheschen Elegien der klassischen
Zeit. Ihre Grundhaltung ist der in den «Erotica Romana» herrschen-
den gleich, wo es sich um das Liebeserlebnis handelt. Aber die Deut-
lichkeit und Unmittelbarkeit des Südens gehen in keusche Zartheit, in
idyllische Sättigung, in eine die Liebenden befreiende Wechselrede
über, wie in « Alexis und Dora »,wie im «Neuen Pausias »; oder eine
andeutende Symbolik nimmt dem Erotischen das bloß Stoffliche, wie
im «Wiedersehen» oder im «Amyntas». Von allen aber gilt, was
Schiller von « Alexis und Dora » schrieb: «Es würde schwer sein, einen
zweiten Fall zu erdenken, wo die Blume des Dichterischen so rein und
so glücklich abgebrochen wird.» Diese «Blume des Dichterischen»
wächst aus dem Liebeserlebnis nicht nur in einer Gestalt, die ihr das
elegische Maß zu geben vermag: beinahe noch mehr als dieses ver-
mag die ernste Gehaltenheit und eigentümliche exotische Fremdheit
des fünffüßigen serbischen Trochäus der Sinnlichkeit alles Direkte zu
nehmen und den an sich formlosen sinnlichen Trieb in Gestalt und
Gebild zu verwandeln wie in den Gedichten « Morgenklagen » und
«Der Besuch», oder wie es noch 1810 die Stanzen des «Tagebuchs»
vermögen. Die Wirkung dieser Gedichte beruht - mehr noch als die
der «Römischen Elegien» - auf der Spannung zwischen dem ihnen
zugrunde liegenden Erlebnis, das jeder haben könnte, und seinem
gläsernen Umguß, der das Sinnliche in einem durchscheinenden Be-
hälter gefangen sein läßt, doch kein «antikischer» zu sein braucht.
Es ist wieder Friedrich Schlegel gewesen, der 1808 in den «Heidel-
bergischen Jahrbüchern der Literatur» jeder nachfolgenden Ergrün-
dung der deutschen Klassik einen Weg wies, geeignet, vom Einzelnen,
Zerstreuten und scheinbar sich Widersprechenden Goethescher Dich-
tungen dieser Zeit auf ein sie Verbindendes hinzuführen. «Wir glau-
ben», schrieb er, «man müsse alle diese Elegien und Epigramme nicht
als einzelne Gedichte, ein jedes für sich, sondern sie alle als ein zu-
sammenhängendes Ganzes betrachten, dem nur die letzte Einheit und

272
DIE NACHITALIENISCHEN DICHTUNGEN EINE EINHEIT

Verknüpfung fehlt, um wirklich und in der Tat Ein Werk zu sein, das
weit mehr von der didaktischen, als von· der lyrischen Art sein würde.
Mehrere der ohnehin schon verknüpften Reihen von Epigrammen
oder Massen von Elegien erhalten ihren gemeinschaftlichen Mittel-
punkt durch ihre Beziehung auf Italien. Es atmet in allen ein und der-
selbe Geist; es dürfte das Individuelle, welches ohnehin nur schwach
angedeutet ist, nur noch etwas mehr entfernt, es dürften die allge-
meinen Ansichten, welche einzeln überall hervorblicken, in der Meta-
morphose der Pflanze aber wie in einen Kern zusammengedrängt sind,
nur gleichmäßiger entwickelt und entfaltet sein, so würden wir ein
Lehrgedicht vor uns sehen, das uns, die Ansicht des Dichters von der
Natur und der Kunst, ihrem Leben und ihrer Bildung einmal voll-
ständig darstellend, von jedem anderen, älteren oder neuen Lehr-
gedicht durchaus verschieden sein, an Würde und Gehalt der Poesie
aber gewiß keinem andern größern dramatischen oder epischen Werke
unsers Dichters nachstehen würde. Ein solches Ganzes scheint uns in
diesen gehaltvollen Gedichten im Keime zu liegen, und dies offenbar
das Ziel zu sein, nach dem sie mehr oder weniger alle streben.» Unter
einem Lehrgedicht aber sei zu verstehen «eine Poesie der Wahrheit. ..
ohne dramatische Handlung, Leidenschaft und Verwicklung, ja ohne
alles Spiel der Phantasie, bloß durch die heitre und gediegene An-
schauung, durch die wahrhaft poetische Ansicht der Dinge». So hat
schon die spätere Romantik diese Goetheschen Poesien, in denen man
so oft lediglich die einzig-schönen dichterischen Früchte eines persön-
lichen Sichauslebens gesehen hat, in ein Ganzes zusammenfassen und
in ihrer Gesamtheit als Ausdruck überpersönlicher Ordnungen und
ihrer Rückwirkungen auf den einzelneuMensehen erkennen lassen wol-
len. Nur aus solcher Überwölbung und Zusammenfassung der schein-
bar so verschiedenartigen und gegensätzlichen, nachitalienischen,
«klassischen» Dichtungen Goethes eröffnet sich derWeg zumErfassen
der in ihr vorhandenen Einheit. Und nur so kann verstanden werden,
daß neben so vielen anderen und andersgearteten Dichtungen und
Schriften nun der Roman «WilhelmMeisters Lehrjahre» (1791 wieder
aufgenommen) in langer mühsamer Arbeit vollendet werden und
1795/96 erscheinen konnte.

18 Schultz, Klassik und Romantik, Bd. l i 275


« WILHELM MEISTER»

Oft genug ist der große Lebensroman in seiner Stufung vom «Ur-
meister» bis zu den «Wanderjahren» mit der Rolle verglichen wor-
den, die der «Faust» vom «Urfaust» über den ersten Teil (1808) bis
zum vollendeten zweiten Teil in Goethes Dasein und Dichtung spielt.
Oft genug ist versucht worden, beiden Werken die Gemeinsamkeiten
abzufragen und ihre Entwicklung von einem jugendlichen «Erstlings-
abdruck» der Gedanken- und Gefühlswelt des Dichters zur abwägen-
den, bewußten künstlerischen Gestaltung und ideellen Ausrichtung auf
die gleichen Grundlinien zu bringen. In allgemeinsten weltanschau-
lichen Zügen gesehen, erscheint die Gemeinsamkeit einleuchtend
genug: der Aufstieg aus dem Zustande des dumpfen, dämonisch-ge-
triebenen « Irrens » zum Lichte des menschlichen Bewußtseins über
Aufgabe undZiel des tätigen Einzeldaseins inmitten der menschlichen
Gesamtheit, und dies auf Grund einer von innen heraus erfolgenden
Klärung und Reinigung, einer Entfaltung aus einem Kern, der als ur-
sprünglich gut, als vollendungsfähig angenommen wird. (Oder wer
möchte ernsthaft den den beiden Werken innewohnenden Gedanken
einer Herdersehen «Perfektibilität» bestreiten?) Gemeinsam auch ist
ihnen das große Maß an bewußt angewendeter späterer künstlerischer
Arbeit, an vor- und rückwärtsschauender gestalterischer Überlegung,
seit sie in der nachitalienischen Zeit wieder aufgenommen wurden. Sie
gehorchten beide dem Gesetz, das über dieser Epoche von Goethes
Schaffen waltete: dem Gesetz eines notwendigen, morphologischen
Werdens aus einer Urform zur vollentwickelten Erscheinung. Ein Ge-
setz, das mit dem Willen und der Pflicht, in die Zeit und Öffentlichkeit
hinein Kunde zu geben, nicht im Gegensatz stand. Wenn nicht aus
anderen Gründen, so muß wegen dieser inneren Notwendigkeit des
Wachstums die verbreitete Meinung eingeschränkt werden, daß Goethe
vor allem den Antrieben, ja dem Drucke Schillers folgte, als er die Ar-
beit am «Faust» wieder aufnahm und ihm durch inhaltliche und for-
male Regelung einen neuen inneren Zusammenhang und durch die
vermeintliche Unterstellung unter eine «Vernunftidee» eine typisch-
symbolische Bedeutung gab. Das letztlich «lnkalkulable», das Goethe
den« Lehrjahren» wie dem «Faust» zuschreibt, hat vermocht, daß der
Roman, der innerhalb der Klassik seine Form gewann, von der Ro-

274
DAS «lNKALKULABLE»

mantik als eine unendliche Melodie aufgenommen wurde, an der


weiterzuschaffen der romantischen Überzeugung von dem nicht aus-
setzenden Lebensstrom entsprach, der mitten durch jede Poesie seinen
Durchzug halte und alles andere in ihr weniger wesentlich erscheinen
lasse. Für Goethe war die Fertigstellung der «Lehrjahre» eine «Ver-
mannigfaltigung» des Versuches, der «Idee» desLebensund der Welt
mit Hilfe eines so und nicht anders bestimmten dichterischen Gewebes
eine Erschaubarkeit zu geben. Aber dieser Roman war zugleich ein
«Werk». Neben dem «Zersplitterten», Versuchhaften, scheinbar ins
Einzelne Zerfallenden der Goetheschen Dichtung dieser Zeit gibt er
sich als eine schier unerschöpfliche Summe von Poesie, Kunst und
Weisheit und widerlegt, wie der «Faust», das Mißverständnis, als habe
es Goethe im Gegensatz zu Shakespeare, Dickens, Balzac und anderen
an einer reichen schöpferischen Phantasie gefehlt, die ihre Gestalten
aus sich ablöst und sie ein auf sich selber gestelltes, nicht immer von
der biographisch-biologischen Einheit des Dichters bestimmtes Dasein
führen läßt; oder als mangele es ihm an der Fähigkeit zu reizenden
und geheimnisvollen Erfindungen, Vorfällen und Situationen, die den
echten dichterischen Magier bekunden. Das reich gestufte, den farbigen
Abglanz des Lebens auf sich sammelnde Personal der «Lehrjahre»
und der mannigfaltige Bewegungsraum dieser Menschen läßt den
Goethefreund, der immer nur nach dem Erlebnis und Bekenntnis des
Dichters fragt und ihn dadurch in eine zu enge Gebundenheit an Tat-
sächlichkeiten bringt, ziemlich ratlos - wie manche Anregungen und
«Quellen» auch aufgezeigt worden sind und immer noch aufgezeigt
werden mögen. Die bunte Gesellschaft der «Lehrjahre» zeigt nun,
verglichen mit dem übersichtlicheren Verlauf des Urmeisters, im Ge-
samt ihrer einzelnen Stellvertretungen jene Allheit, die -immer die
Größenverhältnisse eines Werkes zu einer Menge von Werken voraus-
gesetzt - der Welt Shakespeares, des Shakespeare, dessen wahren Geist
aufzuschließen im Romane versucht wird, nicht viel nachgibt. Die
Verschiedenheit in der Beurteilung der «Lehrjahre» rührte einmal
von diesem Reichtum an Personal und Geschehnis her, beides nicht
nur der «guten», sondern auch der «schlechten» Gesellschaft zuge-
hörig. Was diese betrifft, meinte Friedrich Schlegel, «so hätte man sich

18* 275
«BILDUNGSROMAN»

erinnern mögen, daß von Fielding, Scarron und Lesage, ja von dem
spanischen Alfarache und Lazarillo an, des Don Quichotte nicht einmal
zu erwähnen,Männer, die zum Teil mit der besten und edelsten Ge-
sellschaft ihrer Zeit sehr wohl bekannt waren, und in ihr lebten, doch
die wunderlich gemischte, oder gar die schlechte, als günstiger für
komische Abenteuer und vielleicht überhaupt als reicher für die Phan-
tasie mit Absicht gewählt haben». Aber daß die Lehrjahre wahrhaft
«Epoche» machen konnten, daß die Deutung und das Verständnis des
Werkes sich in einer Vielfalt von Strahlen brechen konnten, liegt nicht,
oder doch nur zu einem geringeren Teile, an der moralischen oder ge-
schmackbedingten Stellung, die man zu den Menschen des Romans
und ihrer sozialen Umgebung einnehmen könnte. Der Grund liegt
wiederum in dem « Inkalkulablen » des Ganzen. Dies führt zu der
Frage, warum das Werk, dessen Gesamtkonzeption und jugendliche
Ausbildungsstufe früher erörtert worden sind, nun erst als «Bildungs-
roman» die Weltschau, das Lebensideal, das Kunstdenken der Dreiheit
Goethe-Schiller-Frühromantik in sich enthielt, ja darüber hinaus den
Ausgang jeder Auseinandersetzung oder Verständigung über das Ver-
hältnis des Einzelnen zur Kulturgemeinschaft herzugeben vermochte.
Jetzt erst wurden die «Lehrjahre» wieder aufgenommen und wur-
den äußerlich fertig; daß sie innerlich nicht fertig sind, liegt nicht nur
an der Schwierigkeit des Umgusses und der vVeiterführung der alten
Fassung, die dem Dichter bereits fremd geworden war; nicht nur an
dem Eindruck, den gewisse Brüche und Sprünge arbeitstechnischer
Art bei dem aufmerksamen Leser hinterlassen; nicht nur an mancher
Überraschung und Unerwartetheit des Geschehens in ihnen: sondern
daran, daß sie nicht die Geschlossenheit eines auf eine kahle Idee ge-
zogenen Dichtwerkes besaßen und besitzen konnten, sondern vielmehr
die Unendlichkeit der Perspektive und die Unbegreiflichkeit und Un-
ergründlichkeit, die dem Leben als solchem eigen sind. Dies meinte er
in dem Gespräche mit Eckermann vom 18. Januar 1825, wenn er
sagte: «Man sucht einen Mittelpunkt, und das ist schwer und nicht
einmal gut. Ich sollte meinen, ein reiches mannigfaltiges Leben, das
unsern Augen vorübergeht, wäre auch an sich etwas ohne ausgespro-
chene Tendenz, die doch bloß für den Begriff ist.» Kein Zweifel, daß

276
«LEBENSROMAN»

er hier - das Gespräch wird zu einer Zeit geführt, da die romantische


Bewegung den « Wilhelm Meister» in erster Linie als Behältnis der
Lebensfülle ausgeschöpft hatte- die Bedeutung des Lehrhaften in den
«Lehrjahren» und die betonten sittlichen und erzieherischen Absich-
ten, wie sie zumal in der Führung Wilhelms durch die Gesellschaft
vom Turm zum Ausdruck kommen, allzu stark einschränkte. Aber
auch in der durch die Zeit der Vollendung des Romans sich hinziehen-
den Auseinandersetzung mit Schiller, die für den Gegensatz ihrer Na-
turen so aufschlußreich ist, heißt es in einer (schließlich fortgelassenen)
Briefstelle vom 7. Juli 1796, daß kaum «eine andere Einheit als die
der fortschreitenden Stetigkeit in dem Buche zu finden sein wird».
Wurde doch die Kritik Schillers dadurch bestimmt, daß seiner
fassung nach die « Hauptidee » nicht genügend herausgearbeitet und
nicht systematisch im einzelnen durchgeführt sei. Schiller geht auch
hier vom Sittlichen aus und möchte das Leben von einem bestimmten
Ethos her gemeistert sehen. Seine gesamte Kritik ließe sich dahin zu-
sammenfassen, «daß bei dem großen und tiefen Ernste, der in allem
Einzelnen herrscht, ... die Einbildungskraft zu frei mit dem Geiste
zu spielen scheint» (8. Juli 1796). Das «Gedenke, zu leben!», das so
bedeutungsvoll im fünften Kapitel des achten Buches zu lesen ist, ließ
sich in diesem Werke mit seiner hintergründigen Verehrung des unbe-
greiflichen und wechselvollen Daseins unter keinen Umständen in ein
«Gedenke, zu denken!» verwandeln. Aber es erhebt sich die Frage
nach der in den «Lehrjahren», nicht schon in der «Theatralischen
Sendung», zur Geltung gelangenden Lebenskunst; auch die Frage,
was unter der vielberufenen «Bildung» Wilhelms zu verstehen sei,
unter welchen Begriff die landläufige Auffassung das Werk stellt.
Inhaltlich gesehen bestand die Weiterführung des Urmeisters, un-
beschadet aller Umgestaltung des Vorhandenen, darin, daß die Erzäh-
lung, die bis dahin den Eindruck eines bloßen « Theaterromanes » er-
wecken konnte, in einen Lebensroman übergeführt wurde. Das ge-
schieht im wesentlichen von dem neugeschaffenen siebenten Buche
an, nachdem am Schlusse des sechsten Buches die «Bekenntnisse einer
schönen Seele», als der Reihe nach erste ganz neue Zufügung und in
überlegtester gedanklicher und technischer Verknüpfung mit dem

277
«SCHÖNE SEELE»

Ganzen, als eine «wiederholte Spiegelung», wie sie Goethe liebte, die
Lebenskunst, der der Roman zustrebt, zusammengefaßt haben. Die
«schöne Seele» bekennt als ihrer Selbstprüfung letzten Schluß, «daß
ich immer vorwärts, nie rückwärts gehe, daß meine Handlungen
immer mehr der Idee ähnlich werden, die ich mir von der Vollkom-
menheit gemacht habe, daß ich täglich mehr Leichtigkeit fühle, das
zu tun, was ich für recht halte ... ». «Ich erinnere mich», heißt es
endlich, «kaum eines Gebotes; nichts erscheint mir in Gestalt eines
Gesetzes; es ist ein Trieb, der mich leitet und mich immer recht führt;
ich folge mit Freiheit meinen Gesinnungen und weiß so wenig von
Einschränkung als von Reue.» Diesegeforderte oder erzielte, von innen
heraus selbsttätige Übereinstimmung zwischen Trieb und Vernunft ist
das lebenskundliehe Motiv, das sich durch das ganze Buch zieht und
seine Vorbildlichkeit für den neueren Menschen nicht eingebüßt hat-
eine sittliche Anwendung der erkenntnistheoretischen Verselbigung
von Erfahrung und Idee, die für die nachkantische Weltanschauung
Gpethes bezeichnend geworden ist. Diese völlige Übereinstimmung
zwischen Trieb und Vernunft ist das Kennzeichen einer «schönen
Seele» im Sinne der deutschen Klassik. Schillers Abhandlung «Über
Anmut und Würde» (1793) hatte, indem sie die Enge von Kants
Pflichtbegriff verließ und sich auf die sittliche Grazie des harmoni-
schen Menschen im Sinne Shaftesburys stützte, vorgetragen, «was
man unter einer schönen Seele verstehet » : «Eine schöne Seele nennt
man es, wenn sich das sittliche Gefühl aller Empfindungen des Men-
schen endlich bis zu einem Grad versichert hat, daß es dem Affekt die
Leitung des Willens ohne Scheu überlassen darf und nie Gefahr läuft,
mit den Entscheidungen desselben im Widerspruch zu stehen ... In
einer schönen Seele ist es ... , wo Sinnlichkeit und Vernunft, Pflicht
und Neigung harmonieren, und Grazie ist ihr Ausdruck in der Er-
scheinung.» Wie immer die Vorgeschichte und die Herkunft des Wortes
und Begriffes «Schöne Seele» und wie verschieden da die Abschat-
tungen sein mögen- «WO im deutschen Geistesleben Plotinisches sich
auswirkt, erscheint der Ausdruck», so hören wir-: der Gedanke der
schönen Seele in jener Schillersehen Fassung ist ein Grundpfeiler der
Goethe-Schillerschen Klassik. Ein kaum genug zu bestaunendes Ereig-

278
FüHRUNG UND GELEIT

nis bleibt es, daß diese Forderung und Erkenntnis von zwei entgegen-
gesetzten Punkten her gewonnen wurden, das heißt: daß Leben und
Denken zu ihnen hinführten. Es ist bislang nicht erkennbar, welche
Wechselwirkung auch hier zwischen den beiden Klassikern bestanden
hat. Soviel aber ist sicher, daß dies Ziel, das der «schönen Seele», erst
in der Fortsetzung des Romans und im Kreise der neuen Personen, der
verschieden abgewandelten und gegeneinander gestellten Vertreter
rechter Lebensbefähigung: Lotharios, Thereses, Natalies, des Oheims,
des Abbes, sichtbar wird. In ihrem Umkreise aber ist Natalie das
reinste Beispiel dieser «schönen Seele». Auf Schillers Rat wurde das
ausdrücklich und jedem eingäuglich hervorgehoben. «Natalien», heißt
es im fünften Kapitel des achten Buches, «kann man bei Leibesleben
selig preisen, da ihre Natur nichts fordert, als was die Welt wünscht
und braucht.» «Unerreichbar wird immer die Handlungsweise blei-
ben», läßt der Dichter den Lothario mit betonter Absichtlichkeit von
seiner Schwester sagen, «welche die Natur dieser ,schönen Seele' vor-
geschrieben hat. Ja sie verdient diesen Ehrennamen vor vielen an-
deren, mehr, wenn ich sagen darf, als unsre edle Tante selbst, die zu
der Zeit, als unser guter Arzt jenes Manuskript so rubrizierte, die
schönste Natur war, die wir in unserm Kreise fanden. Indes hat Na-
talie sich entwickelt, und die Menschheit freut sich einer solchen Er-
scheinung.» Ist es nicht auch hier bei Goethe so, daß er die höchste
menschliche Entvvicklung nur einer Frauengestalt zusprechen zu müs-
sen glaubte? Der Frau, der Wilhelms weitere «Bildung» obliegt.
Denn er, der im Urmeister noch selbständig und resolut vorwärts-
strebt und zugriff, wird in den Lehrjahren- und über den Raum des
Werkes hinaus - unter Führung und Geleit gestellt. Er wird, ihm sel-
ber unbewußt, in so starkem Maße Gegenstand geheimer Lenkung
und Erziehung, daß es scheinen könnte, als sei seine Selbsttätigkeit
und sittliche Handlungsfreiheit vom Dichter allzusehr eingeengt. Da-
hinter steht mehr als jene Auffassung von den Aufgaben und der Gat-
tung des Romans, die, im siebenten Kapitel des fünften Buches for-
muliert, dem Roman der Romantik das Recht zu geben schien, ihre
Romanhelden ganz von Schicksal, Abenteuer und Dunkel beherrscht
sein zu lassen- jene an die scharfen Abgrenzungen, wie sie die Klassik

279
ALLEGO'RIE DES SITTLICHEN LEBENS

liebte, gemahnende These: «Der Romanheld muß leidend, wenig-


stens nicht im hohen Grade wirkend sein; von dem dramatischen ver-
langt man Wirkung und Tat ... » Der Schluß der «Lehrjahre» läßt
Wilhelm erst an der Pforte zur Meisterschaft des Lebens stehen, ob-
wohl er den Lehrbrief empfangen hat und der Abbe ihn durch die
«Natur losgesprochen» sein läßt, da ihm die Gewißheit geworden ist,
Vater des Felix zu sein und eigene erzieherische Aufgabe an ihm er-
füllen zu müssen. Und gelöst ist ein Teil der Rätsel, die um ihn und
seinen bisherigen Lebensgang waren: Mariannes, des Harfners, Mig-
nons. Doch sein eigenes Zielliegt immer noch in der Zukunft. Die Ver-
bindung mit der «schönen Seele» Natalie gibt die Gewißheit, daß er
sich schließlich auf seinem ferneren Wege nicht mehr verlieren wird.
Doch eine Weiterführung und Vollendung des Romanwerkes wird am
Schlusse ebenso deutlich, wie am Ende des ersten Teiles des «Faust»
Mephistos «Her zu mir!» den endgültigen Austrag erwarten läßt.
Dann hat unter geänderten zeitgeschichtlichen und persönlichen Vor-
aussetzungen das Goethesche Alterswerk der «Wanderjahre» noch
strengere sittliche und soziale Forderungen vorgetragen, wie in ge-
wollter Durchführung einer «Idee», die dem Sinne Schillers gemäß
gewesen wäre, aber von Goethe am Schlusse des Werkes in den Seins-
grund eines allgütigen und auflösenden Verstehens geleitet wird, die
«Wahlverwandtschaften» auch. Aber eine durchgreifende innere Folge
und Gestaltung ist ja in den «Wanderjahren» weniger als in den
«Lehrjahren» zu erkennen, mag auch die erste, nicht durch Einlagen
belastete Fassung vom Jahre 1821 den übergreifenden Sinn dieses
Werkes noch klarer hervortreten lassen: eine «Allegorie des sittlichen
Lebens», ein «Aufriß menschlichen Wesens nach inneren Schichten
und äußeren Daseinsbezügen» zu sein.
Die Lehrjahre des vom Schicksal geheim und von bewußter frem-
der pädagogischer Absicht weise und sacht geführten Wilhelm sind
nach der Absicht des Dichters nur ein Fall unter vielen. In der Biblio-
thek des Saales, in dem Wilhelm den Lebenslehrbrief empfängt,
sieht er viele Rollen mit Aufschriften. Er findet mit Verwunderung
Lotharios Lehrjahre, Jarnos Lehrjahre und seine eigenen dort aufge-
stellt, unter vielen anderen, deren Namen ihm unbekannt waren. Er

280
KLASSISCHE UND FRÜHROMANTISCHE BILDUNGSIDEE

stellt also nur eine der mannigfaltigen, individuell gestuften Möglich-


keiten dar, die Menschheits- und Lebensidee zu erfüllen, zur «Bil-
dung» zu gelangen. Überraschend fügt sich seine Erziehungwiederum
zur Grundidee des «Faust», wenn das Irren und der Irrtum ausdrück-
lich als der notwendige Zustand des Durchganges zum Ziele gefordert
werden. «Von welchem Irrtum kann der Mann sprechen», sagt Wil-
helm auf die Worte des Landgeistlichen hin, «als von dem, der mich
mein ganzes Leben verfolgt hat, daß ich da Bildung suchte, wo keine
zu finden war, daß ich mir einbildete, ein Talent erwerben zu können,
zu dem ich nicht die geringste Anlage hatte.» Bei der Nachwelt sind
die Goetheschen «Lehrjahre» unter die Ausstrahlungen eines Mythus
getreten, der von den Worten «Bildung» und «Bildungsroman» aus-
geht. Aber ebenso vielfach um die Worte! Schon Friedrich Schlegel
wiederum durfte 1808 erklären, daß, wenn «Bildung» der Haupt-
begriff sei, «wohin alles in dem Werke zielt und wie in einen Mittel-
punkt zusammengeht», dieser Begriff« ein sehr vielsinniger, vieldeu-
tiger und mißverständlicher» sei. Aber seine weiteren, etwas gräm-
lichen Erörterungen über die Auswirkung des Bildungsbegriffs in dem
Roman bleiben teils bei dem rein Erkenntnismäßigen der «Bildung»,
teils bei dem «hervorbringenden Bildungstrieb des Künstlers» stehen.
Und man möchte aus seinen Worten feststellen, daß die frühroman-
tische Bildungsidee damals, 1808, bereits zerfallen war. Die groß-
formige frühromantische Bildungsidee mit ihrer Richtung. auf Uni-
versalität, Totalität und Genialität hatte nur gefaßt werden können,
weil ihr die klassische Bildungsidee, die dem « Wilhelm Meister» und
Schillers philosophischen Schriften zugrunde liegende, als Achse zu
dienen vermochte. Das frühromantische Bildungssystem ist eine Lehre
von den höher zu entwickelnden oder neu zu bildenden seelisch-
geistigen Kräften. Die Idealmenschlichkeit, der die frühromantischen
Bildungsforderungen dienen wollen, soll neben einer aufgeschlossenen
Sinnlichkeit über hochentwickelte Verstandesfunktionen verfügen. Die
betonte Anerkennung irrationaler Werte machte keinen wesenhaften,
aber einen gebärdehaften Unterschied gegenüber der Klassik aus. Auch
das frühromantische Bildungsideal bejaht die organische Sittlichkeit
der harmonisch gestimmten menschlichen Natur. Die frühromantische

.281
DER BAU DER «LEHRJAHRE»

Sittlichkeit ist, genetisch gesehen, eine Ausweitung und Steigerung


der im «Wilhelm Meister» und in Schillers Schriften waltenden Ge-
danken von der autonomen sittlichen Persönlichkeit- Gedanken, die
ihrerseits wieder die gegen Kant gerichtete Erfassung eines geheimen
einheitlichen, universellen Lebensvorganges zur Voraussetzung haben,
wie er dem Sturm und Drang aufgegangen war. Wie für den «Wil-
helm Meister», wie für Schiller steht auch für die Romantik die sitt-
liche Natur des Menschen nicht nur nicht in einem unversöhnbaren
Gegensatz zu seiner sinnlichen Natur: beide sind dem gleichen Gesetze
eines vegetativ und entwicklungsgeschichtlich bestimmten Vorganges
unterworfen. Für Klassik und Romantik handelt es sich letztlich um
die von einer sittlichen Stimmung getragene, mit einem zarten Ge-
fühl für abgestufte sittlicheZustände begabte, im sittlichen Naturreich
festgewurzelte Persönlichkeit, «die sich schadlos ohne das Gängelband
sittlicher Vorschriften vorwärtsbewegen kann». So ist es in den «Lehr-
jahren» Wilhelm Meisters. Die Gesellschaft vom Turm ist eine den
individuellen Charakter berücksichtigende «Entwicklungshilfe», nicht
eine nach allgemeingültigen Normen verfahrende Erziehungsanstalt.
Sie ist eine in den Formen der Zeit symbolisierte Stellvertretung einer
Vorsehung, die über dem Menschen waltet, der sich schließlich des
rechten Weges bewußt wird. Darum konnte dieses Werk nun so wer-
den: den Menschen hineinstellen in einen Lebensraum und eine Ge-
sellschaft, die, ohne bereits direkte Beziehungen zu dem deutschen
und europäischen Gestaltwandel der werdenden Epoche zu zeigen, im
Gegenteil auf die alte Lebensart und auf das vorrevolutionäre Ver-
hältnis der Stände zurückweisen, ihn aber in einer fragenden Situa-
tion und auf einer Schwelle zeigen, wo jeder sich klar werden muß,
wie es um ihn stehe oder bald stehen werde. «Wir ersehen nun klar»,
sagte Friedrich Schlegel im «Athenäum», und diese Worte lassen sich
hier durch keine anderen ersetzen, daß das Werk «nicht bloß, was wir
Theater oder Poesie nennen, sondern das große Schauspiel der Mensch-
heit selbst, und die Kunst aller Künste, die Kunst zu leben, umfassen
soll ... Nicht dieser oder jener Mensch sollte erzogen, sondern die Na-
tur, die Bildung selbst sollte in mannigfachen Beispielen dargestellt
und in einfache Grundsätze zusammengedrängt werden».

282
DIE «BEKENNTNISSE EINER SCHÖNEN SEELE»

Da es sich solcher Art in den «Lehrjahren» um ein organisiertes


und organisierendes Ganzes handelt, versteht es sich, daß sie ein von
der Mitte aus geregeltes und auferbautes Gebilde geworden sind, in
dem alles unter dem prüfenden, vorwärts- und rückwärtsschauen-
den Blick des Künstlers geschaffen ist, der nach Italien die Gleichung
von dichterischer Gestaltung auf der einen, Natur, Ganzheit, Leben
auf der anderen Seite vollzog. Alle technischen und kompositionellen
Einzelheiten können zurückgeführt werden auf die Grundstellungen,
die in den sattsam bekannten Begriffen der Morphologie, des Typus,
des Symbols, des prägnanten Punktes, der Identität der Teile, der Stei-
gerung, der Polarität enthalten sind. Das Wohlgefühl des in den Bau
des Werkes eindringenden Lesers fließt letztlich aus dem Geborgen-
werden in der Hülle eines in sich geschlossenen Aufbausystems, das
auf metaphysischen Voraussetzungen beruht. Wer vermöchte sich ge-
nugtun im Entdecken und Beschreiben aller Absichten des Erzählers
und ihrer Wirkungen, wie sie sich nun gegenüber dem Urmeister ent-
hüllen! Wie der göttliche Baumeister selber waltet er über seiner
Schöpfung, weise, seiner Mission sich bewußt und doch ungezwungen,
alles am rechten Orte bringend, alles vorbereitend und doch aus dem
Strome des Unbegreiflichen dort ungezwungen auftauchen lassend,
wo es im Gange der Erzählung seine wesenhafte Bedeutung und Er-
füllung gewinnt. Bald lockert er die Zügel, bald zieht er sie straffer an.
Immer schwingt der reiche und bunte Inhalt um Mittellinien. Über
der räumlichen Verteilung im Rahmen des Erzählwerkes wird die Be-
wegung in der Zeit mit Hilfe einer Beschleunigung oder Verzögerung
des Tempos, einer Unterbrechung oder Pausierung nicht außer acht
gelassen. Was scheinbar zusammenhanglos und als Fremdkörper in
dem Ganzen steht, erweist sich als notwendiger und gliedmäßiger Be-
standteil. So nicht zuletzt das sechste Buch mit den «Bekenntnissen
einer schönen Seele». Ä ußerlieh gesehen, bringen die «Bekenntnisse»
die Familiengeschichte einer Reihe von Gestalten des späteren Werkes,
machen vor allem das Wesen Nataliens, wie es wurde, verständlich und
zeigen den Kulturkreis, in den Wilhelm nun tritt, durch seinen Schöp-
fer, den Oheim, im Entstehen. Wichtiger ist, daß die Lektüre dieser
Aufzeichnungen den Übergang Wilhelms in ein neues, höheres Da-

283
DIE SPRACHE DER «LEHRJAHRE»

sein einleitet und seine Aufnahme in den Lothariokreis seelisch vor-


bereitet. Am wichtigsten: die « Bekenntnisse» gehören zur Totalität
der des Werkes. Neben tätigen, strebenden oder
ziellos treibenden Menschen darf auch das Bild eines nach innen ge-
kehrten, beschaulichen Daseins nicht fehlen. Und zur Vervollstän-
digung seines Weltbildes muß dem Helden, bevor er sich dem tätigen
Leben widmet, auch die Religion als ein Lebenswert nahegebracht
werden. Er erlebt an sich keine religiöse Krise, aber er nimmt auf dem
Wege der Lektüre den Durchgang durch die Schicht eines frommen
Daseins. Die «Lehrjahre» wären nicht eine der größten Weltanschau-
ungsdichtungen aller Völker und Zeiten, wenn das religiöse· Buch in
ihnen fehlen würde. Angesichts solcher übergeordneter Fragen ist es
von geringerer Bedeutung, feststellen zu wollen, wie weit das quellen-
mäßige Verhältnis dieser Aufzeichnungen zu der Persönlichkeit und
zu etwaigen Niederschriften der Susanna Katharina von Klettenberg
reicht. Für den Dichter handelte es sich nicht darum, ein geschichtlich
getreues Bild der Jugendfreundin zu zeichnen, geschweige ein von ihr
selber herrührendes Dokument wiederzugeben, sondern aus Unter-
haltungen, Erinnerungen, Briefen ein Neues und Zusammenstimmen-
des zu schaffen, das in seinem Weltanschauungsroman seinen organisch
notwendigen Platz finden konnte. Wegen der Verzahnung der «Be-
kenntnisse» mit dem Ausbau der «Lehrjahre», wegen der vielfachen
Strahlen, die von diesem Einschub gerade auf die neue Gestalt des
Werkes fallen, erscheint es wenig wahrscheinlich, daß er schon für die
«Theatralische Sendung» geplant war.
Der Kunstwille der deutschen Klassik kommt auch in der Sprache
der «Lehrjahre» zum Ausdruck. Man erkennt, daß sie;verglichen mit
dem «Drmeister», eine konstruktive Sprachform aufweist und daß
die Sprachhaltung des « Urmeisters » weit mehr auf Gefühl und Stim-
mung gestellt war, weit mehr aus augenblicklicher Improvisation her-
vorgegangen ist, während der durchgegliederte, logisch-ordnende Satz
und damit eine gestaltgebende sprachliche Kontur Sache der «Lehr-
jahre» sind. Ihre Sprache in dem Streben nach Allgemeingültigkeit,
nach einheitlicher und gemäßigterTemperatur, nachAbstand von der
Sache weist auf Grundhaltungen der Klassik zurück. Diese Sprache ist

284
«WILHELM MEISTER» UND DIE ROMANTIK

weit weniger der Ausdruck einer individuellen Seelenlage, als daß sie
ein überindividuelles Weltbild spiegelt. Diese Sprache ist die Sichtbar-
lichkeit der Ideen, die Schiller im 15. der Briefe «Über die ästhetische
Erziehung des Menschen» entwickelt: sie ist eine Vereinigung des
Sachtriebes mit dem Formtriebe, das ist ein « Spieltrieb », der die
«lebende Gestalt» zum Gegenstande hat. Diese Sprache enthält, mit
Schiller zu sprechen, «die Einheit der Realität mit der Form, der Zu-
fälligkeit mit der Notwendigkeit, des Leidens mit der Freiheit». So
erfüllt diese Sprache sittlich-künstlerische Forderungen der Klassik so-
wohl aus den Ideenbildungen Schillers als aus dem Inneren des Gegen-
standes und der schöpferischen Persönlichkeit Goethes heraus.
Der « Wilhelm Meister» ist eine Art Weltbibel für die deutsche Ro-
mantik geworden von ihrer Frühzeit bis in ihre letzten Ausläufer und
für alle späteren Romanschöpfer, die irgendwie das in der klassisch-
romantischen Epoche angeschlagene Thema der Persönlichkeitsent-
wicklung weiterzuführen suc}:tten. Er hat die romantische Phantasie
geweckt und vorgetrieben wie keine. andere Dichtung der gleichzei-
tigen und vorangegangenenLiteratur.Er hat denromantischenLebens-
drang wie das technische Ausdrucksvermögen des romantischen Ro-
mans in bestimmte Richtungen gewiesen, dem erzählerischen Aus-
drucksschatz gewisse Situationen, gewisse Farben, gewisse Motive ge-
liefert, deren Verwertung durch mehr als ein Menschenalter hindurch
als ein merkwürdiger Beitrag zu dem Kapitel der literarischen Nach-
ahmungen und Beeindruckungen erscheinen könnte, wenn nicht hin-
ter den Gegebenheiten auch hier die abweichende Erfülltheit neuer
Generationen sichtbar würde. Und übrigens wurden mit und neben
dem «Meister» die während der romantischen Hochkurve erscheinen-
den «Wahlverwandtschaften», sieht man von ihrer antiromantischen
ethischen Spitze ab, mit dem seinen Trieben verfallenen Charakter
Eduards und ihren vielfachen Beziehungen zum Okkulten, zur «Nacht-
seite der Natur», ebenso wie die im All sich auflösende Gefühlsseligkeit
Werthers gleichfalls in den dichterischen Raum der Romantik auf-
genommen. Doch es ließe sich auch darüber reden, wenn man den
romantischen Roman vor allem im Zeichen Jean Pauls sieht, zumal
Friedrich Schlegel in dem «Brief über den Roman» im «Athenäum»,

285
FRIEDRICH SCHLEGEL UND «WILHELM MEISTER»

1800, seine Werke in ihrer Mischung von wahrer Sentimentalität, von


Arabeskenhaftigkeit und Bekenntnissen als «die einzigen romanti-
schen Erzeugnisse unseres unromantischen Zeitalters» angesprochen
hatte, ohne an seine zwei Jahre zurückliegende Analyse «Wilhelm
Meisters» ausdrücklich anzuknüpfen. Sie erbringt gewissermaßen den
Beweis für sein vielbeachtetes und vielbespötteltes Wort, daß der Goe-
thesche Roman zusammen mit der Französischen Revolution und Fich-
tes Wissenschaftlehre zu den «drei größten Tendenzen des Zeitalters»
gehöre. Damit hatte er in dem Werke den Inbegriff einer von der Zeit
geforderten und sie widerspiegelnden Dichtung verkündigt und sich
selbst als den Deuter dieses Werkes auf den höchsten Richterstuhl
literarischer Kritik erhoben. Hatte doch schon 1797 eines seiner Frag-
mente in dem «Lyzeum der schönen Künste» gelautet: «Wer Goethes
Meister gehörig charakterisierte, der hätte damit wohl eigentlich ge-
sagt, was es jetzt an der Zeit ist in der Poesie. Er dürfte sich, was
poetische Kritik betrifft, immer zur Ruhe setzen.»
So ist denn der eine Weg, auf dem der «Wilhelm Meister» in den
romantischen Geist einging, der einer theoretischen Auseinanderset-
zung mit ihm als mit einem dichterischen und epochalen Phänomen
erster Ordnung. Es bedeutet keine neue Erkenntnis mehr, daß Fried-
rich Schlegels vielberufene Begriffsbestimmung der von ihm gefor-
derten oder werdenden «romantischen» Poesie im 116. Athenäums-
fragment, diese Programmfestsetzung, in unmittelbarem Zusammen-
hang mit seiner Absolutierung des «WilhelmMeister» als der Summe
aller modernen Poesie und ihrer künftigen Möglichkeiten steht. Ja die
vermeintliche Unverständlichkeit und Widersinnigkeit jener Begriffs-
bestimmung mindert sich, wenn - wie es auch die Geschichte des
Wortes «romantisch» nahelegt- die romantische Poesie, die moderne
Poesie schlechthin aus der Idealvorstellung eines «Romanes» abge-
leitet wird, für die der «Wilhelm Meister» das erste und oberste Bei-
spiel war. Gemeinsam wäre dieser neuen Poesie mit dem Goetheschen
Romane ohnegleichen, daß sie ein Spiegel der ganzen umgebenden
Welt, ein Bild des Zeitalters zu werden vermögen; daß sie ferner der
höchsten und vielseitigsten Bildung fähig sind, sowohl von innen her-
aus wie von außen hinein; daß sie endlich die geistige, sittliche und

286
NüVALIS UND «WILHELM MEISTER»

gesellschaftliche Bildung wieder mit der künstlerischen vereinigen. So


erschien auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung Friedrich Schle-
gels die Forderung des «Romantischen» als die Abschöpfung aus einem
Werke, das nach Gehalt und Form eine Summa unserer Klassik ist.
Des Novalis Auseinandersetzung mit dem « Wilhelm Meister» ge-
hört zu den meistbewerteten Zeugnissen für einen vermeintlichen
weltanschaulichen und formbedingten Gegensatz zwischen Klassik und
Romantik. Seine Beschäftigung mit dem Werke führte von ein-
dringendem Studium seiner Kunstform zur völligen Ablehnung seines
Gehaltes. Schließlich wird es ihm «ganz ein Kunstprodukt - ein Werk
des Verstandes», «im Grunde ein fatales und albernes Buch- so prä-
tentiös und preziös - undichterisch im höchsten Grade, was den Geist
betrifft - so poetisch auch die Darstellung ist»; «Die ökonomische
Natur», heißt es, «ist die wahre - übrigbleibende ... Die Freude,
daß es nun aus ist, empfindet man am Schlusse im vollen Maße»;
« ,Wilhelm Meister' ist eigentlich ein ,Candide', gegen die Poesie ge-
richtet». Und so geht es weiter aus vollem und erregtem Herzen gegen
das «Prosaische» in dem Buche, in dem das «Romantische», die
«Naturpoesie», das «Wunderbare» zugrunde gehen. So sollte denn
des Novalis «Heinrich von Ofterdingen» ein «Antimeister» werden-
mit seiner schrankenlosen Verherrlichung der Poesie als der wahren
Schöpferio eines eigentlich Wirklichen. Gewiß: die Schranken des Hu-
manismus, in die der Roman von Wilhelm Meisters Lehrjahren ein-
gefügt war, stürzen hier zusammen. Das «Poetische» wird ein alles
durchdringendes Element, die Poesie wird « elementarisch». Das Poe-
tische ist an sich da. Nicht der einzelne Dichter oder dichterisch emp-
findende Mensch bringt es in sich hervor. Das ganze Universum ist
«poetisiert», «romantisiert», und der Dichter nur ein Organ oder
besser ein Mittelglied des Übergangs von der Umwelt zur Überwelt.
Und alles soll in diesem Buche so natürlich und doch so wunderbar
sein: «man glaubt», so fordert Hardenberg, «es könne nichts anders
sein und als habe man nur bisher in der Welt geschlummert - und
gehe einem nun erst der rechte Sinn für die Welt auf». Es ist, mit
Dilthey zu sprechen, «der metaphysische Zusammenhang des Daseins»
überhaupt, den ein solcher «poetischer» Roman widerspiegelt. Aber

287
KLASSISCH-ROMANTISCHES IM «ÜFTERDINGEN»

bezeichnendes Schauspiel: die innere und äußere Form des «Heinrich


von Ofterdingen» entspricht dieser Spannung zwischen Hardenbergs
und Goethes Lebensauffassung nicht. Technik und Form des Werkes
von Novalis sind nicht, wie es der Weltansicht seines Schöpfers gemäß
wäre, «lösend und entgrenzend», sondern« bindend und begrenzend».
Freilich fließt aus dieser Spannung ein hoher ästhetischer Reiz des Wer-
kes. Novalis schickt den Dichter in die Welt, um ihn in einem Bereiche
des Magischen, das ist seines eigenen inneren hervorbringenden Ver-
mögens, jede Sehnsuchtserfüllung finden zu lassen, aber indem er
dies erzählt, bleibt er an strenge Mittel sinnlicher Darstellung ge-
bunden. Denn die Formkraft auch des Dichters Novalis hält die Phan-
tasiewelt «in einem vielmaschigen Netz von feinen Gliederungen,
Spannungen, Antithesen, Symmetrien, Steigerungen und Absperrun-
gen gebunden». Somit ist ein Versuch, «Wilhelm Meister» und «Hein-
rich von Ofterdingen » ihrer Form nach als äußerste Gegensätze zu
erweisen, höchst schwierig. Von hier aus wird wieder einmal die
gängige Formel einer unbedingten Polarität von Klassik und Romantik
zweifelhaft. Eher kann man in dem Werke des Novalis eine Steigerung
der Klassik und einen höheren Ausgleich zwischen der romantischen
und klassischen Atmosphäre sehen. Nichts anderes besagen ja schließ-
lich die Worte von Novalis selber: « Goethe wird und muß übertroffen
werden- aber nur wie die Alten übertroffen werden können, an Ge-
halt und Kraft, an Mannigfaltigkeit und Tiefsinn- als Künstler eigent-
lich nicht.» Hat nicht Novalis mit solchen Worten beinahe die Fassung
gefunden, in die sich das Verhältnis einer deutschen Romantik zu einer
deutschen Klassik überhaupt einfügen ließe? Hat er nicht mit den
Forderungen einer gesteigerten «Mannigfaltigkeit» und eines gestei-
gerten «Tiefsinns» wirklich die beiden Linien bezeichnet, auf denen
die Romantik über die Klassik hinausreicht? Ja und nein! Denn es
gibt Möglichkeiten, die beiden Ausbildungsformen des deutschen Gei-
stes auch als wesensmäßige, als strukturelle Gegensätze zu sehen.
Menschlicher Geist-mehr oder minder einseitig-kann seine Sicht in
diesem Raume einer geistesgeschichtlichen Ortsmessung so oder so
wählen. Eine reine Entscheidung ohne ein «Aber» gibt es in dem Be-
reiche dieses Erkenntniswillens nicht. Nur Gebilde, die die Natur her-

288
GöRRES UND «WILHELM MEISTER»

vorbringt, ermöglichen es, daß man mit einem Blick des Einen und
des Doppelten inne wird, und wohltuend inne wird. Die Geisteswissen-
schaft scheint in solchen Fällen ausweglos zu sein. Doch liegt nicht in
solchen Gegenspielen auch wieder ein Reiz für jeden, der sich nicht
mit bloßen Worten und mit Abstraktionen begnügen mag? Wieder
winkt und belohnt hier das vielfältige «Leben» als verbunden mit
jeglichem «Geist». Auch, wenn man am Faden der Wirkung des
« Wilhelm Meister» und an der Entwicklung des romantischen Ro-
mans dies Spiel weiter überschaut, erscheinen Vielfalt und Spannung
als die Symptome der Bewegung, die «Romantik» geheißen wird.
Josef Görres- der damit den Goethe-Gegnern der späteren Jahr-
zehnte Waffen lieferte - bewegt sich nicht nur auf der Linie von No-
valis, wenn er in den «in sich zusammengedrückten, laut- und ton-
losen Gestalten» des «Wilhelm Meister» jene Idealität und jene dich-
terische Aufhöhung vermißt, die den Menschen des geliebten Jean
Paul eigen sind. Görres gehört zu jener Front um 1800, die zu Herder
und Jean Paul gegen die Weimarer Klassik steht. Wem Jean Pauls
Frauengestalten «zu zart zum Greifen» sind, denen rät er, sich «ihre
Weiber» aus dem « Wilhelm Meister» zu wählen. Ähnlich schreibt
Bettina im «Briefwechsel Goethes mit einem Kinde», alle Frauen im
«Wilhelm Meister» seien ihr zuwider, und sie möchte sie alle zum
Tempel hinausjagen. Nur Mignon, so heißt es einmal in einem Briefe
an die Günderode, liebe sie, während die anderen in dem Buche ihr
gleichgültig seien. Solche Übereinstimmungen in Sympathien und
Antipathien sind konstitutive Merkmale einer gleichen Lebensrich-
tung, nicht literarische Abhängigkeiten oder Parallelen. Nur ganz
nebenbei wird die «Kunst der Darstellung» von Görres erwähnt. Die
Goethe-Verneinung des für den Geist der späteren Romantik nach an-
derer Richtung so wesentlichen Genossen des Heidelberger Kreises ist
der am stärksten negative Posten innerhalb des Einheitswertes, den
man der im übrigen goethetreuen jüngeren Romantik beilegen kann.
Sie zeigt an einem typischen Fall, wie die auf die großen « Objekti-
vationen» der Mythe, des Volkstums und der Geschichte gegründeten
Gedankenbildungen mit dem individuell bedingten Kunstwollen der
Klassik sich nicht vertragen.

19 Schultz, Klassik und Romantik, Bd.II 289


FüR UND WIDER «WILHELM MEISTER»

Verschwommen und redensartlieh ist, was Adam Müller m semen


«Vorlesungen über die deutsche Wissenschaft und Literatur» ( 1807)
über « Wilhelm Meister» zu sagen weiß. Es trägt zur Klärung der
Problemlage so gut wie nichts bei. Immerhin zeigt sich die Haltung
dieser Vorlesungen, die die Werke unserer Literatur im Hinblick auf
die Eigenart und die organische Entwicklung des Volksgeistes ausdeu-
ten wollen, darin, daß «die Rätsel der Zeit und die Worte der Lösung»
als eigentlicher Gehalt des «Wilhelm Meister» angesprochen werden.
Doch mit den theoretischen Äußerungen ist längst nicht erschöpft,
was das Werk für eine bestimmte Art des romantischen Lebenswillens
bedeutete. Auch « Wilhelm Meister» hat wie « Werther » seine Gene-
ration in der Mitte getroffen. Nicht so, daß er restlos aufging in die
Welt- und Kunstanschauung des zwischen 1770 und 1790 geborenen
Geschlechtes; sondern so, daß die romantische Dichtung, die sich dem
Grundriß und den Motiven nach auf seiner Bahn befindet, wie schon
im Falle Novalis, deutlich werden läßt, welchen anderen Sinn sie dem
«Bildungsroman» unterlegte. An dem Goetheschen Romane erprobte
sich die «romantische Natur», der «romantische Charakter», der « ro-
mantische Lebenslauf». Da Leben und Dichtung innerhalb der Ro-
mantik nicht zwei getrennte Atemräume sind; da die Dichtung eine
Wirkrichtung des romantischen Lebensvorganges ist, konnten zwi-
schen dem Inhalte der «Lehrjahre» und der Lebensgeschichte der ro-
mantischen Menschen die Grenzen verschwimmen. Die Berufslosig-
keit, die Ablehnung der Familie und des bürgerlichen Daseins, soweit
beides eine Begrenzung des Strebens ins Unbedingte war, die Ahnung
eines dichterischen Berufenseins, die Ruhelosigkeit beim Durchlaufen
verschiedener Stationen des gesellschaftlichen Lebens, der Drang zur
vorurteilslosen Begegnung mit Menschen jedweden Standes (bei einem
geheimen Zuge zum Adel), die Abschattierung der Berührungen mit
Frauen, die Atmosphäre des Abenteuers und des Erotischen - dies und
mehr schien in «Wilhelm Meister» eine Vorformung der Lebenswirk-
lichkeit für das jüngere Geschlecht zu sein. Die Flucht aus dem kauf-
männischen Beruf insbesondere teilt «Wilhelm Meister» mit dem
Lebenslaufe manches «Romantikers»: Friedrich Schlegel, Brentano,
Kerner sind dafür gern genannte Beispiele, und der Verfechter einer

290
<MTILHELM MEISTERS» FORTWIRKUNG

im äußersten und besonderen Sinne romantischen Welt- und Kunst-


anschauung, Philipp Otto Runge, darf nicht fehlen. Daß die Goethe-
schen «Lehrjahre» von der Romantik nur beherzigt wurden nach dem
Gehalte des jugendlichen Schweifens und lrrens, nach dem, was vom
Werden und Werdenden in ihnen berichtet wird, zeigt die Kette jener
romantischen Romane, die, in einzelnen Motiven und Gestalten von
«WilhelmMeister» abhängig, verschiedentlich überdemselben Grund-
riß errichtet, von Tiecks « Sternbalds Wanderungen», Friedrich Schle-
gels «Lucinde», Dorothea Schlegels « Florentin», Novalis' «Heinrich
von Ofterdingen», Brentanos «Godwi», Gotthilf Heinrich Schuberts
«Die Kirche und die Götter», Eichendorffs «Ahnung und Gegenwart»,
«Dichter und ihre Gesellen», <<Aus dem Leben eines Taugenichts»,
E.T.A.Hoffmanns «Elixiere des Teufels» bis zu Immermann und
Mörike reichen. Wird in ihnen neben dem Werden das Reifen der
Helden kaum betont, so erscheint auch das Erziehungs- und Bildungs-
Problem kaum von ferne. Ein frischer und fröhlicher Kampf gegen das
philistertum, seelische Fülle und Geladenheit, die sich gegen die Kärg-
lichkeit eines Spießbürgerdaseins stellen - das ist das Lebens- und
Jugendrecht dieser Romane. Im übrigen aber spielt nicht die Ordnung
des Daseins und die Notwendigkeit des Handeins hier eine Rolle: es
kommt alles auf eine geheime Schicksalhaftigkeit und ein unwider-
stehliches Getragenwerden hinaus. Leistete doch «Wilhelm Meister»
im ganzen wie im einzelnen solchem Glauben an eine Bestimmung
Vorschub, auch ohne daß es der schon erwähnten Definition im sieben-
ten Kapitel des fünften Buches bedürfte, dergemäß «der Romanheld
leidend, wenigstens nicht im hohen Grade wirkend sein» müsse.
Unverkennbar zeigen diese Romane im Gegensatze zu <(Wilhelm
Meister» eine «atektonische», nach allen Seiten offene Form, erklingt
in ihnen eine unendliche Melodie, bei der man nach einem befriedigen-
den Abschluß gar nicht verlangt. Dennoch sollten sie ihrem Stile nach
nicht ohne weiteres für «musikalisch» gegenüber dem «plastischen»
«Wilhelm Meister» erklärt werden. Da müßte die besondere Art des
Musikalischen in ihnen erst bestimmt werden; denn Friedrich Schle-
gel fand auch in «Wilhelm Meister» Verwandtschaft mit der Musik in
der Art, wie in ihm Stimmung auf Stimmung in reichem Wechsel auf-

19* 291
DIE «KUNST» UND DAS «DICHTERISCHE»

einander folgen. Freilich betraf das den Aufbau, nicht die musikali-
schen Urelemente. Deutsche Romantik wird gar zu gern und gar zu
leicht mit dem Worte des «Musikalischen» abgefertigt und verunklärt.
Schließlich die Liedeinlage : in «Wilhelm Meister» steht sie, sparsam
gebraucht, im Dienste des Wunderbaren und Abenteuerlichen und der
Schicksalsdeutung und ist gerade den Schichten des Werkes fremd, die
die letzten Bildungsergebnisse übermitteln. In den romantischen Ro-
manen wird sie zu einem Durchbruch lyrischer Hochflut und zu dem
beliebtesten Mittel, die Stimmung des Fließenden, Gelösten, Lösenden,
im Unendlichen Verschwimmenden zu erregen, auf die der romantische
Roman immer hinaus will. Man empfindet da zwischen Erzählung
und Lyrik nicht mehr das Sichabgrenzenzweier Bereiche, sondern nur
Potenzierungen des Urgrundhaft-Poetischen durch die lyrische Gat-
tung und Form.
Was unter dem Anhauche der Romantik letztlich mit «Wilhelm
Meister» geschah, besser: was an seine Stelle gesetzt wurde, erklärt
sich im ganzen wie im einzelnen aus der Unbedingtheit und Unbe-
grenztheit ihrer Anschauung von Kunst und Dichtung. Für die Ro-
mantik besaß «Kunst» keinen Funktionscharakter im Rahmen der
Anforderungen, die das Diesseits stellte. Kunst und Dichtung waren
ihr Wege zur Erlösung von der Welt. «Romantiker» reinsten Wassers,
wie es die Goethes Dichtung in ihrem Sinne deutende Bettina Bren-
tano, wie es Philipp Otto Runge waren, lassen hierüber keine Zwei-
fel. «<ch wollte», so schreibt Runge aus ehrfürchtig-demütigem und
hingegebenem Gemüt, «es wäre nicht nötig, daß ich die Kunst treibe,
denn wir sollen über die Kunst hinaus und man wird sie in der Ewig-
keit nicht kennen.» Bettina aber glaubt an ein Sichoffenbaren der
Poesie ohne feste Grenzen der Form in jedem «poetischen» Menschen.
«Daß ich dir sage», gesteht sie der Günderode, «nicht die Sprache ist
zwischen mir und dem Licht, nein, es ist das Licht unmittelbar, es
nimmt meine Sinne auf- nicht durch die Sprache mein Geist! -Drum
kann ich nicht dichten. Dichten ist nicht nah genug, es besinnt sich
zu sehr auf sich selber.» «Du kannst nicht dichten», bedeutet ihr die
Günderode, «weil du das bist, was die Dichter poetisch nennen.» Die-
sem «Poetischen» schlechthin näherte sich der romantische Roman-

292
«BILDUNG» UND «GEIST»

und glaubte, in « Wilhelm Meister» trotz Novalis em «poetisches»


Buch zu finden, das ihm den Weg ins Weltgeheimnis wies. Aber die
«Bildung»? Wieder erteilt Bettina die Antwort: «Heute nachmittag
brachte der Büri der Großmama ein Buch für mich- Schillers Ästhe-
tik- ich soll's lesen, meinen Geist zu bilden; ich war ganz erschrocken,
wie er mir's in die Hand gab, als könnt's mir schaden, ich schleudert's
von mir. -Meinen Geist bilden! -Ich hab' keinen Geist- ich will
keinen eigenen Geist; - am Ende könnt' ich den heiligen Geist nicht
mehr verstehen. -Wer kann mich bilden außer ihm. - ... Die ganze
Bildung soll darauf ausgehen, daß wir den Geist ans Licht hervor-
lassen.» Hiermit waren wirklich Band, Form und Riegel gesprengt.
Es war geschehen, was Bettina angesichts der « Bildungsforderung»
sich wünschte: «Ach, könnt' ich doch alle Ketten sprengen, die uns
daran hindern, jeder innern Forderung Genüge zu leisten.» Ein sol-
ches vermeintliches oder wirkliches «Kettensprengen» war die Ro-
mantik gegenüber der Klassik überhaupt. Aber die strenge Gedank-
lichkeit der Klassik blieb und verfolgte sie, auch wenn sie ihr ent-
flohen zu sein meinte. Bettinas Meinung im gleichen Zusammen-
hange: «Echte Bildung geht hervor aus Übung der Kräfte, die in uns
liegen», ist nur das wildwüchsige Heraussprudeln einer Einsicht, die,
so niedergeschrieben, verkünderisch, ja prophetisch wirken konnte,
weil ihr die allseitige, theoretische und praktisch-literarische Begrün-
dung durch die Klassik vorausgegangen war oder zur Seite ging.

Nachdem in anderem Zusammenhange schon früher (vgl. oben


Seite 214 ff.) der in der deutschen Klassik beschlossene Vorgang ge-
schildert worden ist, der, unabhängig von seinen greifbaren litera-
rischen Ergebnissen, sich einzig auf das menschlich-geistige Schau-
spiel als solches bezog, auf Wesen und Formen der zwischen beiden
Männern waltenden Sympathiegefühle und auf ihre vergesellschaf-
tende Kraft - nach dieser Vorwegnahme des Wesentlichen stellt sich
das Gesamt der äußerlich greifbaren literarischen und denkerischen
Leistungen als etwas Mitgegebenes und allgemein Bekanntes dar. Es
fällt dem Erzähler wie dem Leser nun gleichsam als reife Frucht in
den Schoß. In seinem gestalthaften Werte als Kundgebung des klassi-

293
«ORGANISATION» ZWISCHEN GüETHE UND SCHILLER

sehen Geistes, als Einbau in ihn, als literarisch fixierten Ausdruck des
klassischen Wollens rückt es nun an seinen Platz. Eine monographische
Zergliederung der klassischen Einzelleistungen unter dem Zeichen von
Philosophie, Kunstlehre, Dichtung liegt nicht auf dem Wege, der hier
begangen wird. Die zahlreichen Untersuchungen über Schillers ästhe-
tische Schriften und seine spätere Dramatik, die immer mehr in
eine dialektische Unterschiedlichkeit der Standorte sich auflösenden
Haltungen gerade dem späten Schiller gegenüber, haben die Ausschau
auf die Gebilde, um die es sich handelt, als auf eine Einheit im Zer-
streuten mannigfach verlorengehen lassen. Solche Sicht auf sie wieder-
zugewinnen, ist hier Aufgabe und Ziel eines Schlußwortes zur deut-
schen Klassik als einer notwendigen und einmaligen Erscheinung un-
serer geistigen Geschichte.
Zwischen Schiller und Goethe war jene eigentümliche «Organi-
sation» zustande gekommen, die, auf Zweiheit und Einheit beruhend,
in ihrer Geschlossenheit und gesammelten Wirkung nach außen, in
der Reinheit ihrer Absichten und in der Höhe ihrer Denklage kein
Gegenbeispiel innerhalb der Weltliteratur findet. Ohnegleichen das
Schauspiel, das die «Xenien» geben. Das Urteil, das in ihnen die
Mittelmäßigkeit traf, lag einzig bei den geistigen Verbündeten selber:
in ihrer stillschweigenden Übereinkunft und in einer Symbiose, die in
Angriff und Abwehr keine Meinungsverschiedenheiten kannte. Man
folgte gewissermaßen einem Ablehnungsinstinkte, der wiederum an
das fast Vegetative, an den Kristallisationsvorgang erinnert, als der
das Zusammengehen beider erscheinen könnte. Diese epigrammati-
schen Distichen der «Xenien», diese dem Römer Martial den Titel
entnehmenden, ironisch-satirischen « Gastgeschenke», sind sowohl in
der weit umfänglicheren Masse, wie sie, das Strafende mit dem Lieb-
lichen mischend, die Handschriften der Jahre 1795 und 1796 aufbe-
wahren, wie in den 414 Nummern, die nach zielbewußter Sichtung
Schillers Musenalmanach für 1797 brachte, in jedem Sinne eine Ge-
meinschaftsarbeit. Doch die Gemeinsamkeit der Gesinnung wie der
Ausführung besagte nicht, daß nicht Geist und Sprache des einen wie
des anderen sich in den einzelnen Nummern hätten unterscheiden
lassen. Wiewohl ihr unmittelbarer Anlaß durch die vermeintlichen

294
«XENIEN»

Erfahrungen («vermeintliche Erfahrungen», denn Schiller war weder


ein geschickter und konsequenter, noch ein erfolgreicher Redakteur)
gegeben war, die man mit den «Horen» beim Publikum und bei der
Kritik gemacht zu haben glaubte, sind sie doch die symptomatische
Ausweitung einer allgemeinen zeitkritischen Haltung, der gesammelte
Ausdruck einer Stimmung der Unzufriedenheit mit allem, was nun
am Ende des Jahrhunderts in De_utschland durch Feder und Papier
sich bemerkbar machte und dadurch selbst entlarvte. Doch über alle
gegenständlichen Gegebenheiten hinaus wird die «polemische To-
talität» in ihnen beinahe Selbstzweck,- ähnlich wie die Frühroman-
tik mit dem Mittelpunkte des «Athenäums», unter der Führung der
Schlegel, Schleiermacher, Tieck, Hardenberg ihre Schwungkraft ge-
wann aus dem fast restlosen und rücksichtslosen Gegensatz gegen alles,
was sie in der Literatur und im kulturellen Leben um sich herum
mit dem Anspruch der Maßgeblichkeit auftreten sah oder als bezeich-
nend für die Zeiterscheinung der Nichtigkeit, Hohlheit und Charak-
terlosigkeit erkannte. Diese Stimmung hatte sich bei den beiden Klas-
sikern seit dem Ausbruche der Französischen Revolution gestaut. Ge-
nug der Merkmale dieses Kampfes gegen den geistigen Raum um ihn
herum bieten die dem Xenienangriff voraufliegenden Jahre Goethes.
Der Aufsatz über den «Literarischen Sansculottismus» in den «Ho-
ren» (1797) weist schon in seinem Titel auf die Zusammenhänge hin,
in denen er die Infiziertheit und Herabgekommenheit des öffentlichen
und literarischen Geistes sah. Die Unruhe und Aufgewühltheit der
Revolutionszeit entfesselte die bisher gebundenen Kräfte der literari-
schen Parteien, der Gruppen, der Einzelnen, und gab dieser Bewegung
eine allgemeinere Richtung auf Umsturz und Neubau. Auch wenn ein
bekanntes Distichon Goethes nicht die Ähnlichkeit dieser Epoche mit
dem Reformationszeitalter insofern festgehalten hätte, als beiden das
Zurückdrängen «ruhiger Bildung» zum Vorwurf gemacht wird, würde
sich eine solche Ähnlichkeit in dem damals wie jetzt entfesselten Mei-
nungsstreite bekunden. Doch welche Dinglichkeit auch den Kampf-
geist herausfordern und beflügeln mochte - wie immer in der Satire
und Polemik gegen eine, wie es schien, verruchte Zeit und ihre Ver-
treter war der eigentliche Nährboden solcher Reizempfänglichkeit in

295
«VENETIANISCHE EPIGRAMME»

der persönlichen Gemütsverfassung derer zu finden, die sich schließ-


lich im offenen Angriff Luft machen mußten. Eine solche pessimisti-
sche Grundhaltung gegenüber gültigen und bisher maßgeblichen
Menschen- und Lebenswerten liegt schon den «Venetianischen Epi-
grammen» zugrunde, die von Goethes unbehaglichem Aufenthalt in
Venedig im Frühjahr 1790 wohl das Stichwort entlehnten, aber, er-
schienen im Musenalmanach für 1796, ein Potpourri der gesamten
Goetheschen Zustände aus den nachitalienischen Jahren sind. Zuge-
geben, daß der Kern dieser «vollen Schüssel» mit verschiedenartig-
stem Inhalt, wie sie Goethe nach antikem Muster darreichte, noch
durch die Selbstschau des Dichters und Künstlers gebildet wird, so
zielen sie doch bereits allenthalben ins Weite und Öffentliche. Schon
sind sie ein «Buch des Lebens», schon ein Vorklang gewisser Bücher
des «Westöstlichen Divan»:

Seid doch nicht so frech Epigramme! - Warum nicht?


Wir sind nur
Überschriften, die Welt hat die Kapitel des Buchs.

So sind sie, wie die Horazische Satire, im Grunde eine « Satira »,


eine volle Darreichung aus der Vielfalt und dem Reichtum des Lebens.
Und die Fäden laufen von ihnen in die «Xenien» hinüber. Daß aber
in diesen der zornmütige und strafende Wille überwog, wird dem
Geiste Schillers verdankt, der alle Zeit bereit war, sein Jahrhundert
in die Schranken zu fordern. Der Meister der Literaturgeschichte, der
der vollen Masse der handschriftlichen «Xenien» zu ihrer eigentlichen
Auferstehung verhalf, hat die persönlichkeits- und zeitgebundene Tat
Schillers in unnachahmlicher Formulierung gewürdigt: Es machte
sich «bei der letzten Redaktion Schillers eigentliche Kraft, Art und
Kunst geltend, der lang niedergehaltene, jetzt dem Kriegstheater Wal-
lensteins zustrebende dramatische Trieb, das Soldatenhafte, Feldherrn-
mäßige seiner Natur. Er wußte, was er tat. Er wußte, was Wirkung
hatte. Er ist gerad aufs Ziel losgegangen, um Fanfare zu blasen. Er
hat die schneidigen Xenien zu einem Streifkorps formiert und in jener
kriegerischen Zeit, wo der Almanach in Jena gedruckt werden mußte,
weil die Verbindung mit Schwaben abgeschnitten war und die Fran-

296
PoLEMISCHE ToTALITÄT

zosen bis an den Thüringer Wald heranstreiften, mit der Taktik der
jungen Generale der Republik die Gegner überfallen, da sie keines
Überfalls gewärtig waren».
Aber die «polemische Totalität» des Xenienkampfes ließ, wenn sie
aufräumte, auch neues Leben in Sicht kommen. Der Angriff galt nicht
einer Unsumme einzelner Opfer, darunter kleiner, unlohnender, nich-
tiger, vom Strome der Entwicklung alsbald weggespülter. Über man-
cher Lahmheit des Witzes, manchem Krampf des Gedankens, man-
cher Gewaltsamkeit und Holprigkeit der Form, manchen Wieder-
holungen und überhaupt gegenüber dem Vielzuvielen sollte die aus-
gesprochene und unausgesprochene Absicht nicht verkannt werden,
jedem Gegner, so klein er sein mochte, eine Beziehung auf ein Bedeut-
sameres zu geben und schon durch die Einordnung sichtbar zu ma-
chen. Heute mag man verstehen und billigen, daß durch Schiller diese
Epigramme eine einheitliche kriegerische Heerschar wurden: daß die,
wie er sagte, «philosophischen und rein poetischen, kurz die unschul-
digen Xenien» eine besondere Abteilung als «Votivtafeln» bildeten.
Man begreift, daß dieser Almanach in einen «Mythus» einging eben
als der «Xenienalmanach»; daß diese «Gewappneten» sich vor die
übrigen Gaben reifster Kunst, Weisheit und Schönheit stellten, die er
enthielt: «Alexis und Dora», «Das Mädchen aus der Fremde», vor
allem Schillers Elegie «Pompeji und Herkulanum». Gerade sie zeigt
wie nur irgendein anderes Gebilde Schillers Fähigkeit, den Goethe-
schen Ton täuschend zu treffen. Wahrlich, wenn sie die «Xenien» zu-
sammenlegten, machten sie nicht aus der Not .eine Tugend, sondern
folgten dem inneren sanften Gesetze einer wechselseitigen dichteri-
schen und denkerischenAnpassung, das zu befolgen ihnen auch sonst
leicht fiel, so ungewöhnlich und selten es an sich sein mag.
Man konnte von den «Xenien» eine neue Epoche datieren. Der ge-
waltige Aufruhr, den sie erregten, samt allen Gegenäußerungen zeigte
die Tiefe der ·wirkung und die psychologische Bereitschaft des Augen-
blicks, auf den sie trafen. Der neue Aufbruch der Literatur, den die
Romantik kenntlich zu machen beliebte, wäre nicht möglich gewesen
ohne ihren vernichtenden und die Bahn freimachenden Vorantritt.
Wer alsbald mit dem naturphilosophischen und naturwissenschaft-

297
GESCHLOSSENHEIT DEUTSCHER «KLASSIK»

liehen Denken und Dichten der Romantik und mit der ihr eigentüm-
lichen Haltung einer Jugendbewegung so eng verbunden sein sollte
wie der damals von Dänemark in die geistige Gärung Deutschlands
hineingezogene Henrik Steffens muß als gewichtiger und eine ganze
Generation vertretender Zeuge gelten. «Ich sah», so heißt es in seinen
Erinnerungen, dieser unerschöpflichen und anschaulichen Spiegelung
einer Zeitwende, «ein altes, in hergebrachten Formen Erstarrtes sich
mir abschälen, vertrocknet und verwelkt hinfallen, um einer neuen
Gestaltung Platz zu machen; und es war mir eine wichtige Aufgabe,
mich in diesen neuen Verhältnissen geistig zu orientieren.»
Die dichterisch-denkerische Vergesellschaftung zwischen Goethe und
Schiller, dies Gewebe, in dem die Fäden hin und her liefen, da-
neben einige weitmaschigere Zugehörigkeiten von Männern wie Wil-
helm von Humboldt, Heinrich Meyer und einigen anderen, entfern-
teren und vorübergehenden, dichterischen und theoretischen Gefolgs-
leuten-dies macht das strukturelle Gebilde der deutschen «Klassik»
aus, dem man eine andere Gruppenbildung in einer unter sich wieder
gegliederten deutschen «Romantik» gegenüberzustellen vermag. Die
Ausstrahlungen dieser klassischen Gruppenbildung allein können den
Gegenstand einer Darstellung bilden, wenn Klarheit, Richtung und
Übersicht gewonnen werden sollen für ein Gebiet, das nahezu unüber-
sehbar zu werden droht, es sei denn, daß man den Worten und Be-
griffen wieder einen strengen, geschlossenen und wesensbezüglichen
Sinn beilegt.
Wenn dem «Xenienalmanach» der «Balladenalmanach» folgte,
wenn auch dieser durch die Zeiten getragen wird unter einem geflü-
gelten Titel, der seine Berechtigung aus· der auch hier gleichge-
richteten Anspannung beider Klassiker empfing, wenn diese beider-
seitigen Gaben wiederum auf die Geschlossenheit eines ideellen Ver-
haltens hindeuten, wenn diese Schicht des Almanachs als die sein
Wesen begründende in die Rückschau der Folgezeit und des empfan-
genden deutschen Publikums einging - so muß eine Frage vor allem
gestellt, eine Absicht geklärt werden: Warum bot sich eben die «Bal-
lade» gleichsam als Werkzeug für Goethe und Schiller, um dem Nega-
tiven und der Kritik «nach dem tollen Wagstück der Xenien» eine

298
BALLADEN

Bekundung des Dichterischen und Schöpferischen folgen zu lassen und,


wie Goethe schreibt, zur Beschämung aller Gegner <<Unsere proteische
Natur in die Gestalten des Edlen und Guten» umzuwandeln? Kaum je-
mals wird diese Vorfrage nach einem der größten Wunderwerke deut-
scher Dichtung erhoben. In dem Goethe-Schillerschen Briefwechsel
findet sich keine Auseinandersetzung über die Gattung der «Ballade»,
auch keine Abrede oder ausgesprochene Absicht, durch den Wetteifer
in dieser Gattung dem Publikum den Eindruck und Willen dichterisch-
schöpferischen Vermögens zu vermitteln. Wie selbstverständlich wird
von ihnen für die ihnen gelungenen Gebilde die Bezeichnung «Bal-
lade» gebraucht (daß daneben auch der Ausdruck «Romanze» er-
scheint, besagt nichts gegen die festumrissene, dingliche Gattungs-
vorstellung, die sie besaßen, eine Vorstellung, die durch den noch
schwankenden Sprachgebrauch nicht berührt wird). Wenn Goethe
schreibt (22. Juni 1797), <<Unser Balladenstudium» habe ihn wieder
auf den «Dunst- und Nebelweg» des Faust gebracht, wenn Schiller
(7. August 1797) verrät, daß «unsere Balladen» Herder zur Einsicht
und gewissermaßen zur Begutachtung vorgelegt worden seien, so läßt
sich auf begründete Gattungsvorstellungen, auf bestimmte Absichten
im Hinblick auf zu erfüllende dichterische Aufgaben schließen- wenn
sich dies nicht schon aus den Dichtungen selber und ihren wesens-
mäßigen Gleichrichtungen ergäbe. Bei den persönlichen Zusammen-
künften in Jena während der ersten Monate des Jahres 1797 wird dieser
neue, dieser balladeske Anlauf verabredet worden sein. «Der Zauber-
lehrling», «Die Braut von Korinth», «Der Schatzgräber», «Der Gott
und die Bajadere» stellen den Goetheschen, «Der Ring des Polykrates»,
«Der Handschuh», «RitterToggenburg», «Der Taucher», «Die Kra-
niche des Ibykus», «Der Gang nach dem Eisenhammer» den Schiller-
sehen Anteil an der im Almanach gebotenen Balladenernte des Jahres
1797 dar. Bei beiden aber zeitigte der einmal aufgeschlossene Trieb
seine Nachblüten in den folgenden Jahren: bei Schiller den «Kampf
mit dem Drachen» und «Die Bürgschaft», «Hero und Leander»,
«Kassandra», «Der Graf von Habsburg»; bei Goethe Offenbarungen
seiner Spätdichtung wie das «Hochzeitslied», den «Getreuen Eckart»,
den «Totentanz» und die «Ballade vom vertriebenen und zurückkeh-

299
NEUER BALLADENTYP

renden Grafen». Was bei beiden dem Balladensommer voraufliegt, be-


stätigt nur, daß es sich im Jahre 1797 um eine geschlossene Schöpfung
unter im wesentlichen feststehenden Gesichtspunkten handelte, wo-
bei auch bei Goethe das Vorbild der alten Volksballade, wie er es in
seiner Jugend im «König in Thule», im «Ungetreuen Knaben» be-
folgt hatte oder die überindividuelle Ausrichtung der von ihm auf der
Bahn des Volksliedes geschaffenen «naturmagischen» Ballade wie des
«Erlkönigs», des «Fischers» einem neuenAusbau der Balladengattung
Platz machen mußte. Haben durch die gemeinsame Linie diese hohen
volkstümlichen Gebilde deutscher Dichtung in ihrer eigentlichen und
besonderen poetischen Tiefe und künstlerischen Kraft gelitten? Lebt
nicht jede einzelne der Goethe-Schillerschen Balladen ihr dichterisches
und sittlichendes Eigendasein bei der Nachwelt? Aber eine Schau der
«Klassik» muß auf die bewußt organisierte
dieser Schöpfungen von 1797 gerichtet sein. Erst dann wird auch deut-
lich, daß der Typus dieser Ballade auf die romantische Epoche viel-
fältiger und stärker gewirkt hat, als es vielleicht die Volksballade trotz
dem «Wunderhorn» getan hat. Der Ehrenschrein deutscher Dichtung
hat sich gerade nach ihrem Vorgang und Beispiel gefüllt: durch die
Kostbarkeiten der Balladendichtung aus dem schwäbischen Bereich der
Uhland, Kerner, Mörike, Schwab über Dichtungen Chamissos, der
Droste, Hebbels, Freiligraths, Storms, C. F. Meyers, Kellers bis in die
Gegenwart hinein. DerTyp der Goet]le-Schillerschen Kunstballade hat
eine lebendig sich entwickelnde «geprägte Form» geschaffen, die ihre
eigene Geltung neben dem volksballadischen Stiltypus behauptete.
Diese «Form», nicht der Stoff oder Gehalt ist das Eigentum der Klassik
und hat neben dem Stile der Volksballade -Mischungen und Kreu-
zungen immer vorbehalten- ihr Lebensrecht in der Balladendichtung
gewonnen. Gewiß gingen Goethe und Schiller nicht von einer ausge-
bildeten Gattungstheorie der Ballade aus, gewiß bestand zwischen
ihnen keine festgelegte theoretische Übereinstimmung über das Wesen
der Ballade. Das aber ist das Geheimnis dieser Symbiose im Geiste, daß
sich hier durch gegenseitige Einfühlung und zweckhafte Überlegung
ein gattungsmäßiger Idealtyp gestaltete, der sowohl gemeinsamen Vor-
stellungen im Ästhetischen und Sittlichen als den erziehlichen Forde-

500
«WELTANSCHAUUNGSBALLADE»

rungen entsprach, die die Zeitsituation stellte, und dennoch das be-
sondere schöpferische Vermögen eines jeden der beiden Großen zum
Ausdruck brachte. Nie hätte programmatisch-theoretische Überlegung
erzeugt, oder so erzeugt, was hier in einem Luftraum wahrhaft «er-
blühte», der von dem «Stoff» eines gemeinsamen Kunstwollens und
Kunstdenkens durchdrungen war. Dieser «Stoff», durch den diese Bal-
ladendichtung lebte, ward gebildet durch die hier in bestimmter Rich-
tung wirkende «klassische» Weltanschauung. Wenn Goethe schreibt,
nach den «Xenien» müßten sie sich nur «großer und würdiger Kunst-
werke» befleißigen, wenn er wünscht, das sie ihre Naturen jetzt «in
die Gestalten des Edlen und Guten» umwandeln möchten, wenn er
meint, man müsse die bisherige deutsche Balladenform mit würdi-
geren und mannigfacheren Stoffen und mit einem tieferen Gehalt
füllen, so hat damit ein auf das Gesamt dieser Balladen gehendes Deu-
ten seine Weisung empfangen. Es handelte sich für die beiden darum,
gewisse grundstützende und allgemeingültig zu wirken bestimmte Er-
kenntnisse und Empfindungen des Schönen und Guten in dichterische
Anschauung umzusetzen. Dies vermochten mit gleicher Erfolgssicher-
heit nicht die Großformen der Poesie, Epos und Drama. Dies ver-
mochte bei dem stumpfen und trägen Publikum, wie es sich ihnen er-
wiesen hatte und durch die «Xenien» abgestraft worden war, jene
verhältnismäßig leicht eingängliche, rasch zu erfassende, sofort zu
überschauende dichterische Kleinform, als die sich eine neuge-
staltete Balladengattung bot. Nur sie schien geeignet, das schlechthin
Dichterische mit dem Weisheitsvollen gedrängt zu vereinigen und so-
wohl eine Höhenlage einzuhalten als für Publikum und Volk ein le-
bendiger Besitz zu werden. Diese nun geschaffene Balladengattung
war nicht, konnte nicht sein eine assoziativ sich gebende, auf äußere
und innere Dynamik gestellte, sprunghaft fortschreitende «Handlungs-
ballade» desEdward-Typs. Sie konnte nur eine diskursiv durchgeformte
«Weltanschauungsballade » sein-'iVeltanschauungsballade sowohl vom
Schaffenden wie vom Geschaffenen her gesehen. Die Auslegung, die
Goethe 1821 in <<Kunst und Altertum» seiner Grafenballade und der
Ballade dieser Art überhaupt gegeben hat, gewährt solcher Auffassung
eine feste und tiefsinnig-klare Stütze. Danach bedient sich der Bal-

301
DIE BALLADENDICHTUNG ALS «KLASSIK»

ladendichter «aller drei Grundarten der Poesie, um zunächst auszu-


drücken, was die Einbildungskraft erregen, den Geist beschäftigen
soll; er kann lyrisch, episch, dramatisch beginnen und, nach Belieben
die Formen wechselnd, fortfahren, zum Ende hin eilen oder es weit
hinausschieben. Der Refrain, das Wiederkehren eben desselben Schluß-
klanges, gibt dieser Dichtart den entschiedenen lyrischen Charakter».
Die Erscheinung seiner und der Schillersehen Balladendichtung ist in
ihrer Besonderheit, Einmaligkeit, Fülle und Ganzheit - ohne daß er
damals ausdrücklich auf diese Schöpfungen zurückschaute - in die
einprägsamen und wegweisenden Sätze gefaßt: «Übrigens ließe sich
an einer Auswahl solcher Gedichte die ganze Poetik gar wohl vortragen,
weil hier die Elemente noch nicht getrennt, sondern wie in einem
lebendigen Ur-Ei zusammen sind, das nur bebrütet werden darf, um
als herrlichstes Phänomen auf Goldflügeln in die Lüfte zu steigen.»
Dies goldgeflügelte Urphänomen der Poesie, in dem sich die bei-
den äußersten Möglichkeiten der Dichtung, nämlich reife und erzieh-
liche Weisheit von der einen, Abgrund, Geheimnis, Dunkel, Mysterium
von der anderen Seite her begegnen, hat sich vor den Augen der deut-
schen Zeitgenossen und der Nachkommenden mit der sinnlichen Ge-
stalt der klassischen Balladendichtung über jeden bisherigen Horizont
erhoben. Es blieb im ganzen und im einzelnen ein unerschöpflicher
Gegenstand, um die Begegnung des deutschen Geistes mit Dichtung
als solcher erkennen zu lassen. Werbend, lehrend, schlechthin gültig,
hat sich dieser Gegenstand für Schule und Leben behauptet. Das Zu-
gespitzte, Scharfkonturierte dieses Gebildes aber, die herausgehobene
Gipfelstellung der deutschen Klassik könnte auch in diesem Falle erst
dann recht sichtbar werden, wenn die Breite der sonstigen Balladen-
dichtung derZeit des ausgehendenJahrhundertsmit ihren Mischungen
undGrenzformen, mit ihrenAbgebrauchtheiten undGewolltheiten zum
Hintergrund genommen würde. Nicht nur gewöhnt hat sich die
Literaturgeschichtsschreibung von Sturm und Drang, Klassik und Ro-
mantik, «nur Spitzenleistungen zu beachten»: der Bildungsertrag
dieser Epoche, die dauernde Mächtigkeit ihrer Ergebnisse kann nur
durch eine Sicht auf die Einmaligkeit des klassisch-romantischen Her-
vorbringens bewahrt und weitergegeben werden: durch die Erkennt-

502
DER «DUNST- UND NEBELWEG»

nis der Steigerungsform und der Auslese, die hier gegenüber der Breite
und Fülle des geschichtlichen Geschehens «musterhafte» Geltung ge-
wannen.
Doch auch hier hielten die beiden «Klassiker» die Formen ihres be-
sonderen Seins gegeneinander «rein»; auch hier jene Doppelgipfligkeit
auf gemeinsamem Grunde, die eine Ganzheitsformation darstellt. In
den Goetheschen Balladen wirken letzte Geheimnisse schlechthiniger
Poesie - der Poesie, die aus seiner Individuation und seinem Mensch-
lichen kam. Er verfuhr bei der Verwendung des Wortes und Begriffes
«Ballade» weitherzig. Oder wer vermöchte die Gedichte, die in der
Abteilung «Balladen» vereinigt sind, auf einen balladesken « Gat-
tungsbegriff» zu bringen, ohne ihren Schmelz zu versehren! Es eint
sie aber ein Deutsch-Heimatliches und -Eingängliches im Singen und
Sagen von Elementarmächten und Elementarwesen. Ihr Raum ist
nicht der der antiken Sagenwelt und Mythologie. Sie verlangen keine
bildungsmäßigen Voraussetzungen. Sie erzählen von Dingen und Vor-
gängen, die auf die Phantasie wirken. Sie sind - woher immer ihre
Stoffe geschöpft sein mögen - wahrhaft volksnahe, weil alles, was in
ihnen berichtet wird, von einem jeden erlebt sein könnte, der sich ein
ursprüngliches Fühlen und Vorstellen und den Glauben an übersinn-
liche Mächte bewahrt hat. Ihre Eingänglichkeit wird durch die Reize
eines ausdrucks- und wandlungsfähigen, mitgeborenen, deutschtüm-
lichen Rhythmus gesichert. Vielleicht sind die Gedichte dieser Abtei-
lung das Nordischste, was Goethe je gestaltet hat. So versteht man das
Wort von dem «Dunst- und Nebelweg» der Balladendichtung, der ihn
wieder zum «Faust» geführt habe. Es ist in ihnen ein Raunen von
Leid und Glück dieser Erde. Ihre Schalkhaftigkeit und ihr Humor
vollenden den Umkreis des wahrhaft Menschlichen. Sie weisen nicht
wie die Schillersehen Balladen auf einen archimedischen Punkt außer-
halb dieser Erde hin, von dem aus ihre Schicksale in Bewegung gesetzt
werden. Sie wirken in der Sprache durch die sinnlichen Mittel, nicht
durch einen dem sprachlichen Ausdruck möglichen Appell an das
Denkvermögen. Als Goethe spät das 1813 und 1816 entstandene Ge-
dicht «vom vertriebenen und zurückkehrenden Grafen» einfach «Bal-
lade» betitelte und an die Spitze der Abteilung «Lyrisches» stellte -

505
eine Dichtung, die wie nur eine unter den früheren Balladen hätte
ihren Platz finden können -, leitete ihn einzig die Kehrreimdominante
des «Die Kinder, sie hören es gerne», über der das Gedicht aufgebaut
ist; sie deutete auf jenes Singen und Sagen von «weiter Ferne» und
«heimlich-nächster Nähe» (wie es in dem Vorspruch heißt), das eben
an die Art der Goetheschen Ballade geknüpft ist. Deswegen eröffnet
eine gleichsam paradigmatische Ballade diese Abteilung «Lyrisches»,
weil ja, wie wir von ihm hörten, eine Ballade ein «Ur-Ei der Poesie»
ist und die Fülle aller poetischen Möglichkeiten in sich schließt. Des-
wegen: «Alte Kinder, junge Kinder hörens immer gerne.» Schließ-
lich: es hat seine Bedeutung, wenn er «Die Braut von Korinth» und
«Der Gott und die Bajadere» von 1797 an den Schluß der Balladen-
abteilung stellte. Es sind die beiden großformigen Aufgipfelungen sei-
ner Balladenpoesie. Ihr Stoff entstammt nicht dem nordisch-heimi-
schen Raum. Aber die über aller nordischen Balladenpoesie waltenden
Mächte und Motive der Liebe und des Todes, die Überwindung des
Todes durch die Liebe, finden hier in tiefsinniger Fabel ein Goethesch-
Letztes an symbolhafter Läuterung durch das Mann und Frau ver-
zehrende Feuer.
Anders der Balladendichter Schiller. Was in dem zweiten Buch sei-
ner Gedichte steht, ist, ohne daß es die Bezeichnung «Balladen» trägt,
aus einheitlichem Metall: eine moralisch-didaktische Haltung zu
Mensch und Welt ist hier mit den eindringlichen Mitteln eines red-
nerischen Pathos und einer fortreißenden Schilderung am Werk. Der
prächtige Faltenwurf von Aufbau und Ausbau dieser Balladen läßt
keine intimen Wirkungen zu, zielt aber in einen unpersönlicheren,
allgemeingültigeren, öffentlicheren Raum. Was immer am Rohstoff-
lichen für episodische dramatische Verknüpfungen und
Aufgipfelungen, kunstvolle Rahmungen- brauchbar war, wurde aus-
gewertet. Springt der Humor ein, so ist er nicht versöhnend, sondern
grimmig. Diese Balladen lassen kaum ein Geheimnis. Aber waltet
nicht in ihnen- «Der Ring des Polykrates», «Die Kraniche des Iby-
kus», «Die Bürgschaft», «Der Graf von Habsburg», «Der Gang nach
dem Eisenhammer» - ein wundersames Schicksal? Doch es ist nicht
eingebettet in die Unergründlichkeit des Lebens. Es steht außerhalb,

304
SCHILLERPROBLEME

oberhalb, fügend, schlichtend, zürnend, rächend. Der Mensch bereitet


es sich nicht selber zu. Es ist außerhalb seines besonderen Falles da.
Von der Antike glaubte Schiller auch hier gelernt zu haben. Und für
das, was der Moment des Jahres 1797 an erziehlich-ästhetischer Wir-
kung auf die Umwelt forderte, scheinen die Schillersehen den Goethe-
schen Balladen voranzustehen. Die Schillersehen Balladen wenden sich
mit aller sprachlichen Wucht des aufregenden Wortes und der bei-
nahe bänkelsängerischen Aufreizung, indem sie auf Beispiel, Pflicht,
Sitte hinweisen, an die wieder zu bindende, weil im Zerfall begriffene
«Zeit». Deswegen wohl schrieb Goethe am 20. Juli 1797 an Schillers
Freund Körner: «Er ist zu dieser Dichtart in jedem Sinne mehr be-
rufen als ich.»

Die deutsche Klassik findet ihre Krönung noch nicht in der Balladen-
dichtung. Sie findet sie im Drama und Theater Schillers und in seiner
in Prosa und Versen vorgetragenen Kunstlehre. Beides aber war so ver-
flochten mit der Existenz, mit der Erscheinung, der Wirkung und
Tätigkeit Goethes, daß sich auch von hier aus der Sinn unserer Klassik
nicht durch die Aufteilung unter den einen oder den anderen Partner,
sondern nur aus der Zweiseitigkeit einer «Gestalt» gewinnen läßt.
Schon an früheren Punkten dieser Darstellung (oben S. 111, 129,
134) wurde versucht, Schillers «Klassizität» auf dem Gebiete des Dra-
mas nicht als eine gegebene Größe, sondern als ein strebendes und
ruhendes Sichannähern an eine gültige, objektive Gattungsform des
Trauerspiels und einen mit ihr festzustellenden «dauernden Gehalt»
zu erkennen und damit die mächtige, ruhelose Dynamik, die ihn vor-
wärtstrieb, und die sich immer erneuernden Spannungen in ihm in
ihre Rechte einzusetzen. Das ist freilich der Ansatz zu einer Erkennt-
nis, aus der heraus sich bis jetzt gesicherte Ernten kaum einbringen
lassen. Nachdem das Schillerbild mehr als ein Jahrhundert lang kano-
nisiert und vermythisiert worden war, scheint es sich in den letzten
Zeiten, besonders soweit Schillers spätere Dramatik in Betracht kommt,
in standpunktgebundenen Aufspaltungen und Spiegelungen zu ver-
lieren. Oas ist freilich wertvoller, als wenn er, wie es früher so oft ge-
schah, als feste Größe oder gar als Selbstverständlichkeit hinge-

20 Schultz, Klassik und Romantik, Bd.II 505


SCHILLERDEUTUNG

nommen wird. Denn durch die unablässige Arbeit an der Neufor-


mung seiner Gestalt, durch das Fernhalten jeder flachen Einstimmig-
keit, durch das Vortreiben immer neuer, sein Wesen und seine Kunst
durchziehender Schächte ist ein ständig wirkender, ganz in seinem
Sinne liegender Antrieb gegeben, der, gleichviel, wie Schiller letzt-
lich und «eigentlich» gewesen ist, mithilft, unendlich Licht mit
seinem Lichte zu verbinden. Die Spannungen, unter denen seine
Dramatik betrachtet werden will, waren schon im 19. Jahrhundert
nicht unbekannt. Vertieft und verfeinert, sind sie in dem weltan-
schaulich und geisteswissenschaftlich verschieden bedingten Wissen-
wollen um ihn zu unserer Zeit wieder aufgetaucht. Einmal muß ihre
Aufhebung gelingen, damit sein Leben und Werk trotz allen inneren
Auseinandersetzungen und scheinbaren Widersprüchen sich wieder als
ein sinnvoll geordnetes Ganzes darstelle, das, in sich geschlossen und
alle Gegensätze vereinigend, einen göttlichen Gedanken widerspiegelt
und eine vorbedachte Sendung in sich schließt. Dann wäre man bei der
Erkenntnis Schillers zu der Klarheit, Reinheit und Einheit zurück-
gekehrt, die schließlich seinem eigenen innerstenBedürfnisundWillen
entsprachen.
Seine Dramatik sucht seit «Don Carlos » den aufwärtsführenden
Weg aus einem «Zwischen». Auf diesem Weg liegen die schulmäßig
gewordenen Begriffe und Kategorien von Freiheit und Notwendigkeit,
Schuld und Schicksal, Umständen und Charakter, Idealität und Wirk-
lichkeitssinn. Sie werden in der neueren Schillerdeutung überholt
durch Ansätze geistesgeschichtlicher, psychologischer, philosophisch-
theologischer, metaphysischer, «existentieller» und «politischer» Art,
die in unterste Gründe seines Wesens und seiner Kunst hineinzuführen
streben. Wie ist seine geistesgeschichtliche Stellung zum deutschen
Idealismus, zu Goethe und Kant? Ist er in der Zeit der Klassik an
diesen Sternbildern bis zur Abhängigkeit orientiert, so daß seine spä-
tere geistige Entwicklung nur unter diesen Zeichen verstanden werden
kann? Ist es so, daß er die weltbürgerliche Aufklärung bis zuletzt nicht
verleugnet hat und die Wirklichkeit des deutschen Vaterlandes und
Staates außerhalb seines Gedankenkreises gelegen hätte ebenso wie
alle anderen organischen Gegebenheiten und «Übjektivationen », denen

306
FRAGEN AN SCHILLER

sich die romantische Epoche zuwandte? (Da bliebe es merkwürdig,


daß gerade sie bei ihrer späteren Entwicklung zum vaterländisch-
nationalstaatliehen Denken sich auf ihn berufen hat.) Steht seine Dra-
matik der späteren Zeit nach Gehalt und Form in unversöhnlichem
Gegensatz zu der realistischen Dramatik Kleists, Hebbels und anderer
des 19.Jahrhunderts oder hat er- wie Kleist- auf dem Wege ringen-
der Selbsterziehung ein neues Verhältnis zur Wirklichkeit und ihren
Forderungen gefunden, so daß man von einer «realistischen Wen-
dung» des späten Schiller um 1800 reden kann? Vor allem: wie steht
es um das Problem des Tragischen bei ihm ?Wie verknüpft es sich mit
dem Letzten, Wesensmäßigen, «Urbildhaftem> in ihm? Oder bedeutet
es vielleicht nur eine künstliche Aufsteigerung und willensmäßige An-
strengung seiner Natur? Darf eine Deutung Schillers den Ideologen
und Kantianer, den Didaktiker und Balladendichter, den ästhetischen
Erzieher und «Klassiker» mehr beiseite lassen, um auf den Tragiker,
den mit ihm vollzogenen «Durchbruch des deutschen Genius zur Tra-
gödie » ausgerichtet zu sein - eine Tragödie von dionysisch-heroisch-
orgiastischem Grundgefühl und «gräko-germanischer» Prägung? Oder
überwiegt - ganz im Gegensatz zu einer solchen Überbetonung des
Dynamischen in ihm - die ethische Komponente seines Wesens, das
Grunderlebnis religiös-sittlicher, protestantisch-christlicher Bindung
in der Innerlichkeit des Gewissens? Er sei, heißt es, in seiner späteren
Dramatik von « Wallenstein» bis « Demetrius» auf dem Wege zu einer
ganz anderen Tragik als der soeben bezeichneten gewesen, zu einer
Tragik reinster, wesentlicher Art, die in «Demetrius» darin besteht,
daß nun erreicht war, «wonach der tragische Dichter immer strebte
und was doch die Übermacht der Idee nie zugelassen hatte: der Ring
der Notwendigkeit ist geschlossen, die Gespaltenheit der Tragödie ist
zur Einheit geworden, das Ganze des Geschehens, von der Verknüpfung
der äußeren Dinge bis zum moralischen Inneren des Helden ist von
Anfang an eine Einheit in der Hand des furchtbaren und unentrinn-
baren Schicksals. Es steht nicht mehr als ein Prinzip ,außer' und ,über'
den Menschen und Dingen, diese ihres Eigenwerts beraubend, sondern
es ist in die Immanenz des Wirklichen überführt: indem es den Men-
schen als ein selbständiges und individuelles Wesen konstituiert und sei-

20• 307
SCHILLERS DRAMATISCHER STIL

ner konkretenFrage nach dem Unbedingten eine konkreteAntwort gibt,


zerstört es ihn». Unter der Sicht dieser Erkenntnisse möge denn das
Wort Geltung behalten, daß Schiller in «Demetrius» zu sich selber
gekommen sei. Und aus diesem Finden zu sich selber hätte sich, so
erkennt die Schillerforschung, ein neues Verhältnis zur Wirklichkeit
und ihren Forderungen eingestellt, hätte sich die Möglichkeit eines
Durchstoßes zum Konkret-Politischen, zu den Problemen des Staates
und Volkes ergeben. Doch wie immer der spätere Schiller und seine
Dramatik in ihren letzten Wesenheiten mögen gedeutet werden kön-
nen- und «gedeutet» heißt in diesem Falle nicht gar selten «spiri-
tuell verflüchtigt» -: die Sichtbarkeit, Fühlbarkeit, Hörbarkeit seiner
Dramatik, ihre nie nachlassende oder nach Zeiten der Verkennung
immer wieder sich durchringende Eindrucksfähigkeit, ihre magische
Funktion als geistig-sittliche, geschichtlich-politische, heroisierende
und vermenschlichende, persönlichkeitfördernde wie gemeinschaft-
bildende, erziehliche und ebenso Herz und Sinne füllende und berau-
schende Kraftquelle wird recht wenig berührt von Formeln, die für
ihn eine ganzheitliche und notgedrungen abstrakte Entscheidung su-
chen. Nicht beseitigt auch wird durch solche Haltung ihm gegenüber,
so wertvoll sie an sich sein möge und so hohe geistige Qualitäten sie
verraten mag, die Fremdheit, die der Schillersehen Dramatik der Spät-
zeit, verglichen mit allen anderen Erscheinungen, anhaftet, die die Ge-
schichte der deutschen Literatur aufzuweisen hat. Ebensowenig be-
seitigt aber wird das abgeflachte Bild des moralistischen Idealisten,
dessen Gedanken und Sprache einem nicht geringen Teil des deutschen
Volkes abgehraucht erscheinen. Hier hat das geschichtliche Verstehen
des «Stiles » dieser Dramatik einzusetzen - des Stiles im weitesten
Sinne als des Ausdruckes der gesamten soseienden Persönlichkeit; die-
ses dramatischen Stiles, der als eine gewandelte und gesteigerte Erb-
schaft aus der Hinterlassenschaft der griechischen, der shakespeari-
schen und französischen Tragödie in Schiller sich das individuelle Ge-
fäß suchte. Je tiefer man in diesen Stil der späteren Dramen seit «Don
Carlos » eindringt, um so mehr erscheint seine Findung als ein erstaun-
liches Ereignis; und mit dem Werden dieses Stiles, das immer neu an-
setzende Werben um die gültige Form und Wesenheit der Tragödie,

308
DER JAMBUS

das auch Widersprüchlichkeiten innerhalb des dichterischen Verfah-


rens wie der auf die tragischen Grundgesetze gerichteten Ideenbildung
nicht vermeidet. Den ersten Schritt auf diesem Wege tut er in «Don
Carlos», dem Stücke, für das der Ausdruck «Übergangswerk» in jedem
Sinne Gültigkeit behalten muß. Was wäre die deutsche Bühne, die
dramatische Ausdrucksfähigkeit deutscher Sprache, was wäre die Ge-
schichte des neueren Dramas, wenn er sich nicht während der Ent-
stehung des «Don Carlos» 1784 entschlossen hätte, für das neueWerk
an Stelle der Sturm- und Drangprosa, die einem «Carlos » in der Art
der Hof- und Familientragödie des « Bauerbacher Entwurfs» entspro-
chen hätte, zum fünffüßigen Jambus überzugehen, der, auf den Spu-
ren des Lessingschen « Nathan», dem nun werdenden Ideendrama
einzig gemäß schien! Das war keine bloße Eingebung: es war auch
dies bei ihm Sache eines angespannten suchenden Willens und einer
ihn ganz hinnehmenden Erkenntnis. Ist es uns auch versagt, in diese
Kammer der Werkstatt seines Geistes genauer hineinzuschauen: nicht
tief genug kann man Atem schöpfen, um die Folgenschwere dieses
Ereignisses ganz in sich aufzunehmen. Jetzt wurde ein neues Instru-
ment für das ihm mögliche Sagen geschaffen. Daß dies Instrument
mit seiner hohen Stimmlage einer idealistischen Haltung zugeordnet
war, daß es ein unerläßliches Medium für die Sinnerfüllung einer
deutschen Klassik wurde, ist einleuchtend. Persönliche Entwicklung
Schillers und Wandlungen des Zeitgeschmackes gehen hier wieder ein-
mal untergründig im Gleichschritt. Der naturalistische Prosastil des
Geniedramas hatte abgewirtschaftet. Eine Rückempfindung verlangte
nach einer Aufhöhung, Distanzierung und Strahlenbrechung des dra-
matischen Stoffes, wie nur der Vers sie zu bieten vermag, der durch
Rhythmus, Reihung und Klang sofort das Reich der Illusion er-
schließt - ein Vorgang ähnlich dem des Überganges vom Naturalis-
mus der neunzigerJahre des 19.Jahrhunderts zum «neuklassischen»
und «neuromantischen» Drama in Deutschland. Damit kam auch die
französische klassizistische Tragödie wieder zu Ehren. Denn der jam-
bische Stil Schillers geht typologisch nicht auf Shakespeares Ausdrucks-
vers zurück, sondern auf die gleichmäßige Gehobenheit, wenn auch
nicht immer Erfülltheit und Dichtigkeit der französischen Verssprache.

509
STILWANDEL IN «DoN CARLOS»

Das war nicht ein äußeres Zugeständnis an den Mannheimer Inten-


danten Dalberg: es war Durchbruch aus innerer Notwendigkeit auf
einer bestimmten geistig-künstlerischen Entwicklungsstufe. Wieder-
um werden Grenzberührungen der deutschen «Klassik» mit dem
«Klassizismus» sichtbar. So hat ähnlich die Weimarer Theaterkultur
Schiller-Goethes später, um 1800, dem Geschmacke eines hochstehen-
den und zeitgemäß empfindenden Publikums und fürstlichem Wun-
sche Rechnung getragen, als sie Racines «Phädra» und Voltaires «Ma-
homet » und «Tankred» für die Bühne aus dem Gesichtspunkt der
Klassik bearbeiteten; so hat Schiller auch Shakespeares ins
Klassisch-Klassizistische stilisiert und für die Weimarer Bühnendekla-
mation hergerichtet. Dies alles steht in sinnvollem Zusammenhange
mit dem ästhetisch-sittlichen Erziehungsstreben der Weimarer Klassik,
mit ihrem Kampfe gegen unkünstlerische, amorphe, unbildsame Na-
turwiedergabe. Und die Schillersehen Verse, die diese Versuche an der
französischen klassizistischen Tragödie um 1800 einleiten, ordnen diese
Gebilde dem Plane der klassischen geistigen Architektur ein:

Es ist ein Reich des Wohllauts und der Schöne,


In edler Ordnung greifet Glied in Glied,
Zum ersten Tempelfüget sich das Ganze,
Und die Bewegung borget Reiz vom Tanze.

«Don Carlos» aber wurde zugleich mit dem Stilwandel die «hohe»
Tragödie. Sie wurde, indem alles Schicksalhafte und schuldhaftMensch-
lich-Sittliche in die zweite Reihe trat, die Auseinandersetzung über-
persönlicher Mächte, d. h. ideeller Streitbarkeiten, die sich auf Erden
ihre Gefäße in großen Naturen wie König Philipp und Marquis Posa
erwählten. «Don Carlos» blieb auf Grund seiner Entstehungsgeschichte,
das ist der Unausgeglichenheiten des im Durchgangsstadium befind-
lichen Dichters, das Drama der Risse und Sprünge, der Unklarheiten
und Unerwartetheiten, der Überfülle und Unfertigkeittrotz aller nicht
endenwollenden, bessernden und kürzenden Arbeit Schillers. Aber,
wenn das Werk mit seinen großen Fehlern und ewigen Vorzügen, mit
seiner schwingenden und vibrierenden, feurigen Ideenmasse politi-
scher, religiöser, sittlicher Art, die aus einem ungeheuren Aufruhr

310
VoN DER PROSA ZUM VERS

deutschen Geistes herausgeschleudert ist, mit der Höhe, dem Glanz,


der Weisheit seiner tragenden Gestalten, denen die Glut ihrer Leiden-
schaften den Atem gibt, trotz fehlender Einheitlichkeit im deutschen
Sektor der Weltliteratur dem «Faust» zur Seite tritt, so verdankt es
dies der neugewonnenen Verssprache Schillers. Was ein «Stilwandel»
ist, erscheint hier gleichsam beispielhaft. «Er mußte», so sagt mit ein-
facher Treffsicherheit der aus nächster Nähe beobachtende Flucht-
kamerad Schillers Andreas Streicher, «er mußte seine Ausdrücke jetzt
rhythmisch ordnen, er mußte, um die Jamben fließen zu machen,
versuchen, schon rhythmisch zu denken.» In ihm hämmerte fortan
der Takt dieses «Jambeninstrumentes», wie er es selber nannte, und
bildete seine «Unruhe», solange die Uhr seines Lebens lief. Manche
nur durch den Rhythmus angedeuteten, noch nicht Wort gewordenen
Stellen seiner hinterlassenen dramatischen Fragmente zeigen, wie
dieses Jambengesetz sich in dem Klassiker Schiller verselbständigt und
allem anderen vorgeordnet hatte - als für sich bestehendes geistig-
sinnliches Phänomen, das sich die Verleiblichung aus dem Sprach-
schatze suchte.
Auch «Wallenstein» findet seinen durchgebildeten Stil, der der
deutsche Stil einer neuen Tragödie überhaupt wurde, erst nachdem
die Kalendernotiz vom 4. November 1797 festgestellt hatte: «Ange-
fangen, den Wallenstein in Jamben zu machen.» Nochmals ist damit
im Rahmen dieser Darstellung ein Meilenstein der deutschen Klassik
gewonnen. Auf einem rauhen und mühevollen Wege, der durch Ge-
schichtsstudium, Studium Kants, Studium der Griechen, unablässige
Selbstkritik, nie aussetzenden Willen zu diesem Punkte geführt hatte,
war dieser Abschnitt erreicht worden. Durch die große schöpferische
Pause, die ihn von seinen Jugenddramen trennte, war ein neues,
freies und weites Feld für den Dramatiker entstanden. In dieser Zeit
seit «Don Carlos» hatte der Sieg der Versform im höheren Drama sich
nicht weiter durchzusetzen vermocht: die Bühnenpraxis und der Büh-
nenschlendrian, die Rücksichtnahme der Bühne auf den Geschmack
der «Gründlinge des Parterres» leisteten noch immer der Prosa Vor-
schub. Auch die Weimaraner Goethe-Schiller haben trotz «Tasso» und
«lphigenie» und trotz der Don Carlos-Dichtung hier der Bühne ge-

311
DIE GRIECHEN UND SHAKESPEARE

legentlieh wiederum Zugeständnisse gemacht. «Wallenstein» war in


der ersten Phase seiner Entstehung, nachdem dem Dichter zu Anfang
des Jahres 1791 der Stoff aufgegangen war - in der Zeit seiner an-
gestrengten Beschäftigung mit der Kautischen Philosophie -, auf den
Rat Wilhelm von Humboldts in Prosa angelegt, abgesehen von dem
Vorspiel, für dessen Trennung von dem Hauptwerk der Vers, der vier-
hebige Reimvers, sogleich die humoristisch-realistische und zugleich
typisch-charakterisierende Atmosphäre schaffen sollte, die dem Wallen-
steinscheu Heerlager entsprechen mochte. Nachdem für das übrige
Werk der Jambus ergriffen worden war, verstand er selber kaum mehr,
wie er hier zur Prosa habe zurücklenken können. Jetzt aber wurde da-
mit ein neuer Anlauf genommen, der« Don Carlos» blieb als ein vor-
läufiger und überwundener erster Wurf im Jambenstil zurück. Dieser
neue Anlauf war begründet in einer neuen Schicht von Gedanken und
Vorstellungen hinsichtlich einer von allem früheren unterschiedenen
Tragödie. Denn, so heißt es im November 1797, nur in Jamben könne
er «auch die letzte Forderung erfüllen, die an eine vollkommene Tra-
gödie gemacht wird». Mit anderen Worten: der ihm vorschwebende
Gattungsbegriff eines neuen Trauerspiels kann nur in einer neuen
Vers(Jamben)sprache seine Erfüllung finden. Ein fast unlösliches Ge-
schiebe, entstanden durch die Verarbeitung und Überwindung gei-
stiger und dichterischer Mächte und Bestände um ihn und vor ihm,
bildet den Boden, aus dem Plan, Haltung, Stil des « Wallenstein »
erwuchsen, und seine Ausführung reifte bis zur Fertigstellung am
17. März 1799. Das griechische Drama wirkte als Vorbild des Furcht-
baren in der Tragödie, der schicksalhaften tragischen Unentrinnbar-
keit, des pathetisch gefüllten Atemraumes, der dröhnenden und
drohenden Lehre, der analytischen Entwirrung von unabänderlichem
Verhängnis und «Geworfenheit» im menschlichen Dasein. Aber das
Altertum Winckelmannscher Sicht gab dem neuen Dramatiker auch
das Prinzip der «Idealität» an die Hand, die, der rohen niederen Wirk-
lichkeit und dem Alltag entgegengesetzt, zugleich wesenhafte Natur
und doch mehr als sie war. Der zweite Strom, der das neue Drama
Schillers speiste, aber war Shakespeare. Sophokles und Shakespeare
werden während der Arbeit an «Wallenstein» nebeneinander gelesen.

512
KANT

Der Ausgleich zwischen dem antiken Drama und dem Drama Shake-
speares schließt das gesamte Ringen Schillers um den neuen Dramen-
stil in sich. Bald neigte er sich mehr dem antiken Schicksalsbegriff,
bald der handelnden und in die Irre gehenden menschlichen Persön-
lichkeit, der Bewegtheit und allseitigen Offenheit Shakespeares. Unter
dem Eindrucke Shakespeares strebte er nach Objektivität in der Cha-
rakterzeichnung, Totalität des Weltbildes, Entgegensetzung und Ab-
wägung widerstreitender Gesinnungen. Von Shakespeare überkam ihm
eine Fülle einzelner Motive und Situationen, von Shakespeare die Un-
gebundenheit dramatischen Vorwärtsschreitens. «Der Mittelweg zwi-
schen Antike und Shakespeare soll die Eigenrichtung eines deutschen
Nationalstiles herbeiführen: Lebensfülle der Charakteristik in form-
strenger Konzentration; Einheit in der Mannigfaltigkeit.» Doch nicht
nur in «Wallenstein», auch in den späteren ausgeführten Dramen:
«Maria Stuart», «Braut vonMessina», «Jungfrau von Orleans»,«Wil-
helm Tell» ist das gewollte Gleichgewicht zwischen shakespearisch und
antikisch in keinem Falle erreicht. Ob diese Synthese im « Deme-
trius » erzielt worden wäre - wozu eine herrschende Meinung sich
neigt-, ob Ödipus und Macbeth sich wirklich in dem betrogenen Be-
trüger die Hand reichen und auch die Technik dieses Werkes antike
Analyse und shakespearische Dynamik wahrhaft vereinige, erscheint bei
der Unvollendung des «Demetrius» zweifelhaft. So muß es im Hin-
blick auf Schillers Bestreben, Antike und Shakespeare in seinem neuen
Drama zu verselbigen und zu überbauen, bei der schon von Zeit-
genossen ausgesprochenen Entscheidung bleiben, daß diese späteren
Werke nach «Wallenstein» eigentlich Annäherungsversuche zu einer
noch nicht endgültig gefundenen Regel eines deutschen Trauerspieles
seien. Sie gewinnen durch eine solche Feststellung mehr, als sie ver-
lieren; sie werden uns näher und - deutscher.
Das neue, das klassische Drama Schillers wäre nicht entstanden ohne
die Kautische Philosophie, deren Studium mit dem Shakespeares und
der Antike Hand in Hand ging. Auch die Kautische Kunst- und Schön-
heitslehre bestärkte ihn in der Abwehr eines bloßen Naturalismus, in
dem Streben nach Ineinssetzung von Stoff und Form, in der Über-
zeugung von der Selbstherrlichkeit des Kunstwerks und von der ihm

515
STILGESETZ DER DEUTSCHEN KLASSIK

eigenen Bewegungsfreiheit in der Welt des schönen Scheins, der m


sich wieder eine Realität, eine höhere Wirklichkeit bedeutet. Und noch
allgemeiner: die Kautische Kunstphilosophie mußte der strengsten
Nachdenklichkeit über Wesen, Aufgabe und Gesetze der Kunst und
des Kunstwerkes Vorschub leisten. Ohne dieses Sinnen über Kunst und
über seine eigenen Kunstaufgaben aber war der Künstler Schiller zum
mindesten seit «Wallenstein» nicht mehr zu haben.
Für dieses alles war Voraussetzung der neue VersstiL Er allein war
dem Bereiche der zum «Vollkommenen» strebenden Tragödie wahl-
verwandt. Der berühmte Brief an Goethe vom 24. November 1797
drückt das unüberholbar aus: «Seitdem ich meine prosaische Sprache
in eine poetisch-rhythmische verwandle, befinde ich mich unter einer
ganz anderen Gerichtsbarkeit als vorher; selbst viele Motive, die in
der prosaischen Ausführung recht gut am Platz zu stehen schienen,
kann ich jetzt nicht mehr brauchen; sie waren bloß gut für den ge-
wöhnlichen Hausverstand, dessen Organ die Prosa zu sein scheint;
aber der Vers fordert schlechterdings Beziehungen auf die Einbildungs-
kraft, und so mußte ich auch in mehreren meiner Motive poetischer
werden. Man sollte wirklich alles, was sich über das Gemeine erheben
muß, in Versen, wenigstens anfänglich, konzipieren, denn das Platte
kommt nirgends so ins Licht, als wenn es in gebundener Schreibart
ausgesprochen wird. Der Rhythmus leistet bei einer dramatischen
Produktion noch dieses Große und Bedeutende, daß er, indem er alle
Charaktere und alle Situationen nach einem Gesetz behandelt und sie
trotz ihres inneren Unterschieds in einer Form ausführt, dadurch den
Dichter und seinen Leser nötigt, von allem noch so charakteristisch
Verschiedenen etwas Allgemeines, rein Menschliches zu verlangen.»
In diesen durchdachten und durchfühlten Sätzen, die auch Goethe
völlig überzeugten, ist das Stilgesetz der deutschen Klassik in Worte ge-
faßt. Wieder greifen hier Klassik und (werdende) Romantik ineinander:
August Wilhelm Schlegel, den Schiller als Mitarbeiter für die «Horen»
und den «Musenalmanach» nach Jena gezogen hatte, war in seinen
Horenaufsätzen, namentlich in den «Briefen über Poesie, Silbenmaß
und Sprache» ( 1796) und in seinen Rezensionen der « Jenaischen All-
gemeinen Literaturzeitung», indem er aus Schillers ästhetischen Ab-

514
SCHILLERS «IDEALISMUS»

handlungen entschiedene Folgerungen formaler Art zog, nicht müde


geworden, die Forderung des Verses für ein Drama hohen Stiles zu er-
heben, weil eben nur der Vers die Illusion jener «höheren Wirklich-
keit» hervorzurufen imstande sei, die den Inbegriff der nachkanti-
schen Poesie in Deutschland ausmachte. Diese Untersuchungen Schle-
gels hatten für Schiller und für Goethe einfürallemal überzeugende
Kraft. Sie bestätigten die gemeinsame Grundlage der Klassik und Früh-
romantik in einer Kernfrage der Poesie und des Poetischen. Und wäre
wohl das Wesen des «Romantischen» in der folgenden deutschen Dich-
tung ablösbar von dem Gesetze des Verses und desRhythmus?Von dem
im Verse klingenden und im Verse sich offenbarenden Inneren der Welt
und der Dinge? Nur wurde auch hier, was in der Klassik gedanklich
erfaßt war und bewußt angewendet wurde, im romantischen Bereich
eine Setzung aus Instinkt, Seele und Sein und das Ausströmen eines
geheimnisvollen Zustandes.
Die Stil- und Ausdrucksform von Schillers Versdramen trifft in die
Mitte der Frage, was denn eigentlich unter Schillers «Idealismus»
oder unter seinem «Realismus» (dem er sich etwa seit der Konzep-
tion des «Wallenstein» zugewendet habe) zu verstehen sei. Ebenso-
wenig, wie sein Tragödienstil überhaupt etwas Feststehendes war,
ebenso suchte er die Versform seiner späteren Dramen zu wandeln
oder wenigstens zu vermannigfaltigen. Allmählich wurde die Zwangs-
jacke des fünffüßigen Jambus zu eng, und doch konnte er sie im we-
sentlichen Zeit seines Lebens nicht abstreifen,-weil er mit ihr auch
die Grundhaltung seiner Dramatik hätte aufgeben müssen: die gegen-
naturalistische, idealistische im Sinne der Vereinigung·von Sach- und
Formtrieb, die Versöhnung beider in einem Elemente des eine neue
Dimension aufbauenden künstlerischen Spiels. Aber auch hier experi-
mentiert er als ein unermüdlicher Sucher. Man kann verweisen auf
die wenn auch flüchtige Unterbrechung des Versflusses in der «Jung-
frau von Orleans» durch shakespearische Prosa, auf die Trimeterform
der Montgomery-Szene, auf die Einlagen lyrischer Art, die den Ein-
fluß der romantischen Dramatik, vor allem Tiecks und seiner «Geno-
veva» verraten, auf die Chöre in der «Braut vonMessina» und in dem
Malteserplan, auf die Annäherung an die Opernform in dem einen

315
«IDEALISMUS» UND «REALISMUS»

und anderen seiner dramatischen Entwürfe, vor allem in dem Plan zu


einer ihm stofflich durchTiecks «PoetischesJournal» (1800) vermittel-
ten puppenspielartigen «Rosamunde». Doch das jambische Melos und
Ethos blieben die Dominante des klassischen Dramatikers Schiller. So
sehr man bei ihm- wie er selber es bereits getan hatte- «Idealismus»
und «Realismus» hat gegeneinander absetzen und ihn auf dem Wege
zu einem «Realismus» hat sehen wollen: es bleibt das ein Streit um
Worte, wenn nicht der Sinn beider Begriffe und der Standort, von dem
aus sie verwendet werden, klar umschrieben werden. Für ihn selber
war dies Streben nach einem «Realismus» ein künstlerischer Wille:
der Wille zur Verwendung lebenswirklicher, aus ihrem Eigendasein zu
erklärender Motive seiner Personen (ohne daß dieser Wille in der Er-
scheinung sich immer folgerecht angelassen hätte und deutlich ge-
worden wäre). Es war dieser «Realismus» ferner für ihn das Streben
nach Loslösung des künstlerischen Gestaltens von seiner eigenen Emo-
tionalität und dem ihm von Jugend an eigenen gedanklichen und ge-
fühlsmäßigen Triebwerk. Es war die Richtung auf ein Wesenhaftes,
das im Goetheschen Sinne die Idee in den Dingen und nicht außer-
halb ihrer finden wollte. Es war ein geschärfter Sinn für das an sich
Seiende, den ihm die an Kant geschulte Denkarbeit verschaffte. Natür-
lich waren die erworbene Lebenssicherheit und Lebenseinsicht auch
hier nicht ohne Einfluß. Doch als Künstler und Dichter blieb er der
«Idealist», insofern als alles, was er dichtete, im Verhältnis zum Gegen-
stande oder Stoffe eine Beziehung gewann auf letzte und allgemeinste
Anliegen und Entscheidungen eben «ideeller» Art. Diese Beziehung
herzustellen, diente der VersstiL In diesem Stil ruhte eine Magie, die
von dem Unverstand und der Trivialität später häufig entweiht wurde,
weil sie sie nicht aus Schillers Mitte verstanden. Wie gewaltig die
Spannweite zwischen dem späteren Schiller und einem Naturalismus
(etwa der achtziger und neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts) ist,
wird dort deutlich, wo er sich dem Stoffe, ja der Vorbereitungsmethode
nach aufWegen befand, die auch dieser Naturalismus einschlug. Es
handelt sich um gewisse seiner dramatischen Fragmente und Entwürfe.
Immer wird die Masse dieser dramatischen Bruchstücke und Pläne -
neben denen die fertiggewordenen Werke («Wallenstein», «Maria

516
FRAGMENTE UND ENTWÜRFE

Stuart», «Jungfrau von Orleans», «Braut von Messina», «Wilhelm


Tell») als verhältnismäßig wenige, vom Baume sich selbst genug-
tuender, reifer Schöpferkraft gefallene Früchte erscheinen- das er-
staunlichste Zeugnis für das Funktionelle seines Daseins bleiben. Der
«Sinnende, der alles durchgeprobt», wie Goethe von ihm sagte, durch-
wandert hier die Reiche der Geschichte und der menschlichen Ko-
mödie, um ihnen die Essenz für ein Drama abzugewinnen, wie es ihm
als ein immer nur annäherungsweise erreichbares Ziel vorschwebte.
Er plant, ordnet, teilt auf, wägt ab, grübelt und befiehlt sich mit der
Feder auf dem Papier und sieht bisweilen schon die blutgetränkte Ver-
sinnlichung dieser Schemen auf der Bühne. Wir erleben seine schweren
Stunden, wenn er an totem Materialgestein pocht und bohrt, um aus
einem Stoffe letzten dramatischen und sittlichen Gehalt zu ziehen. Oft
verzehrt er sich, wie bei den großen Entwürfen zu den «Maltesern»,
zu « Warbeck »,zu « Demetrius», in dem Übereinanderhäufen immer
neuer Schichten seiner Planung. Oft erliegt er in dem Ringen um
Selbstentäußerung, um die Zurückdrängung alles Subjektivistischen,
in dem unermüdlichen strengen dialektischen Prozeß, in dem er
sich neben, über die Antike, Shakespeare, Karrt stellen will. Nirgends
wird die Ausdehnungsfähigkeit seines Geistes, die Weltumsegelung,
die dieser Geist fast täglich anzutreten vermag, das Konquistadoren-
mäßige seines Wesens so augenfällig wie hier. Die alte, die mittlere und
die neuere Geschichte und ihre legendären Weiterbildungen, die Ge-
heimgeschichte der Fürstenhöfe, die durch Anekdoten führenden selt-
samen Wege des menschlichen Herzens, das Sensationelle, wo immer
es ihm durch literarische oder mündliche Quellen nahetrat - alles dies
wird willig empfangen, gedreht, zerdacht, psychologisch-dramatisch
zerfasert, auskalkuliert, vorberechnet in seinem Werte und seiner Wir-
kung als Drama. Ist das der «Klassiker» Schiller? Gewiß ist er es: denn
wie immer Gegenstand und Stoff beschaffen sein mögen, die dem un-
ablässig Suchenden in die Hände fielen, sie traten allemal unter die
Gesetze, die sein Geist in qualvoller Entwicklung für das Drama nur
aus sich heraus gebären wollte - nicht als dramaturgisches System,
nicht als starre Regel oder fixe Mache, sondern als das dramatische
"\Vollen bestimmende, wandlungsfähige Orientierungen nach den Ster-

317
SCHILLER UND DAS «ROMANTISCHE»

nenbildern auf einer Schicksal und Tat zugleich in sich schließenden,


letztlich ungewissen Fahrt nach dem Urbilde der tragischen Kunst. So
steht es auch um seine Entwürfe zu modern-bürgerlichen Kriminal-
stücken. Wenn er für die «Polizei», für die «Kinder des Hauses»
dokumentarische Notizen und Exzerpte häuft, um sich des Großstadt-
raumes mit allen Zugehörigkeiten zu bemächtigen, wie nur je ein
Vertreter des «roman experimental» es vermochte, so wird doch «das
Schicksal befruchtet», «das Haupt der Gorgo heraufgeholt», weil ein
modernes, ein bürgerliches Ödipusdrama auch hier die «tragische Fall-
höhe» des großen Verbrechers dartun sollte. Denn das Walten der Ne-
mesis, des unerbittlich, wenn auch nach langer Zeit, rächenden Schick-
sals, «das den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt»,
hätte auch hier mit dem moralisierend-bürgerlichen Familientrauer-
spiel der bestgehaßten, durch Shakespeares Schatten beschworenen
Iffland und Kotzebue nichts zu tun gehabt.
Schillers spätere Dramen, insbesondere auch die Bruchstücke zeigen
manche Berührungen mit der «romantischen» Welt, sei es, daß man
dies «Romantische» im literarhistorischen Sinne der neben ihm auf-
kommenden Bewegung nimmt, sei es, daß man ihm die damals herr-
schende allgemeinere Bedeutung des Abenteuerlichen, Seltsamen und
Phantastischen beilegt. Die von Schiller geplanten «Seedramen» mit
ihrem Exotismus und ihrer Korsarenromantik, die mittelalterliche und
ritterliche Romantik der geplanten «Gräfin von Flandern», die Opern-
haftigkeit und Marionettenhaftigkeit der «Rosamunde», die Bearbei-
tung des Gozzischen Märchenspiels «Turandot», wobei die nordische
Beschwertheit der italienischen Maskenfiguren des Tartaglia, Panta-
lon, Truffaldin, Brighella so sehr gegen jene Beschwingtheit absticht,
die Tieck oder Brentano ihrer Verwendung zu geben wußten; die
Mischung und Durchdringung von antik und modern nach Gehalt und
Form in der «Braut von Messina», ganz abgesehen von den früher
erörterten «romantischen» Einschlägen in der «Jungfrau von Orleans»
und « Maria Stuart » - immer ist ersichtlich, daß der Dramatiker
Schiller gegenüber einer «romantisch» durchsetzten Welt sehr auf-
nahmefähigwar.Erwar niemals eine eherne Bildsäule, sondern immer
eine tönende Äolsharfe. Freilich strebt seine Dramatik an entscheiden-

318
SCHICKSALSBEG RIFF

den Punkten von dem romantischen Geiste weg. Hat die spätere Ro-
mantik die zum Heroismus und zum vaterländischen Handeln auf-
rufende Wirkung seiner Dramatik unterstrichen und in ihre eigenen
Bestrebungen einbezogen, so war seine auch im Drama herrschende
pragmatisch-psychologische Geschiehtsauffassung doch grundverschie-
den von dem Ertasten eines überpersönlichen, geheimnisvollen und
nur erahnten Geistes in der Historie, der in den historischen Romanen
und Dramen der Romantik (Tiecks, Novalis' ,Arnims, Brentanos, Zacha-
rias Werners und anderer) webt. Erst Uhland vermochte mit zart zu-
sammenbiegender Hand in seinen geschichtlichen Dramen und Bal-
laden beide Linien des Verhaltens zur Geschichte zu vereinigen. Doch
er wie andere Schwaben sind liebenswürdige Beispiele einer Durch-
dringung des sicheren und greifbaren klassischen Erbes mit einer
romantischen Eingebung, die die Tiefen auszuloten suchte.
Auch im Punkte des Schicksalsbegriffes begegnen und teilen sich der
späte Schiller und die Romantik. Die Möglichkeiten des Verhältnisses,
in dem der Mensch zum Schicksal, d. h. zu einem irrationalen,
aber vom Dichter als notwendig und unabwendbar unterstellten Ge-
schehen steht, hat Schiller bekanntlich wieder und wieder durch-
geprüft. Die Schicksalsidee in seinen Dramen, besonders in «Wallen-
stein» und in der «Braut von Messina » ist kein bloß poetisches oder
ästhetisches Motiv, ebensowenig eine bewußte künstlerische Verwer-
tung der Grundidee der antiken Tragödie, kein «künstliches Dunkel,
das die stilisierte Zeichnung seiner Figuren als Hintergrund braucht»,
kein «geistreich berechneter Kunstgriff»: die Schicksalsidee, aus dem
persönlichen Erlebnis seiner Jugend- und Werdezeit vertieft, ist inner-
halb der philosophisch-dramatischen Auseinandersetzung seiner Reife-
zeit und seiner Geschichtsstudien ein Angelpunkt seines Bewußtseins
geworden. Die Schillersehe Dramatik zeigt die «immanente» Form des
Schicksals - ein Schicksal, das aus dem Inneren des Menschen selber
aufsteigt. So wird dem Charakter Wallensteins eine fatalistische Grund-
lage gegeben durch den ihm beigelegten astrologischen Schicksals-
glauben und den Glauben an seine innere Stimme. Daß Wallenstein
einer verhängnisvollen Selbsttäuschung unterliegt, daß sich sein Glaube
an sich und an die Sterne als tragischer Irrtum erweist, diese seine

319
«SCHICKSAL» UND «FREIHEIT»

charakterliche Bestimmtheit enthält die Gewalt, der er untersteht.


Daß daneben sein «Schicksal» auch aus seinem Handeln erklärt wird,
ist nicht nur ein Gebot der dichterischen Motivierung und Sichtbar-
machung des Transzendenten, sondern gewissermaßen der Ausdruck
einer « prästabilisierten Harmonie» zwischen Diesseits und Jenseits.
Nicht anders ist in der «Braut von Messina » das persönliche innere
Schicksal mit dem transzendenten Schicksal verselbigt: die Sühnung
derTat beweist, daß sich der Held verantwortlich fühlt. Zugleich aber
ist Schiller hier einer Auflösung der schicksalhaften Notwendigkeit am
nächsten gekommen durch die Unbedingtheit ethischer Setzung. Diese
Unbedingtheit ist die sichere Stätte der absoluten Freiheit. Der Gegen-
satz von Schicksal und Freiheit an sich aber ist unlöslich. Er bleibt und
muß bleiben als eine erziehliche Macht. Aus seiner erzieherischen Sen-
dung heraus hat der Dramatiker Schiller zu diesem Gegensatz immer
wieder zurückkehren müssen.
In der Erfassung der Notwendigkeit jedes Lebensvorganges unter
dem Begriffe des «Schicksals» sind Klassik und Romantik einig. Über
diese allgemeinste Übereinstimmung hinaus erscheinen zwei Seiten
des einen deutschen Lebensgefühls in der Unterschiedlichkeit, mit der
Schicksalserkenntnis und Schicksalsergreifung dort und hier sich voll-
ziehen. Innerhalb des klassischen Raumes ist Schiller der weitest vor-
geschobene Posten für jede Auseinandersetzung mit der Schicksals-
idee. Er überbrückt den Gegensatz «Schicksal- Freiheit» durch seine
Tatethik, durch die heroisch-kämpferische Haltung seiner selbst und
seiner dramatischen Personen. Ihm geht es aber immer um Schick-
salsidee, um begriffliche Sondierung, nicht um unfaßbare Schicksals-
macht, um eine rätselhaft aus dem Dunkel nach dem Menschen grei-
fende Unentrinnbarkeit. Ist innerhalb der Klassik der Schicksalsbegriff
eingebaut in eine unter ihren verschiedenen Bestandteilen ausge-
glichene Lebensanschauung, so überwölbt das Schicksalsgifühl derRo-
mantik alle anderen Erlebnisse und Ideen und wird das eigentliche
Element, von dem der romantische Mensch sich umfangen fühlte.
«Unser Dasein ruht auf dem Unbegreiflichen», sagte Friedrich Schle-
gel: das ist das Thema, das sich in der Romantik, auch in ihrem
späteren Verlaufe, dichterisch durchsetzte. Wie sehr sie in den '):'ieck,

520
DER «POLITISCHE» SCHILLER

Novalis, Arnim, Brentano, E. T.A. Hoffmann, Zacharias Werner damit


alle aus Geheimnis und Dämonie kommenden Triebkräfte der vor-
klassischen Zeit in sich aufnimmt, ist früher durchverfolgt worden.
Auch hier bewährt sich die Klassik als ein in sich abgegrenztes Gehege,
innerhalb dessen die geheimen Bezüge des Lebens begreiflich ge-
macht, ins Bewußtsein gehoben, vom Unsicheren ins Lebenssichere
gewendet, eingeordnet, geformt und tathaft überwunden werden.
DieAuseinandersetzung mit derSchillerschenTragödie ist ein Kampf
um das eigentümlichste Gebilde, das der deutsche Geist hervorgebracht
hat. Nicht immer wird diese Auseinandersetzung so verstanden. Nichts
ist in Schillers Dramen, was nicht aus den Untergründen deutscher
Artung und deutscher Geschichte heraufgestiegen wäre im Durch-
gang durch dieses Individuum Schiller.Alles Griechentum, alles Shake-
spearetum und gar alles klassizistische Franzosenturn in der Schiller-
sehen Dramatik steht unter dem Zeichen eines leidenschaftlichen Er-
greifens fremden Gutes zur Sättigung des Ausdehnungsbedürfnisses
einer deutschen Seele, die in der Empfindung eigenen Ungenügens
und stiefmütterlicher Behandlung durch die waltenden Mächte der
Geschichte nachholen möchte, was ihr bisher versagt blieb; die an
sich raffen möchte nur, um alles Ergriffene wieder weit hinter sich zu
lassen im ehrgeizigen Wettkampf um den höchsten Preis künstlerisch-
dichterischer Entwicklung eines Volkes: die Tragödie. Ist dabei etwa
ein Gebilde entstanden, das nur noch geschichtliche Anteilnahme er-
regt? Oder hat er mit seinen Dramen eine Waffe geschmiedet, die sei-
nem Volke dauernd dienen kann im Kampf um seine Selbstbehauptung
nicht nur geistiger, sondern auch staatlich-politischer Art? Steht das
Idealistische und Allgemein-Menschliche von Schillers Dramatik seit
« Wallenstein » einer bestimmten und konkreten Gestaltung der An-
liegen und Handlungen eines Volkes und einer Nation fern? Hat seine
Dramatik die Kraft, die politische Willensbildung zu stärken, drängt
sie hinaus aus dem Umkreis einer dichterischen und künstlerischen
Abgeschlossenheit? Hier gilt es (ganz abgesehen davon, daß, spricht
man von der politischen oder nichtpolitischen Seite der Schillersehen
Dramatik, man sich über den Wortsinn und Geltungsbereich des «Poli-
tischen» völlig klar sein muß), einEntweder-Oder zu vermeiden. Denn

21 Schultz, Klassik und Romantik, Bd.II 321


THEATER

Wille und Sinn der Schillersehen Tragödie könnten anderenfalls eben-


so Schaden leiden, wie mit der Verwendung des Begriffes des «Poli-
tischen» ein luftiges und wechselndes Spiel getrieben würde. Daß es
voreingenommen und einseitig ist, wenn «man den politischen Kern
seiner Dramen deshalb verleugnet, weil sie den Realismus der poli-
tischen Staatsaktion noch mit sittlichen Forderungen an den Menschen
verknüpfen und das Schicksal jeder irdischen Macht an die unerforsch-
liche Gerechtigkeit des Ewigen gebunden wissen» -wer, dem Schiller
eben Schiller ist, würde solche nicht neue, aber beherzigenswerte Er-
kenntnis und Mahnung nicht begrüßen! Wer möchte nicht aus dem
Wissen um die literarhistorischen und geistesgeschichtlichen Zusam-
menhänge, aus der Schau in Schillers <mrbildhaftes» Sein wie aus dem
Wunsche seiner Wirkung auf jede lebende Generation beistimmen,
wenn man zu bedenken gibt, daß, «wenn . . . die Schillersehe Tra-
gödie ... Tragödie der Nemesis und damit des Weltgerichtes ist, sie
doch nicht minder Tragödie des handelnden Menschen und damit der
Weltgeschichte» sei! Schiller hat keinen im eigentlichen Mittelpunkt
der deutschen Geschichte stehenden Stoff oder Helden behandelt:
Luther, Gustav Adolf, Friedrich der Große, Heinrich der Löwe blieben
Pläne. Die Stoffe seiner ausgeführten Werke, soweit es heimische Stoffe
sind, liegen in Randgebieten des deutschen Sprachbereiches und der
deutschen Geschichte. Aber es bedurfte nicht der Ansiedlung dieser
Stoffe in einer deutschen Mitte, um sein Volk zu seiner Zeit, im 19.
und im 20. Jahrhundert empfinden zu lassen, daß Verkündigung, War-
nung, Mahnung, Vorausdeutung hier auch unter geschichtlicher Ab-
seitigkeit, Verkleidung und Ferne seinen jeweils gegenwärtigen An-
liegen und den großen Augenblicken galten, die es immer würdig
finden müßten. Der «Prolog» zur ersten Aufführung des «Wallen-
stein» am 12. Oktober 1798 hat alles dies vorweggenommen und läßt
noch heute weniger feinhörige Ohren dröhnend vernehmen, daß seine
klassische Dramatik mitwirken wolle an dem Austrag der weltge-
schichtlichen, der politischen Kämpfe jener ungeheuren Zeit, auf
deren Hintergrunde deutsche Klassik stand, und damit einer jeden
Zeit, in der große Bewegung und Machtverschiebung die Kenn-
zeichen sind.

522
EINHEITLICHKEIT DES KLASSISCHEN SYSTEMS

Schillers Dramatik galt zugleich der Verwirklichung eines neuen


deutschen Theaters, einer neuen Bühne, deren Muster durch seine und
Goethes vereinte schöpferische und erziehliche Wirksamkeit in Weimar
erstehen sollte. Das lockende Angebot nach Berlin, wo der theater-
mächtige Iffland ihn noch sichtbarer als den deutschen National-
dramatiker herauszustellen beabsichtigte, vermochte ihn schließlich
doch nicht von Weimar zu lösen. Bei diesem Festhalten an dem Thü-
ringischen Bethlehem zeigte sich der «Ankergrund» deutscher Klas-
sik: dieAusgewogenheit zwischen reinemKunstwollen, zwischenNach-
denklichkeit auf der einen Seite und der weiten äußeren Wirkung
künstlerischer, dichterischer, philosophischer Selbstsicherheit von die-
..sem thüringischen Herzpunkte deutscher Erde aus. Nur im Atemraum
Weimars konnten die beiden nicht immer freundschaftlich verbun-
denen Zwillingsschwestern «Bühne» und «Dichtung» sich in seiner
dramatischen Kunst die Hand reichen. Er erkannte die Gefahr, in Ber-
lin ein bloßer «Theaterdichter» zu werden. So viel sein Drama der
Bühne verdahkt, so sehr es seine eigentliche Wirkung nur auf der
Bühne sucht und allenthalben auf sie Rücksicht nimmt: daß er kein
«Theaterdichter» sein wollte, also die damit verbundene Veräußer-
lichung und Zielstrebigkeit durchschaute, deutet auch auf das Wesen
dieses seines Dramas zurück und bedarf der Beherzigung, wenn man
diese Dramatik in eine Richtung weisen möchte, in der der von
Haus aus in ihr IiegendeAktivismus abgelöst und verselbständigt wer-
den soll. Nur in der Dreieinigkeit von dichterischer Schöpfungskraft,
von Denken um die Kunst, von Wirkungswillen durch das Theater
bleibt das Schillersehe Drama dem Gesetze seines Wesens und seines
Ursprunges treu. Daß Schillers und Goethes Wirken für das Wei-
marische Theater im vollen Bewußtsein der damit zu schaffenden na-
tionalen und ewigen Werte sich vollzog und einem Erziehungsziel
unterstand, ähnlich dem, das Richard Wagner in Bayreuth verwirk-
lichte, darf immer wieder vergeBlichen Zeiten ins Gedächtnis gerufen
werden. Auch in Weimar wie in Bayreuth galt es zunächst eine Er-
ziehung der ausübenden Künstler, ihre Schulung in der Wiedergabe
des mit dem klassischen Kunstwillen wahlverwandten dramatischen
Stiles, eine Sprechweise, die, von Naturalismus und Prosa entfernt, die

21* 325
SCHILLERS PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

vornehme höhere Wirklichkeit des idealisierendenVersbereiches auszu-


füllen vermochte. Der Wille aber zur Erziehung des Publikums drückt
sich in dem lapidaren Satze in der Vorrede zur «Braut von Messina»
aus: «Nicht das Publikum zieht die Kunst herab. Zu allen Zeiten, wo
die Kunst verfiel, ist sie durch den Künstler gefallen.» Damit wurde
ein für allemal die höhere Verantwortlichkeit des Schaffenden gegen-
über dem vielverschrieenen Publikum festgestellt. Wenn aber in diesem
Satze ein abgewandeltes Zitat des Schlusses der «Künstler» erkannt
wird, so deutet auch dieser Umstand auf jene Einheitlichkeit des klas-
sischen «Systems» hin, aus dem kein Stück herausgerissen und verein-
zelt werden darf, ohne daß dem ebenso statisch ausgewogenen wie
architektonisch vollendeten Gebäude Gewalt angetan würde. Weder
Goethes und Schillers Dichtung und Polemik, noch ihr Wirken mit
Hilfe des Theaters, nicht Goethes Naturwissenschaft, Metaphysik und
Kunstlehre, nicht Schillers ästhetisch-philosophische Schriften sind eine
Erscheinung für sich. Alles erhellt und stützt sich untereinander.
Immer stand in der vorangegangenen Darstellung die Philosophie
und Ästhetik Schillers im Hintergrunde. Wie die Einzelanalyse der
Schillersehen Dramatik würde eine Einzeluntersuchung der gedank-
lichen Bezogenheiten dieser Schriften hier sinngemäß und darstel-
lerisch nicht mit der Notwendigkeit der Linienführung innerhalb einer
Gesamtschau vereinbar sein. Es mag auch geschehen, daß im Hinblick
auf Schillers Abhandlungen dem Historiker zugerufen wird, er möge
das Wort an den Philosophen abgeben. Denn diese Schriften seien nach
ihren übergeschichtlichen, systematisch-philosophischenWerten zu be-
urteilen, und es seien bei ihnen Entscheidungen zu suchen, die nicht
auf geschichtliche Bedingtheit .zielen. In der Tat hat die dogmatisie-
rende oder begriffliche Auseinandersetzung mit Schillers ästhetischen
Schriften in der gewaltigen Literatur, die ihnen gewidmet ist, breiten
Raum gewonnen. Dennoch vermögen sie ihre Kraft nur zu entfal-
ten, wenn sie als Erzeugnisse einer geschichtlichen Ordnung - und
das heißt gleichzeitig: einer im Flusse eines Zeitgeschehens stehenden
Persönlichkeit- genommen werden. Was von Schiller innerhalb eines
Jahrzehnts nach den Aufsätzen «Über den Grund des Vergnügens an
tragischen Gegenständen» ( 1791) und «Über die tragische Kunst» bis

324
DAS DENKERISCHE UND DAS DICHTERISCHE

zu den Ausführungen «Über das Erhabene» (1801) niedergeschrieben


wurde: die Abhandlungen «Über Anmut und Würde», «Über das Pa-
thetische», die «Zerstreuten Betrachtungen über verschiedene ästhe-
tische Gegenstände», die Briefe «Über die ästhetische Erziehung des
Menschen», zurückgehend auf die Briefe an seinen Gönner, den Her-
zog Friedrich Christian von Schleswig-Holstein-Augustenburg, die
Untersuchung «Über die notwendigen Grenzen beim Gebrauche des
Schönen» und «Über den moralischen Nutzen ästhetischer Sitten»,
schließlich die Aufgipfelung in der Abhandlung «Über naive und sen-
timentalische Dichtung» ( 1795), dazu die Kailias- Briefe an Körner
(1795) und die Ideengedichte - das ist alles zusammen kein philo-
sophisches Lehrgebäude. Man kann in der Menge dieser Schriften ent-
gegengesetzte und sich widersprechende weltanschauliche Motive fin-
den, die sich jedoch in Schillers mehrseitigem, aber zugleich ganzheit-
lichem Denken auflösen. Man kann erwägen, ob diese Schriften mehr
der Betätigung eines Denkers oder eines Dichters verdankt werden.
Daß das Denkerische und das Dichterische in ihm nur die beiden Aus-
strahlungen der einen Kraftmitte sind- man muß dessen recht inne
werden, um diese Arbeiten nicht etwa als ein Nebenher, als einen von
den Literarhistorikern gerne umgangenen Seiten- und Spazierweg des
Dichters anzusehen. Er selber kehrt mit ihnen auf jene noch nicht
zivilisatorisch zersetzte Stufe der menschlichen Kultur zurück, die er
in den Briefen über die ästhetische Erziehung als bei den Griechen
noch erhalten rühmte: «Damals bei jenem schönen Erwachen der
Geisteskräfte h11-tten die Sinne und der Geist noch kein strenge ge-
schiedenes Eigentum; denn noch hatte kein Zwiespalt sie gereizt, mit-
einander feindselig abzuteilen und ihre Markung zu bestimmen. Die
Poesie hatte noch nicht mit dem Witze gebuhlt, und die Spekulation
sich noch nicht durch Spitzfindigkeit geschändet. Beide konnten im
Notfall ihre Verrichtungen tauschen, weil jedes, nur auf seine eigene
Weise, die Wahrheit ehrte.»
Die Stellung dieser philosophischen Schriften innerhalb seiner Ent-
wicklung zeigt wieder jenes Ineinander von Pflicht und Neigung, von
äußeren und inneren Antrieben, das immer im Spiele ist, wenn Schiller
ein neues Feld beschreitet. Sein klassisches Philosophieren beginnt als

525
SCHILLER UND KANT

ein Teil des streng aufgefaßten Berufes als Jenaer Professor, der sich
statt der Geschichte der ihm im Lehramte leichter fallenden Ästhetik
annahm, und endigt in der freiesten Haltung des Menschen, der die
ausschließliche Pflege eines «Faches» oder die Ausübung eines «Be-
rufes», auch einer einzelnen Wissenschaft, als des geforderten mensch-
lichen Ganzheitszustandes für unwürdig erklärt. Denn «Ewig nur an
ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der
Mensch selbst nur als Bruchstück aus, ewig nur das eintönige Ge-
räusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die
Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur
auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner
Wissenschaft». So heißt es im sechsten der Briefe «Über die ästhetische
Erziehung». Auf welchem Gebiete auch immer: es sein unüber-
windliches Pflichtgebot, «in der Mitte zu stehen» und von dieser Mitte
aus sich des weiteren Umkreises zu bemächtigen. Das war das ihm
eingegrabene Gesetz der Selbsterzi-ehung und Selbstverteidigung. So
erging es ihm mit Kant, das heißt mit der Karrtischen Schönheits- und
Sittenlehre, seit er am 1.Januar 1792, unmittelbar nachdem ihm
durch das hochherzige Geschenk des Augustenburgers die volle Muße
des Geistes geworden war, an Körner geschrieben hatte: «Mein Ent-
schluß ist unwiderruflich gefaßt, die Karrtische Philosophie nicht eher
zu verlassen, bis ich sie ergründet habe, wenn mich dieses auch drei
Jahre kosten könnte.» Dies aber ist das Wunder: Wie seine individuelle
Entwicklung einging in die Aufgaben, die die Zeit stellte - selbstver-
ständlich und reibungslos. Indem er aus individuellem ehrgeizigem
Ausdehnungsdrange die großen Erscheinungen der Zeit in sich auf-
nahm, schwang er sich zugleich zum Sprecher und Führer dieser Zeit
auf, weil alles, was er schöpferisch vollführte, unter einer Hochspan-
nung geschah, wie sie keinem anderen Zeitgenossen eigen gewesen ist.
So wurde die Karrtische Schönheits- und Sittenlehre in Schillers ästhe-
tischen Schriften dem Aufbau einer auf größte Reichweite berech-
neten «Bildungsidee» nutzbar gemacht. Und durch diese Ausrichtung
auf ein allgemeines, menschliches und nationales Bildungsziel rückt
er ab von jedem anderen der zahlreichen Auswerter des Karrtischen
Ideengutes. Das Maß seiner Abhängigkeit von Kant, die Eigentümlich-

526
AUSBREITUNG DER KANTISCHEN LEHRE

keit seines Standpunktes ihm gegenüber sind daneben Fragen, die, je


tiefer man in sie eingedrungen ist, um so mehr Reste lassen; sie ver-
lieren sich in der Mehrwertigkeit, die jeder abstrakt-geistigen Auf-
gabenlösung anhaftet. Schließlich hat für die Deutschen auch hier,
wie im Falle Schiller-Goethe, es nicht zu heißen: «Schiller oder Kant»,
sondern «Schiller und Kant». Wer dennoch eine vorsichtige Formel
für das Abhängigkeitsverhältnis haben möchte, möge sich dabei be-
scheiden, daß das Kautische Denken für Schiller die Zurüstung von
Begriffen und die Grundlegung der Ausgangspunkte hergab. In reicher
Abwandlung kehren bei ihm Kautische Begriffe wieder wie Vernunft
und Sinnlichkeit, Freiheit und Willkür, Geist und Natur, Pflicht und
Neigung,Absolutes und Endliches, Tatkraft undLeiden,Formtrieb und
Stofftrieb, Idealität und Realität. Gewiß ist, daß diese immer neuen
dualistischen Aufteilungen, die er bei Kant antraf, ganz der Anlage
seiner eigenen Natur zur zweiheitliehen und gegensätzlichen Gliede-
rung des Einen entsprachen. Die Kautische Gedankenapparatur ging
auf diese Weise leicht in die Grundform des Schillersehen Geistes ein.
Aber zum vollen Verständnis seiner Gedanken ist vor allem notwendig,
daß seine eigene, nicht immer eindeutige Verwendungvon Ausdrücken
und Begriffen erkennbar wird.
Die Schrift «Über Anmut und Würde», diese erste «reife Frucht der
in der Schule Kants selbständig gewordenen Schillersehen Philosophie»,
zeigt den Ethiker Schiller in seinem Verhältnis zu dem strengen Sitten-
lehrer. Schon einmal im Verlaufe dieser Darstellung wurde darauf hin-
gewiesen, wie die beiden Weimarer Klassiker der ideologischen Starr-
heit der Kautischen Sittenlehre ihre Einseitigkeit und Unnatürlichkeit
zu nehmen suchten. Beide stehen hier grundsätzlich nicht anders zu
Kant als der sich freilich impulsiver und ironischer äußernde früh-
romantische Friedrich Schlegel: Hinsichtlich der Begründung der Ethik
im Sinne einer «Sollensethik», dergemäß wir im Bewußtsein allein
des Gesetzes handeln müssen, weicht freilich Schiller nicht von Kant
ab. Und bei beiden ist der Gedanke der im Gesetze wirkenden Auto-
nomie der Vernunft maßgebend. Die Frage, worin denn nun der Fort-
schritt Schillers über Kant, worin die von ihm in «Anmut und Würde»
vollzogene Verbundenheit des Ethischen mit dem Ästhetischen und

527
SCHILLERS ScHÖNHEITSBEGRIFF

seine sogenannte «ästhetische Weltanschauung» bestehe, kann erst be-


antwortet werden, wenn von dem Schillersehen Begriffe des Ästheti-
schen jede gängige flache Klischierung ferngehalten wird. Schillers
Schönheitsbegriff hat mit einer bloß sinnlichen und gerrußhaften Hal-
tung zum Schönen nichts zu tun. Seine Definition der Schönheit als
«Freiheit in der Erscheinung» meint, daß in der Schönheit die Zwecke
sich mit innerer Freiheit selbst auszudrücken scheinen, meint die Zu-
sammenstimmung von Vernunft und Sinnlichkeit als Bedingung der
Schönheit.Wenn nach Schiller gegenüber Kant jede sittliche Handlung
zugleich eine ästhetische ist, so besteht dies nicht in dem Antriebe,
sondern in der Erscheinung und in der Auffassung einer sittlichen Tat,
insofern diese die «freie» Zusammenstimmung derZwecke zum Aus-
druck bringt. «Schönheit » ist nach Schiller organisch bestimmte
Zweckmäßigkeit. Zugleich wird die Betrachtung des sittlichen Han-
deins von dem Vorgange eines sittlichen Verhaltens auf den Zustand
eines sittlichen Bewußtseins gelenkt und der früher erörterte Begriff
der «schönen Seele» damit gewonnen.
Schillers Anderssein gegenüber Kant erschöpft sich aber nicht im
Sachlichen, wo immer man es finden mag. So, wie sein Drama die
Alten und Shakespeare in einem neugewonnenen Stilraum überwin-
det, so atmet jede Seite seiner philosophischen Schriften einen Stil,
der, bei aller Schärfe der Begriffsbildung, dennoch mit Kants trockener
Abstraktion und logisierender Ruhelage nichts gemein hat. Satzbau,
Tempo, Rhythmus dieser federnden und durchglühten Sprache, oft
auch die Wortwahl und die Bildlichkeit, sind bald von einem den Leser
anspringenden Feuer, bald von einerumschmeichelnden Eingänglich-
keit. Es drückt sich in ihnen jener persönliche Antrieb zum Philoso-
phieren aus, der eben auch diese Schriften zu einem Akt seiner Selbst-
erklärung, Selbstbefreiung und Selbstvervollkommnung macht. Ge-
rade auf diesem «Agens» in ihnen beruht ihre erziehliche Kraft -
weil hier der denkende Mensch auf den Menschen eindringt, weil hier
so vieles von dem Autor als Zuruf an sich selber gesprochen ist. So
steht es etwa um die Begriffe der «Anmut», der «Würde», des «Er-
habenen». Es mag nach früheren Ausführungen nicht wiederholt wer-
den, welche älteren Ästhetiker diese Begriffe vorgeformt haben und

328
«ÜBER DAS ERHABENE»

w1e s1e aus der Seelenlage des 18.Jahrhunderts erwuchsen. Ist «An-
mut» die «Schönheit der Gestalt» unter dem Einfluß der «Freiheit»,
die Spiegelung des vollendeten Menschentums in der Erscheinung,
kann sie nur der Bewegung zukommen, weil eine Veränderung im Ge-
müt sich nur als Bewegung in der Sinnenwelt offenbaren kann, so
unterliegt es schwerlich einem Zweifel, daß diese Anmut ein Wunsch-
bild der Schillersehen Persönlichkeit ist, das er im Goetheschen Wesen
verwirklicht fand. Ist «Würde» der Ausdruck einer erhabenen Ge-
sinnung, zeigt sich «Würde» in der Beherrschung der willkürlichen
Bewegungen wie die Anmut in der Freiheit der unwillkürlichen, so
unterliegt es ebensowenig einem Zweifel, daß Schillers zusammen-
gefaßte Willensenergie in diesem Begriffe ein Stück ihrer selbst finden
mußte. Man lese Sätze wie die folgenden aus der ergreifenden Schrift
«Über das Erhabene» (kein Deutschlehrer sollte versäumen, sie seinen
Schülern nahezubringen) und man wird wissen, daß Schiller auch hier
aus dem eigenen Herzen schöpft: «Zwei Genien sind es, die uns die
Natur zu Begleitern durchs Leben gab. Der eine, gesellig und hold,
verkürzt uns durch sein munteres Spiel die mühevolle Reise, macht
uns die Fesseln der Notwendigkeit leicht und führt uns unter Freude
und Scherz bis an die gefährlichen Stellen, wo wir als reine Geister
handeln und alles Körperliche ablegen müssen, bis zur Erkenntnis der
Wahrheit und zur Ausübung der Pflicht. Hier verläßt er uns, denn nur
die Sinnenwelt ist sein Gebiet, über diese hinaus kann ihn sein irdi-
scher Friede nicht tragen. Aber jetzt tritt der andere hinzu, ernst und
schweigend, und mit starkem Arm trägt er uns über die schwindlige
Tiefe. In dem ersten dieser Genien erkennt man das Gefühl des Schö-
nen, in dem zweiten das Gefühl des Erhabenen. Das Gefühl des Er-
habenen ist ein gemischtes Gefühl. Es ist eine Zusammensetzung von
Wehsein, das sich in seinem höchsten Grad als ein Schauen äußert,
und von Frohsein, das bis zum Entzücken steigen kann, und ob es
gleich nicht eigentlich Lust ist, von feinen Seelen aller Lust doch weit
vorgezogen wird.» In diesem Gefühl des Erhabenen erlebt Schiller
sich selbst, in dem Gefühl des Schönen erlebt er Goethe. Ebenso wie
Kant war Goethe der zu verarbeitende «Gegenstand» der ästhetischen
Schriften, ebenso wie Kants haben seine Anschauungen vom Schönen

529
DAS «ÄSTHETISCHE»

auf die Briefe unmittelbaren Einfluß genommen. Stellvertretend war


die Erscheinung Goethes für das Griechentum im Sinne des von der
Klassik ergriffenen deutschen «Mythus» der Antike, im Sinne der
menschlichen Totalität, im Sinne der menschlichen vorzivilisatorischen
«Urform». Die Wiederherstellung dieses Totalzustandes gilt es in den
Briefen «Über die ästhetische Erziehung», die um so weniger bloße
Utopie sind, als diese Totalität am Griechentum und an der Goethe-
schen Erscheinung bereits Erfahrungstatsache geworden war. Noch-
mals sei von dem Begriffe des «Ästhetischen» jedes Mißverständnis
abgewehrt, vor allem jede Deutung ins Weichliche und Lebensabge-
wandte. Die «Freiheit in der Erscheinung», die durch die « ästheti-
sche» Betrachtungsweise festgehalten wird, ist die Grundlage und die
Voraussetzung jenes Ganzheitszustandes, aus dessen Zerstörung sich
ihm die Schäden seiner Zeit erklären und den wiederzugewinnen das
Bildungsideal der Klassik ausmacht. Oder anders gesagt: sie denkt
nicht daran, sich einem bloßen Genusse des Sinnlich-Schönen hinzu-
geben; ihr «Ästhetisches» beruht in dem Willen zur Zusammen-
stimmung und Abgewogenheit und zum vernunftmäßig regulierten
organischen Gefüge, damit zum wahrhaft und wesentlich Seienden der
Menschheit und aller ihrer Schöpfungen, wie ein solches Seiendes von
Goethe seit Weimar auch in der Natur gesucht und gefunden wurde.
Von der Störung solcher organisch gefügten Gleichgewichtsverhältnisse
im staatlich-politischen Leben der Revolutionszeit nehmen die äs-
thetischen Briefe ihren Ausgang: sie wurden dadurch ein auch an
die politische Öffentlichkeit gerichtetes Manifest. In ihnen wird zum
Schlusse der «ästhetische» Staat gefordert, der «Freiheit durch Frei-
heit» zu geben vermag: «Hier darfweder das Einzelne mit dem Gan-
zen noch das Ganze mit dem Einzelnen streiten. Nicht, weil das eine
nachgibt, darf das andere mächtig sein; hier darf es nur Sieger, aber
keine Besiegten geben.» Der ästhetische Staat vollzieht den Willen des
Ganzen durch die «Natur» des Individuums.
Der Zusammenfall der Schillersehen Selbstdiagnose mit der der
«Zeit» gestellten Diagnose liegt am offenkundigsten zutage in der Ab-
handlung «Über naive und sentimentalische Dichtung». Indem er die
Gegebenheiten des Griechentums und Goethes auf der einen, sich selbst

330
«NAIV» UND «SENTIMENTALISCH»

auf der anderen Seite findet, dringt seine Dialektik zu den Möglich-
keiten dichterischenVerhaltens vor, die eine Naturgeschichte der Poesie,
aber mehr als Geschichte: ihre Seinsverhältnisse in sich schließen. Die
Schillersehen Kategorien von «naiv» und «sentimentalisch» dürfen
keine dogmatische Gültigkeit beanspruchen. Sie sind eine Fackel, mit
deren Hilfe die immer dunkler werdende Zeit die Werte beleuchtete,
die ihr bislang die eigentlichen Anliegen des Lebens gewesen waren,
die dichterischen. Nun wurden sie überprüft und befragt, wieweit
auch sie auf ein Allgemeines Bezug haben. Eine solche Diagnose der
Dichtung lag in der Luft, so daß der Ansatz des Programms der
sehen Romantik mit der Aufteilung der Poesie in eine antike, objektive
und eine interessante, moderne, «romantische» auch ohne Schillers
Kategorien des «Naiven» und des «Sentimentalischen» sich hätte er-
geben können. Goethe erklärte später allzl,l. apodiktisch zu Eckermann,
daß er und Schiller die Urheber der Begriffe der «klassischen» und
«romantischen» Poesie seien und die Schlegels die Idee nur «weiter-
getrieben» hätten. Auch hier handelt es sich um ein Wechselspiel von
Gedanken und Erkenntnissen innerhalb der dichterischen und allge-
meingeistigen Situation, in der sich Klassik und Romantik am Ende
desJ ahrhunderts befanden. Aus einem Nebeneinander und Ineinander,
aus einem reichlich angesammelten dichterischen und kritischen Vor-
rat, aus der überzeugenden Einsicht in das, was nottat, fanden die
bedeutenden Geister der Epoche ihre Zauberformeln, um zugleich zu
binden und zu lösen. Aber das jüngere, das romantische Geschlecht
zog die entschiedeneren Folgerungen und drang weiter vor.
Schiller war mit der Abhandlung «Über naive und sentimentalische
Dichtung» wieder zum Nachdenken über seinen eigensten «Beruf»,
die Poesie, zurückgekehrt. Hinter seiner gesamten Beschäftigung mit
der Schönheitslehre und Sittenlehre wartete der schöpferische Trieb,
um, wenn er durch allseitige Aufklärung über sich selbst gefestigt
wäre, neu entbunden zu werden: Schillers von Kant ausgehende
philosophisch-ästhetische Studien sind so alt wie die Konzeption des
«Wallenstein». Aber unmittelbar fließen die Ideen über Kunst und
Sitte in die rhythmische Form der Poesie über seit dem ungefügen,
zerdehnten und wieder zusammengefaßten Gedichte «Die Künstler»,

531
VORTRITT DER DICHTUNG

dessen Hauptgedanke- an geschichtlichen Phasen der Menschheit dar-


gestellt - nach dem Briefe an Körner vom 9. Februar 1789 bereits
«die Verhüllung der Wahrheit und Sittlichkeit in die Schönheit» ist.
«Die Macht des Gesanges» (im Musenalmanach für 1796 ), «Die
Ideale» (ebendort), «Das Ideal und das Leben» (zuerst in den «Ho-
ren» 1795 als «Das Reich der Schatten») sind Formungen aus dem
Gedankenschatze der Briefe über die ästhetische Erziehung, so wie
«Der Spaziergang» der Abhandlung über miiv und sentimentalisch
zur Seite geht. Diese Gedichte, die die zusammenfassende Stärke der
Kunst, die energische und männliche Resignation der sich bescheiden-
den Arbeit, die Überbrückung von Sinnenglück und Seelenfrieden in
der Erkenntnis des Göttlichen, den Ausgleich im Kampf der Zwecke,
die Bereinigung zwischen Pflicht und Schuld, Schicksal und Leiden,
die Schlichtung zwischen Natur und Kultur verkünden, sind Verhei-
ßungen und Erlösungen zugleich. Sie haben ebenso wie die das
menschliche Herz in der Mitte treffenden Epigramme der <<Votiv-
tafeln» Schillers neues Lebensideal in die große Welt getragen und
sind, mögen sie auch nicht immer aus Schillers Gesamthorizont ver-
standen werden, zum mindesten durch einzelne Sätze und Verse der
volkstümlichste Teil seiner Weisheit geblieben. Sie vermochten es, weil
Rhythmus, Anlauf, Ausbogung, Auf- und Abschwellen der Gedanken-
führung, Wortschwere und Wortbindung dem Ideengehalt eine bald
hämmernde, bald gespannte und verhaltene Prägekraft verleihen, der
wir uns willig hergeben, weil wir durch sie selber in den Zustand von
Geladenheit mit stärkster menschlicher Energie und damit in einen
Glückszustand versetzt werden.

552
IV

«DEUTSCHE ROMANTIK».
INHALTE UND AUSDRUCKSWILLE.
AUFSCHLIESSUNGEN UND BEGEGNUNGEN.

Die deutsche Literatur der Zeitenwende, in der sich am Ende des


18. Jahrhunderts Klassik und Romantik überschneiden, darf den gro-
ßen «Renaissancen» der Weltliteratur gleichgestellt werden. Aber wäh-
rend sonst eine «Renaissance» - und maßgeblichstes Beispiel wird
immer die italienische sein - ihre Wirkung entfaltete im Gegensatz
zu weitgreifenden großstaatlichen und politischen Aufgaben, während
ihr die Wiedergeburt eines ganzen Volkes fernlag, während sie ihren
Antrieb und Auftrieb aus den rein menschlichen und individuellen
Kräften, aus einer inneren Verfassung der einzelnen Persönlichkeiten
gewann, zeigt die klassisch-romantische Renaissance in Deutschland
ein anderes Gesicht. Sie stammt aus einem einzigartigen Zusammen-
treffen der «Bildung» und des «Geistes» mit einer Bewegung, die das
gesamte staatlich-politische Leben der Deutschen und eine Revision
ihrer Geschichte, eine Wiedergutmachung ihres bisherigen Schicksals
anging. Hatte sich der Aufstieg der deutschen Literatur aus der Ver-
sunkenheit der Zeit des Dreißigjährigen Krieges bis zum Sturm und
Drang ohne die organische Verbindung mit einem geschlossenen staat-
lich-völkischen Gemeinwesen vollzogen, hatten die Notwendigkeiten
staatlich-politischerWirklichkeit diesen Aufstieg weder veranlaßt noch
gefördert, wenn man von der Bedeutung absieht, die die Erscheinung
Friedrichs des Großen für einen gewissen Bereich dieser Literatur ge-
wann- jetzt strömte diese Entwicklung, die aus den inneren Bedürf-
nissen einer dichterisch-sittlichen Erhebung des einzelnen Menschen
gekommen war, in die Erfassung der unabweisbaren Tatsachenwelt
ein, die aus der politisch-kriegerischen und revolutionären Umgestal-

553
KLASSISCH-ROMANTISCHE «RENAISSANCE»

tung Europas und aus den Fragen nach dem deutschen Wege und Ziele
innerhalb dieser kreisenden Zustände aufgestiegen war. Wie sehr die
klassisch-romantische Literatur bis in ihre tiefstenSchichten von dieser
Zeitsituation bestimmt wurde, hat das erste Kapitel dieses Buches zu
zeigen gesucht. Das Bezeichnende war: vom «Ästhetischen» her ge-
langte man auf die Ebene des ungeheuren Zeitgeschehens, vom
«Ästhetischen» her suchte man sich mit ihm auseinanderzusetzen -
nicht es zu überwinden oder es vergessen zu machen. «Der Zustand
der ästhetischen Bildung unseres gegenwärtigen Zeitalters war es, der
uns aufforderte, die ganze Vergangenheit zu überschauen», sagt Fried-
rich Schlegel1797 in seinem Werk «Die Griechen und Römer». Und
Schiller schreibt am 7. Juli 1797 an Goethe: «Möchte es doch einmal
einer wagen, den Begriff und selbst das Wort Schönheit, an welches
einmal alle jene falschen Begriffe unzertrennlich geknüpft sind, aus
dem Umlauf zu bringen und, wie billig, die Wahrheit in ihrem voll-
ständigen Sinne an seine Stelle zu setzen.» Im folgenden Jahre heißt
es dann (18.Mai 1798): «Es ist ebenso unmöglich als undankbar für
den Dichter, wenn er seinen vaterländischen Boden ganz verlassen und
sich seiner Zeit wirklich entgegensetzen soll.» Jean Paul aber meinte
(an Knebel, 5.August 1796): «Jetzt indeß braucht man Tyrtäus mehr
als einen Properz »-die Äußerung Wilhelm Schlegels in seinem Briefe
an Fouque vom 12. März 1806 gleichsam vorwegnehmend.
Die Klassik Goethes und Schillers war ein in.sich geschlossenes Ge-
bilde. Sie war gegründet, wie Schiller sagte, auf «wechselseitige Per-
fektibilität», oder, wie Goethe meinte, auf Ergänzung. Sie sollte, so
erkannte schon Gervinus, die Gegensätze in sich nicht lösen und
schmelzen, sondern sie betrachtete sie als die getrennten Hälften der
totalen menschlichen Natur, die nur in der Idee existiert. Dieser
«Tausch der Naturen» führte bis zur «Täuschung für andere» - so
nahe berührten sich schließlich ihre Denkarten und ihre Stile. So war
es in den «Xenien», so war es mit dem einen und anderen Beitrag
in den «Horen», wobei Schiller zugeschrieben wurde was Goethe,
Goethe was Schiller gehörte. Es lag eine feste Hülle um das «Klas-
sische»: im Weimar-Jenaer Kreise um Goethe und Schiller herrschte
gegen das Ende des Jahrhunderts eine gewisse Gleichförmigkeit der

554
SEITENGÄNGER DER KLASSIK

Haltung, die es z.B. möglich machte, daß Friedrich Schlegel die «Agnes
von Lilien» der Caroline von Wolzogen für ein Werk Goethes halten
konnte, ja daß selbst der «Rinaldo Rinaldini» von Vulpius in Stil und
Sprache ein Streben nach «Klassizität» deutlich werden läßt. Es mag
auch zutreffend sein, was Moeller van den Bruck hervorgehoben hat:
daß zwischen dem alsbald in Erscheinung tretenden politischen Willen
Preußens und klassischem Stil, klassischer Weltanschauung ein Zu-
sammenhang besteht, insofern als beide Haltungen auf straffe Einheit
und Organisation gerichtet sind. Nach der Mitte, die durch Goethes
und Schillers gemeinsames Werk gebildet wird, sind die übrigen Per-
sönlichkeiten hingewandt, die als ihre Anhänger oder Gefolgsleute,
als Vermittler oder Fortsetzer in ihren Strahlenkreis traten. Da war
HeinrichMeyer, dessen auf der Linie Winckelmann-Goethe früher ge-
dacht worden ist. Da war Schillers Freund Christian Gottfried Körner,
der, nachdem seine im brieflichen Austausch mit dem Freunde er-
örterte Kunstlehre vielfach eigene Wege von Kant aus gegangen war,
schließlich in Schillers «Ästhetischen Briefen» ein für ihn maßgeben-
des System fand und als den Zweck der Kunst die «lebendige Ge-
stalt» ansprach, mit der Stoff- und Formtrieb gleichmäßig befriedigt
werden. Seine selbständige Bedeutung im klassischen Kreise besteht
darin, daß er allein der Musik ein systematisches Interesse gewidmet
hat. Das bezeugen seine an August Wilhelm Schlegels Horenaufsatz
über «Poesie, Silbenmaß und Sprache» angeknüpften Gedanken, das
ein anderer Horenaufsatz «Über Charakterdarstellung in der Musik»,
worin als ihr Ausdruckswille die Bewegung in gegebenen Verhältnissen,
Bewegung ohne Raumbeziehung, «Bewegung ohne Gestalt» erkannt
wird. «Charakter» aber kann in ihr dargestellt werden durch Art und
Abstufung der «Bewegung». Als das Gegenstück zu diesem Aufsatz
Körners können die Goetheschen Anmerkungen zu «Rameaus Neffe»
gelten, denen die sinnschwere Scheidung einer nordischen und einer
südländischen Musikauffassung verdankt wird: die nordische - und
das ist die Art Körners -bringt die Musik in Verbindung mit Verstand,
Empfindung, Leidenschaft; die südländische genießt sie mit den
Sinnen. Da war Wilhelm von Humboldt, der Schillers ästhetische
Untersuchungen aus seinem eigenen, oft verfließenden und leicht be-

555
ANDERE MöGLICHKEITEN

stimmbaren Gedankenreichtum heraus weiterzuführen suchte und in


diesem Raume das Problem der Versöhnung des griechischen und des
deutschen Geistes in die Mitte stellte. Schrieb er dem deutschen Na-
tionalcharakter vor allem die Fähigkeit zu, die Brücke zwischen der
antiken und der modernen Welt herzustellen und sich so zu einer
«wahrhaft idealischen Veredlung zu steigern», so wurde jedoch bereits
früher darauf hingewiesen, wie sehr er gleichzeitig in der Gegenwart
stand und der sowohl nationalerzieherischen wie weltbürgerlichen
Aufgaben sich bewußt war, die sie stellte. Seine Gedankenbildungen
um Griechentum und Deutschtum haben lange für den Inbegriff des
von Winckelmann begonnenen Griechenmythus gegolten, weil er -
preußischer Reformer, Diplomat und Beamter und von jenem real-
politischen Tätigkeitsdrang, der den rechten preußischen «Junker»
kennzeichnet - diesen Mythus vom Himmel auf die Erde führte und
erziehungspolitisch zu verwirklichen vermochte.
Aber die Geschlossenheit und Rundheit der Weimarer Klassik und
die Einmaligkeit, wenn nicht Einseitigkeit ihrer Grundpositionen
(so wenigstens mochte sie den Zeitgenossen und den Folgenden er-
scheinen) hat auch den Widerspruch gegen sie entfesselt und deutlich
gemacht, wie sehr sie um 1800 nur eine Möglichkeit der Steigerung
des deutschen Geistes war, wie sehr sie das Ergebnis jenes schicksal-
haften Zusammentreffens zwischen dem Schwaben und dem Franken
war, das sich in Thüringen, im Lande der deutschen Mitte, vollzog;
wie sehr neben ihr eine Fülle von Kräften sich regte, die gleichfalls
denkerische und dichterische Möglichkeiten einer auf Ganzheit und
Universalität gehenden Ausbildung des nationalen Geistes in sich bar-
gen. Da war vor allem Herder und sein Haus in Weimar. Es wurde
nach seinem Zerwürfnis mit Goethe der Anziehungspunkt für alle
« antiklassischen » Tendenzen. Wie immer bei ihm wurde sein Ver-
halten auch hier durch persönliche Reizbarkeit und Stimmung, durch
ferstimmung gegen Hof, Gesellschaft, Kirche, Schule Weimars, durch
das Gefühl eigenen Zurückgesetztseins oder durch nicht befriedigtes
Geltungsbedürfnis mitbestimmt. Doch von solchen Antrieben abge-
sehen, die nun einmal von der Struktur seiner Persönlichkeit unzer-
trennlich waren: die spätere sachliche Frontstellung Herders gegen die

336
HERDER GEGEN DIE «KLASSIK»

Klassik bedeutet vielleicht noch mehr einen Bruch in unserer neueren


geistigen Entwicklung als alles, was von dem Gegensatze der Roman-
tik gegen die Klassik geschrieben wurde.
Die Herdersehe Gegnerschaft gegen die Klassik bezieht sich einmal
auf das Gebiet der Erkenntnislehre. Hier wirkt sich seine Polemik
gegen Kant aus. Es gibt bei Herder für das «Sein» keine Trennung
Empirie und Transzendenz. «Sein» ist für ihn «Dasein». «Sein»,
so heißt es in der «Metakritik», «ist der Grund aller Erkenntnis.Wo
nichts ist, erkennet nichts und wird nichts erkannt; darüber kann
nicht philosophiert werden ... Dies Sein offenbart sich durch Kraft.»
Mit solchem immer noch auf seine « Kräftelehre » zurückgehenden
Verwerfen des apriorisch-spekulativen Denkens richtet sich Herder
viel mehr gegen Schiller als gegen Goethes Weltauffassung, wobei er
freilich auch gegen Schiller auf dem Herzen haben mochte, was er an
Kant auszusetzen hatte. Etwas anderes aber betraf beide «Klassiker»:
der Unterschied des religiös bestimmten Herdersehen Weltbildes von
ihrem angeblichen «Heidentum». Dies religiöse Weltbild Herders wird
zutreffend als die Zusammenfassung wesentlicher Meinungen der christ-
lichen, aufklärerischen und irrationalistischen Richtung erkannt.Wie
immer Herder im Laufe seiner Entwicklung den Widerspruchzwischen
transzendenter und immanenter Gottesvorstellung in sich gelöst haben
mochte, die Aufnahme und Bejahung der religiösen Wahrheiten war
für ihn eine Voraussetzung der menschlichen Freiheit und Autonomie.
Der Gegensatz zu Goethe insbesondere mußte sich verschärfen, je häu-
figer Herder sich auf den Boden eines positiven, ja orthodoxen Chri-
stentums stellte und dieser Haltung auch auf dem Gebiete der Sittlich-
keit und in der Beurteilung der Sittlichkeit anderer Ausdruck gab.
Endlich die Gegensätze auf dem Gebiete der Ästhetik und der Dich-
tung: Herders Ästhetik schloß das «Gute» und «Wahre » in das
«Schöne» ein: «Die Guten aller Zeiten bestreben sich, das Schöne als
eine Darstellung des Wahren und Guten anschaubar zu machen und
durch seinen Reiz das Rein-Sittliche zu fördern; und wir strecken eine
kalte eiserne Hand aus, was die Natur in uns zart verschlungen hat,
unerbittlich zu trennen.» So in der «Kalligone». Hatte die Klassik mit
Kant jede Beziehung der Kunst auf Zweck oder Nutzen ausgeschlossen,

22 Schnitz, Klassik und Romantik, Bd.II 557


HERDERS KRITIK

so will Herder sie mit beidem wieder in Verbindung bringen. Aber auch
in den unmittelbaren Dienst der Tagesinteressen soll sie sich stellen:
auch eine solche direkte Verbindung der Poesie mit den öffentlichen
Angelegenheiten lag nicht im Willen der Klassik. «Mich», so schrieb
er an Gleim am 22.Mai 1792, «interessiert die Stimme der Muse sehr,
wenn sie über die acta et facta der Welt, von denen Wohl und Wehe
abhängt, laut zu reden oder zu singen wagt und sich in das Pauken-
und Trommelgetön, in die Torheit und Weisheit öffentlicherVerhand-
lungen mischt. Ach aber wie furchtsam, vvie zurückhaltend muß sie
noch immer sein.» Für ihn sind jetzt Genie und Charakter auch auf
dem Gebiete der Dichtung und Kunst unzertrennlich, wie sie es für
die Aufklärung gewesen waren. Und das Gesetz eines jeden Handeins
wird ihm durch die Hebung der Glückseligkeit aller bestimmt. Seine
offene und versteckte Krittelei und Nörgelei an allem und jedem, was
die Klassik hervorbrachte, sei es Ästhetik, Dichtung, Drama, Theater,
seine Eifersucht und Verbitterung gehen so weit, daß er auf eine
frühere Generationsstufe zurückfallen und die Dichter der abgelau-
fenen Epoche, des dem Sturm und Drang voraufliegenden Zeitalters
der deutschen Literatur, die Uz, Gleim, Haller, Kleist gegen die «neu-
modigen Musen» hervorkehren konnte. Wahrlich, es werden Seiten
eines Allzumenschlichen an ihm sichtbar, die kaum noch etwas mit
der eigentlichen Geistesgeschichte zu tun haben. Doch neben diesen
Rückfällen Herders ins Vergaugene und Orthodoxe gibt es in dieser
seiner Stellung gegen die Weimarer Klassik Werte, die in der Tat ihre
Eigenberechtigung beanspruchen können und uns bedauern lassen,
daß nicht der Bund zwischen den Dreien: Goethe, Schiller, Herder
sich schloß, wodurch der Ausdruck unseres Geistes am Ende des 18.Jahr-
hunderts erst vollständig geworden wäre. Diese Werte Herders bestan-
den in seiner organistischen Geschichtsauffassung, in seiner Erkennt-
nis des Volkstums, insbesondere des germanischen und deutschen Volks-
tums, in seinem ständigen Achten auf Wesen und Bedeutung der
Sprache und des Sprechens, endlich in dem geistigen Typus, den eben
er darstellt: das ist die «offene», gelockerte, die Dinge nicht hart und
eindeutig, sondern weich und schmiegsam, oft stimmunghaft und
schwingend umfassende Art seines Sagens und Sichgebens. Und diese

538
HERDER UND JEAN PAUL

Art bricht auch in der Spätzeit durch alle herben und rückständig er-
scheinenden Äußerungen hindurch. Vielleicht hätte eine solche Syn-
these Goethe-Schiller-Herder den Inhalt jener gesamten Bewegung in
sich beschließen, ja vorwegnehmen können, die später Romantik ge-
nannt wurde.
Ihr Liebling und vielfacher dichterischer Anreger war ja Jean Paul,
der zum antiklassischen Kreise Herders in Weimar gerechnet wurde.
Bei seinen- zu späten -Aufenthalten in Weimar 1796 und 1798/99
konnte er das rechte Verhältnis zu Goethe und Schiller trotz seines
oft hell aufblitzenden Verständnisses für sie nicht finden. Ihnen beiden
aber ging das Organ für den Dichter und Menschen Jean Paul ab,
wenn er auch in Schillers Abhandlung «Über naive und sentimen-
talische Dichtung» seinen Platz als Vertreter der «sentimentalischen
Idylle» vollberechtigt hätte einnehmen können. Goethe aber konnte
seinen Widerwillen gegen Jean Paul ebensowenig überwinden wie
gegen Heinrich von Kleist. Seine Äußerung etwa von 1814: so oft
er ein paar Seiten von Jean Paul lese, überkomme ihn ein Ekel und
er müsse das Buch weglegen, hat Schopenhauer, zu dem sie getan
worden war, in den «Parerga und Paralipomena» doppelseitig dahin
kommentiert, daß sich Goethe zuJean Paul verhalte «wie der positive
Pol zum negativen», oder daß Jean Pauls schwache Seite sei, «worin
Goethe groß ist und vice versa». Der Gegensatz des «Titan», der
mannigfach an Weimarer Modelle angelehnt erscheint, zu «Wilhelm
Meister» ist freilich nach Weltschau und Form fast unüberbrückbar,
es sei denn, daß man unter dem Kennwort «Bildungsroman» auch im
Letzten wesensverschiedene Werke zusammenzufassen geneigt ist.
Wohl soll in «Titan» der sich titanisch übersteigernde Subjektivismus
einem ausgeglichenen Menschentum entgegengestellt werden. Aber
sehr fein wurde erkannt, daß es sich bei «Titan» um eine Abart der
erzählenden Kunst handelt; daß Eingebung, Plan und Bau des «Titan»
von Anfang an dramatisch und kaum mit den Regeln und Begriffen
des Romans zu fassen sind. Friedrich Schlegel schreibt im Mai 1800
über Jean Paul: «Mit uns müßte er noch wieder jung werden können.»
Doch ob «Romantik», ob «Klassik», jede dieser beiden Einordnungen
versagt an Jean Paul, wie sie an Hölderlin und Kleist versagt; das

22* 559
JEAN PAULS LEBENSGEFÜHL

innerlich und äußerlich Vergesellschaftende, was mit beiden Begriffen


und geschichtlichen Erscheinungen verbunden ist, hat auf alle Drei
keine Wirkung ausüben können. Jean Paul wußte wohl, «wie sehr
meine Weltkenntnisse und Einsichten in Weimar zunehmen» und hat
das in seiner «Vorschule der Ästhetik» bewiesen. Doch weder der
klassische noch der romantische Kreis vermochte ihn in sich aufzu-
nehmen, und nur zu dem ebenso einzigen und einsamen Herder fand
er den Weg. Nicht so sehr bestimmte geistige Positionen waren ihm
mit Herder gemeinsam, etwa Irrationalismus, Moralismus, Antikan-
tianismus: ihr Lebensgefühl verband sie und brachte sie zu der
vermeintlichen Unzulänglichkeit, Kälte und Starrheit der Klassik in
Gegensatz. Vielleicht ist die Mitte des Jean Paulschen Wesens am deut-
lichsten von einem so klugen Menschenbeobachter wie Varnhagen im
Jahre 1808 bezeichnet worden: «Nirgends trat Schärfe hervor, nir-
gends ein Vorstellenwollen . . . überall Milde, überall freies Walten
seiner nicht scharfumgrenzten Natur. Überall offene Bahn für ihn und
hundert Übergänge aus einer in die andere, mit völlig unbekümmer-
tem Darstellen seiner selbst.» Es ist diese natürliche Gegebenheit,
diese nur sich selbst als Maßstab und Gesetz anerkennende Autarkie,
dies Fernbleiben einer von außen vorgeschriebenen Haltung, was der
Persönlichkeit Jean Pauls und seiner schriftstellerischen Art gleicher-
maßen eigen ist. Dies ist ebenso entfernt von der programmatischen
Regellosigkeit, dem bewußten Aufbegehren gegen jeden Zwang und
dem absichtsvollen Pochen auf die Rechte der Persönlichkeit in der
Geniezeit wie von der durch Form und Maß gebändigten, in ein sitt-
lich-ästhetisches System eingefügten Haltung der Klassik. Aber es war
das, wodurch er mit Herders Person und Schriftstellerturn innerliehst
verbunden wurde- diese aus dem Kerne ihrer Geistigkeit heraus sich
ergebende systemlose Unmittelbarkeit, dies weich und zwanglos Rin-
nende ihrer schriftstellerischen Art, dies Selbstseinwollen und Selbst-
seinkönnen ohne Dazwischentreten irgendwelcher normativer Be-
helfe. Es war dies, was ihn mit der Romantik in Deutschland sich be-
rühren ließ, zumal mit den jüngeren Gruppen dieser Bewegung. Ihr
ist- man denke an die umfassende und blühende Würdigung seiner
Schriften durch Görres im Jahre 1811 - seine Dichtung eine Ein-

54·0
KAMPF GEGEN WEIMAR

gegebenheit, deren Geheimnis nur im Bilde des Mythus von der


Herabkunft der Kunst gedeutet werden könne. In dieser scientia in-
fusa, in diesem Sichauftun eines « Seinsgrundes » liegt dieser Gene-
ration auch das Geheimnisvolle der Wirkung Jean Pauls. Dies Sein
war nicht Primitivität, aber es war naturhaft und instinktiv in der
Fülle des Geistes wie in der Fülle des Herzens; aber auch in der wie
eine Naturkraft wirkenden Fähigkeit, Stoff aus der Umwelt in un-
geheuerlichem Ausmaße zu ergreifen und zu verarbeiten. Und dies
lebendige Sein war von Natur aus sittlich und war auch von Natur
aus ästhetisch. Oder vielmehr: war jenseits und über diesen Begriffs-
bildungen. «Was wir unter dem wahren Geschmack verstehen», sagt
Görres als der Wortführer der jüngeren Romantik im Hinblick auf
Jean Paul, «ist ein weit Höheres als dies ästhetische Kartenspiel, es ist
der sichere innere Takt, es ist der zarte berührsame Nervengeist, das
sichere unbetrügliche Gefühl des Rechten und Schicklichen und Schö-
nen, kurz das ästhetische Gewissen, das ohne Regel für sich selbst
schaffend Gesetze gibt, wie das Moralische die Tugend realisiert un-
mittelbar ohne Canon, und das Philosophische die Wahrheit ohne
Logik» ... Dieses naturgegebene Bestehen auf sich selbst bedang sei-
nen sogenannten Subjektivismus, es bedang aber auch seine mit der
Romantik zusammenstimmende «Universalität»: das Ergreifen der
gesamten Erscheinungswelt von dem Pole aus, der in ihm selber lag.
Mit der «Herderschen Front» ist die Gegnerschaft gegen die Wei-
marer Klassik nicht erschöpft, auch abgesehen von der Entfesselung
alles Wehgeschreies durch die «Xenien». Aufklärer alten Schlages,
Orthodoxe protestantischer, aber auch katholischer Richtung, wie
Friedrich Leopold von Stolberg, politische Gegner wie der Berliner
Kapellmeister Johann Friedrich Reichardt, Ludwig Tiecks späterer
Schwager, der Komponist der Musik zu Goethescher und Schiller-
scher Dichtung, er, der mit seiner Zeitschrift «Frankreich» ( 1795/
1802) und «Deutschland» ( 1796) und mit seinem «Lyzeum der schö-
nen Künste» (wo sich Friedrich Schlegel seine ersten antischillerischen
Lorbeeren verdiente) ein Wortführer des revolutionären Geistes in
Deutschland wurde und auf den klassischen Willen zur Ordnung und
Stetigkeit traf, kleine sich zurückgesetzt fühlende literarische Ge-

541
GEORG FüRSTER ALS UNZEITGEMÄSSER

schäftemacherwie Garlieb Merkel und große Betriebsame wie August


von Kotzebue standen zusammen, um den klassischen Gipfel abzu-
tragen.
Auch ohne direkte Gegnerschaft nach der einen oder anderen Seite
war Georg Forster ein Mann für sich, einer der «Unzeitgemäßen»,
dieser «erste Europäer deutscher Zunge», wie man ihn genannt hat.
Auch er kann, wie Jean Paul, wie Hölderlin, wie Kleist, weder unter
der Kategorie der «Klassik» noch unter der der «Romantik» erschöpft
oder auch nur umfaßt werden. Doch alles Weltoffene, was in Deutsch-
land der Romantik verdankt wird, wenn man sie in ihrem ganzen Um-
fange sieht, ist bei ihm vorgebildet. Daher wäre es zu eng, wenn man
ihn nur dem Kunstdenken und Kunstfühlen der Romantik vorangehen
ließe. Seine «Ansichten vom Niederrhein, von Brabant, Flandern,
Holland, England und Frankreich» ( 1791/94) haben vor den Brüdern
Boisseree die altdeutsche, altflämische, altniederländische Malerei und
die rheinische Gotik gefeiert; sie haben die Wackenroder, Tieck, No-
valis, Zacharias Werner, vor allem Friedrich Schlegel nach sich ge-
zogen. Doch hier, wie in anderen Werken Forsters, vor allem in der Be-
schreibung der in Gemeinschaft mit seinem Vater J. R. Forster und
mit Cook unternommenen Weltreise (deutsch 1777/80) behauptet die-
ser unter den Deutschen immer noch zu wenig bekannte und ge-
schätzte Schriftsteller als solcher seinen besonderen Platz im ausgehen-
den 18.Jahrhundert. Und welch ein Schriftsteller! Was immer seine
Gegenstände sind, ob Kunst, Natur, Landschaft, Politik, Wirtschaft,
Menschentum, immer ist jede Lehrhaftigkeit fern, immer ist alles in
das Licht einer fesselnden Allgemeinverständlichkeit und in den ma-
gischen Kreis des «Wesentlichen» gerückt. Das hat nichts mehr zu tun
mit einer aufklärerischen Popularisierung der Dinge für den gesunden
Menschenverstand, sondern ist die freieste und beweglichste geistige
Kräfteübung eines vielerfahrenen, vielherumgekommenen Mannes,
der zu sehen und zu schreiben weiß, wie nur einer, aber seinem Tem-
peramente die Zügel anzulegen versucht, deren Handhabung er dem
ihm verliehenen, allseitig eindringenden Tiefblick verdankt. Wissen-
schaftliche Ansichten, so sagt er im ersten Bande der «Ansichten vom
Niederrhein», müssen «eine Seite haben, an der sie auch eine weniger

542
FüRSTER UND DIE RoMANTIK

vorbereitete Wißbegierde befriedigen können. Es kommt eines Teils


nur darauf an, diese allgemein interessierende Seite herauszukehren;
und andern Teils müßte der Zuhörer nur eine gewisse Tätigkeit der
eigenen Geisteskräfte und einen richtigen Sinn besitzen, um über-
haupt alles Neue, sobald es nicht in Kunstwörtern verborgen bleibt,
unterhaltend, richtig und anwendbar zu finden. Je reicher die Ausbil-
dung unseres Zeitalters, je größer die Anzahl unserer Begriffe, je er-
lesener ihre Auswahl ist, desto umfassender wird unser Denk- und
Wirkungskreis, desto vielfältiger und anziehender werden die Verhält-
nisse zwischen uns und allem was uns umgibt». Dieser 1754 geborene
Vertreter des englischen Commonsense in Deutschland, väterlicher-
seits einer schottischen Adelsfamilie entstammend, die v1egen ihres
protestantischen Bekenntnisses und ihrer Opposition gegen das König-
tum geflüchtet war, hätte nach seinem Formate als Publizist den der
Öffentlichkeit zugewandten Erscheinungen der folgenden Epoche, wie
Adam Müller, Gentz, Arndt, Görres, zur Seite treten können, wäre ihm
nicht der Sinn für deutsches Volkstum in einem beklagenswerten
Maße abgegangen. Sein immer stürmisch vorwärtsdrängendes Tem-
perament, das an der französischen revolutionären Sache den rech-
ten Brennstoff fand, ließ ihn zum Mainzer Revolutionsmann werden
und führte ihn nach Paris, wo ihm der Tod ein Erlöser von seinem
ruhelosen und unausgelebten Dasein wurde, das den Weltumsegler
später zwischen Rußland, England, Frankreich hin- und hergeworfen
und in Deutschland weder in Kassel noch in Göttingen noch schließ-
lich im revolutionären Mainz, weder in Wilna noch in Wien zu reifer
und ausgetragener Arbeit hatte kommen lassen. Kunstforscher, Natur-
forscher, Nationalökonom, politischer Publizist und Eiferer, der er
war, ist er im vagen Sinne eine «romantische Natur» durch die Un-
vollendung, durch das Unabgeschlossene, Blütenhafte, Fragmentari-
sche seiner Schriftstellerei, die überall aber Ausdruck und Funktion
seiner lebendigen Persönlichkeit ist. So erklärt es sich, daß der junge
Friedrich Schlegel ihm 1797 jene Charakteristik widmete, die ebenso
aufschlußreich und unüberholt für Forster selbst ist (trotzdem auch
manche Spätere nicht müde wurden, ihn gegen Verkennungen in
Schutz zu nehmen, wie etwa Gervinus, der 1843 zuerst Forsters Werke

343
FüRSTER ALS «GESELLSCHAFTLICHER SCHRIFTSTELLER»

herausgab), als sie ein vielsagendes Manifest der frühromantischen


Fähigkeit universellen Verstehensund aufs Ganze gehender Aufnahme-
fähigkeit ist. «Fragment einer Charakteristik der deutschen Klassiker»
nennt sich dieser Aufsatz und stellt sich damit den Goetheschen Aus-
führungen über «Literarischen Sansculottismus » zur Seite. Ein solcher
«klassischer Prosaschriftsteller »- klassisch hier im Sinne des Maßge b-
lichen und Vorbildhaften - ist ihm Forster. Denn, wenn wir «unter
klassischen Schriften einer Nation nur solche verstehen, die in irgend
einer nachahmungswürdigen Eigenschaft noch nicht übertroffen sind,
bis dahin also Urbilder bleiben sollen: so haben die Deutschen deren
so gut, wie die übrigen gebildeten Völker Europas». Das wahrhaft
Großartige und beinahe Erhabene seiner Schriften erklärt sich nach
Friedrich Schlegel aus dem Weitumfassenden seines Geistes; aus dem
Nehmen aller Gegenstände im großen und ganzen: «nur freilich nicht
für diejenigen, welche das Erhabene allein in heroischen Phrasen er-
blicken können». «Stelzen», heißt es, «liebte Forster nicht, brauchte
sie auch nicht. Er schreibt, wie man in der edelsten, geistreichsten und
feinsten Gesellschaft am besten spricht» -kurz Forsterist dem jungen
Friedrich Schlegel das unerreichte Vorbild eines «gesellschaftlichen
Schriftstellers». Damit ist das Stichwort gefallen. Ein gesellschaftlicher
Schriftsteller rechten Sinnes ist er durch die Haltung seiner zahlreichen
und vielseitigen Schriften: durch die «echte Sittlichkeit, welche sie
atmen». Denn: «Viele deutsche Schriften handeln von der Sittlich-
keit: wenige sind sittlich»- sittlich durch «das seltene Übermaß sitt-
licher Reizbarkeit». Daß es in diesemZusammenhangenich t an einem
Ausfalle gegen Kaut fehlen kann, versteht sich aus der damaligen Posi-
tion Friedrich Schlegels. Doch davon abgesehen: man steht in scheuer
Bewunderung vor dieser die feinsten Nerven eines Autors und Men-
schen aufspürenden Schilderung Forsters. Und mehr: alles, was den
Inbegriff der Frühromantik als geistig- öffentliche Erscheinung aus-
macht, ihre letzten Wünsche und Absichten, ihre Selbsterkenntnis wie
die Rechtfertigung ihrer Schwächen, alles dies kommt in der Kenn-
zeichnung Forsters als eines «gesellschaftlichen Schriftstellers» zum
Ausdruck. Klarer sieht sie sich durch ihren Sprachführer Friedrich
Schlegel hier als etwa in dem abstrakten und forcierten 116. Athe-

344
FüRSTER ALS ROMANTISCHER IDEALTYP

näumsfragment, das den neuen Begriff einer geforderten «romanti-


schen Poesie» entwickelt. Und fast die ganze romantische Lebens-
anschauung und die Art, sie auszudrücken, ließe sich mit den Sätzen
Friedrich Schlegels umfassen, die so leidenschaftlich Forsters Univer-
salität rechtfertigen und begründen: «Für ein Lehrgebäude mag die
gänzliche Freiheit auch von den geringsten Widersprüchen die wesent-
lichste Haupttugend sein. An dem einzelnen ganzen Menschen aber
im handelnden und gesellschaftlichen Leben entspringt diese Gleich-
förmigkeit und Unveränderlichkeit der Ansichten in den meisten Fäl-
len nur aus blinder Einseitigkeit und Starrsinn, oder wohl gar aus
gänzlichem Mangel an eigener freier Meinung und Wahrnehmung.
Ein Widerspruch vernichtet das System; unzählige machen den Philo-
sophen dieses erhabenen Namens nicht unwürdig, wenn er es nicht
ohnehin ist. Widersprüche können sogar Kennzeichen aufrichtiger
Wahrheitsliebe sein.» Es ist eine jener Stellen, in denen Friedrich
Schlegel offensichtlich seine eigene Art, die sich hier in Forster spiegelt,
rechtfertigt. Forster stellte einen romantischen Idealtyp dar, weil er
Kunstschriftsteller, Naturwissenschaftler, Politiker, Reiseschriftstell er,
Künstler der Gesprächsform, Aphoristiker zugleich ist. Aber er ist der
Romantik auch teuer, weil das Naturgefühl in ihm tief und lebendig
war, weil seine leichten «gesellschaftlichen» Werke an «die zarten
Gewebe der Sokratischen Muse» erinnern, und weil er schließlich ein
«Genie» ist, wie es nach dem romantischen Dichterbegriff sein soll:
«wo alles lebt, und auch im kleinsten Gliede der ganze Urheber sicht-
bar wird»; denn «Genie ist Geist, lebendige Einheit der verschiede-
nen natürlichen, künstlichen und freien Bildungsbestandteile einer
bestimmten Art», unter dem beseelenden Hauche des eingeborenen
«Enthusiasmus». So steht man mit dieser hinreißenden Apologie für
Forster mitten in der romantischen Selbstdiagnose. Dieser für das
Deutschland des ausgehenden 18. Jahrhunderts so ungewöhnliche,
über Romantik und Junges Deutschland in das 19. und 20.Jahrhun-
dert hinausweisende Schriftsteller wurde ein Prototyp des romanti-
schen Menschen und der romantischen Schriftstellerart. Nochmals: das
Ganze seines Wesens, wie es die Romantik erfaßte, ist mehr, als daß er
ein den romantischen Entdeckungen vorgreifender Kunstschriftsteller

345
FORSTER ALS MENSCH

war; als daß er- der erste deutsche Übersetzer eines indischen Dramas
(«Sakuntala») -den indischen Studien Friedrich undAugustWilhelm
Schlegels vorgefühlt hat; als daß er - der Träger einer begeisterten
Kunde von der Südsee, der Entdecker Tahitis in der deutschen Litera-
tur- der Südseebeschreibung und Südseedichtung Chamissos und der
Südseesehnsucht seines Peter Schlemihl vorangeht; als daß er durch
seine glühenden Beschreibungen die romantische Phantasie um das
Bild der «glückseligen Insel» oder der «Insel der Seligen>> vermehren
und eine «Hüttenromantib> befördern half, die eine «otaheitische
Hütte>>, einen «otaheitischen Pavillon» ihrer idyllischen Landschaft
und idyllischen Siedelei hinzufügte -wovon Dorothea Schlegels '« Flo-
rentin » schwärmt und Ludwig Tieck in den Gartengesprächen des
ersten Teils seines «Phantasus » reden läßt. Alexander von Humboldt
hat in der Einleitung zum zweiten Bande seines «Kosmos» bezeugt,
daß Forsters Schilderungen der Südseeinseln «einer unvertilgbaren
Sehnsucht nach der Tropengegend den ersten Anstoß gaben», wie
denn die Brüder Humboldt in manchem Forsters Erbe antraten: Wil-
helm dadurch, daß er Anregungen Forsters in seinen eigenen ästheti-
schen, literarischen und politischen Abhandlungen verarbeitete;Alex-
ander von Humboldt, der Forster an den Niederrhein und nach Eng-
land begleitet hatte, dadurch, daß er ihm die schriftstellerische Kunst
absah und Forsters Natur-, Länder- und Völkerkunde weiterführte.
Über alles das hinaus aber blieb in der frühromantischen Gesellschaft
Forsters Persönlichkeit nach seinem frühen Tode ( 1794) lebendig. Denn
man fühlt dem Aufsatz Friedrich Schlegels an, daß nicht die bloß
literarische Begegnung mit ihm ihn gezeitigt hat, daß vielmehr ein
lebendiges Medium vorhanden gewesen sein muß, das die mensch-
liche Berührung mit Forster hergestellt hat. Dies Medium war Caroline
Schlegel, von der Friedrich auch hier angeglüht worden ist. Denn
während der Zeit ihrer Mainzer Wirren, seit 1792, stand die «Bürgerin
Böhmer>> dem ebenso vom revolutionären Strudel erfaßten Forster in
seinen ehelichen und sonstigen menschlichen Schwierigkeiten zur Seite.
Und wenn sie die Schwächen seines Charakters auch durchschaute, so
schreibt sie doch: «Er ist derwunderbarste Mann-ich hab nie jeman-
den so geliebt, so bewundert und dann wieder so gering geschätzt.»

546
ROMANTISCHE LEBENSSTIMMUNG

So ist es in der deutschen Romantik: nicht die abgezogene und lite-


rarisch niedergelegte Geistigkeit, nicht Theorie und Welt- und Kunst-
anschauung oder Dichtung an sich und für sich sagen ihr etwas:
immer muß bei ihr der Mensch auf den Menschen treffen, muß seine
«Lebensstimmung» in die des anderen eingehen können; das «lite-
rarische» Ergebnis solcher «Gemeinschaft» kann dann infolge der
Menge und Vielfalt einzelner Fälle solcher Art als Bekundung einer
romantischen «Gesellschaft» erscheinen; in ihr bleibt Raum genug
für Unterschiede und Spannungen des Denkens.
Mit dieser «Lebensstimmung», die nicht nur die äußere Atmosphäre
der deutschen Romantik, sondern ihr eigentliches Lebenselement aus-
macht, führt diese Darstellung zu ihrem ersten Kapitel zurück. War
dort die Grundlage dieser «Lebensstimmung» in der «Zeitstimmung»
und « Zeitklage » gesucht, aber die Wechselwirkung von Zeitstimmung
und Lebensstimmung immer vorausgesetzt worden; kam es dort dar-
auf an, diese Zeitstimmung darzulegen, das Suchen nach einem wäh-
renden Urgrunde als Gegenerscheinung zu erkennen und die Roman-
tik vor allem in diesem Zusammenhange zu sehen-so bleibt hier eine
andere Aufgabe, die mit der erstgestellten in keinem Widerspruch
steht, sondern sich mit ihr wechselseitig bedingt oder sie ergänzt: näm-
lich an gewissen Knotenpunkten die Inhalte und Formen zu veran-
schaulichen, die, auch abgesehen von der Zeitstimmung, oder neben
ihr, als persönliche, geistes-oder stilgeschichtliche Werte übrig