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PS Welt Doktor Cannabis Jogi Löw olkssport Schönheit

Rasende Lieber kiffen als „Es wurden Grenzen Von Tropfenbrüsten


Sehnsucht Magazin sich krank fühlen S . 18 überschritten“ S. 25 bis Vampir-Lifting S. 63

2. OKTOBER 2016 NR. 40 B ** DEUTSCHLANDS GROSSE SONNTAGSZEITUNG GEGRÜNDET 1948 PREIS D € 3,90

IN DIESER AUSGABE
104 Jahre
Zwei Weltkriege, Weimarer Republik,
KAMPFZONE SCHULE DDR, Wiedervereinigung – die vielen
Leben der Ingeborg R. Politik S. 6
Echte Kerle

Und wie schützen Sie Ihr Kind vor Volle Lippen, lange Beine: Besuch
beim Schönheitswettbewerb der
Transsexuellen Leben S. 22
Voll elektrisch

MOBBING?
Es geht voran – im wahrsten Sinne:
Die Reichweiten von E-Autos steigen.
Sieben neue Modelle Motor S. 32
Gleiches Gehalt
Das Gesetz zur Lohngerechtigkeit
rückt in greifbare Nähe. Das finden
nicht alle gut Wirtschaft S. 38
Der Ton in den Schulen ist rau, Gewalt an der Tödliches Gold
Tagesordnung. Dabei gibt es Strategien für Eltern, Sie ruinierten ihr Leben in Südafrikas
Minen. Jetzt winkt den Arbeitern
ihre Kinder auf den harten Alltag vorzubereiten –

GETTY IMAGES, ELENA GENOVA


Entschädigung Finanzen S. 41

damit sie weder Opfer noch Täter werden Seite 21 Literarischer Geheimbund
Elitär, verschroben, rätselhaft: Der
George-Kreis ist Legende. Und es
gibt ihn noch heute Kultur S. 59
Florentinischer Krimi
Auf den Spuren von Dan Browns
INTEGRATION

Schäuble will
SEXISMUS

„Shitstorm Union warnt vor einem Thriller „Inferno“ durch die italie-
nische Renaissancestadt Reise S. 70

Handelskrieg mit den USA


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deutschen Islam auf Pumps“ SPACETIME


Wolfgang Schäuble (CDU) spricht sich In der Sexismus-Debatte melden sich AUFBRUCH ZUM MARS
Politiker werten Washingtons Milliardenstrafen gegen VW und
für die Entwicklung eines deutschen Is- Spitzenpolitikerinnen mit eigenen Er-
lams aus – „eines Selbstgefühls hier le- fahrungen zu Wort. CDU-Vize Julia
Deutsche Bank als Retourkutsche – und fürchten eine Eskalation
bender Muslime auf der Grundlage un- Klöckner wirft dem SPD-Mann Roger HEUTE AB 18.05 UHR
serer freiheitlichen und toleranten Ord- Lewentz jetzt unangemessene Wort-
nung“. Das schreibt der Finanzminister wahl vor. „Wenn mich der rheinland-
in einem Beitrag für diese Zeitung. Die pfälzische SPD-Landesvorsitzende und ach den jüngsten Milliardenstrafen gegen Deutsche Bank muten wie eine Retourkutsche der US-
steigende Zahl der Muslime sei „für die
Mehrheitsgesellschaft eine Herausfor-
derung“. Schließlich hätten wir es mit
„Menschen aus ganz anderen Kultur-
kreisen“ zu tun. Für eine soziale Verro-
hung seien aber auch Bürger „mit ziem-
Innenminister Lewentz als ‚Shitstorm
auf Pumps‘ bezeichnet, dann ist das Se-
xismus pur – so geschehen auf dem
SPD-Landesparteitag 2014“, sagte
Klöckner dieser Zeitung. SPD-General-
sekretärin Katarina Barley fordert einen
N Unternehmen in Europa und den USA
wächst die Sorge vor einem transatlanti-
schen Wirtschaftsstreit. „Was wir derzeit
erleben, hat wirtschaftskriegsähnliche
Züge“, sagte der Vorsitzende des Wirtschaftsausschus-
ses im Bundestag, Peter Ramsauer, der „Welt am Sonn-
Behörden an“, sagte der CSU-Europaabgeordnete Mar-
kus Ferber. Konflikte zwischen den USA und der EU
würden wegen der Überprüfung von Steuerdeals – etwa
bei Apple, Amazon und McDonald’s – schon lange
schwelen. Dagegen sagte der Direktor des Instituts der
deutschen Wirtschaft Köln, Michael Hüther, es sei noch
BUNDESLIGA

Bayern strauchelt,
Dortmund verliert
lich wenig Migrationshintergrund“ ver- Bewusstseinswandel. Seite 2 tag“. „In den USA gibt es eine lange Tradition, jeden überzogen, von einem Handelskrieg zu sprechen. „Aber
antwortlich. Wir brauchten daher „ein Anlass für handelskriegsähnliche Scharmützel zu nut- Maßnahmen wie Strafen für Unternehmen sind immer Überraschung in der Fußball-Bundesli-
robusteres Selbstverständnis von dem, zen, wenn das der eigenen Wirtschaft nutzt. Damit sind auch Teil einer Standortpolitik und interessengeleitet.“ ga. Rekordmeister FC Bayern kam
was uns wichtig ist, wie wir leben wol- erpresserische Schadensersatzforderungen verbunden, Die exorbitant hohen Strafen für Banken seien eher gegen den 1. FC Köln nicht über ein
len. Nur dann wird uns und anderen FLÜCHTLINGE wie wir das derzeit im Fall der Deutschen Bank sehen.“ eine Folge der Finanzkrise, sagte Matthias Machnig 1:1 hinaus. Die Münchner mussten sogar
klar, was wir durchsetzen wollen. Und (SPD), Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministeri- froh sein, dass Simon Zoller kurz vor
zu diesem Wir sollen möglichst viele ge-
hören, gleich welcher Herkunft und
Kurz gegen VON STEFAN BEUTELSBACHER,
NIKOLAUS DOLL UND ANDRE TAUBER
um. Damals sei gegen „sämtliche Grundsätze seriösen
wirtschaftlichen Handelns“ verstoßen worden. „Die
Schluss nicht der Siegtreffer für die
Rheinländer gelang. Am Ende war
Seite 11
welchen Glaubens“. rha
Umverteilung Die USA sehen es genau andersherum. „Wir erleben
Akte der Aggression gegen amerikanische Unterneh-
neue Dimension von Sanktionen ist eine Reaktion da-
rauf.“ Es sei ein Stoppschild, das bedeutet, dass Ame-
rika bestimmte Verhaltensweisen nicht akzeptiere. Er
aber alles nur halb so schlimm, da
der BVB die Vorlage im Abendspiel
nicht zu nutzen wusste. Ganz im Ge-
Österreichs Außenminister Sebastian men“, klagt John Engler, Präsident der mächtigen US- forderte die USA auf, bei den Strafen „die Leistungsfä- genteil. Dem Hamburger SV fehlt unter-
Kurz hat die EU aufgefordert, trotz be- Industrielobbygruppe Business Roundtable. „Es ist ein higkeit eines Unternehmens zu berücksichtigen“. dessen auch mit seinem neuen Trainer

520.000
Ausländer sind in Deutschland unter-
stehender Beschlüsse nicht länger an ei-
ner Umverteilung von 160.000 Flücht-
lingen auf alle Mitgliedsländer festzu-
halten. „Das Ziel ist völlig unrealis-
neuer, gefährlicher Protektionismus zu beobachten.“
Die Europäische Union und die USA hatten in den
vergangenen Wochen Konzerne von der jeweils ande-
ren Seite des Atlantiks mit spektakulären Strafen be-
Brüssel versucht nun, dem Streit seine Schärfe zu
nehmen. „Wir sollten es uns nicht leicht machen und
sagen, dass das einzige Ziel der USA darin besteht, ge-
gen europäische Wettbewerber vorzugehen“, so EU-Di-
Markus Gisdol das Glück, er verliert in
Berlin. Seiten 26 bis 28

getaucht, vermuten Experten. Die Zahl tisch“, sagte er dieser Zeitung. Gleich- legt: Nachdem die EU-Kommission von Apple die Zah- gitalkommissar Günther Oettinger. „Dass hinter dem
München – Köln .................................. 1:1
lässt sich allerdings nur schätzen, der zeitig kritisierte Kurz die Ankündigung lung von bis zu 13 Milliarden Euro an säumigen Steuern jüngsten Vorgehen der USA vielleicht auch ein Hauch Samstag

Berlin – Hamburg ............................... 2:0


Wert liegt nach Angaben der Migrati- der Bundesregierung, künftig monatlich verlangt hatte, drohten die USA der Deutschen Bank Industriepolitik steckt, kann man nicht völlig aus-

Ingolstadt – Hoffenheim ................. 1:2


onsforscherin Dita Vogel von der Uni mehrere Hundert Flüchtlinge aus Ita- mit einer Milliardenstrafe. Und auch der Autobauer schließen. Aber das ist sicher nicht das vorrangige Mo-

Darmstadt – Bremen ....................... 2:2


Bremen bei mindestens 180.000 Men- lien und Griechenland aufzunehmen: Volkswagen muss wegen seiner Diesel-Affäre mit Milli- tiv.“ Doch die Konflikte mit den USA dürften zuneh-

Freiburg – Frankfurt ......................... 1:0


schen. Aufgrund der Trendindikatoren „Diese Politik ist falsch.“ Es würden da- ardenstrafen rechnen. men. Die EU arbeitet an der Schaffung eines digitalen
erwartet die Expertin einen deutlichen durch noch mehr Flüchtlinge kommen, In Europa wird die Entwicklung mit Sorge beobach- Binnenmarkts, der einheitliche Regeln für Konzerne
Anstieg der Zahl der „Illegalen“. Seite 7 befürchtet der Minister. Seite 10 tet. Das „Timing und die Höhe der Strafe gegen die wie Google und Facebook beinhaltet. Seite 34 Leverkusen – Dortmund .................. 2:0

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Ultimative Nahtoderfahrung
orscher haben herausgefunden, re ununterbrochen vor dem Fernseher, LEBE DEINE LIEBE.
F dass zu viel fernsehen nicht gut
für den Menschen ist. Ganz viel
fernsehen ist ganz schlecht und nur
und die Nachbarn wundern sich schon
über den Geruch. Aber diese Menschen
gucken einfach immer weiter, weil sie
noch fernsehen praktisch Selbstmord. tot sind. Das ist die bittere Erkenntnis
Wer 24 Stunden am Tag vor dem Bild- der Forscher: Viele Geräte und viele
schirm sitzt, vereinsamt, verliert den Programme überleben den Zuschauer.
Bezug zur Realität und seinem Arbeitsplatz. Viele Markus Lanz ist gefühlt an acht von sieben Tagen
Menschen gucken ununterbrochen fern, weil sie auf dem Bildschirm zu sehen, selbst wenn es ihn
glauben, sie seien Forscher, allerdings müssten nicht mehr gibt, läuft seine Sendung noch jahre-
sie dann kurz vom Fernseher aufstehen, an die lang weiter, und Wolfgang Kubicki oder Matze
Öffentlichkeit gehen und verkünden: Wer mehr Knop laden sich einfach selbst ein. „Bares für Ra-
als 21 Stunden am Tag vor dem Fernseher ab- res“ gilt als ultimative Nahtoderfahrung, wer das
hängt, leidet an Schlafmangel und fehlendem überlebt, der glaubt oft, er sehe ein Licht am En-
Schamgefühl oder nickt in unnatürlichen Stel- de des Tunnels, aber in Wirklichkeit ist es Andrea
lungen ein. Es gibt Menschen, die sitzen fünf Jah- Kiewel im ZDF-Fernsehgarten Eden.

KUNDENSERVICE: 0800-926 75 37 A 4,30 € • B 4,30 € • CH 5,50 CHF • CZ 160 CZK • DK 34,00 DKK ISSN 0949 – 7188
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2 POLITIK WELT AM SONNTAG NR. 40 2. OKTOBER 2016

Liebe Leserinnen,
liebe Leser!
In Frankfurter Bankerkreisen be-
schäftigt man sich gerade intensiv
mit Erdgeschichte. Ein 65 Millionen
Jahre altes Kapitel hat es der Fi-

Macht,
nanzelite besonders angetan. Da-
mals starben die Dinosaurier aus,
und bis heute weiß keiner so richtig
warum. Die gängigsten Theorien
erklären das Massensterben wahl-
weise mit einem Todesvirus, einem
mysteriösen Weibchenmangel,

SEX
einer durch Vulkanausbrüche vergifteten Atmosphäre –
oder einem Asteroiden-Einschlag, der eine so große
Staubwolke produzierte, dass sich der Himmel verdun-
kelte und die Temperaturen dramatisch sanken. In dieser
neuen Welt war das Geschäftsmodell der XXL-Wesen
offenbar zum Scheitern verurteilt. Mancher Banker ahnt,
dass solche Theorien etwas über sein eigenes Schicksal
aussagen könnten. Großbanken wirken nicht nur laut
Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret wie die neuen
„Saurier“ – und die Spätfolgen der Finanzkrise wie eine
galaktische Katastrophe. Allen voran taumeln die obers-

und ein
ten Chefs der Deutschen Bank im Dino-Delirium durch
die größte Krise in der Geschichte des Instituts. Ihre
Vorgänger waren einst angetreten mit dem Ziel, aus dem
Stolz der Deutschland AG einen Hedgefonds der Super-
lative zu bauen. Handelsfinanzierung und Privatkunden-
geschäft langweilten die Boni-Banker zu Tode. Sie wette-

Missverständnis
ten lieber auf alles, was sich bewegt. Mit Devisen, Gold,
Zinsen und maroden US-Hypotheken schafften sie es in
die Zunft der mächtigsten Zockerbanken. Dafür war
ihnen jedes Mittel recht. Und das rächt sich nun. Der
Aufstieg war steil, der Abstieg ist noch steiler, beschleu-
nigt durch eine drohende Milliardenstrafe in den USA.
Die ganze Republik spekuliert über eine mögliche Ret-

Seit die Kommunalpolitikerin Jenna Behrends


tung durch den Staat. Tiefer kann ein heimischer Bran-
chenprimus nicht fallen. Kaum jemand will dabei hören,
dem Berliner CDU-Chef Frank Henkel
dass die Deutsche Bank eine viel solidere Bilanz aufweist

unangemessene Sprüche vorgeworfen hat,


als noch vor wenigen Jahren. Das mag unfair sein, aber
verständlich. Denn der talentierte Mister Sanierer John

wird heftig über die ganz alltäglichen Fehltritte


Cryan versteht zwar viel von Altlastenentsorgung, aber
auch er kann noch nicht erklären, woher in einer Welt

diskutiert. Was ist noch Scherz, was schon


der Nullzinsen und der harten Digital-Konkurrenz künf-
tig genügend Erträge kommen – genügend Futter für den

Sexismus – und hört das irgendwann auf?


Saurier. Die Wirtschaftsredakteure Anja Ettel, Karsten
Seibel und Holger Zschäpitz haben sich den Existenz-
kampf der Branche genauer angeschaut (Seite 33).
Die dauernden Nachbeben der Lehman-Pleite treiben
nicht nur die Banker um. Historiker werden die Kern-
schmelze auf den Finanzmärkten vermutlich einmal als wenn jemand solange die Hunde hält.‘“

S
gesellschaftliche Zäsur beschreiben. Den Punkt, an dem Nicht alle Frauen sind so schnell und
der Glaube an den Segen der Globalisierung verloren schlagfertig wie Birr, nicht alle haben
ging, das Vertrauen in die Eliten in sich zusammenfiel ihr Selbstbewusstsein, nicht alle erben
und einer der Grundsteine für AfD, Trump und Co. ge- eine Werft. Sie ist in der komfortablen
legt wurde. Da nahm die Rückbesinnung auf das Kleine Lage, mit Klischees und Zuschreibun-
und Überschaubare wieder richtig Fahrt auf. Wie so oft gen spielerisch umgehen zu können.
schon in der Menschheitsgeschichte, analysiert der re- Das ist eine gute Strategie, aber nicht je-
nommierte Politikwissenschaftler Herfried Münkler de versteht es, sie anzuwenden.
(Seite 56). Sexismus, also die Diskriminierung
Die überschaubarste Einheit ist das eigene Ich. Um wegen des Geschlechts oder der sexuel-
das kümmern sich die Deutschen mit besonders viel len Orientierung, mag heute subtiler
Liebe und immer öfter auch mithilfe des Skalpells. daherkommen als vor 30 oder 40 Jah-
Schönheitsoperationen sind Volkssport. Das Stilressort ren. Verschwunden aber ist diese Form
hat sich von den Chirurgen die neuesten Trends erklären „Sexismus ist ein reines Macht-Ding“, des Übergriffs nicht – und wird es wohl
lassen. XXL-Brüste, die abstehen wie aufgeklebte Halb- sagt Katrin Birr, geschäftsführende Ge- auch nicht, solange es Männer und
kugeln, gehören nicht dazu. Sie sterben langsam aus. sellschafterin der Gebrüder Friedrich- Frauen gibt, Macht und Sex, Über- und
Größe allein zählt eben nicht (Seite 64). Werft in Kiel: „Was für mich bedeutet, Unterordnung. Trotz aller Hoffnungen.
Ihr Beat Balzli, Stv. Chefredakteur dass ich im Job nie Seximus erlebt habe. Fälle wie die Auseinandersetzung
Denn allen war von Anfang an klar, dass zwischen der CDU-Kommunalpolitike-
ich unsere Firma von meinem Vater rin Jenna Behrends und dem Berliner
übernehmen würde.“ Sie selbst habe CDU-Landesvorsitzenden Frank Hen-
kel über die Frage, wie man über Frauen
WIEDERVORLAGE VON SUSANNE GASCHKE sprechen darf, sind in der vergangenen
Woche landauf, landab diskutiert wor-

FPÖ-Chef Strache Männer meist schon dreimal veralbert,


bevor die auch nur zu einer Anzüglich-
keit ansetzen könnten, sagt Birr. Ihren
den. Sie zeigen, wie viel Klärungsbedarf
zwischen den Geschlechtern immer
noch besteht: wie deutlich die Wahr-
wird zum Coverboy zweiten Hund habe sie sich allein des-
halb gekauft, weil Witze mit zwei Möp-
nehmung zwischen derbem Scherz und
verletzender Abwertung auseinander-
sen besser funktionierten als mit einem. fallen kann.
„Ich träume von der Situation, wo ein Obwohl es auch Situationen geben
Mann sagt: ,Darf ich mit Ihren Möpsen mag, in denen Frauen sich gegenüber
spielen?‘, und ich antworten kann: ,Ja, Männern sexistisch verhalten, fällt die

Heinz-Christian Strache ist nicht bloß ein Fan von Frauke

Die Frau ist


Petry. Nein, der Chef der österreichischen FPÖ hält sie
sogar für die bessere Kanzlerin als Angela Merkel, wie er it dem Sexismus verhält es derdogs“? Gedemütigte und Beleidigte
vergangene Woche im Streitgespräch mit der „Welt am
Sonntag“ erzählte. Seiner Meinung nach ist das freilich M sich ähnlich wie mit der Quan-
tenmechanik: Obwohl wir das
hätten ein öffentliches Spektakel aufge-
führt, um die „privilegierten Deutschen

immer Frau
keine große Kunst: „Was da in Deutschland angerichtet Phänomen erst seit ein paar Jahrzehn- einer schmerzhaften Hilflosigkeit aus-
wurde, das kann man nicht mehr schlechter machen.“ ten kennen, existiert es schon sehr viel zusetzen“. Sexismus also als bloßes In-
Die als Petry-Lob verpackte Merkel-Rüge des Rechtspo- länger. Das Wort Sexismus wurde in den strument eines tiefer liegenden Kamp-
pulisten verhallte nicht ohne Echo: Es reichte von be- Sechzigern geprägt, von amerikani- fes der Klassen und Rassen. Žižek befin-
kannten Onlinemedien wie Focus.de und „Huffington schen Frauenrechtlerinnen. Sie fanden, det, wer sich deshalb um Aufklärung der

Von der Frauenfeindlichkeit am Beginn der


Post“ bis zu reichlich obskuren wie dem Magazin „Con- dass ökonomische Ausbeutung und Ras- Migranten bemühe, wer ihnen klarzu-
tra“, dessen Gründer bisher unter anderem mit einer Fa- sismus nicht die einzigen Methoden wa- machen versuche, dass man hierzulande
Aufklärung bis zu Theresa Mays Stöckelschuhen.
cebook-Seite zur Rettung des österreichischen Neonazi- ren, mit deren Hilfe die Leute an der Frauen anders behandle als bei ihnen zu

Eine kleine Kulturgeschichte des Sexismus


Portals alpen-donau.info aufgefallen ist. Strache selbst Spitze der Nahrungskette ihre Macht si- Hause, der begehe eine „atemberauben-
empfahl seinen gut 400.000 Facebook-Freunden den Link cherten. Die Top Dogs der amerikani- de Dummheit“. Die Täter wüssten das
zum Interview mit den Worten: „Merkel hat dem europäi- schen Gesellschaft – und in Europa war nämlich nur zu gut. „Sie tun es gerade“,
schen Geist geschadet!“ Eva Dichand, Herausgeberin der das nicht anders – rekrutierten sich aus so Žižek, „weil sie unsere Empfindlich-
Wiener Gratiszeitung „heute“, twitterte es mit einem Fo- Menschen, die erstens reich, zweitens keiten verletzen wollen.“
to von der mit einem ungewohnt staatsmännisch dreinbli- weiß und drittens Männer waren. deren Stadtteilen, die den Status des kann man das nächtliche Holz-vor-der- Dass wir jedenfalls zu kurz greifen
ckenden Strache bebilderten Zeitungsseite. Deklassierten nicht verhehlten. Frauen Hütte-Gestammel eines Rainer Brüder- und zu flach denken, wenn wir glauben,
Die „Welt am Sonntag“ war übrigens nicht das einzige VON JAN KÜVELER hingegen wohnten überall. Und auch ar- le auch ohne Training in Tiefenpsycho- die europäische Zivilisation sei immer
ausländische Medium, das sich dem FPÖ-Chef widmete: me oder schwarze Männer konnten Se- logie als verzweifelten Versuch eines äl- schon ein antisexistisches Projekt ge-
Das US-Magazin „Time“ hob ihn – und seinen Präsident- Offenbar waren alle drei Eigenschaf- xisten sein – einfach weil sie ein Quent- teren Herren durchschauen, mit for- wesen, bestätigt die Literaturwissen-
schaftskandidaten Norbert Hofer – auf das Cover der Eu- ten geeignet, um sich als Gruppe zu so- chen stärker, mächtiger und näher an schen Sprüchen den Verdacht der Im- schaftlerin Barbara Vinken, die schon
ropa-Ausgabe. Titel: „Die neuen Gesichter der Rechten“. lidarisieren und jeden, der nicht dazu- der herrschenden Gruppe waren als die potenz zu zerstreuen. über Laclos’ „Gefährliche Liebschaften“
gehörte, nach Kräften zu unterdrücken. Frauen. So erhielt das Phänomen erst, Für schwierigere Fälle wie die Silves- promoviert hat und sich seither begeis-
Im Fall der Schwarzen und Armen war indem Feministinnen ihm einen Namen tergrapscher von Köln reicht es, findige tert mit Feminismus, Mode und Porno-
das nicht zu übersehen. Mit den Frauen gaben, Einzug auf die geistig-soziale Philosophen wie Slavoj Žižek zu fragen. grafie beschäftigt. In einem Interview,
T KUNDENSERVICE
verhielt sich das schwieriger. Immerhin Landkarte. Er hat damals kurz nachgedacht und das nächste Woche in der „Welt“ er-
Brieffach 2264, 20350 Hamburg waren die meisten Männer verheiratet Übrigens lassen sich selbst vermeint- dann Folgendes zu Protokoll gegeben: scheint, berichtet sie vom sexistischen
Telefon: 0800/926 75 37* • Fax: 0800/926 77 37
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und gaben den Opfern ihrer systemati- lich klare Fälle von Sexismus bei wohl- Was, wenn man den Vorfall von Köln Herz der Aufklärung. Jean-Jacques
Öffnungszeiten: täglich 9–19 Uhr schen Unterdrückung Küsschen und wollender Interpretation als Ausdruck nicht als Ventil eines Drangs nach sexu- Rousseau, Autor des „Gesellschaftsver-
(*Gebührenfrei aus dt. Festnetz und schliefen im selben Bett. Schwarze und von etwas anderem interpretieren – was eller Befriedigung verstünde, sondern trags“ und der epochalen „Abhandlung
von allen dt. Mobiltelefonen) Arme wohnten normalerweise in beson- die Sache nicht einfacher macht. So als „karnevalartige Rebellion der Un- über den Ursprung und die Grundlagen
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2. OKTOBER 2016 WELT AM SONNTAG NR. 40 POLITIK 3

Sexismus-Bilanz zuungunsten der Män- sagt der Medienwissenschaftler heute. alles gar nicht, was das Mädchen da er- des Umgangs miteinander beigetragen Knaths hat in leitenden Funktionen
ner aus – man denke an die Prostituier- „In dieser Frage unterscheidet sich die zählt!‘“ Der Richter, sagt Erps, habe in haben. beim Otto-Konzern gearbeitet, sollte
ten-Incentives von Ergo und VW, an den Union nicht so sehr vom Fußballplatz. dieser Situation gut reagiert und erwi- Ähnlich verletzend wie die abwerten- mit 34 Jahren Vorstand einer amerikani-
unendlichen Kamera-Take auf die Beine In Männergesellschaften werden derbe dert: „Das Mädchen ist die Frau Staats- de Bezugnahme auf das Aussehen ist die schen Aktiengesellschaft werden, mach-
der FDP-Politikerin Katja Suding, an ak- Scherze gemacht, in Frauenrunden üb- anwältin, und Sie hören jetzt zu!“ Im auf das Alter. Gegen sein Alter kann te sich dann aber als Beraterin selbst-
tenkundige Politikeräußerungen wie rigens auch oft. Wenn Frauen bei den Rahmen ihrer Ausbildung sei sie aller- man schließlich genauso wenig tun wie ständig. Sie hat Bücher geschrieben, die
„Tittenbonus“, „Ex-Ficksen“ und „zurei-
„Tittenbonu Männern mitspielen wollen, erwartet dings durchaus auch an Vorgesetzte ge- gegen sein Geschlecht oder seine Her- Titel tragen wie „Spiele mit der Macht“.
ten“. Wogegen die altertümliche Dirndl- man von ihnen, dass sie das aushalten – raten, die gern ihren Hintern und ihren kunft. Deshalb ist es ausgesprochen un- Und sie berät seit über zehn Jahren
Bemerkung des FDP-Politikers Rainer und auch selbst aus- Busen kommentier- fair, das Alter zum Ausschlusskriterium Frauen in Führungspositionen. Sexis-
Brüderle, die besonders bei Medien- teilen.“ Wirklich pro- ten. „Da fragt man für irgendetwas zu machen. Gleich- mus ist in ihren Seminaren kein explizi-
Frauen für einen „Aufschrei“ sorgte, ei- blematisch sei aber, sich dann schon wohl: In einer Gesellschaft mit patriar- ter Schwerpunkt, aber das Thema
gentlich ziemlich harmlos anmutete. dass Frauen in man- manchmal, nach wel- chalischer Tradition ist eine Frau im ge- taucht immer auf. Spätestens in den
Wo stehen wir heute im Verhältnis chen CDU-Landes- chen Kriterien die ei- bärfähigen Alter mehr wert als eine Pausen kommen die Fragen: Was mache

noch nicht als poli- SEXISMUS ÄUSSERT


der Geschlechter? Rolf Pohl ist Sozial- verbänden immer gentlich ihre Beurtei- Frau, die dieses Alter hinter sich hat. ich mit den Sprüchen? Was antworte ich
psychologe in Hannover, er beschäftigt lungen schreiben.“ Darum fragt der Journalist, der eine Po- in der Schocksekunde?

SICH IM ALLTAG
sich seit Jahrzehnten mit Männlichkeit tisch gleichwertig ak- Es gibt einige klas- litikerin in der Krise interviewt, ob sie Marion Knaths sagt, natürlich könne
und Geschlechterrollen. „Wir haben in zeptiert würden. sische Mechanismen „eigentlich schon in den Wechseljah- man das trainieren. Aber eines sei durch

chen Alltag hat der HÄUFIG SCHON


der Gleichstellung viel erreicht, juris- Im wissenschaftli- des angewandten Se- ren“ sei. Darum verwendet eine neu in- Coaching eben nicht zu beseitigen: das
tisch und politisch“, sagt er: „Aber die xismus. Einer der stallierte Unternehmensführung das Al- unangenehme berufliche Umfeld, in
Grundlage des Geschlechterverhältnis- Psychiater und lang- DURCH wohl häufigsten ist ter ihrer langjährigsten Mitarbeiterin- dem die Arbeit von Frauen herabgewür-

Kieler Universitäts- ANDEUTUNGEN


ses, die männliche Vorherrschaft als jährige Direktor der die Thematisierung nen gegen sie. Und andersherum: Da- digt werde. Durch Sprüche, durch An-
kulturelle Chiffre, existiert immer des Aussehens, wenn rum gilt die hübsche junge Frau, die spielungen darauf, welche anderen Kri-
noch.“ Und gerade weil die klassischen psychiatrie Josef Al- es eigentlich um auch noch politischen Erfolg hat, als terien als die Leistung bei Beförderun-
Rollenmuster bröckelten, meint Pohl, denhoff nur allzu KATARINA BARLEY, Streit in der Sache Schlampe, die sich hochschlafen will. gen eine Rolle gespielt haben könnten –
würde umso hartnäckiger daran festge- häufig beobachtet, SPD-Generalsekretärin gehen müsste. Jutta Oder sie bekommt eine Stelle erst gar das Dekolleté etwa.
halten. wie Frauen, die sich Falke-Ischinger, CEO nicht, weil der Arbeitgeber fürchtet, Knath meint, sie halte es für ein ganz
Sexismus ist eine Praxis, die jeman- ehrgeizig verhielten, der Diskussions- sind könne zu schnell in Mutterschutz großes Gerücht, dass Männer nicht
dem sein Geschlecht zum Vorwurf als „hysterisch und zickig“ abgestem- Plattform „Disput Berlin“, beschäftigt und Teilzeit entschwinden. wüssten, wann sie Grenzen überschrit-
macht, es ihm zum Nachteil gereichen pelt worden seien. „Bei Männern wird sich viel mit dem internationalen Ver- Mit der Psyche ist es noch schlimmer. ten und ihre Äußerungen sexistisch
lässt, eine geschlechtsbedingte Schwäche das gleiche Verhalten als toll und gleich: „Amerikanerinnen sind immer Am Ende einer medialen Skandalisie- würden: „Das Gros der Menschen hat
oder Eigenheit feindselig ausnutzt. In durchsetzungsstark interpretiert“, extrem erstaunt, wie schnell in rung kann jeder und alles mit schmutzi- ein gutes Gespür dafür.“ Gelegentlich
Kunst und Wissenschaft, in Unterneh-
K agt Aldenhoff
sagt Aldenhoff. Deutschland ihr Aussehen kommen- ger Psychologie übergossen werden. Als spricht sie auch vor Männern, da erläu-
men und bei der Bundeswehr, im Justiz- Die Hannoveraner Amtsrichterin und tiert wird und wie oft Männer daran potenziell verrückt werden aber ganz tert sie dann gern an einem Beispiel,
wesen und in der Politik – in allen diesen Geschäftsführerin des niedersächsi- zweifeln, ,ob ein Mädel das schafft‘. überwiegend Frauen dargestellt. Und warum der „gute alte Herrenwitz“ für
Sphären lassen sich Beispiele finden. schen Richterbundes Catharina Erps Das ist in den USA anders.“ Sie sei kein was bei Frauen in der männlichen Kom- Frauen nicht ganz so lustig ist, wenn sie
„Wenn mich der rheinland-pfälzische hat keinerlei Schwierigkeiten, sich großer Fan des überzogenen „sexual mentierung sofort „Hybris“ ist, wird bei allein an der Bar stehen. Ihre Zuhörer
SPD-Landesvorsitzende und Innenmi- durchzusetzen – heute. Aber als sehr harassment“-Wahns, sagt Falke-Ischin- Männern als gesundes Karriereverhal- sollten sich einmal vorstellen, sie rede-
nister Roger Lewentz als ‚Shitstorm auf junge Juristin machte sie durchaus an- ger, aber das Thema Anzüglichkeit sei ten gedeutet. ten nicht über Frauen, sondern über
Pumps‘ bezeichnet, dann ist das Sexis- dere Erfahrungen: „Ich saß mit 27 Jah- in Amerika ein für alle mal vom Tisch, Wie machen wir jetzt weiter in einer schwarze Männer, sagt sie. Und sie soll-
mus pur“, sagt die Mainzer CDU-Frakti- ren als Sitzungsvertreterin der Staats- das habe „die Luft sehr bereinigt“. Eine Gesellschaft, in der es Männer und ten sich weiterhin vorstellen, ein paar
onsvorsitzende Julia Klöckner. „So ge- anwaltschaft im Gerichtssaal und habe scharfe Antidiskriminierungs-Gesetz- Frauen, Macht und Sex, Über- und Un- Meter weiter stünden zwei solche Män-
schehen auf dem SPD-Landesparteitag die Anklageschrift vorgetragen“, sagt gebung und Schadenersatzprozesse, terordnung nach wie vor gibt? Niemand ner, die groß und kräftig seien. Ob sie
2014. Das war alles andere als souverän Erps, „und der wegen Beleidigung ange- bei denen es um Millionensummen ge- will in einer misstrauensgrundierten dann dieselben Witze reißen würden?
von Herrn Lewentz. Aber solch eine Äu- klagte alte Mann rief laut: ,Das stimmt hen kann, dürften zur Disziplinierung Verdächtigungskultur leben. Marion MITARBEIT: JENNIFER WILTON, ILEANA GRABITZ
ßerung sagt am Ende noch mehr über
den Absender der Botschaft aus als über
die Person, die er treffen wollte.“ ANZEIGE
Auch Katarina Barley, die Generalse-
kretärin der SPD, hat auf ihrem Berufs-
weg Einschlägiges erlebt: „Sexismus äu-
ßert sich im Alltag häufig schon durch
kleine Bemerkungen und Andeutun-
gen“, sagt sie. „Und oft sind diese gar
nicht direkt sexuell anzüglich, lassen
aber auf den zweiten Blick tief in das je-
weilige Frauenbild blicken.“ Ein Bei-
spiel habe sie in ihrem ersten Job als
Anwältin in einer Großkanzlei erlebt:
„Nach einer Besprechung sagte ein Vor-
gesetzter quasi beiläufig: ,Wie gut, dass
Sie einen Doktortitel haben – dann hält
Sie wenigstens keiner der Kollegen für
meine Sekretärin.‘“
Damit solche Denkmuster irgend-
wann einmal der Vergangenheit ange-
hören, brauchen wir einen Bewusst-
seinswandel in der ganzen Gesellschaft,
FRANCESCO CICCOLELLA FÜR WELT AM SONNTAG

sagt Barley. Eine wirkliche Veränderung


erreiche man nicht durch harte Kon-
frontation, sondern nur durch freundli-
che Beharrlichkeit.
Der ehemalige Sprecher einer CDU-
Landesregierung musste seinen Lan-
desvater gelegentlich gegen den Vor-
wurf verteidigen, zu späterer Abend-
stunde Frauen gegenüber gern distanz-
los zu werden. „Man sollte das nicht al-
lein als Problem der CDU betrachten“,

der Ungleichheit unter den Menschen“, das betont weibliche Auftreten der neu-
habe die Auffassung vertreten: „Der en Regierungschefin Theresa May – ih-
Mann ist nur einen kurzen Augenblick ren roten Stöckelschuhen wurden gan-
seines Lebens Mann. Die Frau ist immer ze Zeitungsseiten gewidmet – eine blo-
Frau.“ Damit meinte er eine immerwäh- ße Ahnungslosigkeit von prüden, miso-
rende Geilheit. Aristoteles’ Bestim- gynen Republikanern. Im postmonar-
mung des Menschen als „zoon logikon“, chischen Großbritannien stelle sich das
als vernunftbegabtes Tier, gelte somit Problem, das bei uns Angela Merkel in
nur für den Mann. Im Französischen ihr Geschlecht neutralisierende Hosen-
sind die Worte Mensch und Mann denn anzüge zwingt, erst gar nicht.
auch synonym; beide rubrizieren unter Was sollen wir armen Republikaner
„l’homme“. So sei in der ersten Erklä- also tun? Vielleicht trotz allem auf die
rung der Menschenrechte, auf Franzö- Aufklärung vertrauen. Denn auch wenn
sisch verfasst, von der Frau nicht unbe- der Sexismus schon an ihrer Wurzel
dingt die Rede. „In der Republik der sitzt, bietet sie mit ihrer eingebauten
Freien und Gleichen“, so Vinken, „muss Selbstkritik ein wirksames Unkrautver-
sie deshalb aus der öffentlichen Sphäre tilgungsmittel. Auch die Männer sollten
verschwinden, wo sie Störfaktor ist.“ In Interesse daran haben. Erstens schwin-
dieser frauenfeindlichen Perspektive den ihre Pfründe trotz aller „Große sü-
könne sich die Frau nicht zum Men- ße Maus“-Aufreger zwischendurch so-
schen emanzipieren. wieso längst. Man sieht ja, was den Se-
In England sieht es Vinken zufolge xisten droht: Shitstorm und Karriereen-
ganz anders aus. Die Monarchin Elisa- de. Und zweitens sollte es auch den
beth I. habe sich zur Sponsa, zur Braut Männern dämmern, dass es über die
Englands erklärt, verheiratet allein mit Jahrhunderte ziemlich ermüdend ist,
dem Land. „Damit hat sie“, sagt Vinken, auf ein einziges Rollenschema festge-
„den christlich-mythischen Diskurs auf legt zu sein. Die Dunkelziffer der Politi-
den politischen Machtdiskurs übertra- ker, Autohändler und Versicherungsver-
gen. Darin muss Weiblichkeit nicht ver- treter, die gern weniger sexistische
leugnet werden, sondern ist von vorn- Sprüche machen würden, ohne deshalb
herein präsent.“ Somit ist die Verwun- gleich als Schlappschwänze zu gelten,
derung der Kontinentaleuropäer über ist wahrscheinlich ziemlich hoch.
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4 POLITIK WELT AM SONNTAG NR. 40 2. OKTOBER 2016

Sie ist Gerda Hasselfeldt


igentlich gab es in ihrem manches mehr. Dazu passte, dass mit w wischen, nur weil es in einer Frage Streit

E ist die mächtigste


Terminkalender keine Hasselfeldt 2011 die erste Frau Landes- gebe. Die Hälfte dieser Merkel-Jahre war
Lücke mehr. Aber für gruppenchefin wurde. Im Wahlkampf Hasselfeldt Landesgruppenchefin. Die

CSU-Frau in Berlin
die jungen Leute nahm 2013 machte sich Seehofer locker, es A Absetzbewegung von Merkel versteht sie
sich Gerda Hasselfeldt entstanden das bisher einzige Plakat als Verrat an ihrer Arbeit.

ihnen viel zu und eine Vertraute der


dann doch Zeit, zwi- und ein Film, die ihn bloß im Hemd und Ich gegen die, so empfindet Seehofer
schen Bundestagsdebat- ohne Krawatte zeigen. das Verhältnis zum Duo Merkel/Hassel-

Kanzlerin. Deshalb
ten und der Vorstandssitzung der CSU- Doch die Flüchtlingskrise hat man- feldt. Anfang Juli traf Seehofer mit den
Landesgruppe, die sie leitet. Es hätte eine ches und manche verändert. Seehofer beiden, Kanzleramtschef Peter Altmai-
wird das Klima
nette, erholsame Stunde werden können. gegen Merkel, das ist zum Topos dieser er, Finanzminister Wolfgang Schäuble

zwischen ihr und Horst


Es sollte anders kommen. Krise geworden. Damit wurden aber und Fraktionschef Volker Kauder im
auch Hasselfeldt und Seehofer zu Anta- Kanzleramt zusammen. Es ging um die

NETT
VON THOMAS VITZTHUM

Seehofer frostiger –
gonisten. Denn Hasselfeldt steht zwi- Flüchtlinge. „Hier steht es doch fünf zu
schen ihm und der Kanzlerin – sie ist eins“, schimpfte Seehofer. Dass der

inklusive Gehässigkeiten
Etwa 20 Studenten der Politikwissen- gar näher an Merkel zu verorten. Seit 26 CSU-Chef, egal, wer anwesend ist, so-
schaft aus Bochum sind am Mittwoch Jahren kennen sich die beiden. 1991 hol- wieso immer für sich allein kämpft, mag

aus München
ins Reichstagsgebäude gekommen, um te sie Helmut Kohl ins Kabinett. Hassel- Hasselfeldt bis heute nicht begreifen.
über die „Arbeitsweise des Bundesta- feldt als Gesundheits-, Merkel als Frau- An den ausstehenden Verhandlungen
ges“ zu sprechen. Ein trockenes Thema. enministerin. Seither duzen sie einan- über die Obergrenze ist sie nun gar
Doch vor ihnen sitzt ja nicht irgendeine der. Es ist ein Verhältnis, das von großer nicht nicht mehr beteiligt. „Die Frage
Vertreterin irgendeiner Partei, sondern Achtung, ja, Zuneigung geprägt ist. der Obergrenze müssen Horst Seehofer
eine Politikerin der CSU; noch dazu die Der Konflikt zwischen Merkel und und Angela Merkel unter vier Augen
mächtigste Frau der Partei in Berlin. Seehofer hat ihre Beziehung nicht be- klären. Es ist alles diskutiert“, sagt sie.
„Ist es gerechtfertigt, dass die CSU eine schädigt, das ließ Hasselfeldt nicht zu. Es klingt ein wenig hilflos.
Sonderrolle in der Union spielt, vor al- Sie versteht sich als Scharnier zwischen Eine „lame duck“ sei Hasselfeldt mitt-
lem in der Flüchtlingspolitik?“ „Warum München und Berlin, aber auch zwi- lerweile, eine lahme Ente, sagt einer aus
haben Sie so etwas Rückwärtsgewand- schen Merkel und Seehofer und gibt auf der Landesgruppe, der ihren vermitteln-
tes wie die Herdprämie verfochten?“ den Streit nur eine Antwort: Sie hält an den Politikstil früher gelobt hat. Dass sie
Und schließlich sogar: „Als Frau dürfte ihrem Stil fest. den Streit mit der CDU ständig relativie-
es Sie doch in der CSU gar nicht geben.“ „Wenn da manche sagen, dass bei mir re, schade dem Anliegen der CSU auch in
Es ist ein Schwall an Klischees, die ei- zu wenig harte Bandage da ist, dann Berlin, meint er. „Die Stimmung zwi-
ne stockkonservative, unsympathische juckt mich das nicht. Weil das nicht ich schen München und Berlin ist beschis-
und aufwieglerische Partei beschreiben. bin“, erklärt sie den Bochumer Studen- sen.“ Hasselfeldt findet dafür natürlich
Nur treffen sie die Falsche. Ausgerechnet ten. Es ist ihr bitter- andere Worte: „In der
Hasselfeldt. Denn wie kaum ein anderer ernst. Doch damit
„SO MANCHE Landesgruppe gibt es

aktuell nicht kleiner, VORURTEILE ÜBER


einflussreicher CSU-Politiker versucht werden die Probleme ein starkes Bedürfnis,
Gerda Hasselfeldt in der Debatte über dass die Spannungen

Am Dienstag vor DIE CSU SIND NICHT


Flüchtlinge und die Auseinandersetzun- im Gegenteil. zzwischen Berlin und
gen mit der CDU seit Monaten ein A München bald been-

te der Dissens zwi- ZUTREFFEND. WAS


ffreundliches Gesicht zu wahren. zzwei Wochen eskalier- det werden. Uns eint
Sie will die CSU als akribische Arbeite- mehr als uns trennt.“
MAN AUCH AN
rin, Stichwortgeberin, Vermittlerin dar- schen Berlin und Mün- Hasselfeldt wird als
stellen – im Grunde als Abbild von sich chen. In der bayeri- Kandidatin für das
selbst. Zum Preis, dass zwischen der schen Hauptstadtver- MEINER BIOGRAFIE Amt der Bundespräsi-
A

desgruppenchefin die SIEHT“


CSU in Berlin und der in Bayern der tretung hatte die Lan- dentin gehandelt. Sie
Graben heute größer ist denn je. Vor nervt das. Damit wolle
zwei Wochen trieb sie ihre Kollegen in Hauptstadtpresse zum sie sich nicht beschäf-
München endgültig zur Weißglut. ersten weiß-blauen GERDA HASSELFELDT, tigen. „Das hatten wir
Dort schätzt man eine CSU nach dem Stammtisch nach der CSU-Landesgruppenchefin doch schon x-mal“,
Bilde Horst Seehofers: eine provokative, Sommerpause gela- antwortet sie auf Fra-
ewig Streit suchende, kompromisslose den. Parallel tagten im gen. Dabei wäre das
und egozentrische Partei. Es ist dies of- ffränkischen Kloster Banz die Landtags- A Amt für sie vielleicht die größte, die letz-
ffensichtlich das Bild, das die Studenten aabgeordneten, Seehofer hielt eine te Chance, endlich einmal vor aller Augen
aaus Bochum im Kopf haben, als sie auf Grundsatzrede. Die Stimmung? Schlecht. eine andere CSU, ihre CSU zu verkör-
Hasselfeldt treffen. Die steht auf verlo- Wegen Hasselfeldt.
W pern. Andernfalls droht das, was sie aus-
renem Posten. Nicht nur während dieser Die hatte sich bei Weißwurst und zeichnet – ihre vermittelnde und doch
Stunde. Auch in der Landesgruppe zwei- Brezn wie gewohnt kompromissbereit bestimmte Art – im verbleibenden Jahr
ffeln einige inzwischen stark an ihr. Die gezeigt. Eine „Richtgröße“, eine „Orien- zur bloßen Schwäche zu verkommen.
CSU tendiert in Seehofers Richtung. tierungsgrenze“ sei die von der CSU ge- Nach dem Treffen mit den Bochumer
Diesen Prozess aufzuhalten, dazu bleibt fforderte Obergrenze für Asylbewerber. Studenten eilt Hasselfeldt zur Landes-
Hasselfeldt aber kaum noch Zeit. Nur So sagt sie es schon seit Januar. Doch gruppe. Der Vorstand erlebt sie be-
noch ein Jahr. Kann sie noch dazu beitra- nun, nur einen Tag nachdem die Kanzle- drückt. „Sie hat uns von dem Treffen
gen, dass die Union wieder halbwegs ei- rin Fehler in der Flüchtlingspolitik zuge- mit den jungen Leuten berichtet, sie
nig daherkommt? geben hatte, wirkte dies auf die Anwe- war sehr nachdenklich“, erzählt einer
Als Gerda Hasselfeldt im April dieses senden in Banz wie ein Kotau. Sie der Anwesenden. Die CSU müsse schon
Jahres erklärte, 2017 nicht mehr für den schäumten. Doch es kam noch dicker. aufpassen, welches Bild sie abgebe, auch
Bundestag kandidieren zu wollen und Denn Hasselfeldt hatte sich auch dazu außerhalb Bayerns, habe sie betont.
damit auch als Landesgruppenchefin hinreißen lassen, Merkel nahezulegen, Nach fast 50 Jahren in der Politik, in
abzutreten, ging sie noch davon aus, sich bald zu einer weiteren Kanzler- der sie als Frau an den Schaltstellen der
dass dann auch Seehofer seinen Ab- schaft zu erklären. „Natürlich würde es Macht erfolgreich, aber eher im Stillen
schied einleiten würde. Der wollte im so manche Diskussion erleichtern, wenn operierte, läuft Gerda Hasselfeldt nun
Jahr der Bundestagswahl als Parteichef, diese Entscheidung nicht auf den Sankt- die Zeit davon, um dieses Lebenswerk
im Jahr danach als Ministerpräsident Nimmerleins-Tag verschoben würde.“ gegen die neu erstarkenden Klischees
abtreten. Doch nun sieht es so aus, als Seehofer und die Seinen waren sauer. zu verteidigen. „So manche Vorurteile
revidiere er seine Pläne und wolle bis Können die Abgeordneten in München über die CSU sind nicht zutreffend. Die
weit ins nächste Jahrzehnt in seinen doch gerade nichts weniger gebrauchen Realität ist eine andere. Was man ja
Ämtern bleiben. Seit der Flüchtlingskri- als Merkels „Ich kandidiere“. Dann müss- auch an meiner Biografie sieht“, sagt sie
se fühlt er sich unentbehrlich. ten sie sich bekennen – für oder gegen selbst. Horst Seehofer, der wohl länger
Lange kämpften die beiden gemein- Merkel. Seit einem Jahr vermitteln die als sie aktiv bleibt, denkt indes längst
sam für einen anderen, frischen Blick meisten ihren Wählern aber das Gefühl, darüber nach, wer sie ersetzen soll. Al-
JAKOB HOFF/JAKOB HOFF

auf die Partei. Als Seehofer 2008 nach dass sie eigentlich gegen die Kanzlerin phatiere müssten nach Berlin, hatte er
dem Verlust der absoluten Mehrheit in sind. Es käme zum Schwur, den der Par- in Banz erklärt. Es war ein deutliches
Bayern gerufen wurde, leitete er eine teichef so lange wie möglich hinauszö- Bekenntnis zu einem anderen Politikstil
Modernisierung der CSU ein. Mehr gern will. Hasselfeldt ist das egal. Immer – ein Misstrauensvotum gegen jene, die
Frauen, mehr Partizipation, noch mehr wieder betont sie, dass die vergangenen schon in Berlin sind. Die 56 Abgeordne-
w
Bürgernähe. Statt Defiliermarsch auch elf Merkel-Jahre sehr gute Jahre gewesen ten, die drei Minister und natürlich vor
mal Techno, neue Digitalformate und Vertraute seit 26 Jahren: CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt (l.) und Kanzlerin Angela Merkel
V seien, das dürfe man nicht einfach weg- allem eine: Gerda Hasselfeldt.

W
er bei Google News das
Stichwort „Grüne“ eingibt
an diesem Wochenende,
ziemlich exakt ein Jahr vor der Bundes-
Vorsingen für sie recht enttäuschenden letzten
(8,4 Prozent); es ist ja keineswegs so,
dass die Zeitläufte der Partei derzeit
entgegenkämen wie einst „nach Fukus-
herige Favorit Özdemir sowie der
Linksflügel-Liebling Hofreiter. Was da-
ran liegen mag, dass es für die beiden
bei diesem ersten Aufeinandertreffen
Sozialstaatsversprechen“ abgibt, die
um den Bestand des deutschen Rechts-
staats ebenso kämpft wie um die Deu-
tungshoheit der Begriffe „Heimat“ und
tagswahl, der bekommt gleich die volle
Ladung von Verboten: kein Steak, kein
Benzin, kein Diesel. Sogar der Google-
Konzern selbst muss bei dieser Partei
in Göttingen hima“. Jenseits von Baden-Württem-
berg, wo Winfried Kretschmann mitt-
lerweile souveräner und konservativer
agiert, als Stefan Mappus von der CDU
vor der grünen Basis nicht so richtig
läuft. Die bisherigen Platzhirsche der
Grünen spüren in Göttingen zügig, dass
ihnen in dem bundesweit bis dahin
„Patriotismus“, um eine „konsistente
Außenpolitik“ und ein „Ende der Auste-
A
ritätspolitik in Europa“. Die nicht mehr
über Wahlergebnisse von neun oder elf

Die Grünen suchen ihren Superstar. Wird’s der


offenbar um seine Existenz fürchten. es sich je getraut hätte, hat die Partei noch nicht sonderlich bekannten Ha- Prozent debattiert, sondern darüber,
„Grüne fordern Gesetz zur Google-Zer- bei den vergangenen Landtagswahlen beck ein wirklich ernst zu nehmender „warum uns 90 Prozent der Bevölke-
Cem, der Toni, der Robert oder die Katrin?
schlagung“, titelt die „FAZ“ auf ihrer immer verloren. Elf oder 13, manchmal Konkurrenten erwachsen ist. rung nicht gewählt haben“. Eine Partei,

Überraschung: Star des Abends ist der Außenseiter


Online-Seite. Einen Treffer weiter fin- auch nur zehn Prozent weisen die Um- Während der Partei- und auch der die die ganz großen Dinge reguliert,
det sich das, was die Deutschen statt- fragen derzeit bundesweit für die Grü- Fraktionschef noch in der Vorstellungs- nicht die Details, den Selleriever-
dessen erwarten könnte: Elektroautos, nen aus, Tendenz sinkend. Es geht also runde die ihnen anhaftenden Klischees brauch.
Rot-Rot-Grün, mehr Sellerie und mehr um einiges bei den Grünen im aufzie- des besserwisserischen Klassenstrebers Es ist nicht so, dass die Grünen in Ju-
Tierschutz. henden Wahlkampfjahr. (Cem Özdemir) beziehungsweise des bel ausbrechen vor lauter Begeisterung
Katrin Göring-Eckardt in die Wahl füh- Denkbar, daran zweifelt auch hier in Weshalb sogar dem größeren Teil der Wackersdorf-sozialisierten bayerischen über so viel Aufbruch und Anspruch;
VON ULRICH EXNER ren soll. Göttingen keiner, sind für das Wahljahr in Göttingen versammelten Grünen Ju- Poltergeistes (Toni Hofreiter) dankbar viele der hier Versammelten scheuen ei-
Was einem natürlich auch egal sein
W 2017 mindestens zwei Szenarien. Zum gend schon vor diesem ersten Schaulau- bedienen, streift der schleswig-holstei- gene Veränderungen mindestens eben-
Man hat also eher gemischte Gefühle könnte. Zumal die ICE und IC der Bahn einen der große Triumph. Die Partei fen dämmert, dass für das Erreichen ih- nische Umweltminister die Schale des so wie die Berliner CDU. Also erhalten
auf der Zugfahrt nach Göttingen zum an diesem überlangen Einheitswochen- kann sich nach einem stattlichen Ergeb- rer Ziele ein Spitzenduo durchaus vor- etwas provinziellen Landeis umgehend auch Özdemir und Göring-Eckardt viel
Bundeskongress der Grünen Jugend – ende derart vollgestopft sind, dass einige nis von sagen wir 14, 15 Prozent aussu- teilhaft sein könnte, das über das eigene ab. Habeck, das wird gleich zu Beginn Beifall für ihre tapferen Plädoyers für
der bildet den Auftakt zu einer ganzen Lokführer sich eine Zeit lang weigern, chen, mit wem sie in der folgenden Le- linke Lager hinaus Zugkraft entwickelt. des grünen Schaulaufens deutlich, will mehr „Bildungs- und Chancengerech-
Reihe interner Wahlkampfveranstaltun- ihre Fahrt in Richtung Göttingen fortzu- gislaturperiode regieren möchte. Die Und dass es bei der auf fast vier Monate in den kommenden Monaten nicht nur tigkeit“ oder den „konsequenten Aus-
gen, bei der sich die Parteibasis in den setzen. Die Grünen, seit ihrer Gründung Grünen wären dann nicht nur die Kö- angesetzten Findungsprozedur eher sich selbst, sondern gleich seine ganze stieg aus der Kohle“. Und Hofreiter er-
kommenden Monaten eine neue Spit- 1980 lautstarke Protagonisten des öf- nigs- beziehungsweise Kanzlerinnen- nicht darum gehen wird, welcher der Partei neu erfinden. reicht mit demonstrativ barocken Atta-
zencrew für die Bundestagswahl 2017 ffentlichen Nah- und Fernverkehrs, ha- macher; sie wären mit einiger Wahr- drei möglichen männlichen Spitzenkan- Wer künftig „Grüne“ googelt, der
W cken auf die CSU („eine Schande, was
aussuchen soll. Genauer gesagt, geht es ben es also ganz schön weit gebracht in scheinlichkeit auch diejenige Partei, die didaten in seiner Vorstellungsrede am soll nicht mehr zuallererst auf „Selle- diese Partei macht“) die mit Abstand
darum, ob Parteichef Cem Özdemir, der den vergangenen 36 Jahren. Die Frage, einer neuen Bundesregierung ihren häufigsten pseudoradikale Kraftausdrü- rie“ stoßen, auf „Benzin-Verbot“ oder höchsten Dezibelwerte eines Abends,
Fraktionsvorsitzende Anton „Toni“ wohin das eigentlich noch führen soll Stempel aufdrücken würde. cke wie „Granatenschweinerei“, „natio- die gerade aktuelle Variante der übli- der außer vollen Fernverkehrszügen vor
Hofreiter oder der schleswig-holsteini- und ob wir wirklich alle Elektroautos Andererseits ist es mindestens ge- nalistische Scheißpolitik“ und „ver- chen Koalitionsdebatten, sondern auf allem eine Gewissheit liefert: Aus dem
sche Umweltminister Robert Habeck ffahren und No-Name-Suchmaschinen nauso gut möglich, dass die Grünen bei dammt noch mal“ benutzt. eine Partei, die ihre Nische verlassen Außenseiter im Rennen um die grüne
die Partei gemeinsam mit der als einzig nutzen müssen, hat also eine gewisse Be- der nächsten Bundestagswahl noch ein- Das tun jetzt auf der Bühne der örtli- hat; die stattdessen über die großen Spitzenkandidatur ist der heimliche Fa-
kandidierender Frau quasi gesetzten rechtigung. mal schlechter abschneiden als bei der chen Waldorfschule eindeutig der bis- Themen debattiert, die etwa ein „neues vorit geworden.
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2. OKTOBER 2016 WELT AM SONNTAG NR. 40 POLITIK 5
aren Lay spricht un- tert ihm um die Brust. In die AfD ist er

C
gern über den 2. Mai wegen deren „traditionellen Familien-
2012. Sie hatte da- bildes“ eingetreten. Er sieht aus, als
mals Todesangst. könnte er keiner Fliege etwas zuleide
Die Bundestagsabge- tun. Nun steht er vor dem wirtschaftli-
ordnete der Linken, chen Ruin. Warum hat der Hass ausge-
die sich seit Jahren rechnet ihn getroffen?
gegen Rechtsextremismus engagiert, „Meine Tochter hat einen Freund aus
verhandelte mit Vertretern der Wirt- Uganda“, sagt Keller. „Ich bin kein Aus-
schaftsinitiative Lausitz in ihrem Wahl- länderfeind. Wir wollen keine Radikalen
kreisbüro in Hoyerswerda. in der Partei.“ So ähnlich hatte er sich
nach der Tat auch auf der Website der
VON PHILIP KUHN Leipziger AfD direkt an die Täter ge-
wandt. Deren Antwort kam postwen-
Es war ein warmer Tag im Osten dend: „Die Partei, in der du organisiert
Sachsens, deshalb stand die Tür des Bü- bist, ist in Deutschland ein Sammelbe-
ros im Erdgeschoss ein Stück weit of- cken für alle Menschenfeinde“, hieß es
fen. Durch die große Glasfront konnte in einer Art Bekennerschreiben auf der
jeder Passant das Treffen beobachten. linksradikalen Plattform indymedia.de.
Plötzlich tauchten drei Neonazis auf, Keller sei deshalb ein legitimes Ziel.
pöbelten Lay und ihre Gäste an. Einer „Es ist die systematische Stigmatisie-
zeigte den Hitlergruß. Dann stürmten rung der AfD auch durch anderen Partei-
die Männer Richtung Eingang. In letz- en, die solche Attacken auslöst“, glaubt
ter Sekunde gelang es einem Mitarbei- Keller. Er hat genau registriert, wie sein
ter, die Tür zuzudrücken. Erst als Lay Umfeld nach dem Anschlag reagierte. Ei-
ihre Kamera zückte und die Männer fo- nige Kollegen von der SPD zeigten Mit-
tografierte, ergriffen diese die Flucht. gefühl. Die anderen Parteien im Rathaus

DOMINIK BUTZMANN; PICTURE ALLIANCE / DPA; AFD SACHSEN


Seit sechs Jahren dokumentiert Ca- schwiegen. Seine Vermieterin schrieb ei-
ren Lay die Angriffe auf ihre Büros in ne kühl klingende E-Mail, in der sie ihn
Hoyerswerda und Bautzen in einer Ex- aaufforderte, den entstandenen Schaden
cel-Tabelle. Mittlerweile sind es 32 Vor- zu begleichen. Immerhin hänge der mit
fälle, es geht um Sachbeschädigung, seiner „politischen Arbeit“ zusammen.
Drohung und Nötigung. Die vorläufig Knapp drei Kilometer entfernt von
letzte dokumentierte Attacke datiert Kellers Arbeitsplatz im Leipziger Rat-
vom 8. Januar dieses Jahres. „Scheibe haus liegt die Anwaltskanzlei von Jür-
eingeschlagen, Loch ca. 2 x 3 cm plus gen Kasek. Der 35-Jährige ist Landesvor-
Splitterungen“, lautet der Eintrag. Hat sitzender der Grünen in Sachsen. Kasek
sie Angst? Lay zögert einen Moment, trägt Zopf zu Sakko und Hemd in lila.
verschränkt die Arme. Sie spricht nicht Die fröhliche Kleidung will so gar nicht
gern über den permanenten Terror, will zu Kaseks Gemütszustand passen. In
keine Schwäche zeigen. „Ich sorge mich sein Gesicht haben sich Furchen gegra-
um meine Mitarbeiter“, sagt sie. „Ich sorge mich um meine Mitarbeiter“, Caren Lay, Bundestagsabgeordnete der Linken ben. Er hat kaum geschlafen in letzter
In keinem anderen Bundesland eska- Zeit. Spätestens seit diesem Sommer
liert derzeit die Gewalt so drastisch wie gilt er als erklärter Feind von Legida.

Gewähltes ZIEL
in Sachsen. In Freital demonstrierten Kasek engagiert sich seit 2015 gegen den
Bürger tagelang gegen die Unterbrin- Leipziger Ableger der rechtspopulisti-
ggung von Flüchtlingen in einem Hotel, schen Pegida-Bewegung. Einen brutalen
attackierten Gegendemonstranten mit Angriff auf einen Legida-Ordner im Juli
Baseballschlägern. In Clausnitz blo- nutzten die Rechten zum willkomme-
ckierte ein Mob einen Bus mit Flüchtlin- nen Gegenschlag: Kasek habe die Ge-
gen, in Heidenau wurde Angela Merkel walttat in Auftrag gegeben, hieß es. Ein

Die Angriffe auf Mandatsträger aller Couleur nehmen seit Beginn der Flüchtlingskrise
auf das Übelste beschimpft. Die Kanzle- Facebook-Posting mit entsprechendem
rin wollte mit dem Besuch in der Stadt Inhalt wurde tausendfach geteilt. „Dann

bundesweit zu. Besonders schlimm ist es in Sachsen – und das hat einen speziellen Grund
ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit brach die Hölle los“, sagt Kasek. Die Pri-
setzen. Zuletzt krachte es Anfang Sep- vatadresse seiner Eltern wurde veröf-
tember in Bautzen, als Rechtsextreme fentlicht, ihn erreichten Todesdrohnun-
Flüchtlinge durch die Stadt jagten. gen. Vor seiner Kanzlei versammelten
Der jüngste Sprengstoffanschlag ge- sich Neonazis. An einer Autobahnbrü-
gen eine Moschee in Dresden, wo am schließlich 43 im Jahr 2015. Ende dieses Zunahme der Gewalt im Rahmen der blem. „Die Gewaltbereitschaft war im- cke hing ein Transparent mit der Auf-
Montag die zentrale Feier zum Tag der Jahres ist mit einem neuen Negativre- Flüchtlingskrise nötig geworden, heißt mer hoch – gerade bei Personen, die schrift „Kasek = Auftragskiller“.
Deutschen Einheit stattfindet, bedeutet kord zu rechnen. Allein bis Ende Mai es aus dem Ministerium. Vom 1. Januar rechtspopulistische Meinungen vertre- „Manchmal will ich einfach nur weg“,
eine neue Eskalationsstufe – zum ersten 2016 gab es 37 Angriffe in Sachsen. bis zum 12. September 2016 verzeichne- ten“, so Zick. Ausgelöst worden sei die sagt Kasek. Es klingt abgekämpft. Wo-
Mal wurde ein Gotteshaus in Sachsen Es trifft vor allem Volksvertreter an te man bundesweit 813 solcher Strafta- Gewalt bei vielen dann durch die Flücht- hin? „Mittelnorwegen. Das ist weit ge-
auf diese Art angegriffen. Auch wenn den Rändern des politischen Spek- ten. 18 davon waren Gewaltdelikte – lingskrise. „In weiten gesellschaftlichen nug von Sachsen entfernt.“
bisher nicht klar ist, wer die Täter sind: trums, auch das zeigen die Zahlen. Die zum Beispiel Körperverletzungen oder Kreisen ist angesichts der vermeintlichen Susanne Rüthrich kennt dieses Ge-
Es gibt Indizien für einen rechtsextre- Linken werden zur Zielscheibe von Brandstiftungen. 384 Taten sind rechts- Kontrolllosigkeit des Staates der Ein- fühl, nicht mehr sicher zu sein. Die
men Tathintergrund. Jedenfalls passt Rechten, weil sie sich gegen Rechtsex- extremen Tätern zuzuordnen, 97 links- druck entstanden, man müsse ein Zei- SPD-Bundestagsabgeordnete für den
der Anschlag in die Statistik des Lan- tremismus und für Flüchtlinge engagie- extremen. 34 wurden von Ausländern chen setzen. Die Norm, keine Gewalt Wahlkreis Meißen beobachtet seit Jah-
desinnenministeriums in Dresden. ren. AfD-Politiker werden zur Zielschei- verübt. Noch im Juni hatte das BKA von aauszuüben, hat sich verschoben“, sagt ren, wie die Härte in der Auseinander-
Demnach wurden muslimische Einrich- be von Linksextremen, weil sie ver- Abgekämpft: 202 Straftaten gegen Amts- und Man- Zick. Die Attackierenden fühlten sich da- setzung zunimmt. „Früher gab es Ge-
tungen in Sachsen seit 2011 insgesamt 16 meintlich mit Rechtsextremen gemein- Jürgen Kasek, Grüne datsträger gesprochen. bei, als seien sie im Widerstand. „Die An- walt in bestimmten Gefahrenzonen.“
Mal angegriffen. Zwölf Straftaten sind same Sache machen. In Sachsen, sagt der Bielefelder Kon- griffe fallen leichter, wenn die Täter glau- Inzwischen sei die Gewalt wie ein Virus,
demnach dem rechten Spektrum zuzu- Das Bundesinnenministerium hat im ffliktforscher Andreas Zick, werde das ben, ihre Tat wäre durch viele gerechtfer- das sich weiter ausbreite. „Heidenau,
ordnen. Die Hälfte der Taten ereignete Januar dieses Jahres eigens eine neue Ka- Problem der wachsenden Gewaltbereit- tigt – wenn sie sich also in eine Art Ge- Bautzen – die Anspannung ist überall
sich erst in den vergangenen 20 Mona- tegorie für solche Straftaten eingeführt. schaft besonders deutlich. Dort habe sich genbewegung eingebunden fühlen.“ mit Händen zu greifen“, sagt die 39-Jäh-
ten – ein klares Indiz für eine zuneh- Sie heißen nun „Angriffe auf Amts- und in den 90er-Jahren „eine gut organisier- Einer der betroffenen Amts- und rige, die sich gegen Rechtsextremismus
mende Radikalisierung. Die Täter wer- Mandatsträger“ – betroffen sind Bundes- te rechtsextreme Szene entwickelt. Das Mandatsträger ist auch Tobias Keller. engagiert. Bei der Radikalisierung am
den schneller und öfter gewalttätig. tagsabgeordnete genauso wie Bürger- Misstrauen gegenüber Demokratie und Der AfD-Fraktionschef im Leipziger rechten Rand sieht Rüthrich eine Paral-
Dass seit Beginn der Flüchtlingskrise meister überall in Deutschland. So zu- eine menschenfeindliche Stimmung Stadtrat ist Opfer linker Gewalttäter ge- lele zu Islamisten. „Es ist ja kein Zufall,
auch Politiker wie Caren Lay so stark be- letzt geschehen am Freitag in Schleswig- sind in der Normalbevölkerung stark worden. In der Nacht auf den 26. August dass der NSU nach Zwickau gegangen
troffen sind, ist ein Alarmzeichen für ei- Holstein. Ein Unbekannter schlug den ausgeprägt.“ Er empfiehlt, Sachsen müs- warfen Unbekannte die Scheiben in sei- ist“, sagt sie. „Dort ist das entsprechen-
ne Demokratie. Nach Zahlen des sächsi- Bürgermeister von Oersdorf bei Ham- se seine ständige Angst vor dem Image- nem Leipziger Sanitärfachgeschäft ein de Umfeld vorhanden.“ Man könne das
schen Landeskriminalamts und des Bun- burg nieder. Joachim Kebschul hatte zu- verlust hinten anstellen: „Starke Zivilge- und spritzen literweise flüssigen Teer in durchaus mit Gegenden wie dem Brüs-
desinnenministeriums stiegen die An- vor monatelang Drohbriefe erhalten, weil sellschaften in ländlichen Räumen sind das Ladeninnere. Die Versicherung will seler Stadtteil Molenbeek vergleichen,
griffe gegen Wahlkreisbüros von Mitglie- er sich für Flüchtlinge einsetzte. die beste Gewaltprävention.“ nur einen Bruchteil des 15.700 Euro ho- wo eine schweigende Mehrheit der Be-
dern des Sächsischen Landtages von 20 Die neue Kategorie „Amts- und Man- Angriffe von links: Aber es geht nicht nur um den Frei-
A hen Schadens begleichen. Keller ist ein wohner islamistischen Tendenzen nicht
im Jahr 2013 auf 28 im Jahr 2014 und datsträger“ sei wegen einer ständigen Tobias Keller, AfD Leipzig
T staat, sondern um ein bundesweites Pro- schmächtiger Mann, das Hemd schlot- entschieden begegne.

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6 POLITIK * WELT AM SONNTAG NR. 40 2. OKTOBER 2016

KOMPAKT Denn es ist erst ein Jahr her, dass sie den über das, was passiert im Land. Car- weckt bei Ingeborg Rapoport Erinne- Orden für Zivilisten; dank seiner For-

E
das zuletzt getan hat. Ingeborg Rapoport witz sei ein gutes Beispiel, sagt sie. Bus- rungen an ihre Jugend. Angst sei das schungsarbeit ließen sich Blutkonser-
hatte als weltweit ältester Mensch ihre se fahren da nur noch zweimal am Tag, wichtigste Instrument der Nazis gewe- ven länger haltbar machen, was Tausen-
Promotion fertiggestellt. 72 Jahre nach- es gibt kaum noch Einkaufsmöglichkei- sen, sagt sie. „Sie haben Schuldige für den Soldaten das Leben gerettet hat.
ANGELA MERKEL dem sie ihre Doktorarbeit an der Univer- ten, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Die alles Mögliche gesucht und in den Juden Doch mit dem Kalten Krieg kam die
„Habe meine Politik
sitätsklinik in Hamburg-Eppendorf ein- Menschen fühlten sich abgehängt und gefunden.“ So wie viele heute über die McCarthy-Ära, Sozialisten und Kommu-

nicht geändert“
seien deshalb besonders empfänglich Flüchtlinge redeten, erinnere sie das da- nisten galten als Gefahr, verloren ihre
VON HEIKE VOWINKEL für das Schüren von Ängsten durch die ran. Und dann erzählt sie, wie an einem Arbeit, wurden verhaftet. Trotz seiner
AfD. „Die Flüchtlinge werden benutzt, der nationalsozialistischen Feiertage Verdienste bekam auch Mitja Rapoport
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gereicht hatte, eine Arbeit, die die Nazis um Abstiegsängste zu bedienen.“ Ihr aus allen Fenstern ihrer Hamburger 1950 eine Vorladung, er floh nach Wien.
einen Kurswechsel in ihrer Flücht- einst nicht hatten anerkennen wollen. kommt das bekannt vor. Mittelstandsnachbarn Reichsflaggen Als ihm an der Humboldt-Universität in
lingspolitik bestritten. „Ich habe Die Prüfung fand in ihrem Wohnzimmer Ingeborg Rapoports Mutter war eine hingen, sogar ihre Mutter habe die alte, Ost-Berlin eine Stelle angeboten wurde,
meine Politik nicht geändert, son- statt, die Professoren benoteten sie mit jüdische Musikerin, der Vater stammte schwarz-weiß-rote Fahne rausgehängt. ging das Paar mit seinen vier kleinen
dern Politik gemacht“, sagte sie der magna cum laude, sehr gut. Die seien aus einer großbürgerlichen Hamburger Sie schimpfte mit ihr, wieso sie das tue? Kindern in die DDR, wo sie zu den re-
„Sächsischen Zeitung“. Weder gebe Eine kleine Frau mit weißem Haar steht „einfach nur nett gewesen“, sagt sie da- Familie. Die Eltern ließen sich scheiden, Die Mutter sagte nur, es heiße, die nommiertesten Wissenschaftlern des
es die Notwendigkeit eines Kurs- in der Tür des Hauses, in dem sie seit 64 zu, und dass sie das Ganze als symboli- da war sie 15. Zehn Jahre später, 1938, Hausmeister machten Notizen, wer Landes aufstiegen. Sie als Professorin
wechsels, noch habe sie einen sol- Jahren lebt, und zeigt auf die Fichte im schen Akt der Aufarbeitung verstanden floh sie mit ihrer Mutter und Großmut- mitmache und wer nicht. „Das Klima für Neugeborenenmedizin, er als Bio-
chen vollzogen. „Ich sehe keinen Vorgarten. Die Fichte ist groß, mindes-
V wissen wollte. Ihr Bedarf an Aufmerk- ter vor den Nazis in die USA. der Angst war allgegenwärtig.“ chemiker.
Kurswechsel, sondern eine in sich tens doppelt so hoch wie das unschein- samkeit sei damit gedeckt. Bilder von brennenden Flüchtlings- Sie war damals wie viele in ihrem Nach Westdeutschland, sagt Inge-
schlüssige Arbeit“, sagte die CDU- bare, weiße Haus. Ihr Mann habe die ge- Sie ist dann doch bereit zu einem Tref- heimen, Demonstranten, die „Deutsch- Umfeld eher unpolitisch. Erst als ihr borg Rapoport, wäre sie niemals gegan-
Vorsitzende. „Mir ging es immer pflanzt, sagt Ingeborg Rapoport, und es ffen, denn sie liebt es, Menschen zu be- land den Deutschen“ rufen, all das der Antisemitismus offen entgegen- gen. Viel zu verhaftet sei das Land An-
darum, den EU-Außengrenzschutz fang der 50er-Jahre noch in der faschis-
zu verbessern, die Fluchtursachen tischen Vergangenheit gewesen, die
zu bekämpfen und so zu erreichen, Aufarbeitung hatte noch gar nicht rich-
dass sich die Zahl der Flüchtlinge tig begonnen. Sie glaubten daran, ein
verringert.“ Zum 26. Jahrestag der neues, ein anderes Deutschland mit auf-
deutschen Einheit warnte die Bun- bauen zu können.
deskanzlerin vor Geschichtsver- Vor zwölf Jahren hat Ingeborg Rapo-
V
gessenheit. Man müsse dagegen port ihre Lebensgeschichte aufge-
auftreten, wenn Menschen mit rech- schrieben („Meine ersten drei Leben“
tem Hintergrund „Wir sind das heißt es). Sie fragt sich darin, ob sie kri-
Volk“ riefen, sagte Merkel am Sams- tisch genug mit dem System gewesen
tag in einer Videobotschaft. Dieser sei, das sie so lange für das einzig richti-
Ruf sei während der friedlichen ge gehalten habe. Sie sieht manches
Revolution in der DDR „ein sehr Kritikwürdige, auch an ihrer eigenen
emanzipatorischer“ gewesen. Heute Rolle darin, doch es wird klar, dass sie
seien es aber auch Menschen, die die Utopie, an die sie und ihr Mann so
glaubten, zu kurz gekommen zu lange glaubten, die sie prägte, nicht auf-
sein, die mit diesem Ruf auf die geben mag. Sie lebt jetzt ihr „viertes
Straße gingen. Leben“, wie sie sagt, doch das dritte be-
stimmt noch immer ihr Hoffen.
Antisemitismus etwa habe sie in der
DDR nie erfahren. Sicher, es gab ihn,
Clinton legt nach
USA
sagt sie, doch nur im „Verborgenen“.

Duell in Umfragen zu
Begegnet ist er ihr erst wieder im ver-
einten Deutschland. Dass ausgerechnet
in Ostdeutschland Pegida entstanden
US-Präsidentschaftskandidatin ist und sich dort so viele für die AfD be-
Hillary Clinton hat nach ihrem ers- geistern, eine Erklärung dafür hat sie
ten TV-Duell gegen ihren Rivalen nicht. Dass es auch mit der Abschot-
Donald Trump in Umfragen zu- tung der DDR zu tun haben könnte, mit
gelegt. Laut einer Erhebung für den dem fehlenden Pluralismus an Meinun-
Fernsehsender Fox News kommt gen, an Andersdenkenden, will sie gar
Clinton auf 43, Trump auf 40 Pro- nicht bestreiten. Und doch, es passt
zent. Vor einer Woche hatte Clinton nicht zu den Erfahrungen, die sie als
in derselben Umfrage nur einen angesehene Wissenschaftlerin, die
Prozentpunkt vor Trump gelegen. auch reisen durfte, einst gemacht hat.
Auch in anderen Umfragen hatten Die Widersprüche der DDR, es sind
die Demokratin und der Republika- auch die ihren.
ner vor dem Fernsehduell nahezu Es heißt, das Alter nähre sich von Er-
gleichauf gelegen. Nach der Debatte innerungen, die Jugend von Träumen.
am Montag, die Clinton nach über- Und vielleicht ist beiden ja nicht zu
wiegender Einschätzung gewonnen trauen.
hatte, liegt die Demokratin nun Ingeborg Rapoport sagt, „dass sie
auch in einigen entscheidenden noch immer an den friedliebenden, soli-
Bundesstaaten wie Florida in Um- darischen Menschen glaubt“ und „nicht
fragen wieder vorn. Die Präsident- an dieses ichbezogene, kapitalistische
schaftswahl findet am 8. November System“. Das Telefon klingelt. Sie lässt
statt. es klingeln, lange. Der Anrufbeantwor-
ter werde schon anspringen, sagt sie.
Sie ist jetzt ganz bei sich, erzählt von ih-
rer Angst vor der „wachsenden Intole-
Fassbomben auf
SYRIEN
ranz, der Kaltherzigkeit und dem Weg-

Klinik in Aleppo
schauen vor der Not der anderen“. All
das, was sie gerade in Deutschland wie-
der erlebe.
Bei Luftangriffen im Norden Sy- „Die Verteufelung des Islams“ zum
riens ist nach Angaben von Ak- Beispiel. Oder die Diskussion um die

ie schaut ein Mensch


tivisten eines der letzten Kranken- Vollverschleierung, die sie als Äußer-
häuser in den Rebellengebieten der lichkeit bezeichnet. Was es heißt, wenn

er die E treme des


umkämpften Großstadt Aleppo eine solche „Äußerlichkeit“ als Hetz-
bombardiert worden. Die Klinik im mittel benutzt wird, habe sie im Antise-

ergangenen ahrhunderts
Nordosten der Stadt sei von min- mitismus der Nazis erlebt. Schon die
destens zwei Fassbomben getroffen Kopftuchdebatte konnte sie nicht ver-

rlebt hat auf die


worden, erklärte ein Mediziner. stehen. „Es kommt doch auf den Men-
Aktivisten berichteten von weiteren schen darunter an.“ Dass solche „Äu-

egen art Mit


Angriffen. Die Rettungshelfer der ßerlichkeiten“ aber auch Ausdruck einer
Weißhelme meldeten, das Kranken- Weltanschauung sind, etwas über Frau-

orge sagt die 104 ährige


haus sei nun völlig außer Betrieb. en- und Rollenbilder aussagen, darauf
Der Hilfsorganisation Syrisch-Ame-
rikanische Medizinische Gesell-
schaft zufolge handelt es sich bei EBEN ngeborg Rapoport
geht sie nicht ein.
Sie wuchs protestantisch auf, und
Teile davon hat sie, wie sie sagt, in ihr
CARO / PONIZAK

der getroffenen Einrichtung um die Sozialistischsein importiert. „Das war-


größte von acht Kliniken in Aleppos me Gefühl für den Nächsten, Ungerech-
Rebellengebieten. Aleppo hatte in tigkeiten beseitigen wollen“, das alles
den vergangenen Tagen die heftigs- könne man auch humanistisch begrün-
ten Bombardierungen seit Beginn den, so wie ihr Mann. Mitja Rapoport
des Bürgerkriegs im Jahr 2011 erlebt. war überzeugter Atheist. 2004 ist er ge-
Seit vergangenem Sonntag starben storben. Doch für sie sei es mit der
in Aleppo fast 340 Menschen, wie klingt, als könne sie selbst nicht glauben, gegnen, mit ihnen zu reden – gerade Ein Jahrhundertleben: Die Kinder- schlug, änderte sich das. „Wer unpoli- christlichen Prägung verbunden. An ein
die Vereinten Nationen mitteilten. dass das schon so lange her ist. Damals aauch, wenn sie anders denken als sie ärztin Ingeborg Rapoport heute tisch ist, der ist beeinflussbar.“ Das er- Leben nach dem Tod glaubt sie dagegen
lag das Grundstück im Norden Berlins selbst. Das sei ja das Schöne am So-Alt- und 1938, als sie vor den Nazis in lebte sie damals, das beobachtet sie nicht. Sie fürchtet ihn nicht, ebenso we-
noch in der DDR und ihr neues Leben werden, „immer noch teilzuhaben an der die USA floh heute. Gefährlich seien jene, die einfa- nig wie das Altsein. Nur die körperli-
hatte gerade begonnen. Ihr drittes, wie Entwicklung der Menschen“. che Antworten auf komplexe Fragen chen Einschränkungen, die empfindet
Engholm für
SPD
sie sagt. Sie dachte, es wäre ihr letztes. Sie bittet ins Wohnzimmer, wo ein wollten, in Deutschland wie in den sie als lästig.

Kandidatur Gabriels
Ingeborg Rapoport, geborene Syllm, Flügel steht und an der Wand ein Baby- USA, sagt sie. Dass dort ein Donald Ihr viertes Leben also, das ist auch ei-
104 Jahre alt, Jüdin und renommierte foto vom jüngsten, dem 13. Urenkel Trump als Präsidentschaftskandidat nes, in dem sie mit dem Begriff
Kinderärztin, kam im Kaiserreich zur hängt. Sie entschuldigt sich, außer is- antreten kann, ist ihr unverständlich. Deutschsein nichts mehr anfängt. Sie
Der frühere SPD-Vorsitzende Björn Welt, in der damals deutschen Kolonie raelischem Gebäck nichts anbieten zu Doch auch für Hillary Clinton hegt sie freut sich, wenn Deutsche etwas Gutes
Engholm hat sich für eine Nominie- Kamerun. Sie hat die Weimarer Repu- können, und das Wasser möge man sich wenig Sympathie. Sie fühlt sich dem tun, und schämt sich, für den Egoismus,
rung von Parteichef Gabriel als blik untergehen, die Nazis kommen se- doch bitte selbst einschenken. Sie sieht Land noch immer verbunden, trotz al- die Intoleranz oder den Fremdenhass.
Kanzlerkandidat ausgesprochen. hen. Sie hat im Exil in den USA gelebt, nicht mehr so gut. Hören tut sie dage- lem. Zuletzt war sie vor vier Jahren So empfinde sie auch für die USA und
„Sigmar Gabriel hat sich als Vor- später in der DDR, die sie für das neue, gen hervorragend, wie sie überhaupt dort, sie besuchte den ältesten Sohn, für Israel. „Mein Patriotismus zeigt sich
sitzender der SPD stabilisiert und in bessere Deutschland hielt; dann sah sie noch erstaunlich viel für ihr hohes Alter der in Harvard lehrt. eher im Verantwortungsgefühl für diese
all diesen Jahren viel erreicht. Ga- auch diese untergehen. kann. Reisen zum Beispiel. Gerade erst Der Umgang mit den Schwarzen war drei Länder.“
briel ist unser natürlicher Kanz- Sie hat lange überlegt, ob sie einwil- hat sie Freunde in Carwitz besucht, ei- es, die Rassentrennung, die sie im Exil Wenn sie an Deutschland denkt, dann
lerkandidat“, sagte Engholm dieser ligt in dieses Treffen, bei dem es darum nem kleinen Ort in Mecklenburg-Vor- in den USA Ende der 30er endgültig po- sieht sie „ein humanistisches Land, das
Zeitung. Er sehe „niemanden in der gehen sollte, mit einem Menschen, der pommern. Ihre Freunde seien noch im- litisierte. In Cincinnati, Ohio, lernte sie sich für Gerechtigkeit, Chancengleich-
Sozialdemokratie, der ihm (Gabriel) die Extreme des vergangenen Jahrhun- mer schockiert vom hohen Wahlergeb- ihren späteren Mann Mitja Rapoport heit und wissenschaftlichen Fortschritt
diese Kandidatur abnehmen möch- derts miterlebt hat, über die Extreme nis der AfD dort, genauso wie sie selbst. kennen, einen Wiener Juden und Kom- zum Nutzen der Menschen einsetzt.
te“. Der frühere schleswig-holsteini- des gegenwärtigen zu reden. Nicht, weil Dass es in Berlin nicht ganz so hoch aus- munisten. Er wurde die Liebe ihres Le- Das es schafft, die Jahrhundertaufgabe
sche Ministerpräsident fügte hinzu: sie so alt ist, hat sie gezögert – alles, was fiel, hat sie erleichtert. bens. Sie beendete ihr Studium und ar- der Flüchtlinge zu lösen.“
„Sobald Gabriel sagt, dass er Bun- um sie herum passiert, interessiert sie Politik interessiert sie noch immer beitete als Ärztin, er forschte als Bio- Nur ein Traum? Nein, sagt sie. Inge-
deskanzler werden will, sollte die noch immer brennend –, sondern weil sehr, täglich hört sie die Nachrichten im chemiker. Präsident Truman verlieh borg Rapoport sieht trotz allem positiv
Partei ihn nominieren.“ DFS sie nicht im Rampenlicht stehen will. Radio und Fernsehen, redet mit Freun- ihm nach dem Krieg den höchsten US- in die Zukunft.
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2. OKTOBER 2016 WELT AM SONNTAG NR. 40 POLITIK 7
o einen wie Leo dürfte es ei- dachten Namen und der Angabe eines falschen auch an seiner Kreativität. Er arbeitete nämlich

S
gentlich gar nicht geben in Herkunftslandes Asyl und kam damit auch zu- nach eigenen Angaben sechs Jahre „mit Lohn-
Deutschland. Keine Papiere, nächst weiter. Doch seine Masche, er sei ein steuerkarte, aber die lief auf einen fremdem
kein Kontakt zu den Behörden, verfolgter Politaktivist aus Togo, leuchtete den Personalausweis“. Wie bekam er den? „Das ist
kein Asyl, nichts. Aber er ist Asyl-Entscheidern, die ihn befragten, nicht ein. eine andere Geschichte mit den Ausweisen, das
nun mal da. Seit 17 Jahren. Und „Ich habe nicht gut geantwortet“, sagt Leo. kann aber auch Probleme geben.“ Ein Bekann-
er klingt wie ein treuer Kerl, so Nach Interventionen seines Anwalts ging es ter, der ebenfalls einen fremden Personalaus-
wie er über seine Mutter zu Hause im westafri- noch bis zum Jahr 2005 mit den Behörden hin weis hatte, sei bei einer Operation gestorben.
kanischen Benin spricht. „Fast jeden Tag rufe und her, dann sollte Leo abgeschoben werden. „Da musste der echte Ausweisbesitzer der Poli-
ich an, erst vorhin haben wir kurz telefoniert“, „Da haben die mich zur Togoer Botschaft be- zei erklären, dass er noch lebt.“
sagt er mit einem Lächeln, 5000 Kilometer von gleitet, um dort wegen der Abschiebung einen Die Gesundheitsversorgung scheint für die
der Familie entfernt, in einem Biergarten nicht Pass für mich zu bekommen.“ Aber an der Bot- meisten Illegalen aber kein allzu schwerwiegen-
weit vom Berliner Wannsee. schaft konnte man mit seinen falschen Angaben des Problem zu sein. In jeder größeren Stadt
natürlich nichts anfangen. Weil Leo immer wie- gibt es spezielle Sprechstunden für „Menschen
VON MARCEL LEUBECHER der gegen Vorschriften verstieß, unerlaubt ar- ohne Krankenversicherungsanbindung“, etwa
beitete und verreiste, bekam er nie die erhoffte die der in vielen Städten vertretenen Malteser
Nicht nur von seiner Mutter spricht Leo vol- Aufenthaltserlaubnis, er blieb zunächst ein Migranten Medizin.
ler Anerkennung; auch vom „Herrn Bodo“, wie „Geduldeter“. Rund 168.000 von ihnen leben „Wenn mir einer sagt, er heißt Donald Duck,
er Thüringens Ministerpräsidenten Ramelow derzeit im Land. Sie sind zwar ausreisepflichtig, dann ist das auch egal“, sagt Karin Uffelmann,
nennt. Der Linken-Politiker hatte vor einigen aber gemeldet, gehören also nicht zu jenen Mi- die für die Malteser Illegale im Fuldaer Herz-Je-
Wochen in der „Welt“ die Legalisierung und In- granten, die Ministerpräsident Ramelow und su-Krankenhaus betreut. Jeden Montag nutzt
tegration der „mindestens 200.000 Ausländer Forscherin Vogel meinen, wenn sie von „Illega- die Hilfsorganisation das Krankenhaus für ihre
ohne Behördenkontakt“ in Deutschland gefor- len“ oder „Irregulär Aufhältigen“ sprechen. Sprechstunde. Mit ihrem Mann, einem Zahn-
dert. Das gefiel Leo. „Weil endlich mal ein Poli- Zu einer echten Schattenexistenz ohne jeden arzt, baute Uffelmann ein Netzwerk aus Fach-
tiker auf uns aufmerksam macht. Wir wollen Kontakt zu einer Behörde wurde Leo erst 2009. medizinern auf, die kostenlos oder gegen eine
ganz normal leben und arbeiten, ohne uns zu „Ich war die ewige Duldung, die ständigen Brie- Spendenquittung behandeln. „Wir haben vom
verstecken!“ fe von den Ämtern mit ir- Gynäkologen bis zum Ortho-
Wie viele Menschen wie Leo hierzulande il- gendwelchen Pflichttermi- päden alles dabei.“ Vorausset-
legal leben, weiß natürlich niemand genau. nen leid. Ich brauche keine zung sei, dass „alles 100 Pro-
Wer alles meidet, was nach Papierkram, Kon-
W Hilfe von der Regierung, die zent anonym“ bleibt. Sobald
trolle und Abschiebung riecht, lässt sich eben mich immer nur duldet und ein Illegaler aufgedeckt wür-

seine Unterkunft und tauch- WENN MIR EINER


auch nicht gern zählen. Ramelow dürfte mit nie anerkennt.“ Er verließ de, wäre das Vertrauen der
seiner groben Schätzung aber eher am unteren Patienten dahin. „Darunter

SAGT, ER HEISST
Ende der tatsächlichen Zahlen liegen. te ab unter den Radar der Be- sind übrigens auch arbeitslose
„Es ist wahrscheinlich, dass die Ramelow- hörden. Deutsche, die keine Kranken-

Biergarten und hält sich seit DONALD DUCK,


Zahl zu niedrig ist“, sagt Migrationsforscherin Der 46-jährige Leo sitzt im kassenanbindung haben. An-
Dita Vogel von der Universität Bremen. Sie er- sonsten haben wir hier viele
DANN IST DAS
rechnete für das Jahr 2014 zwischen 180.000 drei Stunden an einem gro- Bulgarinnen und Afrikanerin-
und 520.000 „irregulär aufhältige“ Ausländer in ßen Glas Cola fest, auf ein nen, die oft mit falschen Ver-
Deutschland. Auch das Bundesamt für Migrati- weiteres Getränk will er sich AUCH EGAL sprechungen nach Deutsch-
on in Nürnberg verwendet Vogels Untersu- partout nicht einladen las- land gelockt wurden und
chung. „Bisher gibt es noch keine neueren Be- sen. „Ich kannte Leute in KARIN UFFELMANN, dann in einem ganz anderen
rechnungen, aber Trend-Indikatoren sprechen Berlin, die haben mir direkt Malteser Migranten Medizin Gewerbe landen“, sagt Uffel-
für einen deutlichen Anstieg“, erklärt die Wis- einen Job vermittelt.“ Sechs mann. Denn viele Auslände-
senschaftlerin. Sie und ihre Kollegen schlossen Jahre arbeitete er in einem rinnen, die illegal in Deutsch-
– stark vereinfacht – von den Tatverdächtigen Restaurant im Stadtteil Wedding. „Viele Stun- land leben, stranden in der Sexindustrie.

MARCEL LEUBECHER
mit dem Aufenthaltsstatus „illegal“ in der be- den, wenig Geld, der Chef wusste, dass er das Schwieriger als die Gesundheitsversorgung
reinigten Polizeilichen Kriminalstatistik auf die mit uns Illegalen machen kann.“ ist es für Illegale, neben einer halbwegs siche-
Grundgesamtheit der Untergetauchten. Damit spricht Leo das Hauptproblem der un- ren Arbeit auch eine Wohnung zu finden. Leo
Unter diesen „irregulär Aufhältigen“, „Illega- tergetauchten Ausländer an: das Geld. Wer verlor beides nach einem Streit mit seinen Ar-
len“ oder „Papierlosen“ sind zum einen Men- „Bei mir hat immer alles irgendwie geklappt – ich bin ja auch ein wenig gläubig“: Leo aus Benin nicht gemeldet ist, bekommt auch keine Sozial- beitgebern Ende vergangenen Jahres. „Einen
schen, die unentdeckt eingereist sind und noch leistungen, hat kein Konto, keinen legalen Job. Monat kam ich bei einer Bekannten unter, dann
nie Spuren bei einem Amt oder bei der Polizei Nach Untersuchungen, die auch das Europäi- lebte ich vier Monate auf der Straße.“ Manch-

Er machte sich
hinterlassen haben. Die anderen – und sie sind sche Migrationsnetzwerk verbreitet, arbeiten mal habe er „nichts, wirklich nichts, nicht mal
die größere Gruppe – standen zwar schon mit viele untergetauchte Frauen als Kindermäd- einen Euro“ gehabt. Dazu immer die Angst, von
den Behörden in Kontakt, waren in irgendeiner chen, Altenpflegerin oder Putzfrau; illegal hier der Polizei aufgegriffen zu werden.
Form gemeldet, tauchten aber irgendwann un- lebende Männer arbeiten vor allem auf dem Bau Im Mai stand er an einer evangelischen Kir-
ter. Darunter sind Touristen, Studenten oder oder wie Leo im Gastgewerbe. che vor einem Schaukasten, als ihn ein Gemein-
Arbeiter, die einfach hierblieben, nachdem das So erzählt etwa der ebenfalls untergetauchte demitglied ansprach und zum Essen einlud.
Visum abgelaufen war. Oder Asylsuchende, die 35-jährige Schwarzafrikaner Kodyo, ein loser Was dann folgte, erklärt sich Leo mit den Gebe-
sich aus Angst vor einer Abschiebung während

UNSICHTBAR
Bekannter von Leo, am Kottbusser Tor in Berlin ten in den Gottesdiensten, die er danach oft be-
des Verfahrens oder nach der Ablehnung aus- von den Querelen mit den Restaurantchefs: suchte. „Leute haben mich aufgenommen, die
klinkten, keine staatliche Unterstützung mehr „Meistens habe ich meine Jobs nur einen Mo- machen alles für mich und sind sehr zufrieden
bezogen, nicht mehr erreichbar waren und in nat, die Chefs zahlen einfach nicht, egal ob Ita- mit mir.“ Er helfe ihnen im Garten, dafür be-
der Versenkung verschwanden. liener, Türken, Deutsche. Die wissen, dass wir komme er ein Bett in einem eigenen Zimmer

Hunderttausende Ausländer führen ein


So einer ist Leo. Er besteht darauf, dass dies nicht die Polizei rufen können.“ Er habe sich und Essen.
sein richtiger Name ist. Ihm macht es nichts deswegen immer wieder über den Sperrmüll- Seine Gastfamilie wolle ihn davon überzeu-

Schattendasein ohne Papiere und Kontakt


aus, in der Zeitung zu stehen. Denn für den verkauf finanziert. „In Mecklenburg schmeißen gen, früher oder später mit ihnen zum Auslän-
Staat – das Bundesamt für Migration und die die Leute viel weg, Kühlschränke, Fahrräder, al- deramt zu gehen und wieder aufzutauchen, er-

zu den Behörden. Wie leben Menschen,


Polizei – existiert Leo nicht. In den Akten findet te Radios. Die hole ich und verkaufe sie für zählt er. Ob er darauf eingeht, weiß er noch
sich nur eine von ihm erfundene Figur – die vor einen fairen Preis weiter.“ nicht. Vom deutschen Staat, der alles versucht

die offiziell gar nicht da sind? So wie Leo


Jahren Asyl beantragt hatte, einen Ablehnungs- Leo hatte dagegen Glück: „Mir geht es viel hat, ihn loszuwerden, erwartet er sich nicht
bescheid erhielt und schließlich abtauchte. besser als den meisten anderen Papierlosen in mehr viel. Doch Leo will erst im Alter zurück in
Mit einem Touristenvisum in der Tasche war Deutschland. Bei mir hat immer alles irgendwie die Heimat. „In Benin sagen wir: ‚Wenn du auch
Leo 1999 aus Benin nach Europa geflogen. In geklappt – ich bin ja auch bisschen gläubig, viel- nicht weißt, wohin du gehst, musst du doch wis-
Deutschland beantragte er mit einem ausge- leicht liegt es an Gott.“ Vielleicht liegt es aber sen, wo du herkommst.‘“

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8 POLITIK WELT AM SONNTAG NR. 40 2. OKTOBER 2016

Der Mann, den seine


Frau für Jeanne d’Arc hält
F
Emmanuel Macron hat kaum eine Chance,
Präsident zu werden. Deshalb nutzt er sie
enn er eines nicht mag, würde Macron bei der ersten Runde

W dann ist es Stillstand. Im-


mobilismus ist der Begriff,
den er gebraucht. Emmanuel Macron
der Präsidentschaftswahlen im Mai
auf dem dritten Platz landen, hinter
dem konservativen Kandidaten und
hat es nicht so mit einfachen Worten. der Rechtspopulistin Marine Le Pen,
Aber Immobilismus meint ja viel mehr aber weit vor Hollande.
als nur Stillstand. Es ist eine geistige Im März hatte Hollande ihm sogar
Haltung. Macron ist noch keine vier- die Gründung seiner eigenen politi-
zig, aber er hat schon mehrere Leben schen Bewegung durchgehen lassen.
hinter sich: Philosoph, hoher Beamter, „En Marche“ heißt sie, also: Vorwärts,
Investmentbanker, Politiker. los geht’s! „EM“ sind natürlich auch
die Initialen von Emmanuel Macron.
VON MARTINA MEISTER Er will nicht, dass man seine Bewe-
AUS PARIS gung als Partei bezeichnet. Partei, das
war gestern. Macron ist morgen.
Die nächste Etappe könnte sein: Wer sich ihm anschließen will, dem
Präsident. „Und was, wenn er es wä- droht die sozialistische Partei jetzt
re?“, fragt diese Woche ein Wirt- mit Ausschluss. „Kasernensozialis-
schaftsmagazin. Auf dem Cover der mus“ nennt das Macron. Jean-Chris-
gut aussehende Macron und die Un- tophe Cambadélis, der Vorsitzende
terzeile. „Hat er das Zeug dazu?“ der PS, warnt: Wenn Macron zur Wahl
Für Macron geht es jetzt erst ein- antrete, werde er die Schuld daran tra-
mal darum, eine Flasche Bier zu be- gen, dass die Linke in der ersten Run-
kommen. Er steht in der Schlange vor de ausscheide. Macron lächelt, inzwi-
der Bordbar des TGV 6674, der schen hat er sein Bier, und
ihn am diesem Abend von sagt: „Wenn ich mir die
Lyon nach Paris bringt. Umfragewerte ansehe,
Er kommt von einem dann bin nicht ich es,
Gipfel europäischer der Hollande auf dem
Reformer zurück. In Gewissen hat.“ Darauf

JULIA SMIRNOWA
Die Fotos des der Warteschlange stößt er an mit einer
Piloten im Haus zeigt sich, dass er Still- Flasche Grimbergen.
seiner Mutter stand nicht erträgt. Sei- Zwischen seinen
ne Knie schwingen hin Schneidezähnen klafft
und her, als würde er eine kleine Lücke, „les
auf der Stelle Rad fah- dents du bonheur“ nen-

Klaglose KRIEGER
ren. Er ist 38 Jahre alt. Ein-Mann-Bewegung: nen das die Franzosen,
Er war der beliebteste Emmanuel Macron ein Zeichen des Glücks.
Minister der Regierung. AFP/BERTRAND GUAY Frankreich steckt in
Er könnte nächstes Jahr einer tiefen Krise. Aber
Präsident werden. Aber selbst im Jahr Macron ist Optimist: „Wir sind Fakire,
2022 wäre er noch immer der jüngste wir richten uns wieder auf, der
Präsident aller Zeiten. Schmerz stimuliert uns nur“, sagt er.

Den Syrien-Einsatz
Die Teilnahme an dem Reformer- Ansonsten gilt: „Sky is the limit.“ Er
nfang Juli landeten gefahren. Das sorgte in mehreren Gar- angewiesen. Die syrische Armee ist je- kongress wurde für französische So- sagt es genau so.

A kritisieren in Russland
drei Hubschrauber im nisonsstädten für Empörung. doch offenbar in desolatem Zustand. zialisten zur Gewissensfrage. Reihen- Es ist viel über Macron geschrieben
tatarischen Dorf Wja- In der Wolga-Stadt Toljiatti etwa gab „Im vergangenen Jahr hat die syrische weise sagten sie ab. Seit Macron nicht worden. Bei der Lektüre der zahllosen

nicht einmal die


sowy Gaj im Süden es im vergangenen Jahr eine kleine De- Armee keine einzige erfolgreiche Ope- mehr Minister ist, meiden sie ihn wie Artikel und Bücher über ihn hat man
Russlands. Am Bord monstration, nachdem zwei Soldaten ration durchgeführt“, sagt der russische einen Aussätzigen. Andere schließen das Gefühl, es mit einem überirdi-
Hinterbliebenen
einer der Maschinen aaus einer Spezialeinheit des Geheim- Militärexperte Michail Hodarjonok, ein sich ihm demonstrativ an. Der Grüne schen Wesen zu tun zu haben: „Das

der gefallenen
war die Leiche eines dienstes GRU in der Ukraine festgenom- ehemaliger Oberst des Generalstabs. Es Daniel Cohn-Bendit zum Beispiel. kleine Genie im Elysée“, titelte „Libér-
Mannes, der hier geboren und aufge- men worden waren. Die Armeevertreter gebe Reibungen und großes Misstrauen Oder der konservative Renaud Du- ation“ schon 2012. „Mozart der Fi-

Soldaten. Doch das


wachsen ist. Oberst Rjafagat Habibullin erklärten damals, die Soldaten hätten ih- zwischen den russischen und syrischen treil, ein ehemaliger Minister unter nanz“ nannten ihn andere, weil er of-
starb am 8. Juli bei Palmyra, fast 3000 ren Dienst quittiert. Heute ist es ein of- Streitkräften. „Aber andere Verbündete Jacques Chirac. Auch ein Sarkozist ist fensichtlich Milliarden-Deals zwi-

könnte sich ändern


Kilometer weit entfernt. Der Krieg in ffenes Geheimnis in der Stadt, dass Sol- haben wir nicht.“ Jetzt könne sich Russ- darunter. schen Nestlé und Pfizer mit ebensol-
Syrien, für den sich niemand in Wja- daten aus derselben Einheit nach Syrien land nicht einfach so aus Syrien zurück- Macron zieht die unterschiedlichs- cher Leichtigkeit einfädelte wie er, der
sowy Gaj interessiert hatte, wurde geschickt wurden. Doch im Wohnhaus ziehen. Deshalb werde weiter gekämpft. ten Leute an, weil er das soziale Ge- auch noch Pianist ist, Klaviersonaten
plötzlich greifbar. Lokalpolitiker und der GRU-Angehörigen wollen die Frauen „Zu Verhandlungen kann man die Re- wissen eines Linken, aber die wirt- spielt. Von „erlesener Höflichkeit und
Militärs hielten Reden gegenüber der an den beiden Tschetschenien-Kampa- nicht darüber reden und rufen vorsichts- bellen nur mit militärischen Mitteln schaftlichen Liberalisierungsideale ei- seltener Freundlichkeit“, urteilte der
kleinen Moschee, dann brachten die gnen und am Krieg mit Georgien teil. halber gleich eine Militärpatrouille, um zwingen“, sagt Hodarjonok ohne Verle- nes Konservativen hat. Er könnte der jüngst verstorbene Sozialist Michel
Dorfeinwohner mit weißen tatarischen Im ersten Tschetschenien-Krieg wurde weitere Fragen zu vermeiden. genheit. Zu diesem Zweck will jetzt Schröder Frankreichs sein, wenn er Rocard, politischer Ziehvater Ma-
Trauerstirnbändern einen mit der russi- er schwer verletzt und verbrachte ein Der Syrien-Einsatz ist im Vergleich Russland offensichtlich zusätzliche das Parteiensystem nicht für so crons.
schen Fahne bedeckten Sarg zum Fried- Jahr in Reha-Krankenhäusern, weil er zu dem in der Ukraine weniger umfang- Flugzeuge nach Syrien schicken, wie die schrecklich gestrig halten würde. Er Dass er mit seiner ehemaligen Fran-
hof. Der Hubschrauberpilot Habibullin unbedingt wieder Pilot werden wollte. reich. Es sind vor allem Piloten und regierungsnahe Zeitung „Iswestija“ be- betreibt Politik wie ein Start-up und zösischlehrerin verheiratet ist, gibt
ist jetzt in seiner Heimat ein Held. Ein „Er hätte nicht so einen Beruf wählen kampferfahrene Spezialkräfte daran be- richtete. will über die Parteigrenzen hinaus ei- seiner ohnehin romanhaften Gestalt
Kranz zu seinen Ehren steht im Zen- sollen“, sagt die Mutter. „Ich gebe nur teiligt. „Wenn es Hunderte oder Tau- Vor einem Jahr begann Russland, sich
V nen. Das macht ihn so attraktiv für die einen romantischen Twist. Man
trum des Dorfes, gleich am sowjeti- ihm selbst die Schuld, aber ich werde es sende Tote gegeben hätte, wäre es sehr den Platz am syrischen Verhandlungstisch Wähler und so gefährlich für die So- schickte ihn damals weit weg von
ihm verzeihen, damit er ins Paradies schwierig gewesen, das zu verheimli- ffreizubomben. Das erklärte Ziel der Ope- zialisten. Rechts und links sind über- Amiens nach Paris. Aber Macron sagte
VON JULIA SMIRNAVA kommt.“ Daran, dass Russland sich an chen “, sagt Sergej Kriwenko, Vor- ration lautete „Terrorbekämpfung“. Die holte Kategorien für ihn: „Es gibt nur seiner Lehrerin: „Was auch immer sie
AUS WJASOWY GAJ diesem Krieg zu Recht beteiligt, hat sie standsmitglied der Menschenrechtsor- Luftschläge richteten sich aber in erster noch den Unterschied zwischen Fort- tun, ich werde Sie heiraten.“ Brigitte
keine Zweifel. „Russland hat so viele ganisation Memorial und Koordinator Linie nicht gegen den IS, sondern gegen und Rückschritt“, sagt er und klingt Macron ist 24 Jahre älter als er. Sie hat
schen Ehrenmal für die Soldaten, die im Feinde. Gut, dass Wladimir Wladimiro- der Gruppe „Bürger und Armee“. Zu- die bewaffnete Opposition. Putin wollte dabei wie Schröder. drei Kinder aus erster
Zweiten Weltkrieg gefallen sind. Man witsch weiterarbeitet“, sagt sie über sammen mit Ella Poljakowa vom St. Pe- das syrische Regime retten, er wollte aber Unmöglich, sagen Ehe und sieben Enkel-
ER KÖNNTE
will eine Straße nach ihm benennen. den russischen Präsidenten. tersburger Komitee der Soldatenmütter vvor allem zurück auf die Weltbühne und seine Gegner, dass ei- kinder. Ihr zweites
Sterben für das Vaterland – das war in Auch Habibullins Witwe Ramilja lässt setzte er sich für Aufklärung über die mit den USA auf Augenhöhe reden. Ein ner, dessen Gesicht Kind, eine Tochter, ist
DER GERHARD
Russland schon früher einmal eine Tu- trotz ihrer Trauer keine Zweifel zu. „Er Beteiligung russischer Soldaten am Jahr später ist das Assad-Regime gestärkt. vor zwei Jahren noch 1977 geboren – im sel-
gend gewesen. Inzwischen wird der Mi- opferte sein Leben auf dem Altar des Krieg in der Ukraine ein. Doch zu Syrien Doch die Verhandlungen mit den USA ste- niemand kannte, Prä- ben Jahr wie ihr Mann.
litarismus immer stärker. Die Gesell- Vaterlandes“, sagt sie. Ihr Mann sei im hätten sie bislang gar keine Anfragen hen kurz vor dem endgültigen Aus. Nach sident werden kann. SCHRÖDER Wer das in einem gut-

FRANKREICHS
schaft gewöhnt sich daran, dass russi- Kampf gegen den Terror gefallen. von Angehörigen bekommen, erzählt dem Angriff auf den UN-Hilfskonvoi bei Allein schon weil es bürgerlichen Provinz-
sche Soldaten fallen und als Kriegshel- „Denn unsere Armee ist dort nicht nur, Poljakowa. Aleppo sieht Russland unglaubwürdiger
A ohne Partei, ohne Ap- milieu durchgestan-

SEIN
den gefeiert werden. um Syrien zu verteidigen und zu befrei- Bei Kriwenko meldeten sich Angehö- aaus denn je. „Russland kann nicht priori- parat nicht geht; weil den hat, muss ein di-
Seit einem Jahr fliegt Russland Luft- en, sondern auch, damit unsere Kinder rige nur im September 2015, als die Ver- sieren, was es erreichen will“, sagt der Na- Frankreich ein verknö- ckes Fell haben.
angriffe in Syrien, auch Artillerie und friedlich in die Schule gehen können.“ legung von Truppen nach Syrien noch hostexperte Leonid Issajew. Wenn es um chertes politisches „Es gibt Tage, da ha-
Spezialeinheiten sind an dem Einsatz Ihre Stimme bebt lediglich, wenn sie nicht offiziell ange- die Präsenz im Nahen System ist, das keinen be ich das Gefühl,

zier wollte nicht nach UNSERE ARMEE


beteiligt. Die russischen Verluste liegen sich an das Video des Hubschrauberab- kündigt war. Ein Offi- Osten und die Militär- Seiteneinsteiger ganz nach oben lässt. mein Leben mit Jeanne d’Arc zu tei-
nach offiziellen Angaben bei 20 Solda- sturzes erinnert, das vom „Islamischen basen in Syrien gehe, So raunt es durch die Pariser Flure der len“, sagte Brigitte Macron jüngst in

eine andere Einheit KÄMPFT IN SYRIEN,


ten. Das ist einer der Gründe, warum es Staat“ gepostet wurde. Und wenn sie Syrien und wurde in dann brauche Russland Macht, wo die dicken Teppiche alles einem Interview. Auch Macron spielt
fast keine Kritik an der Militäroperation erzählt, dass auch ihr 28 Jahre alter Assad. „Dann sind wir verschlucken, nur nicht Gerüchte und mit dieser Figur, als könne es eine his-

sich niemand mehr DAMIT UNSERE


gibt. Die meisten Russen wissen nicht Sohn seit fünf Jahren Hubschrauberpi- verlegt. Danach habe eine Konfliktseite.“ Gehässigkeit. torische Parallele geben. Will er
genau, welche Ziele ihr Land im Nahen lot bei der russischen Armee ist. Ihrem Wenn man dagegen ei-
W Das Establishment hat Angst: Ma- Frankreich retten? So würde er das

Jahr war die Angst vor KINDER ZUR


Osten verfolgt, wen es dort warum un- Mann wurde posthum die höchste mi- gemeldet. „Vor einem nen Dialog mit den cron bringt die alten Regeln durchei- nicht formulieren. Es sei fatal, dass die
terstützt und wen es bombardiert. Vom litärische Auszeichnung Russlands ver- USA und eine politi- nander, und er macht es mit spieleri- Franzosen immer noch auf den Erlö-
Grauen in Aleppo, von den Streu- und liehen, am Freitag empfing sie den Or- einer groß angelegten SCHULE GEHEN sche Lösung wolle, scher Eleganz. In den zwei Jahren, ser hofften. Sie hätten nicht verdaut,

breitet“, sagt Kriwen- KÖNNEN


Brandbomben, die russische Flugzeuge den vom Oberkommandeur der Luft- Bodenoperation ver- müsse man ein verläss-
m die er Wirtschaftsminister war, hat er den König geköpft zu haben: „Es gibt
abwerfen, wissen nur wenige. Vor ei- streitkräfte. Die Familie bekomme mo- licher Vermittler sein. nie ein Blatt vor den Mund genom- eine emotionale, kollektive Leere, weil
nem Jahr war die Angst noch groß, dass ralischen Beistand und Spenden aus ko. Doch dann wurde Die jüngsten Ereig- men. Er kritisierte die 35-Stunden- der Platz des Königs leer ist.“
Syrien zum „zweiten Afghanistan“ mit ganz Russland. „Mein Mann ist im gan- klar, dass das Niveau RAMILJA HABIBULLINA, nisse machen indes Woche, den Beamtenstatus, und als
W 80.000 Mitglieder hat En Marche
vielen Gefallenen werden könnte. Dass zen Land respektiert“, sagt Ramilja der Verluste beim Sy- russische Offizierswitwe deutlich, dass Russ- François Hollande den Höchststeuer- jetzt. Tausende haben an der „Grande
dies nicht geschah, täuscht womöglich Habibullina. rien-Einsatz nicht mit land diese Rolle nicht satz auf 75 Prozent anheben wollte, Marche“ teilgenommen. Von Haus zu
darüber hinweg, dass Russland in Syrien Dass die wenigen gefallenen Soldaten dem der Tschetsche- spielen kann. Dazu verglich er Frankreich mit „Kuba, nur Haus sind sie gegangen, haben den
in einem Krieg feststeckt, der kaum zu öffentlich geehrt werden, ist etwas, das nien-Kriege vergleichbar ist. Die Ängste kommt, dass Assad alles dafür tut, um ohne Sonne“. Sein Rücktritt Ende Franzosen Fragebogen vorgelegt.
gewinnen ist. Mit einem Massenmörder die Lage deutlich vom Krieg in der Os- legten sich. Insgesamt erhalte die russi- die Verhandlungen zwischen Russland August war der Vatermord, den alle „Was funktioniert Ihrer Ansicht nach
als Verbündeten. tukraine unterscheidet. Im Herbst 2014 sche Gesellschaft keine zuverlässigen und den USA und die Perspektive eines erwarteten. Nur Hollande hielt sei- in Frankreich?“ Der Gesellschaft sollte
Die Mutter von Oberst Habibullin und im Winter 2015 kamen nach Schät- Informationen über den Krieg in Syrien, Machtübergangs durch militärische nen hochbegabten, smarten Zögling der Puls genommen werden. 25.000
wusste nicht einmal, dass ihr Sohn in zungen von Menschenrechtlern und so Kriwenko. „Es gibt nur eine vage Vor- Eskalation zu sabotieren. Das Bündnis lange für seinen größten Joker. Noch Fragebogen sind dabei zusammenge-
Syrien war. „Er sagte mir nie etwas“, er- Soldatenmüttern Hunderte Särge aus stellung, dass dort ‚unsere‘ gegen die mit Assad kann dehalb für Putin zur im März sagte er: „Macron, das ist ein kommen, die digital ausgewertet wur-
zählt die 80-jährige Geldschichan in ih- dem heimlichen Militäreinsatz in der ‚Bösen‘ kämpfen“, sagt er. Falle werden. Falls die Operation in Sy- netter Typ, immer fröhlich, der we- den. Am kommenden Dienstag wird
rem kleinen blau gestrichenen Haus. Ukraine zurück nach Russland. Die Fa- Doch genau hier liegen die Grenzen rien andauert und sich ausweitet, wird der schlechte Absichten noch stören- Macron in Straßburg seine Diagnose
Vor dem Spiegel stehen ein Gruppen- milien durften nicht reden. Sie wussten des Einsatzes. Sollte Putin auch Boden- es schwieriger werden, der Bevölke- den Ehrgeiz hegt.“ Inzwischen muss präsentieren. Vielleicht passiert dann,
bild von Soldaten, aufgenommen vor ei- nicht, warum ihre Angehörigen in der truppen massiv einsetzen wollen, könn- rung zu Hause den Sinn diese Krieges er einräumen: „Macron hat mich mit worauf viele schon lange warten: dass
nem Hubschrauber, und das Porträt ih- Ukraine starben und in Gefangenschaft te sich die Stimmung schnell drehen. zu erklären. Den Einsatz von Boden- Methode verraten.“ er sich endlich offiziell als Kandidat
res Sohnes in Paradeuniform. Der 51- gerieten, während die Armeeführung Deshalb ist die russische Armee auf die truppen in Syrien kann sich Putin poli- Aus dem Schützling ist sein Feind erklärt. Das ist das Einzige, was er bis-
jährige Oberst Habibullin nahm bereits sagte, sie seien als „Freiwillige“ dorthin Bodentruppen von Assad und Hisbollah tisch nicht leisten. geworden. Nach jüngsten Umfragen lang irgendwie vergessen hat.
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10 POLITIK WELT AM SONNTAG NR. 40 2. OKTOBER 2016

noch mehr Flüchtlinge nach Griechenland und Europäischen Union gefährden kann. Sie ist ein ge-

W
Italien kommen, und diese Länder werden immer f
fährlicher Spaltpilz, der für Unruhe, Missverständ-
noch stärker belastet werden. Solange man den nisse und gegenseitige Anfeindungen sorgt.
Migranten das Gefühl gibt, dass es sich lohnt,
nach Italien und Griechenland zu kommen, weil Warum klappt die Umverteilung nicht?
man am Ende in Deutschland landen kann, för- Die Umverteilung nach Quoten auf alle EU-Staa-
dert man das Geschäft der Schlepper und löst ten funktioniert nicht, weil es nicht genügend
weitere Flüchtlingsströme aus. Diese Politik ist Länder gibt, die bereit sind, eine hohe Zahl an
ffalsch. Wenn ein Land Flüchtlinge aufnehmen Flüchtlingen aufzunehmen. Ein weiterer Grund
will, dann nicht jene aus Italien, die illegal gekom- ist aber auch, dass viele Flüchtlinge sich weigern,
men sind, sondern wirklich Bedürftige direkt aus in bestimmte EU-Länder zu gehen. Rumänien
Syrien mittels UNHCR-Resettlement-Programm. wurde beispielsweise, wie andere Staaten auch,
w
gezwungen, Tausende Quartiere zu schaffen.
Wien, Minoritenplatz, ein warmer Herbstnach- Was erwarten Sie von Deutschland? Aber es sind bis jetzt nur einige Hundert Men-
A
mittag. Der Außenminister hat es eilig, er muss Nicht nur Deutschland, sondern alle EU-Länder schen bereit, nach Rumänien zu gehen.
zur Beerdigung von Schimon Peres nach Israel müssen nachhaltige Maßnahmen ergreifen, die
fliegen. „Kommen Sie herein“, sagt Kurz. Dann die Flüchtlingsströme reduzieren, anstatt auf ei- Ungarn stimmt heute über die Verteilung von
nimmt er sich doch 90 Minuten Zeit. ne Politik zu setzen, die gut gemeint ist, am Ende Flüchtlingen nach verpflichtenden Quoten ab.
WELT AM SONNTAG: Herr Minister, vor einem aaber negative Auswirkungen für alle Seiten haben Ist das eine gute Idee?
Jahr hat Deutschland die Grenzen weit geöffnet kann, weil noch mehr Migranten kommen. Das Ich kommentiere nicht Volksabstimmungen in an-
und damit Österreich und viele andere Staaten Ziel der europäischen Politik muss nicht die Um- deren Staaten. Es ist davon auszugehen, dass uns
in große Schwierigkeiten gebracht. Sollte sich verteilung von Flüchtlingen in Europa sein, son- das Ergebnis nicht sonderlich überraschen wird.
Bundeskanzlerin Merkel bei Ihren Landsleuten dern die EU-Außengrenzen zu schützen, um ille-
dafür nicht entschuldigen? gale Migration zu unterbinden. Klar ist, dass die Was würde eine Ablehnung bedeuten für Eu-
SEBASTIAN KURZ: Menschen ihre gefährliche Reise nicht starten, ropa?
Ich halte nichts davon, stetig auf die deutsche um nach Lesbos oder Lampedusa durchzukom- Die Meinung der Ungarn ist bekannt und wird sich
Kanzlerin zu fokussieren, denn es waren ja viele, men und dort ihr Leben zu verbringen, sondern aaus meiner Sicht durch das Referendum nicht än-
die für die Willkommenskultur und für die Politik sie suchen nach einem besseren Leben in Öster- dern. Wir sollten nicht den Eindruck erwecken,
der unbeschränkten Aufnahme eingetreten sind. reich, Deutschland oder Schweden. dass es in Europa zwei verschiedene Klassen von
Mitgliedern gibt. Ich glaube, dass mitteleuropäi-
VON STEFAN AUST, ELISALEX HENCKEL Das ist menschlich. sche Staaten in der Flüchtlingsfrage den Fehler ge-
UND CHRISTOPH B. SCHILTZ Ich kann das menschlich zu hundert Prozent macht haben, ihre Linie den anderen Staaten in der
AUS WIEN nachvollziehen, aber wir können das nicht leisten. Europäischen Union aufzwingen zu wollen. Es ist
Und solange wir diese Perspektive bieten, werden gefährlich, wenn einige Staaten in der Europäi-
Dazu gehörte damals unser Koalitionspartner, die sich Menschen auf den Weg machen. schen Union den Eindruck erwecken, anderen Mit-
SPÖ, einige EU-Regierungschefs bis hin zu Verant- ggliedsländern moralisch überlegen zu sein. Wir
wortlichen in der Europäischen Kommission. Aber
w Sie fordern eine nachhaltige Flüchtlingspoli- brauchen ein Europa der Vielfalt mit einem gewis-
der Blick in die Vergangenheit und die Suche nach tik. Wie sieht das aus? sen Verständnis für unterschiedliche Zugänge und
Schuldigen nützt ja nichts. Man sollte die Auslandskatastrophenhilfe erhö- Meinungen. Wenn man mit diesem Grundrespekt
an die Sache herangeht, wird es auch viel leichter
sein, Verbündete für ein gemeinsames Vorgehen zu

„Diese Politik ist


gewinnen. Anders formuliert: Die Visegrad-Staaten
und einige andere Länder waren immer gegen eine
Verteilung nach Quoten. Sie haben die Einladungs-
V
politik von Beginn an nie unterstützt. Wäre unser
oberstes Ziel von Anfang an nicht die Verteilung
vvon Flüchtlingen, sondern der Schutz der Außen-
grenzen gewesen, dann hätte es dieses Referen-

FALSCH“
Österreichs Außenminister Sebastian Kurz will es Flüchtlingen
dum in Ungarn vermutlich niemals gegeben.
d

Frontex wird demnächst in Bulgarien, Ser-


bien und Griechenland mithelfen, die Gren-
zen zu sichern. Laut Gesetz sollen die EU-
Länder dazu mindestens 1500 Grenzschüt-
zer schicken, die die nationalen Behörden
unterstützen. Reicht das?

schwerer machen, nach Europa zu gelangen. Ein Gespräch


Definitiv nicht.

über Grenzen und die Fehler der deutschen Regierung Was ist nötig?
W brauchen künftig eine neue, möglichst festste-
Wir
hende Grenzschutzeinheit aus mehreren Tausend
Polizisten und Soldaten, die gemeinsam helfen, die
Was denn dann? hen und die Entwicklungszusammenarbeit stär- EU-Außengrenzen zu sichern, und dafür sorgen,
Was es jetzt braucht, ist ein Strategiewechsel, und
W ken, damit die Menschen vor Ort besser versorgt dass illegale Migration unmöglich wird. Die Euro-
den vermisse ich nach wie vor. Ich habe das Ge- werden. Ich denke beispielsweise an die über päische Union muss in der Lage sein, ihre Außen-
ffühl, dass einige Fehler des vergangenen Jahres sechs Millionen Binnenflüchtlinge in Syrien. Da- grenzen effektiv zu sichern. Österreich wäre be-
heute noch immer gemacht werden, wenn auch in rüber hinaus kann man, wenn man Menschen in reit, dabei sogar einen überproportionalen Beitrag
einem etwas geringeren Ausmaß. Europa aufnehmen möchte, Flüchtlinge direkt zu leisten. Wichtig ist, dass sich alle EU-Länder fi-
aaus den Flüchtlingslagern in Jordanien, im Liba- nanziell und personell daran beteiligen.
Immerhin erhält die Schließung der Westbal- non, in der Türkei oder in Syrien im Rahmen von
kan-Route jetzt nachträglich doch noch den sogenannten Resettlement-Programmen in ei- Die Volksparteien verlieren überall in der
Segen von Merkel und EU-Kommissionschef nem zahlenmäßig verkraftbaren Ausmaß holen EU an Unterstützung, die Rechtspopulisten
Juncker. Beide waren lange Zeit dagegen. Jetzt und sie auf legale Weise nach Europa bringen. sind auf dem Vormarsch. Was für ein Europa
aber soll die EU-Grenzschutzbehörde Frontex wird das?
mithelfen, die Außengrenzen zu sichern. Würden Sie Flüchtlinge nach Libyen oder Ich bin ein glühender Europäer und ein optimisti-
Das freut mich natürlich, weil wir ja stark dafür Ägypten zurückschicken, wenn ihre Boote scher Mensch. Ich bin deshalb überzeugt, dass wir
gescholten wurden, als wir damals die Schließung dort gestartet sind? in einem guten Europa leben werden. Natürlich
der Balkanroute durch Länder wie Mazedonien, Ja. Wir haben jetzt das Phänomen, dass viele Boo- vverändern sich Parteienlandschaften. Ich halte es
Serbien, Slowenien und Kroatien hier in Wien ge- te, die sich von Libyen aus auf den Weg machen, ggrundsätzlich für positiv, wenn Mitgliedschaften in
meinsam mit der damaligen österreichischen In- Schlauchboote sind, die gar nicht imstande sind, Parteien nicht mehr vererbt werden, sondern junge
nenministerin Mikl-Leitner organisiert haben. bis zur italienischen Küste durchzukommen. Die Menschen ihre Entscheidungen unabhängig von ih-
haben nur fünf oder zehn Liter Benzin getankt. ren Eltern treffen, und ich habe keine Angst davor.
Sind die Vorbereitungen dafür eigentlich Das kann sich nicht ausgehen. Das heißt, hier wird Die bürgerlichen Parteien sind gefordert, einen gu-
heimlich abgelaufen? von den Schleppern mit der Rettung auf hoher ten Job zu machen. Und wenn uns das gelingt, wer-
Wir haben alle eingebunden und offen kommuni- See schon kalkuliert. den wir im Wettbewerb mit anderen Parteien, auch
ziert. Das war also alles andere als heimlich, aber mit Rechtspopulisten, problemlos reüssieren. Was
sehr viele waren dagegen. Rettung aus Seenot ist eine internationale aaber nicht funktionieren kann, ist, dass die soge-
Verpflichtung. nannten etablierten Parteien versuchen, Probleme
Gab es Unterstützung aus Deutschland? Ja, aber was passiert nach der Rettung? schönzureden – und Unzufriedenen keine Lösun-
Wir sind damals kritisiert worden, vor allem aus gen anzubieten. Wenn wir diesen Weg wählen, wie
Berlin und Brüssel. Es gab viele deutsche Politi- Sagen Sie es uns. das in der Flüchtlingsfrage teilweise geschehen ist,
ker, die mir hinter vorgehaltener Hand gesagt ha- Die EU-Flüchtlingspolitik muss sich radikal än- dürfen wir uns nicht wundern, dass auch rechtspo-
d
ben, dass sie das für den richtigen Weg erachten. dern. Wir brauchen ein neues europäisches Asyl- pulistische Kräfte auf dem Vormarsch sind.
Heute sagen das fast alle europäischen Politiker. system, das illegale Migration und Massenzu-
strom von Flüchtlingen nicht wie bisher fördert, Wie sollte man den Rechtspopulisten begeg-
Ist das nicht verlogen? sondern verhindert. Wer künftig auf hoher See nen?
Verlogen wäre es, wenn man heute noch immer
V gerettet wird, sollte nicht auf das Festland von In Österreich hat einmal ein sozialdemokrati-
nicht zugeben würde, dass es einen wirksamen Ef- Italien oder Griechenland gebracht, sondern nach scher Politiker mit Blick auf die Flüchtlingspoli-
ffekt hatte. Oder es noch immer kritisieren würde. Libyen, Ägypten oder in andere Transitländer zu- tik der SPÖ gesagt, „wir müssen die Wähler der
Ich bin jedem dankbar, der sagt, ich war damals rückgestellt werden. Wenn die Rückstellung nicht FPÖ ja nicht krampfhaft in die Arme treiben“.
anderer Meinung, aber ich unterstütze das heute. möglich ist, müssen die Menschen in Auffangzen- Diese Einschätzung ist nicht falsch. Ich glaube,
tren auf Inseln an der EU-Außengrenze wie zum man ist als Politiker gut beraten, seinen Job
Dann können Sie doch zufrieden sein. Beispiel Lampedusa oder Lesbos gestoppt und bestmöglich zu machen, keine Angst davor zu
Die Schließung der Westbalkanroute ist ein wichti- dort versorgt werden. Von dort sollte die Rück- haben, in ein rechtes oder linkes Eck gestellt zu
ger Schritt, aber das ist nur ein Teil der Lösung. Es stellung in sichere Gebiete in den Transit- und werden, und auch nicht den Fehler zu machen,
muss noch viel passieren. Die entscheidende Frage Herkunftsländern organisiert werden. ständig auf andere Parteien zu schielen.
ist: Wie gehen wir mit den Menschen an der EU-
Außengrenze um? Die Politik des Weiterwinkens
A Die EU hat vor einem Jahr beschlossen, Ist die rechtspopulistische FPÖ ein denkbarer
ist leider noch immer nicht beendet. Die Men- 160.000 Flüchtlinge auf die Mitgliedstaaten zu Koalitionspartner für Ihre Partei?
schen, die über die Südroute kommen, werden von verteilen. Bisher sind es aber nur 5651, eine Die FPÖ ist derzeit in zwei von neun Bundes-
Italien von den Hotspots auf den Inseln auf das mickrige Zahl. Macht das noch Sinn? ländern in der Regierung. Im Burgenland mit
Festland weitergebracht. Hier müssen wir aufpas- Das Flüchtlingsproblem lässt sich, wie ich immer der SPÖ, in Oberösterreich mit der ÖVP. Die
sen, dass wir die Menschen aus Nordafrika nicht gesagt habe, nicht durch eine Verteilung nach Quo- FPÖ war auch schon in einer Koalition auf Bun-
noch weiter anziehen durch unsere Politik. ten lösen. Die Maßnahme, 160.000 Flüchtlinge in- desebene. Nicht nur mit der ÖVP, auch mit der
DAVID PAYR

nerhalb von zwei Jahren nach Quote auf die EU- Sozialdemokratie.
Was meinen Sie konkret? Länder zu verteilen, halte ich für falsch. Die Euro-

Sebastian Kurz,
Die deutsche Bundesregierung hat beim Flücht- päische Union sollte trotz eines Beschlusses nicht Sie antworten nicht auf unsere Frage. Also
lingsgipfel in Wien vor einer Woche angekündigt, krampfhaft daran festhalten, sondern sich jetzt da- ist mit 30 Jahren der jüngste Außenminister der Welt. noch mal: Schließen Sie eine Koalition mit der
künftig monatlich mehrere Hundert Migranten vvon verabschieden. Das Ziel ist völlig unrealistisch. Der Sohn eines Ingenieurs wuchs im Wiener Arbeiter- FPÖ aus?
Gemeindebezirk Meidling auf. Dort lebt er auch heute
jeweils aus Italien und Griechenland nach Sollten wir – und davon ist auszugehen – die
österreichischer Nein. Die Frage stellt sich aber momentan gar nicht.
Deutschland zu holen. Das Ziel ist offenbar, die Flüchtlinge weiterhin im selben Tempo wie bisher Jungstar noch mit seiner langjährigen Freundin, die im Finanzminis-
beiden südeuropäischen Staaten zu entlasten. aauf die einzelnen Länder verteilen, brauchten wir terium arbeitet, in einem Mehrfamilienhaus. Kurz wurde Wollen Sie mit 30 Jahren Kanzler von Öster-
Aber eine solche Politik, wie sie von Deutschland
A 30 Jahre für 160.000 Menschen. Hinzu kommt, 2013 Staatssekretär für Integration. Seit drei Jahren ist er reich werden?
jetzt angekündigt wurde, wird leider das Gegen- dass die Debatte über die Verteilung von Flüchtlin- Außenminister. Trotz seiner Jugend ist er zu einer festen Auch diese Frage stellt sich nicht. Ich will meinen
A
teil erreichen: Es werden dadurch vermutlich gen nach Quoten den Zusammenhalt der gesamten Größe in der EU-Außenpolitik geworden. Job so gut wie möglich machen.
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2. OKTOBER 2016 WELT AM SONNTAG NR. 40 FORUM 11

PRO & CONTRA

Rot-Rot-Grün
wäre eine Chance
ie DDR ist vor 26 Jahren ziem- hat nach der Wende die alten SED-Ka-

D lich sanft entschlafen. Ihre


Staatspartei SED hat in mehr-
facher Verkleidung überlebt. Erst
der in die Demokratie geführt, hat sie
gleichsam resozialisiert.
Auch der Parteienlandschaft würde
nannte sie sich PDS und übernahm so- es nicht schlecht bekommen, wenn die
weit möglich das Parteivermögen. Linke aus ihrer Isolation herauskäme.
Jetzt heißt sie „Die Linke“ und spielt De facto regiert im Bund ja nicht nur
im politischen Farbenspektrum des eine übergroße große Koalition. In den
wiedervereinigten Deutschlands mun- meisten Fragen ist es eine schwarz-
ter mit. Wenn es nach der nächsten rot-grüne Blockpartei. Die eigene Poli-
Bundestagswahl rechnerisch geht, tik für alternativlos zu erklären ist
wohl auch im Bund. Und das wäre nicht nur überheblich, es ist auch ge-
auch gut so. Nach 26 Jahren ist jede fährlich. Denn es bilden sich Alternati-
Straftat außer Mord verjährt. ven: zum einen die AfD, zum anderen
die große Partei der Nichtwähler.
VON STEFAN AUST Ein politischer Eintopf, aus dessen
Fraktionen sich ein Kanzler bezie-
17 Jahre nach Gründung der Bun- hungsweise eine Kanzlerin je nach La-
desrepublik wurde Kurt Georg Kiesin- ge bedienen und neue Koalitionen zu-
ger zum Bundeskanzler gewählt, er sammenrühren kann, ist unbekömm-
war seit 1933 Mitglied der NSDAP. lich für die Demokratie. Das wichtigs-
Manfred Stolpe, den ich nach einer te Recht des Wählers, eine Regierung
Entscheidung des Berliner Kammer- abzuwählen, wird damit ad absurdum
gerichts als „Stasi-Spitzel“ bezeichnen geführt: erst Schwarz-Rot, dann
darf, regierte als SPD-Ministerpräsi- Schwarz-Gelb, dann wieder Schwarz-
dent in Brandenburg und wurde da- Rot und beim nächsten Mal Schwarz-
nach Bundesminister für Verkehr. Bei- Grün – aber an der Spitze immer die-
des gelungene Fälle der Integration in selben. Echte Alternativen sind unver-
die Demokratie. Warum sollte das für
die Nachfolger der SED nicht gelten? ECHTE
ALTERNATIVEN
In den diversen Koalitionen hat die
Linke eine respektable Politik ge-

SIND FÜR EINE


macht. Und die angebliche kommunis-
tische Teufelin Sarah Wagenknecht ist
DEMOKRATIE
ESSAY in ihren wirtschaftspolitischen Aussa-
gen zuweilen dichter an Ludwig Er-
UNVERZICHTBAR

Damit der Islam


hard als an Karl Marx. In der Flücht-
menden fremdenfeindlichen und rassistischen Aus- lingsfrage ist sie sogar näher an real-
schreitungen eine zusätzliche Belastung der Atmo- politischen Erkenntnissen als der Rest
sphäre. Die Frage, was das mit dem Islam zu tun hat, ihrer Partei. Warum also sollte die zichtbar. Eine SPD, die einen Teil ihrer
wird nicht verschwinden. Die Debatte wogt hin und Linke nicht auch im Bund mitregieren Wähler an die Grünen verloren hat, ei-
her. Entscheidend bleibt, dass wir – und zu diesem dürfen? Die Mitgliedschaft in der Na- nen Teil an die sozialdemokratisierte

zu Deutschland
Wir gehören die allermeisten Muslime in Deutsch- to, das Bündnis mit den USA, die Ein- CDU, einen Teil an die Linkspartei
land – beides nicht wollen, dass wir übereinstimmen, bindung in die westliche Wertege- und einen Teil an die Nichtwähler,
dass beides aufhören muss. meinschaft sind die Grundbedingung würde ohne eine neue Option ihren
Wir dürfen in dieser angespannteren Situation dafür, und wenn das der Preis für eine Schrumpfkurs bis zum bitteren Ende
keine Atmosphäre entstehen lassen, in der gut inte- Regierungsbeteiligung im Bund wäre – nicht verlassen können. Und auch die
grierte Menschen sich in Deutschland fremd fühlen – die Linkspartei würde ihn mit links Christdemokraten könnten sich in ei-

gehört
durch misstrauische Blicke, durch sich in unsere bezahlen. Eine solche Klärung der ner neuen parteipolitischen Gemen-
Sprache schleichende Pauschalisierungen und Kol- Grundlage ihrer Politik täte ihr sowie- gelage auf ihre Grundlagen zurückbe-
lektiv-Singulare wie: der Islam, die Muslime – und so gut. Ohnehin hat die Gysi-PDS eine sinnen – Resozialisierung in einem
dies dann immer in Problem-Kontexten. historisch wichtige Rolle gespielt: Sie ganz neuen Sinn.
Wir werden damit leben müssen, dass viele der
Probleme, die mit dem starken Flüchtlingszuzug
verbunden sind, nicht morgen schon gelöst sind.
Umso wichtiger ist, dass wir diese Lage als Chance

Wir brauchen die Entwicklung eines deutschen Islam, meint


nutzen zur Selbstvergewisserung; dass wir uns darü-
ber klar werden, welche neuen Möglichkeiten Viel- Rot-Rot-Grün
Wolfgang Schäuble, ein Selbstgefühl hier lebender Muslime auf
ffalt erschließt und welche Veränderungen wir in der
W
der Grundlage unserer freiheitlichen und toleranten Ordnung
kulturellen Interaktion unserer Zeit nicht wollen.
Wir sind eine offene Gesellschaft. Aber die offene
Gesellschaft muss sich ihren Gegnern stellen. Wir
wäre eine Katastrophe
werden unsere Ansprüche an Freiheit, Recht und
Gleichheit durchsetzen. Es geht um Offenheit, nicht um Schicksal der verspäteten Sie könnten sich – mit der AfD – gegen
ls wir in diesen Tagen an die Grün- Dass Europa sich verändert durch Impulse von au- um Selbstaufgabe.
Z deutschen Nation gehört, erst den Freihandel starkmachen, die Fi-

A
dung der Deutschen Islam Konfe- ßen, durch Berührungen mit der übrigen Welt – das Wenn wir unsere Lebensweise bewahren wollen,
W dann Regierungskoalitionen zu nanzmärkte regulieren und den Ar-
renz vor zehn Jahren erinnert ha- war schon immer so. Der Freiburger Historiker ist es jetzt umso wichtiger, dass wir die zu uns Kom- bekommen, wenn deren Zeit als beitsmarkt feinmaschig überwachen.
ben, war der Zeitpunkt für dieses Wolfgang Reinhard hat das gezeigt: Gerade ist eine
W menden integrieren – und sie sich. Dass sie zu einem mutiges Projekt vorüber ist. Deshalb Europapolitisch wäre Deutschland
Jubiläum zugleich günstig und un- Neubearbeitung seiner Geschichte Europas im Teil und zu einer Stütze unserer Gesellschaft wer- passen Konstellation und Regierungs- künftig Teil der Südunion, nahe bei
günstig. Günstig, weil die gesell- Wechselspiel mit der außereuropäischen Welt er-
W den, die Zuwanderung braucht. Ich denke, dass nach auftrag selten zusammen: Die erste Franzosen, Italienern und Griechen.
schaftliche Debatte heute wieder schienen. Europa greift seit Jahrhunderten in die wie vor die allermeisten in Deutschland sagen: Ja, rot-grüne Koalition musste Steuern Das Geldausgeben würde Kern staatli-
intensiv um die Fragen kreist, für deren Diskussion Welt aus – und wird seit Jahrhunderten von dieser
W wir möchten, dass ihr dazugehört. Und es muss spür- senken, den Sozialstaat schleifen und cher Intervention, egal, wer es bezah-
die Deutsche Islam Konferenz gegründet wurde. Un- Welt dabei auch selbst verändert. Reinhard hat diese
W bar sein, dass das auch von den zu uns Kommenden in den Krieg ziehen. Eine schwarz-gel- len muss. Die Spaltung Europas wür-
günstig, weil wir in diesen Monaten Erfahrungen ma- durch die europäische Expansion in Gang gesetzte gewollt wird. de sich dynamisieren, die Briten wür-
chen, die uns zurückwerfen: Erfahrungen im Zusam- Interaktion der Kulturen zum Leitmotiv seiner Welt- Selbstbewusstsein wirkt da Wunder. Es muss uns VON ULF POSCHARDT den noch schneller gehen wollen und
menhang mit der Flüchtlingssituation in unserem geschichte gemacht: Kulturen sind keine abgeschlos- schon anzumerken sein, was wir meinen, wenn wir Dänen wie Niederländer noch schnel-
Land; oder die Fortsetzung der türkischen Innenpo- senen Einheiten ohne Fenster nach außen, sondern von „unserer Lebensweise“ sprechen – und dies aus be Koalition begann den Ausstieg aus ler folgen. Es gäbe ein sozialistisches
litik auf deutschen Straßen, in Moscheen in unseren unterliegen ständigen äußeren Einflüssen und inne- zweierlei Gründen: Bei dem, was wir einfordern, der Atomenergie und setzte die EU-Zentrum und eine marktwirt-
Städten und gegenüber deutschen Bundestagsabge- rem Wandel. geht es nicht immer sofort um das Grundgesetz oder Wehrpflicht aus. Wenn SPD, Linke
W schaftliche Diaspora. Der Rest der
ordneten – auch mit Folgen für die bereits enger ge- Um diesen Wandel zu gestalten, gemeinsam und gar das Strafrecht. Den meisten Menschen wird es und Grüne nach der Bundestagswahl Welt könnte sich über Europa schlapp
W
wordenen Beziehungen zwischen Staat und muslimi- auf dem Boden unserer Ordnung, auch um Reform- darum gehen, dass sie einfach möglichst so leben 2017 an die Macht kämen, müssten sie lachen.
schen Verbänden in Deutschland. diskussionen innerhalb des Islam anzustoßen – dafür wollen wie bisher auch: sich wohlfühlen in ihrem All- nach einem Jahrzehnt des Booms und
Streckenweise verläuft die heutige Debatte derart haben wir vor zehn Jahren die Deutsche Islam Kon- tagsleben, in ihren Städten und Dörfern, im öffent- unterlassener Reformbemühungen ei-
GELDAUSGEBEN
WÜRDE ZUM
aufgewühlt und unsortiert, dass sie der Sache nicht fferenz gegründet. Wir wollten und wollen, gerade lichen Raum; sich nicht bedroht, unsicher, fremd zu ne strauchelnde Konjunktur mit un-
immer nützt. Wir unterscheiden viel zu wenig: angesichts der so vielfältigen Herkunft der Muslime ffühlen; Gesetze einhalten ja, dies ist selbstverständ- qualifizierten Flüchtlingen stützen

KERN JEDER
Flüchtlinge, deren Aufnahme in Europa ein Gebot in Deutschland, die Entwicklung eines deutschen Is- lich, daneben geht es aber eben auch – und vielleicht und Law-and-Order-mäßig die Gren-
der Menschlichkeit ist, solange ihnen in ihren Hei- lam fördern, die Entwicklung eines Selbstgefühls der vor allem – um dieses Gefühlte im Alltag. Damit mei- zen sichern.

STAATLICHEN
matländern Gefahr für Leib und Leben droht; Mig- hier lebenden Muslime als Muslime in Deutschland, ne ich übrigens nicht, bei allem Respekt, Verbote von Für die Realisten in den drei im
ranten, die kommen, weil sie sich hier ein besseres in einer freiheitlichen, offenen, pluralen und toleran- Kleidungsstücken. Kern unheilbar idealistischen Partei-
INTERVENTION
Leben erhoffen, und die wir nach unseren Einwande- ten Ordnung, mit ihrer guten Mischung – nach unse- Der zweite Grund: Ich glaube, wir haben einigen en wäre diese für deren Wähler eher
rungsregeln behandeln und dementsprechend auch rem Grundgesetz – von staatlicher religiöser Neutra- Nachholbedarf, was manche Verwahrlosung unseres quälende Vorstellung ein Glücksfall.
zurückweisen dürfen; Zuwanderung gut Ausgebilde- lität, die eine wohlwollende Neutralität ist, und öffentlichen Raumes und unseres gesellschaftlichen Es würde ihnen die erregten Funda-
ter, die wir aus demografischen und wirtschaftlichen Sichtbarkeit des Religiösen in diesem Staat. Miteinander-Umgehens betrifft, ganz unabhängig mentalisten ihrer Partei vom Halse Haushalts- und Kostendisziplin wä-
Gründen brauchen; Muslime, möglicherweise auch Ohne Zweifel ist die wachsende Zahl von Musli- davon, von wem genau, mit welcher Herkunft, sie halten. Denn was die in Rot-Rot-Grün ren suspendiert, die Sozialindustrie
ganz unreligiöse, die hier bereits integriert sind und men in unserem Land heute für die Aufgeschlossen- ausgeht. Das allermeiste, was wir in unserer Gesell- sehen, ist vollkommen klar: eine Mi- und ihre Lobbys, die mit ehemaligen
die sich in gewisser Weise zurücksortiert fühlen in heit der Mehrheitsgesellschaft eine Herausforde- schaft eigentlich nicht wollen, erleben wir auch von schung aus Venezuela und Biomarkt, Politikern vollgestopften Wohnungs-
eine anonyme und irgendwie problematische Groß- rung. Die Herkunft der allermeisten Flüchtlinge be- Bürgern mit ziemlich wenig Migrationshintergrund ffinanziert von den Reichen und Su- baugesellschaften, könnten die Ernte
gruppe ohne Unterschiede; ein Islam, um dessen deutet auch, dass wir es zunehmend mit Menschen – von mangelndem Respekt gegenüber Lehrern oder perreichen. Der Klassenkampf würde ffür jahrelange Ineffizienz und
Vereinbarkeit mit liberaler Demokratie und Men-
V aus ganz anderen Kulturkreisen zu tun haben als bis- Polizisten bis hin zu abstoßendem Verhalten ganz in Gestalt von Steuer- und Bildungs- Scheußlichkeit einfahren. Kulturell
schenrechten sich eine islamische Theologie in her. Das verändert den muslimischen Teil unserer allgemein in der Öffentlichkeit. politik die zarte Emanzipation von wäre Rot-Rot-Grün eine Reise in die
Deutschland durchaus bemüht; und schließlich isla- Gesellschaft. Und natürlich sind der spätestens seit Im Grunde geht es um ein robusteres Selbstver- der egalitären Doktrin der bundesre- 70er-Jahre, in ranzige Träume einer
mistischer Terrorismus, den Muslime und Nicht- diesem Sommer auch in Deutschland angekommene ständnis von dem, was uns wichtig ist, wie wir leben publikanischen Gründerzeit beenden, umfassenden Bevormundung, die mit
muslime gemeinsam bekämpfen müssen, denn er be- islamistische Terrorismus, sexuelle Übergriffe durch wollen. Nur dann wird uns und anderen klar, was wir und der Hang zum sozialen Opportu- ausgreifenden Vorstellungen von An-
droht uns gemeinsam. Indem wir dies alles oft nicht Migranten oder Flüchtlinge genauso wie die zuneh- durchsetzen wollen. Und zu diesem Wir sollen mög- nismus und Kollektivdruck würde stand und Gerechtigkeit dekoriert
genau genug unterscheiden, werden wir der Sache, lichst viele gehören, gleich welcher Herkunft und betoniert. würde. Der Exodus von Leistungswil-
w
der Situation, den Menschen nicht gerecht – und er- welchen Glaubens. Wir wollen, dass sich möglichst Rot-Rot-Grün wäre eigentlich auch ligen und -fähigen wäre beispiellos.
reichen wir auch die Bürger nicht, die die Vermi- ES GEHT UM EIN ROBUSTERES viele auf den gemeinsamen Boden eines freien und eine Deutschland-Koalition, weil sie Als Dialektiker wissen alle heiteren
schungen und Widersprüche wahrnehmen. ffriedlichen Zusammenlebens stellen – und von dort den hiesigen Hang zum Kollektiven Antikommunisten, dass eine solche
Wir müssen uns den Wanderungsbewegungen un- SELBSTVERSTÄNDNIS VON DEM, aus wieder Neue einladen, Teil dieser Gesellschaft zu (gegen das Individuum), zur Autorität Regierung trotz ihrer Kollateralschä-

WAS UNS WICHTIG IST, WIE WIR


serer Zeit stellen. Veränderungen kommen ohnehin werden. Dies wird nur Schritt für Schritt gehen, auf (gegen die Freiheit) und zum starken den die larmoyanten, feingliedrigen
auf uns zu in dieser Welt, in der Europas Bedeutung dem Weg über anstrengende Debatten und kontinu- Staat (gegen die Eigenverantwortung) Bürgerlichen aus ihrer Etabliertheit
LEBEN WOLLEN
nicht zunimmt, es aber doch attraktiv für andere ierliche Gespräche – zum Beispiel in der Deutschen lustvoll umsetzen würde. Die Deut- herausschütteln und deren Träumen
bleibt. Zuwanderung ist ein Teil dieser Veränderun- Islam Konferenz. schen wären ganz bei sich, näher bei von Freiheit und Eigenverantwortung
gen durch die Globalisierung. Gerade auch die Putin als bei Clinton oder Trump, die eine politische Wehrhaftigkeit verpas-
Flüchtlingssituation ist davon ein Symptom. T Der Autor ist Bundesminister der Finanzen. ein Lafontaine gleich schlimm findet. sen würde.
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12 FORUM WELT AM SONNTAG NR. 40 2. OKTOBER 2016

GANZ GENAU GELESEN VON RAINER HAUBRICH

„ALS ICH VOR 47 JAHREN Der gebürtige Hamburger wurde mit 22 Jah-

IN DIE SPD EINTRAT,


„Sumpfhühner“ eher zu den Kosenamen. ren Sozialdemokrat. Er bekleidete fast alle
Und von seinen Gesten bleibt der Mittel- Posten, die man in der Politik haben kann:

DACHTE ICH, DASS


finger in Erinnerung, den er dem Fotografen Referent von SPD-Bundesministern, mit 46
des „SZ-Magazins“ zeigte auf die Frage, wie Jahren Wirtschaftsminister von Schleswig-

SUMPFHÜHNER UND
ihm der Spitzname „Pannen-Peer“ gefalle. Holstein, später Ministerpräsident von Nord-
Der ehemalige Zeitsoldat der Bundeswehr rhein-Westfalen und Bundesfinanzminister.
konnte auch martialisch werden. In der De- Das Kanzleramt hätte ihn gereizt, aber als
batte um Schwarzgeldkonten in der Schweiz
drohte er den Eidgenossen: „Die Kavallerie in
SCHLAUBERGER
EINSEITIG VERTEILT SIND.
SPD-Spitzenkandidat unterlag er 2013 Angela
Merkel. „Hätte, hätte, Fahrradkette ...“ Alles Militärtaktik
ICH GEHÖRTE ZUR PARTEI
Fort Yuma muss nicht immer ausreiten,
manchmal reicht es, wenn die Indianer wis- Zu: „Neue Grenzerfahrung“ von Manuel Bewarder, Sonja Gillert,

DER SCHLAUBERGER.
sen, dass sie da ist.“ Christoph B. Schiltz und Daniel F. Sturm, 25. September

INZWISCHEN WEISS ICH,


ielen Dank für die gute Recherche! Ein sehr wertvoller Artikel, der be-

DASS DIE VERTEILUNG


V weist, dass es tatsächlich noch objektiven Journalismus gibt. Ich habe
bei der damaligen „Grexit“-Diskussion von einem Bundeswehrsoldaten

DER NORMALVERTEILUNG
Dass er sich selbst für einen hochbegabten gehört, dass ein Austritt Griechenlands unmöglich ist, weil aus militärtakti-
Schlauberger hält, daran hat Steinbrück – schen Gründen die Außengrenze zu wichtig ist. Auf der Karte zeigt sich dann,

IN DER BEVÖLKERUNG
jedenfalls öffentlich – kaum Zweifel auf- dass tatsächlich der Grenzstreifen über Land zwischen der Türkei, Griechen-
kommen lassen. Umso mehr, wo ihn doch land und Bulgarien nur etwa 300 Kilometer lang ist. Dann wird auch klar, wes-

FOLGT“
sogar ein Altkanzler zum Fast-Kanzler adelte: halb diese beiden Länder – trotz ihrer schlechten wirtschaftlichen Voraus-
„Er ist einer von denen, die wirklich wissen, setzungen – in die EU kamen. Daher war die ganze Diskussion über den „Gre-
worüber sie reden“, so Helmut Schmidt 2011 xit“ von diesem Standpunkt aus betrachtet hinfällig, und wir als Bürger wur-
zu einer möglichen Kandidatur. Steinbrücks den an der Nase herumgeführt. Johannes Seemann, Immenstadt
ehemaliger Studienkollege aus Kieler Zeiten,
Wolfgang Kubicki, sah das erwartungsgemäß
anders: „Was hat die arme Sau aus seinem
Leben gemacht – er ist jetzt Kanzlerkandidat
PEER STEINBRÜCK,
SPD, IN SEINER LETZTEN BUNDESTAGSREDE
Unqualifiziert wie nur möglich für das Kind zu ge-
stalten, handeln die Eltern – mal die
der SPD.“ Zu: „Ein Wort als Luftschloss: Mutter, mal der Vater – nach rein
Obergrenze“ von Thomas Schmid, egoistischen Gesichtspunkten. Es
25. September muss eine Kommunikationsebene
gefunden werden, die für alle akzep-
Der Begriff Obergrenze definiert sich tabel ist. Auch für das Kind. Völlig aus
GETTY IMAGES in den Medien und in der breiten dem Blick geraten sind in dem Artikel
Öffentlichkeit über die nackte Zahl. die Großeltern, die oft emotional für
Das halte ich für falsch. Obergrenze die Kinder sehr wichtig sind. Sie sind
bedeutet, dass wir wissen, wer ins oft die einzig zuverlässige feste Burg,
WELTWUNDER Land kommt und wo er sich aufhält in der sich die Kinder geborgen füh-
und arbeiten will. Mehrere Hundert- len. Insbesondere wenn die Groß-
tausende abgelehnte Asylbewerber, eltern vor der Trennung in der Be-
die trotzdem von den Segnungen der treuung eines Kindes involviert wa-
deutschen Sozialhilfe leben und nicht ren. Dann existiert dort eine emo-
abgeschoben können oder werden, tionale Bindung. Diese wird nicht
schaffen Unmut und Unbehagen bei genutzt, da viele Mütter eifersüchtig
den meisten Bürgern. Vor allem ist sind, denn nur bei ihnen soll sich das
der Unmut verständlich, wenn Gelder Kind geborgen fühlen. Das ist nicht
für unqualifizierte Einwanderer aus- nur schwer für die Kinder, wenn Müt-
gegeben werden, von denen man ter egomanisch-narzisstisch veranlagt
weiß, dass es mindestens fünf bis sind. Darunter leiden die Kinder und
sechs Jahre dauert, bis sie einigerma- auch die Väter. Oft ist das auch der
ßen integrationsfähig sind, und an- Trennungsgrund. Emotionaler Miss-
derseits unsere Infrastruktur und das handlung sind die Kinder Tag für Tag
Bildungswesen, vor allem Schulen ausgesetzt. Jeder Trennungsfall ist
und Kindergärten in vielen Ländern anders, und es kann kein Gesetz für
und Kommunen unterfinanziert sind. alle geben. Psychologen sind selten
Passt unsere Sozialgesetze endlich hilfreich, da sie Pauschalurteile fällen.
der Realität an, und der Zustrom von Frieda Busch, per E-Mail
Wirtschaftsflüchtlingen wird auto-
matisch versiegen.
Karl-Heinz Mechs, Creussen Anrührend
Zu: „Cruisen wie ein Ölprinz“
von Heiko Zwirner, 25. September
Egomanisch
Zu: „Das halbe Kind gehört mir“ Ihr Testbericht über den Mercedes SL
von Freia Peters und Sabine Menkens, 500 zeigt, wie man aus einem Testbe-
25. September richt eine gefühlvolle Geschichte
macht. Ich nenne es gerne „die
Ein Kind ist kein Besitz, keine Tro- Schönheit des Journalismus“. In ei-
phäe, sondern ein Individuum, das in nem Testbericht gleich zwei mensch-
seinen ersten 15 Lebensjahren der lich anrührende Geschichten ein-
Willkür der Eltern ausgeliefert ist. zubringen und noch miteinander zu
Das Wort Kindeswohl ist aus meiner verbinden und gleichzeitig dieses
Sicht nur eine Worthülse, denn weder Ausnahmemobil so treffsicher zu
das Familienministerium, Familien- beschreiben, das ist eine journalisti-
gericht und schon gar nicht die Eltern sche Kunst, die leider seltener wird,
AP/MATT ROURKE

handeln danach. Das Wohl des Kindes aber zum Glück in Ihrer Sonntags-
kommt nach dem Wohl der Eltern. zeitung noch gelingt.
Anstatt eine Trennung so verträglich Dirk Platte, Schönefeld

Leserbriefe geben die Meinung unserer Leser wieder, nicht die der Redaktion. Wir freuen uns
Die Lotsin geht von Bord. Das Foto erinnert an die berühmte Karikatur von 1890: Der mit Kaiser Wilhelm II. zerstrittene Kanzler Bismarck als Lotse, der das deutsche Staats- über jede Zuschrift, müssen uns aber das Recht der Kürzung vorbehalten. Aufgrund der sehr gro-
schiff verlässt. Hillary will, ganz im Gegenteil, die Kommandobrücke ihres Staates erklimmen, wirkt aber manchmal müde dabei. Was man vom nachtaktiven Donald so gar nicht ßen Zahl von Leserbriefen, die bei uns eingehen, sind wir nicht in der Lage, jede einzelne Zuschrift
sagen kann. Der twittert sich zwischen drei und fünf Uhr nachts um Kopf und Kragen – über Schönheitsköniginnen, Sexvideos und was ihm sonst so durch die Birne rauscht. WB zu beantworten. Schreiben Sie uns unter: leserbriefe@wams.de

NACHTISCH

15 20 84
PROVINZROMAN ZAHLEN, BITTE!
Kurzer Ausflug ins beliebteste aller Wucht der Worte ausreichend großen
Bundesländer, genau, nach Sachsen. Raum. Liebe Sachsen, Achtung! Hier
Hier tritt gerade der örtliche NSU- kommt die Lösung: Die Kollegen in
Untersuchungsausschuss auf der Stelle. Niedersachsen haben soeben einen
Grund ist, dass es im Dresdner Land- solchen Saal eingeweiht. Ein Betriebs-
tag keinen einzigen Ort gibt, an dem ausflug nach Hannover liegt nahe. Prozent der Deutschen zwischen 65 Millionen Menschen in Deutschland Millionen Menschen haben am ver-
ein amtierender und ein ehemaliger Günstiger als die 800.000 Euro, die und 69 Jahren sind noch erwerbs- sind nach der Wiedervereinigung, gangenen Montag das erste TV-
Verfassungsschutzchef ihre exklusiven der abhörsichere Ausbau einer tätig. Ihr Anteil hat sich in den ver- also nach 1990, geboren worden. Duell zwischen den US-amerikani-
Kenntnisse preisgeben dürfen. Zu ge- Dresdner Tiefgarage kosten würde, gangenen 15 Jahren mehr als ver- Damit hat schon fast ein Viertel der schen Präsidentschaftskandidaten
heim, zu sensibel, was die Herren even- wäre der Trip an die Leine allemal. uex doppelt. In vielen EU-Ländern ist er Bevölkerung das zweigeteilte Land Hillary Clinton und Donald Trump
tuell zu sagen hätten – es braucht ei- Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und
noch höher. In Estland arbeitet fast nicht mehr selbst miterlebt – die gesehen. Es war damit die meistge-
nen abhörsicheren, zudem für die realen Handlungen sind nicht zufällig jeder Dritte in diesem Alter. ply deutsche Teilung wird historisch. ply sehene Debatte aller Zeiten. ply

WEITE WELT DETAIL DER WOCHE


Amerikaner, die keine sind? Ja, die gibt Haines, 44. Als Zehnjähriger aus Südko- Er macht Ernst. Vor seiner Wahl
JOHN EDER; HOWARD SOKOL; BULLIT MARQUEZ

es. Ella Purkiss zum Beispiel. „Of- rea adoptiert, als GI in Kuwait einge- zum philippinischen Präsidenten
fensichtlich war mein ganzes Leben setzt. Dann ein kleines Drogendelikt, versprach Rodrigo Duterte einen
eine Lüge“, sagt die 62-Jährige, die als Knast und Abschiebung ins völlig frem- tödlichen Krieg gegen alle, die Dro-
Kim Yang Ai in Südkorea geboren wur- de Südkorea. Zigtausende fallen durch gen nähmen. Nun führt er ihn – und
de. Mit zwei Jahren wurde sie von eine Gesetzeslücke: Trotz Adoption in vergleicht sich dabei mit Hitler. Er
einem US-Ehepaar adoptiert, wuchs in den USA keine US-Staatsbürgerschaft. wäre „glücklich“, sagte er jetzt, wie
Nevada auf, heiratete, wurde 2015 Wit- Keine Rente, keine Rechtssicherheit. jener mehrere Millionen „umzu-
we. Als sie aber ihre Rente beantragte, Viele Adoptiveltern wussten’s einfach bringen“, nur eben Drogenabhängi-
erfuhr sie, dass sie keine US-Bürgerin nicht. Immerhin, Ella Purkiss nahm ge statt Juden. Das Foto zeigt einge-
sei. Ihre Adoptiveltern hatten die nöti- sich einen Anwalt und wurde kürzlich fangene Männer, in ihren Gesich-
gen Anträge nie ausgefüllt. Oder Monte eingebürgert. Rente gut, alles gut? A.G. tern steht Todesangst. wb

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THEMA
WELT AM SONNTAG NR. 40 2. OKTOBER 2016 SEITE 13

Bekenntnisse eines
DRACHENTÖTERS
Wolf Biermann wird achtzig Jahre alt und hat
seine Memoiren geschrieben – ein deutsches
Leben, rekonstruiert aus Versen und Erinnerungen.
Und aus zwei Koffern voller Tagebücher, die er in
der DDR einem Freund zu treuen Händen übergeben
hatte. Der war, wie Biermann später feststellen
musste, inoffizieller Mitarbeiter der Stasi gewesen

Wolf Biermann, der Liedermacher und Lyriker, in seinem Garten in Hamburg


W FOTO: JOHANNES ARLT

zwei Koffern voller Tagebücher, die er mein guter Geist, mein böser.“ Dieser die DDR: „Ich wollte lieber in der DDR Unsere Märtyrer hielten mich eisern bei Krieges das Material für seinen in vielen

E
zu DDR-Zeiten einem Freund zur siche- Kummer blieb lebendig: „Durch ihn bin von den richtigen Leuten das Richtige der Stange.“ Versen gesungenen Schelmenroman
ren Aufbewahrung übergeben hatte. ich ein frecher Zweifler geworden, dann lernen.“ Was das in der sozialistischen Und doch gab ihm diese Grundüber- über den real existierenden Sozialismus
Der war, wie Biermann nach dem Ende ein frommer Ketzer, ein tapferer Rene- Wirklichkeit bedeutete, erlebte er zeugung eine Kraft, gegen jene anzu- deutscher Prägung.
der DDR feststellen musste, inoffiziel- gat des Kommunismus. Ein todtrauri- schon eine Woche nach seiner Ankunft. stänkern, die aus der humanitären Idee Er wurde rund um die Uhr abgehört,
ler Mitarbeiter des Ministeriums für ges Glückskind in Deutschland, ein In der Behelfsaula der Schule in der eine inhumane Praxis machten. So stritt und die Protokolle seines Lebens konn-
Staatssicherheit gewesen – und hatte greises Weltenkind.“ Gaststätte „Fortschritt“ sollten die er in der DDR mit den Genossen nie- te er nach dem Ende der DDR in der
den Schatz dennoch sicher verwahrt. In Er passte in keine Ideologie, und er Schüler feierlich von der Jugendorgani- mals um die „kommunistische Idee Stasi-Unterlagenbehörde einsehen; es
seinen Stasiakten fand Biermann einen brauchte Jahrzehnte, um das selbst zu sation der evangelischen Kirche ab- selbst, sondern immer nur um die tota- waren fünfzig Ordner mit rund zwan-
Satz über den IM, den er für seinen merken und sich aus dem zu befreien, schwören. Doch ein litäre Praxis“. Auf der zigtausend Blatt. Darin fanden sich die
Freund gehalten hatte und der es auch was er immer noch mit sich herum- schmales blasses vorletzten Seite seines auf ihn angesetzten Spitzel, von man-
war: „Unter dem zersetzenden Einfluss schleppte, als Erbe seines Vaters. Mädchen erklärte Buches bekennt er eine chen hatte er es erahnt, andere waren

Er war die Nervensäge der DDR, und an


deren Untergang hat er fröhlich mitge-
in Biermann ist der IM unehrlich ge-
worden zum MfS und ist für die weitere
Mitarbeit nicht zu gebrauchen.“
Es war ein Leben der Widersprüche,
Geboren am 15. November 1936 in
Hamburg, fünf Minuten nach Mitter-
nacht als Achtmonatskind. Die Eltern
stramme Kommunisten, Widerstands-
mit leiser Stimme:
„Ich trete nicht aus.“
Darauf erhob sich die
,,
FDJ-Sekretärin und WEGGERISSEN
späte Einsicht. Er habe
geglaubt, dass Demokra-
tie und Kommunismus
zusammen funktionie-
bittere Enttäuschungen. Doch in dem
Überwachungsschmutz fand sich auch
wahre Behördenpoesie. So das Proto-
koll einer Liebesnacht:

WURDE DER VATER ein Irrtum.“


wirkt. Er war Kommunist, und das der eigenen und der seines Landes und kämpfer. Als Dagobert Biermann wegen „keifte wie ein Ma- ren könnten. „Das war „Biermann macht Geschlechtsver-
machte ihn so gefährlich für die No- seiner Ideologie, das Biermann führte „Vorbereitung zum Hochverrat und schinengewehr“. kehr mit einer Dame.
MIR, ALS ICH VIER
menklatura des Arbeiter-und-Bauern- und in seinen Erinnerungen zutage för- Landesverrat“ vor Gericht stand und Biermann empfand Aber auf dieser Zeit- Es ist Eva-Maria Hagen.
Staates östlich der Elbe. Er war ein Zu- dert – und das wohl nur ein an Brecht der Richter die persönlichen Daten des das als „ekelhaft ko- reise durch Irren und Danach fragt er sie, ob sie etwas

zu Wort und stam- MONATE ALT WAR.


gereister aus dem Westen, freiwillig ge- geschulter Dialektiker halbwegs unver- Angeklagten herunterrasselte und zur misch“, meldete sich Wirren der deutsch- trinken möchte.
kommen und am Ende unfreiwillig aus- sehrt überstehen konnte. Biermann Religionszugehörigkeit sagte: „Keine“, deutschen Geschichte Aber die Dame hat Hunger.
gebürgert worden. Während Tausende trug in sich die Tragödien des Jahrhun- da fiel der Vater ihm ins Wort und warf melte: „Ich bin Kom- DIESE HEILLOSE liegt ein bitteres Kapitel Danach ist Ruhe im Objekt.“

gen die Kirche ... Re- WUNDE BLIEB


und Abertausende den eingezäunten derts und machte daraus große Litera- drei Worte in den Saal: „Ich! Bin! Jude!“ munist ... ich bin ge- Realsatire, in dem Wolf Heute lebt der dichterische, der ge-
Mauerstaat verlassen wollten, blieb er – tur in kleinen Versen. Zwischen Bertolt Und Biermanns Mutter Emma fragte Biermann die unbestrit- spaltene Lebemann in Hamburg, seiner

Volk ... Aber das, was LEBENSLÄNGLICH


Brecht und Heinrich Heine arbeitete er sich zeitlebens, wie ihr Leben weiterge- ligion ist Opium fürs tene Hauptrolle spielte: Vater- und Mutterstadt, mit fast achtzig
VON STEFAN AUST sich an Deutschlands dunklen Märchen gangen wäre, „wenn er diesen Satz Als kommunistischer eine quicklebendige Legende. Einer, der
ab, mit bitterer Ironie, manchmal scharf nicht rausgehauen hätte“. Der Vater war hier gemacht wird, Komponist von Textme- das Leben und die Frauen liebte – wie
bis er ausgebürgert wurde. Seine Lieder am Kitsch vorbei, weise und leise, aber seine Seele, die Mutter Emma das Rück- das ist kein Kommu- lodien, die den Regie- schon aus der Zahl seiner Kinder her-
und Gedichte übersprangen die Mauer, auch laut und deutlich. grat, wiederum ererbt von Oma Meume. nismus ... dafür ist mein Vater nicht ge- renden der DDR das Lachen vergehen vorgeht: Es sind zehn. Ein Chronist der
wurden im Osten verboten und im Wes- Er war tapfer bis zur Dreistigkeit, Sie überlebten Hitler, den Bomben- storben, damit hier dieses Mädchen un- ließen. Seine Lieder machten ihn zum Liebe, des Hasses und des Irrsinns des
ten zu Hymnen aus Gitarre und Sprech- manchmal sentimental und dann wie- krieg, der Hamburg im Feuersturm ver- terdrückt wird.“ Staatsfeind Nummer eins. Doch die hilf- vergangenen Jahrhunderts, ein Dichter,
gesang. Wolf Biermann war der Poet der der knochentrocken. Was hatte er zu glühen ließ, und hielten fest am Kom- Er schwang, wie er in seinem Buch lose Wut der Partei- und Regierungs- Denker und Spötter.
deutschen Teilung, der Kritik am real verlieren, außer seinem Leben? Sein munismus, der schnell zum real existie- schildert, „Emmas Auschwitzkeule“. spitze perlte an dem unerschrockenen Er beendet seine Memoiren, wie
existierenden Kommunismus, der deut- Mut war der Schornsteinrauch von renden Sozialismus der DDR mutierte. Und er sagte eine Zeile, die sich inhalt- Künstler ab, der sich nicht in die Ecke könnte es anders sein, mit einem Ge-
schen Geschichte aus Klassenkampf, Ju- Auschwitz, wie er in seinen Memoiren Der kleine Wolf versagte in der Ham- lich wie ein Refrain durch sein poetisch- des Klassenfeindes abdrängen ließ. dicht:
denverfolgung, Bombennächten, deutlich werden lässt. „Weggerissen burger Heinrich-Hertz-Schule und politisches Werk zog: „Die Tatsache, Nicht einmal permanente Stasi-Intri- „Allein in meinem kurzen Menschen-
Kriegsende und Teilung des Landes, wurde der Vater mir, als ich vier Monate musste sich in Anbetracht der schlech- dass mein Vater und so viele seiner Ge- gen konnten ihm das Maul stopfen. Mu- leben fraß ich
Wiedervereinigung und Aufarbeitung alt war“, so beginnt sein Buch. „Diese ten Mathe-Note von seiner Mutter vor- nossen für ihre kommunistische Über- tig war er, doch auch voll Angst, spätes- Zwei Diktaturen, schluckte mehrere
der DDR-Diktatur. heillose Wunde blieb lebenslänglich of- werfen lassen: „Dafür ist dein Vater in zeugung im Gefängnis und im Konzen- tens seitdem er einem Mordversuch des Epochen
Jetzt wird er achtzig Jahre alt und hat fen, denn ich kann diesem frühen Tod Auschwitz gestorben, dass du jetzt eine trationslager landeten und meist mit ih- MfS um Haaresbreite entgangen war. Die echten Kriege, falschen Frieden –
seine Memoiren geschrieben, ein Leben nicht entfliehen. Der Kummer um den Fünf in Mathe hast.“ Er hasste sich, und rem Leben bezahlten, machte diese Re- Die Machthaber täuschten sich in ihrer nichts vergaß ich
rekonstruiert aus unzähligen Versen Kommunisten, den Arbeiter, den Juden damit es nicht so wehtat, hasste er sie. ligion für mich unantastbar. Wer schlägt Macht und lieferten dem Simplicius Hab oft nach Angstschweiß wie nach
und Erinnerungen, untermauert mit Biermann ist meine Schicksalsmacht, Im Frühling 1953 machte er rüber in schon seinen totgeschlagenen Vater tot! Simplicissimus des 44-jährigen Kalten Heldentum gerochen ...“
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14 THEMA WELT AM SONNTAG NR. 40 2. OKTOBER 2016

Karl Wolf Biermann


K

W
posiert 1937 mit Mutter
Emma. Das Bild tröstete
Vater Dagobert im
V
Gefängnis später über
manches hinweg. Ein
bestochener Beamter hatte
ihm das Foto zugesteckt.
Unten: Biermann in
Pioniertracht bei einem
FDJ-Treffen in Ost-Berlin.
WELT AM SONNTAG: Herr Biermann, Die „Junge Welt“ hatte es
Sie werden im November 80 Jahre alt zu Beginn der 50er-Jahre
und haben Ihre Autobiografie ge- veröffentlicht
schrieben. Haben Sie mal gedacht,
dass Sie als Sohn eines jüdischen
Kommunisten 1936 ins falsche Jahr,
vielleicht sogar ins falsche Jahrhun-
dert hineingeboren wurden?

VON STEFAN AUST UND


CLAUS CHRISTIAN MALZAHN

WOLF BIERMANN: Nein. Ich würde von


heute aus sagen: genau in das richtige
Jahrhundert. Das ist doch prima, wenn
man in die Nazizeit hineingeboren wird
und zufällig zur tapferen Minderheit
der antifaschistischen Widerstands-
kämpfer gehört. Und grauenhaft lehr-
reich: auch noch zu den verfolgten Ju-
den – und trotz alledem überlebt.

Ihren Vater haben Sie kaum gekannt.


Dennoch spielt er in Ihrem Leben ei-
ne sehr große Rolle. Er wurde am 22.
Februar 1943 in Auschwitz ermordet.
Sie beschreiben diesen Verlust als
„heillose Wunde, die lebenslänglich
offen blieb“. Dagobert Biermann,
Werftarbeiter, Kommunist und Jude
war „das Gesetz, nach dem ich ange-
treten bin“. Was meinen Sie damit?
Ich habe meinen Vater nur einmal be-
wusst im Gefängnis erlebt. Aber er war
w
trotzdem immer präsent. Zu Beginn der

„Ich weiß besser, was eine


50er-Jahre, ich ging noch in Hamburg
zur Heinrich-Hertz-Oberschule, hat mir
mein Mathelehrer Dr. Haupt eine Fünf
verpasst. Das war kurz bevor ich in die
DDR abgehauen bin. Dieser Haupt war
ein Sadist, ich sollte besser sagen, ein Pä-
dagoge. Er zwang mich, meiner Mutter

AUSCHWITZKEULE ist“
diese Fünf in Mathe zu zeigen. Und ich
hatte leider nicht die Nerven, ihre Unter-
schrift zu fälschen. Meine Mutter, die
Genossin Emma Biermann, hat die Fünf
tapfer angeguckt, dann fing sie an zu
weinen. Und sie sagte einen schreckli-
chen Satz, der sich mir eingekerbt hat
ins Gedächtnis. Voltaire schrieb: „Ce que
touche le coeur, se grave dans la mémo-

Vor seinem 80. Geburtstag spricht Wolf


ire.“ Was das Herz touchiert, es erschüt-
tert, das gräbt sich ein in das Gedächtnis.

Biermann über sein Leben – und offener


Das gilt für alles, was besonders wehtut
oder auch tief begeistert! Die besonders

denn je über den frühen Verlust seines


heftigen Gemütsbewegungen, die ver-
gisst man nie. Und was Emma da raus-

Vaters, des Hamburger Werftarbeiters


haute, hab ich genau behalten.

Dagobert Biermann, den die Nazis


Und was hat Emma Biermann gesagt?

umbrachten. Er war um ihn in Momenten


„Dafür ist dein Vater in Auschwitz ge-
storben, dass du eine Fünf in Mathema-

der Rebellion, in Momenten der Angst


tik hast.“ Wie ihr schon dunkel ahnt, hat
mich das zerrissen. Das hieß ja in klares
Deutsch übersetzt: Du hast deinen er-
mordeten Vater noch mal umgebracht.
Du bist ein Vatermörder. Das klingt viel-
leicht übertrieben, aber eine Kinderseele
hat eigene Maßstäbe. So kriegte ich jun-
ger Kerl von meiner Mutter die Ausch- deportiert worden wäre. Es war nicht sche Werftarbeiter, war nicht blöder.
witzkeule über den Kopf geschlagen. grade typisch, dass ein Jude im Hafen als Der spürte auch, was kommt.
Schlosser und Maschinenbauer arbeitet.
Auschwitzkeule? Wenn das Martin Sie hoffte, dass mein Vater sich mit Dagobert Biermann wusste wahr-
Walser wüsste. schmalem Hintern im normalen Knast scheinlich auch, dass dieses Bekennt-
Ich weiß besser als Walser, was eine irgendwie durchmogeln könnte. nis zum Judentum für ihn das Ende
Auschwitzkeule ist, dieser leidige Literat!
A sein könnte.
Was glauben Sie, was Ihr Vater mit Er saß schon vorher, von 1933 bis 35, im
Ihr Vater war im Widerstand gegen die diesem Bekenntnis gemeint hat? Reli- Hamburger Knast Fuhlsbüttel, weil er
Nazis. Er hat mit anderen Kommunis- giös war er ja nicht. die illegale KPD-Zeitung gedruckt hatte.
ten offengelegt, dass Hitler den spani- Nein, überhaupt nicht. Er hat das aus Er hatte also schon eine lehrreiche 11970 mit Nina Hagen in der Friedrichstraße. Das Foto hatte heimlich die Stasi gemacht, Biermann fand es in den Akten
schen Faschistengeneral Franco mit Daffke getan, aus Trotz. Aus Wut auf die „Vorschule“ absolviert. Die Proleten im
Waffen versorgte. Die Gruppe flog auf,
W Nazis. Er verachtete die Judenhetze. Hafen waren lebensklüger als der stu-
Ihr Vater kam 1937 wieder vor Gericht Wer es wissen wollte, der wusste doch, dierte Rechtsanwalt Dr. Michaelis, der
und wurde zu sechs Jahren Zuchthaus was Adolf Hitler vorhat. Im April 1933 Kopf der Widerstandsgruppe. Dieser In- Buch. Und: „Ich konnte auf meinem mand außer Emma wusste davon, aber falls der 8000 Menschen, flüsterte er
verurteilt. Und als der Richter die Per- schrieb der Dichter Armin T. Wegner ei- tellektuelle war naiv und ist auf einen langen Weg an keiner Wegscheide je für mich war dieser Zufall ein Ansporn. mir seine „Eizes“ zu, gute Ratschläge.
sonalien feststellt, geschieht etwas nen Brief an Hitler. Kaum wer kennt Gestapo-Spitzel reingefallen. Die Prole- diesem Fatum entfliehen.“ Mit ande- Denn so passierte es, dass sich Dagobert Nach zwölf Jahren Auftrittsverbot
Ungeheures. Der Richter liest vor: „Re- heute noch diesen Mann und seinen ten waren eben bisschen plietscher. ren Worten: Sie mussten bei allem Biermann von der Auschwitzwolke, die und Schnauze-halten-Müssen ist man
ligion: Keine.“ Und Ihr Vater ruft laut Brief, ein expressionistisches Gedicht Ach, so viele Geschichten. Ich könnte Unglück der Drachentöter werden, natürlich im richtigen Moment über natürlich verführt zu zeigen, was man
dazwischen: „Ich bin Jude!“ in nackter Prosa. Wegner, später selbst zehn Romane schreiben. Und hinter je- der Sie geworden sind. dem Rheinland schwebte, zu mir auf die noch alles für tolle Dinger draufhat!
Ja. Genau so war das. Meine Mutter Em- KZ-Häftling, sah die „zertrümmerten der Geschichte stehen noch drei, vier Am meisten hat mir mein Vater genützt Bühne abseilte: Ich sitze am Harmoni- Wie in der Liebe, nich’ wahr? Da will
ma hat immer gerätselt, warum er das Städte“ voraus: Die „Schmach und das fünf Menschen und winken mir zu: in dem Kölner Konzert, als mich die um und spiele das Kunze-Lied: „Wer man bisschen angeben! Und die Gefahr
getan hat. Sie dachte: „Idiot! Du wunder- Unglück“, das über Deutschland „Hallo, wir wollen auch in dein Buch!“ DDR in den Westen hat reisen lassen sich nicht in Gefahr begibt, der kommt war groß, dass ich dann meine rabiate-
barer, lieber tapferer Idiot.“ Sie liebte kommt, fürchtete einen neuen Welt- und mich danach ausbürgerte. Das ist drin um!“ Und mein toter Vater – kein ren Hetzlieder singe, wie die Stasi-Bal-
ihn dafür und fragte sich, warum er sich krieg, in dem „die Geschlechter verblu- Bleiben wir mal bei Ihrem Vater. „Der nun auch schon 40 Jahre her. Das Kon- Mensch sieht ihn natürlich – sitzt, als lade oder den Jenaer Memphis-Fanclub-
so ausliefert. Emma hatte die Illusion, ten“, beklagte das „geschändete Anden- Kummer um meinen Vater blieb mei- zert lag zufällig auf Dagoberts Geburts- Leierkasten-Äffchen verkleidet, neben Blues mit dem Refrain aus zehn authen-
dass er ohne dieses Bekenntnis vielleicht ken des Landes“. Der Mann war ein Pro- ne verwüstbare Hoffnung, meine be- tag, dem 13. November, im Jahr 1976. Für mir auf dem Harmonium. Und wenn ich tischen Stasi-Auto-Nummern, die hin-
überlebt hätte und nicht nach Auschwitz
ü phet. Und mein Vater, der kommunisti- drohte Liebe“, schreiben Sie in Ihrem das Publikum war das unwichtig, nie- übermütig wurde, im Rausch des Bei- ter mir herfuhren und die ich mir no-

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2. OKTOBER 2016 WELT AM SONNTAG NR. 40 THEMA 15
Seitenscheitel, Kippe im Mund:
Dagobert Biermann im Kreise seiner
Genossen. Der Kommunist, Jude
und Hafenarbeiter gehörte einer
Widerstandsgruppe in Hamburg an.
W
Er wurde im Februar 1943 im KZ
Auschwitz ermordet

Wer ist hier der Chef auf diesem Affen-


W hat mir das Mädchen Jahrzehnte später Und als dieser Hirte starb, meldete sich
f
felsen, von wem kann man was auf die wieder ins Gedächtnis gerufen, als ich Wilbrecht wieder. Und nun saß dieses
Fresse kriegen, von wem ein Stück Brot sie in Schwerin bei einer Lesung getrof- einstmals zerscheiterte Pärchen in spä-
vielleicht? Welches Bett beziehe ich im ffen habe. Die FDJ-Sekretärin damals war ter zweiter Freundschaft vor mir. Das
Vier-Mann-Zimmer der Zehntklässler? eine fette, blonde Lady, das Gegenstück ist doch wunderbar.
Wo ist mein Schrank? Wie sehen die
W zu dieser schmalen Schülerin. Die dralle
Mädchen in der neunten Klasse aus ... Funktionärin saß oben im Präsidium ne- Als das passierte, waren Sie überzeug-
und solche wirklich wichtigen Dinge. Ich ben dem Parteisekretär, dem Bürger- ter Kommunist. Und Sie blieben es
wusste nichts. Schon gar nicht, dass es in
w meister und neben dem Direktor der auch sehr lange. Und gleichzeitig wa-
der DDR eine junge Gemeinde gab, eine Schule. Sie schiss dieses Mädchen zu- ren Sie der gefährlichste Kritiker des
Jugendorganisation der evangelischen sammen, bedrohte und beleidigte sie in Kommunismus in der DDR. Wann ha-
Kirche, gegen die eine aktuelle Kampa- ekelhafter Weise. Und deshalb sagte ben Sie gemerkt, dass Sie kein Kom-
gne lief. mein Mund wie von selbst: „Sie haben munist mehr sind?
jetzt dieses Mädchen hier beleidigt und Ich habe die immanente Kritik geübt,
Diese Kampagne war dann gleich der bedroht. Und ich weiß schon, wenn das und die tat den Bonzen besonders weh,
Grund, warum Sie Ihren ersten Auf- hier vorbei ist, dann gehen Sie wieder in denn ich kritisierte sie als Kommunist.
stand gegen die SED geprobt haben. Ihr Büro und sitzen sich dort Ihren fet- Es gibt oft ein verwirrendes Missver-
Die Schüler sollten auf einer Ver- ten Arsch breit!“ hältnis zwischen dem, was man im Kopf
sammlung öffentlich aus der evangeli- schon begriffen hat und im Herz noch
schen Kirche austreten. Alle gelobten Das war ja nicht ungefährlich, diese nicht wahrhaben will. Das Herz hat
das feierlich. Doch ein Mädchen sagte: Bemerkung. eben oft seine eigenen Vernunftsgrün-
„Aber ich glaube an Gott.“ Die wird Na ja. Das sagt der kleine Wolf, ein Jün- de, die der Verstand nicht versteht. Das
daraufhin nach Strich und Faden fer- gelchen, das noch kaum weiß, was ein ist im Politischen so. In der Liebe macht
tiggemacht von der FDJ-Sekretärin. Weiberarsch ist. Ich wusste im Grunde schon jeder Anfänger diese Erfahrung.
Und dann haben Sie die Schülerin ver- nicht mal, was ein Büro ist. Ich habe mit
teidigt. Als Einziger. Warum? lauter Elementen gespielt, denen ich im Ja, und gleichzeitig ist es natürlich
Das war im Tanzsaal der großen Gast- Kopf gar nicht gewachsen war. Direktor auch immer der Rückblick auf den Va-
stätte „Fortschritt“ auf dem Marktplatz Heinz Ewers sprang auf. Der merkte so- ter, der auch für den Kommunismus
in Gadebusch, die Schule hatte noch kei- fort, dass er mit seiner Heinrich-Heine- gestorben ist. Der Sie auf Linie gehal-
ne Aula. Da stank es nach Kotze und Oberschule in gefährliche Schwierigkei- ten hat von seiner Wolke aus.
Bierlachen vom vorigen Abend. Warum ten kommt. Ganz egal was er dachte zu Ich hatte große Angst, meinen ermorde-
ich protestiert habe? Weil es mich em- dem, was ich gesagt ten Vater noch mal
pört hat, dass dieses Mädchen, eine Mar- hatte. Er kapierte so- totzuschlagen. Ich
got Ullerich, das zart und blond und fort: Das wird Konse- schämte mich vor
klein war und noch keine Äpfelchen in quenzen haben. Er meiner Familie, vor
der Bluse hatte, so terrorisiert wurde. schrie aus Angst, meiner Mutter Em-

„Jaaa, dieser junge DAS HERZ HAT EBEN


Ich betone ihre äußere Erscheinung nur, nicht aus Aggression: ma, vor Oma Meume.
damit mir hier keine erotischen Absich- Ich durfte nicht

uns in die Deutsche OFT SEINE EIGENEN


ten unterstellt werden. Ich wollte vor Mann, er ist grad zu schlappmachen. Mei-
dem Mädchen nicht den Helden spielen. ne liebe Mutter war

publik gekommen ... VERNUNFTGRÜNDE,


Ich bin also nicht mit meiner Wünschel- Demokratische Re- knallhart. Wenn sie
rute in diese Situation gestolpert. der Meinung gewe-

dem, was er hier sagt, DIE DER VERSTAND


Und wir sehen an sen wäre, dass ihr
Sohn falschliege in
dass er wirklich noch NICHT VERSTEHT diesem Streit mit der
sehr viel bei uns ler- Partei, hätte sie mich
nen muss! Aber wir weggehau’n. Das hät-
wollen hier nicht je- te ihr das Herz zerris-
des Wort auf die Goldwaage legen ...“ – sen, wie es sich gehört für eine gute
dieser Appell war an den Parteisekretär, Mutter, aber sie hätte es gemacht. Aus
die FDJ-Tante und den Bürgermeister Respekt vor meinem Vater und vor all
von Gadebusch gerichtet, nicht an uns – den Toten. Emma war so. Sie war in
„... und deswegen möchte ich mit Jo- Hamburg seit 1921 in der KPD, dann au-
hann Wolfgang von Goethe sagen: tomatisch in der DKP. Treue alte Ge-
Schnellfertig ist die Jugend mit dem nossin, zuverlässige Kämpferin von An-
Wort.“ Und mit diesem Machtwort der fang an.
Klassik, von Schiller übrigens, löste er
die ganze Versammlung auf. Und alle, Hat die DDR mal versucht, die Kom-
Lehrer wie Schüler, liefen bedröppelt munistin Emma Biermann gegen ih-
auseinander. Das war meine erste DDR- ren Sohn, den Abweichler, in Stellung
Lektion. zu bringen?
Natürlich hatten die Genossen die na-
Nach dem Eklat in der Gaststätte heliegende Idee, ihre Genossin Bier-
„Fortschritt“ wollte die Stasi Sie an- mann einzusetzen, als Waffe im Propa-
werben. gandakrieg gegen den gebrandmarkten
Die waren nicht verschlafen, die hatten Dichter. Sie sollte öffentlich erklären:
meinen Auftritt registriert. Und dach- „Ich schäme mich für meinen Sohn,
ten: Den kleinen Biermann, den müssen denn er hat – jetzt kommt wieder die
ARCHIV BIERMANN (5); HELGA PARIS

wir uns mal zur Brust nehmen. Ein Sta- Auschwitzkeule – seinen Vater verra-
si-Offizier versuchte mich zu linken, er ten.“ Mit diesem Hammer-und-Sichel-
hat mir gedroht – das hat mich empört. Satz sollte sie mich weghau’n.
Hätte der mir die Hand auf die Schulter Meine geliebte alte Emma hat sich ge-
gelegt und gesagt: „Wolf, es gibt hier so weigert, aber eben nicht als Muttertier,
viele Klassenfeinde, so viel ehemalige das sein verirrtes Kind verteidigt, son-
Nazis, wir brauchen deine Hilfe!“ – wer dern als Kommunistin. Sie sagte drei
weiß, was passiert wäre. Ich hätte wohl w wunderbare Sätze, die fast ein Gedicht
Auf dem linken Foto steht Wolf Biermann (M.) mit seiner Mutter Emma und dem Schauspieler Manfred Krug in seiner Wohnung in der Berliner Chausseestraße. mitgemacht. Dabei denke ich an das sein könnten, wenn man die Worte ein
Das rechte Foto zeigt ihn mit seiner Oma Meume, die er in einer Ballade verewigte: „Gott, lass Du den Kommunismus siegen“ Schicksal der Schauspielerin Jenny bisschen untereinanderschreibt und be-
Gröllmann, die kleine Appelschnute. hauptet, es sei reimlose Lyrik à la Brecht.
Ihr Vater Otto war ein Genosse meines Sie sagte erstens: „Mein Sohn ist ein
tiert hatte. Mein Vater aber hat mich auf berühmte Gedicht von Heine: „Enfant Exemplaren! abgetippt und dann verteilt Sondern? Vaters gewesen. Sie ist Stasi-Spitzel ge- Kommunist, und ihr seid Antikommu-
der Bühne davor gewarnt. Er flüsterte perdu“, wo es heißt: „Nur Narren fürch- hatte. Anders als fast alle Gefangenen Sondern meine Hand meldete sich. Der worden, wahrscheinlich auf naive Wei- nisten.“ Zweitens: „Mein Wolf ist ein Re-
mir zu: „Geh zu weit. Aber geh nicht zu ten nichts.“ Ich konnte mir ganz gut weigerte er sich aber stur, vorzeitig in Direktor, Herr Ewers, ein kluger Mann se: Wenn du geformt bist von einer volutionär, und ihr seid Konterrevolutio-
weit zu weit.“ Und er hatte recht, denn vorstellen, was mir gegebenenfalls die Freiheit an den Westen verkauft zu übrigens, hat mir das Wort erteilt. Ich
ü kommunistischen Widerstandsfamilie, näre.“ Und die beste Strophe dieses klei-
ich wollte ja wieder zurück in die DDR. blüht. Dazu hatte ich genügend werden. So steckten sie den mageren war ja ein Nobody, mich kannte keiner. bleibt dir doch gar nichts weiter übrig. nen Liedes: „Mein Sohn ist ein junger
Ich konnte nicht wissen, dass meine Anschauungsmaterial, weil ja auch dau- Zwei-Meter-Mann immer wieder in den
Z Und es redet aus mir heraus: „Ich bin Dann kämpfst du gegen den Klassen- Dichter, und ihr seid alte Schweine!“ –
Ausbürgerung schon längst beschlosse- ernd Leute zu mir kamen, die, oft mei- Knastkeller. Immer 21 Tage lang. Einen Kommunist“ – das war mein Eröffnungs- feind, nicht etwa erpresst, sondern das war typisch Emma. Genauer gesagt,
ne Sache war. In dem Konzert hab ich netwegen, in Anführungsstrichen, die Tag raus, dann wieder 21 Tage Keller. satz. „Ich weiß, die Religion ist Opium selbstverständlich. es war die Tochter von Oma Meume.
also das Pasquill über die Stasi nicht ge- Rechnung bezahlt haben. Wer das dreimal gemacht hat, ist halb
W ffür das Volk.“ Das hatte ich von Emma Von nix kommt nix. Und wenn du so eine
V
sungen. Erst hinterher, in kleinem tot. Wie es mir gelang ihn rauszuhauen, aaufgeschnappt. Die Mutter hatte mir Was ist denn aus Margot Ullerich ge- starke Mutter im Kreuz hast, dann haben
Kreis, nach ein paar Glas Wein. Es gab viele Menschen, die in der DDR steht in meinem Buch. Er beharrte tapfer aber nie erklärt, was Opium ist. Und was worden? Dem schmalen Mädchen aus die Ulbrichts sehr schlechte Karten. In-
in den Knast gegangen sind, weil sie und wurde in die DDR entlassen. Zum Volk ist, unter uns gesagt, wusste ich mit
V der Versammlung? sofern war ich wunderbar privilegiert.
Sie waren oft mutig. Aber war Angst Ihre Gedichte und Lieder abgetippt Ärger der Bonzen. Die hatten den dop- 16 Jahren auch nicht so richtig. Und was Ich habe sie, wie gesagt, Jahrzehnte spä- Emma vertrat, wie Robert Havemann
dennoch ein ständiger Begleiter, als oder verbreitet haben. Haben Sie eine pelten Nachteil. Der kleine Schaden: Sie Religion ist, schon gar nicht. Gut, ich ter in Schwerin getroffen. Weiße Haare, und ich, den Standpunkt: Wir sind die
Sie in der DDR verboten waren und Idee, wie viele das waren? Gibt es da kassierten die 110.000 Mark Kopfprämie plapperte diesen Satz, fuhr dann fort: ein kleine alte Dame. Und neben ihr ein richtigen Kommunisten, und ihr, in der
die Stasi hinter Ihnen her war? überhaupt einen Überblick? vom Westen nicht für diesen Häftling. „Aber das, was ihr hier mit diesem Mäd- älterer Knabe, Jochen Wilbrecht. 1953 DKP und SED, seid die Falschen. Emo-
„Der eine schweigt, und der andere Das weiß der Historiker Ilko-Sascha Ko- Der größere Schaden: Sie hatten diesen chen macht, das ist kein Kommunismus! ging Margot mit diesem Jochen aus ih- tional war das eine solide Basis, auf der
schreit. Wenn solche wie du entschie- walczuk in der Stasi-Behörde. Ich kann Querulanten wieder auf dem Halse.
Q Dafür – und jetzt kommt wieder die rer Schulklasse. Auch er Mitglied der man sicher stehen konnte.
den zu kurz gehen, dann gehen eben an- es nicht wissen. Aber ich habe in meinem Auschwitzkeule – dafür ist mein Vater
A jungen Gemeinde, aber er war einer von Aber dann zu begreifen, dass die
dere ein bisschen zu weit“ – so heißt es Buch etliche von diesen Geschichten er- Sie waren wohl der größte Querulant nicht in Auschwitz gestorben!!“ denen, die bei der Entscheidung: Raus Hoffnung auf das kommunistische Nar-
in meinem Lied. Klar, ich bin immer ein zählt. Für mich am aufregendsten die der DDR. 1953 sind Sie als 16-jähriger aus der Gemeinde – oder raus aus der renparadies, auf die klassenlose Gesell-
bisschen zu weit gegangen, aber nie zu über den jungen Arzt Volker Böricke. Ich Schüler von Hamburg nach Gadebusch Da war Ihr Vater also dabei, in Gade- Oberschule, sich der Erpressung ge- schaft, in der die Menschen nie mehr
weit zu weit. Davor hat mich auch mei- erzähle sie mit Kummer, Zorn – aber bei Schwerin, auf ein Schulinternat. busch bei Schwerin, einen Monat vor beugt hatten. Mit diesem Rückzieher ausgebeutet werden, niemals unter-
ne Angst bewahrt. Und die war viel grö- aauch Genugtuung, denn es gelang mir, Wie waren denn die ersten Wochen im
W dem Volksaufstand am 17. Juni 1953. hatte er im Spiel der Geschlechter bei drückt werden, eine Illusion ist, das ist
ßer, als ihr euch vorstellen könnt, diesen Menschen aus dem Knast rauszu- Arbeiter-und-Bauern-Staat für den
A Ja. Und ich schwang die Auschwitzkeule. Margot verloren. Er durfte sie nicht sehr schwer. Diesen nächsten Schritt
schlimmer, als ich selbst wahrhaben reißen. Er war zu dreieinhalb Jahren ver- kleinen
leinen Kommunisten Wolf
Wolf? Aber den wirklichen Hammersatz, den
A mehr küssen. Das war die Höchststrafe. musste ich dann machen, und Emma ist
wollte. Ich hatte furchtbare Angst. Im- urteilt worden, weil er ein Gedicht von Ach, der Kommunismus spielte da zu- ich dann gesagt habe, den hatte ich, ob Sie heiratete später einen Theologen
mer. Und ich kannte noch nicht mal das mir über den Prager Frühling in nur fünf nächst keine Rolle. Man peilt erst mal: ihr es glaubt oder nicht, vergessen. Den Jost, den Hauptpfarrer von Schwerin. FORTSETZUNG AUF SEITE 16

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16 THEMA WELT AM SONNTAG NR. 40 2. OKTOBER 2016

FORTSETZUNG VON SEITE 15

ihn mitgegangen. Auch das wieder nicht


aus Mutterliebe, sondern als treue
Kommunistin. Deswegen sage ich, dia-
lektisch auf die Spitze getrieben: Mit
dem Kommunismus kann nur jemand
brechen, der wirklich Kommunist ist.
Das heißt, nicht diese linksgetünchten
alternativen Schwärmer.

Wann war der Bruch?


Die Schlüsselszene passierte 1983, in Pa-
ris. Ich war zu Besuch bei Manès Sper-
ber. Der hat mir den verfaulten kommu-
nistischen Zahn aus dem Oberkiefer ge-
zogen. Nicht aus dem Unterkiefer.
Oberkiefer deswegen, weil es schon ins
Gehirn ausstrahlte und dabei im Gehirn
nicht wehtat, denn da fühlt man keine
Schmerzen. Sperber war ein treuer Ver-
räter am Kommunismus. Dieser ausge-
buffte Sozialpsychologe kannte meine
Lieder. Wir freundeten uns an, ich be-
suchte ihn in der Rue Notre-Dame-des-
Champs 83, neben dem Jardin du
Luxembourg. Seine Frau Jenka machte
uns Kaffee, und wir saßen im Salon. Er
sagte „Sie“, wir waren ja nicht in der
Partei: „Herr Biermann, ich kenne ja ei-
nige Ihrer Lieder ganz gut und die Ge-
dichte. Fällt Ihnen nicht auf, dass Sie in durfte Biermann nach ln ausreisen und spielte
Ihren Versen schon viel weiter sind als ast ier tunden lang or enschen. m ag danach
in Ihrem politischen Denken? Sie sind urde er on der ED ührung ausgebürgert. Hunderte
weit hinter Ihren Gedichten zurückge- ntellektuelle und ünstler aus der DD folgten ihm
blieben.“ Ich kannte das Phänomen. arunter auch ina Hagen, die mit ihrer Band im Westen
Marx hatte am Beispiel des Honoré de chnell erfolgreich wurde. Biermann war mit ihrer utter
Balzac genau dieses Missverhältnis ana- a aria Hagen ahrelang liiert. eine usbürgerung
lysiert. ilt heute als nfang om Ende der DD

Manès Sperber hat also Ihren Kom-


munismus amputiert. Leiden Sie an
Phantomschmerzen?
Ja, natürlich.

Wie äußert sich das? nes Mario Simmel. Meine Nachtigall hat mer vorwarfen, dass sie so gar keine „Vi- beißer haben in Ostberlin gemeinsam
Ach, es tut einem das weh, was man mir im Bett Töne gezwitschert, die mir sionen“ habe, ihr jetzt nachsagen, dass mehr als 55 Prozent der Stimmen ergat-
nicht mehr hat. Das gilt für die ganze panische Angst machten: Sie dekonspi- sie zu viel davon hat. tert. Das ist die allerschlechteste Alter-
romanhafte, komplizierte Tragödie der rierte sich als Spitzel des MfS. Sie war – native im europäischen Flüchtlingsdra-
Loslösung von einem Kinderglauben, um im Bilde zu bleiben – der Tatsache Dass Merkel ihre Politik oft als alter- ma. Zar Putin produziert in Syrien die
der katholisch oder jüdisch oder kom- offenbar nicht gewachsen, dass sie nicht nativlos darstellt, müsste gerade Ih- Flüchtlingsströme nach Westeuropa,
munistisch sein kann. Mit welchem Kin- nur gevögelt, sondern geliebt wird. nen doch sauer aufstoßen. sein Fan, die Dumpfbacke Trump, ist
derglauben der Mensch ausgerüstet und Manch Oppositionelle wurden berührt Stefan, diese peinliche Frage hat dich in Putins natürlicher Verbündeter. Und
in die Welt geschickt wird, kann sich ja von solchen Geschichten. Meine Kolle- ein „Sie“ gelockt. Na ja, „alternativlos“ die deutsche Kanzlerin soll’s richten.
WOLFGANG STECHE / VISUM; THOMAS HOEPKER / MAGNUM PHOTOS / AGENTUR FOCUS

keiner aussuchen. Darüber sprach ich gin Helga M. Novak, für mich die stärks- ist ein flottes Wort unter Worten. Aller- Ich halte die unaufgeregte Politik der
auch mit Jean-Paul Sartre. Der zitierte te Dichterin der DDR, formulierte, als dings bedenke bitte auch dies: Winston Angela Merkel für zuverlässig, für rea-
mir sein Philosophen-Bonmot: „Wir be- sie sich im „Spiegel“ nach dem Ende der Churchill hat die ganze Welt und ne- listisch, und zugleich lebt sie ohne
urteilen die Menschen nicht nach dem, DDR geoutet hat als Spitzel des MfS: benbei auch mich kommunistisches Ju- Furcht die Philosophie unseres Philoso-
was aus ihnen gemacht wurde, sondern „Die Scham beißt ein Leben lang, aber denkind gerettet, nur weil er alternativ- phen Ernst Bloch: das Prinzip Hoff-
danach, was sie aus dem gemacht ha- sie ist auch eine energische Lehrerin.“ los den Krieg gegen Hitlerdeutschland nung. Ich kann mir derzeit nur zwei Po-
ben, was aus ihnen gemacht wurde.“ Er wagte. Und er verbündete sich dabei in litiker vorstellen, die es jetzt in Berlin
redete also wie Hegel, in Frankreich! Und warum müssten Sie sich bei der der Not – also: alter- noch besser machen
Mit seinen Bierflaschenböden vor den Frau entschuldigen? nativ – mit dem Mas- könnten als unsere
Augen. Und ich ärgerte mich ein biss- Weil ich so feige war. Weil ich Angst hat- senmörder Stalin ge- attackierte Kanzle-
chen über diesen hegelschen Philoso- te, nein, weil nun die Angst mich hatte. gen den Massenmör- rin: Emma Merkel
phenjargon und sagte, etwas kiebig: Und ich hatte auch Sorge um Freunde, der Hitler. Und bei- oder Angela Chur-

Aber wie auch im- DAS HYSTERISCH


„Monsieur Sartre, diesen Satz kennt für die ich doch mitverantwortlich war. des finde ich richtig. chill.
man ja.“ Da ärgerte er sich über meine

meisten tragischen VERSPOTTETE


vorlaute Replik. Und blaffte mich an: Was ist passiert? mer, ich hätte in den Vor allen Dingen
„Sie singen ja auch immer dieselben Einmal darfst du raten, Mensch! Ich hab einmal radikal in die
MERKEL-WORT
Lieder!“ meine Nachtigall aus dem Fenster ge- Konflikten von heu- eine Richtung ge-
scheucht. Weg war sie. Da sagt so ein te, soweit ich sie hen, dann radikal in
Das war aber nicht schlecht gekon- geprügeltes Menschenkind tapfer die überhaupt erkennen ,WIR SCHAFFEN die andere Richtung

kann, die ähnlichen DAS‘ FINDE ICH


tert. Wahrheit. Und was kriegt es dafür? Es und durchschauen gehen.
Weiß Gott! Trotzdem kann man Hegel W Biermann auf der Ost-Berliner Weidendammbrücke.
Wolf wird gefeuert – Feuervöglein! Lieber Stefan, ver-

scheidungen getrof- GOLDRICHTIG


nicht so einfach ins Französische über- Der Adler inspirierte ihn zur „Ballade vom preußischen Ikarus“ oder gleichen Ent- ehrter Herr Malzahn,
setzen. Manches ist unübersetzbar. Gab es ein Wiedersehen? Sir Karl Popper, der
Nehmen wir nur das Wort „aufheben“. Nein. Die Geschichte ist vertrackt, zu fen wie unsere Kanz- Lieblingsphilosoph
Hegel reitet auf diesem Wort geistreich gen“. Ist Oma Meume am Ende in die Berliner Künstlerclub „Die Möwe“ auf- verwickelt. Aber es tut mir bis heute lerin. Nur in einem des Kanzlers Helmut
durch die Philosophie, indem er sagt: Kirche gegangen? gepickt hatte. Und weil sie so schön leid, womöglich mehr um meinetwillen. Punkt halte ich ihre Entscheidung für Schmidt, würde diese Richtungswechsel
„Dies oder jenes wird aufgehoben“, also Nein. Oma Meume brauchte keine Kir- war, ist ihr das schön leichtgefallen. Es Auf das Selbstmitleid ist immer Verlass. einen Fehler, dessen Korrektur wohl wohlwollender und treffender nennen:
im Doppelsinn von „bewahrt“ und zu- che. Sie war kein Schaf, sie brauchte kei- war damals leider peinlich einfach, mich Ein ungeschriebener Roman. Ich spiel noch teuer wird: die leider japanische „Learning by trial and error“. Die Mer-
gleich im Gegensinn: „vernichtet“. nen Hirten, um Gott wiederzutreffen. ins Bett zu kriegen, denn auch ich war Euch jetzt lieber schnell ein Liedchen. Energiewende, die nach dem Fukushi- kel ist ein Glück für unser Land. Schaut
einer von diesen antispießigen Spießer- ma-Unglück alternativlos den Deut- mal! Jetzt hüpft da ein Eichhörnchen
Und Sie haben 1983 den Kommunis- Sie werden im November 80 Jahre alt. Linken, die sich brüsteten: „Wer zwei- Welches? schen verordnet wurde. über den Rasen ...
mus in sich aufgehoben. Sie haben mit unzähligen Freunden mal mit derselben pennt, gehört schon (Biermann holt seine Gitarre) Meine Frau Aber das hysterisch verspottete Mer-
Ich kann diesen fatalen Kinderglauben und Feinden zu tun gehabt, sich mit zum Establishment.“ Und diese Frau ... Pamela kann das viel schöner singen als kel-Wort „Wir schaffen das“ finde ich ... das hört zu!
ans irdische Paradies nicht mehr in mir Freunden zerfreundet und wieder ich. goldrichtig. Wer, wenn nicht wir aufer- Ganz gewiss! Auch ich glaube nicht,
aufheben, weil er uns Menschen versöhnt. Müssen Sie sich noch bei je- ... ist nachher zu ihrem Führungsoffi- „Es senkt das deutsche Dunkel sich über standenen Deutschen, können es schaf- dass das ein normales Eichhörnchen ist.
zwangsläufig in die allerschlimmsten mandem entschuldigen? zier gegangen und hat gesagt: Das mein Gemüt. fen, solche Lasten zu stemmen? Doch So naiv wollen wir drei hier im Garten
Höllen führt. Meine Emma klagte mal Ich habe mich mal bei einem Freund ent- mach ich nicht mit. Das steht im Es dunkelt übermächtig in meinem Lied. mit dem Wohlstand wächst potenzial doch nicht sein. Also unser MfS-Genos-
so schön volksphilosophisch: „Ach, schuldigt, den ich für einen Spitzel ge- Buch, oder? Das kommt, weil ich mein Deutschland die Existenzangst. Dabei haben die se Eichhorn ...
Wolf, die Christen haben’s doch besser halten hatte, ich meine den Gründer des Halt! Das ist in meinem Buch eine ande- so tief zerrissen seh’. Deutschen im Krieg und nach dem
als wir. Die können sich in höchster Not Brecht-Archivs, Hans Bunge. Der briti- re Geschichte, eine ganz andere Frau, Ich lieg in der bess’ren Hälfte und habe Krieg ganz andere Lasten bewältigt. ... Herr Biermann, wir danken Ihnen
immer noch an den lieben Gott klam- sche Jude aus Wien, Erich Fried, hat Ro- unter dem Decknamen IM „Lerche“. doppelt Weh.“ Und wir haben von Europa und vom für dieses Gespräch.
mern.“ Oma Meume zog die Konse- bert Havemann und mir 1964 in der DDR Diese Lerche hatte den Auftrag, mich zu Es war das Lieblingslied meines Her- freien Welthandel mehr profitiert als al-
quenz und wurde wieder fromm wie als ins Gewissen geredet, dass wir nicht verführen. Dabei erlitt sie einen echten zensbruders Jurek Becker. Dieser deut- le anderen. Wir wagten die deutsche
Waisenkind in Halle. Hatte aber Angst durch den Wald laufen dürfen und hinter Arbeitsunfall. Sie verliebte sich in mich sche Blues ging in seine polnische Ju- Einheit und werden sie gewinnen. Ich
vor ihrer Genossin Tochter, sie hielt es jedem Baum einen Mörder vermuten und brach – ohne mir etwas zu sagen – denseele rein. Und ich weiß wohl wa- denke auch an die über 14 Millionen Wolf Biermann:
geheim. und hinter jedem Strauch einen Strauch- rigoros mit dem MfS. Eine kleistsche rum. Flüchtlinge nach dem Zweiten Welt- „Warte nicht
dieb. Er warnte uns vor diesem Weg in Novelle. krieg, die in ein total zerbombtes auf bessre
Sie haben Oma Meume in einem Lied die Irre. Die Ironie der Geschichte ist: Wie dunkel und zerrissen ist Deutsch- Deutschland kamen! Die größte Völker- Zeiten! –
verewigt: „Großes Gebet der alten Als ich meine Akten 1992 las, sah ich:
A Also es war die Nachtigall und nicht land denn heute? wanderung seit der Antike. Wir Deut- Die Autobio-
Kommunistin Oma Meume in Ham- Freund Bunge war doch Spitzel. Alles die Lerche. Ach, jetzt wollt ihr auch noch einen ak- schen sollten gelassener sein, denn wir graphie“, Pro-
burg“. Sie beklagt den Krieg, die Kon- verrückt wie im richtigen Leben. Ja, ich verliebte mich Ende der 60er- tuellen Kommentar zur Lage im Lande sind keine krummen Hunde. Zu uns pyläen Verlag;
zentrationslager und Stalins Verbre- Entschuldigen sollte ich mich, aber Jahre in eine andere, eine exotische von mir? Okay! Warum auch nicht. Ich passt nicht diese soziale Angstbeißerei à 576 S., 32 S.
chen. Und der Refrain lautet: „Oh das werde ich nie tun, bei einer grauen- Nachtigall. Das allerdings wäre Stoff ge- habe den Eindruck, dass die dieselben la AfD und SED-PDS-Linke gegen Abbildungen;
Gott, lass Du den Kommunismus sie- haft hübschen Frau, die mich im Ost- wesen für die Romanmanufaktur Johan- Meinungsmacher, die der Kanzlerin im- Flüchtlinge. Die populistischen Angst- 28 Euro
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WISSEN & LEBEN
Miss Trans: Die Schönheit der Männer, die gern Frauen wären S. 22/23

WELT AM SONNTAG NR. 40 2. OKTOBER 2016 SEITE 17

QUANTENSPRUNG

Ein Kind
mit drei Eltern

Erstmals wurde ein Kind geboren,


das drei leibliche Eltern hat, zwei
Mütter und einen Vater. Das klingt
spektakulärer, als es ist. Der Zell-
kern einer Eizelle der eigentlichen
Mutter wurde in eine zuvor entkern-
te Eizelle einer Spenderin übertra-
gen. Die „zweite Mutter“ lieferte al-
so nur die Eizellhülle und die soge-
nannte Mitochondrien-DNA. Das
Hybrid wurde dann mit einer Sa-
menzelle des Vaters befruchtet. Da-
mit hofft man eine Erbkrankheit
beim Kind zu verhindern, deren Ur-
sache in der Mitochondrien-DNA
steckt. Geboren wurde das erste Ba-
by dreier Eltern in Mexiko. Doch
auch in Großbritannien ist bereits
eine solche Befruchtung durchge-
fführt worden. Der Gesetzgeber in
London hatte Anfang des Jahres grü-
nes Licht gegeben. In Deutschland
verbietet das Embryonenschutzge-
setz ein solches Vorgehen. Auch For-
scher und Ärzte, die die neue Me-
thode zur Vermeidung von Erb-
krankheiten grundsätzlich begrü-
ßen, halten die beiden Experimente
ffür verfrüht. Man wisse noch zu we-
nig über die Risiken der Methode,
als dass man sie schon jetzt beim
Menschen anwenden sollte. So oder

BERND HARTUNG
so dürfte die Drei-Eltern-Methode
nur vorübergehend zum Einsatz
kommen. Die moderne Genchirurgie
ermöglicht gezielte Eingriffe und
Physiker Gros im Fluss: Die bunten Kapseln dienen als Symbol für Bakterien, die er in ferner Zukunft auf fremden Welten ansiedeln will Reparaturen am Genom. Man wird
also künftig den Defekt in der Eizel-
le der Mutter beseitigen können und

Mister
eine zweite Mutter nicht benötigen.
as kleine Raum- aus Russland stammende Silicon-Val- Auch das ist hierzulande verboten.
A

D
schiff hat es bestä- ley-Milliardär Yuri Milner das Projekt Doch man sollte darüber nachden-
tigt. Seine Analysen „Breakthrough Starshot“. Milner will ken, in welchen Fällen der wissen-
haben gezeigt: Der mit 100 Millionen Dollar Miniaturraum- schaftliche Fortschritt medizinisch
Planet, den es nach schiffe entwickeln, die im All ausgesetzt genutzt werden darf. NORBERT LOSSAU
Hunderten von Jah- und dann von einem Laserpuls auf ein

GENESIS
ren endlich erreicht Fünftel der Lichtgeschwindigkeit be-
hat, ist tatsächlich lebensfreundlich! schleunigt werden sollen. Die Reise der
Jetzt setzt sich ein Mechanismus in Miniraumschiffe soll zu den uns nächst-
Gang. Winzige Kapseln schießen aus gelegenen Sternen führen und sie aus- QUÄNTCHEN
dem Raumschiff
Raumschiff, so klein, dass ein kundschaften.
Mensch sie nicht sehen kann. In ihnen Der frühe Prototyp, den Milner bei

Der Physiker Claudius Gros war früh ein etablierter Forscher. Dann
befinden sich Mikroben irdischen Ur-
sprungs. Tausende Kapseln wird das
Raumschiff entlang seiner Umlaufbahn
nun über den Planeten verstreuen. Viel-
leicht macht eine davon den Traum von
begann er davon zu träumen, Leben auf fremde Planeten zu bringen
der Präsentation von „Breakthrough
Starshot“ in die Kameras hielt, sieht aus
wie eine Computerplatine mit einem
Chip und misst nur wenige Zentimeter.
Den Vorstand des Projekts bildet Mil-
50
Prozent höher ist die Chance, bei ei-
Claudius Gros tatsächlich wahr. ner zusammen mit Physik-Star Stephen nem Herzinfarkt die Klinik recht
Hawking und Facebook-Gründer Mark früh zu erreichen, wenn die Betrof-
VON PHILIPP HUMMEL nimmt es sehr ernst. Er wolle auch schungsaufenthalt in den USA kam recht spät und dann sehr plötzlich kom- Zuckerberg. fenen ausreichend Vorwissen über
nicht Gott spielen, sagt er. Es ist ihm Gros mit 29 nach Deutschland zurück. plexere Lebewesen. Diesen spontanen „Breakthrough Starshot“ gab Claudi- Infarktbeschwerden besitzen. Das
Gros sitzt in einem Bistro in Frank- wichtig, das zu betonen. Die ersten Jahre danach blieb er den Su- Ausbruch der Evolution vor gut 500 us Gros den Mut, seine Pläne zum Ge- zeigt eine Studie unter Leitung von
furt über einer Kartoffelsuppe und er- Genesis, der Name sei nicht etwa an praleitern noch treu. Er war erfolgreich, Millionen Jahren nennt man „kambri- nesis-Projekt zu Papier zu bringen. Sei- Professor Karl-Heinz Ladwig vom
zählt von seiner Vision. Er sieht aus, wie das Buch der Schöpfung in der Bibel an- auf Konferenzen kannte er fast jeden, sche Explosion“. Gros will mit seinem ne Studie ist im September im Fachjour- Helmholtz Zentrum München.
viele sich einen Physiker vorstellen: Das gelehnt. „Genesis klingt einfach schön“, und fast jeder kannte ihn. Projekt die ersten paar Milliarden Jahre nal „Astrophysics and Space Science“
Haar für 55 schon recht licht, das Hemd findet Gros. Er findet auch das Leben Doch Gros, das Brückentier, wagte der Evolution überspringen und seine erschienen. „Mein Projekt könnte auf
etwas zu groß, die Füße in weißen So- schön, wie es sich entwickelt und wie- nach zwanzig Jahren und hundert Ver- „Mikrobensaat“ erst zur kambrischen den Erfahrungen von ‚Breakthrough
cken und Trekkingsandalen. der zu Ende geht, immer in Zyklen. Ein öffentlichungen in seinem Fachgebiet Explosion ausbringen. Starshot‘ aufbauen“, sagt Gros. „Man
Seit Jahren beschäftigt sich der deut- Hai, der eine Robbe anfällt und sie zer- den Wechsel in ein neues Forschungs- Das Wort „Saat“ würde Claudius Gros könnte dieselben Anlagen verwenden BEFUND
sche Professor mit seinem „Genesis- fetzt, auch darin findet Gros diese feld – die Neurowissenschaften. Der allerdings nie in seinem Projekt verwen- und einfach das Raumschiff ersetzen.“
Projekt“. Er will fremde Planeten mit ir- Schönheit wieder. Sein Sinn für Ästhe- Übergang fiel Gros den. Seine „Saat“ sei, Der Beirat von „Breakthrough Star-
dischen Mikroben, einzelligen Kleinst- tik sei der Grund, warum er der Schön- nicht leicht. Er war anders als die eines shot“ ist mit renommierten Forschern
lebewesen wie Bakterien und Amöben, heit des Lebens die Chance geben will, ein Quereinsteiger, Bauern, von ihm besetzt, unter anderem gehört der Phy-
besiedeln. Aus solchen Mikroben ent-
stand auch einmal auf der Erde komple-
xes Leben. Durch Gros’ Projekt könnte
es sich vielleicht auch außerhalb unse-
sich im Universum zu entfalten. Auch
im „Star Trek“-Universum gibt es ein
Genesis-Projekt, bei dem der Einschlag
eines Projektils auf einem toten Plane-
ein Außenseiter.
Dennoch gab es für
ihn kein Zurück.
In dieser Phase

ICH WILL DER
selbst ja gar nicht
mehr zu überprüfen,
ffalls sie denn in vielen
Millionen Jahren tat-
sik-Nobelpreisträger Saul Perlmutter
dazu. Andere Experten halten die Pläne
für eine Utopie.
Viele Details des Genesis-Projekts

SCHÖNHEIT DES
res Globus entwickeln. Pflanzen und ten Leben entstehen lässt. Gros kannte begann Gros auch, sächlich in Pflanzen wie das winzige Biolabor erforderten
Tiere würden dann eine neue Welt er- die Geschichte. Er sagt, er habe bei der sich mit Fragen der und Tiere aufgegan- noch intensive Forschung, gibt Gros zu.
LEBENS DIE
obern. Wie sie aussehen, sich bewegen, Namensfindung höchstens unterbe- fernen Zukunft zu gen sein sollte. Außer- Bislang ist es nicht mal auf der Erde in
sich verhalten würden, das alles kann wusst an sie gedacht. befassen. 2003 star- dem sollen die Früch- einem normal großen Labor möglich, Das erste viersitzige Passagierflug-
Gros nicht wissen. Er weiß nur, was nö- Die Evolution hat Tiere hervorge- tete er die Initiative
CHANCE GEBEN, te einer Saat den Leben rein aus seinen chemischen Be- zeug mit Brennstoffzellen-Technik

SICH IM UNIVERSUM Das ist beim Genesis-


tig ist, um seinen Traum wahr werden bracht, die sich nicht zwischen zwei „Zukunft 25“. Gros Menschen dienen. standteilen zu erzeugen. hat am Donnerstag in Stuttgart sei-
zu lassen: ein lebensfreundlicher Exo- Welten entscheiden können. Amphibien fand Mitstreiter, die Das größte Problem sieht Gros aber nen Erstflug erfolgreich absolviert.

ZU ENTFALTEN
planet, also einer mit flüssigem Wasser, leben an Land, können sich aber nur im sich ebenfalls für das Projekt nicht vorgese- darin, einen passenden Exoplaneten zu Nach einer knapp zehnminütigen
und ein Miniraumschiff mit einem Bio- Wasser fortpflanzen. Gros ist auch so Leben in Tausenden hen. Einmal gestartet, finden. Knapp 3500 solcher Welten um Platzrunde über dem Landesflugha-

CLAUDIUS GROS ,
labor, das die chemischen Zutaten an ein Brückentier. Er wandelt zwischen oder Millionen Jah- benötigt das Projekt fremde Sterne sind mittlerweile be- fen von Baden-Württemberg kehrte
Bord unterwegs zum Planeten in pas- Vernunft und Fantasie, Präzision und ren interessierten. auch keine menschli- kannt. Wie viele von ihnen lebens- das vom Deutschen Zentrum für
sende, lebendige Einzeller verwandelt Träumerei, Wissenschaft und Science- Sie organisierten theoretischer Physiker che Hilfe mehr. Selbst freundlich sind, ist ungewiss. Doch auch Luft- und Raumfahrt (DLR) und der
und dann dort aussetzt. Eine künstliche Fiction. Seit zwei Jahren arbeitet er an Symposien, trafen wenn die Menschen hier gab es kürzlich erfreuliche Neuig- Universität Ulm entwickelte Hybrid-
Intelligenz soll das Raumschiff manö- einem Fantasy-Roman. Es geht um Ma- sich zweimal jähr- der Zukunft es ver- keiten für Gros. Forscher haben bei dem flugzeug sicher zum Boden zurück.
vrieren und das Labor steuern. So stellt gier, die die Gefühle von Menschen be- lich. 2007 gründeten sie einen Verein. gessen, ignorieren, ablehnen, oder es gar der Erde nächstgelegenen Stern Proxi- An Bord waren zwei Testpiloten so-
Gros sich das jedenfalls vor. einflussen können. Gleichzeitig er- Zu jener Zeit entwickelte Gros auch die keine Menschen mehr gibt, Gros’ Pro- ma Centauri einen potenziell lebens- wie zwei simulierte Passagiere. Der
Was verrückt klingt, hat der Forscher forscht er an der Universität, welche Vision vom Genesis-Projekt. jekt würde trotzdem funktionieren. freundlichen Exoplaneten entdeckt. Flieger mit Propeller an einem Mit-
intensiv recherchiert, genau ausgerech- Rolle Emotionen für die Entstehung Er will dabei die Evolution gewisser- Beim Fotoshooting mochte der Forscher Proxima b, so heißt der neue Planet, telteil sowie zwei jeweils zweisitzi-
net und dann in einer Studie veröffent- von Intelligenz spielen. maßen austricksen. Viele Planeten sind die bunten Kapseln, die sein Projekt ist mehr als vier Lichtjahre von der Erde gen Kabinen an den Tragflächen et-
licht. Darin vollzieht er die Entwick- Gros stammt aus der Nähe von Wies- nicht dauerhaft lebensfreundlich, son- symbolisieren sollen, nicht einfach auf entfernt. Dennoch haben Milner, Haw- was links und rechts davon gilt als
lungsschritte und Zeiträume nach, die baden, wuchs aber in Rom auf. Zu Be- dern nur zeitweise. Ein Kometenein- ein Feld schmeißen. Ein Fluss musste es king und Zuckerberg ihn als das vorran- wichtiger Zwischenschritt auf dem
DPA/CHRISTOPH SCHMIDT

die Erde zu einem lebensfreundlichen ginn seiner Karriere forschte er in ei- schlag etwa kann einen Planeten zu heiß sein, in den er die Mikroben wirft und gige Ziel für „Breakthrough Starshot“ Weg zu sauberem und leisem Flie-
Planeten gemacht haben und die wohl nem traditionellen Gebiet der Physik: oder zu kalt für Leben werden lassen. damit aus seiner Einflusssphäre entlässt. auserkoren. Seine Studie zum Genesis- gen. Der Elektromotor des Hybrid-
so ähnlich auch ein Exoplanet durchlau- Während seiner Doktorarbeit in Zürich Die friedlichen Zeiträume sind bei vie- Der Verein „Zukunft 25“ hat sich Projekt hat Claudius Gros an den wis- flugzeugs wird über eine Brennstoff-
fen müsste, auf dem man irdisches Le- untersuchte er Supraleiter, die bei tie- len Planeten wohl zu kurz, als dass sich mittlerweile aufgelöst. Doch nun könn- senschaftlichen Beirat des Projekts ge- zelle mit Strom versorgt. Beim Start
ben ansiedeln möchte. Sein Projekt Ge- fen Temperaturen Strom quasi ohne höhere Pflanzen oder Tiere entwickeln te Gros neue reiche und mächtige Ver- schickt. Vielleicht wird sein Traum tat- und bei Steigflügen wird eine Hoch-
nesis ist für Gros kein Hirngespinst. Er Widerstand leiten. Nach einem For- könnten. Auf der Erde entstanden erst bündete finden. Im April startete der sächlich irgendwann wahr. leistungsbatterie zugeschaltet.
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18 WISSEN WELT AM SONNTAG NR. 40 2. OKTOBER 2016

Eine Tagesdosis

GLÜCK
LÜCK
Wahrscheinlich darf schon im nächsten
Frühjahr in Deutschland jeder Arzt zu
medizinischen Zwecken Cannabis
verschreiben. Aber verzweifelte Patienten
greifen längst darauf zurück, um ihre
Schmerzen zu lindern oder eine Angststörung
zu bekämpfen. Wie geht es ihnen dabei?

Kollegen und er immer häufiger Menschen, die men. Tilidin ist ein hartes Schmerzmittel, der im Studentenwohnheim allein, sagt er. Sonst Cannabinoid-Rezeptoren im Körper

I
an einem Rausch gar nicht interessiert sind, son- Wirkstoff gehört zur Gruppe der Opioide, wie hätte er sich einen Tresor anschaffen müssen.
dern wissen wollen, wie sie an Cannabis als Me- Heroin oder Morphin. Tilidin wird auch auf dem Er schraubt die Dosen auf, ein süßlicher Ge- Gehirn
dikament herankommen. Schwarzmarkt gehandelt – als Rauschmittel. Es ruch zieht über den Tisch. Eine Dose – Sorte Ar-
Der Stoff soll Schmerzen lösen, haben sie ge- gibt in den USA Forscher, die glauben, dass Can- gyle, Lieferant MedCann – ist leider schon leer.
hört, so wie der Sohn von Melanie Fuchs. Er soll nabis helfen kann, die „Schmerzmittel-Epide- Sie enthielt ganze Blüten, importiert aus Kana-
die Übelkeit bei der Chemotherapie lindern. Die mie“ einzudämmen. Eine mildere Droge könnte da, „ein schönes Produkt“. In der anderen Dose
Schlaflosigkeit, die Muskelkrämpfe, die Ängste die härteren ersetzen. – Sorte Bedica, Anbieter Bureau voor Medicinale
erträglicher machen, das ADHS beruhigen. In Cannabis – liegen zerbröselte Blätter, dunkel-
Kanada, Teilen der USA, den Niederlanden, Isra- KIFFEN GEGEN DIE ANGST grün, klebrig. Das „Büro für medizinisches Can- Leber
el sei das doch schon erlaubt, haben die Men- Der Mann, der in Berlin zwei kleine Plastikdosen nabis“ gehört zum Gesundheitsministerium der
Verdauungs-
schen gehört. In Deutschland haben bereits auf den Tisch im Café stellt, schloss sich der Re- Niederlande und liefert nur Granulat. system
mehr als 900 Patienten Ausnahmegenehmigun- volutionsbewegung vor einem Jahr an, er ging Auch Sebastian Grün ist seit einem Autounfall
gen erstritten. Sie bekommen Cannabisblüten gründlich und ordentlich dabei vor. Neben die vor 15 Jahren krank. Die Narben an seinen Ar-
In einer Kleinstadt, eine Zugstunde von Berlin oder -tropfen schon jetzt aus der Apotheke. Es Dosen legt er eine Klarsichthülle, in die er die men sieht man noch. Seine psychischen Leiden Cannabinoid-Rezeptoren
entfernt – in welche Richtung, spielt keine Rolle gibt ein Urteil, das es einem an multipler Sklero- Formulare sortiert hat, die belegen, dass er kein sind mit den herkömmlichen Medikamenten finden sich vor allem
–, begann die Revolution mit dem Satz: Mensch se erkrankten Mann erlaubt, selbst Hanfpflan- Gesetz bricht, wenn er die Dosen mit sich führt und Behandlungen „austherapiert“, sagt er. Das im Gehirn
Mutti, probier’ das doch mal. zen zu ziehen, um sich mit der Droge zu versor- und ihren Inhalt in Zigarettenpapier rollt. Mit bedeutet, dass nichts mehr half. Grün, der trotz- und im zentralen
Ihr erwachsener Sohn hatte aus der Großstadt gen. Seit Monaten prüfen die Behörden aller- Aktivkohlefilter, das ist ihm wichtig, gegen den dem Krankenpfleger gelernt hat und nun Ge- Nervensystem,
etwas mitgebracht. „So eine fertig gebaute Ziga- dings die Anbaubedingungen bei dem Schwer- Teer aus dem Tabak, den er hinzufügen muss. sundheitsmanagement studiert, zählt Namen aber auch vereinzelt
rette“, sagt die Frau, die hier Melanie Fuchs hei- kranken, sagt Georg Wurth. Viele weitere Pa- Die Dosen enthalten Cannabisblüten. Der und Dosierungen auf. Er versuchte mehrere An- an anderen
ßen soll. Sie ist seit mehr als zwanzig Jahren tienten haben Anbauanträge gestellt, auch die Mann darf mit amtlicher Erlaubnis kiffen. Er bit- tidepressiva, nahm Antipsychotika, Benzodiaze- Stellen im Körper
chronisch krank und bricht seit jenem Tag vor Selbsthilfegruppe, die sich beim Hanfverband in te dennoch darum, seinen Namen im Artikel zu pine zur Beruhigung, Magentabletten, Säureblo-
drei Jahren das Gesetz. Melanie Fuchs hatte ei- Berlin trifft, möchte Cannabis ziehen. ändern. Sein Vater ist pensionierter Polizist und cker gegen Sodbrennen, Betablocker gegen Blut-
nen Autounfall, doppelter Schädelbasisbruch, Revolutionen sind immer mit riesigen Hoff- nicht in die Art des Medikaments eingeweiht, hochdruck. Er bekam eine Fettleber, Nierenzys- Cannabinoide in der Synapse
der nicht richtig behandelt worden war, gegen nungen verbunden. Cannabis gilt inzwischen mit dem sein Sohn seine Angststörung, die De- ten, leidet unter dem Reizdarmsyndrom.
ihre Dauerkopfschmerzen halfen seitdem kein beinahe als Wundermedikament. Die Liste der pressionen und chronischen Schmerzen inzwi- Irgendwann habe er mal gekifft, sagt er. Ille- Cannabinoid
Medikament und keine Therapie. Die Zigarette Leiden, die es linden soll, wird länger und länger. schen bekämpft. Eine Erlaubnis also, von einer gal. Er fühlte sich gut danach. Als er einen Arzt -Rezeptor
ihres Sohnes half. Ein Joint. Cannabis sei gut ge- Franjo Grotenhermen, ein Arzt, der jeden drit- Behörde namens „Bundesopiumstelle“? fragte, ob nicht auch er Cannabis als Medizin
gen Schmerzen, hatte der Sohn gehört. probieren könne, habe der ihm mit einer Einwei-
sung in die Psychiatrie gedroht. Auch Grün such-
VON WIEBKE HOLLERSEN te sich danach eine Selbsthilfegruppe, fand eine präsynaptisches
Cannabis als Medizin Ärztin, die ihn unterstützte, dokumentierte sei- (sendendes)
Cannabis ist in Deutschland eine illegale Dro- Hier* darf Cannabis oder einer seiner Wirkstoffe arzneilich genutzt werden ne Krankengeschichte, im Sommer vor einem Neuron
ge, man darf sie nicht anbauen, nicht mit ihr Jahr schickte er seinen Antrag ab.
handeln, sie nicht besitzen und auch seiner kran- Im September vor einem Jahr kam die Erlaub-
Körpereigene
ken Mutter nicht besorgen. Melanie Fuchs hat nis für „Medizinal-Cannabisblüten“, Einzeldo-
ein Versteck in ihrer Wohnung, für das Gras, das sis: 0,25 Gramm, maximale Tagesdosis: 1,5
Calcium- Neurotransmitter oder pflanzliche
kanal Cannabinoide
der Sohn ihr zukommen lässt, einfach sei es Gramm, „Art der Anwendung: Inhalation“. Er
nicht, den Nachschub in die Kleinstadt zu orga- muss dreimal unterschreiben, wenn er eine Dose
nisieren, „man kann es ja nicht mit der Post schi- abholt, und jeden Lieferschein drei Jahre lang
cken“. Abends, wenn sie sicher ist, dass es nie- aufbewahren.
mand mitbekommt außer ihrem Ehemann, auf Er raucht 0,5 bis 0,7 Gramm am Tag, in zwei Rezeptoren
gar keinen Fall dürfen die Enkel etwas ahnen, Joints, an denen er ab 17 Uhr im Stundenabstand
baut Melanie Fuchs sich einen Joint. Nach weni- mit Rezept zieht. Nach zehn Minuten werde seine Stimmung postsynaptisches
gen Zügen lässt ihr Kopfweh nach, und der Na- oder Ausnahme-
besser, seine Gedanken ordnen sich, er spürt Klar- (empfangendes)
genehmigung Neuron
cken lockert sich, sie hat nur ein Wort für das heit und Ruhe. Er beschreibt es ganz anders, als
Gefühl: „Erleichterung“. *Deutschland, Belgien, man es sich gemeinhin vorstellt. Er bevorzuge
Ihr Schmerztherapeut, der sie seit Jahren be- Niederlande, Spanien, Sorten mit eher niedrigem THC-Gehalt, dieser In-
Italien, Finnland,
handelt, ist eingeweiht. „Super – machen Sie Portugal, Tschechien,
haltsstoff wirkt anregend, aufputschend mitunter.
das“, habe er gesagt. Und nicht weiter gefragt, Israel, Kanada, Seine Schmerzen beruhigen sich, auch der Darm,
wie sie an den Stoff kommt. Großbritannien, sagt er. Einen dritten Joint legt er sich für mögli-
Schon bald könnte er seine Patienten selbst Neuseeland, �� (aus che nächtliche Angstanfälle bereit. Seine Leber-
damit versorgen: auf Rezept. In ihrer Kleinstadt ��) Bundesstaaten werte und die Noten in seinen Klausuren seien
Quelle: Wikipedia, Stand April ����
hat es sich noch nicht herumgesprochen, aber in der USA besser geworden. Er nimmt nur noch ein Antide-
Berlin ist ein Gesetz so gut wie beschlossen, dass pressivum in niedriger Dosis und die Betablocker.
es Patienten wie Melanie Fuchs erleichtern soll, Seine Behandlung ist nur leider viel teurer ge-
an Cannabis zu kommen. Enorm erleichtern. Die ten der Patienten mit Ausnahmegenehmigung Der Mann ist 29 Jahre alt und weiß nicht so worden. Für Psychopharmaka zahlte er nur klei-
Bundesregierung hat einen Entwurf vorgelegt, betreut, hat dem Bundestag eine Liste von mehr recht, ob seinen Vater das beruhigen würde. ne Beträge zu. Das Cannabis kostet ihn 75 Euro
der Bundestag soll noch in diesem Jahr abstim- als 60 Krankheiten vorgelegt; sie reicht von der Nennen wir ihn Sebastian Grün. pro Dose. Grün dürfte neun Dosen im Monat
men – und schon im Frühjahr könnte Deutsch- Neigung zu Allergien über krankhaftes Schwit- Grün ist einer der derzeit 930 offiziellen Can- kaufen, aber mit seinem Bafög und dem Lohn
land eines der Länder mit den weltweit großzü- zen und Rheuma bis zu Zwangsstörungen. Mit nabispatienten in Deutschland. 863 Menschen aus dem Nebenjob in der Pflege kann er sich nur
gigsten Regelungen für den medizinischen Ein-
satz von Cannabis sein. Jeder niedergelassene
Arzt soll es verschreiben können, per Betäu-
bungsmittelrezept. Es soll Hanfplantagen geben,
staatlich überwacht, für ordentliches, deutsches
Medizincannabis. Unter bestimmten Vorausset-
diesen 60 Indikationen haben Menschen eine
Ausnahmegenehmigung für Cannabis erhalten.
Heißt das, dass Cannabis bei mehr als 60
Krankheiten hilft? Einen halbwegs wissenschaft-
lichen Kenntnisstand gibt es bisher nur für eine
Handvoll Diagnosen.
hatten Mitte September eine Ausnahmeerlaub-
nis für den Erwerb von Cannabisblüten „zur An-
wendung im Rahmen einer medizinisch betreu-
ten und begleiteten Selbsttherapie“ nach Para-
graf 3, Absatz 2 des Betäubungsmittelgesetzes.
52 Menschen hatten die Erlaubnis, Cannabisex-
drei, höchstens vier leisten, auch so ist der Stoff
teurer als seine Miete. Auch er hofft deshalb
dringend auf das neue Gesetz, „die Kostenüber-
nahme wäre wirklich wichtig für mich“, sagt er.

DAS CANNABIS-DILEMMA
2,2
PROZENT
zungen sollen Krankenkassen sogar die Kosten „Die Erwartungen sind ein bisschen irratio- trakt in der Apotheke zu kaufen, 15 Menschen In der vorletzten Septemberwoche berät der Ge-
für die Droge übernehmen. Über diese Voraus- nal“, sagt Matthias Karst, Leiter der Schmerz- durften Blüten und Extrakte nutzen. Die Zahl sundheitsausschuss des Bundestages über den der Jugendlichen im Alter zwischen
setzungen wird noch viel gestritten werden. ambulanz der Medizinischen Hochschule Han- der Genehmigungen steigt rasch. Patienten ha- Entwurf. Was ist eine „schwerwiegende Erkran- 12 und 17 Jahren haben in Deutsch-
Cannabis mag eine vergleichsweise preiswerte nover, der sich seit mehr als 15 Jahren mit Can- ben gelernt, wie man die Anträge ausfüllt, und kung“, für die es keine „allgemein anerkannte, land schon einmal Cannabis kon-
Partydroge sein. Wenn man es täglich als Medi- nabis befasst. Zehn, vielleicht zwanzig Prozent geben einander in Selbsthilfegruppen die Na- dem medizinischen Standard entsprechende sumiert. Also etwa 90.000 Mädchen
kament nehmen will, wird es schnell teuer. der Schmerzpatienten in seiner Ambulanz könn- men von Ärzten weiter, die bereit sind, diese An- Leistung“ gibt? In diesem Fall sollen in Zukunft und Jungen. Diese Zahl stammt von
Dennoch loben selbst Hanflobbyisten den Ge- ten profitieren. Karst behandelt mitunter Pa- träge zu unterstützen und sie zu betreuen. die Kosten getragen werden. Und wie gut belegt der Bundeszentrale für gesundheit-
setzentwurf. „Top Ten, international gesehen“, tienten mit Dronabinol, einem Extrakt aus der Die Bundesopiumstelle gehört zum Bundesin- ist nun eigentlich die Wirkung von Cannabis? liche Aufklärung und aus dem Jahr
sagt Georg Wurth vom Deutschen Hanfverband. Pflanze. Die Nebenwirkungen seien überschau- stitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, Franjo Grotenhermen ist als Sachverständiger 2014. Für Jugendliche ist der Stoff
Wurth setzt sich seit mehr als zwanzig Jahren bar – verglichen mit anderen Mitteln. das wiederum zum Gesundheitsministerium ge- geladen, er kann diese Aufgabe, wie den größten besonders gefährlich – er wirkt auf
für die Legalisierung der Droge ein. Für den Seit die Kopfschmerzpatientin Melanie Fuchs hört. Grün musste versichern, dass niemand an Teil seines Lebens, nur im Liegen absolvieren. Er das Gehirn, das noch wächst und
Rausch. Doch seit einigen Jahren beraten seine regelmäßig kifft, muss sie weniger Tilidin neh- seine Dosen herankommt. Zum Glück wohne er hat eine Krankheit, die ihn dazu zwingt, sonst sich in der Pubertät neu organisiert.
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2. OKTOBER 2016 WELT AM SONNTAG NR. 40 WISSEN 19

sagt er dazu öffentlich nur: Mit Cannabis behan- „ihrem Medikament“ versorgt hätten. „Die Leu-

182
dele er sie nicht. Grotenhermen ist nicht in den te wollen raus aus der Illegalität.“
im Bundestag gekommen, um als Patient über Aber Grotenhermen muss Menschen auch ab-
Cannabis zu sprechen, sondern als Arzt. weisen. Krebspatienten rufen ihn an. Sterbens-
Als der Arzt, muss man sagen. Und als Vor- kranke, die sich nicht Linderung der Begleiter-
kämpfer der ganzen Bewegung. Er liegt auf ei- scheinungen einer Chemotherapie wünschen,
MILLIONEN MENSCHEN nem Tisch und stützt seinen Kopf auf einen dafür ist eine Wirkung von Cannabis ganz gut
Arm, mit dem anderen hält er das Mikro. belegt, sondern die an Cannabis als letzte Ret-
haben im vergangenen Jahr Canna- Grotenhermen hat eine Privatpraxis in Rü- tung glauben wollen.
then, einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen,
er betreut dort nur Cannabispatienten. Neue Pa- DIE DUNKLE SEITE DES MONDES
bis konsumiert – weltweit. Die Zahl
stammt aus dem Weltdrogenbericht
2016 der UNO. In Europa sollen 21 tienten müssen ein Dreivierteljahr auf einen Anfang September steht Eva Hoch in einem Hör-
Millionen Cannabisnutzer leben. Termin warten. Von Rüthen aus betreibt Gro- saal der Technischen Universität in Berlin, der
Für Deutschland wird geschätzt, tenhermen auch die Arbeitsgemeinschaft „Can- bis fast auf den letzten Platz belegt ist, nicht mit
dass drei Millionen Menschen min- nabis als Medizin“, einen Verein, der aktuelle Studenten, sondern mit Ärzten, Psychologen,
destens einmal im Jahr kiffen oder Studien, Berichte über Gerichtsprozesse, welt- Therapeuten und Drogenberatern aus der gan-
Cannabis in Tee oder Keksen zu weite Gesetzesänderungen und Erfahrungen zen Republik. Der Deutsche Suchtkongress 2016
sich nehmen. von Patienten sammelt und damit die Debatte tagt, Hoch hält einen der größten Vorträge. Sie
vorantreibt, bis ins Parlament. hat ihn „Die dunkle und die helle Seite des Mon-
Im Bundestag spricht er über „etwas, was ich des“ genannt. Es geht um Cannabis, die gefähr-
das Cannabisdilemma nenne“. Es gebe Patien- liche Droge, die Hoffnung der Medizin. Eva
ten, die illegal die Droge nehmen, aus Spaß oder Hoch soll klären, was nun stimmt. Im Auftrag
schon aus Verzweiflung, und Besserung verspü- des Gesundheitsministeriums.
ren. „Die Patienten haben oft mehr Erfahrung Vor zwanzig Jahren gab das Ministerium zum
V
als die Ärzte“, sagt er. Erst durch Patienten wür- ersten Mal eine Cannabis-Expertise bei Forschern
den Studien überhaupt angestoßen. Aber ja, die in Auftrag. Wie gefährlich ist die Droge? Um einen
Datenlage sei noch schwach. Im Zeitalter der möglichen medizinischen Nutzen ging es nur am
evidenzbasierten Medizin ist das ein Problem. Rand. Vor zehn Jahren folgte die zweite Analyse.
Medikamente werden nur für die Behandlung ei- Nun leitet Eva Hoch, Psychologin an der Klinik für
ner bestimmten Krankheit zugelassen, wenn die Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maxi-
Datenlage stimmt. milians-Universität München, gemeinsam mit Mi-
Hanf, lateinischer Name Cannabis, wurde über riam Schneider vom Zentralinstitut für Seelische
Jahrtausende als Heilpflanze genutzt, kam als Me- Gesundheit in Mannheim die dritte große Auswer-
dikament aus der Mode, als He- tung. Das Projekt heißt dies-
roin und Aspirin entwickelt wur- mal „CaPRis - Cannabis: Po-
den, und wurde schließlich welt- tenzial und Risiken“. Der
weit verboten. Das war in der ,, Blick hat sich geweitet, min-
ersten Hälfte des 20. Jahrhun- destens. Im März sollen die
derts. Der „Krieg gegen die Dro- Ergebnisse vorliegen – fast
DIE ERWARTUNGEN
gen“ begann. Die Sache nahm zeitgleich mit dem neuen Ge-
Anfang der 1990er-Jahre eine er- setz. Acht Forscher werten in
SIND EIN BISSCHEN
25.000 PATIENTEN
neute Wendung, als Forscher aus
Israel und den USA entdeckten,
dass der Körper des Menschen
nicht über ein System verfügt,
das für die berauschenden In-
IRRATIONAL

MATTHIAS KARST,
München und Mannheim alle
seit 2006 erschienenen wis-
senschaftlichen Studien zu
Cannabis aus, die sie finden
konnten. Hoch kann schon
haltsstoffe der Cannabispflanze sagen, dass die Risiken weit-
wie geschaffen zu sein scheint, Leiter der Schmerzambulanz an der aaus gründlicher untersucht
nutzen in Israel schon Cannabis aus kontrollier-
sondern sogar selbst Substanzen Medizinischen Hochschule Hannover sind. Erst in den letzten Jah-
tem Anbau als Medikament. Bereits in den
1990er-Jahren wurde der Stoff zur Behandlung herstellt, die diesen Rauschstof- ren erscheinen mehr Studien
von Patienten eingesetzt. Das Land hat etwa ffen verblüffend ähneln. Die psy- zum Potenzial, zur Anwen-
acht Millionen Einwohner. choaktiven Inhaltsstoffe der Pflanze heißen Can- dung bei bestimmten Krankheiten.
nabinoide, die bekanntesten sind THC, Tetrahy- Auf dem Kongress präsentiert sie eine Art
drocannabinol, und CBD, Cannabidiol. Die körper- Zwischenbilanz. „Wir sehen klare Risiken beim
eigenen Stoffe benannten die Forscher nach denen Freizeitgebrauch“, sagt sie. Am besten unter-
in der Pflanze: Endocannabinoide. sucht sei die Gefahr, unter Cannabis eine Psy-
Grotenhermen stieg schon bald nach dieser chose zu entwickeln. Forscher beunruhige, dass
Neuentdeckung in das Thema ein. Das war kurz der THC-Gehalt in illegal gehandeltem Stoff
nach seiner Erkrankung. Grotenhermen war enorm steige. Der CBD-Gehalt aber sinke, „das
nicht mehr Assistenzarzt in einem Krankenhaus, macht Gesundheitsexperten Sorgen“, weil vor
sondern bettlägeriger Frührentner mit viel Zeit. allem CBD auf viele Krankheiten wirken soll.
Ein Freund habe ihn gebeten, etwas über Nutz- „Wir sehen ein potenziell großes therapeuti-
hanf zu recherchieren. Er habe sich eingelesen. sches Spektrum“, sagt Eva Hoch zur hellen Seite
Hanf, Marihuana, Cannabis, es gab in Deutsch- des Mondes. Wirklich gute Studien, die belegen,
land kaum Literatur. „Wenn man mehr weiß als dass Medikamente aus Cannabis helfen, die habe
die anderen, ist man schnell der Experte.“ Die man bisher kaum gefunden. Hoch zählt die Hin-
medizinische Seite des Stoffs faszinierte ihn. weise aus einer neuen Überblicksstudie auf:
Grotenhermen schrieb ein Buch zum Thema und Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapie

3000 JAHRE VOR CHRISTUS


machte seinen Doktortitel. Das Thema war Ende kann Cannabis wohl lindern, ebenso wie chroni-
der 1990er-Jahre noch heikel. Als Doktor und sche Schmerzen, den Appetit von Aids-Patienten
Buchautor gründete er den Verein.
Im Jahr 2007 erhielt eine Frau, die an multi-
erhöhen, Spastiken und Angst mildern.
„Die Datenqualität ist zum Teil sehr schlecht.
pler Sklerose erkrankt war, die erste Ausnahme- Es ist ein junger Forschungszweig, die Medizin
genehmigung zur Nutzung von Cannabis als Me- steht da am Anfang“, sagt Hoch hinterher.
S

dizin. Im Jahr 2012 kehrte Grotenhermen aus der In der Kleinstadt, eine Zugstunde von Berlin
So alt seien die ersten Hinweise Rente zurück und eröffnete seine Praxis. Die An- entfernt, fängt Melanie Fuchs manchmal an zu
H

auf eine Verwendung von Cannabis als fragen von Patienten an den Verein waren nicht gackern, wenn sie an ihrem Joint gezogen hat.
Medizin, schreibt Peter Cremer-Schaeffer, mehr zu bewältigen. Wie komme ich an eine Sie bekomme auch oft Appetit, „aber da bin ich
S

Leiter der Bundesopiumstelle, in seinem Ausnahmegenehmigung? Grotenhermen sagt, er eisern“, sagt sie. Nach zwanzig Jahren Kopf-
S

lesenswerten Überblicksbuch „Cannabis. betreue „Wiederholungstäter“, Menschen, die schmerzen seien die Nebenwirkungen ihres neu-
Was man weiß, was man wissen sollte“. mehrfach vor Gericht stünden, weil sie sich mit en Mittels wirklich auszuhalten.
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20 WISSEN WELT AM SONNTAG NR. 40 2. OKTOBER 2016

FUHRS HUND eine Opfer, sagte Ted Bundy auf beide Seiten des Beckens und ande-

Der erste gemeinsame


Hase hat Viko und Fips
gut getan. Sie gehen
freundlicher miteinan-
sich ausschließlich an Vi-
ko orientiert. Er soll auf
mich bezogen bleiben.
Deshalb werde ich in
S einmal, einer der grausams-
ten Serienmörder der Ge-
schichte der USA, habe er
an der Art erkannt, wie sie
die Straße entlanggelaufen seien. In nur
fünf Jahren, zwischen 1973 und 1978,
re zentrale Punkte des Körpers, um zu
messen, wie stark sich der Brustkorb
und der untere Teil des Körpers beim
Laufen bewegten. Dann ermittelten sie
anhand von Fragebögen verschiedene
Persönlichkeitseigenschaften, darunter
der um, seitdem sie das nächster Zeit viel mit ihm vergewaltigte und tötete er Schätzun- auch die Aggressivität.
Langohr auf einem VON ECKHARDT FUHR allein unterwegs sein. gen zufolge bis zu 60 junge Frauen. Und Je stärker die Bewegung von Brust-
Acker aufstöberten und Das ist schon deshalb nö- obwohl es so viele waren, schlug Bundy korb und Becken beim Laufen, schrei-
es eine Weile jagten, Viko mit voll tig, weil er sonst nie lernt, gesittet an nie wahllos zu: Welche Frau es traf, ent- ben die Forscher jetzt im „Journal of
klingendem Laut und Fips immerhin der Leine zu gehen. Auch das spieleri- schied er danach, wie sie lief. Nonverbal Behavior“, umso aggressiver
mit einem angedeuteten Quietschen. sche Apportieren klappt nur – und zwar war der Läufer – bei den Frauen ebenso
Weit ging die Hetze nicht. Viko gab erstaunlich gut – ohne Ablenkung durch VON FANNY JIMÉNEZ wie bei den Männern. Beim Laufen be-
bald auf, weil er sich vor Wochen an den zweiten Hund. Bald werde ich mit wege sich der Körper bei jedem Men-
der Schulter verletzt hatte und immer W Wildschwein- oder Rehblut Übungs- Ted Bundy war nicht der einzige schen ein wenig mit, so Satchell. Das

STONE/GETTY IMAGES
noch nicht ganz rund läuft. Nach zwei ffährten für Fips legen, ihn Appotier- Schwerkriminelle, der seine Opfer am Becken gehe mit dem Fuß nach vorn,
Minuten schon kamen die beiden Sei- Dummies im Schilfwasser suchen lassen Gang festmachte. Studien zeigen, dass die gegenüberliegende Schulter zum
te an Seite wieder zurück. Wenn mich und ihn bei Gelegenheit an einer fri- Verbrecher zum Beispiel sehr gut darin Ausgleich ein Stück nach hinten. Bei ag-
nicht alles täuscht, schliefen sie nach schen Hasenspur ansetzen, der er dann sind, am Gang von Menschen jeden Al- gressiven Menschen sei beides aber
diesem gemeinsamen Jagderlebnis hoffentlich mit begeistertem Spurlaut ters zu erkennen, ob derjenige in der messbar stärker ausgeprägt. Auch liefen
zum ersten Mal zusammen auf einer ffolgt. Er muss im Frühjahr, wenn die Ju- Vergangenheit schon einmal überfallen Was der Gang sagt: Zwei Eigenschaften spiegeln sich wider
W die aggressiven Männer etwas schneller
Matte. Seinen Schlafplatz hatte Viko gendprüfung ansteht, zwar jagdlich wurde. Der Gang scheint ihnen etwas als der Durchschnitt.
bisher für sich beansprucht und Fips noch nicht ausgebildet sein. Aber mög- über die Fragilität und Unterwürfigkeit John Thoresen von der École poly-
mit bösem Knurren auf Abstand ge- lichst viele Erfahrungen soll er gemacht
halten. Nun träumten sie friedlich ne- haben und seine Anlagen zeigen.
beneinander von Meister Lampe. Fips wird von Tag zu Tag erwachse-
Ich hoffe, dass gemeinsames Jagen ner. Und Viko scheint damit einiger-
des Opfers zu verraten. Über seine Fä-
higkeit und den Willen, sich zu wehren.
Dass die Art, wie jemand läuft, auch
etwas mit seiner Persönlichkeit zu tun
Laufende technique fédérale de Lausanne in der
Schweiz ist einer jener Forscher, die
vergeblich versucht haben, Zusammen-
hänge zwischen dem Gang und der Per-
über die schwierigen Monate hinweg- maßen klar zu kommen. Lachen muss
hilft, die jetzt bevorstehen. Fips ist ich jedes Mal, wenn die beiden sich
mitten im Zahnwechsel. Aus dem Wel- beim Fressen wohliger Regression
haben könnte, leuchtet intuitiv ein.
Menschen glauben fest daran, dass Äu-
ßerlichkeiten Inneres widerspiegeln. GEFAHR sönlichkeit eines Menschen zu finden.
Er nutzte in einer Studie 2012 die glei-
che Methode wie Satchell, mit Markern

An der Art und Weise, wie ein Mensch geht,


pen wird ein Junghund. Zum Glück hingeben. Sie haben ihre Vorliebe für Sie versuchen ständig, aus dem Gesicht auf dem Laufband, fand aber nichts Be-
dauert die Pubertät bei Hunden nicht Milch entdeckt. Ihr Trockenfutter eines Unbekannten, aus seinen Gesten deutsames. Die Aggressivität habe er al-

lässt sich viel ablesen – mehr als einem lieb ist


so lange wie bei Menschen. Aber wir fressen sie nur noch in Milch einge- und eben auch aus seinem Gang zu le- lerdings nicht untersucht, sagt er etwas
müssen halt durch. Und zwar mög- weicht. Das schlabbern sie wie Wel- sen, mit wem sie es da zu tun haben. bedauernd. Denn tatsächlich liege es
lichst ohne nervenaufreibende Rang- penbrei und lecken sich nachher ge- Meist liegen Beobachter mit ihren nahe, dass sich eine aggressive Haltung
kämpfe. Zum Glück bieten Herbst und nüsslich die weißen Schnauzen. Den Einschätzungen sogar erstaunlich rich- im Gang spiegele, ebenso wie es ja of-
Winter den beiden Hunden genug Ge- Spaß sollen sie haben. Es kann nicht tig – nur beim Gang trifft das nachweis- und bestimmten Persönlichkeitseigen- menhang zwischen der Art zu laufen fenbar die Unterwürfigkeit tue. „Sat-
legenheit, zusammen Jagderfahrun- jeden Tag frisches Wild geben. lich nicht zu. Wer etwa verkrampft schaften. Einzige Ausnahme bisher: die und der Aggressivität eines Menschen. chell hatte ein gutes Gespür“, sagt er.
gen zu machen und immer enger zu- läuft, ist noch lange kein verkrampfter Fragilität. Doch nun gibt es eine zweite. Die Psychologen um Liam Satchell Denn Dominanz und Vertrauenswür-
sammen zu wachsen. Der Autor ist Korrespondent Typ, wissen Forscher schon seit Jahren. Gerade konnten Psychologen der engli- baten für ihre Studie 29 Probanden auf digkeit seien die beiden Eigenschaften,
Zu eng darf das allerdings auch nicht für Kultur und Gesellschaft der Sie fanden keine belastbaren Zusam- schen University of Portsmouth erst- ein Laufband im Labor. Sie klebten ih- nach denen Menschen beim ersten Tref-
werden. Ich muss vermeiden, dass Fips WeltN24-Gruppe
w menhänge zwischen der Art zu laufen mals zeigen: Es gibt auch einen Zusam- nen Marker auf beide Schulterblätter, fen als Erstes suchen würden.

SONNTAGSRÄTSEL – Gewinne im Wert von 350 Euro


Kuba liebt Tschuki SCHACH SUDOKU VON STEFAN HEINE

MIT HELMUT PFLEGER LEICHT


arg- Reforma- früheres Farben- Figur in
Kuba ist seit seinem Weltmeis- a b c d e f g h 12.De3 Tb8?! 13.0-0 Df6? 14.g3 Verband-
mull
listige tor aus
Täu- Böhmen
öffent-
liches
Be-
wahrer
grund-
ugs.:
Computer
„Wie es
euch
Unge-
ziefer
ter José Raúl Capablanca 8 8 Ld7 15.Se5! De7 16.f4 Sf6 schung † 1415 Gebäude stoff gefällt“
(1921–27) in Lateinamerika das 7 7 17.Tae1 Tfc8 18.g4! Der sonst s. geben
lassen
Schachland par excellence. riesenstarke Ungar agiert wie und mit- Ring
6 6
Fidel Castro und Che Guevara das Kaninchen vor der Schlan- nehmen �
spielten beim Warten auf den 5 5
ge, unschlüssig und langsam ist griechi-
scher Stern im
unauf-
merksam,
„Sieg der Revolution“ öfter 4 4 sein Aufbau. Das Bauernopfer Götter- „Orion“ gleich-
miteinander, vor allem Letzte- Iwantschuks muss er anneh- vater � gültig
3 3
Ab-
rer war ein häufiger Gast bei men, ansonsten käme stark g4- schieds-
den Capablanca Memorials, de- g5! 18...Sxe5 19.fxe5 Sxg4
2 2
gruß
� (ital.)
ren besondere Atmosphäre ich 1 1 20.Dg3 h5 21.Te2 f5!? 22.exf6 Teil der Stadt
selber mehrmals genießen a b c d e f g h
e.p. Sxf6 23.Tef2 Sg4 Kirchen-
sehr
leichte
Käse- bei
durfte. Stellung nach 18.g4 Nicht 23...Tf8? 24.Txf6! Txf6 ein-
richtung Holzart
wasser Augs-
burg
„Sauwohl“ fühlt sich dort auch a b c d e f g h 25.Dxb8+. 24.Tf7 Dg5 Auch langsam grie-
der geniale Ukrainer Wassil 8 8 24...Dxf7 25.Txf7 Kxf7 26.Dd6 spazie-
ren
chische
Vorsilbe:
Pflug- Schwanz- MITTEL
messer lurche
Iwantschuk, der heuer schon 7 7 nebst 27.Sf3 war hoffnungslos. gehen zehn
zum siebten Mal das Turnier 25.Txd7 Tf8 25...Dxd2 26.Tf1-f7 niederl. Binde-
gewann und wegen seiner mit furchtbarer Turmverdopp-
6 6 Maler
(van ...) wort
schrullig-liebenswürdigen Art 5 5 lung! 26.h4! Dxd2 Auf geht’s � † 1890 (je - ...)

in Kuba geradezu verehrt wird. 4 4 zum unparierbaren Mattan- schwanz-


loser
all-
So hat der inzwischen 47-jähri- 3 3
griff! 27.Txg7+! Kh8 Bei der Berber- Gelege gemein-
gültig
ge „Tschuki“, der „an schlech- Annahme des Turmopfers mit affe �
ten Tagen wie ein Patzer und 27...Kxg7 hätte 28.Dc7+ Kh6 Gebiet, Internet-
2 2
Kreis- durch- Top-
an guten wie ein Weltmeister 1 1 29.Dh7 mattgesetzt. aus- suchen Level-
schnitt � Domain
spielen kann“ (Kasparow), a b c d e f g h 28.Txg4 hxg4 28...Txf1+ 29.Lxf1 ein
dort meist „gute Tage“. Den Stellung nach 26...Dxd2 hxg4 30.Dxb8+. 29.De5+ Kg8 Selten- West-
Ungarn Zoltán Almási besiegte 30.Dxe6+ Kh8 31.De5+ Kg8 erd-
metall
germane

er mit einer Mattkombination 1.d4 Sf6 2.Sf3 e6 3.Lg5 h6 32.Dxd5+ Haupt- Online-
nach einem Turmopfer. 4.Lh4 c5 5.c3 d5 6.e3 Sc6 Schwarz gab auf wegen Birken- stadt kommunik. Auflösung aus dem Heft ��
grün Basch-
Iwantschuk – Almási 7.Sbd2 cxd4 8.exd4 Le7 9.Ld3 32...Kh8 (32...Kg7 33.Dd7+) kiriens
Blumen-
steckkunst P V J
Torre-Angriff 0-0 10.De2 Sh5 11.Lxe7 Dxe7 33.Dh5+ Kg7 34.Dh7 matt. gesell- dazu,
C A L C I U M O D E U M SCHWER
schaft- oben- LU R E O R G I E I
liches
Ansehen drein E LG E R T E M P O R
päpst- zugespitz- E P D E L L E R
Bilderansammlung BRIDGE liche
Zentral-
te Lage
Fig. i. „Der
I
I N
N E G A L
E S W
E
T I
T I
T A N
L
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MIT ROBERT BOEDDEKER
behörde Bajazzo“
S J A G O I R O N
Gesindel, A S S A I R N I K I
Warnsignale gab es für Süd zur verlauf viele seiner Punkte Pöbel D I C H X Y L O F O N
Genüge. Doch dieser schaute ♠ 962 wertlos waren. In Pik sitzt West Regist-
L E H R T
Tempo
nur auf seine eigenen Karten ♥ 9642
♦ 42
mit der Stärke hinter ihm, ♥D eines ratur E M W E S
und ignorierte seine Umwelt. ♣ B962 und ♥B sind absolut wertlos, Pferde- Grotten-
rennens molch � U R S U L A K
Ost passte, und Süd war sehr er- ♠ A D 10 8 3 N ♠ 75 und die Karos sind sehr durch- ausge-
I A L S O
♥ 87 ♥ A K 10 5 3
baut von seiner Kollektion an ♦ A D 10 3 W O ♦ 9 wachsen. Er kann mehr verlie- storb. fertig A NM A C H E N
♣ 43 S ♣ D 10 8 7 5 Feuer- E I S K A L T
Bildkarten. 1♦ war ein guter Auf- ♠ KB4
ren als gewinnen und sollte sich länder �
gekocht
P L I I B O
takt von ihm. West bot 1♠, Nord ♥ DB auf 2♥ in Zurückhaltung üben.
♦ KB8765 P I R
passte, und Ost meldete 2♥. ♣ AK mildern
Süd dachte nur: „Ich habe 18 Aufgabe für den 2.10.16: Kön- ® (1-9) Anmeldung
Punkte, ich muss noch was un- Teiler: Ost, Gefahr: Nord/Süd
T nen Sie auf Süd 5♣ erfüllen? ausge-
� � � � � � � � � Lösung der Rätsel
storb.
ternehmen.“ Beherzt bot er 3♦, West greift mit ♠D an. neuseel.
der vergangenen
Woche: im Uhr-
doch das Verteilungsglück war Aufgabe
Vogel slv������� zeigersinn rechts
ihm nicht hold. Mit seinen ex- Lösung der Aufgabe vom beginnend leicht,
Die Aktion Mensch verlost 4x ein Glücks-Los. Damit haben Sie drei Monate lang jede
♠ A432
zellenten Karos kontriete West, ♥ 872 25.9.16: Der Tisch gewinnt mit mittel und schwer

alle passten, und Süd hatte we-


♦ ADB4
♦A, und es folgt ♦B, auf den Süd Woche die Chance auf bis zu 1 Mio. € sofort und bis zu 5.000 € im Monat. Wöchentlich
winken 12.500 € extra. Am 2.11. ist die große Herbst-Sonderverlosung, da gibt es
♣ K4
nig Freude am Spiel. Cœur-An- Treff abwirft. Ost kann von sei-
20 Mio. € extra.
♠ D B 10 8 N ♠ K95
♥ AD64 O ♥ B 10 9 3
griff zu Osts König folgte Pik ♦ K962 W ♦ 10 8 7 ner Seite nicht Cœur spielen
♣ B S ♣ 10 8 2 SO SPIELEN SIE MIT:
zur Dame, ♠A, Pik gestochen, und wechselt auf Trumpf. Süd Nennen Sie das Lösungswort per Telefon: 01379-560 056 (0,50 € aus dem dt. Festnetz, mobil deutlich teurer), oder
♠ 76
♥A, und West bekam noch drei ♥ K5 gewinnt, spielt Treff zum Ass, Sie senden eine SMS mit folgendem Text an die 40400 (0,50 €/SMS): Rätsel, Lösung, Name, Anschrift
Trumpfstiche – vier kontrierte ♦ 53 kassiert ♣K und schnappt Treff.
♣ AD97653 Teilnahmeschluss ist am 8. 10. 2016 um 24 Uhr. Rechtsweg und Barauszahlung sind ausgeschlossen.
Faller kosteten 1100. Süd sollte Das vierte Treff ist hoch und Das Lösungswort in Nr. 38 hieß: Anmeldung
erkennen, dass nach dem Reiz- Teiler: Ost, Gefahr: keiner
T über ♠B erreichbar. Die WENKO-Abfalleimer haben gewonnen: Ilona Früd, Geestland; Christine Lämmer, Hamburg. Infos: www.aktion-mensch.de

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2. OKTOBER 2016 WELT AM SONNTAG NR. 40 LEBEN 21

FXBMUJTUBVDILFJOF-ÚTVOH
FEFT[XFJUF,JOE[XJTDIFO
FDITVOE+BISFOTPMMTDIPO
BMWPOBOEFSFOHFTDIMBHFO
PSEFOTFJOPEFSTFMCTU
VHFTDIMBHFOIBCFO

IMAGO STOCK

Du OPFER!
ür Eltern ist das schwer zu ertra- aus dem Konzept, dass sie perplex von ihrem Op-

F
gen: Wenn der Sohn in der Kita ffer ablassen“, so die Erfahrung von Frau Freitag.
vom Bobbycar geschubst wird Sich ohne viele Worte zu wehren, wird in Ber-
und der Dieb fröhlich davon lin-Neukölln gelehrt. In dem für seine Kriminali-
schiebt, während beim eigenen tät und Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen
Kind nur die Unterlippe zittert, bekannten Bezirk betreibt Andreas Marquardt
fassungslos ob dieser Dreistig- eine Karate-Sportschule, in deren Kurse unter

Verbale und körperliche Gewalt auf Schulhöfen ist beinahe


keit. Oder die Tochter von der Schule mit einer anderem Kinder der berühmt-berüchtigten Rüt-
blutenden Lippe nach Hause kommt, weil zwei li-Schule gehen. Bis Anfang der 1990er-Jahre war

alltäglich geworden, klagen Lehrer. Viele Eltern fragen sich, wie sie ihre Kinder
Mädchen mit ihr ein neues Schubs-Spiel auspro- Marquardt ein gewalttätiger Zuhälter und saß
biert haben, bei dem, man ahnt es, nur die Toch- deshalb mehrere Jahre lang im Gefängnis. Heute

davor schützen können, zur Zielscheibe zu werden


ter von den anderen beiden geschubst wurde ist der 61-Jährige geläutert, will der Gesellschaft
und zum Schluss auf den Mund fiel. etwas zurückgeben und unterrichtet Kinder zwi-
schen vier und 17 Jahren in Karate, laut Mar-
VON SANDRA WINKLER quardt ab Herbst sogar in Zusammenarbeit mit
dem Berliner Senat.
Hauen, Hänseln, Haareziehen ist unter Kin- mit autoritären Eltern oder solche, die zu Hause Ist das Kind älter als drei Jahre, sollte es Pro- Situationen durchgehen, in denen Ihr Kind sich „Der Sport formt den Charakter, formt die
dern keine Seltenheit – und war es wohl nie. Bei viel negatives Feedback erhalten, zeigten ein bleme allerdings allein konstruktiv lösen kön- bedroht fühlt oder gehänselt wird. Überlegen Sie Haltung, formt das Kind“, lautet Marquardts
einer Befragung der Universität Bielefeld 2013 leicht erhöhtes Risiko, Opfer von Mobbing zu nen. Wenn Helikoptereltern dann sofort für dann gemeinsam Möglichkeiten zu reagieren“, Motto. Und das in beide Richtungen. Kinder, die
gaben knapp die Hälfte der 900 Kinder und Ju- werden. Das Gleiche gilt für Kinder mit beson- Recht und Ordnung sorgen, ist es schwer, eigene rät Andreas Schick, Leiter des Heidelberger Prä- drohen auf die falsche Bahn zu geraten, würden
gendlichen zwischen sechs und 16 Jahren an, ders behütenden Eltern. Sie scheinen auf das Streit-Strategien zu entwickeln und Selbstbe- ventionszentrums und Mitbegründer von durch den Sport Disziplin, Respekt, Pünktlich-
schon einmal einen anderen geschlagen zu ha- raue Leben außerhalb der eigenen vier Wände wusstsein aufzubauen, um sich in der Kita oder „Faustlos“, einem Programm gegen Gewalt, das keit lernen, schwächere Kinder Selbstbewusst-
ben oder von anderen geschlagen worden zu nicht vorbereitet zu werden. auf dem Schulhof behaupten zu können. in Kindergärten, Grundschulen und Sekundar- sein und innere Stärke.
sein. Beschimpft oder beleidigt hatten und wur- Experten raten daher Eltern, den Mittelweg „Man kann den Kindern nicht alles abnehmen“, stufen eingesetzt wird. Zu den jüngsten der 15 Kursteilnehmer an ei-
den fast ein Drittel. zwischen Strenge und Geborgenheit zu gehen. sagt etwa Frau Freitag, die seit 15 Jahren an Berli- Andreas Schicks faustlose Abwehr-Strategie: nem Freitagnachmittag gehört ein vierjähriger
Für Aufsehen sorgen Fälle wie der an einer Sie sollten nicht alle negativen Erfahrungen ri- ner Schulen unterrichtet und unter diesem Pseu- „Dem anderen laut und deutlich sagen: ‚Nein! Junge, der perfekt in die Rolle des Opfers zu pas-
Euskirchener Gesamtschule in der vergangenen goros von ihren Kindern fernhalten, klare Ver- donym bereits mehrere Bestseller wie „Chill mal, Hör auf!’“ Und wenn das nichts bringt: abhauen. sen scheint: sein Körper dicklich, der Teint bleich,
Woche. Dort war ein Zwölfjähriger von vermut- haltensregeln, aber auch emotionale Wärme ver- Frau Freitag“ über das Leben einer Lehrerin ge- „Auf jeden Fall sollten Sie Ihr Kind ermuntern, das Gesicht rund. Tapfer steht er in der dritten
lich zwei Mitschülern derart schwer verprügelt mitteln. schrieben hat. „Natürlich, wenn ein Kind geärgert einem Erwachsenen Bescheid zu sagen, wenn es Reihe, gleich hinter den größeren Jungs, tritt und
worden, dass er in Lebensgefahr schwebte und Was im Prinzip einfach klingt, fällt offenbar wird, es ihm in der Schule nicht gut geht, muss
w bedroht oder gehänselt wird. Machen Sie ihm schlägt auf Anweisungen seines Lehrers Mar-
ins künstliche Koma versetzt werden musste. vielen Müttern und Vätern heute schwer. Statt- man mit den Lehrern reden. Letztendlich sollten deutlich, dass Hilfeholen kein Petzen ist.“ quardt entschlossen in die Luft, stößt dabei
q
Ein drastischer Einzelfall, ganz sicher. dessen muten und trauen sie ihren Kindern we- Eltern das Kind aber darin bestärken, sich selbst Bei verbalen Attacken kann auch antrainierte Kampfschreie aus. Und als ein älterer Junge auf
Dennoch klagt auch der Bayerische Lehrer- nig zu, versuchen dem Nachwuchs das Leben so zu behaupten, Sachen allein zu regeln.“ Schlagfertigkeit hilfreich sein. Dafür überlegen Marquardts Zwischenfrage, warum sie Karate trai-
verband über einen rauer gewordenen Um- leicht wie möglich zu machen. Und gibt es mal Helfen könne man dem Kind dabei, indem Eltern sich mit ihrem Kind ein Repertoire von nieren, antwortet: „Um uns zu verteidigen und
gangston an deutschen Schulen. Auf den Schul- Ärger zwischen Gleichaltrigen, wird schnell in- man mit ihm ein paar Abwehr-Manöver erarbei- überraschenden und originellen Antworten auf
ü um die Schwachen zu schützen“, nickt er heftig.
höfen verbreite sich zunehmend eine aggressi- terveniert. tet: „In Rollenspielen können Sie zum Beispiel blöde Sprüche. „Das bringt die Rüpel meist so In der Kita wurde der Junge gehänselt, erzählt
ve und hasserfüllte Sprache, bereits Acht- oder Marquardt später. Seit drei Wochen trainiere er
Neunjährige werfen mit Ausdrücken wie „Fickt nun bei ihm Karate. „Er ist in der Zeit schon sehr
euch!“ und „Untermenschen“ um sich, erklär- aus sich rausgekommen.“
ten die Lehrer, die aus diesem Grund ein Mani- Aber fördert Kampfsport nicht auch die Ge-
ffest mit dem Titel „Haltung zählt“ verfasst ha- waltbereitschaft? „Nein“, sagt Marquardt. „Wir
ben. Und nach Einschätzung des bundesweiten
Deutschen Lehrerverbandes hat nicht nur die
verbale Gewaltbereitschaft zugenommen. Ob
„Die Verletzungen gehen viel tiefer“ unterrichten ja hier nicht, wie man andere ernst-
haft verletzt. Aber die Reaktion muss so sein,
dass die Aktion aufhört.“ Wenn das verbal ginge,

Opfer von Cybermobbing bekommen oft psychische Probleme bis hin zu Depressionen
die Aggressivität aber tatsächlich zugenommen gut. Wenn eine Drohhaltung ausreiche, prima.
hat, darüber sind sich Experten uneinig. Lang- Aber im Notfall sollte man sich zum Beispiel mit
zeitstudien gibt es keine. einem Stoß auf den Brustkorb des anderen weh-
Viele Mütter und Väter sind – eine Folge der ren können. „Denn mal ehrlich, was bringt es ei-
gewaltfreien Erziehung – heute jedenfalls sen- a war Matthew Burdette aus San Entrinnen, auch nicht zu Hause, im eigenen die alle beneiden“, sagt Schulte-Markwort. nem Kind, wenn ihm ein Auge ausgestochen
sibler für das Thema, als es noch ihre eigenen El-
tern waren. Sie fragen sich daher: Was kann man
tun, um das eigene Kind zu schützen? Wie macht
D Diego. Ein Mitschüler hatte ihn
beim Masturbieren gefilmt und das
Video im Netz veröffentlicht. Zwei Wochen
Zimmer. „Daher gehen die Verletzungen bei
Cybermobbing auch viel tiefer“, sagt Ju-
gendpsychiater Michael Schulte-Markwort,
Sogar Prominente wie Millionenerbin Paris
Hilton sind schon Opfer von Cybermobbing
geworden. Nur trifft es die Scheuen, die keine
wird und der Schuldirektor ihn danach lobt, dass
er sich nicht gewehrt hat.“
Ob sie ihrem Kind als letzten Ausweg das Zu-
man es selbstbewusster, härter, durchsetzungs- lebte Matthew mit dem Spott. Dann schrieb der die Kinder- und Jugendpsychosomatik stabilen Freundeskreis haben, viel härter. rückschlagen zugestehen oder ihm sogar dazu
fähiger ohne vom Postulat der Gewaltfreiheit er: „Ich möchte nicht sterben, aber ich habe im Universitätsklinikum Hamburg-Eppen- Schon ein einziges Kind, das einem solchen raten, müssen Eltern wohl selbst abwägen. Auf
abzurücken? keine Freunde“ und nahm sich das Leben. dorf leitet. Zudem seien die Täter oft noch Betroffenen im Netz zu Hilfe kommt, könne der einen Seite fördert Gewalt natürlich nicht
Dazu eins vorweg: Ein Teil unseres Tempera- Er war 14 Jahre alt. Da war Amanda Todd, 15. skrupelloser: „Die sehen ja auch nicht, was da einen riesigen Unterschied für die Opfer gerade die soziale Kompetenz der nächsten Ge-
ments, circa 30 bis 50 Prozent schätzen Wissen- das mit dem Opfer macht.“ machen, sagt Schulte-Markwort. neration, auf der anderen hilft es nichts, gebets-
schaftler, ist angeboren. Das können viele Eltern VON BARBARA KOLLMANN Zehn bis zwanzig Prozent der Kinder und Wissenschaftler der Uni München zeigten mühlenartig Aggression zu verteufeln, wenn den
bestätigen, die mehrere Kinder haben. Häufig Jugendlichen sind betroffen, schätzt Schulte- in einer Studie über „Bystanderintervention gequälten Kindern die Mittel und Wege ausge-
können diese unterschiedlicher nicht sein. Das In einem Video erzählte das Mädchen aus Markwort, in dessen Klinik mindestens acht bei Cybermobbing“ allerdings, dass die Not hen, sich zu wehren.
eine mag niemandem auch nur ein Haar krüm- Port Coquitlam in Kanada acht Minuten der 80 Therapieplätze von Mobbingopfern Betroffener virtuell von anderen nicht so Der Wille, sich zu wehren, sollte aber immer
men, das andere reißt dem, der es ärgert, kurzer- und 55 Sekunden lang die Geschichte eines belegt sind. Es gibt aber auch Studien, die von schnell wahrgenommen wird. Was vor allem vom Kind ausgehen und nicht das Gerechtig-
hand büschelweise Haare aus. Cybermobbings. Stumm: Sie hielt 74 Zettel bis zu 82 Prozent ausgehen. In einer Umfrage auch an der Anonymität der Kommunikation keitsempfinden der Eltern widerspiegeln. Wenn
Dass aber auch der Erziehungsstil einen gro- in die Kamera mit Sätzen wie: „Ich habe unter 1734 Schülern (14 bis 20 Jahre) dagegen im Internet liegt. die Schubserei auf dem Schulhof tatsächlich nur
ßen Einfluss darauf hat, wie gut sich Kinder spä- niemanden.“ Sie erhängte sich in ihrem bezeichneten sich nur sechs Prozent als „Op- Psychiater Schulte-Markworts rät Eltern als Spiel wahrgenommen wurde, leiden die El-
ter unter Gleichaltrigen behaupten, fanden Psy- Kinderzimmer. ffer“. Aber ein Drittel hatte „schlechte Erfah- daher auf Verhaltensveränderungen zu ach- tern in dieser Situation offenbar mehr als das
chologen von der britischen Warwick Universi- Es sind besonders drastische Fälle von rungen“ gemacht. Es zeigt, dass die Abgren- ten und bei ersten Alarmsignalen sich mit Kind. „Dann muss man als Erwachsener nicht
tät heraus. Sie werteten 70 Studien aus den ver- Cybermobbing. Doch sie zeigen, wie stark zung zwischen normaler Boshaftigkeit und dem Kind zusammenzusetzen. Auch Lehrer sofort die eigene Befindlichkeit dem Kind über-
gangenen Jahren aus, an denen insgesamt mehr die psychischen Folgen für Betroffene gezieltem Cybermobbing auch für Wissen- sollten einbezogen werden. „Die Erwachse- stülpen. Man sollte trennen können, was die per-
als 200.000 Kinder teilgenommen hatten. Ihr durch derartige Angriffe sind. Viele leiden schaftler noch schwierig ist. nen müssen allen Beteilligten klarmachen, sönlichen Ansprüche, Befürchtungen, Erinne-
Ergebnis: Ein besonders strenges Elternhaus unter Depressionen, entwickeln Essstörun- Zudem gibt es keinen eindeutigen Opferty- dass sie so etwas nicht zulassen werden.“ rungen sind, die da hochkommen“, sagt Andreas
schafft keine guten Voraussetzungen, damit der gen oder trauen sich nicht mehr aus dem pus. „Es kann sowohl die Schüchternen und Und dass Cybermobbing strafrechtliche Fol- Schick. Entscheidend ist letztlich, zu erkennen,
Nachwuchs auf dem Schulhof besteht. Kinder Haus. Vor digitalem Mobbing gibt es kein sozial Inkompetenten treffen, aber auch die, gen haben kann. wann es um mehr als eine Schubserei geht.
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22 LEBEN WELT AM SONNTAG NR. 40 2. OKTOBER 2016

Israel ist mit einer Art Delegation erschienen.


Ihre Begleiterinnen: zwei tantige Damen mit

M
sehr tiefen Stimmen. In Israel hat es einen na-
tionalen Contest gegeben hatte, zur Qualifikati-
on für Barcelona. Gewonnen hat Tallen Abu
Hanna, 22 Jahre alt, arabische Christin, geboren
in Nazareth. Die Managerinnen sitzen stets in
der Nähe, wie Schutzschilde.
Panama benötigt zwei Tische im Frühstücks-
raum. Zwei Frauen und drei Männer begleiten
sie. Die Frauen sind echt. Sie haben kurze Haa-
re, und kurze Haare kann man sich nur leisten,
wenn man nie ein Mann war. Es könnten Freun-
dinnen sein oder Schwestern. Die Männer sind
klein. Sie sind Fans, vielleicht. Oder Liebhaber.
MORGENS Tattoos, geschorene Haare, gezupfte Augen-
Es ist neun Uhr früh, und am Frühstücksbüffet brauen. Männer wie Pittbulls. Sie reichen
eines sehr ordentlichen Hotels im Industriege- Panama bis unters Kinn. Mit ihrem Gefolge
biet von Casteldefels, einem Vorort von Barce- sieht Panama aus wie eine Königin, und die Kö-
lona, wird frisches Rührei vom Küchenpersonal nigin tut, was Königinnen tun – sie schaut über
herbeigeschafft. Rührei geht besonders gut heu- ihr Volk hinweg, mit vielleicht echter, vielleicht
te früh. Sonst vermutlich auch. Aber heute ach- gespielter Hochmütigkeit.
tet man etwas mehr drauf, jedenfalls als norma- Der Schönheitswettbewerb findet das fünfte
ler Hotelgast. Davon gibt es auch ein paar hier. Mal statt – das ist vielleicht das Einzige, was
Alle essen gern Rührei, klar. Die etwas rühr- hier klar ist. Der Rest ist unklar. Unklar ist vor
eihungrigeren Hotelgäste erkennt man an die- allem die Frage, wer die Teilnehmer beziehungs-
sem Morgen daran, dass sie so groß sind. Rie- weise die Teilnehmerinnen sind, weil es die
sengroß und schön. Sie tragen violette Polo- simple Frage berührt: Mann oder Frau? Und die
shirts, die über der Brust spannen. Und unten- Frage, ab wann man eine Frau ist. Und die Frage:
rum: weiß. Weiße Hosen, sehr eng, weiße Röcke, Wer legt das fest? Die Biologie? Die Bürokratie?
W
kurz. Fantastische Beine. Schlank, braun, mus- Man könnte danach fragen, was sie hier sind.
kulös. Männer haben die schöneren Frauenbei- Man fragt auch danach. Und bekommt jedes mal

This is a
ne, sagte mal wer. Er hat recht. eine andere Antwort. Zum Beispiel: Transsexu-

Transsexuell. Transgender.
ell. Transgender. Shemale. Frau. Mädchen. Alle
VON KATHRIN SPOERR hier haben ihre eigene Geschichte, es sind aus-
Shemale. Mädchen.
nahmslos Leidensgeschichten.

Sie haben viele Namen,


Die Riesenfrauen tragen schon mal ihre
Schärpen. Steifes Band, den Schleifen von Grab- MITTAGS

doch sie eint, dass sie


kränzen nicht unähnlich. Darauf steht, kurz und Vor dem Stadttheater von Cornellà, einem an-
V
präzise, wer wer ist. „France“, „Greece“, „USA“, deren Vorort von Barcelona, in einem anderen

wie Frauen sein wollen.


„Israel“, „Brazil“, „Columbia“. Und so sprechen Industriegebiet, knallt Sonne auf Beton. Die
sie sich auch an. Fliesen am Bühneneingang sind braun. Der

Und vor allem schön.

MEN’S
„Hallo, Kolumbien, wie geht’s?“ Sommer hat Staub hergeweht. Jetzt ist der Som-

In Barcelona trafen sie


„Danke, Brasilien, Liebes.“ mer fast vorbei, aber der Staub ist geblieben.
Die Stimmen: Gehauchte Bässe. Hier und da Mehrzweckhallenambiente, menschenleer.

sich jetzt zu der Wahl


ein Bariton aus Satin. Stimmen kann man nicht Drinnen arbeitet die Klimaanlage, und die
operieren. Es sind und bleiben Männerstimmen. Teilnehmerinnen üben Gehen. Oben violett, un-

der „Miss Trans Star


Dies ist der Morgen vor dem etwas anderen ten weiß. Daniela zeigt ihnen, wie Gehen geht.
Schönheitswettbewerb. Er heißt Trans Star In- Sie trägt Turnschuhe. Ihre Stimme: ein hekti-

International“. Doch selbst


ternational 2016. scher Bariton. Daniela achtet darauf, dass ihr T-
25 Ländernamen auf 25 Schärpen. Deutliches
Gewicht auf den Ländern Südamerikas. Es wird
enorm viel auf Wangen geküsst, unfassbar feminin.
Was sein muss: Sehr hohe Schuhe. Auf ho-
W
hen Absätzen sehen die schönen Beine noch
besser aus. Und wie weiblich die gehen kön-
nen. Untenrum schwingen, obenrum balancie-
ren. Schauen, als wäre man allein auf der Welt
world die Schönste hat hier ihre
Leidensgeschichte
Shirt unter keinen Umständen die linke Schul-
ter bedeckt. Immer rutscht es hoch. Sie zieht es
wieder herunter.
Die Musik schreit; Daniela schreit lauter:
„Nicht zu schnell gehen, Chicas! Argentinien!
Lang-sa-mer!“ Zu schnell gehen, ist genauso
schlimm, wie zu langsam. Wer schnell geht,
bringt Unruhe auf die Bühne, und die Reihe reißt
– und trotzdem alles mitschneiden; die Be- ab. Wer zu langsam geht, wie jetzt Peru, bringt
wunderung der echten Männer und die Be- die Reihe ins Stocken, Stau hinten, Lücke vorn.
wunderung der echten Frauen. Richtig wäre so: Schreiten, im Takt der Musik.
Die Haare sind blond, schwarz, braun, voll, Der Versuchung widerstehen, durch Langsam-
lang, offen. Die Brüste sitzen weit oben. Nasen keit Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, durch
sind niedlich und Lippen voll. Kaum etwas ist Schnelligkeit, Nervosität zu überspielen.
hier Natur. Aber welchen Wert hat schon Natur, Schweden hat die Beine zu steif, Peru bewegt
wenn sie fehlerhaft ist? den Kopf stärker als die Hüften, Kolumbien
Das Gesicht von Panama ist fein wie Brüsse- macht es genau richtig. Die Musik kommt vom
ler Spitze. Die Wangen sind hoch und zart, die Band, immer wieder: „Like a Phoenix“.
Brauen ein gekonnter Schwung über Augen, Like a Phoenix. Das das ist der Titel. Das ist
deren Niedlichkeit an Katzenbabys erinnern. die Bestimmung. Jede dieser Frauen fühlt sich
Die Nase – ein winziges Ding mit einem Minia- wie Phönix. Verbrannt als das, was sie war – ein
turbogen links und rechts der Spitze. Gute Ar- Mann im falschen Körper, ein Perverser, der sich
beit. Ein Mund, wie aus dem Playboy. Telefon- heimlich in Frauenkleider zwängte, das Gespött
nummern von Chirurgen werden nur an Ver- der Stadt, des Dorfes, der Straße – alles Asche.
traute weitergegeben. Wiedergeboren wurde etwas Neues. Etwas
Manchmal, wenn Panamas Haare beim Schönes und Strahlendes. Und immer höher
Schreiten ein wenig hin und her wippen, sieht steigen sie: Jeder Schnitt in Haut, jedes Implan-
man den Knüpfansatz dort, wo normalerweise tat, jedes Weghobeln von Knochen, jedes Auf-
ie Kopfhaut ist. Es fällt nicht weiter auf
die auf. bringen von Knochen – alles ist wie ein immer
Haare sind ein ganz schwieriges Thema. Sie wieder Verbrennen des Alten und ein Erwachen
ffallen einfach aus am Kopf, egal, was man tut. von Neuem. Der Phönix arbeitet an seiner Voll-
Sie verschwinden, wo man sie gern hätte und endung von Operation zu Operation, wenn’s
wachsen dort, wo man sie nicht will: am Kinn, sein muss, bis ins Grab.
an den Ohren, der Nase, der Brust, den Beinen. Die Choreografie ist nicht schwer. Die
Lasern hilft, aber Frauenhaut wird es nie. Am Gruppe muss sich auf der Bühne teilen, eine
Kopf hilft nichts. Eine Perücke zu tragen, ist Hälfte geht nach links, die andere nach rechts.
deswegen erlaubt. Die Haare von Schweden sind Daniela schreit: „Stehenbleiben. Blickkontakt
echt. Vermutlich. zum Publikum.“ Sie klatscht den Takt mit den
Frankreich ist mit ihrem Partner da, elegant Händen und tritt ihn mit den Füßen. Ihr T-
und groß, goldene Brille. Die beiden schweigen Shirt will schon wieder auf die Schulter rut-
LUIS TATO (6)

beim Essen, wie ein Paar, das sich etwas zu lange schen. Sie zieht es zurück. Die linke Schulter
kennt. Wenn sie nebeneinander stehen, wirkt er hat nackt zu sein, so bleibt sie eine Frau, auch
plötzlich doch klein. Sie verlassen das Büffet in Turnschuhen. Daniela hat sehr kleine Brüs-
Hand in Hand. „Nicht zu schnell gehen, Chicas! Argentinien lang-sa-mer“: Probe für den Auftritt am Abend te. Sie sehen aus wie echt.
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2. OKTOBER 2016 WELT AM SONNTAG NR. 40 LEBEN 23

Lange Haare, lange Beine,


volle Lippen: Die Haare
von Miss Schweden
(Foto l. außen) sind
vermutlich echt.
Auf hohen Absätzen sehen
die Beine noch schöner aus,
das Laufen wird nur
schwieriger (Foto Mitte).
Like a Phoenix: Miss
Brasilien (l. und r.)
hat den Contest gewonnen

Ein Kamerateam trifft ein. Sie drehen einen und Miss Trans Star International 2015. Sie schlechtsorgan, naja, ähnlich ist. Vanessa Lopez, sen und sich eines Tages entschieden, Schluss
Fünfminutenbeitrag für die Abendnachrich- wird heute das mit Strass absolut unsparsam amtierende Miss Trans Star, ließ es machen. Die zu machen mit der Konvention. Warum Mann
ten. Eine Protagonistin wird gesucht, fürs In- besetzte Diadem weiterreichen müssen. Die meisten entschieden sich, an dieser Stelle Mann sein, wenn es keinen wirklichen Grund gibt, au-

WIR SIND
terview. USA kommt in Frage oder was Süd- Krone ist der Preis für die Siegerin. Außer- zu bleiben. Für den Wettbewerb hilft man sich ßer dem Zufall falscher Gene? Die die Männer-
amerikanisches. Oder Nigeria. Sie ist die ein- dem: eine Schönheitsoperation in Thailand im mit Klebeband. sachen wegschmissen und auf hohen Schuhen

VERRÜCKT NACH
zige schwarze Kandidatin. Südafrika ist auch Wert von 8500 Euro plus 3500 Euro in bar. In
W Vanessa Lopez, die Chilenin, lebt in Schwe-
V gehen lernten. Die abschnitten, was störte, auf-
da, aber weiß. Das Fernsehteam entscheidet der Jury sitzen Chirurgen aus Thailand und den. Sie nennt Schweden ein „Land der Intole- montierten, was fehlte, die die Haare, sobald sie
PLASTISCHER
sich für Israel, obwohl Israel weder spanisch Männer der Modebranche. ranz“. Der Transmensch werde dort verachtet ausfielen, durch verrückte Perücken ersetzten.
noch englisch spricht. Besonders beliebt sind Nasen, Brust- und und verhöhnt. Seit sie letztes Jahr gewann, wur- Es ist eine Community, die an diesem Abend nur
CHIRURGIE
Spätestens ab diesem Moment ist Israel die Gesäßimplantate. Manche Wangenknochen de sie zur Berufskämpferin für Toleranz in eins will: sich feiern.
Favoritin. Ein tiefes, aber doch irgendwie könnten höher, manche Kiefer kleiner sei. Fett Schweden – in jedem Interview, das sie gab, und Sie feiern ihre Schönheit, die sie unentwegt
VANESSA LOPEZ,
Schnattern greift um sich. Dann könne man ja an den richtigen Stellen. Man kann unendlich jedem Buch, das sie schrieb. Immer geht es um auf Selfies festhalten und posten. Facebook,
Miss Trans Star International 2015,
gleich aufhören, wenn eh schon alles klar sei. viel machen. Vanessa Lopez, die amtierende Männer oder Jungen, die etwas anderes sein Snapchat, Instagram. Wenn dass hier real ist,
Chilenin, die in Schweden lebt
Sehr weibliche Konkurrenz liegt in der Luft. Königin, sagt es so: „Wir sind verrückt nach wollen, nämlich Frauen oder Mädchen. Solange kann dieses Leben nicht falsch sein.
Perfekt gemachte Schmollmünder bekommen plastischer Chirurgie“. die Gesellschaft ist, wie sie ist, gehöre das Lei- Heute Abend, auf der Bühne von Cornellà,
einen Zug ins Traurige. Dann klatscht Daniela Nur Israel nicht. Und wenn Israel den Wett- den zum Leben dieser Menschen. Vanessa Lo- wird die Choreografie perfekt klappen. Die
in die Hände und schreit: „Weiter, Chicas.“ bewerb gewönne – was dann? „Sieh sie dir an“, pez ist unendlich schön. Kandidatinnen werden kämpfen. Jede wird auf
Miss Israel setzt sich auf die Bühnentreppe sagt eine der Managerinnen und streicht Israel Zur gleichen Zeit findet sich im Foyer Publi- die Bühne gehen, so schön sie es hinkriegt und
und gibt ein vollendet schönes Interview auf mit der glatten Seite der Fingernägel über die kum ein. Große Frauen mit tiefen Stimmen und der Jury sagen, für was sie steht. Für Freiheit.
Hebräisch. Danach weint sie, an der Schulter Wange. „Sieh doch! Sie ist makellos.“
W kleinen Männern. Mit Kleidern, die den Kostü- Für Gleichberechtigung. Für Anerkennung. Sie
der großen Managerin. Die heikelste Frage ist, wie man mit dem men, die gleich auf der Bühne zu sehen sein wer- wollen alle das gleiche. Sie können es nur un-
männlichen Geschlechtsteil umgeht. Nicht je- den, in nichts nachstehen. Frauen, mit verfei- terschiedlich schön vortragen. Normal wollen
ABENDS der beantwortet sie. Manche aber doch. Exper- nerten Gesichtern, Brüsten, Hinterteilen und sie sein. Schön wollen sie sein. Geliebt wollen
Nur noch wenige Stunden trennen Chile vom ten können es umarbeiten, vereinfacht gesagt: mit Männerbeinen, enthaart und gebräunt. sie werden. Und Brasilien wird den Wettbe-
Verlust ihrer Krone. Vanessa Lopez ist Chile
V nach innen stülpen, bis es dem weiblichen Ge- Frauen, die es satt hatten, Männer sein zu müs- werb gewinnen.

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24 LEBEN WELT AM SONNTAG NR. 40 2. OKTOBER 2016

MEIN LEBEN ALS MENSCH


Zu schön Sprache im Wandel
für die
QUEEN VON JAN WEILER

Bei unseren täglichen Debatten bringen die Pubertiere


momentan zwei Hauptthemen zur Sprache, die beide
n der Karriere jeder Schauspielerin gibt mit Modernität zu tun haben. Da ist zum einen das We-

IN DEN AUGEN DER ANDEREN I es einen Punkt, an dem sich zeigt: Jetzt
wird sie ein Star – oder vergessen. Jenna
Coleman, 30, erlebt diesen Moment gera-
sen der Kommunikation. Schriftlich hat sie bei meinen
Kindern ein sagenhaftes Tempo angenommen, ihre
Daumen tippen auf dem Display herum wie Specht-
de. Sie spielt die junge Queen in der Dra- schnäbel. Und selbst zarteste Gefühle äußern die Kin-

Miley Cyrus ma-Serie „Victoria“ und wird dafür gefei-


ert.
Sie war 19, als sie eine kleine Rolle in der
der nurmehr mit knappen Piktogrammen. Es fehlt ih-
nen inzwischen jedes Verständnis für ältere Kultur-
techniken zur Übermittlung von Liebesbotschaften.
Die 23-jährige Sängerin mit Vorliebe für textil- seit 44 Jahren laufenden Seifenoper „Em- Zum Beispiel besuchte Carla neulich eine Oper. Es
freie Auftritte hat am Freitagabend Moderato- merdale“ ergatterte. Die Rolle der Jasmine gab „La Sonnambula“ von Vincenzo Bellini. Die titelge-
rin Ellen DeGeneres, 58, vertreten. Zur Begrü- Thomas kam so gut an, dass aus der klei- bende Schlafwandlerin Amina gesteht darin dem Bräu-
ßung meinte sie: „Ich bin etwas nervös, weil nen eine größere Rolle wurde. Bekannter tigam Elvino ihre Liebe, was eine gewisse Zeit in An-
ich das erste Mal angezogen moderiere.“ aber wurde sie erst durch die nächste Serie, spruch nimmt, in der sie viel singt und über ein Dach
als Clara Oswald in „Doctor Who“. läuft. Carla gefiel die Oper, aber diese Szene ging ihr auf

DIE VERTRETENE
Nun, in ihrer Serien-Hauptrolle als jun- den Wecker, weil Amina nun einmal sehr ausgiebig auf
ge „Victoria“, hatte Coleman allerdings mit dem Dach unterwegs war und sich ständig wiederholte.
„Die schlechte Nachricht ist, dass ich krank zwei optischen Herausforderungen zu Für Carla eine Zumutung. Über WhatsApp wäre die Sa-
bin und meine Show heute nicht aufzeich- kämpfen. Erst war da die Sache mit der Au- che ruckizucki erledigt gewesen. Wenn es nach meiner
nen kann. Die gute Nachricht ist, dass Miley genfarbe. Queen Victoria, die von 1837 bis Tochter ginge, ließe sich auch die Handlung der „Meis-
Cyrus alles stehen- und liegen gelassen hat, 1901 regierte, hatte blaue Augen, Jenna Co- tersinger von Nürnberg“ in einem einzigen Tweet zu-
um für mich zu moderieren. Danke Miley“, leman hat braune. 70 Kontaktlinsen muss- sammenfassen. Die Musik aber nun einmal nicht.
twitterte Ellen DeGeneres vorab. Nach der te sie ausprobieren, bis der richtige Farb- Das musste Carla zugeben und flüchtete in Erwägun-
Sendung meinte sie: „Ich hatte keine Ah- ton gefunden war. Umsonst: Produzent gen zu ihrem zweiten Hauptthema. Sie ist nämlich eine
nung, wie gut Miley mich parodieren kann.“ Damien Timmer gefiel er nicht – jede Folge glühende Befürworterin des geschlechterbewussten
musste aufwendig digital nachbearbeitet Sprachgebrauchs und gendert auf Teufel komm raus.
DIE INTERVIEWTE
werden. Manchmal ärgere ich sie und frage, ob ich vom Einkau-
Dann hieß es, Coleman sei einfach zu fen auch Studierendenfutter mitbringen solle. Carla
„Hey, du hast ein übernatürliches Talent als schön, um Victoria zu spielen. Tatsächlich findet das ganz im Ernst richtig so. Schließlich denke
AP/EVAN AGOSTINI, GETTYIMAGES, DPA PICTURE-ALLIANCE (2)

Gastgeberin einer Talk-Show“, ermunterte war die Herrscherin für andere Qualitäten man bei dem Begriff „Studenten“ nur an Männer. Frau-
Schauspielerin Sarah Jessica Parker, 51, Cy- als ihr Aussehen berühmt. Völlig zu Un- en seien also schon rein sprachlich diskriminiert. Was
rus, als diese im Gespräch mit ihr feststellte, recht, sagt Coleman. „Googelt die junge für eine seltsame Behauptung. Woher will denn diese
dass sie noch nie zuvor bei einem Interview Victoria. In manchen Porträts sieht sie Gendertaliban wissen, woran ich beim Begriff „Studen-
auf der anderen Seite als der des Intervie- sehr jung und überschwänglich aus.“ Aber ten“ denke? Assoziativ fällt mir dazu weder etwas spe-
wers gestanden habe. sogar sie musste zugeben, dass es unter zifisch Männliches noch etwas Weibliches ein, sondern
den Bildern der jungen Victoria auch „we- Knoblauchbrot, ungemachte Betten und Haare überall.

DER VERLOBTE
niger schmeichelhafte“ gibt. „Porträts sind Braune statt blaue Den Begriff „Studierende“ halte ich zudem nicht nur
subjektiv und liegen im Auge des Betrach- Augen: Optisch für sprachlich grausam, sondern vor allem auch für
„Ich glaube, sie wird die Leute immer mit ters“, meinte sie noch. Es klang schon we- verbindet Jenna falsch, denn Studierende und Studenten sind nun ein-

PICTURE ALLIA/DPA
dem, was sie tut, überraschen. Sie ist eine niger überzeugend. Die Zuschauer über- Coleman mit Queen mal nicht dasselbe. Ein Trinkender ist ja auch nicht un-
junge Frau, die macht, was sie will“, sagte zeugte sie dennoch. Kurz nach dem Start Victoria tatsächlich bedingt Trinker. Ein Trinkender ist jemand nur so lan-
Schauspieler Liam Hemsworth, 26, mal in wurde die zweite Staffel in Auftrag gege- nicht viel ge, wie er gerade trinkt. Ein Trinker hingegen ist ein Al-
einem Interview über sie. ben – mit Coleman als Queen. koholiker. Ein Studierender oder eine Studierende ist
jemand, der oder die gerade im Moment etwas studiert,
zum Beispiel die Getränkekarte. Direkt danach ist diese
Person entweder ein Student oder eine Studentin, der
SOPHIA PRINZESSIN DAS WÄREN
oder die gerade die Getränkekarte studiert hat. Mögli-

THOMALLA HIDDLESTON MADELEINE


TOM cherweise handelt es sich um einen studierenden Trin-

JA MEHRERE
ker, das mag natürlich sein. Wenn die Getränke kom-
men und der studierende Trinker sitzt neben seiner
Experiment mit Gespräch mit „Playdate“ mit FRAUEN AM
Dozentin, dann handelt es sich bei ihr um eine studier-
te Trinkende, jedenfalls solange sie trinkt. Oder um ei-
TAG, OHNE
kleinen Titten gutem Freund seinesgleichen ne studierte trinkende Trinkerin. Oder um eine trin-

WIEDERHOLUNGEN
kende Studierte. Das sind Feinheiten, die beim Gen-
Provokante Sprüche garantieren in digitalen V
Very British ging es zu, als Benedict Cumber- Passende Spielkameraden zu finden ist dern leider verloren gehen.
Zeiten viel Aufmerksamkeit. Sophia Thomalla, batch, 40, seinen Freund Tom Hiddleston, 35, für manchmal gar nicht so leicht – zumindest, Es ist schön und zu begrüßen, dass sich die Sprache
26, Schauspielerin, hat nun verstanden, dass ein Magazin interviewt hat. Erst bedankten die wenn sie standesgemäß sein sollen. Für die wandelt. Aber ich finde schon, dass sie das aus sich
man das auch steuern kann. Nachdem sie Schauspieler sich gegenseitig für die gemeinsa- Kinder von Madeleine von Schweden, 34, W
Warren Beatty, 79, hat nicht, wie selbst heraus und nicht auf Kommando sollte. So wie
schon häufiger für Aussagen heftig kritisiert me Zeit, dann entschuldigten sie sich. Hiddles- könnte es seit dem Umzug nach London jetzt behauptet wird (unter anderem bei unserem Sohn. Nick unterhält mich gern mit neuen
worden war, postete sie jetzt: „Kleine Titten ton: „Ich bedaure, dich zu behelligen.“ Cumber- leichter werden. Madeleine jedenfalls von seinem Biografen), mit 12.755 Sprachschöpfungen aus seiner Peergroup. Neulich er-
sind wie Flüchtlinge: Sie sind nun mal da, aber batch: „Ich bedaure es noch mehr.“ Dann rede- wünscht sich, ein „Playdate“ mit Kate und Frauen geschlafen – es war ihm klärte er mir ein neues Wort für Blähungen. Wenn im
eigentlich will man sie nicht.“ Die Empörung ten sie übers Wetter und über ihre Ängste, für William, 34, samt Familie, wie sie dem Maga- aus Zeitgründen nicht möglich, Schulbus ein diesbezüglicher Verdacht aufkomme, sage
war groß – bis sie aufklärte: „Ein Experiment Cumberbatch ist es das Vergehen der Zeit. Für zin „People“ erzählte. Ihre Tochter Leonore, wie er jetzt sagte. Er habe aber immer irgendeiner: „Ey, wer hat die Soldatenheizung
und mal bewusst provoziert.“ Sie habe gemein- Hiddleston das Bedauern über ungetane Dinge. 2,5, ist ungefähr so alt wie Windsor-Prinz Ge- schon einige Kerben am Bettpfos- angemacht?“ Das finde ich wunderbar. So lebt die Spra-
sam mit Moderator Micky Beisenherz sehen Nur Taylor Swift, 26, blieb ungenannt. Von ihr orge, 3, und Madeleines Sohn Nicolas, 15 Mo- ten: „Ich bin ein netter Kerl. Und che! Ich fürchte, in der Gender-Debatte wird viel zu oft
wollen, wer das tatsächlich ernst nimmt. hat Hiddleston sich gerade getrennt. nate, wie Kates Tochter, Charlotte, 16 Monate. ich habe spät geheiratet.“ die geistige Soldatenheizung angeworfen.

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Heute: Auch am Sonntag ist es wechselnd bewölkt, die sonnigen
Perioden sind von sehr unterschiedlicher Dauer. Im Tagesverlauf
kommt es nur noch in einigen Regionen zu Regenschauern. An der -9 bis -5 -4 bis 0 1 bis 5 6 bis 10 11 bis 15 16 bis 20 21 bis 25 26 bis 30 31 bis 35 über 35
Küste und im äußersten Westen entwickeln sich am ehesten Gewit-
ter. Im Südosten Bayerns dauern die zeitweise kräftigen Regenfälle H T Hoch / Tief Warmfront Kaltfront Okklusion Warmluft Kaltluft
an. Die Temperaturen erreichen 12 bis 19 Grad.
WELTWETTER HEUTE
Biowetter: Die Wetterlage macht besonders Rheumakranken zu
schaffen. Sie spüren eine Verschlimmerung der Schmerzen in den
Gliedern und Gelenken. Wetterfühlige leiden unter Kopfschmerzen.
Außerdem werden die Atemwege zurzeit belastet.
23° wolkig
27° wolkig
VORHERSAGE SONNE & MOND
Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag

Winnipeg 23° Tokio 26°


Vancouver 14°
Van Chengdu 32° Online�Wetter�
Norden Sonne Toronto 19° Shanghai
hanghai28° welt�de/wetter
Salt Lake City 23° New York
10 17 6 17 5 16 4 14 07:24 18:57 Chicago 19° Dhaka 33° Hongkong Taipeh 32°
San Francisco 18° Denver 26° Washington 26° 6° 32°
Los Angeles 24° Dallas28° Atlanta 29° Yangon 32° Umfangreiche und
Mitte Bangkok34° aktuelle mobile
Phoenix 34° Manila 34°
8 17 5 15 4 14 3 14 Mond New Orleans 29° Miami32° Ho Chii Minh Stadt Wetterinformationen
TEMPERATURREKORDE 32° unter mobile�wetter�de
Nassau 29°
08:39 19:49 Kuala Lumpur35° Brunei 33°
Süden Hamburg Maximum 24,2° (2011), Berlin Maximum 25,9° (2011), Frankfurt Maximum 26,5° (1962), München Maximum 26,2° (2001), Mexico City19°°
Me Havanna 32°
Singapur34° Immer wissen� wie das Wetter wird!
7 16 4 15 3 14 1 14 Angaben für Kassel Minimum -2,2° (1957) Minimum 1,0° (1957) Minimum -0,4° (1957) Minimum 1,5° (2002)

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SPORT & MOTOR
Elektroautos: Die nächste Generation S. 32

WELT AM SONNTAG NR. 40 2. OKTOBER 2016 SEITE 25

GRÄTSCHE
PBDIJN-ÚX
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FJTUFSTFJU Nachricht
von Sam

D
Draußen rauscht der Verkehr des Pots-
damer Platzes vorbei, drinnen sitzt der
Bundestrainer in der Suite eines Luxus-
hotels. Nicht weit von hier hat er seine
zweite Heimat, ein Apartment im Her-
zen Berlins. Er pendelt zwischen sei-
nem Haus im beschaulichen Schwarz-
Ein Fußballtrainer aus Dudley,
wurde Nationalcoach bei der FA,
er redete zu viel Stuss,
nach einem Spiel war Schluss.
Da packste dir an Kopp, ey.

Die Engländer sind ein seltsames


Volk. Sie haben den Linksverkehr
eingeführt, servieren Mittagessen als
Frühstück, preisen Kneipenspiele als
Volkssport und erfanden vor 200
Jahren den Limerick. Eine Gedicht-
form, deren erste Sammlung gleich
den passenden Namen trug: „Kom-
pletter Nonsens“.
Edward Lear, Schöpfer und Meis-
ter dieser literarischen Disziplin,
wald und der Hauptstadt. dürfte sich momentan im Grabe um-
drehen, vermutlich linksherum. Bei
VON LARS GARTENSCHLÄGER dem kurzweilig-komischen Stoff,
UND LARS WALLRODT den die „Football Association“, der
englische Fußball-Verband, in diesen
WELT AM SONNTAG: Der Bundestrai- Tagen liefert, müsste der Wahnsinn
ner, ein Pendler zwischen den Welten. nur noch in Versmaß gegossen wer-
JOACHIM LÖW: Berlin ist faszinierend den, um als lupenreiner Limerick
und hat unglaublich viel zu bieten, auch durchzugehen. Darum geht es: Na-
im kulturellen Bereich. Und ich erreiche tionaltrainer Sam Allardyce unter-
schnell die Spielorte der Bundesliga im schrieb Ende September einen Bera-
Osten und Norden. Ich habe mittler- tervertrag mit Investoren aus Fern-
weile einen Freundeskreis in Berlin, der ost. Um die Entlohnung von 461.000
nichts mit dem Fußball zu tun hat. Das Euro zu rechtfertigen, lieferte er ih-
ist manchmal wohltuend. In Freiburg nen Insiderwissen. Etwa, wie die
habe ich meine ganz alten und langjäh- Transferregularien des Fußballwelt-
rigen Freunde, mit denen ich zum Teil verbands Fifa und der FA umgangen
aufgewachsen bin. Auch darauf möchte werden könnten. Er bezeichnete sei-
ich nicht verzichten. Aber ich verhalte nen Vorgänger Roy Hodgson als „un-
mich nicht anders; egal, ob ich in Berlin fähig“ und seinen Verband als
oder in Freiburg bin. Zwei Welten, ein „dumm“.

„Es wurden
Jogi Löw – wenn Sie so wollen. (lacht) So richtig dumm stand am Ende
aber nur der 61-Jährige da. Die Inves-
Ist das eine Flucht vor dem Fußball? toren entpuppten sich als Reporter
Nein, keine Flucht. Aber ich genieße es, des „Daily Telegraph“, und so erle-
mit Menschen aus anderen Bereichen zu- digte sich erst Allardyce’ sattes Bera-
sammen zu sein. Meine alten Freunde terhonorar und kurz darauf auch sei-
kennen mich nicht als Bundestrainer, ne berufliche Zukunft. Die FA trenn-

GRENZEN
sondern als Kumpel. Mir ist wichtig, nicht te sich nach nur einem Spiel und 68
permanent in der Fußballwelt zu sein und Tagen wieder von „Big Sam“, der die
mich nur über Fußball zu unterhalten, hoffnungsvolle englische Mann-
sondern auch mal über andere Themen. schaft nach dem peinlichen Aus-
scheiden bei der Europameister-

überschritten“
Zum Beispiel? schaft übernommen hatte und spä-
Über aktuelle Ereignisse, die jeden be- testens bei der EM 2020 zum ersten
schäftigen, über ein gutes Buch, manch- Titel seit 1966 führen sollte.
MARTIN U. K. LENGEMANN

mal über Politik, über Reisen, das Le-

„GUT GEMACHT!
ben. All so was.

ICH FREUE MICH,


Was erzählen Sie aktuell Ihren Freun-
den so über das Leben?
EUCH BALD
Dass es interessant ist. Gerade nach der
Europameisterschaft stellen sich ja vie-
Joachim Löw wohnt neben Freiburg jetzt auch in Berlin. Er hat sein Leben WIEDERZUSEHEN“
le neue Aufgaben, es warten neue He-

umgekrempelt, dazu gehört auch die Trennung von seiner Frau


rausforderungen, die bewältigt werden
SAM ALLARDYCE
wollen. Das macht mein Leben gerade
sehr spannend.

Es kommt ja mitunter die Frage auf: Für die Engländer ist das nur ein
Was macht ein Bundestrainer eigent- Was schreiben Sie auf? Ich spürte sehr schnell wieder die große Lust habe, weiterzumachen, dass mir Nein, das nicht. Aber es geht oft auch weiterer Beleg ihrer masochisti-
lich zwischen den Spielen? Konzepte, Gedanken, spontane Ideen Herausforderung, das Ganze bestätigen die ein oder andere Idee kommt, wo ich um diejenigen, die mit mir in diesen Si- schen Neigung. Kein Volk verfügt
Ich kann Ihnen da keine Wochenar- oder auch mal Visionen. Was wollen wir zu wollen. Das eine war der Weg an die noch den Hebel ansetzen kann, um Din- tuationen zusammen sind. Für sie kann über so viel Expertise, an den ein-
beitszeit in Stunden angeben. Es ist völ- verbessern, wie soll die Mannschaft in Spitze, danach kam der Plan, dort zu blei- ge zu verbessern. Dann habe ich zum es schon eine Belastung sein, wenn man fachsten Dingen zu scheitern und
lig unterschiedlich. Gerade hatten wir zwei, drei Jahren aussehen. ben. Das Gefühl in Rio war so schön, das Handy gegriffen und unseren Präsiden- merkt, dass heimlich Objektive auf ei- sich selbst Schmerzen zuzufügen.
einen dreitägigen Workshop in Düssel- willst du einfach noch einmal erleben. ten Reinhard Grindel angerufen. nen gerichtet werden. Das bekommt Einen Ball aus elf Metern ins Tor
dorf und die Besuche der Champions- Hat man als Weltmeister denn noch Manche haben mich gefragt, warum ich man ja nur manchmal mit. Ich kann da- schießen? Die Vorzüge der europäi-
League-Spiele in Dortmund und Mön- Visionen? mich nach so einem Kraftakt, nach so ei- Und der hat sich gefreut. mit umgehen, bin da ja quasi reinge- schen Gemeinschaft erkennen? Über
chengladbach. Aktuell beschäftigen wir Natürlich. Es gibt ja immer neue Ziele. ner Erfolgsgeschichte nicht erst mal zu- (lacht) Den Eindruck hatte ich zumin- wachsen. Schlimm finde ich es, wenn Island ins EM-Halbfinale einziehen?
uns mit den kommenden zwei Jahren. Die WM in Brasilien war ein toller Erfolg rückgelehnt habe. Ich konnte das nicht. dest. Leute involviert sind, die mit der Öf- Klingt alles ziemlich simpel, doch
Welche Spieler wollen wir integrieren? nach einem langen Weg. Aber das Inte- Ich sehe immer neue Herausforderun- fentlichkeit nichts zu tun haben. Da gab auf der Insel stehen sie nun einmal
Wohin entwickelt sich der Fußball? Wie ressante für mich war, dass ich meine gen. Abnutzung ist nicht vorhanden. Gehen Sie in diesen Entscheidungs- es Situationen, in denen Grenzen über- mehr kopfkratzend vor einem Trüm-
lauten die konkreten Aufgaben nach der Grundmotivation danach überhaupt prozess auch mit dem Hintergedan- schritten wurden. merhaufen und wundern sich über
EM? Ich beschäftigte mich auch viel mit nicht verloren habe, ganz im Gegenteil. Sie hatten nicht den Drang, sich fallen ken: Was passiert, wenn ich keine einen Mann, der sich eigentlich nur
konzeptioneller Arbeit: mit Spielaus- zu lassen? neuen Ziele mehr für mich finde? Wie nah lassen Sie die Öffentlichkeit seinem Aussehen entsprechend ver-
wertungen, mit Spieleranalysen, mit Nein. Nie. Ich habe mir nach den Tur- Nein, ich gehe das sehr neutral an. Die grundsätzlich an sich heran? hielt. Allardyce, der Dampfplauderer
Vorbereitungen auf die Länderspiele, nieren immer die Zeit genommen, ab- Dinge müssen sich setzen: das Glücks- Schon sehr nah. Wenn jemand freund- mit Goldkette, der eigentlich nur sei-

Joachim Löw
mit Spielbeobachtungen. Das gehört zuschalten und in mich hineinzuhor- gefühl nach Brasilien ebenso wie die lich nach einem Autogramm oder ei- ne Klappe hätte halten müssen. Ei-
zum Trainer-Alltag. chen, ob da noch die Motivation, die Enttäuschung nach Frankreich. Erst da- nem Foto bittet, dann mache ich das in gentlich.
Bundestrainer Gier, die Leidenschaft ist, ob mir noch nach kann ich spüren, ob ich noch bereit der Regel gerne. Ich empfinde das Dass er sogar noch nach seiner
Da sitzen Sie dann in Ihrem Fußball- ein Ziel bleibt. Das konnte ich bislang für die neue Aufgabe bin. grundsätzlich auch als Anerkennung Entlassung zu seinen Spielern
Labor vor zehn Bildschirmen und Als Profifußballer brachte es immer mit Ja beantworten, und dann ist ffür das, was wir tun. Natürlich sprach, blamierte die FA endgültig.
werten aus? Joachim Löw nur zu einer mittel- der Spaß sofort wieder da. Nach der EM wurde bekannt, dass Sie wünscht sich jeder manchmal Ruhe „Gut gemacht! Unsere Reise hat mit
(lacht) Da haben Sie eine falsche Vor- mäßigen Karriere, unter anderem sich von Ihrer Frau getrennt haben. und Privatsphäre, gerade wenn man unserem ersten gemeinsamen Sieg
stellung. Im Grunde genommen langt spielte er für Frankfurt, Karls- Das machen Sie allein mit sich aus? Ja. Wir waren über 35 Jahre zusammen, mal essen geht oder in einem Ge- begonnen. Ich freue mich euch bald
ein Fernseher und ein DVD-Player. Ein ruhe und Freiburg. Als Trainer Ja, das muss ich auch mit mir allein aus- haben damals die Ausbildung gemein- spräch ist. Aber ich akzeptiere, dass wiederzusehen“, stand auf den Post-
i-Pad und ein Laptop habe ich natürlich wurde er zwar 1997 DFB-Pokal- machen. Da kann mir niemand helfen. sam gemacht. ein Bundestrainer eine öffentliche karten, die die Nationalspieler am
auch. Aber meine Gedanken und Noti- sieger mit dem VfB Stuttgart, Ich sage dem Verband und meinen engs- Rolle spielt, und versuche mich ganz Donnerstag in ihren Briefkästen fan-
zen halte ich am liebsten auf Papier fest. schaffte es aber nicht, sich bei ten Mitarbeitern Bescheid, dass ich drei, Warum die plötzliche Trennung? normal zu bewegen. den. Abgeschickt vom englischen
einem seiner zahlreichen Vereine vier Tage jetzt für mich brauche. Und Es gab keinen Auslöser dafür. In letzter Verband, abgestempelt am Tag von
Bleistifttrainer statt Laptoptrainer? zu etablieren. Erst, als Bundes- dann ziehe ich mich sehr bewusst zu- Zeit hatten wir das Gefühl, dass wir uns Macht es Spaß, Bundestrainer zu Allardyce’ Entlassung.
Mir bringt es mehr, die Sachen aufge- trainer Jürgen Klinsmann ihn rück, um mir Gedanken zu machen. ein bisschen mehr Raum und Zeit geben sein? Vom redseligen Manager wird es
schrieben vor mir zu sehen, statt sie 2004 zu seinem Assistenten müssen, um ein paar Dinge zu überden- Ja. Es macht sehr großen Spaß. Es ist et- künftig wenig zu lesen geben. Das
erst in einer Datei abrufen zu müssen. machte, ging Löws Stern auf. Wo ist die Entscheidung gefallen, bis ken. Wir stehen uns weiterhin sehr nah. was Besonderes, mit so hochbegabten FA-Intermezzo dürfte das letzte Ka-
Das machen unsere Experten im Team, Nach dem „Sommermärchen“ zur WM 2018 weiterzumachen? Spielern zu arbeiten. Die Turniere sind pitel seiner Trainerkarriere gewesen
die Scouts und Videoanalysten. Als 2006 übernahm er das National- Ich war nach der EM zwei, drei Tage in Im Sommer erschienen Paparazzi-Fo- natürlich Highlights, da erlebst du wun- sein. Begonnen hatte diese übrigens
Trainer verlasse ich mich oft auch auf team und wurde mit ihm acht Berlin und dann allein auf Sardinien. tos von Ihnen am Strand. Fühlen Sie 1991 – beim FC Limerick. Man hätte
meine Intuition, auf mein Bauchgefühl. Jahre später Weltmeister. Dort habe ich gespürt, dass ich noch sich permanent beobachtet? FORTSETZUNG AUF SEITE 27 es ahnen können. LUTZ WÖCKENER

© Alle Rechte vorbehalten - Axel Springer SE, Berlin - Jede Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.axelspringer-syndication.de/lizenzierung WELT am SONNTAG-2016-10-02-sil-24 279c5d918e2be122a6e5834fa219c5aa
26 SPORT ** WELT AM SONNTAG NR. 40 2. OKTOBER 2016

ZWEITE LIGA BUNDESLIGA 6. SPIELTAG


Nürnberg – Union Berlin ........ 2:0 (1:0) DIE SPIELBERICHTE DIE TABELLE
Sandhausen – Dresden ......... 2:0 (2:0)
Aue – Bochum........................... 2:4 (2:2) 6. SPIELTAG
Hannover – St. Pauli ............... 2:0 (0:0)
Düsseldorf – Karlsruhe .......... 1:1 (1:0)
K’lautern – Bielefeld............. So., 13.30
Mutige Kölner lassen Meister 1. (1.) Bayern München
2. (6.) Hertha BSC
6 5 1 0
Sp. Gew. Un. Verl.
13:2 10
Heim Auswärts
3:0 6
Tore
16:2 16
Pt.

Bayern erstmals straucheln 3. (2.) Borussia Dortmund


6 4 1 1 6:1 9 5:6 4 11:7 13
Heidenh. – Braunschweig .. So., 13.30