Sie sind auf Seite 1von 29

DOKUMENTATION

MAZZINO MONTINARI

DIE GESCHWÄRZTEN STELLEN


IN C. A. BERNOULLI: FRIEDRICH NIETZSCHE
UND FRANZ OVERBECK. EINE FREUNDSCHAFT
/
Im Jahre 1908 erschien bei Eugen Diederidis in Jena das oben ge-
nannte Werk, das jedem Nietzsche-Forscher als bedeutende Sammlung von
Dokumenten über Nietzsches Leben, Werk und Wirkung bekannt ist. Ihm
kommt in vieler Hinsicht die Bedeutung eines Quellentextes zu; dies um so
mehr, als es im bewußten Gegensatz zu den Quellenveröffentlichungen des
damaligen Nietzsche-Archivs, die eine Anzahl Verfälschungen enthielten,
entstand. C. A. Bernoulli schrieb sein Buch in erster Linie, um Franz
Overbeck damit ein würdiges Andenken zu sichern und die Verleumdungen
der Elisabeth Förster-Nietzsche gegen seinen Freund und Lehrer aufzu-
decken.
Dazu bezog er auch den umfangreichen BriefWechsel Overbecks mit
Peter Gast in seine Darstellung ein. Peter Gast, der inzwischen die Mani-
pulationen von Nietzsches Schwester unterstützte, erwirkte einen Ge-
richtsbeschluß, dem zufolge sämtliche Stellen aus seinen Briefen, die Ber-
noulli hatte abdrucken lassen, vor dem Erscheinen des Buches zu schwärzen
waren.
Ein Exemplar dieses Buches, in dem die Schwärzung nicht durchge-
führt worden ist, wurde kürzlich in der Universitätsbibliothek in Jena
entdeckt. Diese Texte, die bisher nur als geschwärzte Stellen in Bernoullis
Buch zu sehen waren, sind in der nachstehenden Dokumentation nachzu-
lesen. Ein ausführlicher Kommentar wird im nächsten Band 'folgen.

S. 37/38 .
zum Lesen geschickt und dieser urteilte mit einer guten Witterung (20. Mai
1897): „Kaftan, dessen ich midi noch ganz gut entsinne und dessen Vor-
trag Sie so gütig waren, mir mitzuteilen, spielt allerdings ein gefährliches
Spiel. Schriebe man die anerkennenden Sätze heraus, so möchte man glau-
ben, Kaftan sei ein Anhänger und Anwalt Nietzsches. Der Vortrag hat
Die geschwärzten Stellen in C A. Bernoulli 301

die Luft und Stimmung einer Protestäntenversammlung zur Voraussetzung,


Leute, die von der Gräßlichkeit Nietzsches von vornherein überzeugt sind.
Mit dem Wegfall dieser Voraussetzung wird der Vortrag beinahe zum
Panegyrikus. Man sollte Kaftan für seine Glimpflichkeit öffentlich zur
Ordnung rufen.* Kaftan bat die ...
S. 65/66
wertvollen Urteil (Gast an Overbeck aus Annaberg, 29. Oktober 1892)
„Nietzsches Schriften deshalb nicht die höchste Schule der Vornehmheit
zu nennen, weil etwas zu viel von vornehm darin die Rede sei — kann
meines Erachtens kein Grund sein, sie dennoch so zu nennen. Nietzsche
faßte den Begriff „vornehm* neu, und es war dabei nicht zu umgehen,
über die Sache selbst zu reden. Meine Kenntnisse sind nicht weit her: ich
gestehe also, daß ich nirgends etwas Ähnliches, wie in Nietzsche, über
Rangfragen gefunden habe; am ehesten Plato — der aber als Psycholog
naiv und ein Fasler ist. Der Cortigiano des Castiglione z. B. ist doch nur
ein Buch in der Art von »Der gute Ton", wie er in der Bibliothek von
in die Gesellschaft eintretenden jungen Leuten sich findet. Castiglione
sdhreibt für Adelige. Nietzsche kommt aber als V o l k s o r g a n i s a t o r
auf die Frage zu in einem d e m o k r a t i s c h e n Zeitalter. — Daß
Nietzsche den Leser zuweilen fühlen läßt, daß er sich selbst als vornehm
empfinde — hat er das nicht mit allen gemein, die ein Recht hatten, „sich*
zu „fühlen**? Selbst diese ganze plumpe Wendung: „ich habe den Deut-
schen die tiefsten Bücher gegeben, die sie überhaupt haben", ist ganz in
der Art großer Menschen, unklug, eine stolze Dummheit — eben vornehm,
wie Riesen vornehm sind; diese Wendung ist übrigens aus einem ungeheu-
ren Schmerz geboren; ein Mensch, der sein Bestes gibt und dafür von den
ändern behandelt wird, als habe er ihnen damit wehe tun wollen — sagt
zuletzt ganz ungeschlacht heraus, wofür er sich selbst hält, um nur endlich
erlöst zu sein von all den Halbsdiierigen und Unentschiedenen um ihn
herum.*1 Georg Simrnel hat. *.
S. 74
seine ungewöhnlich kleinen Ohren „auf welche sich", wie Peter Gast am
19. Mai 1890 an Overbeck schreibt, „Nietzsche in der letzten Zeit gleich
Byron viel zugute tat." Am genehmsten und meisten . * *
S. 79/80
in das Bayreuther Erltbnitgebiet, Als Peter Gast sich im Jahre 1890 mit
der ersten Gesamtausgabe des Zaraihuura beschäftigte, schrieb er an
Qverbeck am 29. Mai 1890: „Über die Metamorphose des Zauberer-Liedes
in ein Lied der Ariadne findet siA hoffentlich einmal andere Gelegen-
heit xu sprechen. Eine Anspielung auf Ariadne, Hieseus und Dionysos
302 Mazzino Montinari

findet sich schon in einem früheren Teile Zarathustras (den ich nicht hier
habe). Der Sinn ist jedenfalls der: als Nietzsche nur H e l d (Thesetis)
war, ging er von Ariadne (Wagner) fort; da er Überheld, G o t t (Dio-
nysos) wurde, naht er sich ihr wieder — ohne Gegnerschaft, ohne Mit-
leid, aber warnend: an mir wirst du zugrunde gehen, ich bin dein Laby-
rinth!" Indessen befand sich diese Auslegung erst auf dem halben Wege
zum Ziel. Peter Gast schrieb am 20. April 1891 von Venedig an Over-
bedk: „Zu dem Gedichte Zarathustra IV, Seite 26 (das ich übrigens nach
der Verbesserungen enthaltenden Handschrift, die Sie mir letzten Sommer
sandten, abdrucken ließ) möchte ich Ihnen, verehrter Herr Professor, noch
melden, daß mir Frau Dr. Förster sagte, sie habe Frau Wagner jetzt in
Berlin getroffen und von ihr erfahren, daß Nietzsche ihr im Januar 89 von
Turin aus einen der großen Büttenpapier-Zettel geschrieben habe, des
Inhalts: „ A r i a d n e , ich l i e b e D i c h ! D i o n y s o s .. *
Damit scheint die Verwandlung des Zaubererliedes in eine „Klage der
Ariadne" verständlicher zu werden. Nicht Wagner ist die Ariadne, son-
dern Cosima; — Wagner ist der Theseus, Nietzsche der Dionysos. Hat
früher Wagner diese herzzerreißende, sehr modern hysterische Klage ab-
gesungen, so schickt sie sich für ein Weib eigentlich noch besser — und ihre
Absingung von einer höheren Stimme hat nichts Befremdendes mehr."
Zur Sache ist...
S. 94
zu halten vermochte. Peter Gast schrieb an Overbeck den 9. Juni 189Q:
„Den Aufsatz des G. Brandes schickte mir heute Naumann. Ich finde ihn
nicht so gut wie ich erwartete. Der Mann hat keine Witterung für das
Beethovenische an Nietzsche. Die Ansichten Nietzsches hätte er, wie er ist,
weniger zustimmend behandeln sollen; aber die Seelengewalt, das Einschnei-
dende, Wuchtige, Verhängnisvolle in Nietzsches Wesen hätte ihn zu ganz
anderer Ehrfurcht zwingen sollen." Am klarsten und mit...
S. 107
bei den Freunden in Umlauf. Peter Gast schrieb Overbeck am 21. Februar
1888: „Ein sehr begabter Mensch, der neben vielem Knotigen und Trivia-
len doch eine gute Witterung für Finessen und dynamische Qualitäten hat.
Wenn ich nicht irre, ist er ein Basler. Kennen Sie ihn?" Wie bejahend und
enthusiastisch...
S. 111/112
zwischen beiden ein unlösliches Band. In den Briefen Gasts an Overbeck
finden sich charakteristische Äußerungen über den konfessionellen .Charak-
ter seiner Stellung zu Nietzsche, wie er erst Zweifel in Gewißheit wandeln
mußte und allmählich zerstreute und unsichere Eindrücke zu einer aus-
Die geschwärzten Stellen in C A. Bernoulli 303

schließlidien Gläubigkeit verschmolz. Hören wir ihn selbst darüber! „We-


gen Zarathustras fürchte ich zu unvorsichtig midi geäußert zu haben" >
schreibt er Overbeck am 14. November 1883, „aber ich habe nie an die
Wichtigkeit meiner Worte geglaubt; da alles, was ich auch zu Nietzsche
sage, auf einer tiefen Verehrung und Bewunderung ruht, so glaube ich
auch sagen zu können, daß ich hie und da so denke, dort mich anders
ausgesprochen finde, als ich gerade mich aussprechen würde. Für die Welt-
geschichte hat diese Privatangelegenheit gar keine Bedeutung; ich dachte
dabei an mich nur als Objekt der Erfahrung für den Autor. Es würde
mich schmerzen, wenn ich ihm wirklich wehe getan hätte. Ich glaube eher,
daß ihn Krankheit am Schreiben verhindert, und daß ich mir mit der
Furcht, unvorsichtig gewesen zu sein, zu viel einbilde. — Es ist nicht
schwer, über ein Werk, von dem man vorher keine Ahnung hatte, ja
dergleichen uns vorzustellen uns unmöglich gewesen wäre, — zu urteilen,
an ihm auszusetzen, es anders zu wünschen, ebensowenig als es schwer ist,
über einen Stein zu stolpern, der uns in den Weg gelegt wurde. Am Ende
ist aber gerade das Stolpern die Hauptsache; den Glauben wenigstens,
daß ein Werk und der, der es genießt, sich so decken müßten, wie das
Werk und sein Autor, hat heute wohl auch der nicht, der sein Publikum
kennt und für das er sich bestimmt. — Der Übermensch ist mir bis jetzt
nur ein Abstraktum geblieben, und doch wie gerne
küßt ich den letzten Saum seines Kleides,
kindliche Schauer treu in der Brust!*
Anderthalb Jahre spater hat sich die intellektuelle Bekehrung zu
Zarathustra bei Gast vollendet; das vierteilige Werk ist ihm nun wirklich
zum Buch der Bücher geworden. Er schreibt Overbeck am 27. Juli 1885:
„Sein Zarathustra kommt mir erst mit der Zeit näher. Jedenfalls ist es
eines der stärksten Bücher, die es überhaupt gibt. Der Zend ist gewiß
ein schwaches dagegen. Und wenn je Völker zu den Büdiern ihrer Sprache
gehören, so rangieren die Deutschen seit seinem Erscheinen weit höher als
vorher — diese guten Deutschen, die nach der Meinung einiger die Füh-
rerschaft in der nächsten ausbrechenden europäischen sozialen Revolution
übernehmen sollen! — Etwas so Antisoziales wie dieses Buch gibt es wohl
nicht. Machiavelli und seinesgleichen sind schwache und fast naive An-
sätze zu dieser aus hödbster Humanität hervorgegangenen Inhumanität.
Ich kenne auch kein Buch, das so deutlich den Widerstreit zahlloser mög-
licher Ansichten von Dingen zu Gefühl brächte, Sdiopftnhaucr z* B* war
viel TU arm und einfach organisiert, um auch nur die Möglichkeit einer
Betrachtungsweise wie der Zarathu$tras zuzugeben. Und nun gar Kant! —
In diesen Tagen sah ich die Kritik der Urteilskraft, und ich mußte mir
304 Mazzino Montinari

sagen: das Buch gehört in die s t u p i d e Literatur. So würde es mir, wenn


ich Zeit zu lesen hätte, nach Zarathustra wohl mit vielen Büchern ergehen.
Das wird aber einstweilen das beste sein: daß einem Zarathustra den Ge^
sdimadk für tausend Dinge verdirbt." Dieses Urteil
S. 210
Wahnsinn vorausgeahnt, und erhielt zur Antwort (29. Oktober 1892):
„In betreff seines Glaubens an das Bedrohtsein vom Wahnsinn habe ich
vieles mit Nietzsche selbst erlebt, vielleicht Intimeres, als selbst Sie, ver-
ehrter Herr Professor. Zuweilen war es so toll, daß man hätte selbst den
Verstand verlieren können, — unter einem fremden Volk, in schauerlichen,
kalten, verwahrlosten Räumen verdoppelte sich die Schwere des Ein-
drucks. Aber von irgendeiner Spur von Wahnsinn habe ich nichts ge-
merkt, — eher das Gegenteil davon. Daß ein schmerzzerfleischter Mensch
die entsetzlichsten Vermutungen über die Zukunft seines Leidens anstellt,
ist ganz natürlich; für den Übermenschen können sie aber nicht als Richt-
schnur bei der Beurteilung des Leidens dienen." Danach wäre Nietzsche ...
S. 214
nichts Gutes ahnen. Auf diese Befürchtungen erwiderte Peter Gast in
einem Brief an Overbeck, den 12. Juli 1883: „Die Selbstmordmanie Nietz-
sches wird allen ihm näherstehenden Menschen Unbehagen machen. Der
beste Tod ist der, von ändern umgebracht zu werden (nachdem man schon
starke Wirkungen auf'die Welt ausgeübt hat), und der Tod aus Abnahme
der Kraft, den Epikur sich wünschte, hat nichts Abstoßendes weiter. Daf-
gegen dieser römisch-stoische, sehr schauspielerische, unser attitüdenfeind-
liches Gefühl beleidigende Selbstmord widerstrebt uns recht. Gegen einen
Freund, der midi einlädt, seinem freiwilligen Tode beizuwohnen, wüßte
ich nur eine Handlungsweise: ich würde ihm den Becher oder Dolch aus
der Hand schlagen, und ihm sagen, daß es weder eine rechte, noch eine
unrechte Zeit für seinen Tod gibt." Mit den perfiden Schlußfolgerungen ...
S. 284
ist eine allgemeine Moralforderung; wir erinnern uns an die Äußerung
Peter Gasts an Overbeck, Nietzsche sei kein Parkettmoralist wie Castiglione
oder andere Meister des Anstands und der Höflichkeit; Nietzsche komme
auf die Frage der Vornehmheit zu „als Vplksorganisator in einem demo-
kratischen Zeitalter." Nietzsche hat diese Eigenschaft...
S. 296/298
Peter Gasts an Overbeck Platz finden: Berlin, 13. Januar 1889
„Indem ich Ihnen, hochverehrter Herr Professor, als Schüler und Freund
Ihres großen Freundes, für alle die aufopfernde Sorge um ihn den heißesten
Dank sage" usw.
Die geschwärzten Stellen in C. A. Bernoülli 305

Berlin, 18. Januar 1889


„Ich habe in diesen Tagen nicht weniger als drei Briefe an Sie, verehrter
Herr Professor, geschrieben, sie aber nicht abgeschickt. Idi glaubte als
Freund Nietzsches, der doch für alles, was jetzt mit ihm geschieht, vor
einer langen Zukunft mit verantwortlich ist — ich glaubte als Freund
Nietzsches alles hervorsuchen zu müssen, was im vorliegenden außerge-
wöhnlichen Falle geltend gemacht werden muß und vielleicht in der
Psychologie regelrechter Irrenärzte nicht vorgesehen ist. Nun: d a ß ich
diese Briefe aber n i c h t abschickte, beweist Ihnen zur Genüge, daß ich
die Ungereimtheit meines Unterfangens bald einsah und mein Vertrauen
zu Ihnen nicht genügend zu erschüttern vermochte. Ihr gestriger Bericht
läßt über die Umnachtung Nietzsches keinen Zweifel/*
Berlin, 25. Januar 1889
„In ,Ecce homoc wird die ,Umwertung aller Werte* als fertig hingestellt,
nur fürchte ich, daß sich dies bloß auf den Gedankenkreis und nicht auch
auf die literarische Gestalt bezieht."
Berlin, 31. Januar 1889
»Es kann sein, daß Naumann mir Aufträge gab, die ich vergessen habe:
ich war ja durch die Nachricht selbst beinahe verrückt geworden und stehe
auch jetzt noch unter ihrem zerstörerischen Eindruck. Die beabsichtigte
Kopie von Ecce homo z. B. muß idb augenblicklich unterlassen. Jede tie-
fere Berührung mit den Zeichen von Nietzsches Geist muß ich für diese
schauerliche Zeit der Einsamkeit vermeiden ..... Wir wollen alle so wenig
wie möglich von Nietzsdte reden, damit er nicht noch andere Opfer
heischt.*
Berlin, 7. Februar 1889
„Seit Widemann fort ist, habe ich schauerliche Stunden erlebt: es gehört
wirklich viel dazu, über manches Viertel dieser Stunden hinwegzukom-
men. Vor acht Tagen fehlte wenig, daß ich aus dem Fenster hinunter auf
den Belleallianceplatz stürzte — nicht aus Selbstmordabsichten, sondern
vor Kopfschmerz und plötzlichem Schwindel,*
Peter Gast war also nur schon durch die Berichte von der Katastrophe
so angegriffen worden, daß er nicht nur sich selbst der Vergeßlichkeit
zeihen mußte in bczug auf den Nietzsdie-Nadilaß betreffende, ihm über-
bundene Auftrage, sondern auch in seiner seelischen Depression überhaupt
jede nähere Beschäftigung mit den Nadtlaßproblemen unterlassen mußte.
Gerade im Vergleich zu diesen seinen Geständnissen wächst Overbedb
Verhaken in dieser verhängnisvollen Zeit zu Kraft und Größe empor.
War Gast nur schon durch briefliche Mitteilungen so gänzlich entwurzelt
worden, wieviel mehr in es dann Overbcdt anzurechnen, daß er ab
306 Mazzino Montinärl

Augenzeuge der entsetzlichen Vorgänge den Kopf beisammenbehielt und


wochenlang auf Schritt und Tritt Verfügungen traf, mit denen er den
kranken Nietzsche und dessen literarisdien Nachlaß aus der größten Not
rettete. Peter Gast war nicht imstande eine Kopie vorzunehmen, Overbeck
sdirieb den Antichrist ab usw. Gasts Hingebung an Nietzsche ...
S. 300
völlig harmlos. Den 19. Mai 1890 hatte Gast an ihn geschrieben: „Mir
fällt hier ein, daß mir Nietzsche in den letzten Jenenser Tagen nochmals
sagte, es stehe ein großer Bücherkorb oben in S i l s - M a r i a bei
H e r r n D u r i s c h ; er nannte mir auch eine große Anzahl Titel der
Bücher, die darin sind. Vielleicht reisen £ie, verehrter Herr Professor,
diesen Sommer mit Ihrer Frau Gemahlin hinauf? Es wäre auch schade, wenn
die Sachen da oben verkämen und von Durisch, der ein Kaufmann ist,
etwa gar zu Düten verwendet würden.* Nietzsches Umgebung,.,
S. 302
vom 5. Januar 1890: „Von Widemann, der am 17. November von Ve-
nedig nach Genua ging, dort mehrere Menschen kennen lernte, die Nietz-
sche kannten (was man so ,kennenc heißt), z. B. Dr. Breiting, Kaufmann
Zilliken, Buchhändler Stenberg ." Zwischen Overbeck ...

Venedig aus (14. November 1889) auch von dem oben genannten Nietz-
sche- und Overbeck-Mitzuhörer Widemann einen mündlichen Gruß be-
stellen konnte. Da Overbeck all...
S. 308/319
Mann zu erhalten.
Sein keckes, unverfrorenes Benehmen schlägt den Willen derer
in Fesseln, die zu Nietzsches nächsten Hütern bestellt waren, der
Frau Pastor und Peter Gasts. Diese berichteten so enthusiastisch und ein-
dringlich an Overbeck, daß dieser es schwer hatte, überhaupt dem gesunden
Menschenverstand, der hier in erster Linie sich zu Gehör bringen mußte,
Geltung zu verschaffen. Werden sowieso Angehörige uiid Freunde eines
geistig bedeutenden Menschen stets aller Vernunft zum Trotz zum Aus-
bruch einer Gehirnkrankheit sich instinktiv gegen die Internierung in einem
Irrenhause wehren, so konnte von vornherein die bei aller partiellen
Verstandesschärfe eben doch vorwiegend empfindsame Musikernatur Peter
Gasts einer selbst abenteuerlichen Veranlassung, den teuren Kranken in Frei-
heit zu pflegen, nur die halbe Widerstandskraft entgegensetzen. Nichts
kann Gast von einer nachträglichen Kritik gründlicher entlasten, als daß
man einfach die Kurve verfolgt, in der er der an ihn herantretenden
Suggestion erlegen ist. Aus seinen Briefen an Overbeck läßt sich punkt-
Die geschwärzten Stellen in C. A« Bcrnoulli 307

weise eine eigentliche Tabelle aufstellen. Ehe noch Langbehn aufgetaucht


ist» trägt sich Gast mit dem Gedanken, dem Irrenarzt seine persönlichen
Vermutungen über die Ursachen von Nietzsches Leiden zu äußern; er
kommt aber von dieser Absicht wieder ab und bestätigt sein volles Zu-
trauen zur fachmännischen Behandlung Prof. Binswangers. Dann hört er
von Langbehns Absichten, ist aber sehr skeptisch gegen die von diesem
angestrebten Versuche, bis er ihn in Dresden aufsucht und vollständig von
ihm eingenommen ist. Immer aufs neue bekennt er sich als Langbehns
leidenschaftlichen Parteigänger. Erst als er selber Nietzsche wieder sieht,
bemerkt er die ersten Lücken in Langbehns Vortrefflichkeit. Jetzt fühlt er
sich bei dem Verkehr mit Langbehn nicht mehr begeistert, sondern aufge-
bracht, aber selbst als er die Unmöglichkeit dieses Auswegs zusehends
einsieht, schwindet dennoch die Nachwirkung des psychischen Eindrucks
nur sehr viel langsamer.
Ende Oktober 1889 erschien aus Dresden, wo er lebte, Dr. Julius
Langbehn bei Frau Pastor N. in Naumburg, nachdem er sich eine Stunde
zuvor mit einem Briefe angemeldet hatte, der seine innigste Verehrung
für Nietzsche und seine Bereitwilligkeit, alles für ihn zu tun, aussprach.
Diese erste Beratung beschränkte sich auf ein paar Stunden allgemeiner
Erwägung. Nachher erhielt sie von Dresden einen langen Brief, in dem
Langbehn seinen Plan des näheren ausgearbeitet hatte. So fragte Frau
Pastor N. bei Direktor Binswanger um die Erlaubnis, ob zunächst ver-
suchsweise der betreffende Herr vormittags und nachmittags je zwei
Stunden mit Nietzsche spazieren gehen dürfe. Prof. Binswanger ging auf
den Vorschlag ein, und Frau Pastor N. schreibt an Overbedk (21. Novem-
ber 1889): »Gestern vor acht Tagen kam auch sogleich der rührende gute
Dr. Langbehn (Schleswig-Holsteiner), und ich lernte in ihm von neuem
einen der gescheitesten und schätzenswertesten Menschen kennen. Mittwoch
früh um 8 Uhr kam er und blieb den Tag und Nacht hier und Donnerstag
früh 7 Uhr 20 Minuten fuhren wir nach Jena, stellte den Dr. dem Prof. B.
und den Ärzten vor und dieser Einer wieder meinem Fritz, und so gingen
wir vor der Anstalt, wo ein so enorm großer Platz ist, alle drei auf und ab.
Ich brachte bald das Gespräch auf Venedig, und es war eine wahre Freude
die beiden zu hören. Fritz, den Herrn Dr. an das schöne Gemälde erin-
nernd und begeistert darüber sprechend, zitierte kleine Verse, die er bei
der oder der Gelegenheit darauf oder dort darauf gemacht habe, erzählte
seine kleinen lustigen Begegnungen mit den Zollbeamten und sagte audb
zuletzt zum Dr.: , glaube, Sie bringen mich wieder auf den Damm/
Der Herr Dr. hatte sich darauf mit mir und einem dort studierenden Nef-
fen von ihm eine Wohnung gesucht und bat midi doch lieber nodb für den
ändern Tag da zu bleiben, damit er skh besser an ihn gewöhne, wenn idb
308 Mazzmo Montinari

noch die Vermittlerin sei. So tat ich es und ich hatte bei beiden Gangen
an dem Tag meine Freude, zwei so gelehrten und gescheiten Leuten zu-
hören zu können, und der gute Herr Dr. war von der Persönlichkeit des
guten Fritz ganz voll und entzückt und geht seitdem täglich mit ihm zwei-
mal spazieren und berichtet mir dann ausführlich, und Fritz hatte gestern
wieder zu ihm gesagt: ,Ich glaube, Sie werden midi retten*. Er hat aber
auch eine liebenswürdige Art mit ihm umzugehen, da er selbst eine kranke
Mutter, welche Verfolgungsideen gehabt hat, früher besaß und durch seine
Art und Weise mit ihr umzugehen, selbst ihre Umgebung in Staunen ver-
setzt hat, und der Herr Dr. schrieb damals unter anderem: ,Mehr Liebe als
ich Ihrem Sohn entgegenbringe, kann er — von seinen Angehörigen ab-
gesehen — bei keinem Menschen finden; /denn das ist unmöglich. Sein
Gedächtnis und seine Kenntnisse sind erstaunlich; er erinnert sich an alles,
was er erlebt hat und gelesen, und geht mit viel Verstand und Urteil auf
jede Einwendung oder Bemerkung meinerseits ein. Eine Ausnahme findet
nur statt, wenn er müde oder sonst körperlich angegriffen ist/ — Heute
schrieb Herr Dr. L. unter anderem, daß sich der gute Fritz über jede Auf-
merksamkeit wie ein Kind freue und sagt: ,Er ist ein Kind und ein König,
als Königskind, das er ist, muß er behandelt werden, das ist die einzige
richtige Methode/" Diese persönlichen Bemühungen Langbehns dauerten
vierzehn Tage. Er erledigte während dieser ,Zeit die Korrekturbogen zu
seinem „Rembrandt als Erzieherfc; länger konnte er es vor Nervosität
nicht aushaken, er reiste anfangs Dezember wieder nach Dresden zurück.
Das Zusammensein Langbehns mit Nietzsche hatte sein Ende dadurch
gefunden, daß Nietzsche im Beisein von Langbehn, von einem Zornanfall
ergriffen, den Tisch umwarf, mit geballten Fäusten fortstürzte und nach
dem Wärter schrie, worauf Langbehn sich nicht zu helfen gewußt hatte
und heimlich davonschlich. Nach seinem Weggang verfiel Nietzsche wieder
in größere Apathie und Dumpfheit, während die beiden Wochen des Um-
gangs mit Langbehn Frau Pastor N. als weitaus die besten des ganzen
Jahres erschienen waren; in ihrer Ratlosigkeit sehnte sie dessen Rückkehr
herbei und war von vornherein zu allen Zugeständnissen bereit.
Unterdessen hatte Langbehn sich Peter Gast aus Annaberg nach
Dresden kommen lassen, mit ihm eine lange Unterredung gehabt und sich
darin bereit erklärt, unter bestimmten Bedingungen sich Nietzsches wieder
annehmen zu wollen. Er schob nun alles das auf die Tyrannei der An-
staltsbehandlung und blieb dabei, Nietzsche werde wieder gesund werden,
wenn nur erst seine Pflege auf einem dem „Königskind" gebührenden
Fuße eingerichtet sei: den ersten Irrenarzt, die Mutter als Pflegerin, er
selbst als Gesellschafter und drei bis vier Wärter. £rau,Pastor N. zerbrach
sich in ihrer Fürsorge ernstlich den Kopf, wie diesen Anforderungen mit
Die geschwärzten Stellen in C. A. Bernoulli 309

den ihr zu Gebote stehenden Mitteln zu genügen wäre; sie ließ sogar die
beiden Wohnungen in ihrem Hause unvermietet, um jedenfalls ihrerseits
auf alles gerüstet zu sein. Die Entscheidung erfolgte durch die suggestive
Macht, die Dr. Langbehns Persönlichkeit bei dem erwähnten Zusammen-
treffen auf Peter Gast ausübte. Vorher dachte Gast noch völlig kühl und
nüchtern über dessen Pläne. Ober die Voreingenommenheit der Frau Pastor
für Langbehn äußerte er sich an Overbeck (14. November 1889): „Aus
mütterlicher Liebe und Schwäche wünscht sie lebhaft, ihren Sohn bei sich
zu haben. Ich denke aber, die strengen Vorschriften der Ärzte beruhen auf
Erfahrungen, über welche der Laie, eben aus Mangel an solchen, sich kein
Urteil erlauben darf. In Gesellschaft seiner Mutter würde er ungefähr alles
tun dürfen, wa$ ihm gerade unzuträglich, schädlich wäre. Ich habe wirkli-
ches Vertrauen in diese modernen Ärzte und denke, daß Prof. Binswanger
sehr wohl weiß, w e n er in Nietzsche unter den Händen hat und wel-
chen unsterblichen Ruhm er sich erringen würde, wenn er diesen Mann
geheilt der Menschheit zurückgäbe.4* Gast stand, solange er noch ausschließ-
lich auf die Berichte der Frau Pastor angewiesen war, vor der Tatsache,
es bei Langbehn zwar mit einem vielredenden, unruhigen Menschen zu tun
zu haben, der aber gleichwohl auf Nietzsche einen wohltätigen Einfluß
ausgeübt habe, er wolle Nietzsche aus der Anstalt mit sich nehmen
und brauche jemanden, der die Frau Pastor von der Wohlgewogenheit
und Nützlichkeit seines Projektes überzeugen solle. Gast entschloß sich
also um so eher zu der Begegnung, als er sich sagen mußte, was denn einer
urteilen könne, der Nietzsche nicht vor der Erkrankung gekannt habe,
und das war weder bei Binswanger noch bei Langbehn der Fall. Noch am
Tage vor der Zusammenkunft steht er auf dem ganz ruhigen, verständigen
Standpunkt: „Gegen Langbehn werde ich meine Hoffnungslosigkeit ver-
schweigen. Da N. in der Tat von jener Irrenanstalt ohne jede Auszeich-
nung und nur nach dem allgemeinen Schema behandelt zu werden scheint,
so werde ich, falls ich midh von der Zweckmäßigkeit des Langbehn sehen
Vorhabens überzeugen kann und überhaupt den Eindruck der Solidität
und jener Lauterkeit erhalte, welche das Abzeichen tüchtiger, aus festge-
griindeten Häusern kommender Menschen sind — mich seiner Idee nicht
widersetzen. Aber auch nur dann nicht. Denn ich habe beobachtet, daß
die Zahl jener Leute nicht klein ist, die sich mit großer Selbstgewißheit
dorthin drängen, wo sie sich zti Wohltätern aufspielen können und schließ-
lich eine zu geräuschvolle Anerkennung, unter Schädigung des Ansehens
der betroffenen Person, von der öffentlichen Meinung fordern. Hier aber
— nach jenem ersten, fast vicrwöchendidien und wohl aus reiner Begei-
sterung unternommenen Versuch zu urteilen — scheint ein so pcssirnisti-
sdKer Gedanke nidbt erlaubt,*
310 Mazzino Montinari

Die Unterredung zwischen Gast und Dr. Langbehn fand am 6- Januar


1890 in Dresden statt mit dem Ergebnis einer vollkommenen Bekehrung
Gasts und seiner Verwandlung in einen blinden Anhänger der Langbehn-
sdien Forderungen. Dr. Langbehn, eine imposante Erscheinung, Charakter-
kopf, 38 Jahre alt, trat sehr entschieden und schneidig auf, so daß Gast sich
sofort sagte „ein Mensch aus dem Vollen, ein genialer Mensch!" Er war
aus purer, lauterer Begeisterung für Nietzsche und weil er fürchtete, „daß
an Nietzsche dieselbe Barbarei wiederholt werde, die man an Hölderlin
und Robert Mayer ausübte", nach Jena gegangen. Nun machte er Gast,
der Nietzsche seit seiner Erkrankung noch nicht wiedergesehen hatte, die
Hölle heiß: Nietzsche werde in der Anstalt als verkommener, in Italien
verbummelter und verrückt gewordener Professor behandelt — was, als
Professor? — als Gefangener und Sträfling! Nichts von Beobachtung und
Studium des Kranken, nichts von sogenannter moderner Wissenschaft —
Wärter, die ihn fassen und ihren Spott mit ihm treiben, während er alles
ganz genau weiß und als grauenhaft unheimlich empfindet. Überhaupt sei
Nietzsche nur infolge von Überarbeitung nervenermüdet; er, Langbehn,
kenne mehrere Leute, die schlimmer als Nietzsche waren und vollkommen
wieder hergestellt wurden, unter anderm einen General, der jetzt wieder
in Diensten stehe. Gast war fassungslos. Langbehn belegte seine Behaup-
tung, wie klar Nietzsche sei, zum Beispiel damit, dieser habe ihm den
mathematisch beweisbaren Satz der unendlichen Repetition aller kosmi-
schen Entwidklungsreihen vordemonstriert und überhaupt alle seine Pro-
bleme mit ihm in total vernünftiger Weise besprochen. Oder: man sprach
von deutschen Stoikern, also auch von Seume. ,Seumes Vater habe ich ge-
kannt', sagte Nietzsche. Dieses war das stärkste von Wahn, was Langbehn
an Nietzsche erlebt haben wollte; aufmerksam gemacht, daß es unmöglich
sei, lachte Nietzsche selber. Um geschaffen zu sein zur Aufrichtung Nietz-
sches, machte Langbehn vor Gast geltend, muß man ihm auf einsichtsvolle
Weise widersprechen; Nietzsche hat der Widerspruch zu sehr gefehlt; es
schadet gar nichts, daß einer kommt und ihm sagt: Sie halten das Dionysi-
sche für das Zeichen h ö c h s t e r Gesundheit, höchsten Lebensüberflus-
ses, — das Dionysische ist aber d o c h schon ein V e r f a l l s s y n i p t o m ;
der Intellekt hat hier nicht mehr die ganze Gewalt über die Lebenskraft,
hält die Zügel nicht mehr fest in der Hand. Das Dionysische setzt eine
beginnende Schwäche des Zerebralsystems voraus usw. Der gesunde Grieche
ist der homerische, der doch nichts vom asiatischen Bacchos kennt. Nach-
dem Nietzsche ein Jahr lang mit keinem ihm gewachsenen Menschen ge-
sprochen habe, sondern wie in eine Menagerie eingesperrt gewesen sei, sei
es nicht zu verwundern, wenn er unter derartigen Gesprächen aufgelebt
habe und sein Geist über dem kongenialen Umgange erstarkt sei.
Die geschwärzten Stellen in C. A. Bcrnoulli 311

Nach diesen Eröffnungen Langbehns hatte Gasts treues Jüngergemüt


keine ruhige Stunde mehr. Er setzte sich sofort hin und schrieb an Frau
Pastor N. vorbereitend, an Overbeck hingegen rückhaltlos offen (Dresden,
7. Januar, 9 Uhr früh): „Dr. Langbehns Einfluß auf Nietzsche ist e r -
p r o b t , — und ich kann mir ganz gut denken, daß dieser radikale,
scharfsehende und dabei tief humane Mann Nietzschen imponiert; er ist
ihm, als wohlsituierter Mensch, der seinem Geiste die umfassendste Welt-
ansicht geben konnte, durchaus gewachsen. Er verlangt, daß Nietzsche aus
der Anstalt entfernt und hier nach Dresden in seine Nähe gebracht werde
— n i c h t in eine andere Anstalt, sondern in private Behandlung und
unter Aufsicht eines Wärters. Dr. Langbehn wird dann die vor- und nach-
mittags je zweistündigen Spaziergänge hier fortsetzen. Die Kosten bestrei-
ten zum Teil einige hochgesinnte Herren, die Nietzsches Anhänger sind.
Ein Hauptpunkt ist der: er fordert die Vormundschaft über Nietzsche auf
zwei Jahre, Nur u n t e r d i e s e r B e d i n g u n g unternimmt er die
Pflege; denn die Mutter Nietzsches ist allem kleinstädtischen Geschwätz
zugänglich und würde ihm jeden Augenblick seinen methodisch ausgedach-
ten Plan durchkreuzen. Hat sie es doch sogar zu sagen fertig gebracht,
daß sie ihren Sohn nicht nach Naumburg nehme, wegen der Meinung der
Leute, und wegen der Unbequemlichkeit, ihre Logisherren zum Teil aus-
quartieren zu müssen!! Ich habe gestern an Frau Pastor geschrieben; es ist
ohne Frage nötig, daß Sie, vereintester Herr Professor, die Sache auf mei-
nen Eindruck und meine Verantwortung hin, mit befürworten. Audi an
Dr. Fuchs habe ich in diesem Sinne berichtet. Von Annaberg aus werde ich
es auch noch an Widemann (durch seinen Vater) tun. Wir sind mitschuldig
an den Freveln, die an Nietzsche begangen werden. *
Auf diese gewichtigen Eröffnungen antwortete Overbeck Gast in einem
Briefe vom 9. Januar 1890 zuwartend sachlich: „Ich schreibe nach Jena an
einen mir dort von der Zeit meines Privatdozententums her bekannten
Arzt, nicht als solchen, sondern weil mir sonst niemand einfällt, an den ich
midi dort in dieser Weise wenden konnte, mit der vertraulichen Anfrage,
ob er mir, was ich von der Behandlung Nietzsches erfahre — andere Namen
als dieser bleiben natürlich ungenannt — als möglich bestätigen kann. Wel-
chen Erfolg idh damit haben werde, weiß ich freilich nicht, da idi nichts
über die Information meines Korrespondenten in dieser Sache weiß, oder nur
die ihm dafür zu Gebote stehenden Quellen, auch, ungeachtet alles person-
lichen Zutrauens, das idh habe, doch nicht recht weiß, inwiefern Rücksichten
der Kollegialität mir im Wege sein werden* Dodb ist dies für mich ein kapi-
taler Punkt, der vor allem, soweit es für midi möglich ist, aufgehellt wer-
den muß* Ein einziges Mal soll Nietzsche divagim haben — über R. Seumes
Vater — dagegen über die abstraktesten Probleme seiner Metaphysik sidi
312 Mazzino Montinari

völlig klar mit Dr. Langbehn unterhalten haben. Ich gestehe, daß ich ge-
rade an der Stelle des Symptoms der Erstarkung gern etwas anderes sähe;
was jetzt da steht, ist mir besonders unheimlich. Sie weisen midi ferner
auf den einsichtsvollen Widerspruch, den Nietzsche beim Dr. Langbehn
finde und fragen midi, was es sdiadet, daß Nietzsdie über das Dionysische
zurechtgewiesen wird? Gewiß nidits, aber worüber idi vor Staunen midi
nicht lassen kann, ist, daß in diesem Augenblick an solche Erziehung
Nietzsches gedadit wird. Und endlich · ist es mir auch zu stark, daß der
Doktor sich über Äußerungen Nietzsches sogar in Dingen von der Mutter
nidit eines besseren belehren lassen will, wo er gar nidits wissen kann, sie
jedenfalls mehr als er weiß... Noch ein Punkt, der midi beunruhigt: der
geringe Drang Nietzsches, der sich aus allepi, was ich erfahre, ersiditlich
macht, nadi der ihm zugedachten Befreiung."
Inzwischen waren auf Nietzsches Mutter die von Gast veranlaßten
Briefe von Naumann, Overbeck, Dr. Fudis und Widemann niedergeprasselt,
so daß die arme Frau nicht wußte wo aus noch ein, nicht zu reden von ihrem
Austausch mit Langbehn selbst. Dieser hatte sich sehr verstimmt über Over-
becks von Frau Pastor N. an ihn weiter geleitete Erwägung geäußert, wie
sehr man Prof. Binswanger für die bis jetzt erzielte Besserung Dank sdiulde,
wenn man an den Zustand denke, in dem sidi Nietzsdie ein Jahr vorher
befunden habe. Er intrigierte sofort bei Frau'Pastor N. gegen Overbeck:
sie höre, wie es scheine,.lieber auf einen Professor, der hundert Meilen weit
entfernt wohne und dessen Komplimente jedenfalls hintenherum für Bins-
wanger bestimmt wären; und da alle Professoren zusammenhielten und er
von „Professoren und Juden" nidits wissen wolle, so entsdieide sie sidi
also für die Professoren und er würde sich zurückziehen, falls sie ihn nicht
um Entschuldigung bäte und alles abbitte — was die gequälte Frau alsbald
tausendmal tat. Audi die Beziehungen zwischen Langbehn und Gast über-
spannten sich gleich infolge der launischen unberedienbaren und anmaßen-
den Art Langbehns; erst überschrieb er seine Briefe „Lieber Herr K.", dann
„Werter Herr K.", dann „Geehrter Herr K.", dann nannte er ihn einen
„sauberen Patron" und schloß: „Ihre Grüße verbitte idi mir." Gast hatte
sich seinerseits am 20. Januar nach Jena verfügt und sdireibt Overbeck von
da (21. Januar 1890): „Nadi 2*/4 Jahren sah ich heute unsern großen
Freund wieder — Sie können sich denken mit zerrissenem Herzen. Er er-
kannte midi sofort, umarmte und küßte midi, und durch sein oftmaliges,
entzücktes Handgeben'schien er sagen zu wollen, daß er kaum an meine
Gegenwart glaube. Idi bewunderte sein Gedächtnis, bemerkte aber auch
(was Dr. Langbehn nicht kontrollieren konnte), daß er hie und da Falsches
dazudiditete, ja ganz sdiauerlidie Perspektiven daran knüpfte. Zuweilen
ist er vom früheren Nietzsdie nidit zu unterscheiden; öfter aber fällt doch
Die geschwärzten Stellen in C. A. Bcrnoulli 313

sein Aus-dem-Gleidigewidit-gebraditsein ins Auge. Sein Lachen ist gewöhn-


lich heiter, kann aber auch unheimlich werden; Anwandlungen von Jähzorn
und ganz eigenes Erpichtsein auf Kleinigkeiten kommen ebenfalls vor. Am
besten ist er durch Biskuits usw. abzulenken. — Ich gehe nun täglich mit
ihm spazieren.* — (Jena, 26. Januar 1890): „Ich verstehe Ihre Erregtheit
über Dr. Langbehn vollkommen; mich selbst hat er schon so aufgebracht,
daß ich ihn am liebsten geohrfeigt hätte. Ich habe es aber — mit außeror-
dentlicher Selbstbezwingung — zuwege gebracht, auf seine Invektiven n i e
zu antworten, n i e einzugehen: ich tat, als wären sie nie geschrieben wor-
den. Diese Erhabenheit über sein unausgegorenes Temperament muß ihm
tief imponiert haben. Er befleißigt sich jetzt derselben Gemessenheit. — Als
einsamer Mensch verfällt er, während er bei t£te 4 t£te der feinste, liebens-
würdigste Mensch ist, in den Fehler, alles schief und mit grenzenlosem Miß-
trauen aufzufassen. In seinen Briefen wirft er fortwährend mit moralischen
Worten (Mangel an Offenheit, Ehrlichkeit, Lug und Trug usw.) um sich.
Aber das sind Leiden sehr sensibler Menschen, Er ist dennoch und trotzalle-
dem ein bedeutender Mensch (sowenig ich im ganzen mit ihm übereinstim-
me, so respektiere ich doch seine Weltansidit als tüchtig und außerordent-
lich gebärfähig). Für Nietzsche, eben weil er N i e t z s c h e erst später
kennen lernte, wäre er als Präzeptor usw. unübertrefflich. Er liebt Nietzsche,
aber dies genügt zur Erziehung (seine ungemeine Begabung und Wissen ein-
gerechnet). —*
Sogar nachdem Gast volle vier Wochen in Jena um den kranken
Nietzsche herum gelebt hatte und die Überzeugung aussprach, Langbehn
würde schon nadi vierzehn Tagen die Vormundschaft satt haben, glaubte
er ihn doch im Prinzip noch halten zu müssen, trotzdem nun auch Frau
Pastor N. nicht mehr wollte. Er sdireibt Overbeck (20, Februar 1890):
„Einer richtenden Nachwelt bin ich es schuldig, diesen Mann Nietzsdhen
zu erhalten. Warum sollte der Teufel nicht einmal durch Beelzebub ausge-
trieben werden können? — K e i n zweiter Mensch von den geistigen
Qualitäten Langbchns wird sich wieder bereit finden, eine Verpflichtung,
Nteczsdien zu behandeln, auf zwei Jahre zu übernehmen. Der Mann ist
38 Jahre alt, steht also auf dein Gipfel seiner Kraft, hätte daher in einer
ä n d e r n Weise an sich selbst zu denken, als er es in unserer Angelegen*
heit tut. Weder Sie, verehrter Herr Professor, noch Widemann, nodi auch
idb, könnten eine solche Verpflichtung übernehmen, einfach weil wir *es
unsern Anlagen (die uns vielleicht wenig zum Krankenwärter qualifizieren)
schuldig sind, sie ab solche zum Leuchten zu bringen* — (Die Frage, welchen
Gefallen man Nietzschen täte, wenn man ihn wieder zum Leben erwedkte,
muß icb uncrörtert lassen« Ich glaube, er würde uns ungefähr so dankbar
sein, wie einer, der in den Strom springt, um sich zu töteu, und nun von
314 Mazzino Montmari

einem dummen Esel von Rettungsmann lebendig herausgezogen wird. Ich


habe N. in Zuständen gesehen, wo es mir — schauerlich! — vorkam, als
fingiere er den Wahnsinn, als sei er froh, daß er so geendet habe! Die
Philosophie des Dionysos könnte er höchstwahrscheinlich nur als Wahn-
sinniger schreiben, — geschrieben ist sie ja noch nicht, obwohl er sie bereits
aufgezeichnet zu haben glaubt.) — In summa: die Welt hat das Recht, einen
Mann wie N., der seiner Zeit auf eine so unverdiente Weise zur Ehre ge-
reicht, auf alle Fälle erhalten zu seheii — was auch daraus entstehe. Ich
habe vor 10 Tagen in Naumburg selbst mit dem Vormundschaftsrichter ge-
sprochen, und da ich ihm die Sache aus solchen und ähnlichen welthistori-
schen Gesichtspunkten deutlich machte, schien er nicht abgeneigt; zunächst
verlangte er natürlich Auskünfte über Dr. I / a n g b e h n von Leuten, die
ihn länger und genauer kennen, als Frau Pastor N. und ich. Er ist, wie
gesagt, der einzige Mensch, der nicht nur e r k l ä r t , Nietzsche sei zu
retten, sondern der selbst d e n V e r s u c h m a c h e n will. Gegen
Nietzsche war Langbehn immer vorzüglich im Betragen, voll Aufmerksam-
keiten und Finessen. Kurz, i c h halte ihn, solange es geht."
Dieses sanguinische Vertrauen Gasts zu Langbehn erklärt sich nun doch
auch aus dem Eindruck, den dessen Buch „Rembrandt als Erzieher. Von
einem Deutschen" auf ihn, wie nachher im Laufe weniger Monate auf
Tausende und Abertausende ausübte. In den- ersten Februartagen über-
sandte ihm Langbehn ein Widmungsexemplar; Gast dankte voll aufrichtigen
Entzückens. Aus dieser faszinierten Stimmung heraus ist sein zähes Fest^
halten an Langbehn begreiflich. Immerhin mußte er stutzig werden, als er
bei seinem etwa am 9. Februar erfolgten Besuche in Naumburg die festen
Vertragsbedingungen einsah; Langbehn hatte nämlich Nietzsches Mutter
das folgende Schriftstück zugemutet: „Die Unterzeichnete verpflichtet sich
hierdurch an Eidesstatt, für den Fall, daß die gerichtliche Vormundschaft
über ihren Sohn Friedrich Nietzsche dem Dr. Julius Langbehn übertragen
wird, jeden schriftlichen und mündlichen Verkehr mit dem letzteren —
während der Zeit seiner Vormundschaft — zu meiden. Sie verpflichtet sich
ferner an Eidesstatt, bezüglich etwaiger von ihr beabsichtigter Besuche bei
ihrem Sohn — während der Zeit jener Vormundschaft — den Weisungen
des Dr. Langbehn Folge zu leisten; insbesondere ihn von der Zeit ihrer ev.
Ankunft und Abreise bei ihrem Sohn im v o r a u s zu benachrichtigen.
Selbstverständlich wird der Unterzeichneten — unter den obigen Bedingun-
gen der Besuch bei ihrem Sohn jederzeit gestattet sein, wenn sein Gesund-
heitszustand oder sein geistiges Befinden dem nicht entgegensteht." — Nun
riß auch Frau Pastor N. die Geduld; doch wagte sie nicht, mit Langbehn
sofort den Verkehr abzubrechen, da Gast ihr zu bedenken gab, Langbehn
werde, wenn man ihm die Vormundschaft nicht gebe, einen zweiten Titel
Die geschwärzten Stellen in C. A. Bernoulli · 315

nachahmen und ein Buch sdireiben: „Der Fall Nietzsche". Die Nachfor-
schungen des Vorraundsdiaftsgerichts über Langbehn blieben erfolglos, da
von seiten des Verlags jede Auskunft über die Persönlichkeit des Anony-
mus verweigert wurde.
Overbeck, dem mit diesen Mitteilungen der Frau Pastor auch Gasts
Widmungsexemplar des Rembrandtbudies zugekommen war, schrieb darauf
an Gast (Basel, 16. Februar 1890):...
S. 321
Kehrreim entgegentönte: Dr, Langbehn ist ein grandioser Mensch", so
mahnte der in Overbeck ...

der Basler Fastnachtsferien. Hatte sich Gast noch am Donnerstag gegen


Overbeck brieflich so gut wie mit Langbehn solidarisch erklärt, so setzte
sich Overbedk bereits am darauffolgenden Samstag auf die Bahn und er-
schien am 23. in Jena. Dort sah und sprach ...
S. 322
6 Uhr in der Stadt; das vorläufige Zimmer befand sich über dem Gasts,
so daß er gleich hinaufeilen konnte, sobald es etwas gab. Einmal hatte sie
die Brille des Sohnes geputzt, wobei das Glas aus dem Goldgestell fiel.
Nietzsche fing an zu weinen: »Aber Mutter, was hast du nun gemacht!"
Doch war er sofort wieder heiter und vergnügt, als Gast kam und das Glas
wieder in Ordnung brachte. Als sich das Zusammenleben...
S. 339/348
zu besorgen.
Hierüber schrieb ihm Gast (l L Juni 1890): „Ich denke, die sanfte
Direktive zum Verständnis (von Zarathustra IV, zu dem er Over-
beck eine Einleitung vorlegte) ist nicht ganz überflüssig, selbst für ein so
intelligentes Wesen wie Brandes nicht. Die seitherigen Erfahrungen lehren,
daß der Zarathustra den Leuten unglaublich fremd klingt und daß sie über
der bloßen Klangfarbe sofort vergessen, was sie gelesen haben* Spitteler,
Brandes, Hansson — sie sind viel zu (—) zur Resonanz für dieses Werk.
Das Gedicht ,O Mensch gib acht —* liest Brandes z. B. wie die Verschen
unserer Herren Lyrid; von der grandiosen Abweisung des Pessimismus auf
Grund einer ganz simplen Sinneswahrnehmung in den vier Zeilen:
tief ist ihr Weh
Lust —- tiefer nodi als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
doa alle Lust will Ewigkeit —
h ö r t er gar nichts, Ja, er hat für das ganze Werk keine andere Bezeich-
nung als: ,ein s o n d e r b a r e s Buch*! (er meint wahrscheinlich fmerk-
316 Ma/,?jfu> Montinari

würdig'); ab einem Juden sei ihm diese wippchenhafte Begriffsverman-


schung verziehen. Ist er doch imstande zu sagen; zwischen dem darwini-
sehen ,Kampf ums Dasein* (dem jSelbsterhaltungstrieb' Spinozas) und dem
Nietzsdbischen , Willen zur Macht* sei ,kein Grundunterschied vorhanden*
(S. 77), N. wäre außer sich gewesen über soviel Laxheit in der prinzipiellen
Fassung der Begriffe* Den Stil des Zarathustra nennt er ,sicher u n d z u -
w e i l e n groß', Z u w e i l e n groß! (^ ). Er hat keine Ahnung,
wie erhaben selbst im Burlesken Zarathustra ist! und auf welchen Voraus-
setzungen dieser Stil ruht: höchste Vernunft und Pathos, — die Beieinander
gab es bisher, zumal in dieser Pracht, noch nie auf Erden. Das meiste der
existierenden Hymnen (in den Veden, Bibel,/Koran usw.) ist Aberglaube,
für uns also unbrauchbar und langweilig". — Über die Angelegenheit
de Hessem und die inzwisdien bei Fritzsch als Broschüre erschienenen bei-
den Nietzsche-Aufsätze Ola Hanssons referiert er an Overbeck (21. Septem-
ber 1890): „Von Nietzsche wußte ich lange nichts, bis mir vor mehreren
Tagen seine Mutter schrieb. Sie schickte gleichzeitig folgenden Brief von
Louis de Hessem, um dessen Übersendung willen ich hauptsächlich zur
Feder greife* Soweit sein Ersuchen ein komplettes Rezensionsexemplar
Nietzsches betrifft, gehört es an die Adresse der Herren Fritzsch und Nau-
mann. Soweit es aber das Recht der Übersetzung anlangt, gehört es der
Frau Pastor zu. Ich habe ihr einstweilen geschrieben, daß die Sache nicht
unwichtig ist und möglicherweise ein hübsches Sümmchen abwerfe. Denn
sobald Nietzsche französisch erscheint, gehört er dem Buchhandel der gan-'
zen Welt an, Fritzsch und Naumann habe ich um Absendung der Bücher
an de Hessem gebeten. Es wäre außerdem an diesen zu schreiben, daß der
V e r l e g e r von etwaigen Übersetzungen sich mit den Rechtsnachfolgern
Nietzsches zu verständigen habe. Indessen hielte ich es für vorteilhaft, der
Mann erführe noch nichts von Nietzsdbes Geistesumnachtung: diese Kunde
stört den unbefangensten Menschen. Frau Pastor Nietzsche stellt uns ganz
anheim, in dieser Angelegenheit zu tun, was wir für gut finden. Ich frage
nun Sie, verehrter Herr Professor, ob S i e an de Hessem schreiben wollen,
oder ob i c h dies tun soll Auf alle Fälle hätte Ihre Verwendung ein hun-
dertmal bedeutenderes Ansehen als die meinige; und ich — vermöchte die
Korrespondenz nur in deutscher Sprache leidlich zu führen. — Fritzsch hat
vor einigen Wochen die beiden Aufsätze Ola Hanssons (,Unsere Zeitc und
Frankfurter Ztg.) zusammendrucken und als Einführung in Nietzsches
Schriften erscheinen lassen, Sie werden das Heftchen mit dem abscheulichen
Holzsdhnitt-Porträt kennen und sich über die unglaubliche Ungeschicklich-
keit Fritzschens gewundert haben. Ein Verleger, der selber ausposaunt, sein
Autor stamme aus einer zur Verrücktheit neigenden Familie! Daß damit
Die geschwärzten Stellen in C. A. Bcrnoulli 317

die Wirkung Nietzsches einfach zu vernichten wäre, fühlt der Phlegmatikus


nicht. Der ganze Altweibertratsch über Nietzsches Familie aus der Frank-
furter Zeitung vom Verleger als Empfehlung mit abgedruckt! Wie klug!"
— (Annaberg, 14. November 1890): »Jetzt weiß ich auch, wer die Quelle
fürHanssons Angaben über Nietzsches Familie ist: ( ). Im Gespräch laßt
man sich ja dergleichen Intima gefallen. Aber in einer Broschüre? Hansson
hat jedenfalls auch manches übertrieben und mißverstanden. Heinze meint,
mit der Angabe, daß Nietzsches Vorfahren zur Geistesstörung disponiere
gewesen seien, habe Hansson dem Ansehen Nietzsches einen G e f a l l e n
zu erweisen geglaubt; jetzt sei die Theorie im Schwange, daß das Genie aus
einer halbverrückten Familie entstehe; so habe Gwinner beispielsweise einige
Vorfahren Schopenhauers für geisteskrank befunden und dies mit einer
gewissen Genugtuung in Schopenhauers Biographie angeführt. — Nun, wir
ändern, die wir nicht alle Moden in der Psychiatrie mitmachen, freuen uns
schon mehr, ein Genie aus einer gesunden Familie herauswachsen zu sehen,
Goethe z. B. Ich kenne die Antenaten Nietzsches nicht weiter; soviel ich aber
weiß, stammte die Gehirnerweichung seines Vaters von einem Sturz über
die Stufen, war also rein mechanisch, von außen verursacht» Der Sohn war
damals längst gezeugt. Den Gedanken, daß er ums 35. Lebensjahr herum
sterben werde wie sein Vater, hat mir Nietzsche mehrmals ausgesprochen
( n i c h t , daß er Gehirnerweichung bekommen werde); ich habe aber im-
mer darauf geantwortet ^Aberglaube!' Was brauchte er zu seinem großen
physischen Schmerzen auch noch die eingebildeten?"
Zu Ende des Jahres 1890 traf Nietzsches Schwester aus Paraguay zu
einem dreivierteljährigen Besuche in Europa ein. Ihr Wiedersehen mit dein
Bruder fiel bereits in eine Zeit, da dessen Kräfteverfall fühlbarer wurde;
in der verhältnismäßig guten Krankheitszeit der ersten beiden Jahre hat sie
ihn also gar nicht zu Gesicht bekommen» Übrigens galt ihr Aufenthalt in
erster Linie der Regelung der durch den plötzlichen Tod ihres Gatten in
Verwirrung geratenen kolonisatorischen Angelegenheiten der Gesellschaft
„Neu-Germanien* in Paraguay. Hierüber berichtete Peter Gast an O ver-
beck (26- Februar 1891): »Sie ist für Nietzsche fast nicht zu haben: so über-
häuft ist sie mit Korrespondenz und so viel ist sie auf Reisen. — Zu ihrem
größten Leidwesen benimmt sich Nietzsche gegen sie im ganzen apathisch.
Dies ist aber jetzt überhaupt in seinem Wesen. Er spricht nur ganz wenig»
eine Unterhaltung ist mit ihm kaum mehr zu führen. Ein Lächeln/ein
KopfschüttcJn oder eine u n verhältnismäßige Bewunderung — das ist so
ziemlich alles, was sidh ihm abgewinnen laßt* Sein Gedächtnis hat im Ver-
gleich zum vorigen Jahr auf s bedauerlichste abgenommen: er findet sich in
seiner Vergangenheit nicht oder doch wenig mehr zuredbt. Im vorigen Jahr
hörte ich ihn am Klavier spielen und erstaunte noch über die Logik und
318 Mazzino Montmari

Steigerung in seinen Improvisationen: in diesem Jahr war das alles dahin.


Er hat gar kein rhythmisches Gefühl mehr, alles verworren und falsch! —
Sein Aussehen ist strahlend gesund, sein Gang lebhaft, wie früher; auf
Spaziergängen gerät er gern ins Laufen. Beim Vorlesen hört er aufmerk-
sam zu und scheint dem Sinne riditig zu folgen. Sehr zugenommen hat die
Willenlosigkeit. Aus eigenem Antrieb einen Sessel zu verlassen, der ihm
angewiesen war — ich glaube das kommt beinahe nicht mehr vor. Nur auf
Spaziergängen entwickelt sich noch die Eigenwilligkeit ein wenig — aber
auch nur als bloßes r a s c h e r e s Vorwärtsstreben als das des Mitgehen-
den. Bewußte Ziele seines Gehens gibt es nicht: ungeführt würde er fort-
während geradeaus gehen, solange der Weg kein unübersteiglidies Hinder-
nis bietet. — Wir fuhren auch zu Vier nach Schulpforta; dort wollte
Nietzsche nicht über die Schwelle zur Rektorwohnung, er deutete nur immer
mit dem Finger dahin und scheute davor, wie der Teufel vor Faustens
hingemaltem Drudenfuß. Ob er wohl wußte, daß. er hier an der Bildungs-
stätte stand, die für sein Leben nicht ohne Wichtigkeit war? Ich glaub* es
kaum! Denn er erkannte die örtlichkeiten (Inneres der Klosterkirche, Fried-
hof, Tanz wiese, Wirtschaftshöfe usw.) nicht als alte Bekannte wieder: es
war ihm alles neu.
„Es besteht wohl kaum ein Zweifel, daß sich Nietzsches geistige Über-
bleibsel besser erhalten haben würde, wenn er in Gesellschaft von Männern
gelebt hätte, die ihn tagtäglich in seine und ihre Gedankenkreise hinein-
gezogen hätten. Aber zu einer Wiederherstellung Nietzsches zum schöpfe-,
rischen Denker, wie sie Langbehn als in seiner Macht stehend bezeichnete,
wäre es niemals gekommen. Um die Meinung Langbehns zu haben, muß man
Nietzsche nicht als Gesunden gekannt, muß man keine Ahnung haben,
w a s in seinem Wesen in Stücke gegangen ist. Und dann: wo in aller Welt
hätten sich die Menschen von Wert gefunden, die sich der abstumpfenden
Aufgabe, täglich mit einem Irren zu verkehren, unterzogen hätten? Lang-
behn am wenigsten: Geduld war nicht seine Sache. Er würde nach sechs
Wochen die Flinte ins Korn geworfen haben! Er hat 14 Tage mit Nietzsche
verkehrt; in dieser Zeit ging Nietzsches geistiges Erwachen im schönsten
Crescendo vor sich. Was ich zirka l*/2 Monate darnach mit Nietzsche er-
lebte, war dasselbe: ein ganz auffälliges Zunehmen der geistigen Kräfte —
innerhalb der ersten 14 Tage; dann aber Stillstand, Rückschritt, wieder
Fortschritt usw. -— kurz er blieb im ganzen auf der Stufe stehen, die nach
den ersten zwei Wochen erreicht war. Ich nehme an, daß Langbehn ganz
das gleiche erlebt hätte, wenn er ausdauernd bei der Sache geblieben wäre,
und sich infolgedessen von seinem Amte zurückgezogen haben würde. —
Der 23. Februar 1890, der Tag Ihrer Ankunft in Jena, war Nietzsches
bester Tag, den ich an ihm als Irren erlebt habe: aber auch S i e , ver-
Die geschwärzten Stellen in C. A. Bernoulli 319

ehrtet Herr Professor, mußten den Gedanken an eine Heilung für völlig
aussichtslos halten.*
Die wichtigste Verfügung, die während des vorübergehenden Aufent-
haltes von Nietzsches Schwester getroffen wurde, war die Hintanhaltung
des vierten Zarathustra, im Augenblick, als der Verleger ihn ausgeben
wollte. Die Rezensionsexemplare waren bereits verschickt und nur eines
noch anzufertigenden Lichtbildes* Nietzsches Porträt, wegen hatte sich die
Ausgabe verzögert. Mit Nietzsches Familie war alles korrekt verein-
bart worden. Da im letzten Moment wurde die gegebene Zustimmung
telegraphisch zurückgezogen. Der Verleger bedauerte dies vor allem, weil
da zur gegebenen Zeit ein zweckmäßiger Anstoß unterblieb, die eben eini-
germaßen anhebende Nietzsche-Bewegung in Gang zu bringen; denn wenn
auch das Interesse für Nietzsche in der Leserwelt wuchs, so waren ihm doch
auf den entsdbeidenden Plätzen Berlin und Leipzig die Königlichen, Univer-
sitäts- und Stadtbibliotheken noch gänzlich verschlossen« Der Grund, wes-
halb in letzter Stunde die erteilte Erlaubnis widerrufen worden war, lag in
der inzwischen bei Nietzsches Mutter und Schwester aufgetauchten Befürch-
tung, der Staatsanwalt möchte das Buch mit Beschlag belegen lassen. Wieder
setzen die Berichte von Gast an Overbeck auch diese Angelegenheit allerseits
in ein deutliches Licht:
Annaberg, 14. November 1890
»Da fällt mir noch ein: Zarathustra IV samt den Gedichten ist letzten Mon-
tag fertig gesetzt worden, in 2—3 Wochen wird das Buch demnach auf dem
Markt sein können,
Lauterbach ist nicht Privatdozent, wie Frau Pastor schrieb: er ist
Privatgelehrter. Er wollte diesen Winter öffentlich auch Nietzsche vor-
tragen; Naumann und er selbst schrieb mir aber, die im Saale des Hotel
de Prasse angestellte Probe (vor einer Anzahl Fremden) sei nicht gelungen.
Er nimmt jetzt Unterricht bei einem Schauspieler. Aus einem mir mitgeteil-
ten Manuskript hatte ich einen guten Eindruck von ihm. Er kennt Nietzsche
aufs grundlichste; nur ist er noch nicht ausgereift; seine Verehrung ist ju-
gendlich. Was ihm hauptsächlich fehlt, ist der Humor; so bekommen seine
liefen Einsichten etwas gar zu Düsteres, mitunter selbst Hoffnungsloses,
Ich vermute, daß er einst einer der tüchtigsten Nietzsche-Kommentatoren
sein wird. Ich verkehre ziemlich offen und schonungslos mit ihm, was ihm
gerade recht zu sein scheint,**
Venedig, 4. April 1891
„Von der ganzen Sache erfuhr idhi erst gestern das erste Wort: und zwar
durch genannten Lauterbach* welcher im Auftrag Naumanns an mich
schrieb. Wenn idi nicht » d u r c h d r ü c k t e * , müsse er alles liegen lassen
— habe Naunu&n zu Lauterbach gesagt.
320 Mazzino Montinari

Ich schrieb sogleich an die Frau Pastor, Vor allem machte ich sie darauf
aufmerksam, daß ihr diese verspätete Zurücknahme ihrer von mir ganz
regelrecht eingeholten Zustimmung zur Publikation des Zarathustra IV,
3—400 Mark kosten wird, — wofür sie allerdings in den Besitz von 1000
Exemplaren des IV. Teils Zarathustra komme. — Von einer Veröffentli-
chung 20 J a h r e n a c h s e i n e m T o d e hat mir Nietzsche nie ge-
sprochen. Beim Anblick der hier bei mir in Venedig liegenden 35 Druck-
exemplare haben wir sogar mehrmals die Frage der Publikation besprochen.
Ja, diese 35 Exemplare wollte er dann Naumänn zum Vertrieb übergeben,
etwa zwei Jahre nach ihrem Druck. Später, als er ziemlich ausschweifende
Hoffnungen auf die Einträglichkeit seiner Schriften setzte, kam er freilich
davon zurück und zog wohl sogar eine Anzahl verschenkter Exemplare
wieder ein. — Der Zarathustra wendet sich zwar an eine Art überzeitliches
Publikum; er spricht aber doch eine Menge Dinge und Gefühle aus, die
unbewußt in den vornehmsten Menschen unseres Zeitalters schlummern.
Nietzsche kann noch sehr alt werden. Denken wir uns diesen IV. Teil (ohne
den ja das Werk unvollständig bleibt) erst nach 50 Jahren publiziert, so
kann es, bei dem immer rapideren Wechsel der Zeitstimmungen, kommen,
daß diese Publikation in eine Zeit fiele, welcher sie beinahe komisch er-
schiene. Ein Werk muß in der Zeit wirken, aus der es wuchs: sonst redet es
auch zu den Zukünftigen nicht. Ich führte der Frau Pastor „Werthers Lei-
den" an. An diesem Werke genießen wir alles mit, was die damalige mit-
lebende Generation da hinein- und herausempfand. Dieses Werk, anstatt
1774, erst 1852 publiziert, würde beinahe einen lächerlichen Effekt ge-
macht haben. — Ich weiß nicht mehr, was ich gestern alles an Frau Pastor
geschrieben habe; ich weiß nur noch, daß ich schließlich die Verhinderung
des Erscheinens einen F r e v e l an dem großen Namen Friedrich Nietzsche
sowohl, wie an der Mitwelt, nannte — mit welchem Frevel ein trauriger
Ruhm zu erlangen sei. — Eigentlich ist es zum Kranklachen, zwei gottes-
fürchtige Weiber und einen Landpfarrer über die Veröffentlichbarkeit von
Schriften eines der ausgemachtesten Antichristen und Atheisten zu Gericht
sitzen zu sehen. Augenblicklich fehlt mir aber der Humor zum Lachen."

Venedig, 14. April 1891


„Die Äußerung, Nietzsches Zarathustra IV solle erst 20 Jahre p. m. erschei-
nen, ist nur einer momentanen Laune Nietzsches zuzuschreiben. 'Nietzsche
liebte es, seinen Unterrednern zuweilen in dieser aussichtslosen Weise ge-^
spannt zu machen, ·— auch zu mystifizieren. Die Schwester sollte offenbar
Zarathustra IV n i c h t kennen lernen. «*· Nichts anderes wollte er damit.
Denn am wenigsten würde er wohl seine Schwester dazu auserkoren haben,
alleinige Mitwisserin und Vollstreckerin eines solchen über den Tod hinaus-
Die geschwärzten Stellen in C. A* Bernoulli 321

reidienden Willens zu werden! Da hätte er viel eher an Sie oder midi ge-
dacht! Ich weiß aber nichts von diesen 20 Jahren — im Gegenteil weiß ich,
daß er die Sekretierung des Werks für unpraktisch hielt. Zu mir sagte er
öfter, ich möchte später sein Herausgeber bei neuen Auflagen usw. werden:
es wäre doch auffällig, daß er mir da eine solche Verfügung nicht mitgeteilt
hätte,"
Annaberg, 26. Februar 1892
„Am 4.—6. Februar war ich wieder einmal in Naumburg ... Nietzsche
taute erst am 3. Tag meines Dortseins etwas auf; die beiden ändern war er
sehr still, saß gewöhnlich in der Sofaecke und betrachtete seine Hände, wie
als ob er sich wundere, daß sie noch zu ihm gehören. Nur selten hat er die
volle Aufmerksamkeit beim Anhören eines ändern. Auffällig war die Zart-
heit und Delikatesse, mit der er alle menschlichen Dinge behandelt, — ein
Zeichen, daß sie ihm innerlichst angeboren sind. Die größte Erregung zeigt
er beim Lesen: das Blut steigt ihm da zu Kopf und seine Rede wird zu
Gebell und Gepolter. Das beste ist da, man nimmt ihm das Buch .aus der
Hand. Von Verständnis dessen, was er liest, ist keine Rede mehr. Er liest
die Seitenzahlen, die erste Zeile und eine Zeile aus der Mitte der Seite, dann
wendet er um und macht es das ganze Buch hindurch so. Sein Aussehen war
gut; doch schien mir's, als sei es weniger blühend gewesen, als an seinem
letzten Gebunstag, den ich gleichfalls in Naumburg verbrachte. Bewun-
dernswürdig bleibt die Ausdauer der alten Frau Pastor; das Wissen um die
Nutzlosigkeit ihrer Bemühungen hat noch keinen Augenblick abschwächend
auf ihren Eifer gewirkt.*
Annaberg, 5. Januar 1893
„Das lememal in Naumburg hat midi Nietzsche nicht wiedererkannt. Zu
reden mit ihm war rein nichts mehr: er griff 2, 3 Worte aus dem, was man
ihm sagte, auf und wiederholte sie in der schnurrigsten Verbindung mit
ändern Vorstellungen. Beängstigend war das emphatische Wesen beim Le-
sen oder Monologisieren: ich hatte den Eindruck, daß er in diesem Zustand
seine Mutter möglicherweise einmal erschlagen oder erwürgen könne. Vor
2, 3 Wochen schrieb sie mir aber, diese Überreizung hätte sich inzwischen
verloren. —*
Am 9, Februar 1892 schloß die Firma C G. Naumann den Verlags-
kontrakt ab, als Generalvertreter von Nietzsches Werken mit Nietzsches
Schwester* die unmittelbar darauf Naumburg wieder verließ und nach
Paraguay zurückkehrte. In den folgenden anderthalb Jahren verwaltete
Herr Peter Gast das Amt eines Nictzsdbe-Herausgcbers ausschließlich als
seine Berufsarbeit und iag ihm mit großem Eifer ob; ab und zu unterbrei-
tete er O verbeck seine Gesichtspunkte oder gelangte an ihn um Rat und
Aufschluß, besonders über Dinge, die vor seine eigene Bekanntschaft mit
322 Mazzino Montinari

Nietzsche fielen, aus dem Anfang der siebenziger Jahre. Seine erste Tat war
der im Herbst 1892 erschienene komplette Zarathustra. Es folgte die Neu-
auflage der Unzeitgemäßen Betrachtungen, des „Menschlichen, Allzumensch-
lichen", der „Götzendämmerung" und des »Jenseits". Nietzsdie wurde jetzt
stark gelesen. Vom ganzen Zarathustra war zwei Monate nach dem Er-
scheinen beinahe die halbe Auflage verkauft. Zu diesen Neudrucken schrieb
Peter Gast seine geistreichen Vorreden. So entstand ganz von selbst von
den Unzeitgemäßen bis zur Genealogie der Ansatz zu einer Gesamtausgabe,
wobei man Band I offen ließ, — der Verleger dachte daran, ihn mit einer
Biographie Nietzsches zu füllen — und das Vorhandene als Band II—VIII
numerierte. Unabhängig davon, rein als Nachlaßfragment, sollten die drei
Abhandlungen „Homer und die klassische Philologie", „die Philosophie im
tragischen Zeitalter der Griechen" und „Homers Wettkampf" selbständig
veröffentlicht werden. Sein Fleiß trug auch auf außerdeutschem Boden
Früchte; besonders die Franzosen ließen sich jetzt die Kenntnis Nietzsches
angelegen sein. Im Mercure de France vom Januar 1893 veröffentlichte
Henri Albert einen Nietzsche-Essay, und schon im Jahre vorher hatte
Halevy im „Banquet" eine briefliche Notiz über Nietzsches Leben von Gast
gebracht, die ihm dieser gelegentlich der Übersetzung des „Cas Wagner"
zur Verfügung gestellt hatte —: „Eine kurze Biographie Nietzsches aus
meiner Feder in meinem Französisch!! Ich habe darüber recht gelacht!" —
schrieb er Overbeck und meldete zugleich, auch „lasocietenouvelle" (Bruxel-
les) habe neulich eine Studie über Nietzsdie gebracht von Dwelshauvers.
Allein schon durch diese rührige Emsigkeit hatte sich in Overbecks Augen
Gast ein Recht darauf erworben, fortan Nietzsches Nadilaß zu verwalten.
Da kehrte aber im September 1893 Frau Förster aus Paraguay nach
Deutschland zurück und nahm sogleich die Angelegenheiten ihres Bruders
in die Hand. Keine vier Wochen später, am 23. Oktober 1893, händigte
Gast in Leipzig den ganzen Nachlaß, den er zum größten Teil zu sich ge-
nommen hatte, an Nietzsches Sehwester aus; kurz vorher hatte ihm Over-
beck auch die Kopie von Eece homo zurückgeschickt. Frau Förster hatte ihr
Vertrauen einem vielseitig begabten, jungen Nietzsdie-Verehrer, Dr. phil.
Fritz Kögel, geschenkt, den sie bei ihrem ersten Europa-Aufenthalt in Ber-
lin durch Frau Cosima Wagner kennen gelernt hatte. Damit war ein Ge-
gensatz aufgerichtet zwischen den bisherigen Nadilaß Verwaltern Overbeck
und Gast, aus dem alsbald zunächst in Naumburg das Nietzsche-Archiv
entstanden ist. Neben diesem offenen Bruch der Schwester mit den beiden
nächsten Freunden kam es auch zu Reibungen zwischen Mutter und Toch-
ter, und Overbeck nahm Partei sowohl für jene als. für Gast gegen die
Schwester, wenn auch noch keineswegs in schroffer Form, aber doch schon
mit aller wünschenswerten Deutlichkeit darüber, daß seine Sympathien auf
Die geschwärzten Stellen in C. A. Bernoulli 323

der Seite derjenigen seien, die bis dahin für Nietzsches Person und Werk
die meiste Arbeit getan hätten* »Die Mutter*, pflegte er zu sagen, „hat
Nietzsche gepflegt und die Schwester hat ihn vertreten*.
Wer wird nach den mitgeteilten urkundlidi verbürgten Tatsachen dem
Märdien noch weiter Glauben zu schenken vermögen, vor Frau Försters
Rückkehr aus Paraguay hätte Nietzsches handschriftlicher Nachlaß gänzlich
unbehütet brach dargelegen? Overbeck soll keinen Finger gerührt haben,
und Gast hinwiederum in seinem freiwilligen Eifer viel zu weit gegangen
sein! »Weil sich sonst niemand fand, der den literarischen Nachlaß meines
Bruders sammeln, inventarisieren, hüten und veröffentlichen wollte" —
allein deshalb, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb, will sich
Nietzsches Schwester herbeigelassen haben, den Nachruhm des Bruders in
Regie zu nehmen. Wer sich aber von der Spontaneität, mit der dieser Ruhm
allerorten aufbrach, überzeugt hat, der wird nicht einen Augenblick zwei-
feln, daß für Nietzsches Nachlaß, indessen er selber im Schirm der Mutter-
liebe geborgen war, es an der notwendigen Fürsorge nicht gemangelt hätte.

4. Das Nietzsche-Archiv
Die Vorgeschichte bis zur Übernahme des Nachlasses durch die Schwe-
ster war deshalb hier so ausführlich zu erzählen, weil Overbeck dabei noch
sehr im Spiele war, weil die Quellen zu ihrer Kenntnis doch vorwiegend
sich in seiner Hand befanden und weil ohnedies nicht zu erwarten steht,
daß sonst je noch etwas davon von anderer Seite verlauten würde. Und
doch bleibt das Verdienst...
S. 359/360
Sie nahm die Zügel in feste Hände. Peter Gast mußte Overbeck melden,
seinen Bemühungen um Nietzsches Nachlaß habe die Ankunft der Schwe-
ster ein jähes Ziel gesteckt. Er schreibt ihm:
Annaberg, 19. September 1893
Es trat ein Ereignis ein, bei dem ich und die ganze Nietzsche-Sache in
Unruhe geraten mußte: — Frau Dr. Förster ist aus Paraguay zurückge-
kommen! Da gab es ein paar schlimme Tage, in denen ich am liebsten
meine Herausgeberschaft an den Nagel gehängt hätte. Bei ruhigerer Über-
legung sagte ich mir aber, daß ich doch Frau Dr. Förster nicht mit Friedrich
Nietzsche verwechseln dürfte!
Poststempel Annaberg, 13. November 1893. — Postkarte
Den Nachlaß habe ich am 23* Oktober der Frau Dr. Förster ausge-
händigt, in Leipzig. „Wer hat Sie denn eigentlich zum Herausgeber ge-
madbt*, fuhr sie midi an * . , Meine Vorreden sollen beseitigt werden. In
einer von Dr. Kögel (Verf. der vox Humana) aufgesetzten Notiz wurde
324 Mazzino Montinari

gesagt: Die Vorreden G.s seien „irrtümlich" mit in die Werke Nietzsches
gedruckt worden.
Annaberg, 17. November 1893
Wie will denn dieses Weib diesen Nietzsche verstehen? ... Ihre Ansicht,
gegen die düsteren Ahnungen Turas, Eisners, Prof. Steins usw. den ju-
gendlichen Basler Professor, wie er sich in den im Magazin publiziert
werden sollenden fünf Vorträgen „Über die Zukunft unserer Bildungs-
anstalten" darstellt, ins Feld zu führen, entbehrt nicht der Komik. Kurz,
sie hat gar keine ausreichende Vorstellung davon, w e r ihr Bruder ist,
und w a s er will. Ihre Kenntnis Nietzsches ist genau dieselbe, wie die
der Meysenbug, also auch nur so eine sanfte Freude an hohen Worten und
schönem Stil * . . Und im Betreff des Nachlasses kommt es darauf an, wie
sich Frau Dr. Förster benimmt: veröffentlicht sie Sachen, die in mein
Ressort gehören, dann scheide ich von den ganzen Angelegenheiten, nicht
ohne Bedauern, daß Frau Dr. F. um zehn Jahre zu früh nach Deutschland
zurückgekehrt ist...
Annaberg, 12. April 1894
Was Frau Dr. Förster innerlich wurmt, ist, daß Naumann zu w e n i g
zahlt; der Bogen 30 Mk. (Aufl. 1000) das ist ihr v i e l zu wenig. Man hat
ihr weiß gemacht, Cotta Nachf. z. B. hatte v i e l mehr gegeben! Mit der
Fürunrechtmäßigerklärung der Ges.-Aufl. sollten N.s Bücher womöglich
aus Naumaniis Händen kommen. Böse Zungen meinten schon: nachdem es
mit der Kolonie in Paraguay nichts gewesen und der Försterhof mit Ver;
lust verkauft worden sei, müsse jetzt Nietzsche herhalten: auf Ausbeute
dieses buchhändlerischen Geschäftes wird sich Frau Dr, F. jedenfalls ver-
stehen. Na, ich v e r d e n k e ihr's ja gar nicht — zumal seitdem ich
ihrem Kreise entlaufen bin; solange ich aber darin war, glaubte ich auf
eine Verschleierung brutaler Geldgier Anspruch zu haben." Umgekehrt lag
dem...
S. 362 zwei Brief stellen zu konfrontieren; Gast schrieb am 29. September
1893: ... „Die Lou, um von ihr zu sprechen, ist allerdings die feinst orga-
nisierte Nietzsche-Essayerin, und meine Beiseiteschiebung mag barbarisch
sein: aber vor nichts graut mir mehr, als vor einem Nietzsche, wie s i e ihn
schildert als. Gabriel Maxischen Neuropathen und Schwächling." ... Dazu
schreibt Frau Förster...
S. 365/366
nämlich aus „Feindes" Munde, zu entkräften; Peter Gast schrieb an Over-
beck den 14; April 1898 aus Annaberg: „Nietzsches. Gedichte sind mir
von Frau Dr. Förster gleichfalls zugesandt worden. Über die hineinge-
schriebene Widmung „Herrn Peter Giist mit den herzlichsten Grüßen v. d.
Die geschwärzten Stellen in C A. Bcrnoulli 325

Herausgeberin" hätte ich beinahe gelacht. Naumann ist von der engelholden
Dame wieder einmal beim Staatsanwalt verklagt worden. Sie weiß fast
nichts, ab die Menschen zu beunruhigen, zu quälen, zu schinden und mit
der offenbarsten Ungerechtigkeit zu beurteilen. Den Dr. Kögel, der ge-
arbeitet hat wie ein Trakehnergaul, nannte sie „faul" etc. — Ich selber
freue mich dabei, damals, als das Lama aus Amerika zurückkam, so kur-
zen Prozeß mit ihr gemacht zu haben. Trotz meiner Gutmütigkeit hatte
ich sogleich das Gefühl, daß wir untereinander nicht auskommen würden.
Für die Wirkung IsLs ist es freilidi ein Fehler gewesen, daß ich seiner
Sache entfremdet wurde: denn ich hätte sein Bild und seine Lehre in einer
ändern Weise in die Herzen zu pflanzen gewußt, als sie, nach so mancher-
lei Zeugnissen, in den Herzen der Zeitgenossen stehen/' Ein halbes Jahr
vorher hatte Gast Overbeck von Kögeis Weggang in Kenntnis gesetzt.
(Annaberg, 7. Oktober 1897): „Von Nietzsches Ergehen weiß ich gleich
Ihnen, verehrter Herr Professor, auch fast nichts mehr , , . Hinsichtlich
der Herausgeberschaft weiß ich jedoch genaueres. Dr. Kögel ist vom Archiv
fön. Seit er sich mit Fräulein Geizer verlobt hatte, begann sein Stern bei
Frau Dr. Förster zu sinken. Wie es scheint, duldet Frau Dr. Förster nur
Junggesellen um sich, also Leute, um welche die leise Möglichkeit einer
Liaison mit ihr schwebt. Jetzt hat es ihr Dr. Steiner angetan. Der soll die
Runen des letzten Nietzsche entziffern! Für mich ein schauderhafter Ge-
danke, — namentlich nachdem Dr. Kögel, der dazu immer noch das
meiste Talent gehabt haben würde, schon in den beiden letzten Bänden
so manches unrichtig entziffert hat. (Ich besitze zufällig ein von mir voll-
geschriebenes Heft Kopien vieler der dort abgedruckten Stellen ..,) So
fürchte ich denn, daß die Nietzsdieausgabe in offenbaren Unsinn ausläuft."
Die allgemeinen Voraussetzungen für ein dienstliches Verhältnis zu Frau
Förster charakterisierte Peter Gast sehr drastisch im Briefe vom 22. März
1899 aus Annaberg mit den Worten: „Eine öffentliche Kontroverse mit
Frau Dr. Förster wäre nur dann verlockend, wenn die Gegnerin belehrbar
wäre. Jeder Mensch um sie herum wird aber entweder zum Engel oder
zum Teufel, zum Goldmate oder zum Drachen. Stören wir ihre Phan-
tasrnagorie nicht! Decipiatur mundus. Was ist denn Historie anderes?"
Mit diesem freimütigen « , *
S, 380
Er schreibt Overbeck am l i. November 1899: „Dr. Arthur Seidl ist übri-
gens schon seit einigen Monaten vom Archiv weg. Er ging nach München,
seiner Vaterstadt, und zwar o h n e Verdruß mit Nie&sdies Sdbwester.
Jetzt ist dort Dr. Horneffer, ein wirklich ausgezeichneter Mensdh. Woher
ich das alles weiß? — Idi bin vom 11* bis 14. Oktober selbst in Weimar
gewesen! Idb erhielt im Laufe des Jahr« mehrere sehr umfangreiche Briefe
326 Mazzino Mominari

aus dem Archiv, die ich nicht beantwortete. Anfang; Oktober kam min ein
Brief, der mir die Herausgabe von Nietzsches Kompositionen ans Herz
legte, in einer Weise, die midi diesmal weder zum Lachen noch zum Weinen
brachte, und mir tatsächlich akzeptabel schien. Zufällig hatte ich in Weimar
in anderen Angelegenheiten zu tun, und so scheute ich midi nicht, zu dem
herrlichen Silberblick, vor welchem Weimar ungefähr wie Florenz von
San Miniato aus gesehen daliegt, hinaufzusteigen. Unser Wiedersehen war
natürlich, als wäre nichts geschehen. Erst am dritten Tage kamen wir auf
unsere Differenzen zu sprechen." Beiläufig gesagt betrachtete Overbeck
Gasts Annäherung an das Archiv als dessen reine Privatsadie; denn als
Gast sogar als Beamter ins Archiv eingetreten war, sah Overbeck des-
wegen von seinem Plane, Gast auf seiner Reise nach Deutschland aufzu-
suchen, nicht ab und bat sich nur aus, für seine eigene Person mit dem
Ardiiv völlig unverworren zu bleiben. Peter Gast schreibt ihm aus Weimar,
den 4. August 1900: „Dann dürfte ich hier die ungeheure Freude erleben,
Sie und die hochverehrte Frau Professor wiederzusehen. Daran, daß Frau
Förster uns ins Gehege kommen könnte, ist gar nicht zu denken. Sie tut
keinen Sdiritt in die Stadt: sie fährt nur noch in der Equipage, mit Kut-
scher und Diener in Livree auf dem Bock. Sie ist die reine Hofdame ge-
worden; als unterhaltliches Wesen in aristokratischen und Hof kreisen viel
begehrt."
Nietzsche war...
S. 381
ergreifend gewesen sein. Peter Gast schrieb Overbeck (Annaberg, 15. No-
vember 1899): „Das Archiv ist entzückend eingerichtet. Nietzsche ruht, in
ein weißes Flanellkleid gehüllt, oben den ganzen Tag auf dem Divan,
nicht übel aussehend, sehr ruhig geworden, einen träumerisch und mit sehr
fragendem Blidk ansehend. Als ich ihm auf dem Klavier, ganz sanft, das
Pria die spunti in ciel Paurora vorspielte, schien es wie aus der Tiefe sei-
nes verschwommenen Gedächtnisses aufzuleuchten; er klatsdite ganz matt
und fast unhörbar in seine Christushände. Gekannt hat er mich wohl
kaum mehr." Es wurden ihm noch ... .

heimlichen Adoration. Aus Venedig schrieb er an Overbeck, den 3. August


1891: „Jetzt trage ich mich sogar nebenbei mit der Idee eines Requiems
für Nietzsche, überall aufzuführen, außer in der Kirche." Hinter der über-
schwenglichen ...
S. 383/384
seiner Herrin geschützt werden? Gast schrieb an Overbedc aus Annaberg,
den 12. April 1894: „Unterdessen hatte ich Dr. Kögeln meine Disposition
Die geschwärzten Stellen in C. A. Bernoulli 327

der Gesamtausgabe geschickt, Dr. Kögel hat dieselbe als einzig mögliche
akzeptiert und Frau Dr. Förster zu ihr bekehrt.
A. von N, selbst herausgegebene Schriften und so l die, die auf der Höhe
der von N* selbst herausgegebenen stehen. Z. B.:
I. Band: a) Homer und die klassische Philologie,
Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen.
Homers Wettkampf,
b) Geburt der Tragödie.
II. Band: Unzeitgemäße Betrachtungen.
IIL u. IV. Band: Menschliches, usw. usw.
B. Philosophischer Nadilaß, Aphorismen, Entwürfe usw.
C. Philologika.
D. Kollegin
Es ist natürlich ärgerlich, jemanden erst gescholten zu haben, daß er
alles falsch gemacht habe, und hinterher des Gescholtenen Anordnung gut-
heißen und sich aneignen zu müssen. Naumann hat große Kosten dabei
gehabt, denn er mußte die Titelblätter entfernen und neue hineinmachen."
In die herausgeberischen Fähigkeiten Kögeis hatte Peter Gast volles Ver-
trauen; er schreibt Overbeck den 20. Mai 1897: „Da bin ich wirklich neu-
gierig, was Dr. Kögel aus den Hieroglyphen der letzten Zeit herausbuch-
stabiert hat* Er hat das Zeug, diese Sachen zu entziffern, audi den Verstand
und die Geduld. Wir müssen ihm sehr dankbar sein: und niemand in
höherem Maße als ich. Seine Ambition setzte zum Glück genau in dem
Punkte ein» wo meine Geduld erschöpft war.1* Bei jenem Entwurfe hat
Gast zwar noch im ersten Bande Nachlaßschriften mit bereits gedruckten
vereinigt haben wollen, und es mag ja sein . ..
S. 392
haben wir schon genannt. Auch schrieb Peter Gast an Overbeck den
22. August 1895: »Unter den vielen Bewerbungen um meine dem Thema
„Nietzsche* zu widmende Mitarbeitersdhaft ragt, neben der von der »Frank-
furter Zeitung*, diejenige Maximilian Hardens von der „Zukunft** (angeb-
liche Auflage 14 000) hervor. Er wünschte eine Besprechung vom »Laben
Friedrich Nietzsches** der Frau Dr, Förster. Ich will darüber aber schweigen«
Ich müßte das Buch loben, da es mir, trotzdem es mir ein wenig zu hold-
selig geraten scheint, gefällt. Ein Lob aber würde sich Frau Förster als
meinerseitigen Wunsch zur Ruckkehr ins „Nietzsche-Ardhiv* auslegen*
Nichts könnte mir jetzt ungelegener kommen, als diese Art Auslegung!
Ich bin ja froh und unsäglich dankbar, daß ich, zur rechten Zeit noch,
vertrieben worden bin.* Wie ein natürliches ...
S. 412
getragen hat; Peter Gast sdireibt Overbeck aus Annabcrg, den
Oktober 1896: »Nictzsdies Mutter, die sich in der Frau Fomcrschen
328 Marino Montmari

Biographie viel zu wenig berücksichtigt fühlt, will selber die Biographie


ihres Sohnes schreiben.91 Der Ausfall einer solchen
S. 415
»Menschliches, Allzumenschliches" (vgL Anmerkung 36). Um diese Zeit
(1899) erhielt er auch Nachrichten über das Archiv von Peter Gast,
dessen Annäherung an dieses eben begonnen hatte. Bereits über den
zweiten Halbband der Biographie hatte sich Gast an Overbedk erfreut und
lobend geäußert, wogegen Overbedk nichts einzuwenden fand, da auch
er ein dankbarer, empfänglicher und, wenn es ihm gerecht erschien, nach-
sichtiger Leser jener Darstellung gewesen war, die sich auf die von ihm
mit Nietzsche gemeinsam verlebte Zeit bezog. Er selber lag jreilid)...
S. 417
„Ich bin's nicht imstande" Am Tage vor Nietzsches Tod schrieb Peter
Gast auf einem Briefbogen des Nietzsche-Archivs an Overbeck (Weimar,
den 25. August 1900): „Das längst Befürchtete — Nietzsches Tod! —-
scheint heut oder diese Nacht eintreten zu wollen. Sie kommen gewiß,
das Antlitz des unsterblichen Freundes nochmals zu sehen, — wenn auch
vielleicht nicht auf diese Zeilen hin, so doch gewiß auf ein etwaiges Tele-
gramm, das Ihnen die Trauerkunde bringen wird. — Ermessen Sie meinen
Schmerz! Ich war noch vor wenigen Augenblicken an Nietzsches Lager.
Sein Auge und Gesicht hat auch im Todeskampf die volle Majestät, die es
in seinem bisherigen Zustand hatte. Trotzdem glaube ich, daß er bewußtlos
ist: er ist in dem Zustand, wo das Blut, infolge zu geschwächter Herz- und"
Lungentätigkeit, nicht mehr genügend Sauerstoff in sich aufnimmt und nun
sich mit Kohlensäure allmählich überlastet, so daß die Zersetzung des
Blutes eintritt." Die Nachricht von Nietzsches Tod...
S. 509
Dieser antwortete ihm darauf: „Meine Antwort auf Dr. Kögeis Brief hat
man Ihnen nicht mitgesandt! Das ist ja recht bäurisch-klug. Solange Kögeis
Brief nur in Abschriften verbreitet wird, läßt midi die Sache gleichgül-
tig ... Dergleichen sinkt am sichersten in die wohlverdiente Vergessen-'
heit." ' ' -
Um die Härte und Schroffheit in Rohdes Urteil über Professor Stein...
und vor allem seine wörtliche und ungekürzte Bekanntmachung an dieser
Stelle zu rechtfertigen...
(wird fortgesetzt)