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JOHANN FIGL

HERMENEUTISCHE VORAUSSETZUNGEN DER


PHILOLOGISCHEN KRITIK

wissenschaftsphilosophischen Grundproblematik im Denken


des jungen Nietzsche

Vorbemerkungen

Wenn man innerhalb der Grundfragen der Nietzsche-Forschung ein spe-


zielles Thema auswählt, ist es wohl angezeigt, kurz die Motive zu nennen, die
den sachbedingten oder auch persönlichen Hintergrund für die getroffene
Wahlbilden. Bei mir ist dies das Interesse an einem Grundgedanken Nietz-
sches, der mit den Stichworten „Interpretation" oder „Hermeneutik" erfaßt
werden kann. Nach einer ausführlicheren Beschäftigung mit dem späten
Nachlaß1 möchte ich in einer umfassenderen Untersuchung (Habilitations-
schrift) diesen Grundgedanken im Gesamtwerk Nietzsches verfolgen, wobei
die allgemeinen philosophisch-hermeneutischen Prämissen Nietzsches auf sei-
ne Theorie der Religion und deren spezifische Hermeneutik bezogen werden
sollen.2 Dieser spezielle Aspekt bleibt hier ausgeklammert; — anstatt dessen
soll ein anderer Bereich regionaler Hermeneutik behandelt werden, nämlich
die Philologie, die neben der juridischen3 und der theologischen Hermeneutik
zu den klassischen Auslegungspraktiken und -disziplinen gehört.
Damit ist auch schon ein wichtiger Grund für die spezielle Themenwahl
genannt: wer Nietzsches philosophische Hermeneutik erfassen will, wird
schwerlich dessen philologische Methodik umgehen können, da die letztere
mit der ersteren zuinnerst zusammenhängt. Und zwar sachlich — dies werden
die folgenden Thesen erweisen —, als auch historisch. Auf die diffizilen Wech-
selbeziehungen zwischen philosophischer Hermeneutik, die es terminologisch

1
VgLy. Hg/, Interpretation als philosophisches Prinzip. Friedrich Nietzsches universale Theorie
der Auslegung im .späten Nachlaß, Berlin/New York 1982 {- MTNF, Bd. 7).
2
Diese Untersuchung mit dem Titel »Dialektik der Gewalt. Nietzsches hermeneutische Religions-
philosophie. Mit Berücksichtigung unveröffentlichter Manuskripte', erscheint Düsseldorf 1984.
3
Vgl. //.-G. Gadamer, Einleitung, in: Seminar: Philosophische Hermeneutik, hrsg. von H.-G.
Gadamer und G. Boehm, Frankfurt/M. 1976, 29f.
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im heute gebräuchlichen Sinn — abgeseheji von der spezifisch phänomenolo-


gisch-ontologischen Bedeutung, die der Terminus in der sogenannten und sich
selbst so bezeichnenden „Hermeneutischen Philosophie" gewonnen hat4 —
erst bei Schleiermacher,5 der Sache nach aber gewiß schon in einigen Werken
über die allgemeine Auslegungslehre in der Aufklärungszeit gibt6, und der
Philologie als einer speziellen Auslegungsdisziplin kann hier nicht eingegangen
werden; es soll nur auf das Selbstverständnis der Philologen in ihrem Verhält-
nis zur Philosophie zur Zeit Nietzsches hingewiesen werden. In der Philologie
seit der Mitte des 19. Jährhunderts war das beschriebene Verhältnis als proble-
matisch empfunden worden, und zwar vom Großteil der Vertreter dieser Dis-
ziplin. Global betrachtet läßt sich unter dem genannten Aspekt die Philologie
des 19. Jahrhunderts in eine der Philosophie gegenüber offene Richtung und in
eine ihr z.T. extrem distanziert gegenüberstehende Richtung unterteilen.
Während die erstere von dem Schüler Schleiermachers August Boeckh und des-
sen Sachphilologie repräsentiert wird, ist die zweite zumindest in wesentlichen
Fragen als Gegenströmung dazu aufzufassen, wobei der angesprochene Ge-
gensatz in dem Schlagwort der Sprac&philologie (im Unterschied zur Sachphi-
lologie) seinen Niederschlag fand, als deren Exponent Gottfried Hermann gilt;
die bewußt sprachkritisch vorgehende Philologie mündet schließlich -eiri
7
sehr distanziertes Verhältnis zur Philosophie .
Friedrich Wilhelm Ritschi, der Lehrer Nietzsches, war selbst Schüler Her-
manns, und in seinem philologisch^methodischen Bemühen überwiegen, trotz
des anfänglichen Versuchs, die Alternative zwischen einer Sach- und Sprach-
philologie zu überwinden*8 schließlich doch die entschieden text- und quellen-
4
Vgl. O. Pöggeler, Einführung, in: Hermeneütische Philosophie, hrsg. v. O. Pöggeler, Mün-
chen 1972, 7ff.
5
Vgl. //.-G. Gadamer, Art. Hermeneutik, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 3,
Sp. 1064, ^
6
Besonders ist hier zu verweisen auf/. M. Chladeniust Einleitung zur richtigen Auslegung ver-
nünfftiger Reden und Schriften, Leipzig 1742, und auf G. F, Meier, Versuch einer Allgemeinen
Auslegungskunst, Halle 1757; vgl. zu diesen beiden Werken: P. Szondi, Einführung in die lite-
rarische Hermeneutik, Frankfurt/M. 1975 (= Studienausgabe der Vorlesungen, Bd. 5), 27ff.
bzw. 98ff.
7
Vgl. generell dazu E. Vogf, Der Methodenstreit zwischen Hermann und Böckh und seine Be-
deutung für die Geschichte der Philologie, in: Philologie und Hermeneutik im 19. Jahrhundert,
hrsg. von H. Flashaf, u.a., Göttingen 1979, 103ff., bes. 117 mit Anm. 44.
8
Vgl. F. Ritschi, Art. Philologie, in: Conversations-Lexikon der neuesten Zeit und Literatur,
Bd. 3, Leipzig 1833, 498, wo die beiden genannten Richtungen als bekannt vorausgesetzt wer-
den, und Ritschi die Meinung vertritt, daß „ein Gleichgewicht der Gegensätze, oder vielleicht
richtiger, eine Verknüpfung der Einseitigkeiten am fruchtbarsten F. A. Wolf versucht (hat)".
Dieser Artikel ist unter dem Titel jUber die neueste Entwicklung der Philologie', in: ders.,
Opuscula philologica, Bd. 5, Leipzig 1879, l ff., wieder abgedruckt. Die Intention, die beiden
erwähnten Tendenzen in der philologischen Ausbildung zu verbinden, hatte Ritschi wohl noch
zu der Zeit verfolgt, als Nietzsche bei ihm studierte und Mitglied seines Seminars war, denn nur
einige Jahre vorher, nämlich 1863* hatte Ritschi ein ,Gutachten über philologische Serhinarien'
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kritischen Intentionen.9 Ritschi war zu der Zeit, als ihm Nietzsche begegnete,
aufgrund seiner kritischen Ausrichtung der Philosophie und ihren Verstehens-
ansätzen gegenüber sehr reserviert. In seinem großen Lehrer und Förderer,
aber auch in anderen Universitätslehrern, wie Otto Jahn9 10 der in methodischer
Hinsicht kein Gegenspieler Ritschis war, begegnete Nietzsche einer ganz be-
stimmten Ausgestaltung des Verhältnisses zwischen philosophischem Verste-
hen und philologischer Methodik, die ihn bekanntlich unbefriedigt ließ. Die
Situation erforderte Nietzsches eigene Antwort und Lösungsversuch. Einen
Aspekt daraus möchte ich in meinem Referat darstellen. Dieser besteht in der
meines Erachtens entscheidenden Absicht Nietzsches, eine Synthese zwischen
beiden Arten des Verstehens herzustellen.
Bei dem folgenden Versuch soll von der philologischen Forschungspraxis
ausgegangen werden, um deren Bedeutung für die Theorie des Textverstehens,
die philosophischer Art ist, zu erhellen. Denn ebenso wie dem klassischen Phi-
lologen zugestanden werden muß, Nietzsches philologische Schriften zu lesen
und „im übrigen kein spezifisches Interesse an Nietzsche als Philosophen"11
zu haben, ist es für den philosophisch Interessierten legitim, dieselben Schrif-
ten zu untersuchen, ohne deren fachphilologische Ergebnisse im einzelnen zu
diskutieren.12 Es wäre verfehlt und irreführend, bei dieser philosophischen
verfaßt, in dem er schreibt, daß er für die Universität die Erwerbung „wissenschaftlicher Fertig-
keit" anstrebe, die den künftigen Gymnasiallehrer befähigen solle, „auf bewusstem methodi-
schen Wege, nach strengen Gesetzen und Grundsätzen einer sowohl sprachlichen als sachlichen
Erklärung, das richtige Verständriiss der classischen Schriftsteller zu bewirken" (aaO. Bd. 5,
35; letztere Hervorhebung im Zitat von mir, J. F.). «,.
9
So mußte sich Kttschl im Alter gegen den Vorwurf wehren, „dass die Bonner Schule einseitige
Critici und Grammatici mache", wie er in der nur bruchstückhaft erhaltenen und von
C. Wachsmtith veröffentlichten Vorlesung ,Zur Methode des philologischen Studiums* sagt
(Opuscula philologica, Bd. 5,31). Auf diese Tendenzen F. Ritschis und ihren möglichen Ein-
fluß auf Nietzsche gehe ich im zweiten Kapitel der in Anm. 2 genannten Arbeit näher ein.
10
O. John soll von sich gesagt haben, er hätte „niemals ein philosophisches Buch gelesen" (mitge-
teilt von . Springer, Gedächtnisrede auf O. Jahn, in: Grenzbpten, 1869,203, zit. nach E. Ro-
thacker, Einleitung in die Geisteswissenschaften, Tübingen 1920,134). VgL die Urteile Nietz-
sches über Jahn, z.B. KGW III l, 123: GT 19; III 3, 285: 9[8]; IV l, 149: 5[125], und dazu
M. Montinari, Nachbericht zur vierten Abteilung, KGW IV 4, 374.
11
/·. Bornmann, M. Carpitella, Vorbemerkung, in: Friedrich Nietzsche. Philologische Schriften'
(1867-1873) (KGW II 1), Berlin/New York 1982, V.
12
Zur fachspezifischen Diskussion der Resultate der Forschungsarbeit Nietzsches siehe
£. Schwanz, Art. Diogenes Laertios, in: Paulys'Real-Encyclopädie der Classischen Altertums-
wissenschaft, hrsg. v. G. Wissowa, Bd. IX, Stuttgart 1903, Sp. 753f. und 745f.; und £. Ho-
wald, Friedrich Nietzsche und die klassische Philologie, Gotha 1920 (beide überwiegend ableh-
nend) ;#. Reinhardt, Nietzsche und die Geschichte, in: ders., Vermächtnis der Antike, Göttin-
gen 1960, 269ff.; nach K. Gründers Urteil wurde Nietzsche durch Karl Reinhardt „in gewis-
sem Sinn (...) in der Philologie wieder rehabilitiert" (Diskussionsäußerung in: Philologie und
Hermeneutik im 19. Jahrhunden» hrsg. von H. Flashar u. a., Göttingen 1979,379). Die an sich
ausgewogene und zusammenfassende Darstellung von V. Pöschl, Nietzsche und die Klassische'
Philologie, in: Philologie und Hermeneutik im 19. Jahrhundert, aaO. 141 f., vernachlässigt be-
dauerlicherweise die einschlägigen methodischen Notizen zur Philologie.
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Analyse den spezifisch philologischen Charakter der betreffenden Publikatio-


nen und Nachlaßschriften und -aufzeichnungen übergehen zu wollen, gleich-
wohl aber kann durch die philosophische Fragestellung manches ans Licht ge-
bracht werden, das in den fachwissenschaftlichen Darlegungen von der Sache
her im Hintergrund bleiben muß. Dies gilt nicht allein für inhaltliche Proble-
me, da sich gerade Nietzsches philologische Arbeiten oft mit philosophischen
Themen - insbesondere im Bereich der Quellen- und Uberlieferungsgeschich-
te der antiken Philosophiegeschichte13 — überschneiden, sondern in vorzügli-
cher Weise auch für methodische Fragen. Denn es war gerade der Umgang
Nietzsches mit der klassischen Literatur der Antike, der schon sehr früh ein
tiefes Problembewußtsein hinsichtlich des Textverstehens hervorgerufen hatte.
Schon der Tertianer der Domschule zu Naumburg notiert 1858: „Ueber das
Lesen der Odyssee." (BAW I 423) Und ein Jähr später lesen wir in den Auf-
zeichnungen eine Notiz, die sich wie eine synthetisierende Kurzformulierung
der großen philologischen Kontroverse des 19. Jahrhunderts zwischen der so-
genannten Sach- und der Sprachphilologie ausnimmt, wenn Nietzsche gegen-
über der Gefahr der Einseitigkeit im Studium, fordert, man müsse einen
„Schriftsteller aus mehreren Ursachen lesen; nicht nur der Grammatik und
Syntax, des Styls halber nein, auch des geschichtlichen Inhalts, der geistigen
Anschauung wegen." (BAW I 127)
In diesen frühen „Leseanweisungen" schlägt sich schön ein Problembe-
wußtsein nieder, das aus dem direkten Umgang mit Texten, also aus der „Pra-
xis" des Lesens erwachsen ist. Ein ähnliches Verhältnis ist zwischen der philo-
logischen Forschungspraxis des Studenten und jungen Professors und seinen
theoretischen Postulaten hinsichtlich des Verstehens von Texten anzunehmen.
Wenn auch nicht vorausgesetzt werden darf, daß Praxis und Theorie der Phi-
lologie notwendigerweise in einem wechselseitigen Bedingungsverhältnis ste-
hen, so kann doch auch nicht behauptet werden, daß beide Dimensionen im
Umgang mit Texten streng voneinander getrennt werden könnten.' Die Unter-
scheidung zwischen diesen Gesichtspunkten ist zwar legitim und im Interesse
des Sachanliegens des einen wie des anderen Aspektes notwendig und frucht-
bar, doch ist auch die Möglichkeit gegenseitiger Beeinflussung und Korrektur
anzunehmen. Es sind einerseits die wissenschaftlich-theoretischen Prinzipien
stets an der praktischen Textforschung zu erproben, wie auch umgekehrt diese
durch die theoretischen Axiome mitbeeinflußt wird. Bewähren sich die Aüsle-
gungsprinzipien nicht, so ist ihre Modifizierung im Lichte der realen For-
schungsresultate erfordert; in diesem Fall wirkt die „Praxis" auf die theoreti-
schen Prämissen korrektiv ein. Generell läßt sich sagen, daß eine philologische
Theorie ohne die entsprechende Bewährung am Text ebenso bloßes, abstraktes

" Vgl. BAW IV 600 (Nachbericht des Herausgebers H. J. Mette).


Hermeneutische Voraussetzungen 115

Postulat bliebe, wie Prinzipien der philosophischen Hermeneutik, die im kon-


kreten Verstehensprozeß nicht ihre erfahrungsmäßige Grundlage haben. Die
Methodik einer Textwissenschaft ist stets auf ihren „Gegenstand" - den Text
— zurückzubeziehen, und d.h., daß sie sich im Verstehen desselben im prak-
tisch-philologischen Umgang zu bewähren hat.
Auch Nietzsches Theorie des philologischen Verstehens kann nicht um-
fassend gewürdigt werden, wenn man seine einschlägigen Forschungsarbeiten
ausklammert. Denn an den konkreten Untersuchungen läßt sich vielleicht
manches ablesen, was Nietzsche nie als theoretisches Postulat ausdrücklich
formuliert hat. Die im Zusammenhang der Textanälyse und -Interpretation ge-
wonnenen Einsichten sind bei der Darstellung seiner Theorie des Verstehens
von schriftlich fixierten Werken nicht zu vernachlässigen. Dies gilt auch für die
vorliegende Darlegung, in der es nicht um die philologischen Fachstudien und
deren Ergebnisse an sich geht, sondern um deren Relevanz für die Erarbeitung
einer philosophischen Hermeneutik, zu deren Gesamtbereich eben auch die Er-
örterung des Verstehens von skripturalen Äußerungen gehört. Darum ist es
heuristisch sinnvoll, die in Nietzsches fachphilologischen Studien implizierten
generellen Theoreme des Verstehens herauszustellen und deren nicht mehr
bloß wissenschaftlich-immanenten Charakter zu erfassen. Die philosophi-
schen Implikationen der philologischen Schriften sowie der einschlägigen
Nachlaßnotizen aus der frühesten Zeit Nietzsches sollen in zwei Etappen er-
faßt werden: zuerst ist die zentrale Problemstellung, in der Nietzsche seine
wissenschaftliche Aufgabe erblickt hat, sodann der philologisch-hermeneuti-
sche Lösungsversuch derselben darzustellen.

/. Das Problem: der durch die Überlieferung verdorbene Text

1. Das vorrangige Interesse an der Quellen- und Uberlieferungsforschung

Überblickt man die einschlägigen philologischen Schriften Nietzsches, die


nun im ersten Band der zweiten Abteilung der Kritischen Gesamtausgabe in
optimaler Gestalt vorliegen, so verraten schon allein die Titel der Arbeiten die
spezielle Forschungsrichtung Nietzsches, nämlich sein starkes Interesse an der
Quellen- und Uberlieferungsforschung. Die erste Publikation, die thematisch
an die Valediktionsarbeit anschließt und auf einem Vortrag über ,Die letzte
Redaction der Theognidea' beruht14, lautet ,Zur Geschichte der Theögnidei-
schen Spruchsammlung'. Das quellenkritische Interesse findet seinen bedeut-
samsten Niederschlag in den bekannten Arbeiten zu Diogenes Laertius, näm-
14
VgL R. Blunck, Friedrich Nietzsche. Kindheit und Jugend, München/Basel 1953, 147.
116 Johann Figl

lieh ,De Laertii Diogenis fontibus', die in vier Teilen 1868 und 1869 publiziert
wurde, und in den ,Beiträge(n) Zur Quellenkunde und Kritik des Laertius
Diogenes', die 1870 erschienen. Das Problem der Überlieferung bildet auch in
den letzten von Nietzsche publizierten fachphilologischen Arbeiten eine wich-
tige Frage, nämlich sowohl in der Abhandlung über den Florentinischen Trak-
tat15 als auch naturgemäß in der Edition desselben. Das überlieferungsge-
schichtliche Problem aber hatte Nietzsche schon in Schulpforta bewegt, wie
der Titel und die Ausführungen seines Aufsatzes',Die Gestaltung der Sage vom
Ostgothenkoenig Ermanarich bis ins 12te Jahrhundert* zeigen (BAW II 281).
Was ist das gemeinsame Ziel aller dieser Untersuchungen, das unabhängig
von der konkreten Themenstellung verfolgt wird? Es ist in der Absicht zu er-
blicken, ausgehend von der vorliegenden Textgestalt, die in ihrem entstellten
Charakter erkannt worden ist, möglichst den originalen. Text wiederherzustel-
len, zu dem „echte(n) Text" zu gelangen (BAW V 157). Die verloren gegange-
ne Textgestalt soll gleichsam durch die überlieferten Varianten derselben hin-
durch restituiert werden. Um diesen früheren und womöglich ursprüngliche-
ren Text wiederherstellen zu können, war die Forderung jener „streng metho-
dischen Scheidung des Ursprünglichen und des im Lauf der Jahrhunderte Hin-
zugekommenen" zu befolgen, in der Nietzsche eine Errungenschaft der Philo-
logie seines Jahrhunderts erblickte (BAW IV 100). Für Nietzsche „kommt al-
les darauf an die Quellen zu erkennen"; er sucht für Diogenes Laertius die
„unmittelbaren Quellen zu entdecken", und von da aus rückwärts zu gehen
bis zum Ozean literarhistorischer Studien (BAW V 86). Nietzsche gelangt so
zu Stammbäumen der quellen- und überlieferungsgeschichtlichen Verzwei-
gungen und Abhängigkeiten, die er oft in Form eines Stemma wiedergibt.16 In
programmatischer Weise formuliert er seinen genealogischen Ansatz im Zu-
sammenhang seiner Studien zu den Quellen des Diogenes Laertius:
[. . .] ein Buch soll uns in seiner Form, in seinem Gedankengehalt verständli-
cher werden; wir wollen mehr sehen als das fertige Buch, wir wollen die Ge-
nesis eines Buches, die Geschichte seiner Zeugung und Geburt vor unserm
Auge sehen: und es ist weiter der Fall, daß uns mehr an den Eltern als an dem
Kinde, mehr an den Quellen als an ihrem Bearbeiter gelegen ist. Wir wün^
sehen, daß der Prozeß seines Werdens sich langsam vor unserm Blicke ent-
hülle. (BAW V 126)

Es soll also die Entstehungsgeschichte eines Buches nachgezeichnet werden,


damit es besser verstanden werden könne. Das Wesentliche an diesem herme-
neutischen Axiom ist in der Hinterfragung des vorgegebenen, durch die Über-
lieferung vermittelten Textes zu erblicken. Nietzsche möchte „mehr sehen als
das fertige Buch"! Dieses „Mehr" an Erkenntnis wird durch die Hereinnahme
'5 Vgl. KGW II l, 321 ff. - '
16
Vgl. BAW IV 412 und 73.
Hermeneutische Voraussetzungen 117

seiner geschichtlichen Genese gewonnen. Hierin ist nicht nur ein aufschlußrei-
cher Vorgriff auf die genealogische Methodik des späten Nietzsche zu erblik-
ken, sondern — und darum geht es in unserem Zusammenhang primär — ein
grundsätzlich skeptisches Verhältnis zur vorgegebenen Gestalt des schriftlich
fixierten Textes. Die skripturale Faktizität wird hinterfragt; ihre verborgene,
eben nicht fixierte, sondern nur erschließbare Genese soll durch die philologi-
sche Kritik freigelegt werden. Dasjenige Phänomen, um das es Nietzsche ei-
gentlich bei seinen Forschungen geht, ist nicht mit festgelegteil und feststellen-
den Begriffen zu erfassen, sondern nur mit einer — um es vereinfachend zu
sagen — „dynamischen" Terminologie zu beschreiben: „der Prozeß seines
[seil, des Buches, J. F.] Werdens" soll sich dem kritisch Verstehenden neu er-
schließen. Damit ist im Bereich der Textphilologie, in dem anscheinend eine
bloß exakte Terminologie herrscht, eine neue Dimension aufgebrochen. Denn
nun geht es zwar weiterhin um die Erforschung von schriftlich fixierten Tex-
ten, aber in einer grundsätzlich verdächtigenden, d.h. den vorgegebenen Text
nur als vorläufigen betrachtenden Weise; eigentlich gesucht ist die nicktfixierte
Geschichte und Herkunft des „End"-Textes. Freilich muß schon hier gesagt
werden, daß auch diese Geschichte nur als eine Geschichte von Texten rekon-
struiert wird, wie auch umgekehrt nur mit Hilfe von schriftlicher Überliefe-
rung die vorgegebene Textgestalt problematisiert wird. Die Argumentations-
strategie entwickelt sich nur innersprachlich (z.B. durch Aufweisen von Paral-
lelen, Abhängigkeiten, Widersprüchen, Abschreibfehlern u. dgl.). Aus der
Sprache soll das nicht mehr als Sprache Vorfindbare, eben die textgenetisch
frühere Form, erschlossen werden.
Mit diesen Postulaten ist die Frage aufgeworfen, mit welcher Methode
denn die gestellten Aufgaben einer quellenkritischen Forschung gelöst werden
könnten. Doch bevor auf diese von Nietzsche angestrebten Lösungsvorschläge
im einzelnen einzugehen ist, muß bei der Explikation noch ein spezifischer
Aspekt der Uberlieferungsgeschichte erörtert werden, nämlich die Tatsache,
daß man innerhalb der Überlieferung aufgetretene Textfälschungen vorausset-
zen muß. Wenn nämlich der überlieferte Text nicht der „richtige", d, h. der
schließlich textkritisch gesicherte, ist> dann müssen den Tradenten Fehler un-
terlaufen sein, bzw. von ihnen bewußte Fälschungen vorgenommen worden
sein. Dies setzt Nietzsche auch bei den von ihm untersuchten Autoren voraus.
An ihnen deckt er Strategien bewußter und unbewußter Verfälschungen auf.

2. Die antike Texttradition im Lichte der philologischen Methodik


Die Widersprüche, Unzulänglichkeiten und Plagiate der antiken Bterar-
und philosophiegeschichtlichen Schriften mißt Nietzsche am Maßstab· des
strengen Methodenideals der Philologie seiner Zeit. Dies ist auch konsequent,
118 Johann Figl

da es gerade die moderne Textkritik ist, die diese Fehler erkennen läßt. Es ist
ein Zirkelschluß, aber ein Zirkel, der durch seine Resultate als legitimer bestä-
tigt zu werden scheint. An der literaturhistorischen Tätigkeit des Altertums
kann er im Vergleich mit der Moderne nur „Mängel gegenüber unsrer Be-
trachtungsart" feststellen (BAW IV 128). Selbst über einen Vertreter der alex-
andrinischen Schule, die auch für Nietzsche den Höhepunkt der antiken Phi-
lologie darstellte, und der er eine „streng wissenschaftliche Methode" zu-
spricht (GA XVII 321), trifft das Urteil zu, daß^er „ "
im philologischen Sinn war (BAW IV 90).17 Gemeint ist Kallimachos, der den
großen Katalog der alexandrinischen Bibliothek zusammengestellt hat.
Die Unfähigkeit zur Methode stellt Nietzsche an dem von ihm am aus-
führlichsten behandelten Autor, an Diogenes Laertius, in vernichtender Weise
dar. Dessen Einfältigkeit hat aber sogar einen Vorteil für die richtige Überlie-
ferung eines Textes. Daß er „dumm und einfältig" abschrieb, ist deshalb
nützlich, weil er dadurch den Text „wörtlich" wiedergab (BAW IV 508).18
Deswegen läßt sich der Grundsatz ableiten: „Je weniger wir ihm [seil, dem
Schriftsteller, J. F.] zutraun, desto mehr seinen Quellen" (BAW IV 215).
Doch er ist deshalb auch unredlich. Diogenes Laertius konnte die Früchte be-
quem aus Handbüchern der Philosophiegeschichte entnehmen. „Doch zwingt
uns die Art, wie er dies thut, zu einigen Auslassungen über seinen moralischen
Charakter. Von litterarischem Eigenthum hatte er, so wie die Brüder derselben
Zeitperiode, Plutarch, Athenäus, Clemens Alexandr. und andre entweder kei-
nen oder einen sehr schlechten und unlauteren Begriff"; dies ist in Nietzsches
Augen „Heuchelei und Unzuverlässigkeit des Schriftstellers" (BAW IV
219).19
Von dem skizzierten überlieferungsgeschichtlichen Hintergrund antiker
Texte her gelangt Nietzsche zu der „Hülfsannahme: die Fehler vermehren sich
progressiv" (BAW IV 105). Zudem kommen außer den durch menschliche
Absichten herbeigeführten Textveränderungen, von denen Nietzsche neben
den erwähnten noch mannigfache kennt20, und die schon in der mündlichen
Überlieferung (z.B. der Gesänge Homers durch die Rhapsoden)21 feststellbar
sind, noch die durch natürliche Vorkommnisse hinzu.22
Die verdorbene und verfälschte Textgestalt wirft die elementare Frage auf,
wie es möglich sein sollte, einen — zumindest der Intention nach — nicht ver-

" Vgl. BAW IV 89 und 83.


18
Vgl. BAW IV 426.
" Vgl. BAW IV 215 und 508.
20
GA XVII 338 f.
2
' Vgl. BAW IV 132: „Die Verwüstungen durch Rhapsoden."
22
Wie z. B. durch die Zeit, durch Brand, Wasser usw.: vgl. G A XVII339; der zerstörende Zufall
spielt eine wichtige Rolle: vgl. BAW V 31.
Henneneutische Voraussetzungen 119

fälschten Text herzustellen. Es ist das Kernproblem der Methodologie in der


Text- und Quellenforschung aufgeworfen.

II. Methoden zur Rekonstruktion der Überlieferung


und Restitution der Texte

Um seine Forschungsprojekte durchführen zu können, bedurfte es einer


Reihe von methodischen Vorklärungen, über die Nietzsche gerade im Zusam-
menhang seiner quellenkundlichen Arbeiten ausdrücklich reflektiert hat. Man-
nigfach finden sich in den nachgelassenen Fragmenten der sechziger Jahre No-
tizen zur „Quellenkunde und Methodenlehre" der griechischen Literatur23.
Er ist dabei von der Überzeugung durchdrungen, daß „durch die methodische
Quellenforschung [, . .] ein(e) Menge latentes Alterthum offenbar [wird]"
(BAWIII339). Wie aber muß eine Methode beschaffen sein, die Verborgenes,
aus dem Text -als solchem nicht Ablesbares, aufdecken will? Damit kommen
wir zur eigentlichen hermeneutischen Problematik in der philologischen Praxis
Nietzsches. Diese soll nach zwei Aspekten hin einer Lösung zugeführt wer-
den; wobei sich der zweite, im ursprünglich philosophischen Sinn als kerme-
neutisch zu bezeichnende als der bedeutsamere erweisen wird, wenngleich für
die konkrete philologische Argumentation der erstere, der im philologischen
Sinn kritische, sich als der dominante zeigt. Nur unter Befolgung der textkriti'·
sehen Methodik war es Nietzsche möglich, fachphilologische Arbeiten zu ver-
fassen. Der andere Aspekt, der schließlich bei der Abfassung der , Geburt der
Tragödie' der beherrschende werden sollte, mußte aufgrund der wissenschafts-
geschichtlichen Situation Ablehnung innerhalb der Klassischen Philologie er-
fahren.

1. Textkritik

a) Konjekturalkritik

Nietzsche hat sich mit grandiosen Analysen von sich über Jahrhunderte
erstreckenden Überlieferungssträngen befaßt. Um in diesen scheinbar global
angesetzten Forschungsprojekten zu nachprüfbaren Ergebnissen zu gelangen,
bedurfte es der Beherrschung der sogenannten „niederen Kritik".24 Außer den

23
VgL BAW V 184ff.; IV 128, 462, 465.
24
Vgl. zur Unterscheidung von der „höheren Kritik": F. Schleiermacher, Über Begriff und Ein-
teilung der philologischen Kritik, in: F, Sphleiermacher's Sämmüiche Werke, III/3, Berlin
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wichtigen Bemühungen hinsichtlich der Erkenntnis von Interpolation25 war


ein Schwerpunkt seiner philologischen Beschäftigung die Konjekturalkritik.
Carl Koch, der Mitherausgeber des fünften Bandes der Werke in der Histo-
risch-Kritischen Ausgabe, schreibt im Nachbericht: „Gewandtheit auf kon-
jekturalkritischem Gebiet war zu Nietzsches Zeit eine bei jedem Philologen als
selbstverständlich vorausgesetzte Fähigkeit."26 Nietzsches Hinwendung zur
Text- und Konjekturalkritik könne keineswegs als Spiel aufgefaßt werden,
sondern die Publikationen ,Beiträge zur Quellenkunde und Kritik des Dioge-
nes Laertius* und die ,Analecta Laertiäna* zeigen, „in welchem Ausmaß und
mit welcher Intensität sich der junge Nietzsche gerade an den sprödesten Ma-
terien der Philologie versucht hat,"27 Nietzsche selbst war sich wohl bewußt,
durch seine Ausmerzung von Fehlern das oben angedeutete Ziel einer Aufdek-
kung verborgenen Altertums teilweise realisiert zu haben: „Der Text des Laer^
tius steckt noch voller Fehler", schreibt er. „Dafür habe ich Beweise erbracht.
Dabei sind viele dieser Korruptelen so, daß hinter ihnen eine wichtige histori-
sche Tatsache schlummert." (BAW V 50)28
Ziel aller dieser Operationen ist die Restitution von Einzelnem, besonders
eines Wortes, die Wiederherstellung eines Satzes oder gar die Rekonstruktion
eines Gedichtes29 und die Herstellung eines Schriftenverzeichnisses30. Insge-
samt geht es um die Restitution des betreffenden Textes. In seiner Edition des'
„Florentinischen Traktates" faßt Nietzsche seine Bemühungen auf den er-
wähnten Gebieten mit folgenden Worten zusammen: „Im Uebrigen ist mir
eine immer grössere Zahl von Verderbnissen entgegengetreten, an denen die
verschiedensten Heilkünste anzuwenden waren und noch immer anzuwenden
sind." (KGW II l, 324f.)

b) Komparatistik
*pr
Im Verhältnis zur Herstellung einzelner Worte bzw. Textteile ist das Pro-
gramm der Uberlieferungskritik als ganzes, in dem die partikularen Operatio-

1835, 387ff. (jetzt abgedruckt in: F. D. E. Schleiermacber, Hermeneutik und Kritik. Mit einem
Anhang sprachphilosophischer Texte Schleiermachers, hrsg. von M.Frank, Frankfurt/M.
1977, 347ff.).
25
Vgl. z.B. BAW III 209: „Methode der Erkenntniß von Interpolation."
26 BAW V 432. . ·
27 AaO. 433.
28
Eine Zusammenstellung von Emendationsvorschlägen zu Diogenes Laertius findet sich im
Nachbericht C. Kochs zu Bd. V der BAW, 433ff.; zahlreiche Textverbesserungen zu diesem
Autor sind auch im Bd. IV angeführt (vgl. ebd. z.B. 103, 163f., 490f., 492, 498f.); ebenso zu
anderen Autoren (vgl. z.B. Konjekturen zu Suidas: BAW IV 492, 498).
2^ Vgl. KGW II l, 73f. - '
30
Bezüglich des Hesiodischen und des Homerischen Pinax vgl. BAW V 57.
Hermeneutische Voraussetzungen 121

nen nur einen Teil bilden, noch anspruchsvoller, insofern es um die Restitu-
tion von ganzen Textzusammenhängen, um die ursprüngliche Gestalt von
Texten geht, die nur in partieller Form (z.B. als Exzerpt öder Abschrift ohne
Nennung der Quelle) vorhanden sind. Ein wichtiger Weg zur Eruierung der
verlorengegangenen. Textkonstitution ist für Nietzsche die Vergleichung, wie
er schon in der Einleitung zur Abhandlung über die Sage vom Ostgotenkönig
Ermanarich schreibt: „Es wird aber vor allem darauf ankommen die Grundzü-
ge der ursprüngliche{ri) Sage, aus der sich, je na(c)h den Eigenthümlichkei-
ten der Völker und ihrer Gegenden, alle späteren Sagen entwickelt haben, zu
zeigen und wo sie verwischt sind, durch Vergleichung wiederherzustellen
[...]; ich nenne also in der Ermanarichsage das ursprünglich, was etwa der
dürre Auszug des Jemandes bezeichnet, außerdem aber auch, was, wie wir
durch Vergleichen schließen müssen, zu Jornandes Zeit, gleichsam das Fleisch,
das dieses Gerippe umkleidet hat, gewesen ist, also kurz das Gemeinsame in
der Sage." (BAWII285) Nietzsche wendet hier die Methode der Vergleichung
gleichsam spontan an. Der Plan, nach dem die Sage betrachtet wird, scheint
ihm „ein ganz natürlicher und einfacher" zu sein. In dessen Durchführung
versucht er „die einfachste Form der Sage wieder (her) zustell (e) n" (BAW II
285).

c) Kombinatorik aufgrund von Gesetzmäßigkeiten

Die naive und spontane Zugangsart wich bald der methodisch reflektier-
ten. Ihren deutlichsten Ausdruck fand sie in dem Versuch, Gesetzmäßigkeiten
in Texten zu erkennen, die eine Restitution erleichtern sollten. Einen Weg da-
hin öffnete gerade die Methode der Vergleichung, wie er an der neueren Ent-
wicklung der Sprachwissenschaft 1867/68 feststellt, die ihm — im Gegensatz
zu den Vorbehalten, die er später in Vorlesungen ihr gegenüber geäußert hat-
te31 — doch als Modell der literarkritischen Arbeit vorschwebte, wenn sie über
die bloße Textkorrektur hinauskommen sollte: „Die vergangene Periode hat
endlich die Texte methodisch hergestellt. Das war eine Hülfsarbeit. Es bleibt
der Gegenwart mehr zu thun als die Correktoren zu spielen. Erstaunlich ist
der Fortschritt der Sprachvergleichung. Hier entdeckte man Gesetze und trat
in die Naturwissenschaften hinein." (BAW III 338) Der Aspekt der zur Auf-
deckung von Gesetzmäßigkeiten führenden Vergleichung war für Nietzsche
entscheidend, wie aus einer Notiz unter der Überschrift „Zweck der Litera-
turgeschichte" zu ersehen ist: „Von einer Einsicht", so heißt es hier, „kann

31
Vgl. die Vorlesung »Einleitung in das Studium der classischen Philologie', Sommersemester
1871: GA XVII 341 ff.
122 Johann Figl

nicht eher die Rede sein als bis wir etwas auf ein Gesetz zurückgeführt haben."
(BAW V 187)
Systematische Ansätze im Interesse einer kritischen Erkenntnis der Über-
lieferung von Texten sind auch in der Befolgung einer verallgemeinernden Me-
thode zu erblicken, wenn Nietzsche, wie C. Koch sagt, „eine Klassifizierung
der möglichen Verwechslungs- und Fehlschlußtypen als solcher" versucht;
und meint, hier stehe „die abstrakte Methode im Mittelpunkt"32. Die Konsta-
tierung von Gleichbleibendem ist ihm eine Hilfe bei der Eruierung einzelner
Uberlieferungs„schichten" in einem Text, eine Orientierung zur Scheidung
des persönlichen Anteils des Verfassers von dem von ihm bloß Rezipierten. So
fällt ihm z.B. im Suidas die Gleichartigkeit im Loben und Tadeln auf (BAW
III 191). In ähnlicher Weise meint er aus der Tendenz nach gleichen Urteilen
des Diogenes die geistige Physiognomie des Verfassers, und an ihr das von ihm
selbst Stammende erkennen zu können.33
Mit der Absicht, allgemeine Kriterien, gleichsam Gesetzmäßigkeiten in-
nerhalb der literarischen Überlieferung und in den einzelnen Texten feststellen
zu können, nähert sich Nietzsche einer an den Naturwissenschaften und ihrer
nomothetischen Methodik "orientierten Vorgangs weise. Dies wird offenbar,
wenn er seine Textanaiysen mit dem Vorgehen des Chemikers bei der Auflö-
sung von Stoffen in ihre Grundsubstanzen vergleicht. Im deutschen Entwurf
zu ,De fontibus Diogenis Laertii' schreibt er: „Wir haben früher im Laertius
die einzelnen Grundbestandteile auszuscheiden versucht und dabei über eine
Reihe von Quellschriften neue Anschauungen gewonnen: wie wenn eine Säure
in Grundsäuren zerlegt wird und bei diesem Vorgang über diese Grundsäuren
Aufschlüsse erzielt werden." (BAW IV 266)

d) Grenzen der Nomothetik am Textbefund


^
Die bisherigen Ausführungen vermochten in Ansätzen zu zeigen* daß
Nietzsche in seiner philologischen „Praxis" unzweifelhaft von sehr dezidier-
ten theoretischen Vorentscheidungen geleitet ist. Sein Programm ist die Erar-
beitung von wissenschaftlichen Ergebnissen auf der Basis einer exakt vorge-
henden Methode, wie sie insbesondere am zuletzt erwähnten Vergleich mit der
chemischen Analyse zu erkennen ist. Die Suche nach Gesetzmäßigkeiten
scheint die Orientierung am naturwissenschaftlichen Methodenideal zu verra-
ten, das sich im 19. Jahrhundert immer stärker durchgesetzt hatte. Freilich
sind die gravierenden Differenzen zwischen den philologischen und den natur-

32 BAW V 437 (Nachbericht von C. Koch).


33 Vgl. z.B. BAW IV 220, 479; V 145; GA XVII 176.
Hermeneutische Voraussetzungen ·' 123

wissenschaftlichen Methoden nicht zu übersehen, die sich schon aus der Ver-
schiedenheit des „Materials", das es zu untersuchen gilt, ergibt. Sowohl der
Quantität als auch der Qualität nach sind hier unaufhebbare Unterschiede ge-
geben. Das nur begrenzte und lückenhafte Textmaterial erlaubt es nicht, zu
jener Gewißheit der Aussage vorzudringen, wie sie der Naturwissenschaftler
erstrebt. Insbesondere werden diese Mängel bei der Quellenforschung offen-
kundig, da hier die aufgestellten Hypothesen nur partiell kontrollierbar sind.
Nietzsche selbst kommt auf die möglichen Einwände von seiten der Naturwis-
senschaftler £u sprechen:
Gegen die üblichen und leider auch nothwendigen Methoden in derartigen
Quellenuntersuchungen, wie sie im Folgenden am Laert. unternommen wer-
den sollen herrscht unter exakt geschulten Naturforschern und Mathemat.
unsrer Tage eine begründete Abneigung.
Nicht aber mit der Anwendung der Hypothese auf hist. Boden sind die Na-
turforscher unzufrieden, sondern mit der üblichen Form ihrer Beweisfüh-
rung, der sie jede zwingende Kraft absprechen müssen. (BAW V 127)
Der Mangel liegt also nicht so sehr in der völligen Ungeeignetheit der an
den Naturwissenschaften orientierten Hypothesenbildung für historische Pro-
bleme, sondern an der Art des Materials: „Es fehlt also an Reichhaltigkeit und
Zuverlässigkeit des Materials [. . .] Die Hauptübel sind, daß erstens mit zu we-
nig und zweitens mit zu unbekannten Größen operirt werden muß." (BAW V
127)
Schon an diesem Faktum des begrenzten Textmaterials zeigen sich die
Grenzen der rein diskursiv-schlußfolgernd vorgehenden Methoden. Gesetze
nehmen sich vor diesem Tatbestand als etwas sehr Zufälliges aus, denn da die
Zahl der vorhandenen Tatsachen gering ist, „[genügt oft] ein einziges zufällig
dazukommendes Zeugniss, das bisher übersehen war, um eine lange Combina-
tion zu stürzen" (BAW V 127). Es bedarf somit zur Rekonstruktion von Tex-
ten und zur Erschließung von Sinnzusammenhängen noch einer anderen Me-
thodik als bloß der nomothetischen Axiomatik. Auch kann die eliminierende
Kritik von Fehlern nicht genügen, da diese immer schon im Horizont des Bes-
seren, d. h. des verbesserten Textes sich vollzieht. Diese andere, das philologi-
sche Forschen grundlegend bestimmende Methode ist nun an sich sowie in ih-
rem Bezug zur ausdrücklich kritischen Textanalyse darzustellen.

2. Hermeneutische Vorbedingungen der Textkritik

a) Der hermeneutische Zirkel im wissenschaftlichen Arbeiten


Das Problem, das sich angesichts der begrenzten historischen Quellentex-
te für die Deutung derselben ergibt, ist strukturell jenem gleich, vor das der
124 Johann Figl

Forscher angesichts der offenkundigen oder vermuteten Fehler eines überlie-


ferten Textes gestellt ist: in jedem der beiden Fälle fehlt die „Instanz", von der
her die strittige Frage eindeutig entschieden werden könnte. Der Forscher ist
darum von der Sache her notwendig auf Vermutungen angewiesen, die sich
nach Berücksichtigung aller feststellbaren Sachverhalte wissenschaftstheore-
tisch im Gewände von Hypothesen zeigen. Diese Hypothesen selbst werden
aber ihrerseits nicht durch logische Deduktion gewonnen — das würde ja ih-
rem theoretischen Status widersprechen · — , sondern durch Intuition, wie
Nietzsche gerade für das Gebiet der Quellenforschung konstatiert:
Also ist hier das Bereich der Hypothese, jenes intuitiv gefundenen Bildes, in
dem eine lange Reihe spezifischer und bisher vereinzelter Erscheinungen zu-
sammengeschaut und als verschiedene Wirkungen einer Ursache erkannt
wird.
Je mehr nun eine Hypothese erklärt, um so begründeter ist ihr Anspruch.
(BAW V 128)
Die wissenschaftliche Erkenntnis ist also auf vorwissenschaftliche Fähig-
keiten des Interpreten angewiesen, nämlich auf seine Intuition. Denn es sei
„unmöglich, auf rein diskürsivem Wege in derartigen Quellenuntersuchun-
gen," wie sie Nietzsche am Diogenes Laertius vornimmt, „glücklieh zum Zie-
le zu kommen. Solche Gebiete müssen mit Hülfe der Intuition, also mit einem
geringen Quantum poetischer Zusammenschauung, erhellt werden." (BAW V
128)
Analoges wie es hier für die Erkenntnis der großen Zusammenhänge quel-
lengeschichtlicher Verflechtungen methodisch erfordert ist, kann auch hin-
sichtlich der subtileren Operationen der Textkorrektur gesagt werden, wie
Nietzsche in einer Überlegung bezüglich der Konjektur 1872/73 feststellt:

Das philosophische Denken ist mitten in allem wissenschaftlichen Denken zu *


spüren: selbst bei der Conjektur. Es springt voraus auf leichten^Stützen:
schwerfällig keucht der Verstand hinter drein und sucht bessere Stützen,
nachdem ihm das lockende Zauberbild erschienen ist. Ein unendlich rasches
Durchfliegen großer Räume! Ist es nur die größere Schnelligkeit? Nein. Es ist
der Flügelschlag der Phantasie, d.h. ein Weiterspringen von Möglichkeit zu
Möglichkeit, die einstweilen als Sicherheiten genommen werden. Hier und da
von Möglichkeit zu einer Sicherheit und wieder zu einer Möglichkeit. —
(KGWIII4,31f.:19[75])

Voraussetzung des wissenschaftlich-kritischen Denkens ist also eine durch


die Phantasie ermöglichte Tätigkeit. Diese ist das primäre Denken; im Verhält-
nis dazu haben die logischen Prozeduren der Wissenschaft nur sekundären
Rang. Der Bezug*zwischen diesen beiden unterschiedlichen Denkprofcessen,
läßt sich gewiß besonders anschaulich an der philologischen Konjektur darstel-
Hermeneutische Voraussetzungen 125

len, da es in dieser schon vom Begriff her um eine hypothesenbildende Tätig-


keit geht. Es geht um einen hypothetischen „Entwurf", um eine Vermutung,
die sich im Gesamtzusammenhang der Stelle bzw. des Textes zu bewähren hat.
Die philologischrkritische Analyse der Texte wird dabei in ihrer Abhängigkeit
von produktiv-projektiven Denkfähigkeiten auf gewiesen. Der kreativ-schöp-
ferische Aspekt, in dem etwas Neues „erzeugt", „erfunden" wird, das zumin-
dest zunächst nicht wissenschaftlich abgeleitet werden kann, erweist sich als
der auch für das-rational-kritische Denken fundamentale. Und es ist die Frage,
ob er je vollständig in eine bewußte Argumentationsform überführt werden
kann, denn „auch selbst bei der philologischen Cpnjektur giebt es ein Erzeu-
gen, das nicht ganz in bewußtes Denken aufzulösen ist" (KGW III
4,31:19[74]).
Die zitierten Aussagen sind keine isolierten oder vereinzelten Notizen des
jungen Philologen Nietzsche, sondern lassen sich vielmehr als eine Konse-
quenz aus seiner allgemeinen philosophischen Theorie des Erkennens und
Verstehens herleiten. Denn auch für den jungen Nietzsche ist der Mensch in
seinen gesamten Erkenntnisvollzügen und -vermögen im voraus zu den dis-
kursiv-rationalen Tätigkeiten von einer als kreativ zu bezeichnenden Phanta-
sietätigkeit bestimmt. Demnach kann auch das wissenschaftliche Verstehen da-
von keine Ausnahme bilden. Es partizipiert stets an diesen umfassenderen her-
meneutischen Grundvollzügen. Das Grundverhältnis zwischen dem phanta-
siehaften und dem szientistischen Erkennen beschreibt Nietzsche der Sache
nach als hermeneutischen Zirkel, wenn er sagt:
Man muß beim Denken schon haben,*\vas man sucht, durch Phantasie —
dann erst kann die Reflexion es beurtheilen. (KGW III 4,33:19[78])

Die Phantasietätigkeit ist also jene, die zuerst versteht. Ihre hermeneuti-
sche Qualität zeigt sich daran, daß sie das Vorverständnis für das wissenschaft-
liche Erkennen darstellt. Die hermeneutische Erfassung geht also der szienti-
stisch-argumentativen als deren umgreifender und ermöglichender Horizont
voraus. Wissenschaftlich-kritisches Denken ist somit von einem interpretati-
ven Verstehensvollzug unterfangen und getragen. Die Tätigkeit der Phantasje
geht jener der Logik und Reflexion voran; die produktive Hypothese ist die
Grundlage für die kritische Erarbeitung einer These; die imaginative „Erzeu-
gung" fundiert die Einsicht des diskursiven Beweisgangs.
Aufgrund der auf gezeigten Zusammenhänge ist also die philologische Kri-
tik in ihrer Wissenschaftlichkeit von nicht mehr als rational zu bezeichnenden,
unexakten, produktiven und projektiven Primärprozessen abhängig, die viel
eher ästhetischen Vollzügen denn wissenschaftlichen Prozeduren gleichen.
Von hier her kann Hermeneutik, insofern sie die vorgängigen Verstehenspro-
zesse analysiert, als die Voraussetzung der Kritik verstanden werden.
126 Johann Figl

An diesem Punkt erhebt sich aber die weitere Frage, ob das Bestimmtsem
durch prärationale Prämissen sich auf den immanenten Argumentationsgang
der Wissenschaft bezieht, oder ob dieses nur für die vor- und außerwissen-
schaftlichen Phänomene zutrifft. Näherhin lautet das Problem, ob selbst die
Reflexion von interpretierenden, dem Kunstschaffen analogen Prozeduren be-
stimmt ist, oder ob sich über der Welt des Imaginativ-Phantasiehaften doch ein
ausgegrenzter Bereich des Logisch-Exakten in der Weise abhebt, daß er nicht
von seinem Ermöglichungshorizont geprägt ist. Sind die produktiven Phanta-
sieleistungen nur auf die Heuristik wissenschaftlicher Ergebnisse beschränkt,
oder beziehen sie sich auch auf deren Geltung? Mit anderen Worten lautet die
Frage, ob der logisch-wissenschaftliche Argumentationsduktus, der die Gel-
tung einer Erkenntnis diskursiv oder deduktiv aufzuweisen versucht, von der
hermeneutischen Denkgestalt, die ihr vorausgeht, bleibend durchdrungen ist,
oder ob diese nur auf den Entdeckungszusammenhang beschränkt bleibt. Hat
das wissenschaftliche Denken in sich hermeneutischen Charakter, oder fehlt
dieser?

b) Wissenschaftliches Denken als interpretativer Prozeß

Um die zuletzt aufgeworfene Frage einer Klärung zuzuführen, ist es von-


nöten, im besonderen jene Umformung zu untersuchen, die von der durch die
Phantasie hermeneutisch gewonnenen Hypothese zur wissenschaftlich gesi-
cherten These führt. Es ist also der wissenschaftlichen Argumentation nachzu-
gehen und darauf zu achten, auf welche Weise die logischen Denkprozesse die
prälogischen einzuholen trachten, und zu fragen, ob und worin der Unter-
schied zwischen beiden Prozeduren besteht.
Eine Differenz zwischen Phantasietätigkeit und Reflexion ist auch nach
Nietzsche nicht zu leugnen. Die unterschiedliche Erkenntnisweise*beider ist
nicht nur in der Schnelligkeit der Erreichung einer „Einsicht" gegeben, son-
dern vor allem darin, daß verschiedene Phänomene zur Basis der Erkenntnis
genommen werden. In einem Fall geht das Denken von der Ähnlichkeit der
geschauten Bilder, im anderen von der Vergleichbarkeit und logischen Be-
gründbarkeit der vorausgesetzten Begriffe aus: „Die Phantasie besteht im
schnellen Ähnlichkeitenschauen. Die Reflexion mißt nachher Begriff an
Begriff und prüft. Die Ähnlichkeit soll ersetzt werden durch Causalität."
(III 4,32) Der Unterschied liegt also in der verschiedenen Erkenntnisart, aber
auch im unterschiedlichen Erkenntnisparadigma begründet. Das kausal-ver-
knüpfende Denken tendiert zu einer Metamorphose des imaginativ-assoziie-
renden, die in ihrem Endresultat das letztere überflüssig machen soll. Imagina-
tion gilt es durch Reflexion abzulösen. Es ist ein Paradigmen Wechsel ange-
Hermeneutische Voraussetzungen 127

strebt, durch den die kritische, auf festgelegte Termini basierende Prüfung von
wissenschaftlichen Hypothesen möglich wird.
Wie geschieht aber wissenschaftliche Überprüfung von Annahmen näher-
hin? Was ist der Maßstab, an dem eine neue Erkenntnis gemessen wird? Es
geschieht in der Weise, daß die Reflexion das Ergebnis der Phantasie „an ge-
wöhnlichen und häufig erprobten Ketten mißt" (III 4,33 :19[78]). Die Phanta-
siewelt wird an .der Begriffswelt auf ihren wissenschaftlichen Wahrheitsgehalt
hin überprüft. Jedoch, ist diese Art der Überprüfung tatsächlich imstande,
über die Phantasie- und Metaphernerkenntnis hinauszuführen, zu einer we-
sentlich verschiedenen Art der Erkenntnis? Diese Frage muß von den sprach-
philosophischen Thesen Nietzsches her verneint werden. Denn auch der Be-
griff kann seine Herkunft aus der Metapher nicht leugnen, deren „Residuum"
er ist. Die Überprüfung an den gewohnten Begriffen und Begriffssystemen ge-
schieht also nicht an einem von der zu prüfenden Metaphernerkenntnis essen-
tiell, sondern eigentlich nur graduell verschiedenen Maßstab. Es ist ein Messen
an einer Metapher, deren künstlerischer und unexakter Ursprung vergessen
worden ist. Der Gebrauch, die Gewöhnung führte den Anschein wissenschaft-
lich gesicherter und überprüfter Wahrheiten herbei:

Die gewöhnlichsten Metaphern, die usuellen, gelten jetzt als Wahrheiten und
als Maaß für die seltneren. An sich herrscht hier nur der Unterschied zwi-
schen Gewöhnung und Neuheit, Häufigkeit und Seltenheit.
Das Erkennen ist nur ein Arbeiten in den beliebtesten Metaphern [. ..]. (III
4,79:19[229])
•f- ·
Es wird darum nur unterschiedlich „festgewordene" Metaphernerkennt-
nis miteinander verglichen. Es handelt sich wie bei Lüge und Traum im Ver-
gleich zur gewöhnlichen Auffassungsweise nur um „verschiedene Metapher-
welten" (III 4,79). Die noch lebendigsten und ursprünglichsten der unmittel-
baren Phantasietätigkeit werden mit den erstarrten, als gewiß geltenden der
Wissenschaft in Beziehung gebracht. Der wissenschaftlichen Überprüfung von
Hypothesen kommt somit nur eine relationale Bedeutung zu: allein im Hin-
blick auf eine andere, eine objektivierte und fixierte Erscheinungsform der
Hypothese, die als These gilt, kann sie Geltung beanspruchen. Der vermeintli-
che Paradigmenwechsel ist eigentlich eine Metamorphose innerhalb des Fun-
damentalparadigmas der Phantasie-Erkenntnis: die Gestalt der lebendig ge-
schauten und assoziativ erfaßbaren Imaginationen soll anhand der abstrakt ge-
wordenen Begriffe in deren fixierte Gestalt überführt werden. Darum kann das
wissenschaftliche Erkennen nicht wesentlich über die interpretative Welter-
kenntnis hinausführen, sondern die Wissenschaft erscheint vielmehr als ein zu
einem Begriffs-System verhärtetes Interpretieren, welches seinen ureigensten
Ursprung als außer-, vor- oder unwissenschaftlich negiert.
128 Johann Figl

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum wissenschaftliches Er-


kennen notwendig interpretierend bleibt und am phantasiehaften Denken par-
tizipiert. Dieser liegt ebenfalls in der Unmöglichkeit begründet, die imaginati-
ve Erkenntnis vollständig in eine nichtmetaphorische zu transformieren, wo-
für schon der aufgezeigte Tatbestand ein Zeugnis gibt. Dieses zweite Argu-
ment gründet auf der Tatsache, daß auch das bewußte Denken sich zu den
imaginierten Bildassoziationen nur selektiv verhält. Ebenso wie es nämlich die
Schnelligkeit der Phantasieerzeugung nicht einzuholen vermag, wird es deren
Fülle gerecht:
Es ist viel mehr von Bilderreihen im Gehirn, als zum Denken verbraucht
wird: der Intellekt wählt schnell ähnliche Bilder: das Gewählte erzeugt wie-
der eine ganze Fülle von Bildern: schnell aber wählt er wieder eines davon
usw. (III 4,33:19[78]).
Das wissenschaftlich-logische Denken kann sich dieser regen und uferlosen
Phantasietätigkeit nur in auswählender Weise nähern, sich ihrer nur zum Teil
bemächtigen, d.h. sie in Begriffe und wissenschaftliche Sätze überführen:
„Das bewußte Denken ist nur ein Herauswählen von Vorstellungen. Es ist ein
langer Weg bis zur Abstraktion." (III 4,33) Dieses Herauswählen aber ist
schon nicht mehr rein wissenschaftlich, sondern es entspricht jenem Hervor,-
heben bzw. Weglassen, das das metaphorische Denken kennzeichnet. Und das
bedeutet, daß es am interpretativen Grundvollzug teilhat. Die auswählende
künstlerische Kraft, die das wissenschaftliche Denken kennzeichnet, wirkt
sich auch im wissenschaftlichen Prozeß noch aus. Wissenschaftliches Denken
ist Selektieren und als solches Interpretieren. Somit trifft zu, daß die präratio-
nal-ästhetischen Erkenntnisvollzüge den wissenschaftlich-kritischen vorange-
hen, sie ermöglichen, jedoch in der Weise, daß deren rationale Kritik nicht nur
nicht geschmälert und relativiert, sondern erst in ihrem Begründungszusam-
menhang aufgedeckt und dadurch in ihrer Leistungsfähigkeit bestätigt wird.
Diese Grundauffassung dürfte dem Denken des frühen sowie des späten
Nietzsche das ihm eigentümliche Gepräge geben.