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J acques Ranciere

Der Philosoph und seine Armen


Aus dem Französischen
von Richard Steurer

Herausgegeben von
Peter Engelmann

Passagen Verlag
Deutsche Erstausgabe
Titel der OriginalauJgab�ltpbilosopbe et sts pcml'res Inhalt
Aus dem Fran? 1seb: - n' R1� d Steurer

Platons Lüge 13

LL- /c I/;· r. lf-


(.

Die Ordmmg des Stelelies 15


Ouvrage publie avec le concours Ju Ministere frans:ais charge
Die Ordnung der Rede 49
de la culture- Centre national du livre.
Cet ouvrage, publie dans le cadre du Programme d'Aide a la
Publication (P.A.P.) MUSIL, beneficie du soutien du Ministere
frans:ais des Affaires Etrangeres et de !'Ambassade de France Die Arbeit von Marx 81
en Autriche.
Der Seimster und der F.itter 83
Die Produktion des Proleteltiers 101
Die Jt'eJ!.gezcmberte Rewlution 127
Däs Risiko der Kunst 147

Die deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen


N ationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet Der Philosoph und der Soziologe 173
über http:/ Idnb.ddb.de abrufbar.
Der ll!Clrxistische Hon'zont 175
Die 1\Jmter des Philosophen 187
Der Soziologe äls Kiinzg 225

Alle Rechte vorbehalten Für diejenigen, die noch mehr wollen 273
ISBN 978-3-85165-931-3
© 1983 by Editions Fayard
Nachwort 293
© der dt. Ausgabe 2010 by Passagen Verlag Ges. m. b. H., Wien
http://www.passagen.at Anmerkungen 305
Grafisches Konzept: Gregor Eiehinger
Satz: Passagen Verlag Ges. m. b. H., Wien
Druck: Manz Crossmedia GmbH & Co KG, 1051 Wien
Dirk Rembrantsz war ein Bauer aus Holland, aus dem Dorf Nierap gebürtig,
das im äußersten Nordholland liegt, gegen Friesland hin. Die Ausübung seines
Berufs als Schuster in seinem Geburtsort lieferte ihm nur das Nötigste zum
Überleben. Doch hatte er einen Weg gefunden, das Schicksal zu besiegen
durch eine vorzügliche Kenntnis der Mathematik, von der, zum Schaden
seiner Arbeit der Hände, er nicht ablassen konnte. Der große Name von
Herrn Descartes und die geringe Befriedigung, die er aus dem Studium der
Mathematikbücher, die er in der Volkssprache gelesen hatte, erlangt hatte,
veranlassten ihn, sein Dorf zu verlassen, um Descartes aufzusuchen. Dieser
galt als zugänglichster Mann der Welt und die Vorstellung, die er von einem
zurückgezogenen Philosophen hatte, überzeugte ihn nicht davon, dass der
Eingang zu dessen Einsamkeit von Schweizern gehütet werden musste. So
wurde er von Herrn Descartes' Leuten als ein verwegener Bauer zurückge­
wiesen und man begnügte sich, den Herrn des Hauses davon zu benachrich­
tigen, nachdem man ihn weggeschickt hatte. Rembrantsz kam zwei oder drei
Monate später im selben Aufzug zurück und verlangte Herrn Descartes zu
sprechen, mit der Bestimmtheit eines Mannes, der mit ihm über wichtige
Geschäfte sprechen wollte. Sein Äußerliches trug nicht dazu bei, ihm einen
besseren Empfang zu bereiten als zuvor; und als man Herrn Descartes seine
Worte übermittelte, schilderte man ihn als zudringlichen Bettler, der mit
ihm über Philosophie und Astrologie sprechen wolle, um ein Almosen zu
empfangen. Herr Descartes pflichtete der Sicht seiner Leute bei. Ohne die
Sache weiter zu vertiefen, schickte er ihm Geld und ließ ihm ausrichten, dass
er ihm die Mühe erspare, mit ihm zu sprechen. Rembrantsz, dem die Armut
nicht das Herz genommen hatte, lehnte die Großzügigkeit unseres Philo­
sophen ab und antwortete, dass, da seine Zeit noch nicht gekommen sei, er
sich für eine Weile zurückziehen werde, aber hoffe, dass ihm eine dritte Reise
nützlicher sein werde. Man überbrachte diese Antwort Herrn Descartes, der
es bereute, den Bauern nicht gesehen zu haben, und seinen Leuten Anweisung
gab, ihn darauf aufmerksam zu machen, wenn er wiederkäme.
Rembrantsz kehrte einige Monate später wieder. Und als er sich als der
Bauer zu erkennen gab, den die Begierde, Herrn Descartes zu sehen, schon
zwei fruchtlose Reisen hatte unternehmen lassen, erhielt er schließlich die

11
Befriedigung, die er mit so viel Eifer und Ausdauer gesucht hatte. Herr Des­
cartes, der auf der Stelle seine Fähigkeit und sein Verdienst erkannte, wollte Platons Lüge
ihn für all seine Mühen mit Zins bezahlen. Er begnügte sich nicht, ihn in
allen Schwierigkeiten zu belehren und ihm seine Methode beizubringen, um
seinen Verstand zu begradigen. Er empfing ihn außerdem, ungeachtet der
Niedrigkeit seines Standes, unten der Freunden ersten Ranges und versicherte
ihm, dass sein Haus und sein Herz ihm jederzeit offenstünden.
Rembrantsz, der nur fünf oder sechs Meilen von Egmont lebte, stattete
Herrn Descartes von da an sehr oft Besuche ab und wurde in seiner Schule
einer der ersten Astronomen seiner Zeit.

A. Baillet, Das Leben des Rene DesCClltes Kritias aber griff ein und sagte: "Diese auf alle Fälle
wirst du in Ruhe lassen müssen, Sokrates, die Schuster,
Baumeister und Schmiede. Ich glaube nämlich, dass sie
schon ganz abgenützt sind, weil du sie immer im Munde
führst." - "Also", sagte Sokrates, "soll ich auch von dem
Abstand nehmen, was mit diesen Beispielen in Verbin-
dung steht, von der Untersuchung dessen, was gerecht
und fromm ist und so weiter?"

Xenophon, E1imzermz�m an Sokrates, I, II, 37.

12
Die Ordnung des Staates

Am Anfang waren vier Personen. Vielleicht fünf. Ungefähr


so viele, wie es Bedürfnisse des Körpers gibt. Ein Bauer für
die Nahrung. Ein Maurer für das W ahnen. Ein Weber für die
Kleidung. Fügen wir noch einen Schuster und irgendeinen
anderen Arbeiter hinzu, um die materiellen Bedürfnisse zu
befriedigen.
So fängt der Staat Platons an. Ohne Gottheit und ohne Grün­
dungslegende. Mit Individuen, Bedürfnissen und den Mitteln,
sie zu befriedigen. Ein Meisterwerk der Effizienz: mit seinen
vier oder fünf Arbeitern gründet Platon nicht nur eine Stadt,
er erfindet auch eine Wissenschaft der Zukunft, die Soziologie.
Unser 19. Jahrhundert wird es ihm danken.
Sein eigenes Jahrhundert urteilt anders. Sein Schüler und
Kritiker Aristoteles drückt es klipp und klar aus: Ein Staat ist
nicht einfach ein Zusammenkommen von Bedürfnissen und
eine Aufteilung von Produktionsmitteln. Man braucht von
Anfang an etwas anderes: die Gerechtigkeit, die Macht des
Besseren über den weniger Guten. Es gibt mehr oder weniger
edle Aufgaben, mehr oder weniger niedrige Arbeiten, Natu­
relle, die den einen oder den anderen entsprechen. Man muss
sie unterscheiden. Selbst in einem Staat von vier oder fünf

f
Bürgern braucht man einen, der das Gemeingut verteidigt und
ihm Respekt verschafft, dieses Gemeingut, das den Zweck des
1 Staates jenseits der Bedürfnisbefriedigung definiert. Wie sollte
l
1

jedoch die Gerechtigkeit jemals aus der einfachen Vereinigung


von gleich unabdingbaren Arbeitern entstehen?1
Es muss da irgendwo ein Missverständnis geben. Oder einen

I
Trick. Denn die Gerechtigkeit ist gerade das Thema dieses

15
Dialogs von Platon. Um sie zu bestimmen, baut er seine Ge­ haben soll über das, was über die Schuhe hinausgeht, für den
sellschaft wie unter einem Vergrößerungsglas auf. Sie muss also Philosophen einen Nutzen hätte, der weit über die Produkte
schon in dieser gleichberechtigten Vereinigung von Arbeitern seines Berufes hinausgeht. Eine marginale und auf den ersten
da sein, sonst kommt sie niemals hinzu. Es liegt an uns, sie zu Blick paradoxe Einheit, die einen Zweifel an der Nützlichkeit
suchen. nützlicher Arbeiter belässt.
Und doch sind dieser Schuster und seine Kumpanen da, um
uns ein Grundprinzip zu lehren: Man kann nur eine Sache
Derfiitifte Afann zugleich machen. Es wäre ungeschickt, wenn der Bauer seine
Feldarbeit stehen lassen würde und drei Viertel seiner Zeit sein
Es gibt vielleicht eine erste Spur: das leichte Schwanken be­ Dach reparieren, seine Kleider weben oder Schuhe zuschneiden
züglich der Anzahl der Gleichen. Vier oder fünf, man weiß es würde. Die Arbeitsteilung sorgt dafür. Sie teilt jeder Tätigkeit
nicht ganz. Eine gerade oder ungerade Zahl, das sollte doch eine einen Spezialisten zu. Und damit wird alles zum Besten ste­
Bedeutung haben für einen Philosophen, der die Wissenschaft hen: "Hiernach wird also alles mehr und schöner und leichter,
der Zahlen liebt. Später wird er die Paarung seiner Krieger der wenn es ein Einzelner nach seiner Anlage und zur rechten Zeit
Goldzahl oder dem Goldenen Schnitt unterwerfen. Aber vor­ verrichtet, alles Übrige aber beiseite lässt. "3
läufig scheint er gleichgültig gegenüber der Sorgfalt der Zählung Viele Dinge in wenigen Worten. Zuerst eine Frage: Man
zu sein. Im Staat der Notwendigkeit lässt er die Möglichkeit wird sicherlich mehr machen, aber warum braucht man so
in der Schwebe, dass es einen zuviel gibt. viel? Offensichtlich leben diese Menschen schon in einer
Das ist vielleicht eine erste Antwort auf unsere Frage und Marktgesellschaft. Doch der Markt ist sehr beschränkt. Man
auf den Einwand von Aristoteles. Es gibt keinen Höheren braucht nicht Adam Smith gelesen haben, um zu verstehen,
unter den Gleichen, aber es gibt einen, der vielleicht weniger dass eine solche Arbeitsteilung zu unhandelbaren Überschüs­
unabkömmlich ist als die anderen. Dieser fünfte Mann, des­ sen führen wird. Angefangen natürlich bei den Schuhen. Mit
sen wesentliche Funktion nicht genauer angegeben ist? Oder so beschränkter Bevölkerung und beschränkten Bedürfnissen
dieser Schuster? B raucht man wirklich einen Spezialisten für ist die Arbeitsteilung eine Absurdität. Es ist vielleicht nicht
Schuhe, wenn ein einziger Arbeiter für alle Teile der Gebäu­ "leichter", dass der Schuster zugleich ein kleines Stück Land
de reicht? Es ist nicht so eine schwierige Sache, einen Bauern bestellt. Aber es ist bestimmt sicherer.
Attikas zu beschuhen, Platon sagt es selbst ein wenig später: So denkt die Ökonomie von Adam Smith. Die Ökonomie
während des Sommers werden sie "meist leicht gekleidet und Platons weicht von ihr in dem ab, dass die Bedürfnisse der
unbeschuht" 2 arbeiten. Muss man zu diesem Behufe ein Vier­ ersten Gesellschaftsmitglieder nicht beschränkt sind. Sie sind
tel der anfänglichen Arbeitskraft anstellen? Oder muss man von Anfang an unendlich. Er sagte es uns zu Beginn, dass diese
denken, dass der Schuster auch für etJJ/as anderes da ist? Er wird Menschen viele Dinge brauchen. Er wird uns später sagen, dass
nämlich an allen strategischen Punkten des Dialogs in der diese Arbeiter viele Werkzeuge brauchen. Von Anfang an muss
ersten Argumentationslinie auftauchen, wenn man über die man mehr machen. Und dafür fehlt die Zeit. Nicht, dass der
Arbeitsteilung nachdenken, die Unterschiede der Naturelle und Arbeiter immer arbeiten muss . Aber er muss immer verfügbar
der Fähigkeiten feststellen und die Gerechtigkeit selbst bestim­ sein, um die Arbeit zum richtigen Zeitpunkt zu tun. Deshalb
men muss. So als ob er unter der Hand eine doppelte Arbeit darf er nur einen Beruf haben. Zum Glück fällt Sokrates im
verrichten würde. Als ob dieser Arbeiter, der keine Meinung rechten Moment eine Beobachtung ein. Es ist eine Tatsache

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der Erfahrung, dass die Natur gerade in dieser Notwendigkeit Fähigkeiten und Vorlieben verleiht, dass sie Körper schafft, die
geholfen hat, indem sie den unterschiedlichen Individuen eher für die Arbeit unter freiem Himmel geeignet sind, und
verschiedene F ähigkeiten gegeben hat. Diese werden sich den andere, die besser im Schatten der Handwerksstuben arbeiten.
Funktionen anpassen und alles wird gut gehen. Doch wie unterscheidet man jemals ein Webernaturell von
.
Doch sehr klar ist das nicht. Das Argument der Zeit ist bereits einem Schusternaturell, wenn nicht durch diesen Zeitmangel,
nicht so einfach. Sicher wartet die Arbeit nicht auf den Arbei­ der zusammen mit der Dringlichkeit der Arbeiten, niemals dem
ter. D och das Umgekehrte ist nicht wahr. Die Natur hat dem einen erlaubt, sich an der Stelle des anderen zu befinden?
Bauern vielleicht genau der Feldarbeit angepasste Fähigkeiten So geht die Argumentation geradeaus auf ihren hinkenden
verliehen. Doch sie hat auch den Pflanzen Wachstumszyklen Beinen. Der Unterschied zwischen den Naturellen kommt
gegeben. Sie hat auch Jahreszeiten gemacht, die in ungleichen der schlecht bewiesenen Unmöglichkeit zu Hilfe, zwei Funk­
Maßen die Ausübung der agrarischen Fähigkeiten verlangen. tionen zu erfüllen. Diese Unmöglichkeit weicht den Fragen
Muss der Bauer wirklich die ganze schlechte Jahreszeit und die aus, die dieser rätselhafte Wesensunterschied stellt, der die
Tage der Unwetter damit verbringen, auf die rechte Gelegen­ Arbeitsteilung vorgibt. Wenn diese wirtschaftlich unwahr­
heit zu warten, um aufs Feld zurückzukehren? Gibt es nicht scheinliche Teilung sich in der natürlichen Offensichtlichkeit
eine rechte Zeit für das Bestellen des Feldes und eine ebenso der gesellschaftlichen Nützlichkeit ausdrücken kann, dann
rechte Zeit, die eigenen Kleider zu weben und die der anderen? deswegen, weil die Willkür der Natur und die Konvention der
Diese Denkweise werden viele Bauern noch mitten im Zeitalter Gesellschaftsordnung hier ihre Fähigkeiten austauschen. Dieser
der industriellen Revolution haben, ohne dass Landwirtschaft Austausch wird durch einen Begriff geleistet, der zu trivial ist,
oder Industrie darunter litten. Bloß die Gehälter. Aber das ist um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, nämlich durch die
eine andere Geschichte. Zeit.
Sollte der Philosoph, der so gewandt ist, für seine Vergleiche
die Tätigkeiten der Handwerker zu beschreiben, sollte er denn
so unwissend in Bezug auf die Bedingungen ihrer Ausübung Eim Frage der Zeit
sein? Das ist nicht sehr wahrscheinlich. Wenn er so tut, als
würde er wissen, dass die Natur dem Bauern und dem Maurer Die Zeit, wird Feuerbach sagen, ist die bevorzugte Kategorie
genug Freizeit lässt und dass die Gesellschaft dies ebenso für des Dialektikers, weil sie ausschließt und unterordnet, während
ihre Kumpane tut, dann hat er wohl entschieden, dass sie diese der Raum mit einschließt und anordnet. Das muss man genauer
Zeit nicht haben sollten, welche die Umstände ihnen manchmal untersuchen. Die Zeit, von der Platon hier spricht, ist nicht
zu großzügig geben. Das Prinzip einer Gesellschaftsnatur, welche die der physischen Notwendigkeit, die Zeit der Entstehung,
die Temperamente den Funktionen anpasst, könnte mit diesem der Entwicklung und des Todes. Es geht um diese zwiespältige
V ergessen erkauft sein. Hinter den scheinbaren Paradoxa dieser Einheit, die halb-philosophisch, halb-volkstümlich, halb-na­
Wirtschaft wird ein anderes, leicht verschobenes Spiel gespielt. türlich halb-gesellschaftlich ist, und die die Verfügbarkeit für
Eine Harmonie stellt sich ein zwischen vier Elementen: die un­ eine Aufgabe oder den geeigneten Moment bestimmt, damit
zähligen Bedürfnisse, die fehlende Zeit, die mehr oder weniger das Angebot mit einer Nachfrage übereinstimmt. Es geht
unabkömmlichen Arbeiter und diese Fähigkeiten, von denen nicht um die Zeit, die nötig ist, um ein Werk (ergon) zu voll­
wir nicht wissen, wie sie erkannt werden. Denn wir wollen bringen, sondern um die Zeit, die den Zeitvertreib (parerp,on)
zugestehen, dass die Natur den Individuen unterschiedliche erlaubt oder verbietet - das heißt neben der Notwendigkeit

18 19
des Werkes zu sein. Nicht die Zeit, welche die Wasseruhren kraten nicht die Zeit haben, ihre Macht auszuüben. Doch in
messen, sondern die Zeit, welche die einen an ihr Maß bindet einem gut regierten Staat werden sie aus eben diesen Gründen
und die anderen davon befreit: die Freizeit (schole) oder ihre keinen Platz haben.5
Abwesenheit (ascholia) . So gehen die Freizeit und ihr Fehlen im Zickzack vor, um in
Der Ausschließungsfaktor ist der Mangel an Zeit - oder der beiden Fällen zum selben Resultat zu gelangen: Der Handwer­
Mangel an Freizeit: die ascholia. Der Begriff wird nicht nur von ker kann kein guter Bürger sein. Die Originalität der Politeia
Platon verwendet. Er ist ein Gemeinplatz im Nachdenken über besteht nun darin, die Frage nicht zu stellen. Aristoteles oder
die Beziehungen der Arbeitsordnung zur politischen Ordnung. Xenophon, Platon selbst in den Nomoi- sie stellen das Problem
Doch wenn der Platz auch allen gemein ist, so sind die Wege in seiner alternativen Form: Kann man ein Bürger sein und
zu ihm doch unvorhersehbar. Von Platon zu Xenophon oder einen Beruf ausüben? Welche Beschäftigungen eignen sich
von Xenophon zu Aristoteles gibt das Fehlen von Freizeit und welche eignen sich nicht, geben oder nehmen Zeit, um
Anlass zu den widersprüchlichsten und beunruhigendsten am politischen Leben teilzunehmen? Im Gegensatz dazu ist in
Argumentationen. Es ist für Xenophon unmöglich, dass die der Po!iteia die Bürgerschaft weder ein Beruf noch eine Eigen­
Handwerker am politischen Leben teilhaben: Sie arbeiten schaft, sondern eine Tatsache: man gehört der Gemeinschaft an.
immer im Schatten, sitzen am Feuer, führen ein Leben im Diese Gemeinschaft kennt nur unterschiedliche Beschcift�r;m�r;en.
Inneren, ein verweiblichtes Leben, das ihnen keine Zeit lässt, Aristoteles unterscheidet vier Arten des Handwerks. Sokrates
sich um anderes als um die Arbeit und die Familie zu kümmern, wirft gerade mal im Vorbeigehen den Fall dieser Leute auf, die
nämlich um die Freunde und den Staat. Im Gegensatz dazu einen robusten Körper, aber einen viel zu langsamen Verstand
sind die Bauern, die unter freiem Himmel und unter der Sonne haben. Man wird sie dennoch in die Gemeinschaft aufnehmen,
stehen, die besten Verteidiger des Staates, weil sie - sonderbarer sie werden Schwerarbeiter sein, unqualifizierte Arbeiter. Es gibt
Ausdruck - nicht die meiste Freizeit, sondern den J!,fril�[!,sfen i'v!m�r;el unterschiedliche Naturelle, aber offensichtlich keine Natunm­
an Freizeit haben. 4 terscbiede (Wesensunterschiede) . Die Arbeiten sind gleichartig.
Dasselbe Kriterium führt bei Aristoteles zu denselben Prä­ Es gibt keine Sklaven.
ferenzen. Doch die Argumentation ist genau umgekehrt. Die Ein einziges Ausschließungsprinzip also. Die Po!iteia erklärt
Handwerker sind tatsächlich der Ruin der Demokratie, doch nicht, dass man nicht zugleich Schuster und Bürger sein kann.
deswegen, weil sie zu viel Freizeit haben. Sie haben viel Zeit, Sie stellt nur fest, dass man nicht zugleich Schuster und Weber
um in den Straßen oder am Marktplatz herumzuhängen. Sie sein kann. Sie schließt niemanden aufgrund der Niedrigkeit
können somit allen Versammlungen beiwohnen und sich seiner Arbeit aus. Sie stellt nur die Unmöglichkeit fest, meh­
überall ungelegen und ungebührlich einmischen. Die Demo­ rere Berufe zu haben. Sie kennt nur ein Übel, doch das ist das
kratie der Bauern wäre j edoch die beste - die am wenigsten absolute Übel: dass zwei Dinge eines sind, zwei Funktionen
schlechte. Die B auern sind auf den Feldern, die Versammlung am selben Ort, zwei Eigenschaften in einem einzigen Wesen.
ist zu weit weg. Sie haben nicht die Freizeit, um zu ihr zu Eine einzige Kategorie ist also dejacto ohne Arbeit: Leute, deren
gehen und ihre Macht auszuüben. Die Dinge werden einen eigentliche Beschäftigung darin besteht, zwei Dinge zugleich
umso besseren Lauf nehmen. Denn wenn sie hingehen würden, zu tun: die Nad.Jahmer.
würden sie sich wie Männer benehmen, die nicht die einzige
Muße haben, die zählt: die des Denkens. Sie machen die am
wenigsten schlechte Demokratie, diejenige, in der die Demo-

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Die Ordnung des Festmabls verstandes, die Ratschläge zur Vorsicht, die gesunden Diäten,
die von Sokrates vorgeschlagen werden, zurückzuweisen. Eine
Es gibt keinen Grund, dass die Nachahmer die Ordnung des Rolle , die gewöhnlich von den edlen Leuten gespielt wird: vom
ursprünglichen Gemeinwesens stören. Um sich über seine vier ehrgeizigen Kallikles oder von den Mitgliedern der Familie von
oder fünf Pioniere hinaus weiterzuentwickeln, braucht es nur Platon: der Cousin Kritias, der Tyrann; die Brüder Adeimantos
drei oder vier zusätzliche Kategorien: Zimmermänner und und Glaukon.
Schmiede, um die Arbeitsgeräte herzustellen; Lohnarbeiter Um diesem letzten einen Gefallen zu tun, wird Sokrates
für die groben Arbeiten; und für den Austausch die Händler dem gesunden Gemeinweisen wehmütig Lebewohl sagen. Wir
zweierlei Arten: kleine Kaufleute für den Binnenmarkt, Groß­ betreten das Gemeinwesen der Launen und des Savoir-Vivre.
händler für den Außenmarkt. Da diese Waren brauchen, um Der Einwurf von Glaukon macht die unterirdische Logik des
sie gegen die tauschen zu können, welche die Gemeinschaft vorhergehenden Moments sichtbar. Die Gerechtigkeit gibt es
braucht, wird man die Anzahl der Produzenten erhöhen. Da­ nur durch die Beeinträchtigung der Gesundheit. Und sie ist be.,
mit wird man die Gesellschaft als komplett und perfekt ansehen reits vorgezeichnet im Spiel des Mangels und des Überschusses,
können. Man wird fröhlich in Eintracht und Frömmigkeit der Schwankungen, die leicht das perfekte Gleichgewicht des
leben. Die Bürger werden, gekrönt von Myrthe und auf Blät­ gesunden Gemeinwesens stören. Die Gerechtigkeit ist das Ver­
terbetten schlafend, brüderlich Wein und Weizenkuchen teilen, weisen der gesunden und nützlichen Arbeiter auf ihre Plätze.
die auf sauberem Stroh oder Blättern serviert werden. Das neue Gemeinwesen, in dem die Ungerechtigkeit und
Das ist kein Kommunismus. Eher eine egalitäre Republik der die Gerechtigkeit möglich und denkbar sind, beginnt mit dem
Arbeit. Vegetarisch und pazifistisch, wird die Produktion an Würzen der Speisen und dem Schmuck der Tafeln. Muss man
die Bedürfnisse und die Geburten an die Ressourcen angepasst. sagen, dass gerade hier der Ursprung der Politik liegt, in den
Eine unpolitische Gesellschaft der Arbeitergesundheit, deren Tischsitten des Ethnologen, den feinen Unterschieden des
Mythos zur Zeit des Anarchismus und des Neo-Malthusianis­ Soziologen? Vielleicht, aber die Tafel ist ebenso Vermengung
mus wiederkehren wird. wie Unterscheidung. An der Tafel des Agathon kann die
Gesundheit j a, aber Gerechtigkeit? Die Regelung des Glei­ Trunkenheit des Genießers Alkibiades dem Enthusiasmus
chen und des Ungleichen? Sokrates und sein Gesprächspartner des Philosophen Sokrates begegnen. Anderswo verschwören
suchen sie, und wir haben geahnt, wo sie sich abspielt: in der sich die Verstellungen der Reden mit der Wirklichkeit der
leichten Ungleichheit dieser Gesellschaft der genauen Arbeits­ Bedürfnisse, und die demokratischen Bestrebungen mit dem
teilung: die Fülle an Bedürfnissen, das Schwanken der Zahl, die aristokratischen Prunk, bis sie gerade im Herzen der Neuzeit
Ordnung der Zeit, die allen gleichermaßen fehlt, aber manchen zu einer der Figuren der politischen Subversion werden.
nicht fehlen könnte.
Hier hakt Glaukon ein, der Gesprächspartner von Sokrates
und Bruder Platons. Für ihn ist diese Arbeiterrepublik nur ein Nachahmer, ]i{f!,er und HanduJerker
Staat von Schweinen. Er möchte für seine Tafel anderen Prunk
und neue Zierde: gepolsterte Betten und Tische, Beilagen und Die Ordnung, die das Bankett einsetzt, ist die der Mischung.
Leckereien, Düfte und Kurtisanen . . . Während das Gemeinwesen mit der klaren Verteilung der
E s ist i n den Dialogen Platons eine geregelte Funktion, die nützlichen Arbeiten begann, beginnt die Politik mit der bunten
Latte höher zu legen und die Maximen des gesunden Menschen- Menge der Nutzlosen, die sich einmischen. Diese ganze Masse

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an "Arbeitern", die sich um die neuen Bedürfnisse kümmern: weichlichen sie die Herzen der zukünftigen Krieger. Mit ihren
die Maler und Musiker, die Pädagogen und Kammerzofen, die Fabeln über gewalttätige und betrügende Götter tragen sie zu
Schauspieler und Rhapsoden, die Frisöre und Köche, die Lu­ Maßlosigkeit bei. Und hinter der Einladung zur l':J: achahmung
xusartikelhersteller und die Schweinehirten und Metzger. Muss schlechter Taten steht gerade das Prinzip des Ubels selbst:
man in dieser bunten Menge von Parasiten nicht nützliche Ar­ die Einladung zur Nachahmung im Allgemeinen, die Macht
beiter sehen wie die anderen, sofern sie nur sich begnügen, eine der Verdoppelung, Beliebiges darzustellen, Beliebiges zu sein.
Sache alleine zu tun? Um so mehr, als sie nicht anders können, Umsonst tut Sokrates so, als ob er sich davor schützen könnte,
als selbst für die Speisen, die Tafeln und die Zierde des Banketts indem er hier noch die Arbeitsteilung erkennen würde: die
das Überflüssige mit dem Notwendigen zu mischen. Natur der Menschen ist in "so kleine Teile zerlegt" , dass man
Doch gibt es bei diesen Neuangkömmlingen eine Einteilung, nur eine Sache zugleich nachahmen kann. 6 Leider widerlegen
die zwar nicht hervorgehoben wird, aber leicht zu erkennen die neuen Theatermaschinen diesen Optimismus. Auf der Büh­
ist. Das Überflüssige wird in zwei Arten eingeteilt, die sich ne, vor einem Publikum, das nicht mehr das von Kriegern ist,
überschneiden können, aber unterschieden bleiben: die ein­ sondern von Handwerkern, nehmen sie das schöne Prinzip der
fache Produktion von Luxus und die Produktion von Bildern. Funktionalität der Arbeitsteilung auseinander. Sie stellen die
Zwei Arten der Kunst, über die Platon anderswo ausführlicher ganze Schöpfung dar. Eine Übertreibung, die weitaus gefähr­
spricht: die Künste der Aneignung und die Künste der Nach­ licher ist als die des Luxus. Dieser fügt der Arbeitsteilung nur
ahmung. Die neuen Arbeiter des Gemeinwesens teilen sich in neue Spezialisierungen hinzu und er korrumpiert nur solche,
zwei Gruppen: die Männer der Aneignung, die Jäger, die sich die es sich leisten können. Die Kunst des totalen N achahmers
um die Bedürfnisse des Überflüssigen als solches kümmern; und hingegen bietet sich allen Mitgliedern der Gesellschaft an, um
die Nachahmer, die ins Reich des Überflüssigen die Produktion ihre Einfachheit in Frage zu stellen, das heißt ihre Zugehörig­
ganz besonderer Art einführen, nämlich diejenige, die das Bild keit zu ihrer Funktion.
des Notwendigen nachmacht und fälscht. Überkreuztes Spiel: im Verhältnis des obersten Jägers zum
Wir sind nun in der Lage, die Ungerechtigkeit kommen zu Nachahmer erhält die Einfachheit des Handwerkers neue
sehen. Nicht von der Seite, wo wir sie erwarteten. Sie ist nicht Bedeutungen. Gegenüber dem N achahmer würde man ihm
der das Gemeinwesen korrumpierende Luxus. Es ist nicht wich­ gern zuerst die positive Rolle eines Gegenbeispiels zuweisen.
tig, ob die Zimmermänner die Lager der Bankette schmücken Der Handwerker zeigt, was der einfache Mann der Kunst
statt Werkzeuge herzustellen, oder ob der Schmied zum Gold­ machen muss, um an seinem Platz zu bleiben. Er versteht es,
schmied wird. Und es stimmt, dass der Geschmack am Luxus, nützliche Gegenstände zu machen, von denen der Maler nur
der auf die Seltenheit trifft, zur Invasion und zum Krieg treibt. die substanzlose Kopie macht. Ob Schmied oder Sattler, er
Doch gerade hier findet die Weichheit ihr Gegengift. Der Krieg dient dem Reiter, um ihm Zaumzeug und Zügel für das Pferd
ist ein Beruf. Man muss nur Krieger ausbilden, damit sie eine herzustellen. Er unterwirft sein technisches Wissen der kriege­
und nur eine Sache machen: als gute Wachhunde beißen sie den rischen Wissenschaft der Zwecke. Als Zimmermann stellt er
Feind und nur ihn. Die Gymnastik und die Musik werden sie ein Bett her, indem er die Idee des Bettes zum Modell nimmt.
dazu ausbilden, hart für den Gegner und friedlich gegenüber Er stellt nicht die Idee des Bettes her oder das wirkliche Bett,
dem Gemeinwesen zu sein. dessen Schöpfer Gott allein ist. Aber die Kunden verlangen
Doch hier kommen die N achahmer ins Spiel. Gerade sie das nicht. Es genügt, dass sein Können von einer Idee geleitet
verstehen es, Musik zu machen. Mit der Lyra der Dichter ver- wird, die auf den Zweck des Gegenstandes ausgerichtet ist.

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Der Maler versteht nichts davon, nichts von Reitkunst, nichts Sie ziert heute noch das Hauptportal all unserer Schulen. Doch
von Sattel und Zimmerei. Von der Technik des Handwerk ers die Handwerker haben den Verteidigern des Gemeinwesens
behält er nur das, was notwendig ist, um das Aussehen seiner auch weniger gezwungene Tugenden anzubieten. So ist, um sie
Gegenstände nachzuahmen. Er wird Betten, Sattel und Zaum­ in der Kampfeskunst auszubilden, ein Modell angebracht: das
zeug machen, ohne sich damit auszukennen. In seinem Eifer Erlernen bei der Arbeit, welches den Erwerb der Berufe be­
wird er die Grenze überschreiten, die das Kunstwerk vom stimmt, die Vorwegnahme der Gesten und der Disziplinen des
Werk der Natur trennt. Er wird Pferde, Reiter und selbst­ Handwerkes. So lernen die Söhne der Töpfer ihr Handwerk,
weiß Gott wozu - Schuster und Zimmermänner machen. Er so werden die zukünftigen Elitekrieger das ihre lernen.9 Die
wird Gott imitieren. Er wird Pflanzen wie Tiere malen, die Kandidaten für die politischen Ämter - zum Beispiel Alkibiades
Erde wie den Himmel, den Olymp wie den Hades. Und auf oder Kallikles - wären gut beraten, es ebenso zu tun.
der Bühne des Theaters wird der Nachahmer alles in einem
misstönenden Ganzen vermischen: das Werk der Natur mit
dem der Handwerker; Donner, Wind und Hagel; Wagenach­ Die Bertifsqualifikation. Knochenspieler und Kammer)i{�er
sen, Flaschenzüge, Flöten und Trompeten; Hunde, Schafe und
Vögel.7 Doch wenn die Krieger sich in der Weise der Handwerker üben
Angesichts dieses Fälschers wird man dem Krieger in meh­ sollen, so ist ausgeschlossen, dass die Handwerker sich am Modell
rerlei Hinsicht das Bild des Handwerkers anbieten, des Mannes der Krieger orientieren. Der Schuster kann nicht Krieger sein.
eines Könnens, das dem Dienst an den anderen gewidmet ist. Das muss in gewisser Weise nicht bewiesen werden. Wenn der
Aber auch als Besitzer der Tugend, die dem ursprünglichen Krieg eine spezifische Beschäftigung ist, dann ist er eine Sache
Gemeinwesen eigen ist: die Gesundheit. Er wird den Krieger von Profis. Der Schuster trägt aus denselben Gründen keine
lehren, sich die Krankheiten und die Ärzte des Müßiggangs Waffen, aus denen er sich vom Weberschiffchen, vom Bau oder
zu ersparen. Denn in einem gut eingerichteten Staat hat jeder vom Pflug fernhält. Die Schusterei soll nach den Regeln der
seine eigene Aufgabe, die niemand anderer an seiner Statt er­ Kunst ausgeführt werden. Doch die Zeit erfährt hier eine leichte
füllen kann. Niemand hat "Zeit [ ], sein Leben lang krank zu Abweichung. Sie ist nicht mehr nur die Virtualität der Freizeit
sein und an sich herumdoktern zu lassen." D och in unserem oder des geeigneten Augenblicks, des kairos oder der scho!e. Sie
schlecht eingerichteten Gemeinwesen gibt nur der Handwerker ist nun viel mehr die volle Zeit der Berufsausbildung. Es genügt
die Bestätigung dieses Prinzips. Wenn ein Zimmermann krank nicht, viele Schuhe zu machen, man muss schöne machen. Das
ist, verlangt er vom Arzt einen Trank, "um die Krankheit Erlernen, das die Vervollkommnung des Handwerkers aus­
herauszubrechen, oder sie durch ein Abführungsmittel oder macht, ist in Wirklichkeit endlos. Deshalb muss man jedem ein
durch Brennen oder Schneiden los [zu] werden" . Denn er wird einziges Handwerk zuteilen, "zu dem er natürliche Anlagen hat
sagen, dass er "keine Zeit (schole) habe, krank zu sein, noch dass und auf welches beschränkt und des Übrigen enthoben und sein
er Nutzen habe von einem solchen Leben, indem er immer an Leben lang mit jenem sich beschäftigend, die rechten Zeiten nicht
die Krankheit denke und sein Geschäft versäume. "8 Von dieser versäumend, er etwas Schönes leisten sollte. "10 Wie sollte eine
Tugend der Notwendigkeit werden die Krieger die Notwen­ so anspruchsvolle Schusterei Zeit übrig lassen, die Waffenkunst
digkeit der Tugend lernen, die vollständige Nutzung der Zeit. zu erlernen, "während kein Mensch im Brettspiel oder Würfeln
Der Arbeiter ist der Meister einer Tugend, die er nicht frei tüchtig sein wird, wenn er nicht eben dieses von Jugend an treibt,
wählen kann. Die Lehre scheint nicht vergessen worden zu sein. sondern es bloß als Nebensache behandelt?"11

26 27

Das Argument verändert sich. Wenn der Sc uster k�in guter des ehrlichen Sophisten Protagaras gehören die Berufe den Spe­
Krieger sein kann, dann zuerst deshalb � we � l er ke1n guter zialisten und die Tugend des Gemeinwohls der Versammlung

Würfel spieler sein kann. Das Argu � ent 1s� n1c t so abw� g1g,
.
aller Bürger. Die egalitäre Rhetorik hört nicht auf zu wieder­
wie es erscheint. Denn der Würfelsp1 eler teilt m1t dem Kne ger holen, dass der Schmied dem Krieger ebenso unabkömmlich
dasselbe Privileg, das dem Zimmerma nn und deJE Schuster glei­ ist wie der Krieger dem Schmied. Die Nützlichkeit dient üb­
chermaßen verwehrt wird: er ist ein Kind des Uberflusses . Er rigens nur zwiespältigem Höherwertigen. Der General rettet
erinnert uns daran, dass der Krieger nur wegen des Geschmacks die Stadt. Bleibt die Frage, ob sie die Rettung wert war. Der
für den Luxus und für die Jagd notwendig geworden war. Er siegreiche Soldat ist vielleicht wie der geschickte Seemann, der
zeigt uns damit zugleich die L9gik der Entwicklu�� auf. Man inmitten des Sturms die Männer zurückgebracht hat, die der
brauchte diese Jagd nach dem Uberflüssige n, diese Uberschrei­ Gerechtigkeit der Wellen zu überlassen wahrscheinlich besser
?
tung des Prinzips, nur seine eigene Sache zu a:ach� n, ami: in gewesen wäre. 13 Für die Erhebung zum Krieger bedarf es eines
der Gemeinschaft die "Geschäfte" entstehen, d1e w1cht1ger smd anderen Prinzips, das nur den Philosophen bekannt ist. Der
als andere; damit die Gerechtigkei t als Hierar�hie der Funk­ Krieg "hat etwas Erhabenes" , wird der Philosoph sagen, der
tionen und Eigenschaften möglich wird. Die Uberflüssigkeit am meisten zu Hause blieb. 14 Weil das reine Denken sich eher
des Spielers entspricht der doppeldeutige n Notwendigkeit des im Bild des schneidenden Eisens oder des reinigenden Feuers
fünften Mannes und gibt der Vollbeschäftigu ng des Schusters wiederfindet? Eben nicht. Die Methode erklärt sich als nicht
ihren Sinn. Der Schuster ist nun zuerst derjenige, der nicht empfänglich für die gesellschaftliche Würde ihrer Modelle:
Krieger sein kann. Der Wurf des Würfelspielers hat die Kon­ "Für höher und würdiger aber wird sie den, welcher die nach­
stellation verändert. Die Arbeitsteilung kann nicht mehr das stellende Kunst als Feldherrnkunst äußert, nicht halten als
klare Verhältnis der Nützlichkeit zur Professionalität sein. Die den, der sie als Kammerjägerei ausübt, sondern meistens nur
gleiche Notwendigkeit, dass jeder sein "eigenes Geschäft erle­ für großsprecherischer." 15 Die Höherwertigkeit liegt nicht in
digt", ist still und heimlich in eine Hierarchie umgekippt, die der Kriegskunst, sondern in der Natur des Kriegers. Diese ist
nicht mehr die der unterschiedlichen Naturelle sein kann. Hier, jedoch ein anderer Name für die Krankheit: Der Krieger ist der
aber auch im Po!itikos erinnert der Würfelspieler daran, dass die Mann der Latmenhciftzgkeit, der Schwellung. Seine ursprüngliche
funktionelle Verteilung der Fähz��keiten auch eine Verteilung der Überlegenheit über den Handwerker oder über den Kammer­
Be,gabmz��en von ungleichem Wert ist. Wie könnte die Masse ihre jäger ist die der Launenhaftigkeit über die Gesundheit.
gemeinsamen Angelegenheiten beherrschen, wenn sich in ihren Davon muss man ausgehen. Der Krieger ist derj enige, der
Reihen so wenige ausgezeichnete Brettspieler befinden? 12 e!Jpas anders machm kiJnnte, nämlich den Freund beißen. Er ist der
Durch die Spiele der Zeit und der Qualität steht nun das Mann, der eine spezielle Ausbildung braucht, nämlich diese
Verhältnis der Gerechtigkeit zur Natur in Frage. Diese "Na­ weise Dosierung von Gymnastik und Musik, die der erziehende
turgemäßheit" muss untersucht werden. Wir sind ihr zuerst Beamte nur gewährleisten kann, wenn er Philosoph ist. Die
als Rätsel begegnet: Woran sollte man sie erkennen könnent Überlegenheit des Kriegers liegt nicht in seiner Beschäftigung,
Nun müssen wir die Sache von der anderen Seite aus angehen. sondern in seiner Natur, insofern die Bildung dieser Natur die
In der Welt des Überflüssigen kann man sie erkennen und die eigentliche Aufgabe, das Meisterwerk des Philosophenkönigs
Naturelle hierarchisieren. Die Ordnung der notwendigen Be­ ist. Die Tugend des Kriegers ist auch, den Philosophen not­
schäftigungen und der passenden Techniken kann niemals von wendig zu machen.
alleine Ränge produzieren. Im demokratischen Gemeinwesen

28 29
Der Philosoph in der IV"e!ikstatt Doch die Vertrautheit des Dialektikers mit den Textilarbei­
tern hat eine ganz genaue Funktion: ihn erkennen zu lassen,
Zwischen dem Philosophen, der den Krieger ausbildet, und dass im Beruf des Webers der Schuss der Regierten nicht
dem Handwerker, der die Lernmodelle liefert, stellt sich ein dieselbe Wichtigkeit hat wie die Kette der Regierenden. Es
anderer kreuzweiser Bezug her. Ein ungleiches Verhältnis. Der ist kein Zufall, wenn er aus den grundlegenden Künsten jene
Philosoph ist auch ein Kind des Luxus. Er ist am Ende des Fa­ des Webers und seiner Hilfsarbeiter gewählt hat, nämlich die
dens, den der Einwurf von Glaukon gespannt hat, an der Spitze Flechtkunst, welche die Fäden der Gesellschaftsordnung ver­
der neuen Notwendigkeit, die das Ü bermaß hervorruft. Um bindet, und die Färberei, die der Seele der Krieger die richtige
die Wächter des angeschwollenen Gemeinwesens zu bewachen, Farbe gibt. Mehr als das sind sie aber Künste der Unterschei­
braucht man eine neue Funktion, die der Regierenden; und dung, des Ausscheidens, der Auswahl. Wenn der Philosoph
eine Natur, die geeignet ist, die Ausübung dieser Funktion zu den Text jeder Rede der Probe der Bürste des Krempiers oder
optimieren, nämlich die der Philosophen. dem Bottich des Walkers aussetzt, dann auch, um die Reinigung
Natürlich wahre Philosophen, Hüter der Herde und nicht des Denkens von allem Abziehen und allen Entfettungen der
Kopfj äger; Arbeiter der Wahrheit und nicht Handwerker des Berufe fernzuhalten. Sicherlich muss er in der Reinigung auch
Scheins. Um sich von den Nachahmern abzugrenzen - Rhe­ wissen, welches der Name ist, der am besten erscheint. Doch es
toriker oder Sophisten, falsche Politiker oder falsche Gelehr­ genügt ihm, das, was die Seele reinigt, von all dem zu trennen,
te -, müssen auch sie von den wahren Männern der Kunst was den ganzen Rest sauber macht, es genügt, die Gerechtigkeit
lernen. Immer wieder werden sie sich auf die Könnergesten von der Hygiene zu trennen: "Denn das Reinigen an der Seele
und auf die verifizierbaren Resultate der Handwerkspraxis sollte eben jetzt von allem andern abgesondert werden, wenn
berufen: wie beim königlichen Weber des Politikos, der man­ wir anders verstehen was unser Verfahren wollte." 1 7
gels eines göttlichen Hirten harmonisch die ungleichen und Der Vergleich der Tätigkeiten hat also nur die Funktion, die
unterschiedlich gefärbten Fäden der Temperamente verwebt, Unvergleichbarkeit der Naturelle festzustellen. Die Wahrheits­
die das Gesellschaftsgewebe ausmachen müssen; oder beim probe, der Prüfstein, den die Handwerksarbeit liefert, dient vor
Wächterphilosophen des IV. Buches der Politeia, der die zu allem zu diesem Zweck. Auf den ersten Blick sind der Schuster
bildenden Seelen zubereitet wie die Färber die Stoffe vorbe­ oder der Walker Gehilfen des Philosophen in der Jagd auf alle
reiten, die eine unauslöschliche Färbung bekommen sollen; Blender der poetischen, rhetorischen oder sophistischen Rede.
wie der Dialektiker des .Sophistes, der, um die philosophische Es genügt, ihre Behauptungen in die Sprache der Schusterei zu
Reinigung zu definieren, nicht zögert, sich über die Arbeits­ übersetzen, um ihre Aufgeblasenheit anzustechen. Kallikles
schritte der Krempler, Gerber und Walker auszubreiten. gibt vor, dass die Besten und Stärksten mehr haben sollen als
Denn der Dialektik "liegt nicht mehr noch minder an der die anderen. Soll man darunter verstehen, dass die Schuster
Kunst der B adegerätschaften zum Beispiel als an der der mehr und breitere Schuhe haben sollen als ihre Kunden, die
Arzneibereitung, wenn auch j ene uns nur geringen, diese sich nicht auskennen? Das Lächerliche der Anwendung genügt,
aber großen Nutzen gewährt durch ihre Reinigung. Denn um zu zeigen, dass die Worte des Rhetorikers - "die Besten",
indem sie nur um Einsicht zu erwerben das Verwandte und "die Stärkeren" , "mehr haben" - nur den Anschein von Ideen
Nichtverwandte in den Künsten zu entdecken sucht, ehrt sie haben. Doch Kallikles hat nicht Unrecht sich zu entrüsten
alle gleichermaßen, und der Ähnlichkeit gemäß hält sie keine und zu verlangen, dass man Vergleichbares vergleicht, anstatt
vor der andern für lächerlich. " 16 die Schusterei und die Philosophie zu vermischen. 18 Denn der

30 31
Vergleich setzt beständig voraus, was er zu beweisen versucht. in sich die Möglichkeit, etwas anderes zu machen. Diese "po­
Er setzt die Verwandtschaft aller Künste nur voraus , um lytechnische" Nachmachung, die der Techni� innerlich ist,
besser die Trennung zwischen denen zu bekräftigen, die den muss beständig durch die soziale Regel ausgeghchen werden:
Künsten angehören, und dem, was außerhalb ihrer Technik Der produzierende Handwerker ist derjenige, dem das Spiel,
steht, die philosophische Aufzucht. Der Philosoph gibt, um die Lüge und der Schein verboten sind. Der Maler oder der
den Bedürfnissen seines Anliegens zu genügen, dem Hand­ Sophist sind nicht falsche Handwerker. Sie sind Handwerker,
werker eine doppelt illusorische Positivität. Einerseits ist die welche die Regel, die ihre Stellung festschreibt, übertreten.
Wahrheitsprobe immer ein Beweis durch die Lächerlichkeit, Es geht hier nicht mehr um einen Mangel an Zeit oder um
ein Stigma der Niedrigkeit. Indem der Maler oder der Sophist fortwährende Berufsausbildung. Die Arbeitsteilung drückt sich
vorgeführt wird, versinkt der Handwerker in der "Positivität" nunmehr in der Form eines Prinzips aus, das völlig gleichgültig
eines Kammerjägers. Er tut das, um Kallikles zu zeigen, dass gegenüber der Kontingenz der Erzeugung ist: der Handwerker
sein aristokratisches Denken am Ende nur eine Philosophie des ist der Techniker, der kein Recht auf Lüge hat. Platon sagt
Durchwursteins ist, ein Denken der Schuster. Doch durch die es uns, als er zwei Verse Homers zitiert: "Falls er also einen
Anklage der Nachahmer klagt der Philosoph auch die Technik andern in dem Gemeinwesen über einer Lüge ertappt,
im Allgemeinen an. Das Unrecht des Malers ist nicht, das falsch
zu machen, was der Handwerker richtig macht, sondern eine einen von denen, so Meister genannt sind, /
Handwerkstechnik anzuwenden, um das göttliche Werk, das Seher und Ärzte von Leiden und Zimm'rer von Balken und
immer lebendig, also einzig ist, nczchi_ftmachen. Gott arbeitet nicht Holzwerk,
mit Massenproduktion . Der Philosoph auch nicht. Durch das
Lächerliche der Schustervergleiche denunziert er die sophis­ so wird er ihn bestrafen, weil er ein Tun einführe, das einem
tische Rede als fabrizierte Rede, als Fälschung der lebendigen Staate wie einem Schiffe Umsturz und Verderben bringt."19
Rede der Wissenschaft.
Indem die N achahmer denunziert werden, wird der "gute"
Handwerker auf die Wahrheit seiner eigenen Technik verwie­ Die drei Afetalle: die Lt{r;e von der Ncztur
sen. Wenn die Technik sich selbst überlassen wird, getrennt
ist von der Wissenschaft der Zwecke, die ihr äußerlich sind, An sich ist die Lüge genauso wenig ein Übel wie der Luxus oder
ist sie schlichte N achmachung. Der Gegensatz zwischen dem das Spiel. Sie muss nur eingeschränkt werden. Im Gemeinwe­
nützlichen Demiurgen und dem Nachahmer ist illusorisch. sen, in welches das Überflüssige eingedrungen ist, muss sich
Jede Technik ist Unkenntnis ihres eigenen Zwecks, ziellose die Hierarchie vor allem als Kenntnis und Reglementierung
Fähigkeit, N achmachung, Lüge. Das Werk des Dichters, des des Trugbildes etablieren. Das Wissen von der Ordnung ist das
Malers oder des Rhetorikers radikalisiert diese Anlage in der Wissen von der Lüge. Es setzt voraus, dass die Ordnung des
absichtlichen Erzeugung von Schein. Wenn der Handwerker Trugbildes radikal von der Ordnung der Technik getrennt ist.
ihnen entgegengestellt werden kann, dann nicht als Techniker Mann muss die absolute Einfachheit der Handwerker postu­
des Nützlichen, sondern nur als Monotechniker, Erzeuger einer lieren, ihren absoluten Mangel an Freizeit und die unendliche
und nur einer einzigen Sache. Vervollkommnung ihres Handwerks, um die prometheische
Die Spezialisierung des Handwerkers ist nun jedoch das: Bedrohung abzuwenden: nicht, dass die Arbeiter Götter wer­
das schlichte V erbot etwas anderes zu tun. Jede Technik trägt den oder danach streben, sondern dass sie einen Staat der pro-

32 33
duktiven Arbeit erschaffen, der zugleich ein Staat der absoluten Der Ingenieur der Seelen wird also die notwendige und
Künstlichkeit wäre; ein Gemeinwesen, das seine Reden wie hinreichende Lüge etablieren, in gewisser Weise das Axiom,
seine Werkzeuge herstellt; mit einem Wort: eine Demokratie, das unbeweisb are Prinzip , das de m Zweck seines Werks
oder, was für Platon dasselbe ist, eine Technokratie, denn ähnelt, nämlich der Natur. Durch eine Gegentechnik wird
Macht der Fachleute und Macht des Volkes ist dasselbe. er ein Mittel (mecbani) finden, das Gemeinwesen an eine edle
Das Überflüssige des Luxus, des Krieges und der Philosophie Lüge glauben zu lassen, nämlich an eine Lüge des Adels, eine
gebieten dieser Gefahr Einhalt. Es hält den latenten Überschuss Genealogie, wie sie die Dichter machen: die "phönizische"
in der vorgeblichen technischen Einfachheit zusammen. Gegen Geschichte, die anderswo, vor langer Zeit geschehen sei und
die potentielle Verschwörung der nützlichen Arbeit und der die man nicht rechtfertigen, sondern bloß erzählen muss, die
technischen Lüge setzt die Gerechtigkeit ein anderes Bündnis, man nicht einmal glauben, sondern bloß akzeptieren muss. Die
eine andere Mischung voraus, jene zwischen der absoluten Geschichte von Männern, die man davon überzeugen könnte,
Einfachheit der Natur und der erklärten Willkür der Lüge. dass die Erziehung, die sie erhalten haben, nur ein Traum war,
Der Philosoph wird ein Spezialist der Natur und der Lüge sein, dass sie in Wirklichkeit mit ihren jeweiligen Funktionen aus
genauer ein Ingenieur der Seelen. der Erde entstammen: der Mythos oder die Lüge von den drei
Seine Aufgabe ist zuerst, eine Antwort auf das Rätsel der Metallen: "Ihr seid nun zwar alle, die ihr in dem Gemeinwesen
Natur zu geben. Sie wurde durch den Bühnenauftritt des Krie­ seid, Brüder, so werden wir in dem Märchen fortfahrend zu
gers verschoben. Jenseits der Aufteilung der Aufgaben ist der ihnen sprechen, aber der Gott, der euch formte, hat denen,
Krieger dazu da, den Naturunterschied zu verkörpern, der den welche zu regieren geschickt sind, bei ihrem Werden Gold
Wert des Handwerkers mindert. Dieser Unterschied wird je­ beigemischt, und deswegen haben sie vorzüglichen Wert, allen
doch ausschließlich von der Auswahl des Philosophenwächters Helfern aber Silber, und Eisen und Erz den Landleuten und
aufgestellt. Anders gesagt, die Auswahl bestimmt die Natur. übrigen Handwerkern. "20
Der Natur- oder Wesensunterschied ist weder das Irrationale,
bei dem das Denken aufhören würde, noch die "Ideologie" , in
der sich die Geschichte der gesellschaftlichen Unterdrückung Die :<:}l'fi [f/cihrm�rz,en: der KomJmmismus an der 1\Iacbt
verstecken würde. Es gibt nämlich nichts Verstecktes. Platon
sagt es ganz offen: Die Natur muss der Gegenstand einer Bekanntlich hat Platon das Thema der drei Stände, die Rassen
Verordnung sein, um Gegenstand der Erziehung zu werden. von Gold, Silber und Erz nicht erfunden. Was uns also inte­
Sie ist die Voraussetzung, die der Auswähler-Erzieher der ressieren muss, sind die Besonderheiten, die er ihnen verliehen
Seelen macht, um seine Arbeit der Bildung der Naturelle zu hat.
beginnen. Die Natur ist eine als solche deklarierte Fabel. Da Der Mythos ist zuerst nicht wirklich anti-egalitär. Er möchte
der Ingenieur der Seelen als Einziger die geeigneten Mittel für keine ewige Ordnung errichten. Der erziehende Philosoph
wünschenswerte Zwecke kennt, ist er der Einzige, der lügen ist auf seine Weise egalitär. Sobald die Erziehungsmaschine in
kann und zu lügen versteht. Er spricht die Lüge aus, welche die Gang ist, wird sie sich um Deklassierungen und U mschich­
Nachahmung der Wahrheit ist, die gute Lüge oder die Lüge, tungen kümmern, die in jeder Generation notwendig sind. Die
die genügt, um eine Ordnung zu schaffen, die vor der eigent­ brüderlichen Bürger jeder Kategorie werden meist Kinder ha­
lichen Lüge geschützt ist, vor der technischen Unkenntnis der ben, die ihnen ähneln. Doch es ist möglich, dass die Krieger und
Ursprünge und der Zwecke. selbst die Erzieher Kinder mit Seelen aus Eisen haben werden.

34 35
Diese werden erbarmungslos in die Klasse der Landarbeiter und gemacht sind. Doch man muss das V erbot richtig verstehen.
Handwerker abgeschoben werden müssen. Und umgekehrt Die Bedrohung ist weniger die vergoldete Verweichlichung
wird man Söhne von Landarbeitern oder Handwerkern in die des Luxus als vielmehr die Sprödigkeit der Sparsamkeit. Wenn
Klasse der Krieger oder der Wächter aufnehmen müssen, die sie aber selbst eigenes Land und Häuser und Geld besitzen,
Gold oder Silber in ihren Seelen erkennen haben lassen. Der ;0 werden sie Hauswirte und Ackerbauer sein, statt Wächter,
Mythos ist eher einer der Erziehung als der Hierarchie. Eine und werden den übrigen Bürgern feindselige Herrscher werden,
Leistungsgesellschaft also? Ihre Anwendung steht j edoch vor statt Bundesgenossen, und werden denn hassend und gehasst,
ein paar Problemen. Denn man sieht leicht, wie ein Krieger Nachstellungen bereitend und Nachstellungen erleidend ihr
eine Schusterseele erkennen lassen kann. Aber man kann sich ganzes Leben verbringen (. . . )" _ 22
nur schwer vorstellen, wie ein Schusterlehrling die Gelegenheit Eine komplexe Hierarchie von edlen und wertlosen Metallen,
hätte, eine Kriegerseele oder Wächterseele erkennen zu lassen. von Wirklichkeiten und Symbolen, von Besitz und Loslösung
Offensichtlich ist nicht vorgesehen, die Kinder der Arbeiter­ davon. Der Philosoph sagt hier nicht, dass die Beschäftigung des
klassen zur Schule gehen zu lassen. Der Egalitarismus riskiert, Arbeiters zu niedrig ist, um eine Bürgerseele zu bilden. Er sagt
nur in der Richtung der Deklassierung zu funktionieren. Es bloß, dass der Besitz von verwertbaren Gütern unvereinbar ist
handelt sich vor allem darum, zu verhindern, dass das Eisen mit der Verteidigung des Staates. D as V erbot zielt eher auf die
und das Erz die Elite des Gemeinwesens korrumpiert. Oligarchie, auf den Kapitalisten, als auf den manuellen Arbei­
Es ist also eine Regel, die eher gegen die 0 ligarchie denn ter: zum Beispiel auf den Erzarbeiter, der neben seinem Beruf
gegen das Volk gerichtet ist. Es geht vor allem darum, die mit einem kleinen Holzverarbeitungsunternehmen Profite
Macht vom Gold zu trennen, vom Metall des Handels. Die macht. 23
reich gewordenen Arbeiter dürfen ihr Kapital nicht in Macht Aber die feine Unterscheidung ist der hinterhältigste Zug.
umwandeln. Und die Wächter und Krieger dürfen aus ihrer Er suggeriert: Den Seelen aus Erz ist es eigen, nur ans Geld zu
Funktion nicht Geld machen. Wie immer ist das Verhältnis denken, an die klingende Münze, alle symbolischen Ehrungen
kreuzweise gestrickt. Man muss die Wächter mit sehr aus­ werden damit ausgeschlossen. Der Oligarch ist nicht ein Indus­
gesuchtem symbolischem Geld bezahlen, um sie von der triekapitän, er ist "ein Pfennigfuchser und Tagelöhner [, der]
klingenden Münze wegzuführen, um sie zu überzeugen, den bloß die Begierden nach den notwendigsten Naturbedürfnissen
Männern des Eisens und des Erzes die kleinlichen V orteile befriedigt, zu anderen Ausgaben aber nichts hergibt, sondern
des Besitzes zu überlassen. Kurz gesagt, der Mythos hat vor die übrigen Begierden als unvernünftige unterdrückt" . 24 Der
allem die Aufgabe, die Beamten und Krieger das Prinzip des Oligarch ist der gute Arbeiter, der vorbildliche Arbeiter, für den
Nichtbesitzes der Güter annehmen zu lassen, das als einziges die Moderne die Sparkassen gründen wird. Und deswegen ist er
die Korruption des Staates verhindern kann. "Gold und Silber verachtenswert: nicht, weil er ein Mann des ArbeiterkiJrpers ist,
aber, soll man ihnen sagen, haben sie göttliches von Göttern welcher der Muße der Seele entgegengesetzt ist, sondern weil er
immer in ihrer Seele und bedürfen des menschlichen nicht, der Mann der materiellen Güter ist, der Waren, deren Dienst­
auch sei es eine Sünde, den Besitz von j enem mit dem des barkeit sowohl den Körper als auch die Seele erniedrigt. Die
sterblichen Goldes zu vermischen und zu besudeln" . 2 1 Sie Welt der Arbeit kann nur die des Egoismus und des Krieges aller
dürfen Gold oder Silber also nicht einmal in Händen halten, gegen alle sein. Der Arbeiter, der von der Muße und dem Schein
so wenig wie sie ein Haus betreten dürfen, das solches bein­ ausgeschlossen ist, welcher der unaufhörlichen Produktion von
haltet, keines umhängen, noch aus Bechern trinken, die daraus Waren geweiht ist, ist im Grunde zu den ehrlosen Privilegien der

36 37
Sparsamkeit, der Akkumulation und des Reichtums verdammt. alle anderen für das individuelle Glück bestimmt, das nicht das
Er ist immer ein potentieller Kapitalist und deswegen kann ihn Ziel des glücklichen Gemeinwesens ist. "Denn wir könnten
der Philosoph stigmatisieren und den wohlgeborenen Seelen das selbst auch die Landleute in Prachtgewänder kleiden und ihnen
symbolische Geld der Ehre und der Macht vorbehalten, das mit Gold anlegen und sie nach Lust den Boden bearbeiten heißen,
der Besitzlosigkeit der Führer verbunden ist. und den Töpfern sagen, sie sollen sich lagern und rechts herum
Zu sagen, dass der Arbeiter nicht Wächter oder Krieger sein am Feuer zechen und schmausen, ihre Scheibe beiseite stellen
kann, bedeutet im Grunde zu behaupten, dass er unwürdig ist, und nur so viel Töpfe machen, als sie Lust haben, und auch die
Kommunist zu sein. Seine Unwürdigkeit liegt darin, immer andern alle könnten wir auf solche Weise glücklich machen,
einen Besitz zu haben. Die Arbeit ist an sich Besitz, das Hand­ damit ja der ganze Staat glücklich wäre, aber uns musst du
werk Zwietracht. Die kommunistischen Arbeiter des 1 9 . Jahr­ nicht so belehren! Denn würden wir dir folgen, so wird der
hunderts, die aufgebrochen waren, die Gemeinschaft gleicher Ackersmann nicht Ackersmann sein, und der Töpfer nicht
Arbeiter zu verwirklichen, werden die mehr oder weniger naive Töpfer, noch sonst wird ein anderer irgend etwas vorstellen,
oder perverse Erfahrung machen, dass der Kommunismus ein woraus ein Gemeinwesen wird. " 2 5 Die Gefahr ist genau abge­
System ist, das nur für die Elite der Wächter des Staates vorge­ grenzt. Sie liegt mehr in der Verkleidung als in der Faulheit.
sehen ist. Arbeit und Gemeinschaft sind streng gegenteilig. Der Der Staat braucht nicht so viele Töpfe. Er muss nur die Töpfer
Kommunismus ist nicht die B rüderlichkeit der klassenlosen erkennen können. Und wie soll man sie erkennen, wenn sie
Gesellschaft, er ist die Disziplin einer Klassenherrschaft, die nicht an ihrer Töpferscheibe sind? Doch vielleicht genügt es für
idealer Weise der Logik der Arbeit und des Besitzes entledigt eine gute Ordnung, dass sie so tun, als wären sie es. Die Gefahr
ist. Die Quadratur des philosophischen Kreises ist im Grunde ist nicht das Sinken der Produktion, sondern der Mangel an
leicht zu formulieren: damit der Staat gut organisiert ist, ist es Identität. Wenn jedoch alle Produktionen gleichwertig sind, so
notwendig und zureichend, dass die Macht der Herrschenden ist dem nicht so mit den Identitäten. In der Folge wird deutlich
über die Beherrschten die Macht der Kommunisten über Ka­ gesagt, dass die Angelegenheit wegen der Wächter ernst ist.
pitalisten ist. Das Ei des Kolumbus des gerechten Gemeinwe­ "Denn wenn die Flickschuster anfangen, schlecht zu arbeiten,
sens - Arbeiter, Soldaten und Philosophen des Kommunismus verwöhnt sind und vorgeben zu sein, was sie nicht sind, dann
sind noch nicht aus ihm geschlüpft. ist das nicht schlimm für das Gemeinwesen; doch wenn die
Wächter des Gesetzes und des Staates solche nur dem Schein
nach sind, dann siehst du wohl ein, dass sie den ganzen Staat
Anderes 1-'estmczh!, czndere Lüge von Grund auf ruinieren."26 Mit dem Recht auf Faulheit hat
der Handwerker ein gewisses Recht auf die Lüge erhalten. Auf
Aber bemitleiden wir nicht zu sehr diese Arbeiter, die zu eine Lüge, nicht jede beliebige Lüge. Einfach auf diejenige, die
mußeloser Arbeit verurteilt sind. Sie scheinen gegenüber den seine Spezialisierung betrifft, die einzig sein Wesen definiert.
ihnen unvergleichlichen Wächtern doch ein gewisses Recht Der Schuster darf wirklich nichts anderes als Schuster sein.
auf Faulheit herausgeschlagen zu haben. Denn man muss diese Doch er ist nicht verpflichtet, es wirklich zu sein.
Tatsache anerkennen: Es gibt unersetzbarere Funktionen und Wir haben schon eine gewisse Übertreibung vermutet.
ernstere Qualifikationen als andere. Die Wächter kommt ihre B rauchte man wirklich so viele Schuhe? Und so viel Zeit, um
hohe Stellung teuer zu stehen. Sicherlich wird ihr Leben arm zu lernen, wie man sie macht? Wir wissen nun: ein wahrer
an vergoldeten Genüssen sein. Vor allem sie sind weniger als Schuster ist nicht j emand, der gute Schuhe macht, sondern

38 39
jemand, der sich nichtfiir e!Jl'as anderes alsfür einm Schuster ausgibt. Und einzig, dass er kein Schuster ist. Nur derj enige, der die Sache
vielleicht ist die Unkenntnis des Berufes sogar geeigneter dafür, beherrscht, verdient den Namen.
diese i\Ionotechnik zu garantieren, als seine Meisterschaft. Die Das ist eine vernünftige Antwort. Doch gerade dieser gesunde
F aulheit und die Inkompetenz sind die Vorkehrungen, die am Menschenverstand muss abgelehnt werden, um die Anma­
besten geeignet sind, die einzig wichtige Sache sicherzustellen, ßungen der Männer der Kunst zunichte zu machen. Schuster ist
nämlich dass der Handwerker nur eine Sache macht, die ihn an einfach derjenige, dem jede andere Aktivität als die Schusterei
seinen Platz beordert. Denn derjenige, der ein Experte darin ist, verboten ist. Von da an kann der Philosoph sein doppeltes Spiel
seine Schuhe zu schneiden, könnte es auch darin sein, seinen �
spielen: mit seiner Kompetenz als Spez alist argumentiere �
Mantel zu weben, seinen Gürtel zu flechten und seinen Ring oder mit seiner Inkompetenz, welche d1e Unbedeutsamke1t
zu ziselieren. Und warum sollte er nicht auch F abrikant von jeder Spezialisierung bestätigt.
Reden und Händler der Weisheit werden? Diese Figur existiert:
Hippias, der Sophist. In O lympia hat man ihn mit nichts
anderem auf seinem Leib ankommen sehen, als was das Werk Die Tttgend des HClltd;verkers
seiner Hände war. Und er führt mit sich auch Gedichte, Epen,
Tragödien und Dithyramben sowie sein Wissen bezüglich des Auch hier ist die Quadratur des Kreises einfach: der Handwer­
Schönen und Wahren, der Musik, der Grammatik und der Mne­ ker braucht eine Tugend, die keine ist. Jede Kategorie braucht
motechnik. Mehr noch als das Gemeinwesen muss vielleicht eine eigene Tugend, damit das Gemeinwesen gut eingerichtet
der Philosoph vor diesem Mann der Kunst beschützt werden, ist und damit die Gerechtigkeit in ihr bestimmt wird. Auch
welcher so geschickt ist, in jede Angelegenheit die Denk- und der Handwerker braucht seine Tugend. Aber sie kann nicht die
Handhabungsweisen des Schusters einzuführenY der Kunstfertigkeit sein. Kunst und Natur sind gegensätzlich.
Gott behüte den Philosophen vor zu geschickten Hand­ Niemals wird der Handwerker an seinem Platz sein, wenn er
werkern! Man muss in jeder Hinsicht die Anmaßungen der durch seine Kunst definiert wird. Er muss eine e�rz,ene Tugend
Perfektion von all dem beschränken, was Kunst des Machens finden, die in Wirklichkeit fremd ist, eine Positivität, die ein
ist. Und man muss den Philosophen auch j enseits und über Trugbild ist.
alle Kunst stellen. Der Dialog Proft{gore�s legt gut das Problem Auch hier spricht Aristoteles das Problem ungeschminkt aus.
dar. Wenn die Tugend genauso gelehrt werden kann wie die Er lehnt die Vorstellung einer rein funktionellen Trennung der
Schusterei, sind die Schuster die Könige des Gemeinwesens Aufgaben ab. Der Unterschied der Funktionen und der Wesen
und die Philosophen unnütz. Die Rechte der philosophischen ist für ihn ursprünglich. Somit sind all jene, die uns nichts Bes­
Tugend verlaufen über die strenge Trennung von der Tugend seres zu bieten haben als den bloßen Gebrauch ihres Körpers,
der Schuster, aber auch über die Trennung dieser von der zur Sklaverei verdammt. Es drängt sich also die F rage auf:
Qualität der Schuhe. Wie bestimmt man die Tugend des Niederen im Allgemeinen
Deshalb kann der Prüfstein des Handwerkers sich bei Gele­ und die des Handwerkers im Besonderen? Die Ungleichheit
genheit auch umdrehen. Irren sich die Handwerker nicht in der Tugenden begründet die Ungleichheit, aber sie macht ihre
Bezug auf ihre Kunst?, fragt Sokrates Thrasymachos. Nein, Ausübung auch riskant. Damit die Tugend des Befehlens einen
antwortet Thrasymachos, denn sie sind Handwerker eben Anhaltspunkt findet, muss der Gehorsam ebenso eine Tugend
nur durch ihre Kompetenz. Ein Schuster, der keine Schuhe sein und nicht eine einfache Abhängigkeitsbeziehung. Doch
machen kann, beweist nichts gegen seine Kunst. Er beweist der Ausführende muss gerade so viel Tugend haben, damit er

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gehorcht und seine Aufgabe ausführt. Besäße er zu viel, würde (sophroSJ'Ile) muss von außen zu ihm � �
ommen. s gibt k� ine
er die Hierarchie der Naturelle in Gefahr bringen. Selb stbeh errschung " als Tugend, die dem Niederen eigen
Wie soll man dieses Gleichgewicht zustande bringen? Für den ist. Der Defini tion nach setzt die Herrschaft einen Höheren
Sklaven ist die Sache nicht allzu schwierig. Es liegt am Herrn, vorau s. Die "Weisheit" des Volkes kann weder ein "gesunder
seinem Diener das bisschen Tugend beizubringen, das notwen­ Mens ch enverstan d" oder ein " Gemeinsinn" sein, der den
dig ist, geflissentlich seine Sklavenarbeiten zu verrichten. Doch Ho chgebil deten und den am wenigsten Gebildeten gemein
der "freie" Handwerker stellt ein ganz anderes Problem dar. ist, noch eine eigene Qualität der Niederen. Sie ist einfach
Er ist kein freier Mann, der an der Tugend des Gemeinwesens die Unterwerfung des gemeinen Teils des Staates unter seinen
teilhat. Er ist kein Sklave, der seine Tugend von der guten edlen Teil. Diese Weisheit des Handwerkers, die außerhalb
Verwaltung der Hauswirtschaft erhält. Als falscher Freier und von ihm existiert, ist einfach die Ordnung des Staates, der sie
Teilzeitsklave gehört er weder seinem Beruf an noch dem, der einrichtet.
ihm das Werk in Auftrag gibt. Er kann Tugend weder aus sich
selbst noch aus einer Beziehung der Angehörigkeit beziehen.28
Doch wer keine Tugend hat, der besitzt auch keine Natur. Das Paradox der Gerechtz[!_,keit
Der Handwerker ist nicht nur ein gemeines Wesen, das von
der Regierung des Staates fernzuhalten ist, er ist buchstäblich Jeder hat jetzt seine Tugend. Die Gerechtigkeit kann nicht
ein unmögliches Wesen, eine undenkbare Natur. Der freie mehr sehr weit sein. D och nun bemerkt Sokrates neuerlich
Arbeiter der Warenwirtschaft ist ein denaturiertes Wesen, etwas, noch einmal eine Erfahrungstatsache: man sucht oft
ein Unfall der Geschichte. Weder eingeschlossen noch ausge­ lange etwas, was doch in die Augen springt, was auf der Hand
schlossen ist dieses Zwitterwesen eine unverzeihliche Störung liegt. So hier: wir suchten die Gerechtigkeit. Doch sie ist nichts
für das Gemeinwesen. Die Würdelosigkeit der Chrematistik, das anderes, als was wir von Anfang an sagten: dass jeder "sich um
heißt der politischen Ökonomie als solcher, stammt nicht nur seine eigenen Sachen kümmert" (ta hautott prattein) und nicht
bloß vom Geldhandel, sondern auch von der F örderung dieses anderes macht (meden clilo) . Die Gerechtigkeit ist, dass die Weis­
Zwitterwesens, das ebenso wenig wirtschaftliche wie politische heit den Staat regiert, dass der Mut die Krieger belebt und dass
Tugend besitzt.29 die "Mäßigung" (sophro.rym) in den Körpern der Handwerker
Diese Undenkbarkeit des Handwerkers umgeht Platon durch herrscht. Übrigens geben diese letzteren uns selbst das Vorbild.
das Spiel einer simulierten Natur und einer fiktiven Tugend. Das Schattenbild der Gerechtigkeit ist die Arbeitsteilung, die
Jede Ordnungsklasse muss durch eine eigene Tugend definiert bereits das gesunde Gemeinweisen leitete: "dass es das Richtige
sein. Doch nur die Herrschaft der Wächterphilosophen kann ist, wenn der von Natur zum Schustern Geschickte schustert
der ersten Ordnungsstufe ihre eigene Tugend verleihen, die und nichts anderes tut, und der zum Zimmern Geschickte
Weisheit (sophia) . Die Tugend des Kriegers, der richtig an­ zimmert, und so weiter. "30
gewandte Mut, ist F ärbung, pädagogische Einschärfung der "So erweist es sich", antwortet Glaukon. Sonderbar jedoch.
rechten Meinung über das zu Fürchtende und das nicht zu Denn die falsche Tugend des Niederen dient nun der Gerech­
Fürchtende. Der Handwerker jedoch ist nicht aus dem Stoff tigkeit des vollkommenen Gemeinwesens als Vorbild. Die
gemacht, den der Philosoph zurichten und färben könnte. Es "Mäßigung" drückt nur die Tatsache aus, dass der Handwer­
gibt weder Tugend noch Erziehung des arbeitenden Volkes. ker an seinem Platz bleibt, auch wenn er damit über seine
"Seine" Tugend, die Mäßigung, die "Weisheit" des Gemeinen Funktion täuschen muss. Und die Gerechtigkeit, welche die

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Tugenden, die jedem Stand eigen sind, miteinander in Einklang lieh darauf hin, dass diese göttliche Begrüßung unterschieden ist
bringen soll, macht nichts anderes, als die angebliche Funktio­ von den Ratschlägen zur Vorsicht und Mäßigung, die natürlich
nalität dieses Abhängigkeitsverhältnisses zu wiederholen. Die der allgemein geteilte gesunde Menschenverstand des Gemeinen
Gerechtigkeit des gut eingerichteten Staates wäre analog zur daneben eingemeißelt hat: "Nichts zu viel" oder "Wer sich
einfachen Gesundheit des Staates der Schweine, wenn gerade verbürgt, dem nahet Verderben".31
diese anfängliche Gesundheit nicht wieder durch eine Abhän­ Sokrates schreckt jedoch vor keinem Sophismus zurück, um
gigkeitsordnung aufgehoben würde, die auch eine Ordnung die quasi platonischen Thesen von Kritias zu widerlegen. Alles
der Fiktion ist. geht so vor sich, als ob Platon damit zwei Genealogien des So­
Diese Fiktion unterhält im Übrigen ein zwiespältiges Verhält­ kratismus einander gegenüberstellen wollte; einen Sokrates, der
nis mit der allgemeinen Weisheit. Jeder soll seine kleinlich en den Ansprüchen der aristokratischen Distinktion von Kritias
Dinge machen, ohne sich um die anderen zu kümmern? Ist genügt, von einem Sokrates unterscheiden wollte, der die gött­
das nicht die gesunde Moral von Kephalos, dem Händler aus liche Begrüßung auf volkstümliche Weisheitsrezepte reduziert.
Piräus, dem Oligarchen, Vater der Demokraten Polemarchos Der wahre Kritias hätte laut Xenophon Sokrates verboten,
und L ysias, der Sokrates und seine adeligen Kameraden emp­ sich mit Zimmermännern und Schustern zu beschäftigen. Sein
fängt? Doppelgänger klagt hier einen karikaturhaften Sokrates an,
Diese Definition haben wir zu allem Ü berfluss auch schon den plebejischen Moralisten der Zyniker, der Konkurrenten
anderswo gehört. In einem anderen F amilienkreis. Sokrates Platons um das sokratische Erbe.
befragte den jungen Charmides, den Onkel des zukünftigen Doch das Spiel dreht sich hier um: Dieser Karikatursokra­
Platon. Er bat diesen jungen Weisen, die Weisheit zu definieren. tismus dient auch dazu, den Unterschied zwischen der plato­
Nicht die sophia, sondern die einfache sophro!Jne der ehrlichen nischen Gerechtigkeit und der "Weisheit" des Tyrannen Kritias
Leute. Charmides hatte die Antwort, die er von seinem Cou­ zu markieren. Dieser möchte die philosophische und politische
sin, dem zukünftigen Tyrann Kritias eingeflüstert bekam: die Tugend von den Techniken der Handwerker und den Volks­
Weisheit ist, dass jeder "seine eigenen Sachen macht". Sonder­ weisheiten trennen. Doch er ist unfähig, seine Unterscheidung
barerweise fand Sokrates die Definition nicht haltbar, j a sogar zu begründen. Diese Unfähigkeit kommt gerade zutage, als
lächerlich. Somit könnten die Handwerker nicht weise sein, er eine höhere Definition der sophro!Yne vorschlagen will. Sie
antwortete Sokrates, da sie Dinge für andere produzierten. Ein ist die Erkenntnis von der Kenntnis und der Unkenntnis in
offensichtlicher Sophismus. Kritias deckte ihn ohne Schwierig­ allen Dingen. Welche Regierung des Staates könnte aus dieser
keiten auf: es genügt, nicht mit dem Wort "machen" zu spielen; Kenntnis abgeleitet werden? , fragt Sokrates. "Keiner der ein
der Schuster macht sehr wohl seine Sache, wenn er Schuhe für Steuermann zu sein behauptete, es aber nicht wäre, [würde]
seine Kunden macht. Und die Attsiibttn._r; der Tugend ist nicht uns hintergehen können, noch auch ein Arzt oder Heerführer
mit der Herstellung von Schuhen zu verwechseln. Kritias ist hier oder was einer sonst vorgäbe zu wissen, was er nicht weiß,
besserer Platoniker als Sokrates. würde unentdeckt bleiben? Würde uns aber hieraus, wenn es
Eine Rollenumkehrung in einem Dialog, in dem alles paradox sich so verhielte, wohl etwas anderes entstehen, als dass wir
ist. Kritias, der diskreditierteste der Dreißig Tyrannen, welche eben gesünder sein werden am Leibe als jetzt, und besser aus
die besiegte Stadt unter spartanischer F ührung unterdrückten, Gefahren zur See und im Kriege errettet werden, und dass unser
stellt hier vor Sokrates das "Kenne dich selbst" des delphischen Hausgerät, Kleidung und was sonst dazu gehört, kunstreich
Orakels ins Zentrum der Reflexion. Und er weist nach drück- wird gearbeitet sein, weil wir uns überall wahrer Künstler

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bedienten?" 32 Doch ist dieses Gemeinwesen der Erkenntnis Die Frauen, die G!atzköpfigpz und die Schuster
wirklich das Gemeinwesen des Glücks? Und hat man nicht
zu schnell zugegeben, dass es gut wäre für die Männer, "dass Somit erscheint die erste Definition der Arbeitsteilung, die An­
jeder seine Sache macht, die er kennt und den kompetenten �
passung der natürlichen Anlag�n an die notwendig�n Funkt onen
Leuten die überlässt, die er nicht kennt?" Die Bürger dieses als eine doppelte Lüge über die Natur und über die Funkt10n.
Staates würden wohl nach der Erkenntnis leben. Doch das Der Schuster muss z•on f'..ratur aus Schuhe m achen und nichts
heißt noch nicht gut leben und glücklich sein. Es fehlt dieser anderes. Doch wir wissen noch immer nicht, an welchen Zei­
Fülle von Kenntnissen die eine, die zählt: die Kenntnis von chen man das spezifische Talent zur Schusterei erkennt. Wie soll
Gut und Böse. man dann auch das genaue Verhältnis zwischen den natürlichen
Zwei Dinge erstaunen in der Argumentation von Sokrates. Fähigkeiten und den Gesellschaftsfunktionen denken, wenn die
Warum reduziert er trotz der Proteste von Kritias andauernd neue Ordnung das am wenigsten in F rage gestellte Modell dieses
die "Erkenntnis" auf die alleinige technische Kompetenz? Und Verhältnisses verwirft, nämlich die geschlechtliche Trennung
welche Rolle spielt hier das Glück? Haben Kritias' Techniker der Fähigkeiten und der Aufgaben? Die Natur ist gerade da, um
des Gemeinwesens nicht die Kenntnis des Glücks? Platon selbst dem Philosophen zu zeigen, dass die Hündinnen genauso fähig
versteigt sich nicht dazu, seinen Soldaten und Arbeitern ein sind zu j agen und die Herde zu hüten wie die Hunde. Warum
anderes Glück zu versprechen als das, in einem Gemeinwesen wäre es bei den Menschen anders? Warum sollten die Frauen
zu leben, wo jeder an seinem Platz ist. Kann in einer solchen nicht in der Gymnastik und der Musik gebildet werden, welche
Gemeinschaft die "Erkenntnis von Gut und Böse" etwas die Krieger vorbereiten? Welche Argumente bringen die Geg­
anderes sein als diese Kenntnis der Zwecke, die ident ist mit ner vor abseits der Anzüglichkeiten über die Nacktheit? Den
der Kenntnis der Wahrheit und des F ehlers? Wo liegt also der Unterschied der Fähigkeiten? Damit sagt man nichts Genaues.
Unterschied zwischen der Technokratie des Tyrannen Kritias Es handelt sich darum zu wissen, welche Art von Unterschied
und der Aristokratie der platonischen Gerechtigkeit? Viel­ ausschlaggebend ist für die Fähigkeit oder Unfähigkeit zu dieser
leicht in diesem Paradox: im platonischen Staat brauchen die Funktion. Es wäre sicherlich lächerlich, unter dem Vorwand,
Spezialisten nicht kompetent zu sein. Oder anders gesagt, ihre dass Kahlköpfige den Beruf des Schusters ausüben, ihn den
Kompetenz hat nichts mit der ff7ahrheit i!' tun. Sie kann sogar ident Behaarten zu verbieten. Genauso wenig gibt es einen Grund
sein mit der Lüge, um die einzig wichtige Sache zu bewahren: dafür, unter dem Vorwand, dass der Mann zeugt und die Frau
das "nichts anderes", die Tugend derer, denen die philoso­ gebiert, das Handwerk der Waffen den einen zu reservieren und
phische Lüge von der Natur das Eisen als Erbteil gegeben hat. den anderen zu verbieten. 33
Der Erkenntnis und dem Gemeinwesen von Kritias fehlt diese Die Elitefrauen treten in das Korps der Krieger ein und lassen
Inkompetenz, welche die andere Seite der philosophischen uns mit unserer Unsicherheit zurück. Mann oder Frau zu sein
Lüge ist, dieser Lüge, welche die Wahrheit vorwegnimmt und hat genauso wenig Konsequenzen, wie kahl oder behaart zu
den Platz der Erkenntnis besetzt hält. Die Kenntnis von Gut sein. Einzig die Unterschiede "bezüglich der Beschäftigungen"
und Böse verläuft über die der Wahrheit und der Lüge. Diese zählen. Doch diese bleiben uns dunkel: Wie soll man jemals die­
muss zuerst die Aufteilung vornehmen, den Platz der Königs­ se Unterschiede zwischen der Schusternatur und der Zimmer­
wissenschaft von der Idee des Guten reservieren. Nur die Lüge mannsnatur erkennen, die eine Ausschließlichkeit darstellen,
erlaubt, die Königswissenschaft radikal vor der Aufteilung der den der natürlichste, der unbestrittenste der Unterschiede - der
Kompetenzen zu bewahren. sexuelle Unterschied - nicht impliziert?

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Um den Arbeiter zu erkennen, bleibt also einzig sein W erk .
Die Ordnung der Rede
Nicht seine Produktion, das wissen wir j etzt. Es bleibt, dass
er "nichts anderes" als seinen Beruf machen darf. Doch selbst
das ist nicht mehr notwendig. "Ein Zimmermann, der eines
Schusters, oder ein Schuster, der eines Zimmermanns Arbeiten
machen wollte, entweder indem sie die Werkzeuge oder Ehren
von einander umtauschten, oder auch indem der nämliche
beides zugleich verrichten wollte, und wenn auch alles übrige
vertauscht würde, glaubst du, dass es der Gemeinde großen
Schaden brächte?"34 Nicht besonders, erwidert Glaukon. Das Der Staat des Philosophen hat nur einen wirklichen Feind,
Wichtige ist nicht, dass der Schuster Schuster bleibt und der eine übrigens nicht sehr geschätzte Figur, den Emporkömm­
Zimmermann Zimmermann. Jede Natur und jede gesellschaft­ ling nämlich. Deshalb ist auch der Philosoph der beste Regie­
liche Nützlichkeit sind vergessen, beide können ohne großen rende: er ist der Einzige, für den die Machtausübung keine
Schaden für den Staat ihre Berufe wechseln und sich sogar Beförderung darstellt. Selbst im besten Fall ist die Färbung
der verbotensten Tätigkeit von allen widmen, nämlich zwei der Krieger nicht mit der Kontemplation der Wesenheiten zu
Sachen zugleich machen. Denn diese zwei Dinge sind völlig vergleichen.
gleichwertig. Die Differenzierung der nützlichen Arbeiten und Doch man muss diese radikale Reinheit der Philosophie
der Fähigkeiten ist auf die Gleichwertigkeit der Lohnarbeiten vor aller Verderbnis und Fälschung bewahren. Auch um den
reduzierbar. Die Natur des Schusters wird mit der Natur des Philosophen schleichen die E mporkömmlinge herum. Und es
Zimmermanns getauscht wie die Waren mit dem Gold oder das kommt noch schlimmer. Die Perversion liegt in der V erdop­
Gold mit den Waren. Es genügt für ihre Tugend, nichts anderes zu pelung und der Wächterphilosoph ist notwendigerweise ein
wollen als diese universelle Gleichwertigkeit, welche die Wür­ doppeltes W esen. Die Kontemplation der Wesenheiten und die
delosigkeit des Handwerks definiert. Die einzige Gefahr liegt Leitung der Menschenherde lassen sich nicht auf eine einzige
in der Verwechslung der Ränge. Zwischen dem Handwerker Beschäftigung reduzieren.
und dem Krieger, zwischen dem Krieger und dem Regierenden Man kann sicherlich eine Zeit der Betrachtung des Wesens
ist es unmöglich, Platz und Funktion zu tauschen, unmöglich, der Wahrheit von einer Zeit ihrer Anwendung auf die Regie­
zwei Dinge zugleich zu machen, ohne das Gemeinwesen in den rung des Gemeinwesens unterscheiden. Doch die Frage der
Ruin zu treiben. Anwendung ist verwickelter. Denn es ist ausgeschlossen, dass
Barriere der Ränge, Barriere der Lüge. Nichts bleibt von der der Philosoph die Macht will. Andere müssen ihn rufen, deren
schönen Funktionalität der Arbeitsteilung. Jeder musste die Gründe nicht wirklich die des Philosophen ist. Wie werden sie
einzige Aufgabe erledigen, zu der ihn seine Natur bestimmt. ihn von den Nachahmungen unterscheiden können? Und wie
Doch die Funktion ist ebenso eine Illusion wie die Natur. Bleibt wird er selbst ihrer Logik widerstehen? Wie soll der Erzieher
einzig das V erbot. Der Handwerker, der an seinem Platz ist, vermeiden, von denen erzogen zu werden, die er leiten soll?
ist derjenige, der im Allgemeinen nichts anderes macht, als die Wie vermeidet der Steuermann die sanfte oder gewalttätige
als solche deklarierte Lüge, die ihn an seinen Platz versetzt, Logik der Ruderer?
glaubhaft zu machen, und sei es zum Preis einer Lüge. Es gibt die sanfte Form: die Korruption der vom V olk Ge­
liebten. So ging einer der besten Schüler von Sokrates verloren,

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der Verräter Alkibiades. Es gibt die brutale Form: die Umer­ der einen oder der anderen tragen. Die Leidenschaft des Buches
ziehung der Intellektuellen. So ist sein Meister und angeblicher VI der Politeia gipfelt in der Beschreibung einer Usurpation,
Verderber zugrunde gegangen. ja einer Vergewaltigung der philosophis � hen Würde: "Wenn
Wie die Geliebten des Volkes ist der Wächterphilosoph, nämlich andere Mensc hen sehen, dass d1eser Platz leer steht
der Mann, der die Wahrheit und die Lüge kennt, immer von und schöne Titel und Würden mit sich bringt, so springen,
zwei Seiten bedroht. Von der Seite der Wahrheit, die ihn aus wie die Zuchthäusler in die heiligen Freistätten entlaufen,
der Gemeinschaft der Handwerker ausschließt, und von der ebenso freudig all jene aus ihren Alltagsberufen in den Bereich
Seite der Lüge, die ihn in sie mit einschließt. Um die techni­ der Wissenschaft, die etwa im beschränkten Kreise ihres ur­
zistische Nachahmung zurückzudrängen, ist der regierende sprünglichen Handwerks die Nase etwas hoch tragen. Denn
Philosoph gezwungen, selbst Nachahmer zu werden. Und jeder der Wissenschaft, wenngleich sie im erwähnten s chlimmen
Nachahmer ist ein Produzent, ein Polytechniker. Um diesem Zustande sich befindet, bleibt doch, wenigstens im Vergleich
Schicksal zu entkommen und die Einfachheit der Natur in der zu den übrigen Professionen, noch ein Ansehen übrig, das alle
Führung des Gemeinwesens zu bewahren, muss der Philosoph überstrahlt. Danach trachten nun bekanntlich die meisten,
die Nachahmung und die Lüge, die ihm eigen sind, von allen obgleich sie erstens schon von Natur unvollkommene Anla­
handwerklichen Produktionen trennen. D och der Beweis kann gen haben und dann auch unter dem Drucke ihrer Berufe und
immer nur im Umkehrschluss geführt werden. Er impliziert Handwerke infolge der Stubenhockereien ebenso hinsichtlich
die beständige Widerlegung der lebenden Fälschung des Philo­ ihrer Seelen zusammengeschrumpft und ausgemergelt sind,
sophen, des Handwerkers der Lügen, des B astlers des Denkens, wie sie auch schon am Körper die Zeichen der V erkrüppelung
den die Menge mit dem Philosophen verwechselt, nämlich tragen, (...) Gewähren denn nun, sprach ich, jene Leute wohl
des Sophisten, des Mannes, der gänzlich Lüge ist, weil er wie einen anderen Anblick als etwa ein zu einem Sümmchen Geld
Hippias von Kopf bis Fuß ein Handwerker ist, weil er zu viel gekommener Gesell in einer Schmiede, neulich erst der Sklaven­
Zeit damit verbracht hat, Schuhe und Reden zu fabrizieren, um kette entwischt, jetzt aber in einem B ade rein gewaschen, in ein
jemals die Zeit gehabt zu haben, das Tricktrack der Dialektik neues Gewand gekleidet, wie ein Bräutigam herausgeputzt und
zu lernen, worin sich die überlegene Natur des Philosophen bereit, die Tochter seines Herrn zu heiraten, weil sie verarmt
zeigt. und von ihren nächsten Verwandten verlassen ist?"35
Die ganze Beunruhigung, die von der Nähe der Wahrheit Der subtile Adimante wird sich sicherlich nicht erlauben, hier
zur Lüge hervorgerufen wurde, wird in der Gegensatzfigur einen Unterschied zu sehen. Und er wird nicht auf eine bereits
des Sophisten exorziert. Dieser kann nicht lügen, aus dem geklärte Frage zurückkommen: die Geeignetheiten oder Unge­
einfachen Grund, weil er ganz in der Lüge ist, das heißt in eignetheiten, die mit der Anwesenheit oder Abwesenheit von
der Unwissenheit der Wahrheit. Er ist von Natur aus in ihr, Haaren zusammenhängen. Es war ausgemacht, dass die Sache
von Geburt an. Denn der Sophist ist nicht irgendwer. Er ist keine Bedeutung hatte für die Schusterei. Doch wenn die Schuste­
der Emporkömmling schlechthin, der Mann, dessen Tätigkeit rei den Haarigen weit offen steht, folgt daraus überhaupt nicht,
alle Kennzeichen der Gegennatur in sich bündeln muss: der dass die Philosophie den Kahlköpfigen offen ist. Bis dahin hatte
knechtische Arbeiter, der sich aufbläst, die Freiheit dessen, der Platon niemals so entschlossen die physischen Kennzeichen der
als Philosoph geboren ist, zu beanspruchen. niederen Natur angehäuft: Zwergwuchs, Kahlköpfigkeit und vor
Denn es geht nun ohne Schminke um Freiheit und um Sklave­ allem V erstümmeltheit von Körper und Seele durch die Hand­
rei. Es geht um Seelen und um Körper, welche die Kennzeichen arbeit. Die Gestalt des Emporkömmlings nimmt nunmehr eine

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neue Dimension an. Davor war er der Mensch der Gewinnsucht, Die Knechtschaft erhält hier eine paradoxe Stellung im Hin­
der Unternehmer, der seine wirtschaftliche und soziale Macht blick auf jede wirtschaftliche oder gesellschaftliche Vernunft.
verwendet, um im Staat eine Rolle zu spielen. Nun ist es der ma­ Nicht die Schiffe machen Sklaven nötig. Die Notwendigkeit der
nuelle Arbeiter als solcher. Platon hatte es sorgsam vermieden, Knechtschaft wird hier nicht von der Arbeitsteilung hergeleitet.
von einer gesellschaftlich anerkannten Hierarchie der noblen Diese kann im Gegenteil nur auf der Grundlage der Gleichheit
oder niedrigen Aufgaben auszugehen. Er hatte die aristokra­ der Funktionen begründet werden. Wenn die Knechtschaft not­
tische Vorstellung von aufrechten oder gekrümmten Körpern, wendig ist, dann um die Würde des Philosophen zu bewahren,
die sehr wohl die Analysen eines Aristoteles oder Xenophon der diese Trennung ausspricht, in der sein eigener Platz nirgends
kennzeichnen, beseitigt. Und nun, wenn die philosophische aufscheint. Für den Philosophen, nicht für das Gemeinwesen
Identität auf dem Spiel steht, erreicht sie ihren Höhepunkt. Um muss man den radikalen Bruch zwischen der Ordnung der Muße
die Schuster von der Klasse der Krieger auszuschließen, war kein und der Ordnung der knechtischen Arbeit postulieren.
physisches Kriterium nötig. Es genügte anzumerken, dass der
Krieg ein zu schwieriger und zu anstrengender Beruf ist, als dass
die Schuster ihn in ihrer Freizeit ausüben könnten. Paradoxer Von einer Höhle ;;;:tr cmderen
Weise erscheint die physische Kennzeichnung, wenn es sich um
Philosophie handelt. Natürlich ist die Sklaverei eine Metapher. Aber sie ist eben
Der Grund dafür ist einfach. Die Philosophie kann sich nicht irgendeine Metapher. Worüber beschwert sich der Phi­
nicht als ein Posten in der Arbeitsteilung ausweisen, ohne in losoph an diesem Ende des Buches VI? Über die Leute, die aus
die Demokratie der Berufe zurückzufallen. Sie muss das Ar­ den Fesseln der Sklaverei in den Tempel der Philosophie fliehen
gument von der Natur noch verstärken, ihm die Gestalt eines wollen. Doch womit wird er sich am Anfang des Buches VII
Verbotes geben, das auf die Körper gebrannt ist. Es kommt beschäftigen? Die seit ihrer Geburt mit dem Rücken zum Licht
nicht in Frage, die plebej ischen Ursprünge oder das Satyren­ gefesselten Menschen zu befreien. Und wir wissen, worüber er
gesicht von Sokrates anzusprechen. Auch nicht, wie Alkibiades sich dann beschweren wird: über die Bewohner der Höhle, die,
es im .5)mposion macht, die rohe Hülle der feinen Statue gegen­ so sagt er, nicht losgebunden und zur Heimat der Philosophie
überzustellen. Es gibt Körper, in denen die Philosophie nicht geleitet werden wollen.
wohnen kann: stigmatisierte Körper, gekennzeichnet von der Wollen sie falsch? Liegen sie falsch, nicht zu wollen? Man
Knechtschaft der Arbeit, fi/r die sie gemacht sind. wird natürlich antworten, dass es nicht dieselbe Philosophie
Knechtschaft im strengen Sinne. Platon schreit hier lauthals ist, die gesucht oder verweigert wird. Der geflüchtete Sklave
heraus, was er sich anderswo verbietet zu sagen: die Arbeit des wird vom Flitterwerk angezogen, das über die kleine Mauer
Arbeiters ist eine knechtische Arbeit. Der Handwerker, der blitzt: von den schönen Namen, den schönen Formen und
die Philosophie berühren will, ist mehr als ein reich gewor­ den neuen Gewändern. Das ist nicht der steile Weg, der zur
dener Arbeiter. Er ist ein entlaufener Sklave, ähnlich denen , unsichtbaren Sonne der Idee führt.
die in die Tempel flüchten. Die Kahlköpfigkeit des Schmieds Doch gerade wenn die Philosophie Weg und nicht Fluchtort
ist nicht ein zufälliger Unterschied, welcher der Spottlust des ist, könnte der Philosoph den Entlaufenen gut führen, der sich
Sophismus ausgesetzt ist, der fragt, ab wie vielen Haaren man auf die Suche nach anderen Ehren begeben hat, und nicht nach
kahl oder behaart ist. Sie ist die Tonsur der Knechtschaft, die denen, welche die Stimme der Meinung preist. Er jedoch zieht
kein Mehr oder Weniger kennt. die Gefangenen aus der Höhle, die ihn nicht darum bitten.

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Darin liegt gerade der Unterschied. Der Philosoph wählt Schmied der gefallenen Prinzessin machen kann. "Wenn Leute,
die aus, die er an der Hand nehmen will. Der Stand der Phi­ die für eine höhere Bildung gar keine Fähigkeiten haben, ohne
losophen ist derjenige der Auswahl und des Zwanges, nicht die gehörige Ebenbürtigkeit sich mit dieser verehelichen, was
der Berufung. Das Hervorstechen der Naturelle zeigt sich für Hirngeburten und Ansichten müssen diese dann erzeugen?
durch die Askese des Verzichts. Krieger und Wächter zeigen Nicht wohl solche, die in Wahrheit den Namen Sophistereien
sich ihrer Vorherrschaft würdig, indem sie auf die Vorteile verdienen, und was gar keine Spur eines edlen Ursprungs und
des Eigentums verzichten. Und wenn das Gemeinwesen den auch nicht den Wert eines gründlichen Nachdenkens an sich
Philosophen die Macht geben muss, dann deswegen, weil er trägt?"36
der Einzige ist, der sie nicht begehrt und sie nur gezwungen
ausübt. Der zur Annahme dieser Gewalt gezwungene Philo­
soph wiederum wird sich davor hüten, diejenigen auf dem Weg Das Basfclrddenken
zur Philosophie zu leiten, die am meisten danach streben. Er
wird viel eher versuchen, unter den Männern die auszuwählen, Es geht hier definitiv nicht mehr um die Arbeiten und Klassen
die in der Verfolgung anderer Ziele die dem philosophischen des Gemeinwesens. Es geht um die philosophische Rechtmäßig­
Zwang geeignetste Natur zeigen. keit, die das Recht zu denken bestimmt. Die Rede von der Ge­
Bei diesem Spiel lf/er t'erliert, gm'innt ist am sichersten derjenige burt ist hier ganz einzigartig. In der Fiktion des autochthonen
der Verlierer, von dem man sagt, dass er "nichts als seine Ketten Gemeinwesens und der drei Metalle erwies sich die "Geburt"
zu verlieren hat" . Wenn er von der Veränderung nur Gewinn als Kunstgriff. Und in der Erzählung von der Geburt des Eros
haben kann, ist es klar, dass er nur durch die Liebe zum Gewinn erhielt die betrügerische Vereinigung der Penia mit Poros die
motiviert ist. Umsonst wird er protestieren und Verachtung Entschuldigung durch dieses Recht des Bedürftigen, das auf die
für die klingende Münze zeigen. Indem Platon eingehend die bettelnde N atur der Liebe verweist. Aber der Kühnheit des in
Einnahmen des Philosophenarbeiters Hippias schildert, gibt die Philosophie verliebten Schmieds kann nicht ein derartiges
er uns zu verstehen, dass der Handwerker nicht wählen kann, Recht zugestanden werden. Sie stellt die absolute Beleidigung
in welcher Währung er bezahlt werden will. Er hat kein Recht dar, die Urszene der bedrohten Reinheit der Philosophie.
auf symbolische Genüsse. Zum Eisen der Arbeit und zum Gold Das Problem ist nur, dass diese Reinheit niemals anders be­
des Kapitals verdammt, kann er selbst in seinen Bestrebungen wiesen werden kann als durch Benennung der Bastardierung.
nach philosophischen Ehren nur den angeborenen Makel seines Die philosophische Würde ist nur zum Preis dieser ebenso
Körpers und seines Geistes bestätigen. absurden wie strengen Logik zu haben: Es gibt Leute, die nicht
Noch bevor uns die Erzählung von der Höhle den Unter­ für die Philosophie /!,eboren sind, n'ei! die manuelle Arbeit, zu
schied zwischen der gebildeten und der ungebildeten Natur der dieser Geburtsfehler sie verdammt hat, ihre Körper und
zeigt, hat die Gegenerzählung des entlaufenen Sklaven bereits ihre Seelen mit einem Makel gekennzeichnet hat, für den das
die Auswahl getroffen. Sie hat diejenigen, die gebildet werden Bege hren, die zu erreichen, derer sie nicht würdig sind, der
müssen, von denen getrennt, die nicht gebildet werden dürfen, best e Bew eis ist.
diejenigen, deren Zugang zum Denken rechtmäßig ist, von Harte N otw endigkeit des B eweises im Umkehrschluss,
denen, für die es notwendigerweise eine Vergewaltigung ist. Skandal einer philosophischen Rechtmäßigkeit, die mit dem
Ein Seitensprung zumindest, aus dem, im wörtlichen Sinne nur Zufall der Geburt identifiziert und ausgehend vom Zeugnis des
Bastarde entstehen können, ähnlich den Kindern, die der kahle Bastards gegen sich selbst aufgestellt wird. Einzig die Bastardie-

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rung ist der "Grund" der Rechtmäßigkeit, der Gemeine Grund des Volkes verständlich ist.37 Eine Askesen-Tugend und eine
des Edlen. Das Zeichen der Geburt auf dem Körper zeigt an, Gesundheits-Tugend, die einem Staat von Schweinen eigen sind
worum es geht. Es handelt sich nicht nur darum, die Authen­ und durch Seelentechniken erreicht werden, die einer Gymna­
tizität des wohlgeborenen Philosophen den Künstlichkeiten stik ohne Musik ähneln. Alle Signifikanten sind am Ende des
der Sophistik entgegenzusetzen. Man muss auch einen Unter­ Buches VII versammelt. Die Philosophie wird neuerlich den
schied der Körper aufstellen, den keine moralische Medizin hinkenden Seelen und den Bastardseelen verboten, die sich wie
vermindern kann. Dieser Unterschied der Körper drückt etwas die Schweine in einer Moral suhlen, welche die Wissenschaft
ganz anderes aus als die einfache aristokratische Verachtung ablehnt: verstümmelte Seelen, für die menschliche Gymnastik,
für den Handwerker. Indem sie die Distanz der Gerechtigkeit aber nicht für die göttliche Musik geeignet. Den angeborenen
zur Gesundheit markiert, unterstützt sie den Anspruch der Makel dieser Schwein-Bastard-Verstümmelten erkennt man
Philosophie, ein Diskurs zu sein, der auf keinerlei Technik der in der Philosophie immer am selben Prüfstein. Sie kommen
Hygiene zurückführbar ist. Die Philosophie ist keine Medizin. nicht über die Hürde der Lüge hinweg, die zur lPissenschqß von
Sie ist eine zweite Geburt. Gut und Böse führt. Wie der Sophist Hippias behält auch der
Ausgehend davon kann man die Frage nach den Schlüsseln Bastard Antisthenes seinen Hass der nil/entliehen Lüge vor, der
zu dieser Textstelle verstehen. Die Kommentatoren sind sich List, welche die Wahrheit nachahmt. Und er verkennt die
uneins, ob die Denunzierung auf die Zyniker und die Bastar­ radikale Lüge, die Lüge der Unwissenheit. Unwissenheit ist
dierung des Antisthenes abzielte, der von einer thrakischen noch zu schwach ausgedrückt: ihre amathia, ihre Weigerung,
Mutter geboren worden war, oder auf die Sophisten und die etwas von der Wissenschaft wissen zu wollen. 3 8
handwerklichen Angebereien des Hippias oder auf den Beruf Das ist, soweit wir wissen, der Sokratismus von Antisthenes
des Holzfällers, den man Protagaras zuschrieb. und den Zynikern: eine asketische Moral, die von der Initia­
In gewisser Weise ist es nicht nötig zu wählen. Die Vermi­ tion zur Wissenschaft abgeschnitten ist. Indem der Zynismus
schung ist eine der Techniken des platonischen Dialogs. Der die philosophische Hierarchie der Tugenden umstößt, gibt er
Emporkömmling kann ebenso der Bastler Hippias sein, der den vor, allen die Philosophie zu geben. Mehr noch als vor dem
Philosophen spielt, der Industrielle und Demokrat Anytos, der sophistischen Kunstgriff muss sich die Wissenschaft vor dieser
Ankläger des Sokrates, der sein Genie mit dem Geschäft des Einfalt hüten. Die wahre Einfalt ist göttliches Vorrecht, Sache
Hippias verwechselt, oder der schlechtgeborene Antisthenes, der Initiation. Die gesunde und demokratische Einfalt der
der die Rhetorik des Hippias und die Tugend des Sokrates zynischen Tugend muss also mit der sophistischen Betrügerei
zugleich demokratisiert. Die Hierarchie der Dringlichkeiteil gleichgestellt werden. Oder vielmehr muss man beide auf das
regiert jedoch den Sinn der Vermischung. Die bloße Anklage Laster verweisen, das gerade der Grund der Perversion des
der Sophisten rechtfertigt nicht die physiologische Phan­ Gemeinwesens ist: die Herrschaft des Volkes.
tasmagorie des Textes. Die Gegenüberstellung der Bastarde Denn dieses erstaunliche Buch VI sagt auch, dass der durch­
und der Rechtmäßigen erhält jedoch dann ihren vollen Sinn, gängig in den platonischen Dialogen verfolgte Feind keine
wenn das Erbe auf dem Spiel steht, hier das Erbe des sokra­ wirkliche Existenz hat. Das Volk glaubt an die von Anytos
tischen Denkens. Der Gegner ist hier sicher Antisthenes, der kolportierte Fabel: die Verderbnis der schönen athenischen
Verbreiter eines volksnahen Sokrates, der das Material des Jugend durch die A rgumente der Sop histen. D och dieser
dialektischen Gesprächs zum Gegenstand einer öffentlichen � laube ist völlig heuchlerisch. Es gibt in Wirklichkeit nur
Belehrung macht und eine Tugend anpreist, die den Männern emen Sophisten und einen Verderber: das Volk selbst. 39 D as

56 57
Volk allein unterrichtet die Sophisten, wenn es in den Ver­ �
Aufgegriffen in dies �m er� ten � � m � nt, da di � Macht_ des fre ­
sammlungen, den Gerichten und den Theatern die Stimme der en Wissens noch reine VIrtuahtat einer an die Unwissenhei t
Vernunft mit Buhrufen und Applaus bedenkt. Nur das Volk geke tteten Seele ist, zeigt er, wie die Erkenntn is sich löst, wie
hat die für die Philosophie talentierten Seelen des Tyrannen das Kind oder jeder andere wissend werden könnte, wenn er
Kritias oder des Verräters Alkibiades verdorben, als es aus der es nö tig hätte . Nachdem das Experiment gemacht ist, kann
Politik eine Kunst der Schmeichelei machte. Der Sophist ist es wieder zu seinem Nichts zurückgesc hickt werden.40 Wenn
wie der Tyrann ein Kind der Demokratie. Und der demokra­ dieser junge Arbeiter für einen kurzen und entscheidend en Au­
tische Mann ist selbst Sohn der Oligarchie, der Herrschaft der genblick den Erwählten der höchsten Wissenschaft spielen hat
Emporkömmlinge, die aus der Arbeit und der Sparsamkeit können , dann deshalb, weil er kein gesellschaftlich es Subjekt
herrschende Tugenden gemacht haben. ist ' keine Person der Polis. Er sitzt an keinem Ort, wo man
Im Reich der Bastardierung hängt also alles zusammen. Der Reden oder Schauspielen zustimmt oder sie ablehnt. Die Macht
Verleumder des Reichtums Antisthenes bringt die Philosophie der Verstandestätigke it, die man ihm zugeschrieben hat, kann
in Reichweite der Schreihälse, welche die demokratische Partei nicht ihm gehören. Der Sklave, der nicht Herr seiner selbst ist,
des Kapitalisten Anytos ausmachen. Und Anytos macht sich legt Zeugnis ab zugunsten einer Wissenschaft, die sich nicht
unter den Fahnen derJagd auf die Sophisten zum Helden dieses in der Weise des Eigentums übertragen lässt. Er dient dazu,
Volkes, das der größte Sophist und Verderber der Philosophen den Abstand zu vergrößern, der j ede demokratische Lehre der
der Aristokratie ist. Ein perfekter Kreislauf der Anti-Philoso­ Tugend, jeden Volkssokratismus verbietet. Es gibt nichts, was
phie, gegen den man den schützenden Kreis ziehen muss, der die Volksphilosophen den Handwerkern übertragen könnten.
den Zugang zum philosophischen Heiligtum verwehrt. Die höchsten Kenntnisse sind bereits in der Seele j edes belie­
bigen Sklaven. Und kein Erzieher kann die Tugend des freien
Mannes lehren, der die vernünftige Handlung des privaten oder
Der Sklat'e des Philosophen politischen Individuums begründet. Weder den Sophisten, die
Professoren der Tugend sind, noch Anytos, dem Anhänger
Wir haben bereits gesehen, dass diese Vorgangsweise auf ihre der väterlichen Erziehung, kann diesbezüglich Recht gegeben
Art einen Egalitarismus definiert. Sie verweigert die Philoso­ werden. Die praktische Tugend ist rechte Meinung, Sache der
phie jenen verkleideten Sklaven, welche die freien Handwerker Inspiration und nicht der Kenntnis.
sind. Aber einmal ist sie bereits einen authentischen Sklaven Ein Geniestreich. Mit dem Sklaven von Menon hat Platon
holen gegangen, den des Thessaliers Menon, um zu beweisen , eine der dauerhaftesten und fürchterlich wirkmächtigsten
dass jede Seele die Prinzipien der mathematischen Wahrheiten Gestalten unseres Denkens erfunden: diesen reinen Proletari­
in sich trägt. Indem der Sklave Menons "ganz alleine" die er, den man immer, wenn man es braucht, dem Handwerker
Formel der Verdoppelung des Quadrats findet, führt er ein en entgegenstellen kann oder unter sein Bild gleiten lassen kann;
doppelten Beweis: Die Wissenschaft ist möglich; und dieses den Mann, bei dem die L\lögßcbkeit, seine Kettm Z!' z•erlieren, nur
schlafende Wissen braucht die Erschütterung der dialektisch en als Dekret des Philosophen existiert, der sie also immer nur
Provokation, die den Erwählten vorbehalten ist, und nicht innerhalb der Regeln verlieren wird; den absolut Besitzlosen,
die Lehren des demokratischen Sophisten Protagaras oder dessen unendliches Potential die mittelmäßigen und hand­
des Volksphilosoph en Antisthenes. Das Sklavenkin d (pais) werklichen Bestrebungen der anderen entmutigen soll; den
ist nur Subjekt des Versuchs, der Demonstration der paideia. reinen Autodidakten, dessen p otentielle Allgegenwart das

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Geschwätz der doxa der Arbeiter disqualifiziert und den Bast­ entlaufene Sklcu•en. Das heißt, si� werde� . trügeris.c� m·e tr�erke des
lern des Selbstlernens den Weg versperrt. Diese sollen es nun Handll'erks, wie diese Statuen, d1e von Dadalos m1t 1llusonschem
wissen: Alle ihre Anstrengungen können sie nur vom Wissen Leben versehen wurden .4 1
entfernen, das in ihnen schlummert. Die Weisheit wird nicht Es gibt weder eine eigene Tugend des Handwerkervolks noch
durch jene Strenge, jene moralische Askese erreicht, welche die eine Tugend, die seine Mitglieder gelehrt werden könnte. Es
Zyniker die Handwerker lehren. Jede Askese ist Konversion, gibt keine Erziehung der Menge. Der Handwerker ist immer
Operation des Philosophen, der den Blick des Erwählten zum nur ein Beliebiger in der Menschenmenge.
blinden Punkt seines Wissens hinwendet. So stimmen die Trennungen der Gesellschaftsordnung und
Noch vor der Aufteilung der drei Stände hat der Dialog der Diskursordnung überein. Im Gemeinwesen gibt es drei
zwischen dem Philosophen und dem kleinen Sklaven eine Klassen und keine Sklaven. In der O rdnung des Diskurses gibt
erste Absperrung der philosophischen Ordnung gegenüber es Freiheit oder Knechtschaft. Es gibt einen Diskurs, der, indem
der gesellschaftlichen vollzogen, eine bestimmte Verbindung er sich entfesselt gibt, sich nur noch mehr in seine Knechtschaft
zwischen der Frage der Freiheit und der des Wissens. Denn es vertiefen muss. Es gibt einen anderen, der seine Freiheit in der
gab in ihrem Knoten zu viel Platz. Man kennt die Verantwort­ Beständigkeit seiner Gebundenheit sicherstellt.
lichen dieser Unsicherheit: die Volksphilosophen, die immer Nichts anderes. Eine Volksphilosophie und selbst jede demo­
bei den Handwerkern herumlungern und ihnen oder vor ihnen kratische Rede ist an diese Aufteilung gebunden. Sie kann nur
die Notwendigkeit erklären, die befreiende Tugend zu lernen; eine Nachahmung der lebendigen Rede sein, in ihrer Fabrika­
ein gewisser Sokrates sogar, sagt man, trotz Kritias. tion den knechtischen Techniken der Schrift geweiht, in ihrer
Um diese Angelegenheit zwischen Sokrates und den Hand­ Aufnahme dem Gesetz dieser Menge, deren Beifall immer nur
werkern zu klären, braucht man bloß einen kleinen Sklaven und der Lärm der Vielen ist.
Sokrates selbst. Hier wird er genötigt, formell zu widerlegen,
was die öffentlichen Gerüchte und die konkurrierenden Schulen
ihm zuschreiben. Genötigt, die Frage in der radikalsten Weise
zu klären. Es gibt keine Tugend, die man dem Volk beibringen
kann. Sie ist Sache der Natur oder der zweiten Natur, der Gabe Um diese Einteilung der Reden verständlich zu machen, braucht
oder der Färbung. So werden die Tugenden der zwei ersten man eine andere Geschichte vom Philosophenkönig. Dieses Mal
Klassen erworben. Die Tugend des Philosophen ist für Sokrates nicht mehr eine phönizische, sondern eine ägyptische. Der Gott
göttliche Erwählung. Sie ist Initiation für diejenigen, die der Theuth, Herr der Techniken, bietet dem König Thamus seine
Philosoph erwählt, von den Ketten zu lösen und den Blick letzte Erfindung an, nämlich die Schrift. Diese soll den Ägyptern
umzuwenden. Die Tugend der Krieger ist göttliche Inspiration die Erinnerung und Wissenschaft erleichtern.
im gewöhnlichen Gemeinwesen, Färbung des Philosophen im Der König dreht nun die Argumentation um. Als jemand,
idealen Gemeinwesen. Eine Tugend der rechten Meinung, die der über die Erkenntnis der Zwecke verfügt, durchschaut er
sein Besitzer weder verstehen noch übertragen kann. die Perversion der Mittel. Die Schrift wird die Ägypter nicht
So wird zugleich die Frage der Knechtschaft und der Freiheit fähiger machen, sich zu erinnern, sondern vergesslicher. Statt
geregelt. Einerseits gibt es Wissen, das gelöst werden muss, ande­ ihrem Gedächtnis werden sie fremden Zeichen vertrauen
rerseits rechte Meinungen des praktischen Lebens, die von der müssen. Statt einer Wissenschaft werden sie nur einen Schein
Wissenschaft <�e/mnden werden müssen. Ansonst flüchten sie wie erhalten. Nicht eine Philosophie, sondern eine Doxosophie.

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teht es zu schweigen, wenn es sich ziemt. Die geschriebene Rede
�ingegen ist ebenso unfähig zu schwei�en wi� zu rede� . Stumm
Wissenschaft des Scheins, Wissenschaft der Ansprüche und
Streitigkeiten. Diese Leute, die sich gelehrt glauben, werden
schnell "anstrengend" seinY vor den Fragen der Philosophen kann s1e es niCht verhindern, zu
Die Schrift ist in einer ursprünglichen Bedeutung die stumme den Profane n zu sprechen. Die Demokratie ohne Kontrolle der
Rede. Wie die Gestalten des Malers täuschen die "fremden Zei­ freien Rede lässt in den Augen der zu geschickten Handwerker
chen" der schriftlichen Rede, solange man sie nicht anspricht. die schönen Namen und den schönen Schein der Philosophie
Doch sobald man sie befragt, zeigen sie ihre Trugbildnatur. Sie leuchten. Ihre Behinderung ist die Bastardierung. Sie macht den
können auf die Fragen keine Antworten geben . Im Gegensatz /o!Jos Menschen verfügbar, deren Arbeit den Körper ruiniert und
zur lebendigen Rede kann die geschriebene sich nicht "selbst die Seele verstümmelt hat.
helfen" . Sie begnügt sich damit, eine einzige Sache, immer Die Handwerker dürften nicht "anstrengend" werden. Doch
dieselbe zu bedeuten. vor allem dürfen die Trennungslinien zwischen denen, die für
Offensichtlich handelt es sich nicht darum, einfach das Münd­ das Festmahl der Rede gemacht sind, und jenen, die nicht dafür
liche dem Schriftlichen entgegenzusetzen. Es geht darum, die gemacht sind, nicht verschwinden. Man braucht eine � eset z­
lebendige Rede der Dialektik der fabrizierten Rede der Rheto­ gebung über die Rechtmäßigkeit und die Unrechtmäß1gke1t, _
rik gegenüberzustellen. Die lebendige Rede des Dialektikers, was nicht die einfache Gegenüberstellung von wahr und falsch
welche die Schrift höchstens als Vergnügen oder als Gedächt­ sein kann. Eine Gesetzgebung über den Schein.
nisstütze benutzt, ist nicht nur den Traktaten der Sophisten, Tatsächlich gelangt man von den Idolen zu den Ideen, aus­
der Rhetoren oder des Antisthenes entgegengesetzt. Sie steht gehend vom Spiel der Spiegelungen wird die Verhaftetheit
ebenso im Gegensatz zur den Reden, die sie halten. Auch sie der doxa mit der sinnlichen Welt ins Schwanken gebracht
sind aus stummen Zeichen gemacht. Sie sind fabrizierte Reden, und man schlägt den Weg des intelligiblen Einen ein. Diesen
die unfähig sind, sich zu Hilfe zu kommen, wenn das dialek­ Weg muss man beibehalten. Die Rechtmäßigkeit des reinen
tische Spiel ihre Perioden unterbricht. Denkens verläuft über eine Gesetzgebung über alles, was sich
Doch diese stumme Rede ist auch eine zu geschwätzige Rede. verdoppelt: alles, was kopiert, wiederholt, widerspiegelt oder
Dieser Text, der sich selbst nicht zu Hilfe kommen kann, diese nachahmt. Welt der Doppelgänger, Welt der Nachahmer. Man
von ihren Verbindungen gelöste Rede treibt sich "aller Orten muss verhindern, dass durch ihre Vermittlung sich die Welt
umher, gleicherweise bei den Verständigen wie nicht minder der Technik und der Techniker in das Spiel des Scheins mischt,
bei denen, für die sie gar nicht passt, und weiß nicht, bei wem das den Weg der Idee beherrscht. Es gibt nicht eine Welt des
sie eigentlich reden und nicht reden soll" Y Wahren und eine Welt des Scheins. Es gibt zwei Leben. Alles
Dieser Fehler steht scheinbar im Gegensatz zu dem, den Platon muss entzweigeschnitten werden.
gewöhnlich in der Rhetorik bemängelt. Ihr hält er vor, bloß Eine philosophische Wahrheit, nicht eine gesellschaftliche.
eine Kochkunst zu sein, die sich nur um den Geschmack ihrer Der Philosoph des Pbaidros ist kein König. Er trennt nicht die
Kunden kümmert. Hier ist die Sache schwerwiegender. Diese Klassen. Er entscheidet über Arten der Rede. Er zeigt, dass die
stumme Rede kann irgendetwas irgendwo übermitteln. Sie weiß Rede, die riskiert, ins Rollen zu kommen, nicht funktionieren
nicht, zu wem sie spricht, das heißt mit wem man sprech en kann, dass alles, was nicht Askese der Erwählten der Philosophie
darf, wer zur Teilhabe am lf{r.;os zugelassen ist und wer nicht. D er ist, nur Spiel des Vielfachen mit sich selbst ist.
lebendige lf{r.;os der Philosophen, Wissenschaft von Wahrheit und So ist es mit der Rhetorik, die hier über eine Rede des Lysias
Lüge, ist ebenso Wissenschaft von Rede und Schweigen. Er ver- behandelt wird, der Sohn des Industriellen Kephalos ist, des

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Anwalts der Schuster und der Demokratie. Man muss zeigen, verfolgt am Ende nur ihre e�r;eneAnge!eg�nheit. Sie vern: engt nicht,
dass sie nur das Spiegelverhältnis des Rhetorikers zu seinem sie trennt. Ihr Zauber beschränkt sich darauf, die sophro.ryne
Publikum ist. Denn der Rhetor weiß nicht, zu wem er spricht. nachzuahmen, eben jene Tugend, die sehr gut mit ihrer eigenen
Er ist kein "psychagogischer" Dialektiker, der die Natur der Nachahmung auskommt.
Seelen, an die er sich wendet, und die Mittel kennt, sie dorthin
zu führen, wo er will. Aber er braucht ein solches Wissen auch
nicht. Denn er will nicht die Seelen leiten, sondern nur ein Die Ordmm<r; des ff/ahnsinns
Publikum fesseln, von dem er nur dies eine wissen muss: Es
ist die Masse, die bunte Menge, die sich am gewürzten Braten Es gibt einen Prüfstein, an dem man diese Rede beurteilen
ergötzt. Es genügt, dem Publikum zu gefallen, und dafür genügt und ihre radikalen Unterschiede zur Freiheit der gebundenen
es, ihm sein Vergnügen zu spiegeln. So beginnt der Logograph, Rede kennzeichnen kann. Sie versteht es nicht zu delirieren,
der Mann der Schrift und des Volkes, um es lobzupreisen mit sie kann nicht verliebt sein. Der Ausgangspunkt des Phaidros ist
den Worten "Es hat dem Volk gefallen ... "44 Tautologische Rede, die Rede des Lysias über die Liebe . Eine Rede, die paradox sein
Selbstbeweis, der von vornherein durch die bloße Selbstbezeu­ will. Sie erklärt, dass man seine Gunst nicht dem Liebenden,
gung der Volkswahl gezeichnet ist: der Applaus, der das Gesetz der immer unvernünftig ist, sondern dem beweisen soll, der
der Menge ist, das reine Klatschen der Masse. nicht liebt und einen dadurch immer gemäß der Vernunft
Die Analyse ist beruhigend. Und die Kritik der Rhetorik behandeln wird.
hat auch diese Funktion bei Platon. Sie zerstreut die Beun­ Rede der Technik, ausgerichtet auf den Zweck des Erfolges.
ruhigungen: jene, die durch die sophistische I/ersc!Jiagenbeit Doch auch, und das ist dasselbe, fabriziert, um die Kraft des
entsteht, die fähig ist, ihren Widerschein mit dem der Idee zu Fabrikanten der Rede zu zeigen, der fähig ist, alles Beliebige
vermengen; diejenigen, die aus den unvorhersehbaren Wen­ zu sagen und jede beliebige Wirkung zu erzielen. Rede dessen,
dungen der Rede entstehen, durch welche die Wissenschaft der der immer Herr seiner selbst ist, an den, der nicht betrogen
Eingeweihten zu den Profanen gelangen könnte. Die Kritik sein (sefaire ät'Oir) will.
der Rhetorik erlaubt es zu urteilen, die freie Rede auf ihre rein Hier ist die Trennlinie, in der Erzählung materialisiert in
instrumentelle Funktion zu reduzieren. Neben der Philosophie den Wassern des Illissus. Der D aimon von Sokrates wird ihm
kann es nur diese Kunst der Ü berredung geben, die fähig ist, plötzlich befehlen, den Fluss zu überqueren, den Abstand
die Philosophen ins Verderben zu stürzen, j edoch unfähig ist, anzuzeigen, der die Liebe von der Ausübung der sophro.ryne
durch ihre technischen Zaubereien die Mysterien der Philo­ trennt. Die Liebe ist gerrau dieses Vorrecht derer, die es zulas­
sophie durcheinander zu bringen. Es wäre fürchterlich, wenn sen, betrogen (se fäire al'oir)46 zu werden, besessen zu werden.
sie eine Technik wäre, die den Technikern zur Verfügung Die Liebe ist Wahnsinn des Gottes. Sie ist den Schustern und
stünde. Doch Sokrates zeigt Phaidros, wie er Kallikles gezeigt ihrem Redner verboten, weil sie sie sich t•erbieten. Sie kennen nicht
hatte, dass sie weniger als eine Technik, nämlich eine Routine den Liebeswahnsinn, sondern nur den Erfolg der Technik und
ist, eine Kochkunst, die nicht den Produzenten dient, sondern die Routine der Fortpflanzung. Der Redner des Volkes hält
den Konsumenten, die immer dieselbe Speise essen. Reden über die Liebe, wie das Volk der Schuster Liebe macht.
Somit wird die freie Rede auf ihren Platz verwiesen. Sie ist Wie es Schuhe macht.
immer nur die Rede, die man seinen "Mitknechten "45 hält. Der Liebeswahnsinn ist der Prüfstein, der es erlaubt, die Reden
Sie kann nicht wirklich täuschen. Nur gut anko mme n. Sie der Volks redne r an ihren Platz zu verweisen und damit auch die

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zynischen Philosophen, die eine von diesem Wahnsinn gereinigte nicht zum Gastmahl geladen, wo der eitle Agathon und der
moralische Hygiene vorschlagen.47 Auf der einen Seite sind die giftige Aristophanes die Botschaft d � r Diotima empfangen
Gottesbesessenen. Auf der anderen die Menschen der gemeinen und mit Sokrates den Gott Amor fe1ern. Denn Protagoras,
sophro!J'Ile, die Menschen des Haushaltens und des Sparens, die der Theoretiker der Technik und der Demokratie, liebt es,
vom Volk für ihre Lobpreisungen gelobt werden, die diese den die Dichter zu demaskieren. Und gegen ihn zögert Sokrates
Tugenden der Knechtschaft darbringen.48 Es gibt zwei Lieben, nicht, den zweifelhaften Simonides zu verteidigen. 5 1 Entgegen
sagte Sokrates dem Kallikles: die des Volkes und die der Philoso­ dem sophistischen Zauber, der immer nur die Arbeit eines
phie. Doch die Liebe des Volkes ist nur der Hass auf die Liebe. Handwerkers, ja eines Kochs ist, lässt uns der dichterische
Eros unterscheidet zwischen den Männern der Fortpflanzung Zauber vom Universum der Fabrikation zu dem der göttlichen
und den Männern, die von der Gottheit besessen werden. Spiegelungen und Entrückungen übergehen.
Der Weg wird den Handwerkern somit ein zweites Mal
versperrt. Mit ihren Rednern und Philosophen sind sie nun
fest in das Reich der Nützlichkeit eingeschlossen. Das Gesetz Die neue Schranke
des Wahnsinns rechtfertigt die Aufteilung der Reden, indem
die Welt der Nachahmungen, die den Zugang versperrt und Man kann damit die Eschatologie des Phaidros verstehen, die oft
bewacht, aufgeteilt wird. Es gibt zwei Arten der Nachahmer: als nicht ernst zu nehmend bezeichnet wird. Die Seelen, die
Die ersten sind die Inspirierten, welche die Gottheit gerufen vom Zug der Götter gefallen sind, werden in einer Hierarchie
hat, die sie einen Widerschein ihres Glanzes erhaschen hat von Figuren verkörpert, die der größeren oder geringeren
lassen, den sie sich nun bemühen nachzuahmen. So machen es Ansicht der intelligiblen Schönheit, die ihnen zuteil wurde,
die erwählten Dichter, so macht es der dialektische Philosoph, entspricht. Die erste Seele wird sich zum Lebenskeim eines
der auch der ausgezeichnetste N achahmer ist. Er wird in den Mannes mischen, der dazu berufen ist, ein Freund des Wissens
Nomoi daran erinnern: Wir "selbst sind Dichter eines Dramas oder der Schönheit zu werden, ein Anhänger der Musen oder
welches, so weit wir vermögen, das schönste und beste werden der Liebe. Die zweite zu dem eines gerechten und starken Kö­
soll. Unsere ganze Staatsverfassung besteht nämlich in der nigs; die dritte zu dem eines Staatsbeamten, eines Wirtschafters
Nachahmung des schönsten und besten Lebens, und eine solche oder Geldmannes; die vierte zu dem eines Gymnastikers oder
soll eben nach unsern Begriffen das wahrhafte Drama sein."49 Arztes; die fünfte zu dem eines W ahrsagers oder Priesters
Auf der anderen Seite steht der falsche Dichter, der "ge­ und die sechste zu dem eines Dichters oder irgendeines ande­
fälschte" Dichter (ateles) , der seine Kunst als "Besonnener" ren Nachah mers. Danach kommt der Handwerker oder der
(sophron) 50 gebraucht. Oder der Maler, der die Technik der Landmann dran, darunter gibt es gerade noch den Sophisten
Handwerker benutzt, um die Schöpfung nachzumachen, oder und den Volkssc hmeichler, bevor der Fall beim Tyrannen sein
der Sophist, der wie er fähig ist, alles nachzuahmen. Sie sind alle Ende findet. 52
Figuren, deren Kunst zu imitieren sich in letzter Instanz immer Wir geben zu, dass es keinen offensichtlichen Grund gibt, den
auf Kochrezepte reduziert, ähnlich denen der Rhetoren. Geldman n vor den Wahrsager oder den Gymnastiker vor den
Somit schlägt die scheinbare Symmetrie der Anklage des Dichter zu setzen. Eigentlich scheint der Geldmann nur zum
Dichters und des Sophisten eine andere Richtung ein. Es kann ?
Sc erz da zu sein. Trotz allem gibt es eine globale Ordnung.
vorkommen, dass der Dichter in Wirklichkeit ein Sophist ist, D 1e Kate gorien drei bis sechs stellen in einer Rangordnung,
niemals aber, dass der Sophist ein Dichter ist. Protagaras ist die auc h verände rt werden könnte, die Männer dar, die in

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derselben Weise vom Gesetz des Höheren regiert werden, nal ' das die erwählten Seelen zu dieser Askese führt, das von
von den Männern der grechten Meinung oder der Inspirati­ �en sinnlichen Formen zum intelligiblen Einen aufsteigt. In
on. Doch zwischen dem Dichter und dem Produzenten wird gewisser Weise ist es dasselbe, ob ma� nun sagt, dass es z:vei
eine Linie gezogen, welche die dämonischen Männer von den Nachahmungen gibt, oder dass es ke1ne Nachahmung g1bt.
demiurgischen trennt. Der Handwerker ist an einer Stelle, Die Welt der Nachahmungen teilt sich beim Handwerker und
von der aus es ihm nicht mehr möglich ist, zum Göttlichen überlässt dem Philosophen das Hüten der Erscheinungen.
hinaufzugelangen. Auf dem ansteigenden Weg der Seelen wird Oder zumindest sollte sie sich teilen. Denn es bleibt noch ein
er an der Schranke der dichterischen Nachahmung aufgehalten. Problem, noch ein Berührungspunkt zwischen der Inspiration
Wenn er sie überschreiten will, kann er nur tiefer fallen, in die und der techne, derjenige des Theaterzaubers.
Rhetorik der Sophisten und der Volksschmeichler. Wir haben schon geahnt, dass das Problem der Krieger nicht
Das Entscheidende, das Eros einführt, ist eine Hierarchie der das schwierigste war. Die perverseste Macht der Dichter liegt
Nachahmung. In dieser der Phantasie entsprungenen Bevölkerung nicht darin, den Kriegern unschickliche F abeln über die Götter
fehlt einer, nämlich ganz einfach der Krieger, das heißt der zu erzählen, sondern darin, Verwirrung zu stiften über die
höchste Jäger. Er würde schlecht einen Platz finden. Denn göttlichen Erzeugnisse und die handwerklichen F abrikationen,
das Spiel zu dritt zwischen dem Handwerker, dem Jäger und der Menge diese Musik zur Verfügung zu stellen, aus der die
dem Nachahmer ist umgedreht. Nun sind die "wahren" Nach­ Modelle der Ordnung und der Unordnung im Gemeinwesen
ahmer, der Philosoph und der inspirierte Dichter, diejenigen, bezogen werden. Die Theatrokratie ist die Mutter der Demo­
welche die höhere Natur der von der Gottheit bewohnten kratie. Die Nomoi stellen das fest, indem sie die glückliche Zeit
Männer ausmachen. Auf der anderen Seite der Schranke sind in Erinnerung rufen, als nicht die Menge mit ihrem "Zischen
die falschen Nachahmer, die in Wirklichkeit nur Jäger sind: und rohen Geschrei, wie heutzutage" , noch das Beklatschen
Jäger von Preisen, Wahlstimmen oder Körpern. Der .Sophist sagt maßgeblich in Angelegenheiten der Musik war, sondern das
es auf seine Weise: Die tausend Werkzeuge der sophistischen Urteil der Gebildeten, der Männer der paideia, denen "es als
Verschlagenheit sind immer nur das Arsenal dieser Jagd nach geziemend [galt] ihrerseits schweigend bis zu Ende zuzuhören,
jungen reichen Leuten, unterschieden durch die Kunden, aber die Knaben nebst ihren Aufsehern und die große Masse des
nicht seinem Prinzip nach, von der Kochkunst des Volkes. Ein Volkes aber wurden mittels des Polizeistabes in Ordnung und
Jäger ist immer nur ein im Wettkampf stehender KochY Ruhe gehalten" . 54
Wie konnte die Macht der Männer der paideia auf das Volk
übergehen und auf seine Pädagogen? Eben durch die Trennung,
Die Theatrokratie die der Musik innerlich ist. Sie ist zugleich die Reproduk­
tion der ewigen Ordnung und die Trance, die zwischen dem
Der Philosoph hat mit dem Handwerker gründlich aufgeräumt. Göttlich en und dem Menschlichen, zwischen dem Einen
Der Wahn des Gottes hat die Welt der Nachahmungen in und dem Vielen vermittelt. Der Musiker verfügt nicht über
Ordnung gebracht. Einerseits gibt es das rhetorische Double, das Verständnis seiner Besessenheit. Er kann nicht über die
das immer auf ein Gesetz des Seiben zurückführbar ist, das in Musik urteilen. Indem er sich zum Richter erhebt, wird er
diese Kochkunst der Überredung eingeschlossen ist, die die dem Volk die Rechtsprechung über seine Kunst geben. Die
Götter von Heraklit nicht besuchen. Auf der anderen Seite Macht der Künstler ist der Vorläufer der Macht des Volkes:
ist das Bild nur der Abglanz des göttlichen Strahlens, das Si- "Später aber im Verlaufe der Zeit wurden Dichter die ersten

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Urheber der Gesetz- und Geschmacklosigkeit, nämlich solche, lachen gemac ht, so muss ich selbst weinen, weil ich das Geld
die zwar von der Natur mit dichterischen Gaben ausgestattet, einb üße. "56
aber ohne Kenntnis des Rechten und Gesetzmäßigen in den Sokrates hakt nicht nach. Er verabsch iedet sich von Ion, den
Musenkünsten waren [ . . . ] Sie raubten der Menge allen Sinn er noch einen gottbegeist erten Mann
nennt, doch lässt er uns
für die Gesetze der Musik und flößten ihr Keckheit im Urteil denken, dass er eher ein Koch ist. Oder, was auf dasselbe hi­
über dieselbe ein, gerade als ob sie ein solches abzugeben fähig nausläuft, einen "Gottbegeis terten" zum Gebrauch des Volkes,
wäre. In Folge dessen wurde denn das Publikum aus einem dasjiir sein Geld etwas geboten bekommen will. Der Philosoph
stillen ein lärmendes, und eine verhängnisvolle Theatrokratie beruhigt sich damit. Wir sind noch im Kreis der Rhetorik. Ion,
folgte auf die musikalische Aristokratie. [ . . . ] So aber hat bei der Inspirierte der Schuster, sieht nur durch die Augen seiner
uns die allgemeine Einbildung, ein j eder verstehe sich auf alles, Kunden . Und all diese "Schaulustigen", die in allem reagieren,
und die allgemeine Verachtung der Gesetze von der musischen "als hätte man sie bezahlt dafür", 57 genießen vieHeicht nichts
Kunst her ihren Ursprung genommen, und an sie schloss sich anderes als das Schauspiel ihrer Masse. Der Lärm der Masse,
die allgemeine und zügellose Freiheit. "55 der Gebrauch des Beklatschens, der von Italien eingeführt
Die Dinge wären einfach, wenn der Kampf gegen dieses wurde, hat die Theatrokratie geschaffen.5 8 Die Macht ist we­
Prinzip der Anarchie auf eine Angelegenheit der Theaterpolizei niger im Schauspiel als im Wirbel, den es erlaubt. Im Lärm des
reduzierbar wäre, die den Freunden der Muse ihre Macht über Klatschens drückt die Menge nur ihr eigenes Wesen aus. Im
die Musik wiedergäbe. Das Problem ist, dass die Gerechtigkeit Grunde wird nichts nachgeahmt.
der Muse mit dem Wahn verbunden ist. Die Macht des Mu­ Eine Theorie der "Volksästhetik", die beruhigend ist wie eine
sikers, des Tragöden oder Rhapsoden ist göttlich. Und selbst Tautologie. Wenn das Volk Schauspiele liebt, dann nur, weil
der dumme Rhapsode Ion hat daran Teil. Es genügt, dass er es wie die M asse ein Feind der nicht sinnlichen Einzigkei t der
außer sich gerät, dass seine Augen sich mit Tränen füllen und Idee ist . Das zeigt das vierte Buch der Po!iteia. Das Volk kann
dass seine Haare sich aufstellen, wenn er das Unglück Trojas nicht das Schöne um seiner selbst willen lieben. Nur schöne
wiedererlebt, damit auch sein Publikum außer sich gerät, damit Dinge. So macht es Hippias, der Sophist. Das Schöne ist für
auch die Menge der Handwerker sich in die begeisterte Kette ihn ein schönes Mädchen. Eine Gelegenheit zur Leistung, ein
der Choreten einreiht, die über den Rhapsoden und den Dich­ Mittel zur Fortpflanzung. Die Menge bewundert immer nur
ter bis zum Gott reicht, der die Seelen führt, wohin er will. sich selbst in der bunten Menge der schönen Dinge. Sie ver­
Wenn Ion wirklich inspiriert ist, dann ist die Unordnung ehrt einfach nur ihr Wesen, das des vielfachen Produzenten
unvermeidlich. Zum Glück ist er es bestimmt nicht wirklich. und Fortpflanzers. Das Gesetz des Beklatschens drückt ihre
Ein Augenzwinkern im Dialog lässt uns das annehmen. Es Selbstzufriedenheit aus. Die Angelegenheit wird ein einfaches
stimmt, dass er besessen ist, dass er sich in Troj a glaubt und Problem der Theaterpolizei.
dass Tränen seinen Augen entrinnen, ohne dass er sich dagegen
wehren kann. Sokrates fährt fort: Weißt du nicht, dass du die­
selbe Wirkung beim Publikum hervorrufst? Ion stim mt wieder Der Chor der Zikt�den
zu: Er sieht die Augen voll Tränen und die aufgestellten Haare
der Zuschauer. Denn er lässt sie nicht aus den Augen: Es gibt Jedoch kann man die Analyse auch umdrehen: als die andere
ein Interesse: "Denn habe ich sie recht weinen gemacht, so la­ Seite eines Befehls. Die Tautologie der Menge, die sich selbst
che ich hernach, weil ich Geld einnehme: habe ich sie aber zu beklatscht, ist also die einfache Bestätigung des Zirkels, in den

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der Philosoph in der Vermengung seiner Interessen und jener Volkes, welches ein gemildertes Leiden, eine aufgefüllte Leere,
der Gemeinschaft, den Handwerker einschließt. Diese Phäno­ ein gestilltes Bedürfnis bedeutet. Er wollte von grundlosem
menologie des Schauspiels, wo das Vergnügen der Masse sich Vergnügen sprechen, im Gegensatz zu all diesen Sklavenver­
auf das Klatschen der großen Zahl beschränkt, ist die Rückseite gnügungen, die dem Bedürfnis, der Ermüdung und der An­
dieser Theorie der Arbeit, die vom "nichts anderes" der Spezia· strengung folgen. Die Suche danach verspricht lang zu werden.
lisierung geleitet wird. Die "Soziologie" verdoppelt sich in einer Doch, so sagt Sokrates, wir haben die Muße.
"Ästhetik", um das Eine und das Vielfache genau an seine Plätze Man muss verstehen, dass die Muße auch eine Verpflichtung
zu verweisen, wobei dem Philosophen die Gesetzgebung und ist: die, sich nicht auszuruhen, sich nicht von der Sonne und
sogar die Poesie der Verdoppelung reserviert wird. Der Schuster dem Gesang der Zikaden einlullen zu lassen. Denn genau dafür
oder der Zimmermann muss einzig ein Beliebiger jener polloi sein, singen die Zikaden. Sie sind die Nachkommen j ener Rasse von
welche die lärmende Menge ausmachen. Als ob es darum ginge, Gesangsliebhabern, die, trunken von der göttlichen Musik, zu
das Phantasma einer viel schlimmeren Anarchie zu bannen: essen und zu trinken vergessen haben und daran gestorben sind.
dass nämlich der Schuster oder der Zimmermann, nachdem Als Boten der Musen singen sie, um die Liebhaber der Muße
er den Unterschied zwischen dem nützlichen Werk und dem und der Musen auszumachen, die fähig sind, der hypnotischen
Trugbild vergessen hat, sich entscheidet, sich nicht nur um die Macht ihres Konzerts in der Mittagssonne zu widerstehen. So­
Zustimmung im Theater zu kümmern, sondern - höchster krates erinnert Phaidros daran: "Wenn sie nun auch uns beide
Wahnsinn - um das Schöne an sich. Die Sache ist soziologisch wie die meisten anderen sehen würden, wie wir, statt uns zu
gesehen sicherlich unwahrscheinlich. Doch die "Soziologie" unterreden, uns von ihnen aus geistiger Trägheit einschläfern
ist immer nur die Trennung zwischen Philosophie und Anti­ und einwiegen lassen, so würden sie wohl mit Recht lachen,
Philosophie. Schuster ist der allgemeine Name für denjenigen, in der Meinung, ein Paar Sklaven sei zu ihnen in die Herberge
der nicht da ist, wo er sein sollte, damit die Standesordnung mit gekommen, um, wie Schafe an der Quelle, Mittag zu halten
der Ordnung der Rede übereinstimmt. Ausgehend davon ist alles und zu schlafen. " 59
möglich. Es gibt bereits einen Jl'ahren Bastard, Antisthenes, der Menge, Sklaven, Herberge/Zufluchtsort (refi(f!f): Die ländliche
das hinausschreit, was er für die Lehre des Sokrates hält. Szene ist die Wiederaufführung eines Stückes, das wir bereits
Das große Phantasma der Politeia, die Zwerge, die sich über die kennen. Doch hier ist die Verteidigung der Philosophie auch
Philosophie hermachen, findet seinen gemilderten Widerhall die Lösung für das Problem des Theaters. Derselbe Gesang
in der ländlichen Träumerei des Phaidros. Inmitten der Kritik verzückt die Musenfreunde und weist das Arbeitervolk zurück.
dieser lächerlichen Logographen, die sich beeilen zu schreiben Der Chor der Zikaden zieht den Kreis, der die freie Dialektik
"es hat dem Volk gefallen . . . ", macht der Dialog eine dieser von den Beschäftigungen derer trennt, deren Wachsamkeit
Pausen, denen man gern die Funktion zuschreibt, den von einzig den Kurven der Müdigkeit und der Hitze folgt. Phaidros
der Trockenheit der Dialektik ermüdeten Leser "ausruhen" h�tte Recht, den Philosophen, der die Städte liebt, weit von
zu lassen. Nur geht es hier eben gar nicht um das Ausruhen, d1esen Schustern und Zimmermännern weg zu ziehen, deren
sondern um die Muße. Genauer gesagt steht gerade der Begriff Umgang Kritias ihm verbieten wollte. Sein Theater im Grü­
der Muße zur Debatte, als Sokrates Phaidros auf den Gesang nen, Umkehrbild des Theaters des Volkes, ist auch Heiligtum
der Zikaden in der Mittagssonne aufmerksam macht. der Philosophie. Es bewahrt die privilegierte Beziehung, den
Der Philologe Phaidros wollte wissen, welche Rede n mz/ms Gott der Dialektik und der göttlichen Freundschaft, vor der
Vergnügen bereiten. Nicht Vergnügen des Körpers und des Zudringlichkeit der erzeugenden und zeugenden Menge. Bei de-

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nen, die weder kahl oder humpelnd noch Bastarde sind, erkennt unveränderlicher Prinzipien begeistern soll, die in von den
man das knechtische Naturell zumindest an der Unfähigkeit, Autoritäten63 vorgegebenen Rhythmen bes� ngen werden, zu
dem Schlaf zu widerstehen. Die Nomoi werden sagen, dass es fach für den Traum des "totalitären" Philosophen erklärt.
�;
·

schimpflich für einen Herrn ist, von seinem Diener geweckt ist eher der offene Widerspruch des V: rsuchs und di e
. .
zu werden.60 Der Philosoph ist der Herr schlechthin, der nie fruchtlose Anstrengung, ihn zu überwinden, J edem den Anteil
schlafen darf, dessen freie Rede nicht unterbrochen werden Musik und göttliches Spiel zu verleihen, zu dem er fähig ist.
darf. Ein unaufhörliches Gespräch mit dem Schüler und dem Die Gesetze und die Chöre der Gemeinschaft werden immer
Gott, auch das bedeutet Dialektik: eine Aktivität, die ebenso nur eine schwächliche Nachahmung der göttlichen Musik sein.
ununterbrochen ist wie das Erlernen des Berufes und das Wa­ Und wenn sich der Philosoph ihr widmet, dann vor allem, um
chen über das Gemeinwesen. Wenn das Paar von initiierendem seinen Zufluchtsort zu verteidigen. Die Musik wird die Bürger
Philosoph und Liebhaber der Reden einschlafen würde, wäre es nur vereinen können, wenn sie sie bereits von ihren Chören
um die Legitimität des Philosophen geschehen. Warum sollte isoliert hat.
man dann den Handwerkern verbieten, ihre misstönenden
Stimmen in den Chor der Zikaden zu mischen?
Der Mythos von der Muße stellt eine Lf/esensverbindung zwi­ Die Aufteilmzg des Scheins
schen dem Gesetz der Arbeit und dem des Theaters her. Das
Volk der Handwerker muss vom alleinigen Wechsel zwischen Der Gesang der Zikaden erlaubt der Ordnung des Wahnsinns,
Arbeit und Schlaf regiert werden, so wie die Liebhaber der sich hinter der Schranke der Muße zu verbarrikadieren. Die
Schauspiele nicht Menge sein dürfen - j ohlend hier, dösend Landpartie von Sokrates und Phaidros gibt der Ausschließung
da -, damit der Zikaden-Philosoph sein Heiligtum bewahrt, der Nachahmer ihre durchtriebene Bedeutung. Wurden sie
das ebenso der Zufluchtsort des Weisen ist, der von der bun­ nicht von der geschäftigen Stadt verjagt, um außerhalb der Mau­
ten Gemeinschaft der Handwerker ausgeschlossen ist, wie der ern besser den göttlichen Zufluchtsort, das exklusive Gastmahl
Tempel der Wächter, die den Ameisen der Arbeitsteilung be­ vorzubereiten, wo der Philosoph sich mit den Dichtern, auch
fehlen. Der Gesang der Zikaden nimmt diese Gerechtigkeit des wenn sie böse sind, und mit den Liebhabern der Reden, auch
Hades vorweg, der die himmlische Bestimmung der "göttlichen wenn sie dumm sind, zu unterhalten, und um die Handwerker
Männer" von der korrekten Belohnung trennen wird, die den auszuschließen, auch wenn sie geschickt sind?
gemäßigten Männern versprochen ist, die, nachdem sie sich den Man braucht Dichter und man braucht sie auch nicht. Man
Tugenden der Besonnenheit (sophro!Jne) und der Gerecht igkeit braucht nicht die, die ihre Schauspieler mit klingender Stim­
(dikaidoryne) gewidmet haben, in einer Art der politischen Tiere, me auf die Theaterbühne des Volkes bringen, und damit der
Bienen, Wespen oder Ameisen, wiedergeboren werden.61 Tragödie des Wächterphilosophen Konkurrenz machen. Man
Trennung der Musik und der Politik, die vielleich t den braucht sie, damit der Wächterphilosoph nicht einfach ein Mei­
höchsten Widerspruch des Philosophenkönigs anzeigt. Der sterschweinehirt ist. Die Ausschließung wird also eine gemein­
göttliche Mann ist kein politisches Tier, er ist ein musikalisches same Sache, ein privater Ausflug oder ein privates Gastmahl,
Tier, das am besten geeignet ist, der Sänger, j a die Mari on ette das fern des Theaterlärms den Philosophen und die Liebhaber
Gottes zu sein, um über die Zählungen und Reglementierungen der schönen Formen und der schönen Reden zusammenbringt.
der Gemeinschaft zu wachen. 62 Man hat dieses Gemeinwesen,
�er Philosoph bringt sie dazu, anzuerkennen, dass das Prinzip
dessen Bevölkerung sich ohne Unterlass am Gleich klan g Ihrer Leidenschaft nichts mit den Techniken der Fabrikation

74 75
und den Kochkünsten der Schmeichelei zu tun hat. Umgekehrt Am Fuße der Befestz��tlllJ!,
garantiert die zwiespältige Gesellschaft dieser Männer des Scheins
dem Liebhaber des Wahren, dass alle Vergnügen sich entzwei Das wäre aber ein sehr simpler Trick der Philosophie, wenn
teilen, bis zu den Nebeln der Trunkenheit und der Gesellschaft sie auf der einfachen Ausschließung gründen würde, welche
der Hetären. Die "rhetorische" Rede des Pausanias spricht die die Handwerker in die Unmöglichkeit versetzt, das Wahre
Wahrheit der Rede aus, die von Diotima inspiriert ist: es gibt der Seele zu kennen. Der Philosoph befürchtet nicht, dass die
zwei Lieben, von denen jede ihrerseits doppelt ist. "Wir lieben Männer aus Erz sich der Wahrheit bemächtigen. Er fürchtet,
nämlich beide", sagte Sokrates zu Kallikles, "jeder zweie, ich dass die Männer der Kunst sich des Scheins bemächtigen. Um
den Alkibiades, des Kleinias Sohn und die Philosophie, du das den Liebhaber des Wahren zu seiner Würde zu erheben, muss
Athenische Volk und den Sohn des Pyrilampes." 64 Am Ende man den Schuster aus der Welt des Scheins ausschließen. Der
des S)mposions gibt Alkibiades das Kompliment zurück, indem Philosoph schließt das Tor zweifach ab . Einmal durch die
er Sokrates als das Liebesobjekt bezeichnet, das in der Hülle Arbeitsteilung, welche die N achahmer ausschließt und die
dieser Reden eingeschlossen ist, die von "Lasteseln [ . . . ] und von Handwerker auf "ihrem" Platz hält; ein zweites Mal durch den
Schmieden und Schustern und Gerbern " 65 bevölkert sind. Wahnsinn der Inspiration, die eine Verdoppelung des Scheins
Damit alles entzweigeschnitten wird, genügt ein letzter bewirkt. Oder anders gesagt, der Philosoph erfindet zwei Wis­
Geburtsmythos, der die Teilung auch in die Ordnung des senschaften: eine Soziologie, die den Schein aus dem Universum
Unrechtmäßigen einführt. Es genügte ein kleiner S klave, der nützlichen Funktionen hinauskomplimentiert; und eine
um alle nach Wissen Strebenden auf die Eitelkeit ihres Tuns Ästhetik, die den Schein, der die philosophische Rechtmäßig­
zu verweisen. Es genügt eine einfache Arme, Penia, und ein keit bewahrt, vor den Beamten des Nützlichen zurückweichen
einziger Bastard, Eros, um das Tor vor den unrechtmäßigen lässt. Auf der einen Seite wird neben den Handwerker also
Liebhabern der Idee zu verschließen, um eine Ordnung zu der Sophist gesetzt, dessen Negativität die Wirkungen der
vervollständigen, in der die Soziologie der Funktionen sich Unrechtmäßigkeit zusammenfasst, die dem aus seiner Rolle
gänzlich mit der Genealogie der Werte deckt. fallenden Handwerker eigen ist, und auf der anderen der
Um den Demiurgen, den Mann des I/ofkes und der Arbeit, Dichter, des Philosophenkönigs Kumpan im Wahnsinn, oder
herum fällt alles entzwei. Das delphische Orakel sagt dem Phi­ besser sein Gaukler. Sobald die Ernsthaftigkeit des Handwerks
losophen: "Kenne dich selbst" und dem Handwerker "Nichts ihn als Weisen disqualifiziert hat, kann der Philosoph diesen
zu viel". Das Gedächtnis ist für den einen Wiedererinnern, Spezialisten des Scheins und der Genealogien, den Taschen­
für den anderen Mnemotechnik. Die Rede ist toter Buchstabe spieler oder leugnenden Komplizen jeder Schönheit und jeder
der rhetorischen Nachahmung oder beflügelter Gesang der Wahrheit, an denen die Schuster vorgeben Anteil zu haben, in
Nachahmung des Göttlichen. Die Liebe der Theaterfiguren ist seinen Dienst nehmen.
Klatschen der Werkzeughände oder Flügelschlag der Erinne­ Die provokative Kraft von Platon liegt in der außergewöhn­
.
rung an die Schönheit. Die Liebe der Körper ist der Vorwand heben Offenheit, mit der er ausspricht, was die Epistemologien
für die Fortpflanzung der Schuster oder der Ausgangspunkt für und Soziologien der Zukunft sich bemühen werden, im U n­
die Askese der Erwählten. Der Weg der Idee wird vom Schein klaren zu lassen: Die Ordnung des Wahren kann genauso wenig
gehütet, der sich verdoppelt, der jedes Mal den Handwerker, a�f ein� r Wissenschaft der Erkenntnis gegründet werden, wie
der etwas anderes als seine eigene Angelegenheit machen möch­ �te soztale Ordnung auf der Arbeitsteilung. D as gesellschaft­
te, auf die schlechte Seite zurückwirft. hebe Verhältnis und die Ordnung der Rede sind beide von

76
77
3

derselben Fiktion bedingt, derjenigen, die den Handwerker aus Leidenschaft der Wahrheit glorifizierte, führte er vielleicht
dem Reich der Fiktion verj agt. Ausschluss der Liige der Kunst, bloß den Zorn des Philosophenkönigs gegen den plebejischen
derjenigen, die praktiziert wird ohne sich zu kennen. An der Sokrates des Landmanns Xenophon und des Volksphilosophen
Naht zwischen der philosophischen O rdnung und der gesell­ Antisthenes weiter. Die platonische Lehre, dass die Wahrheit
schaftlichen Ordnung wirkt einzig die edle Lüge der Natur. ihre Rechtmäßigkeit nur von der edlen Lüge hat, welche die
Gegen den Handwerker, der s o lügt, JJcÜ er JJ/erkt, bean­ wohlgeborenen Seelen von den Seelen trennt, die für das Häm­
sprucht der Philosoph, die Rechtmäßigkeit seiner Lüge in der mern der Schmiede und für das Klatschen der Versammlungen
Wissenschaft vom Wahren zu begründen. Doch begründet geboren sind, wird Nietzsche bestätigen.
in Wirklichkeit umgekehrt die Lüge, die Gesetzgebung der D och er zollt seinen Tribut der Moderne, indem er die
Trugbilder, durch das bloße Dekret ihrer Ursprungsmythen "mediterrane" Unterscheidung des griechischen Mythos in das
die philosophische Rechtmäßigkeit. Spanien Bizets versetzt und das Gastmahl des Agathon unter
Die Philosophie ist grundlegend eine Genealogie, der Diskurs die Zigarrendreher, Stierkämpfer und Haudegen der Schenke
über die Natur wie über den Adel. Es ist nicht so, dass das der von Lillas Pastia. Das Wesentliche ist, dass es am Fuße des
Diskurs einer "Sklavenhalterphilosophie" wäre, die eine unglei­ Festungswalls eine Schenke gibt, wie man aus der Seguedilla
che Gesellschaftsordnung rechtfertigen oder die Menschen in weiß. Festung der Philosophie, von der aus der naive - oder
den "Totalitarismus" ihrer Idee einsperren wollte. Es handelt gerissene? - Antisthenes die Philosophen beschuldigte, den
sich für sie weniger darum, andere einzusperren, als darum, Schutz dem Volk der Handwerker zu verweigern, wo sie doch
sich vor ihnen zu schützen; weniger darum, die Wahrheit nur gebaut wurde, um sich vor ihnen zu schützen.
aufzuzwingen, als den Anschein zu wahren. Der Adel besteht, Wovor gerrau müssen nun die Arbeiter der Tabakmanufaktur
das weiß man, vor allem darin. den Philosophen des demokratischen und sozialen Zeitalters
Was die platonische Ordnung und der platonische Wahn­ schützen? Durch welche Umkehrung wird die F abrik gegen
sinn ausdrücken, ist also weder die Kompromittierung der den Handwerker eingesetzt, und rettet die Venus der Stra­
Philosophie mit den etablierten politischen Ständen noch ihre ßenkreuzungen den Einsatz des Künstlerphilosophen? Wenn
Sturheit, ihre Wahrheit den Unordnungen des Gemeinwesens Bizet gegen Wagner der Philosoph des Z arathustra sein muss,
aufzuzwingen, sondern viel eher das Paradox ihrer Einrichtung dann nicht einfach nur, weil der Tanz von Carmen leichter
selbst. Die Philosophie kann den Kreis ihrer Autonomie nur ist als die Messe der Gralsritter. Vielleicht, weil es etwas U n­
durch einen willkürlichen Diskurs über die Natur und den erträglicheres gibt als die dämliche Schwülstigkeit der Krieger
Adel ziehen, durch einen Diskurs, der seine Spannung ermög­ Parsifal, Siegfried oder Lohengrin, und zwar den bescheidenen
licht, indem er sein telos, die perfekte Natur, nachahmt. Diese dichterischen Ehrgeiz des Schusters Hans Sachs.
Nachahmung ist jedoch schlicht dazu bestimmt, immer an die
Karikatur ihrer selbst zu grenzen. Der Philosophenkönig ist
verurteilt, mit seinen Nachäffern zu leben.
Diese Logik und diese Bedrohung wird der Philo soph des
Zarathustra in den Hoffnungen und Ängsten des sozialistischen
Zeitalters wiederfinden, auch wenn er sie gegen Platon aussp re­
chen muss. Als Nietzsche die Lüge des Lebens und die edle
Leidenschaft des Scheins gegen die sokratische und pleb ejische

78 79
Die Arbeit von Marx

Ich hatte mich sogar entschlossen, "Praktiker" zu


werden und sollte anfangs nächsten Jahres in ein
Eisenbahnoffice eintreten. Soll ich es Glück oder
Unglück nennen? Meine schlechte Handschrift war
der Grund, dass ich die Stelle nicht erhielt.

Marx an Ludwig Kugelmann, 2 8 . Dezember 1 862


Der Schuster und der Ritter

Dass die Schuster nun in ihren Läden singen oder bei Volks­
festen Chöre bilden, stellt noch kein Problem dar. Die Lieder,
welche die Gesten der Arbeit rhythmisc h begleiten oder
die Zeit der Erholung ausfüllen, halten so etwas wie Liebe
aufrecht, die, mehr noch als die Qualifikation, den Arbeiter
an seine Arbeitsstelle bindet. Die Ästheten brauchen ihnen
nicht zuzuhören.
D och auf der Bühne der Aleistersinp,er macht Hans Sachs e!u'as
anderes. Er schlägt vor, einmal im J ahr das Volk zum Richter
in Musikfragen zu machen. Und der erste Sänger, den er da­
durch in die Reihen der Meister eintreten sehen will, ist ein
Ritter.
Der erste Fehler ist der entschuldbarere. Es gilt als der Natur
der H andwerker angemessen, das Urteil über das Schöne dem
Händeklatschen anzuvertrauen, die Einheit der Idee mit der
Vielfalt der Formen und der Zustimmungen zu verwechseln.
Und die Sache ist nicht weiter s chlimm, wenn es sich nur darum
handelt, die Lieder von Handwerkern zu beurteilen, die zum
Gebrauch der Gesellen vorgesehen sind.
Doch Hans Sachs verwechselt nichts. Er s chlägt nicht seinen
Lehrling für die Weihe der Menge vor, sondern einen Ritter. Er
fördert nicht einen Sänger, sondern einen Dichter. Mit diesem
Dichterritter, der von einem Schuster bei den Handwerkern
Nürnbergs eingeführt wird, s cheint alles durcheinander zu ge­
raten: die Waffen, die Werkzeuge und die Versmaße; der Beruf,
die Wissenschaft und die Inspiration; das Gold, das Silber und
das Erz.

83
Der Schusteratifstand Nur wissen die Schuster wie alle Arbeiter, dass es keine Tu­
<? � �
gend der Schuster gibt. de.r, un das läuft a � f dass � be hinaus,
Die Verwirrung entspringt nicht der gotischen Einb ildungs· es gibt diese Tugend, die si � h seit Platon nicht geandert ha� :
kraft eines Musikers. Dieses verrückte Johannisfest, das Wagner Schu ster ist derjenige, der nichts anderes machen kann als die
1 8 68 in der Münchner Oper aufführen lässt, versin nbildlicht
Schusterei.
eines der Themen, das seit mehreren Jahrzehnten den Exp erten Der Übergang von der "Qualität" zum Verbot ist den Ge­
in philosophischen, künstlerischen und politischen Belangen lehrten unklar geworden, doch die Arbeiter verstehen ihn gut.
Kopfzerbrechen bereitet: das Eindringen von Schustern in Aus dem einfachen Grund, dass erstere ihn über Jahrhunderte
die Gebiete, die den Gelehrten, den Kennern der Idee des hinweg ge- und vererbt haben, ist er die Regel ihrer inneren
Guten und den inspirierten Liebh abern der schönen Formen Hierarchie geworden, die Weise, wie sie ihr Schicksal erfüllen
vorbehalten sind. und zugleich ablehnen, indem sie es auf einen Paria abwälzen,
Sicherlich ist die Polizei seit langem daran gewöhnt, dass in auf den Schuster.
den Straßen von Paris wie in denen Nürnbergs die Schuster· "Niemand trete ein, der der Geometrie nicht kundig ist."
Iehrlinge mit den Schneiderjungen die ersten sind, die Radau Die Gesellen haben ihren Geometerkönig gefunden, den
machen. Das entspricht ihrem Begriff, welcher der ist, die Zimmermann, das würdigste Kind der Erbauer des Tempels
Menge schlechthin zu sein: die bunte und lärmende Masse. Salomons. Dieser hat ein Arbeiteruniversum organisiert, wo
Die Theaterdirektoren wissen das auch und stellen sie an, um jeder - Schmied oder Fassbinder, Schlosser oder Gerber - sich
bezahlt zu klatschen. an seinem Platz befindet und sein Leben dem unendlichen Er­
Darin liegt vielleicht der Irrtum. Und eine kluge Polizei lernen seiner Kunst widmet. Diese Monotechniker mögen we­
will keine Claque im Theater. D as größte Problem ist nicht der die Nachahmer noch die Mischung der Metalle. Zumindest
die Masse, sondern die Zerselz.!IIZJ!)· O ffensichtlich finden diese ein Dichter hat sich gefunden, Hoffmann, der seinesgleichen
Arbeiter Gefallen an den eleganten Gewändern, mit denen gerächt hat, als er diesen Meister Martin zerzauste, der die
man sie ausstaffiert, an der aristokratischen Liebe, die zu be­ Fassbinderei für die höchste Kunst hält und der weder einen
klatschen man ihnen befiehlt, an der Illusion des Theaters, zu Maler in seiner Werkstatt noch einen Ritter für seine Tochter
der man sie einlädt. Von da aus ist es nur ein kleiner Schritt wollte. 1
zu den Geheimgesellschaften, wo man sich mit Mützen und Eine Welt des Verbots und der Hierarchie. Vom Geometer
Namen der Republik schmückt oder zu den saint-simonis· schlechthin, dem Zimmermann, steigt man in Abstufungen
tischen Versammlungen, wo die Männer von Welt sich mit hinunter bis zur Hölle des Schusters, je gröber die Kunst und je
den Arbeitern verbrüdern. Und m anche fürchten nicht den überflüssiger die Geometrie. Der Schuster hat im 1 9 . J ahrhun­
Aufstieg zu den göttlichen Freuden des Dichters und des dert noch immer nicht seine Verbrechen gegen die platonische
Philosophen. Ordnung gebüßt. Er ist der Zwerg, dessen große Schürze, grobe
Schusteraufstand. Die soziologische Logik der Historiker Werkzeuge und stinkendes Pech die Lieder der Gesellen ins
möchte darin die höhere Bewertung der Tugend der Schuster Lächerliche ziehen. Er ist der thronräuberische Sklave, der
sehen. Der Stolz der geschickten Arbeiter, ihre Beu nruhigu�g betrügerisch in die Geheimnisse der Gesellenzunft eingeweiht
vor der neuen Welt der unqualifizierten Arbeit würde den Ge1st wurde. Das Gesetz der Zimmerer schreibt dem seiner Pflichten
und den Arm der Schuster und ihrer untrennbaren Komp lizen, bewussten Gesellen vor, den "falschen Gesellen" zu töten, der
der Schneider, bewaffnen. mit den Insignien der Gesellenzunft angetroffen wird.

84 85
In der Mitte des 19. Jahrhunderts ist diese Vorschrift ver­ ihre Geheimnisse übergeben. Die Männer der Ordnung und die
nachlässigt worden, doch man findet noch hin und wieder die Männer der Inspiration sind gleichermaßen über diese Unord­
Leichen von Schustern, die für ihre Dreistigkeit bestraft wur­ nung beunruhigt und stellen immer denselben Archetypus i�s
den. Jedenfalls führt die Wirklichkeit der Ständeordnung die Zentrum ihrer Klagen. 184 1 empört sich der Professor Lherml­
Verbote der symbolischen Ordnung fort. Die Schusterei ist das nier ein ehemaliger Saint-Simonist, der die Irrlehre seit ihrer
letzte Gewerbe. Wenn man überall, wo die Arbeiter nicht sein Ge burt kennt, gegen die Ehre, die man den Arbeiterdichtern
sollten, Schuster antrifft, so deshalb, weil sie die Zahlreichsten erweist, in der er die symbolische Anwesenheit des Schusters
sind, die am wenigsten Beschäftigten, die sich am wenigsten Savinien Lapointe ausmacht. Er hält den Republikanern, die
Illusionen über den Ruhm des Handwerkers hingeben. Der sie feiern, die Ratschläge des Vaters der modernen Republik
Schusteraufstand ist nicht ein Kampf jiir, sondern gegen die entgegen: "Ich möchte, dass Emile unbedingt einen Beruf er­
Schusterei. Eine typische Gestalt dieser Verweigerung: jener lernt [ .. ] ich will, dass er weder Musiker, noch Schauspieler,
.

jugendliche Dichter, dem der Vater, ein Schulangestellter, das noch Schriftsteller wird [ . . . ] ich hätte lieber, dass er Schuster
Handwerk des Schusters aufzwingen wollte. "Er widerstand wird als Dichter." Ästhetische Unordnung, politische Unord­
seinem Vater rechtschaffener Weise" , sagt uns sein Biograf, nung, symbolische Unordnung, wirkliche Unordnung, alles
"zerbrach die Werkzeuge seines Berufes, für den er nicht ge· hängt zusammen. In einer Republik, in der man den Schustern
schaffen war und befreite sich, indem er zu sich selbst fand."2 die Auszeichnungen des Dichters gibt, "hätte das höchste Amt
Im Grunde geht es darum: Jeder kann nun über die Natur tausend Kandidaten und das Gesetz keinen einzigen gehor­
verfügen und kann selbst beurteilen, ob er, unabhängig von den chenden Untertanen."5
äußeren Umständen, die ihn vielleicht dazu zwingen, für das Aus der anderen Richtung machen sich die politisch fort­
Schustergewerbe gemacht ist oder nicht. Das "nichts anderes", schrittlichen Redakteure der Zeitschrift L'A rtiste anlässlich
das die Ständeordnung garantierte, wird von zwei Seiten in des Salons von 1845 Sorgen um die Demokratie, die in den
Frage gestellt. Da sind die geschickten Arbeiter, die auf den Bereich der Kunst eindringt. Und auch sie täuschen sich nicht
Gesellenwanderungen entdecken, dass man gar nicht so viel über die Zielscheibe: "Die Natur hat nicht j edem erlaubt,
Zeit braucht, um eine Qualifikation zu erlangen, und dass sich Genie zu haben. Sie hat dem einen gesagt: Mach Gedichte! Sie
kein Nachteil ergibt, wenn man von einem Beruf zum anderen sagt dem anderen: Mach Schuhe!" 6 Die Rechte des Inspirierten
überwechselt. 3 Und es gibt j ene, die diese Geschicklichkeit als umarmen grenzenlos und nehmen ohne Zwang die Argumente
die Rückseite des Verbotes ansehen und entscheiden, sich eher der Ordnung. Der sanfte Charles N odier wird von keinen
die Freuden des Scheins und die Muße der Dialektik anzueig· kleinlichen Befürchtungen angetrieben, aber beunruhigt von
nen. S o entschuldigt sich zum Beispiel ein Tischler, der nicht diesen Schustern, die Tragödien im Stile Corneilles machen,
an seinem Arbeitsplatz erscheint: "Wenn ich Sokrates von und er diagnostiziert seinerseits den Ursprung des Übels: die
weitem bemerke, lasse ich meine Pflichten den Bach hinunter unsinnige Demokratie der Schrift. Seit sie gedruckt wird und
gehen und laufe ihm nach, um zusammen (oft den ganzen Tag) zur Bildung des Volkes dient, verwandelt sie überall "nützliche
über die wahren Güter des Daseins mit zu disku tieren."4 Arbeiter und ehrliche Handwerker" in "Diebe, Betrüger und
Zusammen bruch der Natur. Vermischung der Pflic ht en Fälscher".7 Damit kommt nun die Lösung zur Sprache, die
und der Metalle. Eingehen der Monotechniker in die bunte zugleich den Staat, das Volk und die Dichter zufrieden stellt:
Welt der Nachahmer , wo sie auf die von der göttli ch en Kunst dem Volk die Volkskunst zurückgeben, ihm diesen Sinn für
inspirierten Ritter und die Philosophen treffen, die dem Volk den Mythos zurückgeben, den die Philosophen zuerst konfis-

86 87
ziert und dann abgeschafft haben. Auf halbem Weg zwischen damit zu schmücken. Doch damit lässt sich niemand täuschen.
dem anti-philosophischen Groll der Gegenrevolution und der D as genaue Gegenteil ? eschieht. Der Triu� ph des Schuster­
.
anti-ideologischen Schärfe des Materialismus drückt Nodier dichters ist zugleich se1ne Abdankung. Er 1st d1e V olkstaufe,
den umgekehrten Platonismus, wo die Volkserzählung eine durch die der Vertreter des Heiligen J ohannes den inspirierten
nunmehr mit dem toten Buchstaben der Schrift gleich gesetzte Künstlerritter weiht und ihm die Krone der aristokratischen
Philosophie anklagen muss, in seiner ganzen Reinheit aus. Minnesänger überreicht, die von den Handwerkern usurpiert
Alles läuft so ab, als ob das Schicksal der modernen Re· gewesen war. Das Bündnis zwis � h � n Schuster und Dicht � r
..
publik noch in dieser symbolischen Aufteilung darstellbar im Kult für das Volk und das We1b 1st so schnell voruber w1e
wäre: Es muss eine Klasse von Individuen geben, deren Benif geschlossen, Macht eines einzigen Tages, Karnevalsherrschaft,
.
die Notwendigkeit für alle Gewerbeleute, nichts anderes als die gerade so lange ausgeübt wird, um den Vorrang des Gen1es
ihre eigene Sache zu machen, symbolisiert; ein Beruf, der die vor der Technik und der Inspiration vor der Mnemotechnik
Notwendigkeit der Arbeit zusammenfasst, insofern sie die wiedereinzurichten. Es bedarf dazu nur eines Vermittlers:
Vorrechte - selbst und vor allem die asketischsten - der Muße Beckmesser, der Stadtschreiber, der Mann der Zeichen auf der
ausschließt. Die Ordnung wird überall dort bedroht, da ein Schiefertafel und des fleißig arbeitenden Gedächtnisses, ein
Schuster etwas anderes als Schuhe macht. Und umgekehrt Sophist der Neuzeit. Oder eher weniger noch als ein Sophist,
kann man Schuster jeden nennen, der die Ständeordnung stört. da er weder fähig ist, richtig auswendig zu lernen, noch selbst
So h at der gelehrte Redakteur des Journal des economistes keine Schuhe zu machen. Dieser Schmalspursophist wird nunmehr
Zweifel an der Identität j en es deutschen Kommunisten, den Kleinbürger genannt.
die französische Regierung aufgrund seiner aufrührerischen Als ästhetische und fortschrittliche Verfeinerung des neuen
Schriften des Landes verwiesen hat: Monsieur Charles Marx, Traums von der "Volkskunst" stellt die "gotische" Oper eine
so belehrt er seine Leser, ist ein Schuster. der herrschenden Formen unserer Moderne dar. Zwischen
Tannhduser und Die Afeistersinger, zwischen dem Wettbewerb auf
der Wartburg und dem von Nürnberg vollzieht die saint-si­
Die Johannisnacht monistische und Feuerbach'sche Ehrung des Volkes und des
Weibes eine ganz bestimmte Verschiebung. Die Aufwertung
In diesem Kontext denkt sich Richard Wagner 1 845 die Ge· der Handwerkskunst wird hier von einem Spiel des Gebens
schichte vom Ritter und vom Schuster aus, die natürlich vor und Nehmens begleitet. Der inspirierte Künstler spricht dem
allem dazu bestimmt war, seine Gegner zu widerlegen. Doch etbos des Volkes ein Genie, einen Genius zu, einen daimon, den
als er sie dreiundzwanzig Jahre später aufführen lässt, zeigt er das Volk sogleich zurückgibt und den Künstler des Volkes,
mit ihr auch, dass das Spiel l!,elcuifen ist. Wenn Die Afeistersinger Arbeiter und Ritter, in seinem Gegensatz zum mechanischen
eine einzigartige Oper im Werk des Komponisten ist, dann Nachmacher sanktioniert . D iese Weihe des Künstlers ist
deswegen, weil sie im eigentlichen Sinne eine Absch iedsvor· auch ein Modell, das er dem Politiker und dem Gelehrten
stellung ist. Der Schusteraufstand ist niederges chlagen. Der vorschlägt. Die alte platonische Ordnung wurde im Grausen
Künstler nimmt die Attribute der Natur und des Gen ies in vor der Vermengung und der Buntscheckigkeit bekräftigt. Der
seinen V ollbesitz zurück, nachdem er sie in den Vierzige rjah· Nürnberger Karneval stellt im Gegensatz dazu diesen moder­
ren der Obhut des Volkes anvertraut hatte. Eva kann noch nen Gebrauch der Buntheit dar, welche die Farben der Metalle
immer die Krone von Walters Kopf nehmen, um Hans Sachs und die sichtbaren Konturen der alten Ordnung wegwischt, um

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den Wächtern und Inspirierten des modernen Zeitalters eine lette macht. Das Ergebnis weicht kaum von der platonischen
neue Rechtmäßigkeit anzubieten, die auf den einzigen Kräften J-:I �
Diagnose ab: Die errschaft des Schauspielers ann nur die
_
gründet, von denen man sagt, dass sie heute zählen: die Kräfte Zerstörung der Insunkte zur Folge haben, "vermoge deren e1n
von unten. Arbeiter als Stand" möglich ist.9 Wogegen es kaum ein anderes
Ironischerweise hatte ein Kritiker besser als alle anderen die Mittel gibt als den Kreis der Zikaden in der Mittagssonne.
Tragweite der Operation vorausgeahnt, nämlich der junge
Revolutionär Richard Wagner. In Oper und Drama hat er die
heiterste Analyse all dieses Hin und Hers im Herzen des Volks­ Der Ideologe, der Sch11ster und der Etjinder
genies gemacht, welches der Oper neuen Schwung verleihen
sollte: verrückte Ritte des Ritters Auber zwischen den Ständen Süden gegen Norden. Eine bestimmte Geografie der Ver­
der neapolitanischen Fischer; Spaziergänge seines Rivalen teidigung des Denkens gegen das gleichzeitige Aufkommen
Rossini zum Klang von Alpenflöten; die Beförderung von der Nachahmer und der Massen. Die Marx'sche Landschaft
Massen auf die Bühne Meyerbeers. Das sind wahrlich einfache ist anders organisiert. Für den aus Trier stammenden und
Kochrezepte verglichen mit der Repräsentationsmaschine, die in London lebenden Marx repräsentiert der Süden nicht die
der Schuster Hans Sachs und sein Geselle in Gang bringen. Zivilisation, die der nordischen B arbarei entgegengesetzt ist.
Es gibt zumindest zwei Philosophen, deren klassischer Ge­ Die Zivilisation ist der Fluss des Handels, der die mit Barbarei
schmack diese Art Volkskultur ablehnt: Friedrich Nietzsche gleichbedeutenden Länder flieht. Nürnberg ist der Süden, das
und Karl Marx. Der erste hat noch eine gewisse Zeit lang der Land der kleinen, engen Städte, der alten Schmutzigkeit und
Volksverhexung der Feuer der Johannisnacht nachgegeben. der alten süddeutschen Sentimentalität, die dem Norden mit
Er brauchte einige Zeit, bis er zu einer Diagnose gelangte, die seinem Großgrundbesitz, dem Militarismus und der Bürokratie
seltsam der des alten Platon ähnelt: die theatralische Niederwer­ entgegengesetzt ist. Ein unbewegliche r Widerspruch, der für
fung des Schusteraufstandes ist noch der Triumph der Schuster. Marx in der Komödie der deutschen Revolution aufgeführt
Deswegen, weil sie Theater ist. Theatrokratie ist der Begriff, wird. Sie lässt sich perfekt in den zwei einander ergänzenden
genau von den 1'\Jomoi wieder aufgegriffen, mit dem Nietzsche "Helden" von 1848 zusammenfassen, die Marx nicht ausstehen
den "Fall Wagner" behandelt. Es ist egal, ob die Geschichte vom kann: im Abenteuermilitarismus von Leutnant Willich und im
Schuster nur der Weihe des Künstlers dient. Denn es ist gerade sentimentalen Pathos des Dichte rs Kinke l.
die Macht des nachahmenden Künstlers - des Schauspielers, sagt Kurze Zeit nach der Revolutio n spricht Marx gerade über
Nietzsche -, welche die Dekadenz in Sachen Musik, folglich in Nürnbe rg und seinen dichtenden Schuster. Er rezensiert das
Philosophie und Politik beginnen lässt. Die Regeln der Musik Buch von Daumer, Die Religion des mum ll7eltalters. Gegen den Nie­
dem Urteil des Künstlers auszusetzen bedeutet, sie in Kürze dergang der von der gegenw ärtigen Barbare i belager ten "Kul­
dem Volk in die Hände fallen zu lassen. D as "Theater ist ein t�r" schl ägt Daume r eine neue menschlich e Religion vor, die
Massen-Aufstand. " 8 Die Figuren des platonischen Phantas· s1ch auf die Natur und das Weib stützt. In Marx' Kritik ist diese
mas finden ihr Echo in den Bildern, mit denen Nietzsche das "Natur" nichts anderes als die naive Idylle des Kleinbürgers,
Theater von Bayreuth geißelt: Es ist die Höhle des Zaubere�s, der ? de n von Klopst ock rezitiert , um
seinen sonntäglichen
wo die wohlgeborene Jugend verdorben wird. Doch es 1st Spaziergang zu verschö ner n. Die Rehabi
litation des Weibes
auch "eine Kuranstalt", wo die kleinliche Hygiene uns an das bleibt bei m Mod ell der aristokrati
. schen Literaten-F rauen des
öffentliche Bad erinnert, in dem der entflohene Sklave seine T01· 18. Jah rhunderts stecke
n. Seine Klagen über den Niedergang
90
91
s

zeigen klar auf, was das Modell des Autors ist: "Die ,Bildung', Verkleidungen verwendet hatte, um die neue bürgerliche Welt
über deren Verfall Herr Daumer Jeremiaden anstim mt, ist die von den feudalen Zwängen zu befreien. Hier ist die Sache
B ildung der Zeit, in der Nürnberg als freie Reichsstadt florierte, aber anders. Die Komödie des Spießbürgertums ist nicht die
in der die Nürnberger Industrie, jenes Zwitterding zwischen Wiederholung des Tragischen, sondern die Wiederholung von
Kunst und Handwerk, eine bedeutende Rolle spielte, die Bil­ sich selbst. Daumer ist grotesk, weil er eine bereits lächerliche
dung des deutschen Kleinbürgertums, die mit diesem Kleinbür­ Gesellschaftsgestalt wiederholt und sie dabei erniedrigt. Diese
gertum zugrunde geht. Wenn der Untergang früherer Klassen, lächerliche Gestalt ist nicht der nutzlose Kampf der fahrenden
wie des Rittertums, zu großartigen tragischen Kunstwerken Ritter, sondern die Produktion der Nürnberger Industrie in
Stoff bieten konnte, so bringt es das Spießbürgertum ganz ihrem goldenen Zeitalter.
angemessen nicht weiter als zu ohnmächtigen Äuße rungen Die Zielscheibe von Marx ist nämlich hier nicht die Kasten­
einer fanatischen B osheit und zu einer S ammlung sanchopan­ ordnung der Zünfte oder die Enge des Idiotismus des Gewerbes,
sesker Sinnsprüche und Weisheitsregeln. Herr Daumer ist die sondern die florierende Industrie einer der freien Reichsstädte
trockne, allen Humors bare Fortsetzung von Hans Sachs. Die des Mittelalters, in denen die progressive Geschichtswissen­
deutsche Philosophie, die Hände ringend und wehklagend am schaft für gewöhnlich die ersten Keime der neuen Welt der
Sterbebette ihres Nährvaters, des deutschen Spießbürgertums Bürgerherrschaft und der Volksbefreiung sieht. Den Histori­
steht, das ist das rührende B ild, das uns die ,Religion des neuen kern zufolge hat nur eines diese Metropole des beginnenden
Weltalters' entrollt." 1 0 Kapitalismus langsam zugrunde gehen lassen: das Unglück
Das Urteil ist anscheinend einfach und verweist auf zwei seiner geografischen Lage, weit weg von den Fluss- und Mee­
Hauptthemen des Marx' sehen Denkens. D a ist zuerst die Kritik reswegen, aber mitten im Durchzugsgebiet zerstörerischer
der Ideologie als Unverständnis der Entwicklung der Produktiv­ Armeen.
kräfte. Sodann ist da die Entgegensetzung von zwei Theaterfi­ D och der Vater des historischen Materialismus denkt son­
guren der Geschichte: das Tragische, der authentische Ausdruck derbarerweise nicht so. Für ihn war diese überholte Industrie
des Kampfes zwischen der alten und der neuen Welt; und das eine Totgeburt: ein doppeltes Wesen, ein Hybrid, ein B astard,
Komische, die lächerliche Wiederholung einer Geschichte, die die Mischung von zwei gegensätzlichen Naturen, nämlich der
bereits gespielt wurde und deren Werte tot sind. Daumer ist industriellen Tätigkeit und der künstlerischen Schöpfung.
somit der Vertreter dieser Ideologen, die in ihrem Denken nicht Zu seiner Zeit ist diese Vereinigung j edoch nicht der einzige
"weiter gehen" als die Kleinbürger in ihrem praktischen Leben. Traum der überholten Handwerker. Sie scheint auch bei
Wie sie ist er unfähig, das befreiende Element der Zerrissenheit den industriellen und gesellschaftlichen Erneuerern auf, bei
des industriellen Zeitalters wahrzunehmen, er kann ihr wie sie den Fürsprechern der industriellen Kunst. Die kränkliche
nur den Traum einer unmöglichen Rückkehr in die Zeit vor Nürnberger Kultur erstaunt j edoch noch die Männer des
dem Kapitalismus entgegenstellen: groteske Wiederholung eines F?rtschritts: Auf der Weltausstellung von 1 8 67 bewundern
Kampfes gegen die Geschichte, der bereits vom Rittertum zur d1e Arbeiterabgeordneten die mechanischen Spielzeuge von
Zeit von Don Quijote verloren wurde. Nürnberg. Sie stellen die wissenschaftliche Erziehung, die
Eine einfache Lesart, die jedoch in Kauf nimmt, über ein paar diese Spielzeuge den Kindern beibringen, den blöden Puppen
blinde Fenster zu verlaufen, mit denen Marx niemals geizt. entgegen, welche die französischen Kinder die Weichlichkeit
Wir alle wissen durch ihn, wie 1 84 8 die Tragödie der großen und Korruption der niedergehenden Klassen lehren. 11 Alles in
Revolution als Farce wiederholt wurde, welche die antiken allem könnten die industrielle Kunst und die Spielzeuge von
92
93
e des Bürge rtum s hinw egschreit et.
Nürnberg der "polytechnischen" Erziehung der zukünftigen s1e zue rs t u"' ber die Leich . . .
.andig
·

en In-
.

dw diese Welt des vollst


kommunistischen Welt überzeugendere Modelle liefern, als Fluch für die Proleta rier,
die ironischen Variationen der zwiespältigen Schäferidyllen, cl.lVl·dUums erben werd en, um den Preis , ihre Kom peten z und .
denen sich Marx manchmal hingibt: eine Welt, wo es keine werks freih eit der Wut �er bürge r 1.Ich � n In d� stne
ihre Hand . .
nder befre ien Ihre B ruder ,
Maler gibt, sondern bloß Individuen, die unter anderem malen zu übe rlassen . Die Handwerk ererfi
erker muss
würden; wo dasselbe Individuum zu verschiedenen Zeiten dem sie sie zum Selbstmord zwingen. Der Handw
·

Fischer, Jäger, Schäfer oder kritischer Kritiker sein kann. :U stimmen, sich der ganzen Positi vität zu entled igen, um das
Selbstm ordes
Marx versteht den Fortschritt eben anders. Die Überschrei­ Bürgertum in den höllisch en Kreisla uf seines
tung des platonischen Verbotes ist für ihn weder der dichtende mitzu ziehen.
ht
Schuster noch die industrielle Kunst oder das mechanische Diese Geschic hte von Klagen am Toten bett war vielleic
Spielzeug. Und die Zukunft der bürgerlichen Freiheit und nur eine Täuschung. Denn die Gesch ichte "schrei tet voran"
der Volksbefreiung lag zur Z eit von Hans S achs nicht in der gerade auf der Seite, wo sie de r:n Tod en � gegent ritt; d � , wo es
blühenden Industrie der freien Reichsstädte. Sie hat in Eng­ keine gefalteten Hände und ke1ne Jeremi aden mehr gibt, son­
land oder in den Niederlanden begonnen, in der reinigenden dern Verrückt heit und Fluch . Der Tod von Hans S achs und
Hölle der Webmanufakturen, die am Rande des Meeres der der Nürnberger Industrie sind jedoch bloß eine Komödi e, eine
Warenströme errichtet wurden. Hier wurde die revolutionäre Karikatur des Todes. Inzwisch en s teht das spießbürgerliche
Vermählung von Wasser und Feuer vorweggenommen, die Nürnberg am Morgen schöner neuer industrie ller Zeiten. Der
später verwirklicht wurde, als der Uhrmacher Watt und der "sentimentale Esel" Liebk necht wird daraus sogar eine der
Goldschmied Fulton der Großindustrie und dem Weltmarkt Hochburgen der marxistisch en Arbeiterpa rtei machen. Das ist
die Tür öffneten. ",Ne sutor ultra crepidam! ' , dies nec plus gerade das, was die Rückständi gkeit ausmacht: Sie ist hartniickig.
ultra handwerksmäßiger Weisheit, wurde zur furchtbaren Dreißig] ahre später wird Engels Bernstein daran erinnern: "Die
Narrheit von dem Moment, wo der Uhrmacher Watt die kleinbürgerliche Spießer- und Philistergesinn ung" hat "seit
Dampfmaschine, der Barbier Arkwright den Kettenstuhl, der dem 30jährigen Krieg ausgebildet, alle Klassen in Deutschland
Juwelierarbeiter Fulton das Dampfschiff erfunden hatte."12 ergriffen [ .. ] Sie herrscht auf dem Thron ebenso oft wie in
.

Der Schuster entkommt dem Fluch nicht, indem er Dichter der Schusterherberge."13• Die Rückständigkeit ist nicht eine
oder industrieller Künstler wird, sondern wenn er die Maschine überholte, sondern eine schlecht begonnne Geschichte. Sie ist
erfindet. Das Paradox ist, wie man weiß, dass er nicht mehr als die schlechte Geschichte, die niedrige oder gemeine Geschichte,
seinen Schuh macht, sondern noch weniger. Die Revoluti on welche die rechtmäßige Geschichte verdoppelt. Die Bastardie­
der Maschine besteht darin, dass der Arbeiter des Gewerbes rung ist die schlechte Gestalt der Zweiheit, die sich nicht spaltet,
oder der Manufaktur aus einer beschränkten Arbeit eine macht, sondern sich mit seiner Verdoppelung begnügt. Als ob sie in der
die noch beschränkte r ist. Kurz, die Verrücktheit und der Mischung, die ihre Würdelosigkeit ausmacht, die Kraft fände,
Fluch können die alte Weisheit nur übertreffen, wenn sie für sich zu überleben, indem sie dem Feuer des Widerspruches
alle gelten. Fluch für das Bürgertum, dem die erfinde rischen entkommt. Die Niedrigkeit dieser Geschichte ist ihr falscher
Handwerker kurzfristig Wohlstand bringen, aber langfristig Adel: die Mischung von Kuns t und Handwerk, die Mischung
den Tod, weil die Großindustrie selbst "unter Androhu ng des von Fabrikation und Nachahmung, des Nützlichen und der
Todes" das zerstückelte Individuum durch das volls tändige Muße, der edlen und der gewöhnlichen Metalle. Die Bastardie­
Individuum ersetzen muss und dies nur machen kann, indem rung ist ebenso die Geschicklichkeit dieser Kupferarbeiter des

94 95
alten Nürnberg, die eine perfekte Nachahmung der Goldarbeit der aufsteigenden Phase einer ne uen Welt. Die Trag�die
.
erlangt hatten, wie die Trivialität des Arbeiterphilosophen schlechthin, die der Griechen, beze1ehnet so den Augenblick,
Proudhon, der nützliche Kunstwerke will. Der Doktor Marx wo die Kräfte der Natur auf die der staatlichen O rdnung tref­
hingegen ist für die Trennung: Er liebt die griechische Kunst fen wo Antigone sich Kreon widersetzt, wo Athena Orest von
und die klassischen Meisterwerke. Seine Töchter haben keine �
ein m Verbrechen gegen das mütterliche B lut losspricht, das
mechanischen Spielzeuge, sondern Puppen. Und um sie zu durch das Begehren gerechtfertigt ist, die väterliche Ordnung
amüsieren, spielt er Pferd auf allen vieren oder erzählt ihnen die der Familie zu rächen.
Hoffmann'sche Geschichte von einem Zauberer, der wunder­ Das absteigende Rittertum ist für Hegel Material des Romans.
bare Gegenstände, die er erzeugt, dem Teufel verkaufen muss, Oder vielmehr ist es der Stoff des Romans als historische G at­
weil er seine Schulden nicht zahlen kann, sie jedoch immer tung: die Erzählung der Irrungen der christlichen Subjektivi­
wiederfindet. 1 4 Was die naive Schäferidylle vom Kommunisten tät in einer Welt, die ihr überall entgleitet. Der Romanheld
der Zukunft betrifft, so ist bei ihr vielleicht wie beim Phaidros schlechthin ist natürlich Don Quijote, der Kämpfer einer nieder­
das wichtig, was sie ausschließt: Es gibt dort weder industrielle gehenden Welt, der von jenem Diener begleitet wird, welcher
Fabrikation noch handwerkliche Nachahmung, was sicherlich der Herr der Zukunft sein wird: Sancho Pansa, der Mann, der
die radikalste Weise ist, ihre Vermischung zu vermeiden. die Prosa der neuen bürgerlichen Welt repräsentiert.
Die Bastardierung ist hingegen die Kraft der Lüge im H erzen Indem der Roman bei Marx zu einer tragischen Geschichte
der Produktion selbst. Der Theoretiker der Produktivkräfte wird, verändert er seinen Sinn. Er wird der Widerspruch zwi­
ist dabei mit dem Dichter des Afeister }vfartin einer Meinung. schen der t ragischen Größe der Geschichte und der komischen
Die Nürnberger Industrie ist immer auf diese Werkstatt redu­ Kleinlichkeit. Die Distanz von Marx zu Hegel ist am besten in
zierbar, die ohne Wissen des Meisters mit Gesellen bevölkert dieser Sonderbarkeit ersichtlich, die zu oft für gleichgültig gehal­
ist, die umso perfekter sind, als sie alle falsche Küfer sind: der ten wird: Bei Marx kämpft Sancho Pansa gegen die Windmühlen.
Maler Reinhold, der Gießkünstler F riedrich und der Ritter Der träumende Ideologe, der Mann rückständiger Illusionen, der
Konrad. Eine Welt, in welche die sich wiederholenden Spiele Hohlphrasen und der eingebildeten Kämpfe ist hier wie in der
des Seiben und des Anderen eingeschlossen sind. Eine Welt Deutschen Ideologie nicht Don Quij ote, sondern Sancho Pansa, der
der Fabrikanten und der Nachahmer, der Handwerker und Bauernsohn , der nur an seinen Bauch denkt und in Sprichwör­
der Ideologen. Wenn die Nürnberger Kultur im Niedergang tern spricht. Der Ideologe ist gerade der Mann, der wie Hans
begriffen ist, dann nicht, weil sie alt ist, sondern weil sie von Sachs oder die Handwerker des freien Nürnberg geradezu dafür
niederem Wert ist und immer gewesen ist. Wenn sie heute gemacht scheint, die prosaische und produktive Zukunft zu ver­
als etwas Kleinliches im Vergleich zu den Fabriken von Man­ körpern im Gegensatz zu den ritterlichen Träumereien, welche
chester erscheint, dann deswegen, weil sie es immer schon, die Feudalordnun g der Kasten rechtfertigen. Tatsächlich ist in
bereits bei ihrem Aufschwung gewesen war, im Angesicht der der Deutschen Ideologie Sancho der Herr seines Herrn geworden.
verlorenen Kämpfe des niedergehenden Rittertums und der De� Ideologe ist nicht der Träumer von Luftgebäuden. Er ist der
"großen tragischen Werke" , in denen sie sich widerspiegeln. Freidenker, der die Ritterillusionen "aufklärt" . Und deswegen
Die richtige Geschichte ist auf Seiten der Tragödie, gerade da, versteht er nichts von der Geschich te, nichts von den tragischen
zvo der Irqgisehe Held '-gegen die Geschichte kcimpft. Hier unterscheidet Kämpfen seines Herrn, aber auch vom Werk der Hölle und der
sich Marx trotz des Verweises auf Hegel radikal von ihm . Die Fortschritte der erfinderischen Handwerker der G roßindustrie
Tragödie gehört bei Hegel nicht dem Niedergang an, sondern nichts vom Wahnsinn der "himmelstür menden" Arbeiter ode ;
96
97
von dem Wahnsinn des Doktor Marx, der für sein großes Buch Erde und Luft, der Fabrikation und der Nachahmung. Man mag
zu ihrer Befreiung alles opfert. noch so viel von der "prometheischen" Theorie von Marx reden:
Die Kritik von Sancho Pansa greift den Schusteraufstand Der Körper des Prometheus ist von vornherein zerstückelt. Der
von hinten an. In seinen poetischen Träumen sieht sie nur die Materialismus der Geschichte und die Dialektik der Revolution
Kleinlichkeit der Zwiespältigkeit der Handwerker. Für Marx laufen Gefahr, einander niemals zu begegnen.
ist der dichtende Schuster der Mann der schlechten Geschichte'
der Mann der Doppelung im Gegensatz zum Mann des Wider-
spruchs, der Arbeiter, der seine Kompetenzen erweitern will,
wenn es doch darum geht, sie zu opfern, der im Universum der
Fabrikation den großen Schäfertraum des Dichters Antipatros
in Prosa fasst: die Muße der Arbeiter, wenn die Nymphen die
Mühle antreiben. 15 Dem göttlichen Leben der Muße muss man
in1 Gegenteil die ganze "archaische" Distanz belassen, um sie
im Opfer der Maschine, der Wissenschaft und des Kampfes zu
gew1nnen.
Die klare Genese und die einfache Bewertung der politischen
und ideologischen Formen ausgehend von der Geschichte der
Produktivkräfte verdoppelt sich durch eine diskrete, aber un­
erbittliche Genealogie der Werte, die der Nietzsches zumindest
in dieser Aufteilung ähnlich ist, welche die Handwerker der
komischen Decadence den Rittern des tragischen Niedergangs
entgegenstellt. Die Tragödie ist die Größe des Lebens im Tod,
die Komödie die Kleinlichkeit des Todes im Leben. Für Marx
wie für Nietzsche wie für Platon gibt es zwei Arten, geboren
zu werden und zu sterben. Die scheinbar einzige Richtung der
Geschichte ist die Verschachtdung von zwei Bewegungen. Der
Politikos von Platon lieferte uns den Mythos von gegenläufigen
Drehungen einer Welt, die einmal vom Gesetz des Einen re­
giert würde, einmal dem Vielfachen preisgegeben wäre. Der
Text von Marx lässt uns die Verschachtdung von zwei Arten
des Vielfachen sehen, von zwei Kreisläufen des Lebens und des
Todes: die Korruption der Vermischung oder das Weißglühen
der Gegenteile. Gegenüber den Verächtern der Decadence ist der
angebliche Optimismus der Theorie der Produktivkräfte von
vornherein durch das Spiel zweier gegenteiliger Kräfte gespalten:
durch die große Tragödie von Wasser und Feuer, der Produkti­
on und der Zerstörung; und durch die kleinliche Komödie von

98
99
" nr zsw·
z

Die Produkt ion des Proletar iers

Das dicke Manuskript der Deutschen Ideologie, das der "nagenden


Kritik der Mäuse" überlassen worden war, wollte sich und
uns beweisen, dass die Dinge ganz einfach sind und die Ge­
schichte nur ein Prinzip hat. Wer von der Erde und nicht
vom Himmel der Ideen ausgehen will, muss diese einfache
und zwingende Wahrheit feststellen. Man muss zuerst leben,
um fähig zu sein, "Geschichte zu machen": "Zum Leben aber
gehört vor Alle m Essen und Trinken, Wohnung, Kleidung
und noch einiges Andere. Die erste geschichtliche Tat ist also
die Erzeugung der Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse,
die Produktion des m ateriellen Lebens selbst, und zwar ist
dies eine geschichtliche Tat, eine Grundbedingung aller Ge­
schichte, die noch heute, wie vor J ahrtausenden, täglich und
stündlich erfüllt werden muss, um die Menschen nur am
Leben zu erhalten. " 1 6
Täglich, stündlich. Sonderbares Echo der platonischen Regel
vom Fehlen der Zeit. Ihre Funktion ist nicht, die Menschen
des Erzes an ihren Platz festzuhalten, sondern eher, die Ritter
und die Philosophe n, die sich für Könige halten, daran zu
erinne rn. Der Befehl des "nichts anderes" wird nämlich ver­
schoben. Die Lebensregel des Arbeiters wird zur Goldregel, zur

L �gik es Disku rses. Die Unmöglichkeit von "etwas anderem"
W1rd d1eses allgemeine Gesetz der Geschichte, das wie eine
Zwangsvorst ellung in der Rhetorik der Deutschen Ideolooie oder
ö
des Manifests der Kommunistischen Partei widerhallt: Wir kennen
" ur eine einzi ge Wissensch aft", die
� Geschichtswissenschaft.
Dle Ges chichte ist "nichts anderes als"
das Aufeinanderfol­
gen der Gene ratio nen, von denen j ede
die von den vorange-

101
ren sie indirekt ihr
gangenen überlieferten Materialien benutzt. Die Gesch ich te 'h re Lebensmittel produzieren, produzie
1
" "Die Mensc h en ·
s1n d d'1e Prod uzenten
jeder Gesellschaft "war ausschließlich" die Geschi chte der terielles Leben selbst.
Klassenkämpfe. Die herrschenden Gedanken sind " nichts an­ %: er Vors tellungen, Ideen." "[D ]ie ihre materiel le Produkt ion
deres" als der ideale Ausdruck der herrschenden materiellen und ihren mate riellen Verkehr entwickel nden Menschen än­
Verhältnisse. Die modere Regierung "ist nur ein Komitee", das dern mit dieser ihrer Wirklichkeit auch ihr D enken und die
die gemeinsamen Geschäfte der bürgerlichen Klasse als ganzer Produkte ihres Denken s . " Die Befriedigu ng von Bedürfniss en
führt. Die Ideologen "gehen nicht weiter" in ihrem Denken führt notwendigerweis e zur "Erzeugung neuer Bedürfnisse "
als die Kleinbürger in ihrer Praxis . Der Kommunismus ist nur und zu dieser Produktion, welche die Fortpflanzung darstellt.
die wirkliche Bewegung, welche die herrschende Gesellschaft Alle diese Produktionen, die notwendig mit einer Weise der Zu­
abschafft. Und diese Proletarier, die "nichts in ihr zu verlieren sammenarbeit , die auch eine "Produktivkraft " ist, verbunden
[haben] als ihre Ketten", werden nur ihre eigenen Bedingungen sind, muss man zuerst erforschen, bevor man zum Bewusstsein
in die allgemeine Bedingung der Gesellschaft verwandeln, wenn gelangt, das "also von vornherein schon ein gesellschaftliches
sie das Eigentum abschaffen. Produkt [ist] und bleibt [ . . . ], s olange überhaupt Menschen
Nur. Nichts anderes. Nicht weiter. Einfach. Ganz einfach ... existieren" . 1 7
Damit diese Adverbien und Wendungen nicht die einzigen Die Umdrehung besteht also nicht in der Umkehrung des
Wirkstoffe der monotonen Arbeit der Aufklärung sind, müssen Weges, sondern in der Beständigkeit des Ausgangspunktes .
sie die Rückseite des positiven Prinzips sein, das die Einheit Vom Staat der Schweine zur zivilisierten Gesellschaft, von der
des historischen Prozesses ausmacht, nämlich der Produktion. Befruchtung der Erde zur Bildung der G elehrten gibt es keinen
Sprung. Die Ordnung der Gemeinwesen und die der Diskurse
sind Produkte in derselben Weise wie die Schuhe des Schusters.
Die Ordmm<� der Produktion Als Wesen jeder Tätigkeit, Maß der Arbeit, des Krieges und
des Denkens, kennt die Produktion nur Wandlungen: von der
Daran muss sich die Großtat der Umdrehung von Erde und Arbeit des Arbeiters zur Entwicklung der Produktivkräfte, von
Himmel halten. Wäre es andernfalls der Mühe wert, mit so den Produktivkräften zu den Interessen einer herrschenden
viel Tamtam diese Entdeckung zu verkünden, dass man zum Klasse, von den herrschenden Interessen zu den herrschenden
Leben essen und auch trinken muss , sich kleiden, wohnen und Ideen kann die Kette immer rekonstruie rt werden, was sicher­
noch ein paar Dinge mehr, die hier genauso wenig aufgezählt stellt, dass es im Gold des Denkens niemals etwas anderes als
werden wie im zweiten Buch der Politeiä? E s stimmt jedoch, eine bestimmte Transformation des Eisens der Produktion gibt.
dass das unbeugsame Gesetz der trivialen Notwendigkeit sich Doch auch die Transform ation spielt anscheinend ganz zum
mit seiner Anrufung begnügt. Die Neuheit der Umdrehung V?rte:. l des Manne s des Erzes. Der Philosop h ist ein Produzent
kann nicht in der Erinnerung dieser Offensichtlichkeiten wte dte anderen. Nur ist seine Produk tion nicht wie die der
bestehen, genauso wenig wie in der umgekehrten Richtung, anderen . Sie ist die Grenze eines Prozes ses wo die Produktion
Yom Himmel zur Erde zu gelangen. Sie besteht gänzlich in der �
s ch in ihre eigene Nachahmung verwan
� d lt. Sein G old ist nur
Betonung eines Begriffs, der als \Vesen jeder "irdisch en" oder eme aus de m Verkeh r gezogene
Münze, der eitle Widerschein
"himmlischen" Tätigkeit gesetzt ist, nämlich der Prod11ktion. Die des tauschbaren Metalls der prod
uktiv en Tätigkeit.
� Ienschen unterscheiden sich Yon den Tieren "sobald sie an·
fangen, ihre Lebensmittel zu prodH::Jt rtn". "Indem die Iden sehen

1 02
103
Die ändere I-fohle borm· ert en Entwicklun
g denselb en einseitig en und brutalen
· 1 angen z w1-·
en, komm en nur 1n
Charakter an wie das Denk
Der Höhlenmensch wäre nun also der oberste Nachahmer
sc henraumen und stimulie
rt durch das Wuchern der Vorherr-
.
lbar phys1sch e
..

von Platon, welcher auf den Rang des hintersten Produzenten schenden Begie rde (unterstützt durch unmitte
.

.
erniedrigt ist. Denn in der Abdankung des Philosophen gibt Ursachen, z. B. Kompr ession [des �
Unter le1
'b s) zum Vorsc h � 1n
es offensichtlich mehr als den einfachen Mechanismus der �
und äußern [sich] heftig, gewa tsam, m1t _ brutal � ter Ver_dran­
Umkehr der Gegenstände in der Dunkelkammer der Ideologie. ��
gung der gewöhn[liche.� , natürhche n] Beg�� rde [, � em s1e zur
Der deutsche Philosoph ähnelt in seiner Liebe zu den Grotten weit]er[n] Herrschaft uber [das Denke n fuhren .] .
dem französischen Bauern. Der äcbtzehnte BrtmJäire erzählt uns Der Philosoph als angeketteter Sklave, von der Mechan1k
von den sechzehn Millionen französischen Bauern, die wie seines Berufes und der Niedrigk eit seiner Stellung verkrüpp elt
"Troglodyten" in Höhlen wohnen. Der Briefwechsel von _h
an Körpe r und Seele. Dem kahle � Schmied, der sic im öffen.t­
Marx gibt uns ein Echo vom Besuch, den Bruno Bauer dem lichen Bad waschen geht und als JUnger Mann kle1det, um d1e
"Schweinestall" abstattet, den sein Bruder Edgar nicht weit von adelige Waise zu umwerben, entspricht nun die ve.reinsamte
London bewohnt, bevor er nach Deutschland zurückfährt, um Phil os ophie, "die ihren zur widerlichsten Abstraktion ausge­
dort sein Dasein als Hinterwäldler zu fristen. Der Wohnort des dörrten Leib schminkt und aufputzt und in ganz Deutschland
angeketteten Philosophen schlechthin ist Berlin, die Stadt, die nach einem Freier umherschielt"Y Der "kritischen Kritik" ,
vom flachen Land umgeben ist und ohne Zugang ist zum Wa­ für die "der Arbeiter nichts schafft", weil seine Tätigkeit in
renverkehr der Industrie. Eine Mauer aus Brettern - denn der die Besonderheit des Bedürfnisses und seiner Befriedigung
Stein wäre sicherlich zu viel Luxus für diesen Troglodyt - hält eingeschlossen ist, gibt der junge Held des M aterialismus und
ihn an einem Tor auf. Aber nicht irgendeines, sondern das des Proletariats das Kompliment zurück: "Die kritische Kri­
Hamburger Tor, das zur Stadt des Warenverkehrs der Indus­ tik schafft Nichts, der Arbeiter schafft Alles, ja so sehr Alles,
trie führt, wo Marx Das Kapital veröffentlichen wird. In dieser dass er die ganze Kritik auch in seinen geistigen Schöpfungen
Höhle kann man das "reine Denken" auf sein genaues Gegen­ beschämt". 20
teil reduzieren, auf die reine triebhafte Tierhaftigkeit. "Bei Dass er die Kritik beschämt, das ist vielleicht nicht das
einem lokalisierten Berliner Schulmeister oder Schriftsteller Grundlegende in der Angelegenheit. Wenn der König den
dagegen, dessen Tätigkeit sich auf saure Arbeit einerseits und Platz des S klaven eingenommen hat, b leibt zu bestimmen,
Denkgenuss andererseits beschränkt, dessen Welt von Moa­ welche Attribute der Sklave von der königlichen Macht er­
bit bis Köpenick geht und hinter dem Hamburger Tor mit halt�� hat . Hier werden die Dinge undurchsichtig. Vielleicht
Brettern zugenagelt ist, dessen Beziehungen zu dieser Welt aus Uberschuss einer gewissen "Klarheit". Wenn sich "j edes
durch eine miserable Lebensstellung auf ein Minimum redu­ tiefsinnig e philos ophische Problem ganz einfach in ein em­
ziert werden, bei einem solchen Individuum ist es alle rdin gs p irisches Faktu m auf[löst]", ist klar, dass die " selbständige
nicht zu vermeiden, wenn es Denkbedürfnis besitzt, dass das Phil osop hie [ . . . ] mit der Darstel lung der Wirklichkeit ihr
Denken ebenso abstrakt wird wie dies Individuum und sein Existe nzm edium [verliert]. " 2 1 Es gibt keinen philosophischen
Leben selbst [ . . . ] Bei einem solchen Individuum äuße rn sich Stan d, vo n dem der Schuster ausgeschlossen werden könnte.
die wenigen übrigen, nicht so sehr aus dem Weltverkehr als Abe r es gibt auch keinen Ort mehr,
zu dem er gelangen
aus der menschlichen Leibeskonstitution hervorgehenden Be­ könnte. Es gibt keinen gehüteten
Ort der Wissenschaft mehr.
gierden nur durch Reperkussion; d.h., sie nehmen inne rhalb ihrer Do c h vi elle ich t deswe
gen, weil die Wissenschaft keinen
1 04
105
" ist viellei cht die einfac he Tat-
bestimmbaren Ort mehr hat in einem Universum, wo alle Anders gesagt , die "Ideol ogie
. . . ..
Fabrikanten und Nachahmer sind, wo der Aufenthaltsort der h e, dass ·
J eder sich um "sein e eigen e Ange l egen h eit " kum-
sac
Fa b n· k ation
· od er N ac h ah mung,
Wahrheit derselbe wie der der doxa ist. Das Fehlen von Zeit mert, 1·n einem Universum, wo .
um etwas anderes zu machen als seine Arbeit, ist vielleich � Wahrheit und doxa ihre Macht verta�
schen . se h en, ni � h t seh e n
. . .
das Fehlen eines Ortes geworden, um etwas anderes als die 0der umgekehrt sehen
sind also gleiCh wertig e Ausdr ucke, die
und d'Ie K1 arsiCh ugk eit ·
Illusion seines Berufes zu produzieren. auch die Phantas iewelt des N achah mers
· ·

. . eisen . rou d -
des Fabrikanten auf ihre Gleic hwer tigk eit verw .
p
.
wen n er sie
hon "[sieht] die Dinge auf dem Kopf : tehe � d [ ], .
Die Bat(f!.,eriiste der Arbeit überhaupt sieht . "23 Aber deshal b, weil e : sie t,� was Ist, un d
. ng, .
nicht was sein wird . Er sieht in der Maschi ne die Befreiu die
Man braucht nur mehr die Dinge, "wie sie wirklich sind und �
sie ni ht ist (die zusamm engeset zte Arbeit) , weil er nicht sieht,
geschehen sind" . Doch die Frage ist, wer sich der "empirischen was die Befreiung sein wird: das vollstän dige Individ uum, das
Beobachtung" dieser Geschichte widmen kann. Wenn alles im Gegenteil aus der zerstückelten Arbeit und a.us dem Verlust
Produktion ist und wenn die Menschen Produzenten ihrer � �
jeder Fähigkeit des Arbeiters entste t. Doc die:er eh efekt � �
Ideen in der gleichen Weise wie ihres materiellen Lebens sind, des Ideologen ist nichts anderes als die Kurzsicht igkeit, die der
ist es vielleicht unnötig, uns zu versichern, dass die in den Tugend des Arbeiters entspricht , die Bestätigun g des Berufs­
Hirnen der Menschen steckenden Phantasiegebilde das einfache idiotismus .
Ergebnis des "auf empirischem Wege konstatierbar[en]" mate­ Der Ideologe ist nicht der Mann der Muße, der himmlische
riellen Lebensprozesses sind. Die Menschen, die diesen Prozess Träumer, der in Brunnen fällt, weil er die Sterne betrachtet.
"konstatieren" , sind ebenso diejenigen, die in der Phantasie­ Er ist der Mann der mühevollen Arbeit, der Kuli, der Schrift­
welt, die dieser Prozess hervorbringt, sich selbst erscheinen. setzer, Schiffergeselle, Philologe , Ökonom und Philosoph
Anders gesagt: Es gibt keine deutsche Ideolf{f!.,ie. Bauer oder Stirner Proudhon, der als moderner Hippias mühevoll versucht,
sehen die Dinge "wie sie sind". Leider kann man "jenseits des seine Baugerüste zwischen der Erde und dem Himmel der
Rheins über diese Dinge keine Erfahrungen machen" . Sie Wissenschaft zu errichten. Genauer gesagt weiß dieser Rück­
verkennen die Geschichte. Doch gerade weil in Deutschland ständige nicht, dass wir nicht mehr in der Zeit Thales' leben:
"keine Geschichte mehr vorgeht" . Wenn es nur Gespenster die Wahrheit wohnt nicht mehr im Himmel. Sie ist auf der
gibt, ist der Philosoph der Gespenster ein guter Beobachter. Erde, da, wo man nur beobachten muss und dennoch niemand
Um etwas anderes sehen zu können, oder um dasselbe anders sie sieht.
sehen zu können, muss man anderswo sein, um "den ganzen Denn wenn "sehen" nicht die Produktion der Illusion ist, die
Spektakel einmal von einem Standpunkte anzusehen, der au· zur Produktion der "eigenen Angelegenheit" jeder Kategorie
ßerhalb Deutschland liegt. "22 Damit entdeckt man nun ab er von "Produzent" hinzukommt, dann ist sie eine unzuschreib­
in Paris, dass die Wirklichkeit der Klassenkämpfe auch die der bare Täti gkeit geworden in einer Welt, wo es außerdem nicht
politischen Illusion ist, oder in London, dass die Wirklichkeit mehr darum geht zu "betrachten", sondern zu "verändern" . Der
der Großindustrie auch die der ökonomischen Illusion ist. Die Schriftsetzer wird wie Proudhon niemals über die zweite Stufe
deutsche Ideolf{f!.,ie wurde aber in Brüssel geschrieb en. D ort gibt es des B augerüstes hinaus kommen. Er wird immer herunterfallen :
anscheinend am wenigsten Illusion. Aber vielleicht auch am Er wird fabriziere n, wo er sehen müsste, und wird betrachten,
wenigsten zu sehen. wo er verändern müsste.

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1 07
Somit ist der Fehler des Ideologen vielleicht nur die Tugend Der Siebt-Ort der lvissenschaft
des Arbeiters. Seine Phantasiewelt lässt in groben Zügen die
Art erkennen, wie jedes Können eine Weltsicht nachahmt. Der Die Fesselung des Ideologen ist also auch die des Arbeiters. Um
Gegensatz zwischen den "intellektuellen Schöpfungen" des ihr zu entko mmen, muss aus dem Univers um der Produkt ion
Arbeiters und den Studien über das Kerzenlicht des gefesselten ein Phil osoph entstehen , der kein Philosop h mehr ist, und ein
Philosophen ist völlig illusorisch. Die Industrie ist vielleicht Arbeiter, der kein Arbeiter mehr ist, ein Gelehrter und ein
"das m!fj!,esch!aJ!,ne Buch der menschlichen lf:7esenskrcifte" .24 Doch die Proletarier. Dem deutschen Elend ist also dieser Blick vom Exil
Buchstaben, aus denen es besteht, können sich nicht selbst aus entgege ngesetzt, das sein Nicht-Ort ist. Dem Schulmeiste r
lesen. Der gesamte Adel der Menschheit leuchtet vielleicht der Berlin er Höhle ist sein alter Kommiliton e entgegengese tzt,
auf der Stirn dieser Pariser Arbeiter, die sich zum Studieren der Gelehrte, der nicht mehr in der Enge eines Platzes der Ar­
zusammentun. Doch die Ware hat eine schwerfälligere Stirn. beitst eilung beschränkt ist. Doch dieser Wissenschaft fehlt die
Sie trägt dort nicht geschrieben, was sie ist, außer in Form Erklärung ihres Weges. Wenn sie "auf empirischem Wege kon­
von Hieroglyphen, welche für die Arbeiter, die auf ihrer statierbare" Beweise sammelt, dann ist es unmöglich, die Frage
Stirn das Siegel des erwählten und geächteten Volkes tragen, zu beantworten: Was ermöglicht den Riss der Wissenschaft im
welche "die Teilung der Arbeit dem Manufakturarbeiter ei­ Gewebe der Produktionen des materiellen Lebens und seiner
nen Stempel auf[gedrückt haben], der ihn zum Eigentum des Nachahmungen? Das iv1anifest der Kommunistischen Partei wird sich
Kapitals brandmarkt" , unleserlich sind. 25 Die "intellektuellen mit einer ausgefallenen Geologie behelfen: in dem Augenblick,
Schöpfungen" des Schneiders Weitling - denn um ihn geht da der Klassenkampf sich seiner entscheidenden Stunde nahen
es - können immer die Kritik "beschämen". Doch sie können wird, geht im Zersetzungsprozess der herrschenden Klasse "ein
eben nur das: den Bürgern beweisen, dass die Arbeiter ebenso Teil der Bourgeoisie zum Proletariat über, und namentlich
Gutes wie, wenn nicht Besseres machen können als die Berufs­ ein Teil dieser Bourgeoisideologen, welche zum theoretischen
ideologen. Wenn der Beweis sich an die Arbeiter richtet, ist er Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung sich hinauf­
nur zu gut erbracht. Die "Schöpfungen" von Weitling erweisen gearbeitet haben. "26
sich, wenn er sie den Schustern und Schneidern vom Bund der Die Konfusion zwischen Abgrund und Gipfel zeigt zur Ge­
Gerechten beibringt, sie von irgendeinem Handwerker, dem nüge, dass die Wissenschaft ein unerklärliches Phänomen ist.
es an Intellektualismus fehlt, von seinen Proselyten wieder· Die Ideolo gie ist erklärt, sogar übererklärt: Fabrikation von
holt und auswendig gelernt werden, sich als das, was sie sind: Nachahmungen, Nachahmung von Fabrikationen, B analität
Fabrikationen, produziert und reproduziert in der Weise der der Fabri kswirklichkeit der gesellschaftl ichen Ordnung. Die
kleinbürgerlichen Ideologen, die ihrerseits nicht anders ist als Wissen schaft jedoch ist ein Unfall, ein unwahrscheinlicher
die Arbeit dieser Schuster und Schneider, die auswendig lernen. Würfelwurf im geregelten Spiel der F abrikationen und der
Beckmesser und Hans Sachs sind im Grunde ein und dieselbe Nachahmungen. Sie ist der unwahrsch einliche Nicht-Ort von
Gestalt. Die Ideologie ist nichts anderes als ein anderer Name allen Orten, die Macht, nicht einfach "das "Wahre" unter dem
für die Arbeit. Sch ein zu sehe n, sondern den Tod im Leben das Nicht-Sein
'
Im Sem . Macht der AuflöstmJ!, Der D oktor Marx schreibt keine
0 0

Ph!. losophi ebüch er, keine Geschichtsb


·
ücher keine Bücher
über Politik oder politische Öko nomie. S ond rn nur Bücher

der Kritik.

108
1 09
Nur ein einziger Text im ganzen Werk von Marx hat eine Resultat der Tätigkeit einer ganzen Reihe von Generat ionen
Theorie dieser M acht vorgeschlagen: Zur Kritik der Hegeischen [ist], deren Jede auf den Schulter n d_er vorh �rgehe � den sta� d,
Rechtsphilosophie. Einleitung, veröffentlicht 1 844 in den Deutsch­ ihre Industrie und ihren Verkehr weiter ausbildete, Ihre soziale
Franzö-sischen Jahrbüchern. Eine p aradoxe Theorie: Gerade die Ordnun g nach den veränderten Bedürfniss en modifizierte . " 27
deutsche Rückständigkeit ermöglicht die auflösende Kritik Aber die solide Philosophie der V ervollkom m nungen der B äu­
und ihre Kraft der praktischen Auflösung. Daran gehindert, me ist am Ende recht nahe einer Moral der Geschichte, die vom
in der modernen Wirklichkeit der Geschichte zu leben, hat jungen Marx gegeißelt wurde: de.r de: Spießbürgers Plutarch,
Deutschland sie im Denken leben müssen. Hegel hat die der mit Befriedigung erzählt, wie die Kadaver des "großen,
Theorie des modernen politischen Staates gemacht, die nur in edlen Volks" der Cimbern in einen Misthaufen verwandelt
England oder Frankreich D asein hat. D adurch ist die Kritik wurden, "um den Marseiller Philistern eine fette Obsternte
seiner Theorie bereits die Kritik der Quintessenz der modernen zu verschaffen. " 2 8
Welt, die notwendige Vorwegnahme der menschlichen Welt Die Abstammungsgeschichten sind bei Marx oft Geschichten
der Zukunft. Kurz, die deutsche Rückständigkeit begründet die des Niedergangs. Im Allgemeinen stellen sich Zwerge auf die
Philosophie als absoluten Nicht-Ort der alten Feudalwelt und Schultern - manchmal sogar auf das Hinterteil - von Riesen.
der neuen bürgerlichen Welt. Dieselbe Rückständigkeit, die Und d ie Desillusionierung bukolischer B licke im Namen
jede positive Klasse daran hindert, im Namen der anderen ihre der positiven Geschichte kann den Spießbürgern überlassen
politische Revolution durchzuführen, zeichnet das kommende werden, die immer davon Gebrauch machen werden. D as war
Subjekt der menschlichen Revolution vor, dieses Proletariat, bereits der Trick der Juristen der romantischen Schule, um den
das reine Auflösung der Klassen ist, reine Identität des Seins Zustand der Dinge, "wie er war" , zu rechtfertigen. Die Ethik
und des Nicht-Seins. der Desillusionierung ist die der Konservierung. Die Ethik der
Damit erklärt sich die sonderbare Geologie des Alanifests. Sie kritischen Wissenschaft ist die der Zerstörung.
ist das philosophische und politische Paradox der gehobelten
Kritik der Deutschen Ideolf{rz,ie. Das historische und materialistische
Gesetz des "nichts anderes" verbietet, dass das deutsche Elend Arbeit ttnd Produktion. Der diskrete Char!1ie der radikalen Bourgeoisie
etwas anderes als eine Philosophie des Elends hervorbringen
kann. Doch das Auftauchen der revolutionären Wissenschaft Man muss in der Geschichte der Produktion also die Instanz
hat keine andere Erklärung zu liefern. Marx kann nicht die der trennenden Gerechtigkeit finden, und nicht die Instanz der
Interpretation der Kritik ändern. Er kann sie nur ausradie· bildenden Arbeit. Wenn die Produktion in der Deutschen Ideolo,gie
ren. Plötzlich ist die Wissenschaft in ihrem unbestimmbaren wie eine Zwangsvorstellung wiederkehrt, dann vielleicht auch,
Unterschied begründet. Doch nun geht sie das umgekehrte um den Begriff beiseite zu schieben, der ihm in den Afamtsknpten
Risiko ein, nämlich jenes, nur mehr die Wissenschaft der Dinge, z·on 1844 Konkurrenz macht, nämlich die Arbeit. Der Stand­
"wie sie wirklich sind", zu sein, die positive Wissenschaft des punkt der Arbeit ist von nun an die Theorie der anderen, der
Spießbürge rtums. Es ist sicherlich lehrreich, dem bukolischen Ideologen und des sophistischen Arbeiters Proudhon. Aus ihm
Feuerbach zu erklären, dass der Kirschbaum, den er vor sein en � en Sprecher eines veralteten Handwerksstandes zu machen
Augen hat, nicht immer da gewesen ist, dass er aus einer Einfuhr I st nur ein magerer Trost. Die schöpferische Arbeit wird auch
stammt, die unter bestimmten geschichtlichen Umständen vor das Schlagwort der deutschen S ozialdemokratie das auch ihr
sich gegangen ist und dass er also wie alles in dieser Welt "das �
Schicksal besiegeln wird: das Vertrauen in die u endliche Ak-

1 10
111
kumulation der Produktivkräfte. Die manchmal ungerechte Karriere mach en, lustig macht, über die jungen Leute, die ihre
Verbissenheit, mit der Marx die Wörter und die Hintergedan­ verrückten Lehrjahre hinter sich haben und auch - aber leise,
ken des einen oder des anderen auseinander nimmt, bedeutet bei einem aufgek lärten Zuhörer und sich umdrehend, um
vor allem, dass er versucht, die der materialistischen Theorie sich zu versich ern, dass niemand zuhört - über den religiösen
der Geschichte innewohnenden Widersprüche zu bannen. Bei Glaub en ans J ense1ts. 31

Feuerbach, sagt er, treffen sich Geschichte und Materialismus Der Hegelianismus von Herr und Knecht ist der diskrete
niemals. Bleibt zu fragen, wie die materialistische Geschichte Charm e der radikalen Bourgeoisie. Nach den Manuskripten
der übereinander gestapelten Generationen selbst die revolutio· von 1 844 wird Marx darauf verzichten, in der Arbeit die
näre Dialektik erreichen wird. Wenn die "Geschichte [ ] nichts Kraft der Hegel'schen Negativität zu suchen. Ihn interessiert
[ist] als die Aufeinanderfolge der einzelnen Generationen, von nunmehr der Hegelianismus der Logik, wo nicht mehr von der
denen jede die ihr von allen vorhergegangenen übermachten bildenden Arbeit die Rede ist, und auch nicht mehr von der
Materiale, Kapitalien, Produktionskräfte exploitiert"2\ dann Vernunft in der Geschichte, sondern nur von der Umwälzung
versteht man nicht, wie sie jemals das Feuer der Trennung des Seins und des Nichts oder vom Sprung der Quantität in die
kennen könnte. Der einzige Standpunkt der "Veränderung Qualität, und wo es nicht wichtig ist, ob man sich in waghalsige
der Umstände" ist derjenige der Bourgeoisie, die nicht aufhört, Vorgriffe der Naturphilosophie, in Spekulationen über die
zum Leidwesen der donquij otesken Geister, die Instrumente Elektrizität und den Magnetismus verliert. Das Denken von
der Produktion zu revolutionieren und Wunder zu schaffen, Wasser und Feuer ist ein Denken einer Produktion, die ihre
welche die Pyramiden Ägyptens, die römischen Aquädukte Kraft nur dadurch hat, dass sie in sich die Vorwegnahme und
und die gotischen Kathedralen übertreffen. Standpunkt einer die Zerstörung in sich trägt. Die Begegnung von Materialismus
Bourgeoisie, die niemals ihre Revolution machen wird . Abso· und Dialektik, die vergesellschaftete Muße der großen Fortbe­
lute Bourgeoisie im Sinne des Hegel'schen absoluten Geistes. wegungsmittel und großen Warenströme, die aus der Industrie
Sonderbarerweise sucht man oft die hegelianische Abstam· entstanden sind, kann nur jenseits des Einschnittes stattfinden.
mung des Marxismus in der erbaulichen Theorie von der Die Arbeit "bildet" die Proletarier nur, indem sie sie umgekehrt
Arbeit als Kultur bild: der Knecht, der durch die Disziplin der von jedem/ r gesellschaftlich en Eigentum/Ei gentümlichkeit
Arbeit dieses "fremde Wesen" beherrscht, das ihn zuerst der entledigt .
Knechtschaft der Angst unterworfen hatte; das Werkzeug , das Die Geschichte der Produktio n muss sich also entzweispa l­
die Ästhetik höher als jede Naturschönheit bezeichnet, weil ten: es gibt die Arbeit der Generation en, die Akkumulat ion
es eine Verwirklichung des Geistes ist; das eifrige Glück des der Verände rungen, der Erde und des Drecks; und es gibt die
holländische n Bürgertums, das sich im Glanz der Haus halt�: revolutionäre Gerechtigkeit, die "die Arbeit beseitig t", eine
gegenstände widerspiegelt, die auf den Stillleb en leuchten: ), Revolutio n, die von einer Klasse ausgeführt wird, die keine

Prometheus, Bürger von Delft . . . Und dann noch die A r e1t, Klasse mehr ist, nicht nur, um die herrsch ende Klasse zu
welche die Aufeinanderfolge von zu engen Hüllen gebiert, stürzen, sonde rn auch, um "sich den ganzen alten Dreck vom
die der Geist zerbricht, bis die List der Vernunft ihr "gutes Halse zu schaffe n". 32
Unendliches" in der sanchopansesken Prosa der bürgerlichen
Welt findet: die konstitutionelle Monarchie, die Repräsenta·
tion der wirtschaftlichen Interessen, das universitäre Reich
der Geister, wo man sich über die schönen Seelen, die keine

1 12
1 13
Die Schule des Proletariers
Proudhon 'sche n Kultur der Arbeit entgegen. "Aber t•on dem
A11omblick an, wo jede besondere Entwicklung aufhört, m �cht
So ist die "harte, aber stählende Schule derArbeit' zu verstehen.
h
sic das Bedürfnis nach Universalität, das Bestreben nach e1ner
Nicht die Arbeit bildet den Proletarier, sondern nur seine � ?
allseitigen Entwicklung des Indiv duu�; fühl ar. "34
� � �

Enteignung. Er lernt, seine Eigenschaft als Arbeiter zu ver­ "Zugleich", "von dem Augenb 1ck a � : D1e A ver 1en und
··

lieren. Die Lehre ist zu Ende, wenn die Arbeit - umso besser Ausdrücke der revolutionären D1alekuk nchten d1e "niChts an­
für ihn - gänzlich eine fremde Macht geworden ist. Wenn deres " und die "nur" der materialistischen Philosophie wieder
das Proletariat zum Akteur der Geschichte wird, dann nicht, auf. Die andere Zeit der revolutionären Dialektik ist die reine
weil es "alles schafft", sondern weil es von allem enteignet ist: Zeit der Wiedererinnerung des Negativen. Der Proletarier ist
vom "Reichtum" , den es "geschaffen" hat, aber vor allem von der Sklave von Menon: tabula rasa, blanke Fläche, wo - ge­
seiner "schöpferischen" Kraft, das heißt von seiner Grenze als rade, dass man ihm das Manifest vorlegt, das ihn Subjekt sein
"beschränkter" Arbeiter, der sich in seinem Produkt verwirk­ lässt - die Revolution sich mit derselben Notwendigkeit wie
licht. "Wenn die sozialistischen Schriftsteller dem Proletariat die Diagonale ins Quadrat einschreiben wird.
diese weltgeschichtliche Rolle zuschreiben, so geschieht dies Der Proletarier ist somit nichts anderes als die Negation
keineswegs, wie die kritische Kritik zu glauben vorgibt, weil des Arbeiters. Er ist der Anti-Ideologe gerrau in dem Maße,
sie die Proletarier für Götter halten. Vielmehr umgekehrt. als er der Anti-Arbeiter ist. Und umgekehrt könnte man den
Weil die Abstraktion von aller Menschlichkeit, selbst von Arbeiter, der noch nicht Proletarier ist, mit völlig gleichbedeu­
dem Schein der Menschlichkeit [ . . . ], weil der Mensch in ihm tenden Namen belehnen. Handwerker, Lumpenproletarier,
sich selbst verloren, aber zugleich nicht nur das theoretische Kleinbürger, Ideologe ... Dieser üble Dritte, der sich angeblich
Bewusstsein dieses Verlustes gewonnen hat [ . . . ] darum kann zwischen den Arbeiter und das Bewusstsein seines Standes stellt,
und muss das Proletariat sich selbst befreien. [ .. ] Es handelt
.
hat keinerlei Konsistenz. Der fabrizierende Arbeiter und der
sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst nachahmende Ideologe sind B rüder wie der "emanzipierte"
das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es Student und der robuste Mechaniker, die sich die Gunst einer
handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß Berliner Heb amme und die Vaterschaft eines kleinen, "Proud­
geschichtlich zu tun gezwungen sein wird. "33 hon-Fourier" getauften Bastards teilen.35
.
Nichts ist also grotesker, als sich ein Klassenb ewusstsem Möge sich also mit der mühsamen Erfassung der "objektiven
vorzustellen, das auf der Tugend des Arbeiters beruhen würde. Umstände ", welche die Entwicklung des proletarischen Be­
Nicht das "Machen" bestimmt das Sein, sondern umgekehrt. Das wusstseins verzögern, beschäftigen , wer will. Die Verzögerung
Proletariat ist das, was nur eine Sache zu machen hat, nämlich die ist keine historische Kategorie: das erwähnte "Bewusstsein"
Revolution, und die sie nicht nicht machen kann, da es ist, was gehö rt nicht der Entwicklung der "objektiven Umstände" an.
es ist. Es ist der reine Verlust jeden Attributs, die Identität von Handwerke r, Kleinbürger, Lumpenprol etarier - diese gesell­
Sein und Nicht-Sein. Nicht die leere Identität der Loik, sondern schafts-geschichtlichen Kategorien sind nur Komödienmasken,
die Identität, die durch die Schule der Arbeit gegangen ist, das Ve rklei dungen, mit denen sich der Abstand des Arbeiters vom
heißt durch den Gegensatz zwischen dem Nichts des Arb eiters Proletarier ausstaffiert, die Nicht-Übereinstimmung der Zeit
und dem Alles des Reichtums. Diese reine Übereinstimmung der Entwicklung und der Zeit der Revolution.
zeigt sich hier mit der ganzen Offenheit der dialektischen Kraft: So w erde n die Bedingunge n des Verbotes, des "nichts an­
mit dem "Zt{rz,leich" . Dieselbe Übereinstimmung setzt Marx der deres", das die dem Handwerker eigene Tugend an das Fehlen

1 14 1 15
von Zeit band, neu verteilt. Im Prinzip wurde der platonische hersagen, die ihr Chef von Grün ge lernt hat, welcher sie von
.
Befehl durch die Beförderung der techni gestürzt. Doch die tech11e Proudhon hat, sind falsche Proletaner, Handwerker der alten
verdoppelt sich sofort. Sie wird das, was sie an sich ist - Pro­ Schule, die sich in das Zeitalter der Gesellen von früher zurück-
duktion -, nur durch das Feuer der Zerstörung . Diese s Feuer ebnen die man in D eutschland Straubil{f!,er nennt.
ist gerade nicht das der Arbeiterschmiede. Damit der Hand­ 5 DieE rklärung ist lächerlich. Marx weiß das selbst. Was die
werker ins kommunistische Reich des Vielfachen gelangt, wo Schneider zu Weitling zieht oder die Tischler zu Grün, ist
seine freie Tätigkeit mit der Muße des Philosophen zusammen­ nicht die Perspektive, gemeinsam zu nähen und brüderlich
fällt, muss er zuerst die reine Negation seiner selbst werden. zu hobeln oder ihre Kleider an einen Schalter zu tragen, wo
Die Schranke, die ihn vom Philosophen trennte, ist nun die man ihnen im Tausch Gutscheine für Tischlerarbeiten aus­
der Revolution, die er vollbringen muss. Doch der Zugang händigt. Es geht um die Sehnsucht, etwas anderes zu machen
zu dieser Schranke ist die Konfrontation mit seinem eigenen als Kleider oder Fenster, sich als Gesellschaft von Freunden
Paradox, mit der Forderung dieses Abzuges seiner selbst, die der Weisheit zu konstituieren. Marx hatte das selbst in Paris
noch durchtriebener ist als diejenige, die den Behaarten in bemerkt, mit der Begeisterung einer Offenbarung: "Wenn die
einen Kahlen verwandeln sollte. Wann wird der Handwerker kommunistischen Handwerker sich vereinen, so gilt ihnen
jemals seiner Eigenschaften ausreichend entledigt sein, um zunächst die Lehre, Propaganda etc. als Zweck. Aber zugleich
das Subjekt des Nichts Anderes als die Revolution werden zu eignen sie sich dadurch ein neues Bedürfnis, das Bedürfnis der
können? Gesellschaft an, und was als Mittel erscheint, ist zum Zweck
So erneuert sich im Inneren der materialistischen "Umkeh· geworden. [ . . . ] Die Gesellschaft, der Verein, die Unterhaltung,
rung" die Standesschranke. Niemand anderer als der Hand· die wieder die Gesellschaft zum Zweck hat, reicht ihnen hin,
werker selbst erlegt sie ihm auf. Der arbeitende Handwerker die Brüderlichkeit der Menschen ist keine Phrase, sondern
der Entwicklung der Produktivkräfte, der Proletarier der Re· Wahrheit bei ihnen, und der Adel der Menschheit leuchtet uns
volution und der Philosoph, der die kommunistische Zukunft aus den von der Arbeit verhärteten Gestalten entgegen. " 36
produziert, sind drei Figuren, die unterschiedlichen Zeiten Doch hier liegt das Problem, das geeignet ist, die Begeisterung
angehören. des Kommunisten in die Verzweiflung des Revolutionärs zu
verwandeln: dieser Adel der Menschheit, der bereits auf ihren
Stirnen leuchtet, müsste auch nur den Anschein davon verloren
Der riickstaizdz�rz,e Arbeiter, oder: das Paradox des Komnmnistmts haben, um den Adel der zukünftigen Menschheit zu produ­
zieren . Der Propagan dist Engels, der zwei Jahre später diese
Die marxistische Tradition identifiziert diese Unterschiedlich· leuchtenden Stirnen der Menschheit zu überzeugen versuchen
keit mit dem Gewicht der Vergangenheit, mit dem Übergreifen �
w rd, sollte wisse n , was ihn erwartet. D as Haupthindernis
des Toten auf das Lebendige. D as Hindernis käme von den se�ner Missi on ist nicht der Einfluss seiner "kleinbürgerlichen"
rückständigen Handwerkern, die an ihrem Beruf, der von der Rivalen, sonde rn gerade die Natur dieses neuen Bedürfnisses,
Großindustrie weggefegt wurde, und an ihrem Geschäft hän· da� nicht nur etwas hinzuzufü gen, wo man etwas wegnehmen
.
gen, das vom Weltmarkt zum Untergang verdammt ist . Diese musste, sondern auch noch die Frechheit hat hic et mmc seine
weitlingianischen Schneider, die darüber diskutieren, ob man Befriedigung zu finde n. Das Hindernis der eränderung der
V
die gemeinsamen Messer und Gabeln an eine Kette binden k?m n:unis tisch e n Straubinger in
revolutionäre Proletarier ist
müsste, und diese Tischler, welche die Theorien auswendig lllcht Ihre Eige nsch aft als Handwerker,
sondern ihre Eigen-

1 16 1 17
schaft als Kommunisten, nicht das Gewicht der Ges ellenver­ D reck " des Hobe ls, der Nadel oder des Pechs Lebewohl
" a!ten
gangenheit, sondern die Leichtigkeit der Vorwegnahme der sagt . Sre werden imme
' r für eine Welt sein, in der die
. . Maschinen
.
kommunistische n Zukunft. on alleine in großen Mengen produzie ren. Das Ubel kommt
Die Wissenschaft von Marx hat also genau dasselbe Problem ;ü r die The orie nicht von den in ihrem Handwerk verkrus­
wie die Utopie von Cabet: lv'ie soll man eine nette lV'elt machen mit teten Ges el l e n . Sie werden immer die bes �� n S oldaten der
denen, die sie sich U'iinschen? Das ist für Cabet die Quadratur des �
Organisati o n und der Prod� ktion sei� . D �s bel kommt von
Kreises. Um Ikarien zu konstruieren, braucht man Menschen diesen A rb eit er n, welche die Nutzlosigkeit Ihres Handwerks
der Ordnung und der Brüderlichkeit. Doch diese Menschen der am weitesten auf dem Weg der Ablegung des alten Menschen
Ordnung und der Brüderlichkeit kann einzig Ikarien bilden. geführt hat, von denen, die der Definition des Proletariers am
Diejenigen, die sich anbieten, es zu gründen, sind Männer der nächsten komm en. Es stammt nicht von denen, welche die
Unordnung und des Kamp fes, Revolutionäre, welche die alte Theorie bekämp fen, sondern von denen, die sie mit Begeiste­
Welt nach ihrem Bild geschnitten hat. Ikarien wird also sterben, rung anne hmen und immer bereit sind, für ihre Verbreitung
bevor es richtig begonnen haben wird. Die kommunistische Werkzeug und Werkstatt zu verlassen. Es genügt, die Freude
Revolution hat dasselbe Problem, aber umgekehrt. Diejenigen, der besten de r Straubinger, der Kommunisten von London, zu
die sich anbieten, sie zu verwirklichen, haben den Fehler, bereits sehen, mit der sie die Mission eines Propagandisten verfolgen,
Kommunisten zu sein. Nicht unbedingt die Zwerge, die über der die D o ktri n in skandinavischen Ländern verbreitet: "Von
die Messer und Gabeln des Schlaraffenlandes streiten, sondern einem von hier weggeschickten B otschafter, der von Belsin­
einfach die Männer, welche die Mittel in den Zweck verwan· gor bis nach Schweden gegangen ist und das Land zu Fuß
deln und den Zweck in die Mittel, die beanspruchen, bereits durchquert hat, haben wir einen Brief aus Uppsala erhalten,
dieses Ideal der Zukunft zu leben, dem die junge revolutionäre datiert mit 23. Mai. Da er nichts besaß, hatte er seinen Sack
Wissenschaft noch nichts Besseres entgegenstellen hat können: mit kommunistischen Flugblättern gefüllt, die er glücklich
ein schwäbisches, sentimentales, süddeutsches, Schiller'sches über die Gren zen bis nach Schweden brachte. Er schreibt uns,
Ideal, in einem Wort: die cisthetische Erziehttn,_l!, des 1\fenschen. dass es in allen Städten, wo es deutsche Arbeiter gibt, er sie in
ihren Werkstätten besuchte, ihnen unsere Schriften austeilte
und groß e n Widerhall auf seine Propaganda fand. Unglück­
Ein Kommunist bei den Lappen licherweise konnte er in keinem Ort lange genug bleiben, um
Kommunen zu gründen, weil er keine Arbeit fand. In Stock­
Die Mission des Propagandisten ähnelt also dem Spiel lVer m!ierl, holm hat er der lokalen Kommune (unser kommunis tischer
ge1JJinnt. Engels überlässt die Schneider dem Straubinger Weitling Vorp osten im Norden) die zwei ersten Rundschreiben der
und entreißt die Tischler dem Kleinbürger Grün . Doch wozu, Zentralbehö rde übergeben und seine Nachri chten haben un­
wenn das neue Ziel, das er sie anvisieren lässt (mit dreizehn S tirn· �eren Brüdern dort neuen Schwung gebracht. Von Stockholm
1

men gegen zwei) , für diese Naiven des Schwab enlandes sofort Ist �r nach Upps ala aufgebro chen,
von dort nach Gävle, wo
zum ].,fitte! wird, die Geselligkeit der Zukunft nachzuah�en� er eme Z e it lang gearbeitet hat.
Jetzt ist er auf dem Weg nach
Das einzige Ergebnis wird sein, dass die Arme e der Straub mger Umea und T orne a. Ein kommu
nistisch er Botscha fter bei den
in der Partei des Proletariats anwächst, was sie sowieso tut. Lapp e !"37 Wahrsche inlich
� hofft dieser Arbeiter ohne Eigen­
Denn all diese "rückständigen" Tischler, Schn eide r oder tum/E r gen schaft
nicht, in Umea oder T o rnea einen deutschen
Schuster verstehen nur zu gut die moderne The orie, die dem Arbeiter zu treffen, für
den es sicher kein Flugblatt mehr gibt.

118
119
Was die Suche nach Arbeit betrifft . . . Er spaziert nun mehr rein gern,
ernuchternde Schlussfolgerung , "dass mit den Straubin .
als Kommunist in den Einsamkeite n des Nordens herum . Die g exis-
s?1ange nicht in Deutschland eine ordent 1.1C h e Bewegun

kommunis tische Propagand a findet darin ihre Wahrheit Sie en ist, selbst mit den besten nicht. [ ... ] Uns
. ttert' n l' chts anzufang
ist eine Flucht nach vorne der B rüderlichkeit, eine Reise, die ge ns f"
ur " d a s V o lk" , ie
d' ,, P ro1e-
gegenüber erklären sich diese J ur:
· ·

sich selbst genügt. Er ist selbst ein Lappe, ein Reisender des . . . .
taner" , und wir können nur an ein k ommunistls ches P ro 1etanat
. . .
"schlechten Unendliche n", der den vorzügliche n Ort seines �
appellieren, das sich In Deuts �hland erst bi den so ll . "40. .
Herumirren s in diesen skandinavis chen Weiten findet , die
Kommunistis chen Proletaner n zu beweisen, dass sie keine
für die Männer des Rheins als Barbarenlan d dastehen . Man
kommunistisch en Proletarie r sind, indem man auf ein kom­
braucht nur zu sehen, was Engels seinem Freund Marx darüber
munistisches Proletaria t verweist, das den einzigen Fehler hat,
berichtet: "Im ganzen Land nur 2 ordentliche Städte, a 80000
noch nicht zu existieren, ist selbst für die besten Dialektiker
und 40000 Einwohner resp. , die dritte, Norrköping, hat nur
eine zu schwere Aufgabe. Es muss also der Materialist her mit
12000, alles übrige so 1 000, 2000, 3 0 0 0 . Alle Poststationen
seiner Lösung, mit der materialisti schen Lösu �g schle chth in:
wohnt ein Mensch. In D änemark ist' s kaum besser, da haben . _
warten. Es ist unnötig, theoretisch die Kommunist en, die ke1ne
sie nur eine einzige Stadt, wo die gottvollsten Zunftprozesse Theorie haben, zu widerlegen. M an braucht nur die Sache ein­
vorfallen, toller als in Basel oder B remen [ ... ] Auch gibt es schlafen zu lassen und die kommunistis chen Arbeiter und die
schrecklich viele Hegeliane r dort [ . . . ]"3 8 kommunistische Korresponden z schlafen lassen; und auf das
Man braucht nicht dänischer Hegelianer sein, um die dialek­ kommunistische Proletariat der Zukunft und seine organisierte
tische Notwendigkeit der Umkehrung zu verstehen, welche Bewegung warten.
die unendliche Verzettelung mit der zünftischen Enge verbin­ . .
Einfach wie alle materialistischen Lösungen. Doch wie sie
det. Das Gebiet des schlechten Unendlichen ist ebenso das der wirkungslos. Die Schranke des Handwerkers ist auch die d: s
Unmittelbarkeit, und der Propagandis t, dem es gefällt, sie zu Philosophen. Wenn er warten muss, dass die moderne Industne
durchforschen, gehört derselben Welt an wie die barbarischste ein kommunistisches Proletariat hervorbringt, ist der Mann
Skandinaviens: der Norweger, der sich "freut, dass bei ihm in der Wissenschaft vielleicht nicht weiter vorangekommen als
Norge noch gerade dieselbe stupide Bauernwirtschaft herrscht das Fußvolk der Brüderlichkeit. Sicherlich wird die industrielle
wie zur Zeit des edlen Kanut", oder der Isländer, der "noch ganz Entwicklung eine moderne Arbeiterklasse herausbilden. Doch
dieselbe Sprache spricht wie die schmierigen Wikinger von Anno was man braucht, ist nicht eine Klasse, auch wenn sie modern ist,
900, Tran säuft, in einer Erdhütte wohnt und in jeder Atmo­ sondern eine 1\richt-Kiasse. Jede Klasse ist an sich eine Kaste, ein
sphäre kaputtgeht, die nicht nach faulen Fischen riecht" .39 Überbleibsel der Sklavenhalter- und Feudal-Vergangenheit. Das
Proletariat wird eine revolutionäre "Klasse" nur insofern sein,
als es die Auflösung aller Klassen und vor allem der "jungen"
Einfalscher Am;gang. Klasse und Partei Arbeiterklasse selbst sein wird.
Es steht den Nostalgikern also frei, noch am Ende des zwan­
Der Grund der Rückständigkeit der Straubinger ist nichts an­
zigsten Jahrhunderts die "Verschmelzung" der "marxistischen
deres als ihr Kommunismu s. Das erste Hindernis auf dem Weg
Theorie" mit der "Arbeiterbewegung" zu feiern. Marx und
zu kommunistischen Revolution sind die Kommunisten selb st.
Engels haben vor dem Ende des Jahres 1 8 47 verstehen müssen,
Und dagegen scheint man nichts machen zu können. Engels zieht
dass es um eine andere Aufgabe ging: um die Vereinigung der
aus seinen Beziehungen mit den London er Kommunisten die Konstitttierm�� einer Klasse und ihrer Auj!ostmg.
120
121
Man muss sich die Frage st � llen, warum sie ihre Meinung nd Parteien uns widmen. " 4 1 Der Philosoph ist selbst die
.
geändert haben. Log1scherwe1se hätte das A1anijest der komm11_ � artei als tragische Macht des Negativen. Alles, was um ihn
nistischen Partei nicht existieren diiifen. Marx und Engels hätten herum Gestalt annimmt - die unentschlossene Mischung der
die Korrespondenz mit den Straubingern von London ein­ Straubinger, die intellektuelle Anwandlungen haben, und der
schlafen lassen sollen. Und nun vereinigen sie sich mit ihnen Sonntagsintellektuellen -, ist zur komischen Wiederholung
und veröffentlichen mit großem Getöse das Manifest der eines Textes verurteilt, der nicht der seine ist und den er nur
kommunistischen Partei? W eieher kommunistischen Partei� entstellen kann. Ein Hof von Narren, auf den der Philosophen­
Der des Proletariats, das es noch nicht gibt? Der Partei der könig im Exil gerne verzichten würde. D avon zeugt der Jubel
Straubinger? Man sagt uns, dass sie sich inzwischen verbes­ Engels' beim stillen Begräbnis der mit so großer Feierlichkeit
sert hätten. Sie hätten die marxistischen Ideen angenommen. getauften Partei: "Wir haben jetzt endlich wieder einmal [ . . ]
.

Und? Ein marxistischer Straubinger ist noch immer derselbe Gelegenheit zu zeigen, dass wir keine Popularität, keinen sup­
Straubinger. Das kennzeichnet gerade diese perverse Brut: ihre port von irgendeiner Partei irgendwelches Landes brauchen
Fähigkeit, alle Ideen, die ihnen in die Hände fallen, "anzuneh­ und dass unsere Position von dergleichen Lumpereien total
men " . "Ideen-Fresser" , sagte ein ernüchterter Saint-Simonist unabhängig ist. [ . . . ] Haben wir nicht seit soundsoviel Jahren
Marx und Engels machten sich regelmäßig Sorgen, dass diese getan, als wären Krethi und Plethi unsre Partei, wo wir gar
Leute schnell "verdauen". keine Partei hatten und wo die Leute, die wir als zu unserer
Warum also eine Partei machen mit diesen Leuten, die sicher­ Partei gehörig rechneten, wenigstens offiziell, sous reserve de
lich niemals wahre Proletarier sein werden ? Vielleicht gerade les appeler des betes incorrigibles entre nous, auch nicht die
deswegen, weil sie niemals welche sein werden. Weil eine Partei Anfangsgründe unsrer Sache verstanden? [ . . . ] Was soll uns, die
nicht vor allem dazu dient zu vereinigen, sondern zu trennen. wir auf die Popularität spucken, eine ,Partei' , d.h. eine Bande
"Proletarier aller Länder, vereinigt euch!", das bedeutet auch: von Eseln, die auf uns schwört, weil sie uns für ihresgleichen
"Arbeiter von jedem Land, trennt euch!" Das Bündnis der hält?"42
Wissenschaft mit dieser lächerlichen Arbeiter-Avantgarde ist
vor allem die durchgeführte Trennung. Die Partei ist wesentlich
der Punkt, der das Prinzip des Proletariats als Trennung in Das Genie des Straubingers
doppelter Hinsicht materialisiert. Sie stellt das Proletariat als
absolutes Eines dar, als solches konstituiert durch den Hass aller Der Philosoph kann dennoch nicht auf diese störrischen Esel
Mächte der alten Welt. Aber sie ist auch die Auflösung dieses verzichten. Das reine Nicht-Sein der Trennung muss einen
Einen, die Nichtklasse, welche die Klasse von innen angreift. �örper haben : um dieses Proletariat vorwegzunehmen , das
In gewisser Weise kann die Partei im schneidenden Wort des m Deutschl and noch nicht entstanden ist; aber auch, um

Philosophen zusammengefasst werden. Die reine Macht der diese Klasse zu trennen, die immer zu sehr bereit sein wird,
Trennung findet ihre Universalität in der Gegenüberstellung sich mit ihre n gemeinsam en Interessen und ihren modernen
ihrer Einzigartigkeit mit allen Kräften der alten Welt: "Ich Rep räse ntant en zu konstituie ren. Die Internationale wird
erklärte ihnen rundheraus: Unsere Bestellung als Ve rtreter vielleich t vor allem das sein: die Vereinigung der Arbeiter als
der proletarisc hen Partei hätten wir von niemandem als uns l�icbt-�lasse: eine Waffe gegen diese modernen Organisationen,
selbst. Sie sei aber kontrasigniert durch den auss chli eßlichen dte - m Engl and, in Frankreich oder in Deutschland - nur zu
und allgemeine n Hass, den alle Fraktionen der alte n Welt gut die Inte ressen der Arbeiter als Klasse ausdrücken. Dafür gibt

122 123
es nichts Besseres als die Narren der Partei im Allgemeinen sozi aldem okratis che - Dram a der Reprä

sentation durc die
ung ersetzen, d1� Le-
und die Straubinger im Besonderen. Um der Organisation Shakespeare'sche Tragikomödie der Auflös
der Arbeitervereine entgegenzuwirken: der sentimentale itimität der " erstgebo re nen S öhne der modern en Industn e"46
süddeutsche Esel Liebknecht in Leipzig. Um Liebknecht zu �urch die Bastardieru ng der bettelnde n Philosoph enkönige
kontrollieren, der in ganz Deutschland nur sechs Mitglieder für und der ausgeh ungerten Landskne chte - Straubin ger - des
die Internationale gewonnen hat: der alte VerschwörerBecker Kommunismus ersetzen; muss man die Logik der Entwicklu ng
in Genf. Um Becker zu kontrollieren: der marxistische Strau­ der Produktivkräfte durch die Legende vom revolution ären
binger schlechthin, der Schneider Eccarius, dieser "son oJ toif, Maulwurf verdopp eln. Er, den man manchma l mit dem Maul­
der in seinem Londoner Exil schreiben gelernt hat, aber noch wurf der Hegel'schen List der Vernunft verwechsel t, ist auch
nicht die Zeichensetzung, und der zu glücklich ist, in seinem eine Figur von Shakespeare . Doch er hat die Bühne gewech­
neuen Leben als Parteiführer und Publizist ein in "der Hölle selt. Hegel hatte seinen Maulwurf der Tragödie des Prinzen
der Schneiderei" verlorenes Leben zu rächen. Harnlet entlehnt, in dem er die erste Zerrissenheit der neuen
Narren, natürlich, abgesehen vom Respekt für den unbe­ bürgerlichen Individualität sah. Der Materialist Karl Marx
zähmbaren Becker. Sie können keine Initiative ergreifen, die scheint die Märchenstücke zu bevorzugen. Bei einem Bankett
nicht eine Dummheit ist. Doch man kann ihnen vertrauen, zu Ehren der "erstgeborenen Söhne" der englischen Industrie
dass sie nichts darstellen. Sie sind unersetzlich darin, die Rolle des wird er den alten Maulwurf neu taufen und verjüngen. Er sagt
Volkes zu spielen, wie ihr Geselle, der Müller Song, den Lö­ ihnen, dass er sich in Wirklichkeit Robin Goodfellow nennt,
wen im Sommemachtstrmi!JJ spielt. Dichter, deimanische Menschen. also Puck, der Kobold aus Ein .So!1mlemachtstrcwm.47 Er ist eine
So etwa der Schneider Ulmer: dieser unscheinbare Mann ist moderne Gestalt des Dämonen Eros, S ohn des Poros und der
inspiriert von einem besonderen "Genius". Wenn die Empö­ Penia, der Geist einer Geschichte, die nicht mehr listig, sondern
rung ihn zu einem Dichter macht, dann lässt ihn sein Genius einfach ironisch ist.
in Trance geraten und Schrecken in den demokratischen Ver­
sammlungen verbreiten. "Außerdem den Kommunistenstolz
der Unfehlbarkeit. "43
Männer der Auflösung und der Anti-Darstellung, Shake­
speare'sche Gestalten gegenüber den repräsentativen Truppen
des Schillerianers Lassalle. Engels denkt vielleicht an seine eigene
"Partei", als er Lassalle vorwirft, in seinem Frcmtz t•on Sickingm, wo
"die Hauptpersonen ( ) Repräsentanten bestimmter Klassen und
Richtungen" sind, jeden "Falstaff'sche(n) Hintergrund" vergessen
zu haben: "vagierende Bettlerkönige, brotlose Landknechte und
Abenteurer jeder Art" .44
Die literarische Frage der Tragödie ist auch die politische
Frage der Revolution in diesen 1 850er-Jahren, in denen die
Bourgeoisie "zum 2ten Mal ihr 1 6tes J ah rhundert erlebt
hat"45• Um die tragische Dimension der Revolution zu erlan·
gen, muss man das bürgerliche - Schiller'sche, Lassalle'sche,

124 125
Die weggezauberte Revolution

Damit das Proletariat durch seine Partei existiert und die


Partei durch ihr Manifest, braucht es also einige Umwege.
Doch a l l e Manifeste der Wissenschaft und der Partei müssen
diese Umwege hinter die optimistische Rationalität einer Ge­
schichte verdrängen, die in Wirklichkeit "nichts anderes" als
das ist, was alle sehen können. Diese Arbeit der Beseitigung
gibt ihre diskursiven Fäden diesem Kommtmistischen A!anifest vor,
das mit seiner Doppeldeutigkeit spielt, wenn es erklärt, dass
es nichts anderes zu proklamieren gibt, als was in den Augen
aller ma ni fes t sichtbar ist. "Wir stellen fest", "wir w ohnen
bei", "wir sehen", "wir haben gesehen", "wie wir gesehen
haben": Die Geschichte war bis j etzt nur die Geschichte des
Klassenkampfes, das heißt letztlich der P roduktivkräfte,
die sich auf Grundlage bestimmter Eigentumsverhältnisse
entwickelt haben; diese Verhältnisse sind Hindernisse für
die Entwicklung dieser genannten Kräfte geworden. Man
musste sie brechen. M an hat sie gebrochen. Nur hat man
andere geschaffen, die ebenso gebrochen werden, bis zur letzt­
endlich en Aneignung/Enteignung. Dies ist das Werk eines
Prole tariat s, das von der B ourgeoisie p roduziert wurde und
ih r Totengräber sein wird, wie ein Erdbeben. "Das Proletariat,
die unte rste Schicht der j etzigen Gesellschaft, kann sich nicht
erh � ben, nicht aufrichten, ohne dass der ganze Überbau der
Schi chten, welche die offizielle Gesellschaft bilden, in die
Luft gesp rengt wird. "48
Der Doktor Marx liebt die Geologie und die geologischen
Metaphe rn. Ihre Sicherheit zeigt hier ein totales Vertrauen in
den B ode n der modernen Gesellschaft der das Proletariat her-
'

127
Logisch geseh en müsste die Marx 'sc� e
vorbringt und in die B ourgeoisie, die ihn mit ihrem Fortschritt Umke hrung dasse lbe
_
wie mit ihren Abfällen düngt. Wenn das Kommunistische Manifest e waren der Speku lation
Resultat zeitigen . In der Deutschen Ideologz
wurde d"1e
einen Optimismus zeigt, der unverhältnismäßig ist in Bezug auf . "lebe ndigen Individuen" entge genge setzt. Hier .
· ·

d1e
·

Widerlegung des kommu� ist� sche � Gespen stes �


die kommunistische Erfahrung seiner Verfasser, dann gerade vo sie h aus nur
_
weil die Möglichkeit des Kommunismus sich darin nicht aus der Komm uniste n verwe l-
auf die deprimierende Wirkhebkelt 1"
IS-
.

der Macht eines noch von der Bühne abwesenden Proletariats en. Um darübe r hinaus zu gehen, muss man d em matena
begründet, sondern aus der Macht der Bourgeoisie. Die ganze
Kraft der Entwicklung und des Widerspruches wird hier auf die
�ischen Prinzip der Addition und der Multi plika�ion - �inz
und der Gener atione n,
P
d1e
�p
n1e
der "leben digen Individuen"
Tätigkeit und das Erleiden der Bourgeoisie zurückgeführt. aufhören - ein dialekt isches Prinzip des Todes hinzuf ügen,
die Trennung, die einzig wirksam ist, weil sie die Einheit vo­
raussetzt , das Ganze, das die Multip likation niemal s erreich t.
Die absolute Bourgeoisie Man braucht ein Eines, das Z1ni sind, eine Totalitä t, die von
ihrer Teilung vorausgesetzt wird.
Das beginnt schon mit der Inszenierung des Subjekts des Ma­ Das verleiht die bürgerlic he Angst vor dem Gespenst : Sie
nifestes, der kommunistischen Partei. Wenn sie existiert, dann lässt die Partei als Eines entstehen , dem der ganze Rest ent­
natürlich nicht durch die Kommunen der Straubinger. Aber gegengesetzt ist . Denn die bürgerlich e "Angst" hat nichts mit
auch nicht durch die potenzielle Kraft der Söhne der moder­ dem Schrecken der Kinder oder der Alten zu tun. Die Macht,
nen Industrie, sondern durch den Schrecken aller Mächte vor die das kommunistische Gespenst erfindet, ist dieselbe, welche
seinem Gespenst. Man muss "dem Märchen vom Gespenst die Eisenbahn erfunden hat. Die Bourgeoisie hat Angst, weil
des Kommunismus ein Manifest der Partei selbst entgegenstel­ sie mehr oder weniger undeutlich das Proletariat als ihren
len. "49 Doch die "Partei selbst" hat Dasein nur als Rückseite Doppelgänger erkennt, die Rückseite des Paktes, den sie mit
ihres Märchens. Ihre Macht ist, das Gespenst zu sein, das alle dem Gott - oder dem Teufel - der Produktivkräfte geschlossen
Mächte fürchten. Ihre selbst umgedrehte Legitimität stammt hat. Wenn das bürgerliche Erleiden die Existenz des Kommu­
vom Papst und vom Zar, von Metternich und von Guizot, die nismus unterstützt, dann unterstützt ihre Tätigkeit die des
sich vereinigen, um es zu bannen. Proletariats.
Es genügt, das Gespenst umzukehren, um das Subj ekt Denn die B ourgeoisie ist im Afanifest als einzige eine aktive
zu haben. Diese Abkürzung macht den Umweg über die Macht . Sie ist Agentin einer Zivilisation des Universellen, deren
Feuerbach'sche Umkehrung unnötig. Bei Feuerbach ergab die Städte und Fabriken, Eisenbahnen, Schiffe und Telegraphen
Umkehrung des göttlichen Gespenstes nicht den l'vfemchen, son­ alle Schranken der Kasten und Nationen durchbrechen und
dern die Menschen, die bunte Wirklichkeit des Unterschiedes. von der Erde alle Spuren der ursprünglichen Wildheit und
Diese Vermehrung machte die Kraft der Umkehrung aus (sie bäurischen Rückständigkeit wegfegen. Sie ist auch die Ausfüh­
war nicht mehr umkehrbar) , aber auch ihre Schwäche: Das We­ rende ihrer eigenen Zerstörung, zu sehr von ihrer tragischen
sen gab es nur mehr als zu ziehende Summe, der Kommunismus Macht durchdrungen, um sich dem Schicksal zu entziehen,
als schlechtes Unendliches der Brüderlichkeit. "Nur sämtliche das es dazu führt, ständig die Werkzeuge der Produktion zu
Menschen erkennen die Natur nur sämtliche der Menschen revolutio nieren und die Kräfte zu entfesseln, die sie in den
leben das Menschl iche. "50 Prog ;amm einer unendlich en Reise Abg rund ziehen werden. Das i\1anifest ist ein Bekenntnis zum
nach der Art von Anders, dem Lappen. bürgerlichen Selbstmord.

128 129
5

rn weil sie bereits die


Es besteht in diesem Stück keine Chance für die Proletarier derne Industrie geschaffen hat, sonde
Götter zu sein. Alles, was sie sind, verdanken sie dem Handel � �: flösungsbewegung aller Klasse � , al �
er fixen u�d v� rknöcher­
s d1e Klasse, d1e NICht-Klasse
oder Erleiden der Bourgeoisie. Sie sind einfache Industriesol­ ten Bestimmtheiten ist. Sie ist bereit
daten, Arbeitswerkzeuge, Maschinenanhängsel, menschlich ist, die tragische Identität von P �odu
� �
tion un Zers törung. Als
.
er oder Ruck seite der burgerheben Revo-
nur durch die Konkurrenz, die sie entzweit oder die Hand­ schlichter D opp elgäng .
werksrückständigkeit, die sie gegen die Maschine einnimmt. Jution macht das Proletariat nichts anderes, a
1s d"1ese Id entltät von
sondern
Sie müssen ihre Kraft von außen erhalten. Sie verdanken ihre Leben und Tod zu sanktionieren. Keine dialekt ische,
eit. Der Toteng räber bestätig t die
zunehmende Vereinigung der industriellen Kontraktion, der einfach materialistische Tätigk
Nivellierung der Qualifikationen und der Schnelligkeit der Ei­ Vollendung der bürgerlichen Revo lutio n.
senbahn. Sie haben ihre Befähigung als politische Subjekte von
den Bürgern, die sie für ihren Kampf gegen die Feudalordnung
gewonnen haben. Ihre permanente politische Erziehung hängt Der T irrat der Bourgeoisie
mit der Auflösung der herrschenden Klasse zusammen, die
ihnen ständig Massen an Kämpfern schickt, die in ihrer Schule So überträgt Das L\Ianifest der kommunistischen Partei also der Bour­
gebildet wurden, und Philosophen, die ihren Kampf leiten. geoisie die Aufgabe, für die es kein seinem Begriff entspre­
Zumindest ein Privileg sollte den Proletariern bleiben: das chendes Proletariat gibt: die Identifizierung der maten.alistischen
"Nichts", der desillusionierte Blick, der den Menschen eigen ist, Desillusionierung mit der dialektischen Zerstörung. Der der
die aller Qualität entledigt sind und für die Eigentum, Familie, bürgerlichen Radikalität zugestandene Kredit geht mit der
Religion und Nation kein Dasein mehr haben. Nur ist selbst politischen Lesbarkeit der Geschichte in eins.
das die Tat der Bourgeoisie. Das Verhältnis des Proletariers zu Nur wird dieses Vertrauen durch die Revolution von 1 84 8
seiner Frau und seinen Kindern hat "nichts mehr gemein mit dem doppelt enttäuscht. Die Revolution von 1 84 8 ist eine miss­
bürgerlichen Familienverhältnis. "51 Doch bereits die "bürgerli­ glückte Vorstellung, eine Tragödie, die zur Farce wird, deren
che Ehe ist in Wirklichkeit die Gemeinschaft der Ehefrauen."52 Titel lauten kön nte: Der hinters Licht<[!,ifiihrte Aufklcirer (Le deJJ()'Sti­
Die Proletarier haben kein Heimatland. Doch die Bourgeoisie ftcatmr tii)'Stijie) .
kann selbst nur existieren als universelle Klasse und sie hat alle Alle Bedingungen waren doch gegeben, um die "Feststel­
"chinesischen Mauern" niedergerissen, welche die nationalen lungen" des Manifestes zu bestätigen. Der Juni 1 84 8 macht die
Gewohnheiten und Interessen einhegten. "Die Gesetze, die Wahrheit des Buches zum Schauspiel der Straße, zur sichtbaren
Moral, die Religion sind für [den Proletarier] ebenso viele bür­ Trennung der Klassen auf die zwei Seiten der Barrikade. Die
gerliche Vorurteile, hinter denen sich ebenso viele bürgerliche im Blut der Unterdrückung neu getaufte Republik ist genau
Interessen verstecken. "53 Doch bereits die Bourgeoisie hat "die die D iktatur der gesamten Bourgeoisie als Klasse, nunmehr bar
heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen des alten Flitte rgoldes, das ihr Wesen der Macht maskierte.
Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Bis dahin bestätigt alles die Beobachtung der Klassenkrimpfe in
Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. "54 Das Fehlen von Frankreich. D och dann wird alles unklar. Man sollte die bürger­
Eigenschaften, das beim Proletarier reine Passivität ist, ist beim liche Herrschaft sich vervollständigen sehen und die politische
Bourgeois die Macht des Geistes, der in seiner ewigen Bewegung Geschichte sollte sich als offenes Buch des Klassenk ampfes
alle fixen Bestimmungen beseitigt und den ganzen alten D reck erweisen. D och das Buch der Offenbarung des Manifestes
wegfegt. Die Bourge oisie ist revolutionär nicht nur, weil sie die hüllt sich in Hier oglyphen. Die politische Bühne entleert sich

130 13 1
ihrer rechtmäßigen Schauspieler, Bürger und Proletarier, und nes Int eress e ihr nahe legte, "ihre eigne politische Herrschaft
gibt einer Truppe von Ersatzschauspielern den Platz frei, de­ loszu werden [ ... ], um die Mühen und Gefahren der Herrschaft
ren burleske Vorstellung mit dem Triumph des Hanswurstes loszuwerden. "55
Louis-Napoleon endet. Offensichtlicher Sieg des Namens über Um ihre soziale Macht zu behalten, hat sie die politische
die Dinge, der Eskamotage über die Produktion, der Rückstän­ Mach t einem Strohmann gegeben, den sie für dumm hielt.
digkeit über die Geschichte. Dieser h at sie in eine Falle gelockt und sie gezwungen, die
Diese Abfolge von Theatereffekten oder von Zirkusnum­ Wirklichkeit dieser Macht abzugeben, von der sie ihm nur den
mern auf der Bühne der Offenbarung hat eine ganz bestimmte Anschein geben wollte. Als Ausgleich gab er ihr die geeignete
Bedeutung. Sie zeigt die allgemeine Unfähigkeit der Klassen, Ordnung für ihre Geschäfte. Kurz, die Bourgeoisie hat einfach
auf dem Niveau zu existieren, das allein ihnen das Anrecht ihr politisches Interesse ihrem gesellschaftlichen Interesse geopfert.
auf diesen Titel gibt, nämlich auf der Ebene ihrer politischen Doch diese Erklärung verschiebt nur das Problem. Die Vor­
Repräsentation. sicht ist sicherlich eine materialistische Tugend. D och für einen
Man konnte sich erwarten, dass das Proletariat, das zwischen dialektischen Agenten der Geschichte ist sie eine Bankrotter­
dem Alten, das noch nicht tot ist, und dem Neuen, das noch klärung. Kann man eine politische Interessengruppe, die bei
nicht geboren ist, nicht auf der Höhe seiner Aufgabe sein konnte. der Vorstellung zittert, ihre politische Rolle im Klassenkampf
Es war noch zu schwach, um seine Rolle zu spielen. Es konnte auszuüben, und die es für möglich hält, sie dem erstbesten
im Februar sein Interesse nur neben dem bürgerlichen Interesse dahergelaufenen Abenteurer zu überantworten, noch eine
vorführen, und im Juni sich seinem Untergangs-"Solo" hingeben. Klasse nennen? Die Bourgeoisie des J\fanifestes war etwas anderes:
Das verstörende Problem von 1 84 8 kommt von der Klasse, die eine radikale Klasse, die gezwungen war, bis ans Ende ihrer
noch die revolutionäre Kraft innehat, von der Bourgeoisie. Das historischen Aufgabe zu gehen und in allem ihre Produktions­
verstörende Ereignis von 1 848 ist die absolute Unfähigkeit der und Zerstörungsmacht auszuüben. Wir sehen sie hier jedoch
Bourgeoisie an der Macht, die Geschäfte der Bourgeoisie an der zurückweichen, wo sie doch erst am Anfang ihrer Aufgabe
Macht zu erledigen. Die erobernde Klasse, welche die Kräfte der steht. Man würde verstehen, dass eine Klasse, die am Ende ihrer
Großindustrie entfesselt und die politischen und ideologischen Laufbahn angekommen ist, sich ängstlich an die Mittel ihres
Verzauberungen enthüllt, gibt einem Charmeur nach, der nicht Überlebens klammert. D och die industrielle Bourgeoisie ist in
einmal ein Zauberer ist. Sie gibt ihre Macht ohne Kampf an einen Frankreich noch gar nicht an die Macht gekommen. "Die in­
Gauner ab, an das Oberhaupt einer Gesellschaft von Parasiten, dustrielle Bourgeoisie kann nur da herrschen, wo die moderne
an einen Bauernlümmel, der seine repräsentative Kraft außer von Industrie alle Eigentumsverhältnisse sich gemäß gestaltet, und
der Unterwelt, die ihn umgibt, einzig aus der Rückständigkeit nur da kann die Industrie diese Gewalt gewinnen, wo sie den
des alten bäuerlichen Frankreich bezieht. Weltmarkt erobert hat, denn die nationalen Grenzen genügen
Es gibt natürlich eine materialistische Erklärung: die Angst. ihrer Entwicklung nicht. "56 D as p rotektio nistische Frankreich
Die Bourgeoisie hat dem Tod auf den Juni-Barrikaden zu ist davon noch weit entfernt.
direkt ins Angesicht geblickt. Sie hat gesehen, wie die "reine" D ie B ourgeoisie verhält sich also wie eine senile Klasse, bevor
Form ihrer politischen Herrschaft den Klassenkampf in seiner sie noch zur Reife gelangt ist. Sie schreckt nicht nur vor der
ganzen Nacktheit entfesselte, und das Feld frei machte für �usübung ihrer politischen Macht zurück, sondern auch vor
das letzte Gefecht. Sie hat Angst gehabt vor einem Sieg, der 1hrem eigenen Geschäft, der Entwicklung der Produktivkrä f­
ihren eigenen Tod ankündigte. Sie hat erkannt, dass ihr eige· te . "In de m Bereiche der allgemeinen bürgerliche n Interesse n

132
133
iijiiP
I

zeigte sich die Nationalversammlung so unproduktiv, dass z.B. eingeschrieben: in die bürgerliche Denunzierung der Diebe,
die Verhandlungen über die Paris-Avignoner Eisenbahn, die Prostituierten und "entlaufenen Sträflinge" als verborgene
im Winter 1 8 50 begannen, am 2 . Dezember 1 8 5 1 noch nicht Triebkraft jeder Arbeiterunruhe oder republikanischer Agita­
zum Schluss reif waren. "57 Die erobernde Klasse scheint sich tion; in die Denunziation von Seiten der Arbeiter der absicht­
somit zwischen der Rückständigkeit ihrer Vergangenheit und lichen Vermischung des wahren arbeitenden und kämpfenden
der Angst vor der Zukunft aufzulösen. Volkes mit der zweifelhaften Fauna der Straßen und Barrikaden
Die Geschichte vom hinters Licht geführten Aufklärer (demy­ von Paris. Marx hat offensichtlich die cabetistischen Denun­
stijicateur mystijie) reduziert sich also nicht auf die des begossenen ziationen der Kneipenrevolutionäre gelesen. 61 Den Begriff des
Begießers. Sie zeigt die Inkonsequenz und die Inkonsistenz der Lumpenproletariats hat er vielleicht von Heine. Als Heine 1 832
Klassen als solche auf. Der Triumph der groteskesten Indivi­ die Verbindung zwischen der legitimistischen Agitation und
dualität, die Herrschaft des bloßen Eigennamens im Zeitalter den Aufständen der Lumpensammler gegen die neuen Reini­
der universellen Bourgeoisie und des Weltmarktes ist nicht nur gungswägen analysierte, sah er darin den sinnbildlichen Kampf
ein Schelmenstreich der Geschichte. Es ist die Grenze eines aller Verteidiger der zünftischen Vergangenheit, den Verfech­
Auflösungsprozesses, der jede Klasse an dem Punkt angreift, tern "des Herkömmlichen, der überlieferten Erbkehrichts­
welcher der ihrer beispielhaften Manifestation sein sollte. An interessen, der Verfaultheiten aller Art", kurz den "Kehricht
diesem Punkt erscheint jede von ihnen verdoppelt, von ihrer des Mittelalters", der unser "jetziges Leben verpeste[t]". 62
eigenen Karikatur entstellt, oder um es genauer zu bezeichnen, Doch für Marx ist die Verfaulung nicht nur der Schmutz der
von ihrem Lumpen. Vergangenheit, der in den Straßen liegt. Sie ist das Produkt
einer Auflösung der Klassen, die in zwei gegensätzlichen Ge­
stalten auftreten kann. Es gibt die e�ktiz·e Verfaulung, die gute
Der Tn'umph des Lttmpens Auflösung, welche die Ordnung der Kasten angreift und die
Klassen in den Tod treibt. Und es gibt die p assive Verfaulung,
Diese Auflösung, die jede Klasse verdoppelt, hat man allge­ die schlechte Auflösung, die sie hinter sich zurückfallen l ässt.
mein nur in der Beschreibung des Lumpenpro letariats kennen Die "Verlumpung" einer Klasse ist ihre Rückkehr zur bloßen
gelernt: "passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Selbsterhaltung. Zugleich ist sie ihre Auflösung in eine reine
Gesellschaft", dem Aianifest zufolge5 8 , "Rekrutierp latz für Diebe Addition von Individuen. D as Lumpenproletariat ist dem Pro­
und Verbrecher aller Art, von den Abfällen der Gesellschaft letariat entgegengesetzt wie die schlechte Auflösung der guten,
lebend", nach den Klassenkcimpfen in Frcmkreic/} 9, hätte dieses Un­ die Klasse, die nicht einme�l eine Klasse ist, der Klasse, die keim mehr
terproletariat im Besonderen im Juni 1 84 8 die Truppen der ist. Das Schreckensbild einer Armee von Vagabunden, die im
mobilen Garde gebildet, um die Erhebun g des wahren Prole­ Sold der Bourgeoisie stehen, verdeckt das viel schrecklichere
tariats niederzusc hlage n. Geheimnis: Es ist immer möglich, in der Arbeiterklasse eine
Die soziologische Erklärung ist völlig haltlos. Tatsächlich Armee gegen die Arbeiterklasse zu rekrutieren. Der außerge­
gehörten die mobilen Garden eher der Elite des Proletariats wöhnliche Verrat der mobilen Garden, die auf ihre "Brüder",
a� als seinem Auswu rf. 60 Das Lumpen proletariat ist nicht
�ie Arbeiter, schießen, wird a p osteriori durch den gewöhn­
I\
etne lasse, sondern ein Mythos , der Mythos der schle chten
lichen Verrat dieser Arbeiter gerechtfertigt, die der industrielle
� �
esc tcht �, die wie ein Parasit von der guten lebt. In diesem
Wohlstand von 1 8 50 daran hindert, auf das Gesetz zu reagieren,
Stnn Ist es In eine bereits festgefahrene politische Myth ologie
das drei Millionen von ihnen das Wahlrecht entzieht. "Indem
134
135
sie einem solchen Ereignis gegenüber [ . . . ] das revolutionäre , der Genuss crapuleux wird, wo Geld, Schmutz und Blut
Interesse ihrer Klasse über einem augenblicklichen Wohlbe­ ;�u amm enflie ßen. Die Finanzaristokr atie, in ihrer Erwerbs­
hagen vergessen konnten, verzichteten sie auf die Ehre, eine weise wie in ihren Genüssen, ist nichts als die lPiedergebttrt des
erobernde Macht zu sein [ . . . ]. " 63 Jede Klasse als eine, deren Lumpmp rolett�riats ätif d�n Hohen de� bürgerlichen Gesellschajt. " 65
Mitglieder ihre "gesellschaftlichen Interessen" verteidigen, ist Man würde sich log1scher W e1se erwarten, dass dte Revolu­
potenziell ihr eigenes Lumpenproletariat. tion von 1 848 diese parasitäre Lumpenarist okratie zugunsten
Genauso ist die Niederlage der Bourgeoisie zu erklären. Das der eigentlichen Akteure der E ntwi � klun � der. bürgerli� hen
Paradox, das sie in dem M oment die Macht verlieren lässt, .
Produktivkräfte wegfegen würde. Le1der w1rd d1e Gegenuber­
als sie am absolutesten ist, verweist auf denselben Pro zess . stellung von wahrer produktiver Klasse und falscher unpr�duk­
Die Bourgeoisie hört nicht auf, hinter sich selbst zu rück­ tiver Klasse sogleich widerlegt. Im Kontext der bürgerlichen
zufallen, ihre politischen Interessen zu zerstören, um ihre Repub lik erscheint die angebliche Fina� zaristokra� i � als das,
gesellschaftlichen abzusichern. Sie opfert fortwährend ihre was sie ist, nämlich nichts anderes als d1e Bourge01s1e selbst,
Klasseninteressen den maten"ellen Interessen ihrer Mitglieder. Ganz die Demokratie der "zahllose[n] Masse von Leuten aus allen
wie die Auflösung des Proletariats trägt diese Auflösung der bürgerlichen oder halbbürgerlichen Klassen" 66 , die aus der
Bourgeoisie den Namen eines Doppelgängers . Da, wo man Staatsschuld Gewinn ziehen. Der Vampirismus der Steuern
glaubt, dass die Bourgeoisie mit ihrem Begriff übereinstimmt, undder Rente, der die Staatsmaschine und die finanzielle Pseu­
muss man ihren eigenen "Lumpen" erkennen. Die moderne do-Aristokratie auf Kosten des Industriekapitals leben lässt,
industrielle Bourgeoisie ist von einem P arasiten befallen . Er ist nicht nur der Preis, den diese für die Ordnung zahlt, die
nennt sich Finanzaristokr atie: eine Diebsklasse, die auf Ko­ notwendig für ihre Herrschaft ist. Er ist der Auflösungsprozess,
sten des produktiven Reichtums lebt. S o ist die sogenannte durch den die bürgerliche Klasse sich in eine Ansammlung von
"bürgerliche" Monarchie von Louis-Philipp e der Vampiris­ lebenden Atomen auflöst, die auf ihre eigene Kosten leben.
mus der wahren Bourgeoisie durch die Finanzaristokratie. Die regierende Bourgeoisie stellt sich als das heraus, was sie ist:
Sie war es, die "die Gesetze gab, die Staatsverwalt ung leitete, nicht die verkörperte Kraft der Großindustrie, sondern einfach
über sämtliche organisierte n öffentliche n Gewalten verfügte, eine Rotte von Individuen, die begierig sind, ihre Taschen mit
die öffentliche Meinung durch die Tatsachen und durch die allen Mitteln zu füllen. Sie berechnen nicht einmal, was der
Presse beherrschte"64• Sie erlegte der gesamten Gesellschaft Staat das Kapital kostet und was er ihm bringt. Sie machen nur
ihr Prinzip auf, das Prinzip der Anti-Pro duktion, die Orgie ihre kleinen Geschäfte. Wenn sie den Vampirismu s des Staates
der verallgemeine rten Vermisch ung. S o "wiederholte sich in akzeptieren , dann einerseits, weil sie in Ruhe ihre Börsensp eku­
allen Sphären, vom Hofe bis zum Cafe Borgne dieselbe Pro­ lationen m achen können, andererseits, weil sie selbst Vampire
stitution , derselbe schamlo se Betrug, dieselbe Sucht, sich zu sind, begie rig, "in der Form von Staatsgehalte n" einzusteck en,
bereichern, nicht durch die Produkt ion, sondern durch die "was sie nicht in der Form von Profiten, Zinsen, Renten und
Eskamotage schon vorhandenen fremde n Reichtums, b rach Honoraren einstecken" könnenY Das sogenannte "gesells chaft­
namentlich an den Spitzen der bürgerlic hen Gesellsch aft die liche Interesse", dem die B ourgeoisie ihr politis ches Interesse
schrank enlose, mit den bürgerl ichen Gesetzen selbst jeden opfe rt, ist nur die Summe ' das Gewühl der "bornie rtesten,
Augenblick kollidie rende Geltendmachun g der ungesun den schmut zigs ten Privatinteresse[n]" ihrer M itglieder. 68 Der S1eg
.

und liederlichen Gelüste aus, worin der aus dem Spiele ent­ des b onap artistische n G auners und seiner Betrüge rbande
springende Reichtum naturg emäß seine Befried i gung su cht, nimmt also seinen wahren Sinn an: Die glorreich e Klasse der

136
137
bürgerlichen Industrie ist nur eine Bande von Börsenspeku­ Departement Morbiban als verschleiertes T adesurteil an­
:�. Die Ekel erregende Agglomeration dieser troglodytischen
·

lanten. Die industrielle Entwicklung des Zweiten Kaiserreiches


wird somit eine "Orgie der Börsenspekulation, Finanzschwin­ Bauern die sich nur in der einzigen Person, j a dem bloßen
del, Abenteurerturn der Aktienkompanien [ . . . ], ein Pandämo­ Name� Louis-Napoleon repräsentieren kann, drückt einfach
nium aller niedern Leidenschaften der , obern Klassen' [ . ] die
.. dieses Phantasma der schlechten Auflösung aus, das ebenso
Glorie der Prostitution". 69 Die moderne Bourgeoisie ist noch in den Bildern des alten mittelalterlichen Drecks oder in den
nichts anderes als eine rückständige Rotte, welche die Lum­ Zahlen der bloßen Addition eine Gestalt findet. Um noch eins
perei der Unterwelt, die mittelalterliche Verfaulung oder die drauf zu geben, verdoppelt Marx die "Blüte der Bauernjugend"
Bauernschweinerei reproduziert. Im Frühjahr 1 8 7 1 setzt ihr der noch durch "die Sumpfblüte des bäuerlichen Lumpenproleta­
Verteidiger der Kommune die "mannhaften Bestrebungen und riats".7 1 Die Beweisführung war doch bereits ausreichend: Die
die herkulische Kraft der Arbeiterklasse"70 entgegen. Doch hat rückständige Bauernschaft ist das aufgedeckte Geheimnis der
er nicht bereits gezeigt, dass auch diese nicht dem allgemeinen modernen" Klassen, ihre beständige Zerstreuung im Realen
Schicksal der Klassen entkommt, nämlich ihrer potenziellen d er reinen Konservierung, ihre gemeinsame Unfähigkeit, den
Auflösung in der �1enge ihrer 11itglieder? Die Phantasmen von Anforderungen ihres Begriffes zu genügen.
der gemeinen Orgie sind bloß das imaginäre Kleingeld dieses Die vorgeblich materialistische Analyse der Unterschiede
Falls in das UniYersum der Addition und der Zersplitterung. zwischen den Gesellschaftsklassen ist viel eher der Mythos,
der die ständige Flucht der Identitäten und die gemeinsame
Verlassenheit der Klassen offenbart. M an wusste bereits, dass
der Arbeiter nichts anderes als ein Kleinbürger ist, der Ideologe
ein Schweinehirt und der Straubinger ein Lappe. Man weiß
Diese zusammenzählende Auflösung nimmt zwei mythische nun, dass in jedem Unternehmer der Großindustrie ebenso
Gestalten an: das Parzellenbauerntum und die napoleonische ein Troglodyt des Sumpfes der Vendee wohnt, ein verfaulten
Unte rwelt. Die marxistische Tradition hat die Texte des Fisch liebender Isländer oder ein König der Unterwelt schläft.
fl cbt::rl!lltt?n Ernmaire über das Bauerntum zum Archetypus der In der Person des bäurischen Louis-Napoleon ist die Bourgeoi­
marxistischen Analyse der Gesellschaftsklassen erklärt. Doch sie ebenso repräsentiert wie die B auernschaft. Genau so wie
man kann im Gegenteil darin den vollkommenen Hohn für der Schieber Thiers kann Louis-Napoleon die Bourgeoisie nur
jede politische Erklärung in Klassenbegriffen sehen. Die hal­ deswegen seinen Verzauberungen unterwerfen, "weil er der
luzinierte Beschreibung dieser unzählbaren und unzähligen vollendetste geistige Ausdruck ihrer eigenen Klassenverderbt­
Masse von wilden Tieren, die in Wohnungen ohne Fenster zur heit ist."72 Der Komödiant ist die unverzerrte Widerspie gelung
Welt leben, die Verachtung für diese Bevölkerung, die nur wie einer Gesch ichte, die zur bloßen Komödie ihrer Erhaltung
Kartoffeln zusammengezählt werden kann, hat offensichtlich erniedrigt ist.
nichts mit irgendeiner wirtschaftlichen, soziologischen oder Die Niederlage der Revolution ist also der Riickscbl(�� des
politischen Analyse zu tun. Marx zählt die Türen und Fenster Klassenkampfes. Anstelle des von den Agenten der Geschich­
der � aw �rnhäuser nach den Steuererklärungen dafür und be­ te getrennten Ganzen liefert die revolutionäre Farce nur die
urteilt dte Modernität der Kulturen nach den politischen Ein­ groteske Summe ihrer Doppelgänger. Genau daraus besteht die
stellungen. Die Cevennen sind die Zukunft der französischen napoleonische Unterwelt der Gesellschaft des 1 0 . Dezembers.
Landwirtschaft für den Gelehrten, der einst einen Hausarrest "Neben zerrütteten Wüstlingen mit zweideutigen Subsistenz-
138
139
mitteln und von zweideutiger Herkunft, neben verkommenen ist Parasit der Gesellschaft nur in dem Maße, als diese selbst ihr
und abenteuernden Ablegern der Bourgeoisie [traf man aufj Va­ � �
eigene r Parasit i� t'. sich estä�.dig i � die Ansan: mlung ieser
,
gabunden, entlassene Soldaten, entlassene Zuchthaussträflinge, leb endi gen Ind1v 1duen auflast, d1e, "bevor s1e GeschKhte
entlaufene Galeerensklaven, G auner, G aukler, Lazzaroni, � achen" , Zfterst essen, trinken, sich Kleiden, wohnen, sich fort­
Taschendiebe, Taschenspieler, Spieler, Zuh älter, Bordellhalter, � J?.
pflanzen müssen und . einig� an ere in ?e n� c.h, deren Ende
Lastträger, Literaten, Orgeldreher, Lumpensammler, Scheren­ man niemals sehen w1rd. D1e Ruckstand1gke1t 1m Herzen der
schleifer, Kesselflicker, Bettler, kurz, die ganze unbestimmte, geschichtlichen Tragödie ist die Komödie der materialistischen
aufgelöste, hin- und hergeworfene Masse, die die Franzosen Ia Vorbedingungen ihres Beginns. Die revolutionäre Dialektik der
bohhm nennen. "73 Produktion und der Zerstörung ist von der materialistischen
Eine unverifizierbare und unfalsifizierbare Liste, genauso wie Geschi chte der Konservierung und der Fortpflanzung kor­
die Zählung der Troglodytenhäuser - Wahnbild einer Aufzäh­ rumpiert . Der politische Hohn auf die r/erdoppe!tmg des Klassen­
lung, die in Verdoppelungen vorgeht. Diese Unterwelt ist auch kampfes ist auch die ironische Rückseite der Wissenschaft. Der
die bunte Menge der platonischen polloi. Dieses G avarni'sche der materialistischen Dialektik innerliche Widerspruch wird
Bilderalbum veranschaulicht phantasmatisch den reinen Un­ im Spott über seinen Gegenstand karikiert. Louis-Napoleon
sinn einer Geschichte, die vom G esetz der reinen Addition und sein Hof der Boheme sind sinnbildlich auch Karikaturen
regiert wird. Platonischer Mythos der umgedrehten Welt, der der materialistischen Theorie. Die Reduktion der politischen
Herrschaft der Mischung, dieser Theatermassen, welche die und ideologischen Illusion auf die wirtschaftliche Wirklichkeit
ästhetische und politische Moderne gleichzeitig zu Schauspie­ nimmt die Gestalt eines Individuums an, das gezwungen ist "Ge­
lern und Zuschauern gemacht hat. So wie die Klatscher, die schichte zu machen", um seinen G läubigern zu entkommen.76
der Komödiant Louis-Napoleon im ganzen Land herumführt, Im Fatalismus dieses N arrenkönigs, der überzeugt ist, dass der
damit sie auf seinem Durchzug das begeisterte Volk spielen, in Mensch von den unwiderstehlichen M ächten wie den Zigarren
derselben absichtlich falschen Weise wie Klaus Zettel die Rolle und dem Champagner, dem G eflügel und der Knoblauchwurst
des Löwen spielt.74 regie rt wird, sieht der Philosophenkönig die Karikatur seiner
Wissenschaft. Der gekrönte Hinterzieher ist der Doppelgänger
des demaskierenden Gelehrten. Er verwirklicht auf seine Wei­
Der Komödiant äls Kö.nz� und der Kö.nzg als Bettler se - praktisch und borniert - das Programm der materialistischen
Geschichtswissenschaft: die Rückkehr des Himmels auf die Erde,
Das Paradox, das den Clown Napoleon in der größten Stunde die Reduktion der großen politischen Konflikte und der großen
des Klassenkampfes triumphieren l ässt, oder das den staatlichen ideologischen Paraden auf die Wirklichkeit "sam phmse" (ohne
Vampir aufbläst, als die bürgerliche Wirtschaftslogik die billige Beschönigung) der Eigeninteressen der Individuen. Er fasst "das
Regierung verlangt, verweist auf keinen geschichtlichen Rück­ geschichtliche Leben der Völker und die Haupt- und Staatsak­
stand, den man in der sorgfältigen Studie der Gesellschaftsstruk­ tionen derselben als Komödie im ordinärsten Sinne auf, als eine
tur ausfindig machen könnte. Es ist unnötig, sich in der Analyse Maskerade, wo die großen Kostüme, Worte und Posituren nur
der Gründe der französischen Rückständigkeit zu verlieren. Im der kleinlichste n Lumperei zur Maske dienen. "77
J?: Odernen England wie im Frankreich der Troglodyten ist das Die Fas zination für die l ächerliche Identität des Narrenkö­
Ubel angeboren: "Es wird mir immer klarer, dass die Bourgeoisie igs
� und seines Hofes der B oheme spiegelt also wider, wie
nicht das Zeug hat, selbst direkt zu herrschen (...) ."75 Der Staat Sich die Wiss enschaft über ihren eigenen Ort und ihre eigene

1 40 141
Identität Rechenschaft ablegt. Dieses selbstgefällig beschriebene ehern m oralis chem Sinn und hemmungsloser Schlüpfrigkeit"
·1:.

bonapartistische Lumpenproletariat, diese "künstliche Klasse", der Esel Liebknecht, der mehr Appetit auf den Schinken
welche die französische Revolution liquidiert, ist ebenso die :�o� Marx zeigt als auf seine Bücher und der bei seinem Landon­
Metapher der Gesellschaft, in der Marx lebt, nämlich die der au fenthalt kau m etwas anderes geschafft hat, als einen kleinen
Revolutionäre im Exil. Er verleiht Louis-Napoleon nicht Liebknecht zu machen. Und vielleicht müsste man auch von
zufällig den Namen K rapülinski, den er der Karikatur Heines den Launen des Reinsten der Reinen sprechen: der "mutige,
der polnischen Ritter im Exil entlehnt. D och Krapülinski ist treue und edle Pionier" des Proletariats Wilhelm Wolff, der sich
auch der Lieblingsfeind von Marx in London: der "Präsident von Zuhältern in einem Bordell von Manchester verprügeln
inpartibus" der zukünftigen deutschen Republik, Gottfried Kin­ lässt; oder sogar vom Freund E ngels, der den Grisettes von
kel, der Bewunderer des alten Handwerksd recks, der falsche Paris nachläuft und in Manchester auf Fuchsj agd geht, einen
Dichter und der wahre Komödiant, der den Krämern hinter­ Zechbru der mit dem Regenschirm schlägt und in Manchester
herläuft, um ihnen seine Werke vorzulesen und für die gute nicht mehr als zwei Karten der Internationalen zu platzieren
Gesellschaft Dichterexkursionen zu den Seen organisiert, mit vermag. Wie soll man inmitten dieses Universums die Stellung
der obligaten Rezitation von Schiller. Die lächerlichen Züge, des Philosophenkönigs der B oheme Karl Marx denken, der
die den bonapartistischen Lumpen verliehen werden, sind seine Tage mit der Verfassung von Artikeln über die Türkei­
auch die Possenhaftigkeit der Fauna der B ohemiens, Parasiten frage für amerikanische Leser verbringt und mit verzweifelten
und Abfälle der deutschen Revolution im Exil: das Nilpferd Strategien, die Fälligkeit von Wechseln hinauszuschieben,
Schapper, Saufkumpan des "Ritters des noblen Bewusstseins" manchmal ironisch bedauernd , als einfacher Privater nicht
Willich; der "Sekretär" von Marx, Pieper, der bei Rotschild die Mittel zu haben, über welche die B ankiers oder Prinzen
Unterricht gibt, aus finanziellen Gründen die fahle T achter und Präsidenten verfügen, um sich ihre Gläubiger vom Hals
eines Gemüsehändlers umwirbt, sich die Syphilis mit weniger zu schaffen?
ehrenwertem Umgang holt und sich zeitweilig für ein Genie Die Antwort ist notwe n digerweise doppelt. Indem Marx
hält; der Schwager Edgar, der nach Texas gegangen war, um seine "Partei", bevor die revolutionäre Komödie überhaupt
den wilden Mann zu spielen und der zurückkehrt mit de m beendet war, auflöste, um sich dem Werk der Wissenschaft zu
einzigen Traum, wieder zurückzugehen u n d einen wine-store widmen, hat er eine Wahl getroffen . Da die Wirtschaftskrise
oder ein Zigarrengeschäft zu eröffnen; der "geniale" Ulmer diesmal behoben ist, muss man abwarten, d ass ihre Wiederkehr
mit seinen Trancen; die "Schneidersch lingel", die auf die Su­ in der Erweiterung ihres Umwälzungsbereichs die Geschichte
che nach kalifornisehern Gold aufgebroche n sind; ihr Kollege
der Produktivkräfte und die der Revolution zusammenbringt.
Rumpf, der geblieben, aber verrückt geworden ist und Marx
"Die Lösung, sie beginnt erst in dem Augenblick, wo durch
vorschlägt, das soziale Problem d a durch zu lösen, dass er ihn
den Weltkrieg das Proletariat an die Spitze des Volks getrieben
als Premierminister nimmt; Anders, der berühmte "Lap pe",
wird, das den Weltmarkt beherrscht, an die Spitze Englands.
den ein Anfall von de!irium tremens auf der Straße erwischt; Con­
Die Revolution, die hier nicht ihr Ende, son dern ihren orga­
rad Schramm, genannt Lampazius, dessen chaotische Existenz
nisatorischen Anfang fin det, ist keine kurzatmige Revolution.
von der Schwinds ucht unterbro chen wird und der Bohe mien
Das jetzige Geschlecht gleicht den Juden, die M oses durch die
Biskamp, der, gerade aus seiner Landschule getreten, in einer
Wüste führt. Es hat nicht nur eine neue Welt zu erobern, es
bescheiden Das T/ofk genannten Zeitung " den Kampf der Arbeit muss untergehen , um den Menschen Platz zu machen, die einer
gegen das K apital" führt und der eine Mischung "von kan- neuen Welt gew achsen sind. "78

142
1 43
So können, mit "Opfern", die Geschichte der Entwicklung Mon otonie erzeugt hat, in der Leibniz Schwierigkeiten hätte,
und die Genealogie der Werte zusammenfallen. Die gegen­ ein e dijjerentia. specifica zu erkennen, und Shakespeare, seine
81
wärtige Generation ist die der Stellvertreter. Mangels einer Landsleut e w1e der zu er k enn en.
Bourgeoisie, die auf ihrer Höhe ist, wird der Verführer Louis­ Die revolutionäre Tragik kann nur eine Tragikomödie sein.
Napoleon den Zauberlehrling der Produktivkräfte spielen, die Das doppelte Bündnis der Wissenschaft - mit der Rationalität
Orgie wird das Bett der großen Produktion und der großen der modernen Produktivkräfte und mit dem Wahnsinn der
Zerstörung bereiten. Und der Jude Karl Marx wird in der irrenden Ritter - ist nicht einfache Notwendigkeit der "Um­
Wüste des Nicht-Ortes an der Wissenschaft arbeiten, die erst stände". Man muss vielleicht warten, bis die Umstände reif
die neuen Menschen, die einer neuen Welt gewachsen sein sind. Doch das Werk der Wissenschaft gehört den "unreifen
werden, ins Werk setzen wird. Narren, die immer noch nicht von der Revolutio nsphantaste­
In gewisser Weise bestätigt sich das absolut Eine der Wis­ rei gehe i lt sind ". 82 Sie gehört der Bettlerarmee an, die ebenso
senschaft also als einziger Repräsentant der zukünftigen Re­ die Ordnung der Klassen und ihre F abrikslogik annagt, wie
volution inmitten der bunten Masse der Revo lutionsparasiten. sie von ih r angenagt wird. Karl Marx ist der Zauberer Hans
Davon zeugt die "verblüffende" Antwort an die Delegation Röckle, der seine Erfindungen dem Teufel verkaufen muss,
der Lümmel, die auf der Basis von Wahlen eine Parteileitung um den Teufel und den Fleischer zu bezahlen. Er ist auch der
neu konstituieren wollen: Marx und Engels verdanken einzig Bettlerkönig, der auf Kosten der Kapitalisten und Arbeiter
sich selbst die Designierung "als Vertreter der proletarischen lebt. In Manchester arbeiten die Arbeiter der Firma Ermen
Partei"79• Einzig die Wissenschaft hat die Schärfe des Wi­ und Engels auch, damit der Gesellschafter Engels das Geld des
derspruches inne, die gesellschaftlich noch aufgeschoben, Kapitals verwenden kann, um dem Gelehrten Karl Marx zu
politisch immer versteckt ist. D och diese Besonderheit der ersparen, eine "Arbeit" anzunehmen, und ihm zu erlauben,
Wissenschaft ist auch das Kennzeichen ihrer Zugehörigkeit zur sich dem \Y/erk zu widmen, welches das Proletariat zum reinen
donquij otesken und falstaffesken Welt der Auflösung und der Subjekt der Zerstörung des Kapitals machen wird.
Wiedergeburt. Die Komödie des Londoner Exils bestätigt die
Wissenschaft in ihrer parado xen Stellung, welche die Deutscb­
FranziJsischen Jahrbücher der Philosophie verliehen hatten, nämlich
der reine Nicht-Ort zu sein, der vom Extrem der Rückstän­
digkeit produziert wird. Und die Komödie der abgewendeten
Revolution verweist nicht nur auf die bloße List der Vernunft.
Sie bestätigt die Shakespeare'sche Seite der Geschichte in die­
sem neuen 1 6 . Jahrhundert, das die Bourgeoisie in ihr Grab
bringen muss, wie das erste sie ins D asein gebracht hat: Macht
der Auflösung, um diese Klassen zu ihrem Tod zu führen, die
sich in die Rückständigkeit des Überlebens einschließen; Macht
de : Individualitäten in einem Jahrhundert, wo die "Sie ge der
0
Wissenschaft erkauft [scheinen] durch Verlust an Charak ter" 8 ,
und die Arbeitsteilung, welche die Unterschie de zwischen den
Individuen und Klassen verschoben hat, diese gesel lsch aftliche

1 44
145
D as Risiko der Kunst

Das Scheitern der Revolution bringt die Wissenschaft in ihre


Gegenwart zurück. Das Geheimnis der eskamotierten (wegge­
zauberten) Revolution liegt vielleicht selbst in einer Wegzaube­
rung. Die Pariser Februarrevolution von 1 84 8 war schließlich
ein "unverhoffte[r] Handstreich" gegen eine Gesellschaft, die
drauf und dran war, die Wirtschaftskrise zu meistern . 83 Somit
konnte sie nach der Rückkehr zur Prosperität auch nur rück­
wärts gehen. Doch wie im platonischen Mythos des Po!itikos
ist dieser Rückwärtsgang auch Verjüngung, die Zeit, die vom
Alter zur Geburt zurückgeht und reinen Tisch macht, damit
die normale Ordnung zurückkehrt, die der Generationen, die
geboren werden, sterben und die Produktivkräfte verändern.
Die Eskamotage des Klassenkampfes durch den Gaukler Louis­
Napoleon bringt die Welt in die normale Zeit der Zyklen und
der Wirtschaftskrisen zurück. Der Triumph der rückständigen
Unterwelt über die politische Vernunft der Bourgeoisie erlaubt
Frankreich, seinen wirtschaftlichen Rückstand gegenüber
England aufzuholen. Genauso wird der unerwartete Triumph
der alten preußischen "Ärmlichkeit" über die Österreichische
Zivilisa tion 1 866 den Junker Bismarck zwingen, seinerseits
die bürgerlic hen Produktivkräfte zu entfesseln und mit ihnen
den prolet arisch en Doppelgänger. Die französisch e kaiserliche
Parodie und die deutsche nationalistische Komödi e sind für
die se Län der der Zugang zum normalen, "englisch en" Weg
der Ges chic hte .
In sei nem Exil in London, im Zentrum dieser Entwicklung,
folgt die Besonderheit der Wissenschaft dieser Bewegung, wel­
che die Besonderheit der wirtschaftlichen Interessen und der

147
politischen Intrigen in die U niversalisierung der Produktion
a1ten Schmutz der Bauern oder des Lumpenproletariats tragen.
verwandelt. Sie verwendet zu ihrer eigenen Akku mul ation ·
An den Ufern des Pazifiks gibt es n �c h t nu � d'Ie T ru �k en h e:· t
die "schauderh afte Friedensperiode" 8 4• Sie beobachtet die Zei­ der neuen Welt und die H]bris der Knse. Es gibt auch die Magie
chen der Zukunft, die Ausweitung der Produkt ion und der des Goldes und das Gesindel der Goldsuch er. Die Ra.tion.alität
Zerstörung, die der Revolution ein Theater bieten wird, das der neuen Welt hat wie die p olitische Repräsentation Ihren
ihr würdig ist. Bettelstand, die sie verdoppelt und annagt. Der Eroberer der
Da ist zuerst die Ausweitung der Produktio n und des Han­ neuen Welt findet seine Karikatur im kalifornischen Goldsu­
dels, der große Traum von Marx und Engels: die neue Welt, cher und dieser im australisc hen Sträfling.
die an den Ufern des Pazifiks entstehen wird. Als Marx die Kalifornien und Australien sind zwei Fälle, die im ,Manifest'
Bilanz der Farce von 1 84 8 zieht, vergisst er nicht, die Geburt �
ni ht vorgesehen waren. " 88 D iese U nvorhergesehenheit nimmt
des Sohnes seines Herausgebers mit jenen Worten zu begrüßen: eine doppelte Gestalt an. Sie ist zuerst eine Gegentendenz zur
"Glückauf für den neuen Weltbürger! Man kann in keiner fa­ �
Logik der Krise. Da�. australische Gold entle ig� die europäische
.
moseren Zeit auf die Welt kommen als heutzutage. Wenn man Bevölkerung ihres Uberschusses und konstituiert einen neuen
in 7 Tagen von London nach Kalkutta fährt, werden wir beide Markt, der begierig ist nach den Produkten der alten Welt. Es
längst geköpft sein oder Wackelköp fe haben. Und Australien treibt außerdem die Bevölkerung an, die Schafe zu vernachlässi­
und Kalifornien und der Stille Ozean! Die neuen Weltbürger gen, derenWolle Europa überflutete. Doch diese Gegentende�z
werden nicht mehr begreifen, wie klein unsere Welt war."85 zur normalen geschichtlichen Entwicklung bedeutet auch die
Doch die Enge, welche die zwei Rheinländer immer bedrückt Produktion einer karikaturhaften Geschichte, welche den Tri­
hat, wird gerade besiegt: "Der Steam um die Welt wird in 6 umph des Lumpen anstelle des weltweiten Konflikts zwische �
M onaten in vollem Gange sein, und unsere Prophezeiungen Bourgeoisie und P roletariat sicherstellt. " (...) Unsere Prophezei­
übe r die Suprematie des Stillen Ozeans realisieren sich noch ungen über die Suprematie des Stillen Ozeans realisieren sich
rascher als wir erwarten konnte n. " 8 6
noch rascher als wir erwarten konnten. Bei dieser Gelegenheit
Auch das Fieber der großen Kommunikat ionsmittel und die werden auch die Engländer herausfliegen und die Vereinigten
Faszination für den zu erreichende n Ozean müssen der Motor
Staaten der deportierten Mörder, Hausbrecher, Notzüchter
der großen Zerstörung sein. "Russland importiert Kapital und
und Taschendiebe der alten Welt ein erstaunliches Exempel
Spekulatio n, und an diesen Distanzen und hundertmeiligen
geben von dem, was ein Staat von unverhohlenen Schuften für
Eisenbahnen wird sich der Schwindel wohl so entwicke ln,
Wunder verrichten kann. (...) Während in Kalifornien noch die
dass er binnen kurzem den Hals bricht. Wenn wir erst von the Schufte gelyncht werden, wird man in Australien die honnet�s
Grand Irkutsk Trunk Line with branch es to Pekin pp. hö ren, gens lync hen, und Carlyle wird seine aristrocracy of rogues 1n
dann wird es Zeit, unsere Bündel zu schnüren. Diesmal wird voller Glorie etabliert sehn . " 8 9
der crash so unerhört wie noch nie; alle Elemente sind da:
Das Wasser und das Feuer der wirtschaftlichen Modernität
Intensität, universelle Ausbre itung und Hineinverwic klung
sind also demselben Prozess der Degeneration ausgesetzt wie
aller besitzenden und herrschenden sozial en Elemente. 7
"8 die Erde und die Luft des alten Krams der Politik. Der lVick­
Doch das Wasser des Handels und das Feuer der Zers tö rung Jl'iirt�gan(g, die Komödie des Lumpen lebt wie ein Parasit vo
lasse n sich nicht so einfach vermählen. Die Spekulati on zö gert, �
"Kö nigsweg" der "letzten Instanz" . Auf dem Theater des Unl­
sich Hals über Kopf auf die Wege zum Pazifik zu stürzen. Ande­ ve rsellen wird die Bettleroper aufgeführt . Auch hier stellt die
re jedoch stürzen sich darauf, die auf ihrem Rücken den ganzen Ap oth eose der Bettle r eine Metapher dar und verweist von der

148
1 49
Peripherie aufs Zentrum. Das Phantasma der bonapartistischen schmarotzt an ihrer Logik der Zerstörung. Man könnte dabei
Unterwelt metaphorisierte die Dekadenz der Bourgeoisie, ihren dieselben Gestalten ausmachen wie in der p olitischen Eska­
Zerfall in einfache Individuen, Träger materieller, bürgerlicher motage der Revolutio n. So schreckt die Spekulatio� :� r dem
.
Interessen. Das Bild der australischen Unterwelt metap horisiert großen selbstmördensch : n Aben � euer ?. er � ranss1b1nschen
den Zerfall der Arbeiterklasse. Diesen Zerfall darf man nicht als Eisenbahn zurück, dem wtrtschafthchen Aqutvalent der Kon­
einfache Zerstreuung auffassen, sondern man muss ihre etwaige frontation des Juni 1 84 8 ; die B örsen und die Nachbarmärkte
Befriedung in einer Summe von Individuen mitdenken, die von �
springen bei denen, die wanke � , ei , s � wie die Klas �en die
.
"gemeinsamen" Interessen vereinigt sind, die ihnen ebenso mit Aufgaben ihrer Nachbarn erledtgten 1 ; dte Schaffung "ftkttver
der Bourgeoisie gemein sind. Märkte" entspricht den "künstlichen Klassen" des Staats­
Die Korruption der europäischen Arbeiterklasse nimmt schmarotzertums. Im Zentrum, am Anfang und am Ende der
nämlich zwei Formen an. Es gibt den Verrat der Kämpfer, die Entwicklung, triumphiert die Eskamotage. Es gibt in England
vom Gold der neuen Welt angezogen werden. Die Sache scheint kein revolutionäres Proletariat und kann keines geben. "Sie
ausreichend wichtig zu sein, da sie eine Ausführung in der Eröff­ fragen mich, was die engl ischen Arbei ter von der Kolonial­
mmgsansprache der Internationalen erhält. Doch diese Deserteure politik denken? Nun, genau dasselbe, was sie von der Politik
sind auch die Bäume, die den Wald verstecken. Die radikale überhaupt denken: dasselbe, was die Bourgeois davon denken.
Korruption ist die Integration, die einseitige Konstitution als Es gibt hier ja keine Arbeiterp artei, es gibt nur Konservative
Klasse jener englischen Arbeiter, denen die Aufgabe zukam, und Liberal-Radikale, und die Arbeiter zehren flott mit von
an die Spitze der Weltrevolution zu treten. Die englische Ar­ dem Weltmarkts- und Kolonialmonopol Englands. "92
beiterklasse, die von ihrer überschüssigen Bevölkerung befreit Das Inseldasein, das England zum Zentrum des Handels
wurde und von den neuen Märkten profitiert, entscheidet macht, isoliert es zugleich vom Feuer der Revolution. Das
sich für die bürgerliche Ordnung. "Diese bürgerlichste aller Meer des Handels wird nun selbst zum Sumpf, wo die Waren
Nationen [scheint] es schließlich dahin bringen zu wollen, versinken, deren Akkumulation explosiv sein sollte, und wo
eine bürgerliche Aristokratie und ein bürgerliches Proletariat die Klasse der Zerstörung in den "niedrigen Gewässern" der
neben der Bourgeoisie zu besitzen. Bei einer Nation, welche Konservation "planscht". England ist nur das Zentrum für die
die ganze Welt exploitiert, ist das allerdings gewisserm aßen Dezentrierung der Wissenschaft . D as Proletariat muss anders­
gerechtfertigt . Hier könnten nur ein p aar grundschlechte Jahre wo entstehen.
helfen, und diese scheinen seit den Goldentdeck ungen so leicht
nicht mehr herzustelle n. Ich muss übrigens doch sagen, dass
mir die Art und Weise, wie die überp roduzierte Masse, welche Die Reiter mzd die Schauspieler
die Krise hervorrief, absorbiert worden ist, durchaus nicht klar
ist; ein so rascher Abfluss einer so heftigen S turmflut ist noch Die Wissenschaft und die Revolution haben definitiv etwas mit
nie dagewesen. "90 der Rückständi gkeit zu tun. Die Wahrhei t von 1 8 44 gilt auch
Alles passt also zusammen. Die Arbeiterklasse ist zu ver· noch 1 8 84. Engels erklärt in diesem Jahr Bebel und Kautsky
bürgerlicht, um sich revolutio när der Krise zu bemäch tigen . die neue Form, die das deutsche P aradox angenom men hat.
Und die Krise, die sie radikalis ieren sollte wird auf meh r oder
. '
�n Frankreich und in England ist die indus trielle Revoluti � n
:vemger unklare Weise behoben. Die Gerecht igkeit der Krise lm Wesentlichen
abgeschlossen. Die Trennu ng von Industne,
1st ebenfalls Sache der Mischung. Eine Logik des Wegzauberns Handwerk und Landwirtschaft ist vollbrach t . Die Lebensbe-

150 151
......

dingungen des Proletariats sind in einem Rahmen gefestigt, unsern revolutionären Siebensachen und uns auf
P acken mit
in dem die kapitalistische Entwicklung mächtiger ist als der die höh ere Th eon. e werfen. "95
Gegendruck der Ar� eiter. Es gibt also keine Gelegenheit für Es ist diesm al unnötig, die Siebensachen zu packen. Denn die
die revolutionäre Uberraschung. Wenn diese Chance für erwartete Gelegenheit - die p reußische Niederlage gegen Ös­
Deutschland existiert, dann deswegen, weil es die industrielle terreich - erweist sich als gegenteilig auf dem Schlachtfeld von
Revolution unter den schlechtesten Bedingungen gekannt hat. König grätz. Marx kann ironisieren über die Ironie jeder Theorie
Die modernen Lebensumstände haben die zerstreuten Glieder des Kairos: "Nächst einer großen Niederlage der Preußen, die
der alten handwerklichen und bäurischen Ordnung mit voller vielleicht (aber die Berliner!) zu einer Revolution geführt hätte,
Wucht erwischt. Das Ergebnis ist ein Ungleichgewicht, das konnte nichts Besseres passieren als ihr immenser Sieg. "96
jede Gesellschaftsgruppe erfasst und sie in eine allgemeine Doch die Interpretation dieses Sieges ist selbst zwiespältig.
Vermischung bringt. Das häusliche Handwerk kämpft gegen Marx sieht darin die ironische, aber unwiderlegliche Bestäti­
die Maschinen. Die ruinierten Kleinbauern werfen sich in das gung der materialistischen Theorie. Das p reußische Zündna­
häusliche Handwerk. Die Arbeiter müssen Kartoffeln anbauen, gelgewehr hat den Sieg gebracht. " Unsere Theorie von der
um über die Runden zu kommen. Dieser Vermischung, die Bestimmung der Arbeitsorganisation durch das Prod11ktionsmittel,
an die klassischen Bilder der Rückständigkeit erinnert, gibt bewährt sie sich irgendwo glänzender als in der Menschen­
Engels jedoch einen ganz anderen Namen: Für ihn ist das eine abschlachtindustrie?"97 Er drängt Engels, den Spezialisten in
"direkte Umwälzung aller Lebensverhältnisse" . Durch sie wird Militärfragen, darüber einen Anhang im Kapital zu schreiben.
Deutschland in eine "gesellschaftliche Revolution gerissen", Engels verspricht zu versuchen, dieses "Ding über die Massa­
"die schließlich auf die Enteignung des kleinen Bauern und kerindustrie zu machen". Doch er interessiert sich sonderba­
Handwerkers hinausläuft". Dieser deutschen Struktur ent­ rerweise für einen anderen Aspekt des Problems: die Ladung
spricht wieder dieselbe paradoxe Chance. Diese Revolution von hinten. Und damit bringt er vollständig die materialistische
vollzieht sich "zu einer Zeit, wo es gerade einem Deutschen, Theorie durcheinander, die den Fortschritt der Feuerwaffen
Marx, vergönnt war, die ganze Natur ( ... ) der kapitalistischen mit dem Niedergang der Kavallerie einhergehen lässt. "Bei
Produktion klarzulegen. "93 allgemeiner Hinterladung wird die Kavallerie wieder zu ihrem
Doch wie genau soll man diesen Zufall verstehen? Welchen Rechte kommen. "98
Platz hat die Wissenschaft zwischen der Korruption der Ent­ Eine Polemik durch die Blume zwischen dem Gelehrten
wicklung und den Gelegenheiten der Rückständigkeit? "Wenn Marx und dem Reiter Engels. Eine Frage der Wissenschaft
ich bloß meine Privatneigung fragte, so könnte ich wünschen , und der Ethik zugleich. Der Gelehrte wirft seinem Freund
dass die Ruhe auf der Oberfläche noch einige Jahre fortdauerte. seine Reitergroßtaten vor. Er denkt nicht, dass die Kavallerie
Es ist jedenfalls die beste Zeit für wissenschaftliche Unterneh­ "die Spe zialität" ist, für welche Deutschland ihn am nötigsten
mungen (...)"94 Diesem Begehren des Gelehrten entspricht das braucht.99 Engels antwortet auf dem Niveau der doxc1 (der Ruf
zwiespältige Wissen des Revolutionären. Die - wirtschaftliche als R eiter mach t den Ruhm Bonapartes aus, obwohl er nicht
oder politische - Krise ist eine Gelegenheit, einen Einschnitt so gut springt wie Engels) , doch auch auf der Ebene der lf7issen­
zu machen, da, wo die Klassen noch nicht festgemacht sind. scb(1?: D ie Reitkunst ist i m Grunde "die materielle Basis meiner
"Ich glaube, in 14 Tagen geht es in Preußen los. Wenn diese ganzen Krieg sstu dien". 100
Gelegenheit vorübe rgeht, ohne benutzt zu werden, und wenn D er Krieg ist definitiv nicht die Stärke des Gelehrten. Seine
die Leute sich dies gefallen lassen, dann können wir ruhig ein- Leidensc haft für die Notwendigkeiten der Geologie ist das Ge-

152
153
genmittel gegen den Geschmack seines Freundes an den Risiken � Ebe nso müssen die Erdbeben der Produktio nsweise .
ffen. D1e
des Reiters. Während Engels die Gründe und Wirkungen des e en die revolutionäre Komödi e sich Recht verscha
militärischen Sieges Preußens studiert, begeistert sich Marx für �L ensch aft vom Boden muss ohne Zwiesp ältigke iteil für den
das Werk von Tremeaux, Urspnml!, und Tran.iformation des Almsehen Gelehrten zeugen, welche r der Stürme der Geschi chte müde
und der anderen Leben·esen, das kürzlich in Paris erschienen war. � .
Ihm zufolge verleiht dieses Buch der D arwin'sche n Theo rie Denn das grundlege nde Risiko, das die revolution äre Akuon
eine wissenschaftliche Grundlage. Der Unterschied in der bedroht, ist nicht die Gefahr der Niederl age und des Todes
Beschaffenheit des Bodens erklärt die Ausdifferenzierungen im Kampf, sondern das der Komödi e. In der Dial : ktik, . das
in der Evolution der Tiere und der Menschenrassen . Umsonst hat Hegel gut aufgezeig t, ist das Li"cherliche tädlich. D1e S at1ren
wendet Engels ein, dass T remeaux "weder Geologie versteht von Lucian haben die griechisc hen Götter ins Grab gebracht .
noch der ordinärsten literarisch-historischen Kritik fähig ist."101 Die moderne Revolution wird von innen angegriffen von den
Marx lässt das nicht gelten. "Tremeaux' Grundidee über den Komödianten, die ihr als Ausführende dienen.
Einfluss des Bodens (. . .) ist nach meiner Ansicht eine Idee, die Die revolutionäre Tat ist von Rechts wegen eine Aktion,
nur attsResprochen zu werden braucht, um sich ein für allemal die "aus dem Klassenkam pf selbst entspring(t) " 104• Doch auf
Bürgerrecht in der Wissenschaft zu erwerben. " 102 dem Schlachtfeld regiert eine andere Logik. Per definitione m
Das ist vielleicht die Gelegenheit zu unterstreichen, dass das gehorcht die Rn•olution nicht den �oesellschalflich
0 �· en Gesef"7eJZ.

Sie gehorcht
Urteil von Sartre und anderen, dem zufolge die Wissenschafts­ auch nicht den einfachen Regeln der militärische n Strategie.
gläubigkeit von Engels die historische Dialektik von Marx Die Logik der Revolution ist Sache der Physik. Doch nur einer
ruiniert hätte, völlig ungerechtfertigt ist. Was die Naturwis­ bestimmten Physik, die im Gegensatz steht zur Chemie der
senschaft betrifft, ist Engels oft umsichtiger als sein Freund. Böden, nämlich der spektakuläre n Physik der Wirbel. "Eine
Eben weil er weniger an die Wissenschaft und mehr an die Revolution ist ein reines N aturphänom en, das mehr nach
Geschichte glaubt. Die Ungeduld des Reiters macht die Geduld phys ikalischen Gesetzen geleitet wird, als nach den Regeln,
des Gelehrten aus. Eine Entscheidung über die Evolution kann die in ordinären Zeiten die E ntwicklung der Gesellschaft be­
warten, wenn sie eine Angelegenhe it des Geländes ist. Und stimmen." 1 05 Die Männer der Partei werden, so kommentiert
es besteht kein Paradox darin, dass diese Zurückhaltung vom Engels, gegen ihren Willen in diesen Wirbel gezogen. Es ist
Risiko begleitet wird, eine Dialektik derNatur zu schreiben. Denn besser, die Freiheit der Parteilosen zu bewahren. Doch das ist
diese ist zuerst eine militärische Operation , die für die revolu­ eine Überlegung im Nachhinein. Auf dem Schlacht feld der
tionäre Aktion das von der Invasion der Wissenschaft bedrohte deutsch en Revo lution von 1 84 8 wie in den Vorbereitungen,
Terrain bewacht. Der "naive" Liebhaber der Naturwissenschaft die jede Krise begleiten, die eine revolutionä re Hoffnung trägt,
ist Marx, nicht Engels. Sein geologisch er Materialismus ist eine erscheint viel eher das Gegenteil. Die Gelehrte n und die Strate­
Art und Weise, die Komödie zu bannen, welche die Geschichte gen kö nnen noch so sehr "objektiv" revolutio närer s ein als die
annagt. Der Zweifel des Revolutionärs macht die Un geduld des "Phrasenmacher" 106 , diese besetzen die Bühne. Die Objektivität
Gelehrten aus. Die geologisc he Theorie der R assen muss über kommt immer zu spät. Die Mischung aus preußischer Brutalität
ihre darwinistische Kriegstheorie siegen. Genau so, wie die und südde utschem Komödiantentum , welche die Gaukle r der
Partei, "die aus dem Boden der moderne n Gesellschaft übe rall Rev olutio n ke nnzeichnen ist mehr als die Zivilisie rtheit der
na:urwüchsig sich bildet" 103 , die respekt ablen Arbeiterorgani­ � d
r ei nisch en Wiss enschaft ie Tugend, die notwen dig ist, um
satiOnen und die kleinen fahrenden Rittergruppen vernichten dre revolutio näre Gelegenheit beim Schopf zu packen. Nur

1 54 155
wird sie in die Gelegenheit umgewandelt, Komödie zu spielen. ersten Sturmwetter wegge fegt werde n." 109 Die Korrektur ist
. .
Die Komödianten sind die Könige, immer wieder: Männer, mc· ht die einfac he Reue des Revolution ärs ü b er d'1e ge h e1men
die ihr Leben damit verbringen, zu üben und den richtigen Dämonen des Philosophen. Im J ahrhund ert d er Pro du ktlon 1st
· ·

Moment abzuwarten, um auf die Bühne zu steigen, eine Pose die Muße ein lr/erk. Und das Werk ist die absolute Aufopferung
einzunehmen, die Stimme zu erheben oder die Banner zu des Autors. ..
schwenken. So bemerkt Marx im Jahr 1 85 8 , im Wendejahr, das Zumindest zwei sind es, auf jeder Seite des Armelkanals,
den Emigranten neue Hoffnung einhaucht, dieses Manöver, das welche dieses Absolute der Werk-Aufop ferung denken, wel­
gute Chancen hat, wieder einmal die Stimme der Wissenschaft che ihren Autor von j eder Teilnahme an der bürgerlichen
zu übertönen: "Die Leute fühlen alle, that there is something Komödie losspricht. Unendlich entfernt und ganz nahe: der
moving again. Und drängen sich natürlich mit Freiheitsfahnen reaktionäre Rentner Flaubert, eingeschlossen in der Wärme
auf die Bühne. [ . . . ] Zudem hat meine F rau ganz recht, wenn seinem Schreizimmer von Croisset; der Journalist Marx, der
sie sagt, dass nach alle der Misere, die sie durchmachen musste, in seiner Zwei-Zimmer-Wohn ung in Chelsea mit der großen
es in der Revolution noch schlechter werden und sie das Ver­ Familie zu kämpfen hat, die Kinder, die sterben, die Gläubiger,
gnügen erleben wird, alle Humbugs von hier drüben wieder die man jeden Tag abwimmeln muss und die Krankheit, die
Triumphe feiern zu sehen. [ . . . ] Sie sagt a la guerre comme a la immer wieder zurückkehrt. Beide wurden jedoch gleicherma­
guerre. Aber there is no guerre. Alles bürgerlich. " 1 07 ßen d urch die revolutionäre F arce davon überzeugt, dass eine
Sache zu tun bleibt: das Werk, das die totale V erneinung der
herrschenden Kleinlichkeit ist, die bürgerliche Welt verneint
Die Pflicht des Bttches von ihrer Abbildung.
Es handelt sich um eine Nähe, die Sartre sich in jenen Seiten
Weder die Entwicklung der Produktion n och der kriegerische
fernzuhalten bemüht, die er dazu schreibt, die Übereinstim­
Einschnitt können von sich aus entscheiden d sein in einem
mung des Flaubert'schen Nihilismus mit dem Wunsch der
Universum, in dem alles bürgerlich ist. Der ganze Unterschied
Bourgeoisie aufzuzeigen, die p roletarische und revolutionäre
muss sich in der Wissensch aft von der zukünftige n Partei kon­
Subjektivität umzubringen, die in der Konfrontation des Juni
zentrieren. Sie allein beinhaltet die Verneinu ng der bürgerli­
1848 zu sehen war. 1 1 0 Wie sollte man nicht erstaunt sein über
chen Welt. Sie ist zugleich die absolute Muße des Philosophen
die Art, wie sich die zwei Liebhaber Cervantes' zur gleichen
und die totale Aufopferung des Aktivi sten.
Zeit in das donquijoteske Projekt des absoluten Werkes werfen,
Die Zeit der Wis senschaft ist nicht nur das Intervall, das
das die absolute Aufopferung des Autors ist? Wahrscheinlich
zwischen zwei Krisen erlaubt, sich der Forschun g und dem
übersteigt das Projekt der Marx' sehen Wissenschaft den einfa­
Schreiben zu widmen. Sie ist auch die absolute Distanz, die chen F laub ert'schen Nihilismus, der durch die Aufopferung des
gerade inmitten des Elends zu den Beschäft igungen der Massen Autors das Werk als Negation der bürgerlichen Welt existieren
eingeno mmen wird: Nach "den E rfahrungen der letzten 10 lässt. Die Aufop ferung von Marx zielt nicht nur darauf ab,
Jahre, muss die Verachtung der Massen wie der einzelnen bei das Werk ins Dase in zu bringen, sondern auch die Partei, die
jedem rational being so gewach sen sein, dass ,odi profanum Wirklichkeit der Trennun g in Taten. D och das Flaub ert'sche
vulgus et arceo' fast aufgedrungne Lebensweish eit ist." 1 08 �egenbeispiel zeigt gut, was die Marx'sche Aufopferung nicht
Die Brutalität der Aussage wird allerdin gs sogleich korrigiert: Ist. Es geht nicht, wie die guten Seelen glauben, um die einfache
"Doch alles dies sind selbst Philist er-Stimmungen, die vo m Hin gabe an die Erzeugung der Wissenschaft, die dazu bestimmt

156
157
ist die Proletarier mit dem Wissen von den " objektiven Bedin­ der Iden ti t ät der Widersprüche in sich trägt. Der Beweis wird
gu� gen" ihres Kampfes auszustatten. Das Proletariat braucht von Spielbeginn weg in der ersten Beschreibung des W arenver­
nicht die Wissenschaft vom Kapital, um sich zu bilden. Es hältnisses geliefert. Denn die große Errungenschaft ist nicht,
braucht sie zum Existieren. Das Proletariat existiert nur durch den Mehrwert freigelegt zu haben. D ieses Geheimnis kennt
seine Einschreibung in das Buch der Wissenschaft. jeder, und die sorgfältigen U nterscheid�ngen zwischen dem
Die Einschreibung ist vor allem die Erzählung einer Reise Wert der Arbeit und dem Wert der Arbeitskraft haben in dieser
in die Hölle: "Aus dem buntscheckigen Haufen der Arbeiter Hinsiebt k eine Wichtigkeit. Die große Errungenschaft ist, von
von allen Professionen, Altern, Geschlechtern, die eifriger auf vornherein die Proudhon'sche Lösung des Mehrwerts ruiniert
uns andrängen als die Seelen der Erschlagnen auf den Odysseus zu haben : den freien und gleichen Tausch von Arbeit zwischen
und denen man, ohne die Blaubücher unter ihren Armen, auf Produzenten. Eine ökonomische Häresie, vielleicht. Doch vor
den ersten Blick die Überarbeitung ansieht, greifen wir noch allem bedeutet es den Sturz der großen Logik von Produktion
zwei Figuren heraus, deren frappanter Kontrast beweist, dass und Zerstörung in die Kleinlichkeiteil der Ökonomie der Ar­
vor dem Kapital alle Menschen gleich sind - eine Putzmacherin beit. In diesem Sinn ist mit dem Beweis im ersten Kapitel, dass
und einen Grobschmied. " 1 1 1 "[r]elative Wertform und Äquivalentform [ ... ] zueinander gehö­
Eine erstaunliche Vision. Ganz offensichtlich tragen die toten rige, sich wechselseitig bedingende, unzertrennliche Momente,
Seelen der kapitalistischen Hölle nicht Blaubücher unter dem aber zu gleich einander ausschließende oder entgegengesetzte
Arm. Im Gegenteil, Marx hat ihre Gesichter in den Blaubüchern Extreme, d.h. Pole desselben Wertausdrucks [sind]" 113, alles er­
der Untersucher und Inspektoren der Fabriken gefunden. Und ledigt. Sobald feststeht, dass die Äquivalentform der Ware eine
die exzessive Arbeit, der er beim ersten Hinsehen erke n nt , ist ausscb!ießende Form ist, ist die Sache gelaufen. Der Prouhonismus
auch die seine. Marx berichtet Engels, dass die langen Seiten des ist unmöglich geworden. In gewisser Weise ist die Beweisfüh­
Hinabsteigens in die proletarische Hölle die Frucht höllischer rung des Buches in seinem ersten Kapitel vollendet.
Stunden sind, in denen die Krankheit und die Müdigkeit ihm Doch das Buch ist auch die Einschreibung des Proleta­
nicht erlauben, seine wissenschaftliche Demonstration weiter­ riats - oder, was auf dasselbe hinausläuft, der Partei - in die
zuführen. 112 Sie sind jedoch deshalb nicht Füllmaterial, das den Wisse nschaft. Und dies ist eine endlose Aufgabe. Denn die
Autor und seine Leser von den Trockenheiten der Wissenschaft Wissenschaft, welche die einzige Klinge der Partei ist, muss
ausruhen lassen soll. Sie stellen eher den Mythos der Wissen­ unanfecht bar sein. Und sie kann es nur sein, wenn sie von
schaft dar. Sie sind das Ergebnis der absoluten Aufopferung, der Krise zu Krise und von Dokument zu Dokument studiert, wie
Höllenfahrt, die notwendig ist, um der stimmlosen Masse der das Kapital es schafft, jedes Mal seinem Tod zu entrinnen. Die
toten Seelen das Buch zu geben, das es vom V ergessen erlösen Beschreibung des Todes, eingeschrieben ins erste Kapitel des
wird; um das Subjekt Proletariat an die Stelle des buntschecki­ ersten Buch es, muss ebenso lange entwickelt werden, wie das
gen Haufens von Arbeitern zu stellen. Die Wissenschaft ist vor Kapital Mittel findet, seinem Schicksal zu entrinnen. Denn das
allem, im starken Sinne des Wortes, lviederen·nnemt�f!,· Kap ital ist offensichtlich mehr leibnizianisch als hegelianisch. Es
Das Proletariat an den Platz der toten Seelen zu setzen, be­ wird nich t verschwinden, bevor es nicht all seine Möglichkeiten
deutet im Wesentlichen, aus dem Buch die Einschreibung des erschöp ft hat. Und der Gelehrte, der sein Leben der Wissen­
Widerspruchs zu machen. In dieser Hinsicht hat das Buch die s�haft v om Proletariat geopfert hat, wird sich daher zurück an
Aufgabe, eine Sache zu sagen: dass die kapitalistische Produktion, dle Arb eit begeb en müssen und die Aufopferung bis ans Ende
und selbst die einfache W arenproduktion, die explosive Macht vollziehen .

158 159
Das unbekannte 1\Ieistennrk hat er noch Zeit. Und was D okumente betrifft, sind die Russen
nicht geizig. Bleibt also bloß noch die Sprache zu lernen. Kurz,
Ein unvollendbares Werk. Man kann das auf mehrere Arten man kann zuversichtlich sein: "Die Masse an Material, die ich
verstehen. Der Blickpunkt des Arztes ist einfach. Der D oktor nicht nur aus Rttssland, sondern auch aus den T/erein{f!.,ten .Staaten
Kugelmann regt sich imm�r � ied� r d� rüber auf: Warum lässt usw. erhalten habe, gibt mir glücklicherweise den ,Vorwand' ,
sich Marx beständig vom e1nz1g wiCh ttgen Werk des Jahrhun­ meine Untersuchungen fortzusetzen, ,anstatt sie endgültig für
derts der triumphierenden Wissenschaft, der Vollendung des die Veröffentlichung abzuschließen. " 1 1 7
Kapitals, ablenken? Wenn er krank ist, so soll er sich ein für Die Dummheit besteht darin, fertig werden zu wollen."
alle Mal auskurieren! ;
D s hat wiederum Flaubert gesagt. Marx bezieht sich eher auf
Die Familie Marx mag keine Morallektionen. Die junge Balzac. Weil er, "obwohl reaktionär" den Klassenkampf gezeigt

Jenny, die in ihrer Ehre als Kranken üterin � ngegriffen ist,
.
hat? Die Sache ist vielleicht verwickelter. Nicht Die Bauern
antwortet trocken: "In Wahrheit verhtndert dteses Buch J ede empfie hlt er Engels, sondern Das unbekannte Afeistennrk.11 8 Die
Heilung." 1 14 Marx will es nicht aufgeben, um sich zu ku�ieren. Geschichte eines absoluten Werkes, das j edes eifersüchtigen
Dieser zweite Band eines Werkes, "dessen ersten Band dte gro­ Blickes e ntz ogen ist und mit seinem Schöpfer untergehen wird,
ße deutsche Nation nicht die Güte h atte, zu lesen" , ist reine sobald der Blick eines anderen sein Geheimnis durchdrungen
Aufopferung für "das noble Anliegen des Proletariats'� . haben wird: nicht, dass es n ackt wäre wie der König, sondern
Daran erinnert auch Marx gerne. E r lacht über dte "sog. ist es unsichtbar, weil die Farben und die Formen der wahren
,praktischen' Männer", die den Menschheitsqualen den Rücken Natur so hervorgehoben sind.
kehren, um nur für ihre eigene Haut zu sorgen. 1 15 Er verste t � Das Buch, das der Partei seine Identität verleihen soll, ist ein
die "Praxis" in ganz anderer Weise. D och es gäbe auch em Werk von derselben Art. Unendlich verzögert, weil sein Autor
Mittel, um sie zu versöhnen. Engels schlägt es ihm öfters es der Leserschcift nicht liefern ll'Zil. Engels wird die Bestätigung davon
vor. Es ist vielleicht nicht notwendig, alle Materialien über nach Marx' Tod haben: Das Werk war beinahe vollendet! 1 19
die Grundrente in allen Ländern gelesen zu haben, um der Jedoch war es auch in einem Zustand systematische r Unvoll­
Leserschaft die Studie über die Reproduktion des Kapitals zu endethei t. Denn ansonsten wäre es auch nicht die absolute
liefern. Warum nicht mehrere kleine B ändchen nacheinander Aufop ferung gewesen. Und dann wäre es ja auch etwas Nach­
veröffentlichen? Man muss also einen anderen Grund angeben: ahmb ares, Wiederho l bares, etwas P rostituiertes, ein ;;;ar:>.:istisches
Das !Gpitalist kein wissenschaftliches Buch wie die anderen. Der Werk.
"Vorzug meiner Schriften" ist, "dass sie ein artistis� hes Ga�­ Marx war kein Marxist, das weiß man. D as bedeutet nicht,
.
zes sind, und das ist nur erreichbar mit meiner Wetse, s1e me dass er nicht "dogmatisc h" gewesen wäre. Es bedeutet, dass er
drucken zu lassen, bevor sie J!,anz vor mir liegen . Mit der J ac� b nicht Mitglied seiner eigenen Partei war. Engels wird das auch
Grimmsehen Methode ist dies unmöglich (. . .) . " 1 1 6 Jetzt .we1ß
.
Bernstein zu verstehen geben: Er ist nicht sein "Kamerad".
man Bescheid! Der Künstler Karl Marx arbeitet nicht wte d1e Jedes Mi tgl i ed einer Partei imitiert, wiederholt und verformt
Philologen und die Wörterbuchverfasser, wie die Handlanger das Kunstwerk in eine Komödie und in eine Technik. Deswe­
der Schrift. gen reitet dies er Gelehrte auch so sehr
auf den Formulierun­
Auf geht's zur Vertiefung der Grundrentenfragel Und dafür gen h erum. Waru m korrigiert er
mit so manischer Sorgfalt
hat der Doktor Marx unvergleichliche Verbündete, die Russen . das Gothaer Pro,gramm? Weil der
Klassenkampf oft von einem
Bevor der Künstler die Agrarfrage in Russland aufgeklärt hat, schle cht verstan dene
n Wort abhinge und die theoretischen

1 60
161
Fehler "schwere" politische Folgen hätten? Das bedeutete zu produktinrArbeiter; d: nn sein P.rodukt ist von vornherein unter
glauben, dass die Politik im 1 9 . Jahrhundert noch der Kunst das Kapi tal subsu miert und findet nur zu dessen Verwertung
der Zucht angehören würde. Marx hegt keinerlei Illusion statt. " 12 1
darüber. Selbst wenn das Programm einwandfrei ist, wird Man erkennt, inwiefern Das Kapital eine "Kritik der poli-
Liebknecht es falsch anwenden. Genauso wie das Programm tischen Ö konomie" ist: Sie ist eine Kritik der produktiven
der französischen Partei nicht deswegen diktiert werden muss, Arbeit. Die wahre Produktion ist auf Seiten von Milton und
um seine genaue Anwendung zu garantieren, sondern um es der Seidenwürmer, auf Seiten derer, die ohne Chefs und ohne
vor jeder "Anwendung" streng zu schützen. Das Programm ist Kalkül produzieren. Das donquij oteske Werk findet seine ge­
zur Erinnerung da. Der Text muss um seinehPillen gewissenhaft naue Entsprechung in der Pariser Revolution von 1 8 7 1 : eine
respektiert werden, und wenn einfach kopiert werden muss, Revolution des erstürmten Himmels, Regierung der "einfachen
was man nicht versteht. 1 20 Denn er appelliert an die Zukunft, Arbeiter", welche die "hochbez ahlten Sykophanten" des Staa­
an eine Revolution, der die "richtigen" oder "falschen" Taten tes ersetzt und ihre Arbeit erledigt "wie Milton sein ,Paradise
dieser Hanswürste von Parteichefs herzlich gleichgültig sind. Lost' schrieb, das heißt für ein paar Pfund" . 1 22 Verlorenes und
Und er appelliert daran als unnachahmliches Kunstwerk . wieder kurz erspähtes Paradies der Antilohnarbeit, von dem
Die Kunst, das heißt - und auch das hat sich verändert seit die Muße des Werkes die Lf/'iedererinnerung produzieren muss
der Zeit der Hirtenkönige -, Anti-Technik, Anti-Nachahmung, in dem Intervall, in dieser anderen Zeit, welche die besonderen
Anti-Arbeit. Unter den "theoretischen Fehlern" mit "schwe­ Momente der revolutionären Unterbrechung trennt.
ren" Konsequenzen, die Marx am meisten ärgern, sind immer
an erster Stelle diejenigen, die das Wort Arbeit beinhalten . So
fällt er in der Kritik des Gothaer Programms über diesen Paragra­ Die hemmirrmde !Vissenschcift
phen her, der die Arbeit zur "Quelle alles Reichtums" erklärt,
und dabei die Nat11r vergisst. Er hütet sich davor, dass irgendeine Es besteht ein besonderes Verhältnis zwischen der Zeit des
Sprachungenauigkeit den "Wert der Arbeitskraft" in den "Wert Werkes und der Zeit der Revolution, j enseits jeder Vernunft
der Arbeit" verwandelt. In Wirklichkeit irrt sich in der Praxis der wirtschaftlichen Entwicklung und der Konstitution der
niemand darin. Es ist eine Prinzipienfrage, eine Frage ontolo­ Klasse . Es gibt keine politische Kunst, welche die Klinge der re­
gischer Würde. Niemand wird eine Ware mit einem Prinzip voluti onären Wissenschaft mit den Einschnitten der Sozialge­
verwechseln. Die reine Produktion, die zur revolutionären schichte zusammenbringen könnte. Die deutsche Misere, die
Zerstörung aufruft, hat die Eigenschaft, welche die Kunst vor der Wisse nschaft vom Kapital die Möglichkeit gibt, in London
der Arbeit auszeichnet: Sie hat keinen Preis. Kunstwerk und Werk stattzufinden, besiegelt auch ihr ruheloses Schicksal. Diese Wis­
der Natur. Marx sagt uns das an dieser sonderbaren Stelle in den sens chaft ist weder die Beherrschung eines Gegenstandes noch
Theon'en iiber den Afehnvert, wo offensichtlich verstörende Beispiele die Bildung eines Subjekts. Indem sie das Primat der Produktion
von der produktiven Arbeit verwendet werden. "Milton pro­ verkündet, ist sie paradoxer Weise in der Einsamkeit einer
duzierte das ,Paradise Lost' aus demselben Grund, aus dem ein Kunst ein geschlosse n, die nunmehr in unendlicher Entfernung
Seidenwurm Seide produziert. Es war eine Bestätigung seinerNa­ v? n jede r Tech nik liegt. Die m aterialistische "Umkehrung",
tur. Er verkaufte später das Produkt für 5 1. Aber der Leipziger d1e Rückkehr des Himmels auf die E rde, hat die unerwartete
Literaturproletarier, der unter Direktion seines Buchhändlers Konse que nz, den Raum der Praxis zunichte zu machen. Keine
Bücher (z.B. Kompendien der Ökonomie) fabrizierte, ist ein rechte Meinung mehr, wo jeder Umstand von Rechts wegen der

1 62
1 63
Wissensch aft unterliegt, doch wo die Wissenschaft dazu ver­ Nichts ist nämlich l ächerlicher, als aus den Marx'schen
urteilt ist, immer im Nachhin ein die Kehrtwendung der U rn­ Schriften Argumente ziehen zu wollen, um den reformistischen
stände zu interpretiere n. Keine politische Kunst, die geeignet oder revolutionären Weg zu rechtfertigen. Die Wissenschaft

ist, die glückliche Verflechtung der Gesel schaftsch araktere zu lehrt nicht ihren Gebrauch. Ihr E ndpunkt ähnelt ihrem Aus­
flechten. Es wäre sicherlich sonderbar , e1nen Weberkönig im gangspunkt, der Zeit, als der Philosophiestudent Karl Marx der
neuen Zeitalter zu finden, das vom mechanischen Gewerbe Jury die folgende Beweisführung vorlegte: Die Physik Epikurs,
gegründet ist. Doch es ist noch sonderbarer , dass sich die Radi­ die man für die schlichte Fortführung jener von Demokrit
kalität der revolutionären Zukunft in der archaischen Gestalt hält, ist ihr in Wirklichkeit entgegengesetzt. In dieser Entge­
der Revolution der Seidenwü rmer darstellt. gensetzung muss man zwei gegensätzliche Weltanschauungen
Der Seidenwurm ist nämlich die Einheit von zwei Gegen­ erkennen. Einerseits der Mann der Wissenschaft, andererseits
teilen: Einerseits verkörpert er den Adel der freien Natur, der Mann der Praxis; der eine, der die Wissenschaft so sehr liebt,
die Aktivität des Dichters, der sich um die Rentabilität der dass er sich die Augen aussticht, um den sinnlichen Illusionen
Entlohnung nicht kümmert. Auf der anderen Seite stellt er das zu entkommen, die fatal sind für die Physik; der andere, der
umgedrehte Bild des mechanischen Arbeiters dar, dem nur die sich für die Praxis der Philosophie mit j eder Erklärung zufrie­
Sprache fehlt. Diese Hieroglyphe der Identität der Gegenteile den gibt, die den Mythos verj agt und die Erscheinungen rettet;
verschlüsselt das Schicksal einer Wissenschaft, deren Macht auf der eine leidenschaftlicher wissenschaftlicher Beobachter einer
das absolute Risiko der Kunst verwiesen ist, welche mit der Welt, die er für reine Illusion hielt; der andere, der sich nicht
Kompaktheit der bürgerlichen Welt konfrontiert ist. um die Erforschung der Welt kümmerte, die er für die einzige
"Alles ist bürgerlich." Man darf darunter nicht verstehen, Wahrheit hielt. Im J ahrhundert der Herrschaft der Technik
dass der bürgerliche Wohlstand das Bewusstsein einschläferte und der Zerstörung der Hinterwelten ist der Gebrauch der
oder dass die "bürgerliche Ideologie" es verdunkle. Ich habe Wissenschaft vielleicht noch unbestimmter als zur Zeit der
versucht zu zeigen, dass diese "Ideologie", über die man so viel griechische n Philosophie. Man kann Das Kapital sicher in Kar­
Lärm gemacht hat, nur die Banalität des Arbeiterstandes ist. teikarten anordnen, wie es der autodidaktische Buchbinder
"Alles ist bürgerlich" bedeutet: Es gibt kein Außen. Keinen an­ Most macht. Doch man hätte immer nur Spuren ohne Leben.
deren O rt, wo sich eine andere Armee erheben würde, welche Geschriebene Rede, tote Rede, nach der alten Lehre des P!Jcli­
die Wissenschaft ausbilden würde. Alles spielt sich innerhalb dros: unfähi g, sich " zu Hilfe zu kommen" , doch geneigt, sich
dieser erhabenen und grotesken Tragikomödie des bürger­ überall hinzuwe nden und die Köpfe derer zu verdrehen, die
lichen Zeitalters ab. Die revolutionäre Gerechtigkeit kann nur nicht für die Wissenschaft geboren sind. So werden Most und
als Produkt einer doppelten Annullierung stattfinden, einer Konsorten vom für sie stummen Text zwischen wissenschafts­
beständigen Umkehrung der Normalität der geschichtlichen gläubiger Erwartung und anarchistischer Entfesselung hin und
Entwicklung und der Pathologie ihrer Auflösung. In diesem her geworfen. Strafe für ein Wissen, dem die Wissenschaft von
Spiel der Umkehrungen hat die Wissenschaft nicht von allein den Zwecken feh lt.
die Entscheidungsmacht. Es ist nutzlos, sie zu fragen, ob man D enn die Wissen schaft von den Zwecken wird nicht mehr
dem Gott der Produktivkräfte und der Spontaneität des Bo­ gelehrt als zu Zeiten Platons. Oder vielmehr wird sie noch
dens vertrauen soll, aus dem die Partei der Zerstörung geboren weniger geleh rt. Es gibt keine Akademien oder Gastmähler
wird, oder sie im Würfelwurf der revolutionären Entscheidung fü : sie. Zur Zeit der Entzauberung ist sie paradox erweise das
riskieren soll. reme Wunder gewo rden. So sonderbar uns auch die Sache

1 64 1 65
erscheinen mag, nach ein paar Jahrzehnten des Marxismus das immer, seit Luther, hundert Jahre Vorsprung im Denken
muss man endlich sagen, was für die Gründer zählte: Alles ist und hundert Jahre Rückstand in der Praxis hat. Alles spielt
eine Sache der Indiz·iduen. Die Theorie von Marx ist keine Anlei­ sich auf der Nürnberger Bühne zwischen den Nachkommen
tung für irgendeine Handlung, sei sie nun gewalttätig oder des philosophierenden Schusters Hans Sachs und den Nach­
friedfertig. Zu wissen, ob man in seiner Kammer studieren, für kommen des gelehrten Künstlers Albrecht Dürer ab, zwischen
die Wahlen zu kandidieren oder die Waffen für den Aufstand den Zwergen und den Riesen. D och um die verschwundenen
vorbereiten soll, lernt man aus keiner These der Wissenschaft. Riesen dazusteHen, um die neuen Menschen zu bilden, die
Die Wissenschaft lehrt nur eines. Nicht ein Wissen, sondern fähig sind, Diplomaten oder Ritter, Gelehrte oder Künstler
eine Seinsweise. Sie lehrt die, die sie studieren, Menschen zu zu sein, gibt es nur dieses Kunstwerk und Werk der Wieder­
sein, die der ne11en I Feitgewachsen sind. Wie das Werk des Genies in erinnerung: die Partitur, mit der man "diese versteinerten
der Kant'schen Ästhetik gibt das Werk der Wissenschaft keine Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwing[t], dass man ihnen
Gesetze vor, sondern nur Modelle. Man muss sie kopieren, ihre eigne Melodie vorsingt!" Eine fantastische Erzählung, die
nicht in der Weise der Mnemotechniker, sondern so wie die "das Volk vor sich selbst erschrecken lehr[t], um ihm Courage
Malerschüler, die ihren Blick und ihre Hand bilden, indem sie zu machen." 1 24 Ein Denkmal der Wissenschaft, nach dessen
die Werke derer nachmachen, welche die Natur ausgewählt Modell man seinen B lick und seine Feder üben muss, um den
hat, der Kunst Regeln aufzuerlegen, die sie von der technischen Spießbürgern der wissenschaftsgläubigen Desillusionierung
Routine trennen. Das Kunstwerk des Kapitals kann lehren zu und der bequemen Kritik der "Utopien" ein Stück zu machen;
urteilen, ob man als Gelehrter oder als General, als Dichter dramatisches Meisterwerk, das man lernen muss darzustellen,
oder als Diplomat handeln soll, weil es die Wiedererinnerung um die Schauspieler in Schach zu halten, um zu lernen, die
der großen Revolution ist, die einzig dieses Namens würdig eigene Rolle in der Tragödie der Zukunft zu spielen.
ist: derjenigen, die im 1 6. Jahrhundert einige Männer - oder Die Anwendung der Wissenschaft kann daher nur Folgendes
vielmehr Riesen - vollbrachten, die das alles zugleich waren. "Es sein: lernen, das Werk auf der Bühne der Revolution daT:?ftstel­
war die größte progressive Umwälzung, welche die Mensch­ len. Man kann dem Theater nicht entkommen. Man muss nur
heit bis dahin erlebt hatte, eine Zeit, die Riesen brauchte und besser sein als die Schauspieler. Ihren Platz einnehmen. In der
Riesen zeugte, Riesen an Denkkraft, Leidenschaft und Cha­ Familie Marx, wo man von Kindheit an lernt, Shakespeare zu
rakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit. [ . . . ] Leonardo da rezitieren, hat der Familienvater einen Lieblingsprosaschreiber,
Vinci war nicht nur ein großer Maler, sondern auch ein großer Diderot, den Verfasser des Pärado.x- über den Schcmspieler.
Mathematiker, Mechaniker und Ingenieur, dem die verschie­ Man muss Schauspieler ausbilden, die Anti-Schauspieler sind.
densten Zweige der Physik wichtige Entdeckungen verdanken; Ein anderer Mann des Theaters, Brecht, wird sich lange mit
Albrecht Dürer war Maler, Kupferstecher, Bildhauer, Archi­ dem Problem beschäftigen, wo man die "große Methode", die
tekt und erfand außerdem ein System der Fortifikation. [ ] ...
Kunst finden soll, um auf der Bühne des Theaters und auf der
Machiavelli war Staatsmann, Geschichtsschreiber, Dichter Bühne der Revolution nicht nur die Gegenteile zu spielen,
und zugleich der erste nennenswerte Militärschriftsteller der sondern ihre Identität. Und er braucht ebenso das Exil, um
neueren Zeit. "123 dem Problem auf den Grund zu gehen: Das Problem des
So werden die Bühne und das Stück festgelegt. Alles spielt Schauspielers hängt nicht an der Kunst zu zeigen, sondern an
sich anscheinend im Land des Paradoxes ab, im Land der der Kunst zu leben. Es betrifft das Publikum nur soweit, als
fortschrittlichen Rückständigkeit, i n diesem Deutschland, es ihn selbst betrifft. Denn im Grunde ist die Pädagogik, die
1 66 1 67
"bewusst werden" lässt, indem sie die Ausbeutung und den bereits ihre Direktion in Genf hat. In j edem Fall kann die
Schwindel aufdeckt, nur eine sehr geringe Tugend. Die große Wiss ens chaft nur aus der Distanz wirken. Solange der neue
Tugend, die das Publikum mit dem Schauspieler lernen muss, Schauspieler nicht da ist, handelt sie als sein Bevollmächtigter.
ist der Humor, die Kunst, auf der Bühne zu funktionieren, auf Sie erse tzt den abwesenden Helden, sie hält die Zwischenzeit
der die Gegenteile sich beständig austauschen. offen , die notwendig ist für seine Ankunft. Doch sie nützt auch
Die Kunst, J!,eschicht!iche Krcifi zu werden. Nicht einfache "Trä­ die Wartezeit und die Vorrichtungen der Vertretung, um die
ger" von Gesellschaftsverhältnissen, deren Unglück es nicht ist, Elemente ihrer "Erziehung " einzurichte n.
die wirklichen Verhältnisse zu kennen, sondern nicht attj der Der alte Engels regelt genau die Inszenierung, als ihn der
Höüe dessen zu sein, was sie tragen. "Alles ist bürgerlich." Das Tod Marx' zum Erbverwalter der Wissenschaft der Zukunft
bedeutet, dass es für das Shakespeare'sche Stück nur Schauspieler macht. Es handelt sich zuerst darum, das Monument des
gibt, wie sie der Prinz Harnlet anstellt: ungehobelte Bauern­ Werkes zu konstituieren, aus der formlosen Masse an Hie­
lümmel, Provinztruppenkomödianten, Schauspieler der bür­ roglyphen die Bücher II und III des Kapitals zu machen, die
gerlichen Komödie, für welche die Verbindung des Erhabenen vom Autor des unbekannten Meisterwerkes hinterlassen
und des Grotesken sich darauf reduziert, Schiller' sehe Tiraden worden sind - das heißt auch seine Augen mit seiner Zeit zu
und die Albernheiten des Vaudeville abzuwechseln. Desh alb ruinieren, damit das Opfer vollbracht werde. Man muss zwei
gibt es, um das Stück zu retten, jedes Mal keine andere Lösung, Schreibern diese Hieroglyphen zu lesen beibringen, Bernstein
als das alte Hilfsmittel zurückzuholen, das die Quintessenz des und Kautsky, die genau die Qualitäten und Fehler haben, die
bürgerlichen Theaters darstellt, die alte Hegel'sche Soubrette, notwendig sind, um die schmeichelhafte und aufopfernde
genannt "Ironie der Geschichte" . Rolle der �ni 1\lczrxistm (man braucht nicht mehr) zu spielen .
Die Geschichte wird s o lange ironisch sein, bis nicht ein Man muss überall die Werke der Selbst-Popularisierung
neuer Schauspieler geboren sein wird, der Anti-Schauspieler, (KoJJJtmmistisches 1\lanijest und andere) veröffentlichen, die man
die historische Gestalt, die einzig der M odernität der großen gut kopieren kann, wenn man sie nicht versteht. Man muss
Produktion würdig ist, derjttnJ!/J mit Humor begabte Proletan·er, der verhindern, dass irgendein Komödiant den Text der Schau­
fähig ist, die alte Soubrette und ihren ganzen Hof von Statisten spieler der Zukunft verändert. D och man muss auch auf der
in Pension zu schicken. Bühne bleiben und verhindern, dass ein anderer Text den
Platz einnimmt - auch wenn man dafür Dühring und Kon­
sorten auf abenteuerliche Gebiete hetzen muss, wo sie über
Das Testament des Künstlers alle möglichen und unmöglichen Gegenstände des Wissens
disse rtieren.
Der Humor ist die Kunst der Distanz, die in der Distanz gelernt Die Reinh eit des Textes für die Schauspieler der Zukunft zu
wird. Es ist also unnötig zu erforschen, ob Marx und Engels bewah ren bedeutet auch, die doppelte Macht der Wissenschaft
ll'irklich in diesem Deutschland Aufenthaltsverbot haben, in und der Klas se zu festigen. Man muss von der Bismarck'schen
dem sie alles in allem die Partei leichter vor allen möglichen Rep ression profitieren und in Zürich die Mannscha ft des Sozi­
Abweichungen bewahren könnten. Es ist unnötig, sich zu aldemokraten und seines Theoretikers Bernstein als Stellvertreter
fragen, ob es nur die anti-sozialistischen Gesetze von Bismarck der in Lo ndon konservierten Wissenschaft bei den deutschen
sind, welche die Partei zwingen, ihr Zentralorgan in Zürich Vorkämpfern und Kritikern ihrer parlamentarischen Vertre­
zu haben, nachdem die deutsche Sektion der Internationalen tung konstituieren. Doch man muss auch die dialektische - hu-

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moristische - Fähigkeit der deutschen Arbeiter schärfen, gerade Aveling, der marxistische Schreiber Eduard Bernstein und der
durch den Abstand ihrer deutschen politischen Vertretung und alte Straubinger Friedrich Lessner, die Asche von Friedrich
ihrer Zürcher literarischen Vertretung; durch die Kritik, die Engels auf ihrem Boot. Die Urne ruht am Grund des Meeres,
der marxistische Schriftsteller Bernstein an den Irrungen des am Fuße des Felsens von Eastbourne.
sozial-demokratischen Parlamentariers Liebknecht anbringt Eine letzte Vermählung von Wasser und Feuer, die umgekehrt
und durch die des Arbeiterorganisators Bebel am Schreiberling das Schicksal des Dichters Shelley nachahmt, der einundsieb­
Bernstein. zig Jahre vorher von den Wellen ausgeworfen wurde und am
Kunst und Widerspruch. Die letzte Lektion des Pädagogen Strand von Viareggio von seinem Freund Byron eingeäschert
Engels wird dieses sonderbare Vorwort der Neuauflage der wurde. So hat der, der von seinen Angehörigen "der General"
K!assenkiimpfe in Frankreich sein, welches die rechtlichen und genannt wurde, beim Abschied zu verstehen gegeben, dass er
parlamentarischen Eroberungen des Sozialismus lobpreist, um vor allem ein Dichter war.
den Führern der Partei Freude zu machen, doch sie auch mit Bleibt nur das andere Grab übrig, am Friedhof von Highgate,
den Zähnen knirschen lässt, indem er sie auch daran erinnert, das fest gebaut ist und von der p roletarischen Nachwelt mit
dass dieser Rechtsweg nur eine der ironischen Formen der einer Büste des Propheten geschmückt wurde. Die Künstler
revolutionären Kunst ist. entkommen der Macht der Schauspieler nicht.
Ist die Lektion umsonst? Die Erben haben ganz eindeutig
keinen Humor. Sie gehen vor, wie der Gelehrte Marx dem Ar­
beiterphilosophen Proudhon vorwarf vorzugehen: Sie behalten
die <�ute Seite des Vorwortes und unterdrücken die schlechte.
Man kann sicherlich sagen, dass diese kleinen Feigheiten
keine Konsequenzen haben. Das Ende des Vorwortes beklagt
im Voraus den lächerlichen Schrecken dieser Kleingeister vor
den Antisozialistengesetzen. Diese Gesetze werden genauso
wirksam sein wie Diokletians große Verfolgung des Vorfahren
des Sozialismus, der christlichen Revolution: "Und sie war so
wirksam, dass siebzehn Jahre später die Armee überwiegend aus
Christen bestand, und der nächstfolgende Selbstherrscher des
gesamten Römerreichs, Konstantin, von den Pfaffen genan nt
der Große, das Christentum proklamierte als Staatsreligion." 125
Woran denkt er? An einen neuen Autokraten? Eine neue Staats­
religion? Er sagt das so im Vorbeigehen. Doch danach gibt es
nur den Schlusspunkt. So endet das theoretische Testamen t
des Testamentsvolls treckers von Marx. Für Friedrich Engels,
der an Kehlkopfkrebs leidet, ist es Zeit, an den Ruh estand zu
denken . Es ist Zeit für den Künstler, sich vom Sch affen zu­
rückzuziehe n . Anständig . Spurlos. Am 2 7 . August 1 895 füh ren
vier Personen, Eleanor Marx, ihr falscher Gemah l Edward

1 70
171
Der Philosoph und der Soziologe

Gegen die Schreiber und Gelehrten würde sich


Tintoretto wohl Proletarier nennen, wenn wir ihm
dieses Wort einflüstern könnten, und obwohl seine
Ambitionen ihn dazu drängen, zum Bürgertum auf-
zusteigen. Jedenfalls ist er "Volk", ist er das Volk.

Sartre, Der b>zgescblo.rsene z ·o11 r ened{!!,


Der marxistische Horizont

Was bleibt, wenn man das Grabmal des Gelehrten errichtet


hat und die Asche des Künstlers ins Wasser geworfen hat? Of­
fensichtlich der Marxismus. Natürlich nicht das Denken von
Marx. Der Marxismus ist das, was bleibt, wenn der Schöpfer
sich vom Werk zurückgezogen hat, wenn diese unmerkliche
Distanz aufgehoben worden ist, der willentliche Anteil an
Unsinn, der Humor, durch den der Philosoph dem Status
der Gegenstände seiner Wissenschaft und der Zählung der
Mitglieder seiner Partei entkommt.
Wenn man dieses Nichts aufhebt, dann bleibt natürlich alles.
Die vollständige Verständlichkeit einer gänzlich durch die
Gesetze der Produktion und des Kreislaufes definierten Welt;
die großen festen Massen, die zugleich die überall erkennbare
Landschaft unserer Welt und den verkannten Grund unseres
Denkens ausmachen: das Sein, das dem Bewusstsein voraus­
/ geht, die Produktivkräfte, die von der Mauer der zu engen
Produktionsverhältnisse eingeschränkt sind; die Windmühle als
Produkt der Feudalität, die Wassermühle, die den Kapitalismus
einläutet; die Bourgeoisie, welche die Kräfte des Dampfes, der
Elektrizität und der Demokratie entfesselt und zurückhält;
das Prole tariat, das Bewusstsein erlangt und sich im Lichte der
Wisse nschaft und auf der Klinge des Kampfes organisiert; die
Kleinbürger, die sich im Schattenkreis der Ideologie bewegen.
Eine Welt der Ve ränderungen und der Widerspiegelungen, wo
es überall etwas zu produzieren und überall etwas zu entziffern
gibt.

1 75
s:;:z:

Die Kulisse der Produktion ?


genaue Arbeit der Maschine. Sieg des Harten ü er das Weich e
.
und des Geraden über das Gebogene. Es gab 1n unserer Phl­
Nicht wenige werden sagen, dass das naive Klischeebilder seien losophie allerorten denselben Freudenschrei darüber, durch
angesichts der Komplexitäten der offenen Wissenschaft. Und die Maschinen und die neuen Materialien von den weichen
sie werden die unglücklichen Mühlen beklagen, deren lächer­ Verdauungen des Bewusstseins und der süßlichen Musik der
liche Räder Schatten auf das Buch der Wissenschaft werfen . Seele befreit zu werden. Die Kulisse der Produktion gibt dem
Allein, die Mühlen sind nicht schlechte Illustrationen der Bewusstsein seine Freiheit zurück, "ein Ding unter Dingen" zu
Wissenschaft. Sie gehören zu ihrem Gründungsmythos, je­ sein . Sie bestätigt, dass das überall "funktioniert". Überall gibt es
nem, der die Schäferdichtung von Antipatros mit der Hölle produktive Körper, die befreit sind vom "Gefängnis der Seele".
von Arkwright verbindet. Und seit D on Quichotte sind sie Überall arbeitet der Sinn: D as Denken arbeitet im Stein und im
T eil einer obligatorischen Kulisse: Sie bezeichnen die Grenze, Eisen der Maschinen und Bauwerke, die Materie arbeitet in den
welche die Wissenschaft der neuen industriellen Welt von Worten des Denkers. Und die Zwischenwelt der doxa wird nach
der feudalen Träumerei der alten Welt trennt. Denn der Mar­ und n ach von neuen Maschinen und unerhörten Kreisläufen
xismus ist vor allem dies: die von der Rationalität der neuen bevölkert: Künste des Machens, Machtapparate, Ö konomien
technischen Welt aufgestellte Kulisse. Der Marxismus, so des Sinns, Textmaschinen, Produktionen des Begehrens ...
wird Sartre sagen, ist der unhintergehbare Horizont unserer Eine Welt der verallgemeinerten Produktion. Eine Welt, wo
Zeit . Der Horizont ist eine Kulisse, eine Hintergrundbild, die die Philosophie verabschiedet ist, das heißt freigeset{j wurde.
auf der Hintergrundleinwand aufgetragene Fluchtlinie, von Sie muss nicht mehr Wache stehen. Es gibt nun einen neuen
der aus wir die Bühne wahrnehmen. Es ist in dieser Hinsicht Wächter, der auf der Bühne vor den auf die Leinwand gemalten
unwichtig, dass die Bäume, die Windmühlenflügel oder die Fabrikschloten dargestellt wird, aber der vor allem hinter den
Fabrikschlote, die sich davon abheben, von der schreienden Kulissen tätig ist, damit die B ühne funktioniert, und zwar den
Banalität von Kitschbildreproduktionen sind. Der Horizont Bühne n-Arbeiter. Die Philosophie kann die neue Form ihrer
der Wissenschaft braucht nicht wissenschaftlich zu sein . Es Muße genießen. Sie braucht keine Hügel besteigen, keine Sonne
geht dabei nicht wesentlich darum, was wir wissen, sondern betrachten, keine Seelen erziehen. Sie besingt die Demokratie
darum, was wir sehen, um die doxa, die das Bühnenbild der der produktiven Körper. D as ist vielleicht nicht ganz das, was
neuen Wissenschaft ausmacht. sich die Schuster gewünscht haben. Doch gerade die Seele und
Der Marxismus-Horizont ist vor allem die gebieterische Ku­ ihre Erziehung gehören dem archaischen Glauben des Schu­
lisse der Produktion. Hart und klar wie die Linien des Betons sters an, des humanistischen Autodidakten der Bibliothek von
und des Stahls. Unerbittlich wie die Arbeit der Kolben und die Bouville, des Schreibergehilfen, der den Philosophen an den
Anstrengung der Männer, die sie bedienen. Die Philosophie Sohn des Schusters Guehenno erinnert. Der Mensch des toten
unserer Zeit hat zuerst weder das rousseauistische Mitleid noch Buchst abens ist nun der Seelenmmscb.
die messianische Apokalyptik im marxistischen Text gespürt. Eine unerwartete Umkehrung der Hierarchie der Seelen.
Nicht der Ruhm des Produzenten, die Entlarvung des Ideolo­ Die Bühne um den Philosophen und den Schuster hat sich
gen, die Herrschaft der Wissenschaft oder des Menschen wurde ?
ge reht. D och nur der Philosoph hat es bemerkt. Er ist nun
von ihr berücksichtigt, sondern vor allem das starre Metall und be1 den Männern des Eisens und des Betons, der Maschine
die unerbittliche Linie der neuen Kulisse: die kalte Klinge des und der Produktion. Der Schuster findet sich nun mit einer
blanken Stahls, die volle Linie des schmucklosen Betons, die Seele ausgestattet wieder, die eben nicbts mebr 1nrt ist, die nun die

176 1 77
Rückständigkeit, der Abstand des produktiven Körpers zu sich Man kennt das Problem: Sowohl der Morgen- als auch der
selbst ist. Die Hierarchie stellt sich nun in dieser neuen Form Abendstern stellen sich beim Aufgehen größer dar. Der Gelehr­
dar: Es gibt mehr oder weniger produktive Körper, mehr oder te kann noch so sehr wissen, dass die Scheibe bei ihrem Aufgang
weniger freie Organe, und Produktionen der Seele, das heißt gleich groß ist wie im Zenit, der B auer sieht dennoch weiterhin
der Anti-Produktion. ihren Durchmesser im Verlauf variieren, und die Philosophen
Es ist eine Sache der Musik wie zur Zeit Platons. Doch mit diskutieren weiter über die Gründe dieser Erscheinung.3
einem neuen Sinn. Für Platon gab es die noble Lyra und die Eine sonderbare Debatte j edoch, da der Grund des Streits
dorische Tonart der Freunde der Muse gegenüber der gewöhn­ bereits nichtig ist. Alle Philosophen wissen im 17. Jahrhundert,
lichen Flöte mit lydischem Rhythmus, den der Pöbel schätzt. und bald werden es alle Bauern wissen, dass die Sonne in jedem
Es gibt nun den guten und den schlechten Arbeiter, das gute Fall weder auf- noch untergeht. Warum also seine Zeit mit der
und das schlechte Organ, um dieselbe Musik auszuführen, Erscheinung einer Erscheinung verlieren?
um daraus das Weiche (matt) der sich blähenden Seele oder das Weil sich eben gerade hier das Schicksal der Philosophie
schneidende Metall des produktiven Körpers zu machen. 1 Die entscheidet: nicht mehr im Aufsteigen zur Verstandessonne,
Musik der "Seele" ist die Musik des Schusters, die Musik des sondern in der Verdoppelung der Erscheinungen am Horizont
Körpers ist die Musik des Technikers der Zukunft. Dem Chor des Sinnlichen.
der Zikaden entspricht nun der moderne Traum, in dem die Es gibt dafür den Umständen entsprechende Gründe. Dieje­
Männer der Werkstatt die einfachen Konsumenten der Seele, nigen, die sich am meisten für diese Fragen interessieren, der
das heißt sich selbst, vor die Tür setzen: " aber man kann sich Priester Malebranche oder der Bischof Berkeley, haben ganz
vorstellen, dass - später? - das Konzert ausschließlich eine natürlich eine Sorge, die ihrer Aufgabe als Kirchenmänner ent­
Werkstatt sei, aus der nichts, kein Traum, kein Imaginäres, spricht, nämlich jedem seinen Teil zu geben: dem Bauern, dem
mit einem Wort, keine ,Seele' herausströmte und das ganze Gelehrten und Gott. Jeden Blick auf seinem Platz zu bestätigen:
musikalische Tun in einer restlosen Praxis aufginge." 2 den "naiven" Blick des B auern auf die Sonne; den aufgeklärten
Blick des Gelehrten in sein Fernglas oder in sein Mikroskop.
�_ie beklagen die unrechtmäßigen Ü berschneidunge n, die
Die Sonne ttnd der Horizont Uberlagerungen der Blicke, welche die substanzielle Welt des
Bauern vor die Linsen des Gelehrten oder die geometrische
Das neue Theater der philosophischen Lust, die Werkstatt der Welt des Gelehrten in den Horizont des Bauern stellen, und
Praxis ohne Rest, wird im Übrigen nicht so bald stattfinden. somit eine selbstgenügsame Welt von alleine bestehenden
Der marxistische Horizont ist nicht nur diese Fabrikskulisse, Ideen und Dingen erzeugen, die außerhalb der Wirkung
welche die Sonne der Wissenschaft ersetzt und den Gegenstän­ Gottes und des Menschen stehen. Die entscheidende Frage ist
den und Gesten unseres Universums ihre neuen Linien und nämlich nicht das Kriterium der Wahrheit, sondern das Wesen
Farben verleiht. Der Horizont ist in der Philosophie nicht nur des Sinnliche n. Das Ü bel, das zurückgewiesen werden muss,
die Hintergrundleinwand der Wissenschaft. Er ist auch der ist nicht der Irrtum, sondern die Passivität . Indem der sehr
paradoxe Ort, wo die Wissenschaft und die doxa ihre Kräfte versch riene Idealist Berkeley zum Wohl der Sache behauptet,
neu verteilen. So ist im 1 7 . Jahrhundert eine der beliebtesten dass das Spektakel des Sinnlichen gänzlich mit der Aktivität
Kulissen des philosophischen Kampfes der Horizont der auf­ der göttlichen Sprache gleichzusetzen ist, versetzt er sich in die
gehenden Sonne oder des aufgehenden Mondes. erste Reihe der Erfinder unserer produktiven Moderne. In der

178 1 79
Zeit des Empiriokritizismus wird Lenin mit den Konsequenzen der Gesellschaft ist vor allem dies: D enken des Armen, Inven­
zu kämpfen haben. tarium der unrechtmäßigen D enkweisen, Wissenschaft, die
Denn jenseits der den Umständen geschuldeten Kompromisse dieses Denken zum Gegenstand hat, das nicht die Zeit hat, sich
zwischen der Wissenschaft und der Religion gibt es die langfris­ selbst zu denken. Ein Wissen, das die Eitelkeit der philoso­
tige Zukunft der Philosophie. Im langsamen Zusamme nbre­ phischen Muße denunziert und zu �leich auf die Funktion der
chen der ewigen Wahrheiten befindet sich diese Zukunft viel­ Ersatzphilosophie zurückgestuft w1rd.
leicht gerade in diesem Ewigkeitsersatz, den die Wissenschaft Ersatz, auf den die Philosophie nicht verzichten kann, da
ihr verschafft: die Fortdauer der optischen Täuschungen, die sie, um ihren Anteil an der Gesetzgebung des rechtmäßigen
notwendige Nichtübereinstimmung zwischen dem, was der Denkens zu haben, verpflichtet ist, selbst einen Diskurs über
Gelehrte weiß und dem, was der B auer sieht. Die doxa wird die Nicht-Philosophie zu erzeugen, über die Arten des unrecht­
nunmehr nicht mehr die Welt sein, wel che die Philosophie mäßigen Denkens. D aher dieser permanente Austausch, dieser
durchqueren muss, um das Licht der Wahrheit zu erlangen. durchlässige Raum der Rivalität und der Ergänzung zwischen
Sie wird der farbige Horizont ihres Herrschaftsgebietes sein. einer Philosophie, die ihren A nspruch, Gesetzgebung über das
Die Philosophie der Zukunft wird die 17enumft der doxa sein, Wahre zu sein, auf eine Philosophie der Verkennung und der
das Wissen des Abstandes zwischen der Wissenschaft und den Sozialwissenschaften des Kulturerwerbs reduzieren hat müssen:
Vorstellungen, aber auch das Wissen von ihrer 1/ertrautheit mit sonderbare Bühne der modernen gelehrten Meinung, wo eine
einer Welt, die keine Hinterwelt mehr kennt und wo die Il­ Philosophie, die Dienerin und Herrseherin ist, beständig die
lusion und der Umstand der Wissenschaft unterliegen. Damit Sozialwissenschaften kreuzt, denen ihre Großzügigkeit ebenso
muss sie sich aber auch verdoppeln, unter Aufsicht das moderne viele Verbote zurückgibt, wie sie beanspruchen, ihr Illusionen
Wissen vom Individuum und von der Gesellschaft als Wissen zu entreißen. Dafür holt sie mit der anderen Hand dieselben
von den Umständen befreien, die den Abstand zwischen der Verbote zurück, die in "unumgängliche" Gesellschaftstatsachen
doxa und der Wissenschaft vertiefen. Sie wird damit auch die verwandelt werden, indem sie natürlich die Epistemologie der
Waffe dieses halb-befreiten Wissens gegen sich selbst richten "Methoden" und der Kritik der "Instrumente" ihrer "Produk­
und behaupten, dass die Wahrheit des Philosophen die große tion" für sich reserviert. Bühne eines verleugneten, das heißt
optische Täuschung ist, welche die A rbeit der Wissenschaft soziologisierten P latonismus, wo der Kunstgriff des Zeitma;��els
und den Genuss der Erscheinung stört. der pausenlose Zwang des Produktionsuniversums wird; wo die
An diesem Horizont, wo eine größere Sonne aufgeht, die erklärte Lüge vom Unterschied zwischen den Wesen, die zur
übrigens nicht aufgeht, an diesem Ort, wo die Wissenschaft Produktion bestimmt sind, und denen, die für die Muße der
niemals die doxa ersetzen wird, ist die moderne Bühne für die Wissenschaft beschaffen sind, das demokratische Gesetz einer
Konflikte und das Einverständnis zwischen der Philo sophie Geschichte werden wird, welche die Menschen nur "machen",
und dem Wissen von der Gesellschaft aufgebaut. Die Büh ne insofern sie sie nicht kennen; wo die Aufteilungen zwischen
dieser Philosophie des Armen, die unsere Theorien, unsere Politik der Wissenschaft und der Unkenntnis mit den Tribunalen iden­
und unsere Sozialwissensch aften bevölkert: dieses ständig e tifiz iert werden, welche die wahren und die falsche n A rbeiter
Hin und Her, das beständig den leeren Blick des Ide olo gen des untersch eiden.
Himmels auf den substanziellen Blick des Bauern verweist, um
sogleich den Abstand zu bezeichnen, der diesen substan ziellen
Blick von seiner eigenen Wahrheit trennt. Unser Wisse n von

180
181
Die Paradoxa der Produktion machen, die ausdrücken, was sie machen in dem, was sie sind,
doch die nichts "machen" können, ohne sich ein Wissen zu
Der Marxismus hat die Bühne organisiert, indem er eine not­ fabrizieren, das immer neben dem steht, was sie sind. Es ist
wendige Veränderung am Horizont des Sichtbaren anbrachte. unmöglich, etwas zu machen, ohne zu verkennen, was man
Er wechselte die ländliche Kulisse aus, wo der abgehende macht, unmöglich, dass diese Unkenntnis nicht ihrerseits
Philosoph dem Bauern zusah, wie er die Dimension seiner etwas macht. In derselben Weise, wie alles Technik ist, einer de­
Sonne verfehlte. So sind die Thesen über Fetterbach vor allem maskierenden Wissenschaft der Maschine unterworfen ist, ist
Regieanweisungen. Sie kreideten in Feuerbach den ländlichen alles doxa, Kunstgriff der Maschine, wo sich der B lick verfängt.
Philosophen an, der glaubt, den Menschen und die Wissen­ Auf dem Theater der Geschichte verweist jeder Illusionseffekt
schaft zu befreien, indem er die spekulative Sonne entlarvt, auf die Wissenschaft von der Maschinerie. Doch auch die Ma­
indem er aus der himmlischen Gottheit die sinnliche Wärme schine unterstützt die Kulisse und erschöpft ihre Macht in der
der irdischen Liebe macht. Sichtbarkeit des Spektakels . So zeichnen in der entzauberten
Die Thesen zeigen, dass der gute Wille der Philosophie, die Welt die Wissenschaft und die do.-.:a die Figur der neuen Ver­
Welt werden will, mit dieser Kritik der Vorstellungen im Hori­ zauberungen des Paradoxes. Diese Praktiken, die das verkennen,
zont der machtlosen Betrachtung und der endlosen Erziehung was sie machen, dieses Verkennen, das selbst handelt, dieses
eingeschlossen bleibt. Die Kritik der optischen Täuschungen Wissen um die Unkenntnis, das seinerseits zum Verkennen
wird immer schwächer als diese Täuschungen sein. Der Bauer führt, schreibt in die Prosa der Welt ein, was davor die Waffe
wird weiterhin nicht wissen, was er sieht und der Gelehrte nicht des Rhetorikers und des Sophisten war.
sehen, was er weiß. Der Kreuzungspunkt wird immer fehlen, Einst amüsierten sich die Sophisten und Fechter Euthydemos
wenn man ihn sich nicht von Anfang an vorgegeben hat. Dieser und Dionysodoros damit, den j ungen Kleinias vor Sokrates
Punkt ist der der Praxis, der Aktivität der Veränderung, wo mit einer Fangfrage verrückt zu machen: Wie kann man ler­
zugleich die Kulisse der Produktion und die Wahrnehmungder nen, was man nicht weiß? Man muss bereits wissen, was man
Akteure entstehen: Der Blick der Produzenten der Geschichte nicht weiß, um zu lernen. Doch umgekehrt weiß man immer
auf die produktive Maschine ersetzt den passiven Blick des schon, was man vorgibt zu lernen, da es immer nur die Zu­
bukolischen Philosophen auf einen Kirschbaum, von dem man sammenstellung von Wörtern ist, die man schon kennt.4 Eine
nicht weiß, woher er kommt. Vorgangsweise der Rhetoriker, die gerade gut ist, eingeschüch­
Handelnde Subjekte und eine Kulisse, die wiederum von terte Jugendlic he zu täuschen. Schlichtes Wortspiel, das durch
den handelnden Subjekten hergestellt wird: D as Theater d: r das absichtliche Bedeutungsschwank en der Wörter "lernen"
Produktion stellt den flackernden Schatten, die einst auf d1e und "wis sen" autorisiert ist. Am Horizont der tecbni handelt
Wand der Höhle projiziert wurden, die Schatten seiner wahren es sich nun um etwas anderes. Die Paradoxa der Sophisten,
Akteure und seine geregelte Mechanik entgegen. Die ganze die blinden Praktike n und das unwissende Wissen sind nun
Kraft der Anordnung liegt in zwei Worten: Geschichte und ma­ in das Gewe be der Dinge eingelassen, die tatsächlich auf dem
chen. Auf diese Weise gibt es keinen Rest und wird es imm:r ! heater der Geschichte gespielt werden: Abwesenheiten, die
einen geben. Die Menschen "machen" die Geschichte, aber s1e m der Vorsp iegelung ihrer Anwesenheit wirksam sind; Ge­

"wissen nicht", dass sie sie machen. Die F ormel kann endlos � ei mni sse, die sich nur entziehen, indem sie sich wortwörtlich
weiter entwickelt werden. Die Welt ist voll von Leuten, die m alle n Texten anbieten; falsche Verbote, die zwingen, das

etwas machen, die nur ausdrücken, was sie sind, in dem , was sie Verb otene zu tun; Erkenntnisse, die verkennen lassen. Ü berall

182 1 83
�· .··�

wirken diese Maschinen der Täuschung, welche die technische Geschichte. Es handelt sich nicht um dieses Zugeständnis an
Demaskierung in ein allgemeines Trugbild umwandeln. Die die Wissenschaftsgläubigkeit, das Sartre anklagt. Es handelt
Welt der absoluten Funktionalität ist ebenso auch die Welt des sich darum, die große Physik der Produktion zu erneuern,
universellen Verdachtes. die wie zur Zeit Demokrits untrennbar Physik und Meta­
Man weiß, wie Marx dieses Theater des Paradoxes angegangen physik ist5, und daher getrennt von der Arbeit der Ingenieure
ist, nämlich auf paradoxe Weise. Zu klassisch für die Welt, die er und den Taschenspielertricks der P olitik. Ein aussichtsloser
erfindet, liebt er weiterhin die Wissenschaft des Wahren mehr Kampf allerdings. Man kann immer mit einem Sündenbock
als die Demaskierung der doxa, die Literatur mehr als das The­ wie Dühring oder Bogdanov fertig werden. Man entkommt
ater und die irrenden Ritter mehr als die Bühnenarbeiter. Das jedoch nicht seiner eigenen Logik. Die Ingenieure der Seele
Inventar der Arten der Verteilung der Wahrheit der Maschine werden es immer verstehen, der Dialektik der Natur und der
in den Wirkungen der do.'-''' die Wissenschaft von den Abständen Dialektik der Geschichte ihren Teil zukommen zu lassen, je
zwischen dem, was die Menschen machen und dem, was sie "sich nach den Bedürfnissen der neuen Autokraten.
vorstellen" zu tun, die Spiele der An- und der Abwesenheit, des Hier erscheint nämlich die Rückseite des Spiels: Die Welt, in
Gesagten und Ungesagten, über die die Subjekte die Wahrheit der das Machen sich als Gesetz des Seins verkündet, ist auch die
des Gesellschaftlichen herstellen und verfehlen - das überlässt Welt, die nicht mehr von ihren Trugbildern unterschieden ist.
Marx mit der distanzierten Großzügigkeit derer, die Besseres zu Sicherlich kann man die Bemühung, sie zu unterscheiden, auf die
tun haben, den Philosophen und Soziologen der Zukunft. Der rückständige Musik der Seele und des Schusters zurückführen.
Zyklus von den Klassmkcii;pfen und vom /1chtzehntm Bntmäire ist in Doch was ohne Probleme auf der Seite der Wahrheit aufgege­
dieser Hinsicht beispielhaft. Die Possenhaftigkeit der eskamo­ ben wird, kommt mit Nachdruck auf Seiten der Gerechtigkeit
tierten Revolution ist der Beweis für die absolute Rationalität zurück . Umsonst möchte der verzauberte Philosoph sich an
der Paradoxa der politischen Repräsentation. Doch der Anteil an die schöne Unschuld der modernen produktiven Maschinen
Irrationalem ist es auch, der den Abstand zwischen der Wissen­ halten . D iese wird dennoch Schritt für Schritt von der Paranoia
schaft von der wahren Bewegung und den sublunaren Zufällen der Ingenieure der Seele begleitet. Die Maschinen der doxa sind
des politischen Universums bewerkstelligt. vor allem Geständnismaschinen. Die fröhliche Wissenschaft der
Und vielleicht gibt es noch ein viel radikaleres Problem: Diese entfesselten Erscheinungen wird anderswo zur "Gerechtigkeit"
Praxis, welche die gleichzeitige Konstitution des Subjekts und des Arbeiterstaates, der Saboteure verurteilt, die daran erkennbar
des Objekts ist, und diese Welt, die gänzlich das Werk von sind, dass sie nicht sabotieren, um besser verdecken zu können,
handelnden Subjekten ist, ähneln vielleicht ein wenig zu sehr dass sie sabotieren. Die Frage der Musik kehrt sich also um
dem, was gestern der Bischof Berkeley für seine niedergehende und der kunstliebende Philosoph, der sich darüber wunderte,
Religion wünschte und was morgen die jungen Ingenieure der dass die Wächter des Arbeiterstaates die Musik des neuen tech­
Seele für neue Staatsreligionen im Dienste neuer Autokraten nischen Zeitalters ablehnen, wird zum Moralisten, der sich in
haben wollen. Der gefährliche Starrsinn, Dialektik in die der übe rkreuzten Logik der allgemeinen Schuldigkeit verfängt:
Natur legen zu wollen, ist zuerst die Abgrenzung gegen die "Die Ko mmunisten sind schuldig, weil sie in ihrer A rt, recht zu
schlimmere Gefahr, gegen das Denken des Nieda;gan��s, das a�f haben, unrecht haben, und sie machen uns schuldig, weil sie in
der praktischen und produktiven Moderne lastet. Die Objekti­ ihrer Art, unrecht zu haben, recht haben. " 6 Zwischen dem Phi­
vierung der Dialektik in der Natur entspricht derselben Sorge losop hen, der Gelehrter geworden ist und dem neuen Wächter
wie die Rückkehr der Shakespeare'schen Subjektivität in der beginnen somit die überkreuzten Spiele der Rechtfe rtigung.

1 84
185
Die Mauer des Philosophen

Das Problem ist das folgende: der neue Wächter, der das Wort
des Philosophen rechtfertigt, ist ein sonderbarer Funktionär.
Er ist da und auch nicht. Er ist hier und auch anderswo.
Das ist das gekreuzte Verhältnis, auf das die philosophische
und politische Methode Sartres sich beispielhaft einlässt. Man
kann das festmachen an der Lektion, die er Camus gibt. Er
wirft ihm nämlich vor, "im Namen des Elends" zu sprechen.
Das ist, sagt er, eine Vorgangsweise des Rhetorikers oder des
Komödianten , der "gegen einen Kulissenpfosten gelehnt"7
ist. Der Philosoph könnte das auch machen: "Angenommen,
ich würde nun meinerseits einen alten kommunistischen Ak­
tivisten, mit Lebensjahren und den rührendsten Gebrechen
reichlich ausgestattet, auf der Bühne erscheinen und folgende
Rede an Sie halten lassen: ,Ich bin es müde, Bürger wie Sie
starrköpfig die Partei, meine einzige Hoffnung, schwächen zu
sehen, wenn sie unfähig sind, etwas anderes an ihre Stelle zu
setzen.' [ ]"8
...

Das würde der Philosoph machen, wenn er wie der Rhetori­


ker oder der Komödiant die Versammlung der Schuster mittels
Z ustimmun g wählen lassen wollte. D och er ist Philosoph, in
der Bede utung von Sokrates: einziger Zeuge, der zu einem
einzigen Zeugen spricht. Er macht das nicht.
Das heißt er sagt, dass er es nicht tut. Er macht es in der
Weise des Nich tmachens. D och diese Präteritio ist nicht nur
die Stil figu r, die dem Rhetoriker den besseren Rhetoriker
entgegenh ält. Sie ist die Kehrtwendung, welche die rhetorische
Macht de r Geste, welche die Schatten der Bühne aufzeigt,
zur Macht der Maschine kippen lässt, indem die An- und die

187
Abwesenheit gewechselt werden. Der alte Aktivist, der nicht jedem Arbeiter, den man befragen könnte, sprechen JJJiirde, wäre
kommen wird, ist nämlich der junge Bühnenarbeiter, welcher niemals etwas anderes als die Abwesenheit des Arbeiters. Doch
der unsichtbare Motor der Bühne ist. Er ist wirksam, solange ans onst en sprechen sie nicht. Sie haben nicht die Zeit. Sie sind
er nicht da ist, sofern er es niemals sein wird. {!' !Jliide.
.
. .

.
.

Das ist nämhch das Gehe1mn1s der neuen Wachterschaft.


Der neue Wächter, der den Philosophen beurlaubt hat, ist
Der miide lPric!Jter selbst nicht auf seinem Posten. Auch er ist im Ruhestand, doch
aus dem umgekehrten Grund: Er hat nicht die Zeit, nicht die
Der junge Kleinias soll sich also nicht täuschen über den Sinn Muße, um seine Funktion auszuführen. "Auf den ersten B lick
der Widerlegung des Rhetorikers. Dieser Arbeiter, den man nur besteht nicht die geringste Schwierigkeit, dass ein angelernter
sprechen lassen müsste, ist ein Arbeiter, den man niemals sprechen Arbeiter ein ausgezeichneter Militant sein könnte; der einzige
hören wird. Wie soll also der junge Kleinias über sein Denken ernstzunehmende Hinderungsgrund mag vulgär und zufällig
eine verifizierbare Rede halten? Der Arbeiter, sagt er zum erscheinen: die Müdigkeit. D och leider ist diese Müdigkeit
Beispiel am Tag nach einer missglückten kommunistischen kein Unglücksfall; sie kumuliert sich, ohne zu schmelzen
Demonstration, "ist es leid, Moskaus Spielzeug zu sein"9• Doch wie der ewige Schnee; sie ist es, die den angelernten Arbeiter
woher weiß er das? "Habt ihr mit e�genen Obren gehört, dass er macht."10
sich beklagte?" Ehrlicherweise muss man zugeben: Er bat ihn Die Ewigkeit ist da wiedergefunden worden, wo man es
nicht �gebiJrt. Arbeiter kann er sicherlich gehört haben, aber den sich nicht erwartete, im Feb!m der Zeit. Die Arbeitergottheit
Arbeiten Mit welchem Ohr würde er ihn hören? Er ist nun in der entzauberten Welt ist nicht zuerst die Technik, sondern
der Philosophie ausreichend gebildet, um zu wissen, dass der die Müdigkeit. Der Wächter ist nunmehr derj enige, der keine
Begriff des Hundes nicht bellt. Nur Hunde bellen. Durch alle ,\Iuße hat, der keine haben kann. Nicht aufgrund irgendeines
Arbeiter, die er befragen könnte, wird nur umso lauter das Verbotes, sondern einfach, weil man im Zeitalter der großen
Schweigen des Arbeiters hallen, desjenigen, der sie nicht sind, der Produktion weniger als jemals zuvor zwei Sachen zugleich
die Negation ihrer empirischen Verstreutheit ist. machen kann. Es gibt keinen Befehl, bloß einen �treicbendm
Man darf sich nicht täuschen: Das Verhältnis des Arbeiters zur Grund. Es genügt, diesen gewöhnlichen Umstand festzustellen,
empirischen Menge der Arbeiter ähnelt nicht mehr dem, was diesen prosaischen Kairos, der Müdigkeit genannt wird, und
man in Sokrates' Schule lernte, der Unterscheidung zwischen der sich nicht damit begnügt, das Arbeitersein zu bezeichnen,
der Schönheit und dem Katalog der schönen Dinge, zwischen sondern es macbt. Die Handwerker Platons hatten nicht die
der Tugend und den Beispielen der Tugend. "Der Arbeiter", Zeit, um sich die Krankheiten der Reichen zu leisten. Der
der hier abwesend ist, ist nicht das gemeinsame Wesen, an dem angelernte Arbeiter Sartres hat nicht die Zeit, um sich den
die empirischen Arbeiter teilhaben, sondern diese unerhörte, Luxus zu leisten, seine P artei zu kritisieren. Er kann sich nicht
sonderbare Gestalt in der Ordnung des Diskurses: die himm­ den Luxus der "Freiheit der Gedanken" leisten, mit welcher
lische Konstellation, die das bellende Tier ist und nicht ist, der der Intellektuelle die Gewöhnlichkeit seiner Muße glorifiziert.
Begriff aus Fleisch und Blut, der die Schatten der Spekulation D er den ke nde angelernte Arbeiter wäre ein "Maschi nenscha­
verjagt: das Fleisch und das Blut, das in der Sammlung der d�n ".U Die Arbeit der Negation ist eine Vollzeitbe schäftigu g.

empirischen Individuen nicht zu finden ist; der abwesende Sle kan n nicht in den Pattsen der Arbeit des Arbeiters erledigt
Körper aller Körper; die abwesende Stimme jeder Rede. Was in werde n. D as Gesetz des Zeitmangels lastet auf allen Agenten

188
1 89
der produktiven Welt. Selbst die B ourgeois, wenn sie als ausgelöscht hat. Da sie es nicht mit dem Feuer und dem
Klasse handeln, sind nicht nur damit beschäftigt, frei zu den­ Schwert ausrotten kann, hat sie entschieden, es zu ersticken,
ken. Außerdem ist da dieser Schnee, der auf dem Körper des indem sie es in die Zwangsj acke des Malthusianismus steckte,
angelernten Arbeiters lastet, diese zwanzig Tonnen täglich, die indem sie rückständige Produktionsstrukturen beibehielt. D as
den Körper der Plattengießerin erdrücken. Werden der junge Proletariat ist das Produkt der bürgerlichen Trauerarbeit. In
Kleinias und seine Freunde, diese "Riege bleicher und lamm­ diesem Stück ist der königliche Maschinist nur noch ein Statist
frommer Intellektueller", es wagen, sie direkt anzusprechen auf der Bühne der Repräsentation. Unterhalb gibt es nur noch
über die Freiheit, welche die sowjetischen Plattengießerinnen Tonnen von Eisen, Tonnen von Schnee, die den Wächter zu
haben müssen, um die Thesen von Lyssenko zu kritisieren? Sie dem machen, was er ist: ein Gefangener, ein ijiiJJ Tode T/erurteilter
riskieren doch nicht, Gewalt zu erleiden. Die Plattengießerin !Jlit Hinrichtmz<r.;sattjschub.
wird auch keine andere Antwort haben, als zu zeigen, was sie
ausmacht, die Müdigkeit. "Keine B ange: sie wird euch nicht
verprügeln; dazu ist sie zu erschöp ft." 12 Die Partei oder diejo1twiihrmde Schöpfimg
Nichts anderes. Bloß die Sophisten, die Sehnsucht nach dem
Anarchosyndikalismus haben, versteifen sich, Sartre zufolge, Es gibt nur noch . . . es gäbe nur noch . . . wenn diese radikale
darauf, die Sache zu verdunkeln. Sie stellen dem verblödeten Abwesenheit der Wächter nicht eben ihnen gegenüber das
und auf ewig von den Massen abgeschnittenen Arbeiter den reine Nicht-Sein, die reine Macht ihrer Repräsentation defi­
qualifizierten Arbeiter entgegen, der Meister seiner Maschi­ nieren würde. Darin besteht die P artei. Sie ist die reine und
ne wie seines Denkens ist, der die F abrik verlässt mit dem einfache Negation dieses Arbeiter-Seins, das von der bürger­
Bewusstsein und der Energie, die notwendig sind, um die lichen Trauer und dem Schnee der Müdigkeit geprägt wird.
Versammlung seiner Gewerkschaft zu leiten oder in seiner Sie ist der reine Akt des Proletariats, der in der Form seiner
Zeitung zu schreiben. Doch dieser königliche Maschinist absoluten Negation die reine Müdigkeit der Proletarier, die
ist ein Denkmal der Vergangenheit. Er war der Mann der immaterielle Verbindung ihrer reinen Verstreutheit darstellt.
"universellen Maschine" der Zeit vor dem Taylorismus, der Die Partei ist die gelebte Wiedererinnerung, die fortwährende
Mechaniker am Ende des 1 9 . Jahrhunderts, der im Reich der Schöpfung eines cartesianischen Gottes, der das Nicht-Sein des
Produzenten seine eigene Herrschaft inmitten seiner Mann­ Proletariats als Antwort auf die andauernde Ausrottung durch
schaft idealisierte. Diesen Arbeiter gibt es nicht mehr. Oder die Bourgeoisie erzeugt, die das Arbeiter-Sein machte.
wenn er noch existiert, dann als Geisel der Bourgeoisie. Geisel Man kennt die unerbittliche Logik dieses reinen Aktes. Er
dieses Plans der fortlaufenden /1uslöschmzr.;, durch die die Bour­ ist absolut souve rän, da kein Mitglied der Klasse, dessen Partei
geoisie die Arbeiterklasse macht. Das ist nämlich für Sartre der er ist, sich ihm entgegenstellen kann, ohne sich damit selbst als
Schlüssel zu unserer Gesellschaftsgeschichte: diese berühmt� Mitglied der Klasse zu verleugnen, ohne in den Staub zurück­
Angst der Bourgeoisie vor der Konfrontation im Juni 1 848. Be1 zufallen, aus dem er ihn gezogen hat. Und wenn alle Mitglieder
Marx führte diese Angst zur Tragikomödie der eskamotierten der Klasse sich gegen ihn stellen würden, würde daraus einfach
Revolution. Sartre mag jedoch die Vermischung der Genres r:sultieren, dass die Klasse als ganze zu Staub zerfallen würde.
nicht. Er wählt das Historiendrama. Wie Lady Macbeth lebt S1e existiert nur durch ihren reinen Akt. Es ist offensichtlich,
seine Bourgeoisie in der Angst vor diesem P roletariat, das es dass dieser Akt einmalig sein muss, ansonst wäre er nicht die
1 84 8 nicht endgültig getötet hat und 1 8 7 1 nicht ausreichend Negation der Verstreutheit. Einzig die kommunistische Partei
190
191
könnte sich der kommunistischen P artei entgegenstellen. Die Massen haben einfach nur ihr Sein manifestiert, die Müdigkeit.
Arbeiter können sich bloß von ihr ausschließen, nur von der Nicht die Müdigkeit "ihrer" P artei, da per D efinition die P artei
Klasse ausschließen. ihre Nicht-Müdigkeit ist. Sondern einfach die "gewöhnliche"
Doch diese absolute Souveränität hat den Nachteil, auf den Müdigkeit, die sie konstituiert, die verstärkt wird von der
bereits Aristoteles hingewiesen hat: niemand braucht ihr zu Blutarmut", die der bürgerliche \X'ille zur Ausrottung dem
gehorchen. Die Partei ist der absolute Anspruch, die Notwen­ G esellschaftskörper als ganzem auferlegt. D ie Einsamkeit der
digkeit, die sich nicht um die Gefühle der müden Individuen Partei hat eben aufgezeigt, was in jedem F all nicht nicht beJl' iesen
zu kümmern braucht. D och am Ende befiehlt dieser absolute JJ'erden konnte: dass sie allein das Proletariat als Negation der
Anspruch nur sich selbst. D ieses ewige Leben des Proletariats Arbeitermüdigkeit sein lässt.
wird umgekehrt von dem ewigen Schnee der Arbeitermüdig­ Jeder findet somit sein Recht (miJon), aber ein Recht, das nicht
keit beeinträchtigt. das seine ist. Die Partei hat Recht, die � lassen zur Demonstra­
Die Logik dahinter ist einfach. Die Müdigkeit erfordert, dass tion aufzurufen, deren Recht darin besteht, nicht kommen zu
die Arbeiter von einer Partei repräsentiert werden. Sie erfordert können . Doch sie weiß nicht, v.;arum sie Recht hat. Sie hat aus
damit zugleich, dass diese P artei sie absolut nicht repräsentiert, Gründen (raiJon.�� Recht, die nicht die ihren sind. Sie hält sich
da sie reine Passivität sind und die P artei reiner Akt sein muss. für den positi\·en Ausdruck der Arbeiterklasse, wo sie doch
Es ist daher logisch, dass die P artei in ihren Direktiven und das reine Nicht-Sein des Proletariats ist. Einzig der Philosoph
Devisen nicht die Bedürfnisse derer beachtet, deren Bedürfnisse weiß, warum die Partei Recht hat.
sie ausdrückt. Doch es ist ebenso logisch, dass diese ihrerseits Doch damit ist die Vernunft (raiH�n) des Philosophen eng mit
nicht das Bedürfnis verspüren, den D evisen der Partei zu folgen, der der Partei verbunden. D er Philosoph kann nur innerhalb
die ihre Bedürfnisse ausdrückt. So fehlte die Arbeiterklasse bei der Griindt: (raiJonj� der P artei Recht haben. Und diesen Grund
den Demonstrationen, die ihre P artei am 2 8 . Mai 1952 gegen kann er weder den 1-iassen sagen, die keine Ohren haben, um
den Besuch des Generals Ridgway in P aris organisierte. Der ihn zu hören, noch der Partei, die ihn nicht als den eigenen
reine Akt der Partei musste also Straßentheater werden: Die anerkennen kann. Nur bei seinesgleichen, bei den "klebrigen
Parteitreu en demonstrierten den Massen, was sie hätten tun Ratten"13 der Linksintellektuellen kann er Recht haben, in
sollen, wenn sie eben nicht geblieben wären, was sie waren, dieser schiefen Vernunft, die den anderen verbietet, die Grün­
nämlich Massen. Die Partei hat den Massen ihre Macht vor­ de derer zu suchen, die auf ihren Körpern den zureichenden
gespielt, damit sie ihre Müdigkeit vergessen. D och die M assen Grund tragen, der aus ihnen die abwesenden Wächter der Welt
waren zu müde, um mit ihr diese Macht darzustellen. Damit des Philosophen macht.
haben sie auf die offensichtlichste Weise bestätigt, dass die Eine Gelegenheitsschrift, s agen diej enigen, die sich damit
Einsamkeit der Partei ihre einzige Macht ist. begnügen, darüber zu lachen oder damit zufrieden geben, sie zu
Anders gesagt, es kann nichts anderes geben als die reine entschuldigen. Es handelt sich jedoch um etwas ganz anderes :
Macht und die einfache Ohnmacht. Wenn am 2 8 . M ai die um eine Schri ft iiber die Gelegenheit in einer Welt, in der es
Massen nicht zum Treffpunkt auf der Straße erschienen sind, �wr Gel egen heiten/U mstände gibt. Die Kommunisten lind der Fn"ede
wenn am 2. Juni nur 2 Prozent der Arbeiter gestreikt hab en, mszeniert einen Begriff, der nichts "Gelege ntliches " hat. D as
um di � B efreiung ihres Führers J acques D uclos zu verlangen, Arbeiterge setz unserer Welt ist ident mit der Sartre' sehen Vor­
.
der bet dteser Gelegenhe it festgenomm en worden war, dann �tellung von F reiheit, die auch eine Philosoph ie der Schöpfung
kann das keinen positiven Grund haben. D ie abwes en den Ist: Zusammen stoß des Aktes und der Sache, des Augenbli cks

1 92 193
und der Ewigkeit, des Wahren und des Unechten, die cartesi­ Weg abführen oder sogar in ihr Gegenteil umschlagen, sobald
anische Theorie von der fortwähre nden Schöpfung .14 . .
sie prak uz1ert werden " . 17
Der privilegierte Gesprächspartner dieser "Gelegenheits­ D ie Welt der p latonischen rechten Meinung oder der aristo­
schriften" hat sich nicht darin getäuscht: "[ . . . ] die Theorie telischen Vorsicht, auf die der Philosoph und der Politiker den
steckt gerade in diesem Verfahren, das Ereignis als untilgbar Zugriff verloren haben. D ieses Universum der Mischung und
zu behandeln, als unabweisbaren Beleg für unsere Intention, des Zwiesp ältigen, das Sartre verweigert, ist für Merleau-Ponty
als momentane Wahl der ganzen Zukunft und unseres ganzen nicht weniger als die D ialektik selbst: die Dynamik der Bezie­
Selbst. [ ... ] Dass nicht vom Proletariat, der Klasse an sich und hungen zwischen den Menschen, wie sie in der Vermittlung
der ewigen Partei gesp rochen wird, das ist hier gleichbedeu­ der Dinge, in die sie sich einschreiben, verwandelt sind. Die
tend mit dem Entwurf einer Theorie vom Proletariat und der Kritik der dia!ektiscben T/enumft wird nur die lange Antwort auf
Partei als fortwährender Schöpfung, das heißt als zum Tode dieses Urteil sein.
Verurteilter mit Hinrichtungsaufschub. " 15
Der Sartre'sche Gelegenheitsdiskurs ist für Merleau-Ponty
die Annullierung der historischen Dialektik in einer Reihe Das dia!ektiscbe Siege!
ebenso unmittelbarer wie ewiger Gesten: der Blick des am
meisten benachteiligten Proletariers, auf dem sich der stumme Diese Z wischenwelt, die man ihm entgegenhielt, dieses Univer­
Anspruch des Menschlichen lesen lässt; der reine Akt der Partei, sum der von den Dingen gewendeten Bedeutungen, wird Sartre
der die Klasse im Augenblick der Entscheidung schafft und neu also zur Grundlage der Kn.tik der dia!ektiscben T/enwnft machen, des
schafft; das felsenfeste Vertrauen des P roletariers in die Partei, Spiels der passiven Synthesen, das als Basis für die Dialektik
ohne die er nur Staub wäre; die reine Wahl des Philosophen, der Gruppen dient. Und Sartre wird zeigen, dass dieses theatra­
der im Zufälligen der Sinne als einzigen Führer den Blick des lische Vertrauen, dieser Eid, durch den die Regel der Partei die
Benachteiligsten akzeptiert, der die Interpretation lächerlich Serialität der Arbeitergesamtheit aufhält, nicht die Gnade eines
macht; und als einziges Mittel, diesen B lick zu lesen, den Akt anwesenden Gottes sind, wie Christus, "sobald zwei Arbeiter
der Partei, die ihn ans Licht bringt. zusammen sind" . Sie unterstehen derselben Rationalität wie
So vereinigen sich die Gegenteile: der extreme Idealismus dieses Siegel in der bearbeiteten Materie, das die ursprüngliche
des Anspruchs, der sich ereignen muss; der extreme Realismus ihne n äußerliche Einheit der Arbeiter besiegelt, und sie zum
des Vertrauens in die materielle Instanz, die den Anspruch Auf und Ab der Spiele der Serialität verdammt, sie jedoch
verkörpert. Mythologie einer Wiedererinnerung, die in der auch der ungeschichtlichen Lauheit und den a-dialektischen
Ewigkeit ihres Wiederbeginns erstarrt ist, und Mythologie eines Verwachsunge n entreißt, um sie auf das große Rad zu werfen,
unendlich bis zum Horizont zurückgeschobenen Endes. Als das die Mens chen des Bedürfnisses und der Arbeit auf den Weg
ob der Philosoph sich einzig im Gegenüber "des jähen Willens der Gruppe und der Geschichte schleudert.
der Chefs und der opaken Notwendigkeit der Dinge" 1 6 wohl Die Kritik wird also beim Wort genommen. Die dialektische
fühlte. Als ob seine eigene Stellung auf dem Spiel stünde in er� Praxis, die der politis chen Aktion als Grundlage dient, ist für
Verweigerung dieses Universums der Vermischung, das s1ch S art re ganz gerrau das D ing-Werden der Mensche n und das
zwischen den beiden erstreckt: Zwischenweh der ungewissen � ensc h-Werde n der D inge. Sartre sagt, "dass die Materie allein
Techniken und der Spiegelungen der doxa, der "offenen Bedeu­ d1e B edeutungen ':{!tStllli!JJemef::c/. Sie haften ihr wie Einprägungen
tungen" und der "unentschiedenen Verhaltensweisen, die vom an, und sie verle iht ihnen ihre eigentliche Wirksamkeit: Durch

194
195
den Verlust ihrer menschlichen Eigenschaften graben sich die Das Fe;tster des Pbi!osopbm
Pläne der Menschen in das Sein ein, ihre Durchsichtigkeit ver­
wandelt sich in Undurchsichtigkeit, ihre Schwerelosigkeit in Die "Dialektik in den Dingen" ist in Wirklichkeit ein Dieb­
Dichte, ihre flüchtige Leichtigkeit in Permanenz; sie znrden Sein, stahl ohne Wiedererstattung. Hüten wir uns, uns darüber
indem sie das Merkmal eines erlebten Ereignisses verlieren. Als zu beschweren. Die bearbeitete Materie hat Recht. Dasselbe
Sein weigern sie sich, selbst wenn sie entziffert und bekannt Recht wie die P artei, die keine Ohren hat für die Müdigkeit
sind, sich in Erkenntnis aufzulösen. Nur die Materie selbst, die derer, deren unauffindbare M acht sie ausdrückt. Denn was
auf die Materie einschlägt, wird sie auflösen können. Der Sinn wären sie ohne sie? Die Subjekte welcher Dialektik könnten
der Arbeit liegt darin, dass der Mensch sich auf anorganische sie sein? Welche Beziehungen könnten ohne den harten und
Materialität reduziert, um materiell auf die Materie einzuwir­ schneidenden Block bearbeiteter Materie die Subj ekte des
ken und sein materielles Leben zu verändern . [ . . . ] Die Zukunft Bedürfnisses und der Arbeit h aben, außer die "kollodialen
kommt in dem Maße durch die D inge zum Menschen, wie sie Verwachsungen" : schleimige menschliche Beziehungen wie
durch die Menschen zu den Dingen gekommen ist."18 die Wurzeln des öffentlichen P arks in Bouville oder die "Rat­
Das wäre letztlich der endlich realisierte Marxismus: eine ten" der linken Intelligenzij a. D iese Verwachsenheit - diese
gänzlich materialistische Dialektik, eine gänzlich dialektische Schmierigkeit - ist das absolute Übel , der - bäurische oder
Materialität. Eine Welt, in der es nur Veränderungen gibt, lappländische - Klebstoff der schlechten Geschichte. "Ein
Subjekte, die auf die Dinge wirken, Dinge, die aus den Hand­ paar Joch Land, eine ehrenhafte Frau, Kinder, die bescheidene
lungen der Subjekte entstehen; die entwickelte Formel der Freiheit des Handwerkers bei der Arbeit, des Bauern auf dem
Thesen über Feuerbach, die endlich den unüberbrückbaren Feld, das Glück eben" 19: das Glück, das heißt der Verzicht auf
Abgrund zwischen der Natur und der Geschichte beseitigt das "große Unternehmen" der Dialektik.
und ihn zugunsten der Geschichte der Menschen aufhebt. Es Bevor noch die bearbeitete Materie die Bühne betritt, hat
gibt nur Di;��e in genau dem Maße, wie es nur Zwecke gibt. Aber sich der Philosoph gegen dieses Kolloid geschützt. Er hat eine
einzig der Zusammenprall von Materie mit Materie wird die Wand in der Kulisse des ländlichen und handwerklichen Glücks
materiellen Bedingungen verändern, welche die Existenz des errichtet: "Von meinem Fenster aus sehe ich einen Straßenar­
Subjekts Mensch erlauben. beiter auf der Straße und einen Gärtner, der in einem Garten
Wenn man genauer hinsieht, wird dieser schöne Optimis­ arbeitet. Zwischen ihnen ist eine mit Glasscherben bedeckte
mus jedoch undeutlich. Es gibt eine wahre und eine falsche Mauer, die das bürgerliche Eigentum, in dem der Gärtner
Dialektik. Die Dialektik der bearbeiteten Materie, in die sich arbeitet, schützt. Keiner von ihnen hat also eine Ahnung von
die Projekte der Menschen einschreiben, ist tatsächlich nur der Anwesenheit des anderen. "20
das Trugbild der Dialektik. Die Dinge geben den Menschen, Die Glass cherben und das bürgerliche Anwesen sind nur für
die sich ihr anvertraut haben, keine andere Zukunft als die die At mosph äre da. Diese Kulisse hat einen anderen Zweck.
Wiederholung. Der erste Teil der Kritik ist in gewisser Weise Sie soll zeigen, dass es in der Trennung und im gegenseitigen
nur die Demonstration dieser Täuschung: Die dialektische Nichtkennen zwischen zwei Arbeitern immer Beziehungen der
Magie, welche die bearbeitete Materie der menschlichen Praxis !'merlicbk.eit gibt; aber auch und vor allem, dass diese Beziehungen
entwendet hat, wird sie den P raktikern niemals in Form von Immer nur durch die Vermittlung eines Dritten existieren.
Vernunft zurückgeben. So :Vird in der Wahrnehmung, wo der Mann am Fenster als
ObJekt erstarrt, jeder der beiden Feldarbeiter ein "auslaufendes

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Zentrum" des Objekts, der mit dem anderen im Blickpunkt Der Arbeiter an seiner i\fascbine
vereinigt ist. "Allein durch die Tatsache, dass j eder etwas sieht,
was der Andere nicht sieht, und den Gegenstand durch eine Denn die bearbeitete Materie hat diese Eigenschaft übernom­
besondere Arbeit entdeckt, stellt in meinem Wahrnehmungs­ men, die dem Philosophen früher e rlaubte, seine Vernunft
feld ein Wechselverhältnis her, das meine Wahrnehmung in der Vernunft der P artei wiederzufinden: Sie ist Anspruch,
selbst transzendiert: Jeder von ihnen bildet die Unkenntnis kategorischer Imperativ, der den Subjekten selbst die Freiheit
des Anderen. [ . . . ] Sie haben durch mich genau in dem Maße keine nimmt, zu wissen, ob sie gehorchen müssen. Die bearbeitete
Kenntnis voneinander , wie ich durch sie zu dem werde, was ich Materie ist Idee, sie ist ihre eigene Idee, die in den Körpern, die
bin. "21 Offensichtlich spürt auch der Philosoph am Fenster sie unterwirft, keinen P latz für ein anderes Denken lässt.
einen Blick auf sich: den ironischen B lick seines bevorzugten Das ist die Logik der Mauer , die der Philosoph errichtet: Es
Widerparts. So insistiert er: man lege ihm nicht in den Mund, ist unmöglich, es ist undenkbar, dass die arbeitenden Körper je­
er sei ein transzendentales Subjekt, das die anderen in seiner mals l'On sich am auch nur die geringste F reiheit erlangen können.
Wahrnehmung konstituiert. E r ist nicht der Meisterphilosoph. Um das zu zeigen, b raucht man nicht mehr die Plattengieße­
Er ist nicht der Leibniz'sche Gott der Fernwirkung. Er ist nur rinnen, deren Last die klebrigen Ratten die Augen senken ließ.
ein Intellektueller im Urlaub, ein Kleinbürger , der es weder Die Arbeiterinnen der Dia!ektischm Vemm!}t sind offensichtlich
versteht, die Beete zu jäten, noch die Steine zu zerschlagen, aufgeweckter. Gewiegt vom Rhythmus der Maschine entflie­
und gegen den sich bereits die stumme V e rschworenheit dieser hen sie der Schwere der Arbeit in das Vergnügen erotischer
Arbeiter bildet, die sich nicht einmal kennen. Träumereien. Doch diese sexuelle Ungezwungenheit ist eben
Doch diese Bescheidenheit ist unnötig. Oder täuschend. Der eine falsche Flucht. Sie ist gerade die Aufmerksamkeit, die eine
Akt des Philosophen war nicht, die Steinmauer aufzulösen, um Arbeit verlangt, zu der es weder eines aktives Denkens noch
die zwei Arbeiter zu "verinnerlichen " . E r bestand darin, sie zu einer totalen Geistesabwesenheit bedarf. Die Arbeiterinnen
errichten, um sie ins wahre Element der Dialektik zu versetzen: glaubten bloß zu träumen. "Aber es war die Maschine in ihnen,
nicht in das Kolloid der wechselseitigen Beziehungen, sondern die diese Zärtlichkeiten träumte. "22
in den Stahl und den Beton der bearbeiteten Materie, die den Wir wissen es bereits: Es ist dasselbe mit diesem "Humanismus
Sinn besiegelt, indem sie die rückständigen A rbeiter auf ihre der Arbeit", in dem die Anarchosyndikalisten das zukünftige
Einsamkeit verwiest, auf ihre drehenden Bewegungen oder auf Reich der Arbeiter träumten. E r war nur die P rojektion ihrer
ihre sprachlosen Dialoge. Die einfache Mauer des Philosophen tatsächlichen Oberhoheit in der Werkstatt der universellen
bringt eher als die schwerfällig bewiesene Geschichtlichkeit Maschine.23 Ihre Vorstellung der Ehre der Arbeit fanden sie
des Kirschbaumes die Menschen auf den Weg der p roduk­ in der Trägheit des bearbeiteten Dings eingeschrieben. Durch
tiven Dialektik. Wenn die zwei A rbeiter in die Werkstatt sie wurde einfach die bearbeitete Materie ihre eigene Idee, wie
zurückgegangen sein werden, wird der P hilosoph den Platz am zur Zeit von Philipp II. das spanische Gold. Das Denken des
Fenster einer viel strengeren Gestalt des dialektischen Dritten Arbeiters wird immer nur der T raum eines Traums der Ma­
überlassen: dem Zeitnehmer, dem reinen Repräsentanten des terie sein: Seine F reiheit ist "das vom Ding und vom Anderen
Anspruchs der bearbeiteten Materie. gewählte Mittel [ . . . ], um ihn zu vernichten und ihn in ein
bearbeitetes Ding zu verwandeln. "24 Im Latein Spinozas heißt
diese Freiheit aJJlorfati.

198 1 99


Dialektik der Maschinen. Trugbild der D ialektik. Die den macht. In der Welt der gewöhnlichen Müdigkeit gibt es keinen
Dingen innewohnende Praxis hat niemals einen Grund, den Platz für die gewöhnliche Freiheit, für die Freiheit, die man
Sprung zu machen, der sie den arbeitenden und bedürftigen in den Zwischenräumen der Ausbeutung erlangt, verliert, wie­
Menschen zu Eigen machen würde. Wie sollten die Verzau­ dererlangt, abzweigt oder umleitet - die Freiheit des Arbeiters
berungen der bearbeiteten Materie, die Wirbel der Serialität, oder der Arbeiterin, die entscheiden, dass sie die Muße haben, an
die sie orchestrieren, die Träume von Freiheit, die sie wider­ etwas anderes zu denken, wenn sie arbeiten; die Zeit, um etwas
spiegeln, nicht ebenso ewig sein, wie es die bürgerliche zu­ nach der Arbeit zu lernen; die Möglichkeit, Prosa oder Verse
rückgehaltene Auslöschung, der ewige Schnee der Müdigkeit, wie Gebildete zu schreiben; die Wahl, Kinder zu haben, die
der reine Akt der Partei und die reine Wahl des Philosophen sie nicht haben kö"nnen) oder nicht zu haben, die sie haben müssen;
gewesen waren? "Der Arbeiter wird sich nur dann von seinem die Verpflichtung, Arbeitervereinigungen zu organisieren, die
Schicksal befreien, wenn die ganze menschliche Vielheit sich sie nicht das Recht haben zu schaffen, nicht die Zeit haben, um sie am
für immer in Gru p penpraxis verwandelt. "25 Laufen zu halten; kurz, den Luxus, den sie sich nicht feisten kö"nnen,
Bloß dieses "ganze" . . . Welcher Hebel jedoch könnte "die wie es einfach - auf vulgäre Weise - die Philosophen, die
drehende Gesamtheit der unglücklichen Materialität" in das Freunde des Volkes sind, die " bleiche(n) und lammfromme(n)
ewige Leben der Gruppenpraxis heben? D och nicht der Fa­ lntellektuelle(n) " sagen.
brikshebel, durch den der Mensch "sich zum D ing macht, um Für den Philosophen der fortwährenden Schöpfung ist das
auf die Dinge zu wirken"? Welche Ewigkeit würde er gewin­ Unerträgliche vielleicht nicht, wie Merleau-Ponty glaubte, die
nen, außer der des amorjati? Wodurch könnte die Veränderung Zwischenwelt der undeutlichen Bedeutungen. Was er vor allem
jemals beginnen? ablehnt, das sind die elastischen Zwischenräume der autodidak­
Die erste Definition ist jedoch da, um uns zu beruhigen: Am tischen Freiheit. Die Allmacht, die er der bearbeiteten Materie
Anfang von allem steht immer die freie P raxis der Individuen. übertragen h at, ist dieselbe, die er zuvor der Partei überant­
"Durchscheinende" Praxis, die man über jede Hingabe an die wortet hatte: diese Freiheit - die eigene -, die verfault, wenn
Undurchsichtigkeit erlangt. D ie Arbeiterin begnügt sich nicht sie sich in der zersplitterten Zeit der zernagten Knechtschaftell
damit, zu träumen. Sie ist auch die kleine Gottheit der fortwäh­ und der ersparten Freizeit spiegelt, im unschlüssigen Licht des
renden Schöpfung, die sich j eden Morgen frei entsch eidet, in Halbwissens und der Halbkultur, im desorientierten Raum der
die Fabrik zu gehen, die sich frei entscheidet, Kinder zu haben Wege und Sackgassen, in dem früher gesucht wurde, was die
oder nicht. Bis auf das, dass die Maschine für sie den Sinn dieser empörten und träumerischen Arbeiter Emanzipation nannten:
Freiheit entschieden hat. Wenn sie keine Kinder will, dann die Selbstverwandlung des Sklaven in einen Menschen. Die der
deswegen - und nur deswegen -, weil sie keine wollen kann. bearbeiteten Materie übertragene Allmacht ist vor allem der
Weil sie Frau nur als Arbeiterin sein kann, und Arbeiterin Garant dafür, dass die Freiheit nicht von dort kommen kann.
nur als Produkt der bürgerlichen Auslöschung. In der empi­ Sie garantiert das Recht der einzigen wahren Freiheit, nämlich
rischen Arbeitergeschichte haben die malthusianischen oder der des Philosophen, die nur denkbar und wirksam ist als die
anti-malthusianischen Familienplanungen eine große Rolle in gerraue Rückseite der Ohnmacht der serialisierten Individuen.
der Errichtung der engagierten D istanz gegenüber der Fatalität Wenn sie frei sein wollen, müssen sie zuerst auf die Freiheit
der Erzeugung und der FOrtpflanzung gesp ielt. Doch diese verzichten, die sie sich selbst in der Berechnung ihrer Freuden
Distanz lehnt Sartre absolut ab, wenn er den Malthusianismus und ihrer Schmerzen verschaffen wollten.
zur bloßen bürgerlichen Aggression gegen den Arbeiterkörper

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Die äbsolute If?qffe diese Wände durchdringende und Eisen brechende Macht in
ihren Beziehungen untereinander oder zu den Dingen niemals
Deswegen ist in der Zwischenzeit der Philosoph wieder an schmieden können. Er wird sie ihnen also in die Form bringen,
seinem Fenster aufgetaucht. Nicht mehr am Ferienfenster, das die genau ihrem Fall angepasst ist: die Afächt äls Selbstn�[!,ätion der
auf die Urszene des Gärtners und des Straßenarbeiters geht, Ohnmacht.
sondern am Fenster seines Arbeitszimmers, das den Blick auf Die Argumentation ist die folgende: Die Ohnmacht aller, die
die Kulisse der großen Stadt und ihre seriellen Drehungen in die bearbeitete Materie eingeschrieben ist, wird ihre kollektil'e
freigibt. Ohne gespielte Scham kann er nun, als Arbeiter unter Ohnmacht. Darin ist sie bereits ihrer Zerstreuung entgegen­
Arbeitern, eine Schlange vor dem Autobus auf dem Gehsteig gesetzt, sie ist bereits Vereinigung, also Kraft. Die Einheit der
beobachten. Ohnmacht ist die explosive Identität der Gegensätze, wo die
Was sucht er genau? Er versucht, sagt er, uns an diesem Form der Einheit ihren Inhalt der Ohnmacht negiert: Der
einfachen Beispiel diese elementare Wirklichkeit verständlich Gegenstand bringt "die Menschen zusammen, indem er ihrer
zu machen, die an der komplexen Wirklichkeit der Klasse teil­ Vielheit die gewaltsame und p assive Einheit eines Siegels auf­
hat: ein Kollektiz•, das heißt "die doppelsinnige Beziehung eines drückt. Und eben in diesem Moment, da dieser Gegenstand
materiellen, anorganischen und bearbeiteten Gegenstandes zu eine Bedrohung ist (. . . ), verwandelt sich die Ohnmachtsein­
einer Vielheit, die in ihm ihre Exterioritätseinheit findet".26 heit in gewaltsamen Widerspruch. In ihr stellt sich die Einheit
Er wird uns also zeigen, wie die isolierten Individuen dieser der Ohnmacht, die sie negiert, entgegen. (... ) Aber im selben
anonymen Schlange bereits durch tausend innerliche Verbin­ Moment setzt sich die serielle Einheit dieser Gegensätze als Wi­
dungen miteinander verbunden sind: nicht nur durch den Blick derspruch des Seiben und des Anderen, der die vereinigende
des Beobachters, sondern durch die geringe Anzahl der Plätze Praxis verlangt. "27
im Autobus, durch den Nummernausgabeautomaten, durch Diese Macht der Ohnmacht war einst das Theater des reinen
die Fahrtzeiten und die Rhythmen der Arbeit und so weiter. Aktes der Partei, die für die Massen das durch ihre Ohnmacht
Den am einfachen Beispiel verstandenen Begriff wird er auf wirksame Schauspiel der Macht der Ohnmächtigen inszenierte.
die Analyse des komplexen Kollektivs anwenden können, auf Nun ist sie der reine Akt des königlichen Dialektikers, der
die passiven Synthesen des Klassendaseins des Arbeiters. im Herzen der Wörter arbeitet und die rhetorische Macht
Allerdings kommt uns ein Verdacht: Die allzu akademische der Bilder überträgt, die den "Zement der Ohnmacht" durch
Pädagogik dieser offenen Fenster verdeckt sicherlich eine die fortwährende Schöpfung der adverbial gebrauchten Wen­
andere Operation. Indem de r Philosoph in periodischen dungen vor Augen führen, die "zuerst", "zugleich" , "zur glei­
Abständen an sein Fenster zurückkommt, versichert er sich chen Zeit", "im selben Augenblick" wirken und durch die
seiner Macht - dieser Macht, die er dem Arbeiterkollektiv Wirkung der performativen Verben, die in der rückbezüglichen
verleihen muss, wenn er eines Tages aus der verzweifelten Form konjugiert werden, um uns zu zeigen, wie die Einheit
Situation herauskommen will, in die er sich gebracht hat: die der Ohnmacht sich setzt und sich in die Macht des Widerspruchs
Macht der Synthese des Philosophen, welche die vorher von transjor111iert.
ihm aufgebauten Mauern zerstört und das höchste Band der Einzig der Philosoph besitzt nun die tätige Macht der Ohn­
Abwesenheit eines Bandes knüpft. Die Hebelwirkung, die alles macht. Aber er kann sie den Arbeitern des ämorfati nicht geben.
zusammen regiert: die absolute dialektische Waffe, die seit Für sie bleibt die Macht der Negation der Negation die unmög­
Hegel 1\T�f!,ation der N�[!,ätion genannt wird. Die Arbeiter werden lich zu erlangende Idee. Sie können sie höchstens durch die

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bloße Negation der Negation nachahmen, die in ihrer Reich­ Man darf darin keinerlei Vorzug der Spontaneität vor der
weite ist, durch die Konfrontation mit dem Tod. So werden die Organisation sehen. Das Privileg der Pariser Menge stammt von
Bilder und Worte der Revolte der Lyoner Seidenarbeiter von außen. Der Som·eräiz macht die Gruppe, hier der König Ludwig
1 8 3 1 wie Wasserzeichen in den Text eingeschrieben: "Als freie XVI. Die Hexis der P ariser Versammlung, aus der die vereinte
Arbeiter leben oder als Kämpfer sterben." Die Umkehrung der Menge entstehen wird, ist durch die königliche Praxis konstitu­
Unmöglichkeit zu leben begegnet dem absoluten Meister der iert . Oder vielleicht nur die Vorstellung dieser Praxis, nämlich
Dialektik, dem Tod. "[D]er Nerv der p raktischen Einheit ist die die an diesem Tag umlaufenden Gerüchte über Truppen, die der
Freiheit, die als Notwendigkeit der Notwendigkeit oder, wenn König um Paris zusammenziehe. Wahr oder falsch, sie haben
man das vorzieht, als ihre unbeugsame Umkehrung erscheint . auf jeden Fall diese Wirkung: Jeder konstituiert sich im Inneren
In dem Maße nämlich, als die Individuen einer Umwelt, in der einer umzingelten - oder umzingelt geglaubten - Stadt als "Teil
praktisch/inerten Notwendigkeit, durch die Unmöglichkeit zu einer besiegelten Serialität". Eine serielle Beziehung also. Doch
leben, indirekt in Frage gestellt sind, ist ihre radikale Einheit die Macht - oder ihre Idee - verdoppelt sich hier und wird die
(indem sie sich diese Unmöglichkeit selbst als Möglichkeit einer tatsächliche Negation der Negation: Der "negative Befehl zum
Affirmation des Menschen durch seinen Tod neu aneignen) Massaker", den der König gegeben hätte, blockiert die Serialität,
unbeugsame Negation dieser Unmöglichkeit (,Arbeitend leben die sein positiver Befehl besiegelt hätte. Der königliche "Befehl"
oder kämpfend sterben') . So bildet sich also die Gruppe als konstituiert das Volk in der synthetischen Einheit des von der
radikale Unmöglichkeit der Unmöglichkeit zu leben, welche Auslöschung bedrohten Objekts. Es bleibt nun keine andere
die serielle Vielheit bedroht. "28 Möglichkeit mehr, die bedrohten Leben einzeln zu verteidi­
Diese Apokalypse, die der Übergang zur Gruppe ist, die gen, als sich gemeinsam gegen den König zu bewaffnen. In
Negation der seriellen Negation, kann d as Arbeiterkollektiv der wirklichen oder vorgestellten Schusslinie der königlichen
nur nachahmen. Die Revolte der Lyoner Seidenarbeiter ist Prax is existiert die Pariser Versammlung überraschend als Gmp­
eine folgenlose Apokalypse, ein Tag der Geprellten29, an dem pe. Es ist übrigens auch nicht irgendeine Versammlung. Sie ist
das Volk der Lyoner Weber den theatralischen und grandiosen das Volk der Vorstadt Saint-Antoine, deren düstere He.Yis der
Beweis der Unfähigkeit des Arbeiterkollektivs, j emals von sich Schatten der Bastille, das Siegel der königlichen Praxis ist. Die
aus eine Gruppe zu sein, geliefert hat. Bastille ist somit die Festung, von der es einen Flankenstoß
durc h die königlichen Massakrierertruppen bekommen wird,
oder genauer, von der aus es entdecken wird, dass es "in der
Der Sartre 'sehe KiJnzrz, Zukunft vom Fürsten Lambesc vernichtet worden ist" . 30
Es ist unnötig, die Bewegung zu verfolgen, nach der sich auf
Damit die Grupp e entstehen kann, b e darf es also eines dem Weg zur Bastille j eder sich als Dritter konstituiert, der die
Sprunges, muss man sich zu einer anderen Demonstration Steuerung der Grupp e ausmacht. Das Wesentliche ist bereits
begeben, die zentraler und erfolgreicher ist, die Demonstra­ gegeben. Die Macht der königlichen Praxis, durch welche die
tion schlechthin für die revolutionäre Wiedererinnerung: die Gruppe zum Sein gelangt, ist von derselben Art wie die der
Erstürmung der Bastille. Die organisierte Gemeinschaft der bearbeiteten Materie oder des reinen kommunistischen Aktes.
gewerkschaftlichen Weber kann nicht die Gruppe entstehen Doch hier hat sie den Vorteil, absolut zu sein. Die Gegen­
lassen. Das vermag nur die zufällige Versammlung des Pariser zweckmäßigkeit, die in der trägen Praxis verstreut ist, wird
Volkes am 1 4 . Juli 1 78 9 . hier konzentriert in der Praxis des Königs, die den V alksraum

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imaginär einkreist und besetzt, und im Gebäude der Bastille, um bestehen zu bleiben, die Regel eines brüderlichen Terrors
die deren absolute Sichtbarkeit, deren perfekte Materialisierung aufstellen, die weder die Frucht perverser Willen noch der
ist. Den Lyoner Seidenwebern, dem Arbeiterkollektiv wird Schwerfälligkeiteil des Apparates ist, sondern einzig der "in­
immer diese Macht des Anderen fehlen, der absolut zwingt. erten Struktur der gemeinsamen Freiheit".31 Davon ausgehend
Der "Befehl des Königs" ist der absolute, reine Akt. Er beseitigt werden sich die Spielarten der Gegenseitigkeit und der Anders­
von der Pariser Versammlung das, was "ihrer" Partei niemals heit entwickeln, deren Wirkungen sich gegenseitig aufheben
gelingen wird, völlig dem Proletariat abzunehmen, nämlich und überlagern in den harten Anforderungen des Realen: in
ihre Passiz·itcit. Die "Gruppe" ist die reine Negation der Negation, der Organisation; der notwendigen Spezialisierung in Unter­
die von der absoluten Autorität, vom Einen der Souveränität gruppen; der Notwendigkeit von Kontrollinstrumenten, um sie
umzingelt ist. Der König ist der Gott D escartes' im Moment der Serialität zu entreißen; der Restaurierung der souveränen
der Schöpfung. Wie bei Hegel ist die absolute Vernunft der Praxis, um die Trägheit dieser Instrumente zu überschreiten.
Gruppe denkbar nur von diesem Punkt aus, wo sie mit der Vom König von Frankreich zum Väterchen der sowjetischen
absoluten Subjektivität eines souveränen Individuums gleich­ Völker muss dieselbe Logik des königlichen Aktes das Kolloid
gesetzt wird. daran hindern zu stocken, oder sie muss die Flucht des Sinns
Damit ist alles von Anfang an festgelegt. Die Revolution durch den Damm der Negation der Negation blockieren.
ist nur als Negation der Gegenrevolution denkbar. Und die
Macht der Partei wird immer nur die der Wiedererinnerung
der Urszene sein. Sein ganzes Werden ist im Mythos seines Ur­ Der Philosoph und der Tjrann
sprungs vorgezeichnet: die Souveränität dieses Schiedsspruchs,
der umso souveräner ist, als er vielleicht imaginär ist. Stalin ist Was unser Interesse weckt, sind nicht die allzu funktionellen
offensichtlich von vornherein in der Notwendigkeit beinhaltet, Analysen, sondern die Graumalerei im T anfall, die nunmehr
welche die Gruppe von außerhalb ihrer selbst, in der bloßen politisch unentscheidbare Wirkung dieses Diskurses.
Geste des Souveräns entstehen h at lassen: Schöpfung einer Was ist nun genau p assiert seit den wütenden Gewissheiten
Freiheit, die über sie herabstürzt wie der Adler auf Orest, wie des Textes Die Kommtmisten und der Ftüde? Die Hauptfiguren, die
die Negation der Negation, wie der Terror. neu verteilt sind in den Kreisläufen des großen dialektischen
Diese Fatalität der Tage nach dem Fest verleiht dem zwei­ Rades, sind dieselben: die malthusianische Bourgeoisie, die das
ten Teil der Kritik seine ganz in grau gemalte Stimmung. Im Proletariat beständig erschafft und auslöscht; die zu müden
Überfliegen der Geschichte der Arbeiter und des Marxismus, Diener der Maschine; die Ideologen des Anarcho-Syndikalis­
der uns vom 1 4 . Juli und von der Konvention zu den Wech­ mus; die Sprecher der hinfälligen Maschine, die sie erzeugt
selfällen einer institutionalisierten Gruppe führt, in der wir hatte; die Notwendigkeit der reinen Verbindung, die den
den Schattenriss von Stalin erkennen, wissen wir von Anfang Mangel an Verbindung und den reinen Akt, der im Theater
an, was uns erwartet. Im Schatten des Souveräns werden sich der Straße manifestiert ist, verbindet; der unbeugsame Zwang
die Spiele der seriellen Flucht und der bearbeiteten Materie des Vertrauens, das die Schaffung einer Gruppe unterstützt,
wiederholen. D as Kollektiv versuchte erfolglos, sich in eine die in jedem Augenblick aus dem Nichts gezogen wird . . .
Gruppe zu verwandeln. Die Gruppe wird erfolglos versuchen, Etwas hat sich jedoch verändert, nämlich der Platz des Philo­
sich in einen Organismus zu verwandeln. Beständig davon be­ sophen. Er spricht nicht mehr mben der Pmtei. Er spricht innerhalb
droht, ins Nichts ihrer Verstreutheit zurückzufallen, muss sie, desMarxistJIIts. Die Macht, die er der Partei übertragen hatte, hat

206 207
..

er an sich genommen, als Macht, die der Marxismus integrieren verrückten, guten oder schlechten Taten unterscheiden. Doch
muss, damit er möglich ist. D och diese M öglichkeitsbedingung wenn er nur die Zwecke des Menschen repräsentiert, dann n'er­
verwandelt sich sogleich in den Beweis der Unmöglichkeit. Die den seine Taten, welche auch immer, bereits in der menschlichen
wechselseitige Transformation der Menschen und der Dinge ist Zukunftgerechtftrtz�t sein. Wenn der Kommunist Stalin Unrecht
ausweglos, wenn man die reine formelle Macht der Negation hatte, dann hätte der Tyrann Stalin Recht, das gewöhnliche
der Negation zu Hilfe ruft. Die Partei der Arbeiterklasse wird Recht des Tyrannen, seine Willkür. Doch zugleich bräuchte der
immer eine Lüge sein. Und die Diktatur des Proletariats ist ein Philosoph nur mehr seine Sachen zu packen und die Vernunft
Widerspruch in sich, ein "unechter Kompromiss zwischen der der Geschichte und der menschlichen Hoffnung mitzunehmen.
aktiven und der souveränen Gruppe und der passiven Seria­ Der Philosoph ist völlig in seinem Paradox gefangen. Wenn
lität"32. Die Klasse ist verdammt zur Zerstückelung zwischen Stalin Unrecht hat, hat Stalin Recht. Und wenn Sartre Recht
den Leiden des Kollektivs, den Kämpfen der Apokalypse und hat, hat Sartre Unrecht.
den Institutionen der Repräsentation. Es ist nicht ersichtlich,
welcher Souverän sie aus dem Grunde welcher Zukunft tota­
lisieren könnte. Die Panzer im Schnee
Doch was ist aus dieser Argumentation zu schließen? Die
Diktatur des Proletariats, das Herz des marxistischen Traumes Der Zirkel wird in der Sartre'schen Analyse des ungarischen
im 20. Jahrhundert, ist unmöglich. Aber gerade deswegen war Aufstandes deutlich. Der 1\Ioralist hat den sowjetischen Ein­
der Stalinismus notwendig. D as erste Moment der sozialis­ marsch vorbehaltlos verurteilt.34 Doch der Dialektiker steht
tischen Gesellschaft konnte nur "das untrennbare Zusammenspiel einem anderen Problem gegenüber: damit die Verurteilung
von Bürokratie, Terror und Persönlichkeitskult" sein.33 Doch einen Sinn hat, müsste man zeigen, dass dieser Einmarsch nicht
konnte dieses "erste Moment" nicht eben das sein, ohne sich JJO!Il'mdz� Jllar. Sartre muss also die Analyse verschieben und die
als Diktatur des Proletariats darzustellen? Wenn die Müdigkeit Frage stellen: Erlaubte die p olitische und soziale Logik des
der Arbeiter, die zur Revolution aufruft, die Klasse auf ewig Aufstandes einen anderen Ausgang? Eine solche Frage ist jedoch
der Macht der Gruppe beraubt; und wenn einzig diese Macht im Augenblick unentscheidbar. Hatten die kommunistischen
sie eines Tages von der Müdigkeit befreien kann, was bleibt Arbeiter die Macht, sich aus eigenen Kräften den anti-kommu­
dann, außer einer Schreckensherrschaft ohne andere Wurzeln nistischen kleinbürgerlichen Kräften entgegenzustellen? Das
als den souveränen Willen? Wenn die Geschichte sich von hätte die Praxis zeigen müssen. Aber diese "durchscheinende"
ihren Zwecken her aufklärt, womit soll man dann heute ihre Praxis legt eben nichts offen, außer im Nachhinein. Sie hat
Rationalität begründen, außer durch die nachträgliche Recht­ niemals die Zeit, ihre eigene Offenlegung zu sein.
fertigung dessen, was war? Im Nachhinein zeigt sich etwa das Folgende. Von "sicheren
Natürlich kann das moralistische Mitglied i mmer die empi­ Zeugen" hat Sartre diese Information erhalten: Unter den
rische kommunistische Aktion kritisieren, wenn es sie mit den aufständischen Arbeitern gab es auch Kleinbürger, Leute,
Zwecken des Kommunismus vergleicht. D och der Philosoph welche die Regierung Rakosi zur Umerziehung in die Fabrik
muss feststellen, dass gerade in Hinblick auf diese Zwecke geschickt h atte. Im Alltag der Fabrik konnten die Arbeiter sie
das, was ihn empört, dialektisch vollkommen vernünftig ist. nicht erkennen: In einer Fabrik gibt es per definitionem nur
Wenn Stalin bloß die soziale Positivität des Proletariats reprä­ Arbeiter. Aber in der Praxis des Aufstandes mussten sie sich un­
sentiert, dann könnte man zwischen seinen vernünftigen oder weigerlich offenbaren und ihr kleinbürgerliches Wesen zeigen,

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minderheitlich, zukunftslos, verzweifelt. Diese Verzweiflung der Dialektik machen die Geschichte, weil die Arbeiter des
musste sie unweigerlich dazu treiben, die H andlungen der Materialismus nicht die Zeit haben, sie zu machen. Die sowje­
wahren Arbeiter zu radikalisieren, die ihrerseits weder ihren tischen Eroberer antworten auf die parasitären Kleinbürger,
Kameraden der Fabrik absprechen konnten, Arbeiter zu sein, weil die Geschichte der Gruppen selbst die immer von neuem
noch aus der Gruppe Mitglieder ausschließen konnten, die beginnende Parasitierung der von der bearbeiteten Materie
in der Vorstellung derselben Zwecke und gerade durch die getragenen Serialitäten ist.
Kraft ihrer "Verzweiflung" mit ihnen vereint waren. Umsonst
erkannten die Aufstandskomitees schließlich die Gefahr und
versuchten sich umzuorganisieren, um gegen diese Denaturie­ Die parasitiire Dialektik
rung ihres Kampfes anzukämpfen. "Es fehlte an Zeit, die zweite
Intervention unterbrach die begonnene Reorganisation."35 Anders gesagt, die Dialektik selbst ist ständige Parasitierung.
Man sieht, dass die sicheren Zeugen uns nur sagen können, Und diese Parasitierung wird immer von ihrem Trugbild
was wir bereits wissen: die ewige moralische Verlassenheit verdoppelt. Seitdem der Gewaltstreich zwischen dem Gärtner
des Kleinbürgers, der ewig zwischen den alten herrschenden und dem Straßenarbeiter eine Mauer errichtet hat, läuft der
Klassen und den neuen proletarischen Kräften eingekeilt ist, Philosoph von einem Trugbild zum nächsten: die bearbeitete
ewig von der Wut seiner rechten Verzweiflung zur linksab­ Materie, die eine falsche Synthese ist; der träge Praktiker, der
weichlerischen Übertreibung getrieben. D och diese abgenutzte die Dialektik simuliert; die Fiktion des königlichen Befehls;
Bilderwelt des stalinistischen Diskurses nimmt bei Sartre die die Vorspiegelung der Einheit der Gruppe, ihre wechselnde
tragische Kraft des Unwiderlegbaren an. Denn Sartre glaubt "Quasi-Souveränität" . . . Die Vernünftigkeit, die durch die in
gerade nicht daran, was die stalinistische Vorstellung vom den Dingen und den Organisationen gesetzten Zwecke definiert
"Kleinbürger" voraussetzt: die Positivität der Partei als Gruppe ist, wird immer eine Logik des .Als-ob sein. Die Dialektik der
der Klasse. Die passiven Eigenschaften des Arbeiterseins verbie­ befreienden Geschichte wird i mmer ununterscheidbar sein
ten es für ihn, dass die ungarische Arbeiterklasse sich gegenüber von ihren Simulationen.
einer Partei, die den Anspruch hat, seine Partei zu sein, in eine Um nicht mehr der parasitäre Wegbegleiter zu sein, der sei­
Gruppe verwandelt. Die Zeit, die den aufständischen Arbei­ nesgleichen die Gründe der Partei erklärt, hatte der Philosoph
/
tern gefehlt hat, um sich neu zu organisieren, ist die, die ihnen entschieden, den Marxismus von innen zu parasitieren. "Ich
immer fehlen wird, die ihnen per Definition fehlt. Der Aufstand sagte: Die marxistische Dialektik gründet nicht ihre eigene
hat den Arbeitern nicht die Zeit gelassen, die Kleinbürger zu Logik. In diesem Sinn war mein Buch vor allem eine Heraus­
erkennen, weil ihre Müdigkeit es ihnen nicht erlaubt, ihre Ge­ forderung. Es sagte: Macht mich zu einem Teil des Marxismus
schichte zu machen. Wenn sie, in der Sartre'schen Logik, fähig und es wird ein erster Schritt getan sein, um die ursprüngliche
waren, eine verschmolzene Gruppe zu werden, dann einzig Leere des Marxismus aufzufüllen. "3 6 Es hat jedoch einen Grund,
deshalb, weil der königliche Befehl Gerös die apokalyptische dass der Doktor Marx eine Leere gelassen hat, es verabsäumt
Bewegung der Kleinbürger entfesselt h atte. Diese konnten die hat, in der Praxis die Einheit von Natur und Geschichte zu
Gruppe der Arbeiter festigen, weil sie keine Arbeiter waren. gründen. Eher aus Instinkt als aus Berechnung lehnte er eine
Der Kreis, der vom "Zeitmangel" bestimmt wird, schließt Welt ab, die gänzlich durch die Praxis definiert sei, eine Welt, in
sich. Die erste Intervention hat die zweite vorweggenom­ deralle Recht hdtten. D aher die Leerstellen: der Platz, welcher der
men, insofern sie sie in die T/o!:?jtktmft versetzte. Die Panzer Possenhaftigkeit der Geschichte eingeräumt wird, der Sprung

2 10 211
der Dialektik in die Natur. Sartre, der in den Krieg gezogen was er begründen wollte . N achahmer einer Nachahmung.
ist gegen die Dialektik der N atur und für eine gänzlich in der Die Dialektik ähnelt ganz der Z auberei. Und die am Blick des
praktischen Vernunft gegründete Geschichte, ist gänzlich in Entrechteten hängende Vernunft ist nur noch die Vernunft
der Strenge seines Unterfangens gefangen. Er füllt die Leere des Rechts der Tyrannen.
mit der Dialektik des Als-ob aus. Um Engels zu widerlegen, Nunmeh r ist die Position des "Entrechteten" nur mehr halt­
macht er Stalin theoretisch unwiderlegbar. bar, wenn man darauf verzichtet, daraus ein geschichtliches
Der Philosoph ist nun nicht mehr Opfer seiner politischen Vernunftprinzip zu machen. Sie wird reine moralische Forde­
Hilfeleistung, sondern seines eigenen D aseins: Damit die rung. Damit der Moralist von neuem sein Urteil sprechen kann,
Materie der Welt die Geschichte der Befreiung trägt, muss wird er entweder auf das philosophische Postulat verzichten
sie vollständig von der Technik durchzogen sein. Aber das müssen, das die Möglichkeit der Befreiung der Proletarier mit
Universum der l!,ell/ö.hnlichen Technik ist immer das, was sie im der absoluten Erdrückung durch die Dinge verbindet, oder
Namen Platons war: das Universum der zersplitterten Vernunft schlicht und einfach das philosophische Schweigen wählen müs­
dieser Bastardwesen - "Amphibien" sagt Sartre -, welche die sen. Sartre wird die zweite Lösung wählen. Um zugunsten der
Handwerker sind. Eine Welt der unentscheidbaren Zwecke, Fa­ Entrechteten zu sprechen und zu handeln, wird er von nun
brikationen, die Nachahmungen ihrer selbst werden, teilweise an als Philosoph schweigen. Vom Russel-Tribunal zum Tribunal
Sozialitäten: Kurzschlüsse, in denen sich die explosive Kraft des von Lens wird er einzig auf der Ebene und im Raum des Ur­
Nichts verliert, welches das Ganze erzeugt. Eine gerade durch teils sprechen. Als Ankläger oder Richter der Verbrechen des
die Kraft ihres Gewimmels und ihrer B lutung unbewegliche Kapitalismus wird er ihnen das Argument der Notwendigkeit
Welt. Damit sie sich b ewegt, muss eine <-e,roße Technik hinzukom­ verweigern, wird behaupten, dass sie auch nicht l'eriibt haften zl'erden
men, die sie blockiert. Man muss diese amphibischen Freiheiten Mmzen. Als Untersuchungsbeamter oder Zeuge bei den Massen
und diese bastardh aften Kollektivitäten unter dem Schnee der wird er die theatralische Funktion der Ersetzung auf die be­
ewigen Müdigkeit begraben, um die Rechte einer Freiheit zu scheidenere Rolle der Provokation zur freien Meinungsäuße­
wahren, die durch das einzige Absolute des Zwecks unbedingte rung reduzieren. Als Anwalt der Maoisten wird er sich hüten,
oder bedingte Technik ist. ihr Philosoph zu sein.
Die Freiheit ist somit eine Über-Technik, die fortwährende Doch dieser besonnene Aktivismus lässt die Frage offen
Schöpfung, die einen Damm errichtet, um die Ausdehnungen und immer ungelöster: Wie soll man ohne Gewaltstreich von
der gewöhnlichen Technik und Freiheit zu unterbinden, wel­ der Serie zur Gruppe übergehen? Die Unmöglichkeit der Be­
che die des demokratischen und liberalen Gemeinwesens des antwortung der Frage reduziert die Idee der Gruppe auf die
Sophisten Protagaras sind. Einfache Mauer des Philosophen kantische regulative Idee. D och auf dieser Ebene bricht die
auf dem Land, gegossener Beton und gehärteter Stahl für das Frage in ihrer Nacktheit auf: Warum muss man die Gruppe
sowjetische Epos, das durch die Absolutheit der Anforderung wollen? Was lädt, jenseits der ethischen Entscheidung und der
die kleinen Kreisläufe der techne und der doxa aufhält. Freiheit Großzügigkeit der Wette, dazu ein, dem Reich der Zwecke die
des Großen Ingenieurs, der mit der Macht der Umwälzung des Gestalt der Gruppe zu verleihen?37
Nichts und des Ganzen ausgestattet ist. Ist es die einfache Sehnsucht nach dem Universellen? Nicht
Doch der Große Ingenieur unterscheidet sich nicht vom mehr "Todestraum" der dialektischen Universalität, sondern
Großen Schauspieler. Die Dialektik ähnelt ganz ihrer Nach­ das Universelle der Kant'schen Vernunft, von der der Freund
ahmung. Und der Philosoph ist gänzlich von dem begründet, des Volkes behauptet, dass sie der Wille der Massen ist? Ist es

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nicht vielmehr das Verbot des Nichts Anderes, das die Philosophie stellten seine Gemälde zum ersten Mal einen Spiegel der Welt
unter den neuen Umständen der technischen Welt fortführt dar, der von den Parasiten der Repräsentation befreit war. In
und aufrecht erhält? Ist der unwahrscheinliche dialektische "seinen Bildern ist zwar alles enthalten, aber sie u'ollen nichts
Humanismus der Gruppe nicht vor allem die Antwort auf aussagen, sie sind stumm wie die Welt. "39 D iese bedeutsame
eine grundlegende Abscheu, die sich im B ild der Serie und Stummheit des Gemäldes ist auch die Eigenschaft der neuen
in der Ablehnung der "kleinen" Freiheiten der Handwerker abgeklärten Welt, das Werk eines Künstlers, der vor allem ein
äußert? Er ist Antwort auf die Bedrohung, als welche das alte Arbeiter ist. "Der Künstler ist der vornehmste Arbeiter: Er
und unzerstörbare Phantasma, die immer faszinierende und erschöpft sich und quält die Materie, um Visionen zu erzeugen,
beunruhigende Gestalt des königlichen Handwerkers auf der die er dann verkauft. "40
Idee der Philosophie selbst lastet. Kommt in diesem vornehmen Arbeiter, der nicht der Müdig­
keit der :M aterie nachgibt, sondern Schlag für Schlag zurückgibt,
nicht der Begriff des Arbeiters im Allgemeinen ins Spiel? Ein
Das Farber/ein Produzent diesseits und jenseits seiner selbst im Traum des Vi­
sionärs und in der Geschäftstüchtigkeit des Händlers. Sartre h at
Diese Frage kann man in den Texten lesen, die scheinbar weit diesen i\1aler stummer Gemälde, der noch dazu die Höflichkeit
entfernt von diesen Themen sind, auf den Seiten, die Sartre der besaß, so gut wie keine schriftlichen Spuren zu hinterlassen,
Malerei widmet. Es sind privilegierte Texte, die so etwas wie diesen kleinen emporgekommenen und virtuosen Färber nicht
die Rückseite der betörenden Dialektik zeigen. Hinter dem zufällig ausgewählt. Der außergewöhnliche imaginäre Dialog,
Paradox der Politik, des Freiheits-Terrors, wird bei Sartre der bei welchem er dem stummen Künstler Gedanken eingibt, die er
hartnäckige Traum von einem anderen Kreislauf der N atur ihn danach beschuldigt, verdreht zu haben, oder die \Y.!orte, die
verfolgt, der Traum von einer Sinnverbindung zwischen den er ihn verdächtigt, ausgesprochen zu haben, um seine Welt zu
Menschen und den Dingen, die sich nicht im Universum der täuschen, stellen eine erstaunliche Fortsetzung der platonischen
Repräsentation, in der verhexten Welt der verdinglichten Be­ Reflexion über den Künstler und den Sophisten darY Das Fär­
deutungen erfassen lässt.3 8 So repräsentiert die Malerei im 16. berlein ist der platonische Archetypus des Handwerkers - nicht
Jahrhundert, wo das verrückte spanische Gold die Hexereien des Handwerkers, der vom königlichen Wächter auf seinen Platz
der kapitalistischen Geschichte eröffnet, die "prachtvolle Er­ zurückgesetzt wird, nicht der angelernte Arbeiter, der durch
nüchterung", die beim "Herabsinken" der Nebel der Repräsen­ den Schnee der Müdigkeit auf seinem Platz bleibt, sondern der
tation entsteht, als ihr göttlicher Garant, der in den Himmel beunruhigende Bastard, der zu allem fähig ist, der von dieser
zurückkehrt, dem Maler erlaubt, endlich den freien "Gruß der Kraft des Werkzeugs der Menschen getrieben wird, von der man
Materie an die Materie" zu richten. nicht weiß, ob sie die Routine der Arbeit oder die Leidenschaft
Doch diese Ernüchterung ist eine verhinderte Offenbarung, für den Gewinn ist, die M acht der Produktion oder die der
die von der plebejischen Vorsicht und vom technischen Kunst­ Fälschung. So führt der Maler-Handwerker auf Anfrage eines
griff getrübt ist, welche die Angehörigkeit des Malers zur Kunden Bilder von Veronese und Pordenone aus, die besser als
Kleinlichkeit der Handwerkerwelt bezeichnen. Sartre wählt die Originale sind, wie der Sophist Hippias in gleicher Weise
für diesen Widerspruch der Ernüchterung eine beispielhafte Schuhe, Ringe oder Reden herstellte.
Gestalt, den Handwerker-Maler J acop o Robusti, genannt Der Mythos des Handwerkers als Matrizengestalt des Kapi­
Tintoretto, das heißt, kleiner Farber oder Fcirberlein. Sartre zufolge
" talismus. Für Sartre war das Färberlein der Erste, der die Ab-

2 14 215
wesenheit Gottes im neuen perspektivischen Raum bemerkte. perspektivischen Raum, der von der wilden Kraft verzehrt
Sofort lässt er ihn in seinem Geschäftslokal die Weber'sche wird, die "sowohl an der Arbeit wie a m Arbeiter nagt", wird
Ethik des Kapitalismus erfinden, die den Rückzug Gottes zur der höchste Arbeiter zu einer höchsten Herausforderung des
Kenntnis nimmt und die familiäre Einheit der Malerindustrie Kunden m achen, der gezwungen wird, auf seinen Schultern
rationalisiert, um im gesellschaftlichen Erfolg die neuen Zei­ das Gewicht dieser umgestürzten Körper zu spüren und nicht
chen des göttlichen Segens zu suchen . Dieser Antiheld des nur seinen Blick, sondern seinen ganzen Körper zu investieren,
entstehenden Kapitalismus stellt gut den Sancho Pansa dar, kurz, selbst zu arbeiten, um ihn wieder ins Gleichgewicht zu
dessen Don Quichotte der aristokratische und intellektuelle bringen.
Michelangelo wäre.
Held oder Antiheld der Hände Arbeit. Der erste erkennt die
Lüge des theatralischen Würfels von Alberti, dieses Surrogat Der Kijnig ohne Scbatten
des platonischen Himmels, dieser lächerlichen Perspektive, die
der Ausstellung der politischen Hierarchie untertan ist. Und Eine gute Arbeit also. Aber eben nur Arbeit: eine P raxis und
wenn er diese Lüge ans Licht brachte, dann deshalb, weil er sich Philosophie des Gerüsts, die dem kleinen Färber und dem
als der erkennt, der er ist, als ein Arbeiter, ein kleiner Chef, Arbeiterphilosophen Proudhon angemessen sind. Für Marx
ein Handwerker inmitten von Handwerkern, für die sich die war das B astelei. Für Sartre ist es Schummelei, eine Art, durch
Ausflüge in den seraphischen Himmel der Kontemplation in die Schliche der Nachahmung die trübe Ebene der Produktion
Arbeitsstunden bemessen. "Der Maler ist ein Unternehmer, aufzufüllen, künstlich die Öffnungen zu stopfen, durch die das
der von Arbeitern umgeben ist, und der mit seiner Mannschaft Nichts Sein wird. Der venezianische kleine Färber hatte als
körperlich erschöpfende Arbeiten verrichtet: Er steigt auf Bürger einer im Niedergang begriffenen Königin der Meere
Leitern als er vor seiner Staffel steht, er hockt sich hin, steht die Vision einer von der Gottheit verlassenen Welt, des Seins,
auf einem Bein, dreht sich zurück, um die Decke zu erreichen, das vom Nichts angenagt wird - angeblich. Der akrobatische
führt seinen Pinsel über Flächen, die nach Monaten in Quadrat­ Maler hat - angeblich - den Widerstand des dreidimensionalen
kilometern gezählt werden ; das heißt er schwitzt, er verrenkt Raumes gespürt, sich dieser "Messers Schneide" zu fügen, wel­
sich, er kommt schweißgebadet heim und fällt in den Schlaf, che die Leinwand des Malers ist.
um am nächsten Morgen mit Muskelkater aufzuwachen, es Das sind krankhafte Visionen. Man weiß seit Platon, dass
vergeht kein Halbjahr, ohne dass ein Muskel reißt, noch dass die Handwerker gesunde Menschen sind. Sie haben keine Zeit,
er sich beinahe den Hals bricht. "42 Ekel zu empfinden. D as Färberlein hatte die "erschreckende
Ein perfektes Bild vom proletarischen Leben. Es fehlen nicht moralische Gesundheit der Ehrgeizigen "43 • Er kann sich den
einmal die Arbeitsunfälle. Diese Erfahrung des Raumes, dieses Luxus des Nichts nicht leisten. Er muss seinen Lebensunterhalt
Gewicht der Müdigkeit und der Gefahren der Gerüste wird verdienen, das Familienunternehmen am Laufen halten, den
Tintoretto auf seine Leinwand projizieren. Er wird seine wun­ Kunden befriedigen. Und dann liebt der Maler-Handwerker
dertätigen Heiligen wie Meteore vom Himmel fallen lassen, seinen Beruf. Er ist zu geschickt darin. Dieser Taumel des U n­
die Körper in den Bildvordergrund stoßen oder die Stufen, endlichen, der in der D arstellung der dritten Dimension liegt,
welche die junge Jungfrau Maria erklimmen muss, um im Tem­ könnte seine Hand stocken lassen. Er wird ihn im Gegenteil
pel vorgestellt zu werden, in einen Berg verwandeln. Diesen wie eine technische Herausforderung stimulieren, wie ein zu
durch die Schwerkraft aus dem Gleichgewicht gekommenen realisierendes handwerkliches Meisterwerk. Er wird also fäl-

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sehen. Er wird die Körper nach vorne drängen, er wird andere Nachahmung, die Gerechtigkeit der profanen Welt durch die
nach hinten ziehen. Er wird die einen zur Seite stoßen, andere allzu gute Gesundheit des Arbeiterstrebertums .
erheben. Er wird nicht die dritte Dimension zeigen. Er wird Diese Welt ist für den Philosophen zugleich faszinierend
ihr Fehlen verbergen. Die Flucht dieser wie das spanische Gold und unerträglich. Die erschreckende Gesundheit des Färber­
verhexten Perspektive wird er durch einen Kunstgriff aufhal­ leins - wie die des Soldaten Schwejk im Denken Brechts45 - ver­
ten, er wird diese Welt, die unter seinem Pinsel schwankt, im abschiedet die hartnäckigen Täuschungen des intellektuellen
Gleichgewicht halten. "Es fehlen ihm der Mut und die Worte, Platonismus und lehnt von vornherein die tödlichen Lügen
um die Meinung seiner Palette und seines Pinsel in Italienisch der dialektischen Universalität ab. D och sie schlägt uns ein
zu übersetzen. "44 Universum vor, dessen Klinge der Gerechtigkeit stumpf ge­
Was soll man auch sonst zu dieser Z eit anderes machen? Es worden ist. Es genügt, die zwei Gemälde zu sehen, bei deren
wird vier Jahrhunderte der Entwicklung der kapitalistischen Analyse das Manuskript Sartres symbolischerweise abbricht:
"Ethik" und der bürgerlichen Gesellschaft brauchen, bis die das allzu ruhige 1\Jassaker der Unscbuldz�rz,en und dieses fii;�gste Gericht
repräsentativen Voraussetzungen der Malerei in Frage gestellt ohne Seligkeit und ohne Qualen. Ein Skandal für die religiöse
werden, damit die Vibrationen der Materie auf der Leinwand Tradition, aber vielleicht auch für den Philosophen der Nega­
die Gesellschaftsspiele der Ähnlichkeit ersetzen. Der königliche tion. Auf dem 1\fassaker der Unscbltld�rz,en fehlen sowohl Fleisch
Handwerker kann die knechtische Perspektive umstürzen, und Blut der Kinder als auch der Sadismus der Soldaten, sie
die graduell zum königlichen B lick oder zu den aufsteigenden werden ersetzt durch eine Panik der Frauen, eine Panik ohne
Wolken hinführen, welche die Seele sanft in die Höhe erheben. Revolte. Eine Serialität ohne königliche Andersheit, die sie ihr
Er kann Gott und die Heiligen der Schwerkraft unterwerfen, Unmögliches begegnen ließe. Ein 1 4 . Juli ohne Erstürmung der
sie am Rande des Abgrunds schweben lassen. Er kann jedoch Bastille. König Herades wirft keinen Schatten, wo das Projekt
nicht an ihrer Stelle die reine Anwesenheit der Welt verkör­ des Massakers sich in ein Projekt des Menschen umkehren
pern. "Der Mut dazu wird später kommen." könnte. Und auf dem Jiingsten Gericht haben die Erwählten als
Doch wir wissen auch, dass der Mut - die Konfrontation mit ganzes Glück nur den Taumel am Rande dieses Abgrunds,
dem Nichtsein - niemals die Tugend des F ärbers sein wird. auf dessen Boden die Masse der Amphibischen ohne Leiden
Dieser trickst mit der "Unmöglichkeit des Unmöglichen". Er wandelt: "Die unendliche Perpetuierung eines Wimmelns.
bändigt den Taumel des Unendlichen in der emporkömmle­ Kröte und Krötennest [ . . . ] Lähmung des Menschen durch die
rischen Produktionswut. Auf seine Weise Anarcho-Syndikalist, Masse."46
wird er sein Atelier in eine Idee verwandeln und die Gerüste
seines Berufes auf den Himmel und die Sterne projizieren. Um
diesen Preis gelingt ihm sein Coup, in der Art der Arbeiter: mit Die E>..plosion cuif der Leimmnd
technischen Tricks und handwerklicher Vorsicht, welche die
freie Entschleierung der Materie der Welt kurzschließen. Der Was Sartre ablehnt, ist das steife Universum der zu gesunden
königliche Handwerker schafft ein Universum nach seinem und zu geschickten Handwerker. Dafür muss er die Amphibien
Bild, eine amphibische Welt, wo zugleich die Schärfe der reinen unter dem ewigen Schnee der Fabriksmüdigkeit begraben.
Negation und das Schwindelgefühl der reinen Anwesenheit Dafür verpflichtet er sie, ihre Rolle in der unwahrscheinlichen
verloren gehen. Die prunkvolle Entzauberung wird durch die Befreiung im großen Rad der Geschichte und im Todestraum
technische Zauberei korrumpiert, die Produktion durch die der dialektischen Universalität zu spielen. Dafür muss er auch

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sich selbst die probate Vorsicht der Intellektuellen versagen, Massen angepasst, die auf der Straße zur Gruppe wird. Der ge­
die Söhne des Volkes sind: das Hin und Her des kleinen Wei­ fälschten Präsenz der Zauberer der Ähnlichkeit wird die "wahre
ßen Camus oder des Bauernphilosophen Parain zwischen der unzerlegbare Präsenz" , die Einheit "der Arbeit des Malers und
Konvention der Wörter und dem Gewicht der DingeY Dieses der Arbeit derer, die sich darin wiedererkennen" gegenüberge­
Risiko zu übernehmen bedeutet für ihn auch das einzige Mittel, stellt. Als M ann der Menschenmengen, der mit denen vereint
die Chance auf eine andere Universalität zu wahren, die der ist, die er durch die gemeinsame Praxis " malt", lässt der Maler
Dinge. Eine ästhetische Universalität auf Kant'sche Art, die in seiner demiurgischen Arbeit eine Präsenz entstehen, die
sich jenseits der Vorspiegelungen der Repräsentation und der als die materielle Explosion einer verschmelzenden Gruppe
Zaubereien der verdinglichten Dialektik entfaltet. erkennbar ist. Die Richtung des Sinns ist doppelt vorausgesetzt
Die ästhetische Utopie des Kant'schen Gemeinsinns, der in der Verbindung zwischen den "Schauer[n] einer Gestalt
die Versprechen der Gleichheit der Herrschaft der Zwecke annehmenden Materie" und den Notwendigkeiten, "die dem
vorwegnimmt, setzt bei S artre Menschen voraus, welche die Maler des Bildes und seinen Betrachtern gemeinsam sind"49•
kurzen Erfolge der Technik, der geschlossenen Gesellschaften Es handelt sich um eine beispielhafte Verbindung. Zu bei­
der "Gegenseitigkeit" und des spiegelhaften Wiedererkennens spielhaft. Die Arbeiter der Demonstration, die keine Arbeiter
der Ähnlichkeit verlassen haben. Sie verlangt die Aufgabe mehr sind, werden sich nur dann in dem Gemälde des Malers
dieses Hin und Hers der Ähnlichkeit, wo m an den Philo­ wiedererkennen, der kein "Künstler" mehr ist, wenn sie sich
sophen Diderot von einer Malerei träumen sah, die fähig sei, nicht darin wiedererkennen. Nur an j enen Feiertagen, an de­
die Geste des Handwerkers zu erfassen und die Eitelkeit zu nen sie ihren großen Gründungstag wiederholen, können sie
bedauern, die seinen Vater, den Messerschmied, veranlasste, mit dem neuen "Subjekt/Motiv" (st!)et) der befreiten Malerei
sich im Sonntagsstaat der bürgerlichen Gleichheit malen zu übereinstimmen, mit der freien O rganisation einer Materie,
lassen. Der Arbeiter, der Philosoph und der Künstler werden die von den Metaphern der Identifikation gereinigt ist und
nur durch eine ganz neue Arbeit der Hand, des Auges und des die dionysische Freiheit der Schwellungen, Auftürmungen,
bewegten Körpers vereinigt werden; da, wo der Maler kein herabstürzenden Erdmassen, Schmelzmassen und Wirbel
Zauberer mehr sein wird, sondern ein Medium, ein AuEschrei­ wiedererlangt haben, die "den B rei des Seins" umgraben.
ber des Weltwerdens der Materie; da, wo das Werk sich an Einzig dieses Theater der Straße erlaubt ihnen, manchmal an
einen Arbeiter und an einen Philosophen richten wird, die der "Kreuzung der Ungewissheiten" zu sein, wo die " Über­
keine Techniker mehr sein werden , sondern p otenziell bereits springungen, bewegungsloses Hervorsprudeln , die durchsich­
Gruppenmenschen. tigen Undurchsichtigkeiten, Metamorphosen" eine Freiheit
Dem vom Künstler verfälschten Afassaker der Unsclm!dz�en wird bezeugen , die mit der autonomen Produktivität der Materie
Sartre die i\1enschenmenge des "Malers ohne Vorrechte" Lapouja­ gleichgesetzt werden.
de entgegenstellen. In den "abstrakten" Gemälden, die er den Doch diese Verbindung existiert bloß für den Maler. Nur er
anti-kolonialistischen Demonstrationen vom 27. Oktober 1961 befindet sich an allen diesen Kreuzungen den Sinns. Nur er ver­
widmet, "gibt Lapouj ade der Menge eine b ewegliche, aber bei wirklicht die Gesamtheit dieser E:xplosion, die dem politischen
aller Zersplitterung straff geeinte Materie. Aus der Zusammen­ Zirkel der Repräsentation abgetrotzt wurde. Er stand an der
fügung der verstreuten Bestandteile entsteht ein Jenseits: die Kreuzung ihrer Demonstration. Werden sie auf der Kreuzung
explosive Einheit der Masse. "4 8 Die Bewegung des Pinsels auf der seinen stehen? Denn diese Revolution der Malerei, die den
der schmelzenden Leinwand ist also genau der Bewegung der Maler befähigt hat, die "explosive Einheit der Massen" wieder-

220 22 1
zugeben, ist gerade jene, die aus der Malerei eine "Sprache" abzusetzen? Dem unbeweglichen Werk, das wie ein Meer ohne
gemacht hat, welche die Massen nicht mehr verstehen. Ränder, eine Wüste ohne Grenzen nichts bedeutet und bloß
träumen lässt.
Spinozistischer Traum eines Universums, das die Zweckmä­
Eine H7elt ohne Arbeiter? ßigkeit nur nachahmen kann, wenn es nichts nachahmt und
nichts nachzuahmen hat. B ürgerlicher Traum des Todes, von
Hinter dem Widerspruch liegt sicher eine entscheidendere dem sich der Philosoph, welcher der Freund des Volkes ist,
Verschiebung. Die Verbindung der Massen mit "ihrem" Maler möglichst weit absetzen sollte, um sich nicht geheimen Quie­
appellierte in neuer Art und Weise an das Kant'sche Thema tismus nachsagen lassen zu müssen, der seine Leidenschaft für
der ästhetischen Versöhnung, an die Idee vom Schönen als die Gerechtigkeit begleite? Traum einer Welt ohne Arbeiter
Versprechen von Gleichheit. Dieselbe Idee inspirierte Sartre aufgrund von Selbstorganisation und eigener Bedeutung der
in lvczs ist Literatur? Wenn man den unglücklichen Abenteuern Materie? Ruhig wie das Meer, leer wie die Wüste des Orients
der Dialektik folgt, scheint die Sartre'sche Idee vom Schönen beim gehässigen Bourgeois Flaubert? Bevölkert von Maschinen,
jedoch vom ersten zum zweiten Teil der Kant'schen Kn"tik der Kreisläufen, Explosionen, Drehungen und Schwellungen der
Urteilskraft gerutscht zu sein, von der "demokratischen" Auf­ gestörten Ruhe bei den Philosophen, die Freunde der Gleich­
wertung des ästhetischen "Gemeinsinns" zur Faszination für heit sind?
diese Selbstorganisation, durch welche Materie dazu strebt, Doppelte Wahrheit eher, wo vor dem Hintergrund des
sich ihrer eigenen Idee anzugleichen. Bereits die beispielhaften marxistischen Horizontes die philosophische Leidenschaft der
Mobiles von Calder, die "weder etwas Lebendiges noch etwas Gerechtigkeit zerstückelt wird, welche zwischen der anfäng­
Mechanisches" sind, erinnern ihn an diese große, "unfassbare lichen Ablehnung der p ositiven Notwendigkeiten und dem
Natur, die so verschwenderisch mit ihrem B lütenstaub umgeht früher oder später auftauchenden Ekel vor dem Betrug der
und Tausende von Schmetterlingen auf einmal ausschlüpfen Zwecke eingeklemmt ist; eingeklemmt zwischen der Schärfe
lässt, von der man niemals weiß, ob sie die blinde Verkettung des Einschnitts in einer ungerechten Welt und dem Gefühl der
von Gründen und Wirkungen ist oder die zaghafte, immer zwiespältigen Spiele der tec!Jile und der do.Ya; zwischen der Faszi­
wieder verzögerte, gestörte und durchkreuzte Entwicklung nation für die Maschinen j eder Produktion und dem Staunen
einer Idee"5 0 • über die beunruhigende Gesundheit des Handwerkers.
Eine andere Figur des _Als-ob, die ebenso weit von den di­ D aher die einzigartige Vibration dieser philosophischen
alektischen Augenauswischereien und den handwerklichen Maschinen, die manchmal im Rhyth mus der Arbeiterhoffnung
Schururneleien entfernt ist. Die Zweckmäßigkeit der Arbeit laufen, manchmal zum Traum einer von selbst arbeitenden
wird darin annulliert und identifiziert sich mit diesem Traum Materie abgleiten, die j enseits der technischen Zaubereien, das
der Materie, den der Lärm der Technik stören und die Spiele heißt der objektiven Betrügereien des marxistischen Horizonts
der doxä durchkreuzen würde. "Die Materie sein" war die letzte liegen. D as beginnt vielleicht mit der so verschrienen Idee der
Versuchung des Heiligen Antonius von Flaubert. Wenn Sartre Engel'schen Dialektik, dass die Natur eine Vorsichtsmaßnahme
mit den "herabstürzenden Erdmassen", den "Schwellungen" gegen die einzige Logik der "Praxis" sei. Kehrt Sartre nicht
oder dem "Vipernzischen" übertreibt, durch die die Materie jenseits der Täuschungen der historischen Dialektik wieder
auf der befreiten Leinwand explodiert, tut er das etwa nicht, an den Ausgangspunkt zurück? Die spinozistische Anklage

um sich möglichst weit vom Traum des Privatiers Flaubert der Repräsentation, die F aszination für die freie Bewegung

222 223
eine r Mat erie , wel che die S ub) .
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onzon t ar-
Xlsmus. · m

Man kann natürlich einfach zusammenfassen: Die gewundenen


Beziehungen des Philosophen zu den Menschen aus Erz ver­
weisen auf seine Unfähigkeit, seinen eigenen P latz zu denken,
auf das notwendige V ergessen des Mythos, der das Gold seines
Schicksals an die Regel verpfändet hat, welche die Schuster
verpflichtet, nichts ande res als Schuhe zu machen. Die Philo­
sophie ist zu sehr damit beschäftigt, " ihre eigenen Geschäfte"
zu betreiben, als dass sie die Willkür ermessen könnte, welche
die Unterschiede der D iskursordnungen mit der Hierarchie
der jeder Klasse angewiesenen "Geschäfte" verbindet . Die
Leidenschaft für die Technik, die sie im Zeitalter der Moderne
ergreift, ist die e leganteste und gerissenste Weise, diesen Grün­
dungsmythos zu u mgehen, diese Ll{f!,e, Jn!che die lf7ahrheit nachahmt,
m i t der sie doch ständig Versteck spielt. Ist es denn nicht sein
eigenes Porträt, d as der P hi l osoph der Freiheit zeichnet, wenn
er schreibt, dass "der totale Mensch der Aristokratie durch die
Gesamtheit der Chancen definiert [ist], die er allen wegnimmt,
nämlich als einer, der weiß , was die anderen nicht wissen, der
genießt, was sie nicht genießen können, der tut, was sie nicht
tun"5t, kurz, als genaues Gegenteil des "nichts anderes" , das die
Mensche n aus Erz an ihrem Platz fixiert?

Der i\!usiker, der Chef und der F'iirber

Das ist die Frage , die der S oziologe in den Worten des Phi­
losophen ansiedelt. Wenn man nämlich die Analysen der
Reproduktion und der feinen Unterschiede liest, die Pierre

225

224
Bourdieu - gegen die Philosophie - entwickelt, erstaunt die eigenen Geschmack, der derjenige eines emporgekommenen
ursprüngliche Gemeinsamkeit der Fragestellungen. Die Logik Bauern ist, welcher mit einer Aristokratie von Kleinbürgern
dieser Analysen, ihre ständige ironische Bezugnahme auf den einen "Arbeiterstaat" regiert, der hauptsächlich von Bauern be­
platonischen Mythos der "freien Wahl" der Seelen macht da­ völkert ist. Die N orm, die er der Revolution vorschreibt, ist die
raus eine endlose Widerlegung der Sartre'schen Freiheit. Die seines Ethos, welches von den Bedingungen erzeugt wird, die
feinen Unterschiede ließe sich jedoch leicht in diesen Zeilen von diese Revolution hervorgebracht haben: ein Musikgeschmack,
Sartre zusammenfassen: "Überall, wo eine Elite tätig ist und die welcher der Revolution aus denselben Gründen günstig sein
Aristokratie der Aristokratie für die Aristokratie die Gestalt soll, aus denen sie für J oseph Stalin günstig war. Die Strategie
des totalen Menschen formt, steigern die neuen Werte und des Generals ist das Färbemittel des Färbers.
Kunstwerke die Verarmung des Unterdrückten ins Absolute, Der P hilosoph hat also die Lehre vergessen, die ein anderer
anstatt zu seiner Bereicherung beizutragen: Für die Mehrzahl Meister seiner Zunft, Leibniz, erteilt hat: "Wir sind in Drei­
der Menschen sind die Schöpfungen der Elite Verweigerungen, viertel unserer Handlungen Automaten." In der bürgerlichen
Entziehungen, Grenzen; der Geschmack unserer Kunstliebha­ Distinktion oder dem "proletarischen" Akademismus kann er
ber setzt notwendigerweise den schlechten Geschmack oder nur bewusst auf Klassenzwecke gerichtete Strategien sehen,
die völlige Geschmacklosigkeit der Arbeiterklasse voraus, und eine Art der Bewahrung seiner eigenen Freiheit, eine Art und
wenn die Schöngeister ein neues Werk einweihen, ist die Welt Weise, sich nicht die Frage stellen zu müssen, ob diese nicht
um einen ,Schatz' reicher, den der Arbeiter nie besitzen wird, einfach seine rechte Meinung, seine Orthodoxie ist: die Berufsfär­
um eine Schönheit, die er weder zu würdigen noch auch nur bung, die ihn an seinem Platz fixiert wie einen gewöhnlichen
zu begreifen weiß. "5 2 Färber.
Wo liegt nun der Unterschied? Der Kontext wird uns hel­
fen, ihn zu verstehen. Sartre untersucht die Ablehnung der
Zwölftonmusik in der Sowjetunion, und er interpretiert sie Die Iflissenschcift z•on der rechten i\Ieimll{f!,
als Widerspruch, welcher der m odernen Kunst innerlich ist:
Diese hat sich von der "bürgerlichen" Knechtschaft nur befreit, Das ist die Lehre, die der Soziologe dem Philosophen erteilen
indem sie sich radikal vom Geschmack des Volkes abgeschnit­ will: Dieser kennt nicht den Grund dessen, was er sagt. Er ist
ten hat. Die offizielle sowjetische Haltung ist nun verständlich: unfähig, die Tugend zu denken, durch die jeder - angefangen
Sie lehnt die ästhetischen Freuden ab, die ihrem Wese n nach bei sich selbst - seine "eigene Sache" macht: die rechte Meinung,
der bürokratischen Elite vorbehalten wären und die sie noch dieses Wissen, das seinem Gegenstand angemessen ist, doch
mehr von den Massen abschneiden würde. sich selbst nicht bewusst ist, das bei Platon ebenso die Gabe
Das ist eine Erklärung in strategischen Begriffen. Aber Sartre des Inspirierten kennzeichnet - des Rhapsoden Ion oder des
vergisst gerade, was jeder Philosoph bei Platon gelernt haben Strategen Perikles - wie die gelungene Bildung eines Schülers
sollte: Die Kunst des Strategen gehorcht nicht der Wissenschaft des Philosophen. Die Soziologie, die Pierre Bourdieu sich vor­
der Zwecke, sondern der rechten Meinung, diesem instink­ nimmt, ist also eine Herausforderung der Philosophie auf ihrem
tiven, unüberlegten Wissen um die gegebene Situation und eigen en Herrschaftsgebiet, die wissenschaftliche Ausbeutung
die angemessene Antwort. Indem Schönberg i m Namen von der platonischen Theorie der rechten Meinung.
Tschaikowski zensiert wird, wendet Stalin keinerlei Schlacht­ Das setzt eine Demokratisierung der fraglichen Tugend
plan gegen den Elitismus an. E r bevorzugt einfach s einen voraus. Wenn Sokrates sich einmal in seinem Leben damit

226 227
beschäftigt, Hebammendienste für den Geist eines Sklaven zu Aber da ist vor allem der Schlag unter die Gürtellinie des
leisten, dann ist der hauptsächliche Gegenstand der Erziehung Philosophen Marx. Um seine Wissenschaft zu erschaffen, den
durch den Philosophen-König-Färber doch der Krieger. Seine historischen Materialismus, hat er die Soziologie von der Seite
große Aufgabe ist es, der Seele des Kriegers die rechte Mei­ angegriffen. Er hat die Wahrheit ihrer Phänomene aus ihr
nung über das zu Fürchtende und das Nicht-zu-Fürchtende herausgenommen, in die "Anatomie" der Z ivilgesellschaft, die
einzuprägen. Für die Schuster jedoch gibt es keine Erziehung. von den Produktionsverhältnissen und den Produktivkräften
Da sie nichts anderes als Schuhe machen, b rauchen sie weder konstituiert wird. Zwischen der Wahrheit der Produktivstruk­
Inspiration noch Färbung. Ihre Tugend ist nur Einordnung. tur, den Scheinbarkeiten der Ideologie und der verändernden
Der Soziologe jedoch verspricht, auch die Färbung der Schu­ Aktion der Politik hat er ihr nur die Reste gelassen.
ster zu denken. Schließlich ist es, seit die Arbeiter Soldaten Es scheint übrigens das Schicksal der Soziologie zu sein,
der Produktion geworden sind und die Philosophen sozial jedes Mal überholt zu werden. Mit dem Tod von Saint-Sirnon
engagiert, legitim, das Modell der militärischen Erziehung zu ließ sich der Gelehrte Auguste Comte vom militanten En­
verallgemeinern. Man muss die Rangordnung als Einheit der thusiasmus von Enfantin und von Bazard überholen. Seine
Erziehung der Wächter und der Nichterziehung der Schuster Wissenschaft wurde dann von der Marx' sehen Operation über
denken . Anstelle der doxa wird m an eine Wissenschaft der den Haufen geworfen, die in die Produktionsverhältnisse die
Klassifizierungen haben, welche die Individuen an ihren Platz Wahrheit der Wesen der doxa gelegt hat. Damit werden ihr
verweist und die von ihren Urteilen wiedergegeben werden. als "Gegenstand" die bloßen Gesellschaftsspiele zugewiesen,
In dieser Klassifizierung wird es legitim sein, auch diese klas­ durch die diese Wahrheit missverstanden wird und als Aufgabe
sifizierende und klassifizierte Tätigkeitsform einzubeziehen, die Produktion einer doxc� über die doxa. Daher vielleicht die
die der Philosoph darstellt. interessante Entwicklung, welche die junge und optimistische
Dieses wissenschaftliche Projekt stellt eine klassische Figur Wissenschaft, die für ein neues gesellschaftliches Band kämpfte,
dar: die junge Wissenschaft, die sich vom alten metaphysischen sehr schnell in ein abgeklärtes Wissen über die großen Träg­
Reich diese oder jene Provinz abgespalten hat, um daraus das heiten des Kollektivdenkens gewandelt hat. Eingekreist von der
Herrschaftsgebiet einer strengen Praxis zu m achen, die mit Wissenschaft und der Philosophie hat die Soziologie mit der
Instrumenten und Methoden ausgestattet ist, welche geeignet Vergrößerung des Raumes der doxa geantwortet, um das Spiel
sind, den ohnmächtigen Traum der Spekulation in positives umzudrehen: Die Besonderheit des historischen Materialismus
Wissen zu verwandeln. \Yurde in die Allgemeinheit der Entzauberung der bürgerlichen
Doch im Fall der Sozialwissenschaft ist diese "Emanzipation" Welt eingeschrieben; die Ökonomie der Produktion wurde
besonders zwiespältig. Ist dieses Gebiet, das sie der Philosophie zu einem besonderen Fall der Wirtschaft der symbolischen
zu entreißen beansprucht, nicht auch der Kreis, in den die Praktiken gemacht.
Philosophie sie eingeschlossen hat, das ärmliche Gebiet, das sie
ihr überlassen hat, um sich über die gesellschaftlichen Gründe
der optischen Täuschung zu informieren? Eine Hilfsarbeit, Dtr ,Heiße! tmd der Kessel
Beschaffung nützlicher "empirischer D aten", die sich bloß
zuschulden kommen lässt, sie selbst ausbeuten zu wollen - so Ein schwieriges Spiel, denn die Würfel scheinen ziemlich
beurteilt zum Beispiel Sartre in der Kritik der dialektischen manipuliert. Die Waffen des Soziologen sind die des Gegners.
Urteilskraft den soziologischen Beitrag. Für seine Wissenschaft verfügt er im Wesentlichen über zwei

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Instrumente: die Zahlen der Statistik und die Fragebögen zu auf Situationen zu antworten, nicht auf Fragen. Dem Befrager
Meinungen. Doch von der ersten Seite her entwischt ihm wird sie nichts anderes als das bereits Gesagte antworten. Was nun,
gleich einmal die Wahrheit über seinen Gegenstand. Vor ihm wenn die Zwänge seiner Wissenschaft den Befrager nötigen,
hat zum Beispiel der Statistiker festgestellt, dass die Schule die selbst seinem Interviewpartner dieses bereits Gesagte vorzu­
Mehrzahl der Arbeiterkinder aussondert und die Mehrheit der schlagen, nämlich die vorm odellierte doxa, die ohne Überra­
bürgerlichen Kinder aufsteigen lässt. Vor ihm hat der Ökonom schung ihr Subjekt erwartet - den Intellektuellen ("Jede gute
die Zahlen genannt, die bestätigen, dass jede Klasse den Kon­ Musik interessiert mich") oder den Proletarier ("Ernste Musik
sum hat, den ihr Einkommen erlaubt. Es bleibt also, wird man ist nichts für uns") -, indem letzterem auch noch jede andere
sagen, sie zu interpretieren. Doch gerade diese Zahlen haben Wahl als die "seine" durch die Antwortfalle versperrt wird, die
die fürchterliche Eigenschaft, bereits von allein ihre Erklärung seine Anwandlungen der Andersheit in die "Allodoxie" fallen
zu liefern. Wenn man zum Beispiel die Statistiken über den lässt ("Ich liebe ernste Musik, z.B. die Walzer von Strauß"54) .
Konsum liest, dann "hat jene Theorie, die den Konsum zu einer Natürlich entstammen diese Antworttypen nicht der Willkür
schlichten Einkommensfunktion m acht, zunächst auch allen des Soziologen. Wenn er sie angenommen hat, dann weil sie
Schein auf ihrer Seite. "53 geläufig sind, das heißt auf der Straße umherlaufen. Doch was
Wir wissen, was dieser "Schein" ist. Er ist das große Gesetz eine Garantie für die Meinung ist, ist auch ein Fluch für die
der Gesellschaftsmaschine, das Gesetz der Ausbeutung und der Wissenschaft. Indem der Soziologe auf der Straße herumläuft
Herrschaft, das von Beginn an die Detailerklärungen nutzlos und die Meinungen, die bereits von alleine geläufig sind, an
macht und der Soziologie im Grunde die alleinige Aufgabe der Leine hält, läuft er immer hinter seiner eigenen Karikatur
zuweist, die Effekte der doxa, aus denen die herrschenden Kräfte hinterher, eingeschlossen im Teufelskreis seiner W ahrschein­
Gewinn beziehen, in letzter Instanz auf die Produktionsver­ lichkeiten, die nur zwingend sind, wenn sie die Wahrheit auf
hältnisse zurückzuführen. Die Gerechtigkeit der Zahlen löst Distanz h alten, der sie in j edem Punkt ähneln, außer in dem
ständig den soziologischen Gegenstand auf, indem sie in einer entscheidenden, dass die Wahrheit per Definition nicht auf der
Abkürzung ihre eigene doxa herstellt: die Demäskiermzf!,, welche Straße herumläuft.
die reinen Ideen auf die unreinen Schwerfälligkeiten der Herr­ In diesem Teufelskreis will der Soziologe bloß die Unauf­
schaft zurückführt. Wo auch immer die S oziologie hingeht, richtigkeit des Gegners sehen, der das Kesselargument55 über­
eilt ihr Schatten oder ihr Doppelgänger ihr voraus, die Annä­ strapaziert. Wie kann m an ihm vorwerfen, "gleichermaßen
herung ihrer Schlussfolgerungen, die sich auf die Statistik ihres banale und falsche Dinge zu sagen"5 6 ? Doch er sollte sich nicht
Gebietes stützt. Zum Beispiel: Wenn die Schule die Proletarier von diesem rhetorischen A rgument in die Irre führen lassen.
aussondert, dann deswegen, weil sie eine Klassenschule ist, die Mit seinen Philosophenkollegen hat er die Lehre Bachelards
im Dienste der bürgerlichen Herrschaft steht. gelernt: Die Drehung der Sonne um die Erde war vor Koper­
Eine Herstellung von O ffensichtlichkeiten , welche die nikus ebenso falsch wie banal. Und sie ist weiterhin ebenso
Soziologie nur schlecht mit ihrer anderen Waffe bekämpfen banal wie falsch. Das ist das Um und Auf der Epistemologie:
kann, mit dem Fragebogen, dem Spiel der doxcz mit sich selbst. Der Gelehrte muss "gegen die O ffensichtlichkeit denken",
Wie sollte er die Wahrheit der rechten Meinung erfassen? Das denn "Wissenschaft gibt es nur vom Versteckten". Hier liegt
ist die Lehre der simulierten Umfragen, durch die Platon vor das Problem: Wo soll man in diesem Meißel der Zahl und der
vierundzwanzig Jahrhunderten das Genre erschöpft hat: Die Meinung, in diesem riesigen Geschwätz der Demaskierung
rechte 1\ Ieinmzf!, anflt'ortet immer an sich selbst t•orbei. Sie ist die Kunst, Verschleiertes finden, wo die Wahrheit sich nicht mehr von

230 23 1
ihrer Nachahmung unterscheiden lässt? "Die besondere Schwie­ Die FCirbmzf!, der 5chllster
rigkeit der Soziologie liegt ja gerade darin, dass sie Dinge lehrt,
die j eder irgendwie weiß, aber die man nicht wissen will oder Das ist die Logik, welche die Arbeiten von Pierre Bourdieu
nicht wissen kann, weil es das Gesetz des Systems ist, sie zu und Jean-Claude Passeron über den Schulapparat leitet, Die
kaschieren. "57 Erben und La Reprod11ction. Am Anfang der Analyse die Bru­
!Feil... Das Bindewort weckt uns auf. Wir merkten nicht, talität der Zahlen und ihrer Meinungswirkung: die Chancen
dass sich etwas getan hat. Dieser Satz, der als Aufstellung eines des Zugangs zur höheren B ildung liegen für den Sohn eines
Problems begann, wurde im Laufe seiner Entwicklung zu seiner landwirtschaftlich Beschäftigten bei 0 , 8 9 Prozent und für einen
Lösung. Wir glaubten, dass die Schwierigkeit der Wissenschaft Sohn eines leitenden Angestellten bei 5 8 , 9 Prozent. Davon
war, dass jeder mehr oder weniger das Geheimnis kennt, das ausgehend stehen einander zwei Erklärungen gegenüber. Die
sie aufdecken sollte, und eine leichte Verschiebung des unper­ traditionelle republikanische E rklärung, die von den Arbei­
sönlichen Pronomens zeigt sie uns bedroht, weil man es nicht terparteien wiederaufgenommen wird, ist einfach. Nicht die
wissen will. Wir fragten uns, was verschleiert war, und eine Schule schließt die Kinder des Volkes aus, sondern ihre Eltern,
unmerkliche Verschiebung des Pronomens erklärt uns, warum die es sich nicht leisten können, sie sie besuchen zu lassen
es verschleiert ist: weil das Gesetz des Systems ist, zu verschlei­ und die nicht an die Aufstiegswirkungen glauben. Die Schule
e rn. Was ist denn nun verschleiert in diesem Geheimnis, das sondert nur diejenigen aus, die sie nicht besuchen. Es genügt,
j eder kennt? Die Antwort springt ins Auge: seine Ve.rschleiemnc�! allen die Möglichkeit, sie zu besuchen, sowie das Gefühl ihrer
Die allen bekannte Wahrheit ist eine Wahrheit, die verschleiert, Nützlichkeit zu geben.
dass sie verschleiert ist. Die Offensichtlichkeit läuft auf der Umgekehrt beschuldigt die anarchistische Pädagogik die
Straße herum, um ihr eigenes Geheimnis zu verschleiern. Schulstrukturen selbst. Die Schule erdrücke die Kinder des
Man darf nicht glauben, dass der Soziologe sich im Kreis Volkes, weil ihre autoritäre Struktur die hierarchische Struk­
dreht. Er hat im Gegenteil das Einzige gemacht, was er machen tur der Gesellschaft abbilde und s omit den Geist der Disziplin
konnte. Dazu verdammt, in der sichtbaren Bewegung der doxa zukünftigen Offiziere und ihrer Truppe bilde. Zu der Zeit, als
zu wohnen, daran gehindert, auf eine reale Bewegung zu ver­ Bourdieu und Passeron Die Erbm schreiben, ist das die Position
weisen, die nicht mehr in seinem Gebiet liegen würde, hat er der Jungtürken der Studentengewerkschaft. Den Vorlesungs­
die sichtbare 13eJJ'�f!,ll�l f!, t'erdoppelt. Er hat aus der Flachheit der doxä kursen, die von einer Masse einsamer Studenten besucht wird,
die Dimension des Paradoxes ausgegraben: Eben weil es alle möchten sie die revolutionäre Tugend der Arbeitsgruppen
wissen, kann es niemand wissen. Wenn die Gesellschaftsma­ entgegensetzen, wo die Studenten sich selbst bilden. Niemand
schine uns einnimmt, dann deswegen, weil wir nicht wissen, wird überrascht sein, dass diese Jungtürken, die sich dem Ö ko­
wie sie uns einnimmt. Und wenn wir nicht wissen, wie sie uns nomismus der Kommunistischen Partei entgegenstellen und
einnimmt, dann deswegen, weil das ins Auge springt, weil wir den Autoritätsanspruch der Professoren kritisieren - auch den
es nicht sehen wollen. Jedes Erkennen ist ein V erkennen, j ede der Soziologieprofessoren -, meist Studenten der Philosophie
Entschleierung eine Verschleierung. Wenn die Schulmaschine sind.
aussondert, dann desh alb, weil man nicht weiß, wie sie ausson­ Es ist immer dieselbe Zange zwischen der Wirtschaft und der
dert, weil sie verdeckt, wie sie aussondert, indem sie verdeckt, Ideologie. Doch der Soziologe hat Vorkehrungen getroffen. Im
wie sie verdeckt. Zwischenbereich der zwei Zweige behauptet er seine verschlei­
erte Wahrheit: Die Schule sondert tatsächlich die Proletarier

232 233
aus, aber nicht durch ihre Prozeduren der Aussonderung. Sie men, die mit den unbewussten Kriterien der gesellschaftlichen
handelt nicht durch das, was sie macht, sondern dadurch, was Wahrnehmung bewaffnet sind, über Gesamtpersonen, deren
sie nicht macht oder was sie neben ihr macht; durch das, um sie moralische und intellektuelle Eigenschaften durch unendlich
glcmben lässt. Die Schule sondert aus, indem sie ��Iauben lcisst, sie sondere Kleines wie den Stil oder die Manieren, den Akzent oder die
nicht aus, indem sie also diejenigen, für die sie nicht gemacht ist, Aussprache, die Haltung oder die Mimik, ja selbst die Kleidung
zwingt, sich von alleine auszusondern, von selbst zu urteilen, und die Kosmetik erfasst werden."5 8 Klischees der Jury der
dass sie nicht beppbt sind, weil sie nicht von den Studien, die ih­ Erole nationale d'administration (ENA) , Perlen der Berichte von
nen angeboten werden, profitieren. Diese Vorstellung von der der "Agregation"59 . . . Sonderbares farbiges Prisma, durch das
Begabung - und von ihrer Abwesenheit - erzeugt das Selbstaus­ die Soziologen der Reproduktion den Schulapparat sehen, als
sonderungsverhalten. In platonischen Ausdrücken: Die Illusion der ob er gänzlich auf das telos dieser Initiationszeremonien oder
Inspiration erzet{f!,f die Ei"rbmtr" der Schuster, indem sie die des Generals dieser rituellen Reden ausgerichtet wäre. Eine Reihe von Ver­
und des Philosophen erzeugt. schiebungen wird vollzogen, die also den Beginn durch das
Die Schule sondert also aus, indem sie verschleiert, dass sie Ende erklärt: Die nostalgische Bemerkung des Verfassers von
aussondert. D as impliziert natürlich eine weitere Steigerung. Berichten von der "Agregation" wird zur Wirklichkeit seiner
Um das System vollkommen zu machen, ist sie es sich schul­ Praxis, dann das tägliche Brot der Abiturbegutachter, die angeb­
dig, auszusondern, um die Tatsache zu verschleiern, dass sie lich von ihr inspirierte Atmosphäre des Französischunterrichts
aussondert, indem sie vorgibt, nicht auszusondern. Das ist die am Lycee und am Ende das Gefühl der Scham, welches das
Funktion der Prüfung in dieser Logik. Sie sondert im Wesent­ Kind des Proletariers dazu treibt, sich als Unwürdigen dieses
lichen die aus, die sie nicht schaffen, die ein paar Jahre, bevor verzauberten Universums des Charismas auszuschließen.
sie sie erreichen, aufhören. Sie ist der Mythos, der denjenigen, Die Sache würde sich also darin zusammenfassen lassen: Die
die nicht so weit gehen, sie zu schaffen, erlaubt, ihre Norm Schule lässt die Kinder des Volkes glauben, dass sie sie mit
anzuerkennen, ihr verdientes Schicksal im Schicksal derer zu gleichen Chancen wie die anderen empfängt, dass der Erfolg
erkennen, die sie nicht schaffen. D och das ist noch nicht alles. und das Scheitern von persönlichen Begabungen abhängen, die
Diese Funktion der Anstiftung zur Aussonderung durch ihr unabhängig sind von den gesellschaftlichen Umständen. Diese
Trugbild setzt voraus, dass die Prüfung verschleiert, indem Verschleierung wird in den Spielen des kulturellen Charismas
sie die kontinuierliche Auslese simuliert, welche sich in dieser simuliert. Der Professor gibt vor, dabei seine Schüler in einer äs­
Schule versteckt, die vorgibt, nicht auszusondern. "Nur unter thetischen Vision zu üben, welche die Routine der schulischen
der Bedingung, dass man in der Prüfung die Funktion der Ver­ Üb ung überschreitet. Er zwingt sie also über die "Litotes des
schleierung der Aussonderung ohne Prüfung ausfindig macht, klassischen Dramas oder über die unendlichen Feinheiten des
kann man vollständig verstehen, warum so viele Merkmale guten Geschmacks" Aufsätze zu schreiben. 60 Gerade damit
ihres Funktionierens als offene Auswahlverfahren noch der Lo­ weist er natürlich denen, für die die Kultur außerhalb der
gik gehorchen, welche die Aussonderung, die sie verschleiert, Mauern der Schule existiert, das Charisma der Begabung zu,
leitet (. . .) Die Klassentendenz ist niemals so ausgeprägt wie in denen, die sie durch Geburtsrecht besitzen und fähig sind, der
den Prüfungen, die den Korrektor zu impliziten und diffusen Wahrnehmung des gewissen Etwas die Leichtigkeit zu verlei­
Kriterien der traditionellen Benotungskunst verdammen, wie hen, die ihre Manieren oder ihre Kleidung kennzeichnet.
die Prüfung durch Aufsatz oder die mündliche Prüfung, die Was zu beweisen war. Was sich nicht widerlegen lässt. Sicher­
eine Gelegenheit darstellt, Gesamtbeurteilungen vorzuneh- lich machen uns sowohl der erste wie der folgende Term der

234 235
Schlussfolgerung im selben Maße perplex. Gab es den großen empfinden, erfüllt trotzdem seine objektive Funktion, nämlich
Schwindel der Chancengleichheit und der Ungleichheit der Be­ die Neophyten zur Anbetung der Kultur zu bewegen, und nicht
gabungen wirklich jemals anderswo als im schneidigen Diskurs der Universität, die nur die Aufgabe hat, den Kult der Kultur
der Aufdecker? Die Begründer der öffentlichen Schule haben auszurichten. " 6 1
sie nicht für die soziale Gleichheit bestimmt, sondern nur für
die politische Gleichheit. Ihre Macht der sozialen Umverteilung
wurde niemals anders aufgefasst als in der Weise, wie sie auch Der angeklagte Ankläger
ausgeübt wurde: am &znde. In der Art des platonischen Aus­
wählers: in der Förderung der begabtesten Kinder des Volkes Das ist das Paradox, das sich um die Lehrlinge der Philosophie
und in der Zurückstufung der beschränktesten Kinder der schließt, welche die allzu schulischen Methoden des Soziologen
Elite. In der Praxis hat die Ideologie der "Begabungen" weniger in Frage stellten und die freie Arbeit des Studentenkollektivs
dazu gedient, die durch Geburt E rwählten zu unterscheiden, der professoralen Autorität entgegenstellten. Gerade ihre
als dazu, die Kinder des Volkes zu erkennen, die fähig sind, "Anklage" der Institution spricht entgegen ihrer Absicht eine
ihnen Konkurrenz zu machen. Die Willkür des Begriffs des Wahrheit aus. Indem sie den Autoritätsanspruch der Pädago­
Chmisma setzt dieses Urteil des erfahrenen Erziehers mit dem gen anklagen, fordern sie - es verschleiernd - das wirkliche
vorzüglichen Charme der Racine'schen Litotes gleich. Genau­ Gesetz der Institution, deren wesentliche Vertreter sie sind:
so, wie sie die Französischklasse mit dem Selbstbewusstsein das Laisser-faire, das nur j enes Wissen begünstigt, das in den
eines Jurymitglieds der ENA, das angestammte Universum der Erben verkörpert ist. Sie lehnen die Zwänge einer rationalen
bürgerlichen Erben mit einem Treibhaus voll distinguierter Pädagogik ab und schlagen in der Form der demokratischen
Bemerkungen und kultivierter Anspielungen gleichsetzt, und Lernmethoden aus den "umfassenden und unteilbaren Gaben
die vernünftigen Prognosen der Studenten zu den Themen, die der charismatischen Ideologie" 62 Kapital.
der Faulheit der Prüfer geschuldet sind, mit dem Fetischismus Der junge Kleinias h at also auf eigene Kosten gelernt, was
der Kerzen, die göttlichen Schutz erflehen. es bedeutet "nicht wissen zu wollen", was alle wissen. Seine
Doch der Soziologe ist gegen diese Einsprüche des gesunden Anklage war die Verkennung, die im System verkörpert
Menschenverstandes gewappnet. Umsonst wird man gegen ihn ist. Und umgekehrt ist die Kenntnis des Systems gleich der
einwenden, dass der Alltag der Schulpraxis und der bürger­ Kenntnis ihrer Verkennung. Konkret gibt die Mikrosoziolo­
lichen Konversation nicht aus Racine'schen Litotes gemacht gie der Philosophiestudenten den Zahlen Recht. Diese zeigten
ist, was die Studenten aus einfachen Verhältnissen weniger von uns die massive soziale Ungleichheit im Auswahlprozess. Er
denen bürgerlichen Ursprungs trennt. D as würde gerade bedeu­ bezeichnet uns die aristokratische Tugend des Auserwählten:
ten, dass man vergessen würde, dass das System funktioniert, die Muße. Wenn die Studenten - und besonders die Philosophie­
indem es das Gegenteil von dem macht - das heißt glauben und studenten - auf ihrer Fähigkeit bestehen, ihre Zeit selbst ein­
machen lässt -, was es zu machen scheint. Es stimmt, dass der zuteilen, zeigen sie uns damit nicht, dass sie die Zeit haben, die
Alltag der Professorentätigkeit nur bescheiden charismatisch es ihnen erlaubt, auf Einteilung zu verzichten? Man kann also
ist. Aber das Charisma wird eben durch nichts besser hergestellt kurz zusammenfassen: D ie Schule sondert durch die Tugend
als durch sein Fehlen. "Der erfahrenste Professor, der - wenn aus, die den aristokratischen Werten des Dilettantismus zuge­
auch gegen seinen Willen - seine revoltierenden Studenten schrieben wird. In der von diesen aristokratischen Anklägern
einer "Antikultur" zutreibt, die sie als lebendiger und echter beanspruchten F reiheit kann man das Wesen sehen, das der

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schulischen Übung und der bürgerlichen Natur gemein ist, die werker gewonnen haben, wenn sie etu·as anderes als ihre "eigene
offensichtliche und verschleierte Tugend der Begabung und Sache" machen. D ie Denunzierung der Schofe denunziert auch
der Inspiration: diese Muße, diese scho!ie, die der Schule ihren den Emporkömmling, der sich die Muße anmaßt, die er nicht hat,
Namen und ihren Seinsgrund gibt: die Reproduktion durch um zu studieren. Ein besonderer Fall, der zufälligen Gründen
verkannte Nachahmung der Freiheit der Herrschenden. "Die geschuldet ist: Wenn er glaubt, studieren zu können, dann weil
Schule, Ort der Scholie, der Muße (. . . ) ist der Ort schlechthin er einer Umgebung angehört, in der man es bereits getan hat.
der sogenannten zweckfreien Übung, ist der Ort, an dem jene Wenn er sich Hoffnungen hinsichtlich seiner "Begabungen"
distanzierte und neutralisierende Einstellung zur sozialen macht, dann wegen seiner " besonderen Fähigkeiten". 65 Hinter
Welt angeeignet wird, die zumal das bürgerliche Verhältnis der Tautologie zeichnet sich das Urteil ab: Man entkommt
zu Kunst, Sprache und Körper beherrscht. "63 Es ist nutzlos, der prinzipiellen Unmöglichkeit nur durch den Verrat an den
dieser unwahrscheinlichen Phänomenologie die Erfahrung Prinzipien. Der "Emporkömmling" der Bildung erscheint als
des Schülers entgegenzustellen, den die Klasse und die Glo­ doppelter Verräter seiner Klasse: individuell, wenn er sich
cke, die Lektionen und die Aufgaben, die Belohungen und zwingt, "Anlagen" zu erwerben, die den privilegierten Klassen
Strafen nicht wirklich an die freie und kostenlose Übung erlauben, sich die legitime Kultur anzueignen; kollektiv, indem
denken lassen. Die soziologische Beschreibung ist vor allem er durch einen Erfolg die Gesamtwirkung der Aussonderung
eine mythische E rzählung. D eshalb kann der Soziologe, maskiert.
wenn er von Gymnasialprofessoren redet, ihnen als Wesen Diesem individuellen Verrat scheint zuerst die kollektive
ihrer Klasse die Darstellung seines Universitätslehrsaales ge­ Chance einer "rationalen Pädagogik" entgegengesetzt zu sein,
ben. 64 Die Beschreibung dieser unauffindbaren Schule ist die die das implizite Wissen der vererbten Kultur in Elemente eines
Erzählung, die das Wesen der S chule nachahmt: Der Mythos egalitären Lernens verwandelt. Doch die Frage taucht sogleich
der Muße, der dem platonischen Argument vom Fehlen der von neuem auf: Bedeutet die Rationalisierung des Erlernens
Zeit entspricht. Die Fixierung jedes Arbeiters an seinem Platz der legitimen Kultur nicht, die Willkür der Legitimität im
verschleierte sich in der Abwesenheit von Zeit und versteckte Allgemeinen zu bestärken? Im Übrigen ist ein Privileg für alle
sich im abschließenden Mythos der Po!iteia, im Mythos von der ein Widerspruch in sich. Die rationale Pädagogik kann wie
freien Wahl der Seelen. Man muss hinter der Illusion von der jede Pädagogik nur am Rande funktionieren, nämlich indem
freien Wahl das Gesetz der Muße zeigen. Die Schulzeit muss sie die Erfolgschancen der am besten platzierten Mitglieder der
auf diese leere Zeit reduziert werden, die einfach n otwendig beherrschten Klasse optimiert: "kontrollierte Mobilität einer be­
ist, damit die Muße ihre Kinder erkennt oder sich von denen, schränkten Anzahl von Individuen", die "der Perpetuierung der
die sie nicht besitzen, anerkennen lässt. D aher die Erklärung, Struktur der Klassenverhältnisse dient" . 66 Die rationale Pädago­
die in dieser L ogik ganz natürlich erscheint, von der Verlän­ gik kann daher nur die Verschleierung des Systems verstärken.
gerung der Pflichtschulzeit. Die Schüler zu behalten , die aus Von de n Edmt zur Reprod11ction ist sie eine ebenso illusorische
ihr ausgesondert wurden, ist das beste Mittel, um sie durch Utopie geworden wie die anarchistische Pädagogik.
die Verschleierung ihrer Aussonderung auszusondern.
Die wissenschaftliche Erklärung ist somit eher der Mythos der
Wissenschaft. Ein antiplatonischer Mythos von der Trennung
der Seelen. Doch worin besteht genau sein Anti-Platonismus?
Denn man sieht nicht recht, welche Möglichkeit die Hand-

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Epimmides der Kreter 11nd Parmenides der A1ar">.:ist die im Feld der Möglichkeiten einen Einschnitt vollzieht, der
niemals seine Notwendigkeit in sich trägt.
Der Soziologe kann daher immer seine Solidarität mit den Nunmehr ist alles gesagt. Die Willkür im ersten Sinn könnte
arbeitenden Klassen bezeugen, wenn er das Gesetz des "Laissez­ immer auf ihre Notwendigkeit abgerufen werden. Doch in
faire" anklagt, welches das System perpetuiert. Aber er kann der zweiten Bedeutung ist sie unauflöslich. Denn die pädago­
der unendlichen Logik nichts entgegensetzen, durch die der gische Handlung kann nur in der Weise der legitimen Aussage
Pelikan aus dem vom Jonathans Pelikan gelegten Ei schlüpftY sprechen. Die Willkür kann sich nicht als Willkür im Akt, in
Oder vielmehr darf er ihr nichts entgegensetzen. Denn die ra­ dem sie sich ereignet, gestehen, wenn sie sich nicht das Recht,
tionale Pädagogik hätte sicherlich den bedauerlichen Nachteil, verstanden zu werden, abschneiden will. Das ist der Sinn des
die Solidarität der Arbeiterklasse zu zerstören. Doch sie hätte Paradoxes von Epimenides. Wenn der Kreter Epimenides sagt,
vor allem den, die Soziologie als Wissenschaft zu leugnen. dass alle Kreter Lügner sind, kann man nichts daraus schließen.
Denn es gibt, wie man weiß, Wissenschaft nur vom Ver­ Die Willkür muss sich also als notwendig behaupten. Jede
steckten. Doch das einzige "Versteckte" , das der Soziologie pädagogische Handlung vollzieht sich durch die Macht einer
eigen sein kann, ist das T/erkenmn. Man muss es jedoch auch pädagogischen Autorität, die sich als legitim behauptet. Die pä­
noch richtig verstehen. Man sagt, dass das Verkennen im Allge­ dagogische Autorität ist die notwendigerweise z·erkcmnte Willkür
meinen einen versteckten Gegenstand hinter dem Schleier des und gerade deswegen oi:Jektiz• als le,_r;itime Autorität cmerkcmnt. 68
Verkennens voraussetzt: in diesem Fall die Kraft der Produkti­ Die Willkür ist also außer Reichweite. Sie ist nicht mehr nur
onsverhältnisse, die außerhalb der Gesetzgebung der Soziologie die aufzeigbare Wirkung der Herrschaft. Sie ist die Nicht-Not­
liegt. Um Herrin in ihrem Feld zu bleiben, wird die Soziologie wendigkeit der Notwendigkeit, die niemals vom Pädagogen aus­
der Reproduktion ins Prinzip des p ädagogischen Apparats ein sprechbar sein wird. Der Widerspruch wurde in parmenidische
Verkennen legen, das nicht Verkennen eines versteckten Inhalts Höhen geschraubt. Niemals wird man das Nichtsein zwingen
ist, sondern einfach ihrer selbst. können, zu sein. Niemals wird die Willkür notwendig sein.
Das erste Axiom von La Reprod11ction legt somit die Erforder­ Und niemals wird die Sprache der Notwendigkeit die Willkür
nis der Soziologie offen: die Wirksamkeit einer symbolischen sagen können. Die p ädagogische Handlung rechtfertigt die pä­
Gewalt, die zur einfachen Gewalt der Kräfteverhältnisse hin­ dagogische Autorität, die jene umgekehrt rechtfertigt. Ein Kreis
zukommt. Doch die Wissenschaft dieses " Zusatzes" ist eine ohne Teufel, welcher eine Pädagogik ohne Versager erlaubt:
bedrohte Hilfstruppe. Wenn die rationale Pädagogik die Wahr­ "Die pädagogische Arbeit produziert untrennbar davon die Le­
heit über die pädagogische Autorität sagen könnte, würde das gitimität des Produzierten und den legitimen Bedarf durch die
Versteckte" der Wissenschaft verschwinden. Daher muss diese Produktion des legitimen Konsumenten. " 69 Die Reproduktion
G ewalt noch unabwendbarer sein als die der Herrschaft, muss sie der legitimen Rede kann sich von der prophetischen Rede weder
unablösbar vom Gesetz sein, das den Agenten, die es produzieren stören lassen noch gestört werden. "Der religiöse Prophet oder
oder erleiden, keine Möglichkeit lässt, es zu erkennen. Politiker predigt immer den Bekehrten. "70 Prosaisch ausgedrückt
Alles hängt an diesem Begriff der lf/il/kiir. Die pädagogische wird Jesus oder Mohammed von der "sozialen Nachfrage"
Handlung im Allgemeinen ist vor jedem Schulsystem die Will­ erzeugt. Die Identität des großen symbolischen Gesetzes mit
kür in einer zweifachen Bedeutung: weil sie eine bestimmte der Banalität des Warengesetzes stellt sicher, dass der Habitus
willkürliche Kultur reproduziert, die Kultur einer Klasse, deren andauernd produziert und reproduziert wird, damit jeder "seine
Macht sie somit bestätigt; aber auch durch ihre bloße Existenz, Sache" macht: Schuhe nähen oder sich kreuzigen lassen.

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Seine eigene Sache, das heißt vor allem die Sache des Soziolo­ "Zum großen Leidwesen des Philosophen-Königs", der den
gen. Denn die dermaßen eingestellte Gesellschaftsmaschine ist Schlechtgestellten das Wesen, das sie auf ihren Platz verdammt,
immer nur die entwickelte Form des Axioms, das der Soziolo­ zuweisen würde, hat der Soziologe Partei für diese "Schlecht­
gie erlaubt, als Wissenschaft zu existieren, indem sie sicherstellt, gestellten" ergriffen, die "das Ordnungssystem, das ihnen den
dass ihr Gegenstand sich nicht von alleine erklärt. schlechtesten Platz zuwies"71, zurückweisen. Bloß besteht diese
Seine Kritik des Platonismus nimmt also eine sehr spezielle "Parteinahme" darin, ihnen in umgekehrter Weise dasselbe zu
Form an. In gewisser Weise sind Die Erben und La Reproduction erklären wie der Philosoph. Doch diese umgekehrte Richtung
die Erklärung von Platons Politeia, zuerst in Bildern, das andere ist nicht unerheblich. Der Philosoph ging von der Willkür aus,
Mal in Axiomen. D och in diesem Staat haben die Autoren eine um zur Notwendigkeit zu gelangen. Der Soziologe erreicht sie,
ganz bestimmte Wahl getroffen. Sie haben am Ende angefangen, indem er von der Illusion der Freiheit ausgeht. Er verkündet,
nämlich mit dem Mythos von Er, dem Mythos von der freien dass die Illusion ihrer Freiheit die Handwerker an ihren Platz
Wahl der Seelen, der den Abschluss des letzten Buches bildet. fesselt. Die zugegebene Willkür wird nun wissenschaftliche
Sie haben beiseite gelassen, was sie doch vor allem interessieren Notwendigkeit, die Neuverteilung der Karten wird absolute
hätte müssen, nämlich den "pädagogischen" Mythos von den Illusion. Das V erdammungsurteil wird also erbarmungsloser
drei Metallen. als jemals zuvor gefällt: "Die bestehende Ordnung und ihre
Man versteht leicht den Grund dafür. Der Mythos von den Grundlage, die Kapitalverteilung, tragen zu ihrem eigenen
drei Metallen stellt diese Besonderheit dar, die für den Soziologen Fortbestehen schon durch ihre bloße Existenz bei, das heißt
inakzeptabel ist: Er beansprucht, die lf7cl1Jrlmt iiber die Li(!!ß =?!' sagen. durch die Symbolwirkung, die sie von dem Moment an entfal­
Das heißt, dass er genau den Platz des Axioms einnimmt, den ten, wo sie öffentlich und offiziell bestätigt und eben dadurch
Platz des Soziologen. Der Soziologe wählt also den Angriff auf die verkannt und anerkannt werden. "72
Philosophie nicht an ihrem Anfang (der Erklärung der Willkür), "Eben dadurch", das ist der Angelpunkt der parmenidischen
sondern an ihrem Ende (dem Mythos der freien Wahl der Seelen). Notwendigkeit, die dem " zugleich" der dialektischen Befrei­
Das ist der "gute" Mythos: er sagt uns nicht, dass er lügt. Man ung entgegengestellt ist. Es ist unmöglich, dass eine Ordnung,
wird also die Allegorie der symbolischen Macht daraus machen solange sie existiert, j emals aufhören könnte, "durch ihre Exis­
können, und aus seiner Anklage die Wissenschaft, welche die tenz selbst" ihre eigene Perpetuierung anzustreben. Es ist also
immer reproduzierte, immer demaskierbare philosophische unmöglich, das Reich der Willkür nicht immer anzuerkennen
Illusion von der Wahlfreiheit kritisiert. Der Soziologe gewinnt (also zu verkennen) und zu verkennen (also anzuerkennen) .
damit in jedem Fall. Doch er ist am Ende seiner wissenschaft­ Der Soziologe hat alles getan, um sein Reich abzusichern.
lichen Arbeit ebenso dem philosophischen Verbot unterworfen. Er hat die Willkür rationalisiert, verabsolutiert. Der Philoso­
Er wird über den umgekehrten Weg �m1 selbm Ergebnis gelangen. phie hat er eine Schwere der gesellschaftlichen Beherrschung
Anstatt vom dritten zum sechsten Buch der Politeia zu gehen, entgegengesetzt, die verstärkt wird durch die logische Strenge
wird er vom zehnten zum sechsten Buch zurückkehren. An­ des Prinzips des ausgeschlossenen Widerspruchs. Er hat die
statt vom Mythos von den drei Metallen auszugehen, um die marxistische Notwendigkeit durch die parmenidische Not­
Verdammung des Autodidakten zu erreichen, wird er beim wendigkeit ihrer Ewigkeit verdoppelt. Er hat das alte mit dem
Mythos von Er beginnen, um zum selben Schluss zu gelangen . neuen Verbot kombiniert. "Jeder soll auf seinem Platz bleiben",
Am Begegnungspunkt wird nur das sich geändert haben: Der sagte das alte. "Vergesst nicht den Klassenkampf", prokla­
Philosophenkönig wird Soziologenkönig geworden sein. miert das neue. Die Verbindung der beiden ergibt diese neue

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Gestalt: den parmenidischen Marxismus. Vom proletarischen nisse, die diese für unveränderbar erklärt? Sobald die Position
Schrecken zurückgekommen, um die abgeklärte Banalität der des Pädagoge n und die des Politikers annulliert sind, bleibt
bürgerlichen Welt zu werden, die an allen Ecken als das große nur noch die des Psychoanalytikers. Der Soziologe wäre der
Geheimnis herausgeschrien wird, das niemand kennt: der Gelehrte und der Arzt der S elbstverleugnung im Allgemeinen .
Klassenkampf als ewige Wahrheit, die das doppelte Verdienst Da er die Klassifizierung der Schlechtgestellten nicht ändern
hat, niemandem weh zu tun, aber auch, der Wissenschaft die kann, verliehe er ihnen die 11öglichkeit "ihren Habitus ohne
ewige Anklage ihres ewigen V ergessens zu erlauben. Schuldgefühle und ohne Leiden zu akzeptieren. "7�
Das Programm ist absolut nicht begeisternd. Es ist vielleicht
die Ehre der Wissenschaft. Doch diese wird durch ein neues
Der .Arz! ttnd seine Patienteil Paradox komplizierter. Wenn der Soziologe Psychoanalytiker
ist, hat er wie sein Kollege nur mit einer reichen Klientel zu
Bleiben die Schlechtgestellten. Man weiß j etzt, dass sie nichts tun. "Das Elend des Soziologen liegt darin, dass diejenigen, die
von der emanzipatorischen Pädagogik zu erwarten haben. Was über die technischen Mittel verfügen, sich das anzueignen, was
das prophetische Wort betrifft, das ihnen durch seine 1\Iissrer­ er sagt, zumeist absolut keine Lust dazu haben [ . . . ] wogegen
stiindnisse manchmal erlaubt, ihre Plätze zu verlassen, werden diejenigen, die Interesse daran hätten, es sich anzueignen, nicht
sie bald die Rechtmäßigkeit neuer Prätendenten "auf alleinige über die dazu nötigen Instrumente verfügen (theoretische
Macht zu richten und zu klassifizieren"73 darin anerkennen, Bildung usw.) . "75
das heißt verkennen. Der Soziologe kann den Schlechtgestell­ Die Sache ist ein wenig komplizierter. Was auch der Soziologe
ten nicht mehr helfen, außer ihnen zu erklären, warum die darüber sagen mag, es fehlt den Leuten, die über die "technischen
Philosophen die wahren Gründe verkennen, die sie an ihren Mittel" verfügen, doch nicht die Lust, sich seine Wissenschaft
Plätzen fixieren. Ein leicht deprimierendes Ende. Aber die anzueignen. Viele Kunstliebhaber haben den Nutzen verstanden,
Moral der Wissenschaft ist, wie man weiß, streng. Wie der Phi­ den es bringt, fähig zu sein, überall und jederzeit, auf jedem Blatt
losoph hat der Soziologe niemandem das Glück versprochen . Papier und auf j eder Wellenlänge zu erklären, dass die Liebe zur
Oder vielmehr hat er wählen müssen. Keine soziologische Kunst ein Privileg der Erben ist. Und die Kritik des Elitismus
Wissenschaft ohne Opferung der rationalen Pädagogik, die ist schnell zur neuen Rechtfertigung der Hierarchie geworden.
unvorsichtigerweise die Emanzipation der Schlechtgestellten Der Universitätsprofessor analysiert die elitären Methoden des
versprochen hat. Wer würde ihn beschuldigen, dass er guten Lehrers in der Vorstadt. Der Professor der E cole des Haufes EtJtdes
Gewissens seine Wissenschaft als auf lange Sicht nützlicher für deckt die elitäre Ideologie des Fußvolkes der Universitäten auf,
die Schlechtgestellten bezeichnet als seine Pädagogik? Schließ­ und der Unterrichtsminister unternimmt mutig Reformen, die
lich befreit nicht die Pädagogik, sondern die Wissenschaft. den Elitismus seiner Untergebenen als Gesamtheit unterdrücken
Bloß hat diese Wissenschaft ganz besondere Eigenschaften. sollen. So verbreitet sich in den höheren Sphären die Möglich­
Die anderen verlangen im Allgemeinen die Anerkennung ihrer keit, den Habitus der anderen "ohne Schuldgefühle und ohne
No!Jnlld{f!,keit, und versprechen, sie in den Dienst irgendeiner Leiden zu akzeptieren".
Befreiung zu stellen. Doch diese Wissenschaft bietet als Gegen­ Es ist jedoch nicht einsichtig, was die Schlechtgestellten von
stand ein Verkennen ohne Widerruf an. Was macht man mit dieser Hygiene zu gewinnen haben. Was heißt es genau, sich die
einer Wissenschaft von der Schule, welche die Pädagogik für Wissenschaft über seine Enteignung anzueignen? Die Liebe zur
unmöglich erklärt? Mit einer Wissenschaft der Kräfteverhält- Kunst ist ein Privileg der Erben: Weiche Konsequenz wird ein

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Nicht-Erbe aus dem Erwerb dieses Wissens ziehen? Das Recht Die If?issenschaft der Pnzktiken
verlangen, das die Erben für sich behalten? Doch bedeutet das
nicht, in die charismatische Ideologie zu verfallen, die ihr Erbe Das ist nicht mehr die Sache des Soziologenkönigs . Er warnt
rechtfertigt? Soll man auf Freuden verzichten, die voraussetzen, uns selbst vor der Ausweitung des Schemas der Reproduktion.
dass man, um sie zu genießen, distinguiert sein muss? Doch ist Dieses ist nur den Institutionen wirklich angemessen, deren
das nicht das, was die Notwendigkeit bereits lehrt? Sich von Funktionie ren analog zu ihren Reproduktionsbedingungen
diesem "Elend" zu befeien, das "häufig aus der erzwungenen ist. Den Grenzfall stellt die alte Universität dar, die auf die
Preisgabe herrührt, die sich nicht zu akzeptieren vermag. "76 Soll Reproduktion der Universitätsangehörigen ausgerichtet ist.
man also die Enteignung akzeptieren? Der Ratschlag ist nur gut Um die Arten der symbolischen Gewalt weiter zu fassen, die
für die, die daran leiden, für die, die versuchen, am Schicksal jeden dazu leiten, seine "eigene Sache" zu machen, muss man
derer etwas zu verändern, die "nichts anderes" machen können, sich von der großen Reproduktionsmaschine ab- und den
als ihr Schicksal zu akzeptieren. D as bedeutet am Ende, ihnen kleinen Maschinen zuwenden, deren freien Bewegungen im
eine weitere Tür zuzuschlagen. Raum ihrer eigenen Notwendigkeit der Konfiguration des
Das wäre so, wenn diese Rede sie erreichen würde. Sie erreicht sozialen Feldes folgen und sie nachzeichnen. Man muss die
nur die "Erben" , die sie erziehen sollen, und die Politiker, Arten des Habitus beachten, durch die die gesellschaftlichen
welche die Erzieher erziehen s ollen. Im post-marxistischen Handlungsträger die verkörperte Vergangenheit der Voraus­
Marxismus ist die Wissenschaft des Soziologen so etwas sicht möglicher Zukunft dienlich machen. Das fatalistische
wie die Sartre'sche Vorstellungswelt der Kommunistischen Bild von der Maschine muss man durch das des Marktes er­
Partei geworden. Sie repräsentiert bei den Bevorzugten diese setzen , wo die freien Willen um die Festsetzung des Preises
Benachteiligten, denen, um sich selbst zu repräsentierten, die der Produkte konkurrieren, aber auch, wo die Subjekte, die
Verbindung der Distinktion fehlt. Der Schlechtgestellte ist die sich Illusionen machen über ihre Freiheit, alles zu jedem
Geisel der Wissenschaft, der Wächter-Maschinist, der durch beliebigen Preis zu verkaufen oder zu kaufen, schnell an die
sein massives Schweigen das unbestimmte Leck der do:\:a zu­ Grenzen dieser F reiheit stoßen .
stopft. Durch seine stumme Stütze gibt er der Wissenschaft die Besser noch, man muss die sozialen Praktiken in der Katego­
Position der legitimen Aussage, die sie dem Spiel des kulturellen rie des Spiels denken, wo die Wissenschaft von den Spielzügen
Relativismus entzieht, in den sie die anderen einsperrt. das Wissen um die Regeln überschreitet. Um diesen Preis kann
Diese Wissenschaft wird j edoch bald von der dovYa überholt man die verdrießliche Wissenschaft vom Verkemzen verlassen, um
und der kämpferische Aktionismus wird das tägliche Brot der ins spielerische Universum der illitsio einzutreten, aufgefasst in
Ordnung. Die Anklage im Namen einer abwesenden Klasse seiner etymologischen Bedeutung: nicht die falsche Wahrneh­
wird Alltag der halbgebildeten Meinung und der Kampf gegen mung, sondern das, was auf dem Spiel steht. "Als Ergebnis der
die elitäre Reproduktion das gemeinsame Programm der Mini­ Spielerfahrung, also der objektiven Strukturen des Spielraums,
ster jeder Couleur. D a die gelehrte Ernüchterung die gewöhn­ sorgt der Sinn für das Spiel dafür, dass dieses für die Spieler
liche Unkultur festigt, erhalten diese Politiker letztlich gute subjektiven Sinn, d.h. Bedeutung und Daseinsgrund, aber auch
Ergebnisse. Die Kinder der E lite haben endlich das Treibhaus Richtung, Orientierung, Zukunft bekommt. Mit ihrer Teilnah­
der Racine'schen Litotes verlassen. Es ist eine andere Frage, me lassen sie sich auf das ein, um was es bei diesem Spiel geht
was die Kinder des Volkes dabei gewonnen haben. (also die ill11sio im Sinne von Spieleinsatz, Spiele��elmzs, Spielinteresse,
Anerkennung der Spielvoraussetzungen - doxa) . " 77

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a

So zeichnet sich der Raum einer Soziologie ab, die endlich Man kann nur spielen, wenn man etwas ins Spiel einbringen
die lf/issenschcift Z 'OJJ dm Praktiken wäre und nicht das Wörterbuch kann. Je mehr das Gesetz des ökonomischen Kapitals sich
der Regeln oder die Sammlung der vorfabrizierten Meinungen. durchsetzt, desto mehr setzt sich auch die Wahrheit durch,
Totale Wissenschaft des Spiels, die mit den Regeln, den Spiel­ dass das symbolische Spiel für die Reichen reserviert ist, dass
zügen und den Meinungen der Spieler die ethnologische Ob­ es nur eine E11phemisienmg der Herrschaft ist. Die Armen spielen
jektivierung des Spiels und die Obj ektivierung der Verfahren nicht. Ihr Habitus lässt sie nämlich nur einen Anschein von
der Objektivierung des Ethnologen beinhaltet. Eine virtuose Spiel erkennen, wo die vorweggenommene Zukunft nicht
Wissenschaft, die zwischen den Offensichtlichkeiten des Ge­ die der Möglic hkeiten, sondern nur der Unmöglichkeiten ist:
setzes und denen der Meinung dieselbe Bresche schlägt wie der "ein soziales Milieu mit seinen ,geschlossenen' Laufbahnen,
Minenleger auf der feindlichen Seite der Wand. Doch ebenso unerreichbaren ,Positionen' und ,verbauten' Aussichten", wo
eine Wissenschaft, die der Nützlichkeit der Schlechtgestellten die "Kunst, die Wahrheitsähnlichkeit zu erreichen" nur die
dient. Sie könnte s ie, oder zumindest ihre Verteidiger, die Tugend der Notwendigkeit euphemisieren kann. 79 Nur die
ungeschriebenen Regeln des sozialen Spiels , die Strategien der Erwählten haben die Möglichkeit zu wählen.
Herrschaft und die zwischen der Wand des Unmöglichen und Der durch das Spiel und durch den Markt eröffnete Raum
den Täuschungen der Utopie tatsächlich spielbaren Spielzüge sollte uns aus der geschlossenen Logik der Reproduktion und
lehren. der Muße herausführen, uns die Spieleinsätze und die gesell­
Der Spielraum schränkt sich aber für den Soziologen und schaftlichen Werte als Ergebnisse eines Kampfes erscheinen
mehr noch für die Schlechtgestellten bald ein. Wahrscheinlich lassen, als durch andere Kämpfe veränderbar, welchen durch
können die kabylischen Dorfbewohner in der subtilen Zeitlich­ die Erklärung der Regeln und der Art des Spiels durch den
keit der Geschenke und Gegengeschenke die objektivistische Soziologen geholfen wäre. Die Öffnung schließt sich jedoch
Reduktion der Ethnologen, die das Spiel auf die unmittelbare sogleich. Der einzige Punkt, durch den der Soziologe auf den
Gegenseitigkeit eines rationalen Wirtschaftsaustauschs redu­ Habitus wirken kann, der weder frei noch mechanisch wäre, ist
zieren, Lügen strafen.78 Jedoch können sie den Beobachter nur der "Erkenntniseffekt", der den Unterschied funktionieren
spielen, wenn sie sich selbst die Wahrheit ihrer Praxis verbergen . lässt.80 Doch wenn diese Erkenntnis angemessen wäre, würde
Kurz, das Spiel ist grundsätzlich immer Verstellung. sie entweder auf die Freiheit des rational Handelnden - der
Was die kabylischen D orfbewohner (sich) im Spiel des Sartre'sche Philosoph oder der neoklassische Ö konom - oder
symbolischen Austausches verdecken, kann der Zustand auf die unerbittliche Notwendigkeit der Produktions- und
der Produktivkräfte, die schwache Produktivität der land­ Herrschaftsverhältnisse verweisen. Dieser "Erkenntniseffekt"
wirtschaftlichen Arbeit sein. Jedoch regieren vor allem die ist immer ein Verkennungseffekt. Doch wenn dieser einfacher
Herrschaftsbeziehungen die scheinbar globale Gegenseitigkeit Wahn der sublunaren Welt oder einfache List der Vernunft
der Leistungen. Um diese "Wahrheit" des Spiels nicht auf die ist, triumphiert wieder der marxistische oder neo-klassische
Wirksamkeit der Produktionsverhältnisse hinter der Ideolo­ Ökonom: Der Kapitalist ist nur die Marionette des Kapitals
gie zurückzuführen, muss man sie als Verflechtung von zwei oder umgekehrt, der Proletarier ist nur ein kleiner Kapitalist,
Ökonomien denken, der des ökonomischen Kapitals und der freie Unternehmer, der sein "Humankapital" einsetzt.
des symbolischen Kapitals . Die "Verstellung" ist UIJ/ta/lsch Um d ie sem Dilemma z u entgehen, wird der Soziologe die
des ökonomischen Kapitals in symbolisches Kapital. Doch einfachste Lösu n g anwenden: Er wird die zwei Ökonomien
man kann offensichtlich nur umtauschen, was man besitzt. miteinander Yerb i::. den. Als gu t e r Hausherr gibt e r jedem den

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Teil, der ihm zukommt: das Kapital den Neoklassikern und auf dem symbolischen Markt einsetzbares Kapital haben, und
die Arbeit den Marxisten; doch auch den Kampf der Bourgeoi­ diejenigen, die keines haben. Der zweite betrifft die herrschenden
sie und die Konservierung dem Proletariat. Das symbolische Teile der herrschenden Klasse, die durch die Vorherrschaft
Universum wird sich ausgehend von dieser Zweiteilung der des ökonomischen Kapitals gekennzeichnet ist, und ihre be­
Welt ordnen: hier die, die Kapital auf dem symbolischen Markt herrschten Teile, die durch die Vorherrschaft des kulturellen
einzusetzen haben, da jene, die nur ihre Arbeitskraft haben, um Kapitals gekennzeichnet ist.
sich zu reproduzieren; hier die, deren Notwendigkeit mit den Das Problem der Demonstration beginnt mit dem ersten
illusorischen Spielen des freien Willens gleichzusetzen ist; dort Gegenstand des Soziologen, der auch die letzte Bastion seines
jene, deren Freiheit sich darauf reduziert, die Notwendigkeit Gegners ist: die königliche Musik des Philosophenkönigs. Wer
in amorfati zu verinnerlichen. nämlich wissen will, ob die unterschiedlichen gesellschaftlichen
Klassen mehr oder weniger für klassische Musik empfänglich
sind, wird ganz natürlich auf die Methode kommen, sie ihren
Der Klal'ierspieler, die Bauern und der SozioiOJ!,e Mitgliedern vorzuspielen. So geht manchmal der "bürgerliche"
Künstler, der sich des Volkes angenommen hat und ihm die
Das ist das Bild, das uns Diefiinm Unterscbiede bietet, die soziale Kritik Schätze seiner Kunst näher bringen will, ans Schlüsselexpe­
der Urteilskraft: eine Widerlegung also ihres philosophischen riment heran. So transportiert Miguel-Angel Estrella, ohne
Gegenstücks, der Kn.tik der Urteilskraft von Kant. Pierre Bourdieu seinen Ruhm zu verkünden, sein Klavier in ein Dorf des
möchte zeigen, dass die soziale Wirklichkeit der Ausübung des Andenhochplateaus und geht nach der alten experimentellen
Geschmacksurteils genau umgekehrt zur Kant'schen Theorie ist, Methode von Versuch und Irrtum vor. Ein Irrtum ist Debussy,
in der er die Quintessenz des philosophischen Diskurses sieht. der die Dörfler auf ehrfurchtsvollem Abstand zur Kunst hält.
Er wird also versuchen zu zeigen, dass der Geschmack einer ist, Ein Erfolg: Mozart, der sie sich langsam dem Klavierspieler
wo Kant ihn trennt, und umgekehrt geteilt, wo Kant ihn allen annähern lässt. Ein a priori nicht vorhersehbarer Erfolg: Bach,
gemeinsam sein lässt. Kant unterscheidet das ästhetische Wohl­ der "klassifizierende" Musiker schlechthin, der von der Dorf­
gefallen, das aus dem Urteil über das Schöne resultiert, von den gemeinschaft als ihresgleichen angenommen wird.
Sinnesfreuden, die der Wein schenkt. Bourdieu wird jedoch zu Für die Wissenschaft des Soziologen zeugt diese Art der Praxis
zeigen versuchen, dass derselbe Geschmack die Kunstwerke, von einer ganz bestimmten Illusion, der des "Kulturkommunis­
die Weine und die Tischmanieren beurteilt. Kant behauptet mus". Die Illusion, diejenigen, die nicht den Habitus erworben
die formale Universalität des Geschmacksurteils. Sein Kritiker haben, der notwendig ist, um die legitimen Werke wertzu­
möchte zeigen, dass die Geschmäcker (t!.,ollts) die Rückseite der schätzen, glauben zu lassen, dass sie sie wertschätzen könnten.
Ekelgefühle (d(f!.,otlts) sind, und auf den Gegensatz zwischen Die fürchterliche Perversität dieser Illusion ist offensichtlich,
dem "freien Geschmack", der den Menschen der Muße eigen dass sie so tut, als wäre sie keine Illusion. Sie funktioniert. Sie
ist, und dem "notwendigen Geschmack", der den Arbeitern verliert nicht ihre Z eit damit, Gegensoziologen auszubilden,
der Reproduktion eigen ist, verweisen. Über die beispielhafte die den Bauern erklären sollen, dass sie die Musik schätzen
Verkennung durch den archetypischen Philosophen zeigt er das können, die nicht für sie gemacht wurde. Sie lässt sie sie einfach
Spiel zu dritt auf, das die soziale Matrize der Geschmacksurteile, wertschätzen. Direkt. Betrügerisch.
die Verbindung zweier großer Gegensätze ausmacht. Der erste Das ist der Betrug der Musik. Sie verschleiert, was sie ist. Zu
betrifft die Herrschenden und die Beherrschten, diejenigen, die Zeiten Kants schob der König der Trickser, Emanuel Schika-

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neder, unter dem Vorwand der großen Schauspielunterhaltung Volkes ist, kommt wie der Menschensohn wie ein Dieb in der
seinem V orstadtpublikum, das sich wahrscheinlich nicht für Nacht. Doch es gibt keine Diebe in der Gemeinschaft des Soziolo­
große Musik interessierte, eine Oper von Mazart unter. Seit genkönigs: nttr Besitzende ttnd Enteignete.
dieser Zeit haben sich die Genres getrennt, aber niemals genug, Der Soziologe wird also nicht die Entführung erlauben, die
um die "Allodoxie" am Funktionieren zu hindern, und die das legitime kulturelle Eigentum verschleiert. Er wird in der
Arrangeure daran, dem Publikum hinterhältiger Weise Mazart Möglichkeitsform die "eigentlich unendliche" Aufgabe erwäh­
in Form von Disco-Schlagern, Filmmusik oder Werbehinter­ nen, welche die Analyse des differenziellen sozialen Gebrauchs
grundmusik vorzulegen. der Musikwerke darstellen würde. Doch er wird dem Betrug
Die Illusion, der "kommunistische" Betrug der Musik, liegt nicht freie Hand lassen. Er wird Musikgeschmack beurteilen,
an diesem Übel, das bei Platon das Kennzeichen der Schrift ohne 1\Iusik bö.ren �� fassen. Es ist eine Frage der Methode: Der
war: an ihrer Scbll'eigsamkeit, das heißt ihrer Fähigkeit, auf einen Soziologe ist kein wohlmeinender Pianist, der von Dorf zu
Kommentar verzichten zu können, j a sogar dem Kommentar Dorf läuft und nicht repräsentative Stichproben in der Be­
widerstehen zu können. Einerseits lässt sie sich, wie die "stum­ völkerung vornimmt, wie es unwissenschaftlicher Weise der
me Rede" des Pbaidros, mit jedem ein und vergisst, kenntlich zu Menschensohn tut. Er wird die repräsentative Auswahl jeder
machen, welchem Habitus sie geeignet ist und welchem nicht. gesellschaftlichen Berufsgruppe einen Fragebogen ausfüllen
Andererseits ist sie die Kunst, die sich am hartnäckigsten dem lassen, der drei Fragen zur Musik beinhaltet: Meinungen zum
Reich des Kommentars widersetzt, der Banalisierung, durch die Auswählen (zum Beispiel "Ernste Musik ist nichts für uns", was
die Profis der Aufdeckung darin glänzen, die gesellschaftliche wahrscheinlich Estrellas Bauern gesagt hätten, wenn sie gewusst
Banalität des ästhetischen Himmels festzustellen. hätten, was ernste Musik ist) ; eine Auswahl aus drei Werken.
Man wird von diesen Eigenschaften offensichtlich schließen Ohne Überraschung antworten die Arbeiter massenhaft, dass
können, dass die Musik schiechthin Kunst der "Verleugnung ernste Musik nichts für sie ist, zeigen beschränkte Kenntnisse
der Welt, zumal der gesellschaftlichen"81 ist: die Kunst, die und wählen den D onauwalzer, während die distinguierten
klassifiziert, indem sie schweigt und so tut, als klassifizierte Leute behaupten "jede gute Musik interessiert mich", alle Titel
sie nicht, und damit manchmal durchkommt. Die religiöse kennen und Das n'obitempetierte Klm'ier wählen.
Kunst, die weiterhin gegen das Geplapper der Profanierung Offensichtlich ein ungültiger Spielzug. Es handelte sich
ihr Schweigen durchsetzt. Bei den Scherzen über die "Seele der darum, Kant zu widerlegen, und die Wissenschaft hat sich
Musik" und die "Musik der Seele", die an den Autor von Der von vornherein des Mittels dazu entledigt. Kant behauptet im
Ekel erinnern, wie bei den lässigen Texten, die Pierre Bourdieu ästhetischen Urteil die Ausübung einer Fähigkeit, die sich von
den Trancen der Theresa von Avila, der Aktualisierung der der gelehrten oder auch mondänen Erkenntnis unterscheidet.
Kirche oder der gesellschaftlichen Nachfrage, welche die Pro­ Indem der Soziologe den Musikgeschmackstest in einen Musik­
pheten J esus oder Mohammed geschaffen hat, widmet, fühlt kenntnistest umgewandelt hat, hat er das Problem gelöst, ohne
man einen grundlegenderen Ärger gegen die Eigenschaft, die es überhaupt anzugehen. Er hat die Fähigkeit getestet, auf einen
der Musik und der Religion gemein ist: die U nvorhersehbar­ Test zur Musikgeschichte zu antworten, das heißt in letzter
keit, welche die Wahl der Erwählten beeinflusst, der Betrug Instanz die Fähigkeit, die Richtung der Umfrage zu beurteilen
oder die Entführung, die den wissenschaftlichen Mechanismus und dementsprechend zu antworten. Die typische Testsitua­
der "Einverleibung" stören, durch den das "Eigentum [ ] sich tion, wo natürlich die Akademiker die beste Note erhalten.
seinen Eigner an[eignet]" .82 Der Musiker, der ein Freund des Jedoch nicht wegen ihres Musikgeschmacks und nicht einmal

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wegen ihrer Kenntnisse, sondern allein wegen der Fähigkeit, und seiner Funktion zu trennen. Darin entspricht er genau
die Prüfungen meistern lässt: die Kunst, nur das zu kennen, der Kant'schen Definition des "barbarischen Geschmacks" .
was nötig ist zu kennen, in diesem F all nicht das lf/oh/temperierte Die Fotografie der Hände einer alten Frau sollte uns somit
Klaz·ier, sondern die Tatsache, dass es das "höchstklassige" der erlauben, in ihrem Akt den bürgerlichen Blick, der den Inhalt
vorgeschlagenen Werke ist. neutralisiert, vom Volksgeschmack zu unterscheiden, der
Der Forscher hat also nicht die Urteile über die Musik erhal­ die Form beiseite lässt. D och der Forscher tut gut daran, uns
ten, wo "die Wahl des legitimsten Urteils" sich zu offensichtlich das Ergebnis von vornherein zu verkünden. Denn zwischen
zeigen würde. 83 Dieser besondere Mangel verweist jedoch auf dem Arbeiter, für den gilt "Die hat hart arbeiten müssen, die
ein allgemeines Problem: "Der in bürgerlichen Verhältnissen Oma.", und dem Ingenieur, der "Hände einer Person, die zu
Aufgewachsene zeichnet sich nicht zuletzt durch seinen versierten viel gearbeitet hat" sieht, erkennt der Leser schwerlich einen
Umgang mit der Befragunc_r.;ssituation aus. "84 Nicht, wie der Forscher anderen Unterschied als die Euphemisierung der Sprache. Und
meint, durch seine Fähigkeit auszuweichen, abzuschweifen und der Angestellte, der meint "Man könnte denken, das sei ein
zu maskieren, sondern viel einfacher noch, weil seine Fragen photographiertes Gemälde . . " 85, oder der Techniker, den sie
.

von vornherein die richtige Einordnung anzeigen. Sie trennen an ein spanisches Gemälde erinnert, stehen an Ästhetizismus
im Wesentlichen diejenigen, welche die Spielregeln kennen, um in nichts dem Ingenieur nach, der darin die Hände der Felicite
die Rolle zu wählen, die sie haben möchten, von denen, die sie aus den Drei Erzä'blmzgm von Flaubert sieht. 86
nicht oder nicht gut genug kennen. Bei der P rüfung, welche die Ein unauflösbares Problem der "stummen Rede" des Gegen­
Illusionen der philosophischen Freiheit widerlegen soll, gibt es standes. Er ist immer zu schweigsam oder zu geschwätzig. Die
einen, der immer gewinnt: das Sartre'sche Subjekt, denjenigen, Musik sagte nichts über ihre Legitimität. Das Bild hier zwingt
der frei wählen kann, Philosoph oder Kaffeehauskellner zu seine Lektüre auf. Um die Distanziertmc_r.; zu zeigen, die dem
se1n. Geschmack des Ästheten eigen ist, wird der Soziologe selbst
Man müsste also, gemäß dem Projekt einer Ökonomie der Prak­ die Distanz erzeugen müssen, indem er nicht über die Bilder
tiken, die Perspektive der Urteile über die Legitimität zu den Fragen stellt, sondern über die Bildabsichten. Indem er den
Formen der tatsächlichen Legitimierungen verschieben. Man Befragten Sujets vorschlägt, wenn er sie fragt, welche davon
müsste in ihrer Tatsächlichkeit die Wahrnehmungen erfassen, schöne Fotografien abgeben würden. Ein schlagender Beweis.
welche die Ästhetik der Herrschenden konstituiert, sowie die Man wird feststellen, dass der Volksgeschmack das funktionelle
der Beherrschten-Herrschenden und der Beherrschten. Daher Bild der Erstkommunion bevorzugt und das unbedeutende Bild
die Wichtigkeit einer Untersuchung der Kleinkünste und von der Rinde oder dem Kohl ablehnt. Umgekehrt wird der
Durchschnittskünste, die dabei sind, künstlerische Legitimität Ästhet das Familienfoto gering schätzen und seine Distinktion
zu erhalten wie die Fotografie. Um dabei die differenziellen beweisen, indem er den Kohl oder die Rinde schätzt.
ästhetischen Dispositionen bei der Arbeit zu beobachten, wird Die Antwort ist schlagkräftig, aber um den Preis der Nutz­
man wieder im Umkehrschluss von Kant das Kriterium ver­ losigkeit der Frage. Der Soziologe selbst hatte es in einem
langen. Für ihn betrifft der reine Geschmack die Form des Ge­ vorhergehenden Buch zugegeben: "erst die Problembeschrei­
genstandes abseits seiner Funktion. Der Soziologe wird zeigen, bung des Meinungsforschers und die Untersuchungssituation
dass der "reine" Geschmack einfach der bürgerliche Geschmack [bringen] eine für die Unterschichten fiktive und artifizielle
ist. Der Volksgeschmack zeichnet sich umgekehrt durch seinen Fragestellung [hervor], nämlich die nach dem ästhetischen Wert
"Realismus" aus: Er lehnt es ab, das Bild von seinem Inhalt der Photographie. "87 Tatsächlich bestätigt der Befragte, der die

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Erstkommunion vorzieht, keine "funktionalistische" Ästhetik. stecken"88, ausdrückt. So wird der Terrorismus der sechziger
Aus dem einfachen Grund, weil das F oto für ihn keine Kunst Jahre, durch den sich die schlechten Schüler der Cinephilie
ist und nicht nach den Kriterien der Kunst zu beurteilen ist. an den Professoren rächten, die sie schlecht benotet hatten,
Anders gesagt, der F orscher hat hier getan, was er anders­ indem sie sie zwangen, die Melodramen von Douglas Sirk
wo den Politologen vorwirft: Er hat so getan, als würde er oder die Western von Anthony Mann zu bewundern, ohne
sich an ein Subjekt wenden, das den Sinn der Frage versteht, zu wissen warum, zur reinen Bezeugung der "Distanzierung"
um schließen zu können, dass ihm an den Voraussetzungen des Ästheten, der "relationell" die Form schätzt, während das
mangelt, welche der F rage den Sinn verleihen. Er heuchelt breite Publikum sich in den Inhalt vertieft. So kann uns der
Kompetenz, um ihre Abwesenheit zu beweisen. Die Umfrage Soziologe versichern, dass zur Zeit, als die fanatischen Musik­
bringt nur zu Tage, was der Soziologe bereits "wusste", als liebhaber ihre Nacht vor der Oper verbringen, um "vulgäre"
er die Frage ausarbeitete: Die "Volksästhetik" ist einfach das Werke von Verdi, Puccini oder Bizet besuchen zu können, die
Fehlen von Ästhetik. Oder umgekehrt: das ästhetische Urteil Konzertprogramme wissenschaftlich unwiderleglich "belegen,
ist reine Distanznahme zum V olksethos. dass die ,fortschrittlichste' Hörerschaft ständig unterwegs ist
Dann könnte man genauso gut sagen, dass jeder "Erfolg" zur moderneren und immer noch moderneren Musik"89, das
oder "Misserfolg" gerrau aufs Selbe hinausläuft. Es genügt, heißt natürlich zu immer "distanzierterer" Musik.
jedes Mal den zureichenden Grund aufzuzeigen, der das Uni­ Das nämlich ist die unendlich reproduzierbare Logik der
versum der Urteile organisiert: die einfache Distinktion. Es Analyse: Im ästhetischen Universum darf es nichts als Distanz
genügt, den Abstand zu erweitern. Die Fragen zur Musik ohne geben. Man muss die Welt des Seins vollständig von der Welt
Musik, die fiktiven ästhetischen Fragen zu den Fotografien, des Scheins trennen. Die immer suspekte Anwesenheit der ds­
die nicht als ästhetisch wahrgenommen werden, erzeugen tbetiscben Sache muss gänzlich in den Kreis der leeren Worte der
sicherlich, was der Soziologe braucht, nämlich die Unterdrü­ doxa zurückgeführt werden. Keine charismatische Verehrung
ckung der Zwischenstufen, der Punkte der Begegnung und des "Werkes" mehr, p roklamiert der Gelehrte. Es gibt nur
des Austausches zwischen dem Volk der Reproduktion und "Felder", nur Kämpfe, die diesen oder jenen Spieleinsatz als
der Elite der Distinktion. Alles geht so vor sich, als ob die vorzügliche Manifestation des Spielstandes vorgaukeln. Somit
Wissenschaft des Soziologenkönigs dieselbe Anforderung hätte wird der bevorzugte Bereich derjenige des aufgelösten Werkes
wie das Gemeinwesen des Philosophenkönigs . Es darf keine sein, das reiner Träger geworden ist, ja reine Abwesenheit,
Vermischung geben, keine Nachahmung. Die Subjekte dieser welche die überkreuzten Spiele der Kommentare hervorbringt
Wissenschaft müssen wie die Krieger der Politeia unfähig sein, oder die Tautologien der Selbstbezeichnung: die Rituale der
etwas anderes "nachzuahmen" als ihre eigene Färbung. Alles Theaterkritik des F�2,aro, welche über das Boulevard-Theater­
muss nach der rechten Afeimmg funktionieren. Der künstlerische stück, welches die Nachahmung einer stereotypen Nachah­
Betrug muss ausgeschlossen sein. Es genügt dazu, die ästhe­ mung des bürgerlichen Lebens ist, einen Diskurs produziert,
tische Leidenschaft auf den Umgang mit legitimen Werken der die bloße vorauseilende Widerlegung des vorhersehbaren
zu reduzieren, der von der "bürgerlichen Distanz zur Welt" Diskurses des Kollegen vom 1\/om.'e/ Obserz•ateur0 ist; Provoka­
begleitet wird. So gibt uns eine außergewöhnliche Pirouette tionen der Kunstformen, die sich auf die Verspottung ihrer
um einen Satz von Virginia W oolf zu verstehen, dass die Bezeichnung beschränken wie etwa ein Haufen Kohle, Karton­
Schriftstellerirr gegenüber der engagierten Literatur von Arnold stücke oder blanke Leinwände, die bloß das Wort "Leinwand"
Bennett die Weigerung, "allzu viel Leidenschaft in Geistiges zu in de n Dimensionen des Dinges tragen.9 1 Es handelt sich um

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Verfahren der Rehabilitierung minderheitlieber Kulturen und Diese "Anhäufung" von Gründen macht uns stutzig. Sind
der Desakralisierung der Hochkultur, die in der linken Kultur der Wettkampf, die Schmerzunempfindlichkeit, die Opfer­
üblich sind, der Lärm der doxa, in dem die widerständige Ge­ Bereitschaft und die Unterordnung unter die Disziplin denn
genwart des Werkes untergeht. Der vom Soziologen erzeugte den Tugenden der Schulen, Kirchen, Veröffentlichungen und
Wissenschafts-Effekt hängt mit diesem Lärm zusammen, an Armeen der bürgerlichen Herrschaft so fremd? Sind nicht gera­
dessen Ende der Rauswurf von allem steht, was nicht auf de diese Sportarten nach der Niederlage des "verweichlichten"
einen Distinktionseffekt reduzierbar ist. D avon zeugen seine Frankreich gegen Preußen importiert worden, um diese Tu­
Montagen, Fotografien, Sprechblasen, Graffiti und Rahmen, genden den Soldaten und vor allem den Offizieren der Nation
die für gewöhnlich die " aufklärende" doxa verstärken und die beizubringen? Die Unwahrscheinlichkeit dieser "angehäuften"
Operation der Aufdeckung des Scheins radikalisieren. Der Gründe verweist also bloß auf den einzigen und immer gleichen
Grenzpunkt dieser Aufklärung ist dieser kleine Rahmen, dessen zureichenden Grund: die Abneigung des Distinguierten gegen
Inhalt aus den Vorbereitungsheften zu Die Erziehung des Herzens den Vulgären; die Bürgerlichen wenden sich vom Rugby ab,
stammt und mit einem rachlüsternen Graffiti versehen ist: als es populär wird. Kurzschluss der Analyse, die es vermeidet,
"vor der Euphemisierung", welches uns zeigt, dass die lange Fragen in der Gegenrichtung zu stellen, sich Fragen zu stel­
Erzählung der Onanisten der Seelenschmerzen sich letztlich auf len über die Begeisterung des Volkes für einen Sport, wo die
die schnell beantwortbaren Fragen reduzieren könnte: Schlafen Wendigkeit der kleinen Mittelfeldspieler dem Schwung der
sie miteinander oder nicht? Funktioniert es oder nicht?92 Innendreiviertel die Frucht der versteckten Arbeit der Starken
Rauswurf der Kunst: Spezialfall eines allgemeinen Mecha­ des Gedränges weiterreicht und die unerbittlichste Soziodizee
nismus der Produktion der Leere, wo immer der Gestus des ausmacht. Da bleibt nur noch, diese zwiespältige Praxis auf die
Volkes zufällig oder durch Betrug mit dem bürgerlichen Gestus Seite der reinen a-symbolischen Ausstellung der Tugenden des
zusammentreffen könnte. D as Prinzip, welches das "fiktive" Volkes zu schieben, eine Leere zu erzeugen zwischen einem
Infragestellen der ästhetischen Praktiken leitet, bestimmt auch Ethos des Volkes der Reproduktion und einem bürgerlichen
die tautologische Analyse der sportlichen Praktiken. Bezeich­ Ethos der Distinktion, das heißt, der Muße.
nend ist der Fall der sozial gemischten Sportarten wie Rugby Das ist der Zirkel des Soziologenkönigs. Er wird leicht un­
oder Fußball, die von der Ausübung durch das Volk in die wirsch gegenüber Kritikern, die den konkreten Inhalt seiner
aristokratischen Schulen übergegangen sind, bevor sie wieder Untersuchungen, seiner Tabellen und seiner Diagramme bei­
zu einer "Popularität" gelangt sind, die viele Bürgerliche nicht seite lassen, die sich als unfähig erweisen, das bewegliche Uni­
daran hindert, sie gern auszuüben oder ihnen zuzusehen. Pier­ versum, das er ihnen beschreibt, im l/erhältnis aufzufassen. Doch
re Bourdieu, der sich hier wie überall bemüht, den radikalen diese blinde Lektüre ist die gerraue Gegenseite der Operation,
Unterschied der 1-Iabitu.iformen aufzuzeigen, versichert uns, dass die i mmer auf denselben zureichenden Grund verweist, auf
diese Sportarten "alle Gründe anhäufen", die Mitglieder der die Muße, und in allen Ü bertragungen des sozialen Raumes
herrschenden Klassen durch die Tugenden abzustoßen, die nur einem einzigen Konflikt Platz lässt, demjenigen zwischen
sie verlangen: "Kraft, eine gewisse Schmerzunempfindlichkeit, zwei Existenzweisen der Muße: der t erkiJrpe,ten Altifle der Herr­
'

Hang zu Gewalttätigkeit, ,Team-Geist', d.h. Opfer-Bereitschaft schenden, für welche die ästhetischen Praktiken Gegenstand
und Unterordnung unter die kollektive Disziplin - krasses teilweiser und leidenschaftsloser Umorientierung des erwor­
Gegenteil der im bürgerlichen Rollenverhalten implizierten benen ökonomischen und symbolischen Kapitals sind; und der
,Rollendistanz' -, Begeisterung für Wettkampfsituationen. "93 Absicht derfonierten Distinktion der Herrschend-Beherrschten, die

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versuchen, ihre ökonomische und politische Minderwertigkeit er seine Abrechnung mit derselben Figur: mit dem Erben,
unter Einsatz der kulturellen Konkurrenz und durch den Impe­ der 1964 gerade in seiner Kritik der Institution das Wesen der
rialismus der ästhetischen Absicht, der sich aller Gegenstände schulischen Muße aufdeckte; mit dem Aufrührer, der sich
bemächtigt, zu kompensieren: "Die Kämpfe, bei denen es um 1970 einbildete, das System " aufgedeckt" zu haben, wo es
das geht, was innerhalb der sozialen Welt zu Glauben, Kredit doch allein dem Soziologen zukam, seine neuen Schleier zu
und Misskredit, zu Wahrnehmung und Wertung, Erkennen zeigen. In Die feimn Unterschiede findet das spöttische Auge des
und Anerkennen gehört (. . .) betreffen stets nur die bereits Meisters ihn gealtert und gesetzt als deklassierten Aspiranten
,Distinguierten' und die ,Aspiranten' auf Distinktion."94 auf die Reklassierung durch seine Heldentaten in der großen
Das Reich der Muße ist ein Reich der Tautologie. Es ist der Industrie der Nachahmung, die dem neuen Kleinbürgertum
einzige Abstand zur Welt des Bourgeois, der "kostenlose" Schul­ eigen ist: Herstellung von Modeschmuck oder Verkauf von
besuch, die weibliche Betätigung in der Dekoration des Hauses symbolischen Diensten; Händler mit Kulturanimation, Ehe­
und der halb gelangweilte, halb revoltierende Ästhetizismus berater, Sexologen, Werbefachleute oder Diätspezialisten, die
des Erben, der durch die Beschäftigungslosigkeit seiner Mutter sich alle bemühen, im Volk die symbolischen Bedürfnisse zu
verwöhnt wurde: "Verständlich wird damit, warum - darin schaffen, die zur E rweiterung ihres Marktes nötig sind, also für
ähnlich den Frauen dieser Klasse, die, vom Wirtschaftsleben die Wiedereroberung ihres Erbes.96 Propheten, die in Wahr­
teilweise abgeschnitten, ihre Erfüllung im Ausstaffieren der heit Verkäufer sind, "welche sich zum Proselytenturn berufen
bürgerlichen Existenz finden, wenn sie nicht überhaupt im fühlten und aus ihm ihren Beruf machten"97• Fälscher bis in die
Ästhetischen Zuflucht oder Entschädigung suchen - die öko­ Illusion, die sie ihren Weggefährten von der kleinbürgerlichen
nomisch privilegierten und zugleich doch von der Realität der Zwischenwelt geben, indem sie sie an einen gemeinsamen Auf­
wirtschaftlichen Macht auf Zeit fern gehaltenen Jugendlichen stieg glauben lassen, wo es nur die Rückkehr der verlorenen
der bürgerlichen Kreise dieser ihrer Welt, die sie real eben Söhne der Muße gibt.
doch nicht zu der ihren machen können, mit einer V erweige­ Theorie des Gesellschaftsspiels als Familienangelegenheit.
rungshaltung begegnen, die im Hang zur Ästhetik oder zum Das ist die sonderbare B eziehung, die sich zwischen den Ver­
Ästhetizismus ihren privilegierten Ausdruck findet. "95 fahren der Wissenschaft und ihrer Philosophie einrichtet. Über
Das Feld der symbolischen Konflikte wird somit noch wei­ die wirtschaftlich-praktische Notwendigkeit hinaus scheint
ter eingeschränkt. Der Kampf der prätentiösen Prätendenten die soziologische Wissenschaft einen Raum symbolischer
gegen die distinguierten Besitzenden ist im Grunde nur eine Praktiken zu b rauchen, deren Akteure nicht die rationalen
Familienangelegenheit, ein Streit der Generationen. Die Spiele Akteure des liberalen Marktes, sondern die Träger und Vek­
des Symbolischen sind die Lehrj ahre oder das Spektakel des toren von Eigenschaften einer Interaktion spezifischer Felder
bürgerlichen Reifeprozesses. Der Ästhet ist wie der aufrühre­ sind. Die Akteure, welche die Untersuchung zur Geltung
rische Student der Erben bloß der verlorene Sohn der bürger­ bringt, sind nun immer rationale Akteure, deren Absicht,
lichen Muße. Wie bei Platon der Demokrat, der in die schöne sich zu distinguieren, einfach durch das auf dem symbolischen
Buntscheckigkeit und in die Irrungen der unersättlichen Muße Markt zu platzierende Kapitalvolumen beschränkt ist . Die
verliebte Jugendliche der Sohn des fleißigen Oligarchen war. Felder, deren Interaktionen die tausend Spiele der sozialen
Der Soziologe derfeinen Unterschiede spricht nur andeutungsweise M obilität beschränken sollten, sind immer nur verdoppelte
seinen skeptischen Gedanken aus: Es gibt vielleicht keine an­ Spiegel, auf denen sich in tausend Spiegelungen das einfache
deren Kämpfe als Generationenkämpfe. Seit den Erben verfolgt Gesetz der D istinktion pulverisiert: Der falsche Kampf ist

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tatsächliche Komplizenschaft zwischen den "distinguierten Philosophie zwei Mal verjagt und der Soziologenkönig bleibt
Besitzenden" und den "prätentiösen Prätendenten", die sich in dank eines stummen Volkes ohne Rivalen.
Wirklichkeit in zwei Gruppen teilen: in die Aspiranten ohne Natürlich unter einer Bedingung: d ass dieses Volk an seinem
Hoffnung, die zum falschen Schein der Distinktion verurteilt Platz bleibt, an dem Platz des unbewegten Bewegers, der die
sind, und in die geschminkten Erben, die in den V erkauf des antagonistischen und komplizenhaften Spiele der distinguierten
Scheins den Schein des Kampfes investieren. Die Positivität Besitzer und prätentiösen Prätendenten in Schwingung ver­
der Klassen oder der Felder des sozialen Raums wird am Ende setzt . Denn das Universum des Soziologenkönigs unterscheidet
zum entwickelten Mythos einer Metaphysik der Eitelkeit. Die sich von den Fla chheiten der neoliberalen Ökonomie durch
Welt der rationalen Akteure der gesunden und optimistischen die Überlagerung von zwei Ökonomien: Bentham für die
Ökonomie der amerikanischen Sorte wird von der pessimis­ Reichen und Marx für die Armen. Die symbolischen Kämpfe
tischen und distinguierten Aura der alten n ationalen und eu­ der distinguierten Elite entwischen dem Unsinn der reinen
ropäischen Kultur euphemisiert. Wir sind, sagt der Gelehrte, Konkurrenz, weil sie sich ausgehend von der Primärökono­
nur Marionetten, denen bloß das Geschwätz der Macht den mie eines Volkes definieren, das durch die bloße Drehung des
Anschein eines zureichenden Grundes gibt. Und nur davon parmenidischen Marxismus um sich selbst, durch die ewige
kommt es vielleicht, dass es Klassen gibt. "[ . . . ] Als läge ein Reproduktion der Produktionsverhältnisse bewegt wird. Eine
Fluch auf ihr, bewirkt die ihrem Wesen n ach diakritische, Zwischenwelt der reinen Zugehörigkeit des Volkskörpers zu
differenzielle, distinktive Natur der symbolischen Macht, dass sich selbst, dem kein anderes Urteil möglich ist als die Liebe
das Eintreten der distinguierten Klasse in das Sein unvermeid­ zum Schicksal, als die Ähnlichkeit mit dem Schicksal; ohne
lich seinen Widerpart im Sturz der komplementären Klasse andere denkbare Symbolik als die Kennzeichen der Männlich­
in das Nichts oder das mindere Sein hat. "9 8 keit, das heißt der Reproduktion.
Man darf sich nicht von der abgeklärten Nonchalance dieser Was diesen verallgemeinerten Kapitalismus auszeichnet, ist
Vertraulichkeit beirren lassen, bei der vor dem Hintergrund also sein marxistisches Unbewusstes: ein "Klassenkampf", der
Sartre'scher Angst die Pascal'sche Intonation der wissenschaft­ nur funktioniert, wenn er den Klassen keinen Punkt lässt, an
lichen Strenge der Adjektive und die p armenidische Erhöhung dem sie sich begegnen können. Was die allzu vorhersehbaren
der Substantive die traurige Wahrheit der menschlichen Strategien der Besitzenden und der Prätendenten in Gegenstän­
Eitelkeit euphemisiert wird. Indem der Soziologenkönig die de einer "Wissenschaft vom Verborgenen" verwandelt, ist die
grundlegende Inkonsistenz seines Gegenstandes beichtet, festigt Schranke der Verdrängung: in den Geschmäckern muss man
er nur umso sicherer seine Macht. Denn das hier aufgestellte die Bahnen des Ekels erkennen, die andauernd von der faszi­
Verhältnis des Seins zum Nicht-Sein erlaubt ihm, zwei Flie­ nierten Abscheu vor einem Volkskörper durchlaufen werden,
gen mit einer Klappe zu schlagen. Einerseits übernimmt er der, wimmelnd und lärmend, von Zeichen der Zugehörigkeit
den Platz des Philosophen als Autor der Erzählung über die bekleidet und von den Ragouts der Mischung genährt wird.
Willkür des Gesellschaftsspiels. Doch diese Willkür verwandelt Das Volksunbewusste würde die distinguierten Akteure zur
sich sogleich in Notwendigkeit. Diese "komplementäre Klasse" Flucht in den unendlichen Wirbel der Verleugnung zwingen.
wird der Motor, der dem Marionettentheater seine Strenge als Die klebrige Wurzel der bürgerlichen Zivilisiertheit, welche
wissenschaftlicher Gegenstand gibt. Und der Fall ins Nicht-Sein die wahre Begründung des Ekels des freien Philosophen und
wird die Höllenfahrt der populären Positivität sein, welche der gemeine Grund seiner distinguierten Spiele mit seinem
die Illusion des Philosophenhimmels aufdeckt. So wird die Kaffeehauskellner wäre.

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Der theoretische, politische und medizinische Akt des So­ quenten. Das ist zumindest das Bild, das hervorgerufen wird,
ziologen bestünde also darin, die Schranke der Verdrängung wenn von Proletariern die Rede ist, die Anhänger einer "Of­
zu durchbrechen, um uns dieses Volk zu zeigen, mit dem er fenheit im Reden" sind, die sich dem entzieht, was auf dem
uns sorgfältig jeden anderen Kontakt verboten hat. "Die Wis­ Jinguistischen Markt" auf dem Spiel steht, und Anhänger
senschaft von der Gesellschaft lässt sich nur dann voranbringen eines "anständigen Essens", das sie ohne Umstände Essen zu
und verbreiten, wenn die Wiederkehr des Verdrängten durch sich nehmen lässt, das "ihrem Leib zugeschnitten ist"; diese
Neutralisierung in allen ihren Formen (unter ihnen nicht zu­ performativen Tautologien über den "Nachkommensreichtum
letzt die kraft hyperbolischer Radikalisierung vollzogene Ent­ des Proletariats" 103, mit dessen statistischer Abweichung von
wicklung gewisser revolutionärer Diskurse) erzwungen wird. einem halben Kind der platonische Unterschied zwischen dem
Wider den weder wahren n och falschen, weder verifizierbaren Einen und dem Vielen aufgetan wird; diese paradigmatischen
noch falsifizierbaren, weder theoretischen noch empirischen Fotografien der Bohnenesser, die Arbeiterwohnungen, deren
Diskurs, der wie Racine nicht von Kühen, sondern von Fär­ aufgestapelte Pakete uns versichern, dass die Kunst des Aufräu­
sen, nicht von ,Smig' und den Unterhosen der Arbeiterklasse mens im Volk eine unbekannte Kunst ist oder das alte Paar, das
redet, sondern nur von Produktionsweise und Proletariat oder so sehr seinem a-symbolischen Ethos entspricht, dass man sich
den Rollen und ,attitudes der lower middle dass', genügt kein nicht vorstellen kann, dass sie j emals Zeichen der Jugend haben
Beweis - vielmehr müssen diej enigen, die gewohnt sind, zu tragen können oder den Prunk der Verführung. Die Welt des
sagen, was sie zu denken meinen, die nicht mehr zu reflektie­ Volkes steckt mehr in der Natur als das "primitive" Universum
ren vermögen, was sie s agen, die Gegenstände und sogar die der Ethnologen, da die Gegenstände nur Gebrauchswert haben
Personen gezeigt, handgreiflich gemacht werden - was nicht und die Lebensmittel die Funktion, aufzufüllen, da man sich,
heißt, mit Fingern auf sie zu zeigen -: Man muss sie in eine "wie man ist", reproduziert, ohne Rituale der Verführung,
Kneipe, auf ein Rugbyfeld, auf einen Golfplatz oder in einen der Erziehung oder des Übergangs. Die Altersklasse übrigens,
Privatclub führen. "99 die mit Distinktionskennzeichen überschüttet ist, welche die
Doch ist es wirklich nötig, um "die freien Intellektuellen"100 Sinnbilder der Gruppe und die der Gruppenablehnung anhäuft,
von ihren Racine'schen Litotes und ihren revolutionären Über­ die Jugend, existiert nicht. Sie ist außerhalb des Objektivs, das
treibungen zu befreien, die F ärsen auf Kühe zu reduzieren und den Verdrängenden zurückführen soll, wie auch die portu­
Billancourt101 in ein Alpendorf zu verwandeln. Das volkstüm­ giesischen, j ugoslawischen, maghrebinischen oder schwarzen
liche Bistrot, in das der Soziologe uns zwingt, ihn zu begleiten, Arbeiter, die den Kern unseres Proletariats ausm achen. Eine
ist doch eines von der nostalgischen Sorte: ohne Kunstleder, Population, die nicht wählen kann, nicht befragt werden
Flipper oder Juke-Box, ohne Konsumenten von Erdheermilch kann, nicht fotografiert, und hier von einem sechzigjährigen
und ohne Jugendliche mit auffälliger Kleidung; keine Kalküle kommunistischen Schreiner repräsentiert wird, dessen Arbei­
noch Träume, die an Pferdewetten oder Lottozahlen hängen. ternostalgie der Bauernnostalgie des S oziologen entspricht, und
Das Bild einer Welt des Volkes, das völlig dem "Bentham' sehen der beklagt, dass die Arbeiterklasse nicht mehr das ist, was sie
Buchhalterwesen der Vergnügungen und Mühen" 102 fremd ist, einmal war, dass sie "nicht unglücklich genug ist" 104•
fremd auch den Spielen des Symbolischen, den Berechnungen Unterdrückung von allem, was das einfache Gesicht der
der Zukunft und den Risiken der Anomie. Eine Welt, in der Identität des Volkes farbig machen oder tätowieren könnte.
man keine Dichter finden kann, logischerweise auch keine Eine engagierte Medizin eines "Habitus ohne Schuldgefühle
Spieler oder Emporkömmlinge, Sparer, Apostel oder Delin- und ohne Leiden", die verabreicht wird, um die Einfachheit

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dieses Ethos von allen Schwellungen durch das - freie oder der proklamierten Gleichheit der Rechte die Bedingungen
kostenpflichtige - Angebot der symbolischen bürgerlichen ihrer realen Ausübung verleiht? Die große Kraft der Gegner
Güter zu bewahren: wohltemperiertes Klavier, Eheberatung der Freiheit besteht darin, sie unanwendbar zu zeigen aufgrund
oder Kunstledersofa; alle "Uneigentlichkeiten", welche die der Ungleichheit der gesellschaftlichen Kompetenzen und
Arbeiter belauern, die mit geborgten Wörtern "ihre" Meinung Fähigkeiten, aufgrund des Abgrundes, der die B rutalität des
über die "lohnabhängigen Massen" oder die "unterprivilegier­ Volkes von der bürgerlichen Zivilisiertheit trennt. Diejeni­
ten Schichten" 1 05 abgeben wollen. Kein doppeldeutiges Wort gen, die behaupten, das Volk sei unfähig, jemals die Freiheit
darf die Sprache der Beherrschten "verderben". Kein trüge­ vernünftig zu gebrauchen, sind dieselben, die sagen, dass das
risches Bild darf die Weiche dafür stellen, dass die Logik der Schöne entweder S ache gelehrter Kriterien oder Schmeichelei
Distinktion sich mit j ener des amorfati vermischt. Nichts darf für verfeinerte Sinne sei: in beiden Fällen jenseits der Kompe­
also die "Prätention" der Prätendenten mit der "Enteignung" tenzen der gemeinen Leute. Kant lehnt diese Verabsolutierung
der Enteigneten verbinden. D as Übel ist die Gemeinschaft der des Abstandes zwischen der "Natur" des Volkes und der "Kul­
Scheinbarkeiten. tur" der Elite ab . Im formellen Universum des Geschmacks­
urteils, das heißt in der Erfordernis der Kommunikation, die
ihm innerlich ist, sucht er die Vorwegnahme der zukünftigen
Der twlgiire Sozioloy,e und der distinp,uierte Philosoph sinnlichen Gleichheit, der Menschlichkeit, welche die gleich­
zeitige Überschreitung der Kultur der Herrschenden und der
Hier liegt wahrscheinlich der Grund für die Feindschaft Pierre rousseauistischen Natur ist.
Bourdieus zur Kant'schen Ästhetik. Der Soziologe beansprucht Der Soziologe, den m an nicht so leicht täuscht, kann also im­
eine "Vulgärkritik" dieser "verleugnenden" Ästhetik, die wie mer die "unhistorische" Idee eines interesselosen Geschmacks,
"jedes philosophische Denken, das seinen Namen verdient, welcher der Schmeichelei der Sinne entgegengesetzt ist, psy­
absolut unhistorisch" 1 0 6 ist. Umso unhistarischer natürlich, choanalysieren und darin die j ahrhundertealte Abscheu der
als der "vulgäre" Soziologe so tut, als würde er das Entste­ philosophischen Unterscheidung gegenüber dem vulgären
hungsdatum der Kritik der Urteilskraft nicht kennen, um damit Genuss des Volkshedonismus sehen. 1 79 0 ist die Theorie
die Problematik auf einen viele J ahrhunderte andauernden des " Angenehmen" nicht mehr wirklich die Sichtweise des
Konflikt zwischen Gelehrten und Höflingen zu reduzieren . Volkes. Sie ist die eines distinguierten Gentleman namens Ed­
Kant verleiht der Frage nach dem "ästhetischen Gemeinsinn" mund Burke, derselbe, der das Banner gegen eine Revolution
jedoch ein viel weiteres und genau datiertes Spielfeld. Ein Jahr erhebt, die den Schustern und Schneidern das Recht gibt, sich
nach dem Beginn der französischen Revolution behauptet sich in die öffentlichen Geschäfte zu mischen. 10 8 Zwischen der
seine Ästhetik als mit einem Jahrhundert und mit Völkern Zivilisiertheit von Burke und der rousseauistischen Kritik des
zeitgenössisch, die vor der Aufgabe stehen, "Freiheit (und also Luxus siedelt Kant diese Wette an, die in dem Sinne "unhis­
auch Gleichheit) mit einem Zwange (mehr der Achtung und torisch" ist, als sie eine neue Verrücktheit ist: Es ist möglich,
Unterwerfung aus Pflicht, als Furcht) zu vereinigen" 107• die Gemeinschaft des ästhetischen Gefühls vom Prunk der
Der Ausdruck ist ein wenig geschraubt. Der Professor Kant Herrschaft und von den Kompetenzen des Wissens zu trennen.
ist weder ein Stilist noch ein Haudegen, sondern einfach ein Das erste Beispiel, das er verwendet, sagt alles: Man kann die
Denker, der sich nicht von seiner Idee abbringen lässt: Durch Form eines Palastes beurteilen und daran Vergnügen finden,
welche Wege kann eine Gleichheit des Gefühls entstehen, die ohne sich darum zu kümmern, ob die Eitelkeit der Großen

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ihn mit dem Schweiß von Obdachlosen hergestellt hat. 109 Eine delt. Sonderbarerweise scheint der Schreiner Gauny die Kritik
sicherlich verleugnende Parteinahme: Er leugnet, dass die Welt dfr Urteilskraft zu kommentieren, als er vom Zimmer, in dem
auf ewig aufgeteilt sein muss in Kultur- und Naturmenschen. er einen Parkettboden verlegt, einen Ästhetenblick auf das
Er leugnet, dass die Idee der Gleichheit als einzige Zukunft Dekor seiner Knechtschaft wirft: "Solange er das Zimmer nicht
den Terror hat, der im Namen eines Volkes verübt wird, das fertiggestellt hat, glaubt er sich bei sich zuhause und liebt die
unfähig ist, sein Recht auszuüben. Am Nachabend der revolu­ Anordnung. Wenn das Fenster offen auf einen Garten hinaus­
tionären Schreckensherrschaft wird Schiller diesen utopischen geht oder den Blick auf einen pittoresken Horizont freigibt,
Inhalt der Kant'schen Ästhetik entwickeln: Die Fähigkeit zum halten seine Hände für einen Moment inne und er schwebt in
Genuss der Erscheinung ist die "Bildung der Menschheit'\ das Gedanken zur großräumigen Perspektive, um sie mehr als die
fragile Versprechen einer Freiheit, die j enseits der Gegenüber­ Besitzer der Nebenwohnungen zu genießen."111 Der Erwerb
stellung von Volkswildheit und zivilisierter Barbarei gewonnen dieses Ästhetenblicks, die paradoxe Philosophie der Askese, die
wird. 11° Fiktion des Möglichen, Antwort auf die Fiktion der dieser Enteignete aus ihm zieht, diese Verdrehung des Habitus,
Unmöglichkeit, Utopie, die den vom Mythos der drei Metalle die er sich auferlegt und vornimmt, ist ebenso die Forderung
versperrten Raum wieder eröffnet. "Illusion des Fortschritts", des Menschenrechts auf das Glück, das die Rhetorik der Re­
im Sinne, wie der Soziologe gerade die illttsio definierte: die krutierer von Proletariern, den Kampf zwischen den Hütten
Möglichkeit zu spielen. und den Palästen übersteigt.
Der "Kulturkommunismus", der vom Zorn des Demaskierers Eine Verleugnung, durch welche die Häresie den Enteig­
verfolgt wird, ist eine Illusion dieser Art. Nicht eine fleischlose neten zu Gesicht und zu Gehör kommt. Der demaskierende
Träumerei über die Kunst, sondern ein Ensemble von Spiel­ Soziologe möchte der performativen Effizienz des utopischen
möglichkeiten, die mit der geschichtlichen Veränderung der oder häretischen Diskurses die Fallen der Allodoxie entge­
S tellung des Künstlers und mit der Zeit zusammenhängen, als genstellen.112 Doch der utopische Diskurs ist nur im Kopf des
"die Kunst" tatsächlich autonom wird von den Ruhmbezeu­ Utopisten oder im Satz des Kommentators performativ. Als
gungen der Herrschaft und von den Regeln der Beglaubigung; Kunstwerk, nicht als Handlungsaufforderung, wirkt er auf
als Mozart sich anstrengt, ohne Herrn zu leben, Talma versucht, die Sensibilität. Die Häresie ist zuerst Überschuss an Religion
die Tragödie von der Patina der Höflichkeiten und Dienst­ oder die Radikalisierung der ästhetischen Legitimität . Der
barkeiteil der Epoche zu befreien, oder Lenoir versuchte, die Kampf um das Recht auf das Wort ist vor allem Kampf für
von den vormaligen Priestern und Aristokraten konfiszierten die Euphemisierung. Dadurch, dass die bürgerlichen und "le­
Schätze als Kunstwerke zu bewahren. Diese Kunst, die sich von gitimsten" Leidenschaften ins Spiel kommen, zeichnen sich an
ihren alten Funktionen und alten Richtern abgelöst hat, doch den Grenzen der Klassen Felder symbolischer Beziehungen ab,
die sich noch nicht in ihrer Autonomie verschlossen hat, bietet welche die Aussprache und die Aussage einer Arbeitersprache
sich nun als bevorzugte Absicht und Trägerin von Wiederall­ ermöglichen, die losgelöst ist von den Wiederholungen des
eignungsstrategien an. Der "verleugnende" ästhetische Blick amorfczti. Die ersten kämpferischen Arbeiter haben damit ange­
kann bei den Intellektuellen des Proletariats die ganze Kraft fangen, sich für Dichter oder Ritter, Priester oder Dandys zu
eines anderen Blicks auf das Eigentum des anderen werden, der halten. 1 13 Eine Allodoxie, die der einzige Weg der Heterodoxie
ein anderer Blick auf seine eigene Enteignung wird. ist. Geborgte Leidenschaften, welche die einzigen Wörter be­
Das ist das Spiel, in dem das Volkspathos sich in ästhetische nutzen, welche die Wiederaneignung ermöglichen: geborgte
und kämpferische Leidenschaft der Wiederaneignung verwan- Wörter. U neigentlichkeiten und Widersinnigkeiteil müssen

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dabei in Kauf genommen werden: der Widersinn der Wörter, Verabsolutierung der Kunst beim Rentner Flaubert ist nicht
welche die notwendige Ordnung der Dinge aussagen, ist der die "Verleugnung" ihrer gesellschaftlichen Stellung, sondern
Anfang der häretischen Rede. Der Schusteraufstand ist ein die Hinrichtung des "Kulturkommunismus" : Hinrichtung der
großer Widersinn über die Politeia. "po-he-ti-sehen" Bestrebungen der "hysterischen" Madame
So hat der "Kulturkommunismus" funktioniert: als Illusion, Bovary; Verdammung des Wissensdursts der Autodidakten
welche die Anstrengung spielbar machte, den Beherrschten eine Bouvard und Pecuchet zur Zwangsarbeit der unendlichen
Stimme zu geben. Als Wirkkraft der Spiele der Distinktion, Wiederholung. E ine schmerzvolle Hinrichtung, weil sie
durch welche die Ästheten und Dandys der Arbeiterklasse der in einer zwiespältigen Brüderlichkeit durchgemacht wird,
Gruppe eine Stimme verliehen haben: j ene, die im Gesang der weil sie auch Hinrichtung des einzigen Buches ist, das für
Arbeiter widerhallt, der im Frühjahr 1 84 8 im Chor gesungen den reinen Künstler zählte, die Versttclmng des Heiligen Antonitts.
wurde und die der Dichter und Dandy Baudelaire sonderbar in­ Eine zwiespältige B rüderlichkeit, durch die das Werk sich
terpretieren wird, in einem weiteren fiktiven Kommentar einer überall herumtreiben kann, sogar in die Hände der Bouvards
unbekannten Kritik der Urleilskraft. "Was wäre gewöhnlicher, was und Pecuchets oder der Mesdames Bovary gelangen kann,
trivialer als der Blick, den die Armut auf ihren Nachbarn, den welche die Zwischenwelten bevölkern, aus denen die Träu­
Reichtum wirft? Hier aber mischt sich so etwas wie poetischer mer des Proletariats und die Deklassierten der Intelligenzij a
Stolz hinein, eine Ahnung hoher Genüsse, deren man sich wür­ hervorkommen. Hier schreitet nun die Sozialwissenschaft
dig fühlt. [ ... ] Auch wir verstehen die Schönheit der Paläste und ein, die auswählt, was einem j eden zukommt, das reine Werk
der Parke! Auch wir ahnen die Kunst des Glücklichseins!"1 14 entmystifiziert und den träumenden Bauerntöchtern und den
Die Fremdartigkeit der Baudelaire'schen Lektüre liegt darin: autodidaktischen kleinen Angestellten ein Produkt gibt, das
Diese Paläste, die bei Kant vorkommen, gibt es im Gesa1z� der den Zwecken der Gesellschaftskritik besser angepasst ist:
Arbeiter nicht. Baudelaire hat sie darin hören können, weil eine Lektiire von Flaubert oder von irgend einem anderen,
sie "damals in der Luft" lagen, in der Luft des "Kulturkom­ welche die Wahrheit über die Reinheit des Künstlers sagt;
munismus". Was der D andy-Dichter hübscher "unendlichen einen pädagogischen Film über Moliere oder Mozart, welcher
Geschmack für die Republik" 1 15 nennt. die Legitimität des Werkes durch die nützliche historische
Die Ungeschichtlichkeit der "distinguierten" Philosophie Entmystifizierung des Schauspieler- oder Musikerberufs des
ist einfach ihre Zugehörigkeit zu einer anderen Zeit. Die Jahrhunderts Ludwig XIV. oder dem der Aufklärung ersetzt.
"Gewöhnlichkeit" des Soziologen ist entsprechend nur die An die Stelle des Chors der Zikaden, der den Dialog des
abgeklärte Banalität der gelehrten Meinung seiner Zeit, die mit Philosophen und des Philologen schützte, ist die Komplizen­
einem amüsierten Auge die Zeugen dieses Zeitalters betrachtet, schaft des Soziologenkönigs und der Doxosophen getreten,
als die Philosophen an die Zukunft der Gleichheit glaubten um den Rückzug der Scheinbarkeiren zu organisieren, um
und die Proletarier an die Inspiration durch die Dichter. Seine die Genauigkeit der gelehrten Wörter und die Strenge der
Polemik über den "Kulturkommunismus" ist vor allem der Gesellschaftskritik überall hinzusetzen, wo sich das Bild der
Diskurs einer Zeit, in der die "Autonomie" der Kunst sich Teilhabe und der Zwiespältigkeit hielt. So kann der Sozi­
auf Kosten ihres Anspruches im immensen Geschwätz der ologe, eingehüllt in die Spiele der doxa, welche die \V'örter
kommentierenden und demaskierenden doxa verloren hat. ansammelt, und der Wissenschaft, welche die Rückkehr des
Demaskierung des "reinen" Künstlers, die in Wirklichkeit Verdrängten vollzieht, die Schranke aufdecken, die das Alpha
eine Radikalisierung ihrer eigenen Operation ist. Denn die und das Omega der Gliederung der Felder ist. Das Paris von

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Frederic Moreau, so lehrt er uns, hört gerade dort auf, wo Für diejenigen,
das Arbeiter-Paris beginnt. 1 16
Die Schranke der Verdrängung. Identität des Reichs des die noch mehr wollen
Kommentars und des Reichs des Gesellschaftlichen. Die Welt
des aufgelösten "Werkes" ist diejenige, in der die marxistische
Kritik der Illusionen des Fortschritts sich in ernüchtertes
Wissen um die Ewigkeit der Aufteilung in Besitzende und
Enteignete gewendet hat; wo der Enteignete der abwesende
Hüter des Universums der Wissenschaft geworden ist, das
fiktive Ziel der illokutiven Reisen in die Hölle, durch welche Man muss ans Ende denken, der Verleger besteht darauf: Es
die Wissenschaft sich beweist, indem sie die Nicht-Wissenschaft ist an der Zeit zu sagen, wer der Philosoph ist und wer seine
kennzeichnet. Reisen ins Land der Wahrheit des Volkskörpers, Armen; von wo der Autor ausgegangen ist und wohin er
die von den "V erleugnern" organisiert werden, die man nur gelangt ist; und was das Einschlagen eines Weges motivierte,
deswegen mitkommen lässt, weil sie sicher sind, sie würden es wo weder die Gesundheit der Individuen noch das Wohl der
ohnehin nie tun, und die somit ewig die Notwendigkeit der Staaten dramatisch auf dem Spiel standen.
Wissenschaft und das Geheimnis ihres Gegenstandes beweisen Fassen wir also zusammen: Am Anfang setzte sich die
werden. Philosophie, indem sie ihr Anderes setzte. Die Ordnung des
Diskurses definierte sich, indem der Kreis gezogen wurde, der
diejenigen vom Recht zu denken ausschloss, die von der Arbeit
ihrer Hände lebten.
Diese Ordnung setzte irgendeine Hinterlist voraus . Indem
die Handwerker in die Ordnung der reinen Reproduktion
zurückgesetzt wurden, tat die Philosophie so, als würde sie sie
nur dort bestätigen, wo ihre Liebe für die festen Wirklichkeiten
des technischen Erfolges und des finanziellen Gewinns sie sie
Platz nehmen lassen würde. Im Gegenzug nährte sie ihr eigenes
Privileg des trockenen Brotes der Besitzlosigkeit. Doch das war
ein doppeltes Spiel. Indem die Philosophie die Handwerker dem
Festen zuordnete und die Schattenmacher herabstufte, reser­
vierte sie sich eher das Recht auf den Luxus der Erscheinungen,
welches das Privileg des Denkens regiert. Dieses Privileg drängte
sich mit seiner ganzen Brutalität auf, indem es einen Wesensun­
terschied geltend machte, der selbst zugab, eine Fabel zu sein.
Die Philosophie verknüpfte ihr Schicksal mit einer Hierarchie,
die einzig die Lüge in ihrem Wesen gründen konnte.
Wir waren von dieser archetypischen Figur der gesellschaft­
lichen Einrichtung der Philosophie ausgegangen. Wir sind zur

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beispielhaften Modernität einer Soziologie gelangt, welche verstehen, in der sich ihr Genuss ausdrückt. Das Märchen von
hinter den Spielen der philosophischen Ästhetik das Gesetz der Natur wird also zum unauflösbaren Unterschied, der in
einer symbolischen Ordnung erkennt, die auf dem Ausschluss den Körpern eingeschrieben ist. Die Wissenschaft zeigt uns mit
des "vulgären" Genusses der Enteigneten gegründet ist, und dem Finger, beweist uns mit der Fotografie, dass es tatsächlich
die in der Freiheit der Philosophen die bloße Verleugnung Körper gibt, die zur philosophischen Unterscheidung fähig sind
der gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse anklagt. Auf den oder eben unfähig sind. Indem der Soziologe den Philosophen
ersten Blick haben diese zwei Vorgangsweisen einen gewissen disqualifiziert, hat er einfach das Privileg derer auf sein Konto
Anschein der Ähnlichkeit, die auf einer ähnlich guten Absicht verbucht, die alleine die Sprache der Initiierten verstehen.
gegenüber den Ausgeschlossenen gründet. Warum sollte man Bleibt noch zu erfahren, was dieses Konto ist. Was steht denn
also so viel Abneigung gegen das Verfahren des Soziologen auf dem Spiel in der fröhlichen Arbeit dieser Wissenschaft, wel­
zeigen, der dem Philosophen seine Maske der göttlichen che die wahren und die falschen Güter der alten Hierarchien,
Freiheit herunterreißt, um ihn auf seine Situation des immer die Aufteilungen in symbolisches und in reales Gold, auf ihre
unglücklichen Kandidaten für die Macht zu verweisen? gemeinsame Ökonomie zurückführt?
Um es kurz zu machen, es gibt zwei Gründe, von denen Andere haben es gesagt: Was in der verallgemeinerten
einer die Mittel der " Entmystifizierung" betrifft und der Ökonomie verschwunden ist, welche die alten Aufteilungen
andere die Zwecke, sagen wir, seine Ethik. Den ersten Punkt der diskursiven Ordnung ersetzt hat, ist die Frage des Wertes
betreffend, habe ich Folgendes zu zeigen versucht: Die sozio­ selbst. Und auch das, was in der platonischen Operation auf
logische "Umkehrung" des Platonismus ist in gewisser Weise dem Spiel stand. Die widerständige Kraft des "idealistischen",
nur die Bestätigung, j a die Radikalisierung seiner Verbote. Die "sklavenhalterischen" oder "totalitären" Platon ist, mit ihrer
"Soziologie" taucht bei Platon gerade als Rationalisierung der ganzen provokativen Kraft die einfache und schwindelerre­
Hierarchie der Seelen in der funktionalen Aufgabenteilung gende Frage zu stellen: Was ist mehr wert? Wie kann man das,
auf. Eine vorläufige Rationalisierung, der die philosophische was mehr wert ist, im Wald der gleich klingenden Ausdrücke
Ironie nicht das letzte Wort lassen kann. Im dritten Buch der und der ähnlich anklingenden Ideen unterscheiden, das, was
Politeia setzt Platon die Soziologie auf ihren Platz zurück und teurer ist, was besser funktioniert, was vorteilhafter ist? Und
bekräftigt die Willkür der natürlichen Ordnung, welche jedem wenn sich herausstellt, dass etwas mehr wert ist, aus sich heraus
befiehlt, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern. wert ist, wie sollte dieses Bessere, das per definitionem nicht
Das "Eigene" lässt sich noch als das Ergebnis des Verbotes kämpfen kann, sich jemals im Universum des gesellschaftlichen
erkennen. Wettbewerbs durchsetzen, wo gerade die Minderwertigkeit
Die soziologische "Entmystifizierung" hat nun zum Ergebnis, der im Wettbewerb befindlichen Werte jedes Mal ihren Erfolg
dass sie die Willkür in Notwendigkeit umbiegt. Wo Platon die sicherstellt? Im Cor;gias kann die Sache in der Verdrehung zu­
schwerwiegenden Gründe der Bedürfnisse und Funktionen auf sammengefasst werden, die man dem Sinn eines Wortes antun
die Willkür des Dekrets verwies, das die Handwerker von der muss: kreittoll, " das, was sich durchsetzt" - was unter diesen
Muße des Denkens ausschließt, wird sie die philosophische Umständen heißt, dass es sich gerade dadurch durchsetzen
Illusion der universellen Freiheit ausmachen und wird sie muss, dass es nicht in Wettbewerb tritt.
widerlegen, indem sie den Unterschied im etbos aufzeigt, das Eine schwindelerregende Frage im strengen Sinne. Kallikles
den Handwerker unfähig macht, jemals an den Gütern des hat ein für alle Mal ihre Grausamkeit festgestellt: Jenseits der
Philosophen Geschmack zu finden und selbst die Sprache zu Wortverdrehung ist die Frage die, ob das rechte Leben nicht

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das falsche ist. Und vielleicht wird die Frage noch schwindel­ Eine aristokratische Abriegelung der Philosophie. Das macht
erregender zur Zeit, als die Herrschaft der Gleichheit sich den ihre Strenge, aber auch ihre Schwäche aus. Die politische Ord­
begeisterten Philosophen als endlich auf den Kopf gestellte, nung, die sie vollbringen soll, wird immer nur der Schatten
das beißt auf dem Geist gegründete Welt ankündigt. 1 Seitdem eines Schattens des göttlichen Lebens sein. Die Besten sind nicht
versteht man, dass die Kochkünste der Überredung und die vor allem für die Gerechtigkeit des Gemeinwesens gemacht,
Medizinen des habittts, um Bestand zu haben, sich Hals über sondern für das Spiel und die Musik des Gottes. Der berühmte
Kopf in die Gymnastiken der Umdrehung hätten werfen "Totalitarismus" von Platon, die Ständeordnung, die Unabänder­
müssen, bevor alle Kühe gleich grau werden im elektrischen lichkeit der Gesetze und der Einklang der Hymnen ist definitiv
Licht der Entmystifizierung. nicht das Paradies des Philosophen, sondern einfach das, was
Doch das Schwindelgefühl besteht vor allem für Platon selbst. seiner Meinung nach die Bürger-Bienen und -Ameisen von der
Deswegen befestigt er seine Frage auch mit aller Krqft. Er muss himmlischen Musik nachahmen können. Darüber hält sich die
dieses unerhörte Verhältnis begründen: die Überlegenheit Ordnung der Erwählungen und der Initiationen, die selbst von
dessen, "was nicht geht" über "das, was geht", der Rede, die der Macht des Märchens abhängt. Und das Märchen ist immer
nicht ankommt, über die, die ankommt. Zu diesem Zweck doppelt. Es sagt die Verteilung aus, die noblesse oblz�r,e dem
- -

identifiziert er die Rede, die ankommt, mit der "Philosophie" Zufall der Natur zugeschrieben wird, aber ebenso auch die
der Leute, die ihren Unterhalt mit ihren Händen verdienen Neuverteilung: die neue Aufteilung der durch ihre Verdienste
müssen, die rhetorische Unwürdigkeit mit der Niedrigkeit und ihre Verfehlungen verwandelten Seelen. Nicht zufällig wird
des Arbeiters. Um die Einzigartigkeit des philosophischen man den Phaidon so leidenschaftlich zur Zeit der Aufklärung und
"Besseren" gegenüber der Geschicklichkeit der Rhetorik und der öffentlichen Bildung lesen. Den Demokratien der Zukunft
den unterstützenden Mitteln der Medizin zu begründen, zieht vermachen die Seelenwanderungsmythen des Aristokraten Pla­
er die einfache Trennlinie zwischen zwei Lieben: entweder die ton eine bestimmte Vorstellung von Gleichheit, die nunmehr
Liebe zur Philosophie oder die Liebe zum Volk. Er vereinigt Gleichheit der Chancen genannt werden wird: Begegnung des
eine Technik (die Rhetorik) , eine Figur (den H andwerker) Verdienstadels mit der Aristokratie des Zufalls, deren philoso­
und ein Prinzip (die Demokratie) in derselben Totalität. Im phische Sonderbarkeit man zunichte macht, wenn man sie auf
demokratischen Denken von Protagoras, das die ungleiche die "Verschleierung" der Ungleichheit reduzieren will.
Verteilung der technischen Fähigkeiten durch die politische Platon hat keinerlei Neigung, die Ungleichheit zu verschlei­
Gemeinschaft der Rede ausgleicht, möchte er nur die Volks­ ern. Im Gegenteil, er hält die Schranken fest geschlossen. Die
kochkunst der Rhetorik sehen. Und Kallikles, der die Macht Neuverteilung muss vor allem die falschen Adeligen degra­
für die Fähigen beansprucht, beweist er, dass das Prinzip dieser dieren. Es geht darum, den Chor der Zikaden zu reinigen,
Macht identisch ist mit dem der Handwerkermittelmäßigkeit nicht darum, ihn für die verdienstvollen Ameisen zu öffnen.
Die philosophische Vortrefflichkeit kann bei ihm nur in ihrem Zwischen der Tugend der einen und jener der anderen hält der
Unterschied zu einer rhetorischen Geschicklichkeit bestimmt Sohn der Armut eine umso aufmerksamere Wache als sie unstet
werden, die mit der Macht der Masse identifizierbar ist. Das ist. Bloß riskiert man, wenn man die Ordnung des Diskurses
bedeutet auch, dass ihre Rechtmäßigkeit, die unbeweisbar ist von den Kindereien des Märchens abhängen lässt, dass man
in den Leistungen der Rede, durch einen Zufall der Geburt sie der Gefahr dieser Kindertugend aussetzt, die mehr als ein
gestützt werden muss, der ebenso auch die königliche Willkür Mal die sophrosyne der Handwerker ruiniert: die Sturheit, ans
der Ordnung ist. Unmögliche zu glauben.

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Das ist die Tugend - das Laster -, das den Schuster Rem­ Werkschaftsbewegung hat sich bemühen können, sie unter der
brantsz hoffnungsfroh den Weg nach Egmont gehen lässt. Er Maske von Descartes zu finden.3 Nur hat die Politik immer
lebt in einem Jahrhundert des Fortschritts und der Philosoph, Widerstand geleistet . Und auch die Philosophie, die Musen
den er treffen wird, ist von einer ganz neuen Sorte: Er führt die und die Träume der autodidaktischen Schuster. Was auch im­
musikalische Mystik auf die Rationalität der Akustik zurück, mer die Mechanik und die Medizin den vereinigten Arbeitern
er schreibt in der Volkssprache und versichert, dass das natür­ versprechen können, das Problem liegt woanders: dort, wo
liche Licht allen gegeben ist. Er geht sogar so weit, sein Wissen die Fähigkeit, die Erscheinungen zu genießen, sich von der
seinen Dienern zukommen zu lassen. Im Gegenzug jedoch Verteilung der Kompetenzen und der Hierarchie der Ränge
schützen diese vor zu eifrigen Handwerkern seinen Frieden, unterscheidet.
den ihr Herr gekommen ist, in der Menge eines großen Volkes Es bleibt also die Frage des Glaukon, so wie sie Voltaire neu
zu suchen, das mehr "um seine eigenen Angelegenheiten sich formuliert, und die Aufrechterhaltung des Scheins, wie sie
sorgt, als um fremde sich bekümmert. "2 Doch die "Eigenheit" Kant und Schiller in ihrem letzten Jahrzehnt angehen. Zwei
der Angelegenheiten hindert nicht mehr die Worte daran, Weisen, die Ordnung des Diskurses und der Politik auf die
ausgetauscht zu werden, und auch nicht die Vorschläge, von Fabrikation von Gebrauchsgegenständen zu beziehen und auf
sich hören zu lassen. Der Schuster verdankt seiner Ausdauer die interesselose Betrachtung der Formen. Zwei Arten, die
das Recht, sich endlich der Prüfung zu stellen, die ihm die Beziehungen zwischen Himmel und Erde, zwischen Arbeit
höchste Laufbahn eröffnen wird, von der ein Schuster träumen der Handwerker und Muße der Philosophen zu denken.
darf: die Astronomie. Auguste Comte wollte, wie man weiß, Einerseits die optimistische Vision einer geschäftigen Welt,
keine andere Wissenschaft, um das Proletariat zu seinen neuen die von Zünften, Aberglauben und Kindereien befreit ist. Die
Bestimmungen hinzuführen. Natürlichkeit der Ränge wird dabei gerade in ihrem Prin­
Das setzt die Ü bereinstimmung hinsichtlich einer neuen zip, in der Natürlichkeit der Eignungen, verworfen. Adam
Aufteilung der Diskurse und der Zustände, eine bestimmte Smith, der an geeigneter Stelle steht, um die P aradoxa der
Vorstellung von der Rehabilitierung des Handwerkers voraus. platonischen Anpassung der Funktionen an die Natur wahr­
Der gesunde Menschenverstand, der den Schuster befähigt, sich zunehmen, spricht das Prinzip aus: "So scheint zum Beispiel
zur Betrachtung des Himmels zu erheben, muss ihn davon die Verschiedenheit zwischen zwei auffallend unähnlichen
abbringen, die Regierungen reformieren zu wollen, zu deren Berufen, einem P hilosophen und einem Lastträger, weniger aus
Leitung ihn die Geburt nicht bestimmt hat. Und das Proletariat Veranlagung als aus Lebensweise, Gewohnheit und Erziehung
von Auguste Comte wird seinen Platz in der Zukunft erhalten, entstanden."4 D amit muss sich die Tugend des Weberkönigs
wenn es das Fieber der politischen Gleichheit aufgibt, um sich demokratisieren: Die technische Fähigkeit wird ein Beweis
mit seiner kontemplativen Berufung zufrieden zu geben und der politischen F ähigkeit: "Können wir erwarten, dass ein
in den Chor um die Priester der Wissenschaft einzutreten. Volk eine Regierung gut bilden wird, wenn es nicht einmal
Eine Neuverteilung der Verbote und der Initiationen, wo die ein Spinnrad bauen oder einen Webstuhl vorteilhaft einsetzen
Hoffnung herrscht, dass eines Tages die Wissenschaft und die kann?"5 Doch die Zivilisation der Arbeit wendet sich sogleich
Arbeit gemeinsam dem Geklapper und den Erniedrigungen gegen den Arbeiter. Sie beweist ihre Vortrefflichkeit darin, die
der Politik ein Ende bereiten. "Bequemlichkeiten" zu produzieren, welche die universelle
Die Vorstellung eines bestimmten Cartesianismus als Phi­ Gesellschaftlichkeit des kultivierten Lebens nur dadurch ent­
losophie des Dritten Standes. Mancher Theoretiker der Ge- wickeln können, dass sie die Handwerker, die zur einfachen

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Reproduktion ihrer Arbeitsfähigkeit und der bloßen Wieder­ der göttlichen Muße und des göttlichen Spiels anbieten kann. 8
holung einer maschinellen Handbewegung verdammt sind, an Der liberale Demokrat Protagaras wird nunmehr mit Diotima
ihrem Platz fixiert. Das "Soziale" erscheint also als ein Umlegen zu rechnen haben, die verrückt macht.
des Mußegedankens, des Kerns eines modernen Diskurses, auf Es beginnen also die modernen Figuren des Taumels, die
eine O rdnung des Diskurses und der Stände, die sich nur auf gekreuzten Spiele der Erwählung und der Arbeit, der geschäf­
ihre Nützlichkeit stützen kann und will. Hegel bezeichnet die tigen Demaskie rungen und der himmlischen Gleichheit. Die
Grenzen dieser "Moderne" am besten, als er in den Grundlinim revolutionären Gelehrten demaskieren die himmlische Spe­
der Rechtsphilosophie die Gesellschaftlichkeit der politischen Öko­ kulation und verkündigen das Reich der Produzenten, wo sie
nomie "überschreiten" muss und sie zur Vernünftigkeit des jedoch dem Diskurs der E liten begegnen, die nunmehr ihre
staatlichen Allgemeinen gerade mithilfe dessen führen muss, Macht durch die Lobpreisung der Arbeit und der Produktiv­
was sie zu zerstören vorgab: die Polizei der Korporation. 6 kräfte legitimieren, welche die Macht der Kasten brechen. Die
D aher hat die Gleichheit sich wohl öfter die Erhabenheiteil starrsinnigen Kinder des P roletariats suchen umgekehrt im
des ästhetischen Himmels zunutze machen müssen als die Himmel der Dichter und der Philosophen die Zeichen ihrer
Wohltaten der Arbeit und der Kritik der Hinterwelten. Eine Berufung zur Menschlichkeit. Die gelehrten Spezialisten der
andere Idee der Rehabilitierung der Arbeiter entsteht vielleicht göttlichen Inspiration schreiben ihnen ausdrücklich vor, diese
in der Hartnäckigkeit Shaftesburys, den perspektivischen Eitelkeiten aufzugeben, die sie nur deklassieren, mit der Ge­
Raum des ästhetischen Genusses von jedem monopolisierbaren fahr, gerade dadurch die Statue des Produzentenkönigs, Feind
Eigentum zu unterscheiden. Eine Rückkehr zur platonischen der Müßigen, aufzupflanzen. Die Elite der Produzenten reißt
Theorie des Enthusiasmus, aus der doch die unerwartete Kon­ sich nicht weniger darum zu erfahren, ob das Beste mit der
sequenz einer Umkehrung der Hierarchie der Muße gezogen Kraft der arbeitsamen Ordnung oder mit der Proportion der
werden kann: "Der Doge, der in seinem prächtigen Bucentaur brüderlichen Harmonien zu identifizieren ist. Die Künstler
auf dem Busen seiner Thetis wogt, genießt das weniger als werfen den Bürgerlichen vor, die ästhetische Vorzüglichkeit
der arme Schäfer, der von der Spitze eines Felsens oder eines der industriellen Nivellierung auszuliefern, es sei denn, sie
erhobenen Kaps sie nach Belieben betrachtet und seine Her­ behaupten sich auf der anderen Seite als die reinsten Vertre­
de vergisst über der Bewunderung ihrer Schönheit. "7 In der ter der Arbeitsethik. Und die Schulen der Republik werden
Eröffnung dieses "Vergessens" kann Kant die "Geselligkeit" die Quadratur des Kreises versuchen: die Kinder des Volkes
des kultivierten Austausches neu denken, als implizites Prin­ in die ästhetischen Werte einzuführen, die geeignet sind, die
zip gerade des Zusammenhalts des Diskurses der Eliten die Gleichheit der staatsbürgerlichen Gefühle zu begründen, ohne
Behauptung eines ästhetischen Gemeinsinns aufstellen, der sie deswegen von dem Stand zu entfernen, in den sie sich all­
verspricht, die Trennung zwischen der Wildheit der Schweine gemein werden einreihen müssen, doch von dem die Besten
und den Verfeinerungen der zivilisierten Barbarei und die abgekopp elt werden müssen.
mögliche Identifizierung von dem, was mehr wert ist und Marx befindet sich am Kreuzungspunkt dieser Paradoxa. Die
dem, was die Gleichheit aller begründet, zu beenden. Dieses Thesen iiber Fmerbacb geben vor, den Schlüssel zu liefern, der in
neue Denken der ästhetischen Gleichheit wird jedoch sogleich einem Dreh die Rätsel des Diskurses löst und die Revolution
von der Beunruhigung durch die Unmöglichkeit ausgehöhlt, der Stände eröffnet: die "gesellschaftliche Praxis" . Nur bündelt
als Schiller der ästhetischen Erziehung, die den Menschen von diese Lösung alle Widersprüche in sich. Es ist eine trügeri­
der zerstückelten Gemeinschaft erlösen soll, nur das Modell sche Offensichtlichkeit, welche die Praxis als Grundlage und

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Verifizierungsinstanz den Hypothesen der Theorie und den ebenso zum Grundprinzip der Theorie [ge]macht" 1 1 • Er hat
Widerspiegelungen der Spekulation entgegensetzt. In ihrem die Spekulationen der Philosophie in Eigentümlichkeiten der
Prinzip steht die Praxis nicht den Spekulationen der Theorie Verhältnisse zwischen den Individuen verteilt. "Radikaler" als
entgegen, sondern den Produktionen der Technik (die "Poetik" er wird Marx auch die "Repräsentationen" der Politik darauf
des Aristoteles) : Die Praxis des freien Bürgers der Politik ist zurückführen: D as "gesellschaftliche Verhältnis" stellt sich als
ihrem lf/esen nach der theoria der Philosophen - die sie weder die Wahrheit dessen, was sie repräsentieren, heraus - karikatur­
anwendet noch verifiziert - näher als der Technik der Hand­ haft in der Zoologie der Hegel'schen Bürokratie, beispielhaft
werker. Und die allzu berühmte Webmaschine, die es erlaubte, in der letztgeborenen Form, die das politische te!os darstellt: die
auf Sklaven zu verzichten, betrifft bei Aristoteles nur die häus­ Demokratie.
liche Organisation der Wirtschaft. Der ganze Doppelsinn der Die Praxis, die den Zugang zum Universum der Muße be­
"politischen" Ökonomie wird jedoch das Marx'sche Verhältnis herrscht, findet somit in der techni ihren Motor und in der
der aufklärenden Praxis zur bildenden Arbeit kennzeichnen. Geselligkeit des Handels ihren Zweck. Doch gerade zwischen
D avon zeugt die überaus zwiespältige Ü bereinstimmung von der göttlichen Muße und der geschäftigen Ordnung hat Schiller
Marx mit der Hegel'schen "Arbeit des Negativen". Hegel, wieder klar die Distanz aktualisiert. Er hat die Wirkung der
sagt er, begreife "den gegenständlichen Menschen, wahren, Scheidung aufgezeigt, den Abgrund zwischen der Barbarei der
weil wirklichen Menschen, als Resultat seiner eignen Arbeit" .9 zivilisierten Eliten und der Wildheit des natürlichen Volkes.
Dieses "Eigne" steht nun gerade zur Debatte. Bereits bei Hegel Marx kann den Deklamierer Schiller nicht leiden. Aber er kann
verhindert die nachdrückliche Betonung der " Geistigkeit" des sich umso weniger seiner Analyse entziehen, als sie durch die
Werkzeugs nicht, dass die Objektivität in die ökonomische rohe Ehrlichkeit der Ökonomen bestätigt wird: "Je weiter
Sphäre durch die Polizei der Zünfte gelangen muss. Marx die Gesellschaft in Richtung eines Zustandes des Glanzes und
kann Hegel nicht zugestehen, dass der Pflug "ehrenvoller [sei], der Macht fortschreiten wird, desto weniger wird die Arbei­
als unmittelbar die Genüsse sind, welche durch ihn bereitet terklasse Zeit haben für das Studium und für intellektuelle
werden und die Zwecke sind" 1 0 • D arin ist er den Philosophen und spekulative Arbeiten [ . . . ] Andererseits wird, je weniger
und Ökonomen der Aufklärung näher: Nicht das Werkzeug die Arbeiterklasse Zeit hat, den Bereich der Wissenschaft zu
verwirklicht die Vernunft, sondern sein Produkt. Und nicht erforschen, desto mehr für die andere Klasse übrig bleiben." 12
der Staat muss die Geselligkeit der Produktionen und des Aus­ Die Kräfte der tecl.mi gestehen hier ihre Ohnmacht ein, jemals
tausches überschreiten, sondern umgekehrt. Der Fortschritt die Muße aller herstellen zu können. Der Kommunismus als
zum Universellen wird vor allem mit der Perfektionierung Gleichheit der Muße, als Teilnahme aller an dem, was von
der Verkehrswege identifiziert, welche die Menschen und die sich aus Wert hat, wird auf die Seite der ästhetischen Figur des
Ideen in alle vier Ecken der Welt bringt und überall den alten verwandelten Menschen geschoben.
Dreck und den Archaismus der Vorstellungen wegfegt. Dieses Doch wenn der verwandelte Mensch der Schiller'sehen Äs­
Denken der Muße als Handel, wo das aristotelische Ideal der thetik das telos des Kommunismus bleibt, kann die Erziehung
vom Guten regierten Gemeinschaft sich mit der modernen nicht sein Mittel sein. Diesem ästhetischen te!os, das erreicht
Vision von gesellschaftlichen Bequemlichkeiten vermischt, werden soll, wird in Wahrheit sogleich von der Homogenisie­
die auf der Industrie gegründet sind, wird nämlich von einer rung der praxis, die es erreichen soll und vom Erklärprinzip der
"sozialen" Theorie der Interpretation ergänzt. Feuerbach hat "Dinge wie sie sind" widersprochen. Mit der Kritik der "Erzie­
das "gesellschaftliche Verhältnis ,des Menschen zum Menschen' hung", die der philosophischen und der politischen Dimension

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im Namen der Praxis ausweicht, entgleitet gerade diese Praxis Erklärung des Höheren durch das Niedrigere identifiziert. In
sich selbst. Die Wege der zukünftigen Vorzüglichkeit verlau­ der Prosa der materialistischen Geschichte unterscheidet er
fen denn auch über die Entmystifzierung des demokratischen die Jahrhunderte der Zwerge und die der Riesen. Die Litera­
Himmels, über die Widerlegung der Politik der paideia und die tur der "Riesen" stellt für ihn den harten Kern der Muße im
Verwandlung von räsonierenden Schustern in eigenschafts­ Gesellschaftlichen dar. Offensichtlich sieht er nicht, welches
lose Proletarier. Diese Eigenschaftslosigkeit, diese Entez�nwz� Glück er den Individuen versprechen könnte, die im Text
des Proletariers bleibt der einzige Kontaktpunkt, die einzige nicht Aischylos, Cervantes, Shakespeare und Dante zu lesen
Vermittlung zwischen dem Prinzip der techne und dem Zweck vermögen. Gegenüber den Gesetzen der Ökonomie hält er
der Muße. Zur Kritik der Hegeischen Rechtsphilosophie kann somit die unantastbaren Rechte des Kobolds Puck und des Zaube­
als eine ironische Transkription des Schiller'schen Schemas rers Hans Röckle aufrecht. Gegenüber dem triumphierenden
gelesen werden. Bei Schiller übertrug die Vernunft, die nicht Naturalismus macht er die Rechte der großen griechischen
direkt, politisch im Sinnlichen agieren konnte, dem Schönen Physik geltend. Und die Entschleierung der himmlischen
die Aufgabe, das Gefühl einer zukünftigen Menschlichkeit zu Dekrete gefällt ihm nur da, wo sie den Kampf des Prometheus
lehren. Bei Marx wird das "Gefühl", mit dem das Volk identifi­ aufnimmt, der Gottheit der Herausforderung und nicht der
ziert wird, hingegen nur durch seine totale Entmenschlichung Produktivkräfte.
erzogen. D as "Eigne der Arbeit" wird mit dem absoluten Die Kritik erfüllt somit eine Doppelfunktion: Zurückfüh­
Anderssein des Arbeiters gleichgesetzt. 13 Der Wert kann nur rung der Idealgestalten des Besten auf Eigenschaften von Sozi­
durch die allgemeine Entwertung zustande kommen. alsubjekten, und Wiedereröffnung des Abgrunds, wo die Exi­
Man erkennt die Matrix, von der aus sich der ultra-bolsche­ stenz sich mit dem Wesen vergleichen lässt. Sie ist das Gericht,
wistische Radikalismus der Philosophien der Freiheit und der welches das T adesurteil gegen alle Farmen der Existenz aus­
infra-bolschewistische Skeptizismus der Soziologien der Ent­ spricht, in denen das Wesen des Menschen verleugnet ist, und
eignung tre nnen. Bei Marx selbst wird das kritische Denken der Hobel, der dieses Wesen oder jede derartige Wesenheit auf
ständig zwischen seinen mühsam zusammengehaltenen Extre­ die "Gesamtheit der Gesellschaftsbeziehungen" zurückstutzt.
men der soziologischen Interpretation und der ästhetischen Sie ist die Aufhebung der Philosophie im Gesellschaftswissen
Forderung zerstückelt. und ihre Rückkehr als Distanz dieses Wissens zu sich selbst,
Einerseits wird die Sache der Ausgeschlossenen mit der the­ ironisch hinsichtlich j eder Festigkeit des socius, seiner Interpre­
oretischen Operation der Demaskierung identifiziert, welche tationsweisen und seiner Verwaltung. Aus diesem Widerspruch
vorzüglich zeigt, dass sie nichts anderes als ein Hirngespinst ist, in kommt sie gewöhnlich durch das Gesellschaftsspiel, das "Kritik
dem sich Gesellschaftsverhältnisse spiegeln. Der "Onanismus" der Kritik" genannt wird. Anders gesagt: die Demaskierung der
des philosophischen Dialogs mit dem Göttlichen wird also ge­ Demaskierer. Der typische von Marx kritisierte "Ideologe" ist
beten abzudanken vor der Produktivität der "geschlechtlichen der Schlaukopf, der wie Stirner oder Proudhon vorgibt, die
Liebe", welche die Wirklichkeit kennt und befruchtet. kranken Geister von ihren falschen Vorstellungen zu heilen,
Doch die Zeit, die dieser fruchtbare Autor brauchte, um die Verschwendungen der utopischen Träumerei durch die
sein nützliches Werk zu vollenden, attestiert zur Genüge, dass Berechnungen der Wissenschaft zu ersetzen oder sich über
Marx sich nicht zu dem entschließen kann, was er predigt. die "religiöse" Auffassung, welche die Proletarier von ihrer
Nicht mehr als die "Säkularisierung" des Absoluten gefällt ihm Mission haben, lustig zu machen. Gegen sie wird die Sache
der Gedankengang, der die Sache der einfachen Leute mit der der Ausgeschlossenen durch eine Wiedereinsetzung des Adels

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des Märchens und der Natur stark gemacht. Doch diese hat also der stumpfen Provokation der Soziologen, die ihm gegen­
einen ganz bestimmten Preis: Sie identifiziert von neuem die über die F reischärler gespielt haben: Veblen, der norwegische
kleinlichen Geschicklichkeiteil der Demaskierung mit der Bauernsohn, der an den Werten der Handwerker hängt und in
Niedrigkeit des Handwerkers, der unfähig ist, über seine Rou­ der Pracht der falschen Gotik und in der Malerei der himm­
tinen und die Gewinne seines Ladens hinauszusehen. lischen Chöre die Parade der Verschwendung anklagte und den
Zwischen dem Hobel der Demaskierung, die Techniker ver­ alten Jäger- und B arbarenhintergrund der distinguierten Klasse
langt, die frei sind von himmlischem Aberglauben, und dem der Muße aufdeckte; Max Weber, der deutsche Universitäts­
Denkmal des Werkes, das an das sich auflösende proletarische professor der alten humanistischen Tradition, der von Schiller
Subjekt appelliert, entzieht sich das Beste auf doppelter Weise nicht mehr die bereits zwiespältig gewordene Hoffnung der
der Suche der autodidaktischen Schuster. "Das ist nicht für die Erziehung übernimmt, sondern die Feststellung der "Entzau­
Schneider und Schuster" , ruft Marx ironisch in Erinnerung, berung der Welt", und der das Bild einer Moderne zeichnet,
als er die paradoxe Begeisterung der russischen Aristokraten in der die technische und bürokratische Rationalisierung
für sein Werk kommentiert. 14 Man weiß, dass Russland ihm anstatt einer versöhnten Menschheit die Rückkehr zu einer
noch andere Streiche spielen wird. Kastenordnung ankündigt. Gedanken von Freischärlern, deren
Was diese ermöglicht, ist die von Marx verpasste Begegnung Argumente langsam alltäglich geworden sind, in dem Maße,
zwischen der Logik des Besten und der Logik des Gleichen, wie der Pessimismus der liberalen "Eliten" angesichts der "Ni­
das heißt das Denken der demokratischen SonderbarkeiL Aus vellierung" des demokratischen und sozialen Zeitalters auf die
dem Unbestimmbaren des Marx'schen Textes gehen also die ernüchterte, aber immer jähzornige Stimmung der Marxisten
zwei Figuren des "Welt-Werdens" des Marxismus hervor, die traf, welche von der Marx'schen Kritik nur die Demaskierung
uns bekannt sind: der Marxismus der Chefs und der Marxis­ im Namen des Sozialen behalten haben: die Zuweisung von
mus der Gelehrten. Der Marxismus der Chefs nimmt den sozialen Identitäten und Differenzen, auf die man jede poli­
Rückstand des " Gesellschaftlichen" , in dem das Politische tische, theoretische oder ästhetische Erscheinung zurückführen
sich auflösen sollte, zur Kenntnis, und bietet sich an, es zu kann. An dieser Kreuzung früh gealterter neuer Gedanken
ersetzen: Restauration einer königlichen Kunst, die prompt festigt sich die soziologische Weltsicht um ein oder zwei
in die wiedererlangte Macht des Schauspielers entartet, welche einfache Axiome; nichts, was von sich aus zählt, kann sein,
die gesellschaftlichen Identitäten nach den ausgesprochenen ohne seine Festigkeit von gesellschaftlichen Versammlungen
Worten verteilt und entscheidet, dass das Proletariat nicht oder seinen Wert von gesellschaftlichen Distinktionen zu er­
da ist, wo man glaubt, noch die Revolution dann, wann man haltenY Nichts Neues kann geschehen, was nicht durch die
denkt. Der Marxismus der Gelehrten wiederum nistet sich in Zusammensetzung von einer kleinen Zahl von Eigenschaften
der Unfertigkeit des marxistischen Wissens ein und versucht eines bestimmten soci!IS erreicht wird. Die Wahlsoziologie, die
eine angemessene Philosophie zu begründen, seine Soziologie gern von der Soziologie höherer Ambition lächerlich gemacht
oder seine Ökonomie zu aktualisieren, ihn durch eine Politik wird, drückt jedoch ihre Quintessenz aus in ihrer genauen
oder eine Ästhetik zu ergänzen, bis diese Arbeit unendlichen Fähigkeit, die demokratische Wahl zu simulieren und in der
Aufbaus sich in die unendliche Analyse ihrer eigenen Unmög­ unbeabsichtigten Ironie, ständig ihre Interpretationen von der
lichkeit umkehrt. Dieser Marxismus, der zu seinem eigenen Analyse der jüngsten technisch-sozialen Veränderungen auf
Henker geworden ist - das ist, so sagen die Realisten, das am die Bezugnahme auf den alten fränkischen, keltischen oder
wenigsten Schädliche, was ihm passieren konnte -, begegnet gallischen Instinkt zu verschieben.

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Dadurch zeigt sie auch ihre philosophische Bedeutung auf. tischen Himmels zu schlagen, der große Graben des demo­
So wie die Wahlsoziologie das verwirklichte Trugbild der kratischen D enkens zwischen der Logik des Gleichen und der
Demokratie ist, ist das Philosophie-Werden der Soziologie die Logik des Besten lösen sich also in den kleinen Abstand der
Trauerarbeit des Gleichheitsgedankens. Die soziologische Kri­ soziologischen Weltauffassung zu sich selbst auf. Die Gleich­
tik behauptet die ewige Herrschaft des kleinen Unterschieds, wertigkeit der Demaskierung bedeutet zugleich die Austausch­
durch den die rohe Positivität des Ethos sich mit der reinen barkeit der Gründe der Wissenschaft untereinander, welche
Diskriminierung der symbolischen Ordnung vereinigt, um zu die Notwendigkeit feststellt, und der engagierten Anklage der
leugnen, dass das Subjekt der Demokratie jemals erscheinen Willkür. Bezeichnend ist vor allem die Doppelzüngigkeit, der
kann. Sie arbeitet bevorzugter Weise auch an all den Orten, wo von der Soziologie über den schulischen "Misserfolg" genährt
die Herrschaft der Gleichheit ihr mögliches Auftauchen reprä­ wird. Manchmal regt sie großzügige Programme an, die dazu
sentiert hat: die politische Wahl und das politische E � gagement; einladen, den Unterricht auf die kulturellen Niveaus herabzu­
_
die öffentliche Bildung und das ästhetische Ideal. Uberall, wo setzen, die in der Nähe der Gefühlslagen, des Zusammenlebens
das Neue Gegenstand des Glaubens war und mit der Hoffnung und der Sprechgewohnheiten des Volkes sind. Manchmal nährt
auf Gleichheit verbunden wurde, hat sie uns daran erinnert, die sie das Ressentiment, das den Unterschied für unüberwindlich
Reproduktion von Gruppen zu betrachten, die Kennzeichnung erklärt und das Versprechen der Bildung für lügnerisch. Es
von Distinktionen und den symbolischen Markt der Glaubens­ stimmt, dass dieses Ressentiment selbst ein Wissen ausmacht,
inhalte. Sicherlich eine enttäuschte Liebe und ein gutgemeinter das durch die unmögliche Bildung ersetzt werden kann. Die
Kampf, glaubt man, ohne deshalb gerührt zu sein: Sie hat einige Demaskierung der gesellschaftlichen Bedingungen, die aus jeder
Gründe dafür, sich selbst für Wissenschaft gewordene Demo­ demokratischen paideia einen Köder macht, macht das Wissen
kratie zu halten. Und sie kann sich überall in den Worten und breiter kommunizierbar. An der Stelle des Subjekts der öffent­
Bil dern einer Welt wiedererkennen, die sich der Demokratie lichen Bildung, dem freigelassenen Sklaven von Menon, in den
der Demaskierung verschrieben hat. Indem sie das ariston der die junge Demokratie vor einem Jahrhundert seine Hoffnung
Philosophen auf seine Funktion der sozialen Diskriminierung legte, befindet sich eine doppelte Gestalt: der Barbar, der sozial
zurückgeführt hat und zur Rückkehr des populär Verdrängten unfähig ist, die Fremdsprache des Ausbilders zu verstehen, und
einlädt, befriedigt sie alle widersprüchlichen Logiken, die unsere der Gerissene, der in all dem geschult ist, was man über die
liberal-zünftische Ordnung ausmachen: das liberale Sichabfinden Bedingungen wissen muss, die seine Bildung zu einer Illusion
mit dem Spiel der Interessen, welche die Welt regieren und die machen. Die " Gleichheit" ergibt sich aus dem klarsichtigen
gewerkschaftliche Verringerung der egalitären Hoffnungen. Wissen, das jeder über die Gründe der Verblendung seines
Die Demaskierung des Ideologischen im Namen des Sozialen Nachbarn erwerben kann.
wird zum Alltag des konformen Denkens, aus dem sich die Ein doppeltes Wissen des Unwissenden, dem die doppelte
Umwandlung des souveränen Volkes in meinungsdurchforschte Wahrheit der Wissenschaft entspricht. Einmal, als engagierte,
Bevölkerung, die des politischen Diskurses in Journalismus, der zerstört sie die philosophischen Illusionen über das Beste und
Erziehung in Pädagogik und der Ästhetik in Umgebungsani­ die politischen Illusionen über das Gleiche, indem es uns die
mation speisen. Am Ende handelt es sich um die Verwandlung "Rückkehr des Verdrängten" aufzwingt. Sie zwingt uns in der
der Demokratie in ihren Ersatz, die Soziokratie. Kneipe, die am Körper klebenden Unterhemden zu sehen, die
Die aristokratische Spannung der Philosophie, die Sturheit unumgänglichen gesellschaftlichen Positivitäten anzuerkennen,
der pervertierten Handwerkersöhne, an die Tore des ästhe- die der himmlische Diskurs verleugnete. Das andere Mal, als

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skeptische und in guter Gesellschaft, gesteht uns die Wissen­ Ruinen dieser römischen Denkmäler nachzuahmen, die ihre
schaft, dass es auf dem Gebiet dieser unumgänglichen Posi­ Besitzer nicht vor der Unterwerfung gerettet haben. Ein Jahr­
tivitäten vielleicht wie im legendären Byzanz nur symbolische hundert später beschuldigte Nietzsche Wagner, den Initiator
Felder gibt, Plätze, die gewechselt werden und Glaubensinhalte, des "Kunstwerks der Zukunft", in Wirklichkeit Schauspieler
die man sich wie die Kappe der Blauen oder der Grünen auf­ seines eigenen Ideals und Verfechter der Decadence zu sein.
setztY Sie beschämt uns über die Naivität, die uns eines Tages Am Höhepunkt der Schrecken eines Jahrhunderts, das sich
glauben ließ, dass unser Glaube eine Wirklichkeit sei, und der Nachahmung des "neuen Menschen" verschrieben hatte,
über die, mit der wir heute verkennen, dass die Wirklichkeit hielt Adorno es für nützlich, Veblens Spott über die falsche
nur darin besteht, was j eder glauben mag. Der Nihilismus des Gotik der Neureichen zu kritisieren. Er behauptete, dass die
"Sozialen", der dramatisch den Marx'schen Diskurs heimsucht, Zurschaustellungen des Luxus noch den glücklosesten ihrer
taucht somit in der F orm der professoralen Betrügerei wieder Betrachter das Versprechen eines teilbaren Glücks boten,
auf, in der Weise der Fechter Euthydemos und Dionysodoros, während die Scherze über die Malerei unproduktiver Engel
die ein Mal den Schüler ins Leere laufen lassen, der das Soziale der Zustimmung zu allen Rohheiten der etablierten Ordnung
"verleugnet", und das andere Mal denjenigen, der an seinen Be­ gleichkamen. 17 Heute noch ist es wichtig zu beurteilen, ob das,
stand glaubt. Das Privileg des Gelehrten besteht in der Kenntnis was unsere Institutionen, unsere Bilder und Reden imitieren,
der Gleichwertigkeit der Gründe, die sich den unumgänglichen die Hoffnung der Demokratie oder die Trauer um sie ist.
Wirklichkeiten entgegenstemmen, und derjenigen, die in der Das ist eine Reflexion, in welche die Philosophie eingebun­
Sicherheit triumphieren, dass alles Trugbild ist. Doch diese den sein kann, ohne vorzugeben, Lektionen zu erteilen. Tat­
Gleichwertigkeit des D ogmatismus und des Skeptizismus ist sache ist, dass sie niemals ihren traditionellen aristokratischen
auch das wahre Wissen der Soziokratie. Anspruch oder ihre neuen Gleichheitsgedanken behaupten
Bei dieser Gelegenheit könnten bestimmte Fragen der P hilo­ konnte, ohne die Reinheit mit der achtsamen Bewachung
sophie eine gewisse Aktualität erlangen. Ich denke hier nicht ihrer Grenzen zu verschmelzen. So hat sie eifersüchtig darauf
an die naive Sehnsucht oder an die leicht heuchlerische Bissig­ geachtet, die Aufteilung der Erscheinungen und der Diskurse
keit, die eine an die Trugbilder verlorene Welt ins Heimatland zu verweigern, und die Bestrebungen des autodidaktischen
der Wahrheit zurückführen wollen. Man kann nicht nicht D enkens mit der Korruption durch die Vermischung und
nachahmen. Aristoteles hatte nach Platon bereits die Gründe mit den Schandmalen der Bastardierung identifiziert, deren
dafür erschöpft. Die Philosophie hat vielmehr daran Interes­ moderner Name Ideologie ist. Eine Weigerung, die von ihren
se, herauszufinden, ob es möglich ist, die Nachahmungen zu modernen Fluchten nach vorn, ihrer aktuellen Faszination
bewerten, abzulehnen, in ihnen nur Münzzeichen zu sehen, für die Erotik oder die Maschinen, die Ökonomie oder die
deren Wechselkurs vom Stand der Kräfte ermittelt wird. Wer Performance nicht gesühnt wird.
sich vornimmt, der Beste, der Gleiche oder ihre Verbindung Die Untersuchung über die sonderbare theoretische Figur
zu sein, muss zuerst ihre Gestalten nachahmen. Es bleibt nur, des Handwerkers kann also nur mit einer Frage enden: Ist es
herauszufinden, ob die Nachahmung der Zukunft nicht meist möglich, zugleich die Hierarchie der Werte und die Gleichheit
von der verborgenen Trauerarbeit vorgezeichnet ist. Fragen der Mischung zu denken? Aristoteles, der kein Demokrat war,
des Fortschritts oder des Niedergangs, des Epos oder der hatte als Erster die Frage gestellt. Kant, der vernünftige En­
Komödie, allen Paradoxa und Umkehrungen unterworfen: thusiast, hat sie für die Neuzeit umformuliert. Marx hat nicht
Schiller wollte, dass man lernt, die zukünftige Freiheit in den aufgehört, um sie zu kreisen, und nach ihm die Besten derer,

290 29 1
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.

die ihn vo � de n: Marxi� mus �etten � ol.lten . D e F ort füh ru ng
Nachwort
der Reflexton konnte etne Phtlosophte tntere sste ren, die eben­
so von den Melancholien des Ursprungs wie vom Eifer, die
Moderne zu überholen, losgelöst ist. Was auf dem Spiel steht
'
ist nicht "absolut unhistarisch".

Dieses Buch ist erstmals 1 9 83 erschienen. Die vergangenen


Jahre fügen seinen Aussagen weder Gültigkeit hinzu, noch
nehmen sie etwas davon weg, ich will den Abstand weder
dazu ausnutzen, sie zu rechtfertigen, noch sie zu korrigieren.
Ich möchte bloß die theoretische Geste, die diesem Text eigen
ist, in die Entwicklung einer persönlichen Arbeit und in die
Konfrontation mit den theoretischen und politischen Einsätzen
einer Zeit einordnen, von der die unsrige noch abhängig ist .
1 9 8 1 hatte ich La Nuit despro!itaires veröffentlicht, das Ergebnis
langer Jahre des Eintauchens in die Archive der Arbeitereman­
zipation. Diese Reise hatte mich ebenso von den zwei Festlan­
den entfernt, welche die gewöhnlichen Verstehensweisen des
Arbeiterdenkens bestimmten. Sie brach mit der marxistischen
Tradition, für die das Arbeiterbewusstsein sich nur mit Hilfe
einer von außen kommenden Wissenschaft entwickeln konnte.
Doch sie musste auch den damals blühenden Gegendiskurs
zurückweisen, der dieses Bewusstsein aus den Traditionen des
Berufs oder den Kultur- und Geselligkeitsformen des Volkes
entstehen sah. In der Strenge der marxistischen Wissenschaft
und in den Farben der Volkskultur habe ich die Vollendung
eines einzigen Zirkels gesehen, die gegenseitige Ergänzung
einer Unmöglichkeit und eines Verbotes, die sich so zusam­
menfassen ließ: Erstens, die "Beherrschten" köimm nicht von
alleine die Seinsweisen und die Denkarten verlassen, welches
das Herrschaftssystem ihnen zuweist; zweitens, sie diiifm nicht
ihre Identität und ihre Kultur verlieren, indem sie versuchen,
sich die Kultur und das Denken der anderen anzueignen. Die
Entwertung einer notwendig trügerischen Erfahrung oder

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die Begeisterung für die Authentizität des Volkes zwangen Ordnungsdenken entlehnt: Nicht nur können die Enteigneten
die Arbeiter gleicherweise, kein anderes Denken zu haben als nicht von alleine der Enteignung entkommen, sondern die­
das ihre, j enes, das ihre Lebensweise ihnen aufzwang. In den jenigen, die ihr entkommen, werden niemals etwas anderes
Versprechungen der befreienden Wissenschaft oder in der sein als eine Klasse von amphibischen Wesen, unfähig, etwas
Begeisterung für die Volkskulturen konnte man einen viel anderes herzustellen als F alschgeld im L and des Denkens und
älteren Befehl, nämlich genau den, dessen Formel die Politeia trügerisches Ansehen im Land der Arbeit.
von Platon fixiert hat, erkennen: Jeder kümmere sich um D arin lassen sich die Gründe der Wissenschaft zusammenfas­
seine Angelegenheit und entwickle die seinem Stand eigene sen, die uns die Enteigneten als unfähig beschreibt, ihre Enteig­
Tugend. Es ist tatsächlich tmmäglicb, nicht anzuerkennen, dass nung anzuerkennen. Die S ache ist einfach auszusprechen. Doch
der Arbeiter nicht die Zeit hat, anderswo zu sein als bei seiner um zu dieser Einfachheit zu gelangen, musste ich den krummen
Arbeit, denn die Arbeit wartet nicht. Ein Verbot, die symbo­ Wegen der Emanzipation folgen. Krumme Wege im Vergleich
lische Ordnung eines Gemeinwesens zu zerbrechen, das die zu denen, die der Zirkel des Unmöglichen und des Verbotes
Gottheit nach der Gerechtigkeit geordnet hat, indem sie Eisen vorschrieb. In den Broschüren und Zeitungen der Arbeiter, in
in die Seele der Arbeiter gelegt hat, die für die Bedürfnisse der den Gedichten und Briefen, die manche zurückgelassen hatten,
Gemeinschaft sorgen, und Gold in jene der Wächter, die sie zu in den Berichten der saint-simonistischen Apostel oder der
ihren Zwecken leiten. Diese Geschichte von Gold und Eisen ist Leitung der ikarischen Kolonie kam zum Vorschein, dass es
ein Märchen, gibt Platon zu. D och es genügt, dass ein Märchen sich weder darum handelte, ein fehlendes Wissen zu erwerben,
geglaubt wird, damit es wirkt. Und um es zu glauben, genügt noch eine dem Arbeiterkörper eigene Stimme geltend zu ma­
es, in der Position zu sein, die es legitimiert: in der Position chen. Es ging vielmehr darum, sich eines bestimmten Wissens
dessen, der nicht die Zeit h at und daher keine andere Wahl als und einer bestimmten Stimme zu entledigen. Die Möglichkeit
das Märchen seiner Minderwertigkeit zu glauben. einer der Arbeitergemeinschaft eigenen Stimme verlief über die
Es genügt, an seine Minderwertigkeit zu glauben, man hat Desidentifizierung eines gegebenen Körpers, einer Kultur und
keine Zeit, nicht daran zu glauben, keine Zeit, anderswo als einer Identität des Arbeiters, nämliche jener, die dem normalen
an dem Ort zu sein, wo man gezwungen ist zu glauben. D as Zirkel der Zeit und des Glaubens angepasst waren, der Auftei­
ist der direkte Beweis der These. Doch als würde die These lung, die den einen die Aufgabe des Denkens und den anderen
die Zerbrechlichkeit dieser dünnen Haut der "Zeit" spüren, die Arbeit der Produktion vorbehält. Die Emanzipation be­
die das Eisen der Arbeit vom Gold des Denkens trennen soll, stand vor allem darin, sich an dem Ort, wo man auf Rechnung
hat sie sich immer in eine indirekte Beweisführung verdoppelt: eines anderen arbeitete, die Zeit für einen Blick zu nehmen, der
Diejenigen, die Zeit haben, ohne das Metall, das ihren guten sich von der den Händen vorgeschriebenen Richtung entfernt
Gebrauch garantiert, sind dazu verdammt, sie zu missbrauchen. und sich den Raum der "enteigneten" Arbeit aneignet; darin,
Sie können das Gold des Denkens in Handwerkerkunstgriffen von den Nächten, die zur Wiedererl angung der Arbeitskraft
nachäffen: D arin fasst sich für Platon die Wissenschaft der bestimmt waren, die Zeit zum Lesen, zum Schreiben oder zum
Sophisten zusammen. Sie können die festen Wirklichkeiten Reden zu gewinnen: nicht aber, um wie ein Arbeiter, sondern
der Arbeitswelt, der Herrschaft und des Kampfes nur in ihren wie jeder andere zu s chreiben oder zu reden. Diese Arbeiter, die
inkonsequenten Träumereien ertränken: D arin besteht für in den 1 830er-J ahren Zeitungen und Vereinigungen gründeten,
Marx die Arbeit der kleinbürgerlichen Ideologen. So wird die Gedichte schrieben oder sich utopischen Gruppen anschlossen,
These ergänzt, die das moderne Revolutionsdenken vom alten forderten, als vollwertige sprechende und denkende Wesen zu

294 295

...
gelten. Sie wollten sich vor allem die Sprache und die Kultur schungen der ästhetischen F reiheit gehören der symbolischen
des anderen, die "Nacht" der Dichter und der Denker aneig­ Gewalt an, welche die Beherrschten an ihren Platz setzt: Sie
nen. Sie waren selbst diese Bevölkerung amphibischer Wesen, gehören den Kulturspielen an, die wie die Rituale in der Schule
die von Platon oder Marx denunziert wurde: ein Volk von die Beherrschten ausschließen, indem sie ihnen ein Ethos an­
Reisenden zwischen den Welten und den Kulturen, welche bieten, an das sie sich nicht anpassen können und indem diese
die Aufteilung der Identitäten und die Grenzen zwischen den strukturelle Unangepasstheit als persönliche Unfähigkeit und
Klassen und den Wissensformen durcheinander brachten. Schuld aufgefasst wird.
Deswegen konnten sie die Arbeiterbewegung genannte kol­ D iese "soziale" Kritik der ästhetischen Illusion schien mir
lektive Kraft ins Leben rufen: die Kraft derjenigen Arbeiter, einerseits gegensätzlich zur "ästhetischen" Erfahrung zu sein,
die dem Zirkel der nicht wartenden Arbeit und des Raumes, durch die die emanzipierten Arbeiter sich einen Blick, eine
den zu betreten man keine Zeit hat, entkommen waren. Die Sprache, einen Geschmack angeeignet hatten, die nicht "die
Arbeiteremanzipation war zuerst eine ästhetische Revolution: ihren" waren, und andererseits in der geraden Kontinuität
die Abstandnahme von einem sinnlichen Universum, das durch der großen Sorge der Eliten, die Leute des Volkes vor dieser
einen Stand "aufgeprägt" war. Sie war nicht der Erwerb eines Verlockung durch die Sprache und die Kultur der anderen zu
Wissens von den Gründen der Herrschaft. Sie ähnelte viel eher bewahren, die in die Sackgassen der "Deklassierung" führen
der Aufhebung der Gründe, welche Kant als das Eigene des würde. Indem die Soziologie vorgab, die philosophischen
"interesselosen" ästhetischen Urteils beschrieb, und wo Schiller Naivitäten vom freien ästhetischen Urteil anzuklagen, natura­
von einer "ästhetischen Erziehung" geträumt hatte, die mehr lisierte sie und verwandelte sie dasjenige in Notwendigkeit des
als die gewalttätige Revolution des Staates geeignet war, ein Gesellschaftskörpers, was der Philosoph Platon als die "Lüge"
freies und gleiches Volk zu bilden. .. dargestellt hatte, die nötig sei, um eine Minderwertigkeit recht­
Ich war auf meiner Reise und mit meinen Uberlegungen lich zu begründen, deren empirische Wirklichkeit übrigens die
ungefähr dort angelangt, als mir ein Buch in die Hände fiel, Reproduktion sicherstellte. Die Soziologie, die sich vornahm,
das bereits lange vorher erschienen war, Die feinen Unterschiede die Listen der Herrschaft zu demaskieren, schloss somit den
von Pierre Bourdieu, untertitelt Soziale Kn'tik der Urteilskrcift. Die Kreis des Verbots und des Unmöglichen. Sie verlieh der will­
"Interesselosigkeit" des Kant'schen ästhetischen Urteils ist, kürlichen Geste, durch die der Philosoph einst entschieden
so lehrte dieses Buch, die Quintessenz der philosophischen hatte, wer denken könnte und wer nicht, das Fleisch der
Illusion, welche die b rutale Wirklichkeit des Unterschieds wirklichen Erfahrung. Sie machte diese Aufteilung zur letzten
verdeckt, der zwei Arten des Geschmacks voneinander trennt: Wahrheit des Diskurses, der behauptete, von der Kritik der
den Geschmack der Notwendigkeit der Leute aus dem Volk, Illusionen der Beherrschten zum Umsturz der Herrschaft zu
die ganz natürlich die Nahrungsmittel vorziehen, die "am führen.
Körper kleben", Fotografien für Familienalben machen und Der Pbilosoph 11nd seine Armen versuchte also zu zeigen, wie die
die "ernste Musik" nicht kennen; und den distinguierten Formen der Sozialwissenschaft, die vorgibt, die Herrschaft zu
Geschmack derer, die es sich leisten können, ihr finanzielles demaskieren, ihr ältestes Axiom festigen, nämlich dasjenige, das
Kapital in Kulturkapital zu verwandeln und auf die Werke den Beherrschten vorschreibt, auf ihrem Platz zu bleiben, denn
der Kunst einen ästhetischen Blick zu werfen, der vor allem nur das entspräche ihrer Seinsweise, und ihrer Seinsweise treu
ihren Unterschied sichert. Die Gesellschaftsklassen haben den zu bleiben, denn nur diese sei dem Platz angemessen, den sie
Geschmack, der ihrer Seinsweise entspricht. Und die Täu- besetzen. Man musste dafür zeigen, dass selbst die marxistische

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Umdrehung des platonischen Himmels seine tiefste L ogik gen, doch die als nicht weniger als die genaue Anwendung
bestätigt hatte, indem sie die Wahrheit direkt auf den Körper der soziologischen Kritik auf die politische Reform erschien:
der Proletarier schrieb, um den Gelehrten das Vorrecht zu Um diese "symbolische Gewalt" zu beseitigen, welche die
bewahren, sie zu entziffern. Dieses Projekt hat die Absicht und Kinder der Armen verinnerlichten, musste man in der Schule
den Stil des Buches vorgegeben. Ich wollte zuerst die Metamor­ den Anteil der legitimen Hochkultur vermindern, den Inhalt
phosen der philosophischen Geste verfolgen, welche diejenigen, weniger gelehrt und die Formen zugänglicher, mehr der Ge­
die der Arbeit geweiht sind, von denen trennt, welche zum selligkeit der Kinder der armen Klassen angepasst machen.
Denken bestimmt sind. Deswegen hat sich das Buch weniger So formuliert und in der Reform der Colleges umgesetzt sah
für die Marx'sche Analyse des Arbeitsprozesses interessiert als sich die "soziologische" These sogleich beschuldigt, die Un­
für die Haltung des Gelehrten Marx, für die Weise, wie das gleichheit zu verstärken, die sie vorgab zu reduzieren. Die
Spiel des Wissens und der Wahrheit bei ihm die Beziehungen Schule den Mittellosesten anpassen, hieß das nicht ihre intel­
zwischen den Figuren des Arbeiters, des Proletariers und des lektuelle Minderwertigkeit zu behaupten? Bedeutete das nicht,
Kommunisten verteilt. Diese Absicht hat dem Schreiben auch die Aufteilung zu stärken, die den Erwählten die Höhen des
seinen Stil verliehen. Der Satz von La Nuit des prolitt�ires hatte Denkens und die Verfeinerungen der Sprache vorbehält und
sich übermäßig verlängert und mit Einfügungen beladen, um den Beherrschten die entwerteten Werte einer "autochthonen"
die Komplexität wiederzugeben, welche die Wahrnehmung Kultur zuweist? Dem sozialistischen Reformismus und seinen
und den Diskurs der vorgeblich Einfachen bewohnte. Der soziologischen Grundlagen stellte sich das "republikanische"
Philosoph ttnd seine Armen hat umgekehrt absichtlich dem kurzen Denken entgegen, das den Bürgeruniversalismus verkündete
Satz, der Parataxe und der lapidaren Formulierung gehuldigt, und den Aufstieg der Kinder des Volkes durch die Wissenschaft
um die Brutalität der Aufteilungen zu kennzeichnen, die in und die Bildung, die in gleicher Weise allen vermittelt wird.
den Subtilitäten der gelehrten Analysen am Werk ist. Diese Spannung zwischen zwei Gleichheiten setzte sich schnell
Sicherlich würde ich nicht mehr so schreiben. Doch das in einem Konflikt der Disziplinen fort: Dem theoretischen
Problem, das mir dieses Buch heute bereiten kann, resultiert und politischen Einfluss der Sozialwissenschaft, welche die
weniger aus seinem Stil, als aus seinem Bezug zur damaligen "rosa" Version des marxistischen Denkens von gestern und
Zeit. Meine Polemik traf nämlich auf einen viel weitergehenden des weiser gewordenen 68er-Eifers war, stellte sich die Idee
Streit, der damals die öffentliche Bühne beherrschte. Der Phi­ einer Rückkehr zu den Begriffen der politischen Philosophie
losoph und seine _Armen wurde in der Zeit der kurzen Euphorie entgegen, welche die Bedingungen des "Zusammenlebens" und
geschrieben, die folgte, als die Sozialisten in Frankreich an des "Gemeinwohls" bestimmten. Den Versprechungen der
die Macht gelangten. Es war die Zeit großer Projekte, die in Sozialwissenschaft wurden die philosophischen Versprechen
den Erfahrungen der Sozialwissenschaften die Mittel suchten der Bürgerrepublik entgegengesetzt.
für eine Umwandlung der französischen Gesellschaft in eine, Dieser Streit im öffentlichen Raum verlieh meiner Polemik
in der mehr Gleichheit herrscht. Die Schulreform, die Ver­ eine Aktualität. Doch er unterwarf sie auch seinen Zwängen. Es
minderung der Ungleichheiten durch die Schule, stand in der war mir wesentlich erschienen, die Komplizenschaft der soziolo­
ersten Reihe dieser Baustellen und die Thesen von Bourdieu gischen Demaskierungen der ästhetischen "Distinktion" mit der
über die "Reproduktion" standen in der Mitte der Debatte alten Philosophie des "jeder an seinem Platz" anzuklagen. Doch
über diese Reform. Die Reformatoren hatten von ihnen eine die Anklage der "Soziokratie" implizierte selbst ein zwiespältiges
Vorstellung bezogen, für die der Meister sich hütete zu bür- Naheverhältnis zu jener ideologischen Gegenbewegung, die ihr

298 299
die wiedergefundenen Werte des republikanischen Elitismus erreichen müssten. Die Gleichheit als Ziel ausgehend von der
und der politischen Philosophie entgegensetzte. Das Bourdieu Ungleichheit zu setzen, bedeutet einen Abstand einzuführen,
gewidmete Kapitel und der Schluss des Buches bezeugen meine den gerade die Operation seiner "Verminderung" unendlich
Schwierigkeit, mich in diesem Kontext zu situieren, wo sich reproduziert. Wer von der Ungleichheit ausgeht, ist sicher,
die Logik der Emanzipation und die der republikanischen sie am Ende wiederzufinden. Man muss von der Gleichheit
Restauration begegneten. Die Zeit hat schnell die Verwirrung ausgehen, von diesem Minimum an Gleichheit, ohne das kein
aufgelöst. Bald verloren sich die Kritik der Sozialwissenschaften, Wissen weitergegeben wird, kein Befehl ausgeführt wird, und
die Rehabilitation der politischen Philosophie und die Hymne man muss daran arbeiten, diese Gleichheit unendlich auszudeh­
auf die republikanische Schule im großen reaktiven Strom, der nen. Die Kenntnis der Gründe der Herrschaft hat keine Macht,
das "68er-Denken" anprangerte. Die Rückkehr zur Politik stellte die Herrschaft zu stürzen. Man muss immer schon begonnen
sich als bloße Ergebenheit der existierenden staatlichen Ordnung haben, sie umzustürzen . Man muss mit der Entscheidung
heraus, die Denunzierung des Sozialen und die Begeisterung für begonnen haben, sie zu ignorieren, ihr nicht Recht zu geben.
das politische Gemeinwohl dienten dem staatlichen Unterfangen Die Gleichheit ist eine Vorannahme, ein Ausgangsaxiom,
des Abbaus der Errungenschaften der sozialen Kämpfe und der oder sie ist nichts. D araus bezog der Pessimismus Jacotots
Einreihung in die vorgeblich weltwirtschaftliche Notwendigkeit. die Vorstellung, dass j eder beliebige Mensch jeden beliebigen
Die schöne republikanische Ideologie wurde mit den Jahren die emanzipieren könne, aber dass die Gesellschaft immer nur der
links-intellektuelle Version der Verteidigung des Abendlandes Logik der Ungleichheit gehorchen werde. Ich habe versucht,
gegen die islamischen Wilden. die politische Kraft dieser Vorannahme der Fähigkeit jedes
Man hätte sehr scharfsichtig sein müssen, um die formidable Beliebigen zu denken, in ihr den Sinn einer Demokratie zu
intellektuelle Restaurationsströmung zu verstehen, der die sozi­ finden, die nicht einfach das Gleiche ist wie die Regierungsform
alistische Neuheit ironischerweise den Weg bahnte. Zumindest und Lebensweise der reichen Länder.
eröffnete sich mir durch eine neuerliche Reis� in die Vergan­ Auf diesem Weg sollte ich eine Überraschung erleben. An­
genheit die Chance, die "Soziologen" und die "Republikaner" lässlich der Streiks von 1995, als die Apostel des Gemeinwohls
auf gleichem Abstand zu halten. Meine Untersuchungen hatten und der reinen und harten Republik in den Chor der Regierung
mir die Begegnung mit der singulären Figur jenes J oseph J acotot Juppe einstimmten und die Aktion der "Privilegierten" kritisier­
erlaubt, der in den 1 8 30er-J ahren die Fahne der intellektuellen ten, die unfähig seien, an die Zukunft und an das Interesse der
Emanzipation erhoben hatte und gegenüber den Akademi­ Allgemeinheit zu denken, ergriff Pierre B ourdieu auf spekta­
kern und progressiven Erziehern verkündet hatte, dass jeder kuläre Weise Partei für die Streikenden, die gerade dachten, ihr
alleine und ohne Lehrmeister lernen und sogar anderen lehren Wort zu den Interessen der Gemeinschaft und zu ihrer Zukunft
konnte, was er selbst nicht wusste. Nachdem ich mich einige beizusteuern zu haben. Der Soziologe, der so brutal den Zirkel
Zeit in seine Schriften vertieft hatte, konnte ich freilegen, was der symbolischen Gewalt beschrieben hat, welche das Werk der
die beiden Konfliktparteien gemein hatten. 18 Soziologen und ökonomischen und sozialen Herrschaft vollendete, stellte sich
Republikaner kämpften um die besten Mittel, durch die Schule an die Spitze des Widerstandes gegen die weltwirtschaftliche und
diejenigen gleich zu machen, welche die Gesellschaftsordnung soziale "Notwendigkeit" und rief mit den Repräsentanten der
ungleich gemacht hatte. J acotot lehrte, dass das bedeutete, kämpfenden Arbeiter zur Errichtung eines neuen "kollektiven
die Dinge von der falschen Seite anzugehen. Die Gleichheit Intellektuellen" auf. Man hat mich oft gefragt, ob das Handeln
ist nicht ein Ziel, das die Regierungen und die Gesellschaften des späten B ourdieu mich nicht zwingen würde, mein Urteil

300 301
zu überdenken. Doch Der Philosoph und seine -'4rmen fällte kein lers zu deklarieren und die "Formen kultureller Vorzüglichkeit"
Urteil über eine Person und ihr Engagement. Es analysierte zu multiplizieren, um der größten Anzahl die Möglichkeit zu
die Logik eines Diskurses. Die Haltung des Volkstribuns von geben, irgendwo exzellent zu sein. 20 Es ist schwierig, den For­
1995 erlaubte sicherlich, die Motivationen, welche die Analysen meln der j acotistischen intellektuellen Emanzipation näher zu
von Lz lvproduction und Die feinen Unterschiede stützen, anders zu kommen. Doch wahrscheinlich hätte Bourdieu Schwierigkeiten,
beurteilen. Sie änderte nicht diese Analysen selbst. Sie änderte diese Verwandtschaft zuzugeben, wie unsere einzige Begegnung
nicht das wissenschaftsgläubige Modell, das die Ungleichheit als bezeugt. Der Zufall ließ ihn einmal bei einem Kolloquium auf
Leiden und das Leiden als Unkenntnis seiner eigenen Ursachen der Sorbonne zur Veröffentlichung der Geschichte der Fraum von
interpretierte. Doch sie erklärte die geheime Spannung, die dieses Georges Duby nach mir sprechen. Er glaubte damals, die Zuhö­
allzu gut geölte Modell behauste. Das Elend der IVelt gibt das beste rerschaft auf eine mögliche Verwechslung aufmerksam machen
Zeugnis davon. Das Werk endet mit einem Post-Skriptum, das zu müssen. Ich möchte nicht, sagte er im Wesentlichen, dass Sie
die medizinische Rolle der Wissenschaft neuerlich bestätigt, sich darüber täuschen, was ich sagen werde. Sie könnten glauben,
welche "die kollektiv verdunkelte gesellschaftliche Bedingtheit dass es dasselbe ist, was Herr Raueiere gesagt hat. Nur ist es nicht
des Elends" aufdeckt. 19 Doch die neunhundert vorhergehenden dasselbe, es ist sogar sein genaues Gegenteil.
Seiten erlauben dem Leser, eine ganz andere Lehre daraus zu Wie das ganz Ähnliche absolut gegenteilig sein konnte, erklärte
ziehen: Das erste Leiden ist genau das, als Leidender behandelt der Redner weder an diesem Tag noch an einem anderen. Doch
zu werden. Und wenn der Soziologe eine gewisse Linderung vielleicht war die Spannung zwischen dem ganz Nahen und
bringen kann, dann nicht dadurch, dass er die Ursachen des dem ganz Gegenteiligen seinem eigenen Denken innerlich und
Leidens erhellt, sondern indem er seinen Gründen zuhört und bestimmte den doppelten Stil seines Engagements: einerseits die
indem er sie als Gründe zu lesen gibt und nicht als Ausdrücke Position des Gelehrten, eingespannt in die unendliche Denun­
eines Unglücks. D as erste Heilmittel gegen das "Elend der Welt" zierung der falschen Gelehrten, Halb-Gelehrten und anderen
ist die Offenlegung des Reichtums, den es in sich trägt. Denn unheilvollen Zwischenglieder, welche die Wissenschaft daran
das erste intellektuelle Übel ist nicht die Unwissenheit, sondern hinderten, das Unwissen zu heilen; auf der anderen Seite die
die Verachtung. Die Verachtung macht den Unwissenden, und Haltung des Mannes, der schlicht die Verachtung nicht erträgt,
nicht der Mangel an Wissen. Und die Verachtung lässt sich durch welche die Unwissenden fabriziert, und der dem kollektiven
keine Wissenschaft heilen, sondern nur durch die Parteinahme Intellektuellen vertraut, der die Hierarchien der Wissenschaft
für ihr Gegenteil, für die Wertschätzung. und die Beweise der Notwendigkeit ablehnt. Das Vorwort
Das hat Bourdieu in gewisser Weise andauernd selbst ge­ der ersten Auflage versuchte bereits zu sagen: Ein Denken ist
s agt. 1 9 8 5 kommentierte er einen Bericht über die Mittel, den stark durch das, was es trennt, und auch durch das, was ihm
Unterricht zu reformieren, um den man die Professoren des widersteht. Ebendieses Vorwort endete mit der Behauptung der
College de France gebeten hatte. Seine Kommentare führten Verhaltensregel, der mein Buch gehorchen wollte: "Diejenigen,
die unterschiedlichen detaillierten Vorschläge des Berichts auf von denen ich sprach, nicht für Idioten zu halten, seien sie nun
zwei wesentliche Punkte zurück. Was man bekämpfen müsse, Parkettleger oder Universitätsprofessoren". Ich sehe nichts, was
sagte er, sei "der Effekt des Urteils" und der "Effekt der Hierar­ ich dem heute hinzufügen sollte.
chisierung". Die "rationale Pädagogik", die auf der Wissenschaft
von der Reproduktion gegründet ist, lasse sich nämlich in zwei Paris, Dezember 2006
Prinzipien zusammenfassen: niemals die Unfähigkeit des Schü-

3 02
Anmerkungen

Plätons Li(f!,e

1 ARISTOTELES, Politik, IV, 129 1 a.


2 PLATON, Politeit�, II, 372 a (Der Übersetzer folgt hier und im Folgen­
den der deutschen Übersetzung durch Wilhelm Siegmund TEUFFEL
(Buch I-V) und Wilhelm WIEGAND (Buch VI-X) von 1 855/56. Die
Rechtschreibung wurde überall aktualisiert. A.d. Ü.) .
3 PLATON, Politeit�, II, 370 c.
4 XENOPHON, Oikono!JJikos, IV, 2/3 und VI, 9.
5 ARISTOTELES, Politik, VI, 13 19 a.
6 PLA TON, Poliffit�, III, 395 b (Übersetzung angepasst. Ad. Ü.).
7 PLA TON, Politeia, III, 397 a.
8 PLATON, Politeia, III, 406 c-d.
9 PLATON, Politeia, IV, 446 e/ 447 a.
10 PLATON, Politeia, I I , 374 c-d.
11 Ebenda.
12 PLATON, Politikos, 292 e (Übersetzung Friedrich E. D. SCHLEIERMA­
CHER).
13 PLATON, Gm;gias, 3 12 a/b (Übersetzung Friedrich E. D. SCHLEIER­
MACHER) .
14 Immanuel KANT, Ktitik drr Urteilskraji. Hg. Wilhelm WEISCHEDEL,
Werkausgabe Bd. 1 0, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1974. Hier: §28,
S. 1 87.
15 PLATON, Jophistes, 227 a/c (Übersetzung Friedrich E. D. SCHLEIER­
MACHER) .
16 PLATON, Sophistes, 227 a-b (Übersetzung Friedrich E. D. SCHLEIER-
MACHER) .
17 PLATON, Sopbistes, 227 c.
18 PLATON, Gorgi11s, 490 e/49 1 b.
19 PLATON, Politeia, III, 389 d.
20 PLATON, Politeia, III, 4 1 5 a.
21 PLATON, Politeia, III, 4 1 6 e.

305
22 PLATON, Politeia, III, 417 a-b . PLATON, Phaidro.r, 275 e.
43
23 PLATON, Nomoi, 8 4 6 d (Übersetzung Franz SUSEMIHL) . 44 PLATON, Pbäidros, 2 5 8 a. (Vom Übersetzer abgeändert. In der
24 PLATON, Politeia, VIII, 554 a. deutschen Ausgabe: "Es hat gefallen, ( ... ) dem Rat, dem Volk oder
25 PLATON, Politeia, IV, 420 e/42 1 a. beiden (. . . )" A.d. Ü.) .
26 PLATON, Politeia, IV, 434 a (Die französische Übersetzung bei Ranciere 45 PLATON, Pbaidros, 274 e.
weicht zu sehr von der deutschen Platon-Version ab, sodass ich hier 46 Jefaire al'oir bedeutet "reingelegt werden" und Ähnliches , wörtlich aber
selbst aus dem Französischen übersetzt habe. A.d. ü.) __
"sich haben machen", daher ist im Französischen die Uberleitung zu
27 PLATON, Hippim minor, 368 b-d (Übersetzung Friedrich E . D . "gehabt werden", "besessen werden" (itre po.rside) möglich (A.d. Ü.).
SCHLEIERMACHER) . 47 Antisthenes erachtete Clemens von Alexandrien zufolge die Liebe als
2 8 ARISTOTELES, Politik, I, 1 260 a. ein "Laster der Natur" (MULLACH, Frrzgme!lfa philosophomm graecomm,
29 Als Marx Proudhon entgegenhielt, dass die Aufhebung des Geldhan­ Paris 1 867, S. 280) .
dels zugunsten des alleinigen Warenhandels uns nicht aus dem Kreis 48 PLATON, Pbaidros, 256 e.
der politischen Ö konomie treten lässt, war er ganz aristotelisch. Nur 49 PLATON, f\.'omoi, . VII, 8 17 b.
musste er für den Kommunismus ein Argument verwenden, das bei 50 PLA TON, Phaidro.r, 245 a.
Aristoteles für die "häusliche" Beschränkung der wirtschaftlichen 51 PLATON, Prolc{!!,oms, 339 a I 347 a.
Sphäre plädiert. 52 PLATON, Phaidro.r, 248 d-e.
30 PLATON, Poli!!:ia, IV, 443 c. 53 PLA TON, Sophiste.r, 223 b.
3 1 PLATON, Cbarmides, 165 a (Übersetzung Friedrich E. D. SCHLEIER­ 54 PLATON, 1"\romoi, III, 700 c.
MACHER) . Zu den möglichen Fehldeutungen betreffend das "Kenne 55 PLATON, Nomoi, III, 700 e I 70 1 a (Übersetzung angepasst. A.d. Ü.).
dich selbst", besonders im Charmides, siehe Pierre AUBENQUE, L; 56 PLATON, Ion, 535 e.
Prudence chez A tistote, Paris: PUF 1963, S. 1 66. 57 Genauer gesagt: "als hätten sie ihre Ohren verdungen". PLATON,
32 PLATON, Char!!Jides, 1 73 b-c. Politeia, V, 475 d.
33 PLATON, Politeia, V, 454 c-e. 58 PLATON, 1"\romoi, Il, 659 b.
34 PLATON, Politeia, IV, 434 a. 59 PLATON, Phaidro.r, 259 a.
35 PLATON, Politeia, VI, 495 d-e. 60 PLATON, Nollloi, VII, 808 a.
36 PLATON, Politeia, VI, 496 a. 61 PLATON, Pbaidon, 82 a-b.
37 Ich gehe hier nicht auf die Polemiken über die Rolle des Antisthenes 62 Zur Musik als Eigenheit des Menschen siehe PLATON, j\romoi. II,
ein, welche die Arbeit von Karl JOEL hervorgerufen hat (Dt'rechte und der 653 e I 654 a. Über die Spiele, welche die Menschen gemäß ihrer Na­
xmophontiscbe Sokrates, Berlin 1 893) , noch auf die Gründe, die H. Kesters tur als Marionetten der Gottheit spielen sollen, ebenda, VII, 803 c I
dazu führen, in der 26. Rede des Themistius die Paraphrase des Textes 804 b.
von Antisthenes zu sehen, auf welche die Bücher VI und VII der Po/i­ 63 PLA TON, No!Jioi, II, 665 c.
teia Antwort geben würden. (H. KESTERS, Anti.rtbene. De Ia D1�liectique, 64 PLATON, Cot;gias, 4 8 1 d.
Ltlfde ctitiqJte et ex�getique mr le XXVIe Discours de The!Jiistius, Louvain 1935). 65 PLATON, .�)'mpo.rion, 22 1 e.
Die Betonung des Themas der Bastardierung, die mit der Person des
Antisthenes verbunden ist und des Sitzes seiner Schule, des Kynosar­
ges, der den Nicht-Athenern reserviert war, genügt hier, die Referenz
zu authentifizieren. Die Dürftigkeit der Antisthenes zugeschriebenen Die Arbeit !/Oll 1\Iarx
Texte macht eine Weiterführung der Analyse heikel.
3 8 PLATON, Politeia, VII, 5 3 5 c I 536 b . soll Wagner die Idee für die
Met:rter Martin der Kiifer und .reine Ce.rellen
3 9 PLATON, Politeia, V I , 4 9 2 a I 4 9 3 a . Meistersinger geliefert haben, obwohl einzig der geschichtliche Rah­
4 0 PLATON, Mmon, 82 a I 8 6 c . men und das Thema des Verhältnisses Künstler/Handwerker ähnlich
4 1 PLATON, Mmon, 97 d-e. sind.
42 PLATON, Phäidro.r, 274 e I 275 b. 2 Hyppolite TAMPUCCI, Poisie.r, preface. Paris 1 833.

306 3 07

-
3 A. CORBON, De l'mset��nemmt pr�fessiomzel, Paris 1 855. 27 Kar! MARX, Die dmtsche Ideologie, S. 43.
4 G. GAUNY, Brief an A. Barrault, 26. Juni 1 854, Fonds Gauny, Biblio­ 28 Kar! MARX, Dijfermz der demokriti.rcben u n d epikttrei.rcbm [\ratmpbilosop!Jie,
theque municipale de Saint-Denis. in: MEW, Ergänzungsband I, Ost-Berlin: D ietz Verlag 1976, hier:
5 LHERMINIER, "De Ia Iitterature des ouvriers", in: Raue des Deu.Y Mo11dn, S. 325-6.
November 1 84 1 , S. 972. 29 Kar! MARX, Die dmtJc!Je Ideologie, S. 43.
6 L /1 rtiste, April 1 845. 30 Georg Wilhelm Friedrich HEGEL, T 'or!eJ!II{�e/1 iiber die /f.stbetik. Bd. 3.
7 Charles NODIER, "De l'utilite morale de l'instruction pour le peuple", Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1986,
in: Rez•nies, Plasma, S. 1 82-3. S. 1 29-30.
8 Friedrich NIETZSCHE, "Der Fall Wagner", in: Kritische Studienau.rgabe. 31 Diese Geschichte wird erzählt in Heinrich HEINE, De I'A IIeiiiCI._i!,lle, Paris
Hg. von Giorgio COLLI und Mazzino MONTINARI, München: dtv 1 855.
1988, Bd. 6, S. 42. 32 Kar! MARX, Die dmt.scbe Ideolo._gie, S. 70.
9 Friedrich NIEZSCHE, "Götzen-Dämmerung", in: Kn/iscbe Studimau.rgübe. 33 Kar! MARX, Friedrich ENGELS, Die beil{i!,e h11mlie, S. 38.
Bd. 6, S. 143. 34 Kar! MARX, Da.r Elend der Pbilo.sop!Jie, S. 1 57. (Kursivierung durch J.
10 Kar! MARX, Rezensionen aus d e r "Neuen Rheinischen Zeitung. Ranciere, /1. d. ü.).
Politisch-ökonomische Revue". Zweites Heft, Februar 1850; in: 35 Marx an Engels, 6. Mai 1 854. In: MEW, Bd. 28, S. 358.
MARX, ENGELS, W/erke (im Folgenden MEW) , Ost-Berlin: Dietz 36 Kar! MARX, Ökonomi.scb-pbilo.sopbi.scbe Manmkripte cll!J &111 Jabre 1 844,
Verlag, Bd. 7, S. 1 98-2 1 2 . Hier: S. 203 . Über diesen Text wie über die S. 553-4.
Gesamtheit der literarischen Verweise von Marx siehe S. S. PRAWER, 37 Bert ANDREAS (Hg.) , La L(gm de.s CO!IJIJI/1/ll:rte.s, Aubier, S. 159.
Kar! i\larx and !f'orld Litera/ure, Oxford University Press 1976. 38 Engels an Marx, Dezember 1 846, MEW, Bd. 27, S. 72.
11 Rapports des delegations ouvrieres a !'Exposition de 1867. Enquete sur 39 Ebenda, S . 7 1-2.
le dixieme groupe, Bd. 1 , S . 5. 40 Ebenda, S. 70- 1 .
12 Kar! MARX, Da.r Kapital, I. Band, MEW, Bd. 23, Ost-Berlin: Dietz 41 Marx a n Engels, 1 8. Mai 1859, MEW, Bd. 2 9 , S . 436.
Verlag, S. 5 1 2/3. 42 Engels an Marx, 1 3 . Februar 1 85 1 , MEW, Bd. 27, S. 1 89-90.
13 Engels an Bernstein, 1 . März 1883, MEW, Bd. 35, S. 443 . 43 Marx an Engels, 25. August 1 8 5 1 , MEW, Bd. 27, S. 324.
14 Eleanor MARX-AVELING, Kar! MaD<.·, Souvenirs sur Marx e t Engels, 44 Engels an Lassalle, 18. Mai 18 59, MEW, Bd. 29, S. 603.
Editions en langues etrangeres, Moskau, S. 264. 45 Marx an Engels, 8. Oktober 1858, MEW, Bd. 29, S. 360.
15 Kar! MARX, Da.r Kapital I , MEW, Bd. 2 3 , S. 430- 1 . 46 Kar! MARX, "Rede auf der Jahresfeier des ,People's Paper' am 14. April
16 Kar! MARX, Die deut.rcbe ldeolo,gie, MEW, Bd. 3 , S. 5-530, hier: S. 28. 1 856 in London", in: MEW, Bd. 12, S. 4.
17 Karl MARX, Die dmtscbe Ideol({i!,ie, S. 2 1 , 2 6 , 2 7 , 28, 3 0 , 3 1 . 47 Ebenda.
18 Kar! MARX, Die dmt.rcbe ldeolo,gie, S . 246/7. 48 Kar! MARX, Friedrich ENGELS, Da.s Mamfest der Kolll!lllllli.sti.rdmz Partei,
19 Kar! MARX, Friedrich ENGELS, Die heil(i!,e f�w;ilie oder Kn/ik da kn'tiJcbm S. 472-3 .
K1üik, MEW, Bd. 2, Dietz Verlag 1 972, S. 20.
49 Karl MARX, Friedrich ENGELS, Das Mauijrst dfr Ko!!IIJI!miJtisdJeJz Pmtei,
20 Ebenda. S. 46 1 .
21 Karl MARX, Die dmt.rcbe Ideolo,gie, S . 43 und S . 28. SO Brief G oethes an Schiller, zitiert von Ludwig FEUERBACH, Da.s Wl'si'll
22 Karl MARX, Die dmt.rcbe Idtolo,gie, S. 43, 25, 20, 29, 30, 19. de.s CIJJÜ!mtmm. lr'erke, Bd. 7, Leipzig: Verlag von Otto Wigand 1 849,
23 Kar! MARX, Da.r Elend der P!Jilo.rophie, MEW, Bd. 4, Ost-Berlin: Dietz S. 2 19 .
Verlag 1 972, S. 153. 51 Kar! MARX, Friedrich ENGELS, Da.r "\ !all(j"rst der Kollmlml!stis(bm Pmtei,
24 Kar! MARX, Okonomi.rcb-pbilo.rop!Jiscbe Manu.rkripte am de111Jabre 184-+, MEW, S . 472.
Ergänzungsband, 1 . Teil, S. 465-588, Ost-Berlin: Dietz Verlag 1968, 52 Kar! MARX, Friedrich ENGELS, Da.r Ma11ij�.rt der Kolll!lllmisti.rdmz PClltei,
hier: S. 542. S. 479.
25 Kar! MARX, Da.r Kapital I , S. 382. 53 Karl MARX, Friedrich ENGELS, Da.r "\ lanijrst der Ko!mmmi.rti.rcbm Parlfi,
26 Karl MARX, Friedrich ENGELS, Da.r Maniji:st der Kommunistisrbm Partei, S. 472.
MEW, Bd. 4, Ost-Berlin: Dietz Verlag 1 972, S. 459-93. Hier: S. 472.
54 Kar! MARX, Friedrich ENGELS, Da.s "\ la11iji:Jt der KoiiJ!!IIIIlisti.rcbm Partei,
S. 465.

308 309
55 Karl MARX, Der achtzelmte Bnw1aire des Louis Bonaparte, MEW, Bd. 8. Ost­ 77 Karl MARX, Der achtzelmte BniiJJaire des Louis Bonaparte, S. 1 6 1 .
Berlin: Dietz Verlag 1960, S. 1 76- 193. Hier: S. 1 85. 78 Karl MARX, Die Klas.mzkcimpfe in rrankreich 1 848- 1 850, S. 79.
56 Karl MARX, Die Klassenkcimpfe in Frankreich 1 /J.-18- 1850, MEW, Bd. 7, 79 Marx an Engels, 1 8. Mai 1 8 59, MEW, Bd. 29, S. 436.
Ost-Berlin: Dietz Verlag 1960, S. 1 2-34. Hier: S. 20. 80 Karl MARX, "Rede auf derJahresfeier des ,People's Paper' am 14. April
57 Karl MARX, Der ad.Jtzehnte Bmmaire des LoJtis Bonaparte, S. 154. 1 856 in London", S. 4.
58 Karl MARX, Friedrich ENGELS, Das Manifest der Ko!!JIJJllllistisdmz Partei, 81 Karl MARX, "Englisch", in: MEW, Bd. 15, S. 464-7. Hier: S. 464.
S. 472. 82 Marx an Philip Becker, 26. Februar 1 862, MEW, Bd. 30, S. 6 19.
59 Karl MARX, Die Klassenkiimpfe in Frankreich 1 848- 1 850, S. 26. 83 Karl MARX, Der ad.Jtzclmte ßmJJJtlire des Louis Bonaparte, S. 1 1 8 .
60 Vgl. P. CASPARD, "Un aspect de la lutte des classes en France en 1848: 84 Marx an Engels, 25. Februar 1 859, MEW, Bd. 29, S . 40 1 .
le recrutement de la Garde nationale mobile", in: Reme historiqne, 1974, 85 Marx an Weydemeyer, 25. März 1 852, MEW, Bd. 28, S. 5 1 0.
Bd. II, S. 8 1- 1 06. 86 Engels an Marx, 23. September 1 8 5 1 , MEW, Bd. 27, S. 344.
61 V gl. die Rezension des Buches von Chenu, Les coi!Jpiratmrs, durch Marx: 87 Engels an Marx, 14. April 1 856, MEW, Bd. 29, S. 4 1 .
MEW, Bd. 7, S. 266-79. 88 Engels an Marx, 24. August 1 852, MEW, Bd. 28, S. 1 1 8 .
62 Heinrich HEINE, "Über Frankreich", in: Werke und B1iife in zei.Jil Blinden. 89 Engels an Marx, 23. September 1 8 5 1 , MEW, Bd. 27, S. 344.
Herausgegeben von Hans KAUFMANN, Bd. 4, Berlin und Weimar: 90 Engels an Marx, 7. Oktober 1 858, MEW, Bd. 29, S. 358.
Aufbau 1972, S. 453-4. Über das Verhältnis Marx' zu Heine vgl. P. L. 91 "(...) die Tatsache, daß die große industrielle und kommerzielle Krise, die
ASSOUN, Mm-:-.: et Ia rphition ht�rtmique, PUF 1978. England durchgemacht hat, vorüberging, ohne in einem Börsenkrach
63 Karl MARX, Der achtzehnte 13mmaire dt's Louis Bonapmte, S. 157. in London zu kulminieren, eine Ausnahmeerscheinung, die einzig dem
64 Karl MARX, Die Klassmkiimpfe in Frankreich 1 848- 1 850, S. 14. französischen Geld zuzuschreiben ist." Marx an Danielson, 19. Februar
65 Karl MARX, Die Klassenkci'mJ>fe in Frankreich 1 848- 1 850, S. 14-15. 1 8 8 1 , MEW, Bd. 35, S. 156.
66 Karl MARX, Die Klassenkämpfe in Frankreid.J 1 848- 1 850, S. 77-8. 92 Engels an Kautsky, 1 2 . September 1 8 82, MEW, Bd. 35, S. 357.
67 Karl MARX, Der achtzf:'hnte Bmlllaire des Louis Honapmte, S. 1 5 1 . 93 Engels an Kautsky, 8 . November 1 884, MEW, S. 23 1 . Man findet eine
68 Karl MARX, Der m-htzehnte Bmmaire des Louis Bonapmte, S. 1 85. sehr ähnliche Analyse in einem Brief Engels' an Bebel vom 1 1 . Dezem­
69 Karl MARX, Zn•eiter Entl1'mj zmJI " Biil;gerklieJ!, in Frankreich ", MEW, ber 1 884.
Bd. 17, Ost-Berlin: Dietz Verlag, 5. Auflage 1 973, S. 572-6 10. Hier: 94 Marx an Lassalle, 22. Februar 1 858, MEW, Bd. 29, S. 551-2.
S. 594-5. 95 Engels an Marx, 1 1 . Juni 1 866, MEW, Bd. 3 1 , S. 227.
70 Karl MARX, Lrster Entmuj =(!fiJI " Biit;_l!,erklie._[J, in Frankreich", MEW, Bd. 17, 96 Marx an Engels, 7. Juli 1 866, MEW, Bd. 3 1 , S. 233.
S. 493-5 7 1 . Hier: S. 554. 97 Ebenda, S. 234.
71 Karl MARX, Dl'r achtzehnte Bmi!Jaire des Louis Bonaparte, S. 203. 98 Engels an Marx, 9. Juli 1 866, MEW, Bd. 3 1 , S. 236.
72 Karl MARX, Der Biirgerklic)!, in Frankreich. Adres.re des Cmeralrats der Intema- 99 Marx an Engels, 14. Februar 1 858, MEW, Bd. 29, S. 280.
tionalen Arbeilerassoziation, MEW, Bd. 17, S. 3 13-65, hier: S. 322. 100 Engels an Marx, 1 8. Februar 1 858, MEW, Bd. 29, S. 282.
73 Karl MARX, Der achtzehnte Bmmaire des Louis Bonaparte, S. 160-1. 101 Engels an Marx, 2. Oktober 1 866, MEW, Bd. 3 1 , S. 256.
74 Karl MARX, Der achtzelmte 13mmaire des Louis Bonaparte, S. 161. 102 Marx an Engels, 3. Oktober 1 866, MEW, Bd. 3 1 , S. 258.
75 Engels an Marx, 13. April 1 866, MEW, Bd. 31, S. 208. 103 Marx an Freiligrath, 29. Februar 1 860, MEW, Bd. 30, S. 490.
76 Karl MARX, Der achtzehnte Bmmaire des Louis ßonaparte, S. 150. Vgl. in Lrslfr 104 Marx an Kugelmann, 9. Oktober 1 8 66, MEW, Bd. 3 1 , S. 529 .
Ent mof zum " Bii,:y,erkn·e._!!, in hwzkreich " das Porträt von Jules Favre, der 105 Engels an Marx, 1 3 . Februar 1 8 5 1 , MEW, Bd. 27, S. 190.
ebenso dazu verpflichtet war, Geschichte zu machen, um nicht wegen 106 Ebenda.
Betrugs auf der Anklagebank zu landen. V gl. auch den Brief von Marx 107 Marx an E ngels, 1 1 . Dezember 1 858, MEW, Bd. 29, S. 374.
an Engels: "Ein großer Teil der französischen Bourgeois, so sichern 108 Marx an Lassalle, 22. Februar 1 858, MEW, Bd. 29, S. 552.
kommerziellen Ruin im Auge, sehn mit Angst dem Verfalltag entgegen. 109 Ebenda.
Sie befinden sich ungefähr in demselben state, worin Boustrapa sich 1 10 Jean-Paul SARTRE, Der Idiot drr l'a!JJi!ie. 3. [�/be!Jnon oder Die letzte Spinde.
vor dem coup d'etat befand." (Marx an Engels, 29. Januar 1 858, MEW, In: Gesammelte ll'rrke. Schriften zur Literatur 7, Rowohlt: Reinbek bei
Bd. 29, S. 269) . Harnburg 1986.

3 10 311
111 Karl MARX, Das Kapital I, S. 268-9. 2 BARTHES ' Drr mtoeomkommmde und der Jtll!l!j>fe Sinn, S. 268.
1 12 Marx an Engels, 10. Februar 1 866, MEW, Bd. 3 1 , S. 1 74. 3 BR
V gl. Nicole MAL E ANCHE, Eifor.rc!J!IIZI!, der IF'ahdJI'it. Hg. von Artur
113 Karl MARX, Das Kapital I, S. 63. BUCHENAU. München: Georg Müller 1920. Hier : 1 . Band, 19. Ka­
1 14 Jenny Marx an Kugelmann, 3 . April 1 8 7 1 , in: Jenny MARX, Lettres d pitel, II, S. 1 55.
Kt(l!,elmann, Editions sociales, S. 187. PLATON, Eut�ydemos, 275 d-277 c.
4
1 15 Marx an Siegfried Meyer, 30. April 1 867, MEW, Bd. 3 1 , S. 542. 5 Vgl. ENGELS, Dialektik der Nat11r
1 16 Marx an Engels, 3 1 . Juli 1 865, MEW, Bd. 3 1 , S. 132. 6 Jean-Paul SARTRE, "Der Künstler und sein Gewissen", in: PortrcitJ und
1 17 Marx an Danielson, 10. April 1 8 70, MEW, Bd. 34, S. 372. Pmptklimz . Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 197 1 , S : 26.
118 Marx an Engels, 25. Februar 1 867, MEW, Bd. 3 1 , S. 278. 7 Jean-Paul SARTRE, "Antwort an Albert Camus", m : Portrci'!J und Ptr­
1 19 "Du fragst, wie es kam, daß gerade mir geheimgehalten wurde, wie weit .rpektimt, S. 78.
das Ding fertig war? Sehr einfach: hätte ich das gewußt, ich hätte ihm 8 Ebenda.
bei Tag und Nacht keine Ruh gelassen, bis es ganz fertig und gedruckt 9 Jean-Paul SARTRE, "Die Kommunisten und der Friede", in: �lit;g i111
war." Engels an Bebel, 3 0. August 1 883, MEW, Bd. 36, S. 56. Im bereits r�lieden 1, / 1 rtikel, "" 11(/n!fi:, Pampbldt 1948-54. Hg. von Traugott KONIG,
zitierten Brief vom 28. Juli 1 865 erklärte Marx, dass die drei Bücher bis übersetzt von Eva MOLDENHAUER, Reinbek bei Hamburg: Ro­
auf drei Kapitel bereits fertig seien! wohlt (rororo) 1982, S. 83.
120 "Wenn man diese Sachen nicht versteht, so soll man die Finger davonlas­ 10 SARTRE Die Komll!llni.rtm mzd der I�iede, S. 282.
sen oder aber sie wörtlich abschreiben von denen, die zugegebnermaßen :
1 1 SARTRE Die Ko!J/IJI!IIll:rtm und der h7'edf, S. 263. (Übersetzung verändert,
die Sache verstehn. ", Engels an Bracke, 1 1 . Oktober 1875, MEW, Bd. 34, A.d. Ü. )
S. 156. 12 SARTRE, Die Ko1mmmiJtell u11d der l·lirde, S. 1 02.
121 Karl MARX, Theo1ien über den Mehnl'nt, MEW, Bd. 26. 1 , Ost-Berlin: Dietz 13 SARTRE, Die Ko!J/IJJIIIliJten und dt r hiedt, S. 1 03. (/1.d. Ü.)
Verlag 1974. Hier: S. 3 77. 14 Über die Sartre'sche Interpretation der cartesianischen Freiheit siehe
122 Karl MARX, l<.'rster Entnmj zum " Biil;l!,erkrü;g in Fi<mkreic!J '� S. 544 "Die cartesianische Freiheit", in: Situationm. Reinbek bei Hamburg:
123 Friedrich ENGELS, Dialfktik der Natur. MEW, Bd. 20, Ost-Berlin: Dietz Rowohlt 1 965, S. 1 57-7 1 .
Verlag 1 962, S. 3 12. 15 MERLEAU-PONTY Die A bmtmer dtr Dia!tktik. Aus dem Französischen
124 Karl MARX, Z11r Kritik de r Hf.gelschm RechtJphilosophie. Einfli'lmttz!!" S. 381. T
von Alfred SCHMID und Herben SCHMITT, Frankfurt am Main:
125 F riedrich ENGELS, Einleitung zu Karl MARX, KlaJJfllk(i'JJ/pfe in J ·!nnkreicb Suhrkamp 1968 . Hier: S. 127.
z•on 1848 biJ 1 850, MEW, Bd. 22, S. 527.
16 MERLEAU-PONTY, Die /1 bmtmer der Dialektik, S. 203.
17 MERLEAU-PONTY, Die /1 bentmer der Dialfktik, S. 1 67.
18 Jean-Paul SARTRE, Die Kn"tik der dialektiscbm I "enumfi. Band 1. Aus dem
Der Philosoph und der SozioloJ!,e Französischen von Traugott K ÖNIG, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt
1967. Hier: S. 1 89.
19 "Aller et retour", Situation I , S. 2 1 6. Sartre kommentiert hier ein Buch
So stellt Barthes beispielhaft die "pneumatische" Interpretation von
von Brice Parain. Doch erinnert er sich nicht auch an Formulierungen,
Fiseher-Dieskau der "elektronischen" von Panzera entgegen: "Der
die erstaunlich nahe an Ir'i/be/111 Mos!el:r lrimderja/Jre sind?
Atem ist das Pneuma, die anschwellende oder zusammenbrechende
20 SARTRE, Kn'tik der dialrktisdJell I "ermmji, S. 105.
Seele, und jede ausschließliche Atemkunst könnte durchaus eine insge­
21 SARTRE, K1itik de r dialr:ktistbm T "emmiji, S. 108.
heim mystische Kunst sein (einer auf dem Maßstab der Langspielplatte
22 SARTRE, K1itik der dialekti.rc/Jm I emmiji, S. 248.
abgeflachten Mystik) . Dieses blödsinnige Organ (Katzenfutter (mo11
deJ chatJ) !) schwillt, wird aber nicht straff: In der Kehle, dem Ort, wo
23 �
Natürlich begnüge ich mich damit, diese Interpretation es Anarchosyn­
.
das Lautmetall gehärtet und gestanzt wird, und im Gesichtsausdruck, dikalismus so zu nehmen, wie Sartre sie gibt, die er offenstehdiCh aus dem
Buch L 'ounit'rji<mrais. I �·.rp,it d11 -!)'l!dicali.mJt von Michel COLLINET hat.
bricht die Signifikanz auf und lässt nicht die Seele, sondern die Wollust
24 SARTRE, K1itik der dialekti.rdmz I "emm!Ji, S. 347.
hervortreten." Roland BAR THES, Der ell{l!,f.l!,fllko!IJIJJf!lde 1111d der sl11mpfe
25 SARTRE, Kn.tik dtr dialektiJdm' T "ermmji, S . 3 3 1 .
Sinn. Kri!!:rche LJJr()'J III. Aus dem Französischen von Dieter HORNIG,
26 SARTRE, Kn'tik der dialekti.rc!Jm I "frmmji, S. 287.
Frankfurt am Main: Suhrkamp 1 990, S. 273 .
27 SARTRE, Kn'tik der d,�tfektz:rc!Jen r l:rnm!fi, S. 332-4.

3 12 313
28 SAR TRE, Kritik der dialektischen Vemmzß, S. 365. 50 J ean-Paul SARTRE, "Die ,Mobiles' von Calder", in: Portrci'ts und Perspek­
29 Journee des Dupes, 1 1 . November 1630, an dem der König Ludwig XIII. timt, S. 32.
seine Meinung radikal ändert und nicht den Kardinal Richelieu entlässt, 51 SAR TRE, "Der Künstler und sein Gewissen", in: Porträfs und Perspektizm,
wie seine Mutter und die Devotenpartei glaubt, sondern umgekehrt s. 19-20.
diese ins Exil schickt. Der Begriff wird seither für eine unerwartete 52 Ebenda.
politische oder diplomatische Wendung gebraucht, bei der eine sich 53 Pierre BOURDIEU, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellscbqftlichen Ur­
bereits siegreich glaubende Partei verliert. (/1.d. Ü.) teilskraft, aus dem Französischen von Bernd SCHWIBS und Achim
30 SARTRE, Kn"tik der dialektischen Vernunß, S. 385. RUSSER. Fraufurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft
31 SARTRE, Kritik der dialektisd;en Vernunft, S. 469. 1987. Hier: S. 289.
32 SARTRE, Kritik der dialektischen VernHnft, S. 701. 54 BOURDIEU, Diefeimn Unterschiede, S. 805.
33 Ebenda. 55 Im Französischen: m;gument d11 cba11dron. Der Ausdruck geht auf Freud
34 Jean-Paul SARTRE, "Das Gespenst Stalins", in: K1ieg im Prieden 2, Redm zurück, der in Der lr'itz und seine Be;;jebmzg Zf111J Unbm'Hssten von einem Mann
Polemiken, Stellmzgnahmm 1952- 1956, herausgegeben von Traugott KÖNIG erzählt, der sich einen Kessel ausborgt, ihn schadhaft zurückbringt und
und Dietrich HOSS, übersetzt von Abelle CHRISTALLER u.a., Rein­ sich rechtfertigt: er habe "ihn unversehrt zurückgebracht, zweitens war
bek bei Hamburg: Rowohlt (rororo) 1982. S. 215-332. der Kessel schon durchlöchert als er ihn entlehnte, drittens hat er nie
35 SAR TRE, Kn/ik der dialektischen Vmmnft, S. 508. einen Kessel vom Nachbarn entlehnt" (A.d. Ü.).
36 Jean-Paul SARTRE, On a raison de se rit•olter, Paris: Gallimard 1974. 56 Pierre BOURDIEU, Soziolo,giscbe Fragen. Aus dem Französischen von
s. 100. Hella BEISTER und Bernd SCHWIBS, Frankfurt am Main: Suhrkamp
37 SAR TRE, On a raison de se rel'Oiter, S. 168-71. 1993. Hier: S. 55.
38 Siehe dazu den sehr suggestiven Artikel von Michel SICARD in der 57 BOURDIEU, Soziolo._gische Fr{{gm, S. 189. (In der deutschen Übersetzung
Nummer von Obliques, die er über "Sartre et les arts" herausgegeben wurde von mir, dem französischen Original und Raueieres Analyse
hat. entsprechend, "die man" hinzugefügt. A.d.Ü.)
39 Jean-Paul SARTRE, "Der Eingeschlossene von Venedig", in: Portreifs 58 Pierre BOURDIEU, La Reprodnäion, Paris: Minuit 1970. Hier: S. 199.
und Per.rpektimt, S. 256. 59 Die Ecole nationale d 'administration ist eine Eliteschule in Paris, aus der
40 Ebenda. sich noch immer ein Großteil der Spitzenpolitiker und -beamten
41 "Saint Mare et son double", in: Obliques, S. 171-202. Frankreichs rekrutiert. Die A,grigatiotl ist eine Prüfung, durch die man
42 SICARD, Saint ;\Iarc et son dottb!e, S. 191. in französischen Lycees besser bezahlter und weniger Stunden unter­
43 SAR TRE, Der l}_i,{rz,escb!ossene l'On Vened�g, S. 266. richtender Lehrer werden und nach einer obligatorischen Praxis im
44 SARTRE, Obliqms, op. cit. S. 196. Lycee auch an Hochschulen unterrichten kann. (A.d. Ü.)
45 "im zug den alten schwejk lesend, bin ich wieder überwältigt von 60 Pierre BOURDIEU, Jean-Claude PASSERON, Die l}_r/Jen. Aus dem
diesem riesigen panorama haseks, dem echt unpositiven Standpunkt Französischen von Stephen EGGER und Eva KESSLER, Konstanz:
des volkes darin, daß es eben das einzige positive selbst ist und daher UVK Verlagsanstalt 2007, S. 34.
zu nichts anderem "positiv" stehen kann. (... ) seine unzerstörbarkeit 61 BOURDIEU, PASSERON, Die Erben, S. 64.
macht ihn zum unerschöpflichen objekt des mißbrauchs und zugleich 62 BOURDIEU, PASSERON, Die Erben, S. 102.
zum nährbaden der befreiung." Bertolt BRECHT, Arbeitsjottrnal. He­ 63 BOURDIEU, Soziolo._giscbe Fra,gen, S. 168.
rausgegeben von Werner ECHT, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1973. 64 "Podium, Stuhl, Mikrophon, Abstand, Schülerhabitus", BOURDIEU,
Hier: 27.5.1943, S. 569. (Die besondere Orthografie Brechts wurde bei Soziolo._gische Fragm, S. 97, (Hervorhebung durch den Autor).
diesem Zitat nicht verändert, A.d. Ü.) 65 BOURDIEU, Die Erbnt, S. 40.
46 SARTRE, Obliques, op. cit. S. 20. 66 BOURDIEU, Lz Reproduction, S. 69.
47 SARTRE, "Aller et retour", Situations I, S. 189-244. 67 Anspielung auf ein Gedicht von Roben Desnos (A . d. Ü.)
48 Jean-Paul SARTRE, "Der Maler ohne Vorrechte", in: Porträts und Per­ 68 BOURDIEU, L1 Reprodmlion, S. 28 .
.rpektit•en, S. 304. 69 BOURDIEU, La Reprod!lition, S. 53.
49 SARTRE, Der Maler ohne Vorrechte, S. 302. 70 BOURDIEU, La Reproduction, S. 41.

314 315
71 Pierre BOURDIEU, Sozialer &11m und "Klassen '� Leron s11r Ia Leron. Zl1'ei 102 BOURDIEU, Diefeinen Unterschiede, S . 296.
VorlesmZ_r,en. Aus dem Französischen von Bern SCHWIBS, Frankfurt am 103 BOURDIEU, Diefeinen Unterschiede, S. 530.
Main: Suhrkamp 1985, S. 53-4. 104 BOURDIEU, Diefeinen Unterschiede, S. 678 .
72 Pierre BOURDIEU, Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen T l:munft. Aus dem 105 BOURDIEU, Diefeinen Unterschiede, S. 678-9.
Französischen von Günter SEIB, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1987, 106 BOURDIEU, Diefeinm Unterschiede, S. 772.
s. 246. 107 Immanuel KANT, Die Ktitik der Urteilskrcift. Hg. Wilhelm WEISCHE­
73 BOURDIEU, Soziäler I\a11m und " KiaJsen ': Leron s11r Ia Leron, S. 54. DEL, Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1974,
74 BOURDIEU, Soziolo,gische Pragen, S. 4 1 . hier: § 60, S. 300.
75 BOURDIEU, Soziologische Prc{r,en, S. 40. 108 Edmund BURKE, H.ißexions s11r Ia H.il 'olution de Trance, Paris 1790, S. 96-7.
76 BOURDIEU, Soziolo,gische Frcz2,en, S. 4 1 . 109 KANT, Die Kn/ik dtr Urteilskrc!ft, § 2 .
77 BOURDIEU, Soziolq2,iJche Fmj!,en, S. 1 22 . 1 10 Friedrich S CHILLER, Über die cisthetische Er::;Jehung des Memchen in eimr
78 Ebenda, vor allem das Kapitel 6 "Die Wirkung der Zeit". Reihe l'On Briefen. Frankfurt am Main: Reclam 2000. (vor allem die Briefe
79 BOURDIEU, Soziolox,iJche Fracgen, S. 1 12. 5 bis 9) .
80 BOURDIEU, lfas heißt .rprechen?, S. 1 04. 111 Gabriel GAUNY, "Le travail a la tache", in: Le Philosophe plibfien, Mas-
81 BOURDIEU, Diefeinen Unterschiede, S . 42. pero/La Decouverte 1983.
82 BOURDIEU, Soziolo,gische 11-C{gen, S. 107. 1 12 BOURDIEU, lf7as heißt .rprechen?, S. 104- 1 13.
83 BOURDIEU, Diefeinen Unterschiede, S. 90. 1 13 Vgl. Jacques RANCIERE, Lz N11it des prolitaim, Fayard 198 1.
84 BOURDIEU, Diefeinen Unterschiede, S. 284. 1 14 Charles BAUDELAIRE, " Über einige meiner Zeitgenossen", in:
85 BOURDIEU, Diefeinen Unterschiede, S. 86/7. Scimtliche lf:7erke/ Bn.ife in acht Bciiiden, Hg. Friedhelm KEMP und Claude
86 Ebenda. PICHOIS, übersetzt von Friedhelm KEMP, Bd. 7, München: Carl
87 Pierre BOURDIEU u.a., Die sozialen GebrmtdmniJen der Photogmphie. Aus Hanser Verlag 1 992, S. 1 86. (Übersetzung angepasst. A.d Ü.)
dem Französischen von Udo RENNERT, Frankfurt am Main: Euro­ 1 15 Charles BAUDELAIRE, "Pierre Dupont", in: Oemns compll:tes, Cercle
päische Verlagsanstalt 2006, S. 70. du Bibliophile, Bd. 3, S. 1 79 .
88 BOURDIEU, Diefeinen Unterschiede, S. 6 8 . 116 Pierre BOURDIEU, "L'invention d e la vie d'artiste", i n : A ctes de Ia
89 BOURDIEU, SoziolopJrche Fmgen, S. 164. rechl'rche en science.r sociale.r, März 1975.
90 BOURDIEU, Diefeinen Unterschiede, S. 370-73.
91 Pierre BOURDIEU, "La reproduction de l a croyance", in: Actes de Ia
recherche en sciences sociäles, Februar 1977.
92 Pierre BOURDIEU, "L'invention de la vie d artiste , Actes de la rec/;erc/;e
' "
Für dir:Jenigen, die noch mehr n'ollen und Nach1vort
en .rciences .rociales, März 1 975.
93 BOURDIEU, Diefeinen Unter.rchiede, S. 342. Georg Wilhelm Friedrich HEGEL, Vodesm�gen iiber die Philosophie der Ge­
94 BOURDIEU, Diefeinen Unterschiede, S. 3 9 1 . Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1986,
scbichte.
95 BOURDIEU, Diefeinen Unterschiede, S. 1 02. S. 529.
96 BOURDIEU, Diefeinen Unterschiede, S. 5 6 1 -84. 2 Rene DESCARTES, "Abhandlung über die Methode, richtig zu denken
97 BOURDIEU, Diefeinen Untmchiede, S. 58 1 . und die Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen", in: Reni Descmie.r '
98 Pierre BOURDIEU, lVciS heißt sprechm? Die Ökonomie denpmch!itün Tcmsches. phi!osophi.rche !Ferke, Hg. Julius H. v. KIRCHMANN, Berlin 1 8 70,
Aus dem Französischen von Hella BEISTER, Braumüller: Wien 1990, S. 44.
S. 92-3 . 3 Maxime LEROY, Descartes, le philo.rophe au ma.rque, Paris 1929. Und ders.,
99 BOURDIEU, Diefeinen Unterschiede, S. 796-7. Descmies .rodal, Paris 1 93 1 .
1 00 BOURDIEU, Soziolq2,iJche Frc{gen, S. 66-76. 4 Adam SMITH, Der !Vob!rtand der Nätiomn. Eine UnterS!Id;mzg .reiner 1\ratur und
101 Billancourt ist ein Vorort von Paris, anfänglicher Sitz des Autoherstellers seiner Ursachm, aus dem Englischen von Horst Claus RECKTENWALD,
Renault, wo zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung des vorli�?enden München: dtv 2009, S . 1 8 . Ich erinnere daran, dass die "Grobheit", die
Werks noch die Renaultfabrik auf einer Seine-Insel stand. (A.d U.) in dieser Hinsicht bei Platon das Gegenstück zur Philosophennatur

316 3 17
ausmacht, im Griechischen mit dem "Lastträger" (phortikon) identifiziert 16 Pierre BOURDIEU, "Sozialer Raum und ,Klassen"', in: Leron Sllr la Leron,
wird, vgl. vor allem P!Jaidros, 256 a. s. 73-4.
5 David HUME, "Über Verfeinerung in den Künsten", in: Politische und 17 Theodor W. ADORNO, "Veblens Angriff auf die Kultur", In: Ge.rammelte
okonomisc!Je Essqys. Aus dem Englischen von Susanne FISCHER, Hamburg: Schriften, Band 10. 1 , Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1977.
Meiner 1988, S. 196. Man wird sicher auch an den Artikel "Kunst" ("Art") 18 Jacques RANCIERE, Der unwissende Lehrmeister. Jo�ii,�l Lektionen über die in­
der Enqdopedie von d'Alembert und Diderot denken: "In welchem System tellektuellt' Emanzipation, aus dem Französischen von Richard STEURER,
der Physik oder der Metaphysik merkt man mehr Intelligenz, Scharfsinn, Passagen V erlag: Wien 22009.
Folgerichtigkeit als in den Maschinen um Gold zu spinnen, Strümpfe 19 Pierre BOURDIEU u.a., Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen a!lta��!ichm
zu machen und in den Berufen der Posementierer, der Gaze-Hersteller, Leidms an der Gesellschaft, Konstanz: Universitätsverlag Konstanz 2002,
der Tuchmacher oder der Seidenarbeiter?" S. 826.
6 Georg Wilhelm Friedrich HEGEL, Gmndlinien der Philo.rop!Jie des Rechts, 20 Pierre BOURDIEU, lnten·entiom 1 96 1 -200 1 . Scimce sociale et action po!itique,
Werke Bd. 7, Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Texte ausgewählt von Franck POUPEAU und Thierry DISCEPOLO,
§ 197/208 und 23 1/256. Agone 2002, S. 1 99-2 10.
7 Earl of SHAFTESBURY, Les Moralistes, Paris 1 746, Bd. 1 , S. 3 17.
8 Friedrich SCHILLER, Über die cist!Jetische Eqiebmzg des MenselJen in einer Reihe
!'Oll Bn'efin. Hg. von Klaus L. BERGHAHN, Stuttgart: Reclam 2000.

9 Karl MARX, Ökonomisch-philosophi.fc!Je Manuskripte aus dem Jahre 1844, S. 37.


10 Georg Wilhelm Friedrich HEGEL, IVissemchaft der Logik Il, Frankfurt
am Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1 986, S. 166. Siehe zu
dieser Stelle den Kommentar von Jürgen HABERMAS, Theorie und Pra.x-is.
Sozialphi/o.rophische Studien, Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch
Wissenschaft 1 978, S. 2 19-223.
11 MARX, Ökonomisch-philosophische "\Immsknpte aus dem ]a!Jre 1844, S. 35.
12 MARX, Ökonomische Manuskripte 1 86 1 - 1 863. In: MEW, Bd. II. 3 . 1 , Ost­
Berlin: Dietz Verlag 1 976. (Das Original bei Marx ist auf Französisch.
Es handelt sich hier also um meine Übersetzung. /1.d. ü.)
13 Ich lasse die theologischen Interpretationen dieses Schemas beiseite. G.
M. Cottier (L 'At!Jiisme dujeune A!atx, V rin) hat via Luther und Hegel die
kmo.re von Paulus darin gesehen. Man wird hier eine reichlich natürliche
sentimentale Vorliebe für die Interpretation von ]. Habermas (op. cit.)
entschuldigen, der über SeheHing auf das alter de!IS des Schusters Jakob
Böhme verweist.
14 "Die russische Aristokratie wird auf deutschen Universitäten und zu
Paris, in ihrer Jünglingszeit, erzogen. Sie hascht immer nach dem Ex­
tremsten, was der Westen liefert. Es ist eine Gourmandise, wie ein Teil
der französischen Aristokratie sie während des 1 8 . Jahrhunderts trieb. Ce
n' est pas pour les tailleurs et les bottiers (Das ist nicht für die Schneider
und Schuster, A . d ü.), sagte Voltaire damals von seiner eigenen Aufklä­
rung. Das hindert dieselben Russen nicht, sobald sie in Staatsdiensten
getreten, Halunken zu werden." Marx an Kugelmann, 12. Oktober 1868,
MEW, Bd. 32, S. 567.
15 Über die Distinktionen und die Versammlungen, siehe Jean-Claude
MILNER, Les 1/0ms indistincts, Paris: Seuil 1983.

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