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SEXUALPÄDAGOGISCHES KONZEPT - KURZFASSUNG

UNSERE HALTUNG
Unter dem Begriff «Sexualität» verstehen wir alle Aspekte der menschlichen Existenzweise, in denen die Tatsa-
che des Mann- oder Frauseins eine Rolle spielt. So gesehen umfasst Sexualität das ganze Gebiet von Verhaltens-
weisen in den allgemeinmenschlichen Beziehungen, im Bereich von Zärtlichkeit, Sensualität, Erotik und in der
Genitalsexualität. Sie dient nicht nur der biologischen Fortpflanzung, sondern hat auch mit Intimität, Erleben
und Ausleben von Fantasien, mit Vertrauen und sich öffnen, aber auch mit egoistischer Triebbefriedigung zu
tun.
Wir akzeptieren die individuellen sexuellen Entwicklungen auf allen Altersstufen, ohne zu werten. Dies beinhal-
tet, dass hetero-, homo-, bi- und transsexuelle Orientierungen und Beziehungen als gleichwertig erachtet werden.
Wir achten die internationale Deklaration der Rechte Geistigbehinderter, welche besagt: „Der Geistigbehinderte
hat die gleichen Grundrechte wie jeder andere Bürger seines Alters und seines Landes.“ (Artikel 1)

UNSERE ZIELE
Wir unterstützen und begleiten die uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen im täglichen Leben zu sexueller
Selbstbestimmung und Verantwortlichkeit.
Das Recht auf die sexuelle Integrität der beteiligten Kinder und Jugendlichen ist dem Anspruch der Kinder und
Jugendlichen, sich sexuell zu betätigen, in jedem Fall übergeordnet.

UNSERE ANSÄTZE
Der Mensch mit Behinderung hat ein Recht auf den üblichen Spielraum sexuellen Verhaltens. Wie alle Men-
schen trägt er dieselbe Verantwortung für sein Verhalten innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten, d.h. die Ver-
antwortung ist umso geringer, je stärker der Grad seiner Behinderung ist.
Die Sexualpädagogik von Kindern und Jugendlichen mit kognitiver Beeinträchtigung erfordert mehr Verdeutli-
chung, Konkretheit, Anschaulichkeit und Wiederholung, als dies gewöhnlich bei Kindern der Fall ist.
Eine derartige Sexualerziehung muss das Sexualverhalten im Kontext der jeweiligen Lebenserfahrung und der
gesamten Sozialbeziehungen der Kinder und Jugendlichen berücksichtigen. In diesem Sinne ist es erforderlich,
dass die Sexualerziehung und Begleitung situativ im Alltag integriert ist.
Sexualität bzw. Sexualverhalten ist in einem «Erziehungsprogramm» unter folgenden Gesichtspunkten zu sehen:
Als angenehme, lustvolle Betätigung, innerhalb einer Sozialbeziehung und unter dem Fortpflanzungsaspekt.

(\\hzhfil01\Daten\Allgemein\Schüler\Reglemente_Konzepte\kurzfassung_konzept_sexualpädagogik_141003.docx)

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Bei der Wahl von Massnahmen zur sexualpädagogischen Förderung der Kinder und Jugendlichen muss, neben
der (sexual-)biologischen Entwicklung, die bei geistig behinderten Menschen eher selten verzögert verläuft, auch
der Entwicklungsstand im kognitiven und psychosexuellen Bereich berücksichtigt werden. Dazu gehören die
Ausbildung der Geschlechtsidentität und die Entwicklung der Beziehungsfähigkeit.

UNSERE ZUSAMMENARBEIT MIT DEN ELTERN


Sexualerziehung gehört zum pädagogischen Alltag. Wie alle übrigen Fördermassnahmen werden auch sexualpä-
dagogische Themen interdisziplinär und mit den Eltern sorgfältig abgesprochen. Alle Beteiligten sorgen für
grösstmögliche Transparenz und gegenseitige Unterstützung. Dabei und bei der Aufklärung im engeren Sinn
wird auf die individuellen und kulturellen Situationen der Familien Rücksicht genommen. Die gesunde psycho-
sexuelle Entwicklung bleibt jedoch oberstes Ziel.
Den Eltern stehen die internen und externen Beratungspersonen ebenfalls zur Verfügung. Auf Wunsch der El-
tern werden spezielle Gesprächsrunden und Weiterbildungen angeboten. Die Eltern werden über das Sexualver-
halten ihrer Kinder informiert.

UNSER UMGANG MIT NÄHE UND DISTANZ


Die Sexualität von Menschen mit Behinderung ist für Betreuungspersonen oftmals schwieriger als für die Be-
troffenen selbst. Das Personal beachtet beim Austausch von Berührungen und Umarmungen mit Kindern und
Jugendlichen die jeweilige Situation, das Lebensalter und die geistige Entwicklung, das heisst unter anderem:
− Wir bauen zu den Kindern eine angemessene körperliche Distanz auf.
− Wir wahren und achten die Intimsphäre der Kinder und insbesondere der Jugendlichen. Dies bedeutet z.B.
Anklopfen, Gestaltungsfreiraum, unkontrollierte Schubladen usw.
− Therapeutische und pädagogische Massnahmen, bei denen es zu intensivem Körperkontakt kommt, werden
begründet.
− Bei Kindern und Jugendlichen, die keine ausreichende (körperliche und verbale) Distanz zu andern Personen
einhalten können, oder die besonders gefährdet sind, sexuell ausgebeutet zu werden, suchen wir zusammen
mit der Bereichsleitung nach geeigneten Massnahmen.
− Wir geben Raum, damit alle Kinder und Jugendlichen ihre eigene Körperidentität erfahren. Dazu gehört das
Experimentieren mit dem eigenen Körper. Die Masturbation ist ein Teil des Experimentierens und eine
Form der eigenen gelebten Sexualität, welcher wir positiv gegenüber stehen. Finden Kinder/Jugendliche kei-
ne geeignete Form (z.B. selbstverletzendes Verhalten), so wird mit den Beteiligten eine allfällige Hilfestel-
lung im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen gesucht.

UNSERE MASSNAHMEN GEGEN SEXUELLE ÜBERGRIFFE UND AUSBEUTUNG


Nach StGB Artikel 187 werden sexuelle Handlungen mit Kindern unter 16 Jahren mit Zuchthaus oder Gefängnis
bestraft. Wer mit einer unmündigen Person von mehr als 16 Jahren, die von ihm durch ein Erziehungs-, Betreu-
ungs- oder Arbeitsverhältnis abhängig ist, sexuelle Handlungen vornimmt, wird nach Artikel 188 ebenfalls mit

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Gefängnis bestraft. In Verbindung mit Artikel 187 betreffen auch die Artikel 189 (Sexuelle Nötigung), 190 (Ver-
gewaltigung) und 191 (Schändung, Ausnutzen der fehlenden Widerstands- oder Entscheidungsfähigkeit) die se-
xuelle Integrität von Kindern.
Für alle Mitarbeitenden im Bereich Schule/Therapie gelten zudem die Standesregeln des Dachverbands «Lehre-
rinnen und Lehrer LCH« vom 7.6.2008, für die Mitarbeitenden im sozialpädagogischen Bereich der Berufskodex
Soziale Arbeit Schweiz von AvenirSocial vom 25.6.2010.
Nebst den Bestimmungen der schweizerischen Gesetzgebung gilt die «Internationale Deklaration der allgemei-
nen und besonderen Rechte der geistig Behinderten» vom 24.10.68 und «die Erklärung über die Rechte der Be-
hinderten» der Vereinten Nationen vom 9.12.75.
Weitere unterstützende Massnahmen (nicht abschliessend):
− Interne sexualpädagogische Fortbildung sowie eine Präventions- und Meldestelle
− Obligatorischer Besuch des Moduls «Sexuelle Bildung» für neue Mitarbeitende
− Sexualberatung der Kinder, Jugendlichen und Eltern durch eine frei wählbare Person
− Jedes Kind und jeder Jugendliche hat im Heilpädagogischen Zentrum Hagendorn eine Bezugsperson
− Kommt es zu sexuellen Übergriffen unter den Kindern und Jugendlichen, steht der Schutz des Opfers im
Vordergrund. Die Eltern werden durch den Geschäftsleiter informiert.
− Die beteiligten Bezugspersonen des Heilpädagogischen Zentrums Hagendorn erarbeiten Schutzmassnah-
men, Missbräuche zu verhindern.

SCHWANGERSCHAFTSVERHÜTUNG UND GESUNDHEITSSCHUTZ


− Wir stehen dafür ein, dass für unsere Schüler und Schülerinnen grundsätzlich die gleichen Bestimmungen
wie für Kinder und Jugendliche ohne Behinderung gelten. So sind sexuelle Handlungen im Rahmen der Ge-
setzgebung erlaubt. Damit die sexuellen Erfahrungen positiv verlaufen, sorgen wir für entsprechende Ge-
spräche und Aufklärung. Dazu gehört auch eine intensive Auseinandersetzung mit Verhütungsmitteln,
Schwangerschaftsverhütung und Gesundheitsschutz.
− Die Sterilisation ist für den Menschen mit geistiger Behinderung ein schwerwiegender und unwiderruflicher
Eingriff in die Persönlichkeit. Wir lehnen eine prophylaktische Sterilisation aus ethischen Gründen ab. Einer
Sterilisation geht zwingend die Prüfung und allfällige Zustimmung durch die Kindes- und Erwachsenen-
schutzbehörde (KESB) voraus.

Hagendorn, 3.10.2014; Geschäftsleitung

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