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Fehlerrechnung

2.1 Einige mathematische Grundlagen

2.1.1 Problemstellung und Bezeichnungen

Wird der Wert einer physikalisch-technischen Gr¨oße durch Messungen ermittelt, sind die Mess- ergebnisse meistens mit Fehlern behaftet. Dabei unterscheidet man:

systematische Fehler Das sind Fehler, die auf ungenauen Messmethoden und/oder fehlerhaften Messinstrumen- ten beruhen und meistens vermeidbar sind.

zuf¨allige Fehler Das sind Fehler, die durch zahlreiche unkontrollierte St¨oreinflusse¨ entstehen und vom Messenden nicht beseitigt werden k¨onnen. Sie sind daher nicht vermeidbar.

Weiterhin wird unterschieden zwischen

direkter Messung einer Gr¨oße und

indirekter Messung einer Gr¨oße. In diesem Fall kann der Wert der zu messenden Gr¨oße nicht oder nur sehr schwer direkt gemessen werden. Er muss deshalb (einschließlich des Fehlers) aus messfehlerbehafteten Gr¨oßen errechnet wird.

Nachfolgend geht es um die indirekte Messung einer Gr¨oße, wenn die gemessenen Gr¨oßen mit einem zuf¨alligen Fehler behaftet sind.

2.1.2 Taylor-Reihenentwicklung und totales Differential

Die Taylor-Entwicklung fur¨

differenzierbare Funktionen einer reellen Variablen x

f(x)

=

=

f(x 0 ) + f (x 0 )(x x 0 ) + f (x 0 ) (x x 0 ) 2 + ··· + f (k) (x 0 ) (x x 0 ) k + R k+1

2!

k!

k

l=0

f (l) (x 0 )

l!

(x x 0 ) l + R k+1

oder in der Form, die fur¨ manche technische Untersuchungen die gunstigere¨ Schreibweise ist

¨

(∆x ist dabei eine Anderung in x-Richtung)

f(x + ∆x)

=

=

f(x) + f (x)∆x + f (x) x 2 + ··· + f (k) (x) x k + R k+1

2!

k!

k

l=0

f (l) (x)

l!

x l + R k+1

kann auf Funktionen f (x 1 , x 2 ,

ubertragen¨ werden. Es ist zu beachten, dass bei Funktionen von mehreren Variablen partielle Ableitungen zu verwenden sind, wobei es mehrere verschiedene partielle Ableitungen l. Ordnung gibt. R k+1 ist das Restglied, in dem alle nicht berucksichtigten¨ Summanden zusammengefasst sind. Eine bekannte Form ist zum Beispiel das Restglied nach Lagrange.

, x n )

, x n ) = f ( x) von n reellen Variablen x = (x 1 , x 2 ,

Satz 2.1 Die Funktion f : D R n R besitze im Definitionsbereich D partielle Ableitungen bis zur Ordnung k + 1. Falls die Strecke zwischen x und x + ∆ x ganz in D enthalten ist, gilt:

f( x + ∆ x)

=

f( x) +

n

l=1

x l x l f( x) +

1

2!

n

n

l=1

j=1

x l x j

2

∂x l

x j f( x) + ···

+

1

k!

n

l 1 =1

···

n

l k =1

x l 1 ··· x l k

k ∂x l 1 · · · ∂x l k

f( x) + R k+1

1

Das Restglied R k+1 kann in der Form

R k+1 =

1

(k + 1)!

n

l 1 =1

···

n

l k+1 =1

x l 1 ··· x l k+1

k+1 f

∂x l 1 · · · ∂x l k+1

( x + θ x)

angegeben werden, wobei θ ]0, 1[ im Allgemeinen unbekannt ist.

Bemerkung 2.1 Fur¨ den Spezialfall einer Funktion von zwei Variablen z = f (x, y), d. h. n = 2, hat die Taylor-Entwicklung die Form

f (x + ∆x, y + ∆y)

=

f (x, y) + xf x (x, y) + ∆yf y (x, y)

1

+ 2! x 2 f xx (x, y) + 2∆xyf xy (x, y) + ∆y 2 f y (x, y)

1

+ 3! x 3 f xxx (x, y) + 3∆x 2 yf xxy (x, y) + 3∆xy 2 f xyy (x, y)

+∆y 3 f yyy (x, y)

+ ···

Bemerkung 2.2 1. In vielen F¨allen genugt¨ es, wenn man die Funktion bis einschließlich der partiellen Ableitung 1. Ordnung entwickelt und die h¨oheren Ableitungen vernachl¨assigt. Dieses Vorgehen nennt man auch Linearisieren einer Funktion.

2. Die Taylor-Entwicklung (ohne Restglied) hat in diesem Fall die folgende Gestalt:

2 Variable

f (x + ∆x, y + ∆y) f (x, y) + xf x (x, y) + ∆yf y (x, y)

Die Funktion

f (x + ∆x, y + ∆y) = f (x, y) + xf x (x, y) + ∆yf y (x, y)

beschreibt die Tangentialebene an f im Punkt (x, y, f (x, y)).

n > 2 Variable

f( x + ∆ x) f( x) +

Die Funktion

f( x + ∆ x) = f( x) +

n

i=1

n

i=1

x i x i f( x)

x i x i f( x)

beschreibt in diesem Fall die Tangentialhyperebene an f .

3. Die Funktionswertedifferenz f ( x + ∆ x) f ( x) l¨asst sich somit n¨aherungsweise durch den zweiten Summanden der Taylor-Entwicklung ausdrucken:¨

f( x + ∆ x) f( x)

n

i=1

x i x i f( x)

Definition 2.1 Der zweite Summand der Taylor-Entwicklung heißt totales oder vollst¨andiges

Differential der Funktion z = f ( x) = f (x 1 , x 2 ,

, x n ):

df =

n

i=1

x i x i f( x)

2

Bemerkung 2.3

1. Fur¨

n = 2 lautet das totale Differential somit:

df = dz = ∆x ·

x f (x, y) + ∆y ·

y f (x, y) = ∆x · f x (x, y) + ∆y · f y (x, y)

2. Graphische Veranschaulichung (2 Variable):

z f y dy ∆z f x dx df f y dy f x dx
z
f y dy
∆z
f x dx
df
f y dy
f x dx
y 0
y 0 + dy
y
x 0
Tangentialebene
x 0 + dx
dy = ∆y
x
z = f (x, y)
Flache¨
dx = ∆x

3. Mit der Symbolik

¨

Anderungen der Variablen auf der interessierenden Fl¨ache z = f (x, y)

x, y, z

¨

Anderungen der Variablen auf der Tangentialebene

dx, dy, dz

¨

kann man die Funktionswertedifferenz und die Differenz auf der Tangentialebene bei Uber-

gang von (x 0 , y 0 ) zu (x 0 + ∆x, y 0 + ∆y) angeben.

Funktionswertedifferenz:

z = f(x 0 + ∆x, y 0 + ∆y) f(x 0 , y 0 )

Funktionswertedifferenz auf der Tangentialebene

df = dz = dx·f x (x, y)+dy·f y (x, y)

oder

df = dz = ∆xf x (x, y)+∆yf y (x, y)

Diese Differenz dz wird durch das totale Differential beschrieben. Man beachte die Analogie zu Funktionen einer Variablen y = f (x). Fur¨ entlang der Tangente gilt dort:

dy

dx

=

f (x)

dy = dx · f (x)

die Differenz

¨

4. Bei kleinen Anderungen ∆x bzw. ∆y der Argumente x bzw. y gilt (siehe Abbildung):

z dz

oder

f (x + ∆x, y + ∆y) f (x, y) dz

Das totale Differential beschreibt die exakte Funktionswertedifferenz entlang der Tan- gentialebene, ist aber nur eine N¨aherung fur¨ die Funktionswertedifferenz der Funktion f (x, y), wenn die Argumente x bzw. y um ∆x bzw. ∆y ge¨andert werden.

5. Allgemein gilt fur¨

kleine ∆x i und stetige Funktionen

∂f

∂x i

:

, x n + ∆x n ) f(x 1 , x 2 ,

Die Differenz der Funktionswerte kann durch die Differenz entlang der Tangentialebene angen¨ahert werden.

f(x 1 + ∆x 1 , x 2 + ∆x 2 ,

, x n ) dz .

6. Das totale Differential wird zur Fehlerrechnung verwendet.

3

2.1.3

Durchfuhrung¨

der Fehlerrechnung

Bemerkung 2.4

1. Problemstellung der Fehlerrechnung:

Es ist der Funktionswert

z

= f (x 1 , x 2 ,

,

x n )

zu berechnen.

Die exakten Argumente x 1 , x 2 ,

Verfugbar¨ sind nur N¨aherungen (Meßwerte) x˜ 1 ,

Daraus kann nur eine N¨aherung z˜ = f x 1 , x˜ 2 ,

Zus¨atzlich sind Absch¨atzungen fur¨

, x n sind unbekannt.

den

, x˜ n mit |x i x˜ i | ≤ |x i |.

, x˜ n ) fur¨

z berechnet werden.

absoluten Fehler

|z| = |z z˜|

und den

relativen Fehler

zu bestimmen.

z

z

= |z z˜| |z|

= |z|

|z|

2. Den absoluten Fehler kann man mittels des totalen Differentials angeben und absch¨atzen:

|z| ≈ |dz| =

n

i=1

x i x i fx 1 , x˜ 2 ,

,

x˜ n )

n

i=1

x i fx 1 , x˜ 2 ,

,

x˜ n ) · |x i |

(Zur Erinnerung: |a 1 · b 1 + a 2 · b 2 | ≤ |a 1 · b 1 | + |a 2 · b 2 | = |a 1 |·|b 1 | + |a 2 |·|b 2 | = |a i |·|b i |)

3. Durch die Absch¨atzung nach oben k¨onnen daher der maximale absolute und relative Fehler folgendermaßen definiert werden:

maximaler absoluter Fehler:

maximaler relativer Fehler:

|z| max =

n

i=1

x i fx 1 , x˜ 2 ,

z

z max

= |z| max

|z˜|

,

x˜ n ) · |x i |

4. Der (maximale) absolute Fehler ist ein Absolutwert und besitzt die gleiche Einheit wie die Messgr¨oße selbst.

Der (maximale) relative Fehler ist dimensionslos, besitzt keine Maßeinheit und wird oft als Prozentwert angegeben.

Beispiel 2.1 Von einem Dreieck soll die Fl¨ache bestimmt werden. Gemessen wurden zwei Seiten und der eingeschlossene Winkel:

a = (15 ± 0.1) m

b = (10 ± 0.1) m

γ = (60 ± 2) .

Fur¨ die Daten gilt also:

a˜

= 15 m,

a = 0.1 m,

˜

b = 10 m,

b = 0.1 m,

γ˜ = 60 = π ,

3

γ = 2 =

Gesucht sind der maximale absolute sowie relative Fehler der Fl¨achenmessung.

Fur¨

die Fl¨ache A =

2 1 ab sin γ erh¨alt man den (fehlerbehafteten) Wert

˜

˜

˜

1

˜

1

A

= f a, b, γ) =

2 a˜ b sin γ˜ =

2 · 15 m · 10 m ·

2 √ 3 = 64 . 952 m 2 . 2 3 = 64.952 m 2 .

Mit den partiellen Ableitungen

A a = 1

2 b sin γ

A b =

1

2 a sin γ

A γ =

1

2 ab cos γ

π

90

folgt fur¨

den maximalen absoluten Fehler (∆γ ist im dimensionslosen Bogenmaß zu verwenden)

|∆A| = |A a | · |∆a| + |A b | · |∆b| + |A
|∆A|
=
|A a | · |∆a| + |A b | · |∆b| + |A γ | · |∆γ|
max
1
1
˜
=
b sin γ˜| · |∆a| + 1
2 | ˜
2 |a˜ sin γ˜| · |∆b| +
2 |a˜ b cos γ˜| · |∆γ|
1 2
π
=
10 m · 1
2 √ 3 · 0.1 m
+ 15 m ·
1
· 0.1 m
+ 15 m · 10 m · 1
·
2 √ 3
2
90
= 2.3915 m 2

und fur¨

den maximalen relativen Fehler

A

 

A

max

= |A| max = 2.3915 m

˜

| A|

64.952

2

m 2 = 0.03682 =ˆ 3.68 %

4

Bemerkung 2.5 In die Berechnung der Fehler sind nur die fehlerhaft gemessenen Gr¨oßen einzubeziehen.

Beispiel 2.2 Wird ein K¨orper mehrfach in Luft (Gewichtskraft G L ) und Wasser (Gewichtskraft G W ) gewogen, kann die Dichte mit Hilfe der Beziehung

= (G L , G W , W ) =

W · G L

G L G W

berechnet werden. Es wurden folgende Werte gemessen

G L = (1.8563 ± 0.00111) N

G W = (1.6147 ± 0.00089) N

Der Wert fur¨ Dann gilt fur¨

=

die Wasserdichte W kann als fehlerfrei angenommen werden. den maximalen absoluten Fehler

G L (G L , G W , W ) · |G L | +

W (G L , G W , W ) · |G W |

∂G

also ohne einen weiteren Summanden fur¨

W .

Bemerkung 2.6 Besonders einfach ist die Bestimmung des maximalen absoluten und relativen Fehlers, falls die Funktion f als Produkt und/oder Quotient von Potenzen der unabh¨angigen Variablen gegeben ist. Fur¨ die Funktion

z

= f(x 1 ,

,

x n , y 1 ,

,

n

i=1

x

a

i

i

y m ) = x a 1

1

b

y 1

1

· x a 2 ··· x

2

a

n

n

b

· y 2

2

··· y

b

m

m

m

y

b

j

j

=

j=1

erh¨alt man mit den partiellen Ableitungen

∂f

∂x i

∂f

∂y j

=

=

=

=

x

a 1

1

· x a 2 ··· x

2

a

i1

i1

·

a i x

a i 1

i

· x

a

i+1

i+1

··· x

a

n

n

= a i

x

i

, n)

· x a 1

y

· x a 2 ··· x

2

a

n

n

1

a i i · f(x 1 ,

x

y

,

b

1

1

· y

b

2

2

x n , y 1 ,

··· y

b

m

m

, y m )

b j · x a 1 · x a 2 ··· x

1

2

a

n

n

(i = 1,

y

b

1

1

·

y

b

2

2

··· y

b

j1

b1

· y

b j +1

j

· y

b

j+1

j+1

··· y

b

m

m

1

b

1

1

·

b

y

2

2

2

·

und

x a 2 ··· x

··· y

a

n

n

b

m

m

= b j

y

j

· x a 1

y

b

1

1

·

y

b

2

2

··· y

b

m

m

b j j · f(x 1 ,

y

,

x n , y 1 ,

,

y m )

(j = 1,

, m)

das totale Differential

dz =

n

i=1

x i

∂f

∂x i

+

m

j=1

y j

∂f

∂y j

=

n

i=1

a i · x i

x i

m


j=1

b j · y j · f(x 1 ,

y

j

, x n , y 1 ,

, y m )

Daraus ergeben sich in diesem Fall die folgenden Fehlerformeln:

maximaler absoluter Fehler (Summe der Betr¨age)

|z| max =

n

i=1

a i ·

maximaler relativer Fehler

z

n


=

i=1

a i ·

z max

x i

x˜ i

x i

x˜ i

+

m

j=1

m

+

j=1

b j ·

b j ·

Die Ableitungen mussen¨

nicht gebildet werden!

5

y j

y˜ j

y j

y˜ j

  · |z˜|

Beispiel 2.3 Bei der Bestimmung der Dichte eines zylindrischen K¨orpers wurden folgende Daten gemessen:

d = (15.0 ± 0.1) cm

h = (5.0 ± 0.05) cm

m = (1500 ± 1) g

Gesucht sind maximaler absoluter und relativer Fehler der Dichtemessung =

x 1 = m y 1 = r y 2 = h

a 1 = 1 b 1 = 2 b 2 = 1

m˜ = 1500 g

= 15 cm = 5 cm

˜

h

r˜

2

m = 1 g ∆r

h = 0.05 cm

= 0.1 cm

2

erh¨alt man fur¨

die Dichte

˜ = f (m,˜ r,˜

˜

h) =

1500 g

16

π 15

2

cm 2 5 cm

3π

=

cm 3 1.69765

g

g

cm

3

Der maximale absolute Fehler ergibt sich zu

2 h . Mit

m

πr

| | max

=

=

=

a 1

1 ·

m

m˜

1 g

+ b 1

1500 g

g

cm

3

r

r˜

+ b 2

0.1

2

cm

15

2

cm

+ 2 ·

0.040744

+ 1 ·

h

˜

h

· | ˜|

0.05 cm

5 cm

· 1.69765

g

cm

3

Und schließlich der maximale relative Fehler

max

=

g 0.040744 3 cm g 1.69765 cm 3
g
0.040744
3
cm
g
1.69765
cm 3

= 0.024 =ˆ 2.4 %

2.1.4 Messgenauigkeit der direkt gemessenen Gr¨oßen

Das Messergebnis einer direkt gemessenen (fehlerhaften) Gr¨oße x wird in der Form x˜±x ange- geben. Der Messfehler ∆x von x kann h¨aufig aus Angaben des Messger¨ateherstellers entnommen werden. Liegt diese Information jedoch nicht vor, kann ∆x bei mindestens zwei Messwerten wie folgt berechnet werden

x =

s

n .

Dabei ist n die Anzahl der fehlerbehafteten Einzelmessungen m i (i = 1, 2, Standardabweichung der Einzelmessungen, also

s

=

1

n 1 ·

n

i=1

(m i x¯) 2 .

x˜ ist das arithmetische Mittel der Einzelmessungen

x¯

=

1

n ·

n

i=1

m i .

, n) und s die

Man beachte, dass in diesem Fall x˜ = x¯ angenommen wird.

Beispiel 2.4 Fur¨

die Einzelmessungen m i (i = 1, 2,

3.1

3.2

2.9

3.1

3.0

, 10)

3.4

2.8

3.2

ergibt sich mit n = 10

x˜

= 3.09

s = 0.172884033

x = 0.172884033

10

= 0.05467

3.2

3.0

und somit eine Genauigkeitsangabe von 3.09 ± 0.055.

6