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„Der Name des Russen“ - eine fiktive Reise.


Die gedankliche und emotionale Vorbereitung auf das Ende eines Aufenthalts.

Bachelor-Arbeit
Sommersemester 2012
Universität Erfurt

„Jede Reise beginnt mit dem Träumen, der Neugier auf das noch Fremde.“1

Und so beginnt auch die in diesem Werk dargestellte Reise. Ausgangspunkt dieser
Arbeit ist die Frage, die mir gestellt wurde, was ich nun nach vier Jahren des
Studiums als nächstes tun werde. Auf Grund der Unklarheit über meine eigenen
Wünsche und Ziele, sowie der Mangel an Perspektive über die mir offenen
Möglichkeiten führte das Gespräch zu keiner klaren Antwort. Und so wurde mir
angeboten für einige Zeit ins Ausland zu reisen – nach Russland. Also versuche
ich mir vorzustellen, zu erträumen, wie es wäre, diesen Schritt zu machen. Diese
Auseinandersetzung, mental und emotional, ist zum einen in diesen Text und zum
anderen in einen Kurzfilm unterteilt. Beide Arbeiten ergänzen sich einander: der
Text erläutert, was im Film nicht gezeigt werden kann und der Film zeigt, was im
Text nicht beschrieben werden kann. Da dies eine künstlerische Arbeit und keine
Autobiographie ist, werde ich einige Elemente verfremden, um dem gesamten
Werk mehr Intensität zu verleihen und um den Betrachtern nicht die Möglichkeit
zu nehmen, eigene Assoziationen und Fragen aufzustellen.
Zunächst möchte ich klären, warum ich gerade den Titel „Der Name des Russen“
gewählt habe. Als ein wichtiger Bestandteil dessen, komme ich im Laufe der
Auseinandersetzung zu der Frage nach der persönlichen Identität. Die Frage, wer
jemand ist, kommt nicht drumherum sich auch mit der Vergangenheit zu
2
beschäftigen. Aus diesem Grund gehe ich im folgenden auf die Herkunft und
ihre Bedeutung ein. Diesen Überlegungen münden in das Thema der Reisen.
Letztendlich erkläre ich, wie ich den Film aufgebaut habe und welche Absicht ich
damit verfolge.

Meine Aufzeichnungen unterlege ich mit Photographien, um den Lesefluss etwas


aufzulockern. Gezeigt werden Ideen für den Aufbau verschiedener Szenen oder
bereits vorhandene Photographien, die mich für den weiteren Filmverlauf
inspirierten.

Viel Spass bei dieser kleinen Reise,


Mark Gerr.
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I. Name
a. Über den Titel „Der Name des Russen“
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b. Über das Wesen der Namen
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II. Identität
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III. Herkunft
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IV. Reisen
a. Filmthema
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b. Vorbereitung
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c. Loslassen
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V. Film
a. Medium: Film
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b. Aufbau und Ablauf
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VI. Quellen
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I. Name
Über den Titel „Der Name des Russen“
Es liegt nahe einen ersten Schluss vom Titel des Filmes auf dessen Thema zu
ziehen. Doch wie soll dieser Schluss in diesem Fall aussehen? Was haben der
Name und der Russe mit dem Gezeigten zu tun? Schließlich werden keine Namen
genannt und Merkmale eines Russen sind ebenfalls nicht zu erkennen (sofern es
solche Merkmale überhaupt gibt).

Den LeserInnen wird die Ähnlichkeit zu Umberto Ecos „Der Name der Rose“
sicherlich nicht entfallen. Jedoch habe ich nicht absichtlich einen Bezug zu
diesem Werktitel erstellt. Der Titel ist mir einfach während anderen Überlegungen
eingefallen und ich halte ihn für sehr passend für das Werk. Die Analogie zu „Der
Name der Rose“ ist rein zufällig, wie ich während meiner Recherche herausfand.
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Denn wie es mir ergeht, so erging es auch Umberto Eco: „Der Titel […] bedeutet
[…] nichts Besonderes. Er gefiel ihm einfach und sei so vielfältig, dass er den
Leser in alle Richtungen – also in keine bestimmte – schicke.“2 Wer wolle, der
könnte sich das Werk auch unter einem konkreteren Titel wie „Russland ich
komme!“ oder etwas nichts sagendem wie „2012 – und nun?“ vorstellen. Doch
dies soll nicht heissen, dass beide Elemente des Titels keinerlei Bedeutung haben.
Tatsächlich sind sie für das Verständnis des Gezeigtem von Wert. Also gehe ich
zunächst allgemein auf das Wesen der Namen ein.

Über das Wesen der Namen


Um zu verstehen, was es mit Namen auf sich hat, habe ich mich mit Ernst
Hansacks Aufsatz „Das Wesen des Namens“3 beschäftigt. In dieser setzt er sich
mit der Namenstheorie auseinander, welche unter der Frage „Was ist ein Name?“
das Wesen des Namens aufdecken möchte. Der Autor stellt verschiedene
Probleme, bisherige falsche Annahmen und Definitionen vor, denn es ist wichtig,
die Sprache auf Basis der modernen Naturwissenschaften zu verstehen. Es wird
klar, dass ein Name als Bezeichnung für ein Individuum dient. Appellative
dagegen bezeichnen die übergeordneten Klassen. Die Forschung hat ergeben, dass
beim Benennen, also einen Namen vergeben, unter einem Namen als
Zugriffsindex eine Datenbank im Gehirn angelegt wird. Demnach steht ein Name
nicht für einen Gegenstand, sondern für eine gewisse Informationsmenge. Die
Bedeutung eines Names liegt also in der Gesamtheit der aufgerufenen
Informationen. Das ist wichtig, um zu verstehen, welche Absichten ich damit
verfolge. Denn welche Informationen liegen bisher über den Protagonisten vor?
Die Person könnte Thorsten, Iwan, Natascha oder sonstwie heissen. Doch wird sie
in keiner Weise benannt. Zunächst wissen wir nichts über sie. Sie trägt keinen
Namen. Womit identifizieren wir sie also? Wodurch wird sie individuell? Nicht
einmal das Gesicht wird erkenntlich gemacht. Und selbst das, was wir durch die
Sequenzen der Erinnerungen als individuelle Merkmale über sie erfahren, können
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wir nicht unter einer individuellen Bezeichnung ablegen. Das neuronale
Verfahren bei Namen ist das gleiche, wie bei Appellativen. Es liegt lediglich ein
quantitativer Unterschied vor. Die Merkmalmenge eines Appellativs wird immer
kleiner sein, als die (prinzipiell mögliche) Merkmalmenge eines Namens. Damit
handelt es sich bei der uns vorgegebenen Person um Niemanden und zugleich
Jeden. Diese Universalität soll den Betrachtern ermöglichen, sich selber stärker
mit der dargestellten Situation, also dem Aufbruch ins Unbekannte, zu
identifizieren und sich selber auf diese Reise zu begeben, denn ein Film sollte den
Betrachtern ermöglichen sich in ein Thema hineinzuversetzen und bestensfalls
etwas daraus zu lernen.
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In einer mehrwertigen Logik ist die Betrachtung einer Gruppe von
Individuen als ein neues Individuum, gebildet aus der Gesamtheit dieser
Individuen, problemlos möglich. An der Grenze des Übergangs zwischen Namen
zu den Appellativen sind die Sammelnamen angesiedelt. Völkernamen, z.B. die
Russen oder die Deutschen, sind entsprechend als Sammelbezeichnungen oder als
Sammelnamen interpretierbar. Im ersten Fall sieht man jedes einzelne Mitglied
eines Volkes als Individuum an, im zweiten Fall sieht man die Gesamtheit des
Volkes als etwas Einmaliges. Doch warum ist nun die Rede vom Russen? Der
erste Grund dafür ist, dass der Protagonist sich für eine Abreise vorbereitet. Für
meine persönliche Auseinandersetzung mit der genannten Ausgangslage ist damit
Russland gemeint und durch diese Migration ist es möglich eine andere Identität
in dem neuen Land zu bilden, also das Potenzial sich persönlich
weiterzuentwickeln. Der zweite Grund soll später unter dem Punkt der Herkunft
näher erläutert werden. Durch die ungenaue Bezeichnung eines Russen, wird das
Bild von einer beliebigen Person noch verstärkt. „Der Name des Russen“ erweckt
den Eindruck, dass es sich hier um einen speziellen Namen handelt, der erst noch
erfahren werden muss. Um einen Namen sinnvoll anwenden zu können, muss
man wissen, worauf sich der Name bezieht. Jedoch wird deutlich, dass die
Aussage des Titels leer ist. Welche Auswirkung hat dies nun auf die im Film
dargestellte Person?
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II. Identität
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Es wird schwierig bleiben von der Person zu sprechen, ob nun in dieser Arbeit
oder in Gesprächen darüber. Ich werde für die weitere Auseinandersetzung bei
den bisher angewandten allgemeinen Begriffen bleiben. Ich habe mich oft gefragt,
was wäre, wenn eine Person keinen Namen hätte. Würde ihr dann irgendetwas
fehlen, so als wäre sie nicht vollständig? Wäre sie dann darin gehindert ein
vollständiges Bild von sich zu schaffen? Käme sie in unserer Gesellschaft
zurecht? Würde sie vielleicht auf das Bedauern, wenn heraus kommt, dass die
Person keinen Namen trägt, sagen, dass ihr Gegenüber sie einfach nennen kann,
wie sie möchte? Wie würden mich die Leute rufen, wenn ich keinen Namen hätte?
Die einen würden mich vielleicht „Punk“ rufen, die anderen mich vielleicht
„Idiot“ nennen, für andere wäre womöglich „der Genosse“ oder sonst
irgendetwas. Die Menschen um mich herum, müssen mich doch rufen können,
wenn sie mich brauchen. Sie müssen etwas sagen können, damit ich reagieren
kann. Und könnte ich für den Staat, in dem ich lebe, existent sein, wenn auf
meinem Personalausweis kein Name wäre, mit dem ich erfassbar bin? Doch dies
ist für einen strukturierten Staat erforderlich, wesshalb die UN-
Kinderrechtskonvention vom 20. November 1989 in Artikel 7 über
Geburtsregister, Name und Staatsangehörigkeit festhält: (1) Das Kind ist
unverzüglich nach seiner Geburt in ein Register einzutragen und hat das Recht
auf einen Namen von Geburt an, das Recht, eine Staatsangehörigkeit zu
erwerben, und soweit möglich das Recht, seine Eltern zu kennen und von ihnen
betreut zu werden. Die im Film und Text dargestellte Person namenlos zu lassen,
ist also ein Experiment diese Gedanken einmal frei zu lassen und die Wirkung im
nachhinein zu betrachten. Und dennoch, ohne Namen, ist die Person immernoch
irgendjemand. Die Frage ist: Wer?
Es ist eine allgemein bekannte These, dass Menschen soziale Wesen sind
und ihre persönliche Entwicklung eng an ihr soziales Umfeld geknüpft ist. Wer
jemand ist, wird also durch das Umfeld bestimmt. Die Identität als
psychologisches Konzept4 geht davon aus, dass ein Mensch sich mit etwas
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identifiziert. Das bedeutet dass er äußere Merkmale bestehender
Gruppenidentitäten als eigene Merkmale annimmt. Trotz der Elemente der
Fremdbestimmung ist dies ein notwendiger Prozess zur Heranbildung einer
eigenen Persönlichkeit. Der Grund für die Auseinandersetzung mit diesen
Tatsachen ist die im Vorwort beschriebene Ausgangslage. Unsere
Bezugspersonen, in erster Linie die Eltern, geben uns Möglichkeiten oder Zwänge
für den weiteren Lebensweg und damit auch den Verlauf der persönlichen
Entwicklung vor. Doch das Milieu ist nicht nur darauf zu beschränken. Das
gesamte soziale Umfeld spielt eine Rolle. So besitzen wir doch auch eine soziale
Identität, die uns durch die Gesellschaft zugeschrieben wird. Sie ist eng mit der
Übernahme bestimmter Rollen innerhalb einer Gruppe verbunden. So auch für die
Zeit und das Umfeld des Studiums zu. Aus persönlichem Interesse begann ich
mich mit Kunst, Philosophie, Musik und auch Sprache und Schrift, und überhaupt
allem, was mich interessiert, auseinanderzusetzen. Es ist also die Suche nach der
eigenen Identität, nach dem, was mich kennzeichnet und was mich von anderen
unterscheidet. Dafür habe ich sogar, in dem Glauben, dass ich schon irgendeine
passende Beschäftigung für mich finde, die auf den ersten Blick „handfester“
erscheinenden Ausbildungen abgewiesen. Aber was habe ich bisher über mich
und andere gelernt? Was könnte noch lernen? Identität nach Erikson5 bedeutet,
dass man weiss, wer man ist und wie man in diese Gesellschaft passt. Um das
herauszufinden, suchen wir nach Eigenschaften, die uns als Person kennzeichnen
und unverwechselbar machen. Wir fragen Menschen, die wir kennenlernen, nach
der Musik, die sie hören, nach Büchern, die sie lesen, nach Filmen, die sie
schauen, oder vielleicht stellen wir wichtige Fragen, wie Antoine de Saint-
Exupéry in „Der kleine Prinz“. Wir versuchen uns ein Bild von unserem
Gegenüber zu machen. Welches Bild erzeuge ich nun in dem Film von dem
Russen? Mein Bemühen liegt darin, ein abstraktes Bild zu entwerfen. Die Prägung
durch ein soziales Umfeld, welches im Film nicht weiter dargestellt wird, wird
vorausgesetzt für die Situation, in der die handelnde Person sich befindet. Die
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äußeren Erkennungsmerkmale des Protagonisten sind sein Koffer und sein
Reisemantel. In den Schwarz-Weiss-Szenen ist davon nicht mehr zu sehen, als
eine vorbeihuschende Figur im Bild. Jedoch in den Farbaufnahmen sehen wir ihn
und das Umfeld, das er durchwandert. Er geht von Ort zu Ort, verweilt kurzzeitig,
begibt sich danach jedoch weiter. Doch sind dies Stationen, die öffentlich
zugänglich sind und damit keinen einzigartigen Bezug zum Protagonisten haben.
Als künstlerisches Werk und persönliche Auseinandersetzung fließen
zwangsläufig eigene persönliche Aspekte in die erschaffene Person hinein. Für
den Film leihe ich dem Protagonisten einige meiner Eigenschaften. Den
Betrachtern wird gezeigt, welche Bücher in seinem Bücherregal liegen, welche
Musik er hört, wenn sie die Erinnerungen untermalen, oder welche Filme er
schaut, wenn er an sein kleines Heimkino denkt. Das, was wir womöglich von
seiner Persönlichkeit erfahren, sehen wir in den Schwarz-Weiss-Aufnahmen,
welche uns die Dinge zeigen, die ihm nahe stehen. Dies sind Gegenstände und
alltägliche Handlungen, die ihm wohl bekannt und von ihm in einem persönlichen
Kontext geschaffen sind. Was wir nun von der Persönlichkeit des Protagonisten
erfahren, sind also nur die Dinge, die wir im Film sehen können.
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Es heisst6, dass wir im Laufe der Zeit unsere Selbsterzählungen entwickeln


und verändern. Aus den erinnerten Episoden unserer Vergangenheit und damit
verwebten Anekdoten Formen wir eine Lebensgeschichte, eine umfassende
Erzählung darüber, wie wir zu der Person wurden, die wir sind. Mit all dem bisher
Erlebten setzt sich die Suche nach dem eigenen Ich fort. Meine Arbeit liegt darin,
mich selber in Frage zu stellen und mir ein Bild darüber zu bilden, wer ich bisher
geworden bin und wie meine Geschichte bisher aussieht. Der Film ist dabei ein
ideales Mittel, sich selber durch ein anderes Medium als mit eigenen Augen zu
betrachten. Diese Distanz erlaubt die Reflexion über sich selber. Was denke ich
wohl über mich, wenn ich in den Aufnahmen die Zigaretten, die Alkoholika auf
dem Tisch, den Arbeitsplatz und die gewohnten Szenen im fertigen Werk
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betrachte? Wie urteile ich über meine eigene fertige Arbeit? Habe ich erreicht,
was ich ausdrücken möchte? Und was denken die Betrachter über mich, wenn sie
den Film sehen? Dieses Sich-Selbst-Sehen ermöglicht mir eine Antwort auf die
Frage: möchte ich so sein? Wenn nein, was kann ich ändern und welche Schritte
soll ich gehen? Sartre soll gesagt haben7: „die Frage: Wer bin ich? bleibt ohne
Antwort – es sei denn, man macht sich zu etwas und kann sich dann als sein
eigenes Produkt begreifen […] Der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er
sich macht.“ Diese Arbeit ermöglicht mir also mich selber zu begreifen und neu
zu definieren, um eine Antwort auf die Frage zu finden, wohin ich gehen möchte.
Auf einen wichtigen Aspekt der Auseinandersetzung mit der persönlichen
Identität bin ich jedoch noch nicht eingegangen, der ebenfalls von Bedeutung für
Wahl des Themas und Aufbau des Films ist. Es ist zu klären, welchen Einfluss der
Migrationshintergrund und derzeitige Standort für die eigene Entwicklung hat. In
„Heimatloses Seelenleben“8, einem Buch aus dem Jahre 1988, setzen sich die
Autoren mit damals und teilweise heute immernoch bestehenden Problemen
auseinander, die die migrierenden Teile der Bevölkerung hatten oder immernoch
haben. Mit den allgemeinen Beweggründen für die Migration zwischen den
Ländern, werde ich mich in dieser Arbeit nicht näher beschäftigen. Es wird
beschrieben, dass ein großes Problem der Migranten und deren nachfolgenden
Generationen der Verlust der eigenen Identität ist. Um diesen Verlust zu
umgehen, würden viele dieser Menschen stark auf erlernte und mitgebrachte
Traditionen beharren, welche wiederum auf das Unverständnis der einheimischen
Bevölkerung stoße. Hierzu kann ich nicht genauer eingehen, da meine
persönlichen Erfahrungen nicht so geartet sind. Jedoch wird ein Punkt genannt,
der mich in meiner Entwicklung beeinflusst hat: „… Migranten der zweiten und
dritten Generation […] kennen nicht die Verwurzelung in der Herkunftsnation.
Sie haben auch nicht in dem Maße die Illusion der heilen Welt und der Rückkehr
dorthin. Sie stehen der Kultur und der Sprache des Aufnahmelandes näher,
entfremden sich dabei aber unweigerlich von ihrer Familie.“ Darunter fällt ebenso
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das Aufwachsen mit zwei Sprachen – dem Russischen und dem Deutschen. Mit
der Schule und dem sozialen Umfeld stand mir die deutsche Sprache näher, die
mich aber vom Familienkreis trennte, da ich deren Sprache vernachlässigt habe
und somit der eigenen Familie nur schwer folgen konnte. Diese Ambivalenz zieht
sich bis in diese Arbeit durch. Dieses zwischen zwei Welten stehen zeigt sich
ebenfalls im Aufbau des Filmes. Der eine Strang zeigt das Bekannte, das
Deutsche, das, worin ich aufgewachsen bin und auch was ich selber so gewählt
und kreiert habe. Der andere Strang befasst sich mit dem letztendlichen Aufbruch
in das Neue, dem Russischen, dem, was ich nie kennengelernt habe und doch ein
Teil von mir ist. Eine Auseinandersetzung damit, wo ich denn herkomme, wo ich
bin und was ich tue sind also ebenfalls notwendiger Bestandteil dieser Arbeit.
15
III. Herkunft
Aussagen über die Vergangenheit des Russen werden in dem Film nicht
offensichtlich. Es ist anzunehmen, dass alles, was gesehen wird, also das Umfeld,
in Bezug zu einem bisherigen Lebensweg steht, doch bleibt unklar, wie dieser
aussieht. Die Betracher werden also in eine unbekannte Situation geworfen, die
also nicht nur für die Zeit während des Betrachtens für sie offen bleibt, sondern
auch alles, was potenziell davor liegt. Vielleicht erkennt der ein oder andere
Elemente für sich persönlich wieder, wodurch ihm der persönliche Einstieg in die
Situation gegeben wird, z.B. ein Buch, das er ebenfalls besitzt, oder er meint die
Straßen wiederzuerkennen oder vielleicht der gleiche Ort des Studiums. Für die
Handlung im Film selber sind die Gedanken um die Entstehung dieser
Ausgangslage allerdings von geringerer Bedeutung. Sie ist einfach gegeben.
Für mich als den Erschaffer dieser Situation haben diese Relationen jedoch
eine andere Bedeutung. Es lässt viel Spielraum für die Phantasie, wenn man sich
vorstellt, woher man kommt, wenn man das Land und die Stadt, in der man
geboren wurde, nicht kennt. Hier wechseln sich Bilder von Klischees und dem
Gedanken, dass die Menschen überall gleich seien wechselseitig ab. Zum einen ist
da die Vorstellung von sich bekriegenden Linken und Rechten in der Moskauer
Metro, die brutal gegeneinander vorgehen. Für jemanden, der solche Gewalt und
Hass nie erlebt hat, ist es schwer zu glauben, dass dies tatsächlich der Fall ist.
Dann ist da auch das Bild von den warmherzigen Russen, die jeden Gast herzlich
empfangen und an die Tafel bitten. Oder dieses melancholische Lebensgefühl,
welches sich in der Musik wiederspiegelt. Und die ewig kalten und weißen
Winter. Aber dennoch sind auch dies nur Menschen, die ihrer Arbeit nachgehen,
für ihren Unterhalt sorgen, abends fernsehen und sich dann zur Ruhe begeben.
Solange ich es nicht selber erfahre, sondern nur gesagt bekomme, bleiben dies
alles nur wilde Vorstellungen, die einem durch den Kopf gehen, während man im
Zug auf den Weg dorthin sitzt und gedankenversunken aus dem Fenster schaut.
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Damals, als wir ausgereist sind, war ich zu jung um irgendwas zu sehen,
geschweige denn gar zu verstehen. Ich war ein Säugling und ich war krank. Meine
Eltern wollten nicht, dass ich ihre Erfahrungen in der Sowjetunion mit ihnen teile
und sie wollten mir ein gesünderes Umfeld schaffen. In diesem Sinne geschah die
Ausreise gezwungenermaßen. Also raus aus der Sowjetunion. Dies habe ich
erfahren, als nach langer Zeit der Wunsch in mir nach Klarheit so groß wurde,
dass ich das Gespräch gesucht habe. Ich wollte mir endlich ein Bild davon
machen, woher ich komme und wie wir dahin gelangten, wo wir heute sind. Und
ich bekam eine kleine Abenteuergeschichte erzählt. Bislang war ich der Meinung,
dass es keine Rolle spielt, was früher einmal war, solange einem bewusst ist, wo
man jetzt ist. Doch ich bemerke mittlerweile diesen Irrtum, da eines aus dem
anderen resultiert und das Bewusstsein um etwas nur dann vorhanden ist, wenn es
etwas gibt, worüber man reflektieren und sich dazu in Bezug setzen kann. Das
Philosophiestudium hat also doch seine Spuren hinterlassen. Die Eindrücke aus
meiner Kindheit haben ihre Spuren hinterlassen. Also warum dieses Gefühl
zwischen zwei Welten zu stehen? Warum haben sich manche Menschen so und so
uns gegenüber verhalten? Warum redeten einige so und so mit uns oder über uns?
Was wussten diese Menschen, was ich nicht wusste? Und so langsam erfuhr von
dem, was diese Menschen damals über mich wussten. Die Eltern erzählten mir
von ihrem Leben dort und wie sie alles verliessen. Sie erzählten, wie sie
versuchten hier Fuss zu fassen und wieso sie überhaupt nach Deutschland
kommen durften. Aber nicht einmal ihnen ist noch der Ursprung unseres Namens
klar. Häufig kommt dieser hier jedenfalls nicht vor. Sie berichteten, wie sie eine
neue Existenz aufbauten, hier in dem damals noch fremden Land, wo sie nichts
hatten und niemanden kannten. Diese Erzählerstruktur findet sich ebenfalls in
dem Aufbau des Filmes wieder: das Zuhören ist ein wechselnder Akt zwischen
den Erklärungen lauschen und dem Gesprächspartner dabei ins Gesicht zu sehen
und das Versinken in sich selber, um sich die beschriebenen Szenen bildlich
vorzustellen. Wie es nunmal Erinnerungen oder Vorstellungen so wollen,
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erscheinen sie uns nunmal nicht so klar, wie unsere sinnliche Wahrnehmung,
aber was das angeht, so gehe ich später noch darauf ein.

Es war mir nicht bewusst, dass meine Eltern damit eine Vorbildrolle für
mich darstellen. Jedenfalls solange nicht, wie ich von ihnen abhängig war. Nun
bin ich auf mich alleine gestellt, das Studium (vorerst) abgeschlossen, stehe ich
alleine vor Entscheidungen, die getroffen und Ergebnissen, die vorgezeigt werden
müssen. Und an dieser Stelle kommt der Zweifel und die Angst auf, ob ich das
schaffe. Dieses Problem erscheint so klein im Verhältnis zu der beschriebenen
Situation der Eltern, aber vielleicht gerade desshalb wiegt es so schwer. Was kann
ich vorweisen und wie kann ich mich beweisen? Dies ist nun der entscheidende
Punkt für das Ende dieses Lebensabschnitts. Und hier gipfelt die Frage vom
Beginn dieser Auseinandersetzung am Ende des Filmes. Wenn mir schon dieser
vielversprechende Weg so bereitwillig angeboten wird, sollte ich dann einfach
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alles hinter mir lassen und ihn gehen? Genau dies wird dem Protagonisten
durch den Kopf gehen, wenn er mit dem Koffer in der Hand vor seiner Haustür
steht und zögert, ob er nun einfach hinaustritt und alles bisherige hinter sich lässt.
Und so haltlos, wie die Ausgangslage ist, soll auch die Darstellung und die Reise
sein. Er muss einfach weitergehen.

IV. Reisen
Filmthema
„Am Anfang steht eine Frage, Befindlichkeit, Ereignis, Interesse …“
Damit begann unser begleitender Kurs zur Bachelor-Arbeit und diese
Auseinandersetzung mit der Frage: „Soll ich gehen?“ und dem Satz: „Ich packe
meinen Koffer und nehme mit …“ An diesem Punkt musste ich mir also lange
überlegen, was ich denn mitnehmen würde und was ich für Inhalte in den Film
stecke. Doch um zu wissen, was man mitnehmen soll, muss man erstmal wissen,
wo man überhaupt hin möchte. Klaus Kufeld beschreibt in seinem Buch Reisen:
Ansichten und Einsichten9 seine persönlichen Erfahrungen mit dem Reisen und
erklärt seinen LeserInnen zunächst „die Abfahrt und das Offensein für den Weg
[…] [d]er Drang: wir wollen weg!“ sei wichtig. Damit ist zwar die Grundhaltung
erwähnt, aber eine Antwort auf „Und wohin?“ ist damit allerdings noch nicht
gegeben. In seinem Werk „Siddhartha“ erklärt Hermann Hesse dies so: Suchen ist
ein Ziel haben. Finden ist frei sein, kein Ziel haben.10 Im Sinne beider ist also der
erste Schritt, das Einfach-Losgehen, notwendig um voran zu kommen, denn ein
klares Ziel habe ich ohnehin nicht. Kufeld schreibt in seinem Buch stets vor dem
Hintergrund unserer heutigen Zeit: „Objektiv gibt es heute nichts mehr zu
entdecken, subjektiv noch alles.“ Die uns bekannte Welt ist weitestgehend
aufgedeckt, doch für den Einzelnen steht noch offen alles selber zu erfahren und
für sich zu begreifen. Das Staunen ist Ausgangspunkt für die Erfahrung der Welt
und nicht umsonst Ausgangspunkt für die Entwicklung der Philosophie. Durch die
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Medien wird das Geschehen der Welt an uns herangetragen, doch dem
Reisenden offenbart sich eine ganz eigene Erfahrung. „Man schaut, man hört, man
ist über das Furchtbarste begeistert, weil es neu ist“, wie Elias Canetti gesagt hat.11

Vorbereitung
Das Ziel der Reise bleibt also mir, wie auch dem Protagonisten ungenau. Aus
diesem Grund ist der Inhalt seines Koffers eher spärlich: einige Wechselsachen,
ein Buch zur Unterhaltung während den langen Fahrten, ein Fotoalbum als
Andenken an die vergangene Zeit, einige bedeutende Briefe, etwas Verpflegung,
eine Kamera mit Filmrolle zum Wechseln, sowie den ständigen Begleitern:
Brieftasche, Uhr und Zigaretten, die er in der Manteltasche aufbewahrt. Alles
bleibt handlich und damit mobil. Diese Dinge entnimmt er aus seinem gewohnte
Umfeld, wesshalb diese Szenen ebenfalls in den Schwarz-Weiss-Szenen
eingebettet ist. Es ist die Vorbereitung auf das Ende eines Aufenthalts und der
Beginn für die Reise ins Ungewisse.

Loslassen
Mit dem Hinaustreten schließt sich nun der Bogen der bisherigen Überlegungen
und der Protagonist zieht los. Der Beginn der Reise stellt also das Thema dieses
Films dar. Es bedeutet, die Möglichkeiten zu nutzen, die einem gegeben werden.
Um nun voranzukommen ist es wichtig, das Bisherige loszulassen und sich für
das Neue zu öffnen. Es gilt die irrationale Angst vor Veränderungen zu
überwinden, um aus sich selbst herauswachsen zu können. Im Film ist zu sehen,
wie der Protagonist am Ende reisebereit einem Gemälde gegenübersteht. Es wird
nicht deutlich, welche Bedeutung es hat, jedoch verweilt er noch einen Moment
davor, bevor er aufbricht. Er nimmt es von der Wand und legt es mit der Bildseite
nach unten zu seinen Büchern und geht. Eine weitere Stelle im Film, wo es um
das Loslassen des Bisherigen geht, wird in einer Szene an einem See gezeigt. Der
Protagonist steht barfuß im Wasser und kramt aus seiner Manteltasche einige
20
Briefe hervor, die er zuvor bei der Vorbereitung eingepackt hat. Diese sind
frankiert und folgendermassen adressiert: an Du weisst schon wen, Wo auch
immer, Ganz weit weg. Auch hier werden persönliche Zusammenhänge nicht
erkennbar, jedoch wirft er die Briefe in das Wasser, anstatt sie der Post zu
übergeben. Es wird klar, dass sich der Protagonist hier von etwas trennt, woran er
womöglich emotional hing.
Die Photographie kam erst spät und ist auch einer der Gründe, warum ich
das Medium „Film“ für meine Arbeit verwende. Sie kam erst dann, als das Auge
schon müde und träg wurde für den Anblick dieser Stadt. So vieles zu oft gesehen,
und es fällt schwer das gewohnte Umfeld mit „neuen Augen“ zu betrachten. Doch
von nun an wird mich die Kamera begleiten.

V. Film
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Medium: Film
Der Begriff „Medium“ bezeichnet einen vermittelnden Träger, der gemäß seiner
Funktion Inhalte zur Kommunikation überträgt. Ich entschied mich dabei für den
Film, da ich im Laufe meiner Kunststudiums bisher nur zwei mal damit gearbeitet
habe und mich auch in dieser Hinsicht weiter entwickeln und verwirklichen
möchte und auch desshalb, weil das Betrachten durch die Videokamera dem
Blickfeld der Photokamera entspricht und ich mich derzeit mit der gelungenen
Wahl von Bildausschnitten beschäftige. Desweiteren bietet sich mir damit die
Möglichkeit meine Arbeit beliebig oft zu kopieren und zu verbreiten. Diese
Aspekte finden sich auch in meinem Wunsch wieder auch zukünftig mit Medien
zu arbeiten.
Wie sich bei der vorbereitenden Lektüre zu dieser Arbeit herausstellte, gibt
es unterschiedliche Meinungen darüber, ob Film Kunst sei. Es ist jedoch zu
erwähnen, dass die von den im folgenden genannten Autoren verfassten Schriften
mehr als 50 Jahre alt sind und somit nicht zwangsläufig für die aktuelle
Filmsituation sprechen kann. Alfons Plankensteiner setzt sich 195412 mit der
Frage auseinander, ob Film Kunst sei und erkennt drei Ebenen des Films. Erstens:
der Film als Reproduktionsmittel, also der Film als technisches Mittel zur
Herstellung einer Bewegungsillusion, bei der diese in erstarrter Form in die
Filmrolle gebannt wird. Dies ist heute digital möglich, wovon ich bei meiner
Arbeit Gebrauch mache. Zweitens ist der Film Mittel zur Bewegungysynthese,
d.h. der Film kann dort Bewegungen darstellen, wo keine sind, indem mehrere
leicht veränderte Bilder durch rasche Aufeinanderfolge projeziert werden. Und
drittens sei der Film dort Kunst, wo mit adäquaten Mitteln über seelische und
geistige Vorgänge etwas ausgesagt wird. Desweiteren gibt es Schriften von
Walter Benjamin, Horkheimer und Adorno, welche die Aussage vertreten13, dass
das Kunstwerk durch seine technische Reproduktion für die Massen seine
Einzigartigkeit und damit seinen Wert verliere. Dies geschieht vor dem
Hintergrund kapitalistischer Produktionsweisen. Durch das Bedürfnis der Massen
22
nach Besitz von Kunst und der damit herausgebildetetn Kulturindustrie, wirde
die ästhetische und gesesellschaftliche Qualität durch die mediale Reproduktion
zerstört. Diese Ansichten halte ich für überholt. Wie bereits Hans Magnus
Enzensberger fordert, ist eine Analyse der künstlerischen Medien unter
Berücksichtigung heutiger Produktionsbedingungen und die Auseinandersetzung
mit den Ergebnissen erforderlich. Tatsächlich bietet sich durch das Medium Film
dargestellte seelische und geistige Auseinandersetzungen mit bestimmten Themen
die Möglichkeit, besonders in der Zunahme der digitalen Welt, viele Menschen zu
erreichen, doch sei keinesfalls von einem Qualitätsverlust zu sprechen. Durch das
Erreichen einer großen Zahl an Betrachtern ist es möglich, das Wissen der
Menschen schnell und weitläufig zu verbreiten und damit die gemeinsame
Entwicklung voranzutreiben, indem sich jeder auf irgendeine Art und Weise daran
beteiligen kann. Denn „[w]as wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in
der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“14, so Niklas
Luhmann. Es mag vorläufig so erscheinen, dass in den Massen ein Individuum
untergehen mag, doch bietet das Angebot durch die Massenmedien reichlich
Nahrung für die eigene persönliche Entwicklung und Selbstverwirklichung durch
das Ausleben und Produktion seiner Ideen und damit dem Schaffen von Kunst.
Und letztendlich sei laut Adolf Reichwein: „[a]uch Filmbetrachtung, wenn sie in
tätiges Miterleben umschlägt, […] Schaffen.“15

Aufbau und Ablauf


Der grundlegende Aufbau des Films ist Christopher Nolans Film „Memento“ aus
dem Jahre 2000 entlehnt. In diesem wird der Aufbau damit begründet, dass der
Protagonist durch ein traumatisches Ereignis die Fähigkeit verloren hat, neue
Erinnerungen zu bilden. Sein Kurzzeitgedächtnis speichert die Eindrücke nicht ab
und finden keinen Eingang in das Langzeitgedächtnis. Aus diesem Grund wird der
Film in zwei Handlungsstränge geteilt: einen Strang, der chronologisch in
Schwarz-Weiss verläuft und einen in Farben dargestellten Strang, deren Szenen
23
jedoch chronologisch rückwärts verlaufen. Die Szenen wechseln solange ab, bis
sich beide Handlungsstränge treffen und der filmische Höhepunkt erreicht wird.
In dieser Arbeit ist die Intention für den Aufbau jedoch eine andere. Ausgehend
von dem chronologisch letzten Punkt der eigentlichen Handlung blickt der
Protagonist auf die Zeit seines Aufenthalts in der Stadt und den bisher
zurückgelegten Weg zurück. Die Schwarz-Weiss-Szenen stellen die Tage dar, in
denen der Protagonist sich auf die Reise vorbereitet, sowie diverse, wohl bekannte
Dinge, die er so schnell nicht wiedersehen wird. Dies sind alltägliche Dinge, wie
der nervende Wecker, der ihn zu unmenschlichen Zeiten aufweckt, oder der
geliebte Arbeitsplatz am Schreibtisch mit dem Rechner, oder auch Orte und Wege
in der Stadt, in der er verweilte. Ebenso in schwarz-weiss werden die Szenen
dargestellt, in denen der Protagonist seinen Koffer packt, da er diese aus seinem
gewohnten Umfeld entnimmt und noch am bisherigen Aufenthaltsort verweilt.
Das Bild ist grobkörnig und kontrastreich, um den Eindruck zu vermitteln, dass es
sich hierbei um Erinnerungen handelt. Denn diese sind nicht so konkret und
ausdifferenziert, wie das gegenwärtig erlebte. Dies ist auch der Fall, wie bei der
Erzählung beschrieben, wenn wir uns die Dinge, die uns erklärt werden, bildlich
vorstellen. Diese Szenen sind als Leitmotiv mit Musik hinterlegt, um ihren
wiederkehrenden Charakter zu festigen. Die Musik wird desshalb gewählt, da
diese wichtiger Träger von Erinnerungen ist und beim erneuten Anhören eben
jene Erinnerungen in uns hervorrufen. Die farbigen Szenen dagegen beschreiben
den tatsächlichen Verlauf seiner ersten Schritte auf dem neuen Weg. Dies beginnt
damit den Koffer zu schliessen und die Wohnung zu verlassen. Desweiteren wird
der Abend der Abreise dargestellt, den er damit füllt, sich selber in einer Kneipe
mit Bier zu befüllen und letztendlich in einem Park morgens aufzuwachen. Die
Beweggründe dafür werden allerdings nicht deutlich. Ausserdem besucht der
Protagonist noch andere Stationen, wie z.B. das Gebäude, in dem er hauptsächlich
studiert hat und einen See, bis er letztendlich am Bahnhof in einen Zug einsteigt
und die Handlung im Zug, mit Blick aus dem Fenster, verklingt. Anders als bei
24
den Schwarz-Weiss-Szenen sind die Aufnahmen mit den
Umgebungsgeräuschen hinterlegt.
Die Szenen wechseln sprunghaft zwischen Schwarz-Weiss und Farbe.
Dies ist bedingt dadurch, dass sich der Protagonist am Ende der gezeigten
Handlung auf das besinnt, was er bislang erlebt und was ihn geprägt hat. Die
Montage als aufbauende Arbeit, ist dabei der eigentlichte gestalterische Prozess,
der das Rohmaterial aufarbeitet und in die gewünschte Form bringt.16 Dadurch
ergibt sich der filmische Ausdruck durch „das Ergebnis von Zusammenstellungen
… Eine Einstellung deutet den Gegenstand nur im Hinblick auf dessen
Verwendbarkeit in einer Zusammenstellung mit anderen Sequenzteilen“17 Sie ist
die Methode die psychologische Führung des Zuschauers zu kontrollieren und ihn
zu beeinflussen.
Es findet sich eine weitere Parallele zum Film „Mensch ohne Namen“ aus
dem Jahr 1932. In diesem Film geht es um einen Mann, der nach einer
Verwundung im Ersten Weltkrieg seine Erinnerungen verliert. Fünfzehn Jahre
lang arbeitet er in einer russischen Automobilfabrik, bis er durch das Eintreffen
einer deutschen Delegation seine Erinnerung wiedererlangt. Er kehrt zurück in
sein Heimatland, wo ihn jedoch niemand mehr kennt. Sein Vorhaben an seine alte
Existenz wieder anzuknüpfen scheitert. Jedoch beginnt der Mann sich eine neue
Identität aufzubauen, indem er sich auf eine neue Liebe einlässt und eine neue
Existenz selbst definiert. Die Analogie zu meiner Arbeit liegt hier im letzten
Punkt, also der Neudefinition des Ichs. Und dieser Schritt zur Neudefinition,
dadurch gekennzeichnet, dass die Person sich auf einen neuen Weg begibt, wird
als Handlungshöhepunkt im filmischen Endpunkt dargestellt. Das ist der Grund,
warum ich mich für den oben beschriebenen Filmaufbau entschieden haben. Die
letzte im Film gezeigte Einstellung ist die für die Handlung wichtigste Szene. Es
ist der Punkt, an dem sich der Protagonist entscheiden muss die Tür zu öffnen und
hinauszugehen. Auch Kufeld schreibt in seinem Buch, dass für Jules Verne „der
25
Ruhm des Columbus nicht darin [bestehe], daß er angekommen ist, sondern
darin, daß er abgefahren ist.“18
26
27
Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Identit%C3%A4t, 27.07.2012, 11:34 Uhr.

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Name_der_Rose#cite_note-4, 27.07.2012, 11:34


Uhr.

http://lexikon.stangl.eu/522/identitaet/, 27.07.2012, 11:35 Uhr.

http://arbeitsblaetter.stangl-
taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/EntwicklungErikson.shtml,
27.07.2012, 11:35 Uhr.

Hrsg. Andrea Brendler, Silvio Brendler, Volkmar Hellfritzsch: Namenarten und


ihre Erforschung: ein Lehrbuch für das Studium der Onomastik. Hamburg : Baar
2004. Darin: Ernst Hansack: Das Wesen des Namens. S. 51 – 65

Hrsg. Bettina Brandi Bischoff: Medientheorie/Filmtheorie sowie Betrachtungen


zu Ästhetik, Inszenierungsformen und Inhalten ausgewählter Produktionen :
medienpädagogische Ausbildung an der Hochschule Merseburg im
Schwerpunktbereich Medienwissenschaft und angewandte Ästhetik. Aachen :
Shaker 2011.

Sönke Roterberg:Philosophische Filmtheorie. Würzburg : Königshausen &


Neumann 2008.

Jürgen Felix: Moderne Film-Theorie. Mainz : Bender 2007.


28
Klaus Kufeld: Reisen: Ansichten und Einsichten. Frankfurt am Main :
Suhrkamp 2007.

Alfons Plankensteiner: Der Film: Kunst, Geschäft, Verführung?. Innsbruck :


Tyrolia-Verlag 1954.

Steffen Großkopf: Die Fiktion der Identität: bildungstheoretische Aspekte der


Existenzphilosophie Jean-Paul Sartres. Jena : Ed. Paideia 2011.

Hrsg. Antonio Morten: Vom heimatlosen Seelenleben. Entwurzelung,


Entfremdung und Identität. Bonn : Psychiatrie-Verlag 1988.
Hermann Hesse: Siddhartha. Frankfurt am Main : Suhrkamp 2007.
1
Klaus Kufeld: Reisen: Ansichten und Einsichten. Frankfurt am Main : Suhrkamp 2007. S. 15
2
http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Name_der_Rose#cite_note-4, am 26.07.2012, 20:06 Uhr.
3
Hrsg. Andrea Brendler, Silvio Brendler, Volkmar Hellfritzsch: Namenarten und ihre Erforschung: ein Lehrbuch für
das Studium der Onomastik. Hamburg : Baar 2004. Darin: Ernst Hansack: Das Wesen des Namens. S. 51 – 65
4
http://lexikon.stangl.eu/522/identitaet/, 27.07.2012, 02:35 Uhr.
5
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/EntwicklungErikson.shtml, 27.07.2012,
02:53 Uhr.
6
http://lexikon.stangl.eu/522/identitaet/, 27.07.2012, 02:35 Uhr.
7
Steffen Großkopf: Die Fiktion der Identität: bildungstheoretische Aspekte der Existenzphilosophie Jean-Paul Sartres.
Jena : Ed. Paideia 2011. S. 12 f.
8
Hrsg. Antonio Morten: Vom heimatlosen Seelenleben. Entwurzelung, Entfremdung und Identität. Bonn : Psychiatrie-
Verlag 1988. S. 16 ff.
9
Klaus Kufeld: Reisen: Ansichten und Einsichten. Frankfurt am Main : Suhrkamp 2007.
10
Hermann Hesse: Siddhartha. Frankfurt am Main : Suhrkamp 2007. S. 112.
11
Kufeld 2007.
12
Alfons Plankensteiner: Der Film: Kunst, Geschäft, Verführung?. Innsbruck : Tyrolia-Verlag 1954. S. 30.
13
Die Aussagen wurden entnommen aus: Hrsg. Bettina Brandi Bischoff: Medientheorie/Filmtheorie sowie
Betrachtungen zu Ästhetik, Inszenierungsformen und Inhalten ausgewählter Produktionen : medienpädagogische
Ausbildung an der Hochschule Merseburg im Schwerpunktbereich Medienwissenschaft und angewandte Ästhetik.
Aachen : Shaker 2011.
14
Ebd. S. 38.
15
Ebd. S. 91.
16
Bischoff 2011.
17
Ebd.
18
Kufeld 2007. S. 16.