Sie sind auf Seite 1von 3

Gewerkschaften boykottieren Gespräche über Lohnschutz - Sch... https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/gewerkschaftsbu...

Gewerkschaften boykottieren Gespräche


über Lohnschutz
Der Gewerkschaftsbund will nicht über die flankierenden Massnahmen verhandeln. Er fürchtet eine
Schwächung des Lohnschutzes.

Artikel zum Thema

Sogar Staatsfirmen verletzen


flankierende Massnahmen

Deutsche Firmen verstossen am häufigsten


gegen Schweizer Arbeitsvorschriften – aber
nicht nur sie. Mehr...
Markus Häfliger. 22.07.2018

Für den Gewerkschaftsbund ist der Lohnschutz in der Schweiz nicht verhandelbar: SGB-Präsident «Endlich gibt die EU der
Paul Rechsteiner und Unia-Präsidentin Vania Alleva. Bild: Peter Klaunzer/Keystone Schweiz recht»
Die EU hat flankierende Massnahmen zur
Die Gewerkschaften lehnen das Ziel der geplanten Gespräche über die flankierenden Personenfreizügigkeit beschlossen. Die
Massnahmen mit dem Bund ab, da aus ihrer Sicht der Lohnschutz geschwächt Schweizer Gewerkschaften jubeln – und
würde. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) hat beschlossen, den für fordern jetzt Verschärfungen im Kampf
gegen Tiefstlöhne. Mehr...
Donnerstag geplanten Gesprächen fernzubleiben. Auch der Dachverband
Luca De Carli. 25.10.2017
Travail.Suisse nimmt nicht teil.

Grüne wollen flankierende


SGB-Präsident Paul Rechsteiner sprach am Mittwoch vor den Medien von einem
Massnahmen in Verfassung
«Verrat» an den Arbeitnehmenden. Es stehe viel auf dem Spiel. Was in den letzten
verankern
Wochen und Tagen geschehen sei, habe man sich noch vor kurzem nicht vorstellen
Die Grünen haben an ihrer
können. Rechsteiner wirft den freisinnigen Bundesräten Johann Schneider-Ammann
Delegiertenversammlung in La Chaux-de-
und Ignazio Cassis vor, den Lohnschutz in der Schweiz zur Disposition zu stellen - Fonds Widerstand gegen die
und dies, obwohl der Bundesrat etwas anderes entschieden habe. «rechtspopulistische Politik» angekündigt.
Ausserdem will die Partei Massnahmen
Rote Linien bestätigt gegen Lohndumping. Mehr...
14.01.2017

Vor den Sommerferien hatte der Bundesrat die roten Linien für die Verhandlungen
mit der EU über ein Rahmenabkommen bestätigt. Dazu gehören die Flankierenden Die Redaktion auf Twitter
Massnahmen (FlaM) zur Personenfreizügigkeit: Diese sollen nicht angetastet
werden. Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf
dem Kurznachrichtendienst.
Gleichzeitig beschloss der Bundesrat aber, im Sommer die Sozialpartner zu @tagesanzeiger folgen
konsultieren. Das Ziel sei es, über die «Auslegung» der roten Linien zu diskutieren,
sagte Bundesrat Ignazio Cassis damals. Die Frage sei, wie das gleiche Ziel -
Lohnschutz - allenfalls mit anderen Instrumenten erreicht werden könne. Blog

Sprengstoff im Raum

An der für Donnerstag geplanten Sitzung einer technischen Arbeitsgruppe nehmen


die Gewerkschaften nun nicht teil, weil sie schon mit den Vorgaben nicht
einverstanden sind. Was im Raum stehe, sei Sprengstoff, sagte Rechsteiner.

1 von 3 08.08.18, 17:47


Gewerkschaften boykottieren Gespräche über Lohnschutz - Sch... https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/gewerkschaftsbu...

Nach Darstellung des SGB hat das Wirtschaftsdepartement folgendes Ziel formuliert:
Aus den Verhandlungen sollen Vorschläge resultieren, wie die Flankierenden
Massnahmen zur Personenfreizügigkeit (FlaM) in «einer von der EU akzeptierten
Form» ausgestaltet werden könnten. Diese müssen zudem «vor einer allfälligen
Einschätzung des EuGH Bestand haben».

Kein eigenständiger Lohnschutz

Das laufe darauf hinaus, den Lohnschutz in der Schweiz substanziell zu schwächen,
schreibt der SGB. «Diese Vorgabe bricht mit allen bisherigen Beschlüssen, dass die
Schweiz ihre europaweit höchsten Löhne eigenständig schützen kann.» Wenn die
EU-Kommission und der EuGH Kompetenzen zu den FlaM erhielten, werde der
Druck auf den Schweizer Lohnschutz massiv steigen. Länder wie Österreich oder
Luxemburg hätten sie gezwungen, einen Teil ihrer Schutzmassnahmen aufzugeben,
gibt der SGB zu bedenken.

Zu hoher Preis für Abkommen

Einen solchen Preis wollen die Gewerkschaften für ein Rahmenabkommen nicht
zahlen. «Dann lassen wir es bleiben», sagte Rechsteiner. Eine Schwächung des
Lohnschutzes würden die Gewerkschaften mit allen geeigneten Mitteln bekämpfen,
bis hin zum Referendum. Stellen sich am Ende neben der SVP auch die
Gewerkschaften gegen das Abkommen, dürfte dieses chancenlos sein.

Die Gewerkschaften ziehen jedoch in Zweifel, dass Konzessionen beim Lohnschutz


zwingend sind. Die EU habe immer wieder Kritik geübt an den Flankierenden
Massnahmen. Früher habe man in der Schweiz aber nicht die Nerven verloren, sagte
Rechsteiner. Nun führe das Departement Schneider-Ammann einen «groben Angriff
auf die Interessen der Lohnabhängigen».

Nicht nur 8-Tage-Regel

Bisher wurde vor allem über eine mögliche Aufweichung der sogenannten 8-Tage-
Regel diskutiert. Gemäss dieser müssen Unternehmen aus der EU einen Auftrag in
der Schweiz mindestens 8 Tage vorab den Schweizer Behörden melden. Das
ermöglicht Lohnkontrollen – vor allem bei jenen, die nur kurz in der Schweiz
arbeiten.

Der SGB betont aber, es gehe um viel mehr als um die 8-Tage-Regel. Das
Wirtschaftsdepartement (WBF) wolle den gesamten Lohnschutz zur Disposition
stellen – die Zahl und Qualität der Kontrollen, die Kautionen und Sanktionen gegen
Lohndumper und das bewährte System der allgemeinverbindlichen
Gesamtarbeitsverträge.

Schweizer Löhne in der Schweiz

Für den SGB gibt es dazu nichts zu verhandeln. In der Schweiz müssten Schweizer
Löhne bezahlt werden, schreibt er. Das habe der Bundesrat der Bevölkerung bei den
Abstimmungen zu den bilateralen Verträgen versprochen. Rechsteiner erinnerte
daran, dass der Schutz der Löhne ausschlaggebend dafür gewesen sei, dass die
bilateralen Verträge mit der EU im Jahr 2000 eine klare Mehrheit gefunden hätten.

Wer den Marktzugang von EU-Firmen über den Schutz der Arbeitsbedingungen
stelle, habe nicht verstanden, dass der schweizerische Lohnschutz nicht ein
Hindernis, sondern die Voraussetzung und Erfolgsbedingung für die Bilateralen und
deren Weiterentwicklung sei.

Auch Vania Alleva, die Präsidentin der Gewerkschaft Unia, fand deutliche Worte. Sie
sprach von einem «Generalangriff auf essentielle Arbeitnehmerrechte». Es gehe
nicht um ein paar technische Anpassungen für Detailfragen. Es gehe ums Ganze. Der
Grundsatz «Schweizer Löhne für Arbeit in der Schweiz» solle geopfert werden.

«Das ist ein absolutes No-go»

2 von 3 08.08.18, 17:47


Gewerkschaften boykottieren Gespräche über Lohnschutz - Sch... https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/gewerkschaftsbu...

Auch Travail.Suisse will nicht über eine «reine Abbauvorlage» diskutieren. «Nach
ersten Gesprächen hat sich leider gezeigt, dass die Verhandlungen zu den
flankierenden Massnahmen auf eine Abbauvorlage hinsteuern», schreibt die
Gewerkschaft in einer Mitteilung. Deshalb habe Travail.Suisse beschlossen, die
Gespräche abzubrechen.

«Das ist ein absolutes No-go für Travail.Suisse. Auf dieser Basis machen Gespräche
keinen Sinn. Rote Linien sind rote Linien, sie dürfen nicht überschritten werden,
nicht wenn uns das Wohl der Arbeitnehmenden in der Schweiz wichtig ist», sagt
Travail.Suisse-Präsident Adrian Wüthrich. Die Gewerkschaft sei auch zukünftig
jederzeit offen für Gespräche

(nag/fal/sda)

Erstellt: 08.08.2018, 17:25 Uhr

Ist dieser Artikel lesenswert?

3 von 3 08.08.18, 17:47