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Nur

miteinander reden schafft


Verstä ndnis 19. Mai 2006

Letzte Woche wurden zwischen mir und einigen bekannten französischen Armeniern harte Worte ausgetauscht.
Man merkte, dass die Erklärung, die wir in der Zeitung Liberation veröffentlicht hatten und die von acht Freunden
unterschrieben worden war, gehörigen Ärger ausgelöst hat. Unsere dort formulierten Thesen wurden als »ein
tödlicher Schlag« bezeichnet. Einer der französischen Armenier meinte gar: »Eure Erklärung hat einen Keil zwi-
schen uns getrieben, wie es all der wirtschaftliche und politische Druck der Türkei nicht vermocht hat. Falls dieses
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Gesetz nicht verabschiedet wird, ist das zu einem großen Teil euch zuzuschreiben.«

1 2001 hat das französische Parlament einen Beschluss gefasst, in dem es die Gräuel an den Armeniern als »Völkermord« anerkannte. Am
12. Oktober 2006 wurde die Leugnung des Völkermords unter Strafe gestellt.

Ich persönlich hoffe, dass dieses Gesetz zu dem Zeitpunkt, da Sie diese Zeilen lesen, noch nicht verabschiedet ist
und - mehr noch - dass es niemals Wirklichkeit wird. Denn ich will nicht, dass die armenische Gemeinschaft zum
Opfer eines falschen politischen Spiels wird. Wenn dieses Gesetz erst einmal gilt, dann werden die Leugner [des
Völkermords], die heute in den Augen der Öffentlichkeit im Unrecht sind, erst zu Benachteiligten, und später
glaubt man dann, dass sie vielleicht sogar im Recht sind, und das nur deshalb, weil sie ihr Recht auf freie Meinungs-
äußerung nicht ausüben können. Sicher muss man verstehen, in welcher Gemütsverfassung die Armenier sind, die
heute so weit sind, anderen das heilige Recht auf freie Meinungsäußerung zu beschneiden. Denn die Armenier
fragen sich zu Recht, warum die Öffentlichkeit, welche die Leugnung des Völkermordes an den Juden unter Strafe
stellt und dabei die Einschränkung der Meinungsfreiheit nicht problematisiert, bei der armenischen Tragödie
anders verfahren will. Sie revoltieren gegen eine doppelte Moral.
Ich teile diese Doppelmoral nicht und sage klipp und klar, dass freie Meinungsäußerung für mich der Grundstein
der Menschenrechte und universellen Prinzipien ist, ohne die die anderen Freiheiten nicht viel Sinn haben. Der
Kampf gegen alle Formen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, einschließlich des Holocausts, muss ohne
Einschränkung der Meinungsfreiheit geführt und gewonnen werden. Es ist doch offensichtlich, dass die
Beschneidung der Meinungsfreiheit in diesem Kampf kein wirksames Mittel ist. Wäre es das, gäbe es heute in
Deutschland keine Neonazis. Und genauso offensichtlich ist, dass das Verbot, den Holocaust zu leugnen, zwar die
Opfer des Holocausts schützt, aber gleichzeitig nicht verhindern kann, dass andere »Andere« zum Ziel rassistischer
Haltungen und Handlungen werden.
Was tun? Sollen wir abwarten, bis auch andere Gruppen niedergemacht werden, und dann auch für sie [für ihr
Andenken] die Meinungsfreiheit einschränken? Nein, das ist der falsche Weg, der Kampf gegen Völkermord darf
nicht auf Kosten der Meinungsfreiheit gehen. Ganz im Gegenteil, solange solche Gedanken [der Leugnung und des
Rassismus] in den Köpfen der Menschen eingesperrt sind, finden darin keine neuen Gedanken Platz.

Anders ausgedrückt, nur miteinander reden schafft Verständnis.


Ich habe deshalb den Armeniern in Frankreich gesagt: »In den letzten Jahren seid ihr zum ersten Mal ganz dicht, in
eurem eigenen Lebensumfeld, mit den Leugnern konfrontiert worden. Ihr habt zum ersten Mal Demonstrationen
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erlebt, auf denen geleugnet wurde, was geschehen ist, das war euch unerträglich. Doch wir Armenier der Türkei
erleben das seit Jahren. Wenn es damit nur sein Bewenden hätte! Heute drängt man unseren Kindern in unseren
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eigenen Schulen diese Haltung auf. Wie halten wir das aus? Sind wir vielleicht weniger sensibel als ihr es seid?
Oder seid ihr ganze Armenier und wir sind nur halbe? Wir in der Türkei haben gelernt, dass, wenn das Schweigen
zum Tabu wird, die Demokratie in der Freiheit der Meinungsäußerung liegt. Wir haben auch gelernt, dass jeder
unwahre Diskurs zu seiner eigenen Hinterfragung drängt. Über das Leugnen lernen die Menschen das Zugeben. Ich
weiß, dass wir heute diejenigen nicht überzeugen können, die für das Gesetz zur Einschränkung der
Meinungsfreiheit sind. Ich will es nicht hoffen, aber ich fürchte, dass sie die Nachteile dieses Gesetzes erst einsehen,
wenn es in Kraft ist. Ich hoffe, dass es dann nicht zu spät ist.

1 Türkische Demonstrationen in Paris und in den USA.


2 Vgl. dazu: »Was hat sich letztes Jahr geändert?«

Aus dem Buch „Von der Saat der Worte“ (Sammlung von Hrant Dinks Werken)
ISBN 978-3- 89930-222-6-