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Ein Gespräch mit András aus Ungarn

András ist aus Szeged, einer Großstadt ganz im Süden Ungarns, hat CNC-Programmierer gelernt und studiert
Industrial Engineering in Deutschland. Seit einiger Zeit ist er aktiv in der linken Bewegung in Ungarn.
Von: Nikola Wittkowski -
Wittkowski: Kannst Du uns ein bisschen über die Gewerkschaften in Ungarn erzählen?
Es gibt einige Gewerkschaften, aber sonderlich eindrucksvoll sind sie nicht. Die einzige Gewerkschaft, die
meiner Meinung nach wirklich etwas verändern will, ist VASAS, die Gewerkschaft für die Metallbranche. Sie
haben auch angefangen zu diskutieren, was eigentlich die Rolle einer Gewerkschaft sein soll und schulen ihre
Mitglieder. VASAS ist sehr präsent, nicht nur in Betrieben, sondern auch bei Festivals, in den Schulen und Unis
versuchen sie besonders die jungen Leute zu erreichen. Darüber hinaus streiken sie vergleichsweise oft.
Für viele junge Leute spielen Gewerkschaften jedoch keine Rolle. Manche sehen, dass Gewerkschaften ihnen
mehr Geld bringen, aber den Sinn dahinter – die Solidarität – sehen sie nicht. Sie sehen nicht die Notwendigkeit
sich gegen Ausbeutung, gegen den Staat oder die Kapitalisten zu organisieren. Aber zur Zeit können die
Gewerkschaften im privaten Sektor einige kleinere Erfolge erzielen. Zum Beispiel haben die ArbeiterInnen bei
der Supermarktkette Tesco einen Tag lang gestreikt und anschließend eine spürbare Lohnerhöhung bekommen.
Tesco hat zwar versucht Studierende als Streikbrecher einzusetzen, das hat aber überhaupt nicht funktioniert.
Den Gewerkschaften kommt bei den Arbeitskämpfen zu gute, dass in Ungarn durch Arbeitsmigration in die EU
und anderswo momentan Arbeitskräftemangel herrscht.
Ich war einmal bei einem Gewerkschaftstreffen, wo 7 oder 8 Gewerkschaften vertreten waren. Ich habe von
dem Treffen zwei Dinge mitgenommen. Erstens waren die anwesenden GewerkschaftsrepräsentantInnen
ziemlich alt und zum anderen drehten sich alle Diskussionen nur darum, wie schlimm die Situation ist. Es
wurde aber nicht darüber nachgedacht, was Lösungen für diese Probleme sein könnten.
Das ist auch der Grund warum Fidesz[1] so viele Stimmen bekommen hat. Denn nur sie haben eine Agenda für
die Arbeiterklasse und haben ihnen eine Weltsicht angeboten, während die sogenannten Linken, die Liberalen,
der Arbeiterklasse überhaupt nichts anzubieten hatten.
Wittkowski: Und was bieten sie der Arbeiterklasse an?
Am Anfang war ihr Angebot, dass sie ein Ende mit der Korruption und Selbstbereicherung der politischen
Klasse machen würden, wie sie unter der Regierung der Ungarischen Sozialistischen Partei vorherrschend wäre
und so auch Geld für die Ärmeren bleibt. Allerdings ist natürlich das Gegenteil eingetreten. Wahrscheinlich
haben sie sich sogar mehr bereichert, als die Clique der Sozialistische Partei. Sie behaupteten auch, dass sie mit
der Ausbeutung der multinationalen Konzerne Schluss machen würden. Was sie allerdings gemacht haben ist,
dass sie massiv dafür gesorgt haben, dass die Konzerne ihrer Clique Marktanteile gewonnen haben.
Wittkowski: Kannst Du ein bisschen ausführen, wie sie sich selbst bereichert haben?
Einen guten Teil der Wirtschaft machen ja Fördergelder der EU aus. Die Regierung kann natürlich gucken, wie
sie diese Gelder einsetzt. Und so wird geguckt, dass die Gelder in die Taschen ihrer Vasallen wandern. Zum
Beispiel bauen sie mit EU-Geldern an den unnützesten Stellen Brücken. Das regt natürlich einige Leute auf und
Fidesz hat auch an Zustimmung verloren. Aber dann kam die Flüchtlingskrise. Und so konnte Fidesz den
Leuten erzählen, dass es jetzt wichtigere Dinge gibt als Geld und dass wir uns jetzt alle Sorgen um unsere
Sicherheit machen sollen. Und die Medien, die der Regierung nahe stehen, verbreiten die absurdesten
Hetzgeschichten um den Leuten Angst zu machen. Sie bauen ein Bild auf, dass Ungarn, Europa, das
Christentum von zwei Seiten belagert werden. Auf der einen Seite von den muslimischen Flüchtlingen, auf der
anderen Seite von den vermutlich jüdischen Herren, die die ganze Welt kontrollieren. Aber wir, die echten
Ungarn, wir halten stand und retten das Christentum vor der Zerstörung. Und für diesen Kampf musst Du die
Regierung unterstützen, und sollst nicht die Regierung kritisieren, wenn sich Politiker mal wieder selbst
bereichern.
Um den Leuten Angst zu machen, hat Orban[2] anfangs eine Menge Flüchtlinge ins Land gelassen, sie aber
nicht weiterziehen lassen. In der Zeit wurde dann von den Medien alles mögliche aufgegriffen, um die
Flüchtlinge schlecht dastehen zu lassen. Es gab zum Beispiel einen Fall, dass in einer Schule eine Scheibe
eingeschlagen wurde. In den Medien wurde der Fall vollkommen aufgebauscht und zwei Wochen lang wurde
gemutmaßt, ob vielleicht Flüchtlinge die Scheibe eingeschlagen haben, und was als nächstes für schreckliche
Sachen passieren würden. In den Medien wird auch prominent berichtet, wenn beispielsweise ein Flüchtling
jemanden in den USA oder sonstwo umbringt. So konnte die Regierung viele Leute verängstigen.
Wittkowski: Was ist denn die Antwort der Linken darauf?
Also im Wörterbuch von Orban gibt es das Wort »Linke« nicht, sondern lediglich »Linksliberale« und
Kommunisten. Wenn Du zum Beispiel für Rechte von Homosexuellen eintrittst, bist Du ein Kommunist. Und
wenn Du ein Kommunist bist, dann unterstützt Du nicht nur die Rechte von Homosexuellen, sondern auch den
Islam. Die Fidesz-Leute schmeißen da einfach alles in einen Topf, was sie nicht leiden können. Aber der
Hauptfeind ist natürlich George Soros.
Wittkowski: Wer ist George Soros?
Soros ist ein ungarischstämmiger US-amerikanischer Investor. Er repräsentiert in den Augen von Fidesz die
ganze Verdorbenheit des Westens. Und sie behaupten, dass Ungarn von ihm permanent angegriffen wird. Es
gab eine riesige Plakatkampagne in Ungarn, mit riesigen Plakaten, auf denen Soros Gesicht zu sehen ist mit
dem Satz »Lass Soros nicht am Ende lachen«. In jeder ungarischen Stadt findet man tausende dieser Plakate.
Und wem gehören diese Plakatständer? Den Freunden von Victor Orban.
Wittkowski: Was für soziale Bewegungen gibt es zur Zeit in Ungarn?
Das Problem in Ungarn ist, dass die Linke neben den Liberalen vollkommen verblasst. So gab es große
Mobilisierungen für die Verfassung. Das ist ja auch schön und gut, aber diese Verfassung hat die Arbeiterklasse
nicht vor der Krise 2008 beschützt, diese Verfassung hat nicht ihre Jobs, ihre Wohnungen oder ihre
Gesundheitsversorgung geschützt. Wenn man sich das so ansieht, wundert man sich nicht, dass wenige aus der
Arbeiterklasse an den Protesten teilgenommen haben. Seit 8 Jahren gibt es diese liberalen Proteste, die auch
einige Leute auf die Straße bringen, aber am Ende verändern sie nichts. Die zweitgrößte Mobilisierung
überhaupt war gegen die drohende Schließung der maßgeblich von Soros finanzierten CEU-Universität durch
die Regierung. Aber als sie 500 Schulen in den Dörfern geschlossen haben, hat sich niemand darum
gekümmert.
Wittkowski: Gibt es auch soziale Proteste von links?
Das größte Problem für soziale Proteste in Ungarn ist nicht etwa die Fidesz-Partei, sondern die Liberalen, die
versuchen sich bei allen Protesten an die Spitze zu drängen und sie in ihrem Sinne lenken.
Es gibt aber in Budapest und in der südungarischen Stadt Pécs die Organisation Die Stadt gehört allen, die zum
Beispiel Räumungen von MieterInnen verhindert hat. Darüber hinaus gab es Mobilisierungen gegen horrende
Zinsen bei Krediten, die vor allem Leute hart getroffen haben, die ihr Haus oder ihre Wohnung abbezahlen
mussten. Zu der ersten Demonstration kamen 50 000 Leute, leider ist das dann aber auch relativ schnell wieder
im Sand verlaufen und ist in verschiedene Gruppen zerfasert.
Außerdem wurde in Budapest ein Park für fast zwei Jahre besetzt. Dabei ging es darum zu verhindern, dass dort
prestigeträchtige Museen gebaut werden. Wir hatten auch einen gewissen Erfolg damit und konnten den Bau
der Museen im Park verhindern. Dieser Kampf wurde auch von vielen BudapesterInnen unterstützt, allerdings
haben sie sich nicht aktiv beteiligt. Das Problem in Ungarn ist, dass es praktisch kein Bewusstsein gibt, dass
man kollektiv Probleme angehen kann.
Wittkowski: Hast Du Hoffnung, dass es mittelfristig in Ungarn zu Veränderungen in einem progressiven
oder gar revolutionären Sinne kommen kann?
Ein bisschen Hoffnung habe ich, denn durch diese Lohnkämpfe oder Wohnkämpfe steigt das Bewusstsein der
Leute um ihre Lage. Um es mit Margaret Thatcher zu sagen »There is no alternative.« Es gibt keine Alternative
zu Gewerkschaften und Klassenkampf. Die Mieten in den Städten sind sehr hoch und ich bin mir sehr sicher,
dass die Regierung dieses Problem nicht lösen wird. Dafür müssen sich die Leute selbst organisieren, genauso
wie für bessere Löhne oder für bessere Lebensbedingungen. Wenn die Leute in den Städten sich mit den Leuten
auf den Dörfern vereinigen, dann kann tatsächlich eine revolutionäre Bewegung entstehen. Wenn Leute
leidenschaftlich versuchen würden eine sozialistische Bewegung in Ungarn aufzubauen, dann wird es ihnen
mittelfristig gelingen.
Wittkowski: Können wir als Revolutionäre in Deutschland Euch irgendwie unterstützen?
Ja schon. Ihr könnt uns viele Dinge beibringen. Was mich allerdings wirklich stört, ist, dass viele Leute
versuchen von außen das System zu verändern, das funktioniert nicht. Aber wenn ihr uns beibringt, wie man
eine Bewegung aufbaut, wie man Demonstrationen organisiert, wie wir Leute überzeugen können und so
weiter, das wäre sehr hilfreich für uns.

Evolution einer revolutionären Organisation


Über die Evolution einer revolutionären Organisation. Eine subjektive Einschätzung der Entwicklung des
Bundeskongresses der FAU. Von: Christian Horn

Eindrücke vom FAU-Bundeskongress 2018


Schon vor elf Jahren, als Neumitglied, erlebte ich einen FAU-Kongress in der Nähe von Hannover – aber ein
besonderer Kongress war der im Jahre 2007. Die FAU verfügte nur über ein Drittel der heutigen Mitgliederzahl.
Interne Konflikte und persönliche Fehden prägten oft die Diskussionen – aktuell sind es Arbeitskämpfe, welche
mit viel Leidenschaft oft zum Erfolg führten. Dennoch möchte ich nicht alles schön reden und alles von damals
schlecht – es waren eben andere Zeiten und die FAU hat lange gebraucht, um sich zu finden und zu
strukturieren.

Die internationale Frage


Was mir auf dem diesjährigen Kongress im Naturfreundehaus in der niedersächsischen Landeshauptstadt
auffiel: 2007 gab es etliche internationale Gäste, die ausführlich über die sozialen Bewegungen in ihren
jeweiligen Ländern redeten – sogar ein Besucher aus Afrika sprach über den Kampf gegen eine
Bahnprivatisierung in Mali. Es kam sogar zu einem kleinen Eklat mit dem Sekretariat der damaligen
Internationalen ArbeiterInnen-Assoziation. Insgesamt war die Debatte über den Verbleib in der IAA sehr
präsent. Der Sekretär aus der serbischen Sektion ging andere Gäste als Feinde der IAA an, worauf nach kurzem
Wortgefecht die meisten Delegierten den Saal verließen. Das Ende der Beziehung zwischen FAU und IAA
sollte sich bekanntlich noch etwa zehn Jahre hinziehen. (Näheres zum Thema Kleinstsektionen und
dogmatische Positionen findet sich im Artikel von Holger Marks in der iz3w Ausgabe 367 “Transnational ist
besser – Stand und Perspektiven des Syndikalismus“).
2018 war es anderes. Die internationale Frage war schon vor dem Bundeskongress an Pfingsten ausgiebig
erörtert worden und mit der Gründung der Internationalen Arbeiter*innen Konföderation (IAK) in Parma
(Weitere Informationen dazu findet ihr hier). Aber dass nicht einmal ein Vertreter der spanischen CNT auf
einem FAU-Kongress anwesend war, überraschte mich und ich habe die meisten dieser bundesweiten Treffen
miterlebt. Eine Grußbotschaft hatte ein Sekretär einer Schwesterorgansiation spontan bei Whatsapp verfasst.
Die Gäste aus Frankreich, Brasilien, Österreich und dem Reisesyndikat (bisher nur eine bundesweite Sektion
für freireisende Bauhandwerksgesell*innen) hielten ihre Bekundungen sowie Bericht ebenso relativ kurz. Es
gab entgegen vorhergehender Kongresse auch keine eigene Abendveranstaltung. Dafür bot ein Genosse einen
Rundgang im Stadtbezirk Linden an, wo sich ebenso das FAU-Lokal befindet. Wir hörten zeitgeschichtliches
sowie aktuelles zur Stadtentwicklung mit verhinderten Zwangsräumungen und bestehenden Freiräumen.

Innerorganisatorische Demokratie im Wandel?


Neu war auch für mich das Verfahren, Anträge abzustimmen. Gab es noch vor der letzten wichtigen
Satzungsänderung aus dem Jahre 2015 auf dem Kongress intensive Diskussionen sowie langwieriges Vortragen
der Abstimmungsergebnisse aus den jeweiligen Syndikaten (früher wurde die lokalen Verwaltungseinheiten
Ortsgruppen genannt), wird seit zwei Jahren im Vorfeld abgestimmt. Anträge, welchen nicht die notwendigen
75 % der Zustimmung bekommen haben, können auf dem Kongress in Arbeitsgruppen diskutiert werden und in
überarbeiteter Form danach wieder zur schriftlichen Abstimmung gegeben werden.
Ich persönlich habe meine Zweifel, ob diese doch sehr technokratische Lösung die Debattenkultur im Real Life
nicht ausgesprochen beeinträchtigt hat. Klar, die Entscheidung liegt jetzt noch mehr in den Händen der Gruppen
vor Ort, aber so ein Kongress lebt gerade davon, dass möglichst viele Vertreter*innen aus der gesamten
Föderation von Angesicht zu Angesicht im großen Plenum ins Gespräch kommen. Wie dem auch sei, 2018
wurden wieder wegweisende Anträge beschlossen, etwa über die konkrete Stellung des Internationalen
Komitees. In der Satzung wurde der Punkt Medien der FAU aktualisiert, es werden mehr Gelder für die
regionalen Fonds für Öffentlichkeitsarbeit bereitgestellt sowie die bundesweite Arbeitsgruppe fem*fau
eingerichtet.

Feminismus und Syndikalismus


Die AG fem*fau verdeutlicht ganz gut, dass Feminismus in der anarchosyndikalistischen Bewegung an
Bedeutung gewinnt. Nach meinem Eindruck waren auch deutlich mehr Frauen (wohl etwa ein Drittel) auf dem
Kongress. Das AG-Treffen lud zur breiten Diskussion über feministische Fragestellungen ein. Ein
Konzeptpapier behandelte die Punkte (Selbst-)Bildung, Beratung, Aktionen sowie Öffentlichkeitsarbeit. Fragen,
welche sich die Beteiligten stellten, waren des Weiteren: “Wie können wir mehr Frauen für die FAU
gewinnen?”, “Wie gehen wir mit Sexismus am Arbeitsplatz (und auch in der Schule) um?” und “Gibt es auch in
FAU-Plena strukturelle Probleme mit dominanten Redeverhalten?”. Im Gespräch mit der gewählten
Koordinatorin (ein neues Mandat in der Bundes-FAU), teilte mir eine Vertreterin mit, dass die Einrichtung der
AG fem*fau „ein extrem wichtiger Schritt sei, um das Thema Feminismus in den gewerkschaftlichen
Arbeitsalltag einzubinden”. Inhaltlich fokussieren will sich die Arbeitsgruppe auf folgende Themen: unbezahlte
Reproduktionsarbeit, Einbindung von prekär beschäftigten Frauen in die gewerkschaftliche Arbeit und
Beratung Betroffener bei sexistischen Vorfällen. Die neue Internationale (IAK) plant passenderweise am 8.
März 2019 einen Aktionstag, um feministische Kämpfe in den Mittelpunkt zustellen.

Themen am Zahn der Zeit


Ich konnte zwar nicht jede Arbeitsgruppe besuchen, schließlich hatte ich von meiner lokalen Gruppe
Instruktionen bekommen, welche Workshops für uns Priorität hatten, aber dennoch gab es eine Fülle von
aktuellen Fragestellungen, welche die Delegierten in lebendigen Diskussionen erörterten. Die AG
Stadtteilarbeit und community–building war ein Vernetzungs- bzw. Austauschtreffen, welche Aktivitäten vor
Ort laufen und welche Erfahrungen gesammelt wurden. Insbesondere in Dresden (im Elbsandsteingebirge) und
Hannover wird die lokale Vernetzungsarbeit nicht ganz ohne Erfolg intensiv betrieben. Ferner spielen in
manchen FAU-Gruppen Mietkämpfe eine gewisse Rolle. In der FAU Frankfurt am Main beschäftigten sich
einige Aktive mit der Zukunft der Arbeitswelt. Eine Delegierte referierte im Workshop zum Thema Industrie
4.0. Präsentiert wurden einige Impulse zu den potentiellen Folgen der Transformation der Arbeitswelt
(insbesondere unter dem Stichwort Digitalisierung betrachtet). Über Auswirkung kann nur spekuliert werden.
So gibt es etwa in der Fachliteratur verschiedene Meinungen, ob Arbeitsplätze wegfallen und in welchen
Branchen das der Fall sein könnte. Die anschließende Diskussion fokussierte vordergründig auf Arbeitskämpfe
im Bereich Crowdsourcing, oder, wie Clickworker wirkmächtig organisiert werden können. In einem weiteren
Arbeitskreis beratschlagten sich geneigte Genossinnen und Genossen zu Solidarität mit der Föderation
Nordsyrien.

3 Kommentare zu «Evolution einer revolutionären Organisation»


1. Markus Faber
“Ich persönlich habe meine Zweifel, ob diese doch sehr technokratische Lösung die Debattenkultur im
Real Life nicht ausgesprochen beeinträchtigt hat. Klar, die Entscheidung liegt jetzt noch mehr in den
Händen der Gruppen vor Ort, aber so ein Kongress lebt gerade davon, dass möglichst viele
Vertreter*innen aus der gesamten Föderation von Angesicht zu Angesicht im großen Plenum ins
Gespräch kommen.”
Dieser Ansicht kann ich gar nicht zustimmen. Es gab vor der Reform (so gut wie) keine Debatten,
sondern nur langweiliges Verlesen der Abstimmungsergebnisse. Und wenn es Diskussionen gab, waren
sie irrelevant, weil sie auf das Abstimmungsergebnis keinen Einfluss mehr hatten.
Im Gegenteil besteht jetzt die Möglichkeit, Anträge, die das nötige Quorum nicht erreicht haben, zu
diskutieren – und zwar von den Leuten, die das überhaupt interessiert.
Es müssen ja nicht alle über alles reden, es sei denn, sie wollen das.
1. Christian
Der neue Modus ist sicher nicht ganz unberechtigt, wie ich im vorhergehenden Absatz ausgeführt
habe.
Früher hatten die Leute doch manchmal ein Mandat manche Begrifflichkeiten noch zu
verhandeln (etwa bei der Statuten-Debatte um 2008).
Abgelehnte Anträge werden nur noch in Workshops diskutiert. Da es aber oft zeitgleiche
Workshops gibt und ein Delegierter manchmal von seiner lokalen Gruppe den Auftrag
bekommen hat, eine andere Arbeitsgruppe zu besuchen, wird es schwierig mit der Teilnahme an
den Antragsworkshops für die meisten Delegierten.
Es muss zwar nicht alles im Plenum verhandelt werden, aber bei diesem Kongress wurde über
fast gar nichts mehr in der großen Versammlung diskutiert und die Organisation ist vielleicht
wieder an so einem Punkt, wo über die strategische Ausrichtung auch mal ein breiter
Diskussionsprozess sinnvoll wäre. Irgendwie schon etwas seltsam für eine basisdemokratische
Organisation – da stellt sich schon etwas die Frage, warum sich Delegierte überhaupt an einem
Ort treffen müssen.
2. Erna
Stimme Markus da voll und ganz zu, vor der Reform war ein übelster Druck da, in der Zeit zwischen
vorläufigen und endgültigen Anträgen noch per schriftlichen Syndikatsstatements auf einen
Kompromiss zu kommen. Dabei schrieb mensch auch gern mal aneinander vorbei und schaukelte
Kontroversen unnötig hoch. Das Verlesen der Abstimmungsergebnisse war eine reine Farce und
Zeitverschwendung. Die Diskussionen im Plenum am Ende auch, da es keine sinnvolle Möglichkeit gab
Delegierten ein flexibles Mandat mit auf den Weg zu geben, welcher nicht einem individuellen
Freifahrtsschein gleich käme.
Und klar sollten alle Syndikate in den einzelnen Diskussionsrunden vertreten sein, die Lösung heißt
hier: Ausreichend Leute delegieren.
Und was die breite Diskussion über Ausrichtung angeht, die müsste erstmal in anderen Ebenen, Region,
Debatte etc. vorbereitet werden, denke ich. Ein Kongress, im alten, wie im neuen Modus, erntet
eigentlich immer nur die inhaltliche Vorarbeit des letzten Jahres.

Die Internationale – Unverzichtbarer Grundpfeiler der


Arbeiterorganisation
Zurzeit arbeiten anarcho-syndikalistische Organisationen, unter ihnen die FAU, daran, eine neue Internationale
zu gründen. In Zeiten, in denen die anarcho-syndikalistische Bewegung wenig Einfluss auf die
Arbeiterbewegung hat, mag sich vermutlich die ein oder andere die Frage stellen, ob dies noch sinnvoll, noch
zeitgemäß ist. Von: Stefan -
Als am 25. Juli 1914, am Vorabend des 1. Weltkrieges, der SPD-Parteivorstand zu Massendemonstrationen
gegen das “verbrecherische Treiben der Kriegshetzer” aufrief, war dies ein Akt der internationalen Solidarität.
Solidarität, so schon der Kerngedanke von Marx, Engels, Bakunin und anderen Genoss*innen, ist unabdingbar
im Kampf für die Emanzipation der Arbeiterklasse und so gründeten sie 1864 die Internationale
Arbeiterassoziation.
Es ist kaum vorstellbar, dass grundlegende, gesellschaftliche Veränderungen im Sinne der Arbeiterklasse ohne
internationale Kooperation gelingen könnten. Als die SPD noch im gleichen Jahr den Kriegskrediten
zustimmte, war dies die erste große Niederlage der Arbeiterklasse, die die Welt in den bis dahin größten
Waffengang stürzte und Millionen Menschen in den Tod riss. Die Sozialistische Internationale hatte versagt und
löste sich folgerichtig mit Beginn des Krieges auf.
Die Kommunist*innen um Lenin gründeten 1919 in Moskau die Dritte Internationale, von der die
Anarchist*Innen ausgeschlossen blieben. Sektiererische Spaltungen prägten schon früh die Beziehungen der
sozialistischen Strömungen, so dass mehrere Versuche, die Arbeiterklasse erneut in einer Internationale zu
vereinen, stets fehl schlugen. Die anarcho-syndikalistische Bewegung zog daraus die Konsequenz und gründete
1920 die Internationale Arbeiter-Assoziation als Nachfolgeorganisation der Ersten Internationale. Seit den
1940er Jahren jedoch verlor die IAA zunehmend an Einfluss innerhalb der Arbeiterbewegung.
Wie fatal das ist, lässt sich leicht an den gesellschaftlichen Zuständen ablesen, die heute weltweit herrschen.
Die sozialdemokratischen Gewerkschaften, die in den allermeisten Ländern die mächtigste Strömung der
Arbeiterbewegung stellen, sind nicht Willens und in der Lage, die Arbeiterklasse zu organisieren. Die seltenen
Arbeitskämpfe werden im Sinne des nationalen Kapitals geführt. Dringend notwendige Solidaritätsaktionen und
-streiks, um dem Kapital in dieser globalisierten Welt etwas entgegen zu setzen, finden nicht statt. Für
Arbeitgeber ist es zurzeit ein leichtes Spiel, die Belegschaften international gegeneinander auszuspielen.
Nationalismus steht bei den Forderungen der sozialdemokratischen Gewerkschaften im Vordergrund, von
Solidarität keine Spur. Wenn eine von Arbeitsplatzabbau bedrohte Belegschaft eines internationalen Konzerns
mit Nationalflaggen demonstriert, statt gemeinsam mit Kolleg*innen ausländischer Werke in Arbeitskämpfe zu
treten, führt sich die Arbeiterbewegung ad absurdum. In der Regel reicht es nicht, sich einer
Unternehmensführung national entgegen zu stellen. In einer globalisierten Wirtschaft stehen Werke, die
wichtige Güter für ein Unternehmen produzieren, ggf. im Ausland, so dass dann dort die entscheidenden Hebel
nicht greifbar sind.
Einer der bedeutendsten Arbeitskämpfe der Bundesrepublik, 2004 bis 2014 bei Opel in Bochum, war von
breiter Sympathie der Bevölkerung getragen. Der Automobilkonzern beabsichtigte, das Werk in Bochum zu
schließen. 2004/05 konnte die Belegschaft den Angriff noch einmal abwehren. Zu verdanken war dies auch dem
Umstand, dass das Karosseriepresswerk Teil des Bochumer Werks war und ein Ausfall nicht kompensiert
werden konnte. Die Geschäftsführung gliederte in der Folge das Presswerk aus, so dass der Belegschaft dieses
Druckmittel schließlich fehlte und hier nur noch die internationale Solidarität der Kolleg*innen hätte helfen
können. Obwohl die Bochumer Belegschaft immer wieder geschlossen streikte, konnte sie nicht mehr genug
Druck aufbauen, um die Betriebsschließung zu verhindern – es fehlte die Hilfe der Kolleg*innen anderer
Werke, sowohl in Rüsselsheim als auch international. Die Kolleg*innen gaben sich stattdessen, angeleitet von
ihren Betriebsräten und Gewerkschaften, mit der vermeintlichen Absicherung ihres eigenen Arbeitsplatzes
zufrieden und ließen dann in letzter Konsequenz ihren Beistand vermissen. Eine solidarische Organisation kann
nur eine internationale Arbeiterorganisation leisten. Sie ist unverzichtbar, um Arbeitskämpfe weitblickend und
erfolgreich zu führen.
Wenn Konzernzentralen im Ausland sitzen, muss auch dort der nötige politische Druck aufgebaut werden.
Isolierte nationale Arbeitskämpfe sind wenig erfolgversprechend. Ein gutes Beispiel ist die Ausbeutung von
Rohstoffen in Afrika; Die Empörung vor Ort mag enorm, die Bereitschaft für Widerstand gar groß sein, aber
ohne die Hilfe der desinteressierten Bevölkerung in Europa ist die ausgebeutete Arbeiterklasse vor Ort
weitgehend hilflos. Selbst ein nationaler Generalstreik richtet in solchen Fällen nicht viel aus. Internationale
Konzerne sind in der Regel nicht von einzelnen Abbaugebieten abhängig und können Engpässe, die Streiks
erzeugen könnten, umgehen. Ein international organisierter Arbeitskampf dagegen würde dem betroffenen
Unternehmen tatsächlich Schwierigkeiten bereiten. Politische Solidaritäts- und Boykottkampagnen, die
Arbeitskämpfe gegen ausbeuterische Arbeitsverhältnisse in der Produktion unserer Lebensmittel gelegentlich
flankieren, bedürfen ebenso einer internationalen Organisation. Wenn die Wirtschaft stark exportorientiert ist,
hat eine sinkende nationale Nachfrage keinen nennenswerten Effekt. Es ist schon erforderlich, dass die
streikende Klasse Unterstützung durch die Konsumenten im Abnehmerland erfährt.
Eine Internationale ist auch in Krisenzeiten unentbehrlich. Für unterdrückte Kolleg*innen und Genoss*innen
sowie politische Gefangene kann es eine Lebensversicherung sein, wenn solidarische Menschen aus aller Welt
einem Regime unmissverständlich klar machen, dass nicht unbemerkt und unwidersprochen bleibt, wenn
Menschen unterdrückt und repressiven Ideologien geopfert werden. Oft ist die Solidarität internationaler
Kolleg*innen und Genoss*innen das letzte, was bleibt, wenn die Arbeiterklasse durch Angriffe zu schwach ist,
um sich entscheidend zu behaupten.
Zurzeit tobt ein Krieg in Syrien. Auf diesem Schlachtfeld wird inzwischen länger gemordet, als es im Zweiten
Weltkrieg der Fall war. Die Folge ist die größte Fluchtwelle seit 1945, worauf den Europäer*innen außer
Abschottung nichts einfällt. Ignorant und schulterzuckend reagiert Europa, als wäre dieser Krieg eine
Naturkatastrophe, die ohne Beitun der Menschheit entstanden wäre und die man unmöglich beeinflussen
könnte. Hilflosigkeit ist das beherrschende Gefühl, es scheint keine Möglichkeit zu geben, an die agierenden
Regierungen zu appellieren. Keine Vereinten Nationen, kein Papst, niemand, der mit der nötigen Autorität die
Stimme erhebt. Dies ist Aufgabe einer Internationale; die Arbeiterklasse global verbinden, im Namen der
Arbeiterklasse den Herrschenden die Grenzen aufzeigen und gemeinsam für unsere Rechte eintreten. Ein
internationaler Generalstreik gegen den Krieg kann ein sehr mächtiges Zeichen sein, unmöglich für die
Kriegsparteien, dies zu übergehen. Wenn sich Metallarbeiter*innen weigern, Waffen herzustellen, wenn sich
Logistiker*innen weigern, für Nachschub zu sorgen, wenn sich Soldat*innen weigern, die Waffe zu erheben,
dann haben Regierungen ein Problem, ihren Krieg fortzusetzen.
Die Gründung einer neuen Internationale ist ein unverzichtbarer Baustein, um die Arbeiterklasse global zu
organisieren und um uns eine gemeinsame Stimme zu verleihen. Nur gemeinsam können wir eine freie, sozial
gerechte Welt erkämpfen. Die Solidarität ist unsere Waffe gegen die Zumutungen unserer Ausbeuter und
Herrscher.

4 Kommentare zu «Die Internationale – Unverzichtbarer


Grundpfeiler der Arbeiterorganisation»
1. FunkyRecipe
Das waren noch Zeiten, als dieser Slogan von der SPD geprägt wurde. Heute können viele Männer und
Frauen sagen: Wir gehören fast ausschließlich unseren Kindern und Frauen. Ausnahme: Wir werden
wieder einmal als Keiharbeiter verliehen. Der Bast Kanzler Scnröder a.D.. stellte die Weichen dafür. Die
Lage verschlimmerte sich. Aus der SPD wurde eine Sumpf-Partei-Deutschlands, mit
Selbstbedienungsfilialen (Landesregierungen) in einigen Bundesländern. Sie glauben an nichts mehr,
nicht einmal mehr an die Arbeiterbewegung. Das ist Geschichte.
2. mrhealthy
Solidarität, so schon der Kerngedanke von Marx, Engels, Bakunin und anderen Genoss*innen, ist
unabdingbar im Kampf für die Emanzipation der Arbeiterklasse und so gründeten sie 1864 die
Internationale Arbeiterassoziation. Es ist kaum vorstellbar, dass grundlegende, gesellschaftliche
Veränderungen im Sinne der Arbeiterklasse ohne internationale Kooperation gelingen könnten. Als die
SPD noch im gleichen Jahr den Kriegskrediten zustimmte, war dies die erste große Niederlage der
Arbeiterklasse, die die Welt in den bis dahin größten Waffengang stürzte und Millionen Menschen in
den Tod riss.

Keine Arbeit? Kein Problem!


Oder: Wie Deichkind schon sagte.. Ein Kommentar von Simon´Ekke´ Trimpin.
Keine Ahnung, wie viele frühmorgendliche Aufschläge im Jobcenter ein einzelner Mensch hinter sich bringen
kann, bevor er ernsthafte Schäden davon trägt. Gibt es da einen klinisch zulässigen Höchstwert? Ist dieser je
nach politischen Verhältnissen Manipulationen unterworfen? Wird er im Zweifelsfall heraufgesetzt, wenn die
empirischen Daten keine Hoffnung auf Einhaltung bieten? Gibt es womöglich auch einen empfohlenen
Mindestwert? Und wer schlägt sich eigentlich mit der trostloseren Existenz herum, die Menschen vor, oder
hinter den Schreibtischen? Wie kann es überhaupt sein, dass allein die Verwaltung dieser Einrichtung fünf
Milliarden Euro im Jahr kosten darf, wenn deren bloße Existenz darauf gründet, kollektiv die Grundrechenarten
zu leugnen?
Weniger als eine Millionen offene Stellen im Land, fast zweieinhalb Million Erwerbslose offiziell, real
dreieinhalb bis vier. Und WIR – ja ich sage ganz pathetisch WIR, wir als Gesellschaft, wir als Staat, oder
kleinkarierter, wir als Steuerzahler – bezahlen Menschen dafür, anderen Menschen zu sagen, sie sollen sich,
nein, sie müssen sich einen Job besorgen, sonst wird ihnen das Existenzminimum gekürzt. Wie auch immer sich
ein Existenzminimum kürzen lässt? Vielleicht schrumpfen widerwillige Langzeitarbeitslose mit der Zeit, oder
müssen weniger essen, sich weniger waschen, weniger Klamotten tragen als andere Menschen, brauchen keinen
Bus, Kinobesuch, zumindest ja kein Feierabendbier, oder?
Also triezen wir Menschen – genauer wir lassen Menschen beruflich andere Menschen triezen – damit diese
sich dann um nicht vorhandene Jobs prügeln, um für 13,-€ am Tag leben zu dürfen. Und dafür müssen wir nur
eine einfache Subtraktionsaufgabe verdrängen, von komplexen Lebensrealitäten gar nicht erst anzufangen, wie
zum Beispiel, dass es einem Krankenpfleger in Schwäbisch Gmünd einen Scheiß hilft, wenn in Kiel ein
Elektrotechniker, oder in Berlin ein Softwareentwickler gesucht wird. Oder dass an so einem Leben evtl. mehr
hängt als nur ein Arbeitsplatz: so Dinge wie Familie, Freunde, Heimat, Kegel- und Fußballvereine,
Stammkneipen und Straßen in denen man sich einigermaßen zurechtfindet.
Aber wie gesagt, so tief muss niemand gehen. Vier Millionen Erwerbslose minus eine Million offener Stellen,
bleiben drei Millionen Erwerbslose übrig, komme was da wolle. Selbst bei maximaler Statistikbearbeitung –
Fälschung klingt so hässlich – bleiben es mehr als eine Millionen Erwerbslose, auch wenn du denen allen eine
Knarre an den Kopf halten würdest. Und denen wollen wir dann wirklich, wohlgemerkt unter Androhung von
Strafen, mit massiven sozialen bis existenziellen Folgen, verklickern, dass sie sich einfach mal nur mehr
anstrengen sollen? Ernsthaft?
Nein, das wollen wir nicht – wir tun es einfach, seit 13 verfickten Jahren! Und schon klar, ich bin nicht
moralisch objektiv empört, oder einfach ob der offen zutage tretenden, ungenierten, im Widerspruch zu
simpelsten Logikgesetzen stehenden Absurdität fassungslos, die hier mit halb herunter gelassener Hose vor mir
mit ihrem haarigen Arsch wackelt – sondern ich bin dummerweise nur betroffen. Dass der faule Arbeitslose sich
auch darüber beklagen muss, dass er zu Jobs gejagt wird, die ihm keiner geben will, oder die es gar nicht gibt,
die er nicht machen will, oder die einfach unter aller Sau sind. Bornierter, dekadenter Hartz-IV-Empfänger aber
auch.
Und nirgends Rettung in Sicht.
Klar, es gibt lustige Debatten über ein bedingungsloses Grundeinkommen, virtuelles Endloswachstum durch die
totale Digitalisierung, und in versprengten Gewerkschaftsregionalbüros und Sozialinstituten geht ein längst
verscharrt geglaubter Zombie namens Arbeitszeitumverteilung umher – aber der realpolitische Diskurs? Seit
bald vier Legislaturperioden(!) sieht eine Megakoalition aller Parteien, mit Ausnahme des niedlichen
„Schmuddelkinds“ namens LINKE, keinen generellen Handlungsbedarf.
Lohnarbeit bleibt Mantra und Modell, auch wenn das für mehr als 20% aller Beteiligten zurzeit echt beschissen
läuft, aber hey, von denen sitzt ja auch keiner im Bundestag, oder in Parteigremien, oder geht auch nur verfickt-
nochmal wählen. Und Steine werfen, Autos anzünden und Häuser besetzen tun auch andere. Vor allem aber,
vernachlässigbar wenige. Also was soll´s, oder? Ich werde ja auch keinen Rabatz machen, um dann vor
Panzerpolizisten und SEK mit Maschinenpistolen im Anschlag davonrennen zu müssen – viel zu anstrengend.
Irgendwie muss ich ja den Ruf des faulen Arbeitslosen wahren. Aber euren Scheiß auch noch gut finden? Die
Welt geht vor die Hunde, menschlich, ökologisch, kulturell. Und morgens in der Bahn ziehen alle eine Fresse
und “The Walking Dead” ist plötzlich keine Fiktion mehr. Ohne mich, zumindest soweit als möglich.
Stattdessen vielleicht eine Zukunftsvision, eine vage, zugegeben, und auch nicht besonders originelle, aber das
sind die Großen selten (siehe Frieden, Demokratie, Menschenrechte…): Keine Arbeit mehr. Nie wieder. Für
niemanden. Ob mit oder ohne 3D-Drucker, mit einer Weltmacht übernehmenden KI oder ohne Netflix. Einfach
keine Arbeit mehr. Vielleicht nicht ganz ohne Probleme, aber bitte ohne Arbeit – und definitiv ohne Jobcenter!