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DIE ÄGYPTISCHE URGNOSIS

DIE ÄGYPTISCHE URGNOSIS


UND IHR RUF IM EWIGEN JETZT
ERNEUT VERKËNDET UND ERKLÄRT ANHAND DER
TABULA SMARAGDINA UND DES CORPUS HERMETICUM
DES
HERMES TRISMEGISTOS
VON

J. van Rijckenborgh
erster teil
vierte, überarbeitete auflage 2005

DRP ROSENKREUZ VERLAG – BIRNBACH


Aus dem Niederländischen übersetzt.
Ursprünglicher Titel:
De Egyptische Oergnosis
en haar roep in het eeuwige nu
1. Auflage 1960

1. deutsche Auflage 1961


Internationale Schule des goldenen Rosenkreuz
Lectorium Rosicrucianum
Hauptsitz:
NL 2011 JS Bakenessergracht 11--15, Haarlem, Niederlande
www.lectoriumrosicrucianum.org

ISBN 90 6732 071 4

© 2005 drp rosenkreuz verlag – birnbach


Der Sohn der Schlangen

»Er hat es sich selbst, lebend, zu einem Grabe gemacht.« Aus diesem Grab der Natur steigt der
Sohn empor, bekleidet mit dem goldenen Hochzeitskleid der neuen Seele. Er ist der neue
Merkur, der dreimal große Hermes. Sein Haupt schmückt die goldene Wunderblume des neuen
Denkvermögens, seine Hände halten die beiden feurigen Schlangen des erneuerten spinalen
Fluidums, die positive und die negative Ansicht. Die fünf Kontaktpunkte zwischen der neuen
Seele und der transfigurierten Persönlichkeit strahlen als Rosen. Er hat seinen Pymander
gefunden.

So steigt er empor von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, vereint mit dem Geist und lässt das
Totengebein, die vielen mißglückten Versuche, in der Wüste der dialektischen Vergangenheit
zurück.
Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Hermes Trismegistos
Die drei mal drei Aspekte des hermetischen Menschen -- Die dreifache Erhabenheit der neuen
Menschwerdung im klassischen Rosenkreuz -- die Flucht nach Ägypten
Die Tabula Smaragdina
Erläuterung
Das Corpus Hermeticum
Einführung -- Pymander
Erstes Buch -- Pymander
Pymander und Hermes
Die Herz-Haupt-Einheit -- Die fundamentale Reinigung des Herzens
Der Platz der dialektischen Ordnung in der kosmischen Siebenheit
Ihre Aufgabe im kosmischen All -- Die Ägyptische Gnosis und die Gnosis des Mani -- Das Drama
der Verschmelzung von Geist und Stoff -- Die Berufung des Menschen
Erlösung und Schuldtilgung
Die Verheißung der Versöhnung: das goldene Samenkorn der Unsterblichkeit -- Errettung durch
freiwillige fundamentale Lebensumkehr -- Das Wunder des großen göttlichen Versöhnungsplans
Das zweifache Wesen des Menschen
Der natürliche Mensch: eine Scheingestalt -- Die Trennung der Geschlechter -- Die Ursache der
geschlechtlichen Abnormitäten -- die siebenfache Reinigung des Herzens
Dränge die unsterbliche Seele zur Geburt
Das Königreich Gottes ist in Euch -- Der Vater und ich sind eins -- Der Aufgang zum
verborgenen Königreich -- Der große Irrtum -- Ich muss untergehen, er muss wachsen
Das gute Ende
Der Rückweg zum ursprünglichen Leben -- Der Kreis nicht weiter -- Das gute Ende -- Die
Signatur des seelengeborenen Menschen -- Ernte und Dienstbarkeit
Pymanders Wohltat
Einatmung und Ausatmung -- Der Schlaf des gnostischen Schülers -- Der Lobgesang des Hermes
Die Struktur des gnostischen Rituals
Hermes' Lobgesang und die Zahl neun
Die dialektische astrale Sphäre
Ihre Gefahren für den Schüler -- Das dramatische Dasein der Spiegelsphäre -- Die Gefahren des
Traumlebens -- Eine dringende Frage
Der Ausweg aus der astralen Gebundenheit
Begierdelosigkeit -- Die Kraft mit dem Löwenkopf -- Die Notwendigkeit des positiven Schülertums
-- Der Schlüssel zum gnostischen Pfad -- Das wahrhafte Heilbegehren
Der Weg zur Fremdlingschaft
Die neue siderische Geburt -- Der Rosenkreuzgang -- Die neue Ausrichtung -- Keinen Ort mehr,
um das Haupt niederzulegen -- Die Fremdlingschaft
Das Erwachen der Seele (i)
Das gnostische astrale Feld -- Die Transfiguration der Seele -- Das neue Lebenselixier --
Pymanders Wohltat -- Der Schwerpunkt im Tagesleben
Das Erwachen der Seele (ii)
Das Entstehen der Äonen -- Der dreizehnte Äon -- Die Notwendigkeit der Selbstheiligung -- Die
unverwelkliche Krone der Herrlichkeit
Die Realität der Befreiung
Farbe und Vibration des neuen astralen Feldes -- Zwei Arten des Sterbens in den dialektischen
Lebenssphären -- Die Entfernung der Schlagbäume -- Die Imitation der gnostischen Hilfe -- Die
Wächter an den Grenzen -- Einatmung und Ausatmung -- Die Grenzen des Todes überschritten
Die praktische Erziehung des Denkens
Das Gedächtniszentrum -- Die Lipika -- Die Unfreiheit des menschlichen Denkens -- »Fünf
Minuten unbesonnenes Denken...« -- Ein Wächter für deine Gedanken -- Eine Lebensfrage -- Wie
die Gnosis in uns eindringt -- Der Schlüssel zum Pfad in eigener Hand -- Träume
Das Zeichen des Menschensohns
Das Brot und der Wein: der heilige Gral -- Die zweifache Verbindung mit dem neuen astralen Feld
-- Das Werden des goldenen Hochzeitskleides -- Das dritte Auge, die goldene Wunderblume -- Die
gnostische Intuition -- Der Helm der Seligkeit -- Die Hilfe des gnostischen astralen Lichtbades
Das Lichtbad und das Consolamentum
Die Art des Lichtbades -- Die entkörperten schlafenden Seelen -- Das Consolamentum
Aus dem neuen Seelenprinzip leben
Bewusstsein, Leben, Seele -- Die drei Zustände des astralen Körpers -- Die Störung der
natürlichen magnetischen Ordnung des Mikrokosmos -- Die Umkehrung der Pole -- Das
Erblühen des neuen Seelenbewusstseins -- Die Verbindung mit dem Geist
Die Entwicklung des Bewusstseins im neuen astralen Feld
Der ausserordentliche Zustand des Lebenden Körpers der jungen Gnosis -- Die Verantwortung
des Schülertums -- Zwei Beispiele -- die Hilfe für einen entkörperten Schüler -- Das Aufrichten
der schlafenden Seelen -- Die Ernte und die Erntearbeiter -- Der selbsthandelnde,
selbstschöpferische, freie Maurer
Der Hochzeitssaal: Das Goldene Haupt
Das Wiegen der Kandidaten -- Das Königreich der Himmel -- Der Vater und ich sind eins -- Wer
die Kraft des Parakleten niemals finden wird
Zweites Buch: Pymander zu Hermes
Die lebendige Gotteskenntnis
Mein Volk geht verloren, weil es keine Kenntnis hat -- Die Anmaßung der Theologie -- Die
Entstehung des historischen Materialismus -- Die Unangreifbarkeit der Wahrheit -- Das Wesen
Gottes ist nur geistig zu verstehen -- Ohne wiederhergestellte Geistbindung ist wirkliche
Gotteskenntnis unmöglich
Die universelle Liebe Gottes
Gottes Liebe ist allgegenwärtig -- Die Liebe der Dialektik -- Zwei Arten Dialektik -- Die heilige
Erde -- Eine Zeit Gottes und eine Zeit der Menschen -- Der Tod Christi -- uns zum Leben
Das Geheimnis unseres Ursprungs
Was ist Leben -- Gott und Mensch -- Die Geistseele ist das Kind Gottes -- Wo der Geist des Herrn
ist, da ist Freiheit -- Das Ablegen der karmischen Last -- Der Notordnungsplan Gottes -- Gott,
offenbart im Fleisch
Lasst uns still werden!
Das Geistfunkenatom -- Der Merkur-Mensch -- Die Einheit zwischen Herz und Haupt -- Der
Kehlkopf -- Der neunfache Mensch -- Die drei menschlichen Tempel -- Das Allerheiligste -- Lasst
uns still werden vor dem Herrn
Was ist Weisheit?
Die Gruppeneinheit in der Gnosis -- Die göttliche Wirklichkeit des siebenten Strahles -- Die große
Freundschaft -- Der rechte Pfad und der linke Pfad -- Licht und Feuer -- Das universelle
Liebesgesetz -- Alles ist in Gott
Worterklärungen
Vorwort

Mit besonderer Freude und Dankbarkeit stellen wir nun, da Welt und Menschheit wiederum
an einem periodischen Wendepunkt in den großen kosmischen Zeiten angekommen sind,
die uralte Botschaft der Ägyptischen Gnosis erneut in das volle Licht der Öffentlichkeit.
Diese Botschaft, die das Fundament für jede Erlösungswirksamkeit in der Arischen
Menschheitsperiode bildet, gleichgültig wann, wo und unter welchem Namen sie verrichtet
wurde und wird, wendet sich an alle, welche die Tragik des Menschheitsganges erkennen
und in tiefer Beunruhigung des Herzens doch noch einen wirklichen Ausweg aus dem
verhängnisvollen Kreislauf des Todes suchen, der die Menschheit unwiderstehlich in dem
unergründlichen Dunkel der kommenden kosmischen Nacht zum Untergang treibt.
Dieses Buch wendet sich aufgrund des Themas unmittelbar an jene, die als Schüler der
gnostischen Geistesschule den Pfad der wahren Menschheitsbestimmung zu beschreiten
versuchen. Alle ernsthaften Sucher nach befreiender Wahrheit sind daher imstande, sich dem
Geist des gnostischen Schülertums so gut wie möglich zu nähern und in dieser
Selbstorientierung zu erkennen, ob auch sie zu diesem Pfad gerufen sind.
J. van Rijckenborgh
I

Hermes Trismegistos

Die drei mal drei Aspekte des hermetischen Menschen -- Die dreifache Erhabenheit der neuen Menschwerdung
im klassischen Rosenkreuz -- die Flucht nach Ägypten

In den letzten Tagen des Monats April 1956, während eines Zusammenseins mit vielen
Schülern in unserem Konferenzort »Renova« zu Lage Vuursche in Holland, legten wir den
dort Versammelten nahe, sich auf eine neue Entwicklungs- und Offenbarungswelle zu
besinnen, die in unserer Arbeit nach dem für die Geistesschule * Siehe die Worterklärungen.
so bedeutungsvollen Monat Mai im Juni 1956 beginnen würde. Das große gnostische
Weltwerk, ausgehend vom neuen gnostischen Reich in Europa, sollte nämlich in den damals
vor uns liegenden Monaten beginnen.
Die meisten Schüler wussten, wie sehr der fünffache Lebende Körper der Schule unter der
zunehmenden Spannung der kommenden Ereignisse gleichsam erbebte. Sie waren sich
bewusst, in eine große Zeit eingetreten zu sein, in eine Zeit, in der sich klar beweisen würde,
zu welchem Lager jeder gehört, zum Lager der Gnosis oder zur gewöhnlichen Natur. Eine
äußerst bemerkenswerte Scheidung sollte sich vollziehen.
Die gnostische Ökumene musste gegründet werden, eine in der Urgnosis, in der Gnosis
des Hermes Trismegistos verwurzelte Ökumene. Darum ist es offensichtlich, dass eine
tiefgehende Besinnung auf diese Urgnosis von größter Bedeutung für alle ist, die wahrhaftig
das Licht der befreienden Wahrheit suchen. Deshalb stellen wir jetzt die bisher den Schülern
der Geistesschule übermittelten Lehren auch denen zur Verfügung, die noch außerhalb
stehen, jedoch aufgrund ihres inneren Zustandes und ihrer Vorbereitung zur Ernte dieser
Daseinsperiode gerufen sind.

Wer war, oder besser, wer ist Hermes Trismegistos? Bei der Beantwortung dieser Frage kann
man natürlich an eine Persönlichkeit denken, an die Gestalt eines erhabenen göttlichen
Gesandten. Das ist ohne weiteres möglich, wenn Sie dabei nur nicht an eine historische
Gestalt denken, sondern an eine Reihe solcher Gesandten; denn nach der Gewohnheit der
Alten wurden Kräfte und Offenbarungen symbolisch als Götter in Menschengestalt
dargestellt.
Darum muss man sagen: Hermes ist. Er ist der wahre himmlische Mensch, der die Pforten
des Goldenen Hauptes durchschritten hat. Deshalb wird er auch »Trismegistos« genannt,
das heißt »der dreimal Große« oder »der dreimal Erhabene«. Denn der himmlische Mensch
ist in dreifachem Sinne erhaben, in religiöser, wissenschaftlicher und künstlerischer Hinsicht.
Religion, Wissenschaft und Kunst formen in ihm ein vollkommen gleichseitiges Dreieck.
Wenn wir hier von Religion sprechen, dann meinen wir damit, dass der himmlische
Mensch seine Religion in der einzig wahren Form erfährt und austrägt, nämlich aus der
absoluten Verbundenheit mit dem Urwesen der Gottheit. Ein Schüler auf dem Pfad, der
danach strebt, sich dieser Religiosität zu nähern, beweist es auch durch große Reinheit,
Liebe, Wahrhaftigkeit und hohen Ernst. Ein solcher Schüler beweist, dass er in seinem
ganzen Wesen von der großen Liebe berührt wurde, die Gott ist, und dass er aus dieser Liebe
zu leben wünscht, sehnsüchtig danach verlangt und nach Vollkommenheit strebt. In dieser
Liebe, in diesem einen Aspekt, ist bereits ein majestätisches gleichseitiges Dreieck zu
erkennen; denn wer diese Liebe, die Liebe Gottes, empfangen will und danach verlangt, ein
wahrhafter Gnostiker zu sein, muss erstens alle Ichsucht und alles erdgerichtete Streben und
Handeln ablegen; zweitens empfängt er, übereinstimmend mit diesem Leerwerden der
Natur nach, die Lichtstrahlungen der göttlichen Liebe und wird davon erfüllt und drittens
kann jeder, der durch dieses Leersein die Liebe Gottes empfängt, diese Liebe auch
ausstrahlen. So beweist sich der Schüler auf dem Pfad durch klare, positiv nachweisbare,
befreiende Tat. Das ist der erste hermetische Aspekt der Erhabenheit.
Der zweite ist die Folge davon. Wenn ein Schüler das Liebeslicht der Gnosis empfängt --
und zwar in dem Maß, wie er die Ich-Zentralität überwindet und zur Selbstentledigung
durchdringt --, entwickelt sich nämlich in diesem Menschen eine große Veränderung in den
fünf Fluiden des natürlichen Seelenzustandes. Dafür ist Selbstentledigung absolute
Voraussetzung. Das Endura ist die Basisformel; ohne diese kann der »Sohn des Menschen«,
das Licht der Gnosis, im menschlichen System keine Herberge finden. Wenn jedoch das Herz
des Menschen offen ist und das gnostische Licht einströmen und Wohnung nehmen kann,
dann vollführt das Licht einen täglichen Umlauf im Menschen.
Eine der ersten kennzeichnenden Folgen dieses Umlaufes ist Erleuchtung oder, wie die
Alten sagten, »Illumination«, Veränderung des Bewusstseins. Neue
Bewusstseinsmöglichkeiten erwachen dann. Sie waren potenziell im System bereits
vorhanden, aber sie konnten bis zu diesem Moment noch nicht lebendig werden. Sobald
jedoch die neuen Bewusstseinsmöglichkeiten zu leben beginnen, tritt der intellektuelle
Verstand in den Hintergrund, und die Weisheit wird geboren. Die Wissenschaft, die aus
dieser Weisheit erwacht, ist der zweite hermetische Aspekt der Erhabenheit. Dieser wird zu
Recht der Aspekt des Rosenkreuzes genannt, denn der wahre Rosenkreuzer ist ein Weiser
von Gottes Gnaden, ein Weiser in neugeborenem Sinn. Er ist der Mensch auf Golgatha, der in
täglichem Sterben die wahre Rose an das Kreuz heftet und so mit und in Jesus dem Herrn
untergeht.
Auch in diesem zweiten hermetischen Aspekt der Erhabenheit leuchtet das gleichseitige
Dreieck. Die Weisheit muss zuerst aus dem Herzen geboren werden, aus der Rose des
Herzens, aus Bethlehem. Sie entfaltet sich ganz im Hauptheiligtum und wird, genau wie die
Liebe, mit der gesamten Wesenheit als Strahlung ausgesandt.
So sehen Sie den dritten hermetischen Aspekt nun vielleicht sehr deutlich vor sich. Mit
der Kunst wird die Königliche Kunst gemeint; erstens die Kunst, wirklich als befreiter
Mensch zu leben; zweitens die Kunst, als himmlisch-befreiter Mensch wahrhaft unantastbar
zu sein, und drittens die Kunst, von diesem Leben, diesem Dasein aus Gott, der Welt und der
Menschheit in menschheitsbefreiender Arbeit zu dienen.

So ersteht nun vor uns der Magier von Gottes Gnaden, der Bruder oder die Schwester des
heiligen Grals, der dienende Mensch, erleuchtet von der Weisheit des Rosenkreuzes und der
Liebeskraft der Gnosis. Wer so, aus diesen dreimal drei Aspekten vollkommen wurde, ist ein
Hermes Trismegistos, ein himmlischer Mensch. Wer aus diesen neun Aspekten zu leben
beginnt und sich in voller Selbstübergabe danach richtet, geht den hermetischen Pfad, ist ein
Kind, ein Sohn des Hermes; er nähert sich dem Zustand der himmlischen Menschwerdung.
Diese himmlische Menschwerdung entsteht also aus einer dreifachen Erhabenheit, die auch
im klassischen Rosenkreuz sichergestellt ist:
Erstens wird der Kandidat, nachdem er das Herzheiligtum durch Ich-Entledigung
gereinigt hat, durch diese Pforte von Bethlehem von der göttlichen Liebe getroffen und auf
diese Weise vom Geist Gottes entflammt;
zweitens wird ihm durch dieses Licht der Liebe die Weisheit zuteil, nicht als überliefertes
intellektuelles Wissen, sondern durch den Umlauf des Feuers in ihm, von Bethlehem nach
Golgatha, durch seinen vollständigen Untergang in Jesus dem Herrn;
danach beweist er drittens diese Erhabenheit im täglichen, wirklich magischen
Priestertum. Das ist die Wiedergeburt aus dem Heiligen Geist.
Wiedergeburt im evangelischen Sinn schließt selbstverständlich vollkommene Opferung
ein. Das sollten Sie wohl bedenken, wenn Sie auf Erhabenheit, auf die Berührung der Gnosis
und auf das Resultat Ihrer Schritte auf dem Pfad warten. Das Geheimnis Ihres Erfolges liegt
vor allem im vollkommenen Opfer. Wenn wir daher von Hermes Trismegistos sprechen,
dann wissen Sie, dass wir Ihren Blick nicht auf die Urvergangenheit der Menschheit, auf
prähistorische Zeiten lenken wollen, als einstmals ein Lehrer sehr weise Dinge zur
Menschheit sagte, sondern dass es hier um das lebendige Heute geht, um das lebendige
Heute der Gnosis aller Zeiten.
In diesem lebendigen Heute spricht sehr deutlich die Dialektik, der gewöhnliche
Naturzustand. Dieser Naturzustand und seine Kräfte nehmen Sie vollkommen in Anspruch,
wollen Sie ganz absorbieren, sodass Sie meinen, dass es nichts anderes gibt. Sie haben
vielleicht Ihr ganzes Leben lang nach dem Licht gesucht. Sie haben vielleicht ein Leben lang
nach den Mysterien gesucht. Darum sagen wir Ihnen: Im lebendigen Heute gibt es
Mysterien, denen Sie sich nach einer totalen Umkehr in Ihrer Lebenshaltung nähern müssen,
wenn Sie wirklich danach verlangen, dass sie sich vor Ihnen entschleiern und vor Ihnen
leuchten.

Das Heute der dialektischen Natur wird in der Bibel mit dem Wort »Herodes« angedeutet.
Aber das Verborgene, das entschleiert werden muss, das seit dem Morgenrot der Zeiten
allgegenwärtig ist und sich auch hier befindet, sich auch in die Dialektik hineingegraben hat,
wird in der Bibel auch als »Ägypten« angedeutet. Wenn Sie nun in Ihrem ersten jungen
Schülertum in der heiligen Gnosis von dem Licht des Verborgenen berührt wurden, sodass
sich in diesem Licht das Mysterium entschleiern kann, dann wird, bevor die Entschleierung
vollkommen ist, die Naturkraft des Herodes versuchen, das Ihrer Natur fremde Element zu
töten.
Darum wird jedem ernsthaften Schüler geraten, nach Ägypten zu fliehen, wie einstmals
das Kind Jesus. Das bedeutet, tief einzudringen in die Verborgenheiten des wahren Lebens,
das sich auch im Heute beweist, wenn Sie es nur sehen können, wenn Sie nur dahin
durchdringen können; denn wir sagen Ihnen, der heilige Gral lebt!
Zum Schluss werden Sie nun vielleicht auch verstehen, warum gesagt wird, dass viele
große Lehrer der Menschheit, wie Pythagoras und Plato, ihre Kenntnis von Hermes
Trismegistos empfingen, und warum die hermetische Weisheit mit der geweihten Lehre des
Ostens vollkommen identisch ist. Es gibt nur eine Weisheit, die stets bewahrt geblieben ist
und aus der man an verschiedenen Stätten unserer Welt und zu allen Zeiten geschöpft hat
und immer wieder schöpfen wird.
»Auch werden Sie verstehen, warum Hermes angeblich unzählige Bücher geschrieben
haben soll. Ein Autor berichtet sogar von hunderttausend Buchrollen, welche die Weisheit
des Hermes enthalten sollen. Jedoch alle Bücher der Welt könnten die hermetische Weisheit
nicht umfassen; denn diese Weisheit ist frei von allem überlieferten Wissen. Diese Weisheit
steht in Wirklichkeit nicht in einem Buch. Sie wird jedoch vollkommen dem zuteil, der die
Rose in Wahrheit »an das Kreuz heftet«.
Wenn wir nun in diesem Werk dennoch Ihre Aufmerksamkeit auf ein Buch, das Corpus
Hermeticum lenken, nachdem Sie zur Einleitung mit der Tabula Smaragdina, dem Fundament
und der Synthese dieser Urweisheit, vertraut gemacht wurden, dann wollen wir ganz gewiss
nicht damit sagen: »Da haben Sie nun die Weisheit«, sondern wir legen Ihnen damit ein
Zeugnis aus der Vergangenheit vor, von einer Weisheit, die auch im lebendigen Heute die
Ihre werden muss.
Darum verharren wir nicht bei vergilbten Pergamenten oder den Ruinen verfallener
Heiligtümer. Wir behandeln diese selbstverständlich mit Ehrerbietung und danken Gott für
die vorangegangenen Bruderschaften, die so viel für uns erduldet und erlitten haben und
deren Liebeskraft es uns nun ermöglicht, uns der Gnosis zu nähern. Wir wollen jedoch nie
vergessen, dass wir als junge gnostische Bruderschaft im lebendigen Heute stehen, um jetzt
zu tun, was die Alten einstmals taten.
Wir prüfen ihr Zeugnis an unserer Erfahrung. Als Berührte, als junge Triebe am uralten
Stamm, flüchten wir zusammen nach Ägypten. Wir tauchen unter im Mysterium, damit wir
als Kinder Gottes unsere Aufgabe im Heute erfüllen können.
II

Die Tabula Smaragdina

Erläuterung

Es ist wahr! Es ist sicher! Es ist die volle Wahrheit!


Was unten ist, gleicht dem, was oben ist,
und was oben ist, gleicht dem, was unten ist,
damit die Wunder des Einen sich vollziehen.

Und so wie alle Dinge


aus dem Einen geworden sind
durch eine Mittlerschaft,
so sind sie alle aus diesem Einen geboren,
durch Uöbertragung.

Ihr Vater ist die Sonne;


ihre Mutter ist der Mond.
Die Luft hat sie in ihrem Schoß getragen.
Die Erde war ihre Amme.

Der Vater aller Talismane in der ganzen Welt ist allgegenwärtig.

Seine Kraft bleibt unberührt, wenn sie in der Erde angewandt wird.

Trenne liebevoll und mit großer Einsicht und Weisheit die Erde vom Feuer, das Feine
von dem, was hart, dicht und starr ist.

Von der Erde steigt es auf zum Himmel und sinkt von dort wieder herab zur Erde und
nimmt dabei die Kraft dessen, was oben ist, und dessen, was unten ist, auf.

So werdet ihr die Glorie der ganzen Welt besitzen, und darum wird alle Finsternis von
euch fliehen.

Es ist die mächtige Kraft aller Kräfte, weil sie alles Sanfte überwindet und alles Harte
durchdringt.

So ist die Welt erschaffen. Aus ihr werden auf dieselbe Weise wunderbare Schöpfungen
entstehen. Man hat mich darum den dreimal großen Hermes genannt, weil ich die drei
Ansichten der Weisheitslehren der ganzen Welt besitze.

Vollständig ist, was ich über die Zubereitung des Goldes gesagt habe.

Wir konfrontieren Sie nun mit einem Zeugnis der Alten, welches bekannt ist als Tabula
Smaragdina, als smaragdene Tafel. Uöber diese smaragdene Tafel sind Legenden im Umlauf,
die Ihnen vielleicht sehr bekannt vorkommen. Die hier gemeinte Tafel ist ein Grabstein, mit
Inschriften bedeckt, welche die überlieferte Weisheit der Alten enthalten. Die klassische
Weisheit war also in Stein gemeißelt. Unter diesem Stein fand man den unversehrten Körper
des Hermes Trismegistos.
Das erinnert uns unmittelbar an den Grabtempel des Christian Rosenkreuz. Die Messing-
Platte, ebenfalls mit universellen Weisheitsformeln, bedeckte das Grab des Christian
Rosenkreuz, in dem man, genau dem Bericht über die Tabula Smaragdina entsprechend, den
unversehrten Körper unseres Vaters, Bruder C. R. C., in vollem Ornat vorfand. Johann
Valentin Andreae und die Seinen waren also sicher nicht originell bei der Zusammenstellung
ihrer Fama Fraternitatis Roseae Crucis. Sie konnten auch nicht originell sein, weil der Ruf der
Bruderschaft in allen Zeiten stets derselbe ist, ja derselbe sein muss und immer eine
Wiederholung der Weisheit der Urgnosis enthält.
Was uns unmittelbar anspricht in dem Zeugnis der Alten, welches wir nun behandeln
wollen, ist der Umstand, dass von einer Smaragd-Tafel berichtet wird. Ein Smaragd ist ein
Edelstein von ausnehmend grüner Farbe. Edelsteine haben, wie auch Metalle, die
Eigenschaft, Vibrationen und Strahlungen aufzunehmen, festzuhalten und auszustrahlen.
Nicht jeder Stein und nicht jedes Metall besitzt Polarisation mit der gleichen Vibration.
Jedes Metall und jede Steinart hat einen ganz eigenen Charakter, eine spezifische
Eigenschaft. Und darum wurde und wird zum Beispiel in der okkulten Wissenschaft die
Kenntnis von den Metallen, Steinen und Farben vielfach benutzt, um bestimmte Strahlungen
in ihrer Auswirkung zu steigern und andere Strahlungen zu dämpfen. Auch in der Bibel
wird fortwährend von Edelsteinen gesprochen. Denken Sie nur an die Stadt, welche im Buch
der Offenbarung »das neue Jerusalem« genannt wird. Ihre zwölf Tore sind auf besondere
Weise mit Edelsteinen verziert, wie dort gesagt wird, um darauf hinzuweisen, dass alle
erleuchtenden, helfenden und Kraft spendenden Strahlungen durch die zwölf Tore
eindringen, sodass infolgedessen die Stadt das Licht der dialektischen Sonne und des
Mondes nicht mehr benötigt.
Die Farbe, die Kraft und die Strahlung, welche als Smaragd bezeichnet werden können,
weisen hin auf eine Basis, auf einen absoluten Beginn, auf ein Fundament, ohne das nichts
begonnen werden kann. Die Tabula Smaragdina will also auch der Beginn der hermetischen
Philosophie sein. Ohne diesen Schlüssel kann man die Urweisheit der Gnosis nicht
verstehen. Das wollten die hermetischen Weisen von einst mit dem Namen Tabula
Smaragdina ausdrücken.

Die Tabula Smaragdina, die smaragdene Tafel, der Grabstein, unter welchem der unversehrte
edle Körper des Hermes Trismegistos begraben lag, beginnt, wie Sie nun wissen, mit den
Worten: Es ist wahr! Es ist sicher! Es ist die volle Wahrheit!, also mit einer dreifachen
Bestätigung der Weisheitsformeln, die der heilige Stein uns mitteilt.
Wenn man diesen Beginn oberflächlich betrachtet, erscheint er nicht frei von
Uöberflüssigem und als Gegenteil objektiver Nüchternheit. Hätte es dem Autor nicht
genügen können zu sagen: »Der Inhalt stimmt vollkommen mit der Wahrheit überein«?
Nein, das hätte ihm nicht genügt! Denn diese dreifache Bestätigung bezieht sich auf eine
magische Formel mit sehr tiefem Inhalt.
In der ersten Zeile wird ausgesprochen, dass die Wahrheit, von der die Tabula Smaragdina
zeugt, von der Erfahrung in der eigenen Persönlichkeit und im eigenen mikrokosmischen
System vollkommen bestätigt wurde. Wenn der hermetische Mensch also sagt: »Es ist
wahr!«, so meint er etwas ganz anderes als der dialektische Mensch. Der hermetische
Mensch spricht und zeugt erst dann von Wahrheit, wenn er den Pfad gegangen ist und die
betreffenden Werte erfahren hat. Wenn Sie von diesem magischen Menschen ein solches
Zeugnis hören, können Sie vollkommen auf dessen Richtigkeit vertrauen und ihm Glauben
schenken, und Sie verstehen, dass auch Sie, wenn Sie einmal zu Ihrer Zeit den Pfad der
Erfahrung gegangen sein werden, mit derselben Sicherheit jauchzend sprechen werden: »Es
ist wahr!«
Wahrheit hat nur dann einen Wert, ist für Sie nur dann wahr, wenn Sie selbst sie erfahren
und also aus erster Hand erleben. Was hätten Sie von einer Wahrheit, der Sie nicht folgen, die
Sie nicht erleben? Die Wahrheit schlechthin kann ohne weiteres niemanden befreien, wohl
aber richten; das heißt, dass ein Mensch mit der Wahrheit in Konflikt geraten kann, wenn er
einen eigenen Weg zu gehen versucht. Doch sobald der Mensch sich bemüht, der Wahrheit
näher zu treten, sie zu erleben und durch eigene Lebenshaltung zu befestigen, wird er frei
vom Urteil. Darum hat der alttestamentarische Mensch immer Grund, die Wahrheit zu
fürchten und vor ihrem Urteil zu zittern, während der neutestamentarische Mensch, der die
Wahrheit erfüllt, sie sehr liebt.
Mit der zweiten Zeile: Es ist sicher! wird ausgedrückt, dass die Wahrheit nicht weiter als
die eigene Erfahrung reicht, nicht weiter reichen kann, und dass jedes spekulativ-
philosophische Element Sie also von der Wahrheit entfernt hält. Es ist Ihnen bekannt, dass
jede dialektische Philosophie nahezu vollkommen spekulativ ist, wie die Geistesschule schon
oft darlegte. Darum gibt es so viele sich widersprechende philosophische Systeme. Sie sind
oft der Beweis für hohe Gedankengänge, für maßloses Verlangen nach Wahrheit, jedoch von
der Wahrheit selbst sind sie sehr, sehr weit entfernt.
Die Wahrheit, für die der hermetische Mensch Zeugnis ablegt, ist erstens erfahren und
zweitens frei von jedem spekulativen Element. Und drittens muss sie die volle Wahrheit sein.
Erst wenn die Wahrheit vollkommen ist, kann sie erlösend sein.
Der gewöhnliche Mensch sagt oft: »Was für Sie wahr ist, braucht es für mich noch lange
nicht zu sein.« Damit wird gemeint, dass viele sogenannte und sich widersprechende
Wahrheiten sich in dieser Welt nach vorn drängen. Es wird damit gesagt, dass der ringende
Naturmensch in seiner Einsamkeit oft einen Weg geht, welcher für ihn selbst notwendig und
wahr ist, jedoch für einen anderen völlig unnütz und schädlich sein kann. Die volle Wahrheit
in hermetischem Sinn ist jedoch allumfassend, betrifft alle, ist bestimmt für Welt und
Menschheit.
Darum sagt die Tabula Smaragdina bereits zu Beginn: Wir sprechen nicht über eine
Wahrheit, die in einem gegebenen Moment große Bedeutung für einen bestimmten
Menschen hatte, vielleicht wie die romantische Beschreibung eines Lebenslaufes, sondern
über eine Wahrheit, die erfahren werden muss, die keine einzige Spekulation enthält und die
vollkommen umfassend ist, das heißt: für die ganze Menschheit bestimmt. Eine solche
dreifach vollkommene, unantastbare Wahrheit enthält die Tabula Smaragdina. Sie fährt fort:

Was unten ist, gleicht dem, was oben ist, und was oben ist, gleicht dem, was unten ist, damit die
Wunder des Einen sich vollziehen. So wie alle Dinge aus dem Einen geworden sind durch eine
Mittlerschaft, so sind sie alle aus diesem Einen geboren.

Sie erkennen in diesem Ausspruch das bekannte hermetische Axiom: »Wie oben, so unten«.
Es ist gut, bei diesem Axiom etwas zu verharren. Denn ganz allgemein betrachtet, stimmt an
diesem so absoluten Lehrsatz etwas nicht. Man kann doch unmöglich annehmen, dass sich
das wahrhaftige Lichtreich mit seiner Glorie und Göttlichkeit in der Welt der Dialektik in
dem Sinn projiziert, dass die Dialektik der Beweis dafür wäre. Es ist im Gegenteil ein
enormer Konflikt zwischen dem »Oben« der Gnosis und dem »Unten« der Natur des Todes.
Darum ist es notwendig, sich dem hermetischen Axiom ganz anders zu nähern als der
dialektische Mensch. Vor allem der okkulte Mensch versündigt sich durch falsche
Auslegungen. Mit Hilfe der hermetischen Philosophie versucht er, das eigene ich-zentrale
Streben als gut zu bezeichnen. In seiner Ausrichtung auf das Königtum des Ichs behauptet
der Okkultist, Gottes Wegen zu folgen, um so das »wie unten« gleich zu machen dem »so
oben«, was natürlich unmöglich ist. Ausgehend von der Sicherheit, in der Tabula Smaragdina
der vollkommenen Weisheit zu begegnen, können wir in einer Sekunde gerade durch das
hermetische Axiom feststellen, dass in der Alloffenbarung ein großer Konflikt herrscht. Das
»so unten« ist nicht wie das »so oben«!
Und das ist nun die Kraft der Tabula Smaragdina, dass sie Sie unmittelbar vor diesen
großen Konflikt in der Alloffenbarung stellt -- nicht nur, um ihn hervorzuheben, sondern um
darauf hinzuweisen, dass er in Mensch und Welt aufgehoben werden kann, ja aufgehoben
werden muss. Aus dem hermetischen Axiom erweist sich die große Sendung der Tabula
Smaragdina.

Alles in der Alloffenbarung ist einmal aus der Kraft Gottes entstanden. Darum kann es in
seinem gefallenen Zustand in der Kraft Gottes entweder aufgelöst oder wieder zum
ursprünglichen Zustand erhoben werden. In dieser Kraft kann es also auch transfigurieren.
Das hermetische Axiom enthält und schenkt also das große Heilsgeheimnis als eine
wissenschaftliche Formel, als eine unantastbare These: Wenn Sie sich mit der wunderbaren
Kraft des Geistes der Liebe verbinden, mit Pymander -- was »der Hirte« oder »der Führer
des Menschen« bedeutet --, dann wird selbstverständlich das Niedere wiederum dem
Höheren gleich. Darum fährt die Tabula Smaragdina fort:

Ihr Vater ist die Sonne;


ihre Mutter ist der Mond.
Die Luft hat sie in ihrem Schoß getragen,
Die Erde war ihre Amme.
Der Vater aller Talismane in der ganzen Welt ist allgegenwärtig.
Seine Kraft bleibt unberührt, wenn sie in der Erde angewandt wird.

Diese kurze Formulierung ist ein Wunder an Deutlichkeit. Der Verfasser sagt: Gebt acht, es
gibt zwei Väter: den Vater des Naturreichs und den Vater des Geistfeldes. Und das
Naturreich muss aus dem Geistfeld entstehen und unterhalten werden.
Es ist jedoch möglich, dass ein Mensch nur aus dem Naturreich zu leben beginnt -- weil
das Naturreich selbst ein vollkommen ausgerüstetes Schöpfungsfeld ist -- und in diesem
Naturreich völlig untergeht und also den Vater des Geistfeldes verlässt und vergisst, so wie
es mit der dialektischen Menschheit der Fall ist. Dann entwickelt sich auf diese Weise der
Konflikt. Von Stunde an ist dann das »wie unten« nicht mehr dem »so oben« gleich! Es
entsteht dann eine Verhärtung des Rassenkörpers, und auch andere Kristallisationen
begleiten den vom Geistfeld abgefallenen Naturmenschen.
Darum muss es eine Lösung geben; eine Erlösung. Diese Erlösungsmöglichkeit gibt es,
denn:

Der Vater aller Talismane in der ganzen Welt ist allgegenwärtig. Seine Kraft bleibt unberührt,
wenn sie in der Erde angewandt wird.
Wenn Sie diese Kraft anwenden wollen, müssen Sie auf das Rezept der Tabula Smaragdina
achten:

Trenne liebevoll und mit großer Einsicht und Weisheit die Erde vom Feuer, das Feine von dem,
was hart, dicht und starr ist. Von der Erde steigt es zum Himmel auf und sinkt von dort wieder
hernieder zur Erde und nimmt dabei die Kraft dessen, was oben ist, und dessen, was unten ist,
auf. So werdet ihr die Glorie der ganzen Welt besitzen, und darum wird alle Finsternis von euch
fliehen.

Greifen Sie in der Kraft der Gnosis, in der Kraft des göttlichen Liebesatems Ihr gesamtes
Naturwesen an, welches vom Allvater, vom Geist, getrennt ist. Gehen Sie den Pfad des
Endura, den Pfad der großen Umwandlung, der schon seit vielen Jahren von der
Geistesschule verkündet und gelehrt wird. Und Sie werden mit Sicherheit überwinden. Wer
es wirklich mit der machtvollen Kraft aller Kräfte wagt, wird den Segen einmal erfahren.
Dann ist alles vollendet, was die Gnosis Ihnen über die Zubereitung des Goldes, die
Wirksamkeit der geistigen Sonne verkündet hat.
III

Das Corpus Hermeticum

Das Corpus Hermeticum


Nachdem wir uns in die fundamentalen Weisheitsformeln der Tabula Smaragdina vertieft
haben, wollen wir uns dem Corpus Hermeticum zuwenden und diesen Schlüssel der Alten mit
dem der jungen Gnosis von heute vergleichen. Wenn wir nachforschen, wie weit die Lehre,
das Leben und die Richtlinien der Alten mit denen der Jüngeren übereinstimmen, können
wir klar wissen, ob die junge Gnosis das Recht, die Initiative und die Führung im großen
werdenden Weltwerk zu übernehmen, wirklichen Werten oder Wahn entlehnt.
Das Corpus Hermeticum, in das wir uns in dieser Ausgabe vertiefen wollen, besteht aus
achtzehn Kapiteln oder Büchern. Das erste Buch trägt den Namen Pymander. Es ist ein
Zwiegespräch zwischen Hermes und einem mysteriösen Wesen, das sich Pymander nennt.
Hermes ist hier der naturgeborene Mensch, der sich auf den Pfad der Befreiung begeben
und die Geburtsgrotte Bethlehem durchschritten hat, also des neugeborenen
Seelenzustandes teilhaftig wurde. Er bemüht sich nun, auf der Basis dieses neugeborenen
Seelenzustandes das goldene Hochzeitskleid zu weben. Währenddessen beginnt der neue
Bewusstseinszustand, das Merkur-Bewusstsein oder hermetische Bewusstsein, sich zu
offenbaren. Sobald dieses Bewusstsein anwesend ist, tritt Pymander hervor.
Mit Pymander verbindet sich der hermetische Mensch kraft seiner neuen
Wesensoffenbarung. Pymander ist die allgegenwärtige Weisheit Gottes. Ja, Pymander ist
Gott! Pymander ist das Wort, welches am Anfang war. Er ist es jedoch nicht in seiner
Allgemeinheit wie zum Beispiel im Prolog des Johannes-Evangeliums: »Im Anfang war das
Wort«, oder an vielen Stellen der Bibel, wo der Name Gottes in seiner Allgemeinheit genannt
wird.
Nein, Pymander ist die Weisheit, das Wort, der Gott, der sich sehr bestimmt, sehr speziell
an Hermes wendet. Wenn Sie an vielen Stellen der Bibel lesen, dass Gott sprach, dass Gott
sich an einen Hierophanten oder einen anderen Diener wandte, dann wird oft nicht die
göttliche Sprache im allgemeinen Sinn gemeint, sondern es bedeutet, dass der Logos sich
pymandrisch an diesen Hierophanten, diesen Diener, diesen hermetischen Menschen
wendet.
Die allgegenwärtige Weisheit ist eine Strahlung, eine Vibration, eine universelle
Lichtkraft, eine große, besondere elektromagnetische Kraft. Sie ist die höchste Radiation der
Alloffenbarung, die Radiation des Geistes selbst. Wenn ein Mensch ein durchbrechendes
hermetisches Bewusstsein besitzt, dann wird die Radiation des Geistes augenblicklich von
diesem Bewusstsein erkannt, erfahren und geprüft. Dann entsteht zwischen dem
universellen Geistfeld und dem hermetischen Menschen ein Brennpunkt, ein
Begegnungspunkt, blendend und stark leuchtend, der Punkt, der Brennpunkt, an dem Geist
und Bewusstsein sich gegenüberstehen. Der Geist dieses Brennpunktes ist dann Pymander,
das Bewusstsein des Hermes.
Durch die erwähnte Wirksamkeit des Brennpunktes entsteht das Wandeln mit Gott, der
Dialog, der lebendige Kontakt zwischen Gott und Mensch. Sobald Sie also auf dem Pfad
etwas vom neuen Bewusstseinszustand entwickeln und erfahren, treten Sie gleichzeitig in
persönlichen Kontakt mit der Gottheit, entwickelt sich der tägliche Umgang mit Gott.
Sie werden, wie wir hoffen, verstehen, dass dieses nichts mit den spiritistischen Praktiken
der entstofflichten Entitäten der Spiegelsphäre zu tun hat, die den Kontakt zwischen Geist
und Mensch auf widerwärtige Weise imitieren. Erkennen sie klar, dass alles, was sich an das
naturgeborene Bewusstsein, das Ich-Bewusstsein wendet, ohne jede Ausnahme Imitation,
Wahn und Täuschung ist.
Wenn das hermetische Bewusstsein sich auf den Geist richtet und daher das Geistfeuer im
Brennpunkt der Begegnung entflammt wird, entsteht eine leuchtende Kraftlinienstruktur,
dann begegnet der hermetische Mensch Pymander. Aus der auf diese Weise geformten
Kraftlinienstruktur * Denken Sie als Hilfe für Ihr Vorstellungsvermögen an die
Kraftlinienstruktur, die wir in jeder Flamme wahrnehmen können. fließt eine Kraft, eine
Vibration in den hermetischen Menschen. Diese Vibration besitzt einen Klang, eine Farbe,
und zwar völlig übereinstimmend mit dem Motiv, aus welchem der hermetische Mensch
sich ins Geistfeld erhebt. So erhält diese Manifestation, diese Begegnung einen sehr
persönlichen Charakter.
Nur auf diese Weise spricht Gott zum Menschen. Es ist das Finden und Hören des
»unaussprechlichen Namens«. Sie werden davon schon gelesen und gehört haben. Sie
werden auch vernommen haben, dass im Lauf der Zeiten Zahllose nach dem
unaussprechlichen Namen gesucht haben, nach dem Hören des unaussprechlichen Namens.
Die Weisheit aller Zeiten sagt zu Recht, dass das Finden und Hören des unaussprechlichen
Namens den Höhepunkt einer gnostisch-magischen Entwicklung bedeutet. Wie gesagt,
suchten und suchen Zahllose auf negative Weise mit ihrem natürlichen Ich-Wesen nach
diesem Horeb, diesem Berg des Erreichens. Doch es ist selbstverständlich, dass diese
Versuche zum Scheitern verurteilt sind und unveränderlich bleiben werden, solange das Ich
die Basis dieser Anstrengungen ist.
Aber der Schlüssel zu diesem magischen Höhepunkt ruht im Herzen eines jeden
Menschen. Wenn der Mensch sein Herz der Gnosis öffnet, beginnt er den Weg zu
beschreiten, der zur Begegnung mit Gott führt, den Weg, der zum täglichen Umgang mit der
Gottheit leitet. Wie arm, wie bettelarm, wie vollkommen unwissend ist die heutige
Theologie, die Gottes Wort als Buch verstehen will und eifrig in der Erde gräbt und wühlt,
um Gottes Wort zu finden, und meint, dass man nur in diesem Buch täglich ein Kapitel zu
lesen und darüber zu sprechen braucht, um Gottes Stimme zu hören. Kein einziger
priesterlicher Mensch, kein einziges priesterliches Hilfsmittel kann Sie mit Gott verbinden.
Um die Begegnung mit Gott zu feiern, müssen Sie selbst den Weg zu Ihrem Pymander
gehen!
In diesem Licht werden Sie vielleicht auch die Gefahr der falschen Meditation erkennen.
Der hermetische Mensch kann sich bewusst meditativ in das Geistfeld erheben. Der
hermetische Mensch, der über das neue Bewusstsein verfügt, kann sich auf den Flügeln
dieses Bewusstseins bis in das Geistfeld erheben und der Flamme des Geistes begegnen.
Doch sobald nicht-hermetische Menschen, aus welchen Gründen und mit wie viel guter
Absicht auch immer, meditativ Gott suchen, um sich mit Ihm zu vereinigen, entstehen stets
negative Wirkungen und Folgen, welche für den größten Teil dieser Menschen Bindungen
mit dialektischen Kräften verursachen, mit der Spiegelsphäre. Diese Bindungen zu
verursachen, ist denn auch das Ziel jener, die stets wieder erneut dazu auffordern und
ermutigen, durch bestimmte Anrufungen meditativ zu wirken.
Es ist ein Teil des »Großen Spiels«. Darum sind wir erklärte Gegner des ausgesprochen
meditativen Lebens. Wenn Sie jederzeit sicher sein wollen, dann suchen Sie Gott nicht durch
Meditation, sondern durch Ihren Lebensweg. Reden Sie nicht viel, sondern zeigen Sie Taten!
Lassen Sie Ihre neue Lebenshaltung durch die Tat sprechen, durch sichtbare
Lebenswirklichkeit. Gehen Sie also den Pfad!
Wenn wir in unseren Tempeln versammelt sind, dann dienen unsere Anrufe, Riten und
Gebete nicht als Mittel zum Erwecken einer mystisch-meditativen Sphäre, sondern immer
einer Abstimmung auf den erreichbaren und zulässigen Vibrationsschlüssel des Lebenden
Körpers der jungen Gnosis, die sich auf dem Pfad befindet. Damit wollen wir sagen, dass
jeder Anruf stets mit Ihrem Seinszustand korrespondieren muss, mit der Qualität des
rufenden Menschen, mit seiner aktuell erlebten Gegenwart auf dem Pfad. Und wenn Sie Ihre
aktuelle Gegenwart auf dem Pfad qualitativ in diesem Moment nicht selbst bestimmen
können, dann finden Sie stets im Vaterunser eine sichere Basis. Darin heißt es doch: »Gib uns
heute unser tägliches Brot.« Darin findet jeder Schüler zu jeder Zeit Sicherheit. Das tägliche
geistige Brot, das ihm dann zusteht, wird er sicher empfangen, wenn das Gebet mit einer
verlangenden Seele gesprochen wird.
Die persönliche Begegnung des hermetischen Menschen mit dem Geistfeld, was auch
angedeutet wird als »das Hören der Stimme«, der sanften Stimme, wird, wie gesagt, in der
Bibel oft besprochen. So wird von Elia gesagt, als er sich vor der Höhle des Berges Horeb
befand: »Siehe, die Stimme kam zu ihm.« Und als Apollonius von Tyana die sanfte Stimme
zu hören wünschte, wickelte er sich, genau wie Elia, »in seinen Mantel«, eine Andeutung für
die Erhebung zu Gott in den empfangenen Werten des goldenen Hochzeitsgewandes.

Wir glauben, dass nun der Boden genügend geebnet ist für das erste Buch des Corpus
Hermeticum, das Buch Pymander. Absichtlich haben wir dieses Thema so ausführlich
eingeleitet, um Sie vor allem tief erkennen zu lassen, dass Sie, wenn Sie sich dem Corpus
Hermeticum nähern, auf heiligem Boden stehen.
IV

Erstes Buch

Pymander

1. Einst, als ich die wesentlichen Dinge überdachte und mein Gemüt sich erhob,
schlummerten meine körperlichen Sinne vollkommen ein, wie bei jemandem, der
nach einer übermäßigen Mahlzeit oder infolge großer körperlicher Müdigkeit
von einem tiefen Schlaf übermannt wird.
2. Es war mir, als sähe ich ein gewaltiges Wesen von unbestimmter Form, das
mich beim Namen nannte und zu mir sagte:
3. »Was willst du hören und sehen, und was verlangst du, in deinem Gemüt zu
lernen und zu erkennen?«
4. Ich sprach: »Wer bist du?«
5. Und erhielt zur Antwort: »Ich bin Pymander, das Gemüt, das aus sich selbst
seiende Wesen. Ich weiß, was du begehrst, und ich bin überall mit dir.«
6. Ich sagte: »Ich begehre, unterrichtet zu werden über die wesentlichen Dinge,
ihre Art zu verstehen und Gott zu erkennen. O, wie sehr verlange ich zu
verstehen!«
7. Er antwortete: »Halte in deinem Bewusstsein gut fest, was du lernen willst,
und ich werde dich unterrichten.«
8. Bei diesen Worten veränderte sich sein Aussehen, und sogleich öffnete sich in
einem Augenblick alles für mich; ich sah eine ungeheure Vision; alles wurde zu
einem serenen und herzerfreuenden Licht, und ich freute mich über die Maßen
über seinen Anblick.
9. Kurz darauf entstand in einem Teil des Lichtes eine schreckliche und tiefe
Finsternis, die sich abwärts bewegte und in gebogenen Spiralen drehte, wie eine
Schlange, so kam es mir vor. Dann veränderte sich diese Finsternis in eine
feuchte und unaussprechlich verworrene Natur, von welcher ein Rauch aufstieg
wie von Feuer, während sie einen Laut hervorbrachte wie ein unbeschreibliches
Wimmern.
10. Dann erhob sich aus der feuchten Natur ein Schrei, ein wortloser Ruf, den ich
mit der Stimme des Feuers verglich, während sich aus dem Licht ein heiliges
Wort über die Natur breitete und ein reines Feuer aus der feuchten Natur
emporflammte, hell, blendend und mächtig.
11. Die Luft folgte durch ihre Leichtigkeit dem feurigen Atem: Aus der Erde und
dem Wasser erhob sie sich zum Feuer, sodass sie am Feuer aufgehängt erschien.
12. Die Erde und das Wasser blieben, wo sie waren, sehr stark miteinander
vermischt, sodass man Erde und Wasser nicht einzeln wahrnehmen konnte; und
sie wurden unaufhörlich in Bewegung gebracht durch den Atem des Wortes, das
über ihnen schwebte.
13. Dann sprach Pymander: »Hast du verstanden, was diese Vision bedeutet?«
14. Ich antwortete: »Das werde ich nun erfahren.«
15. Dann sagte er: »Das Licht bin ich, das Gemüt, dein Gott, der war, ehe die
feuchte Natur aus der Finsternis in Erscheinung trat. Das leuchtende Wort, das
vom Gemüt ausgeht, ist Gottes Sohn.«
16. »Was bedeutet das?« fragte ich.
17. »Verstehe es so: Was in dir anschaut und hört, ist das Wort des Herrn, und
dein Gemüt ist Gott, der Vater. Sie sind nicht voneinander getrennt, denn ihre
Einheit ist das Leben.«
18. »Ich danke dir«, sagte ich.
19. »Richte nun dein Herz auf das Licht und erkenne es.«
20. Bei diesen Worten sah er mir einige Zeit gerade ins Gesicht, so
durchdringend, dass ich bei seinem Anblick erzitterte.
21. Als er danach sein Haupt wieder erhob, sah ich in meinem Gemüt, wie das
Licht, das aus unzähligen Kräften bestand, zu einer wahrlich unbegrenzten Welt
geworden war, während das Feuer von einer sehr mächtigen Kraft umschlossen,
gebändigt und so ins Gleichgewicht gebracht worden war.
22. Dieses alles unterschied ich in der Vision durch das Wort Pymanders. Als ich
ganz außerhalb meiner selbst war, sprach er wieder zu mir:
23. »Du hast nun im Gemüt die reine, ursprüngliche menschliche Gestalt
gesehen, den Urtyp, das Urprinzip des Beginns ohne Ende.« Also sprach
Pymander zu mir.
24. »Woher sind denn die Elemente der Natur gekommen?« fragte ich.
25. Er antwortete: »Aus Gottes Willen, der, als er das Wort in sich aufgenommen
hatte und den reinen Urtyp der Welt erblickte, sie nach diesem Modell als eine
geordnete Welt erschuf aus den Elementen seines eigenen Wesens und den aus
ihm selbst geborenen Seelen.
26. Gott, der Geist, der Mann und Weib in sich selbst ist und der Quell des
Lebens und des Lichtes, brachte durch ein Wort ein zweites Geistwesen, den
Demiurgen hervor, welcher als Gott des Feuers und des Atems sieben Rektoren
erschaffen hat, welche die sinnliche Welt mit ihren Kreisen umgeben und sie
durch das lenken, was Schicksal genannt wird.
27. Sofort entwich das Wort Gottes aus den Elementen, die unten wirksam sind,
in das reine Gebiet der Natur, das gerade erst erschaffen war, und vereinigte sich
mit dem Demiurgen, mit dem es wesenseins ist.
28. So wurden die niederen Elemente der Natur sich selbst überlassen, der
Vernunft beraubt, wodurch sie nicht mehr waren als jegliche Materie.
29. Aber vereinigt mit dem Wort brachte der Demiurg, während er die Kreise
umspannte und diese sich sehr schnell drehen ließ, den Kreislauf seiner
Geschöpfe in Bewegung, vom unbestimmten Anfang bis zum endlosen Ende,
weil das Ende mit dem Beginn zusammenfällt.
30. Diese Umdrehung der Kreise brachte nach dem Willen des Geistes aus den
versunkenen Elementen vernunftlose Tiere hervor, da sie das Wort nicht mehr in
ihrer Mitte hatten; die Luft brachte geflügelte Tiere hervor und das Wasser das
schwimmende Getier.
31. Die Erde und das Wasser waren nach dem Willen des Geistes getrennt, und
die Erde brachte aus ihrem Schoß die Tiere hervor, die sie in sich beschlossen
hielt; vierfüßige Tiere, kriechendes Getier, wilde Tiere und Haustiere.
32. Der Geist, der Vater aller Wesen, der Leben und Licht ist, brachte einen
Menschen hervor, ihm selber gleich, zu welchem er als seinem eigenen Kind in
Liebe entbrannte. Denn der Mensch, als Ebenbild seines Vaters, war sehr schön;
Gott begann so in Wahrheit seine eigene Gestalt zu lieben und übergab ihr all
seine Werke.
33. Als jedoch der Mensch die Schöpfung wahrnahm, die der Demiurg im Feuer
erschaffen hatte, wollte auch er ein Werkstück hervorbringen, und der Vater
gewährte es ihm. Als er darauf in das demiurgische Schöpfungsfeld eintrat, wo
er freie Hand haben sollte, nahm er die Werke seines Bruders wahr, und die
Rektoren entbrannten in Liebe zu ihm, und jeder von ihnen ließ ihn an seinem
eigenen Rang in der Hierarchie der Sphären teilhaben.
34. Als er danach ihr Wesen kennen gelernt hatte und an ihrer Art teilnahm,
wollte er die Grenzen der Kreise durchbrechen und die Macht dessen kennen
lernen, der über das Feuer herrscht.
35. Dann beugte der Mensch, der Macht besaß über die Welt der sterblichen
Wesen und der vernunftlosen Tiere, sich vor, durch die verbindende Kraft der
Sphären, deren Umhüllung er durchbrochen hatte, und zeigte sich der Natur
unten in der schönen Gestalt Gottes.
36. Als die Natur ihn erblickte, der die unerschöpfliche Schönheit und alle
Energien der sieben Rektoren in sich besaß, vereinigt in der Gestalt Gottes,
lächelte sie voller Liebe; denn sie hatte die Züge dieser wunderbar schönen Form
des Menschen sich im Wasser spiegeln sehen und seinen Schatten auf der Erde
wahrgenommen.
37. Was ihn selbst betrifft: Als er diese Form, die ihm so sehr glich, durch die
Spiegelung im Wasser in der Natur bemerkte, verliebte er sich in sie und wollte
dort wohnen. Was er wollte, tat er sogleich, und so begann er, die vernunftlose
Form zu bewohnen. Und als die Natur ihren Geliebten in sich empfangen hatte,
umfing sie ihn vollkommen, und sie wurden eins; denn ihr Begierdenbrand war
groß.
38. Daher ist von allen Geschöpfen in der Natur allein der Mensch zweifach,
nämlich sterblich dem Körper nach und unsterblich dem wirklichen Menschen
nach.
39. Denn obwohl er unsterblich ist und Macht über alle Dinge hat, erfährt er doch
das Los der Sterblichen, da er dem Schicksal unterworfen ist. Dadurch wurde er,
obwohl seine Heimat oberhalb der verbindenden Kraft der Sphären ist, in dieser
Kraft zum Sklaven; und obwohl er Mann-Weib ist, weil er aus einem Vater
hervorkam, der selbst Mann-Weib ist, und obwohl er frei ist von Schlaf, weil er
hervorkam aus einem Wesen, das selbst frei ist von Schlaf, wurde er trotzdem
von der Begierde der Sinne und vom Schlaf überwunden.«
40. Darauf sagte ich: »O, Geist in mir, auch ich liebe das Wort.«
41. Pymander sprach: »Was ich dir sagen werde, ist das Geheimnis, welches bis
auf diesen Tag verborgen war. Als die Natur eins geworden war mit dem
Menschen, brachte sie ein erstaunliches Wunder hervor. Der Mensch besaß in
sich die Art aller sieben Rektoren, die, wie ich dir gesagt habe, aus Feuer und
Atem zusammengefügt war; die Natur brachte nun ohne Verzug sieben
Menschen hervor, übereinstimmend mit der Art der sieben Rektoren, gleichzeitig
Mann und Weib und von aufrechter Gestalt.«
42. Nun rief ich aus: »O, Pymander, es ist jetzt in mir ein besonderer Wunsch
entstanden, und ich brenne vor Verlangen, es zu hören. Fahre bitte fort!«
43. Pymander sprach: »Sei still; ich bin noch nicht fertig mit meiner ersten
Darlegung.«
44. »Ich schweige schon«, antwortete ich.
45. »Wohlan, die Erschaffung der sieben ersten Menschen fand, wie ich sagte, wie
folgt statt: Die Erde war die Matrix, das Wasser das erweckende Element; das
Feuer brachte den Entstehungsprozess zur Reife, die Natur empfing aus dem
Äther den Lebensatem und brachte die Körper hervor nach der Form des
Menschen.
46. Der Mensch aus Leben und Licht wurde Seele und Gemüt; das Leben wurde
Seele, das Licht Gemüt. Alle Wesen der sinnlichen Welt blieben in diesem
Zustand bis zum Ende des Kreislaufs und bis zum Beginn der Arten.
47. Und nun gib Acht auf das, was du so gern hören willst. Als dieser Kreislauf
vollständig beendet war, wurde das Band, welches alles vereinigte, durch Gottes
Willen zerrissen. Alle Tiere, die bis zu diesem Moment gleichzeitig männlich und
weiblich gewesen waren, wurden, wie der Mensch, in diese beiden Ansichten
getrennt, und so wurden einige Tiere männlich und andere Tiere weiblich. Da
sprach Gott das heilige Wort: `Wachset und nehmet zu an Zahl, vermehret euch,
ihr alle, die ihr geschaffen seid. Und lasst jene, die das Gemüt besitzen, sich als
unsterblich erkennen und wissen, dass die Ursache des Todes die Liebe zum
Körper und zu allem Irdischen ist.'
48. Als Gott also gesprochen hatte, bewirkte die Vorsehung durch das Schicksal
und die verbindende Kraft der Sphären die Vermischung und setzte die
Fortpflanzung ein; und alle Wesen vermehrten sich nach ihrer Art; und wer sich
selbst als unsterbliches Wesen erkannte, ist auserkoren vor allen. Wer aber den
Körper geliebt hat, der aus dem Wahn der Begierde hervorgegangen ist, muss
weiter in der Finsternis umherirren und die Erfahrung des Todes durchleiden.«
49. »Welchen entsetzlichen Fehler«, so rief ich aus, »haben denn jene begangen,
die in Unwissenheit sind, dass sie der Unsterblichkeit beraubt sind?«
50. »Ich glaube, dass du nicht darüber nachgedacht hast, was du vernommen
hast. Habe ich dich nicht vor allem gebeten, aufmerksam zu sein?«
51. »Ich denke nach«, sagte ich, »und ich erinnere mich nun und danke dir.«
52. »Wenn du nachgedacht hast, sage mir dann, warum jene, die im Tode sind, zu
sterben verdienen.«
53. »Weil der Quell, aus welchem ihr Körper hervorkommt, die Finsternis ist,
welche die feuchte Natur entstehen ließ; diese stellte in der sinnlichen Welt den
Körper zusammen, in dem der Tod seinen Durst löscht.«
54. »Das hast du gut verstanden. Aber warum kommt der, welcher sich selbst
erkannt hat, zu Gott, wie Gottes Wort es sagt?«
55. »Weil«, so antwortete ich, »der Vater aller Dinge, aus dem der Mensch
geboren ist, Licht und Leben ist.«
56. »Ja, Licht und Leben, das ist Gott der Vater, aus dem der Mensch geboren ist.
Wenn du also weißt, aus Leben und Licht hervorgegangen und aus diesen
Elementen zusammengefügt zu sein, wirst du zum Leben zurückkehren.« Das
war es, was Pymander mir sagte.
57. »Aber sage mir noch, o mein Gemüt, wie werde ich zum Leben eingehen?«
fragte ich. »Denn Gott hat gesagt: `Lass den Menschen, der das Gemüt besitzt,
sich selbst erkennen.' Besitzen denn nicht alle Menschen das Gemüt?«
58. »Achte auf das, was du sagst! Denn ich, Pymander, das Gemüt, komme zu
jenen, die heilig und gut, rein und barmherzig sind, zu den Gottesfürchtigen;
meine Gegenwart wird ihnen zur Hilfe, sodass sie sogleich alles erkennen; und
sie werden durch ihre Liebe dem Vater wohlgefällig und danken ihm in
kindlicher Anhänglichkeit mit den Lobpreisungen und Gesängen, die sie ihm
schuldig sind. Ehe sie ihren Körper dem Tod übergeben, dem er gehört,
verachten sie ihre Sinne, weil deren Wirkungen ihnen nur allzu gut bekannt sind.
59. Ja, ich, das Gemüt, werde keinesfalls zulassen, dass die Wirkungen des
Körpers, die sie angreifen, ihren Einfluss auf sie ausüben: denn als Wächter der
Türen werde ich bösen und beschämenden Taten den Zugang versagen und
unheilige Vorstellungen unterbinden.
60. Doch ich halte mich fern von den Törichten, den Schlechten, den
Verdorbenen, den Abgünstigen, den Habsüchtigen, den Mördern und den
Gottlosen; ich überlasse sie dem rächenden Dämon, welcher solche Menschen
mit der Geißel des Feuers bearbeitet, es so in ihre Sinne treibt und sie dadurch
noch mehr zu unheiligen Taten anspornt, damit an ihnen eine noch größere
Strafe vollzogen werde. Die Begierde dieser Menschen sucht dann auch
fortwährend größere Befriedigung und lässt sie in der Finsternis wüten, ohne
dass sie gesättigt werden kann. Darin besteht ihre Qual, und dadurch lodert die
Flamme, die sie versengt, immer höher.«
61. »Du hast mich, o Gemüt, all diese Dinge genau so gelehrt, wie ich es
wünschte. Aber erzähle mir nun noch, wie der Weg empor sich entwickelt.«
62. Hierauf antwortete Pymander: »Zuerst wird, im Auflösungsprozess des
Stoffkörpers, dieser Körper der Veränderung übergeben, und die Form, die du
hattest, wird dann nicht mehr gesehen. du übergibst dein gewöhnliches Ich, das
fortan ohne Tätigkeit ist, dem Dämon; die körperlichen Sinne kehren zurück zu
ihrem Ursprung, dessen Teil sie wieder werden, und sie werden erneut eins mit
dessen Tätigkeiten, während die Trieb- und Begierdenkräfte zur vernunftlosen
Natur zurückkehren.
63. Also fährt der Mensch weiter aufwärts durch die verbindende Kraft der
Sphären. Dem ersten Kreis überlässt er die Kraft des Zunehmens und des
Abnehmens, dem zweiten Kreis die Fähigkeit zum Bösen und die ohnmächtig
gewordene List, dem dritten Kreis die fortan machtlose Täuschung der
Verlangen, dem vierten Kreis die Eitelkeit der Herrschsucht, die nicht mehr
befriedigt werden kann, dem fünften Kreis den gottlosen Uöbermut und die
brutale Unbesonnenheit, dem sechsten Kreis die dadurch wirkungslos
gewordene Gebundenheit an Reichtümer, dem siebenten die stets Fallen
stellenden Lügen.
64. Wenn er sich dann so alles dessen entledigt hat, was aus der
zusammenwirkenden Kraft der Sphären hervorgegangen war, tritt er, nur im
Besitz seiner eigenen Kraft, in die achte Natur ein und singt mit allen, die dort
sind, Hymnen zum Lobe des Vaters; und alle freuen sich mit ihm über seine
Anwesenheit.
65. Wenn er ihnen gleich geworden ist, vernimmt er Hymnen, die von gewissen
Kräften, die sich über der achten Natur befinden, zum Lobe Gottes gesungen
werden. Und dann steigen sie in rechter Ordnung zum Vater auf, geben sich
selbst den Kräften preis und gehen, ihrerseits zu Kräften geworden, in Gott ein.
Dieses ist das gute Ende für jene, welche die Gnosis besitzen: dass sie Gott
werden.
66. Aber... was zögerst du nun? Gehst du nun, da du alles von mir empfangen
hast, nicht zu jenen, die es wert sind, um ihnen als Führer zu dienen, damit dank
deiner Vermittlung das menschliche Geschlecht durch Gott gerettet werden
möge?«
67. Als Pymander das gesagt hatte, vermischte er sich vor meinen Augen mit den
Kräften. Und ich, der ich nun mit Kraft bekleidet und belehrt war über die Art
des Alls und die erhabene Vision, dankte und pries den Vater aller Dinge. Ich
begann, den Menschen die Schönheit des auf Gott gerichteten Lebens und der
Gnosis zu verkündigen:
68. »O, ihr Völker, ihr Menschen, die ihr aus der Erde geboren seid und euch
dem Rausch und dem Schlummer und der Unwissenheit über Gott ergeben habt,
werdet doch nüchtern und hört auf, euch in der Verkommenheit zu wälzen,
verzaubert, wie ihr seid, durch einen tierischen Schlaf.«
69. Als sie das hörten, kamen sie einmütig zu mir. Und ich sprach weiter: »O, ihr
Erdgeborenen, warum habt ihr euch dem Tod übergeben, derweil ihr Macht
habt, an der Unsterblichkeit teilzuhaben? Kommt zur Einkehr, die ihr in der
Täuschung wandelt und die Unwissenheit als Führer angenommen habt. Befreit
euch von dem dunklen Licht und nehmt teil an der Unsterblichkeit, indem ihr für
immer Abschied nehmt vom Verderben.«
70. Einige von ihnen verspotteten mich und gingen fort; denn sie waren auf dem
Weg des Todes. Aber andere, die sich vor mir auf die Knie geworfen hatten,
flehten mich an, sie zu unterrichten. Ich richtete sie auf und wurde ein Führer des
menschlichen Geschlechts, indem ich sie lehrte, auf welche Weise sie gerettet
werden könnten. Ich säte in sie die Worte der Weisheit, und sie wurden gelabt
mit dem Wasser der Unsterblichkeit.
71. Als es Abend geworden und das Licht der Sonne beinahe verschwunden war,
forderte ich sie auf, Gott zu danken. Und nachdem sie die Danksagung
vollbracht hatten, kehrten alle zu ihren Herdstätten zurück.
72. Ich jedoch schrieb Pymanders Wohltat in mich; und als ich ganz erfüllt davon
war, kam die höchste Freude über mich. Denn der Schlaf des Körpers war die
Nüchternheit der Seele geworden, das Schließen der Augen zum wahrhaftigen
Schauen, das Schweigen wurde mir zur Schwangerschaft des Guten und das
Austragen des Wortes zu fruchtbaren Taten des Heils. Dieses ist alles zu mir
gekommen, weil ich von Pymander, meinem Gemüt, dem aus sich selbst
seienden Wesen, das Wort des Anfangs empfangen habe. So bin ich nun erfüllt
vom göttlichen Atem der Wahrheit. Darum weihe ich nun mit meiner ganzen
Seele und all meinen Kräften diesen Lobgesang Gott dem Vater:
73. »Heilig ist Gott, der Vater aller Dinge.
Heilig ist Gott, dessen Wille sich durch seine eigenen Kräfte vollzieht.
Heilig ist Gott, der erkannt sein will und erkannt wird von denen, welche Ihm
angehören.
Heilig bist du, der du durch das Wort alles ins Dasein gerufen hast.
Heilig bist du, nach dessen Bild die All-Natur geworden ist.
Heilig bist du, den die Natur keineswegs erschaffen hat. Heilig bist du, mächtiger
als alle Mächte.
Heilig bist du, vortrefflicher als alles, was ist.
Heilig bist du, über alles Lob erhaben.

Nimm die reinen Opfer an, die durch das Wort in meiner Seele und meinem Herzen
erweckt wurden, die sich zu dir richten, o Unaussprechlicher, o Unnennbarer, dessen
Namen nur die Stille auszusprechen vermag.

Leihe dein Ohr mir, der ich bitte, dass ich niemals von der Gnosis, der wahren
Erkenntnis, die meinem Kernwesen eigen ist, getrennt werden möge.

Neige dich zu mir und erfülle mich mit deiner Kraft: Ich werde mit dieser Gnade das
Licht allen jenen aus meiner Rasse bringen, die in Unwissenheit leben, meinen
Brüdern, deinen Söhnen. Ja, ich glaube und bezeuge mit meinem Blut: Ich gehe zum
Leben und zum Licht.

Sei gepriesen, o Vater, dein Mensch will mit dir heiligen, wozu du ihm alle Macht
gegeben hast.«
V

Pymander und Hermes

Pymander und Hermes


Um die Weisheit des Corpus Hermeticum nach unserem Vermögen aufzuzeigen, werden
wir den gegebenen Texten nicht Vers für Vers folgen, sondern soweit es möglich ist
versuchen, sie im Ganzen zu überschauen, damit Sie sich bereits beim Lesen ein Bild machen
können von dem gesamten Buch Pymander und folgenden Werken des Hermes. Würden wir
dieser Methode nicht folgen, wäre eine Bearbeitung von unübersehbarem Umfang nötig.
Wie wir im dritten Kapitel besprachen, verbindet der hermetische Mensch, der durch
seinen innerlichen Zustand und durch transfigurierende Lebensveränderung dazu die
Möglichkeit besitzt, sich mit dem universellen Geistfeld. Im Brennpunkt einer solchen
Verbindung entsteht dann diese Kraftlinienstruktur: Pymander manifestiert sich. Sich aus
dem Geist gestaltend, tritt Pymander hervor. Aber Pymander ist keine abgesonderte
Wesenheit, die im Geistfeld lebt, sondern ein Entflammen des Geistfeldes, eine lebendige
Wirklichkeit, die ungetrennt und vollkommen Teil des Geistfeldes ist. Dennoch ist dieses
entflammende Feuer der Pymander des Hermes. Denn die Manifestation verhält sich
vollkommen übereinstimmend mit dem Zustand und der qualitativen Kraft des Hermes.
Es heißt: Als Hermes die wesentlichen Dinge überdachte und sein Gemüt sich erhoben
hatte, erschien Pymander, der ist und doch auch nicht ist. Wenn der hermetische Mensch sich
für eine Weile nicht mehr auf das Geistfeld konzentriert, verschwindet die pymandrische
Gestalt und löst sich auf im allgegenwärtigen Licht. Die Flammen des Feuers verwehen
dann. Pymander ist, dennoch ist er nicht, weil er vollkommen eins ist mit dem Licht.
Am Anfang des Textes berührt uns, dass Hermes die wesentlichen Dinge überdachte und
sein Gemüt sich erhob. Darauf müssen Sie gut achten; denn für den hermetischen Menschen
ist dieser Prozess Bedingung. Er beweist das ideale Zusammenwirken zwischen Haupt und
Herz, das so notwendig ist. Herz und Haupt bestimmen in ihrer Zusammenwirkung das
Leben. Das können Sie als ein Axiom auffassen. »Sie sind nicht zu trennen«, so sagt
Pymander. Und darum müssen Sie das Geheimnis des Herzens kennen lernen.
Sie wissen, dass der Mensch vier Körper besitzt: den stofflichen Körper, dessen
ätherisches Doppel, den Begierdenkörper und das Denkvermögen. Der Ätherkörper erbaut
und unterhält den Stoffkörper; und der Begierdenkörper bestimmt die Neigungen, die Art,
den Charakter, die Anlage des Menschen, also sein ganzes Wesen. Richten Sie nun vor allem
Ihre Aufmerksamkeit auf den Begierdenkörper, auf die siderische Gestalt, wie Paracelsus
sagt. Die siderische Gestalt umgibt und durchdringt uns von allen Seiten, und die
siderischen Fluida strömen durch die Leber in unser stoffliches System. Es ist eine
fortwährende Zirkulation dieser Kräfte, die durch die Leber ein- und ausströmen.
Der wichtigste Brennpunkt des Begierdenkörpers ist die Leber. Übereinstimmend mit
dem Zustand und der Art des Begierdenkörpers, so wie Sie ihn bei der Geburt empfangen
haben und wie er sich in den Jahren seit Ihrer Geburt weitergebildet hat, ist auch die Qualität
und die Art Ihrer Herzwirksamkeit und die Wirksamkeit Ihres Hauptheiligtums.
Herz und Haupt sind beim naturgeborenen Menschen Sklaven der Begierdennatur. Die
gesamte Prozessmäßigkeit der Funktionen Ihres Herzens und Ihrer Mentalität, Ihres
Denkvermögens, wird von Ihrer Begierdennatur geleitet. Das Gefühl, das Herz, Ihr Denken
als Mensch dieser Natur werden reguliert, gesteuert von Ihrem Beckenheiligtum. So leben
Sie also aus dem Beckenheiligtum, aus dem Milz-Lebersystem, Ihrem Naturwesen nach an
den Stoff gebunden, auf den Stoff gerichtet, all das begehrend und bedenkend, was aus der
gewöhnlichen Natur ist. Alle siderischen Radiationen dringen übereinstimmend mit den
Wirkungen Ihrer Begierdenart in die Leber ein.
Wenn ein Mensch, nach endlosen Täuschungen auf dem traurigen Weg der Erfahrung, im
naturgebundenen Leben festgelaufen ist, kann es geschehen, dass er Erneuerung begehrt,
einen befreienden Ausweg sucht; dass in diesem Menschen sich so etwas wie Heilbegehren
entwickelt, ein Verlangen, das eine oder andere Heil zu ergreifen und in sich selbst zu
verwirklichen, um aus der Grube des Todes emporzuklimmen. Dieser Zustand der Suche
nach Erneuerung, dieses in zunehmender Bewusstwerdung sehnsüchtige Suchen nach dem
Heil ist die höchste Form des Begehrens, zu welcher der naturgeborene Mensch fähig ist.
Höher kommt er nicht. Was in Ihrem Herzen als Naturwesen wühlt und kocht, ist
vollkommen Begehren. Das Höchste, das qualitativ Höchste ist Heilbegehren. Das ist der
höchste Zustand, der Grenzzustand der dialektischen astralen Radiationen. In diesem
Grenzzustand berührt Sie die Gnosis; nicht in der Leber, sondern im Herzen.
Die erste Berührung, die Basisberührung der Gnosis, findet stets über das Herzheiligtum
statt, aber immer nur als Antwort auf das Heilbegehren des Menschen. Wenn sich jemand
nur experimentell oder aus Neugier den Tempeln einer gnostischen Geistesschule nähert,
nützt es ihm absolut nichts. Man kann nur dann in fruchtbarer Weise in einem gnostischen
Brennpunkt verweilen, wenn das Herz sich einigermaßen für die Gnosis öffnet; also als Folge
des höchsten Zustandes des Begehrens, des Heilbegehrens.

Das Herz wird in der Gnosis »das Heiligtum der Liebe« genannt. Aber wegen verschiedener
karmischer Einflüsse und Einflüsse der Vorfahren, die von Ihrer Geburtsstunde an in Ihnen
wirken und Ihren Lebensweg durch die Jahre hin unentrinnbar bestimmen, ist das Herz des
naturgeborenen Menschen schon seit langem nicht mehr ein Heiligtum der Liebe. In seinem
Herzen ist keine Spur der wirklichen Liebe vorhanden. Das Herz des Menschen dieser Welt
ist eine Mördergrube, eine Pesthöhle.
Wenn das Herz seit altersher »das Heiligtum der Liebe« genannt wird, dann ist damit ein
Herz gemeint, das zubereitet ist für eine Lebenskraft, eine Lebensfülle, eine
Lebensmöglichkeit, die zu Recht den Namen »Liebe« tragen darf. Alles, was sich unterhalb
dieser hohen Norm der Liebe befindet, ist ein Zustand der Begierde, der Ichzentralität. Auch
Heilbegehren ist anfänglich ein Verlangen für das Selbst. Das Ich sitzt in der Klemme, und
nun suche »ich« nach einer Lösung. »Ich« suche »mein« Heil. Weil der Mensch in diesem
Zustand ein so entsetzlich armer Schlucker ist, berührt ihn die Gnosis mit ihrer
unvergänglichen Liebe, um ihm zu helfen.
Alles, was sich in der dialektischen Natur unterhalb dieser Liebe offenbart, ist ein Zustand
der Begierde. Die Liebe, die hier gemeint wird, die Liebe, die dieses Namens würdig ist,
kann im Wesen der dialektischen Natur nicht gefunden werden. Sie ist von einer höheren
Ordnung, sie gehört zum wahren Leben, dem neuen Leben. Sie ist Geist, sie ist Gott. Darum
sagt Pymander im 17. Vers: Das Gemüt ist Gott der Vater. Und in Vers 19: Richte nun das Herz
auf das Licht und erkenne es. -- Bei diesen Worten, so fährt Hermes fort, sah er mir einige Zeit
gerade ins Gesicht, so durchdringend, dass ich bei seinem Anblick erzitterte.
Das ist nun die Prüfung: Was ist in Ihrem Herzheiligtum fortan anwesend, Begierde oder
Liebe? Richte das Herz auf das Licht und erkenne es. Wenn das Licht im Herzheiligtum wohnen
soll, dann muss Ihre Begierdennatur verschwinden, dann muss diese Ichsucht, dieser
Ichtrieb vollkommen ausgelöscht werden.
So müssen Sie also einsehen: Das Herzheiligtum ist die große Basis für den Geist, im
Herzheiligtum muss der Geist wohnen, und es muss also in all seinen Ansichten für diesen
hohen Zustand zubereitet werden. Dort wo das Herz ist, sagt Pymander, da ist das Leben.
Wenn das Herz nun für seinen Dienst bereit ist, erkennen Sie im Gemüt, im Herzen die
reine, ursprüngliche menschliche Gestalt, den Urtyp Ihres Menschseins, das Urprinzip von
vor dem Beginn ohne Ende.
Der dialektische Mensch hat aus seinem Herzheiligtum eine Begierdenhöhle gemacht,
sehen Sie das doch klar und deutlich ein. In seinem Inneren lodert das Feuer des Ichtriebes,
während das Herz doch berufen ist, eine Wohnstätte des Geistes zu sein, des Gottes in Ihnen,
der potenziell im Uratom anwesend ist. Empfinden Sie, wie äußerst krank, wie
außergewöhnlich versunken Sie sind? Das Herzheiligtum, der Tempel für den Gott in Ihnen,
entartet zu einer Mördergrube.
Wer das Herz wieder zu Gottes Dienst weihen will, weihen kann, wird darauf auch das
Hauptheiligtum erschließen für seine priesterliche, menschheitsdienende Aufgabe. Dann
werden auch Sie »die wesentlichen Dinge« überdenken können. Denn aus dem erneuerten
Herzen wird das Merkur-Bewusstsein geboren.
Die Gnosis betrachtet Sie als einen Kranken, als Patienten, wegen des psychischen
Zustandes Ihres Herzheiligtums. Darum duldet man Sie. Darum kann man so viel von Ihnen
ertragen. Allein aus dem erneuerten Herzen kann das Merkur-Bewusstsein geboren werden,
das dreifache neue Vermögen: Denken, Wollen und Handeln. Und wenn man die
wesentlichen Dinge überdenkt, kann es sein, dass man sich mit dem gereinigten Herzen in
die allgegenwärtigen Felder des Geistes erhebt. Die hermetische Entwicklung und das
hermetische Leben gründen sich also auf die Vereinigung und Zusammenwirkung von
Haupt und Herz; folglich nicht auf Vereinigung und Zusammenwirken des Ichs mit dem
Haupt, sondern des gereinigten Herzens mit dem Haupt.
An dieser Notwendigkeit scheitert die Welt. Man erkennt wohl das Chaos und die
Verwirrung um sich, man sieht wohl, dass die Welt versinkt; und das Ich fragt: »Wohin soll
das noch führen?« und man stellt mit Einsatz einer gewaltigen Energie und Dynamik viele
Experimente an, aber es gelingt nichts, weil der Mensch vergisst, das Herzheiligtum zu
reinigen und seinem Dienst zu weihen. Erst wenn das Herzheiligtum gereinigt, geweiht und
für das Licht geöffnet ist, entsteht eine ganz andere Mentalität. Erst dann kann man die
Finger auf die wunden Stellen in dieser Welt, in dieser Gesellschaftsordnung legen.
Wenn Sie von der Gnosis gerufen sind, erkennen und erfüllen Sie dann die Aufgabe:
Reinigen Sie Ihr Herz. Ihr Herz muss vom Treiben der Begierde und von der Ichsucht befreit
werden; es muss sich für die große Liebe öffnen. Darin werden Sie Ihr Herz in wahrer
Vorbereitung üben müssen. Denn damit beginnt es. Dann wird das Haupt folgen, ja es muss
folgen. Und dann werden Sie Ihrem Pymander begegnen.

Pymander wird aus Gottes Liebe geboren und nicht aus dem Treiben des Willens; nicht aus
dem Willenstrieb eines Menschen, der in die Klemme geraten ist. Hermes Trismegistos hat
Ihnen zu sagen, dass der Schlüssel zur Gnosis, zum einen, wahren Leben die Reinigung des
Herzens ist, die vollkommene Hingabe des Herzens.
Und wenn Sie nun diesen Weg gehen und dieses Werk verrichten, dann wird auch für Sie
die sanfte Stimme erklingen: Was willst du hören und sehen? Und was verlangst du, in deinem
Gemüt zu lernen und zu erkennen?
Was werden Sie anderes lernen, wissen und erkennen wollen als die wesentlichen Dinge?
Und was wird am Anfang das Wesentlichste sein, das Sie absolut wissen müssen? Doch die
Wahrheit, die Wirklichkeit, die Sie selbst betrifft. Denn wenn Sie sich selbst nicht kennen, wie
wollen Sie dann das andere, den anderen ergründen?
Darum sieht der hermetische Mensch bei diesem ersten Erkenntnisversuch ein mächtiges
Licht, seren und herzerfreuend, und in diesem Licht in einer spiralförmig abwärts
gerichteten Bewegung einen Pfuhl der Finsternis, des Schreckens und des Elends, über die
Maße traurig, stets in Bewegung und in einer unaussprechlichen Verwirrung. Dunkelrote
Flammen schlagen an allen Seiten empor.
Aus dieser Höhle der Verwirrung, in dieser pechschwarzen Finsternis erhebt sich eine
Stimme, ein wortloser Ruf, korrespondierend mit dem Licht, das sich ringsherum verbreitet.
Aus diesem Licht spricht ein heiliges Wort. Was in dieser Finsternis wahrhaftig und rein ist,
erhebt sich aus der finsteren Geburtshöhle, aus der finsteren Natur, und beginnt sich zu einer
Atmosphäre zu formen. Und so sehen wir zuerst das der versunkenen Natur entstiegene
Licht und dann die Atmosphäre, die sich auf das ursprüngliche Licht abstimmt, und
darunter die feuchte Finsternis aus Erde und Wasser: den dialektischen Seinszustand des
Kandidaten, aber eines Kandidaten, der das Herzheiligtum gereinigt hat oder noch dabei ist,
diese Reinigung seines Herzens zu vollziehen; die feuchte Finsternis aus Erde und Wasser,
bewegt von der Stimme des Wortes, das aus dem Licht ist, des Wortes, das zum Licht
zurückgekehrt ist.

Hast du nun dieses Wort verstanden?, so fragt uns der Pymander des lebenden Körpers der
jungen Gnosis. Er antwortet uns selbst: »Das Licht bin ich, und es wohnt nun im Herzen des
wahren Kandidaten.« Es ist Gott, geoffenbart im Fleisch, der wiederkehrende Osiris, der
wiederkehrende Christus. Das leuchtende Geistfeld ist zuerst Pymander, die
Kraftlinienstruktur der Alloffenbarung. Doch, o herrliches Wunder, das Licht, das mächtige
Licht, die Flamme Gottes, erwählt sich das Herz zur Wohnstatt. Also wird die Gottheit zu
einem Sohn. Denn was im Herzen äonenlang geschlafen hat, wird dadurch erweckt: Der
Sohn der Gottheit wird in Ihnen offenbar.
Der Sohn der Gottheit besitzt ein mächtiges Vermögen. Pymander nennt ihn »das Wort«
oder »die Stimme«. Wenn daher Pymander im Kandidaten spricht, dann spricht und zeugt er
im Herzen; denn das Herz ist die Wohnstätte Gottes, in welcher, wenn die Zeit da ist, der
Sohn der Gottheit spricht. Gott und der Sohn, das Lichtfeld und das einstrahlende Licht, sie
sind nicht mehr voneinander zu trennen. Aus der Vereinigung dieser beiden ist das Leben,
das neue Leben.
Wenn Sie durch Ich-Entäußerung dazu geadelt sind: Richtet euer Herz auf das Licht und
erkennt es. Wenn Sie es erkennen, sehen Sie die mächtigen und herrlichen Vermögen des
lebenden Wortes in sich. Sie sehen und erfahren im Herzen ein Licht aus unzähligen Kräften,
eine wahrlich unermessliche Welt, das Goldene Haupt. Sie erkennen, wie das lodernde Feuer
der niederen Ordnung unter der direkten Leitung des Lichtes und des durch das Licht in
Ihnen sprechenden Wortes mit großer Kraft umschlossen, bezwungen und auf diese Weise
ins Gleichgewicht gebracht wird. So sehen und erfahren Sie, dass durch die leuchtende Kraft
der Gnosis, die in Ihnen geboren wird, die niedere Natur vergeht durch das, was wir
Transfiguration oder Wiedergeburt nennen.
Das ist die Urgnosis, die hermetische Gnosis, die Wahrheit, die der Menschheit vom
ersten Beginn an verkündet wird. Das ist das Wort Pymanders.
Uöberlegen Sie nun, ob dieses Wort übereinstimmt mit dem Wort, das auch die junge
Gnosis jahrelang an Sie richtete; das den menschlichen Urtyp betreffende Zeugnis, die
ursprüngliche Menschengestalt von vor dem »Beginn ohne Ende«, die Menschengestalt, die
war und die ist bis zu dieser Stunde.
VI

Der Platz der dialektischen Ordnung in der kosmischen Siebenheit

Ihre Aufgabe im kosmischen All -- Die Ägyptische Gnosis und die Gnosis des Mani -- Das Drama der
Verschmelzung von Geist und Stoff -- Die Berufung des Menschen

Das Corpus Hermeticum fährt fort mit der Beschreibung der ursprünglichen kosmologischen
Offenbarung, der Entstehung der heutigen Welt und Menschheit. Pymander zeigt Hermes,
der in das Geistfeld, das allgegenwärtige Feld der Liebe Gottes, aufgestiegen ist, die
ursprüngliche, ewig existierende Weltordnung des wahrlich himmlischen Menschen, die
Weltordnung, in welche wir zurückkehren wollen; die Weltordnung, in welche der
hermetische Mensch zu blicken vermag, und die Vorportale, in denen er weilen darf, wenn
er das Goldene Haupt betritt.

Ich sah in meinem Gemüt, wie das Licht, das aus unzähligen Kräften bestand, zu einer wahrlich
unbegrenzten Welt geworden war, während das Feuer von einer sehr mächtigen Kraft
umschlossen, gebändigt und so ins Gleichgewicht gebracht worden war!

Wir betrachteten diesen Aspekt von unten her, vom Standpunkt des sich nähernden
Kandidaten aus. Wir wollen nachdrücklich feststellen, dass diese ursprüngliche
Weltordnung von Anfang an war und ist, die Weltordnung der himmlischen Menschheit, die
für Sie wieder erschlossen wird, wenn Sie erneut teilhaben am sechsten kosmischen Gebiet.
Und nun erhebt sich im Herzen des Hermes eine Frage, die wir in unsere eigene
Terminologie übersetzen wollen: »Wie fügt sich nun in den Rahmen dieser großartigen
Offenbarung, die ich durch dich, Pymander, schauen durfte, die dialektische Natur? Wie
muss ich über die dialektische Ordnung, das dialektische Universum, denken? Wie ist der
himmlische Mensch in die Gefangenschaft der dialektischen Natur geraten und so entartet,
wie er jetzt ist? Ist die dialektische Natur aus dem Urwesen zu erklären? Wodurch ist diese
Naturordnung dann so böse geworden?«
Auf all diese Fragen gibt Pymander eine Antwort. Er sagt: Die dialektische Natur ist nach
dem reinen Urtyp der Welt geschaffen durch das Fortschreiten des unermesslichen
Schöpfungsprozesses. Es wurde eine große Werkstätte, ein gewaltiges alchimisches
Laboratorium erschaffen, in dem der Mensch wirken sollte an den großartigen Projekten der
Alloffenbarung. Denn die erschaffende Gottheit schenkt ihren Geschöpfen, ihren Kindern,
alle göttlichen Vermögen, die sie selbst besitzt; Gott ruft seine Geschöpfe nicht nur ins Leben,
er fügt sie nicht nur in eine Weltordnung ein, sondern er gibt ihnen auch einen Auftrag: am
Fortschritt der Alloffenbarung zu arbeiten; dafür schenkt er ihnen ein gigantisches
alchimisches Laboratorium, das siebente Universum.
Die gnostische Philosophie erklärt bereits seit langem, dass die gesamte dialektische
Natur als dieses Arbeitsfeld angesehen werden muss. In der gesamten dialektischen
Alloffenbarung gilt das gleiche Gesetz: das Gesetz der Zermahlung, der Zerbrechung, des
Entstehens, Blühens und Vergehens und der fortdauernden Kreisläufe. Die Dinge kommen
und gehen und kehren stets wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Eine fortwährende
Umsetzung der Elemente, der Materie, findet im dialektischen Universum statt.
Es ist eine Naturordnung, deren Wirksamkeit Fatum oder Schicksal genannt wird, so sagt
Pymander und weist damit auf das fundamentale Gesetz, auf das Wesen der unabweisbaren
Kreisläufe hin.

Im Wesen der Dialektik als siebentes kosmisches Gebiet können wir dennoch eine hohe
Ordnung erkennen, einen großartigen erhabenen Plan, der eng mit den sechs anderen
kosmischen Gebieten zusammenhängt. Dieser Gesichtspunkt wird sofort verständlich, wenn
Sie bedenken, dass, wie wir gerade erklärt haben, die dialektische Natur ursprünglich als
gewaltige kosmische Werkstätte beabsichtigt war.
Die ägyptische, die hermetische Gnosis sieht die erscheinende Natur von diesem
Standpunkt aus, während zum Beispiel die Gnosis des Mani die Dialektik in ihrer aktuellen
Bosheit sieht, in ihrem nachweisbaren Satanismus, wie auch wir es immer getan haben. Die
Gnosis des Mani sieht die Dialektik in ihrer offenbaren Bosheit; die Gnosis des Hermes blickt
gewissermaßsen über die Versunkenheit unserer Naturordnung hinweg auf ihren
ursprünglichen göttlichen Zweck. Die Gnosis des Mani will der Menschheit zeigen, dass die
Erde danach strebt, den ringenden und Schmerz erleidenden Menschen festzuhalten. Darum
verfluchten die Manichäer als Realisten diese böse Welt. Diese böse, verdorbene Natur kann
unmöglich von Gott, sondern nur von Luzifer erschaffen sein, so erklärten sie.
Angesichts unserer Erfahrungen in der Natur des Todes nehmen auch wir den
Standpunkt Manis ein. Aber wir betrachten diesen zugleich im Zusammenhang mit dem
Standpunkt des Hermes. Hermes nähert sich denn auch in seinen späteren Schriften den
Manichäern. Bereits im ersten Buch Pymander spricht Hermes, als er sich in seinem neuen
Zustand der Erleuchtung an die Menschheit wendet, eine manichäische Sprache (in den
Versen 68--70):

O ihr Völker, ihr Menschen, die ihr aus der Erde geboren seid und euch dem Rausch und dem
Schlummer und der Unwissenheit über Gott ergeben habt, werdet doch nüchtern und hört auf,
euch in der Verkommenheit zu wälzen, verzaubert, wie ihr seid, durch einen tierischen Schlaf.

O ihr Erdgeborenen, warum habt ihr euch dem Tod übergeben, derweil ihr Macht habt, an der
Unsterblichkeit teilzuhaben? Kommt zur Einkehr, die ihr in der Täuschung wandelt und die
Unwissenheit als Führer angenommen habt. Befreit euch von dem dunklen Licht und nehmt teil
an der Unsterblichkeit, indem ihr für immer Abschied nehmt vom Verderben.

Einige von ihnen verspotteten mich und gingen fort; denn sie waren auf dem Weg des Todes.
Aber andere, die sich vor mir auf die Knie geworfen hatten, flehten mich an, sie zu unterrichten.
Ich richtete sie auf und wurde ein Führer des menschlichen Geschlechts, indem ich sie lehrte,
auf welche Weise sie gerettet werden könnten. Ich säte in sie die Worte der Weisheit, und sie
wurden gelabt mit dem Wasser der Unsterblichkeit.

Hieraus ist zu erkennen, dass zwischen den Manichäern und den Anhängern des Hermes
Trismegistos im Wesen kein Unterschied bestand. Von Zeit zu Zeit, ja oft ist es nötig, auf die
Bosheit der Natur in ihrer heutigen Erscheinung hinzuweisen, um dadurch das leuchtende
Vaterland der Menschheit desto heller vor das Bewusstsein stellen zu können. Doch ebenso
notwendig ist es, von Zeit zu Zeit daran zu erinnern, dass das siebente kosmische Gebiet das
große Arbeitsfeld der himmlischen Menschheit ist. Die hermetische Gnosis und die Gnosis
des Mani zeigen denselben Weg. Sie waren Brüder desselben Stammes.
Wir halten es für unsere Pflicht, darauf hinzuweisen, weil es Zeiten gegeben hat, da man
in Kreisen suchender Menschen über die Frage gestritten hat, ob und wieweit der
Manichäismus zum Hermetismus im Gegensatz stand. So treten zum Beispiel in Frankreich
solche Streitfragen von Zeit zu Zeit wieder auf. In Wirklichkeit gibt es keinen Gegensatz und
kann es auch keinen geben.
Der Hermetismus vertritt die philosophische Klarheit. Der Manichäismus ruft zu einer
großen revoltierenden Wirklichkeit auf, zum positiven und bewussten Abschied von der
niederen Natur. Durch diese Ausrichtung hatte der Manichäismus in seiner Zeit denn auch
eine gewaltige Macht über die Menschheit. Darum wurde er von den Feinden so gefürchtet,
gehasst und noch tödlicher verfolgt als der Katharismus. Ermordeten die Feinde der
Katharer diese durch Scheiterhaufen und Hungertod, so wurden die manichäischen Brüder
und Schwestern auf unvorstellbar grausame Weise verstümmelt und zu Tode gemartert.
Wir wissen, dass der Katharismus, obwohl er philosophisch mehr auf hermetischem
Boden stand, vom gleichen Ziel beseelt war wie die Manichäer. Weil das Ziel dasselbe war,
beschuldigte man die Katharer, Manichäer zu sein, mit der vorgefassten Absicht, sie aus
diesem Grund auf die gleiche Weise verfolgen und ausrotten zu können. Die junge Gnosis
hat beiden Bruderschaften unaussprechlich viel zu verdanken.
Wir wollen jedoch unsere Erwägungen über das Buch Pymander fortsetzen.

Im siebenten kosmischen Gebiet, also im dialektischen Weltall, sehen wir, dass größere
Systeme sich in stets kleineren Systemen offenbaren, so das Milchstraßensystem in
zodiakalen Systemen, diese in Sonnensystemen, Sonnensysteme in planetaren Systemen.
In unserem Sonnensystem, ebenso wie in Myriaden anderer derartiger Systeme, erblicken
wir ein System von sieben zusammenwirkenden und einander bestimmenden Kräften.
Pymander spricht, um diese Kräfte anzudeuten, von sieben Regenten oder Rektoren, welche
die sinnliche Welt mit ihren Kreisen umschließen. Stellen Sie sich nun einmal auf einen
geozentrischen Standpunkt und verfolgen Sie so den Umlauf der Sterne, die Wirkungen im
Sonnensystem. Die Sonne, der Mond und die Planeten ziehen dann ihre Kreise, ihre Bahnen
um Sie. Sie senden Ihnen ihr Licht und ihre Kräfte zu. Sie bestimmen sich also gegenseitig
und bestimmen auch Sie. Alles, was auf Erden ist, steht somit unter der Leitung der sieben
Rektoren. Diese bestimmen das Los, das Schicksal des naturgeborenen Menschen.
Wenn Sie sich einmal mit Astrologie beschäftigt haben, wissen Sie, dass Sie immer mit
guten und schlechten Aspekten rechnen mussten. Das Fatum oder Schicksal bestimmt all
Ihre Wege in der dialektischen Natur. So hängen Sie im Netz des Schicksals. Alles, was auf
Erden, aus der Natur ist, steht unter der Leitung der sieben Rektoren.
Am Anfang war beabsichtigt, dass alle versunkenen Elemente, alle Offenbarungen der
dialektischen Natur, ohne Vernunft gelassen werden und nur Materie sein sollten. Denn
sobald eine Materie, ein Element mit Geist verbunden wird, entsteht ein nahezu unmöglicher
Zustand. Dann entsteht, so sagt Pymander, in der Materie eine geistige Wirksamkeit, und die
Materie, die einer unaufhörlichen Veränderung unterworfen ist, geht mit ihrem Gefangenen
in das Wesen des Todes ein. Es wird damit gemeint: Wenn der leuchtende Funke, der Geist,
sich auf falsche, unwissenschaftliche Weise mit Materie verbindet, fließen Materie und Geist
ineinander. Der Geist ist ewig und unveränderlich, während sich die Materie fortwährend
verändert, sich fortdauernd umsetzt. Wenn diese beiden eins geworden sind, schleppt die
Materie den Geist, den leuchtenden Funken mit sich. Durch diese widernatürliche
Verbindung entsteht Kristallisation. Die Materie widersetzt sich, und der Geist versucht, sich
zu behaupten. Und durch die Wirkung, die vom Geist, vom Licht ausgeht, um sich zu
behaupten, um zu bleiben, entsteht Verdichtung der Materie, Kristallisation; denn alles
widersetzt sich nun der Umwandlung. So ist die Ewigkeit eingeschlossen in Schmerzen.
Als moderner Mensch, der von der Forschung der modernen Naturwissenschaft hört,
wissen Sie, dass in der Materie Leben ist. In jedem Atom der Materie ist Leben und Kraft,
doch keine Kraft im Sinn der lebendigen Menschheit, kein Geist. Darum -- denken Sie hier an
das Paradies-Gebot -- sollte die himmlische Menschheit die Materie zwar als alchimisches
Material gebrauchen und sie zu ihrem Ziel drängen, aber sie sollte sich nicht damit
verbinden. Die himmlische Menschheit sollte die Materie so gebrauchen, dass aus dem
Leben und der Kraft der Materie zu gegebener Zeit etwas entstände, was der Materie
entsteigen könnte. Denken Sie in diesem Zusammenhang auch an die bekannte Erzählung
vom Zauberlehrling, der sich aus Neugierde mit Kräften verbindet, die er nicht vollkommen
beherrschen kann; diese Kräfte werden entfesselt, beherrschen ihn und spülen ihn hinweg in
die Lebenssee.
Wenn also bewusstes Leben, Geist, gebunden und völlig vereinigt wird mit der Materie
des siebenten kosmischen Gebietes, entstehen immer Schmerzen und Tod. Und wenn der
Geist sich in der Materie zu behaupten versucht, setzt das ein, was wir als Kristallisation
kennen.
Alle Elemente der Natur mit ihren Wirkungen, Kräften und Möglichkeiten wurden
einmal Gottes hohen Geschöpfen, der himmlischen Menschheit übergeben, einer wirklich
göttlichen Menschheit, die in einem göttlichen Arbeitsfeld wirkte. Der himmlische Mensch
betrat gleichsam einen Wundergarten, ein Paradies. Er versuchte, mit den sieben Rektoren
zusammenzuarbeiten und erforschte alles, was aus der Natur zum natürlichen Leben
erwachte. Und weil das Arbeitsfeld so wunderbar schön war und völlig in der hohen
Vernunft atmete, vergaß der himmlische Mensch allmählich seine wahre Heimat und blieb
im Wundergarten. Er sah sich selbst in dessen Mitte. Als er seine eigene Gestalt im Wasser
erkannte, begann er, sie zu lieben und wollte mit ihr zusammenleben. In diesem Augenblick
hatte der Wille ein sehr törichtes Bild geschaffen. So entwickelte sich der Zustand, in dem die
Natur, die Materie ihren Geliebten umfasste und sich vollkommen mit ihm verband. Der
himmlische Mensch, der den Garten der Götter als Palast empfangen hatte, wurde gefangen
genommen.
Darum ist von allen Geschöpfen auf Erden nur der Mensch zweifach, nämlich sterblich
dem Körper nach, das heißt, was die Materie betrifft, und unsterblich dem himmlischen
Prinzip, dem wesentlichen Menschen nach. So erleidet das Unsterbliche unerträgliche
Schmerzen wegen seiner Gebundenheit an die Materie, die der Vergänglichkeit unterworfen
ist. Obwohl das hohe himmlische Prinzip, das im dialektischen Menschen versunken liegt,
vornehmer und edler ist als seine Umhüllung, ist es doch der Knecht seiner Umhüllung
geworden. Am Anfang der Vermischung des himmlischen Menschen mit der Natur der
dialektischen Ordnung zeigten sich jedoch noch nicht die fatalen Folgen, so wie wir sie heute
erfahren. Pymander überspannt hier eine Reihe von Milliarden und Abermilliarden Jahren.
Diese Folgen entwickelten sich ganz allmählich. Zwischen den Anfangsphasen der
Vermengung und der endgültigen totalen Veränderung und Kristallisation in der tiefsten
Tiefe der Materie liegt die Geschichte des ganzen menschlichen Falles; eine Weltgeschichte,
die mit der Entwicklung der sieben Rassen begann.
Der himmlische Mensch war männlich und weiblich in sich selbst und konnte sich daher
aus sich selbst fortpflanzen. So brachte die Schar der himmlischen Menschheit aus sich selbst
sieben Untertypen hervor, übereinstimmend mit den sieben Rektoren, mit den sieben
Ansichten des Sonnensystems. Diese sieben Hauptrassen, wie sie in der Universellen Lehre
genannt werden, bevölkerten nicht nur die Erde, sondern in großer Glorie das gesamte
Universum, das ganze Sonnensystem. So wurde die göttliche Menschheit Schritt für Schritt
an ihre eigene Schöpfung und ihre Geschöpfe gebunden. Noch später verschwand eine der
geschlechtlichen Ansichten im so gewordenen Menschen, und es entstanden durch die
Trennung der Geschlechter die menschlichen Verhältnisse, die wir nun kennen.
So stellt Pymander Hermes vor die gigantische Menschheitsgeschichte. Hermes lernt und
erfährt es nicht wie wir in diesem Moment anhand der Schrift, welche wir als Pymander
kennen, sondern Hermes liest mit seinem Merkur-Bewusstsein im Gedächtnis der Natur,
und die Bilder ziehen wie ein Panorama an ihm vorüber.
Und so zeigt sich, dass die Ideenfolge, die hier für Sie entwickelt wird, die Kosmologie
Pymanders, die hermetische Philosophie, in der gesamten universellen Lehre und in der
Vielfalt der heiligen Schriften zu finden ist.
Man denke an Paulus und dessen starken hermetischen Einschlag, wie er über das an die
Materie gebundene Geschöpf Gottes und dessen Sehnen nach Befreiung und Erlösung
spricht. Denken Sie an seinen Jubel, wenn er feststellt, dass die ganze Schöpfung
sehnsuchtsvoll auf die Offenbarung der Kinder Gottes wartet. Diese Offenbarung wird nach
dem gnostischen Rettungsplan vollzogen, nach einem so großartigen und gigantischen
Rettungsplan, dass Worte es nicht wiederzugeben vermögen. Denken Sie nur an die
ursprüngliche himmlische Menschheit, welche die sieben Hauptrassen hervorbrachte, aus
denen wieder zahllose Unterrassen entstanden. Und denken Sie ferner an all die Myriaden
Wesenheiten dieser Unterrassen. In ihnen allen ist das Lichtprinzip festgelegt.
Der Lichtfunke, der einmal vollkommenes Licht war, liegt auch in Ihnen versunken, als
ein Lichtfünkchen, als ein »Samenkorn Jesu«. Auch Sie können also teilhaben am mächtigen
Rettungsplan. Wenn Sie wollen, kann der Prozess Ihrer Errettung sich sehr schnell
vollziehen, wenn Sie sich nur ganz Ihrer Berufung weihen; wenn Sie nur wirklich Abschied
nehmen von der Dialektik, vollkommen das Licht von der Finsternis trennen, den Geist von
der Materie, das, was ewig ist, von dem, was Schicksal und Vergänglichkeit ist. Aber bevor
Sie mit diesem Prozess beginnen, bevor Sie die Wasser teilen können, sodass links und rechts
zu unterscheiden sind, müssen Sie das Herzheiligtum reinigen, müssen Sie den Geist,
Pymander, in das Herzheiligtum einlassen, damit das Lichtprinzip in Ihnen lebendig wird.
So müssen Sie sich vollkommen Ihrer Berufung weihen.
VII

Erlösung und Schuldtilgung

Die Verheißung der Versöhnung: das goldene Samenkorn der Unsterblichkeit -- Errettung durch freiwillige
fundamentale Lebensumkehr -- Das Wunder des großen göttlichen Versöhnungsplans

Bevor wir unsere Darlegung über Pymander von Hermes Trismegistos fortsetzen, halten wir
es für notwendig, noch einmal näher auf die Konsequenzen des zuvor Besprochenen
einzugehen, auf die Konsequenzen, die für alle entstehen, die wahrhaft danach verlangen,
den Pfad der Erlösung zu gehen. Mit Johannes 15, Vers 9--17 wollen wir unsere Besinnung
einleiten:
»Gleich wie mich mein Vater liebet, also liebe ich euch auch. Bleibet in meiner Liebe. So
ihr meine Gebote haltet, so bleibet ihr in meiner Liebe, gleich wie ich meines Vaters Gebote
halte und bleibe in seiner Liebe. Solches rede ich zu euch, auf dass meine Freude in euch
bleibe und Eure Freude vollkommen werde. Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander
liebet, gleich wie ich euch liebe. Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben
lässt für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde, so ihr tut, was ich euch gebiete. Ich sage
hinfort nicht, dass ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber
habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid; denn alles, was ich habe von meinem Vater gehört,
habe ich euch kundgetan. Ihr habt mich nicht erwählt; sondern ich habe euch erwählt und
gesetzt, dass ihr hingehet und Frucht bringet und Eure Frucht bleibe, auf dass, so ihr den
Vater bittet in meinem Namen, es euch »gebe. Das gebiete ich euch, dass ihr euch
untereinander liebet.«
Wenn wir uns nun noch einmal das Bild vor Augen führen, das aus dem besprochenen
Teil des Pymander aufsteigt, sehen wir erstens den himmlischen Menschen in all seiner
Glorie; zweitens, dass der himmlische Mensch sich mit der dialektischen Natur vermischte;
und drittens, dass aus der himmlischen Menschheit sieben Rassen entstanden, die das
Universum der Dialektik bevölkert haben. Schließlich können wir erkennen, dass alle
Bewohner des Planeten, in ihren verschiedenen Gestalten und Seinszuständen, aus den
Unterrassen dieser ursprünglichen sieben Rassen gebildet wurden. Mit anderen Worten: Das
ursprüngliche himmlische Prinzip wurde in all diesen Myriaden Wesenheiten immer mehr
gespalten. Diese Spaltung setzte sich jedoch nur bis zu einem bestimmten Punkt fort, bis
nämlich in unzähligen Wesenheiten nur noch ein Samenkorn der ursprünglichen Herrlichkeit
der Kinder Gottes anwesend war. Wir alle sind ein Teil dieser unzählbaren Schar jener, die
nur noch ein Samenkorn des Ursprünglichen in sich tragen. Dass ein noch tieferer Abstieg in
die dialektische Natur und folglich eine noch größere Differenzierung der Saat des Lichtes
unmöglich ist, lässt sich an den folgenden Tatsachen erkennen.
Der Geist kann sich unmöglich differenzieren und ausstrahlen, wenn der Träger des
Geistes sich dieses Besitzes nicht bewusst ist. Zahllose, die das Samenkorn Jesu, das Uratom
in sich tragen, sind sich dessen nicht bewusst. Das Samenkorn liegt dann latent in ihnen
verborgen und ist völlig unfähig, sich weiter zu spalten.
Ferner müssen alle aus den ursprünglichen sieben Hauptrassen differenzierten
Mikrokosmen, um sich ihrer Art gemäß behaupten zu können, der Formel der
ursprünglichen dialektischen Natur entsprechen, aus der sie hervorgegangen sind. Das ist
bei Millionen Wesenheiten, in denen das Samenkorn latent ist, noch der Fall, solange diese
Wesenheiten sich mit den Tiefpunkten des Gesetzes der dialektischen Natur vertragen. Mit
anderen Worten: Das Samenkorn bleibt in der mathematischen Mitte des Mikrokosmos,
solange der an die Natur gebundene Mikrokosmos sich mit dem Gesetz der Natur, mit dem
Gesetz der Materie verträgt. Sinkt die Lebensnorm einer Wesenheit unter das Gesetz der
Materie, dann wird der Mikrokosmos durch die Zermahlungsprozesse des Fatums
entbunden, denaturiert und zerfällt in die Elemente der Materie. Dann stirbt nicht nur die
Persönlichkeit, die in einem bestimmten Moment vom Mikrokosmos umschlossen wird,
sondern auch der Mikrokosmos selbst. Dann ist er unfähig geworden, die Materie
anzugreifen und sich von ihr zu befreien. Das Samenkorn des ursprünglichen Lichtes, das in
einem solchen Mikrokosmos gefangen war, hat dann keine Wohnung mehr und kehrt
ungeoffenbart zu seinem Ursprung zurück.
Wir wollen es noch einmal erläutern: Der Mikrokosmos kann bis zum Nadir, bis zum
Tiefpunkt der dialektischen Versunkenheit fallen. Folgt aus diesem Nadir kein Aufstieg,
dann bleibt dieser Mikrokosmos unvorstellbar lange den Vergänglichkeitsgesetzen der
Materie in wiederholter Persönlichkeitsbelebung unterworfen. Das kann als
Neutralitätszustand bezeichnet werden. Sinkt der Mikrokosmos unter das Gesetz der
Materie, dann wird er entbunden; die Materie kehrt zur Materie zurück und das Lichtprinzip
zum Licht. Das ist der Vernichtungszustand. Als dritte Möglichkeit gibt es die Errettung, den
Beginn der Rückreise aus der Tiefe des Nadirs in das Vaterland des Ursprungs.
Zu dieser Rückreise fordert die Geistesschule, die Schule des Goldenen Rosenkreuzes Sie
auf. Sie verharrten als Mikrokosmos vielleicht äonenlang im Neutralitätszustand, weil Sie
sich des Lichtprinzips nicht bewusst waren. Durch die Berührung und die Anziehung der
Schule kann dieses Lichtprinzip in Ihnen erwachen und in Ihrem Leben wirksam werden. Es
wird Ihnen dann geraten, dieses Lichtprinzip in Ihrem Lebensgang über alles zu stellen und
die dialektische Natur auf den zweiten Platz zu verweisen.
Bedingung dafür ist die Reinigung des Herzens. Das Heiligtum des Herzens muss dem
Griff der Begierde, der entsetzlichen Degeneration, der es zahllose Leben lang unterworfen
war, vollkommen entzogen werden.
Wenn Sie zur Reinigung des Herzens übergehen, wird das Lichtprinzip in Ihnen lebendig
und dringt durch bis zur Begegnung mit Pymander. Wenn das Lichtprinzip in Ihnen erwacht
ist und Sie ihm wieder ein reines Heiligtum verschaffen können, kann es auch im Dienst
Ihrer Mitmenschen wirksam sein. Ist das Lichtprinzip in Ihnen latent, schlafend, dann
können Sie sich zwar humanistisch, auf dialektische Weise dem Dienst an Ihrem Nächsten
weihen; dann können Sie sich wohl auf die eine oder andere Weise bemühen wie jemand,
»der seine Aufgabe in der Welt erfüllt«, wie man das nennt. Jedoch als ein Kind Gottes
können Sie erst hervortreten, wenn das Lichtprinzip in Ihnen erwacht ist, wenn es in Ihnen
Raum gewonnen hat und ausstrahlen kann.
Denken Sie einmal an jene, die inzwischen dieses Lichtprinzip zur Wirksamkeit gedrängt
haben und in der Reinheit des Herzens in gnostischem Sinn existieren. Wenn in den Familien
solcher Menschen Kinder geboren werden, wird durch diese Reinheit des Herzens der Eltern
auch das Lichtprinzip in ihren Kindern entflammt. Denken Sie einmal daran, dass Sie also
allein schon durch Ihr Leben für Ihre Kinder bereits vor deren Geburt einen Platz bereiten in
den Reihen der Gnosis. Wenn das Licht in einem Menschen erwacht ist, kann er damit zum
Dienst aller wirken.
Der dritte Zustand, der Zustand der Errettung, ist also einzigartig, ist der Anfang der
Rückreise in das Vaterland des Ursprungs. Diese Rückreise führt schließlich zur
vollkommenen Freiheit, zur vollkommenen Lösung von aller Materie; sie wird dahin führen,
substanziell körperlos zu sein und einzutreten in die Gefilde des Geistes wie der
pymandrische Mensch. Aber bevor dieser Endpunkt erreicht ist, muss noch in vielen Stadien,
in vielen Seinszuständen mit der Substanz gearbeitet werden, und das Lichtprinzip, das sich
in stets feinere Körper aus Materie hüllt, muss den Weg durch die Materie zurückgehen.
Wenn wir vom »goldenen Hochzeitskleid« sprechen und Sie auffordern, dieses Kleid zu
weben, meinen wir einen Körper, der verglichen mit unserem augenblicklichen Gewand
unendlich verfeinert ist. So muss der Rückweg beschritten werden; die Wesenheiten müssen,
in stets feinere Körper aus Materie gehüllt, den Rückweg durch die Materie antreten, durch
alle ursprünglichen Unterrassen und Hauptrassen, im Besitz stets wachsender Glorie. Und
welch unermessliches Wunder wird sich dann am Ende vollziehen! Versuchen Sie einmal,
sich das vorzustellen! Die ursprüngliche Schuld durch die Verfehlung und den Fall einer
begrenzten Anzahl Himmlischer wird durch die Tatsache getilgt, dass eine Schar, die
niemand zählen kann, ihre Reihen vergrößert. Denn wenn in einem Menschen nur noch ein
Fünkchen Licht, ein Samenkorn des ursprünglichen Lichtes vorhanden ist, kann dieses
Samenkorn sich gemäß den Gesetzen des Geistes zu einer Gottheit entwickeln. So werden, o
göttliches Wunder, durch den Fall und den Fehler einer ursprünglich begrenzten Anzahl
Himmlischer, die Reihen des Gottesvolkes vergrößert zu einer Schar, die niemand zählen
kann: himmlische Menschen, aus der Tiefe des Todes emporgestiegen; göttliche Menschen,
geworden aus den zahllosen Samenkörnern des Lichtes, in der Urzeit ausgestreut über dem
Acker der Materie und damit verbunden. So wird aus Schuld Buße und aus Buße Segnung
und aus Segnung Wachstum und aus Wachstum Ernte. So wird sogar von den Tiefen der
Hölle aus der Sieg der Liebe errungen. Wer es verstehen kann, der verstehe es.
Ernsthafter Sucher, Bruder und Schwester, wer Sie auch sind, werden Sie sich dessen
bewusst, das Samenkorn des Ursprünglichen zu besitzen!
VIII

Das zweifache Wesen des Menschen

Der natürliche Mensch: eine Scheingestalt -- Die Trennung der Geschlechter -- Die Ursache der
geschlechtlichen Abnormitäten -- die siebenfache Reinigung des Herzens

Von allen Geschöpfen in der Natur ist allein der Mensch zweifach, stellt Pymander fest.
Einerseits befindet sich im menschlichen System das Samenkorn der Unsterblichkeit, der
Geistfunke, auch als Rose des Herzens bezeichnet; andererseits ist da das sterbliche
Menschenwesen, die Naturgestalt. Sie können kein einziges anderes Geschöpf finden,
welches diese zweifache Art besitzt.
So entstand durch den Fall der ursprünglichen Söhne Gottes dieser merkwürdige
Zustand, dass in Myriaden sterblicher Wesenheiten die Saat des Geistes differenziert ist; und
dass alle diese Myriaden Wesenheiten, in denen die Saat Gottes anwesend ist, zusammen als
Volk der Gottes-Kinder zu einer Schar werden können, die niemand zählen kann. So kann
und wird es geschehen, dass alles, was einst in Sünde und Schuld begann und dem
entsprechende Folgen zeitigte, sich schließlich in eine intensivere, mächtigere Herrlichkeit,
als je zuvor möglich gewesen wäre, in einen unvermuteten Segen wandelt.
Soll dieser Segen sich aber tatsächlich offenbaren, so muss stark eingegriffen werden.
Dann muss etwas geschehen! Aber darin liegt dann auch die gewaltige Möglichkeit, liegt das
Geheimnis verborgen, dass aus einem Fall, aus Sünde und Schuld ein solcher Segen
entstehen kann, zum Beweis, dass der Geist, die Liebe, stets Sieger bleibt.
Wer Einsicht in die Art seines naturgeborenen Wesens erhält, ist fähig, sich von seiner
Zweifachheit zu befreien und zu seiner ursprünglichen Göttlichkeit zurückzukehren. Sehen
Sie das ein, wenn Sie sich bereits in diesem Moment wenigstens bewusst sind, einen
Geistfunken zu besitzen. Sehen Sie das ein, wenn Sie sich in diesem Moment Ihrer
Zweifachheit, nämlich Ihres naturgeborenen Wesens einerseits und andererseits des
Rosenherzens in sich, des ursprünglichen, des wahren Menschen, bewusst sind. Erkennen
Sie Ihre Befreiungsmöglichkeit, wenn Sie sich dessen bewusst wurden, einen Geistfunken zu
besitzen. Dann sind Sie nicht, wie es uns unsere orthodoxen reformierten Väter suggerierten,
als Naturwesen persönlich schuldig am Wesen der Sünde; denn als naturgeborene Wesen
sind Sie vollkommen eins mit dem Wesen der Dialektik. Der Lauf der Dinge im siebenten
kosmischen Gebiet war und ist unabwendbar für jede mit dieser Natur verbundene
Wesenheit. Nein, Sie können sich als Besitzer der Rose allein der existenziellen
Unwürdigkeit, des existenziellen Widersinns, der Gefangenschaft bewusst werden. Das ist
Sündenbewusstsein, wie die Universelle Lehre es von Anfang an meinte, dass der wahre
spirituelle Mensch sich seines Kerkers, seines momentanen Seinszustandes bewusst wird.
Sündenbewusstsein ist nach Vers 39, ......sich seiner absoluten Unsterblichkeit und der
Macht über alle Dinge bewusst zu sein und doch das Los der Sterblichen zu erfahren, weil
man dem Fatum unterworfen ist; vornehmer zu sein als alles Dialektische und doch sein
Knecht sein zu müssen; zu wissen: »Der Vater ist in mir, Er, der ohne Schlaf ist, herrscht über
mich, und doch bin ich in der Macht des Unbewussten gefangen.« Das ist
Sündenbewusstsein. Und Hermes' Worte beweisen, dass er es erkennt.
Der hermetische Mensch erkennt diese Situation. Aber für die meisten Menschen ist das
alles ein großes Wunder; das Wunder der Vermischung der Natur mit der Menschheit; und
ihr dramatischer Aspekt: der offensichtliche Fall, der sich darin äußert, die Schuld, die
hieraus entsteht, und dass dennoch der Geist, der überwinden will, der überwinden muss,
durch dieses dramatische Geschehen millionenfach gespalten wird und dadurch all diesen
Millionen die Macht schenkt, wiederum Kinder Gottes zu werden.

Darum sagt Vers 41, dass durch die Vermischung der Natur mit der Menschheit ein
erstaunliches Wunder hervorgebracht wurde. Pymander beschreibt das Werden dieses
Wunders (Vers 45):

Die Erde war die Matrix, das Wasser das erweckende Element, das Feuer brachte den
Entstehungsprozess zur Reife, die Natur empfing aus dem Äther den Lebensatem und brachte
die Körper nach der Form des Menschen hervor.

Wenn Pymander vom »Menschen« spricht, dann meint er den ursprünglichen Menschen,
den göttlichen Menschen, die Geist-Entität. Im Uöbrigen spricht er nur vom Körper, von der
Naturgestalt. Der Körper erhielt ein scheinmenschliches Bild. Ferner wird hier angedeutet,
wie die Naturgestalt aus den astralen und ätherischen Radiationen der Natur des Todes
hervorgebracht wurde. Die Naturgestalt wird also ohne weiteres »der Körper« genannt, und
dieser ist es, den die dialektische Welt gewöhnlich »Mensch« nennt. Welch ein Irrtum! Er ist
nur dadurch zu erklären, dass die Naturgestalt kraft ihrer Art ein eigenes Leben, ein eigenes
Bewusstsein besitzt, also ein lebendes Wesen ist.
Zwei Leben sind in Ihnen: das ursprüngliche Leben und das Leben der Naturgestalt.
Pymander bringt es zum Ausdruck,» indem er sagt: Der wahre Mensch ist aus dem Leben
und dem Licht. Aus dem göttlichen Leben ist der wahre Mensch als Seelenwesen entstanden
und aus dem universellen Licht als Gemütswesen, das heißt, als Gefühlswesen von
besonderer Seelenart, das mit dem Geist verbunden ist. Der wahre Mensch besitzt ein reines
Herz, er ist das Herz. Er wohnt als ein Gott im Herzen der Naturgestalt.
Der wahre Mensch ist auch, wie wir weiter feststellen, zweigeschlechtlich in sich selbst,
obwohl männlich oder weiblich nach außen. Die Naturgestalten dagegen wurden
geschlechtlich getrennt. Das müssen Sie gut im Auge behalten, wenn Sie all diese Dinge
verstehen wollen. Die Naturgestalt ist geschlechtlich getrennt, sie ist entweder männlich oder
weiblich. Der Seelenmensch dagegen ist sowohl männlich als auch weiblich, obwohl
entweder männlich oder weiblich nach außen. Es gibt also männliche Seelen-Entitäten und
weibliche Seelen-Entitäten, obwohl sie geschlechtlich nicht getrennt sind. Aber die
Naturgestalt erscheint immer in der uns bekannten geschlechtlichen Trennung, damit durch
endlose Erfahrung und endlose Geburt der Rettungsplan ausgeführt werden kann. Durch
die fortdauernde Zermahlung in der Natur des Todes, durch die fortdauernde Belebung des
Mikrokosmos gibt es stets eine konkrete Möglichkeit, des ursprünglichen Lebens wieder
teilhaftig zu werden.

Es ist Ihnen aus Zeitungen, Zeitschriften oder anderer Lektüre zweifellos bekannt, dass
augenblicklich emsig nach Lebensverlängerung gesucht wird. Man glaubt, imstande zu sein,
in verhältnismäßig absehbarer Zeit, also zum Beispiel innerhalb von hundert Jahren, das
Leben des Menschen auf ungefähr achthundert Jahre verlängern zu können. Wie will man
das verwirklichen?
Wie Sie wissen, enthält das Atom ungeheure Kräfte. Das Lebenselement, das Lebenselixier
der menschlichen Gestalt befindet sich im Atom. Und die Tatsache, dass wir nur so alt
werden, wie wir werden, ist darauf zurückzuführen, dass der Mensch das Lebenselement
des Atoms nicht genügend zu gebrauchen weiß. Nun will man das Lebenselixier, das man
gesucht und bereits entdeckt hat, freilegen. Man will es produzieren und dem Menschen
durch Injektionen verabreichen und so das Leben verlängern. Aber wenn Sie bedenken,
welch ein entsetzliches Chaos der Mensch bereits jetzt daraus macht bei einer
durchschnittlichen Lebenszeit von siebzig bis achtzig Jahren, dann verstehen Sie: Würden
alle zweihundert, dreihundert oder gar achthundert Jahre alt werden, müsste im Lauf dieser
Zeit die gesamte Gesellschaftsordnung zugrunde gehen.
Daher bedeutet die beabsichtigte Lebensverlängerung zweifellos die Lebensbeendigung
der gesamten Menschheit. Vielsagend ist dann auch das Gesetz, welches für jeden wirklichen
Rosenkreuzer gilt (denken Sie in diesem Zusammenhang zum Beispiel an das Diplom des
Backstrom), »dass er nicht länger zu leben wünscht, als Gott es ihm zugesteht«; weil nämlich
der dialektische Mensch, von seinem naturgeborenen Zustand getrieben, immer Gefahr läuft,
unter das Niveau der dialektischen Ordnung zu sinken.
Die geschlechtliche Trennung hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass fortwährend neue
natürliche Wesen geboren werden, und das Leben selbst sorgt dafür, dass sie rechtzeitig
wieder zermahlen werden. Auf diese Weise, durch die harte Schule der tiefen Erfahrung,
wird der Rettungsplan ausgeführt. Auf diese Weise kann der Weg zur Selbsterkenntnis
beschritten werden. Die geschlechtliche Trennung der Naturgestalten ist dabei Bedingung.
Denn dadurch dreht sich das Rad der Geburt und des Todes ununterbrochen; und der Gang
durch das Leben ist die unentbehrliche Schule der Erfahrung, sagt Pymander. Wer in dieser
Schule des Lebens vorangetrieben wird und das Gemüt besitzt, das heißt das Herzheiligtum,
welches übereinstimmend mit der Rose vibrieren kann und für das gnostische Licht geöffnet
ist, wird einmal sich selbst seiner wahren Art nach erkennen und seine Zweifachheit tief
empfinden. Ein solcher Mensch weiß dann, dass die Liebe zur natürlichen Gestalt, die
Begierde des fleischlichen Gefängnisses, die Ursache des Todes mit all seinen Konsequenzen
ist.
So wurde dann die Vermischung eingeführt und die Fortpflanzung eingesetzt, die
Fortpflanzung der Gattungen durch die Trennung der Geschlechter, genauso wie im Tier-
und Pflanzenreich. Wer auf diesem Weg Selbsterkenntnis erlangt, wird auf den Pfad der
Seelenmenschheit geführt; wer sich an die Naturgestalt klammert, irrt weiter umher in der
Finsternis und erfährt auf schmerzliche Weise, was des Todes ist.

Es ist vielleicht gut, hier auf die in allen Zeiten vorkommenden Abweichungen im Hinblick
auf die geschlechtliche Trennung und ihre Konsequenzen hinzuweisen. Von Zeit zu Zeit
entsteht bei einer großen Anzahl Menschen eine Naturgestalt, die weder Mann noch Weib
ist. Ein solcher Menschentyp entwickelt sich einerseits aus der Abweisung des göttlichen
Plans, der den Menschen in Schuld und Buße durch die Materie treibt, und andererseits aus
der Abweisung der geschlechtlichen Trennung und ihrer Konsequenzen. Man will den
Gottesplan nicht anerkennen, der den Menschen wieder in die ursprüngliche Seelengestalt
aufsteigen lässt, und weicht außerdem auch vor den unerbittlichen Konsequenzen dieser
Weigerung zurück; nämlich dann im dialektischen Lebenszustand leben zu müssen.
So entwickelt sich zum Beispiel der homosexuelle Menschentyp. Dieser Typ ist das
Produkt der Lebensisolation der Naturgestalt, ohne dass der Pfad der Befreiung, der Pfad
der wahren Selbsterkenntnis, gegangen wird. Die Auflösung des Problems besteht darin sich
in völliger Uöbergabe auf den Pfad zu richten und ihn entschlossen zu gehen. Man kann als
naturgeborener Mensch der Naturgestalt nur entsagen, die Naturgestalt nur abweisen durch
bewusste Sehnsucht und tatkräftiges Streben, wieder in der Seelengestalt aufzugehen. Aber
wenn man den Weg nach oben nicht suchen oder nicht gehen will und die hormonalen
Triebe völlig ihrer Art gleichbleiben und die Naturgestalt in diesem hormonalen Feuer
verharrt, ist es unvermeidlich dass eine widernatürliche Entwicklung entsteht. Viele, die sich
im Lauf der Jahrhunderte sozusagen aus dem Leben zurückgezogen haben und in die
Klöster gegangen sind, haben sich selbst denaturiert.
In Vers 48 des Buches Pymander gibt es noch einen Aspekt, auf den wir Sie hinweisen
müssen. Man hat diesen Vers nämlich immer falsch verstanden und in dem erwähnten
Ausspruch der hermetischen Philosophie eine Art Warnung sehen wollen. Dort heißt es:

Wer aber den Körper geliebt hat, der aus dem Wahn der Begierde hervorgegangen ist, muss
weiter in der Finsternis umherirren.

Dieses Wort hat man oft als eine Warnung des Hermes vor der irdischen Ehe und ihren
Konsequenzen verstanden. Aber das ist nicht der Fall. Im Gegenteil zeigt sich in der
Urgnosis, wie notwendig die geschlechtliche Trennung mit ihren Konsequenzen ist, um das
Rad der Geburt und des Todes in Bewegung zu halten. Mit dem Lieben des Körpers, der aus
dem Wahn der Begierde hervorgegangen ist, wird die Liebe zur dialektischen Natur gemeint, von
der die Verse 37, 38 und 39 sprechen und die das Entstehen der sterblichen Naturgestalt zur
Folge hatte. Und ob Sie dem nun verehelicht oder unverehelicht, mit Abscheu vor der Natur
oder nicht, in Einsamkeit oder in Dualität gegenüberstehen, das macht keinen Unterschied.
Wer der Naturgestalt entsteigen will, der muss, übereinstimmend mit dem göttlichen
Erlösungsplan, die dialektische Welt selbst und alles, was mit ihr zusammenhängt, verlassen,
um den Weg der Seele, den Rückweg nach oben zu beschreiten.
Wenn man die heutige Menschheit bald daran hindert, den Weg ihrer Natur zu gehen,
und es gelingen sollte, das Leben zu verlängern, bedeutet es das unwiderrufliche Ende; denn
diese ganze Notordnung sinkt dann schon sehr bald mit ihrer Menschheit unter das Niveau
der Naturgesetzmäßigkeit.
Die Liebe zur eigenen Naturgestalt, das vollständige Aufgehen in dieser Naturgestalt, sie
als Zentrum, als den Menschen hinstellen, das ist der Fehler, den Hermes in Vers 48 aufzeigt.

Wenn Sie nun all das verstehen und sich fragen, wie Sie die Reinheit erreichen, die
Lebensreinigung, die Bedingung ist für einen Aufgang zur Befreiung, dann müssen Sie
wissen, dass die Reinheit, die ein Mensch in seiner Naturgestalt erstreben muss, immer die
Reinheit des Herzens ist, die siebenfache Reinigung des Herzheiligtums. Das Herz ist in
gewissem Sinn der Wohnort der Rose. Das Herzheiligtum ist der Spiegel des universellen
Lichtes. Das Herzheiligtum ist Gott.
Pymander spricht zum Kandidaten im Herzen. Daher strebt jeder ernsthafte Schüler der
Gnosis nach einer wahrhaftigen siebenfachen Reinigung des Herzens. Wenn ein Mensch im
Herzheiligtum rein wird, wenn der Kandidat aufrecht und beharrlich nach einer solchen
Reinigung strebt und das Licht infolgedessen in ihm Wohnung nehmen kann, dann
verändert sich mit dem Gefühlsleben auch vollkommen das Denkleben, und das Tatleben
stimmt mit dieser siebenfachen Reinigung des Herzens überein. Dann ist der Mensch rein in
allem, was er tut und lässt.
Erst dann verändern sich auch die hormonalen Funktionen im menschlichen System und
tritt der Kandidat ein in die Sphäre des Guten, wie Pymander es nennt: in den Zustand des
wahren Seelenwachstums.
IX

Dränge die unsterbliche Seele zur Geburt

Dränge die unsterbliche Seele zur Geburt


Die hermetische Gnosis erklärt Ihnen sehr deutlich, dass Ihre Naturgestalt kein
befreiendes Heil zu erwarten hat. Sie leben in einer Todesnatur und sind als Naturgeborener
eins damit. Die gesamte Naturgestalt ist deshalb dem Tod unterworfen. Sie sind als
Naturerscheinung aus einer traurigen Finsternis hervorgegangen, die allem Dialektischen
voranging. Das ist für die Schüler der modernen Gnosis nichts Neues. Nach allem, was die
moderne Geistesschule darüber lehrt und erklärt, sind sie davon zutiefst überzeugt.
Es ist jedoch wichtig, dass die Urgnosis dieses alles bestätigt. Außerdem ist von
Bedeutung, dass Pymander an einer anderen Stelle seiner Darlegung auf die menschliche
Zweifachheit hinweist. Es kann nicht oft genug gesagt werden, und Sie können nicht genug
davon durchdrungen sein, dass der Mensch, von dem die Universelle Lehre und die Bibel
sprechen und zeugen, ein ganz anderer ist als die Gestalt des Körpers, die fälschlich
allgemein für den Menschen gehalten wird.
Sie sind ein Wesen der Zweifachheit. In Ihnen sehnt sich der wahre Mensch, der in seiner
Naturgestalt gefangen ist, nach Befreiung. Wenn Sie sich dieses tagtäglich vor Augen halten,
werden Sie sich selbst einen großen Dienst erweisen!
Pymander weist noch auf einen weiteren möglichen Fehler in den herrschenden
Auffassungen hin. Der Vater aller Dinge besteht nicht aus Leben und Licht, sondern er ist
Leben und Licht. Wenn etwas aus Leben und Licht erschaffen ist, handelt es sich um einen
geteilten Seinszustand, eine Begrenzung. Dann besteht immer die Möglichkeit, dass bei einer
funktionellen Störung ein völliges Nichts oder ein sehr beschädigtes Etwas übrigbleibt. Wenn
aber gesagt wird, dass der Vater aller Dinge Leben und Licht ist, dann deutet das hin auf das
Unvergängliche, das Unzerstörbare, das Allgegenwärtige.
So wurde auch der in der Naturgestalt gefangene wahre Mensch nicht erschaffen aus
Leben und Licht, sondern er ist Leben und Licht. Er ist Gott. Darum kann auch Jesus der
Herr zu Recht sagen: »Der Vater und ich sind eins.« Und zur Naturgestalt, zum
naturgeborenen Menschen, also zu Ihnen und uns, wird in der Bibel gesagt: »Das Königreich
Gottes, der göttliche Mensch, ist in euch.«
Mancher Schüler, der von dem Pfad und dem neuen befreienden Lebenszustand hört,
zieht ein Gesicht, das Bände spricht, Bände der Verwunderung und auch des Unglaubens,
oder mit anderen Worten: des mangelnden Glaubens an sich selbst, der in dem
verhängnisvollen Gedanken zum Ausdruck kommt: »Das erreiche ich nie!« Solche Schüler
sind tatsächlich zu früh zum Schülertum gekommen; ihre Verwunderung oder ihr Unglaube
beweist, dass sie aus Mangel an Erfahrungsleben noch nicht das in ihnen verborgene
Königreich entdeckt haben. Deshalb können sie den Schlüssel zum befreienden Leben noch
nicht gebrauchen.
Wer noch so befangen ist und noch nicht aus tiefem Erfahrungswissen an sich selbst
glauben kann, verliert dann auch meistens den Glauben an die Geistesschule. In diesem
Zustand gerät ein solcher Schüler leicht in Feindschaft, wie aus der Geschichte unserer
Schule und aus der des ganzen menschlichen Geschlechtes leicht bewiesen werden kann.
Denken Sie nur an die Bibel. Als Jesus der Herr als hermetisch bewusster Mensch bezeugte:
»Der Vater und ich sind eins«, meinten die Theologen seiner Tage, er lästere Gott und sei
wahnsinnig, und schalten ihn einen Toren. Und als die Perfekten der Katharer das
Geheimnis des von ihnen entdeckten verborgenen Königreiches durch ihren Lebenszustand
bewiesen, wurde die Priesterschaft jener Tage, die mit ihnen verglichen ein Nichts war,
wütend und beschloss deren Tod.

In Hermes erhebt sich ein Problem, das zweifellos auch Ihr Problem ist. Sage mir, so spricht
Hermes zu Pymander, wie werde ich zum Leben eingehen, in das Leben des verborgenen
Königreiches? Pymander antwortet: Lass den Menschen, der das Gemüt besitzt, sich selbst
erkennen, mit der Absicht, zu verstehen zu geben, dass der Mensch, welcher das Gemüt
besitzt, dadurch sich selbst erkennt.
Aber, so reagiert Hermes, besitzen denn nicht alle Menschen das Gemüt? Worauf die Antwort
kommt: Achte auf das, was du sagst! Denn Ich, Pymander, das Gemüt, komme zu jenen, die
heilig und gut, rein und barmherzig sind, zu den Gottesfürchtigen; meine Gegenwart wird
ihnen zur Hilfe, sodass sie sogleich alles erkennen.
Nehmen wir nun einmal an, dass Sie, verehrter Leser, aus Erfahrung auf vielen Wegen,
geschlagen und getreten vom Leben, sich des verborgenen Königreiches in Ihnen und der
ungeheuren Möglichkeiten, die für Sie darin beschlossen liegen, bewusst geworden sind.
Setzen wir einmal voraus, dass auf dem dramatischen Weg des Mikrokosmos durch die
Todesnatur, in vielen Daseinszuständen, unter den Heimsuchungen des Lebens und den
mannigfachen Folgen der Trennung der Geschlechter, das Bewusstwerden in Ihnen zur
Sicherheit reifte und der Besitz des verborgenen Königreiches von Ihnen vollkommen
angenommen wird.
In diesem Zustand erhebt sich das Problem, unter dem Millionen seufzen und von dem
ebenso viele Millionen irregeführt werden bis zu dieser Stunde, nämlich die Frage: auf
welche Weise das innerliche Königreich frei werden muss; auf welche Weise der wahre
Mensch zu leben vermag; auf welche Weise man das verborgene Königreich betreten kann.
Millionen haben während ihres Lebens das verborgene Königreich entdeckt. Gerade dadurch
wurden und werden nach wie vor Zahllose irregeführt, weil sie nach dieser Entdeckung
meinen, bereits aus dem Besitz dieses Königreiches zu leben und es betreten zu haben.
Nehmen wir an, Sie haben eine stark sprechende Rose des Herzens, und in Ihrem
Herzheiligtum pocht und pulsiert dieses verborgene Leben und die Gnosis berührt Sie daher
fortwährend über das Herzheiligtum bis in das Blut, bis in jede Faser Ihres Wesens, sodass
Sie innerlich wissen: »Was in der Schule des Goldenen Rosenkreuzes verkündigt wird, ist
wahr«, sodass Sie dann meinen, Sie seien bereits in das Königreich eingetreten.
Das wäre dann ein großer Irrtum. Denn wenn Sie sich als naturgeborener Mensch des
verborgenen Königreiches bewusst werden, dann beginnt doch erst der Prozess.
Der Irrtum, dem Sie verfielen, ist überaus erklärlich, aber ebenso verhängnisvoll. Denn
was tun Sie nun? Sie hegen und pflegen dieses Königreich mit Ihrem naturgeborenen Ich-
Wesen, mit dem Bewusstsein Ihrer Naturgestalt; Sie meditieren und spintisieren; Sie
schnurren wie ein Kätzchen vor Selbstzufriedenheit. Sie ticken wie ein Wecker, so erfüllt sind
Sie von mystischer Spannung. Und Sie reden darüber stundenlang mit Ihren Freunden. Sie
haben in Ihrem Leben etwas Großes entdeckt und nun faseln Sie darüber; denn es ist in
dieser Situation nicht einmal normales Reden.
Aber in Wirklichkeit ist noch nichts Neues in Ihnen geboren. In Wirklichkeit ist noch
nichts in Ihnen geschehen. Sie starren nur in sich selbst auf das Bild des verborgenen
Königreiches, dessen Bestehen Ihnen bewusst geworden ist. Und darum stehen Sie nun und
reden und phantasieren...
Es ist eine harte Wahrheit, die wir hier aussprechen, aber Sie müssen den Mut haben, ihr
in die Augen zu sehen. Darum sprechen wir zu Ihnen über Pymander. Das innerliche
Königreich erfahren heißt noch nicht, es besitzen. Und wer es noch nicht besitzt, neigt leicht
dazu, die Arme des Natur-Ichs zu recken und mit seiner Naturgestalt den wahren Menschen
in eine noch größere Gefangenschaft zu stoßen. Denn darauf läuft es dann hinaus, dass Ihr
Natur-Ich lebt und glänzt und strahlt und lacht, wegen des Spiels, das Sie spielen, nämlich
bereits angekommen zu sein, bereits vollkommen überwunden zu haben. Aber der
naturgeborene Mensch hat in dieser Hinsicht nichts zu überwinden. Er muss untergehen
und der himmlische Andere muss wachsen.
Wenn der Mensch auf dem Weg dieses Irrtums weitergeht, wird er auf die okkulte Bahn
oder die naturmystische Seite getrieben. Das ist der große Fehler aller, die bei der ersten
Entdeckung des verborgenen Königreiches meinen, es bereits zu besitzen.
Was aber ist nun das Geheimnis des Gelingens? Sie müssen der Tatsache ins Auge sehen,
dass Sie nach dieser herrlichen Erfahrung zuerst zur Verwirklichung übergehen müssen,
nämlich zum Bau, der Geburt der Seele, des Gemüts, wie Hermes es nennt. Wenn Sie das
Königreich in sich entdecken, müssen Sie ihm eine Wohnung verschaffen. Darum geht es!
Wenn wir in der Schule stets davon sprechen, den philosophischen Aspekt loslassen und zu
Ihnen sagen: »Bauen Sie die Seele«, dann müssen Sie nicht denken, dass wir predigen
wollen. Diese Forderung des Pfades ist wesentlich, ist absolut notwendig. Und Pymander
zeugt davon. Wenn Sie Erfahrungswissen erlangt haben, müssen Sie zur Verwirklichung
übergehen, zum Bau und zur Geburt der Seele. Sie besitzen nämlich nicht so ohne weiteres
eine Seele im Sinn der Gnosis. Das ist der große Irrtum Unzähliger.
Wenn Sie sich in unseren Werkstätten als naturgeborene Wesen begegnen und zwischen
Ihnen ein reines und wahrhaftiges Verständnis herrscht, ist die erste Aufgabe, auf die Sie sich
zu richten haben, die Seele zur Geburt zu drängen. Denn der Mensch, der die Seele besitzt,
kann aus Licht und Leben existieren, kann Pymander, den Gott in sich, befreien.
Sie besitzen in Ihrem naturgeborenen System zwar eine Anzahl wirksamer Fluida, die
diese Naturgestalt beseelen, beleben und lebendig erhalten, diese Kräfte werden jedoch aus
der Todesnatur gewonnen. Aber die unsterbliche Seele und ihr pymandrisches Bewusstsein,
der neue Lebenszustand, das glorreiche Leben, kommen allein zu den Heiligen, den Guten,
den Reinen und Barmherzigen, zu jenen, die wahrlich gottesfürchtig leben. Sie fliegen einem
Menschen nicht zu, sondern müssen gegen die Widerstände der Natur erobert werden.
Darum wird die moderne Gnosis nicht davon ablassen, von dieser Notwendigkeit zu zeugen
und ihre Schüler darauf zu richten, auf welche Weise, nämlich durch Ichlosigkeit, das ganze
Wesen des Menschen gereinigt und geheiligt werden muss, damit die Seele geboren und
zum Wachstum gedrängt wird.
Seelenwachstum endet in Pymander, in der Bildung dieses Brennpunktes zwischen Geist
und Seele. Von diesem Augenblick an ist Pymander dann für den Kandidaten eine Hilfe.
Erkennen Sie, wie gewaltig das ist? Wenn Sie durch die fundamentale Umkehr auf Ihrem
Lebensweg die Seele zur Geburt erweckt haben, ist sofort das pymandrische Bewusstsein
eine große Hilfe für Sie, sodass Sie augenblicklich alles erkennen und wissen und durch
Liebestat zum Vater beten. Mit dieser Liebestat richtet sich der Kandidat an alle, die noch in
der Naturgeburt gefangen sind. Bevor er den Körper dem Tod übergibt, verachtet er alle
Sinne der dialektischen Naturgestalt, weil, so sagt Pymander, ihre Wirkungen ihm nur allzu
gut bekannt sind.
Wenn die Seele geboren ist, wird die Seelenkraft führend beim Überwinden aller
Erdgebundenheiten, deren Wirkungen und Folgen. Wegen einer falschen Auffassung kehrt
man die Dinge immer um. Wenn Sie in einem gegebenen Moment von einer bestimmten
Charaktereigenschaft behindert werden, kämpfen Sie dagegen an und beleben dadurch das
Gesetz der Dialektik: Entstehen, Blühen und Vergehen. Heute glauben Sie, es erreicht zu
haben, und morgen ist es wieder nichts.
Darum müssen Sie, um wirkliche Lebensreinigung zu erreichen, zuerst die Seele
erwecken. Die Seelenkraft trägt Sie dann durch alle Schwierigkeiten hin. Durch
Seelenqualität wird in Ihrem Leben alles verwandelt. Dann entdecken Sie, dass alles,
worüber Sie vorher grübelten und womit Sie sich so sehr mühten, prozessmäßig von Ihnen
abfällt. Darum wird im Pymander, Vers 59, sehr klar gesagt:

Ja, ich, das Gemüt, die Geistseele, der neue Seelenzustand, werde keinesfalls zulassen, dass die
Wirkungen des Körpers, die sie angreifen, ihren Einfluss auf sie ausüben: denn als Wächter der
Türen werde ich bösen und beschämenden Taten den Zugang versagen und unheilige
Einbildungen unterbinden.

Was sind böse und beschämende Taten? Sie müssen sich in dieser Hinsicht von der
bekannten Moraltheologie befreien; denn »die bösen und beschämenden Taten« betreffen in
diesem Zusammenhang sicher nicht in erster Linie das gewöhnliche animalische Leben,
wenn auch Perversität sicher zum Bösen gerechnet werden muss. Aber der ernsthaft
strebende Schüler auf dem Pfad wird hier auf die unheilvollen Folgen im Atemfeld
hingewiesen, die durch Eifersucht, Leidenschaft, Hass, üble Nachrede, Kritik, Konflikt und
dergleichen entstehen.
Weiter wird im Vers 60 klargestellt, in welchen Menschentypen die Seele niemals geboren
wird; zu denen Pymander dann auch niemals sprechen kann:

Doch fern halte ich mich von den Törichten, den Schlechten, den Verdorbenen, den
Abgünstigen, den Habsüchtigen, den Mördern und den Gottlosen; ich überlasse sie dem
rächenden Dämon, welcher solche Menschen mit der Geißel des Feuers bearbeitet, es so in ihre
Sinne treibt und sie dadurch noch mehr zu unheiligen Taten anspornt, damit an ihnen eine noch
größere Strafe vollzogen werde. Die Begierde dieser Menschen sucht denn auch fortwährend
größere Befriedigung und lässt sie in der Finsternis wüten, ohne dass sie gesättigt werden kann.
Darin besteht ihre Qual, und dadurch lodert die Flamme, die sie versengt, immer höher.
X

Das gute Ende

Der Rückweg zum ursprünglichen Leben -- Der Kreis nicht weiter -- Das gute Ende -- Die Signatur des
seelengeborenen Menschen -- Ernte und Dienstbarkeit

In Vers 60 nennt Pymander die Wesenheiten, denen er fernbleibt. Er erklärt, welche Folgen es
hat, wenn in einem Lebensfeld, wie dem unsrigen, Wesenheiten, die sich an die Naturgestalt
festklammern, also die gewöhnliche dialektische Menschheit, und Seelengeborene sich in
dem gleichen Raum befinden.
Die Welt ist von vielen Millionen Menschen bevölkert; und unter diesen entwickelt sich
eine immer stärker werdende Gruppe von gnostischer Wesensart, eine Gruppe, in welcher
sich in einem bestimmten Moment das Licht der Seele deutlich deklariert. Dieses Seelenfeuer
und das dunkelrote Erdenfeuer vertragen sich nicht. Und wenn das Seelenfeuer nicht
läuternd, nicht befreiend wirksam sein kann, dann wirkt es, wie Pymander sagt, immer
strafend. Darum heißt es:

Jene übergebe ich dem strafenden Geist, dem rächenden Dämon, welcher solche Menschen mit
der Geißel des Feuers bearbeitet, es so in ihre Sinne treibt und sie dadurch noch mehr zu
unheiligen Taten anspornt... Die Begierde dieser Menschen sucht dann auch fortdauernd
größere Befriedigung und lässt sie in der Finsternis wüten, ohne dass sie gesättigt werden kann.
Darin besteht ihre Qual, und dadurch lodert die Flamme, die sie versengt, immer höher.

Das ist der Weg der bitteren Erfahrung. Und Sie haben es vielleicht in Ihrem Leben erfahren:
Wer von der Bitternis noch nicht lernen kann, muss durch immer größere Bitternisse, bis ... ja,
bis es nicht mehr zu ertragen ist und der Mensch, mürbe geschlagen, endlich reif wird für
die große Lektion. Dieser ganze lange Erfahrungsweg, dieser tiefe, blinde Gang durch die
Finsternis, hat kein anderes Ziel, als schließlich den Geist triumphieren zu lassen.

Wer dieses verstanden hat und weiß, dass die Geburt der Seele der erste Schritt zur Rettung
ist, kann sich fragen, was die Wiederkehr ins Lichtreich vom Anbeginn, der Weg hinauf zum
ursprünglichen Leben, außerdem umfasst. Die Verse 62--65 des Pymander antworten auf
diese Frage:

Zuerst wird, im Auflösungsprozess des Stoffkörpers, dieser Körper der Veränderung


übergeben, und die Form, die du hattest, wird dann nicht mehr gesehen. Du übergibst dein
gewöhnliches Ich, das fortan ohne Tätigkeit ist, dem Dämon; die körperlichen Sinne kehren
zurück zu ihrem Ursprung, dessen Teil sie wieder werden, und sie werden erneut eins mit
deren Tätigkeiten, während die Trieb- und Begierdenkräfte zur vernunftlosen Natur
zurückkehren.
Also fährt der Mensch weiter aufwärts durch die verbindende Kraft der Sphären. Dem ersten
Kreis überlässt er die Kraft des Zunehmens und des Abnehmens; dem zweiten Kreis die
Fähigkeit zum Bösen und die ohnmächtig gewordene List; dem dritten Kreis die fortan
machtlose Täuschung der Verlangen; dem vierten Kreis die Eitelkeit der Herrschsucht, die nicht
mehr befriedigt werden kann; dem fünften Kreis den gottlosen Uöbermut und die brutale
Unbesonnenheit; dem sechsten Kreis die wirkungslos gewordene Gebundenheit an Reichtümer;
dem siebenten die stets Fallen stellenden Lügen.
Wenn er sich dann so alles dessen entledigt hat, was aus der zusammenwirkenden Kraft
der Sphären hervorgegangen war, tritt er, nur im Besitz seiner eigenen Kraft, in die achte
Natur ein und singt mit allen, die dort sind, Hymnen zum Lobe des Vaters; und alle freuen
sich mit ihm über seine Anwesenheit.
Wenn er ihnen gleich geworden ist, vernimmt er auch Hymnen, die von gewissen Kräften,
die sich über der achten Natur befinden, zum Lobe Gottes gesungen werden. Und dann
steigen sie in rechter Ordnung zum Vater auf, geben sich selbst den Kräften preis und gehen,
ihrerseits zu Kräften geworden, in Gott ein. Dieses ist das gute Ende für jene, welche die
Gnosis besitzen: dass sie Gott werden.

Wenn die Seele geboren ist und die Seelengestalt, der Seelenkörper, sich entwickelt,
verschwindet die alte Naturgestalt. Sie löst sich gleichsam auf. Aber genauso wie beim
gewöhnlichen Sterben des stofflichen Körpers verschwindet auch bei diesem Prozess die
Naturgestalt nicht auf einmal vollkommen. Wenn die Seele geboren ist und das goldene
Hochzeitskleid gewebt wird, nimmt der alte naturgeborene Körper an Kraft ab und
verschwindet in einem gegebenen Moment aus dem Blickfeld. Wir nennen diesen
zweifachen Prozess die Transfiguration. Aber die Kräfte des stofflichen Körpers bleiben
vorläufig bestehen. Auch diese Kräfte, die anfänglich die Entstehung, die Geburt und die
Instandhaltung der Naturgestalt veranlasst haben, müssen verschwinden; sie müssen
neutralisiert, aufgelöst und an ihren Platz zurückgewiesen werden.
Wir sprachen bereits über den »Kreis-nicht-weiter«, wie er in der Universellen Lehre
genannt wird. Dieser Kreis betrifft den Mikrokosmos. Im aurischen Wesen, dem
magnetischen System des Mikrokosmos, entdecken wir sieben Kreise, sieben magnetische
Sphären, die mit den sieben interkosmischen Gebieten korrespondieren. Jede dieser sieben
magnetischen Sphären ist wieder in sieben Ansichten zu unterteilen. So gibt es also im
aurischen Wesen sieben mal sieben, das sind neunundvierzig magnetische Ansichten,
neunundvierzig magnetische Unterschiede. Wenn der Seelenmensch geboren ist und
erwachsen wird und die damit korrespondierenden magnetischen Gebiete, die magnetischen
Zustände des sechsten kosmischen Gebietes, belebt werden und folglich das betreffende
magnetische Firmament erstrahlt, dann wird die siebente magnetische Sphäre neutralisiert;
sie wird tatsächlich gelöscht, außer Gebrauch gesetzt. Das wird nicht allein in Hermes'
Pymander, sondern auch in der Pistis Sophia als eine Reise des Seelenmenschen durch alle
sieben Ansichten des siebenten kosmischen Gebietes, die siebente magnetische Sphäre,
beschrieben. Er lässt dort alle Kräfte des alten, aufgelösten und unsichtbar gewordenen
Lebenszustandes hinter sich.
So gelangt er schließlich, von allem Alten befreit, in die achte Sphäre, die erste Sphäre des
sechsten kosmischen Gebietes, die in der Terminologie der heutigen Geistesschule als »das
Goldene Haupt« bezeichnet wird. In diesem Gebiet des befreiten Lebens geht er, in seiner
eigenen neuen Kraft, vollkommen auf. Darum steht in Vers 65:

Wenn er ihnen gleich geworden ist, vernimmt er Hymnen, die von gewissen Kräften, die sich
über der achten Natur befinden, zum Lobe Gottes gesungen werden.

Dieses neue Hören hat nichts mit Hellhörigkeit zu tun. Auf dieses Hören weist auch die alte
chinesische Philosophie hin. Wenn das Licht der Gnosis einen Menschen berührt, in ihn
eindringt und seinen Kreislauf in ihm beginnt, wird es nicht nur das Sehen, sondern auch
das Hören beeinflussen, nämlich das Sehen und das Hören des neugeborenen
Seelenmenschen.
So wie dieser in einem gegebenen Moment Pymander sieht, wird er ihn in einem
bestimmten Moment auch hören. Daher ist es selbstverständlich, dass der Bruder oder die
Schwester, die das Goldene Haupt betreten, auch mit neuen Sinnen, der Seele nach
verstanden, vollkommen ausgestattet sind. So hört der Seelenmensch also auch die Kräfte,
die über der achten Natur sind, Hymnen zum Lobe Gottes singen. Und so geht er weiter,
steigt er auf zu allen Kräften des neuen Lebenszustandes. Und schließlich geht er ein in Gott.
Das ist nun das gute Ende für jene, welche die Gnosis, die wahre Gotteskenntnis, besitzen:
dass sie Gott werden. Diesen Punkt des Erreichens nennt man in der Gnosis immer »das gute
Ende«. Wenn die Katharer in ihren Diensten beisammen waren, wünschten sie sich
gegenseitig: »Möge Gott dich zum guten Ende führen!« Wenn nun in einem gnostischen
Ritus gesagt wird: »Wir hoffen und bitten, dass wir alles zu einem guten Ende führen
mögen«, werden Sie dieses Wort fortan vollkommen verstehen. Das gute Ende im neuen
Lebenszustand ist zugleich ein neuer glorreicher Beginn.
So wird der hermetische Mensch im großen Prozess der Rückkehr unterwiesen, an
welchem er selbst teilhat, indem er sich bemüht, Schritt für Schritt alles zu einem guten Ende
zu führen.
Nehmen wir nun einmal an, dass Sie, verehrter Leser, in diesen Prozess eingetreten sind;
dass Sie bereits den ersten Schritt zur Verwirklichung der Wiedergeburt der Seele getan
haben. Dann richtet sich auch an Sie, ebenso wie an Hermes in Vers 66, das Wort Pymanders:

Aber ... was zögerst du nun? Gehst du nun, da du alles von mir empfangen hast, nicht zu jenen,
die es wert sind, um ihnen als Führer zu dienen, damit dank deiner Vermittlung das
menschliche Geschlecht durch Gott gerettet werden möge?

Und weiter heißt es in Vers 67:

Und ich, der ich nun mit Kraft bekleidet und belehrt war über die Art des Alls und die erhabene
Vision, dankte und pries den Vater aller Dinge. Ich begann, den Menschen die Schönheit des auf
Gott gerichteten Lebens und der Gnosis zu verkündigen.

Das ist die Signatur, auf die Sie vor allem achten müssen: Wer ein hermetischer,
seelengeborener Mensch geworden ist, kann nicht mehr untätig sein im Allgeschehen. Es ist
völlig ausgeschlossen, dass ein solcher Mensch dann jahrelang untätig zusehen kann, wie
andere wirksam sind. Wenn jemand nur zusieht mit gefalteten Händen und kritischen
Augen, wie von anderen das Werk im Dienst der Gnosis verrichtet wird, dann können Sie
absolut sicher sein, dass dieser Mensch nicht seelengeboren ist. Das ist unmöglich. Er kann
vielleicht einen Begriff vom innerlichen Königreich besitzen; er kann vielleicht die
Anwesenheit des innerlichen Königreiches erfahren, aber dabei ist er dann stehen geblieben.
Ein solcher Mensch hat sich festgelaufen in okkulter oder mystischer Täuschung und ergötzt
sich am eigenen Wahn. Er ist dann eifrig dabei, mit dem »Ich« seine innerliche Entdeckung
und seine Einsicht gefangen zu halten.
In der Weltliteratur können Sie die Beschreibung solcher Menschen finden, die im vollen
Sinn des Wortes als reiche Jünglinge zu bezeichnen sind. Sie sind mit Schätzen beladen, aber
sie tun nichts anderes als sich in reflektierendem, ich-zentralem Denken an diesen Schätzen
zu weiden. Oft schreiben sie dicke Bücher darüber. Der Inhalt besteht dann in den
günstigsten Fällen aus einigen Seiten mehr oder weniger sauberer Arbeit, hier oder dort mit
einem Fünkchen, einem Glanz der Urgnosis versehen. Alles Uöbrige ist rein beschauliches,
ich-zentrales Gefasel, oft sehr intelligent zusammengestellt und raffiniert gut erdacht. Aber
welchen Nutzen hat es vom Blickpunkt des menschheitsbefreienden Dienstes aus? Und
gerade darauf kommt es an: Wir müssen kräftig zupacken und mit aufgekrempelten Ärmeln
zur Tat schreiten, wir müssen, wenn nötig, bereit sein, durch den Schlamm zu waten, um
Menschenseelen zu retten.
Der Seelenmensch, der von Pymander geführt wird, weiß, dass die Anzahl der
Erntearbeiter sehr gering ist und dass auf diesem Gebiet immer ein Mangel an Arbeitskraft
besteht. Er weiß auch, welche enormen Gefahren die Menschheit bedrohen, die Gefahren der
negativen Entstofflichung, die Gefahren des Untergangs, des Weges der tiefen
Schmerzerfahrungen, die zu noch größeren Bitterkeiten führen.
Die Gnosis arbeitet unentwegt für die Erlösung der Menschheit, sei es zur Auferstehung,
das heißt zur direkten Erlösung, oder zum Fall, das heißt zur Erlösung in ferner Zukunft.
Aber deshalb wird doch kein einziger gnostischer Bruder und keine einzige Schwester
jemandem diesen Fall wünschen: »Gehen Sie jetzt nur ruhig unter, dann werden Sie durch
diese bittere Erfahrung lernen!« Das liebevolle Herz kann doch nicht davon ablassen, innig
zu hoffen, dass es anders sein möge!
Darum sieht ein seelengeborener Mensch nicht ruhig zu, wie es weitergeht und ob ein
anderer vielleicht die Kastanien aus dem Feuer holt, sondern er geht fest entschlossen an die
Arbeit und setzt seine Schultern mit unter das heilige Werk. Darum ist die Signatur eines
seelengeborenen Menschen immer und unveränderlich ein tätiges Leben im Dienst der
Gnosis, auf welche Weise auch immer und ohne Aufenthalt und mit Anspannung aller Kraft.
Daher wird auch am Ende des ersten Buches des Corpus Hermeticum diese Konsequenz, die
für alle Seelen-Wesenheiten gilt, in den Versen 68 bis 71 ausführlich beleuchtet. Wir
entdecken darin die bekannten Aspekte der Arbeit im Weingarten. Hermes muss zu den
Völkern sprechen:

Befreit euch von dem dunklen Licht und nehmt teil an der Unsterblichkeit, indem ihr für immer
Abschied nehmt vom Verderben.

Aber das will man nicht, und das versteht man auch nicht, denn man hält das dunkle Licht
für das wahrhaftige Licht. Wenn jemand, der den Besitz eines innerlichen Königreiches
entdeckt hat, ein sehr starkes Ich-Leben hat und als reicher Jüngling seinen Besitz negativ
pflegt, dann wird er, wenn wir zu ihm kommen und sagen: »Ihre Lebenshaltung taugt
nichts, Sie ergeben sich einem Wahn«, sicherlich sehr böse werden. Wir weisen hierauf hin,
weil dieses den Leser zur Selbstprüfung zwingt, und weil wir Sie zu einem
selbstentdeckenden Leben drängen wollen.

Befreit euch von dem dunklen Licht und nehmt teil an der Unsterblichkeit, indem ihr für immer
Abschied nehmt vom Verderben.

Dieses Wort der befreienden Liebe, der immer wirksamen Gnosis, will man nicht annehmen,
und vielleicht versteht man es auch noch nicht, weil man das dunkle Licht für das
wahrhaftige Licht hält.
Der dialektische Mensch ist ein fürstliches Wesen in der All-Natur, begabt mit gewaltigen
Kräften. Alle Möglichkeiten der dialektischen Natur können in ihm und durch ihn frei
werden. Dieser Fürst lässt sich nicht einfach entthronen. Man meint dann auch oft, wenn
nicht immer, dass die Naturgestalt der wahre Mensch ist. Darum weckt der hermetische
Diener bei vielen Unglauben, Spott und Widerstand. Gerade darum treibt der hermetische
Mensch, ohne es zu wollen, so viele auf den Weg des Todes, den endlosen Weg der
Erfahrung, den Weg der Strafe, weiter durch immer größere Bitterkeiten.

Es gibt aber, Gott sei Dank, auch solche, die hören und verstehen. Sie bilden zusammen die
Ernte. Diese Ernte formt eine Gruppe, die von unten her den Pfad zu gehen beginnt. Diese
Gruppe bildet eine Bruderschaft, eine Gnosis und ein Arbeitsfeld. So wächst ein gnostisch-
magnetisches Strahlungsfeld, ein Lebender Körper, welcher fünffach wird und der
durchbricht zu den Orten der göttlichen Fülle. Bei dieser Arbeit vieler, durch viele, für viele,
lernen alle Seelenarbeiter die Wege und die Mittel kennen, die zur Uöberwindung führen
können. Schließlich werden alle in das Weisheitselixier, in das Wasser des wahren Lebens
getaucht.
So erweist sich, dass dieses alles den Teilhabern der jungen Gnosis völlig bekannt ist. Sie
sind in einer Gruppe aufgenommen und bilden zusammen eine hermetische Bruderschaft.
Die Urgnosis, die seit Jahrtausenden im Pymander des Hermes davon zeugt, beweist sich so
in unseren Tagen bis in die kleinsten Besonderheiten erneut in der modernen jungen Gnosis.
Und auch wir gehen weiter, von Kraft zu Kraft, bis zur sicheren Uöberwindung;
vorausgesetzt, dass Sie mit uns gehen und mit uns die Konsequenzen ziehen; denn nur dann
hat das Schülertum in einer gnostischen Geistesschule einen Sinn. Ein Schülertum, das die
Konsequenzen negiert, schafft für den Betreffenden nur Gefahren, weil er bei einer solchen
negativen Selbstdeklaration unvermeidlich den Weg der immer größeren Bitterkeiten gehen
muss: den Weg des Todes, wie Pymander es nennt.

Beachten Sie zum Schluss noch Vers 71:

Als es Abend geworden und das Licht der Sonne beinahe verschwunden war, forderte ich sie
auf, Gott zu danken. Und nachdem sie die Danksagung vollbracht hatten, kehrten alle zu ihren
Herdstätten zurück.

Die auf die Gnosis gerichtete Gruppe muss der Seele nach ein zusammenhängendes Ganzes
bilden, das vollkommen intakt bleibt, wo die Teilhaber auf der Welt sich auch befinden
mögen. Eine Gruppe Seelengeborener, auch wenn sie sich über die ganze Welt verteilt, bildet
dennoch eine lebendige Einheit durch das Wunder der Seelenkraft. Nach ihren
Zusammenkünften kehren sie immer zu ihren Herdstätten zurück. Gerade das ist immer das
Befreiende. Denn jedes Mal, wenn wir nach Ablauf einer Konferenz heimkehren, breiten wir
dadurch wieder unsere Seelengemeinschaft über die ganze Welt aus. Die deutschen,
französischen, Schweizer Brüder und Schwestern, die aus Belgien, Österreich, den
Niederlanden, Schweden, Brasilien usw., sie kehren alle wieder zu ihren Herdstätten zurück.
Und viele sagen am Anfang: »Wie schade, dass wir nicht zusammenbleiben können.«
»Aber der pymandrische Geist jauchzt: Wie schön, wie unaussprechlich herrlich, dass wir
zu unseren Wohnstätten zurückkehren! Denn seht, Brüder und Schwestern, so breiten wir
zusammen das magnetische Feld unserer Seelengemeinschaft über die ganze Welt aus. Und
niemand kann uns noch widerstehen! Sei es zum Leben oder zum Tod, aber immer allen
zum Heil!
XI

Pymanders Wohltat

Pymanders Wohltat
So haben wir uns dem Ende des ersten Buches Pymander von Hermes Trismegistos
genähert. Während der schnellen Fahrt durch diese eindrucksvolle und heilige Schrift sahen
wir, von welcher Art der wahre Mensch ist und dass er in der Naturgestalt wie in einem
Kerker gefangen und gefesselt ist. Die gesamte Menschheitsgeschichte, in diesem Buch
verschleiert erzählt, wird erklärt, und wir erkannten den Weg der Befreiung: das Werden des
hermetischen Menschen, des Seelenmenschen, der seinen Pymander gefunden hat.
Schließlich sahen wir auch in kurz gefasster Form das Entstehen einer gnostischen
Geistesschule aus der Wirksamkeit einer Gruppe Seelengeborener, das Wachsen eines sich
über die ganze Welt ausbreitenden Lebenden Körpers.
Am Ende des ersten Buches werden wir zu Hermes selbst zurückgeführt, der wie C. R. C.,
wie Christian Rosenkreuz der Prototyp es des befreiten Menschen ist, der noch über seine
Naturgestalt verfügt. Er hat seine Berufung dem Vater aller Dinge und der Menschheit
gegenüber erfüllt; er tut es noch in unaufhörlichem Streben und Ringen. Wenn er dann
feststellt, wie das Reich der Gnosis als weites Erntefeld über die Lande ausgebreitet ist, wird
er von Dankbarkeit und einer sich stets erneuernden, maßlosen Energie erfüllt. Er schrieb, so
heißt es in Vers 72, »Pymanders Wohltat in sich.« Er lädt sich auf mit der unvergänglichen
und unermesslichen Kraft des Geistes.
Hierin liegt eine große Herrlichkeit verborgen, die von großem praktischen Wert sein
kann. Das erste Buch Pymander ist wie die Beschreibung eines Tages, der selbstverständlich
am Abend sein Ende findet. Jede Arbeit im Dienst der Gnosis vollzieht sich rhythmisch,
wellenweise, mit Anfang, Höhepunkt und Ende. Wenn eine Welle verströmt ist, gibt es eine
Ruhepause, eine Einatmung, nach der sich eine neue Welle erhebt.
In Vers 72 werden der Prozess und die Folgen einer solchen Einatmung knapp
angedeutet. Für alle, die im Feld des Dienstes stehen, werden hier sehr wertvolle
Anweisungen gegeben; wenn man diese befolgt, werden sie zweifellos bei den betreffenden
Arbeitern heilsame Resultate zeitigen.
Wer im Dienst der Geistesschule arbeitet, der hat, gnostisch gesprochen, ausgeatmet. Er
hat das empfangene Licht ausgestrahlt und kann sich nun mit Pymanders Wohltat laden.
Diese Einatmung, diese Ruhe, ist also auch eine intensive Arbeit. Die Assimilation
gnostischer Kräfte, die für die Ausführung der Arbeit notwendig sind, erfordert vom
Arbeiter, vom Kandidaten, eine andere Einstellung und einen anderen körperlichen Zustand
als die Ausstrahlung der Kräfte. Darum darf der Arbeiter im Dienst der Gnosis nicht dem
großen Irrtum verfallen, seine Perioden der Ruhe zu vernachlässigen. Wenn er das tut, wird
er in einem bestimmten Moment gnostisch kraftlos sein. Dann bleiben Resultate aus. Der
Körper, der sich in den Dienst der Gnosis stellt, also der Körper eines wahrhaft
johanneischen Menschen, muss sowohl auf die Kraftassimilation als auch auf die
Lichtausstrahlung reagieren.
Wenn zum Beispiel ein Diener der Gnosis vor dem Schlafengehen in großer Dankbarkeit
für das Werk, das verrichtet werden durfte, sich mit Pymanders Wohltat, also mit Lichtkraft
füllt, dann wird der Schlaf des Körpers zur Nüchternheit der Seele, das Schließen der Augen
zum wahrhaftigen Schauen, das Schweigen wird ihm zu einer Schwangerschaft des Guten
und das Austragen des Wortes zu fruchtbaren Taten des Heils.
Fürwahr ein herrlicher Gegenstand zur näheren Betrachtung und Uöberlegung! Uöber die
Tagseite des praktischen Schülertums ist schon sehr viel bekannt; darüber wurde und wird
fortwährend gesprochen und geschrieben. Doch was wissen sie von den Nachtzeiten des
Schülertums? Was führen ernsthafte Schüler, welche die Seele zur Geburt drängen durften,
während der Nacht aus? Kann darüber etwas gesagt werden, ohne in die Spekulationen des
bekannten Traumlebens zu verfallen? Die Erklärungen, die wir darüber geben werden,
haben absolut nichts mit Okkultismus zu tun. Die Frage, die wir uns stellen, heißt nicht: Was
führt die andere Hälfte aus, wenn bei einer gespaltenen Persönlichkeit die eine Hälfte im Bett
liegt und schläft? Wir werden unser Thema ausschließlich vom Wesen des neugeborenen
Seelenzustandes aus studieren, also anhand des 72. Verses des Pymander.
Es wird allmählich notwendig, dass Schüler der Geistesschule dieses verstehen, damit
auch während der nächtlichen Hälfte des Lebens das Werk einen organisierten Fortgang
nehmen kann. Wer der Gnosis folgen will, muss wissen. Er muss wissen, was Hermes
begegnet ist, was Hermes aus seinem Gemüt empfangen hat, damit auch er einmal sprechen
kann:

Dieses ist alles zu mir gekommen, weil ich von Pymander, meinem Gemüt, dem aus sich selbst
seienden Wesen, das Wort des Anfangs empfangen habe. So bin ich nun erfüllt vom göttlichen
Atem der Wahrheit. Darum weihe ich nun mit meiner ganzen Seele und all meinen Kräften
diesen Lobgesang Gott dem Vater:

Heilig ist Gott, der Vater aller Dinge.


Heilig ist Gott, dessen Wille sich durch seine eigenen Kräfte vollzieht.
Heilig ist Gott, der erkannt sein will und erkannt wird von denen, welche Ihm angehören.

Heilig bist du, der du durch das Wort alles ins Dasein gerufen hast.
Heilig bist du, nach dessen Bild die All-Natur geworden ist.
Heilig bist du, den die Natur keineswegs erschaffen hat.
Heilig bist du, mächtiger als alle Mächte.
Heilig bist du, vortrefflicher als alles, was ist.
Heilig bist du, über alles Lob erhaben.

Nimm die reinen Opfer an, die durch das Wort in meiner Seele und meinem Herzen erweckt
wurden, die sich zu dir richten, o Unaussprechlicher, o Unnennbarer, dessen Namen nur die
Stille auszusprechen vermag.

Leihe dein Ohr mir, der ich bitte, dass ich niemals von der Gnosis, der wahren Erkenntnis, die
meinem Kernwesen eigen ist, getrennt werden möge.

Neige dich zu mir und erfülle mich mit deiner Kraft: Ich werde mit dieser Gnade das Licht allen
jenen aus meiner Rasse bringen, die in Unwissenheit leben, meinen Brüdern, deinen Söhnen. Ja,
ich glaube und bezeuge mit meinem Blut: Ich gehe zum Leben und zum Licht.

Sei gepriesen, o Vater, dein Mensch will mit dir heiligen, wozu du ihm alle Macht gegeben hast.
XII

Die Struktur des gnostischen Rituals

Die Struktur des gnostischen Rituals


Wenn Sie sich in den Lobgesang des Hermes im Vers 73 vertiefen, werden sie bemerken,
dass er mit einem neunfachen »Heilig« beginnt. Im Wort »heilig« liegt außer dem in der
Geistesschule viel gebrauchten Begriff »heilend« auch die Idee der Reinheit, Vollkommenheit
und Sündenlosigkeit beschlossen. Der Vater aller Dinge ist heilig, ist vollkommen. Im Sohn
kommt diese Vollkommenheit zu uns und berührt uns. Und im Heiligen Geist wird uns
diese Berührung zur Genesung.
Wer das gereinigte Herz für die Gnosis öffnet, öffnet sein Wesen für den Vollkommenen.
Wer die Kraft der Vollkommenheit empfangen darf, empfängt sie für ein zweifaches Ziel.
Einerseits erweckt die Berührung den wahren Menschen im System und versieht ihn mit
unentbehrlicher Nahrung, schenkt ihm erneut eine Lebensmöglichkeit. Andererseits muss in
der Kraft dieser Berührung der hemmende Zustand der Naturgeburt vernichtet und durch
einen anderen Trägerkörper ersetzt werden. Die Naturgestalt trägt also ein Kreuz, das Kreuz
des Untergangs, aber auch das Kreuz der Wiedergeburt, der Transfiguration.
Das alles steigt empor aus dem unerschütterlichen ewigen »Heilig«, das im Loblied
neunfach erklingt.
Neun ist die Zahl der Menschheit, der wahren Menschheit, die im scheinmenschlichen
Zustand der Naturgeburt gefangen ist. Es ist die Zahl des erhabenen, universellen Menschen,
der aus seinem Fall zum ursprünglichen Glanz auferstanden ist.
Wenn Sie sich die Ziffer Neun vorstellen, erblicken Sie, symbolisch aufgefasst, den
universellen Kreis, aus dem ein Lichtstrahl hervortritt, der in die Erde eindringt. Wer den
Pfad geht und das Königreich Gottes in sich befreit, ist wieder eine leuchtende Säule des
Tempels im Kreis der Ewigkeit geworden. Jetzt werden Sie verstehen, warum die Zahl Neun
den universellen Menschen symbolisiert.
Dieses Loblied vermittelt also sowohl durch seinen heiligen Anruf als auch durch seinen
weiteren Inhalt die symbolische Kraft der Zahl Neun. Auf den neunfachen Anruf folgt ein
neunfaches Bitten und Bekennen. In diesem Lobgesang besitzen wir ein magisches,
hermetisches Gebets- und Dank-Ritual, das als Ganzes wieder in der Zahl Neun aufgeht wie
eine strahlende Flamme aus dem Kreis der Ewigkeit. Wenn Sie den Text des Verses 73 noch
einmal betrachten und überdenken, ob Sie die magische Formung dieses hermetischen
Lobliedes wiederfinden können, müssen Sie allerdings beachten, dass der ursprüngliche Text
wie immer durch die Uöbersetzung etwas gelitten hat.

Wir hielten es für notwendig, zu Ihnen mehr als über den Text des Lobliedes, der keiner
weiteren Erläuterung bedarf, über die gnostisch-wissenschaftliche Absicht dieses herrlichen
Gesanges zu sprechen. Vor allem wollten wir Ihnen darlegen, dass in der Praktik des wahren
Menschen ein Gebet, ein Dankwort, ein Gesang nicht nur eine Aneinanderreihung von
schönen und klingenden Worten ist und auch nicht nur eine Gruppierung von Worten, die
einen schönen, sinnvollen Gedanken zum Ausdruck bringen, sondern dass in der Praxis der
Gnosis rituelle Gebräuche weit über dieses alles hinausreichen.
Ein gnostisch-ritueller Gesang oder ein Gebet bringt zuerst einen Gedanken zum
Ausdruck, der für den Augenblick geeignet und durch ihn notwendig geworden ist. Zum
Zweiten ist dieses Ritual mit einem nur auf den Augenblick abgestimmten und durch ihn
erklärbaren Gefühlszustand verbunden. Zum Dritten treibt hinter einem solchen Ritual ein
mächtiger Drang des Willens, um durch Handlung zu offenbaren, was im Ritual gefordert
wird. Und viertens wird das Ganze bereits von einem der endlichen Uöberwindung
vorausgehenden Handlungsleben getragen.
Doch hiermit ist das Gesetz des gnostischen Rituals noch nicht erfüllt. Das alles ist erst der
Beginn. Außerdem muss das Ritual nach Klang, Rhythmus, Aufbau und übereinstimmend
mit mathematischen Gesetzen ohne Schwierigkeiten zu den Gebieten durchdringen, an
welche es gerichtet ist. Es muss dort eine Kraft entfalten und die Antwort mit zurückbringen.
All diesen mächtigen Bedingungen entspricht der Lobgesang des Hermes. Wir hoffen sehr,
dass es uns einmal vergönnt sein wird, uns gemeinsam weiter in diese herrlichen Gesetze der
gnostischen rituellen Gesänge und Gebete zu vertiefen.
XIII

Die dialektische astrale Sphäre

Ihre Gefahren für den Schüler -- Das dramatische Dasein der Spiegelsphäre -- Die Gefahren des Traumlebens --
Eine dringende Frage

Ich jedoch schrieb Pymanders Wohltat in mich; und als ich ganz erfüllt davon war, kam die
höchste Freude über mich. Denn der Schlaf des Körpers war die Nüchternheit der Seele
geworden, das Schließen der Augen zum wahrhaftigen Schauen, das Schweigen wurde mir zur
Schwangerschaft des Guten und das Austragen des Wortes zu fruchtbaren Taten des Heils.

Dieser Text des 72. Verses des Pymander von Hermes gibt uns Veranlassung, Sie in den noch
unbekannten Teil des ernsthaften Schülertums, nämlich in die Nachtseite des Schülertums,
wenn der Körper schläft, einzuführen. Sicherlich ein Drittel der vierundzwanzig Stunden des
Tages bringen Sie in einem solchen Ruhezustand zu, ohne daran tatsächlich klar bewusst
teilzuhaben. So kann man sagen, dass der dritte Teil Ihres Lebens hingeht, ohne dass Sie
konzentriert dabei sind. Das ist ein sehr unangenehmer Gedanke. Niemand will gern
unvorbereitet und ungewappnet durch das Unbekannte ziehen. Darum ist es für den
ernsthaften Schüler von höchster Wichtigkeit, in diesem Punkt zu einem absoluten Wissen
durchzudringen. Es gibt Gefahren im Leben und Lebensprozesse, deren sich der Mensch
tatsächlich absolut nicht bewusst ist; was zur Folge hat, dass täglich viele dadurch geopfert
werden. Es gibt auch große Möglichkeiten im Menschen, die wegen dieser Unwissenheit
ungenutzt bleiben.
Es ist sicher nicht unsere Absicht, zu Ihnen über die nächtlichen Erfahrungen des
Menschen im Allgemeinen zu sprechen. Das ist ein beliebtes Thema des negativ oder okkult
eingestellten Menschen, und es ist denn auch sehr viel darüber gesprochen und geschrieben
worden. So ist das Traumleben eine gute Basis für eine psychologische Untersuchung; denn
mit dessen Hilfe können die tiefsten und unterbewussten Triebfedern eines Menschen
festgestellt werden. Nein, wir richten uns in unserer Auseinandersetzung nahezu ganz auf
das Leben des Seelenmenschen während der Stunden des körperlichen Schlafes. Wir richten
uns zum Mindesten auf den Seinszustand des ernsthaften Schülers, bei dem die Geburt der
Seele offensichtlich, also an der Lebenshaltung erkennbar ist.
Um Ihnen diesen Seinszustand zu erklären, müssen wir zuerst über den Schlafzustand im
Allgemeinen sprechen. Wenn Sie in Schlaf fallen, entwickelt sich eine
Persönlichkeitsspaltung, das heißt, ein Teil der Persönlichkeit tritt aus. Aber es entgeht
meistens der Aufmerksamkeit der Forscher, dass neben dieser Persönlichkeitsspaltung auch
eine Spaltung des Bewusstseins stattfindet.
»Das dialektische Bewusstsein entsteht durch das organische Zusammenwirken aller
Atome, die in einem bestimmten Moment zu unserem Persönlichkeitssystem gehören.
Uöbereinstimmend damit können wir also vier Bewusstseinserscheinungen, unterscheiden:
zwei Bewusstseinserscheinungen, die mehr zur Stoffseite der Dinge, zum Stoffkörper und
zum Ätherkörper gehören, und zwei, die mehr zu der feineren Seite der Dinge, zum Jenseits,
dem Astral-Bewussten und dem Mental-Bewussten gehören.
Wenn ein Mensch in den Schlafzustand übergeht und der feinere Teil aus der
Persönlichkeit austritt, spaltet sich auch das Bewusstsein. Die Stoffansicht des Bewusstseins
bleibt an der Stoffseite, manchmal in einem Zustand der Latenz und Wirkungslosigkeit,
manchmal in einem Zustand halber Wirksamkeit. Letzteres kommt zum Beispiel vor, wenn
man während des Tages den Körper übermäßig angespannt hat, äußerst nervös ist oder von
großen Sorgen gequält wird. Die andere Ansicht des Bewusstseins begleitet die austretenden
astralen und mentalen Körper. Und da der mentale Körper aller Menschen noch sehr
elementar, noch sehr unvollkommen organisiert ist, wird im Schlafzustand des Körpers das
Schlafbewusstsein praktisch vollkommen vom Astral-Bewussten regiert. Darum kann vom
heutigen Menschen ruhig gesagt werden: Sein Schlafbewusstsein ist das astrale Bewusstsein.
Aus dieser Feststellung kann man ohne weitere Untersuchungen ableiten, dass das
nächtliche bewusste Leben des Menschen nicht im Entferntesten mit dem gewöhnlichen
bewussten Leben an der Stoffseite verglichen werden kann, wenn die vier Bewusstseins-
Aggregate, konzentrisch ineinander gelegen, zusammenwirken und so unter gegenseitiger
Kontrolle stehen. Das Nachtbewusstsein des Menschen ist ausschließlich astrales
Bewusstsein. Wer weiß, was das heißt, wer das wirklich weiß, wird nicht mehr ein Opfer der
unzähligen Irrtümer werden, denen der Mensch in diesem Punkt immer wieder verfällt und
immer wieder verfallen wird.
Die astrale Sphäre unseres Planeten ist in unserer Lebensperiode in hohem Maß
verunreinigt und kompliziert geworden. Wenn ein Lebensgebiet unseres Planeten beweist,
wie es mit dem Lebensniveau der heutigen Menschheit bestellt ist, dann ist es die astrale
Sphäre. Darin vollzieht sich alles, worüber man sich in naturreligiösen, in okkulten und
negativen Bewegungen so erregt. Man kann sicher sagen, dass alles Leben in der astralen
Sphäre Täuschung ist. Das soll nicht heißen, dass in der astralen Sphäre kein Leben und
Bewegen ist; im Gegenteil, es wimmelt dort von Leben. Doch dieses Leben und Bewegen hat
keine wirkliche Basis, keinen Inhalt. Es ist hohl und faul. Es ist nur ein Bild, ist nur Schein,
der von allen Unwissenden als Wirklichkeit angesehen wird. Wer sich in das dialektische
astrale Leben vergafft und es für sehr schön und erhaben hält, ist absolut verloren.
Lassen Sie uns noch einmal zurückgreifen. Wenn in einer Menschheitsperiode ein neuer
Offenbarungstag anbricht -- und also nach einer Reinigung aller Weltsphären wirklich ein
neuer Beginn aufsteigt -- und der Teil der Menschheit, der noch in der Dialektik verblieb,
erneut zur Offenbarung gebracht wird, dann ist die reine astrale Sphäre lediglich ein Gebiet,
in dem sich bestimmte Ideen, Lehren und Prozesse als Bilder und Bilderfolgen projizieren.
Sie können es mit einem nützlichen und belehrenden Film vergleichen. Da jedes
Menschenkind im nachtbewussten Leben astral wahrnimmt, ist das instruktive astrale
Schauen für alle äußerst wichtig. In einer reinen, auf das höchste Ziel gerichteten
Persönlichkeit hat dieses nächtliche astrale Schauen auf das Tatleben des Tages eine gute
Auswirkung, und der Mensch wird so innerlich wissen, wie es sein muss und wie nicht.
Stellen Sie sich vor, dass die astrale Sphäre im Moment völlig rein wäre und dass die
universelle gnostische Kette dieses ganze Feld mit ihren Kräften und Lehrsätzen laden
würde. Dann könnten Sie, wenn Sie beim Schlafengehen mit dem astralen Selbst
heraustreten, sich an all diesen herrlichen Kräften laben, an all diesen reinen Bilderfolgen,
die von der universellen Bruderschaft zu unserem Nutzen in der astralen Sphäre
ausgebreitet wurden. Dann würden Sie beim Erwachen all das Empfangene, all diese
unterstützende Herrlichkeit mit in das Wachbewusstsein zurückbringen und so von innen
her den Gewinn daraus ziehen.
Aber die astrale Sphäre wurde verunreinigt. Unter anderen bemächtigten sich die
Okkultisten dieses Gebietes, und die Spiegelsphären-Bruderschaften erbauten dort ihre
Traumkastelle, die Kirchen errichteten dort ihre sogenannten himmlischen Kathedralen, und
zahllose Ungerechtigkeiten häuften sich darin. Daher konnte die astrale Sphäre nicht länger
als ein innerliches Instruktionsfeld dienen. Das Unterrichten des wahren suchenden
Menschen wurde außerordentlich schwierig, ja, angewandt auf die im Moment
gebräuchliche Weise, zu einer tödlichen Gefahr. Damals musste die Bruderschaft ganz
andere Wege einschlagen, um dem aufrichtigen Sucher zu helfen.
Sie müssen diese Gefahren gut erkennen, denn Nacht für Nacht sind Sie mit Ihrem
gewöhnlichen Nachtbewusstsein in dieser astralen Sphäre. Alles, was wir hier behandeln,
bezieht sich also auch vollkommen auf Sie! Und es ist ausgeschlossen, dass Sie sich ohne
weiteres von dieser astralen Sphäre distanzieren könnten.
Jede kollektive, gruppenbewusste Idee bildet in der astralen Sphäre eine Projektion, ein
Spiegelbild. Darum nennt die Philosophie des Rosenkreuzes diese Sphäre »die
Spiegelsphäre«. Daher gibt es momentan in der astralen Sphäre unserer Natur des Todes
auch ein Spiegelbild unseres Werkes, unseres Arbeitsapparates.
Das ist eine große Wirklichkeit, aber zugleich eine äußerst gefährliche Wirklichkeit. Denn
in dieser so sehr verunreinigten und verdorbenen astralen Sphäre der Dialektik hausen die
unheiligen Kräfte, die alle Projektionen missbrauchen, um die Menschheit irrezuführen. Es
sind Menschen unter uns, die stark astral-bewusst und deshalb fähig sind, ihre astralen
Eindrücke auf das Wachbewusstsein zu übertragen. Besonders solche Menschen werden oft
zum Opfer. Sie meinen dadurch zum Beispiel, am Goldenen Haupt und am inneren Leben
der Gnosis teilzuhaben. Aber sie führen sich selbst und andere in die Irre.
Das Traumleben ist denn auch in sehr vielen Fällen eine große Gefahr, besonders weil
jene, die daran interessiert sind, Sie zu fesseln, in eben diesen Bilderfolgen, welche Sie so
gern sehen, erscheinen. So wie man in jedem Studio einen Film aufnehmen kann, der
dioramisch vorgeführt werden kann, so ist die astrale Sphäre mit einem Theater zu
vergleichen, das Sie jede Nacht aufsuchen, um zu sehen, was Ihnen gefällt. Wenn Sie im
Wachbewusstsein danach streben, ein guter Schüler zu sein, aber im Schlafbewusstsein noch
kein guter Schüler sein können, dann bleiben Sie auf einem toten Punkt stehen. Dann
kommen Sie in Ihrem Schülerzustand nicht über eine bestimmte Grenze hinaus. Wenn Sie
sich im Wachbewusstsein, in Ihrer Lebenshaltung gegenüber Schule und Gnosis positiv
deklarieren, werden in den weitaus meisten Fällen alle Lichtkräfte, die Ihnen tagsüber
geschenkt werden, in den nächtlichen Stunden wieder von Ihnen genommen.
Sie müssen das Schicksal der Pistis Sophia denn auch als Ihr eigenes Schicksal ansehen.
Die Pistis Sophia kommt zu den Pforten der Bruderschaft, wird aber zurückgeschickt, um
ihren Pfad zu gehen. Als sie dann kämpft und ringt, um vorwärts zu kommen, muss sie mit
tiefem Schmerz erfahren, dass sie immer wieder von Authades und seinen Trabanten ihrer
Lichtkraft beraubt wird. Wer das gnostische Evangelium der Pistis Sophia studiert hat, wird
sich gewiss daran erinnern.
Jede Nacht, in der Sie sich nicht selbst von der astralen Sphäre distanzieren können,
werden Sie Ihrer Lichtkraft beraubt und stehen Sie beim Erwachen wieder genau auf
demselben Punkt wie am Tag zuvor. Ihr System ist geschwächt, Ihre Enttäuschung ist größer
geworden, und Ihre Zeit geht vorbei. Wenn Sie dieses gut verstehen, dann wissen Sie, dass
das tägliche automatische Verweilen in der astralen Sphäre für jeden Schüler immer eine
tödliche Gefahr in sich birgt.
Darum stellen wir nun zum Schluss eine dringende Frage: Ist es möglich, sich von der
astralen Sphäre, die als eine der wichtigsten Bindungen mit der Welt der Dialektik
angesehen werden muss, zu distanzieren? Kann man seine Nachtruhe genießen und
dennoch dieser unermesslichen, fast automatischen Gefahr entkommen?
Ja, es ist möglich. Das ist auch der Grund dafür, dass wir über dieses subtile Thema
sprechen. Es ist möglich, Sie von dieser großen Gefahr, die Sie bedroht, an der Sie teilhaben,
derzufolge Sie jede Nacht, wie die Pistis Sophia, Ihrer Lichtkraft beraubt werden und immer
wieder erneut beginnen müssen, zu befreien. Wir wollen Ihnen schildern, wie die Schüler
der Gnosis dieser Gefahr entkommen können.
XIV

Der Ausweg aus der astralen Gebundenheit

Der Ausweg aus der astralen Gebundenheit


Ist es möglich, sich von der astralen Sphäre unseres Lebensfeldes zu distanzieren? Das
hängt völlig vom Seinszustand des vierfachen natürlichen Ichs ab. Dieses vierfache Ich oder
das Bewusstsein ist von einer bestimmten Qualität, die sich gleichmäßig allen vier Ansichten
des Bewusstseins mitteilt und sich darin offenbart. Wenn nun ein Mensch etwas bedenkt,
was er eigentlich nicht begehrt, was er, wenn es darauf ankommt, nicht will, dann ist das
Interesse dafür sehr bald aus seinem System verschwunden.
Stellen Sie sich vor, Sie würden die Geistesschule nicht kennen, und man würde Ihnen
Interesse für die Gnosis suggerieren; man würde zu Ihnen sagen: »Lesen Sie dieses Buch
doch einmal und besinnen Sie sich darauf.« Wenn Sie dann nicht wirklich innerlich Interesse
für die Gnosis haben sollten, würde Ihre Ausrichtung auf das Buch bald ganz aus Ihrem
System verschwinden; Sie würden sich langweilen. Das Bewusstsein könnte das Gelesene
nicht festhalten. Meistens bedenken wir auch nur das, was wir tatsächlich begehren, was
unser Verlangen sucht.
Verlangen oder Begehren ist das Denken des Herzens, eine Wirksamkeit des Herzens. Das
Verlangen weckt denn auch alle Vermögen des Systems, einschließlich des Hauptheiligtums,
zur Aktivität. Darum kann ohne jegliche Uöbertreibung gesagt werden, dass im vierfachen
Bewusstsein das Astral- Bewusste, also der Begierdenkörper -- welcher eng mit dem
Verlangen zusammenhängt, mit dem Begehren, mit dem Emotionalen -- den Ton im
menschlichen System angibt. Wir werden beherrscht, geführt und gelebt durch das
Begehren, also durch das Astral-Bewusste. Wenn man sich von der astralen Sphäre unseres
Lebensfeldes und allen Täuschungen, die damit verbunden sind, distanzieren will, muss
man beschließen, einen Zustand des Begehrens zu erreichen, auf den die astrale Sphäre der
gewöhnlichen Natur keinen Einfluss hat, den sie nicht beantworten kann. Im Allgemeinen
wird dieser Seinszustand als Begierdelosigkeit bezeichnet. Aber Sie werden einsehen, dass es
nicht möglich ist, Begierdelosigkeit zu erzwingen, und dass es auch völlig nutzlos wäre.
Viele haben es versucht, sind aber davon wieder abgekommen, weil sie damit keineswegs
vorwärts kamen, ganz im Gegenteil.
Wenn sich ein Mensch im Wachbewusstsein nicht so zeigt, wie er wirklich ist, wenn sein
Lebensgang also nicht vollkommen echt zu nennen ist und er zum Beispiel sein Leben so
lebt, wie seine Umwelt es ihm völlig gegen seine natürliche Art auferlegt, dann hält er sich
selbst im Zaum, im Zwang. Die Gewohnheiten unserer Zivilisation legen ihm einen solchen
Zwang auf. Es kann innerlich in einem Menschen oft eine heftige Erregung herrschen, ohne
dass er es zeigt, weil es in einem bestimmten Moment nun einmal nicht sein kann oder nicht
erwünscht ist. Die meisten Menschen sind denn auch gewohnt, sehr bühnenmäßig zu leben.
Ganz vorsichtig ausgedrückt ist die Wirklichkeit so: Sie bezähmen sich, sie gehen den Weg,
zu dem ihre Umwelt sie verpflichtet, und tun fortwährend ihrer wahren Art Gewalt an.
Dadurch wecken sie eine Spannung im Astral-Bewussten. Es ist völlig sicher, dass dann bei
der nächsten Ruhe des Körpers das Astral-Bewusste auf die übliche Weise in die
gewöhnliche astrale Sphäre ihres Lebensfeldes heraustritt und sich dort mit den astralen
Kräften und Bildern lädt, die mit ihrer wirklichen fundamentalen Art übereinstimmen. Beim
Erwachen wird dann das Astral-Bewusste stärker noch als vorher die Leitung ihres Lebens in
die Hand nehmen. Es bleibt diesen Menschen dann nur noch eine Möglichkeit: entweder ihre
wahre Art wirklich zu zeigen oder diese Art hinter einem sicheren Deckmantel auszuleben,
so wie es tatsächlich die meisten Menschen tun.

Wir denken ebenfalls an eine bestimmte Feindschaft gegenüber der Geistesschule, die auch
in einem Schüler schlummern kann. Diese Feindschaft kann, ja sie wird da sein, weil das
augenblickliche Astral-Bewusste in einem dialektischen Menschen nun einmal eine
natürliche und erklärliche Feindschaft gegen die Gnosis enthält. Es kann gut sein, dass der
Schüler sich dessen nicht oder nur sehr unbestimmt bewusst ist, weil zum Beispiel ein
Blutszustand, ein karmischer Einfluss ihn zur Schule, also zur Gnosis treibt. Er kann von
Haus aus vielleicht gnostisch empfänglich sein, sodass er bereits sehr jung den Kontakt mit
der Schule gesucht, aber für die so notwendige Veränderung des Astral-Bewussten noch
nichts an sich selbst getan hat. Das Astral-Bewusste in ihm ist dann noch genau so wie vor
Jahren: Was das betrifft, ist er noch wie der Höhlenmensch, der ursprüngliche Naturmensch,
der leidenschaftlich brüllende Mensch zum Beispiel, während er durch den karmischen
Einfluss oder einer erblichen Anlage wegen dennoch Schüler der Geistesschule geworden ist.
Dann ist also kraft des astralen Bewusstseins die Feindschaft gegen die Gnosis gleichzeitig
mit dem Interesse für die Schule in ihm.
Diese Feindschaft wird sich anfangs nur dann und wann als ein bestimmter Missmut, als
eine Unzufriedenheit, als eine Gereiztheit äußern, weil die Schule seiner Meinung nach zum
Beispiel allzu sehr in sein Leben eingreift. Wenn die Schule mit einer bestimmten Regelung
zum Besten des Werkes an ihn herantritt, dann fühlt er sich gereizt. Lange Zeit wird er um
seines Schülertums willen gegen die Feindschaft ankämpfen und in seinem Inneren und mit
Hilfe von vertrauten Freunden, die von ihm geschickt in ein Gespräch verwickelt werden,
diese Dinge überlegen. Aber die Feindschaft wächst! Wenn man das Astral-Bewusste zu
bezähmen versucht, entwickeln sich, genau wie in der höchsten Hitzesphäre, Spannungen,
und in einem bestimmten Moment bricht der Sturm los. Diese Spannungen entladen sich
nach längerer oder kürzerer Zeit. Das kann nicht ausbleiben.
Dieselbe Entwicklung vollzieht sich auch, wenn ein Schüler von Haus aus oder mit
bewusster Absicht allzu sehr unter den Einfluss einer Gruppe oder einer Kraft der astralen
Sphäre gelangt. Dann wird dieser Schüler, selbst wenn er sich dessen nicht bewusst ist, jeden
Moment, wo es nur möglich ist, gegen die Schule und ihre Schüler gebraucht, um die Arbeit
zu hemmen und zu schädigen und so die Ernte der Bruderschaft nach Möglichkeit zu
neutralisieren.
Auf diese Weise versucht -- um in der Sprache der Pistis Sophia zu sprechen -- »die Kraft
mit dem Löwenkopf« unter uns ihr Wesen zu treiben. »Die Kraft mit dem Löwenkopf«, die
in der astralen Sphäre der Todesnatur existiert, täuscht immer die Gnosis vor und reicht mit
verschwenderischer Hand Steine statt Brot. Wenn Sie im Astral-Bewussten viel von diesem
Surrogat-Brot empfangen haben, glauben Sie, die Gnosis zu besitzen, und fühlen sich gereizt,
wenn die Schule Sie nicht anerkennt.
Es kann auch geschehen, dass einige, die dafür offen sind, gebraucht werden, um
feindliche astrale Kräfte in der Schule auszustrahlen. Wenn wir derartige Schüler ihren Weg
gehen ließen, würde erstens die Schule großen Schaden erleiden, und zweitens würden die
Betroffenen mit großer Schuld beladen werden. Wenn wir von einigen Schülern wüssten,
dass sie im tiefsten Wesen die Schule beschädigen und dadurch eine schwere karmische
Schuld auf sich laden, dann wäre es, abgesehen von den Folgen für die Schule, sehr lieblos,
dieses zuzulassen. Darum bitten wir in einem solchen Fall die Betreffenden, uns so bald wie
möglich zu verlassen, weil es das Beste für sie ist.
Die karmische Schuld, die ein Mensch auf sich lädt, wenn er gegen die Gnosis kämpft, ist
sehr groß. Man wird also keinesfalls aus falschem Mitleid oder getrieben vom dummen
Humanismus Menschen in der Schule halten oder in die Schule aufnehmen, die
offensichtlich völlig vom Astral-Bewussten beherrscht werden. Man gibt ihnen sonst
absichtlich die Gelegenheit, eine unverzeihliche Sünde zu begehen. Es ist also ein Zeichen
von großer Liebe, ein Zeichen von vorausschauender Sympathie für den potenziellen
Sünder, diesen nicht zur Schule zuzulassen. Die Mitarbeiter der Schule haben denn auch zu
Beginn ihrer Arbeit die strengsten Anweisungen von der Geistigen Leitung empfangen, bei
der Zulassung zum Schülertum sehr nachdrücklich auf das so notwendige Minimum an
Eignung zu achten.
In diesem Punkt liegt eine sehr strenge Vorschrift im Interesse beider Parteien, weil die
astrale Sphäre unseres Lebensfeldes mit jeder Stunde chaotischer wird und ein äußerst
wesentlicher Faktor im »Großen Spiel« * Siehe J. van Rijckenborgh, Demaskierung, Rozekruis
Pers, Haarlem, 1994.ist. Die Feindschaft gegen die Gnosis nimmt zu, je mehr diese ihr Ziel
erreicht. Es klingt vielleicht hart, aber es muss doch gesagt werden, dass Menschen, die sich
von Jugend auf in zügelloser Weise von dem Astral-Bewussten, von dem wilden, reißenden
Tier in sich leiten ließen, nicht erwarten dürfen, in unserer Zeit, da das astrale Feuer so
entsetzlich wütet, davon befreit zu werden, auch nicht mit Hilfe der Schule. Diese Menschen
müssen sich noch völlig in der bitteren Erfahrung festlaufen; dann erst kann ihnen geholfen
werden.
Die Geistesschule hilft nicht mit einem »Kommen Sie nur zu uns, dann geht alles wieder
in Ordnung«. Jeder Schüler muss damit beginnen, sich selbst zu helfen, und die Schule weist
ihm dafür den Pfad. Nur wenn er in der Tat den Pfad geht, ist für ihn die Kraft und die
Strahlung, die Hilfe der Gnosis da. Der Schlüssel zum Pfad der Befreiung liegt also in der
Möglichkeit des Schülers, dem Astral-Bewussten durch das astral-bewusste Selbst eine
andere Richtung zu geben. Kein anderer Schlüssel wird zur Tür des Pfades passen.
Das astrale Selbst verändert sich nicht, nur weil Sie durch Ihren Vater oder Ihre Mutter,
durch einen Freund oder einen Bekannten zur Geistesschule mitgenommen wurden; oder
weil man an Sie appelliert; oder weil man Mitleid mit Ihnen hat. Ihr astrales Selbst muss
spontan oder aus großer Not den Pfad selbst gesucht haben und sich damit
übereinstimmend verhalten. Wir haben nicht nur einfach Sucher nötig, sondern solche, die
sich, wenn sie gefunden haben, entsprechend verhalten.
Die Mehrzahl der Menschen lebt aus dem Milz-Leber-System, aus ihren gewöhnlichen
natürlichen Bedürfnissen und Instinkten. Das astrale Selbst hat seinen Sitz im Milz-Leber-
System, genauer im Sonnengeflecht, und die Herz- und Hauptfunktionen werden diesem
astralen Selbst völlig unterstellt. Herz und Haupt können außergewöhnlich gut kultiviert
sein; das Herz zum Beispiel, was feinen Geschmack und Empfindsamkeit betrifft, und das
Haupt, was verstandesmäßiges Erfassen angeht. Solange jedoch das astrale Selbst im Plexus
solaris gefangen ist und der Mensch demzufolge ein Stück Selbstbehauptung, ein Stück Ich-
Zentralität ist und völlig erdgerichtet, ist das Schülertum in der gnostischen Geistesschule
vollkommen nutzlos. Die Schule tritt nur dann einem Menschen entgegen, kann nur dann
einem Menschen die helfende Hand reichen, wenn dieser den Beweis erbringt, dass er sich
bemüht, das astrale Selbst aus dem Plexus solaris, dem Sitz aller Naturgesetzmäßigkeit,
herauszulösen und hinaufzuziehen in das Herz.
Wenn sich ein Mensch darum bemüht -- man kann es nicht wollen, sondern man muss so
weit sein -- dann beweist er damit, dass er der Natur nach vollständig festgelaufen ist und
die Aussichtslosigkeit der Welt der Dialektik erkennt. Er überwindet dann zur Stunde seinen
primären Naturinstinkt, der in der Natur so glücklich macht und mit dieser ganz eins ist.
Wenn ein Mensch sich bemüht, das astrale Selbst ins Herz hinaufzuziehen, wenn das
astrale Selbst eines solchen Menschen im Herzen Wohnung nimmt, wo es tatsächlich zu
Hause ist, wird er sofort etwas Wunderbares entdecken. Nun, da er über sein Naturniveau
hinausgelangt ist und nicht mehr aus dem Sonnengeflecht, sondern aus dem Herzen in die
Welt blickt, findet er nämlich bestätigt, was er vielleicht bereits unbewusst vermutete oder
teilweise einsah: die Aussichtslosigkeit der Welt der Dialektik, der Todesnatur.
Sie können diese Tatsache nachsprechen, Sie können diese Wahrheit nachstammeln; Sie
können es einen anderen sagen hören, aber Sie werden es selbst entdecken, sobald Sie das
Astral-Bewusste in das Herz hinaufgezogen haben. Dann werden Sie es körperlich erkennen.
Sie stellen es dann nicht fest auf der Basis eines Glaubensgrundes oder aufgrund
philosophischer Betrachtungen, nein, Sie wissen es dann. Das Bewusstsein eines Menschen
kann von der astralen Sphäre und ihrem fast unbegrenzten Darstellungsvermögen getäuscht
werden, solange das Bewusstsein im Milz-Leber-System verankert liegt. Zieht sich das
Bewusstsein jedoch ins Herz hinauf, dann ist dieser Wahn vorbei. Und da das Astral-
Bewusste naturgemäß immer verlangt, immer begehrt, immer auf das eine oder andere
Erreichen gerichtet ist, muss sich ein neues Begehren entwickeln, nämlich das Heilbegehren.
Heilbegehren aus dem Plexus solaris ist ein Unsinn, ist immer ein Etikett; in Wirklichkeit
ist es immer das Begehren nach Ich-Befriedigung auf Kosten anderer. Das wahrhaftige
Heilbegehren jedoch erwacht aus dem Herzheiligtum: ein bis dahin unbekanntes Begehren
auf der Basis eines Abweisens, eines Nichtbegehrens der Dialektik. Erst dann ist dem
astralen Bewusstsein positiv eine neue Richtung gegeben. Die astrale Sphäre der Dialektik
kann einem Menschen immer antworten, immer Befriedigung schenken, solange die
Begierden sich nicht über die gewöhnliche ich-zentrale, ich-bewusste Stufe erheben, also
über die gewöhnliche Naturebene. Löst sich der Mensch jedoch von dieser Stufe, dann ist die
Rettung in Sicht; dann kommt die Gnosis Ihnen auf Ihrem Weg entgegen. Aber dann ist Ihre
erste Aufgabe die Reinigung des Herzens.
Aber, wie wir bereits sagten: Unter der Leitung des Astral-Bewussten, wohnhaft im
Plexus solaris, ist das Herzheiligtum -- und nicht weniger das Hauptheiligtum -- von Jugend
auf durch das wilde Tier im Menschen so sehr missbraucht worden, dass Sie, wenn Sie das
Astral-Bewusste in das Herz hinaufziehen, in ein Heiligtum kommen, das sehr beschädigt
und entsetzlich verfallen ist und daher gewissenhaft wiederhergestellt und gereinigt werden
muss.
XV

Der Weg zur Fremdlingschaft

Die neue siderische Geburt -- Der Rosenkreuzgang -- Die neue Ausrichtung -- Keinen Ort mehr, um das Haupt
niederzulegen -- Die Fremdlingschaft

Wenn Sie, nach sehr langer Erfahrung in einem Leben aus dem Plexus solaris, über Ihren
gewöhnlichen niederen Naturzustand hinausgelangen, indem Sie das astral-bewusste Selbst
in das Herz hinaufziehen, dann finden Sie, wie wir bereits feststellten, das Herzheiligtum in
einem äußerst beschädigten Zustand vor. Es ist ja so lange Zeit von der niederen Natur
geknechtet und misshandelt worden, dass das ich-zentrale Leben aus dem Sonnengeflecht
die latenten Möglichkeiten des Herzens viel stärker eingekapselt hat, als es aus dem Zustand
der Geburt zu erklären wäre. Man darf darum von nahezu allen Menschen sagen, dass ihre
Möglichkeiten in der Jugend viel größer waren, als es später der Fall ist. Durch das
langjährige Stolpern durch die Welt der Dialektik wurde im Herzheiligtum sehr viel
beschädigt. Wenn Sie im neuen gnostischen Morgen erwachen, muss daher von diesem
Moment an die Reinigung des Herzens tatkräftig unternommen werden.
Es ist gut, in diesem Zusammenhang einmal den Durchschnittsschüler zu beschreiben,
der sich augenblicklich in der Geistesschule des Goldenen Rosenkreuzes aufhält. Man kann
sagen, dass fast alle Schüler bemüht sind, das astrale Selbst ins Herz hinaufzuziehen. In
ihrem naturgerichteten Zustand brechen sie also wirklich ein Fenster heraus, durch das ein
neues Licht wie eine Morgenröte im Aufgang scheint. Sobald sie durch dieses Fenster des
Herzens blicken können, dringen sie zum Wissen durch, dass sie ihr wirkliches innerliches
Glück nur auf einer ganz anderen Spirale des Lebens finden können. Gleichzeitig beginnt
durch diesen neuen Zustand, in welchen sie eingetreten sind, die Rose des Herzens zu
sprechen. Drittens ist das gnostische Licht in ihr Blut eingedrungen und hat ganz andere
Regungen in ihrem System verursacht. Es sind also größtenteils Menschen, die an der Pforte
eines ganz neuen Entwicklungsprozesses stehen. Oder, um die Sprache des gnostischen
Evangeliums der Pistis Sophia zu benutzen: Sie stehen vor den Pforten des dreizehnten
Äons.
Wenn Sie sich in diesem Zustand befinden, hat der alte Entwicklungsprozess Sie jedoch
noch nicht verlassen. Das alte Leben hat seine Spuren bereits tief in Ihr Herzheiligtum
eingeprägt. Darum muss das Herzheiligtum gereinigt werden. Denn solange das Herz noch
nicht rein ist nach den Maßstäben der Gnosis, kann die andere Richtung, die Sie dem
astralbewussten Selbst gegeben haben, nur teilweise sein. Die latenten Möglichkeiten des
Herzens können dann nicht frei werden; der alte Lebenszustand spielt fortwährend eine
wichtige rolle in Ihrem Leben, und so wird das Schlafbewusstsein jede Nacht wieder in die
astrale Sphäre der Natur des Todes zurückkehren, mit allen damit verbundenen Folgen.
Sie sind kraft Ihres Seinszustandes immer Gegenstand der Bemühungen der
Spiegelsphärenkräfte; und sogar in höherem Maß als normalerweise, weil die
Spiegelsphärenbewohner wissen, dass die Möglichkeit besteht, Sie zu verlieren. Somit ist es
klar, dass Ihr Lebensweg im Augenblick erschwert wird; denn in dem Zustand, in welchem
Sie sich befinden, spielen beide, die Gnosis und die Natur, eine Rolle in Ihrem Leben. Der
innere Konflikt spitzt sich dadurch selbstverständlich fortwährend zu. Sie können diesen
Lauf der Dinge im gnostischen Evangelium der Pistis Sophia verfolgen. Dieses Evangelium
wird von Anfang bis Ende vom Gang und Erfahrungsweg des Schülers inspiriert, der aus
dem natürlichen, niederen Leben im Herzen erwacht und daraus voller Ernst die
Konsequenzen zieht.

Wer das Astral-Bewusste in das Herz hinaufzieht, dringt spontan zu den heiligen Hallen der
universellen gnostischen Bruderschaft durch. Doch sehr bald wird der Kandidat, wie auch
die Pistis Sophia, zurückgewiesen, um in diversen Stadien das Herz von vielen Makeln zu
reinigen.
Sie suchen als Schüler der Geistesschule das unverfälschte, reine Licht. Sie suchen ein in
hohem Maß befreiendes Leben. Und durch die Tatsache, dass Sie Ihr Bewusstsein in das
Herz hinaufgezogen haben, wissen Sie innerlich, dass das reine Licht existiert. Es ist die
lautere, ursprüngliche siderische Substanz, die reine astrale Kraft, so wie sie in der
universellen gnostischen Kette anwesend ist. Und nun geht es darum, dass Sie Ihren
siderischen Körper, Ihren Begierdenkörper oder astralen Körper ganz neu formen müssen,
übereinstimmend mit den Maßstäben der Gnosis. Das muss jeder Schüler durchführen: die
Transfiguration des astralen Selbstes, das so rein werden muss wie das gnostische Licht.
Dazu vor allem berührt Sie das Licht. Nach dem Maß Ihres neuen inneren Wissens können
Sie also die Hoffnung hegen, diese notwendige Reinigung, die erste Form der
Transfiguration, vollbringen zu können. Darum steht zum Beispiel im 1. Brief des Johannes,
Kap. 3, Vers 2-3: »Wir wissen aber, wenn es erscheinen wird, dass wir ihm gleich sein
werden; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und ein jeglicher, der solche Hoffnung hat zu
ihm, der reinigt sich, gleich wie er auch rein ist.«
Darum müssen Sie Ihr Selbst nun gründlich angreifen. Sie brauchen sich dabei keine
Gewalt anzutun, denn das würde noch mehr Spannungen verursachen. Greifen Sie jedoch
Ihr Selbst von Grund auf an. Dann entwickelt sich jener mächtige und herrliche Prozess, über
den wir nun so ausführlich gesprochen haben. Im gereinigten Herzen wird die unsterbliche
Seele geboren, das bedeutet: die Basis für einen ganz neuen Menschentyp. Dieser Seelenbasis
entsprechen vier neue Bewusstseins-Prinzipien: das Grundprinzip des neuen Stoff-
Bewusstseins, das des neuen Äther-Bewusstseins, das des neuen Astral-Bewusstseins und
das des neuen Mental-Bewusstseins. Zuerst muss das Astral-Bewusste vollkommen werden,
darauf das Mental-Bewusste und schließlich das Äther- und Stoff-Bewusste.
So wird sich der neue Seelenzustand im Blut und im Nervenfluidum beweisen und auch
in den astralen Fluiden Ihrer Wesenheit, von der Ihre neue Geburt abhängig ist. Zum Schluss
bemüht sich das erneuernde Prinzip, auf dieser Basis das neue Denkvermögen aufzurichten,
womit dann der neue Bewusstseinszustand vollkommen geworden ist. Der ganze Prozess
wird als die neue siderische Geburt bezeichnet.
Diese neue siderische Geburt und alle Prozesse, die damit verbunden sind, bilden das
Werkstück, mit dem wir in der Geistesschule beschäftigt sind. Wenn es gut mit einem
Schüler steht, dann ist er, ungeachtet wie er seine Motive formulieren mag, tatsächlich
darum in diese Schule gekommen, weil das astral-bewusste Selbst in ihm sich bemühte, sich
elementar aus dem Milz-Leber-System zu befreien und ins Herz emporzuringen. Auf dieser
Basis wird er in der Schule willkommen geheißen und muss dann die große Werkstatt des
Herzheiligtums betreten, um darin in einem standhaften Tatleben die siderische Geburt, die
neue Wesenswirklichkeit vollständig zu bewirken. Darum heißt es in einem unserer Riten:
»Wir weihen heute unsere Rose, damit sie eine Krone werden möge, die du, o Gnosis, uns
auf das Haupt setzen wirst.« Dieser Ritus wurde von allen vorangegangenen Bruderschaften
gebraucht; und die ernsthaften Kandidaten, die in der Schule ringenden Wesenheiten, auch
sie beweisen ihn in fest entschlossenem, täglichen Streben.
Die Krone richtet Ihre Aufmerksamkeit auf den neuen Bewusstseinszustand. Die Rose des
Herzens dem großen und heiligen Werk des gnostischen Prozesses, dem Pfad der Pistis
Sophia in Ihnen zu weihen, ist also nicht nur ein Wunschtraum, eine Möglichkeit, die man
Ihnen in Aussicht stellt, sondern für jeden, der sich mit Erfolg in der Schule der jungen
Gnosis offenbaren will, für jeden, der aus dem heftigen Brand seiner Spannungen zur
Befreiung aufsteigen will, eine Notwendigkeit. Sie müssen also diesen Prozess mit Ihrer
ganzen Kraft anpacken.
Sobald Sie das Astral-Bewusste in das Herz hinaufgezogen haben, werden Sie dadurch
zum Gegenstand der Bemühungen zweier Welten. Das Alte und das Neue greifen Sie dann
an; das ist ein Zustand, der immer schwieriger zu ertragen ist wegen der Spannungen, die er
mit sich bringt. Darum müssen Sie Ihr Kreuz, Ihr Rosenkreuz auf die Schultern nehmen und
den Pfad gehen, welcher von Bethlehem nach Golgatha führt, damit Sie einmal im neuen
Licht wandeln, so wie Er im Licht ist.
Dafür ist an erster Stelle notwendig, dass das Astral- Bewusste in Ihnen während der
Stunden der körperlichen Ruhe, während der nächtlichen Stunden, nicht mehr in die astrale
Sphäre der Natur des Todes gelangt. Das ist die erste Aufgabe. Stellen Sie sich vor, dass es
Ihnen für ein paar Nächte gelingen sollte, sich von der astralen Sphäre der Welt der Dialektik
zu lösen, dann würden Sie erfahren, welch großer Segen davon ausgeht.
Darum müssen Sie Ihre neuen Möglichkeiten direkt anwenden, indem Sie beginnen,
daraus zu leben, zu jeder Stunde des Tages sich damit zu verbinden und die Konsequenzen
daraus zu ziehen. Sie dürfen sich nicht mehr mitziehen lassen vom gewohnten Treiben der
Menschen, weder als Einzelner noch gemeinsam mit anderen, sondern Sie müssen fortan
ganz auf das große Ziel gerichtet sein und Ihre Wesenheit damit in Uöbereinstimmung
bringen. So wie in den Tagen der Jugend in der Regel das Streben auf das Erwachsensein
und das gesellschaftliche Vorwärtskommen gerichtet ist, so müssen Sie nun, in der ersten
zarten und so hoffnungsvollen Jugend Ihres gnostischen Schülertums, vor den Pforten des
neuen Lebens stehend, sich völlig auf dieses Leben vorbereiten, als Seelenmenschen
erwachsen werden und in der Seelenwelt vorwärts kommen.
Natürlich haben Sie hier auch noch Ihre gesellschaftlichen Aufgaben zu verrichten. Wir
alle haben unsere Pflichten und unsere Verantwortlichkeiten, die auf Erfüllung warten und
schwer wiegen. Vernachlässigen Sie Ihre Pflichten nicht! Wenn Sie aber die große, ewige
Bedeutung der Seele vor sich sehen, die Notwendigkeit, den Seelenmenschen in sich zum
Leben zu drängen, dann wird alles andere, all das Gesellschaftliche, all das Dialektische, wie
erforderlich es auch sein mag, dass Sie sich vorläufig noch damit beschäftigen, auf den
zweiten Platz rücken. Damit soll nicht gesagt sein, dass es nicht mehr darauf ankommt,
sondern dass dieses Eine, dieses Große bei Tag und bei Nacht den Vorrang in Ihnen haben
muss.
Alles andere wird diesem spontan untergeordnet. Während Sie mit Ihren täglichen
Pflichten beschäftigt sind, woraus diese auch bestehen mögen, wird die Stimme der Seele zu
hören sein, und Sie werden auf das Jauchzen der Seele lauschen. Alles andere wird wie von
selbst in den Hintergrund treten, wenn das astrale Selbst in Ihnen, in das Herz
hinaufgezogen, sein Verlangen nach dem neuen Leben aussendet. Dieses Verlangen muss bei
Tag und bei Nacht wie ein dauernder Glockenton in Ihnen klingen. Dann gehen Sie, direkt
und praktisch, einen Weg der Selbstübergabe, einen logischen Weg der Transfiguration.
Sie kennen das Verlangen. Wonach haben Sie nicht schon verlangt in Ihrem Leben! Und
wenn Sie an all diese verschiedenartigen Verlangen zurückdenken, dann wissen Sie, dass ein
bestimmtes Verlangen so stark sein kann, dass es einen Menschen ganz beherrscht. Wenn Ihr
Verlangen nach dem befreiten Leben, nach der Gnosis, so groß und tief ist, dann weiht das
astrale Selbst in Ihnen sich in Selbstübergabe ganz dem »Es«, dem Tao, der Rose der Rosen,
der Gnosis. Dann singen Sie auf diese Weise Ihre dreizehn Bußgesänge, o Pistis Sophia!
Wenn Sie sich in diesem Zustand befinden, wenn Sie ohne auch nur den geringsten
forcierten Willensdrang in diesem Prozess stehen, dann kann Ihr astrales Selbst nicht mehr
gedeihen, nicht mehr leben, nicht mehr atmen in der astralen Sphäre der Todesnatur. Wenn
Sie so erfüllt sind vom Verlangen nach dem Heil, kann Ihr astrales Selbst nicht mehr in die
astrale Sphäre der Todesnatur eintreten; dann wird das astrale Selbst Ihres gewöhnlichen
Naturzustandes sterben, und die astrale Sphäre der Todesnatur muss Sie selbstverständlich
loslassen, weil sie Sie nicht mehr erreichen kann. Dann sind Sie, was das astrale Selbst
betrifft, der Natur nach gestorben.

Aber was dann? Was ist dann, wenn für Sie Wirklichkeit und Wahrheit wird, was von Jesus
dem Herrn gesagt wird: dass er keinen Ort auf Erden hatte, wohin er sein Haupt legen
konnte? Verstehen Sie, welch eine wunderbare Andeutung das ist? Der unwissende
naturreligiöse Mensch erfährt es als etwas Furchtbares: Jesus der Herr, der keinen Ort hatte,
wohin er sein Haupt legen konnte!
In Wirklichkeit handelt es sich hier aber um eine unbegreifliche Gnade. Wenn Sie kraft
Ihres astralen Selbstes nicht mehr die astrale Sphäre der Natur des Todes betreten können,
da wirklich keine Persönlichkeitsspaltung mehr möglich ist, und der wahre Schlafzustand,
welcher im dialektischen Leben normal ist, nicht mehr stattfinden kann, wenn es also für das
nachtbewusste Selbst, für Ihr Schlafbewusstsein, in der Natur des Todes keinen Ort mehr
gibt, wo Sie das Haupt niederlegen können, was geschieht dann? Dann öffnet sich das
Andere für Sie! Die junge Gnosis besitzt einen Gruppenkörper, ein neues Lebensfeld, eine
neue, reine astrale Sphäre, welche die Gruppe um sich gebildet hat. Das ist dann Ihr neuer
Ruheort; ein Ruheort, welcher sich den Notwendigkeiten Ihres aufwärts gerichteten
Entwicklungsganges anpasst; ein wunderbarer, reiner Ort, wo Sie Ihr nächtliches Leben
völlig sicher im Lebenden Körper der Gnosis verbringen können.

Es gibt noch einen anderen Aspekt, den wir näher beleuchten müssen. Bisher haben wir die
siderische Geburt nur im Zusammenhang mit dem eigenen Entwicklungsgang betrachtet.
Der Mensch jedoch, der die Wege der seelischen Entwicklung geht, wird dabei nicht stehen
bleiben, sondern die bezeichnenden Eigenschaften des Seelenmenschen in stets
zunehmendem Maß beweisen, zum Beispiel eine nie erlahmende unpersönliche Liebeskraft,
das völlige Zurseitestellen der eigenen Interessen, eine spontane und absolute Dienstbarkeit.
Wer die Seele und ihren Lebensweg in seinem Leben an die erste Stelle rückt, wird das ganze
Leben, sowohl im gesellschaftlichen als auch im privaten Sinn, alle täglich wiederkehrenden
gewohnten Pflichten und Verantwortlichkeiten, alles, was aus seiner noch fortdauernden
Naturgeburt stammt, zu einer vollkommenen und gediegenen harmonischen Ordnung
fügen.
Wenn Sie aus der Seele zu leben beginnen, wenn Sie dem astralen Selbst nach erneuert
sind und Ihr tiefstes und höchstes Verlangen auf die Schule und ihr erhabenes Ziel gerichtet
ist, dann wird es nicht nur still in Ihnen, sondern dann geht diese Stille, diese Harmonie auch
von Ihnen aus, auch in Ihrer privaten Umgebung. Dann vollzieht sich in Ihrer Umgebung
etwas Neues. Auch dorthin kommt dann Stille, Ruhe und Gleichgewicht. Und alle Dinge, die
Ihnen früher vielleicht Kummer bereiteten, die früher vielleicht zu Spannungen führten,
verschwinden dann. Sie werden so bedeutungslos wie das Hüpfen eines Vogels auf dem
Dach Ihres Hauses oder das Summen einer Fliege am Fenster. Alles, was dann für Sie im
tiefsten Wesen an die zweite oder dritte oder letzte Stelle rückt, wird für Sie nicht mehr
hinderlich sein. Es wird keine Schwierigkeiten mehr verursachen und keinen Konflikt
hervorrufen; Sie lassen es los; denn Sie gehen in diesem mächtigen, herrlichen Leben der
Seele auf. Sie sehen einander mit dem Blick der Seele an; Sie verstehen den anderen, der
neben Ihnen geht; und Sie begreifen das Bemühen und Ringen jener, die sich vielleicht um
der einen oder anderen Spannung willen plagen und dadurch manches falsch oder anders
tun, als Sie es gewöhnt sind. Wer primär aus der Seele lebt, trägt zur Befestigung wirklicher
Harmonie in allen Bereichen des Lebens bei, in denen er sich bewegt. Menschheitsdienst, aus
der Seele drängend, hält alle Lebensaspekte in sich beschlossen.
Wer darin völlig aufgeht, ist vollkommen ein Fremdling auf Erden geworden. Wer dem
astralen Selbst nach transfiguriert ist, fühlt sich nicht als Fremdling auf Erden, sondern er ist
es. Er hat für sein inneres Wesen auf Erden keinen Ruheort mehr: Er ist wie ein
Ausgestoßener. Für ihn öffnet sich die große Heimat der Seelen, das Goldene Haupt des
Lebenden Körpers, das neue gnostische astrale Feld.
Für ihn wird der Schlaf des Körpers die Nüchternheit der Seele, das Schließen der Augen
das wahrhaftige Schauen, das Schweigen zur Schwangerschaft des Guten und das Austragen
des Wortes zu fruchtbaren Taten des Heils.
XVI

Das Erwachen der Seele (i)

Das gnostische astrale Feld -- Die Transfiguration der Seele -- Das neue Lebenselixier -- Pymanders Wohltat --
Der Schwerpunkt im Tagesleben

Wir haben in den vorangegangenen Kapiteln erklärt, dass der Schüler durch die Erfüllung
des Schülertums im fundamentalen Sinn unbedingt ein Fremdling auf Erden wird. Sie
müssen die Bedeutung dessen gut verstehen. Wir meinen damit sicher nicht, dass der
Schüler eine sehr exzentrische Haltung allem gegenüber einnimmt, was in der Schule
»dialektisch« genannt wird. Ebenso wenig darf die Fremdlingschaft auf Erden als eine Art
Gleichgültigkeit gegenüber allem, was lebt und ist, verstanden werden. Und sicher meinen
wir auch nicht eine bestimmte revolutionäre Lebenshaltung gegenüber Gesellschaft und
Allgemeinheit.
Nein, die Fremdlingschaft auf Erden ist ein fundamentaler Zustand, ein nicht-mehr-
anders-können; ein Zustand, der durch Veränderung der Persönlichkeit entsteht. Wenn diese
Veränderung zur Tatsache geworden ist, dann gibt es für den Betreffenden in der Natur des
Todes keinen Ruheplatz mehr. Wenn beim Schlafengehen der innere, feinere Teil der
Persönlichkeit austritt, wird in der Natur des Todes kein Ort mehr gefunden, wo dieser
feinere Teil sich zur Ruhe begeben könnte. Demzufolge fühlt der Betroffene sich als ein
Ausgestoßener.
Diesen Seinszustand erreicht jeder Schüler, der das astrale Bewusstsein ins Herz
hinaufgezogen hat, unterstützt durch ein konsequentes Schülertum, eine fortwährende
Reinigung des Herzens und ein ich-verlorenes, dienendes Leben. Dann gerät er in diese,
manchmal zum Glück nur kurze Zeit währende, eigenartige Situation, dass er, die
Nachtruhe suchend, in der Tat nicht in den Schlafzustand gleiten kann. Denn wenn er wegen
der Müdigkeit des Körpers in den Schlafzustand gleitet, steht der feine Teil der
Persönlichkeit gleichsam vor einer Mauer und wird wieder in den Körper zurückgestoßen,
weil er für das astral-bewusste Selbst kein Lebensfeld, kein Atemfeld finden kann.
Tatsächlich beweist es, dass die Persönlichkeit sich verändert. Wenn der Schüler in dieser
Situation nicht weiß, wie er handeln soll, können sehr wahrscheinlich körperliche
Schwierigkeiten entstehen. Darum sprechen wir darüber.
Viele Schüler kennen bereits den Zustand der Fremdling-Schaft, und es werden, Gott sei
Dank, immer mehr in diese soeben besprochene eigenartige Situation eintreten. Sie müssen
dann wissen, wie sie sich zu verhalten haben. Sie müssen wissen, dass es für sie einen Platz
gibt; ein gnostisches astrales Feld, das für sie schon bereitet ist. Erst dann wird der Kandidat
erkennen, was die Schule für ihn bedeutet. Die Geistesschule als Lebender Körper, als
gnostische Gruppe, unterhält für die Schüler einen solchen gnadenvollen Ort der Ruhe.
So wie sich um unseren Stoffkörper herum ein astraler Körper, größer als der Stoffkörper,
befindet, erstreckt sich auch ein astraler Körper um den Körper der Geistesschule. Der
Lebende Körper der Schule besitzt eine astrale Ansicht. Diese wird mit dem astralen
Lebensbrot der reinen gnostischen Natur gespeist. Dieses astrale Feld atmet in der
universellen Gnosis, in der ursprünglichen siderischen Substanz. Das ist nun die
Seelenheimat für alle, die sich ihres wachsenden Seelenzustandes wegen Fremdlinge auf
Erden wissen.
Wir wollten Ihnen erklären, dass die Seele eine sehr deutliche, positive astrale Ansicht
besitzt, die zu Beginn des Seelenwerdens bereits klar zu erkennen ist. Die Seele hüllt sich
zuerst in ein Kleid aus astraler Substanz. Wenn nun der Schüler durch entschlossene,
positive Lebenshaltung das Wachstum der Seele unterstützt und in einem bestimmten
Moment in der astralen Sphäre der Todesnatur mit ihren großen Gefahren nicht mehr atmen,
nicht mehr leben kann, dann darf es selbstverständlich kein Vakuum geben, sondern eine
neue Seelenheimat muss den Schüler aufnehmen.
Es muss hierzu bemerkt werden, dass in dem Maß, wie sich das neue astrale Gewand
bildet, das alte astrale Gewand verschwindet. Auf dem gnostischen Pfad gibt es keine astrale
Kultur, keine Ethik des Begehrens, die man im Leben so häufig zur Schau trägt. Man
versucht in der Welt der Dialektik immer wieder, den Begierdenspannungen zu entkommen,
indem man eine Art Ethik aufbaut, eine Begierden-Ethik, die man zum Beispiel Askese
nennt. Der Schüler in der Geistesschule übt jedoch keine Askese aus, keine astrale Ethik,
keine Begierden-Ethik, sondern er vollzieht nicht mehr und nicht weniger als eine astrale
Transfiguration.
Wenn jemand eine bestimmte Ethik anwendet und sich demzufolge nicht hier zu Hause
oder als ein Fremdling fühlt, dann kann er, indem er die betreffende Ethik aufhebt,
unmittelbar wieder auf seinem Platz sein; so als wenn man sich beispielsweise einen Tag lang
den Gewohnheiten einer bestimmten Umgebung angepasst hat, danach wieder zu den
eigenen Lebensgebräuchen zurückkehrt und in erwünschter Weise zu ganz
entgegengesetzten Gewohnheiten übergeht. Aber im Schüler vollzieht sich nicht mehr und
nicht weniger als eine Transfiguration, die Transfiguration seines astralen Seinszustandes,
die der Entwicklung des neuen Denkvermögens vorangeht.
Wir weisen nebenbei auf Folgendes hin: Wenn bestimmte Themen in der Schule
besprochen werden, ist immer die Zeit der Verwirklichung angebrochen. So ist das
Vorangegangene auch nun für alle, die sich dem ernsthaften Schülertum zuwenden,
gleichsam eine Aufforderung zum erfüllenden Tatleben. Der Obersaal ist bereit, und die
Stimme der jungen gnostischen Bruderschaft bittet alle: »Tretet ein, unter den erforderlichen
Bedingungen.«

Nehmen wir nun einmal einen Augenblick lang an, dass Sie das Astral-Bewusste in das Herz
hinaufgezogen haben und ein äußerst ernsthafter und dynamischer Schüler sind, der sich
durchsetzt, vor zwingenden Konsequenzen also nicht zurückschreckt und kein Zugeständnis
macht. Dann ist die Seele in Ihrem Herzen geboren. Wenn Sie nun kraftvoll mit der
Reinigung des Herzens fortfahren, sodass die neugeborene Seele sich ausdehnen kann, dann
wird sich übereinstimmend damit das neue astrale Gewand entfalten. Die Beschaffenheit
Ihrer Persönlichkeit unterscheidet sich dann deutlich von der Ihrer Mitmenschen. Sobald Sie
es mit Ihrem Schülertum wagen, setzt eine Transfiguration ein, die bis zu einem bestimmten
Krisispunkt führt, den wir als »Fremdlingschaft auf Erden« bezeichnet haben. Ihr Körper
unterscheidet sich dann strukturell auffallend von dem Ihres dialektischen Mitmenschen. Sie
haben nämlich unverkennbar neue astrale Lebensbedürfnisse, die für Ihre gesamte
Persönlichkeit notwendig sind.
Es gibt viele Beweise dafür, dass die Schülerschar der jungen Gnosis diese neuen
Lebensbedürfnisse sehr deutlich spürt. Ein Beispiel hierfür ist das Tempo, mit welchem die
Anzahl der Besucher unserer Konferenzen zunimmt. Die Schüler suchen kraft des Drängens
ihrer Wesenheit, soviel es ihnen möglich ist, den Kontakt mit den Brennpunkten, den
Tempeln und der Gruppe. Wo könnte dieser Kontakt besser stattfinden als während eines
Aufenthalts von einigen Tagen in einem unserer Konferenzorte? Dieses ist eine der
wichtigsten Ursachen für die starke Zunahme der Anzahl der Konferenzbesucher.

Wenn Sie dieses verstehen, können Sie für sich selbst entscheiden, ob Sie bereits aus den
neuen astralen Lebensbedürfnissen leben, ob Ihr ganzes Wesen bereits nach diesem neuen
Lebenselixier verlangt. Fragen Sie sich selbst: Ist in mir ein fortwährender Drang, möglichst
keine Konferenz zu versäumen?
Diese Bedürfnisse nach astralen Nährstoffen von besonderem Charakter konnte die
Schule bis vor kurzem durch Tempeldienste und Konferenzen befriedigen. Aber im gleichen
Maß wie die astrale Transfiguration sich bei den Schülern vollzieht, steigt der Bedarf an
gnostischen siderischen Nahrungsmöglichkeiten, an Baustoffen für dieses Wachstum. Dem
kann im dafür geeigneten astralen Feld der jungen Gnosis vollständig entsprochen werden.
Darum müssen Sie nicht allein in Ihrem Tagbewusstsein mit uns in einem unserer Tempel
sein, sondern übereinstimmend mit der Entwicklung des Werkes wird es nun auch
notwendig, dass Sie, sobald Sie so weit sind, während des Schlafs des Körpers mit uns in den
geweihten heiligen Hallen der jungen Gnosis weilen, im Tagbewusstsein der Seele. Sie
werden nun, wenn Sie im Buch der Offenbarung* Offenbarung 21:23. über das neue
Jerusalem lesen, verstehen, dass es für die neugeborene Seele weder Tag noch Nacht gibt,
sondern nur ein ununterbrochenes Leben im Licht.
Die astralen Lebensbedürfnisse der meisten unserer Schüler steigen in einem sehr
schnellen Tempo. Ihr Leben bewegt sich deutlich in die angegebene Richtung. So erhebt sich
also die für sie wichtige Frage: »Wie können wir dieses neue astrale Feld, diesen neuen
Körper der Schule betreten? Wie können wir diese große Gnade gebrauchen?«
Um am gnostischen astralen Feld der Geistesschule teilzuhaben, ist es notwendig, dass Sie
sich innerlich vom gewohnten Schlendrian des Alltags und der Lebenssignatur des
naturgeborenen Menschseins vollkommen befreien und dass Ihr ganzes Tagleben im Zeichen
der Seele steht. Ihr Tagleben muss ein konsequent angewandtes, belebtes Schülertum sein, in
ichverlorener Dienstbarkeit, getragen von der unverkennbaren Menschenliebe der wahren
Seele und in völliger Streitlosigkeit. Sie können es nicht tief genug in Ihr Bewusstsein
einkerben, dass die normale, naturgeborene Lebenshaltung des Konflikts, das fortwährende
Besessensein von Leidenschaften, Gereiztheiten, Launen und dergleichen Stimmungen, alles
vernichten, was an neuem astralen Bewusstsein in Ihnen aufgebaut wurde. Darum ist ein
konfliktloses, streitloses Leben absolut notwendig.
Ein solches Tagleben ist in sich selbst bereits eine intensive Gnade, eine intensive
Möglichkeit für das Wachstum der Seele. Es ist in hohem Maß lehrreich, als naturgeborener
Mensch objektiv in der Welt zu stehen und die Dinge, die Ihnen früher so viel bedeuteten,
die Ihr ganzes Interesse verlangten und die einst Ihr Temperament in größte Bewegung
brachten, nun an sich vorbeiziehen zu lassen, sie zwar wahrzunehmen, aber nicht darauf zu
reagieren; nicht aus Gleichgültigkeit, sondern wegen des Zustandes Ihrer neuen
Seelengeburt.
Wenn Sie jemanden die dümmsten und bösesten Dinge tun sehen, dann können Sie mit
Heuchelei, Hochmut oder Gleichgültigkeit reagieren; mit einem »gut, dass ich nicht bin wie
dieser« oder »damit will ich nichts zu tun haben« oder »es ist mir gleichgültig«. Sie können
aber auch den anderen objektiv wahrnehmen und ihm in innerlichem Erbarmen die ganze
Liebe Ihrer Seele zuwenden. Sie werden sich dann nicht mit dem falschen Seinszustand des
Betreffenden verbinden -- was Sie im anderen Falle wohl tun -- und ihn außerdem jeden
Augenblick mit der Strahlung Ihrer Seele unterstützen. So werden Sie Ihrem Mitschüler von
Stunde zu Stunde helfen und seinen Weg erleichtern auf dem oft so steinigen Pfad bis zum
Durchbruch zum lebenden Seelenzustand.
Wer die Segnungen eines solchen Taglebens kennt, versteht auch die Lebenshaltung eines
seelengeborenen Menschen: Scheinbar nichts sehend, scheinbar auf nichts reagierend,
scheinbar alles an sich vorübergehen lassend, ist er dennoch in hohem Maß und sehr positiv
wirksam. Wer die Segnungen eines derartigen Taglebens kennt, wird zweifellos am Abend
Hermes' Worte innerlich nachsprechen:

Ich jedoch schrieb Pymanders Wohltat in mich; und als ich ganz erfüllt davon war, kam die
höchste Freude über mich.

Wenn ein Mensch aus der Seele lebt, ist er sich jeden Moment des Tages der großen Güte und
Liebe der Gnosis bewusst. Wenn Sie seelengeboren sind und an der Gnosis teilhaben, kann
Ihnen nichts geschehen; dann kann man Sie nicht bedrängen, dann wird, nach den Worten
der Bibel, kein Haar auf Ihrem Haupt gekrümmt. Teilhaben zu dürfen an einem Lebensfeld,
in dem nichts von der Gespaltenheit der Dialektik ist, in dem keine Feindschaft ist und in
dem die feurigen Flammenzungen des Hasses, der Kritik, des Konfliktes und des Lasters
durchaus fehlen, das schenkt maßlose Freude. Das haben denn auch viele Seelenmenschen in
der gesamten Menschheitsgeschichte bezeugt.
Für seelengeborene Menschen ist es notwendig, ihren Tag auf die folgende Weise zu
beenden: Wenn wir uns nach vollbrachtem Tagewerk in unser Schlafzimmer begeben, wenn
wir unseren Körper zur Ruhe legen, dann dürfen unsere Gedanken und unsere
Uöberlegungen nicht bei den vielen Aspekten der Welt der Dialektik verweilen; denn sie ist
immer eine Heimsuchung. Sie stimmt immer traurig und wendet sich stets an das
naturgeborene Ich. Nein, am Ende unseres Tages schreiben wir Pymanders Wohltat in uns.
Den intensiven Strom gnostischer Segnung lassen wir durch uns hinziehen, sodass uns eine
reine Freude erfüllt, sogar in jenen Stunden, in denen, dialektisch gesprochen, in jeder
Hinsicht Grund wäre, sich über irgend etwas zu sorgen oder zu beklagen. Wenn wir uns
dann so mit dem lebendigen Heil der Gnosis in Harmonie gebracht haben und unser Atem
den ruhigen Rhythmus inniger Zufriedenheit und Dankbarkeit angenommen hat, dann
schläft der Mensch wie ein Kind und ganz auf das wahre Licht gerichtet ein. Dann wird der
Schlaf des Körpers die Nüchternheit der Seele; das bedeutet das vollkommene Wachsein der
Seele in ihrer eigenen Welt, im gnostischen astralen Feld.
Der Schlaf des Körpers, so sagten wir, darf nicht in einer allgemeinen, typischen
dialektischen Ich-Ausrichtung beginnen, auch wenn sie von unschuldiger Art wäre, sondern
in einer vollkommenen Seelen-Ausrichtung. Wenn Sie tagsüber aus der Seele leben, wenn Sie
alles andere hinter die Seelen-Ausrichtung stellen, wird Ihnen das nicht viel Mühe bereiten,
und Sie fördern auf diese Weise das Seelenbewusstsein und damit das Erwachen der Seele in
dem für sie bestimmten und zubereiteten Feld. Es ist gleichsam ein Grundsatz: Wenn Sie
seelenausgerichtet schlafen gehen, wird die Seele bewusst, wird sie wach. Den
außergewöhnlichen Vorteil und die große Bedeutung dieser Haltung werden Sie nach all
dem Vorangegangenen erkennen.
Es geht vor allem um die Ausrichtung, die Vibration des astralen Selbstes beim
Schlafengehen des Körpers. Diese ist bestimmend für unsere gesamte nächtliche Erfahrung.
Wer darum weiß, wird erlebt haben, dass der Mensch immer so erwacht, wie er einschlief.
Ein bekümmerter Mensch, ein Grübler, wird sagen, wenn er über seine Sorgen spricht: »Ich
stehe damit auf, und ich gehe damit zu Bett.« Das spricht für sich selbst! Aber er ruft es selbst
auf: Es ist seine falsche Ausrichtung, die ihn so gefangen hält. Mit der Vibration des astralen
Selbstes während des Einschlafens werden Sie auch wieder erwachen. Mit der bestimmten
Ausrichtung, die Sie während des Schlafzustands in eine übereinstimmende Umwelt
versetzt, werden Sie wieder erwachen.
Einem niedergedrückten und grüblerischen Menschen, der meint, Grund zu haben, einem
anderen böse zu sein, geht es so: Nach einem Tag geplagten, mühevollen Lebens geht er mit
einem erschöpften Körper schlafen. Bevor der Schlafzustand eintritt, verweilt er mit seinen
Gedanken noch bei all seinen Mühseligkeiten und Unannehmlichkeiten und bei dem, der ihn
böse gestimmt hat, so fällt er dann in Schlaf. Aber so, wie er schlafen geht, wird er morgens
erwachen. Dem Körper nach ist er mehr oder weniger wiederhergestellt, der Körper ist
wieder einigermaßen mit Vitalität geladen, und beim ersten Augenaufschlag steht das Bild
des Feindes, des sogenannten Feindes, wieder vor ihm, und der brennende Schmerz all
dessen, was die Bosheit instand hält, dringt in sein Gefühlswesen ein. Und mit seiner neuen
Vitalität beschließt er: »Heute werde ich es tun; nun werde ich es sagen; ich werde diese oder
jene Haltung ihm gegenüber einnehmen.« So ist er bereits beim Erwachen wieder bereit für
den Streit. Dasselbe Ringen beginnt erneut. So wird er die Feindschaft nie los!
Dasselbe Gesetz kann jedoch auch mit befreiender Wirkung angewandt werden. Wer
seelengerichtet einschläft, sendet die Seele in das Haus der Seelen, das für ihn in der Schule
verwirklicht ist. Gleiches zieht Gleiches an.
Nun müssen Sie sich nicht ängstlich fragen: »Bin ich jetzt beim Schlafengehen auch völlig
seelengerichtet?« Sie müssen nicht über die Frage grübeln, ob Sie die richtige Methode
anwenden. Sie müssen den Schwerpunkt in Ihr Tagleben legen! Ihr ganzer Tag muss im
Zeichen der Seele stehen, in einem dienenden Leben. Dann werden Sie auch am Abend des
Tages, vor dem Schlafengehen, seelengerichtet und von großer Dankbarkeit durchdrungen
sein. Dann wird die Seele, sobald der Schlafzustand eintritt, unmittelbar im astralen Feld der
Schule in einem Zustand der Nüchternheit sein, der Wachbewusstheit, die mit dem Grad der
Seelenentwicklung übereinstimmt, den der Schüler erreicht hat.
Es gibt natürlich Unterschiede in der Seelenentwicklung. Es sind unter den Schülern sehr
reife Seelen, mehr oder weniger reife Seelen und gerade erst erwachte Seelen. Aber wie Ihr
Seelenzustand auch sein mag, es ist sicher, sobald Sie seelengerichtet schlafen gehen, geht
die Seele in das Haus der Seelen, in das gnostische astrale Feld. Sie wird dort unmittelbar in
jenem Zustand des Wachbewusstseins sein, der mit dem Grad Ihrer Seelenentwicklung
übereinstimmt. Alles, was in diesem Zustand erfahren wird, bringt die Seele als einen Schatz
am folgenden Morgen mit zurück in den Körper. Dann hat sich der Körper inzwischen
wieder erholt, hat Vitalität geladen, und Sie sind bereit, die neue Lebenshaltung zur
größeren Glorie vorwärts zu drängen. Sie werden die Kraft haben, es nicht allein bei einem
Gedanken, bei einem Wunsch zu lassen, sondern zur Tat durchzubrechen. Stärkere neue
Vermögen werden Ihr ganzes Wesen erfüllen, und der Prozess der Transfiguration wird
damit übereinstimmend beschleunigt.
Diese unabweisbare Wahrheit werden Sie nun wohl einsehen, in der Erkenntnis nämlich,
dass Sie Ihren gnostischen Entwicklungsgrad selbst in der Hand haben. Sie haben Ihr eigenes
Schicksal in der Hand. In der Welt der Dialektik ist der Mensch der Spielball eines ihn
beherrschenden Schicksals, aber in der Gnosis hat er sein Schicksal in der eigenen Hand. Der
Pfad der Gnosis kennt keine schwerwiegenden, schwer zu verstehenden Methoden, keine
Atemübungs- Systeme und dergleichen, keine zahllosen Gebetsvorschriften. Er verlangt nur,
dass Sie seelenausgerichtet sind. Das ist der Schlüssel zu Ihrem Heil.
Wenn Sie das klar vor sich sehen und sich zu einem wahrlich seelenausgerichteten Leben
erheben, dem Leben des seelengeborenen Menschen, dann werden auch Sie Pymanders
Wohltat in Ihr Herz schreiben und in maßloser Freude der Stunde des täglichen Erwachens
der Seele entgegensehen. Wenn Sie das einmal erlebt haben, lässt es Sie nie mehr los. Eine
solche Erfahrung ist nicht wie eine dialektische Freude, keine Hochstimmung, die bald
vorübergeht wie ein einziger Sonnenstrahl aus einem bewölkten Himmel. Nein, sie ist eine
dauernde Freude, ein dauerndes Heil, das den ernsthaften Schüler vollkommen erfüllt.
XVII

Das Erwachen der Seele (ii)

Das Entstehen der Äonen -- Der dreizehnte Äon -- Die Notwendigkeit der Selbstheiligung -- Die unverwelkliche
Krone der Herrlichkeit

Das Thema, dem wir uns nun zuwenden, bezieht sich auf derart neue Ansichten in der
Entwicklung des Schülertums, dass wir es für gut halten, zuerst das bereits Behandelte kurz
zu überblicken.
Wir besprachen die Bedeutung des 72. Verses aus Hermes' Pymander, in dem unter
anderem gesagt wird:

Der Schlaf des Körpers war die Nüchternheit der Seele geworden, das Schließen der Augen zum
wahrhaftigen Schauen, das Schweigen zur Schwangerschaft des Guten und das Austragen des
Wortes zu fruchtbaren Taten des Heils.

Wir stellten die Frage: Wo bleibt der austretende Teil der Persönlichkeit, während der Körper
schläft, und was führt er während der nächtlichen Stunden aus, oder besser: Was geschieht
mit ihm? Wir erfuhren, dass der Nachtmensch, wenn wir es so ausdrücken dürfen, während
der nächtlichen Stunden in den astralen Sphären der dialektischen Natur verbleibt, und wir
prüften den Charakter dieser Sphäre.
Die astrale Sphäre besitzt ein sehr stark formendes Vermögen. Gedanken, Begierden,
Gefühle und Willensobjekte projizieren sich darin. Angesichts des Spiegelsphärenlebens und
des allgemeinen Verhaltens der jetzt lebenden Menschheit ist es sehr verständlich, dass die
astrale Sphäre der dialektischen Natur in hohem Maß verschmutzt und kompliziert ist; sie ist
nichts als Täuschung und für jedes gnostische Leben vollkommen ungeeignet, da der astrale
Stoff ungewöhnlich magnetisch ist. Alles, was nicht mit der Art der astralen Sphäre
übereinstimmt, wird dem Nachtmenschen, also der feinstofflichen Persönlichkeit, die in die
astrale Sphäre gelangt, einfach genommen. Der Nachtmensch empfängt dafür dann die der
Art der astralen Sphäre entsprechende astrale Substanz. Darum lesen wir im gnostischen
Evangelium der Pistis Sophia, dass sie fortwährend ihrer Lichtkraft beraubt wird.
Die astrale Sphäre des gewöhnlichen Lebens ist erfüllt von unheiligen Kräften der Äonen,
die als Naturkräfte bezeichnet werden können. »Äon« bedeutet wörtlich: Lauf der Zeiten,
unermessliche Zeitdauer. Mit Hilfe dieses Begriffs wird uns klar, was Äonen im
Zusammenhang mit der astralen Sphäre sind. Äonen sind astrale Kräfte, astrale Wirkungen,
die sich in sehr langen Perioden gebildet haben und sehr mächtig geworden sind; zum
Beispiel Projektionen menschlicher Begierden und Gedanken, die so lange genährt wurden,
dass sie schließlich in der astralen Sphäre lebendig wurden.
Nehmen wir an, dass wir uns in Gedanken ein bestimmtes Bild vorstellen und dieses Bild
jahrelang festhalten, sodass wir es unseren Kindern einprägen und allen, die mit uns gehen;
dass die Künstler es zeichnen, malen und in Stein meißeln und die Dichter es besingen. Dann
können Sie sich doch vorstellen, dass auf diese Weise in der astralen Sphäre ein Äon gebildet
wird. Es sind Projektionen konstanter Ströme menschlicher Begierden und Gedanken, die
schließlich so lebendig werden, dass sie die Menschheit beherrschen und unterjochen.
Diese Äonen, die stets an Kraft zunehmen, weil sie fortwährend von der Menschheit
genährt werden, berauben jeden gnostisch ausgerichteten Menschen, der die astrale Sphäre
betritt, seiner Lichtkraft. Normalerweise geschieht es also jede Nacht mit jedem Schüler,
sobald dieser den Körper der Ruhe und dem Schlaf anvertraut.
Für alle, denen es mit ihrem Schülertum ernst ist, ergeben sich daraus sehr wichtige
Konsequenzen, unter anderem die logische und zwingende Forderung, sich der astralen
Sphäre der Todesnatur zu entziehen. Wenn ein Mensch feststellt, dass er jedes Mal, wenn er
während der nächtlichen Stunden dorthin gelangt, dem außergewöhnlich gefährlichen
Einfluss dieses Feldes erliegt, so ist die Frage aktuell: Auf welche Weise kann ich mich davon
befreien? Wie kann ich mich vor diesen Einflüssen schützen? Das ist die erste Konsequenz.
Die zweite Konsequenz ist, dass die Betreffenden, wenn sie sich einmal von der astralen
Sphäre der Todesnatur befreit haben, den feinen Teil ihrer Persönlichkeit während des
Schlafs in ein anderes astrales Feld leiten, in dem die genannten Verunreinigungen und
Gefahren nicht bestehen. Sie werden wohl mit uns übereinstimmen, dass diese Forderungen
elementar sind und niemand sich ihnen entziehen kann. Ohne die Erfüllung dieser
Forderungen ist jedes gnostische Schülertum einfach eine Täuschung.
Man kann sich hierbei keine Gewalt antun, nicht zwingen; würden Sie das einen Tag oder
mehrere Tage versuchen, so könnten Sie es nicht durchhalten. Es wäre ein Kampf mit der
Aussicht auf eine sichere Niederlage. Darum stellten wir bereits fest: Der Schlüssel zum
gnostischen Pfad liegt in der Möglichkeit, das Astral-Bewusste durch das astral-bewusste
Selbst in eine andere Richtung zu lenken.
Dafür ist zuerst nötig, dass man das Kernprinzip des Ich-Wesens aus dem Milz-Leber-
System in das Herz hinaufzieht. Das kann nur dann gelingen, wenn man reif dazu ist; wenn
der Lebensweg Sie schließlich in der Materie, in der Todesnatur festlaufen lässt; wenn Sie
entdecken, dass es für einen Menschen, der sich auf der horizontalen Linie bewegt, keine
Aussicht auf Befreiung gibt. Dann ziehen Sie das Kernprinzip des Ichs aus seinem Sitz, dem
Milz-Leber-System, hinauf in das Herz.
Der Mensch, dessen Ich im Milz-Leber-System zentralisiert ist, im Plexus solaris, ist das
Urbild des steinharten, ichzentralen Naturmenschen, der sich an der Materie festklammert
und festbeisst und von ihr dann alles erwartet. Aber für diesen Menschen kommt nach
kürzerer oder längerer Zeit, oft erst nach vielen Daseinszuständen im Mikrokosmos,
dennoch einmal der Augenblick, da er sich in der Todesnatur festläuft und entdeckt, dass
sein Dasein ein aussichtsloser, endloser Kreislauf ist. Solange er jedoch noch aus dem Milz-
Leber-System lebt, also mit seinem Leben ein Stück Selbstbehauptung und Ich-Zentralität
beweist, ist das Schülertum in einer Geistesschule für ihn völlig nutzlos. Nur wer imstande
ist, das Bewusstsein ins Herz hinaufzuziehen, überwindet seinen primären Naturinstinkt.
Sein astrales Selbst wird dann im Herzheiligtum Wohnung nehmen. Dann erst sieht man die
Welt so, wie sie wirklich ist.
Ein neues Verlangen, ein neues Begehren, ein Seufzen nach der wahren, essenziellen
Befreiung geht dann vom astralen Selbst aus, welches in der heiligen Sprache
»Heilbegehren« genannt wird. Erst dieses Begehren öffnet das Herz des Menschen für die
Gnosis, für das Licht des heiligen Grals, und so wird die Rose des Herzens berührt. Auf diese
Weise tritt der Schüler vor die Pforte eines total neuen Lebenszustandes, nämlich durch
Heilbegehren, welches durch das Hinaufziehen des astral-bewussten Selbstes in das Herz
entsteht.
Viele Millionen Menschen stehen vor dieser Pforte, viele Millionen Menschen begehren
auf diese Weise bereits seit langem nach einem wahrhaft befreienden Leben. So haben auch
diese miteinander verbundenen Millionen gemeinsam einen Äon geschaffen, der in den
gnostischen Schriften der dreizehnte Äon genannt wird. Zwischen diesem dreizehnten Äon
und dem verlangenden, seufzenden Menschen ist eine Wechselwirkung entstanden,
derzufolge der Brand des Verlangens dieses Menschen immer größer und intensiver wird.
Das Empfinden und die Einsicht für den Zustand der Zerrüttung, in dem er sich befindet,
nimmt fortwährend zu. Heilbegehren allein ist nicht genug. Auch dann wird sich das astrale
Selbst in den nächtlichen Stunden in der astralen Sphäre der Todesnatur aufhalten und am
folgenden Morgen so der Lichtkraft beraubt zurückkehren, dass die Beschädigung größer ist
als je zuvor. Daher die stets wiederholten Bußgesänge der Pistis Sophia.
So verstehen Sie, dass neben Heilbegehren auch Selbstheiligung notwendig ist. Wer
wahrlich begehrt, geheiligt zu werden, wird selbst alles Mögliche, ja sogar alles Unmögliche
versuchen, um sich dieser Heiligung zu nähern. Das ist logisch. Eine starke
Selbstwirksamkeit muss dann auch stets beweisen, dass der Mensch vom Brand des
Heilsverlangens geläutert wird. Diese Selbstwirksamkeit muss stets vom Herzen des
Menschen ausgehen und so den gesamten Lebenszustand beeinflussen. Darum sprechen wir
in der Schule des Rosenkreuzes immer von dieser so notwendigen Reinigung des Herzens.
Wer neben das Heilbegehren auch tatwirkliche Selbstreinigung stellt, empfängt diese
Heiligung mit allen Folgen in der Geburt der Seele.
Sie kennen sicher das abstoßende, negative Getue Zahlloser, die um Hilfe schreien und
um Beistand bitten für alles Mögliche im dialektischen Haushalt. Der Mensch muss jedoch
verstehen, dass er, um zum wahren Heil zu gelangen, zuerst sich selbst und seinen ganzen
Seinszustand einzusetzen hat. Neben dem Heilbegehren muss sich die Selbstheiligung
entwickeln. Dann wird, wie gesagt, sich die Heiligung in der Geburt der Seele beweisen.

Wenn wir nun nochmals die besprochene Entwicklung überblicken, dann zeigt sich, dass sie
vom Kandidaten erstens das Hinaufziehen des astralen Selbstes aus dem Milz-Leber-System
in das Herz fordert, wodurch er seinen Naturzustand überwindet; zweitens die Entwicklung
des Heilbegehrens und die Selbstentdeckung der Todesnatur; drittens die Selbstwirksamkeit,
die Selbstheiligung, die Reinigung des Herzens und des ganzen Lebens in völliger
Selbstübergabe, was die Geburt der Seele zur Folge hat.
Die Geburt der Seele ist zuerst die Geburt einer neuen astralen Wesenheit. Ein
Seelenwesen ist in erster Linie ein astrales Wesen, eine Wesenheit, die sich nach der Geburt
augenblicklich dem Blut, dem Nervenfluidum, der internen Sekretion mitteilt und auch die
Intelligenz-Organe beeinflusst. Sobald etwas vom neuen Seelenwesen in Sie eindringt, sobald
diese neuen astralen Einflüsse bei Ihnen einbrechen, entsteht in Ihnen ein neues Vermögen.
Eine neue Kraft zirkuliert dann durch Ihr gesamtes Wesen und beeinflusst all Ihre normalen
menschlichen Fähigkeiten.
So erkennen Sie den vierten Schritt, welcher dann ganz in Ihrer Macht liegt: das
konsequente, systematische Uöbertragen der Leitung Ihres Lebens an die neugeborene Seele
in Ihnen, an die neuen Möglichkeiten in Ihnen. Das heißt, dass Sie dem Ich nach mit dem
natürlichen Selbst vollkommen in den Hintergrund treten, sich nicht mehr unserer
gewöhnlichen Natur entsprechend verhalten, sondern die Seele in Ihrem ganzen Leben
regieren lassen. Dann wird das neue astrale Wesen, der neue Seelenzustand in Ihnen
wachsen. Ein völlig neuer siderischer Körper wird sich offenbaren, und das alte
Begierdenwesen und Begierdenleben wird total verschwinden.
Sie sind dann also bereits in die Transfiguration eingetreten. In dem Maß, in welchem sich
die neue Entwicklung durchsetzt, sterben Sie ab für die astrale Sphäre der Todesnatur; Sie
haben in einem bestimmten Moment sogar keinen Zugang mehr dazu. Sie finden dort keinen
Platz für Ihr neues astrales Selbst. Und dann öffnet sich das neue astrale Feld des Lebenden
Körpers: Der Fremdling im irdischen Treiben wird in seiner neuen Heimat willkommen
geheißen. Unsere vorangegangenen Besprechungen hatten vor allem zum Ziel, Ihnen zu
versichern, dass es eine solche neue Heimat gibt, welche durch die Anstrengung vieler
speziell für die junge Gnosis zustande kam. Es handelt sich also nicht um eine Spekulation
auf ein zukünftiges Heil, auf eine spätere oder vielleicht bald kommende Befreiung, nein, es
gibt für jeden im Heute eine Heimat der Freiheit, in die wir gehen können, wenn wir nur die
erforderlichen Schlüssel handhaben und die Konsequenzen ziehen.
Bedingung dafür ist der Besitz einer Seele, und der Beweis dafür liegt in Ihrem ganzen
Tagleben, dem Tagleben also des konsequent angewandten praktischen Schülertums, in ich-
verlorener Dienstbarkeit, getragen von der unverkennbaren Menschenliebe des wahren
Seelenzustandes. Jeder seelengeborene Mensch muss, auch nach vollbrachtem Tagewerk,
sein Leben vollkommen in die Sphäre der Seele stellen und also vor dem Schlafengehen nicht
bei den Aspekten der Welt der Dialektik verweilen. Auf diese Weise wird der Schlaf des
Körpers zur Nüchternheit der Seele. Wenn Sie seelengerichtet schlafen gehen, wird die Seele
bewusst, wird sie wach. Die Vibration, die Ausrichtung des astralen Selbstes beim
Schlafengehen ist bestimmend für das ganze nächtliche Leben und das darauf folgende
Tagleben.
Wer so vorbereitet das neue astrale Feld betritt, erfährt jeden Tag mit immer größerer
Kraft, mit immer größerer Deutlichkeit, dass der Schlaf des Körpers das Erwachen oder das
Wachsein der Seele bedeutet, ein wahrhaftiges Schauen und eine neue Entwicklung
verursacht, gekrönt vom neuen Bewusstseinszustand, der in der heiligen Sprache die
unverwelkliche Krone der Herrlichkeit genannt wird.
XVIII

Die Realität der Befreiung

Die Realität der Befreiung


Das astrale Feld des Lebenden Körpers der jungen Gnosis wird, äußerlich betrachtet,
durch Farbe und Vibration gekennzeichnet. Man kann die Farbe dieses Feldes am besten als
golden, gemischt mit violett, bezeichnen; kein rotes oder blaues Violett, sondern eine
konstante, sehr spezifische Farbe, die einen goldvioletten Glanz ausstrahlt.
Sie wissen vielleicht, dass Gold die Farbe des wiedergeborenen Seelenzustandes ist.
Darum sprechen wir auch vom goldenen Rosenkreuz und singen von der goldenen
Wunderblume. Es ist ein uraltes Wissen, dass der Glanz, die Art und die Vibration des
Goldes mit dem wiedergeborenen Zustand verglichen wird. Sie brauchen nur an die alte,
primitive Malerei zu denken. Daher ist auch unser Renova-Tempel den beiden Farben violett
und gold geweiht. Die äußerste, reine Farbe violett ist die Grundfarbe des neuen Spektrums,
des Spektrums der Seelenmenschheit, in der die wiedergeborene Seele, die goldene
Wunderblume, für einen neuen Lebensweg aufgenommen werden kann.
Vielleicht haben Sie sich darüber gewundert, dass wir zu Ihnen in den vorangegangenen
Kapiteln von einem astralen Feld der Todesnatur sprachen und von einem neu aufgebauten
astralen Feld des Lebenden Körpers der modernen Geistesschule; es erschien Ihnen vielleicht
gar zu irdisch, diese beiden Felder existenziell nebeneinander, voneinander getrennt und auf
verschiedene Weise beschützt zu sehen. Aber Sie werden hierüber zweifellos ganz anders
denken, wenn Sie wissen, dass es hier um eine Frage der Vibration geht. Die siderische oder
astrale Substanz hat eine Vibrationsskala, die im siebenten kosmischen Gebiet von ungefähr
450 Billionen Schwingungen pro Sekunde bis ungefähr 700 Billionen Schwingungen pro
Sekunde variiert. Dieses sind einige Ziffern, welche die Universelle Lehre angibt. Innerhalb
dieser Vibrationsskala manifestieren sich die verschiedensten astralen Erscheinungen,
Formen und Wirkungen, die mit dem siebenten kosmischen Gebiet verbunden sind; in
Farben angegeben als das schreiende Rot, die unterste Vibration, bis zum blauen Violett, der
höchsten Vibration, die im dialektischen Lebensfeld möglich ist. Die mit all diesen
verbundenen Strahlungen haben Wellenlängen von ungefähr 650 bis 450 Nanometer (ein
Nanometer ist der milliardste Teil eines Meters); die schnellsten Vibrationen haben nämlich
die kürzeste Wellenlänge.
Sobald die Grenzen der Vibration und Wellenlänge in negativem Sinn überschritten
werden, also wenn sich eine Verzögerung oder Abschwächung zeigt, welche sich bis unter
die genannten Grenzen des siebenten kosmischen Gebietes fortsetzt, folgt immer Auflösung,
Zerbrechung, Zermahlung, Explosion, Tod; der Tod der Aufhebung.
Sobald von einem Menschen diese Grenzen in positivem Sinn überschritten werden, also
nach oben hin, in die Richtung des sechsten kosmischen Gebietes, wird das sechste
kosmische Gebiet betreten, und es muss eine neue Erscheinungsform folgen, nämlich der
Seelenmensch. Der Uöbergang von dem einen zum anderen Feld, vom siebenten zum
sechsten kosmischen Gebiet, verursacht also immer eine Transfiguration; das ist eine
wissenschaftliche Notwendigkeit.
Wird eine Persönlichkeit, ein Mikrokosmos von einer konstanten Vibration unterhalten,
wodurch die Körper dieser Persönlichkeit konzentrisch ineinander liegen, dann wird
übereinstimmend damit über die verfügbaren Möglichkeiten der Persönlichkeit eine
bestimmte Vitalität zugeführt, die das Leben instand hält. Wird die Persönlichkeit
schwächer, dann ist das, wie erwähnt, mit einer Verzögerung der Lebensvibration
verbunden. In einem bestimmten Moment ist die Vibration so geschwächt und verzögert,
dass die Persönlichkeit sich nicht mehr im Körper behaupten kann und stirbt. Das ist, kurz
gesagt, die Ursache des körperlichen Todes.
Die andere Möglichkeit ist, dass Sie von einem Feld mit höherer Vibration, als Sie sie
gewöhnt sind, berührt werden. Dann geht es darum, ob Sie darauf antworten können. Gehen
Sie in diesem Feld auf, reagieren Sie positiv, dann wird die Vibration dieses Feldes von Zeit
zu Zeit prozessmäßig erhöht. Infolge dieser Erhöhung der Vibrationsgeschwindigkeit, die
über das Dialektisch-Normale hinaussteigt, verändert sich Ihre Wesenheit, der Mikrokosmos,
das aurische Wesen und also auch die Persönlichkeit. Das ist die Transfiguration.
Transfiguration ist in einem bestimmten Moment für einen Menschen eine wissenschaftliche
Notwendigkeit.
Im ersten Fall ist die Folge der Tod durch Aufhebung, im anderen Fall der Tod durch
Wiedergeburt; zwei Arten des Todes, zwei Arten des Sterbens in den dialektischen
Lebenssphären. Aber welch ein unermesslicher Unterschied! Der eine Tod bedeutet die so
und sovielte Wiederholung, gekettet an das Rad der Geburt und des Todes. Den anderen
Tod sterben Sie nur einmal. Wenn Sie diesen Tod sterben, folgt die Auferstehung im ewigen
Leben.
So werden Sie verstehen, was wir mit dem neuen astralen Feld der modernen
Geistesschule meinen. Es ist ein Konzentrationsfeld astraler Substanz, in der Vibrationen
wirken, deren niedrigster Bereich über den 800 Billionen Hertz (Schwingungen pro Sekunde)
liegt, während die höchste Wellenlänge an 400 Nanometer grenzt. Wenn Sie in Ihren
Gedanken die Wellenlängen weiter verkleinern und die Anzahl der Schwingungen erhöhen,
dann haben Sie eine Vorstellung von den kosmischen Gebieten, die über das sechste Gebiet
hinausgehen. In einem bestimmten Moment hört in diesen Gebieten auch der Faktor Zeit
auf, und es entwickelt sich ein neuer Zustand, dem man sich mit dem Begriff Ewigkeit
nähert.
Sie werden aufgrund des Vorangegangenen nun auch verstehen, dass ein siderisches
Feld, das sich nach Vibration und Wellenlänge über das siebente kosmische Gebiet erhebt,
für ein Wesen des siebenten kosmischen Gebietes unzugänglich ist. Das neue astrale Feld der
modernen Geistesschule beschirmt sich also selbst, ist im tiefsten Wesen unangreifbar.
Jedoch zeigt dieses astrale Feld des Lebenden Körpers -- und Sie dürfen sich darüber
freuen -- Wirkungen, durch die es sich selbst von Zeit zu Zeit scheinbar in Gefahr bringt. Das
können Sie am besten verstehen, wenn Sie an eine Flamme denken, die von Zeit zu Zeit
durch irgendeine Ursache schwächer wird und periodisch eine Verlangsamung der
Lichtvibration zeigt. Ein gnostisches astrales Feld ruft nämlich zeitweilig, bestimmten
periodischen Gesetzen gemäß, in seinen Vibrationen, in den Wellenlängen seiner
Strahlungen, absichtlich Schwächungen hervor, wodurch die Grenzen des siebenten
kosmischen Gebietes überschritten werden und sich die Strahlungen der Gnosis, also des
neuen astralen Feldes, tatsächlich in das dialektische Lebensfeld, in Raum und Zeit
einsenken. Dadurch können viele, die an den Vibrationsgrenzen des siebenten kosmischen
Gebietes leben, mit großem Eifer die Entfernung der Schlagbäume nutzen, um in das sechste
kosmische Gebiet hineinzugelangen.
So entsteht dann eine Situation, wie sie zum Beispiel in der Alchimischen Hochzeit des
Christian Rosenkreuz geschildert wird. Wenn wir das neue Vibrationfeld mit einem
Einweihungstempel vergleichen, was es in der Tat ist, kommen in einem bestimmten
Moment durch die beabsichtigte Vibrationsschwächung auch völlig Unbefugte in das
Heiligtum. Diese Unbefugten sind geneigt, sich gerade auf die vordersten Plätze zu drängen,
und C. R. C. ist zuerst enttäuscht, als er das wahrnimmt. Doch dann folgt »das Wiegen« der
Kandidaten, die Probe; mit anderen Worten: Die Vibrationen des Tempelfeldes werden zu
ihrer alten Intensität zurückgeführt. Der Vibrationsgrad steigt wieder an, und dann erweist
sich, wer damit nicht übereinstimmt. Wer kraft seiner Wesenheit diese Lichtkraft nicht
vertragen kann und folglich als zu leicht befunden wird, muss das Heiligtum wieder
verlassen.
Diese Schwankungen in den Vibrationen des neuen astralen Feldes sollen dazu dienen,
jenen, die es wert sind und nötig haben und so weit sind, die Gelegenheit zu schenken, in die
heiligen Hallen der Erneuerung einzutreten. Darum wird an vielen Stellen der Bibel gesagt,
dass der Herr des Lebens dem Pilger entgegenkommt. Sie müssen dabei nicht an eine
ehrwürdige Gestalt denken, die einem armen, müden Pilger auf seinem Weg
entgegenschreitet, sondern an eine Verzögerung der Lichtvibration, die den Betreffenden
umhüllt und ihn in das neue Lebensfeld hinaufzieht.
Wir betonen es mit Nachdruck, weil es in der Welt viel dialektische Magie gibt, die dieses
Heilswerk der universellen gnostischen Kette nachahmt, zum Beispiel mit Hilfe der Musik.
In verschiedenen dialektisch-magischen Tempeln wird ein bestimmter Ton hervorgebracht,
der allmählich in der Vibration steigt, um danach wieder zu sinken, mit der Absicht,
bestimmte Gruppen, die den Tempel betreten, gleichsam gefangen zu nehmen, in ein
Vibrationsfeld aufzunehmen und dann zu bestimmten, in feineren Gebieten der
Spiegelsphäre liegenden Zielen zu führen.
Sie erkennen nun vielleicht auch etwas von dem großen Opfer, das die Gnosis und ihre
Diener für die Welt bringen. Wenn ein Mensch die oberste Grenze des siebenten
Vibrationsfeldes, des siebenten kosmischen Gebietes, überschritten hat, dann gibt es keinen
Stillstand mehr. Der Betreffende schreitet stets weiter, stets höher in das universelle Licht-
und Vibrationsfeld. Die Vibration wird immer leuchtender und mächtiger, und ihre
Resultate können wir uns nur mathematisch einigermaßen vorstellen. Das würde bedeuten,
dass alle später Folgenden wegen der unermesslichen Kluft, die ihre Vibrationen und
Wellenlängen von denen ihrer Vorgänger scheidet, die Verbindung nicht mehr herstellen
könnten. Darum gibt es immer eine gnostische Bruderschaft oder eine Gruppe in einer
Bruderschaft, die es auf sich nimmt, die Verbindung aufrechtzuerhalten; sie werden als
»Wächter an den Grenzen« bezeichnet. Unser Bruder und Freund Antonin Gadal war einer
dieser Wächter. Er war der Patriarch der vorangegangenen Bruderschaft, der die Aufgabe
übernommen hatte, auf Sie und uns zu warten.
Es gibt, wie gesagt, stets eine gnostische Bruderschaft in der zeiträumlichen Ordnung, die
als Liebesopfer einen Platz für alle bereitet, die kommen wollen und kommen können. Diese
Wächter gehen nicht weiter mit der Gruppe, zu der sie gehören, sondern bleiben zurück, den
später Kommenden zuliebe. Nun verstehen Sie vielleicht auch die folgenden Worte Jesu des
Herrn im Evangelium des Johannes:
»Ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten. Es ist euch gut, dass ich hingehe. Denn so ich
nicht hingehe, so kommt der Tröster nicht zu euch; so ich aber gehe, will ich ihn zu euch
senden. Wenn der Tröster kommen wird, welchen ich euch senden werde vom Vater, den
Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird zeugen von mir.«
»Das siderische Feld der Grenzwächter sendet eine Vibration, eine Strahlung aus, die auf
alle Kandidaten, auf alle wahrlich Strebenden abgestimmt ist, damit sie, immer wieder
erneut» von dieser Strahlung berührt, das Seil der Verbindung ergreifen, um der Tiefe der
Dialektik zu entsteigen. Darum steht ebenfalls im Evangelium des Johannes:
»Wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, so will ich wiederkommen und euch zu
mir nehmen, auf dass Ihr seid, wo ich bin.«
Mögen Sie diese Anweisungen der gnostischen Heilswissenschaft verstehen! Erkennen
Sie, dass diese heilige Wissenschaft in jeder Zeitperiode angewandt wurde und wird.
Wenn wir hier vom astralen Feld des Lebenden Körpers der jungen Gnosis sprechen,
dann bedeutet es, dass für alle, die aufrichtig nach Befreiung suchen, wieder eine Stätte
bereitet ist, die vollkommen uns und unserer Zeitperiode angepasst ist; und dass wieder
dieser unstoffliche Einweihungstempel des Bruders Christian Rosenkreuz eine tröstende,
helfende, alles erfüllende Strahlung aussendet, welche Sie, wenn Sie die neue Seele besitzen,
befähigt, bereits jetzt in zwei Welten zu existieren; im siebenten kosmischen Gebiet kraft
Ihres Geburtszustandes in dieser Natur und, wenigstens während des dritten Teils der
vierundzwanzig Stunden des Tages, im Einweihungstempel des C. R. C. kraft Ihres neuen
Geburtszustandes im astralen Feld des Lebenden Körpers der jungen Gnosis.
Sie können es mit einer Aus- und Einatmung vergleichen. Vom neuen gnostischen
Einweihungstempel wird täglich eine astrale Radiation, ein heiligender, kraftgebender
Impuls ausgesandt. Wer auf diesen Impuls positiv reagiert, wer damit zusammenwirkt in
getreuer täglicher Anwendung, wird, sobald der Schlaf des Körpers über ihn kommt, vom
Einatmungsstrom mitgeführt in den gnostischen astralen Tempel und erfährt dadurch die
Gnade, am folgenden Morgen, geladen mit reiner Kraft zum Fortschreiten auf dem Pfad,
wieder zu erwachen. Die Verbindung der Seele mit dem gnostischen astralen Feld wird auf
diese Weise immer inniger, immer stärker, bis sie fast unlöslich ist und auch während des
Taglebens des Kandidaten fortdauert. Im siebenten kosmischen Gebiet weilend, wohnt er
dann gleichzeitig im sechsten kosmischen Gebiet. Er hat dann die Grenzen des Todes
überschritten. Wer sich durch ein ernsthaftes, angewandtes Schülertum eine neue Seele
erwarb, hat die Grenzen des Todes überschritten! Was kann ihm dann noch geschehen?
Der Tod des stofflichen Körpers ist dann nicht mehr ein Leerwerden des Mikrokosmos,
sondern nur eine Befreiung vom Natürlichen, während das Wesentliche in
Unvergänglichkeit bleibt. Darum bringt der Tod der Natur unter diesen Umständen keine
Trennung mehr. Und alle Trauer, die den dialektischen Tod stets begleitet, und die sehr
große, manchmal so stark empfundene Leere, die er hinterlässt, fallen vollkommen fort. So
unterscheiden wir bald im Lebenden Körper der jungen Gnosis nur Seelenmenschen ohne
dialektischen Körper und Seelenmenschen, die den dialektischen Körper noch besitzen. Aber
zwischen diesen beiden Arten ist ein lebendiger Umgang möglich.
Wir sagen das, um Sie davon zu überzeugen, dass jegliche Form der Trauer des Todes
wegen unangebracht ist, wenn Sie Ihr Schülertum in vollem Ernst leben und auch die von
uns geschiedenen Verwandten oder Freunde dieses getan haben. Wir kennen Brüder und
Schwestern der Geistesschule, die im astralen Feld der jungen Gnosis in einer wunderbaren
Jugend existieren, während die hier hinterbliebenen Verwandten großen Kummer leiden,
weil sie die herrliche, befreiende Möglichkeit noch nicht verstehen und selbst noch nicht zu
dieser strahlenden Realität durchgebrochen sind.
Traurigkeit ist völlig unnötig. Zwischen beiden Arten Seelenmenschen, denen mit einem
und denen ohne einen dialektischen Körper, ist ein lebendiger Verkehr möglich. Aber dann
muss, um jede Spiegelsphärenüberschattung zu vermeiden, der auf Erden lebende
Seelenmensch sich in die Nüchternheit der Seele erheben, in das völlige Wachsein; denn die
Seelenmenschen, die den stofflichen Körper bereits abgelegt haben, werden sich wegen der
soeben erwähnten Vibrations- und Wellenlängen-Unterschiede dem Fleisch nach nicht mehr
in der Stoffsphäre zeigen können. Sie geben sich nur als Strahlung zu erkennen. Wenn wir in
Dienstbarkeit beisammen sind, sind alle Brüder und Schwestern der Universellen Kette, die
uns vorangingen, immer um uns und mit uns und senden uns ihr Licht.
XIX

Die praktische Erziehung des Denkens

Das Gedächtniszentrum -- Die Lipika -- Die Unfreiheit des menschlichen Denkens -- »Fünf Minuten
unbesonnenes Denken...« -- Ein Wächter für deine Gedanken -- Eine Lebensfrage -- Wie die Gnosis in uns
eindringt -- Der Schlüssel zum Pfad in eigener Hand -- Träume

Das menschliche Gehirn, eine Zusammenfügung von Gehirnzellen, besitzt viele und
wunderbare Vermögen, unter anderem das Gedächtnis. Alle Gehirnzellen haben die
Fähigkeit, bestimmte Eindrücke, oft viele Eindrücke von sehr verschiedener Art, gleichzeitig
aufzunehmen und festzuhalten. Das gilt besonders für das Gedächtniszentrum. Das Maß
und die Art unserer Empfänglichkeit für Eindrücke ist völlig von unserer persönlichen
Eigenart und Ausrichtung abhängig. Wenn eine Gruppe Menschen in einem Tempeldienst
versammelt ist, hören sicher nicht alle auf dieselbe Weise zu und nehmen die Eindrücke
dieses Dienstes nicht auf dieselbe Weise in sich auf, sodass sie nach Ablauf desselben auch
nicht völlig gleich abgestimmt sind. Das wäre wünschenswert, aber in ihrem heutigen
Seinszustand ist es noch nicht möglich.
Ihre Empfänglichkeit für Eindrücke, so stellten wir fest, ist von Ihrer persönlichen
Eigenart und Ausrichtung abhängig und diese wieder vom Zustand Ihres magnetischen
Systems, der Lipika. Unter Lipika verstehen wir das Netz der magnetischen Punkte im
aurischen Wesen, das bei der Naturgeburt belebt wird; das Netz der magnetischen Punkte
des siebenten Kreises des aurischen Wesens.
Dieses magnetische Netz, in dem alle karmischen Einflüsse anwesend sind, projiziert sich
im Gehirn und erhält die Gehirnzellen in einem bestimmten Zustand. Es projiziert sich nicht
nur nach innen, sondern auch nach außen, in die astrale Sphäre. Es besteht also eine innige
Verwandtschaft, eine starke Verbindung zwischen den verschiedenen Ansichten und Kräften
der astralen Sphäre einerseits und der menschlichen Persönlichkeit andererseits. Das
magnetische System ist einerseits mit der astralen Sphäre, andererseits mit dem Gehirn
verbunden.
Ferner brennt im Hauptheiligtum ein Feuer, eine Flamme: die Flamme Ihrer Mentalität,
des niederen Denkens, des gewöhnlichen Gehirndenkens. Diese Flamme entwickelt sich aus
sieben Brennpunkten, die wir in den sieben Gehirnhöhlen antreffen. So besitzt die
menschliche Persönlichkeit, wenn sie erwachsen ist, eine Mentalität, die vollkommen mit der
Beschaffenheit der Gehirnzellen, der Lipika, dem magnetischen System und der astralen
Sphäre der gewöhnlichen Natur übereinstimmt. Ihre naturgeborene Mentalität ist also
vollkommen im Gleichgewicht mit der gesamten Art der astralen Sphäre der Todesnatur.
Man kann also sagen, dass die astrale Sphäre der Todesnatur, und im Besonderen einige
ihrer Abteilungen, Kräfte oder Äonen das menschliche Denken kontrollieren. Wenn also
während des Schlafs des Körpers die menschliche Persönlichkeit gespalten wird und der
astrale Körper und das Denkvermögen im astralen Gebiet verweilen, ist es ein normaler
Vorgang, dass die Gehirnzellen mit den Kräften und Einflüssen geladen werden, die mit
dem natürlichen Zustand des Menschen übereinstimmen und darauf abgestimmt werden.
Das ist vor allem darum selbstverständlich, weil während des Taglebens alle Gehirnzellen
mit jenen Ausrichtungen des Betreffenden geladen sind, die stark im Gedächtnis konzentriert
sind.
Außer der Mentalität befindet sich im Hauptheiligtum auch das Vermögen des
menschlichen Willens. Im Willenszentrum finden wir gleichfalls eine starke Konzentration
astraler Radiationen, die auch strahlen wie ein Feuer. Es brennen also im Haupt zwei Feuer;
die Flamme des Denkens und die des Willens, beide gehen hervor aus dem astralen Feld,
dem Feld der siderischen Strahlungen.
Bei einem normalen Menschen entsteht der Gedanke vor dem Wollen oder Begehren. Der
Gedanke wirkt dann auf die Gehirnzellen ein, und die so geweckten Bewegtheiten der
Gehirnzellen wirken wieder auf das Organ, in dem der Wille seinen Sitz hat. Dann erwacht
der Wille oder die Begierde zur Handlung oder zum Nichthandeln. Es ist also immer das
Denken, das unser Begehren oder das Wollen bestimmt und einsetzt. Die Universelle Lehre
erteilt darum allen Kandidaten auf dem Pfad eine ernste Warnung: »Fünf Minuten
ungesonnenes Denken kann das Werk von fünf Jahren ungeschehen machen.«
Dieses Wort ist leicht zu behalten und lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Der
Schüler muss über seine Gedanken wachen. Falsche Gedanken müssen gelöscht werden,
bevor die Begierde entfacht ist. Sie empfinden manchmal, wie das Feuer des Begehrens oder
des Wollens in Ihnen auflodert, es treibt Sie zu Handlungen, die Sie bedauern. Sie haben
einen furchtbaren Widerwillen davor, dass dieses über Sie kommen kann, aber -- dem
Begehren ging das Denken voraus. Darum muss das falsche Denken in Ihnen gelöscht
werden, bevor die Begierde vernichtet werden kann. Bevor wesentliche Veränderungen im
System des aufwärts strebenden Menschen stattfinden können, muss das Denken verändert
werden. Es ist keineswegs der Fall, dass der Durchschnittsmensch seine Gedanken unter
Kontrolle hat. Er denkt nur aufs Geratewohl.
Wer ist »er«? Das Ich-Wesen, das beim gewöhnlichen Menschen seinen Sitz im Milz-
Leber-System hat. Das Ichwesen in Ihnen denkt nur aufs Geratewohl. Und Ihre Gedanken
sind vollkommen im Gleichgewicht mit Ihrer natürlichen Ausrichtung und bestimmen Ihr
Wollen, Ihr Begehren, Ihr Handeln, also Ihren Blutszustand und Ihren gesamten
Wesenszustand. Mit Hilfe Ihrer Mentalität wird Ihre ganze Persönlichkeit von astralen
Einflüssen dirigiert und in einem bestimmten Seinszustand gehalten. Wer seine Gedanken
nicht unter Kontrolle hat, wer seine Gedanken, seine Mentalität nicht völlig verändern kann,
darf also nicht meinen, im wahren Sinn ein Schüler der Geistesschule zu sein.

Wenn Sie zum Beispiel einen Tempel betreten, sitzen Sie dort noch mit sehr verschiedenen
und oft absonderlichen Gedanken. Wenn es Instrumente gäbe, die Ihre Mentalität
aufnähmen und wiedergäben, dann könnten Sie einmal hören, was Sie so alles gedacht
haben von dem Moment an, da Sie den Tempel betraten und sich auf Ihren Platz setzten; was
Sie im Allgemeinen gedacht haben und im Besonderen über Ihre Mitschüler; und was Sie an
Gedankenblitzen vorübereilen ließen. Diese Räder in Ihrem Haupt drehen sich ohne jegliche
Kontrolle Ihrerseits. Darum sagten wir: Wer seine Gedanken nicht unter Kontrolle hat, wer
seine Mentalität nicht völlig ändern kann, sollte nicht meinen, dass er in Wahrheit ein
Schüler ist.
Wenn Sie so mit anderen mit diesen sehr verschiedenen Gedanken, die vollkommen aus
Ihrem natürlichen Seinszustand zu erklären sind, im Tempel sitzen, dann verursachen Sie,
»während Sie scheinbar so friedlich beisammen sind, einen sehr chaotischen Wirbel astraler
Radiationen. Denn Ihre Mentalität stammt aus der gewöhnlichen astralen Sphäre. Inmitten
dieses Chaos aus astralen Wirbeln, inmitten dieses heftigen astralen Sturmes muss die Arbeit
verrichtet werden. Erkennen Sie, wie äußerst verhängnisvoll Ihre bürgerlichen
Bildungsgewohnheiten sind? In der Tat sind Sie nicht gebildet, sondern äußerst ungebildet,
im Wesen noch völlig dem Keulenmenschen * Der Keulenmensch. Ein Aufruf an junge
Menschen, von J. van Rijckenborgh, Rozekruis Pers, Haarlem, 1983.gleich. Ja, Sie kleiden sich
so, wie die Mode es vorschreibt. Sie nehmen in allen Situationen die vorgeschriebene
Haltung ein. Sie schauspielern mit den besten Absichten, doch mentale Sauberkeit, mentale
Reinheit ist im Allgemeinen nicht dabei.
Darin ist viel Stoff zum Nachdenken enthalten. Wir besprechen hier in Verbindung mit
dem Thema, das uns jetzt beschäftigt, nur einige Ansichten. Die Frage, um die es nun geht,
ist die, wie Sie Ihr System so gut und so schnell wie möglich vor den Einflüssen der astralen
Sphäre der dialektischen Natur abschirmen und wie Sie so gut und schnell wie möglich
vollständig in den Aktionsradius des neuen astralen Feldes gelangen können.
Wenn wir das so sagen, müssen Sie einmal Ihre Reaktion darauf prüfen. Sind unsere
Worte für Sie nur eine theoretische Gegebenheit, wobei Ihnen weder kalt noch warm wird,
oder ist ein tieferes Interesse in Ihnen, wenn wir dieses Problem behandeln? Steigt dann mit
großer Wärme ein inniges Verlangen in Ihnen auf, dass dieses bald wahr werden möge; dass
Sie mit dem neuen Lebensfeld verbunden werden können?
Sie können dem auch so gegenüberstehen, dass Sie es wohl interessant finden, einmal von
der Art und den Folgen des Verbleibs in einer anderen astralen Sphäre Kenntnis zu nehmen,
sodass Sie sich unserer Darlegung als einem rein wissenschaftlichen Studienobjekt nähern.
Sie würden damit beweisen, dass in Ihrem Seinszustand sich tatsächlich noch keine
Veränderung entwickelt.

Wir haben Ihnen erklärt, wie die astrale Sphäre, das Netz magnetischer Punkte im aurischen
Wesen, das Gehirn, die Mentalität, der Wille, das Begehren, das Blut, der Körper, das Leben
eine vollkommene Einheit bilden, den Bereich für eine Reihe ineinander greifender Prozesse,
die wie ein Rädersystem in einem Organismus arbeiten. Darum muss sehr viel geschehen,
um in diesen Organismus einbrechen und Ihrer Natur eine andere Richtung geben zu
können.
Wenn das Problem des Eintritts in das neue astrale Feld und der Teilnahme an diesem
herrlichen, göttlichen astralen Leben Ihr wärmstes Interesse besitzt, wenn Sie innig danach
verlangen, dann ist Ihr Zustand sehr hoffnungsvoll. Warum? Nun, wenn solche Gedanken
des warmen Interesses von Ihnen zur Gnosis und ihrem Heil ausgehen, wenn Sie danach
verlangen, am neuen astralen Feld teilzuhaben, und mit diesem Verlangen vielleicht bereits
eine sei es auch noch so schwache Willenswirksamkeit verbunden ist, dann sind Ihre
Gedanken und Willenswirkungen sicherlich nicht aus dem gewöhnlichen Naturzustand zu
erklären. Es sind dann Einflüsse von unverkennbar nicht-dialektischer Art.
Wir haben Ihnen soeben gezeigt, wie Ihr ganzes Wesen und seine Wirkungen durch die
astrale Sphäre gebunden sind; wie Sie also mit Ihrem mentalen Leben beginnend, in der
Todesnatur gefangen sind. Wie ist es dann jedoch möglich, dass Ihr Verlangen und Ihre
Gedanken zur Gnosis ausgehen? Empfinden Sie, dass das eine Lebensfrage ist? Dass es eine
Lebensfrage ist, über die Dinge des gnostischen Lebens nachzudenken? Daher der
Nachdruck, mit dem wir Sie darauf hinweisen.
Ein lebendiges, echtes, warmes Interesse für die Gnosis ist, so sagten wir, nicht aus der
gewöhnlichen Natur zu erklären. Denn Ihr gewöhnlicher Naturzustand steht unter der
Leitung der Todesnatur. Aber wie entstehen dann die »anderen nichtdialektischen Gedanken
und Gefühle in Ihnen? Diese können dann nur von außen zu Ihnen gekommen sein. Sie sind
in Ihr System eingebrochen und haben auf diese Weise Ihre Mentalität in eine andere
Richtung gedrängt. Wenn Sie den geschilderten Zustand als den Ihren erkennen, sind Sie
dabei, Ihr Bewusstsein aus dem Milz-Leber-System in das Herz hinaufzuziehen, und nur ein
solches Bewusstsein ist imstande, gnostische Einflüsse in das System aufzunehmen. Das
Herz öffnet sich dann »für die gnostischen Radiationen. Diese vermischen sich mit dem Blut,
dringen über den kleinen Blutkreislauf in das Hauptheiligtum ein und haben einen
merkwürdigen Einfluss auf Ihre Mentalität, sodass in Ihnen Gedanken entstehen, die nicht
mit der horizontalen Linie des gewöhnlichen Lebens korrespondieren. So bricht die Gnosis
in das System des Menschen ein und verleiht ihm ein neues Vermögen. Anfangs ist es
vielleicht nur ein Gedankenblitz, wobei ein Willensstoß, ein Begierden-Impuls zu Ihnen
ausgeht, um das Heil, das in der Gnosis verborgen liegt, ergreifen zu dürfen, ergreifen zu
können.
Wenn also die Gnosis in Sie eindringt, wenn Gedanken in Ihnen geweckt werden, die
nicht aus dem Karma, der Lipika, nicht aus der astralen Sphäre und ebenso wenig aus dem
Blut der Natur, sondern aus Gott geboren sind, dann können Sie von Stunde an der Stimme
der Seele lauschen; mystisch gesprochen: der Stimme Gottes. Dann sind Sie verbunden mit
dem neuen astralen Feld, mit der Gnosis, mit der universellen gnostischen Kette.
Sie können nun in sich selbst den Beweis finden, ob Sie etwas davon besitzen. Wenn ja,
freuen Sie sich dann mit uns; denn dann haben Sie den Schlüssel zum Pfad in Ihrer Hand, in
Ihrem eigenen System. Dann können Sie doch mit diesem neuen Vermögen zum Beispiel alte
Gedanken, die aus dem natürlichen Selbst aufsteigen, anhalten und Ihrem Denken eine ganz
andere Richtung geben, übereinstimmend mit den Forderungen des Pfades.
Wenn Sie dieses nicht können, dann können Sie zwar intellektuell aufnehmen, was wir
Ihnen sagen und es vielleicht genau wiedergeben, aber Sie haben nichts davon. Es verändert
sich dann nichts in Ihnen. Sie müssen dieses neue Vermögen in sich -- auch wenn das, was
Sie davon besitzen, erst der kleinste Anfang ist -- unverzüglich gebrauchen, um Ihr Denken
anzugreifen, um Ihren Gedanken einen anderen Lauf zu geben. Wenn Ihnen das gelingt,
dann werden Sie auch Ihren Willen, Ihr Verlangen, Ihr Begehren unter Kontrolle bekommen,
denn, wie wir bereits besprachen, die Gedanken gehen dem Wollen voraus. So bringen Sie
auch Ihr Handlungsleben unter Kontrolle und in Uöbereinstimmung mit der Forderung
dieses herrlichen neuen Einflusses in Ihrem Leben.
Sie müssen also Ihre Selbstheiligung, Ihre Selbstbefreiung, Ihren Pfad der Heilung mit
Ihrem Gedankenleben beginnen. Wer das noch nicht kann, muss warten, bis das Bewusstsein
aus dem Milz-Leber-System in das Herz hinaufgezogen ist.
Wenn Sie jedoch dieses neue Vermögen haben, und Sie gebrauchen es nicht, dann
verderben Sie den Prozess Ihres Schülertums. Denken Sie darum stets an die Warnung der
Großen: Fünf Minuten unbesonnenes Denken, fünf Minuten äußerst liebloser Gedanken,
Gedanken der Kritik, Missgunst, des Hasses usw. machen das Werk Ihres Schülertums
vollkommen ungeschehen.
Eine sehr praktische Erziehung des Denkens ist darum für alle, die den Pfad gehen
wollen, dringend notwendig. Dieser intellektuellen Erziehung haben Sie sich in der
modernen Geistesschule zu unterwerfen. Das ist der Weg zur Selbstbefreiung: Reinigung des
Gedankenlebens, vollkommene Wahrhaftigkeit im Denken. Erkennen Sie dessen ungeheure
Bedeutung? So muss Ihre Selbstrevolution beginnen. Wer mit der Reinigung seiner
Gedanken beginnt, zerbricht die Bande zwischen dem Persönlichkeitssystem und der Lipika,
also mit der astralen Sphäre. Diese Bande machen Sie in Wahrheit zu Harlekinen, weil sie Sie
dazu bringen, mit den Impulsen der astralen Sphäre übereinstimmend zu handeln. Wenn Sie
nun beginnen, Ihre Mentalität in der Kraft der Gnosis, die in Sie eingedrungen ist, zu
verändern, dann befreien Sie sich von dieser verhängnisvollen Beeinflussung.
Inzwischen öffnet sich das Herz dann stets mehr, Sie entfremden sich von Tag zu Tag
mehr der Todesnatur und ihrer astralen Sphäre, und die gnostischen Kräfte dringen dann in
großen Wellen in Ihr System ein. So nimmt Ihr neues Vermögen von Stunde zu Stunde an
Kraft zu, und so arbeiten Sie durch dieses Selbstopfer mit großer Schnelligkeit an der
Transfiguration Ihres astralen Körpers. Sie stehen also bereits unmittelbar vor einem
vollkommen neuen Beginn.

Uöberlegen Sie noch einmal, denken Sie noch einmal darüber nach: »Ist in mir wirklich
dieses besprochene innige Verlangen, mich der Gnosis zu nähern und in das neue Leben
einzutreten? Ist dieses Verlangen echt?« Ist Ihre Antwort ein sicheres Ja, dann sind Sie bereits
in den neuen Beginn eingetreten. Dann haben Sie das neue Vermögen bereits empfangen.
Dann geht es nur noch darum, dass Sie es konsequent anwenden. Erst dann können Sie zu
Recht und mit Erfolg über das Leben der Seele im neuen astralen Feld sprechen.
Wir haben versucht, Ihnen zu zeigen, dass Sie den Beginn völlig in Ihrer Hand haben.
Beginnen sie nun seelengeboren! Dann können wir in der Tat mit großem Erfolg weiter über
die Herrlichkeit sprechen, welche Sie im neuen astralen Feld erwartet.

Zum Schluss noch dieses: Beunruhigen Sie sich nicht über Träume dialektischer Art, die
vermuten lassen, Sie hätten während der nächtlichen Stunden nicht am neuen astralen Leben
teilgehabt. Legen Sie diese Sorge ab; viele, wenn nicht alle Träume sind die Folge von
Entladungen der Gehirnzellen, speziell des Gedächtniszentrums, während der nächtlichen
Stunden. Wenn Sie zum Beispiel eine starke Fantasie besitzen und tagsüber über bestimmte
banale Dinge nachgegrübelt haben und sich also mental gehen ließen, dann laden sich die
Gehirnzellen mit sehr vielen Kräften auf. Wenn dann nachts der Körper schläft, entladen sich
die Gehirnzellen und verursachen Träume, die in hohem Maß verworren und
fragmentarisch sind und mit Ihren Tagesphantastereien zu tun haben.
Noch ein anderes Beispiel: Es kann sein, dass Sie tagsüber sehr viel zu tun gehabt haben
und sich in Ihrer gesellschaftlichen Position mit vielen Pflichten beschäftigen mussten,
sodass Sie ermüdet schlafen gehen. Dann sind die Gehirnzellen sehr überladen, sie entladen
sich nachts und vermitteln dann als Nebenwirkung verschiedene Träume. Beunruhigen Sie
sich also nicht darüber; schenken Sie Ihren Träumen keine Aufmerksamkeit, auch wenn Sie
Ihnen äußerst bedeutungsvoll vorkommen. Halten Sie sie in der Stille Ihres eigenen Wesens
beschlossen. Dann wird es sich bald erweisen, was Sie davon zu halten und zu erwarten
haben.
XX

Das Zeichen des Menschensohns

Das Zeichen des Menschensohns


Wenn der Schüler mit Freude im Stadium des neuen Beginns lebt, über den wir im
vorigen Kapitel sprachen, und das köstliche Kleinod im Herzen hegt in einem
hingebungsvollen, standhaften Bestreben, sein Schülertum zu erfüllen, dann wächst
unaufhörlich seine Bereitschaft, das gnostische Prana im Heiligtum des Herzens
aufzunehmen. Er öffnet sich ganz, um täglich aus den gnostisch-magischen Präparaten leben
zu können, aus dem »Brot« und dem »Wein« oder mit anderen Worten: aus dem heiligen
Gral.
Die Bruderschaft des heiligen Grals ist eine Priesterschaft, die sich in allen gnostischen
Gruppen offenbart, um das universelle Prana Gottes, das Wasser des Lebens, das Wasser des
Lebensstroms, der dem Thron Gottes und des Lamms entspringt, in zwei konzentrierten,
magisch präparierten Zuständen jenen zu übertragen, die bereit sind, es zu empfangen und
daraus zu leben. Die Bruderschaft des heiligen Grals wird in allen Zeiten von jenen gebildet,
die auch »die Wächter an den Grenzen« genannt werden; jenen Brüdern und Schwestern, die
auf alle warten, bis sie endlich kommen; und sie werden warten, bis auch der letzte Pilger
über die Grenze des neuen Lebenszustandes gezogen ist.
Sie reichen, wie gesagt, die beiden magisch präparierten Kräfte allen, die daraus zu leben
und zu wirken wünschen und dieses Prana Gottes ersehnen als nährendes Element. Sie
verstehen, dass man sich damit ernähren kann und ernähren wird, wenn das System
wirklich danach verlangt und hungert, weil es das nötig hat. Der Kandidat, der dieses Brot
empfängt, beweist also, dass er daraus lebt; sonst würde er es nicht benötigen.
Zweitens kann man das Prana des Lebens als Wein empfangen. Das Brot des heiligen
Grals nährt den neuen mystischen Menschen, den Menschen, der sich dem neuen Leben
geweiht hat. Der Wein ist die magische Ansicht: Neben dem neuen mystischen Aspekt der
vollkommenen Hingabe steht der neue magische Aspekt der vollkommenen, aktiven
Dienstbarkeit. Wer so den Gral in seiner Zweifachheit empfangen darf, geht den Pfad der
Hingabe und Dienstbarkeit. Wenn es dann auch in Offenbarung 22 heißt: »Er zeigte mir
einen lautern Strom des lebendigen Wassers, klar wie ein Kristall; der ging aus von dem
Stuhl Gottes und des Lammes«, dann wissen Sie, dass hier der zweifache Gral gemeint ist:
das Prana als Nahrung und als rettendes Element. Wenn in einem Tempel der jungen Gnosis
auch zu Ihnen über diese sehr heiligen Kräfte gesprochen wird, dann werden auch Sie mit
dieser heiligen Priesterschaft konfrontiert, und es wird Ihnen in diesem Moment von jenen,
welche diese Priesterschaft vergegenwärtigen, der heilige Gral mit der Bitte angeboten:
»Brüder und Schwestern, möge das Brot des Lebens und der Wein der wahren Dienstbarkeit
Ihnen zu Speise und Trank gereichen von nun an bis in Ewigkeit. Amen.«
Der Mensch, der aus diesem zweifachen, konzentrierten, unaufhörlich fließenden
Gottesstrom zu leben beginnt, ist dadurch ein Seelenmensch geworden. Das zweifache
gnostische Licht hat die Rose im geöffneten Herzen erweckt, und alle Lebensfluida des
Systems werden von diesem Licht erfüllt, und zwar mit allen Folgen, die wir besprachen.
Das Licht dringt in das Hauptheiligtum ein, nachdem es seinen Weg über das Herz und das
Blut gefunden hat. Es durchglüht das ganze Atemfeld und beginnt mit der Transfiguration
des astralen Körpers des Kandidaten. Wenn der Kandidat jetzt nur immer der Warnung der
Großen eingedenk bleibt: »Fünf Minuten unbesonnenes Denken kann das Werk von fünf
Jahren ungeschehen machen«, dann wird sehr bald der Moment kommen, da der Betreffende
mit dem neuen astralen Feld der Geistesschule in Verbindung tritt. Auch diese Verbindung
ist übereinstimmend mit dem Mysterium des heiligen Grals zweifach: eine Verbindung als
Tagmensch, der im Körper der Naturgeburt lebt, und die andere Verbindung als
Nachtmensch, welcher außerhalb des Körpers der Naturgeburt lebt.
Wir sagten Ihnen bereits, dass die äußere Ansicht des astralen Feldes des Lebenden
Körpers ein goldenes Feld ist, vermischt mit dem Violett des sechsten kosmischen Gebietes.
Der Schüler, der im zweifachen gnostischen Lichtprozess positiv weitergeht, beginnt sehr
bald, in seinem Atemfeld diesen goldenen Schmuck, diese goldene Strahlung des
Lebenspranas zu zeigen. Darum spricht die Bibel vom goldenen Hochzeitskleid. Wer in
positivem Sinn auf dem Pfad des Lebens voranschreitet und sich der Gnosis nähert,
empfängt die astralen Qualitäten des astralen Feldes des Lebenden Körpers. Diese
Lichtkräfte dringen in das Herz ein, vermischen sich mit dem Blut, steigen empor ins
Hauptheiligtum und verbreiten sich um den Körper.
Nun verstehen Sie auch das Wort aus Offenbarung 3, Vers 18: »Ich rate dir, dass du Gold
von mir kaufest, das durch Feuer geläutert ist, damit du reich werdest.«
Diese goldene Strahlung ist die Gestalt, welche der sich verändernde astrale Körper des
Kandidaten anzunehmen beginnt. Der astrale Mensch der gewöhnlichen, kultivierten,
dialektischen Art hat eine vage, nebelhafte, rotviolette Form, umringt von einem eiförmigen
Kreis aus zartem Blau. Uöber diesem Ganzen schimmern dann die gewöhnlichen anderen
spektralen Farben in vielen Abstufungen wie Kreise auf einem Wasserspiegel. Wenn die
Sonne scheint und ein Windhauch den Wasserspiegel bewegt, entstehen verschiedene
Farbwirkungen, die sich widerspiegeln und über die Fläche hingleiten. So ungefähr funkeln
in der rotvioletten Form des astralen Körpers des Menschen all diese Farbtönungen. Sie
zeigen, womit der Mensch beschäftigt ist; die Beschaffenheit seines Charakters drückt sich
darin aus; zum Beispiel seine Ausrichtung, das, woran er denkt, alles, worauf sein Wesen in
diesem Moment gerichtet ist. Jeder Gedanke, jede Begierde, jedes wirksame Willensobjekt
bringt im Atemfeld eine damit übereinstimmende Farberscheinung hervor. Darum ist ein
Mensch für den Beobachter immer wie ein offenes Buch.
Wenn nun das Atemfeld des Kandidaten von der Gnosis berührt wird und der Kandidat
aus dieser Berührung zu leben beginnt, dann empfängt, wie gesagt, das Atemfeld eine
andere Grundfarbe. Es wird prachtvoll goldfarbig. Darum achtet der Beobachter weder
darauf, was jemand sagt, noch auf die Haltung, die er annimmt, sondern ob er, gnostisch
ausgedrückt, tatsächlich dieses goldene Gewand webt, ob sein astrales Gewand in der Tat
prachtvoll golden zu werden beginnt und das Blau des aurischen Wesens verschwindet. Von
dieser Erscheinung könnte gesagt werden, dass das aurische Gewand wirklich völlig
untergeht in der goldenen Glut des Hochzeitskleides.

Das Atemfeld des gewöhnlichen Menschen der Dialektik wird, wie erwähnt, von
verschiedenen, stets wechselnden Farben gekennzeichnet. Beim gnostisch ausgerichteten
Menschen, der wirklich den Pfad geht, verschwinden alle niedrigeren Farbtönungen. Das
Rot des stark auf den Stoff gerichteten Lebens zum Beispiel verschwindet. Das trübe Grün
des Menschen, der all seine Hilfe und sein Heil vom Leben und Streben auf der horizontalen
Linie erwartet, verschwindet ebenfalls. So auch das Violett der gewöhnlichen Äther: Es ist bei
einem solchen Schüler nicht vorhanden. Da ist dann allein noch die goldene Strahlung.
Ferner zeigt sich, und das ist sehr wichtig, ein feuriges, flammendes Zeichen, das mit der
Stirn und dem Scheitel des Hauptes korrespondiert, das dritte Auge. Dieses feurige Zeichen,
diese feurige Flamme überdeckt das ganze Schädeldach vom Scheitel bis zur Stirn. Das ist
das Zeichen des Menschensohns, über das Offenbarung 7 spricht. Es handelt sich dabei also
nicht um eine mystische Andeutung, sondern um eine wissenschaftliche Tatsache. Es ist das
Zeichen der neugeborenen Seele. Wenn der Schüler das Herz für die Gnosis öffnet, wenn das
Prana des Lebens bei ihm eintreten, sich mit den Lebensfluiden vermischen und in das
Hauptheiligtum durchstoßen kann und der Schüler ausharrt und einen Wächter vor seine
Gedanken setzt, dann beginnt diese Flamme sich schon bald zu manifestieren: das Zeichen
des Menschensohns, das Zeichen einer neugeborenen Seele, die goldene Wunderblume, von
der wir in unseren Tempelliedern singen.
Wenn dieses Zeichen sich zeigt, der Schüler sich also in sein neues Seelengewand zu
hüllen beginnt, dann ist bereits eine direkte Verbindung zwischen dem Kandidaten einerseits
und dem neuen astralen Feld des Lebenden Körpers andererseits zustande gekommen. Es
bestand zwar schon eine Verbindung zwischen dem gnostischen astralen Feld und dem
Herzen des Menschen, aber jetzt entwickelt sich auch eine direkte Verbindung zwischen
diesem Feld und dem Hauptheiligtum, zwischen dem astralen Feld und der goldenen Rose.
Der Mensch, der das Zeichen des Menschensohns auf der Stirn trägt, ist denn auch ein
geretteter Mensch, der mit dem ewigen Heil verbunden ist. Auch in seinem wachbewussten
Leben bestehen diese unlöslichen Bande mit dem lebendigen Heil. Und wenn das dritte
Auge, wie man die goldene Rose, die goldene Wunderblume auch nennt, sich entwickelt,
dann entsteht ein fortwährendes Schauen, ein fortwährendes Schauen in die Seelenwelt, und
für die erwachte Seele gibt es keine Finsternis mehr. Man nennt dieses Schauen die
gnostische Intuition. Es ist das Schauen der Seele und gleichzeitig das Werden der neuen
Vernunft, des neuen Bewusstseinszustandes, der damit verbunden ist, so wie das Zentrum
des dritten Auges mit dem Pinealis-Gehirnteil. Das Ganze nennt man mystisch, zum Beispiel
in Epheser 6, »den Helm der Seligkeit«, während die hermetische Philosophie von
»Pymander« spricht.
Ach, man hat immer um dieses alles gewusst, diese Urweisheit war immer mit der
Menschheit verbunden. Aber so wie sich die Degeneration des Ursprünglichen und
Wahrhaftigen in der Welt der Dialektik überall offenbart, so ist es auch der Fall mit der
Urweisheit über den Helm der Seligkeit. Denken Sie zum Beispiel an die Soldaten der
früheren Kavallerie. Auf ihrem Kopf trugen sie einen Helm und auf diesem Helm einen
mächtigen Federbusch: eine degenerative Darstellung des Helms der Seligkeit. Man kann
darüber lachen, aber es ist gleichzeitig äußerst tragisch. Wenn bei fürstlichen Empfängen
und anderen offiziellen Gelegenheiten die Autoritäten zusammenströmen, dann zeigen sie
alle als Zeichen ihrer Würde auf dem Haupt ein Gemisch imposanten Zierrats; total
entkräftete Veräußerlichungen, sinnlose Darstellungen des Helms der Seligkeit!
Und was ist mit dem Herzheiligtum? Man behängt sich die Brust reihenweise mit Orden
zum Zeichen der Würde und der Verdienste. Auch hier beweist sich ein Verfall der uralten
Erlösungsweisheit, ein Merkmal völliger Unwissenheit über die Urweisheit der
Vergangenheit, als die Menschheit noch um die unvergänglichen Reichtümer wusste, die das
Herzheiligtum erstrahlen lassen, wenn der sich seines Ursprungs und seiner Bestimmung
bewusste Mensch das Herz für die Gnosis öffnet und in totaler Selbstübergabe den Rückweg
in das ewige Vaterhaus antritt.
Sie brauchen sich nicht beunruhigt zu fühlen, wenn wir Sie, wie wir es soeben taten, vor das
glorreiche Endergebnis des gnostischen Heiligungsverfahrens stellen. Es ist gut, dieses
Endergebnis wie in einer Entrückung der Sinne zu schauen, um vor diesem Hintergrund das
freudige Wissen zu besitzen: »Ich habe begonnen, diesen Weg des Heils zu gehen.« Wenn Sie
sich nur täglich die grundlegenden Forderungen des Pfades vor Augen halten und getreu
danach streben, diese in Ihrem Leben zu verwirklichen, dann können Sie bereits im ersten
Stadium davon überzeugt sein, dass es einen Faden gibt, der Sie mit dem neuen astralen Feld
des Lebenden Körpers verbindet. Aber da ist noch mehr, viel mehr. Denn der Schlaf des
Körpers wird zur Nüchternheit der Seele. Darum verlegen wir unsere Aufmerksamkeit nun
vom Tagmenschen auf den Nachtmenschen.
Wenn sich das neue Zentrum hinter dem Stirnbein zu festigen und das Licht der Gnosis
dort zu brennen beginnt, wenn sich der Helm der Seligkeit, also das Zeichen des
Menschensohns, elementar bildet und übereinstimmend damit sich das neue, goldene astrale
Gewand manifestiert, dann betritt der Kandidat, der eifrig mit dieser heiligen Webarbeit
beschäftigt ist, während des Schlafs des Körpers das neue astrale Feld, damit er dort in
diesem neuen Seinszustand Hilfe erfährt und weitergeleitet wird. Am Anfang ist es noch
kein wirklich bewusstes Seelenleben, kein wirkliches Erwachtsein. Nein, am Anfang gibt es
nur erst die Nüchternheit im Sinn von Jugend und Reinheit, ein Freisein von der Täuschung
des Stoffes.
Wenn neue Kandidaten im astralen Feld des Lebenden Körpers in ihrem neugeborenen
Seelenzustand und also in ihrem damit korrespondierenden astralen Körper ankommen,
dann sind sie noch lange nicht imstande, sinnesorganisch zu reagieren. Sie sind
Neugeborenen vergleichbar, und die Bibel nennt sie »noch schlafende Seelen«. Darum
werden sie im neuen astralen Feld von einer Strahlungsfülle umgeben. In ihrer jugendlichen
Reinheit werden sie mit den Lichtkräften des heiligen Grals übergossen, also mit den
höchsten Gaben, die der Lebende Körper zu verschenken hat. Sie verstehen, dass dieses
Lichtbad eine große und herrliche Auswirkung hat.
Die Mitarbeiter des neuen astralen Feldes brauchen Sie auch nicht loszulassen, wenn die
nächtlichen Stunden vorüber sind. Da ist noch die Verbindung des neuen astralen Feldes mit
der goldenen Rose, die Verbindung mit dem dritten Auge, mit dem werdenden Helm der
Seligkeit, mit der Wunderblume, mit Pymander, die bereits gleichzeitig entstanden ist.
Durch diesen fortwährenden intuitiven Strom können die Hohepriester der Erneuerung dem
Betreffenden fortwährend weiterhelfen, bei Tag und bei Nacht. In diesem Zustand kann es
nun sein, dass eine noch zarte Seele aus ihrem körperlichen Schlaf erwacht und sich absolut
nicht mehr an das Bad des Heils erinnert, welches sie im neuen astralen Feld empfangen
durfte. Das ist dann wegen des nicht erwachten Zustandes der Seele noch nicht möglich.
Aber dennoch zeigt es sich dann, wie sehr diese wohl erlebte, jedoch noch nicht bewusst
erfahrene Stunde »eine Schwangerschaft des Guten in sich birgt«, wie Pymander es
ausdrückt. Denn das Lichtbad der Seele erstrebt in diesem Zustand bestimmte Ziele, auf die
der Kandidat im Wachleben des Körpers reagieren muss, was auch zweifellos geschieht.
Dieses Lichtbad hat unter anderem zur Folge, dass sehr starke Eindrücke in den neuen,
sich bildenden astralen Körper eingeätzt werden. In den dafür geeigneten Augenblicken
gelangen die auf dieser Basis im astralen Körper festgelegten Impulse über die gnostische
Intuition oder von innen her über die Wirkungen des astralen Körpers zum Kandidaten. Sie
berühren Haupt, Herz und Blutszustand. Der Kandidat hat dann oft den Eindruck, dass er
wiederentdeckt, was er bereits lange vorher wusste, oder er handelt übereinstimmend mit
einem bereits früher gefassten Entschluss oder aufgrund eines Gespräches, das er einmal, er
weiß nicht mehr wann, wo und mit wem, geführt hat.
Wenn Sie sich so den Wahrheiten des 72. Verses im Buch Pymander nähern, werden Sie
verstehen, warum Hermes beim Uöberblicken dieser Wahrheiten ausruft:

Dieses ist alles zu mir gekommen, weil ich von Pymander, meinem Gemüt, dem aus sich selbst
seienden Wesen, das Wort des Anfangs empfangen habe. So bin ich nun erfüllt vom göttlichen
Atem der Wahrheit. Darum weihe ich nun mit meiner ganzen Seele und mit all meinen Kräften
diesen Lobgesang Gott dem Vater.
XXI

Das Lichtbad und das Consolamentum

Das Lichtbad und das Consolamentum


Es gibt noch zwei Ansichten des in den vorhergehenden Kapiteln besprochenen Themas,
die wir Ihrer Aufmerksamkeit empfehlen möchten. Wir sprachen zu Ihnen über das
Lichtbad, welches die noch nicht erwachte, die noch nicht bewusste, neugeborene Seele im
neuen astralen Feld empfängt. Wir stellen nun die Frage: Von welcher Art ist dieses
Lichtbad?
Sie wissen, dass ein astrales Feld ein stark formendes Aufnahmevermögen besitzt. Darum
projiziert die universelle gnostische Kette alle Ansichten, alle Kräfte des Pfades, alle
Abstufungen des Heilsprozesses, die für den Schüler wichtig sind, in das astrale Feld der
Schule. Die gesamte gnostische Kette teilt sich durch Selbstprojektion dem neuen astralen
Feld der Schule mit. Dieses astrale Feld umfasst also, so kann man sagen, eine universelle
Lehre, eine gnostische Philosophie, ein allumfassendes Wissen, das in einer Reihe von
Bildern, Symbolen, in die Substanz dieses Feldes projiziert wurde. Alles, was in einem
bestimmten Moment für den Kandidaten von Interesse ist, wird während des Schlafs des
Körpers, während des besprochenen Lichtbades, in den astralen Körper eingeätzt und
übertragen. Er erwacht also im Körper, so kann man sagen, mit der in sein astrales Gewand
eingeätzten Botschaft der Bruderschaft. Diese Einätzungen, diese Impulse, wirken sich
natürlich auch auf das Wachleben des Kandidaten aus.
Die astralen Stoffe des Atemfeldes kreisen um den ganzen Körper und durchströmen ihn
auch.* Siehe J. van Rijckenborgh, Der kommende neue Mensch, Rozekruis Pers, Haarlem, 1992.
Die Leber spielt dabei eine bedeutende Rolle. Die astralen Kräfte strömen von der Leber
aufwärts um den Körper herum und kehren nach diesem Umlauf wieder in den Körper
zurück. Es ist klar, dass alle Impulse, die dem astralen Körper des Kandidaten während
seines Lichtbades in der astralen Sphäre der Schule gegeben werden, in einem bestimmten
Moment auch die Intelligenzorgane berühren und diesen übertragen werden. Die Folge ist
dann meistens eine entsprechende Handlung, die einen Beitrag zur Förderung des
Betreffenden auf dem Pfad bildet und gleichzeitig auch eine größere Offenheit für die
gnostischen Lichtkräfte im Intuitionszentrum bewirkt, im Zentrum der goldenen Rose, dem
Zentrum des Zeichens des Menschensohns. Infolgedessen kann das Feld der Schule immer
direkter mit der betreffenden Seele verbunden werden. Sie können also davon überzeugt
sein, dass die Bruderschaft des heiligen Grals jeden Tag mit Ihnen und für Sie wirksam ist,
sofern es nur einigermaßen möglich ist.

Schließlich wollen wir Ihre Aufmerksamkeit auf die noch schlafenden Seelen lenken, die den
stofflichen Körper bereits durch den Tod verloren haben. Diese werden prozessmäßig in die
Lichtbad-Versorgung des gnostisch-astralen Feldes aufgenommen, was unveränderlich zu
ihrem schließlichen Erwachen beiträgt und sie vor einem erneuten Untertauchen in den Stoff
bewahrt.
Wenn aber dieses mächtige und herrliche Werk gelingen soll, dann muss die Schule über
eine stets wachsende Mitarbeitergruppe verfügen, die im Goldenen Haupt wirksam sein
kann. Die Universelle Lehre, so wie sie mit symbolischen Zeichen in die astrale Substanz des
Goldenen Hauptes eingeätzt ist, kann nur dann befreiend wirken, wenn es geübte Arbeiter
gibt, die für eine starke, befreiende Projektion der Symbole in die astralen Körper der noch
schlafenden Seelen sorgen können, damit sie erwachen.
Es wird alles nur Mögliche getan, um Ihnen den Zugang zur gnostischen astralen Sphäre
zu ebnen. Die gesamte äußere Ansicht des Lebenden Körpers der Schule ist eine getreue
Widerspiegelung alles dessen, was sich in der astralen Sphäre des neuen Lebensfeldes, in der
astralen Sphäre des Lebenden Körpers, manifestiert, wie es immer bei jeder gnostischen
Bruderschaft der Fall war. Denken Sie, zum Beispiel an den heiligen Berg von Ussat. Dieses
ganze Grottensystem mit seinen verschiedenen Bedeutungen ist eine getreue Kopie der
verschiedenen symbolischen Eigenschaften, die sich auch in der astralen Sphäre des
Lebenden Körpers manifestieren. Darum werden Sie, wie wir innig hoffen, erkennen, welch
ein außerordentliches Vorrecht es ist, als Hausgenossen Gottes ein Teil der Bevölkerung des
neuen astralen Feldes sein zu dürfen und so über die Grenzen des Todes zu ziehen.
Sie können sich auch vorstellen, welch ein besonderes Vorrecht es für jene ist, die den
irdischen Körper zurücklassen durften, um vollkommen im neuen astralen Feld zu leben
und zu wirken. Daher dürfen wir Ihnen bekannt geben: Wenn Sie im ernsthaften Schülertum
in dem Sinn ausharren, wie wir es besprechen konnten, und Sie vollkommen in den Prozess
der Heiligung eintreten, dürfen wir in der Nachfolge aller vorangegangenen Bruderschaften
sofort alle eventuell noch bestehenden Unsicherheiten durch das Sakrament des
Consolamentums beenden. Das Consolamentum befestigt jeden Bruder und jede Schwester
im neuen Lebensfeld. Jedem ernsthaften Schüler, der dem Zeitpunkt nahe ist, da er den
irdischen Körper ablegt, wird das Consolamentum die Sicherheit bringen, mit dem neuen
astralen Feld des Lebenden Körpers verbunden und darin aufgenommen zu sein. So ist der
Tod für ihn nichts anderes als das freudige Verlassen des irdischen Tränentals.
XXII

Aus dem neuen Seelenprinzip leben

Aus dem neuen Seelenprinzip leben


Ausgehend von dem soeben Besprochenen, wollen wir uns nun auf das bewusste,
erwachte Leben der Seele besinnen und überlegen, wie dieses Bewusstsein sich im neuen
astralen Feld entwickelt, auf welche Weise es sich dort manifestiert, wie dieses Leben sich
vollzieht und welche Aussichten es bietet.
Um diese Fragen beantworten zu können, müssen Sie sich zuvor eine klare Vorstellung
von den Begriffen Bewusstsein, Leben und Seele bilden. Bewusstsein entsteht, wenn das
beseelende Prinzip, welches Leben bewirkt, dem System vollkommen innewohnt, also das
Zentrum dieses Systems bildet. Wie Sie vielleicht wissen, gibt es in der sichtbaren Natur viel
Leben, das zwar ein beseelendes Prinzip besitzt, aber dieses Prinzip ist nicht innewohnend,
sondern wirkt von außen auf das betreffende Lebenssystem. In einer derartigen
Lebensoffenbarung ist also kein Bewusstsein anwesend. Wir denken hier zum Beispiel an
das Pflanzenreich und an die Insektenwelt. Sehr viele, ja, weitaus die meisten Tierarten
besitzen nicht einmal ein individuell beseelendes Prinzip. Die meisten Tierarten existieren
aus einer Gruppenseele.
Andere Tiere leben gewissermaßen aus einem halbbewussten Zustand. Das beseelende
Prinzip ist dann nur zum Teil innewohnend; es liegt nicht völlig konzentrisch in den
Körpern, sondern befindet sich teilweise außerhalb. Bei einigen höheren Tierarten, wie den
Pferden und manchen Hunden, nähert sich das beseelende Prinzip fast dem vollkommenen
Innewohnen, wie es beim Menschen der Fall ist. Wenn die Evolution der betreffenden
Tierarten fortschreiten würde, dann könnten Hunde, Pferde und Menschen ihrem
naturgeborenen Zustand nach auf eine völlig gleiche Ebene gelangen; dann würde
geschehen, was viele Autoren im Lauf der Geschichte für möglich hielten: die Manifestation
von denkenden, bewusst lebenden Tieren und die Bildung von Tiergemeinschaften. Denken
Sie nur an den bekannten Jonathan Swift. In seinem Werk Gullivers Reisen gelangt Gulliver
auch zu einer Gemeinschaft von Pferden, die wie Menschen handeln, denken und leben.
Innewohnende Beseelung, konzentrisch in den Körpern der Persönlichkeit ruhend,
ermöglicht auch Denkwirksamkeit, jedenfalls Gehirnaktivität in naturmenschlichem Sinn.
Der stoffliche Körper ist aus Zellen und Atomen aufgebaut. Er lebt und ist vital, weil er ein
ätherisches Doppel besitzt. Dieses ätherische Doppel drängt fortwährend eine vierfache
Lebenskraft in den Organismus. Wenn dieser ätherische Körper beim Menschen nicht gut
funktioniert, entstehen viele körperliche Schwierigkeiten. Die Gesamtheit aus stofflichem
Körper und ätherischem Doppel wird von einem beseelenden Prinzip belebt. Wenn der
Faden zwischen dem beseelenden Prinzip und dem Organismus auf die eine oder andere
Weise zerrissen wird, tritt der Tod ein, fällt der Organismus auseinander. Das beseelende
Prinzip kann sich dann nicht mehr im System behaupten.
Leben entsteht also aus der Zusammenwirkung eines beseelenden Prinzips, eines
ätherischen Doppels und eines stofflichen Organismus. Bewusstsein entsteht, wenn das
beseelende Prinzip vollkommen innewohnt. So sind also auch verschiedene Zustände des
Bewusstseins wie Halbbewusstsein usw. zu unterscheiden, die vom Verhalten der Seele dem
Organismus gegenüber verursacht werden. Liegt das Seelenprinzip vollkommen
konzentrisch in den Körpern oder nur teilweise? Das ist immer die Frage! Unsere
Untersuchung zeigt also, dass das Seelenprinzip dem Leben, seinen Formen und
Erscheinungen bei weitem überlegen ist. Mit dem Seelenprinzip, mit der Beseelung steht und
fällt alles.
Was ist das Seelenprinzip? Das Seelenprinzip ist von astraler oder siderischer Art. Man
kann es mit dem astralen Körper der Persönlichkeit verbinden, der wie ein Mantel um den
Stoffkörper und sein ätherisches Doppel gehüllt ist. Dieser astrale Körper ist ebenfalls aus
Atomen zusammengesetzt, einer Atomart von feinerer, höherer Gradation als die
Ätheratome und die stofflichen Atome. Es gibt also unterschiedliche Stoffatome, Ätheratome
und astrale Atome, korrespondierend mit drei Sphären: der Stoffsphäre, der ätherischen
Sphäre und der astralen Sphäre.
Den stofflichen Körper der Erde umgibt eine ätherische Sphäre, und diese wird wieder
von einer astralen Sphäre umgeben. Der astrale Körper des Menschen hält sich während der
nächtlichen Stunden in dieser astralen Sphäre auf, wird in sie hinaufgezogen. Der astrale
Körper existiert in drei Seinszuständen, in drei Graden der Verdichtung, könnte man sagen,
in drei verschiedenen Vibrations-Einheiten. In der Welt der Dialektik -- und darauf müssen
Sie achten, denn dann verstehen Sie, was Transfiguration ist -- wirkt einer dieser drei
astralen Zustände positiv und die beiden anderen negativ. Der positive Pol des astralen
Körpers korrespondiert mit dem Milz-Leber-System, im Besonderen mit der Leber, während
die beiden negativen Zustände mit dem Herzen und dem Haupt korrespondieren. Bei fast
allen dialektischen Menschen ist denn auch der Sitz des Bewusstseins im Milz-Leber-System
zentralisiert, und das Gefühls- und das Denkleben sind darauf abgestimmt.
Der so beschriebene Zustand ist der Basiszustand, die Beschaffenheit des Lebens aller
naturgeborenen Menschen. Aus dieser kurzen Einleitung können wir nun genügend
Angaben für eine übersichtliche Behandlung unseres Themas entnehmen.

Sie wollen seelengeboren eintreten in einen neuen Beginn. Das heißt: Sie streben nach der
Verwirklichung eines neuen astralen Prinzips. Das Prinzip, welches Sie von Ihrer Geburt an
beseelt, ist von dialektischer Struktur. In der Geistesschule, in der jungen Gnosis kommen Sie
zusammen, um ein neues Seelenprinzip zu erhalten, das Sie in Ihrem Mikrokosmos zu
starker Aktivität drängen wollen. Wenn Sie das tun, wenn Sie also erfüllen, wonach Sie
streben, werden Sie erfahren, dass es unermessliche und wunderbare Folgen hat, die
trotzdem vollkommen naturwissenschaftlich zu erklären sind.
Als naturgeborene Wesenheiten werden sie von einem astralen Selbst beseelt, dessen
atomare Zusammensetzung völlig aus der Todesnatur zu erklären ist. Aber bei vielen
Schülern haben die Lebenssituationen, wie wir es besprachen, dazu geführt, dass sie das
Zentrum ihres Bewusstseins aus dem Milz-Leber-System in das Herz hinaufziehen. Und
bereits dieser Beginn verursacht eine merkwürdige Störung im gewohnten Lebensprozess.
Der Mensch, der das Bewusstsein in das Herz hinaufzuziehen weiß, öffnet dadurch nicht
allein die Tür des Herzens für das gnostische Licht, sondern stößt außerdem dadurch das
astrale Selbst, das beseelende naturgeborene Prinzip, das bisher sein ganzes Leben
beherrschte, unmittelbar aus seinen Polarisationen, aus seiner magnetischen Ordnung.
Denken Sie in diesem Zusammenhang an das gnostische Evangelium der Pistis Sophia. Als
die Pistis Sophia ihre dreizehn Bußgesänge singt und durch die verschiedenen Lebensgebiete
der Todesnatur zieht, stört sie, so heißt es, die Ordnung in diesen verschiedenen Gebieten. So
muss auch der ernsthafte Schüler der Geistesschule die eigene Ordnung des naturgeborenen
Prinzips stören, das ihn beseelt, bewegt und aus dem er lebt. Es gelingt ihm, indem er das
Bewusstseinszentrum aus dem Milz-Leber-System in das Herz hinaufzieht. Er verwirklicht
das durch ein intensives Verlangen nach dem befreienden Licht, indem er dieses Licht
beharrlich sucht.
Prüfen Sie sich selbst, ob Sie dieses Sehnen, dieses Suchen nach dem Licht kennen. Wenn
es so ist, dann ziehen Sie auch das Bewusstseinszentrum Ihres naturgeborenen Zustandes
aus dem Milz-Leber-System in das Herz hinauf. Durch dieses Heilbegehren, durch dieses
Verlangen des Herzens, öffnet sich zur Stunde das Tor des Herzens für das Licht der Gnosis.
Die Ordnungen des positiven Leberzentrums und des negativen Herzzentrums werden dann
zerbrochen. Durch diese Veränderung, durch diese Störung der magnetischen Ordnung wird
der Griff der astralen Welt der Todesnatur auf den Kandidaten geschwächt. Dabei wird
gleichzeitig die Möglichkeit geschaffen, dass ein anderes Seelenprinzip, das ins Herz
eindrang und die Rosenknospe aus ihrem Todesschlaf erweckte, sich entwickeln und in das
Wesen eindringen kann. Für ein positives Schülertum ist also in erster Linie wichtig, ob es
dem Kandidaten gelingt, die Transfiguration der Seele zu verwirklichen. Das ist der
Schlüssel zum Gelingen auf dem Pfad.
Wenn der Mensch den Weg des wiedergeborenen Seelenzustandes geht, dann ist es
anfangs genau wie bei einer Pflanze oder einem Tier, wie wir eben erwähnten: Solange
nämlich das astrale Prinzip, das neue Seelenprinzip, noch nicht konzentrisch in den übrigen
Körpern liegt, kann noch kein neues Bewusstsein vorhanden sein. Das neue Seelenprinzip ist
dann zwar vorhanden, es wirkt und drängt wohl in ihm und treibt ihn zu vielen anderen
Lebenshaltungen, aber das neue Bewusstsein bleibt noch aus, weil das neue Seelenprinzip
sich noch nicht konzentrisch in den übrigen Körpern befindet. Die neue Seele beeinflusst
dann zwar das Leben, es ist also, Gott sei Dank, wohl neues, wachsendes Seelenleben
vorhanden, aber es ist noch unkontrolliert, noch nicht bewusst, wird also auch noch nicht
erfahren. Darum wird in der Schule, wie es in der universellen Gnosis immer der Fall war,
fortwährend darauf gedrängt, dass der Schüler durch sein Selbstopfer und seine
vollkommen dienende Mitwirkung sein Leben übereinstimmend mit den Normen des neuen
Seelenzustandes führt. Weitaus die meisten Schüler, wenn nicht alle, sind vom Licht
getroffen und gezeichnet. Darum spricht die Schule ohne Unterlass zu ihnen: »Ob Sie sich
dessen bewusst sind oder nicht, leben Sie aus dem neuen Seelenprinzip, aus dem, was Sie
bereits an neuer Seelenkraft besitzen. Dann werden Sie einmal wirklich leben!«
Wenn Sie das tun, dann wird diese neue Lebenshaltung das sogenannte »Wohnung
bereiten« fördern. Jesus der Herr sagt im Evangelium: »Ich werde zu euch kommen und
Wohnung bei euch nehmen«, das heißt: Das neue, unsterbliche Seelenprinzip muss in den
anderen Körpern völlig konzentrisch Gestalt annehmen. Die Seele der Erneuerung muss also
im Kandidaten vollkommen Wohnung nehmen können. So wie die alte Seele in allen
Körpern konzentrisch vorhanden war, so muss es auch mit dem neuen Seelenprinzip sein.
Allerdings gibt es einen enormen Unterschied in der Umwendung. Beim alten,
naturgeborenen Seelenzustand lag der positive Pol im Milz-Leber-System und der negative
Pol im Haupt und im Herzen. Im neuen Seelenzustand ist es umgekehrt, und der positive
Pol ist in Haupt und Herz aufgerichtet, während der negative Pol im Milz-Leber-System
ruht. Wenn Sie diese Umkehrung verwirklichen und konsequent aus der neuen Seelenkraft
leben, erblüht auch das neue Seelenbewusstsein, und ein bewusstes, erwachtes Leben der
Seele in gnostischem Sinn zeigt sich.
So können wir sagen: Der Seelenzustand, aus dem im neuen astralen Feld gelebt wird,
bezieht sich auf einen astralen Körper von total umgekehrter Polarisation. Hinwendung zum
gnostischen Licht bedeutet also gleichzeitig eine Bekehrung, eine Umkehrung, eine
Umwendung im buchstäblichen Sinn. Denken Sie in diesem Zusammenhang an den Bericht
über Maria, die Mutter des Herrn, in dem es heißt: »Als der Heilige Geist zu ihr kam, wandte
sie sich um. Und sie sah ihn.«

Wir haben noch nicht besprochen, dass auch das astrale Prinzip des Menschen, der astrale
Körper, das Seelenwesen, mit einem Quell verbunden ist, aus dem es lebt und genährt wird.
Beim naturgeborenen Menschen liegt dieser Quell direkt in der astralen Welt, bei den
Naturäonen. Im transfigurierten Seelenzustand jedoch, im umgewandten Seelenzustand,
erreicht der Kandidat das Basisleben des Ursprungs, des Beginns, von dem aus erst
wahrhaftige, ewige Evolution, ewiges Werden möglich ist. In diesem Seelenzustand besteht
keine Verbindung mehr mit den Naturäonen, sondern ausschließlich mit dem Geist, mit der
ursprünglichen, lebenerweckenden, lebengebenden Kraft der Alloffenbarung. Erst im neuen
Seelenzustand wird die Verbindung mit dem Pymander des Beginns wieder eine Tatsache,
wird das, was einstmals zerbrochen wurde, wiederhergestellt. Der ewige Geist offenbart sich
dann durch das unsterbliche Seelenprinzip im gesamten Lebenszustand. Darum ist es ein
heiliges, universelles Gesetz: Wer die Seele erneuert, findet den Geist, begegnet ihm.
XXIII

Die Entwicklung des Bewusstseins im neuen astralen Feld

Die Entwicklung des Bewusstseins im neuen astralen Feld


Das neue astrale Feld der Geistesschule des Goldenen Rosenkreuzes, das Goldene Haupt,
unterscheidet sich, wie wir bereits sagten, von der dialektischen astralen Welt durch eine
intensiv höhere Vibration. Es ist das astrale Feld des sechsten kosmischen Gebietes, das
Basisfeld des ursprünglichen Beginns, in dem der Geist sich offenbaren und der Mensch
wirklich mit dem Geist leben kann.
Dieses astrale Feld besteht aus Atomen derselben Art wie die des siebenten kosmischen
Gebietes. Sie besitzen jedoch eine höhere Vibration und ganz andere Eigenschaften. So
können Sie sich also vorstellen, dass in den Lebensfeldern des sechsten kosmischen Gebietes
ein total anderes Weltbild, ein total anderes Universum und folglich eine für Wesenheiten
unserer Art ganz andere Lebenssphäre entsteht, eine vollkommen andere Erde, die heilige
Erde vom Anbeginn.
Wir sprechen stets nachdrücklich vom astralen Feld der Schule oder vom astralen Feld
des Lebenden Körpers. Wir tun das, um darzulegen, dass es hier um eine Konzentration
astraler Substanz des siebenten kosmischen Gebietes geht, die eine viel höhere Vibration
besitzt, als die sie umgebende astrale Welt der Todesnatur. Diese Enklave, wenn wir es so
nennen dürfen, ist naturgemäß mit dem sechsten kosmischen Gebiet verbunden, und der
Geist kann sich in diesem astralen Feld des Lebenden Körpers offenbaren. Es ist jedoch ein
außergewöhnlicher Zustand. Denn es ist das Seelen-Geist-Feld, welches die junge Gnosis um
sich gezogen hat, während sie sich im Uöbrigen noch völlig in der Todesnatur offenbart.
Der Lebende Körper der Schule offenbart sich also in zwei kosmischen Gebieten,
einerseits in der Todesnatur, wenn nötig bis in die tiefsten Tiefen, weil die göttliche Liebe
eventuell bis mitten in die Hölle durchdringt, um dort einem verlorenen armen
Menschenkind zu helfen und ihm zu dienen. Andererseits erhebt sich der Lebende Körper
der Schule, soweit es möglich ist, bis in die höchsten Gebiete der astralen Sphäre, in einen
Zustand, welcher der astralen Sphäre des sechsten kosmischen Gebietes entspricht.
Wie ist es möglich, so werden Sie fragen, dass sich ein solches außergewöhnliches Feld
offenbaren kann, ein Feld, das gleichzeitig in zwei kosmischen Gebieten besteht? Das ist aus
zwei Faktoren zu erklären. Einerseits gibt es eine Strahlungskraft, die vom sechsten
kosmischen Gebiet ausgeht in das All-Umringende, eine Strahlungskraft des ursprünglichen
Beginns; das heißt: eine Strahlungskraft des Geistes, des reinen astralen Feuers, des heiligen
Ätherfeldes, die heiligen Speisen und andersartige Stoffkräfte, als wir sie hier kennen.
Andererseits sind strebende Menschen nötig. Es muss strebende Menschen geben, die von
unten her, übereinstimmend mit den heiligen gnostischen Methoden der Vergangenheit, die
Transfiguration durchführen.
Dadurch ziehen sie in Wahrheit kosmische Kräfte des sechsten Gebietes herab. Sie halten
sich an diesen kosmischen Strahlungen fest und ziehen sich daran hinauf. (Denken Sie in
diesem Zusammenhang an das Seil, mit dem C. R. C. sich aus der Gruft des Todes
emporzieht.) Und wenn das geschieht, in wohlüberlegter Gruppenverbindung gemeinsam
von vielen vollbracht, dann offenbart sich aus einem derartig großen gemeinsamen Streben
ein außergewöhnliches Resultat. Hinzu kommt dann noch, dass die vorangegangenen
gnostischen Bruderschaften in einem solchen Prozess mit Sicherheit eine große, herrliche,
liebevolle Hilfe leisten.
Die Schule der jungen Gnosis besitzt ein solches besonderes astrales Feld, das von in der
Schule frei werdender Seelenkraft in seinem Zustand erhalten wird. Und da diese
Seelenkraft stets zunimmt, werden immer größere Möglichkeiten ins Leben gerufen. Wenn
die Gruppe und alle ihre Teilhaber ihren Weg übereinstimmend mit den Richtlinien der
universellen Gnosis gehen, dann -- es kann nicht anders sein -- werden die Möglichkeiten
des gemeinsamen Lichtkleides die Gruppe zu stets herrlicheren Offenbarungen führen. Es
geht hier also um ein Verfahren der Ausbreitung und Erfüllung, die eine immer innigere
Verbindung mit dem sechsten kosmischen Gebiet bedeuten und schließlich eine
vollkommene Heimkunft, eine völlige Aufnahme im sechsten kosmischen Gebiet
gewährleisten.
Sie müssen wohl bedenken, dass der Zustand des astralen Feldes der Schule natürlich mit
dem Seelenzustand und der Seelenqualität der Schüler übereinstimmt, die das Feld
errichteten, und vollkommen damit im Gleichgewicht ist. Das ist für die Schüler ein Grund
mehr, sich bis zum Äußersten anzustrengen, damit die Möglichkeiten größer und
umfassender werden. Denn das astrale Feld ist ein Seelengebiet; und Seelenfeld und
Seelenzustand sind immer völlig eins und gehen vollkommen ineinander auf. Alle, die im
Umwendungsprozess der Seele stehen, haben übereinstimmend damit auch am neuen
astralen Feld teil, während jene, die diesen Umwendungsprozess noch nicht begonnen
haben, naturgemäß völlig außerhalb stehen.
Ferner müssen Sie sich daran erinnern, dass neues Seelenbewusstsein nur dann möglich
ist, wenn die Seele innewohnt. Seelenbewusstsein zu besitzen, ist also noch etwas anderes,
als Teilhaber am astralen Feld zu sein und eine Zelle im Lebenden Körper der Schule zu
bilden. Das Ziel des Schülertums ist es also, den einmal erworbenen neuen Seelenzustand
zum Seelenbewusstsein zu führen.
Die Aufgabe, vor die sich der Schüler gestellt sieht, ist daher dreifach:
1. teilhaben am neuen astralen Feld der Schule, also eintreten in das Feld;
2. durch gesteigertes, verstärktes neues Seelenleben die Seele immer mehr im eigenen
Lebenssystem wohnen lassen;
3. dadurch schließlich des dann nicht ausbleibenden Seelenbewusstseins teilhaftig werden.
Wer seelenbewusst geworden ist, kann wie Hermes Trismegistos mit seinem Pymander
sprechen, mit dem Geist in lebendigen Umgang treten und in allen innerlichen Ansichten
und Gebieten des Lebenden Körpers der jungen Gnosis dienstbar sein.

Stellen Sie sich beispielsweise zwei Wesenheiten vor, beide Schüler der Geistesschule: eine
Wesenheit, die den dialektischen Körper noch besitzt, und eine andere, die diesen Körper
bereits durch den Tod verloren hat. Dem ersten, dem noch hier Lebenden, wird, solange der
Prozess des Wohnungbereitens der neuen Seele noch nicht vollkommen ist, während des
körperlichen Schlafs so viel Hilfe wie möglich vom astralen Feld der Schule zuteil; und es ist
sicher, dass er während einiger Stunden der Nacht darin verweilen wird.
Meistens kann bei dem durchschnittlichen Schüler der Schlaf in drei Perioden eingeteilt
werden. Im ersten Teil der Nacht bleibt der Schüler in der gewöhnlichen astralen Sphäre der
Todesnatur. Das Tagleben ist oft so geschäftig und erfüllt und so ausgerichtet auf die
horizontale Linie, dass es dem Schüler anfangs sehr schwer fallen wird, sich von der
gewöhnlichen astralen Sphäre der Dialektik zu lösen. Sobald sich der Körper in den ersten
Stunden des Schlafs ein wenig ausgeruht hat und vor allem das Gleichgewicht des
automatischen Nervensystems mehr oder weniger wiederhergestellt ist, entwickelt sich im
zweiten Teil des Schlafs eine Berührung zwischen dem astralen Feld der Schule und dem
Schüler. Am Ende der Nachtruhe, im dritten Teil des Schlafs, kehrt der Schüler meistens
wieder zum Randgebiet der astralen Sphäre der gewöhnlichen Natur zurück. Dann entsteht
im Schläfer eine Vermischung der Eindrücke aus der astralen Sphäre der Schule und aus der
gewohnten Sphäre. Dann entwickeln sich oft halb gnostische und halb dialektische Träume,
verschiedene Vorstellungen und Situationen, die gewöhnlich zu einem unentwirrbaren
Knäuel werden. So ist oft zwar etwas Wahres an einem Traum, aber noch viel mehr Torheit
und Verwirrung. Darum müssen Sie bei Ihren Träumen größte Vorsicht walten lassen, und
wir raten Ihnen nachdrücklich: Legen Sie keinen Wert darauf, schenken Sie den Träumen
keine Aufmerksamkeit. Erinnern Sie sich ihrer nur, wenn es nützlich und notwendig ist;
dann werden Sie später in der Praxis, im Erfahrungsleben schon merken, was eventuell
daraus werden will.
In dem Maß, wie sich der Prozess der Seelenumwendung fortsetzt, erweitert sich die
mittlere Periode der nächtlichen Erfahrung. Die Periode der Vereinigung mit dem astralen
Feld des Lebenden Körpers wird größer. Die Grenzen erweitern sich und breiten sich aus, bis
in einem bestimmten Augenblick die gesamte Ruhe des Schlafs, die Ruhe des Körpers, eine
Verbindung mit der astralen Sphäre des Lebenden Körpers bedeutet.
Bei dem zweiten Schüler unseres Beispiels, dem bereits dem Körper nach Verstorbenen,
liegt die Situation natürlich anders. Wenn die Seele bereits vor dem Hinscheiden aus dem
Körper erwachte, ist alles ganz einfach: Der Seelenmensch, der das goldene Hochzeitskleid,
den in richtiger Weise polarisierten astralen Körper besitzt, der dann ein unsterblicher
Körper geworden ist, schreitet von Kraft zu Kraft weiter.
Nehmen wir jedoch einmal an, dass die neue Seele, obwohl bereits im Werden, noch nicht
erwacht ist, wie das bei vielen Schülern der Geistesschule der Fall ist, und dass in dieser
Situation der dialektische Körper stirbt; dann wird der Zustand schwieriger. Eine Seele, die
noch nicht erwachte, ist natürlich auch nicht aktiv. Das werdende neue Seelenvermögen ist
unwirksam, solange es noch nicht völlig konzentrisch im Schüler ruht, sodass dieser es
gebrauchen kann. Die noch nicht erwachte Seele kann also noch nicht aktiv sein und muss
deshalb versorgt werden. Wenn nun ein Mikrokosmos durch den Tod des stofflichen
Körpers und seines ätherischen Doppels entleert ist, so bleibt naturgemäß ein sehr
komplizierter astraler Körper übrig; besser gesagt, zwei astrale Körper: einer mit der astralen
Ausrichtung auf die Dialektik und ein zweiter mit der astralen Ausrichtung auf das neue
Lebensfeld. Dieser zweifache astrale Körper ist noch nicht polarisiert, er ist nur teilweise in
den Veränderungsprozess eingetreten. In einem solchen Zustand wird der Hingeschiedene
also von zwei astralen Feldern angezogen: vom dialektischen astralen Feld und dem astralen
Feld der Geistesschule.
Nun kann es sein, dass sich die dialektische astrale Ausrichtung als am stärksten erweist.
In diesem Fall ist die Wesenheit dann für das neue Lebensfeld verloren; in dem Sinn nämlich,
dass ein neues Untertauchen des Mikrokosmos in den Stoff erfolgen muss. Aber das bereits
errungene neue Seelenpotenzial kann nicht verloren gehen. Es bleibt als Kraftmittelpunkt
eingeätzt im aurischen Wesen. Das vorübergegangene Leben war, obwohl es keine völlige
Rettung gebracht hat, doch nicht ohne Gewinn, und dieser wird dann der neuen
Persönlichkeitsoffenbarung im Mikrokosmos zugute kommen.
Es kann auch sein, wie es oft der Fall ist, dass der neue Seelenzustand eines Schülers beim
Sterben des Körpers noch sehr jung und zart und der Seelengewinn infolgedessen nur
verhältnismäßig gering ist. Wenn aber dieser Schüler trotzdem auf das neue Leben und auf
die johanneische Selbstübergabe gerichtet ist, ganz in der Schule aufgeht, obwohl erst sehr
wenig neue Seelenqualität vorhanden ist, er aber grundsätzlich die ganze Dialektik abweist,
ist es sicher, dass er, wenn der Körper stirbt, im neuen Feld aufgenommen wird. Dieser
Prozess wird in der Schule des Rosenkreuzes durch einen sakramentalen Dienst unterstützt.
Alle Brüder und Schwestern, die zurückbleiben, versuchen, den Betreffenden durch
Lichtkraft in das astrale Feld der Schule zu leiten und ihn so gut wie möglich vor schädlichen
Einflüssen zu beschirmen.
Nehmen wir beispielsweise einmal an, dass die Seelen-Ansicht des Betreffenden noch zu
neunzig Prozent dialektisch und nur zu zehn Prozent neu astral ausgerichtet ist, dann wird
er dieses größere, dialektische astrale Bewusstsein bei der Ankunft im Goldenen Haupt als
ein schwaches Bewusstsein erfahren, und weil das astrale Feld der Schule, welches ihn
aufnimmt, nicht mit diesem zu neunzig Prozent noch dialektischen astralen Bewusstsein
übereinstimmt, hat er die Empfindung eines blendenden Lichtes. Der Betreffende kann
nichts wahrnehmen, nichts erfahren; da ist allein nur Licht. Dieses Licht, diese
Lichtempfindung, wird immer schwächer, dieses Licht nimmt stets ab, durch die
Entwicklung eines merkwürdigen Prozesses, es sei denn, dass die Hilfe, die gegeben wird,
keinen Erfolg hat.
Wir haben Ihnen bereits früher erklärt, dass das Bewusstsein der neuen Seele mit einer
neuen Polarisation des astralen Körpers zusammenhängt. Im dialektischen Zustand des
Menschen ist der positive Pol des astralen Körpers im Milz- Leber-System zentralisiert und
der negative Pol im Herzen und im Haupt. Beim Entstehen der neuen Seele werden diese
Pole ausgewechselt, sodass der positive Pol also dem Herzen und dem Haupt und der
negative Pol dem Milz-Leber-System entspricht. Das große astrale Feld der Geistesschule ist
natürlich auch polarisiert, und zwar genau so wie der neue Seelenkörper. Das astrale Feld
des Lebenden Körpers, die astrale Sphäre des sechsten kosmischen Gebietes, ist also
entgegengesetzt zum astralen Feld des siebenten kosmischen Gebietes polarisiert.
Die in das astrale Feld des Lebenden Körpers eingeführte schlafende Seele wird von den
starken polaren Strömungen dieses Feldes gleichsam gerade gerichtet, aufgerichtet -- das
geschieht auch buchstäblich, zum Beispiel durch ein Ausstrecken der Arme, des Hauptes in
die Richtung des positiven Pols des betreffenden Feldes, der Beine in die entgegengesetzte
Richtung. Die neue Seele wird von diesen polaren Strömungen aufgerichtet, stark
durchglüht und belebt und ist zur Stunde, wenn das Werk der Aufrichtung gelungen und
vollendet ist, wach, vollkommen bewusst. Gleichzeitig wird der alte Seelenzustand
erlöschen. Was in der dialektischen Natur vielleicht Jahre um Jahre des Kampfes währt,
gelingt dort eventuell in ganz geringer Zeit. Im gleichen Moment, da die betreffende Seele
aufgerichtet ist, ist sie völlig wach, lebendig und bewusst. Und das große und herrliche
Wunder ist geschehen: Der Mikrokosmos ist vom Rad der Geburt und des Todes befreit.
Dann ist die letzte Persönlichkeitsoffenbarung beendet. Dann muss kein neues Untertauchen
in Nacht, Tod und Schrecken mehr erfolgen, es sei denn, die betreffende Seele wählt später
freiwillig diesen Weg, getrieben von der unvergänglichen Liebe, die stets bemüht ist, zu
suchen und zu retten, was verloren ist, im Dienst Jesu Christi, unseres Herrn.
Sie müssen jedoch verstehen, dass die polaren Strömungen des astralen Feldes der
Geistesschule nicht automatisch wirken. Die Strömungen des Goldenen Hauptes müssen
erweckt und fortwährend unterhalten werden. Diese Arbeit wird von den Mitarbeitern des
Goldenen Hauptes verrichtet, von Brüdern und Schwestern, die sich zum Dienst all ihrer
Freunde dieser Aufgabe weihen. Es ist das Werk des inneren Tempels, ein Werk, das immer
mehr Diener und Dienerinnen verlangt. In dem Maß nämlich, wie die Arbeiter in das
Erntefeld hinausgehen und die Ernte eingebracht wird, die Scheuern sich füllen und immer
mehr Wesenheiten angezogen werden, sind immer mehr Erntearbeiter nötig.
Zum Schluss entsteht vielleicht noch die Frage bei Ihnen, was mit der Seele geschieht, die
durch die polaren Strömungen des gnostischen astralen Feldes erwachte. Sie verbindet sich
sofort wie ein Blitz mit dem Geist, mit ihrem Pymander. Denn der Geist ist auch eine
Radiation, eine Strahlung. Sobald eine Seele erweckt ist und sich im neuen astralen Feld, im
Goldenen Haupt des gnostischen Lebenden Körpers aufrichtet, vereinigt und verinnigt sich
der Geist im Bruchteil einer Sekunde mit ihr. Und vom gleichen Augenblick an ist der
Betreffende selbsthandelnd, selbstschöpferisch, in der höchsten Bedeutung des Wortes ein
»freier Maurer« geworden; ein Mit-Dienstknecht, ein Mit-Erbauer am Haus des lebenden
Seelenzustandes.

Wir hoffen innig, dass diese Erklärung dazu beitragen möge, Ihnen eine klare Sicht auf das
Heil zu schenken, das in der Gnosis für alle bereitet ist.
»Allen, die ihn annehmen, gibt er die Macht, wiederum Kinder Gottes zu werden.«
Verstehen Sie diesen Weckruf zum Leben! Wenn Sie sich als Erbe des Heils wissen,
nehmen Sie dann dieses Erbe unverzüglich in Empfang!
XXIV

Der Hochzeitssaal:

Das Goldene Haupt

Das Wiegen der Kandidaten -- Das Königreich der Himmel -- Der Vater und ich sind eins -- Wer die Kraft des
Parakleten niemals finden wird

Wir haben nun besprochen, auf welche Weise sich das Bewusstsein des Seelenmenschen im
neuen astralen Feld entwickelt und wie der Seelenmensch zum Erwachen in den Garten der
Götter, in das Basisfeld wirklichen menschlichen Lebens geführt wird. Denn in diesem Feld
der Wirksamkeit, im Seelenfeld, ist die zerbrochene Einheit zwischen Geist und Seele
wiederhergestellt, sind Pymander und Hermes wieder eins geworden.
Lassen Sie uns nun näher auf die Frage eingehen, wie sich dieses Seelenleben im astralen
Feld der Schule offenbart und vollzieht. Nehmen wir als Beispiel wieder den ernsthaften,
ausgerichteten Schüler, der den Pfad der Selbstübergabe und der sie begleitenden
Seelengeburt geht und folglich seiner astralen Transfiguration wegen vom astralen Feld der
Schule, dem Goldenen Haupt des Lebenden Körpers, angezogen und darin aufgenommen
wird. Wir wollen dahingestellt sein lassen, ob dieser Schüler dem irdischen Körper nach
bereits gestorben ist oder noch den dialektischen Körper gebraucht: ob er bereits völlig
durchgebrochen ist oder erst nur einige Stunden des Tages als schlafende Seele in das astrale
Feld der Schule durchzudringen vermag, wobei dieser Verbleib ihm dann nur
seelenoffenbarende Impulse für sein stoffliches Dasein gibt.
Die vorbereitete Seele, die in das neue astrale Feld gelangt, betritt die heiligen Hallen des
erhabenen gnostischen Einweihungstempels: das Goldene Haupt; es ist der
Einweihungstempel unseres Vaters, Bruder C. R. C. Es ist ein Tempel, der von Zeit zu Zeit
sein Vibrationsvermögen mindert und es mit der Grenze der Vibrationsskala der Dialektik in
Uöbereinstimmung bringt, wie eine Art Begrüßung, um einer sich nähernden Gruppe den
Durchzug zu ermöglichen. Sobald nun dieser Hochzeitssaal mit Gästen gefüllt ist, beginnt
das große Fest der alchimischen Hochzeit.
Sie wissen aus dem biblischen Gleichnis und aus den Mitteilungen in der Alchimischen
Hochzeit des Christian Rosenkreuz, dass dort immer Gäste eindringen, die kein Hochzeitskleid
besitzen. Sie werden entweder gleich zurückgesandt oder gewogen und zu leicht befunden,
um dann, mit der Schande des Urteils, ebenfalls entfernt zu werden. Sie werden nun
verstehen, dass diese scheinbar romantischen Geschichten vollkommen auf Wirklichkeit
beruhen und sich immer wiederholen. So werden auch in unseren Tagen jene, die der
Wahrheit Gewalt antun, aus dem Hochzeitssaal entfernt.
Sie müssen sich den Hochzeitssaal, das Goldene Haupt, das astrale Feld der Schule, den
Einweihungstempel C. R. C.s, als einen unbegrenzten Raum vorstellen, der dennoch eine
organische Einheit bildet und in keiner einzigen Weise der dialektischen Vorstellung von
Erhabenheit gleicht. Dort treten Sie nicht, wie in der Spiegelsphäre, in mächtige ätherische
Kathedralen ein mit Kuppeln, Türmen und prachtvollen Sälen, leuchtend in Weiß und Gold.
Keineswegs! Derartige Vorstellungen können in bestimmten Situationen in der
gewöhnlichen astralen Welt vielleicht einigen Menschen nützlich oder bedeutsam
erscheinen, im Hochzeitssaal der Gnosis gibt es jedoch nur einen unbegrenzten Raum, der
aber als organische Einheit erfahren wird.
Wenn Sie die Kathedrale zu Ussat-Ornolac betreten, sehen Sie nur eine Grotte und spüren
Kälte und Dunkelheit. Aber diese Grotte badet sich im gnostischen astralen Feld. Wer dafür
gereift ist, erfährt es durch Vibrationen sehr besonderer Art, worüber wir zu Ihnen
gesprochen haben und die sich im unbegrenzten Raum offenbaren.
Wünschen Sie jedoch einen Vergleich, dann denken Sie an ein kugelförmiges Feld, in dem
der Kandidat aufgenommen ist. In einem solchen Feld treten starke polare magnetische
Strömungen auf, die von ganz anderer Art sind als die im dialektischen astralen Feld;
Strömungen, die, wie wir erklärten, den dialektischen astralen Strömungen diametral
gegenüberstehen. Dieses Feld des unbegrenzten Raums ist die wichtigste Pforte der
gnostischen Mysterien. Wer dort einzutreten weiß, wird nicht befreit, sondern ist befreit. Zur
Erklärung hierzu noch Folgendes:
Wir sagten Ihnen, dass die Seele, die das Feld betritt, von den dort herrschenden polaren
astralen Strömungen gerade gerichtet, aufgerichtet wird; aber wir fügen noch hinzu: oder
nicht! Denn dieses Geraderichten der Seele, dieses Auferstehen der Seele ist nur dann
möglich, wenn die Seele von der richtigen Art ist, wenn sie und ihr Körper dem organischen
Zustand des Goldenen Hochzeitskleides entsprechen. Darum gibt es im Raum des neuen
Lebensfeldes keine Mystifikation mehr; nur wer Wahrheit ist, kann sich mit der Wahrheit
verbinden. Wer nur über die Wahrheit redet, aber nicht wirklich aus ihr lebt, wird von
diesem Feld vollständig abgewiesen. Aller Schein kann nur in der Ordnung der
Mystifikation auftreten. Wir sind in diesem Daseinsfeld von allen Seiten vom Wahn
umgeben, und von diesem Wahn kann ein Mensch irregeführt werden. Sobald Sie aber die
Pforte der Mysterien durchschritten haben, hört jede Mystifikation auf. Wer mit seinem
Seinszustand der Forderung des Durchgangs nicht genügen kann, wird sich, wenn die
genannten polaren Strömungen zu höherer Vibration ansteigen, keinesfalls behaupten
können.
So finden wir also die heiligen Erzählungen und Legenden in der Praxis bestätigt. Denken
Sie nur an die Erzählung über das Geschehen im Einweihungstempel des C. R. C. Auf den
vordersten Plätzen sitzen anfangs zahlreiche Könige, Kaiser, Prinzen, Barone, Edle und
Unedle, Reiche und Arme. Es geht zuerst alles andere als erhaben zu; die meisten machen
einen Lärm für zehn. Als C. R. C. bescheiden eintritt, in äußerster Dankbarkeit, dass er
gerade noch durch die Pforte schlüpfen konnte, lachen sie ihn aus, als er auf die Frage: »So,
Bruder Rosenkreuz, bist du auch hier?« mit den Worten antwortet: »Ja, Brüder, Gottes Gnade
hat auch mir hier hereingeholfen.« Diese Brüder haben gar keine Mühe gehabt, dort
hineinzugelangen! Sobald dann auch »das Wiegen« beginnt, das heißt, sobald die polaren
Strömungen gesteigert werden, sind diese sogenannten Brüder verschwunden.
Aber für jene, die »allen Gewichten standhielten«, bedeutet dieses Geraderichten, dieses
Erheben der Seele ein völliges Erwachen und Bewusstwerden. Es bedeutet ferner ein völlig
neues Leben der Ewigkeit. Der Kandidat ist bis zu diesem Punkt von einer gnostischen,
heiligenden Kraft, der Kraft des Heiligen Geistes, des Heilers, des Parakleten, geführt
worden. Wer nun so erwacht, findet sich als ein neugeborener Sohn, als ein Kind der
Gottheit, des Geistes, wieder. Denn der ganze Raum des Goldenen Hauptes ist als astraler
Raum gleichzeitig von der Geistesradiation erfüllt.
Was ist der Geist? Das lässt sich nicht erklären; das kann man nicht erklären. Der Geist --
wohl zu unterscheiden vom Heiligen Geist -- der universelle Logos, Gott, erfüllt den ganzen
Raum der Seelenwelt mit seiner heiligen Gegenwärtigkeit. Die Seelenwelt ist denn auch mit
dem Königreich der Himmel, dem Gebiet der Christus-Menschheit, gleichzusetzen. So wie
Jesus Christus von sich selbst sagt: »Der Vater und ich sind eins«, kann auch der
auferstandene Seelenmensch, heimkehrend in das Goldene Haupt, dasselbe sagen; denn
dieses ganze Feld wird von der Gottheit durchglüht und durchstrahlt. Geist und Seele, Vater
und Sohn, Gott und Seelenwelt sind dort vollkommen eins.

Im dialektischen Leben herrscht, wie wir aus Erfahrung und auch aus der Bibel wissen, die
Trennung vom Geist. Infolgedessen geht der Mensch zum Experiment über und schafft
selbst den Wahn des Bösen. Er geht im dialektischen Dasein seinen Weg der Mühe, des
Leidens und Kummers. Darum können wir mit Beispielen aus der Dialektik keine Vergleiche
mit dem Geistfeld des Goldenen Hauptes ziehen.
Das Einzige, was wir hier in der Dialektik besitzen, ist der Geist des Parakleten. Das
Einzige, was uns hier in diesem Tränental gesandt wird, ist der Geist des Trösters, die
Lichtkraft des Heiligen Geistes. Das ist eine heiligende und heilende Lichtkraft aus der
Seelenwelt, aus dem sechsten kosmischen Gebiet, die in das siebente kosmische Gebiet
eindringt. Es ist eine Lichtkraft, die sich niemals mit der dialektischen Natur vereinigt, die
sich von allem Dialektischen distanziert, die aber dennoch ist und existiert und nur die
Aufgabe hat, uns nach Haus zu bringen, uns aus der Dialektik in den lebenden
Seelenzustand zu führen.
Daher ist es verständlich, dass theologische, kirchliche und sektiererische Kreise
fortwährend nach dem Heiligen Geist suchen, ihn aber niemals finden und immer wieder bei
spiritistischem Unsinn landen. Wer das Königreich Gottes auf Erden, auf der horizontalen
Linie verwirklichen will, wird die Kraft des Parakleten nie finden, auch wenn er noch so brav
über die Nachfolge Christi redet.
Aber die Seele, die vom Geist des Parakleten, dem Geist der Wahrheit, in das neue
Lebensfeld, in das Feld des Geistes geleitet wird, in dem Seele und Geist zu einer
vollkommenen Einheit kraft des Offenbarwerdens des Geistes verschmelzen, erfährt die
Wahrheit der Worte aus Johannes 14:
»Ich will euch nicht verwaist zurücklassen: Ich komme zu euch. Nur noch eine kurze Zeit,
dann sieht mich die Welt nicht mehr; ihr aber seht mich, dass ich lebe, und ihr sollt auch
leben. An jenem Tage werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir seid
und ich in euch. An diesem Tage wirst du erkennen, dass ich in meinem Vater bin und du in
mir und ich in dir.«
Wenn Sie sich klar und bewusst in unser Vaterhaus mit den vielen Wohnungen erheben
könnten, würden Sie sehen und erfahren, was wir Ihnen stammelnd und unvollkommen zu
erklären versuchen: Sie würden dieses Feld der Einheit zwischen Geist und Seele, dieses Feld
der Ewigkeit erfahren; Unsterblichkeit, Allwissenheit, vollkommene Liebe, absolute Güte,
absolute Einheit, frei von jeglicher Trennung, eine räumlich unbegrenzte Einheit, die doch
organisch, bewusst und intelligent erfahren wird. Der Kandidat, der dort eintritt, ist eine
Geistseele geworden, ein Teilhaber an der ursprünglichen Geistesordnung Jesu Christi.
Nun können Sie sich vorstellen, wie völlig richtig es ist, was Jesus der Herr von Johannes
dem Täufer sagte: »Unter allen von Weibern Geborenen ist niemand größer als Johannes,
aber der Kleinste im Königreich der Himmel ist größer als er.«
Zu diesem Königreich der Himmel, zu diesem Reich, das jetzt im lebendigen Heute besteht,
werden Sie gerufen, und alle Hilfe wird Ihnen angeboten. Der Geist des Parakleten ist in
allen Brennpunkten und im ganzen Lebenden Körper der jungen Gnosis wirksam.

Es geht ums lebendige Heute,


um das Jetzt in diesem Moment.
Gehen wir doch an die Arbeit,
ans Werk, das die Gnosis uns nennt.
XXV

Zweites Buch: Pymander zu Hermes

1. »Nun denn, sei still, o Hermes Trismegistos, und bewahre gut, was ich dir
sagen werde. Ich werde dir gleich sagen, was mir eingefallen ist.«
2. »Es wurde viel und von allen möglichen Seiten über das All und Gott
gesprochen, die Meinungen widersprechen sich jedoch, sodass ich die Wahrheit
darin nicht erkannte. Willst du, Herr, mir es erläutern? Denn nur deiner
Offenbarung werde ich Glauben schenken.«
3. »So höre denn, mein Sohn, wie Gott und das All sich verhalten; Gott, die
Ewigkeit, die Welt, die Zeit und das Werden.
4. Gott schafft die Ewigkeit, die Ewigkeit schafft die Welt, die Welt schafft die Zeit
und die Zeit das Werden.
5. Das Gute, das Schöne, die Seligkeit und die Weisheit formen gleichsam das
Wesen Gottes; das Wesen der Ewigkeit ist Unveränderlichkeit; das Wesen der
Welt ist Ordnung; das Wesen der Zeit ist Veränderlichkeit; und das Wesen des
Werdens ist Leben und Tod.
6. Geist und Seele sind die aktive, offenbarende Kraft Gottes; Dauerhaftigkeit und
Unsterblichkeit sind die Wirkungen der Ewigkeit; die Rückkehr zur
Vollkommenheit und die Denaturierung sind die Wirkungen der Welt;
Zunehmen und Abnehmen sind die Wirkungen der Zeit, das Werden hat als
Wirkung die Eigenschaft.
7. So ist die Ewigkeit in Gott, die Welt in der Ewigkeit, die Zeit in der Welt und
das Werden in der Zeit.
8. Während die Ewigkeit um Gott herum ruht, bewegt die Welt sich in der
Ewigkeit, vollzieht die Zeit sich in der Welt und entsteht das Werdende in der
Zeit.
9. Gott ist also der Ursprung aller Dinge, ihr Wesen ist die Ewigkeit; und die Welt
ist ihre Materie.
10. Die Ewigkeit ist die potenzielle Kraft Gottes. Das Werk der Ewigkeit ist die
Welt, die keinen Beginn kannte, sondern fortwährend im Entstehen ist durch die
Wirkung der Ewigkeit. Darum wird nichts, was in der Welt ist, jemals vergehen,
denn die Ewigkeit ist unvergänglich; noch wird jemals irgendetwas vernichtet,
weil die Welt vollkommen von der Ewigkeit umgeben ist.«
11. »Aber was ist die Weisheit Gottes?«
12. »Sie ist das Gute und das Schöne, die Seligkeit, jede Tugend und die Ewigkeit.
13. Die Ewigkeit formt die Welt zu einer Ordnung, indem sie die Materie
durchdringt mit Unsterblichkeit und Dauerhaftigkeit. Das Entstehen der Materie
ist abhängig von der Ewigkeit, so wie die Ewigkeit selbst wieder abhängig ist
von Gott.
14. Es gibt Werden, und es gibt Zeit, sowohl im Himmel als auch auf Erden, aber
sie sind in ihrer Art verschieden: Im Himmel verändern sie sich nicht und sind
sie unvergänglich, auf der Erde verändern sie sich und vergehen.
15. Gott ist die Seele der Ewigkeit; die Ewigkeit ist die Seele der Welt; und der
Himmel ist die Seele der Erde.
16. Gott ist im Gemüt; das Gemüt ist in der Seele; die Seele ist in der Materie, und
dieses alles ist durch die Ewigkeit.
17. Dieser große Körper, der alle Körper umfasst, ist innen erfüllt und außen
umschlossen von einer mit Geistbewusstsein und von Gott erfüllten Seele, einer
Seele, die das All belebt:
18. Außen: das ausgedehnte und vollendete Leben der Welt, innen: alle lebenden
Geschöpfe; dort oben im Himmel währt sie unveränderlich, stets sich selbst
gleich bleibend; hier unten auf der Erde verursacht sie die Veränderungen des
Werdens.
19. Die Ewigkeit hält alles instand, sei es durch das sogenannte Schicksal, die
Vorsehung, die Natur, sei es durch das, was man jetzt oder später auch davon
glauben mag. Er jedoch, der dieses alles durch seine Tätigkeit erschafft, ist Gott,
die offenbarende, aktive Kraft Gottes;
20. Gott, dessen potenzielle Kraft nicht zu übertreffen ist und mit dem nichts
Menschliches oder Göttliches verglichen werden kann.
21. Darum, Hermes, glaube nicht, dass irgendetwas von den Dingen hier unten
oder von den Dingen oben Gott gleich sein könnte; denn dann würdest du von
der Wahrheit abirren; nichts gleicht dem Unvergänglichen, dem alleinen Gott.
22. So darfst du auch nicht glauben, dass er seine potenzielle Kraft mit
irgendjemand teilt. Denn wer außer ihm ist Schöpfer des Lebens und der
Unsterblichkeit und Veränderung?
23. Und was sollte er anderes tun, als erschaffen? Gott ist nicht untätig, sonst
wäre auch der gesamte Kosmos untätig, denn alles ist erfüllt von Gott.
24. So gibt es denn auch nirgends Untätigkeit, weder in der Welt noch in
irgendeinem anderen Wesen. Untätigkeit ist ein leeres Wort, sowohl was den
Schöpfer als auch das Erschaffene betrifft.
25. Und alles muss ins Dasein gerufen werden durch den Einfluss, der jedem
Platz eigen ist.
26. Denn der Schöpfer lebt in allen seinen Geschöpfen. Er bleibt nicht besonders
in einem von ihnen, und er erschafft nicht allein in einem von ihnen, sondern er
erschafft sie alle.
27. Da er eine stets wirksame Kraft ist, genügt es ihm nicht, Wesen erschaffen zu
haben, er nimmt sie auch unter seine Obhut.
28. Betrachte nun durch mich die Welt, die sich dir darbietet und nimm tief in
dich auf, wie schön sie ist: ein reiner und unvergänglicher Körper, inwendig
stark und jung und stets zunehmend an Kraft.
29. Sieh auch die sieben fundamentalen Welten, die nach einer ewigen Ordnung
gebildet sind und die zusammen, jede nach ihrem eigenen Lauf, die Ewigkeit
erfüllen. Sieh, alles ist erfüllt von Licht, ohne dass es irgendwo Feuer gibt.
30. Denn die Liebe und die Verschmelzung der Gegensätze und der
Ungleichheiten sind Licht geworden, ausstrahlend durch die offenbarende Kraft
Gottes, des Schöpfers alles Guten, des Herrschers und Fürsten der gesamten
Ordnung der sieben Welten.
31. Sieh den Mond, den Vorläufer all dieser Welten, das Werkzeug des
natürlichen Wachstums, der die Materie hier unten umwandelt.
32. Sieh die Erde in der Mitte des Alls, als Grundlage dieser schönen Welt
erschaffen, Ernährerin und Versorgerin für alles, was auf ihr lebt.
33. Achte darauf, wie zahlreich die Menge der unsterblichen Wesen ist und wie
groß die Menge der Sterblichen, und sieh, wie zwischen den Unsterblichen und
den Sterblichen der Mond seine Bahnen zieht.
34. Alles ist erfüllt von Seele, alle Wesen werden nach ihrer eigenen Art bewegt;
einige im Himmel, einige auf der Erde. Die nach rechts gehen müssen, gehen
nicht nach links, die auf der linken Seite sein müssen, gehen nicht nach rechts;
die oben sein müssen, gehen nicht nach unten; die unten sein müssen, gehen
nicht nach oben.
35. Dass alle diese Wesen erzeugt sind, darauf brauche ich dich, mein geliebter
Hermes, nicht mehr hinzuweisen: Es sind Körper, sie besitzen eine Seele, und sie
werden bewegt.
36. Alle diese Wesen können jedoch unmöglich eine Einheit werden ohne
jemanden, der sie zusammenfügt. Diesen muss es also geben! Und er muss
absolut der Einzige sein.
37. Denn da die Bewegungen verschieden und mannigfaltig und auch die Körper
nicht gleich sind, während doch eine Geschwindigkeit allen gemeinsam auferlegt
ist, kann es nicht zwei oder mehrere Schöpfer geben.
38. Gäbe es mehrere, dann könnte die Einheit der Ordnung nicht bewahrt
werden, und es würde Eifersucht entstehen um den Mächtigsten.
39. Angenommen, es gäbe einen zweiten Schöpfer für die veränderlichen und
sterblichen Wesen, dann würde dieser auch unsterbliche Wesen erschaffen
wollen und der Schöpfer der unsterblichen Wesen auch sterbliche Wesen.
40. Außerdem, wenn es zwei Schöpfer gäbe, und es ist da einerseits Materie und
andererseits die Seele, welchem von beiden sollte da die Schöpfung gehören?
Und falls sie beide dafür sorgen würden, wer sollte den größten Anteil daran
haben?
41. So wisse denn, dass jeder lebende Körper, sowohl der unsterbliche als auch
der sterbliche, sowohl der vernunftbegabte als auch der vernunftlose, aus
Materie und Seele zusammengesetzt ist.
42. Alle lebenden Körper sind beseelt. Was kein Leben besitzt, ist nur Materie,
während allein die Seele, die Ursache des Lebens, in den Händen des Schöpfers
bleibt. Der Schöpfer der Unsterblichen ist also auch der absolute Schöpfer des
Lebens. Ist er dann auch der Schöpfer anderer lebender Wesen, der Sterblichen?
43. Wie sollte das, was unsterblich ist und die Unsterblichkeit erschafft, nicht
auch alles erschaffen, was zu den Lebenden gehört?
44. Es ist also klar, dass es jemanden gibt, der dieses alles erschafft. Dass er der
All-Eine ist, bedarf keines Beweises; denn eins ist die Seele, eins ist das Leben,
eins ist die Materie.«
45. »Wer ist denn dieser Schöpfer?«
46. »Wer anders als der eine Gott! Wem anders stünde es zu, beseelte lebende
Wesen zu erschaffen, als Gott allein? Darum gibt es nur einen Gott.
47. Es ist eigentlich zum Lachen: Wenn du erkennst, dass es eine Welt gibt, eine
Sonne, einen Mond und eine göttliche Natur, wieso denkst du dann, dass Gott
mehrfach ist?
48. Es ist also Gott, der alle Dinge erschafft. Was ist übrigens Verwunderliches
daran, dass Gott das Leben, die Seele, Unsterblichkeit und Veränderung erschafft,
da du selbst doch auch viele verschiedene Handlungen verrichtest!
49. Du siehst, du sprichst, du hörst, du riechst, du schmeckst, du fühlst, du gehst,
du denkst, du atmest. Es ist doch nicht so, dass der eine Mensch sieht, der andere
hört und wieder ein anderer spricht, ein anderer schmeckt, ein anderer riecht, ein
anderer geht, ein anderer denkt und ein anderer atmet? Es ist ein Wesen, das
dieses alles verrichtet.
50. Nun denn, so sind auch die göttlichen Wirksamkeiten nicht von Gott zu
trennen; so wie du kein lebendes Wesen mehr sein würdest, wenn du aufhören
würdest, alle Deine Tätigkeiten zu verrichten, ebenso wäre Gott, wenn er seine
Tätigkeiten nicht mehr vollbrächte, nicht mehr Gott.
51. Da nun nachgewiesen ist, dass kein Wesen in Untätigkeit bestehen kann, wie
viel mehr gilt das für Gott!
52. Wenn es wirklich etwas geben würde, was er nicht erschaffen hat, wäre Gott
unvollkommen. Da aber Gott nicht untätig ist, sondern im Gegenteil
vollkommen, darum ist er der Schöpfer aller Dinge.
53. Wenn du noch ein wenig aufmerksam bist, o Hermes, wirst du sicher
verstehen, dass Gott nur ein Ziel hat, nämlich ins Dasein zu rufen, alles, was im
Werden ist; alles, was einst in der Vergangenheit geworden ist; alles, was einst
werden wird.
54. Das, mein Geliebter, ist das Leben. Das ist das Schöne, das ist das Gute, das ist
Gott.
55. Und willst du das alles aus eigener Erfahrung verstehen, betrachte dann
einmal, was in dir geschieht, wenn du erzeugen willst. Tatsächlich ist, was Gott
betrifft, die Schöpfungshandlung nicht gleich. Gott empfindet sicher keine
wahrnehmbare Freude, und es ist niemand da, der mit ihm zusammenwirkt.
56. Da er ganz allein handelt, ist er in seinen Werken stets innewohnend und ist
er selbst, was er erzeugt, sowohl Schöpfer als auch Schöpfung. Denn wenn seine
Geschöpfe gelöst von ihm bestehen sollten, brächen sie zusammen und gingen
unvermeidlich zugrunde, weil sie kein Leben in sich hätten.
57. Da aber alles lebt und das Leben eins ist, ist Gott gewiss der All-Eine.
Andererseits: Da alles, sowohl im Himmel als auch auf der Erde, lebendig ist und
das Leben eins ist in allen, ist das Leben von Gott erschaffen und ist das Leben
selbst Gott; alles wird ins Dasein gerufen durch die Werke Gottes, und das Leben
ist die Vereinigung des Geistes und der Seele.
58. Was den Tod betrifft, so ist dieser nicht die Vernichtung der
zusammengefügten Elemente, sondern die Auflösung der verbindenden Einheit.
59. So ist die Ewigkeit das Bild Gottes; die Welt das Bild der Ewigkeit; die Sonne
das Bild der Welt und der Mensch das Bild der Sonne.
60. Im Hinblick auf die Veränderung spricht der gewöhnliche Mensch von Tod,
weil der Körper aufgelöst wird und das Leben in das Unsichtbare entweicht.
61. Ich erkläre dir jedoch, mein geliebter Hermes, dass die Wesen, die auf diese
Weise vergehen, nur transformiert werden; jeden Tag geht ein Teil der Welt ins
Unsichtbare hinüber, aber keinesfalls, um entbunden zu werden.
62. Hierin besteht das Leiden der Welt: Kreislauf und Vergehen durch das, was
man Tod nennt. Aber ein Kreislauf ist Wiederholung, Radumdrehung, und das
Vergehen ist Erneuerung.
63. Die Welt besitzt alle Formen. Sie hält sie nicht in sich beschlossen, sondern in
den Formen und durch die Formen transformiert sie sich.
64. Da also die Welt wie das All geschaffen ist, wie wird dann ihr Schöpfer sein?
Wir können nicht sagen, dass er formlos ist! Und wenn auch er wie das All wäre,
würde er der Welt gleich sein. Und wenn er eine Form hat? Dann wäre er in
dieser Hinsicht weniger als die Welt.
65. Was müssen wir daraus schließen? Denn unser Gottesverständnis darf keine
Lücke aufweisen!
66. Es gibt nur eine Gestalt, die Gott eigen ist, eine Gestalt, welche körperliche
Augen nicht wahrnehmen können, eine unkörperliche Gestalt, die alle Formen
offenbart durch die Körper.
67. Wundere dich nicht, dass es eine unkörperliche Gestalt geben kann. Denke
nur an ein Wort, das du sprichst. So ist es auch mit Bildern. Man sieht darauf
Bergspitzen, die sich scheinbar hoch in die Luft erheben, während die Bilder in
Wirklichkeit glatt und eben sind.
68. Uöberdenke das, was ich dir gesagt habe, noch einmal tiefer und
vollständiger. So wie der Mensch nicht ohne das Leben leben kann, so kann Gott
nicht leben, ohne das Gute hervorzubringen. Denn dieses ist gleichsam das
Leben und Bewegen Gottes: Bewegung und Leben allem schenken.
69. Es ist nötig, sich einigen Dingen mit besonderem Verständnis zu nähern, wie
zum Beispiel dem Folgenden:
70. Alles ist in Gott; jedoch nicht wie an einem bestimmten Platz, denn ein Platz
ist körperlich und unbeweglich, und was irgendwo seinen Platz hat, zeigt keine
Bewegung; die Dinge erscheinen im Unkörperlichen und auf eine völlig andere
Art.
71. Wenn du an ihn denkst, der alles in sich beschlossen hält, bedenke dann vor
allem, dass nichts imstande ist, das Unkörperliche zu umgrenzen, und dass
nichts schneller und mächtiger ist als er. Er ist der Unbegrenzte, der Schnellste
und der Mächtigste.
72. Prüfe es auch einmal bei dir selbst. Befiehl deiner Seele, nach Indien zu gehen,
und sie wird da sein, noch ehe du es ihr befohlen hast.
73. Befiehl ihr, zum Ozean zu gehen, und sie wird im gleichen Augenblick dort
sein; nicht so, als ob sie eine Reise von einem Ort zum andern unternommen
hätte, sondern so, als ob sie sich schon dort befunden hätte.
74. Befiehl ihr sogar, zum Himmel aufzusteigen, sie wird dazu keiner Flügel
bedürfen. Nichts kann sie behindern, weder das Feuer der Sonne noch der Äther,
weder die gesetzmäßige Bewegung des Firmaments noch die Körper der Sterne;
sie wird alle Räume durcheilen und sich in ihrem Flug bis zum äußersten
Himmelskörper erheben.
71. Und wenn du dann noch das Gewölbe des Universums selbst durchbrechen
willst, um anzuschauen, was da draußen ist -- jedenfalls, wenn etwas außerhalb
der Welt besteht -- dann kannst du auch das.
76. Sieh, welche Macht, welche Geschwindigkeit du besitzt! Und wenn du das
alles kannst, sollte Gott es dann nicht können?
77. Darum musst du Gott so sehen: Alles, was ist, hält er als Gedanken in sich
beschlossen: die Welt, sich selbst, das All.
78. Wenn du selbst nicht Gott gleich wirst, kannst du ihn nicht verstehen; denn
nur das Gleiche versteht das Gleiche.
79. Wachse auf zu maßloser Größe, entsteige allen Körpern, erhebe dich über alle
Zeit, werde Ewigkeit. Dann wirst du Gott verstehen.
80. Lass den Gedanken dich durchdringen, dass dir nichts unmöglich ist,
betrachte dich als unsterblich und fähig, alles zu verstehen, alle Kunst, alle
Wissenschaft, die Art all dessen, was lebt.
81. Werde höher als alle Höhen und tiefer als alle Tiefen.
82. Sammle in dir die Empfindungen alles Geschaffenen: des Feuers und des
Wassers, des Trockenen und des Feuchten und denke dich hinein, gleichzeitig
überall zu sein; auf der Erde, im Meer, in der Luft; dass du noch ganz
unerschaffen bist, dass du im Mutterschoß bist, Jüngling, Greis, gestorben, an
jener Seite des Todes. Wenn du das alles gleichzeitig in deinem Bewusstsein
umfassen kannst: Zeiten, Orte, Geschehnisse, Eigenschaften und Mengen, dann
kannst du Gott verstehen.
83. Wenn du aber deine Seele im Körper gefangen hältst, wenn du sie stets
herunterdrückst und immer nur sagst: `Ich verstehe nichts, ich kann nichts, ich
habe Angst vor dem Meer, ich vermag nicht, in den Himmel hinaufzusteigen; ich
weiß nicht, was ich einmal war noch was ich sein werde', was hast du dann mit
Gott zu schaffen?
84. Denn du kannst nichts von dem umfassen, was wirklich schön und gut ist,
solange du den Körper liebst und schlecht bist. Die vollkommene Schlechtigkeit
ist: das Göttliche nicht kennen.
85. Aber imstande zu sein, das Göttliche zu kennen und den Willen und die
starke Hoffnung dazu zu haben, ist der direkte Weg zum Guten, ein leichter Weg!
Uöberall wird es dir beim Gehen des Pfades entgegentreten, überall wird es sich
dir offenbaren, sogar, wo und wann du es absolut nicht erwartest; sei es, dass du
wachst oder schläfst, zu Wasser oder zu Lande, bei Tag oder bei Nacht, ob du
sprichst oder schweigst. Denn es gibt nichts, was es nicht ist.
86. Wirst du nun sagen: `Gott ist unsichtbar'? Wer offenbart sich mehr als Gott?
Er hat doch alles geschaffen, damit du ihn in allen Geschöpfen erkennen wirst.
87. Das ist das Herrliche, das Wunderbare an Gott, dass er sich durch all seine
Geschöpfe offenbart.
88. Nichts ist unsichtbar, sogar bei den Unkörperlichen nicht: Das Gemüt
offenbart sich im lebendigen Anschauen, und Gott offenbart sich in seiner
Schöpfungstätigkeit.

Das alles hatte ich dir zu enthüllen, o Trismegistos. Bedenke weiter alles auf die gleiche
Weise, und du wirst nicht irren.«
XXVI

Die lebendige Gotteskenntnis

Die lebendige Gotteskenntnis


Das zweite Buch des Corpus Hermeticum, das wir hier erläutern, gibt, ebenso wie das erste,
ein Gespräch wieder zwischen Pymander und Hermes Trismegistos, ein Gespräch, das völlig
auf das Wesen Gottes gerichtet ist und die Frage behandelt, wie das Wesen und Wirken
Gottes erkannt und verstanden werden kann.
Sie werden mit uns übereinstimmen, dass eine derartige Kenntnis von höchster
Wichtigkeit, ja, für jeden Menschen unentbehrlich ist. Mit der Andeutung »Gott« meinen wir
immer den Quell aller Dinge, das höchste Sein, aus dem alles Dasein hervorkommt. Wer den
Pfad gehen will, den Rückweg, der im höchsten Sein beschlossen liegt, wer sich zur
Gotteskindschaft gerufen weiß, muss doch wenigstens unser aller Vater kennen und
ergründen. Die Gotteskenntnis war denn auch stets das höchste Endziel des wahren
Gnostikers. Aus dieser Kenntnis kann alles andere abgeleitet und festgestellt werden.
Alle naturreligiösen Gemeinschaften führen Gott im Munde. Sie rufen ihn an und beten
ihn an mit den schönsten mystischen Worten. Täglich werden Predigten gehalten und
Rituale zelebriert mit Gott als Thema und Endziel. Es gibt Tausende und Abertausende, die
sich Gottesgelehrte nennen. Und doch lassen die Resultate des Lebens und die sich
vollkommen widersprechenden Anschauungen und Auffassungen der zahllosen
Strömungen erkennen, dass es mit der menschlichen Gotteskenntnis kläglich bestellt ist, ja,
dass von einer Gotteskenntnis überhaupt nicht gesprochen werden kann. Genau betrachtet
sind alle frommen Worte und Bücher, ist die ganze Wirklichkeit der Naturreligion
Spekulation und Nachbeterei und somit absolut nichts sagend. Wer sich danach richtet, wer
die Weltliteratur auf diesem Gebiet durchforscht, weiß am Ende noch nichts von dem, was er
wirklich wissen will. Man ertrinkt in einem Ozean der Worte: Dogmen, Theologie ohne
wesentlichen Grund.
Zahllose haben es durch die Jahrhunderte mit uns entdeckt und festgestellt. So gedieh
auch die Gottesleugnung, die Gottesverneinung. Man verneinte bewusst und positiv, was die
religiösen Scharen über Gott behaupten zu müssen glaubten. Man leugnete auch die
überhebliche Autorität, mit der die Theologen sagten und sagen: »So ist es und nicht anders.«
Und man lehnte sich auf gegen die Kirchengruppen, die neben ihrer anmaßenden Autorität
auch Zwang, Grausamkeit, Mord, Marterwerkzeuge, Scheiterhaufen, Kerker und andere
teuflische Folterungen anwandten. Man entdeckte weiter, dass die Kirchenväter sich nicht
scheuten, ursprüngliche Schriften zu stehlen und zu verbergen, damit die nach ihnen
Kommenden den Inhalt nicht kennen lernen konnten. In vielen alten Bibliotheken in der
ganzen Welt liegen die kostbarsten, authentischen Uöberlieferungen vieler gnostischer
Bruderschaften verborgen. Man hält diese Schriften sorgfältig hinter Schloss und Riegel,
damit der Inhalt unbekannt bleibt. Vielleicht auch, weil man auf materiellen Gewinn hofft.
Man entdeckte im Lauf der Zeiten auch die raffinierte Taktik gewisser kirchlicher
Institutionen, die den Inhalt authentischer Schriften gründlich fälschten, damit die gefälschte
Schrift durch den total falschen Eindruck, den sie erweckte, der Wahrheit Gewalt antun und
das Dogma der Kirchenväter scheinbar beweisen sollte. Daher besitzt die Menschheit leider
viele Lügen gerade in ihren heiligsten Schriften. So hegt die Menschheit in ihrem Herzen
eine mit den Wunden der Verfälschung beladene Heilige Schrift. So wurde, wenn es nur
einigermaßen möglich war, alles, was an Wahrheit, Wirklichkeit und Ursprünglichkeit
versuchte, zur Menschheit durchzudringen, gesiebt und kontrolliert. Man gründete eine
Klasse von Autoritäten und verlieh ihnen Titel. Man sprach von Doktoren der Theologie.
Und bis vor kurzem besaßen Theologen eine große Macht über die Maße.
Aber alles, was dialektisch-raffiniert so organisiert wurde und noch wird, dass es ganz
echt erscheint, findet übereinstimmend mit dem Grundgesetz der Dialektik sein Ende, sein
unwiderrufliches Ende, das Ende der Selbstvernichtung. Denn, wer den Tod statt des Lebens
wählt, wird den Tod finden.

Zahllose entdeckten, wie gesagt, im Lauf der Zeiten den großen Verrat, die große
Irreführung. Sie gingen leider zum Atheismus über. Sie wandten sich radikal ab. Die Folge
war das Entstehen des historischen Materialismus, ein entsetzlicher Niedergang mit so
schrecklichen Folgen, dass auch in diesem Punkt eine Spur von Blut zurückblieb, wo der
historische Materialismus seinen Fuß hingesetzt hatte und sein Wille triumphierte. Die
heutige Menschheit leidet noch immer unter seinen Folgen.
Wer nun die Schuldfrage stellt, muss doch auf jene kommen, die sich seinerzeit als
Priester aufwarfen, als Autoritäten der Maße und als Priester behaupteten, Gott zu kennen,
Gottes Wege zu wandeln, jedoch völlig vergaßen, dieses zu beweisen. Im Gegenteil, sie
ließen das Blut Unzähliger fließen. »Der Atheismus«, so hat einst ein verzweifelter Theologe
gesagt, »ist eine der unbezahlten Rechnungen der Kirche.« In der Tat! So kehren die Folgen
aller Fehler stets wieder zu ihren Urhebern zurück. Und die Nachkommen der Verräter
übernahmen ein abscheuliches Erbe.
Jene aber, die im Lauf der Jahrhunderte oder jetzt in unserer Zeit wahrnehmen, dass keine
wahre Gotteskenntnis bei den offiziellen Religions-Ausübern vorhanden ist, müssen deshalb
doch nicht dem Atheismus und Materialismus verfallen. Denn sie konnten und können sich
vollkommen befreien vom überlieferten Wahn und vom Verrat und selbst die Gotteskenntnis
suchen. Wer wahrlich sucht, wird finden, denn die Wahrheit ist unvergänglich und
unzerstörbar.
Es ist ein vergebliches Bemühen, zu versuchen, die Wahrheit einzukerkern. Wer die
Wahrheit will, wird die Wahrheit befreien. Es ist falsch, wie es in dieser Welt geschieht, von
Gott als dem Unkennbaren, dem Unsichtbaren zu sprechen. Das ist ein Dogma, hinter dem
sich die Theologie gern verschanzt. Wenn Jesus der Herr sagt: »Niemand hat je Gott gesehen,
doch der Sohn des Menschen hat ihn uns erklärt«, dann ist damit nicht gemeint, dass die
Gnosis nur Privatbesitz Einzelner ist, sondern dass jeder Mensch, der zurückkehrt zur
Gnosis, zum Ursprung des gottmenschlichen Geschlechts, zur Seelenmenschheit der
Seelenwelt, wiederum ein Kind Gottes, ein Sohn Gottes wird. Für einen solchen Menschen
wird das göttliche Geheimnis enthüllt. Die hermetische Philosophie, deren Verfasser ein
Gotteskind in hohem Sinn war, übermittelt uns im zweiten Buch des Corpus Hermeticum kein
vages Dogma über Gott in der Art, wie man ihn in Bethäusern anbeten, ihm danken und ihn
verehren muss. Der Theologe hat den Menschen so weit gebracht, dass er Gott für alles
dankt, was er in der Welt der Dialektik zu erdulden und zu erleiden hat. Nichts geschieht ja
ohne den Willen des himmlischen Vaters? Das Absurdeste wird denn auch Gott, der
himmlischen Führung, zugeschrieben, sei es Segen, sei es Strafe, sei es als Belohnung oder als
Buße.
Nein, die hermetische Weisheit klärt uns auf über die Art, in der man Gott, den Quell aller
Dinge, und all seine Eigenschaften und seine Wirksamkeit absolut erkennen kann. »Gott«, so
heißt es im Prolog des zweiten hermetischen Buches, »ist und schafft Ewigkeit, Welt, Zeit
und Werden.« Anhand dieser Werke und Wirkungen kann man unbedingt durchdringen
zum Wesen Gottes, zur göttlichen Fülle selbst.
Viele werden wahrscheinlich sagen: »Wir haben aber noch nicht viel davon gemerkt. Die
Menschheit spricht, schreibt und studiert bereits Jahrhundert um Jahrhundert über die
verschiedenen Schöpfungserscheinungen, über Ewigkeit, Welt, Zeit und Werden. Alle
Wissenschaften jedoch, in denen so viele glänzen, können in den Rubriken zusammengefasst
werden: Ewigkeit, Welt, Zeit und Werden, aber all das hat uns noch keine Kenntnis über Gott
gebracht, im Gegenteil, höchstens den Zwiespalt noch vergrößert.«
Das Corpus Hermeticum antwortet bereits im Vers 6 auf diesen möglichen Einwurf, dass
man das Wesen Gottes nicht anders als geistig verstehen kann, dass Geist und Seele die
offenbarende Kraft Gottes bilden. Darum wird dieses Problem erst im zweiten hermetischen
Buch angeschnitten, nachdem im ersten Buch, Pymander, erklärt wird, wie die Gnosis, die
offenbarende Gotteserkenntnis, zum Kandidaten kommt, der den Pfad geht und 'als
wiedergeborene Seele seinem geistigen Ebenbild begegnet, dem geistigen Bild vom
Anbeginn.
Erst der Mensch, der den Pfad der Wiedergeburt geht und auf diesem Pfad seinen
Pymander, seinen verlorenen Geist findet und wieder damit vereinigt wird, ist reif und
fähig, um zur Gotteskenntnis durchzudringen. Wer einmal so ein Sohn Gottes, ein Kind
Gottes in der wahren Bedeutung des Wortes geworden ist, hat das Recht, den Vater zu
kennen, der über allem und in allem ist. Darum wird der Mensch, solange ihm noch der
Geist mangelt, solange er noch vollkommen in der Natur des Todes aufgeht, nichts finden,
was des Geistes ist.
Was hat jedoch die Welt daraus gemacht? Man hat das dialektische Denken, das sterbliche
Bewusstsein, den Ich-Menschen zum Geisteswesen erklärt! Das Aufstellen und in den
Menschen Verankern dieser ungeheuerlichen Lehre war das größte Verbrechen, das jemals
an der Menschheit begangen wurde. Darum verweist die Geistesschule des Goldenen
Rosenkreuzes, in der Nachfolge der Gnosis aller Zeiten, den irregeleiteten Menschen vor
allem auf die Notwendigkeit der Seelen-Wiedergeburt. Nur der wiedergeborene
Seelenmensch wird seinem Pymander begegnen. Sobald auf diese Weise der Geist im
Menschen lebendig geworden ist, wird ihm die Gotteserkenntnis offenbar.
XXVII

Die universelle Liebe Gottes

Gottes Liebe ist allgegenwärtig -- Die Liebe der Dialektik -- Zwei Arten Dialektik -- Die heilige Erde -- Eine Zeit
Gottes und eine Zeit der Menschen -- Der Tod Christi -- uns zum Leben

Nur der seelengeborene Mensch, der wieder mit dem Geistfeld und seinem Pymander
verbunden ist, kann zu wirklicher Gotteserkenntnis durchdringen; so sagten wir in unserer
vorigen Besprechung. Lassen Sie uns nun auf dieser Basis versuchen, einigermaßen das
zweite hermetische Buch zu verstehen. Wir müssen uns, wie Sie gelesen haben, dabei auf
Gott, Ewigkeit, Welt, Zeit und Werden besinnen.

Gott schafft die Ewigkeit, die Ewigkeit schafft die Welt, die Welt schafft die Zeit und die Zeit
das Werden. Das Gute, das Schöne, die Seligkeit und die Weisheit formen gleichsam das Wesen
Gottes; das Wesen der Ewigkeit ist Unveränderlichkeit; das Wesen der Welt ist Ordnung; das
Wesen der Zeit ist Veränderlichkeit; und das Wesen des Werdens ist Leben und Tod.

Es gibt fünf Manifestationen in der Alloffenbarung: Gott, Ewigkeit, Welt, Zeit und Werden.
Gott als der Quell ist der Geist, der universelle Geist, der nichts anderes ist, von dem also
nichts anderes ausgeht als das Gute, das Schöne, die Seligkeit und die Weisheit. Was aus
diesem Urbronn der Dinge hervorquillt, ist ewig, immerwährend, unveränderlich, statisch
sowohl in der Kraft als auch im Vermögen. Gott und die Ewigkeit, so kann man sagen, sind
sie selbst.
Die Ewigkeit, als primäre Offenbarung Gottes, offenbart das Gute, das Schöne, die
Seligkeit und die Weisheit; das heißt: die universelle Liebe, das höchste Glück, die völlige,
absolute, allgegenwärtige, allumfassende Kenntnis. Das sind die Werte, die kein Ende haben.
Gott bewirkt aus sich selbst die Ewigkeit, und diese besitzt Werte, die man in Einheit
andeuten kann als die Liebe.
Die universelle Liebe Gottes ist allgegenwärtig. In der Ewigkeit, die uns alle umfangen
hält, existiert sie als eine Strahlungsfülle, als ein alles umfangendes Feld. Sie müssen sich die
Ewigkeit nicht weit fort denken. Die Ewigkeit ist hier, und existenziell sollten Sie sie und
folglich auch die universelle Liebe im Jetzt umfassen und erhalten, daran teilhaben können.
Das ist ganz anders als im dialektischen Zustand.
Das Gute, das Schöne, die Seligkeit und die Weisheit sind in der Ewigkeit allgegenwärtig
so wie ein Raum von Rosenduft oder Licht erfüllt sein kann. In diesem Raum ist dann keine
Stelle zu finden, wo der Duft oder das Licht nicht sind. So ist die Alloffenbarung von Gott
erfüllt, mit Gott gefüllt. Diese Tatsache ist Ewigkeit im Sinn der Dauerhaftigkeit, also
immerwährend, unveränderlich.
Wir können das besprechen, aber sobald Sie etwas von der Seele erhalten, werden Sie es
absolut erfahren. In der Welt der Dialektik ist es keineswegs so. Wie gut Sie es vielleicht auch
einmal hier haben können, verbinden Sie niemals dialektische Zustände und Verhältnisse mit
der universellen Liebe der Ewigkeit. Das ist etwas ganz anderes. Sobald Sie Offenheit der
Seele besitzen, werden Sie das unmittelbar verstehen. Sie verstehen dann gleichzeitig, dass
ein derart mächtiges, allgegenwärtiges Geistfeld mit solchen gewaltigen Werten ein Ziel hat.
Darum sagen wir in einem unserer Gebete: »Die Liebe muss sich offenbaren, das ist der
Grund ihres Bestehens.« Die universelle Liebe, die aus Gott ist, will immer gestalten. Ihr
höchstes Ziel ist Werden. Und aus dem Werden, aus der Geburt, folgt ein Erheben zu sich
selbst, damit das in Liebe Gewordene das höchste, herrlichste und schönste Glück in
Ewigkeit genießen und verbreiten kann. Und schließlich wird es sich ganz in der Liebe
Gottes verlieren, sich selbst verlieren in Zielen, denen wir in unserem Seinszustand nicht
nachzuspüren vermögen.
Weil die Liebe Gottes da ist, um auf die eine oder andere Weise zu gestalten, darum
entwickelt sich aus der Ewigkeit die Welt, sagt Hermes Trismegistos (im Vers 13):

Die Ewigkeit formt die Welt zu einer Ordnung, indem sie die Materie durchdringt mit
Unsterblichkeit und Dauerhaftigkeit. Das Entstehen der Materie ist abhängig von der Ewigkeit,
so wie die Ewigkeit selbst wieder abhängig ist von Gott.

Jedes Atom ist potenziell mit den universellen, ewigen Werten des Logos geladen. Aus der
Ewigkeit entwickelt sich also der Raum. Im Raum ist die Ursubstanz, und aus dieser
Ursubstanz werden die Systeme der Sterne und auch die Welt gebildet.
Verfallen Sie nun nicht in den Fehler, in erster Linie an die dialektische Welt zu denken.
Die hier gemeinte Welt ist nicht die Erde, wie wir sie kennen mit ihrer Trübsal und ihrem
Leid. Nein, hier wird die heilige Erde gemeint, von der die Gnostiker sprachen, die heilige
Erde als Unterabteilung des göttlichen Universums, deren Pracht jene schauen dürfen, die
zur Welt des lebenden Seelenzustandes erhoben wurden. Es ist klar, dass ein auf diese Weise
geoffenbartes Universum seine Ordnung, seine Gesetzmäßigkeit kennt, dass es dieser
Ordnung, bestimmten Strahlungsgesetzen entsprechen muss, um das eine große Ziel zu
fördern und zu erreichen. Deshalb ist das Wesen der Welt Ordnung, eine Ordnung, die sich
vollkommen harmonisch zum Logos verhält.
Jede Welt kennt und besitzt eine solche Ordnung, die gesetzmäßig harmonisch auf das
große Ganze abgestimmt ist, damit das Gesetz, das alle zusammenhält, nicht gestört wird. So
verstehen Sie, dass eine solche Welt, die auf ihre eigene Ordnung gegründet ist, auch ihre
eigene Zeit besitzt. Jede Welt hat eine eigene Zeit. Jede Welt ist der Ausdruck eines Prozesses,
der erfüllt werden muss. Ein Gesetz oder eine Ordnung dient dazu, ein bestimmtes Ziel, eine
gewisse Entwicklung zu einem guten Ende zu führen. In unserer Welt dient ein Gesetz oft
dazu, etwas in Schranken zu halten. Aber im universellen Leben ist ein Gesetz direkt mit
einem bestimmten Ziel verbunden, das auf die Erfüllung der ewigen Liebe gerichtet ist.
Wenn die Liebe Gottes sich kraft ihres Wesens mitteilen muss, da das der Grund ihres
Bestehens ist, dann dienen die Welt und die Zeit der Welt dazu, dieses Ziel zu erreichen. Das
Wesen der Zeit ist also Veränderung.
Nun meinen Sie vielleicht, dass Sie das Wesen der Veränderung sehr gut kennen. Aber
irren Sie sich nicht! Denn auch diesem Begriff muss man sich geistig nähern und ihn geistig
verstehen. In der Bibel wird gesagt: »Es gibt eine Zeit Gottes, und es gibt eine Zeit der
Menschen.« So müssen wir also zwei Arten Zeit unterscheiden. Der religiöse Mensch meint,
wenn von der Zeit Gottes gesprochen wird, dass in unserem Leben Dinge geschehen, in
unserer Zeit Prozesse vollzogen werden können, durch Kräfte und Mächte von außen, durch
Kräfte und Mächte, die wir nicht in unserer Hand haben. Wenn sich plötzlich, manchmal wie
Explosionen, eingreifende und unvorhergesehene Geschehnisse oder Situationen in unserer
Zeit offenbaren, dann spricht man in religiösen Kreisen von Gottes Zeit. Mit Hilfe dieser
Betrachtungsweise lehrt der Theologe seine Laienschar einerseits Ergebung und andererseits
Angst -- Ergebung in das Leiden und Angst vor der Strafe, Angst vor dem
Unwiederbringlichen.
Es sind jedoch Strahlungsgesetze, die das All beherrschen. Sie vollziehen periodisch
Veränderungen, damit dadurch schließlich das eine Leben, welches die Liebe selbst ist,
verwirklicht und so das höchste Ziel der Liebe Gottes erreicht wird. Das heißt: höchste
Menschwerdung, die Fleischwerdung des Wortes in höchstem Sinn. Der Zweck des
Werdens, das Wesen der Geburt ist Leben. Darum muss es eine göttliche Zeit geben mit einer
prozessmäßigen Veränderung als Wesen, wodurch das eine in das andere übergeht, stets
höher, stets herrlicher, fortschreitend von Kraft zu Kraft und von Herrlichkeit zu
Herrlichkeit.
So gibt es also zwei Arten Dialektik. Da ist die Dialektik, die wir kennen, mit ihrer
Veränderung, ihrer Auflösung eines unhaltbaren Lebens im Tod, die Dialektik, die uns so
bekannt ist mit ihrem Entstehen, Blühen und Vergehen. Aber es gibt auch eine hermetische
Dialektik, die allein geistig verstanden werden kann, die in Beziehung steht zum Prozess des
ewigen Werdens.
Die Existenz dieser Dialektik, dieser Zeit, die kein Tod, sondern Veränderung ist, kann
leicht bewiesen werden. Wenn die Sonne scheint und Licht aussendet, sind die Lichtstrahlen,
die uns gestern trafen, nicht dieselben wie die, die heute zu uns kommen. Die Strahlen von
gestern haben ihr Ziel, nämlich unser Wesen, erreicht und haben darin eine bestimmte
Wirksamkeit verursacht, jedenfalls wenn wir dafür offen waren. Die gestrigen Lichtstrahlen
sind also in uns vergangen, in uns verstorben, verschwunden, aufgelöst. Und heute sind
neue Lichtstrahlen zu uns gekommen.
Wenn Sie dieses Beispiel nun als ein gnostisches Bild benutzen, dann wissen Sie, dass
auch das Licht der Gnosis täglich in uns stirbt, nachdem es sein Ziel, Veränderung, erreicht
hat. Aus diesem sich beständig opfernden Licht vollzieht sich also ein sich unaufhörlich
veränderndes Leben, ein ewiges Werden von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, von Kraft zu
Kraft. Darum sagt Pymander: »Das Wesen des Werdens ist Leben.«
Wer diesem Prozess widersteht, wer den Weg des Seelenwerdens nicht kennt oder nicht
will, wird immer von der Dialektik der Todesnatur ergriffen werden. Nicht das Leben,
sondern der Tod wird dann sein Teil werden. Das ist nicht die Dialektik, von der Pymander
spricht, nicht die göttliche Dialektik, sondern die Dialektik der Todesnatur, der Aufhebung.
Darum kann der Kandidat nur durch Christus überwinden, nur durch das Licht der
Gottesnatur. Nur durch das Licht des lebenden Seelenzustandes kann das eine Leben
verwirklicht werden. Das Licht der Gnosis strahlt immer. Es ist das universelle Licht, das
Licht der universellen Sonne, und es opfert sich ununterbrochen, genauso wie das Licht der
Dialektik sich opfert. Aus diesem Grund wird gesagt, dass der Tod Christi, das Opfer Christi,
uns zum Leben wird. Wenn wir die theologischen Auslegungen beiseite lassen, verstehen wir
das vollkommen. Das Licht Christi ist in Ewigkeit. Es schenkt sich uns täglich, es stirbt in uns
zur Umwandlung unseres ganzen Wesens. Jeder, der sich dafür öffnet, hat teil an der
hermetischen Dialektik.
XXVIII

Das Geheimnis unseres Ursprungs

Was ist Leben -- Gott und Mensch -- Die Geistseele ist das Kind Gottes -- Wo der Geist des Herrn ist, da ist
Freiheit -- Das Ablegen der karmischen Last -- Der Notordnungsplan Gottes -- Gott, offenbart im Fleisch

Das Gute, das Schöne, die Seligkeit und die Weisheit


formen gleichsam das Wesen Gottes;
das Wesen der Ewigkeit ist Unveränderlichkeit;
das Wesen der Welt ist Ordnung;
das Wesen der Zeit ist Veränderlichkeit;
und das Wesen des Werdens ist Leben und Tod.

Wenn Sie diese hermetische Aufzählung betrachten, wie wir das zuvor getan haben, dann
werden Sie vielleicht die besprochenen Ansichten verstehen. Der Zweck des Corpus
Hermeticum ist jedoch, dass Sie auch den Zusammenhang zwischen diesen Ansichten in
einem ganz neuen Sinn vollkommen ergründen, nämlich die tiefste Ursache und das wahre
Wesen des Lebens. Die sehr verschleierte Absicht des Hermes Trismegistos ist, uns das
Geheimnis unseres Ursprungs zu erklären.
Wenn man eine Anzahl Menschen fragen würde: Was ist Leben, dann ist es nicht
unmöglich, dass sie sehr verschiedene Antworten geben würden. Eine bunte Reihe von
Philosophen hat im Lauf der Jahrhunderte über dieses Thema spekuliert. Es kann jedoch als
ziemlich sicher gelten, dass keine der Antworten und Meinungen dieser Philosophen mit der
Antwort Pymanders übereinstimmt.
Pymander sagt als Antwort auf diese Frage: Die Wirkung des Werdens, die Wirkung der
Geburt ist die Eigenschaft.
Eine seltsame Antwort! Daraus ergibt sich, dass die hermetische Gnosis unseren
Lebenszustand, unsere Lebenserscheinung nicht als ein Ganzes, nicht als unabhängig
betrachtet, sondern nur als eine Eigenschaft, als Eigenschaft eines anderen Lebens, als Folge
eines bestimmten existierenden Lebens. Das Wesen der Geburt der vierfachen Persönlichkeit
ist, so sagt die Gnosis, nichts anderes als eine Eigenschaft, eine Generation, eine Erweckung,
eine Offenbarung des wahren Lebens. Der Leser muss hierbei bedenken, dass wir in unserer
Betrachtung nicht vom Naturzustand ausgehen, sondern vom lebenden Seelenzustand; denn
nur der Seelenzustand kann geistig verstehen.
So müssen wir nun erkennen, dass das wahre Leben, das Pymander meint, das Leben, das
wirklich diese Bezeichnung verdient, das Leben des Geistes ist, das Leben Gottes; und dass
eine sehr innige Verbindung besteht zwischen der Eigenschaft, der Lebenserscheinung, und
dem Leben selbst, also zwischen Gott und dem Menschen. Der Persönlichkeitszustand ist
nur eine Eigenschaft, ein Zustand, eine Offenbarung des einen Lebens. Warum will das
Leben des Geistes sich solche Eigenschaften erwerben?
Diese Eigenschaften müssen dazu dienen, das eine Leben auszubreiten, größer,
gewaltiger, majestätischer zu machen. Der ganze Entwicklungsgang zur Offenbarung von
Eigenschaften, aus dem Guten durch die Ewigkeit, von der Ewigkeit durch eine
zeiträumliche Ordnung, durch Veränderung zur Geburt, dieses gigantische Werden der
Eigenschaften bezweckt nichts anderes als eine Ausbreitung, ein Ausbrechen des Geistes in
Vermögen, zur Offenbarung der Glorie des göttlichen Zustandes. Darum steht im Vers 6 des
zweiten Buches: Geist und Seele sind die aktive, offenbarende Kraft Gottes. Pymander, das Gemüt,
die Geistseele ist der wahre Lebenskern, die Geistflamme, der Geistfunke. Dieser Lebenskern
ist kraft seiner wesentlichen Art das Leben. Dieser Lebenskern wird oder ist beseelt. Gemüt
und Seele sind folglich eins. Pymander und Hermes, Geist und Seele, sind oder bilden Gott.
Die Seele ist das Licht, die Formseite des Geistes. Wer nach dem Seelenzustand vollkommen
wiedergeboren ist, kann von dem Christus in sich, von dem Licht gewordenen Gott in sich
sprechen. Geist und Seele, Vater und Sohn, Pymander und Hermes, sie sind eins. Mit
Pymander bildet die Lichtseele das Kind Gottes. Mit Pymander wird die Seele der dreimal
große Merkur, Hermes Trismegistos genannt, eine Andeutung, die auf das Hervorbrechen
des neuen Bewusstseinszustandes in der größtmöglichen Herrlichkeit hinweist. Das alles
betrifft den Seelenmenschen des Ursprungs. Darum ist die Wirkung der Ewigkeit das ewig
Dauernde, die Unsterblichkeit.

Nun kann in Ihnen die Frage brennen: Wie ist es denn möglich, dass der Seelenmensch in
einen solchen sterblichen Zustand, einen solchen Höllenzustand geraten ist?
Die Antwort auf diese Frage ist verhältnismäßig einfach. Die Wirkung der Ewigkeit ist
das ewig Dauernde, die Unsterblichkeit. Doch muss der Seelenmensch mit seiner
Offenbarung fortfahren. Wenn der Geist Licht, also Seele wird, wenn der Vater den Sohn
erzeugt hat, dann muss der Seelenmensch weitergehen zum lebendig machenden Geist.
Etwas, das beseelt ist, muss sich weiter offenbaren. Deshalb sagen wir, dass »uns etwas auf
der Seele brennt«. Wer von etwas beseelt ist, muss es offenbaren. Sobald dann auch der Geist
Licht wird, sobald der Vater den Sohn erzeugt hat, muss der Sohn, die Seele, die Lichtkraft,
fortfahren, sich zu offenbaren. Dann ist dort ein Feuer, das ausbrechen muss. Von etwas
beseelt sein ist also niemals ein Ziel an sich. Die Seele brennt, um sich zu offenbaren, um
irgendetwas zu tun. Die Seelenbeschaffenheit ist eine Möglichkeit, eine Kraftkonzentration
zur Offenbarung, lediglich ein Konzentrationspunkt, ein Mittel zum Zweck.
Sobald der Geist Licht wird, geschieht etwas. Eine Seelenbeschaffenheit, eine Seele ist
darum in Wirklichkeit fortdauerndes Verlangen. Wenn der Geistfunke die Eigenschaft der
Seele besitzt, muss der Prozess weitergehen, ist er nicht mehr aufzuhalten. Aber Sie kennen
vielleicht das Wort aus dem 2. Korintherbrief, Kapitel 3, Vers 17: »Wo der Geist des Herrn ist,
da ist Freiheit.« Das Leben des Geistes, das Prinzip des Geistes ist Freiheit. Geist kennt
niemals Zwang. Darum muss die Seele sich in der Freiheit weiter offenbaren, um zu
beweisen, was sie beseelt. Was sich dem Zwang fügt, kann niemals echt genannt werden,
denn es kommt niemals von innen. Es kann niemals Geist sein; denn »wo der Geist ist, da ist
Freiheit!« Darum gilt in der gesamten Alloffenbarung das Prinzip der Freiheit grundsätzlich
und praktisch. Was Sie an Leid und Schmerz erdulden, wurde und wird, mikrokosmisch
gesehen, von Ihnen selbst entfesselt und instand gehalten. Leid und Schmerz sind die Folgen
der zahllosen Dummheiten, die Sie selbst in diesem Leben begangen haben oder die von
Persönlichkeiten verursacht wurden, die früher in Ihrem Mikrokosmos gelebt haben. Diese
ungeheure Schuldenlast wird als Karma bezeichnet und muss übereinstimmend mit dem
Prinzip der Freiheit vom an das Rad gefesselten Menschen selbst neutralisiert werden.
Darum ist es so herrlich, dass Ihnen die Möglichkeit geschenkt wurde, im strahlenden
Gnadenlicht der Gnosis das Karma zu vernichten. Wenn Sie persönlich an diese Schuld
gebunden blieben und alles abbüßen müssten, was sich an Sündenlast im Lauf der Äonen in
Ihrem Mikrokosmos angesammelt hat, wäre Ihr Zustand praktisch hoffnungslos. Darum eilt
die Gnosis, die Liebe Gottes, Ihnen zur Hilfe. Ist es nicht herrlich zu wissen, dass Sie Ihre
ganze karmische Last von sich abschütteln können, wenn Sie es nur wahrhaftig mit dem
gnostischen Pfad wagen? Möge Ihnen darum klar werden, was das zweite Buch weiter sagt:

Die Rückkehr zur Vollkommenheit und die Denaturierung sind die Wirkungen der Welt;
Zunehmen und Abnehmen sind die Wirkungen der Zeit; das Werden hat als Wirkung die
Eigenschaft.

Die entstandene Geistseele wird in Freiheit in das siebente kosmische Gebiet, den Garten der
Götter, die alchimische Werkstätte gesandt, um geführt, gedrängt, getragen durch den
Geistfunken das, was sie beseelt, zur Offenbarung zu bringen. Dort, im Universum des
siebenten kosmischen Gebietes, existiert die absolute Freiheit zum Aufrichten oder
Vernichten. Dort ist es möglich, jeden Prozess zunehmen oder abnehmen zu lassen. So kann
jede Geistseele ihre Selbstständigkeit beweisen, ihren hohen Zustand offenbaren. Und im
Geist liegt der Gottesplan, die Allwissenheit, die vollständige Rezeptur beschlossen. Wenn
die Seele in ihrem dynamischen Drängen sich mit dem Geist verbindet, kann in Freiheit alles
verwirklicht werden. Die Selbstverwirklichung ist absolut möglich.
Sich mit der Eigenschaft auszurüsten, die wir das Instrumentarium, die Persönlichkeit
nennen, ist eine der Qualitäten der Geistseele. Die Geistseele wird in das siebente kosmische
Gebiet gesandt, um sich zuerst eine ideale Persönlichkeit zu verschaffen, ein vollkommenes
Instrumentarium also, um den großen Gottesplan zu beweisen und auszutragen. Deshalb
heißt es in der Legende vom Adamitischen Menschen, der ins Paradies der Götter ging, dass
ihm dort aufgetragen wurde, allen Geschöpfen einen Namen, das heißt eine Kraft zu geben.
Denn ein Name ist eine Kraft, eine Signatur. Verstehen Sie, wie gewaltig der Gottesplan mit
Welt und Menschheit ist? Man kann deshalb die Persönlichkeit eines jeden Menschen als
Eigenschaft der Geistseele beurteilen und feststellen, ob die Eigenschaft der Geburt beweist,
dass es während des Prozesses Zwischenfälle gegeben hat und daher mit einem Menschen
etwas nicht stimmt, oder aber ob das große alchimische Werk gelungen ist.
In diesem Zusammenhang ist es nützlich, noch einmal kurz auf den gewöhnlichen
Seinszustand in der Todesnatur einzugehen. Der Mensch ist als Persönlichkeit ein
Instrumentarium, aber man kann nicht behaupten, dass er kraft seines natürlichen Zustandes
eine Eigenschaft der ursprünglichen Geistseele ist. Es ist zwar Seele in ihm, es arbeitet wohl
Seele in seiner Persönlichkeit, aber diese Seele ist nicht aus dem Geist zu erklären. Es sind
ganz andere Kräfte, die ihn beseelen, und das, was ihn beseelt, was ihn zu Handlungen
treibt, bringt als Resultat Materie, die horizontale Linie, Dialektik, Todesnatur hervor. Kraft
seines Naturzustandes vervollkommnet der Mensch als Eigenschaft entschieden nicht das
Ziel der ursprünglichen Seele.
Die Seele, die ursprünglich im Mikrokosmos den Geistfunken umhüllte, hat ihre Freiheit
missbraucht, wodurch die pymandrische Verbindung, die Verbindung mit dem Geist,
zerbrochen wurde. Der Geist ist ewig, der Geist ist vollkommen. Wenn die Seele des Geistes
im Unvollkommenen ist, sich im Hinblick auf das höchste Ideal, das große Ziel, falsch
verhält, wird die Verbindung zerbrochen. Ohne den Geist ist die Seele sterblich: »Die Seele,
die sündigt, muss sterben«, sagt die Bibel.
Darum gab es, so kann man sagen, in einem gegebenen Augenblick keine lebenden Seelen
mehr. Um Abhilfe zu schaffen, gibt es den dialektischen Instandhaltungsprozess. Die Seele
besitzt immer das Vermögen, sich zu spalten, sich zu vervielfältigen. Der natürliche
Instandhaltungsprozess schenkt stets wieder die Möglichkeit, dass eine Seele, jetzt eine
sterbliche Seele, über das Endura die Wiedergeburt der ursprünglichen Seele aufruft und
dadurch die Verbindung mit dem Geist, die Bindung mit Pymander wiederhergestellt wird.
Das ist es, was in der Geistesschule der Notordnungsplan Gottes genannt wird.

Die ursprüngliche Seele hat ihre Freiheit missbraucht, wodurch sie als Ausdruck des Geistes
starb. Da aber die Seele aus Gott und eine lebende Eigenschaft war, fuhr sie fort und erschuf
sich eine Persönlichkeit zum Zweck der Seele. In dem Maß, wie die ersten Seelen vom Pfad
abwichen, wurde das Verhältnis zwischen Geist und Seele allmählich zerbrochen. Die Seele
lebte damals unvorstellbar länger als die heutige, sterbliche Seele. So erhielt sie die
Gelegenheit, unter dem Einfluss der Kosmokratoren sich eine Persönlichkeit zu formen, die
allmählich bis zum jetzigen Zustand denaturierte. Und der Geistfunken im Herzen des
Mikrokosmos ist verstummt.
Erkennen Sie darum, wie logisch es ist, dass Ihre Persönlichkeit sterblich ist und die
sündige Seele, das Ich, im Endura untergehend, durch Wiedergeburt der ursprünglichen
Seele eine wiederhergestellte Geistbindung ermöglicht, eine erneute Vereinigung mit
Pymander. Dieser wird dann wieder im Herzen des Mikrokosmos leuchten und als Gemüt
zur hermetischen Seele sprechen. Auf diese Weise wird der ursprüngliche Fehler, die
Abirrung, behoben.
Deshalb wollen wir nicht zu lange bei der sündigen Art des heutigen Menschen stehen
bleiben, sondern auf den Rückweg hinweisen, den Pfad der Transfiguration. Dort wird der
Fehler, die Abirrung, berichtigt. Und wenn der Mensch dann auf dem ehemaligen
Basispunkt steht, der Seelenwelt, dem Zustand des Seelenmenschen, dann beweist er erneut:
»Wo der Geist des Herrn ist, dort ist Freiheit.«
So ist dann schließlich die Verirrung lediglich ein Zwischenfall im Rahmen der Ewigkeit.
Bleiben Sie deshalb nicht bei Ihren primitiven Gewohnheiten und sündigen Neigungen
stehen, sondern gehen Sie kraftvoll und fest entschlossen den Weg der Transfiguration, und
Sie werden alle Fehler auslöschen.
Folglich haben Sie zu lernen: Wer zur Gnosis, zur Kenntnis Gottes durchdringen will,
muss sich auf dem Weg der Transfiguration umwandeln zu einer Eigenschaft der Geistseele.
Dann wird die Kenntnis, die daraus entspringt, ihn erkennen und erfahren lassen, dass jede
Eigenschaft der Geistseele unmittelbar auf den Geist, auf den Urquell zurückzuführen ist
und dass die Einheit des Geistes, der Seele und des Körpers wahrlich ist: Gott, geoffenbart im
Fleisch.
Jede wiedergeborene Seele muss den Gott in sich entdecken, ihm begegnen und ihm
folgen. Wer diese Gnosis erwerben durfte, kann mit Hermes bitten: Sprich mir nun von der
Weisheit Gottes! Was ist die Weisheit Gottes?
XXIX

Lasst uns still werden!

Das Geistfunkenatom -- Der Merkur-Mensch -- Die Einheit zwischen Herz und Haupt -- Der Kehlkopf -- Der
neunfache Mensch -- Die drei menschlichen Tempel -- Das Allerheiligste -- Lasst uns still werden vor dem
Herrn

Nun denn, sei still, o Hermes Trismegistos, und bewahre gut, was ich dir sagen werde.

So spricht Pymander am Anfang des zweiten Buches. Und Hermes antwortet:

Es wurde viel und von allen möglichen Seiten über das All und Gott gesprochen, die
Meinungen widersprechen sich jedoch, sodass ich die Wahrheit darin nicht erkannte. Willst du,
Herr, mir es erläutern? Denn nur deiner Offenbarung werde ich Glauben schenken.

In den vorigen Kapiteln haben wir uns in die Erklärungen vertieft, die Pymander auf
Hermes' Fragen gegeben hat. Und da es schließlich darum geht, dass jeder Kandidat, ebenso
wie Hermes, Pymanders Worte vollkommen innerlich verstehen lernt, halten wir es für gut,
Ihnen einen Rat zu geben, einen Rat, mit dem Pymander seine Worte an Hermes einleitet.
Pymander beginnt, indem er sagt: »Sei still!« In der Bibel wird dieses sehr besondere
Stillsein mehrmals erwähnt. Denken Sie einmal an Psalm 4: »Redet in eurem Herzen und
harret still«, und an Psalm 62: »Meine Seele wendet sich still zu Gott«. Ferner an das
treffende Wort aus Jesaja 18: »Ich werde still halten und schauen in meine Wohnung«, und
Paulus rät im ersten Brief an die Thessaloniker seinen Schülern: »Ringet danach, dass ihr
stille seid.«
Dieses Stillsein deutet auf einen bestimmten Zustand des Herzens hin. Das Herz der
Persönlichkeit stimmt ungefähr mit dem Mittelpunkt des Mikrokosmos überein. In diesem
Mittelpunkt finden wir die Rose, das Geistfunkenatom, den ursprünglichen
Begegnungspunkt der Gnosis mit dem Schüler, des Geistes mit der Seele, Pymanders mit
Hermes. Im natürlichen menschlichen Zustand ist das Herz jedoch der Ort der
verschiedenen wühlenden und kochenden Begierden, Ängste und Leidenschaften. Im
gewöhnlichen Seinszustand ist das Herz des Menschen alles andere als still!
Wenn Sie ein hermetischer Mensch werden wollen, ein Mensch, der ein Hermes, ein
Merkur genannt werden kann, dann müssen Sie im Herzen still werden. Der Begriff
»Hermes« oder »Merkur« bezeichnet den Menschen, der im neuen Seelenbewusstsein
erwacht ist, den Menschen, für den sich die göttliche Weisheit öffnet, der also das
Hauptheiligtum zu seiner hohen Berufung erhebt. Aber diese Berufung kann nicht erfüllt
werden, wenn der Schüler nicht zuvor lernt, sein Herz in Stille für den Geist zu öffnen. Die
Stille des Herzens zu verwirklichen ist eine Aufgabe, die allen, welche die Gnosis wahrhaft
suchen, aufgetragen wird. Sie weist darauf hin, dass das Herz gereinigt, völlig ruhig,
ausgeglichen und offen sein muss.
Sie haben wahrscheinlich schon einmal vom kleinen Blutkreislauf gehört. Dieser bildet
gleichsam eine besondere Blutsbeziehung zwischen Herz und Haupt. Herz und Haupt sind
vollkommen eins; wir müssen sie deshalb auch stets in ihrem Zusammenhang betrachten.
Deshalb ist für den Schüler auf dem Pfad ein Gleichgewicht zwischen Herz und Haupt in
Denken, Wollen, Fühlen und Handeln sowie in Reaktion und Erfassen eine unabweisbare
Forderung.
Wenn jedoch Ihr Herz unruhig ist, können Sie unmöglich gut und frei denken. Wenn Ihr
Herz voller Angst und Gespaltenheit ist, dann arbeitet Ihr sinnlicher Organismus ungenau
und unregelmäßig. Dann können Sie Menschen und Dinge nicht klar sehen oder beurteilen
und verfallen oft der Kritik mit all ihren Folgen. Wenn das Herz in seinem gewöhnlichen
Zustand der natürlichen Unreinheit bleibt -- und das ist der Fall, wenn Ihr ganzes Wesen auf
die Todesnatur abgestimmt ist und bleibt --, dann können Sie auch nicht gut zuhören und
nicht gut verstehen. Das Wesen der Todesnatur ist immer Chaos. So entstehen im Herz-
Haupt-System des naturgerichteten Menschen stets große Spannungen, die ihn zu falschem
Handeln verleiten.
Im Herz-Haupt-System befindet sich ein Sicherheitsventil, nämlich der Kehlkopf, der mit
dem Kehlchakra verbunden ist. Über dieses Chakra und seine wahre Funktion wurde in
unserer Schule bisher noch niemals gesprochen, weil die Zeit dafür noch nicht reif war.
Darum genügt es in diesem Zusammenhang, wenn gesagt wird, dass der dialektische
Mensch den Kehlkopf missbraucht, um die aufgehäuften Spannungen abzureagieren. Der
Kehlkopf ist ein Schöpfungsorgan. Unaufhörliches Schwätzen, endlose Gespräche, die
keinen wesentlichen Inhalt haben oder einen äußerst bedenklichen, sind die Mittel, mit
denen der Mensch sein Uöbermaß an Spannungen zu lösen versucht. Dieses Abreagieren
geschieht immer auf Kosten und zum Schaden anderer. Die Notwendigkeit des Stillwerdens,
des Reinwerdens des Herzens, möge Ihnen darum wieder einmal klar werden.
Wenn Ihr Herz still und rein ist, wird auch das Haupt frei für die Funktionen, für die es
berufen ist. Dann funktionieren die sinnlichen Organe ganz anders. Erst dann können Sie
zuhören. Die Brüder und Schwestern der Urgnosis hatten die Gewohnheit, sich gegenseitig
stets auf diese Notwendigkeit hinzuweisen. Darum hieß es am Anfang ihrer
Zusammenkünfte immer:

Lasst uns still werden vor dem Herrn


Damit wir wahrlich hören mögen,
damit wir wahrlich verstehen werden.

Wie wir besprachen, ist die Persönlichkeit des Menschen im Licht der hermetischen
Philosophie eine Eigenschaft des Mikrokosmos, ein Resultat der Geistseele. Die Eigenschaft
ist also die Verkörperung des Plans, der im Geist ist und sich in der Seele als Geistdrang
offenbart. In der Eigenschaft oder Verkörperung bilden Geist und Seele mit dem Körper eine
Drei-Einheit.
Im Geist sind außer der eigenen Art auch die Art der Seele und die Art der Eigenschaft,
des Körpers, beschlossen. In der Seele widerspiegelt sich der Geist und projiziert die
Eigenschaft, der Körper, sich nach außen. Im Körper sind die drei zu einem geworden. Es
sind also dreimal drei gleich neun Ansichten, der klassische neunfache Mensch. Darum wird
die Zahl Neun stets die Zahl des Menschen genannt.
Im Körper finden wir auch drei Heiligtümer, die dazu berufen sind, der wahren
menschlichen Drei-Einheit Ehre zu erweisen: Das Haupt muss das Heiligtum des Geistes
sein, das Herz das Heiligtum der Seele und das Milz-Leber-System, das wir als den
biologischen Tempel bezeichnen, das Heiligtum des Körpers. Diese drei Tempel müssen
harmonisch zusammenwirken, und zwar jeder seinem Zustand und seiner Bestimmung
entsprechend. Der biologische Tempel ist berufen, alle natürlichen Prozesse der
Persönlichkeit nach der Art der Seele und des Geistes zu regeln und zu versorgen. Wird der
Schwerpunkt der Ausrichtung auf das Biologische, Dialektische, die horizontale Linie
verlegt, wie es bei den meisten Menschen der Fall ist, dann werden Herz und Haupt diesem
untergeordnet. Dann entsteht ein Kristallisationsprozess in der Persönlichkeit, das Herz wird
ein Chaos astraler Unruhen, und der Gehirnverstand ist nur wirksam und tauglich für das
gewöhnliche, natürliche und tierische Leben. Dann kann das Herz nicht still werden vor der
Gnosis, vor dem Herrn, sondern spiegelt den Daseinskampf wider, was immer mit dem Tod
enden muss.

Weil das biologische Herz ungefähr mit dem Herzen des Mikrokosmos übereinstimmt und
in diesem Herzen der stille Wächter, die Rose, der Gottmensch gefangen liegt, weil diese Rose
unaufhörlich einen Ruf aussendet in das ganze Wesen, um die wahre, schweigende Sphinx
aus dem Wüstensand zu erlösen, ist es klar, dass die Schule des Rosenkreuzes ihren Schülern
immer wieder rät, den Schwerpunkt ihres Lebens vom biologischen Tempel in den Tempel
des Herzens zu verlegen. Denn der Tempel des Herzens ist der Tempel der Seele. Die Seele
muss das Licht Christi sein. Die Seele muss der Sohn des Vaters werden. Darum muss das
Herz wieder sein Bethlehem, seine Wiedergeburt feiern.
Das bedeutet keineswegs, dass der biologische Tempel seines Glanzes beraubt wird, im
Gegenteil! Wenn Ihr Seelentempel wieder Licht wird, werden alle biologischen Prozesse
davon profitieren. Gleichzeitig werden Sie die Tür öffnen zum Allerheiligsten, zum höchsten
Tempel, dem Tempel des Hauptes, des Geistes, der Weisheit.
So erkennen Sie, dass der Schlüssel der gnostischen Mysterien im Herzen liegt. Der König,
der Geist, muss dort erlöst werden und wieder seinen Thron im höchsten Heiligtum
einnehmen, geführt vom Licht der Seele. Darum müssen auch für Sie, in sehr tiefem Sinn,
unaufhörlich die Worte erklingen:
Lasst uns still werden vor dem Herrn.
Lasst uns so das Herz umwenden.
Lasst uns den Altar öffnen und
das Heilige, das dort verborgen liegt,
erwärmen im Licht der universellen Sonne.
Lasst uns die Arbeit im biologischen Heiligtum einstellen
und den positiven Altardienst in das Herz verlegen.

Wenn Sie damit Erfolg haben, werden die Lichtströme des Heils in Sie einströmen. Sie
werden Ihr ganzes Wesen erfüllen und ein Gewand aus neuem Licht um Sie breiten als ein
Atemfeld, als ein goldenes Hochzeitskleid. Eingebettet in diese ungeheure Lichtsphäre wird
die gesamte Persönlichkeit zur Transfiguration geführt. Nach der Wiederherstellung der
Seele: Verbindung mit dem lebendigen Geist; Gegenüberstellung mit Pymander und
schließlich vollkommene Erneuerung der Eigenschaft, des Instrumentariums, der
Persönlichkeit.
Uöber diesen Prozess wird in einem unserer Riten gesagt: »Das ist das eine und
ausschließliche Mysterium, das die Gnosis uns gibt. Aus dem für uns, Naturgeborene,
abgehauenen Stumpf vom Baum des Lebens wird ein Reis hervorspriessen, die Verbindung
wird wiederhergestellt. Erst dann kann das große Werk der Wiedererschaffung beginnen.«
Dieser Beginn muss im Herzen gefeiert werden. Öffnen Sie Ihr Herz, nachdem Sie den
Schwerpunkt Ihres Lebens darin verankert haben. Reinigen Sie Ihr Herz, damit das reine
Licht nach innen dringen kann. In dieser Reinheit, dieser Harmonie, dieser stillen Klarheit
kann das große Werk vollbracht werden.
Lasst uns so still werden vor dem Herrn, damit der neunfache Mensch des Ursprungs aus
dem Grab der Natur erstehen kann.
XXX

Was ist Weisheit?

Die Gruppeneinheit in der Gnosis -- Die göttliche Wirklichkeit des siebenten Strahles -- Die große Freundschaft
-- Der rechte Pfad und der linke Pfad -- Licht und Feuer -- Das universelle Liebesgesetz -- Alles ist in Gott

Was ist Weisheit? Fürwahr eine klassische Frage! Hermes zielt mit seiner Frage auf die
Weisheit, die dem Allbestehenden zugrunde liegt. Und die hermetische Gnosis gibt eine
Antwort. Mit dieser Antwort tritt auch die Gestalt des Apollonius von Tyana vor unser
Bewusstsein, von dem -- ebenso wie von Jesus dem Herrn -- gesagt werden kann: »Aus
Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«

Was ist die Weisheit Gottes?


Sie ist das Gute und das Schöne, die Seligkeit,
jede Tugend und die Ewigkeit.
Die Ewigkeit formt die Welt zu einer Ordnung,
indem sie die Materie durchdringt
mit Unsterblichkeit und Dauerhaftigkeit.

Im 12. und 13. Vers wird auf die Tatsache hingewiesen, dass auch die Weisheit Gottes
unlösbar mit der Ursubstanz verbunden ist, mit der Materie, mit jedem Atom. Abraxas mit
seinen vier Emanationen, die universelle Sonne, aus welcher die Liebe, der Wille, die
Weisheit und die Wirksamkeit entspringen, ist in jedem Atom vorhanden. Aus der
Urmaterie, in der Gott selbst verborgen ist, werden die Eigenschaften -- das sind bei Hermes
die Persönlichkeiten -- erhalten und aufgebaut. In diesem Aufbauvorgang tritt ein Wechsel
der Kräfte und Elemente auf, werden fortwährend Stoffe und Kräfte umgesetzt. Das hat zur
Folge, dass die Persönlichkeit einer fortwährenden Veränderung unterliegt, bis sie schließlich
im völligen Gleichgewicht mit dem Gemüt und der Seele, mit Pymander und Hermes, mit
der Geistseele ist. Und dann ist die ganze Wesenheit in der Unveränderlichkeit.
So fließen Gott, Ewigkeit, Welt, Zeit und Werden zusammen zu einem. Gott und Geschöpf
sind in diesem Seinszustand im wahrsten Sinn des Wortes vereint. Dann ist Gott im Gemüt,
das Gemüt in der Seele, die Seele in der Materie, und zwar durch die Ewigkeit.
Die Tatsache, dass Gott und Geschöpf in der hermetisch gesehenen Alloffenbarung eine
Wesenheit sind, erklärt, warum wir in der gnostischen Geistesschule von »Gruppeneinheit«
sprechen. Versuchen Sie einmal, dazu tief durchzudringen. Wenn Sie erkennen, dass das
Geistfeld, das Seelenfeld und das ursubstanzielle Feld ungetrennt bestehen, dann wird es
Ihrem Bewusstsein unmittelbar klar, dass Trennung, getrenntes Dasein im Licht der Gnosis
widersinnig ist. Getrenntes Dasein, zugespitzter Individualismus, das »Ich bin«, das
besonders den Westeuropäer kennzeichnet, widerstrebt der Natur des Logos. Wir lesen im
Vers 17:

Dieser große Körper, der alle Körper umfasst, ist innen erfüllt und außen umschlossen von
einer mit Geistbewusstsein und Gott erfüllten Seele, einer Seele, die das All belebt.
Das Allgeoffenbarte ist also eine herrliche und schöne Gruppeneinheit, keine Gruppe gleich
einer Herde, wie die totalitären Systeme der Kirche und des Staates sie beabsichtigen und
wie das große Spiel, das wir in unserer Ausgabe Demaskierung besprachen, sie wieder bilden
will. Es ist keine erzwungene Gruppeneinheit, sondern eine Einheit der wahren Intelligenz in
vollkommener Freiheit, das goldene Mosaik der freien Seelen; die Einheit des Lichtes, die
Einheit der göttlichen Wirklichkeit des siebenten Strahles, die Einheit und Wirklichkeit des
vollkommenen Siebenlichtes.
Sie wissen, dass es kosmische Strahlungsgesetze gibt. Das Strahlungsgesetz, die
Strahlungsfülle, die jetzt Macht über die Menschheit erhält und auf welche die junge Gnosis
vollkommen reagieren will, ist das Gesetz des siebenten Strahles, des Strahles, der Sie in die
wahre Gruppeneinheit führen will. Das Licht ist alles in allem. In diesem Licht sind durch
Gottes Wirken, des Schöpfers alles Guten, des Herrschers und Fürsten der gesamten
Ordnung der sieben kosmischen Gebiete, alle Gegensätze und Ungleichheiten zu einer
Einheit geworden, zusammengefügt in Liebe; so lesen wir in Vers 30.
Darum streben wir nicht nach einer Bruderschaft im bürgerlichen Sinn, einer
Bruderschaft, die man in dieser Welt demokratisch nennt, sondern wir streben nach der
großen Liebe, von der Jesus Christus spricht. Es ist dem Kandidaten der gnostischen
Mysterien gegeben, dieses mächtige, neue Weltbild zu schauen und vor allem zu erkennen,
dass alles beseelt ist. Er erkennt, wie alle gemäß ihrer eigenen Art von den Rhythmen der
Strahlungsgesetze bewegt werden, dennoch in einer hohen Einheit. Die Einheit aller in allen
und mit allen muss für jeden Schüler der gnostischen Geistesschule ein absoluter Begriff
werden, von dem Sie sich jetzt vielleicht noch schwerlich ein rechtes Bild machen können.
Der befreite, gnostische Mensch weiß, dass diese Einheit besteht, sowohl mit denen der
rechten als auch mit denen der linken Seite, so sagt Vers 34............. Sie wissen vielleicht, was
damit »gemeint ist. Der rechte Pfad ist der Weg des positiven, bewussten gottsuchenden
Lebens, der Weg der Ich-Ersterbung, der Seelengeburt und schließlichen Befreiung. Der linke
Pfad ist der Weg des von Gott hinwegführenden Lebens, der Weg der Täuschung, der
Blindheit und des Wahns.
Wir halten uns grundsätzlich von denen fern, die den linken Pfad gehen, da wir uns dem
universellen Gesetz fügen, das den lebenden Seelenzustand beherrscht. Praktisch jedoch
können wir uns von nichts und von niemandem getrennt halten. Alle und alles formen eine
Einheit. Deshalb spricht Gottes Liebe auch zu dem Disharmonischen, zu allem, was von dem
universellen Gesetz abweicht, und lässt hierin niemals nach. Sie geht mit dem Menschen
quer durch alles, bis er sich in ihrer Kraft erneuert.
Wie arbeitet Gottes Liebe? Nun, die verschiedenen Aspekte des Strahlungsgesetzes bilden
zusammen ein einziges Gesetz, eine höhere Strahlungsordnung. Dieses Strahlungsgesetz ist
Abraxas, die Liebe, die universelle Sonne, die in allen und allem verborgen ist. Wer sich
harmonisch diesem Gesetz der ewigen Liebe fügt, wird seine Seligkeit erfahren. Aber wer
sich ihm gegenüber disharmonisch verhält, wird sich an demselben Licht verbrennen, das
dann zu Feuer wird. Wer den fundamentalen Zusammenhang stört, wird von den Folgen
dieser Störung getroffen. Der Betreffende fügt es sich stets selbst zu. Denn es gibt nur ein
einziges Gesetz des Zusammenhangs, das Gesetz des siebenten Strahles, das Gesetz der
wahren Gruppeneinheit; das Gesetz auch des Lebenden Körpers der jungen Gnosis.
Die hermetische Philosophie unterscheidet deshalb Licht und Feuer. Das Licht ist die
Wärme der Liebe Gottes, das Feuer die Heimsuchung dieser Liebe. So lesen wir im Vers
29............. Doch im Feuer, also durch die Heimsuchung, beweist die allmächtige Liebe ihre
Anwesenheit und ihr Wirken, damit alle und alles schließlich zur Wärme des Lichtes
durchbrechen können. Vers 41 sagt:

So wisse denn, dass jeder lebendige Körper, sowohl der unsterbliche als auch der sterbliche,
sowohl der vernunftbegabte als auch der vernunftlose, aus Materie und Seele zusammengesetzt
ist.

Man kann fragen: Ist die Bemühung Gottes zu allem und allen durchgedrungen? Ja, in
absolutem Sinn, zur gesamten lebenden Natur, zu allen Naturreichen bis in die äußersten
Konsequenzen; also mit Einschluss aller Höllensphären und allen Gräuels und Giftes. Denn
schließlich -- bedenken Sie das wohl -- wird alles, alles, wie entartet es auch sein möge, aus
den Möglichkeiten und Kräften des einen großen siebenfachen Seelenreiches herausgezogen.
Was darin disharmonisch ist, kann nur umgesetzt, korrigiert und geheilt werden durch das
nichts und niemanden loslassende universelle Liebesgesetz.

Denken Sie einmal an alles, was in unserer Welt geschieht, an all die Probleme, die vielen
Ängste, an Hass und schreckliche Drohungen. Glauben Sie, dass auch nur eine Auflösung
durch Gewalt, durch Mord, Blut und Tränen möglich wäre?
Es gibt nur diese Auflösung: die Kraft der Liebe, das Liebesfeuer Gottes. Die Liebe muss
also niedersteigen bis in die tiefsten Tiefen der Versunkenheit, um im rechten Moment den
Betreffenden helfen zu können. Die Konsequenzen dieser alles tragenden universellen Liebe
wurden von manchem Autor der Weltliteratur erkannt und aufgezeigt. Denken Sie zum
Beispiel an Jakob Wassermann und sein prächtiges Werk Christian Wahnschaffe. Denken Sie an
Gestalten wie Buddha, der sich weigerte, auch nur das nichtigste Wesen zu töten.
Die Errettung alles Versunkenen, die Wiederherstellung der Harmonie des
Allgeoffenbarten ist nur durch angewandte Liebe möglich. Darum bekämpft Siegfried den
Drachen und setzt Hermes den Fuß auf den zischenden Schlangenleib. Aber das Schwert, das
Siegfried und Hermes führen, ist kein Schwert der Gewalt, des Hasses, der Drohung und des
Mordes, sondern das Schwert des Liebesfeuers Gottes, das sie unüberwindlich macht.
Wenn Sie das verstehen und innerlich erkennen, dann wissen Sie, dass auch die
Naturordnung, die von uns die Todesnatur genannt wird, nicht hoffnungslos ist. Wir
unterscheiden in der Schule des Rosenkreuzes die Todesnatur und die Natur des Lebens.
Wir müssen das tun, weil wir dem tatsächlichen Zustand Rechnung tragen und einander
lehren müssen, uns von der Seite des Feuers ab- und der Seite des Lichtes zuzuwenden. Wir
müssen zuerst in das Licht eintreten und in ihm aufgehen, um dann, vom Licht aus, das
Feuer in Dienstbarkeit für Welt und Menschheit in Licht umzusetzen.
Im tiefsten Wesen gibt es jedoch nur eine Natur, nur ein Reich. Wir können als
Seelenmenschen innerlich keine Trennung vollziehen. Wir müssen aus praktischen Gründen,
zur Abgrenzung unseres Weges, zur genauen Bestimmung unseres Zieles zwar
unterscheiden und sagen: »Wir wenden uns zum Licht!« Aber sobald wir uns ins Licht
erheben können, haben wir sofort die schöne Aufgabe, der Menschheit mit allen
Konsequenzen zu dienen.
Wenn wir bei der Trennung bleiben, sind wir -- so sagt Vers 60 im zweiten Buch des
Hermes -- wie der gewöhnliche Mensch. Er nennt die Veränderung Tod, weil der Körper
aufgelöst wird und das Leben ins Unsichtbare entweicht. Doch wie herrlich ist es, dass das Licht
zu Feuer wird, damit das, was verbrennt, zu Licht wird! Haben wir nicht alle in unserem
Leben die Feuerglut erfahren? Die Feuerglut der Heimsuchungen, die Feuerglut der
Läuterung, die Feuerglut der Verzehrung all des Niedrigen, damit aus dem verzehrenden
Feuer die Flügel des neuen Feuervogels sich entfalten können?
Doch lassen Sie uns nun vordringen zu freimütigeren Betrachtungen, die sich aus der
Gotteskenntnis erheben, und alle Ansichten des Begriffs Allgegenwärtigkeit betrachten.
Sie wissen nun: »Alles ist Gott«, also auch Ihre wiedergeborene Seele, wenn Sie sie bereits
besitzen. Alles ist in Gott, jedoch nicht wie an einem bestimmten Platz; denn ein Platz ist körperlich
und unbeweglich, sagt Pymander im Vers 70. Und Sie haben erkannt, dass der Seelenkörper
und die befreite Persönlichkeit Eigenschaften der Geistseele sind. Geist, Seele und Körper
bilden eine Dreieinheit. Darum müssen Sie entdecken, dass der wiedergeborene
Mikrokosmos, als Einheit verloren in Gott, gleichzeitig allgegenwärtig ist, allumfassend. Das
gesamte Universum, in dem Geist, Seele und Körper in Einheit existieren, ist erfüllt von Seele
und Geistbewusstsein. Alles ist eine Gruppeneinheit, das bedeutet: Das Bewusstsein der
einen Seele ist gleichzeitig ein Allgegenwarts-Bewusstsein. Darum ist der wiedergeborene
Mikrokosmos allgegenwärtig, allumfassend.
Bedenken Sie, dass es von diesem Standpunkt aus niemanden gibt, der mehr versteht,
mehr umfasst; dass es nichts gibt, das begabter und mächtiger ist als der der Todesnatur
Enthobene; dass die intelligenteste, schnellste, mächtigste von allem die wiedergeborene
Geistseele ist, sagt Vers 71.

Befiehl deiner Seele, so jauchzt Pymander in den Versen 72 bis einschließlich 74..., nach Indien
zu gehen, und sie wird da sein, noch ehe du es ihr befohlen hast. Befiehl ihr, zum Ozean zu gehen, und
sie wird im gleichen Augenblick dort sein. Befiehl ihr sogar, zum Himmel aufzusteigen, sie wird dazu
keiner Flügel bedürfen. Nichts kann sie behindern, weder das Feuer der Sonne noch der Äther, weder
die gesetzmäßige Bewegung des Firmaments noch die Körper der Sterne; sie wird alle Räume
durcheilen und sich in ihrem Flug bis zum äußersten Himmelskörper erheben.

Wer diese absolute Freiheit wünscht, der wird sie erhalten. Nichts kann ihn zurückhalten, sie
zu erwerben, falls er, was selbstverständlich ist, den Weg dazu geht.

Erkennen Sie nun, welche Macht Sie besitzen. Die Macht der Vollständigkeit besitzen Sie
bereits. Sie ruht in Ihnen. Sie haben sie nur noch nicht gebraucht. Sie haben sich noch zu sehr
an die gewohnten Dinge geklammert, Sie starren noch zu sehr auf die Trugbilder der
horizontalen Ebene. Sie halten sich selbst zurück.
Blicken Sie in die Allgegenwart! Befreien Sie Ihre Seele, und Sie werden die Allmacht
Gottes in sich selbst verwirklichen. Befreien Sie die Macht der Vollständigkeit in sich, indem
Sie den Pfad des Lichtes, den Pfad der Gnosis des Lichtes gehen. Dann kann auch von Ihnen
einmal gesagt werden:

»Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«

Amen.

Worterklärungen

Abraxas: Gnostische Bezeichnung für das universelle Liebeswesen Gottes,


zum Beispiel in der Lehre des Apollonius von Tyana.
Atemfeld: Das direkte Kraftfeld, in dem das Leben der Persönlichkeit
ermöglicht wird. Es ist das Verbindungsfeld zwischen dem aurischen Wesen
und der Persönlichkeit und ist in seiner Tätigkeit des Anziehens und
Abstoßens von Kräften und Stoffen zugunsten des Lebens und der
Instandhaltung der Persönlichkeit vollkommen mit dieser im Einklang.
Authades: Die Kraft mit dem Löwenkopf; der unheilige Wille des stofflichen
Menschen; auch das unheilige Treiben des Ich-Menschen im allgemeinen
Sinn. Der Name ist dem gnostischen Evangelium Pistis Sophia entnommen,
das Valentinus zugeschrieben wird.
Dämon: Wörtlich: »Naturkraft«. Wenn der Mensch sich mit diesen Kräften
vereinigt, indem er in freiwilligem Gehorsam den Willen des Vaters erfüllt,
offenbaren sie sich auf dem Weg des Menschen zur Vergöttlichung als
mächtige Helfer. Im entgegengesetzten Fall erfährt der Mensch sie als
feindliche Wirkungen, als rächende Dämonen, als Kräfte des Schicksals. Sie
entsprechen dann den karmischen Folgen, die auf dem Weg der Erfahrung
das menschliche Schicksal bestimmen. Auch die durch das blinde
Naturleben des gefallenen Menschen hervorgerufenen Naturäonen werden
als Dämonen bezeichnet, aber dann in ausgesprochen negativem Sinn.
Demiurg: Geistwesen, ausgehend von Gott dem Vater; der Demiurg ist der
Schöpfer der Welt aus der Ursubstanz, die nicht er, sondern Gott der Vater
erschaffen hat. Er ist eins mit dem Wort, mit der Weltseele.
Dialektik: Unser heutiges Lebensfeld, in dem sich alles nur in Verbindung
mit dem Gegensatz offenbart. Tag und Nacht, Licht und Finsternis, Freude
und Schmerz, Jugend und Alter, Gut und Böse, Leben und Tod usw. sind
untrennbar miteinander verbunden; eines folgt unabwendbar auf das
andere, und so erzeugt eins das andere. Durch dieses fundamentale Gesetz
ist in unserem Daseinsfeld alles einer fortwährenden Veränderung und
Zermahlung, dem Entstehen, Blühen und Vergehen unterworfen. Durch
dieses Gesetz ist unser Daseinsfeld ein Gebiet der Endlichkeit, der Pein, des
Schmerzes, des Abbruchs, der Krankheit und des Todes. Andererseits ist
vom höheren Standpunkt aus gesehen das Gesetz der Dialektik gleichzeitig
das Gesetz der göttlichen Gnade. Durch ihre fortwährende Zerbrechung und
Erneuerung verhindert sie die endgültige Kristallisation des Men-»schen,
also seinen endgültigen Untergang. Sie schenkt ihm immer wieder eine
neue Offenbarungsmöglichkeit und damit die Chance, das Ziel seines
Daseins zu erkennen und den Pfad der Rückkehr durch Transfiguration,
durch Wiedergeburt aus Wasser und Geist, zu beschreiten.
Endura: Der Pfad der Ichzerbrechung, der Pfad des letzten Todes durch die
Uöbergabe des Ich an den Anderen, den unsterblichen Men-schen, den
Christus in uns. Es ist der Pfad des Johannesmenschen, der »die Pfade recht
macht für seinen Herrn«. Es ist die praktische Erfüllung des Wortes: »Er« --
der himmlische Andere -- »muss wachsen, und ich muss weniger werden«:
ich muss untergehen, damit der himmlische Andere in mir lebe. Der Pfad
des Endura ist der klassische Weg aller Zeiten. Auf diesem Weg kann der
gefallene Mensch -- durch den Läuterungsbrand einer totalen
Lebensumkehr -- aufgehen in sein wahres, unsterbliches Wesen und zum
Vater zurückkehren. Der Weg des Menschen durch die Welt der Dialektik ist
ein Leben, um zu sterben. Das Endura ist ein freiwilliges Sterben, um zu
leben: »Wer sein Leben verlieren will um meinetwillen, der wird es finden.«
Geistesschule: Die Mysterienschule der Christus-Hierophanten (siehe
Universelle Bruderschaft).
Geistfunkenatom: Siehe Rose des Herzens.
Geistseele: Der Pfad des Endura, der Pfad des Schülertums einer
gnostischen Geistesschule hat zum Ziel, die unsterbliche Seele aus ihrem
latenten Zustand zu erwecken. Sobald die Seele aus ihrem Todesschlaf
erwacht, findet die Wiederherstellung der Verbindung mit dem universellen
Geist, mit Gott, statt. Diese wiederhergestellte Verbindung zwischen Geist
und Seele, zwischen Gott und Mensch, beweist sich in der glorreichen
Auferstehung des Anderen, der Rückkehr des wahren Menschen zum Haus
des Vaters. Die Seele, die diese Verbindung feiern darf, dieses Einswerden
mit dem »Pymander« der ägyptischen Urgnosis, ist die Geistseele. Es ist die
Einheit Osiris (Geist) -- Isis (Seele), Christus -- Jesus, Vater -- Sohn, die
Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreuz der alten Rosenkreuzer, die
Hochzeit des himmlischen Bräutigams mit seiner himmlischen Braut.
Gemüt: Das Herzheiligtum des dialektischen Menschen, das von jedem
naturgeborenen Einfluss und entsprechender Wirksamkeit befreit und
vollkommen gereinigt ist und harmonisch in Uöbereinstimmung mit dem
Geistfunkenatom vibriert. Nur in einem so gereinigten Herzen kann die
Begegnung mit Gott, das pymandrische Bewusstwerden, stattfinden.
Gnosis: a. Der Atem Gottes, der Logos, der Quell aller Dinge, sich als Geist,
Liebe, Licht, Kraft und universelle Weisheit offenbarend; b. Die universelle
Bruderschaft als Trägerin und Offenbarung des Strahlungsfeldes Christi; c.
Die lebendige Kenntnis, die bei Gott ist und denen zuteil wird, die durch
Seelen-Wiedergeburt in die Lichtgeburt Gottes -- den pymandrischen
Bewusstseinszustand -- eingetreten sind.
Gnosis, fünffache, universelle: Zusammenfassende Bezeichnung der fünf
Entwicklungsphasen, durch die sich der Pfad zum Leben im Schüler
offenbart: 1. befreiende Einsicht, 2. Heilbegehren, 3. Selbstübergabe, 4.
neue Lebenshaltung, 5. Auferstehung im neuen Lebensfeld.
»Gruppeneinheit: Die Gruppeneinheit, die das Wesen der Geistesschule
fordert, ist keine gut gemeinte äußerli»che Erscheinung der
Zusammengehörigkeit, sondern die innere Einheit des in der Gnosis
wachsenden neuen Seelenlebens, das sich in neuer Lebenshaltung beweist,
übereinstimmend mit dem Geist der Bergpredigt.
Hierophanten: Siehe Universelle Bruderschaft.
Kette, universelle: Siehe Universelle Bruderschaft.
Kosmokratoren: Sieben mächtige Naturwesen, auch als Götter bezeichnet,
die sehr eng mit dem Ursprung der Schöpfung verbunden sind und die
fundamentalen kosmischen Gesetze handhaben. Zusammen formen sie den
Siebengeist der Alloffenbarung. Im Buch Pymander werden sie Rektoren
genannt.
Lehre, universelle: Keine »Lehre« im gewöhnlichen Sinn des Wortes und
auch nicht in Büchern zu finden. Es ist im tiefsten Wesen die lebendige
Wirklichkeit Gottes, in der das dazu geadelte Bewusstsein die Allweisheit
des Schöpfers lesen und verstehen lernt.
Lipika: Das aurische Firmament, die Gesamtheit der Sinneszentren,
Kraftmittelpunkte und Brennpunkte, in denen das ganze Karma des
Menschen verankert ist. Die irdische sterbliche Wesenheit ist eine
Projektion dieses Firmaments und wird in ihren Möglichkeiten,
Begrenzungen und in ihrer Art vollkommen davon bestimmt. Die Lipika
vergegenwärtigt die ganze Sündenlast des gefallenen Mikrokosmos.
Mikrokosmos: Der Mensch als minutus mundus, als kleine Welt bildet ein
zusammengesetztes, kugelförmiges Lebenssystem, in dem von innen nach
außen unterschieden wird: die Persönlichkeit, das aurische Wesen, ein
siebenfaches magnetisches Geistfeld. Der wirkliche Mensch ist ein
Mikrokosmos. Was in dieser Welt unter »Mensch« verstanden wird, ist nur
die verstümmelte Persönlichkeit eines degenerierten Mikrokosmos. Das
heutige Bewusstsein ist ein Persönlichkeitsbewusstsein und ist sich daher
nur des Daseinsfeldes bewusst, dem es angehört.
Naturmensch: Der stoffgeborene Mensch, der dem Gesetz der dialektischen
Naturordnung unterworfen ist.
Perfekte (Parfaits): Bei den Katharern die »Bonshommes«, welche die
wiedergeborene Seele, die ihren Pymander gefunden hat, verwirklicht
haben.
Pistis Sophia: a. Gnostisches Evangelium aus dem zweiten Jahrhundert,
Valentinus zugeschrieben, das unversehrt bewahrt geblieben ist und den
einen Erlösungsweg in Christus verkündet, den Pfad der Transmutation und
Transfiguration, der in eindrucksvoller Reinheit in allen Einzelheiten aus-
gearbeitet ist. b. Auch der wahre Schüler, der bis zum Erreichen ausharrt.
Pforte von Bethlehem: Bezeichnung für den Zustand des Herzens des
Schülers, der in wahrhaftem Heilbegehren die völlige Lebensumwandlung
vollzieht. Ein solcher Mensch erschließt das Herz für den Eintritt des
gnostischen Lichtes und bereitet also »den Stall«, das entstellte und
verunreinigte Herz, auf die Geburt des innerlichen Christus-Wesens vor. So
wird in jedem wahrhaften Schüler Bethlehem zum Beginn des uralten
Weges, der sein glorreiches Ende auf Golgatha, der Schädelstätte findet,
und zwar durch die Auferstehung des wahren Gottessohnes im
Mikrokosmos.
Rad der Geburt und des Todes: Der sich übereinstimmend mit dem Gesetz
der Dialektik stets wiederholende Prozess der Geburt, des Lebens und des
Todes einer Persönlichkeit, dem eine Wiederbelebung des Mikrokosmos mit
einer neuen Persönlichkeit folgt.
Reich, neues gnostisches: Das gnostische astrale Feld, gebildet aus der
reinen astralen Substanz des Anbeginns, von der jungen gnostischen
Bruderschaft in Zusammenarbeit mit der gnostischen Universellen Kette
aufgebaut, deren jüngstes Glied sie ist. Durch ihre Wirksamkeit in zwei
Welten (sowohl im Auferstehungsfeld des sechsten kosmischen Gebietes
als auch in unserem Daseinsfeld im siebenten kosmischen Gebiet) befähigt
sie, solange die Erntezeit dauert, den Erlösung suchenden Menschen, über
den Lebenden Körper der jungen Gnosis in das Auferstehungsfeld
einzutreten. Der Lebende Körper bildet also die zeitweilige Brücke zwischen
den beiden Gebieten. Das neue gnostische Reich verkörpert alle Kräfte, die
der Schüler nötig hat, um diese Brücke zum Leben zu überschreiten.
Rose des Herzens: Mystische Bezeichnung für das Geistfunkenatom (auch
Uratom oder Christus-Atom genannt), das ungefähr mit dem höchsten
Punkt der rechten Herzkammer übereinstimmt, der mathematische
Mittelpunkt des Mikrokosmos, das verkümmerte Uöberbleibsel des
göttlichen Lebens. Die Rose des Herzens, auch das goldene Samenkorn Jesu
oder das wunderbare Juwel in der Lotosblüte genannt, ist der Keim eines
neuen Mikrokosmos, die göttliche Saat, die als ein Gelöbnis der Gnade im
gefallenen Menschen bewahrt ist, damit einmal der Augenblick kommen
kann, da dieser sich seiner Herkunft erinnert und vom Verlangen nach dem
Vaterhaus erfüllt wird. Dann ist die Möglichkeit geschaffen, dass das Licht
der geistigen Sonne, das Licht der Gnosis, die schlummernde Rosenknospe
erweckt und bei positiver Reaktion und ausharrender Ausrichtung des
Schülers der Prozess der Regeneration des Menschen entsprechend dem
göttlichen Rettungsplan beginnt.
Rose an das Kreuz heften: Die Phase im Lauf des Schülertums, da der
Schüler, geführt von klarer Einsicht und wahrhaftem Heilbegehren, den
Ichmenschen, sein stoffgeborenes Menschsein, »in täglichem Sterben«
untergehen lässt, damit der wahre Gott-Mensch, der pymandrische Mensch,
in ihm auferstehen kann.
Samenkorn Jesu: Bezeichnung in der Fama Fraternitatis Roseae Crucis, dem
klassischen Testament der Rosenkreuzer, für das Geistfunkenatom (siehe
Rose des Herzens).
Selbstübergabe: Siehe die fünffache universelle Gnosis.
Spiel, das große: Groß aufgezogene, raffinierte Spiegelsphärenaktivität,
welche bezweckt, mit dem Einsatz des gesamten jenseitigen Okkultismus,
unter Anwendung ungeheurer Erscheinungen naturwissenschaftlicher Art,
die Wiederkunft des Herrn zu imitieren. Uöber diese intensiv vorbereitende
Untergangserscheinung, die das Ende des heutigen kosmischen Tages
begleiten wird und die ganze Menschheit gefangen zu nehmen und
mitzuschleifen droht in die Verblendung einer Illusion, siehe J. van
Rijckenborgh: Demaskierung, Rozekruis Pers, Haarlem.
Stoffsphäre/Spiegelsphäre: Die beiden Daseinshälften der dialektischen
Naturordnung. Die Stoff-sphäre ist das Gebiet, in dem wir in unserer
stofflichen Erscheinung leben. Die Spiegelsphäre ist das Gebiet, in dem sich
u.a. der Prozess zwischen Tod und Reinkarnation abspielt. Sie besteht,
außer den Höllensphären und dem Fegefeuer (der Läuterungssphäre), aus
der Sphäre, die in der Naturreligion und im Okkultismus als »Himmel« und
»ewiges Leben« bezeichnet wird. Diese Himmelssphären und das Leben
dort sind, ebenso wie das Leben in der Stoffsphäre, der Endlichkeit und
Zeitlichkeit unterworfen. Die Spiegelsphäre ist also der zeitliche
Aufenthaltsort der Toten, was nicht bedeutet, dass die gestorbene
Persönlichkeit ein neues Leben erhält, denn es gibt kein Fortbestehen der
vierfachen Persönlichkeit. Nur der tiefste Kern des Bewusstseins, der
Geistblitz oder dialektische Funke, wird zeitlich in das aurische Wesen
zurückgenommen und bildet die Bewusstseinsbasis für eine neue
Persönlichkeit, die vom aurischen Wesen in Zusammenarbeit mit den in der
Mutter wirkenden Kräften aufgebaut wird.
Universelle Bruderschaft: Die göttliche Hierarchie des Unbeweglichen
Königreiches. Sie bildet den universellen Körper des Herrn. Sie wird auch
mit vielen anderen Namen bezeichnet, wie: Die unsichtbare Kirche Christi,
die Christus-Hierarchie, die gnostische universelle Kette, die Gnosis. In
ihrer Wirksamkeit zugunsten der gefallenen Menschheit tritt sie u.a. als die
Bruderschaft vom Shamballa auf, die Mysterienschule der
Christushierophanten oder hierophantale Geistesschule und nimmt in der
jungen gnostischen Bruderschaft Gestalt an.
Uratom: Siehe Rose des Herzens.
Urgnosis des Hermes: Bezeichnung, die auf die Tatsache hinweist, dass jede
wirklich gnostische Wissenschaft der heutigen Menschheitsperiode vom
Urquell der Ägyptischen Gnosis ausgegangen ist, dass alle gnostische
Heilsarbeit in dem Urwissen wurzelt, dass Befreiung für den Menschen nur
möglich ist durch die Auferstehung des hermetischen Menschen oder
Merkur-Menschen, des wahren göttlichen Menschen, der aus dem in Gott
erleuchteten Bewusstsein lebt. Es ist daher auch ein Hinweis auf diesen
Urgrund aller Erlösungsarbeit, wenn das Evangelium bezeugt: »Aus
Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«
Wesen, das aurische: Vergegenwärtigt die Gesamtheit der Kräfte, Werte
und Gebundenheiten als Resultate der Leben der verschiedenen
Persönlichkeitserscheinungen im Offenbarungsfeld. Alle diese Kräfte, Werte
und Gebundenheiten bilden zusammen die Lichter, die Gestirne des
mikrokosmischen Firmaments. Diese Lichter sind magnetische Brennpunkte
und bestimmen entsprechend ihrer Art die Beschaffenheit des
magnetischen Geistfeldes, also die Art der Kräfte und Stoffe, die aus der
Atmosphäre angezogen werden und im mikrokosmischen System, daher
auch in der Persönlichkeit, aufgenommen werden. Der Art dieser Lichter
entspricht also die Persönlichkeit. Einer Wesensveränderung der
Persönlichkeit muss daher eine Wesensveränderung des Firmaments
vorausgehen, und dieses ist nur durch das Selbstopfer des Ichwesens, die
totale Ichzerbrechung möglich.