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Geschichte

des

SOZIALISMUS UND KOMMUNISMUS

von Plato bis zur Gegenwart.

Von

Prof. Dr. GEORG ADLER.

„Sednlo curavi, hnmanas actionos non ridoro, non lugero, noque dotestari, sei intelligere."

Spinoza.

In zwei Teilen,

Erster Teil: Bis zur französischen Revolution.

51

LEIPZIG,

VERLAG VON C. L. HIRSCHFELD.

1899.

Vorwort.

Dafs der Versuch, eine Geschiebte des Sozialismus zum ersteu Male

nach wissenschaftliehen Gesichts] »unkten zu schreiben, ein

\'('rsucb"

bleil)en müTste, war mir von vornherein klar. Wenn ich doch die Arbeit

mit der ich Studien, die mir seit fünfzehn Jahren Herzensbedürfnis

gewesen, teils zusammenfasse, teils erpinze in Anicriff licnommen

habe, so war für mich, aufser der Absicht der Selbstverständigung, die

Anschauung mafsgebend, dafs hier endlich einmal ein Anfang gemacht

werden müsse.

Meiner Darstellung habe ich nur wenige Bemerkungen voraufzu-

schicken. Die Einteilung des Stoffes ergab sich ganz ungezwungen aus

den beiden Entwicklungsphasen, die die sozialistische Idee durchlaufen

hat. In der ersten tritt der Sozialismus wesentlich blofs als Bewegung im Reiche des Geistes auf, als Konsequenz philosophischer und religiöser Spekulationen, und wird danim nur ganz ausnahmsweise das

Ideal weiterer Kreise, in der zweiten Epoche dagegen ergreift die

sozialistische Idee die Massen und wird zum Selbstzweck, wo sie

dann als soziale Philosophie der modernen Arbeiterklasse zur

A^erti'etung ihrer Ansprüche auf wirtschaftliche und politische jMacht dient hier wird das soziaHstische Gesellschaftsideal zum Kitt der blassen

als Illusion, hinter der als Thatsache die heutige Arbeiterfrage steht,

die aber nicht blofs als ökonomisches, sondern im weitesten Sinne

auch als IMac ht- und Herrschafts-, ja als Kultur problem überhaui)t

aufgefafst werden mufs.

Der vorliegende Band hat es nur mit der sozialistischen Bewegung

der ersten Art zu tliun und wird bis an die Schwelle der Zeit geführt,

wo der Sieg der kapitalistischen Produktionsweise eiTungen wird: also in der Technik bis zur Einführung des Fabriksystems, in der politischen Ökonomie bis zui' Einrichtung der bürgerlichen Gesellschaft, die durch

die französische Revolution heraufgeführt wird. Diese selber und die

ihrem Ausbruche unmittelbar vorangehenden litterarischen Kundgebungen

sollen am Eingange des zweiten Bandes auf ihren (iehalt an sozialistischen

Gedanken untersucht werden.

VIII

Vorwort.

Diese Darstellung hat es übrigens nur mit den Völkern unseres

Kulturkreises zu thun, weshalb die sozialistischen Ideen und Thatsachen

in der Entwicklung der indischen und chinesischen sowie der altanieri- kanisehen Völker unberücksichtigt bleiben mufsten. Bibliographische Vollständigkeit habe ich nicht beabsichtigt. Sie

Hand- und Lehrbuch der Staatswissen-

war durch die Einordnung in ein

schaften" wie durch Zweck und Anlage meiner Oeschichtsdarstellung

von vornherein ausgeschlossen.

Im übrigen war es Prinzip, die Autoren, die gewisse wichtige Ge- dankenkomplexe zum ersten ]\Iale vertreten haben, eingehend zu be-

handeln, die anderen dagegen, auch wenn sie in der Litteraturgeschichte

bekannter geworden sind, nur kurz: darum stehen Plato und More im

Mitteli)unkte der Darstellung, und darum war zum lieispiel Meslier wich- tiger als Morelly.

Im voraus weifs ich, dafs in unserer Zeit schroffer sozialpolitischer

Gegensätze die Einen finden Averden, meine Darstellung sei zu objektiv

gehalten. Andere, sie sei subjektiv gefärbt, darum kann ich nur sagen:

,ich schilderte, wie ich sah'.

Berlin, 1. Oktober 1899.

Georg Adler.

INHALTSVERZEICHNIS.

Vonvort

Einleituiii;- : Die BogTiffc Sozinlisiiuis iiiul Koiiimuiiisinns

Erster Teil. Komraunismus und Anarchismus als Eonsequenzen

Süito

\ II

1

philosophischer und religiöser Spekulation

Erstes Biifli. Koiiimunisiniis mikI .Viiarcliismus als Krmsoqiienzt'ii

der etbiscben ReformbcMeguiifj: iin .\ltcrtuiii

1. Kapitel. r>ic soziale Frage im Alteitiun

(>

 

1.

Die Erlialtuiiii- des Banernstandcs

li

2.

Mittelstaii(isi)(>litik und Versorgung' der Massen

l<t

3.

Charakteristik der sozialen Tendenzen und Parteien

IT

2.

Kapitel. Sozialistiselic Ideen in Athen, besondei-s Piatos aristokra-

tiseher Koninninisnuis

10

 

1.

Die Demokratie in Athen und der komisehc Idealstaat der „Ek-

 

klesiazuseu"

19

 

2.

Die Demokratie in Athen und das Gerecbtigkeitsideal der

 

ethischen Eefonnbewegung

23

 

3.

Piatos Idealstaat

30

3.

Kapitel. Kritische Würdigimg des platonischen Kommunismus

37

 

1. Zur Genesis der Politeia

3"

2.

Zur Kritüc der Politeia

42

4.

Kapitel. Zenos idealistischer Anarchismus

46

 

1.

Darstellung und Kritik von Zenos Gesellschaftsideal

46

2.

Sozialistische Romanlitteratur

.51

Zweites Buch. Kommunismus und Anarchismus als Konse-

quenzen religiöser Bewegungen im Altertum

1. Kapitel. Die soziale Frage im alten Israel und das Gottesreich Jesajabs

53

.53

1.

2.

3.

Die Erhaltung des bäuerlichen Mittelstandes

53

Charakteristik der sozialen Tendenzen

60

Das Gottesreich Jesajabs

61

2.

Kapitel. Der asketische Kommunismus der Essäer

 

1.

Doktrin und Gemeinschaftsleben der Essäer

2.

Kritische Würdigung

3.

Kapitel. Komniunistiscbe Stn'hnungen im Urchristentum 1. Das Urchristentum und die materielle Not

2. Die kommunistische Strömung im Urchristentum

4. Kapitel. Der konmiunistische Anarebismus der

1.

Darstellung ihrer Lehre

2.

Würdigiuig ihrer Lehre

Kaiijokratiancr"

.

(i3

6;!

67

6'.J

69

73'

77

77

*^"

Drittes Buch. Kommunismus und Anarchismus als Konse-

quenzen cbristlich-ref ormatorischer Tendenzen

1. Kapitel. Die soziale Frage im Mittelalter

1. Die soziale Frage in der Stadt

2. Die soziale Frage auf dem Lande

Sl

Sl

Sl

S8

2. Kapitel. Kommimismus und Anarchismus als Ideale mittelalterlicher

Mystik

1. Charakteristik der sozialen Tendenzen

2. Die Mystik als Ausgangspunkt kommunistischer und anarchisti-

scher Theoreme

91

91

'!

X

Inhaltsverzeichnis.

3.

Die Katharer

4.

Der Chiliasmus als Wurael komniunistisclier und anarcliistisoher

Ideen

5.

Die Apostoliker

6.

Joachim von Floris und die Brüder vom freien (ieist

3. Kapitel. Der Kommunismus in der Zeit der Bauemkrie<^e

1. John Ball

.

.

.

Seite

96

9S

100

101

113

113

2.

3.

Thomas Miuizer und die kommunistischen Ideen in Deutschland 115

Die kommmiistische Bewegimg ii Thüringen

122

124

124

131

139

4. Kapitel. Der Kommunismus der ^Yiedertäufer

1. Die Lehrmeinungen und die Propaganda der Wiedertäufer

2. Das Reich der Wiedertäufer zu Münster

3. Die Haushaben" der Wiedertäufer in Mähren

Viertes Buch. Kommunismus und Anarchismus als Konse-

quenzen des Lebensideals von Renaissance und Humanismus 144

1. Kapitel. Die soziale Lage Englands beim Anbrach der neuen Zeit 144

1.

Der ökonomische Individualismus und die Austreibmig der Bauern

2.

Arbeitslosigkeit und Bettel

144

149

2. Kapitel. Mores kommunistisches Staatsideal. (Dai-stellimg und kri-

tische Würdigimg)

1.

Mores Weltanschauung

2.

Mores Kritik der politischen und sozialen Zustände

3.

Mores Staatsideal

4.

Kritische Würdigung

löi

151

156

162

171

3. Kapitel. Idealgesellschaften der Renaissance. (Rabelais und Cam-

panellaj

1.

Ral)elais' Orden vom

freien

2.

Campanellas

Sonnenstaat"

Willen"

4. Kapitel. Der christlich -konununistische Staat in Paraguay

1. Die Eim-ichtung des Jesuitenstaates

2.

Des Jesuitenstaates Glück und Ende

.

.

.

ISO

ISO

1S2

188

188

193

Fünftes Buch. Kommunismus und Anarchismus als Konse-

quenzen naturrechtlicher und weltbürgerlicher Ideale

195

1. Kapitel. Volkswirtschaftlicher Fortschritt und gewerbliche Arbeiter-

frage im Zeitalter der Staatsallmaoht

Die Anfänge der kapitalistischen Produktionsweise (Hausindustrie und Mamifakturen)

Die gewerblichen Arbeiterverhältnisse im Zeitalter der Staats- allmacht

2. Kapitel. Kommunistische Ideen im Zeitalter der englischen Kevo-

1.

2.

lutionen

1. Die

Levellers"

2. Die (Tenossenschaftsiirojekte von Plockboy und Beiiei-s .

.

.

195

195

2(»2

-22

222

236

3. Kapitel. Der naturrechtliche Sozialismus in Frankreich: StaatsmiiKinc

und Theorien

1. Die Wuiv.eln des naturrechtlichen Sozialisnnis

2\1

212

2.

KomiMiinistischc und anarchistische Staatsromanc

244

3.

Koninnuiistische Theorii-n

24!S

4. Kapitel. Lessings idealer Weltbund

25«»

1. Die Wtuv.eln der jxilitischen Ideologie in Ocutsclilaud

2. Das staatlose Ilunianitätsideal Lessings

.

.

.

259

2i;i

Bibli()gr;ii)hi(', Itcarbeitet von l>r. I*. Lipi'KUT, Bibliotlukar am Kgl. i'riufs.

Statist. I'jiin'iMi /.n IUtIIh

IM

Einleitung

Die Bemffe Sozialismus und Kommunismus.

Sozialismus und Kommunismus sind heutzutage Worte, die im all-

täglichen Leben iiebraucht werden, und sind überdies Gegenstand einer

bereits unübersehbaren litteratur geworden. Trotzdem stellen sie keines-

wegs Begriffe dar, deren Bedeutung feststeht. Im Gegenteil, es werden

immer von neuem Versuche gemacht, auf Grund irgend welcher Prinzipien

die „richtigen" Definitionen zu finden und damit jene Termini eiul-

gültig zu fixieren.

Alle diese Versuche sind jedoch gescheitert; und sie werden auch solange erfolglos bleiben, als man sich nicht entschliefst, den allgemeinen

Sprachgebrauch der sich nun einmal keine Vorschriften vom Schreib- tische des Gelehrten aus gefallen läfst als hr>chste Instanz anzuer-

kennen: was freilich nur unter der Voraussetzung geschehen darf, dal's die

Wissenschaft sich über die ihr eigentümlichen Begriffe, denen im Munde der Leute eine gewisse Unbestimmtheit anzuhaften pflegt, zur vollen

Klarheit erhebt und ihnen Umfang und Grenzen bestimmt.

Thatsächlich hat der Sprachgebrauch bereits seine Entscheidung ge-

troffen. Die Begriffe SoziaHsmus und Kommunismus werden nämlich

heute allgemein als gleichbedeutend gebraucht. Das ist mithin ein That- bestand, den die Wissenschaft einfach hinzunehmen hat, ebenso wie den

Sinn, der jenen Worten üldicherweise beigelegt wird, und der auf einen

Zustand weitgehender wirtschaftlicher Gemeinschaft im Leben der Xati(m

hindeutet. Indem wir diesen Sinn zu der notwendigen Höhe wissen-

schaftlicher Schärfe erliel)en, können wir Sozialismus und Kommunismus

nur gleichmäfsig definieren als einen Gesellschaftszustand, bei

dem in weitem Umfange mit den Mitteln der Gesamtheit auf der Basis

des Kollektiveigentums ge wirtschaftet wird.

Ganz gewifs, diese Definition ist allgemein: aber so allgemein ist eben auch der übliche AVortsinn. Eine konkrete Art von Wirtschaft der

Gesamtheit wird hier nicht angegeben, soll aber auch gar nicht angegeben werden. Es soll eben zunächst noch nicht entschieden werden, wie

weit die Gemein Wirtschaft gehen und welcher Xatur sie sein soll: die

Farbe der Bestimmtheit darf sie erst durch die näheren Angaben erhalten,

2

Einleitung.

weil eben die Begriffe Sozialismus und Koninuuiismus faktisch allseiti<r

auf die verscliiedenartig'sten sozialen Gebilde angewandt werden, die

unter einander nur in dem von unserer Definition als charakteristisch her-

vorg-ehobenen j\Ioment übereinstimmen.

Denn das gebildete Publikum Avie die gelehrte Welt bezeichnen als

sozialistisch und kommunistisch sowohl den Staat, in dem alle Bewohner

als Beamte angesehen werden, wie die „freie Gesellschaft'', in der

jeder Einzelne thut, was er mag, Alle mitsamt jedocli den gleichen An-

spmch Aller und insoweit ein Kollektiveigentum respektieren, wit^ endlich jenes Freilandideal, wo blofs das Boden ei gen tum auf den Staat übergegangen ist, sonst aber in Stadt und Land der individuelle Betrieb ganz wie heute die Norm bildet. Wenn sich die wissenschaftliche Definition somit an den Sprach-

gebrauch anschliefst, darf sie jedoch anderseits nicht ^lifsbräuche, die

sich hier und dort eingenistet haben, mit in den Kauf nehmen.

Es

ist

vielmehr grade die Aufgabe der wissenschaftlichen Definition, den Sprach-

gebrauch von AVidersinnigkeiten, die sich etwa eingeschlichen haben, zu

reinigen: und das thut auch in unserem Falle not. Denn

das Wort

Sozialismus wird manchmal angewendet, um Bestrebungen zu bezeichnen,

(he auf eine obrigkeitliche Intervention zu Gunsten irgendwelcher Klassen

oder auf die Verstaatlichung einiger jirivaten Erwerbszweige fiskalischen

Interessen zu Lielie gerichtet sind. So konnte der Anhänger des Prinzips des Laisser - faire Bestrebungen, die auf gesetzlichen Arbeiterschutz ab-

zielten, oder zünftlerische oder schutzzöllnerische Tendenzen oder Prujt'kte

wie das Tabaksmonopol als „sozialistisch'' bezeichnen. Das sind aber

Mifsbräuche, die von der wissenschaftlichen Definition nicht berück-

sichtigt zu werden brauchen, da die Begriffe sich sonst ins Nel)elhaft-

Allgemeine verlieren würden.

Damit ist der Umkreis der Lehren, die wir hier zu behandeln haben,

von selbst gegeben : zu unserem Thema gehören alle (nMlankenäufserungen,

die den Sozialismus im eigentlichen Sinne, wie wir ihn vorhin festgestellt haben, als Ideal betrachten, und nur diese, während alle anderen Ideen, seli)st wenn irgend Jemand sie als „sozialistisch" bezeichnet, nicht

in den Bereich unserer Darstellung fallen. Nun ist aber der Sozialismus nu-gendwo und niemals eine isolierte Erscheinung. Einmal hängt er eng mit den thatsächlieh bestehenden

Zuständen zusammen, indem er ihnen als Ideal gewissermafsen von

selbst gegenübertritt, oder, mit andern ^^'ol•ten, der Sozialismus hat

immer zur Voraussetzung eine zu negativem Ergebnisse gelangte Kritik

der herrschenden (Jesellschaftsordnung: und darum wird auch diese

Kritik v(in unserer Darstellung in vollem l'mi'ange /u lieriicksichtigen sein.

Ferner stellt sich die Pnstulierung neuer sozialer Ziele, wie sie schon

im liegrÜTe des Komnmnismns liegen, notwendig als Koiiseipienz eines

Die ]?('i;Tit't'(' Sozinlisiiius uml l\uiiiiiiiiiii-imis.

3

umfassenderen LL'l)(.'n!>i)rin/,iiis dar.

\\'enn man s:ii;t: diesi' ükoiiuniisclic

Institution soll nicht sein^ und .jene, zunächst l)lofs i,'edachte, soll ins

Lel)en g-ernfen werden, so ^-ehürt znr znreiclicndcii l'.ciiTiindnn^-, dals

ang-enomnien wird: es solle ein bestimmtes moralisclics Axiom auf Erden

verwirklicht werden, oder gewisse religiöse Ansichten machten jene

Konsequenz für den Gläubigen notwendig, oder endlich es ergebe sicli

die gewünschte Institution ganz von selbst durch den Zwang der histo-

rischen Entwicklung. In diesem Sinne bemerkt IIeixricii DrirrzEi. treffend

„Das sozial wissenschaftliche Denken, sofern es auf das soziale Sein-

sollen sich richtet, drängt zu einer Grundnorra, aus welcher alle Einzel-

urteile über die Bestände und Bewegungen des sozialen Lebens ihre

innere Einheit und endgültige Begründung finden. Der menschliche fleist

ruht nicht eher, als bis er zu einem letzten, obersten, nicht mehr ableit-

baren Prinzip des Seinsollens sich durchgerungen hat; wie er für die Fülle der Xaturphänomene zu einer Grundursache beziehentlich einem

EndzAveck strebt, zur causa causans und zur causa finalis, aus deren Ge-

winnung er ein harmonisches Bild des Seins und Werdens aller Natur-

stoffe und Xaturkräfte sich gestalten möge, so auch für die Fülle

der sozialen Phänomene, für das Gebiet menschlichen Handelns, welches

die Beziehungen zwischen ]\lensch und ]Mensch gestaltet". Und deshall)

wird sich unsere Darstellung nicht damit begnügen dürfen, volkswirt- schaftliche Ansichten zu skizzieren, sondern sie wird auf deren ethisches,

religiöses oder geschichtswissenschaftliches Fundament, soweit es die

sozialen Postulate beeinflufst, eingehen müssen.

Schliefslich sind jedoch auch solche Grundanschauungen nur sub-

jektiv, nämlich für den Menschen, der sie hat, ein Letztes, nicht

aber objektiv, indem der Mensch sich seine Ideen in einer bestimmten Zeit und inmitten einer bestimmten Xation und Gesellschaft gebildet hat,

deren religiöse Dogmen, philosophisclie, soziale und politische Traditionen und thatsächliche ökonomische und öffentlich-rechtliche Zustände von

höchster Bedeutung für jene Ideen gewesen sind. Denmach mufs auch

die Umwelt insoweit in den Bereich der Betrachtimg gezogen werden,

als es dadurch gelingt, Aufklärung über die ursprünglichen Quellen eines -

sozialen Ideals zu erhalten. Um aber die Al)leitung dieses Ideals aus einem Konnex von That-

sachen und Geistesströmungen recht begreifen zu können, müssen wir zuvor

klar erkannt haben, wie sich jener merkwürdige Vorgang abspielt, der

im menschlichen Geiste vom Bilde einer gegebenen Sachlage zur Konzeption

eines Ideals hinüberführt: und hier wird sich die grofse Rolle der Illusion

für die Genesis sozialistischer Ideen ergeben.

Der Mensch, der sich in unbefriedigenden Zuständen befindet, be-

darf, um sich innerlich aufrecht zu erhalten, der Hoffnung, dafs es ein-

mal anders und besser werden kömie. Dieses psychologische Prinzip,

4

Einleitung.

angewandt auf das politische und gesellschaftliehe Leben, führt zu der

Konsequenz, dafs eine unbefriedig-ende sozialpolitische I^^ige auch ganz

von selbst sozialpolitische Hoffnungen irgendwelcher Art erzeugen miifs.

Wenn schon der Mensch unter normalen Verhältnissen ohne Illusion über

sein Dasein und sein Verhältnis zur Aufsenwelt nicht auskommen kann,

um wieviel weniger der Mensch, der mit den ihn umgebenden Verhält- nissen unzufrieden ist? So entstehen in ihm neben vielen anderen

Hoffnungen Gedanken von Volks- und ]Menschlieitszuständen, die den

bisher bestehenden durchaus entgegengesetzt sind, wo die Habsucht

des Einzelnen und das egoistische Ringen Aller mit Allen durch die

Solidarität und die gegenseitige Hilfeleistimg abgelöst ist. Viele werden

nun freilich diese Ideen als Traumbilder erkennen und sie ebensoleicht abschütteln, wie sie ihnen gekommen : andere indes werden sich an der

Schönheit dieser Gesichte immer mehr berauschen, bis sie schliefslich

an ihre Wahrheit glauben und ihre Eealisierung stürmisch begehren

werden: und damit haben die sozialen Illusionen ihren Einzug in den menschlichen Geist gehalten.

Wenn aber ausschweifende Hoffnungen auf politisch-soziale Reformen

als Illusionen charakterisiert sind, so sind sie damit noch keineswegs

gerichtet. Denn Illusionen sind die notwendigen Begleiterscheinungen

alles irdischen Le])ens. Illusionen sind immer nötig gewesen und werden in alle Zukunft nötig sein, damit der Einzelne oder ein Volk die kalten

Regeln der rechnenden Vernunft und der Eigenliebe vergesse.

Darum ist also das Auftauchen und die Verbreitung von Illusionen

an sich noch nichts, was Verwerfung verdient, sondern es wird sieh

immer um ihre Art und zumal um ihre Folgen handeln. Denn es giebt

Illusionen, die alles, was sonst den Menschen vom Xebenmenschen, eine

Klasse des Volkes von der anderen scheidet, für den Augenblick ver- gessen machen, so dafs alle Glieder der Nation sich als ein einzig ^'olk

von Brüdern fühlen, gleichmäfsig auf ein Ziel hinstreben, übereinstimmend

wie nach einem Plane handeln: so gewinnt ein Volk seine Frei- heit, verjagt eine aufgezwungene Fremdherrschaft oder zerbricht das .loch

eines drückenden Despotismus. In diesem Falle hat die Illusion offen- bar im höchsten Malse nützUch gewirkt nnd ist dalur als produktiv

zu bezeichnen.

Anderseits giebt es Illnsionen, die den lUiek der Indivithien und der

Massen verwirren, ihnen sinnberückende Ideale ohne reale Substanz vor- gaukeln, sie mit rasender (Jier erfüllen, alle Klassen gegen einander auf-

reizen und damit die Reilningswiderstiinde innerlialb eines Volkes ver-

gröfsern, die nationalen Kräfte zersplittern, die .Vktionsfähigkeit nach innen

und aufsen lähmen oder auf Irrwege ablenken: so beginnt der Trozefs

der nationalen Dekoinposition, fängt ein lleieli an zu zerbröckeln, kündigt

sich der Untergang von ^'ölkern nnd Staaten an. In solchem Falle hat

l>ic' lU'iirirt'c So/.inlismiis innl Knimimiiisimis.

5

die Illusictn im liilclit>tcii ^lalW .scliädlich p'wiikt und i-t uls koiitriir-

sozial zu bezeichnen.

So sind also die Illusionen ohne weiteres weder als nützlich noch

als schädlich anzusehen, sondern sie krmncn jcnjichdeni die Symptome

aufsteig-endcn Lebens der INfenschheit und damit des Kultnrfortschritts

sein oder aber die Symiitome niederii-ehenden Lebens, des Verfalls son

Individuen, Klassen, Nationen und Kassen.

Unsere Untersuchung- wird daher schliefslich aiicli darauf gvriclitet sein müssen, festzustellen: inwieweit dem Sozialismus in den verschie-

denen weltgeschichtlichen Phasen, in denen er aufgetreten ist, nur der

Charakter einer Illusion, einer unreaHsierbaren Zukunftshoffnung

zukomme, und ferner, inwieweit der Sozialismus einen Anteil am

Kulturfortschritte habe oder ein Hemmnis desselben sei, also

aufsteigendes Leben oder aber ein Symptom der D(5cadence bedeute.

Erster Teil.

Kommunismus und Anarchismus als Konsequenzen

pliilosopliisclier und religiöser Spekulation.

Erstes Buch. Kommunismus und Anarchismus

als Konsequenzen der ethischen Reformbewegung im

Altertum.

1. Kapitel. Die soziale Frage im Altertum.

1. Die Erhaltung des Bauernstandes. ]Man jifleiit von einer „sozialen

Frage" zu .sprechen, wenn sieh weite Kreise der Gesellschaft in ihren

materiellen Lebensbeding-ung-en unbefriedigt fühlen und auf ^Mittel zur Abhilfe sinnen. In erster Linie hat man dabei die soziale Frage der Gegen- wart im Auge, w^o die Unzufriedenheit breite Schichten der Bevölkerung

ergriffen und in BeAvegung gesetzt hat, und wo unzählige Projekte zur

Hebung der Xot und Unzufriedenheit aufgetaucht, viele Aktionen der Selbsthilfe, Staatshilfe und Philanthropie auch thatsächlich durchgeführt

oder mindestens geplant worden sind. Man mufs sich jedoch hüten, die

soziale Frage als eine ausschliefslich moderne Erscheinung anzusehen, jede

grofse Wirtschaftse])oclie hat auch ihre specifische soziale Frage gehabt.

Wir finden l)ereits in den ältesten Zeiten, auf die das volle Licht der

Geschichte fällt, im klassischen Altertum, den sozialen Antagonismus der

Klassen, den Kami)f der Parteien in Gemäfsheit der wirtschaftlichen

Klassengegensätze und soziale Eeformbestrel)ungen: also alles, was eine

,,soziale Frage" konstituiert.

Und diese soziale Fi-age erscheint in der

antiken "Wirtschaftsepoche in bestimmten Formen, die bei jenen sonst so

verschieden gearteten YiUkern gleichmäfsig wiederkehren: vor allem in

der Form eines Kam])fes ums Land, eines Kampfes der Parzellenbauern

gegen den T^jitifundienbesitz, so dafs die soziale Reform hier immer auf Erhaltung des l)äuerlielien Mittelstandes abzielt, also sieh wesentlich als

,,Mittelstandspolitik' darstellt. Das war einfach die Konseijuenz der wirt-

schaftlichen Struktur der antiken Grsellsehaft, wo die Wohlhabenheit sieh

vorzugsweise auf Landl)esitz grünch'te, der Kh'inbetrieb in Landwirtschaft und städtischem Gewerbe die Regel war, die r.aueni die grolse Majorität der freien l)ev()lkerung repräsentierten, schlielsbeh ein wesentlicher Teil

die

des J'roletariats aus Sklaven

konnten bestand: so konnlm damals nicht die wirtschaftlichen Nöte

des Arbeiterstandes, sondern nur die des Mittelstandes sieh zu t'iner sozialen

aus sich

keine „Frage"

machen

Fraire y,Tofsen Stili-^ cntw iektln.

Der (|konnnli^elle rrozefs. der zur

1. K.iititcl.

Die soziale

l'r;i,i;t' im

Aitcitum.

7

l^iucntiinier l'iilirt,

nimmt in allen Ländern antiker ("ivilisation prinzipiell den uleielien \ er-

lanf. Irg'endwann einmal i;-erät der Hauernstand in eine Xdtiaue: dnrcli

Milserntenj durch Kriei;'sdienste fürs Vaterland, dureli den Iheriiüni;- \<tn

der Natural- zur Geldwirtseliaft oder durch preisdriickende Konkurrenz

fremden Geti'eides. Der Bauer wendet sich um Darlehen an seinen reichen

Nachbarn, der es auch gern gewährt, weil er, falls die .Schuld nidit be- zahlt wird, sein Gut dnrcli Einziehung der verschuldeten liauernhöfe zu

Latifnndienbesitz arrondieren kann. Zu diesem Effekt kommt es nun in

Scliaffuiiii- von

I.MtifiiiKlicii jinf

Kosten der kleinen

Wirklichkeit bald genug.

Zunächst pflegte in jenen alten Zeiten der

übliche Zins recht hoch zu sein, in der Regel 10 bis 20 Proz. : wie sollte

da der Ertrag des Bauerngütchens die Bezahlung solcher Zinssunimen

ermöglichen? Selbst wenn es aber dem Bauern gelang, seine Zinsen regelmäXsig abzuführen, war er seinem Gläubiger doch auf Gnade und

Ungnade ausgeliefert: denn Avic sollte er im stände sein, das geliehene

Kapital innerhalb kürzerer Frist zurückzuzahlen? Ein Gut l)ringt bekannt-

lich nicht schnellen Kapitalersatz, es befähigt also einen nicht kapital- kräftigen Besitzer zur Rückzahlung des geliehenen Kajutals in der Regel

nur dann, Avenn der Modus der Amortisation der Schuldsumme durch

kleine jährliche Teilzahlungen gewählt wird. So war