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Bürgerlicher Aufstieg und adeliger Konservatismus

Zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte

einer

Familie im

19.

Jahrhundert

von

Hans-

Christ

of

Kraus

preußischen

In seinem nicht unumstrittenen Buch .Adelsmacht und Bürgertum' hat Arno J. Mayer mit großer Vehemenz die These vom Fortbestehen des

Ancien regime und seiner wesentlichen sozialen Strukturen weit über das

18. Jahrhundert hinaus verfochten 1 . Der langsam fortschreitenden Entfeu-

dalisierung zum Trotz habe sich der europäische Adel bis zum Ersten Weltkrieg seinen Vorrang in allen wichtigen Bereichen des politischen, sozialen und ökonomischen Lebens sichern und bewahren können. Dage- gen seien es die aufstrebenden nationalen Bourgeoisien gewesen, „die sich wohl oder übel der Aristokratie ihres Landes anpassen mußten, ebenso wie

der vorwärtsdrängende Industrie- und Finanzkapitalismus gezwungen war, sich einer vorindustriell geprägten gesellschaftlichen und politischen Struktur anzupassen". Die Großbürger, so Mayers Auffassung, erlagen „den Verlockungen eines aristokratischen und höfischen Lebens, das ihre gesellschaftliche Realität mit all seinen Formen, Schattierungen und Tra- ditionen beherrschte und überstrahlte und das sie imitierten und übernah- men" 2 . Diese These - sie wird neuerdings auch von Francis L. Carsten,

allerdings

nur auf Preußen-Deutschland bezogen, vertreten 3 - steht in

1 Arno J. Mayer , Adelsmacht und Bürgertum - Die Krise der europäischen Gesellschaft 1848-1914, München 1988 (zuerst erschienen unter dem Titel ,The Persist- ence of the Old Regime', New York 1981; im folgenden nach der dt. Ausgabe zitiert).

2 Beide Zitate ebd., S. 83, 89; zur Situation in Deutschland vgl. bes. S. 98ff.

3 Vgl. F. L. Carsten, Geschichte der preußischen Junker, Frankfurt am Main

übernahmen die Ideen des Junkertums -

oder was sie darunter verstanden -, wurden erzkonservativ, suchten Anschluß an die

Vor allem die

militärischen Tugenden und Wertvorstellungen der Junker wurden von breiten bürger- lichen Kreisen übernommen und schon bei der Erziehung als Vorbild hingestellt, wäh-

sozial und gesellschaftlich führende Klasse und wurden .feudalisiert'

1988, S. 130f.: „

weite bürgerliche Kreise

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deutlichem Widerspruch zu gängigen Deutungen der europäischen Ge- schichte des 19. Jahrhunderts, die von einer einheitlichen, umfassenden Modernisierungsbewegung in der Folge der politischen und industriellen Doppelrevolution ausgehen. Und es ist - dies soll nicht bestritten werden - trotz mancher Übertreibung und Überspitzung das Verdienst Mayers, nachdrücklich auf die Tatsache hingewiesen zu haben, daß sich in zentra- len Bereichen politischer und sozialer Existenz die Überreste alteuropä- ischer Ordnungsstrukturen wesentlich länger am Leben zu erhalten ver- mochten, als von der älteren - vielfach noch dem bürgerlich-liberalen Geist des vorigen Jahrhunderts verpflichteten - Geschichtsschreibung angenommen. In diesem Zusammenhang verdient das Phänomen der Übernahme ade- liger Lebens- und Denkformen durch Sozialaufsteiger aus dem Bürgertum ein besonderes Interesse. Denn obwohl das Bürgertum seit dem späten 18. Jahrhundert infolge des Auseinandertretens von Staat und Gesell- schaft 4 - im Zuge revolutionärer Veränderung auf der einen, politisch-so- zialer Reform auf der anderen Seite - und wegen der darauf folgenden Freisetzung einer von früheren Zwängen und Ordnungen freien ökonomi- schen Sphäre an Bedeutung und Einfluß stetig dazugewann, kam es, jedenfalls in Deutschland, nur sehr langsam zur Entwicklung eines eigen- ständigen bürgerlichen Selbstverständnisses. Bezogen auf den Bereich des preußischen Staates hängt dies damit zusammen, daß die Bürger durch das Allgemeine Landrecht von 1796 5 in drei Kategorien eingeteilt worden waren: in die „Eximierten", die eigentlichen Stadtbürger und die „Schutz- verwandten" 6 . Die an der Spitze des Bürgertums stehenden „Eximier-

rend alle (sic! H.-C. K.) anderen Werte vernachlässigt

ihrer alten Ideologie zum großen Teil treu, und diese wirkte wie ein Magnet auf die bürgerlichen Schichten".

4 Hierzu immer noch wichtig die Arbeiten von W. Conze , Das Spannungsfeld von Staat und Gesellschaft im Vormärz, in: Staat und Gesellschaft im deutschen Vormärz, hrsg. von Dems . (Industrielle Welt, 1), Stuttgart 1962, S. 207-269; E. Angermann , Das .Auseinandertreten von Staat und Gesellschaft' im Denken des 18. Jahrhunderts, in:

Zeitschrift für Politik 10, 1963, S. 89-101.

Die Junker blieben

5 Vgl. H. Conrad, Die geistigen Grundlagen des Allgemeinen Landrechts für die preußischen Staaten (Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-West- falen; Geisteswissenschaften, H. 77), Köln-Opladen 1958.

6 Grundlegend hierzu: R. Koselleck , Preußen zwischen Reform und Revolution - Allgemeines Landrecht, Verwaltung und soziale Bewegung von 1791 bis 1848 (Indu- strielle Welt, 7), Stuttgart 2 I975, S. 87ff.

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ten"besaßen besondere Rechte, u.a. waren sie nur den königlichen Ober- gerichten, nicht den städtischen Gerichten unterworfen, außerdem unter-

lagen sie nicht der militärischen

eximierte Bürgertum dem Adel rechtlich weitgehend gleichgestellt; vom

mittleren und unteren Bürgertum hob es sich dagegen deutlich ab. Doch „die Exemption, im 18. Jahrhundert noch ein Vehikel, die bürgerliche Oberschicht aus den Banden der Ständegesellschaft zu befreien, wirkte sich im Lauf des Vormärz als eine Fesel der freien Wirtschaftsgesellschaft

einen Seite nahm die Zahl der ökonomisch erfolgrei-

chen Bürger rapide zu, auf der anderen Seite sahen die bereits seit dem späten 18. Jahrhundert ökonomisch und in ihrer sozialen Stellung aufge- stiegenen Bürger keine Veranlassung, einer Aufweichung ihrer erworbe- nen Vorrechte durch den Aufstieg zu vieler Neureicher tatenlos zuzuse- hen. Die Interessengemeinschaft zwischen dem Adel und den meisten Angehörigen des eximierten Bürgertums wurde zunehmend enger; zudem lag es durchaus im Interesse der Krone, die in ökonomischer Hinsicht bedeutendsten dieser Eximierten durch Nobilitierung möglichst fest in die bestehende soziale und politische Ordnung einzubinden.

Dieser Vorgang, der von größter sozialhistorischer Bedeutung für die weitere Entwicklung Deutschlands im 19. Jahrhundert gewesen ist, soll im folgenden am Beispiel des Aufstiegs und der Entwicklung der Familie Nathusius vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert dargestellt und illustriert werden. Schon Walter Görlitz hat vor Jahren mit Recht darauf hingewiesen, daß gerade diese Familie „ein vorzügliches Beispiel für das in den Grundbesitz und den Adel übergehende und sich verhältnismäßig rasch feudalisierende Fabrikantentum des frühen 19. Jahrhunderts" 9 bil- det. Die Geschichte der Familie Nathusius, die vom aufgeklärt-liberalen, sich aus kleinsten Verhältnissen emporarbeitenden, bürgerstolzen Johann Gottlob Nathusius über seine geadelten, romantisch-konservativen Nei- gungen nachhängenden Söhne bis zu den Enkeln reicht, die - adelsstolzer und konservativer als die ostelbischen Junker - dem Bismarckstaat noch von rechts her opponieren, - diese Geschichte also scheint auf den ersten Blick die umstrittenen Thesen Mayers und Carstens voll und ganz zu bestätigen. Und doch tut sie es wiederum nicht: und zwar nicht nur, weil

aus" 8 . Denn auf der

Hinsicht war das

Dienstpflicht 7 . In dieser

7 Vgl. ebd., S. 89f., 94f.

8 Ebd., S. 93.

9 W. Görlitz , Die Junker - Adel und Bauer im deutschen Osten, Limburg a.d. Lahn 3 1964, S. 220.

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das Individuelle und Konkrete niemals vollständig und bruchlos unter das Allgemeine subsumiert werden kann. Denn die Entwicklung dieser Fami- lie 10 enthält, besonders seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, so viele ungewöhnliche, in keiner Weise repräsentative Züge, daß sie zur Unter- mauerung bestimmter Thesen, wenn überhaupt, nur in sehr begrenztem Maße taugt. Aber vielleicht macht gerade das ihren Reiz aus. Sozial- und mentalitätsgeschichtlich aufschlußreich ist sie ohne Zweifel allemal.

I

Der Stammvater des im folgenden zu betrachtenden Zweiges der Fami-

(1760-1835) 11 , der als einer der bedeu-

tendsten Industriepioniere seiner Zeit den Grund für den Reichtum und damit für den sozialen Aufstieg der Familie legte. Er stammte aus ärmli- chen Verhältnissen. Geboren im damals noch kursächsischen Städtchen Baruth als Sohn eines Akziseeinnehmers, konnte ihm sein sehnlichster Wunsch, ein Studium zu absolvieren, nicht erfüllt werden; er wurde als Vierzehnjähriger nach Berlin geschickt, wo er in einem Handelshaus eine sechsjährige, überaus harte Lehrzeit zu bestehen hatte 12 . Trotz gesundheit- licher Schäden, die er davontrug, konnte er sich zäh behaupten; ein geradezu unbändiger Ehrgeiz trieb ihn zu intensiver Selbstbildung. Gott- scheds deutsche Sprachlehre und Gellerts Schriften standen am Anfang; im Selbststudium brachte er sich die Grundzüge der Handelskorrespon- denz, die doppelte Buchhaltung und die „kaufmännische Rechenkunst" bei. „Aber", so erinnert er sich, „ich blieb dabei nicht stehen, ich studierte

lie war Johann Gottlob

Nathusius

10 Für die Stammfolge vgl.: Genealogisches Handbuch des Adels, Bd. 57 (= Adelige

Häuser B,

11 Über ihn siehe Leisewitz : Art. Gottlob Nathusius, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. XXIII, S. 271-276; E. v. Nathusius , Johann Gottlob Nathusius - Ein Pionier deutscher Industrie, Stuttgart - Berlin 1915 (grundlegend); M. Pahncke , Johann Gottlob Nathusius, in: Mitteldeutsche Lebensbilder, Bd. II, Magdeburg 1927, S.

60-81.

12 Die schweren Mißhandlungen, die er zu erdulden hatte, schildert Nathusius anschaulich in seinen für seine Kinder angefertigten autobiographischen Aufzeichnun- gen, die in der Biographie von E. v. Nathusiu s verwertet sind. Zusammenfassend resümiert er (ebd., S. 27): „Von der schlechten Kost und Anstrengung während meiner Lehrjahre bin ich indessen immer klein und schwächlich geblieben, während meine Brüder alle außergewöhnlich große Menschen waren. Ich bin der einzige kleine unter ihnen".

Bd. XI), Hauptbearb. W. v. Hueck , Limburg a.d.

Lahn 1974, S. 308-323.

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alle Wechselrechte und selbst die Staatswissenschaft oder Nationalökono- mie, ich las Büschs Schriften und lernte Adam Smith ,Über den National - reichtum' fast auswendig" 13 . Auch mit chemischen Versuchen beschäftig- te er sich sehr früh. Nach Beendigung der Lehrzeit blieb er noch vier Jahre in der Handlung seines Berliner Prinzipals, trat aber 1784 eine Stelle als Buchhalter und Handelskorrespondent in einer Magdeburger Firma an. Als sein Brotherr bald darauf plötzlich starb, gelang es dem jungen Buchhalter, die Finanzen des ökonomisch angeschlagenen Betriebes zu sanieren und die Firma dadurch der Familie zu erhalten - was sich nicht zuletzt auch für ihn selbst finanziell auszahlte 14 . Als Friedrich Wilhelm II. im Jahre 1787 das staatliche Tabakmonopol aufhob, ergriff der junge Kaufmann seine Chance: schon einen Tag später gründete er eine eigene Tabakfabrik. Mit Hilfe seiner chemischen Kennt- nisse gelang ihm die Herstellung eines neuen, milden und überaus erfolg- reichen Tabaks; gleich im ersten Jahr vermochte er 60 Arbeiter einzustel- len. Der große Druchbruch gelang ihm 1792: in Hamburg konnte Nathu- sius eine große Ladung durch Wasserschaden vorgeblich verdorbenen Tabaks zu einem Spottpreis aufkaufen. Diese Spekulation brachte ihm innerhalb kürzester Zeit 30.000 Taler Gewinn ein, die zur sicheren Grund- lage eines späteren MillionenVermögens wurden 15 . Doch ein Hindernis hatte er noch zu überstehen: 1796 führte man das Tabakmonopol in Preußen wieder ein, und Nathusius blieb nichts anderes übrig, als das Angebot, Generaldirektor der staatlichen Tabakfabriken zu werden, anzu- nehmen, allerdings sah er voraus, „daß die Sache doch nicht von Bestand sein würde" 16 . Schon knapp zwei Jahre später konnte er den von ihm aufgebauten Betrieb wieder in eigener Regie übernehmen. Zielstrebig baute er nun die Firma aus: 1801 beschäftigte er schon 300 Arbeiter. Der Krieg von 1806 traf ihn zuerst hart. Inzwischen zum reichsten Bürger Magdeburgs aufgestiegen, hatte er auch den bei weitem größten Anteil an den von Napoleon auferlegten Kriegskontributionen zu leisten. Als Mag- deburg dem neuen Königreich Westfalen einverleibt wurde, plante er erst eine Übersiedelung nach Berlin, dann jedoch blieb er in Magdeburg, und

13

14

13

E. v. Nathusiu s (wie Anm. 11), S. 31.

Vgl. ebd., S. 44ff.

Vgl. ebd., S. 59ff.; zur Geschichte der von Nathusius begründeten Magdeburger

Tabakfabrik, die

Die .Magdeburger Linie' der Familie Nathusius, o.O. 1985, S. 93-102.

sich bis 1950 im Familienbesitz

befand, siehe auch: M. Nathusius ,

16 E. v. Nathusiu s (wie Anm. 11), S.

83.

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es gelang ihm mit einigen anderen führenden Kaufleuten der Stadt, die maroden Finanzen durch die Gründung einer neuen, von der westfälischen Regierung garantierten Bank zu konsolidieren. Die neuen Staatsformen waren Nathusius „sympathisch und entsprachen seinen längst gehegten politischen Idealen. Er schätzte sie um so höher, da er sie mit dem alten, schleppenden preußischen Zopfregiment verglich, und er teilte diese Vor- liebe mit vielen seiner Zeitgenossen" 17 . 1808 wurde er gar Abgeordneter für das „Elbdepartement" im Reichstag zu Kassel, und mit der neuen Regierung kam er ebenfalls schnell ins Geschäft 18 . Die Jahre der napoleonischen Herrschaft brachten nicht nur politische, sondern auch entscheidende ökonomische Veränderungen für Nathusius mit sich. Wie mancher andere Großindustrielle seiner Zeit begann er mit dem Erwerb von Grund und Boden; dies brachte „zusätzliches Sozialpre- stige ein und bildete außerdem eine Rückversicherung gegen wirtschaft-

und war schließlich auch „ein Mittel der Kapitalstreuung" 19 .

1810 erwarb er das in der Umgegend Magdeburgs liegende ehemalige Klostergut Althaldensieben, ein Jahr später das benachbarte Schloß Hun- disburg, beides mit umfassendem Grundbesitz, den er in späteren Jahren noch arrondieren konnte 20 . Hier vermochte sich sein Tatendrang in neuer Sphäre zu entfalten: nachdem er die arg heruntergekommene Land- und Forstwirtschaft wieder auf die Beine gebracht hatte, begann er - nur durch die Zeit der Befreiungskriege unterbrochen - mit dem ökonomischen Ausbau der Güter. Gärtnereien, Obstplantagen, Baumschulen wurden angelegt; schon 1813 begann Nathusius, als einer der ersten in Deutsch- land, mit der fabrikmäßigen Herstellung von Rübenzucker. Ein Steinbruch wurde in Betrieb genommen, es folgte der Auf- und Ausbau einer Ziegelei, einer Töpferei und einer Gipsbrennerei und Gipsmühle, mit der sogleich eine Walkmühle verbunden wurde 21 . Er richtete ein chemisches Labora- torium ein und plante gar die Errichtung einer chemischen Fabrik, die er dann doch - aufgrund des damaligen Standes der Technik - nicht verwirk- lichen konnte. Andere Rückschläge wogen schwerer: sein Versuch, die erste Maschinenfabrik mit Hilfe aus England angeworbener Arbeiter auf- zubauen, schlug fehl: der von ihm eingesetzte Spezialist erwies sich als

liche Krisen"

17 Ebd., S. 107.

18 Vgl. ebd., S. 108ff.

19 1), S. 91.

Maye r (wie Anm.

20 Vgl. E. v.

21 Vgl. ebd., S. 169ff.

Nathusiu s (wie Anm. 11), S. 151ff„ 165ff.

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Betrüger, und Nathusius hatte eine Fehlinvestition von 100.000 Talern zu verbuchen 22 . Doch es gelang ihm bald, diesen Verlust durch den Ausbau anderer Geschäftszweige - vor allem durch eine überaus erfolgreiche

wieder wettzumachen. Hinzu kam

die Herstellung von Obstweinen, eine Käsefabrik, eine Nudelfabrik, Öl- mühlen mit Ölraffinerien sowie eine Brauerei 24 . Nathusius blieb als Kauf- mann überaus erfolgreich, und fast muß man sagen, daß er ein wenig zu schnell auf alles Neue im Bereich der technischen Entwicklung reagierte. Mit Recht ist bemerkt worden, daß ihm seine „ungeduldige Vielseitigkeit geradezu ein Hindernis" gewesen ist, „auf den beiden Hauptgebieten naturwissenschaftlich-technischen Fortschritts, dem der Chemie und der Maschinentechnik, mit der großartigen Einseitigkeit eines Bessemer, Krupp, Siemens, Borsig u.a. ein ganzes Leben lang einer einzelnen epo- chemachenden Erfindung nachzugehen und zum Siege zu verhelfen. Be- stand doch seine Größe eben nicht in der Einseitigkeit, sondern in der Vielseitigkeit" 25 .

In seiner persönlichen Einstellung wie in seiner politischen Überzeu- gung blieb Johann Gottlob Nathusius sein Leben lang ein typischer Sohn des aufgeklärten Zeitalters. Obwohl keineswegs areligiös, fand er zur Kirche kein Verhältnis. In seiner Jugend hatte er sich für die französische Revolution begeistert, und an die Jahre des Königreichs Westfalen hat er sich - zum Ärger seiner patriotisch gesinnten Nachkommen - stets gerne erinnert. Er war ein Bürger und wollte es auch sein; adelige Vorrechte lehnte er strikt ab. Die Annahme von Orden verweigerte er aus Stolz - bis auf zwei: das Eiserne Kreuz am weißen Bande (für zivile Verdienste während der Befreiungskriege) und den Roten Adlerorden dritte Klasse. In der Reformzeit war er häufig als Berater der preußischen Regierung tätig - das empfand er als seine patriotische Pflicht und lehnte jeden ihm daraus erwachsenden Vorteil ab; nicht einmal den Geheimratstitel nahm er an. Als man ihm 1817 unter der Hand den Adel anbot, lehnte er sofort ab 26 . Dagegen mahnte er immer wieder die angekündigte und versproche- ne Einführung einer ständischen Verfassung an; schmerzlich entbehrte er „das Recht, sich am öffentlichen Leben wie damals in Kassel zu beteili-

Steingut- und Porzellanfabrikation 23 -

22 Vgl. ebd., S. 21 Iff.

23 Vgl. ebd., S. 290ff.

24 Vgl. die Aufstellung ebd., S. 223f.

25 Pahnck e (wie Anm. 11),

26 Vgl. E. v. Nathusiu s (wie Anm. 11), S. 70f„ 74ff., 81, 87f., 199ff.

S. 73.

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gen" 27 . Zudem erbitterte

Regierung. 1814 hatte er - noch nach westfälischem Recht - ein ehemals dem Prinzen Louis Ferdinand gehörendes Gut erworben, das er 1818 auf Gerichtsbeschluß (allerdings gegen angemessene Entschädigung) wieder herausgeben mußte. Als man Anstalten machte, ihm auch noch Hundis- burg abzunehmen, beschwerte er sich in Berlin laut und öffentlich. Er suchte Hardenberg persönlich auf und erklärte ihm unmißverständlich, „daß, wenn man so weiter verfahren wolle, eine allgemeine Unsicherheit des Eigentums eintreten und der Mißmut der ruhigen und wohlhabenden Bürger erweckt würde" 28 . Die Regierung, die kein Interesse daran haben konnte, den wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes nach den Jahren der Not und des Krieges zu gefährden, gab nach: das übrige, in westfäli- scher Zeit erworbene Grundeigentum blieb unangetastet, und Nathusius gewann den Prozeß um Hundisburg. In seinen Fabriken und auf seinen Gütern war er bis ins Alter rastlos tätig und konnte noch manchen Erfolg verbuchen. Auch an den politischen Entwicklungen nahm er weiterhin mit größtem Interesse Anteil. „Die französische Revolution 1830", so wird

ihn ein verlorener Prozeß gegen die preußische

überliefert, „regte ihn sehr auf, seine Hoffnungen gingen fortdauernd auf

ein konstitutionelles Regiment" 29 , -

gehen. Zwar ließ er sich 1827 in den sächsischen Provinziallandtag wäh-

len, wandte sich aber bald von dieser mit nur sehr mangelhaften Befug-

doch sie sollten nicht in Erfüllung

nissen ausgestatteten Institution enttäuscht wieder ab 30 . Er starb im Jahre

1835.

II

Johann Gottlob Nathusius hatte sich erst als älterer Mann zur Ehe entschließen können: 1819 heiratete er Luise Engelhard, die Tochter eines hohen Beamten aus Kassel und Enkelin des bedeutenden Göttinger Histo- rikers Johann Christoph Gatterer. Nathusius und seine Ehefrau hatten acht

27 Ebd., S. 2101.

28 Ebd., S. 205.

29 Ebd., S. 241.

30 Vgl. ebd., S. 240; über die preußischen Provinziallandtage vgl. vor allem H. Obenaus , Anfänge des Parlamentarismus in Preußen bis 1848, Düsseldorf 1984, S. 156ff„ 21 Iff., 449ff.; Kosellec k (wie Anm. 6), S. 337ff.; A. Arndt , Der Anteil der Stände an der Gesetzgebung in Preußen von 1823-1848, in: Archiv für öffentliches Recht 17, 1902, S. 570-588.

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Kinder, sechs Söhne und zwei Töchter. Ihr zweiter Sohn, der hochbegabte

Gottlob, der es gegen den erbitterten Willen seines Vaters erreicht hatte,

studieren zu dürfen, starb schon im Alter

anderen Söhne beugten sich den Wünschen des Vaters und übernahmen zum Teil schon zu dessen Lebzeiten - trotz ihres sehr jugendlichen Alters - die Leitung einzelner Betriebe und Güter. Der vierte Sohn August (1818-1884) erbte das Gut Meyendorf und hat dort sein Leben als Guts- herr und Landwirt verbracht. Im Gegensatz zu seinen - gleich ausführli- cher zu behandelnden - übrigen vier Brüdern ist er nicht weiter hervorge- treten. Dagegen bieten Hermann, Heinrich, Wilhelm und vor allem Philipp von Nathusius überaus anschauliche Beispiele für das um die Mitte des 19. Jahrhunderts durchaus nicht seltene Phänomen der „konservativen Söhne liberaler Väter" 33 . Es war dem alten Johann Gottlob Nathusius nicht mehr gelungen - wohl nicht zuletzt infolge des großen Altersunterschie- des - ein wirkliches Vertrauensverhältnis zu seinen Kindern zu gewinnen. „Seine beständigen Ermahnungen zu Fleiß und Tugend verschüchterten sie" 34 , bemerkt die Biographin. Als der Vater feststellte, daß seine Kinder die Grimmschen Märchen lasen, nahm er sie ihnen weg, denn „seiner Ansicht nach waren sie nur dazu angetan, der Kinder Wahrheitssinn zu zerstören und die Phantasie zu beeinflussen". Ähnlich hielten es der alte Aufklärer und auch seine Frau mit der Religion, „für die alle seine Kinder von Natur aus eine besondere Empfänglichkeit hatten. Kühler Rationalis- mus, verständiges Gottvertrauen war alles, was beide Eltern ihnen zu geben hatten. Etwas anderes schien ihnen gefährlich und eine Versuchung zu Heuchelei und Schwärmerei" 35 . Um so überraschender erscheint es, daß der alte Nathusius ausgerechnet einen jungen Theologen - der dazu noch ein Schüler Schleiermachers war - zum Lehrer seiner Söhne machte:

von zwanzig Jahren 32 . Die

Julius Elster, der trotz seiner ganz anders gearteten Geistesrichtung ein treuer Freund seines Dienstherrn wurde und einen bestimmenden Einfluß auf die nächste Generation der Familie ausübte 36 .

31 Vgl.

E. v. Nathusiu s

(wie Anm. 11), S.

126ff., 139ff.

32 Vgl. ebd., S. 256f.

 

33 Görlit z (wie Anm. 9), S. 251.

 

34 E. v. Nathusiu s (wie Anm. 11), S. 247.

35 Ebd.

36 Vgl. ebd., S. 225f.; Pahnck e (wie Anm.

11), S. 78.

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Hermann von Nathusius (1809-1879) 37 , der älteste Sohn, hatte als erster den ihm vom Vater bestimmten Lebensberuf anzutreten: nach einem zweijährigen Studium der Naturwissenschaften in Berlin (wo er u.a. Schü- ler des berühmten Physiologen Johannes Müller war) übernahm er gerade zwanzigjährig die Leitung des Gutes Hundisburg 38 und nach dem Tode seines Vaters auch für kurze Zeit die Gesamtleitung der Familiengüter und -betriebe. Auf dem Lande aufgewachsen und in besonderer Weise an landwirtschaftlichen und zoologischen Fragen interessiert, gelang es ihm offenbar zeitlebens vorzüglich, Pflichten und Neigungen miteinander zu verbinden. Besonders intensiv und mit großem Erfolg widmete er sich der Pferde-, aber auch der Haus- und Nutztierzucht. Er führte neue Nutzpflan- zen ein und suchte auf jede Weise die Landwirtschaft der Provinz Sachsen zu fördern. Intensiv beteiligte er sich am Aufbau des landwirtschaftlichen Vereinswesens, er gehörte zu den Mitbegründern der deutschen Acker- baugesellschaft und wirkte an maßgeblicher Stelle mit bei der Gründung eines landwirtschaftlichen Instituts an der Universität Halle. Er übernahm nicht nur die Direktion des sächsischen landwirtschaftlichen Zentralver- eins, sondern auch das Präsidium des königlich preußischen Landesöko- nomiekollegiums. 1869 wurde er vortragender Rat im Landwirtschaftsmi- nisterium, wo er sich insbesondere um den Ausbau der Lehre bemühte. Er zählte zu den Mitbegründern der seit 1872 erscheinenden ('Landwirth- schaftlichen Jahrbücher') und hat noch selbst Lehrvorträge über Tierzucht gehalten. Daneben hat er die eigene wissenschaftliche Tätigkeit nicht vernachlässigt. Umfangreiche Sammlungen von zoologischem Anschau- ungsmaterial - die weithin berühmte Tierschädelsammlung vermachte er dem Berliner Landwirtschaftlichen Museum - dienten ihm als Grundlage einer Fülle von Einzelveröffentlichungen zu zoologischen Fragen. Er galt als bedeutender Gegner Darwins, mit dem er gleichwohl korrespondierte. Der empirischen Forschung verpflichtet und zugleich „dem Geiste des positiven Christenthums getreu war Nathusius ein Feind aller hypothe- tisch ausgesponnenen Reflexionen und trug eine religiöse Scheu gegen die

37 Über ihn vgl. W. v. Nathusius , Hermann von Nathusius - Rückerinnerungen aus seinem Leben, in: Landwirthschaftliche Jahrbücher 9, 1880, S. 1-25; Leisewitz :

Art. Hermann von Nathusius, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. XXIII, S.

277-283.

38 Vgl. E. v. Nathusiu s (wie Anm. 11), S. 252.

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aus Darwin's Lehren resultierenden Umwälzungen in den Weltanschau- ungen" 39 .

Was Lebenstüchtigkeit und Tatkraft anbetrifft, waren Hermann von Nathusius und seine Brüder echte Söhne ihres Vaters - nicht jedoch in den Fragen des Standesbewußtseins und der politischen Gesinnung. Ganz im Gegensatz zu seinem bürgerstolzen Vater scheint Hermann von Nathusius den Adel bewundert zu haben, jedenfalls „suchte und fand er einen zusagenden geselligen Verkehr in den Kreisen der Ritterschaft des Neu-

Grafen von Alvensle-

ben freundete er sich an und vertrat, wie sein Biograph mitteilt, „die ritterschaftlichen Principien mit großer Consequenz auf allen Gebieten

, sowie er sich als ein Feind aller politischer

Kannegießerei, als treuer Anhänger royalistischer Gesinnungen offen bekannte und dem Autoritätsprincip im besten Sinne zugethan war" 41 . Sein Einsatz wurde ihm bald gelohnt: die Magdeburger Ritterschaft wähl- te ihn zum Mitglied der sächsischen Provinzialstände, die er als Angehö- riger der Huldigungsdelegtion anläßlich des Regierungsantritts Friedrich Wilhelms IV. im Jahre 1840 vertrat; der neue Monarch erhob ihn bei dieser Gelegenheit in den Adelsstand. Sein - nach Mitteilung des Bruders - „eigenstes politisches Prinzip: Anerkennung der gegebenen Autorität und pflichtmäßiges Handeln in dem speziellen Berufskreise" 42 , befolgte er auch als Mitglied des Ersten und des Zweiten Vereinigten Landtages (1847/48); er beteiligte sich allerdings nicht an den Verhandlungen, weil er weder die von oben verordneten Veränderungen gutheißen noch der Politik des hochverehrten königlichen Herrn offen opponieren wollte. Dagegen versuchte er nach dem Ausbruch der Märzrevolution - ähnlich wie andere Junker, etwa Adolf von Thadden-Trieglaff oder Otto von Bismarck-Schönhausen 43 - auf dem Lande die Gegenrevolution auf den

des öffentlichen Lebens

haldenslebener Distriktes" 40 . Insbesondere mit den

39 Leisewit z (wie Anm. 37), S. 281. Offenbar ist es Hermann von Nathusius gelungen, sich in manchen Detailfragen „als Gegner Darwin's zu behaupten und manche von übereifrigen Anhängern des Letzteren vorgebrachte Beweise als Irrthümer zu entkräften" (ebd.). Vgl. hierzu auch W. v. Nathusiu s (wie Anm. 37), S. 20ff.

40 Leisewit z (wie Anm.

37), S. 278.

41 Ebd.

42 W. v. Nathusiu s (wie

Anm. 37), S. 9f.

43 Vgl. Ernst Ludwig von Gerlach, Aufzeichnungen aus seinem Leben und Wirken,

hrsg. von J. v. Gerlach , Schwerin 1903, Bd. I, S. 517; M. Lenz , Bismarcks Plan einer Gegenrevolution im März 1848 (Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wis-

senschaften, Phil.-Hist. Klasse 1930, 14), Berlin 1930; E. Mareks , Bismarck und

die

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Weg zu bringen. Sein Bruder erinnerte sich: „Ein ganz enger Kreis von Männern zu welchen Nathusius gehörte, von den wirklichen Hergängen in Berlin aus bester Quelle schon unterrichtet, während noch das ganze

Land durch die lügenhaften Berichte der Zeitungen, die ja größtentheils durch die kleine Verschwörer-Bande terrorisiert wurden, wie in dumpfer Erstarrung war, traf schnell Vorbereitungen, um alle königstreuen Ele- mente, namentlich der Landbevölkerung zum Schutze des Königs gegen

den Berliner Pöbel aufzurufen" 44 . Wiewohl diese Aktion

scheiterte, betei-

ligte er sich doch „mit größtem persönlichen Einfluß bei den Wahlen und bei Begründung einer konservativen Provinzialzeitung" 45 . 1851 ließ er sich noch einmal in den wiedererrichteten Provinziallandtag wählen, „aber die ganze parlamentarische Entwicklung unserer öffentlichen Zu- stände blieb ihm eine durchaus unsympathische, von welcher er sich innerlich abwendete" 46 . Seiner politischen Gesinnung blieb er bis zu seinem Tode im Jahre 1879 treu. Dies läßt sich auch von seinem Bruder Wilhelm von Nathusius (1821- 1899) sagen, der neben den politischen Überzeugungen auch die naturwis- senschaftlichen Neigungen seines Bruders teilte 47 . Wilhelm hatte 1843 Königsborn übernommen, eines der von seinem Vater erst in späteren Jahren erworbenen Güter. Von 1852 bis 1878 war er Mitglied des Landes- ökonomiekollegiums und seit 1869, als Nachfolger seines Bruders Her- mann, Direktor des Landwirtschaftlichen Zentralvereins der Provinz Sachsen. Auch er war im Nebenberuf wissenschaftlich tätig und veröffent- lichte einige Schriften über zoologische Fragen und Themen der Landwirt- schaft. 1861 wurde er - zusammen mit seinen Brüdern Philipp, August und Heinrich - von König Wilhelm I. anläßlich seiner Krönung in Königs- berg geadelt. Ihn zog es in stärkerem Maße als seine Brüder in die Politik:

1855 ließ er sich ins Abgeordnetenhaus wählen und gehörte hier, als

deutsche Revolution 1848-1851, hrsg. von W. Andreas , Stuttgart- Berlin 1939, S. 22ff.; G. A. Rein , Bismarcks gegenrevolutionäre Aktion in den Märztagen 1848, in:

Die Welt als Geschichte 13, 1953, S. 246-262.

44 W. v. Nathusiu s (wie Anm. 37), S. 9.

45 Ebd.; zum Zusammenhang der antirevolutionär-konservativen Bewegung in Preußen vgl. E. Jordan , Die Entstehung der konservativen Partei und die preußischen Agrarverhältnisse von 1848, München - Leipzig 1914, sowie neuerdings die gründliche Studie von W. S chwentker , Konservative Vereine und Revolution in Preußen 1848/49 - Die Konstituierung des Konservatismus als Partei (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und. der politischen Parteien, 85), Düsseldorf 1988.

46 W. v. Nathusiu s (wie Anm. 37), S. 9.

47 Vgl. ebd., S. lf.

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Bürgerlicher Aufstieg und adeliger Konservatismus

20 3

Mitglied der Fraktion Gerlach, der äußersten Rechten an, die keineswegs in Treue fest zum Monarchen stand, sondern der Regierung Manteuffel von rechts her opponierte. Nach der verheerenden Wahlniederlage der Konservativen im Jahre 1858 verlor er sein Mandat. Schon früher war er auch auf anderer Ebene aktiv geworden. Um der linksliberalen „Magde-

burgischen

kiert hatte, ein konservatives Organ entgegenzustellen, beteiligte er sich maßgeblich (und vermutlich auch in finanzieller Hinsicht) an der Grün- dung des „Magdeburger (Korrespondenten" Ende 1848 49 . Noch in späterer

Zeit blieb er publizistisch aktiv: Anfang 1872, als seine Familie zu den kompromißlosen Gegnern der Regierung Bismarck zählte, erregte er Auf-

über den verfassungsmäßig

monarchischen und christlichen Charakter des preußischen Staates" 50 in der „Kreuzzeitung", was dem Blatt eine heftige Rüge des erzürnten Reichskanzlers zuzog. Auch Wilhelm von Nathusius blieb bis zu seinem Tode (er überlebte alle seine Brüder) seinen politischen Überzeugungen treu, die von denen seines Vaters ebenso weit entfernt waren wie sie denen seiner Brüder entsprachen.

Werner Conze hat einmal mit Recht die Tatsache hervorgehoben, daß die ländlich-patriarchalische Herrschaftsordnung während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch weitgehend intakt gewesen ist 51 . Hein- rich von Nathusius (1824-1890) hat den Typus des ländlichen, adelsstol- zen, aber auch sich seiner Verantwortung bewußten Patriarchen vielleicht noch überzeugender als seine Brüder verkörpert 52 . 1849 übernahm er den Hauptsitz der Familie, Althaldensleben, von seinem Bruder Philipp und

sehen „wegen eines sarkastischen Artikels

mehrmals scharf attak-

Zeitung" 48 , die ihn und seine Brüder

48 Vgl. den anschaulichen Beitrag von F. Faber , Magdeburgische Zeitung (1664-

(Hrsg.), Deutsche Zeitungen des 17. bis 20. Jahrhunderts

1945), in: H.-D. Fische r

(Publizistisch-historische Beiträge, 2), München - Pullach 1972, S. 57-73.

49 Vgl. E. Bock , Die Konservativen in der Provinz Sachsen und die soziale Frage in den Jahren 1848 bis 1870, in: Sachsen und Anhalt. Jahrbuch der Historichen Kom- mission für die Provinz Sachsen und Anhalt 8, 1932, S. 351 f.

50 H. v. Poschinger , Fürst Bismarck und die Parlamentarier, Bde. I—III, Breslau 1894-1896; hier Bd. III, S. 264.

51 Conze (wie Anm. 4), S. 219: „Die nur personal zu verstehende, religiös-politi- sche Herrschaftspyramide einer durchgehenden patria potestas von Gott über den Für- sten und die adligen oder bürgerlichen Hoheitsträger bis hin zu den Häusern der bürgerlichen und bäuerlichen Familien war noch überall im Bewußtsein und in der Realität lebendig".

52 Vgl. über ihn: W. v. Nathusius , Heinrich von Nathusius - Ein Lebensbild, in:

Landwirthschaftliche Jahrbücher 20, 1891, S. 237-260.

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Hans-Christof Kraus

führte dort mit seiner Frau und seinen schließlich zwölf Kindern (die neun Söhne erhielten Namen der Apostel) das typische Leben eines adeligen Grundherrn, obwohl er selbst erst 1861 geadelt wurde. Seine Nichte, die spätere Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Gabriele Reuter, hat überaus anschauliche und lebendige Schilderungen des Landlebens auf Althai-

densleben überliefert 53 . Ihren Onkel schildert sie als eine „feine, etwas sensitive Natur, die eigentlich für den Beruf eines Landwirts viel zu

geistig gerichtet war" 54 . Wie seine

Nathusius die Regeln und Gebote strengster Religiosität; „die Heiligung

des Sonntags wurde bei den Feldarbeiten seiner Wirthschaft, auch wo sie Opfer erforderte, durchgeführt" 55 . Trotzdem war er ein außerordentlich erfolgreicher Landwirt, der im Kreise seiner Berufsgenossen höchstes Ansehen genoß. Wie sein Bruder Hermann war auch er im landwirtschaft-

Positionen tätig 56 . Seine eigentliche

Weise der Pferdezucht 57 .

Auf diesem Gebiet wurde er international bekannt, wohl nicht zuletzt

wegen der

Obwohl ihm die Politik offenbar wenig zusagte und, so die Worte seines Bruders, „der parte/-politische Gesichtspunkt ihm überhaupt kein sympa- thischer" 59 gewesen ist, wurde er 1854, mit knapp dreißig Jahren, in den sächsischen Provinziallandtag entsandt, und noch im selben Jahr wählte ihn die Ritterschaft seines heimatlichen Kreises zum Landrat. Zweifellos bedeutete diese Wahl einen besonderen Vertrauensbeweis für einen ver- gleichsweise jungen und damals noch nicht in den Adelsstand erhobenen Grundbesitzer. Er übte das Amt bis 1863 aus 60 . Trotz aller Abneigung gegen das Parteiwesen war Heinrich von Nathusius, wenn es um eine Stellungnahme zu den bewegenden Zeitfragen ging, wie seine Brüder von Grund auf und ohne Einschränkung konservativ: „Stellen wir den Gegen- satz: Autorität gegen Majorität, so stand er (Heinrich von Nathusius, H.-C.K.) entschieden für erstere ein; vielleicht war ihm gerade deshalb

lichen Vereinswesen in führenden Leidenschaft galt der Tierzucht, in

Brüder befolgte auch Heinrich von

besonderer

drei Bücher, die er dem Thema gewidmet hat 58 .

53 Vgl. G. Reuter , Vom Kinde zum Menschen - Die Geschichte meiner Jugend, Berlin 1921, S. 159ff., 173ff., 204f., 363ff.

Ebd., S. 364.

W. v. Nathusiu s (wie Anm. 52), S. 258; vgl. Reuter (wie Anm. 53), S. 163f.

Vgl.

Vgl. ebd., S. 244ff.

Vgl. ebd., S. 250.

Ebd., S. 255.

Vgl. ebd., S. 239f„ 243.

54

55

56

57

38

59

60

W. v. Nathusiu s (wie Anm. 52), S. 253ff.

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Bürgerlicher Aufstieg und adeliger Konservatismus

205

der Mechanismus des Parteiwesens zuwider" 61 . Während der Zeit

des

Verfassungskonflikts in Preußen stand er kompromißlos auf Seiten des Königs und seiner Regierung. Als sich Anfang der sechziger Jahre ein

konservativer Provinzialverein in Sachsen bildete, übernahm er den stell- vertretenden Vorsitz und beteiligte sich auch „durch Abfassung von für

weitere Kreise berechneten Flugschriften

gen", wie sein Bruder zu berichten weiß 62 . Allerdings muß ebenfalls festgehalten werden, daß er an veralteten und eindeutig überholten Insti- tutionen keineswegs in reaktionärer Unbelehrbarkeit festhielt. 1871 er- kannte er, daß sich die alten Provinziallandtage überlebt hatten: „Bei voller Würdigung des Prinzips der alten ständischen Organisation, mit ihrem weisen Schutz jedes Landestheils, jedes Standes, jedes Rechts und

lebhaft an den Wahlbewegun-

Interesses gegen Vergewaltigung durch Majoritäten, sah er doch, wie die Sachen lagen, in derselben und ihren allerdings unbeholfenen Formen, das Hinderniss einer zur Lebensfähigkeit nothwendig gewordenen größeren Aktionsfähigkeit" 63 . Obwohl ihm vieles an der schließlich durchgesetzen Kreisreform nicht behagte, ließ er sich doch - „im Interesse der Sache" 64 - in den Kreistag wählen. Heinrich von Nathusius starb am 11. September

1890.

Auch er stand, wie seine Brüder, in deutlicher Distanz zum betont aufgeklärt-bürgerlichen Habitus des alten Vaters, dessen Andenken gleichwohl pietätvoll bewahrt wurde. Johann Gottlob Nathusius' Witwe starb erst 1877; der geistig-politischen und religiösen Welt, in der ihre Söhne lebten, ist sie mit Toleranz, doch ohne Verständnis begegnet, wie ihre Großnichte Gabriele Reuter als kluge Beobachterin berichtet: „Die Kinder der alten Tante Nathusius wurden alle bedeutende, selbstherrliche Persönlichkeiten, und die Mutter in ihrer ruhigen Weisheit ließ sie die eigenen Wege gehen, die von ihren Überzeugungen weit abführten. Sie blieb bis zu ihrem Tode einer rationalistischen, nüchternen Religiosität getreu, ihrem klaren Geiste war der mystische Herzensverkehr mit dem Heiland, wie die pietistische Richtung ihrer Kinder ihn forderte, fremd,

61 Ebd., S. 256.

62 Ebd.; er fährt fort: „Es liegt noch ein Druckexemplar einer solchen vor, die in populärem Tone namentlich den Gegensatz des altpreussischen, auch jetzt noch verfas- sungsmässigen, monarchischen Regiments gegen die parlamentarischen Anstürme, na- mentlich in Bezug auf die Finanzen und die Steuern, zeigt."

63 Ebd., S. 257.

64 Ebd., S. 258.

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206

Hans-Christof Kraus

und auch der starre Konservativismus, das Aristokratentum ihrer Nach- kommen fand kaum die Billigung ihres schlichten bürgerlichen Sinnes." 65

III

Der bei weitem bedeutendste und in seinem vielfältigen Wirken be-

kannteste der fünf

Obwohl auch er sich schließlich zu einem energischen Verfechter christ- lich-altkonservativer Prinzipien entwickeln sollte, hat er doch den inter- essantesten Entwicklungsgang aufzuweisen. Der schon genannte Hausleh- rer Julius Elster, ein von Schleiermacher geprägter Theologe der roman- tischen Richtung, hat Philipp in einem wohl noch stärkeren Maße als seine Brüder geistig geprägt 67 . Dem jungen Mann waren die Geschäfte, deren

Brüder wurde Philipp von Nathusius (1815-1872) 66 .

Leitung ihm sein Vater nach und nach übertrug, im Innersten zuwider 68 , obwohl er sich als Kaufmann und Gutsherr durchaus bewährte und im Laufe der Zeit sogar eine „ungewöhnliche Umsicht und Geschäftstüchtig-

keit" 69 entwickelte. Viel lieber gab er sich seinen tief romantisch ten ästhetischen Neigungen hin 70 , las Dante, Goethe, Byron, die

Viel lieber gab er sich seinen tief romantisch ten ästhetischen Neigungen hin 7 0 , las

gepräg-

antiken

Dichter und die modernen romantischen Naturphilosophen. Geradezu schwärmerisch verehrte er Bettina von Arnim, die er während eines

Berlinaufenthaltes auch persönlich kennenlernte. Mit ihr führte er einen ausführlichen, von romantischem Überschwang, geistreichen Paradoxa und gefühlvoller Plauderei geprägten Briefwechsel, der einen sehr auf- schlußreichen Einblick in die Gedankenwelt des jungen Philipp Nathusius

wie einen

gewährt 71 . In politischer Hinsicht verfocht er damals so etwas

65 Reuter (wie Anm. 53), S. 212.

66 Über ihn vgl. E. Fürstin Reuß, Philipp Nathusius Jugendjahre, Berlin 1896 (künftig zitiert als: Reuß I); Dies. , Philipp von Nathusius - Das Leben und Wirken des Volksblattschreibers, Neinstedt a.H. - Greifswald 1900 (künftig zitiert als: Reuß II); H. Andres , Philipp von Nathusius - Seine Persönlichkeit und die Entwicklung seiner politischen Gedanken bis zum Ausgang der deutschen Revolution, Düsseldorf 1934; Brümmer : Art. Marie und Philipp Nathusius, in: Allgemeine Deutsche Biogra- phie, Bd. XXIII, S. 283-285.

47

M

69

70

Vgl. Reuß I (wie Anm. 66), S. 8ff.

Vgl. ebd., S. 38f„ 49, 109.

Ebd., S. 49.

Vgl. Andre s (wie Anm. 66), S. 4ff.; Reuß I (wie Anm. 66), S. 31ff.

71 Vgl. Andre s (wie Anm. 66), S. 5ff.; Reuß I (wie Anm. 66), S. 36ff., lllff. , 154ff. Bettina von Arnim hat diesen Briefwechsel im wesentlichen unverändert 1847 als

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Bürgerlicher Aufstieg und adeliger Konservatismus

20 7

patriotisch geprägten, romantischen Liberalismus: 72 die freie und unge- hinderte Entfaltung des Individuums stand im Mittelpunkt seines Den- kens; 73 und die Bekanntschaft mit Persönlichkeiten, die im Vormärz ihrer politischen Gesinnung wegen verfolgt wurden, wie etwa Robert Blum, Hoffmann von Fallersleben, Heinrich Laube, Julius Fröbel oder Gottfried

versuchte, Geld zur

Unterstützung der Göttinger Sieben zu sammeln und befehdete den alten Görres in einer gegen dessen „Athanasius" gerichteten Broschüre 75 . In einer kleinen - erst aus dem Nachlaß veröffentlichten - Niederschrift mit dem Titel „Was ist liberal?" 76 hat Nathusius seine politischen Überzeu- gungen in jener Lebensepoche thesenhaft zusammengefaßt: „Liberal ist die Gesinnung für freie Entwicklung des einzelnen Menschen und der ganzen Menschheit" 77 , heißt es gleich am Anfang programmatisch 78 . Doch der junge Philipp Nathusius war nicht nur von romantisch-libera- lem Gedankengut, sondern auch von tiefer Religiosität bewegt und erfüllt, und genau dies letztere sollte schließlich zum Anlaß seiner Abwendung von den politischen Ideen seiner Jugend werden. Denn 1840 verheiratete er sich mit Marie Scheele aus Magdeburg, Tochter und Schwester streng pietistischer Pastoren; sie sollte einen wesentlichen Einfluß auf die gei- stig-religiöse - und damit in letzter Konsequenz auch politische - Neu-

Kinkel, scheute der junge Mann durchaus nicht 74 . Er

Briefroman unter dem Titel „Ilius Pamphilius und die Ambrosia" herausgegeben (vgl. dazu Andre s [wie Anm. 66], S. 6, Anm. Sa).

72 Vgl. Andres (wie Anm. 66), S. 34ff.

73 Vgl. ebd., S. 8.

74

Vgl. Reu ß I I (wie Anm. 66), S. 19, 22, 56f.

75 Vgl. Reuß I (wie Anm. 66), S. 114f.

76 Gedruckt in Reu ß II (wie Anm. 66), S. 361-365.

77 Ebd., S. 361; vgl. ebd., S. 361f.: „Was wir aber verlangen ist sehr einfach. Vorerst

2. Volksvertretung (altes

historisches Recht). 3. Öffentlichkeit und Mündlichkeit der Gerichte. 4. Einheit Deutsch-

lands zu unser aller Sicherheit

(wie Anm. 66), S. 73

veröffentlichter Brief des jungen Nathusius an Hoffmann von Fallersleben vom 11. 9. 184S: „Seien Sie versichert, daß Sie mich, obgleich ich jetzt die Ehre habe, der

,Ritterschaft' der Königlich Preußischen Provinz Sachsen, also dem möglichst .konser- vativsten' Corps im heiligen Römischen Reiche anzugehören, nie wo anders als auf der Seite der reine n Menschhei t finden werden. Staatsverfassung und alles, was dahin- ein schlägt, habe ich zwar von jeher nicht als Zweck, nur als Mittel der Menschheit

angesehen

frei e Verfassun g

; dennoch verkenne ich nicht die Wichtigkeit dieses Mittels und werde für

nur: 1. Vor allem Preßfreiheit; sie ist ein natürliches Recht

".

78 Sehr aufschlußreich ist auch ein erstmals von Andre s

mit Gottes Hilfe

gem nach meinen Kräften stehen."

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Hans-Christof Kraus

Orientierung ihres Gatten ausüben 79 . Hinzu kam der Kampf gegen die „Lichtfreunde", die - politisch liberal orientierten - Anhänger eines ratio- nalistischen, gegen die pietistische Gefühlsreligiosität gerichteten Chri- stentums, die gerade in Magdeburg und Halle ihre besonderen Hochbur- gen besaßen 80 . Hier war der romantisch-religiös gefärbte Liberalismus des jungen Nathusius in eine Sackgasse geraten; als er die enge Verbindung von theologischem Rationalismus und politischem Liberalismus erkannte, begann seine langsame, mehrere Jahre in Anspruch nehmende Wandlung hin zum christlichen Konservatismus. Von nun an sollte ihm der „Kampf gegen den Rationalismus in allen seinen Formen und Äußerungen, in

zur eigentlichen Aufgabe

seines Lebens" 81 werden. Auch in seiner Lektüre suchte er neue Orientie- rungen: er fand sie vor allem bei Matthias Claudius, Justus Moser, Johann Jacob Moser und Joseph Maria von Radowitz, die ihm den Gedanken vom Wert des historisch Gewordenen und von der Notwendigkeit einer „orga- nischen" Entwicklung der politischen Institutionen vermittelten. Doch von seinen romantischen, deutsch-patriotischen Überzeugungen wollte Nathusius vorerst noch nicht lassen: während des ganzen Jahres 1847 wehte über Althaidensleben „eine mächtige schwarzrothgoldene Flagge", die ihm als „bona fide für die alten deutschen Reichsfarben" 83 galt. Anläßlich des Ersten Vereinigten Landtages, in dem er seine altständi- schen Ideale verwirklicht glaubte, veröffentlichte er seine erste politische

Religion, Kirche, Staat und Gesellschaft

79 Vgl. Reuß I (wie Anm. 66), S. 127ff„ 141ff.; Andres (wie Anm. 66), S. 14ff.;

Ph.

Für ihre Freunde nah und fern. Samt Mittheilungen aus ihren noch übrigen Schriften, Bde. I-II, Halle 1867/68.

80 Vgl. hierzu vor allem H. Rosenberg , Theologischer Rationalismus und vor- märzlicher Vulgärliberalismus, in: Ders., Politische Denkströmungen im deutschen Vormärz (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, 3), Göttingen 1972, S. 18-50; J. Brederlow , „Lichtfreunde" und „Freie Gemeinden" - Religiöser Protest und Frei- heitsbewegung im Vormärz und in der Revolution von 1848/49 (Studien zur modernen Geschichte, 20), München - Wien 1976; R. v. Thadden, Protestantismus und Libera- lismus zur Zeit des Hambacher Festes 1832, in: Ders., Weltliche Kirchengeschichte - Ausgewählte Aufsätze, Göttingen 1989, S. 126-145, bes. S. 142ff.

81 Andres (wie Anm. 66), S. 67; vgl. auch Reuß II (wie Anm. 66), S. 47ff„ 61ff.

v. Nathusius , Lebensbild der

heimgegangenen Marie Nathusius, geb. Scheele -

82 Vgl. Andres (wie Anm. 66), S. 74ff.

83 Ph. v. Nathusius : Lebensbild (wie Anm. 79), Bd. II, S. 600; ebd. heißt es weiter:

„Es bedarf nicht eines Worts, daß sie 1848 von dem ersten Moment an, wo sie in tausend Läppchen sich epidemisch über das Land verbreitete, hier eingezogen wurde und nie wieder auftauchte".

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Bürgerlicher Aufstieg und adeliger Konservatismus

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Schrift 84 . In der Einleitung hierzu - und in einem gleichzeitig veröffent- lichten Gedicht „Preußens Reichstag" 85 - skizzierte er zum ersten Mal die Umrisse seines neuen Weltbildes, das im Bekenntnis zum organischen

Staat auf christlicher Grundlage gipfelt: „Der christliche Staat ist nicht ein abstraktes Machwerk, sondern der große Organismus einer Fülle von einzelnen Organisationen; er achtet zuvörderst jedes lebendige Fleisch

als eine heilige Ordnung; er

anerkennt das Recht aus göttlicher Gnade , "

Das Jahr 1848 „mit seinen Erschütterungen aller hergebrachten Verhält- nisse, seiner Fragestellung an die Zukunft" wurde für Philipp Nathusius, wie er selbst zugegeben hat, zum „Wendepunkt" 87 seines Lebens. „Wer in diesen Wochen nicht die Strafgerichte Gottes mit Händen greifen kann", schrieb er am 27. März 1848 an seinen Schwager Carl Scheele, „der

der vor 1847

Zeitungen „grundsätzlich nicht" 89 gelesen hatte, wurde nun zum überaus eifrigen Konsumenten der entstehenden konservativen Presse, und schon bald stand er „in Verhandlungen darüber, das Kreis-Wochenblatt für conservative Interessen zu gewinnen oder die Gründung eines eigenen zu veranlassen" 90 . Schließlich übernahm er im April 1849 die Redaktion des ausgeprägt konservativen 'Volksblatts für Stadt und Land', das seit 1845 erschien und von ihm bis zu seinem Tode im Jahre 1872 redigiert werden sollte 91 . Gleichzeitig aber hatte sich Nathusius in besonderer Weise der sozialen Frage zugewandt. Schon in einem seiner ersten politischen Arti- kel im „Volksblatt" bemerkte er unter dem - seine konservative Leser-

muß wahrlich mit Blindheit geschlagen sein" 88 . Nathusius,

und Bein göttlich gewollter Historie

86 .

84 Ph. E. Nathusius , Statistische Uebersichten über die Verhältnisse und wichtig- sten Abstimmungen beider Kurien und über die künftigen ständischen Ausschüsse. Als Ergänzung zu allen Ausgaben der Verhandlungen und als Vorläufer zu einer Geschichte des Ersten Reichstags in Preußen zusammengestellt, Berlin 1847.

85 Ders., Preußens Reichstag. Ein Gedicht den Mitgliedern der Hohen Versamm- lung dargebracht o.O.o.J. (Berlin 1847).

(wie Anm. 84), S. 5; wichtig auch die ebd.

S. 8 formulierte Ablehnung des Parteiwesens, auf die schon Kosellec k (wie Anm. 6), S. 368 hingewiesen hat.

87 Nathusius , Lebensbild (wie Anm. 79), Bd.II.S. 642f.;vgl. Reuß II (wie Anm. 66), S. 84-100.

ist auch

hier so sichtlich im Spiele gewesen, wie selten in der Geschichte".

86 Nathusius , Statistische Uebersichten

88 Reuß II (wie Anm. 66), S. 84; vgl. ebd., S. 86: „

der Finger Gottes

89 Nathusius , Lebensbild (wie Anm. 79), Bd. II,

90 Ebd., Bd. II, S. 600.

S. 598.

91 Vgl. hierzu vor allem Reuß II (wie Anm. 66), S. 123ff., 133ff., 155ff„ 178ff„ 193ff., 266ff.; Andre s (wie Anm. 66), S. 91ff.

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Hans-Christof Kraus

schaft bewußt provozierenden - Titel „Die Errungenschaften des Jahres 1848": „Endlich ist auch das eine Errungenschaft unschätzbarer Art, daß die wirkliche Noth des armen Volkes einmal in ihrer ganzen Nacktheit sich in die elegantesten Straßen der Hauptstädte ergossen hat; daß wir gesehen haben, wie Tausend und aber Tausende auf den ersten Wink bereit sind, für ein Nichts ihr jammervolles Dasein in die Schanze zu schla-

seine Familie die Konsequenz aus

dieser Lage: er verkaufte (wie schon erwähnt) 1849 das noch von ihm bewirtschaftete Gut Althaldensieben an seinen Bruder Heinrich und sie- delte nach Neinstedt am Harz über, wo er zusammen mit seiner Frau nach dem Vorbild Wicherns und der von ihm ausgehenden Inneren Mission aus eigenen Mitteln den Lindenhof, ein „Rettungshaus" für „sittlich verwahr- loste Knaben", begründete - eine Einrichtung, die weithin bekannt wurde und noch lange über den Tod des Ehepaars Nathusius hinaus bestanden hat 93 . Freilich war und blieb die christliche Nächstenliebe das Hauptmotiv ihres karitativen Handelns, nicht der Wille zu umfassender sozialer Re- form.

gen" 92 . Jedenfalls zog er für sich und

Trotz seiner seit dem Jahre 1848 vertretenen streng konservativen Gesinnung war Philipp Nathusius kein Bewunderer der traditionellen höfischen Welt und ihrer Rangordnungen. Als der Maler Wilhelm von Kügelgen, der in Diensten des Herzogs von Anhalt-Bernburg stand, den Herren auf Neinstedt und Herausgeber des 'Volksblatts' 1854 gerne per-

sönlich kennenlernen wollte, ließ ihm Nathusius ausrichten, er „strebte nicht nach neuen Bekanntschaften, hielte sie sich im Gegenteil gern vom

Halse, besonders maitres de plaisirs

vom Hofe" 94 . Daß es dennoch zu einer

engen persönlichen Freundschaft kam, ist Kügelgen zu verdanken, der die Angelegenheit mit Humor nahm. Von ihm stammt auch eine Schilderung Nathusius', die dessen ganz „unaristokratisches", einfaches Auftreten so treffend charakterisiert, daß sie in diesem Zusammenhang zitiert zu wer-

den verdient: „Wäre ich dem Manne (Philipp Nathusius, H.-C.K.) ohne

92 Volksblatt für Stadt und Land, Nr. 72 (8. 9. 1849), Sp. 1122; die soziale Themen und Probleme behandelnden Artikel im „Volksblatt" zwischen 1848 und 1870 hat Β ο c k in seiner oben (Anm. 49) genannten Abhandlung umfassend ausgewertet.

93 Vgl. Reuß II (wie Anm. 66), S. 201ff.; Andre s (wie Anm. 66), S. 21ff.; M. v.

1900; O. Steinwachs , Der

Nathusius , Fünfzig Jahre Innere Mission, Neinstedt Lindenhof zu Neinstedt am Harz, Neinstedt 1925.

94 W. v. Kügelgen , Lebenserinnerungen des Alten Mannes in Briefen an seinen Bruder Gerhard 1840-1867, hrsg. von P. S. Kügelgen und J. Werner, Leipzig 1923, S.

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Bürgerlicher Aufstieg und adeliger Konservatismus

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ihn zu kennen, auf der Landstraße begegnet, so würde ich ihm weit ausgewichen sein. Ein braunrotes Lockenhaupt wie Jupiter tonans, ein Bart wie Neptun, polnische Juden oder Demokraten, ein ebenso erlosche- nes und blasses Aussehen wie letztere, bei sehr schönen Zügen. Dabei abgetragene Kleider, einen bedenklichen Strohhut und einen faustdicken Harzknüppel als Spazierstöckchen. Die Rede matt und nörgelig. Ich über- zeugte mich indessen bald davon, daß ich es mit einem ausgezeichneten Manne zu tun hatte" 95 . Diese Schilderung des noch den Anschauungen und Lebensformen des Ancien regime verhafteten Hofmannes Kügelgen zeigt sehr deutlich, daß konservativ-christliche Überzeugungen im tradi- tionellen Sinne keineswegs mit einer Bejahung der höfischen Sphäre und ihrer Formwelt verbunden sein mußten. Als Herausgeber und Redakteur des ,Volksblattes' hat Philipp Nathusi- us durchaus eigenständige Akzente innerhalb der deutschen Publizistik während der Reaktions- und Reichsgründungszeit gesetzt. Neben ihm wurde die Zeitschrift vor allem durch Heinrich Leo - der die Geschicht- lichen Monatsberichte verfaßte 96 -, durch den Theologen August Frie- drich Vilmar, Ernst Ludwig von Gerlach, aber auch Victor Aime Huber

(ebenfalls ein christlicher Sozialreformer) geprägt 97 . Dem Einfluß Ger- lachs und besonders Leo ist es wohl zuzuschreiben, daß das ,Volksblatt' im Laufe der Jahre gewisse katholisierende Tendenzen aufzuweisen be- gann, die bei der Leserschaft heftig umstritten waren 98 . Ein kritischer Artikel über die protestantische Union in Preußen führte im September 1858 sogar zur Beschlagnahme der Zeitschrift und zu einem Prozeß gegen ihren Herausgeber, der sich der Grenzen seiner Treue zur Obrigkeit nicht

nur in dieser Frage durchaus bewußt war 99 . Die

dikats anläßlich der Krönung von 1861 kam ihm daher völlig unerwar-

Verleihung des Adelsprä-

95 Ebd., S. 205f.; vgl. auch Reuß II (wie Anm. 66), S. 332. Nathusius hat übrigens 1870 die nachmals berühmten „Jugenderinnerungen eines alten Mannes" aus dem Nachlaß Wilhelm von Kügelgens herausgegeben.

96 Vgl. Chr. Freiherr v. Maitzahn , Heinrich Leo (1799-1878) - Ein Gelehrtenle- ben zwischen romantischem Konservatismus und Realpolitik (Schriftenreihe der Histo- rischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 17), Göttingen 1979, S. 93ff.

97 Vgl. Reuß II (wie Anm. 66), S. 157ff„ 176ff.

98 Vgl. ebd., S. 178ff.

99 Vgl. ebd., S. 266ff., 275ff.

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Hans-Christof Kraus

- der Krieg Preußens gegen

Österreich, das Zerbrechen des Deutschen Bundes, schließlich die Bis- marcksche Aussöhnung mit den Liberalen - die Konservative Partei Preußens spalteten 101 , stand Nathusius auf Seiten Bismarcks, dessen Kriegs- und Annexionspolitik er gegenüber dem streng altkonservativen Flügel unter Gerlach ebenso verteidigte wie vier Jahre später den Krieg gegen Frankreich und die Reichsgründung 102 . Doch den dadurch entstan- denen Riß im Kreis seiner persönlichen und politischen Freunde konnte er nur schwer verwinden. „Unter diesen Umständen fühlte Philipp Nathu- sius", so die Erinnerung seines Sohnes Martin, „daß die Zeit des Blattes

tet 100 . Als die Ereignisse des Jahres 1866

vorüber war. Seiner persönlichen Neigung folgend, welche unter seiner zunehmenden Kränklichkeit gereift war, hätte er es am liebsten eingehen lassen" 103 , - trotzdem führte er es bis 1871 fort, um es dann einem seiner Söhne zu übergeben. Philipp von Nathusius starb am 16. August 1872. Seine Gattin, Marie Nathusius (1817-1857), hatte er um fünfzehn Jahre überlebt. Auch sie war als Schriftstellerin eine über den Durchschnitt herausragende, in ihrer Zeit durchaus bekannte und geachtete Persönlich- keit, deren Einfluß auf ihre Söhne Philipp und Martin (sie werden Thema

des folgenden Abschnitts sein)

Ihre kindliche, offenbar durch nichts zu erschütternde Frömmigkeit be- stimmte ihr Dasein; Glaubenszweifel waren ihr fremd: „Der eine felsen-

feste Grund war ihr

ohne Zweifel beträchtlich gewesen ist 104 .

nie erschüttert worden: was in der Bibel steht, ist

100 Philipp von Nathusius' Reaktion auf diese Ehrung war denn auch eher von Verwunderung als von Stolz geprägt; in einer für ihn höchst charakteristischen Weise bemerkte er: „Es ist eine seltsame Fügung, daß wir die Adelung von dem jetzigen König erhalten sollten, dem lieben vorigen König haben wir sie vor 15 oder 16 Jahren höflich abgelehnt, und da er sie 1857 wieder aufnahm, kam unmittelbar seine Krankheit darüber her. Dies mal sind wir nicht gefragt worden, und die Leute wundem sich, da wir als sehr prononcierte Reaktionäre alle vier bekannt sind. Ich meinerseits wundere mich, daß die Leute aus dergleichen so viel machen, wie ich sehe, daß sie thun" (Reu ß II (wie Anm. 66, S. 301).

101 Siehe hierzu immer noch G. Ritter , Die preußischen Konservativen und Bis- marcks deutsche Politik 1858-1876 (Heidelberger Abhandlungen zur mittleren und neueren Geschichte, 43), Heidelberg 1913, S. 157ff„ 172ff„ 184ff.

102 Vgl. Reuß II (wie Anm. 66), S. 333ff., 348; Andre s (wie Anm. 66), S. 98.

103 M. v. Nathusius , Ein Rückblick, in: Allgemeine Conservative Monatsschrift für das christliche Deutschland, Jhg. 37, 1880, S. 292. 104 vgl. über sie neben dem Artikel von Brümme r (wie Anm. 66) und der Biogra- phie aus der Feder ihres Gatten (Anm. 79) auch Reuß I (wie Anm. 66), S. 127ff. und

E. G. ( - Elise Gründler) , Marie Nathusius - Ein Lebensbild, Gotha 1894.

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Bürgerlicher Aufstieg und

adeliger Konservatismus

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Biographin zu berichten. Schon früh

betätigte sie sich im sozialen Sinne: bereits in Althaldensleben richtete sie

in eigener Regie eine Kinderbewahranstalt ein; später beteiligte sie sich maßgebend am Aufbau der Neinstedter Anstalten. Bald nach ihrer Heirat

mit Philipp Nathusius begann sie zu schreiben; im Laufe nur weniger Jahre kam eine beachtliche Zahl von christlichen Romanen und Novellen zu- sammen, die meisten wurden zuerst in Fortsetzungsform im ,Volksblatt' veröffentlicht. Sehr schnell wurde sie als christliche Volksschriftstellerin bekannt und geachtet 106 . Am erfolgreichsten unter ihren Werken war das .Tagebuch eines armen Fräuleins', das noch in diesem Jahrhundert neu aufgelegt worden ist. Marie Nathusius übt hierin, wie in ihren anderen Schriften, ganz bewußt etwas, das man als poetisch eingekleidete Pädago-

gik bezeichnen könnte. Im .Tagebuch

Überwindung der Härten sozialer Rangunterschiede durch christliche Nächstenliebe 107 . In den .Rückerinnerungen aus einem Mädchenleben' beschreibt sie den inneren Kampf einer jungen Frau und ihr Schwanken zwischen den Verlockungen des weltlichen Lebens und dem Leben aus Gott 108 . Es wäre ein leichtes, diese - zwar durchaus gut geschriebenen, jedoch ästhetisch und literarisch nicht allzu anspruchsvollen - Romane und Novellen aus christlicher Perspektive als Ideologie mit der Funktion der Verschleierung sozialer Ungerechtigkeit abzutun. Doch damit dürfte man dieser eindrucksvollen Frau - deren starke, Bewunderung oder doch wenigstens Achtung hervorrufende Persönlichkeit vielfach bezeugt ist - nicht gerecht werden. Man muß sich demgegenüber vor Augen halten, daß für Marie Nathusius das Christentum vor allem den sichtbaren Ausdruck einer umfassenden Welt- und Daseinsordnung verkörpert, die alle Lebens- bereiche regelnd umfaßt und ausgestaltet. Die Aufgabe des Menschen kann in dieser Perspektive nur darin bestehen, sich in möglichst optimaler Weise in eben diese vorgegebene Ordnung einzufügen, - eine Ordnung, die allerdings niemals ihren Zweck in sich selbst trägt, sondern jeden

' geht es beispielsweise um die

wahr. - Das genügte ihr" 105 , weiß die

103 Gründle r (wie Anm. 104), S. 23.

104 Vgl. ebd., S. 180ff.

107 Es heißt dort: „Wenn doch die vornehmen Leute wüßten, wie viel Trost sie ihren armen Brüdern und Schwestern nur durch Liebe und Teilnahme bringen könnten, wie könnten sie wuchern mit den Vorzügen, die der Herr ihnen durch ihre Stellung in der Welt gegeben" (M. Nathusius , Tagebuch eines armen Fräuleins und Rückerinnerun- gen aus einem Mädchenleben, Berlin o.J. [1913], S. 94f.).

108 Vgl. Gründle r (wie Anm. 104), S. 192.

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einzelnen zugleich verpflichtet, den Regeln des Dekalogs entsprechend zu leben und gemäß den Geboten der Bergpredigt die Härten der vorhande- nen sozialen Schichtung nach Möglichkeit durch christliche Nächstenlie- be zu lindern und auszugleichen. So kann man das dichterische Werk der Marie Nathusius gewissermaßen als den literarischen Niederschlag eines altkonservativen Ordnungsdenkens auffassen, das ebenso selbstverständ- lich von der Voraussetzung einer göttlich geschaffenen, den Menschen umfassenden Schöpfungsordnung ausgeht wie von der moralischen Pflicht eben dieses Menschen zur sozialen Verantwortung aus christlicher Nächstenliebe. Bewahrung der „göttlichen Ordnung" im politischen Be- reich und aus den ethischen Geboten eben dieser Ordnung folgendes soziales Engagement - das sind die Lebensaufgaben gewesen, die sich die Söhne von Philipp und Marie Nathusius gestellt haben.

IV

Zu welchen Konsequenzen und individuellen Ausprägungen der von der Familie Nathusius in der zweiten Generation übernommenen, streng christliche Altkonservatismus nun in der dritten Generation geführt hat, das läßt sich wohl am deutlichsten am Wirken der beiden ältesten Söhne von Philipp und Marie Nathusius ablesen. Philipp von Nathusius-Ludom (1842-1900), wie er sich zur Unterschei- dung von seinem Vater nannte, trat 1865 den Besitz des Gutes Ludom im Kreis Obornik/Posen an 109 . Doch er war weit davon entfernt, sein Leben als einfacher Landjunker in den verlorenen östlichsten Provinzen des Reiches zu verbringen. Wie seinen Vater drängte es auch ihn in den Bereich der politischen Publizistik im Dienste der konservativen Sache. Im Frühjahr 1872 veröffentlichte er in der ,Kreuzzeitung' eine Artikelse- rie, in der er die von der Reichsregierung geplante Reform der Kreisord- nung und die Nationalliberalen, die diese Reformen mittrugen, heftig attackierte 110 . Die Konservative Partei, deren rechter Flügel in dieser Zeit sich in einer immer deutlicher werdenden Distanz zu Bismarck befand, sorgte dafür, daß Nathusius-Ludom den im Herbst 1872 plötzlich freiwer- denden Posten eines Chefredakteurs der ,Kreuzzeitung' übernehmen

109

110

Vgl.

Vgl.

Reu ß

Poschinge r

II (wie Anm. 66), S. 333f.

(wie Anm. 50), Bd. III, S. 264f.

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Bürgerlicher Aufstieg und adeliger Konservatismus

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konnte 111 . Es gelang ihm nicht nur, innerhalb kürzester Zeit die maroden Finanzen des Blattes zu sanieren, sondern er konnte zusätzlich noch Mittel zur Gründung einer weiteren konservativen Zeitung, des ebenfalls von ihm geleiteten .Reichsboten', flüssig machen, wodurch sich seine führen- de Stellung innerhalb seiner Partei festigte 112 . Bismarck - der sich gerade in diesem Jahr darum bemühte, mit Hilfe seines Freundes Moritz von Blanckenburg die Konservativen wieder unter seine Kontrolle zu bringen und ihnen ein neues Programm zu geben - ließ den neuen .Kreuzzeitungs'- Chefredakteur, dessen Artikel gegen die Kreisordnung unvergessen wa- ren, ausdrücklich warnen. Gegenüber Blanckenburg äußerte der Kanzler:

„Wenn der junge Nathusius klüger wie alle alten Parteileute ist und das Programm ruiniert, gegen dasselbe schreibt, - dann wird die Kreuzzeitung Winkelblatt, ich kann nicht jedem Hansnarren nachlaufen" 113 . Bismarcks Mißtrauen sollte sich in den nächsten Jahren als durchaus berechtigt erweisen: Philipp von Nathusius-Ludom wurde zum schärfsten Gegner des Reichskanzlers auf Seiten der Konservativen; es blieb Bismarck vor- erst nichts anderes übrig, als ohnmächtig gegen den „Preßbengel Nathu- sius" und den „neidische(n) Junkerdünkel" 114 zu wettern. Schon in seiner 1872 erschienenen Broschüre „Conservative Partei und Ministerium" hatte Nathusius-Ludom seine Angriffe gegen Kanzler und Regierung eröffnet. Indem er davon ausging, daß die in der Vergangenheit von der Konservativen Partei gemachten Fehler „ihren Grund in zu großer Nachgiebigkeit gegen die Regierung gehabt" 115 hätten, scheute er nicht davor zurück, Bismarck wegen seiner Zusammenarbeit mit den Liberalen frontal anzugehen: „Daß aber royalistisch gesinnte Staatsmänner durch den Mangel an tieferer conservativer Rechtsanschauung und an dem

111 Über Nathusius-Ludom als Leiter der „Kreuzzeitung" vgl. P. A. Merbach , Die

Kreuzzeitung 1848-1923. Ein geschichtlicher Rückblick, in: Neue Preußische Zeitung,

75-jährigen Jubiläum), S. 15f.; M. Rohleder/B . Treu -

de, Neue Preußische (Kreuz-) Zeitung (1848-1939), in: H. D. Fische r (Hrsg.) (wie Anm. 48), S. 217f.

112 Vgl. Poschinge r (wie Anm. 50), Bd. III, S. 265; J. N. Retallack , Notables of

the Right - The Conservative Party and Political Mobilization, 1876-1918, Boston 1988,

S. 57.

113 H. v. Petersdorff , Kleist-Retzow - Ein Lebensbild, Stuttgart - Berlin 1907, S. 46If. (Brief Blankenburgs an Kleist, August 1872).

Göttingen 1955, S. 383 (Brief Bis-

114 H. Rothfel s (Hrsg.), Bismarck- Briefe, marcks an Roon, 20. 11. 1873).

115 Ph. v. Nathusius-Ludom , Conservative Partei und Ministerium, Berlin 1872,

S. 32f. (im Original gesperrt).

16. 6. 1923 (Festnummer zum

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Verständnisse des sittlichen Kernes politischer Processe immer noch verhindert werden, diese doch fast auf der Oberfläche liegende Taktik des Liberalismus zu durchschauen, daß sie sich immer noch geneigt zeigen, aus augenblicklichen sogenannten Zweckmäßgkeitsgründen und aus Re- gierungsbequemlichkeit mit dem Liberalismus Hand in Hand die Voraus- setzungen wahrer Volksfreiheit und Selbstverwaltung zu zerstören, bis dann der Liberalismus auf den Trümmern des organischen Staatslebens schließlich ohne Widerstand zu finden das Heft in die Hand nimmt, das ist wahrhaft unbegreiflich" 116 . Der Kulturkampf schließlich sei keines- wegs nur ein „Feldzug gegen den Ultramontanismus", sondern „in Wirk- lichkeit gegen die katholische Kirche und die christliche Kirche über- haupt" 117 gerichtet. Gegen das alle sittlichen Grundlagen des Gemeinwe- sens zerstörende liberale Programm einer „Entkirchlichung von Staat und Schule" 118 müßten die Konservativen gemeinsam mit den „gutgesinnten katholischen Kreise(n)" 119 ankämpfen. Diese Tendenz verstärkte Nathusius-Ludom noch in seiner 1876 unter dem Titel „Conservative Position" erschienenen Schrift, die zugleich die Grundlage für das Programm der neu zu gründenden Deutschkonservati-

ven Partei bieten sollte. Er forderte nicht nur eine Beendigung des Kultur- kampfes und einen Zusammenschluß evangelischer und katholischer Kon-

„welche geradezu

servativer 120 , nicht nur die Sicherung des Herrenhauses,

eine Lebensfrage für unsere innere Politik einschließt" 121 , sondern auch ein neues, auf ständischen Prinzipien aufbauendes Wahlgesetz und einen entschiedenen Kampf sowohl gegen den „gottlosen" Sozialismus wie gegen das liberale „Manchesterthum" 122 . Schroff lehnte er jedes unorga- nische „Neuconstruiren- und Neumachenwollen" liberaler oder sozialisti- scher Provenienz als „das Gegentheil von conservativer Politik" 123 ab. Er hielt - hierin ganz an die altkonservativen Denktraditionen anknüpfend 124 - unbeirrt an der Idee einer „göttlichen Weltordnung" fest, denn diese habe, wie er schreibt, „die natürliche Ungleichheit der Menschen als

116 Ebd., S.

117 Ebd., S. 39; vgl. S. 49f.

118 Ebd., S. 54.

119 Ebd., S. 53; vgl. zum Thema auch

10; vgl. S. 19, 39.

E. Schulte , Die Stellung der Konservativen

zum Kulturkampf 1870-1878, phil. Diss. Köln 1959.

120 Vgl. Ph. v. Nathusius-Ludom , Conservative Position, Berlin 1876, S. 7ff.

121 Ebd., S. 21.

122 Vgl. ebd., S. 21ff., 34ff.

123 Ebd., S. 36.

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Voraussetzung jeder politischen und sozialen Ordnung gesetzt, wie allein schon der Urtypus dieser Weltordnung, die Familie beweist, eine Institu- tion, welche darum auch ganz folgerichtig vom Socialismus beseitigt werden soll" 125 . Schließlich konnte er sich nicht enthalten, dem Kanzler mit einer deutlichen Kritik an den Annexionen von 1866 noch einen zusätzlichen Fußtritt zu versetzen 126 . Doch zu seinem härtesten Schlag gegen Bismarck holte Nathusius-Lu- dom im Sommer 1875 aus. Am 29. Juni veröffentlichte die „Kreuzzeitung" den ersten von fünf Artikeln unter dem Titel ,Die Ära Bleichröder- Delbrück-Camphausen und die neudeutsche Wirtschaftspolitik*. Verfaßt hatte sie ein bis dahin unbekannter, bei der „Neuen Reichszeitung" in Dresden tätiger Wirtschaftsjournalist namens Franz Perrot. In diesen Artikeln 127 - Nathusius-Ludom hatte sie bestellt und sorgfältig redi- giert 128 - wurde die liberale Wirtschaftspolitik der Regierung seit der Reichsgründung auf das schärfste angegriffen, wobei deutlich antisemiti- sche Töne, gerichtet gegen den Bismarck verbundenen Bankier Gerson

Bleichröder, nicht fehlten 129 . Doch damit nicht genug: die Artikel enthiel- ten Andeutungen, Bismarck habe sich mit Hilfe Bleichröders an den Gewinnen des „Gründungsschwindels" persönlich bereichert 130 . - Den

ungeheuren

sius-Ludom wohl nicht vorausgesehen. Bismarck fühlte sich verraten und

Skandal, den er mit diesen Artikeln auslöste 131 , hatte Nathu-

124 Vgl. hierzu die grundlegende und unübertroffene Arbeit von P. Kon dy Iis, Konservativismus - Geschichtlicher Gehalt und Untergang, Stuttgart 1986.

Nathusius-Ludo m (wie Anm. 120), S. 35.

Vgl. ebd., S. 41: „Die Annexionspolitik des Jahres 1866 hat leider einen tiefen

hat die conserva-

Mißklang in das monarchische Princip des neuen Reiches gelegt, ja

tiven Elemente Deutschlands bisher nicht zur Einigung kommen lassen".

-

„Papierpest" und „Äraartikel von 1875", Berlin 1931, S. 171-180.

123

126

127 Wieder abgedruckt in: L. Feldmüller-Perrot ,

Bismarck und die Juden

128 Vgl. Petersdorf f (wie Anm. 113), S. 462; Ph. v. Nathusius-Ludom , Noch- mals die Konservativen und „Fürst Bismarcks Gedanken und Erinnerungen", in: Allge- meine Conservative Monatsschrift für das christliche Deutschland, 56. Jhg., 1899, S.

743-746.

129 Zum Hintergrund vgl. die ausufernde, ihr Material mehr anhäufende als gliedern- de Arbeit von F. Stern , Gold und Eisen - Bismarck und sein Bankier Bleichröder, Frankfurt a.M. - Berlin 1978, S. 240ff„ 607ff. 130 Vgl. L. Gall , Bismarck - Der weiße Revolutionär, Frankfurt a.M. - Berlin - Wien 1980, S. 545f.

131 Vgl. dazu auch Ritte r (wie Anm. 101), S. 373f.; Retallac k (wie Anm. 112),

S. 14f., 17; H. Heffter , Die Kreuzzeitungspartei und die Kartellpolitik Bismarcks

(Studien des Sächsischen Forschungsinstitutes für neuere Geschichte, 1), Leipzig 1927, S. 2f.

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zutiefst verletzt 132 . Weil ein juristisches Vorgehen gegen die Artikel wegen deren sorgfältiger Formulierung wenig aussichtsreich erschien, griff Bismarck die .Kreuzzeitung* (und damit auch ihren Chefredakteur) am 9. Februar 1876 im Reichstag scharf an: er warf dem Blatt vor, „die schändlichsten und lügenhaftesten Verleumdungen über hochgestellte Männer in die Welt zu bringen"; 133 jeder Abonnent der .Kreuzzeitung' beteilige sich indirekt an dieser ehrlosen Handlungsweise. Diesen Vor- wurf nun wiederum wollten die prominenten Leser der Zeitung nicht

hinnehmen: sie veröffentlichten dort eine Deklaration, in der es hieß: „Als treue Anhänger der königlichen und konservativen Fahne weisen wir die Anschuldigungen gegen die Kreuzzeitung und die gesamte durch sie

Unterzeichner

glich in der Tat „einem Auszug aus dem .Gotha"*: 135 nicht nur die Repräsentanten führender Adelsfamilien waren darunter, sondern auch eine ganze Reihe von Bismarcks alten Freunden unter seinen Standesge- nossen. Doch die Attacke des Kanzlers gegen das einst von ihm selbst mitbegründete Blatt blieb keineswegs „wirkungslos" 136 , wie man gemeint hat: schon im Mai 1876 mußte Nathusius-Ludom als Chefredakteur der .Kreuzzeitung' zurücktreten 137 . Zwar gelang es ihm noch, sich - trotz Bismarcks Widerspruch 138 - an der Gründung der Deutschkonservativen Partei zu beteiligen und 1877 in den Reichstag wählen zu lassen, doch gab

vertretene Politik entschieden zurück" 134 . Die Liste der

er schon ein Jahr später sein Mandat zurück. Er hat sich zwar noch weiterhin publizistisch betätigt, doch nur mit mäßigem Erfolg; seine eigentliche politische Karriere war beendet, bevor sie richtig begonnen hatte.

setzte

die konservative Familientradition fort. Nach seinem Studium der Theo-

Sein Bruder, der Theologe Martin von Nathusius (1843-1906) 139 ,

132 Dies zeigt auch die Darstellung, die er - Nathusius-Ludom nicht schonend - in seinen Erinnerungen gegeben hat: O. v. Bismarck , Die gesammelten Werke, Bd. XV, S. 350ff.

133 Ebd., Bd. XI, S. 435.

134 Poschinge r (wie Anm.

135 Gall (wie Anm. 130), S. 546.

136 So Ster n (wie Anm. 129), S. 609.

50), Bd. II, S. 202, Anm. 1.

137

Vgl. Retallac k (wie Anm. 112), S. 19.

138 Vgl. Rothfel s (wie Anm. 114), S. 392; Poschinge r (wie Anm. 50), Bd. II, S.

237f.

139 Über ihn siehe A. Uckeley , Martin Friedrich Engelhard von Nathuius, in:

Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog, hrsg. von A. Bettelheim, Bd. XI,

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Bürgerlicher Aufstieg und adeliger Konservatismus

21 9

logie (von seinen akademischen Lehrern übte der Pietist Tholuck den stärksten Einfluß auf ihn aus) war er 1869 Hilfsprediger in Wernigerode, 1873 Pastor in Quedlinburg geworden. 1871 hatte er von seinem erkrank- ten Vater, der schon im folgenden Jahr starb, die Redaktion des ,Volks-

blatts für Stadt und Land' übernommen 140 . Zwar beteiligte sich auch das ,Volksblatt' in den siebziger Jahren an der Kritik der von den Liberalen getragenen Regierung Bismarcks, allerdings wesentlich zurückhaltender im Urteil und maßvoller in der Formulierung als zu gleicher Zeit die ,Kreuzzeitung'. Hier sprach man Grundsatzfragen an und sah sorgenvoll in die Zukunft. Im Juni 1875, zur Zeit der „Ära-Artikel", war beispiels- weise im ,Volksblatt' zu lesen: „Daß Bismarck seine ganze Kraft dem Könige und Königthume widmet, glauben wir ohne weiteres, uns kommt

nur der Weg seltsam

völlig in der Gewalt, ein leister Druck von seiner starken Hand formt sofort die weiche Masse. Wer giebt aber Bürgschaft, daß die Masse nicht einmal erstarre und hat er eine Hand in petto, die nach seinem Abgange die Sache leitet und beherrscht? Noch hat das Königthum von Gottes Gnaden starke Wurzeln in unserem Volke, aber auch die kräftigsten Triebe können absterben, die gesundesten Wurzeln anfaulen und angefressen werden." 141 Als das Blatt einzugehen drohte, stellte es Martin von Nathu- sius vom wöchentlichen auf monatliches Erscheinen um; auch der Titel wurde geändert: seit 1879 hieß die Zeitschrift .Allgemeine Conservative Monatsschrift für das christliche Deutschland'; 1882 wurde Dietrich von Oertzen Mitherausgeber 142 . Nathusius faßte sein Blatt keineswegs als parteigebunden auf; es stand zwar der neugegründeten Deutsch-konserva- tiven Partei nahe, distanzierte sich in seinen Aussagen aber deutlich vom „mittelparteilichen", bismarckfreundlichen Kurs des neuen Parteivorsit- zenden Otto von Helldorf-Bedra 143 . Martin von Nathusius knüpfte, wie

Heute hat Bismarck die liberale Partei noch

1906, S. 55-57; D. v. Oertzen , Erinnerungen aus meinem Leben, Berlin o.J. (1914), S. 176-178.

140 Vgl. M. v. Nathusiu s (wie Anm. 103), S. 292f.

141 Volksblatt für Stadt und Land, 32. Jhg., Nr. 22 (2. 6. 1875), Sp. 350 (anläßlich einer Kulturkampfdebatte im Herrenhaus).

142 Vgl. Retallac k (wie Anm. 112), S. 57ff.; Oertze n (wie Anm. 139), S. 83, 89f.

143 Vgl. Ο. E. S chüddekopf , Die deutsche Innenpolitik im letzten Jahrhundert und der konservative Gedanke - Die Zusammenhänge zwischen Außenpolitik, innerer

Staatsführung und Parteiengeschichte, dargestellt an der Geschichte der Konservativen

Partei von 1807 bis 1918, Braunschweig 1951, S. 73ff.; Retallac k (wie Anm. 112),

18ff., 28ff.; P. A. Merbach , Otto Heinrich von Helldorf-Bedra, in: H. v. Amim/G. v.

Below (Hrsg.), Deutscher Aufstieg - Bilder aus der Vergangenheit und Gegenwart der rechtsstehenden Parteien, Berlin - Leipzig - Wien - Bern 1925, S. 243ff.

S.

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schon sein Bruder Philipp, unmißverständlich an die vor 1866 liegenden, altkonservativen Traditionen an: „Die Monatsschrift vertritt die christli- che Weltanschuung, sie ist das Organ der christlichen Partei im Lande, einer Partei, die erst im Werden begriffen ist" 144 , bemerkte er 1880 und stellte anschließend fest, daß „ein gewisser lähmender Mißmuth über viele Kreise der conservativen Partei gekommen" sei, dem die .Allgemeine Conservative Monatsschrift' durch „eine kräftige Vertretung der christli- chen Ideen begegnen werde, „deren Verwirklichung im Staats- und öffent- lichen Leben überhaupt zur Conservirung des Vaterlandes nöthiger denn

je geworden" 145 sei.

Innerhalb der Deutschkonservativen Partei gehörte Martin von Nathu- sius zur rechten Opposition, zur „Kreuzzeitungsgruppe" 146 um den seit 1881 als Chefredakteur der .Kreuzzeitung' amtierenden Wilhelm von Hammerstein und vor allem den Hofprediger und Reichstagsabgeordneten Adolf Stoecker 147 . Hatte Stoecker noch 1876 die von Nathusius ausge- sprochene Forderung, die Kirche habe auch die Aufgabe zum politischen Handeln, zurückgewiesen 148 , so rückten beide in den achtziger Jahren enger zusammen. Man wird davon ausgehen können, daß Nathusius (ob- wohl die bisherige, allerdings recht begrenzte Forschung hierüber nichts überliefert hat), nach allem, was über seine politische Einstellung bekannt ist, den Kampf Hammersteins und Stoeckers gegen die Kartellpolitik Bismarcks in den späten achtziger Jahren 149 unbedingt mitgetragen, wenn nicht sogar nachhaltig unterstützt hat. Vermutlich ist er auch an der Ausarbeitung und Verabschiedung des neuen „Tivoli-Programms" der Deutschkonservativen Partei, das Hammerstein und Stoecker im Dezem- ber 1892 durchgesetzt hatten, beteiligt gewesen 150 . Hier wurden die christ- lichen Akzente wesentlich stärker herausgehoben als im alten Programm

144

M. v. Nathusiu s

(wie Anm. 103), S. 294.

145 Ebd., S. 295.

146 Vgl. Heffte r (wie Anm.

131), S. 9ff.; Schüddekop f (wie Anm. 143), S. 80ff.;

Retallac k

147 Über ihn und seine politische Bedeutung siehe D. v. Oertzen , Adolf Stoecker -

Lebensbild und

1928; G. Brakelmann/M . Gre -

schat/W. Jochmann , Protestantismus und Politik - Werk und Wirkung Adolf Sto- eckers (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte, 17), Hamburg 1982.

Frank , Hofprediger Adolf

Stoecker und die christlich-soziale Bewegung, Berlin

(wie Anm. 112), S. 36ff.

Zeitgeschichte, Bde. I—II, Berlin 1910; W.

148 Fran k (wie Anm. 147), S. 31.

Vgl.

149 bes. Hef f ter (wie Anm. 131), S.

Vgl.

150 ebd., S. 226f., 230ff.; Retallac k

Vgl.

116ff., 158ff.

(wie Anm. 112), S. 91ff.

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Bürgerlicher Aufstieg und adeliger Konservatismus

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von 1876 151 . Als Stoecker im Jahre 1890 den ersten Evangelisch-sozialen Kongreß berief, war Martin von Nathusius - seit zwei Jahren ordentlicher Professor für praktische Theologie an der Universität Greifswald - an führender Stelle mitbeteiligt; man zählte ihn unter die „hochkirchlichen

gehörte er auch hier zum äußersten rechten

Flügel und hat sich immer wieder scharf mit Friedrich Naumann ausein- andergesetzt 153 . Als Stoecker 1896 aus dem Evangelisch-sozialen Kon- greß herausgedrängt wurde, ging Nathusius mit ihm; beide gründeten daraufhin die Kirchlich-soziale Konferenz 154 . Auch später hat er Stoecker gegen alle Anwürfe verteidigt 155 , und als 1896 der allmächtige Freiherr von Stumm, Freund des Kaisers und Abgeordneter der Reichskonservati- ven, die christlich-soziale Bewegung und deren königstreue, streng kon- servative Mitarbeiter als verkappte Sozialisten attackierte, urteilte Martin von Nathusius öffentlich, „daß es Herrn von Stumm nicht um die Sache zu tun ist und daß der politische Einfluß dieses Mannes ein nationales Unglück ist" 156 .

Autoritäten" 152 . Natürlich

Auch in seinen theoretischen Schriften, insbesondere in seinem zuerst 1893/95, in zweiter Auflage 1897 erschienenen theologisch-politischen Hauptwerk „Die Mitarbeit der Kirche an der Lösung der sozialen Frage", hat Martin von Nathusius die Grundideen seiner christlich-altkonservati- ven Überzeugungen ausführlich dargelegt. Bei der Entwicklung seines politischen Standortes setzte er selbstverständlich „die Wahrheit der christlichen Religion voraus" 157 . In zwei Sätzen faßt er den Kern seiner christlich-konservativen Weltanschauung zusammen: „erstlich, daß es

151 Gedruckt in: F. Salomon , Die deutschen Parteiprogramme, Bd. II, Leipzig - Berlin J 1912, S. 71ff.

152 M. Weber , Max Weber -

Ein Lebensbild, Tübingen 1926, S. 140.

153 Vgl. Oertze n (wie Anm. 147), Bd. II, S. 19; M. v. Nathusius , Die Mitarbeit der Kirche an der Lösung der sozialen Frage, Leipzig 2 1897, S. 136, 318, Anm.

154 Vgl. Oertze n (wie Anm. 147), Bd. II, S. 10f., 192, 198f.; Fran k (wie Anm. 147), S. 366; Κ. E. Pollmann , Landesherrliches Kirchenregiment und soziale Frage - Der evangelische Oberkirchenrat der altpreußischen Landeskirche und die sozialpoliti- sche Bewegung der Geistlichen nach 1890 (Veröffentlichungen der Historischen Kom- mission zu Berlin, 44), Berlin - New York 1973, S. 271.

135 Vgl. Oertze n (wie Anm. 147), Bd. II, S. 204,224; M.v. Nathusiu s (wie Anm. 153), S. 135f.

156 M. v. Nathusius , Was ist christlicher Sozialismus? Leitende Gesichtspunkte für evangelische Pfarrer und solche, die es werden wollen, Berlin 1896, S. 47; vgl. auch Pollman n (wie Anm. 154), S. 158f.

157 M. v. Nathusiu s (wie Anm. 153), S. 233.

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Hans-Christof Kraus

eine von Gott

für die Welt bestimmte Ordnung giebt, eine göttliche

Weltordnung, die in wesentlichen Punkten gestört ist - und zweitens, daß es eine göttliche That giebt, die Erlösung durch Jesum Christum, welche

die göttliche Weltordnung wiederherzustellen bestimmt ist. Alles Unheil liegt in der Störung der göttlichen Ordnung und der Loslösung von seinem

Willen. Alles Heil besteht in der Zurückführung zu demselben." 159 In der Welt herrscht das Gesetz Gottes, es steht als absolute Norm über dem menschlichen Handeln: „Das göttliche Gesetz für die gesamten Beziehun- gen des menschlichen Lebens bleibt bestehen, ob der Mensch sich danach

die Einfügung

des Menschen in die von Gott gesetzte Ordnung gerichtet - bzw. auf die Wiederherstellung verlorengegangener Elemente und Ausprägungen die- ser Ordnung. Ihr Abbild ist für Nathusius die ständische Ordnung; 161 an sie muß angeknüpft werden: „Ein Staat ohne Stände ist kein Organismus mehr. Und da das alte nicht mehr vorhanden ist, so muß ein neues Ständerecht geschaffen werden: das ist die Aufgabe derZeit." 162 Die „Idee der Gleichheit" besitzt für Nathusius einen rein transzendentalen Charak-

richtet oder nicht" 160 . Das politische Handeln ist also auf

ter; wird sie „nur in den Schranken des diesseitigen Lebens erfaßt, so muß sie das soziale Leben verwirren" 163 . Gesetz und Wille Gottes sind für ihn

soll duch den

Gedanken an Gottes Ordnungen geregelt

die Pflicht zur Arbeit wie diejenige zur sozialen Verantwortung für die Untergebenen ableiten läßt. Daß dies alles natürlich die unbedingte Gül- tigkeit und allgemeine Akzeptanz der christlichen Glaubenslehren voraus- setzt, ist selbstverständlich: „Ich glaube in der That", formulierte Nathu-

werden" 164 , woraus sich ebenso

allumfassend, „auch das gesamte wirtschaftliche Leben

138

159

160

Ebd., S. 234.

Ebd., S. 236.

Ebd., S. 239; die Folgen, die sich hieraus für das politische Denken und Handeln des Menschen ergeben, sind evident, vgl. ebd., S. 239f.: „Wenn irgend etwa s in der Natur den von dem Schöpfer gesetzten Ordnungen und Bedingun- gen entnommen wird, so wird es damit getrennt von Gott, vom Leben und verkümmert . Wa s im Menschenlebe n sich entzieh t den

vom Schöpfer gesetzten Ordnungen und Bedingungen, trennt sich damit von Gott , vom Leben , und verfäll t dem Tode . Alles Heil besteht demnach für den Menschen und alle menschlichen Verhältnisse in dem Bleiben oder dem Zurück- kehren zu den von Gott gesetzten Lebensbedingungen."

141 Vgl. ebd., S. 45ff. 1M Ebd., S. 51.

163 Ebd., S. 141.

164 Ebd., S. 354.

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Bürgerlicher Aufstieg und adeliger Konservatismus

223

sius an anderer Stelle, den Prozeß der Säkularisierung ignorierend, „daß wir uns in einem Zeitlauf der zunehmenden Religiosität, der Erstarkung

des

dem er sich in den letzten Jahren seines Lebens aus der Politik zurückge- zogen und sich vornehmlich auf seine wissenschaftliche Arbeit konzen- triert hatte, starb Martin von Nathusius 1906 in Greifswald.

kirchlichen und des christlichen Bewußtseins befinden" 165 . - Nach-

V

Resümiert man die - im Vorangegangenen freilich nur in kurzen bio- graphischen Ausschnitten skizzierte - Entwicklung der Familie Nathusius über drei Generationen hinweg, vom späten 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, dann scheinen auf den ersten Blick die anfangs erwähnten Thesen Arno J. Mayers und Francis L. Carstens von der „Feudalisierung" des Bürgertums mehr als bestätigt worden zu sein. Ein größerer Unter- schied als derjenige zwischen dem alten, aufgeklärten, liberalen, bürger- stolzen Johann Gottlob Nathusius und seinen, sich konservativer als die meisten Junker gebärdenden, die „göttliche Weltordnung" noch im Zeit- alter der heraufziehenden Massengesellschaft verteidigenden Enkeln läßt sich kaum denken. Doch die Geschichte der Familie Nathusius im 19. Jahrhundert ist eben gerade kein Beleg für die These, die konservative Ideologie der Junker habe „wie ein Magnet auf die bürgerlichen Schich- ten" 166 gewirkt. Denn diese Familiengeschichte ist alles andere als reprä- sentativ, sie trägt in fast jedem ihrer Abschnitte den Charakter der Aus- nahme und des Ungewöhnlichen. Dies trifft schon auf die politischen Anschauungen der Familie zu. Mischten sich bei Hermann, Wilhelm und Heinrich von Nathusius immer- hin noch religiöse mit interessenpolitischen Gesichtspunkten, so war doch ihr Bruder Philipp, wie mit Recht bemerkt worden ist, „ein typischer

Vertreter jener

rein geistigen, von der religiösen Idee getragenen Rich-

tung des Altkonservativismus, die in den nächsten Jahrzehnten durch die moderne realpolitische und wirtschaftliche Denkweise immer stärker in den Hintergrund gedrängt wurde und an deren Stelle im neuen Reich vielfach ein ganz einseitig orientierter, selbstsüchtiger Konservativismus

165 M. v. Nathusius ,

Die Inspiration der Hl. Schrift und die historische

Kritik

(Zeitfragen des christlichen Volkslebens; XX, 6), Stuttgart 1895, S. 3.

166 Carste n (wie Anm.

3), S.

131.

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Hans-Christof Kraus

der nackten Interessen und des Klassenkampfes trat" 167 . Und seine beiden Söhne Philipp von Nathusius-Ludom und Professor Martin von Nathusius endeten schließlich als politische Außenseiter: indem sie versuchten, noch das Junkertum gewissermaßen rechts zu überholen, gerieten sie ins poli- tische Abseits: die von ihnen gepredigte „politische Theologie" wurde offenbar nur noch als eine besonders aufschlußreiche Ausprägung von Wirklichkeitsblindheit aufgefaßt. Insbesondere Martin von Nathusius, der in den 1890er Jahren die beginnende Verquickung von junkerlichen und industriellen Interessen in der Person des Freiherrn von Stumm aufs schärfste angriff, ist in keiner Weise mehr als Repräsentant eines „sich feudalisierenden Bürgertums" anzusehen.

Im Gegenteil: schon in der Zeit vor der Reichsgründung war die Familie von Nathusius zur Zielscheibe deutlicher Kritik oder auch beißenden Spotts von seiten ihrer bürgerlichen Verwandtschaft geworden, wie den in dieser Hinsicht sehr aufschlußreichen Jugenderinnerungen der Gabriele Reuter zu entnehmen ist. Man sah die Gesinnung und Lebensweise, wie

sie auf Althaidensleben und Hundisburg gepflegt wurde, durchaus als negatives Vorbild für die eigenen Nachkommen, - so sprach man „über die einseitig orientierte Weltauffassung der Familie von Nathusius, für die es nur Gutsbesitzer und Kavallerieoffiziere - vielleicht noch Pastoren - als anerkannte Berufe gäbe, eine Anschauung, die für Knaben, welche

durch eigene Kraft ihren Weg suchen mußten, höchst gefährlich

Und auf der anderen Seite machte man sich wiederum lustig: mit „humo- ristische(m) Lächeln" antwortete Gabriele Reuters Vater auf die Frage

seiner Tochter, „auf welcher Seite im Reichstag die Nathusiusse sitzen

würden,

baut!'" 169 Man wird dies nicht als Äußerungen kleinbürgerlichen Sozial- neides abtun können, sondern hier drückte sich ein bürgerliches Selbstbe- wußtsein aus, das die „Feudalisierung" der Familie Nathusius durchaus

sei" 168 .

: ,Für die wird nach rechts noch ein Balkonchen hinausge-

167 Andre s (wie Anm. 66), S. 33.

168 Reute r

(wie Anm. 53), S. 194f.; auch Gabriele Reuter selbst hat sich, trotz aller

Sympathie für ihre Verwandten, von den Anschauungen der Familie von Nathusius deutlich distanziert, vgl. ebd., S. 251: „Etwas wie Bürgerstolz und Bürgertrotz lehnte

sich in mir auf gegen diese konservative Welt, die denn doch auf den Adel, seinen Privilegien, seinen Vorurteilen und seiner herrschenden Stellung in Staat und Kirche erbaut war. Was ihr außer dem Adel an Pastoren, Diakonissen, frommen Handwerkern

angehörte

, sein - ich wollte dort stehen, wo ich von Geburts- und Rechtswegen hingehörte".

alles trug den Stempel von Gefolgschaft. Ich aber wollte nicht Gefolgschaft

169 Ebd., S. 251.

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Bürgerlicher Aufstieg und adeliger Konservatismus

22 5

nicht als etwas allgemein Übliches, sondern gerade als Ausnahmeerschei- nung erkannte und konsequent ablehnte. Nicht zuletzt muß in diesem Zusammenhang daran erinnert werden, daß es auch einen ganz anderen Typus des nichtadeligen Grundbesitzers ge- geben hat. Als Beispiel sei hier nur Werner Sombarts Vater Anton Ludwig Sombart (1816-1898) genannt, der, aus kleinsten Verhältnissen stam- mend, sich zum wohlhabenden Besitzer mehrerer Rittergüter und einfluß- reichem Agrarpolitiker emporarbeitete - ohne sich selbst oder seine Fa- milie „feudalisieren" zu lassen. Er entwickelte sogar ein sozial-politisches Programm, das den Bauernstand durch Parzellierung des Großgrundbesit- zes heben sollte, und er ging dabei mit eigenem Beispiel voran. Für die Liberalen saß er als Abgeordneter im preußischen Landtag und später für die Nationalliberalen im Reichstag, ohne (wie sein Sohn schreibt) in den achtziger Jahren „die Wandlung der Partei zu einer Schutztruppe des ostelbischen Agrariertums mitzumachen" 170 . - Es mag sein, daß auch Anton Ludwig Sombart als soziale Erscheinung eine Ausnahme darstellt, - aber selbst dann sollte man vor überzogenen Thesen über eine angebli- che „Feudalisierung" „des" deutschen Bürgertums im 19. Jahrhundert zurückschrecken. Daß es manchen Fall dieser Art von „Feudalisierung" durchaus gegeben hat, zeigt das Beispiel der Familie Nathusius vielleicht deutlicher als andere. Aber es zeigt zugleich, daß die Entwicklung und Geschichte dieser Familie in sehr viel stärkerem Maße die Ausnahme als die Regel gewesen ist. Jedenfalls verdient das sozial- und mentalitätsge- schichtliche Phänomen einzelner Feudalisierungstendenzen innerhalb des Bürgertums im letzten Jahrhundert eine wesentlich differenziertere, an der konkreten Ausprägung orientierte Betrachtung, als ihm bisher zuteil ge- worden ist.

170 Zit. in: B. v. Brocke , Werner Sombart 1863-1941 - Eine Einführung in Leben, Werk und Wirkung, in: Ders . (Hrsg.), Sombarts .Moderner Kapitalismus' - Materialien zur Kritik und Rezeption, München 1987, S. 14.

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