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Einleitung

Eine „Schrift mit gekappter oder


1. Ausgangspunkt bei Adorno
zugehängter Bedeutung“ – über
Unlesbarkeit in der Kunst • In Theodor W. Adornos Ästhetischer Theorie
findet sich die Bestimmung, ein Kunstwerk
sei eine „Schrift mit gekappter oder zugehäng-
ter Bedeutung“ (122).
• Adorno artikuliert damit eine nachvollziehbare
Vortrag in der Ringvorlesung „Schreiben als Intuition: Kunstwerke entwickeln eine Struktur,
Ereignis“, FU Berlin, 19.1.2016 die es zu entziffern gilt, die sich aber nicht
restlos entziffern lässt.
Georg W. Bertram, Institut für Philosophie • Noch einmal anders gesagt: Kunstwerke sind
Gegenstände, die man nur dadurch verstehen
der Freien Universität Berlin kann, dass man sie (immer wieder) liest.
Unlesbarkeit in der Kunst 2

Einleitung Einleitung

2. Kunstwerke als eigentümliche Schrift 3. Unlesbare Schrift

• Adornos Formulierung ist bemerkenswert, da • Die Arbeiten von Axel Malik, von denen einige
sie Kunstwerken einen eigentümlichen zur Zeit in der Philologischen Bibliothek zu
Schriftcharakter zuschreibt. sehen sind, begreife ich als Werke, die den
• Adorno charakterisiert diesen Schriftcharakter Status von Kunstwerken als unlesbaren
auch, indem er von einem Menetekel spricht: Schriften reflektieren.
Kunstwerke konfrontieren mit Schriftzusam- • Das Hervorheben der Unlesbarkeit sagt
menhängen, die immer nur kurz aufblitzen. etwas über Kunst insgesamt: Letztlich können
• Das lässt sich folgendermaßen verstehen: Kunstwerke nicht entziffert werden.
Kunstwerke bleiben grundsätzlich unver- • Wir folgen Kunstwerken immer und immer wie-
ständlich. In kurzen Momenten aber kommt der und kommen doch zu keinem Endpunkt
es doch zu Erfahrungen des Verstehens. des Verstehens.
Unlesbarkeit in der Kunst 3 Unlesbarkeit in der Kunst 4

Einleitung Einleitung

4. Vorhaben des Vortrags 5. Gliederung

• In diesem Vortrag interessiert mich die Frage, I. Was ist Schrift? Wie ist das Verhältnis von
was es heißt, Kunstwerke als unlesbare
Schriften zu charakterisieren. gesprochener und geschriebener Sprache zu
verstehen?
• Aus diesem Grund frage ich zuerst danach,
was Schrift ist. II. Was heißt es, Kunstwerke als Schriften zu
• Dann kann ich mich der Frage widmen, was es begreifen?
heißt, mit dem Begriff der Schrift Kunst zu
bestimmen. Ich kann dann auch Adornos III. Welchen Wert hat künstlerische Schrift?
Worte genauer interpretieren.
IV. Unlesbare Zeichen als künstlerische
• Abschließend komme ich auf die Werke von Reflexion auf Kunst
Axel Malik zurück.
Unlesbarkeit in der Kunst 5 Unlesbarkeit in der Kunst 6

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I. Was ist Schrift?

1. Schrift als Repräsentation


I. Was ist Schrift? Wie ist das Verhältnis von
gesprochener und geschriebener Sprache zu • Was ist Schrift?
verstehen? • Schrift erlaubt es uns, gesprochene Worte zu
fixieren.
II. Was heißt es, Kunstwerke als Schriften zu • Schriften sind insofern als Zeichen dafür zu
begreifen? verstehen, wie wir etwas lesen sollen bzw.
wie wir sprechen sollen.
III. Welchen Wert hat künstlerische Schrift? • Nennen wir dies das repräsentationalistische
Verständnis von Schrift: Schriftzeichen
IV. Unlesbare Zeichen als künstlerische stehen für gesprochene Worte. Sie erlauben
Reflexion auf Kunst es so, gesprochene Worte immer wieder zu
‚aktivieren‘.
Unlesbarkeit in der Kunst 7 Unlesbarkeit in der Kunst 8

I. Was ist Schrift? I. Was ist Schrift?

2. Probleme des Verständnisses von Schrift 3. Was tun?


als Repräsentation
• Die Probleme an dem repräsentationalisti-
• Schrift lässt sich aber nicht an gesprochene schen Begriff der Schrift liegen insgesamt
Sprache binden. darin, dass Schrift zu abhängig von gespro-
chener Sprache gedacht wird.
• Platons Mythos der Schriftentstehung im
Phaidros hält dies präzise fest: Schriften sind • Dennoch kann kein Zweifel daran bestehen,
Kinder ohne Vater. dass (viel) Schriftliches auf gesprochene
Sprache bezogen ist.
• Die (partielle) Eigenständigkeit von Schrift
kann man folgendermaßen erläutern: Schriften • So gilt es ein Verständnis von Schrift zu
lassen sich unabhängig von gesprochener entwickeln, das Schrift trotz ihres Bezugs auf
Sprache entwickeln. Denken wir an formale gesprochene Sprache auch als von gespro-
Schriften der Logik oder der Algebra. chener Sprache unabhängig versteht.
Unlesbarkeit in der Kunst 9 Unlesbarkeit in der Kunst 10

I. Was ist Schrift? I. Was ist Schrift?

4. Vorschlag: Schrift als Reflexion 5. Schrift als Klärung/Weiterentwicklung

• Ein solches Verständnis ist möglich, wenn man • Durch Schrift wird die gesprochene Sprache
Schrift als produktiv in Bezug auf gesproche- unter anderem normiert: Wenn die gespro-
ne Sprache begreift. chene Sprache verschriftlicht wird, werden
• Nun ist wiederum klar, dass Schrift nicht ein- unterschiedliche Formen des (variantenrei-
fach die gesprochene Sprache hervorbringt. chen) Sprechens zunehmend vereinheitlicht.
Sie ist also nicht ursprünglich produktiv, son- • Schrift erweist sich dabei als ein anderer Mo-
dern in einem sekundären Sinn. dus von Sprache. Sie hat in eigenständiger
• Eine Produktivität im sekundären Sinn haben Weise Bedeutung (vgl. formale Sprachen),
Reflexionen. Als Reflexion verstanden gilt für kann aber auch so eingerichtet sein, dass sie
Schrift: Schrift klärt gesprochene Sprache gesprochene Sprache in ihren Zusammenhän-
und entwickelt sie dadurch weiter. gen klärt und/oder weiterentwickelt.
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I. Was ist Schrift?

6. Zwischenstand
I. Was ist Schrift? Wie ist das Verhältnis von
• Ich schlage also vor, Schrift im buchstäblichen gesprochener und geschriebener Sprache zu
Sinn (alphabetische Schriften, Bilderschriften, verstehen?
formale Schriften etc.) als eine Form der
Sprache zu verstehen, die eigenständig ist, II. Was heißt es, Kunstwerke als Schriften zu
sich aber zugleich auf gesprochene Sprache begreifen?
beziehen kann.
• Das Verhältnis zwischen Schrift und gespro- III. Welchen Wert hat künstlerische Schrift?
chener Sprache lässt sich dann als eines der
Reflexion bestimmen: Schrift reflektiert Ge- IV. Unlesbare Zeichen als künstlerische
sprochenes, indem sie es in seinen Struktu- Reflexion auf Kunst
ren normiert und/oder verändert.
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II. Kunstwerke als Schrift II. Kunstwerke als Schrift

1. Unplausibilität 2. Plausibilität

• Die Bestimmung von Kunstwerken als • Die Bestimmung von Kunstwerken als Schrift
Schrift ist gleichermaßen plausibel wie ist aber auch plausibel, da alle Kunstwerke
unplausibel. eine Lektüre erfordern.
• Im wörtlichen Sinn realisieren nur literarische • Gerade für Werke der bildenden Kunst lässt
und wenige andere Kunstwerke Schrift. sich die Rede von einer Lektüre gut nachvoll-
• So ist die Bestimmung unplausibel, da viele ziehen. Auch für notierte Musik kann man
Kunstwerke keine schriftlichen Elemente sehr nachvollziehbar davon reden, dass sie
beinhalten. Zudem weisen viele Kunstwerke gelesen werden muss.
keinen Bezug zu gesprochener Sprache auf, • Aber die Metapher der Lektüre lässt sich noch
wirken also nicht mit an ihrer Klärung weiter ausdehnen: Auch Tänze, Filme, Jazz-
und/oder Weiterentwicklung. Improvisationen etc. müssen gelesen werden.
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II. Kunstwerke als Schrift II. Kunstwerke als Schrift

3. Konstellation von Elementen 4. Lektüre der Konstellationen

• Inwiefern kann man bei Kunstwerken also • Die in einem Kunstwerk hergestellten Konstel-
insgesamt von einer Lektüre sprechen? lationen müssen in der Rezeption als solche
• Kunstwerke stellen Konstellationen unter- nachvollzogen werden.
schiedlicher Elemente her (Farben und • In diesem Sinn kann man von einer Lektüre
Formen auf einem Tafelbild, Wörter in einem der Kunstwerke sprechen. Die Lektüre be-
Gedicht, etc.). steht darin, die Relationen des Kunstwerks in
• Im Rahmen der Konstellationen gewinnen die ihrer Eigenart zu verfolgen.
Elemente eine eigenständige Bestimmtheit • Der Nachvollzug ist dabei nicht als eine Zu-
(selbst wenn sie auch unabhängig von dem sammensetzung aus Elementen zu begreifen,
Kunstwerk als Elemente Bestand haben – wie da die Elemente aus den Relationen, in
Wörter einer natürlichen Sprache). denen sie stehen, heraus bestimmt sind.
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II. Kunstwerke als Schrift II. Kunstwerke als Schrift

5. Lektüre als Aktivität 6. Unabschließbarkeit der Lektüre

• Die Elemente des Werks können aus diesem • Aufgrund der Eigenart der Konstellationen des
Grund nur erschlossen werden, wenn man den Kunstwerks können Elemente nicht abschlie-
im Werk hergestellten Relationen folgt. ßend bestimmt werden.
• Rezipierende müssen in besonderer Weise • Im Anschluss an Adorno ist deshalb die
aktiv werden, um eine solche Erschließung zu These vertreten worden, dass Kunstwerke
leisten. konstitutiv unverständlich bleiben.
• Die entsprechenden Aktivitäten bezeichne ich • Das aber ist übertrieben. Kunstwerke werden
als interpretative Aktivitäten: Durch körperli- durch angemessene Bewegungen, Wahrneh-
che Aktivität, durch Wahrnehmungsaktivität, mungen etc. durchaus verstanden. Kein ge-
durch emotionale oder symbolische Aktivitä- wonnenes Verständnis aber erschöpft ein
ten können Kunstwerke entziffert werden. Kunstwerk; in diesem Sinn ist es momentan.
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II. Kunstwerke als Schrift

7. Neuerlicher Zwischenstand
I. Was ist Schrift? Wie ist das Verhältnis von
• Die Überlegungen dieses Teils lassen sich gesprochener und geschriebener Sprache zu
zusammenfassen, indem man sagt, dass die verstehen?
Lektüre eines Kunstwerks eigenartig ist.
Diese Eigenart habe ich doppelt bestimmt: II. Was heißt es, Kunstwerke als Schriften zu
(a) Kunstwerke werden nicht dadurch gelesen, begreifen?
dass ihre Elemente zusammengesetzt
werden; vielmehr wird die Bewegung III. Welchen Wert hat künstlerische Schrift?
zwischen den Elementen nachvollzogen.
(b) Die Lektüren eines Kunstwerks finden im IV. Unlesbare Zeichen als künstlerische
Rahmen eines unabschließbaren Prozesses Reflexion auf Kunst
statt.
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III. Wert künstlerischer Schrift III. Wert künstlerischer Schrift

1. Entscheidende Frage 2. Antwort

• Da ich die These vertreten habe, dass die • Die Antwort auf die genannte Frage kann von
Schrift von Kunstwerken sich nicht auf ge- interpretativen Aktivitäten ausgehen. Rezi-
sprochene Sprache bezieht, stellt sich aber pierende sind in sehr unterschiedlicher Weise
nun folgende entscheidende Frage: Worauf aktiv (Bewegung, Wahrnehmung etc.).
bezieht sich die Schrift von Kunstwerken dann? • Die ‚Ergebnisse‘ der Lektüre eines Kunst-
• Wenn Schrift grundsätzlich als Reflexion zu werks lassen sich nicht von diesen Aktivitä-
verstehen ist, mit der es zur Klärung und/oder ten lösen. Die ‚Ergebnisse‘ hängen also
Weiterentwicklung von etwas kommt: Was konstitutiv mit dem Nachvollzug zusammen.
wird durch Kunst weiterentwickelt? • Das lässt sich erklären, indem man sagt: Die
• Ein Verständnis von Kunst ist nur überzeu- interpretativen Aktivitäten (Sehen) wirken auf
gend, wenn diese Frage beantwortet ist. sonstige Aktivitäten desselben Typs zurück.
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III. Wert künstlerischer Schrift III. Wert künstlerischer Schrift

• So kann man eine verbreitete Idee artikulieren: 3. Der Wert der Unabschließbarkeit?
In der Auseinandersetzung mit Kunstwerken
lernen wir rhythmische Orientierungen neu,
lernen auf neue Weise zu sehen und zu • Nun habe ich behauptet, dass kein Ver-
hören etc. ständnis ein Kunstwerk erschöpfen kann. Die
• Der Wert der Lektüren von Kunstwerken liegt Lektüre eines Kunstwerks bleibt also unab-
so darin, dass durch diese Lektüren Neube- schließbar.
stimmungen von anderweitig für uns rele- • Insofern stellt sich die Frage, inwiefern die
vanten Praktiken angestoßen werden. Unabschließbarkeit für die Schriftlichkeit von
• Allgemein gesagt: Die Schrift der Kunstwerke Kunstwerken relevant ist.
bezieht sich auf unterschiedliche in Prakti- • Oder (im Sinne Adornos) anders gefragt:
ken realisierte Sinnzusammenhänge. Was Was bedeutet es, dass die Schrift von Kunst-
etwas zum Beispiel in optischer Weise bedeu- werken (momentan) lesbar und (insgesamt)
tet, wird einer Revision unterzogen. unlesbar zugleich ist?
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III. Wert künstlerischer Schrift III. Wert künstlerischer Schrift

4. Unabsehbarer Anstoß • Ein Kunstwerk gibt also nicht eine bestimmte


Weise vor, Praktiken zu vollziehen. Es ist in
• Die Sinnzusammenhänge menschlicher Praxis seiner Unlesbarkeit vielmehr daraufhin ange-
werden durch Kunstwerke nicht in einer be- legt, spezifischen Praktiken unabsehbare
stimmten Weise angestoßen: Es wird nicht neue Anstöße zu geben.
eine bestimmte Gestalt von Sinn vorgegeben, • Die Unabschließbarkeit der Lektüre eines
die durch eine bestimmte Lektüre zu sichern Kunstwerks hat also den Wert, Praktiken eine
wäre. neue Unbestimmtheit zu geben. Kunst hält
• Wenn Kunstwerke Neuaushandlungen von so die menschliche Praxis in Bewegung.
Praktiken anstoßen, heißt das vielmehr: Sie • Das Zugleich von Lesbarkeit und Unlesbar-
brechen Gestalten von Sinn auf. Bestehen- keit kann man dann folgendermaßen erläutern:
de Sinnzusammenhänge werden so für Kunstwerke lassen sich in unbegrenzter
Revisionen geöffnet und erfahren neue Weise nachvollziehen (sind lesbar), weil sie
Anstöße. keine abschließende Lektüre zulassen.
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III. Wert künstlerischer Schrift

5. Ein letzter Zwischenstand


I. Was ist Schrift? Wie ist das Verhältnis von
• Kunstwerke sind Schrift als Reflexion (so wie gesprochener und geschriebener Sprache zu
andere Schrift). verstehen?
• Die Reflexion richtet sich aber nicht auf (ge-
sprochene) Sprache. Sie richtet sich vielmehr II. Was heißt es, Kunstwerke als Schriften zu
auf Praktiken von Menschen insgesamt, so begreifen?
dass Kunst in einem umfassenden Sinn Schrift
ist. III. Welchen Wert hat künstlerische Schrift?
• Zugleich realisieren Kunstwerke dabei Refle-
xion in einer besonderen Weise: Der produk- IV. Unlesbare Zeichen als künstlerische
tive Charakter von Reflexion steht bei Kunst Reflexion auf Kunst
im Vordergrund.
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IV. Unlesbare Zeichen als Reflexion IV. Unlesbare Zeichen als Reflexion

1. Künstlerische Reflexion auf Kunst 2. Reflexion

• Abschließend geht es mir um die Frage, • Bevor ich diese Aspekte kommentiere, will ich
inwiefern die Bibliothek der unlesbaren erst noch skizzieren, in welchem Zusammen-
Zeichen als eine künstlerische Reflexion auf hang die Frage nach einer künstlerischen
Kunst zu begreifen ist. Reflexion von Kunst für mich steht.
• Ich beschränke mich dabei – auch aus Zeit- • Wir sind gewohnt, die Ikonen der modernen
gründen – auf zwei Aspekte: Kunst wie Ready Mades oder Werke der Pop
(a) Erstens geht es um die Frage, was unles- Art als besondere künstlerische Reflexionen
bare Zeichen in Bezug auf den Schriftcharak- auf Kunst zu begreifen.
ter der Kunst bedeuten. • Ich halte das für irreführend, da nicht die
(b) Zweitens geht es mir um die spezifische bloße Gegenständlichkeit, sondern die Frage
Schreibszene, die sich in der Bibliothek zeigt. der Lesbarkeit im Zentrum der Kunst steht.
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IV. Unlesbare Zeichen als Reflexion IV. Unlesbare Zeichen als Reflexion

3. Der Schriftcharakter der Kunst 4. Die Schreibszene der Kunst


• Die Bibliothek der unlesbaren Zeichen hebt
• Kunstwerke stellen immer neue Konstellatio- auch deutlich eine Schreibszene hervor: In
nen von Unlesbarkeit her: Die immer neuen einem dem Anschein nach nicht enden wol-
Schriftzeichen der Bibliothek zeigen dies in lenden Fluss reiht sich Zeichen an Zeichen.
reduzierter Form.
• Diese Schreibszene ist charakteristisch für
• Dabei gleicht keine dieser Konstellationen Kunst insgesamt: Kunstwerke sind als solche
der anderen: Auch Kunstwerke, die einander mit einem nicht endenden Prozess der ste-
sehr ähnlich sind, sind doch immer wieder in ten Relektüre verbunden: Immer aufs Neue
wichtigen Punkten anders. ruft ein Kunstwerk interpretative Aktivitäten
• Der Schriftcharakter von Kunst ist zuletzt hervor (und verändert sich so). In diesem Pro-
immer mit der Unsicherheit verbunden, ob ein zess schreiben sich Kunstwerke in menschli-
Gegenstand überhaupt Kunst ist oder nicht. che Praktiken ein.
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IV. Unlesbare Zeichen als Reflexion

5. Zum Abschluss

• Ausgangspunkt meiner Überlegungen war


Adornos Wort von Kunst als einer „Schrift mit
gekappter oder zugehängter Bedeutung“. Ende.
• Dieses Wort habe ich nun folgendermaßen
interpretiert: Kunstwerke haben eine zuge-
hängte Bedeutung, da sie in ihrer Bedeutung
nicht abschließend zu klären sind und so
immer auch unverständlich bleiben. georg.bertram@fu-berlin.de
• Damit verbunden ist die immer wieder aufblit-
zende Bedeutung von Kunstwerken, so dass
wir stets neue Anstöße erhalten.
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