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M. Wehrle: Horizonte der Aufmerksamkeit.

Entwurf einer dynamischen Konzeption der

Aufmerksamkeit aus phänomenologischer und kognitionspsychologischer Sicht. München:

Wilhelm Fink Verlag, 2013, 388 Seiten. ISBN: 978-3-7705-5566-6, € 48.

Andrea Borsato

Zum Inhalt des Buches

Durch seine Theorie des thematischen Feldes war A. Gurwitsch überzeugt, „ein wesentliches

Fundament für die Lehre von der Ichhaftigkeit des Attentionalen erschüttert“ zu haben (Gurwitsch

1929, 366). Nun kreist M. Wehrles Untersuchung subjektiver Horizonte gerade um die Ichhaftigkeit

des Attentionalen und geht somit in die entgegengesetzte Richtung als das Vorhaben Gurwitschs: Die

Autorin versucht nachzuweisen, dass es ohne subjektive Tätigkeit keine Aufmerksamkeit gibt. Motor

der Aufmerksamkeit ist das Interesse, und Interesse wird in Anlehnung an Husserls Erfahrung und

Urteil als „erfahrende Ichtendenz“ aufgefasst (S. 102). Das Interesse als erfahrende Ichtendenz ist das

Prinzip, das nicht nur bei der aktiv vollzogenen aufmerksamen Zuwendung im Spiel ist, sondern schon

auf der Ebene der Affektion als „Gegenmodus aller Aufmerksamkeit in der Passivität“ (vgl. Hua

XXXI, S. 4) sein Werk leistet (S. 108; 181). Insofern als Affektionen und Assoziationen die Tätigkeit

eines Subjektes voraussetzen, weisen sie eine „Präferenzstruktur“ auf (S. 111). Mit den Termini ‚Ich’

bzw. ‚Subjektivität’ ist nun hier nicht das Ich gemeint, das sich durch Reflexion konstituiert und uns

durch Vergegenwärtigung „in unbestimmter Leiblichkeit (oder gar keiner) und in unbestimmter

Persönlichkeit oder als pures, reines Ich“ (Hua XIII, Nr. 1, S. 296) gegeben ist. Hingewiesen wird man

vielmehr entweder auf das blosse leibliche Orientierungszentrum der Wahrnehmung oder auf die

Subjektivität als Ergebnis der Sedimentierung vergangener Erfahrung, d. h. auf so etwas wie ein ‚Ich

der Habitualitäten’, wobei natürlich das Verständnis von ‚Habitualitäten’ niederstufig bleiben muss.

Dieser Terminus muss nämlich weit genug gefasst werden, um alle Fälle zu umspannen, in denen die

Vergangenheit auf das gegenwärtige Bewusstsein wirkt – sowohl die bewusste, als auch die

vergessene Vergangenheit des Subjektes: M. a. W. darunter fallen sowohl eine ‚bleibende


Überzeugung’ oder eine ‚bleibende Erinnerung’ als auch Assoziationen, in denen sich ins Unbewusste

verdrängte Bedürfnisse bekunden, wie z. B. im von T. Fuchs aus von Kleist übernommenen Beispiel

des Branntweinsäufers, der beim Erklingen der Rathausglocke ‚Kümmel, Kümmel!’ zu hören glaubt

(Fuchs 2006, S. 40). Einen solchen aus Habitualitäten entstehenden subjektiven „Erfahrungs- und

Interessenzusammenhang“ (S. 109) nennt die Autorin ‚noetischen Horizont’. Es handelt sich dabei um

einen Begriff, der neben den Phänomenologen (Husserl und Merleau-Ponty vor allem) und T. Fuchs’

Theorie des Leibgedächtnisses (S. 15) auch noch weitere Quellen aufweist: Einerseits den innerhalb

der empirischen kognitiven Psychologie geprägten Begriff des ‚attentional set’ (S. 328), und

andererseits die Idee des Bewusstseins als ‚Repräsentation’, d. h. als eines Bewusstseins, in dem die

vergangene Erfahrung bleibende Spuren hinterlässt (S. 234-235), wobei solche bleibenden Spuren in

Abwesenheit eines äusseren Reizes eine Wirkung ausüben, die sich eher als top down als bottom up

einstufen lässt. Die traditionelle, naïve Auffassung der top-down motivierten Aufmerksamkeit als

willentlich gesteuerter Tätigkeit gerät somit durch die Idee des noetischen Horizontes ins Wanken (S.

188).

Der Begriff des noetischen Horizontes spielt schon im ersten, philosophischen Teil des Buches

eine zentrale Rolle, indem auf Gurwitsch kritisch Rücksicht genommen wird, insbesondere auf dessen

einseitige Behandlung seines ausschliesslich noematisch verstandenen Horizontbegriffs. Andererseits

werden diesbezüglich im dritten Teil auch Philosophen aus dem englischsprachig-analytischen Lager

in Erwägung gezogen. Hier setzt sich die Autorin besonders eindringlich mit Noe & O’Reagan

einerseits und Dreyfus andererseits auseinander (S. 256-261). Wenn auf der einen Seite die Idee der

‚action in perception’ und die Hervorhebung der engen Beziehung von Wahrnehmung und

Leiblichkeit gewürdigt wird, wird auf der anderen Seite die Vernachlässigung der zeitlichen

Dimension der Wahrnehmung als die wichtigste Lücke des Anti-Repräsentationalismus solcher

Autoren angesehen: Man kann natürlich nicht von Wahrnehmung ohne leibliches ‚skillful coping’

sprechen, aber auch nicht von leiblichem ‚skillful coping’ ohne einen Hinweis auf die Wirkung

sedimentierter vergangener Erfahrung, wodurch die habituellen Fähigkeiten des wahrnehmenden

Subjektes überhaupt erst entstanden sind.

Der zweite Teil des Buches ist der Psychologie gewidmet. Die Autorin bietet darin einen
Überblick über die verschiedenen Ansätze, die die empirische psychologische Forschung der letzten

fünfzig Jahre zum Thema ‚Aufmerksamkeit’ geprägt haben, und zwar am Leitfaden der verschiedenen

Metaphern, die bei der Erforschung des Phänomens attentionaler Zuwendung zum Einsatz gekommen

sind: Filter, Scheinwerfer, zoom-lens, Klebstoff, grabbing hand, pecking chicken. Insbesondere der

Übergang zu den Bildern der ‚zugreifenden Hand’ und des ‚pickenden Huhns’ geben von der sich

allmählich unter den empirischen Forschern durchsetzenden Tendenz Zeugnis, immer mehr das

Thema der Zeitlicheit in den Vordergrund rücken zu lassen, insbesondere bei der Auseinandersetzung

mit den Problemen der aufmerksamen Verfolgung von Ereignissen.

Der dritte Teil des Buches verbindet das Philosophische mit dem Psychologischen, indem

genetische Phänomenologie und dynamische Aspekte der empirischen Kognitionspsychologie in

Beziehung gesetzt werden. Die Termini ‚genetisch’ und ‚dynamisch’ machen noch einmal deutlich,

wie ernst hier das Verhältnis der Aufmerksamkeit zur Zeitlichkeit genommen wird. Neben der

horizontalen Seite der Aufmerksamkeit wird hier auch auf ihre ‚vertikale Seite’ hingewiesen, die

verschiedene Stufen umfasst. Die unterste Stufe der Aufmerksamkeit entspricht dem Niveau der

Konstitution der Abgehobenheiten, und hier hängen selektive und integrative Funktion der

Aufmerksamkeit notwendig zusammen (S. 275). Eine ausschliesslich selektive Aufmerksamkeit kann

sich nach Ansicht der Autorin erst später bilden. Den Terminus ‚Attentionalität’ bezieht die Autorin

auf das, was allen solchen genetischen Stufen gemeinsam ist (S. 234). Beachtung findet auch das

Problem der Beziehung der Aufmerksamkeit zum Bewusstsein überhaupt, und insbesondere die

Fragen, ob es Bewusstsein ohne Aufmerksamkeit bzw. Aufmerksamkeit ohne Bewusstsein gibt.

Erstere Frage wird vor allem auf das Problem eingeschränkt, ob die ausserhalb des Themas der

Aufmerksamkeit fallenden Inhalte wirklich so detailliert vorgestellt werden wie wir zu glauben

zunächst geneigt sind – mit A. Noë gesagt: ob die snapshot conception der Wahrnehmung eine

Illusion ist oder nicht. Die Beantwortung der letzteren Frage beschäftigt sich hingegen vor allem mit

den Phänomenen, die gemeinhin unter den Titel ‚subliminale Wahrnehmung’ gebracht werden. Im

allgemeinen verwirft dabei die Autorin eine aus der 3. Person-Perspektive stammende Auffassung des

Unbewussten (S. 304), wonach alles, worüber die Versuchsperson zu berichten ausserstande ist bzw.

alles, was keinen Beitrag zur Erklärung des beobachtbaren Verhaltens leistet, als unbewusst gelten
soll; plädiert wird daher für einen Bewusstseinsbegriff, der graduelle Abstufungen zulässt.

Es handelt sich im allgemeinen um ein sehr lesenswertes Buch, für Phänomenologen und

Psychologen gleichermassen gewinnbringend – eher Handbuch als Dissertation: eine echte Einführung

in die Phänomenologie und Psychologie der Aufmerksamkeit. Die wichtigsten Fragen, die mit dem

Thema ‚Aufmerksamkeit’ zusammenhängen, werden hier aufgegriffen und bis ins kleinste Detail

entwickelt und behandelt. Wir möchten mit den folgenden Punkten die Diskussion eröffnen und auf

einige der zahlreichen Anregungen der vorliegenden Abhandlung ausführlicher eingehen.

Einige Ansätze zur Diskussion

(1)

Die allereinfachste Form der Affektion ist Affektion durch Kontrast: Ein lauter Krach ertönt in der

Stille, eine schrille Farbe hebt sich auf einem weissen Hintergrund ab. Nun vertritt die Autorin

folgende Ansicht: „Ein Kontrast sowie eine Ähnlichkeit ergeben sich immer nur relativ in Bezug auf

vorangegangene Sinneseindrücke oder Erfahrungen“ (S. 109). Daraus folgt, dass kein Kontrast

möglich ist ohne vergangene Erfahrung, und ferner auch keine Affektion durch Kontrast möglich ist

ohne vergangene Erfahrung. Affektion durch Kontrast wäre demnach immer als Ergebnis der

Sedimentierung vergangener Erfahrung und vergangener subjektiver Tätigkeit anzusehen. Stimmt das?

Gibt es wirklich keine kontrastbedingte Affektion ohne vergangene Erfahrung? Würde mich ein lauter

Lärm von der Straße nicht vom Lesen ablenken, wenn es für mich ein vollkommen neues Erlebnis

wäre? Die Antwort kann natürlich auch lauten: ‚Nein, er würde mich nicht ablenken’. Dann müsste

man aber u. E. jedenfalls schärfer zwischen Affektion und Assoziation unterscheiden: Assoziation hat

sicherlich ihren Ursprung in der Erfahrungsgeschichte des Subjektes und ist somit wesentlich auf

vergangene Erfahrung angewiesen. Durch Assoziation wird Vertrautes mit Vertrautem verbunden. Hat

sich über eine gewisse Zeit die Verbindung von zwei Inhalten A und B wiederholt, dann wird

irgendwann im eingeübten Subjekt das Auftreten von Reiz A das Auftreten von Reiz B erwecken.

Kann man aber was für die Assoziation gilt auch auf die Affektion übertragen? Wohl nicht in dem

Sinne, dass uns nur das Vertraute affizieren kann. Etwas kann uns natürlich deswegen auffallen, weil
es uns vertraut vorkommt, z. B. ein Wort in unserer Muttersprache im Telefongespräch eines

Ausländers, das sich sonst in einer uns unverständlichen Fremdsprache abspielt. Affizieren kann uns

aber auch das Neue und Fremde (S. 178). Hier wird man natürlich einwenden können, dass sich das

Neue und Fremde unserer Aufmerksamkeit nur insofern aufdrängen kann, als es mit dem Vertrauten

kontrastiert, und dass ferner auch die Gegebenheit des Neuen und Fremden an die Gegebenheit des

Vertrauten und somit an die Sedimentierung vergangener Erfahrung gebunden ist. So könnte die oben

genannte Ansicht der Autorin („ein Kontrast sowie eine Ähnlichkeit ergeben sich immer nur relativ in

Bezug auf vorangegangene Sinneseindrücke oder Erfahrungen...“) dadurch stark gemacht werden,

dass man Affektion und Assoziation in ihrem verschiedenen Verhältnis zur vergangenen Erfahrung

folgendermassen kennzeichnet:

(a) Findet eine Assoziation zwischen zwei Inhalten x und y statt, dann müssen beide

Inhalte x und y schon zuvor in der Erfahrung gegeben gewesen sein.

(b) Findet eine Affektion statt, und hebt sich ein Inhalt x von einem Inhalt y ab, dann

muss zumindest y schon zuvor in der Erfahrung gegeben gewesen sein.

Aus (b) ergibt sich aber unmittelbar eine schwerwiegende Folge: Hebt sich ein Inhalt x von einem

anderen Inhalt y ab, und kommen sowohl x als auch y zum ersten Mal zur Gegebenheit, dann kann x

keine Affektion üben. Nehmen wir z.B. an, dass wir noch nie die Farben Weiss und Schwarz gesehen

haben, und noch nie einen Kontrast erlebt haben – wir versetzen uns in die Lage eines Subjektes, das

bisher nur z. B. unabgehobenes Rot visuell wahrgenommen hat. Nehmen wir weiter an, dass wir zum

ersten Mal einen schwarzen Punkt auf einer weissen Oberfläche erblicken. Wenn (b) stimmt, dann

müssten wir erwarten, dass sich der schwarze Punkt hier von der weissen Oberfläche nicht abhebt und

uns nicht affiziert, weil der schwarze Punkt zwar ein neuer Inhalt ist, jedoch jeglicher Kontrast mit

einem vertrauten Hintergrund fehlt. Hier läge notwendig Erfahrung ohne Affektion vor – ferner

Erfahrung ohne Interesse, wenn alles Interesse aus der Affektion entstammt. Die Möglichkeit einer

Erfahrung ohne Affektion, und ferner ohne Interesse, scheint die Autorin allerdings abzulehnen: „Eine
subjektive Erfahrung ohne jegliches Interesse ist ... nicht vorstellbar, überall zeichnet sich diese durch

ihr präferentielles Wesen aus: ‚Es gibt in der Wachheit (als Korrelat des Schlafes) überhaupt keine

absolute Interessenlosigkeit, und was das ‚interessenlos verlaufend’ heisst, ist selbst ein

Relevanzphänomen niederster Stufe“ (S. 114). Diese Auffassung ist in der Tat nahe liegend. Sie

scheint allerdings problematisch, wenn andererseits behauptet wird, dass uns nur ‚eingeübte’

Kontraste – Kontraste mit einem vertrauten Hintergrund – affizieren können, ebenso wie

Assoziationen prinzipiell nur möglich sind als ‚eingeübte’ Assoziationen. Eine Verteidigung der

These, dass nicht jedes Bemerken zwangsläufig Bemerken des Vertrauten ist, dennoch aber notwendig

Vertrautes voraussetzt, ist zwar an sich möglich, jedoch nicht ohne Kosten.

(2)

Auf der untersten Stufe ist nach Ansicht der Autorin Aufmerksamkeit selektiv und integrativ (S. 221;

274-275; 278). Stimmt das? Versuchen wir dies anhand verschiedener Beispiele zu klären. Ist uns

folgende Konfiguration gegeben,

dann ist wohl eine Gestalt gegeben (etwa ‚ein Bündel vertikaler Striche’) und eine passive Synthesis

abgehobener Elemente vollzogen. Dabei spielt auch Aufmerksamkeit eine Rolle, und zwar sowohl

eine selektive (die einzelnen Striche heben sich vom weissen Hintergrund ab), als auch eine

integrative (die einzelnen Striche werden zu einem Bündel vereinheitlicht). Wie verhält es sich aber

bei folgendem sinnlichen Eindruck?

Hier ist uns ebenso eine bestimmte Gestalt gegeben. Wird hier aber auch eine passive Synthesis

abgehobener Elemente vollzogen? Liegt etwa eine ‚Deckung par distance’ im Sinne Husserls vor?
Dies ist wohl nicht der Fall. Hier ist eher einfach eine Gestalt gegeben, und zwar ohne jegliche

Synthesis, durch blosse Abhebung eines Inhaltes aus dem Hintergrund. Die schwarze Figur affiziert

unsere Aufmerksamkeit, und die selektive Aufmerksamkeit ist zweifellos am Werk. Was ist aber mit

der integrativen Aufmerksamkeit? Was soll hier womit integriert werden? Natürlich ist die

Wahrnehmung des schwarzen Kreises eine dauernde, und natürlich findet stetig – so kann man wohl

behaupten – eine zeitliche Synthesis der verschiedenen Phasen solcher Dauer statt. Muss man dies

aber als eine Leistung der Aufmerksamkeit – etwa als ‚feature integration’ im Sinne Treismans –

verstehen (S. 117)? Die zeitlichen Phasen der Dauer sind ja nicht abgehoben, sondern miteinander

verschmolzen, und Aufmerksamkeit als ‚feature integration’ hat nicht mit der Konstitution

verschmolzener Inhalte zu tun, sondern trägt eher zur Vereinheitlichung nicht-verschmolzener,

gegliederter Inhalte bei: Aufmerksamkeit verbindet Inhalte, die uns affizieren, und verschmolzene

Inhalte können uns nicht affizieren. Eine zeitliche Synthesis leistet die Aufmerksamkeit vielmehr etwa

dann, wenn wir eine Melodie hören. Hier kann man zu Recht auf Levin & Saylors Experimente in der

Wahrnehmung von Ereignissen (S. 196-197), d. h. von zeitlich ablaufenden Inhalten hinweisen – zu

Recht, denn bei der Melodiewahrnehmung ist in der Tat wohl von Inhalten die Rede, die aus

abgehobenen, zeitlich verteilten Teilen bestehen. Hier muss Aufmerksamkeit wirklich eine ‚feature

integration’ leisten. Wahrnehmung von Ereignissen liegt jedoch schon auf einer relativ hochstufigen

Ebene. Anders verhält es sich bei der Wahrnehmung bloss dauernder Abgehobenheiten, denn

dauernde Abgehobenheiten sind noch keine Ereignisse. Hören wir einen unverändert andauernden

Ton, dann kann wohl „von zeitlichen Synthesen (Retention, Impression und Protention)“ die Rede

sein. Können die Synthesen in diesem Fall aber als „Integration der aktuellen Wahrnehmung mit

früheren Erlebnissen“ (S. 220) angesehen werden? Wir bezweifeln das, denn hier sind die

verschiedenen Tonphasen miteinander verschmolzen. Gegen die Ansicht der Autorin behaupten wir

daher, dass auf den untersten Stufen der Wahrnehmung eine „zeitlich und inhaltlich kohärente

Wahrnehmung“ (S. 274) nicht durch die „integrativen synthetischen Leistungen“ der Aufmerksamkeit

überhaupt ermöglicht wird, sondern dass sie vielmehr schon unabhängig von letzteren stattfinden

kann: Die Wahrnehmung des schwarzen Kreises als bloss dauernder Abgehobenheit ist ja zeitlich und

inhaltlich kohärent, und dazu sind keine „integrativen synthetischen Leistungen“ erforderlich.
(3)

Nach Ansicht der Autorin besteht keine Affektion ohne Emotion. Wo Aufmerksamkeit (im weitesten

Sinne des Wortes) am Werk ist, da sind auch immer Emotionen vorhanden. Der Terminus

‚Attentionalität’ bezieht sich gerade auf Aufmerksamkeit, insofern sie mit Emotionen wesentlich

verwoben ist (S. 241). Emotionen werden allerdings dabei in einem starken, an das Werk von E.

Thompson anknüpfenden Sinn verstanden, wonach Emotion schon immer Leibbewusstsein

(zumindest Kinästhesen) sowie eine „Handlungstendenz“ bzw. Tendenz zur leiblichen Bewegung als

wesentliches Merkmal umfasst (S. 247-248). M. a. W.: Eine Emotion ist eine Gemütsbewegung, die

ohne Bewusstsein einer leiblichen Bewegung unmöglich stattfinden kann. Hier ergibt sich aber

folgendes Problem: Wenn alle Aufmerksamkeit Emotion voraussetzt, und Affektion auch

Aufmerksamkeit ist (und zwar als „Gegenmodus aller Aufmerksamkeit in der Passivität“ (Hua XXXI,

S. 4), dann setzt Affektion ebenfalls Emotion voraus. Wenn aber alle Affektion Emotion voraussetzt,

und alle Emotion Leibbewusstsein voraussetzt, dann setzt eo ipso auch alle Affektion immer

Leibbewusstsein voraus. Zu diesem Schluss scheint auch die Autorin zu gelangen, indem sie für „die

körperliche Fundierung der Emotionen und der damit einhergehenden Attentionalität“ (S. 251-252,

H.d.V.) plädiert. Diese Ansicht möchten wir hier jedoch in Abrede stellen. Emotion und Affektion

weisen u.E. ein verschiedenes Verhältnis zur Sinnlichkeit auf: Emotion im Sinne Thompsons setzt

Sinnlichkeit voraus im Sinne von Leiblichkeit; Affektion setzt hingegen Sinnlichkeit voraus im Sinne

von sinnlichen Empfindungen, aber nicht unbedingt von Leiblichkeit. So gibt es wohl keine Affektion

ohne sinnliche Empfindungen, aber es kann prinzipiell Affektion geben ohne Leibbewusstsein. Unter

‚Leibbewusstsein’ verstehen wir soviel wie Kinästhese bzw. das Bewusstsein subjektiver

Körperbewegungen, so wie sie vom Subjekt unmittelbar erlebt werden wie z. B. die

Muskelempfindungen, die die willentliche Bewegung des Augapfels beim Erheben des Blickes

begleiten1. Leibkörper bedeutet somit mehr als die blosse räumliche Ausdehnung eines Sinnesdatums.

Im Bewusstsein des Leibes ist ja das Bewusstsein eines ‚Ich kann’ enthalten oder, wie die

englischsprachige analytische Philosophie des Geistes zu sagen pflegt, ein ‚sense of agency’: Der Leib
                                                                                                               
1
Wir meinen m. a. W. das, was I. Kern „die sinnliche Tätigkeit als leibliche Selbstbewegung“ nennt. Vgl. I.
Kern, Idee und Methode der Philosophie, S. 48.
ist uns m. a. W. ursprünglich gegeben als das, was die freie Steuerung unserer Wahrnehmungstätigkeit

ermöglicht.

Wir können nun ganz bestimmt keine sinnlichen Empfindungen erleben, ohne einen Körper zu

haben, also setzt wohl – ontologisch gesprochen – das Bewusstsein von Empfindungen nowendig die

Existenz eines Körpers voraus. Setzt aber das Bewusstsein von Empfindungen auch das Bewusstsein

eines (Leib)körpers voraus? Dies scheint fraglich. Gewiss ist nur, dass das Bewusstsein meines Leibes

eine unentbehrliche (transzendentale) Voraussetzung darstellt für das wahrnehmungsmässige

Bewusstsein eines Dinges. Was ist aber, wenn noch kein Ding wahrgenommen, wenn noch keine

objektivierende Auffassung vollzogen wird, sondern bloss sinnliche Daten erlebt werden? Wir

berühren z. B. versehentlich heisses Eisen, und verbrennen uns dabei die Finger (vgl. Kern 1975, S.

105). Die Wahrnehmung vom heissen Eisen löst sich auf, die Tastempfindungen werden nicht mehr

als Erscheinungen des heissen Gegenstandes aufgefasst. Es mag allerdings noch die apperzipierende

Auffassung bleiben, die das Brennen in unseren Fingern lokalisiert. Ist es denkbar, dass die

Intensitätssteigerung einer Empfindung auch noch die betreffende apperzipierende Auffassung zum

Verschwinden bringt? Hier könnten wir an Bergsons Beispiel eines Kanonenschusses anknüpfen, das

uns gleichsam in Ohnmacht versetzt, indem wir einen Augenblick lang die „conscience de notre

personnalité“ verlieren (1898, S. 24). Wir glauben, dass dieses Gefühl der Ohnmacht ein Anzeichen

dafür ist, dass hier mehr im Spiel ist als eine blosse Auffassungsänderung, wonach die Wahrnehmung

des Kanonenschusses einfach in eine Wahrnehmung eines Zustandes unseres Leibes umschlagen

würde. Wäre dies so, dann würde das Bewusstsein unseres ‚Ich kann’ in diesem Fall nicht abhanden

kommen; wir hätten es bloss mit einem verschiedenen Wahrnehmungsinhalt zu tun. Was uns hier aber

vorläufig abhanden kommt, ist gerade die Fähigkeit, unsere Wahrnehmung frei zu steuern – kurz, das

Bewusstsein unserer Leiblichkeit als des Organs, wodurch wir unsere Wahrnehmungstätigkeit

beherrschen: Unsere Verwirrung ist dadurch ausgelöst, dass wir immer noch Empfindungen erleben,

jedoch für einen Augenblick unsere Wahrnehmungstätigkeit nicht mehr im Griff haben. Ein

Empfindungsfeld ist zwar immer vorhanden. Von einer Leiblichkeit als dem Organ der freien

Bewältigung unserer Wahrnehmungsakte ist jedoch keine Rede mehr. Kann hier folglich auch von

Affektion nicht die Rede sein? Dies schiene uns ein voreiliger Schluss. Affektion scheint hier im
Gegenteil wohl vorhanden zu sein, und zwar in ihrer einfachsten Form, nämlich als Affektion durch

Kontrast. Ist dem so, dann haben wir es hier und im allgemeinen in allen Fällen, wo uns die

Intensitätssteigerung einer Empfindung überwältigt – mit einer Affektion ohne Leibbewusstsein zu

tun. Dies zeigt, dass Affektion wohl sinnliche Daten, jedoch nicht unbedingt die Konstitution einer

Leiblichkeit voraussetzt. Wir stimmen daher der von M. Wehrle vertretenen Ansicht ‚Keine Affektion

ohne Emotion’ nur unter dem Vorbehalt zu, dass der Terminus ‚Emotion’ –anders als in der Tradition

der embodied cognition—in einem schwächeren Sinn verstanden wird, wonach Emotionen zwar

sinnliche Empfindungen enthalten, jedoch nicht unbedingt ein Leibbewusstsein: Nicht alle Emotionen

liessen sich demnach als embodied emotions auffassen, und die durch den Kanonenschuss eintretende

Verwirrung lässt sich u.E. am besten eher als ‚disembodied emotion’ beschreiben.

(4)

Die Autorin bezeichnet ‚Attentionalität’ als „die evaluative Dimension der Wahrnehmung“ (S. 241).

Dies heisst, dass alles, was überhaupt unsere Aufmerksamkeit affiziert, eine qualitative

Gefühlsfärbung erhält (S. 242). Diese Gefühlsfärbung konstituiert sich durch das Interesse, verstanden

als eine „Triebintentionalität“ (Husserl) bzw. „affektive Intentionalität“ (J. Slaby), in der „etwas

‚Inneres’ unmittelbar äusserlich bzw. leiblich auszudrücken“ scheint (S. 248). Die Autorin geht auf die

Definition der Termini ‚Gefühlsfärbung’ und ‚Wertung des Empfundenen’ nicht näher ein, aber wir

können uns deren Bedeutung anhand von passenden Beispielen verdeutlichen. Ziehen wir zuerst die

wahrnehmungsmässige Aufmerksamkeit in Betracht – die Aufmerksamkeit, die den

wahrgenommenen Dingen gilt. Als ‚qualitative Gefühlsfärbung’ mag in diesem Fall das gelten, was K.

Lewin als ‚Aufforderungscharakter’ bezeichnet hat2. Nehmen wir ein Ding wahr, dann ruft uns das

Ding gleichsam zu, „tritt näher und immer näher sieh mich dann unter Änderung deiner Stellung,

deiner Augenhaltung usw. fixierend an, du wirst an mir selbst noch vieles neu zu sehen bekommen...“

(Hua XI, S. 7). Der Aufforderungscharakter des wahrgenommenen Dinges besteht m. a. W. darin, dass

eine Aufforderung vom Ding an unseren Leibkörper ausgeht, bestimmte Handlungen bzw. bestimmte

                                                                                                               
2
Vgl. Lewin (1926), S. 64 f.: „Sowohl die echten Bedürfnisse wie die Vornahmenachwirkungen äussern sich
typisch darin, dass sich gewisse Dinge oder Ergebnisse mit Aufforderungscharakter angeben lassen, deren
Begegnung die Tendenz zu bestimmten Handlungen nach sich zieht.“
sound my alarm clock is emitting. But I don’t hear the earplugs. The taste
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I am eating but I do not (or need not) taste the taste paste.
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Figure 3.
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Here is one more example. Fixate your eyes upon the plus sign in the
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Figure 3.

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Augenbewegung vollzogen wird. Wir haben es hier daher mit einer leiblichen Tendenz zu tun, und

hier scheint Aufmerksamkeit tatsächlich „nicht unabhängig von einer... leiblichen Verankerung in der

Welt gedacht werden“ (S. 242) zu können. Die dicht aneinandergereihten Linien affizieren unser

Interesse und fordern uns gleichzeitig auf, eine gewisse Wendung unseres Augapfels zu vollziehen,

also hängen hier Affektion und Leiblichkeit unverkennbar zusammen. Dass dies jedoch nicht überall

der Fall ist, zeigt eben das Beispiel (A). Es gibt im allgemeinen Fälle, in denen unser geistiger

(sinnlich-geistiger) Blick frei herumwandern kann, und zwar unabhängig von jeglicher Wanderung

des leiblichen Blickes. In solchen Fällen liegt wohl sinnliche Affektion vor, jedoch noch keine

leibliche Affektion. Wiederum müssen wir also den Unterschied bekräftigen zwischen Gefühlen, die

wohl als ‚embodied emotion’ gelten können, und Gefühlen, die hingegen in eine solche Einstufung

nicht passen. Das Interesse, das uns zur allseitigen Betrachtung eines Dinges bewegt, kann als

‚embodied emotion’ gelten, denn in der Tat liegt hier wohl – um es mit A. Noë zum Ausdruck zu

bringen – eine ‚action in perception’ vor. Kann aber dem Interesse, das uns hingegen die einzelnen

Lichter im Rheintal zu einer Lichterkette (Hua XI, S. 154 f.) verbinden lässt, ebenfalls die Rolle von

‚embodied emotion’ beigemessen werden? Dieser Schritt scheint uns nicht selbstverständlich. Denken

wir etwa an folgendes Beispiel (C):

+ + + +

Die ersten beiden Zeichen werden (aufgrund ihrer Nähe) miteinander verbunden und von den anderen

beiden getrennt. Diese Verbindung findet gänzlich passiv statt. Zwar spüren wir dabei eine Tendenz,

die nahen Punkte zu verbinden und als ‚Paar’ aufzufassen. Muss die Tätigkeit des Verbindens und

Trennens aber unbedingt als eine leibliche Tätigkeit aufgefasst werden? Dies scheint nicht eindeutig

aus der Erfahrung hervorzugehen – jedenfalls nicht so eindeutig wie bei den oben behandelten

Beispielen (A) und (B). Dort hatten wir es mit einem Aufmerksamkeitswechsel zu tun. Hier ist im

Gegenteil zwar Aufmerksamkeit am Werk, jedoch kein Aufmerksamkeitswechsel. Von einer

Wanderung des Blickes ist nämlich keine Spur. Es ist nicht so, als würden wir unseren Blick (nicht

einmal unseren geistigen Blick) bewegen müssen, um die nahen Punkten zusammenzufügen und sie

von den entfernten Punkten zu trennen, sondern hier finden Verbindung und Trennung ‚mit einem

Blick’ statt, ohne dass wir nach den zu verbindenden und trennenden Elementen zu ‚suchen’ haben:
ihre Einheit springt von selbst in die Augen. Sollten wir hier nun trotzdem eine leibliche Bewegung

annehmen? Dies wäre u. E. eine unnötige und bemühte Hypothese.

Problemlos kann man hier daher das Verbinden und Trennen der Zeichen als gefühlsgefärbt

ansehen, und zwar gefärbt durch das Gefühl des Interesses. Ob man allerdings im Interesse, das

verbindet und trennt, eine Emotion erblicken kann, in der „etwas ‚Inneres’ unmittelbar äusserlich bzw.

leiblich auszudrücken“ (S. 248) scheint, bleibt u. E. offen. Man kann sich die Leiblichkeit beliebig

unbestimmt vorstellen und den Begriff ‚leibliche Tätigkeit’ so schwach auffassen wie man will, etwa

als ‚Tätigkeit, die von einem Hier ausgeht’. Ist uns die Tätigkeit des Verbindens und Trennens der

Zeichen im Beispiel (C) aber als eine solche gegeben, die ‚von einem Hier ausgeht’? Dies mag auf das

Ergreifen einer Tasse oder auf das visuelle Verfolgen eines sich bewegenden Gegenstandes zutreffen.

Im Beispiel (C) aber scheint die Sachlage ganz anders zu sein. Dies hindert uns daran, der Ansicht der

Autorin, wonach die „erste Wertung des Empfundenen“ ein ursprüngliches Verhältnis zum Leib

aufweist, uneingeschränkt zuzustimmen.

Literatur

Bergson, H. (1898) Essai sur les données immédiates de la conscience. Paris: Alcan.

Fuchs, T. (2006) „Leibgedächtnis und Lebensgeschichte“. Konzentrative Bewegungstherapie 28: 24-

33.

Kern, I. (1975) Idee und Methode der Philosophie: Leitgedanken für eine Theorie der Vernunft.

Berlin: De Gruyter.

Lewin, K. (1926) Vorsatz, Wille und Bedürfnis, mit Vorbemerkungen über die psychischen Kräfte und

Energien und die Struktur der Seele. Berlin: J. Springer.