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Deutschland

DANIEL MAURER / DAPD (L.); MICHAEL DALDER / REUTERS (R.)

Christdemokraten Mappus, Merkel, Polizeieinsatz gegen Stuttgart-21-Demonstranten am vergangenen Donnerstag: Gefährliche Liebschaft

PROTEST

Merkels Bahnhofs-Mission
Stuttgart 21 verändert Deutschland. Die Polizei knüppelt Demonstranten nieder und heizt die
Stimmung auf, der Staat verliert Vertrauen, und die politische Landschaft erneuert sich.
Das schwarz-grüne Projekt ist mausetot, die Kanzlerin gibt sich einen konservativen Anstrich.

C
hristine Oberpaur steht an einem Regen und der Kälte getrotzt. Sie war da, lichen Koalitionspartner. Und der Staat
Absperrgitter im Zentrum von als die Polizei mit den Wasserwerfern in Baden-Württemberg, das ist vielleicht
Stuttgart, an ihrer linken Hand kam, und duckte sich hinter eine Plane. das Wichtigste, verliert Vertrauen. Denn
trägt sie einen Ring mit einem Familien- „Das Pfefferspray hat unbeschreiblich in der Staat hat sich an diesem Tag von sei-
wappen. Sie ist 64 Jahre alt, Wirtschafts- den Augen und im Hals gebrannt“, sagt ner hässlichen Seite gezeigt.
psychologin und stammt aus einer kon- sie. Immerzu habe sie husten müssen, Der Staat war im Recht bis dahin. Das
servativen Unternehmerfamilie, der viele dann sei sie weggerannt. „Ich bin ja weiß Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 ist durch
Kaufhäuser in Süddeutschland gehört ha- Gott keine mutige Frau, geschweige denn alle demokratischen Instanzen gegangen,
ben. Sie hat immer CDU gewählt. eine Berufsdemonstrantin.“ es ist voll legitimiert, wenn auch nicht
Ein Polizist in Schutzkleidung mustert CDU? „Damit ist jetzt Schluss“, sagt akzeptiert von vielen Bürgern. Aber dann
sie durch das Visier seines Helms. Als sie. stürzte sich die Polizei auf Demonstran-
Oberpaur ihn anschaut, sieht er weg. Der Donnerstag der vergangenen Wo- ten, die Bäume schützen wollten. Knüp-
„Heute Nacht habe ich mein Demokra- che ist ein Tag, der vieles verändert hat. pel, Pfefferspray, Wasserwerfer – die Mit-
tie-Verständnis verloren“, sagt sie. Die CDU verliert Christine Oberpaur, die tel eines grimmigen Staates, maßlos ein-
Die zarte Frau hat einen Tag und eine CDU verliert wahrscheinlich noch viele gesetzt. Die Polizei zählte 130 Verletzte,
Nacht im Schlossgarten gewacht, dem andere Wähler, dazu die Grünen als mög- 16 mussten ins Krankenhaus. Verantwort-
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lich sind die Behörden in Baden-Würt- eines fortschrittlichen Bürgertums auf Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der
temberg, angeführt vom schneidigen Mi- Schwarz-Grün dahin. Deutschen Polizeigewerkschaft, vertei-
nisterpräsidenten Stefan Mappus (siehe In einer Bundes-Koalition dieser Par- digt den Einsatz seiner Beamten. Gewalt-
Seite 23). teien sollte sich dereinst eine neue bun- freies Verhalten sei nicht automatisch
Aber die Schlacht von Stuttgart ist auch desrepublikanische Mitte treffen, Bürger, friedliches Verhalten, sagt er. Viele Bür-
ein Problem von Bundeskanzlerin Angela die gut, aber nachhaltig leben wollen. ger hätten im Schlossgarten gegen den
Merkel. Sie hat das Projekt zur Chefsache Diese Mitte ist zerschnitten. „Jetzt sind Rechtsfrieden verstoßen, weil sie sich
gemacht, stimmt sich eng mit Mappus ab die kulturellen Unterschiede zwischen trotz mehrfacher Aufforderung der Poli-
und verordnete in ihrer Haushaltsrede Union und Grünen so offensichtlich, dass zeibeamten nicht entfernt hätten. Wendt
vor zwei Wochen der CDU „Standhaf- die schwarz-grüne Option faktisch ver- regt an: „Es wäre richtig und konsequent,
tigkeit“. Sie ist jetzt Merkel 21. schwindet“, frohlockt der Vorsitzende der über die Veränderung des Landfriedens-
Und das ist eine überraschend neue Jungen Union, Philipp Mißfelder, der bruch-Paragrafen nachzudenken. Auch
Merkel. Sie, die liberale Reformerin der gern als Konservativer auftritt. die vermeintlich Unbeteiligten müssen
CDU, die aufgeräumt hat mit dem Erbe Nun gibt es kein neues Deutschland, strafrechtlich verfolgt werden können.“
Helmut Kohls, übt den Schulterschluss mit sondern ein altes. Der Kampf in Stuttgart Über den Einsatz der Wasserwerfer im
dem konservativen Raubauz Mappus, der erinnert an die achtziger Jahre, als eine Schlossgarten sagt er: „Polizeiliche Ein-
sich als Wiedergänger des Politikers Kohl grüne Bewegung gegen die Union des satzmittel müssen Waffen sein, die weh
sieht. Das ist eine gefährliche Liebschaft Helmut Kohl kämpfte. tun, nur dann wirken sie.“
für die Kanzlerin. Wenn Mappus die Wie nach den Schlachten von damals Schärfere Gesetze? Mehr Vernunft
Landtagswahl 2011 wegen Stuttgart 21 ver- wird nun über das Vorgehen der Polizei wäre die bessere Antwort, und mehr Ge-
liert, ist das auch Merkels Niederlage. Und diskutiert. Schauspieler Walter Sittler, schick. Auch bei diesem Polizeieinsatz ist
wenn nun noch mehr Bürger an der Poli- Galionsfigur der Gegner im Kampf gegen überstürzt und selbstherrlich gehandelt
tik zweifeln, klebt das auch an ihr. Stuttgart 21, ist entsetzt: „Bei dem Poli- worden, wie eine Rekonstruktion der Er-
„Merkel kommuniziert mit dem Schlag- zeieinsatz wurde die Verhältnismäßigkeit eignisse zeigt.
stock“, sagte am vergangenen Donnerstag der Mittel nicht gewahrt. Da wurden Der Termin, wann die ersten Bäume kip-
die Fraktionschefin der Grünen im Bun- Frauen und alte Menschen durcheinan- pen sollen, wird Anfang September in einer
destag, Renate Künast. Diese harschen dergeschubst. Aber wie alles wird auch kleinen Runde festgelegt. Vertreter von In-
Worte markieren einen Bruch in der ge- das Mappus einen Scheiß interessieren. nenministerium, Umwelt- und Verkehrsbe-
sellschaftlichen Architektur der Bundes- Wenn das keine personellen Konsequen- hörden, der Bahn und der Polizeipräsident
republik. Im Strahl der Stuttgarter Was- zen hat, dann können wir uns gleich ein- wollen die Sache so schnell wie möglich
serwerfer sank auch die Hoffnung sargen lassen.“ durchziehen, weit vor den Wahlen im
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März. Man einigt sich auf die Nacht zum men und heruntergeklappten Visieren so menten durchzudringen: Das Projekt ist
1. Oktober, den frühestmöglichen Zeit- beeindruckt zeigen würden, dass sie von demokratisch voll legitimiert. Jetzt geht
punkt, den die Naturschutzgesetze für die selbst den Rückzug antreten. Mit einer es nur noch um die Frage der Gewalt.
Rodung zulassen. Sogar die Uhrzeit wird solchen Strategie der bloßen Machtde- Das stört vor allem die Bundeskanzle-
ausgehandelt, um 15 Uhr sollen die Poli- monstration sei man im braven Ländle rin. Nachdem Merkel tagsüber die Mel-
zisten anrücken, um den Platz rund um die über Jahrzehnte hinweg „gut gefahren“, dungen aus Stuttgart verfolgt hatte, wollte
Parkbäume abzusperren. So weit Plan A. sagt Stumpf, „Wasserwerfer haben wir in sie abends die Bilder dazu sehen. Sie sah
Polizeipräsident Siegfried Stumpf hat den vergangenen 40 Jahren noch nie ein- die „Tagesschau“ und war entsetzt. Den
aber von Anfang an einen Plan B in der setzen müssen“. Um die Aktion zu stop- Einsatz der Polizei fand sie zu massiv,
Tasche, weil er weiß, dass er seinen eige- pen, war es seiner Ansicht nach zu spät. und sie wusste, dass die Grünen ihr die
nen Leuten nicht trauen kann. Immer „Die Baufahrzeuge rollten schon.“ Verantwortung dafür anhängen würden.
wieder sickerten im Sommer Informatio- Demonstranten blockieren die Zu- Stuttgart 21 macht Merkel zum ersten
nen an die Demonstranten durch, viele gangswege, besetzen einen Gitterwagen Mal so richtig angreifbar. Bislang war sie
Beamte sympathisieren inzwischen mit der Polizei. Beamte versuchen sie weg- die Meisterin des Ungefähren. Nun bindet
den Gegnern von Stuttgart 21. Einige ha- zudrängen, auch mit Schlagstöcken, Zen- sie sich an einen Bahnhof. Dafür gibt es
ben Angst, „dass sie am Tag X auf ihre timeter um Zentimeter. Die Polizisten einen Strauß von Gründen.
eigenen Kinder einschlagen müssen“, sagt versprühen Pfefferspray, sie setzen Was- Merkel sitzt häufig mit ausländischen Re-
ein leitender Beamter. serwerfer ein. „Die haben mir mit gna- gierungschefs zusammen, die ihr erzählen,
Also beschließen Polizeiführung und denloser Härte das Zeug direkt ins Ge- wie schnell sie ihr Land modernisieren.
das Innenministerium in kleiner Runde, sicht gesprüht“, erzählt Erhard Lippek, Zwar ist Merkel kein Fan chinesischer Bra-
für den Großeinsatz einige Hundertschaf-
ten aus Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz
und NRW anzufordern – und diese ins-
geheim auf einen früheren Einsatz vor-
zubereiten als die einheimische Polizei.
24 Stunden vor dem großen Schlag
weiß Stumpf, dass sein Misstrauen ge-
rechtfertigt war. Im Internet kursieren
Warnungen der Parkschützer, sie wüssten
„aus zuverlässiger Quelle“, dass man sich
am Donnerstag um 15 Uhr der Polizei
entgegenstellen müsse.
Stumpf trifft die folgenschwere Ent-
scheidung, Plan B in Kraft zu setzen: Er
lässt die auswärtigen Polizisten am Don-
nerstag bereits um 10 Uhr früh im Park
aufmarschieren und die Baustelle sichern.
Was er außer Acht lässt: Zur gleichen
Zeit, als die Einsatzfahrzeuge Richtung
Park rollen, bewegt sich eine Schülerde-
monstration durch die Stuttgarter Innen-
stadt auf das gleiche Ziel zu. Hunderte
BERND WEISSBROD / DPA

Schüler und Lehrer fordern lautstark:


„Lieber mehr Bildungsausgaben statt
Prestigebahnhof“. Die Demonstration
wurde am 24. September per Mail beim
Stuttgarter Ordnungsamt beantragt und
fünf Tage später von der Behörde geneh- Baumfällarbeiten im Stuttgarter Schlossgarten: „Politikstil in Rambo-Manier“
migt. Ein Durchschlag ging ans Innen-
ministerium und die Polizei. 48. „Die Lage konnte nur durch Anwen- chialeffizienz, aber sie findet, dass Deutsch-
Um 10.20 Uhr, kurz nach Einsatzbe- dung von unmittelbaren Zwangsmaßnah- land nicht noch langsamer werden darf.
ginn, bekommen die Parkschützer Wind men beendet werden“, heißt es später im Merkel ist Fan der repräsentativen De-
vom Polizeieinsatz und lösen via Mail, internen Lagebericht der Polizei. mokratie. Sie findet, dass sich die Bürger
SMS und Twitter ihre interne Alarmkette Nun haben in Stuttgart die Schuldzu- vor allem bei den Wahlen einmischen,
aus. Auch die Schüler sind unter den weisungen begonnen. „Mappus ist dafür ansonsten aber den Politikern die Politik
Adressaten. Alle machen sich sofort auf verantwortlich“, sagt der Grünen-Frak- überlassen sollen. Und sie findet, dass
den Weg zu den Bäumen. Mit dem Tem- tionschef Winfried Kretschmann, „er ist Schwarz-Gelb die Wahl in Baden-Würt-
po dieser multimedialen Vernetzung hat auf Konfrontationskurs, offensichtlich temberg nicht verlieren darf. Dann würde
die Polizeiführung nicht gerechnet. will er sich im Wahlkampf als Law-and- auch ihre Koalition in Berlin wackeln.
Um Viertel vor elf klingelt bei Polizei- Order-Mann profilieren.“ Die FDP will Deshalb hat sie sich nun mit Mappus ver-
präsident Stumpf das Handy. Er ist auf Innenminister Heribert Rech in einer schworen, eigentlich der Antityp zu ih-
dem Weg zu einer Pressekonferenz im Fraktionssitzung zur Rede stellen; intern rem Modernisierungskurs und ihrem
Landtag, um von seinem Überraschungs- zeigt sich der Koalitionspartner entsetzt Wunsch nach geschmeidigem Konsens.
coup zu berichten. „Die Kids sind noch über die Instinktlosigkeit von Polizei und Mappus hatte nur ein paar halbherzige
da“, warnt der Anrufer. „Ich weiß“, wim- Innenministerium. „Da ist einiges schief- Versuche unternommen, die Gegner ein-
melt ihn Stumpf ab. Später wird er im gelaufen“, klagt ein führender Liberaler. zubinden. Selbst der katholische Stadt-
kleinen Kreise sagen, er sei davon ausge- Zu den Folgen gehört auch, dass es die dekan von Stuttgart, Michael Brock, der
gangen, dass sich die Jugendlichen von Befürworter von Stuttgart 21 von nun an eines der gescheiterten Gespräche mode-
der geballten Staatsmacht mit Schutzhel- noch schwerer haben, mit ihren Argu- rierte, warf dem Ministerpräsidenten „ei-
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nen Politikstil in Rambo-Manier“ vor.
Der Regierungschef will jetzt marschie-
ren, durchregieren so wie sein Vorbild
Kohl damals bei der Nachrüstung – ein
Vergleich, den er gern heranzieht.
Für die Gegner von Stuttgart 21 ist
Mappus spätestens jetzt das Gesicht einer
rücksichtslosen Staatsmacht, der Mann,
dem sie alles zutrauen, auch, dass die
Schlacht im Schlossgarten kühl kalkuliert
war: um den Widerstand zu spalten, in
die Radikalen und die anderen, die drau-
ßen auf dem Land, die mit den Radikalen
nichts zu tun haben wollen. Dort werden
baden-württembergische Wahlen gewon-
nen, nicht in Stuttgart.
Mappus hält nichts davon, die CDU für
die modernen, liberalen Eliten in den Groß-
städten attraktiv zu machen. Der Preis da-
BERND WEISSBROD / DPA

für sei die Irritation der Kernklientel im


ländlichen Raum. Merkel hat das bislang
komplett anders gesehen und Politik für
Stadtmenschen gemacht. Aber sie hatte
keine andere Wahl, als Mappus zu stützen,
weil ihr die Partei alles andere nicht ver- Ministerpräsident Mappus: Kürzeste Amtszeit in der Geschichte des Landes?
ziehen hätte. Merkel betreibt jetzt, was vie-
le oft gefordert haben: CDU pur. Es gibt
keine impliziten Angebote an die Grünen
in der Energiepolitik oder Rücksicht auf
die SPD in der Sozialpolitik mehr. Es wird
wieder in Lagern gedacht und gehandelt.
Der da oben
Die Grünen, mit denen sie bislang als Der CDU droht im März der Machtverlust in Baden-Württemberg.
Bündnispartner geliebäugelt hatte, sind
ihr nun egal. Erst brachte Merkel sie mit Das liegt auch an Stefan Mappus. Der Minister-
der massiven Laufzeitverlängerung der präsident ist zwar jung, aber ein Parteipolitiker vom alten Schlag.
Atomkraftwerke gegen sich auf, und seit

E
der Eskalation in Stuttgart sind die Wege s war einmal in Baden-Württem- Sommerloch im August, und aus dem
zueinander wohl auf lange Zeit blockiert. berg – und was die Union angeht, Sommerloch stieg etwas auf, was bei ei-
Wenn einer bei den Grünen bislang für in der guten alten Zeit. In jenem nem Parteiprimus wie Mappus für den
Schwarz-Grün stand, dann Alexander Juli, der heute schon so lange her zu sein Weg nach oben nie entscheidend war: ein
Bonde, 35, Bundestagsmitglied und ver- scheint. Damals, vor der Krise, ließ sich Sachthema. Stuttgart 21, der umstrittene
heiratet mit einer ehemaligen CDU-Bun- Stefan Mappus also im Vollbesitz seines Umbau des Stuttgarter Bahnhofs. Und je
destagsabgeordneten. Aber im Moment Selbstbewusstseins interviewen, und der mehr das Thema hochkam, ohne dass
macht ihn nichts so zornig wie die Union. neue Ministerpräsident sagte so etwas Mappus aus seinem Urlaub dazu etwas
„Merkel hat Mappus faktisch das Okay ge- wie: Zehn Jahre im Amt, mehr müssten sagte; je mehr die Bürger fragten und in
geben“, sagt er. „Jetzt wird in Stuttgart der es nicht sein, bei diesem Verschleiß heut- Frage stellten, protestierten und demon-
friedliche Widerstand kriminalisiert.“ zutage als Regierungschef. strierten, während er so tat, als könne
Es ist Freitagmittag, Bonde fährt den Klang das nicht irgendwie genügsam, man die Sache zu Tode schweigen. Umso
Laptop in seinem Büro im Bundestag her- bescheiden, angemessen? Schon, aber es tiefer versank die CDU im Loch.
unter. Gleich geht es zum Flieger nach klang nur so. Denn in Wahrheit war der Nur noch 35 Prozent schaffte sie in der
Stuttgart, am Abend will er demonstrie- Satz weniger angemessen als anmaßend, jüngsten Infratest-dimap-Umfrage. So we-
ren. Er erzählt, dass Bekannte ihm be- er stand für die Macht, die Kraft und die nig, dass Mappus sich nun über etwas an-
richtet haben, wie ihre 14-jährige Tochter Herrlichkeit der CDU im Ländle, und deres Sorgen machen muss als über seine
in Stuttgart von Polizisten geschlagen Stefan Mappus verkörperte das alles in Amtsmüdigkeit in zehn Jahren. In sechs
worden sei. In der Bundestagsdebatte ist diesem Moment: Ich muss mir Gedanken Monaten, bei der Landtagswahl, könnte
Bonde deshalb der Kragen geplatzt: „Ich machen, wann es genug ist. Nicht der er zum Ministerpräsidenten mit der kür-
schäme mich wirklich dafür, dass in die- Wähler. Denn der Wähler in Baden-Würt- zesten Amtszeit in der Geschichte Baden-
sem Land Vorgänge, wie wir sie heute in temberg wählt doch sowieso Schwarz. Württembergs werden. Zum ersten Re-
Stuttgart erlebt haben, möglich sind.“ In diesem Selbstverständnis, mit dieser gierungschef, der das Land nicht für die
Die Unionsbank schimpfte zurück, und Selbstverständlichkeit ist Mappus in der CDU halten konnte. Sogar zum ersten
Bonde weiß nun, wie tief die Gräben zu heimischen CDU groß geworden: Wir Regierungschef in der Republik, der sein
der CDU sind, der er sich so nahe fühlte. sind das Land, das Land, das sind wir. Amt an einen Grünen verliert. Traut man
Eine schwarz-grüne Koalition hält er neu- Eine Gleichung, die 57 Jahre aufging und der Umfrage, liegen die Ökos, die gegen
erdings für ausgeschlossen, zu arrogant die Mappus auch im Mai bei seiner ersten den neuen Bahnhof kämpfen, mit 27 Pro-
sei die Regierungspartei: „Die CDU muss Auslandsreise nach Wien wieder auf- zent klar vor der SPD.
in die Opposition, bevor mit denen wieder machte: Baden-Württemberg, das Land, Es sind also merkwürdige Zeiten im
was geht.“ M ATTHIAS BARTSCH , R ALF B ESTE , in dem nie ein Roter Regierungschef war. Ländle, und die knappste Begründung,
S IMONE KAISER , D IRK K URBJUWEIT, Dann aber kam der Sommer, und aus warum die Zeit über Mappus hinwegge-
R ALF N EUKIRCH , A NTJE W INDMANN
dem Sommeranfang im Juli wurde das hen könnte, hat vier Wörter. Sie stehen
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auf einem Zettel an einem der fast 300 Teil von Politik“, davon ist er überzeugt, bündeten, und Mappus war schlau genug,
Bäume, die jetzt im Stuttgarter Schloss- warum also hätte er bei einer Partei lan- die Rolle zu erfüllen und sich unverzicht-
garten für den neuen Bahnhof fallen sol- den sollen, die in Baden-Württemberg bar zu machen für den alternden, immer
len: „Wir sind das Volk.“ Wir, nicht ihr. keinen Weg zur Macht geboten hätte? misstrauischer, immer einsamer werden-
Wir, nicht Mappus. Denn Mappus war in Die CDU bot ihm den sichersten Weg, den Regierungschef. Wie Teufel, so stand
diesem Sinne immer „ihr“. Ein Mann des er bot ihr sein bestes Kapital: Fleiß, Wille, auch er für die ländliche, traditionelle,
Machtapparats, der seinen Weg ging, wo politischen Instinkt. Er lebte für den An- konservative CDU. Für Familie, Glaube,
schon ein Weg war. Durch die Partei, dank griff, schlug seinen Gegenkandidaten um Heimat. Gegen die Späth-CDU, Oettin-
der Partei, bis an die Spitze der Regierung. den Kreisvorsitz, drei bei der Landtags- ger-CDU, mit ihren politischen Visionen,
Mappus ist ein Musterbeispiel dafür, kandidatenkür, den SPD-Mann bei der kosmopolitischen Attitüden, ihrer Leich-
wie weit es einer auf der Hauptstraße Wahl; in der Disziplin „Ich oder der“ ist tigkeit und manchmal auch persönlichen
nach oben bringen kann, der nicht bril- er bis heute ungeschlagen. „Wenn sich Leichtlebigkeit. Mappus wäre nie der
lant ist, aber äußerst begabt darin, Macht- Stefan ein Ziel gesetzt hat, erreicht er’s Mensch, der sich wie Oettinger aus Jux
chancen zu erkennen, zu nutzen. So auch“, sagt Günter Bächle, Förderer aus zwei Teesiebe auf die Augen drückt und
schaffte er es mit 32 Jahren zum Staats- Gemeinderatszeiten in Mühlacker. dann auch noch fotografieren lässt.
sekretär, mit 38 zum Minister, mit 39 zum Auch gegen Ute Vogt, die SPD-Spit- So gingen Teufel und Mappus eine
Fraktionschef, mit 43 zum Ministerpräsi- zenkandidatin, die 2001 im Landtagswahl- Symbiose ein. Schon 1998 hatte ihn Teufel
denten, und normalerweise stünden ihm kampf gegen ihn um den Wahlkreis Pforz- zum Staatssekretär für Umwelt und Ver-
damit seine zehn Jahre im Amt zu. Aber heim kämpfte. „Er kannte keine Grenzen, kehr befördert – „ohne dass er vorher mit
was ist schon noch normal? Erst kam die das war unanständig“, erinnert sie sich irgendwelchen politischen Vorstößen be-
Finanzkrise, und auch in Baden-Württem- heute – andere würden sagen, er war sonders aufgefallen wäre“, wie heute
berg verloren die Menschen den Glauben eben Profi und sie zu ehrlich, zu naiv. selbst ein führender CDU-Mann spitz
an die Unfehlbarkeit von Eliten. Dann bemerkt. Und daran änderte sich auch
rückten die Bagger an, die im August den Erfolg bestand für Mappus nichts bis 2004, als Teufel ihn noch größer
Nordflügel des historischen Bahnhofs fal- machte, zum Verkehrsminister. Die Emp-
len ließen und am vergangenen Freitag nicht darin, ein Thema zu fehlung fürs Amt? Er hatte als Staatsse-
die ersten Bäume im Schlossgarten. besetzen, sondern einen Posten. kretär viele Straßenabschnitte eröffnet.
Plötzlich bekommt die Wut auf „die da Bei Stuttgart 21, dem wichtigsten Ver-
oben“ eine Kulisse, vor der sie sich entladen Mappus, so erzählt Vogt das, hatte sie kehrsprojekt, blieb er dagegen eher blass.
kann. Ein Symbol für alles, was vermeint- in einem privaten Geplauder gefragt, wie Mappus-Qualitäten waren andere: Hal-
lich schiefläuft zwischen Entscheidern und es ihr denn in Berlin gehe, dort, wo Vogt tung, nicht Inhalte.
Beschiedenen, nicht nur in Stuttgart. Und als Bundestagsabgeordnete dem Innen- Erfolg in der politischen Karriere des
so ungerecht das auch sein mag, nach Jah- ausschuss vorsaß. Na ja, antwortete Vogt, Stefan Mappus bestand nicht darin, ein
ren, in denen der neue Bahnhof alle Gre- die Arbeit in Berlin mache schon Spaß, Thema zu besetzen, sondern einen Posten,
mien passiert hat, ohne dass damals jeden aber sie koste natürlich auch viel Zeit, da und am Ende den Posten des Fraktions-
Tag ordentliche Schwabenbürger in den zi- könne sie nicht so oft in Pforzheim sein, vorsitzenden. Nicht weil die Fraktion eine
vilen Ungehorsam getreten wären: Mappus wie sie wolle. Und kurz danach sei über- bestimmte Politik machen sollte. Sondern
ist nun der Mann, der die Krise lösen muss. all in der CDU die Parole umgegangen: um sich eine Hausmacht zu verschaffen,
So wie die Dinge liegen – hier die re- Vogt nicht mehr im Wahlkreis präsent. ein Gegengewicht zum regierenden Mi-
bellischen Bürger, dort der Musterschüler Mappus gewann damals – einer seiner nisterpräsidenten. Der CDU-Fraktions-
des Apparats –, könnte es keine schlech- wichtigsten Siege. Denn Vogt, die Heraus- vorsitz ist Platz eins in der baden-würt-
tere Besetzung für die Rolle geben. „Er forderin von Amtsinhaber Erwin Teufel, tembergischen Erbfolge, der Fraktions-
wollte Imperator sein, nun ist er verlassen schaffte es nicht mal in den Landtag. Und chef wird der nächste Ministerpräsident.
und allein“ steht an einem anderen Baum Mappus schaffte Teufel so die Konkurren- So steht es zwar nicht in der Verfassung,
im Schlossgarten. Der junge Mappus ist tin vom Hals. Wie es seine Pflicht war. aber so sind die Verhältnisse. So folgte
selbst zum Symbol geworden – für den Mappus half Teufel, Teufel half Map- Späth auf Filbinger, mit ein paar Monaten
Politiker des alten Typs. pus; schon Jahre vorher hatte Teufel in dazwischen als Innenminister, dann Teu-
Mappus kommt aus Mühlacker an der dem jungen Aufsteiger so etwas wie ein fel auf Späth, Oettinger auf Teufel und
Enz. Der Vater Schuhmacher, die Mutter Alter Ego erkannt, zumindest einen Ver- im Februar Mappus auf Oettinger.
Arbeiterin, beide interessierten sich nicht
sehr für Politik, aber umso mehr dafür,
dass ihr Sohn sich mühte, etwas aus sich
machte. Er tat es auf die Art, wie man sie
in diesem Milieu lernt: nie zu viel riskieren;
lieber bei allem, was man probiert, noch
etwas im Rücken haben. Nach dem Abitur
war ihm schon klar, dass er studieren wür-
de, aber erst mal machte er eine Lehre,
sicher ist sicher. Dann Wirtschaftswissen-
schaften in Stuttgart-Hohenheim, heimat-
nahe Universität, sicher ist sicher. Danach
verkaufte er Telefonanlagen für Siemens,
blieb aber als Assistent an der Uni, denn
sicher ist sicher. Und selbst heute hat Map-
UWE ANSPACH / DPA

pus noch einen ruhenden Arbeitsvertrag


bei Siemens, von 1996, man weiß ja nie.
Es war also nur natürlich, dass Mappus
seinen politischen Ehrgeiz in die CDU
investierte. „Macht ist ein entscheidender Protestbanner im Stuttgarter Schlossgarten: Den Fehdehandschuh hingeworfen

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Vorbild Teufel, Ziehsohn Mappus 2004
Für Familie, Glaube, Heimat

Glaubt man Weggefährten aus den ver-


gangenen Jahren, ist Mappus allerdings
schon heute, mit 44, an einem gefährli-
chen Punkt angelangt, an den Teufel und
Kohl erst später kamen, nach zu vielen
Enttäuschungen: „Er teilt Leute nur in sol-
PATRICK SEEGER / PICTURE-ALLIANCE / DPA

che ein, die für ihn sind oder gegen ihn“,


sagt einer, der ihn lange kennt. Und wer
den Sinn einer Entscheidung hinterfragt,
wer gegen ihn argumentiert, der soll an-
geblich schnell den Argwohn erregen,
dass er gegen den Ministerpräsidenten ar-
beite. Überhaupt gegen ihn sei. Illoyal.
Es soll deshalb, glaubt man einem FDP-
Mann, nur noch wenige Berater geben,
die sich trauen, Mappus ungeschminkt
Landtagswahlergebnisse der CDU in Baden-Württemberg in Prozent ihre Meinung zu sagen. Berüchtigt ist sein
Hopp-hopp-Stil, seine Abneigung gegen
Hans Lothar Erwin Günther Stefan Gelaber, und unter Gelaber-Verdacht
Filbinger 56,7 Späth Teufel Oettinger Mappus kann schon geraten, wer nur mal durch-
spielt, welche Gegenpositionen drohen.
1976
53,4 Weil Mappus nicht gerade als Aktenfres-
MINISTER- 51,9
ser gilt, liegen ihm inhaltliche Diskussio-
PRÄSIDENTEN 1980 49,0
1984 nen bis ins Detail nicht. Er kommt dann
in die Defensive, und darauf reagiert er,
1988 44,8 44,2 AKTUELLE so heißt es, ziemlich unwirsch.
41,3 UMFRAGE Es gehört allerdings auch zur Wahrheit,
39,6 2001 dass alle Verantwortlichen Stuttgart 21
2006
1996 unterschätzt haben, nicht nur
Quelle Umfrage: Infratest dimap, vom 8. September 2010 1992 335%
5% zum Vergleich: Mappus. Niemand rechnete da-
Grüne: 27% mit, dass eine zementstaubtrocke-
ne Sache wie der Bahnhofsum-
„Er hat sicher angestrebt, Oettinger ir- bestens geführten Archiv et- SPD: 21% bau, dass Verkehrstakte und Ge-
gendwann zu beerben“, sagt Hans-Ulrich was gefunden hatte, womit er FDP: 5% steinsarten im Untergrund zum
Rülke, FDP-Fraktionschef, Freund aus ge- die SPD oder die Grünen Linke: 5% Ventil für alles Mögliche werden.
meinsamen Pforzheimer Tagen. Andere vorführen konnte. Alte Aus- Zuerst hat Mappus das Thema
sagen: je früher, desto lieber. Und als Oet- sagen, die man ihnen vorhal- kleingehalten, von sich weggehal-
tinger nach dem Wahlsieg 2006 mit den ten konnte, da war Mappus reflexsicher, ten; sollte doch der Name von Stuttgart-
Grünen liebäugelte, war es Mappus, der schlagfertig, schlagkräftig. Instinktpolitiker. 21-Sprecher Wolfgang Drexler, einem
reingrätschte, in die Öffentlichkeit ging Aber die inhaltliche Diskussion bestim- SPD-Genossen, am Problemprojekt kle-
und Schwarz-Grün kategorisch aus- men, die Debatte anführen, moderieren? ben. Nun aber ist Drexler gegangen. Statt-
schloss. Und als die Kanzlerin entschied, Das Einzige, womit er sich in den vergan- dessen muss Mappus reden, um Stuttgart
dass Oettinger zur EU gehen sollte, war genen Monaten profiliert hat, ist sein 21 werben. Er müsste es tun mit Argu-
es Mappus, der sofort erklärte, er sei be- strikter Kurs für längere Atomlaufzeiten menten, als Landesvater, Integrations-
reit, bevor ein anderer es tun konnte. gewesen – und gegen Umweltminister figur, als glaubwürdiger Moderator aller
Mappus hatte also erneut gewonnen. Norbert Röttgen. Aber selbst hier ist nicht Interessen. Aber wie soll man ausgerech-
Die Frage ist seitdem nur: Wofür hat er klar: War Mappus für längere Laufzeiten, net ihm das abnehmen? Ihm, den alle
gewonnen? Seine Regierungserklärung im weil er von deren Sinn überzeugt ist? noch als Parteimann kennen, als par-
März blieb fade, ohne Thema, program- Oder wollte er das Thema schnell weg- teiischen Mann.
matische Zuspitzung, hinterher fragten haben, damit es nicht in seinen Landtags- Es ist eine Rolle, die ihm nicht liegt,
sich selbst Parteifreunde, woran sie sich wahlkampf hineinläuft? Oder watschte er die er vielleicht auch nicht kann. Und so
noch erinnern konnten. Richtig, dass man Röttgen so hart ab, weil der mal Volker hat Mappus getan, womit er authentisch
sparen müsse. Stuttgart 21? Sechs Sätze, Kauder den Fraktionsvorsitz in Berlin ist: gepoltert. Er nehme jetzt den „Feh-
auf der viertletzten von 27 Seiten. Der streitig machen wollte, und Kauder ist dehandschuh“ auf, sagte er vor der Jun-
nächste Versuch im Juli: Stuttgart 21, im- nun mal aus Baden-Württemberg, und gen Union. Ich oder die. Kampfmodus.
mer noch auf der viertletzten Seite. „Wer noch dazu ein Freund von Mappus, Pa- Auf seiner Seite hat er Recht und Ord-
Zweckinfrastrukturen von vor hundert tenonkel eines seiner Söhne? nung, für einen konservativen Politikstil
Jahren zu Heiligtümern verklärt, der wirft Vielleicht war es von jedem etwas, aber wie aus den siebziger und achtziger Jah-
den Standort Baden-Württemberg zurück.“ weil Loyalitäten im Machtsystem Mappus ren. Wasserwerfer und Tränengas. Gegen
Schon als Fraktionschef hatte er ganz über alles gehen, kann die Loyalität zu sich große Teile des bürgerlichen Lagers.
gern andere ans Pult geschickt, wenn es Kauder tatsächlich den Ausschlag gege- Er werde Stuttgart 21 durchsetzen, stellte
um Sachdebatten ging. Mappus warf sich ben haben. Mappus erwartet unbedingte er schon klar – selbst wenn es ihn das
dagegen immer dann mit Lust in die Rede- Loyalität. So hat er es bei Erwin Teufel Amt koste. Es klang nach starkem Mann,
schlacht, wenn er politisch punkten konnte, erlebt, der sich auf einen kleinen Kreis aber nie waren die Zeiten in Baden-Würt-
poltern konnte. Etwa wenn seine Gegner- Getreuer verließ, so war es bei Helmut temberg für starke Männer schlechter.
beobachtung funktioniert und er in seinem Kohl, den Mappus bewundert. J����� D�������, S����� K�����

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