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Samstag/Sonntag, 2./3. Oktober 2010

DIE SEITE DREI

HBG

Süddeutsche Zeitung Nr. 228 / Seite 3

Deutschland 21

Nach der Eskalation der Gewalt in Stuttgart fragen sich Gegner wie Befürworter: Streiten wir hier nur um einen neuen Bahnhof? Eher geht es jetzt darum, was Protest von Bürgern bewirken kann – und wie eine bürgerliche Regierung damit umgeht.

Stuttgart / München / Berlin – Es ist kein Porzellan, es sind Bäume vernichtet worden in der Nacht im Stuttgarter Schlosspark. Aber trotzdem reizt es am Morgen danach, von einem Scherben- gericht zu sprechen. „Arschlöcher, Schweine, Lügenpack“, brüllen die Menschen in Stuttgart in der Nacht zum Freitag. Flaschen fliegen in Richtung Polizei, Wasserwerfer und Pfef- ferspray sind die Antwort. Am Freitag- mittag dann sitzt Bahn-Chef Rüdiger Grube – seit Monaten zum Redaktionsbe- such eingeladen – im Konferenzraum der Süddeutschen Zeitung, und wenn Grube bei diesem Besuch nach einer denkwürdi- gen Nacht in Deutschland „Besonnen- heit und Dialogbereitschaft“ anmahnt, klingt das ein wenig flehentlich. Er war selbst am Donnerstagabend bei den Demonstrationen in Stuttgart, um sich einen Eindruck zu verschaffen, und er sagt, er komme schon seit Monaten nicht mehr durch mit Argumenten bei den Gegnern des Bahnhofs: „Ich werde dort angespuckt und geschlagen.“ Geht es noch um einen Bahnhof? Geht es noch um Stuttgart?

Von Sebastian Beck, Daniel Brössler, Alexander Gorkow, Claus Hulverscheidt und Martin Kotynek

17 Jahre minutiöser Planung sind nicht nur ins Ländle gezogen, sondern auch ins Land, endlose parlamentarische Beratungen und Abstimmungen in Stutt- gart, Berlin und auch Brüssel, ebenso vie- le Jahre vergeigten die Landesregierung und die Bahn. Grube unterstellt der Poli- tik und seinen Vorgängern bei der Bahn, ohne diese Verantwortlichen bei ihren Namen zu nennen, eine „beispiellos ka- tastrophale Kommunikation“. Geht es also noch um Argumente? Rüdiger Grube sagt zum Beispiel: „Wir reißen 284 Bäume raus, das stimmt. Aber wir pflanzen 5000 neue Bäume ein. Keine Setzlinge, sondern ausgewachsene Bäume. Interessiert sich dafür noch wer?“ Und auch die Gegner des neuen Bahnhofs glauben an diesem Freitag zu wissen, dass es der anderen Seite nur noch sekundär um ein Projekt namens Stuttgart 21 gehe. Die Nacht auf Freitag ist gewisser- maßen der gewaltsame Auftakt für den Wahlkampf in Baden-Württemberg. Und damit ist diese Nacht auch jene Nacht, in der sich die Zukunft der bürger- lichen Koalition in Berlin entscheiden könnte. Am 27. März 2011 wird in Stuttgart das Landesparlament gewählt. Und weil das so ist, geben sich die politi- schen Akteure in Stuttgart nach außen hin zwar betroffen und schockiert. Doch während am frühen Freitagmorgen im Schlossgarten noch die Bagger dröhnen, haben bereits die Strategiedebatten eingesetzt, die sich alle um eine unsenti- mentale Frage drehen: Wem nützen und wem schaden die Szenen von blut- überströmten Menschen mit geschwolle- nen Augen? Ist dieser denkwürdige Freitag, die fahrplanmäßig pünktliche Abholzaktion jahrhundertealter Bäume womöglich eine Inszenierung der Regie- rung des CDU-Ministerpräsidenten Stefan Mappus? Es ist dieser eine wuchtige Augen- blick, als den Demonstranten im Stutt- garter Schlosspark deutlich wird, um was es hier in dieser Nacht geht. Exakt um ein Uhr setzt sich der Bagger mit der Säge an seinem Greifarm in Bewegung. Keine Minute früher, keine Minute spä- ter. Ein Uhr. Das Motorengeräusch wird vom Aufschrei der Menschenmenge über- tönt, die zu den Absperrgittern drängt. Dann wackelt im Flutlicht der erste Baum, nach wenigen Minuten knackt es, und die Platane fällt. Ein Schredder zer- kleinert das Holz. Einen Moment lang sieht es so aus, als wollten Demonstranten die Absperrun- gen durchbrechen, als wiederholten sich die Szenen vom Nachmittag, als sich die Polizei mit Wasserwerfern und Pfeffer- spray den Weg durch den Schlossgarten bahnte. Doch die Menschen bleiben ein- fach stehen, sie wirken wie gelähmt. Eini- ge heulen. Regen setzt ein. Ein Baum nach dem anderen wird weggeräumt. Irgendwann wenden sich die Ersten ab, sie schleichen durch den Matsch des

sich die Ersten ab, sie schleichen durch den Matsch des Mein Freund, der Baum: ein Demonstrant

Mein Freund, der Baum: ein Demonstrant im Schlossgarten. Noch in der Nacht zum Freitag begannen Arbeiter mit dem Fällen.

Foto: dpa

Schlossgartens wie eine geschlagene Armee nach der Schlacht. Sie haben verstanden: In dieser Nacht geht es um eine politische Demonstra- tion von Macht und Stärke, um Sieg oder Niederlage – und die Gegner von Stutt- gart 21 haben zumindest diese Runde im Kampf verloren. Boris Palmer, der grüne Oberbürger- meister von Tübingen, der 2004 selbst in Stuttgart kandidiert hatte, will nicht aus- schließen, dass diese akute Verschärfung des Konflikts vor allem der CDU Wähler bringt: „Sie inszeniert sich jetzt als Par- tei, die sich für Recht und Ordnung ein- setzt“, sagt Palmer. Bei der konservati- ven Bevölkerung auf dem Land komme das womöglich gut an, allemal besser als ein Baustopp und ein Volksentscheid über das Projekt, wie es Grüne und vor allem die SPD fordern. Auch Winfried Kretschmann, der Fraktionschef der Grünen im Landtag, glaubt nun, dass die Fronten noch härter werden, als sie es vor der Eskalation wa- ren. Tatsächlich hat es über Nacht in Stuttgart eine Art Temperatursturz gege- ben. Die Tonlage, mit der Gegner und Befürworter des Projekts übereinander herziehen, hat sich komplett geändert. Von altlinken Hetzern und Berufs- demonstranten ist nun plötzlich die Rede, obwohl sich die CDU bis vor weni- gen Tagen auffallend zurückhielt, wenn sie über den Protest sprach. Jetzt spricht CDU-Fraktionschef Peter Hauk von Demonstranten, „die ein gehöriges Maß an Erfahrung haben“. Den Grünen wirft Hauk vor, sie hätten über Wochen untä- tig zugesehen, wie sich Teile der Protest- bewegung gegen den Bahnhof immer wei- ter radikalisierten. Mittlerweile habe der Widerstand bei einigen fast schon „reli- giös sektenhaften Züge angenommen“. Jedenfalls gibt es nichts, wovor er einkni- cken will. Mit einer Machtdemonstration

habe die Abholzaktion nichts zu tun. Es sei doch vielmehr so, dass man aus Grün- den des Naturschutzes die Bäume im Schlosspark nicht vor dem 1. Oktober ha- ben fällen dürfen. Die andere Lesart an diesem Tag lau- tet, dass die Strategie der CDU hochris- kant ist. Vor den Polizeizäunen trafen die Wasserwerfer nicht nur Altlinke, son- dern auch Teilnehmer aus dem Stuttgar- ter Bürgertum, das Reizgas verätzte also unter anderem die Schleimhäute der christdemokratischen Klientel. Mappus riskiert so, dass sich Menschen der Protestbewegung anschließen, die zwar eigentlich für das Projekt sind, aber nicht akzeptieren wollen, mit welchen Mitteln es durchgesetzt wird.

Die Regierung in Berlin weiß, wie schwierig es ist, mit Worten gegen Bilder zu kämpfen.

Am Freitagnachmittag tritt Mappus dann erstmals selbst vor die Presse. Der Mann, der gerne einen starken und kanti- gen Eindruck hinterlässt, wirkt ruhig, fast leise, wie er unter dem Kronleuchter im Staatsministerium spricht. Er bringt seine Botschaft diesmal sehr sanft rüber:

Der Ministerpräsident wünscht den Ver- letzten „rasche Genesung“, bietet wieder Gespräche an, auch mit jenen Schülern, die in den Polizeieinsatz gerieten. Zugleich macht er aber unmissverständ- lich deutlich: Der Bahnhof wird weiter- gebaut, alle Kritiker hätten diese rechts- staatlich getroffene Entscheidung zu akzeptieren. Unterdessen sammeln sich die Men- schen in ihrer Mittagspause wieder am Absperrgitter im Schlosspark. Sie schau- en auf eine Lichtung, wo wenige Stunden zuvor noch 25 Bäume standen. „Unfass-

bar“ – dieses Wort hört man immer wie- der. Es macht sich eine Empfindsamkeit breit, wie sonst an jenen Tatorten, die Amokläufer zurücklassen: Vom Vor- abend stehen Friedhofskerzen herum, einige brennen noch. Siegfried Stumpf, der Stuttgarter Poli- zeipräsident, sitzt im Landtag vor den Journalisten, und nachdem er die Fakten referiert hat – mehrere hundert Polizis- ten im Einsatz, 16 Anzeigen, 14 Festnah- men – hält er inne: „Mit Stuttgart 21 sind wir in eine Situation gekommen, die wir so 30 bis 40 Jahre lang nie hatten“. Und:

„Wir hatten in den letzten Jahren über- haupt nie Wasserwerfer bei Demonstra- tionen.“ Er war es, der entschieden hat, sie erstmals einzusetzen. 24 Stunden spä- ter wirkt Siegfried Stumpf so, als würde er grübeln, warum das plötzlich nötig geworden ist. Ausgerechnet in Stuttgart, einer Stadt weit entfernt von den übli- chen autonomen Blöcken von Berlin und Hamburg. Seinen Sitznachbarn vor den Mikrofo- nen plagen solche Zweifel nicht. Für Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech ist klar, wer schuld ist an der Eskalation. Jede Verantwortung weist er von sich. Polizisten hätten ihm „mit Entsetzen“ berichtet, welche Aggressivität ihnen entgegengeschlagen sei. „Ich habe keine Anhaltspunkte, ein Fehlverhalten der Polizei zu sehen“, sagt er. Wer nicht in Konfrontation zu den Beamten gegangen sei, sei auch nicht ver- letzt worden. Für die Demonstranten hat der Innenminister kein Verständnis. Wie bei Bäumen „eine derart aggressive Gegnerschaft entstehen kann, dass man Hundertschaften von Polizisten braucht, um sie zu sichern“, das kann er nicht begreifen. Vielleicht aber gehört eben jenes Unverständnis in die Beweggründe der Gegner zu den Ursachen für das Kommunikationschaos in Stuttgart, und

womöglich ist dies auch der Grund, warum der etwas konsterniert wirkende Polizeipräsident Wasserwerfer auffah- ren lassen musste. Apropos konsterniert: Während Ange- la Merkels Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin für die Bundeskanzle- rin spricht, spricht das Gesicht von Stef- fen Seibert wiederum für sich. Es ist so blass geworden, dass man Mühe hat, sich diese noch vor kurzem so strahlend kon- servativ-zuversichtliche Fernseherschei- nung vom „heute journal“ im ZDF in Er- innerung zu rufen. Seibert, der sich ja auskennt mit Bildern, haben diese son- derbaren Bilder aus Stuttgart vermut- lich noch schlechter gefallen als der Kanzlerin. Seibert weiß, wie schwierig es ist, mit Worten gegen Bilder zu kämpfen. Als Fernsehmensch kennt er das Phäno- men der Text-Bild-Schere. Dennoch ist er davor nicht gefeit. „Die Bundeskanzle- rin wünscht allen Verletzten, seien es Polizisten oder Demonstranten, gute Bes- serung“, sagt Steffen Seibert. Und so, wie er es sagt, klingt das, als grassiere im Südwesten Deutschlands ein besonders lästiger Schnupfen. Die Ereignisse in Stuttgart stellen Steffen Seibert und seine Chefin inso- fern vor ein Kommunikationsproblem, weil die Kanzlerin den Demonstranten zwar Genesung, aber kein Gelingen wün- schen kann. Spätestens seit zwei Wochen ist Stuttgart 21 ein Angela-Merkel-Pro- jekt. In der Haushaltsdebatte verteidigte sie es nicht nur, sie erhob es zum Symbol dafür, ob Deutschland überhaupt noch eine Zukunft hat. Oder eine Münze kleiner: ob die schwarz-gelbe Regierung eine Zukunft hat. Das Eintreten für den technologischen Fortschritt soll der Bundesregierung im von Angela Merkel verkündeten „Herbst der Entscheidun- gen“ das Siegel der Entschlusskraft geben.

Nun kann sie logischerweise nicht gleich wieder wackeln und weichen, wor- an sich im Bundestag besonders tapfer Jörg van Essen, Parlamentarischer Ge- schäftsführer der FDP, hält mit einem Rückgriff auf 175 Jahre deutsche Eisen- bahngeschichte: „Viele wissen nicht, dass der Weg zur ersten Eisenbahn außer- ordentlich schwierig war, denn die Bürger fühlten sich in ihrer Biedermeier- idylle gestört!“ Aus dem Mund eines Liberalen klingt eine derartige Kampfan- sage ans schwäbische Bürgertum etwas ungewohnt, sie entspricht aber dem neu- en Schlachtplan der Koalition vor dem Jahr der sechs Landtagswahlen. Bei der Wahl in Baden-Württemberg werde es demnach auch um die Frage gehen: „Wie zukunftsfähig ist Baden-Württemberg?“ Und natürlich: Deutschland insgesamt, so ergänzt Angela Merkel am Freitag noch einmal in einem Radio-Interview für den Südwestrundfunk. Gerade weil sich das Schicksal der Berliner Regierung im Südwesten entscheiden wird, fragen sich manche in der Hauptstadt nun, ob es zu so hässli- chen Bildern wirklich kommen musste – Bundesverkehrsminister Peter Rams- auer zum Beispiel. „Was völlig zu kurz ge- kommen ist, ist die Tatsache, welch irrer städtebaulicher Gewinn das Projekt für Stuttgart ist“, sagt der CSU-Mann, der auch den Augenblick für gekommen hält, über Stuttgarter Lehrjahre zu be- richten. Vor 35 Jahren wohnte Ramsauer in Stuttgart, wo er sich zum Müller aus- bilden ließ. Wenn er „zur Berufsschule

Cem Özdemir gibt sich betroffen. Dann setzt er sich in den Zug nach Stuttgart.

keine Lust“ hatte, trieb sich der 20-Jähri- ge im Schlossgarten herum. Mit der Verle- gung des Bahnhofs, meint Ramsauer heu- te, würden mitten in einer europäischen Großstadt plötzlich 900 000 Quadratme- ter frei, die bebaut werden könnten. „Da passt der Schlossgarten, wo jetzt demons- triert wird, zweimal rein.“ Derweil muss Cem Özdemir zum Zug, weshalb er die Presse zum Berliner Hauptbahnhof bestellt hat, „betroffen angesichts der Bilder, die wir gesehen ha- ben aus Stuttgart“. Der Grünen-Chef – dessen Partei innerhalb der rot-grünen Bundesregierung nicht durch Wider- stand gegen das Projekt Stuttgart 21 auf- gefallen war – sucht nun nach Worten, die noch stärker sind als die Bilder. Er spricht von „Empörung und Abscheu“ – und in einer Ansammlung von nicht harmonisierenden Empörungsmeta- phern von Konsequenzen: „Die erste Konsequenz muss sein, dass man, wenn man sich verrannt hat in der Sackgasse, nicht den Gang hochschaltet, sondern zurückfährt und aufhört, weiter Öl ins Feuer zu gießen. Deshalb: sofortiger Baustopp.“ Dann eilt Özdemir zum Bahnsteig. Um 11.37 Uhr geht ICE 599 nach Stuttgart. Während Politik und Polizei nach den Schuldigen suchen, geht es für die Demonstranten und Polizisten in die nächste Runde. Am Abend ziehen mehre- re Tausend Menschen in den Schloss- garten, weit weniger, als die Veranstalter erwartet hatten. Mit mehr als 100 000 Demonstranten hatten sie gerechnet. Cem Özdemir, der mittlerweile in Stutt- gart angekommen ist, schreitet durch den Matsch wie ein Feldherr, der seine er- schöpften Truppen besucht. Rüdiger Grube möchte kurz vor seiner Abreise aus München noch klarmachen, dass ihm die Zukunft der Regierung in Stuttgart „ziemlich egal“ sei. Es gehe ihm um die Zukunft der Bahn in Deutsch- land und Europa. Für Stuttgart 21 kann er ohnehin am wenigsten, denn als er im Mai 2009 sein Amt als Nachfolger des Großwesirs Hartmut Mehdorn antrat, „fand ich ja alle Verträge zu Stuttgart 21 schon vor“. Grube pochte damals auf neue Kalkulationen, die 2009 vorliegen- den waren die aus dem Jahr 2004. Er ha- be sich gefragt, wie man mit solchen Zah- len noch verlässlich arbeiten wolle. In München hinterlässt Grube eine Warnung. Es würde ihn nicht wundern, wenn der Stuttgarter Aufstand einen wei- teren Aufstand zur Folge haben werde:

gegen den bisher von der Bevölkerung ge- wünschten Ausbau der S-Bahn-Strecke zum Münchner Flughafen.

Ausbau der S-Bahn-Strecke zum Münchner Flughafen. Begegnung der unangenehmen Art: Polizisten in Kampfmontur

Begegnung der unangenehmen Art: Polizisten in Kampfmontur führen einen Protestierer ab.

Foto: Reuters

in Kampfmontur führen einen Protestierer ab. Foto: Reuters Die Polizisten gewinnen zwar den Kampf im Schlosspark,

Die Polizisten gewinnen zwar den Kampf im Schlosspark, aber trocken bleiben auch sie nicht.

Foto: Reuters