Sie sind auf Seite 1von 5

Die Schokolade in den Zeiten des Fairen Handels

Autoren: Ricardo Cortez und Gunhild Bachmann

Woher kommt Schokolade?

Diese Frage lässt sich nur beantworten, wenn man weiß, wer fragt.

Wissenschaftlich gesehen spielt nicht nur das Endprodukt, also die Schokoladentafel, wie wir
sie aus dem Supermarkt kennen, eine Rolle, sondern viel mehr der Rohstoff. Die Kakaofrucht1
beinhaltet die begehrten Kakaobohnen, welche sich durch mehrere Bearbeitungsschritte
schlussendlich in das köstliche „braune Gold“ verwandeln lassen.
Der Ursprung der Schokolade, wie wir sie heute kennen, liegt im 16 Jahrhundert in Europa,
doch die Wurzeln der Köstlichkeit reichen weit tiefer in die Vergangenheit. Lange hielt sich
der Irrglaube, Trinkschokolade stamme aus der präkolumbianischen Ära in Zentralamerika.
Neuste Studien haben aber gezeigt, dass schon das Volk der Mayo-Chinchipe-Marañon, welche
in dem Gebiet der heutigen Zamora Chinchipe Provinz in Ecuador lebten, Kakao konsumierten.

Fig.1: Kakao-Arten
Source: http://cocoainterconnections.weebly.com/types.html

Grob geschätzt liegt der Ursprung der Schokolade zwischen 5300 und 2500 v.Chr. im
Amazonas. Es gibt zahlreiche Gefäße und Mörser, in denen Spuren von Kakao gefunden
wurden. DNS-Analysen ergaben, dass die Kakaosorte „Nacional“2 Nachkomme jener Pflanze
ist, deren Reste gefunden wurden.
Kakao wurde nicht nur als Getränk genutzt. In präkolumbianischen Kulturen galten
Kakaobohnen als Zahlungsmittel und kamen nicht ohne Grund nach Zentralamerika.
Wahrscheinlich sprechen wir über die meinst umstrittene Frucht in der menschlichen
Geschichte.

Aus Sicht des Konsumenten spielt bei der Frage eher die Gegenwart eine Rolle.
Kulturell gesehen sind die Kakao produzierenden Länder jene, die keine oder kaum Schokolade
konsumieren. Zumindest nicht in den Mengen, in denen sie Kakao produzieren.

1
Cacao Theobroma: Dieser wissenschaftliche Name basiert auf dem Ort, an dem diese Kakaofrüchte gefunden
wurden.
2
“National“: Der Name wurde verschieden Sorten des Forastero Kakaos gegeben.
Die größten Produzenten von Kakao, welche auch den wichtigsten Beitrag in der
Schokoladenindustrie leisten, sind Entwicklungsländer. Die Schokoladenindustrie machte
alleine im Jahr 2015 einen unglaublichen Umsatz von 25,4 Mrd. Dollars.

Anfang der 80er Jahre entstanden die ersten Fair-Trade-Bewegungen. Dadurch ließ sich endlich
nachvollziehen, woher die jeweiligen Produkte kamen. Die Max Havelaar Foundation handelte
1988 erfolgreich mit Fair-Trade-Kaffee. Durch die Verbreitung von Faire-Trade-, Single-
Origin- und Herkunftsbezeichnungen war es schwer vorstellbar, dass Kakao nicht Teil davon
wurde. Erst fünf Jahre später hat die gleiche Stiftung erfolgreich mit Fair-Trade-Kakao
gehandelt.
Das unschuldige und schmackhafte „Süße“ für den globalen Norden hat seinen Ursprung in
extremer Armut, Hunger, Sklaverei und Kriegen des globalen Südens.
Initiativen des Fairen Handels, ganz gleich wie sie geartet sind, sind nicht genug. Trotz des
riesigen Einflusses verschleiern die Zustände in der Schokoladenindustrie die globale
Wertschöpfungskette des Kakaos, welche in Schokolade endet.

Ricardo Cortez, ein MBA-Student der Universität Leipzig, führte eine Studie mit einer
Vereinigung von Bauern in Jutiapa, Honduras3 durch, welche die feinsten Variationen von
Kakao produzieren. Ziel dieser Vereinigung ist es, der extremen Armut zu entfliegen, indem
sie zu Entrepreneurs in der Schokoladenindustrie werden. Die Studie zielte darauf ab, eine
maßgeschneiderte Lösung zum Aufbau von Kapazitäten und Nachhaltigkeit durch
Entrepreneurship für die Vereinigungen zu finden. Auch die Tatsache sollte verändert werden,
dass Honduras als Kakaolieferant extrem unterrepräsentiert ist, obwohl es eine der 50 besten
Kakaosorten der Welt produziert. Die Annahme war, dass die Schokoladenproduktion den
Bauern nicht nur hilft das Einkommen zu erhöhen, sondern anstelle eines Rohstoffs ein fertiges
Produkt anzubieten.

Fig.2: Forschungsstandort
Source: http://google.com/maps

Gleichzeitig sollte die bestehende honduranische Schokoladenindustrie durch intensive


Interviews studiert werden, um aus deren Fehlern zu lernen, Sechs von acht registrierten
Chocolatiers nahmen teil.

3
Honduras ist ein kleines Land in Zentralamerika, wo der Anbau von Criollo Kakao praktiziert wird.
In Honduras sowie in den anderen Ländern, die Kakao anbauen, leben 95% der Bauern in
extremer Armut und das obwohl Honduras erstklassigen Kakao in Länder wie die USA,
Schweiz und Japan exportiert. Mit der Hilfe von Gunhild Bachmann, einer Psychologie-
Studentin der Alpen-Adria Universität Klagenfurt in Österreich, führte Ricardo Cortez eine
weitere Studie, basierend auf der Theorie des geplanten Verhaltens („theory of planned
behavior“) - entwickelt von Prof. Icek Ajzen, Univerity of Massachusetts Amherst - durch.
Diese ergab, dass 75% der Kakaobauern bereits an die Möglichkeit dachten, durch die
Produktion von Schokolade und damit die Erhöhung des Einkommens, aus der Armut zu
entfliehen.

Fig.3: Kakaobauer Familie in Bejucales River, Honduras


Source: http://lanoticia.hn/economia/grupo-terra-impulsara-el-desarrollo-de-familias-productor
as-de-cacao/

Die meisten Versuche aus der Armut zu entfliehen basieren auf sozialem Kapital. Das Damas
Chocolateras de Jutiapa-Projekt, zu Deutsch „Chocolatier-Damen aus Jutiapa“, ist das bis jetzt
best entwickelste Projekt. Ihr primäres Ziel ist es, die regionalen Supermärkte und in weiterer
Zukunft auch den nationalen Markt zu erobern.

Um den ersten Teil der Studie zu vervollständigen, muss die herrschende Armut der
Kakaobauern der Öffentlichkeit deutlich gemacht werden. Die Ergebnisse zeigen, dass das
monatliche Einkommen einer 5-köpfigen Familie im Schnitt 231,56 € beträgt. Das ist nicht
annähernd genug, um die täglichen Ausgaben zu decken.

Die Schokoladenindustrie in Honduras steckt noch in den Kinderschuhen. Die gesetzlichen


Auflagen, wie die physischenUmstände (organische Schokolade ist den äußeren Einflüssen wie
Hitze oder Transportdauer stärker ausgesetzt als nicht organische) erschweren den Export nach
Nordamerika oder Europa, wenn sie ihn nicht gar verhindern. Zusätzliche Hürden sind die
hohen Kosten für die Unternehmensgründung. Das wirft die Bauern zurück in das Armut-vs.-
Ernteertrag-Paradoxon. Ohne ausreichenden Ernteertrag sind sie nicht in der Lage, ihre
Lebenskosten zu decken und ohne Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten sind sie nicht in der
Lage, Feldmaschinen, natürliche Düngemittel etc. zu kaufen, um von den Feldern den
maximalen Ernteertrag zu erhalten.

Ein Fortschritt in der Wertschöpfungskette ist belebend für diese Bauern, was nicht
zwangsläufig die Umschulung zum Chocolatier meint. Wir sind mit verschiedenen
Phänomenen konfrontiert. Diese und andere Wertschöpfungsketten der Schokoladenindustrie
werfen die Frage auf: Was ist der wahre Antrieb der Schokoladenindustrie in der Welt?
Das Ausmaß an Armut, welches die Kakaobauern tagtäglich erleben, ist nicht akzeptabel,
„deren Zustände, gerade wenn sie von Generation zu Generation weitergegeben wird, sind
nicht nur Synonyme für Entbehrungen und Erniedrigungen der Betroffenen, sondern auch ein
Verlust und eine Schande für uns, die nicht dieser Gruppe angehören“4.

Wenn honduranische Schokolade den deutschen Markt erreicht, wird auf die Konsumenten
nicht nur ein neues Geschmackserlebnis warten, sondern es stellt auch auch einen Anreiz für
die Kakaobranche dar. Alle honduranischen Chocolatiers verwenden honduranischen Kakao
als Hauptrohstoff, welchen sie zu fairen Preisen erwerben und sie sind gewillt, sich den
europäischen Richtlinien anzupassen.

Ein umfassender Ansatz zur Förderung von Projekten, wie das DAMAS-Projekt, und des
Wohlergehens der Kakaobauern, ein Ansatz, der nicht die Schokoladenindustrie beeinträchtigt,
ist dringend notwendig.
Regional gesehen, reicht der Verzicht von Zwischenhändlern, um den Profit der Kakaobauern
zu erhöhen. International gesehen, ist Fair Trade nicht ausreichend, der Handel muss so direkt
wie möglich von statten gehen. Wie oben schon benannt, ergeben sich dadurch mehr und mehr
Möglichkeiten für honduranische Chocolatiers, dadurch automatisch eine höhere Nachfrage
nach Kakao und höheres Einkommen für die Bauern.
Das wäre nicht nur fair, sondern nur human. Dies ist eine Herausforderung, der wir uns
annehmen müssen.

Quellen:
Anecacao (2015): Historia del Cacao. Available online at http://www.anecacao.com/en/quienes-
somos/historia-del-cacao.html, checked on 8/15/2017.

Atria, Raúl; Siles, Marcelo; Arriagada, Irma; Robison, Lindon J.; Whiteford, Scott (2003): Capital social
y reducción de la pobreza en América Latina y el Caribe. En busca de un nuevo paradigma. Santiago
Chile: Comisión Económica para América Latina y el Caribe; Universidad del Estado de Michigan
(Libros de la CEPAL, 71).

Barrientos, Stephanie (2016): Beyond Fair Trade. Why are Mainstream Chocolate Companies Pursuing
Social and Economic Sustainability in Cocoa Sourcing?
Carroll, Rory (2004): Chocolate war erupts in Ivory Coast. Available online at
https://www.theguardian.com/world/2004/may/14/rorycarroll, checked on 8/14/2017.
Christoph, Christiane (2015): Fair Einfach und Fair Leben. Zwei Wege des Fairen Handels 25 (25).
Cortez, Ricardo (Ed.) (2017): Cacao and Poverty. Can Honduran cacao farmers escape from poverty?
EWNSA.
EFE (2013): El cacao es amazónico y se consumía hace 5.500 años, según arquéologos ecuatorianos y
franceses. In El Universo, 2013. Available online at
http://www.eluniverso.com/noticias/2013/09/14/nota/1439071/cacao-es-amazonico-se-consumia-hace-
5500-anos-segun-arqueologos, checked on 8/15/2017.
Financial Times (2014): Cocoa wars: Ivory Coast ‘nationalizes’ its beans. Available online at
https://www.ft.com/content/2380a568-49b4-11e0-acf0-00144feab49a?mhq5j=e1, checked on
8/14/2017.
Heirloom Cacaco Preservation (2017): Heirloom Cacao Preservation. Available online at
http://hcpcacao.org/abouthcp/, checked on 8/10/2017.

4
Atria et al. 2003, übersetzt durch Autoren.
Joyce, Rosemary A.; Henderson, John S. (2010): Forming Mesoamerican Taste: Cacao Consumption in
Formative Period Contexts. In John Staller, Michael Carrasco (Eds.): Pre-Columbian Foodways. New
York, NY: Springer New York, pp. 157–173.
Katz, Andrew (2014): Dark Gold: Giulio Di Sturco Goes Inside Madagascar's Cocoa War. Available
online at http://time.com/3809538/madagascar-cocoa-chocolate-war-giulio-di-sturco/, checked on
8/14/2017.
Loor Solorzano, Rey Gaston; Fouet, Olivier; Lemainque, Arnaud; Pavek, Sylvana; Boccara, Michel;
Argout, Xavier et al. (2012): Insight into the wild origin, migration and domestication history of the fine
flavor Nacional Theobroma cacao L. variety from Ecuador. In PloS one 7 (11), e48438. DOI:
10.1371/journal.pone.0048438.
Sánchez, Sith; Escobedo, Adriana; Villalobos, Marilyn; Somarriba, Eduardo (2013): Uso actual y oferta
de tecnologías sostenibles en las cadenas de valor del cacao en Honduras para mejorar la seguridad
alimentaria.
Shapiro, Howard-Yana (2016): MARA P. SQUICCIARINI AND JOHAN SWINNEN (eds.). The
Economics of Chocolate. Oxford University Press, Oxford, 2016, 496 pp., ISBN 978-0198726449. In J
Wine Econ 11 (03), pp. 471–475. DOI: 10.1017/jwe.2016.34.
Telégrafo, El (2016): La cultura Mayo Chinchipe redefine el origen de la civilización andina. Available
online at http://www.eltelegrafo.com.ec/noticias/cultura/7/la-cultura-mayo-chinchipe-redefine-el-
origen-de-la-civilizacion-andina, checked on 8/16/2017.
Valdez, Francisco (2013): Primeras Sociedades de la Alta Amazonia. La Cultura Mayo Chinchipe-
Marañon.
Vellema, Sietze; Laven, Anna; Ton, Giel; Muilerman, Sander (2016): Policy Reform and Supply Chain
Governance. Insights from Ghana, Côte d'Ivoire, and Ecuador.