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HORST BAIER

„DAS PARADIES UNTER DEM SCHATTEN DER SCHWERTER"

Die Utopie des Zarathustra jenseits des Nihilismus

I. Zarathustras Gespräch mit den Königen


„Zarathustra war noch keine Stunde in seinen Bergen und Wäldern unter-
wegs, da sähe er mit Einem Male einen seltsamen Aufzug. Gerade auf dem
Wege, den er hinabwollte, kamen zwei Könige gegangen, mit Kronen und
Purpurgürteln geschmückt und bunt wie Flamingo-Vögel: die trieben einen
beladenen Esel vor sich her. ,Was wollen diese Könige in meinem Reiche?'
sprach Zarathustra erstaunt zu seinem Herzen und versteckte sich geschwind
hinter einem Busche. Als aber die Könige bis zu ihm herankamen, sagte er,
halblaut, wie Einer, der zu sich allein redet: »Seltsam! Seltsam! Wie reimt sich
Das zusammen? Zwei Könige sehe ich - und nur einen Esel!'"1

So beginnt das „Gespräch mit den Königen" zu Anfang des vierten und letzten
Teils von Nietzsches ,Also sprach Zarathustra', erschienen als Privatdruck von
40 Exemplaren, 1885.2 pie Könige in ihrem wunderlichen Aufzug, im Flitter-
kram, im ,Urväterzierrath* ihrer Herrschaftsinsignien, erscheinen, nachdem
Zarathustra einen schauerlichen Notschrei des höheren Menschen aus der Tie-
fe der Gebirgsschluchten gehört und er sich, voller Unruhe und erfüllt mit
Zweifeln, von seiner Höhle aus auf die Suche nach ihm, nach dem Ziel langer
Jahre seines ruhelosen Wanderns zwischen Versuchungen und Verheißungen,
Verzweiflungen und Erfüllungen gemacht hatte. Dort war noch der Wahrsager
neben ihn getreten, plötzlich ein Schatten neben seinem Schatten, und hat
noch einmal, — wir kennen ihn schon aus dem zweiten Teil des ,Zarathustra<3
— wie eine letzte Versuchung und Einschläferung den Schatten einer großen
Traurigkeit und Müdigkeit über ihn geworfen. „Der Wanderer und sein Schat-
ten" ist eine dialogische Figuration, die Nietzsche bekanntlich schon lange be-
nützt; so beginnt und endet die ja auch so betitelte zweite Abteilung des zwei-
ten Buches von »Menschliches, Allzumenschliches' mit einem Gespräch zwi-

* KGW VI l, S. 300.
2
Zur Editionsgeschichte Mazzino Montinaris Kommentar in: KSA 14, S. 279ff., bes. S. 326ff:
3 KGW VI l, S. 168-172.
„Das Paradies unter dem Schatten der Schwerter" 47

sehen dem Wanderer und seinem Schatten, zwischen dem noch zögernden
Freigeist, der aus der europäischen Moral auswandern will, und dem am Wi-
derschein der Dinge leidenden, fröstelnden Zweifler.4 Es ist die rhetorische
Figur des auf- und abschwellenden Erkenntnis- und Wahrheitszweifels, des
ruhelosen Selbstgesprächs, des Schopenhauerschen Pessimismus, des passiven
Nihilismus, der Sehnsucht nach dem Ende der Skepsis, nach dem Tod. Hier in
,Also sprach Zarathustra* ist der Schatten schon abgelöst von ihm, er tritt jetzt
neben Zarathustras eigenen Schatten und will ihn zu seiner letzten Sünde ver-
führen: zum Mitleiden. Aber Zarathustra schüttelt ihn ab und macht sich auf
zur Suche nach dem höheren Menscheil, der nach ihm im Gebirge, im Um-
kreis der Herrschaft Zarathustras mit langen schrecklichen Schreien ruft.
„Wohlan! ich suche ihn flugs in jenen Wäldern: daher kam sein Schrei. Viel-
leicht bedrängt ihn da ein böses Thier. Er ist in meinem Bereiche: darin soll er
mir nicht zu Schaden kommen!"5
So begegnet Zarathustra den Königen. Findet sich unter ihnen der höhere
Mensch? Oder'sind sie seine Führer und Vorausläüfer? Nein; — aber sie sind
Abkömmlinge solcher Weltgegenden, aus denen der höhere Mensch kommt,
denen er entkommen will: der Welt ihrer bisherigen Herrschaft, der Welt der
großen Städte und Menschenansammlungen. Die beiden Könige beginnen ein
Gespräch unter sich, wiewohl sie wissen, daß ihnen jemand — wie sie meinen,
ein Ziegenhirt oder Einsiedler — zuhört. Sie führen sich die Gründe vor, de-
rentwegen sie sich auf die Reise ins Gebirge machten. Es ist eine Flucht aus
ihrer,guten Gesellschaft', die selbst schon Masse geworden, vermischt ist, kei-
ne Rangordnung mehr kennt: „·
„Pöbel-Mischmasch: darin ist Alles in Allem durcheinander, Heiliger und
Hallunke und Junker und Jude und jeglich Vieh aus der Arche Noäh",
sagt der eine König - es ist der König, anzüglich genug, zur Rechten.
„Dieser Ekel würgt mich, dass wir Könige selber falsch wurden, überhängt
und verkleidet durch alten vergilbten Grossväter-Prunk, Schaumünzen für
die Dümmsten und die Schlauesten, und wer heute Alles mit der Macht Scha-
cher treibt!
Wir sind nicht die Ersten — und müssen es doch bedeuten: dieser Betru-
gerei sind wir endlich satt und ekel geworden. [...]- Ach, Ekel! Ekel! Ekel!
Was liegt noch an uns Königen!'*
Der andere König, der zur Linken, der Liberale und Konstitutionelle also, hält
ihm vor, daß ihn seine alte Krankheit anfalle, der Abscheu vor einer Herr-
schaft, die doch keine mehr ist, sondern nur noch Schaustellerei bedeutet.

« KGW IV 3, S. 175-177 u. 341 f.


s VgL „Der Nothschrei", KGW IV 3, S. 296ff., Zitat S. 299.
48 Horst Baier

„Der Ekel fällt dich an, mein armer Bruder. Aber du weisst es doch, es hört
uns Einer zu."6

Zarathustra erhebt sich sofort aus seinem Schlupfwinkel, begrüßt sie und ver-
sichert ihnen, daß er ihnen gerne zugehört hätte.
„Ich bin Zarathustra, der einst sprach: — [und zwar als er die ,neuen Ta-
feln* für den künftigen Adel verkündete7] — ,Was liegt noch an Königen!'
Vergebt mir, ich freute mich, als Ihr zu einander sagtet: ,Was liegt an uns Kö-
nigen!'
Hier aber ist mein Reich und meine Herrschaft: was mögt ihr wohl in mel·^
nem Reiche suchen? Vielleicht aber fandet Ihr unterwegs, was ich suche,
nämlich den höheren Menschen/ '
Als Diess die Könige hörten, schlugen sie sich an die Brust und sprachen
mit Einem Munde: ,Wir sind erkannt!"8

Erstaunlich ist für uns, daß die Überraschung nicht im Zusammentreffen mit
Zarathustra liegt, der doch für die Könige der Künder des Übermenschen und
Sucher des höheren Menschen ist, sondern darin, daß auch sie, die bisherigen
Herren der Welt, den neuen Menschen finden wollen und sich dabei entdeckt
sehen. Die Könige suchen selbst das, wovon Zarathustra kündet: Die Über-
windung des bisherigen Menschen, den Weg aus den in den Niederungen aus-
gebreiteten Staaten und Menschengesellschaften. Sie bringen in die Höhen und
Einsamkeiten des Gebirges die Zeichen ihrer zergangenen Herrschaft: klap-
pernde Kronen, flittrige Purpurgürtel — und das Sinnbild ihrer Last: einen be-
ladenen Esel. Die Welt, die alte Welt der Herrschaft, kommt in der Not ihres
Verfalls hinauf zu Zarathustra.
Was bedeutet das? Vor uns haben wir wohl eine Parodie der Drei heiligen
Könige aus dem Morgenland auf der Suche nach dem verheißenen neuen Erlö-

6 KGW VI l, S. 301. Vgl. auch den Nachlaß aus dem Winter 1884/85, KGW VJI 3, S. 116.
Die Rede vom »Großväter-Prunk* der historisch überholten Monarchie begleitet Nietzsche
durch das Leben, ist also ein in seiner Jugend geprägter Topos für Epigonales und Antiquari-
sches, dessen Sprachbild gewiß - wie Mazzino Montinari nachgewiesen hat (KSA 14, S. 67 u.
331) - auf die Lektüre Goethes zurückgeht. Vgl. die »Einleitung* seiner sechs Vorträge „Ueber
die Zukunft unserer Bildungsanstalten" von 1872 (KGW III 2, S. 137); dann der „Urväter-
Hausrath" als Obsession der „bewahrenden und verehrenden Seele des antiquarischen Men-
schen" und überhaupt die Bezeichnung „Dekoration des Lebens" für epigonale Kulturgestal-
ten in der II. Unzeitgemäßen Betrachtung ,Vöm Nutzen und Nachtheil der Historie für das
Leben* (KGW III l, S. 261 u. 329f.); schließlich der Aphorismus 281 „Die Gefahr der Könige"
im Buch ,Der Wanderer und sein Schatten* in »Menschliches, Allzumenschliches*, wo es heißt:
„Das Kaiser- und Königthum bliebe ein prachtvoller Zierrath an der schlichten und zweck-
mässigen Gewandung der Demokratie, das schöne UeberfRissige, welches sie sich gönnt, der
Rest alles historisch ehrwürdigen Urväterzierrathes, ja das Symbol der Historie selber [.. .]**
(KGW IV 3, S. 314).
7
„Was liegt noch an Fürsten!** KGW VI l, S. 251, und: „Es ist die Zeit der Könige nicht mehr:
Was sich heute Volk heisst, verdient keine Könige**, ebd. S, 259.
8
KGW VI l, S. 302.
„Das Paradies unter dem Schatten der Schwerter" 49

ser und König der Welk Aber es sind doch nur fcwei Könige? Nach meiner
Auslegung handelt es sich bei dem in bisherigen Zarathustra-Interpretationen
rätselhaften Esel um ein verschlungenes Sinnbild, um eine Art mythologischen
Anagramms. Der Esel ist der dritte König > der sich nach der Anbetung und
Unterwerfung unter das göttliche Kind am Tag von Bethlehem zum Lasttier
des neuen Königs in Israel verwandelt hat. Die Metamorphose der Herrschaft
— und das sagt dieses Bild zudem aus — läuft weiter in hoc signo bis zur Ver-
mischung der Herren mit dem gemeinen Volk. Auch dafür steht der Esel als
bereits antikes Tiersymbol für triebhafte Sinnlichkeit, vermehrungsfreudige
Geschlechtlichkeit, duldungsfähige Arbeitsamkeit; und tierhafte Unterwer-
fungsbereitschaft. Der Esel ist das Symbol für die Erniedrigung der natürli-
chen Herrschaft unter das Kreuz des Christentums und für die Auferstehung
des verchrisdichten Volks im gekreuzigten Gott.9
Vom Eselsritt des Christus in das vor solchem Königsanspruch höhnende
und zurückschauernde Jerusalem ist freilich auf den Bergen Zarathustras nicht
viel übrig geblieben, — nur eine historische Last, eine unglaubwürdig gewor-
dene Erlösungshoffnung ohne den Erlöser, eine schwere Last für das Gottes-
volk ohne Gott und eine beschwerliche für seine weltlichen Stellvertreter. Daß
der „beladene Esel" das Sinnbild des Christkönigs und des christlichen Volkes
ist — nach dem Tode Gottes —, wird in der späteren Episode des Eselsfestes
vollends deutlich. Der alte Papst, der Zauberer, der häßlichste Mensch und die
anderen, die sich noch bei Zarathustra eingefunden haben und mit ihm in einer
Redefeier die Ankunft des höheren Menschen erwarten — Nietzsche führt uns
dies in einer hochblasphemischen Abendmahiszene vor10 —, diese Besucher in
Zarathustras Höhle geraten, nachdem er seine Gäste für einen Augenblick ver-
lassen hatte, in einen orgiastischen Sing-Sang und Tanz um den Esel. Er ist für
sie Gott, oder besser: ein Rest von Gott, von dessen Tod sie wissen, den der
häßlichste Mensch sogar aus Rachsucht verschuldet hat, an dessen Tod sie aber
noch nicht glauben können. Der zurückkehrende Zarathustra erschrickt zu-
erst, läßt sich dann für einen Moment mitreißen und fragt schließlich einen der
nachdenklichsten seiner Gäste, den Gewissenhaften des Geistes, also den Ge-
lehrten, nach dem Vorfall. Dieser antwortet ,mit dem Finger an der Nase"*:

Gustav Naumann hat im IV. Teil seines: Zarathustra-Commentar, Leipzig 1899-1901, über
diesen zuerst antik-dionysischen, dann mittelalterlich-christlichen Tiersymbolismus ausgiebig
berichtet (vgl. S. 30f. u. 191 ff.). Ohne Bezug zu Nietzsche beschreibt der Germanist und
Volkskundler Hans Naumann den Eselskult im Volksglauben nördlicher Länder in: Primitive
Gemeinschaftskultur, Jena 1921, S. 119f, Weiteres über den Esel zwischen den Königen Au-
gust Messer: Erläuterungen zu Nietzsches Zarathustra. Stuttgart 1922, S. 138ff. u. 165. Ver-
weise auch bei Karl Löwith: Nietzsches Philosophie der ewigen Wiederkehr des Gleichen.
Stuttgart 1956, bes. S. 58 f., 78, 230.
KGWVI l, S. 349-551.
50 Horst Baier

„Vielleicht, dass ich an Gott nicht glauben 4arf: gewiss aber ist, dass Gott mir
in dieser Gestalt noch am glaubwürdigsten dünkt."11
Es ist in der Tat das, was vom jüdischen und christlichen Gott übrig ge-
blieben ist: die Kreatur mit der Last eines großen, nicht eingelösten Verspre-
chens. Am Ende löst sich alles in Gelächter und Heiterkeit auf, einem Vor-
schein von verheißener Leichtigkeit und einem Vorspiel vori Leichtfüßigkeit
im gemeinschaftlichen Kampfspiel. „In der Schlacht ein Tänzer", wie es im
Dionysos-Dithyrambus ,Letzter Wille* heißt."12 Aber noch springt und schreit
der Esel, und um ihn tanzen und tollen die „Menschenkinder" mit der forcier-
ten Kindlichkeit, denen einmal vom großen Eselsführer aus dem jüdischen
Land das Himmelreich versprochen worden war. „(Und Zarathustra zeigt mit
den Händen nach Oben.) Aber wir wollen auch gar nicht in's Himmelreich:
Männer sind wir worden, — so wollen wir das Erdenreich." 13
Die Könige haben um dieses Versprechens einer himmlischen Erlösung
willen die Formen ihrer Macht so umgewandelt, bis ihre Macht nur noch eine
Form war; sie haben sich dem Volk so anverwandelt, bis sie selbst Volk, ,so-
zialer Mischmasch', geworden sind. Und nun ist nur noch ein Rest ihrer Her-
rengesinnung übriggeblieben, ein Rest von herrscherlicher Verantwortlichkeit.
Sie suchen eine Lösung, ihre Erlösung von den letzten Flitterh der Maoht.- So
antworten sie Zarathustra, nachdem sie bekannt haben, daß sie von ihm er-
kannt worden sind:
„Mit dem Seh werte dieses Wortes zerhaust du unsres Herzens dickste Fin-
sterniss. Du entdecktest unsre Noth, denn siehe! Wir sind unterwegs, dass
wir den höheren Menschen fanden —
— den Menschen, der hoher ist als wir: ob wir gleich Könige sind. Ihm
führen wir diesen Esel zu. Der höchste Mensch nämlich soll auf Erden auch
der höchste Herr sein.
Es giebt kein härteres Unglück in allem Menschen-Schicksale, als wenn die
Mächtigen der Erde nicht auch die ersten Menschen sind. D^wird Alles
falsch und schief und ungeheuer.
Und wenn sie gar die letzten sind und mehr Vieh .[sie!].als Mensch: da steigt
der Pöbel im Preise, und endlich spricht gar die föbel-Tugend: ,siehe, ich
allein bin Tugend!'"14
„Was hörte ich eben? antwortete Zarathustra; welche Weisheit bei Königen!"
— ein freilich ironisches Kompliment; denn die Tatsache, daß die alten Könige
weder auf die Zeichen ihrer Herrschaft noch auf das Sinnbild ihrer erniedrigten
Mächt, den Esel nämlich, verzichtet haben, ja sogar diesen Zarathustra auf die

11
„Das Eselsfest" ebd., S. 386-390, Zitat S. 387.
12
KGW VI 3, S. 386.
» KGW VI l, S. 389.
14
KGW VI l, S. 302.
„Das Paradies unter dem Schatten der Schwerter" 51

Höhen seines Gebirgsreiches zuführen wollen, zeigt, daß sie zwar den schar-
fen Blick von Herren für verlorene Herrschaft haben, aber keinen für ihre Zu-
kunft.
Zarathustra schließt das erste, Gespräch mit den Königen' mit einem wun-
derlichen Lied, gewiß mit dunkler, abfallender Stimme zu singen, die im
scheppernden Reim den Takt zur Verfallsgeschichte der christlich verdorbenen
Herrschaft schlägt. Es ist eine Art Gassenhauer zur Welt- als Heilsgeschichte:
„Einstmals -^ ich glaub*, im Jahr des Heiles Eins —
Sprach die Sibylle, trunken sonder Weins:
,Weh, nun geht's schief!
»Verfall! Verfall! Nie sank die Welt so tief!
,Rom sank zur Hure.und zur Huren-Bude,
,Rom*s Caesar sank zum Vieh,'· Gott selbst — ward Jude!*"15

//. Der europäische Nihilismus

Wie ist diese Geschichte auszulegen, die -^ nach Nietzsche — zu einer sol-
chen Maskerade legitimer Macht und zu solcher lärmenden Anbetung des nie-
deren Volkes geführt hat? Das Gespräch Zarathustras, das er vor der Ankunft

15
KGW VI l, S. 303. - Erich Heller hat uns aufmerksam gemacht, daß sich William Butler
Yeats, der anglo-irische Poet, dieses Nietzscheschen Tiersymbolismus für den Niedergang der
Zivilisation bedient hat, etwa i n d e n Versen: * . . ' · "
„And what rough beast, its hour come round at last,
Slouches towards Bethlehem to be born?"
oder - angesichts der Verwüstung der Welt - über den zurückbleibenden Menschen:
„And he, despite his terror, cannot cease
Ravening, raging, and uprooting that he may come
Into the desolation of reality:
Egypt and Greece, good^bye, and good-bye Rome!"
VgL Erich Heller: Als Yeats Nietzsche las, in: Sprache und Politik. Festgabe für Dolf Sternber-
ger zum 60. Geburtstag. Hg. von Carl-Joachim Friedrich und Benno Reifenberg. Heidelberg
1968, S. 116-131, Zitat S. 124f.
Eine andere literarische Fährte des ,Gespräches mit den Königen' führt zu Rainer Maria Rilke
und seinem Gedicht von 1901 aus dem ,Stunden-Buch': „Die Könige der Welt sind alt" (vgl.
Sämtliche Werke. Werkausgabe. Frankfurt/M. 1975, Band l, S. 328f.). Obzwar Erich Heller
in seiner gründlichen Studie: Rilke und Nietzsche, in: Nietzsche. Drei Essays. Frankfurt/M.
1964, S. 69—125, diese Rezeption nicht erwähnt, sprechen Verse wie „die kranken Kronen der
Gewalt./ Der Pöbel bricht sie klein zu Geld,/ der zeitgemäße Herr der Welt" für meine Annah-
me, zumal Rilke um die Jahrhundertwende ein genauer Leser Nietzsches gewesen war. VgL
seine Marginalien zur ,Geburt der Tragödie* von 1900 aus dem Nachlaß von Lou Andreas-Sa-
lome, heute abgedruckt in: Sämtliche Werke, s. o., Band 12, S. 1163-1177 u. 1520f. Dies auch
gegen Bruno Hillebrand gehalten, der in setner Einführung „Frühe Nietzsche-Rezeption in
Deutschland" in: Nietzsche und die deutsche Literatur. 2 Bde. Tübingen 1978, dort Bd. 1; S.
1-55, bes. S. 31 ff., den Einfluß des »Zarathustra' auf Rilke unterschätzt, zumal beide durch
Lou Salome verbunden sind«
52 Morst Baier

der beiden Könige und des Esels mit dem ^Wahrsager geführt hatte, gibt den
Fingerzeig. Der „Verkündiger der großen Müdigkeit", der Schatten und Dop-
pelgänger Zarathustras, lehrt in der großen Stadt mit weit mehr Zulauf: „Alles
ist gleich, es lohnt sich Nichts, Welt ist ohne Sinn, Wissen würgt." Er ist Zara-
thustra ja vorher schon einmal begegnet; seine Rufe klangen damals aus allen
Ebenen und von allen Hügeln: „Alles ist leer, Alles ist gleich, Alles war". Er
steht hinter den ,Taranteln', hinter den demokratischen Predigern der Gleich-
heit, die gegen alles Ungleiche, Ungerade, Aufsteigende eifern und den Neid
der schon Angeglichenen, Erniedrigten, Tugendlichen in Bewegung halten. Es
sind Tyrannen der Ohnmacht, die Massenbeweger der modernen Demokratie,
die den Lebensneid, das Ressentiment* den Infekt der christlichen Priester nun
zum politischen Kalkül ihrer episodischen Herrschaft gemacht haben. „Den
Begeisterten gleichen sie: aber nicht das Herz ist es, was sie begeistert, — son-
dern die Rache. Und wenn sie fein und kalt werden, ist's nicht der Geist, son-
dern der Neid, der sie fein und kalt macht."16
Es ist die Kälte des Todes, der absoluten und sinnlosen Gleichheit, die sie
und ihre Gesellschaft einholen wird. Davon weiß der Wahrsager, dieser My-
thologe mit dem Mund Schopenhauers, das erhebt ihn über jene Ideologen der
Gleichheit. Bei der ersten Begegnung — im IL Buch des ,Zarathustra* — löste
er mit seiner Klage: „Wahrlich, zum Sterben wurden wir schon zu müde; nun
wachen wir noch und leben fort — in Grabkammern", bei Zarathustra einen
schweren Traum aus vom Fortdauern, Fortklagen der schon im Leben Gestor-
benen, die ihre versprochene Erlösung nicht finden können. Der flüsternde,
klagende Schatten hat Zarathustra schließlich überwältigt, er ist selbst „zum
Nacht- und Grabwächter [. . .] worden, dort auf der einsamen Berg-Burg des
Todes/'17
Wie wir von der Schwester und anderen Zeugen wissen18, ist es Nietz-
sches eigener Traum gewesen, der Nietzsche-Zarathustra in einer dialektischen
Traumlogik das Doppelgesicht der Vision von der ewigen Vergänglichkeit als
Wiederkehr des Gleichen gezeigt hatte. Im Abschnitt „Von der Erlösung", als
Nachhall der Traumerzählung, kündet Zarathustra seinen Jüngern:
„Wahrlich, meine Freunde, ich wandle unter dein ^enschen wie unter den
Bruchstücken und Gliedmaassen von Menschen!
Diess ist meinem Auge das Fürchterliche, dass ich den Menschen zertrüm-
mert finde und zerstreuet wie über ein Schlacht- und Schlächterfeld hin.

16
„Der Wahrsager", KGW VI l, S. 168-172, und „Von den Taranteln", ebd. S. 124-127.
v Beide Zitate KGW VI l, 168f.
" Vgl. Beleg bei Anke Bennholdt-Thomsen: Nietzsches ALSO SPRACH ZARATHUSTRA als
literarisches Phänomen. Frankfurt/M. 1974, S. 76 Anm. 14, im Zuge ihrer lesenswerten Analy-
se des Grabtraums, S. 75 ff. Weitere Hinweise von Mazzino Montinari KSA 14^ S. 306 u. 605.
„Das Paradies unter dem Schatten der Schwerter" 53

Und flüchtet mein Auge vom Jetzt zum Ehemals: es findet immer das Glei-
che: Bruchstucke und Gliedmaassen und grause Zufälle — aber keine Men-
schen!
Das Jetzt und das Ehemals auf Erden — ach! meine Freunde — das ist mein
Unerträglichstes; und ich wüsste nicht zu leben, wenn ich nicht noch ein Se-
her wäre, dessen, was kommen muss.
Ein Seher, ein Wollender, ein Schaffender, eine Zukunft selber und eine
Brücke, zur Zukunft [.. .]"19
Vorläufig ist es allein der blanke Wille — wie im Traum durch die Grüfte der
Toten, die nicht sterben können, durch die Katakomben der Vergangenen, die
nicht vergehen können — hindurchzugehen und das Tor einer selbstgewollten
und selbstgeschaffenen Zukunft zu finden.
„Die Vergangenen zu erlösen und alles ,Es warf umzuschaffen in ein ,So
wollte ich es!* — das hiesse mir erst JErlösuhg!
Wille — so heisst der Befreier und Freudebringer: also lehrte ich euch, mei-
ne Freunde! Und nun lernt diess hinzu: der Wille selber ist noch ein Gefange-
ner.
Wollen befreit: aber wie heisst Das, was auch den Befreier noch in Ketten
schlägt?
,Es war': also heisst des Willens Zähneknirschen und einsamste Trübsal.
Ohnmächtig gegen Das, was gethan ist — ist er allem Vergangenen ein böser
Zuschauer."?0
Auf der ,Brücke zur Zukunft', wo Zarathustra mit seinen Jüngern noch steht
und spricht, kann der Wille noch nicht zurückwollen. Er kann noch nicht „die
Zeit brechen [...] und der Zeit Begierde". Noch ist der Mensch im Kerker der
Zeit gefangen, wohin ihn die Rachsucht einer ewigen Gerechtigkeit und rich-
tenden Weltordnung gebracht hat. Zeitlichkeit als Strafe des Daseins,
das seit dem Sündenfall schuldhaft verkettet ist in der Heils- besser Unheilsge-
schichte eines rächenden Gottes. „ ,Und diess ist selber Gerechtigkeit, jenes
Gesetz der Zeit, dass sie ihre Kinder fressen muss': also predigte der Wahn-
sinn." Wie löst sich aber der Wille vom Geist der Rache? „Oh wo ist die Erlö-
sung vom Fluss der Dinge und der Strafe ,Dasein'?" Wer lehrt ihn die Versöh-
nung mit der Zeit, so daß der schaffende Wille sagen kann: So wollte ich es! So
will ich es! So werde ich's wollen! „Höheres als alle Versöhnung muss der
Wille wollen, welcher der Wille zur Macht ist —: doch wie geschieht ihm das?
Wer lehne ihn auch noch das Zurückwollen?" Hier erschrickt Zarathustra,
bricht seine Rede ab und fällt ins Schweigen. Es ist die Vorankündigung der
,Ewigen Wiederkehr des Gleichen'.21

19
„Von der Erlösung"', KGW VI l, S. 173-178. Zitat S. 174f.
2° Ebd. S. 175f. -
2t
Ebd. S. 176f. — Martin Heidegger gibt eine Auslegung der »Brückenrede4 Zarathustras von der
Versöhnung des Daseins mit der Zeit: Wer Ist Nietzsches Zarathustra?, in: Vortrage und Auf-
54 Horst Baier

Bei der zweiten Begegnung Zarathustras mit dem Wahrsager — kurz vor
dem Gespräch mit den Königen —, ist dieser, sein nun von ihm abgelöster
Todesschatten inzwischen weitergegangen bis zum radikalen Pessimismus, bis
zur Erfahrung der Sinnlosigkeit der Welt und des eigenen Daseins; aber der
Wahrsager lamentiert und räsoniert noch, er vermag sich der Wahrheit des Ni-
hilismus noch nicht zu stellen. Dazu steigt er hinauf zu Zärathustra, in den
Kreis seiner Berge, wo sich mit hallenden Notrufen der höhere Mensch auch
für ihn ankündigt. Vorher will er aber sich und den Einsiedler nochmals prü-
fen mit seiner letzten Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Welt. Es ist die
Versuchung der sublimierten Rachsucht*2, des Mitleids mit der Kreatur, ihrem
Leiden, ihrem Elend, ihrer Vergänglichkeit. Zärathustra ist jedoch über die
Mitleidsmoral hinaus, ihn würgt der , Wahnsinn* von der Schuldverkettung der
Existenzen nicht mehr. Er gibt ihm die Hände zum Zeichen, daß er ihn als
Gastfreund in seiner Höhle empfangen und ihn zur gemeinschaftlichen An-
nahme seines Wissens verhelfen will.
Was ist das für ein Wissen, das Zärathustra seinen Gästen mitteilen wird
und das auch den Wahrsager von seinem Pessimismus mit der Hilfsethik des
Mitleids befreien kann? Für dessen Auslegung ziehe ich einen Text heran, den
Nietzsche nicht in der symbolischen Sprache des ,Zarathustra' verfaßt hat,,
sondern in der analytischen seiner Phäiiomenologie des ,europäischen Ni-
hilismus'. So ist auch der Text betitelt, den Nietzsche in Lenzer Heide am
10. Juni 1887 verfaßt und den der Editor der ,Kritischen Gesamtausgabe der
Werke" Nietzsches, Mazzino Montinari, nach seinen Zerstückelungen in der
Kompilation des sog. Hauptwerkes ,Der Wille zur Macht" verdienstlich re-
konstruiert hat.23 Dort zieht Nietzsche einen Leitfaden durch die Geschichte

sätze. Pflullingen 1954, S. 101-126. - Zu Erlösung, Schuld und Zeitlichkeit Claudio Lange:
Aisopos und die Erlösung. Emblem contra Roman des Zärathustra, in: Literaturqaagazin 12.
Reinbek bei Hamburg 1980, S. 82-125; sowie Richard Wisser: Nietzsches Lehre von der völli-
gen Unverantwortlichkeit und Unschuld jedermanns, in: Nietzsche-Studien l (1972), S.
147-172.
22
Dazu Walter Kaufmann: Nietzsche. Philosoph-Psychologe-Antichrist. Darmstadt 1982 (Kap.
,Moral und Sublimierung', S. 245-264, und ,Sublimierung, Geist und Eros', S. 265-298).
Daß hier auch für Nietzsche selbst der Punkt der existentiellen Ablösung von der europäischen.
Moral sitzt, zeigt er uns im ,Ecce homo' (KGW VI 3, S. 253ff.): „Die Überwindung des Mit-
leids rechne ich unter die vornehmen Tugenden: ich habe als »Versuchung ZarathustraY ei-
nen Fall gedichtet, wo ein grosser Nothschrei an ihn kommt, wo das Mitleiden wie eine letzte
Sünde ihn überfallen, ihn von sich abspenstig machen will. Hier Herr bleiben, hier die Höhe
seiner Aufgabe rein halten von den niedrigeren und kurzsichtigeren Antrieben, welche in den
sogenannten selbstlosen Handlungen thätig sind, das ist die Probe, die letzte Probe vielleicht,
die ein Zärathustra abzulegen hat - sein eigentlicher Beweis von Kraft . ..." (S. 268f.).
23
,Der europäische Nihilismus' KGW VIII l, S. 215-221. Vgl. auch ebd. die ,Vorbemerkung
des Herausgebers', S. V-XII; sowie Mazzino Montinari: Nietzsches Nachlaß von 1885 bis
1888 oder Textkritik und Wille zur Macht, in: Nietzsche lesen. Berlin 1982, S. 92-119, speziell'
S. 104ff.
„Das Paradies unter dem Schatten der Schwerter" 55

der europäischen Menschheit, der auch uns bei der Frage weiterführt: Was be-
wirkt der Zerfall von Herrschaft, nachdem diese sich mit dem Christentum
verbunden hatte? Und was ist die Leistung des Christentums, woran geht es
zugrunde?
Nietzsche setzt mit seiner Antwort positiv an: Die weltgeschichtliche Lei-
stung des Christentums ist die Rechtfertigung der Leiden dieser Welt. Es erfin-
det in einer kühnen Theologie eine Gegeriwelt unter der Schutzherrschaft eines
in den Himmel geworfenen Gottes, deren zufluchtsoffene Seligkeiten die
Schrecken und den Tod in dieser Welt entgelten und aufheben sollen. Freilich
mußte sich der Mensch in strenger Lebenszucht und Unterwerfung unter die
Verwalter solcher Gnadenmittel bewähren, sonst war nicht der Himmel, son-
dern der verewigte Schrecken der Hölle seine Zukunft. Das Zucht- und Züch-
tigungsmittel solcher diesem Gott und seiner Priester gefälligen Lebensfüh-
rung war die Moral. Ihre Genealogie ist die Geschichte einer verkehrten Welt:
alles, was vor dem Erscheinen des christlichen Gottes lebenswert und lebens-
steigernd gewesen war: Stärke, List und Glück im Kampf, also die Lebenszei-
chen adliger Herrenschichten, wird uminterpretiert zum Kainszeichen des Bö-
sen; alles, was das Gegenteil vorchristlicher Herrenmoral gewesen war, die
Arbeits- und Folgsamkeitstugenden der niedrigen Stände, vorneweg der Ak-
kerbauern und der Ackersklaven — für die der biblische Abel steht —, werden
theologisch umgewertet in die Steuermünzen für den Eintritt in das Himmel-
reich und praktisch schon vorher für die irdische Notdurft des Klerus und der
von ihm gesegneten Herren,24
Aber ein Stich gegen die alten Herren und ihre gezähmten Nachkömmlin-
ge, die nötig bleiben als Vögte weltlicher Ordnung, bleibt: die Rache für die
immer neu erlittene Erniedrigung und der Neid gegenüber denen, die Schön-
heit und Sieghaftigkeit schon auf dieser Welt verkörpern und sich dafür nicht
für ein fernes Jenseits einlösen lassen müssen. Der ,Sklavenaufstand der Moral·
ist das Rumoren des Ressentiments gegen selbstgefällige Macht und Herr-
schaft; am Ende wendet er sich nicht nur gegen die weltliche, sondern vernich-
tet auch die geistliche Macht. Das soziale Nivellement ist für Nietzsche der
Endzustand dieser Bewegung des Hasses gegen das Ungleiche. Der Sozialis-
mus ist die Konsequenz des Christentums, freilich ohne dessen Rechtfertigung
der Miserabilitäten dieser Welt, eben ohne christliche Moral und Theodizee.25
24
Über Priesterherrschaft jüngst sehr abwägend und »gerecht' Wolf gang Trillhaas: Nietzsches
,Priester*, in: Nietzsche-Studien 12 (1983), S. 32—50. Zur Funktion des Ressentiments in der
Macht-Geschichte Europas Gilles Deleuze: Nietzsche und die Philosophie, München 1976,
bes. 4. Kapitel, S. 122-160.
25
Zusammenfassend Eugen Biser: ,Gott ist tot!' Nietzsches Destruktion des christlichen Be-
wußtseins. München 1962; sowie jüngst, in Versammlung der bedeutenden katholischen Auto-
ren über Nietzsches Christentumskritik, das Themenheft von CONC1LIUM „Nietzsche und
das Christentum" 17 (1981), Heft 5, S, 355-439.
56 Horst Baier

Gerade darin liegen oder besser: lagen, so Nietzsche im benannten Text


von 1887, die ,Vortheile der christlichen Moral-Hypothese*. Sie hat erstens
dem Menschen „einen absoluten Werth [verliehen], im Gegensatz zu seiner
Kleinheit und Zufälligkeit im Strom des Werdens und Vergehens". Sie diente
zweitens „den Advokaten Gottes [. . .] der Welt trotz Leid und Übel" Sinn
zu geben, ja sie gab sogar die Fiktion der Freiheit, zwischen Himmel und Höl-
le zu wählen. Und sie setzte schließlich drittens „ein Wissen um absolute
Werthe beim Menschen an" und trieb ihn über den Erlösungsaffekt zur Er-
kenntnis seiner Kreatürlichkeit. Die christliche Moral „verhütete, daß der
Mensch sich als Menschen verachtete, daß er gegen das Leben Partei nahm,
daß er am Erkennen verzweifelte: sie war ein Erhaltungsmittel; — in Sum-
ma: Moral war das große Gegenmittel gegen den praktischen und theoreti-
schen Nihilismus."
Jedoch unter den Tugenden, die die Moral großzog, war auch die Wahr-
h a f t i g k e i t , die Bußfertigkeit des Intellekts: „diese wendet sich endlich ge-
gen die Moral, entdeckt ihre Teleologie, ihre intefessirte Betrachtung —
und jetzt wirkt die Einsicht in diese lange eingefleischte Verlogenheit, die
man verzweifelt, von sich äbzuthun, gerade als Stimulans. Zum Nihilismus."
Dieser , Auflösungsprozeß' verläuft zuerst theoretisch — es ist die Gedanken-
bewegung der europäischen Aufklärung, die Selbstkritik der Moral durch die
Moralisten, zuerst durch die Theologen selbst und dann durch ihre weltlichen
Schüler, die Philosophen. Der theoretische Nihilismus ist eine Umkehrung des
Glaubens, der dialektische Wechsel des einen spirituellen Extremismus in den
anderem des intellektuellen.
„Aber extreme Positionen werden nicht durch ermäßigte abgelöst, son-
dern wiederum durch extreme, aber umgekehrte. Und so ist der Glaube an
die absolute Immoralität der Natur, an die Zweck- und Sinnlosigkeit der psy-
chologisch nothwendige A f f e k t , wenn der Glaube an Gott und eine essen-
tiell moralische Ordnung nicht mehr zu halten ist." . '*
Es wird zur Gewißheit, daß es keinen Sinn im Dasein gibt, seine Aufregungen
und Anstrengungen sind , Umsonst* und dauern doch an. Diese
„Dauer, mit einem ,Umsonst', ohne Ziel und Zweck, ist der lähmendste
Gedanke, namentlich noch wenn man begreift, daß man gefoppt wird und
doch ohne Macht (ist), sich nicht foppen zu lassen." "
Die existentielle Angst, daß das Dasein so fortgeht und kein Ende findet, ein
fortwährendes Sterben ohne Erlösung — denken wir an den Traum Zarathu-

Materialreich auch Ernst Benz: Nietzsches Ideen zur Geschichte des Christentums, in: Zeit-
schrift für Kirchengeschichte 56 (1937), S. 169-313. Bezogen auf den ,Zarathustra* -.aus der
Schule August Messers — Gustav Kröpp: Nietzsches Zarathustra und die Christliche Ethik.
Langensalza 1927.
„Das Paradies unter dem Schatten der Schwerter" 57

stras in den Grabkammern mit den immer wieder aus der Verwesung aufwa-
chenden und klagenden Leichnamen -, drückt Nietzsche hier analytisch,
nicht bildlich aus:
„Denken wir diesen Gedanken in seiner furchtbarsten Form: das Dasein,
so wie es ist, ohne Sinn und Ziel, aber unvermeidlich wiederkehrend, ohne
ein Finale ins Nichts: ,die ewige Wiederkehr*.
Das ist die extremste Form des Nihilismus: das Nichts (das ,Sinnlose')
ewig!"*6
Dieser theoretische Nihilismus, angefeuert von den Affekten der Wiederho-
lungsangst, ist der radikale Pessimismus des Wahrsagers mit den Zügen Scho-
penhauers.27 Aber er ist nur die eine Seite, die innere Phänomenologie des
nihilistischen Bewußtseins. Die andere Seite, die äußere Phänomenolo-
gie, ist der praktische Nihilismus — und dieser explodiert bei den Zeitgenos-
sen Nietzsches wie den unsrigen. Er ist das erste Thema unserer Zeit, das Ver-
wesungszucken des toten Christus.
Wir wissen, „die Moral [hat] das Leben vor der Verzweiflung und dem
Sprung ins Nichts bei solchen Menschen und Ständen geschützt, welche von
Menschen ver{ge)waltthätigt und niedergedrückt wurden: denn die Ohn-
macht gegen Menschen, nicht die Ohnmacht gegen die Natur, erzeugt die
desperateste Verbitterung gegen das Dasein". Die Gewalthaber und Gewalttä-
tigen, die ,Herren' konnte der gemeine Mann so lange ertragen mit ,gutem
Gewissen* — d. h. sie als Herren lassen, ohne sie im Aufruhr zu töten —, solan-
ge er moralische Gründe für seine Friedfertigkeiten, Arbeitsamkeiten und Ge-
horsamkeiten hatte. Schafft man diese Moral ab oder löst sie sich unter den
Einflüssen von Aufklärern und Priesterrenegaten auf, so zeigt sich die verbor-
gene Logik des christlichen Ressentiments: Der ,Wille zur Moral* ist nur ein
verkappter ,Wille zur Macht*, ein von den älteren Priestern in der Soutane wie
von den neueren auf Kathedern und in den Medien geschürter Gegenwille ge-
gen den Machtwillen der Herrschenden.28
Die Moral ist eben nicht nur ein Palliativ für die , unten* gewesen*ge-
gen die Unbilligkeiten und Unleidlichkeiten der , oben*, sondern ein zähes
Kampfmittel zur Zähmung und Einverleibung der Herren. Und droht dieser
Gegenwille zur Ubermächtigung der oberen Klassen seinen Boden zu verlieren

* Alle Zitate KGW VIII l, S. 215-217.


27
Bis heute nicht überholt Georg Simrael: Schopenhauer und Nietzsche. Ein Vortragszyklus.
München u. Leipzig 3. Aufl. 1923, insbes. 6. Vortrag: „Die Moral und die Selbsterlösung des
Willens", S. 109-141, und 8. Vortrag: „Die Moral der Vornehmheit", S. 170-192. Dazu auch
vom gl. Verf.: Friedrich Nietzsche. Eine moralphilosophische Studie, in: Zeitschrift für Philo-
sophie und philosophische Kritik 106 (1895), S. 202-215.
28
Helmut Schelsky hat - in der Nachfolge Nietzsches und Max Webers - die Priesterkritik als
Intellektuellenkritik nochmals verschärft: Die Arbeit tun die anderen. Klassenkampf und Prie-
sterherrschaft der Intellektuellen. Opladen 1975, 2. Aufl. 1976.
58 Horst Baier

— mit der Zerbröckelung und Zerfaserung moralischer Lebensführung —, so


kehrt er sich um — in der Logik des Nihilismus — zum Willen der Selbstzer-
störung.
„Die Moral hat die Gewalthaber, die Gewaltthätigen, die ,Herren' über-
haupt als die Feinde behandelt, gegen welche der gemeine M(ann) geschützt,
d.h. zunächst e r m u t h i g t , gestärkt werden muß. Die Moral hat folglich
am tiefsten hassen und verachten gelehrt, was der Grundcharakterzug der
Herrschenden ist: ihren Willen zur Macht. Diese Moral abschaffen,
leugnen, zersetzen: das wäre den bestgehaßten Trieb mit einer umgekehr-
ten Empfindung und Werthung versehen. Wenn der Leidende, Unterdrückte
den Glauben verlöre, ein Rech t .zu seiner Verachtung des Willens zur
Macht zu haben, so träte er in das Stadium der hoffnungslosen Desperation."

Das ist eben „der Wille zur Zerstörung als Wille eines noch tieferen In-
stinkts, des Instinkts der Selbstzerstörung, des Willens ins Nichts". 29
Wir haben hier die psychologische und praktische Konsequenz vor uns,
daß — wenn das große Versprechen für die »Personal-Eitelkeit*30, also für das
individuelle ,Heil der Seele', nicht einmal mehr mit der kleinen Münze der Be-
friedigung für moralisches Handeln eingelöst wird — die irdische Fortdauer
eines sinnlosen und wertlösen Daseins unerträglich wird und endlich gewalttä-
tig abgeschafft werden soll. Das ist der ,aktive Nihilismus' der iiachchristli- *
chen und — heute können wir auch sagen — der nach-sozialistischen Massen;
manchmal im hellen Fackelschein einer Selbstverbrennung eines Verzweifelten
oder im Explosionsfeuer einer Anarchistengruppe; häufiger aber in den kollek-
tiven Hysterien von Sozialbeweigungen und Sozialrevolutionen. Doch Nietz-
sche selbst:
„Nihilismus, als Symptom davon, daß die Schlechtweggekommenen kei-
nen Trost mehr haben: daß sie zerstören, um zerstört zu werden, daß sie, von
der Moral abgelöst, keinen Grund mehr haben, ,sich zu ergeben' — daß sie
sich auf den Boden des entgegengesetzten Princips stellen und aücjMhrerseits
Macht wollen, indem sie die Mächtigen zwingen, ihre Henker zu sein."

Man geht zugrunde, wenn man keinen Sinn im Leben sieht und ihn doch
braucht; man richtet sich und seinesgleichen selbst zugrunde, wenn der eigene
leerlaufende Lebenswille iti einem sinnlosen Vorwärts fortdauert. Diese Art
Mensch, verseucht von der christlichen Moralität bis in die Krankheiten des
Körpers und der Seele, diese ,Schlechtweggekommenen', die Nietzsche nicht
mehr politisch, sondern physiologisch — man könnte auch sozialpathologisch
sagen: neurotisch — zeichnet:
„Die u n g e s u n d e s t e An Mensch in Europa (in allen Ständen) ist der Boden
dieses Nihilismus: sie wird den Glauben an die ewige Wiederkunft als einen

2* Alle Zitate KGW VIII l, S. 218f.


30
Eine Formulierung aus dem »Antichrist*, KGW VI 3, S. 215 (Aph. 43).
„Das Paradies unter dem Schatten der Schwerter" 59

Eluch empfinden, von dem getroffen man vor keiner Handlung mehr zu-
rückscheüt: nicht passiv auslöschen, sondern Alles auslöschen machen, was
in diesem Grade sinn- und ziellos ist: obwohl es nur ein Krampf, ein blindes
Wütheil ist bei der Einsicht, daß Alles seit Ewigkeiten da war [.. .]"
Wenn jedoch ein Individuum* so fragt Nietzsche in der Konsequenz seiner
Analyse des ,europäischen Nihilismus', diese Einsicht in den „(^rundcharak-
terzug" des Seins und damit seines Daseins annähme; daß also alles, woher er
kommt und wohin er geht, alles woher er getrieben worden ist und wohin er
getrieben wird, sein Schicksal auf dieser und nur auf dieser Erde ist — ohne ein
Jenseits, ohne Lohn Und Strafe, ohne Zweck und Ziel, — in einem ungeheuer-
lichen kosmischen Umsonst, Dann könnte dieses Individuum, wenn es dazu
stark genug ist, „triumphirend jeden Augenblick des allgemeinen [und seines]
Daseins gutheißen."
„Welche werden sich als die Stärksten dabei erweisen? Die Mäßigsten,
die, welche keine extremen Glaubenssätze nöthig haben [also weder die Ex-
treme* eines Gottes noch eines Nichts, H. B.], die, welche einen guten Theil
Zufall, Unsinn nicht nur zugestehen, sondern lieben, die welche vom Men-
schen mit einer bedeutenden Ermäßigung seines Werthes denken können,
ohne dadurch klein und schwach zu werden: die Reichsten an Gesundheit
[...] — Menschen die ihrer Macht sicher sind, und die die erreichte
Kraft des Menschen mit bewußtem Stolze reprasentiren."31
Und seine letzte Frage im Text von Lenzer Heide ist: „Wie dächte ein solcher
Mensch an die ewige Wiederkunft? —"

///. Wer soll der Herr der Erde sein?

Kehren wir zu Zarathustra und seiner Gemeinde auf der Höhe des Gebir-
ges zurück. Es ist Mitternacht, die alten Leute — die Könige, der Wahrsager,
der Papst außer Dienst, der Gelehrte und die anderen — sind mit Zarathustra
vor die Höhle „in die kühle nachdenkliche Nacht" getreten, der Lärm und die
Heiterkeit des Eselsfestes, die letzte Versuchung, den Dingen ein falsches I-ah
zu geben, hat sich gelegt. Da ruft der häßlichste Mensch, der sich an seiner Tat,
der Tötung Gottes aus Rache, zermartert hatte: „, War Das - das Leben?'
will ich zum Tode sprechen. , Wohlan! Noch Ein Mal!'" Und Zarathustra
stimmt sein ,Trunkenes Lied* an — Dionysos Philosophos tanzt — und in die
vom Tal herauftönenden mitternächtlichen Glockenschläge — es ist die Audi-
tion Nietzsches von der Kirchenglocke in Sils-Maria32 — ruft er den beginnen-

3' Zitate KGW VIII l, S. 220f.


32
Über Nietzsche in Sils Maria jüngst Mazzino Montinari: Zarathustra vor ALSO SPRACH ZA-
RATHUSTRA, in; Nietzsche lesen, Berlin 1982, S. 79-91; und Rudolph Berlinger: Nietz-
60 Horst Baier

den Tag an: „Wer soll der Erde Herr sein?" Es ist der Anruf des höheren Men-
schen, die ekstatische Auslegung, die Prophezeiung seines nun anhebenden
„Tagewerkes".33
Vielleicht müßte man zur Vergegenwärtigung hierzu den ,Hymnus auf
das Leben' singen und tanzen, den Nietzsche im ,Ecce homo* ausdrücklich mit
seinem ,Zarathustrac verbindet, dessen Text —' „die erstaunliche Inspiration
einer jungen Russin" — von Fräulein Lou von Salome verfaßt worden ist und
den er vertont hat.34 Aber natürlich müssen wir-üns an die Regeln der diskursi-
ven und appellativen Rede halten und können nicht auf die Ebene der Musik,
der Akustik von Klangekstasen, von Dithyrambik wechseln. Was meint also
Nietzsche mit dieser Frage? Was zeichnet diesen neuen Typus Mensch aus?
Wer ist der ,Herr der Erde'? Ich halte mich jetzt an die Nachlaßfragmente ab
Sommer 1885, die — parallel zum ,Zarathustra' — diese Utopie vorauswer-
fen. Das ist in philosophischer und soziologischer Rede möglich, denn Diony-
sos hat sich Apollon einverleibt, das ,trunkene Lied' ist Rausch und Mitteilung
zugleich. Zarathustra-Nietzsche ist nicht der Monomane in absoluter Einsam-
keit, als der er in vielen Auslegungen bis heute mißinterpretiert worden ist,
sondern der Sprechende, der Rufende und auf die Antwort Höreride, der sich
Mitteilende.35 Der späte Nietzsche, bevor er in das Schweigen des Wahnsinns
versinkt, tritt in ein Gespräch mit der Welt, mit der schon gestorbenen, mit

sches arkadische Landschaft. Engadiner Spiegelungen, in: Perspektiven der Philosophie 7


(1981), S. 25-49. Dann natürlich die dreibändige Biographie von Gurt Paul Janz: Friedrich
Nietzsche. München u. Wien 1978, bes. der 2. Band.
33
„Das Nachtwandler-Lied", KGW VI l, S. 391 -400. - ,Wer soll der Herr der Erde sein?', das
Nietzsche-Zitat findet sich S. 394f., ist der Titel eines berühmten Buches von Hugo Fischer,
vor dem letzten Krieg geschrieben, aber erst 1962 in Stuttgart verlegt, in dem er die Politik der
Weltmächte in der Nachfolge Marxens und Nietzsches auseinanderlegt und vorhersagt.
34
Vgl. ,Ecce homo', KGW VI 3, S. 334 (im Abschnitt „Also sprach Zarathustra, Ein Buch für
Alle und Keinen", S. 333—347). Dazu auch der Kommentar von Mazzino Montinari KSA 14,
S. 457f. (Anm.). Lou Andreas-Salome selbst in: Friedrich Nietzsche in seinen Werken. Dres-
den 1924, S. 197; über den Übergang von Ethik in Ästhetik, von Philosophie in Musik sehr
einfühlsam S. 185ff. Schließlich Gurt Paul Janz: Die Kompositionen Friedrich Nietzsches, in:
Nietzsche-Studien l (1972), S. 173—184, und seine zahlreichen Hinweise in der schon zit. Bio-
graphie, vgl. 3. Band, S. 374 im Register der Kompositionen.
35
Für diese Interpretationswendung verdanke ich zwei Auslegungen besonders viel, nämlich
Anke Bennholdt-Thomsen mit ihrer Berliner Habilitationsschrift: Nietzsches ALSO SPRACH
ZARATHUSTRA als literarisches Phänomen. Eine Revision. Frankfurt/M. 1974 (eine sach-
kundige Rezension von Walter Gebhard findet sich in Nietzsche-Studien 8 (1979), S.
434-440); und Friedrich Kaulbach: Nietzsches Idee einer Experifnentalphilosophie. Köln
1980.
Angelegt ist dieser Zugang zu Nietzsches ,Zarathustra' als rhetorischer Textur freilich schon in
Martin Heidegger: Wer ist Nietzsches Zarathustra? von 1953, schön zitiert in Anm. 21, und
Jean Paul Sartre: Die ewige Wiederkunft des Gleichen: Nietzsches List (eine Passage aus: Saint
Genet. Comedien et martyr. Paris 1952), abgedruckt in: Alfredo Guzzoni (Hg.), 90 Jahre phi-
losophische Nietzsche Rezeption. Meisenheim 1979, S. 103—107, der bei dem Nietzsche von'
Sils Maria und Surlei eine Komödiantenrede sieht, zum Mitlachen und Mitsingen.
„Das Paradies unter dem Schatten der Schwerter" 61

der noch lebenden und der einst lebendig werdenden Welt. Es ist ein versu-
chendes und versucherisches Gespräch mit Steinen und Pflanzen, Tieren und
Menschen.
Wer ist also dieser neue ,Herr der Erde 4 ? Die Antwort ist einfach: der
künftige Mensch, der den Gedanken der ewigen Wiederkunft aushält und aus-
lebt. Das heißt, der Ja* sagt zur bisherigen Geschichte und der das Ja* ihrer
Folgen will. Und was ist diese Geschichte mit ihren Folgen, diese ^Entwick-
lung der Menschheit", so der Titel eines Fragments, in der Perspektive Nietz-
sches? Hören wir ihn selbst:
„A. Macht über die Natur zu gewinnen und dazu eine gewisse Macht über
sich. Die Moral war nÖthig, um den Menschen.durchzusetzen im Kampf mit
Natur und ,wildem Thier*.
B. Ist die Macht über die Natur errungen, so kann man diese Macht benut-
zen, um sich seibist frei weiterzubilden: Wille zur Macht als Selbsterhöhung
und Verstärkung."
Wir haben jetzt diesen „Zeitpunkt, wo der Mensch Kraft im Überfluß zu
Diensten hat: die Wissenschaft ist darauf aus, diese Sklaverei der N a t u r
herbeizuführen. Dann bekommt der Mensch Muße: sich selbst auszubil-
den, zu etwas Neuem, Höherem". Das ist die Aussicht einer „neuen Ari-
stokratie". 36
Um den Gedanken der Wiederkunft zu ertragen, ist nötig, die Herrschaft
über die Natur, die uns bis jetzt fremde außer uns und die eigene in uns, zu
erringen. In einem steilen Gedanken ist das die Aneignung des vorauslaufen-
den Schmerzes als ,Vater der Lust* und de^ entgegenkommenden Todes als
Mutter des schöpferischen Werks, die beide den zeitverketteten Determinis-
mus von Ursache und Wirkung existentiell sprengen. Lebensläufe werden
Kunstwerke, eingehauen in das Material der Natur, in ihren Stoff und ihre
Kräfte, in unser Fleisch und unsere Seele, um eine neue, nun menschlich an-
verwandelte Natur zu bilden. Schon in der »Fröhlichen Wissenschaft* fragt
Nietzsche: „Wann werden wir anfangen dürfen, uns Menschen mit der reinen,
neu gefundenen, neu erlösten Natur zu vernatürlichen !"37 Jetzt ist das Mit-
tel, um diesen schwersten Gedanken" zu tragen, ,nicht mehr der Wille der
Erhaltung', der immer ein Wozu braucht, sondern der Wille zur Macht aus
sich und für sich selbst, sich vollendend in der selbstlosen Schönheit eines Le-

36
Beide Zitate KGW VIII l, S. 212 u. 21L Zwischen beiden Fragmenten Sommer 1886/Frühjahr
1887 findet sich die Notiz: „Theorie der Herrschaftsgebilde statt: Sociologie" (ebd. S.
212), die das Schlüsselwort abgibt für meine Studie: Die Gesellschaft - ein langer Schatten des
toten Gottes. Friedrich Nietzsche und die Entstehung der Soziologie aus dem Geist der Deca-
dence, in: Nietzsche-Studien 10/11 (1982), S. 6-33 (mit Diskussion).
37
KGW V 2, S. 147 (Aph. 109). Dazu die Notiz „- die Vermenschlichung der Natur - die
Auslegung nach uns" von Ende 1885/Anfang 1886, KGW VIII l, S. 13.
62 Horst Baier

benswerkes. Das ist der Mensch, der zur Natur zurückkehrt -<- freilich nicht
der Rousseausche, der noch Rache für seine Verkrüppelungen nehmen
will38 —, sondern: „Homo natura. Der ,Wille zur Macht'"39, und nichts au-
ßerdem. Auf diesem Weg der „Naturgeschichte des höheren Menschen"40 bil-
det sich eine neue „Rangordnung der Werthe-Schaffenden" heraus: die Künst-
ler, die Philosophen, die Gesetzgeber, die Religionsstifter, die höchsten Men-
schen als Erd-Regierer und Zukunft-Schöpfer. Es ist eine Gegenbewegung ge-
gen den Demokratismus, wenn auch für seine Nihilismen „eine An Ziel, Erlö-
sung und Rechtfertigung", eine Kehre ins „aufsteigende Leben."41 Nietzsche
wörtlich:
„Es wird von nun an günstige Vorbedingungen für umfänglichere Herr-
schafts-Gebilde geben, deren Gleichen es noch nicht gegeben hat. Und dies
ist noch nicht das Wichtigste; es ist die Entstehung von internationalen Ge-
schlechts-Verbänden möglich gemacht, welche sich die Aufgabe setzen, eine
Herren-Rasse heraufzuzüchten, die zukünftigen ,Herren der Erde'; — eine
neue, ungeheure, auf der härtesten Selbst-Gesetzgebung aufgebaute Aristo-
kratie, in der dem Willen philosophischer Gewaltmenschen und Künstler-
Tyrannen Dauer über Jahrtausende gegeben wird: — eine höhere Art Men-
schen, welche sich, Dank ihrem Übergewicht von Wollen, Wissen, Reich-
thum und Einfluß, des demokratischen Europas bedienten als ihres gefügig-
sten und beweglichsten Werkzeugs, um die Schicksale der Erde in die Hand'
zu bekommen, um am ,Menschen* selbst als Künstler zu gestalten."42
Die Lehre von der ewigen Wiederkehr wird eine Herrschaft der Starken und
Vornehmen über die ,Schlechtweggekommenen'43 aufrichten. Das ist — und
hier liegen viele Mißverständnisse — kein politischer Prozeß, kein Thema des
Machtkampfs zwischen Nationen oder Rassen oder Erdteilen. Es ist eine Zu-
kunftsbewegung, die sich über Gedanken und Gedankenbilder, über die mit-
geteilte Philosophie Nietzsches eben, ausbreiten soll. Es ist seine „Lehre, die
eine Kluft schafft: sie erhält die oberste und die niedrigste Art (sie zerstört die·
mittlere)" - d.h. die bürgerlichen Mittelklassen, die von „einer großen Läh-
mung: umsonst arbeiten, umsonst kämpfen" (man könnte heute auch sagen:
38
Vgl. Herbert Gerhard Kramer: Nietzsche und Rousseau. (Erlanger Diss. 1928). Borna-Leipzig
1928. Auch Ernest Seiliiere: Apollo oder Dionysos? Berlin 2. Aufl. 1911, bes. S. 164ff.
3* KGW VIII l, S. 130.
40
KGW VIII l, S. 80ff. - Über die Utopie des „Kosmos Anthropos", ihr Entwurf und ihre
Widersprüche, erschöpfend bis heute Karl Löwith; Nietzsches Philosophie der Ewigen Wie-
derkehr des Gleichen (1934). Stuttgart Neuaufl. 1956, Zitat S. 97 u/241 (Anm. 50).
41
Vgl. das umfängliche Fragment KGW VIII l, S. 69-72, bes. 71.
42
KGW VIII l, S. 85f.
43
Vgl. die Definition der ,Schlechtweggekommenen' („Vor Allem physiologisch, nicht mehr
politisch") im Text von Lenzer Heide vom 10. 6.1887, KGW VIII l, S. 219f. - Über das Ideal
einer ,neuen Aristokratie1 Peter Heller: Nietzsche über die Vornehmen und die Vornehmheit,
in: Legitimationskrisen des deutschen Adels 1200-1900. Hg. von P. V. Hohendahl u. P. M.
Lützeler (Literaturwissenschaft und Sozialwissenschaften 11). Stuttgart 1979, S. 309—327.
„Das Paradies unter dem Schatten der Schwerter" 63

umsonst zeugen und gebären) befallen wird.44 Nietzsches „Experimental-Phi-


losophie" ist eine Methode, mittels seiner Utopie eine soziale Auslese ein-
zuleiten. Der existenzverzehrende philosophische Gedanke von der ewigen
Ziel- und Zwecklosigkeit der Welt schafft eine neue Ungleichheit, zerreißt die
bisherige Menschheit:
„Meine Philosophie bringt den siegreichen Gedanken, an welchem zuletzt
jede andere Denkweise zu Grunde geht. Es ist der große züchtende Gedan-
ke: die Rassen, welche ihn nicht ertragen, sind verurtheilt; die, welche ihn als
größte Wohlthat empfinden, sind zur Herrschaft ausersehn."45
Nietzsche steigert sich bis zu Vernichtungsvisionen, die nicht nur die christli-
che Seele — die Innerlichkeit als Erfindung der Schwarzkünstler, in der sie die
Erbsünde als internalisiertes Schuldgefühl festgemacht und als , schlechtes Ge-
wissen' festgebissen haben -, sondern auch Völker, soziale Klassen, Herren-
schichten zugrundegehen lassen:
„Zeitalter der Versuche.
Ich mache die große Probe: wer hält den Gedanken der ewigen
Wiederkunft aus? ·>- Wer zu vernichten ist mit dem Satz ,es giebt keine
Erlösung', der soll aussterben."
Oder:
„Beherrschung der Menschheit zum Zweck ihrer Überwindung.
Überwindung durch Lehren, an denen sie zu Grunde geht, ausgenommen
die, welche sie aushaken."
Oder an anderer Stelle: **
„In größter Form gedacht: wie könnte man die Entwicklung der Menschheit
opfern, um einer höheren Art als der Mensch ist, zum Dasein zu helfen? -"46
Auf der Redefeier des Abendmahls warnt Zarathustra bei der Verkündigung
,Vom höheren Menschen'47 vor den „Herrn von Heute", die mit den „kleinen
Klugheiten, [den] Sandkorn-Rücksichten" ihres Machterhalts den Annehm-
lichkeiten, Behaglichkeiten, Glücksfertigkeiten des „Pöbel-Mischmaschs"
nachlaufen, ihre Herrschaft mit dem „Glück der Meisten" erkaufen und kor-
rumpieren: „Diese Herrn von Heute überwindet mir, oh meine Brüder, —
diese kleinen Leute: die sind des Übermenschen grösste Gefahr". Sie haben
sich nicht den Willen zur Macht als eigenen, zukunftsschaffenden einverleibt,
sondern folgen der Logik des Ressentiments, der ,Rache am Leben', die die

44
KGW VIII l, S. 212 u. 211 (Hervorhebungen nicht wiedergegeben).
«« KGW VII 2, S. 248. ,
46
Zitate KGW VII2, S. 8l; ebd, VII l, S. 538f. (Hervorhebungen nur teilweise wiedergegeben);
ebd. VIII l, S. 289.
47
„Vom höheren Menschen", KGW VI l, S. 352-364, Zitate S. 354.
64 Horst Baier

,Rach- und Nachgefühle' nachschleppt, wenn die kleinen Erlösungen des All-
tags ausbleiben.
Es ist eine Utopie, ein versucherisches Bild des Künftigen also, die die
Menschheit an den Kreuzweg des auf- oder absteigenden Lebens bringt, kein
deterministischer Geschichtsprozeß und gewiß kein bloß biologischer Natur-
prozeß. Nirgends ist deutlicher, daß Nietzsches Philosophie keine Lehre vom
Katheder ist, sondern eine, die die Massen ergreifen soll, einige aus dem Volk
zur Herrschaft, die vielen zum Dienst für di6se Herrschaft. Kein Testament
freilich für die alten Herren von gestern und die kleinen von heute. In den
Vorarbeiten zu ,Also sprach Zarathustra' findet sich die Aufzeichnung eines
Gesprächs Zarathustras, hier nur mit einem König. Dieser tritt ans Fenster,
wohl am Sitz seiner Herrschaft, nachdem er Zarathustra „des Volks Verfüh-
rer" genannt hatte, sieht hinaus, erschrickt und schweigt. Zarathustra antwor-
tet ihm:
„Du hast es gesagt, König: das Bild, das vor dem Volke hergeht, das Bild,
an dem sie Alle zu Bildnern werden: das Bild soll dem Volke der König sein!
Es ist nicht mehr die Zeit für Könige: die .Völker sind es nicht mehr werth,
Könige zu haben.
Vernichten, vernichten sollst du, oh König, die Menschen, vor denen kein
Bild herläuft: das sind aller Menschheit schlimmste Feinde!
[ Und
. . .sind
] .die. Könige selber solche, so vernichte oh König, die Könige, so
du es vermagst!
[...]
Was der König aber von seinem Fenster aus gesehen hatte, das war das
Volk: das Volk wartete auf Zarathustra."^8

IV. ,Das Paradies ist unter dem Schatten der Schwerter'


•<v
Dem Weg des höheren Menschen, der mit seinem Leib und seinem Willen
die Brücke des Übermenschen sein wird, wollte Nietzsche mit der Maske und
dem Munde Zarathustras vorangehen. Es ist der Weg der Lehre von der ewi-
gen Wiederkunft, die den Brüdern und Nachfolgern des Propheten im Gebirge
die menschliche Weisung des kosmischen Gesetzes vom Willen als Macht und
zur Macht gibt. Das ist das ,BildS das den Königen und dem Volk vorherlau-
fen wird. Ein Fragment, aus der letzten Phase des ,Zarathustra', zeichnet die
Schritte vor:
„I. Zarathustra kann nur beglücken, nachdem die Rangordnung her-
gestellt ist. Zunächst wird diese gelehrt.

4
* KGW VII l, S. 474f.
„Das Paradies unter dem Schatten der Schwerter" 65

II. Die Rangordnung durchgeführt in einem System der Erdregierung: die


Herren der Erde Zuletzt, eine neue herrschende Kaste. Aus ihnen hier
und da entspringend, ganz epicurischer Gott, der Übermensch, der
Verklärer des Daseins.
III. Die übermenschliche Auffassung der Welt. Dionysos.
IV. Von dieser größten E n t f r e m d u n g liebend zurückkehrend zum
Engsten und und Kleinsten, Zarathustra alle seine Erlebnisse segnend
und als Segnender sterbend."49
Nehmen wir diese Aufstufung des Wegs zum Übermenschen, der einen Rück-
weg Zarathustras in seine kleine Menschlichkeit und in den selbstgewollten
Tod einschließt, zu Hilfe, uns dieses Bild zu vergegenwärtigen, Nietzsches
Utopie also einzuholen. Genau besehen, ist es keine Utopie als leuchtende
Transzendenz oder als heilsgeschichtlicher Endpunkt, kein Stern von Bethle-
hem oder die Verheißung des himmlischen Jerusalem. Die Beglückung Zara-
thustras ist ein Nicht-Ort, eben eine Utopie, ein „ekstatisches Gedankener-
lebnis", wie Karl Löwith es einmal formuliert hat,50 oder eine Nicht-Zeit,
die strahlende Schönheit des aufblitzenden ,Augenblicks", wie es unlängst erst
Karl Heinz Bohrer bei seiner Forschung nach der , Kategorie der Plötzlichkeit"
bei Nietzsche entdeckt hat.51 Wir können nur den Weg zu diesem Nicht-Ort
und zu dieser Nicht-Zeit nachvollziehen, die Utopie bleibt Gleichnis, jetzt
jenseits der diskursiven Sprache. Ich wende mich also gegen die heute geläufi-
gen Auslegungen des ,dionysischen' Nietzsche der letzten Teile des ,Zarathu-
stra* oder der Dithyramben, die seine kerygmatischen oder lyrischen Texte als
Metaphysik einer kolossalen Gebirgsphilosophie rekonstruieren möchten.52
Nietzsche imaginiert sich in Zarathustra, dieser „gürtete sich die Lenden und
kam heraus aus seiner Höhle, glühend und stark, wie eine Morgensonne, die
aus dunklen Bergen kommt";53 jener bleibt zurück und vergeht vor seinem
eigenen Bild. Er versucht sich und uns, — und scheitert.
„Eine solche Experimental-Philosophie, wie ich sie lebe, nimmt versuchs-
weise selbst die Möglichkeiten des grundsätzlichen Nihilismus vorweg: ohne
daß damit gesagt wäre, daß sie bei einem Nein, bei einer Negation, bei einem
Willen zum Nein stehen bliebe. Sie will vielmehr bis zum Umgekehrten hin-
durch — bis zu einem dionysischen Jasagen zur Welt, wie sie ist, ohne

*» KGW VII 3, S. 263.


50
Karl Löwith: Nietzsches Philosophie der ewigen Wiederkehr. Stuttgart 1956, S. 67.
51
Vgl. die Nietzsche-Interpretationen von Karl-Heinz Bohrer in: Plötzlichkeit. Zum Augenblick
des ästhetischen Scheins..Frankfurt/M. 1981, bes. S. 43ff., lllff. u, 139ff.
52
Beispielhaft Hermann Wein: Nietzsche ohne Zarathustra. Die Entkitschung Nietzsches: Der
kritische Aufklärer, in: Nietzsche-Studien l (1972), S. 359-^379, K.-H. Volkmann-Schluck:
Die Stufen der Selbstüberwindung des Lebens (Erläuterungen zum 3. Teil von Nietzsches Za-
rathustra), in: Nietzsche-Studien 2 (1973), S. 137—156; Bernd Magnus: Nietzsches äternalisti-
scher Gegenmythos, in; Jörg Salaquarda (Hg.): Nietzsche. Darmstadt 1980, S. 219-233.
» Schlußtext des »Zarathustra', „Das Zeichen", KGW VI l, S. 401-404, Zit. 401.
66 Horst Baier

Abzug, Ausnahme und Auswahl — sie* will den ewigen Kreislauf, — dieselben
Dinge, dieselbe Logik und Unlogik der Knoten. Höchster Zustand, den ein
Philosoph erreichen kann: dionysisch zum Dasein stehn — : meine Formel
dafür ist amor fati . . ,"54
Wenn „an Stelle von Metaphysik und Religion die ewige Wiederkunfts-
lehre" tritt und „diese als Mittel der Züchtung und Auswahl"55 die Köpfe
und Herzen der Menschen trennt, dann hebt — in der Vision Nietzsches —
kein friedliches, sondern ein unerhört kriegerisches Zeitalter an. Im ,Ecce ho-
mo* prophezeit er:
„Ich bin ein froher B otschaf ter , wie es keinen gab [,] ich kenne Aufgaben
von einer Höhe, dass der Begriff dafür bisher gefehlt hat; erst von mir an
giebt es wieder Hoffnungen. Mit Alledem bin ich nothwendig auch der
Mensch des Verhängnisses. Denn wenn die Wahrheit mit der Lüge von Jahr-
tausenden in Kampf tritt, werden wir Erschütterungen haben, einen Krampf
von Erdbeben, eine Versetzung von Berg und Thal, wie dergleichen nie ge-
träumt worden ist. Der Begriff Politik ist dann gänzlich in einen Geisterkrieg
aufgegangen, alle Machtgebilde der alten Gesellschaft sind in die Luft ge-
sprengt — sie ruhen allesamt auf der Lüge; es wird Kriege geben, wie es noch
keine auf Erden gegeben hat. Erst von mir an giebt es auf Erden grosse Po-
litik. -" .
Und dann der Verweis auf den, der das „Zeitalter ungeheurer Kriege, Um-
stürze, Explosionen" ankündigt:
„Will man eine Formel für ein solches Schicksal, das Mensch wird? —
Sie steht in meinem Zarathustra."56
Im zweiten Teil des Gespräches Zarathustras mit den alten Königen, die frei-
lich schon sehr friedfertige und friedensfeule Könige geworden sind, ist Kampf
und Krieg jedoch nur noch eine Erinnerung an ihre Väter:
„Wir müssen ihn hören", sagen sie^ „ihn, der lehrt , ihr sollt den Frieden
lieben als Mittel zu neuen Kriegen, und den kurzen Frieden mehr als den lan-
gen!'
Niemand sprach je so kriegerische Worte: ,Was ist gut? Tapfer sein ist gut.
Der gute Krieg ist's, der jede Sache heiligt.'
Oh Zarathustra, unsrer Väter Blut rührt sich bei solchen Worten in unserm
Leibe: das war wie die Rede des Frühlings zu alten Weinfässern.
Wenn die Schwerter durcheinander liefen gleich rothgefleckten Schlangen,
da wurden unsre Väter dem Leben gut; alles Friedens Sonne dünkte sie flau
und lau, der lange Frieden aber machte Scham. '

*4 KG W VIII 3, S. 288. Es handelt sich um eine Passage des von M. Montinari rekonstruierten
§ 1041 des , Willen zur Macht', Groß-Oktavausgabe Bd. XVI, Leipzig 1922, S, 382-384.
55
KGW VIII 2, S. 6f. ' t
56
Das Ecce-homo-Zitat im Kapitel „Warum ich ein Schicksal bin", KGW VI 3, S. 364. Das Zitat
vom „Zeitalter ungeheurer Kriege" befindet sich KGW VII l 24 [25].
„Das Paradies unter dem Schatten der Schwerter" 67

Wie sie seufzten, unsre Väter, wenn sie an der Wand blitzblanke ausge-
dörrte Schwerter sähen! Denen gleich dürsteten sie nach Krieg. Ein Schwert
nämlich will Blut trinken und funkelt vor Begierde."57
Zarathustra wollte zuerst spotten, als sie so eifrig und beredsam vom Glück
ihrer Väter sprachen, er bezwang sich aber und nahm sie gastlich auf. Seine
Wahrheit war, wie wir schon wissen und er in einem Spruch zusammenband,
den wir nur aus dem gleichzeitigen Nachlaß kennen: „Eures Friedens Sonne
dünkt mich zu schwül: lieber noch sitze ich im Schatten meiner Schwerter."58
Noch wirft die Sonne der Gegenwart Schatten auf den Weg des höheren
Menschen, auf die Könige und Zarathustra. Wir sind noch im Übergang, auf
dem die kriegerischen und kämpferischen Seelen nur den Vor-Schein des
schattenlosen Großen Mittags wahrnehmen, noch hat die mitternächtliche
Glocke den großen Sonnentag nicht eingeläutet. Die Krieger sind noch nicht
Kinder geworden, in denen sich das Sich-selber-Wollen der Welt als ein Sich-
immer-wieder-Wollen zusammengeschlossen hat.59 Die göttliche Wiederge-
burt des Dionysos ist noch fern. Die Vergöttlichung des Übermenschen und
die Vernatürlichung des wiederkommenden Gottes ist Zarathustra und seinen
Gefährten nur verheißen; noch haben sie das Schwerste vor sich: ihren befrei-
ten Willen in das Rad des Seins zu flechten und ihre Zeitlichkeiten still zu stel-
len, ihre irdenen Abgehobenheiten fallen zu lassen, also den Notwendigkeiten
und Zufälligkeiten von Zeit und Raum zu gehorchen, über die der Wille noch
nicht Herr geworden ist. „Dem Werden den Charakter des Seins aufzuprä-
gen - das ist der höchste Wille zur Macht" 60 , der sich damit selbst losläßt
und sich im Spiegel des Dionysos betrachtet,«des Gottes, der als höchste Macht
des Daseins um sich rund die Welt bildet, die Welt selber ist.
„Voraus wirft die Vollendung ihre Schatten: Schönheit heiße ich diesen
Schatten — das Leichteste und Stillste aller Dinge kam zu mir als Schatten des
Übermenschen."61 In den seltenen Augenblicken plötzlicher Schönheit eines
vollendeten Kunstwerks, das selbstgeschaffene und sich-selber-wollende zwei-
te Natur ist, können wir schon ein Vorgefühl, einen ästhetischen Vor-Blick auf
jenen Zustand vermenschlichter Natur und natürlicher Menschheit haben, wo-
für der ,Übermensch* das Symbol ist. Da entsteht für Nietzsche

S7
KGW VI l, S. 303f. Zu „Weinfässern" bedenke man, Könige und Esel, Wein und Abendmahl,
Christus und weltliches Schwert ist eine blasphemische Assoziation! Bei der Einladung der
Könige zum Eselsfest und Abendmahl die Notiz „ein ganzer Esel voll guten Weins'* KGW VII
3, S. 66; dazu 104f. u. 137ff. („Die gute Mahlzeit").
** KGW VII 3, S. 94; auch ebd. S. 104.
59
Hierzu das zitierte Buch Karl Löwiths, vgl. Anm. 50, über den Zusammenschluß der »anthro-
pologischen und kosmologischen Gleichung4, S. 88ff. u. 92ff.
- KGW VIII l 7 [54].
'* KGW VII 1. S. 447; dazu auch ,Ecce horrto', KGW VI 3, S. 347.
68 Horst Baier

„Die Macht, die keinen Beweis mehr nöthig hat; die es verschmäht, zu gefal-
len; die schwer antwortet; die keine Zeugen um sich fühlt; die ohne Bewusst-
sein davon lebt, dass es Widerspruch gegen sie giebt; die in sich ruht, fatali-
stisch, ein Gesetz unter Gesetzen: Das redet als grosser Stil von sieh. — "6ä
Das ist die Vollendung von Künstlern und Philosophen als Weltschöpfern. Die
höheren Menschen als „Verklärer des Daseins", die „sich selbst verklären ler-
nen", gehen ein „in die Welt als ein sich selbst gebärendes Kunstwerk".65
Die Bahn ihres Kampfes um die Herrschaft und Überwindung der Erde
steigt auf vom Dienst und Gehorsam des ,Du sollst', folgt auferlegten fremden
Gesetzen zum ,Ich will' des Heroen, der sich die Welt „am Leitfaden seines
Leibes" unterwirft, schließlich zum ,Ich bin* der griechischen Götter.64 Sie
schaffen sich - auf einem Kämpfplatz voll Blut, Unterwerfung und Selbst-
überwindung — ihre Menschenwelt als klassisches Kunstwerk: — „das höch-
ste Gefühl der Macht ist concentrirt im klassischen Typus. Schwer reagi-
ren: ein großes Bewußtsein: kein Gefühl von Kampf" mehr, der Zusammen-
klang des dionysischen Naturrausches mit der apollinischen Schönheit.6^ Zu
denen, die auf diesem Weg gehen, spricht Zarathustra:66 „Euer Paradies ist
,unter dem Schatten der Schwerter'".
62
Aus der »Götzen-Dämmerung', KGW VI 3, S. 113. - ' ' · · . ,
w KGW VII 3, S. 314 u. KGW VIII l, S. 117. .
64
Vgl. den §940 des »Willen zur Macht', jetzt KGW VII 2, S. 101. - Zur VerleMchung des
Willens zur Schönheit in die Sinnlichkeit des Körpers, vgl. KGW VII2, S, 282 u. VII3, S. 289.
Mehr über „Das Reich der verklärten Physis" bei Heinrich Schipperges: Am Leitfaden des
Leibes. Zur Anthropologik und Therapeutik Friedrich Nietzsches. Stuttgart 1975.
<* KGW VIII3, S. 32 (= § 799 des »Willen zur Macht*). Dazu Ilse Nina Bulhof: Apollos Wieder-
kehr. Den Haag 1969, über Dionysos und Apollo im ,Za.rathustra*, S. 79ff.
66
KGW VII 3, S. 43; auch KGW VII 2, S. 6, u. VIII l, S. 73. Vgl. auch Zitate zu Anm. 58.
Im ,Ecce homo* findet sich die Formulierung ,,Mein Paradies ist »unter dem Schatten meines
Schwertes*... Im Grunde hatte ich eine Maxime Stendhals prakticirt: er räth an, seinen Eintritt
in die Gesellschaft mit einem Duell zu machen", KGW VI3, S. 317. Die Maxime Stendhals ist
nur assoziativ angefügt, keine Quelle. ^
Die Notiz, durch Anführungsstriche als Zitat gekennzeichnet: „ ,Das Paradies ist unter dem
Schatten der Schwerter*. Orientalisch)" ist wohl, mit ihren Wiederholungen, im Nachlaß
1884 bis 1886, eine Übernahme des Mottos zum Essay ,Heroism* von Emerson. Vgl. The
Complete Works of Ralph Waldo Emerson. Cambridge 1903, Vol. II, p. 243. Dort heißt es:
„ ,Paradise is under the shadow of swords.' Mahomet". Nietzsche hat die erste deutsche Über-
setzung der ,Essays* von G. Fabricius, Hannover 1858, gelesen und mit Notizen übersät; dort
das nicht übersetzte Motto auf S. 179. Dazu im Detail Eduard Baumgarten: Das Vorbild
Emersons im Werk und Leben Nietzsches. Heidelberg 1957, sowie vorher: Der Pragmatismus,
R.W. Emerson, W.James, J. Dewey. Frankfurt/M. 1938, über „Emerson und Nietzsche",
S. 81 ff. und 396H. Auf unser Problem geht Baumgarten freilich flicht ein, jedoch scheint mir
sein Nachweis der Vorbildlichkeit für Nietzsches. Zarathustra zwingend, zum Beispiel u. a.
Nietzsches Exzerpt über „die Handlungen der Könige**, KGW V 2, S. 569 (dazu Baumgarten,
1957, S. 27 u. 50); oder Nietzsches Notiz „Emerson p. 426 Schilderung des Weisen" als Vor-
lage des Zarathustra, KGW VII l, S. 538 (dazu Mazzino Montinaris Kommentar, KSA 14,
S. 693). - Im Koran habe ich, trotz der Angabe Emersons „Mahomet**, die Stelle nicht finden
können. .
Den Hinweis auf das von Nietzsche übernommene Motto Emersons verdanke ich Frau Marie-
Luise Haase/Berlin.